— 1 ——— eue Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nöbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————ͤ auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5„ 2„=„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. jeusjuioaotte Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ 1 —— ———— — ALBWM. Bibliothek deutſcher Driginalromane. Herausgegeben von Herm. Markgraf. Neunzehnter Jahrgang. Fünfzehnter Band. Tolleneck. II. ——-——y— Wien. Herm. Markgraf. 4 1864. Tolleueck. Eine Erzählung aus der Napoleoniſchen Zeit von GEdmund Hoefer. II. Theil. — S— Wien. Herm. Markgraf. 1864. S= 3 g — 8₰ 8₰ 5 Z = 3 2 3 6 Inhalt. Seite I. Capitel. Der Eremit von Wintersbach...... 1 II. Capitel. Pfarrer Bendlers grüne Stube.... 25 III. Capitel. Das Land der Fee Morgana..... 45 IV. Capitel. Das Land der Fee Morgana.(Fortſetzung) 68 V. Capitel. Mein Herz iſt ſchwer für Einen.... 95 VI. Capitel. Der Spuk im Waldſchloß...... 113 VII. Capitel. Die Clauſur einer Weltdame.... 130 VIII. Capitel. Verlorene Liebesmüh....... 150 IX. Capitel. Wirthſchaftsberichte......... 171 X. Capitel. Ein vermittelndes Gewitter...... 190 XI. Capitel. Ausgeworfene Angeln........ 211 XlI. Capitel. Ein Blick in's Ende........ 235 b — — — * Erſtes Capitel. Der Tremit von Wintersbach. Er ſtand am Fenſter und trommelte leiſe an der Scheibe, die am unteren Rande gefroren, keinen hellen, ſondern nur einen eigenthümlich klappernden Ton von ſich gab. Er ſchaute mit mildem Blick über den ſchneebedeckten Hof und dem jungen Mädchen nach, welches mit ihrem Begleiter langſam anreitend, am Thore eben das luſtig tanzende Pferd gewähren ließ und in munterem Galop zwiſchen den kahlen Bäumen der Allee entlang ſprengte. „'s iſt doch ein herzig, herzig Ding, ſo ein junges Kind,“ ſagte er, noch immer ihr nachblickend,„heißt das, wenn es recht iſt, ſo wie unſere Hilda dort. Und wo die im Hauſe iſt, kann man ſich ſo graue Tage ſchon gefallen laſ⸗ ſen. Sie iſt wie die Sonne und bringt Licht und Wärme.“ „Und Euch macht ſie gar zum Poeten,“ fiel hier der Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 1 Andere ein, der auf dem Sopha ſaß und ſein Haupt leicht gegen die untergeſtützte Hand gelehnt hatte.„Ich nehm's Euch aber nicht übel, Pfarrer. Es iſt ein goldenes Herz, die Hilda, und auch mir kommen dieſe ſtillen Zimmer, wenn ſie einmal wieder einſieht, freundlicher und heimli⸗ cher vor als ſonſt. Und dennoch iſt auch ſie nicht mehr wie früher. Die Zeit geht und zieht die Menſchen mit ſich fort, und der Wechſel kommt über uns Alle.“ „Darum ſind wir Menſchen, wie Ihr ſelbſt ſagt, und leben auf der Erde,“ entgegnete der am Fenſter, ohne ſich dem vorigen Sprecher zuzuwenden.„Wir ſind dazu be⸗ ſtimmt, auf ihr und mit ihr durchzumachen, was das Da⸗ ſein gewährt, und durch alle Wechſel und Wandelungen der Vollendung entgegen zu reifen.“ „Reifen wir wirklich der Vollendung entgegen?“ fragte der Andere, gleichfalls ohne ſeine Stellung zu än⸗ dern und in müdem Tone.„Ihr habt nicht nur ein kind⸗ liches, ſondern auch ein liebevolles Herz, Pfarrer, und wißt trotz aller gelegentlichen Strafreden, noch immer eine Entſchuldigung für den Schwachen und Sündigen, und wollt in Jedem noch den Kern des Guten beobachten. Unſer Einer aber, wenn er in Welt und Leben blickt, fühlt ſich leider nur zu leicht zu einer anderen Anſchauung ge⸗ drängt. Von den Sünden, die unter Eure Gerichtsbar⸗ keit gehören und die man Euch bekennt, rede ich nicht. Aber was ich ſonſt in uns Menſchen dieſer Zeit hauſen 3 ſehe, will und kann ich nicht für einen Fortſchritt, eine Beſ⸗ ſerung halten, und ich möchte faſt ſagen: ſie ſchreiten un⸗ fertiger aus dem Leben, als ſie vordem hineingelangt. Wie viele gibt's denn,“ fügte er hinzu, und erhob den Kopf und legte ſich noch tiefer in die Ecke,„die mit dem, was ihnen das Leben gebracht und bringt, fertig zu werden, zur Klarheit, zur Ruhe zu gelangen vermögen? Wer wagt in ſeiner letzten Stunde zu ſagen, daß er wirklich für ſich und mit ſich abgeſchloſſen, daß er nach ſeiner Natur und Begabung fortgeſchritten? Denn nur darin vermag ich die Vollendung zu erblicken, die uns hier zu erlangen geſtattet iſt.“ Der Herr am Fenſter,— er trug in der That den langen ſchwarzen Rock, wie wir ihn noch heut' an den geiſtlichen Herren finden, ſeine Beine ſteckten jedoch für jetzt nicht in Schuhen und Strümpfen, ſondern in tüch⸗ tigen Stiefeln, welche bis ans Knie hinaufreichten— hatte ſich längſt dem Redner zugewandt und mit ſicht⸗ barer Theilnahme ihm zugehört. Nun ließ er noch eine kleine Pauſe vergehen, bevor er erwiderte:„Nun Bern⸗ hard, wenn Ihr in dieſer Laune ſeid, habe ich am al⸗ lerwenigſten Luſt mit Euch zu disputiren. Schämt Euch, junger Freund. Ob Ihr Euch auch unwohl fühlt— muß denn Herz und Gemüth durchaus mit auf dieſen traurigen Wegen wandeln? Kopf auf, junger Menſch, und mit hellem Blick um und vor Euch geſchaut. Ihr, . 1* —y—————— das ſteht feſt, ſeid zum mindeſten noch lange nicht, weder mit dem Leben, noch mit Euch ſelber fertig. Ueber Bernhards Geſicht— denn er war der den Leſern bekannte auf Wintersbach hauſende Einſiedler— flog ein leiſes Lächeln.„Ihr habt nicht Unrecht, Pfar⸗ rer,“ ſagte er,„ich fühle mich mehr niedergedrückt als ſeit langer Zeit und gebe dieſer Stimmung leicht mög⸗ lich zu viel nach. Dieſe grauen, ſtillen Froſttage mit dem bleichen Licht ſind nichts für mich. Sie bedrücken mich und ſtimmen mich herunter. Im Uebrigen aber⸗ wißt Ihr wohl, daß, was ich äußerte, nicht ein Einfall von heute, ſondern—“ „Sondern das Product einer ſchwarzgalligen oder liebloſen Anſchauungsweiſe, Schatz,“ fiel der Pfarrer ein.„Eure Säfte ſtocken, ſagt der Arzt, ſage ich. Was Kukuk, Bernhard, und Ihr ſeid drei⸗ oder vierunddreißig Jahre alt! Schämt Euch! Und jetzt,“ fuhr er mit gut⸗ müthigem Spott fort, wie man ihn wohl einem Lei⸗ denden gegenüber, den man gern aufheitern, oder doch auf andere Gedanken bringen möchte, zur Schau zu tragen verſteht und kam dabei vom Fenſter zurück ins Gemach,„jetzt wollen wir einmal ein ſo krankes Gefäß und eine ſo widerſpänſtige Füllung, wie Ihr ſie zeigt, zur Seite ſtellen und uns einer geſunderen Natur zu⸗ wenden. Ihr ſagtet von der Kleinen, daß auch ſie ver⸗ ändert wäre. Ihr wollt das heut' bemerkt haben?“ 5 Bernhard ſchüttelte leicht den Kopf.„Nicht beſon⸗ ders,“ entgegnete er,„und doch, Pfarrer, war ſie auch heute nicht wie vordem, und einem ſolchen Menſchen⸗ kenner, wie Ihr, ſollte es trotzdem aufgefallen ſein.“ „Ehrlich zu ſagen, ja— ich fand es auch,“ ſagte der alte Herr nach einer Weile und wiegte leiſe das eisgraue Haupt,„oder vielmehr, ich glaubte es zu finden. Es ſchien mir etwas Unſtätes, etwas Zerſtreu⸗ tes da zu ſein, was mir neu, was mir ſchmerzlich ſein würde, wenn es nicht etwas Zufälliges und Einzelnes, ſondern das Gewöhnliche ſein ſollte.“ „Das iſt es leider— leider!“ ſagte Bernhard ernſt.„Buchhagen hat mir geſtern geſagt, es ſei drü⸗ ben nicht anders— leider!“ „Und Ihr meint wirklich, daß ihr dieſer Fremde—“ „Ein Fremder iſt der Hugo Platen nicht, Pfar⸗ rer,“ fiel er im vorigen Tone ein.„Durch ſeine Groß⸗ eltern wird er uns Allen näher geſtellt als irgend ein Anderer und dies findet bei Hilda noch mehr Statt als bei uns Uebrigen. Ihr wißt, wie ſie an ihrem Groß⸗ vater, an dem Gedächtniß ihrer Mutter hängt— der Erſtere iſt ein Freund der Leſthen, wie es wenige geben möchte; die Andere war der Generalin ans Herz ge⸗ wachſen wie ein eigen Kind.“ „Und es war— oder iſt— ein tüchtiger Menſch? ———— —— Ich lernte ihn nicht kennen, wißt Ihr. Sein Aeußeres freilich gefiel mir.“ „Es war ein tüchtiger Menſch, weiter kann ich Euch nichts ſagen. Denn er iſt eben ein Mann, Pfarrer, und nicht für Jedermann, zu jeder Stunde zugänglich. Er iſt Hilda in den letzten Tagen näher getreten, und das könnte mich gewiſſermaßen beruhigen, da er entſchieden zu ehren⸗ haft denkt, um ſich ihre Neigung zu Nutze zu machen, wäh⸗ rend in ihm ſelber etwas ganz Anderes ſpukte. Allein die paar Tage hier, obgleich ich ihm wenig nahe kam, und was wir dann von Berlin erfuhren— das ſprach freilich ganz und gar nicht dafür, daß er einen Eindruck mit ſich fortgenommen, wie wir es zuweilen glaubten.“ „Er ſteht wirklich mit Eurer Couſine in Verbindung?“ fragte der Pfarrer nach einer Pauſe. Ueber Bernhards Geſicht glitt ein finſterer Zug. „Er verkehrte wenigſtens in Kreiſen, wo er ihr begegnen mußte,“ entgegnete er dann,„weiter wiſſen wir nichts; allein, wie auch Ihr zugeſtehen werdet, iſt ſchon dies von dem Enkel der Leſthen, das heißt, um alles hieher Gehö⸗ rende kurz zuſammen zu faſſen, der exeluſivſten Familie des ganzen Landes, von einem Mann mit ſeiner Vergaugen⸗ heit und ſeinem uns bisher ſichtbar gewordenen Charakter, endlich von einem Officier in der Garde des Königs, mehr als ſeltſam.“, 7 „Und ſeine Familie, ſeine Vorgeſetzten— wie denken die darüber?“ fragte der Pfarrer nach einer Pauſe. „Die Großeltern haben nur andeutend geſchrieben — begreiflich, Pfarrer, denn wer ſpricht ſich in einem Briefe noch offen aus? Von den Vorgeſetzten wiſſen wir nichts, und die übrigen Correſpondenten des Vaters hielten ſich wieder in der Weiſe Leſthens. Doch leuchtete aus dem Allen genug hervor, um ſelbſt in meinen Augen Gerhards Reiſe zu einer nothwendigen zu machen. Mißverſteht mich nicht, Pfarrer,“ fügte er finſter hinzu.„Von Hilda iſt hierbei entweder gar nicht oder erſt in zweiter Linie die Rede. Die Hauptſache iſt, daß wir nachgerade weit ge⸗ nug gekommen ſind, um nicht einen Mann mehr aus un⸗ ſern Reihen verlieren zu können, und vor Allem einen Mann, der vermöge ſeiner eigenen Stellung wie durch die ſeiner Großeltern in Verhältniſſe eingeweiht iſt, welche— genug davon, wir verſtehen uns, denke ich, ohne weitere Worte, und es iſt mir peinlich, von dieſen Dingen zu reden.“ Der Pfarrer ging eine Weile ſchweigend in dem gro⸗ ßen Gemache auf und ab, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt; ſein ruhiges Geſicht hatte den Ausdruck eines tiefen Ernſtes gewonnen, und die Augen, ſo dunkel⸗ blau, daß ſie faſt ſchwarz erſchienen und daher gegen die weißen Haare und Brauen deſto auffälliger abſtachen, wandten ſich von Zeit zu Zeit mit ſcharfem, fragendem, beobachtendem Blick zu dem ſtill in der Sophaecke ruhen⸗ den Gutsherrn. Erſt nach einem langen Schweigen öffnete er die Lippen und ſagte in nachdenklichem Tone:„Alles in Allem alſo, Ihr traut ihm wenig Charakter zu?“ Bernhard blickte auf.„Wenig Charakter?“ wie⸗ derholte er den Kopf ſchüttelnd.„Gewiſſermaßen ja, allein zum mindeſten in einem Falle, wo vielleicht auch mancher Andere mit ſich und ſeinen Grundſätzen in Verlegenheit kommen dürfte. Denn gerade heraus, Pfarrer, dieſe Frau iſt kein gewöhnliches Weſen—“ „Eure Couſine, die Gräfin?“ ſchob der alte Herr ein. „Als Couſine faſſe ich ſie nicht auf, ſie iſt mir, ſie iſt uns Allen zu fremd dazu,“ verſetzte er ruhig. Höchſtens könnte ich fragen: wie iſt es möglich, daß ſich aus jener kleinen Lucie, die mir noch ſehr wohl in der Erinnerung iſt, aus der Tochter ihrer Mutter und ihres Vaters, aus der Gattin des Mannes, gerade dieſe Perſönlichkeit ent⸗ wickelt hat? Leichtſinn, Galanterie, ein Hinwegſetzen über das, was man ſonſt in der Geſellſchaft noch als Gränzen gelten läßt, das Alles konnte man erwarten, durfte man voraus⸗ ſetzen. Allein bei ihr iſt mehr da, Pfarrer! Kurz, ich habe in ihr eine Frau gefunden, die nach meiner Ueberzeugung noch ganz anderen Köpfen gefährlich werden könnte, als ei⸗ nem immerhin noch ſo jungen, wie ihn Hugo Platen auf ſeinen Schultern trägt. Man hat uns viel von den Werk⸗ zeugen der Franzoſen geſprochen— ich weiß nicht, ob ſie beſ⸗ 9 ſere gehabt; aber hatten ſie auch gefährlichere? Fragt einmal bei Hyneck an!“— „Ihr gebt ihn ganz auf, Bernhard?“ fragte der Pfarrer nach einer Pauſe. „Muß ich's nicht, Pfarrer?“ verſetzte der Gutsherr trübe, und indem er den Kopf wieder in die Hand legte, fügte er hinzu: nich bitte Euch, alter Freund, laßt uns von dieſen Dingen abbrechen. Sie müſſen uns ſchwermüthi⸗ ger ſtimmen, als wir's ohnehin und durch alles Uebrige ſchon ſind. Und von mir muß ich wiederholen, was ich bereits oft geſagt: ich bin kein Mann für dies Reden, Erwägen, Grübeln. Gott gebe uns bald eine Zeit, wo wir nicht mehr reden, ſondern handeln, wo die Schwachen wieder erſtarken oder gänzlich zu Grunde gehen, wo uns endlich nicht mehr dies kriechende, im Dunkeln ſchleichende Gewürm zu kümmern braucht, ſondern wir den Feind offen vor uns haben, mit dem es fertig zu werden gilt.— Ihr hattet mir aus der Gemeinde zu erzählen, alter Freund,— ſag⸗ tet Ihr nicht ſo?“ Der Pfarrer warf den Sprecher einen neuen lange und tief forſchenden Blick zu, ohne daß der Beobachtete denſelben wahrzunehmen ſchien; denn er hatte wie geſagt, die Stirn gegen die Hand gelegt und ſaß regungslos in ſeiner Ecke. Die düſtere oder ſchwermüthige Stimmung, aus der er ſich während des ganzen mitgetheilten Geſprächs nur auf Augenblicke gleichſam aufgerafft hatte, war ſeiner augenſcheinlich vollends Herr geworden und machte ihn, wie er ſelber es eben angedeutet, für Alles gleichgültig und ſtumpf, was nicht in ſeinen engſten Lebenskreis gehörte, nicht ſein eigenſtes Daſein, ſeine eigenſten Verhältniſſe und Pflichten berührte. Der Pfarrer ſchüttelte halb miß⸗ muthig, halb traurig den Kopf. Er liebte den jungen Pa⸗ tron zu wahrhaft und ſchätzte das Edle und Schöne, das er in ihm wußte, zu hoch, um nicht den reichbegabten Men⸗ ſchen mit tiefem Schmerz immer ſichtlicher verfallen, immer unaufhaltſamer dem Verderben entgegenſchreiten zu ſehen. Aber je mehr er ihn liebte und je höher er ihn ſchätzte und würdigte, deſto mehr erbitterte ihn gewiſſermaßen auch dies, wie er es hieß, feige Nachgeben gegenüber von einem, ihm ſo gut wie aller Welt verborgen gebliebenen feindlichen Einfluß. Der Pfarrer kannte den jungen Mann vielleicht beſſer als irgend Jemand und von ſeiner früheſten Jugend an, da Bernhard, dem vom Vater von jeher Wintersbach als eine Art Privatbeſitz beſtimmt worden, hier als Jüngling be⸗ reits länger und häufiger, offener und heiterer gelebt, als zu Tolleneck unter den Augen des mit ihm wenig zufriedenen alten Barons. Und es war begreiflich genug, daß er ſich zu dem damals ſchon bejahrten Pfarrer hingezogen fühlte, welcher dem Jüngling ohne Vorurtheil und ohne Anforde⸗ rungen entgegentrat, die derſelbe nicht zu erfüllen im Stande war. Pfarrer Joſeph Bendler war gegen ſich ſelbſt ſtren⸗ 11 ger als gegen Andere und hatte ſich längſt gewöhnt, von Niemand mehr zu verlangen noch zu erwarten, als wozu ihn das Maß ſeiner Anlagen und Kräfte und der ihm ge⸗ wordenen Bildung zu befähigen ſchienen. Er ſchätzte und würdigte endlich vollkommen Alles, was er in Baron Hart⸗ wig edel und tüchtig fand, goutirte jedoch keineswegs das ſpecifiſch Wilde und„Tolle,“ was ihn nicht nur zum echten Sohn ſeiner alten Familie, ſondern auch zum„tollen Aare“ ſelbſt machte, und billigte noch weniger die Weiſe, wie er ſeine Kinder und neuerdings die Enkel aufwachſen ließ. Er hatte zu jener Zeit, da der alte Herr nach dem Tode ſeiner Tochter von ſeinen Kriegs⸗ und Wanderzügen nach Tolleneck zurückkehrte und ſeine Enkel zu ſich nahm, Bern⸗ hards wegen mehr als einen ernſtlichen Streit mit dem Va⸗ ter gehabt, der damals gegen den Sohn bitterer und ver⸗ ſtimmter war als je, und er hatte ſich nicht geſcheut ihm mit derber Offenheit zu ſagen: Wenn Bernhard nicht nur nicht nach ſeinem Wunſch, ſondern überhaupt nicht werde, wie man es von dem hochbegabten Jüngling erwarten dürfe, ſo möge er ſich das ſelber zuſchreiben. Er habe ihn auf der einen Seite eingeſchüchtert und ſei jeder freien und ſelbſtſtändi⸗ gen Entwickelung auf das Härteſte entgegengetreten, wäh⸗ rend er ihm auf der anderen eine Freiheit gewähre, ja ihn faſt ohne Beachtung ſich ſelbſt überlaſſe, wie es zwiſchen Hunderten nicht Einer zu ertragen vermöge. Die Folge von dieſer Explication war erſtens eine noch —-õ————————⸗—⸗———————ꝛ— 12 heut' beſtehende Entfremdung der beiden Männer, und zwei⸗ tens eine gleiche, erſt in dieſem Herbſt annähernd gebro⸗ chene Entfremdung zwiſchen Vater und Sohn. Hartwig hatte den Jüngling ſo früh wie irgend möglich ſelbſtſtän⸗ dig geſtellt und ſich fortan, wie wir ſchon früher erfuhren, ſo gut wie gar nicht um ihn bekümmert, bis Leſthens Nach⸗ richten von Bernhards Benehmen während des Ver⸗ zweiflungskampfes von 1807 ſein väterliches Gefühl wie⸗ der rege gemacht. Bernhard hatte dieſe unglücklichen Zuſtände und Stim⸗ mungen tiefer empfunden, als er es für gewöhnlich und die meiſten merken ließ. Ja ſelbſt mit Pfarrer Bendler ver⸗ handelte er längſt nicht mehr darüber, in dem ganz richti⸗ gen Gefühl, daß zwiſchen ihm und ſeinem Vater wohl das Geſchick, aber kein Menſch ſtehen dürfe. Das hatte der Pfar⸗ rer längſt gut genug erkannt, und als billiger Mann und da es ihm hier nicht um ein Zerwürfniß zwiſchen ſo nahen Verwandten, und dort nicht um Beherrſchung des jungen Gutsherrn zu thun war, ſich auch von jeder Einmiſchung fern gehalten, es müßte denn ſein, daß er einigemale, wo Bernhard wirklich ernſtlich verletzt von Tolleneck zurückge⸗ kehrt war, zur Nachſicht und zum Frieden mit dem wilden, heftigen Vater geredet. So genau aber, wie er den Gebieter kannte, und bei ſeiner wirklichen Liebe zu ihm, hatte es Bendler nicht ent⸗ gehen können, daß Bernhard nach ſeiner Rückkehr von den 13 großen Reiſen, welche er in den Jahren 1802 bis 1804 durch die meiſten Länder Europa's unternommen, nicht nur ſeine ganze Lebensſtellung anders und gleichgültiger auf⸗ faßte als früher, ſondern auch ſeinen Verwandten und Freun⸗ den kälter entgegentrat und das Zerwürfniß mit dem Va⸗ ter zumal bei weitem nicht ſo hoch anſchlug, wie er es vor dieſen Reiſen gethan und wie Bendler es gefürchtet hatte. — Hier lag das Geheimniß dieſes Lebens, das Keiner zu ergründen vermochte, über das Bernhard ſelbſt ſich zu kei⸗ nen Andeutungen und Erklärungen herbeiließ. Selbſt Bend⸗ ler, der nicht allein ſein Beichtvater, ſondern wie geſagt, auch ſein Freund, Vertrauter und Berather ſeit den Ju⸗ gendtagen, erfuhr hiervon nichts. „Laßt das gehen, Pfarrer,“ ſagte der Gutsherr wohl einmal finſter.„Es wäre kindiſch, leugnen zu wollen, daß ich anders zurückgekehrt als ich gegangen, oder daß ich nichts Anderes als das Gewöhnliche erlebt. Zu reden iſt aber da⸗ von nicht, alter Freund, denn es i*ſt nichts dabei, was einer Vergebung bedürfte oder mein Gewiſſen beſchwerte; es iſt nichts, durch deſſen Mittheilung ich mich erleichtern, nichts, wo mir ein Freund rathen oder helfen könnte. Die Sache iſt abgethan, Pfarrer, und ſomit bitt' ich Euch, laßt uns für immer davon ſchweigen.“ Dabei blieb es. Bernhard lebte nicht gerade mit Ab⸗ ſicht als Menſchenfeind und Einſiedler, wie es damals noch als Folge jener furchtbaren Gefühlsüberſchwänglichkeit des vorigen Jahrhunderts gar nicht ſo ungewöhnlich geweſen wäre, aber ſein Daſein war wirklich von Anfang an ein au⸗ ßerordentlich abgeſchloſſenes und wurde es von Jahr zu Jahr mehr. Im Anfang machte er zuweilen noch einen Ausflug von einigen Tagen oder eine Reiſe von ein paar Wochen, allein ſeit ſeiner Rückkehr aus dem Feldzuge hörte es auch damit allmählig immer mehr auf, und ſelbſt ſeine Strei⸗ fereien zu Fuß oder zu Pferde, ſeine Jagdzüge, ſeine ein⸗ ſamen Spaziergänge ſogar wurden ſeltener von Jahr zu Jahr, ſo daß eine Zeit, wie die Wochen des vorigen Herb⸗ ſtes, wo er Leſthens wegen häufiger nach Tolleneck kam, eine ganz ungewöhnliche für ihn ſo gut wie für ſeine Die⸗ ner und Freunde war. Bendler hatte das Alles ſtets aufs ernſtlichſte ins Auge gefaßt und konnte ſich je länger deſto weniger verhehlen, daß es ohne wirkliche Gefahr für den leidenden Mann ſo nicht weiter gehen dürfe. Denn allgemach hatten ſich ſehr begreiflicher Weiſe auch körperliche Lei⸗ den eingefunden, und es konnte einem Beobachter, wie Bendler es war, unmöglich entgehen, daß die ſich nach und nach faſt zur Apathie ſteigernde Theilnahmloſigkeit und Gleichgültigkeit Bernhards ſchon eine Folge ſeiner körperlichen Zuſtände ſein müſſe. Hier mußte raſch und durchgreifend geholfen werden, wenn es überhaupt noch möglich war, ſei es, daß dieſe Hülfe durch Zeitereigniſſe gebracht wurde, die den kranken Mann aus ſeinem Traum⸗ 15 leben gewaltſam aufſchüttelten und in ein thätiges Le⸗ ben hineinriſſen; ſei es, daß der alte Freund ſelber ſie noch zu finden und zu bringen vermochte durch— nun, durch einen zufälligen, kühnen und das Rechte packende Griff. Hätte er den Kranken nur einmal zum Reden, zum Ausſprechen zu bringen vermocht, um wenigſtens einen Halt zu haben! Gerade jetzt war es ſchlimmer als je. Bernhard ſchleppte ſich ſchon ſeit faſt acht Tagen in einem Un⸗ wohlſein hin, das eigentlich kaum eines war und dennoch ſeinen Leib noch müder, ſeinen Kopf noch ſchwerer, ſeinen Sinn noch trüber machte, als man es ſonſt bei ihm kannte. Der Pfarrer hatte ſich daher auch den ſtillen Nachmittag beſonders zu einem neuen Angriff auf den Kranken ausgeſucht, war aber in ſeinem Plane durch das Erſcheinen Hildegards geſtört worden, die von Tol⸗ leneck herübergeritten war, um nach dem leidenden Onkel zu ſehen. Bernhard war in ihrer Gegenwart, man hätte faſt ſagen mögen: aufgelebt, aber nur um, wie wir es geſehen haben, nach ihrem Scheiden allmälig immer tie⸗ fer wieder in den alten Zuſtand zu verſinken. Den Pfarrer intereſſirte dieſe Beobachtung, ja es ſchoß einen Augenblick der Gedanke durch ſeinen Kopf, ob der Onkel für die anmuthige, lebensfriſche Nichte eine mehr als verwandtſchaftliche Theilnahme empfinden möge. Aber das währte nur einen Augenblick, dann verwarf Bendler dieſe Möglichkeit durchaus. So lange er Bernhard kannte, hatte er niemals eine Frau einen Einfluß auf ihn gewinnen ſehen. Und doch war er nicht wie der alte Aare, der den Sohn wegen dieſer Gleichgültigkeit gegen Alles was Weib hieß, wohl ſpot⸗ tend ſeinen„keuſchen Joſeph“ nannte. Er ahnte und fürchtete, daß Bernhard auf ſeiner Reiſe gerade durch ein Verhältniß zu einer Frau ſo gänzlich verändert ſein möge. Ja es war ihm faſt, als deuteten darauf auch die Aeußerungen über Lucie hin, die ihm aus Bern⸗ hards gewohnter Gleichgültigkeit ſeltſam herauszutreten ſchienen, und er entſchloß ſich raſch, trotz des Freundes ſichtbar müdem Zurückweichen, dennoch ſeinen alten Plan noch heute zur Ausführung zu bringen. Es dämmerte bereits und Bernhard wollte nach Licht klingeln; Bendler lehnte das ab.„Laßt uns im⸗ merhin noch ein wenig in dieſem Zwielicht,“ ſagte er, „wir lieben es ja Beide, und es plaudert ſich behagli⸗ cher dabei als bei dem grellen Licht, das Eurem Kopf und meinen Augen weh thut. Hier das Feuer im Ofen,“ fuhr er fort und beugte ſich und warf noch Holz in die Glut,„das iſt es, was ich zu ſolcher Stunde im Zim⸗ mer liebe. Das luſtige Spiel des Flammenlichts auf dem Teppich und den Möbeln, der Decke und den Wän⸗ den erinnert mich immer an die Zeit, wo meine Mut⸗ 8 17 ter uns Kindern ihre Märchen erzählte und wir ſo glück⸗ ſelig an ihrem Munde hingen. „Märchen habe ich Euch nun freilich nicht zu er⸗ zählen,“ redete er weiter im erneuten Auf⸗ und Abge⸗ hen, während aber auf dem dicken Teppich des Gemachs ſein Schritt nicht laut und ſtörend wurde.„Auch iſt es diesmal nichts von unſeren Armen und Kranken, damit geht es wie gewöhnlich, und ich weiß, daß Ihr Euren Pfarrer nicht im Stiche laßt, wenn er Hülfe bringen will und keine Mittel mehr hat. Auch iſt es nichts aus unſerer Gemeinde, aber aus meiner. Denkt Euch, in Kindelsheim gibt es ſeit acht Tagen Bewohner, die Grä⸗ fin Lingenheim hat vorgeſtern mir ihren Beſuch gemacht, um ſich ihrem Seelſorger vorzuſtellen, und ich habe ihn heut' Morgen erwiederk.“ „Die Gräfin Lingenheim?“ fragte Bernhard in einem gewiſſen ſchwankenden Tone und fügte nach einer kurzen Pauſe hinzu:„Ach ja, ich erinnere mich; der Erbe des alten Kammerherrn hat auch deſſen Namen anzunehmen gehabt. Ein Baron— Baron—“ „Waldern,“ bemerkte der Pfarrer ruhig. „Waldern, ja, ſo nannte man ihn mir,“ meinte Bernhard.„Wenn ich nicht irre, war er Diplomat und Geſandter. Und jetzt in Kindelsheim? Das wird der Dame zu dieſer Jahreszeit auch nicht unterhaltend er⸗ ſcheinen.“ Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 2 18 Pfarrer Bendler ging immer auf und ab.„Um Unterhaltung iſt's ihr wenig zu thun, glaube ich,“ ſagte er,„vielmehr nur um Ruhe und Frieden nach einer, wie ich ahne, trübſeligen Ehe. Sie iſt Wittwe ſeit dem vorigen Sommer und hat jetzt ihren Wittwenſitz in Kin⸗ delsheim bezogen. Die übrigen Güter ſtehen unter vor⸗ mundſchaftlicher Verwaltung, die der armen Dame auch nicht entgegengekommen zu ſein ſcheint. Man hat ſo⸗ gar beabſichtigt, ihren Knaben ihrer Obhut zu entzie⸗ hen, aber ſie hat das beſtimmt verweigert und ſich auch um deſſentwillen in die Einſamkeit zurückgezogen.“— „Das Kind noch ſo jung?“ fragte Bernhard, da der Erzähler inne hielt, ſo hin, und man hörte es der Stimme an, wie gleichgültig ihm das Alles war. „ Ich glaube, ſie ſprach von acht Jahren,“ verſetzte Bendler,„ich habe ihn nicht geſehen, da er ausgeflo⸗ gen war; ſie ſelbſt mag gegen die Dreißig ſein.“ Und indem er ſtehen blieb, fügte er ernſt hinzu:„eine noch junge Frau, aber gereift in Leiden und Erfahrungen und einer Lebensſchule der ſchwerſten und traurigſten Art. Sie hat bisher mir begreiflicherweiſe nur dies und je⸗ nes angedeutet. Aber wenn mich nicht meine langjäh⸗ rige Erfahrung und alle Menſchenkenntniß im Stiche läßt und betrügt, ſo iſt es eines der traurigſten, aber auch edelſten und ſchönſten Herzen, das mir jemals vor⸗ gekommen. Ich gratulire Deiner Gemeinde zu einem 19 ſolchen Mitgliede und mir ſelbſt zu einem ſolchen Beicht⸗ kinde. Sie iſt ein Weſen, deſſen Beiſpiel uns Alle ſtär⸗ ken, für uns Alle das ſegensreichſte werden kann. Und ich geſtehe ſchon jetzt, daß ich es als einen der ſchönſten Erfolge meiner Wirkſamkeit anſehen würde, wenn es mir gelingen ſollte, in dies Herz Troſt und Frieden zu tragen.“ „Ich habe Euch heut' nun ſchon zum zweitenmal mein Compliment zu machen, Pfarrer— in Betreff Eu⸗ rer dichteriſchen Begabung,“ ſprach Bernhard mit leiſem Lächeln und gutmüthigem Spott.„Das muß ja ein wah⸗ res Muſter von einer Dame ſein, die Freund Bendlers Be⸗ wunderung in ſolchem Grade zu erregen verſtand, und noch dazu gleich bei den beiden erſten Beſuchen!“ „Ihr ſprecht die volle Wahrheit, mein Sohn,“ ſagte der alte Herr ernſt.„Ich wiederhole: wenn mich nicht Alles trügt, ſo iſt ſie ein wahres Muſter edler Weiblichkeit und ihre Anweſenheit muß für uns Alle ein Segen wer⸗ den. Für uns Alle, ſage ich, zumeiſt aber für unſere Hilda, für die ein ſolcher Umgang immer unentbehrlicher wird, und auch für Euch, Bernhard.“ „Für mich, Bendler?“ Er erhob raſch den Kopf, und wie eine eben aufflackernde Flamme ein helles Streif⸗ licht auf die bleichen Züge fallen ließ, erkannte man in ihnen ein halb bitteres, halb ſchmerzliches Lächeln. „In der That, Pfarrer,“ fügte er dann hinzu,„ich bin 2 20 nicht mehr gewandt genug, um den Sprüngen Eurer Phantaſie zu folgen. Ich verſtehe Euch ganz und gar nicht.“ „Spottet, zürnt, zankt, geberdet Euch ganz nach Belieben,“ redete Bendler mit ernſter Ruhe und blieb, die Hände wieder auf dem Rücken in einander gelegt, vor dem Gutsherrn ſtehen.„Es nützt Euch Alles nichts; ich kenne Euch beſſer als Ihr ſelbſt und weiß was Euch noth thut, was täglich mehr für Euch zu einer unab⸗ weislichen Pflicht wird,— das iſt ein Umgang mit einer Frau— merkt wohl, nicht mit einem Mann, da Ihr für die Intereſſen, welche die Männerwelt bewegen, au⸗ genblicklich allerdings nicht— theilnahmsfähig genug ſeid! — mit einer Frau, ſage ich, die durch ihr Weſen, ihre Bildung, ihre Lebenserfahrung, ihre verſtändige und milde Auffaſſung des Lebens, auch durch ihre Erſchei⸗ nung ſogar wie dazu gemacht iſt, Euch ein ernſtes dau⸗ erndes Intereſſe einzuflößen, Euch Licht in Eure finſte⸗ ren Stunden zu tragen, und die endlich die Geduld und Nachſicht hat, die einem kranken Herzen gegenüber nothwendig iſt, wenn es Vertrauen faſſen und in dieſem Vertrauen wieder geſunden ſoll. Ihr, mein Sohn,“ ſchloß der alte Herr mit bewegter Stimme,„verlangt für Euch um zu geneſen, ein Leben voll Drang und Sturm, voll Aufregung und Betäubung. Ich fordere vielmehr und zuerſt für Euch eine Wiedererweckung Eurer rein menſch⸗ 21 lichen Theilnahme, Eures herzlichen Intereſſes für Eure Nächſten, Eure Umgebung. Dann wird auch alles Uebrige ſich allmälig von ſelber wiederfinden. Und ich wieder⸗ hole es: Dieſe Frau iſt wie dazu gemacht, Euch aus dieſer vernichtenden Geiſtes⸗, Herzens⸗ und Körper⸗Ein⸗ ſamkeit und Abſpannung zu erlöſen.“ Das bittere Lächeln glitt von Neuem durch die ſtil⸗ len Züge des bleichen Mannes, aber er ſagte nichts, ſo daß Bendler ſeinen Gang durch das Zimmer wieder auf⸗ nahm, ſelber ſchweigend. Er wollte ſeinen Worten Zeit gönnen, in dem Patienten zu wirken. Und er hatte ſich nicht geirrt, denn nach einer Weile ſagte Bernhard ge⸗ dämpft:„Ihr irrt Euch, Pfarrer. Das was Ihr wünſcht, kann mir eine Fran am allerwenigſten bieten.“ „Und weshalb nicht?“ fragte Bendler mit einem flüchtigen Seitenblick.„Was Euch eine Frau genommen, kann Euch am Erſten eine Frau wiedergeben. Das si⸗ milia similibus dieſer neuen mediciniſchen Schule iſt in der Heilung der Seelen und Herzen längſt kein Neues mehr.“ Es verging wieder eine Pauſe, bevor der Guts⸗ herr im gleichen gedämpften Tone verſetzte:„Ihr irrt Euch wieder, Pfarrer. Mir hat keine Frau etwas ge⸗ nommen. Im Gegentheil, es hat mir Eine ſo viel ge⸗ geben, daß dagegen alles Uebrige zurücktritt, ja das ganze Geſchlecht vor mir verſchwindet. Daß ſie deſſen⸗ 22 ungeachtet mir nicht genug, nicht Alles, nicht ſich ſelbſt gab,— das lag nicht in ihrer Macht. Und das iſt mein Unglück. Das hat mich zum traurigen und ſehnſuchts⸗ vollen, das hat mich endlich zum kranken Menſchen ge⸗ macht. Nun wißt Ihr's, Bendler. Aber was habt Ihr, was habe ich davon?“ Der geiſtliche Herr war ſtehen geblieben und hatte aufmerkſam den Worten des Andern gelauſcht.„Iſt das männlich, Bernhard?“ fragte er endlich mit tiefem Ernſt. „Ich weiß das nicht und frage auch nicht danach, Bendler,“ entgegnete er, die Stirn wieder in die Hand lehnend.„Ich weiß es nicht, ob ich mehr oder weniger Mann bin, als die Anderen. Ich weiß nur, daß es für alle Zeit über mich entſchieden und mich zu dem ge⸗ macht hat, der ich bin. Und nun laßt uns davon ein für allemal abbrechen. Geſchehene Dinge ſind nicht mehr zu ändern.“ „Abbrechen? Gewiß nicht!“ ſagte der Pfarrer ſtreng. „Im Gegentheil, ich verlange jetzt, daß Ihr mir davon erzählt. Ich als Euer Seelſorger habe die Pflicht ken⸗ nen zu lernen, was dieſe Seele belaſtet, und im Ver⸗ eine mit Euch den Feind zu bekämpfen, der—“ „Ich habe es Euch ja längſt geſagt, Pfarrer,“ fiel Bernhard trübe ein,„es iſt nichts dabei, was mein Gewiſſen beſchwert, nichts, wofür ich im irdiſchen wie im himmliſchen Sinne einer Vergebung bedürfte— es müßte denn die Trauer und die Sehnſucht ſein,“ fügte er trübe lächelnd hinzu,„der meine Kräfte nicht gewach⸗ ſen waren.“ „Und glaubt Ihr, gottloſer Menſch,“ fragte Pfar⸗ rer Bendler halb ſcherzend, halb ernſt,„daß vor mein Forum nur die Sünden gehören, welche vor dem Geſetz ſtraffällig und das Gewiſſen belaſten? Euer ganzer in⸗ nerer Menſch gehört mir, ich bin als Euer Seelſorger dafür Gott verantwortlich. Und wiederholt ſage ich: ich verlange von Euch jetzt eine Mittheilung. Ich will den Feind kennen lernen und bekämpfen können, der Euch dem Himmel und mir, dem Leben, den Euren und Euch ſelbſt ſo lange zu entziehen vermochte, diente auch dieſe Mittheilung nur dazu, daß Ihr gezwungen würdet, die⸗ ſen Feind einmal ſelber wieder ins Auge zu faſſen und noch einmal einen Kampf mit ihm zu wagen. Denn glaubt es mir, mein Sohn,“ ſchloß der alte Herr be⸗ wegt,„der Feind, den wir ſehen können, iſt der ſchlimmſte nicht, und ſo lange wir ihm feſten Auges begegnen, wird er nicht unſrer Herr werden.“ „Erzählen kann ich davon nicht,“ ſprach Bernhard nach einer Weile ſchwermüthig.„Es gibt Dinge und Erlebniſſe, die ſich dem geſprochenen Worte entziehen, denen es nicht nachzukommen vermag. „Es wird ſich ſchon eine Stunde oder Form fin⸗ den laſſen,“ meinte Bendler ruhig.„Denkt darüber 24 nach, denn ſchenken thu' ich's Euch nicht mehr. Jetzt aber wollen wir uns Licht bringen laſſen und das Schach⸗ brett vornehmen. Ihr müßt vor Allem aus dieſem körperlichen und geiſtigen Hinbrüten heraus. Nehmt mich zum Arzt; ich wette, ich kurire Euch.“ „—— Als Pfarrer Bendler ſich Abends verab⸗ ſchieden wollte, hielt Bernhard ihn noch eine Weile zurück, um aus ſeinem Schreibtiſch ein ziemlich ſtarkes Packet herbeizuholen, aus dem er ein einzelnes Heft herauszog.„Es ſind meine Reiſetagebücher,“ ſagte er, das Letztere dem Pfarrer reichend,„und hier findet Ihr Alles, was Ihr von mir erfahren wollt. Aber irrt Euch nicht, mein Freund. Die Umriſſe mögen auf dem Pa⸗ piere ſtehen, rechten Inhalt aber findet Ihr niemals anderswo als in einem Menſchenherzen, wo er unausſprech⸗ bar und nur für den Menſchen ſelbſt verſtändlich ruht.“ Zweites Capitel. Pfarrer Bendler's grüne Stube. Die Lage des Dorfes Wintersbach paßte ganz und gar zu den einſiedleriſchen Gewohnheiten ſeines jetzigen Beſitzers. Es war in eine Ausbucht der großen Waldun⸗ gen hineingebaut, welche vom Gebirge herabſtreichend, ſich weit in das ebene Land hineinzogen und von den Freiher⸗ ren von Aare von jeher für den werthvollſten Theil ihrer Beſitzungen gehalten, als ſolche geſchont und gepflegt wor⸗ den waren, während die übrigen Grundherren dieſer Land⸗ ſtriche damit zum größten Theil aufgeräumt hatten und der„Waldgau“ dieſen Namen längſt nur noch als eine Erinnerung an ſeine früheren Reichthümer führte Das Schloß, wenn man das einfache und nüchterne Gebäude ſo heißen will, war in den tiefſten Winkel hin⸗ eingedrängt; ſein Park— aber auch dieſer hochtrabende Name paßte kaum auf die Anlagen, welche ſich hinter dem Hauſe vorfanden— erſtreckte ſich bis tief in den Wald und ging endlich unmerklich in denſelben über. Hieher kam niemand, der nicht ausdrücklich Geſchäfte auf dem vor dem Hauſe angebauten Wirthſchaftshofe hatte oder den Gutsherrn ſelber ſprechen wollte; und der Letzteren gab es in Nähe und Ferne wenig genug, da Bernhard ſich von Allem, was die Verwaltung der Beſitzung anging, längſt los gemacht und mit der Umgegend ſo gut wie gar keinen Verkehr unterhielt.— Aber auch im Dorfe war es einſam genug und ſeine Bewohner erfuhren wenig von der Außen⸗ welt. Die wirkliche Landſtraße, welche durch dieſe Gegend führte, zog in ziemlicher Entfernung an Wintersbach vor⸗ über, und überdies wurde die Beſitzung gegen das offene Land zu durch einen Fluß, welcher ein paar Stunden wei⸗ ter unten ſich mit dem großen Strome verband, und durch dieſen ſelbſt noch mehr iſolirt. Ja wäre Wintersbach nicht von Altersher das Pfarrdorf für eine ziemliche Menge näherer und fernerer, größerer und kleinerer Gemeinden geweſen, deren Mitglieder wenn auch nicht allſonntäglich, doch bei größeren Feſten in größter Zahl herbeiſtrömten, ſo würde man im Dorfe jahraus, jahrein kaum ein frem⸗ des Geſicht erblickt haben, es müßte denn von Zeit zu Zeit vielleicht ein Aufkäufer aus der Stadt oder ein wandern⸗ der Hauſirjude geweſen ſein. Man ſah das Dorf nicht 27 einmal von der Straße aus; der Wald ſchob einen langen grünen Arm um dasſelbe ſchützend herum. Etwas freier lagen Pfarrhaus und Kirche; ſie bilde⸗ ten im Verein mit einem Wirthſchaftsgebäude des erſteren und mit der Wohnung des Meßners und Schullehrers eine Art kleiner Colonie, die ſich wohl zehn Minuten vom Dorf, an der Spitze jenes Waldarmes auf einem Hügelrücken angeſiedelt hatte. Bei der verhältnißmäßigen Höhe der Lage und der Flachheit des nach vorne ausgedehnten Lan⸗ des hatte man von hier aus einen weiten Ueberblick; man ſah bis zum großen Strome hinüber und ſeitwärts bis zu den hohen Giebeln und Thürmen des alten Tollenecker Schloſſes auf dem Hintergrunde des Waldgebirgs.— Hier hauſte der Pfarrer Joſeph Bendler mit ſeiner alten Schwe⸗ ſter, welche ihm die Wirthſchaft führte. Bendler war nun ſchon über dreißig Jahre in Win⸗ tersbach, welches er anfänglich als Caplan und zur Aus⸗ hülfe bei dem damals ſehr bejahrten und kränklichen Pfar⸗ rer betreten hatte, damals mit wenig Ausſicht, daß er dereinſt ſelber die treffliche Pfründe erhalten würde, da man ihn, den freiſinnigen Mann, nur mit der Sendung betraut hatte, weil augenblicklich ein großer Mangel an jüngeren, verwendbaren Geiſtlichen war. Indeſſen konn⸗ ten auch ſeine Oberen bald nicht leugnen, daß ſein Wir⸗ ken ein höchſt ſegensreiches war und daß er in die unter 28 dem ſchwachen und kränklichen Pfarrer verwilderte Ge⸗ meinde mit feſter Hand wieder Ordnung und Zucht brachte. Denn wie freiſinnig er im Ganzen auch ſein, wie leicht er manche Aeußerlichkeiten und überhaupt das rein Formelle nehmen, wie gleichgültig er endlich anſcheinend über Manches wegſehen mochte, was einem nicht geringen Theil ſeiner Collegen Veranlaſſung zum ſchärfſten Ein⸗ greifen gewährt hätte, ſo wenig Spaß verſtand er in der Hauptſache. Er verſtand es bei Gelegenheit, dem derben und ein wenig rohen Volk dieſer Gegenden ins Gewiſſen zu reden, wie keiner vor ihm; und wo es nöthig ward, ſtreng aufzutreten und feſt anzufaſſen, da geſchah's von ihm auch auf eine ſolche Weiſe, daß die Leute, um in dem Bilde fortzufahren, den Griff bis ins Leben hinein ſpürten und nicht leicht wieder vergaßen. Es kam dazu, daß er, was er von ſeiner Gemeinde verlangte oder ihr nachſah, auch in ſeinem eigenen Leben durchführte. Er vergaß über dem Himmel nicht der Erde und des Lebens auf ihr und entzog ſich keinem erlaubtem Genuß des Guten, was ſie dem Menſchen bietet. Er nahm herzlich und freundlich Theil an den frohen Tagen ſeiner Beichtkinder ſo gut wie an denen der Trauer und des Schmerzes, entzog ſich weder ihrer Freude noch ihrem Leid, oft der Heiterſte von Allen, aber ſicher, daß er nie und nirgends ſeiner Würde etwas vergeben würde. Als der alte Pfarrer ein paar Jahre nach Bendlers 29 Eintritt ſtarb, petitionirte die Gemeinde einſtimmig bei Hartwig Aare um ſeine wirkliche Anſtellung. Sie fürchte⸗ ten ſeinen Ernſt und ſeine Strenge wie dus Feuer, aber ſie achteten und reſpectirten ihn auch wegen ſeines perſönlichen tadelloſen Lebenswandels und ſeines ernſten Beiſpiels— er verlangte wie geſagt nichts, was er nicht ſelber im vollſten Umfange übte und bewährte— ſie vertrauten ihm und liebten ihn ohne Gränzen und Schranken und erkann⸗ ten in ihm den Seelſorger an, deſſen die ganze Gemeinde wie die Einzelnen bedürftig wären, wollten ſie ſich anders in dem ſtreng proteſtantiſchen Lande unvermindert und ungebrochen bei ihrer Väter Glauben erhalten. Es war, um dies hier zu erwähnen, ein Factum, daß ſeit Bendler in ſeiner Ge⸗ meinde erſchienen, weder von einem Uebertritt zum Pro⸗ teſtantismus, noch von Auswanderung, wie ſie ſonſt nicht ſelten vorgekommen, die Rede war. Hartwig Aare, der trotz all ſeiner Extravaganzen und Abſprünge, wie wir erfuhren, nicht nur ernſtlich an dem al⸗ ten Glauben hing, ſondern auch für ſeine Beſitzungen und das ihn umgebende Leben ſtets ein gutes Auge hatte, ſtimmte dem Urtheil der Gemeinde über Bendler und ihrem Wunſche völlig bei und ſetzte beim biſchöflichen Stuhle ſeine Beſtätigung als Pfarrer durch. Er achtete, ja reſpectirte den Geiſtlichen ſo hoch wie kaum einen anderen Menſchen, und wenn ſich auch ſpäter, Bernhards wegen, das erwähnte Zerwürfniß zwiſchen ihnen einſtellte, ſo hatte das auf Hart⸗ wigs Anſichten im Uebrigen ſo wenig Einfluß, wie irgend möglich. Ja wenn er ihm auch aus dem Wege ging, ach⸗ tete er ihn innerlich vielleicht nur um ſo höher. Wie Bend⸗ ler von jeher zu und mit Bernhard ſtand, haben die Leſer bereits erfahren, und wir haben nur noch hinzuzuſetzen, daß weder in dieſem Verhältniß noch in dem zwiſchen dem Seel⸗ ſorger und ſeiner Heerde jemals irgend eine Störung ein⸗ getreten war. Im Gegentheil waren ſie im Laufe der vie⸗ len Jahre allmählig ſo mit einander verwachſen, daß ſich der Pfarrer kaum noch eine andere Gemeinde und dieſe ſich nicht mehr einen anderen Hirten zu denken vermochte. Die Wintersbacher Pfarre war eine der größten nicht nur, ſondern auch eine der am reichſten dotirten im ganzen Bisthum, allein Pfarrer Bendler war trotzdem ſtets ein armer Mann geblieben und hatte ſich ſelber auf das dürf⸗ tigſte Einkommen geſetzt, weil er den größten Theil des⸗ ſelben ſtets ſeiner Gemeinde zuwandte, in der es, wie in allen ähnlich in den Bergen und am Fuße derſelben gele⸗ genen, viel Armuth gab. Er ſelber war einer der bedürf⸗ nißloſeſten Menſchen, die man ſich denken konnte und hatte nur eine einzige Liebhaberei, die ihm, wie er wohl zuwei⸗ len lachend erklärte, wohl hätte gefährlich werden können, wären ſeine Armen nicht für ihn vernünftig geweſen und hätten ſeinen Geldbeutel nicht ſtets auf den allerbeſcheiden⸗ ſten Umfang und Inhalt zu beſchränken gewußt. Er ge⸗ hörte zu den Bibliophilen, einer Menſchen⸗ oder vielmehr 31 Gelehrtenclaſſe, von der man heutzutage faſt keine Spur mehr findet. Er war nicht nur Theolog, ſondern auch Phi⸗ lolog und ſammelte in dieſen Richtungen, ſo viel er es vor ſeinem Wohlthätigkeitsſinne und ſeinen Armen verantwor⸗ ten konnte, die Inkunabeln und die ſchönen holländiſchen Ausgaben der Claſſiker. Bendler ſammelte aber nun ſchon über dreißig Jahre mit Geduld, Glück und Geſchick, und da Bernhard dem al⸗ ten Freund und Lehrer nie etwas Anderes zuwenden durfte, als irgend ein erwünſchtes Buch, und dies that, ſo häufig er irgend Gelegenheit fand, ſo war immerhin allmählig eine Bibliothek zuſammengekommen, die man in der beſcheide⸗ nen Pfarrwohnung nicht leicht geſucht haben möchte. Ihre Schränke, gleichfalls ein Geſchenk Bernhards, über das Bendler anfangs viel geſchmält, bildeten den einzigen Schmuck, das Einzige, was über die unumgängliche Ein⸗ richtung hinausging, und machten die kleine grüne Hinter⸗ ſtube des Pfarrers zu dem traulichen Studierſtübchen eines Gelehrten. Der nunmehr ſchon bejahrte Herr hielt aber auch mit Eiferſucht auf die Alleinbenützung dieſes Heilig⸗ thums und ließ nur in ganz beſonderen Ausnahmsfällen einen fremden Fuß dasſelbe betreten. Es war dort daher auch ſtets ſtill und friedlich, und da Bendler ein ſehr or⸗ dentlicher Mann war und nicht rauchte, auch immer ſauber und freundlich, um ſo mehr, da das Zimmerchen ſeine bei⸗ den Fenſter gegen Süden öffnete und von der Sonne ſelbſt 32 im Winter heimgeſucht wurde, ſo oft und ſo lange ſie am Himmel ſichtbar ward. Kurz, es konnte Einem dort wohl werden. So war es auch heut wieder. Die Sonne ſtand noch verhältnißmäßig hoch über dem Kranz von Wäldern, welche dort hinten Schloß und Dorf umgaben und die Ausſicht abſchloſſen, und ihre Strahlen hatten im Verein mit der behaglichen, dem braunen Kachelofen entſtrömenden Wärme, das Eis von den hellen Fenſterſcheiben gethaut. Der Pfar⸗ rer ging nach ſeiner Gewohnheit mit auf dem Rücken in einander gelegten Händen leiſe im Zimmer auf und ab, auch jetzt mit unhörbaren Schritten, denn es lag in dem Gemache ein, freilich ſehr einfacher Teppich, wiederum ein Geſchenk des Gutsherrn, da das Gemach den einzigen Feh⸗ ler hatte, daß es ſehr fußkalt war,— und obendrein trug der alte Herr, der nicht längſt erſt von einem ſchwer Kran⸗ ken heimgekommen war, gegenwärtig ein paarweiche Schuhe. Seine Blicke ſchweiften von Zeit zu Zeit zu dem Schreib⸗ tiſch hin, auf deſſen Platte das Heft lag, welches ihm vor einigen Tagen Bernhard anvertraut, oder flogen auch ein⸗ mal gedankenvoll durch das Fenſter hinaus und über den ſtillen Friedhof mit ſeinen, jetzt vom Schnee überdeck⸗ ten Steinen und Kreuzen, und weiterhin, hinab zum Dorf und zum Herrenhaus, wo der weilte, der vordem dieſe Blätter beſchrieben. Der Pfarrer hatte das nicht ſtarke Heft mehr als ein⸗ 33 mal durchleſen, aber den Freund hatte er noch nicht wiederge⸗ ſehen und ſcheute ſich auch vor dieſer erſten Begegnung. Er hatte in dieſen Blättern den jungen Freund wieder ge⸗ funden, wie er ihn ungefähr von jeher gekannt— Bern⸗ hard war immer ein ſehr innerlicher Menſch, ein Träumer geweſen. Bendler begriff daher auch, daß das Geſchilderte von furchtbarer Wirkung auf dieſen Charakter hatte ſein müſſen. Vor Allem aber hatte ſich die Ueberzeugung bei ihm nur noch mehr befeſtigt, daß hier von keinem längeren Nachgeben und Zurückweichen die Rede ſein dürfe. Es mußte ein Weg gefunden werden, auf dem der trauernde Freund aus dieſen Leiden und Träumen der Vergangen⸗ heit für immer hinübergeleitet würde in das friſche, be⸗ wegte Leben des Tags— nicht durch Vorſtellungen und Mahnungen, ſondern durch das Leben ſelbſt. Aber wo war dieſer Weg und welcher war's, und wo fand ſich der Füh⸗ rende? „Hätt' ich ihn nur einmal heraus!“ murmelte der alte Herr vor ſich hin.„Könnt' ich ihn nur einmal mit ihr zuſammenbringen! Gerade— potz Blitz noch einmal, er iſt denn doch noch ein junger Mann und— hm!“— Und indem er am Fenſter ſtehen blieb und gedankenvoll hinaus⸗ blickte, fügte er nach einer Weile in der gleichen abgebro⸗ chenen Weiſe hinzu:„dieſe Lucie— bah, ſelbſt dieſe Lu⸗ cie wäre mir recht, wenn ſie ihm wirklich ein Intereſſe ab⸗ gewinnen und ihn in's Leben zurückreißen könnte! Die Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 3 34 Sünde wollte ich gern auf meine alten Schultern neh⸗ men.— Die Lucie—“ In dieſem Augenblick wurde hinter ihm die Thür mit einem Ungeſtüm aufgeriſſen, der ihn die Brauen zuſam⸗ menziehen und ſich raſch umdrehen ließ. Doch beſänftigte ſich ſein Unwille, da er ſeine Schweſter ins Zimmer ſchlü⸗ pfen ſah und auf dem kleinen faltigen Geſicht die Spuren einer großen Angſt erkannte.„Nun, nun, Chriſtiane,“ ſagte er milde und lächelnd,„was gibt's denn? Du ſcheinſt ja ganz außer dir!“ „O liebes Herrgottle!“ ſtöhnte ſie,„Joſeph, ich bitte Dich, da kommt eben der Kindelsheimer Schlitten den Berg herauf, und die Dame ſelber ſitzt darin! Und das ganze Haus iſt in Unordnung, und ich habe ja nicht eine Kaffee⸗ bohne im Hauſe und nichts, mit dem ich aufwarten könnte! Und heilige Jungfrau, wie ſeh' ich ſelber aus!“ fügte ſie kläglich hinzu und ſchaute verzweiflungsvoll an ihrem aller⸗ dings nicht geſellſchaftsmäßigen Anzuge hinunter. Pfarrer Bendler lächelte mit leiſem Spott.„Na na, Alte,“ ſprach er dann.„Du ſiehſt nun wohl, wie gut es iſt, daß ich das Wohnzimmer neben an von deinem Putzfeſte befreiete. Das wäre wirklich—“ „Ach du mein Himmel, das iſt's ja eben!“ ſtöhnte ſie faſt mit Thränen.„Ich hab' ja ſeit heut' Morgen nicht einbrennen laſſen und es iſt eiskalt,— die Suſanna und ich haben uns die Zeit nicht genommen—“ 3⁵ „Nun, in Gottesnamen, ſo wird ſie es ſich einmal hier bei mir gefallen laſſen müſſen, wenn es wirklich die Gräfin iſt und Du Dich nicht verſ ehen haſt—“ „O Joſeph nein! Ich kenne die beiden Schimmel ſchon, es ſind ſo prächtige Thiere, und hier herum gibt's nur die in Kindelsheim!“ „Nun gut, Alte,“ ſagte er wieder,„ſo binde die Schürze ab und ſetze Deine Haube gerade, dazu reicht's noch. Ich will mit Dir hinauskommen,“ ſprach er weiter und verließ mit ihr das kleine behagliche Gemach.„Und was den Kaffee betrifft, ſo brauchſt Du Dich darum nicht zu quälen. Wer hat jetzt dem Anderen Kaffee vorzuſetzen? Ein Glas Glühwein oder Warmbier thut's auch.“ „Ja Glühwein!“ meinte ſie in einigermaßen bitterem Ton, während ſie vor dem kleinen Spiegel mit vor Haſt zitternden Händen die Haube in Ordnung brachte.„Du ſorgſt auch dafür, daß wir Wein im Hauſe haben! Die Flaſche an den alten Hermann—“ „War die letzte? Nun, der arme alte Menſch braucht ſie jedenfalls nothwendiger als die Gräfin und ich,“ ver⸗ ſetzte er ruhig.„Und nun hinaus, Chriſtiane, die Schellen klingen ſchon vom Hofe.“ Damit verließ er würdigen Schritts das Zimmer und trat in die geöffnete Hausthür, vor welcher auch, faſt im gleichen Augenblick der angemel⸗ dete Schlitten anlangte und ſtill hielt. Der Pfarrer trat 3* 36 herzu, um mit dem alten vom Vorderſitz geſprungenen Diener der Dame beim Ausſteigen behülflich zu ſein. „Mein lieber Pfarrer,“ ſagte ſie, den Schleier von dem durch die friſche Luft leicht gerötheten Geſicht zurück⸗ ſchlagend und dem Geiſtlichen eine kleine Hand entgegen⸗ ſtreckend,„was werden Sie ſagen, daß ich ſchon wieder Ihre koſtbare Zeit in Anſpruch nehme! Ich dachte zuerſt, an Sie zu ſchreiben—“ „Da hätten Sieſehr Unrecht gehabt, gnädige Gräfin,“ fiel er freundlich ein.„Ein geſchriebenes Wort kann nie⸗ mals das von Herz zu Herzen klingende erſetzen. Und im Uebrigen,“ fügte er die Achſeln zuckend und mit leiſem Lä⸗ cheln hinzu,„iſt Briefſchreiben meine Sache nicht. Die alten Finger werden allgemach zu ſteif dazu. Aber vor allen Din⸗ gen kommen Sie jetzt herein. Der Schnee drunten iſt nicht für Damenſchuhe.“ Und damit ließ er ſie eintreten, welche die knixende Chriſtiane herzlich begrüßte, und führte ſie in's Wohnzimmer, während er ſprach:„mein Haus iſt heut' noch beſcheidener als ſonſt, denn meine gute Schweſter hat in ihrem Putzeifer ganz vergeſſen, daß wir im Winter ſind und einer warmen Stube bedürfen. So muß ich Sie denn ſchon bitten, heut bei mir vorlieb zu nehmen, obgleich mein Zimmerlein für eine Dame kaum die nothdürftigſten Be⸗ quemlichkeiten darbietet.“ Die Dame hatte den Pelz und die Kapuze abge⸗ legt, welche ihr Haupt gegen die Kälte geſchützt, und 37 folgte nun dem alten Herrn in die ſonnige kleine grüne Stube. Der Unterſchied war außerordentlich— hier das kalte, nüchterne, dunkle Wohnzimmer, dem man's überall anſah, wie ſelten Menſchen in ihm weilten, und hart daneben das Gemach voll Licht und Wärme, ſau⸗ ber, heimlich, ſtill und voll der Spuren eines thätigen Lebens, eines ſtrebenden, ſchaffenden Geiſtes. Es ging auch ein helles, ſanftes Lächeln durch die feinen Züge der Eintretenden und ſie ſagte, die weichen blauen Augen zum Pfarrer erhebend:„Welch ein anmuthig Zimmer, lieber Pfarrer! Ganz ſo, wie ich es mir für Sie gedacht, es Ihnen wenigſtens gewünſcht habe! Da kommt Frie⸗ den über uns und Vertrauen.“ „Und ein wenig Angſt vor all der Gelehrſamkeit,“ meinte er ſcherzend und fuhr dann fort:„aber nehmen Sie Platz, meine gnädige Frau. Ich habe Ihnen, wie Sie ſehen, nichts Anderes zu bieten als dieſen kleinen Lehnſtuhl.“ „Den Ihren, Pfarrer,“ ſagte ſie zögernd. „Nicht doch, nicht doch!“ lehnte er lebhaft ab. „Ich ſitze nur bei der Arbeit. Im Uebrigen, und wenn Sie's mir behaglich machen wollen, auch jetzt, ſtehe oder gehe ich lieber.“ Sie erfüllte ſeinen Wunſch und ließ ſich auf dem kleinen, zum Drehen eingerichteten Lehnſtuhl am Schreib⸗ tiſch nieder, die ſchlanke, in den ſchwarzen wollenen Ge⸗ 38 wändern faſt hager erſcheinende Geſtalt gleichſam müde ein wenig zurücklehnend. „Mein lieber Pfarrer,“ fing ſie nach einer Pauſe an,„wir hatten neulich ſo viel über mich und meine Verhältniſſe zu reden, daß ich darüber noch gar nicht zu dem gekommen bin, was mir doch viel mehr am Herzen liegt. Das iſt mein Knabe, Pfarrer, mein Alfred. Ich hab' es Ihnen ſchon geſagt, man hat ihn mir nehmen wollen, um ihn, ich weiß ſelber nicht recht, in ein Cadettenhaus oder auf eine Ritterakademie zu thun. Ich konnte mich nicht dazu verſtehen, nicht allein weil er das einzige Weſen iſt, an dem mein Herz noch hängt, ſondern auch, weil ich ihn wirklich noch für zu jung halte, um ſchon jetzt die Heimat mit der Fremde zu vertauſchen. Er iſt noch nicht acht Jahre alt. Allein lieber Pfarrer, ich begreife ſehr wohl, daß es mit dem Unterricht, den er mit Ausnahme des vorigen Jahrs nur von mir erhalten, nicht mehr genug iſt. Er hatte bis einige Monate nach meines Gemahls Tode, wo er uns aus Familienrückſichten verlaſſen mußte, einen vor⸗ trefflichen Lehrer, an dem ich nichts auszuſetzen hatte, als daß er nicht unſerem heiligen Glauben angehörte— mein Gemahl dachte in dergleichen leider ſehr lax. Genug aber, ich verlor ihn, und in all dem Drängen und dem Wir⸗ ren der folgenden Zeit war es mir nicht möglich, einen Erſatz für ihn zu ſuchen. Es kam dazu, daß ich durch 39 den Verwalter von Kindelsheim erfuhr, welch' einen würdigen Diener des Herrn ich in Ihnen kennen lernen würde, und daher gleich darauf rechnete, Ihnen dieſe Angelegenheit ans Herz legen zu dürfen. Sie haben ſicher⸗ lich Verbindungen—“ „Damit ſieht es verzweifelt ſchwach aus, meine gnädige Frau,“ ſagte Pfarrer Bendler, da ſie inne hielt, achſelzuckend.„Ich bin ſchon ſo lange außer allem Ver⸗ kehr mit— nun, was gibt's?“ unterbrach er ſich, ver⸗ drießlich nach der Thür blickend, durch welche in dieſem Moment Chriſtiane ins Zimmer ſah und ihm mit den Augen winkte.„Wir können jetzt keine Störung gebrau⸗ chen, Schweſter, oder haſt Du der Frau Gräfin etwas Warmes anzubieten? Dann nur herein!“ „Ich bedarf durchaus nichts,“ ſprach die Dame mit freundlicher Ablehnung. „Ich werde Ihro Gnaden ſogleich bedienen, ſo gut es ein armes Pfarrhaus vermag,“ verſetzte Chriſtiane mit tiefem Knix, jedoch ohne das Zimmer zu betreten. „Es iſt jemand draußen, der Dich ſprechen will, Bru⸗ der,“ ſetzte ſie dann hinzu. „Potz Blitz noch einmal,“ ſagte er ungeduldig. „Kannſt Du ihn denn nicht ſelber zu einer anderen Zeit beſtellen? Jetzt—“ „Ich bitte Sie dringend, Pfarrer, um meinetwillen niemand warten zu laſſen!“ fiel die Dame bittend ein. 40 „Ah bah, ah bah, gnädige Frau, was wird's ſein!“ meinte er jedoch ungeduldig.„Ich habe dieſe Burſche durch meine Nachſicht verwöhnt.—“ „Aber Bruder, es iſt ja die Enkelin von der alten Ehrbergerin!“ ſagte Chriſtiane demüthig. Der Pfarrer blieb ſtehen— bisher war er unun⸗ terbrochen bei ſeinem Gange durchs Zimmer geblieben. „Das iſt etwas Anderes,“ fuhr er fort,„weshalb haſt Duss mir nicht gleich geſagt! Was gibt's? Iſt die alte Frau kränker geworden?“ „Ich glaube, es geht zu Ende, Bruder, und ſie verlangt nach—“ „Entſchuldigen Sie mich für einen Augenblick, meine gnädige Frau,“ ſagte der Pfarrer raſch und ernſt, „ich bin ſogleich wieder da.“ Und die Schweſter zurück⸗ ſchiebend, verließ er ſchnellen Schritts das Gemach. Die junge Frau,— denn jung war ſie in der That noch, obgleich in den Zügen des zarten und ein wenig mageren Geſichts die unverkennbaren Spuren lang⸗ jähriger körperlicher und geiſtiger Leiden ausgeprägt waren— ſtützte das Haupt auf die feine ſchlanke Hand und ſaß eine ganze Weile bewegungslos, die Augen nie⸗ dergeſchlagen und tief verdeckt von den langen Wimpern. Es war tief ſtill im Zimmer, nur eine ſchwarzwälder Uhr pickte und eine Fliege, die ſich in dieſem freundlichen Aſyl bisher erhalten, ſummte munter im Sonnenſtrahl. 41 Sie ſah endlich auf und ließ das Auge durch das Gemach gleiten, an den beiden großen Bücherſchränken vorüber zu dem Betpult in der Ecke, mit dem Crucifix und einem guten Bilde der heiligen Jungfrau darüber; dann zum Schreibtiſch, über dem die Oelbilder eines Man⸗ nes und einer Frau hingen— wohl der Eltern des Pfar⸗ rers; da ſtand die Lampe mit dem grünen Schirm, da zeigten ſich in einem Fach die Kirchenbücher, und in einem anderen ein Stoß Hefte und Scripturen, Alles in ſchön⸗ ſter Ordnung, denn der alte Herr konnt' es nicht leiden, wenn außer den Arbeitsſtunden etwas von ſeinen Papieren umherlag.—„Glückſeliger alter Mann!“ ſeufzte die Gräfin,„wie friedlich hat das Leben Dich umſponnen!“ Da fiel ihr Auge auf das Heft, das allein auf der Platte des Schreibtiſches lag und aufgeſchlagen war. Und aus dieſem erſten, gleichgültigen Blick wurde jäh ein faſt angſthaft aufleuchtender; ihre Wangen überflog eine heiße Röthe, ſie beugte das Haupt ſo tief auf die feinen Schrift⸗ züge, daß unter dem ſchwarzen Wittwenhäubchen eine lange blonde Locke hervorglitt. Aber ſie achtete deſſen nicht. Ihr Auge flog über die Zeilen, ſie ſchlug das Blatt um und las noch eine Secunde, und dann zuckte ſie zuſammen und auf und preßte die Hand auf das hochpochende Herz— „Barmherzigkeit Gottes!“ flüſterte ſie,„ſoll ich hier ihn wiederfinden?“ In dieſem Augenblicke— es war ſeit ſeinem Weg⸗ 42 gange nur eine kurze Zeit verfloſſen,— trat Pfarrrer Bendler wieder ein, im Ornat und ſichtbar eilig.„Gnädige Gräfin,“ ſprach er,„ich muß. Sie um Entſchuldigung bit⸗ ten, aber Gottesdienſt geht vor Menſchendienſt. Eine Ster⸗ bende verlangt nach mir und der heiligen Wegzehrung; ich darf keinen Augenblick ſäumen, aber—“ Die Gräfin hatte ſich gefaßt. Nun erhob ſie ſich, und demüthig das Haupt ſenkend, verſetzte ſie:„Da ſei Gott vor, mein theurer Pfarrer, daß Sie um meinetwil⸗ len einen Chriſten auch nur eine Secunde lang umſonſt nach Ihnen rufen ließen. Mein Geſchäft drängt nicht in der Art. Es wird ſich hoffentlich bald ein anderer Tag— „Potz Blitz, nein!“ unterbrach Bendler lebhaft ihre Rede. „In einer ſtarken halben Stunde bin ich wieder hier und ganz zu Ihren Dienſten, gnädige Frau. Ich meine, wir ſchieben unſer Geſpräch nicht länger auf, um ſo weni⸗ ger, da ich zufällig von einem Manne weiß, der mir ganz Ihrem Wunſche zu entſprechen ſcheint. Nur müßte man freilich gleich hinter ihm her ſein, da ihm auch ſonſt An⸗ träge gemacht wurden. Bleiben Sie da, Frau Gräfin. Meine alte Chriſtiane iſt zwar nur ein ſimples, aber gut⸗ herziges altes Ding und kann Ihnen die beſte Auskunft über unſere Armen geben, nach denen Sie neulich fragten.“ Die Gräfin rang erſichtlich ſchwer mit ſich, bevor ſie 43 mit tief geſenkten Augen und leiſe gerötheten Wangen be⸗ bend ſagte:„Pfarrer, ich bin eben in Ihrer Abweſenheit unbeſcheiden geweſen und habe eine Seite in dem Heft geleſen. Iſt das Dichtung oder Wahrheit?“ „Wahrheit, leider Wahrheit, gnädige Frau,“ ver⸗ ſetzte er plötzlich ernſt,„ein Märchen, wie er ſelber es heißt, ein Stück Traumleben, das den Schreiber vordem ſo tief und feſt eingeſponnen, daß er noch heut' nicht das traurige Netz zu zerreißen, ſich in das wirkliche Leben zurückzufinden vermag.“ „Und iſt es kein Geheimniß?“ fragte ſie von Neuem, und wieder bebte ihre Stimme. „Leſen Sie in Gottesnamen, gnädige Frau,“ meinte er im vorigen Tone und mit leichtem Neigen des Hauptes. „Ich nehme es faſt für einen Wink des Himmels, daß Ihr Intereſſe durch dieſe Schrift erregt wurde. Leſen Sie und überlegen Sie— Sie können mir vielleicht einen Rath geben, denn meine Erfahrung läßt mich im Stich, und doch muß und will ich hier helfen, bevor das beſte Herz im Lande völlig zu Grunde geht.“ „Sie kennen den Schreiber?“ fragte ſie und ſah ihn zum erſtenmal mit voll aufgeſchlagenen Augen an. „Ich kenne ihn leider nur zu gut,“ verſetzte er,„und liebe ihn, als wär' es mein leiblicher Sohn. Doch von alle dem nachher,“ fuhr er fort, da er eben Chriſtiane mit einem mahnenden:„der Meßner, Bruder!“ in die Thür 44 blicken ſah.„Leſen Sie mit dem Herzen, Gräfin,— der Mann verdient's, wie ſchwach er auch Manchem erſcheinen dürfte. Wir ſind nicht Ale in gleicher Weiſe begabt, drum dürfen wir einen Mann nicht verdammen, der an einem Leid zu Grunde geht, das wir ſelbſt vielleicht kaum für ein ſolches gelten laſſen. Ich ſehe Sie aber ſchon jett bewegt. Alſo auf Wiederſehen.“ Und draußen zu ſeiner Schweſter ſprach er im Vor⸗ übergehen ernſt:„die Gräfin wird in meiner Abweſen⸗ heit nicht geſtört, Chriſtiane.“ Drittes Capitel. Das and der Fee Morgana. Ein Tagebuch. Seebad D. d. 21. Juli 1803. Geſtern Abend bin ich angekommen und im„Deut⸗ ſchen Hofe“ abgeſtiegen, wo ich indeſſen kaum ein armſe⸗ lig Zimmerchen erhalten konnte, denn da der Fürſt dies Jahr hieher kam, iſt es ungewöhnlich voll geworden. Doch will er in einigen Tagen wieder gehen, weil das Wetter ſeither ziemlich ungünſtig und er auch nach M. zu ſeinem Regiment muß, das er in preußiſchen Dienſten beſitzt und dem König bei den baldigen großen Manövern ſelbſt vor⸗ zuführen wünſcht. Das iſt nun eine Leidenſchaft, die ich nicht verſtehe, und ich freue mich noch alle Tage, daß ich dem Vater gegenüber Courage genug hatte, hierbei meinem 46 eigenen Willen zu folgen und mein eigener Herr zu blei⸗ ben. Was wär' ich jetzt, wenn ich nun ſchon, wie all' dieſe armen Teufel, meine guten zehn Jahre im Collet ſteckte! Armer Lieutenant!— So iſt es doch etwas Anderes. Frei, frei! Ich är⸗ gere mich nur, daß ich nicht ſchon vor zwei Jahren davon⸗ gegangen bin und damit all den Zank und Unfrieden ver⸗ mieden habe. Heut' Morgen hat man mir übrigens ſchon ein an⸗ der Zimmer angewieſen, größer und wohnlicher, daß man an einem Regentage, wie dem heutigen, doch auch einmal bei ſich daheim exiſtiren kann. Ein Herr von ſo und ſo — es ſcheint hier nichts als ſtifts⸗ und turnierfähiger Adelzu ſein, wohin man ſieht und hört, läuft Einem ſo ein Herr oder zum mindeſten ſein Name entgegen!— iſt plötz⸗ lich abgereiſ't, weil— der Wirth erzählte mir eine Scan⸗ dalgeſchichte und wunderte ſich des Todes, da ich erklärte, daß ich keinen Geſchmack an dergleichen fände. Auch heut; Mittag beim Speiſen lebte die Geſellſchaft ſo zu ſagen nur von ähnlichen Geſchichten. Damen waren wenig da oder ſaßen auch ganz oben. Anziehend erſchien mir keine. Sonntag d. 24. Juli. Der Fürſt geht morgen ab. Andere werden ihm ſo⸗ gleich oder bald folgen, einige ſind ſchon geſtern und vor⸗ geſtern wieder gegangen; es ſcheint in dieſem Jahre ſich keine Geſellſchaft zuſammenfinden zu wollen, wie ſie dem 47 Rufe und Ruhme des Bades entſpräche und in anderen Jahren ſtets dageweſen ſein ſoll. Man ſieht, es iſt eine hohe Liebhaberei, eine gemachte Geſchichte. Ein Seebad, wenn es denn überhaupt ein ſolches ſein ſoll, kann ich mir nur im Süden denken. Hier iſt es ſchon zu rauh, die Wit⸗ terung zu unbeſtändig; ich merke das, wenn ich auch nur an meine Heimat denke, die doch gar nicht ſo viel ſüdlicher liegt. Was haben wir da für Sommer! Wie ſchön war heuer ſchon unſer Mai!— Sie behaupten zwar, es ſei auch hier wundervoll geweſen; jetzt aber regnet es unaus⸗ geſetzt und iſt kühl, und wo wirklich die Sonne einmal auf eine Stunde durchglüht, iſt unmittelbar darauf bereits wieder das Gewitter mit ſeinem Regenſchweif da. So geſtern. Ich war nach dem Hafendörfchen hin⸗ ausgeritten, wo die Bäder ſind und wohin in guten Som⸗ mern Morgens ein unendlich Reiten und Kutſchiren ſtatt⸗ finden ſoll. Es iſt, beiläufig geſagt, auch ein unbequemes Ding, ſo an jedem Morgen den Bädern nachlaufen zu müſſen. Man will das freilich mit der Zeit Alles beſſer und beguemer machen. Der Fürſt läßt draußen ein kleines Pa⸗ lais für ſich bauen, ein paar andere Häuſer, auch ein Gaſt⸗ hof ſind im Entſtehen; eine Reſtauration in einer Art von kleinen Kurhaufe, mit dem man im vorigen Sommer den Anfang der Bauten machte, iſt nicht übel, denn auf Eſſen und Trinken verſteht man ſich hier. In einem kleinen Saale iſt ein Billard und in einem anderen wird Bank gehalten— 48 natürlich! Dies adelige Vergnügen kann dies Adelsland nicht entbehren.— Sonſt aber iſt Alles noch ſehr primitiv. Genug, ich war geſtern draußen, um mir den Ort und die Gelegenheit anzuſehen, vor Allem aber mir wieder einmal das Meer zu betrachten, das mich ſeit meiner Ju⸗ gendzeit ſchon lockte mit geheimnißvollem, träumeriſchem Reiz, und das ich nun, ſeit ich es vor dem Jahre zuerſt in Italien kennen lernte, erſt gar nicht mehr vergeſſen kann. Ich ritt bei hellem Sonnenſchein fort, hatte aber doch bereits zu lange gewartet; denn als ich kaum drüben war, brach das Gewitter los mit prachtvollen Schlägen und einem ſtürzenden Regen, der ſich dann ſo lange fort⸗ ſetzte, daß ich von dem, was ich wollte, wenig oder nichts zu ſehen bekam. Doch war der Blickvon den Reſtaurations⸗ fenſtern auf die wildbewegte graue, aus den grauen Re⸗ genſchleiern bald auftauchende, bald in ihnen verſchwin⸗ dende See ein ſo eigenthümlicher, ſo verlockend, ſo geheim⸗ nißvoll, ſo mich ergreifend, daß ich nur an die Ausführung meines alten Lieblingsplanes dachte und den Wirth, der neben mir ſtand, fragte, ob man hier keine Wohnung fin⸗ den würde. Er ſchüttelte den Kopf und meinte, das werde ſchwer halten, man ſei nicht darauf eingerichtet in den Fi⸗ ſcher⸗ und Schifferhäuſern, und er wiſſe, daß diejenigen, welche es in den letztvergangenen Jahren doch durchgeſetzt, weil ſie den weiten Weg von der Stadt zu den Bädern geſcheut, Gottes Klage geklagt hätten.— 49 „Nun,“ ſagt' ich,„da ſteht ja doch das hübſche Haus, ordentlich mit einem Balkon, und den beiden jungen Lin⸗ den vor der Thür.“—„Das iſt kein Schifferhaus, ſondern gehört den Kaufmann Wahl in der Stadt, der es für ſeine Familie gebaut, dies Jahr aber, da ſeine Frau geſtorben, an eine fremde Herrſchaft vermiethet hat— ei⸗ nen Baron Landow, wie er ſich heißt,“ verſetzte der Wirth.— „Und bewohnen die es ganz?“ fragte ich.—„Freilich, Euer Gnaden. Und wenn ſie's auch nicht brauchen— Euer Gnaden wiſſen wohl, wie ſolche Herrſchaften ſind. Sie ſind ſehr vornehm. Aber da fällt mir ein,“ fügte er hinzu,„bei Schiffer Chriſten wär' vielleicht ein Zimmerchen zu ha⸗ ben. Ich könnte die Frau rufen laſſen. Doch rathe ich Euer Gnaden nicht dazu— es iſt hier nicht wie in den großen Bädern, wie in Pyrmont und ſo, und ich glaube, es wird auch nichts. Die Leute wollen nichts von den Frem⸗ den wiſſen, ſie ſind hierzulande ſo ganz unglaublich dickköpfig, Euer Gnaden.“ Trotzdem hielt ich den gefundenen Faden feſt; die Frau wurde citirt und zeigte ſich traitabel, eine ſaubere, anſtändige Frau, wie es ſcheint, die Gattin eines Schiffs⸗ capitäns, der gegenwärtig wie alle ſeines Gleichen auf ei⸗ ner Fahrt davon iſt. Ihr Aelteſter ſei mit dem Vater fort, ihre Tochter habe im Frühling geheirathet, ſie könne daher ein Stübchen entbehren, meinte ſie, und mir auch wohl ein Bett geben. Für den Diener werden ſich unter dem Dach Edmund Hoefer; Tolleneck. II. 4 50 ein Platz und ein Lager finden. Aber freilich, Anſprüche dürfe ich nicht machen.— Der Wirth verdolmetſchte mir das, denn ſie ſelber ſprach faſt nur im niederdeutſchen Dia⸗ lekt, der von dem bei uns geſprochenen doch ſehr verſchie⸗ den iſt.— Ich ging mit ihr durch den Regen hinüber— nicht weit. Das Hänuschen liegt ziemlich hoch, vor der Thür ein kleiner Blumengarten und zwei ſchon hübſch große Linden. Drinnen das Zimmer rechts mit einem Fenſter nach vorn und einem nach der Seite konnt' ich haben. Es iſt freilich ſehr einfach, nicht groß, niedrig, mit Kalk geweißt, mit den aller nothdürftigſten Möbeln von Tannen⸗ oder Birkenholz, zum Theil mit blauer Oelfarbe angeſtrichen. Aber es iſt blendend ſauber, und aus den Fenſtern ſeh' ich die See— Frau Chriſtine ſagte, an hellen Tagen ſähe man ihr Ende nicht— vor mir, keine hundert Schritte weit. Da hab' ich denn das Zimmer genommen auf vierzehn Tage bis drei Wochen, und die Frau hieß mich einen verſtändigen Herrn, daß ich aus der dumpfen, engen Stadt herauskomme, wo man keinen Mundvoll friſcher Luft habe. Beſſeres Wet⸗ ter prophezeite ſie mir auch. Im Gaſthof an der Tafel, wo ich von meinem Plan ſagte, hat man mich ausgelacht und verſucht noch, ihn mir auszureden. Es ſind da ein paar Cavaliere, die es über⸗ 51 haupt auf mich abgeſehen zu haben ſcheinen und mich in ihre Kreiſe und Vergnügungen fortreißen möchten. Was doch urſprünglich wenig mehr als eine knaben⸗ hafte Spielerei, eine etwas kindiſche Luſt an Verſtecken⸗ ſpielen war, daß ich für meine Reiſe einen anderen Namen wählte, freut mich jetzt ernſtlich. Als der unſcheinbare Herr von Gernau kann ich am Ende thun und treiben, was ich will, theilnehmen oder mich ausſchließen, wie es mir con⸗ venirt. Als Sohn meines Hauſes könnte ich das nicht, denn es ſind ſicherlich Leute hier, die meine Familie und unſere Verhältniſſe kennen, ja meinen Vater habe ich ſchon ein paarmal von ein paar preußiſchen Herrn nennen hören; er hat dafür geſorgt, daß ſein Name nicht nur bei ſeinen Cameraden, ſondern auch in allen Kreiſen, mit denen er in Berührung gekommen, unvergeſſen bleibt. Da würden ſie nun ſchöne Augen machen, wenn ſie in mir ſeinen ohn entdeckten, und dürften mich eben ſo gut„entartet“ heißen, wie er ſelbſt. Jetzt bin ich für ſie ein Philiſter, über den man die Achſeln zuckt und ihn laufen läßt, womit ich ſehr wohl zufrieden bin. Denn meiner Standesgenoſſen wegen reiſe ich wahrhaftig nicht. Es regnet, ſo viel es regnen kann. Dienſtag, den 26. Juli. Es iſt gekommen, wie mir Frau Chriſten voraus⸗ ſagte— ſie haben natürlich ihre beſonderen Anzeichen, aber auch Wettergläſer, die ich bei uns nur ſelten fand, 4* 5²2 ſind hier in nicht wenigen armen Häuſern, da es für Schiffer und ihre Angehörigen freilich nichts Wichtige⸗ res gibt als die Witterung.„Uebermorgen regnet's ſich ab,“ ſagte ſie,„und dann gibts ſchön Wetter, der Wind iſt ſchon nördlich.“ Und ſo iſt's geſchehen. Geſtern gab es am Himmel blaue Stellen, der Wind ging immer mehr nach Norden, ſogar ſchon nach Oſten, und heut Morgen iſt Alles eine Bläue, ein Glanz und Licht und die Brieſe, wie ſie's heißen, ſo friſch und ſtetig, wie irgend möglich. Es iſt prachwolles Wetter, die Abgerei⸗ ſten werden ſich genug darüber ärgern. Ich ziehe heut Nachmittag hinaus. Samſtag, d. 30. Juli. Es iſt prachtvoll Wetter. Ich lerne erſt hier ver⸗ ſtehen, was das heißt, was das ſein kann. Dieſes wun⸗ dervolle, nicht tiefe, ſondern leuchtende Blau, dieſe Flut des Sonnenlichts, dieſer kecke, fröhliche, friſche Wind mit ſeinem Wellenduft, der über das Meer daher ſtreicht, und ſelbſt in die heißeſten Stunden Kühlung bringt; endlich die See, die See mit ihrem— ach, ich bin ein Thor, daß ich da vergleichen, beſchreiben will! Ich kann überhaupt nicht ſchreiben. Schauen, lauſchen und träu⸗ men, das iſt Alles, was ich will, was ich habe! Dienſtag, den 2. Auguſt. Wir hatten über Nacht ein tüchtiges Gewitter, das bis in den Morgen hineinwährte. Das Wetterglas ſteigt 53 aber bereits wieder, der Wind geht öſtlich, hinten am Horizont zeigen ſich blaue Streifen. Jetzt regnet's aber noch und ich will mich einmal ordentlich zum Tagebuch hinſetzen. Ich habe es Bendler verſprochen und ſehe auch ſelber ein, wie gut ein ſolches Ausſprechen thut, zumal wenn man ſo vereinzelt lebt wie ich und ſo wenig zum Reden mit Menſchen kommt, die Einem— nicht dem Stande, aber der Bildung nach einigermaßen gleich ſtehen. Ich lebe hier ganz für mich. Die Bekanntſchaften, die ſich in der Stadt vielleicht angebahnt hätten, trotz meiner geringen Neigung dazu, haben bereits ihr Ende erreicht, da faſt Alle abgereiſt ſind und mir von den neuerdings Angelangten— es ſind überhaupt wenige— bisher niemand näher trat. In die Stadt bin ich noch nicht wieder gekommen; in die Reſtauration gehe ich zu Stunden, wo dort ſelten Jemand außer mir zu finden; mit denen, welche Morgens zum Baden herüber kommen, treffe ich nicht zuſammen, und hier im Dorfe endlich gibt es außer dem Baron Landow im Wahl'ſchen Hauſe und mir keinen Fremden. So lebte ich denn bisher für mich, um das zu wiederholen, und gab mich dem Zau⸗ ber dieſes Lebens hin, ihn auskoſtend bis in ſeine ge⸗ heimnißvollſten Tiefen, mit einer Beſeligung, wie ich ſie nie bisher empfunden. Es iſt ein Leben wie im Traum, oder vielmehr 54 wie in einem Märchen— ſo iſt's, mir iſt märchenhaft zu Muth, ich finde keine andere Bezeichnung für dieſen ſeltſamen, und doch wonneſeligen Zuſtand. Ich ſehe ein, wie recht die Meinen haben, wenn ſie mich einen Träu⸗ mer heißen, denn ich bin das, und ich kann's dem Va⸗ ter nicht verdenken, daß er ſtets mit mir zu zanken hat, da ich allerdings für einen Mann ſeines Sinnes und Schlags ziemlich unerfreulich, ja ſchier unverſtändlich ſein muß. Aber für mich ſelbſt? Ich weiß nicht, bilde ich mir nur ein, ein Sonntagskind zu ſein, oder bin ich wirklich eines und ſehe tiefer hinein als die Anderen in das innere Weben und Leben der Natur und ihrer Ge⸗ ſchöpfe, und erkenne ihr Weſen und verſtehe ihre Sprache? Da lebe ich, da ſchaue und lauſche ich und fühle mich bald ſo unmenſchlich arm, bald ſo namenlos reich, be⸗ gabt und begnadigt vor allen Anderen, die nichts von der Fülle und Schönheit des Naturlebens ahnen, welche mich zugleich übermannt und beſeligt! Und es iſt hier der Ort und die Zeit zu ſolchem Schauen und Lauſchen, wie nirgends anderswo. Es iſt ſo ganz einſam und die Menſchen ſtören mich nirgends, die Natur aber öffnet mir ihre Pforten immer weiter und freundlicher, je gläubiger ich mich ihr hingebe, und läßt mich erkennen, wie Unrecht man thut, wenn man ſie hier im Vergleich mit derjenigen ſüdlicherer Gegen⸗ den arm heißt und herabſetzt. Sie iſt, wie mir ſcheint, 5⁵ überall, die Eine, die Ewige, die Göttliche, nur daß man der keuſchen hier nachgehen muß, während ſie dort ſich üppig uns entgegendrängt. Was ihr auf der einen Seite dem Süden gegenüber fehlt, hat ſie auf der anderen im vollſten Maße vor ihm voraus. Das er⸗ kenne ich, wohin ich auch ſchaue, in Feld und Wald, in Himmel und Meer.— Und auch die Menſchen blei⸗ ben mir hier ſo fern und fremd wie allerwärts; und obgleich mich das zuweilen betrüben könnte, da ich ſelbſt ein Menſch bin und mit und unter ihnen leben muß, ſo bin ich doch bisher meiſtens noch gleichgültig dage⸗ gen, ja ich kann mich zu Zeiten über meine Iſolirung freuen. Denn im Ganzen ſtört mich dies Geſchlecht nur, wenigſtens in meinem tiefſten, eigenſten Leben. Von meinem täglichen Leben hier ſag' ich nichts und nichts von meiner Umgebung, von Himmel, Erde und Meer. An das letztere zumal reicht doch keine Beſchreibung hinan, und für wen ſollte ſie auch ſein? Ich ſchreibe dies Tagebuch nur für mich, der ich, was ich ſchildern und beſchreiben könnte, voll und ganz im Herzen trage. Reden darüber möcht' ich wohl, wenn ich einen Menſchen hätte, den ich verſtände. Aber wo den finden? Hier wenigſtens ſieht es nicht darnach aus. Herr von Landow iſt am wenigſten der Mann dazu, ein Stockariſtokrat, der meiner Ueberzeugung nach, wo er jemals an mich denken ſollte, ſicherlich zugleich 56 auch an meinen Namen und meine Ahnen denkt und ob ich überhaupt zum Umgange mit ihm qualificirt; dazu entſchieden ein alter Diplomat, der jedoch über ſeine frühere Stellung ein ſerieuſes Schweigen beobach⸗ tet. Ich bin überzeugt, daß ich dem alten ſteifen Herrn mit dem wunderbar faltigen, zerſchnittenen kleinen Geſicht 8 ſchon irgendwo begegnet bin— in Heidelberg etwa, wo damals große Durchpaſſage der Diplomaten war, die nach oder von Raſtatt gingen. Seinen Namen hab' ich aber erſt hier erfahren, denn Landow iſt mir gänz⸗ lich unbekannt geweſen. Möglich freilich, daß auch er unter fremdem Namen reiſt. Ich habe ihn neulich einmal, da er am Strande über einen Stein ſtolperte und ſein Diener nicht in der Nähe war, vor einem Fall bewahrt. Seitdem grü⸗ 2 ßen wir uns und wechſeln ein paar franzöſiſche Redens⸗ arten. Deutſch ſpricht er nur mit ſeinem Diener oder ſeinem großen Hunde, der ihn zuweilen begleitet, einem Neufundländer, wie ich ihn bei den Engländern in Göt⸗ tingen nie ſo ſchön geſehen habe. In Berührung ſind wir noch nicht weiter gekom⸗ men, und es ſieht auch nicht aus, als ob er Umgang wollte. Er lebt mit ſeiner Gemahlin und Dienerſchaft eingezogen und iſt, ſeit ich hier, noch niemals nach der 3 Stadt geweſen, hat auch keine Beſuche empfangen. Die Baronin iſt jung— etwa zwanzig, während ich ihm —— * 57 gute ſechzig gebe!— und ſcheint leidend und nicht heiter zu ſein. So viel ich aus der Ferne bemerken konnte, iſt es eine anmuthige, graziöſe Erſcheinung. Kin⸗ der haben ſie keine, wenigſtens nicht hier. Donnerstag, d. 11. Auguſt. Die Tage gehen hin in ihrer Schönheit und Stille. Drinnen in der Stadt ſoll es unerträglich ſein, da es ſehr heiß, hier aber merken wir davon wenig, voraus⸗ geſetzt, daß man ſich in den heißeſten Tagesſtunden nicht auf die See hinaus macht, wo die Blendung und Hitze betäubend wirkt. Am Lande iſt der fröhliche Wind immer bereit uns erfriſchend zu umſpielen, und wenn auch er einmal ſtiller wird, geht man in die großen Wälder, die ſich ſchier unmittelbar an den Ort anſchließen und weit an der Küſte entlang ziehen. Da iſt dann ſtets Schatten, ſtets Kühlung, denn ſolche Waldungen habe ich ſelbſt in meiner waldreichen Heimat nie geſehen, ſo friſch und üppig ſind ſie hier in Folge der feuchten Seeluft— man ſieht nichts von der Sommerhitze an ihrem glänzenden Laube— ſo ſchlank und mächtig ragen dieſe Buchen und Eichen und laſſen in ihrem Schatten das Kraut und Moos, die Schlingen und Ranken, die Stauden und Büſche in vollſter Ueppigkeit gedeihen. Sie ſchlagen hier das Unterholz nicht aus, noch wiſſen ſie viel vom Waldrechen. Die geringe Be⸗ völkerung braucht noch nicht zu ſolchen Mitteln zu grei⸗ 58 fen. Von Waldeultur iſt hier überhaupt nicht die Rede und das mag vom Standpunkt der Staatsökonomie traurig genug ſein. Dem Wald ſelber bekommt's aber vortrefflich, er erhält ſich in einer jungfräulichen Kraft und Friſche. In der Stadt ſoll es heiß ſein, ſagt man; wei⸗ ter wiſſen wir nichts davon, denn von hier aus geht niemand hinein; man läßt ſich bringen, weſſen man bedarf. Fremde gibt es drinnen ſo gut wie nicht mehr; ſie haben ſich Alle fortgezogen, weil ſie's zu langweilig fanden ohne den Fürſten, den Hof und den benachbar⸗ ten Adel. Man ſieht daraus, was an dieſer Seebade⸗ Leidenſchaft iſt und wie fremd ſie im Grunde all die⸗ ſen Menſchen, die ſich der Mode wegen von ihr fort ziehen laſſen. Zwei Parteien, denen es wirklich um Bäder zu thun, ſind zu unſerem Dörflein herausgekom⸗ men und haben ſich ſo gut es gehen wollte, ein Un⸗ terkommen geſucht. Es ſind artige Leute, mit denen man ſchon einmal eine Stunde verkehren kann. Aus der Stadt hat ſie— es ſind zwei verſchwägerte Fa⸗ milien— wie mir die eine Dame geſtern ſagte, auch eine Franzöſin, eine Frau von St. Amand, vertrieben, die dort kürzlich mit ihrem Gatten und ein paar ande⸗ ren Begleitern auftauchte und mit ihnen und einigen ſich hinzufindenden Cavalieren ein außerordentlich unge⸗ bundenes Leben führt.„Ich weiß wohl, daß man der⸗ 59 gleichen in der großen Welt ganz gewöhnlich findet,“ ſetzte die Dame hinzu,„aber ich liebe dieſe große Welt nicht und geh' ihr aus dem Wege.“— Und der Gatte ſagte mir hinterdrein, er halte die Franzöſin für nichts mehr und nichts weniger als eine jener Crea⸗ turen Fouché's, welche das Spionen⸗ und Courtiſanen⸗ Geſchäft zu vereinigen verſtänden. Sie möge wohl für den Augenblick Vacanz haben und ein wenig Erholung auf eigene Hand ſuchen.— Genug davon. Den 11. Auguſt, Abends. Ich mochte heut' Morgen nicht weiter ſchreiben, da das, was ich zu ſagen habe, nicht in Gedanken, nicht auf dem Papier mit dem zuſammengerathen darf, was ich heut' früh aufſchrieb. Ich habe vorgeſtern Frau von Landow kennen ler⸗ nen. Ihr Gatte ſtellte mich ihr mit einer beſſeren Manier vor, als ich von ihm erwartet. Ich müßte mich ſehr irren, oder der alte Herr iſt eiferſüchtig, und wenn ich mir dies Verhältniß ausmale, kann ich ihm das kaum verdenken. Der Mann ſechszig Jahre, die Frau zwan⸗ zig, er zum mindeſten geſagt, unſchön, verſchrumpft und veerrtrocknet, ſteif und hochmüthig, mit einem Wort nichts weniger als das Bild eines anziehenden Alters; ſie dage⸗ gen zart und lieblich, ſchlank und graziös— ſchön wage ich ſie nicht zu heißen, da in dieſer Bezeichnung mir man⸗ ches enthalten zu ſein ſcheint, was gar nicht auf ſie paßt 60 — aber anmuthig und ſanft bis in die tiefſte Tiefe ihres Weſens, wie umhaucht von einer ſchier jungfräulichen Rein⸗ heit und Hoheit— holdſelig, um Alles in ein einzig Wort zu faſſen. Zu dem Allen endlich ein Hauch, ein Duft von Melancholie, der ſich über ihr ganzes Weſen breitet, ihre ganze Erſcheinung durchdringt und weniger auf körperli⸗ ches Leiden als auf ein Herz voll Sehnſucht, Trauer und Entſagung hinzudeuten ſcheint— bei Gott, es iſt genug, übergenug, um die Theilnahme, das Mitgefühl eines Dritten zu erwecken, um das Verlangen gerechtfertigt er- ſcheinen zu laſſen, dieſe Frau einmal glücklich zu ſehen! Glücklich iſt ſie nicht, das ſieht man, ohne ein beſon⸗ derer Menſchenkenner zu ſein, auf den erſten Blick, und das muß auch der Gatte wiſſen. Ob er verſteckte Vorzüge hat, weiß ich nicht. Zum Vorſchein kommt von ihnen nichts. Aber wie dem Allen auch ſei— Liebe kann dieſen Bund nicht geſchloſſen haben, kein tiefes, gläubiges, alles Andere beſiegendes und erſetzendes Vertrauen. Und daher kann der äußere Bund auch nicht zu einem inneren ge⸗ worden, kann kein Halt für ſie da ſein, der ſie jede Gefähr⸗ dung ihrer Traumes⸗Ruhe überwinden ließe. Denn ſo erſcheint ſie mir, ſeit ich ſie geſehen, und noch mehr, ſeit ich ſie nun wirklich kennen gelernt: ihr Herz iſt eine keuſche, feſte Knospe, die nur leiſe, leiſe vom Leben träumt, das ihr durch den Froſt der Gegenwart noch immer fern gerückt bleibt. Aber wehe dem Gatten, wenn einmal 61 ein voller warmer Sonnenſtrahl durch dies ſchlummernde Herz fällt und es wach küßt zur reichen heißen Entfal⸗ tung! Wehe ihm— oder wehe ihr! Denn wie ſie mir erſcheint, wäre es nicht unmöglich, daß ſie in ſolchem Falle ihr Herz in den Schlaf zurückzwänge— gleich⸗ viel mit welchem Schmerz.— Wie ich das Geſchriebene überſchaue, muß ich ſel⸗ ber es enthuſiaſtiſch heißen. Mich verwundert das indeſ⸗ ſen nicht; Frau von Landow iſt eine Erſcheinung, wie ich zum wenigſten bisher noch keiner begegnete, ſie macht den Eindruck der vollendetſten, edelſten und reinſten Weib⸗ lichkeit, und dieſer Eindruck wird durch einen näheren Ver⸗ kehr mit ihr nicht im entfernteſten beeinträchtigt, ſondern vielmehr noch vertieft. Das iſt, wenn man die Damen anſieht, wie ſie in der Geſellſchaft leben, um ſo mehr etwas Ungewöhnliches, als bei Frau von Landow keine Spur von Pruderie, ja überhaupt nicht von irgend et⸗ was Gemachtem, Anerzogenem ſichtbar wird. Es iſt die reinſte, ungekünſtelte, unentweihte Natur in ihr, die man ſich vorſtellen kann, und für mich, der ich freilich ſehr wenig Frauen kenne, iſt es ſo überraſchend neu, daß ich meine Bewunderung und Verehrung wohl natürlich finden muß. Ich hatte vorgeſtern, wie ich es zur heißeſten Zeit nach Tiſch in der Gewohnheit habe, mich mit einem Buch in den Wald geflüchtet und die Stunden verleſen und 62 verträumt. Es war darüber ſpät geworden, und die Sonne ſchickte ſchon faſt horizontale Strahlen in den Waldſchat⸗ ten, als ich zurückkehrte, auf dem Fußſteig, der etwas weit und beſchwerlich, aber unendlich wechſelvoll und an⸗ muthig auf den dicht überwachſenen Strandhöhen hin⸗ führt, überall den ſchönſten Blick auf das Meer gewäh⸗ rend. Nicht weit vom Waldrande ſind drei große Bu⸗ chen anſcheinend aus einer Wurzel aufgeſchlagen, und an ihre Stämme lehnt ſich eine ſchlichte Bank, die, wie mir Frau Chriſtine ſagte, Herr von Landow dort hat anbrin⸗ gen laſſen— er wohnt nämlich ſchon ſeit Mitte Juni hier.— Ich habe die Dame ſchon ein paarmal auf die⸗ ſem Plätzchen ruhen ſehen. Auch jetzt weilte ſie dort in Begleitung des Ge⸗ mahls, der, anſcheinend ein wenig gelangweilt, mit ſtei⸗ fen Schritten im Wege vor ihr auf und ab ſpazierte. In einiger Entfernung ſtand ein alter Diener, ſteif wie eine Drahtpuppe, mit dem Shawl der Dame. Ich wollte mit reſpectvollem Gruß an dem alten Herrn mich vor⸗ überſchieben, als er mich mit den Worten— natürlich ſprach er franzöſiſch— anhielt:„Sie lieben die Ein⸗ ſamkeit, Herr von Gernau; bei einem ſo jungen Herrn immerhin ein ſeltener Zug!“— Und nachdem ich etwas von Liebe zur Natur, Erziehung und Neigung erwidert, meinte er, für ihn bleibe ich ſo gut ein Phänomen wie dieſe ganze neue Richtung des Geſchmacks und der Bil⸗ 63 dung ein Räthſel.„Zu meiner Zeit ſuchte ein junger Cguapvalier auf Reiſen am wenigſten die Einſamkeit auf,“ fügte er hinzu,„und es liegt nach meiner Ueberzeugung auch etwas darin, was ſich widerſpricht, ſich ausſchließt. Aber freilich, wir Leute vom alten Schlage ſind darin nicht urtheilsfähig, wenigſtens läßt man unſer Urtheil nicht gelten. Unſere Zeit und wir ſelbſt exiſtiren für die Gegenwart nicht mehr.“ „Und doch, Herr Baron,“ entgegnete ich ſo höflich wie möglich, um ihn, der entſchieden in verbitterter Laune, nicht noch mehr zu reizen,„doch weilen ja auch Sie ſelbſt mit den Ihren in dieſer Einſamkeit!“ „Nur nicht eines Naturgenuſſes wegen, von dem man verzweifelt wenig verſteht, wenn man eine Schule durchgemacht wie ich,“ verſetzte er ſarkaſtiſch.„Meine Frau kränkelt und die Aerzte haben ihr dieſe modernen Seebäder verordnet. Ich bin kein Arzt, verſtehe von dergleichen nichts und füge mich. Aber apropos, meine Gemahlin,— Madame, erlauben Sie, daß ich Ihnen Herrn von Gernau präſentire— von wetterauiſchem Adel, Herr von Gernau? Ich erinnere mich aus meiner Ju⸗ gendzeit eines Capaliers mit dieſem Namen, der mit mir in Wetzlar beim Reichskammergericht beſchäftigt war.“ Ich vermochte kaum ein Lächeln zu unterdrücken. Daher alſo dieſe Aufmerkſamkeit auf mich, die ich mir bei ſeiner ſonſtigen Zurückhaltung bisher wirklich nicht 64 hatte erklären können. Denn der Wirth in der Reſtau⸗ ration hat mir neulich erzählt, daß der Baron aus der Stadt hieher übergeſiedelt ſei, um jeden Umgang zu ver⸗ meiden, und jede zufällig ſich bietende Gelegenheit einen ſolchen anzuknüpfen, faſt brusk zurückgewieſen habe. Auf ſeine Frage begnügte ich mich mit einer Ver⸗ beugung und der Bemerkung, daß der von ihm Gekannte nicht zu meiner Familie gehört habe; ich ſei der Erſte in meiner Familie, der nicht Soldat geworden. Dann wandte ich mich der Dame zu, die bei unſerer bisherigen Unterhaltung anſcheinend faſt theilnahmslos geblieben, und ſelbſt bei meiner Vorſtellung kaum die Augen aufgeſchla⸗ gen, und ſagte einige der gewöhnlichen Worte, ob die große Einſamkeit ihres hieſigen Lebens nicht die Wirkung der Kur beeinträchtigen dürfte, da dieſelbe ja den Menſchen gerade kräftigen und erheitern ſolle; daß die Abgeſchloſſenheit für Jemand, der in der großen Welt zu leben gewohnt, hier doch gar zu groß, jegliche Bequemlichkeit auf das allerge⸗ ringſte Maß beſchränkt ſei, ſchlechtes Wetter dieſe Wider⸗ wärtigkeiten bis zur Unerträglichkeit ſteigern müſſe; ob ſie nicht beſſer in der Stadt geblieben wären, und was der⸗ gleichen mehr iſt. Sie und ihr Gemahl redeten dazwiſchen, man geſtand zu, widerlegte, wie es kam, ein höfliches Geſpräch floß kühl und anſtändig hin, nur zuletzt ſagte der Alte ein wenig un⸗ geduldig:„Wir wollten keine Bekanntſchaften, und hätte 65 ich die Verhältniſſe vorher beſſer gekanut, ſo wären wir nicht hieher gegangen. Die Lage, in der ich augenblicklich bin, macht den Verkehr mit einem Hofe nicht thunlich. Ich mag nicht als bloßer Cavalier erſcheinen, wo ich vielleicht in kurzer Zeit in einer ganz anderen Stellung auftreten muß. Und was ich während meines Aufenthalts in der Stadt von der ganzen Geſellſchaft ſo gut wie von den Einzelnen ken⸗ nen lernte, hat mich von einem Verkehr mit ihnen zu⸗ rückgeſchreckt. Für mich und die Meinen paßt ſich dieſer un⸗ gebundene, rohe Ton nicht, der nichts achtet, dem nichts hei⸗ lig iſt, und dem ich doch, wie ich gegenwärtig noch ſituirt bin, wenn ich mich der Geſellſchaft anſchlöſſe, nicht entge⸗ hen können würde. Ich ſage es Ihnen offen, mein Herr,“ fügte er hinzu,„daß ich Ihre Anweſenheit hier anfänglich nicht gern geſehen und Sie mit Mißtrauen beobachtet habe. Aber daß Sie ſich uns gar nicht näherten und, ſeit ich Sie kennen gelernt, die Entdeckung, daß neben Allem mir Un⸗ verſtändlichen in Ihnen doch auch viel von dem iſt, was zu meiner Zeit den Mann von Stand und Bildung kenn⸗ zeichnete, hat mich überwunden. Es thut uns, meiner Ge⸗ mahlin und mir, ein Geſellſchafter noth,— ich geſtehe es zu— und es hängt von Ihnen ab, ob und wie lange Sie ein ſolcher ſein können.“ Trotz aller Geſpreiztheit, trotz allem Hochmuth, die ſich in dieſen Worten offenbarten, war doch auch etwas da, was mir gefiel, und ein Blick von Frau von Landow, Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 5 der mich aus dem ſanften blauen Auge— ich meinte: bit⸗ tend ſtreifte, beſiegte mich vollends. Ich bot alle meine Heiterkeit auf, um in eine unbefangene, anregende Unter⸗ haltung mit beiden zu gelangen, und erreichte es auch. Wir plauderten. Die Dame nahm freundlich theil, und wir kehrten erſt nach Sonnenuntergang in unſere Wohnung zurück. 1 Dann ſuchte ich mir meinen alten Bootsmann auf und ließ mich auf die See hinausfahren. Ich wollte allein, recht allein mit mir ſein, um alle Eindrücke, die ich empfan⸗ gen, zurecht zu legen, mir ſelber klar zu werden. Es war eine wunderbare Fahrt. Der Mond war beinah voll und übergoß Alles mit ſeinem friedensvollen Licht. Himmel und See ruhten, das Murmeln der Wel⸗ len an dem ſchnell dahin gleitenden Kahn, und die Tröpf⸗ chen, die vom ſich erhebenden Ruder rieſelten, bildeten das einzige Geräuſch, und es ſtörte mich nichts in meinem Träumen. Als ich zurückging vom Strande und an dem Wahl⸗ ſchen Hauſe vorüberkam, hörte ich bei der rings herrſchen⸗ den Stille eine nicht ſtarke, aber weiche und liebliche Stimme Goethe's Lied beginnen: „Da droben auf jenem Berge, Da ſteh' ich tauſendmal—“ Die Sängerin konnt ich nicht ſehen, ſie mochte wohl an einem der Hinterfenſter weilen, welche über den Gar⸗ 67 ten auf die See gehen.— Das Haus war ganz dunkel und alle Läden geſchloſſen; nur oben an dem Fenſter, an dem ich zuweilen den alten Herrn bemerkt, glänzte Licht hindurch. Ich konnte es nicht unterlaſſen, ich mußte mich zum Hauſe hinan und im Schatten ſo weit entlang ſchleichen, wie ich durfte, ohne von der Sängerin geſehen zu werden. Denn ſie ſollte nicht erſchrecken, nicht ſcheu werden; ich wollte dieſer Stimme lauſchen, die mir ſo innig zu Herzen drang. Und es gelang mir, ſie ſang die ſchwermüthige Weiſe ebenſo ſeelenvoll fort bis zum Ende des dritten Verſes; da brach ſie ab und eine laute Stimme, diejenige des alten Gemahls, ſagte:„Um des Himmels willen, Madame,— ſingen und bei offenem Fenſter in ſpäter Nacht? Wie kommen Sie auf einen ſolchen Einfall?“—— Ich machte mich leiſe davon. Es war mir um nichts weniger zu thun, als eine eheliche Scene zu behorchen. 5* Viertes Capitel. Das Land der Fee Morgana. (Fortſetzung.) Freitag d. 12. Auguſt, Abends. Nun ſetz' ich mich wieder zum Schreiben; mein Tage⸗ buch fängt an mir lieb und das Ausſprechen in ihm zum Bedürfniß zu werden. Bisher hatte ich eben nichts zu berichten. Träumereien eignen ſich kaum aufgeſchrieben zu werden, und ich bin kein Philoſoph, um ſie zu zerlegen, zu verfolgen, ſie nutzbar zu machen. Nur im Umgang mit anderen Menſchen erhalten wir, was uns, ſei es äußerlich, ſei es innerlich wirklich beſchäftigt, und ich ſehe ein, daß meine bisherige Iſolirung nicht länger fortdauern durfte, ſollte ſie mich nicht hier zu einem hochmüthigen Egoiſten machen, mich dort nicht in eine Träumerei verſinken laſſen, * 69 die mich täglich mehr lähmen und mich untüchtig machen mußte für das Leben in der Welt. Das haben mich ſchon dieſe wenigen Tage gelehrt, wo ich wieder mit Menſchen ver⸗ kehre. Die beiden Familien, von denen ich meldete, daß ſie hieher übergeſiedelt, ſind angenehme, einfache Leute, mit denen es ſich bequem verkehrt. Wir haben gemeinſchaft⸗ lich den Reſtaurant, der bereits ſein Local ſchließen wollte, durch einen Zuſchuß vermocht, uns nach wie vor die Koſt zu geben und, was wir gebrauchen, aus der Stadt zu be⸗ ſorgen, wo es weniger angenehm iſt als je. Denn jene Madame de St. Amand ſcheint eine wunderbare Anzie⸗ hungskraft zu beſitzen und es hat ſich dort in dieſen Tagen ein Kreis zuſammengefunden, der das Unterſte zu oberſt kehrt und ſich um Gott und die Welt nicht kümmert. Heut' Nachmittag iſt die Geſellſchaft hier durchgebrauſ't— ich habe nichts davon geſehen, da ich wie gewöhnlich im Walde war. Mit Herrn von Landow bin ich ſeit dem Dienſtag noch öfters zuſammengetroffen, und wenn man ſich erſt an manche Schrullen und Wunderlichkeiten gewöhnt hat, mag er— das heißt wohlverſtanden, im Umgang mit Fremden — ganz erträglich ſein. Ariſtokrat vom alten Schlage und reinſten Waſſer und ein erbitterter Gegner alles deſſen, was ſeit den neunziger Jahren in Frankreich vorgegangen und trotz alles Entgegenſtemmens und Ableugnens auch bei uns in Deutſchland, auf die Verhältniſſe ſo gut wie auf die Menſchen von der tiefſten Wirkung geweſen, eine Art fried⸗ licher Revolution angebahnt, ja zum Theil ſchon durchge⸗ führt hat, fühlt er ſich ſehr vereinzelt, ſehr zornig und ſehr unglücklich, da er wohl einſieht, daß er allein den Strom nicht mehr aufhalten kann. Er prophezeit uns demnächſt ſchlimme Tage, eine Vernichtung alles Beſtehenden und eine folgende allgemeine Barbarei, aus der uns dann nur ein eiſerner gewaltthätiger Mann, wie der Napoleon Buo⸗ naparte in Frankreich erretten dürfte, indem er aus dem Chaos ein neues Ganzes nach ſeinem Willen und nach ſeiner Einſicht zuſammenleimt. Und das ſagt dem alten Herrn noch weniger zu, denn er hängt an Verfaſſung des heiligen Römiſchen Reichs deutſcher Nation und an den Rechten und Freiheiten ihrer Stände mit einer Art Fana⸗ tismus. Was ich von dieſem unglücklichen Reich, von dieſen Freiheiten halte, muß ich weislich verſchweigen, will ich ihn mir nicht für immer entfremden. Er iſt Diplomat geweſen, vermuthlich in Regensburg, hat jedoch dieſe Stellung vor Jahr und Tag, ich weiß nicht weshalb— vielleicht ſeiner Verheirathung wegen?— auf⸗ gegeben und ſeitdem— ich weiß wieder nicht, wo,— ge⸗ lebt. Neuerdings ſteht er mit ſeinem Hofe in Unterhand⸗ lung über den Wiedereintritt. So viel läßt er mich mer⸗ ken, leugnet auch nicht, daß er während dieſes Interimiſti⸗ cums und zumal hier im fremden Lande einen anderen Na⸗ 71 men führt, geht jedoch im Uebrigen mit nichts heraus und ergeht ſich in dißlomatiſchen Windungen, Spitzfindigkeiten und Redensarten, die mich um ſo mehr zum Lachen reizen, je weniger ich dergleichen bisher kennen lernte.— Frau von Landow bin ich zum erſtenmal heut' bei der Rückkehr von meinem Spaziergang wieder begegnet. Sie ſaß auf dem gleichen Platz, wie neulich, diesmal allein, denn der Diener ging am Ausgange des Gehölzes auf und ab, ſo daß er nur eben die Bank und die Gebieterin noch ſe⸗ hen konnte.— Sie ſaß und las. Der große Hund lag zu ihren Füßen; und da er mich kommen ſah, ſtand er auf, kam mir entgegen, beſchnupperte mich und kehrte dann mit dem Schweife wedelnd und ernſthaft an meiner Seite wan⸗ delnd zum Sitze ſeiner Herrin zurück, wo er ſich auf dem alten Platze niederſtreckte. Sie hatte das mit einem nachdenklichen Blick über den Rand des Buches hinaus beobachtet. Nun erhob ſie das Auge mit dem unbeſchreiblich weichen und ſanften halben Aufſchlage, den ich ſchon neulich ein paarmal geſehen, zu mir, erwiderte meinen reſpectvollen Gruß mit leiſem Nei⸗ gen des Hauptes und ſagte, indem die Lider wieder über die Augen ſanken, in bittendem Tone:„Auf ein Wort, Herr von Gernau!“ Natürlich ſprach ſie deutſch, wie ſie das auch neulich meiſtens gethan. Sie fuhr darauf fort:„Wie mein Gemahl Sie vor⸗ geſtern zum Umgang mit uns aufforderte, habe ich Sie mit meinem Blick um Zuſtimmung gebeten, obgleich ich begreife, wie wenig Berührungspunkte zwiſchen einem Mann wie mein Gemahl und einem jungen Cavalier wie Sie exiſtiren mögen. Allein, Herr von Gernau, es thut meinem Ge⸗ mahl ein Umgang noth und ich bin glücklich, daß er einer⸗ ſeits dies ſelber gefunden und daß er andererſeits einen Mann getroffen, zu dem er Vertrauen faſſen mochte. Mein Gemahl iſt augenblicklich in keiner angenehmen Lage, er erwartet Depeſchen, von welchen ſein nächſtes Verbleiben und ſeine Stellung abhängt. Ich habe keine Einſicht in dieſe Dinge, um zu entſcheiden, ob ſich das Alles nur ſo und nicht anders geſtalten laſſen dürfte, und kann mich nicht einmal weiter darüber äußern, da er ſelber ein Ge⸗ heimniß daraus macht. Allein ich weiß gut genug, wie we⸗ nig zuträglich ihm ſeine bisherige Einſamkeit und Iſoli⸗ rung war und wie wohl ihm der Umgang mit Ihnen ſchon gethan, mein Herr. Er ſpricht es Ihnen vielleicht nicht aus, aber ich darf es wohl für ihn thun— er iſt Ihnen wahrhaft dankbar, Herr von Gernau, und ſchätzt Sie hö⸗ her, als ich es ihn ſeither von irgend einem anderen Herrn Ihres Alters ausſprechen hörte.“ So redete ſie ungefähr; es war ſo ganz einfach, ganz ſchlicht, und doch ergriff es mich— war es der Inhalt ihrer Worte, der ſo ganz dem Bilde entſprach, das ich mir von ihr nach Allem, was ich beobachtet, ent⸗ worfen, oder war es der wunderbare, melodiſche Klang 793 73 dieſer engelhaft ſanften, reinen Stimme, im Verein mit dieſem unbeſchreiblich weichen Blick der blauen Augen, der mich ein paarmal ſo freundlich ſtreifte,— oder war es Alles das zuſammen— ich weiß es nicht und brauche es auch nicht zu wiſſen, und der Effect bleibt ſo oder ſo der gleiche: die tiefe Bewegung meines Inneren, eine treue feſte Theilnahme und der ehrliche Wille, der armen jungen Frau zu Dienſten zu ſein, wo ſie mir nur die Gelegenheit dazu gewähren wolle. Ich nahm mich in⸗ deſſen zuſammen und antwortete einfach das Schickliche, ſie ſelber völlig aus dem Spiele laſſend. Sie war aufgeſtanden und ſchlug den Heimweg ein, meine Begleitung als eine ſich von ſelbſt verſtehende an⸗ nehmend. Wir plauderten jetzt munterer. Sie hatte meine Bootsfahrten bemerkt und ſprach es aus, wie ſehr ſie ſelber dergleichen liebe; ein hübſches Boot des Haus⸗ beſitzers ſei zu ihrer Dispoſition und ein paar Mal habe ſie es gegen Abend benützt, doch ſei ihr Gemahl um ſo mehr dagegen eingenommen, als er ſelber ſich niemals dazu verſtehen wolle, ſie zu begleiten. Er fürchte das Waſſer.„Und mir iſt es ſo vertraut,“ fügte ſie hinzu, „die Verwandten, bei denen ich erzogen wurde, lebten am Bodenſee, und ich bin im Kahn, auf ſeinen Fluten beinah groß geworden.—“ Ich redete vom Bodenſee, den ich ja auch kenne; ich ſcherzte über die Furcht des Gatten und rühmte die Pracht der jetzigen Vollmondsabende. Sie wurde theil⸗ nehmender, lebhafter. Ihre Wangen rötheten ſich, ſie ſtrich die langen goldenen Locken aus der Stirn hinter die kleinen Ohren zurück, ein kleines Lachen brachte ein reizendes Leben in die ſonſt ſo ſtillen Züge des jungen, anmuthigen Geſichts. Sie war unbeſchreiblich lieblich, holdſelig, und ich ſah erſt jetzt, daß ſie in der Heiter⸗ keit doch wirklich ſchön iſt. In dem Ernſt und der Stille, die ich bisher immer auf ihrer Stirn ſah, ſind ihre Züge nicht harmoniſch genug, um dies Geſicht dann, künſtle⸗ riſch geſprochen, für ſchön gelten zu laſſen. In der Nähe ihres Hauſes kam uns der alte Herr entgegen, wie es ſchien, in keiner guten Laune. Er be⸗ grüßte mich zum mindeſten geſagt, grämlich und empfing ſeine Gattin mit einer unfreundlichen Bemerkung über ihre einſamen Spaziergänge, die wohl noch einen ver⸗ ſteckten, mir nicht verſtändlichen Sinn haben mochte, da ſie darauf mit ungewöhnlich kaltem Blick und einem leich⸗ ten Zuſammenziehen der Brauen ſchweigend zu ihm auf⸗ ſah. Doch lud er mich ein zu bleiben und mit ihnen unter dem gegen den Garten zu ausgeſpannten Zeltdach den Thee zu trinken. Frau von Landow ging hinein; den Alten ſah ich mit dem Diener reden, der mit uns aus dem Walde gekommen und als er dann zu mir zu⸗ rückkehrte, war er verändert, nicht nur von ſeiner gewöhn⸗ lichen altväteriſchen und ceremoniöſen Höflichkeit, ſondern 7⁵ geradezu munter und was Fritz Buchhagen„fidel“ hei⸗ ßen würde. Mittlerweile kam ſeine Gemahlin zurück— ſie ſah noch ſtiller und reſignirter aus als gewöhnlich— und da, Wunder über Wunder, wurde er gar ſcherzhaft und fing an zu plaudern und zu necken, als wolle er ſeine frühere Weiſe wieder gut machen. Sie nahm es himm⸗ liſch auf, obgleich ſie am Ende doch wohl von anderen Gelegenheiten her wiſſen mußte, was mir erſt eben, bei dieſer plötzlichen Veränderung ſeiner Laune ſeit dem Ge⸗ ſpräch mit dem Diener, klar geworden: Herr von Lan⸗ dow war eiferſüchtig und hatte ſich ſicherlich erkundigt, wo und wie ſeine Gemahlin mit mir zuſammengetroffen. Wie er eine ſolche Nachfrage mit ſeiner ſonſtigen De⸗ licateſſe und Grandezza vereinigte, weiß ich nicht, daß ich mich aber in meiner Annahme nicht täuſchte, wurde mir einen Augenblick darauf noch klarer, als er auf meine Bemerkung von den ſchönen Mondabenden und meiner Luſt an Bootsfahrten, erwiederte:„Ja ja, mein Freund, für junge Leute mag das ſchon gehen, obgleich ich nicht ſagen kann, ob ich ſelbſt in Ihren jetzigen Jahren auf ſolche ſublime Einfälle gekommen. Aber für Sie laſſe ich es gelten und auch für meine Frau hier, die liebt dergleichen. Und wenn Sie es wünſchen, Blanche, ſo machen Sie ſich heut' doch einmal das Vergnügen. Herr von Gernau iſt ja ein gro⸗ ßer Seefahrer und wird Sie beſchützen. Das Boot liegt bereit, und der Abend iſt in der That recht warm und ſtill.” Es war ſehr klar. Er wollte durch dies Opfer nicht nur den in mir etwa entſtandenen Argwohn zu nichte machen und ſelbſt ſeine Gemahlin überzeugen, daß ſie ihm Unrecht gethan, ſondern ſich auch ſo zu ſagen, vor ſich ſelber rehabilitiren und nach allen Seiten hin ein Zeichen des glänzendſten Vertrauens geben. Die Dame,— ſie heißt alſo Blanche!— ſah völ⸗ lig überraſcht auf, und es zuckte, da auch ſie ihn wohl verſtand, ein flüchtig Roth über ihre Züge. Sie hatte Einwendungen, aus denen man jedoch leicht abnehmen konnte, wie gern ſie ſeinen Vorſchlag angenommen. Ich redete eifrig zu, und das Reſultat war, daß wir eine Stunde ſpäter, als der Mond eben über den Horizont trat, ins Boot ſtiegen, ſie und ich, eine Kammerfrau und der alte Diener. Herr von Landow kam trotz ſei⸗ ner Angſt vor der Abendluft noch im Pelz und das Ta⸗ ſchentuch vor den Mund gedrückt, uns zum Strande nach, um ihr eine wärmere Kapuze zu bringen und uns zur Vorſicht zu ermahnen. Es hätte mich rühren können. Es ging ein leichter Wind, ſo daß wir ein Segel führen konnten. Das Boot zog leiſe durch die murmeln⸗ den Wellen. Wir redeten nicht viel; der Zauber der Nacht übernahm uns. Ich bat Frau von Landow um ein Lied, und nach einigen Sträuben ſang ſie„den Fiſcher“ von 77 Goethe. Ich habe das Lied erſt hier verſtehen lernen mit ſeinem unnennbaren, der Natur abgelauſchten Zauber. Es war mir, als höre ich keine Menſchenſtimme mehr, ſon⸗ dern als ſprächen und ſängen wirklich die Wellen und ich verſtände ſie.— Nichts mehr davon. Der alte Herr kam uns bei der Rückkehr durch den kleinen Garten entgegen und küßte ihr die Hand, und da er mir gute Nacht ſagte, klang etwas Weiches aus ſeiner ſonſt ſo gezierten und gemeſſenen Stimme.— Ich konnte nicht viel mehr reden. Ich machte ihr eine ſtumme Ver⸗ beugung, drückte ihm die Fingerſpitzen und ging. Und jetzt hab' ich das aufgeſchrieben, denn an Schla⸗ fen war und iſt gar nicht zu denken. Es iſt zu warm in dem Zimmer, obgleich ich das Fenſter gegen die See zu offen gelaſſen. Und mir iſt zu Muth, als ſei in mir ein unermeßlich, ein berauſchend Glück, wie noch kein Menſch es empfunden. Aber woher ich's empfangen und was es ſei, das weiß ich nicht.— Ich ſehe dort Laternen am Strande. Die Fiſcher fahren hinaus, die Netze auszuſtellen. Ich will mit ih⸗ nen, glaube ich. Es muß draußen himmliſch ſein. 8 Samſtag den 20. Auguſt. Die Tage gehen in gleicher Schönheit fort, und wenn es auch einmal donnert und blitzt und der Regen ſeine grauen Schleier um Nähe und Ferne hüllt,— ich bin wie jener König von Spanien: in meinem Reiche geht die Sonne nicht unter. Der Banquier in Hamburg hat mir Briefe geſchickt, die bei ihm eingelaufen, von Hyneck, von Bendler. Sie fragen, wo ich ſtecke, was ich treibe, daß ſie nichts von mir erführen. Lieber Gott, was können ſie von mir wiſ⸗ ſen wollen! Weiß ich doch ſelber nichts von mir. Donnerſtag, d. 1. September. Herr von Landow iſt grämlich und ungeduldig, nie⸗ dergeſchlagen und zornig, bald das Eine, bald das An⸗ dere, bald Alles ſchier zugleich. Verdenken kann ich's ihm nicht, die Depeſchen bleiben aus, oder vielmehr: man hat ihn auf den Ausfall von Unterhandlungen verwie⸗ ſen, die man in Paris angeknüpft. Weiter läßt er ſich nicht darüber aus, und auch dies entfährt ihm nur zu⸗ weilen in der Erbitterung, deren er ſich hinterdrein als höchſt undiplomatiſch und ſchülerhaft ſchämt. Ich weiß im Uebrigen noch nicht einmal, welchem Staate er ge⸗ dient hat oder dienen will; nichts verräth ſeine Heimath, ſeinen Namen, und ſeine Umgebung iſt ſo vortrefflich dreſſirt, daß ſie, wenn ich ſie wirklich darnach fragte, ſicher⸗ lich nichts davon verlauten laſſen würde. Bei einigen der jüngern klingt aber etwas von dem ſächſiſchen Dia⸗ lekt hervor. Der alte Herr könnte mich dauern. Für mich iſt es augenſcheinlich, daß man ihn hinhält und ihn ver⸗ 79 muthlich am liebſten ganz los würde, ſich mindeſtens über⸗ aus wenig aus ihm macht. Aber weshalb drängt er ſich auch auf? Ich hörte von ihm ſelber, daß er Be⸗ ſitzungen hat, und daß er wohlhabend, wo nicht reich, geht ſelbſt aus ſeinem hieſigen Leben hervor. Weshalb lebt er nicht für ſich und nach ſeinem Gefallen? Uebrigens iſt es gut, daß er da bleibt. Seiner Frau bekommt der hieſige Aufenthalt und das ſtärkende Bad wunderbar. Man ſieht es ihr in jedem Zuge, je⸗ der Bewegung an, daß ſie ſich gekräftigt fühlt. Ihre Wangen ſind voller geworden und zeigen eine ſanfte Röthe; die weichen Augen blicken klarer auf, und von der rei⸗ nen Stirn hat eine milde Heiterkeit die Schwermuth der früheren Wochen faſt ganz verſcheucht; nicht ſelten ſchmiegt ſich ſogar ein leiſes Lächeln um die Lippen und die blauen Augen, und zuweilen vernehmen wir ſogar ihr Lachen — glockenhell, kindlich froh. Ach, es iſt entzückend, dieſe Natur heiter und glücklich ſich entfalten zu ſehen!— Wir ſind jetzt die einzigen Fremden hier. Herr von Landow fragte mich neulich, weshalb ich denn noch bliebe? — Und da ſagt' ich ihm offen und ehrlich, ich habe auf Gottes Welt nichts zu thun und gehe, komme und ver⸗ weile, wo und wie es mir gefalle. So bleibe ich denn jetzt ſeinetwegen da, damit er bei ſeinem Harren und Warten doch einen Menſchen habe, mit dem er plau⸗ dern oder zuweilen eine Partie machen könne— wir 80⁰ ſpielen bei den längeren Abenden nicht ſelten einmal Phombre. Er murrte ein wenig, nahm es aber im Gan⸗ zen doch gut auf, da er ſelber einſieht, daß er ohne mich ſich hier zum Sterben langweilen würde, während er— ich weiß eben nicht, weshalb— doch nun einmal nicht fort von hier will. 3 „Alſo mit uns zugleich gehen Sie, mein Herr von Gernau?“ ſagte er dann in einem gewiſſen lauernden Tone— zum erſtenmal ſeit jenem Abend beobachtete ich wieder dieſen albernen Verdacht an ihm— und mit eben ſolchem Blick.„Wohin, wenn man fragen darf?“ „Darüber bin ich noch nicht entſchieden,“ verſetzte ich ruhig und der Wahrheit gemäß.„Vielleicht nach England, vielleicht nach Frankreich, vielleicht von Neuem nach Italien oder noch weiter. In Deutſchland bleib' ich keinenfalls.“— Das befriedigte ihn ſichtbar und er wurde wieder freundlicher. Von mir im Uebrigen zu reden— davon iſt nichts zu ſagen. Habe ich nicht einmal zu Anfang meines hie⸗ ſigen Aufenthalts in dieſen Blättern etwas von dem mär⸗ chenhaften Zuſtande geſchrieben, in dem ich mich befinde? Nachleſen mag ich nicht, wozu? da ich weiß und fühle, daß es ſo iſt. Ich lebe in einem Märchen, und wann es auch enden wird, ich weiß ſchon jetzt, daß ich mich 81 kaum jemals wieder im Leben der Erde zurecht finden werde. Samſtag, den 3. September. Ich weiß es ja längſt von Buchhagen, der aus dieſen Gegenden ſtammt, von Univerſitätsfreunden, daß der September hier zu Lande der ſchönſte Monat iſt. Allein ſo wie ich es vor mir haboe, ſtellt' ich's mir doch nicht vor. Was iſt das für eine Pracht im Wald! Wie iſt Himmel und Meer ſo ſtrahlend ſchön, wie weht die Luft ſo unſagbar friſch und rein! Dieſen Sonnenuntergän⸗ gen zumal vergleicht ſich nichts. Der Himmel prangt in einem Gemiſch der glänzendſten Farben, und die Wel⸗ len rollen einher in Purpur und Gold und Grün— einem Maler, der uns das im Bilde vorſtellte, glaub⸗ ten wir es nicht. Oder iſt das Alles nur ein Theil des Märchens? Finde ich das Alles nur, weil die Liebe in mir, die heiße, tiefe ewige Liebe?— Hat es ſchon Einer geſagt, oder wurde es noch nie ausgeſprochen: Wo man liebt, iſt Alles ſchön!— Mir iſt dieſe Erfahrung jetzt erſt aufgegan⸗ gen und ich fühle mit tiefem Glück ihre ewige Wahrheit. Ich ſitze nun zu Hauſe oft ſtill, die Arme auf den alten Tiſch hier gelegt und den Kopf darauf; oder ich liege auf dem Mooſe im Walde und ſchaue hinauf in die hohen Wipfel und durch das ſich leiſe färbende Laub weiter und weiter in die Himmelsferne, und denke, träume Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 6 82 und grüble über Gegenwart und Zukunft, über mich und — doch nein, da breche ich ſelbſt in Gedanken ab. Dar⸗ an darf nicht einmal mein Ahnen und Träumen rüh⸗ ren. Und das wäre wohl, um traurig zu werden, denn der Menſch kann nichts Unerreichbares vor ſich ſehen, ohne danach zu ſtreben, ſich zu ſehnen. Und ſich dieſe Sehn⸗ ſucht, ja dieſen Blick nur, ſelbſt verbieten, das iſt die ſchwerſte Entſagung. Aber gleichviel. Meine Liebe erſetzt mir Alles, und ich fühle zuweilen ein Glück in mir, von dem ich nicht verſtehe, wie das Menſchenherz es bergen und tragen kann. Sonntag, den 4. September. Sie ſagte heut' Nachmittag zu mir:„Haben Sie nicht einmal daran gedacht, Herr von Gernau, daß dies Alles doch ein Ende nehmen müſſe und Sie am beſten vielleicht ſchon jetzt gingen?“ Sie ſagte das mit der ganzen Weichheit ihrer Stimme, mit der ganzen Milde ihres Weſens; ihre Augen erho⸗ ben ſich wie immer, ſo leiſe, ſo ſanft, der Blick haftete auf mir nur eine Secunde lang und zog ſich leiſe wie⸗ der unter die Lider zurück. Aber es kam hervor ſo plötzlich, ſo ganz unvermuthet— wir machten den ge⸗ wöhnlichen Abendſpaziergang durch den Wald, den Die⸗ ner hinter, den Hund neben uns, und wir hatten herz⸗ lich und munter geplaudert wie immer, nichts in ihrer Unterhaltung, in ihrem Weſen hatte darauf hingedeutet, 83 daß ſie zerſtreut, daß ſie ſich überhaupt mit anderen Ge⸗ danken trage, als die ſich auf unſer Geſpräch, unſere Umgebung bezogen. Und nun mit einem Mall— Ich erſchrack ganz furchtbar, mein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, das Leben ſtockte in mir. Ich weiß nicht, wie Jemand iſt, der ohnmächtig wird, aber ich ſtelle mir vor— könnt ich's werden, ſo müßt' es in dieſem Au⸗ genblick geſchehen ſein. Da ich ſchwieg, ſah ſie von Neuem auf und mich mit einer Art Erſchrecken an, ich mag leichenblaß ge⸗ weſen ſein. Doch ſagte ſie nichts, und erſt, als das Auge wieder geſenkt war, flüſterte ſie mehr als ſie's ſprach, und es klang gränzenlos traurig:„So haben Sie doch ſchon daran gedacht?“ Ich nahm mich gewaltſam zuſammen. So kindiſch durfte ich weder vor ihr noch vor mir ſelbſt länger er⸗ ſcheinen. „Sagen Sie mir um Gotteswillen nur das Eine, gnädige Frau,“ redete ich, und ich hörte mit meinen ei⸗ genen Ohren, wie dumpf meine Stimme klang,„hat mein Weſen Sie ein einzigmal verletzt? Heiliger Gott, und ich ſelbſt weiß doch nicht von einem Gedanken, nicht von einem Traum, der Ihnen zu nahe getreten!“— Und da ſie leiſe den ſchönen Kopf ſchüttelte, fuhr ich fort:„Weshalb verbannen Sie mich denn? Sie müſ⸗ 6* 84 ſen es wiſſen, daß ich nur hier lebe, nur hier glücklich bin— o ſo ganz unſagbar glücklich!“ Sie ſah nicht auf, ſie ging langſam neben mir hin. Mir war's, als athme ſie ein paar Mal tiefer als ſonſt. Und endlich ſagte ſie leiſe:„Aber es muß und wird enden. Und muß nicht ein gezwungenes Ende viel, viel ſchmerzlicher ſein als ein freiwilliges?“ „Daran denke ich nicht, daran kann ich nicht den⸗ ken,“ verſetzte ich.„Möge die Zukunft von mir ver⸗ langen, was ſie will— die Gegenwart mit ihrem Glück erſetzt mir Alles, ſtärkt mich zu Allem. Aber laſſen Sie mir dieſe Gegenwart! Bei Gott im Himmel ſchwör' ich's, es ſoll mich vor ihm, es ſoll mich vor Ihnen keiner jemals einer Sünde zeihen können!“ Sie hatte, wie ich von der Gegenwart und ihrem Glück ſprach, aufgeſehen, zum erſten Mal vor mir voll und ganz das Auge aufſchlagend und es zum Himmel erhebend, und ein ſtrahlendes Lächeln flog über ihr bleiches Geſicht. Aber Beides währte nur einen Moment, dann ſank das Auge wieder zu Boden, das Lächeln machte dem Zuge der Trauer und Reſignation Platz, den ich früher ſo häufig und neuerdings faſt nie mehr an ihr geſehen, und nachdem meine letzten Worte eine Weile verklungen, ſagte ſie ſo leiſe, daß es mein Ohr nur wie ein Hauch ſtreifte:„aber mich!“ — 85⁵ „Blanche!“ rief ich außer mir, faſt laut— ich vergaß Alles um mich her. „Keinen Namen!“ ſagte ſie bittend.„Der Name redet zu mir ſelbſt, die ich nicht mir gehöre, die ich auf Sie, die ich auf mich nicht hören darf.“ „O Blanche, Blanche,“ ſprach ich dennoch— und wie ich's möglich gemacht, weiß und verſtehe ich nicht, aber ich redete jetzt leiſe, ich ging anſcheinend ruhig und in gleichmäßigem Schritt an ihrer Seite fort; wer uns nur ſah, wie der Diener hinter uns, konnte un⸗ möglich ahnen, daß hier für zwei Menſchen die Stunde geſchlagen, wo ihr ganzes Leben ſich zu einer Blüthe entfaltet!—„O Blanche, Blanche,“ ſprach ich,„hier kann ich Ihnen nicht gehorchen. Ich will auch nichts weiter ſagen; es ſoll nicht ein Wort zu Ihnen klingen, das Ihr Herz traurig machen könnte. Ich will nichts reden von mir, kein Menſch ſoll es ahnen dieſes Mär⸗ chen, in dem ich dieſe Wochen gelebt, geathmet, geju⸗ belt— ſelbſt Sie nicht! Oder doch— daß ich Ihren Namen einmal zu Ihnen ausſpreche, darin liegt am Ende Alles, und ich gebe Ihnen damit Alles hin! Und ſehen Sie, darum mußt' ich ihn einmal nennen, denn das Glück iſt zu groß geworden— es mußte einmal herausſchlagen aus dem ſeligen Herzen!“ „Sind Sie denn ſo glücklich?“ fragte ſie und ſah mich an, in ihren Augen hingen Thränen, aber 86 über ihre Züge flog noch einmal jenes ſelige, ſtrahlende und doch ſo ſchwermüthige Lächeln.— Ich habe dar⸗ auf kein Wort erwidert, allein mein Auge hat ihr die Antwort gegeben. Sie ſenkte das ihre, eine hohe Röthe legte ſich über die Wangen, die Stirn, und verging erſt nach und nach, zugleich mit dem Lächeln, das noch eine Weile um Lippen und Augen träumte. Sie ging ſchweigend hin, die leicht herabhängende Hand auf den Kopf des neben ihr getreulich einher⸗ wandelnden Hundes gelegt, und wir näherten uns ſchon ihrer Bank, als ſie wieder zu reden begann. „Und was kann das Alles, was wir heut' von einander erfuhren, uns helfen, mein Freund?“ ſagte ſie traurig und mit leiſem, ſchwermuthsvollem Kopfſchütteln.„Für uns erwächſt daraus kein Glück, ſondern nur ein grö⸗ ßerer Schmerz und ein größeres Unrecht. Und ich mußte und muß Sie wohl von Neuem fragen: wäre es nicht beſſer, Sie gingen ſchon jetzt?“ Und da ſie mich die Lippen zu einer Einwendung öffnen ſah, fuhr ſie bittend fort:„Hören Sie mich an, Bernhard— auch ich nenne jetzt Ihren Namen, denn ich will zu Ihnen reden, zu Ihrem tiefſten Sein und Weſen! Seit ich es wußte, was in Ihnen vorging, und was in mir darauf antwortete, habe ich nie auch nur einen Augenblick daran gezweifelt, daß ich Ihnen nicht nur das Höchſte, ſondern auch das Heiligſte in 87 der Welt ſei. daß Sie es niemals für möglich halten könnten, ich würde mein Loos, das man mir gegeben, nicht bis zum Ende in Treue und Demuth tragen— ſelbſt wenn es mir unſer heiliger Glaube anders er⸗ laubte, würde ich niemals, Bernhard, niemals anders denken!— Und nun vergeſſen Sie nicht, wie mein Gemahl iſt, daß er voll Stolz, voll Hochmuth auf die Reinheit ſeines Stammes und Namens blickt, daß er ſehr ſtreng denkt und— Gott weiß, daß ich ihm dazu niemals Veranlaſſung gegeben!— furchtbar eifer⸗ ſüchtig iſt. Dies Vertrauen, das er Ihnen, dieſe Frei⸗ heit, die er mir im Verkehr mit Ihnen gewährt, ſind unerhört. Sie ängſtigen mich faſt, weil ſie ſo ganz ſei⸗ nem ſonſtigen Weſen widerſprechen, weil ich mich der Furcht nicht entſchlagen kann, es müſſe damit ein bal⸗ diges, trauriges Ende nehmen. Und wenn er jemals ahnte, Bernhard, was wir heut beredet— Bernhard, ich will nicht allein vor ihm, ich will auch vor mir ſelbſt und vor Gott rein daſtehen, und auch an Ihnen darf kein Makel haften.— Darum bitte, bitte, bitte — überlegen Sie ſich meine Frage! Laſſen Sie uns rein bleiben, bis ans Ende! Nur ſo wird das folgende Leben ein nicht zu ſchweres werden.“ Wir waren mittlerweile vollends zu der Bank her⸗ angekommen, ja hatten ſchon während ihrer letzten Worte neben derſelben geſtanden. Nun blickte ſie zu mir auf mit einem innigen, bittenden, beſeligenden Blick und ſagte dann, mir wie gewöhnlich bei dem Abſchiede die Hand zum Kuſſe bietend:„Ich danke Ihnen, Herr von Gernau. Wenn Sie meinen Gemahl ſehen, ſagen Sie ihm, daß ich noch ein wenig hier bleibe; mein Kopf⸗ weh hat ſich nicht ganz verloren. Auf Wiederſehen.“ Ich ging.— Nun iſt es ſpäte Nacht, und ich ringe mit mir. Aber die Möglichkeit, ihren Willen zu erfüllen, faſſe ich nicht. Montag d. 12. September. Es iſt gewiß, daß Landow mir mißtraut— wes⸗ halb, ahne ich nicht, da ich ſeiner Frau in keiner ande⸗ ren Weiſe nahe, als bisher immer, ja im Ganzen ei⸗ gentlich weniger mit ihr allein bin.— Hat der Diener bei unſerer Unterredung neulich dennoch etwas gemerkt und geplaudert? Ich erinnere mich an jenen Nachmittag, da wir auch aus dem Walde zurückkehrten und der Alte uns ſo grämlich empfing; nach einem Geſpräch mit dem Diener aber wie ausgetauſcht war und ſogar die Boots⸗ fahrt geſtattete. Jetzt iſt es ſchlimmer, ja er fängt an unſerem Verkehr dies und jenes in den Weg zu ſchie⸗ ben, ſo wunderſchlau, daß man, wenn man nicht ſehr gut Acht gibt oder nicht ſehr argwöhniſch iſt, wohl glauben könnte, hier ſei nicht er, ſondern nur ein Zufall ſchuld. Gegangen bin ich nicht. Ich finde es eben un⸗ 89 möglich. Im menſchlichen Sinne iſt hier gar keine Ausſicht für mich, oder vielmehr für uns, da ſie ja meine Liebe erwidert; allein gerade weil ich das weiß und weiß, wie bald die Trennung kommen wird und wie lange — vielleicht ewig! ſie dauern muß, vermag ich ſie nicht ſchneller herbeizuführen. Und mag ſie ſonſt gedacht haben, wie ſie will, jetzt ſtimmt ſie darin mit mir überein, daß eine Trennung noch nicht möglich iſt.„Ich habe es mir wohl gedacht,“ ſagte ſie, da ich ihr bei der nächſten Begegnung von dem Reſultat meiner Kämpfe ſprach.„Als ich mir über Nacht klar machte, wie es iſt und was ich von Ihnen verlangt, wollte mir das, was ich vor unſerem Geſpräch und noch während desſelben für recht hielt, ſelbſt nicht mehr als das Mögliche erſcheinen. Bleiben Sie alſo, Bernhard, für ſich und für mich. Wir werden nur um ſo trauriger werden, aber das thut nichts. Dieſe Zeit iſt zu ſchön, um nicht ihr Licht auch noch in den Schatten der Zukunft zu werfen; und Sie haben Recht— ſie gewaltſam enden, wäre wie ein Mord an uns ſelbſt und unſerem Glück.“ So hat ſie geſprochen. Sie fühlt es eben wohl, daß unſer Glück ein unveräußerliches Menſchenrecht iſt, und ſo lange es mit unſeren äußeren Verhältniſſen nicht in Conflict geräth, unſere Stellung zu Anderen nicht mo⸗ dificirt, alle andere Rückſichten zurückdrängt, vor jedem anderen Gefühl in uns herrſcht. Und ſo, nur ſo iſt 90 es bei uns. Im menſchlichen Sinne, wiederhole ich, iſt gar keine Ausſicht für uns. Das Loos, das man ihr gegeben, muß ſie, wie ſie ſelbſt ſagt, bis ans Ende tragen— ſie hat ganz Recht, ich kann und will ſie davon nicht erlöſen; ſie iſt mir nicht allein das Höchſte, ſondern auch das Heiligſte in der Welt. Sie iſt ſo rein, ſo ſchön, ſo heilig, daß ihr kein unreiner Gedanke nahen kann. Das glaube, das gelobe und halte ich. Wenn wir hier auseinandergehen, bleibt uns nur die Erinnerung. Ich habe nicht nach ihres Gemahls rechtem Namen geforſcht und ſie würde ihn mir ebenſo wenig ſagen, wie ſie den meinen wiſſen will.„Es iſt beſſer ſo,“ ſagte ſie geſtern Nachmittag.„Die Herzen bleiben einander treu, die Menſchen müſſen geſchieden ſein— für alle Zeit.“ „Und wenn wir uns nun doch einmal wieder be⸗ gegnen, Blanka?“ fragte ich traurig—„nennen Sie mich Blanka?“ ſagte ſie mir neulich,„ſo hießen mich meine Eltern, Blanche nur er, und ich mag den Namen nicht.“ „Gott wird uns behüten,“ entgegnete ſie träume⸗ riſch.— Wir ſahen uns ſeither nicht mehr, nicht we⸗ niger als in den vergangenen Wochen, allein waren wir nie; ich habe nie etwas Anderes von ihr berührt als ihre Hand, die ich bei der Begrüßung oder beim Ab⸗ ſchied wohl einmal küſſen darf. Einmal, ein einzigmal 91 nur möchte ich ſie allein ſehen, um ihr Alles zu ſagen von mir und meiner Liebe, um einmal ihr Auge frei dem meinen begegnen zu ſehen und einmal ihr Herz zu mir reden zu hören. Aber ich weiß, das iſt ein Wunſch, der ſich niemals erfüllen wird. Sie ſelbſt, da ich es gegen ſie äußerte, ſchüttelte erröthend den Kopf, und ich— ich ſehe bisher auch keine Möglichkeit zu ſolcher Begegnung. Man läßt ſie eben nicht allein. Herr von Landow hat geſtern Depeſchen erhalten— wie es ſcheint, noch immer nicht die rechten, denn von Abreiſe iſt noch gar keine Rede. Er war, da ich wie häufig in der letzten Zeit nach dem Frühſtück bei ihm vorſprach, ſehr verſtimmt— das äußert ſich bei ihm in vermehrter Kälte und Steifheit— verwunderte ſich über meinen Beſuch wie über etwas noch nie Dagewe⸗ ſenes, und gab mir zu verſtehen, daß er ſehr viel zu thun habe— er ſchreibt an einem großen Memorial, behauptet er, ich weiß aber nicht worüber— während er faſt im ſelben Athem und in einem ſeltſamen Ton hinzufügte, daß er es bedauere, ſich von mir nicht eini⸗ gen Unterricht in der Spaziergangskunſt erbeten zu haben, die ſeine Gemahlin und ich ſo unendlich ausgebildet hätten. Was iſt das? Ich muß wirklich verſuchen, kla⸗ rer zu ſehen. Blanka hat Recht, dies Vertrauen hier, ſolche Andeutungen da können ängſtigen. Blanka habe ich nicht geſehen. Ich wagte gar nicht weiter als nach ihrem Befinden zu fragen, worauf ich ein:„Vortrefflich, Herr von Gernau! Wir beobachten mit Vergnügen, wie belebend dieſer Aufenthalt für ſie geworden!“ zur Antwort erhielt.— Es wird mir unſagbar ſchwer, ſie nicht zu ſehen, zum erſtenmal faſt ſeit vier Wochen! Denn heut Nach⸗ mittag muß ich einmal in die Stadt, ich kann das nicht länger aufſchieben. Es hat ſich allerlei zuſammengefun⸗ den. Und an Bendler muß ich endlich auch einmal ſchrei⸗ ben,— in der Stadt. Hier komme ich nicht dazu. Nur bei meinem Tagebuch, nur wenn ich von ihr ſchrei⸗ be, vermag ich am Schreibtiſch auszuhalten. Nacht auf Dienſtag, d. 13. Es iſt Alles aus. Sie ſind fort— fort, Bern⸗ hard, verſtehſt Du das? Es lag ſeit vorgeſtern, wie alle vierzehn Tage, die Regierungsjacht im Hafen, welche die Verbindung mit Dänemark und Schweden unterhält. Sie ſollte über⸗ morgen abgehen, wie es hieß, am 15. September, dem gewöhnlichen Tage. Allein ſie iſt ſchon heut' Abend ſieben Uhr in See gegangen, mit Landows. Es muß alſo heut' Morgen ſchon beſchloſſen geweſen ſein, denn heut' Nachmittag hat er, nach meines alten Thomas Behauptung, keine neuen Depeſchen mehr erhalten, aus der Stadt iſt nichts an ihn gekommen, und überdies 93 hat man auch gleich nach dem Mittageſſen ſchon die erſten Gepäckſtücke an Bord geſchafft. Thomas— der treue Menſch hat doch gemerkt, was es in mir gab, und hat den ganzen Nachmittag um⸗ ſonſt Jemand geſucht, den er mir hätte nachſchicken kön⸗ nen— gab mir ein Zettelchen, das ihm, da er am Strande beim Einſchiffen herumlungerte, der alte Die⸗ ner zuſteckte. „Mein Gemahl befiehlt mir, um ſieben Uhr zur Abreiſe mit ihm bereit zu ſein. Ich ſehe Sie alſo nicht mehr. Gott behüte und ſegne Sie immerdar. Ich werde Ihrer nie vergeſſen, Bernhard. Blanka.“ Das iſt Alles. Sie ſind fort.— Gott ſegne Dich, Blanka, Gott ſegne Dich! Als ich gegen halb zehn Uhr nach Hauſe kam und dies Alles erfuhr, war die Luft ſchon unruhig, und Frau Chriſten meinte, daß die Herrſchaften ſich auch wohl ei⸗ nen beſſeren Tag hätten ausſuchen können, die Jacht würde eine ſchlechte Fahrt haben.— Jetzt, gegen Mor⸗ gen, iſt dieſe Prophezeiung ſchon wahr geworden. Es ſtürmt. Das Märchen iſt aus. Hamburg. Freitag den 23. September. Geſtern bin ich angekommen. Auf der Börſe iſt, wie mir vorhin der Banquier ſagte, angeſchlagen, daß die Miche Regierungsjacht in dem ſchweren Sturm am 15. September bei der Inſel Möen mit Mann und Maus untergegangen. Auf dem Schiff, das die Nach⸗ richt mitgebracht, haben ſie zu viel mit ſich ſelbſt zu thun gehabt, um Hülfe leiſten zu können. Ich hab' es wohl gewußt, daß mein Märchen en⸗ den und daß ich nie mehr mich im Leben der Erde zu⸗ recht finden werde. Mir iſt Alles wie todt, und von mir ſelber kann ich am wenigſten ſagen, daß ich lebe. Ich gehe mit dem Packetſchiff morgen nach Eng⸗ land. Man räth mir ab, da das Wetter ſehr unſicher. Aber ich weiß nicht, was ich ſorgen, was ich mich ſcho⸗ nen ſollte. Wer hat ſie geſchont, ſie!— Blanka! Arme, arme, arme Blanka! Die Thränen drängen ſich mir in die Augen. Ich kann nicht mehr, aber ich will auch nicht mehr ſchrei⸗ ben.——— Fünftes Capitel. Aein Kerz iſt ſchwer für Linen! Sie hatte mit fliegendem Blick geleſen, mit tief⸗ athmender Bruſt. Jetzt lag das kleine Heft ſchon wie⸗ der auf dem Schreibtiſch, ſie ſelbſt ruhte zurückgeſunken an der Lehne des Stuhls, die ſchmalen, durchſichtig zar⸗ ten Hände vor das Geſicht gelegt, und die Thränen dran⸗ gen unaufhaltſam zwiſchen den Fingern hervor. So traf ſie Pfarrer Bendler, da er von ſeinem Gange zu⸗ rückkehrte. Er war ruhig, in ſeiner gewohnten Weiſe einge⸗ treten, aber da ihr Anblick ihn überraſchte, in der Nähe der Thür ſtehen geblieben. Sie hatte es vielleicht gar nicht gehört, denn ſie änderte ihre Stellung nicht, und erſt, als er nach einer Pauſe ernſt ſagte:„Ihre Theil⸗ nahme iſt eine große und ſchöne, gnädige Frau. Allein ſie iſt genau ſo, wie ich ſie bei Ihnen erhoffte und vor⸗ ausſetzte. Denn allerdings, wenn man das Alles nicht mit einem treuen und warmen Herzen aufnimmt und nicht zwiſchen den Zeilen faſt mehr zu leſen verſteht als in ihnen,— da kann es beinahe nicht ausbleiben, daß man meinen armen Freund mißverſteht und ſehr falſch beurtheilt!“— erſt da ließ ſie die Hände vom Geſicht gleiten, ohne jedoch das tief geſenkte Haupt zu erhe⸗ ben, und hörte ſtumm und regungslos auf ſeine Worte. Da er geendet und weiter vortrat, ſah ſie endlich auf und ihn an, mit einem langen, träumeriſchen, ſchwer⸗ müthigen Blick— waren es die nur halb gehobenen Lider, die ihn ſo weich erſcheinen ließen, oder waren's die Thränen, die noch im Auge ſchimmerten, oder war es endlich das wunderbar reine und ſanfte Blau der Sterne ſelbſt— und auch um die feinen Lippen ſchmiegte ſich ein Zug von tiefer Wehmuth. Und Pfarrer Bend⸗ ler ſah ſie faſt erſchrocken an, eine leiſe Röthe zuckte über ſein altes Geſicht und er ſagte mit einer Art von Beben in der Stimme:„Heiliger Gott— Sie ſind Frau von Landow— Sie heißen ja Blanka— Sie ſind nicht geſtorben—“ Die Augen hatten ſich wieder geſenkt, ihre Wan⸗ gen ſchimmerten roth.„Sie rathen gut, Pfarrer,“ ver⸗ ſetzte ſie leiſe.„Ich bin es.“ 8 „Das iſt kein Rathen,“ ſprach er lebhaft,„das 97 4 iſt Ueberzeugung, vollſte Gewißheit! Wie wenig er von dem Aeußeren jener Dame redet, wie flüchtig er ſie zeich⸗ net— dieſes Auge, dieſer Blick ſind da und nur die Ihren, gnädige Frau. Ich verſtehe nur nicht, daß ich nicht vorhin ſchon Sie erkannt habe. Aber freilich wie konnte ich am Ende an Jemand denken, der vor acht, neun Jahren geſtorben ſein ſollte! Sie ſind alſo doch gerettet worden— 2“ „Wir ſind gar nicht in Gefahr geweſen,“ entgeg⸗ nete ſie im früheren Tone.„Wir verließen das Schiff am nächſten Morgen ſchon in W. und reiſ'ten von dort zu Lande weiter. Mein Gemahl wollte augenſcheinlich nur ihn von unſerer Spur entfernen. Und es iſt ihm gelungen, wie Sie ſehen. Wir haben nie wieder von einander erfahren.“.. „Und Sie haben wirklich niemals einen Verſuch gemacht ſeinen Namen zu erfahren, ihm eine Kunde zu⸗ kommen zu laſſen, daß Sie nicht auf jenem Schiff ver⸗ unglückt?“ fragte Pfarrer Bendler mit tief nachdenkli⸗ chem Blick und Ton, faſt als ſei ihm eine ſolche Re⸗ ſignation zu ungewöhnlich, um an ſie zu glauben. Sie ſah wieder ſo weich auf, wie vorhin und ver⸗ ſetzte mit trübem, überzeugendem Ernſt:„Wie ſollte ich, Pfarrer! Von dem Verunglücken des Schiffes habe ich bis vor wenigen Angenblicken keine Ahnung gehabt.— Hätte ich das gewußt— ich weiß nicht, was ich ver⸗ 7 Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 98 ſucht haben möchte. Und doch preiſe und lobe ich die heilige Jungfrau, die mir dieſen ſchrecklichen Conflict gnädig fern gehalten. Denn ich hatte es ihr, ich hatte es mir ſelbſt gelobt, daß jene Zeit vergangen bleiben müſſe, mit Allem, was ſie uns gegeben, mit Allem, was ſie in uns erweckt, und ich konnte es endlich meinem Gemahl faſt danken, daß er uns ſo ſchnell auseinander riß. Denn es konnte nicht bleiben, wie es war, es wäre nicht ſo geblieben— ich fühlte es klar, Pfarrer, und das durfte nicht ſein!“ Sie hielt einen Augenblick inne, das Geſicht, das von ſchimmernder Röthe übergoſſen, tief geſenkt, die Hände im Schooß gefaltet.„Sie wiſ⸗ ſen es nicht, Pfarrer,“ fuhr ſie dann wieder aufblickend fort,„und nur Gott und ſeine Heiligen haben es er⸗ fahren, wie ich gekämpft, wie ich geſiegt. Es mußte aber ſein, ich durfte nicht den Glauben an mich ſelbſt und meinen eigenen Werth, nicht den Glauben an ihn und ſeine Ehre verlieren. Es war für mich jahrelang das Einzige, was ich beſaß, an dem ich mich immer von Neuem aufraffte zum Leben.— Und endlich,“ fügte ſie nach einer Pauſe mit trübem Lächeln hinzu,„was hätte es mir genützt, wäre ich anderen Sinnes geweſen! Wie ich lebte, war mir kaum eine Möglichkeit zu Nachfor⸗ ſchungen geblieben, und zu allem Anderen— ich wußte und weiß bis auf dieſe Stunde nichts von ihm, weder wie er heißt noch wo ich ihn ſuchen müßte. Ich hab' 99 es damals ſo gewollt— ich ſagte ſchon: Es mußte ſo ſein.“ „Armes Kind!“ murmelte der alte Herr; ſeine Blicke hafteten mit warmer Theilnahme auf der ſchönen, unglück⸗ lichen Frau. „Laſſen Sie mich weiter reden, laſſen Sie mich Alles ſagen,“ fuhr ſie nach einer Weile gepreßt fort.„Gönnen Sie mir dieſe Stunde— wo die Riegel von meinem Herzen zurückgeſprungen ſind. Wer weiß, ob ſie wieder⸗ kehren dürfte! Ich kann nicht immer von dieſem Allen reden, ſelbſt zu Ihnen nicht. Ich fühle es eben tief, daß es Dinge, Erlebniſſe gibt, die man auch dem Beichtiger nicht vertrauen kann— man hält ſie ja vor ſich ſelbſt ver⸗ borgen und möchte nie wieder daran erinnert werden.“ „Darin haben Sie ſehr Unrecht,“ ſagte er mit mil⸗ dem Ernſt.„Es gibt nichts in und außer dem Menſchen, was ſich dem Ohre eines gewiſſenhaften Dieners des Höch⸗ ſten entziehen müßte, was nicht vielmehr dort gerade ſeine rechte Stelle fände. Reden Sie, meine Tochter, reden Sie frei und unbekümmert, offen und rückhaltslos. Schon das Ausſprechen eines alten Schmerzes mildert ihn; ſchon das ehrliche Wort zu Jemand, dem wir ver⸗ trauen, über unſer altes Zweifeln, Schwanken und Irren, läßt uns Klarheit gewinnen, iſt der beſte Troſt, iſt eine Frieden gewährende Sühne. Nehmen Sie es jetzt ſo, meine Tochter, ſehen Sie in mir nur den Freund, dem es 72 100 mit Gottes Hülfe nicht an dem vollen, treuen Verſtändniß für Ihre Schmerzen fehlen wird. Ich habe mich wenig⸗ ſtens mein Lebenlang beſtrebt, über dem Himmel nicht der Erde, und über der Seele nicht des Menſchen zu ver⸗ geſſen.“ Sie neigte das Geſicht auf ſeine Hand, die er ihr herzlich hingeboten, und ließ es eine Weile auf derſelben ruhen. Da ſie es wieder erhob, glänzten Thränen in ihren Augen und ihre Wangen waren blaß geworden, aber die Züge zeigten ſich voll Vertrauen und Frieden, und ihre Stimme hatte einen innigen Klang, da ſie ſagte:„Gott lohne es Ihnen, was Sie an mir thun, Pfarrer! So hat noch Niemand zu mir geſprochen, ſo habe ich noch Niemand vertraut.— Ich will Ihnen von mir erzählen, aber ich weiß es vorher, Sie müfſen auch bei mir auf mehr hören, als auf meine Worte. Die Sprache iſt nicht zu Allem gemacht, was es im Menſchen gibt. „Ich bin das einzige Kind meiner Eltern und habe ſie nie kennen gelernt. Meine Mutter ſtarb bei meiner Geburt, mein Vater, als ich kaum zwei Jahre alt war, ohne mir Vermögen zu hinterlaſſen. Und da die von meinem Großvater her ſehr verſchuldeten Güter an Lehens⸗ vettern übergingen, wäre mir ſchon in ſolchem Alter keine Stelle geblieben, wo man meine Wiege hätte hinſetzen können, wären nicht die Verwandten meiner Mutter, einer geborenen Gräfin Frohberg, freundlich bereit geweſen, 101 mich bei ſich aufzunehmen. Bei ihnen, am Bodenſee, bin ich aufgewachſen; der Onkel war himmliſch gut gegen mich und hielt mich wie eines von ſeinen eigenen Kindern, wollte auch niemals etwas davon hören, daß ich in ein Kloſter treten ſollte. Die Tante hat mich wohl auch ge⸗ liebt, allein ſie dachte doch zuerſt an ihre eigenen vier Töchter, für welche die Eltern gleichfalls erſt ein Vermögen ſammeln mußten, da der Grundbeſitz dereinſt an den Sohn, den jüngſten, überging. Sie war aber keine unedele Natur und hat mir das Leben nie ſchwer gemacht, ſo daß jene Jahre die glücklichſten ſind, die ich jemals zu erleben gehabt. „In meinem vierzehnten Jahre kam ich zugleich mit einer Couſine in das Kloſter der Karmeliterinnen zu F., um unſere Erziehung zu vollenden, und blieb dort bis in mein ſiebzehntes Jahr. Damals war mein Onkel ge⸗ ſtorben, und bei den geringen Ausſichten, die nach ſei⸗ nem Ableben der Familie und vor Allen mir blieben, legte man es mir nahe, für immer im Kloſter zu blei⸗ ben. Ich fühlte aber gar keinen Beruf dazu; ich war trotz alles mir gebotenen Lebensernſtes noch zu heiter und zu neugierig auf das Leben, und da die Priorin einer gar einſichtige und milde Frau war, ſo wußte ſie es bei der Tante und den Vormündern durchzuſetzen, daß man von dem Plane abſtand und mich zu der er⸗ ſteren zurückkehren ließ. 102 „Es war im Winter des Jahrs 1800 und wir leb⸗ ten in München. Der Baron Waldern— ſo hieß mein ſpäterer Gemahl damals noch, da er Grafſchaft und Namen Lingenheim erſt ſpäter erbte, hielt ſich damals dort auf und beſuchte meine Tante, die eine Jugend⸗ bekannte von ihm war. Was mir vorzüglich ſeine Auf⸗ merkſamkeit zugezogen, weiß ich nicht, Pfarrer. Die Verhandlungen im Kloſter waren mir nicht verborgen geblieben und hatten mich niedergedrückt; was ich von der Welt kennen lernte, machte mich nicht heiterer, ſon⸗ dern noch ſchüchterner und ſcheuer. Ich glaube nicht, daß er mich mehr als drei⸗ oder viermal geſehen, und mehr als hin und wieder ein einzelnes Wort von mir vernommen. Er hielt aber um mich an, und ich— ich willigte ein. Mein Herz war ganz frei, und ſo gut meine Tante auch war, fühlte ich mich im Hauſe, wo es ſehr beſchränkt zuging, überflüſſig; ja ich empfand es tief als meine ernſte Pflicht, meine Verwandten von der Sorge für mich und meine Zukunft zu befreien. So wurde ich im Frühling 1801 ſeine Frau und ging mit ihm auf ſeine Güter in Mſchen. Er gab nicht nur ſeine Stellung als Geſandter in Regensburg auf, ſondern nahm überhaupt ſeinen Abſchied. „Laſſen Sie mich von den nächſten beiden Jahren ſchweigen, Pfarrer. Auch wüßte ich kaum etwas zu be⸗ richten, ſo ſtill und einförmig verfloß unſer Leben. Wir 103 blieben mit Ausnahme einiger Wochen des erſten Win⸗ ters, welche wir in Dresden zubrachten, ſtets auf den Gütern. Mein Gemahl war gegen mich, wie er eben ſein konnte; ſeine Liebe und Zuneigung zu äußern lag wenig in ſeiner Art, wie er überhaupt nichts Lautes und Lebhaftes liebte. Er war auch nachſichtig und ver⸗ gaß meiner Jahre nicht, obgleich ich ihm damals manche Veranlafſung zur Unzufriedenheit gegeben haben mag, — freilich ohne meine Schuld, da er nicht leicht ver⸗ ſuchte, mich über ſeine Anſichten und Wünſche aufzuklä⸗ ren und dennoch von mir Uebereinſtimmung und Erfül⸗ lung erwartete. Trotz meines guten Willens mußte ich da denn häufig zu Verſtößen kommen, die mir um ſo betrübender waren, je nachſichtiger er im Ganzen ſie aufnahm. „Leider blieb es aber nicht ſo. Er wünſchte ſich, zumal er damals die Ausſicht auf die Lingenheimſche Erbſchaft erhielt, glühend einen Erben,— das einzige wirklich ungeſtüme Verlangen, glaub' ich, das ſich jemals in dem abgemeſſenen, kalten Manne geregt, und es ver⸗ ſtimmte ihn täglich mehr, daß ſich dazu keine Ausſicht zeigen wollte. Und zweitens kam während unſeres Auf⸗ enthalts in Dresden plötzlich und ohne daß ich jemals erfahren oder begriffen habe, weshalb, die Eiferſucht über ihn, die fortan in trauriger Weiſe ſeine und meine Tage trübte. Ich brauche es Ihnen wohl nicht erſt zu 104 ſagen, Pfarrer, daß mein Beuehmen ihm keine Veran⸗ laſſung dazu bot. Kein Mann war mir näher getreten, mit keinem lebte ich in einem irgendwie häufigeren Verkehr. Und was ich damals freilich nicht ſo hätte nennen können, weil ich überhaupt noch nichts von mei⸗ nem Herzen wußte— mein Herz hatte ſich noch nie geregt; es ſchlief ſo ruhig und ſtill wie das in der Bruſt eines Kindes. „Das einſame, bewegungsloſe Leben bekam uns nicht. Im zweiten Winter fing ich an zu kränkeln und auch Herrn von Walderns Geſundheit begann zu wan⸗ ken. Ihm fehlte die langjährige Thätigkeit, das Leben in den Kreiſen der Diplomatie; er entbehrte die Mitthei⸗ lungen und die Einſicht in die öffentlichen Verhältniſſe und politiſchen Zuſtände, die er vordem früher als das ganze Publicum erhalten, und die ihm nun nur gleich⸗ zeitig, häufig aber auch ſpäter als allen Uebrigen kamen, da die Zeitungen langſam und unregelmäßig zu uns ge⸗ langten und die alten Collegen, die mit ihm in Verkehr hatten bleiben wollen, denſelben nach und nach enden ließen. Er knüpfte daher wieder Unterhandlungen mit ſeinem alten Hofe an, die ihm zu einer Quelle des Ver⸗ druſſes und der Aufregung wurden. Er wollte nicht be⸗ greifen, daß man ſie nur in einer Art von Gang erhielt, um den alten treuen Diener nicht unheilbar zu verletzen, während man ihn doch längſt hatte entbehren lernen, ja 105 ihn gar nicht mehr verwenden konnte. Denn er hat es ſpäter mehr als einmal ſelber geſagt, daß die neue Diplo⸗ matie ihm ein fremdes Ding geworden. „Die Aerzte, an die Herr von Waldern ſich wandte, empfahlen ihm, für mich wenigſtens, das Seebad in D., das damals in Aufnahme gekommen; und da er erfuhr, daß man dort, in dem kleinen Hafenort, ſehr ſtill und fern von der Geſellſchaft leben könne, ſo ging er auf den Vorſchlag ein. Von Pyrmont, welches man ihm gleich⸗ falls genannt, ſchreckte ihn der Verkehr zurück— ich habe ſeiner unſeligen Leidenſchaft ſchon gedacht— überdies die Unmöglichkeit, dort unter einem fremden Namen aufzutre⸗ ten und die angeknüpften Verhandlungen wegen ſeines Wiedereintritts in den Staatsdienſt zu verheimlichen. Ob das nöthig war, weiß ich nicht; ich habe nie eine Einſicht in dieſe Dinge erlangt. Wir nahmen aber von einen ſeiner Güter den Namen Landow an und er machte es mir und unſerer Begleitung zur ernſten Pflicht, das Geheimniß, in das er uns hüllte, nter keinen Umſtänden zu verletzen. „So gingen wir denn hin, und nach einigen Wochen lernten wir Herrn von Gernau kennen. Mein Gemahl war anfänglich ſehr verdrießlich über ſeine Anweſenheit geworden und hütte bereits von unſerem Fortgunt ge⸗ redet. Da Herr von Gernau jedoch, zufällig mit ihm bekannt geworden, dieſe Bekanntſchaft gar nicht zu einer 106 weiteren Annäherung benützte, ſondern in der begonne⸗ nen Weiſe ſtill und für ſich weiterlebte, und überdies bei gelegentlichen Begegnungen meinem Gemahl auch perſönlich gefiel, ſo faßte er ein immer wachſendes Ver⸗ trauen zu ihm, machte ihn ſelbſt mit mir bekannt, ja nahm ihn in einen Umgang auf, wie er ihn meines Wiſſens niemals mit irgend Jemand ſo intim geführt. Doch davon habe ich nicht weiter zu reden. Sie wiſſen das ja aus dem Tagebuche.“— Erſt nach einer langen Pauſe fuhr die Erzählerin von Neuem fort. „Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Pfarrer, daß mir bisher kein Mann näher getreten, zumal kein jün⸗ gerer; denn die wenigen, die ich in dem Winter bei meiner Tante, und ein Jahr ſpäter in Dresden hatte an mir vorübergehen ſehen, hatten mich eher erſchreckt als angezogen. Herr von Gernau war der erſte, den ich wirklich kennen lernte, und zwar geſchah dies, nach⸗ dem ich bereits ſelbſt auf ſeine anſprechende Erſcheinung, auf ſein Benehmen, ſein ungewöhnlich ſtilles und ein⸗ faches Leben aufmerkſam und durch Herrn von Wal⸗ derns Aeußerungen noch mehr auf ihn hingewieſen wor⸗ den. Und nun verringerte die wirkliche Bekanntſchaft den früheren Eindruck nicht, verſtärkte ihn vielmehr bei meinem Gemahl ſo gut wie bei mir ſelbſt von Tag zu Tag, brachte uns Gernau immer nüäher, ließ uns 107 zu einem täglich herzlicheren Einvernehmen gelangen. Dieſer Umgang war von dem wohlthätigſten Einfluß auf uns. Herr von Waldern wurde duldſamer und hei⸗ terer, ja er wurde liebenswürdig, ſcherzhaft, in ſeiner Weiſe faſt jovial; er umgab mich mit Güte und Auf⸗ merkſamkeit, von dem alten Mißtrauen zeigte ſich wenig oder nichts. Und ich ſelbſt fühlte mich täglich geſunder und kräftiger werden, Jugend und Leben regten ſich heiter in mir, Alles umher nahm für mich eine freund⸗ lichere Färbung an. Es war eine ſo reiche, ſchöne, gute Zeit, dieſe letzte Hälfte des Auguſt. „Verdammen Sie mich nicht, Pfarrer, wenn ich bekenne, daß Bernhards Liebe zu mir, die mir nicht verborgen blieb, mich nicht ängſtigte und erſchreckte, ſon⸗ dern mich mit tiefem, ſeligem Entzücken, mit einem träumeriſchen Glück erfüllte. Sie war ſo männlich ernſt und treu, dieſe Liebe, ſo ganz ſelbſtlos, ſie trat mir mit ſo gar keinem Verlangen nahe, das mich gepeinigt, das mich bloßgeſtellt hätte. Von mir ſelbſt wußte ich in dieſen Tagen gar nichts, ich war glücklich über das Gefühl, das er mir weihte— das war Alles. Und erſt als ich ihn leiden und ſich dennoch beherrſchen ſah, da begann ich zu ahnen, daß auch in mir mehr ſei als die Theilnahme, die herzliche Zuneigung, das Glück über ſeine Verehrung— ich fühlte, daß ich ihn wie⸗ der liebe und daß mein ganzes Daſein in dieſem Ge⸗ 108 fühle aufgehe. Mein Herz war wach geworden, und o Pfarrer, ich fühlte es voll Glück, voll Glut, voll Sehnſucht nach einem Glück, wie ich es nie auf der Erde für möglich gehalten, wie es jetzt vor mir ſo ſtrahlend und doch ewig unerreichbar aufging. „Damals habe ich gerungen mit bitteren Thränen, im heißen Gebet gegen die Leidenſchaft, die ſich in mir erhob und meiner Meiſter zu werden drohte. Ich wußte es, daß es jetzt nicht mehr bleiben werde, wie bisher, daß wir ſo oder ſo einmal zur Verſtändigung kommen müßten, und dann—2 Ich weiß es nicht, wie weit mein Selbſt⸗ und Pflichtgefühl mich aufrecht gehalten hätte, wäre er weniger edel geweſen, als er war, hätte er meine Schwäche benützt und mich fortgeriſſen mit ſeiner und meiner Liebe. Ich wollte nicht unterliegen, ich wollte nicht den Glauben an ihn und mich verlie⸗ ren, und ſo ſtürzte ich mich der Gefahr entgegen, die mir drohte, und redete zu ihm an jenem Sonntage mehr um meinet⸗ als um ſeinetwillen. Wie er es auf⸗ nahm, wie edel der treue Mann mir gegenüber ſtand— Sie haben es ja geleſen, Pfarrer. „Wie Herr von Waldern von unſerer veränderten Geſinnung, von jenem oder einem anderen ähnlichen Ge⸗ ſpräch Kunde erlangt, erfuhr ich niemals. Es war plötzlich Alles wieder da, was ihm und mir in den letzten Jah⸗ ren ſo viele ſchwere Stunden bereitet, und die Güte 8 109 und Liebenswürdigkeit der vergangenen Wochen ſpurlos verſchwunden,— dieſe Güte, die mich ihn freundlicher und dankbarer hatte anſehen laſſen als je und mir den Sieg über mich und mein Herz nicht wenig erleichtert hatte. Nie war er gereizter, nie bitterer und härter geweſen als jetzt, und nachdem dies einige Tage ge⸗ währt, kündigte er mir Mittags an, daß wir Abends reiſen würden. Später hörte ich, daß er an jenem Tage die Nachricht erhielt, daß er der Erbe des Grafen Lingenheim geworden. Von der Zeit an hat er auch nie mehr ſeinen eigenen, eigentlichen Namen geführt, ſondern ſich ſtets Lingenheim genannt. Durch Ihre Mit⸗ theilung von dem Schiffbruch und dem ſich daran knü⸗ pfenden Gerücht, kann ſein Zweck uns kein verborgener ſein. Wir wollten verſchwinden. „Zu jener Ankündigung in Betreff unſerer ſchleu⸗ nigen Abreiſe fügte er ein Wort über Bernhard und mich hinzu, das mich die Abweſenheit des Erſteren und die Unmöglichkeit ihm perſönlich noch zu begegnen ſpäter wie eine Gnade von Gott betrachten ließ. Ich weiß nicht, wozu ich bei einer Begegnung in jenem Moment fortgeriſſen worden wäre. Jenes Wort bewies mir, daß mein Ringen, daß meine Treue in Bezug auf Wal⸗ dern und meine Stellung zu einander ein vergebliches Opfer geweſen und ein vergebliches bleiben würden. Er ſuchte eine Schuld bei uns und wollte ſie finden, ob⸗ 110 gleich Niemand beſſer als er wiſſen konnte, daß ſie, wenn ſie überhaupt da geweſen, nur in unſerem Herzen, nicht einmal in unſeren Gedanken, exiſtirt hatte. Bernhard und ich haben uns nie allein getroffen, niemals, Pfar⸗ rer, und da wir von unſerer Liebe ſprachen, ſagten wir uns zugleich auch, daß die Zukunft nichts für uns habe als Scheiden und Entſagen. „Als ich zur Ruhe und Ueberlegung gelangte, dankte ich die Trennung ohne Abſchied meinem Gemahl— ich wollte nicht unterliegen. Und noch mehr dankte ich ſie ihm, als ich eine Weile ſpäter, da wir über W bereits auf die Güter zurückgekehrt waren, eine Ent⸗ deckung machte, die mich auf der einen Seite faſt ver⸗ nichtete, während ſie auf der anderen doch ein Glück und einen Segen in mein finſteres Daſein brachte, deſſen ich mich gar nicht für würdig gehalten. Meines Ge⸗ mahls Wunſch nach einem Erben ſollte in Erfüllung gehen, und am 26. Mai 1804 wurde mein Alfred geboren. „Als mein Gemahl erfuhr, was uns beſchieden wor⸗ den, da, Pfarrer, ſchlug die ſchwerſte Stunde meines Lebens. Ich kann darüber nicht ſprechen, mein Vater, nicht ein einzig Wort; es iſt zu furchtbar, zu ſchmach⸗ voll— ich darf gar nicht daran denken, wenn ich nicht auch heut' noch alle Faſſung verlieren ſoll. Es war der Wahnſinn, der aus dem Ünſeligen zu mir ſprach, und 111 nur weil ich mich überwand es dafür zu halten, und weil er ſelber mir alsbald in Verzweiflung zuſchwor, daß es nur Wahnſinn geweſen, vermochte ich es über mich, den ſchon angeſpannten Reiſewagen wieder zurückzu⸗ ſchicken und auch ferner bei ihm auszuhalten.— Daß er jenem wahnſinnigen Verdacht ganz entſagt— ich glaube es nicht; Worte aber hat er ihm nie wieder ge⸗ liehen, da er es wußte, daß der erſte Laut darüber uns für immer trennen würde, und er mich bald zu ſeiner Pflege nicht mehr entbehren konnte. Daß ich aber unter die⸗ ſen Umſtänden, nach ſolchen Vorgängen jede Erinnerung, jeden Gedanken an Bernhard nur noch tiefer verſenkte, nur noch ferner von mir hielt— brauche ich Ihnen—“ In dieſem Augenblick wurde die Thür der kleinen grünen Stube ſo plötzlich und mit ſolchem Ungeſtüm auf⸗ geriſſen, daß die Dame mit einem Laut des Schreckens abbrach und Bendler ſich mit einem zornigen„Potz Blitz, was heißt das?“ dem Störer zuwandte. „Verzeihet, Bendler, verzeiht mir!“ ſprach Bern⸗ hard, denn er war's, mit bebender, vor Aufregung kaum verſtändlicher Stimme, und ſeine Augen flogen mit ei⸗ ner Art von irrem Ausdruck durch das Gemach.„Ich muß zu Euch— ich muß— es hängt mein Leben dar⸗ an! Ich ſah eben vor der Thür einen alten Diener — ah!“ Und vorſtürzend, ſtarrte er die Gräfin einen 112 Augenblick wie wahnſinnig an, und ſtürzte in die Knie, ihre Hände ergreifend und vor ſein Geſicht preſſend. „Blanka, Blanka, Du lebſt!“ ſtammelte er. Pfarrer Bendler ſtreckte die Hand ſegnend gegen die Beiden aus und ſtand eine Secunde wie in heißem Gebet, die glänzenden Augen zum Himmel erhoben. Dann verließ er ſchweigend das dämmerige Zimmer.— — Sechstes Capitel. Der Spuk im Waldſchloß. Der Winter war längſt ſchon davongegangen und hatte dem ſchönſten Frühling Platz gemacht. Die ganze Gegend lag in ſeinem Schmucke da; durch die weite Ebene hin grünten Getreidefelder und Wieſen, der Wald auf den Bergen rings bekleidete ſich ſchon mit ſeinem jungen Laube, und in den Gärten des Dorfs ſtanden die Kirſchen, ja hie und da bereits frühe Birnen in voller Blüthe. Und dazu ſangen die Lerchen ſo luſtig in der blauen Höhe, und der Fluß rollte ſo friſch und kräftig ſeine ſchäumenden Wellen aus dem Gebirge zu Thal, daß Niemand, der das Alles ſah und mit Wohlbehagen hinausathmete in die reine Luft, verſtimmt und nieder⸗ gedrückt bleiben konnte, wie er es vielleicht in den letzten ſehr rauhen und widerwärtigen Wochen und bei all den Edmund Hoefer; Tolleneck. II, 8 114 noch ſchlimmeren und widerwärtigeren Ereigniſſen geworden ſein mochte, welche damals die Menſchen mit neuer Sorge und neuem Schreck erfüllten und bei nicht Wenigen den letzten ſchwachen Hoffnungsſchimmer erblaſſen ließen. Denn der neue große Krieg Frankreichs gegen Ruß⸗ land war entſchieden und verhieß Dimenſionen anzuneh⸗ men, wie man ſelbſt in jener krieggewohnten Zeit es nicht für möglich gehalten. Ueberall wurde ausgehoben, exercirt und marſchirt, die Länder wurden entvölkert, um dem Ehrgeiz des franzöſiſchen Imperators zu dienen. Der ganze Rheinbund ſchickte ſeine Contingente mit hinein in die ruſſiſchen Einöden, Oeſterreich ſtellte ein großes Hülfs⸗ corps auf, und ſelbſt Preußen hatte ſich auf's Neue tiefer als je vor dem übermüthigen unbarmherzigen Sieger ge⸗ beugt und ließ ſeine knirſchenden Truppen gegen den alten Alliirten marſchiren. In Preußen und aus Preu⸗ ßen hinaus durch ganz Norddeutſchland war eine Stim⸗ mung ausgebreitet, die nicht dumpfer und ſchwerer, nicht verzweiflungsvoller gedacht werden konnte. Mochten die Sympathien für Rußland im Grunde auch noch ſo gering ſein, man verkannte nicht, daß ſeine Beſiegung den Schluß⸗ ſtein des Elends bilden und die franzöſiſche Herrſchaft mehr als alles Andere, was bisher geſchehen war, befeſti⸗ gen mußte. Und war dieſe Beſiegung zu bezweifeln? — Die daran dachten und daran erinnerten, daß vor hun⸗ dert Jahren jener ſchwediſche Tollkopf, weiland Karl XII., 115 in Rußland erlegen war, deren waren wenige, und ſie fanden noch weniger Anhänger. Denn Kaiſer Na⸗ poleon war freilich ein anderer Mann als jener wilde Schwedenkönig, und die gewaltigen Heereskörper, die der erſtere jetzt vorwärts trieb, waren nicht wohl zu verglei⸗ chen mit den zwar tapferen und abgehärteten, aber zu⸗ ſammengeſchmolzenen nordiſchen Schaaren des Letzteren. Gerhard, der Enkel des alten Barons, war in dieſen Tagen aus Berlin zurückgekehrt, wo er ſich, wie wir er⸗ fuhren, ſeit dem Februar ſchon aufgehalten und ſich ſo in das Leben mit den früheren Cameraden hineingelebt hatte, daß es endlich eines ernſtlichen Befehls vom Groß⸗ vater bedurfte, um ihn nach Tolleneck zurückzubringen. Ba⸗ ron Hartwig war nicht daheim, als er anlangte, und Buch⸗ hagen mäßigte das Donnerwetter, das der alte Herr durch ihn an den Heimkehrenden gelangen laſſen wollte. Allein der Letztere ſprach ſich nun auch rückhaltsloſer aus, als er es dem Großvater gegenüber gewagt haben möchte, und brachte einen Abglanz der knirſchenden Erbitterung, die in den preußiſchen Kreiſen herrſchte, mit in die ſtillen Räume von Tolleneck. Der junge Mann hatte ſich in den Wochen ſeiner Abweſenheit ſehr verändert und war aus dem leichtherzi⸗ gen und ein wenig leichtſinnigen Jüngling, den wir im vori⸗ gen Herbſte kennen lernten, raſch zum vollen, feſten, ern⸗ ſten Mann geworden, dem das Vaterland und ſeine In⸗ 8* 116 tereſſen plötzlich ſo hoch ſtanden, wie irgend einem Anderen und der dem bewährten, gutmüthigen Freunde Buchha⸗ gen gegenüber kein Geheimniß daraus machte, daß er die Befolgung des großväterlichen Befehls jetzt faſt für eine Schwäche, für einen Abfall von der guten Sache anſe⸗ hen müſſe. Er habe ſeinen erſten Entſchluß ausführen und wie Hunderte von Cameraden nach Rußland gehen ſollen. „Nur Eins bitt' ich Dich, Schatz,“ ſagte Buchha⸗ gen kopfſchüttelnd auf dieſe Worte,„laſſe das nicht den Alten hören. Du würdeſt es ernſtlich mit ihm verderben. Und auch ich begreife nicht, wie man— ſag' mir nur, hat Dir Leſthen das gerathen?“ brach er ab. Gerhard zog die Brauen zuſammen— es war faſt überraſchend, wie ernſt und ſtreng, ja wie hart das friſche junge Geſicht dadurch erſchien.„Er geſteht wenigſtens zu, daß es für einen jungen, thatkräftigen, dem Vaterlande treuen Mann nicht wohl eine ſchlimmere qualvollere Si⸗ tuation gebe könne, als die unſere,“ verſetzte er.„Im Uebrigen weißt Du ja, wie er denkt, und ich füge hinzu: ſeine Anſicht kann für uns nicht die endgültige ſein— er nimmt einen anderen Standpunkt ein—“ „Wie wir,“ fiel der Wirthſchafter lächelnd ein. „Wie Ihr und viele, ja,“ entgegnete Gerhard heftig. „Allein was beweiſ't das? Daß Ihr Alten kaltes Blut genug habt, zu warten, zu beobachten, zu überlegen— der 117 Teufel weiß, wozu noch ſonſt!— und daß wir eben anders geartet ſind. Ich verdenk' den Alten ihr Halten und Zögern nicht, aber Ihr könnt auch uns nicht unſer Treiben verdenken. Mir ſcheint das Eine wie das Andere natur⸗ gemäß zu ſein. Wollen's abwarten, weſſen Weg der beſſere und kürzere.“ Durch das rothe, gutmüthige Geſicht des Mecklen⸗ burgers zuckte ein faſt ſchalkhaftes Lächeln.„Wenn Du anfängſt zu philoſophiren,“ ſprach er,„da iſt's mit mir aus, Schatz. Da mußt Du's mit Bernhard ver⸗ ſuchen, der verſteht's, er hat ſich zum mindeſten wieder geſund und munter philoſophirt. Geh' zu ihm— auch ſonſt, lieber Junge, würde Dir das gut ſein.“ „Um mir von ihm Rath und Entſcheidung zu holen?“ Gerhard lachte.„Ich weiß nicht, wie Du mir vorkommſt, Fritz! Wenn der Onkel unſer Rathgeber und Führer ſein ſoll, dann—“ „Sachte, ſachte!“ unterbrach ihn Buchhagen wie⸗ der ernſter.„So junges Volk, wie Du, iſt verflucht ſchnell mit ſeinem Urtheil fertig.“. „Aber Onkel Bernhard? Nun mich dünkt—“ „„Sieh ihn erſt, dann laß Dich immerhin weiter bedünken. Wie's gekommen iſt, daß er ſich aufgerap⸗ pelt, weiß ich nicht, aber daß es endlich geſchehen, wun⸗ dert mich gar nicht. Contrair, ich hab' es juſt ſo er⸗ wartet. Und Eines will ich Dir ſagen, mein Junge,“ 118 fügte Buchhagen entſchieden hinzu,—„wenn der Bernhard einmal aufgewacht iſt und das Leben anfaßt, dann thut er's auch recht. Glaube mir, es iſt Kern in dem Stamm, mein Junge.“ „Da bin ich doch neugierig,“ meinte Gerhard ge⸗ dankenvoll.„Was hat denn hier bei Euch in den acht Wochen für Luft geweht, daß ſich ſolche Wunder bege⸗ ben konnten?“ „Wunder? Na, wenn das was Schönes bedeuten ſoll— bei dem in Wintersbach trifft das freilich zu, allein bei der Hilda weniger.'s könnte mich ganz melan⸗ choliſch machen, wenn ich unſern luſtigen wilden Vogel ſich ſo geſetzt bewegen ſehe, als hätt' er Jahr und Tag ſchon im Bauer geſteckt!“ ſagte Buchhagen gedämpft und ſchüttelte den Kopf, indem er Hildegard entgegen⸗ blickte, die eben aus der Schloßthür getreten war, und die Hand über die Augen haltend in die Gegend hinaus⸗ ſchaute.„Apropos,“ redete er noch leiſer weiter,„s iſt doch ſeltſam, Gerhard, daß Du noch keine Silbe von Deinem alten Cameraden, dem Herrn von Platen geſagt. Ich—“ „Still, kein Wort von ihm jetzt— ſie kommt her,“ fiel er raſch und gleichfalls leiſe redend ein.„Nur das Eine, Fritz— es verſteht ihn keiner von uns. Und wenn wir auch Alle lieber an uns ſelbſt als an ihm zweifeln möchten, ſo— auf ein ander Mal, Fritz! 119 Wenn dieſen verwünſchten Laffen dort nur der Teufel hundert Klafter tief in den Erdboden hinabholen wollte!“ „Na, das iſt'n biſſel weit,“ ſagte Fritz Buchha⸗ gen mit einem launigen Lächeln;„aber gegen ſo ein halb Dutzend hätt' auch ich nichts. Schaden thät's ihm und uns keinenfalls.“ „Und kann ſie wirklich Geſchmack an ihm finden?“ fragte Gerhard mit einer Art von Grimm. „Ja lieber Junge, da fragſt Du mich zu viel,“ meinte der Wirthſchafter achſelzuckend.„Was Herz und Kopf der Frauenzimmer angeht, ſo ſind die mir unbe⸗ kannter als die Länder im Monde. Das junge Mädchen, das wir vor einigen Augen⸗ blicken aus dem Schloſſe treten ſahen, war inzwiſchen wirklich über den Hof, auf dem die Beiden in ihrer Unterhaltung hin und her gingen, herangekommen, und zwar in der Begleitung Hippolyts, der einige Secunden nach ihr aus der Thür getreten war und ſich plaudernd neben ihr gehalten hatte. Sie gab anſcheinend nicht viel Acht auf ſeine Unterhaltung, ohne ſie jedoch auch, wie ſie vordem es meiſtens und bald gethan, zu fliehen. Sie gab ſogar von Zeit zu Zeit ein Wort dazu und ein paarmal zuckte etwas wie ein kleines Lächeln über ihr Geſicht, ſie wandte dasſelbe in einer an ihre frü⸗ here Lebhaftigkeit erinnernden Weiſe ihm zu— jedoch 120 nur, um es alsbald wieder zu ſenken oder gleichgültig ab⸗ zuwenden. Man ſah es wohl, auch Hildegard hatte ſich in⸗ zwiſchen ſehr verändert und nicht allein, wie wir ſchon im Wintersbach hörten, in ihrem Weſen, ſondern auch, wie wir jetzt bei ihrem Herankommen erkennen, auch in ihrer Erſcheinung. Sie ſchien in den Monaten noch gewachſen zu ſein und war erſichtlich— was man im Volksmund ſo bezeichnend zu nennen weiß: ſchmaler— geworden. Ihre Geſtalt war weniger voll, ihre Wan⸗ gen nicht mehr ſo feſt und roſig. Aber auch die Augen blickten nicht mehr ſo ſeelenvergnügt um ſich, ſo unbe⸗ kümmert friſch und fröhlich ins Leben hinein. Es war etwas Unſtätes hineingekommen oder vielleicht auch etwas Zerſtreutes; und wie ſie ging und ſich bewegte, das war nicht mehr das Kecke und Elaſtiſche des jungen heiteren und geſunden Kindes, der echten und gerechten „Tollen von Aare,“ ſondern, um es mit einem Wort zu ſagen: damenhaft, ſo, wie man es in der Geſell⸗ ſchaft ungefähr an jedem wohlerzogenem jungen Mäd⸗ chen wahrnehmen kann. Man durfte es den Ihren, die ſie als die„Tolle“ ins Herz geſchloſſen, nicht verden⸗ ken, wenn ſie nun mit einer Art von Sorge, ja faſt Betrübniß auf ſie ſchauten. Die Dame war ihnen fremd, und was noch ſchlimmer, ſie ſchien auch dem Maͤdchen ſelber fremd zu ſein. Hildegard bewegte ſich 4 121 in ihrer neuer Weiſe keineswegs ſo, als ob ſie ſich darin heimiſch und wohl fühle, denn das Warme, Herz⸗ liche und Theilnehmende, was ihr vor Vielen zu eigen geweſen, ſchien bis auf die letzte Spur verſchwunden. Auch jetzt, da ſie nun vollends herantrat, Gerhard die gleichfalls zarter und weißer gewordene Hand bot, ihn anlächelte, dann Buchhagen ebenſo und mit einem herzlichen„Grüß Gott, Alterchen!“ begrüßte,— wie war das doch ſo ganz anders, als man's früher von ihr gewohnt geweſen! Und dazu ſagte ſie nun noch: „Ihr geht hier auch ſo überflüſſig umher— weiß Gott, die Tage gehen gar nicht mehr herum und ſind un⸗ menſchlich lang!“— „Ich habe die Couſine bereden wollen, noch ein wenig auszureiten,“ bemerkte Hippolyt in einem lebhaf⸗ teren Tone, als wir früher von ihm vernommen.„Sie Beide ſollten mir helfen, ſie zu überreden—“ „Und ich mag nicht,“ fiel ſie faſt ein wenig un⸗ geduldig ein.„Lieber Gott, ich kenne Alles umher aus⸗ wendig, und habe mir eben noch eine ganze Stunde lang vom Thurm aus mit Fernrohr und bloßen Augen die Gegend angeſehen. Der Wald wird grün, das Getreide ſteht gut, die Wieſen ſind üppig, der Fluß ſtrömt und rauſcht— Alles wie immer. Paſſirt denn gar nichts Neues? Weißt auch Du nichts, Fritz? Du biſt doch heut' Morgen in der Stadt geweſen.“ 8 122 Gerhard wandte ſich verſtimmt und finſter ab, der Gegend zu, die Hildegard geſchildert und die trotzdem doch in ihrer Frühlingsfriſche ſo unvergänglich ſchön ſich vor einem freundlichen Auge aufthat. Auch Buchhagen ſchien durch ihre Worte nicht we⸗ nig betroffen zu ſein, ſein Blick haftete eine Seeunde lang noch auf dem jungen Mädchen mit unverhehlter Theilnahme, dann aber nahm er ſich ſchon wieder zu⸗ ſammen und verſetzte in ſeiner gewöhnlichen, gutmüthig ſcherzhaften Weiſe:„Na, Hildchen, Sie ſollten einmal mit mir hineinreiten und ſich ſelbſt die Gelegenheit dort anſehen— früher haben Sie's doch gethan! Aber— guck einmal, was mir einfällt!“ brach er ab.„Ich weiß ja etwas Funkelnagelneues. Auf dem Rückweg war ich einen Augenblick beim Hofer in Herzheim und der hat's mir erzählt— nun ſpukt es wirklich im Wald⸗ ſchloß— ihr kennt ja das alte Neſt dort hinter Herz⸗ heim im Buſch, an der Wintersbacher Scheide, wo ſeit des alten Oberjägermeiſters Zeiten ſich nur noch Spin⸗ nen und Geiſter umgetrieben. Da iſt's, und nun ſoll es wirklich dort nicht richtig ſein.“ Hildegard ſchaute den Erzähler prüfend an, als ob ſie ſich vergewiſſern wollte, daß er im Ernſt ſpräche. Und da er dieſen Blick, ohne eine Miene zu verziehen, aushielt, fragte ſie neugierig:„Nun, Fritz? Was iſt's denn?“ 123 „Wer wird ſo fragen, Kindchen, wo von einem rechten Spuk die Rede“, ſagte er launig.„Es ſpukt eben! Da ſind helle Fenſter, kurioſe Geräuſche, vorbei⸗ ſtreifende Geſtalten; Beine ohne Körper umherſpazierend; Kerle, die ihren Kopf bequem unter dem Kopf tragen; Augen, die uns mitten aus dem Dunkel heraus an⸗ gucken, ohne daß man das Geſicht ſieht, zu dem ſie ge⸗ hören—“ Gerhard ſchüttelte unmuthig den Kopf.„Fritz, Fritz,“ meinte er,„Deine Phantaſie geht durch! Was ſollen die Fratzen?“ „Aber im Ernſt, Fritz, was iſt's?“ fragte Hilde⸗ gard.„Auch ich möchte doch gern wiſſen, was es gibt. Du weißt, ich liebe ſolche Geſchichten.“ „Na ja,“ verſetzte Buchhagen ſchmunzelnd,„und die alte Anne Margarethe hat ſeit Jahren nichts Neues mehr gewußt, denn wir hier in Tolleneck erleben der⸗ gleichen ja gar nicht!— Alſo was? Je nun, es ſcheint wirklich in dem alten Neſt etwas vorzugehen, ſei es von Geiſtern, ſei es von Menſchen. Es ſind helle Fenſter da und mam hat Schatten an ihnen vorübergleiten ſehen. Man hat ſogar in der Dämmerung einen Herrn und eine Dame in einer Tracht, wie unſere Großväter ſie trugen, durch den Wald promeniren ſehen—“ „Und man hat ihnen nicht nachgeforſcht? Es iſt eine 124 Hyneck'ſche Beſitzung?“ fragte hier plötzlich Hippolyt mit einem an ihm ungewöhnlichen Intereſſe. „Nachforſchen? Wo denken der Herr Baron hin!“ entgegnete Buchhagen mit einer Höflichkeit, die bei ſeiner ſonſtigen Weiſe faſt verletzend erſcheinen konnte, wäre Hip⸗ polyt der Mann geweſen, auf dergleichen zu achten.„Nach⸗ forſchen! Sie biſſen ſich lieber alle zehn Finger ſtückweiſe ab, als daß ſie ſich in die Geiſterregion hinein getrauten! Der Herr Baron kennen die Leute hier nicht.“ „Auch der Herr— Hofer iſt ſo abergläubiſch?“ meinte Hippolyt bedenklich. „Hofer?“ erwiederte der Wirthſchafter kopfſchüttelnd, „na, der erſt recht! Der ginge mit keinem Schritt weiter als bis an die Liſiere des Buſches dort. Da ich von mei⸗ ner Luſt ſprach, dem Dinge ein wenig nachzuforſchen, hat er mich von Himmel zu Erde gebeten, mich nicht ſo ſünd⸗ haft in Gefahr zu begeben.“ Es entſtand eine kleine Pauſe in der Unterhaltung, und nach einer Weile ſagte Hildegard:„Du wirſt lang⸗ weilig, Fritz— Du auch! Zuerſt machſt Du uns neugie⸗ rig und hernach haſt Du nichts, was dieſe Neugierde recht⸗ fertigt.— Ich glaube, ich reite doch noch ein wenig aus! Ich will hinein mich umzukleiden. Wer mit will, halte ſich parat.“ Und ſich umdrehend, ging ſie langſam dem Hauſe zu, den Kopf auf die Bruſt geſenkt. Hippolyt folgte ihr nach einigen Secunden, indem er etwas von Handſchuhen 125 und Gerte murmelte, die er holen wolle. Er ſchien, und auch das war etwas Ungewöhnliches, nachdenklich zu ſein. Die beiden Zurückbleibenden gingen eine Weile ſchwei⸗ gend auf und ab. „Nun Fritz, ſagſt Du auch mir gar nicht, was das Alles eigentlich heißen ſoll?“ meinte Gerhard endlich. „Was?“ fragte Herr Buchhagen anſcheinend erſtaunt. „Verſtelle Dich nicht, alter Fuchs,“ ſprach der junge Mann ein wenig ungeduldig.„Du hältſt mich hoffentlich nicht für dumm genug, um zu glauben, daß Du dieſe al⸗ berne Waldſchloßgeſchichte bloß der Unterhaltung wegen vorgebracht und nachher mitten darin ſtecken geblieben—“ Buchhagen pfiff leiſe vor ſich hin und ſchüttelte lä⸗ chelnd den Kopf.„Herr Gerhard, Herr Gerhard,“ ſagte er,„ich muß Dich nächſtens wohl„Sie“ anreden, Du wirſt mir zu klug! Was Du da nicht Alles aus Hofers armer kleiner Geſchichte heraushören willſt!“ „Du willſt mir doch nicht einbilden, daß Du ſie nur zur Unterhaltung vorgebracht, wiederhole ich.“ „Nun, und wenn ich das wirklich nicht gethan hätte?“ Buchhagens kleine blaue Augen hafteten mit einem eigen⸗ thümlich pfiffigen Ausdruck auf Gerhards Zügen.„Was denkſt Du etwa davon, wenn man fragen darf?“ „Daß dort ſehr lebendige Menſchen hauſen, Fritz, und daß Hofer Dir ſicherlich mehr geſagt— „Nichts da! Keine Silbe weiter!“ 126 „Nun gut— Du alter Fuchs haſt das Ding aber ſicher zur Sprache gebracht, um einen andern Fuchs zu fangen!“ „Sieh, ſieh!“ ſagte der Wirthſchafter grinſend,„haſt Du's wirklich gemerkt? Na, ich will nur wünſchen, daß er etwas weniger ſchlau geweſen!— Und alſo, um Dir reinen Wein einzuſchenken,“ fuhr er ernſter fort,„da der Hofer mit der Geſchichte herauskam, war ich gleich au fait. Es war fadengerade, daß er rechnete: hören thut der Fritz Buchhagen von dem Dinge doch und möchte ſich dann Ge⸗ danken machen, kriegt mich in die Mache und preßt her⸗ aus, was ich nicht ſagen darf. Da will ich lieber vorbeu⸗ gen und ihm ſelbſt von dem Gerüchte ſagen, ſo läßt er mich in Frieden, denn er weiß dann ſchon Beſcheid. Schau an, Gerhard, ich kenne meine Leute, der Hofer iſt ein guter Kerl und perfecter Landwirth, aber das Pulver hat er nicht erfunden, obgleich er ſich's einbildet.“ Gerhards Geſicht war unter dieſer Rede düſter ge⸗ worden.„Du glaubſt alſo— ²“ fragte er zögernd nach einer kleinen Pauſe. „Daß Arthur dort einmal wieder Haus hält, wie er's ſchon zu anderen Zeiten gethan hat, wo es dort in dem Neſt gar zu ſichtbar ſpukte. Wir Alten kennen das ſchon. Und zwar hält er vielleicht Haus mit— Jemand, der— die uns Allen bekannt genug iſt und obendrein die Gelegenheit auch ſchon kennt. Und da ich nun cal⸗ 127 culirte, daß der Herr Bruder entweder von der Sache wiſſe oder doch ein Intereſſe habe davon zu erfahren, ſo — und ſo weiter.“ Gerhard ſchüttelte finſter den Kopf und ſchaute im Auf⸗ und Abgehen vor ſich hin, als denke er über etwas ernſtlich nach. Und mit einemmal zuckte es wie ein heißer, wilder Groll durch das jugendfriſche Geſicht, die Lippen preßten ſich zuſammen und die Fauſt balltte ſich, ſo daß Buchhagen ganz überraſcht ſtehen blieb und lebhaft fragte: „Aber Menſchenkind, was kommt Dich an?“ Und da blieb auch Gerhard ſtehen, trat hart an dem Alten hinan, packte ſeinen Arm und ſprach mit leiſer rauher Stimme:„Hör' Fritz, mir kommt da ein Gedanke, der irgend Jemand den Hals koſten könnte! Daß es Lucie ſein dürfte— darüber ſind wir Beide wohl einig. Sie war obendrein vor vierzehn Tagen plötzlich aus Ber⸗ lin verſchwunden, wie ich hörte. Wenn es nun aber nicht Arthur Hyneck wäre— 24— Der Wirthſchafter riß die Augen weit auf.„Ah bah, ah bah!“ ſagte er,„wer denn ſonſt? Wir wiſſen doch, daß ſie Jagd auf ihn machte und ihn mit Teufelsgewalt herumbringen wollte. Wir wiſſen ſogar, weshalb und wozu, und endlich kann man ſich ungefähr vorſtellen, daß die feine Hexe nirgends ſchneller und beſſer zu ihrem Ziele gelangen möchte als in ſolcher ſchäferlichen Einſamkeit!“ Einen Augenblick ſchwieg Gerhard, die finſteren Au⸗ 128 gen feſt auf den Anderen geheftet. Dann ſprach er im früheren Tone, nur faſt noch leiſer:„was meinſt Du dazu, Fritz, daß Arthur längſt abgethan— man redete in Berlin wenigſtens ſeltſam genug über ſeinen Fürſten— und daß man nun einen Anderen umſtrickte?“ „Und dieſer Andere?“ „Bei Deinem Leben, Fritz, kein Wort davon! Siehſt Du, Hugo war mit ihr in einem auffälligen Verkehr, man hat ihn zu wunderbaren Stunden bei ihr aus⸗ und eingehen ſehen. Man weiß, daß er mit Arthur Hyneck zuſammen⸗ ſteckte. Er hat ſich weder an die Verwunderung der Sei⸗ nen, ſeiner Cameraden, noch an das offen ausgeſprochene Mißfallen ſeiner Vorgeſetzten gekehrt. Er iſt mir ausge⸗ wichen, körperlich und geiſtig, Fritz, mit der ſchalen Ent⸗ ſchuldigung:„Geduld! Es iſt noch nicht reif!“— Ich habe bisher nichts davon erwähnt— ich habe überhaupt nicht von ihm ſprechen mögen. Es war mir zu ſchmerzlich, zu widerlich, ich glaubte auch noch nicht daran. Nun aber— er iſt gleich nach ihr verſchwunden aus Berlin, mit Urlaub, heißt es allerdings,— aber wohin, wozu, hörte Niemand. Und Hyneck war bei meiner Abreiſe noch da. Nun, Fritz?, „Das glaub' ich nicht,“ ſagte Buchhagen nach einem langen Schweigen mit Entſchiedenheit.„Es iſt nicht wahr, ſage ich Dir; Verleumdung iſt's, ich ſchwöre darauf. Was es mit der Kleinen iſt, weiß ich nicht, geht mich auch nichts 129 an; im Uebrigen aber— iſt der ein Abtrünniger, ſo biſt Du, ſo bin ich auch einer. So glaube ich an ihn und habe ihn wenig genug geſehen. Aber da iſt zu helfen, man wird das erfahren können. Genug jetzt und bei Allem, was Dir heilig, Knabe— richte in der da durch eine voreilige Andeutung kein Unheil an!“ Hildegard war eben im Reitkleide herausgekommen, wieder von Hippolyt begleitet. Ein Reitknecht führte ihre Pferde herbei. Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 9 Siebentes Capitel. Die Elauſur einer Weltdame. Das kleine Wald⸗ oder Jagdſchloß, das eine Strecke hinter Herzheim im tiefen Walde lag und zu Zeiten des „alten Oberjägermeiſters“ ſeine glänzenden Tage gehabt, war ſeitdem nie eigentlich wieder benützt worden und würde in Vergeſſenheit gerathen oder verfallen ſein, hätte ſein Beſitzer nicht ein Intereſſe an ſeiner Erhaltung und das Volk der Umgegend eine beſondere Veranlaſſung zur Auf⸗ merkſamkeit auf dasſelbe gehabt. Wie Herr von Hyneck auch ſein und was man von ihm denken mochte, daß er immer ein warmes und leicht entzündliches Herz gehabt und es deutſch herauszuſagen— vor lauter kleinen pikanten Liebesaffairen niemals zu einer großen Leidenſchaft gekommen war, ahnte von denjenigen, die ihm nahe ſtanden, Jedermann. Er hatte wild und als 131 großer Herr gele t, zumal früher, als er bei dem Fürſten noch keine andere Stellung als die eines guten Freundes und Cameraden eingenommen, und es war damals ſelten ein Jahr vergangen, in dem er nicht einmal in kleinſter Geſellſchaft einige Wochen auf dem Waldſchloſſe verlebt haben ſollte. Von etwas Weiterem war freilich keine Nede geweſen, da Herr von Hyneck doch auf der einen Seite die veränderten Sitten und Anſichten berückſichtigte und auf der anderer Seite ſich aus mehr als einem Grunde bei den Aare's nicht vollſtändig in Mißeredit zu ſetzen wünſchte. Daß ſie es trotzdem wußten, war eine Sache für ſich. Was ihm das Verbergen ſeines Treibens erleichterte, war nicht nur die Abgelegenheit und Einſamkeit des Schlößchens, ſondern auch und mehr noch der wirklich ſchlechte Ruf, deſſen dasſelbe weit und breit genoß. Das Volk dieſer Gegenden iſt auch heutigen Tags neben aller Tüchtigkeit und Straffheit dem Aberglauben unterthan, und war es zur Zeit unſerer Erzählung begreiflicherweiſe noch in viel höherem Maße. Das Jagdſchloß hatte über⸗ dies eine böſe Vergangenheit, es waren dort Dinge vorge⸗ gangen, die dem Glauben des Volks nach nicht ungerächt bleiben können— das heißt vor dem himmliſchen Richter. Dem irdiſchen hatten ſich die Thaten und ihre Thäter, wie das damals bei dem Rang und Stand, den die letzte⸗ ren einnahmen, häufig vorkant, ſtets zu entziehen gewußt. 9 13² — Und es trug nicht wenig zu dem ſchlechten Ruf des alten Gebäudes bei, daß diejenigen, welche hin und wieder das⸗ ſelbe beſuchen mußten, Diener und Arbeiter, ſteif und feſt an den Spuk glaubten, der dort zu finden, und daß endlich ſelbſt der„alte Oberjägermeiſter“ kopfſchüttelnd zugeſtan⸗ den, es paſſirten dort Dinge, die über das menſchliche Begreifen hinausgingen. Beiläufig geſagt, hatte der Letz⸗ tere ſich aber mit den etwaigen Geſpenſtern perſönlich gut geſtanden und war nie von ihnen chicanirt worden. So kam es denn, daß man in der Umgegend das kleine alte Schloß, mit ſeiner Umgebung, den ſteifen, dun⸗ kelen Hecken und Berceau⸗Reſten einer Gartenanlage im alt⸗franzöſiſchen Styl— und dem unmittelbar ſich daranſchließenden, hier gerade ſehr dunklen hohen Walde, als eine Stelle betrachtete, von der man ſich ſo weit wie möglich entfernt zu halten hätte. Es führte freilich auch nur ein einziger Weg in der Nähe vorüber, von dem aus man die Vorderfront zum Theil überblicken und in die Gartenanlagen hineinſchauen konnte. Allein ſelbſt dieſer wurde wenig und nicht gern betreten, zumal es feſt ſtand, daß einſame Wanderer zuweilen Abends oder Nachts auf ihm allerhand Neckereien und Schrecken ausgeſetzt geweſen, die Niemand zum zweitenmal erfahren mag.— An demſelben Tage und um die gleiche Stunde etwa, da auf Tolleneck Gerhard und Buchhagen ihre traurigen Erörterungen bei Hildegards Rückkehr abbra⸗ 133 chen und die Letztere ſich mit dem Bruder und Hippolyt zu Pferde ſetzte, finden wir in einen kleinen Thurmcabinet des Waldſchloſſes die Beiden bei einander, die der pfif⸗ fige Wirthſchafter dort vermuthet hatte— Arthur Hyneck und Lucie. Es war ein reizendes und üppig eingerichtetes kleines Gemach, um ſo lauſchiger und heimlicher, da das ein⸗ zige, nicht große Bogenfenſter draußen vom emporklet⸗ ternden Epheu faſt ganz überſponnen war und nur durch deſſen blätterreiche Ranken den Strahlen der Früh⸗ lingsſonne zugänglich wurde, welche nun den kleinen Raum mit einem gebrochenen, magiſchen, ſpielenden Lichte er⸗ füllten. Die Einrichtung war nicht neu, aber wohler⸗ halten und wie ſchon geſagt, reich, ja üppig,— ver⸗ goldete, ſchnörkelhafte und überaus bequeme Rococo⸗Möbel, prachtvolle ſchwere Seidenſtoffe, Spiegel, die der gan⸗ zen kleinen Raum wiederholten, ein weicher bunter Teppich drunten, und ein Deckengemälde oben, deſſen Stoff und Ausführung für ein hier weilendes einſames Paar nicht zu frei erſcheinen mochte. Es war Alles harmoniſch. Eine nicht große Thür öffnete ſich in einen kleinen Saal, wo man jetzt noch die reichbeſetzte Tafel ſah, die das Paar erſt vor kurzem verlaſſen hatte. Man konnte in dieſem Saale zweierlei bemerken, was auf⸗ fallen mußte— erſtens wurde die Tafel durch einen in der gegenüber befindlichen Wand angebrachten Dreh⸗ tiſch bedient, wie man ihn noch heutzutage zuweilen in alten Schlöſſern und in Klöſtern finden kann und wie er jede Bedienung durch Menſchen im Gemache unnö⸗ thig macht; und zweitens war die Täfelung des Saals um die Thür zum Thurmzimmer ſo ſeltſam ausgezackt, daß man vorausſetzen durfte, die Oeffnung und das Emach dahinter würden, einmal geſchloſſen, von einem Uneingeweihten kaum geahnt und noch weniger entdeckt werden.. Das Licht im Saale war durch ſchwere ſeidene Vorhänge, welche die Sonne zu durchdringen hatte, zu einem roſigen Dämmer gedämpft, in welchen der Blick vom Cabinet aus eigenthümlich genug war. Beide Räume aber zeigten ſich von einem leiſem Dufte erfüllt, der zum Theil der auf der Tafel befindlichen Orangenpy⸗ ramide, theils aber auch einer kleinen Gruppe von blü⸗ henden Treibhauspflanzen entſtrömen mochte, welche ſich in der einer Saalecke erhob. Träumeriſch und berau⸗ ſchend— das war der Eindruck dieſer beiden Ge⸗ mächer.— Und träumeriſch und berauſcht erſchien jetzt auch er, der dort im Cabinet auf dem niedrigen Kiſſen neben dem Diwan ſaß, auf welchem Lucie graziös hingegoſſen ruhte und ſich der ſüßen Abſpannung überließ, die uns nach einem ſolchen üppigen Diner ſo wohlig zu beſchlei⸗ chen pflegt. Er latte den Ellenbogen leicht auf das 13⁵ Polſter gelegt und Hand und Haupt gegen ihr Knie gelehnt. Die dunklen Augen hingen voll heißen Träu⸗ mens, hätte man ſagen mögen, an ihren feinen Zügen. Von ihr antwortete ihm ein halb lächeinder, halb ſchmachtender, halb weicher, halb herausfordernder, üppi⸗ ger Blick; ſie hatte die kleine Hand auf ſein Haupt gelegt und die Finger ſpielten leiſe mit dem ſchwarzen Haar. Und ſie trug wieder ein Gewand, wie jencs, das wir einmal in einer Abendſtunde ſie umhüllen ſahen, von der orientaliſchen Mouſſeline, weich und duftig wie eine Wolke um die ſchlanken, feinen Glieder ſich ſchmie⸗ gend, locker und bequem, elegant und verführeriſch. Und ihre ganze Erſcheinung war zugleich ſo anmuthig und ſo verlockend, daß auch ein ſtärkerer Kopf und ein kälte⸗ res Herz als Arthur Hyneck ſie beſaß, voll Entzücken ſich dem Zauber dieſes Beieinanderſeins hingegeben haben würden. Ein ſchmachtendes Lächeln ſtieg aus den glänzend blauen Augen der ſchönen Frau. Sie führte die Finger⸗ ſpitze zu den Lippen, küßte ſie und drückte ſie dann leiſe auf Arthurs Auge. Er hielt die Hand feſt und drückte einen glühenden Kuß darauf.„Sie ſind anbetungswür⸗ dig, Lucie, feenhaft!“ murmelte er. Ihr Lächeln wurde ſchalkhaft, da ſie entgegnete: „Davon merke ich leider nichts. Vielmehr erſcheine ich mir wie eine recht arme und ſchwache Sterbliche,— 136 oder nicht einmal wie eine ſolche,“ fügte ſie munter hinzu,„ſondern nur wie eine Art Geſpenſt. Denke nur, wir ſind nun bald acht volle Tage hier, Arthur!“ Er hatte ſich ein wenig aufgerichtet und hielt ihre Finger mit ſeinen beiden Händen umſchloſſen.„Und doch, Lucie, doch haſt Du ſelbſt dieſe Einſamkeit, gerade dies alte Haus gewählt,“ ſprach er auf ihre Bemerkung in einer Art von traurigem Ton.„Ich habe Dir Alles vor⸗ geſtellt, erinnere Dich nur! Der Aufenthalt iſt auf ein paar ausgelaſſene Tage oder Wochen ſogar ganz erträg⸗ lich, wenn man nichts ſucht als das Geheimniß und lu⸗ ſtige, gedankenloſe Stunden des Koſens, des Uebermuths. Und auch zu einem Rendezvous, wie im vergangenen Herbſt, iſt der Platz paſſend und anmuthig, wie kein an⸗ derer. Allein für Dich, Lucie, für die verwöhnte Dame, für die Frau der großen Welt—“ Sie beugte ſich vor und ſah ihn zärtlich an.„Er⸗ ſcheine ich Ihnen ſo, Arthur?“ „Ah Lucie, Sie ſind das holdſeligſte, entzückendſte und berauſchendſte Weib der Welt und ich bin der glück⸗ lichſte Mann durch Sie!— Allein leugne es, wenn Du kannſt— was Du durch Rang und Erziehung, durch Deine Schönheit und Deinen Geiſt in Welt und Geſellſchaft biſt, das ſtreifſt Du nicht ab, läſſeſt es nicht zurück,— es bleibt Dein und beherrſcht Dich, wohin Du Dich wendeſt, bis in meine Arme! Du haſt Gewohnheiten, Du machſt An⸗ 137 ſprüche, die Du haben, machen mußt, die mich entzücken und Deine Liebe mir noch berauſchender erſcheinen laſſen! Weshalb wollteſt Du mir nicht folgen, da ich Dir einen Ausflug in ein Bad, eine große Stadt, eine einſame Ge⸗ gend vorſchlug! Wer hätte uns dort gekannt, beachtet, während hier—“ „Nun— hier?“ ſagte ſie, ſich noch weiter gegen ihn neigend und mit noch tieferem, lächelndem Blick. „Hier, meine Seele, hier fehlt es Dir nicht nur an der Bequemlichkeit und Behaglichkeit, an der Anmuth und dem Schmuck des täglichen Lebens—“ „Ah, es iſt entzückend hier!“ „Du biſt eben engelhaft gut! Aber ich fühle wohl, was und wo es fehlt, nnd bin unglücklich genug, es Dir nicht bieten zu können. Es fehlt die Abwechſelung, die Un⸗ terhaltung—“ „Habe ich nicht Dich? Begehrte ich wo anders mehr?“ „Lucie, Lucie, Dein Zauber ſoll mich nicht umſtricken, nicht verblenden!“ murmelte er, ihre Finger an die Lip⸗ pen, an ſein Herz drückend, und nach einer Pauſe des ſtum⸗ men, leidenſchaftlichen Anſchauens, fuhr er ruhiger fort: „Ich muß meinen Kopf oben behalten; ich darf nicht allein an unſere Liebe denken! Ich hab' es Ihnen ſchon im Herbſt geſagt und auch nun wieder, als Sie Ihren Wunſch aus⸗ ſprachen, hieher zu gehen— Sie ſind hier nicht ſicher vor Beobachtung, vor Entdeckung vielleicht, oder Sie müſſen 138 ſich einem Zwange unterwerfen, den ich tief für Sie em⸗ pfinde. Ich kann das Geheimniß nicht völlig bewahren. Denken Sie an die Bedienung, deren wir nicht entbehren können, und deren Vorſicht nur eine befohlene iſt! Ich muß meinen Verwalter in Herzheim von meinem Hierſein unterrichten. Ich muß— ich weiß ſelber nicht, was Alles. Und wenn Alles gut geht— daß das Haus bewohnt, läßt ſich doch nicht verbergen. Gerade der alberne Ruf, in dem es ſteht, lenkt die Aufmerkſamkeit hieher und täuſcht über⸗ ddies mehr als Einen in der Gegend nicht. Ich war zu Zei⸗ ten luſtiger und ſorgloſer als jetzt,“ fügte er mit einem me⸗ lancholiſchen Lächeln hinzu und ſchloß dann:„Sehen Sie, das Alles hätten wir überall anderwärts vermieden; überall anderwärts hätte nicht die Vorſicht, ſondern unſere Liebe, unſer Glück die erſte Stelle in unſerem Leben einge⸗ nommen!“ „Undankbarer!“ flüſterte ſie mit ſchmachtendem Lä⸗ cheln.„Unerſättlicher!“ „Ach, Gott weiß, daß ich nicht undankbar, daß mein Herz ſchwer iſt von Glück!“ verſetzte er von Neuem lei⸗ denſchaftlich.„Von mir iſt keine Rede, ſondern nur von dem Zwang, dem Sie hier—“ „Und ich denke nicht an dieſen Zwang, nicht an all' die Kleinigkeiten, die Sie herrechnen,“ fiel ſie lebhaft ein. „In einer großen Stadt, einem Bade, auf einer Reiſe — ah bah, Arthur, Sie könnten ſo gut wie ich wiſſen, daß 139 man uns Beide in weiten Kreiſen kennt, daß Sie nirgends ein Erkennen, ein unbehagliches Begegnen vermeiden kön⸗ nen, nirgends das Aufſehen, daß unſer Zuſammenſein ge⸗ genwärtig erregen müßte. Eure ſogenannten Patrioten ſind ja toll. Sie ſpüren und wittern und hetzen!— Und eine einſame Gegend? Nun alſo— hier!— Und wür⸗ den wir wirklich entdeckt— nun mein Gott— ich denke, mit dieſen Bekannten umher, mit dieſen halb eingebildeten, halb gutmüthigen Bauern, wäre am erſten fertig zu werden!“ Er ſchüttelte finſter blickend den Kopf.„Taxiren Sie ſie nicht gar zu gering, Lucie! Es ſteckt mehr hinter dieſen Menſchen, als Sie denken.“ Es zuckte aus ihrem Auge ein glänzender, kluger Blick.„Ah bah,“ ſagte ſie,„ich meſſe ſie, wie ſie es ver⸗ dienen. Aber laſſen wir das Alles, mein Freund, und blei⸗ ben wir bei uns— bei mir, wenn Sie wollen. Ich er⸗ wähnte der acht Tage— weshalb? Weil mir die Zeit zu lang erſchienen wäre? Weil ich des Glücks genug hätte, das Du mir, das ich Dir gebe? Oh, Arthur— bin ich ſo kalt? Nein, aber ich ſehe Dich nicht beglückt, wie ich es gedacht—“ „Lucie!“ rief er ungeſtüm. „Nein, nein, leugne es nicht!“ fuhr ſie halb ſcherzend, halb in einem leiſe ſchmollenden Tone fort.„Du erwachſt nicht zum vollen Leben, Arthur, Du verſinkſt nur tiefer und tiefer in ein ſchönes, wildes, heißes und doch ſo reſultatlo⸗ 140 ſes Träumen. Iſt es recht, daß wir der Welt, des Lebens und ſeiner Anforderungen ſo gänzlich vergeſſen?“ „Ah,“ rief er und erhob ſich und ſtand vor ihr, ihre Hände in den ſeinen haltend und mit leidenſchaftlichem Blick die ſchöne Frau umfaſſend,„ah— laſſe die Welt und das Leben gehen, Lucie! Laſſe uns dies Wirren und Trei⸗ ben da draußen vergeſſen! Wie lange währt's, und wir fallen ihm doch wieder anheim! Können wir denn nicht die wenigen Tage nur uns leben— unſerer Liebe, Lucie? O nichts als Liebe!“ Sie ſchüttelte lächelnd den blonden Kopf.„Und iſt das die Liebe allein, Arthur, die ſich nur in Rauſch und Leidenſchaft äußert?“ fragte ſie.„Soll ſie nicht vielmehr Alles, jede Höhe und jede Tiefe unſeres Lebens durchdrin⸗ gen, nicht jedes Gefühl, jeden Gedanken erfüllen, denen wir als Menſchen einmal nicht entſagen können? Und Ar⸗ thur—“ und das Lächeln wurde ſtrahlend, und der Blick, der aus ihrem Auge zu ihm emporſchoß, war wie in ein blaues, dem glänzenden Stern entflammendes Licht ge⸗ taucht,—„und Arthur, glaubſt Du es nicht, daß dieſe Liebe, die Alles durchdringt, die Alles verklärt, die uns be⸗ geiſtert und erhebt über alle Anderen, gerade die Krone des Lebens iſt, dasſelbe ſchön und groß macht? Und glaubſt Du nicht, daß ich dieſe Liebe Dir biete? Fürchteſt Du zu kurz zu kommen, Undankbarer? Ich dachte, wie ich mich Dir geweiht, was ich Dir gegeben—“ 141 Er umfaßte ſie und zog ſie zu ſich empor, er küßte voll Leidenſchaft ihre Haare, ihre Lippen, ihre Augen. „Deine Liebe hat mir den Himmel aufgethan und mich hinaufgehoben,“ ſagte er voll Bewegung.„Darum iſt mir die Erde ſo fremd geworden und ich möchte nie wieder von ihr hören!“ Ueber ihr Geſicht flog ein leiſes, faſt ein wenig ſpötti⸗ ſches Lächeln— war der zur Franzöſin gewordenen lebens⸗ vollen Frau der Traum und die Ekſtaſe des Deutſchen gar zu hoch?— Sie machte ſich mit einer leichten Wen⸗ dung von ihm los, und die Hand auf ſeine Schulter le⸗ gend ſagte ſie mit jenem glänzenden, klugen, beinah über⸗ legenen Blick:„Und das gerade ſoll nicht ſein, Arthur! Kannſt Du Dich frei machen von dieſer Erde, könnteſt Du es nur wollen— Du, in deſſen Hand es gegeben iſt, in die Schwingungen ihres Lebens beſtimmend einzu⸗ greifen?“ Arthur Hyneck ſchüttelte finſter das Haupt.„Gott weiß,“ verſetzte er,„ich habe meine Stellung nicht geſucht, ſie hat mich nie befriedigt, geſchweige denn beglückt, und wenn mich nicht dieſe Freundſchaft an den Fürſten bände, die mich faſt verpflichtet, ſeinen Glauben zu dulden, daß ich ihm und dem Lande von Nutzen ſein könnte, ſo hätte ich ſie längſt aufgegeben.“ „Pfui, Arthur!“ rief ſie lebhaft.„Ein Mann wie Sie und ein ſo geringes Selbſtvertrauen!“ 142 „Nicht doch, Lucie, nicht doch! Nur das Bewußtſein, daß ich nicht auf meinen Platz gehöre, den Anforderungen meiner Stellung nicht zu genügen im Stande! Oh, wenn Sie nur wollten, Lucie!“ ſetzte er von Neuem leidenſchaft⸗ lich hinzu;„wenn Sie mein zu ſein vermöchten, ganz, ohne Rückhalt, vor aller Welt— ah, der Gedanke iſt ſo entzückend, daß ich ihn kaum auszudenken, kaum zu ertra⸗ gen vermag, und doch ſtets von Neuem auf ihn zurück⸗ komme!— Und ſehen Sie, Lucie— laſſen Sie den Traum zur Wirklichkeit werden! Glauben Sie mir, ich bin für das große, öffentliche Leben, für dieſe Kämpfe, Wir⸗ ren und Intriguen nicht gemacht. Hunderte gibt es dort wenigſtens, die mich erſetzen können, die mich weit über⸗ ragen! Aber hier, in einem ſolchen Leben und Glück, wie ich es mir an Ihrer Seite ausmale— da fühl ich mich Mann, da fühl ich mich ſtärker, reicher, mächtiger als jeder Andere und weiche Niemand, und habe das Ver⸗ trauen zu mir, daß ich Ihnen ein Glück zurückzugeben ver⸗ mag, wie Niemand außer mir! Sehen Sie, Lucie, ich will ehrlich ſein,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, die Wan⸗ gen brannten, die Augen flammten,—„ich habe ſchon mit dem Fürſten über meinen Abſchied geredet—“ „Arthur!“ unterbrach ſie ihn, ſichtbar zuſammen⸗ ſchreckend.„Sie ſcherzen— jetzt den Abſchied? Um Alles in der Welt, wie kommen Sie dazu?“— „Ich will es Ihnen ſagen, Lucie,“ verſetzte er plötz⸗ 143 lich verfinſtert,—„Sie dürfen mich aber nicht ſchelten! Erinnern Sie ſich, daß vor vier, drei Wochen noch jener Pedant, der Herr von Platen, bei Ihnen—“. „Ah, ah, ah!“ brach ſie ungeſtüm lachend aus,— „Hugo von Platen hat Sie eiferſüchtig gemacht? Bis zum Lebensüberdruß? Es iſt köſtlich, Arthur, ganz köſt⸗ lich! Und doch,“ fügte ſie ſchmollend hinzu,„muß ich nicht zürnen? An mir zu zweifeln, an mir und damals, als ich mich hinreißen ließ, ganz für Sie zur Thörin zu werden und hier—“ „Ah!“ rief er mit ausbrechender Leidenſchaft und zog ſie ungeſtüm in ſeine Arme,—„Duhaſt Dich ja an mir gerächt, wie nur Du es vermagſt, angebetetes Weib! Ich bekenne jauchzend meine Schuld und will ſie büßen, büßen mein Lebenlang zu Deinen Füßen! Aber warum willſt du inne⸗, warum willſt Du mich zurückhalten von dem letzten Schritt? Ich wiederhole, mein Abſchied iſt eingeleitet— wen kümmern die Gründe, die mich ihn zu fordern veranlaſſen? Der Fürſt kann ihn mir nicht verweigern! Laſſe ihn mich nehmen und dann—“ „Schwärmer!“ hauchte ſie ſchmachtend. „Warum dieſer Widerſtand, Lucie, warum? O er⸗ gib Dich! Denke an dies himmliſche Liebesleben— Du mein, ich Dein, gebunden durch keine Rückſichten beherrſcht durch kein Gefühl, keinen Gedanken, als daß wir ein⸗ 144 ander gehören und das ganze Leben, das ganze Glück für uns allein haben!“ .„ Ah, wie ich Dich liebe in dieſer Ekſtaſe!“ flüſterte ſie und preßte, die Arme um ſeinen Nacken ſchlingend, ihre Lippen auf die ſeinen, zu minutenlangem Kuß. Dann aber als beſänne, faßte ſie ſich, beugte ſie ſich zurück und ſtand wieder frei, und indem ſie mit einem faſt zärtlichen Blick ihm leicht über die Stirn ſtrich, ſagte ſie:„Ja— es berauſcht mich, Arthur, es reißt mich hin! Aber es darf nicht ſein, wir dürfen dieſem Rauſch nicht nachge⸗ ben, wo die Außenwelt mit Anforderungen zu uns tritt, die wir nicht abweiſen können. Und wollten wir auch davon ſchweigen— ſchon mein Gemahl—“ „Du ſagteſt ja ſtets, daß er todt ſei!“ fiel er hef⸗ tig ein. „Ich habe ſeinen Todtenſchein nie erhalten können,“ meinte ſie kopfſchüttelnd.„Sein Tod iſt mir nur durch ein, freilich ſehr wahrſcheinliches Gerücht bekannt gewor⸗ den, abgeſehen davon, daß ich ſeitdem nie wieder von ihm wie von einem Lebenden vernommen. Aber der Be⸗ weis, mein Freund, der Beweis!— Doch gleichviel, laſſen wir das— ſo oder ſo kommt es für unſere Stellung wenig in Betracht. Ich liebe Sie, Arthur, und ob er auch lebte — in mein Leben ſich gegen meinen Willen hineinzudrän⸗ gen, das Recht hat er längſt verſcherzt. Nur ſeinen Na⸗ men führe ich und kann ihn nicht mit einem anderen ver⸗ 145 tauſchen, bevor ſein Tod bewieſen worden. Aber mein Freund, was thut das, was nimmt das Ihnen und mir?“ redete ſie mit jenem halb üppigen, halb ſchmachtenden Lä⸗ cheln weiter, das vorhin ſchon einmal ihr Geſicht auf das Pikanteſte erhellt, und lehnte ſich an ihn.„Entbehren Sie etwas, Arthur? Lafſe ich Sie vergeblich ſchmachten? Bin ich nicht die Ihre?“— Er drückte ſie an ſich.„Und doch!“ murmelte er träumeriſch. „Undankbarer!“ rief ſie,„Undankbarer!— immer von Neuem!“ Und nach einer Pauſe ſprach ſie weiter: „Nein, wir dürfen uns durch unſere Liebe nicht dem Leben entziehen laſſen! Im Gegentheil, ſie muß uns kräftigen zum vollen Genuß, zur vollen Ausnützung desſelben! Die⸗ ſer Abſchied iſt ein Unſinn, Arthur! Ich will es nicht, daß Sie ihn nehmen— jetzt am wenigſten! Kommen Sie zu ſich, faffen Sie Vertrauen, zu ſich, zu mir! Sie nehmen einen Platz ein, wie er Wenigen geboten wird; Sie haben eine Wirkſamkeit, wie tauſend, hunderttauſend Andere auf den Knien darnach beten. Und Sie wollten das Alles von ſich ſtoßen? Bei Gott, Arthur,— meine Liebe iſt größer und ſtolzer als die Ihre! Ich will Sie noch höher, im⸗ mer höher ſteigen ſehen, Sie ſollen als ein Mann daſte⸗ hen, den Ihr Fürſt preiſ't, den ſeine Unterthanen ſegnen, zu dem alle Welt mit Bewunderung, mit Verehrung auf⸗ blickt— der mein Stolz, mein Ruhm, mein Glück, mein Edmund Hoeſer: Tolleneck. 11. 10 146 eigen iſt!— Ah, Arthur,“ ſetzte ſie nach einer gleich⸗ ſam athemloſen Pauſe hinzu—„das Bild iſt ſo entzückend ſchön! Und es koſtet Sie nur einen Schritt, um es zur Wirklichkeit zu machen!“ Der Mann hatte während dieſer aufregenden Worte dennoch kein Zeichen einer tieferen Bewegung, einer leb⸗ haften oder gar leidenſchaftlichen Theilnahme ſichtbar wer⸗ den laſſen. Er ſtand im Gegentheil ganz verſunken in ſchweren Gedanken und blickte finſter vor ſich hin. Und hier in dieſer Ruhe erkannte man erſt, wie ſchreckhaft müde und abgeſpannt dies Geſicht erſchien, wie ſehr es ſich ge⸗ gen den vorigen Herbſt, da Buchhagen zu Hyneck'’s gan⸗ zer Erſcheinung den Kopf geſchüttelt, verändert. Die Ek⸗ ſtaſe von vorhin hatte ſeinen Zügen einen Abglanz der al⸗ ten Kraft und Geſundheit gegeben, der jetzt längſt wieder verſchwunden war. Es blieb noch eine ganze Weile ſtill zwiſchen den Beiden, und erſt, als Lucie endlich ein leiſes:„Nun, Ar⸗ thur?“ laut werden ließ, erhob er die Augen und ſchaute ſie zerſtreut an und fragte zögernd:„Ja, ein Schritt, Lu⸗ cie, ein Schritt! Aber wer ſagt mir, ob dieſer Schritt der rechte?“ „Können Sie daran zweifeln?“ rief ſie heftig.„Würde ich es Ihnen rathen, Arthur?“. Er ſchüttelte mit einem trüben Lächeln das Haupt. „Sie, Lucie, ſind längſt keine Deutſche mehr,“ erwiderte 147 er.„Erziehung, Verheirathung, das ganze Leben haben Sie uns entzogen, Sie zur Franzöſin gemacht. Es iſt Ih⸗ nen wahrhaftig nicht zu verdenken, wenn Sie Alles vom Standpunkte der„großen Nation,“ wie ſie ſich leider mit vollem Recht heißen darf, auffaſſen und Deutſchlands Be⸗ ſtrebungen, ſein Ringen nach Unabhängigkeitnicht verſtehen.“ Sie warf lebhaft das Köpfchen hin und her.„Nein,“ ſprach ſie,„ich verſtehe das freilich nicht und begreife nicht dieſe Verblendung eines brutalen Haſſes. Nur ein ſolcher kann die Ziele der Kaiſers verkennen, kann ſich hinter dieſe halb kindiſchen, halb ſentimentalen Redensarten von Frei⸗ heit und Unabhängigkeit verſchanzen. Sagen Sie ſelbſt, Arthur, wo haben Sie in Deutſchland dieſe jemals gehabt? Ich habe meinen Curſus in der deutſchen Geſchichte noch nicht ganz vergeffen! Und der Kaiſer? Soll ich es Ihnen wieder und wieder ſchwören, daß ſein Herz ſich nach dem Frieden ſehnt, der es ihm endlich erlauben wird, alle Seg⸗ nungen desſelben über die verbündete, einträchtige Welt auszuſchütten, und die Principien zur Herrſchaft gelangen zu laſſen, die ſein Rieſengeiſt als die richtigen erkannte, wo es das Glück und den Wohlſtand der Nationen gilt? Glauben Sie es mir, Arthur— der Kaiſer iſt es nicht, der dieſe Zeit des Segens verzögert! Es iſt das brutale Albion, es iſt dieſes rohe afiatiſche Rußland, dem man zur ewigen Schande Europa's ſo lange einen Platz in demſel⸗ ben gegönnt! Es iſt dies ſchleichende, intriguirende Oeſter⸗ 10* 148 reich und dies finſtere, verdrießliche Preußen, die ſich dem entgegenſtemmen, weil ſie ihre Herrſchaft, erbaut auf der Knechtſchaft der Seelen und Körper, zuſammenſtürzen ſe⸗ hen vor dem hereinbrechenden neuen, glänzenden Licht! Sie müſſen und ſie werden fallen, ihre Miſſion iſt erfüllt. „Und nun ſehen Sie ſich weiter um, Arthur,“ fuhr ſie nicht minder lebhaft fort,„hier in Deutſchland! Schauen Sie dieſe kleinen Reiche an, die ſich aus dem wüſten Chaos Eures heiligen römiſchen Reichs erhoben— ſind ſie un⸗ glücklich, verkümmert man ihnen ihre Exiſtenz oder gar ihre Nationalität? Ihre Gränzen ſind vergrößert, ihr Wohlſtand wächſt, Künſte und Wiſſenſchaften haben ei nen bisher ungeahnten Aufſchwung genommen— ah, Arthur, ich könnte tagelang reden, wollte ich das hervorheben, was uns ſchon geworden, was uns noch werden muß!— Und vergleichen Sie nun hiermit den Zuſtand in den wenigen Gebieten, die ſich noch dem Lichte trotzig verſchließen! Sa⸗ gen Sie felbſt, Arthur—“ „Halten Sie ein, Lucie,“ unterbrach er ſie, man las in ſeinen Zügen, wie qualvoll er mit den Zweifeln rang, die der Geliebten drängende Worte immer noch nicht voll⸗ ſtändig beſiegen konnten.„Glauben Sie mir, ich verblende mich nicht gegen das, was uns die Zeit gebracht. Aber Lucie, Lucie— der eine Schritt, den ich thun ſoll,— wird er mich nur zum Verkanntwerden führen, dem früher oder ſpäter die Anerkennung folgt, oder reißt er mich hin⸗ 149 ein in die Vernichtung, in die Ehrloſigkeit— ah, Lucie, ehrlos in meinen eigenen Augen!— Sie ſind, wie ſehr Sie auch Franzöſin geworden, doch immer zuerſt eine Deutſche! Sie müſſen es mir nachfühlen, daß Glück, Ruhm und Ehre meines Vaterlandes auch die meinen! Liegt das Alles auf Ihrem Wege?— Ich ſehe es ja ein, das Elend, das wir früher gehabt, die Zeit des Ueberganges, die uns jetzt umfängt— nun aber— rechts oder links?“ „Können Sie zweifeln, Arthur? Links das Verder⸗ ben, denn der Kaiſer muß den Trotz zerbrechen! Rechts das Glück, der Glanz, der Ruhm und der Lohn—“ „Nicht für mich, Lucie, nicht für mich!“ fiel er finſter ein.„Ich verachte dieſen Lohn!“ „Auch von mir?“ fragte ſie ſchmachtend und ſchmei⸗ chelnd und ſchmiegte ſich mit heißem Blicke an ihn.— „Komm' Arthur,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, „der Abend iſt ſo ſchön und hier iſt es heiß und ſchwül. Draußen wird uns wohl, frei werden, und ich— ich will Dir das alte Lied von meiner Liebe ſingen, ſüßer Freund!“ Achtes Capitel. Verlorene Liebesmüh'. Es iſt vierundzwanzig Stunden ſpäter. Wieder ſteht die Thür des Thurmzimmerchens gegen den Saal ge⸗ öffnet, aber aus dieſem letzteren iſt die Tafel heut' ſchon verſchwunden. Nur der Duft der Blumengruppe breitet ſich wie geſtern aus, und der gleiche Dämmer herrſcht, heut' für Auge und Gefühl noch wohlthuender, da die Sonne mit vollſter Kraft gegen die Fenſter ſcheint und trotz der Vorhänge die Luft in dem hohen und ſonſt ſo kühlen Gemach faſt über das Behagen hinaus zu erwärmen droht. Ja ſelbſt von dem Thurmcabinet ſind die Sonnen⸗ ſtrahlen heut' ausgeſchloſſen. Auch hier ſind die purpur⸗ ſeidenen Gardinen dicht verſchloſſen, ſo daß der kleine Raum von einer Flut glühenden, üppigen Lichtes erfüllt i*ſt, mit dem ſich ein ebenſo geſteigerter, faſt berauſchen⸗ 151 der Duft vereint, der dem prachtvollen Bouquet von Monatsroſen entſteigt, welches die Sevresvaſe auf der Spiegelconſole füllt. Es iſt einſam und ſtill in den beiden Räumen. Die ſchöne Frau, die auch heute wieder auf dem Diwan ruht, hat den kleinen blonden Kopf auf den unterge⸗ ſchobenen Arm gelegt und regt ſich nicht. Das glühend durch die Vorhänge brechende Licht übergießt ſie mit einem wunderbaren Glanz, es färbt das weiße duftige Gewand roſig, und roſig erſcheint in ihm das feine Geſicht, der ſchlanke Arm, die zarte Hand. Sie ruht tief und ſtill, aber ſie bedarf deſſen auch, denn die Züge, die ganze Geſtalt drücken eine ſüße und üppige Ermat⸗ tung aus, die Augen ſind halb geſchloſſen, die leicht geöffneten Lippen geben zuweilen einem tiefen, bebenden Athemzuge Raum, und an dem Zittern des lockeren Gewandes ſieht man's, wie ihr Herz klopft und ihr Buſen wogt. Jetzt erhebt ſie das Köpfchen und legt es in die höher geſtützte Hand. Ihr Auge überfliegt mit einem halb ſchmachtenden, halb träumeriſchen Blick den ſtillen Raum und ſtreift hinaus in den Saal; um die Lippen ſchmiegt ſich ein feines Lächeln, in welchem man, wäre es nicht gar ſo flüchtig, trotzdem etwas von Triumph leſen könnte. 3 „Ah, alſo Sieg, Sieg!“ murmelt ſie jetzt.„End⸗ 152 lich, Arthur— endlich! Aber Du haſt es mir ſchwer gemacht! Dieſe Emotionen waren nicht länger zu ertra⸗ gen— ſie erſchöpfen mich!— Als wenn man eine große, große Reiſe gemacht hat!“ fügte ſie nun wirk⸗ lich lachend hinzu.„Gottlob, daß ich angelangt bin! Zu einer zweiten ſolchen Fahrt bringt Ihr mich bei Gott nicht!— Ah!“ Und wieder zurückſinkend und ſich noch üppiger ausſtreckend, flüſterte ſie:„jetzt— einmal noch, wenn er zurückkehrt, und dann— wird die Herrin ſich nicht mehr ihrem Sklaven beugen!— Wir ſind lange genug ſentimental geweſen. Ich muß nachgerade wieder an mich ſelbſt denken, für mich ſelbſt kämpfen.“ Sie hatte das geſagt, wie es der einſame Menſch zu thun pflegt, langſam, und in langen Pauſen, bald einmal die Worte raſch ausſtoßend, bald ſie gleichſam wie aus einem Traume heraus vor ſich hin hauchend, und die letzten vollends murmelte ſie ſo leiſe, ſo abge⸗ brochen, ſo träumeriſch, als ſenke ſich auf die geſchloſſe⸗ nen Augenlider wirklich der Schlaf nieder. Es war ſo warm im Zimmer; die Stille, das Licht, der Duft Alles ließ die Lebensthätigkeit immer mehr der ſüßen Erſchlaffung nachgeben und den Körper ſich wohliger in die ſeidenen Polſter ſchmiegen. Der Geiſt freilich war noch nicht zur Ruhe. Die Lippen hauchten noch von Zeit zu Zeit ein Wort,— aber es war ſo leiſe, daß * ſelbſt der aufmerkſamſte Lauſcher ſchwerlich mehr als eben den Hauch vernommen haben würde. Es mochte wieder eine Viertelſtunde vergangen ſein; die Sonne hatte ſich von dem äußerſten Fenſter des kleinen Saales ſchon zurückgezogen, während das Thurmgemach noch in voller Glut ſtand, die Stille herrſchte und die Roſen dufteten. Da gab es einen leiſen, leiſen Ton, als ob eine ſehr gut in ihren Angeln ſpie⸗ lende Thür geöffnet würde, aber er genügte dennoch, um die Ruhende aufmerkſam zu machen und ſie flüchtig die Augen öffnen zu laſſen. Sie fuhr ſich ſogar mit der Hand über die heiße Stirn, ein üppiges Lächeln ſchmiegte ſich um den Mund.„Schon?“ murmelte ſie.„Ah— Ungeduldiger!“ Und ſie ſank noch tiefer in die anmuthige Ruhe zurück und die Augen blinzelten nur unter den geſenk⸗ ten goldenen Wimpern hervor gegen die Saalthür hin. Es war Alles ſtill,— ſo ſtill, daß Lucie meinte, leiſe zitternde Athemzüge eines Lauſchenden zu vernehmen. Auf ihrem Geſichte zeigte ſich ein Zug von Ueberraſchung und nicht mehr behaglicher Spannung, und durch den Körper zuckte es flüchtig, als werde es ihr ſchwer, noch länger die Träumende, Schlummernde zu ſpielen. Und wieder warf ſie einen raſchen Blick gegen den Saal. Es kam ein leiſes— leiſes Schleichen— war es ein Thier, war es ein Menſch?— Und noch ein Augen⸗ blick, und in der Thür erſchien Jemand— er ſtand, er ſah 154 ſich um,— und ſchon lag er neben dem Diwan auf den Knieen, ſeine Arme umſchloſſen ſie und riſſen ſie ſtürmiſch an ſeine Bruſt, ſeine Küſſe bedeckten ihre Arme und Schul⸗ tern, Hals und Geſicht, Lippen und Augen— „Felix!“ ſtammelte ſie entſetzt, bebend, mit einem vergeblichen Verſuch ſich ihm zu entwinden. Er ließ ſie nicht aus ſeinen Armen, ſeinen Küſſen. Er war wie berauſcht, wie wahnſinnig, ſeine Augen flammten, ſeine Lippen hatten nur die Küſſe und gebrochene, ſtammelnde Laute eines un⸗ ermeßlichen Entzückens. Mit einer raſchen, energiſchen Bewegung war ſie jetzt doch von ihm frei, halb aufgerichtet. Ihre Augen blitzten vor Zorn, der Buſen hob ſich zitternd vor Aufre⸗ gung und Anſtrengung.„Felix, Wahnſinniger, woher kommſt Du? Was wagſt Du?“ ſtammelte ſie. „Gefunden, gefunden!“ verſetzte er athemlos, mit einer Art tief innerlichen Jauchzens.„Ah, Madame— ah Lucie, wie bin ich ſo elend geweſen in meiner Verban⸗ nung! Krank vor Sehnſucht— vor Sehnſucht nach Ihnen! Aber nun!—“ Und von Neuem umſchlangen ſie ſeine Arme und riſſen ſie in eine ſtürmiſche, feſte Umar⸗ mung, von Neuem überſchütteten ſeine Küſſe ſie mit ihrem Feuer, und ſeine Augen ſuchten mit Leidenſchaft die ihren. War es das Plötzliche und Ungeſtüme des Umfaſ⸗ ſens, oder riß ſie die Glut dieſer Zärtlichkeit und Lei⸗ denſchaft hin,— ſie leiſtete keinen Widerſtand, ſie über⸗ — ließ ſich einen Augenblick ſeiner Glut, ſie duldete tief athmend ſeine Küſſe, ja ſie erwiderte ſie. Aber es war nur ein Augenblick; dann raffte ſie ſich wieder auf und machte ſich von ihm frei, der vor ihrem entſchiedenen Willen zurückwich. Ihre Hände hielt er freilich noch zwiſchen die ſei⸗ nen gepreßt, und ihre Augen begegneten nicht mehr un⸗ willig und ſtreng den ſeinen, allein ſie ſagte, wenn auch noch ein wenig zitternd:„Felix, wahnſinniger Knabe, ich frage noch einmal: woher kommſt Du? Was wagſt Du bei dieſem Ueberfall?“ „Oh Madame!— Oh Lucie!“ ſtammelte er, noch immer kaum ſeiner mächtig. Wie ſie ihn ſah, ihn hörte, es mußte doch einen unwiderſtehlichen Reiz für ſie haben. Es blitzte durch ihre blauen Augen wie heiß aufwallende Zärtlichkeit, es flog um ihre Lippen, wie mit einem koketten, üppigen Lächeln.„Armer Büßer,“ ſagte ſie und ſtrich mit der Rechten über ſeine dunklen Locken,„biſt Du drüben recht einſam geweſen? Haſt Du Dich recht nach Deiner ſchwa⸗ chen Gebieterin geſehnt?“ „Krank war ich, krank, Madame!“ entgegnete er leiſe— es klang etwas Bitteres aus ſeiner Stimme. „Ah, vor Gott und Menſchen könnte ich klagen über Ihre Grauſamkeit und würde Recht finden!— Oh, Lucie, Sie haben mich verwöhnt! Sie haben mir Alles 153 gegeben— nur um mir Alles ſo grauſam zu entziehen? Aber gleichviel, gleichviel!“ ſetzte er die haſtige, leiſe Rede fort, und faßte von Neuem leidenſchaftlich ihre Hände und zog ſie unwiderſtehlich an ſich.„Ich ſchwöre es jetzt vor Ihnen, wie ich es ſeither in dieſem qualvollen Winter vor Gott und mir ſelbſt geſchworen— nie wie⸗ der füge ich mich in ein ſolches Gebot! Nie wieder zwingen Sie mich zu einem Gehorſam, der mein Tod ſein muß!“ Durch ihr geſenktes Auge flog etwas, das, hätte er es bemerken können, ihm ſicher nicht wie ein Verſuch der Begütigung, wie ein Zeichen des Hingebens erſchie⸗ nen wäre. Allein er ſah nur das Auge, das ſich jetzt mit einem ſchalkhaften, ſchmachtenden, üppigen Blick zu ihm erhob,— er fühlte nur, daß ſich die ſchlanke Ge⸗ ſtalt eine Secunde lang feſt an ſeine Bruſt ſchmiegte, und daß ihre Lippen den ſeinen begegneten. Und ſein Geſicht ſtrahlte von Entzücken, als ſie ſich jetzt wieder los machte und nach einem glänzenden— man möchte faſt ſagen: verheißungsvollen Blick und Lächeln, leiſe ſprach:„Thor! Hab' ich keinen Erſatz für Deine Leiden? Kennſt Du mich als ſtreng, wilder Knabe? Hat Deine Leidenſchaft vergebens nach der meinen geſucht? „Aber genug— genug!“ fuhr ſie dann fort.„Die Zeit drängt, Du mußt mir antworten! Woher kommſt Du? Sei vernünftig, mein Kleiner!“ 157 „Nun, von Tolleneck, jenem verwünſchten Neſt!“ entgegnete er verfinſtert. „Und wie kamſt Du hieher? Wie entdeckteſt Du, daß ich hier? Wer kann das Geheimniß verrathen haben?“ Ein halb ſpöttiſches, halb bitteres Lächeln ließ den letzten Reſt von Aufregung aus dem ſchönen Geſicht des jungen Menſchen verſchwinden, während er entgegnete: „Ah, Madame, Geſpenſter ſind ſelbſt hier zu Lande eine ſo ſeltene Waare, daß alle Welt von ihnen erfährt.“ „Alſo doch, alſo doch!“ murmelte ſie nach einer langen Pauſe des ſtummen Anſchauens.„Du hatteſt alſo Recht!— Ihr habt davon in Tolleneck geredet?“ fragte ſie dann. „Alle Welt,“ verſetzte er wie vorhin.„Mir ſagte der Herr Hippolyt— der Herr Bruder, mein' ich— davon überaus gnädig, Madame! Und da hab' ich mich denn auf die Suche gemacht.“ „Aber wie konnteſt Du vermuthen, daß—“ „Daß Herr von Hyneck und Sie dahinter verbor⸗ gen ſeien und hier Schäferſcenen aufführten?“ fiel er ihr voll Hohn in's Wort.„Ach, Madame, wir wiſſen ja— wir kennen ja—“ es lag ein neuer Hohn in dieſen unausgeſprochenen und für ſie doch verſtändlichen Sätzen.„In Tolleneck weiß, glaub' ich, Jedermaun, wen er in der Geſpenſterdame zu ſuchen habe. Ich 158 zweifelte keinen Augenblick daran, und der Herr Bru⸗ der hat mir ſogar einen Brief für Sie mitgegeben. Hier iſt er. Ich habe mir erlaubt, ihn zu leſen, und kann ſeinen Inhalt beſtätigen.“ Sie nahm das dargereichte Billet, behielt es jedoch uneröffnet in der Hand. Sie war ganz ſtill im tiefen Nachdenken, und ſah ihn an, wie während ſeiner gan⸗ zen Rede, als ob ſie in Wirklichkeit kaum ſeine Worte vernommen, ja ihn ſelber kaum vor ſich ſähe,— ſo abweſend war der Blick. Und erſt nach einer langen Pauſe wurde das Auge wieder lebendiger und ſie fraute: „und wie biſt Du herein gekommen? Hat man in Tol⸗ leneck von Deinem Ziel erfahren? Hat Dich hier Jemand geſehen?“ „Ah bah, ah bah, Madame!“ antwortetete er wie früher.„Sie glauben ſelbſt nicht an dieſe Fragen! Der Herr Bruder weiß natürlich von meinem Zweck und meiner Richtung, obgleich wir Beide nur von einem Aus⸗ fluge nach Berlin geſprochen, von wo Sie ja verſchwun⸗ den ſind. Wir verſtanden uns. Die Anderen aber— bah, die deutſchen Tölpel ſind zu dumm für ein Pa⸗ riſer Kind, das obendrein eine Erziehung erhalten wie Ihr ergebenſter Page!— Und mich geſehen? Das iſt drollig! Ich ſpaziere ſeit heut' Mittag gemächlich um das alte Neſt und paſſe auf den rechten Moment— ſeltſam, wenn er nicht gekommen und ich ihn nicht er⸗ ——— 159 griffen hätte! Einzig fürchtete ich, ein intimes Pete- A= Tete zu ſtören, allein auch damit war es alſo nichts. Iſt der wilde Falke ſchon matt geworden?“ Auch dieſe frechen Worte, ſein ganzes dazu ſtim⸗ mendes Weſen, die Blicke, das Lächeln— Alles ſchien von ihr wenig bemerkt zu werden. Sie ſah ihn wieder an wie vorhin, und wieder nach einer Weile erſt ſagte ſie gedämpft aber beſtimmt:„Du mußt ſogleich fort!“ „Das heißt hoffentlich nur: auf die Seite— einſt⸗ weilen!“ verſetzte er.„Ein anderes Verlangen, Madame, wäre—“ „Komm, komm!“ fiel ſie plötzlich und mit ſo haſtiger Bewegung ein, als ob ſie eine jähe Unruhe überkomme. Und zugleich ging ſie gegen den Hintergrund des kleinen Gemachs. „Ich verſtehe!“ meinte er, indem er ihm folgte, mit ſpöttiſchem Lächeln.„Sie erwarten ihn— ein neuer Kampf, Madame? Oder ſchlug man ſchon Chamade?“ Sie erwiderte nichts. Hinter dem Stoff, der die Wand bekleidete, erſchien, als er zurückgeſchlagen ward, eine kleine Thür, durch die ſie Felix voran in einen kurzen ſchmalen Gang trat. Nach einigen Schritten öffnete ſie eine zweite Thür und ſchritt in ein ſtilles, dämmeriges Gemach, das zum Schlafzimmer eingerichtet war— mit einer Raffinerie des üppigſten Luxus, hätte man ſagen 160 mögen, deren bloßen Anblick ſchon den jungen Mann in Ekſtaſe verſetzte. „Ach!“ rief er, glänzenden Blick's ſich umſchauend, „wie danke ich jetzt meinem guten Glück und dieſem lie⸗ benswürdigen Herrn Hynek! Es iſt himmliſch hier— zum Träumen, zum Leben! Ah, Lucie— zum Leben! Ah— ich möchte nie wieder hier hinaus! Bleiben Sie noch lange hier, Lucie! Es kann ein wonnevolles Leben werden, voll Reiz und Geheimniß und Entzücken!“ „Still!“ ſagte ſie und ihre Brauen zogen ſich finſter zuſammen.„Sei vorſichtig, Thor, und menagire Dich. Ich bin nicht ſicher, ob man Dich hier nicht belauſchen kann, doch für den Augenblick wirſt Du ſicher ſein. Bleibe hier und rege Dich nicht, bis ich zurückkomme— ich muß jetzt fort. Wenn aber dennoch Entdeckung drohen ſollte, ſo— ſchau her!“ Und indem ſie den weiten, das große Bett ganz umgebenden Vorhang am Kopfende auf die Seite ſchob, fuhr ſie fort:„durch dieſe Thür— ſie iſt nur ver⸗ riegelt— kommſt Du in ein kleines Badecabinet, und dort durch die Thür rechts, merke wohl! auf eine Treppe, die Dich gleich ins Freie führt. Sei vernünftig, Knabe!“ Er faßte ihren Arm.„Sie gehen zu ihm?“ mur⸗ melte er in gänzlich verändertem, leidenſchaftlichem Ton. „Ja,“ entgegnete ſie,„oder vielmehr, er kommt zu mir! Sei vernünftig, ſage ich! Laß mich nicht Alles 161 noch im letzten Moment verlieren! Ich habe dies Leben ſatt!“ „Sie kommen beſtimmt— Sie kommen bald zurück?“ fragte er voll Leidenſchaft in Blick und Stimme. „Lucie— denken Sie an das, was Sie mich ertragen ließen! Dies Entſagen, dies Theilen—“ „Thor!“ fiel ſie ein. Ihre Hand ſtreifte über ſeinen Kopf, ihr Auge lächelte ihn an.„Geduld!“ Und ſie glitt fort, durch den Gang, in das Thurmzimmer zurück. Da blieb ſie ſtehen und warf einen Blick voll Haß und Zorn rückwärts, und athmete tief aus.„Wahnſinniger!“ mur⸗ melte ſie,„aber bei der Allmacht— das muß ein Ende nehmen!“ Die Sonne war vom Fenſter verſchwunden, nur durch eine ganz kleine Ecke oben fiel ihr letzter Strahl in den dämmernden Raum. Lucie ging und zog die Vor⸗ hänge zurück und riß den Flügel auf; durch die Epheu⸗ ranken drang ihr eine wundervoll reine, gegen die ſchwere im Gemach kühle Luft entgegen. Da ſtützte ſie das Haupt mit der Hand und ſchaute finſter träumend hinaus, hinab auf die Hecken und Berceaus, auf die einſamen Steige des verwilderten Gartens. Sie hatte ins Gemach weder zurückgeſehen, noch zurückgelauſcht, und ſchrack daher heftig zuſammen, als ſich plötzlich ein Arm um ſie legte und Arthurs Stimme Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 11 162 weich zu ihr ſagte:„So ſtill und ſo trübe, meine Ge⸗ liebte?“ Sie wandte ſich raſch um und lehnte ſich an ihn. „Wie Sie mich erſchreckt haben!“ ſprach ſie.„Und doch habe ich nur an Sie gedacht, von Ihnen geträumt, mich ſo nach Ihnen geſehnt! Sie blieben ſo lange, Arthur!“ Er ſchüttelte faſt ſchwermüthig den Kopf.„Ich konnte nicht ſo ſchnell ſchreiben,“ verſetzte er gepreßt.„Zwiſchen jeder Zeile habe ich gerungen— ſchwer gerungen, Lucie. Nun aber iſt's geſchehen— hier iſt der Brief.“ Und er hielt ihr das ſchon gebrochene Schreiben hin.„Habe ich Unrecht gethan, ſo möge Gott mir verzeihen, der mir Sie geſandt hat— Dich, Lucie, Du angebetetes Weib, ohne das ich kein Leben mehr habe!“ „Und mir nimmſt Du es mit der Gewalt Deiner Leidenſchaft— o was biſt Du für ein wilder Mann!“ Deine Liebe berauſcht mich— ſie beſiegt Alles! Du biſt der ſtolzeſte, der gewaltigſte, der beglückendſte der Sterb⸗ lichen, Arthur!“ Sie küßte ihn heiß und heftig. Dann aber wand ſie ſich los und ſprach mit einem leuchtenden Lächeln:„aber zuerſt den Brief, daß nichts mehr das Glück unſerer Liebe ſtört!— Leſen Sie ihn mir vor.“ „Er iſt nur kurz,“ verſetzte er ernſt,„meine münd⸗ hauchte ſie, die Arme um ſeinen Nacken ſchlingend.„Aber 163 lichen Worte müſſen demnächſt das Beſte thun. Und ſiehſt Du— auch das drückt mich nieder. Unſer Glück hier muß nur zu früh enden!“ „Eure Durchlaucht,“ las er dann, die deutſchen Worte ſogleich ins Franzöſiſche überſetzend, da Lucie, wie wir wiſſen, der heimiſchen Sprache faſt gar nicht mehr mächtig war—„Eure Durchlaucht erinnern ſich un⸗ zweifelhaft noch des letzten Geſprächs, das Sie im Win⸗ ter mit mir geführt, und meiner Einwendungen gegen Euer Durchlaucht veränderte Intention. Seitdem habe ich Mittheilungen erhalten und Einblicke gethan, die mich meine Anſichten ändern ließen. Es ſcheinen ſich in Deutſch⸗ land allerdings Veränderungen vorzubereiten, die wenn wir den bisher eingeſchlagenen Weg noch weiter verfolgen wollten, auch für Sie und Ihr Haus verhängnißvoll werden könnten, während ſie, richtig benützt, Euer Durch⸗ laucht Anſehen und Macht außerordentlich vermehren müſſen. Dies iſt für mich, den treueſten Diener Euer Durchlaucht, um ſo mehr maßgebend, als meine alten Träume ſich immer mehr in ein leeres Nichts aufzulöſen drohen.— Entſchuldigen Euer Durchlaucht die Dunkel⸗ heit meiner Worte allergnädigſt und geſtatten Sie mir, ſchon in den nächſten Tagen, ſobald meine angegriffene Geſundheit die Reiſe möglich macht, dieſelben mündlich zu erklären. Nur ſo viel erlaube ich mir ſchon heut' und hier hinzuzufügen: es iſt kein Augenblick mehr zu verlieren.“ 11 164 „Charmant, ganz charmant! Du biſt entzückend, Arthur!“ rief ſie, einen raſchen Kuß auf ſeine Lippen drü⸗ ckend.„Nun aber— kein Säumen. Wann ſchickſt Du ihn ab?“ „Ich gehe zu couvertiren und meinen Kammerdiener damit zur Poſt zu ſchicken,“ entgegnete er ernſt.„Gott gebe— aber nun nichts mehr von Schwanken!“ brach er ab und fügte dann hinzu:„begleiteſt Du mich? Es iſt hier ſo ſchwül und in meinem Cabinet ſo anmuthig friſch.“ „Ja,“ meinte ſie,„auch ich wurde hier faſt betäubt. Ich will mich umkleiden— wir gehen doch nachher hinaus?“ „Laſſe uns drinnen bleiben,“ ſagte er mit einem leich⸗ ten Zuſammenziehen der dunklen Brauen.„Charles will vorhin drüben unter den Bäumen eine abenteuerliche Ge⸗ ſtalt bemerkt haben, die mich nach ſeiner Schilderung an den albernen Burſchen, den Felix, erinnerte. Ich hab' es Dir geſagt, Geliebte— es iſt hier Gefahr für Dich!“ Sie war trotz aller Selbſtbeherrſchung flüchtig zuſam⸗ mengezuckt. Sie hatte das Auge abgewandt und bemerkte daher nicht ſeinen plötzlich aufblitzenden, ſeltſam ſie fixi⸗ renden Blick.„Ah bah!“ ſprach ſie aber raſch gefaßt,„Fe⸗ lix? Dein Charles ſieht Geſpenſter! Wie wäre es mög⸗ lich!— Doch wie Du willſt,“ fügte ſie hinzu,„laſſe uns drinnen bleiben. Ich will mich aber umkleiden, mir iſt heiß. Dann komme ich hinüber.“ 165⁵ „Auf ein heiteres Wiederſehen!“ ſprach er und ſtreifte ihren Scheitel mit ſeinen Lippen.„Ich bin gleich fertig — laſſe mich nicht ſchmachten!“ Einen Augenblick ſäumte ſie noch, holte den Brief hervor, den Felix ihr vorhin gegeben und an den ſie ſich jetzt erſt erinnert haben mochte, las ihn ziemlich flüchtig und anſcheinend ohne daß ein Wort ihr Intereſſe erregte, und ſchob ihn wieder in die Oeffnung des Gewandes über dem Buſen. Dann wandte ſie ſich, indem ſich ihre Brauen flüchtig zuſammenzogen, der verſteckten Thür des Schlaf⸗ zimmers zu. Sie hatte kaum den Gang betreten, als ſie ſich von Felix Armen umſchlungen, fortgeriſſen, faſt getragen fühlte bis in das Gemach.„Endlich!“ jauchzte er,„endlich!“ Und ſeine Küſſe überſtrömten die betäubte ſchöne Frau mit Glut.„Gewonnen! Gewonnen!“ Sie machte ſich heftig frei. Ihr Auge blitzte ihn an. „Felix, biſt Du wahnſinnig?“ ſtammelte ſie athemlos, zor⸗ nig.„Habe ich Dich nicht zur Vorſicht gemahnt, nicht—“ „Ah,“ rief er voll Spott,„der itter iſt ja zum Canz⸗ liſten geworden und ſtört uns nicht!“ „Du haſt gehorcht?“ „Natürlich, und gehört, daß Sie geſiegt haben. End⸗ lich ſage ich, endlich! Nun hat all dieſe Heuchelei, all dieſe Langeweile ein Ende! Sie reiſen ab— Sie ſind endlich mein— o Lucie, ſchöne Lucie!“ und er umſchlang 166 ſie mit einer Leidenſchaft, der ſie nicht zu widerſtehen ver⸗ mochte. Sie ruhte wie vernichtet, wie ganz zerbrochen in ſeinen Armen. Aber es war auch nur eine Secunde, dann richtete ſie ſich mit einer wilden Energie auf und ſtand wenigſtens frei, bis auf den einen Arm, der ihre Taille umſpannt hielt. „Felix,“ ſagte ſie bebend vor Zorn,„wenn Sie mich nicht laſſen, rufe ich um Hülfe!“ „Ah nicht doch— nicht doch,“ verſetzte er voll Hohn und zog ſie wieder feſter an ſich,„ich kenne Sie beſſer, ſchöne Frau. Ach— Sie ſind himmliſch in dieſer Erre⸗ gung! Ich—“ „Aber was willſt Du, Menſch?“ ſtammelte ſie, mit einem vergeblichen Verſuch, ſich von ihm los zu machen. „Was ich will? Sie Lucie, Sie! Den Lohn für meine Liebe! Revanche für die unmenſchliche Grauſamkeit, mit der Sie mich dieſen Winter von ſich verbannt! Ah, Lu⸗ cie, lieben Sie denn Ihren Felix gar nicht mehr?“ „Wenn Du mir drohſt, wo Du im Staub zu flehen haſt?“ fragte ſie finſter und heftig. Er hatte ſie los ge⸗ laſſen bei ſeinen letzten Worten, ſie war einen Schritt zurück⸗ gewichen, aber da ſtand ſie feſt.„Du vergiß'ſt, Wahnſin⸗ niger,“ fuhr ſie fort,„daß es nur eines Rufs, eines Worts von mir an Herrn von Hyneck bedarf, um mich von Dir zu befreien. Man hat Dich unter den Bäumen geſehen 167 — erkannt. Du mußt heut' Abend noch fort nach Tolleneck. Dort warteſt Du.“ Er ſchüttelte mit ſeltſamem Lächeln den Kopf.„Ge⸗ hen ohne Sie? Nein! Und was das Wort an den Herrn Hyneckbetrifft— ſprechen Sie es doch, Madame!— Aber ich weiß,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu und warf ſich vor ihr auf die Knien.„Sie haben Ihren Felix dennoch zu lieb und können ihn nicht verſtoßen! O Lucie, meine Göttin!“ Es wäre ſehenswerth geweſen, wie ihr Geſicht wäh⸗ rend dieſer Rede, die zu Anfang ſo trotzig, frech und voll geheimnißvoller Drohung, zuletzt ſich zu den leidenſchaft⸗ lichſten Liebestönen umwandelte, im ſchnellſten Wechſel vom heißen Zorn, zum jähen Schreck, zu einer ſichtbar nur gewaltſam erlangten Faſſung überging. Und nun beugte ſie ſich mit einem faſt weichen Lächeln zu ihm und ſagte leiſe:„Felir— wildes Kind! Weshalb reizeſt Du mich zum Zorn! Du weißt es, Deinen Trotz dulde ich nicht— ich laſſe mich nicht zwingen zu etwas, was ich nur der Liebe, dem Gehorſam gewähre!— Du weißt, daß ich Dich mehr liebe, als Du es verdienſt— Du weißt, daß ich nur zu ſchwach gegen Dich bin, ſüßer Knabe!“ Und indem ſie ihn Au ſich emporzog, drückte ſie einen Kuß auf ſeine Lippen und ſah ihm ſchmeichelnd in die leidenſchaftlichen Augen. „Es iſt wahr— dieſer Winter war grauſam für Dich— 168 ich verzeihe Dir Dein Ungeſtüm! Ich weiß es wohl, daß Du mich liebſt! Und ſie iſt ſchön, dieſe wilde Liebe!“ So redete ſie zu ihm, und ſchmiegte ſich feſt an ſeine Bruſt, und er lauſchte athemlos, bebend, bezaubert ihren beſtrickenden Worten.— Als ſie aber einen Augenblick ſpäter in das Thurm⸗ zimmer zurückkehrte— ihre Kleidung hatte ſie nicht verän⸗ dert— da ſtand ſie nahe der Thür ſtill und mit der müh⸗ ſam erzwungenen Faſſung war es vorbei. Ihr Geſicht glühte, ihr Körper bebte, der Buſen wogte. Sie deckte einen Augenblick die Hand über die Augen, während ſich ein wildes, faſt ſtöhnendes„Ah!“ ihren Lippen entrang. Und als ſie die Hand fortzog, brannte in dem Auge ein finſteres Drohen, die kleine Hand ballte ſich, und zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen hervor ſtieß ſie abgebro⸗ chen:„Schmach, tauſendfache Schmach— das mir?— Sie haben's mir ja geſagt, mich gewarnt vor ihm. Ich pochte auf ſeine Leidenſchaft und meine Gewalt über ihn. Und nun ſollte mich dieſe Leidenſchaft gerade unterjochen? Nie!— Er muß ſich fügen!— Und doch— er weiß zu viel, zu viel!“ ſprach ſie heftig fort und ſtrich über ihre feuchte Stirn und ging ſinnend ein paar Schritte weiter in das Gemach.„Ah!“ machte ſie dann, als beſänne ſie ſich plötzlich auf etwas, und erhob das Haupt.„Sollte da eine Hülfe liegen?“ Sie war am Fenſter und hielt Hippolyts Brief in der 169 Hand und las den letzten Satz laut:„Ich habe Vincenz von Dir unterhalten und er denkt ohnehin viel an Deine ſchönen Augen. Mache ihm ein paar Avancen und Du wirſt ihn nicht mehr ſpröde finden.“ Es war ſeltſam genug, daß dieſer Brief deutſch ge⸗ ſchrieben war, und ebenſo ſeltſam, daß Madame Lucie dasſelbe nicht nur vortrefflich zu verſtehen ſchien, ſondern auch ganz richtig auszuſprechen verſtand. Und nachdem ſie noch einen Augenblick in den kom⸗ menden Abend hinausgeſehen, zerriß ſie das Papier in kleine Stücke und ſtreute ſie hinaus. Dann erhob ſie den Kopf und ſchüttelte ihn, als wolle ſie alles Drückende von ſich ſcheuchen, und ſagte vor ſich hin:„Jetzt zu ihm. Heu⸗ chelei und Schmach hier, Heuchelei und Sentimentalität dort. Es wird Zeit, daß wir enden.“— Damit ging ſie leicht und raſch durch den Saal und trat in den Corridor hinaus, der ſie zu ſeinem Cabinet führte. Auf dem ſauberen Steinboden lagen einzelne, nicht gerade kleine Papierſtücke, und da ſie, vorſichtig und neugie⸗ rig, eines der größten aufhob und anſah, fand ſie zu ihrer Verwunderung ein Bruchſtück des Briefes, den ihr Hyneck vorhin vorgeleſen.„Wie unvorſichtig!“ murmelte ſie. „Es wird das Concept ſein— das Papier iſt gröber. Aber wie unvorſichtig! Dieſer Kammerdiener— Monſieur Charles—“ Weiter kam ſie nicht, da Hyneck ihr aus ſeiner Thür 170 entgegentrat, und da er ſie vor ſich ſah, ſie in ſein Zimmer zurückführte. Er war ſtill und gepreßt und ſagte nach einer Pauſe:„Sehen Sie, Lucie, ich habe Sie gebeten, die Welt uns fern zu halten. Sie iſt wie der Teufel: gibt man ihr einen Finger, ſo nimmt ſie die ganze Hand. Als ich vor⸗ hin von Ihnen kam, brachte mein Verwalter mir einen Befehl Sereniſſimi, augenblicklich zu ihm zurückzukehren, es gelte Leben oder Tod. Ich ahne nicht, was es ſein kann. Aber ich gehorche. Sehen Sie, Lucie, die Trennung iſt ſchon da— wer weiß, auf wie lange!“ „Sie gehen heute noch?“ fragte ſie ganz betäubt. „In einer Stunde; Charles packt meinen Mantelſack. Kommen Sie, Kind, daß wir über Sie reden. Er iſt ſchreck⸗ lich dieſer Abſchied und doch vielleicht das Beſte.“ Sie fand kein Wort der Erwiderung. Sollte ſie er⸗ ſchrecken, zürnen, ſich freuen— ſie wußte es ſelber nicht. Neuntes Capitel. Wirthſchaftsberichte. „Ei den Teufel auch, da treff' ich ja eine luſtige Com⸗ pagnie!“ rief Baron Hartwig, der geſtiefelt und geſpornt und die Reitpeitſche in der Hand in das uns ſchon bekannte freundliche Zimmer trat, wo die Frau Burgemeiſterin Junghans regierte.„Grüße Sie Gott, Frau Marianne, grüß Ihn Gott, Junghans! Und Du auch da, Fritz, alter Knabe? Wieder Frieden gemacht? Das iſt brav!“ Die drei waren von ihren Sitzen um den Tiſch im Hintergrunde des Zimmers aufgefahren, da ſie den alten Herrn erkannten, die Frau knixte einmal über das andere und war ganz roth geworden vor Verlegenheit; der Bur⸗ gemeiſter hatte die weiße Zipfelmütze abgeriſſen und die Pfeife aus dem Munde genommen, er machte gleichfalls mehr als eine Verbeugung und murmelte etwas von der 172 „Ehre“ und dem„hochwohlgeborenen Gönner.“ Und nur Fritz Buchhagen bewahrte auch hier ſeine Pfeife und ſeine behagliche Ruhe, es müßte denn ſein, daß man die Freude für eine Störung der letzteren gelten laſſen wollte, dieſe Freude, welche ſichtbar genug das breite rothe Geſicht überſtrahlte, als er den Herrn, der ſeit faſt drei Wochen abweſend geweſen und oft mit aller ihm möglichen Sehn⸗ ſucht herbeigewünſcht war, ſo überraſchend vor ſich ſah. „Na, Herr Baron,“ meinte er auch näher tretend, „das iſt doch nmal wieder ein guter Einfall von Euch ge⸗ weſen!'s war bei Gott auch lange genug, daß Ihr Euch draußen umhergetrieben. Willkommen daheim!“ Und er faßte die Hand des Herrn und ſchüttelte ſie. „Aul Fritz, ſachte! Ich habe menſchliche, zerbrechbare Knochen in dieſen Fingern!“ ſagte Hartwig Aare lachend und die befreite Hand in der Luft ſchüttelnd.„Aber Kin⸗ der, wenn ihr Euch ſo curios geberdet,“ fuhr er fort,„da muß ich mich wieder davon machen. Seid doch nicht kin⸗ diſch! Mir deucht, der Hartwig Aare iſt Euch weder ſo fremd, noch für einen Prahlhans und Großmaul bekannt, daß ihr ſeinetwegen Umſtände zu machen braucht. Wir haben doch ſchon öfters bei einander geſeſſen. Gebt mir Tabak, Junghans, meine Pfeife iſt leer; und Sie, Frau Marianne, laſſe Sie mir ein Glas kommen und einen Tropfen von Eurem Wein haben. Er ſieht lockend aus, 173 und obendrein ſchmeckt er dem Fritz— das iſt ein Zeichen wie kein anderes. Donnerwetter, iſt's draußen heiß!“ „Na, das iſt Eure eigene Schuld, Herr Baron,“ meinte Buchhagen ſchmunzelnd. „Was denn, die Hitze?“ war die launige Antwort, während der alte Herr ſich von dem herbeigeſchobenen Por⸗ zellanteller mit Tabak die Pfeife füllte und das braune Kraut bedächtig feſtſtampfte. „Die auch, Herr Baron,“ ſagte Buchhagen lachend; „ich habe zum mindeſten oft genug ſagen hören: wo der Hartwig Aare kommt, wird's heiß.“ Und da der Baron lachte, fügte er hinzu:„Diesmal aber meint' ich: warum macht Ihr Euch heiß und reitet durch Sonne und Staub, während es nur von Euch abhing in den bequemen Wagen zu ſteigen und die Leder zuzuziehen!“ „Ah— das ſchmeckt und kühlt!“ ſprach der Baron, aus dem herbeigebrachten Glaſe einen tiefen Trunk thuend. „Donnerwetter, Burgemeiſter— ˙s iſt ein guter Tro⸗ pfen; müßt mir die Quelle ſagen!— Ah, alſo der Wagen, Fritz— ja hole der Teufel den Wagen und die Straße und das Alles mit einander neunmal kreuzweis! Iſt ein Himmelmillionen—“ „Sapperment, Herr Baron,“ fiel der Wirthſchafter grinſend ein,„das muß ja in Kaſſel eine ganz merkwür⸗ dige Donnerwetter⸗ Luft ſein, daß ſie Euch noch in den Gliedern ſteckt!— Der Herr Baron kommt nämlich recta vom Hofe,“ ſetzte er wie erklärend gegen Junghans und ſeine Frau hinzu. „Rede mir nicht von dieſem— ekelhaften Loch, dem Kaſſel, und ſeinem ganzen millionenver— ekelhaften In⸗ halt, wollt' ich ſagen! Aber um auf die verwünſchte Car⸗ rete zu kommen— könnt ihr Euch vorſtellen, Kinder, daß mir das ſataniſche Ding drei⸗ oder viermal— ich weiß ſelber nicht wie oft!— unter dem Leibe auseinanderge⸗ brochen oder umgeworfen, oder ſtecken geblieben? Rede mir noch einmal Einer von ſtandesgemäßem Auftreten! Was beim Teufel kann für den Hartwig Aare ſtandes⸗ gemäßer ſein, als daß er ſich zu Pferde ſetzt und den Schranzen des Monſieur Hieronymus zeigt, was Edel⸗ mannsſitte iſt!“ „Na, Herr Baron, es ſcheint mir, daß es mit der ge⸗ wünſchten Alliance zwiſchen Eurer Majeſtät und Seiner Majeſtät noch im weiten Felde iſt!“ meinte der Wirth⸗ ſchafter kopfſchüttelnd und trotz der launigen Worte ſicht⸗ bar ernſter als bisher.„Da aber Euer Gnaden dieſe Re⸗ miniſcenzen nicht zu lieben ſcheinen, ſo erlaube ich mir die gehorſamſte Frage, ob unſer Wagen und Geſpann in Kaſ⸗ ſel ſtehen geblieben?“ Der Baron und auch die beiden Andern lachten, und der Erſtere ſagte:„Na, Junghans, der Buchhagen iſt doch nach wie vor ein wahrer Schatz! Der denkt immer zuerſt an das Eigenthum und hält's zuſammen! Nein, Alter, 175 in L. ſtehen ſie oder ſind vielmehr hoffentlich ſchon unter⸗ wegs,“ fuhr er fort.„Da brach die Carrete wieder zu⸗ ſammen, und da ließ ich mir einen Poſtgaul ſatteln, eine hartmäulige Beſtie—“ „Von L. aus?“ rief der Burgemeiſter ganz verwun⸗ dert und allen Reſpect vergeſſend, dazwiſchen. „Ja, Herr Baron, ein curioſer Weg iſt's und bleibt's!“ bemerkte auch der Wirthſchafter kopfſchüttelnd.„Von L. über dieſen angenehmen Ort nach Tolleneck— den Teu⸗ fel auch! Das muß eine ganz beſondere Bewandtniß haben.“ „Die hat's auch,“ verſicherte Hartwig wieder munter. „Lacht mich aus, Kinder, wie Ihr wollt, es bleibt den⸗ noch ein Factum, daß mir heut' Morgen wunderlich zu Muth war. Ich habe die drei Wochen her keine Sterbens⸗ ſilbe von Euch Allen gehört, und ich konnte den verrückten Gedanken nicht los werden, daß zu Hauſe inzwiſchen etwas vorgefallen ſein müſſe. Lacht, ſage ich! Ich, der tolle Aare, hatte keine Courage und wäre um's Leben nicht nach Tolleneck geritten. Und da ich dachte, von Euch hier würde ich Alles gut genug zu wiſſen kriegen, und Euch überdies noch eine gute Nachricht zu bringen hatte, von der ich meinte, Ihr würdet ſie lieber heut' als morgen hören— Euer En⸗ kel, der Albert, iſt frei und kann ſeine Studien ruhig fortſetzen—“ „Der Albert iſt frei?“ rief der Burgemeiſter. 176 „Gnädiger Herr, Sie ſind für uns immer wie ein Engel Gottes, voll Glück und Segen!“ ſagte Frau Jung⸗ hans, deren Augen ſich mit Thränen füllten, indem ſie nach der Hand des Barons haſchte und ſich niederbeugte, als wolle ſie dieſelbe küſſen. Hartwig Aare zog die Hand haſtig zurück,„Was das für Dummheiten ſind, Frau Junghaus!“ ſprach er faſt ein wenig verdrießlich.„Das verbitt' ich mir. Ich habe geſagt, wie es iſt, daß der junge Menſch hübſche Fortſchritte macht und ſchwächlich iſt, während ihr auch ſelber verdient, daß man Euch etwas zu gute thut. Das iſt Alles. Und nun freut Euch, und ich freue mich auch; denn als ich Euch hier mit dem Fritz in Frieden und Freundſchaft bei einan⸗ der fand, wußte ich gleich Beſcheid und daß ich mich vor mir ſelber zu ſchämen hätte. Der Teufel hole dieſe dum⸗ men Ahnungen!“ „Na Herr Baron, was den Frieden und die Freund⸗ ſchaft betrifft, damit ſieht's nur ſo ſo aus,“ bemerkte Buch⸗ hagen ſchmunzelnd.„Meine Gevatterin—“ „Sei Er ſtill, Buchhagen— da hat Er meine Hand! Es ſoll Alles vergeben und vergeſſen ſein!“ rief die Ma⸗ trone herzlich und that nach ihren Worten.„Heut' könnt' ich Alles verzeihen, ſo glücklich und dankbar bin ich!“ „Da hört Ihr's ſelber, Herr Baron,“ meinte der Wirthſchafter mit launigem Lächeln, während er die dar⸗ gebotene Hand der alten Frau ein wenig drückte.„Sie 177 läßt nicht von dem Glauben, daß ſie mir etwas zu ver⸗ geben habe, während umgekehrt ich ihr zum mindeſten all den Krakeel nachtragen ſollte, den ſie mir nun ein geſchla⸗ genes halbes Jahr und länger um nichts angerichtet—“ „Um nichts?“ fiel ſie lebhaft ein.„Schäme Er ſich, alter Menſch, und ſei Er endlich einmal ehrlich und geſteh' Er zu, daß jener Streich—“ „Gevatterin, es iſt ja kein wahres Wort daran! Ich bin unſchuldig wie ein neugeboren Kind!“ „Ein nettes Kind, das muß man Ihm laſſen!“ „Na, Frau, eben wollteſt Du aller Welt um den Hals fallen,“ ſagte Herr Junghans mahnend,„und jetzt — ſchäme Dich doch vor dem Herrn Baron!“ „Nun nun,“ meinte dieſer launig,„Frauenzimmer müſſen auszanken, ſonſt ſchmollen ſie, und dann ſir ſie ganz des Teufels. Ich meine aber auch, Kinder, Ihr konnt zu Eurem Zank einen kühlern Tag wählen, wo ein bischen Mcotion gut thut. Die kriegt der Fritz ſo ſchon heut' noch genug, denn wir müſſen bald ans Aufbrechen denken. Alſo Alles gut daheim?“ brach er ab, indem er ſich an Buch⸗ hagen wandte. „Ei nun ja, Herr Baron,“ verſetzte dieſer,„wie immer.“ „Nichts Neues, Fritz?“. „Wenig und nichts Beſonderes. Allenfalls— im Waldſchloß hat's einmal wieder geſpukt.“ Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 12 178 Baron Hartwig zog die weißen Brauen finſter zu⸗ ſammen und leerte ſein Glas auf eine gewiſſe heftige und ſtößige Weiſe.„Rede mir von dem armſeligen Geſellen nicht noch viel vor,“ ſagte er grollend.„Viel zu gut hatte er längſt nicht mehr bei mir, und ſeit ich in Kaſſel geweſen, iſt's ganz zu Ende. Hier darf ich's ſchon herausſagen: Man hat dort vor mir mit Geſchichten von ſeinem Herzog geprahlt, die wenig Zweifel laſſen, daß auch der ſich end⸗ lich herumſchwenkte und mit den Anderen auf die preu⸗ ßiſche Erbſchaft ſpeculirt. Denn Kinder, es ſieht ganz ver⸗ flucht aus,“ fügte der alte Herr grimmig hinzu;„wenn unſer Herrgott ſelbſt nicht Einſpruch thut und die Franzo⸗ ſen lebendig aus Rußland zurückkommen, ſo iſt es mit den armen Preußen trotz der erbettelten Alliance vorbei. Man ſpricht in Kaſſel von der Theilung, als ſolle es ſchon mor⸗ gen losgehen. Und da wird Herrn Arthurs Herzoglein auch zu Gaſt gebeten ſein wollen.“ Das Geſpräch hatte ſich hiermit wieder den öffent⸗ lichen Zuſtänden und politiſchen Verhältniſſen zugewen⸗ det, die damals den allgemeinen Unterhaltungsſtoff bil⸗ deten, obgleich er nicht trauriger gedacht werden konnte. Wir haben ſchon oben von dieſer Zeit, dem Zuge gegen Rußland und der Stimmung in Norddeutſchland gere⸗ det, die tagtäglich der Verzweiflung ähnlicher wurde. Denn zu dem troſtloſen Blick in die Zukunft kam die Noth der Gegenwart; es waren nicht die alt⸗preußiſchen 179 Provinzen allein, welche durch die endloſen Heerzüge ausgeſogen und ruinirt wurden, faſt eben ſo ſchlimm, als ſei ein neuer Krieg durch dieſe Gegenden hinge⸗ brauſt. Es war, als müßte auch der letzte Reſt pa⸗ triotiſcher Hoffnungen, die letzte Möglichkeit eines end⸗ lichen glücklichen Ausgangs für immer vernichtet werden und verſchwinden. Selbſt Hartwig Aare war, wie es die beiden Zu⸗ hörer wohl merkten, ſehr niedergeſchlagen von Kaſſel zurückgekehrt. Was er dort geſehen und gehört, zumal wie die Deutſchen ſelber dort ſich immer tiefer und im⸗ mer williger unter das Joch beugten und anfingen, die beſtehenden Zuſtände als dauernde anzuſehen und von ihnen Nutzen zu ziehen, hatte ihn am meiſten niederge⸗ beugt. Er fand es noch viel ſchlimmer, als ihm Le⸗ ſthen im vorigen Herbſt es geſchildert. Und daß ihm ſogar von mehr als einem der alten Freunde, die er dort zu Lande beſaß und jetzt wiedergeſehen hatte, das troſtloſe Wort geſagt worden:„Es nützt nichts mehr, alter Aare. Mit dem alten Deutſchland iſt es aus. Wir müſſen eben nur noch ſehen, wie wir uns das neue am wohnlichſten machen!“— das hatte den eiſernen Mann noch mit mehr Gram als Grimm erfüllt. Wenn die erſt an zu weichen fingen, wer mochte dann noch Stand halten! „Und dennoch, Junghans,“ ſagte er, da er mit 12 3 180 Buchhagen aufbrach, und faßte und hielt die Hand des alten Burgemeiſters,„wir müſſen Stand halten, es muß ein Kern bleiben, an den ſich, wenn es doch ein⸗ mal wieder heller wird, die Anderen anſchließen, an dem ſie einen Halt finden können. Und ich laſſe es mir nicht ausreden, es wird wieder hell und zwar bald vielleicht. Je tiefer das Dunkel, deſto kürzer währt's. Und wir müſſen die Augen offen behalten, daß wir in der Minute parat ſind; denn Eines weiß ich: kommt der Tag, ſo kommt er ſchnell und es heißt dann feſt zugreifen, daß wir mit unſerer Arbeit auch fertig wer⸗ den. Und ſagt mir, Kinder,“ ſchloß er,—„wenn wir alten zähen Burſche morſch werden, wie wollten wir's dann von unſererer Jugend anders verlangen, die noch nicht daran gewöhnt iſt, daß dem Menſchen im Leben mehr contrair als zu paß und nach Guſto kommt, und daß er ſich dann erſt recht durchbeißen muß?“ Als er aber draußen mit Buchhagen Tolleneck zu⸗ ritt— ſie hatten heut' den Fahrweg gewählt, der mei⸗ ſtens durch ebenes Land lief, und der Poſtgaul, welcher, auch nun wieder den Alten trug, hielt tapfer aus mit des Wirthſchafters ſchmuckem Thier— da redete Hartwig Aare, das Geſicht in einem Grimm verzogen, wie ſein Begleiter ihn lange nicht am Herrn bemerkt:„Das Rechte kann ich Dir doch nicht ſagen, Fritz, und keiner denkt es ſich, der es nicht geſehen. Ich bin mein Lebstage kein Kopfhänger ge⸗ 181 weſen, ſondern der tolle Aare, niemals jüngferlich und zimperlich, ſondern ſtets wild durchs Leben durch, durch Dick und Dünn, habe vor nichts Angſt gehabt, manchen verwettert eurioſen Streich gemacht, und vordem als Jung⸗ geſell im Felde, in der Garniſon und ſonſt Teufelszeug erlebt. Allein eine ſolche ſataniſche Wirthſchaft iſt mir nie vor Augen gekommen— ſo die reine, bare, nackte Lüder⸗ lichkeit, oder eine Raffinerie und Lüſternheit, daß ſelbſt mir altem Kerl davor angſt und bange werden wollte und ich mich auf und davon machte. Sähſt Du dieſe ausgelern⸗ ten Burſche— es ſind meiſtens Franzoſen— und dieſe wilden Weiber— Dirnen ſollte man ſie heißen, und lei⸗ der Gotts ſind es faſt alle Deutſche und vom ſogenannten edelſten Blut!— Du würdeſt Graus und Ekel darob em⸗ pfinden. Das ganze Kaſſel iſt mir wie ein großes Bordell erſchienen, hinter jeder verſchloſſenen Thür— manchmal iſt ſie nicht einmal verſchloſſen— kann man ſich einen verführenden Franzoſen und eine feile Deutſche denken. „Ja, es iſt wie ein echtes und gerechtes Sodom und Gomorrha,“ fuhr der erbitterte alte Herr fort, deſſen dunkle Furben uns nicht Wunder nehmen werden, wenn wir er⸗ wägen, von welchem Eindruck der damalige Hofſtrudel in Kaſſel auf einen zwar wilden, im Ganzen aber doch einfa⸗ chen und des Geſellſchaftstreibens entwöhnten Menſchen, wie Hartwig, ſein mußte, daß man damals in Kaſſel aller⸗ dings Dinge erleben konnte, wie ſie in der ganzen Welt 182 nicht wieder vorkamen, und daß endlich der Baron auch perſönlich bei ihm von Alters her Befreundeten und Be⸗ kannten böſe Erfahrungen zu machen gehabt hatte. „Sodom und Gomorrha!“ wiederholte er,„man braucht kein Pfaff zu ſein, um ihnen demnächſt ein Bad von Pech und Schwefel zu wünſchen und zu prophezeien. Und ſiehſt Du, Fritz, daraus habe ich wieder Hoffnung ge⸗ ſchöpft,— es iſt nicht möglich, daß das noch lange fort⸗ dauern, ein gutes Ende nehmen kann. Sie ahnen's auch ſelbſt, möcht' ich wetten, oder ſage: Es iſt in ihnen ein Inſtinet, daß ihre Zeit nur noch eine verzweiflungsvol kurze. Darum dies ſinn⸗ und verſtandloſe Raſen. Denn kommt's hier einmal zum Brechen, ſo brichts mit einem Schlage bis in den tiefſten Grund auseinander, es bleibt kein Stein auf dem anderen. Und Fritz— ich fange an zu glauben, ſo iſt es ungefähr überall, wenn's auch Gott⸗ lob nicht allerwärts die Lüderlichkeit iſt, welche das miſe⸗ rable Gebäude der fränkiſchen Herrlichkeit zerfrißt.— „Nun aber genug von dieſem Schmutz— wie ſteht's in Tolleneck und ſonſt hier zu Lande?“ ſchloß er.„Ger⸗ hard hat parirt, hoff' ich?“ „Ja, Herr, ſeit beinah' vierzehn Tagen,“ verſetzte Buchhagen zögernd, faſt, als ging er innerlich mit ſich über etwas zu Rath und könne noch zu keinem Entſchluß ge⸗ langen. Der Baron merkte das auch an dem ihm bis in die 183 kleinſten Veränderungen geläufigen Geſicht des Freundes, und er fragte daher:„Nun Fritz, was gibt's? Wo hapert's? Iſt er etwa wieder fort?“ „Nein, Herr Baron, das nicht,“ erwiderte der Andere kopfſchüttelnd,„mit dem Leibe iſt er da, ſonſt jedoch— hm! Ich weiß nicht, ob ich recht thue, Euch davon zu ſagen, allein ich rechne, daß er doch nun ſelbſt damit her⸗ auskommt, wie ernſtlich ich ihn auch davor gewarnt habe, und da iſt's freilich beſſer, daß Ihr von mir erfahrt: er iſt in Berlin drauf und dran geweſen, nach Rußland zu gehen. Und ob er nun auch einſtweilen gehorcht hat— ich ſtehe nicht dafür, daß er nicht eines ſchönen Morgens auf und davon. Ihr müßt ihm das nicht ſo hoch anrech⸗ nen, Herr Baron,“ fuhr Buchhagen mit ungewöhnlicher Bewegung fort.„Ihr müßt eben bedenken, daß er ein junger Menſch ohne rechte Geduld— Ihr ſelbſt habt die auch im Leben nicht recht gekannt— und mit dem Elend hier, dem Beiſpiel dort vor ſich. Es ſcheint in der Armee drüben eine Art Auswanderung Mode geworden zu ſein.“ „Hm!“— Hartwig Aare ſaß nachdenklich auf dem Pferde, das längſt ſchon im Schritt weiter ging, und rauchte ſtill vor ſich hin.—„Daß er den Wunſch hatte, verdenk' ich ihm nicht; wenn er nur parirt.'s könnte überdies nöthig werden, daß er ein wenig reiſt. Sie haben in Kaſſel ein unmenſchlich Verlangen nach ihm— Seine Majeſtät ſelber fragte nach ihm und ob er nicht in ſeine 184 Gardes du Corps paſſe— ein Advocatenjunge hat Gar⸗ des du Corps,— ˙s iſt eigentlich zum Todtlachen, Fritz! — Doch gleichviel! Und Leſthen?“ „Na, der General hat ihm abgerathen, Herr Baron, allein von Ueberzeugen iſt dabei keine Rede geweſen. Der Herr General ſcheint auch in all den Kniffen und Pfiffen zu ſtecken, die dort jetzt an der Tagesordnung, und aus denen kein Menſch klug wird— vielleicht die Herrſchaften ſelber nicht. Der Knabe hat kein rechtes Vertrauen zu ihm gehabt, ſcheint mir, und dazu iſt nun noch gekommen, daß er an ſeinem Cameraden, dem Hugo Platen, völlig irre geworden—“ „An dem Hugo?“ „An dem, und zwar ſo, daß er, als die Spukgeſchichte aufkam, meinte, der junge Herr möge mit unſerer Gräfin Nichte auch dabei betheiligt ſein. Er iſt etwa zugleich mit ihr aus Berlin verſchwunden, nachdem er vorher ganz cu⸗ rios vertraut mit ihr geweſen.— Nun wiſſen wir frei⸗ lich, daß im Waldſchloß Arthur—“ „Der Teufel hole ihn!“ murmelte Aare. „— geweſen. Er iſt neulich Abends in L. erſchienen und mit Poſt weiter gefahren. Aber ſelbſt das hat unſern Knaben nicht überzeugt. Wir wiſſen freilich von der übri⸗ gen Geſellſchaft im Waldſchloß nichts und können am Ende doch auch nicht wohl annehmen, daß die Gräfin Nichte ſo—“ 185 „Die? Ei nimm Gift darauf, ſie iſt ſo!“ fiel der alte Herr grimmig ein.„Habe ſüße Geſchichten von ihr gehört. Na, warte!— Nun aber— Hilda?“ „Sie langweilt ſich, Herr, ſo daß ſelbſt der Herr Vetter ihr Spaß machen kann.“ „Na, geſegnete Mahlzeit!“ meinte der alte Herr mit einer Art luſtigen Grinſens.„Das wäre nun das Aergſte nicht.“ 3 „Sagt das nicht, Herr Baron. Langeweile ſoll den Menſchen dumm machen!“ „Ach was, Fritz— haſt Du Dich auch gelangweilt? Ich kenne mein Mädel!— Und in Wintersbach?“ „Da wird kein Gott und kein Teufel daraus klug,“ ſagte Buchhagen lebhafter,„aber eine Freude iſt's, das iſt factiſch. Ich habe den Bernhard ſelbſt als Knaben nicht ſo geſehen, er iſt ſchier nicht wieder zu kennen, und hätt' er die weißmelirten Haare nicht, ſo könnte man glauben, er ſei von Neuem zwanzig Jahre alt.“ „Hm— das wäre ſchon recht; iſt lange genug achtzig alt geweſen!— Und keine Ahnung, was in ihn gefahren?“ „Nichts, Herr Baron. Ihr kennt ja das verſtockte Duckmäuſer⸗Geſindel in Wintersbach, den alten Bendler an der Spitze—“ „Mund davon Fritz! Der Bendler kommt eher in den Himmel als Du und ich.“ „Na, Herr Baron, das wäre nun gerade kein Kunſt⸗ 186 ſtück, iſt ja ſeine Profeſſion,“ ſagte Buchhagen ſchmun⸗ zelnd. „Du biſt von jeher ein alter Heide geweſen, Fritz!“ „Na, lieber Gott, Herr Baron,“ meinte Buchhagen ſchalkhaft,—„in ſolcher Geſellſchaft— wie wär's an⸗ ders möglich!“ „Gnade, Alter, Gnade!“ rief Herr von Aare lachend, „mit Dir iſt nicht zu ſtreiten! Du ſchlägſt Deine Gegner immer, fein oder grob, wie ſich's paßt. Aber Gottlob, Gottlob, daß ich wieder daheim!“ fügte der Alte faſt fröhlich hinzu.„Man lebt wieder auf. Ich habe in den ganzen drei Wochen nicht einmal ſo herzlich gelacht, wie eben!— Da iſt Tolleneck! Gott ſegne das alte gute Neſt! Als ich vor vierzig Jahren zuerſt als Herr einritt, hätt' ich nie geglaubt, daß ich mich nach den alten Thürmen einmal von Herzen zurückſehnen könnte! Grüß Gott!“ Und er winkte mit der Hand gegen die Thürme und Zinnen hinaus, die bei einer Biegung des Wegs hinter der vorſpringenden Höhe hervortraten. Sie waren eine Weile ſchweigend weiter geritten und nun ſchon an Herzheim vorüber, als Hartwig den Kopf von Neuem Buchhagen zuwandte und nachdenklich ſagte:„Haſt du Bendler extra aufgeſucht, und er will nicht heraus?“ „Ei, ich traf den Bernhard nicht daheim; war wieder in den Forſt, wie es jetzt immer heißt, und da 187 machte ich dem Alten auf dem Kirchberge meine Viſite— natürlich umſonſt, Herr,“ ſagte Buchhagen im erzählenden Ton, und fügte nach einer Pauſe gedämpfter hinzu: „vielleicht weiß auch er nichts. Ich habe immer gehört, wenn der Menſch verliebt—“ „Fritz, biſt Du denn ganz toll?“ fiel der Baron ein. „— Wenn der Menſch verliebt iſt, ſo macht er vor aller Welt den Geheimnißkrämer, bis Alles richtig und in Ordnung, pro oder contra“ ſprach der Mecklen⸗ burger beſtimmt weiter.„Und man mag reden, meinen, denken, was man will— ich ſage: der Bernhard hat Feuer gefangen. Das Wie, Wo und Wer kann ich noch nicht klein kriegen, denn hier in der Gegend—“ „Hahaha!“ brach Aare mit ſchallendem Lachen aus, „mein keuſcher Joſeph in Flammen— verliebt? Hahaha! Donnerwetter, Fritz, das iſt ein Einfall—“ „Herr Baron, ſeht ihn ſelber, und dann heißt mich einen Narren oder wie Ihr wollt“, fiel Herr Fritz Buch⸗ hagen mit größter Kaltblütigkeit ein.„Aber— Sapperment, da iſt unſere Kleine! Sapperment, hat die Eile!“ „Großpapa!“ klang es ihnen nun auch ſchon von Hildegard her entgegen, welche über das Feld daher, auf dem ſchmalen Ufer eines Grabens entlang herangeflogen 188 kam, indem ſie ihr Pferd zu ſolcher Eile antrieb, daß ſelbſt der Baron ein beſtürztes:„Fritz, ſie bricht den Hals!“ laut werden ließ. 1 „Biſt Du toll? Was ſind das für Dummheiten?“ fuhr er ſie an, da ſie nun ſchon neben ihm war und das trefflich geſchulte Thier parirte. Aber ſie hörte nicht darauf. Sie faßte ſeine Hand und zog ſie an die Lippen.„Zanke nur, Großpapa!“ rief ſie fröhlich, mit glühenden Wangen und leuchtendem Blick. „Du wirſt ſchon wieder gut werden. Ich habe mich ſo nach Dir geſehnt. Es zuckte durch mich wie ein Blitz, da ich Dich erkannte! O Gottlob, daß Du wieder da biſt!“ Er hatte ihre Hand feſtgehalten, ſein Auge muſterte ſie ſcharf. Trotz der augenblicklichen Aufregung zeigte ſich's, daß ſie in den Wochen ſeiner Abweſenheit ſchmal und blaß geworden; es erſchien unter den Augen ein um etwas dunkler gefärbter Rand, wie er zumal bei einem jungen Geſicht nur zu beſtimmt auf körperliche oder geiſtige Leiden hindeutet. Hartwig Aare ſah das nicht ohne Be⸗ ſtürzung, aber er faßte ſich und ſagte lächelnd:„Nun, Hilda, Fritz ſagt mir, daß Du Dich langweilſt, und freilich— wenn der Deine Unterhaltung liefert,“ fügte Her hinzu und blickte auf Hippolyt, der auf Hildegards Pfade mit größter Vorſicht nachgeritten kam—„dann— doch genug! Wo ſteckt denn der Gerhard oder der 189 Vincenz? Wartet, Burſche! Ich will Euch Manieren lehren! — Nun aber, du wilde Hexe, Kopf in die Höh'! Ich bin freilich wieder da und werde auch Dich in Ordnung bringen! Es ſoll wieder luſtig bei uns werden, wie ſonſt. Da draußen iſt es doch nichts mehr.“ Zehntes Capitel. Ain vermittelndes Gewitter. „Da draußen iſt es doch nichts mehr. Wir wollen es uns hier daheim wieder luſtig und fidel machen, wie es vordem geweſen,“ ſagte Herr von Aare am Abend ſeiner Rückkehr von Neuem, ſagte er am folgenden und wieder am folgenden Tage.„Ich will es ſo!“ fügte er hinzu. Aber was half das Sagen! Die Stimmungen, die jetzt auf Tolleneck und in ſeinen meiſten Bewohnern die herrſchenden waren, ließen ſich nicht auf Commando mit anderen vertauſchen, ſo ernſt es Hartwig auch mit ſeinen Worten und ſeinem Willen meinen mochte. Ja, es war ihm ſelber nicht recht nach dieſen Worten zu Muth, und es blieb ein ſchlimmes Zeichen, daß er ſo viel von der Luſtigkeit ſprach, nach der er verlangte; man möchte ſagen: 191 es zeigte ſich gerade daran, wie weit dieſelbe auch für ihn entfernt war. Er war, wie wir erfuhren, ſehr verſtimmt von Kaſſel und ſeinem ganzen Ausfluge zurückgekehrt, verſtimmt nicht allein durch die Anſchauung der Corruption, die in den Hof⸗ und höheren Geſellſchaftskreiſen jener Reſidenz in furchtbar üppiger Blüthe ſtand und in dem alten derben Herrn durch ihre Raffinerie den Patrioten ſo gut, wie den Menſchen angeekelt hatte— ſondern auch und noch mehr durch die ſchmeichelhafte Aufnahme, welche ihm perſönlich in dieſen Kreiſen zu Theil geworden. Er war einſichtig genug, um die Heuchelei und Falſchheit eines ſolchen Ent⸗ gegenkommens keinen Augenblick zu verkennen. Er wußte, daß man ihn weder liebte, noch lieben konnte, und er begriff nur zu wohl, daß die Heuchelei„den wilden und tollen Landjunker,“ für den er den Meiſten in dieſen Kreiſen galt, ſicher machen und hinters Licht führen und zugleich bei ſeinen bisherigen Freunden verdächtigen ſollte. Er ließ ſich die Rolle gefallen, in der man ihn ſehen wollte, und bezahlte die Heuchler mit gleicher Münze, aber er merkte von Tag zu Tag beſſer, daß er ſich zu viel zu⸗ getraut, und daß er eilen müſſe, aus dem Sumpf wieder aufzutauchen, wenn nicht ſeine derbe, geſunde und rück⸗ ſichtsloſe Natur demnächſt zum Durchbruch kommen und ihn zu einer Offenheit fortreißen ſollte, die, wie die Sachen einmal noch ſtanden, verderblich werden mußte. 192 Und zu dem Ekel hier kam nun noch der Grimm und die Trauer über das, was er an und von den alten Freunden und Geſinnungsgenoſſen zu erfahren hatte— eine Vertrauensloſigkeit in Bezug auf die Zukunft, ein Verzagen, ein Zurückſinken in die dumpf'ſte Gleichgültig⸗ keit, wie ſie gar nicht ſchärfer hervortretend gedacht werden konnten. Er merkte es wohl hie und da, daß im Volk von dieſer ſtumpfen Verzweiflung viel weniger zu finden, daß es knirſchend und mit feſt geballter Fauſt nur auf den erſten Ruf zum Aufſtand, auf das erſte Zeichen eines Ausbruchs harrte, um ſich wie ein Mann zu erheben. Allein von wem ſollte dieſer Aufruf ausgehen? Baron Hartwig verſtand das Volk, ſo treu er dasſelbe auch liebte und ſo groß die Popularität, deren er genoß, wie viele ſeiner Zeitgenoſſen doch zu wenig, um bei demſelben neben dem guten Willen auch die That für möglich zu halten. In ſeinem Sinn konnte der Anſtoß zu einer Er⸗ hebung nicht aus dem Volke ſelbſt hervorgehen; ein ſolcher mußte von denen kommen, welche durch Geburt und Rang und Einſicht von jeher über der Menge ſtanden, und ihm einzig dazu berufen ſchienen, dieſelbe aufzurufen, zu leiten, zu verwenden. Und dieſe waren's, die ſeiner Anſicht nach, fehlten; wenigſtens ſchien aus denjenigen, die ſolche Stellung zum Volke bisher eingenommen, die Hoffnung auf eine Aen⸗ derung und das Vertrauen auf die Möglichkeit einer * 193 ſolchen gänzlich verſchwunden zu ſein. Das hatte den alten Herrn tiefer verletzt und gebeugt, als alle übri⸗ gen Erfahrungen zuſammengenommen, und wenn er auch ſelber das Heft nicht aus der Hand zu laſſen und die Augen offen zu halten entſchloſſen war, ſo kehrte er doch nach Tolleneck mit dem Vorſatze zurück, fürs Erſte nur ſich und den Seinen zu leben und die öffentlichen Zu⸗ ſtände ihren Gang gehen zu laſſen, bis ſich ihm wieder die Möglichkeit eines Eingreifens zeigte. Jetzt war, wie er es hieß, nichts zu machen. Und ſo ſaß er wieder daheim und wollte mit den Seinen luſtig und fidel als „der tolle Aare“ leben. Aber wenn er es auch zur„Luſtigkeit und Fideli⸗ tät“ nicht zu bringen vermochte, ſeine Anweſenheit, ſein Eingreifen in den Gang des täglichen Lebens blieb den⸗ noch nicht ohne gute Wirkung. Sie gewährte der klei⸗ nen Geſellſchaft, die gegenwärtig in dem alten Hauſe lebte, eine Art ſicheren Halts, den Mittelpunkt, an den ſich Alle halten, zu dem ſie ſich zurückfinden konnten, und obſchon Hartwig ſelber zuweilen von der miſerablen Welt da draußen, wie er es hieß, nicht los konnte, ſondern über das, was er von ihr vernahm und ſah, ſich bald ärgerte, bald einmal ſchrie und fluchte in ſeiner aller⸗ heidniſchſten Manier, ſo wußte er doch für die Seinen, die ſich zu viel mit ſolchen Außendingen beſchäftigen wollten, ein vortreffliches Heilmittel— er ließ ſie nicht Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 13 194 zum Grübeln und Träumen kommen, ja nicht einmal recht zu Athem, ſondern hetzte ſie umher, durch Dick und Dünn, zu Pferd' und zu Fuß, zu Waſſer und zu Lande, bis zur vollſten Ermüdung, und der halsbre⸗ chende Ritt, den er bei ſeiner Rückkehr Hildegard zum Vorwurf gemacht, wurde jetzt unter ſeiner eigenen An⸗ führung mehr als einmal in einer Weiſe wiederholt, die für die Gliedmaßen der Menſchen und Pferde nicht ge⸗ rade viel ſicherer war. Doch war und blieb ſeine Theilnahme und Thä⸗ tigkeit, wenn er nicht einmal für ſich ſelber, nach Buch⸗ hagens Ausdruck zu kramen und zu ſchaffen hatte, den beiden Enkeln allein zugewendet,— freilich auch hier wieder in ſeiner eigenen Weiſe, die ſich um den Geiſt unendlich viel weniger als um den Körper zu beküm⸗ mern ſchien. Er ließ von Gerhard ſich referiren, wie es dem jungen Mann beliebte, hörte ihn mit einer Ge⸗ duld an, die alle Welt und ſogar den alten Wirthſchaf⸗ ter in Erſtaunen ſetzte, und erklärte hinterher alles Ge⸗ hörte für das dummſte und überflüſſigſte Zeug, das ihm je zu Ohren gekommen, ohne ſich auf eine Abgabe ſei⸗ ner eigenen Meinungen, geſchweige denn auf wirkliche Erklärungen, Erläuterungen oder gar auf Tröſtungsver⸗ ſuche einzulaſſen. „Summa Summarum,“ ſagte er einmal zu Ger⸗ hard bei ſolcher Gelegenheit,—„Du mußt alſo Ge⸗ 195 duld haben und warten, und da wir Alten das müſſen, wirſt auch Du junger Menſch es noch leichter können. Ob unſere Zeit kommt, weiß ich nicht; daß Deine er⸗ ſcheint, iſt ſicher. Alſo Kopf auf, Junge, und wirf den nichtsnutzigen Zweifel von Dir. Hau' Dich mit den Herren Franzoſen und meinetwegen auch mit den Herren Deutſchen herum, reite Deinen Gaul todt, mache Streiche, ſo viel Du willſt, fluche das Blau vom Him⸗ mel herunter und den Teufel in die Hölle zurück— 's iſt Alles recht und mir partout egal. Oder wenn Du willſt, reiſe— Du giebſt mir Dein Wort als Ca⸗ valier, daß Du keine dummen Streiche machſt und unter keine fremden Truppen gehſt, und dann kannſt Du gehen, wohin Du Luſt haſt. Nur wirf dies gott⸗ verdammliche Mißtrauen von Dir und dieſe dumme me⸗ lancholiſche oder verbiſſene Weiſe, die Dich dem Duck⸗ mäuſer, dem Bernhard, gleich macht, wie ein Ei dem anderen. Was Teufel, Menſch, Du biſt noch nicht ein⸗ undzwanzig Jahre alt! Und endlich, was Deinen Grimm gegen den Hugo betrifft, ſo halt' es damit wie Du willſt, aber Deine Schweſter bringſt Du mir nicht hin⸗ ein. Wer eine Freiin von Waldſtätten und eine En⸗ kelin Hartwig Aare's nicht zu eſtimiren verſteht, der läßt's bleiben. Sie fragt wenigſtens nicht nach ihm. Punktum. Und ich hoffe, daß Du nicht vergißſt, wie ſie nicht allein Deine Schweſter, ſondern auch eine Dame 13 196 iſt, für die und über die noch mehr Leute mitzureden haben.“— Was er über Bernhard und die günſtige Verän⸗ derung, welche mit demſelben vorgegangen ſein ſollte, jetzt auch von Anderen als Buchhagen vernahm, hatte ihn neu⸗ gieriger gemacht, als er's merken laſſen wollte. Durch das, was er von Leſthen erfahren, war ihm der Sohn, wie wir wiſſen, um Vieles näher gerückt worden, und wie ſie im vergangenen Herbſt wenigſtens ein paarmal vereint gegangen und gehandelt, hatte dieſe Annäherung in des Vaters Gefühl wenigſtens noch vermehrt. Dann aber war der„neue Raptus“ des Sohns gefolgt, wie der Alte es ärgerlich hieß,— Bernhard hatte ſich im Laufe des Herbſtes und Winters aufs Neue und mehr iſolirt als je; und ſeit er im Frühling zugleich mit dem Lande wieder auf⸗ gethaut war, hatte er ſich in Tolleneck wenig oder gar nicht mehr ſehen laſſen. Wie ſehr der Sohn dem Alten dennoch am Herzen lag, oder vielmehr, wie nahe er ihm, gegen früher, getre⸗ ten war, zeigte ſich jetzt, als Baron Hartwig eines Tages etwas that, was er noch nie gethan, und was ſelbſt Buch⸗ hagen, da der alte Herr es ihm Abends erzählte, mit offe⸗ nem Munde anhörte: Er hatte ſich Nachmittags zu Pferde geſetzt und war nach Wintersbach geritten, wohin er, wie geſagt, ſeit ſein Sohn dort hauſ'te, niemals mehr gekom⸗ men. Er hatte ſich auf dem Hofe und in den Feldern ſcharf 197 umgeſehen—„es ſieht dort ganz vernünftig aus,“ meinte eer,— Bernhard aber nicht daheim getroffen, noch Aus⸗ kunft erhalten können, wohin er ſich gewendet. Dann hatte er Bendler aufgeſucht, jedoch ohne beſſeren Erfolg. Der Pfarrer hatte ſehr ruhig erklärt, daß er zwar von Bern⸗ hards Treiben und Leben Näheres wiſſe, dasſelbe auch nicht gerade als Beichtgeheimniß erfahren habe, deſſenungeach⸗ tet aber jede Mittheilung darüber ablehnen müſſe. Die Aufklärung habe nicht von ihm, ſondern von dem Herrn ſelber auszugehen.„Nur das Eine kann und darf ich ſa⸗ gen, Herr Baron,“ fügte der Pfarrer mit ernſter Freund⸗ lichkeit hinzu, denn des alten Herrn Weiſe, ſeine ſichtbare Theilnahme hatte ihn überraſcht und gerührt,—„laßt Eurem Herrn Sohne Zeit und Ruhe, und ich bin über⸗ zeugt, Ihr werdet mit ihm zufrieden ſein, wie Ihr's im Grunde längſt hättet ſein können.“ Hartwig Aare kehrte nicht verdrießlich, aber überaus nachdenklich nach Tolleneck zurück. Wie er neuerdings über und an den Sohn zu denken gelernt, regte ſich in ihm von Zeit zu Zeit wenigſtens der Gedanke, daß er ſelber einen großen Theil der Schuld an dem bisherigen ſchiefen Verhältniß nicht nur, ſondern auch an dem ganzen beeinträchtigten Lebensgange ſeines Sohnes tragen möge, und er kam zu der Einſicht, daß der Pfarrer mit ſeinen Vorſtellungen und Einreden, die ihn von demſelben vordem, entfernt, doch Recht gehabt haben möchte. Und gerade, 198 wie der alte Herr ſich von all' der Miſere und Troſtloſig⸗ keit draußen gegenwärtig abwandte und Einkehr bei ſich und den Seinen hielt, mußte er zumal bei ſeinem Alter doch in dem Sohn nachgerade auch ſeinen Erben zu ſehen lernen, den Einzigen, der nach ihm noch den Namen Aare führte und den ganzen reichen Beſitz in ſeine Hand bekam. „Sollteſt Du dennoch Recht haben mit Deinem Feuer fangen“, Fritz?“ ſagte er Abends nachdenklich zu dem alten Freunde.—„Na, wenn ich nur ſicher wäre, daß es keine romantiſche, ſondern eine praktiſche Affaire, ſo wollte ich ja heidenfroh ſein! Allein— wo zum Donnerwetter, könnte er hier feſt geworden ſein? Allzuweit dürft es nicht ſein, er ſcheint nie lange von Hauſe fort zu bleiben, und dennoch weiß ich—“ „Na, Herr Baron, es würde ſich ſchon erfahren laſſen,“ ſprach Buchhagen, da der Baron kopfſchüttelnd inne hielt. „s iſt wahr, wie das Volk hier in den paar Dörfern lebt, und wie der Fluß uns von drüben abſchneidet, hört man verwünſcht wenig von ſeinen Nebenmenſchen. Allein, wenn man nur Luſt zum Suchen hat und—“ „Zum Spioniren, meinſt Du,“ fiel Hartwig Aare verdrießlich ein.„Möcht's Dir nicht rathen, Alter! Weißt es gut genug, wie ich über dies Capitel denke.“ .„Na ja, Herr Baron, aber weil ich das weiß, ließ ich's bisher, ſo braucht Ihr alſo keinen Lärm d'rum zu machen,“ verſetzte Buchhagen ruhig.„Deſſenungeachtet 199 geht es ohne Spionage im Leben doch nicht ab— wollen Hochdieſelben ſich allergnädigſt ein wenig an vorigen Herbſt erinnern—“ „Das iſt ganz etwas Anderes, Fritz,“ unterbrach ihn Hartwig von Neuem.„Da hieß es Wurſt wider Wurſt. Hier aber will ich dergleichen abſolut nicht. Bendler hat Recht: man ſoll den Jungen zufrieden laſſen— könnte ſich ſonſt wieder verſchüchtern laſſen, die zarte Seele! Aber neugierig bin ich doch!“ Wenn wir auch bisher noch nicht ausdrücklich von ihr geredet haben, ſo werden die Leſer es doch wohl auch ohnehin wiſſen, daß die Enkelin für den alten Herrn auch jetzt wieder die Nächſte war. Was er irgendwie an Zärtlich⸗ keit beſaß und aufzuwenden vermochte, wandte er Hilde⸗ gard gegenwärtig mehr als jemals zu, und er gab ſich über⸗ dies einer Beobachtung des Mädchens hin, die ſonſt wenig in ſeiner Weiſe lag, ja er ließ Hildegard, ſo zu ſagen, nie⸗ mals aus den Augen und hielt ſie, ſo viel es irgend anging, in ſeiner Nähe, ſtets dafür beſorgt, daß ihr nicht eine Minute zum Kopfhängen und Träumen blieb, ſo lange er mit ihr zuſammen. Und mochte es nun ſein, wie es wollte, dem ſchönen Kinde ſagte die Weiſe des Großvaters durchaus zu, ließ es wenigſtens wieder friſcher und geſunder erſcheinen und ſich mit Luſt in das immerhin etwas wilde Treiben des Alten hineinfinden. Denn zart war Hartwig, wie wir 200 wiſſen, nicht, aber er verfolgte eine Maxime, die ſich zum mindeſten in Bezug auf die Enkelin als vollkommen richtig erwies: mit ihrem Innern hatte er nichts zu thun und ein Vertrauen, das ſie ihm auch nicht entgegentrug, ſuchte er auch nicht. Er rechnete eben, daß in einem geſunden Körper keine kranke Seele hauſen könne, und bekümmerte ſich daher vor Allem oder vielmehr allein mit dem erſteren. Er ſah in einer Weiſe auf ihre Nahrung ſo gut, wie auf ihre Bewegung und ſtete Beſchäftigung, daß ſie ihn wohl hie und da lachend fragte, was er eigentlich mit ihr vorhabe, oder ob er ſie ſterben ſehen wolle vor Ermüdung? Und er erwiederte, in der beſten Laune von der Welt ihre Wange klopfend:„Na Kleineg willſt du lieber leben als eine larmoyante Närrin oder ſterben als die Tolle von Aare? Dich langweilen mit dem faden Geſellen, dem Herrn Hippolyt, oder Dich amuſiren mit Deinem wilden alten Großvater? Guck' in den Spiegel und ſag' mir, was Dir beſſer bekommt!“ Mit Hippolyt ließ er ſie ſo gut wie gar nicht mehr allein zuſammen, obgleich der blaſirte junge Herr ſich die möglichſte Mühe gab, an dem Leben und Bewegen der Uebrigen ſich zu betheiligen und mehr als früher um den Onkel und die beiden jüngeren Verwandten zu ſein. Aare zuckte die Achſeln dazu und ließ ihn gewähren, wie er es von jeher gethan—ohne ihn recht zu beachten, ja faſt, als ſei er gar nicht da; und es war ſchon viel, wenn er einmal, wo er den Neffen am Ende wohl ſehen und hören mußte, die Bemerkung machte:„Ja, wenn er Aare'ſches Blut hätte! Das iſt auch einer von denen, die ſich im Sumpfe feſtgeritten haben, und wenn er zwanzig Jahre älter iſt, ſchreibt er Adelslexica wie ſein Vater und ſetzt ſich heut' eine Lungenentzündung und morgen einen Ma⸗ genkrebs in den Kopf.“ Am liebſten trieb der alte Herr ſich mit der Enkelin allein umher, als ob er es wiſſe, daß ſeine halb derbe, halb joviale Weiſe, ſein unbekümmertes Vorwärtsleben, ſein leichtherziges Auffaſſen desjenigen, was an ihn herantrat, für das junge, einmal aus ſeiner ſtillen Bahn geſcheuchte Mädchen, das beſte Heilmittel ſein müſſe. Und er fühlte obendrein auch gut genug, was freilich ſeine ganze Umgebung gleichfalls längſt wußte und neuerdings beſſer als je erkannte,— daß Hildegards Weſen und Weiſe auf ihn ſelbſt, zumal gegenwärtig, von der allerwohl⸗ thätigſten Wirkung ſei. Bei ihr vergaß er die Außenwelt und was ihn dort verdroß, und fühlte ſich von ganzem Herzen als den alten tollen Aare, als ihren Großvater, d in dem anmuthigſten Kinde das Glück ſeines Daſeins and.— Sie waren heut' wieder auf einem der Streifzüge in die Umgegend hinein, auf denen der Baron ſich am liebſten von niemand weiter als der Enkelin begleiten ließ. Sie waren auf der oberen Fähre über den Fluß geſetzt und 202 hatten eine Beſitzung Hartwig's heimgeſucht, die ihrer Entfernung wegen ſelten von der Herrſchaft beſucht wurde, obgleich ſie es um der wunderbar ſchönen Gegend willen ſonſt wohl verdient hätte. Es waren die Beſitzungen des frühe⸗ ren Kloſters Hohenkreuz, deſſen Ruinen noch jetzt, Tollen⸗ eck faſt gegenüber, auf einer Vorhöhe aus dem Walde hervorragten, welche, man hatte faſt vergeſſen, wann und wie an die Herren von Aare gekommen und gegenwärtig beinahe den werthvollſten Theil ihres Beſitzes bildeten. Dort waren der Großvater und die Enkelin geweſen, hatten ſich beim Förſter, der an dem reizenden Wald⸗ und Gebirgsſee wohnte, ausgeruht und Mittag gehalten, und ſich nun auf den Rückweg begeben,— nicht der oberen Fähre zu, ſondern weil der Nachmittag ſo ſchön und die Gegend ſo anmuthig und für Beide faſt neu, gegen die große Fähre hin, welche zwei Stunden flußabwärts bei dem Dorfe Stromfeld als Hauptübergang über den großen Fluß benützt zu werden pflegte. Der Förſter hatte ſich zwar die beſcheidene Einwendung erlaubt, daß der Anblick der Berge ihm ein Gewitter zu verſprechen ſcheine, allein Hartwig Aare wollte davon nichts hören.„Das kommt höchſtens zur Nacht,“ ſagte er lachend,„und im Uebrigen — wenn alle Stränge reißen, ſo ſind unſere Pferde friſch, und in Stromfeld kann man's ſchon ein paar Stunden aushalten.“ So ritten ſie fort. Und der Tag war, um das zu wiederholen, ſchön, 203 hier, in der Ebene, die von den Bergen beherrſcht wurde, auch gar nicht ſchwül; die Gegend war anmuthig und die beiden Reiter erfreuten ſich jedes neuen Ausblicks mit frohem Herzen und klarem Aug', ja ſie ließen ſich durch eine Höhe, die eine noch weitere Rundſchau verhieß, von der eigentlichen Straße auf einen Seitenweg locken und hielten und ſchauten dort mit ſteigendem Vergnügen auf das reiche Land, auf den Fluß dort hinten, auf das alte hochragende Tolleneck, und rückwärts gegen Hohenkreuz und das Gebirge zu— „Blitz noch einmal— was iſt das?“ rief da Hartwig ganz beſtürzt, denn es kam rabenſchwarz über die Berge herein, und ſchier zugleich mit ſeinem Ausruf zuckte dort drüben ein wirklicher Blitz, und der Donner folgte raſcher, als man es hätte erwarten ſollen.„Na, beim Teufel, da haben wir die Beſcheerung!“ fügte er die Stirn runzelnd hinzu.„Und jetzt— was nun?“ „Ei bei dem Stillhalten kommt nichts heraus!“ ſagte Hildegard lachend.„Vorwärts, Großpapa! Nach Stromfeld kommen wir ſchon noch.“ „Ja ſtoß Dich! Keine tauſend Schritt weit kommen wir!“ entgegnete er lebhaft.„Die Gewitter ſpaßen dieſen Sommer nicht, und das da hat noch ganz extra Eile! Daß Du auch in dem verwünſchten langen Rock ſtecken mußt!— Und ich weiß nicht'nmal, wo wir ſind!—— Halt,“ unterbrach er ſich und ſchaute ſcharf in den Grund 204 hinab, über dem ſie auf der Höhe hielten,—„das iſt bei Gott Kindelsheim! Na Hildchen, dahin kommen wir noch, wenn wir die Pferde laufen laſſen. Buchhagen ſagte mir vor einiger Zeit einmal, die Wittwe des alten Waldern hauſe jetzt dort, und wenn ſie von gleichem Schlage iſt, wie er, als ich ihn vor vierzig Jahren kannte, ſo wird's ein verzweifelt altes und vornehmes Stück ſein. Allein was hilft's! Freſſen wird ſie uns nicht und aus dem Hauſe jagen auch nicht! Vorwärts!“ Sie waren während ſeiner Worte ſchon die ſchlecht unterhaltene ſteinige Straße langſam abwärts geritten und ließen nun, wo der Weg im Grunde beſſer wurde, die Pferde ausgreifen. Und ſie hatten's auch nöthig, denn das Gewitter kam mit raſender Eile heran, ja es war faſt, als bildete ſich über der Ebene jählings ein neues, ſo plötzlich war die ganze Höhe über ihnen in düſtere Schleier gehüllt, ſo nah flammten die Blitze, ſo raſch rollten die harten Schläge hinterdrein. Und als ſie durch das Dorf jagten, das vor dem Herrenhauſe an der Straße lag, kam ſchon der Regen in ſeinen erſten großen Tropfen dazu. Und nun waren ſie auf dem ſehr einfachen, aber ſau⸗ beren großen Hofe, vor dem ganz ſchlichten, wenn auch lang⸗ geſtreckten ſogenannten Schloſſe, das jedoch nichts derartiges zeigte, außer dem Thürmchen mit der Arbeits⸗ und Speiſe⸗ glocke in der Mitte des Dachs. Von den Nebengebäuden ſprangen ein paar Knechte herbei,— man hatte die Reiter 205 ſchon eine ganze Weile kommen ſehen können,— an den Thür jedoch empfing ſie Jemand, bei deſſen Anblick Hartwig Aare weit die Augen aufriß, und Hildegard die Hand bie⸗ tend zum Abſteigen, ſagte Bernhard heiter:„Grüß Gott, Papa, grüß Gott, Hildchen! Herein, herein, es ſpaßt nicht!“ „Donnerwetter, Junge, wie kommſt Du hieher?“ rief der alte Herr, aus dem Sattel ſpringend. „Gerade wie ihr— das Wetter jagte mich,“ verſetzte er lachend.„Aber hinein, ſag; ichn „Aber Donner Sapperment, Junge— die Dame, die Wittwe, haſt Du ſie ſchon geſehen? Wie nimmt ſie's, wenn man ſo sans façon—“ meinte der Baron beim Eintreten in das ſtille Haus, mit einem gewiſſen ſcheuen Rundblick und gedämpfter Stimme:„Liebe dieſe alten Excellenzen ums Leben nicht!“ „Kommt nur, kommt! Es iſt eine ſehr liebenswür⸗ dige Frau,“ erwiederte Bernhard wieder munter.— Lieber Gott, dachte der, alte Herr in dieſem Augenblicke, iſt das wirklich mein Sohn, der Duckmäuſer?—„Hier, ihr Lieben, in dieſe Thür!“ Und er ſtieß die nächſte auf. „Hier, Arädig⸗ Gräfin, erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Vater und meine Nichte vorſtelle, die Sie um freundliche Aufnahme während des Wetters bitten.“ „Sie ſind mir von ganzem Herzen willkommen,“ ſprach die Dame, die ihnen entgegengetreten war, mit anmuthiger Verneigung und im herzlichſten Ton. 206 Baron Hartwig Aare ſtand vor ihrer Erſcheinung in einer Ueberraſchung, die in anderen Verhältniſſen hätte lächerlich werden mögen, hier aber für den Sohn ſo gut wie für die Dame ſelbſt mit jeder verfließenden Secunde faſt peinlicher wurde, da beide begreiflicherweiſe nicht wohl verſtehen konnten, woher ſie rührte. Jetzt aber hatte der alte Herr ſich gefaßt und ſagte mit einer Verbeugung, die den Cavalier kennzeichnete, welcher ſich trotz aller Wildheit und Extravaganz doch auch in den erſten Kreiſen zu bewegen gelernt hatte:„Meine gnädige Frau, ich bin ein alter Burſche von wenig Facon, und ich ſehe wohl, daß Sie meine Ueberraſchung erſtaunt. Aber Sie müſſen mir das zu gute halten. Den Teufel auch, Gräfin, wie hätte ich denken können, daß Excellenz von Waldern, der zum mindeſten von meinem Alter war, eine ſo jugendliche Dame als Wittwe hinterlaſſen! Ich bin ehrlich, Gräfin,“ fügte er, durch Blanka's Lächeln ermuthigt, jovial hinzu,—„wie die Kleine da und ich heranſauſ'ten, hatte ich eine Art Kanonenfieber vor der alten Excellenz, die ich zu finden fürchtete! Und nun Sie! Bei Gott, Gräfin, ich merk's, Schönheit und An⸗ muth überraſchen uns zuweilen bedenklicher als das Gegen⸗ theil!“ Blanka lächelte von Neuem, Bernhard ſah außer⸗ ordentlich zufrieden aus. Aber der Donner, der das Haus erſchütterte, und der ſchwer niederpraſſelnde Regen ver⸗ 207 hinderten eine Weiterführung des Geſprächs und ließen die Dame an ihre Pflichten gegen ihren Beſuch denken. „Seien Sie mir nochmals herzlich willkommen,“ ſagte ſie,„und Sie, mein Fräulein, begleiten Sie mich, daß wir es Ihnen bequemer machen. Die Herren entſchul⸗ digen uns für den Augenblick.“ Und ſie bot Hildegard die Hand und zog ſie mit ſich durch das Gemach und hinaus. Der Baron ſah den beiden ſchlanken und graziöſen Geſtalten einen Augenblick ſchweigend nach, dann aber wandte er die ſcharfen hellblauen Augen mit einem un⸗ endlich ſchlauen und pfiffigen Ausdruck auf den Sohn, der dem Blick mit einem Lächeln, das nicht ganz ohne Verle⸗ genheit, begegnete, muſterte ihn von unten bis oben, ſtrich über den Bart und ſagte endlich:„Schlauer Hund, ſchlauer Hund! Das iſt alſo deine Weide, auf der Du vom Kopf⸗ hänger wieder zu einer Art von Menſchen geworden! Wie er ſcheinheilig thut und wie tugendhaft! Junge, ſo ſei doch ein einzigmal gerade aus, wie ein richtiger Toller.“— Bernhard lachte und ergriff des Vaters Hand. „Wer weiß, Papa,“ meinte er,„ob ich's Dir nicht einmal noch zu toll mache. Mir iſt wenigſtens mit dem Winter auch hier in Herz und Kopf etwas fortgethaut, und Du weißt, je länger das Eis liegt und je ſchneller es dann bricht, deſto wilder brauſ't der Fluß—“ „Compliment!“ ſiel der Alte ein.„Schön, aber Re⸗ 208 densarten! Sprich deutſch mit Deinem Vater, wenn ich Dich verſtehen und Dir glauben ſoll! Du biſt ein ſchlauer Hund, ſage ich, jetzt aber, wo ich Dir einmal auf der Spur — beichte!“ Die Antwort wurde Bernhard für den Augenblick erſpart, da die Gräfin eben mit Hildegard, welche den Reitrock abgelegt hatte, wieder eintrat. Aber er ſchien ihr nicht ausweichen zu wollen. Denn er ging auf die Dame zu und mit bittendem frohem Blick ihr in die plötzlich ſich ſenkenden Augen, in das erröthende Geſicht ſchauend, ergriff er ihre Hand, küßte ſie ſichtbar zärtlich und wandte ſich, indem er ſich wieder aufrichtete, dem Vater zu.„Papa,“ redete er dann munteren Tons und lächelnden Blick's,„ich habe Dir lange, lange Zeit nichts als Aerger gemacht—“ Hartwig Aare lächelte wieder mit jenem ſchlauen Blick.„Na, laß gut ſein! meinte er,„Jeder nach Ver⸗ mögen! Beſſere Dich und wir können die alte Rechnung ungehindert ſchließen.“ „Ich wollte auch ſagen, Papa, daß ich Dir eine um ſo größere Freude machen müſſe,“ fuhr Bernhard fort, und die Hand Blanka's von Neuem ergreifend, ſprach er: „Blanka hat mir geſtern erlaubt, ſie Euch in vierzehn Tagen, nach Ablauf ihres Trauerjahrs als meine Braut nennen zu dürfen. Da Euch das Gewitter heut' aber ſelbſt herführte, und Du, Papa, doch zu ſchlau biſt, um Dich—“ „Um mich hinters Licht führen zu laſſen, meinſt Du?“ 209 fiel der Baron lebhaft ein und war ſchon neben ihnen und ergriff Blanka's beide Hände, welche ihm die holdſelige Frau tief erröthend ließ.„Ja, ſchon recht, und doch nicht ſchlau, oder vielmehr nicht gläubig genug, um mir eine ſolche Freude ſo nahe, ja nur möglich zu glauben! Gräfin, Gräfin,“ fügte er in einem ganz ungewöhnlich weichen, bebenden Tone hinzu,„man hat mich bisher nur den tollen Aare geheißen,— nun ſcheint's, daß ich auch der reiche und glückliche werden ſoll! Gott ſegne Sie tauſend⸗ fältig, daß Sie den Jungen da nicht nur mir, ſondern auch der Welt wiedergewonnen! Denn wenn ich auch nicht viel Worte darüber gemacht, es hat mich mehr gegrämt, als ihr wiſſen könnt, daß das gute Blut, das doch in ihm ſteckt, ſo nichtsnutzig zu Grunde und verloren gehen ſollte.“— Die Wehmuth bebte durch ſeine Stimme, und als Blanka zu ihm aufſchaute, ſah ſie durch das alte joviale Geſicht ein ſeltſames Zucken gehen, ſah ſie die hellen blauen Augen wie in einem feuchten Schimmer. Sie vermochte nicht zu widerſtehen und neigte ſich gegen ihn, einen Augenblick von ihm umfaßt und den Kuß ſeiner Lippen warm auf ihrer Stirne fühlend. „Ich hab' es Dir wohl geſagt, Hilda,“ ſprach der alte Herr dann wieder fröhlich,„es müßte und werde bei uns ſchon noch einmal luſtig und fidel werden! Nun haſt Du's, und beſſer, als ich ſelbſt gehofft!— Gott ſegne Euch, Edmund Hoefer; Tolleneck. II. 14 210 Kinder, Gott ſegne Euch tauſendfältig!— Der wilde Alte hat auch ein Herz, und Ihr habt ihm das heut' ſo froh gemacht, wie es nicht geweſen, ſeit mir hier der Kleinen Großmutter vor Zeiten einmal ihr Jawort gegeben.“ —— Elftes Capitel. Ausgeworfene Angeln. Das Gewitter war längſt vorüber, die Wolken hat⸗ ten ſich verzogen, und die Sonne war vollkommen klar untergegangen, als Großvater und Enkelin wieder den Tollenecker Schloßberg heiter und munter plaudernd hinan⸗ ritten. Auf dem Hofe wurden ſie wie immer auch heut' von dem Wirthſchafter empfangen.„Ihr habt uns heut⸗ Sorge gemacht, Herr Baron,“ ſprach der redliche Mann, „und mich faſt zum Fluchen verleitet. Was Teufel iſt das für eine neue Mode, ſo lange und nach ſolchem Ge⸗ witter gerade mit der Kleinen auszubleiben! Wir haben, wiederhol' ich, Angſt in den Jacken gehabt, und der Gerhard iſt zur oberen Fähre und hinüber, um zu ſe⸗ hen, was aus Euch und Hildchen geworden. Und nun 14 212 kommt Ihr von der anderen Seite! Da kann man wieder nach dem ſuchen.“ Hartwig Aare hörte dieſe Wortfülle nicht ohne Erſtaunen an.„Was iſt denn los?“ fragte er.„Hältſt Du uns für Waiſenkinder, die ſich im Walde verirrt, oder was gibt's, daß Du ſolchen Allarm machſt?“ „Was los iſt?“ verſetzte Fritz Buchhagen faſt ein wenig grämlich.„Ja, der Teufel weiß es, aber nicht ich. Allein richtig iſt's nicht. Es ſpukt einmal wieder im Gebirge— diesmal ſind es keine zahmen Geiſter, wie neulich im Waldſchloß, Herr!— Dem Haldenbauern bei Wendlingen hat man in der vorigen Nacht das ganze Haus ausgeräumt, ihn ſelbſt mit Frau und Kind auf das Aergſte mißhandelt, und der Kämmerer Fries aus der Stadt iſt geſtern Abends aufgegriffen worden und hat heut' den Seinen gemeldet, daß er nur auf ein großes Löſegeld freikommen werde. Na, und Ihr Beide allein im Lande umherſtreichend— ˙s iſt bei Gott nicht amuſirlich für die daheim Bleibenden!“ „Na na, Fritz, bei Dir rappelt's!“ meinte der Baron lachend, ſie ſtanden Beide allein bei den Linden vor der Thür; Hildegard war gleich hineingegangen und ein Reitknecht hatte die Pferde fortgeführt.„Zuerſt kommen wir nicht ins Gebirge, und zum Zweiten wird man doch uns nicht und obendrein noch am hellen Tage moleſtiren!“ —. —y——— 213 „Wer weiß, Herr!“ meinte aber der Wirthſchafter grämlich.„Daß man Euch jetzt gerade nicht aus den Augen läßt, iſt fadengerade— faſſen Euch, wo ſie's können, die Einen nicht, ſo faſſen Euch die Anderen, aber Alle unter gleicher Kappe. Der Bärenbauer auf der Fuchsſtute iſt wieder beim Waſſerkopf zu ſehen geweſen, und daß der dort nicht Bauerneinfälle beſchwatzt, haben wir im Herbſt gemerkt. Kurz—“ „Kurz, Du leideſt an Ahnungen, Fritz,“ fiel der Ba⸗ ron launig ein.„Na, davor habe ich freilich allen Reſpect. Jetzt aber, da wir doch noch einmal wieder heil und ge⸗ ſund zur Stelle, hänge ſie für's Erſte an den Nagel und komme ein Bischen mit hinein; ich habe Dir Realia zu erzählen, die jedenfalls amuſanter ſind.'s iſt eigentlich freilich noch ein Staatsgeheimniß. Da Du aber mit zum Staat gehörſt als allmächtiger Miniſter—“ Sie waren während dieſer Worte in's Haus getreten und begannen die erſte Treppe zu erſteigen, welche zu des Barons, in einem der niedrigeren Schloßtheile gelegenen Zimmern führte, als von oben herunter ein Mann ihnen entgegenkam und mit einem franzöſiſchen Guten⸗Abend⸗ Gruß an ihnen vorüberſtrich. Die Treppe war breit ge⸗ nug, um noch einen Dritten vorüber zu laſſen, ohne daß er die beiden aufwärts Steigenden zu berühren brauchte. Der Fremde war ſo ſchnell gekommen und vorüber, daß der Baron Aare, als er verwundert auf der Stufe Halt ma⸗ 214 chend, ſich umſchaute, ihn bereits am Fuße der Treppe ſah. „Was Teufel,“ ſagte der alte Herr,„irre ich mich oder war das der Aff' von Kammerjungfer? Wo kömmt denn der her und wie ſieht er aus? „Na ja, er hat die Narrenjacke abgelegt,“ verſetzte Buchhagen grämlich,„aber er iſt's, könnt Gift darauf nehmen! Heut' Mittag ſtrich der Junge mit einem Mal an mir vorüber, als ſei er gar nicht fort geweſen, und ich ſag's offen, das gehört auch mit zu meinen Ahnungen, wie Ihr. ſie heißt, Herr Baron. Wann kam der Grasaff, und woher kam er, und was hat er hier zu ſuchen—“ „Fritz, iſt ſie am Ende auch hier? Heraus damit!“ fiel Hartwig ihm lebhaft, aber mit gedämpfter Stimme ins Wort. „Geſehen hab' ich ſie nicht, aber darum ſchwör' ich doch nicht darauf, daß nicht auch ſie ſchon hier,“ ſagte Buchhagen hörbar noch verſtimmter.„Und das iſt's wie⸗ der, Herr Baron. Wir ſind weiß Gott nicht mehr Herren auf Tolleneck; das geht, das kommt und bleibt und betreibt ſeine Affairen, und all' die gottverdammte Spionage vom Herbſt geht wieder los! s iſt ein Leben zum Davon⸗ laufen!“ Der Baron wußte ſeit langem, daß, wenn der alte Ge⸗ noſſe in dieſem Tone redete, es in demſelben wirklich nicht zum Spaßen ausſah, und da er bei dem Mitgetheilten doch im Grunde nichts fand, was des Alten Verſtimmung recht⸗ r— 215 fertigte, ſo mußte er wohl auf den Gedanken kommen, daß noch etwas und zwar die Hauptſache zurückgehalten werde. Indeſſen war ihm nicht minder gut bekannt, daß Buchha⸗ gen in ſolchem Falle niemals wider ſeinen Willen zum Sprechen zu bringen war, im Gegentheil bis zu dem Zeit⸗ punkt, der ihm der paſſende ſchien, der hartnäckigſte Schweiger blieb, den man ſich denken konnte— eben ein „ſtätiſcher Mecklenburger“, hieß Hartwig Aare das.— Er ließ dies Alles daher auch für den Augenblick aus dem Spiel und ſagte nur— ſie waren inzwiſchen natürlich längſt ins Zimmer getreten und Hartwig hatte, nachdem er Mütze und Reitgerte auf die Seite geworfen, vor allen Dingen ſchon nach der Pfeife gegriffen:—„Na, Alter, är⸗ gere Dich nicht, s iſt Freuenszeit.“ „Davon merk ich nichts“, entgegnete Fritz Buchhagen hartnäckig. 3 „Warte nur— wirſt gleich das Vergnügen haben! Rathe, wo wir bei dem Gewitter geweſen ſind!“ „Laßt mich aus, Herr Baron; habe in meinem Le⸗ ben mich nicht mit Räthſelrathen abſtrapaziren mögen,“ lautete die gleich verdrießliche Antwort. „Stätiſcher Gaul, der Du biſt! Wir ſind in Kin⸗ delsheim geweſen und—“ „Habt da den Bernhard getroffen? Er ſoll neuer⸗ dings dort öfters hinüberſtreichen.“ 216 „Das haſt Du gewußt und mir nicht geſagt?“ rief Hartwig lebhaft. „Werde mich hüten,“ ſagte Buchhagen kaltblütig. „Erinnert Euch nur an die Standrede von in Ruhe laſſen und alle dem, was drum und d'ran hing, Herr Baron. Na, alſo er war da. Und wie ſteht's? Iſt die Dame ganz Erde oder ganz Himmel? Eine rechte Armen⸗Mutter ſoll ſie ſein, hört' ich.“ „Es iſt ein Staatsweib, Fritz, das anmuthvollſte Frauenzimmer, das ich ſeit lange geſehen,“ ſprach der Baron, der in ſeinem Enthuſiasmus ganz vergaß, daß er die Pfeife noch ungefüllt in der Hand hielt.„Ein wenig ſchmächtig und blaß iſt ſie noch, aber das iſt kein Wunder. Man braucht kein Weiſer vom Morgenlande zu ſein, um zu merken, das ſie mit ihrem Seligen— glaub's übrigens nicht, daß der ſelig geworden!— ein gar unſelig Leben zu führen gehabt! Es war der bockbeinigſte alte Haarbeutel, den ich je unter dem Di⸗ plomatenvolk kennen gelernt. Er hat das arme Ding erſt vor zehn oder elf Jahren geheirathet, als er ſtein⸗ alt und ſie blutjung— weißt's ja, wie es zuweilen geht. Und dann hat der Bernhard ſie kennen gelernt— der Teufel weiß, wo!— und ſie für todt gehalten, und ſie nun bei Bendler wiedergefunden, und ſo weiter. 's iſt ſogar für unſer Einen rührend, Fritz!“ „So!“ ſagte Fritz Buchhagen langgezogen und ſicht⸗ 217 bar von ſeinen früheren Gedanken abgelenkt.„Alſo, ſie iſt noch jung und ſchmuck? Das hab' ich nicht ge⸗ wußt. Denn daß die Leute ſie einen Engel hießen— na, lieber Gott, die Engel können auch alt und wüſt ſein, darnach fragt Keiner! Und— iſt's was, Herr Baron?“ „Staatsgeheimniß, ſagt' ich ſchon— ſie muß erſt das Trauerjahr vollends hinter ſich haben— aber es iſt was, ja, Alter, ja! Alles fix und fertig!“ entgeg⸗ nete Hartwig Aare, und ſeine Augen blitzten hell auf vor Freude, er legte die Pfeife auf den Tiſch, und ſchlug ſeine Hand auf die Schulter des Wirthſchafters hart nieder.„Ja, Alter, daß wir die Freude noch erleben ſollten, das—“ „Das iſt gar kein Wunder,“ unterbrach ihn Fritz Buchhagen jetzt wieder völlig aufgeheitert und ſchmun⸗ zelnd.„Ich hab's immer geſagt, daß der Bernhard es hinter den Ohren hat; der Bendler ſagte es auch und Andere, nur Ihr wolltet es nicht glauben! Nun habt Ihr's, und ich gratulire von ganzem Herzen, Herr. Dagegen iſt alles Uebrige freilich nur dummes Zeug.“ Fritz Buchhagen war ſo lange in der Familie und hatte ſo viel gute und böſe Tage mit ihr verlebt, daß ihm in der That nichts über ihr Glück und Wohlerge⸗ hen ging und er einſtweilen wenigſtens Alles, was ihn bisher gequält und verdroſſen, darüber vergaß. Es gab 218 mit dem alten Gebieter ſo viel Gutes zu bereden und zu überlegen, und erſt, als ſie ſich nach mehr als einer Stunde trennten, meinte er mit von Neuem ſorgenvol⸗ lem und ein wenig grämlichem Geſicht:„Gefragt muß nun aber erſt recht darnach werden, Herr Baron, denn man muß doch wiſſen, was man zuerſt in den Kopf zu nehmen hat. Alſo, wenn die Gräfin Nichte da wäre oder demnächſt auftritt— nehmt Ihr ſie auf?“ Hartwig Aare ſchaute den Frager einige Augenblicke nachdenklich an.„Schnack!“ ſagte er dann in einem ſeltſam bedächtigen Ton.„Was ſollt' ich ſie nicht aufnehmen? We⸗ gen der Affairen vom Herbſt? Wegen der Hiſtorien Gerhards oder der Spukgeſchichte vom Jagdſchloß? Hm! Was ſchiert mich das Alles, ſo lange ich es nur vom Hörenſagen weiß und vergebens nach Beweiſen frage! Hat ſie den Hyneck ein wenig unterhalten und natür⸗ lich auch betrogen— das könnte mir ſogar ganz recht ſein. Schaden kann es dem Patron nicht, und er ſelbſt, dafür ſteh' ich, ſchadet Niemand mehr. Im Uebrigen iſt mir auch dieſe Geſchichte, je länger ich darüber nachdenke, von Tag zu Tag weniger glaublich. Mit einem Wort, Fritz, ich nehme ſie auf und wünſche ſie wie meine Nichte aufgenommen zu ſehen.“ „Hm!“ meinte Buchhagen mit einem fragenden Blicke auf den Gebieter.„Und im Uebrigen— wie im Herbſt?“ 219 „Beſſer, Fritz, beſſer! Sie ſoll ſich hier recht wohl und frei fühlen!“ „Na, da gnade uns Gott!“ murmelte der Wirth⸗ ſchafter. „Ei, Fritz, der hat viel weniger damit zu thun, als ſein Widerpart, die allerhöchſte ſchwarze Majeſtät,“ lachte Hartwig und fügte dann in einer gewiſſen ſchalk⸗ haften Weiſe hinzu:„Nun Alter, das Alles iſt vor den Couliſſen; hinter ihnen kannſt Du auf Deine eigene Hand agiren, wie Du willſt— das geht mich nichts an. Verſtanden?“ „Schon recht,“ erwiderte der treue Mann, und der Baron meinte das ehrliche und behagliche rothe Geſicht und die kleinen fidelen grauen Augen noch niemals ſo ernſtlich ſorgenvoll geſehen zu haben,—„ich merk's wohl, Herr Baron, Ihr habt irgend etwas im Hinter⸗ halt, das ich nicht kenne—“ „Und haſt Du dergleichen etwa nicht, Alter?“ un⸗ terbrach ihn ſein Gebieter lächelnd. „Will's nicht leugnen,“ ſagte Fritz Buchhagen un⸗ verändert in Blick und Ton,„allein es iſt damit et⸗ was Anderes, mein' ich. Wenn ich dergleichen für mich behalte, wißt Ihr ſchon, daß ich es nur thue, weil ich mich dafür ſelbſt Manns genug weiß und Euch Unan⸗ nehmlichkeiten und Verdruß erſparen will. Das kann ich aber um ſo beſſer, je klarer ich in all das krauſe 220 Zeug und all die krauſen Menſchen hineinſehe, die ſich neuerdings ſo viel mit uns zu thun machen. Doch wie Ihr wollt, Herr. Nur bitt' ich, guckt nicht allein nach dem Bernhard, ſondern haltet auch ſonſt die Augen of⸗ fen— ringsum, wie ein alter Huſar.“—— Am Nachmittage des nächſten Tages traf Lucie in der That wieder auf Colleneck ein, heiterer, friſcher und koketter als je und ſo ungenirt, als ob ſie nicht über ein halbes Jahr, ſondern nur einige Wochen fern ge⸗ weſen, und als ob es ganz unmöglich ſei, daß nach Tol⸗ leneck inzwiſchen Gerüchte gedrungen ſein könnten, die ihre Stellung noch ſchwieriger oder gar zweifelhafter ma⸗ chen könnten, als ſie es bereits in vergangenem Herbſt geweſen. Es war etwas Triumphirendes und Siegsge⸗ wiſſes an ihr, das am deutlichſten hervortrat, als Hart⸗ wig am Ankunftsabend, nachdem ſie Gerhard begrüßt und ihn neckend gefragt, ob die ſchlimme Stimmung, die ihn in Berlin beherrſcht, hier ein Ende genommen, — ſie in ſeiner uns ſchon bekannten offenen und we⸗ nig ſchonenden Weiſe nach ihrem Aufenthalt und Leben während des Winters und Frühlings befragte und hin⸗ zuſetzte:„Du biſt freilich ſelbſtſtändig und unabhängig, aber ein Aare'ſches Kind und daher nicht allein hier, ſondern auch in der Welt draußen zu gewiſſen Rückſich⸗ ten verpflichtet, an die Du Dich verdammt wenig ge⸗ 6 221 kehrt zu haben ſcheinſt. Ich will gern mit Dir gut Freund bleiben, aber gerad' heraus— ſo geht das nicht.“ Buchhagen, der heut' Abend wie häufig, wenn die Familie allein, mit ihr zuſammen im weißen Saale war, hörte dieſe Worte ſeines Gebieters mit einer Art innerlichen Kopfſchüttelns an. Er erinnerte ſich an Hart⸗ wigs Erbitterung im vergangenen Herbſt, als er ihm und dem General jene Mittheilungen über das gegen den Letz⸗ teren Beabſichtigte gemacht; er dachte an das geſtrige Ge⸗ ſpräch und des Barons Worte über eine gute Aufnahme, — und nun? Der alte Herr war, wie er am Beſten wußte, vor Allem ſchlau und vorſichtig und verfolgte ſeine Pläne, wenn auch auf ſeine eigene Weiſe, unerſchütterlich; allein ſo ineonſequent, wie er hier erſchien, hatte der Wirthſchaf⸗ ter ihn nie gefunden. Was ſteckte dahinter? Oder— war er’s wirklich?— Er hatte nur für den Augenblick mehr auf Lucie zu achten, welche eben dem Baron zu antworten begann. „Mein theurer Onkel,“ ſagte die Dame mit jenem halb üppigen, halb ſchmachtenden Lächeln, das wir ſchon öfters aus dieſen klaren blauen Augen zucken, ſich um dieſe feinen Lippen ſchmiegen ſahen,— oder war es mehr ko⸗ kett und übermüthig? Wer vermochte das bei dieſer ſelt⸗ ſamen Frau ſo gut, wie bei dieſem ihrem Geſicht mit den feinen, ausgearbeiteten und doch ſo harmoniſchen Zügen zu ſagen! „Mein theurer Onkel,“ ſprach ſie,„Sie wiſſen, daß ich in der Welt lebte und lebe; es gibt leider noch immer Beziehungen genug zwiſchen ihr und mir, die ich nicht ab⸗ weiſen, geſchweige denn abbrechen kann, ſo ſehr ich mich auch nach einem friedlichen ruhigen Leben ſehne. Sie kön⸗ nen das ſchon daraus ſchließen, daß ich jetzt von Neuem hieher komme und Sie bitte, mich in der Stille Ihrer al⸗ ten Burg und bei Ihnen mich ausruhen zu laſſen. Sie ſind auch zu billig, mein Onkel, um zu verlangen, daß ich draußen in der Welt leben ſollte, wie eine alte Frau, oder einen ſtrengen und prüden Sinn und eine kalte Weiſe er⸗ heucheln ſollte, die mir nicht gegeben ſind. Sie wiſſen ja, wie ich erzogen bin; Sie wiſſen, wie ich mit meinem Ge⸗ mahl lebte. Dann kamen allerdings ein paar unglückliche Jahre, weil man mir nicht nur die Einkünfte von des Grafen Barrois kleinem Vermögen, ſondern auch meine Penſion vorenthielt, unter dem traurigen Vorwand, daß der Tod meines Gemahls nicht conſtatirt ſei, während man mir doch nicht nur amtlich angezeigt, daß er bei Auerſtädt an der Spitze ſeines Regiments gefallen, ſondern auch ſeine Cameraden dieſen Tod beſtätigten. Es ſolle ein Irrthum vorgefallen ſein, ſagte man. Der Oberſt de Barrois ſei nicht getödtet, ſondern ſchwer verwundet zurückgeſchafft und dann— verſchwunden! Aber wohin, frage ich, fragen Alle! „Man hat das denn auch endlich eingeſehen,“ redete ſie weiter, ſie war nach und nach in einen erzählenden Ton 223 gerathen und auf dem anmuthigen Geſichte zeigte ſich ein Zug von— Erinnerung, hätte man's heißen mögen, der es wie in einem Duft erſcheinen ließ und es eigenthümlich verſchönte.„Man hat mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen und mir gewährt, was mir gebührte,— das heißt, ich muß meine Penſion von Zeit zu Zeit immer wieder den geizigen Schuften im Miniſterium abringen, mit der Drohung, mich andern Falls an den Kaiſer zu wenden, der ſchon zweimal wirklich für mich einſchritt. So ſteht’s, Onkel. Mein Ein⸗ kommen iſt nicht gering, allein— wiſſen Sie, wie man in Frankreich die Penſionen, die großen Gehalte gewährt? Mit der ſtillſchweigenden Bedingung, ſie zu verbrauchen, Aufwand zu machen, Luxus und Glanz zu entfalten! Man hat es ungern geſehen, daß ich aus dem Lande, nach Deutſch⸗ land ging, weil ich von jenen traurigen Gerüchten gepei⸗ nigt, vor dem Jahre ſelbſt in Thüringen, in Berlin nach meinem Gemahle von Neuem Nachforſchungen anſtellen wollte“— „Hoho! Darum?“ ſprach Hartwig Aare ſarkaſtiſch dazwiſchen. „Darum, mein Herr!“ verſetzte ſie, i ruhig an⸗ ſchauend.„Ich wollte nur noch hinzufügen: Man ſah dies ſo ungern in Paris, daß man mir wieder Schwierigkeiten wegen der Auszahlung meiner Penſion machte, und daß ich von Neuem den Kaiſer anrufen mußte. Der Vicomte 224 von Vernay, deſſen Sie ſich noch erinnern, brachte mir im vorigen Herbſt die endliche Erledigung.“ „Der Vernay? Ei!“ meinte der Baron ungläubig, und fügte dann lebhafter hinzu:„Weshalb, wenn das Al⸗ les wahr iſt, wirfſt Du ihnen den Bettel nicht vor die Füße?“ „Weil ich ohne dieſe Summen arm wäre, Onkel,“ verſetzte ſie mit anſcheinender vollſter Offenheit,„und weil ſie mich unabhängig machen.„Seien Sie gerecht,“ fuhr ſie fort,„glauben Sie nicht an die Verleumdung, die ſich, wie ich ſehr wohl weiß, an mich und mein Leben geheftet hat. Ich kann und will nicht als Heuchlerin leben, wieder⸗ hole ich; ich liebe das Leben, ich bin heiter, ich bin fröhlich. — Es iſt dies ein ſeltſames Geſpräch in dieſem Kreiſe, allein ich ſcheue mich nicht es vollends zu ſagen: Wollt Ihr mich mit Tollenecker Augen anſehen oder wie die enragir⸗ ten Patrioten in Berlin, ſo bin ich verloren. Seht Ihr mich aber an wie eine Frau der heutigen großen Welt, ſo wer⸗ det Ihr ſehen, daß ich nicht ſchlimmer, wohl aber beſſer bin als hundert Andere, welche wie ich gleichgültig ſind gegen den Schein, aber ſich nicht, wie ich wieder, trotzdem an das Weſen halten. Darauf kommt es doch an, Onkell— „Aber weshalb ſag' ich Ihnen das Alles?“ ſchloß ſie mit einem flüchtigen Lächeln und ſetzte mit leichtem Achſelzucken hinzu:„nun, Sie mögen auch das hören: ich weiß, daß ich hier im Ganzen ſehr ſchlecht angeſchrieben 1 225 bin, vor Allen bei jener Alten droben, die mich immer an die Spinnerin im Märchen vom Dornröschen erin⸗ nert!— daß man hinter mir Gott weiß was Alles ſucht und fürchtet. Das thut mir leid, mein Onkel, es ſchmerzt mich! Ich bin nicht gleichgültig gegen die Aner⸗ kennung der Wenigen, die mir nahe ſtehen, wie Sie hier in Tolleneck. Ich bin es nicht einmal gegen diejenigen, welche mir eigenilich fremd. Das iſt doch noch ein Reſt meines deutſchen Geiſtes, meines deutſchen Gefühls. Ich bekenn' es offen, daß ich mich zum Beiſpiel wahrhaft kin⸗ diſch gefreut habe, als ich jenen ſtolzen, unnahbaren Ritter, den Herrn von Platen— Sie erinnern ſich ſeiner wohl noch!— endlich bekennen hörte, daß ſelbſt ein preußiſcher Patriot und ein Ritter aus der Ukermark mir höflich und artig begegnen und mich nicht zu den Feinden werfen dürfe, die man zu haſſen, zu verachten habe.“—— „Was ſagſt Du dazu?“ fragte der Baron den alten Wirthſchafter, als er nach dieſen wunderlichen Bekenntniſſen mit demſelben allein war.„Iſt's nicht ein teufelmäßiges Weib? Wie die ſpricht!“ „Ich habe wenig davon verſtanden,“ meinte Buch⸗ hagen kaltblütig,„ich bin kein firmer Franzoſe, wie Ihr wißt. Allein, was ich verſtand— glaubt Ihr daran, * Herr Baron?“ „ Jetzt nicht recht, aber wenn ſie vor mir ſteht und mich anguckt und auf mich einredet— beinah',“ entgegnete Edmund Hoefer; Tolleneck. II. 15 der alte Herr lachend.„Ich ſage mir wenigſtens auch jetzt noch: es muß etwas Chrliches in dieſer Offenheit ſein, denn der Plan uns durch dieſelbe gerade täuſchen und irreführen zu wollen, wäre zu kindiſch. Sie iſt zu klug, um uns für ſo dumm zu halten.“ Und da er Buchhagen den Kopf ſchütteln ſah, fügte er hinzu:„Du alter Thomas, glaubſt ihr nicht?“ „Keine Silbe, Herr Baron,“ erwiderte der Wirth⸗ ſchafter beſtimmt.„Die Gräfin Nichte— Ihr habt mir erlaubt, über ſie wie über irgend ein ander Menſchenkind zu reden!— ſpricht nicht ein einzig Wort ohne Abſicht und Zweck. Zum Exempel das von dem Hugo Platen—“ „Und gerade das, Fritz— konnte etwas natürlicher ſein?“ meinte der Baron kopfſchüttelnd.„Sie hat meine Billigkeit angerufen, und ich muß freilich zugeſtehen, daß man in der großen Welt und überhaupt in unſerer Zeit anders lebt und anders zu leben gezwungen iſt, als vordem, als in den alten Kreiſen in Berlin ſo gut wie hier in Tolleneck.“ „Ja ja, ſie iſt ein teufelmäßig Weib, wie Ihr ſie hießet,“ ſagte Buchhagen, indem er bekräftigend dazu nickte,„Sie verſteht Jedermann bei ſeiner ſchwachen Seite zu faſſen, jetzt Euch bei Eurer Biliigkeit!“ 4 „Ha, meinſt Du nicht gar, ſie möge auch mich ver⸗ führen wollen, wie ſie's bei Anderen verſucht und gethan haben ſoll?“ lachte Hartwig Aare. 227 Buchhagen zuckte die Achſeln.„Warum nicht?“ fragte er kaltblütig.„Bei einem Menſchenkinde, das ich für klug genug halte, um nicht bloß ſeinem Vergnügen und Ge⸗ lüſte, ſondern auch einem Zwecke nachzuleben, das ich kokettiren, intriguiren— wie heißt man das Alles?— ſehe, ohne jenem Zweck auf die Spur kommen zu kön⸗ nen— halte ich Alles für möglich.“ Baron Hartwig ſchwieg eine Weile nachdenkend, dann ſagte er:„Kurz und rund, Fritz— was hältſt Du von ihr und für was hältſt Du ſie?“ „Kurz und rund, Herr Baron— in der Welt macht ſie für die Franzoſen Geſchäfte— ſpionirt, heißt man das, und gewinnt ihnen Freunde und Nachrichten, die auf keine andere Weiſe zu erlangen find. Daß ſie hier bei uns nur in dieſer Rolle erſchienen ſein ſollte, glaub' ich nicht. Was ſie aber weiter beabſichtigt, beabſichtigen kann, das weiß ich noch nicht. Denn nach meiner dummen Einſicht könnte ſie als Eure Nichte und des Herrn von Meding Tochter ſich hier ruhig niederlaſſen und ihrem kindlichen und verwandtſchaftlichen Gefühl genug thun, ohne dem Scheine nach in die Stadt, und dem We⸗ ſen nach auf's Jagdſchloß zu reiten, ohne— na, was nützt all das Reden,“ brach er ab.„Ich meine, wir haben im vergangenem Herbſt auch ſonſt noch genug vom Schein und Weſen erlebt, und ich will nur noch ſagen: wäre ſie eine Fremde, ſo würde ich dies Getreibe wahnſinnig 15* heißen. Nun ſie aber eine Verwandte iſt, die hier gewiſſer⸗ maßen daheim, verſteh' ich's erſt recht nicht.“ „Ei Temperament, Fritz, Temperament!“ ſprach der Baron lächelnd und die Achfeln zuckend.„Zu den„Tollen“ gehört ſie nun einmal, nur daß die Tollheit bei ihr, wie vordem bei ihrer Mutter und noch mehr als bei der ins rein Feminine übergeſchlagen iſt.“ Der alte Wirthſchafter ſah ſeinen Herrn einen Augen⸗ blick zweifelnd und fragend an, bevor er leiſe den dicken Kopf ſchüttelnd ſagte:„Ihr denkt merkwürdig tolerant, Herr Baron— neuerdings meine ich.“ „Gerechter, Fritz, nur gerechter!“ entgegnete Hartwig mit einem ſeltſamen Ausdruck und in einer Weiſe lachend, die Buchhagen vollſtändig verblüffte.„Na und wie iſt's,“ fügte er dann hinzu,„haſt Du Deine Horcher ſchon wieder aufgeſtellt? Man kriegte doch nette kleine Hiſtorien im Herbſt zu hören, über die man lachen konnte!“ Fritz Buchhagen war wieder einmal verſtimmt. „Wollte Gott, wir möchten auch jetzt darüber lachen können!“ verſetzte er, die Stirn runzelnd.„Ich fürchte * aber, wir— werden weder Gutes noch Böſes erfahren,“ brach er plötzlich ab und wandte ſich noch kürzer als ſonſt zum Gehen. Der Baron rief ihm lachend ein:„Beſſere Dich, alter Bär!“ nach, verſank dann jedoch in ein Nachdenken, das Buchhagen, hätte er's bemerkt, beſſer als alles Andere 229 würde davon überzeugt haben, daß ſein Herr nicht ganz ſo gleichgültig, noch ſo ninconſequent“ ſein dürfte, wie es ihm ſich neuerdings auch dem alten Genoſſen gegen⸗ über zu geben beliebte. Hartwig Aare hatte in Wirklich⸗ keit die„Expectorationen“ Luciens nicht gar zu gläubig aufgenommen, geſchweige denn ſich von ihnen bekehren laſſen. Er verfolgte vielmehr, wie wir wohl verrathen dürfen, auf ſeinem jetzigen Wege einen allerdings nicht wenig abenteuerlichen Plan, zu dem er durch allerlei in Kaſſel erhaltene Mittheilungen und angeſtellte Be⸗ obachtungen gelangt war, der ihm ſelbſt aber häufig noch ſo wunderlich und ausſichtslos erſchien, daß er einſtweilen vor Jedermann daraus ein Geheimniß machte, und zwar um ſo mehr, da nur im vollſtändigſten Geheimniß die Möglichkeit eines Erfolges lag. Und er blieb ſelbſt gegen Buchhagen feſt, obgleich ihm der ſichtbare Verdruß des treuen Mannes ſchwer genug zu ertragen war und er ungern deſſen Hülfe entbehrte. Der alte Genoſſe und Vertraute ging ihm ſeit dem letzten Geſpräch entſchieden aus dem Wege und hatte nir⸗ gends, ſo oft Hartwig auch darauf anſpielte, wenn ſie dennoch einmal allein waren, eine Nachricht für ihn, wie er ſie im vergangenen Herbſt auf einem nur ihm bekannten Wege ſo häufig aus Luciens Zimmer herbeizuſchaffen vermocht. Er konnt's auch nicht laſſen und ſagte einmal zu ihm: „Wir kennen uns nun über vierzig Jahre, Fritz— das 230 heißt, wir glaubten's ſo. Allein es iſt nicht wahr, merk' ich. Denn daß in Dir Mißtrauen gegen mich ſtecken und daß Du obendrein noch ſchmollen könnteſt— ſchmollen! — das iſt mir teufelmäßig überraſchend geweſen! Sei vernünftig, Alter, und rede Dich aus und dann ſage mir, wie ſteht's oben?“ „Weiß ich nicht, Herr Baron,“ verſetzte Herr Buch⸗ hagen in der möglichſten Kürze und Grämlichkeit.„Beſucht ſie ſelber und fragt ſie— ſie plaudert ja offen genug mit Euch.“ Ueber das Geſicht des Barons zuckte ein jäh auf⸗ ſteigendes Zürnen, allein er bezwang ſich— dachte er daran, daß er dem alten Genoſſen wirklich genug Veran⸗ laſſung zum Mißvergnügen gab?— und ſagte nur barſch: „So geh' zum Teufel, alter Bär!“ „'s iſt da kein Platz mehr für mich,“ entgegnete der Wirthſchafter mit einem Anfluge ſeines alten Humors. Der Baron gab nicht allein Buchhagen, ſondern Allen, die überhaupt auf ihn achteten und nicht mehr mit ganz ſo unſchuldigen und zerſtreuten Blicken in die Welt ſchauten, wie allenfalls ſeine Enkelin Hildegard, allerdings Veranlaſſung genug zum Erſtaunen, zu einer ernſtlichen Verſtimmung, ja zu Befürchtungen, die wenn auch noch unklar, darum vielleicht nur um ſo peinlicher ſein mußten. Es herrſchte zwiſchen dem alten wilden Herrn und der ſchönen, luſtigen Nichte— beide Beiwörter rechtfertigte 231 Luciens Erſcheinung gegenwärtig mehr als je— eine Ver⸗ traulichkeit, ja Intimität des Verkehrs, welche die Zuſchauer um ſo mehr beſtürzen durfte, als Hartwig Aare einerſeits längſt nicht mehr in dem Rufe ſtand, irgend eine Frau mit einer andern als freundſchaftlichen oder verwandtſchaftlichen Neigung anzuſehen, und anderſeits Niemand abzuſehen vermochte, wie weit jene Intimität reiche, noch wohin ſie führen könne.— Es war auffällig genug und konnte Niemand entgehen, wie der Baron ſich gegen die Nichte ſeit ihrem Wieder⸗ auftreten verändert zeigte. Es war an ihm keine Spur mehr von jener gelegentlichen Gereiztheit gegen ſie zu ent⸗ decken, die er vordem nicht verhehlt; kein Mißtrauen wurde ſichtbar, kein Tadel, kein Spott laut. Er war ſtets und, wie es ſchien, gern in ihrer Nähe zu finden, er hatte nicht nur ein Ohr für alle ihre Einfälle, ſondern auch Geduld, ja ſogar eine luſtige Theilnahme für dieſelben. Ja er ließ ſich, wie Buchhagen ſelber einmal hören mußte, von ihr über Hippolyt erzählen, wie es nur einer richtigen Behand⸗ lung bedürfe, um den ſchlaffen jungen Mann vollends aus ſeiner Blaſirtheit loszulöſen und zu einem Menſchen zu machen, der etwas mehr Beachtung verdiene, als der Baron ihm bisher zugewendet, und er duldete es, daß ſie bei dieſer Gelegenheit auf des Bruders Verkehr mit Hilde⸗ gard hinwies und lachend meinte, ſelbſt dieſe ſcheine ihn verſtehen und würdigen zu lernen. 232 In Hildegards Weſen lag freilich etwas, das dieſe Andeutung gewiſſermaßen rechtfertigte. Das junge Mädchen hatte ſeit Luciens Rückkehr Hippolyt gegenüber allerdings ſich einer veränderten, ein wenig wilden und heftigen Laune überlaſſen, die, ſo oft ſie den Verehrer, wie wir ihn doch wohl heißen müſſen, auch mit Spott oder Trotz, mit einer Art Verdrießlichkeit und Ungeduld zurückſtieß, doch ihm anderſeits auch wieder nicht die Gelegenheit verweigerte, ſich zu nähern und in einer Vertraulichkeit gehen zu laſſen, der Hildegard bisher auf das allerentſchiedenſte ausgewi⸗ chen war, und die ſie nun zum mindeſten gleichgültig duldete. Niemand ſah in dies Alles tiefer hinein als der alte Wirthſchafter, denn er war der Einzige von Allen, der durch keinerlei Nebenintereſſe von ſeinen Beobachtungen abgezogen wurde, und er war nie ſo iſolirt geweſen wie jetzt, da die Verſtimmung zwiſchen ihm und dem Baron ihn überall von dieſem entfernt hielt. Er wurde grämlicher und grimmiger von Tag zu Tag und um ſo mehr, da ſeine alte Quelle verſiegt war und ihm keinen Einblick mehr in das erlaubte, was droben bei den Geſchwiſtern, was in Luciens Privatleben vorging. Vincenz hatte ſich beſtimmt geweigert, ſeine frühere Rolle von Neuem zu übernehmen. Und doch hatte er ſich nie lebhafter nach einem ſolchen Einblick geſehnt, nicht allein um des Barons willen, der ihm nun einmal doch am ernſtlichſten am Herzen lag, ſondern auch der Dame ſelber wegen. Es ging bei ihr und um S 233 ſie her etwas vor, das merkte er wohl. Er ſah das an den Stimmen der Geſchwiſter und an ihrer ganzen Weiſe, wenn ſie ſich einmal in der Nähe unbelauſcht glaubten; er ſah das an der Veränderung, die an Felix täglich ſichtbarer wurde— der Burſche war niemals widerwärtiger, nie⸗ mals heftiger, ſo ausgelaſſen luſtig, ſo finſter und faſt ver⸗ zweiflungsvoll umhergeſchoſſen, wie in dieſen letzten Tagen. Er erfuhr es ſogar von der alten Anne Margarethe, deren Beobachtungen in ihrem Kreiſe eben ſo wenig nachließen, wie die ſeinen in dem ihm zugänglichen, und er ſchloß es endlich aus Vincenz; Weſen— Buchhagen ballte im ſtummem Zorn die Fauſt und runzelte die viereckige Stirn, wenn er in ſeinem Grübeln bis zu dieſem Punct gelangt war, und ſchaute dem ſchmucken Jägersmann, wo er ihm einmal begegnete, mit einem Blicke nach, in dem ſich Wehmuth und Grimm um den Vorrang ſtritten. Nur Eines gab es, was ihm eine Art von Troſt gewährte,— daß, ſo viel er erfuhr, von Bernhard in dieſen Tagen auf Tolleneck gar nicht die Rede war und der Vater noch weniger von den guten Ausſichten des Sohn's hatte verlauten laſſen. Es blieb auch Alles ſtill. Kein Gerücht von Bernhard's Streben und Glück drang zu dem alten Bergſchloß herüber; der Fluß, wie wir wiſſen, trennte die Landſtriche an ſeinen Ufern gründlich. Bernhard ſelber ließ ſich nicht ſehen. Als er von Luciens Ankunft erfahren, hatte er durch Buchhagen dem 234 Vater melden laſſen, daß er ſich einſtweilen noch fern halten werde, und der alte Herr hatte kurz geantwortet: „'s iſt ganz recht ſo. Das paßt mir.“ Aber auch dieſer Troſt— weshalb es überhaupt ein ſolcher, mochte nur Buchhagen allein verſtehen— ſollte ihm genommen werden. Eines Tags berichtete ihm einer der alten Diener ganz beſtürzt von einer Unter⸗ redung zwiſchen dem Baron und der Gräfin Nichte, die er zufällig vernommen. Lucie hatte Bernhard'’s und der mit ihm vorgegangenen Veränderung erwähnt und den Wunſch geäußert, ihn einmal aus ſeiner Einſiedelei her⸗ vorzuholen. Und da hatte der Baron etwas verdrießlich erwiedert:„Ah bah, der Duckmäuſer! Laß ihn und mache mich durch dieſe Fragen nach ihm nicht rabiat. Ich bin mit meinen ſiebzig Jahren noch ein ganz anderer Kerl als der da, Frau Nichte!“ Zwölftes Capitel. Sin Blick in's Ande. Droben in dem ſchönen großen Gemache Luciens, das uns von früher her noch bekannt, hatte ſich in den Monaten ihrer Abweſenheit und jetzt nach ihrer Rückkehr nichts verändert. Der Raum lag ſo ſauber, ſtill und friedensvoll ausgedehnt, als ob auch das ſtillſte und ru⸗ higſte Menſchenkind heiter und friedlich darin walte, als ob hier nie von heißen Blicken, von leidenſchaftlichen Worten, von ſtürmiſchem Herzklopfen die Rede geweſen ſein könne. So war es auch jetzt friedlich und ſtill, ja deſto ſtiller, je härter und ſchallender eben erſt die Thür in's Schloß geflogen, je lauter, drohender, verzweiflungsvoller eben noch die Worte geweſen, welche durch dieſen Raum erklungen waren. Und wie böſe die Scene geweſen, die 236 hier geſpielt, das ſah man noch an der Dame, die mitten im Zimmer ſtand, mit glühendem Geſicht, mit drohendem, noch immer auf die Thür gerichteten Blick, mit hoch⸗ wogendem Buſen, und ſogar die Hand zur Fauſt geballt. Wie waren ihre feinen Züge verändert! Ein finſterer Zorn, ein tödtlicher Haß ſprach aus ihnen; und doch war Lucie in dieſem Augenblick vielleicht ſchöner, als ſie es je geweſen, denn es zeigte ſich in dieſem Geſichte zugleich eine Kraft und Energie, welche man zu anderen Zeiten, bei dem üppigen Lächeln, bei dem ſchmachtenden oder ſchalkhaften Blick des glänzenden blauen Aug's ſchwerlich in dieſer Frau vermuthet haben würde. Wir haben ſie freilich ſchon einmal in ähnlicher Aufregung geſehen— damals im Waldſchloß, nach Felix' ungeſtümem Ueber⸗ fall— allein da war es mehr ein Ausbruch des leiden⸗ ſchaftlichſten Widerwillens, ein erſtes Auflohen des Haſſes geweſen, während derſelbe jetzt da war in ſeiner vollen dämoniſchen Gewalt. Einen Augenblick ſtand ſie noch, wie gefeſſelt und erſtarrt. Dann löſ'ten ſich die Finger der Hand aus dem krampfartigen Zuſammenpreſſen; ſie athmete tief auf, tief, als ſei eine furchtbare Laſt von ihr genommen; ihr Blick flog, ohne ſich zu erhellen, mit eigenthümlicher Schärfe gegen die Thür zu, welche zum Corridor führte; er wandte ſich zu jener, die das Gemach mit Hippolyt's Zimmer verband, und richtete ſich dann, indem er plötzlich wunder⸗ 237 bar milde, faſt träumeriſch wurde, auf den Hintergrund, wo die weißen Vorhänge keuſch und rein das Bett und ſeine Umgebung verhüllten. Er war eigenthümlich, dieſer raſche Umblick, wiederholen wir, man ſah es ihm an, daß Lucie lauſchte. Und nun ging ſie mit ihrem raſchen, unhörbaren Schritt gegen das verhüllte Bettcabinet, wie man es wohl heißen durfte, zu und verſchwand hinter den Vorhängen. Ein leiſes„Ah!“ klang von dort durch das Gemach, und dann folgte ein Flüſtern und Murmeln, dazwiſchen vielleicht auch einmal ein leidenſchaftlicherer, lauterer Ton, aber von ihrer Stimme allein. Löſ'te ſich ihre Erregung in dieſem Selbſtgeſpräch auf und ſuchte ſie Ruhe und Erholung in der dämmerigen Stille jenes Raumes? Es mußte wohl ſo geweſen ſein. Denn als ſie nach einer geraumen Zeit wieder zum Vorſchein kam, war die zornige Erregung aus ihrem Aeußeren, bis auf einen Reſt der Röthe verſchwunden, welche noch ihre für gewöhnlich bleichen Wangen bedeckte. Auch ihr Auge blickte von Neuem in ſeinem gewohnten, feuchten und üppigen Glanz, und n i Lippen ſchmiegte ſich ein gleichſam übermüthiges ächeln. Hatte ſie übrigens bisher ungeſtört bleiben und ihre Aufregung vollends beſiegen wollen, bevor ſie ſich wieder im vollen Tageslicht zeigte und fähig war, vor einem etwa zu ihr Eintretenden in gewöhnlicher Haltung zu erſcheinen, 238 ſo war ſie keinen Augenblick zu früh hervorgekommen. Denn ſie hatte kaum zwei bis dreimal das Gemach mit ihrem raſchen Schritt durchmeſſen, als Hippolyt’s Thür leiſe geöffnet wurde und das Auge des Bruders die jäh Anhaltende mit einer Art freundlichen Lächelns traf.„Darf man ſtören?“ fragte er leiſe. „Was ſoll's?“ verſetzte ſie hörbar voll Verdruß, während auch ihre eben noch reine Stirn wieder ein paar leichte Falten zeigte. „Ich will Dir nur einen alten Freund melden, deſſen plötzliches Erſcheinen Dir dennoch unbehaglich ſein dürfte,“ ſagte er, vollends hereintretend und ſich mit einem unge⸗ wöhnlich raſchen Blick im Gemache umſchauend. „Wie rückſichtsvoll!“ ſprach ſie voll Hohn. Die Stimmung zwiſchen ihr und dem Bruder, wie ſie ſich auch in Gegenwart Anderer zeigen mochke, ſgien in Wirklich⸗ keit um nichts harmoniſcher, geſchweige denn freundilicher geworden zu ſein, als wir ſie früher kennen lernten.„Und wer, wenn man fragen darf?“ „Du darfſt fragen, denn Du würdeſt gerade jetzt ſchwerlich auf ihn rathen,“ verſetzte er.— Spottete er? „Ah bah, ich rathe überhaupt nicht,“ ſagte ſie weg⸗ werfend.„Ich kenne Niemand, um den ich mich derartig ſteigern ſollte, denn der Eine, der mir augenblicklich un⸗ bequem wäre, der iſt's nicht. Alſo, weshalb kommt er nicht?“ 1 239 „Und gerade dieſer Eine, theure Schweſter, iſt's— Vernay nämlich,“ bemerkte er mit außerordentlicher Freund⸗ lichkeit. „Vernay? Es iſt nicht wahr!“ ſprach ſie nach einer Pauſe, welche ſie die ſichtbar höchſt unangenehme, faſt ſchreckhafte Ueberraſchung machen ließ, die bei des Bruders Worten ſie überkommen. „Horch!“ verſetzte er mit der gleichen ſpottenden Freundlichkeit—„Du hörſt bereits ſeinen Schritt im Corridor. Dieſe alten hallenden Gebäude haben doch zu⸗ weilen ihr Angenehmes, merk ich.“ Sie lauſchte, ſtarr auf die Thür blickend, allein er mußte ſich getäuſcht haben, da nichts zu vernehmen war. Und zu ihm zurückblickend, fragte ſie nun raſch und faſt beftig:„Er iſt drunten geweſen? Wo? Du haſt ihn ſchon geſprochen? Du? „Allerdings, ich, da ich ihn bei ſeiner Ankunft em⸗ pfing. Wir ſind wieder gute Freunde. Er hat ſich dann Tante Chriſtinen wie ſchicklich vorgeſtellt, da ſie zufällig um den Weg war, und ich bin vorausgegangen, um Dich nicht gar zu ſehr erſchrecken zu laſſen.“— „Du biſt alſo drunten geweſen?“ fragte ſie nach einer neuen, noch längeren Pauſe, mit ſcharfem Blick in ſeinem Geſichte leſend. „Zu dienen, Madame,“ verſetzte er mit jener früheren Freundlichkeit, die ſie nun ſchon zum zweiten oder dritten 240 Mal die Stirn falten ließ.„Hilda hatte mir einen Spa⸗ ziergang verſprochen, kam jedoch nicht. Dafür ſah ich den armen Felix in einer Art Furie an mir vorüberſtürzen und dachte mir gleich, daß Du eine Scene mit ihm gehabt, bedauerte auch, daß ich Dir nicht dabei hatte zur Seite ſtehen können— der Burſche bedarf nachgerade Männer⸗ hände, um gezügelt zu werden!— traf dann jedoch den Vicomte und mußte dies doch beſſer finden. Denke—“ Das Oeffnen und Schließen einer nicht entfernten Thür ließ ihn innehalten, und faſt unmittelbar darauf wurde die Thür von Hippolyt's Zimmer geöffnet, und auf der Schwelle erſchien die ſchlanke Geſtalt und das geiſt⸗ und lebensvolle Geſicht des Vicomte von Vernay. „Ich bin durch Ihr Zimmer gegangen, da ich Niemand fand, der mich bei Madame hätte melden können,“ führte er ſich ein, und auf Lucie zutretend und ihre Hand an die Lippen führend, fügte er galant in Ton und Blick hinzu: „Ah Madame, erſt wenn man Sie wiederſieht, fühlt man ganz, wie viel man durch die Trennung verloren! Jedes⸗ mal erſcheinen Sie ſchöner und anmuthiger, als die Phan⸗ taſie auch des treueſten Ihrer Verehrer es ſich auszumalen vermocht! Ah, wer immer in dem Strahle dieſer Augen ruhen könnte!“ Sie hatte ihn nicht nur ſeine Worte vollenden laſſen, ſondern blieb auch noch, da er innehielt, eine ganze Weile in ihrem Schweigen, den Blick der glänzenden, zu ihrer 241 vollen Größe geöffneten Augen mit durchdringender Schärfe auf ſeinen Zügen ruhen laſſend. Erſt als er ſchon die Lippen zu neuen Worten öffnete, machte ſie eine leichte Be⸗ wegung mit der Hand, die ihn zurückwies, und ſagte end⸗ lich:„In der That, Vicomte, Sie haben mich allerdings ſehr überraſcht— vor vierzehn Tagen noch in Paris und, wie es hieß, für immer dort angeſtellt, und jetzt—“ „Erlauben Sie, Madame,“ fiel er lebhaft ein,„Sie überraſchen mich! Man wird doch das Märchen von meinem Verbleiben in Paris, das man für gewiſſe Leute zu erfinden nöthig fand, nicht auch Ihnen aufgebunden haben?“ Es flog über ihr Geſicht ein jähes, dunkles Erröthen. „Ein Märchen?“ wiederholte fie langſam und das Wort ſcharf betonend.„Als ein ſolches hab' ich es nicht erfahren, und ich geſtehe,“ fügte ſie aufflammend hinzu,„daß ich hierin eine Mißachtung entdecke, die ich mir nicht gefallen laſſen werde!“ „Madame, Madame!“ ſprach er leiſe und beſchwich⸗ tigend,„noch immer dieſe Heftigkeit, die das Kind mit dem Bade ausſchüttet?— Aber— ſind wir denn auch allein?“ brach er mit einem raſchen aufmerkſamen Blick durch das ganze Zimmer ab, und ſich umwendend, ſchritt er dem Hintergrunde zu und trat mit einem fragenden: „Sie erlauben?“ hinter die Vorhänge des Bettes. Edmund Hoefer: Tolleneck. II. 16 „Mein Herr!“ rief ſie auffahrend und von Neuem dunkel erröthend vor Zorn und Ueberraſchung,„das—“ „Das iſt ganz nothwendig,“ ſagte er, ſchon zurück⸗ kehrend, in völlig verändertem, beſtimmtem Tone.„In dem Raum kann Jemand ſtecken, ohne daß Sie es ſelber ahnen, und da ich mich nun einmal nicht von dem Glauben abbringen laſſe, daß man uns im Herbſt hier behorchte, ſo muß ich mich diesmal dagegen ſichern. Unſere Unter⸗ redung bleibt in unſer Aller Intereſſe am Beſten geheim.“ Lucia hatte ſich längſt wieder gefaßt, ein ſpöttiſches Lächeln zuckte über ihr Geſicht.„Sie thun ſtets wunderbar ernſt, theurer Vicomte,“ meinte ſie.„Nachher aber— ge⸗ biert der Berg eine Maus.“ „Wollen ſehen, Gräfin!“ verſetzte er kaltblütig.„Jetzt aber, Gräfin, laſſen Sie uns Platz nehmen und zur Sache kommen. Meine Zeit iſt eine gemeſſene. Die Pferde ſtehen geſattelt vor der Thür.“ Er bot ihr den Arm, er führte ſie zum Diwan und ſetzte ſich ihr gegenüber, während Hippo⸗ lyt in der nahen Fenſterniſche lehnte. Sie ließ das Alles ſchweigend geſchehen, ſei es, daß ſeine letzten Worte Ein⸗ druck auf ſie gemacht, ſei es, daß die Ueberraſchung noch fortwirke. „Ich bin ein alter Freund,“ fing er an.„Ich ſpreche hier bei Ihnen vor, ohne dazu autoriſirt zu ſein, ja ich glaube faſt, gegen den Wunſch unſeres Chefs. Aber, wie geſagt, der Freund ſchob den Beamten zurück. Man 243 hat es alſo nicht für nöthig gehalten, Sie in Betreff jenes Gerüchts aufzuklären. Ich kann daran anknüpfen, was mir ſonſt ſchwer zu ſagen geworden—“ „Wozu die Umſchweife?“ fiel ſie lebhaft ein.„Man goutirt mich nicht mehr, man möchte mich los werden! Weshalb ſagt man das nicht offen?“ „Wie raſch Sie ſind!“ ſagte er kopfſchüttelnd,„wie hart gegen ſich ſelbſt! Aber freilich, ich kann alſo offener reden und muß Sie aufmerkſam machen, daß man aller⸗ dings unzufrieden mit Ihnen iſt. Ich gebe es zu, der Mi⸗ niſter iſt ein wenig Barbar und verſteht wenig von den Capricen ſo gut, wie von dem Recht einer ſchönen Dame—“ „Vernay“, ſprach ſie jäh dazwiſchen,„kommen Sie endlich heraus. Was gibt's, frage ich, daß Sie mir Com⸗ plimente machen?“ „Gräfin!“— „Ah bah, Vernay, ich kenne Sie zu gut, um auf ſolche Thorheiten auch nur ſo viel zu geben. Sie nehmen wahrhaftig keine Rückſichten, wo ſie nicht durch ganz be⸗ ſondere Gründe geboten werden. Erinnern Sie ſich an das Geſpräch mit Hippolyt und mir im vergangenen Herbſt, an dieſer ſelben Stelle. Weshalb ſchonen Sie uns, oder vielmehr mich, heut' mehr als damals? Mit dem Herrn Bruder ſcheint der Friede ja geſchloſſen zu ſein,“ fügte ſie voll Hohn hinzu.— 16 „Weshalb ich heut' ſchonender— das heißt zu⸗ rückhaltender bin? fragte er von Neuem den Kopf ſchüt⸗ telnd.„Nun, Lucie, weil ich wirklich als Freund für Sie fühle, wirklich für Sie fürchte, wirklich finde, daß man ein wenig zu hart—“ „Bei der Allmacht!“ unterbrach ſie ihn heftig, „jetzt iſt's genug! Jetzt will ich wiſſen, worauf Sie hindeuten!“ Er ſah ſie einen Augenblick gleichſam bedauernd an, bevor er erwiderte:„Nun, Gräfin, man muß es geſtehen, daß Sie in der letzten Zeit doch faſt gar zu ſehr nach Ihrem Kopf gelebt haben, ohne dies durch einen oder den anderen kecken Schlag, durch einen rech⸗ ten Erfolg gut zu machen, Mit einem Wort, Gräfin, ſo hart es klingt: Sie haben Ihren Capricen in einer Weiſe nachgegeben, die Sie ſelbſt und diejenigen, in deren Dienſte Sie arbeiteten—“ „Mein Herr!“ brach ſie heftig aus. „Sie haben es gewollt— jetzt will ich ausreden und Sie haben zu hören,“ ſagte er entſchieden.„Ich ſage alſo: Sie haben ſich und uns compromittirt. Wir ſind nicht ſchwerfällig, wie dieſe Deutſchen, wir geſtehen dem Blut, der Jugend, der Schönheit allerlei zu, allein es bleiben auch bei uns Rückſichten zu beobachten, gegen ſich ſelbſt, gegen die Geſellſchaft. Man hat aus Berlin ſeltſame Dinge berichtet, ja ſogar den Wunſch ausge⸗ 245 ſprochen, Sie nicht wieder in den dortigen Kreiſen er⸗ ſcheinen zu ſehen,— nicht ſowohl um der Preußen willen— merken Sie wohl, Lucie!— als vielmehr um unſerer Geſellſchaft willen, in der Sie ſich, wie es ſcheint, Blößen gegeben haben, die man nicht mehr über⸗ ſehen kann. Und das Uebelſte iſt,“ fügte er achſelzuckend hinzu,„daß man dies ganz neuerdings in Kaſſel beſtä⸗ tigt gefunden haben will.“ Man ſah es ihr an, welche Gewalt ſie anwandte, ſich zu bezwingen, aber es gelang ihr und ſie erwiderte nur in einem bitteren und hohnvollen Tone:„Vortreff⸗ lich, Vernay, ganz vortrefflich! Nur ſchade, daß ich unmöglich vorausſetzen konnte—“ „Zanken wir uns nicht,“ fiel er lebhaft ein.„Es i*ſt, wie ich geſagt, und ich muß hinzufügen: Sie ha⸗ ben zu heißes Blut, Lucie, und laſſen ſich von dem⸗ ſelben weiter fortreißen, als Sie ſelbſt verantworten können.“ Es war eine Pauſe. Sie ſchaute ihn finſter an und ſprach endlich in gedämpftem aber entſchloſſenem Ton: „Gut alſo, Vernay, hier gehen unſere Wege aus einan⸗ der. Sie wiſſen es ſo gut, wie der Miniſter, daß ich mir von jeher meine Freiheit gewahrt habe. Wenn ich Eure Aufträge, gleichviel, ob ſie mir conveniren oder mich lang⸗ weilen, ausführe, muß Euch nicht nur das Wie? gleichgül⸗ 246 tig ſein, ſondern habt Ihr Euch auch nicht um mein ſon⸗ ſtiges Treiben zu bekümmern.“ „Auch wenn dies Treiben Sie und uns compromit⸗ tirt, Sie für jeden neuen Auftrag abſolut unmöglich macht, Lucie?“ fragte er ernſt und fügte dann hinzu:„Aber hier gerade liegt's! Der Erfolg rechtfertigt Alles, läßt Alles überſehen, was im Grunde nicht dahin gehört. Und an dieſem Erfolg fehlt es Ihnen neuerdings—“ „Es fehlt mir daran? Sie wollen ſagen: Sie ſind un⸗ bedeutend. Iſt das meine Schuld? Meinen Sie, daß mir der Platz und die Stellung, in die man mich hier gewieſen, an⸗ genehm? Ich habe ſie ausgefüllt und ausgenützt, wie ich konnte. Man kennt in Paris das Terrain in Berlin nicht und noch weniger dieſe Menſchen dort, man unterſchätzt ſie. Ich weiß es am beſten, was es mir für Schwierigkei⸗ ten gemacht hat, ans dieſem tugendhaften Ritter, dem Herrn Platen, jene Notizen hervorzulocken—“ „Die ſich vollkommen falſch erwieſen haben,“ ſagte er hart. Sie ſah ihn verächtlich an, indem ſie verſetzte:„Jetzt, da man mich los ſein will. Ich begreife das.“ „Sie irren ſich,“ verſetzte er im vorigen Ton. „Man hat mit Ihnen geſpielt— man hat Sie du⸗ pirt. Das iſt Alles.“ „Und— nicht wahr?— das gleiche Loos habe ich in dieſer Affaire mit dem ſchwermüthigen und hals⸗ —0— ſtarrigen Träumer, dem Hyneck, gehabt? Das wollen Sie doch ſagen, Vernay?“ „Ungefähr— ja,“ erwiderte er kalt.„Sie wiſſen alſo, wie es ſcheint, noch nicht, daß ſeit drei Wochen der Herzog alle früheren Schritte zurückgethan hat und uns entſchiedener als je gegenüber ſteht, während Herr von Hyneck gar kein Geheimniß daraus macht, daß er uns gründlich haßt, und ſich vor einigen Tagen ver⸗ muthlich nach England begeben hat—“ „Es iſt nicht wahr!“ rief ſie, wie aus einer Er⸗ ſtarrung erwachend, leidenſchaftlich aus.„Es iſt nicht wahr! Er ſelbſt hat mir den Brief an ſeinen Fürſten vorgeleſen, in welchem er demſelben den Syſtemswech⸗ ſel anräth, und mir noch in der letzten Stunde verhei⸗ ßen, die Sache nun mündlich zu betreiben! Sei er wie er wolle, ein Lügner iſt er nicht!“ „Es iſt ſchwer zu ſagen, was aus Jemand wird, der in dem gleichen Augenblick, wo er ſich durch die Liebe verführen ließ, plötzlich bemerkt, daß dieſe Liebe nicht— ihm allein gehört,“ ſprach Vernay langſam und mit deutlichſter Betonung jedes einzelnen Worts. Lucie war zuſammengezuckt und ſtarrte den Spre⸗ cher an, als traue ſie ihren Ohren nicht.„Sie ſpielen auf Felir an—“ murmelte ſie ſtockend, gepreßt. „Ja, auf dieſen wahnſinnigen Burſchen und Ihre 248 unbegreifliche Verblendung durch und für ihn, Gräfin,“ ſagte er kalt. „Und woher wiſſen Sie, daß er—“ forſchte ſie in gleichem Tone wie vorhin. „Daß er Sie aufſuchte und Sie vor Hyneck bloß⸗ ſtellte?“ fiel er lächelnd ein.„Nun Lucie, ſeien Sie auch nicht allzu naiv. Wozu von Dingen reden, die Ihnen ſo gut bekannt ſind, wie mir? Genug, es iſt, wie ich ſagte. Sie haben auch hier Unglück gehabt— durch Ihre eigene Schuld!“ „Ja ja— du haſt Unglück, meine Theure!“ be⸗ merkte Hippolyt, der noch immer im Fenſter lehnte, und dem ganzen raſchen Geſpräch aufmerkſam gefolgt war, in gutmüthig ſpottendem Ton.„Dieſer Felix rui⸗ nirt Dich.“ Sie mußte aber wohl nur den Spott herausge⸗ hört oder allein auf die letzten Worte Acht gegeben ha⸗ ben, denn ſie warf ihm einen jäh aufblitzenden, zornigen Blick zu, der jedoch von geringer Wirkung auf ihn zu ſein ſchien, da er ihn nicht nur aushielt, ſondern ſogar mit einem nichts weniger als höflichen Achſelzucken beank⸗ wortete. Sie ignorirte dies und ſagte, ſich zu Vernay wendend, mit finſterer, trotziger Faſſung:„Nun gut, Vicomte, man will mich los ſein, und kommt in dieſem Wunſche dem meinen entgegen. Ich glaube es Ihnen ſchon früher geſagt zu haben: Ich bin dieſes Lebens, 249 dieſer Hetzereien, dieſer Opfer ſatt. Ich will endlich in Ruhe kommen und auch an mich ſelbſt denken. Und es wird ſich zeigen, wo das Ungeſchick iſt, von dem man ſo viel redet, ob bei mir, oder bei denen in Paris, die mich wie eine ausgepreßte Orange wegwerfen möchten. Sagen Sie es den Dummköpfen und Knauſern, daß ſie ſich in mir getäuſcht haben dürften. Ich hoffe Euch Al⸗ len beweiſen zu können, daß ich noch nicht ausgepreßt bin, und, wenn der Lohn der Arbeit entſpricht, auch noch zu arbeiten verſtehe. Ich grüße Sie, mein Herr.“ Und ſie ſtand auf und wandte ſich dem anderen Fenſter zu. Vernay rührte ſich nicht, nur ſeine Augen folgten ihr mit einem gewiſſermaßen theilnehmenden Blick:„Und dieſen Beweis wollen Sie uns von hier, von Tolleneck aus liefern?“ fragte er zweifelnd.„Und doch höre ich, daß der Baron drüben in Wintersbach, der Ihre beſon⸗ dere Speculation—“ Ein verächtliches:„Bah!“ von ihrer Seite her ließ ihn inne halten, und bevor er fortfahren konnte, miſchte ſich Hippolyt zum zweiten Mal in's Geſpräch.„Sie irren, Vernay,“ ſprach er achſelzuckend und im ſpöttelnden Ton,„von Bernhard iſt keine Rede mehr. Sie hat es auf meinen verehrungswürdigen Onkel höchft ſelbſt abgeſehen und umſpannt ihn mit ihren Netzen. Und unter uns— auch hier haſt Du Unglück, meine Theure! Der alte Fuchs— 250 „Mein Herr?“ Sie ſtand nahe vor ihm, ihr Auge maß ihn mit einem flammenden Blick.„Ich weiß nicht, was Sie zu dieſem Tone berechtigt, den ich ſeit einiger Zeit häufiger zu vernehmen habe. Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr—“ „Wovor?“ unterbrach er ſie kalt, aber auch in ſeinem ſonſt ſo matten und ſtumpfen Auge flammte es, man hätte ſagen mögen: heimlich und drohend auf.„Du biſt gereizt und dadurch vollkommen blind, ſonſt müßteſt Du ſehen, daß der Alte Dich zum Beſten hat,“ fügte er gewiſſerma⸗ ßen einlenkend hinzu. „Bekümmern Sie ſich um Ihre Affairen und laſſen mir die meinen,“ ſprach ſie heftig.„Und merken Sie ſich, ich will dieſen Ton nicht!“ Von Neuem tauchte in ſeinem Auge jener böſe Blick empor und ſeine Stirn runzelte ſich, als er ſcharf erwiderte: „Ich dächte, von einem Willen könnte hier keine Rede ſein, ſondern nur von einem Uebereinkommen. Wollen Sie das nicht— nun gut, geben wir es auf! Was habe ich in Wirklichkeit von dieſer Verbindung gehabt, was mich fort und fort ſie fortſetzen laſſen ſollte? Sprechen Sie ein Wort, Madame— Sie können es haben, wie Sie wollen.“ Vernay war dieſem Geſpräch, das ſo raſch verlief, wie es angeknüpft war, mit der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit gefolgt. Er verſtand nicht, was die Geſchwiſter ſich 251 vor⸗ und einander hinwarfen, aber er ſah es nicht al⸗ lein an Hippolyts ganz ungewöhnlicher Aufregung, ſon⸗ dern auch an dem furchtbaren Eindruck, den des Bru⸗ ders Worte auf Lucie machten, daß hier von Dingen die Rede ſein müſſe, welche für Beide Grundbedingun⸗ gen ihrer Exiſtenz bilden mochten. Er erhob ſich jetzt und ſchnitt dadurch jede wei⸗ tere Fortſetzung des Geſprächs ab.„Meine Zeit iſt abge⸗ laufen,“ ſagte er jetzt vollkommen höflich und wandte ſich an die noch wie erſtarrt ſtehende, leichenhaft erblaßte Lucie.„Auch kann es mir, ſo ſehr mich Ihr beiderſei⸗ tiges Vertrauen ehrt, doch nicht darum zu thun ſein, Ihre Privatgeſpräche zu ſtören. Ich bitte Sie nur um Eines, Madame— überlegen Sie Ihren Entſchluß mit der Klarheit, die ich früher ſtets an Ihnen zu be⸗ wundern hatte. Sie glauben ſelbſt nicht, daß man Sie ohne Weiteres aufgibt. Ja, ſo ſchwer mir es wird, es auszuſprechen— man wünſcht, nein, man verlangt, daß Sie nach Paris zurückkehren.“ Sie ſchüttelte mit einem verächtlichen Lächeln das ſchöne Haupt, und ließ ihn Abſchied nehmen, ohne noch ein Wort zu ſprechen.—— Während dieſe Scene oben in Luciens Zimmer ſpielte, gab es ein paar Treppen tiefer, im weißen Saale, eine kaum weniger herbe und ſeltſame. Denn mitten in dem ſchönen großen Raume ſtand 252 Hildegard, in einer Haltung, wie wir ſie an dem jun⸗ gen ſchlanken und wilden Mädchen noch nicht zu beobach⸗ ten Gelegenheit hatten, ſo feſt und hoch ſtand ſie, faſt als ſei ſie größer geworden, ſo ſtolz war der kleine Kopf erhoben, eine ſo kalte Entſchloſſenheit ſprach aus den Augen, den zuſammengepreßten Lippen. Und als ſie dieſe jetzt öff⸗ nete, war auch die Stimme kalt und entſchloſſen, mit der ſie zu dem vor ihr ſtehenden Herrn ſprach:„Man hat es Ihnen, wie ich vermuthen darf, geſagt, Herr von Platen, daß mein Großvater auf einige Tage verreiſ'te und daß auch mein Bruder nicht daheim. Ich kann Sie daher auch nicht zum Verweilen einladen, um ſo we⸗ niger, da ich von Gerhard erfuhr, daß—“ „Nicht weiter, mein Fräulein, nicht weiter!“ fiel er ernſt ein; die Beſtürzung, die ſich anfänglich bei Hildegards Anblick und noch mehr bei ihren Worten in ſeinen Zügen ausgeprägt, hatte einer ruhigen, männ⸗ lichen Faſſung Platz gemacht.„Ich habe das Mißver⸗ ſtändniß, das ſich im Winter zwiſchen Gerhard und mir eingeſtellt, auf das Tiefſte beklagt, ohne es enden laſ⸗ ſen zu können, wollte ich in meinem Vertrauen nicht weiter gehen, als es mit meiner Pflicht zu vereinen war. Ich ſehe jetzt mit noch größerem Schmerz, daß je⸗ nes Mißverſtändniß ſogar weiter gewirkt hat, als ich irgend befürchten konnte. Ich konnte und wollte jetzt die 2⁵³ Aufklärung bringen, die ich im Winter zurückhalten mußte— es gilt die Ehre des Hauſes Aare, die—“ „Unmöglich, mein Herr!“ unterbrach ſie ihn noch ſtolzer, noch kälter.„Ueber ſeine Ehre wacht das Haus Aare ſelbſt und allein, und ich habe noch nie gehört, daß es ein nachläfſiger und ſchlechter Wächter geweſen.“ „Genug, mein Fräulein,“ entgegnete er mit un⸗ verändertem ruhigem Ernſt.„Verzeihen Sie mir dieſen Beſuch, den ich nur durch die warme Theilnahme zu rechtfertigen vermag, welche mir meine Großeltern für Ihre Familie von Jugend auf eingeflößt und welche die Freundſchaft für Ihren Herrn Bruder noch vermehrte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß ich dereinſt nicht mehr verkannt ſein werde. Leben Sie wohl, mein Fräulein.“ Und mit ernſtem, höflichem Gruß wandte er ſich und verließ das Gemach. Nach einem Augenblick ſenkte Hildegard das ſtolz erhobene Haupt, ſie ſchloß die Augen und ſtand regungs⸗ los. Aber das währte nur einen Moment, dann ſah ſie auf, ſtrich mit der Hand langſam über die bleiche, aber ruhige Stirn, trat zum nächſten Fenſter und ſchaute, den Kopf in die Hand ſtützend, ſchweigend hinaus in die von der Sonne fröhlich überſtrahlten Waldberge. So traf ſie Hippolyt, der Vernay hinabbegleitend, eben noch Hugo Platen in ſeinen Wagen ſteigen und 2⁵54 davonfahren geſehen, und auf ſeine Erkundigung von einem Diener erfahren hatte, daß der junge Mann das Fräulein zu ſprechen gewünſcht, ſich aber ſchon nach we⸗ nigen Minuten wieder entfernt habe. Der erſte Anblick Hildegards ließ ihn ahnen, was hier vorgefallen war, und ſein Geſicht zum möglichſten Ernſt und zu einer Art von warmer Theilnahme zurecht legend, trat er zu ihr und ſagte mit gedämpfter, ein⸗ ſchmeichelnder Stimme:„Sie haben eben Verdruß ge⸗ habt, theure Hilda?“ Sie ſchüttelte, als wolle ſie nicht geſtört werden, den Kopf. Aber ſie erwiderte nichts. „O Hilda,“ ſprach er lebhaft und eindringlich, „wann ſoll die ſchutzloſe, einſame Stellung enden, in welcher die Ihren Sie verkommen laſſen? O Hilda, mit welchem Zorn mich das erfüllt, mich, der ich Sie anbete, der Ihnen das ſchönſte, reichſte, ſüßeſte Glück bereiten möchte, das uns Menſchen beſchieden iſt! O Hilda—“ und er legte den Arm um den ſchlanken Körper des Mädchens und beugte das Geſicht zu ihr nieder, um ihr in die Augen zu ſehen—„wollen Sie mein ſein, wollen Sie mich für Ihr Glück ſorgen laſſen?“ Sie richtete ſich auf, ſie war von ihm frei, mit einer langſamen, aber unwiderſtehlichen Bewegung. Eine Secunde lang maß ihn ihr Auge mit einem eiskalten, 25⁵ fragenden Blick, und dann ſagte ſie mit gleicher Kälte in der Stimme:„Sind Sie etwa wahnſinnig geworden, Couſin?“ Es kommen zuweilen in dem ſtillſten Leben Tage, an denen ſich die Bewegung, nach der man ſich ſonſt vergeblich ſehnt, an denen die Ereigniſſe, von denen andere heimgeſucht werden und die hier ausbleiben zu wollen ſchienen, in überraſchender Weiſe ſich häufen. Ein ſolcher war der heutige Tag für die Bewohner von Tolleneck. Denn am ſpäten Abend brachten Holzflößer, die mit ihren Stämmen aus dem Gebirge kamen, den zer⸗ ſchmetterten Leichnam des jungen Felix auf's Schloß, den ſie am Fuß des Schloßberges, wo er jäh zum Fluß⸗ ufer abſtürzt, gefunden hatten. Fritz Buchhagen, der ſie empfing und die Leiche ins Schloß tragen ließ, ſtand, bevor die Kunde von dem Unglück an Lucie gelangte, eine Weile in tiefem Nach⸗ denken vor dem zerſchmetterten Körper.„Ja ja,“ ſagte er endlich zu dem alten Diener, der neben ihm war, ver kletterte dort gern umher und ich habe ihm in Gedan⸗ ken ſchon öfters ſolch ein Ende prophezeit. Ich habe ihn nie leiden können, aber— es iſt doch Schade um den armen Teufel!“ — 0OOo