Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur —— — Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em: 68 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 5 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen.— f 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 4 den angenommen.⸗ 1—— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe„ —— hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr. pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ¹ „ 3„— 3„„„ 5. 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Verſchiedene Eindrücke....... 116 VIII. Capitel. Auf und ab........... 137 IX. Capitel. Alſo ein alter Liebhaber!....... 156 X. Capitel. Diplomatiſche Conferenzen...... 174 XI. Capitel. Ein Stücklein aus der Franzoſenzeit. 201 ⸗ XII. Capitel. Von der Erde verſchlungen..... 226 olleneck. 6 4 Erſtes Capitel. Das heiß' ich doch noch einen Sinfall! Eine anmuthige Gegend thut ſich vor uns auf. Das Waldgebirge, welches wir rückwärts Höhen über Höhen immer ſteiler und mächtiger emporſchieben ſehen, ſinkt hier diesſeits und jenſeits des ſtolzen Fluſſes im weiten Halb⸗ bogen zu ſeinen dicht überlaubten Vorhöhen hinab. Auf dieſe folgen ſanfte Hügel, wo ſchon Getreidefelder die Wäl⸗ der und üppigen Matten verdrängt haben, und an ſie ſchließt ſich eine leicht gewellte Ebene, die es dem Fluſſe erlaubte, ſich in ſeiner vollen Majeſtät auszubreiten, und durch ihren Reichthum und ihre Fruchtbarkeit die obendrein wenig zahl⸗ reichen Bewohner zur Wohlhabenheit, zum frohen, reichen Lohn ihrer Arbeiten gelangen ließ. Ein paar freundliche Dörfer ziehen ſich hier am Fluß entlang, ſchmiegen ſich dort an einen friſchen, grünen Laubwald oder um einen Hügel, Edmund Hoefer; Tolleneck. 1. 4 2 deſſen Höhe durch ein altes, ſtattliches Herrenhaus gekrönt wird. Und wenn die Getreidefelder jetzt auch bereits abge⸗ erntet ſind, ſo zeigen doch die Matten, die reichen Wieſen, die ſchattigen Wälder dem Beſchauer noch wenig oder gar keine Spuren des Herbſtes, das Blau des Himmels iſt noch tief und die Strahlen der Sonne ſind noch glänzend und warm wie im vollen Sommer. Es iſt ein Septembertag des wunderbaren Jahres 1811.— Wir ſelber ſtehen auf einer jener Vorhöhen des Ge⸗ birges, die ſich ſteil aus dem Fluſſe erhebend und als letztes Hinderniß ſeine Fluten zum zürnenden Brauſen und Schäumen zwingend, gegen das Land zu ſanft genug in die Ebenen verläuft. Sie iſt faſt ganz von einem zum Theil noch burgartigen Schloſſe überbaut, welches wir von unſe⸗ rem Standpunkte aus, ſo zu ſagen terraſſenförmig ſich erheben ſehen; ſchlichte, verſchnörkelte, wunderliche Bauten aller Art drängen ſich zuſammen und aufwärts, und wäh⸗ rend hier unten die letzte derſelben ſich als ein ganz ein⸗ faches und nüchternes, einſtöckiges Gebäude erweiſ't, erbli⸗ cken wir droben als höchſten und Schlußpunkt des Ganzen Giebel, Erker und ein paar alte dunkle Thürme, wie das Mittelalter ſie nicht maſſiver und trotziger entſtehen ſah. Vor dem unterſten ſchlichten Bau ſtehen einige Linden, als ſollten ſie ſeine gar zu große Einfachheit verbergen und im Verein mit dem Raſenplatz in der Mitte dem ſich hier aus⸗ ——— —————y breitenden, mäßig geräumigen Hofe doch eine Art von Schmuck verleihen. 4* Der Hof wird vorn durch ein Stacket begränzt, dem man auch anſieht, daß es ein Erzeugniß der jüngſten Zeit iſt. Von ſeinem jetzt offen ſtehenden Thore aber zieht ſich eine Allee prachtvoller, alter Linden den Hügel vollends hinab, ſetzt ſich drunten noch ein gut Stück fort. Denn wie tief an der Höhe, wir ſtehen immer noch hoch genug, um nicht nur einen weiten Ausblick über die vor uns lie⸗ gende Ebene zu gewinnen, fondern auch in das Dorf am Fuß des Schloßberges vollſtändig hinab zu ſchauen. Wir ſehen auf ſeine Dächer und in ſeine Gärten; wir ſehen die Kinder unter der Dorflinde ſpielen, die Alten hie und da vor ihren Thüren ſitzen, den grauköpfigen, ehrwürdigen Schullehrer in ſeinem Garten gemächlich auf und ab ſpa⸗ zieren. Und das Beſte iſt, daß wir, wohin wir auch blicken mögen, überall einen Frieden, eine Ruhe, eine heitere Be⸗ haglichkeit bemerken, welche dem Beſchauer warm zu Her⸗ zen gehen muß. Unier den Linden vor dem Hauſe ſtanden gegenwär⸗ tig zwei Männer, welche ſchweigend auf das Dorf und die Ebene hinabſchauten. Die Erſcheinung Beider war von der Art, daß man in ihnen ſicherlich auch keine Spur von Sentimentalität zu finden erwarten durfte, dennoch aber ſchien der Frieden und die Freundlichkeit ihrer Umgebung ſelbſt auf ſie gewirkt zu haben, denn wie ſie da ſtanden 1*† und lehnten, ihre Pfeifen rauchten, um ſich blickten— Alles deutete gewiſſermaßen auf das zufriedene Behagen hin, das auch ſie erfüllte. Der Eine, welcher ſich an eine der Linden gelehnt hatte, nahm jetzt die Pfeife zwiſchen den von einem mächtigen ſchneeweißen Bart überwucherten Lippen hervor und deutete mit der Spitze links nach dem gleichfalls alterthümlichen Schloſſe hinüber, welches ſich dort in gar nicht weiter Ferne auf einem mäßig anſteigenden Hügel zeigte. Zu ſeinen Füßen erſchien ein großes Dorf, hinter demſelben breitete ſich ein Wald aus, deſſen Gränzen man von hier aus nicht mehr erblicken konnte. „Herzheim, Fritz, Herzheim!“ ſprach er zugleich mit ſeiner Bewegung in einem gewiſſen erregten Tone.„Wenn ich die Sonne ſich Abends in den alten Fenſtern ſpiegeln ſehe, packt's mich noch immer halb mit Wehmuth, halb mit Aerger! Lieber Gott, was ſind wir hinter jenen Scheiben luſtig geweſen, und wie oft haben wir Kinder mit Herz⸗ klopfen auf ihr Hellwerden gewartet, wenn der alte Ober⸗ jägermeiſter uns ein Feſtin von ſeiner Art verheißen hatte! — Nun, das iſt freilich ſechszig Jahre her, der Alte iſt bei⸗ nahe ſo lange todt, meine Alten ſind dahin, meine Brüder und Schweſtern haben ſich davon gemacht, und ich bin ſel⸗ ber ein alter Menſch und habe all die Fidelität und all den Glanz enden ſehen, und mag vielleicht noch ganz was An⸗ deres zu erleben haben. Denn weißt Du, was mir der 5 Bollmann geſtern ſagte, Fritz?— Es ſollen auf Herzheim Schulden da ſein— Schulden auf Herzheim— iſt's nicht, um ganz wüthend zu werden? Was in des drei Teufels Namen treibt denn der Arthur, daß ich ſo was von ihm hören muß?“ Der andere Mann hatte dieſe grollenden Worte in möglichſter Ruhe angehört und ſich nicht vom Fleck gerührt. Er lehnte oder ſaß vielmehr auf der Krücke ſeines in die Erde geſtoßenen derben Eichenſtock's, als ruhe er ſich gründ⸗ lich aus. Daß er Veranlaffung und ein Recht dazu hatte, that ſeine Kleidung auch zur Genüge dar, die von oben bis unten mit einer ſo dichten Staubſchicht bedeckt war, daß man von den Grundfarben derſelben wenig oder gar nichts zu erkennen vermochte. Der Mann war beinahe um einen Kopf kleiner als der Andere, aber von einer Gedrungen⸗ heit und Breite, gegen welche die doch nichts weniger als ſchmächtige Geſtalt des erſten Sprechers kaum in Be⸗ tracht kam. Er rauchte gleichfalls eine kurze Pfeife und ſah wäh⸗ rend der mitgetheilten Rede ziemlich gleichgültig nach dem Schloß Herzheim hinüber, deſſen Fenſter allerdings eben wie von glühenden Flammen erhellt waren. Nun da der Andere ſchwieg, ſchaute er auf dieſen zurück und ſprach in zweifelndem Tone:„Schulden, ſagt Bollmann?“ „Ja, Schulden, viel Schulden, Fritz!“ lautete die noch erregter klingende Antwort.„Und wenn ich mir das 6 ſo weiter denke und daß es am Ende ganz ausgehen könnte, Herzheim verkauft werden müßte— man nimmt derglei⸗ chen jetzt ja federleicht.“— „Na na, Herr Baron, wer wird ſich mit ſolchen Phan⸗ taſien plagen!“ fiel der Stämmige ruhig ein.„Entweder habt Ihr's falſch verſtanden, oder der Bollmann hat dum⸗ mes Zeug geſchwatzt. Schulden mögen da ſein,'s iſt mög⸗ lich, aber ſo groß ſind ſie nicht, denn davon müßte Hofer doch auch wiſſen— ich ſprach ihn noch heut' Nachmittag und Geheimniſſe behält er nicht, wie Ihr wißt, Herr Ba⸗ ron!— und dann würde auch der Arthur nicht jetzt gerade herkommen. Und endlich— Schulden oder nicht Schul⸗ den,“ fügte er lebhafter hinzu,„was thut's? Herzheim kann viel gut machen, und wenn ich auch unſern Boden nicht herunterſetzen will,— ſo gut, wie der Herzheim ſche aller Orten, haben wir kein Stück! Die da ſchlagen in einem oder zwei Jahren alle Schulden wieder heraus.“ „Richtig, alter Mecklenburger,“ ſagte der Baron mun⸗ ter,„Du verleugneſt Herkommen und Stand niemals. Dir geht der Boden und ſeine Tragfähigkeit über alles An⸗ dere.— „Weil ich nicht mit allem Anderen, ſondern nur mit dem Grund und Boden zu thun habe,“ ſchob Herr Fritz gut gelaunt ein. „Richtig, ſag ich. Aber was iſt das für eine Nach⸗ — 7 richt— der Arthur kommt her, ſagſt Du? Jetzt? hat er denn Urlaub oder— 24—— Der Mecklenburger, der beiläufig bemerkt, gleichfalls ein ſchon bejahrter Mann, obgleich noch in vollſter Rüſtig⸗ keit war, zuckte die breiten Schultern.„Weiß ich nicht und weiß Hofer nicht, Herr Baron,“ entgegnete er kaltblütig. „Glaub's aber kaum, daß ſeine Durchlaucht ihn jetzt ge⸗ hen läßt. Vielleicht will er ſich nur nach all den Suiten ein wenig herauspflegen, denn er ſoll's nöthig haben, hör' ich.“ Die ſcharfen hellblauen Augen des Barons blickten faſt zornig, da er lebhaft verſetzte:„Ja, ſo hört' ich auch, und es iſt eine Schande! Der Arthur war ein echter Hy⸗ neck, ein Staatskerl, ſeiner Ahnen werth, ein Junge, an dem ich meine helle Freude gehabt. Und nun iſt er nur wie dieſe anderen lendenlahmen Laffen!'s iſt was Mi⸗ ſerables um dies junge Volk, Fritz! Das thut, als ob es Wunder was zuzuſetzen hätte, und lebt toll und blind dar⸗ auf los, bis die Proſtemahlzeit dann mit einemmal zu Ende. Da lob' ich uns, die wir jetzt alt heißen. Donnerwetter, man hat mich nicht für nichts den„Tollen von Aare“ ge⸗ heißen, ich hab's wild genug getrieben und bin noch jetzt dabei, wo's darauf ankommt! Aber ruinirt hab' ich mich nicht. Will man das Leben wie ein Hußar attakiren, ſo muß man ſich nicht in den Sumpf hineinreiten.“ „Na Gott bewahre uns, wie hitzig!“ ſagte Herr Fritz kopfſchüttelnd. Wartet's doch erſt ab, Herr Baron, er wird ja zu ſeinem alten Vormunde kommen, und dann—“ „Davon ſchweige nur, Fritz,“ fiel der Baron grämlich ein.„Hab' ich's an einem Menſchen bewieſen, daß ich kein Educationstalent habe, ſo iſt das der Arthur Hyneck faſt noch eher als mein Sohn. Geh' er! Ein Menſch, der. Herzheim verſchuldet und ſich ruinitt, iſt nichts für mich. Geh' er!l?. „Hm, vielleicht heißt ihn jemand Anderes gerade kom⸗ men,“ meinte Fritz mit unverändertem Phlegma, aber ſeine fidelen kleinen Augen blickten dazu mit einer gar beſonde⸗ ren Schlauheit auf den alten Herrn.„Seht'nmal, Herr Baron— er kommt aus Berlin, und unſere Gäſte kom⸗ men aus Berlin, und da die Gräfin Nichte viel Bekannt⸗ ſchaften hat und gern Umgang—“ „Hui da, Alter, was iſt das?“ rief der Baron leb⸗ haft und nahm ſogar die Pfeife aus dem Munde.„Ich hab's immer geſagt: Fritz Buchhagen hat Einfälle, auf die ſonſt kein Teufel geräth; aber dieſer— na, Fritz, ich habe über den Beſuch von der Lucie die Augen ſchon weit genug aufgeriſſen und— ich will nicht fluchen!— aber wenn dies wahr wäre, und ich ſchwöre: es iſt wahr!— ſo ſoll ja ein Himmel⸗Stern⸗Millionen⸗Schock⸗Donner⸗ wetter—“ „Herr Baron,“ ſprach der Mecklenburger mit einer Art Emphaſe, die ihm über die Maßen komiſch ſtand,„Ihr — habt mich vorhin einen alten Heiden geſcholten, als ich die Leute trotz des Feſttages ein wenig kräftig antrieb, weil das Gewitter drohte. Solch einen Fluch aber brauch' ich ſelbſt in der ſchwerſten Arbeitsnoth nicht.— „Er kommt auf Deine Kappe, Fritz,“ meinte der alte Herr ſchon wieder gut gelaunt.„Weshalb wirfſt Du mir ſolche Steine in den Weg? Kurz und gut aber, wie kommſt Du dazu? hat der Hofer—“ „Nichts, Herr Baron, es iſt mein alleiniger Einfall.“ „Und ein ganz verwünſchter, Fritz, der mich nur noch mehr verdrießt. Na, gebe der Herrgott, daß dies Volk noch auf andere Gedanken kommt und den Beſuch lieber anz aufgiebt. Sie könnten's gut genug wiſſen, daß ſich hier kein Menſch, ſelbſt ihr eigener Vater nicht auf ſie freut.“ „Na, Herr Baron,“ ſ agte Buchhagen. jählings und deutete in die oben erwähnte, vom Hofe vollends hinab⸗ führende Lindenallee,„ich glaube— ich glaube, Euer Gott geb' es hilft Euch nichts, denn da kommen ſie.“ „Wo? Wer? Lucie und Hippolyt?“ fuhr der Baron ſchier erſchrocken heraus und folgte mit ſeinen Blicken der Weiſung des Anderen.„Bei allen großen und kleinen Propheten, es iſt eine Ertrapoſt! Da bläſ't dieſer Satan von Poſtillon ſchon! Na, nun gute Nacht Frieden und Ruhe!“ Und allerdings klangen die Töne des Poſthorns eben durch den ſtillen Abend zu ihnen herauf, und vier Pferde zogen ſichtbar mühſam einen ſchweren Reiſewagen den Schloßberg aufwärts, dem Stacketenthore entgegen. Der Baron ſchaute grimmig darein und blies furchtbare Rauch⸗ wolken von ſich, während er zugleich etwas in den Bart murmelte, was man mit ziemlicher Sicherheit für einen nicht gar zu chriſtlichen Wunſch halten durfte, daß Pferde, Wagen, Poſtillon, und die geſammten Inſaſſen noch vor dem Thore den Hals brechen möchten. Fritz Buchhagen nahm es wenigſtens in dieſer Weiſe und meinte ſchmunzelnd:„Ei, Herr Baron, ärgert Euch doch dich vor der Zeit. Vielleicht ſind ſie's noch gar nicht.“ „Da kennſt Du ſie ſchlecht; Unglück ſchläft nicht,“ verſetzte der alte Herr mirſchend „Weiß nicht, Herr Baron,“ entgegnete Buchhagen mit gemächlichem Kopfſchütteln.„Gräfin Nichte haben Kammerkatzen und Kammeraffen— ⸗Diener, wollt' ich ſagen, angemeldet. Da auf dem Bock ſitzt aber nur ein ganz ſolides Individuum— blau mit rothem Kragen, das iſt kein ſolcher Grasaff'.“ „Fritz, Du haſt wieder Recht,“ ſagte der Baron mit einem erleichternden Seufzer und ſchlug ſeinem Geſellſchaf⸗ ter in lebhafteſter Befriedigung derb auf die Schulter. Denn der Wagen fuhr jetzt ins Hofthor und der alte Herr konnte den Diener auf dem Bock freilich nicht mehr für einen feinen Kammerdiener halten.„Bin nun aber kurios zu wiſſen, wer das ſein mag. Extrapoſten ſind rar auf Tolleneck.“ Und geſagt, ſetzte er eine kleine filberne Jagdpfeife an die Lippen und ließ einen grellen Ton laut werden, der alsbald einige Diener aus einer Nebenthür des Schloßgebäudes herauseilen ließ. Der Wagen kam jetzt im Trabe über den Schloß⸗ platz heran; aus dem Fenſter bengte ſich der Kopf eines gleichfalls alten Mannes; ein paar ſcharfe Angen muſter⸗ ten die unter den Linden Stehenden, und dann rief eine feſte, ſonore Baßſtimme:„Heda, das iſt er ſelber! Grüß Dich Gott, toller Aare!“ „Leſthen, Leſthen!“ ſchrie der Baron auf und ſprang jünglingsfriſch und raſch gegen den Wagen und riß den Schlag des kaum anhaltenden auf und packte die Hand des ſich vorbeugenden Rufers.„Ludwig— lieber, alter ab Donnerwetter, da iſt fa auch die Frau Gevatterin!“ unterbrach er ſeinen ſtürmiſchen Empfang, ſetzte dann jedoch mit unverminderter Freude hinzu:„O ſo will ich doch zehntauſend Klafter tief in den Erdboden verſchlagen wer⸗ den, wenn ich Eurer alten Karrete ſolch Eingeweide zuge⸗ traut hätte!“ 4 „Was hab' ich Dir geſagt, Charlott' 5, Baſſiſt lachend, indem er ſich nachdem er das geſ meinte der ſich zugleich rüſtig aus dem Wagen ſchwang,„der tolle Aare bleibt de und auf Tolleneck ſind wir Gottlob Aber nur heraus, Charlott'! Gieb Der Baron war der Dame r tolle Aare, immer willkommen. ihr die Hand, Hartwig.“ beim Ausſteigen behülf⸗ ——I3ͤͤ⁄ͤ⁄ lich. Als ſie aber vom Tritt herunter war, hielt er ihre Hand feſt und packte auch die des Herrn von Neuem, ſah die beiden Freunde mit wahrhaft leuchtenden Blicken an und ſagte, förmlich aufathmend:„Kinder, wo kommt Ihr denn nur her, daß Ihr in meine Nähe geriethet, oder— war's gar expreß darauf angelegt?“ Die Dame legte auch ihre Linke auf die Hand des Schloßherrn, der noch immer ihre Rechte feſthielt und ſah ihn mit einem liebevollen Blick an; die ſichtbare Freude des alten Mannes mochte ihr bis ins Herz wohl thun. „Wir ſind in Teplitz geweſen,“ ſagte ſie nun,„und dann noch ein wenig umhergereiſ't, haben hie und da bei alten Freunden eingeſprochen.“ „Die aber nicht immer freundliche Geſichter mach⸗ ten,“ fiel ihr Gatte ein.„Der alte preußiſche General hätte ſie ja compromittiren können!“— „Der Teufel hole ſie!“ ſprach der Baron kräftig. „Und da wir denn in Ihre Nähe kamen,“ fuhr die Dame mit leiſem Kopfſchütteln fort, als habe gar keine Unterbrechung ſtattgefunden,„ſo meinte Leſthen, wir könnten auch einmal wieder nach Ihnen ſehen und—“ „Bei Dir uns für den Aerger über die Anderen ſchadlos halten,“ fügte der Gatte aufs Neue mit einem feſtem Händedruck hinzu. „Na, das heiß' ich doch noch einen Einfall!“ brach Aare mit einer Art Jubel aus.„Das iſt ein anderer „ womit Fritz Bu regaliren pflegt. He Ludwig,'s iſt der be Du je ausgeheckt! Aber der T „Muß es denn immer noch fragte die Dame mit freundlicher Mißbilligung dazwiſchen.“ i Mi* gab der Baron aber ie noch immer nicht mit ihm d'Aecord, Gevatterin? Ei, vordem hieß es nur, daß ich allein ihn im Leibe habe, jetzt aber regiert er die ganze Welt! Da bin ich erſt recht ſein Anhänger geworden.“ „Was hab' ich Dir geſagt, Charlott'?“ meinte der Fremde von Neuem la end.„Hartwig Aare bleibt ſei⸗ ner alten Weiſe treu.“ Und indem er ſich zum Diener und Poſtillon wandte, die ſich während des raſchen Ge⸗ ſprächs an das zahlreiche Gepäck gemacht hatten, fügte er hinzu:„Nimm nur den kleinen Mantelſack herunter, Jo⸗ hann, und Du, Schwager, beſtellſt auf der Station die neuen Pferde zu übermorgen.“ „Hollah, was hör' ich da p“ Aare lebhaft da⸗ zwiſchen.„Wer wagt's, in meiner Terminei „In der That, Alter, Du machſt's für die Anderen wieder gut,“ meinte der Fremde heiter. Charlott' „Ich hab's der on übermorgen 3 * 8 3 — 3 7 5 1 iſt der ihre. Ich habe mich ſchon auf ein paar Tage wei⸗ ter gefaßt gemacht. Das wie lange wird ſich finden. Schüt⸗ tele nicht den Kopf, Charlotte! Der Aare iſt Erb⸗ und Gerichtsherr und läßt uns ſonſt am Ende in Priſon brin⸗ gen.“ Und indem er lachend dem Freunde zunickte, wandte er ſich dem Hauſe zu und fand ſich vor Fritz Buchhagen, der ſich bisher beſcheiden zur Seite und unter ſeinem Lin⸗ denbaum gehalten, nun aber die dargebotene Hand des Generals unbefangen ergriff und drückte. Wir müſſer aber den Leſer daran erinnern, daß ein raſches Geſpräch in Wirklichkeit nicht die Hälfte der Zeit in Anſpruch nimmt, die ein Schriftſteller zu ſeiner Mittheilung gebraucht, und ſeit den erſten Begrüßungsworten waren auch hier nur wenige Minuten verſtrichen. „Ihr bleibt auch immer wohlauf und rüſtig, alter Knabe,“ bemerkte der Fremde, indem er Buchhagens breite Geſtalt muſterte. „Gottlob, es geht unverrufen noch ganz ordent ich, Herr General,“ gab der Mecklenburger zurück.„Aber Ihnen und der Frau Gemahlin ſieht man's auch nicht an, echszehn Jahre daß Sie ſeit unſerem letzten Sehen um älter geworden.“ Die Dame war nun auch herzugetreten und hatte Buchhagen gleichfalls die Hand geboten.„Sechszehn Jahre, Buchhagen!“ ſagte ſie dabei in einem faſt weh⸗ müthigen Tone.„Sechszehn Jahre! Es iſt Vieles anders 15 geworden ſeitdem, und man darf wohl Gott danken, wenn man hie und da noch auf Spuren der alten guten Zeit ſtößt und ſich ihrer erfreuen kann!“ „Hollah, Gevatterin, macht keine Geſchichten!“ fiel hier Aare munter ein.„Hier auf Tolleneck iſt noch alte Zeit und wir ſind da ein hübſches Häuflein alter Men⸗ ſchen. Alſo— Augen rechts und Kopf auf!— He Fritz,“ fuhr er fort,„ſchick einen Reitknecht aus und laß die Hilda ſuchen,— weiß der Kukuk, wo der wilde Vogel hinaus⸗ geflattert!— Und nun hinein, Kinder, daß wir in Ruhe und zum ordentlichen Ausſchwatzen kommen,“ ſchloß er, die Generalin mit freundlicher Ungenirtheit in die Thür ziehend.„Ich hab' ein ganzes Herz voll für Euch.“ Sie ſtiegen die mächtige Treppe hinauf, die breit genug war, um ſie alle Drei neben einander bleiben zu laſſen. Von Schmuck und Verzierung war hier außer einigen Stuccroſetten und⸗Arabesken wenig zu ſehen, aber die Generalin ſchaute doch mit augenſcheinlichem Inter⸗ eſſe umher, und ſagte nach einer Weile zu dem ſie führen⸗ den Baron:„Es iſt noch Alles wie ſonſt bei Ihnen, Hart⸗ wig. Jede dieſer Roſetten ſieht mich vertraut an. Nur mit uns Menſchen iſt's anders geworden. Schelten Sie nicht, alter Freund,“ fuhr ſie, anhaltend, fort.„Ich muß wohl an das Damals denken, da uns meine Pathe, Ihre Charlotte, hier gerade entgegenflog, bei dieſem Abſatz! Ich ſehe das liebreizende Geſchöpf noch mit ihrer Kleinen auf dem Arm hier ſtehen! Und nun— wie lange ſchon iſt ſie dahin, und die Kleine auf ihrem Arm, die iſt jetzt auch ſchon ein großes Mädchen, doch die Hilda, die Sie eben gegen Buchhagen nannten?“ „Ja Hilda, Hildegard— wie Sie wollen, Gevat⸗ terin,“ verſetzte der Baron mit einer Art Leuchten im Blick, „mein Stolz, meine Freude! Ein Prachtmädel, Kinder, ſo eine echte„Tolle von Aare,“ an der auch Ihre Eure Freude haben werdet!“ „Immer der Alte!“ brummte der General, mit lachendem Auge den Finger gegen den Freund ſchüttelnd. Die Generalin hatte bei Aare's Worten ihren Gat⸗ ten flüchtig angeſchaut.„Sie war immer bei Ihnen, Hartwig?“ fragte ſie jetzt. „Freilich, wo denn ſonſt?“ verſetzte er luſtig.„Ein Jahr im Kloſter— verſteht ſich von ſelbſt!— ſonſt hier. Wäre ſie nur erſt da— ſie muß Euch gefallen, trotz mei⸗ ner Erziehung,“ fügte er lachend hinzu.„Aber mag Gott wiſſen, wo die wilde Hummel umherſchwärmt. Doch Fritz wird ſie ſchon finden.“ „Sie iſt ausgeritten, Hartwig, wenn ich Sie recht verſtand?“ fragte die Generalin.„Ganz allein?“ „Ei, der Vincenz, das iſt der Leibjäger, begleitet ſie,“ entgegnete der Baron,„aber ſie thut's auch ſchon allein und warum nicht? Menſchen und Thiere bringen ihr hier keine Gefahren, und daß ſie aus Uebermuth nicht den 17 Hals bricht— da kann ihr doch kein Begleiter helfen. — Hier hinein,“ brach er ab und ſtieß auf dem Vorplatz, zu dem ſie gelangt, eine Thür auf.„Es ſind Eure alten Zimmer, Kinder! Und nun in ihnen und allerwärts— Gottwillkommen beim tollen Aare!“ Edmund Hoefer: Tolleneck. 1. 2 Zweites Capitel. Die Tollen von Aare. Die Herren von Aare waren, ſo lange man ihre Stammgeſchichte zu verfolgen vermag, ſtets reichsfrei ge⸗ weſen und niemals einem der anderen größeren Vaſallen lehnspflichtig geworden, welche in dieſen Landſtrichen ge⸗ rade faſt alle übrigen Familien niedrigeren Ranges nach und nach in ein abhängiges Verhältniß gebracht hatten. Vordem hatten ſie für ihr Recht und ihre Unabhängigkeit mehr als einen erbitterten Kampf mit ihren mächtigeren Nachbaren beſtanden und waren, weil ſie ihre Mittel zu benützen und von allen Umſtänden und Parteiungen ſtets auf's klügſte Gebrauch zu machen wußten, dabei niemals zu kurz gekommen. In den folgenden friedlicheren Zei⸗ ten wußten ſie Alles, was ihnen zum Nutzen gereichen konnte, noch viel ſchlauer zu verwerthen. Obgleich nicht 5 *⁸ 19 gerade ihres ſoliden Lebens wegen berufen, hielten ſie ſich doch ſtets fern von jenem wahnſinnigen Luxus und jener ſinnloſen Verſchwendung, die in allerlei Schäferſpielen und Feuerwerken, in Maskeraden, Bauwerken und Gartenan⸗ lagen, am grünen Tiſch und auf jede andere irgend denk⸗ bare Weiſe im vorigen Jahrhundert bei großen und klei⸗ nen Herren Mode waren und ſie ruinirten. Und ein ſol⸗ ches Ausnahmsleben, wie man es immerhin heißen muß, trug ſeine Früchte, indem ihr Beſitz ihnen nicht nur ihre einmal beliebte Lebensweiſe möglich machte, ſondern auch, anſtatt ſich zu verringern, ſtets weiter wuchs, und, durch kluge Heirathen anſehnlich vergrößert, zu einem Umfang gedieh, der ſeine Herren im heiligen Römiſchen Reich deut⸗ ſcher Nation zu einem ganz anderen Range berechtigt hätte, als den ſie einnehmen mochten. Sie blieben die ſimplen Freiherren von Aare und traten als ſolche in den Verband des Reiches, dem ſie, wie alle ihres Gleichen mediatiſirt, bei der großen Länder⸗ Auction zu Anfang unſeres Jahrhunderts zufielen. Die Sache ging ohne Widerſtand und ohne Jammer und Kla⸗ gen vor ſich, denn der gegenwärtige Beſitzer war viel zu klug, um nicht zu begreifen, daß ihn Derartiges doch nicht ſelbſtſtändig erhalten und gegen das allgemeine Loos ſei⸗ ner Standesgenoſſen ſchützen würde. Ebenſo gut ſah er auch ein, daß das neue Verhältniß ſeine Stellung noch auf viele Jahre hinaus kaum verändern, geſchweige denn . 2* beeinträchtigen würde. Obgleich in Wirklichkeit ſouveraine Herren, hatten die Aare doch niemals, wie andere ähnliche Miniatur⸗Fürſten, Hof gehalten, vielmehr ſich meiſtens auf ein im Ganzen ziemlich mildes und vernünftiges Re⸗ giment über ihren Beſitz und ihre Unterthanen beſchränkt. Das war ihnen noch jetzt erhalten, und als die reichſten Standesherren des Reichs blieben ſie auch fürder in einer Stellung, wo ihnen von irgend einer Abhängigkeit nur wenig bemerklich werden konnte. In ihrer Gegend blieben die Aare immerhin die Erſten, und zwar um ſo mehr, als ſie ſo gut wie alle ihre alten Unterthanen katho⸗ liſch waren, ſo daß ihre Beſitzungen und die Bewohner derſelben in dem übrigen, faſt ganz proteſtantiſchen Reiche ſchon hierdurch einen abgeſchloſſenen, beſonderen Theil bilden mußten. Und zu Allem dieſen kam nun noch nicht nur die gegenwärtige Zeit mit ihren Wirren, ſondern auch Charakter und Weſen des augenblicklichen Stammes⸗ haupts. Die Herren von Aare waren, wie wir bereits an⸗ führten, von jeher nicht gerade durch das renommirt gewe⸗ ſen, was man in der großen und kleinen Welt einen„ſo⸗ liden“ Lebenswandel zu heißen pflegt. Im Gegentheil hatten ſie Alle ihrer Zeit ein wenig luſtiger gelebt, als gewöhnlich war, ja ſie hatten ſich in allen Verhältniſſen und Lebenstagen mehr oder weniger als das erwieſen, was man wilde— oder wie man in ihrer Heimath ſagt:„tolle“ 21 Geſellen nennen darf. Es war ein uralter Streitpunkt unter den Heraldikern und Genealogen, die von ihnen wuß⸗ ten, ob ſie ihren Beinamen„die Tollen“ von Aare— die⸗ ſer ihrer Stammes⸗Eigenſchaft oder— ihrem Stamm⸗ ſchloſſe Tolleneck verdankten, oder ob gar das letztere ſeine Benennung von dem ſchon damals geſicherten Charakter ſeiner Gründer und Erbauer erhälten. Schelten wollte man„die Tollen von Aare“ mit dieſem Namen nirgends, denn woher er auch ſtammen mochte, die edlen Herren zeigten niemals eine boshafte oder un⸗ ſinnige, Andere beläſtigende, ſondern vielmehr faſt immer nur eine ſo zu ſagen gutmüthige„Tollheit,“ und gaben überdies, wenn die Raſejahre vorüber, auch von dieſer das Zuviel meiſtens auf, ſo daß ſie dann zu verhältnißmäßig viel vernünftigeren Leuten wurden, als man vielen Ande⸗ ren nachzuſagen vermochte, denen man niemals den Vor⸗ wurf der„Tollheit“ hatte machen können. Sie ſaßen dann auf ihren Gütern, vermehrten und verbeſſerten ſie, bauten hie und da ein neues Stück an Schloß Tolleneck an, be⸗ handelten die Ihren zwar nicht fein, niemals aber ohne eine gewiſſe derb⸗luſtige Humanität, lebten ehrenwerth und vor allen Dingen luſtig bis an ihr Ende und genoſſen überall des beſten Rufs. Man lachte wohl einmal über ſie und ihre Extravaganzen, aber man ärgerte ſich nicht an ihnen, ja man hatte ſie im Ganzen ſtets gern und liebte ſie ſogar. Und dies war um ſo erklärlicher, da man, wie aus dem Bisherigen hervorgeht, ſelten oder nie etwas Uebles von ihnen zu befahren hatte. Ihre„Haupttollheiten“ ka⸗ men gewöhnlich gar nicht einmal im Lande zum Ausbruch. Wir erfuhren ſchon, daß die Aare, obgleich ſouveraine Herren, doch niemals beſonderen Geſchmack an der Herren⸗ und Hofſpielerei ihres Gleichen gefunden und ſich damit begnügt hatten. Wer nicht durch die ihm zugefallene Herr⸗ ſchaft über den Beſitz daheim gehalten wurde, ging, ſo⸗ bald er irgend flügge war, hinaus, um ſich nach einem im Stamme gebräuchlichen Ausdruck,„die Welt um die Ohren zu ſchlagen“ und ſich auch ſelber ein wenig fortzubringen. Denn die Familie war meiſtens ſtark, der Beſitz blieb ſtets in der Hand des Aelteſten vereint, und die übrigen Fami⸗ lienglieder hatten daher gewöhnlich alle Veranlaſſung, ihr mäßiges Erbtheil zu Rath zu halten und ihre Einkünfte zu verbeſſern. Sie gingen aber nicht an die Höfe und wurden auch nicht zu Staatsmännern, ſondern hielten es hübſch mit dem Degen, bald hier, bald da, bis ſie durch den Degen den Tod fanden oder des Dienſtes genug hat⸗ ten, beruhigt wieder heimkehrten und bei den Ihren lebten, ſo gut es gehen wollte. Das hatte nun ſchon ſeit unvordenklicher Zeit bei den Erbherren ſo gut, wie bei den nachgeborenen Söhnen ſtatt⸗ gefunden— ſie raſ'ten draußen aus— und war auch bei dem jetzigen Beſitzer nicht anders geweſen. Hartwig Chriſtian von Aare war gegen Ende der 23 dreißiger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts, nicht als der älteſte Sohn ſeiner Eltern, geboren und daher und weil er kein Träumer und Herumlungerer, ſondern ein echter„Toller“ ward, ſo bald wie irgend möglich in die damals durch die beiden erſten ſchleſiſchen Kriege ruhm⸗ voll daſtehende preußiſche Armee eingetreten. Der bald folgende ſiebenjährige Krieg vermehrte dieſen Ruhm ſo gut wie Hartwigs Liebe zu ſeinem Stande, und als bald nach dem Frieden ſein älterer Bruder ſtarb und die bejahrten Eltern den jetzigen Erbherrn heimwünſchten, wehrte ſich dieſer aufs hartnäckigſte gegen ſolche Pläne, indem er zu⸗ gleich auf zwei jüngere, ebenfalls in der Armee dienende Brüder hinwies, die nun auch einmal etwas für die Fami⸗ lie thun möchten. Er ſelber wolle als Soldat leben und ſterben. Aber dieſe beiden Brüder weigerten ſich noch viel entſchiedener ihren Stand aufzugeben— Starrköpfe waren die Aare alle und zum Nachgeben kamen ſie nur in ganz beſonderen Fällen— und da nun auch die Eltern beide ſchnell hinter einander ſtarben, ſah es mit der Weiterfüh⸗ rung des alten Stammes mißlich genug aus, bis endlich Leſthen, der Regimentscamerad Hartwigs, die rechte Weiſe anzuſchlagen und die Hartnäckigkeit des Freundes zu beſiegen verſtand.„Du biſt nun lange genug„toll“ geweſen, Toller,“ hatte er geſagt,„und mußt nun endlich zur Vernunft kommen. Es hat ſich ſchon mancher ſeinem 24 Hauſe opfern müſſen unter ſchlimmeren Verhältniſſen als die Euren. Soll Euer alter Stamm mit Euch drei Kerlen zu Ende gehen?“—„Ach was, der alte Stamm iſt noch kräftig und ſaftig genug, der ſtirbt nicht ab,“ verſetzte Hart⸗ wig verſtimmt.—„Ei, wenn keiner von Euch heirathen will, müßt Ihr ja die letzten ſein,“ bemerkte Leſthen.— Und da hatte Hartwig höchlich überraſcht erwiedert:„Beim Teufel! Da haſt Du wahrhaftig Recht! Daran hab' ich noch gar nicht gedacht. Von ſich ſelber kommen die Kin⸗ der nicht— s iſt dumm, aber es iſt einmal ſo! Und da der Eugen und Leopold ein paar Dummköpfe ſind, die das niemals capiren, ſo muß denn ich wohl d'ran. Na, dann alſo nur d'ruf! Aber die Gevatterin muß mir meine Frau ausſuchen, ſo was verſtehe ich nicht.“ Die Gevatterin— Leſthen's junge Frau nämlich, deren Liebenswürdigkeit und Anmuth vermuthlich nicht wenig dazu beigetragen hatte, Hartwig ſich williger in das Ehejoch ſchicken zu laſſen, als es ſonſt geſchehen ſein möchte— die Gevatterin wählte denn auch, und ein hal⸗ bes Jahr nach dem angeführten Geſpräch wohnte Freiherr Hartwig von Aare als Ehemann auf Tolleneck und machte es wie die anderen„Tollen,“ wenn ſie zur„Vernunft“ ge⸗ kommen. Er machte zwar noch allerhand Streiche, be⸗ glückte trotzdem aber die Seinen, war ſelber ziemlich zu⸗ frieden und glücklich und ward geachtet und geliebt. Als ſeine Frau nach nicht vielen Jahren ſtarb, erzog er ſogar 2⁵ ſelber ſeine beiden Kinder. Bei ſeinem Sohn Bernhard gelang ihm das nicht beſonders, wie er ſelbſt einräumte— der Menſch war wie gar kein rechter Aare, ſondern ein Träu⸗ mer und Phantaſt, und der Freiherr machte ſich, um ſich „nicht ſtets an ihm zu ärgern,“ ſo bald wie möglich von ihm los, indem er ihm ein Gut zum ſelbſtſtändigen Leben und Bewirthſchaften überließ und ſich fortan wenig oder gar nicht mehr um ſein dortiges Treiben bekümmerte. Die Tochter, Charlotte, war dagegen ſein ganzer Stolz und Verzug, eine echte„Tolle.“ Er ließ ſie im Lauf ihrer ganzen Jugend nur einmal aus den Händen wäh⸗ rend des Jahrs, das ſie wie alle Töchter der Familie zu ihrer Ausbildung in einem Kloſter verlebte. Denn um das zu erwähnen— ſo wenig fromm, geſchweige denn ſtrenggläubig Hartwig auch war, an dem alten Gewohn⸗ heiten und Sitten ſeines Hauſes und zumal an dem katho⸗ liſchen Glauben desfelben hielt er aufs Beſtimmteſte feſt. Ja er dachte gar nicht daran, daß es anders hätte ſein können, und meinte gelegentlich wohl:„ein proteſtantiſcher Freiherr von Aare wäre eben ſolch ein Unding, wie ein proteſtantiſcher Kaiſer. Unſer einer kann nur Katholik ſein.“ Nachdem er die Tochter an den Mann ihrer Liebe verheirathet, wurde es ihm daheim langweilig und er trat bei den Kriegsausſichten anfangs der neunziger Jahre noch einmal in Dienſt, war aber ein zu guter und ehrlicher Pa⸗ 26 triot, um ſich durch den Basler Frieden nicht bis ins Herz hinein verletzt zu fühlen und noch länger fortzudienen. Man verlor ihn höchſt ungern, denn ſein Name und ſeine Perſon waren angeſehen genug, um Viele auf ihn ſehen und manche ſeinem Beiſpiel folgen zu laſſen. Man hatte ſogar ſeinen Freund Leſthen mit einer Art von diplo⸗ matiſcher Sendung an ihn betraut— in der Mitte der neunziger Jahre, wie wir aus Buchhagens Aeußerungen im vorigen Capitel erfuhren— den alten„Tollen“ aber unzugänglich gefunden. Er lebte wieder eine Zeitlang auf Tolleneck, bis ihm dasſelbe durch den dort erfolgenden Tod ſeiner Toch⸗ ter verleidet wurde und er auf großen Reiſen durch halb Europa zog. Doch nahmen auch dieſe ein Ende, als ihm bei einer gelegentlichen Rückkehr der Schwiegerſohn, der gleichfalls Soldat war, von ſeiner Verlegenheit ſagte, was mit ſeinen beiden Kindern werden ſolle, denen er ſelber nicht ſo viel Aufſicht und Pflege widmen könne, wie ſie be⸗ durften. Er wolle ſie daher ihrer Großtante, der Schwe⸗ ſter Hartwigs anvertrauen. Damit kam er aber bei dieſem übel an.„Was?“ ſchrie der alte Herr grimmig.„Der Margarethe, der Katze, der Putznärrin, der—? Da ſoll mich ja der Teufel zehntauſend Klafter tief in den Erdbo⸗ den reiten, bevor ich das zugebe! Nein, lieber nehme ich die Würmer ſelber. Hab' ich meine Charlotte erzogen, werd' ich's auch bei meinen Enkeln können.“ 1 27 So kamen Gerhard und Hildegard von Waldſtätten nach Tolleneck und blieben dort— das Mädchen mit Aus⸗ nahme des Kloſterjahrs ganz, der Knabe, bis ihn der da⸗ mals an der Gicht leidende und wie ein wüthender Löwe im Käfig tobende Großvater nach dem Unglück bei Jena zu den Armeetrümmern nach Oſtpreußen ſchickte.„Marſch, zu Felde, Junge!“ hatte Hartwig geſagt.„Der König braucht treue und ehrliche Soldaten. Dein Vater iſt todt, da mußt Du Deinen Namen vertreten. Lebe tapfer und ſtirb tapfer, wenn's ſein muß— all vorwärts vor den Feind!“— Seitdem war der Enkel im Dienſt geblieben. Die Jahre 1806 und 1807 räumten um den alten Herrn her auf. Sein Schwiegerſohn und ſeine beiden Brüder fielen auf dem Schlachtfelde oder ſtarben hinter⸗ drein an ihren Wunden; ſeine Schweſter, die„Katze,“ ſagte dem Leben gleichfalls Valet und hinterließ dem Bru⸗ der ihren durch ihre Verſchwendung ruinirten Gatten, den alten Baron Meding, welcher dann fortan auch ein Aſyl auf Tolleneck fand. Hartwig wurde durch dies Alles an⸗ ſcheinend wenig berührt, ebenſo wenig wie durch die immer unabweislicher ſich ihm aufdrängende Ueberzeugung, daß es trotz ſeiner früher erwähnten„Selbſtopferung“ mit den „Tollen von Aare“ doch zu Ende gehen werde. Denn ſein Sohn, der Einzige, der außer ihm dieſen Namen noch führte, machte nicht im Entfernteſten Anſtalt zu einer Heirath, und der Alte würde, ſelbſt wenn er häu⸗ 29 b Dieſe Achtung und Hochſchätzung wandte man dem Freiherrn aber ſo ziemlich in allen Kreiſen zu, denen der alte Herr nur bekannt geworden, und das war ſo ziemlich die ganze Bevölkerung dieſer Landſtriche. Das ganze Land ſah auf ihn und wußte von ihm, und zwar geſchah dies im erhöhten Maße, ſeit er vom ſouverainen zum bloßen Standesherrn herabgeſunken, und es geſchah, obgleich er für den oberflächlichen Beobachter im Grunde wenige Eigen⸗ ſchaften zu beſitzen ſchien, die ihn einer ſolchen Volksgunſt würdig machten, ja dieſelbe ihm in einem Umfange zuwand⸗ ten, wie kein anderer Mann ſich ihrer dort zu Lande rüh⸗ men durfte. Solche Volksgunſt iſt ein ſeltſam Ding; ihre Veranlaffung und Gründe ſind oft genug unerforſchlich oder gar vollkommen nichtig; in dieſem Falle jedoch wa⸗ ren Veranlaſſung und Gründe zur Genüge da, und für den⸗ jenigen, der die damaligen politiſchen Zuſtände und Ver⸗ hältniſſe und das eigenthümliche, feſt begründete Weſen des Freiherrn zu verſtehn vermochte, auch erkennbar genug. Und auch hier zeigte ſich, was man in ähnlichen Fällen ſo häufig findet— Hartwig ſtand in den Augen des Lan⸗ des um ſo höher und beſaß Zutrauen und Liebe um ſo mehr, je weniger er ſich darum zu bemühen ſchien. Wir haben ſchon erwähnt, daß die Bewohner des „Waldgau's“ und einiger angränzenden Landſtriche faſt durchgängig katholiſch waren. Es iſt daher erklärlich, daß ſie ſich 1802 nur mit Sorge und voll tiefen Mißtrauens einem Reiche zugetheilt ſahen, welches ſtreng proteſtantiſch war, und bisher ſogar ſo gut wie keine Katholiken inner⸗ halb ſeiner Gränzen geduldet hatte. Die Folge davon war, daß ſie ſich einerſeits auf das Beſtimmteſte abſchloſſen und feſter als jemals früher zuſammenhielten, und anderſeits in ihrer Sorge auf den ſahen und an dem einen Halt fanden, der gleich ihnen Katholik, gleich ihnen dem neuen Fürſten unterworfen, vermöge ſeines Ranges und Beſitzes doch über ihnen Allen ſtand— das war der Freiherr Hart⸗ wig von Aare. Und zwar baute man um ſo feſter auf ihn, da man ſehr gut ſeine Anſichten über ſeinen Glauben kannte, und ihn noch immer als den einzigen großen Herrn der Gegend ſah, deſſen Anſehen und Stellung durch die Me⸗ diatiſation bisher ſo gut wie gar nicht berührt zu ſein ſchien. Von den übrigen Adelsgeſchlechtern dieſer Landſtriche war wenig zu ſagen. Sie mochten reich ſein, aber ſie waren ſchon ſeit Generationen bei dieſem oder jenem Hofe bedien⸗ ſtet geweſen und ihre Glieder lebten nur ausnahmsweiſe auf ihren Gütern in der Heimath. Nur auf Tolleneck war es ſtets anders geweſen und noch heut anders, und der „tolle Aare“ erſchien den Leuten nicht nur als der geborene Repräſentant ihres Glaubens und ihres Landes, ſondern auch faſt als ihr Fürſt und zwar mehr, möchte man ſagen, als der wirkliche, der dreißig Meilen von ihnen reſidirend, ihnen bisher unbekannt geblieben. Dies fand noch um ſo mehr Statt, ſeit das ganze 7 7 Land nun gar neuerdings mit dem neugebackenen König⸗ reich Weſtfalen vereint war, ein Zuſtand, der den Leuten nur wie ein böſer Traum erſchien und an deſſen Haltbarkeit kaum Einer glaubte, der ſie aber ganz folgerichtig nur noch feſter an einander und an Hartwig Aare halten ließ. Dazu kam, daß man in ihm einen der entſchiedenſten Gegner der Franzoſenwirthſchaft und einen deutſchen Mann von fe⸗ ſteſtem Kern wußte. Hartwig machte kein Geheimniß aus ſeinen Sympathien und Antipathien, und während das Land mit ſteigendem Vertrauen auf ihn ſah, widmeten ihm die Fremden eine Beobachtung voll des tiefſten Mißtrauens, ohne jemals jedoch die leiſeſte Spur entdecken zu können, daß der alte Herr etwa einem patriotiſchen Bunde ange⸗ höre oder an irgend welchen werkthätigen Beſtrebungen theilnehme. Selbſt in dem traurigen Jahre 1809 hatte man ihn keine Blöße geben ſehen. Es ſtand feſt, daß Freund und Feind viel in und hin⸗ ter ihm ſuchte, viel mehr vielleicht, als in Wirklichkeit da war. Denn wie der„Tolle von Aare“ auch ſein mochte und wie wenig er ein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte, er war viel zu klug und vorſichtig, um irgend Je⸗ mand ſich in die Karten ſehen zu laſſen und mit Dingen heraus zu gehen, die jedenfalls noch nicht an der Zeit ge⸗ weſen wären. Etwas Rechtes wußte Niemand von ihm und ſeinem Treiben, vielleicht ſogar Fritz Buchhagen nicht. Klugheit, ja eine Art von Pfiffigkeit war überhaupt 32 von jeher eine Grundeigenſchaft des alten Herrn geweſen. Man machte ihm, wie man das zu heißen pflegt, nicht leicht ein X für ein U, und wie angeregt oder gar aufgeregt er ſich zuweilen geberden mochte, ſo machte er ſich doch, wie Buchhagen das nannte, gerade in ſolchen Augenblicken ſeine eigenen Gedanken, beobachtete gewiſſermaßen am aller⸗ ſchärfſten, verfolgte am ſicherſten ſeine Pläne, und war am vorſichtigſten auf der Hut. 4 Nun hatte er den Jugendfreund und die Gevatterin auf das allerherzlichſte mit unverhehlter und unverſtellter Freude empfangen. Aber im Herzen war er nicht einen Augenblick darüber in Zweifel geweſen, daß dieſer Beſuch auf keinen Fall durch die alte Freundſchaft allein hervorge⸗ rufen worden, ſondern daß der General dabei unbedingt noch irgend einen beſonderen Zweck verfolge. Hartwig Aare bekümmerte ſich anſcheinend außerordentlich wenig um Alles, was außerhalb ſeiner Terminei paſſirte, wußte in Wirklichkeit aber in manchen Dingen beſſer Beſcheid, als irgend Jemand ihm zutrauen mochte. So war es ihm ſehr wohl bekannt, daß Leſthen im Jahre 1807 zwar ſeinen Abſchied genommen, ſeitdem aber gewiſſen Kreiſen in Ber⸗ lin näher ſtand als jemals ſonſt und vor Allem mit dem Prinzen*er in faſt freundſchaftlicher Verbindung war. Der alte Herr war auf der Hut. Drittes Capitel. Fröhliche Kinder. „Nun behüt' Dich Gott, mein liebes Kind,“ ſagte der große hagere Mann und bot dem jungen Mädchen, das ſich vom Sattel mit einem faſt zärtlichen Ausdruck zu ihm neigte, die Hand zum Abſchied.„Treibt Euch nicht mehr zu weit umher, ſondern macht Euch nach Hauſe— Du mußt den Wildfang in Ordnung halten, Vincenz. Ihr wißt, der Vater wird leicht ungeduldig, wenn er mit Gäſten allein bleiben ſoll.“ „Ci, Onkel, es iſt doch Papa Meding da und Tante Chriſtine,“ wandte die Dame lachend ein.„Die können ſchon Converſation machen— mehr als ich.“ „Spotte Du nur, Wildfang,“ meinte er freundlich zu ihr aufblickend.„Du weißt leider zu gut, daß der Alte doch allein nach Dir ausſieht und wie auf Kohlen ſitzt, bis Edmund Hoefer: Tolleneck. I. 3 —.— 34 er mit ſeiner Kleinen renommiren darf, der echten„Tollen,“ über der er nichts kennt.“ „Spott' Du nur, Onkel!“ verſetzte ſie luſtig.„Ich bin doch noch zu klug für Dich und laſſe mich durch Dich nicht eitel machen.— Und Du weißt wirklich nicht,“ fügte ſie im verändertem Tone hinzu,„wer dieſer Beſuch ſein mag? Gewiß wenigſtens nicht dieſe vornehme Couſine und der unbekannte Vetter? Grade heraus, Onkel, ich fürchte mich ein bischen vor denen!“ „Ich ſehe nicht ein, weshalb,“ erwiederte er ruhig indem er die Mütze abnahm und mit dem Taſchentuch die heiße Stirn trocknete. Wie er dabei das braune, ein we⸗ nig lockige Haar fortſtrich, ſah man's, daß ſich hie und da ſchon weiße Fäden durch dasſelbe zogen, obgleich der Herr ſeinem Geſichte nach kaum über dreißig Jahre zählen mochte. „Ich glaube übrigens nicht, daß es Lucie und Hippolyt waren,“ fügte er nun hinzu.„Der Diener ſah dazu weder elegant noch windig genug aus. Und nun nochmals— Gott behüte Dich, Hilda! Adieu, Vincenz! Macht, daß Ihr nach Hauſe kommt, ich will auch heimgehen.“ Er nickte dem jungen Mädchen noch einmal zu, winkte ihrem Begleiter mit der Hand, warf die Flinte mit einer leichten Bewegung weiter auf den Rücken und ſeinem Hunde pfeifend, ging er langſamen Schrittes den Fußweg hinauf, der hier von der Landſtraße gegen die allmählig an⸗ ſteigenden Felder zu ſich abzweigte. 3⁵. Zugleich ſetzten auch die Dame und ihr Begleiter ihre Pferde in Bewegung, aber die erſtere wandte noch mehr als einmal den kleinen Kopf, um dem Scheidenden nach⸗ zuſehen, bis er hinter einer Höhe verſchwand. Und dann ſagte ſie mit leiſem Kopfſchütteln:„Der arme Onkel Bern⸗ hard! Warum er nur ſo ſtill, ſo traurig, ſo leidend iſt! Haſt Dus geſehen, Vincenz,— ſeine ſchönen Haare wer⸗ den immer weißer!— Ach Gott, ich bin eine leichtſinnige und wilde Creatur,“ fügte ſie hinzu,„aber wenn ich den armen Onkel ſo anſehe, kommen mir jedesmal die Thränen nahe. Ich habe ihn eben gar zu lieb.“ „Dazu habt Ihr gewiß ein volles Recht, Fräulein,“ meinte ihr Begleiter, ein ſchöner kräftiger Mann mit hell⸗ blauen, adlerartig kühn und ſcharf blickenden Augen;„auch ich laſſe Herrn Bernhard für einen braven und guten Mann gelten, aber ſonſt find' ich nicht rechten Geſchmack an ihm. Er iſt mir gar zu leidmüthig und gleichgültig, und vor al⸗ len Dingen giebt er ſich zu unmännlich nach.“ „Vincenz, ſei nicht ungerecht,“ erwiederte ſie nach⸗ denklich.„Wer weiß, was auf ihm laſtet!“ „Ei Fräulein Hilda, ſo laßt es ihn tragen wie ein Mann und die Zähne zuſammenbeißen,“ ſagte der Beglei⸗ ter lebhaft,„oder laßt ihn ſich wehren, wie es nöthig iſt. Durch Jammern und ſtilles Dulden wird nichts leicht ge⸗ macht, noch von uns abgewälzt.“ „Du haſt leicht beſtimmen, wie es ſein ſoll,“ ſprach 3* 36 ſie ſchon wieder munter,„Du weißt nicht, wie es Einem zu Muth ſein mag, dem es— ſo oder ſo— recht ſchlecht eht.“ 3„Da habt Ihr ganz Recht, Fräulein Hilda. Ich laſſe mir Sorgen nicht näher kommen, als es partout nöthig. Auch habe ich noch nicht gerade viel Moleſten vom Leben oder zu klagen gehabt. Allein das weiß ich gut genug— lamentiren und den Kopf hängen würde ich nicht, ſondern mich rechtſchaffen wehren.— Nun aber, Fräulein, müfſen wir wirklich ein wenig traben,“ fügte er abbrechend hinzu. Sie waren bisher allerdings im bequemſten Schritt ihrer Thiere weitergezogen, und der wundervolle Abend rechtfertigte ein ſolches Zögern— es ward ſo wohlig kühl nach dem heißen Tage und die Schatten legten ſich von je⸗ der kleinen Bodenerhebung, von jedem Baum und Strauch immer weiter über die Straße, denn die Sonne berührte jetzt ſchon den Rand der Wälder, welche links den Aus⸗ blick beſchränkten. Die Natur athmete auf, wie die Menſchen. „Traben?“ wiederholte Hilda, indem ſie zugleich ihr Pferd eine leichte Höhe auf ihrem Wege hinan trieb, mit heiterem Blick auf ihren Begleiter,„nein Vincenz, das nicht! Aber ein luſtiger Galopp hier über die Brache, da⸗ bei bin ich, vorausgeſetzt, daß er uns noch nicht nach Hauſe führt. Denn dazu hab' ich noch gar keine Luſt. Dieſer Beſuch—“ 37 „Gerade deshalb, Fräulein Hilda,“ fiel er ein.„Herr Bernhard hatte ganz Recht.— der Alte wird ungeduldig werden und zanken.“ 3 „Bah, wie kann er zanken, da er uns abreiten ſah und nicht wiſſen kann, daß wir inzwiſchen ſchon von den Gäſten erfuhren?— Sieh, der Abend wird erſt ſchön,“ fuhr ſie fort und hielt, oben angelangt, das Pferd vollends an und deutete gegen Weſten hinaus, wo man hie und da zwiſchen den lichter werdenden Waldgründen, von dem ho⸗ hen Standpunkt aus den Fluß aufblitzen ſah.„Komm, Vincenz, ſei kein Pedant! Hier einen luſtigen Galopp über die Brache, ſag' ich, und dann bis zur Stromfelder Fähre. Am Flußufer reiten wir heim und kommen dann noch zeitig genug. Ich habe eine Angſt vor den heißen Zimmern, den Gäſten, dem vielen Eſſen und Trinken.“— Vincenz lachte.„Na, Fräulein,“ ſagte er,„ich bin ein ſchlechter Mentor, wie man das heißt, aber nun muß ich doch ſagen: was erreicht Ihr damit? Ihr lauft nur noch mehr Gäſten in den Weg— womit Ihr ſündigt, daran ſollt Ihr geſtraft werden!— Seht einmal dort hinab — wohin kann die Extrapoſt dort fahren, wenn nicht nach Tolleneck?“ Und er deutete in den Grund, aus dem ſie ſelber aufwärts geritten, wo eben ein Wagen ſichtbar wurde und ſich raſch der Steigung auf der Straße näherte. „Das iſt verwünſcht!“ verſetzte das junge Mädchen oſſͤſſͤſſſ“—y— 38 kräftig und drückte ſich den kleinen Hut trotzig in die Stirn und faßte die Zügel ſichtbar feſter.„Aber nach Hauſe reite ich jetzt gerade noch lange nicht. Ich habe keine Luſt, die Schloßdame zu ſpielen.“ „So laßt uns nur weiter, Fräulein Hilda,“ mahnte Vincenz.„Oder wollt Ihr ihnen die Honneurs von Tolleneck lieber auf der Straße machen?“ „Nichts da!“ entgegnete ſie trotzig und beugte den ſchlanken Leib vor und ſchaute ſcharfen Blicks dem Wagen entgegen, der jetzt langſam aufwärts fuhr.„Ich muß erſt etwas von ihnen ſehen— die Verwandten ſind's Gottlob wieder nicht,— es ſitzt nur der Poſtillon auf dem Bock, und im Wagen ſcheinen zwei Männer zu ſitzen. Nun denn, Vincenz,“ fügte ſie ſich aufrichtend hinzu,„jetzt Galopp querfeldein, nach Stromfeld!“ In dieſem Augenblick, da ſie das Pferd über den Graben lenkte, welcher die Straße vom Felde ſchied, und Vincenz ihr lächelnd und achſelzuckend nachritt, klang von unten, aus der Richtung des ſich nahenden Wagens her, ein greller, eigenthümlich medulirter Pfiff zu ihnen empor. Hilda hielt das Thier jählings wieder an und wandte den Kopf verwundert zurück.„Was iſt das?“ flüſterte ſie, „gilt das uns? Es klang faſt“— Und da ein zweiter ganz gleicher Pfiff ihre Worte abſchnitt, richtete ſie ſich hoch und ſchlank auf und rief aufleuchtenden fröhlichen Blick's: „Das iſt Gerhard! Ich erkenne unſer altes Zeichen!“ 39 Sie lenkte das Pferd auf die Straße zurück, ſie legte den Finger, nachdem ſie den Handſchuh abgezogen, an die feinen Lippen und ließ— es war ein Glück, daß keine Anſtandsperſon in der Nähe!— ein modulirtes Pfeifen vernehmen, welches noch lautere Antwort fand. „Gerhard!“ rief ſie nun laut und luſtig und ſchwang ihr Tuch empor— flattern wollt' es nicht, denn es regte ſich kein Lüftchen. Und„Hilda!“ klang es eben ſo fröh⸗ lich zurück. Nun kam der Wagen heran, man ſah eine ſchlanke Geſtalt in ihm ſtehen und hinter dem Poſtillon den Kopf vorbeugen, deſſen dunkles Haar, von keiner Bedeckung ge⸗ hindert, ſich anmuthig um eine hohe Stirn ſchmiegte. Ein paar glänzende Augen, die glühenden Wangen zeigten ſich ſchon jetzt; und nun, da der Poſtillon kaum erſt anzuhalten begann, ſprang der Stehende bereits keck und leicht über den Schlag und kam herangeflogen und ſtand neben dem Mädchen und ſah ihr mit leuchtender Freude in das freu⸗ dig erglühte Geſicht.„Hilda, Hilda, das heiß' ich Glück!“ rief er voll Jubel dabei und drückte ihre Hände und ſtrei⸗ chelte ihre ſich zu ihm ſenkende heiße Wange.„Du die erſte von Allen, ſchön' Schweſterlein, die ich nach vier Jah⸗ ren wiederſehe— ah, und auch Du da, Freund Vincenz? O ſeid mir gegrüßt, ihr goldigen Menſchenkinder!“ „Alſo biſt Du's wirklich!“ ſagte ſie und beugte ſich jetzt ſo weit herab, daß ſie ſeinen warmen Kuß empfan⸗ 40 gen und ebenſo warm erwiedern konnte.„So ſchnell hät⸗ ten wir Dich nicht erwartet, und wie ich Dein Zeichen hörte, wollte ich meinen Ohren nicht trauen.. „Noch dazu aus einem Wagen!“ ſchob hier Vincenz lachend ein, nachdem auch er dem jungen Ankömmling die Hand geſchüttelt. „Ja, aus einem Wagen!“ meinte ſie luſtig.„Der ſo anlangen ſieht, zumal heut', wo ihn nun ſchon der zweite Wagen erſchreckt.“— „Ein zweiter? Sind Gäſte auf Tolleneck?“ fragte Gerhard lebhaft. „Ja, Onkel Bernhard, der uns vorhin begegnete, hatte ſie vorüberfahren ſehen.“ „Und wer? Ein alter Herr und eine alte Dame? Ein Diener auf dem Bock— blauer Rock, rother Kragen?“ „Das Letztere kann möglich ſein, ich weiß es nicht, da ich ſie nicht ſah— aber ein Damenkammerdiener iſt es nicht geweſen, ſagte der Onkel. Ich ſchrieb Dir ja, daß wir die Verwandten zu erwarten hätten,— die waren's Gott⸗ ob nicht.“ „Hugo, Hugo!“ rief der junge Mann, ſich gegen den Wagen zurückwendend.„Komm doch her— es giebt Nachrichten von den Deinen, glaub' ich!“ Und nachdem der Gerufene, ein großer, ſchlanker, noch junger Mann, raſch herausgeſprungen war und ſich mit leichter Verbeu⸗ Großvater wird ein ſchönes Geſicht ſchneiden, wenn er Dich 41 gung den Andern genähert hatte, ſtellte Gerhard munter „Hildegard, meine kleine Schweſter⸗Schönheit,— ttmeiſter Hugo von Platen, mein lieber Came⸗ rad bisher,“— und fuhr dann fort:„Hugo ſucht ſeinen Großvater, den General Leſthen— Du weißt, Hilda, den alten Freund unſeres Großvaters— und da er ſeine Spur bis D. verfolgte, wo wir uns begegneten, hab' ich ihn be⸗ redet, mit mir nach Tolleneck zu kommen. Iſt der Gene⸗ ral einmal in dieſe Gegend gerathen, ſo geht er Tolleneck ſicher nicht vorüber, ja wird am Ende ſchon da ſein. Es iſt wenigſtens ein Wagen angelangt, mit einem—“ „Alten, hrenfaßen Diener auf dem Bock,“ ſchob Vincenz ein. „Richtig, ſo ſieht der alte Johann aus,“ bemerkte Herr von Platen.„Das wäre ein unverhofftes Glück!“ „Ha, kann Dich das noch überraſchen, nachdem wir ſchon ſo glücklich geweſen, Hilda zu treffen?“ rief Gerhard fröhlich.„Ach Schweſterlieb,“ fuhr er ebenſo fort und faßte und küßte ihre Hand.„Da hatt' ich Hugo eben von Allen in Tolleneck erzählt, doch zumeiſt von Dir, meiner alten einzigen Flamme, und mit einemmal ſeh' ich Dich da vor mir auf der Höhe, ganz von der Sonne umgoſſen, or⸗ dentlich leuchtend und ſtrahlend, wie ein Heiligenbild, als kämeſt Du direct vom Himmel herunter oder wollteſt eben hinauf— guck ſie an, Hugo! Iſt's nicht ein liebreizend es kleines Ding geworden?“ 42 „Was ſchwatzeſt Du Alles durch einander!“ ſprach Hildegard, halb verlegen und auch halb wieder m uter lä⸗ chelnd. Und wer ſie ſo ſah, ſo friſch und geſund, fo arft und heiter, ſo ſchlank und ſo elaſtiſch, mußte wohl des en⸗ thuſiaſtiſchen Bruders Bezeichnung gerechtfertigt finden— ſie war liebreizend und, wie am Nachmittag der Großvater ſie geheißen: ein rechtes Staatskind. Und jetzt ſtreifte ſie den Handſchuh wieder auf und rückte an den Zügeln, daß ihr Pferd ſich leicht hob, und dann ſagte ſie:„Nun denn, raſch nach Hauſe, Ihr Herren, daß wir wiſſen, ob es Ihr Großvater iſt, Herr von Platen! Wie dumm das mit Eu⸗ rem ſchweren Wagen! Ich muß noch einmal ſagen: Du ſchämſt Dich gar nicht, Gerhard, ſonſt würdeſt Du nicht ſo wie ein alter Menſch einhertrotten! Zu Pferde, zu Pferde! Das iſt unſre Luſt! Und zanken wird der Großvater, ver⸗ laß' Dich darauf!“ „Bah,“ verſetzte er gleich heiter,„morgen wollen wir Dir zeigen, daß wir nicht aus der Art geſchlagen und nicht weniger gern zu Pferde ſitzen als Du. Aber komm, Hugo, in den Wagen und vorwärts! Du kriegſt doppelt Trink⸗ geld, Schwager,“ fügte er hinzu,„wenn Du die Dame dort uns nicht vorkommen läſſeſt. Laß Deine Gäule aus⸗ traben! Huſſah— vorwärts!“ Und mit Hugo in den Wagen ſpringend, fühlte er das Gefährt auch ſchon davon raſſeln. Die Reiter hielten ſich luſtig und lachend in der Nähe, 43 und ſo brauste die muntere Geſellſchaft über die ziemlich ebene Straße hin, Tolleneck zu.— In dem alten Tollenecker Schloſſe hatte ſich inzwiſchen der Baron mit ſeinen beiden Gäſten im ſogenannten wei⸗ ßen Saale wieder zuſammengefunden, der in dem von Hartwigs Großvater erbauten„Mittelbau“ erſt auf der Hälfte des Hügelabhangs und doch ſchon ſo hoch gelegen war, daß man aus ſeinen großen Fenſtern ſchwindeltief in den drunten rauſchenden Fluß, ja ſelbſt auf die Waldhü⸗ gel hinabſah, welche ſich jenſeits erhoben. Aus einem der Fenſter ſchaute man dagegen auf das Dorf Tolleneck und die hinter demſelben ſich fortſetzende Landſtraße. Die Gäſte hatten einem Imbiß zugeſprochen, den man ihnen in einer der tiefen Fenſterniſchen nach der Fluß⸗ ſeite hin aufgeſtellt— nich vergeſfe es nicht, Gevatterin,“ hatte Freiherr Hartwig galant geſagt,„daß Sie dazumal gern an dieſem Platze frühſtückten und vesperten!“— und der Schloßherr war während dieſer Zeit mit ſeiner Pfeife, ohne welche er es nun einmal nicht that, in dem großen Raum auf und ab gegangen, mit den Freunden plaudernd, aus dem Fenſter auf die Landſtraße ſchauend, mit zunehmenden Spuren der Ungeduld, bis er endlich ver⸗ drießlich ſagte:„Weiß der Teufel, wo die Hilda bleibt! Es wird immer ſchlimmer mit dem Mädel, hat keine Ahnung mehr von Subordination.“ „Weißt Du eine Dame, welche dergleichen hat, ſo laſſe mich ſie kennen lernen— ich bin verteufelt neugierig,“ bemerkte der General, indem er ſich nach ſeinem letzten Glaſe Wein den kurz gehaltenen grauen Bart abwiſchte und dann aufſtand.„Habe ſolchen Paradiesvogel im Le⸗ ben noch nicht geſehen.“ Die Generalin hatte ſich bereits an ihren Stuhl zu⸗ rückgelehnt und aus dem Fenſter in den Fluß und die Wald⸗ berge geſehen. Nun meinte ſie mit einem leiſen, faſt ge⸗ dankenvollen Lächeln:„Eure Reden verſtehe ich nicht zu würdigen, aber das weiß ich freilich, daß Ihre Erziehung der Kleinen meinem Sinne nach ein Wageſtück, wo nicht eine Sünde geweſen oder noch iſt, lieber Hartwig. Ein junges Mädchen auf der einen Seite ſo vollſtändig zu iſo⸗ liren, wie es mit Hildegard hier in Tolleneck der Fall zu ſein ſcheint, und ihm auf der andern Seite unbeſchränkte Freiheit in ſeinem Gehen und Kommen, Thun und Trei⸗ ben zu laſſen— das kann kaum zu einem guten Ende führen.“ „Wenn der Menſch von gutem Schlage und Kern und geſundem Blut iſt, wie meine Hilda— warum nicht, Gevatterin?“ entgegnete gut gelaunt der Baron.„Vor allen Dingen wüßt' ich nicht, wie es anders hätte werden können. Ich habe die Verhältniſſe nicht gemacht— ſonſt 45⁵ wäre meine Charlotte nicht geſtorben; und im Uebrigen, ſelbſt wenn die leben geblieben wäre— was würd's an⸗ ders geworden ſein? Nach meines Schwiegerſohnes Tode wäre ſie doch nach Tolleneck in's alte Neſt gekommen, und die Kleine wäre auch dann hier groß geworden, wie die Töchter der Aare immer. Sie ſind darum nicht ſchlechter gefahren, meine ich,“ fügte er ſelbſtbewußter hinzu.„So viel ich weiß, ſind die Fräulein von Aare alle bis auf eine, wackere Frauen und rechte Mütter geworden.“. „Empfindlich dürfen Sie nicht werden, alter Freund,“ ſagte Frau von Leſthen herzlich.„Ich meine es,w eiß Gott, nicht ſchlecht!“ „Empfindlich? Ich denke nicht daran!“ fiel er ein. „Ich ſage nur, wie es iſt und wie ich's anſehe.“ „Und doch erwähnten Sie da eben einen Punkt, der mir der bedenklichſte von allen ſcheint,“ ſprach ſie ernſt weiter.„Früher, zur Zeit Ihrer Schweſtern, Hartwig, und noch früher, war, wie Sie mir oft genug erzählt, viel Ver⸗ kehr in dieſem Hauſe und rings umher lebten mehrere Ih⸗ nen bekannte und befreundete Familien. Jetzt ſagen Sie, findet ſchon längſt das gerade Gegentheil Statt. Wie ſoll denn da die Kleine, welche niemals Tolleneck verließ, mit Männern bekannt werden und ſie beurtheilen lernen? Wie wollen Sie es endlich verhindern, daß ihr Herz, ihre Phantaſie ſie nicht vielleicht dahin führt, wo Sie ihr ent⸗ gegentreten müßten? Einem Mädchen, das Niemand kennt, tritt häufig der Erſte nahe, der ihm begegnet, und daß dieſer Erſte auch ein würdiger und uns willkommener Mann ſei, hängt leider nicht von uns Eltern ab. Wun⸗ dern Sie ſich nicht über meine Predigt,“ ſchloß die Dame, und in ihren noch immer ſehr ſchönen, tiefblauen Augen zeigte ſich ein faſt ſchwermüthiges Lächeln,„ich habe in meinem Leben leider mehr als einen derartigen Fall zu be⸗ obachten und beklagen gehabt, und Ihre Hildegard liegt mir am Herzen ſchier wie ein eigenes Kind. Ihre Groß⸗ mutter war meine liebſte Freundin und ihre Mutter hab' ich wie eine Tochter geliebt.“. „Und die Enkelin verdient's mehr noch als die beiden Andern, daß man ſie liebt,“ ſagte Hartwig, indem er zu der alten Frau trat, ihre Hand nahm und drückte, mit ei⸗ ner bei ihm ſehr ſeltenen Bewegung.„Das dürfen Sie eidlich behaupten und werden's auch, wann Sie das Kind erſt kennen— es iſt ein Goldſchatz!— Was Sie mir da aber ſonſt vorreden, Gevatterin,“ fuhr er ſchon wieder in ſeiner gewöhnlichen Laune fort,„das iſt mit Reſpect zu ſa⸗ gen, nichts. Verplempern thut ſich das Mädel nicht— ihr Herz ſitzt auf dem richtigen Fleck— und im Uebrigen— nun kommt Zeit, kommt Rath!— Es iſt mir da bei dem Beſuch, der mir von meinen Schweſterkindern droht, ſchon ſelber durch den Kopf gefahren, ob der Burſche, der Hip⸗ polyt, nicht am Ende mit allerlei Plänen zu einer Ver⸗ mögungsverbeſſerung umgehen möchte— der Kleinen Erbe 47 dürfte ihm ſchmecken! Allein erſtens liebe ich keine Ver⸗ wandten⸗Ehen und zweitens hab' ich den Menſchen, als er vor zwei Jahren, da Hilda ſchon im Kloſter, ein paar Tage hier war, als ruinirtes Subject, ſo als eine Art Greis kennen lernen, der mir um ein gut Theil älter erſchien als ich ſelber. Damit hat's denn keine Noth. Hilda iſt zu geſund für ſolche Art.“ „Na, Toller, ſchmeicheln thuſt Du denn nicht, merk' ich,“ meinte der General, der an dem anderen Fenſter ſtand und über das Dach des tiefer ſtehenden Gebäudes auf den Hof und die Straße ſchaute.„So viel ich aber rechnen kann, muß er doch auch wohl zu alt für Deine Enkelin ſein. Dein Schwager heirathete ja vor vierzig Jahren und—“ „Ah bah, mein Schwager! Was hat der damit zu thun?“ warf Hartwig mit Achſelzucken hin. „Pfui, Aare!“ ſagte die Generalin lebhaft. „Ja was pfui Aare!“ verſetzte er und zuckte nochmals die Achſeln.„Wir wollen das übrigens ruhen laſſen— ˙s iſt kein amuſantes Capitel, geb' ich ſelber zu. Wo aber die Hilda bleibt!“ fügte er hinzu, über die Schulter des Generals einen ſcharfen Blick in die Weite ſendend.„Werde ſie mir doch ein wenig vornehmen!— Beiläufig, Alter, haſt Du nicht ſo etwas von einem Enkel, der ſich für meine Kleine qualificirte? Das wäre mir der liebſte und würde, wenn die Hilda nicht aus der Art geſchlagen, auch ihr der 48 Rechte ſein! Leſthen und Aare— s wäre doch charmant, Gevatterin!“ „Na, Charlott',— iſt er nicht unverbeſſerlich, dieſer alte Burſch?“ ſprach der General, nach einem heiteren Lachen in ſeinem tiefſten Baß.„Gottlob, Toller, da fehlt's nicht,“ fügte er dann gegen Aare gewendet, launig hinzu. „Enkel— na, ſo ein Stücker drei ſtell' ich Dir zur Dis⸗ poſition, im rechten Alter und rechte Burſche— haſt die Wahl.“ „Ihr ſolltet Euch ſchämen mit Euren Späßen,“ ſagte Frau von Leſthen mißbilligend,„Sie mit dem Herausfor⸗ dern, Hartwig, und Du mit dem darauf Eingehen, Leſthen. Ihr ſeid doch Beide alt genug, ihr weißen Köpfe—“ „Na, wenn ich mir das nicht gedacht habe!“ lachte der General,„s iſt nicht anders, Toller,— in ihren Augen biſt Du mein Verführer. Kaum bei Dir, werd' ich ein ganz lünbigen Erdrikloß 14 54 „Viel Ehre für mich, Deinen alten Schwadronschef!“ warf der Schloßherr luſtig hin.„Aber beim Teufel— was iſt denn das?“ brach er aus, mit verwundertem Blick auf die Landſtraße ſtarrend,—„Hilda und Vincenz in Carriere vorauf und hinterdrein wieder eine Poſtchaiſe— unn, auf daß mein Haus voll werde!“ Die Generalin war zu den Herren getreten, um den Kommenden gleichfalls entgegen zu ſehen. Es war, wie Hartwig geſagt hatte— Die Poſtgäule liefen einen Trab, 49 den ſie vermuthlich ſelber ſich nicht mehr zugetraut hätten, aber die leichten Pferde der beiden Reiter waren ihnen weit voraus. Jetzt ging's den Schloßberg hinauf und Hilde⸗ gards Tuch wehte grüßend zu dem von ihr am Fenſter erkannten Großvater empor. Nun verſchwanden ſie hinter dem Unterbau, und der Wagen kam heran, aus dem gleich⸗ falls ein Tuch wehte. Und wieder ein paar Minuten ſpäter wurde die Thüre des Saales aufgeriſſen und Hildegard flog herein; ohne auf die Fremden zu achten, ſprang ſie auf den Groß⸗ vater zu und warf ſich an ſeine Bruſt, lachend und mit glänzendem Aug', glühender Wange, athemlos vom ſchnel⸗ len Ritt und den raſch erſtiegenen Treppen. Sie hatte das Reitgewand ſchon abgeworfen, ein leichtes und lichtes, einfaches Kleidchen ließ ihre ſchlanken und doch feſten For⸗ men, die elaſtiſchen Bewegungen aufs Anmuthigſte hervor⸗ treten. Sie war ganz Luſt und Leben, ganz kecker Liebreiz und zierliches Ungeſtüm.„Gewonnen, gewonnen, Groß⸗ papa!“ rief ſie jauchzend. „Was gewonnen, Du Wildfang?“ fragte er mit ver⸗ drießlichem Ton, aber ſein Aug' ſtrafte die Stimme Lügen, es haftete voll leuchtender Zärtlichkeit an der Enkelin. „O, ich neckte nur den Gerhard, daß er im Wagen kommt.—⸗ 4 „Den Gerhard? Iſt's der?“ rief der Baron da⸗ zwiſchen. Edmund Hoefer Tolleneck. I. 4 „Ja wohl, Großpapa! Und da wettete er, daß er zu Wagen dennoch vor mir ankommen wollte. Es iſt gegan⸗ gen wie der Blitz— prachtvoll!“ „Kann's mir lebhaft vorſtellen,“ meinte der Baron, indem er zuſtimmend nickte.„Alſo der Gerhard!“ „Ja, Großpapa, und ein Camerad, der— aber, Du haſt Gäſte bekommen,“ brach ſie ab, da ſie jetzt das Ehe⸗ paar bemerkte, das ſich abſeits, in der Nähe des Fenſters gehalten, und wandte ſich, tief erröthend mit leiſer Vernei⸗ gung der ſtill beobachtenden Dame zu. „Na ja, und Du präſentirſt Dich gleich als die echte „Tolle von Aare,“ Hilda,'s iſt ganz richtig,“ ſagte der Baron lachend.„Nun, Kinder, da habt Ihr die Hilda, wie ſie gebacken iſt,“ fuhr er ebenſo munter fort.„Und nun, Kleine, geh' hin und küſſe meiner lieben Gevatterin, der Generalin Leſthen, die Hand und bitte ſie um einen gnädigen Blick, trotz Deiner Sünden.“ „Leſthen? Ah— ſo hatten ſie Recht!“ rief Hilda lebhaft. Weiter kam ſie nicht, da eben Gerhard mit ſeinem Begleiter in die Thür ſtürmte. Und auch er rief, ohne zu⸗ erſt auf die Gäſte zu achten:„Glaub' Ihr nicht, Großvater! Durch menſchliche Kunſt hat ſie ſelbſt die Poſtgäule nicht beſiegt! Sie iſt eine Hexe, aber eine goldige!— Ah, Hugo—“" brach er ab,„ſieh, wir hatten Recht! Da ſind ja Deine Großeltern!“ 51 „Hugo— Du biſt's?“—„Junge, was bringſt Du?“ rief die Generalin, rief der General dem Enkel über⸗ raſcht entgegen. Er gab ein beruhigende, heitere Antwort, er küßte der Großmutter die Hand und ſchüttelte die Rechte des Generals, und dann folgten, da nach und nach auch die anderen Hausgenoſſen erſchienen, ein paar Stun⸗ den voll Vorſtellungen, voll Bekanntſchaften, Plaudereien und Gelächter. Es mochte lange nicht ſo laut zugegangen ſein im weißen Saal. Am ſpäten Abend, als die Geſellſchaft aus einander ging, ſprach Aare, der neben der Generalin ſtand, indem er zu Hugo einen gar freundlichen Blick hinübergleiten ließ:„Na Gevatterin, wie ich vorhin ſagte: kommt Zeit, kommt Rath! Da iſt nun ſo ein Enkel, und er kommt mir wie ein teufelmäßig netter Junge vor. Ueberdies hat er die Familienaugen— Augen wie ein richtiger Aare. Nun, Gevatterin, was meinen Sie?“ „Daß Sie ein richtiger Kauz ſind, Hartwig, und daß ich mir auf dieſem Punkt die Aare'ſchen Tollheiten lieber verbeten haben möchte,“ verſetzte die Dame zwar mit leich⸗ tem Lächeln, während man es jedoch aus ihrem Tone mer⸗ ken konnte, daß ſie von ſeiner Bemerkung nichts weniger als erbaut war. 4* * ——, Viertes Capitel. Sine Blanderſtunde. „Ei Herr Jeſus, Herr Inſpector, hat man auch noch einmal die Ehre?“ rief die ſtattliche Dame und ſtellte ſich, beide Hände in die Seiten ſtemmend, ſo breit in die Mitte des ſchmalen Flurs, daß der Beſuch, wollte er ſie nicht umrennen, wohl Halt machen und ihr Stand halten mußte. „Alſo ſagen Sie, Herr Inſpector,“ fuhr ſie nicht weniger lebhaft fort,„Sie leben noch wirklich und kommen einmal wieder zu uns?'s iſt die Möglichkeit! Habe ſonſt ſchon gedacht, es wäre ganz aus mit Ihnen, und habe noch ge⸗ ſtern zu meinem Mann geſagt:„Junghans,“ ſagt' ich, „was iſt das eigentlich mit dem Herrn Inſpector, dem Fritz Buchhagen? Haſt Du nichts gehört, ob's mit ihm ganz zu Ende, oder ob er nur in Leibesſchwachheit verfal⸗ len, oder ob der alte Menſch uns was übel genommen, 53 daß er ſo gar nichts von ſich hören und ſehen läßt? Und ſiehſt Du,“ hab' ich geſagt,„die Menſchheit wird immer ſchlechter, Junghans. Was ſoll man von Anderen ſagen, wenn's uns gerade mit dem ſo geht, auf den wir Häuſer gebaut, und der immer ſo anhänuglich und herzlich gethan, und nun kommt er in die Stadt, aber—“ „Meine liebe Frau Burgemeiſterin, vergeſſen Sie Ihre Rede nicht,“ fiel Fritz Buchhagen, denn er war's, mit ſeinem uns ſchon bekannten Phlegma und ſeinem ſchlauen Blinzeln ein,„aber ſehen Sie, ich bin von all dem Um⸗ hergetrabe was müde, und wenn ich zur Predigt komme, muß ich einen Stuhl haben. Was meinen Sie, könnte nicht— Heda, Liſe, Anna, Marie, Sophie, wie heißt ihr lieben Küchenengel?— bringt mir einen Stuhl, Kinder, daß ich Eurer Frau das Vergnügen machen kann.“— Die Frau Burgemeiſter Junghans war unerwar⸗ teter Weiſe über dieſen Ausfall gar nicht erzürnt. Sie lachte vielmehr ſo herzhaft, daß der Beſuch, wie ſie eben bei ſeiner Unterbrechung ihm, jetzt ihr nachgeben und ſchwei⸗ gen mußte. Und indem ſie ihre fleiſchige Hand recht ge⸗ wichtig auf ſeine Schulter legte, meinte ſie:„na, Buchha⸗ den⸗ batan ſeh' ich's am beſten, daß Er noch immer der Alte!“ „Und daran, daß Sie den neumodiſchen Ton auf⸗ gibt, merk' ich's, daß Sie keinen Groll hat, ſondern nur ſo thut,“ verſetzte er jovial. 54 „Weil ich Ihn vorhin Sie und jetzt wieder Er titu⸗ lire?“ fragte ſie.* „Freilich,'s war doch wohl nur eine Pique? He? Oder ſeid Ihr hier Knall und Fall ſo vornehm geworden?“ „Lebensart, Buchhagen, Lebeusart! Und gezankt mußte Er auch ein wenig werden. Er hat's darnach ge⸗ macht. Nun aber geh Er hinein. Ich will Junghans rufen laſſen, der natürlich wieder im Garten ſteckt.“ Sie machte ihm in der That Platz und ließ ihn, wäh⸗ rend ſie die herbeigerufene Magd auch über einen Im⸗ biß inſtruirte, voran in das Zimmer treten, wo die alten, mit gebräuntem Leder überzogenen Sitze, die mit bunt gemalten Fließen belegten Tiſche, die glänzend gebohnten Schränke, der fein überſandete Fußboden den Gaſt auf das behaglichſte empfingen. Die Sonne blinzelte zwiſchen den ſauberen weißen Vorhängen freundlich herein, die klei⸗ nen Wachholderzweige, welche nach Landesſitte auf den Sand geſtreut waren, erfüllten das Gemach mit ein em leiſen Duft, ſo daß Buchhagen ſich mit vollem Behagen umſchaute, ſeinem Bilde im Spiegel am Fenſterpfeiler lu⸗ ſtig zunickte und ſich's dann in der dunkelſten Ecke des Canapé's ſo bequem wie möglich machte. Es ſchien ihm wirklich heiß zu ſein, der September 1811 ſpaßte nicht und ließ den Sommer noch nicht vermiſſen. „Ihr Zimmer macht's nicht wie Sie, Gevatterin,“ ſagte er jetzt auch zu der eintretenden Frau,„das zankt 5⁵ nicht und plagt nicht an Einem herum, ſondern nimmt ihn immer als alten Freund, ob er heut' kommt, oder über's Jahr.“ „Wie Er, s iſt richtig,“ verſetzte ſie und ließ ſich ihm gegenüber auf einem Stuhl nieder,„Er iſt— wer weiß wie lange, nicht bei uns geweſen. Und was, wenn man fragen darf, führt Ihn denn heut' hieher?“ Zur Antwort auf dieſe wieder einigermaßen biſſige Frage kam der Wirthſchafter jetzt noch nicht, da in der offen ſtehenden Thür eben die große hagere Geſtalt des Burgemeiſters erſchien, im langen mausgrauen Hausrockund die weiße Zipfelmütze auf dem kahlen Haupt. Der alte Herr hatte beide Hände voll von den Erzeugniſſen ſeines Gartens; die Finger der einen umſpannten einen Blu⸗ menſtrauß, während die der anderen ein paar Prachtexem⸗ plare ſeiner Lieblingsäpfel hielten, von denen ſich im Beu⸗ tel des Obſtbrechers, den er vom Stiele gelöſ't, unter dem Arme trug, noch weitere Proben zu befinden ſchienen. „Was Donner!“ rief er jetzt, da er den ſich erhe⸗ benden Gaſt erkannte,„iſt das der Deſerteur, der Buch⸗ hagen?“ „Ja, was ſagſt Du? Hat Dich aber die Lene nicht gefunden?“ fragte ſeine Frau. „Zu dienen, Herr Maire,“ beantwortete zu gleicher Zeit auch der Wirthſchafter die Frage des Alten. „Hol der Teufel den Maire!“ rief dieſer aber höchſt 56 energiſch,„laßt uns nur beim ehrlichen Burgemeiſter blei⸗ ben, wenn's einmal ein Titel ſein ſoll. Da Alte,“ fuhr er fort und gab ihr die Blumen und die Aepfel und auch den Obſtbrecher,„nimm's an Dich, es iſt heuer ein wahrer Segen Gottes und könnte eines ehrlichen Mannes Herz erfreuen, wär's ihm nicht zu ſchwer von all den menſchli⸗ chen Affairen. Und nun, Herr Gevatter, zu Ihm. Reich' Er mir ſeine Tatze, aber drücke Er ein wenig freundſchaft⸗ lich. Warum haben wir Ihn ſo lauge nicht mehr geſehen und was führt Ihn heut' herein?“ „Das erfährſt Du nicht. Ich habe ſchon ein paar⸗ mal umſonſt darnach gefragt.“ bemerkte Frau Junghans, indem ſie die Blumen in eine Vaſe ſtellte.“ „Kinder,'s iſt nicht richtig mit Euch,“ ſagte Buchha⸗ gen jetzt und guckte kopfſchüttelnd vom Mann zur Frau und wieder zurück.„Ihr ſeid mir zu biſſig— kenn' Euch gar nicht ſo. Und lügen thut Sie auch, Gevatterin;'s iſt ja gar nicht wahr, daß Sie mich mehrmals gefragt und ich die Antwort verweigert. Iſt das eine Manier, einen alten Freund und Gevatter aufzunehmen? Komme da ab⸗ gehetzt an, hab' mir die Stunde für Euch an meinen Beinen abgelaufen. Und nun gibts nicht's als Zank und Spitzen und— ℳ „Er hat Recht, Gevatter,“ ſprach der Burgemeiſter, über deſſen faltiges Geſicht ein leichtes Lächeln zuckte, denn aus Stimme und Weſen Buchhagens ließ ſich unſchwer 57 ſchließen, daß ſeine Vorwürfe nicht ernſt gemeint waren, „Du denkſt an nichts, Alte, als an Deinen Zorn über ſein langes Ausbleiben. Wo iſt der Wein?“ „Und wo die Pfeife?“ gab ſie ebenſo zurück. „Da,“ ſagte er und langte einen dunklen Meerſchaum vom Brett in der Ecke und reichte ihn dem Gaſt über den Tiſch. „Da!“ ſprach auch ſie, da in dieſem Augenblick das Mädchen mit Wein in geſchliffener Flaſche, mit Brod und Käſe, den nöthigen Gläſern, Tellern und Beſtecken erſchien. Und während die Frau das auf dem Tiſche ordnete, redete ſie weiter:„Ja denn, ich leugne es nicht, ich bin Ihm bitter bös geweſen, und wenn ich auch ſchon wieder gelacht, zu End' iſt's damit noch nicht. Er wird's noch öfters merken können.“— „Den Teufel auch, Gevatterin,“ fiel er luſtig ein, „da ſchieß Sie lieber gleich die volle Lage los, und da wollen wir denn unſere Sünden gegen einander abwägen.“ „Jetzt greif' Er nur zu, daß Frieden im Haufe wird,“ ſagte der Burgemeiſter, der gleichfalls Platz genommen, ſein und des Gaſtes Glas gefüllt und eine Pfeife ange⸗ brannt hatte.„Unfrieden haben wir draußen geuug. Und Du Mutter, halt den Mund und laß den Buchhagen be⸗ richten. Nachher ſoll er auch von uns hören.“ Sie ſprachen dem Wein und dem Imbiß zu und rauchten wieder ihre Pfeifen, denn ohne dieſe beiden— ſagen wir: Beförderungsmittel der Unterhaltung ging es damals noch weniger ab als jetzt zwiſchen deutſchen Bie⸗ dermännern; und dann kam Buchhagen wirklich endlich zum Erzählen.. „Es iſt da nicht viel zu erklären,“ redete er.„Daß ich draußen nicht viel Zeit zum Umherſpazieren und noch we⸗ niger zu weiteren Ausflügen habe, wißt Ihr ſo gut wie ich ſelber, Kinder, und ebenſo, daß es gegenwärtig noch mehr zu thun gibt als je. Die Zeiten ſind nicht darnach, daß wir die Hände in den Schooß legen. Wir müſſen ſie viel⸗ mehr erſt recht rühren und alle Kräfte anſpannen, daß man nicht ganz herunterkommt. So bin ich von Tolleneck gar nicht fortgekommen, und hätt' ich nicht bei Leiderer wegen des Korns zu thun gehabt— der Herr fängt an, die Preiſe ein wenig gar zu unchriſtlich zu drücken— und bei dem Zimmermeiſter Gailing wegen eines Holzkaufes, ſo würd' ich auch heut noch nicht da ſein. Nun aber bin ich in aller Frühe hereingeritten, hab' meine Geſchäfte abſolvirt und jetzt eine Stunde für Euch gewonnen.“ „Dummes Zeug! Er wird doch zur Nacht bleiben?“ warf Frau Junghans hin. „Nichts da, Gevatterin!“ verſetzte Buchhagen und fügte, die dicke ſilberne Taſchenuhr hervorziehend und mit der an der Wand hängenden alten ſchwarzwälder Hausuhr vergleichend, hinzu:„eine Stunde und dann zu Pferd,'s geht nicht anders; der Alte erwartet mich. Wir haben, 59 denk' ich, auch Zeit genug zu plaudern, zumal ich jetzt wie⸗ der öfters hereinkommen werde und auch mit Ihm zu thun habe, Gevatter. Wir brauchen Arbeiter für das Holz, und die ich droben im Gebirg haben könnte, mag ich nicht. Es iſt ein nichtsnutziges Geſindel, ärger als ich's je gekannt. Da muß Er mir hier in der Stadt ein paar Dutzend tüchtige Kerle nachweiſen, und ich denk, Er kann's. Sie haben ja Alle nichts zu brechen noch zu beißen und werden Gott danken, wenn ſie im Winter Arbeit finden.“ „Das weiß Gott!“ ſagte der Burgermeiſter kopf⸗ ſchüttelnd.„An Armen und Hungernden fehlt's uns nicht, und ich freue mich für die armen Teufel auf den Verdienſt. Alſo der Gailing hat Euch Holz abgekauft— viel?“ „Viel, Gevatter! Ich komme auch deswegen zu Ihm. Der Mann gefällt meinem Alten und mir, hat was Ehrliches, Offenes und Honnettes, wie's bei ſeines Gleichen jetzt ſelten wird, bekennt ſich ſelber als Anfänger, der gern vorwärts kommen möchte; hat uns offen von ſeinen Ge⸗ ſchäften geſagt und von den Lieferungen, die ihm angetra⸗ gen ſind. Das ſcheint Alles wirklich Fug und Schick zu haben, und der Alte— Ihr wißt ja, wie gutherzig er ſein kann— war gleich zu Allem bereit, und hieß mich abſchlie⸗ ßen. Ich aber, wenn mir der Mann, wie geſagt, auch ge⸗ fällt, muß denn doch ein wenig vorſichtiger ſein. Habe mir heut ſein Hausweſen angeſehen— es ſieht ordentlich aus, wie der Mann ſelber. Leiderer verbürgt ſich für ihn, aber 60 das nützt mir nichts. Wir wollen keinen Bürgen, ſondern einen ſicheren Schuldner. Iſt der Mann ſicher, Gevatter?“ „Ich glaube, ja,“ meinte Junghans in nachdenklichem Ton.„Er hat brave Eltern gehabt und iſt auch ſelbſt brav geblieben. Wer mit ihm zu thun gehabt, iſt zufrie⸗ den geweſen; man muß es ihm nachſagen, daß er das In⸗ tereffe ſeiner Kunden nicht minder im Auge hat, als ſein eigenes. Und es iſt ein Menſch von Charakter, Buchhagen. Ich weiß, daß es nur an ihm gelegen hat, den neuen Ge⸗ fangenhausbau in L. zu erhalten, ja man hat ihm denſel⸗ ben faſt aufgedrängt, allein er lehnte ihn ab. Er will eben nichts mit unſerem Herren zu thun haben. Das iſt aber unter uns, Gevatter.“ „Das gibt den Ausſchlag,“ ſprach der Inſpector und goß ein Glas Wein herunter. „Gibt es den?“ fragte hier die Burgemeiſterin da⸗ zwiſchen und ſah den Gaſt forſchend an.„Iſt der Baron wirklich noch des Sinnes, an den man bisher in ihm glaubte? Wir hörten neuerdings—“ „Schäme Dich, Mutter!“ fiel ihr Gatte die Stirn runzelnd ein.„Wenn das einen Ehrenmann verdächtigen ſoll, daß dies fremde Geſindel ihn wie Schmeißfliegen um⸗ ſummt und er es eben erträgt, dann freilich iſt Alles aus. Laß Er ſich das nicht anfechten, was das Weib ſchwatzt, Buchhagen, ſonſt müßte ich es mir gleichfalls zurechnen, denn ich muß leider Gotts auch mehr mit der Bagage ver⸗ 61 kehren, als mir erträglich. Allein was hilft's! Wir mü ſ⸗ ſen eben— bis es einmal ein Ende damit nimmt und dann unſere Zeit wieder kommt. Daß wir mit dem Kopf gegen die Wand rennen, wie Du es möchteſt, Alte; daß wir durch dummen Trotz, durch nutzloſen Widerſtand noch mehr Elend über das Land und uns ſelbſt bringen ſollten — das wäre nicht nur unpolitiſch, ſondern geradezu wahn⸗ ſinnig. Wenn ſich die Männer jetzt opfern wollen für nichts, was bleibt dann übrig für jene Zeit, die der Männer be⸗ darf?“ „Und Sie hat auch darin Unrecht,“ redete Buchha⸗ gen, nach einer Pauſe ſich zur finſter ſchweigenden Frau wendend,„daß Sie nur auf die Beſuche der Herren Fran⸗ zoſen bei uns hindeutet— denn das wollte Sie doch?— und nichts von den Anderen weiß oder wiſſen will, die uns außerdem kommen und uns wieder bei den Erſteren ver⸗ dächtigen. Ihr wißt's ja, bei uns geht's immer wie im Taubenſchlag, ſtets ein und aus— weiß der Henker, was ſie lockt, wenn nicht die Luſt am Spioniren! Der Alte pfeift ihnen wenigſtens nicht.“ „Ihr habt wieder Beſuch und zwar— einheimi⸗ ſchen?“ fragte der Burgemeiſter. „Ja Gevatter, aus Preußen. Der alte Leſthen mit ſeiner Frau— Ihr wißt wohl noch, das Paar, das Euch beiden ſo kurios ähnlich iſt, wie ſolche vornehmen Leute unſer Einem, der ſich tüchtig abplagen muß, nur irgend gleichen können. So iſt der General jetzt auch dicker ge⸗ worden als Er, Gevatter— aber ſonſt, wenn ich Euch hier und die drüben neben einander denke, iſt's ordentlich zum Lachen.“. „Will er den Hartwig Aare wieder wie damals in preußiſche Dienſte holen?“ fragte Junghans einigermaßen ſpöttiſch. „Weiß der Teufel was er will. Der Alte ahnt's auch noch nicht, ob ſie, wie ſie ſagen, blos beſuchshalber gekommen oder mit irgend einem Zweck. Und nun auch gar noch der Enkel ſich eingefunden mit dem Gerhard—“ „Der Gerhard, ſagt Er?“ fiel der Burgemeiſter augenſcheinlich ſehr überraſcht ein.„Na ſei's wie's ſei, — mich hätte mein Urlaub wenigſtens nicht hieher ge⸗ bracht, das weiß ich.“ Der alte Wirthſchafter hatte nicht nur den Sprecher ſeine Bemerkung beenden laſſen, ſondern ſchwieg auch nachher noch eine ziemliche Weile, bevor er meinte:„Der Gerhard iſt gar nicht in Urlaub da, ſondern hat ſeinen Abſchied genommen und kommt ganz zurück. Wie die Sachen dort ſtehen, kann man's ihm nicht verdenken, daß er nicht länger dienen mag, und der Alte hat Recht, ihm nachzu⸗ geben. Es ſcheint, daß Alles, was irgend auf eine andere Weiſe leben kann oder ſonſtwo beſſere Ausſichten hat, davon⸗ geht. Bei dem unentſchloſſenen Hin⸗ und Hergezerre hier, bei all der Unterthänigkeit nach all' dem früheren Ueber⸗ 63 muth da, wird einem ehrlichen Manne ſeekrank zu Muth. Der Teufel ſoll's holen.“ Auch der Burgemeiſter ließ jetzt eine geraume Zeit verſtreichen, ohne eine Antwort zu geben. Seine Augen hefteten jedoch mit einem ernſten, nachdenkensvollen Blick auf dem Gaſte oder ſtreiften nicht minder ernſt zu ſei⸗ ner Frau hinüber, welche ganz verſtummt da ſaß und auf die Unterhaltung der Männer nicht geachtet zu haben ſchien. Endlich ſagte er:„Alſo verabſchiedet und hier? Da ſoll er ſich in Acht nehmen.“ „Wie meint Er das, Gevatter? Was iſt eigentlich los?“ fragte Buchhagen ungewöhnlich raſch. Er richtete ſich auch aus der Ecke auf. „Nun, iſt die Verordnung oder wie ich's heißen ſoll, bisher noch nicht an Euch gelangt, ſo war's wohl nur, weil Euer Gerhard eben nicht da; jetzt wird ſie nicht ausblei⸗ ben. Man verlangt, daß die beſſeren Stände, die Vor⸗ ſteher der Städte, die höheren Beamten, vor Allen aber der Adel ſeine Söhne zum Militär ſchicke, verheißt ihnen eine gute Carriere, ganz beſondere Protection und was dergleichen noch mehr. Von Stellvertretung und Loskau⸗ fen iſt keine Rede. Sie wollen unſere Kinder ſelbſt, um durch ſie auch uns zu haben— das merkt man ſchon,“ fügte Junghans bitter hinzu.„Und man merkt's noch beſſer, wenn man erfährt, daß dieſe Geißel⸗Stellung zu⸗ erſt und am ſtrengſten von den Landestheilen verlangt 64 wird, deren man am wenigſten ſicher zu ſein glaubt, vom Oldenburgiſchen, Hannoverſchen, von uns hier.“ „Das weiß Er ganz gewiß?“ fragte Buchhagen in zweifelndem Tone und kopfſchüttelnd. „Das weiß ich um ſo beſtimmter,“ verſetzte der Bur⸗ gemeiſter, indem ſich die noch ſtarken Brauen über den Augen leicht zuſammenzogen und zwiſchen ihnen auf der ohnehin gefurchten Stirn ein paar noch tiefere Falten ſicht⸗ bar wurden,„weil ich nicht nur als— Gott verdamm es! — Maire dieſe Verordnung empfangen habe, ſondern auch noch eine directe Zuſchrift von der Präfectur erhielt, worin es mir faſt zur Pflicht gemacht wurde, unſern En⸗ kel, den Albert, Andern zum Muſter als Allererſten eintre⸗ ten zu laſſen. Und damit das ganz recht werde, heißt es: da er ein ſauberer und wohlunterrichteter Menſch ſei, ſolle er eine Stelle in der Garde erhalten und könne auf raſches Avancement rechnen.“ Fritz Buchhagen trommelte mit den Fingern ſeiner freien Hand auf dem Tiſch„Darum alſo ſeid ihr ſo bär⸗ beißig!“ ſagte er. „Kann Er's uns verdenken!“ fragte Frau Junghans erregt.„Er weiß es, wie der Junge auf ſeine Studien verſeſſen iſt, und was wir Alles darauf für ihn und uns bauen. Nun iſt er erſt ein Jahr in Göttingen—“ „Es gibt dabei noch Wichtigeres,“ unterbrach ihr Gatte ſie, während die Stirn ſich wo möglich noch tiefer — — 65 faltete.„Der Junge iſt bis jetzt zwar friſch und geſund, ein ſtattlicher Menſch, allein von einem Vater, der an der Schwindſucht geſtorben. So was erbt ja leider Gottes fort, und wenn er vollends ſich nicht mehr ſchonen und hüten kann, ſo dürfte es deſto ſchneller kommen. Das iſt Eins. Zum Zweiten aber iſt's ein braver Burſch' mit einem ehrlichen deutſchen Herzen, der bei den Franzoſen ſicher kein gut thut. Soll man den in eine doppelte Knecht⸗ ſchaft ſperren laſſen, während wir doch nur eine zu dul⸗ den haben? Es geht nicht, mein Lebstage geht's nicht! Und ſieht Er, Buchhagen,“ ſchloß der Sprecher,„darum war mir Sein Beſuch ſchier am allerwillkommenſten, ja ich habe ſchon daran gedacht, nach Tolleneck hinüberzu⸗ fahren, mit Ihm zu reden und den Baron um ſeine Ver⸗ wendung anzugehen oder um ſeine Hülfe. Wie der trotz alledem bisher ſtand, konnte er's wohl; nun freilich aber ſein eigener Enkel—“ Buchhagen war augenſcheinlich zerſtreut. Er merkte es nicht, daß der Hausherr inne hielt, ohne ſeine Rede zu vollenden, er rauchte ſtark vor ſich hin und ſagte erſt nach einer Weile wie leicht hingeworfen:„man müßte den Knaben vielleicht außer Landes ſchicken, mein' ich.“ „Kein Gedanke daran!“ ſprach der Burgemeiſter in einem faſt grollenden Tone.„Das kommt auch noch hinzu, daß wir für die Anweſenheit der Rekruten verant⸗ wortlich gemacht und im Falle ihres Ausbleibens oder gar Edmund Hoefer; Tolleneck. J. 5 Entweichens, mit Gott weiß welchen Strafen bedroht wer⸗ den. Da ſieht man recht, was es mit dieſer von uns ge⸗ forderten„freiwilligen Aeußerung unſeres Patriotismus“ für eine Bewandtniß hat!“ Buchhagen ſtand auf und trat ans Fenſt r. Die Sonne war tiefer geſunken und ihre Strahlen trafen nicht mehr auf dies Geſchoß. Nach einer Pauſe ſagte der Wirth⸗ ſchafter, ſich wieder zu dem ſchweigenden Ehepaare wen⸗ dend:„Darüber muß ich mit dem Alten reden, und je frü⸗ her das geſchieht, deſto beſſer. Und da es auch ſonſt Zeit für mich wird,“ fügte er bei, indem er wieder die Taſchen⸗ uhr mit der alten Schwarzwälderin verglich,„ſo könntet Ihr wohl in den„Hirſch“ ſagen laſſen, daß man mir den Gaul hieher ſchickt.“ Er trat zurück und ſtellte die Pfeife wieder ins Brett. „Preſſirt's wirklich ſo arg?“ fragte der Burgemei⸗ ſter, der ſich gleichfalls erhoben. „Sicherlich,“ lautete die Antwort.„Ich habe drei Stunden zu reiten— ſcharf, weiß Er. Und recognoſeiren muß ich unterwegs auch noch.“ „Na, was hat Er nun wieder?“ ſprach die Burge⸗ meiſterin, lebhafter als ſeither aufblickend. „Ei, wir erwarten von Tag zu Tag noch andere Gäſte, die ſich angemeldet— die Lucie und den Hippolyt, Ihr wißt ja, des alten Meding Kinder, wie man ſie heißt.“ 67 „Ich will Ihm ſein Pferd beſtellen laſſen,“ ſagte Frau Junghans trocken und ging aus der Thür. Buchhagen lachte gedämpft hinterher und auch der Burgemeiſter verzog das finſtere Geſicht ein wenig.„Alſo die kommen?“ meinte der Letztere dann.„Da wird der Baron auch keine große Freude daran haben. Er konnte ſie ja Alle niemals leiden.“ „Er flucht das Blaue vom Himmel herunter, Gevat⸗ ter, und verdenken kann man's ihm nicht Denn daß das kein Verwandtſchaftsbeſuch iſt, ſieht ein Kind ein. Entwe⸗ der wollen ſie Geld haben, oder ſie kommen gar als fran⸗ zöſiſche Aufpaſſer, und der Hippolyt wird ſich nebenher vielleicht noch ein wenig umſehen, ob nichts mit unſerer Hilda zu machen—“ „Was iſt's mit der Hildegard?“ unterbrach ihn hier die Stimme der wieder eintretenden Burgemeiſterin.„Von der ſollte Er nur ſchweigen. Das herzige Kind iſt zu gut für Seinen boshaften Mund.“ Während Buchhagen von Neuem lachte, meinte Jung⸗ hans mit einiger Verdrießlichkeit:„ſo ſei doch nicht ganz wild, Mutter. Weil der Gevatter vorhin etwas ſagte, was leider Gottes landkundig iſt—“ „Ihr ſolltet Euch was ſchämen!“ fiel ſie ein. „Schäme Du lieber Dich ſelbſt, daß Du alte grau⸗ haarige Frau Dich geberdeſt wie eine Brautjungfer, und F* 9⁹ι als ob Du nie von dergleichen erfahren. Baſta. Alſo die will Er recognoſciren, heißt Er's?“ „So iſt's, Gevatter,“ verſetzte der Wirthſchafter wie⸗ der ernſthafter.„Ich weiß nicht, wie ich auf den Gedan⸗ ken gerathe, daß uns die Bagage heut' überfällt, und da ſie nun einmal von Berlin kommen, ſo müſſen ſie ja durchs Gebirge. Ich möchte ſie nun für mein Leben gern vor ih⸗ rem Einpaſſiren, incognito, ſehen. Mich kennen ſie ſchwer⸗ lich wieder, und es läßt ſich bei Einem, der ſich unbeob⸗ achtet glaubt, manches bemerken, was ſonſt hübſch verbor⸗ gen bleibt. Zugleich,“ fuhr er fort,„habe ich, unter uns geſagt, auch noch einen anderen Zweck. Ihr habt vielleicht gehört, daß Arthur Hyneck wieder ſeit einigen Tagen in Herzheim iſt. Nun hat er ſich noch nicht bei uns ſehen laſſen und der Alte iſt wüthend auf ihn. Und da ich geſtern von Hofer erfuhr, daß er nach L. hinübergeritten, heut' aber zu⸗ rückkehrt, ſo möcht' ich ihm gern begegnen und ihm zur Vernunft reden. Ich liebe den Menſchen, und es jammert mich, daß er immer weiter von dem Alten wegkommt, der es früher gut genug mit ihm im Sinn hatte. Das— „Eure Hildegard?“ warf Frau Junghans fragend hin. „So ungefähr, Frau Gevatterin, glaub' ich. Das iſt freilich vorbei, wollte ich ſagen. Der Alte hat ihn längſt abandonnirt, allein ganz auseinander ſollten ſie trotzdem doch nicht; der Hyneck braucht uns immer, und wär's auch 69 nur, daß er irgend einen ſoliden Halt behielte; das Leben draußen ſoll ihm arg mitgeſpielt haben. „Na, wenn er den Halt bei dem„tollen Aare“ ſuchen muß,“ fing Frau Junghans ſpöttiſch an. Aber Buchhagen unterbrach ſie mit ungewöhnlichem Ernſt:„Das laſſe Sie gut ſein, Gevatterin. Wild iſt mein Alter ſein Lebenlang geweſen und verſteht's bei Gelegenheit heut noch beſſer als der Jüngſte. Allein ruinirt hat er ſich darum nicht, ſondern ſteht auf ſeinen Füßen wie unſer ker⸗ nigſter Eichbaum, und über manche Dinge hat er Anſich⸗ ten, die dem Solideſten Ehre machen würden. Doch genug davon— da iſt der Gaul.“ „Brav geſprochen und mir aus dem Herzen,“ ſprach der Burgemeiſter.„Aergere Er ſich nicht über die Frau, Gevatter. Ihr liegt der Junge im Kopf und dies und das.“ „Aergern? Kein Gedanke!“ ſagte Buchhagen, nach Mütze und Reitgerte langend.„Alle Stunden ſind nicht gleich und die Menſchen auch nicht, heißt's bei mir zu Lande. Aber ich muß fort, der Gaul ſteht nicht. Alſo Kinder, was ich für Euren Knaben thun kann, geſchieht. Ich will noch heut' deswegen mit dem Alten reden, und am Freitag komme ich wieder herein. Vergeſſe Er die Holzſchläger nicht, Bur⸗ gemeiſter. Ich möchte ſo bald wie möglich mit ihnen ab⸗ ſchließen, denn wir müſſen nachher anfangen, ſo wie es ir⸗ gend geht.“ „Wie viel will Er?“ fragte Junghans. 70 „Zwanzig wären allenfalls genug, aber ſo ein fünf bis zehn mehr ſind mir auch recht. Der Müller vom Waſ⸗ ſerkopf hat mir geſtern ſagen laſſen, daß er ein paar tüch tige Kerle empfehlen könne, allein Er weiß ſelber, Gevat⸗ ter, dahin wende ich mich nur im äußerſten Nothfall; das Schmuggler⸗ und Wilddiebsgeſindel, das dort ſteckt, thut doch kein gut. Und nun Gott befohlen, Kinder,“ ſchloß er, dem Freunde die Hand ſchüttelnd. Und indem er zu der am Fenſter ſtehenden und ihm den Rücken zuwendenden Frau trat, legte er ihr die Hand auf die Schulter und ſprach im früheren jovialen Ton:„und Sie, Frau Gevatterin, zanke Sie in Zukunft gründlich mit mir oder ſei Sie ganz freundlich; nur nicht wieder ſo ſüß⸗ſauer wie heut', Den Jungen kriegen wir auch noch frei.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, war er fort und aus dem Zimmer. Das Ehepaar nickte ihm zu, da er drau⸗ ßen aufſtieg, Frau Junghans hatte doch keinen Grund, dem alten Freunde zu zürnen. Fünftes Capitel. Begegnung im Gebirge. Der Wirthſchafter ritt auf ſeinem ſchönen Braunen, wie er's immer pflegte, in behaglichem Schritt über das holperige Pflaſter der krummen Straßen und hinaus durch das alte finſtere Thor. Aber als hier das Pferd, noch jung und feurig, ein raſcheres Tempo anzuſchlagen begann, hielt der Reiter es ein paarmal ſchier ungeduldig zurück, und über die breite ruhige Stirn des jovialen Mannes ſpannten ſich flüchtig einzelne Falten. Fritz Buchhagen war nun ſchon ſeit mehr als vierzig Jahren beim Baron und in dieſer Gegend und ebenſo lange auch mit Junghans und ſeiner Frau bekannt. Er nahm Theil an den Men⸗ ſchen und Theil an dem Lande, und was er heut' vernom⸗ men, und noch mehr, was daraus in Bezug auf den Enkel ſeines Herrn möglich zu werden ſchien, hatte ihn mit ernſt⸗ licherem Nachdenken erfüllt, als es ſonſt ſeine Weiſe war. Er achtete nicht auf ſeine Umgebung und hatte auch wenig Veranlafſung dazu, da ſein Thier die Straße nicht minder gut kannte als er ſelbſt. Erſt als das Pferd auf dem ſteinigen, ſchlechten Wege ein paarmal raſch hintereinander fehl trat und faſt zum Stürzen kam, ſah er wieder auf und ſich um, hielt an, langte die unentbehrliche kurze Pfeife hervor und ritt erſt weiter, nachdem er ſie geſtopft und in Brand geſetzt. Mit dem Rauch, der ſeinen Lippen ent⸗ quoll, ſchien er das Nachdenken von ſich zu ſtoßen. Die kleinen blauen Augen blickten wieder kreuzfidel um ſich und die große rothe Naſe leuchtete ſo ſorglos in die Welt hinaus, möchte man ſagen, wie nur je. Er hatte der Aufmerkſamkeit hier freilich auch nöthig, denn die Straße, welche ſich unmittelbar vom Thore der Stadt aus einen ſteilen Hügel hinanzog, und ſich dann bergauf, bergab ins tiefe Gebirge hinein fortſetzte, war von Buchhagen jetzt ſchon verlaſſen worden und ſein Pferd arbeitete ſich auf einem Pfade weiter, der wenig mehr als ein Fußweg, an den Höhen entlang oder zwiſchen ihnen fortlief und nur für einen des Landes vollkommen kundi⸗ gen Mann und einen ſo ſichern Reiter gefahrlos und mit einiger Eile zu verfolgen war. Es ging ab und auf, jetzt auf ſchmalem Rand am Berge dahin, dann wieder über einen Höhenrücken weg und jenſeits hinunter in ein ſchlucht⸗ artiges Thal und auf ſeinem Grunde weiter bis zu einer —----— neuen Steigung. Droben waren die Berge meiſtens mit Wald beſtanden, der hin und wieder auch in den Schluchten und an rauſchenden kleinen Waſſern hin ſich thalabwärts ſenkte; meiſtens aber zeigten ſich die Höhen hier unten nun mit mageren Matten bedeckt oder trat noch häufiger der nackte Fels zu Tage, ein düſter gefärbtes, verwitterndes Geſtein, das mit ſeinen Brocken den Abhang und den Pfad darunter überſchüttete und den letzteren noch uner⸗ freulicher machte. Es war zumal jetzt, wo die Vögel fort waren oder ſchwiegen, und bei der Beleuchtung, welche die ſchon tief ſtehende Sonne nur den Bergen droben und ihren Wäl⸗ dern noch zu ſpenden vermochte, ein ödes und finſteres, ja geradezu unheimliches Stück Landſchaft, wie gemacht, um in einer ſchreckhaften Phantaſie allerlei Vorſtellungen von räuberiſchen Ueberfällen und ſonſtigen unangenehmen Abenteuern zu erwecken. Und um ſolchen Eindruck zu verſtärken, zeigte ſich auf dieſem ganzen Wege nicht eine einzige Menſchenwohnung, begegnete dem Wanderer mei⸗ ſtens niemand als hie und da eine Beerenleſerin und Kräuterfrau, ein Forſtgehülfe oder ein paar Leute, welche Reiſig und Leſeholz auf kleinen Karren oder auf dem Rücken mühſam in ihre entfernte Heimath führten. Herrn Buchhagen fochten ſolche Vorſtellungen frei⸗ lich nicht leicht an. Man brauchte den Mann nur an⸗ zuſehen, wie gemüthlich er nun auf ſeinem ſchäumenden 74 Pferde ſaß, die feſte Geſtalt, den breiten Rücken, die Linke mit Zügel und Reitgerte auf den gewaltigen Schen⸗ kel geſtützt, während die Rechte den ſilberſchlagenen Meer⸗ ſchaum hielt— mit unnützen Vorſtellungen plagte ſich der hier nicht, und noch weniger mit phantaſtiſchen Be⸗ ſorgniſſen. Eine bewußte Kraft, eine behagliche Ruhe trat aus der ganzen Geſtalt, aus jeder Bewegung her⸗ vor, mit der er ſeinem Thiere nachgab oder es zurück⸗ hielt. Und wenn man ihm thörichterweiſe von jenen Räubervorſtellungen geſagt hätte, würde er vermuthlich nur gelacht oder höchſtens geantwortet haben:„ſie wer⸗ den keine Narren ſein, die Herren Räuber, denn bei mir gibt's nichts als Schläge.“— So ſah er aus. Solche Vorſtellungen und Schreckbilder lagen da⸗ zumal übrigens keineswegs ſo fern, wie in unſeren fried⸗ licheren Tagen und geordneteren Verhältniſſen. Das glän⸗ zende Zeitalter des deutſchen Gauner⸗ und Räuberwe⸗ ſens war nur eben erſt vorüber, und wie ſchonungslos die Banden ſo gut wie die Einzelnen auch verfolgt und beſtraft worden waren, es gab noch manche, deren man niemals habhaft werden konnte und die für jetzt ver⸗ ſchwunden, nur in einer ſicheren Einſamkeit auf die erſte Gelegenheit zu warten ſchienen, ihr altes Weſen von Neuem zu beginnen. Es gab ſogar noch jetzt mehr als einen Landſtrich in Deutſchland, wo Straßenraub, Ueberfälle einſamer Gehöfte und Häuſer, Einbrüche und 75 dergleichen nicht gerade zu den Seltenheiten gehörten, und es iſt begreiflich, daß ſolche Landſtriche hauptſächlich dort zu ſuchen waren, wo, wie in der von uns geſchilderten Gegend, die Gränzen verſchiedener Länder ſich begegne⸗ ten, wo außer dem, an ſolchen Stellen ſtets umherlun⸗ gernden herren⸗ und meiſterloſen Geſindel, noch durch die allerſeits aufs zäFrtlichſte gepflegten Zölle die vor⸗ trefflichſten Schmuggler gezüchtet wurden, oder wo gar, auch wieder wie hierzulande, barbariſche mittelalterliche Geſetze obendrein die Wilddiebe nicht ſowohl abſchreck⸗ ten, als vielmehr erſt anlockten und herbeizogen. Er⸗ hitzte Köpfe aber und erregte Leidenſchaften pflegen es mit dem Felde, auf dem ſie ſich äußern, nicht gerade genau zu nehmen, und wer ſich einmal den beſtehenden, wenn auch ungerechten Geſetzen eines Staats und ihren Hütern widerſetzt, wird bei Gelegenheit nur zu leicht auch zur Uebertretung der zu Recht beſtehenden Geſetze fortgeriſſen. Zu allem dieſem kam in jener Zeit noch die„Con⸗ tinentalſperre“ mit ihrer furchtbaren Härte, welche den Schmuggel zu einer niemals weder früher noch ſpäter wie⸗ der dageweſenen Ausdehnung und Kühnheit ſteigerte. Er wurde daher in all' dieſen Gegenden, welche von der See⸗ küſte nicht gar zu weit entfernt waren, ein Erwerbszweig ohne Gleichen, außerordentlich lohnend und vor allen Dingen Gelegenheit über Gelegenheit bietend, dem furcht⸗ 76 baren Haß gegen die Franzoſen Luft zu machen. Es be⸗ theiligte ſich daran im Grunde die geſammte Bevölkerung der Küſten und der angränzenden Landſtriche bis in das Herz von Deutſchland hinein auf die eine oder andere Weiſe; die keckſten und ſchlimmſten Gegner fanden die Behörden jedoch in den vielen Leuten, welche durch die ewigen Kriege und die niemand verſchonenden Conſcriptio⸗ nen um Eigenthum und Heimath gekommen waren und in ihrem Thun und Treiben durch keine der Schranken ge⸗ hindert wurden, welche für den angeſeſſenen Mann ſtets vorhanden bleiben. Und um das Letzte zu ſagen— das Terrain, wel⸗ ches für dieſe Schaaren und ihr Treiben ſich hier öffnete, war gar nicht günſtiger zu denken. Das rauhe Gebirge ward nur von zwei oder drei größeren Straßen und auch von dieſen in keiner bedeutenden Ausdehnung durchzogen. Was außerdem noch von Wegen vorhanden, war häufig von Wagen gar nicht zu paſſiren, ja beſtand meiſtens in Fußpfaden, welche zum Theil ſelbſt für die einheimiſche Bevölkerung beſchwerlich oder gefährlich blieben, und es gab endlich mehr als eine Partie, beſonders gegen die Mi'ſche Gränze zu, welche bisher entweder nie vom Fuß eines Menſchen oder nur von Leuten betreten wurde, die allen Grund hatten, ihre Wege und Zufluchtsſtätten vor aller Welt verborgen zu halten. Die Bevölkerung des Waldgebirgs war eine ſpär⸗ 77 liche. Wirkliche Dörfer gab es wenig oder gar nicht, mei⸗ ſtens hausten die Bewohner in zerſtreuten kleinen Weilern, einzelnen Gehöften oder gar vollſtändig iſolirten, abge⸗ legenen Hütten, ſo daß eine Ueberwachung und Controle der Einwohner und ihrer etwaigen Beſucher für die Behör⸗ den faſt unmöglich wurde. Man wußte bei Feind und Freund gut genug, daß die geſammte Bevölkerung mit den aus der Fremde herüber oder durchſtreifenden in ge⸗ naueſter freiwilliger oder gezwungener Verbindung ſtand und ihnen in ihren Behauſungen die nöthigen Schlupf⸗ winkel und Niederlagen gewährte. Trotzdem führte dieſe Kenntniß ſelten oder nie zu einem erwünſchten Reſultat der Nachforſchungen, welche von den Franzoſen aufs Eifrigſte betrieben wurden. Die Schlupfwinkel der Menſchen und die Verſtecke der Waaren, denen man nachging, blieben faſt immer unentdeckt. Ein ſolches Haus, das man ſtets beargwöhnte und ohne irgend ein Reſultat immer von Neuem durchſuchte, während alle Welt es für die Hauptherberge der Schmugg⸗ ler, Wilddiebe, Gauner und Vagabunden halten zu dür⸗ fen glaubte, lag jetzt, da Buchhagen nacheinerſtarken Stunde um eine vorſpringende Felsecke zu Thal ritt, nahe vor ihm. Es war ein großes, faſt ganz aus Holz erbautes, vor Alter dunkles Gehöft, die Beſitzung des Müllers, deſſen wir den Wirthſchafter vorhin gegen ſeinen Gevatter erwähnen hörten. Meiſter Wentzel, wie er ſich nannte, 78 begnügte ſich indeſſen nicht mit ſeinem, vom Vater auf ihn übergegangenen Hauptgewerbe. Er beſaß auch die Schenk⸗ gerechtigkeit und beherbergte, wer nach einem Unterkommen verlangte, und hatte endlich unter einem nahen Schuppen auch eine Schmiede eingerichtet, welche hier günſtig genug gelegen war, um allein ſchon einen thätigen Beſitzer zu ernähren. Denn außer dem Reitwege, auf dem Buchha⸗ gen anlangte, mündete hier auch noch ein freilich ſchier lebensgefährlicher und für Hufbeſchlag und Radeiſen gera⸗ dezu verderblicher Fahrweg, und überdies führte noch ein we⸗ nig weiter thalabwärts und dem großen Fluſſe zu die große Landſtraße vorüber, welche, ſo gut ſie verhältnißmä⸗ ßig auch ſein mochte, doch mehr als ein Rad und mehr als eine Wagenfeder zum Brechen brachte. Hinter dem Hauſe ſtieg der höchſte Berg des ganzen Waldgebirges, der Waſſerkopf, dunkel empor; er war nur zum Theil vom Walde bedeckt, in welchem nicht nur der Mühlbach entſprang, ſondern auch noch mehrere Quellen ihren Urſprung fanden, deren Gewäffer nach kurzem Lauf ſich drunten mit dem Fluſſe vereinten. Ueber dem Grün der Tannen ſtieg die eigentliche Kuppe aber kahl und gleichfalls dunkel noch weit aufwärts, ſei es, daß ihr eine Decke von Moos und Heidekraut, oder das Geſtein ſelbſt dieſe melancholiſche Färbung verlieh. Genaueres darüber wußte man nicht, da im Volke wenigſtens die Sage ging, daß noch Niemand weiter als bis zu der 79 furchtbaren Schlucht vorgedrungen ſei, welche an der Gränze des Waldes den ganzen Berg zu zerſpalten ſchien. Als Buchhagen um die Ecke bog, erblickte er vor dem Hauſe eine Gruppe von ziemlich bedenklichen Geſtal⸗ ten, welche ſich um einen in ihrer Mitte haltenden Reiter gebildet zu haben ſchien und eben dem letzteren zum Fort⸗ reiten Platz machte. Der Blick war nur ein ſehr flüch⸗ tiger, allein der alte Landmann und Pferdezüchter er⸗ kannte dennoch, daß er in ſeinem Leben ſelten ein edle⸗ res Thier geſehen hatte, als dasjenige, welches mit ſchlech⸗ tem Zaumzeug und unſcheinbarem Sattel einen ziemlich dürftig gekleideten Bauersmann jetzt der Straße zutrug; und noch mehr fiel ihm auch wieder, trotz des flüchtigen Blicks, Geſtalt und Haltung beſagten Bauersmanns auf — es war darin etwas, was auf einen anderen Stand hätte ſchließen laſſen ſollen. Wie geſagt, war dies Alles aber das Werk weniger Secunden; dann war der Fremde auf der Straße und entzog ſich in raſchem Trabe jedem ferneren Nachſchauen, und als Buchhagen nun zur Mühle zurückblickte, waren auch die dort verſammelten Männer verſchwunden. Statt ihrer zeigte ſich der Müller ſelber, der eben aus der Thür trat und ſich dem wohlbekannten Wirthſchafter ſei⸗ nes früheren Grundherrn— ſeit einigen Jahren hatte Wentzel ſeinen Beſitz abgelöſ't— mit reſpectvollem Gruße und die Mütze in der Hand näherte. 80 „Wer war denn der Bauersmamn, der eben fortritt, Meiſter?“ fragte Buchhagen. Der Müller entſchuldigte ſich, er habe in der Mühle zu thun gehabt und ſeine Frau nach den Gäſten ſehen laſ⸗ ſen, ſo daß er von dieſen noch nichts geſehen.„Aber wenn er ſchlank und adrett war und wie eine Puppe zu Pferde ſaß,“ fügte er hinzu,„das Pferd ein Brauner, wie ihn unſer Baron nicht ſchöner in ſeinen Ställen hat,— ſo wird's wohl der Bärenbauer von Seelingen geweſen ſein. Der Herr Inſpector wiſſen's, er lief vor ein Jahrer fünf, ſechs fort, nach Mainz und nahm Handgeld bei den Fran⸗ zoſen, hat ſich in allen Kriegen herumgehauen, iſt kürzlich, da man ihm des Alten Tod geſchrieben, heimgekehrt und hat auch den Gaul mitgebracht— der Herrgott weiß, wo er den aufgegabelt! Das wäre einmal ein Gaul für den Herrn Inſpector, aber—!“ Meiſter Wentzel brach mit einem bedauernden Achſelzucken ab. Herr Buchhagen ſtreifte den Müller mit einem ſchnel⸗ len, aber gar beſonderen Blick, der denſelben, wenn er ihn bemerkt, vielleicht aus ſeiner behaglichen Haltung hinaus⸗ getrieben hätte. Der Wirthſchafter ließ es indeſſen dabei bewenden und ſagte nur:„Ja, ja, das ſtimmt. Nun, der Bärenbauer könnte auch was Beſſeres thun, als hier mit denen herumzulungern, die ich vorhin bei Ihm ſah.“ Der Müller zuckte nochmals die Achſeln; über ſein breites braunes Geſicht zog ein pfiffiges Lächeln.„Ge⸗ 81 ſchäfte, Herr Inſpector, Geſchäfte!“ ſprach er geheimnißvoll und fuhr im gleichen Tone fort:„aber wollen der Herr Inſpector nicht ein wenig eintreten? Ich hab' da eine kleine neue Sendung gekriegt— ein Weinchen, ſag' ich, wie's der Vater mit ſeinem Sohne trinken darf!“ Durch Buchhagens Züge zuckte es wie ein gelinder Krampf. Die Verlockung war ſehr groß, denn ein Glas aus Wentzels Privatkeller, wie man das heißen durfte, weil er nicht Jedermann geöffnet wurde, war ſtets ein nicht genug zu ſchätzender Genuß, und jetzt nach dem beſchwerlichen Ritt und da der Müller ihn gegen ſeine ſonſtige Gewohn⸗ heit ſelber lobte, noch ganz beſonders verführeriſch. Allein der wackere Mecklenburger überwand ſich mannhaft und ſagte nun ſeinerſeits mit einem bedauernden Achſelzucken:„Es geht nicht, Wentzel. Ich paſſe da auf Jemand und kann von der Straße nicht fort. Es müßte denn ſein, daß er ſchon vorbei— Herrn von Hyneck mein“ ich.”¹ „Der Hyneck, der vorgeſtern nach L. geritten?“ fragte der Müller aufmerkſam.„Ich glaub's nicht, daß er ſchon vorbei, aber das können wir leicht zu wiſſen krie⸗ gen.“ Er legte den gekrümmten Finger an den Mund und pfiff grell hinaus, etwa wie ein Jäger dem zu weit revierenden Hunde pfeift, und gleich darauf kam von der Landſtraße her ein zerlumpter Junge eiligen Laufs daher und machte Halt vor dem Meiſter.„Der Hyneck ſchon Edmund Hoefer: Tolleneck. 1. 4 6 8² vorbei?“ fragte dieſer.„Der von vorgeſtern, weißt,— der Rappe mit der rothen, jilbergeſtickten Schabracke?“ „Ne,“ verſetzte der Bub', deſſen braune Augen nach einem mißtrauiſchen Blick auf Buchhagen ſich ſeinem Herrn deſto klüger und pfiffiger zuwandten.„Aber da hinten kommt Einer, der ſo ausſieht— er reitet recht im Schritt.“. „Da ſpring' und ſag' ihm, es wäre der Herr Inſpec⸗ tor Buchhagen hier und warte auf ihn,“ ſprach der Müller und fügte, da der Kleine davongeſchoſſen, überredend hinzu:„na Herr Inſpector, nun kommen Sie nur, der gnädige Herr kehrt hier auch ſchon einmal ein, und da kön⸗ nen Sie ganz commode reden. Vielleicht möchten Sie mir auch noch ein paar Worte über die Holz—“ Buchhagen unterbrach ihn.„Davon ein andermal,“ ſagte er.„Ich komme vermuthlich am Freitagabend wie⸗ der vorüber, früher kann ich nicht entſcheiden, ob und wie viel Leute ich noch brauche. Jetzt ſchicke Er mir Jemand, der mein Pferd ein wenig umherführt,“ fügte er abſteigend hinzu,„und laſſ Er uns ein paar Flaſchen und Gläſer herausbringen. Wir bleiben hier.“ „Das kleine Cabinet iſt ganz leer,“ meinte der Meiſter. „Danke, danke,“ erwiderte der Wirthſchafter ruhig. „Er weiß ja längſt, daß ich lieber im Freien bei Ihm bleibe, 83 zumal wenn ich was mit Jemand zu bereden habe. Das iſt ja eine alte, abgemachte Geſchichte, Meiſter.“ Der Müller ſchüttelte gewiſſermaßen melancholiſch und wie ein Bild der verletzten Unſchuld den dicken Kopf, ging dann jedoch hinein und beſorgte die Aufträge ſei⸗ nes Gaſtes ſo ſchnell, daß dieſer alsbald das Pferd von einem Burſchen umhergeführt ſah und ſchon ein Glas von dem gerühmten Wein mit Kennermiene und wie es ſchien zur vollſten Zufriedenheit probirt hatte, als von der Land⸗ ſtraße her ſich wirklich ein Reiter auf einem Rappen mit rother Schabracke raſch näherte, vor dem ihm entgegentre⸗ tenden Buchhagen die Zügel anzog, leicht aus dem Sattel ſprang, und des Wirtſchafters beide Fäuſte ergreifend, mit lebhafter Bewegung ausrief:„Alſo hat der Knabe nicht gelogen und Du biſt es wirklich, Fritz! Das iſt eine grö⸗ ßere Freude, als ich mir irgend träumen ließ! Ich fürch⸗ tete ſchon, daß auch Du mich aufgegeben.“ Der alte Wirthſchafter erwiderte nichts. Er ſtand vor dem Ankömmling, der, obſchon nicht zu ſeiner vollen Größe aufgerichtet, ihn doch weit überragte: ſeine braunen Fäuſte hielten die Hände, deren Kleinheit durch den Reithandſchuh zu erkennen war, umſpannt, ſeine Augen muſterten mit einem ſeltſam weichen, faſt zärtlichen Blick die hagere, ge⸗ beugte Geſtalt, das Geſicht mit den ſcharfen Zügen, die tiefliegenden, etwas matten Augen, welche daneben aber durch die leicht herabgezogenen Brauen einen faſt düſteren 6* Ausdruck gewannen. Und erſt als er ſo Alles geſehen, ſprach er mit einer Stimme, die hörbar traurig klang, obgleich die Worte darauf hindeuteten, daß der Mann etwas ganz Anderes zeigen wollte:„Aber Herr Baron, was reden Sie? Wir Sie aufgeben? Lieber Gott, ich überfalle Sie ja hier, weil ich Ihnen anders nicht mehr beizukommen wußte und doch einmal wiſſen wollte, ob Sie die alten Freunde ganz vergeſſen.“ „Und der„Herr Baron“ auf Deinen Lippen, Fritz, iſt der vielleicht ein Zeichen, daß Du nicht anders gewor⸗ den?“ fragte Herr von Hyneck halb ſcherzend, aber auch aus ſeiner Stimme klang etwas Anklagendes.„Alter Freund, mache keinen Unſinn! Nenne mich, wenn ich an Dich glau⸗ ben ſoll, wie ſonſt. Und ich wiederhol's, Du haſt mir durch dieſen Ueberfall, wie Du ihn heißeſt, die erſte wahre große Freude gemacht, die mir die Heimath gewährt. Was Du von Vergeſſen redeſt, Alter, das trifft nicht mich. Ich bin ſcheu geworden, Fritz, denn wenn Bernhard mich abweiſ't, mi ch— „Bernhard Euch abgewieſen? Wie iſt das?“ fragte Buchhagen lebhaft. Sie hatten die Hände längſt gelöſ't und gingen langſam über den öden Platz vor der Mühle neben einander hin. Der Burſche, der des Wirthſchafters Pferd führte, hatte auch das des Barons übernommen. Hyneck zuckte auf Buchhagens Frage die Achſeln. „Ich war in Wintersbach, wurde aber abgewieſen, weil 8 8⁵ der Herr Baron keine Beſuche empfange— wie der Die⸗ ner ſagte,“ verſetzte er.„Du wirſt zugeſtehen, daß das deutlich war, und begreifen, daß ich darnach und nach dem, was ich durch Hofer über die Stimmung in Tolleneck hörte, nicht gerade Luſt zu neuen Verſuchen dieſer Art empfand. Aufdrängen iſt nicht meine Art,“ ſchloß er, und über das. edle, wenn auch vor der Zeit gealterte Geſicht flog ein ſtolzes, düſteres Lächeln. Der Wirthſchafter ſchüttelte den Kopf.„Was das Alles wieder iſt!“ rief er verdrießlich.„Den Bernhard dürft Ihr weder uns noch ihm ſelber vorhalten, möcht' ich ſagen. Ihr wißt doch wohl noch, wie's mit ihm ſteht, Arthur; wenn der ſeinen hypochondriſchen Tag hat, iſt nichts mit ihm anzufangen und läßt er ſich vor keinem Menſchen blicken. Der Diener wird Euch gar nicht ge⸗ meldet haben— ſie kennen in Wintersbach den Herrn und ſein Weſen gut genug.“ „Alſo geht das noch immer ſo fort?“ fragte Hyneck nach einer kleinen Pauſe,„und er hat ſich noch immer nicht über das geäußert, was in ihm ſteckt?“ „Der Bernhard? Wo denkt Ihr hin! Er kalmäu⸗ ſert mehr als je, und was das in ihm ſtecken angeht— erinnert Euch nur, Arthur, ich ſagte Euch ſchon vor drei Jahren: in ihm iſt nichts als hypochondriſche Grapſen und Einfälle, und das ſag' ich noch jetzt. Was ſollte denn ſonſt auch in ihm ſtecken? Er iſt eben nie einer 86 von der alten Aare ſchen Sorte geweſen, und kränklich iſt er neuerdings auch.“ Der Baron Hyneck ſchüttelte ernſthaft den Kopf. Wir wollen das ruhen laſſen, Fritz,“ antwortete er,„denn wir vereinigen uns nicht. Du ſiehſt Bernhard mit des Vaters Augen und kennſt ihn ebenſo wenig, wie der Alte. Und wenn Du mir ſagſt, daß es mit ihm nicht anders geworden, ſo beweiſ't das gerade, was ich behaupte. Bern⸗ hard hat trotz Allem eine eiſerne Natur, und wenn er irgend etwas, das ihm das Leben gebracht, nicht verwin⸗ det, ſo kannſt Du darauf ſchwören, daß auch ein ande⸗ rer Mann daran erliegen würde. Ich— habe ihn we⸗ nigſtens beſſer gekannt als Ihr Alle.“ „Schon recht, aber wie Ihr ſagtet: Genug von ihm,“ verſetzte Buchhagen achſelzuckend.„Trinken wir lieber eins, der Wein iſt excellent.“ Und die That dem Worte folgen laſſend, fuhr er, während auch Hyneck trank, fort: „Alſo Wintersbach kann Euch nicht von uns zurückhal⸗ ten. Daß ich, wenn von dem die Rede ſein ſoll, mich nicht verändert, mußtet Ihr gut genug wiſſen, Arthurchen, und wie's mit dem Alten ſteht— nun, Arthur, ein paar Kreuzdonnerwetter werdet Ihr Euch ſchon gefallen laſſen müſſen, allein es iſt Euch noch von Altersher bekannt, daß der Alte fündhafte Lippen, aber ein ſehr chriſtliches Herz hat. Wen er in das einmal hineingeſchloſſen, den läßt er ſo leicht nicht wieder hinaus. Und der Hofer hat 87 dummes Zeug geſchwatzt. Er hat ihn vielleicht einmal poltern und fluchen hören über Euch, was Ihr ihm nicht gerade verdenken könnt'—“ „Und weshalb, Fritz? Was habt Ihr alle eigent⸗ lich gegen mich?“ „Mein Herr Baron,“ verſetzte Fritz Buchhagen in ſchalkhaft ceremoniöſer Weiſe,„Hochdieſelben werden hof⸗ fentlich nicht erwarten, daß ich Luſt habe mir den Mund zu verbrennen, und andererſeits uns zutrauen, daß wir, wenn wir ſo unſere Nachrichten aus der Ferne kriegen und darunter auch etwas von Arthur von Hyneck hören, auf dies Letztere am Ernſtlichſten horchen.“ „Und was erfuhrt Ihr von mir?“ Die kleinen Augen des alten Wirthſchafters ruhten wieder einmal voll ſichtbarer Theilnahme auf dem jungen Freunde.„Seht einmal in den Spiegel, Arthur,“ ſagte er dann;„wer ſchaut daraus zurück? Es greift mir ins Herz, lieber Knabe, wenn ich an den denke, der einſt von uns hinauszog, und nun Euch vor mir habe— wie Ihr eben ſeid.“ „Und daß ich kein Kopfhänger geweſen, ſondern ein wenig— vielleicht zu luſtig gelebt, das verdenkt mir gerade der tolle Aare?“ fragte Herr von Hyneck nach einem kurzen Schweigen lächelnd. „Nun nua, Arthur, der Hieb ſitzt nicht,“ verſetzte Buchhagen ruhig.„Ich glaube, gerade der tolle Aare 88 darf das eher thun als irgend ein Anderer, weil er über dies Capitel beſſer mitreden kann als irgend Einer. Aber es iſt allerdings nicht das allein, obſchon es freilich rich⸗ tig, daß der Alte die geſunden Menſchen mehr liebt als die kranken. Und wenn ſich einmal doch Einer den Mund verbrennen ſoll,“ fügte Buchhagen kurz auflachend, aber gleich ernſter als je hinzu,„ſo will ich es lieber ſein als ein Anderer. Arthur Hyneck, ich will Euch vertrauen, wie dem älteſten, bewährten Freunde und Euch ſagen: was man auch auf Tolleneck für Masken tragen mag, dahinter iſt man gut und ehrlich deutſch und ſieht es mit Trauer oder Grimm, wenn Einer, der einmal der Un⸗ ſere geweſen, ſich von der guten Sache abwendet, noch dazu, Arthur, wenn dieſer Eine die Stellung einnimmt und ſo viel in ſeinen Händen hat, wie Ihr.“ „Fritz Buchhagen,“ ſagte Herr von Hyneck mit nicht geringerem Ernſt und hörbarer Bewegung,„glaubſt Du, glaubt Papa Hartwig das von mir?“ „Und ſollten wir nicht?“ klang die erregtere Ent⸗ gegnung.„Ihr wißt, daß wir häufigere und beſſere Nach⸗ richten erhalten, als mancher glaubt. Und ſo iſt es uns kein Geheimniß, daß Euer Fürſt, der ſonſt ſtets und über⸗ all auf Euren Rath hört, ſich neuerdings ernſtlich auf die franzöſiſche Seite—“ „Fritz!“ 89 „Neigt, und ebenſo haben wir auch über das, was es kürzlich in Berlin gegeben, mehr erfahren, als uns—“ „Bei Gott, Fritz, Ihr thut mir mehr als Unrecht!“ unterbrach Hyneck zum zweitenmal noch lebhafter den ern⸗ ſten Alten, während ſich auf ſeinem Geſicht zugleich ein Zug von unangenehmer Ueberraſchung zeigte.„Gott weiß es!“ fuhr er fort.„Das kann Euch nicht als etwas Gewiſſes, ſondern nur als ein— laß' mich immerhin ſagen: böswilliger Argwohn zugekommen ſein. Gott weiß es, muß ich wiederholen, daß ich mich bisher mit aller Kraft gerade gegen einen ſolchen Umſchlag gewehrt habe, und wenn Eure Correſpondenten Gelegenheit finden, in Berlin an den richtigen Stellen nachzuforſchen, ſo müſ⸗ ſen ſie gerade dies erfahren. 3„Wer vertraut nun dem Andern mehr, Du mir oder ich Dir?“ fuhr er fort, und er redete gedämpft.„Es liegt etwas von Tod und Verderben in dieſem Geheim⸗ niß! Aber ich will noch weiter gehen; gegen diejenigen, die uns ſchon jetzt einem Ausbruch ſinnlos zuhetzen möchten, bin ich allerdings ſo entſchieden wie möglich, und rathe, wo mein Rath verlangt wird, mit allem Ernſt davon ab. Es gibt eine ſolche Partei, zumal in Preußen, und Schill war vor zwei Jahren nur ein Vorläufer derjenigen, welche jetzt auf eine ähnliche Gelegenheit harren und, wenn man ihnen nicht mit aller Gewalt entgegentritt, den Staat voll⸗ ends ins Verderben reißen, unſere letzte Hoffnung auf 90 viele Jahre hinaus vernichten werden. Denn man mag eiferfüchteln wie man will, auf Preußen beruht dieſe letzte Hoffnung, und Preußen iſt's, das unſere Rettung in der Hand hat. Laßt Euch das geſagt ſein— Ihr hier be⸗ ſonders, denn Ihr gehört dann gleichfalls zu denen, die den Kern bilden müſſen. „Aber noch ſind wir nicht ſo weit,“ redete er noch⸗ mals weiter, kräftiger, als man von dem vorhin ſo ab⸗ geſpannten Mann hätte erwarten mögen, und Buchha⸗ gen fühlte ſich nicht nur durch das Vernommene betrof⸗ fen, ſondern war auch durch den Sprecher und ſeine Weiſe ſo überraſcht, daß er ſchweigend zuhörte.„Noch nicht!“ wiederholte Hyneck,„doch die Zeit kommt, wenn wir vernünftig ſind, für uns Alle. Aber dieſe Bedingung iſt freilich eine unumgängliche. Wer ungeduldig und un⸗ vorſichtig ſich fortreißen läßt, wird von den beſtehenden Zuſtänden verſchlungen und zermalmt, die noch ſo ſtark, ſo lebensfähig ſind, daß ſie nach meiner Ueberzeugung allein durch ein Zuſammenwirken vieler noch gar nicht vorauszuſehender günſtiger Umſtände, durch eine Verei⸗ nigung aller bisher noch zerſplitterten, ja zum Theil form⸗ und haltloſen Kräfte beſiegt werden können. Vorſicht und Vernunft, Fritz, das iſt unſere Loſung. Man braucht keine Sympathien zu heucheln, aber man ſoll ſich noch we⸗ niger compromittiren durch ein zu offenes Zurſchautra⸗ gen ſeiner Antipathie, oder indem man ſogar ziemlich 91 deutlich zu verſtehen gibt, daß— man mit Anderen nur auf die nächſte Gelegenheit wartet, um zu wirklichen Feind⸗ ſeligkeiten überzugehen. Was kommt dabei heraus, als daß ſolche Verſuche mit Gewalt und im Keime zerdrückt werden und das Vaterland ſeine kühnſten Herzen verliert? Die Zeit kommt, wo wir dieſe kühnen Herzen bitter ver⸗ miſſen und ihr unvorzeitig nutzloſes Losſchlagen, ihr nutz⸗ loſes Unterliegen ſchwer beklagen, ernſtlich verwünſchen werden!“ Sie waren bei den letzten Worten ſtehen geblieben, und des Sprechers Augen hatten ſich mit ſolchem Ernſt und ſolcher Bedeutſamkeit auf die Buchhagens geheftet, daß der Wirthſchafter ſich immer betroffener und faſt ungeduldig werden fühlte. Er ſagte daher auch, als Hy⸗ neck jetzt ſchwieg, raſch:„Ihr müßt deutlicher ſein, wenn ich Euch verſtehen ſoll, Arthur. Ihr deutet etwas an, das uns nicht zu treffen ſcheint. Uns auf Tolleneck könnt' Ihr doch nicht unvorſichtig heißen wollen?“ „Und doch thu' ich das,“ gab Hyneck zur Antwort; „man iſt es wenigſtens für Euch, und Ihr tretet dem nicht genug entgegen. Glaube mir, alter Freund, ich wäre, hätt ich Dich geſprochen, trotz alledem nach Tolleneck ge⸗ kommen, um Euch zu warnen. Was thut der alte Leſt⸗ hen bei euch? Die Franzoſen wiſſen gut genug, welche Stellung er ſo gut wie ſeine Frau einnimmt, und arg⸗ wöhnen in ihm— wer entſcheidet, ob mit Recht oder 92 Unrecht?— eins der am höchſten geſtellten Mitglie⸗ der des Tugendbundes. Du wirſt ſagen: ſie ſind ja alte Freunde und Cameraden. Aber an einen ſolchen freundſchaftlichen Beſuch glaubt kein Menſch auf Seite der Franzoſen und— die Hand aufs Herz, Fritz, glaubſt Du daran?“ „Nein!“ verſetzte Buchhagen mit leiſem Kopfſchütteln. „Ich auch nicht, Fritz. Hartwig Aare hat aber gar nicht nöthig, ſich weiter zu compromittiren, als er es ohne⸗ hin ſchon iſt. Federleſens machen ſie nicht— wir alle kennen das; der Name Aare ſchützt ihn hier nicht, und danun auch Gerhard daheim iſt, können ſie Euch von mehr als einer Seite empfindlich treffen. Warne den Alten, Fritz, ich bitte Dich ernſtlich darum. Haltet Leſthen nicht länger, als es irgend ſein muß. Ich wette darauf, Ihr werdet ſchon jetzt beobachtet, wo Ihr es gar nicht ahnt. Habe ich mich vorhin nicht geirrt, ſo bin ich Einem be⸗ gegnet, deſſen Anweſenheit in dieſer Gegend ſicher keine zufällige iſt, ſondern aller Vermuthung nach Eure oder eine andere ähnliche Angelegenheit zum Zweck hat.“ Die Augen Buchhagens begegneten denen des Ba⸗ rons mit ihrer vollſten Schlauheit, als er fragte:„War's vielleicht ein ungewöhnlich elegant zu Pferde ſitzender Bauersmann auf einer prachtvollen Fuchsſtute?“ „Gewiß, Fritz! Wo haſt Du ihn geſehen?“ rief Hyneck überraſcht. 93 Der Wirthſchafter ſpitzte die Lippen zu einem lei⸗ ſen, aber bewunderungswürdig modulirten Pfeifen„Na, ich hab's mir wohl gedacht,“ ſagte er dann luſtig,„daß das kein Bären⸗, ſondern ein Fuchsbauer ſein dürfte! Warte, Meiſter Wentzel, das geb' ich Dir heim!“ Und ſich wieder an den Baron wendend, fragte er:„Und wer ſteckt hinter dieſem armen Bauersmann?“ „Ich kann mich getäuſcht haben,“ verſetzte Hynneck, „allein ich meinte in ihm einen ſogenannten Vicomte—“ Weiter jedoch kam er in ſeiner Erklärung nicht, da in dieſem Augenblick der zerlumpte Bube, der vorhin vom Müller herbeigerufen wurde und deſſen erneuetes Kom⸗ men Beide nicht bemerkt hatten, plötzlich an ihnen vor⸗ über und dem Hauſe zuſchoß. Als ſie ſich umblickten, ward ihnen dieſe Eile erklärlich, denn von der Land⸗ ſtraße lenkte eben ein Wagen der Mühle zu, deſſen ſtarke Neigung auf die linke Seite deutlich genug von einer zerbrochenen Feder zeugte. Es war eine der damals gebräuchlichen ſchweren Kutſchen, welche noch obendrein hochbepackt, den vier mageren Poſtgäulen ſelbſt auf guten Straßen nicht wenig zu ſchaffen machen mußte. Jetzt ſchleppten die Thiere ſie mühſam genug vorwärts, und die beiden Beobachter vernahmen ſchon in dieſer Entfernung das Fluchen des wüthenden Poſtillons. Von den Inſaſſen des Wagens war noch nichts zu ſehen; auf dem Bock aber ſchwankte 94 ein anſcheinend ſehr junger Menſch in auffälliger Livree, und kaum konnte dieſer die beiden ihm entgegenſchauen⸗ den Männer erkannt haben, als er ſich halb aufrich⸗ tend und in die Hände ſchlagend, auf Franzöſiſch aus⸗ rief:„Ah, welch' ein Glück! Da iſt Herr von Hyneck, Madame!“ Dies hören und dem Wagen mit dem lebhaften Ausruf: „Felix— iſt's möglich?“ entgegeneilen, war für den Baron Eins. Und nun war er ſchon neben dem Schlage, ergriff die kleine Hand, die ſich ihm aus dem Fenſter entgegenbot, zog ſie an die Lippen und redete dann in den Wagen hinein, leicht mit dem langſam fortſchwankenden Schritt haltend. Nun war das Gefährt auch bereits heran, und als es bei Buchhagen vorüberfuhr, ſah derſelbe drinnen einen Herren, in welchem er augenblicklich den erwar⸗ teten Neffen ſeines alten Herrn erkannte. Die Dame neben ihm hatte das Geſicht ab⸗ und dem mit ihr re⸗ denden Hyneck zugewendet, aber der Wirthſchafter war über ſie natürlich keine Secunde in Zweifel, und da der Wagen vor der Schmiede hielt, wo es inzwiſchen ſchon lebendig geworden, und der herbeigeeilte Müller eben in devoteſter Stellung Hyneck's Weiſungen entgegennahm, winkte Buchhagen dem Burſchen, der ſein Pferd hielt, und trank noch ein Glas Wein, ſaß auf und ritt lang⸗ 95⁵ ſamen Schritts der Straße zu. Erſt da er ſchon dieſe faſt erreicht hatte, ſchien der Baron ſeine Entfernung zu bemerken und winkte ihm den Abſchied mit der Hand nach.„Wir ſehen uns nächſtens,“ rief er dabei. „Zweifle nicht daran,“ murmelte Buchhagen, wäh⸗ rend ein pfiffiges Lächeln über ſein Geſicht glitt, vor ſich hin, dann aber nahmen ſeine Züge den Ausdruck eines von Minute zu Minute tiefer werdenden, ſorgen⸗ den Ernſtes an, und nachdem er das Pferd in Trab geſetzt, ritt er dahin, ohne auf ſeine Umgebung mehr als irgend nothwendig zu achten, ja ohne einmal ſeine Pfeife in Brand zu ſetzen. Zweimal war er nun heut; Nachmittag nach dem General und ſeinem Zweck gefragt worden, und was er von Hyneck darüber vernommen, traf mit ſeinen eigenen Gedanken ſo genau zuſammen, daß er an die Zukunft und die Zuſtände auf Tolleneck mit einer Unruhe zu denken begann, welche dieſer halb jovialen, halb phlegmatiſchen Natur bisher ſo fremd wie möglich geblieben.. Er hatte nicht um ſich, nicht vor ſich geſehen und ſchrack daher ordentlich zuſammen, als er ſich nach Durch⸗ meſſung des Engpaſſes, durch welchen die Straße führte, bevor ſie ins offenere Land trat, plötzlich luſtig von der Stimme ſeines Herrn anrufen hörte. „Na bei Gott, der Buchhagen ohne Pfeife und in Gedanken!“ rief der alte Baron, der mit dem Ge⸗ 96 neral und ſeinem Sohn Bernhard zu Pferde mitten im Wege hielt.„'s iſt faſt um zu zweifeln, ob Du's auch wirklich biſt, Fritz!“ fügte er neckend hinzu. Fritz Buchhagen hatte, wie er augenblicklich auch überraſcht ſein mochte, durch ſein Phlegma doch zu viel Gewalt über ſich, um nicht alsbald den richtigen Ton zu treffen.„Ihr habt gut necken, Herr Baron,“ ſagte er daher, nachdem er die anderen Beiden begrüßt, in ſeiner beſten Laune.„Ihr bekümmert Euch den Kukuk um Korn⸗ und Holzverkäufe, ſondern laßt dafür unſern Herrgott und den Fritz Buchhagen ſorgen. Da mache ich Pflicht⸗ und Gedankenritte und Ihr dürft promeni⸗ ren reiten— möcht's auch,'s iſt commoder.“ „Richtig, alter Mecklenburger!“ rief der Baron la⸗ chend.„Nun, ärgere Dich nicht, ſondern wundere Dich, wie glänzende Satisfaction hier der Bernhard erhalten. Denk's, da kommt der Burſche heut' herüber, weil er von Leſthen's Anweſenheit gehört, und da erfahre ich erſt, daß er Anno Sieben nicht nur des Generals Ad⸗ jutant geweſen, ſondern Thaten verrichtet, die dem Bayard ſelbſt noch zur Ehre gereicht haben würden.“ „Vater!“ fiel der Sohn lächelnd ein. „Iſt's nicht eigentlich zum Todtärgern,“ fuhr aber das alte Herr unbekümmert luſtig fort, daß ein Menſch, ein Aare, ſein Licht ſo unter den Scheffel ſtellt, und all die Jahre durch ſich geberdet, als ſei er nie etwas 97 Anderes als ein Duckmäuſer und Schwachmaticus ge⸗ weſen? Siehſt Du, Buchhagen— das ſind die Vater⸗ freuden! Die Herren Söhne fragen den Teufel darnach, ob die Väter mit ihnen zufrieden ſind, und wenn ſie ſichss auch nur ein Wort koſten zu laſſen brauchten!“ „Na na, Hartwig, du ſcheinſt mir ganz im gleichen Falle zu ſein,“ bemerkte der General launig. „Ei Alter, fange nicht von Neuem an,“ ſagte der Baron mit gleicher Munterkeit.„Ihr müßt's mir beim Teufel doch anſehen, wie ich ganz enchantirt über die Ent⸗ deckung bin, daß mein altjüngferlicher Sohn zu Zeiten auch den Teufel im Leibe hat. Wenn Du's vermagſt, Junge, ſo richt's mal ſo ein, daß ichs mit anſehen darf. Möcht' für mein Leben gern wiſſen, wie Du dich geber⸗ deſt.“ Und indem er Bernhard, der über dieſe Worte gleichfalls das ſtille, ernſte Geſicht zum Lächeln verzog, gar fidel zunickte, wandte er ſich plötzlich zu Buchhagen und ſprach:„Nun kommſt Du, Fritz. Du ſiehſt unheil⸗ ſchwanger aus. Was giebt's?" „Es kommt ein Wagen voll Beſuch, Herr Baron,“ verſetzte der Wirthſchafter achſelzuckend.„Jetzt flicken ſie dahinten beim Müller eine Wagenfeder.“ „Heiliges Millionen Schock— Fritz, ſind ſie's?“ rief Baron Hartwig haſtig. „Eine Dame, ein Herr, ein Kammerjunker, viel Ba⸗ Edmund Hoefer: Tolleneck. I. 7 98 gage— entſcheidet ſelber, Herr Baron,“ ſagte Buchha⸗ gen grinſend. Der Schreck des Alten amuſirte ihn. „Na nun können wir einpacken, Leſthen!“ grollte der alte Herr.„'s iſt nichts mehr in der Welt! Jetzt kann man ſich wieder mit Affen und Katzen plagen!— Kommt heim, Kinder,“ fügte er das Pferd umlenkend hinzu.„Hier auf der Straße mag ich ihnen nicht be⸗ gegnen, denn da ſoll man Frieden halten, und ich fühl's, ich werde grob werden.“ Sechstes Capitel. Vor dem Schlafengehen. Die Gäſte waren denn auch wirklich ſpät Abends angekommen und von Aare ſeiner Vorausſage gemäß auf⸗ genommen worden.„Na, ſo hat Euch denn der Teu⸗ fel alſo endlich richtig herbeikutſchirt,“ hatte er ihnen ent⸗ gegengerufen;„habt mich ſündlich lange warten laſſen auf dies verheißene Divertiſſemment, und muß Euch nur gleich ſagen, daß ich in ſolchem Falle wie der alte Lud⸗ wig XIV. bin— warten mag ich nicht. Richtet Euch alſo darnach.“ Dann hatte er dem Grafen Hippolyt flüchtig und mit einem kurzen:„Na wir Beide kennen uns ja ſchon!“ zugenickt und war vor ſeine Nichte hin⸗ getreten, welche ſeine ſcharfen blauen Augen in einer Weiſe muſterten, daß die ſchöne Frau die ihren erröthend vor dieſem Blick ſenkte. 7* 100 Der alte Herr ſchien das mit Verwunderung zu bemerken, wie denn auch der Geſichtsausdruck der Dame ſo gut wie ihre ganze Erſcheinung darauf hinzudeuten ſchien, daß ſie durch ihr Leben in der großen Welt ge⸗ gen derartige Eindrücke abgeſtumpft ſein dürfte oder we⸗ nigſtens verſtehen würde ſie zu verbergen.„Na, wer ſagte mir denn was von einer galanten Modedame?“ hatte Baron Hartwig ſarkaſtiſch gerufen.„Das iſt ja ein ſchreckhaftes Täubchen und erröthet wie ein Kloſter⸗ fräulein! Hm! Alſo Du biſt Lucie, meiner Schweſter Kind?“ fuhr er dann fort, den Bart ſtreichend.„Freut mich Deine Bekanntſchaft zu machen— denn deutſch heraus, wäreſt Du mir anderswo begegnet, ſo hätte ich Dich nicht erkannt; ein Wunder iſt's freilich nicht, denn Verwandtſchaftliches haſt Du nichts an Dir und geſe⸗ hen habe ich Dich nicht— es werden zwanzig Jahre oder darüber ſein, Du wareſt noch eine kleine, eigenſin⸗ nige Krabbe.“ Da hatte die Dame die Augen jählings zu ihm aufgeſchlagen, nicht heiter durch ſeine Laune, nicht ver⸗ letzt durch den immerhin ſeltſamen Empfang, ſondern zu einem ſanften, weichen Blick, und indem zugleich ein ſchmachtendes Lächeln durch die jetzt wieder bleichen, ein wenig abgeſpannten Züge glitt, verſetzte ſie auf franzö⸗ ſiſch:„Ah, mein Onkel, woran erinnern Sie mich! Sie waren eingenommen gegen meine Mutter und ſelten in 101 Zierberg— und doch war meine Mutter ſo gut und Zierberg ſo ſchön! Ach, wie waren wir ſo glücklich da⸗ mals!“ Der alte Herr ſtarrte ſie auf dieſe Reminiscenz an, als traue er ſeinen Ohren nicht, und ſchien die Lippen zu einer ſicher nicht zarten Erwiderung öffnen zu wol⸗ len. Er hielt dieſelbe jedoch zurück und ſagte nur:„Oho, Du ſprichſt franzöſiſch? Nun, hier bei mir—“ „ Entſchuldigen Sie mich, mein Onkel,“ fiel die Dame wieder in der fremden Sprache und ſanft lächelnd ein,„Sie erinnern ſich, daß ich bei meiner Mutter we⸗ nig deutſch ſprach, und ſeit ich verheirathet, bin ich gänz⸗ lich aus der Uebung gekommen. Verſtehen kann ich's ſehr gut, aber ſprechen!“— Sie zuckte von Neuem lä⸗ chelnd die Achſeln.. „So, na ja!“ meinte Hartwig Aare ein wenig ſpöt⸗ tiſch, ließ es jedoch, da in dieſem Augenblick der junge Menſch, den wir von Hyneck vorhin Felix anrufen hör⸗ ten, ins Zimmer trat und ſich mit einer das Gepäck be⸗ treffenden Frage der Dame näherte, dabei bewenden und ſagte den Burſchen muſternd:„Na, was iſt denn das für ein Affe?“ Die dunklen, unſtäten Augen des Burſchen trafen den alten Herrn mit einem jäh aufleuchtenden Blick, der vermuthlich eine ſcharfe Bemerkung hervorgerufen haben würde, denn der Baron ſah hoch auf, wäre Lucie nicht ſchnell dazwiſchengetreten. Sie gab dem jungen Men⸗ ſchen die perlangte Weiſung und hieß ihn gehen, worauf ſie ſich wieder zum Onkel mit den Worten wandte:„Ich weiß kaum, wie ich Ihnen antworten ſoll. Felix iſt der Sohn eines Sergeanten in meines Gemahls Regiment und verlor den Vater bei Hohenlinden, nachdem derfelbe das verwaiſ te Kind ſterbend ſeinem Chef empfohlen hatte. Seitdem haben wir ihn erziehen laſſen und vor einem Jahr nahm ich ihn zu mir als—“ ſie hielt lächelnd und wie ſich auf das richtige Wort beſinnend inne. „Als Kammerjungfer?“ fragte der Onkel trocken. Sie ſchien das nicht verſtanden zu haben, wenig⸗ ſtens zeigte ſich in ihren Zügen keinerlei Veränderung, und lächelnd fuhr ſie fort:„als Kammerdiener darf ich wohl kaum ſagen, er iſt noch zu jung und ungewandt, allein ich möchte ihn mir dazu erziehen. Er iſt ein treues junges Herz.“ „Erziehung ſcheint er zu bedürfen,“ ſprach der On⸗ kel wieder mit gleicher Trockenheit. Die Dame achtete auch auf dieſe Worte nicht wei⸗ ter, als daß ſie momentan ihre Augen mit einer Art von kalter Gleichgültigkeit zu dem alten Herrn erhob, gleich als ob ſie ſagen wollte: was geht das Dich an? Eine Secunde ſpäter war dieſem Ausdruck bereits wie⸗ der jenes ſchmachtende Lächeln von vorhin gefolgt und ſie fragte:„Nun aber mein Vater, wo iſt er? Ich ſchob , 103 das Glück ihn wiederzuſehen, ſchon zu lange hinaus! Er iſt doch nicht krank?“. „Da frage Deinen Bruder,“ verſetzte Baron Hartwig launig,„wie es ihm vor zwei Jahren ging, geht es ihm heute. Er bekommt in ſeiner Einbildung alle Krankheiten der Welt nach einander, iſt im Uebrigen jedoch der geſun⸗ deſte Menſch, den ich kenne. Aber Du haſt Recht, ſeht nach ihm. Hippolyt weiß ja ſein Neſt und den Weg. Ein Diener wird Euch leuchten. Seht zu, ob Ihr den alten Hypochonder zum Heraufkommen bewegen könnt.“ Denn dies Geſpräch hatte wieder im„weißen Saaleu“ ſtattgefunden, der wie unſern Leſern bekannt iſt, im Mit⸗ telbau und ſchon hoch lag und der Familie und ihren Gä⸗ ſten faſt immer zum abendlichen Verſammlungsort diente. Auch heute waren alle unſere Bekannten dort zugegen ge⸗ weſen, und da die beiden neuen Ankömmlinge ſich nun zu ihrem Vater begeben hatten, ſagte die Generalin Leſthen im nachdenklichen Ton:„Alſo das iſt Ihre Nichte, Hartwig!“ „Kannten Sie ſie ſchon, Gevatterin?“ fragte er voll Intereſſe. „Ich meine gehört zu haben, daß ſie eine der letzten Damen war, welche unſere hochſelige Königin ſich kurz vor ihrem Tode noch vorſtellen ließ— ich habe ſie damals ein paar Mal geſehen, und auch in dieſem Frühling wieder. Nicht wahr, ihr Name iſt doch Gräfin de Barrois?“ 104 „So hieß ihr Mann,“ erwiederte Baron Hartwig trocken. „Lebt er noch, Hartwig?“ „Man ſagt— nein. Doch nach dergleichen Dingen müſſen Sie ſie ſelber oder den Bruder fragen, ich weiß da⸗ von nichts, ſintemal— etcätera.“ Er ſtand, da er ſo ſprach, nahe vor der Dame im oberen Theil des Saales, während Hilda mit den beiden jungen Männern und dem zu ihnen getretenen General ziemlich weit davon am großen Tiſche lachte und plauderte. Und nachdem die Generalin einen flüchtigen Blick dort hinüber geworfen, wandte ſie das ſchöne tiefblaue ernſte Auge zu dem alten Herrn zurück und ſagte hörbar mißbilli⸗ gend:„ich verſtehe Sie und Ihre Weiſe in der That gar nicht, Hartwig. Was müſſen die Kinder dort davon denken!“ „Was ihnen beliebt, Gevatterin,“ entgegnete ertrocken „ich kann da nichts ändern. Uebrigens glauben Sie nur, die beiden Burſche da haben derartige Allotria ſchon mehr als einmal kennen lernen— die ſind ja in der Welt nicht ſo rar!— und was die Hilda angeht— nun, lieber Gott, das Kind wird auch nicht an der Erfahrung ſterben, daß es unſaubere Zuſtände und Menſchen gibt. Die müſſen wir alle machen.“— „Aber es bleiben Ihre Schweſterkinder, Hartwig, und jetzt Ihre Gäſte,“ warf die Generalin im früheren Tone ein. 105⁵ „Was wird dadurch geändert, Gevatterin?“ fragte er lebhaft.„Ich habe mir die Eine nicht zur Schweſter, die anderen nicht zu Neffen und Nichten gewählt. Sie haben ſich jetzt bei mir eingeſtellt und ich habe ſie aufge⸗ nommen, auf daß ſie ſich wieder herausfüttern, wenn ſie draußen etwa gehungert haben. Wie ich über ſie denke, wiſſen ſie gut genug und ebenſo, daß ich nicht der Mann bin zu heucheln. Wollen ſie trotzdem hier bleiben— nun gut, ſo mögen ſie. Tolleneck hat Raum.“ „Das verſtehe ich eben nicht, Hartwig,“ ſprach die Dame kopfſchüttelnd.„Wie Sie einmal über dieſe Ver⸗ wandten denken—⸗ „Wie denke ich über ſie, Gevatterin?“ unterbrach er ihre Rede.„Was ſie draußen getrieben, geht mich im Grunde nichts an, ſo lange ſie nicht verſuchen, dieſe Le⸗ bensweiſe hier fortzuſetzen. Und das will ich ſchon in Ordnung halten. Im Uebrigen iſt mein Schwager einmal ſchwach genug, an die Beiden zu glauben, und liebt ſie in ſeiner Weiſe. Da läßt man ihm das Vergnügen, er hat ohnehin kein anderes. Und endlich bin ich zwar der„tolle“ Aare, ſehe aber dennoch nicht ein, was es nützen ſollte, wollte man durch eine gänzliche Zurückweiſung der Beiden den häuslichen Skandal zu einem öffentlichen machen. Doch genug davon,“ ſchloß er heiterer.„Ihre Ohren ſind für dieſe Dinge ja zu empfindlich, Gevatterin.“— Die angelangten Geſchwiſter hatten nach einiger Zeit 106 wirklich den alten Vater mit zur Geſellſchaft zurückgebracht, es waren ein paar ziemlich muntere Stunden gefolgt, in denen ſich Jedermann beſtrebte, die etwa auf ihm laſtende Unbehaglichkeit ſo wenig als möglich ſichtbar werden zu laſſen, und dann hatten ſich Lucie und Hippolyt in die Zimmer zurückgezogen, welche ihnen in einem noch höher gelegenen Theile des großen Schloſſes angewieſen waren. Dorthin folgen wir ihnen und finden ſie, obgleich ſie drunten große Ermüdung vorgeſchützt, doch noch wach und bei einander in Luciens Zimmer, einem weiten, mit ſchö⸗ ner Stuccaturarbeit reich verzierten Gemach, das ſein Licht außer durch zwei breite und hohe Fenſter noch durch einen geräumigen, in einem anſtoßenden Thurm befindlichen Er⸗ ker erhielt. Im Hintergrunde bildete das große, ganz von Vorhängen verhüllte Bett beinahe ein kleines Cabinet, um ſo mehr, da es von der Wand abgerückt ſtand und in dem auf ſolche Weiſe gebildeten Raume Nacht⸗ und Toiletten⸗ tiſchchen ſo wie ein paar Stühle neben ſich hatte. Die Dame ging auf und ab und zwar mit ſo raſchen Schritten, daß man auf den Gedanken kommen konnte, ſie wolle die Bewegung nachholen, die ſie am Tage, im Wagen eingepreßt, und auf Tolleneck hinter den Familien⸗ tiſch gebannt, entbehrt hatte. Sie hatte es ſich auch bequem gemacht und ſtatt des wenn auch einfachen, dennoch elegan⸗ ten Reiſekleides, das ſie bisher getragen, eine Art Morgen⸗ oder Nachtkleid von dem damals beſonders bevorzugten 107 echt orientaliſchen Mouſſeline angelegt. Es war ein Stoff, der ſeine Trägerin allein durch ſich ſelbſt zu einer reichen und eleganten Frau ſtempelte, denn da man ihn nur über England und jetzt daher durch den S chmuggel erhielt, mußte man ihn mehr als mit Gold aufwägen. Er umgab die zierliche Geſtalt der Dame mit ſeinen weichen Falten wie eine luftige Wolke, Hals und Arme traten weiß und fein daraus hervor, die Bruſt ward von dem durchſichtigen Ge⸗ webe kaum verhüllt, das um den ſchlanken Leib überhaupt nur durch ein loſe geſchlungenes Band locker genug zuſam⸗ mengehalten zu werden ſchien. Und auch ihr Haar hatte die Dame bereits umgeordnet; es umgab jetzt ſchlicht und glatt den auffällig kleinen Kopf, als warte es bereits auf das Häubchen, welches es für die Nacht ſchützen ſollte. Es war eine verlockende Erſcheinung, die in ihrer Einfachheit gerade manchem Mann bei weitem gefährlicher geworden ſein möchte, als in der reichſten Geſellſchafts⸗ toilette, und wäre auch ihr Gang dem übrigen Aeußeren entſprechend geweſen, ſo hätte man ſich kaum ein vollende⸗ teres Bild der Anmuth denken können. Allein dieſer Gang war nicht ſchön, er war zu unſtät und ungleichmäßig, we⸗ der ſchwebend noch elaſtiſch, ſondern bald faſt zu raſch und keck, faſt ſpringend, bald wieder beinah ſchleppend, und es iſt daher begreiflich, daß auch die übrigen Bewegungen der zierlichen Geſtalt der Grazie entbehrten, auf welche man 108 aus den ſchlanken und feinen Formen bei ruhiger Haltung zu ſchließen berechtigt war. Ihr Bruder mochte erſt vor einem Augenblick einge⸗ treten ſein, denn er ließ ſich eben in die Ecke des Diwans gleiten, der nahe dem einen Fenſter ſtand, und ſagte, ſich zu einer faſt liegenden Stellung ausſtreckend und mit einem matten Blick auf die Schweſter, in ſchleppendem Tone: „Ich hätte geglaubt, Du würdeſt Fancy mehr entbehren. Es geht alſo wirklich ohne ſie.“ „Es iſt, wie es ſcheint, ein Glück, daß der Graf mich vordem zuweilen zu einer Lebensweiſe nöthigte, die mir damals unſchicklich und grauſam genug erſchien,“ warf ſie während ihres Gehens hin und wir müſſen die Leſer daran erinnern, daß dies Geſpräch nur franzöſiſch geführt wurde. „Jetzt lohnt ſich's; ich brauche nur die alten Künſte wieder hervorzuſuchen. Hier ſcheint's, muß ich auf derartige Hülfe verzichten.“ „ Du kannſt's,“ bemerkte er gähnend.„Du ſiehſt char⸗ mant aus, Schweſter.“. „Ah bah, Deine Complimente!“ meinte ſie wegwer⸗ fend.„Und wenn es wahr wäre, für wen bin ich's in die⸗ ſem Schloß voll Bären und—“ „Wie ungerecht, meine Schöne! Hatteſt Du mehr er⸗ wartet? Im Gegentheil, weniger; es iſt ja eine ganze Geſellſchaft—“ Sie ſtieß einen verächtlichen Laut aus. 109 „Geduld, Geduld! Junge Leute, alte Leute, wollte ich ſagen; Landfräulein, Hofdamen. Sodann die unver⸗ änderlichen Verehrer— ich, obſchon leider nur Dein Bru⸗ der, und Herr Felix, obgleich nur Dein Page. Endlich die⸗ ſes Muſter der Courtoiſie, der liebe Baron von Hyneck, ſo überraſchend, Lucie! Ach, ich verehre dieſen Inſtinct der Liebe!“ „Schwätzer!“ ſagte ſie wieder ein wenig wegwerfend, und indem ſie ſich gegen den Hintergrund des Gemach's wandte, wo Felix bei dem Auspacken einer großen Vache beſchäftigt, deren Inhalt er in mehreren geräumigen Wand⸗ ſchränken untergebracht hatte, eben das ſchwere Behältniß mit Geräuſch auf die Seite ſchob, fügte ſie ungeduldig hinzu:„Felix, mache nicht ſolchen Lärm! Du weißt, ich haſſe das.“ „Wie ſoll ich es anders machen, Madame?“ fragte der junge Menſch mürriſch und ſeine braunen Augen begeg⸗ neten denen ſeiner Herrin mit einem eigenthümlichen, min⸗ deſtens unehrerbietigen Blick. Auch in ihrem Auge, das noch eine Secunde lang auf dem ſich zu einem anderen Koffer Beugenden haf⸗ ten blieb, zeigte ſich etwas Beſonderes,— war's Ueber⸗ raſchung oder Verwunderung, wer weiß! Ein hier er⸗ klärliches Zürnen war es aber keinenfalls. Plötzlich wandte ſie ſich auch wieder dem Bruder zu und nahe vor ihm ſtehen bleibend, ſprach ſie:„Apropos Hyneck,— findeſt ——yꝛ 110 Du es nicht ſeltſam, daß er uns kein Wort über die Gäſte ſagte, die wir hier trafen?“ „Weshalb!“ verſetzte er gähnend.„Sind ſie Dir von ſolchem Intereſſe? Mir ſind ſie ſchon von Berlin her langweilig genug.“ „Sie ſtöͤren mich, Hippolyt,“ meinte ſie, und ihre Stimme war ernſter, als ſie bisher geklungen, und in dem blauen Auge zeigte ſich etwas Nachdenkliches.„Ich dächte, das müßte auch bei Dir der Fall ſein. Wir brau⸗ chen keinen Bekannten hier.“ „Bah, der Junge, der Gerhard, iſt uns auch ſchon begegnet!“ „Bah, der!— Aber die beiden Alten und dieſer lange Herr von— Herr von—“ „Platen, Lucie.“ 3„Was wollen ſie hier? Iſt es nur ein zufälliger, freundſchaftlicher Beſuch? Und dieſer Herr von— Pla⸗ ten, ſagſt Du?— War es nicht der gleiche Name, den wir neulich hörten, als man uns von des Oberſten Ro⸗ ger Duell und Tod erzählte? Iſt's der? Und denke daran, was wir über den alten General ſchon früher vernahmen. Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn die Anweſenheit dieſer Leute für uns noch Folgen hätte, die mir jetzt wenigſtens ſehr fatal wären.“ „Gott behüte!“ ſagte er von Neuem gähnend und ſich noch bequemer ſtreckend.„Was ſind das für Gedan⸗ 111 ken nach einem ſolchen Tage, in ſolcher Stunde! Hebe ſie mir auf, Schweſter, wenn ich ſie abſolut hören muß. Jetzt, ich geſteh's, bin ich ſterbensmüde und will mich ins Bett machen.“ Er richtete ſich auf dem Ellbogen auf. Ihr Aug' blickte finſter und die feinen Lippen zuck⸗ ten verächtlich, aber ſie bezwang ſich und nachdem ſie mit der Hand leicht über die Stirne geſtrichen, ſprach ſie in völlig verändertem Tone:„Ja, gehe, es iſt Zeit. Nur Eins noch: der Sohn— ich vergeſſe dieſe Namen ſtets wieder!— war heut' nicht da?“ „Es iſt ſeltſam,“ erwiederte Hippolyt, indem er ſich vollends erhob und ſchläfrig ſtreckte,„daß Du bei ſol⸗ chem Intereſſe für den Vetter nicht einmal den Namen behältſt. Bernhard wohnt ſeit Jahren in Wintersbach und läßt ſich hier ſelten ſehen. Der Alte harmonirt nicht mit ihm. Uebrigens,“ fügte er hinzu,„wird mit dem nichts anzufangen ſein. Er ſoll keinerlei Verführung zu⸗ gänglich ſein— keuſch wie Joſeph, Schweſter! Apro⸗ pos, von wem hörte ich doch einmal, daß die Mutter ſchon vordem an ihn für Dich gedacht und dabei nicht reuſſirte? Iſt etwas daran? Sie zuckte die Achſeln.„Geh' ins Bett,“ ſagte ſie.„Schlafe Dir wieder Gedanken an, jetzt radotirſt Du. Gute Nacht. Du ſchläfſt hier nebenan?“ Er nahm einen Leuchter vom Tiſch, öffnete die nächſte Thür und verſetzte mit einem frivolen Lächeln:„Hier 112 Schönſte, ſchläft ein Menſch, der das Unglück hat, nur Dein Bruder zu ſein!“ Ihre feinen Brauen zogen ſich momentan zuſam⸗ men und um die Lippen zeigte ſich ein leiſer Zug von Widerwillen. Doch unterließ ſie jede Bemerkung, ſchaute vielmehr, näher tretend, in ſein Zimmer und fragte, zu ihm aufblickend kalt: Du haſt doch nachgeſehen? Kann man uns in dieſen Stuben belauſchen?“ „Ich glaube nicht,“ verſetzte er gähnend.„Als ich vor zwei Jahren hier gleichfalls wohnte, hab' ich mich ein wenig umgeſchaut, aber nichts entdeckt. Gute Nacht, Schweſter. Ich habe Blei in den Gliedern.“ „Und im Kopf!“ murmelte ſie, da er die Thür ge⸗ ſchloſſen. Sie ſchob den Riegel vor und wandte ſich ab, um geſenkten, nachdenklichen Blick's ein paarmal das Zim⸗ mer zu durchſchreiten. Allein dies Nachdenken währte nicht lange, ihr Auge erhob ſich und ſtreifte zu Felix hin⸗ über, der ſich bisher, ohne von dem geführten Geſpräch anſcheinend Notiz zu nehmen, noch immer mit dem Lee⸗ ren des Koffers beſchäftigt hatte. Ihr Auge haftete auf dem ſtill geſchäftigen jungen Menſchen, es wandte ſich lächelnd von ihm ab und flog ihm lächelnd wieder zu, und endlich blieb ſie ſtehen und ſagte gedämpft:„Felix!“ „Madame?“ fragte er, ſich zu ihr kehrend. „Komm' her!“ ſprach ſie, und da er gehorchend näher trat, muſterte ſie ſeine Geſtalt, die durch die ſelt⸗ 113 ſame aber äußerſt geſchmackvolle Tracht— zu zierli⸗ chen Schuhen und weißen Strumpfhoſen trug er jetzt ein Wamms von ſilbergeſticktem blauem Sammet— auf das Vortheilhafteſte hervorgehoben wurde, durchforſchte ſein erröthendes, ſelbſt trotz des augenblicklich vorherrſchen⸗ den Ausdrucks von Verdrießlichkeit noch ſchönes Geſicht mit dem lockigen ſchwarzen Haar und den finſter blickenden braunen Augen, und meinte dann:„Wer wird ſo ver⸗ drießlich ſein, Kleiner! Mir ſcheint, Du dürfteſt wohl zufrieden ſein— biſt Du's nicht?“ „Ich?“ brach er heftig aus.„Was hab' ich denn ſo Gutes, Madame? Glauben Sie, ich hätte nicht ver⸗ ſtanden, wie der alte Grobian mich vor Ihnen zu ti⸗ tuliren wagte— Sie lachten⸗ dazu! Und dieſe Töl⸗ pel von Dienern mit ihrer anglotzenden oder ekelhaft vertraulichen Weiſe! Und das Hundeloch, das man mir angewieſen! Das wird ein ſchönes Leben werden, Ma⸗ dame, aber bei Gottes Blut—“ „Aber Kleiner, wer wird denn ſo außer ſich ge⸗ rathen, zumal wenn er ſolchen Rückhalt hat wie Du!“ fiel ſie ein und legte wie beſchwichtigend die Hand auf ſeinen Kopf.„Bin ich nicht da und immer viel zu gut und ſchwach gegen Dich?“ „Ja Sie!“ erwiderte er ſchmollend, aber er nahm dabei ihre Hand und küßte ſie.„Wie lange bleiben Sie noch für mich— hier? Da iſt der Hyneck, da iſt der Edmund Hoefer; Tolleneck. 1. 8 114 lange— wie hieß Herr Hippolyt ihn?— da iſt der Herr Gerhard, da iſt endlich dieſer abweſende Vetter—“ Sie lachte ausgelaſſen und zog die Hand zurück. „Wirſt Du ſchon eiferſüchtig, Kleiner?“ rief ſie.„Wie ſchnell Alles bei Dir geht! Sei zufrieden, Kind, fage ich, es geht nicht Allen ſo gut!“ Und abbrechend fügte ſie mit einem jäh auftauchenden, unbeſchreiblichen, halb üppigen, halb ſchmachtenden, halb zärtlichen, halb über⸗ müthigen Lächeln hinzu:„Und da Du ſo ſterbensmüde biſt, wirſt Du auch von Deinem Lager und Zimmer nicht leiden, denke ich. Adieu, Kleiner. Morgen will ich's mir anſehen und es beſſer machen laſſen.“ Er ſchaute ſie eine Secunde lang mit einem zwei⸗ felhaften Blick an, bevor er, als habe er nur dies eine Wort beachtet, erwiderte:„Sterbensmüde, Madame? Ich bin wach genug. Haben Sie noch etwas für mich?“ Nochmals glitt jenes zauberhafte Lächeln durch ihr Geſicht, da ſie antwortete:„Nichts Kleiner, als daß Du allenfalls hier bleiben könnteſt, um, wenn ich im Bett, das Licht zu löſchen und die Thür zu ſchließen— wenn Du artig biſt.“ Und ohne auf eine Entgegnung zu warten, ging ſie ihm mit Lächeln zunickend gegen das verhüllte Bett zu und verſchwand hinter den Vorhängen. Er ſtand am Tiſch und ſah ihr träumeriſch nach. Verdrießlichkeit und Aufregung waren aus ſeinen Zügen verſchwunden. 115⁵ Nach einer ganzen Weile erſt ließ ſich Lucie wie⸗ der vernehmen.„Felix!“ rief ſie gedämpft und mit wei⸗ chem müdem Ton. Er fuhr wie aus einem Traume auf.„Madame?“ „Löſche das Licht, Kleiner,“ ſprach ſie mit gleicher Stimme,„und dann ſchlafe. Dein Zimmer iſt ſchlecht?“ „Zimmer— bah, Madame! Und das Lager— oh!“ „Armer Kleiner! Und meines iſt ſo gut!— Nun, morgen ändern wir's. Gute Nacht, Kleiner. Schließe die Thür ſicher, hörſt Du?“ „Ja wohl, Madame. Gute Nacht.“ Er ſprach laut und ſchloß auch laut die Thür, ſo daß ihr Zufallen und das Umdrehen und Abziehen des Schlüſſels weithin durch die hallenden Räume des alten Gebäudes vernehmbar wurden. Dann ſchien Alles ſtill zu ſein und zu bleiben. 8*½ Siebentes Capitel. Verſchiedene Lindrücke. Es mußte aber doch wohl anders geweſen ſein, we⸗ nigſtens ward über die ungewöhnliche Unruhe in dieſem Theil des Schloſſes am Morgen mehr als eine Unter⸗ haltung unter ſeinen Bewohnern geführt. Es ſei langweilig in dem alten Neſt, meinte Hip⸗ polyt, da er der Schweſter beim Frühſtück in ihrem Zim⸗ mer begegnete und nahm gähnend ſeinen Platz auf dem Diwan ein; trotz der anſcheinenden Feſtigkeit müſſe das Gebäude morſch und wackelig ſein, ſo knarre und knacke, ſo rege und rühre ſich Alles, man höre jeden Laut. Er ſei durch das Zufallen der Thür erweckt, habe dann aber auch Felix' Schritt auf der Treppe vernommen; der Burſche ſei rückſichtslos.„Ich möchte aber nur wiſſen,“ fügte der Herr in angegriffenem Tone hinzu,„ob das 117 Unglückskind auch dann noch keine Ruhe gefunden oder ob er ſich verpflichtet gefühlt, als Paladin vor ſeiner Dame Zimmern Wache zu halten. Ich habe weuigſtens auch ſpäter noch einen ſchleichenden Schritt im Corridor gehört— es knarrt ganz verwünſcht!— und das muß gegen Morgen geweſen ſein. Weißt Du noch etwas da⸗ von, Schweſter, oder haſt Du ihn vielleicht rufen müſ⸗ ſen?“ ſchloß er mit einem ſchläfrigen Blick' auf ſeine ſchöne Nachbarin. Die Frau Gräfin, welche heut' Morgen gleichfalls in einer Art von behaglicher Abſpannung und mit wei⸗ chem Schmachten hingegofſen in der andern Ecke ruhte, zuckte die Achſeln.„Ich denke, Felix ſteht am wenigſten unter Deiner Controle,“ ſagte ſie gleichgültig.„Was er thut oder läßt, wenn ich nur damit zufrieden bin.“ „Natürlich, Frau Schweſter! Wenn aber dennoch einmal Andere nach ihm fragten, z. B. Onkel Aare, der außerordentlich neugierig iſt und keine Nachtphantaſien liebt— hm?“ Es zuckte etwas wie Widerwillen durch ihr raſch ihn anblitzendes, raſch wieder ſich ſenkendes Auge, aber ſie lieh dieſer Empfindung keinen Ausdruck, ſondern fragte nach einer kleinen Pauſe nur, ohne aufzuſehen und in einem gewiſſen ſchlaffen Tone:„Trauſt Du mir nicht gar eine Intrigue mit dem Knaben zu, oder was willſt Du eigentlich, Hippolyt?“ 118 Er ſtreckte ſich nnoih bequemer und ſah ſie mit mattem Blick an.„W Wie ſeltſam Du biſt, wie gereizt!“ ſagte er.„Ich meine nur, daß der Burſche die Thüre ſchicklich ſchließen und in der Nacht nicht mehr als nö⸗ thig herumlaufen ſoll. Da er einmal als Kammerjungfer functionirt, ſoll er ſich auch hübſch jüngferlich benehmen.“ Sie ſtand auf und ging langſam, gleichſam nach⸗ denklich dem Erker zu und ſah zerſtreuten Blick's auf die Ebenen drunten und hinüber zum Schloß Herzheim, das von ſeiner Höhe ernſt und dunkel herüberſchaute. „Unerträglicher Narr!“ murmelte ſie vor ſich hin, wäh⸗ rend zugleich hinter ihr über das ſchlaffe Geſicht des ru⸗ herder Bruders ein leiſes ſpöttiſches Lächeln lief und ſeine Lippen, faſt als ſollte es eine Erwiderung auf ihre Worte ſein, flüſterten:„Traf's? Gott, man iſt doch ein wenig zu klug für Dich!“ Um dieſelbe Zeit etwa traf ſich auch draußen auf dem Corridor, nicht weit von dem Zimmer Luciens, ein Paar, welches das gleiche Thema beredete. „Mir kann's Eins ſein, ob Du es dem Herrn ſagſt, oder ob ich es ihm beibringen ſoll,“ ſprach eine alte, ſauber, aber als Dienerin gekleidete Frau zu dem ſtattlichen jungen Manne, den wir neulich unter dem Namen Vin⸗ cenz in Hildegards Begleitung fanden;„allein wiſſen muß er's, denn eine ſolche Nachbarſchaft laſſe ich mir für unſ're Kleine nicht gefallen. Sie hat gute Ohren. „ 8 119 Was ſoll ſie denken, wenn ſo ſpät in der Nacht bei dieſer Frau— Couſine Thüren auf⸗ und zugehen und hernach noch Nachtvögel im Corridor umherſtreichen? Solch ein Affe dazu, frech und—“ „Gott behüt' uns, Mütterchen,“ fiel er lächelnd ein, „Ihr ſeid ja in einer Aufregung, wie ich's gar nicht an Euch kenne. Und vielleicht thut Ihr dem Burſchen gar unrecht, denn woher wißt Ihr's, daß er es war und keine Ratze oder dergleichen? Das alte Haus ſchallt.“ „Woher ich's weiß? Durch meine eigenen ſehenden Augen!“ verſetzte ſie faſt heftig.„Bin Ich ihm nicht um vier Uhr im Corridor begegnet, dem Laffen?“ „Was um Gotteswillen habt Ihr um vier Uhr im Corridor zu thun?“ fragte er erſtaunt. „Du könnteſt wohl wiſſen, daß ich dann gewöhn⸗ lich aufſtehe,“ ſagte ſie grämlich.„Als ich mich gerade an⸗ ziehe, hör ich's draußen vorüberſchleichen. Nun ſag' ich's offen, an den Fratz dachte ich juſt nicht, hatt' ich ihn doch geſtern Abend die Thür zuſchlagen und ſchließen hören und mich weidlich über den Lärm geärgert. Aber Du weißt, Vincenz, ich bin was ängſtlich. Es ſtreift ſo viel Geſindel umher, alle Tage hört man irgend eine grausliche Ge⸗ ſchichte, und daß man hier vorſichtig ſei, hab' ich leider Gott's noch nie geſpürt—“ Vincenz Lachen unterbrach ſie von Neuem.„Nun bei Gott,“ meinte er,„Ihr denkt doch nicht etwa, daß das — 120 Gaunerpack ſogar dem„Tollen von Aare“ einen Beſuch abſtatten würde?“ „Weshalb nicht? Hat ſolche Bagage Reſpect vor ir⸗ gend etwas, und habt Ihr Euch die Wilderer etwa zu Freun⸗ den gemacht?“ erwiderte ſie lebhaft.„Nun alſo, da ich das Schleichen hörte, faß' ich mir ein Herz, nehme das Licht und hinaus und— da hab' ich denn auch gleich den Affen vor mir, der eben das Licht ausgeblaſen, als wollt' er ſich nicht ſehen laſſen. Und nun denk' Dir, Vincenz! Ich ſage ihm alſo nur: Was habt Ihr hier umherzuſchleichen und den Schlaf zu ſtören, Ihr Grasaff', der Ihr ſeid? Packt Euch in Eure Kammer und gebt Ruhe, will ich Euch ra⸗ then!— Da wälſcht er irgend etwas von Mund halten und mich ſelber packen und menagiren— recht verſtand ich's nicht, allein wie er dabei ausſah und mich anſtarrte, als wollt' er mich mit den Blicken erſtechen, das war deut⸗ lich wie deutſche Worte. Und das ſollt' ich mir von einem ſolchen Fratz gefallen laſſen?“ fügte die alte Frau zornig hinzu.„Niemals, Vincenz! Um des Kindes willen nicht, und um meinetwillen nicht! Und ſagſt Du's dem Herrn nicht, ſo geh' ich deshalb extra zu ihm hin, denn ſolche Wirthſchaft iſt niemals im Hauſe geweſen, und wenn Frau Charlotte davon erführe, bliebe ſie keine Stunde länger im Hauſe.“ „Ich verſtehe Euch aber in der That nicht, Mütter⸗ chen,“ ſagte Vincenz nach einer Pauſe mit leichtem Kopf⸗ ſchütteln.„Sanft ſeid Ihr dem Burſchen nicht entgegenge⸗ —— —,,— 121 treten und habt doch kaum Grund zu ſolchem Zorn. Was kann der arme Kerl denn dafür, wenn er keinen Schlaf fin⸗ det und ein wenig umherſtreift. Ihr ſagt ſelbſt, er ſei leiſe geweſen, was ſtört er denn Euch oder ſonſt Jemand?“ Die alte Frau ſah ihn eine Weile ganz verwundert an, bevor ſie, gleichfalls das greiſe Haupt ſchüttelnd, ent⸗ gegnete:„Na Vincenz, zuweilen geberdeſt Du Dich doch wie ein pures Kind, und noch nicht umal ſo, denn ſelbſt ein Kind verſteht leider Gotts—“ „Was denn Mütterchen?“ fiel er ein und ſeine Au⸗ gen blickten ernſt, faſt ein wenig mißbilligend auf ſie. „Redet doch den Leuten nichts Uebles nach, von denen Ihr noch gar nichts wißt, und was man ſelbſt den Schlimmſten nicht ohne Weiteres nachſagen ſollte. Hier iſt's nun eine ſchöne ſtolze Dame und ein bartloſer Knabe, mir deucht, das genügt. Ich find' es auch curios, daß eine ſo vornehme Frau ohne weibliche Bedienung kommt, aber wiſſen wir Beide, Mütterchen, was jetzt in der großen Welt draußen Mode iſt und ganz und gar nicht für unſchicklich gilt?“ „Du kennſt eben dieſe Art nicht— aber ich!“ meinte die Alte leiſe das Haupt wiegend.„Die Mutter, die alte Margarethe, war eine Dame, die den Kukuk nach Mode, Sitte und dergleichen fragte, ſondern nur nach ihrem eige⸗ nen Plaiſir. Und was ich von dieſer hier noch als Mädchen gehört und hernach, da ſie mit dem Welſchen verheirathet war, das iſt auch um nichts beſſer. Und kurz und gut,“ 122 ſchloß ſie,„ich will dergleichen hier nicht, meine Kleine iſt mir zu gut dazu und Frau Charlotte ſoll nicht glauben, daß ich aus der Art geſchlagen. Ich ſprech' mit dem Herrn.“ Das mußte denn auch wohl alsbald geſchehen ſein, da der Baron ein paar Stunden darauf, als er die Nichte wieder ſah, zu ihr von der Unruhe der Nacht und dem ſpä⸗ ten Spaziergänger in ſeiner unumwundenſten Weiſe redete. Beſonders ſchwer ſchien der alte Herr die Sache trotzdem jedoch nicht genommen zu haben. Er wurde wenigſtens durch Luciens Erklärung anſcheinend vollkommen befriedigt, ſtieg ſogar ſelber treppauf, um nach der als ſchlecht bezeichneten Kammer des Dieners zu ſehen, nannte ſie in der That gleichfalls ein:„Hundeloch“— es war auch nur ein dunk⸗ ler, vom Corridor durch eine Bretterwand abgetrennter Winkel— fluchte ein wenig über diejenigen, welche dieſe Localität für den„Affen,“ wie er Felix beharrlich nannte, beſtimmt hatten, und befahl für ein beſſeres Unterkommen desſelben zu ſorgen. Auch nach der fehlenden Kammerjungfer hatte er ſich bei der Nichte erkundigt, ſich aber noch leichter bei ihrer Erwiderung beruhigt, daß dieſelbe krank auf dem Herwege zurückgeblieben und die Dame hier einen Erſatz zu finden gehofft.„Davon verſteh' ich nichts,“ ſagte er,„und weiß nur, daß dergleichen Waare auf Tolleneck rar. Du mußt Dich eben an die alte Anna Margareth' wenden, Kind, die iſt ſo eine Art Oberkammerjungfer und Oberhofmeiſterin 4 und wird Rath wiſſen. Stelle Dich gut mit ihr, kannſt ſie ja noch kennen. Sie war ja ſchon bei meiner Frau und Tochter. Wenn Du mit ſolchem Wunſch zu ihr kommſt, mag ſie gnädig werden; ſie iſt zuweilen teufelmäßig ſcharf und verſteht im Punkte der Decenz, wie ſie's damit meint, gar keinen Spaß. Unter uns, der Affe hat es durch ſein Herum⸗ ſtreichen ſchon mit ihr verdorben, und das iſt bös, ſag' ich Dir. Ich wenigſtens würde mich wohl hüten, ſie mir feindlich zu ſtimmen.“ Die Gräfin lächelte ein wenig hochmüthig.„Er wird ſich eben darin finden müſſen,“ meinte ſie.„Wir halten's mit dem Fürſten von Tolleneck,“ fügte ſie mit einer graziöſen Vereinigung gegen den Onkel hinzu. Dieſer zuckte lachend die Achſeln.„Nimm's lieber nicht ſo leicht, Kind,“ verſetzte er.„Die Anna Margarethe zieht vielleicht die Hilda, die Hilda zieht mich, wer weiß! Unter ſolchen alten Hausgenoſſen geht's oft ſeltſam zu und man unterliegt Einflüſſen, die man ſelber nicht ahnt.“ Der alte Herr war heut' beſonders guter Laune. Aber es ſtellte ſich auch bald und in den nächſten Ta⸗ gen immer deutlicher heraus, daß dieſe gute Laune keine augenblickliche geweſen, ſondern wirklich eine dauernde war, was denjenigen Hausgenoſſen, welche über dergleichen über⸗ haupt nachdachten, um ſo mehr auffallen mußte, je hefti⸗ ger ſie den alten Herrn vor der Ankunft dieſer Gäſte und noch bei ihrem Empfang gegen dieſelben eingenommen ge⸗ 124 ſehen hatten. Hartwig Aare war im Grunde freilich ſtets ein wohlwollender Mann geweſen und gerecht genug, um ſelbſt ihm widerſtrebende Charaktere ſich wenigſtens ein⸗ mal näher anzuſehen und, was er dann Gutes an ihnen fand, auch willig gelten zu laſſen. Aber er war auf der an⸗ deren Seite auch, wie wir wiſſen, von einer derben Offen⸗ heit und Unumwundenheit ſeiner Neigungen und Abnei⸗ gungen, ſo daß Menſchen, die ihm nicht zuſagten und doch mit ihm verkehren mußten, einen mehr als ſchwierigen Stand mit ihm hatten und gewöhnlich bald jeden Annäherungs⸗ verſuch aufgaben. So hatten, um es zu wiederholen, diejenigen, welche die Verhältniſſe kannten und die Perſonen beobachteten, es den Geſchwiſtern vorausprophezeit, und fanden ſich darin, wenigſtens was die Gräfin betraf, nun vollſtändig getäuſcht. Der Baron war entſchieden von ihr eingenommen. Er ſpot⸗ tete wohl über ſie, aber er zankte nicht mit ihr; er widmete ihr zu Zeiten eine freilich nie ganz ernſt gemeinte altvä⸗ teriſche Galanterie und ſuchte für ſie zuweilen ſogar ſein nicht minder altväteriſches Franzöſiſch zuſammen. Er ließ ſich nicht allein von ihrem Leben erzählen und ſchien an ihre Mittheilungen zu glauben, ſondern er duldete es auch, was den ihm nahe Stehenden beſonders auffiel, daß ſie über die politiſche Lage und die Zeitverhältniſſe ihre Ausſichten ausſprach, und ging ſogar auf wirkliche Un⸗ terhaltungen darüber ein. — 125⁵ „Sie iſt immerhin meiner Schweſter Kind und da⸗ mit doch ſo ein Stück von uns, den„Tollen“, Gepat⸗ terin,“ ſagte er einmal wie zur Entſchuldigung ſeiner Sinnesänderung zur Generalin.„Ich rühme mich der Schweſter nicht, ich rühme mich auch ihrer Kinder nicht, ſage damit aber nicht, daß an der Einen und den An⸗ deren keine einzige gute Faſer geblieben. Etwas erbt doch fort, und wär's auch nur, daß die Lucie einen, wenn auch etwas gar zu luſtigen Geiſt im Kopfe und ſo viel Tact hat, ſich in die hieſigen Zuſtände mit guter Ma⸗ nier zu fügen, ihnen die für ſie luſtigſte Seite abzuge⸗ winnen. Sagen Sie ſelber, Gevatterin, ob das bei ei⸗ ner Dame, die ſtets ſich in der großen Welt umherge⸗ trieben, ihr Lebenlang ſich mit Intriguen herumgeſchla⸗ gen und in ihnen, ſo zu ſagen, geathmet hat, nicht al⸗ ler Anerkennung werth iſt? Ja, ich ſag's, es iſt ein ver⸗ wettert anlockendes Frauenzimmer, es plaudert ſich char⸗ mant mit ihr und hört ſich ihr noch luſtiger zu. Kann's mir wohl denken, daß ihr das Köpfe⸗Verdrehen ein wahrer Spaß iſt und— lachen Sie immerhin, Gevat⸗ terin, oder zanken Sie!— daß ſich dieſe Köpfe mit Vergnügen von ihr verdrehen laſſen. Und ſagen Sie, was Sie wollen,“ ſchloß er lachend,„Eure anmuthige Solidheit iſt ganz recht, bleibt auch das Beſte und Si⸗ cherſte, aber es muß daneben auch dergleichen luſtige Wirbel geben, von denen man ſich einmal herumreißen 126 laſſen darf, um ſich hernach in der ruhigen Flut wieder deſto wohler zu fühlen.“ „Sie ſind unverbeſſerlich, Hartwig!“ meinte die Ma⸗ trone halb lächelnd, halb ſeufzend.„Mich aber überreden Sie nicht; mein Urtheil iſt, wie Sie wiſſen, ein anderes. Und Sie ſelbſt— leugnen Sie es, daß Sie Ihre Nichte erſt mit wohlwollenderen Augen anſehen, ſeit Sie von ihrem Beſuch bei dem alten Emigranten in der Stadt er⸗ fuhren?“ „Das leugne ich auch ganz und gar nicht,“ ſagte der Baron ernſthafter,„wenigſtens nicht, daß ich dadurch ver⸗ anlaßt wurde, mehr auf ſie zu achten, als ich früher Luſt dazu verſpürte. Was wollen Sie, Gevatterin? Ein Menſch, an dem ein ſolcher Zug von Theilnahme und Bon⸗ hommie hervortritt, muß auch noch andere gute Seiten ha⸗ ben. Sie erfährt's, daß da der alte Burſche faſt vergeſ⸗ ſen und verſchollen haust, ſich auf das Erbärmlichſte und Ehrbarſte durchs Leben ſchlägt, und macht ſich zu ihm hin, plaudert mit ihm von la belle France, erheitert ihn, tröſtet ihn, bringt ihn dazu, ſeinen dummen Hochmuth fah⸗ ren zu laſſen und eine Unterſtützung anzunehmen, die ihm bisher immer umſonſt angeboten. Und weshalb? Er iſt eine Art Vetter ihres Mannes und hat auf ihrer Hochzeit noch geglänzt als Marquis oder Vicomte oder dergleichen. Allein was man auch ſ onſt von ihr hält, man muß es zuge⸗ ſtehen, daß ſie weder an ihre Hochzeit noch an ihren Gat⸗ 127 ten mit Vergnügen ſich zu erinnern hat. Und endlich, was hat ſie von ihrer jetzigen Gutherzigkeit? Nichts als den heiteren Blick eines alten Mannes, oder gar im Gegen⸗ theil nur das Mißtrauen der jetzigen Gewalthaber. Denn der alte Geſell iſt ein eingefleiſchter Königlicher und ver⸗ dammt Seine Majeſtät den Kaiſer Napoleon bis in den unterſten Schlund der Hölle— etwas, das man natürlich ſehr wohl weiß.— Das hat mir allerdings Reſpect ein⸗ geflößt, Gevatterin.“— Die Generalin ſchüttelte leiſe den Kopf und ſchwieg. „Mein Urtheil iſt ein anderes,“ hatte ſie geſagt und war durch Hartwigs Einwendungen augenſcheinlich nicht über⸗ zeugt, geſchweige denn umgeſtimmt worden. Sie hatte die Gräfin Barrois in Berlin bereits vor einem Jahre und auch neuerdings in der Geſellſchaft bemerkt und obgleich in einem Kreiſe lebend, wo Alles, was franzöſiſch hieß oder mit den Franzoſen in Verbindung ſtand, entweder gar keine oder nur eine erzwungene Aufnahme fand, den⸗ noch mehr von ihr vernommen, als ihr lieb war. Wie die Stimmung in dieſem Kreiſe war, zeigte ſich daran, daß das Haupt desſelben, die Prinzeß“** den Wunſch der Gräfin, ihr vorgeſtellt zu werden, auf das Höflichſte aber auch Beſtimmteſte zurückgeweiſen hatte.„Der Cirkel Ihrer Königlichen Hoheit iſt zu ernſt und ſtill, um einer Dame von der Heiterkeit und Lebensluſt der Frau Gräfin de Barrois eine Unterhaltung gewähren zu können,“ hatte die Oberhofmeiſterin dem Frageſteller zu antworten gehabt. „Ueberdies iſt Ihre Königliche Hoheit auch noch in zu tiefer Trauer um den Verluſt, dem Seine Majeſtät, das königliche Haus, das ganze Land in unſerer unvergeßlichen Königin erlitten, als daß ſie ſchon jetzt daran denken möchte, ihre Cirkel wieder zu vergrößern. Sie müſſen ſelber einſehen, mein Herr, daß die Vorſtellung der Frau Gräfin keine Ausnahme bleiben könnte, ſondern mehr als eine andere zur Folge haben müßte.“ Dieſe Zurückweiſung war wenigſtens in gewiſſen Krei⸗ ſen bekannt geworden und hatte zur Folge gehabt, daß die Dame von dieſer Seite fortan mit noch größerer Kälte aufgenommen wurde, als es ſchon bisher geſchehen. Man wußte ſie überdies— Buchhagen hatte etwas Aehnliches nur errathen, Hugo und Gerhard aber beſtätigten es jetzt — in einem häufigen, anſcheinend freilich nur geſellſchaft⸗ lichen Verkehr mit dem Baron von Hyneck, dem Adjutan⸗ ten und vertrauten Freund des Fürſten von D., welcher, man erfuhr nicht recht, zu was für Unterhandlungen nach Berlin gekommen war. Aber man hatte bisher den Für⸗ ſten für einen der deutſchen Sache völlig ergebenen Mann gehalten, man kannte Hyneck's Einfluß auf ihn und wollte neuerdings eine Schwenkung Beider auf die franzöſiſche Seite wahrnehmen, etwas, das man anſcheinend nicht ohne Grund wenigſtens zum Theil der Einwirkung Luciens auf Hyneck zuſchrieb. Lucie ſtand offen auf Seiten der 129 Franzoſen, ſie machte kein Geheimniß daraus, duß ſie die ſogenannte deutſche Sache für völlig verloren, ja für eine reine Chimäre halte und alles Heil von einem feſten Zu⸗ ſammengehen mit Frankreich erwarte. Auch hier auf Tolleneck verbarg ſie dieſe Anſicht nicht, wenn ſie dieſelbe auch nicht gerade zur Schau trug. Den⸗ noch ſprach ſie es einmal gegen Gerhard offen genug aus, daß ſie ſeinen Rücktritt aus dem preußiſchen Dienſt für ſehr vernünftig halte.„Es iſt vorbei mit Preu⸗ ßen,“ ſagte ſie. Es friſtet ſein Bischen Leben ſo hin, bis es ganz auslöſcht. Sie wiſſen das, trotz des zuwei⸗ len aufleuchtenden grimmigen Trotzes, recht gut und be⸗ reiten ſich auf ihr Geſchick mit der aufgeſetzten allſeiti⸗ gen Leichenbittermiene aufs Würdigſte vor. Für einen jungen Mann, wie Sie, Coufin, der doch vom Leben noch mehr will als ein Leichengefolge, iſt dort nichts mehr. Aber nun ſäumen Sie auch nicht, ſondern gehen Sie nach Kaſſel. Man wird Sie mit offenen Armen. aufnehmen, und wie ich die Verhältniſſe kenne, ſteht Ihnen eine glän⸗ zende Carriere bevor. Sie haben Alles, um dem König zu gefallen und Furore an ſeinem Hofe zu machen.“ Gerhard lachte dazu und meinte, er ſei noch zu dienſt⸗ und carriere⸗müde, um ſich nicht fürs Erſte noch ein wenig in der Freiheit Tolleneck's zu bewegen. Hugo von Platen dagegen, dem er ſpottend davon erzählte, ſtimmte in dieſe Luſtigkeit nicht ein. Der junge Mann Edmund Hoefer; Tolleneck. I. 9 130 war überhaupt, wie wir ſchon aus der erſten Begegnung mit ihm wohl ſchließen durften, ein ernſterer und gehalte⸗ nerer Charakter als Gerhard, und während dieſer der ſchö⸗ nen Couſine mit unbefangenſter Jugendluſt und ſichtbar voller Herzensfreiheit begegnete, der Dame vom erſten Tage an auf das kühlſte ausgewichen. „Sie ſpielt eine Rolle hier,“ hatte er zu dem Freunde geſagt,„ſei ſie auch welche ſie wolle, verlaß Dich darauf. Umſonſt iſt ſie nicht hergekommen.“ „Umſonſt? Den Teufel auch!“ meinte Gerhard lachend.„Weißt Du nicht, daß man in Berlin davon re⸗ dete, ſie ſo gut wie der Hippolyt lebten eigentlich nur vom Spiel, und daß man— aber ich erinnere mich, daß Du das nicht mehr gehört haben magſt!— Nun gut, man ſprach von ſehr bedeutenden Verluſten, die der Hippolyt letzthin gehabt. Ich glaube nun zwar nicht an dieſe ihre einzige Revenue,“ fügte er heiter hinzu,„aber ich glaube, daß es ihnen gerade ein wenig ſchlecht geht und ſie ſich hier wieder erholen wollen. Das iſt's.“ „Glaub' das nicht,“ erwiderte der ernſte Freund,„ſei wenigſtens vorſichtig und ermahne auch Deine Schweſter zur Vorſicht.“ „Die Hilda?“ rief der Bruder.„Glaubſt denn auch Du an dieſen ledernen Bewerber, Hugo? Laſſe Dir nichts in den Kopf ſetzen, Freund! Mag der Burſche auch toll vor Einbildung ſein— daran kann er nicht denken, damit — könnte er bei Hilda nie reuſſiren, ſie lachte ihm ins Geſicht — er könnte ja ihr Großvater ſein.“ Hugo Platen ſchüttelte mit leiſem Lächeln den Kopf. „Er iſt, glaub' ich, nicht ſo alt wie ich,“ ſagte er. „Gleichviel, Du uralter Patriarch, gleichviel! Er ſieht aber genau ſo aus, als könnt' er ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren Großvater ſein,“ entgegnete Gerhard mit unverän⸗ derter Munterkeit;„ſo verdorrt ſcheint er an Leib und Seele. Aber wir wollen uns nicht um den ledernen Ge⸗ ſellen quälen,“ fuhr er fort,„ſondern ein wenig von Dir reden. Nun Alter, ich habe mir ſchon ſeit ein paar Tagen gedacht, daß Du auf den Herrn Vetter eiferſüchtig und für die Hilda, was man ſo ſagt, ganz hin, obgleich—“ „Gerhard!“ unterbrach ihn erſchrocken oder mißbil⸗ ligend der Freund, über deſſen braunes, geſundes Geſicht ein dunkles Erröthen zuckte.. „Obgleich,“ fuhr der Andere luſtig und mit einer zurückweiſenden Handbewegung in ſeiner Rede fort,„ich wirklich nicht begreife, wie die Liebe zu einem ſolchen Prachtmädel wie Hilda Einen zum Kopfhänger und ſchmachtenden Seladon machen könnte! Die, mein' ich, müßte man mit Pauken und Trompeten feiern und zu allen Geſtirnen hinaufjubeln! Schade daß dieſer Ausbund zu meiner Schweſter erſchaffen wurde! Es gibt keine mehr, die ihr gleich, das geſtehe ſelbſt ich zu, und ich kann nie für mich auf ein ſolches Liebesglück hoffen.“ 9* Sie gingen eine Weile ſchweigend neben einander durch die Gartenanlagen hin denn auch Gerhard, der, wie wir wiſſen, die Schweſter abgöttiſch liebte, war bei ſeinen letzten Worten unwillkürlich ernſter geworden, und Hugo ſchien durch das Vernommene am wenigſten zu offene⸗ ren und heitereren Mittheilungen bewogen worden zu ſein. „Mein Freund,“ ſprach er endlich in einem tief ernſten und gewiſſermaßen gefaßten Tone,„gerade wie Deine Schweſter iſt und wie Du ſie liebſt, finde ich ſolch' ein Scherzen von Dir nicht recht. Das Eine mußt Du mir aber glauben: liebte ich ſie und könnte ich ihrer Gegenneigung verſichert ſein, ſo würde ich auch kein Geheimniß daraus machen, ſondern offen um ſie wer⸗ ben, am allerwenigſten aber als Kopfhänger oder, nach Deinem Ausdruck, als Seladon erſcheinen. Bin ich zu⸗ weilen nicht ganz frei und heiter— nun Du weißt, was kaum hinter mir liegt. Ich kann das noch nicht überwinden. Genug davon. Du aber, vergiß es nicht, und nimm es nicht zu leicht: hüte Deine Schweſter! Sie ſcheint mir in einer Weiſe von ihrer Couſine ein⸗ genommen, die nach meiner Ueberzeugung für ſie ge⸗ fährlich werden kann.“ Hildegard war allerdings in dieſen Tagen dieje⸗ nige geweſen, welche der Gräfin von allen Schloßbe⸗ wohnern nicht nur die freundlichſte Aufmerkſamkeit, ſon⸗ dern auch die offenſte und rückhaltsloſeſte Anerkennung 133 entgegengetragen hatte. Sie war darin weder durch die entgegengeſetzte Weiſe der von ihr hochverehrten Gene⸗ ralin, noch durch die unverhehlte Abneigung der alten Anna Margaretha, ihrer einflußreichen Dienerin und Pflegerin, irre gemacht worden, und es ſchien ſich hier bereits eine Folge der einſamen Erziehung zu offenba⸗ ren, welche Frau von Leſthen dem alten Baron als eine ſo gefährliche bezeichnet hatte. In Lucien lernte Hil⸗ degard die erſte Frau kennen, welche in der großen Welt nicht nur gelebt hatte, ſondern auch dort bis auf den heutigen Tag noch eine der gefeiertſten Erſcheinungen war, an Triumphe und Huldigungen gewöhnt, die an⸗ erkannte Herrſcherin eines großen Kreiſes. Was Ande⸗ ren in ihrem Leben bedenklich oder wirklich verwerflich erſchien, erfuhr das junge Mädchen kaum, verſtand es wenigſtens nicht. Sie ſah die Couſine ſchön und voll Geiſt und Leben, ſie fand ſie ſich gegenüber voll Lie⸗ benswürdigkeit und Munterkeit, ſie traf bei ihr eine willige Aufnahme ihres gelegentlichen Uebermuths, ja nicht ſelten ein luſtiges Eingehen auf denſelben. Es iſt daher ſehr begreiflich, daß ſie ſich mit ihrem ganzen jungen und fröhlichen Herzen aufs wärmſte an ſie an⸗ ſchloß und ſie bewunderte, ihre Anweſenheit wie ein Glück empfand. Ihre Umgebung ſah dies Alles, wie wir erfuhren, zum Theil nicht ohne ernſtliche Beſorgniß, denn das fröh⸗ liche Kind war Allen ans Herz gewachſen. „Finden Sie dieſe Freundſchaft, dies Anſchließen ge⸗ fahrlos, Hartwig?“ fragte die Generalin einmal den al⸗ ten Baron in faſt bekümmertem Ton, da Hildegard die Couſine eben zu Gott weiß was für einer Expedition mit ſich fortgezogen hatte.„Scheint Ihnen die Gräfin gerade die Frau zu ſein, deren Einwirkung auf Ihre Enkelin Ihnen erwünſcht ſein könnte?“ „Ah bah, ah bah!“ verſetzte indeſſen der alte Herr in ſeiner ſorgloſeſten Weiſe,„übertreiben Sie’s nicht, Sie Schwarzſeherin! Weshalb wollten wir der Kleinen die Unterhaltung nicht gönnen? Schaden nimmt ſie davon nicht, auf Edelmannswort! Was an Madame la com- tesse ſchadhaft iſt, kommt ihr nicht zu nahe, und käme es wirklich, ſo verſtänd' es Hildegard gar nicht, ſondern ſtieße es mit ihrer geſunden Natur unbewußt ab. Das glau⸗ ben Sie, Gevatterin.“ „Gott gebe es!“ ſprach die Matrone. So verſchiedenartige Eindrücke die Schloßbewohner durch Weſen und Auftreten der Gräfin empfingen, der Eindruck, den Hippolyt bisher gemacht, war dagegen ein außerordentlich gleichmäßiger. Der Herr war, was man neuerdings mit der Bezeichnung„blaſirt“ anzudeuten pflegt, im vollſten Maße und gab ſich anſcheinend kei⸗ nerlei Mühe dieſen Zuſtand zu verbergen. In Tollen⸗ —yj— —— eck und dem gegenwärtig dort verſammelten Kreiſe er⸗ zielte er dadurch freilich nichts, als daß man ſich gelang⸗ weilt oder gar angewidert von ihm abwandte, und er hatte ſogar das Unglück, daß ſeine frivolen Späße, welche wir die Schweſter ein paarmal erdulden ſahen, von den beiden jungen Männern, gegen die er ſie anfangs hie und da nicht zurückgehalten, auf das kühlſte abgelehnt wurden. Hildegard lachte ihm gelegentlich offen ins Ge⸗ ſicht, wo er ihr in ſeiner, bei einem Mann anderen Stan⸗ des ſicher plump genannten Manier ſich zu nähern und mit ihr zu ſcherzen ſuchte, und die Einzige von Allen, welche ihm etwas mehr als Duldung gönnte, war die Baroneſſe Chriſtine, die bejahrte Schweſter des Schloß⸗ herrn, die in der Einſamkeit Tollenecks alt geworden, nach der nicht ſeltenen Weiſe ſolcher alten unvermählten Damen an den Aufmerkſamkeiten Hippolyts Geſchmack fand. Sie war, obgleich von jeher eine gute und einfache Seele, niemals durch dergleichen verwöhnt worden, und war einerſeits viel zu ſchlicht und auf der andern Seite von ihrer Würde als Freifräulein von Aare viel zu ein⸗ genommen, um es für möglich zu halten, daß der Neffe ihr ohne den tiefſten Reſpect und den vollſten Ernſt nahen könnte. Den Spott, welcher für alle Uebrigen aus ſei⸗ nen Bemühungen für ſie hervorleuchtete, verſtand ſie nicht, und auch ihre Verwandten ſchützten ſie dagegen nicht. Man wußte es auf Tolleneck nicht anders, als daß Tante Chriſtine eben von aller Welt ein wenig geneckt wer⸗ den müſſe. Von Felix endlich war noch weniger die Rede. Nur die alte Anne Margarethe ſah ihn täglich mit größerem Widerwillen an. Achtes Capitel. Auf und abh. „Weiß der Teufel, wie es zugeht, aber unbehaglicher habe ich in dem alten Neſte da eigentlich noch nie gelebt,“ ſprach Baron Hartwig zuweilen gegen einen ſeiner Vertrau⸗ ten aus.„Wir ſitzen ſo fröhlich beiſammen und haben ein⸗ ander ſo lieb! Es iſt Alles, wie es niemals beſſer ge⸗ weſen; die Menſchen, die ich am liebſten habe, ſind bei einander, bei mir. Alle ſind fidel und mobil, ſelbſt der Hugo fängt an zu begreifen, daß er nicht nöthig hat ſich zu grämen, weil er einen ungezogenen Prahler über den Haufen geſchoſſen; es gibt zu leben, von Eurer Con⸗ tinentalſperre merken ſie hier nichts. Die Politik bleibt uns fern und das Wetter iſt charmant— und doch! Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's verſtehe!“ „Na darum könnt Ihr noch immer ein Biſſel auf Gottes Erdboden bleiben, Herr Baron,“ meinte Fritz Buchhagen beſchwichtigend, als er ſolche Exclamation gleich⸗ falls einmal vernommen.„Ihr habt doch ſonſt einen feinen Kopf gehabt und habt's noch immer ohne fremde Hülfe capirt, was Euch nöthig war. Hier aber iſt Seine ſataniſche Majeſtät noch viel weniger nothwendig als ſonſt.'s iſt ja fadengerade, Herr Baron. Thut doch nur die Augen auf!“ „Und was werde ich ſehen?“ fragte der alte Herr launig. Des Mecklenburgers Weiſe hatte ihn noch im⸗ mer und in allen Lagen aufzuheitern vermocht, ſo derb' ſie ſich häufig auch gab. „Was Ihr ſehen werdet?“ wiederholte Herr Buch⸗ hagen ſchmunzelnd.„Na, eh bien—“ „Fritz, plagt Dich der Teufel? Wirſt auch Du nun noch gar franzöſiſch?“ fiel Hartwig lachend ein. „Je nun, mein lieber Herr Baron, was hilft's? Wir müſſen uns Alle nach der Decke ſtrecken,“ verſetzte Buchhagen mit Gravität.„Wie lange währt's denn, bis wir Alle hier parliren lernen müſſen? Ein kluger Menſch wie ich ſchickt ſich aber ſchon bei Zeiten dazu an. Alſo, was Ihr ſehen werdet? Nummer Eins— ein hölliſch charmantes Frauenzimmer, das alle Welt amu⸗ ſirt und alle Welt genirt; einen vortrefflichen jungen Herrn, der ſich ſelbſt und alle Welt auf das ſträflichſte lang⸗ weilt; endlich einen geputzten jungen Menſchen, der wie 139 ein ſchönes Räthſel vor Allen ſteht und nur von zwei ſehr klugen Köpfen gelöſ't wird— von ſeiner Herrin, hoffentlich zu ihrer Zufriedenheit, und von unſerer alten Oberhofmeiſterin zu ihrer grimmigſten Verzweiflung—“ „Fritz, beim Teufel, halt' inne! Und das iſt nicht geflucht, wenigſtens kommt's dann auf Deine Kappe!“ rief der Baron mit einer Art verdrießlichen Lachens, wäh⸗ rend er der Explication des Wirthſchafters bisher mit ſichtbarem Ernſt gefolgt war.„Was zum Henker ſchwatzeſt Du da Alles zuſammen? Was ſchiebſt Du da dieſen Menſchenkindern Alles zu? Was hat Hippolyt's Lang⸗ weilerei mit unſerem Behagen zu thun? Wer kümmert ſich um ihn? Und nun gar der Grasaff', von dem Nie⸗ mand etwas hört und ſieht— Gottlob!— als die Alte, die auch beſſer daran thäte, wenn ſie ihre Naſe von dem abwendete, was ſie nichts angeht! Und endlich die Lucie — warum läßt man ſich durch ſie geniren? Bei Gott, ich lebe gerade mit keinem Menſchen ungenirter als mit ihr, und das iſt's, was mir mehr an ihr gefällt, als ich's irgend gehofft. Wenn's die Anderen nur auch ſo machten wie die Kleine und ich, ſo könnten ſie's ebenſo gut haben und— gerade heraus, Fritz, haben ſie's nicht? Laſſen ſie ſich geniren? Ich hab's bisher nicht geſpürt.“ Der alte Wirthſchafter ſah ſeinen Herrn eine Weile lang mit einem nachdenklichen, faſt zerſtreuten Blicke an, — etwas ſo Ungewöhnliches in den Augen des Barons, 140 daß dieſer plötzlich gutgelaunt ſagte:„Was gibt's, Alter? Du ſiehſt aus, als hätteſt Du Mäuſe gebiſſen!“ Da zuckte Buchhagen ein wenig die breiten Achſeln, rieb ſich mit dem Vorfinger ein wenig die rothe Naſe und verſetzte:„Wer weiß, Herr Baron! Es laufen Ei⸗ nem wenigſtens genug zwiſchen die Beine, daß man ſchon einmal darnach ſchnappen möchte! Und um wieder auf's Andere zu kommen: legt die Hand auf's Herz, Herr Ba⸗ ron, und ſagt offen heraus: Glaubt Ihr daran, daß die Beiden bloß hergekommen ſind, um ſich auszufüttern?“ „Nun, Fritz, es kann wohl ſein, daß es ihnen drau⸗ ßen auch ſonſt ein wenig zu heiß geworden. Was ich von der Lucie halte, ſo lange ſie in der Welt lebt, weißt Du. Aber was hat das mit unſerer Behaglichkeit zu thun?“ Fritz Buchhagen ſchüttelte den Kopf.„Und das wäre Alles, Herr Baron?“ fragte er. „Weißt Du etwas Anderes, Fritz? Daß der Hip⸗ polyt ſich vielleicht dummerweiſe einen Fang in den Kopf geſetzt— damit komme mir nicht!“ „Nun, Herr Baron,“ ſprach der Wirthſchafter mit dem gleichen ungewöhnlichen, nachdenklichen Ernſt,„ich hab' Euch getreulich berichtet, was Arthur Hyneck neu⸗ lich mit mir geredet und was ich ſelbſt mit dem Bären⸗ — wollte ſagen: Fuchsbauer erlebl. Ihr habt weniger darauf geachtet, als es ſonſt Eure Art—“ 141 „Weil's Einfälle waren, Fritz, nichts mehr,“ fiel der Herr ein.„Aber was hat das mit unſeren Gäſten, mit der Lucie u. ſ. w., mein' ich, zu thun und mit un⸗ ſerer Behaglichkeit? Darnach frag' ich ſtets von Neuem.“ „Merk's, merk's!“ ſprach der Wirthſchafter wieder einmal mit einer Art von Lächeln, fuhr dann jedoch mit erneutem Ernſt fort:„Nun, Herr Baron, ich komme nicht viel in's Haus und ſehe nur ſelten die Herrſchaf⸗ ten einzeln oder beiſammen; Einiges aber hab⸗ ich da⸗ bei doch capirt— daß die Dame trotz ihrer— Da⸗ menhaftigkeit und Harmlofigkeit, und der Herr trotz ſei⸗ ner Langweile Alles ſehen und hören, was es irgend gibt, Alles, Herr, wenigſtens wollen ſie's; und daß die Leſthen's zum mindeſten das außerordentlich gut be⸗ griffen haben. Das iſt Eins. Zum Anderen frage ich: Iſt das bloß verwandtſchaftliche Freundſchaft, daß Beide ſo ſehr nach unſerem Bernhard verlangen und über den verfehlten Beſuch in Wintersbach lamentirt haben, wie mir die Kleine erzählt hat? Der Buchhagen kann auch einmal mit Manier fühlen und meint, es wäre wenig⸗ ſtens gebräuchlicher geweſen, daß Madame den Beſuch Bernhards erwartet hätte.“ „Den Teufel auch, Fritz— man muß ſich vor Dir in Acht nehmen, merk ich!“ ſagte Baron Hartwig lachend. „Immerhin, Herr Baron,“ redete der Andere un⸗ geſtört weiter.„'n Biſſel Manier ſchadet keinem Men⸗ ſchen was, contrair!— Und endlich frage ich: Glaubt Ihr an dieſe Beſuche bei dem alten penſionirten Tanz⸗ meiſter in der Stadt— dreimal in zehn Tagen?— nur aus purer Menſchenfreundlichkeit?“ „Glaubſt Du nicht daran, Fritz?“ „Nein, Herr, und noch mehr: Ich glaube gar nicht an dieſe Beſuche. Der erſte, ja, mit dem hat's ſeine Richtigkeit; nachher iſt ſie aber gar nicht in die Stadt geritten.“ „Den Teufel auch! Woraus ſchließeſt Du das? Wohin denn ſonſt?“ rief Baron Aare raſch, faſt heftig. „Wohin? Das weiß ich noch nicht, aber wir brin⸗ gen's ſchon heraus. Der Reitknecht iſt eine verſtockte Beſtie und umgarnt, der bekennt's nicht. Aber in der Stadt waren ſie nicht, man kann die Pferde nicht auch falſch machen. Heiß waren ſie tüchtig, aber nicht müde, wie ſie's von dem vorgeſpiegelten Ritt doch werden müß⸗ ten. Darin macht man mir kein X für's U. Und fer⸗ ner, weshalb will ſie den fremden Reitknecht, der kein Wort Franzöſiſch kann und nicht ihren Kammerjunker, mit dem ſie jedesmal vor dem Ausritt eine grimmige Scene wegen ſeines Zurückbleibens hat und der nachher wie ein brüllender Löwe durchs Schloß ſtreicht?“ „Woher weißt Du das Alles?“ fragte Herr von Aare, der augenſcheinlich tief gedanken voll geworden. Fritz Buchhagen ſchüttelte jedoch den Kopf.„Das 143 2* iſt mein Geheimniß,“ verſetzte er.„Ich will Euch nur überzeugen, Herr Baron, daß nicht Alles ſo glatt weg geht, wie Ihr zu denken ſcheint, und daß es immerhin beſſer wäre, wolltet Ihr ein wenig mehr Acht geben, als ſeither. Da müßtet Ihr bald finden, was die Anderen längſt gefunden, daß der Teufel die Behaglichkeit holt, wo man ſtets ſich von einem fremden Auge belauſcht und von einem fremden Ohr behorcht fühlt.“ Der Baron ſchaute den alten Freund mit einem halb nachdenklichen, halb aber auch ſchlauen Blick ver⸗ ſtohlen an, ſchwieg indeſſen fürs Erſte noch und ſagte erſt, als ſie— denn ſie hatten ſich im Felde getroffen — das Schloß faſt ſchon wieder erreicht hatten:„Weißt Du was Neues, Fritz? Du biſt bloß recht grimmig, weil Du meinſt, ich habe allerlei Geheimniſſe vor Dir, während Du ſonſt mein erſter Vertrauter warſt. Du möchteſt denn auch nicht Unrecht haben, aber es muß erſt Alles reif werden. Komm heut' Abend ein wenig in mein Cabinet. Adio!“ Auffallen darf dieſe Antwort des alten Herrn, die allerdings nicht ſehr zu ſeinem Weſen zu ſtimmen ſcheint, wie wir es bisher ſchilderten, dem Leſer nicht. Wir haben ſchon früher einmal angedeutet, daß Hartwig Aare ſtets manches für ſich behielt und ſich ſelten oder nie von Jemand in die Karten ſehen ließ. Und ſeither war er anſcheinend gleichgültiger und ſorgloſer gegen Alles geweſen, was um 144 ihn her vorging, in Wirklichkeit aber, wie ſelbſt Buchha⸗ gen eben zu ſeiner Ueberraſchung gewahr ward, nur ver⸗ ſchloſſener als ſonſt. Was in der Unterhaltung am Abend— ſie war übri⸗ gens für niemand auffällig, da Buchhagen häufig zu ſol⸗ cher Stunde mit ſeinem Herrn über Wirthſchaftsangelegen⸗ heiten ſprach— verhandelt wurde, ob der Baron den Mecklenburger von der Grundloſigkeit ſeines Argwohns, oder dieſer den Gebieter von dem Gegentheil überzeugte, ob Beide einander neue oder weitere Enthüllungen machten, kam niemand zu Ohren, ja ward auch in der Folge nicht bemerkbar, da Beide ſich völlig in ihrer gewohnten Weiſe gaben. Nur würde Jemand, der auf dergleichen Acht ge⸗ geben, Buchhagen ſeitdem vielleicht wieder mehr in ſeiner behaglichen und jovialen Laune gefunden haben. Indeſſen hatte der Wirthſchafter mit ſeiner letzten Bemerkung, daß die ſtete heimliche Beobachtung der Ge⸗ ſchwiſter von den anderen Hausgenoſſen bemerkt und peinlich empfunden worden, das Richtige getroffen, und gerade an dieſem Abend und zu derſelben Stunde, da Herr und Diener im Cabinet des Erſteren weilten, ſagte die Gene⸗ ralin zu ihrem Gatten:„Laſſe uns fort, Leſthen. Ich be⸗ kenne Dir offen, daß ich mich von Tag zu Tag in dieſer Geſellſchaft weniger heimiſch fühle. Im Uebrigen ſind wir jetzt über ein Vierteljahr fort geweſen, und endlich 145 mußt auch Du, wenn Du hier beſondere Zwecke verfolgteſt, wiſſen, woran Du biſt. Laſſe uns fort!“ Der General ſchritt, die Hände auf dem Rücken zuſam⸗ mengelegt, ſchweigend im Zimmer auf und ab.„Hm!“ meinte er endlich,„wenn ich wirklich einen beſonderen Zweck verfolgt hätte, wär'ich ſicher nicht damit zu Stande gekommen, Charlott'; der Alte iſt zäher und verſteckter als je. Und daß wir jetzt fortſollten— nun, Du weißt, wes⸗ halb wir Berlin und die Güter auf ſo lange Zeit verließen. Mir deucht, je länger unſere Abweſenheit dauert, deſto beſſer iſt's für— ſie und uns.“ „Ou ſprichſt ſeltſam vorſichtig, Freund,“ ſagte ſie leiſe, aber in verwundertem Tone. „Weil ich ſeit der curioſen Nachricht, welche Du von der alten Anna Margaretha erhielteſt, den Wänden in Tolleneck nicht mehr traue, Charlott', und den Menſchen dort oben noch weniger.“ „Ja, apropos dieſe Beiden, Leſthen! Glaubſt Du, daß durch unſere Anweſenheit hier die Augen drüben mehr von uns abgelenkt werden, daß man weniger an uns denkt, weniger von uns erfährt?“ „Möglich, möglich, Charlott’! Aber doch weniger als dort, wo man uns mit den Herrſchaften in der Verbindung ſieht, die man einmal beargwöhnt. Laſſe uns noch immer eine Weile hier, auch Hugo's wegen, der am beſten für's Edmund Hoefer: Tolleneck. I. 10 Erſte ſich zurückgezogen hält, und den ich doch nicht gern allein hier laſſen möchte.“ L Die Generalin ſeufzte.„Gerade Hugo's wegen möchte ich je eher deſto lieber fort,“ redete ſie leiſe. „Weshalb? Was gibt's?“ fragte der Gatte lebhaft und blieb vor ihr ſtehen. „Haſt Du denn gar keine Augen, Leſthen? Siehſt Du es nicht, wie er ſich zu Hilda geſtellt hat? Willſt Du ſein Gefühl zur vollen Liebe werden, willſt Du die Kleine endlich vielleicht damit übereinſtimmen laſſen, Alter?“ Der General ſah ſeine Frau einen Augenblick tief ge⸗ dankenvoll an, dann glitt jedoch ein frohes Lächeln über ſein Geſicht und er ſagte heiter:„Glaubſt Du das wirklich, Charlott'? Das wär' ja ein Glück, wie's der Junge, und eine Freude, wie Hartwig und wir ſie uns gar nicht größer wünſchen könnten!“ „Ich nicht, bei Gott, ich nicht, Leſthen!“ rief ſie erregt.„Hätte es ſich auf andere Weiſe gefügt, ſo möchte es eher ſein, obgleich ich zum mindeſten nie vergeſſen würde, daß Hugo ein armer Mann und Hildegard ſehr reich iſt— „Ah bah, Alte, dummes Zeug! Es hat ſchon man⸗ cher arme Officier gegen den Reichthum ſeiner Braut nur ſeinen Degen auf die Wagſchale zu legen gehabt, und es„ iſt doch gegangen. Und hier iſt’s nicht einmal ſo ſchlimm. Etwas hat er doch.“ 147 „Gleichviel, Leſthen; ich würd' es dennoch nie ver⸗ geſſen können— ich habe nun einmal dieſen Stolz, wenn Duss fo heißen willſt, oder nenne es Aberglauben!“ verſetzte ſie.„Jetzt aber käme noch etwas Schlimmeres hinzu. Müßte Hartwig nicht am Ende auf den Gedanken kommen, daß unſer Beſuch, daß Hugo's Ankunft ein verabredetes Spiel geweſen? Haſt Du vergeſſen, was er über die Spe⸗ culation auf die Hand ſeiner Enkelin ſagte?“ „Von dem Laffen, dem Hippolyt, ja! Von dem Enkel Leſthen's und ſeiner Charlott— gewiß nicht,“ ent⸗ gegnete der alte Herr mit ſoldatiſcher Straffheit, zu der ſich zugleich auch ſein Körper aufgerichtet hatte.„Ueberhaupt, ſchäme dich, Charlott', Alte,“ fuhr er fort, indem ſich in den blauen ſcharfen Augen und den Zügen des rothen Geſichts etwas wie ein leiſer Unwille zeigte,„Du kennſt Hartwig über vierzig Jahre und haſt ihn, wie Du Dich auch zu Zeiten geberdeſt, von jeher wahrhaft lieb gehabt. Wie kannſt Du damit nur auf ſolche Einfälle kommen, zumal Du ſo gut wie ich gehört haſt, daß er ſelber ſo etwas mit Freuden kommen ſehen würde?“ .„Glaubſt Du daran? Du nannteſt ihn noch eben ſelbſt verſteckt,“ verſetzte ſie. Auch ihre milden Züge hatten einen Ausdruck von Finſterkeit gewonnen. „Als Politiker, um's kurz ſo zu heißen— ja,“ erwi⸗ derte Leſthen beſtimmt,„als Menſch— niemals. Es gibt da keine offenere, ehrlichere und treuere Natur als den Alten. . 10* Und geſteh's nur, Charlott',“ fügte er hinzu,„ich durch⸗ ſchaue Dich doch! Einmal biſt Du zu ſtreng und haſt an der Hilda manches auszuſetzen, was Dir an der Frau Deines Enkels nicht gefallen würde, und anderſeits haſt Du für Hugo ſicher ſchon etwas Anderes im Kopf. Hm?“ Sie antwortete nicht, ſondern ſchüttelte nur leiſe das Haupt. Gleich darauf trat auch noch Hugo herein, um den Großeltern gute Nacht zu ſagen. Der General ſchien freilich nicht geringe Luſt zu haben, den Enkel ſogleich ſelbſt ins Gebet zu nehmen, ließ ſich davon je⸗ doch durch einen lebhaften, warnenden Blick ſeiner Gat⸗ tin zurückhalten, und der junge Mann ſelbſt war auch anſcheinend zu zerſtreut oder gar verſtimmt, um vor ei⸗ nem anderen als durchaus gleichgültigen, friedlichen Ge⸗ ſpräch Stand zu halten.„Gerhard wußte wieder etwas von dem Herrn Hippolyt zu erzählen, das irgend Jemand erlauſcht haben will“, ſagte er wie zur Erklärung ſeiner Stimmung.„Mir iſt all dieſe Spionerie verhaßt, wäh⸗ rend Gerhard darüber lacht. Und das verſtehe ich nun gar nicht. Denn iſt es nicht erfunden, ſondern etwas Wahres daran, ſo müßte man den widerlichen Burſchen oder ſonſt Jemand zur Rechenſchaft ziehen. Du wenig⸗ ſtens dürfteſt keinen Augenblick mehr mit dieſen Men⸗ ſchen verkehren, Großmama.“ Ueber den Inhalt des Ver⸗ nommenen wollte er ſich nicht auslaſſen.„Ach laßt es gehen, es iſt ſchmutziges Gerede!“ ſagte er. 149 Es war allerdings eine Aeußerung Hippolyt's über die Ausflüge der Schweſter geweſen, deren wir vorhin auch Buchhagen gedenken hörten, und ſie war, wenn auch kein Name erlauſcht worden, ſo rückſichtslos und rück⸗ haltslos geſchehen, daß ſie ſich allerdings nicht zur Mit⸗ theilung an eine Dame eignete. Die andere Nachricht, deren der General erwähnte, war dagegen mehr nur pikant geweſen. Lucie ſollte nämlich gegen ihren Vater ſich über Hippolyt auf das Allerſchärfſte geäußert und hinzugefügt haben: auf dieſe Weiſe erreiche er ſeinen Zweck niemals, er ſtoße den Baron Hartwig und Hil⸗ degard eher zurück, als daß er ihr Wohlwollen zu ge⸗ winnen ſuche.„Wenn Sie ihm nicht einmal ernſt ins Gewiſſen und bei dem Onkel das Wort reden, Papa,“ hatte ſie hinzugefügt,„weiß ich nicht, ob überhaupt noch irgend Ausſicht für ihn iſt. Es iſt ſchon ſchlimm genug, daß die Kleine dieſen anderen Beſuch vor uns kennen gelernt. Wir ſind acht Tage zu ſpät gekommen.“— Und da hatte der alte Herr hüſtelnd und kurzathmig— er trug ſich in dieſen Tagen mit der Einbildung, daß ihm eine Lungenentzündung nahe bevorſtehe und redete ſchon jetzt, als ob er ſie bereits habe— geantwortet: „Ach liebes Kind, darin kann ich gar nichts thun! Dein Onkel hat einen ſo eigenen Kopf und die Hildegard iſt ein wildes, unbändiges, widerſetzliches Ding, mit dem ich nichts zu ſchaffen haben mag.“ Dieſe Nachrichten kamen ſtets von der alten Anna Margarethe, ohne daß man jedoch erfuhr, von wem dieſe ſie erhalten. Sie waren aber einmal da und rechtfertig⸗ ten vollkommen das Mißtrauen des Generals gegen die Tollenecker Wände. Und wie um dies noch deutlicher zu machen, theilte die Alte ſchon am nächſten Abende ih⸗ ren Vertrauten eine neue Beobachtung mit. Bald nach dem Mittagseſſen dieſes Tags— man aß auf Tolleneck nach alter guter Sitte mit dem Schlage zwölf Uhr— war Hyneck endlich einmal zum Beſuch gekommen und hatte ſich, da die Bewohner ſich bereits auf ihre Zimmer zurückgezogen, bei Lucien melden laſ⸗ ſen. Er traf die Dame allein, und ſein erſtes Wort nach ihrer luſtigen Begrüßung— der Horcher verſtand alſo franzöſiſch!— war:„Ich ertrug dieſe Abgeſchiedenheit nicht länger, Madame! Haben Sie das Zeichen nicht geſehen?“ „Allerdings, mein Freund,“ verſetzte ſie,„allein es war eben nicht möglich; man beobachtet mich ſicher noch mehr, als ich ſelber bemerke. Und im Uebrigen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie dabei, wie es dem Horcher ſchien, lachte, „können Sie ſich doch wahrlich nicht beklagen, Uner⸗ ſättlicher.“ „Und was verhießen Sie mir— damals in jener Morgenſtunde nach dem Ball beim ruſſiſchen Geſandten, Lucie?“ fragte er. 151 „Ich vergaß es nicht, Arthur,“ entgegnete ſie mit überaus weicher Stimme,„und was an mir liegt, erfüll' ich es auch. Aber Zeit müſſen Sie mir laſſen. Sie wiſ⸗ ſen, wie abhängig ich leider bin, ſogar von meinen Be⸗ gleitern! Ah Hyneck, ich weiß wohl, wie mich die Welt beneidet, allein ich bin wahrhaftig keine glückliche Frau!“ In dieſem Augenblick war Felix eingetreten.„Ah, alſo doch!“ ſagte der junge Menſch mit ſcharfer, lauter Stimme.„Ich wollt's gar nicht glauben, daß der Herr von Hyneck doch einmal den Weg herübergefunden und wieder gnädig aufgenommen worden! Man weiß übri⸗ gens drunten von der Anweſenheit des Herrn, Madame,“ ſetzte er hinzu,„und erwartet Sie. Es iſt dort ſogar noch einer—“ „Ich bitte, Herr von Hyneck, alteriren Sie ſich nicht! — Felix, biſt Du toll geworden? Hinaus augenblicklich, und laſſe Dich nicht wieder ſehen, als bis ich Dich rufe!“ ſprach Luciens Stimme mit hörbarer Erregung.— Dann vernahm man einen Ausbruch zornigen Lachens, die Thür wurde zugeworfen, und darauf ſagte die Gräfin klagend: „da ſehen Sie ſelber, Arthur, wie es mir geht! O, ich bin ſo abhängig! Aber laſſen Sie uns hinunter, mein Freund; man wäre im Stande uns noch ſchlimmere Scenen zu bereiten. Hippolyt—“ „Weshalb dulden Sie dies Alles, Lucie?“ fragte er ernſten Tones.„Weshalb jagen Sie dieſen Unver⸗ ſchämten nicht fort und bitten den Bruder, ſeiner Wege zu gehen?“ 3 „Kann— darf ich das, Arthur?“ verſetzte ſie. „Ich bin abhängiger als Sie glauben.“ Das war das Letzte, was der Horcher vernahm; im nächſten Augen⸗ blick verließen Beide das Gemach und vereinigten ſich mit der im weißen Saale verſammelten Geſellſchaft. Die Aufnahme Hynecks in dieſem Kreiſe war eine wo nicht herzlichere, doch freundlichere, als er nach dem langen Hinausſchieben ſeines Beſuchs zu hoffen gewagt. Baron Hartwig war entweder nicht ſo ſehr gegen ihn eingenommen, wie man ihm geſagt, oder für den Au⸗ genblick durch andere Dinge beherrſcht, welche ihn dem Beſucher nicht mehr als eine, man möchte ſagen: nur. gelegentliche Aufmerkſamkeit widmen ließen. Nach dem erſten, ſcharf muſternden Blick kam ein ziemlich wohl⸗ wollendes:„Na, ich fürchtete Dich ſchlimmer ausſehend zu finden! Es geht ja aber noch!“ und dann ſchnitt er die Entſchuldigungen des frühern Mündels mit den kurzen Worten ab:„Bah, Du biſt alt genug, um zu wiſſen, was Du thuſt, und der Hartwig hat noch Jedermann die Freiheit gelaſſen, zu kommen oder nicht zu kommen. Nun biſt Du da und ſo biſt Du willkommen. Meine Straf⸗ predigt kriegſt Du ſchon noch einmal.“ Gerhard begegnete dem Manne, der ihm in ſeinen Kinderjahren, wenn er einmal auf Urlaub daheim, nä⸗ 8* 153 her geſtanden als irgend ein Anderer, zwar mit nicht ganz freiem Herzen, da Hynecks Austritt aus dem preu⸗ ßiſchen Dienſt und neuerdings ſein zweifelhaftes Auftre⸗ ten in Berlin in dem jungen Offizier wie bei all ſeinen Cameraden eine gewiſſe Erkaltung hervorgerufen hatten. Hildegard dagegen flog dem Jugendfreunde mit dem vollen Ungeſtüm ihrer Natur auf das Herzlichſte ent⸗ gegen, und nun trat von der Seite der Generalin noch ein anderer, hagerer ſtiller Mann auf den Ankömmling zu und bot ihm warm die Hand. „Ich hab's erſt durch Buchhagen erfahren, daß Du bei⸗ mir geweſen und daß der dumme Burſche von Diener Dich abgewieſen,“ ſagte er mit einem faſt weichen Lächeln. „Mir haſt Du die Abweiſung doch ſicher nicht ange⸗ rechnet, Arthur; ich denke, wir kennen uns.“— „Bernhard!“ verſetzte Hyneck überraſcht und be⸗ wegt. Sie ſtanden Hand in Hand und muſterten ein⸗ ander ſchweigend, aber voll ſichtbarer tiefer, herzlicher Theilnahme. „Seitdem bin ich ein paar Tage verreiſt und ein paar andere wirklich unwohl und unſichtbar geweſen,“ redete Bernhard weiter, ſich Lucien zuwendend, die mit. augenſcheinlich lebhaftem Intereſſe den noch jugendlichen und doch ſchon ſo bleichen und gebeugten Vetter beob⸗ achtete;„und ſo bin ich auch Ihnen noch nicht be⸗ gegnet, meine Couſine— ich muß wohl ſagen: habe Sie noch nicht kennen gelernt. Wir ſind uns lange, ſeit den Kindertagen nicht mehr begegnet.“ Der angeſchlagene Ton klang fort, die Stunden verfloſſen auf das angenehmſte. Bernhard war freund⸗ licher, theilnehmender und freier, als die Seinen ihn ſeit lange geſehen, obſchon zugleich in ſeinem Weſen etwas lag, was alle zu raſche Annäherung und Ver⸗ traulichkeit, wie Hippolyt und in gewiſſer Weiſe auch Lucie ſie heut' verſuchen mochten, milde und doch unwi⸗ derſtehlich zurückwies. Und wie Hyneck ſich zu geben verſtand, wie er mit dem Jugendfreunde, mit dem frü⸗ heren Vormund, mit den übrigen alten und neuen Be⸗ kannten verkehrte, mäßigte wenigſtens manches Vorur⸗ theil, das bei dem einen oder anderen gegen ihn vor⸗ handen ſein mochte. Leſthen und ſeine Gattin bekann⸗ ten offen dieſen Eindruck gegen den Schloßherrn, als ſie Abends mit ihm allein waren. „Ja zum Henker,“ meinte Baron Hartwig ein wenig grämlich,„der Burſche hat alles Zeug zu einem Prachtkerl in ſich und handelt mit ſeinen Schätzen doch wie ein Narr! Weshalb ärgerte ich mich ſonſt ſo über ihn?“ Als Bernhard ein wenig früher als die Anderen aufbrach und drunten bei ſeinem harrenden Wagen Buch⸗ hagen fand, welcher erſt jetzt von ſeiner Anweſenheit erfahren hatte und ihm die Hand ſchütteln wollte, 15⁵ ſagte er leiſe und im nachdenklichſten Ton zu dem alten Freunde:„ſo hab' ich denn auch dieſe Couſine kennen lernen, Fritz, und es geht mir ſeltſam mit ihr. Kennen konnte ich ſie nicht mehr, wir ſahen uns, glaub' ich, ſeit achtzehn Jahren nicht. Und doch war ſie mir ſogleich bekannt. Ich habe inzwiſchen irgendwo entweder ſie ſelbſt oder eine Andere geſehen, die ihr zum Verwechſeln ähn⸗ lich ſein muß; der Name de Barrois freilich iſt da⸗ mals beſtimmt nicht genannt worden. Und ich kann mich abſolut nicht beſinnen, wo ich ihr begegnet ſein mag.“ „Na, ſag' ihr doch ſelber davon, Bernhard,“ meinte Buchhagen ſpöttiſch,„'s wird ihr außerordentlich ſchmei⸗ chelhaft ſein, denke ich, ſolch' Intereſſe bei Dir zu finden.“ „Du weißt, Fritz, dieſer Ton iſt bei mir verloren,“ entgegnete Bernhard ruhig.„Gute Nacht, Alter.“ „Und doch lüge ich Dir nichts vor, Bernhard,“ ſprach der Wirthſchafter treuherzig.„Sie intereſſirt ſich für Dich. Denke an mich— Du wirſt es ſchon ſel⸗ ber einmal merken!“ Neuntes Capitel. Allſo ein alter Lieböhaber. Der October des Jahres 1811 war von einer Schönheit, Wärme und Klarheit, daß er ſich bis auf unſere Tage in der Erinnerung der Alten als etwas niemals wieder Dageweſenes erhalten hat, zumal, da der große Comet ihn für Alle noch unvergeßlicher machte. Denn es war der Cometen⸗Monat. Das wunderbare Geſtirn ſtand in ſeinem vollſten Glanze am Himmel und leuchtete mit prachtvollem Schein durch die milden Nächte herab auf die bewundernden oder erſchrockenen Erdenkinder, denn Angſt und Aberglauben, die ſelbſt wir noch vor wenig Jahren bei einer ähnlichen Veran⸗ laſſung in unſerer Umgebung häufig bemerken konnten und oft vergeblich zu bekämpfen ſuchten, herrſchten da⸗ mals in viel höherem Maße, in viel weiteren Kreiſen, 157 und während die Ungebildeten vor Allem von drohen⸗ dem Krieg, von Peſtilenz und Hungersnoth träumten, ſahen die ſogenannten Gebildeten mit Beben einem möglichen Welt⸗Untergange entgegen oder fürchteten we⸗ nigſtens, daß Alles in den feurigen Schleiern des immer näher rückenden Unholds verſengt und der Vernichtung anheim fallen werde. Auch auf Tolleneck gab es mehr als Einen und Eine, welche vor der Angſt nicht zur Bewunderung der prachtvollen Erſcheinung gelangen konnten, obgleich ſie die erſtere freilich nicht gar zu ſichtbar werden laſſen durften, wollten ſie ſich nicht dem unbarmherzigen Spott der gleichfalls vorhandenen Ungläubigen ausſetzen. Hart⸗ wig Aare war Einer von denen, welche den gewaltigen Wanderer dort oben mit einem ſchier kindlichen Enthu⸗ ſiasmus begrüßten und unerſättlich anſtaunten. Er hatte ein Fernrohr auf den höchſten Thurm des Schloſſes hinaufſchaffen laſſen und kletterte unermüdet allabend⸗ lich die zahlloſen Stufen, Treppen und Treppchen hin⸗ auf, welche man bis dahin zu überwinden hatte, ein Weg, auf den ihm die Jugend ſchon um deſſentwillen bereitwillig und fröhlich folgte, weil ſie dabei durch Theile des alten Schloſſes kam, welche ſonſt in Jahr und Tag von keinem Menſchenfuß betreten wurden, und in dem durch die begleitenden Laternen kaum gelichte⸗ 158 ten Dunkel der öden hallenden Räume die erbaulichſten Studien über das„Gruſeln“ machen konnte. Hippolyt und Lucie hatten ſich dieſen Wanderun⸗ gen nur einmal angeſchloſſen; dann blieb der Erſtere zurück, weil er behauptete, der Weg ſei ihm zu müh⸗ ſam und der Lohn nicht groß genug; die Letztere aber erklärte ehrlich, daß ihr dieſer Weg Entſetzen ein⸗ flöße und ſie ſich in den durchſchrittenen Räumen halb zu Tode ängſtigen müſſe. Ueberdies war ſie diejenige, welche von allen Bewohnern Tollenecks, mit Ausnahme der alten Tante Chriſtine, die meiſte Sorge um den feurigen Himmelsgaſt verrieth, und ſich weder durch die ruhigen und vernünftigen Vorſtellungen Bernhards, der jetzt häufiger erſchien, noch durch den erbarmenslo⸗ ſen derben Spott Hartwigs beſchwichtigen ließ. Die ſchöne Frau vermochte an einen möglichen Untergang der Erde, auf der es ihr bisher ſo wohl gefallen, nur mit troſtloſem Entſetzen zu denken, und dieſe Schauer bildeten plötzlich ein Band, welches ſie mit der bisher kaum von ihr beachteten Tante Chriſtine vereinte, die gleichfalls ſich bisher in prüder altjüngferlicher Scheu ſteif von ihr zurückgehalten und ſich nun täglich mehr überzeugen zu müſſen meinte, daß man der lebensluſti⸗ gen Nichte viel Unrecht gethan. Wer ſich ſo chriſtlich und gottgefällig ängſtigte und ihr ſo vielen Reſpect be⸗ wies, konnte nicht gottlos und leichtſinnig, nicht ſündhaft 159 weltlich ſein, wie man es der Armen nachſagte und wie es die böſe Zunge, die Anne Margarethe, ſelbſt aus ihrem Leben und Treiben in Tolleneck beweiſen wollte. So ſchloß die alte Dame. Es war nur ein Unglück, daß ſie mit dieſer Sin⸗ nesänderung und ſolchem Urtheil jetzt noch vereinzelter ſtand, als es bisher der Fall geweſen ſein dürfte, denn die übri⸗ gen Hausbewohner traten der ſchönen Frau, ohne daß ein rechter Grund ſichtbar wurde, augenſcheinlich immer ferner, und ſelbſt diejenige, welche ihr bisher am offenſten ihre Zuneigung entgegengetragen. Hildegard, zog ſich in die⸗ ſen letzten Tagen auffällig von ihr zurück. Selbſt der alte Baron bekümmerte ſich, außer daß er ſie und ihre Angſt einmal verſpottete, ſo gut wie gar nicht um ſie, geſchweige denn, daß er ſie noch vertreten und vertheidigt hätte. Es blieb freilich unentſchieden, ob dieſer Vernachläſſigung eine abſichtliche oder nur zufällige war; der alte Herr war we⸗ nigſtens auch gegen die Uebrigen anders als ſonſt und hatte ſichtbar den Kopf voll von Dingen, die nicht angenehm ſein mochten. Aber auch Hildegard hatte ſich in einer Weiſe zu ver⸗ ändern begonnen, die keinem, der das Mädchen mit Liebe beobachtete, verborgen bleiben konnte. Es ſchien über das heitere und fröhliche Kind, das bisher ſorglos in den Tag hineingelebt und ſelten voraus⸗ oder zurückgedacht, mit ei⸗ nemmale ein Träumen und Sinnen gekommen zu ſein, welches die Kleine gelegentlich gar tief umfing und fie, die bisher ſich am lebhafteſten Anderen angeſchloſſen und die geſelligſte von Allen geweſen, zuweilen in eine Einſamkeit verlockte, aus der ſie nur ungern ſich aufſtören ließ. Nicht als ob ſie überhaupt viel geſetzter und damenhafter gewor⸗ den, wie mancher vielleicht vermuthen dürfte, welcher den Einfluß der gegen früher ſo ſehr veränderten Lebensweiſe und der größeren Geſellſchaft auf Tolleneck berückſichtigte. Im Gegentheil war die volle, ein wenig wilde Kinder⸗ luſt auch heute noch ihr unverloren und ſchlug zu Zeiten ſo heiß, keck und friſch empor, daß der Großvater zu ſeiner großen Genugthuung, und die Generalin faſt zu ihrem Kummer in ihr die unveränderte, echte und gerechte„Tolle von Aare“ anerkennen mußten. Zu Scherz und Luſt und Neckerei, zu allerlei fröhlichen Unternehmungen ſchien ſie ſogar oft noch geneigter als je, zumal ſie jetzt im Bru⸗ der ſtets, und häufig auch in dem viel ernſteren Hugo da⸗ bei nur zu willige Genoſſen fand. Allein hart neben ſol⸗ ſchen Stunden gab es nun die anderen, deren wir oben gedacht, wo ſie aus der fröhlichſten Luſt, aus der übermü⸗ thigſten Entfaltung ihrer jugendlichen— Kräfte, müſ⸗ ſen wir es wohl heißen,— in eine deſto auffälligere Stille zurückwich, welche ſie ſichtbar innerlich noch mehr be⸗ herrſchte, als dieſelbe ſie äußerlich umfing. Und es blieb dabei nicht; ſie nahm auch einen ande⸗ ren Ton, ein anderes Weſen an gegen die Menſchen, mit 161 denen ſie verkehrte. Sie ward fremder und zurückhalten⸗ der gegen die Gräfin, ungeduldiger und zuweilen ſpöttiſcher oder gar verächtlicher gegen Hippolyt's„Langweilereien,“ wie nicht ſie allein dieſe Weiſe des blafirten Herrn hieß. Sie hielt ſich meiſtens in einer wunderbar anmuthigen, nur hier ſich offenbarenden jungfräulichen Schüchternheit von der Generalin zurück oder ſchmiegte ſich ihr, wenn die Matrone zuweilen, beſiegt von dem Zauber des reizenden Kindes, ſich herzlicher und wärmer gehen ließ, mit der gleichen Schüchternheit an. Sie tollte mit Gerhard ge⸗ egentlich ſo luſtig wie je, und ſchrack doch oft vor dieſem oder jenem zurück, an dem ſie bisher niemals Anſtoß ge⸗ nommen. Sie liebte den General mit dem vollen Unge⸗ ſtüm ihres heißen Herzens— eine Zuneigung, die freilich von dem alten Herrn im vollſten Maße erwidert wurde. Sein Auge hing mit täglich wachſender Zärtlichkeit an ihr, und man konnte ſich kaum ein anmuthigeres Bild den⸗ ken, als wenn der heitere Greis hie und da die Erhitzte auf ſeine Knie, an ſeine Bruſt zog, daß ſie ſich dort erhole und ausruhe, und ſie ſo zärtlich, ſo traulich und fröhlich ſich ihm hingab, glücklich in dieſer Ruhe. „Ich will Dir was ſagen, Kleine,“ ſprach er einmal bei einer ſolchen Scene zu ihr,„komm Du mit mir; Du. weißt jetzt, wie weich Du's bei mir haſt und wie ſchwach ich gegen Dich bin. Kannſt mich um den Finger wickeln Edmund Hoefer; Tolleneck. I. 11 162 — das Hauptplaiſir aller alten und jungen Frauenzim⸗ mer— und beſſer triffſt Du's nirgends.“ „Dani ließe ſich handeln,“ verſetzte ſie, luſtig auf den Scherz eingehend.„Hier bin ich freilich wenig mehr nütz. Der Großpapa abandonnirt mich und Gerhard hat nichts als Tollheiten in Kopf, von denen ich mich nur zu oft verführen laſſe.“ Der Baron Hartwig lachte.„Schon recht, Undank iſt der Welt Lohn!“ meinte er.„Das kommt davon, wenn man ſo ein unbändig Ding verwöhnt und ihm, wie Du Alter, vorſpiegelt, daß Gott weiß was für Raritäten an ihm zu finden. Aber meinetwegen, nimm ſie mit. Sie iſt gar keine rechte Tolle mehr, ſondern eine Kopfhängerin.“ „Eben d'rum,“ bemerkte Leſthen luſtig, indem er über Hildegards an ſeiner Bruſt lehnenden dunklen kleinen Kopf ſtrich.„Das verlieren wir bei mir drüben auch wieder— gelt, Hilda?“ Sie ſprang lachend und erröthend auf und davon. „Ich weiß nicht, was Ihr wollt!“ rief ſie.„Ihr habt Euch verändert und ſeid Kopfhänger geworden, die nach und nach auch mich anſtecken. So iſt's!“— „Ich verſtehe Dich nicht, Leſthen,“ ſagte, als ſie nach dieſer Scene allein waren, ſeine Gattin von neuem zu ihm.„Spielſt du mit ihr, oder iſt es wirklich Dein vol⸗ ler rechter Ernſt? Siehſt Du nicht, daß ſich in ihr die Neigung zu Hugo immer lebhafter regt? Und wenn nun 163 auch er ſich endlich zu ihr neigte— ich geb' es ja zu, ſie iſt ein reizendes Geſchöpf!— ſo—“ „So wäre es genau ſo, wie wir es irgend wün⸗ ſchen könnten,“ fiel er halb ſcherzend ein, während der Gattin jedoch zu ihrem Schreck keinen Augenblick der volle Ernſt verborgen blieb, der ſich dahinter verbarg und auch ſchon in ſeinen nächſten Worten unverhüllt hervor⸗ trat.„Du haſt, ganz abgeſehen von den ſeltſamen Ein⸗ fällen von neulich Abend, ein Vorurtheil gegen das arme Kind, das durch nichts gerechtfertigt wird,“ ſagte er.„Je mehr ich die Kleine kennen lerne, deſto lebhafter ſtim me ich Hartwig zu: es gibt keine friſchere, frohere, geſund ere Natur als die ihre. Und ich wiederhol' es offen, daß ich mir keine liebere Enkelin denken kann und den Burſchen ei⸗ nes ſolchen Schatzes kaum für würdig halte.“ „Du vergiß'ſt,“ erwiederte ſie gleich ſorgenvbll,„daß man bei uns daheim anders denkt, fühlt und iſt. Ich weiß nicht, ob das Kind, wie es einmal iſt, Glück bei uns machen würde.“ Seine weißen Brauen zogen ſich flüchtig zuſam⸗ men.„Nun, zuerſt müſſen ſo ein paar junge Menſchen doch nach ihrem eigenen Glück fragen,“ ſprach er dann. „Du weißt wohl, Charlott', als ich Dich heirathete und der erſte verheirathete Officier im Regiment war, wurden wir auch nicht zum freundlichſten betrachtet und mußten uns die Anerkennung erkämpfen. Sind 11* 164 wir darum weniger glücklich geworden oder ward's uns zu ſchwer? Und im Uebrigen— der Braut Hugo's wird Hartwig es, wie ich glaube, ſchwerlich verweigern, eine Weile bei uns zu leben. Da kannſt Du ihr ſo viel Dreſ⸗ ſur beibringen, wie es Dir beliebt, obgleich dem Knaben, wie ich ihn taxire, gleichfalls ein munterer freier Wald⸗ vogel lieber ſein dürfte, als all' unſere ſchüchternen und ehrbaren Hühnchen und Gänschen.“— Und nach einer kleinen Pauſe, während der er ſie nachdenklich angeſehen, nahm er ihre Hand und fragte herzlich:„Gelt, Charlott', Du meinſt es auch gar nicht ſo bös— Du haſt das Kind lieber, als Du es zeigſt?“ Sie vergalt ſeinen Blick auf's innigſte.„Ich habe ſelten ein lieblicheres Weſen geſehen, und gelänge es mir, ſie mit uns von hier fortzunehmen!“— ſagte ſie abge⸗ brochen und fügte wieder nach einer Weile kopfſchüttelnd hinzu:„katholiſch iſt ſie auch!“ „Ah bah,“ meinte er lächelnd,„das iſt in unſerer Zeit doch Gottlob kein Hinderniß mehr, und ſelbſt für Hartwig kein Grund zum Ausweichen. Denke einmal nach, wie viele Ehen wir kennen, wo etwas Aehnliches ſtattfindet, und wo wäre dadurch Unglück entſtanden?“— Hilda war, als ſie vor den Worten der Ihren davonlief, treppenaufwärts nach oben geſprungen und hatte ſich dort in die Arme der alten Anna Margarethe geworfen, indem ſie halb lachend, halb ärgerlich ausrief: 165 „Ich weiß gar nicht mehr, was ſie Alle von mir wollen, Anna, und hab' keine ruhige Stunde! Nun ſoll ich mich wieder verändert haben, eine Kopfhängerin geworden ſ ein, und Gott weiß, was noch. Das iſt gar nicht mehr zum Aushalten, und wenn's ſo fortgeht, mach' ich mich wirk⸗ lich mit dem General auf und davon. Der neckt mich wohl auch, aber er ſtreichelt mich doch auch wieder. Hätt' ich nur nicht ſo einen grauſamen Reſpect vor— ihr!“ Die alte Frau lächelte und ſtrich liebkoſend über das dunkle weiche Haar ihres Lieblings.„Ja ja,“ meinte ſie dann, tief in die ſchönen, treuen Augen ſchauend,„dar⸗ auf wird's am Ende denn auch wohl hinauslaufen,— ſie nehmen Dich mit ſich fort, Kind, oder Du gehſt ſogar von freien Stuͤcken mit ihnen. Ich kenn' das ſchon. Du haſt von jeher Deiner Mutter Augen gehabt.— Die Frau von Leſthen meint' es neulich auch!— aber ſo wie jetzt, war's noch nie. Ich könnt' oft meinen, wir Alle wären zwanzig Jahre jünger und auf meinem Schooß hier ſä⸗ ßeſt nicht Du, ſondern Deine ſelige Mutter und erzählte mir auch, daß man ſie necke und ſie verändert finde und daß ſie doch nichts davon verſtehe; ſie wiſſe nur, daß ſie alle Welt viel lieber habe als je und viel glücklicher ſei als—* „Ach Anna, hat ſie ſo wirklich geredet? Nun ſiehſt Du, iſt das nicht ſehr, ſehr ſeltſam, daß auch ich es ge⸗ nau ſo von mir ſagen muß? Alle Welt freilich hab' 166 ich nicht lieber,“ fügte ſie lachend hinzu,„contrair, dieſe neuen Verwandten, beſonders der Hippolyt— puh! Aber Euch Alle— Alle, Anna, und den alten General und— hätt ich nur nicht ſolchen erſchrecklichen Reſpect vor ihr! Ach Anna, die mag mich nun einmal ganz und gar nicht, das fühl' ich nur gar zu wohl und das iſt's, was mir ordentlich Kummer macht, denn ich habe die ſchöne alte Frau ja ſo lieb!“. „Wie eine Großmutter, kann's mir denken,“ meinte die Alte lächelnd.„Und ſie verdient's auch; hat Deiner Großmutter Ehe gemacht und auch bei der Deiner Mut⸗ ter die Hand im Spiel gehabt, möcht' ich faſt glauben. Und daß ſie Dir nicht beide Arme offen hält, Kind, das kannſt Du ihr nicht ſo arg verdenken; ſie iſt aus einer anderen, geſetzteren Zeit, und was ihr ſonſt hier nicht gefällt, weiß ich auch. Haſt Du ſie aber erſt einmal, dann biſt Du auch geborgen, ſo lange ſie lebt. Ich habe ſie ſchon gekannt, da ſie noch das Fräulein von Myern hieß, und ein reineres und gold'neres Herz hat's nie⸗ mals gegeben.“ „Ja ja, Anna, ſo iſt's, ich fühle das tief! Und darum wäre ich ſo glücklich, wenn ſie mich möchte. Aber ich bin einmal ſo ein wildes ruſcheliges Ding,“ fügte fie mit einem kleinen melancholiſchen Seufzer hinzu,„und wenn ich's mir auch noch ſo gut vornehme, recht ma⸗ 167 nierlich und geſetzt zu werden— da kommt der Ger⸗ hard, oder der Vincenz, oder— oder— „Der Hugo, der Herr von Platen, gelt, Kind?“ „Ach ſei nicht ſo dumm, Anna!“ Ueber das junge Geſicht flog ein jähes, roſiges Glühen.„Herr von Platen iſt gar nicht ſo, ſondern wie ein Mann ſein ſoll, der eben kein Kind mehr. Der Gerhard aber bleibt immer ein'’s und ich auch! Nein, ich wollte ſagen: oder es kommen meine eigenen dummen Einfälle, und da iſts aus. Alle guten Vorſätze gehen— zum Teufel, wie der Großvater ſagt,“ ſchloß das anmuthige Kind la⸗ chend,„ich bin wilder als ich je geweſen, und— ſie mögen mich eben Alle nicht!“ „Bis auf den Herrn von—“ Die kleine Hand Hildegards legte ſich raſch auf die Lippen der Alten.„Wenn Du Dein Necken nicht aufgibſt, lauf' ich fort, Anna, und dann hab' ich kei⸗ nen Menſchen mehr, bei dem ich's aushalten kann, als den Gerhard und Vincenz, und dann dürft Ihr nicht zanken, wenn ich immer wilder werde, ſo, wie's Groß⸗ papa will— eine echte„Tolle.“ Ihr bringt mich dazu.“ Und indem die eben noch ſchmollenden Züge jählings einen nachdenklichen, faſt ernſten und ſorgenvollen Aus⸗ druck gewannen, fuhr ſie auch in verändertem Tone fort: „Sag' einmal, Anna, haſt Du geſtern Arthur Hyneck geſehen? Er war hier oben, um nach Dir zu ſchauen. 168 Was ſagſt Du— muß man ſich nicht recht ängſtigen um den armen Freund, wie der ſo leidend ausſieht, faſt wie Onkel Bernhard?“ Das runzelvolle Geſicht der alten Frau hatte ſich bei Hildegards Frage ſchnell verfinſtert, und ſie ſchob zugleich das junge Mädchen, welches bisher noch immer auf ihren Knien gehockt, wenn vielleicht auch nur un⸗ willkürlich, von ſich.„Der Herr von Hyneck bei mir? Da kennſt Du ihn ſchlecht, der hat ſchon luſtigere Wege,“ ſprach ſie hart und voll Hohn.„Und er weiß auch recht gut, daß hier bei mir kein Platz für ihn iſt, mögt Ihr drunten im Schloß auch Alle dumm genug ſein, ihm den alten wieder einzuräumen. Der Buchha⸗ gen ſagte mir übrigens neulich davon, daß er elend ausſehe, und das iſt kein Wunder und auch nicht zum Bedauern. Er iſt alt genug, um zu wiſſen: wie man's treibt, ſo hat man's!“ „Du biſt furchtbar hart, Anna!“ ſagte Hildegard ſichtlich betrübt über den herben Ton und die bitteren Worte der Alten.„Du haſt ihn doch lieb gehabt, wie wir Alle. Und was man von ihm redet— es iſt ge⸗ wiß nicht Alles wahr!“ „Es iſt wenigſtens nichts für ein junges Fräulein wie Du,“ verſetzte Anna unverändert, ja wo möglich noch herber.„Und am Beſten iſt's, wir ſprechen gar nicht über den. Wir verlieren dabei nichts.“ 169 Das junge Mädchen war zum Fenſter getreten, hatte den Ellenbogen auf das breite Geſims geſtützt und ſchaute nachdenklich, faſt trübe in den wundervollen Herbſtabend hinaus. Herzheim leuchtete von ſeinem Hügel wieder einmal herüber, wie damals, als es auch den Blick Hartwigs auf ſich gezogen, und die Sonne ſpie⸗ gelte ſich in ſeinen Fenſtern. Erſt nach einer ganzen Weile ſagte Hildegard: „Da kommt Couſine Lucie zurück Sie iſt heut' wieder in die Stadt geweſen.“ „Weiß es ſchon ſeit heut' Morgen,“ verſetzte die Alte kurz, ohne von dem herbeigezogenen Spinnrad auf⸗ zuſchauen. „Siehſt Du, Anna, gegen die biſt Du auch zu hart,“ ſprach das junge Mädchen wieder.„Dieſe Be⸗ ſuche bei dem alten armen Verwandten in der Stadt zeugen doch gewiß von einem guten Herzen. Großpapa — er hält eben bei ihr und redet mit ihr— ſagte das neulich auch?“ „Schon recht,“ meinte die alte Frau noch kürzer.— Es war wieder eine Weile ſtill und dann rief Hildegard plötzlich munter auflachend:„Ach Großpapa, wie Du doch närriſch biſt!— Da kommt eben ein Herr angeritten— ich kenne ihn nicht, es muß ein Fremder ſein!“ fügte ſie zur Erklärung ihres Ausrufs hinzu,—„und da gibt Großpapa Ferſengeld! So 170 macht er's immer! Kommen Gäſte, läuft er vor ihnen davon und flucht mörderlich; ſind ſie dann aber da, iſt er der Herzlichſte von Allen.“ „Iſt das auch wieder ein Gaſt, der da kommt?“ fragte die Alte grämlich. „Es ſcheint faſt ſo, Anna,“ gab Hildegard, noch immer hinausſchauend zurück.„Der Diener hinter ihm, ſehe ich, führt einen ſchweren Mantelſack. Es muß übri⸗ gens ein Bekannter von Lucien ſein; ſie hat ihn er⸗ wartet und reitet jetzt im Geſpräch mit ihm auf das Haus zu.“ „Nun Gott gnade uns! Noch mehr von der Ba⸗ gage?“ murmelte Anna Margaretha grollend vor ſich hin.„Mir deucht, es wäre ſchon an dieſen zu viel geweſen!“—— Drunten am Fuße des Tollenecker Schloßhügels und auf der Straße, die hier gegen das Gebirge und gleichfalls gegen die kleine Stadt zuführte— der Pfad, den wir vor einiger Zeit von Buchhagen verfolgt ſahen, war freilich viel kürzer, aber bekanntlich auch keineswegs angenehm, vielmehr für eine Dame ſogar gefährlich zu nennen— hatte in der That Lucie, nachdem Baron Hartwig ſich raſch von ihr getrennt, den Fremden er⸗ wartet, welcher von einem Diener gefolgt, herankam und nachdem er die Dame erkannt zu haben ſchien, ſein augenſcheinlich ſehr ermüdetes Pferd in Trab ſetzte. 1 171 „In der That,“ rief er, ſein Thier nahe vor ihr anhaltend, in franzöſiſcher Sprache,„das iſt eine Gunſt des Geſchicks, ſchöne Freundin, wie ich ſie gar nicht zu hoffen gewagt, Sie als die Erſte und fern von läſti⸗ gen Ohren zu treffen!“ Ihre blauen Augen blickten ihn finſter an, auf der weißen Stirn zeigten ſich leichte Falten.„Alſo ich irrte mich nicht— es iſt wirklich der Herr Vicomte von Vernay,“ ſagte ſie, ohne ſich im Geringſten Mühe zu geben, ihre Verſtimmung zu verbergen.„Ich wollte meinen Augen nicht trauen, da ich Sie erkannte. Das iſt in der That eine Ueberraſchung—⸗ „Welche ſchwerlich der meinigen gleichkommen wird, da ich Sie dort über den Hügel kommen ſah— in Begleitung eines ſimplen Dieners! Man iſt ungalant guf dem Schloß dort, ſcheint's!“ ſprach er ſcherzend. „Ich denke, der Herr Vicomte weiß, daß ich ſelbſt mir meine Begleitung wähle,“ ſagte ſie hochmüthig. „ Ja wohl, ja wohl, Madame!“ verſetzte er.„Ich bitte Sie, Lucie,“ fuhr er leiſe und im ſchmeichelnden Tone fort,„zanken wir uns doch nicht und verderben uns nicht dies ſchöne Wiederſehen!“ „Nicht dieſe Töne— ich kenne ſie, ſie verlocken mich nicht, mein Herr!“ rief ſie ſcharf und heftig.„Sagen Sie mir lieber offen— was führt Sie in dieſe Gegend und zu uns? Denn Sie wollen doch wohl nach Tolleneck?“ 172 „Ganz gewiß, Frau Gräfin,“ entgegnete er, und nun regte ſich auch in ſeiner Stimme etwas Anderes als die bisherige Höflichkeit, und in den blitzenden, braunen Au⸗ gen zeigte ſich etwas wie ein leiſer Spott.„Ganz gewiß! Und was mich dahin führt— nun Sie erlauben wohl, daß ich Ihnen davon nicht auf der Landſtraße Bericht abſtatte.“ „ Aber ich begreife das nicht,“ ſagte ſie heftig und man ſah's, daß ihre Finger ſich feſt um die Reitgerte zu⸗ ſammenzogen.„Ich weiß nicht, was das heißen ſoll. Mir deucht, da ich einmal ſchon hier bin—“ „Deswegen““ fragte er plötzlich voll ſcharfen Hohns. „Mein Herr!“ fuhr ſie auf.— „Frau Gräfin?“ Es war ein ſeltſamer, unbeſchreib⸗ licher Ton in dieſen Worten, und in ſeinem Auge, das ſich feſt auf ſie richtete, lag es wie leiſes Drohen, ſo daß ſie, die Beides nicht leicht überſehen oder mißverſtehen konnte, jede Antwort vermeidend und die Lippen zuſammenpreſſend, den ſchönen Kopf mit einer heftigen Bewegung von ihm abwandte.„Aber nochmals, zanken wir uns doch nicht,“ fuhr er zu dem früheren ſchmeichelnden Tone zurückkehrend, heiter fort.„Ich weiß, wir werden uns bald auf das Freund⸗ lichſte verſtändigen. Ich überlaſſe meine Einführung durch⸗ aus Ihnen— oder wenn Sie es lieber wollen, haben wir uns eben hier auf der Landſtraße zuerſt kennen gelernt. 4 Dieſer brave Herr Hippolyt muß natürlich unterrichtet werden.“ 1 „Zu ſpät!“ ſagte ſie nach einer Weile noch immer grollend.„Ihr Anblick überraſchte mich und ich nannte Ihren Namen gegen meinen Onkel, der gerade neben mir war. Weshalb benachrichtigt man mich auch nicht vorher von dieſem Ueberfall!“ „Alſo der Alte war dieſer Herr Baron von Aare!“ meinte er, ohne auf ihre übrigen Worte zu achten.„Und Sie haben mich ihm genannt?“ fügte er nach einer kurzen Pauſe munter hinzu.„Nun denn— alſo nicht der unbe⸗ kannte Vicomte von Vernay, ſondern ein alter Liebhaber! Ah, charmant das und vielleicht nur um ſo beſſer! Auf Ehre Madame, Sie ſollen mit mir zufrieden ſein!“ Sie antwortete ihm nicht, denn ſie waren in⸗ zwiſchen den Schloßhügel hinaufgeritten und lenkten ihre Pferde durch das Thor auf den Hof. Aber durch ihr verdüſtertes Auge zuckte ein Blitz des Zornes, und ihre Lippen preßten ſich noch feſter aufeinander. Zehntes Capitel. Diplomatiſche Conferenzen. Fritz Buchhagen war in einer Beweglichkeit, wie wir wohl ſagen müſſen, die man ſelten genug an ihm zu ſehen bekam. Jetzt war er im Stall und beſah und prüfte das Pferd, das den neueſten Gaſt herbeigetragen, und erkundigte ſich bei dem Diener, der glücklicherweiſe ein Elſaſſer war und deutſch ſprach, als echter Pferde⸗ liebhaber nach allen Eigenſchaften des Thiers, ſeinem Alter— über die Jahre, welche man an den Zähnen erkennt, war es bereits fort— ob der Herr es ſchon län⸗ ger gehabt und bei vorkommender Gelegenheit wohl ver⸗ tauſchen oder verkaufen möchte. Denn es war wirklich ein prachtvolles Thier und ſchien die verſchwenderiſchen Lobes⸗ erhebungen des Dieners in vollſtem Maße zu verdienen. „Wenn Ihr wüßtet, was die— es war eine Stute— 3 175 für Touren machen kann und muß, ohne ein naſſes Haar zu bekommen!“ ſagte der Diener. Monsieur le Vicomte reitet ſcharf und viel und faſt immer die hier. Die ande⸗ ren ſtehen ſchier umſonſt in unſerem Stall.“ „Und wo iſt Euer Stall, wenn man fragen darf?“ entgegnete Buchhagen. „Jetzt in Caſſel,“ erwiderte der Burſche,„aber der Teufel weiß, wie lange wir dort bleiben, oder ob wir überhaupt recht hinkommen! Bisher wenigſtens ſind wir faſt nur im Lande umhergezogen. Ah, meine Cameraden haben's gut, die pflegen ſich dort, während ich mich auf den Landſtraßen und in Euren langweiligen kleinen Städten umhertreiben muß. Der Teufel hole dies Leben und die vielen Freunde des Herrn!“ Der alte Wirthſchafter ſah dann ſo zu ſagen en amateur zu, als nach dem Frühſtück die Geſellſchaft zu Pferde ſtieg und einen Spazierritt machte— das Pferd des Vicomte's gefiel ihm über die Maßen und den Neiter ſelbſt erklärte er für tadellos— nur reite er ihm ein wenig gar zu theatraliſch, faſt wie ein nengliſcher Reiter,“ meinte er. Darauf ging er im Hauſe treppauf und beſuchte ein⸗ mal die alte Anna Margaretha und plauderte mit ihr, was nur ſelten geſchah; ging wieder, ſtrich durch das Schloß und den Garten und trieb ſich, wie geſagt, mit einer an ihm nicht gewöhnlichen Beweglichkeit umher, bis er gerade mit der zurückkehrenden Geſellſchaft vor der Thür zuſammentraf und, wie er es bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten früher immer gethan, Hildegard ſeine Hand zum Abſteigen bot. „Na Fritz, Du biſt ja ausnehmend galant!“ rief ihm der alte Baron, der in heiterſter Laune zu ſein ſchien, neckend zu, da er ihn zu der Enkelin treten und die Hand ausſtrecken ſah.„Wie iſt's mit den Kräften? Trägſt Du ſie noch?“ „Ach was!“ verſetzte Buchhagen ſchmunzelnd.„Wol⸗ len Sie, Hildchen?“ Und als das junge Mädchen luſtig beide Füßchen auf ſeine Hand ſetzte, richtete er ſich mit ihr auf und hielt ſie feſten, geraden Arms der ſtaunenden Geſellſchaft ſchwebend entgegen. Dann ſenkte er den Arm ſtetig, ließ ſie herunterſpringen und meinte, wieder zu Hartwig aufblickend, der vom Sattel aus zugeſchaut, mit lachendem Geſicht!„Die! Wollt Ihr's auch probiren, Herr Baron!“— Und auf das lachende:„Komm her!“ des alten Herrn, trat er zu ihm und wiederholte mit der gro⸗ ßen ſtarken Geſtalt desſelben das Kunſtſtück. „Gottes Blut!“ ſprach der Vicomte ſtaunend,„ſolche Kraft hätte ich keinem Menſchen zugetraut!“ „Sie hätten ihn vor zwanzig Jahren kennen ſollen,“ bemerkte Baron Hartwig lächelnd,„auch ich habe keinen ſtärkeren Mann kennen gelernt. Jetzt ſind wir Alle alt geworden.“ „Na, die Kräfte noch nicht, Gottlob!“ ſagte Buch⸗ 177 hagen, der dieſe Worte verſtanden, mit ruhiger Behag⸗ lichkeit und fügte dann, da er die Geſellſchaft ſich der Thür zuwenden ſah, hinzu:„Wenn Ihr hernach einen Augenblick Zeit hättet, Herr Baron— ich habe ſo aller⸗ hand zu berichten und zu fragen.“ „Gleich, Fritz!“ entgegnete der Herr und indem er ſich zu dem Vicomte wendete, fuhr er in ſeinem altvä⸗ teriſchen Franzöſiſch fort:„Jetzt, mein Herr, muß ich Sie ſich ſelbſt überlaſſen. Um dieſe Zeit, bis zum Diner, geht in Tolleneck Jeder ſeine eigenen Wege. Wollen Sie aber noch hinaus— mein Enkel Gerhard wird Sie gern begleiten und Alles zu Ihrer Dispoſition ſtellen.“ „Ich danke Ihnen, Herr Baron,“ antwortete der höfliche Franzoſe mit einer aumuthigen Verbeugung.„Da Sie mir aber ſo liebenswürdig die Ruhe in Ihrem Schloß geſtatten, möchte ich ſie auch genießen, es wird unſer Ei⸗ nem im Strudel der Welt ſelten ſo gut. Ueberdies muß ich der Frau Gräfin hier pflichtmäßig von den Klagen und der Trauer der Geſellſchaft berichten, der ſie ſich ſo plötzlich und grauſam entzogen. Ihre Einſamkeit hier iſt aber ſo charmant, Herr Baron,“ fügte er galant hinzu, „daß ich eine ſolche Flucht ſchon jetzt zu begreifen an⸗ fange.“— „Na Gottlob, das iſt doch ein recht ehrlicher Burſche!“ murmelte Fritz Buchhagen, als er ſich unter den Linden vor der Thür allein ſah. Man darf nicht vergeſſen, daß Edmund Hoefer: Tolleneck. J. 1 178 zu jener Zeit und nach all den Kriegsjahren und Trup⸗ penzügen in dieſen Gegenden faſt Jedermann ſo viel Franzöſiſch verſtand, um zur Noth einem Sprechenden folgen zu können. Im nächſten Augenblick ſchritt der alte Wirthſchaf⸗ ter plötzlich mächtig aus und auf Vincenz zu, den er eben gegen die Ställe zugehen ſah.„Halt ſtill,“ ſagte er, da er den jungen Mann, der ſein Herankommen be⸗ merkend, ſtehen geblieben war, endlich erreichte, mit auf⸗ fälliger Dringlichkeit,„und was Du auch zu thun haſt, laß es jetzt. Du mußt hinauf. Es iſt kein Augenblick zu verſäumen. Denn weißt Du, wer dieſer Herr Vi⸗ comte iſt? Der Bärenbauer, Junge, damals von der Mühle—“ „Buchhagen!“ rief Vincenz zweifelnd. „Sicher, Junge! Ich erkannte das Pferd ſchon, und da ich den Herrn im Sattel ſah, war ich meiner Sache gewiß. So reitet nur dieſer— ein wahrer Kunſt⸗ reiter, ſag' ich Dir. Ich täuſche mich nicht. Und eben bekannte er ungenirt, daß er mit unſerer ſchönen Dame zu reden habe. Verlaß Dich darauf, da wird irgend etwas ausgeheckt, was uns nicht gleichgültig ſein kann. Du mußt hinauf.“ Ueber das offene Geſicht des Jägers flog etwas wie ein leiſes Mißvergnügen.„Ungern!“ ſagte er.„Ich hab' es zuerſt auf Euer Drängen und eigentlich nur Spa⸗ 179 ßes halber gethan. Und was hat es uns genützt? Dumm⸗ heiten haben wir erfahren, nichts weiter. Und ich ſag' Euch, Buchhagen, ſolch' Horchen iſt ein fatales Ding, und wär's auch nur, weil es ganz und gar kein Spaß iſt, eine ſchöne Frau in ihrem eigenen Zimmer zu be⸗ lauſchen. Da paſſirt allerhand, was man am Beſten unbeachtet läßt. Und ſchön iſt ſie, das muß ihr der Neid laſſen.“ Buchhagens kleine Augen ſtreiften das Geſicht ſei⸗ nes Begleiters mit einem ſchnellen aber prüfenden Blick, und dann entgegnete er:„Das Alles hat was für ſich, Junge, ich geb's zu. Jetzt aber mußt Du hin,— Du wirſt uns doch nicht im Stich laſſen wollen?“ „Sei's alſo d'rum, diesmal noch!“ gab Vincenz, jetzt wirklich mißmuthig zur Antwort.„Gibt es dies⸗ mal aber wieder nichts als das Bisherige, dann dispen⸗ ſirt mich, Buchhagen. Es iſt mir fatal und Euch nützt es nichts, ſag' ich.“ Er ging ſchweigend fort, dem Schloſſe zu; der Wirthſchafter ſchaute ihm gedankenvoll nach. Als der junge Mann durchs Haus und die Trep⸗ pen hinaufſchritt, fand er es überall todtenſtill. Erſt im„Mittelbau,“ nicht weit vom weißen Saale, hörte er andere Schritte und begegnete, da er um eine Ecke bog, Felix, der mit verdroſſenem Geſichtsausdruck an ihm vor⸗ überſtreichen wollte. Vincenz, der Einzige vielleicht im Schloß, der dem Burſchen zuweilen Rede und Antwort 12* 180 abgewonnen— er ſprach freilich auch ſelbſt ein ſehr ge⸗ läufiges Franzöſiſch, womit es bei den übrigen Schloß⸗ bewohnern, wie wir wiſſen, mangelhaft genug beſtellt war— hielt ihn jedoch zurück und fragte lächelnd:„Wo⸗ hin ſo haſtig und ſo grämlich, Freund?“ „Ah, nach Herzheim hinüber, um dem Herrn Hy⸗ neck den Beſuch des Vicomte's für heut Nachmittag an⸗ zuzeigen,“ entgegnete der Burſche, der freilich verdrießlich genug ausſah. „Schicke einen Reitknecht, das thut's auch,“ meinte Vincenz lächelnd. „Ah— ich ſoll felbſt hinüber, Madame will, ich ſolle mir Motion machen! Ich weiß aber ſchon wes⸗ halb, bin nicht ſo dumm!“ Und er ſchoß vorüber. Vincenz ſtand einen Augenblick und ſchaute ihm lebhaften Auges nach. Man ſchickte ihn alſo fort— den Vertrauten?— Der Jäger ſtieg die nächſten Trep⸗ pen ſchneller hinauf und verlor ſich droben in den weit⸗ läufigen Räumen des Baues, wo die Geſchwiſter und auch die jüngeren Hausgenoſſen hauſ'ten. Er ſah Luciens Thür eben noch ſchließen, ohne jedoch den Eintretenden er⸗ kannt zu haben. Er ſchloß aber nicht mit Unrecht auf den geheimnißvollen Fremdling, da es ihm gut genug bekannt war, daß von den Einheimiſchen ſo leicht Nie⸗ mand die Dame in ihren eigenen Räumen heimſuchte. Und er hatte ſich auch nicht geirrt. Der Vicomte 181 Vernay war eben in Luciens Zimmer getreten und ſchaute, nachdem er die Thür hinter ſich zugezogen, ohne einſt⸗ weilen weiter vorzutreten, mit einem forſchenden, klugen Blicke aufmerkſam umher. Es entging ihm augenſchein⸗ lich nichts, nicht die Verzierungen des Gemachs, nicht das um das Bett gebildete kleine Cabinet, weder der große Ofen, noch der Erker, noch die verſchiedenen, zum Theil im Tafelwerk und den Tapeten kaum ſichtbaren Thüren. „Das ſind Schränke?“ fragte er, auf ein paar der letzteren deutend, ohne die Geſchwiſter, welche beide im Zimmer waren, weiter zu grüßen. Und als er Lucie zur Antwort nicken ſah, fügte er hinzu:„Keine Ausgänge?“ „Nein,“ ſagte ſie kalt. „Charmant! Und die Thür dort?“ „Zu meinem Zimmer, das ſtets verſchloſſen iſt,“ bemerkte Hippolyt von ſeiner Sophaecke, aus der er es nicht für nöthig hielt ſich zu erheben. „Vortrefflich! Dies alte Schloß iſt wohnlicher als man von Außen ihm anſieht. Sie ſind hübſch logirt, Madame, aber auch ſicher?“ „Wir haben nichts gefunden und nie etwas geſpürt,“ meinte Lucie mit der vorigen Kälte in Stimme und Blick. Auch ſie ruhte nachläſſig in einem tiefen Lehn⸗ ſtuhl, den Rücken gegen die Fenſter gewendet, ſo daß ihr Geſicht trotz des hereinfallenden Sonnenlichts ver⸗ hältnißmäßig tief beſchattet war. Ueberdies zeigte ſich vor dem nächſten Fenſter das Rouleau niedergelaſſen. „Und Sie wiſſen, mein lieber Vernay, wie viel meiner Schweſter an einem ungeſtörten Daheim gelegen iſt!“ fügte Hippolyt mit einem Ausdruck von gutmü⸗ thiger Neckerei hinzu. Herr von Veruay lächelte leiſe und verbeugte ſich wie zuſtimmend. Dann trat er einige Schritte in's Zimmer und gegen die Plätze der beiden Geſchwiſter vor und ſagte, das leicht gelockte ſchwarze Haar von der Stirn ſtreichend, wie vollkommen heiter:„So hätten wir uns alſo doch noch einmal zuſammengefunden, meine Freunde, und nochmals eine gemeinſame Thätigkeit vor uns.“ „Sie überraſchen mich,“ verſetzte Lucie noch immer kalt, während jetzt indeſſen ihre Stimme zugleich auch einen ſarkaſtiſchen Klang gewann.„Nach Ihrer glän⸗ zenden Unvorſichtigkeit mußte ich Ihren Beſuch wohl für einen rein freundſchaftlichen halten.“ „Ah bah! Weil ich dieſem wilden Baron erklärte, daß ich mit Ihnen plaudern wolle?“ verſetzte er ſpöt⸗ tiſch und ließ ſich bequem in einen Stuhl ihr gegenüber ſinken.„Lieber Gott, dieſe deutſchen Bären lieben das offene Wort und vertrauen ihm. Daß etwas dahinter ſtecken könnte, ahnen ſie nicht. Alſo ganz ruhig, ſchöne Dame! Vernay vertritt, was Vernay gethan.“ 183 „Nun wohl, ſo thun und vertreten Sie weiter,“ ſprach ſie mit ge fuchter Gleichgültigkeit. „Noch immer erbittert, ſchöne Feindin?“ fragte er 1— ſcherzend.„Wie ungerecht d iſt! Ich kann Sie ver⸗. ſichern, d aß mein Zweck mit Ihren Privatangelegenheiten nicht im entfernteſten zu thun hat, ja daß ich im Ge⸗ gentheil, wenn Sie mir den Weg zeigen wollen, auf dem ich dies vermag, Ihnen auf das Bereitwilligſte mich zu Gebot ſtelle.“ „Damit Sie uns zugleich mit ſich ſelbſt endlich auf das unheilbarſte compromittiren!“ meinte ſie erbittert. „Gräfin,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe in verändertem Tone und ſchüttelte auch leiſe den Kopf, „Sie ſind in merkwürdig ſchlechter Laune und wollen mich entſchieden verkennen. Sonſt würden mir ſolche Aeuße⸗ rungen wie Ihre letzte völlig unbegreiflich ſein.“ „Meine Laune?“ brach ſie jetzt heftig aus.„In der That, mein Herr, es heißt die Geduld eines Engels ermüden, wie man mir neuerdings begegnet! Soll ich Sie an Berlin erinnern und an das elende Markten um die armſeligen paar tauſend Francs? Soll ich Sie daran erinnern, daß man mich genöthigt hat— genöthigt, mein Herr!— nach dieſem verwünſchten Schloſſe zu gehen—“ „Wie ungerecht, Madame! Man begegnete ja auf das Liebenswürdigſte Ihren Wünſchen, wie ich hörte,“ fiel er kopfſchüttelnd ein. Sie beachtete dieſe Worte nicht, ſondern redete noch heftiger weiter:„und da ich nachgebe, da ich dieſen Aufenthalt nützlich zu machen ſuche,— da ich mich für Euch opfere, mein Herr— jetzt ſoll ich mir dies belei⸗ digende Mißtrauen gefallen, mir meinen Preis aus der Hand winden laſſen, nur für Euch gearbeitet, mich ge⸗ langweilt haben? Gefehlt, mein Herr! Ihr täuſcht Euch in mir! Braucht man mich nicht, oder mißtraut man mir— wohlan, ſo ſage man es, und ich gehe. Es wird ſich ſchon noch ein Platz für mich finden, wo ich nicht mehr ſolchen ewigen Hetzereien und Brutalitäten ausge⸗ ſetzt bin, und nicht mehr gezwungen werde, aus angeneh⸗ men Verhältniſſen faſt wie eine Abenteurerin zu entwei⸗ chen!“ Sie hielt tief athmend inne. „Peſte!“ ſagte nach einer Weile Hippolyt mit einem Blick zum Himmel,„wollte Gott, es wäre wahr und Du hätteſt ſo ein hübſches Capitälchen, z. B. in der engliſchen Bank!— Aber ich habe es Ihnen ſchon geſtern Abend ge⸗ fagt, Vicomte,“ wandte er ſich an dieſen,„daß Sie in ihr gegenwärtig ſo eine Art kleiner Löwin finden würden und ſich nicht einmal darüber wundern könnten. Die arme Schwe⸗ ſter hat hier auch wirklich zu wenig Glück gehabt. Der Sohn des—“ 3 Sie fuhr jäh zu ihm herum, ihr Auge traf ihn mit 185 einem blitzenden, zornigen, drohenden Blick; ihre Lippen öffneten ſich— aber bevor ſich ein Wort von ihnen los⸗ rang, trat der Vicomte mit einem leiſen, Stille heiſchenden Laut und einer beſ chwichtigenden Handbewegung dazwiſchen. „Wenn Sie überhaupt noch Vernunft annehmen können, Madame,“ ſprach er ziemlich derbe,„ſo müſſen Sie ſchon jetzt und ohne jede nähere Erklärung mein Erſchei⸗ nen für gerechtfertigt halten. Sie müſſen einſehen, daß Ihre jetzige Laune ſo gut für Ihre wie für unſere Zwecke die allernutzloſeſte, ja ſogar geradezu gefährlich iſt. Sie müſſen mir meine Offenheit verzeihen, Frau Gräfin,“ re⸗ dete er einlenkend weiter,„wir haben keine Zeit zu Compli⸗ menten und dürfen noch weniger hier im Hauſe etwas von dieſem thörichten Zank verlauten laſſen. Sie müſſen zur Beſinnung kommen, Madame, und mich zuerſt ruhig an⸗ hören— der Herr Bruder wird uns mit ſeinen Einfällen ein andermal unterhalten. „Seien Sie ein gutes Kind, Lucie,“ fuhr er fort, da ſie ſich wieder in ihren Stuhl zurückgelehnt und das fin⸗ ſtere Geſicht auf die feine Hand geſtützt,„hören Sie mich und ſehen Sie ein, daß Ungerechtigkeit und Mißtrauen nur auf Ihrer Seite. Ich geb' es zu, man hat Sie in Berlin rückſichtslos behandelt. Der Miniſter hat dem dummen Menſchen aber auch einen derben Brief geſchrieben, und ihm die Sache augenblicklich zu ordnen befohlen. Er fand die 80,000 Franes in drei Monaten zwar ein wenig ſtark, 186 allein er weiß auch, wie dankbar er ſein muß, daß die Gräfin de Barrois ihm ihre Unterſtützung gewährt.“ „Peſte!“ ſagte Hippolyt,„das laſſen wir uns gefallen!“ „Für Sie, mein Herr, iſt auch eine kleine Notiz in dieſer Correſpondenz,“ redete der Vicomte ruhig wei⸗ ter,„nur klingt ſie Ihnen vielleicht nicht ganz ſo ange⸗ nehm. Der Miniſter ſchrieb nämlich, er habe jetzt jen e 80,000 Francs um ſo eher anweiſen laſſen, da er wohl eingeſehen, daß nicht ſowohl die Frau Gräfin, als viel⸗ mehr der— Herr Bruder dieſe Summe auf eine ſolche Höhe gebracht. Er habe aber nicht die geringſte Luſt, fernerhin die Dienſte eines Agenten zu bezahlen, die ihm bisher niemals ſichtbar geworden—“ „Mein Herr Vicomte!“ Hippolyt fuhr aus ſeiner Ecke empor, über das ſchlaffe Geſicht flog eine jähe raſch wechſelnde Röthe. „Was beliebt?“ verſetzte Vernay kalt und mit fe⸗ ſtem Blick.„Wollen Sie Ihre Einwendungen direct an den Miniſter gelangen laſſen. Ich referire nur mei⸗ nem Auftrage gemäß. Da man indeſſen, wie Sie begreif⸗ lich finden werden, von Ihrem Thun und Treiben ziem⸗ lich genau unterrichtet iſt, ſo möchte ich Ihnen als Freund rathen, demnächſt etwas von den verheißenen Dienſten ſichtbar werden zu laſſen, oder wenn Sie eine ſichere Rückzugslinie kennen, dieſe ſobald wie möglich einzu⸗ 187 ſchlagen. Man wird Ihrem Rücktritt, vermuthe ich, nicht entgegen ſein.“ „Wir ſprechen uns ein andermal!“ ſagte Hippolyt grollend und erhob ſich vollends. „Mit Vergnügen,“ verſetzte der Vicomte mit höfli⸗ cher Kälte, und nachdem der junge Herr zornig und mit ſtarken Schritten das Zimmer verlaſſen, und die Thür unhöflich ſtark hinter ſich zugeworfen, fuhr er mit einer Art Seufzer fort:„Nun Gott ſei gelobt, daß wir ihn endlich los wurden! Geſtehen Sie's, alte Freundin, er hat Sie mehr in Harniſch gebracht, als Ihre eigenen Affairen. Ich weiß das ja. Allein was ich nicht weiß, iſt,— was haben Sie von dem Burſchen, daß Sie ihn noch immer mit ſich umherſchleppen?“ Lucie hatte während der ganzen eben abgeſpielten kleinen Scene kaum einmal das im finſteren Nachdenken auf dem Boden haftende Auge erhoben und auch ſonſt keine Bewegung gemacht. Jetzt erſt ſah ſie auf und den Vicomte zerſtreut an, und erſt nach einer Pauſe erwiderte ſie gedämpft:„ich gönne ihm das, Charles, ſeien Sie ſicher! Er iſt unerträglich. Allein ich kann ihn nicht entbehren, wenigſtens jetzt noch nicht, und wir müſſen einen Weg zu finden ſuchen, auf dem ſich dieſe alberne Hitze wieder beruhigen läßt. Vergeſſen Sie es nicht, daß er ſchließlich meine einzige Legitimation.“ 188 „Hat ſich denn irgend ein Zweifel erhoben?“ fragte er. „Nein. Aber wird ſich auch keiner erheben? Ich geſtehe es Ihnen, Vicomte, ich fühle mich unſicherer als jemals und ſpüre ſtets etwas von einer unbeſtimmten Angſt. Aber laſſen wir das,“ fügte ſie hinzu.„Ich mag nicht darüber reden— ſehen Sie, auch da iſt wie⸗ der die Angſt!— Lachen Sie mich nicht aus, Char⸗ les, ſondern bedenken Sie meine Stellung— ſelbſt Hippolyt hat ja keine Ahnung davon, wie die Sachen ſtehen; und das iſt freilich mein größter Schutz, denn ich traue ihm nicht, und nehmen auch Sie ſich in Acht. Nun aber wirklich genug hiewvon und jetzt— was gibt's Vicomte, und was führte Sie hieher?“ „Ja allerdings, es wird Zeit!“ ſagte er ernſter als bisher.„Sie ſind unvorſichtig geweſen, meine Freun⸗ din— in drei Wochen kein einziger wirklicher Bericht! Nur— freilich werthvolle Notizen, allein keine einzige Entdeckung!“ Sie ſchüttelte den Kopf.„Ihr habt gut reden,“ verſetzte ſie lebhaft, faſt ungeduldig.„Kommen Sie hieher und entdecken Sie— es iſt hier etwas An⸗ deres als in den modernen und modiſchen Hausweſen, die uns geläufig ſind. Hier iſt Alles wie aus einem Guß, keine Spalte, in die man ſich hineindrängen, durch die man hineinblicken könnte; kein Theil, der ſich ablö⸗ 189 ſen und für uns gewinnen ließe. Ich weiß noch nicht einmal, ob überhaupt etwas zu entdecken iſt.“ „Ach bah! Und das ſagen Sie, Lucie, Sie? Und Sie ſind rings von dieſen Geheimnißkrämern und Maul⸗ würfen umgeben. Dieſer alte Baron zum Beiſpiel—“ „Ja, dieſer alte Baron zum Beiſpiel!“ wieder⸗ holte ſie.„Sehen Sie ihn ſich an, meinen Herrn Onkel, ſtudiren Sie ihn, er macht's Ihnen nicht ſchwer. Er iſt von einer zum Theil grimmigen Offenheit. Er ſagt Ihnen vielleicht geradezu, daß er die franzöſiſche Herrſchaft nicht goutirt; aber hart daneben ſpricht er's auch aus, daß er von der anderen Seite gleichfalls kein Heil erwarte, und verſpottet die Aufſtände von 1809, man muß ſagen, für einen Landsmann jener Wahnſinnigen auf das unbarm⸗ herzigſte.—“ „Eben darum, Lucie! glauben Sie daran?“ fiel er ein. „Warum nicht, Vicomte? Ich habe wenigſtens keine Gegenbeweiſe, ſondern weiß nur, daß der Alte überhaupt nichts mit der Politik in unſerem Sinne zu thun zu haben ſcheint. Ich wiederhole: ſtudiren läßt er ſich leicht, aber von Beobachtung iſt ihm gegenüber keine Rede, zum min⸗ deſten nicht hier, in Tolleneck, in dieſem Kreiſe.“ „Und ich wiederhole! das ſagen Sie, Lucie? Es gäbe Niemand hier, bei dem Sie, gerade Sie, anknüpfen könnten? Dieſer Mecklenburger— wie heißt er?— iſt 4 190 freilich unzugänglich, glaube ich ſelber, heißt das, für Sie direct und unmittelbar. Aber auch ſonſt? Da iſt Ihr Herr Papa—“ 3 „Unbrauchbar, mein Freund! Er bekümmert ſich um nichts als um die Krankheiten, die er bereits gehabt zu ha⸗ ben glaubt, oder die er zu bekommen erwartet, ſchreibt an einem Regiſter der deutſchen Freiherren und iſt Alles, nur nicht im Vertrauen ſeines Schwagers.“ „Die alte Schweſter?— Sie ſehen, ich fange mit denen an, die ich noch nicht geſehen.“ „Eine Null, Vicomte, kränklich, hochmüthig und dumm.“ „Alſo mit der Familie iſt es nichts,“ ſagte er nach⸗ denklich.„Denn daß dieſer junge Monſieur Gerhard nicht tiefer eingeweiht iſt, läßt ſich vorausſetzen. Da iſt freilich noch der Sohn hier in der Nähe.— Es zuckte ein leichter Verdruß durch ihr Geſicht, als ſie raſch einfiel:„Das iſt der Unzugänglichſte von Allen und zugleich auch für uns der Gleichgültigſte. Ich kenne ihn noch weniger als mir lieb und habe keine Ahnung von dem, was in ihm ſteckt. Allein es geht Allen ſo, und daß er wenigſtens nicht conſpirirt, noch überhaupt an die öffentlichen Zuſtände denkt, iſt ſicher genug. 4 „Und doch, meine Freundin, beſucht ihn dieſer Ge⸗ neral Leſthen und wird mehr mit ihm zuſammengeſehen, 8 191 als irgend ein Anderer,“ bemerkte Vernay mit einem lau⸗ ernden Blick auf ſeine ſchöne Nachbarin. „Und ohne daß ich dabei geweſen, ſchwöre ich Ihnen, Vicomte, daß Beide nur perſönliche Berührungspunkte „haben,“ ſagte die Gräfin beſtimmt.„Bernhard war im Jahre 1807 Adjutant des Generals, der ſeitdem an ihm und ſeinem Ergehen Theil nimmt. Das iſt Alles.“ „Alſo laſſen wir ihn,“ ſprach Vernay“ nach einer Pauſe gedankenvoll, fügte jedoch alsbald lebhafter hinzu: „Da bleiben denn nun die anderen Hausgenoſſen.“ Sie zuckte die Achſeln und erwiderte kurz:„Deutſche Bären oder Tölpel.“ „Alle?“ „Mit zwei Ausnahmen— ja. Da iſt erſtens eine alte Kammerfrau, noch von des Onkels Gemahlin her, und jetzt bei der Kleinen; ein kluges, aber auch verdrießliches Geſchöpf, das mich mit ſeinem Haſſe beehrt. Ueberdies ſpricht ſie nur Deutſch— für mich alſo ſo gut wie ſamojediſch.“ „Haben Sie denn wirklich Ihre theure Mutterſ prache vollſtändig vergeſſen?“ fragte er lachend. „Spotten Sie nur, Vicomte!“ entgegnete ſie mit leichtem Kopfſchütteln.„Es iſt dumm genug, daß meine Zunge ſo ungelenk, und ich verſichere Sie, hätte ich vor⸗ her gewußt, wie nothwendig mir das Deutſche gerade hier 192 ſein würde, ſo hätte ich mich vielleicht doch nicht an dieſe Sache gewagt. Man iſt niemals vorſichtig genug.“ Es blieb eine Weile ſtill zwiſchen ihnen, dann aber ſagte er:„und Ihre zweite Ausnahme? Ich irre wohl nicht, wenn ich dafür dieſen Vincenz Tolle nehme— einen Ver⸗ wandten meine ich ihn nennen gehört zu haben?“ fügte er lächelnd hinzu. 4 „Allerdings, er trägt ſeine Abſtammung im Geſicht,“ verſetzte ſie ruhig.„Ihn meine ich in der That. Er iſt ein kluger und zugleich heißer Kopf, im Vertrauen Aller, der Kinder ſo gut wie des Alten, jener alten Frau, des Monſieur Buchhagen. Er wäre der Einzige, wo ich nach Ihrem Ausdruck anknüpfen könnte, obgleich ich ſelbſt von ihm nichts über den Baron erwarte. Gibt es bei dem überhaupt etwas, wiederhole ich, ſo erfährt ſelbſt dieſer Vincenz nur nebenher davon. Conferenzminiſter iſt er nicht.“ „Aber der Monſieur Buchhagen iſt das— nicht? Alſo ſehen Sie, meine Freundin!“ ſagte der Vicomte leb⸗ haft.„Und wie Sie einmal ſind,“ fügte er treuherzig hinzu, „wird es Ihnen nicht ſchwer fallen, dieſen Kopf zu dem Ihren zu machen. Ihnen brauche ich nicht zu ſagen, daß man da ſeine Gunſt nicht peinlich abwägen muß. Es iſt ein ſchmucker Burſche, ſag ich ſelbſt.“ Es war wieder ſtill im Zimmer, bis ſie nach einer Weile entgegnete:„Das würde ſich Alles finden, Vicomte. 193 Ich habe daran längſt gedacht und auch bereits die erſten Fäden gelegt. Allein ich habe keinen ganz leichten Stand, der Felix iſt wie ein Faß Pulver, immer bereit in die Luft zu ſpringen und Unheil anzurichten. Und doch gebe ich mir, der Himmel s, mehr Mühe mit ihm und gebe ihm mehr nach, a or mir ſelbſt verantworten kann.“ Der Vicomte ſchüttelte mißbilligend den Kopf.„Ich verſtehe das nicht, Lucie,“ ſprach er.„Was haben Sie nur von dieſem Jungen? Sie ſind eines Mannes werth!“ „Ich ſehe das Alles ein und ſage es mir ſelbſt,“ er⸗ widerte ſie in einem gewiſſen träumeriſchen oder ſchmachten⸗ den Tone.„Allein es iſt etwas Wunderbares um ſolch einen heißen jungen Kopf, ſolch ein glühendes junges Herz — ah, es iſt ein ſüßer Knabe, ſag' ich Ihnen!— Ich hoffe aber, es wird mir gelingen, ihn ein wenig ruhiger zu machen. Aufgeben möcht' ich ihn ungern.“ „Alſo laſſen wir ihn,“ ſprach Herr von Vernay nach einer neuen Pauſe,„und fragen wir nun nach dem Letzten, nach Hyneck. Sind Sie mit ihm fertig?— Werden Sie nicht ungeduldig Lucie,“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,„ich ſagte ſchon, daß Ihre Berichte gar zu ungenügend waren.“ Er ließ ſich in ihrer Stimme dennoch etwas von die⸗ ſer abgewehrten Ungeduld vernehmen, als ſie antwortete: „nun denn, kurz: was ihn perſönlich und ſeine anderen Verhältniſſe betrifft, werden wir, denke ich zu unſerem Ziele kommen. Für Tolleneck aber gewinnen wir damit Edmund Hoefer; Tolleneck, I. 13 194 nichts. Wodurch er ſich ſeine hieſige Stellung verdorben, kann ich nicht erfahren, aber ich ſehe aus Allem, daß dies geſchehen und daß er uns eher ſchaden als nützen würde, wollte er ſich hier überhaupt für uns intereſſiren. Man mißtraut ihm.“. „Wohlan,“ ſprach der Vicomte,ſo hören Sie jetzt in Kurzem, was es gibt.— Man iſt von jeher nach mei⸗ ner Ueberzeugung zu nachläſſig, ſcheu oder furchtſam gegen einen Mann von der Stellung des Barons Aare geweſen. Er iſt das Haupt der erſten Familie dieſer Gegend und was noch mehr, das Haupt dieſer Gegend ſelbſt. Das Volk des Waldgau's ſieht zu ihm auf, wie zu ſeinem Für⸗ ſten. Man hat mir ſelbſt auf einer Stelle auf das Aller⸗ entſchiedenſte jede Unterſtützung zu irgend einer Unterneh⸗ mung gegen ihn verweigert, wo für eine Rolle Napoleons ſonſt Alles feil iſt, ja man hat mich geradezu abgemahnt, ich würde das ganze Land gegen die Regierung aufbrin⸗ en. Solche Stellung können wir nicht dulden, Lucie, und es verſteht ſich überdies ganz von ſelbſt, daß derjenige, der ſie einzunehmen wagt, auch innerlich ſich zu Gedanken und Plänen erhebt, die über das einem getreuen Unterthan Gebührende hinausgehen, zumal wenn dieſer Jemand ſeine Abneigung uns ſo wenig verbirgt, wie der Baron. Man iſt bisher zu nachläſſig oder zu ſcheu geweſen, wiederhole ich, hat ſich alberner Weiſe auch wirklich durch ſein zur Schau getragenes Weſen täuſchen laſſen. Ich bin längſt 195 auf ihn aufmerkſam geworden— Sie erinnern ſich wohl unſeres Geſprächs im Winter, als ich Ihren Plan vortreff⸗ lich fand— man meldete mir aus England immer von einem Correſponde in Deutſchland, deſſen Name ſich nicht erfahren ließ rend jedoch alle übrigen erkundeten Notizen genau ſeren Baron hinwieſen. Und nun, meine Göttin, erhalte ich die ſichere Nachricht, daß er es iſt und noch vor Kurzem ein dickes Packet von Dörnberg empfing, während ſeltſamer Weiſe faſt zugleich dieſer alte Intriguant, der Leſthen, ſich hier einſtellt.“ „Ich weiß Alles, was Sie mir über ihn ſagen kön⸗ nen,“ bemerkte, da Vernay einen Augenblick inne hielt, Lucie mit leichtem Kopfſchütteln,„ſo wie Alles, was mir ſelbſt zu jeder anderen Zeit und auf jeder anderen Stelle gegen ihn ſprechen würde; allein ob das auch hier zu⸗ trifft, Charles—?— Vergeſſen Sie nicht, die Frau iſt bei ihm und der Enkel—“ „Dem man in Berlin mit übertriebener Courtoiſie den Rath gab, ſich einige Zeit auf der Seite zu halten, wenn er nicht in jedem unſerer Soldaten einen Rächer des braven Roger finden wolle, und der neben dieſem Reiſezweck noch den zweiten hatte, den General aufzu⸗ ſuchen und zu unterrichten— Sie wiſſen doch, Lucie, daß er eine hohe Stelle in jenem verwünſchten Tugend⸗ bund einnimmt, vielleicht ſogar im„hohen Rathe“ ſitzt?“ 13 834 —ÿÿÿÿ— — 196 „Im Tugendbund, der aufgelöſ't wurde,“ ſagte ſie lächelnd. „Ah bah! Begegne ich auch bei Ihnen dieſer ſchreck⸗ lichen Verblendung, daß Seine Majeſtät von Preußen der Mann ſei, für ſeine derartige rete Gehorſam zu finden? Glauben Sie es, Lucie, en Sie es,“ re⸗ dete er aufgeregt, faſt heftig weiter—„dieſer arme Kö⸗ nig iſt es längſt nur dem Namen nach. In Wirklich⸗ keit ruht die Gewalt in ganz anderen Händen, und wenn dieſe einmal zum Losſchlagen bereit ſind, wird der arme Herr einfach mit müſſen oder man— rennt ihn um. Man will das in Kaſſel nicht begreifen, und in Paris lacht man ſogar darüber. Dieſer Leichtſinn wird ſich rä⸗ chen, Lucie, und wenn wir ihnen nicht die Beweiſe lie⸗ fern und ſie zwingen, raſch und gründlich aufzuräumen, ſo werden wir eines ſchönen Tags nicht mehr ſo ein klei⸗ nes Gewitter eines Fürſtenkrieges zu überſtehen haben, ſondern ein Hagelwetter über uns hinrauſchen fühlen, das uns und unſere Saat zerſchmettert.“ „Sie ſehen wunderbar ſchwarz, Charles,“ ſagte die Dame nach einem kurzen Schweigen in zweifelndem, aber dennoch ernſtem Tone; die Weiſe des Vicomte hatte au⸗ genſcheinlich Eindruck auf ſie gemacht. „Es iſt unſer Unglück, ſag ich Ihnen, daß wir Alles zu roſig ſehen,“ entgegnete er finſter.„Dieſe hochmüthige Ueberſchätzung unſerer Stellung und unſerer Kräfte wird 197 unſer Verderben ſein. Hier könnte man jetzt einen Fang machen und den Blindeſten die Augen öffnen, und hätte ich freie Hand, ſo nähme ich die ganze Geſellſchaft beim Kopf und die Sache wäre abgethan. In Kaſſel verbie⸗ tet man aber ganz erſchrocken jedes offene Vorgehen ge⸗ gen den Baron, und mir von Paris einen Befehl für ſie ſchicken zu laſſen, genügt die Zeit nicht. Es mag ſchon jetzt theilweiſe zu ſpät ſein— dieſe verwünſchten Rück⸗ ſichten und Befürchtungen haben mir ſchon vierzehn Tage gekoſtet. Wir müſſen handeln, Lucie, wir müſſen dieſe Papiere haben, die engliſchen und die deutſchen— ah, dies Archiv!“ „Und ohne Gewalt— lautet die Kaſſeler Ordre, ſagen Sie?“ fragte ſie halb mit Spott, halb lauernd. „Wie Sie ſehen. In dem Falle wäre ich mit ei⸗ ner Compagnie gekommen und nicht mit einem ſimplen Diener.“ „Alſo ein kleiner Diebſtahl, Charles?“ „Heißen Sie's immerhin ſo, wenn das Wort Ihnen beſonders gefällt.“ „Dazu biete ich meine Hand hier in Tolleneck nicht,“ ſagte ſie plötzlich entſchieden.„Sie wiſſen, was für In⸗ tereſſen ich verfolge, und glauben wohn ſelber nichk, daß ich ſelbſt meinen Erfolg durch eine ſolche Unklugheit ſo gut wie vernichten werde.“ Und indem ſie ſich erhob, ſetzte ſie mit Hohn hinzu:„Das Stehlen iſt Ihre Sache, 198 Charles. Geben Sie mir eine andere Rolle, wenn ich einmal durchaus eine haben muß.“ Er ſchien indeſſen weder auf ihre Einwendung noch auf den Ton derſelben ein großes Gewicht zu legen, denn er erwiederte mit anſcheinend völliger Ruhe nur:„Alſo das iſt abgemacht. Den General nehme ich auf mich, und da man auch gegen ihn Rückſichten zu üben hat, ſo werden wir auch hier nur eine Komödie haben, die viel⸗ leicht freilich zu einem ſpäteren tragiſchen Schluſſe füh⸗ ren könnte.“ „Ich verſtehe Sie nicht!“ ſprach ſie, voll Intereſſe zu ihm aufſehend.„Sie wollen ihn feſtnehmen laſſen?“ „Bah, feſtnehmen! Kind, das Sie ſind!“ entgeg⸗ nete er lachend.„Er reiſ’t in einigen Tagen ab, man hat für eine dahin zielende Nachricht an ihn geſorgt. Und da er nach Berlin gehen wird, führt ihn ſein Weg na⸗ türlich durchs Gebirge. Wiſſen Sie, wie dort die Zu⸗ ſtände ſind? Nicht? Nun, lieber Gott, ſie ſind von der Art, daß dadurch jedes kleine Reiſeunglück erklärt wird und man nicht einmal jenes beliebten Mißverſtändniſſes bedarf, an das kein Menſch mehr—“ In dieſem Augenblick wurde die Thür nach dem Cor⸗ ridor in ſehr wenig ceremoniöſer Weiſe aufgeſtoßen, Fe⸗ lix erſchien erhitzten Angeſichts auf der Schwelle und trat mit nicht mehr Umſtänden und ohne irgend einen Gruß auf ſeine Herrin zu. 199 Vernay runzelte die Stirne.„Es iſt ein wildes Land,“ ſagte er mit einem Anfluge von Hohn.„Selbſt unſere eigenen Diener werden hier ungezogen.“ „In d der That, ich verſtehe das nicht— was fällt Dir ein, Felix?“ fragte die Gräfin lebhaft und maß den jungen Menſchen mit einem zürnenden Wlck.„Biſt Du nicht nach Herzheim, wie ich ausdrücklich befohlen?“ „Wie Sie ſehen, bin ich ſchon zurück,“ verſetzte Fe⸗ lix frech;„Herr von Hyneck wird den Beſuch erwarten. Zugleich wollte ich anfragen, ob Madame heut' auf Ihrem Zimmer zu ſpeiſen gedenken? Es wird ſogleich zum Di⸗ ner läuten.“ Herr von Vernay ſah nach ſeiner Uhr.„Wahrhaf⸗ tig,“ ſagte er,„es iſt hohe Zeit für Sie, an Ihre Toilette zu denken, Frau Gräfin. Wir haben uns verplaudert, merke ich. Du aber, mein Burſche,“ wandte er ſich an Fe⸗ lix,„nimm Vernunft an und betrage Dich ein wenig po⸗ lirter, oder ich könnte als alter Freund Deiner Herrin für ſie eintreten und Dich einen kleinen Spazierweg nach Mainz machen laſſen. Die Armee braucht viele Voltigeurs.— Alſo auf Wiederſehen, meine Freundin. Seien Sie heiter.“ Er küßte der Dame galant die Hand und verließ das Zimmer. 200 „Nimm Dich in Acht mit ihm, Felix, ich würde Dich nicht ſchützen können,“ ſprach Lucie mit ungewöhnlichem Ernſt.„Du mußt Dich menagiren lernen.“ Der Knabe beharrte in ſeinem verbiſſenen Grimm, ohne ein Wort zu erwidern. Eilftes Capitel. Sin Stücklein aus der Franzoſenzeit. „Wollen es die Herrſchaften einem alten, hier einge⸗ bürgerten Menſchen zu gut halten, wenn er auch einmal ungerufen, und nicht allein zu ſeinem Herrn, ſondern zu Euch Allen kommt,“ ſprach Fritz Buchhagen in das Zim⸗ mer des Barons tretend, indem er zu ſeiner ſteifen Ver⸗ beugung die Mütze aufs zierlichſte zu einer weiteren Be⸗ grüßung ſchwenkte. „Na nu!“ rief Hartwig ganz verwundert.„Was ſind denn dies für Faxen, Fritz? Was giebt's, daß Du Dich ſo curios geberdeſt? Uebrigens kommſt Du ganz a tempo; wir wollten Dich eben herbeicitiren laſſen.“ „Und ich finde hier ganz genau diejenigen, welche ich mir wünſchte,“ fuhr Buchhagen in dem gleichen, ein we⸗ nig geſuchten Tone fort, auf den General und Bernhard 202 blickend, welche ebenfalls im Zimmer waren.„Wußte gar nicht, daß Du hier ſeieſt, Bernhard!— Und was es gibt, Herr Baron? Nun— ich weitz ſelber noch nicht, ob's ernſt oder nur zum Lachen iſt. Vor Allem aber habe ich eine Frage an Sie, Herr General, auf die ich mir, ſo curios ſie von mir klingen mag, aus Gründen eine offene Antwort erbitte.“ „Fragt nur zu, alter Kuabe,“ entgegnete Leſthen gutgelaunt, und Hartwig fügte hinzu:„Gib endlich die Dummheiten auf und ſprich deutſch, Fritz. Wir haben nicht viel Zeit, muß ich ſagen.“ „Ei Herr Baron, ſo nehmen wir ſie uns,“ meinte der Wirthſchafter luſtig.„Wir haben ja heut Nachmittag freies Haus— der Herr Vicomte und die Frau Gräfin ſind nach Herzheim, der Herr Neveu ſchläft ſeinen Zorn aus und der liebe Felix verklettert ſeinen Aerger droben im Garten, wobei er wenn er, Glück hat, den Hals bricht. So gut und ruhig iſt's uns lange nicht geworden!— Alſo, Herr General, haben Sie ſchon einen Brief gekriegt, der Ihre Abreiſe beſchleunigen will?“ Die drei Herren verriethen, jeder in ſeiner Weiſe, eine nicht geringe Ueberraſchung, und der General fragte lebhaft:„Was wißt Ihr von dieſem Briefe, Buchhagen? Hat mein alter Johann geplaudert. 2 ½ „Behüte Gott, Herr General! Ich habe den Men⸗ 203 ſchen heut' noch gar nicht geſehen. Aber Sie verſprachen mir eine offene Antwort.“ „Nun ja, Buchhagen, ich habe heut' Morgen einen ſolchen Brief erhalten, der mich, offen geſtanden, nicht we⸗ nig verwundert hat. Aber ſagt mir—“ „Sachte, Herr General, ich bin noch nicht fertig.! Und hat's mit dieſem Briefe ſeine volle Richtigkeit? Ich bitte um offene Antworten, denn nur dann kann ich mich deſto ſchneller deutlich machen.“ „Es ſcheint ſo,“ verſetzte der General, indem er nach⸗ denklich die Stirne faltete.„Der Adjutant des Prinzen — er iſt erſt in meiner Abweſenheit eingetreten und ich kenne ihn nur dem Rufe nach als einen Ehrenmann— ſchreibt mir, daß in den nächſten Tagen eine Commiſſion zuſammentreten ſoll, zu welcher der Prinz auch mich hin⸗ zugezogen und jetzt meine Anweſenheit wünſcht. Das iſt Alles einfach genug, und dennoch iſt etwas dabei, was ich nicht recht verſtehe— weshalb die Commiſſion ſchon jetzt zuſammentreten ſoll, da man noch gar nicht die nothwendi⸗ gen Vorarbeiten beendet haben kann— etwas, das Nie⸗ mand beſſer weiß als ich.“ „Sie haben auch ein volles Recht zu ſolchem Nicht⸗ verſtehen, Herr General,“ ſagte Buchhagen ruhig.„Der Brief iſt falſch.“ 1 „Fritz, was redeſt Du da? Biſt Du toll?“ rie Baron Hartwig, von Stuhle aufſpringend. 204 „Falſch? Zu welchem Zweck? Woher wißt Ihr das?“ forſchte der General, hart vor Buchhagen hintretend. „Das iſt mein Geheimniß und geht niemand etwas an,“ erwiederte der Wirthſchafter, mit ruhigem Blick dem Auge des Anderen begegnend.„Zu welchem Zweck? Nun, Herr General, wie Sie einmal zum Prinzen und ſonſt ſtehen und wie man ſcheineshalber Preußen doch hie und da noch reſpectirt, wird man am Ende Sie nicht offen verhaften, nicht geradezu um Angabe Ihrer Reiſezwecke und Abgabe Ihrer Papiere bitten. Allein wenn Sie nun abreiſ'ten und zu einer beſtimmten Zeit und an einer be⸗ ſtimmten Stelle ein Dutzend wirklicher oder ſcheinbarer Gauner und Strolche fänden, die Ihnen ein kleines Löſe⸗ geld auferlegten und Ihren Wagen ausplünderten— wäre das Reſultat vermuthlich nicht faſt dasſelbe und eines falſchen Briefes werth?“ „Das iſt ſtark!“ rief Leſthen, der ſich ſichtbar ver⸗ färbt hatte. „Aus den Hypotheſen und Annahmen wirſt Du wahrſcheinlich auch zur einfachen Wahrheit übergehen und uns Beweiſe für eine ſo ſeltſame Behauptung geben kön⸗ nen,“ ſagte Bernhard kaltblütig, der bisher den alten Wirthſchafter ſchweigend beobachtet hatte. Er wußte, daß Buchhagen, wenn einmal was im Gange, ſeine eigene Art und Weiſe hatte, und ſich nicht überſtürzen oder fortrei⸗ ßen ließ.. 205⁵ „Ich verſtehe zwar Deine ‚Hypotheſen’ nicht,“ ver⸗ ſetzte er jetzt denn auch ſchmunzelnd,„allein ich begreife, daß Euch meine Geſchichten etwas kraus erſcheinen mö⸗ gen. Bin ich doch ſelber zuerſt davon ganz conſternirt worden. Alſo species facti, meine Herrſchaften!— Aber dazu muß ich mich ſetzen, Herr Baron!“ Und nachdem er einen Stuhl heranzogen, nahm er Platz und gab einen klaren, kurzen, alles Ueberflüſſige ſcharf abſchnei⸗ denden Bericht von dem, was wir im vorigen Capitel zwiſchen Vernay und Lucien verhandeln hörten. Der Eindruck, den dieſe Erzählung auf die Zuhö⸗ rer machte, war äußerlich zum mindeſten ein ſehr ver⸗ ſchiedener. Der alte Schloßherr unterbrach ſie mehrmals durch grimmige Flüche, ſtrich und wirbelte den ohnehin ſchon wilden Bart noch wirrer durch einander und ſein Geſicht nahm eine immer dunklere Färbung des in ihm ko⸗ chenden Zornes an. Der General ſchlug ein Bein über das andere, murmelte auch wohl gelegentlich einmal einen Fluch, hielt ſich im Ganzen aber als der aufmerkſamſte Zuhörer. In Bernhards Geſicht endlich zeigte ſich die lebhafteſte Spannung abwechſelnd mit einem ernſten Nach⸗ denken, beſonders bei jenem Theile des Berichts, der Luciens myſteriöſe Andeutungen über ihre precaire Stel⸗ lung wenigſtens kurz erwähnte, während er an den wirk⸗ lichen Offenbarungen viel weniger Theil zu nehmen ſchien. 206 Er ſtand zuletzt auf und ging leiſe im Zimmer auf und ab.. „Alſo eine Spieler⸗, Spionen⸗ und Dirnen⸗Geſell⸗ ſchaft!“ rief Hartwig Aare, da Buchhagen endlich ſchwieg, grimmig aus und ſprang auf.„Was hindert mich eigentlich, die ganze Bagage wie tolle Hunde aus meinem Hauſe zu peitſchen?“ Und nachdem er ein paar⸗ mal mit großen Schritten auf und ab gerannt war, blieb er vor Buchhagen ſtehen und fuhr ihn an:„Woher in des Teufels Namen haſt Du aber all' dieſe infamen Geſchichten?“ „Darnach möchte auch ich fragen und zugleich, ob Du Deines Berichterſtatters ſicher biſt?“ bemerkte Bern⸗ hard mit ernſter Ruhe.„Oder biſt Du ſelber der Hor⸗ cher geweſen, Fritz?“ Buchhagen lachte.„Na, Kindskopf,“ ſagte er un⸗ genirt,„ſchau mich einmal an, ob man mit ſolcher Breite in Ecken und Winkel paßt. Ueberdies bin ich ein ehrlicher Deutſcher, deſſen Zunge ſich niemals mit dem welſchen Geſchnarre herumgeſchlagen hat. Aber um es kurz zu ſagen— meines Spions bin ich ſicher, wie mei⸗ ner ſelbſt,— jetzt noch,“ ſetzte er in einem Ton hinzu, der Bernhard raſch und fragend zu ihm hinüberſehen ließ.„Wer's iſt, und auf welche Weiſe ſolche Berichte möglich werden— das, Ihr Herren, bleibt indeſſen mein Geheimniß. Denn ich habe Luſt es noch gründlich auszu⸗ 207 nutzen. Was Ihr von aus dem Schloſſe jagen redet, Herr Baron, iſt doch nur Euer Spaß. Contrair, wir behal⸗ ten die braven Leute hier, ſo lange es angeht, denke ich. Erſtens—“ und Fritz Buchhagen legte den rechten Zei⸗ gefinger gegen den linken—„machen ſie uns dann keine dummen Streiche; zweitens—“ und es kam der zweite Finger an die Reihe—„erzählen ſie uns ſelber, was wir ſonſt ſchwerlich erfahren würden. Drittens—“ „Drittens biſt Du immer der Klügſte, Fritz,“ fiel Baron Hartwig lebhaft ein.„Ich bin eben der tolle Aare und ein verwünſchter Hitzkepf, der immer wieder ein Sturzbad braucht! Wart', wir wollen's ihnen wett machen!“ „Merkwürdig gut unterrichtet ſind aber dieſe Leute,“ ſagte Leſthen gedankenvoll.„Ich möchte nur wiſſen, ob wir hier kecke Combinationen oder wirkliche Verrätherei vor uns haben.“ „Beides, Ludwig, Beides!“ meinte der Schloßherr ſo lebhaft, wie vorhin.„Der Argwohn gegen Dich zum Exempel kann nur auf Combinationen beruhen.—“ „Wer weiß!“ unterbrach ihn Leſthen kopfſchüttelnd. „Ich habe Dir von meinem Aufenthalt bei dem Grü⸗ nen geſagt— es kommt mir ein böſer Verdacht. Ich habe ihm nie getraut und ihm auch jetzt nichts vertraut, allein ich weiß, daß Andere anders denken, wenigſtens gedacht haben. Es überraſchten mich ein paar Aeuße⸗ 208 rungen von ihm. Nun aber genug davon,“ ſprach er weiter.„Daß ich reiſen muß, verſteht ſich von ſelbſt— ich muß nach Berlin!— wie wird's nun damit?“ „Ja, Fritz, dabei waren wir und wollten Dich wie geſagt, rufen laſſen,“ redete Hartwig Aare.„Wir ha⸗ ben ſchon ſelber an die Unſicherheit im Gebirge gedacht, und ich meinte, ob's nicht möglich ſei, daß ſie über die Fähre nach Kindelsheim gingen und ſo weiter. Es iſt zwar ein nichtswürdiger Umweg und die Wege ſind mi⸗ ſerabel.—“ Der Wirthſchafter ſchüttelte den Kopf.„Wollen Sie allein gehen, Herr General?“ fragte er.„Wenn die Frau Generalin hier bleibt, bringen wir Sie leicht durch.“ „Das thut Charlott' nicht,“ verſetzte Leſthen gleich⸗ falls kopfſchüttelnd.„Sie verläßt mich nicht, und im Uebrigen,“ fügte er lächelnd hinzu,„wo ich durchkomme, kommt ſie auch durch;— ſie iſt ein tüchtiges Weib, meine Alte!“ „Na ja, Herr General, aber ein einzelner Mann zu Pferde iſt doch etwas Anderes als ein voller Reiſe⸗ wagen!“ bemerkte Buchhagen in einem gewiſſen zerſtreu⸗ ten Ton. Sein Auge ſtreifte den General mit nachdenk⸗ lichem Blick; er ſtand auf, trat ans Fenſter und trom⸗ melte leiſe an den Scheiben. „Da wird was ausgeheckt,“ ſagte Hartwig lachend * 209 zu den beiden Andern, und fragte erſt nach einer Pauſe ſich zu Fritz wendend:„Nun alter Mecklenburger, biſt Du noch nicht fertig?“ Der Angerufene wandte ſich langſam um; auf ſei⸗ nem Geſicht zeigte ſich ein joviales Grinſen und aus den kleinen Augen blinzelte eine ebenſo joviale Schlau⸗ heit hervor.„Sagen Sie, Herr General,“ ſprach er dann, „Ihr Enkel, der Herr von Platen, iſt auch dabei?“ „Wenigſtens kann er es ſein, wir haben Platz ge⸗ nug,“ erwiederte der alte Herr. „Schön!“ ſagte Herr Buchhagen.„Und Ihr, Herr Baron, leiht mir den gelben Wagen mit dem braunen Ge⸗ ſpann und den alten Conrad auf vierundzwanzig Stun⸗ den? Dürft aber nicht fragen wozu.“ „Zu einem Schelmſtück, natürlich!“ ſprach der Schloß⸗ herr launig.„Was haſt Du vor, Fritz?“ 4 „Das, wie geſagt, iſt meine Sache, Herr Baron. Ein Schelmſtück iſt's freilich und thut mir ſogar halb und halb leid. Aber ich kann nicht helfen, und es wird eine gottvolle Geſchichte! Sehe ſchon jetzt die ellenlangen Naſen!“ Und ſich die Hände reibend fügte er hinzu:„Aber Geduld, Herr General! Vor morgen Abend kann ich's Ihnen nicht ſagen, wann Sie reiſen müſſen— übermorgen oder am Freitag wird's wohl ſein.“ Man redete noch eine Weile hin und her, allein der Wirthſchafter ließ ſich zu keiner deut⸗ licheren Erklärung ſeines Planes bewegen. Edmund Hoefer: Tolleneck. I. 14 210 Draußen auf dem Hofe aber, wohin er mit Bernhard, der aufbrechen wollte, gegangen war, ſagte er zu dieſem in faſt bekümmertem Tone:„Seit geſtern weiß ich nun auch, wohin die Frau Couſine ihre Excurſionen richtet. Sie trifft ſich mit Arthur in dem alten Jagdſ chlößchen, und wie wir heut' hörten, nicht bloß Plaiſirs halber. Sie will ihn ver⸗ führen, Bernhard, und iſt, wie wir auch hörten, noch nicht fertig mit ihm. Laſſen wir ihn ins Verderben rennen? Könnteſt Du nicht einmal ernſt mit ihm reden? Er hat Vertrauen zu Dir, er liebt Dich noch!“ Bernhard ſchüttelte leiſe das Haupt.„Es nützt nichts,“ verſetzte er trübe.„Wie ich ihn von früherher kenne und ihn neuerdings wiedergefunden habe, weiß ich voraus, daß ich da ebenſo vergeblich ſprechen würde, wie irgend ein An⸗ derer. Und dann, alter Freund,— ich bin ein trauriger Advocat, ſelbſt für eine ſolche Sache. Es iſt nichts mehr mit mir, Fritz; ich bin aus allen öffentlichen Verhältniſſen weit heraus und kann am allerwenigſten darüber mitreden. Ich bin zu nichts mehr gut als zum Dreinſchlagen, und Gott gebe uns bald einen großen Krieg, der mich mit fort⸗ reißt und mich zwingt zur Thätigkeit. Da ſehe ich die ein⸗ zige Rettung aus dieſer mich lähmenden Stumpfheit.— Apropos!“ brach er, ſich über die Stirn fahrend, ab,„jetzt weiß auch ich, wo ich der Couſine früher ſchon begegnete. Es war vor acht Jahren in D.—, es iſt ein kleines See⸗ bad, Fritz, von dem Du wohl gehört haſt, und wo ich da⸗ 211 mals eine Zeitlang verweilte. Dahin kam ſie unter dem Namen einer Frau v. St. Amand in— nun in Begleitung von Verehrern, und machte Aufſehen. Ich achtete freilich nicht auf ſie— ich hatte Anderes im Kopf— und ſie wird mich ſchwerlich bemerkt haben. Ich reiſte ja auch unter an⸗ derem Namen.“ Als ſich am Abend die Hausgenoſſen im weißen Saale zuſammenfanden, ſprach der Vicomte auf's Artigſte ſeinen Vorſatz aus, die Gaſtfreundſchaft des Barons nicht länger in Anſpruch zu nehmen, und am nächſten Morgen abzurei⸗ ſen. Um nicht zu ſtören, wolle er heut' ſchon von der Geſell⸗ ſchaft Abſchied nehmen. Hartwig Aare verwarfdieſen Plan. „Daraus kann nichts werden,“ ſagte er mit ſeiner ganzen derben Herzlichkeit.„Wir Aare's ſind von jeher ſo etwas wie Despoten geweſen, freilich zum Vortheil unſerer Un⸗ terthanen und Gäſte. Es iſt noch niemand ſchlecht gefah⸗ ren, der uns gehorcht hat. Ich laſſe Sie nicht fort, Herr Vi⸗ comte, ohne daß Sie wenigſtens eine ordentliche Jagd mitgemacht. Den Teufel auch, Sie erzählten mir ſonſt am Ende draußen, der„tolle“ Aare ſei vor Alter lahm und zahm geworden und es gehe in Tolleneck noch langweiliger zu als ſonſt in unſerem guten Deutſchland! Ein wenig Egoismus iſt freilich auch dabei,“ ſchloß er lachend.„Hier mein Freund Leſthen ſagt mir, daß er in den nächſten Ta⸗ gen abreiſen muß, und dann würde es mir zu einſam hier, wollten Sie auch ſchon fort.— Zanken Sie nicht, Gevat⸗ 14 212 terin!— Ich muß noch einmal ſagen: den Teufel auch! Gerhard ſpringt umher, Hilda läßt mich im Stich, Herr Hippolyt langweilt ſich und Du Lucie,— was würde aus Dir! Es wäre Niemand mehr da, Dir den Hof zu machen!“ Vernay ließ ſich leicht überreden, noch einige Tage zu bleiben; von mehr freilich könne keine Rede ſein, meinte er, da ſeine Stellung in Kaſſel— es blieb unerörtert, was es für eine ſei— ihm eine längere Abweſenheit nicht ge⸗ ſtatte. Schon jetzt habe er eigentlich den ihm gewährten Ur⸗ laub überſchritten. Hätte er ahnen können, wie reizvoll das Land, und daß er hier ſo gute Freunde, wie die Gräfin und Hyneck, eine ſo liebenswürdige Gaſtfreundſchaft, wie die auf Tolleneck, finden würde, fügte er hinzu, ſo möchte er ſich auf längere Zeit frei gemacht haben.„Und doch iſt es gut, daß es nicht geſchehen,“ ſagte er mit einem faſt ſchwer⸗ müthigen Lächeln.„Solche Reize verderben uns für das Leben, welches uns gleich hinterdrein geboten iſt.“ Alles ging auf Tolleneck in ruhiger, ja faſt noch in ruhigerer Weiſe weiter, als bisher. Man ſpürte auf der ei⸗ nen Seite nichts von Vorſicht und Mißtrauen, auf der an⸗ dern nichts von neuen Intriguen; Hartwig ſpielte ſo zu ſagen, mit der Gefahr. Seine Unbekümmertheit und heuch⸗ leriſche Offenheit jagte zuweilen ſogar dem General einen gelinden Schreck ein, und würde Lucie und den Vicomte, wenn ſie ihn zu durchſchauen vermocht hätten, überzeugt haben, daß ſie hier, wenn auch nicht in der Intrigue, ſo 213 doch in der Verſtellung ihren Meiſter gefunden. Sie be⸗ merkten trotz aller Aufmerkſamkeit, wie geſagt, nichts Un⸗ gewöhnliches im Hauſe, nahmen ſich aber auch ſelbſt in Acht, Gelegenheit zu unwillkommenen Beobachtungen zu geben. Sie verkehrten unter einander weniger, in der Ge⸗ ſellſchaft aber mehr als ſeither, eine neue Unterredung fand nicht Statt; ſie mochten ſich auf dem Wege zu Hyneck voll⸗ ends ausgeſprochen haben. Das Einzige, was hätte auf⸗ fällig werden können und mehr als Einem auch wirklich auffiel, war, daß Vernay ſich häufig an Gerhard anſchloß, mit ihm über Berlin und ſeinen früheren Dienſt plauderte, mit ihm auf die Jagd ging und ihm dort den Eintritt in weſtfäliſche Dienſte empfahl, während Lucie ihrerſeits ſich zu gleicher Zeit mit Hugo zu beſchäftigen anfing, um den ſie bisher ſich anſcheinend ſo gut wie gar nicht bekümmert hatte. Der junge Mann ging, wo nicht angelegentlicher, doch höflicher darauf ein, als man erwartet hatte. Auch Buchhagen ging ruhig ſeine gewohnten Wege. Er hatte des Holzgeſchäftes wegen wieder einmal in die Stadt müſſen und zeigte ſich auch ſonſt nicht viel vor den Eingeweihten. Nach der Rückkehr aus der Stadt hatte er ſeinem Herrn Bericht, abgeſtattet und nach Beendigung desſelben ruhig hinzugefügt:„wenn der Herr General rei⸗ ſen will, wie ich hörte, ſollte er nicht länger als bis zum Freitag warten. Das Wetterglas fällt, und aus dem Ge⸗ 214 birg' ſollt' er vor dem ſchlechten Wetter heraus ſein. Es iſt ohnehin kein Plaiſir, auf der Straße zu fahren.“ Darnach wurde denn von Leſthen auch wirklich der genannte Tag zur Abreiſe beſtimmt, der Wagen aus der Remiſe gezogen und abgeſtaubt, und droben packte man die Koffer. Der Baron hatt' es ſich nicht nehmen laſſen, die alten Freunde mit ſeinen Pferden bis L., der nächſten Poſtſtation zu ſchicken, dort möchten ſie Poſt nehmen. Erſt am Abend vorher ließ ſich Buchhagen, da er die beiden alten Herren allein im Zimmer des Barons traf, zu einigen weiteren Andeutungen herbei.„Halten Sie ſich und die Ihren von morgen früh acht Uhr an parat, Herr General,“ ſagte er,„gehen Sie auch von Zeit zu Zeit einmal hinaus— es thut's mancher, der vor ſolcher Reiſe iſt und den Aufbruch nicht erwarten kann,“ fügte er mit einem lachenden Seitenblick auf ſeinen Gebieter hinzu —„fluchen Sie auch in Gottesnamen auf mich und meine Langſamkeit, aber gedulden Sie ſich hübſch, bis ich komme und ſage, es ſei Zeit. Sodann, Herr General, über⸗ laſſen Sie ſich unſerem Kutſcher— ganz und gar, fra⸗ gen Sie nicht und wundern ſich nicht und ſagen Sie, wenn Sie ihm trauen können, auch Ihrem Johann, daß er das Maul hält.“ „Ihr ſeid teufelmäßig geheimnißvoll, alter Freund!“ meinte Leſthen lächelnd.„Hier unter uns könntet Ihr doch herausrücken. Hier ſind keine Horcher.“ 215 „Wer weiß, Herr General! Ich traue dieſem alten Neſte nicht, das keiner ganz kennen lernt. Und übrigens, ein Geheimniß, das zwei wiſſen, iſt keines mehr. Apro⸗ pos, Herr Baron,“ brach er ab,„bin da vorhin Herrn von Hyneck begegnet, und da er mir erzählte, daß die Herzhei⸗ mer Jagd ganz ruinirt ſei, hab' ich mir erlaubt, ihn zu morgen acht Uhr zu uns einzuladen. Da kann er mit dem Vicomte und unſerem Gerhard Motion und Beute genug finden.“ Hartwig Aare lachte.„Willſt Du ihn auch aus dem Wege haben?“ fragte er.„Aber mir recht, und wenn Du mir ein gutes Wort gibſt, mache auch ich den Zug mit und will ihnen einheizen, daß ſie nichts hören noch ſehen als den tollen Aare! Hat der Vincenz ſchon davon gehört?“ „Der Vincenz iſt morgen nicht daheim, Herr Baron. Ich habe aber dem alten Rohrbeck ſagen laſſen, daß er das Burberger Revier beſtätige— da gibt's überflüſſig.“—— „Wenn Ihr morgen fort ſeid, wird's hier verflucht öde ſein,“ ſagte eine Stunde ſpäter Baron Hartwig im Kreiſe der Geſellſchaft zu ſeinem alten Freunde.„Ich kenne das ſchon, es iſt ein verwünſchtes Gefühl, dem ich gern ſo ſchnell wie möglich entlaufe. Ich habe uns daher eine ſo⸗ lide Jagd arrangirt, ſo wie Ihr aufgebrochen ſeid, geht's fort. Haltet Euch alſo parat, ihr Herren, Hyneck kommt auch— bin neugierig, ob er noch Jäger iſt— und Du, Monſieur Hippolyt, ſollſt mir auch einmal Deine Künſte 216 zeigen. Und wenn ich Euch beiden Frauenzimmern einen guten Rath geben ſoll,“ wandte er ſich an Hildegard und Lucie,„ſo kommt Ihr auch mit. Meine Kleine ſchlägt mir ohnehin ſchon ganz aus der Art. Oder— machſt Du Dich am Ende doch mit Deinem alten Anbeter davon, Hilda, und muß ich den Leſthen als Entführer verklagen?“ Das junge Mädchen legte beide Arme um den Groß⸗ vater und küßte ihm die Stirn. Sie war ſtill heut Abend, und mußte von den Ihren mehr als einmal neckend aus ihrem Träumen aufgeſchreckt werden, damit ſie ſich an der allgemeinen, heut' ungewöhnlich lebhaften Unterhaltung betheilige. Man trank am folgenden Morgen den Kaffee, den man auf Tolleneck, Gott mochte wiſſen wie, noch in voller Reinheit vorgeſetzt erhielt, wieder im weißen Saale, die Einen bereits im Reiſe⸗, die Anderen im Jagdcoſtume, und der General war voll einer Ungeduld über die Verzö⸗ gerung des Aufbruchs, die ihm mehr als einen verwunder⸗ ten Blick ſeiner Frau zuzog. Endlich zog er Hildegards Arm unter den ſeinen und wanderte mit ihr leiſe plau⸗ dernd, neckend und lachend auf und ab, bis mit dem Glockenſchlage Acht Buchhagen in der Thür erſchien und achſelzuckend ſagte:„Da Sie es einmal durchaus wollen, Herr General— es iſt angeſpannt. Ich habe dem Kutſcher geſagt, er möge ſich unterwegs nicht aufhalten, denn ich 217 fürchte, Sie bekommen Regen, noch bevor Sie L. errei⸗ chen.“ „Das hilft nun nicht,“ meinte der General achſel⸗ zuckend.„Gottlob, daß es endlich losgeht! Vorwärts, Kinder!“ Das Treiben des alten Herrn bewirkte einen etwas tumultuariſchen Aufbruch, in dem Einer wenig auf den An⸗ deren achtete, und vermuthlich bemerkte es nur die Genera⸗ lin, daß Hugo an Hildegards Seite die Treppen hinunter⸗ ſtieg und angelegentlicher mit dem ſchönen Mädchen ſprach, als man es jemals in den vergangenen Wochen hatte be⸗ obachten können. Die alte Dame ſtörte das Paar nicht; ſie ſchloß Hildegard vielmehr beim Abſchied mit ungewöhn⸗ licher Zärtlichkeit in ihre Arme und ſagte lächelnd:„wenn ich Dich nur mitnehmen könnte, mein Herzenskind! Möge Gott Dich indeſſen behüten!“— Als der Wagen vom Hofe fuhr, ſaßen auch die Uebri⸗ gen auf die bereits paratſtehenden Pferde und ritten ihrem heutigen Vergnügen munter entgegen, begleitet von Hyneck, der ſich während des Abſchiedes mit Buchhagen abſeits gehalten. Auf Tolleneck blieb außer den beiden alten kränklichen Verwandten und der Dienerſchaft niemand zurück, da ſelbſt Felix ſich mit Erlaubniß Aare's den Jägern hatte anſchließen dürfen. Buchhagen ließ inzwiſchen einen Wagen mit dem Frühſtück bepacken, das man im Walde einnehmen wollte, und wandte ſich, als dies beſorgt war, 218 gemüthsruhig, die Hände in den Taſchen, den Stock unter dem Arm und die kurze Pfeife im Munde, dem Hofthore zu, um einmal ins Dorf und zu dem alten penſionirten Juſtitiarius hinabzuſchlendern, den er ſeither wenig geſe⸗ hen. Bei einem gelegentlichen Ausblick ſah er einen ſchwer bepackten, vierſpännigen Reiſewagen von der Stadt her⸗ kommen und dem Engpaſſe zulenken, der hinter dem Tol⸗ lenecker Schloßberge ins Gebirge führte. Er nahm die Hände aus den Taſchen und ſah nach der Uhr.„Neun!“ ſagte er vor ſich hin,„ſie ſind alſo in Sicherheit und Alles iſt richtig.“ Dann ging er mit gleicher Gemüthsruhe ſeines Weges und traf es beim Juſtitiar beſſer, als er irgend vermuthet. Der lebeluſtige alte Herr hatte gerade eine neue Weinſendung erhalten, und beeilte ſich, ſie mit ſeinem kundigen Gaſte einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen.— Die Geſellſchaft kam aus dem Walde ſpät zurück, und da Hartwig Aare nichts halb that, hatte er Alle in der That ſo müde gemacht, daß ſie ihrem Gott dank⸗ ten, als ſie ſich wieder daheim fanden und nach einem raſchen Mittagseſſen der wohlverdienten Ruhe hingeben konnten. Von Conferenzen und Privatunterhaltungen war, wie Buchhagen, der noch nicht lange heimgekehrt, zu ſeiner Beruhigung erſah, heut' keine Rede, und ſelbſt Hyneck brach gleich nach dem Mahle auf. „So, Gottlob!“ ſagte der Wirthſchafter kreuzfidel, 219 als er darauf in Begleitung des gleichfalls wieder an⸗ gelangten Vincenz, zu ſeinem Gebieter ins Zimmer trat — es war übrigens bereits dunkel und die Lichter brann⸗ ten im Schloſſe—„nun haben wir ſie Alle hübſch hinter Schloß und Riegel und können uns erzählen laſſen, Herr Baron.“ „Biſt Du endlich da, und Du auch, Junge? rief Aare ihnen lebhaft entgegen— ihm merkte man keine Ermüdung an.„Nun— und? Alles in Ordnung?“ „Alles, Herr Baron. Der General iſt durch und wohlauf, und die Herren Franzoſen ſitzen in einer Patſche, wie ſie gar nicht koſtbarer gedacht werden kann,“ lau⸗ tete Buchhagens luſtige Antwort. „Nun denn, brenn' los! Du biſt alſo dabei ge⸗ weſen, Junge? Ich ſag's offen, daß ich noch immer nicht capire, wie Ihr's arrangirt habt.“ Vincenz war in der That„dabei“ geweſen, wie es der Baron hieß, denn Buchhagens Neugier und Scha⸗ denfreude war zu groß, um den alten fidelen Burſchen ſich bei der Ueberzeugung beruhigen zu laſſen, daß Alles gut gehen werde. Der junge Mann war daher Mor⸗ gens in aller Frühe aufgebrochen und hatte ſich, was ihm, dem hier Geborenen, nicht ſchwer fallen konnte, ein Verſteck in den Bergen geſucht, von dem aus er den Schauplatz des beabſichtigten Ueberfalls überſehen konnte. Dieſen Schauplatz ſelbſt hatte Buchhagen, ſobald er ver⸗ ſicherte, daß man nur ſehen und nicht ſtören wolle, ohne viel Mühe von Meiſter Wentzel erfahren. Die Leſer ahnten längſt, daß in dem gewerbthätigen Mann außer einer tüchtigen Portion Eigennutz noch immer eine nicht geringe Anhänglichkeit an ſeinen alten Grundherrn und ein außerordentlicher Reſpect vor demſelben wohnte, der ihn, wo nicht gerade ſeine eigenen Intereſſen dem ent⸗ gegen traten, überall auf die Winke und Wünſche des⸗ ſelben achten und ſie, wenn irgend möglich erfüllen ließ. Vincenz verbarg ſich alſo und ſah die Mannſchaft, welche zu dem Ueberfall beſtimmt war, ſich verſammeln; er ſah und hörte auch ihre Ungeduld, da die erwarte⸗ ten Reiſenden über die beſtimmte Zeit ausblieben. Dann aber kam der Wagen und die Sache nahm den natür⸗ lichen Verlauf— ſie fielen den Pferden in die Zügel, warfen den Kutſcher vom Gaul und den Diener vom Bock und machten ſich dann an die Inſaſſen des Wa⸗ gens. Ein paar Piſtolenſchüſſe gingen in der Haſt und dem Schreck wie gewöhnlich unſchädlich in die Luft, recht⸗ fertigten aber auch das etwas derbere Zugreifen der Ge⸗ ſellen. Auf der Straße gab es dann zwar noch eine tüchtige Balgerei, da der jüngere Inſaſſe des Wagens ſich keineswegs gutwillig in ſein Schickſal fügte, viel⸗ mehr ſeinen Hauptangreifer mit einem Fauſtſchlage zu Boden warf, ein paar andere mit Bärenkraft von ſich ſchüttelte und mit einem:„Ich hole Hülfe, Großvater!“ 221 davon und zwiſchen die Felſen ſprang. Ein paar Schüſſe ſchienen ihn nicht mehr erreicht zu haben; auch mochte man an ſeine Verfolgung nicht ernſtlich denken, da man es augenſcheinlich nur auf den alten Herrn und den In⸗ halt des Wagens und Gepäcks abgeſehen hatte. „Aber zum Teufel,“ brach Hartwig Aare, als der Erzähler bis zu dieſer Stelle gelangt war, heftig los, „was iſt denn das Alles, Burſche? Was habt Ihr denn angeſtiftet? Der Junge, der Alte, die Frau— Millio⸗ nen Schock heiliges Donnerwetter— wer iſt das?“ „Das iſt, mit Reſpect zu ſagen, ein ganz guter Bekannter Euerer reichsfreiherrlichen Gnaden,“ ſagte Fritz Buchhagen grinſend vor Vergnügen,„der Herr Bür⸗ germeiſter Junghans nebſt Frau Gemahlin und Herrn Enkel.—“ „Fritz, Menſch! Der Junghans? Wie in des Teu⸗ fels Namen—“ „Wie ich auf den gerathen bin? Nichts leichter als dieſes, Herr Baron! Die Alten waren in teufels⸗ mäßigen Schwulitäten, weil man ihren Enkel, den Albert, partout nach Kaſſel unter's Militär haben wollte, haben bei Hinz und Kunz petitionirt, und wollen jetzt ſelber zum Präfecten nach B., um den Burſchen möglicher⸗ weiſe doch noch loszubitten. Nun iſt's ſicher, daß der Alte dem General, und die Frau der Generalin gar nicht unbedeutend ähnlich ſehen—“ 94 222 „Canaille, die Du biſt!“ rief der Baron lachend und ſich die Hände reibend;„und da haſt Du ihnen meinen Wagen und den Conrad geliehen—“ „Bis B., Herr Baron. In der Stadt gibt's kein rechtes Gefährt.“ „Und Deine Gevattersleute ſelber ans Meſſer ge⸗ liefert?“ 4 „Ei, Herr Baron— ans Meſſer geliefert! Was für ein grauslicher Ausdruck! Was geſchieht ihnen denn? Heut' Abend noch oder morgen früh ſpäteſtens iſt die Hi⸗ ſtorie aufgeklärt, man läßt ſie gehen, wohin ſie wollen, und ſie erhalten, wär's auch nur zur Revanche für ihren Un⸗ fall, vom Präfecten, was ſie wünſchen. Ein Biſſel leid hat's mir auch gethan, und erfahren dürfen ſie's nie, wie das Ding zuſammengehangen. Allein ich konnte nicht helfen, es mußte eben ſein.“ „Ich ſage, Fritz, Du biſt unbezahlbar!“ lachte der Baron,„aber wie lief es ab?“ redete er ſich gegen Vin⸗ cenz wendend weiter.„Der Junghans hat doch ſonſt Herz und Mund auf dem rechten Fleck. Remonſtrirte er nicht?“ „Es nützte nichts, Herr Baron,“ entgegnete Vincenz. „Da ſie ſchrieen: Heraus mit den Füchſen, Herr General, oder wir nehmen ſie!“— gab er Namen und Stand an, zeigte auch ſeinen Paß vor. Da guckte Einer hinein und machte ein zweifelhaftes Geſicht, dann aber hieß es wieder: „nichts als Flauſen!“ Und dann ging es fort mit Wagen 223 und Pferden, Menſchen und Gepäck in's Gebirg' hinein, auf der Straße beim Steinkreuz— Sie kennen's ja, Herr Baron!— und ich verfolgte ſie bis zu Baumanns Hof. Da ſind ſie geblieben.“ „Na, proſit die Mahlzeit!“ ſagte der Baron halb la⸗ chend, halb kopfſchüttelnd.„Fritz, Du biſt ein Heidenſaſa und toller, als ich je geweſen!— Aber Leſthen und die Seinen?“ „Der Wagen kann heut' Nacht zurückkommen, Herr Baron,“ verſetzte Buchhagen mit einem neuen Grinſen, „und wird uns hoffentlich das Beſte melden. Bis dahin müßt Ihr Euch ſchon gedulden, Herr Baron.“ „Und meine Pferde und Wagen, und der Conrad, al⸗ ter Ränkeſchmied?“ fragte der Herr wieder— böſe war er nicht, wie die beiden Anderen leicht merkten. „Natürlich kommen die auch bis morgen wieder— befreit aus den Händen des Geſindels von den thätigen Behörden! Ich ſag's ſelbſt, Herr Baron, die Geſchichte iſt unbezahlbar! Könnte ich nur dabei ſein, wenn der Herr Vicomte die erſte Nachricht empfängt— vielleicht hat er ſie ſchon. Mir war's vorhin wenigſtens, als ſpräche ſein Diener am Hofthor mit irgend einem Herumtreiber. Am liebſten aber ſähe ich das Geſicht des Herrn, wenn er das Richtige erfährt!“ 224 Und in der That hatte Vernay bereits Nachricht von dem Streich erhalten, und etwa zu derſelben Zeit, wo Buch⸗ hagen den Wunſch ausſprach ihn zu ſehen, ging er zu Lucien, um ihr Mittheilung von dem Geſchehenen zu machen. „Es iſt nur dumm,“ ſagte er verdrießlich,„daß ſie den Platen entwiſchen ließen, und noch dummer, daß man ſeiner nicht habhaft werden konnte. Der Menſch hat nicht allein Hülfe holen wollen, ſondern auch gerufen:„Das ſind keine Räuber, Großvater, ſondern verkleidete Be⸗ amte!“— Dummköpfe! Nun gibt's am Ende doch noch Lärm! Wir müſſen den Burſchen haben— er wäre im Stande, unſern ganzen Plan zu ruiniren durch ſein Geſchrei.“. „Und was gedenken Sie mit den Ergriffenen zu thun, Charles?“ fragte die Dame beim Schluß des Geſprächs. „Läßt man ſie laufen, oder werden Sie ſie verſchwinden laſſen? Heißt man's nicht ſo?“ „Das kommt auf das an, was man findet,“ erwie⸗ derte er ruhig.„Man iſt jetzt ſchon bei den Papieren und ich werde morgen früh davon erfahren.“ „Und wie, wenn man fragen darf?“ „Der Brigadier kommt offen her, Theuerſte. Ich habe gar kein Geheimniß daraus gemacht, daß und in welchem Dienſte ich ſtehe, und im Uebrigen hat hoffentlich ein Gens⸗ 225 darm ſtets die Freiheit, in Tolleneck ſo gut wie anderwärts einen nothwendigen Beſuch zu machen. Alſo, ich erfahr's, und wenn es iſt, wie ich beſtimmt glaube, wird man von dem General Leſthen und ſeiner Gemahlin leider keine Nachrichten mehr erhalten. Hätten mir nur die Dumm⸗ köpfe den Burſchen gepackt, Lucie!“ Edmund Hoefer: Tolleneck. I. ‿ Zwoͤlftes Capitel. Von der Irde verſchlungen. „Mein lieber Herr von Vernay, man ſagt mir, daß vorhin der Brigadier bei Ihnen geweſen,“ ſprach am fol⸗ genden Morgen Baron Aare mit ſorgenvoller Miene zu ſeinem Gaſt.„Wenn ich Sie recht verſtanden habe, ſind Sie mit der Oberaufſicht über die Sicherheitsbehörden und die Sicherheit des Landes ſelbſt betraut— haben Sie nichts von einem räuberiſchen Anfall im Gebirge vernom⸗ men? Buchhagen ſagt mir eben, daß man ſchon geſtern Abend unter den Leuten von einem ſolchen geredet, der einmal wieder an der alten Unglücksſtelle beim Steinkreuz ſtattge⸗ funden haben ſoll. Und mir iſt dabei gar nicht gut zu Muth. Ich habe dem Maire Junghans in der Stadt Wagen, Pferde und Kutſcher bis L. geliehen und bisher noch kein Stück davon wieder zu ſehen gekriegt, obgleich ſie geſtern — Abend oder heut' Nacht hätten zurück ſein müſſen, wie die anderen, die Leſthen benützte.“ „Und die ſind wieder da?“ fragte der Vicomte dem Anſcheine nach warmtheilnehmend, in Wahrheit aber kaum fähig, ſeine Beſtürzung zu verbergen. Er erfuhr etwas, das ihm ſeinen getroffenen Anſtalten nach vollkommen räthſel⸗ haft erſchien— das wirkliche, glückliche Entkommen des Generals. Die geſchehene Verwechſelung war ihm, ſeit er den Brigadier geſprochen, freilich kein Geheimniß mehr. Aber ſo ſehr dieſelbe ihn auch verdroß, für jetzt lag ihm bei weitem mehr die Frage am Herzen, wie ſie habe ſtatt⸗ finden können und wie es möglich geweſen, daß der Gene⸗ ral durch⸗ und davon gelangte, ohne von den Seinen an⸗ gehalten, ja ohne nur bemerkt zu werden. „Sie haben leider Recht, Herr Baron,“ ſagte er nach einer kaum bemerkbaren Pauſe— der alte Herr hatte auf die Frage mit einem einfachen:„Natürlich!“ geantwor⸗ tet—„der Brigadier hat mir allerdings von dieſer böſen Geſchichte Meldung gemacht. Es iſt den Leuten indeſſen noch gut genug ergangen. Eine Patrouille iſt gegen Mor⸗ gen auf den— in die Spelunke gekommen, wo man ſie untergebracht, hat die Räuber verjagt und die Menſchen be⸗ freit, die alſo mit keinem bedeutenden Verluſt an Geld und Gut davon kommen werden, für deſſen Erſetzung überdies natürlich geſorgt werden muß; denn ich ſetzte meine Ehre daran, daß dieſem Unweſen endlich gründlich geſteuert wird. 15 228 Es iſt auch einer Ihrer Diener dabei, glaub' ich?“ fügte er lauernd hinzu. „Jawohl, Herr Vicomte! Er iſt doch nicht beſchä⸗ digt?“ verſetzte Hartwig Aare lebhaft.„Mein Gott, Sie wiſſen nicht, wie es in dieſen kleinen Städten iſt. Man hat und bekommt nichts dort, nicht Pferde und Wagen, keinen adretten Menſchen. Die erſteren lieh ich ihm bis zur Sta⸗ tion, da konnte er Poſt nehmen. Mein alter Conrad aber ſollte ihn nach B. begleiten, wo der Burgemeiſter mit dem Präfecten verhandeln wollte—“ „Seines Enkels wegen, der auch dabei war, ſich aber ſalvirt hat?“ fiel Vernay ein. „So? Freut mich; denn wenn man auch ſo bald wie⸗ der befreit wird, es muß eine ſolche Gefangenſchaft ein ver⸗ wünſcht unbehaglicher Zuſtand ſein. Alſo, der Enkel hat ſich ſalvirt? Hm! Ja, ich glaube, ſeinetwegen wollte der Burge— Maire, wollt' ich ſagen, nach B.— Alſo, mein Gefährt bekomm ich wieder, Herr Vieomte?“ ſetzte der alte 3 Herr angelegentlich hinzu. „Heute noch, Herr Baron,“ entgegnete der Vicomte höflich, der dieſe, jedem Bekannten gegenüber mindeſtens unvorſichtige Frage bei ſeiner geringen Kenntniß Aare's nicht weiter auffällig fand.„Ich gehe ſelber hinüber, um Genaueres zu erfahren und eine ernſtliche Verfolgung zu betreiben. Ich werde nicht hieher zurückkommen können und muß, ſo leid es mir thut, Abſchied nehmen.“ — 229 „Wo denken Sie hin, Herr Vicomte!“ rief Hartwig überraſcht.„Weshalb wollen Sie Tolleneck nicht zu Ihrem Hauptquartier machen? Es giebt keinen günſtigeren Punkt für Ihr Vorhaben, zu dem ich übrigens gratulire. Denn allerdings, wie es neuerdings hier bei uns zugeht, könnte einen Heiligen zum Fluchen bringen.“ Der Vicomte war indeſſen nicht zu überreden. Er reiſ'te in der That noch am gleichen Tage ab, da ihm jene oben erwähnte Frage keine Ruhe ließ. Er hoffte eine Er⸗ klärung auf dem Wege oder in L. zu finden, worin er ſich jedoch täuſchte. L. war von jeher eine ſehr lebhafte Stadt, wo nicht nur von der Seite des Gebirges, ſondern auch vom flachen Lande her mehrere Straßen zuſammentrafen und zahlreiche Reiſende durchpaſſirten. Die Controle konnte oft gar nicht ſo ſcharf gehandhabt werden, wie es Vorſchrift war, und der Poſtmeiſter hatte gerade an dem betreffenden Tage gegen dreißig Poſtpferde zu ſtellen gehabt. In ſei⸗ a nem Verzeichniß ſtand freilich auch der Name des Generals, ob ihm jedoch, wie vorgeſchrieben, auch der Paß vorgelegt worden, wußte er nicht mehr. Vermuthlich ſei die Beſtel⸗ lung durch den Gaſtwirth erfolgt, meinte er, bei dem die Tollenecker Herrſchaften gewöhnlich abſtiegen, und dieſer beſtätigte dieſe Angabe wirklich. Das Uebelſte bei alledem war, daß Vernay, um kein Mißtrauen zu verrathen und ſich keine Blöße zu geben, nirgends offen vorzugehen wagen, noch 4 weniger an eine wirkliche Unterſuchung denken durfte. Er knirſchte, aber er fügte ſich.—— Der October war zu Ende und der November brachte die gewöhnlichen kalten, feuchten und trüben Tage, deren man beſonders in dieſem Herbſt ſonſt faſt vergeſſen hatte. Sie bannten die Menſchen in die Häuſer und auf Tolleneck, deſſen gegenwärtige Bewohner wenig Berührungspunkte mit einander hatten, meiſtens ſogar in die Zimmer. Man wich einander nicht aus, aber man traf ſich entweder gar nicht, oder blieb doch nicht bei einander, und hätte die Grä⸗ fin nicht von früher her bei der alten Tante Chriſtine eine Art Entgegenkommen gefunden, ſo wäre ſie nicht minder vereinſamt geweſen, als ihr Bruder. Denn dieſem erging es freilich am übelſten von Allen. Der Onkel Hartwig war gegen ihn entweder grob oder voll ſchier offen zur Schau getragener Verachtung und ließ es ihn auf das Deutlichſte merken, daß er ihn je eher deſto lieber davon ziehen ſehen möchte. Gerhard verhielt ſich ſo kalt wie möglich, Hilde⸗ gard wich ihm und ſeinen Unterhaltungen, deren Ton ſie anwiderte oder geradezu verletzte, offen aus, und ſelbſt zu ſeiner Schweſter ſchien er ſeit jeuer unbehaglichen Erörte⸗ rung mit Vernay kein rechtes Verhältniß wieder gewinnen zu können. Auffallen hätte es können, daß er ſich dieſe Ver⸗ einſamung nicht nur, ſondern auch eine gelegentliche nichts weniger als höfliche Zurückweiſung anſcheinend ruhig gefal⸗ len ließ. Aber es war faſt, als ob man ſelbſt dies nicht wei⸗ 231 ter beachte. Man ließ ihn ruhig ſeiner Wege gehen und Niemand bekümmerte ſich um das, was er etwa treiben mochte. Und ſo ſtill es in dem Schloſſe war, ſo ſtill blieb es auch von Außen. Man lebte faſt wie auf einer fernen, ein⸗ Niemand ſprach dort ein; Hyneck ließ ſeit der Jagd nichts von ſich hören, und Bernhard ſollte zu einem ziemlich ent⸗ fernt wohnenden Jugendfreund gereiſ't ſein. Nur der Burge⸗ meiſter Junghans hatte mit ſeiner Frau, bei der Rückkehr von der verunglückten Fahrt im Schloſſe auf ein paar Stun⸗ den vorgeſprochen, und der Mann hatte dem Baron und Buchhagen, die Frau Hildegard und der alten Anne Mar⸗ garethe getreulich Bericht über den grauſamen Ueberfall und die ſchlimme Nacht in den Händen der Angreifer abgeſtat⸗ tet. Von ihrem Enkel wußten ſie ſchon, daß er in die Stadt gelangt ſei und ſie dort erwarte, und wie Buchhagen es vor⸗ ausgeſagt, hatte Vernay dem Burgemeiſter höchſt liebens⸗ würdig ſeine Verwendung bei dem Präfecten verheißen, daß man den jungen Mann ſeine Studien ungehindert fort⸗ ſetzen laſſe. Am wohlſten ſchien es Felix zu ſein; der junge Menſch war munterer, höflicher und gehorſamer, wenn man es ſo heißen kaun, als man ihn bisher auf Tolleneck kennen ge⸗ lernt. Es mochte wohl ſein, daß er ſich endlich die Ermah⸗ nungen ſeiner Herrin zu Herzen genommen. Und jedenfalls ſamen Inſel; Niemand verließ das Haus auf längere Zeit, wurde er für ſeine Willigkeit durch die beſondere Theilnahme und Freundlichkeit Luciens belohnt, die nie ſo ſichtbar ge⸗ weſen, wie in dieſen Tagen. Er ſeinerſeits ließ freilich auch Niemand, der auf dergleichen Acht geben mochte, in Zwei⸗ fel darüber, daß er ſeine gütige Herrin anbete und ſo zu ſagen nur vom Blick ihrer Augen und vom Hauch ihres Mundes lebe. Wie abhängig aber dieſe Stimmung von der Stille des gegenwärtigen Lebens in Tolleneck war, zeigte ſich über⸗ raſchend deutlich, als eines Tags ſich Hyneck einſtellte und nach einer langen Unterhaltung mit dem Schloßherrn ſich auch bei Lucien einfand, um, wie er ſagte, Abſchied zu neh⸗ men. Da waren bei dem Burſchen, der freilich dieſen Grund des Beſuches nicht erfuhr, mit einemmal wieder die finſteren, verdrießlichen Mienen da, die Widerwärtigkeit und Stößigkeit ſeines Benehmens, und wie ihn anfäng⸗ lich nur Hynecks ernſter Befehl zum Melden ins Zimmer gebracht, verließ er dasſelbe jetzt erſt nach ſtrengen Wor⸗ ten ſeiner Herrin auf die ungezogenſte Weiſe. „Iſt das Ihr Ernſt?“ fragte die Gräfin, da Hy⸗ neck ihr ziemlich trocken von ſeiner bevorſtehenden Abreiſe geſagt.„Alſo auch Sie wollen fort? Das kommt über⸗ raſchend ſchnell, Arthur!“ G „Und doch ſchon zu ſpät,“ entgegnete er verdüſtert. „Ich bin hier überflüſſig und unwillkommen geworden, während ich daheim offene Arme und freundliche Augen 233 mich erwarten weiß. Da geh' ich— ich bin eben ein Menſch, Madame!“ „Ein Thor ſind Sie,“ verſetzte ſie gleichſam ſchmol⸗ lend.„Die Ungezogenheit eines Knaben—“ „Nicht doch!“ fiel er ein.„Das iſt nur ein ſchwa⸗ ches Glied der Kette, obſchon auch wieder ein Zeichen, daß ich mich nicht irre. Sie können mir auch ſonſt meinen Aufbruch nicht verdenken. Seine Hoheit verlangt nach mir, es hat ſich manches angeſammelt, das der Erledigung bedarf; und dann—“ „Reiſ't Ihr Fürſt nach Paris?“ unterbrach ſie ihn lebhaft, geſpannt. „Ich habe nichts davon gehört,“ ſagte er ruhig, „und glaube es auch nicht.“ 3„Arthur— und doch koſtete es Sie nur ein Wort!“ ſprach ſie bittend.„Sie wiſſen, wie wohl man es auf⸗ nehmen würde, wie günſtig ſich alle Ausſichten geſtalten würden— mit einem Schlage—“ „Ich bitte Sie, Lucie, laſſen wir das,“ fiel er ernſt ein.„Sie wiſſen, ich bin auf dieſem Punkte machtlos, ſelbſt wenn ich Ihrer Meinung wäre. Die Hoheit iſt nach dieſer Seite hin ſo ſelbſtändig und entſchieden wie möglich.“ „Sie ſchmollen mit mir, Arthur, leugnen Sie es nicht,“ ſprach ſie nach einer Pauſe in ihrem weichſten Tone, „und doch, Arthur, hab' ich es verdient? Hab' ich nicht 234 Alles gethan, was ich vermochte? Dürfen Sie ſich über mich beklagen? Weshalb nun dieſe plötzliche Kälte? Wes⸗ halb dieſer jähe Aufbruch, dies Zurückziehen? Bei Gott!“ fügte ſie hinzu, und es klang aus ihrer Stimme etwas, wie kaum verhaltene Thränen—„Sie machen mir wenig Muth, mich an das Verſprechen zu erinnern, das ich Ihnen gab. Und ich habe mich ſo auf die Zeit gefreut— ſehn⸗ ſüchtig, Arthur, denn ich bin ehrlicher und treuer, als Sie, und geſteh' es, daß Sie mir leider nur zu theuer ſind!“ „Dieſe Zeit kommt nie,“ ſagte er finſter. „Sie kommt, wenn Sie es ernſtlich wollen. Aber Sie ſind Egoiſt, wie alle Männer. Sie wollen, daß ich mich Ihnen hingebe und für Sie zur Thörin werde, ohne daß Sie ſelbſt mir auch nur ein Atom Ihres Weſens zu eigen geben, ohne daß Sie auch nur ein Haarbreit von dem ab⸗ weichen, was Sie ſich als— ich weiß nicht was! ausge⸗ klügelt haben. Und was will ich von Ihnen? Iſt es etwas Anderes, als daß ich für Sie, den ich liebe, ehr⸗ geizig bin und Sie in einer Stellung zu ſehen wünſche, wie ſie Ihnen gebührt? Sie wollen ſich nun einmal nicht von Ihrem Fürſten trennen— nun gut, man wünſcht ja auch ihn zu heben. Machen Sie ſich klar, Arthur, was Ihr durch eine vernünftige Nachgiebigkeit gewinnt— das Land, Ihr Fürſt, Sie ſelbſt! Ach, wenn Sie mich liebten, würden Sie leichter zu überzeugen ſein, denn Sie würden glauben, daß ich Ihnen nicht übel zu rathen vermöchte.“ 235⁵ „Wenn ich wirklich an Ihre Liebe glauben könnte!“ ſagte er dumpf. „Hängt es nicht von Ihnen ab, ſich davon zu über⸗ zeugen?“ verſetzte ſie ſchmachtend und ſich gegen ihn neigend. Ihr weiteres Geſpräch wurde ſo leiſe geführt, daß kein Laut davon über den Platz hinausdrang, an dem ſie ſtanden. Aber in einer Richtung wenigſteus hatte es kei⸗ nen Erfolg gehabt, da Hyneck bei ſeinem Entſchluß abzu⸗ reiſen wirklich beharrte und bald nachher auch von Buch⸗ hagen, dem er auf dem Hofe begegnete, Abſchied nahm, ihm Grüße an die Hausgenoſſen auftrug, die er nicht mehr geſehen.„Ihr ſeht mich lange nicht wieder, glaub' ich,“ ſagte er zuletzt.— Der Wirthſchafter ſah ihm kopfſchüttelnd nach. Er hatte inzwiſchen ſchon erfahren, daß die Unterredung Hy⸗ necks mit dem alten Baron eine ſehr bittere geweſen. Der Schloßherr hatte, wie er ſelber erzählte, dem früheren Mün⸗ del geradeheraus geſagt, daß er in ihm nichts mehr als einen Diener der Franzoſen ſehe, dem er Unheil auf ſeine Wege wünſche. Auf Buchhagens verwunderte Frage, was ihn denn neuerdings ſo heftig gegen den früheren Freund eingenommen, deutete er kurz auf den Verkehr mit Lucien hin, von dem er gleichfalls vernommen, außerdem aber auch noch auf andere, kürzlich eingetroffene Mittheilungen. Der alte Herr war zurückhaltender als ſonſt und brach das 236 Geſpräch, nachdem er ſeinem erſten Grimm Luft gemacht, jäh genug ab. Seine Stimmung gegen Lucie hatte ſich ſeit ihrer Unterredung mit Vernay, von der er durch Buchhagen, wie wir wiſſen, erfahren, bereits ſehr abgekühlt, aber ſie war neuerdings immer mehr hinabgeſunken, ohne daß er ſich darüber mit irgend Jemand in Erörterungen einließ. Und als ſie ihm, wieder ein paar Tage ſpäter, nachdem ſie einen eben angelangten Brief in ſeiner Gegenwart ge⸗ leſen, mit unverhehltem Schreck die Mittheilung machte, daß ſie augenblicklich nach Berlin abreiſen müſſe, da man ihr das lebensgefährliche Erkranken ihres dort zurückge⸗ bliebenen einzigen Kindes melde, ſagte er nur grämlich lachend:„Weiß der Teufel, was die Dame Alles hat! Hier einen alten Vetter in der Stadt, von dem kein Menſch bis⸗ her was gewußt, und nun gar ein Kind in Berlin, von dem ich noch nie gehört! Aber es iſt recht, reiſe! Triffſt es drüben auch luſtiger als hier.“ „Es iſt ein widerlich Leben jetzt auf Tolleneck,“ ſagte Fritz Buchhagen zu der alten Anne Margarethe, die er einmal in dieſen Tagen aufgeſucht hatte, denn die Alte kam aus ihrem Neſte nicht mehr herunter, als wenn ſie alle Vierteljahr einmal zur Kirche ging.„Sonſt war alles immer klipp und klar, jeder trug ſein Herz auf den Lippen und es ging immer gut. Jetzt iſt das Alles vor⸗ bei, kein Menſch weiß mehr, woran er mit dem Ande⸗ 237 ren iſt. Der Alte hat ſeine Geheimniſſe, die Gräfin Nichte, der Hippolyt; die Kleine ſah ich vorhin mit dem Gerhard zuſammenſtecken, und Gott verzeih' mir's, ſie flüſterten mit einander! Wenn ich der Alte wäre, würde ich ſagen: Da ſoll ein heiliges Millionen Schock Don⸗ nerwetter dreinſchlagen!“ „Und Er ſelber iſt der Offenſte von Allen, wie ein Kind, Herr Buchhagen,“ ſpottete die alte Frau gut ge⸗ launt. „Sachte, ſachte!“ entgegnete er, aber ernſthaft,„das iſt denn doch, was Anderes. Wo's einmal um Kopf und Kragen geht, Anne, oder doch ſo ungefähr,— da darf man ſchon ein Biſſel vertuſchen und verſtecken. Und das kann Sie glauben, käm' die Hiſtorie heraus, ſo gäb's einen ſchönen Spectakel. Um meine Augen wenigſtens gäb ich gar nichts. Die Junghans riß' ſie mir aus.“ „Ja, ein Herrgott⸗Saccermenter iſt Er ſchon!“ ſagte ſie zugleich lachend und kopfſchüttelnd.„Seine Freunde müſſen ſich vor Ihm in Acht nehmen.“ „Ja, ſieht Sie, Anne, das hängt auch damit zu⸗ ſammen,“ erwiederte er launig.„All' dieſe fremde Wirth⸗ ſchaft hier bei uns hat mich ganz aus dem Text ge⸗ bracht. Na Gottlob, wir werden ſie aber jetzt wohl Alle los.“ Dieſer Wunſch Buchhagens, obgleich er ſicherlich auf beiden Seiten, bei den Einheimiſchen ſo gut wie bei den Gäſten, noch mehr als Einen fand, der ihm auf das ernſtlichſte zuſtimmte, ſollte indeſſen nicht in Erfül⸗ lung gehen. Als Lucke bald nach der mitgetheilten Un⸗ terredung mit dem Schloßherrn in ihr Gemach hinauf⸗ kam, den Bruder zu ſich berief, ihm von ihrem Ent⸗ ſchluß ſagte und daß es ihm— heiter und einladend ſah ſie dabei freilich nicht aus— frei ſtehe, ſie zu begleiten, verſetzte er, indem er ſich auf das allerbe⸗ quemſte auf dem Diwan aus treckte, zu ihrer ernſtlichſten Ueberraſchung ſeelenruhig:„Daß ich ein Narr wäre! Jetzt, da ich hier anfange daheim zu ſein und mich zu unterhalten, ſollte ich mit Dir ziehen, Deinen Kammer⸗ herrn machen, Deinen thörichten Streichen zum Deckman⸗ tel dienen und mir zum Dank à la Vernay jeden Gro⸗ ſchen, jeden Gang und jedes Wort controliren laſſen! Danke, ſchöne Dame, ich bleibe da und füttere mich, wie dieſe groben Menſchen im Grunde ganz richtig es heißen, einmal recht ordentlich wieder heraus.“ Sie war, wie geſagt, überraſcht, und zwar nicht allein über dieſen Entſchluß des Bruders ſelbſt, der ſich, ſeit ſie mit ihm zuſammenlebte, niemals zu etwas Aehn⸗ lichem, zu irgend einem Wollen aus ſeiner Schlaffheit aufgerafft, ſondern auch über die durchleuchtende Em⸗ pfindlichkeit, und am allermeiſten über dies Geheimniß, das er vor ihr zu haben ſchien. Das war etwas ſo Neues, daß ſie es kaum für mehr als einen Verſuch halten mochte, ihre Neugierde zu reizen und ſie, wenn auch ziemlich kindiſch, für ihre Kälte gegen ihn zu beſtrafen. Sie ſagte daher auch nach einer Pauſe und einem lan⸗ gen durchdringenden Blick auf ſein kaltes, abgeſpanntes Ge⸗ ſicht ſpöttiſch genug:„Ah, ſo gratulire ich, mein Freund! 2 Das muß in der That ein mächtiger Reiz ſein, der Dich hier nicht allein feſſelt, ſondern Dir auch obendrein noch wirkliche Unterhaltung gewährt. So wäre ja dieſer Auf⸗ enthalt wirklich nicht umſonſt geweſen für Dich und hätte Dir mehr gewährt, als die große Welt mit ihren Ge⸗ nüſſen und Freunden.“ „Ich hoffe, er ſoll einſt auch ſonſt nicht umſonſt geweſen ſein,“ entgegnete er und fügte mit einer Wen⸗ dung zum Pathetiſchen, die aber wie jede andere Ab⸗ . weichung von ſeiner gewohnten Weiſe, nur einen halb * faden, halb widerlichen Ausdruck gewann, faſt ſchmach⸗ tend hinzu:„und die große Welt?— Ach in der Ein⸗ ſamkeit blühen unſere ſchönſten Freuden! Du erprobſt das ja auch, meine Schöne, hier und allerwärts. Apro⸗ pos—“ und ſein mattes graues Auge erhob ſich nach⸗ läſſig zu ihr—„iſt Hyneck in Berlin oder denkſt Du an dieſen Ritter Hugo, oder willſt Du mit Monſieur Felix einſam leben im Strudel der Welt?“ „Hugo?“ wiederholte ſie, innerlich immer überraſch⸗ ter, ſie bemerkte am Bruder plötzlich etwas wie Nach⸗ denken und Beobachtung— gab er ſich denn mit der⸗ 240 gleichen ab?„Hugo? Was Du redeſt! Du berührſt da aber allerdings dasjenige, was mir am meiſten Sorge macht— wo ſtecken dieſe Leſthen's? Es iſt, als habe die Erde ſie eingeſchlungen!“— „Um ſie in Berlin wieder auszuwerfen,“ ſagte er, ohne ſich zu regen, leicht hin. „Weißt Du etwas von ihnen?“ fragte ſie raſch. „Dasſelbe, was Ihr, Du und Dein kluger Vernay, wiſſen könntet, wäret Ihr nicht ſo furchtbar ſcharfſichtig, daß Ihr immer weit über das Ziel hinausſchaut.“ Er ſtreckte ſich noch behaglicher aus und kreuzte die Arme unter dem Kopf. Sie war eine ganze Weile ſtill. Neben der Be⸗ ſtürzung regte ſich nun in ihr auch faſt ein Verdruß darüber, daß ſie ſelbſt den Bruder neuerdings zu weit von ſich abgehalten, um ihn jetzt plötzlich wieder heran⸗ ziehen zu können. Sie wußte nur zu gut, daß jetzt je⸗ der Verſuch, ſein Vertrauen zu gewinnen, vergeblich ſein würde. Und ſo ſagte ſie endlich nur:„mir kann es im Grunde nur lieb ſein, wenn Jemand von uns hier bleibt und Tolleneck nicht aus den Augen läßt, obgleich Ver⸗ nay's Einfälle ſicherlich ſtets nur Illuſionen bleiben wer⸗ den. Allein ich fürchte, Deiner Börſe wird dieſe Ruhe nicht vortheilhaft ſein. Wir haben's erprobt— man iſt ſehr ſparſam geworden.“ 241 „Ich bedarf keiner Zuſchüſſe,“ entgegnete er, ohne die Augen zu öffnen. Sie ſah ihn von Neuem überraſcht an, aber es regte ſich kein Zug ſeines Geſichts, und nach einigen Secunden meinte ſie:„Deſto beſſer!— Offen geſtan⸗ den, iſt mir Dein Hierbleiben auch darum lieb, weil ich Felix deſto ruhiger hier laſſen kann.“ Die grauen Augen thaten ſich wieder auf und ſa⸗ hen ſie anſcheinend gleichgültig an.„Immerhin,“ ver⸗ ſetzte er ruhig,„vorausgeſetzt, daß Du weder mich noch ihn zum Wärter des Anderen beſtimmſt— ich bin keine Wartfrau und brauche keinen Kammerdiener— zumal Junker Felix nicht, nachdem er von Dir ins Exil ge⸗ ſchickt wurde!“ fügte er ſich aufrichtend hinzu.„Bitte, Schweſter, avertire mich, wenn Du ihm dieſe Mitthei⸗ lung machſt, damit ich mich rechtzeitig retirire. Und Du ſelber, halte Dir irgend ein Piſtol oder dergleichen parat— es könnte ſonſt ein Unglück geben.“ DOb Lucie den ſpöttiſchen Rath des Bruders befolgte und irgend eine Waffe bereit hielt, mit der ſie das Unge⸗ ſtüm des jungen Menſchen in ſeine Schranken zurückwies, wiſſen wir nicht. Allein die Scene war wirklich von der Art, daß einem etwaigen Zuhörer dabei bedenklich hätte zu Muth werden dürfen. Der Knabe gerieth auf die Ankündi⸗ gung, daß er zurückbleiben ſolle, vltnen ſich und geberdete ſich wie raſend, ſeine Herrin mit Anklagen, Dro⸗ Edmund Hoefer: Tolleneck. I. 16 242 hungen und Verwünſchungen überhäufend, in Thränen zer⸗ fließend und in Wuth aufflammend. Aber es nützte ihm nichts, und als endlich aus dem Munde ſeiner Gebieterin ein ſeltſam ſcharf und faſt ziſchend betontes:„aber ich will, mein Freund! Und du fügſt Dich, oder—“— die Worte, welche noch folgten, waren ſo leiſe, daß ſie der Knabe ſelbſt mehr nur errieth— an ſein Ohr geſchlagen war, legten ſich jäh die wilden Wogen; es wurde ſtill im Zimmer und man ſah Felix es bald zwar bleich, aber mit finſterer, trotziger Miene verlaſſen. Dafür hatte aber die alte Anna Margarethe den Aerger, ihn während der Nacht vor der Abreiſe ruhelos in den Corridoren umherwandern zu hören. Auch nahm er ſich diesmal mit ſeinen Schritten noch weniger in Acht als damals, in der Nacht nach der Ankunft. Hartwig Aare nahm die Nachricht, daß die Bei⸗ den ſeine Gäſte bleiben würden—„ich habe Felix dem Herrn Vincenz empfohlen,“ ſagte Lucie,„und er will ihn gern in die Jägerei einweihen; der Knabe hat Luſt dazu!“ in ſeiner halb gleichgültigen, halb derben Weiſe auf.„Meinetwegen,“ meinte er.„Will der Eine ſich mit ſich ſelbſt und Vincenz ſich mit dem Anderen plagen — mir kann's recht ſein. Nur mir ſollen ſie Beide vom Leibe bleiben. Du ſelbſt aber— dürfen wir nach Be⸗ endigung Deiner mütterlichen Geſchäfte von Neuem auf Deine ſchätzbare Gegenwart hoffen, Frau Nichte?“ 243 „Wenn Sie's erlauben, Oukel, möchte ich im näch⸗ ſten Juni etwa zurückkehren,“ ſagte ſie, ohne auf den Spott in ſeinen Worten zu achten.„Es muß ſchön in Tolleneck zu ſolcher Blüthenzeit ſein, und ich ſehne mich nach Ruhe; ſie wurde mir bisher ſelten genug.“ Er hatte nichts dagegen, ſondern ſprach einfach: „Komm!“ Am Nachmittag von ihrer Abreiſe traf unvermu⸗ thet Bernhard auf Tolleneck ein und brachte jetzt, faſt vierzehn Tage nach ihrer Abreiſe, dem Vater die er⸗ ſten Nachrichten von Leſthen's. Erſt jetzt erfuhr der alte Herr, und auch wir dürfen erſt jetzt den Leſern ver⸗ rathen, wie die Sache verlaufen. Der General mit den Seinen war gar nicht ins Gebirge hineingekommen, hatte vielmehr nicht fern von Tolleneck die ſogenannte „alte Fähre“ benützt, um den Fluß zu paſſiren, und war nach einem allerdings nicht geringen Umweg über eine weiter unten gelegene Brücke nach Wintersbach gefahren, in deſſen Einſamkeit er noch ein paar Tage unentdeckt verweilte. Dann geleitete Bernhard ſelbſt die Familie auf anderen Wegen der großen Straße zu, auf der ſie freilich erſt acht Tage ſpäter in ihre Heimat zurückge⸗ langte. Der Plan zu dieſer heimlichen Reiſe war ſo einfach und ſicher, daß er Buchhagen noch jetzt die volle Bewunderung Hartwigs eintrug. Dieſer zeigte ſich nur damit unzufrieden, daß man auch ihm aus dem Allen 16* ein Geheimniß gemacht und ihn ſeither in Spannung und ſchlechter Laune gelaſſen. Allein Buchhagen ſagte auch hier wieder phlegmatiſch:„ein Geheimniß, das ich mit einem Anderen theile, iſt keines mehr, Herr Baron, ſelbſt wenn Ihr dieſer Andere ſeid.“ „So? Und den Bernhard hier rechneſt Du als Niemand?“ fragte der alte Herr gutgelauut. „Den Bernhard? Ei, der iſt ſelber ein Geheim⸗ niß,“ verſetzte der Wirthſchafter ſchmunzelnd,„und im Uebrigen, Herr Baron, will ich einmal Verſteckens ſpie⸗ len, ſo find' ich in Wintersbach ſicherere Plätze als hier. Nichts für ungut, Herr Baron, es läuft oder lief mir in Tolleneck zu viel curioſes Menſchenzeug umher— jetzt werden wir ja Gottlob wieder ein Stück davon los!“ Auf Bernhard, der ſonſt heut' noch ſtiller und zer⸗ ſtreuter geweſen, als man ihn gewöhnlich fand, machte die Nachricht von Luciens Abreiſe einen tiefen Eindruck, den er ſich auch gar nicht zu verbergen beſtrebte.„Gott gebe, daß es da nicht neues Unheil gibt!“ ſagte er trübe. „Ich muß es Euch nur bekennen, der Hugo Platen hat mir mehr als einmal zu ernſtem Nachdenken Veranlaſſung ge⸗ geben. Er erkundigte ſich gar zu angelegentlich bei mir nach der Couſine und verbarg dies Intereſſe ſichtbar den Großeltern. Ich habe mir für den jungen Mann ganz et⸗ was Anderes gedacht,“ fügte er hinzu,„und wurde darauf nicht nur durch eigene Beobachtungen, ſondern auch durch 245 Mittheilungen des Generals geführt, die mich bis in die Seele hinein erfreuten. Es ſollte mir bitter— bitter leid thun, wenn Hilda hier vielleicht auf die erſte und ſchwerſte Enttäuſchung ihres jungen Lebens ſtoßen müßte!“ „Ah bah!“ ſprach Hartwig Aare verſtimmt,„wenn der Burſche hier ſchwanken könnte— wohlan, ſo ſcheer' er ſich zum Teufel! Hilda und Lucie— bah! Aber ich glaub' es noch nicht!“ „Wer weiß, Vater!“ meinte der Sohn faſt ſchwer⸗ müthig lächelnd.„Der Menſch unterliegt oft anſcheinend ſo armſeligen Eindrücken, und Lucie ſei wie ſie wolle, ſie hat etwas von einer Circe an ſich.“— Als Bernhard bald nachher und ohne etwas von den übrigen Verwandten geſehen zu haben, wieder aufbrach, faßte der Vater ſeine Hand zum Abſchied, ſah ihm theil⸗ nahmsvoll in die Augen und fragte faſt herzlich:„Nun Junge, wie wird's? Willſt Du wieder den ganzen Winter drü⸗ ben verhocken und verträumen? Zum Teufel, mache Dich einmal heraus, treibe, thue etwas, gleichviel was, und wär' es das dummſte oder tollſte!“ „Gibt es noch etwas für mich zu thun, Vater?“ ent⸗ gegnete trübe lächelnd der blaſſe Mann.— 1 1 —