liothek Leihbib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Leih- und JSeſebedingungen. 1. Ofkensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ l den angenommen.— 3 5] 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — beſo der Bücher nicht ſtattfind ſelben von mir geliehen, Geschichten von —-—— Edmund Hoefer. Prag, 1859. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) 4* Prag, Druck von Jarosl. Poſpisil. Früulein Elſe. Im Waldſchloß Ein Schrei. Es war eine weite, lautloſe Ebene, und man ſah ihr Ende nicht, denn dort, wo in der Ferne die Eisdecke aufhören mochte und die Wellen des Meeres noch dumpf brauſend hin und widerrollten, ſtieg der Nebel leiſe empor und verwebte ſeine dichten Schleier mit dem grauen Flor, welcher einförmig den ganzen Himmel überzog. Weit dehnte es ſich aus, eine öd eintönige Fläche, das Eis glänzte nicht, der Schnee, der ſich an den Kanten einiger übereinander geſchobenen Schollen feſtgeſetzt und gehal⸗ ten, zeigte nichts von ſeiner blendenden Friſche, und das Auge fand dort hinaus nicht einen einzigen Punkt, an dem es haften und ausruhen konnte. Denn auch von einer Küſte war hier nichts zu ſehen, wie weit man den Blick vorwärts und nach den Seiten hinausſchweifen laſ⸗ ſen mochte. Die ſchmale Landzunge, auf deren äußerſten, jäh in die See abſtürzenden Spitze ein kleines Schloß lag, ſprang vom feſten Lande ſo weit in die Wellen hinaus, 1859. XXIV. Vergangene Tage. 1 10 daß man ſelbſt an hellen Tagen von dem rückwärts lie⸗ genden Strande hier nichts bemerken konnte als den dun⸗ klen Waldſaum, der ſich dort entlang zog. Der Wald ſtreckte ſich auch auf die Landzunge hinauf und erfüllte ſie faſt bis an die äußerſte Spitze mit hochragenden Stäm⸗ men und dicht verwachſenen Büſchen, und die paar Fel⸗ der und Gärten, die dort frei blieben, das Schloß und einige Nebengebäude, lagen abgeſchloſſen und einſam wie auf einer Inſel, fernab von aller Welt, und es war, als ob nicht ein Laut vom Leben und Treiben der Menſchen drüben im weiten großen Lande herüber dringen könnte. Wie die Stille eines Zaubers lag es auf Feldern und Gärten, auf den dunklen Gebäuden; wie die Stille eines Zaubers breitete es ſich durch das gewölbte Thurm⸗ zimmer und über das junge Mädchen, welches einſam am Fenſter ſaß. Sie hatte den Arm auf das Geſims gelegt und den Kopf wie ein müdes Kind darauf geſenkt; die blonden Locken waren hinter das kleine Ohr zurück⸗ geſtrichen, und ihr Blick ging über den Fenſterrand träu⸗ meriſch hinaus in die graue Weite, oder verfolgte ebenſo ſtill eine der Schneeflocken, die hie und da leiſe hernieder⸗ ſanken. So ſaß ſie dort lautlos und ohne Regung, ſtill in der Stille, als wäre auch ſ vom Zauber befangen und gebannt in dieſe Ruhe. Und draußen dämmerte der Abend, in der Tiefe 11 des hohen Zimmers war es bereits nächtlich dunkel, aber das Mädchen blieb noch immer unbeweglich, und noch immer regte ſich weder im weitläufigen Gebäude noch im Gemache ein einziger Laut. Nur im großen Ofen praſſelte dumpf das Feuer und zuweilen klang es wie ein leiſer, tiefer Seufzer vorüber. Das war der Wind, der, wie immer an dieſen Küſten, auf der Wache ſtand, die Mauern umzog, an die Fenſter faßte, durch alle Gänge und Treppen huſchte und getreulich nachſchaute, ob auch Alles feſt und ſicher ſei. Da hob das blonde Kind plötzlich und ſchnell das Köpfchen vom Arm und ſah mit überraſchten Blicken hin⸗ aus auf die Eisfläche, wo aus den Nebelſchleiern eine dunkle Geſtalt hervortauchte und ſich raſch dem Schloß⸗ hügel näherte. Und zugleich ward draußen die tiefe zornige Stimme eines großen Hundes laut, der den Wanderer gleichfalls bemerkt haben mochte und nun mit Ungeſtüm an ſeiner Kette zerrte. Aber der Fremde ließ ſich dadurch nicht zurückſchrecken; vielmehr näherte er ſich mit raſchen Schritten und ging ſo unbekümmert vorwärts, als kehre er von einer Jagdpartie ins eigene Haus zurück; denn das Mädchen konnte trotz der Dämmerung noch bemer⸗ ken, daß ein Jagdranzen an ſeiner linken Seite und eine Flinte an ihrem Riemen von ſeinen Schultern herabhing. 1* 12 Er war jetzt ſo nahe an den Abhang der Landſpitze gelangt, daß ſie von ihrem Standpunkte aus nur noch ſeinen Kopf erblickte, als nun unter den Fenſtern auch eine Stimme laut ward und vernehmbar fragte:„Halt und ſteht!— Wer iſt da?— Was habt Ihr da herum⸗ zuſchleichen?“— Die Antwort des Wanderers verſtand ſie nicht, wohl aber die folgenden Worte des Anrufenden:„Gut, ſo geht da herum bis an die Pforte; ich will öffnen. Ihr könnt nachher mit dem Herrn Rittmeiſter reden.“— Der Fremde folgte der Weiſung und entfernte ſich, die Kette des Hundes raſſelte nicht mehr, und das junge Mädchen ließ den Kopf in die Hand ſinken, und ihre Au⸗ gen ſchauten wieder mit demſelben träumeriſchen Blick hinaus, der vorhin ſo lange und ſo theilnahmlos auf der weiten öden Fläche geruht hatte. So ſaß ſie fort und fort. Im Gemach war es ganz dunkel geworden, während die Luft draußen noch von ei⸗ nem lichten Schimmer erfüllt war;z denn der Schnee be⸗ gann in immer dichteren Flocken zu fallen, bis er ſich wie ein weißer Schleier vor die Ferne zog. Aber die Kleine bemerkte es nicht oder achtete nicht darauf; ſie beachtete es auch nicht, daß jetzt zum Erſtenmal durch die tiefe lautloſe Stille des Hauſes ein leiſes Geräuſch wie von ſich nähernden, leicht auftretenden Schritten vernehmbar ☛ —— 13 ward, ja ſie ſah nicht auf, noch ſich um, als endlich die Thür geöffnet wurde und eine Frau mit einem Licht in der Hand darin erſchien. Die Thür ward wieder geſchloſſen, die Frau blieb davor ſtehen, erhob das Licht, um bei ſeinem matten Glanz einen Ueberblick über das Zimmer zu gewinnen, und als ſie dann die dunkle Geſtalt des jungen Mädchens in der Fenſterniſche erkannte, trat ſie einen Schritt weiter in die Stube und fragte mit ſcharfer, unwillig klingender Stimme:„Was ſoll das heißen, Elſe, daß Ihr da im Dunkeln hockt? Ihr wißt, daß ich es nicht liebe, Euch zu ſuchen.“— Und als auf dieſe Worte die Angeredete weder den Kopf vom Fenſter abwandte, noch eine Ant⸗ wort gab, fuhr die Frau heftig fort:„Nun, hört Ihr mich nicht?“ Da ließ das Mädchen die Hand langſam vom Kopf auf das Fenſtergeſims ſinken, ſtand auf, und indem es die Fingerſpitzen auf das Tiſchchen ſtützte, das dort neben dem Stuhl in der Niſche ſeine Stelle gefunden, verſetzte es kalt:„Mit wem redet Ihr? Mit mir?“ Die Frau zuckte überraſcht und zornig auf.„Was iſt das für ein Ton?“ fragte ſie heftig, den Kopf auf⸗ werfend und die dunklen Augen mit einem brennenden Blicke auf die Andere richtend.„Was fällt Euch ein, mit wem ſollte ich hier ſonſt reden?“ 14 „So wollt die Güte haben, mich zu nennen, wie ich heiße— oder wie es hier im Hauſe Sitte iſt,“ erwi⸗ derte ſie und bemühte ſich auch jetzt die Kälte des Tons feſtzuhalten; allein ihr)e Stimme bebte vor Aufregung, und hätte die Frau näher geſtanden, ſo würde ſie geſehen haben, wie auch die feinen Lippen zuckten und der Bu⸗ ſen unter dem ſchwarzen, enganliegenden Kleide ſich zit⸗ ternd hob. Aber ſie ſah das Alles nicht, denn der Schimmer des armſeligen Lichtes ließ kaum die Umriſſe der noch immer in der Fenſterniſche Stehenden erkennen; ſie hörte nicht einmal das Beben der Stimme heraus, denn ſie war gar zu überraſcht und erregt durch dieſen unerwar⸗ teten, plötzlich ſo entſchieden auftretenden Widerſtand. Sie ſetzte den Leuchter auf den Tiſch vor dem Kanapee, ließ jedoch die Hand daran, als bedürfe ſie einer Stütze, obgleich ihre große, volle Geſtalt von Kraft zu ſtrotzen ſchien, und mit finſterer Stirn und zuckenden Lippen ſtieß ſie hervor:„Fräulein von Hagen!“ „So heiße ich,“ entgegnete die junge Dame mit in⸗ zwiſchen wiedergewonnener Faſſung;„und nun, Mam⸗ ſell Wilke, was wünſcht Ihr von mir?“ Mitt dieſen Worten trat ſie aus der Fenſterniſche hervor, ging zum Tiſch und entzündete am Licht der An⸗ dern die drei Kerzen eines prachtvollen ſilbernen Arm⸗ ————— 15 leuchters, der in der Mitte der bunten Sammetdecke ſtand. Dann erhob ſie ihre großen Augen zu dem Ge⸗ ſicht der Mamſell; aber obgleich der Blick derſelben jetzt feſt und ernſt war, ſo lag doch zugleich ein ſo ſchwermü⸗ thiger Ausdruck darin, und die Züge des jungen Geſichts zeigten ſich ſo weich, daß ein unparteiiſcher Beobachter keinen Augenblick über das in Zweifel ſein konnte, was ſich in dieſem Herzen regte. Da war keine Spur von Härte und Hochmuth; ſanft und weich ſchien ſie dazu be⸗ ſtimmt, ſich einem feſten Willen, einer wahren Kraft an⸗ zuſchmiegen, und nur mit Trauer, möchte man ſagen, hatte ſie ſich zu der Strenge, zu dem Widerſtand erho⸗ ben, den die Verhältniſſe und ihre Stellung ihr auf⸗ zwangen. „Laßt uns offen reden,“ ſprach ſie nun, da die An⸗ dere ihre Frage unbeantwortet ließ, mit milder, ruhiger Stimme.„Mein Vater wünſchte, daß ich hier im Schloſſe nicht ſo ganz allein bliebe, wie ich es nach dem Tode meiner theueren Mutter doch war, und hat Euch veranlaßt, meine Einſamkeit zu theilen. Für Jemand, der wie Ihr an das Leben in der Welt gewöhnt iſt, muß das gewiß ein Opfer ſein; ich habe mir daher alle Mühe ge⸗ geben, es Euch durch Freundlichkeit leicht zu machen. Aber Ihr habt unſere Stellung von Anfang an mißver⸗ ſtanden. Ich bin noch jung, liebe Mamſell, aber ich 16 habe leider ſchon lange lernen müſſen, ſelbſtſtändig zu ſein und unſer Haus zu vertreten. Meine Mutter war viele Jahre lang krank und mein Vater niemals hier. Laßt uns denn in der Stellung bleiben, die wir haben. Ich will gern Alles thun, was mein Vater wünſcht, ler⸗ nen und mich bilden, wie die Welt es von uns verlangt; Ihr werdet nie über mich zu klagen haben. Da,“ ſetzte ſie hinzu und hielt der Andern ihre kleine Hand hin— „nicht wahr, Mamſell Sophie, wir ſind gute Freunde?“ Das, wenn auch nicht mehr friſche, doch immer noch ſehr ſchöne Geſicht Sophiens war während dieſer Worte mehr als einmal von aufſteigendem Zorn und Hohn ent⸗ ſtellt worden, doch hatte ſie bisher kein Wort erwidert, und ſchwieg auch jetzt noch eine ganze Weile, indem ſie mit gekreuzten Armen vor der jungen Herrin ſtand und keine Miene machte, die dargebotene Hand zu ergreifen. „So,“ ſagte ſie endlich mit einem kurzen verächtli⸗ chen Lächeln,„alſo deßwegen glaubt Ihr, hätte Hagen mich hergeſchickt— nur um die gehorſame Dienerin eines eingebildeten Kindes zu ſein?— Ich will Euch das Rich⸗ tige ſagen, mein Püppchen! Ich ſoll hier den Menſchen zeigen— auch Euch, Fräulein von Hagen!— daß ihr ei⸗ nen Herrn habt, dem ihr widerrechtlich entfremdet ſeid; daß ihr nicht länger nach eigenem Willen oder nach den Einfällen eines kranken und eigenſinnigen Kopfes leben — 17 und wirthſchaften könnt. Glaubt mir, es wird Zeit für euch Alle! Denn Hagen ſpaßt nicht, und der, den er Euch zum Gatten beſtimmte, hochwohlgebornes Fräulein— wird Euch, mein' ich, einſt noch kürzer halten.— Von mir aber will ich Euch noch eins ſagen, mein Püppchen,“ ſetzte ſie hinzu, und ihr Auge ruhte mit dunkel brennen⸗ dem Blick auf dem jungen Mädchen—„vertragt Euch mit mir, rath' ich Euch, oder es geht nicht gut. Denn auch ich ſpaße nicht, und Hagen— „Genug!“ unterbrach das junge Mädchen die über⸗ müthige Rede ſo feſt und ſtreng, daß Sophie nicht nur ſchwieg, ſondern unwillkürlich auch einen Schritt zurück⸗ trat.„Genug, Manſell Wilke,“ fuhr ſie im ſelben Tone fort und ſtand hoch aufgerichtet, mit glühenden Wangen vor der Andern;„Ihr vergeßt Euch ſeltſam. Wenn Ihr von dem Herrn Oberſten, Freiherrn von Hagen ſprecht, ſo wollt nie vergeſſen, daß Euch— in meiner Gegenwart wenigſtens— keine andere Bezeichnung deſſelben zuſteht, wie freundlich er auch immer gegen Euch ſein mag. Und wenn der Herr Oberſt Euch ſeine Intentionen in Betreff meiner zufällig mitgetheilt haben ſollte, ſo hat er doch ſicher nicht beabſichtigt, daß Ihr mir dieſelben vorhalten ſollt. Ob ich darauf eingehe oder nicht— Euretwegen geſchieht es nicht, Mamſell Wilke. Ihr ſcheint überhaupt von meiner Familie nichts zu wiſſen, ſonſt wär' Euch — 18 bekannt, daß es auf Landsburg nur eine Herrin gibt und keinen Herrn, und daß mein Vater gar nicht beabſichtigen kann, mich in dieſer Stellung zu Etwas zu zwingen oder zu beſchränken. Denn das kann Niemand!“ ſchloß ſie; „auf Landsburg bin ich Herrin, und hier gilt nur Hein Wille.“. Sie wandte ſich ab und nahm von einer Kommode einen Stickrahmen, mit dem ſie zum Tiſch zurückkehrte und ſich auf's Kanapee niederließ. Ob Sophie ihre Uebereilung eingeſehen oder ſich wirklich durch den entſchiedenen Ton des Mädchens be⸗ herrſcht fühlte— ſie hatte die Sprecherin nicht unterbro⸗ chen. Jetzt aber lachte ſie kurz und höhniſch auf und ſagte: „In der That, das iſt neu! Es wird Zeit, daß Euer Vater mir zu Hilfe kommt, denn das Burgfräulein wäre im Stande, mich widerſpenſtige Perſon juſtiſiciren oder in ein Verließ werfen zu laſſen!“ Elſe ſah ruhig von ihrer Arbeit auf.„Ich bitt' Euch, laßt dieſes Geſpräch enden,“ verſetzte ſie.„Ihr wollt mich mißverſtehen, Ihr ſucht Streit— um Etwas, was ſich gar nicht beſtreiten läßt. Denn was in der Welt einmal ſeit ewigen Zeiten gilt, kann weder mein Vater, noch ich, noch ſonſt wer ändern.“ Die Wilke ergriff den Leuchter; ein böſer Blick ſtreifte aus ihren finſtern Augen über das Fräulein hin. ——— 19 „Hüte dich, Mädchen,“ murmelte ſie ſehr vernehmbar; „Du könnteſt noch Manches erleben, was dir unmöglich ſcheint!— Es iſt gut,“ fuhr ſie dann laut und mit einem en Knixe fort,„ich empfehle mich Eurer Gnade, von Hagen!“ id indem ſie ſich auf dem hohen Abſatz ihres es kurz umwandte, verließ ſie trotzig das Zimmer. Einige Augenblicke blieb Elſe noch über ihre Arbeit gebeugt und mit der Nadel beſchäftigt, dann ſtand ſie auf, und nachdem ſie wieder einige Sekunden gedankenvoll und mit trübem Lächeln in die Flammen der Lichter ge⸗ ſehen, ging ſie leiſe ein paarmal im Zimmer auf und nieder und klingelte endlich. Als darauf eine ältliche, ein⸗ fach gekleidete Frau eingetreten, hieß ſie dieſelbe ihre Ar⸗ beit nehmen und ſich zu ihr ſetzen. Die Alte holte aus einem Winkel des Gemachs ein Spinnrad herbei, und nachdem ſie vorſorglich ein weißes Tuch auf den Fußboden gebreitet, ſetzte ſie ſich darauf, brachte den Faden in Ordnung und begann ihr Geſchäft, indem ſie zwiſchendurch manchen heimlichen Blick auf ihre Herrin warf. Nach einiger Zeit, während welcher Beide geſchwie⸗ gen, fragte die Alte ſanft:„War die Mamſell hier, Fräulein Elschen?“ Ein leiſes Nicken war die Antwort. ——ͤ—— ͤöͤö—v— ——— 20 „Und habt Ihr mit ihr geredet?“ „So ernſt und feſt ich konnte,“ verſetzte das Fräulein. „Aber es hat natürlich nichts geholfen un nichts helfen bei der hochmüthigen Dirne,“ ſp Alte haſtig.„Ich weiß nicht, was der Herr Ob dabei gedacht hat— er müßte doch die kennen, die ſeinem einzigen Kinde ſchickt!“ Ddie junge Dame ſchüttelte nur leiſe den Kopf, ent⸗ gegnete aber kein Wort, und nur das Schnurren des Spinnrades war laut im Gemache.—— Inzwiſchen ſaßen in einem Zimmer des untern Ge⸗ ſchoſſes an einem mit einem kräftigen Imbiß und mehre⸗ ren Weinflaſchen beſetzten Tiſch zwei Männer, von denen der Eine den guten Dingen vor ihm aufs eifrigſte zu⸗ ſprach, während der Andere, aus einer langen thönernen Pfeife rauchend, ſich in ſeinen eichenen Lehnſtuhl zurück⸗ gelegt hatte und nur hin und wider ſein Glas zum Munde führte, das mit einem dunklen Wein gefüllt war. Das Zimmer zeigte ſich niedrig und mit einem Kreuzgewölbe überſpannt, die Möbel beſchränkten ſich auf die nothwendigen Stücke und waren ſo einfach gearbeitet wie möglich. An den Wänden, deren vormals weiße Farbe durch Rauch und Staub ziemlich viel von ihrer Friſche verloren, hingen von den Zacken einiger pracht⸗ 4— — 21 or dem großen Himmelbett lag, hatten Dutzend Hühnerhunde und Saupacker in ößten Bequemlichkeit hingeſtreckt. Kurz, wenn man jemals aus der Einrichtung und dem Ausſehen eines Zimmers auf ſeinen Bewohner ſchließen darf, ſo war es hier erlaubt, wo Alles auf einen Junggeſellen hindeutete, der nichts von der Ordnung und Sauberkeit weiß und will, die allein Hand und Einfluß eines Weibes in den Umgebungen des Mannes zu verbreiten verſtehen. „Gott iſt allwiſſend! würde der Türke ſagen,“ ſprach jetzt der Raucher, nachdem er die mit einem Federkiel verſehene Spitze ſeiner Pfeife aus dem Munde genom⸗ men und den weitgeöffneten Lippen eine furchtbare Rauch⸗ maſſe hatte entquellen laſſen;„und damit würde ſich der Heidenhund zufrieden geben. Aber ich bin ein chriſtlicher Edelmann und muß ſagen: Donnerwetter, Herr Vetter, wie kommt Ihr zu dieſer verflucht zarten Aufmerkſamkeit und Sorge für unſer Ergehen? In zwölf rundgeſchlage⸗ nen Jahren haben wir kaum dreimal das Vergnügen ge⸗ habt, von Euch zu hören— und nun in zwei Monaten ſchon zweimal? Na,“ ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu,„mit —— —,——-—— 1— 22 allem Reſpekt gegen meinen lieben Herrn Vetter— aber davon möcht' ich gern den Grund einſehen, denn das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Der Andere, der bisher den Speiſen zugeſ wiſchte jetzt ſein Meſſer an einer Brodrinde ab u ſich zurück.„Ihr mögt Recht haben,“ ſagte er, i mit einem flüchtigen Blick zu dem Raucher hinüber; „aber ich weiß nichts davon, Herr Rittmeiſter; ich habe darüber von dem Oberſten keine Aufklärung erhalten.“ „Das glaub' ich,“ verſetzte der Raucher und nickte bekräftigend mit dem Kopf.„Mit dergleichen hat mein lieber Herr Vetter nie gern zu thun gehabt. Sein Kopf war immer ſein eigener. Nun, das Alles geht uns nichts an,“ fuhr er fort und klopfte die ausgerauchte Pfeife an der Tiſchecke aus;„ſein Kopf gehört ihm und damit Baſta. Und wenn er ſich um uns bekümmert, ſo mag er das immerhin thun. Was geht's mich an? Es kommt mir auch nur ein wenig kurios vor; denn ich ſehe nicht ein, wozu das führen ſoll. Wir ſind ſo lange ohne ihn ausgekommen und werden es, ſo Gott will, auch ferner thun.“ Der junge Mann warf wieder einen ſchnellen Blick 1 zum Alten hinüber, allein der wirbelnde Rauch und die ſchlechte Beleuchtung hinderte jede genauere Beobachtung. „Ihr liebt den Herrn Oberſten nicht, wie ich ſpüre, Herr von Werth,“ bemerkte er endlich, ſtand auf und trat weiter in's Zimmer vor;„und er iſt doch Euer Vet⸗ ter und Herr in dieſem Schloſſe, das von ſeiner Ge⸗ mahlin und Tochter bewohnt wird, welche Ihr wieder zu ſchützen habt nach ſeiner Anordnung. Das iſt—“ .„Nicht mehr als— gar nicht wahr,“ unterbrach ihn der Alte gleichmüthig, ohne ſich in ſeiner bequemen Ruhe ſtören zu laſſen.„Mein Vetter iſt er freilich— er hat ſich mir angeheirathet— er, ſage ich, denn ich meiner⸗ ſeits wäre ihm nicht zu nahe gekommen. Seine Tochter lebt auch noch in dieſem Schloſſe, und ich bin hier ihr Beſchützer, aber nicht auf meines lieben Herrn Vetters Anordnung. Er kann's nur nicht hindern. Aber Herr iſt er hier nicht, junger Menſch— und ihn lieben— ich? Hm, ich wüßte nicht, wozu?— Und ſeht, junger Menſch,“ ſetzte er hinzu, immer mit demſelben Gleichmuth in Stim⸗ me und Weſen—„ob Ihr ihm das ſagt oder nicht, iſt mir ganz egal. Er weiß es auch ſchon von ſich ſelbſt.“ Der junge Mann ſtand mitten im Gemach, die ſchlanke Geſtalt hoch aufgerichtet, die Arme über die Bruſt gekreuzt. Seine Stirn war geröthet, die Augen ſtreiften mit einem unſichern Blick über den Alten, den Tiſch, die Wände, und wandten ſich zuletzt wieder zum Alten zurück. „So will ich reden,“ ſagte er plötzlich. 24 Der Andere ſchob ſeinen Stuhl zurück, ſtand auf und trat dicht zu ihm hin, eine zwar nicht ſo hohe, aber noch ungebeugte und breite Figur, an der jede Bewegung eine ungebrochene Kraft verrieth. „Bin's begierig,“ verſetzte er und ſchaute dem Ju gen feſt in die Augen.„Aber ich bitte Euch, laßt es die Wahrheit ſein;'s iſt beſſer für uns Beide.“ „Es ſoll daran nicht fehlen,“ war die Antwort. „Ihr werdet dann ſelbſt meine Gründe beurtheilen kön⸗ nen, Herr von Werth, daß und weßhalb ich mich nicht offen vorſtellte. Zuerſt muß ich aber fragen: ſind wir hier ganz unbelauſcht?“ Der Rittmeiſter ſah verwundert im Gemache um⸗ her.„Wer ſollte hier horchen?“ ſagte er dann kopfſchüt⸗ telnd.„Wenn Euch aber beſonders darum zu thun iſt, 4 ſo kann ich Euch ganz ſicher ſtellen,“ fuhr er fort und wandte ſich gegen das Himmelbett.„Halloh, Tiger, auf⸗ gepaßt!“ Und ein prachtvoller, grau und ſchwarz geti⸗ gerter Saupacker ſprang von dem Wolfsfell auf und zur Thür, an deren Schwelle er ſich hinſtreckte und den Kopf auf die gekreuzten Vorderpfoten legte.„So, nun erzählt in Gottesnamen,“ ſetzte der Alte hinzu, ging zu ſeinem Stuhl zurück und ließ ſich nieder. Der Andere folgte ihm und ſeinen Sitz dem des Alten nähernd, nahm auch er Platz. 25 „Ich heiße Sternfeld,“ begann er leiſe nach einer Pauſe,„und bin Lieutenant im Regiment von F., das, wie Ihr vielleicht wißt, gleichfalls in D. ſteht.“ Schon bei dem Namen war Werth aufgefahren, nun unterbrach er den Erzähler mit den haſtig hervorgeſtoße⸗ nen Worten:„Womit beweist Ihr das?“ „Mit meinem Wort als Kavalier und Offizier, Herr Rittmeiſter,“ lautete die ruhige Antwort.„Uebrigens wird Euch meine Mittheilung überzeugen. Ihr wißt ſicher, daß mein Vater der Onkel der Frau von Hagen und meine Mutter die Schweſter des Oberſten war, ſo daß ich alſo mit dieſem Hauſe doppelt verwandt bin. Viel⸗ leicht erinnert Ihr Euch auch daran, daß Ihr mich be⸗ reits einmal geſehen habt— vor dreizehn Jahren in D., wo meine Eltern mit dem Oberſten und ſeiner Familie eine Zuſammenkunft hatten; ich war freilich noch ein Knabe und kam wenig zu den Erwachſenen, allein ich ſelbſt erinnere mich Eurer noch vollkommen deutlich. Ihr hattet eben den kaiſerlichen Dienſt quittirt und kamt aus Ungarn zurück.“ Werth ſchüttelte mit einem finſtern Blick den Kopf. „So war's leider Gottes, ich mußte wohl wegen der dummen Wunde, die mir das Reiten unmöglich macht,“ verſetzte er und drückte den Tabak in ſeiner Pfeife nieder. „Und mitten im Kriege— es gab kein größeres Malheur 1859. XXIV. Vergangene Tage. 2 für einen Soldaten! Das war überhaupt eine böſe Zeit. Aber fahrt fort, Junker,“ ſetzte er hinzu,„daß wir weiter kommen.“ „Ich erinnere mich, daß der Oberſt damals oft in ſehr übler Laune war,“ ſprach Sternfeld weiter,„und endlich, nachdem mein Vater eines Abends in großer Aufregung nach Hauſe gekommen, reisten wir ab, ohne von dem Onkel und ſeiner Familie Abſchied genommen zu haben. Mein Vater hatte ſein Gut verkaufen müſſen, weil es zu verſchuldet war, und mußte in Schweden leben, wo er von der Regierung eine kleine Verwaltungsſtelle erhielt. Ich trat bald bei meinem Regiment ein, das drüben ſtand, die Eltern ſtarben beide ſchnell hinter ein⸗ ander, und ſo erfuhr ich in langen Jahren weder vom Oberſten und ſeiner Familie, noch überhaupt von dieſem ganzen Landestheil ein einzig Wort, bis ich vor etwa ei⸗ nem halben Jahre mit dem Depot meines Regimentes nach D. verſetzt wurde, um uns wieder durch Werbung zu komplettiren. Bekannte hatte ich hier nicht, nähere Verwandte außer dem Oberſten nicht in der Nähe, und ſo verſtand es ſich von ſelbſt, daß ich ihn aufſuchte. Allein meine Aufnahme war die allerſchlechteſte— wäre ſo etwas möglich, er hätte mich aus dem Hauſe geworfen, ohne daß ich irgend einen Grund davon erfuhr. „Es war damit nicht genug; er hat mich ſeitdem 27 auf alle mögliche Weiſe verfolgt; er hat mich bei mei⸗ nen Vorgeſetzten in ſchlechten Kredit zu ſetzen verſucht, was ihm freilich nicht gelang, da mich dieſelben ſeit meinem Eintritt in den Dienſt kennen. Ja, ich habe Grund zu glauben, daß ich auf ſein Anſtiften in einige unangenehme Händel verwickelt wurde, daß böſe Gerüchte in Umlauf kamen, die mir ohne ein glückliches Zuſammen⸗ treffen von günſtigen Umſtänden ſicher den Hals gebro⸗ chen hätten. Kurz, er handelte gegen mich wie mein Todfeind, und wenn mir das Alles nicht geſchadet, ſo kam es ſicher nur, weil der Oberſt ſelbſt—“ Sternfeld zögerte einen Augenblick, bevor er hinzuſetzte:—„nicht gerade beliebt zu ſein ſcheint.“ „Genirt Euch nicht,“ ſagte der Rittmeiſter und ſtreckte ſich in ſeinem Seſſel aus;„Ihr könnt das Ding meinetwegen auch noch anders nennen, mir iſt das egal. Aber fahrt fort— Vetter,“ ſprach er weiter;„was geht das Alles uns an?“ Sternfeld nickte.„Schon Recht,“ erwiederte er,„ich komme. Alſo,“ fuhr er dann fort,„ſo ſtanden die Sa⸗ chen gleich in der erſten Zeit und haben ſich ſeitdem nicht gebeſſert; inzwiſchen bekam ich aber—es mag Anfang November geweſen ſein— einen Brief von meiner Couſine, der Frau des Oberſten, die hier auf Landsburg lebte und mich aufforderte hierherzukommen. Der Brief war vor 2*. 28 langer Zeit geſchrieben, hatte mich in Stockholm und Gott weiß wo geſucht und mich erſt in D. erreicht. Ihr werdet mir zugeben, Herr von Werth, daß eine ſolche Aufforde⸗ rung von der Frau des Mannes, der mich ſo bitter haßte und verfolgte, mir zum mindeſten ſeltſam, wo nicht gefährlich erſcheinen mußte, zumal ich gar keinen Zweck abſah. Was wollte ſie mit mir, um den man ſich niemals bekümmert, nach dem man nie gefragt, den der Gatte jetzt auf alle Weiſe chikanirte? „So rechnete und überlegte ich, und dennoch wandte ich mich an einen älteren Bekannten, um mir einige ge⸗ nauere Nachrichten zu verſchaffen, weßhalb die Dame nicht bei dem Oberſten ſei, wie und wo ſie lebe. Da er⸗ fuhr ich, daß der Oberſt ſeit ein paar Tagen von ihrem kürzlich erfolgten Tode geſprochen, daß man jedoch noch keinen rechten Glauben daran habe, indem es bekannt genug ſei, wie er ſeit manchen Jahren von ihr getrennt lebe und mit einer andern Perſon in Verbindung ſtehe, in die er, trotz ihres niedrigen Standes und ihrer gerin⸗ gen Ertraction, vollkommen vernarrt ſei. Die Perſon ſei ehrgeizig und ſchlau, der Oberſt verliebt und gewiſſen⸗ los; man könne nicht wiſſen, was daraus entſtände. Zu⸗ trauen dürfe man ihm das Uebelſte. Indeſſen würden die Lehnsvettern ſchon aufmerkſam ſein. Andere meinten freilich auch, daß meine Couſine in dieſen unruhigen Zei⸗ 29 ten nur ihrer Sicherheit wegen ſo abgeſchloſſen lebe, und wollten dann von einer feindlichen Trennung von ihrem Gemahl nichts wiſſen. Kurz, Beſtimmtes hörte ich nicht.“ „Kennt Ihr die Perſon— meines theuren Herrn Vetters jetzige par amour, mein' ich?“ fragte der Alte nach einer Pauſe und ließ ſeine Augen mit einem geſpann⸗ ten Blick auf dem Geſicht Sternfeld's ruhen. Der Lieutenant ſchüttelte den Kopf.„Sie iſt mir einmal gezeigt worden, wie ſie über den Wall ging. Sonſt hab' ich ſie meines Wiſſens nicht geſehen und weiß auch nichts von ihr; denn ſie kommt nicht mehr zum Vorſchein, ſeit man ihr hie und da nicht grade aufmunternd begegnet iſt. Der Oberſt ſoll ſie einmal bei einer Geſellſchaft in ſeinem Hauſe präſentirt haben— vor Jahr und Tag. Da ſeien einige Damen aufgeſtan⸗ den und fortgegangen, heißt es, und ſeitdem herrſche zwi⸗ ſchen dem Oberſten und ſeinen Verwandten die größte Feindſchaft.“ „Weßhalb mußten wir hier auch ſo abgeſchloſſen ſitzen!“ murmelte der Alte vor ſich hin und ſetzte dann laut hinzu:„Und kennt die Perſon Euch von Anſehen?“ „Schwerlich,“ verſetzte der junge Mann.„Sie lebt ſehr eingezogen in einem Hintergebäude des Hauſes, wo ſie weder ſieht, noch geſehen wird.“ „D. iſt nicht groß,“ bemerkte der Rittmeiſter wieder mit einem ſcharfen Blick;„habt Ihr vielleicht von einer Mamſell gehört, die Sophie Wilke heißt?“ Der Lieutenant neigte den Kopf.„Ich dächte, ſo hätte die Gouvernante bei den Kindern des Oberſten von Seeſtröm geheißen; ſie muß aber ſeit einiger Zeit ſchon ausgetreten ſein, denn ich ſah zuletzt dort eine andere. Doch weßhalb fragt Ihr, Herr von Werth?“ „Hm,“ machte der Alte und zündete wieder ſeine Pfeife an, die er in der geſpannten Aufmerkſamkeit auf Sternfeld's Nachrichten hatte erlöſchen laſſen;„laßt's gut ſein— Ihr werdet es ſchon erfahren. Aber nun erzählt weiter, mein Herr Vetter.“ „Ich wüßte wenig hinzuzuſetzen, Herr von Werth. Daß mich jene Nachrichten intereſſirten, daß es mich lockte, mehr von dieſen Dingen zu erfahren, brauche ich kaum zu ſagen. Und dann dacht' ich auch wieder: Wenn ſie todt iſt, ſo iſt Alles aus und ich werde in Landsburg nichts mehr nütz— ich will mit dem Oberſten nichts zu thun haben. Und wenn ſie wirklich noch lebte— was kann ſie von mir wollen? Was kann ich ihr nützen? Be⸗ ſchützer und Vertreter ihrer Rechte wird ſie in der Welt beſſere und gewichtigere finden als mich.— So dachte ich, Herr von Werth— doch hätte ich auch anders ge⸗ dacht, es wäre damals ganz gleichgültig geweſen; denn 4 31 es war keine Möglichkeit, Urlaub zu erhalten und hinaus⸗ zukommen. „Um Weihnacht verlautete, daß der Oberſt das Frauenzimmer adeln laſſen und dann heirathen wolle— er ſoll mit dem Miniſter noch gut ſtehen. Zugleich hieß es aber auch, daß ſeine Lehnsvettern Schritte dagegen gethan, da er ja keinen Sohn hat und das Majorat ohne denſelben ſeinem Vetter, dem Hagen drüben in M. zu⸗ fallen muß. Ja, man ſagte, daß man die Perſon zu ent⸗ führen verſucht; doch weiß ich von Alledem nichts Nähe⸗ res. Und nun endlich kriegten ein paar Kameraden und ich vor vierzehn Tagen Urlaub, um bei dem alten Baron Wilbrand, deſſen Sohn bei uns dient, eine Wolfsjagd mitzumachen. Am zweiten Tage wurden wir während der Jagd von einer Streifpartei des Feindes überfallen und auseinander geſprengt. Ich mußte mich allein durchſchla⸗ gen und erfuhr von einem Förſter, daß das Land bis D. ſehr unſicher ſei und ich kaum einen andern Weg habe, als über das Eis des Meerbuſens. Es ſei aber mehr als ein Tagesmarſch, meinte er, und ich träfe keinen bewohn⸗ ten Ort unterwegs als— Landsburg.—„So kehre ich dort ein,“ ſagte ich.—„Ja, wenn ſie Euch einlaſſen,“ meinte er.„Sie nehmen Niemand auf.“ „Doch ich ging, denn nach D. muß ich. Zugleich regte ſich auch die Neugierde in mir und die Theilnahme 3² an dem Schickſal der verlaſſenen Familie, die mir ja ſo nahe verwandt iſt. Und ſo kam ich an, und um ſicher zu gehen, gab ich mich gegen Euch für einen Boten vom Oberſten aus. Er muß doch mit den Seinen hin und wider in Verbindung ſtehen, und eine Anfrage war in der jetzigen wilden Zeit gerechtfertigt.— Somit wißt Ihr Alles, Herr von Werth,“ ſchloß Sternfeld.„Verzeiht mir meine frühere Täuſchung; im Kriege ſind alle Mittel erlaubt, wie Ihr ohne Zweifel vor Zeiten ſelbſt erprobt habt.“ Werth ſchüttelte den Kopf, klopfte die Pfeife aus und legte ſie auf den Tiſch.„Möglich!“ erwiderte er dann achſelzuckend;„allein ſo leichtſinnig wie Ihr ent⸗ rirte ich das Ding nie. Wie Ihr hier auftratet, das mußte Euch verdächtig machen— der Oberſt iſt hier nicht be⸗ liebt, und ſeine Boten noch weniger. Darum ſchickt er auch keine. Ich habe Euch von Anfang an nicht getraut, Vetter,“ ſetzte er hinzu,„und hätte der Dummbart, der Hans, Euch nicht gleich eingelaſſen, ſo hättet Ihr meinet⸗ halben im Walde oder auf dem Eiſe kampiren können.“ Er ſtand auf und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, durch das Zimmer. „Das konnte ich doch nicht wiſſen,“ ſagte der junge Mann ruhig.„Getrennt oder nicht getrennt— der Oberſt iſt doch der Mann ſeiner Frau und Herr auf 33 dieſem Schloß; denn von einer Scheidung iſt mir nichts bekannt. Und wenn meine Couſine wirklich todt iſt, ſo muß er als Vater oder Herr— oder wie Ihr wollt, hier doch noch viel entſchiedener gebieten.“ Der Alte war vor ihm ſtehen geblieben, als wollte er die leiſe geſprochenen Worte beſſer hören. Nun ſchüt⸗ telte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln wieder den Kopf, und indem er die Spitzen des langen und dicken grauen Bartes langſam bis zur Schläfe emporwirbelte, verſetzte er:„Das iſt eben nicht wahr, Vetter. Der Oberſt iſt bisher ſo wenig Herr auf Landsburg als Ihr und ich, ja weniger. Es gibt hier keinen Herrn, ſondern nur eine Herrin, und die iſt, ſeit meine arme liebe Couſine Todes verblichen, ihre Tochter, Elſe— leider muß ich hinzu⸗ fügen: von Hagen. Der Teufel hole den Namen und den Oberſten obendrein, ob er ſchon ihr Vater iſt,“ ſetzte er heftig hinzu und trat mit dem Fuß hart nieder, und zum Erſtenmal im Laufe der ganzen Unterhaltung kamen ſeine Worte diesmal augenſcheinlich grade und offen aus dem Herzen.* „Es iſt ein Unglück,“ fuhr er fort und wandte ſich wieder zum Gange durch's Zimmer,„daß Ihr unſere Couſine nicht mehr geſprochen habt. Aber es läßt ſich noch gut machen, hoffe ich. Es trifft ſich gut genug mit Eurem jetzigen Kommen.“ 4₰ 34 Sternfeld ſtand gleichfalls auf.„Sprecht deutli⸗ cher, Herr von Werth,“ entgegnete er.„Ich verſtehe kein Wort von der Sache. Nur das darf ich Euch verſichern: kann ich Euch und meiner Couſine in irgend Etwas hel⸗ fen, wo ihr das Recht für Euch habt— ſo befehlt. Ich bin Euer Mann, wenn ich auch nicht viel Worte mache. Und was den Oberſten angeht— gebt mir, wo ich ihn packe, und ich kümmere mich nicht viel um ihn.“ Der Rittmeiſter blieb vor ihm ſtehen und ſah ihn muſternd von oben bis unten an.„Gerade wie Euer Va⸗ ter!“ bemerkte er dann mit dem Kopfe nickend.„So kannt' ich ihn vor dreißig Jahren. Der that auch wie Ihr— ſo kalt und ſtill wie Eis— aber dahinter war's feſt und ſicher wie Eiſen. Iſt's ſo bei Euch, Vetter?“ 4 „Prüft mich,“ war die kurze Antwort. Der Alte legte die Hände auf den Rücken und ſah ernſt in die Augen des Andern.„Ihr ſagtet, daß Ihr kein Wort von der Sache verſtändet. Eure Eltern ſind zeitig geſtorben— wer ſollte Euch davon geſagt haben, zumal in Schweden? Ich begreife das. Das Ding iſt aber einfach genug. Landsburg iſt Weiberlehen in der Fa⸗ milie von Werth. Das letzte Fräulein von Werth, meine Couſine, héirathete Euren Onkel, den Major Sternfeld; die Tochter davon war die Couſine Hedwig, die als Erb⸗ tochter den ganzen großen Beſitz dem Oberſten Hagen zubrachte, und ſich aus thörichter Liebe zu dem ſchlechten Patron von ihm darum beſchwatzen ließ— bis auf Lands⸗ burg, über welches ſie natürlich nicht disponiren konnte. Die andern Güter trat ſie ihm nach und nach ab— das iſt der Grund, weßhalb er ſich mit Eurem Vater und mir verfeindete, da wir uns der Hedwig annahmen und Sicherheit für die Güter verlangten. Denn es war da⸗ mals noch eine zweite Tochter da, die aber bald darauf ſtarb. Die Güter ſind dann inzwiſchen auch zum Teufel gegangen und das dafür gelöste Geld vermuthlich gleich⸗ falls— wir wiſſen wenigſtens nichts davon, und natür⸗ lich verweigerte er jede Auskunft.“ Der Rittmeiſter fuhr mit der Hand über die Stirn, bevor er weiter ſprach.„Damals begannen der Couſine die Augen aufzugehen über das ſaubere Leben ihres Gat⸗ ten; er war ihr niemals recht treu geweſen, und damals gab es noch einen beſondern Eclat. Das geht aber Nie⸗ mand was an, es iſt vorbei damit. Aber ſie vergab es nie, und wie ſie denn im Grunde eine reſolute Frau war, ſo ſagte ſie ihm kurz und gut ihre Herzensmeinung und zog mit ihrer Tochter hieher nach Landsburg, das er ihr nicht hatte abmachiniren können, und wo auch ich nach altem Familiengeſetz mein Unterkommen gefunden. „Meine Linie war niemals reich,“ unterbrach er ſich mit gutmüthigem Lachen,„und ich habe wenig mehr 36 als dieſen alten Leichnam und mein Recht in dieſem Hauſe. Denn unſer verbrieftes Recht iſt dies,“ fuhr er wieder ernſt fort,„daß Landsburg auf die Weiber des gra⸗ den Stammes forterbt, bis es Keine mehr gibt. Dann fällt es an die Männer des Stammes Werth, und ſind auch dieſe ausgeſtorben— an die männlichen Verwandten desjenigen, welcher der Mann der letzten Dame von Werth war. So ſtehen wir alſo zu Drei: die Elſe, als die letzte Beſitzerin; im Falle ihres unbeerbten Abſter⸗ ſterbens— ich, der letzte Werth— und nach mir endlich Ihr, da Ihr meines Wiſſens der einzige Sternfeld ſeid und Euer Onkel die letzte Werth zur Frau hatte.— Ihr ſeht,“ ſetzte er hinzu und reichte zum Erſtenmale dem ge⸗ ſpannt zuhörenden Lieutenant die Hand hin,„das Alles iſt einfach genug und klipp und klar wie der Tag. „Der Oberſt machinirt dagegen— wie und weß⸗ halb, da die Elſe doch immer ſeine Tochter iſt— weiß ich nicht, geht mich auch nichts an. Denn das Recht kann er nicht beugen, ob auch zwanzig Miniſter ſeine Freunde ſind. Wenn wir nur feſt bleiben!— Bei der Elſe ſteh' ich dafür ein, ſchier ſo gut wie bei mir ſelbſt,“ ſchloß er.„Die iſt, wie ſie als Dame unſeres Hauſes ſein muß— höflich und ſanft, ehrbar und manierlich ge⸗ gen Jedermann, und doch voll Bewußtſein ihrer Wür⸗ de— eine Perle von einem jungen Fräulein!“ —— 37 „Von dem Allem habe ich nie zewußt,“ ſprach Sternfeld nach einer Pauſe.„Ich habe nie viel Zeit ge⸗ habt, mich um die Familienangelegenheiten zu beküm⸗ mern, und als ich jetzt in D. darnach fragte, hat man mir hiervon auch nichts geſagt.“ „Ja, Ihr werdet eben keinen Advokaten gefragt haben,“ bemerkte der Alte, indem er ſich wieder ſetzte. „Wer ſonſt könnte' es dort wiſſen? Der Oberſt hat ſicher nicht drüber geredet— und die Damen von Landsburg haben bisher keinen Grund gehabt, ihr Recht gegen ihre Männer zu vertreten, noch damit zu prahlen. Das wird's ſein, Vetter; aber es iſt gut, daß Ihr's jetzt wißt, es könnte bald einmal eine Gelegenheit kommen, wo Ihr da⸗ von Gebrauch machen müßt. Denn der Oberſt ſpinnt Etwas, ſei es was es ſei. Da hat er uns zum Exempel gleich nach dem Tode Hedwig's dieſe Mamſell Wilke her⸗ geſchickt— ich weiß nicht, wozu. Sternfeld ſchüttelte den Kopf.„Die Couſine muß doch irgend eine Geſellſchaft hier haben.“ „Bah, hat ſie nicht genug an uns, die wir immer bei ihr geweſen? Kein Menſch auf der Welt kann ſie ſo lieb haben, wie wir.“ Sternfeld zuckte lächelnd die Achſeln.„Aber Herr von Werth,“ bemerkte er dann,„die Couſine muß doch irgend eine Frau um ſich haben, mit der ſie verkehren und umgehen kann. Und jene Mamſell Wilke, däucht mir, kann ihr keinen Schaden thun. Sie galt für ein artiges, beſcheidenes und ſehr gebildetes Frauenzim⸗ mer— „Ach, Teufel! Dafür galt ſie?“ rief der Alte und ſprang auf.„Na, da müſſen dort andere Anſichten gel⸗ ten, oder es iſt ihr der Kamm geſchwollen—“, er ſtemmte ſeine Fäuſte auf den Tiſch und ſah ſeinen jungen Verwandten mit funkelndem Blick an—„oder ſie iſt's gar nicht, ſondern— das, was ich mir dachte! Nun— dann aber— Donner und Teufel, dann ſoll ſie—“ Er vollendete nicht, ſondern hob nur die Fauſt und ließ ſie hart auf den Tiſch zurückfallen, während Stern⸗ feld mit Erſtaunen, aber ſchweigend dieſen jähen Wechſel im Weſen des Alten beobachtete, der bisher trotz allen Hohns und aller Bitterkeit ſtets einen gewiſſen Gleich⸗ muth bewahrt hatte. „Aber,“ ſagte er endlich, während das graue Auge des Rittmeiſters noch immer feſt auf ihm ruhte, obgleich der Blick längſt wieder das Funkeln des Zorns verloren hatte,„aber habt Ihr denn einen beſtimmten—“ Es war, als ſollte ihr Geſpräch nicht mehr in ſei⸗ nem bisherigen ungeſtörten Gange fortgeführt werden. Der Hund an der Thüre hatte bereits mehr als einmal dumpf geknurrt, wenn draußen Schritte vorbeigekommen 39 oder eine Stimme laut geworden. Ja, endlich hatte er ſeine ruhende Lage aufgegeben und ſich aufrecht auf die Hinterfüße geſetzt, während ſich die Reſte der kurz geſtutz⸗ ten Ohren zum ſchärfſten Horchen ſpitzten. Bei den obigen Worten Sternfeld's aber ſprang er jetzt mit einem tiefen Bellen ſo plötzlich und heftig gegen die Thür, daß dieſelbe in ihren Angeln bebte und die beiden Herren überraſcht auf⸗ und zu dem Thiere herum⸗ fuhren. Die andern Hunde im Zimmer hatten ſich her⸗ beiſtürzend um ihren Kameraden verſammelt und ſtimm⸗ ten in ſein Bellen mit ein, bis die mächtige Stimme ihres Herrn ſie zum Schweigen brachte. „Halloh, Tiger, was gibt's?“ rief er laut.„Sind Katzen draußen, und haſt du Luſt zu den ſchleichenden Beſtien? Laßt ihn hinaus, Herr!“ Und als Sternfeld hinzuſpringend, die Thür auf⸗ ſtieß und die Meute hinausſtürzte, ſetzte er hinzu:„Ihr hattet recht, Junker, und das paßt zum Ganzen. Aber Gott gnade ihnen, wenn es iſt, wie ich's denke!“ Indem that es draußen einen klirrenden Fall und tönte ein greller Schrei durch den Lärm, welchen die Hunde machten. Im nächſten Augenblick ward der Schrei noch ſchärfer und lauter wiederholt, und die Hunde bra⸗ chen in ein kläffendes Geheul aus. „Joho! Halt da! Halt da!“ ſchrie der Rittmeiſter mit tönender Stimme, und indem er die Lampe vom Tiſch nahm, fügte er raſch und leiſe gegen Sternfeld hinzu: „Aufgepaßt!— Ihr ſeid nicht vom Oberſten— heißt— ja, recht ſo!— Geßler,“ und dann eilten ſie dem Lärm nach, der inzwiſchen aus andern Thüren des langen Ganges auch noch ein paar Knechte und Mägde mit Licht herbeigezogen hatte. Und indem ſie auf den Trupp derſelben und auf die heulenden Hunde zugingen, fanden die beiden Herren auf den erſten Stufen der Treppe, die am Ende des Ganges in die Höhe führte, und feſt an das Geländer derſelben gedrückt eine Frau in der unbehaglichſten und bedenklichſten Situation von der Welt. Denn kein Jagdthier konnte re⸗ gulärer geſtellt ſein als ſie; Tiger hielt ſowohl ſie, wie auch die dienenden Leute und die Hunde im vollkommen⸗ ſten Reſpekt und wich nur ſeinem herantretenden Herrn. „Na, was iſt denn hier los?“ fragte Werth, indem er ſich breit vor die Treppe hinſtellte, mit einer Hand⸗ bewegung den Lieblingshund an ſeine Seite rief und mit der andern Hand die Lampe in die Höhe hielt.„Ei, Ihr, Mamſell Wilke?— Aber was zum Teufel habt Ihr denn Abends hier zu thun? Könnt Ihr nicht im Saal oder in Eurer Kammer ſitzen bleiben, wie es ſich für Weibsleute ſchickt?“ Ihre Augen blitzten vor Zorn und Aufregung, als 41 ſie mit bebender Stimme hervorſtieß:„Wir werden ſehn, Herr von Werth! Wir werden ſehn! Dieſe Inſulten ſollen ein Ende nehmen! Das ſollt Ihr mir büßen!“ „Na ja, in Gottes Namen,“ war ſeine ſpöttiſche Antwort.„Aber wenn Ihr nun doch ſo reſolut ſeid— was habt Ihr denn ſo zu ſchreien, daß das ganze Haus auf die Beine kommt?“ „Und ſollte ich nicht erſchrecken, wenn die giftigen Beſtien mich zerreißen wollen?“ verſetzte ſie mit geſtei⸗ gerter Heftigkeit und erhob den Saum ihres Kleides, der in Fetzen hing. Der Alte bückte ſich, um beſſer zu ſehen, und nickte dann ruhig.„Ja, ja,“ erwiderte er phlegmatiſch,„ich ſehe, das iſt der Türk geweſen, der iſt noch nicht aus⸗ dreſſirt und faßt noch an. Weßhalb ſeid Ihr auch gelau⸗ fen? Das kommt davon, wenn man Abends im Hauſe umherflankirt, wo man nichts zu thun hat und—“ „Ich werde in dieſem Hauſe wohl gehn dürfen, wie und wo ich will?“ unterbrach ſie ihn zornig. „O warum nicht, wenn Ihr könnt! Aber wenn Ihr an den Thüren horcht— ſo hat das zuweilen kurioſe Folgen, Mamſell— wie zum Exempel!“ „Wer horcht an den Thüren?“ rief ſie, indem ihr Auge zum Erſtenmal flüchtig zu dem Fremden hinüber⸗ 1859. XXIV. Vergangene Tage. 3 4² ſtreifte, der neben dem Rittmeiſter ſtand.„Wie wagt Ihr mir ſo Etwas zu ſagen?“ „Geduld, Geduld!“ ſagte er mit derſelben ſpötti⸗ ſchen Ruhe.„Erhitzt Euch nicht; es iſt kein Geheimniß. Ich wage das, weil ich's weiß, weil es mir der hier ge⸗ ſagt hat,“ ſetzte er hinzu und legte ſeine breite Hand auf den dicken rauhen Kopf des jetzt ruhig neben ihm ſitzenden Hundes.„Und der lügt nicht, Mamſell Wilke.“ „Das ſoll der Oberſt erfahren, Ihr alter—“ mur⸗ melte ſie und wandte ſich, die Treppe hinaufzuſteigen. „Er ſoll mir Recht ſchaffen.“ b „Ja, darin ſind wir Eines Sinnes,“ war die phleg⸗ matiſche Antwort des Alten.„Und nun fort mit Euch, Kinder,“ ſprach er dann gegen die umherſtehenden Leute weiter.„Habt Ihr nichts Beßres zu thun, als da herum⸗ zuſtehen?— Eine von Euch Dirnen leuchte der Mamſell hinauf, ihr Licht liegt da hinten im Gange.— Kommt, Geßler! Alloh hier, meine Hunde!“ Und damit wandte er ſich und führte den Lieutenant in s Zimmer zurück. „Na,“ ſagte er dort,„das iſt nun die„artige, be⸗ ſcheidene und gebildete Mamſell Wilke“, die uns mein hochzuverehrender Vetter zur Unterhaltung für die Elſe hergeſchickt hat. Was denkt Ihr, Vetter 84 * Sternfeld zuckte die Achſeln.„Die iſt das nicht, Herr von Werth, die ich beim Oberſten Seeſtröm unter dem Namen geſehn. Dieſe da kenne ich nicht und habe ſie meines Wiſſens nie erblickt.“ „Das dachte ich mir,“ ſprach der Rittmeiſter fin⸗ ſter.„Aber ſetzt Euch und nehmt Euch auch eine Pfeife. Wir haben noch Manches zu reden, was Euch ſonſt die Couſine Hedwig geſagt haben würde. Nachher ſollt Ihr die Elſe kennen lernen.“ Sie nahmen wieder Platz am Tiſch, die Hunde ſuchten ihre alten Stellen auf, und an der Schwelle wachte Tiger auf's Neue über die Sicherheit der beiden Herren und ihres langen Geſprächs.—— So mochte noch eine gute Stunde vergangen ſein, als ſie ſich endlich erhoben, mit feſtem Handſchlage die Hände zuſammenfügten und kräftig ſchüttelten und dann auf die Worte des Alten:„Nun fort zum Saal!“ das Zimmer verließen. Es ging den Korridor entlang, den ſie vorhin ge⸗ treten, und endlich durch eine Thüre von maſſivem, aber reichgeſchnitztem Eichenholz in den großen Raum, den man hier den Saal nannte, und der urſprünglich die Kapelle des alten Schloſſes geweſen ſein mochte. Darauf ſchienen wenigſtens die Größe und die hohen in Spitz⸗ bögen auslaufenden Fenſter zu deuten. Jetzt war er, ſo gut es möglich geweſen, wohnlich eingerichtet, Jagdtro⸗ phäen und alte Rüſtungsſtücke, ein paar Banner, deren 3* 44 Seide vom Staub gefreſſen war, ſchmückten ſeine Wände, und während im Vordergrunde rohzuſammengefügte Ti⸗ ſche eben von den Mägden mit großen Schüſſeln voll dampfender Speiſe beſetzt wurden, zeigte ſich am obern Ende bei einem mit mächtiger Glut gefüllten Kamin eine kleinere, ſauber gedeckte und wohlhergerichtete Tafel. Vor dem Kamin ſaß die junge Herrin des Schloſſes in einem großen, mit geſticktem Sammet überzogenen Lehnſtuhl, den aber ihre ſchlanke Figur, trotz des weit aufbauſchenden Kleides, kaum zur Hälfte ausfüllte. Jetzt ſpann ſie ſelbſt ſo gut, wie die alte Frau, die wir vorhin droben bereits bei ihr ſahen und die auch hier in ihrer Nähe ſaß, und wie ein paar junge Dirnen, deren drei⸗ beinige und lehnenloſe hölzerne Stühle dicht hinter ihr ſtanden. Und die einzige Perſon, die ſich in dieſem Kreiſe unbeſchäftigt zeigte, war Mamſell Wilke, die mit ge⸗ kreuzten Armen in einem zweiten, kleinern Lehnſtuhl ganz nahe bei dem Feuer lag und finſtern Blicks in die praſſelnden Flammen ſchaute. Sie ſah erſt auf, als der die Eintretenden beglei⸗ tende Tiger in mächtigen Sätzen an ihr vorbei und zu Elſens Stuhl ſchoß, aber ſie behielt unverändert ihre Lage bei, während die alte Frau und die jungen Dirnen beſcheiden bei Annäherung der Herren aufſtanden und Spinnräder und Stühle zurückſchoben. 45 Auch Elſe ſchob das Rad zur Seite und erhob ſich, obgleich ſie kaum vor dem Hunde dazu kommen konnte, der mit Ungeſtüm ihre Hände leckte und ſich nun auch an die Stehende ſchmeichelnd herandrängte. „Wo bleibt Ihr denn ſo lange, Onkel Werth?“ fragte das junge Mädchen den Herantretenden und bot ihm freundlich lächelnd die Rechte hin.„Man rüſtet ſchon das Abendeſſen, und Ihr habt Euch heut noch gar nicht nach Eurer Elſe umgeſehn.“. Es war ordentlich ein ſanftes Lächeln, das über die verwitterten Züge des Alten glitt, als er da vor dem ſchönen Mädchen ſtand, ihre Hand in ſeiner braunen Fauſt hielt und ihr zärtlich den Blick ihrer ſanften Augen zurückgab. „Ja, ja, mein Herzblatt,“ ſagte er dann, und auch ſeine Stimme war ſanft, und er ſchüttelte ein klein wenig ihre Hand,„ich war den ganzen Tag drüben im Forſt; die Wölfe treiben's in dieſem geſegneten Winter ein we⸗ nig gar zu arg. Aber ich freu mich auch, Dich wieder⸗ zuſehn, Elschen, und ich wäre ſchon früher gekommen, wenn ich nicht Jemand aufgefunden, den ich erſt aufwär⸗ men und ausfüttern mußte. Das iſt alſo Fräulein Elſe,“ wandte er ſich dann an ſeinen Begleiter,„die Frau auf Landsburg, wie man ſie auch wohl heißt.— Und der, Elschen, iſt ein Herr von Geßler, der aus Schweden kommt, beim Baron Wilbrand mit andern Gäſten vom Feind überfallen und verſprengt wurde. Er will nach D. und iſt hier unterwegs eingekehrt, weil der Abend kam und das Land voller Feinde iſt. Nimmſt Du ihn auf, gnädige Frau von Landsburg?“ ſetzte er lächelnd hinzu. „Der Herr Rittmeiſter hat mich verſichert, daß Ihr mir die Nacht zu bleiben erlauben würdet,“ ſprach der Lieutenant mit einer ehrerbietigen Verbeugung,„ſonſt würde ich ſchon früher Eure Erlaubniß eingeholt haben, gnädigſtes Fräulein.“ Sie neigte freundlich lächelnd den blonden Kopf. „Mein Onkel hat ganz recht geſagt,“ verſetzte ſie dabei. „Ein Hilfeſuchender iſt ſtets willkommen und ſicher auf Landsburg. Ruht aus und bleibt, ſo lange Ihr's bedürft, Herr von Geßler. Möchte dies einſame Haus Euch nur mehr Unterhaltung gewähren können!“ Eins der Mädchen trat zu der jungen Herrin heran und flüſterte ihr etwas in’s Ohr, worauf ſie nickte und ſagte:„So laß zum Eſſen klingen, Anne.“ Und ſich an ihre nächſte Umgebung wendend, ſetzte ſie hinzu:„Wenn es Euch gefällig iſt, Onkel, und Euch, Herr von Geß⸗ ler— man ſagt mir, daß angerichtet ſei.“ Darauf, während die Herrſchaften zu ihrer Tafel traten, und die Dienſtleute drunten im Saal, zu denen ſich auch die Alte und die Dirnen aus Elſens Umgebung — theilnahmslos lehnte ſie in ihrem Stuhl oder ſprach den 47 geſellt hatten, ſich um ihren Tiſch reihten, erhob die Schloßherrin ihre Stimme und ſprach ein kurzes Gebet, und dann nahmen Alle Platz. Die Speiſen und das Ge⸗ tränk zeigten ſich ſehr einfach und kaum unterſchieden von denen auf dem andern Tiſch; dagegen war das Geräth prachtooll und ſolid und gab von dem Reichthum Kunde, deſſen die Herrin von Landsburg ſich zu erfreuen hatte. Die Unterhaltung ward heiter geführt; das einſame Leben auf Landsburg, die Lage des Landes, das auch jetzt, trotz des Winters, noch von feindlichen Schaaren durchſtreift wurde, Berichte des Lieutenants über das Le⸗ ben in jenen Landestheilen, aus denen er eben gekommen ſein ſollte— das Alles bot Stoff genug dar, bis die Mahlzeit zu Ende ging. Die Dienſtleute verließen ſodann mit einem lauten:„Gut' Nacht, Fräulein Elſe— gut' Nacht, Herr Rittmeiſter!“ den Saal, und die Herrſchaf⸗ ten fanden ſich in dem großen Raum allein. Mamſell Wilke hatte bisher nur wenig Theil am Geſpräch genommen; trotzig und empfindlich über die unerwarteten Vorgänge des Frühabends, verharrte ſie meiſtens ſchweigend und ließ ſich, wie oft und freundlich Fräulein Elſe ſich bemühte, ſie in's Geſpräch zu ziehen, nur ſelten zu einigen, dann auch meiſtens noch herben oder bittern Worten bewegen. Finſter und anſcheinend 2 48 Speiſen zu; aber Werth bemerkte ſehr gut, wie ſie den Fremden heimlich auf das aufmerkſamſte beobachtete, ſein Geſicht ſtudirte, auf ſeine Worte horchte und ſich augen⸗ ſcheinlich empfindlich abwandte, wenn er für ihre Be⸗ merkungen oder Fragen nur jene Art von halber Auf⸗ merkſamkeit hatte, die man in ſolchen Kreiſen Perſonen ihrer Stellung zuzuwenden pflegt. 8 Als man ſich erhoben und die Dienſtleute den Saal verlaſſen hatten, ſchied ſich der kleine Kreis, während die Mägde die Tafel abräumten, in verſchiedene Grup⸗ pen. Elſe ſpielte mit dem Hunde, der bisher nicht mehr von ihrer Seite gewichen, und plauderte dazwiſchen mit dem greiſen Rentmeiſter, der gleichfalls auf Landsburg als altes Inventarium der Familie weilte, obgleich ſeine Geſchäfte, nachdem die Frau von Hagen ihrem Gatten die meiſten Güter abgetreten, ſich überaus vereinfacht hatten. Der Rittmeiſter promenirte inzwiſchen, einen al⸗ ten Reitermarſch pfeifend, im Saale auf und ab, und Sternfeld befand ſich in der Nähe der Wilke und vor dem Kamin. Da, während er mit dem Schüreiſen einen Klotz umdrehte, daß die Funken kniſternd emporflogen, war ſie, ohne daß er's bemerkte, ganz nahe getreten und flüſterte haſtig:„Wann kommt der Oberſt? Bringt er Adolf mit?“ 49 Sternfeld richtete ſich auf.„Ich verſtehe Euch nicht, Mamſell,“ gab er ruhig zur Antwort, während er den Ellbogen auf die Ecke des Kamingeſimſes legte und ſeine Augen mit feſtem Blick auf ihrem Geſicht ruhen ließ. Sie ſah ſich ſchnell um— Elſe ſpielte mit dem Hunde, der Rittmeiſter ſprach drunten im Saal mit der alten Frau, die wir ſchon vorhin in der Nähe der Her⸗ rin gefunden und die jetzt, allein von der Dienerſchaft zu⸗ rückgeblieben, ihr Spinnrad zu einem der Leutetiſche ge⸗ tragen hatte, wo ſie es bereits wieder in Bewegung ſetzte— Sophie wandte das Haupt zum Fremden zurück und ſprach ebenſo leiſe wie vorhin:„Ich kenne Euch nicht— aber Ihr habt doch geſagt, daß Ihr ein Bote vom Oberſten wäret?“ Sternfeld zuckte die Achſeln.„Weil mir ein alter Förſter das als einzige Parole angab für dieſe ſpröde Feſtung,“ erwiderte er. „Ihr ſpielt ein gefährlich Spiel,“ verſetzte ſie hef⸗ tig, aber noch immer leiſe.„Nehmt Euch in Acht, mein Herr; Ihr kennt mich und meinen Einfluß in D., wie es ſcheint, noch nicht.“ „Ihr gebt mir Räthſel auf, Mamſell— Wilke? wenn ich nicht irre,“ gab er gleichmüthig zur Antwort. „Und was D. betrifft, ſo habe ich dort Geſchäfte, bei denen Ihr mir ſchwerlich nützen könnt. Ich habe nur mit 50 dem Oberſten von— Seeſtröm zu thun,“ ſetzte er lang⸗ ſam und deutlich hinzu,„an den meine Empfehlungen lauten.“ Obgleich ſie ſich jäh abwandte, konnte ſie ihm doch nicht das dunkle und plötzliche Roth verbergen, welches Geſicht und Hals flammend bedeckte. Sternfeld verließ ſeine Stellung und trat mit einigen artigen Worten zum Fräulein, zu welchem auch der Rittmeiſter eben zurück⸗ kehrte. Der Hund hatte ſich, mit dem langen buſchigen Schwanze wedelnd, zum Lieutenant gewendet und ihm den dicken Kopf unter die herabhängende Hand geſchoben, als wolle er auch dem Herrn bemerklich machen, daß er ſich in dieſem Augenblick für eine überaus glückliche Kreatur halte, ſich höchſt behaglich fühle und dafür eine Aner⸗ kennung von dem neuen Freunde verdiene. 4 Elſe bemerkte dies lächelnd und ſagte heiter:„Nun ſeh' ich's, weßhalb Onkel Werth Euch ſo ſchnell in Lands⸗ burg aufgenommen hat. Wen Tiger protegirt, hat bei ihm gewonnen Spiel.“ „So iſt's,“ verſetzte der Alte ſelbſt, der neben ihr ſtand und die ſchlanke Geſtalt leicht im Arm hielt, wäh⸗ rend er jetzt die andere Hand ſanft über das glänzende Haar des Mädchens gleiten ließ.„Aber er iſt auch der Sohn eines alten Kameraden, mein Kind, und dann— Elſe, ſieh Dir den Burſchen einmal an!— findeſt Du nicht, daß er Deiner armen Mutter ähnlich ſieht, wie es zwiſchen Mann und Weib nur möglich iſt?“ „In der That!“ rief der Rentmeiſter lebhaft. „Drum! Ich wußte doch, daß mir dies Geſicht nicht un⸗ bekannt war!“ Und das Fräulein, welches zuerſt ſchüchtern die Au⸗ gen erhoben, ſie dann aber mit ſteigender Bewegung auf den Zügen des jungen Mannes haften ließ, lehnte den Kopf an die Bruſt des Oheims und ſagte leiſe und mit ein wenig zitternder Stimme zu dem Letztern:„Du haſt wohl recht, Onkel. Als die Mutter das Bild droben von ſich malen ließ, muß die Aehnlichkeit auffallend geweſen ſein. Daß aber auch ich das nicht gleich geſehen!“ ſetzte ſie hinzu und ſchloß mit leiſem Erröthen die Augen, da ſie fühlte, wie der Blick des jungen Mannes mit mehr als gewöhnlichem Intereſſe auf ihr ruhte und ſo beſon⸗ ders leuchtete, als käme er tief hervor aus einem warmen Herzen. Aber ſie ſah dennoch wieder, wenn auch nur ſchüchtern, auf, als ſie jetzt ſeine Stimme vernahm und von dem innigen Klange derſelben ſich aufs freundlichſte berührt fühlte. „Es iſt ſeltſam,“ ſprach er mit leiſem Kopfſchütteln, und von dem geiſtvollen Geſicht nicht nur, ſondern auch aus ſeinem ganzen Weſen war die Kälte und Gemeſſen⸗ 5² heit, die ihn bisher im Laufe des Nachmittags und Abends faſt immer gleichmäßig beherrſchte, wie weggeweht und hatte einer lebhaften Bewegung Platz gemacht.„Es iſt ſeltſam— ich habe bisher niemals viel Glück gehabt und im Leben nur das Alltägliche gefunden— jetzt, mit einem Male, ſo durch einen bloßen Zufall, find' ich's ſo gut und ſchön, wie ich es weder gehofft, noch gekannt! Sollte mir der Himmel Alles erſetzen wollen? Wie hätte ich das Alles in dieſem einſamen Schloß und ſo fern von der großen Welt geſucht!“ „Bah,“ meinte Werth, da der Lieutenant ſchwieg, „das geht immer ſo im Leben— das Gute läßt ſich nicht erpfeifen, man muß es erwarten. Und hier iſt's beider⸗ ſeits da,“ fuhr er fort, indem er die Nichte aus dem Arm ließ und dem Lieutenant ſeine Hand hinbot.„Auch ich hab's mir heut' Mittag da drüben bei den Wölfen im Forſt nicht träumen laſſen, daß ich in dem alten Neſt heut' noch ſolche Bekanntſchaft machen ſollte. Wir haben hier ſonſt mit den neuen Bekanntſchaften kein Glück,“ ſetzte er hinzu,„aber Ihr, der Sohn meines alten Kameraden— und nun dieſe Aehnlichkeit— ſeht, das iſt wie eine Art von Verwandtſchaft!“ Die Wilke erhob ſich von iihrem Stuhle und näherte ſich den Andern.— „Ich denke, wir ziehn uns zurück, Fräulein von 53 Hagen,“ ſprach ſie, mit ihrem Tuche flüchtig ein leichtes Gähnen verbergend.„Es iſt ſpät, und der Schreck über Eure böſen Hunde, Herr Rittmeiſter, zittert mir noch in den Knieen.“ „Das thut mir leid, Mamſell,“ verſetzte er, ſeinen Bart in die Länge ſtreichend.„Aber iſt's meine Schuld? Ihr ſeht, Tiger iſt ſanft wie ein Lamm.“ Sie wandte ſich gleichgültig ab und rief der alten Frau zu, ihre Zofe kommen zu laſſen, und als das Mäd⸗ chen eingetreten, fragte ſie nochmals:„Iſt's Euch ge⸗ fällig, Fräulein von Hagen?“ und wandte ſich ohne ein weiteres Wort mit einem leichten Neigen des Hauptes zum Gehen. „Geh' in Gottes Namen, mein Kind,“ ſagte Werth, da er die Nichte zögern ſah, und leiſe ſetzte er hinzu: „Und horche auf das, was Deine Amme Dir von mir zu ſagen hat. Gute Nacht, mein Herzblatt.“ Mit einem Kuß auf die Stirn entließ er ſie.— Am folgenden Morgen, als Mamſell Wilke ſich erſt ſpät aus ihrem Bette erhob, erfuhr ſie von ihrer Zofe, daß der fremde Herr ſchon vor einer Stunde das Schloß verlaſſen und in Begleitung eines Knechtes den Weg über's Eis eingeſchlagen habe. Vergeblich forſchte ſie weiter, wie und von wem der Mann, der ihren Argwohn erregt und ſie beleidigt hatte, vor ſeinem Fortgange Ab⸗ ——— * „ 54 ſchied genommen. Die Dirne konnte ihr darüber keine Auskunft geben, und von der grauen Weite, in die ſie durch's Fenſter verſtimmt hinausſah, erfuhr ſie auch nichts. Denn der Schnee fiel noch immer dicht genug, um jeden Blick in die Ferne abzuſchneiden, und hatte längſt alle Spuren ausgeglichen, welche die Wandernden in der wei⸗ ßen Decke hinterlaſſen haben mochten. Sie hatte die heiße Stirn an das kalte Glas gelegt und ſchaute mit den dunklen Augen finſter hinaus auf die öde Landſchaft, wo ſich nichts regte als die Krähen, welche die Nähe und den Schutz des Gebäudes ſuchend, bei den nächſten Waldbäumen ab⸗ und zuflogen. So ſtand ſie lange, bis ſie ſich endlich abwandte und mit wildem Kopfſchütteln vor ſich hinmurmelte:„Hagen, Hagen, das iſt ein Opfer— faſt zu groß, ſelbſt für den Preis.— Ich halt' es nicht aus!“ Stumm und finſter ſchritt ſie dann in dem großen Zimmer langſam ein paarmal auf und ab, bis ſie ſich wie erſchöpft auf's Kanapee ſinken ließ. Sie fühlte ſich fiebern⸗: haft und bis in's Innerſte verſtimmt; die leidenſchaftliche Aufregung und der Schrecken des vergangenen Abends hatte ihre kräftige Natur härter angegriffen, als ſie ſelbſt geglaubt. Und wenn auch der Körper ſich aufgerafft hätte, der Geiſt empfand den Druck deſto ſchwerer. Es war nichts von Freudigkeit in ihr, nichts von Zufriedenheit. — 3 7 5⁵ Den Plänen, die ſo wohl ausgeſonnen, ſo genau berechnet waren, ſtellten ſich plötzlich Schwierigkeiten über Schwie⸗ rigkeiten entgegen; ſie ſpürte, daß es im Geheimen ſich von allen Seiten dagegen regte und erhob, ohne daß ihr das Wie und Was klar ward, ohne daß ſie im Stande geweſen, vorzubeugen und auszuweichen. Und ſie mußte ſich ſagen, daß ſie ſelbſt auf dem Wege, den ſie hier im einſamen Schloß betreten, in der ſchroffen, herriſchen Weiſe, welche ſie gegen die Herrin deſſelben und die an⸗ dern Hausgenoſſen faſt von vornherein befolgt, gänzlich fehlgegriffen, die ſchlimmſten Reſultate hervorgerufen habe.. Sie hatte ſo viel in der Welt durchgeſetzt und er⸗ reicht, ſolche Hinderniſſe überwunden, anſcheinend unum⸗ ſtößliche Schranken wie ſpielend auf die Seite geſchoben, ſie hatte den wildeſten Trotz ſich beugen, die feſteſte Kraft weich werden und ſchwinden ſehen— und hier in dem ein⸗ ſamen, abgeſchloſſenen Hauſe, vor dem rohen alten Sol⸗ daten, wie ſie ihn nannte, und dem jungen, von ihr ver⸗ achteten, unerfahrenen Mädchen, vor den unterwürfigen Dienern ſollte ſie unterliegen? Da ſtand ſie wie gelähmt und gebannt, da erhob es ſich in ruhiger Sicherheit um ſie her— das feſtgeordnete Hausweſen, die alte ehrwür⸗ dige und ehrbare Sitte, das Bewußtſein des Rechts und der Pflicht, welches mit dieſen Menſchen von der Geburt 56 an verwachſen war— das war wie Mauer und Fels, und es war kein Riß drin, wo man ihm beikommen, es war keine Stelle dran, wo man es umgehen konnte. Und ſie hatte beinah' ihr Leben lang auf einen Erfolg grade an dieſem Ort hingearbeitet, ſie hatte dafür Ehre und Ruf drangeſetzt und ſich Allem unterworfen, was, zumal für eine Frau ihres Charakters, das Härteſte ſein mußte. Es waren zwei Schweſtern geweſen, früh verwaist und ſich ſelbſt überlaſſen, geringen Standes und arm; ſie hatten nichts als ihre auffallende Schönheit, einen ſcharfen, kalt berechnenden Verſtand und den feſten Willen, aus ihrer beſchränkten Lage ſo bald wie möglich in beſſere Verhältniſſe zu kommen. In gewiſſem Sinne war dies der Aeltern wenigſtens bald gelungen; Horſt, ein Offizier aus gutem Hauſe, aber ein lockerer Geſelle, hatte ſich mit ſolcher Leidenſchaft in ſie verliebt, daß er ſie ungeachtet des Widerſtandes ſeiner Verwandten, trotz der Warnungen und des Ab⸗ mahnens ſeiner Freunde und Vorgeſetzten heirathete. Durch dieſe Thorheit ruinirte er nicht nur ſeine eigene Stellung in der Welt und Geſellſchaft, ſondern auch von vornherein die ſeiner Frau, da er ſie von ihrem alten Kreiſe losgeriſſen hatte, ohne ihr einen neuen eröffnen zu können; denn ſeine Standesgenoſſen verſagten der bür⸗ — 57 gerlich geborenen Frau, deren Ruf zum mindeſten zweifel⸗ haft war, auf das beſtimmteſte jeglichen Umgang. Als er ſich einige Jahre ſpäter, zerfallen mit den Seinen, überhäuft von Schulden und aufgerieben von Ausſchweifungen, auf das Steebebett legte, beſchäftigte ihn in den wenigen freien Augenblicken die Zukunft der Seinen daher auf das qualvollſte. Um die Frau ſorgte er nicht; ſie hatte ihm nichts gegeben, was das ihr ge⸗ brachte Opfer gerechtfertigt hätte. Seine Leidenſchaft war längſt erloſchen, und wenn er ſich nicht vor Jahren ſchon von ihr getrennt hatte, ſo war das nur geſchehen, weil der ſchwach und ſtumpf gewordene Mann ſich ſelbſt zu dieſer Energie nicht mehr zu erheben vermochte. Aber er hatte von ihr einen damals etwa dreijährigen Knaben, den er abgöttiſch liebte und den er nach ſeinem Tode doch ſchutzlos und hilflos dem entbehrungsvollſten Leben ver⸗ fallen ſah. Von der Mutter, die das Kind freilich gleich⸗ falls mit Affenliebe zu hegen ſchien, hoffte er nichts, und legte daher das Geſchick desſelben dem einzigen Freunde an's Herz, den er noch zu haben glaubte. Das war der damalige Kapitän von Hagen, mit dem er ſeit langer Zeit bekannt war, der allein den ſterbenden Kameraden hie und da noch beſuchte und zuweilen unter der Hand unterſtützte. Der Freiherr von Hagen nahm den Auftrag des Sterben⸗ den an, und dieſer ſchloß beruhigt ſeine Augen. 1859. XXIV, Vergangene Tage. 4 ——j—— 2* 58 Indeſſen hatte der Todte ſich über die Beſuche und Unterſtützungen Hagen's geirrt, wenigſtens über diejenigen in der letzten Zeit. Sie galten vielmehr der jüngern Schweſter ſeiner Frau, die in ſeinem Hauſe herangewach⸗ ſen, jetzt in ihrem achtzehnten Jahre ſtand und von einer Schönheit war, welche die der älteren Schweſter noch um Vieles übertraf. Wie oben bemerkt, war ſie von der⸗ ſelben Geſinnung wie ihre Schweſter, allein ihr Verſtand war noch feiner und ſchärfer, ihr ganzer Charakter ent⸗ ſchiedener, und da ſie in dem Hauſe und der Familie ihres Schwagers immerhin einen gewiſſen Halt fand und nicht ſo ſelbſtändig und ſchutzlos daſtand, wie die Schweſter vor ihrer Verheirathung, ſo hatte ſie auch weniger Gelegen⸗ heit, ihren Ruf zu kompromittiren und wußte ſich im Ge⸗ gentheil eine ziemliche Achtung in der Stadt zu erhalten. Daher waren ihr Hagen's Beſuche, nachdem ſie bald erkannt, daß dieſelben ihr gälten, nichts weniger als an⸗ genehm, da man ihn von jeher als ausſchweifend und ge⸗ wiſſenlos kannte, und er jetzt auch ſchon ſeit einigen Jahren mit der Erbtochter einer der reichſten Familien des Landes verheirathet und Vater mehrerer Kinder war. Indeſſen, ſo entſchieden ſie auch ſeine Annäherung zurückwies, die Beſuche konnte ſie nicht verhindern, da ihr Schwager dieſelben andern Gründen zuſchrieb, und ihre Schweſter— mochte ſie die Sache durchſchauen oder 59 nicht— ſie ſogar begünſtigte und beförderte. Nach des Schwagers Tode ließen ſie ſich noch weniger zurückweiſen, da Hagen als Vormund des Knaben auch ein äußeres Recht dazu hatte; und Sophie— denn ſo hieß ſie— hatte Mühe, den immer kühnern Angriffen des gewiſſen⸗ loſen Mannes zu widerſtehen, zumal ſeine ſtattliche Per⸗ ſönlichkeit und ſein glänzender Geiſt nicht ohne Eindruck auf ſie geblieben war. Sie wußte außerdem, daß er in ſeiner Ehe ſich nicht glücklich fühlte, obgleich ihm ſeine Frau auf das zärtlichſte zugethan war. Statt eines glü⸗ hend erſehnten Erben für das Majorat ſeines Hauſes, hatte ſie ihm nur drei Töchter geboren, für welche er we⸗ der Liebe noch Vermögen hatte. Kränklich, wie ſie war, liebte ſie ein häusliches Leben im Gegenſatz zu ihm, dem es nie bunt und wild genug ward, und lag ihm wieder⸗ holt an, er möge ſeine Stellung aufgeben und mit ihr hinaus auf die Güter ziehen. Es kam dazu, daß ſie ihm mehr als einmal die Vorwürfe über ſeine Ausſchweifun⸗ gen, die den Frieden ihrer Ehe ſtörten, und über den un⸗ erhörten Aufwand, der ſie trotz des großen Vermögens in Schulden ſtürzte, nicht hatte erſparen wollen. Und ſo ſanft und zärtlich ſie auch geweſen— Hagen hatte ſie uner⸗ träglich gefunden und ſich immer mehr gegen ſeine„pre⸗ digende, geizige, eiferſüchtige“ Frau erkältet gefühlt. Nach einiger Zeit ward es nothwendig, ernſtlicher 4* 2 60 für die Frau von Horſt zu ſorgen; die Verwandten ihres Mannes hatten die Ehe niemals anerkannt und beküm⸗ merten ſich nicht um die Witwe; ihre Verhältniſſe wa⸗ ren die ärmlichſten, Freunde hatte ſie ſich nur wenige zu erwerben gewußt, und auch dieſe durch ihr unverantwort⸗ liches Benehmen von ſich geſtoßen, als ſie wenige Monate nach dem Tode des Gatten bereits nach einer neuen Ehe auszuſehen begann. Hagen fand ihre Stellung in D. un⸗ haltbar und hielt es für das beſte, daß ſie auf einige Jahre nach dem ſeiner Frau gehörigen Lehnsgut Lands⸗ burg ginge, bis die Welt ſie und den Anſtoß, den ſie er⸗ regt, vergeſſen habe und ſie anderwärts wieder auftauchen könne. Ihre Schweſter Sophie ſollte dagegen in D. blei⸗ ben und zwar in ſeinem Hauſe, als Geſellſchafterin ſeiner Frau und ſpäter als Erzieherin ſeiner beiden noch leben⸗ den Töchter. Frau von Horſt nahm dieſen Vorſchlag einſtweilen, wenn vielleicht auch nur nothgedrungen an, nicht aber ſo Frau von Hagen, deren Einwilligung nicht zu umgehen war. Die ſanfte und liebevolle, aber in den Anſichten ihres Standes erzogene Frau verweigerte ihre Zuſtimmung auf das entſchiedenſte. „Ihr geht in Eurer Freundſchaft für die Hinter⸗ laſſenen Eures Freundes zu weit, mein Gemahl,“ hatte ſie geſagt.„Für Leute dieſes Schlages iſt Landsburg nicht; ſelbſt die Bilder meiner Ahnen müßten erröthen über ſolche Geſellſchaft. Und wenn dieſe Menſchen alles Waſſer austränken zwiſchen hier und Landsburg— ich nähme ſie im Schloß nicht auf. Daher kann ich auch die Mamſell Sophie nicht zu mir und meinen Kindern neh⸗ men; ſie kann bei einer ſolchen Schweſter nichts Gutes gelernt haben, und man ſpricht auch bereits davon, daß die Perſon es ebenſo auf irgend einen Kavalier abſehe wie jene. Gebt ihnen ein Stück Geld, Hagen, und ſucht ſie los zu werden; ſie bringen Euch keine Ehre. Den Knaben kann man ja einmal wo unterzubringen ſuchen.“ Sophie erinnerte ſich dieſer herben Erwiderung noch Wort für Wort, ſie wußte noch, was ſie gefühlt, als man ſie ihr zuerſt hinterbrachte! Sie fühlte es noch— dieſen tiefen, glühenden Haß, dieſen heißen Drang nach Ra⸗ che!— Und was die Zuneigung nicht vermocht und was das Drängen und die Leidenſchaft nicht errungen— das gelang dem Haß und dem Drang nach der Rache an der Frau, die voll ſolcher Verachtung auf ſie und die Ihren niederſah. Sie widerſtand den Angriffen Hagen's nicht länger mit der bisherigen Entſchiedenheit, und wenn ſie überhaupt noch zögerte die Seine zu werden, ſo geſchah das nur, um ihn vorher deſto feſter an ſich zu binden, ihn deſto völliger zu beherrſchen. Nach einem halben Jahr war ſie ſeine— Maitreſſe, 24 62 aber er war ihr widerſtandsloſer unterthan und unauflös⸗ licher verbunden, als es jemals bei ſeiner eigenen oder einer andern Frau möglich geweſen. Es war ein Ver⸗ hältniß, wie es in jener ſogenannten guten alten Zeit, die aber in Wirklichkeit zu der allerſittenloſeſten gehört, deren viele gab, ja es hatte noch vor den meiſten ähnli⸗ chen den Vorzug, daß er der Welt verborgen blieb. Frau von Horſt ſiedelte, von Hagen unterſtützt, nach einem andern Landestheil über, Sophie verſchwand aus den Augen der Menſchen; auf das eingezogenſte lebte ſie nur für den Mann, deſſen eigen ſie geworden, unter⸗ hielt und ſteigerte ſeine Leidenſchaft und ſicherte ihre Herrſchaft. Als ſie nach einiger Zeit einen Knaben gebar, wußte ſie Hagen leicht dahin zu bringen, daß er dieſem und einem ſpäter folgenden Kinde aus den von ſeiner Frau erſchwindelten Gütern, ſoviel ſeine Verſchwendung davon übrig ließ, ein Vermögen gründete, und als Frau von Hagen die Untreue ihres Mannes erfuhr und ſich von ihm trennte, herrſchte Sophie noch unbeſchränkter als zuvor. Sie war es, die Hagen von einer Scheidung zu⸗ rückhielt, weil in ſolchem Fall das Lehnsgut der Frau, das ihr verbotene Landsburg, ſicher verloren geweſen. Sie hoffte auf den Tod Hedwig's— nicht nur, um dann ſich ſelbſt an ihre Stelle zu ſetzen, ſondern auch um dem Sohn ihrer inzwiſchen verſtorbenen Schweſter durch eine 63 Heirath mit der einzigen noch lebenden Tochter Hagen's Landsburg zuwenden zu können. Von Hagen beſorgte ſie keinen Widerſtand— er war ihr mehr unterthan als je. So war es endlich gekommen. Hedwig war todt, Sophie war in Landsburg und erwartete den Ober⸗ ſten mit dem Neffen, um die letzten Schritte zu dem ſo lange erſtrebten Ziele zu thun. Das Alles hatte ſie erreicht— ſollte ſie nun in der letzten Stunde unterlie⸗ gen?— Was kümmerte es ſie, daß Hagen's hochmüthige Verwandten ſich ſeiner Verheirathung mit ihr widerſetz⸗ ten?— Von denen wollte ſie nichts— ſie verachtete ſie und hatte das dem Unterhändler derſelben in D. ſelbſt geſagt, der ſie beſtechen oder abſchrecken ſollte. Hier wollte ſie herrſchen, hier gebieten, in der Familie, auf dem Stammgut der Feindin!— Und hier ſtand ſie jetzt machtlos— hier fand ſie keine Ehre, ſondern Demüthigung!— Wie und durch wen war es dazu gekommen?— Kannte man ſie und ihre Pläne?— Hatte es der Oberſt verſchuldet, da er, um ſie den Nachſtellungen ſeiner Familie zu entziehen, ſie unter dem Namen jenes Mädchens, das zufällig mit ihr zugleich D. verließ, in Landsburg einführte und ſie mit dieſem Namen und dem Titel einer Geſellſchafterin von vornherein in eine Stellung auf dem Schloſſe brachte, welche den Anſichten dieſer Zeit und dieſer Menſchen 64 nach nur eine untergeordnete und einflußloſe ſein konn⸗ te?— Hatte ſie ſelbſt gefehlt, als ſie dem Gefühl des end⸗ lichen Triumphs nachgebend, von Anfang an dieſe Stel⸗ lung verkannte, einen Ton annahm und in einer Weiſe ſich gehen ließ, die nicht falſcher gedacht werden konnte?— War es dies oder jenes, war es beides— auch ihre eigenen Fehlgriffe verkannte ſie nicht, weder die Thorheit ihres Auftretens, mit dem ſie die Menſchen hier von ſich ſcheuchte und zum Widerſtand nöthigte, noch die Wahl von Mitteln, wie jenes Lauſchen am vergangenen Abend, die ihrer herriſchen, offenen Natur eigentlich fern lagen, die ihr ſcharfer Verſtand verdammte. Aber ſie hatte auch nur dazu gegriffen, weil ſie ſich einſam fühlte und un⸗ ſicher auf ſchwankendem Boden— weil das Ausbleiben des Oberſten ſie peinigte, der doch oftmalige Nachricht, ſein baldiges eigenes Kommen verheißen!— So ſaß ſie da, einſam und zweifelnd, gedemüthigt und krank— ſie, das leidenſchaftlich geliebte, verehrte, heimlich mit allem Luxus des Lebens umgebene Weib!— Woran ſie ihr Leben geſetzt und ihre Ehre, wonach ſie gerungen, worauf ſie gehofft Jahr um Jahr— ent⸗ ſchlüpfte es ihr noch im letzten Augenblick? Der Gedanke wollte nicht aus ihrem Kopf, er kehrte immer wieder, wie der Refrain eines Liedes. Und ſie drückte die Hände vor's Geſicht, aber zwiſchen den ſchlanken Fingern ran⸗ 65 nen glühende Thränen einer tiefen Erbitterung hervor, eines finſtern Haſſes, einer qualvollen Erſchöpfung. Es war eine böſe Zeit für Land und Menſchen; der nordiſche Krieg zog mit ſeinem ganzen Gefolge von Hunger, Krankheit und Elend zerſtörend über dieſe Ge⸗ genden hin, verwüſtete das Land, verödete die Städte und decimirte die Bewohner. Ruſſen und Dänen, Po⸗ len, Sachſen und Preußen bekämpften Karl XII. von Schweden, hausten in deſſen Ländern auf das furcht⸗ barſte, und wie immer, war es auch diesmal wieder das arme Deutſchland, dem der traurige Vorzug zu Theil ward, einer der Hauptſchauplätze dieſer barbariſchen Kämpfe zu ſein. Alle Verbindungen waren aufgehoben, aller Verkehr zerſtört, und wenn man bei den ſchlechten Straßen und Verkehrsmitteln der damaligen Zeit von der Feſtung D. und Schloß Landsburg aus ſchon in ge⸗ wöhnlichen und ruhigen Tagen weder leicht noch ſchnell mit einander verkehren konnte und nur mühſam von ein⸗ ander erfuhr, ſo war unter den jetzigen Verhältniſſen eine Verbindung faſt zur Unmöglichkeit gemacht, zumal ſeitdem der Feind, ganz gegen die gewöhnliche Weiſe der damaligen Kriegsführung, nun auch im härteſten Winter das Land von Streifparteien durchziehen ließ. Von einem Widerſtand war kaum die Rede; die wenigen freundlichen Truppen ſaßen in den feſten Städten, und überdies hatte 82 66 ſich ihrer, bei den endloſen und gänzlich ausſichtsloſen Kämpfen, nicht nur ein Geiſt des Mißmuths, ſondern auch eine Muthloſigkeit bemächtigt, die ſie von allen küh⸗ nen Thaten zurückhielten und ihren Widerſtand mehr und mehr lähmten. Daß aber der Feind da war, und wie er hauste, das erfuhr und ſpürte man ſogar auf Landsburg trotz ſeiner einſamen Lage und der Abgeſchloſſenheit ſeiner Be⸗ wohner. Allnächtlich faſt zeigte der Himmel gegen das feſte Land zu ſich geröthet, und endlich kamen auch von dem Dorf, welches noch zu Landsburg gehörte, obgleich es weit davon und jenſeits des Waldes lag, flüchtende und blutende Bewohner, ſo viel ſich den Flammen ihrer Häuſer und den Mißhandlungen der Feinde hatten ent⸗ reißen können. Es ward voll im Schloß, denn die Herrin wollte keinen einzigen der armen Flüchtlinge abweiſen, und wenn es auch meiſtens Weiber und Kinder waren, die den Schutz der kleinen Befeſtigungen aufſuchten, ſo gewann der Rittmeiſter doch auch manchen kräftigen Mann zu dem Haufen ſeiner Vertheidiger. Die meiſten Män⸗ ner freilich hatten ſich in die großen Wälder geworfen und führten von dort aus einen verzweiflungsvollen und erbarmungsloſen Kampf mit den Zerſtörern ihrer Heimat.— Von D. aber, vom Oberſten, von Sternfeld ver⸗ ——— 67 lautete noch immer kein Wort. Denn es war nicht mehr Sophie allein, die ihre Gedanken nach der Feſtung hinüberſchweifen ließ und mit Spannung auf eine Nach⸗ richt harrte; auch Werth dachte eifrig dahin, und noch mehr that es die junge Herrin des Schloſſes ſelbſt, Fräu⸗ lein Elſe. Wie war dies junge Herz, das bis dahin für nichts geſchlagen als für Gott, für die Mutter und die wenigen alten Freunde, welche die Umgebung des Mädchens bil⸗ deten, und das ſich ſo arm und bang fühlte, ſeit die Mutter geſchieden— wie war es nun ſo voll worden und ſo bewegt bis zu ſeinen tiefſten und geheimſten Gründen! So einſam, wie Elſe herangewachſen, ſo abgeſchloſſen von jedem Verkehr mit jungen Leuten ihres Alters und Standes, wie ſie ihr Lebenlang von der kränklichen und verbitterten Mutter gehalten worden, hätte ſie von der erſten Begegnung mit einem angenehmen und gebildeten Mann vermuthlich einen weit tiefern Eindruck empfangen als ein anderes Mädchen, wäre dieſer Mann für ſie auch nur der gleichgültige und ſchnell wieder ſcheidende Fremde geweſen, als welcher Sternfeld ihr vom Onkel vorgeſtellt wurde. Allein dabei war es nicht geblieben. Noch am Abend jenes Tages, nachdem man im Saale ſich getrennt, führte Werth ihr den Fremdling als den einzigen Verwandten zu, den ſie beſaß, deſſen ſie ſich 68 aus ihrer früheſten Jugend als eines heitern Spiel⸗ gefährten erinnerte, auf den ihre Mutter, wenn auch nur ſelten und dunkel hingedeutet hatte, als ob ſie in ihm ſich eine Stütze für ihre dereinſt einſam ſtehende Tochter ge⸗ dacht habe. Und ſie fand ihn als treuen Verwandten, als liebenswürdigen Mann, der mit herzlicher Offenheit ihr nahte; und als ſie am folgenden frühen Morgen den ſchnell Gefundenen ebenſo ſchnell wieder zur Fortſetzung ſeines gefährlichen Weges ſcheiden ſah, fühlte ſie ihr Herz bang klopfen und ihre Augen ſtanden voll Thränen. Als ſie mit dem Oheim ihn bis zum Ende des Gar⸗ tens gebracht hatte, dort, wo eine kleine Pforte durch die Mauer und die Palliſaden davor auf den ſchmalen, ab⸗ ſchüſſigen Weg zum Strande führte, da war er ſtehen ge⸗ blieben und hatte die Hände ſeiner Begleiter erfaßt und dazu geſagt:„Ade, ade! Gott behüte und erhalte Euch! Was ich vermag, werde ich zu Eurem Schutze mit Freu⸗ den thun! Gott weiß, Couſine Elſe, mir iſt, als ob ich jetzt erſt lebte, jetzt, ſeit ich hier geweſen! Ich habe doch einen Zweck und der iſt— Euer Wohlergehn! Die Stunden hier hat Eure Freundlichkeit zu den beſten mei⸗ nes Lebens gemacht.“ Und ihre kleinen zitternden Finger hatten einen leiſen Druck geſpürt— ſeine Augen hatten mit ihrem innigen Blick ſie ganz und gar umfangen, und mit einem raſchen„Lebt wohl!“ war er hinabgeſprungen 69 und bald in den Schleiern des trüben Morgens ver⸗ ſchwunden. Es waren nicht die Worte, die das Mädchen ſo bewegt hatten, daß es ſie feſt hielt im Gedächtniß, daß es ſie klingen hörte in all' den einſamen Stunden, in denen das Leben jetzt mehr noch als früher ſich abſpann. Es war vielmehr jenes unausſprechliche Etwas, das zu⸗ weilen die Menſchenrede begleitet und ſie bis in's Herz des Andern hineinführt, obgleich die Worte ſelbſt und auch der Ton vielleicht kaum anders waren, als wie man es hundert⸗ und aber hundertmal im täglichen Leben ver⸗ nimmt und unbeachtet an ſich vorübergehen läßt. So hatte Elſe die Worte gehört und empfunden, ſo trug ſie dieſelben im Herzen und hegte ſie dort vereint mit dem Bilde des Mannes, der ſie geſprochen— mit dieſem Bilde, das ihr ſo theuer war und ſo vertraut, weil es die Züge der Mutter wiederholte. Was ſie todt und dahin geglaubt, hatte, wenn auch in anderer Weiſe, wieder Leben gewonnen. Es nahm für ſie Alles Halt und Geſtalt an, und wo ſie früher mit ſtillem Herzen und träumeriſchem Auge in die Zukunft geſehen, weil dort für ſie nichts zu erſehnen, nichts zu vermeiden und abzuweh⸗ ren war, da ſah ſie wiederum das Bild, und die tiefen blauen Augen blickten zu ihr herüber, und der Blick um⸗ faßte ſie warm und innig, und es war ihr, als könne ſie 70 nur in ihm ruhen, in ihm leben, wie ſie bisher geruht und gelebt unter den Augen der Mutter. Die Tage vergingen ſtill und einförmig, ohne Neues zu bringen. Der Himmel ward klar und wieder trüb, die Erde lag tief im Schnee, und die Eisdecke hielt die See überſpannt, ohne daß man ihr Ende ſah. Aus dem Lande drang kein Laut zum Schloß herüber als das dumpfe Geheul der fern durch die Forſten jagenden Wölfe. Kein Flüchtling kam mehr nach Landsburg, und Werth ſorgte mit ſeinen Wachen dafür, daß auch Nie⸗ mand hinauskam. Sie ſollten das einſame Haus drau⸗ ßen völlig vergeſſen. Denn wie entſchieden und ſorglos er ſich darüber auch gegen Andere äußern mochte, im Grund ſah er doch recht wohl ein, daß er gegen einen wirklichen Angriff nicht lange ernſtlichen Widerſtand lei⸗ Fen könne. Gegen die See zu beruhte die Sicherheit des Platzes faſt allein auf dem ſteilen Abhang der Düne, der man für gewöhnlich nur zu Schiff nahen konnte. Aber nun hielt ſich das Eis und— der Alte dachte doch hie und da mit einiger Bedenklichkeit daran!— ſchnitt auch jede Flucht ab. Denn die kleine Jacht, die zum Schloſſe gehörte, lag eingefroren am Fuße des Hügels. Doch behielt er ſolche Gedanken für ſich, oder theilte ſie nur etwa Tiger mit, wenn er mit dem Hunde einen kleinen Streifzug außerhalb der Mauern machte; * 4 71 im Uebrigen hielt er ſeine Wachen munter, und be⸗ ſuchte täglich mehrmals das oberſte Zimmer des Thur⸗ mes, von wo aus man einen ziemlich weiten Blick auf die See und den rückwärts ſich hinziehenden Strand hatte. Doch niemals ließ ſich etwas Ungewöhnliches erblicken, ſelbſt der Himmel zeigte ſich Abends nirgends mehr ge⸗ röthet. Es mochte draußen wohl Alles vorbei ſein, und der Feind war aus dem verödeten Lande davon gezogen, weil er nichts mehr zu verwüſten fand und weder Leute noch Lebensmittel und Fourage auftreiben konnte. Es war einer jener ſeltſamen Tage, deren Aeuße⸗ res— möchte man ſagen— wie zuweilen die Phyſiogno⸗ mie eines Menſchen, auf ein ganz anderes Innere ſchlie⸗ ßen laſſen könnte, als in Wirklichkeit da iſt. Ein grauer trüber Himmel und eine ſtille, faſt gänzlich unbewegte Luft, welche nicht den kleinſten Zweig der Bäume regte, ſchienen auf milde Witterung hinzudeuten, während in Wahrheit die Kälte groß war und der Tag zu den ſtreng⸗ ſten des kalten Winters gehörte. Eiſſe ſpürte es wohl in ihrem Zimmer, wo die Ofenwärme noch bei Weitem nicht den kalten Luftſtrom beſiegt hatte, der vorhin beim Lüften durch die offenen Fenſter eingedrungen war und das Gemach noch immer mit einer eigenthümlichen Friſche erfüllte. Sie ſchauerte leicht zuſammen, als ſie eintrat, und hüllte ſich feſter in * 25 72 das Pelzmäntelchen, das ſie über ihrem gewöhnlichen An⸗ zuge trug, allein ſie fühlte ſich doch auch gleich wieder wohl in dem heimlichen Raume, in dem Frieden des Sonntagmorgens, welcher über die ganze Umgebung ausgebreitet war. Der weiße feine Sand, mit dem der Fußboden bedeckt war, kniſterte unter ihrem leichten Fuß; die Wachholderzweige, die man umhergeſtreut, dufteten würzig, und die Amme waltete noch leiſe umher, ſtäubte ab und ordnete Alles, wie es das Fräulein gewohnt war. „Iſt Etwas paſſirt? Iſt Nachricht vom Lande ge⸗ kommen?“ fragte das Fräulein und blieb vor der Amme ſtehen.„Mir war, als hätte ich heut Morgen den Onkel ſchon viel umhergehen hören und als wäre es uh ſonſt unruhig im Hauſe geweſen.“ Die Alte nickte, und während ſie, von ihrem Ge⸗ ſchäft laſſend, an der Halskrauſe des Mädchens eine Falte glättete, verſetzte ſie:„Es iſt ſchon richtig, der Herr Rittmeiſter war ſehr zeitig aus den Betten, und Hans iſt mit ein paar Männern nach dem Buſch gewe⸗ ſen, um nachzuſehen, ob ſich auch was vom Feind zeige. Ach Gott, Fräulein Elschen, wenn der uns nur doch nicht zu guter Letzt noch über den Hals kommt!“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu. Das Fräulein lächelte munter und in ihrem Auge glänzte es hell auf.„Sei nicht aärriſch Amme,“ ſagte 73 ſie,„wir werden uns doch nicht vor ein paar Buſchklep⸗ pern ängſtigen? Und weiter kann's nichts ſein.“ Elſe trat ans Fenſter, um, wie an jedem Morgen auch heute zuerſt auf die See hinauszuſehen. Da zeigte ſich ihr ſeit manchen Wochen immer derſelbe einförmige, melancholiſche Anblick; heute aber war ſie kaum in die Niſche getreten, als ſie überraſcht zurückzuckte und haſtig, ohne das erröthende Geſicht von der Ausſicht abzuwen⸗ den, ſagte:„Amme, Amme, komm geſchwinde! Was iſt das?“ Denn dort in der Ferne, ſo weit, daß man zuerſt noch zweifeln konnte, was es ſei, tauchte gerade eine dunkle Maſſe auf, die ſich freilich ſchon beim Herbeieilen der alten Frau als ein kleiner, nah' zuſammenhaltender und raſch vorrückender Reitertrupp erwies. „Iſt das Feind oder Freund?“ fuhr Elſe aufgeregt fort, ohne auf die jammernden Ausrufe der Frau zu ach⸗ ten.„Laufe hinab, Amme, und ſuche den Onkel. Sie ſcheinen drunten noch nichts geſehen zu haben.“ Und als die Alte ſich mit dieſem Auftrage entfernt hatte, ließ das Fräulein ſich auf den Stuhl nieder und verfolgte geſpannt jede Bewegung der ſich ſchnell nähern⸗ den Reiter. Die Nachricht, welche die Frau zurückbrachte, be⸗ ruhigte Elſe jedoch; nicht nur die gewöhnliche Wache 1859. XXIV. Vergangene Tage. 5 ₰ hatte den Trupp längſt bemerkt, ſondern auch der Onkel war ſchon an Ort und Stelle geweſen, hatte ein paar andere Männer berbeigerufen und ließ die Waffen parat halten. Es blieb deſſen ungeachtet ſtill im Schloß und ſeinen Umgebungen, da die Leute ihren Dienſt und ihren Poſten kannten und ſich längſt an die ſtets herrſchende Ruhe gewöhnt hatten. Auch war nirgends ein Grund zu wirklicher Beſorgniß vorhanden. Mochten die ſich Nä⸗ hernden immerhin Feinde ſein— die Pelze und dichten Hüllen, welche alle Reiter umkleideten, machten jede Er⸗ kennung bisher unmöglich— ihre Zahl war zu gering, um von ihnen einen Angriff befürchten zu laſſen, und die Pferde zeigten ſich ſo ermüdet, daß man daraus auch auf die Erſchöpfung der Reiter ſchließen konnte. Mit wie angeſtrengter Aufmerkſamkeit das Fräulein auch den Trupp beobachtete, es war noch immer nicht möglich, eine Perſon davon zu erkennen, obgleich ſie jetzt bis ganz in die Nähe gelangt waren und einen Augen⸗ blick anhielten. Die beiden vorderſten Reiter ſchlugen den Kragen des ſchweren Wolfspelzes, der ſie einhüllte, zurück, muſterten augenſcheinlich neugierig und aufmerk⸗ ſam das vor ihnen liegende Gebäude und tauſchten ihre Meinung darüber aus. Der eine war ein bereits bejahr⸗ ter ſtattlicher Mann mit ſtolzem Geſicht und finſterem Blick, während der zweite die weichen und friſchen Züge eines Jünglings zeigte. Der Halt hatte keine Minute gedauert, als ſie ihre Pferde wieder in Gang ſetzten. Indem aber knallte aus der Umwallung des Schloſſes ein Schuß, die Pferde bäumten ſich erſchreckt, der Trupp hielt auf's neue, und nur der ältere Herr trieb ſein Thier, ſo raſch es gehen wollte, gegen den Schloßhügel vor, um vermuthlich mit einer ſich auf der Bruſtwehr zeigenden Perſon zu reden. Elſe hörte den Schall von lauten Stimmen, ohne ſie je⸗ doch verſtehen oder auch nur die Redenden ſehen zu kön⸗ nen. Das Fenſter erlaubte keinen Blick nach dieſer Seite, und überdies war das Mädchen ſcheu von den Scheiben zurückgewichen, um nicht von den Fremden bei ihrem Lau⸗ ſchen erblickt zu werden. Sie ſah endlich den Anführer— dafür mußte ſie ihn halten— zurückkehren und den gan⸗ zen Trupp rechts um den Schloßhügel reiten, wo ſonſt der einzige bequeme Landungspunkt und zugleich das große Thor in dem Schloßwalle war, durch welches allein Reiter in den Hof gelangen konnten. Es verging wieder eine geraume Zeit, wo kein Laut das Ohr des horchenden Mädchens erreichte; und ſie war ſchon im Begriff hinauszugehen und ſich weiter zu erkundigen, als die Thür aufgeriſſen ward, die Amme aufgeregt hereinſtürzte und ihr zurief:„Fräulein Elſe, Fräulein Elſe, es iſt der Herr Oberſt, Euer Vater!“ „Mein Vater!“ Sie rief es hell hinaus, überraſcht 2 76 und voll Jubel, ſie fuhr empor, ſie ſprang an der alten Frau vorbei und hörte nichts von den weitern haſtigen Worten derſelben; ſie eilte auf den Korridor hinaus und gegen die Treppe zu, welche in das untere Geſchoß führte, zitternd und athemlos und Herz und Kopf voll von dem Zauber des theuren Namens. Aber ſie kam zu ſpät. Da ſie um eine Ecke des Ganges bog, ſah ſie am Ende des⸗ ſelben die beiden Herren, welche vorhin an der Spitze des Trupps ritten, und ihr alter Diener Hans öffnete eben die Thür zum Zimmer Sophiens und ſagte:„Hier iſt's, Euer Gnaden.“ Einen Augenblick ſtand das junge Mädchen noch ſchweigend und lehnte ihre zitternde Geſtalt an die Mauerecke; dann ſtrich ſie mit beiden Händen die blon⸗ den Locken von der Stirn nach rückwärts, wandte ſich ab und kehrte in ihr Zimmer zurück. Ohne ein Wort ging ſie an der Amme vorbei, trat zum Fenſter und ſchaute hinaus, während die Thränen in großen Tropfen aus ihren Augen quollen und langſam über die dunkel glü⸗ henden Wangen glitten. Sie erinnerte ſich des Vaters kaum, ſie dachte nicht mit der Sehnſucht an ihn, wie ſie bei einem andern Kinde natürlich geweſen; die Erinnerung bot ihr ſo we⸗ nig, was ſie hätte zu dem Mann hinziehen können, der ſein Kind nie ſich hatte nahe kommen laſſen, der nie ei 77 freundlich Wort, nie eine Liebkoſung für dasſelbe gehabt hatte. Ihre Mutter ſprach zwar niemals gegen den Mann, den ſie voreinſt verlaſſen mußte, aber ſie hatte auch niemals ein Wort für ihn, ſie hatte niemals ſein Andenken und die Liebe zu ihm im Herzen ſeines Kindes gepflegt. Nicht allein in ihrem Sinn, ſondern auch in der That ſtand dies Kind durch die eigenthümlichen Ver⸗ hältniſſe ſo unabhängig und geſichert da, daß es den Va⸗ ter entbehren konnte, von dem ihm nichts geworden als Vernachläſſigung und Beeinträchtigung. Dagegen hatte Elſens Amme ſowohl wie der Onkel Werth entſchieden Partei genommen gegen den Oberſten und ihren Wider⸗ willen offen genug ausgeſprochen; zumal der Letztere hatte durch ſeine derben unumwundenen Worte dem Mäd⸗ chen mehr als einen Einblick in jene Zeit und jene Ver⸗ hältniſſe eröffnet, welche die Trennung ihrer Eltern zur Folge hatten.— Und trotz Alledem regte ſich in dem jungen Herzen noch immer Etwas von jener angeborenen, unveräußerli⸗ chen Zärtlichkeit, welche das Kind zu dem zieht und mit dem vereint, welchem es ſein Leben verdankt; und wenn Elſe an eine Begegnung mit dem Vater dachte, wußte ſie's nicht anders, als daß ſie ihm entgegenfliegen und die Arme um ſeinen Hals ſchlingen müſſe und an ſeinem Her⸗ zen ſo ſicher, ſo innig ruhen werde, wie auf keinem an⸗ dern Platz in der ganzen Welt. 78 Und nun war er da— ſie war ihm entgegengeeilt— und er war nicht zu ihr gekommen, ſondern zu der gegan⸗ gen, gegen welche ſich ihr tiefſtes Innere ſträubte, von der ſich ihr Gefühl inſtinktmäßig zurückhielt. O, es war nicht allein Betrübniß in ihr, weil ihre Liebe ſich zurück⸗ gewieſen fand, welche ſie mit ihrem eben erwachenden Herzen aller Welt hätte entgegentragen mögen— nein, ſie empfand auch die tiefe Demüthigung einer ſolchen Zurückweiſung, ſie fühlte, wenn auch nur dunkel, welche Schmach man ihrer Liebe und ihrer Reinheit, ihrer Ehre und ihrer Stellung damit anthat, und mit trockenen Au⸗ gen wandte ſie ſich jetzt vom Fenſter ab zu dem eben eintretenden Onkel, welcher ihr gleichfalls die Nachricht von der Ankunft Hagen's brachte. Die Begebenheit ſchien wenig Eindruck auf ihn ge⸗ macht zu haben, er berichtete in ſeiner gewöhnlichen, halb ſpöttiſchen, halb gleichmüthigen Weiſe, aber mit jähem Zorn fuhr er empor, als Elſe von dem ſprach, was ihr im Korridor begegnet. „Teufel und Satan!“ brach er aus und ſchüttelte die geballte Fauſt über Elſens Kopf.„Hätte ich das vor einer halben Stunde geahnt, ſo wären wir ſchon jetzt im Klaren! Ich weiß nicht, wozu ich den Mann noch ſchone, der blind und wild wie ein wüthender Bulle drauf los rennt.— Aber nimm Dir das nicht zu Herzen, meiin Liebling,“ fuhr er plötzlich ſanft fort und drückte Elſens blonden Kopf zärtlich auf ſeine Bruſt.„Er verdient's nicht, er hat längſt kein Recht mehr an Dir, und jetzt hat er das letzte verloren. Hätte Deine Mutter ſich überwin⸗ den können und ſich wirklich von ihm ſcheiden laſſen, da wäre dies Alles nicht möglich geweſen.— Aber Gott ſei Dank, daß es ſo kam,“ ſetzte er abbrechend hinzu.„Nun iſt’'s gut— er will es nicht beſſer haben.“ Sie hob den Kopf von ſeiner Bruſt und ſah ihn, verwundert über den veränderten Ton, fragend an: „Was habt Ihr, Onkel Werth? Was iſt gut? Was ſoll geſchehen?“ Er ſchob ſie von ſich zurück und fuhr mit der Hand über die Stirne.„Laß es gehn, mein Kind,“ antwortete er dann.„Du wirſt ſchon davon erfahren. Nur das ſage ich Dir: es gehen böſe Gerüchte über Deinen Vater— und wir werden ihm einen Beſuch des Feindes zu danken haben. Denn er ritt geſtern wie ein Narr durch's offene Land ſpazieren und wurde von einem feindlichen Trupp verfolgt. Aber gleichviel— es nützt ihm weder dies noch das; laß den Feind kommen, Du biſt ſicher, Elſe!“ Indem klopfte es leiſe an die Thür, und da die Amme, welche noch immer im Zimmer weilte, auf Elſens Wint öffnete, zeigte ſich Sophiens Zofe und brachte die . 80 Weiſung des Oberſten, daß ſeine Tochter unverzüglich zu ihm in das Zimmer der Mamſell Wilke kommen ſolle. Aber wie beſtimmt auch der Befehl gegeben war und wie keck er von der Ueberbringerin vorgetragen ward— er hatte keine andere Folge, als daß Werth ſich raſch umwandte und, Elſen zuvorkommend, die Antwort gab:„Sage dem Oberſten, daß Fräulein Elſe, die Frau von Landsburg, im Saale ſei und den Herrn v. Hagen dort erwarte, um ihm ihren Reſpekt beweiſen zu kön⸗ nen.— Komm, mein Kind,“ fuhr er fort und ergriff die Hand des Fräuleins, während die Zofe beſtürzt das Zim⸗ mer verließ,„laß uns hinuntergehen und ihn erwarten; ihr müßt Euch doch einmal ſehn. Vergiß es nicht,“ ſetzte er hinzu, als er ihre eiskalte Hand in der ſeinen zittern fühlte,„Du biſt die Letzte derer von Werth— und Du darfſt nichts thun, was Deiner und Deiner Ahnen un⸗ werth wäre. Wir haben uns vor Niemand zu beugen als vor unſerem Lehnsherrn, dem König.“ Sie ſtand ſtumm und bleich; erſt nach einer Weile hob ſie die Augen zu ſeinem Geſicht empor und ſprach traurig:„Es iſt mein Vater, Onkel Werth!“ „Bah!“ erwiderte er mit einer verächtlichen Hand⸗ bewegung,„es ſind alle Jahre Deines Lebens vergan⸗ gen, bis er ſich jetzt daran zu erinnern beliebte.— Komm, Fräulein Elſe!“ 81 Und er zog die Nichte aus dem Zimmer und führte ſie hinab in den großen Saal, deſſen weiter und zu dieſer Tageszeit verödeter Raum ſich kalt und unbehag⸗ lich und nur nothdürftig erhellt vor ihnen öffnete. Das matte Licht des trüben Tages reichte durch die ſchmalen, tiefniſchigen Fenſteröffnungen noch kaum hinein bis in die entfernteren Theile. Sie hatten nicht lange zu warten, denn kaum waren ſie eingetreten, als ſie auch ſchon dröhnende Schritte die Treppe herab, den Korridor entlang kommen hörten. Gleich darauf ſprang die Thür auf und die beiden Män⸗ ner, die Elſe vorhin durch den Korridor hatte gehen ſehen, traten herein, der Aeltere voran. Und die große ſtattliche Figur ſtolz aufgerichtet, die Stirn gefaltet und die Augen ſinſter, trat er klirrenden Schrittes bis in die Mitte des Raumes vor und ſprach mit drohendem Ton:„Iſt das die Weiſe, wie man mich in meinem Hauſe empfängt? Aber ich will Euch zeigen, wer hier der Herr iſt, da Ihr den Vater nicht achten wollt!“— Elſe war ihm entgegengeeilt— bei ſeinen Worten ſtand ſie einen Augenblick zögernd, nun aber faßte ſie nach ſeiner Hand und beugte das Geſicht darauf, und mit bewegter Stimme ſagte ſie leiſe und bittend:„O mein Vater!“. Er entzog ihr die Hand ſo heftig, daß ſie zurück⸗ 82² 4 fuhr, und wie erſchrocken und bittend ihre großen Augen ſich zu ihm erhoben, ſein Geſicht ward nicht heller, ſein Blick nicht milder; im Gegentheil zogen ſich die dunklen ſtarken Brauen noch feſter zuſammen, und auch ſeine Stimme war noch tiefer und zorniger, als er erwiederte: „Das iſt zu ſpät!— Das Kind, welches den Vater ſo empfängt, das ſich ſo ungehorſam und trotzig zeigt gegen ſeine Befehle, das die Gäſte, die ſein Haus mit einem Beſuche beehren und dem thörichten Geſchöpf ihre Sorge zuwenden wollen, ſo mißhandelt und vernachläßigt— hat keinen Anſpruch mehr auf ſein Kindesrecht und die Liebe der Eltern. Du wirſt den Unterſchied erfahren, Dirne, der zwiſchen einem Vater und einem Herrn iſt! Glaubſt Du, daß ich auch gegen Dich die Nachſicht fort üben würde, die mir die Geiſteskrankheit Deiner Mutter auf⸗ zwang? Fort, auf Dein Zimmer!“ ſetzte er zornig hin⸗ zu,„und harre der Befehle, die ich Dir geben werde. Sorge dafür, daß ich nicht noch einmal einen Trotz an Dir ſinde, wie heut Morgen! Ich bin der Mann, Dich zu brechen!“ Trotz aller Enttäuſchung, die in der vergangenen Stunde über ſie gekommen, trafen die herben Worte das junge Mädchen doch wie ein Blitz aus blauer Höhe; ſie fühlte ihr Haupt ſchwindeln und ihr Herz ſich ſo krampf⸗ haft zuſammenziehen, daß ihr für den Augenblick der 83 Athem ſtockte. Aber es war auch nur ein kurzer Moment, und im nächſten bereits war ſie wieder Herrin ihrer ſelbſt und fühlte Alles ſich im Innern regen, was dieſe Worte, was die Weiſe des Vaters auf das Härteſte getroffen— den Stolz des Weibes nicht nur und das von Jugend auf in ihr gepflegte Bewußtſein ihres Rechtes und ihrer Stellung, ſondern auch die tief verwundete Liebe zu ihrer verſtorbenen Mutter. Ihr Buſen wogte, ihre vorhin ſo blaſſen Wangen glühten im dunklen Roth, und indem ſie den Kopf aufhob und zum Onkel wandte, der bisher gleichſam theilnahms⸗ los in einer Fenſterniſche geſtanden und in's Freie geſchaut hatte, ſprach ſie mit feſter, ruhiger Stimme:„Bleibt Ihr bei den Herren, Onkel Werth? Ich gehe hinauf.“ „Thu' das, mein Herzblatt,“ gab er zur Antwort, während er zugleich ſeinen bisherigen Platz verließ und mit bequemen Schritten zu der Gruppe in der Mitte des Saales trat.„Quäle Dich nicht, Elſe, und ärgere Dich nicht,“ fuhr er fort und ließ ſeine große Hand leiſe über ihren Kopf gleiten, während ſeine Augen zugleich mit ei⸗ nem— man möchte ſagen: phlegmatiſchen Blick die bei⸗ den Männer vor ihm muſterten.„Geh', mein Kind; Worte beißen nicht und ſie waren auch gar nicht ſo böſe gemeint. Der Herr Oberſt von Hagen ſcheint nur ver⸗ geſſen zu haben, daß Du ſeiner Mannheit nicht als ein —— 84 einſames und ſchwaches Weib gegenüberſtehſt, ſondern Gott ſei Dank Deine reputablen Stützen haſt. So was paſſirt einem vielbeſchäftigten Kopf.“ Er ſtand breit vor den Adern, die Hände auf den Rücken gelegt und das Auge feſt und unverwandt auf Hagen gerichtet, der ſich von ſeiner Rede augenſcheinlich ſo übernommen fühlte, daß er vor Grimm und Ueber⸗ raſchung noch keines Wortes mächtig war. Elſe war ſchweigend der Thür zugegangen und verließ ohne auf⸗ oder ſich umzuſehen den Saal. Da erſt, als die Thür in's Schloß fiel, ward es wieder laut, doch war es noch immer nicht der Oberſt, ſondern ſein junger Begleiter, welcher jetzt plötzlich, mit dem Fuß niederſtampfend und die Hand am Säbelgriff in die jähen Worte ausbrach:„Befehlt, Herr Baron, daß ich den frechen alten Geſellen züchtige! Das iſt nicht länger zu ertragen!“ Dem Oberſten entrang ſich ein dumpf grollender Laut und er machte auch einen Schritt vorwärts gegen den Alten; aber ohne darauf zu achten und ohne ſeine Stellung zu verändern, wandte dieſer nur langſam den Kopf zu dem bisher kaum beachteten Sprecher, maß ihn mit einem kalten Blick von oben bis unten und ſagte dann mit ebenſo kaltem Ton:„Junger Menſch, menagirt Euch, oder ich faſſe Euch bei den Ohren und zeige Euch, —— 8⁵ daß der Weg aus Landsburg hinaus viel kürzer iſt als der herein.“ „Alter Mann!“ brauste der Jüngling auf und riß den Säbel aus der Scheide,„wißt Ihr, mit wem Ihr redet? Ich bin der Cornet von Horſt im Regiment des Herrn von Hagen!“ Der Alte wirbelte ſeinen Bart durch die Finger in die Länge.„Alſo Herr Horſt?“ ſprach er dann gleich⸗ müthig.„Charmant, mein Freund, und da ich Euch nun kenne, könnt Ihr gehn. Ich habe mit dem Herrn von Hagen ein paar Worte allein zu reden.“ Der Oberſt hatte ſich inzwiſchen nicht nur von ſei⸗ ner Ueberraſchung erholt, ſondern auch ſo viel wie mög⸗ lich den Grimm unterdrückt, der ihn über dieſen unver⸗ mutheten kaltblütigen und bewußtvollen Widerſtand er⸗ faßt hatte. Wenn er in all' den Jahren ſeine Frau un⸗ beläſtigt in Landsburg gelaſſen, ſo war das geſchehen, weil er nicht verblendet genug war, um zu verkennen, daß ſie im vollen Recht und trotz der unruhigen Zeiten darin zu geſichert war, als daß nicht jeder Angriff darauf zu ſeinem Nachtheil hätte ausſchlagen müſſen. Jetzt da⸗ gegen, wo ſie todt, wo bei der immer wilderen Geſtaltung des langen furchtbaren Krieges nicht nur alle Verhältniſſe in Frage geſtellt, ſondern auch überhaupt zweifelhaft war, ob im dereinſtigen Frieden dieſe Landestheile ihrem bis⸗ 2 86 herigen Herrn verbleiben oder einem neuen zufallen wür⸗ den, fiel in ſeinem Sinne jede Rückſicht weg und es kam einzig darauf an, im Beſitz zu ſein. Bei dieſem Streben und Ueberlegen ſtörte ihn kein einziger Gedanke an die rechtmäßige Herrin Landsburgs, ſeine nie von ihm beachtete Tochter, oder an den Vetter, „das alte Hausmöbel“, wie er ihn nannte, den Rittmei⸗ ſter von Werth. Die Eine war in ſeinen Augen ein Kind, der Andere ein alter, ſchon wieder zum Kinde gewordener Menſch— mit einem Wort, es waren zwei Weſen, über die er ſeinem Zwecke gemäß disponirte, und die ſich durch ſeine, des welterfahrenen, mächtigen und einflußreichen Mannes Hand auf jeden Weg ſchieben laſſen mußten, der ihm als der beſte erſchien. Indeſſen beſaß er neben aller Rückſichtsloſigkeit und Leidenſchaftlichkeit ſeines Charakters doch auch wieder zu viel Schlauheit, um mit Gewalt vorſchreiten zu wollen, wo er dieſelbe für erfolglos erkennen mußte. Was er im Leben erlangt, hatte er weniger auf graden als auf Um⸗ wegen erreicht, und in den meiſten Fällen bedurfte es nur eines entſchiedenen Entgegentretens, um ihn den herriſchen Ton des Befehlens aufgeben und aus ſeinem augenblickli⸗ chen Ungeſtüm auf einen— man möchte ſagen: Nebenweg überlenken zu laſſen, der für den Betreffenden aber viel gefährlicher war. 87 Sicher hätte daher auch ſchon der Empfang, der ihm heute Morgen auf Landsburg zu Theil geworden, bei ihm dieſen Erfolg gehabt, wenn nicht zu Vieles zuſammen⸗ gewirkt hätte, den leidenſchaftlichen Mann körperlich und geiſtig zu überreizen und zu verblenden. Der Widerſtand ſeiner Verwandten bei dem erſten Gerücht von einer neuen Vermählung, plötzlich auftauchende Unannehmlichkeiten in ſeiner dienſtlichen Stellung, die Strapazen der Winter⸗ reiſe, der Empfang auf Landsburg und die ungeſtümen Klagen Sophiens, das Auftreten endlich des verachteten Kindes und des ebenſo verachteten Greiſes— das Alles hatte ſeine Leidenſchaftlichkeit für einige Zeit über ſeine Schlauheit ſiegen laſſen, bis er ſich während des Strei⸗ tes zwiſchen Werth und Horſt wieder zu faſſen vermochte. „Genug des Gezänks!“ ſprach er jetzt mit befeh⸗ lendem Ton und ließ die Rechte nachläſſig auf der reichen Buſenkrauſe im Ausſchnitt der geſtickten Uniformsweſte ruhen.„Ihr, Adolf, habt die Güte, Euch zu gedulden, bis ich Euch Erlaubniß zum Handeln gebe. Bisher konnte ich noch immer am beſten ſelbſt für mich ſorgen. Und Ihr, Herr von Werth, vergeßt nicht, was Ihr mei⸗ nem Gaſt hier ſchuldig ſeid, der Ihr ſelbſt nur als Gaſt auf Landsburg weilt, ſo lange es mir gefällt. Und ich kann Euch ſagen,“ fuhr er ſtets im gleichen, halb nach⸗ läſſigen, halb hochmüthigen Tone fort,„daß mir das ——jjj * 88 nicht länger gefallen wird, wenn Ihr nicht beſſer meinen Anordnungen nachkommt und ein wenig höflicher gegen die ſeid, welche hier zu befehlen haben. Ihr wärt, dächt, ich, alt genug, um einzuſehen, weßhalb ich bisher mich nicht in das Leben auf Landsburg gemiſcht, und daß es nach dem Tode der Frau von Hagen damit nicht länger ſo fortgehn kann.“ Werth ſchüttelte den Kopf.„Hm,“ ſagte er dann kaltblütig,„das ſcheint zu einer langen und intereſſanten Unterhaltung zu führen. Nehmen wir daher Platz, mein Herr Oberſt; das lange Stehn wird mir ſchwer.“ Und indem er ſich auf einen der Seſſel am Kamin niederließ, zog er eine kleine ſilberne Jagdpfeife hervor und that einen langen gellenden Pfiff. Dem eintretenden alten Knecht befahl er Wein, Tabak und Pfeifen zu bringen, ohne darauf Rückſicht zu nehmen, daß des Oberſten Stirn wieder finſter drohte und daß er mit dem ſchweren Stiefel hart niedertrat; und als das Befohlene gekommen, ſprach er mit dem alten Gleichmuth:„Bedient Euch, mein Herr Oberſt, und laßt uns die Conferenz beginnen.“ „In der That,“ bemerkte Hagen, gegen ſeinen Be⸗ gleiter gewendet, mit mühſam erhaltener Faſſung,„ich wollte Eurer Tante nicht glauben, Adolf, als ſie mir vorhin von den Leuten in Landsburg erzählte. Allein 89 dies geht über Alles hinaus, was ich für möglich gehal⸗ ten. Doch Geduld, alter Mann!“ fuhr er fort und ſchüt⸗ telte den Finger der erhobenen Hand gegen Werth;„Ihr pocht jetzt auf Eure vermeinte Uebermacht und daß Knechte und Mägde Eurem Willen gehorchen.— Allein morgen— vielleicht heut noch wird das enden, und dann— wehe Euch! Ihr ſollt erfahren, wer Euer Herr iſt.“ Werth ſchüttelte wieder kaltblütig den Kopf.„Das weiß ich längſt, mein Herr von Hagen,“ redete er.„Seine Majeſtät, Carolus XII., den Gott erhalten möge, iſt Herr über uns, ſo viel wir im Lande ſind, und es iſt ein Herr, der das Recht überall zu ſchützen pflegt.“ Der Oberſt lachte ſpöttiſch.„Immerhin!“ verſetzte er,„da wird es von Euch in Wahrheit heißen: wie der Herr, ſo der Knecht!— Man jagt Euch Beide mit Eurem Recht zum Lande hinaus.“ Der alte ſtieß eine gewaltige Rauchwolke aus.„Und alſo die Mamſell da droben,“ ſagte er und wirbelte den Bart durch die Finger und ließ ſeine Augen feſt auf Ha⸗ gen's Geſicht ruhen,„die Sophie Wilke, wie ſie ſich in Landsburg nennt— die iſt eine leibliche Tante zu dem Cornet von Horſt da?— Ei ei! Drum erhielt ſie auch Eunn erſten Beſuch, mein Herr von Hagen! Vor urer—. 1859. XXIV. Vergangene Tage. 6 4 8 90 „Herr!“ unterbrach ihn auffahrend der Oberſt. „Vor Eurer Tochter!“ fuhr Werth ungeſtört fort. „Und da ich nicht glauben kann, daß ſich auf einem Stammbaum der Familie von Horſt eine wirkliche Mam⸗ ſell Wilke befindet, ſo wollt die Güte haben, mein Herr von Hagen, das Inkognito der Dame zu brechen, damit wir ihr nicht länger unſern Reſpekt vorenthalten!“ Als die feſte und ſcharfe Stimme des Rittmeiſters ſchwieg, wandte der Oberſt ſeinen Blick, der trotzig dem des Sprechenden begegnet war, zu Horſt und ſprach: „Geht zu Eurer Tante, Adolf, und ſetzt ſie von allem Uebrigen in Kenntniß. Ich habe allein mit dieſem alten ſtörrigen Mann zu reden.“ Und da Adolf eine Einwen⸗ dung verſuchte, ſetzte er ungeduldig hinzu:„Geht, geht! In einer halben Stunde bin ich bei Euch.“ „Die Dame,“ fuhr er fort, als Adolf zögernd den Saal verlaſſen, und richtete ſich ſtolz auf und ſeine Au⸗ gen ſchauten hochmüthig auf den ruhig daſitzenden und rauchenden Rittmeiſter,„die Dame iſt Fräulein Sophie Rieke— ihre Schweſter war an den Herrn von Horſt verheirathet. Es iſt eine gute Familie, die nur durch Noth gezwungen, ihren Adel ſeit ſechzig oder ſiebzig Jah⸗ ren ablegte. Indeſſen habe ich beim kaiſerlichen Hofe ſchon bewirkt, daß ihr Adel beſtätigt wird. Denn, mein Herr von Werth, ich werde die Dame demnächſt heira⸗ 3 4 —,—— worden, und hatte wie krampfhaft mehr als einmal mit der Rechten unter die Weſte in die Buſenkrauſe gegriffen, aber er hatte bisher keinen Laut von ſich gegeben. Jetzt erſt holte er nach einer Weile tief Luft, man hörte ſeine Zähne knirſchen, und dann ſprach er faſt murmelnd: „Das ſagt Ihr mir?“— Das Auge Werth's wich nicht von dem ſeinen. „Das ſage ich Euch,“ war ſeine Antwort.„Und ich will Euch noch Eins ſagen, Herr Oberſt von Hagen,“ redete er mit gedämpfter Stimme weiter.„Ihr habt vorhin ein Wort geſagt über Seine Majeſtät den König, das hier auf Landsburg nicht wiederholt werden darf. Denn wir ſind hier gut ſchwediſch und dulden keine— Landesver⸗ räther unter uns! Nehmt Euch in Acht, man kennt Euch auch in Stockholm beſſer als Ihr denkt und hat Euch im Auge.“ Er hatte das letzte Wort kaum ausgeſprochen, als draußen ein Schuß fiel und gleich darauf der helle Klang einer Trompete vernehmbar war; die beiden Männer eilten jeder an ein Fenſter und ſtießen es auf, um hin⸗ auszuhorchen. Im Schloß wurde es laut von Stinimen und ha⸗ ſtigen Schritten.„Wo iſt der Rittmeiſter?“ hörte man rufen, und im nächſten Augenblick ſtürzte einer der Knechte mit der athemlos hervorgeſtotterten Meldung herein, daß 94 draußen ein ſtarker Trupp Dragoner halte und die Oeff⸗ nung der Thore verlange. Die Ställe hätten ſie bereits beſetzt, die darin untergebrachten Begleiter des Oberſten zu Gefangenen gemacht. Ein alter Unteroffizier ſei der Einzige, der noch Widerſtand leiſte und ſich mit den Feinden herumhaue. Während der Oberſt den Bericht mit allen Zeichen der Ungeduld und des Verdruſſes angehört hatte, ſtand Werth vor dem Knechte in ſeiner vollſten Ruhe, die Hände auf dem Rücken zuſammengelegt und die Augen mit einem ſpöttiſchen Blick auf den erregten Sprecher ge⸗ richtet, ſo daß ſelbſt dieſer unwillkürlich ruhig ward und ſeine letzten Worte ſchon im Ton einer dienſtlichen Mel⸗ dung ſprach. Als er ſchwieg, fuhr der Oberſt barſch heraus: „Nun, was ſäumt ihr denn? Hinaus mit Ihm, Menſch, und die Thore geöffnet! Ich habe keine Luſt, mich hier umſonſt maſſakriren zu laſſen!“ Der Knecht wandte ſeine großen blauen Augen mit dem Ausdruck der höchſten Beſtürzung bald auf den Ober⸗ ſten, bald auf den Rittmeiſter, der noch immer in ſeiner bisherigen Stellung verharrte. Bei den Worten des Oberſten lächelte er verächtlich und nun ſprach er, ſein Auge feſt auf den Knecht gerichtet:„Habt ihr da drau⸗ ßen Angſt?“ 3 — Der Mann ſtarrte ihn einen Augenblick beſtürzt an. „Nein, Herr,“ verſetzt er dann. „Na alſo,“ ſagte Werth und ließ den Blick über die Knechte und Mägde hingleiten, die ſich an der Saal⸗ thür zuſammengedrängt hatten.„Mit den paar Buſch⸗ kleppern werden wir noch fertig. Hinaus mit Euch, an Eure Poſten! Laßt die Narren draußen warten, bis ich komme und Antwort gebe. Und kommen ſie Euch zu nahe, ſo laßt ſie Euer Pulver riechen! Fort! Wiking ſoll kom⸗ mandiren, bis ich komme,“ ſetzte er hinzu und richtete ſich auf und winkte gebieteriſch mit der Hand.„Ruft Fräulein Elſe— ſie iſt hier der Herr und hat zu be⸗ fehlen!“ „Wahnſinniger Narr,“ ſchrie der Oberſt wüthend, „wollt Ihr uns Alle in Eurer Thorheit verderben?“ und ſich gegen die Leute wendend, rief er ihnen nach:„Macht die Thore auf, befehle ich Euch— ich, Euer Herr! Oder der Feind haut Euch Alle in die Pfanne!“ Aber ſeine Worte gingen wirkungslos vorüber; Niemand wußte hier von ihm, und was von dem Zweck ſeiner Anweſenheit unter den Leuten verlautet, hatte ihm dieſe rauhen Herzen noch mehr entfremdet, die mit ange⸗ ſtammter Treue ihrer Herrin ergeben waren. Hier und da ſtarrten ihn ein Paar verwunderte Augen an, dann aber ſahen ſie auf den Rittmeiſter, und vor deſſen ver⸗ 8 96 ächtlichem Kopfſchütteln und feſt wiederholtem:„Fort!“ verließen ſie eilig den Saal. „Wahnſinniger Thor!“ rief der Oberſt aufs neue und ſchüttelte die geballte Fauſt gegen Werth, und die Adern ſeiner Stirn ſtrotzten von Blut;„es koſtet Euch den Kopf! Ich laſſe Euch füſiliren! Im Namen Seiner Majeſtät von Dänemark, dem dies Land jetzt gehört und dem auch ich diene— befehle ich Euch von jedem Wider⸗ ſtand abzulaſſen und Euch zu ergeben, Rebell!“ „Verräther!“ ſtieß Werth hervor und warf den Kopf auf und ſeine Augen flammten, und zugleich legte er die Fauſt feſt auf Hagen's Schulter.„Ehrvergeſſener Wicht— ich verhafte Dich im Namen meines Königs, den Du betrogen und verrathen!“ Und indem er die Pfeife hervorriß, ſtieß er mächtig hinein, daß es grell durch den weiten Raum gellte. Da fielen draußen raſch hintereinander mehrere Schüſſe, eine ganze Salve folgte, und Werth ſtürzte, ohne auf den Oberſten zu achten, an's Fenſter. Im näch⸗ ſten Augenblick knallte es wieder von allen Seiten, und der Rittmeiſter taumelte mit einem dumpfen Laut vom Fenſter zurück und ſtürzte nach einigen vergeblichen Ver⸗ ſuchen, einen Stuhl zu erreichen, hart auf den Fußbo⸗ den nieder. Ein blauer Rauch zog ſchwerfällig gegen das offen —.— —.— gebliebene Fenſter hin; der Oberſt ſchob haſtig ein noch rauchendes kleines Piſtol unter die Weſte zurück, und mit einem finſtern Blick auf den ſchwer ſtöhnenden Alten und den gemurmelten Worten:„Du haſt's gewollt, alter Thor!“ wandte er ſich der Thüre zu.— Das Alles war ſo raſch gegangen, daß ſeit dem Trompetenſignal, welches die Ankunft der Feinde meldete, keine zehn Minuten verfloſſen waren. Die Thür ward aufgeriſſen, Elſe flog herein mit dem Ausruf:„Onkel, Onkel, wo ſeid Ihr?“ Ihr auf dem Fuße folgten Sophie und Horſt, und während der Letztere aufgeregt meldete:„Herr Oberſt, es ſind richtig ſchon die Dänen— ich habe auch Herrn von Wolfsberg geſehn!“— rief Sophie heftig:„Was heißt das, Hagen? Biſt Du toll, daß Du hier im Hauſe ſitzeſt, während ſie ſich draußen wie die Narren vor die Köpfe knallen?— Haſt Du ſie nicht ſelber herbeſtellt? Läßeſt auch Du Dich von den Kindern und Greiſen hier kommandiren?“ „Geduld, Geduld, Sophie!“ verſetzte er herriſch, „ich werde Wolfsberg erklären—“ Ein ſchneidender Weheſchrei von Elſen unterbrach ſeine Worte; das Mädchen hatte den Körper des Onkels entdeckt und ſtürzte neben ihm auf die Kniee und ſuchte mit zitternden Händen die Kleidung zu öffnen und zur ₰ 98 Wunde zu gelangen, aus der noch immer ein dunkler Blutſtrom leiſe hervorquoll. „Zu Hülfe!“ rief ſie verzweifelnd,„zu Hülfe!“ Aber da ſie mit wildem Blicke empor und ſich um⸗ ſah und nichts erblickte als die drei Menſchen, die ihr einzig feind waren auf der Welt, und in Sophien's Ge⸗ ſicht nur ſtarre Kälte fand und in dem des Vaters nichts als finſtern Hohn, und da ſie ſeine Worte hörte:„Der alte Thor hat ſeine Strafe!— Sorget Ihr für Eure trotzige Braut, Adolf!— Sophie, halte Dich parat, ich laſſe die Thore öffnen!“— da ließ Elſe den noch immer lebloſen Köper des Oheims aus ihrem Arm, erhob ſich raſch und zur Thür eilend, rief ſie den Dreien mit bliz⸗ zendem Aug' und erhobener Stimme zu:„Keinen Schritt weiter, keinen Schritt!— Ich klage Euch an vor Got und Menſchen, Verräther und Mörder!“ War es das Plötzliche und Unerwarte dieſes Aus⸗ bruchs, war es der jähe und gänzliche Wechſel, der in dieſen wenigen Augenblicken mit dem Mädchen vorgegan⸗ gen, das ſich, eben noch zitternd und in Thränen, jetzt in ihren Worten nicht nur, ſondern auch in ihrem ganzen Weſen als Herrin zeigte— die drei Andern erwiederten nichts und ließen ſie gewähren, und im nächſten Moment ſchon ſchallte ihre helle Stimme durch das Hun „Mord— Mord! Hülfe, Hülfe!“ 99 Da ermannte ſich Hagen, mit einem Fluch ſprang er ihr nach, riß ſie zurück in den Saal und ſchleuderte ſie mit roher Gewalt Adolf zu, indem er dabei rief:„Haltet die Dirne feſt!— Ich muß fort!— Sie ſchreien Triumph draußen!— Laſſen ſich die Memmen von den Bauern zu⸗ rückjagen?“ Aber in den Gängen des Hauſes, die von den mei⸗ ſten Bewohnern verlaſſen, bisher ſchier todtenſtill gewe⸗ ſen waren, hat Elſens verzweifelnder Ruf das Leben wieder erweckt. „Fräulein Elſe— Fräulein Elſe! Mord— Mord! Zu Hülfe!“ ſchallte es von den gellenden Stimmen der herbeieilenden Mägde, die Thür ward aufgeriſſen, der Oberſt zurückgedrängt, und mit den Weibern kamen auch die zwei bewaffneten Knechte, die auf Werth's Befehl ſtets die Wache im Hauſe hatten. Vor Allen aber brach ſich Tiger Bahn in das Gemach. Den Kopf aufwerfend und in die Luft ſchnuppernd, war er im nächſten Augenblick mit einigen Sätzen bei dem noch immer leblos ruhenden Körper ſeines Herrn, betaſtete ihn mit der Pfote, beroch das Blut und das ſtille greiſe Haupt, und hob dann den Kopf auf und brach mit glühenden Augen und geſträub⸗ tem Haar in ein ſo wildes, klagendes, langes Geheul aus, daß es die Menſchen umher bis in's Herz zuſam⸗ menbeben ließ. 4 100 „Tiger, Tiger,“ ſchrie Elſe, die bisher ſich vergeb⸗ lich dem Arm des jungen Mannes zu entwinden verſucht hatte.„Herbei!— Haltet die Thür verſchloſſen! Laßt Niemand hinaus!“ Aber bevor noch der wild umherſchauende Hund ih⸗ rem Rufe folgte, und bevor die zurückſtürzenden Knechte die Thür ſchließen konnten, ſprang ein junger, hoch⸗ gewachſener Mann herein, den Degen in der Fauſt, das glühende Geſicht von Pulver geſchwärzt, und ehe ihn Je⸗ mand recht geſehen, ſtand er neben Horſt und traf ihn mit dem Degenknopf ſo hart auf den Kopf, daß er jäh zu Boden ſtürzte, während er zugleich mit heiſerer Stimme ſchrie:„Was erfrecht man ſich gegen dieſe Dame, Ihr Schufte?“ „Sternfeld— Guſtav Sternfeld— o Gott ſei Dank!“ rief Elſe und erhob im glühenden Dank ihres Herzens die gefalteten Hände.„O Vetter— Vetter— vort liegt Onkel Werth erſchoſſen!“ Und von ihm fort⸗ eilend beugte ſie ſich über den Alten, den die weinenden Mägde inzwiſchen aufgehoben und in einen der Lehnſtühle geſetzt hatten. Als Elſe jetzt neben ihm ſtand, entrang ſich dem bis dahin Lebloſen ein leiſes Stöhnen, und mit Freuden⸗ thränen die ſchlaff herabhängende Hand küſſend, richtete ſie ſich wieder auf und befahl gefaßt, ihn in ſein Zimmer 101 und auf's Bett zu tragen, damit ihre Amme nach der Wunde ſehen könne. Und als man ihn davon trug, wandte ſie, ohne einen Blick für die Uebrigen zu haben, ſich zu Sternfeld zurück, und ihm herzlich die Hand rei⸗ chend, ſagte ſie leiſe und mit ſchwermüthigem Lächeln: „Ja, Gott ſei Dank, Vetter! Aber wo kommt Ihr her? Seid Ihr denn draußen geweſen?“ „Hat Euch Onkel Werth nicht geſagt, daß ich ſchon in der Nacht mit— aber um Gotteswillen,“ unterbrach er ſich haſtig und preßte ihre kleine Hand in die ſeine, und ſeine Augen muſterten erſchrocken ihre Geſtalt,„Ihr ſeid blutig, Elſe— Fräulein von Hagen!— Seid denn auch Ihr verwundet?“ „Es iſt das Blut meines armen Onkels,“ verſetzte ſie ernſt.„Aber wir haben Anderes zu bedenken.— Ich muß hinaus— Landsburg ſoll nicht erobert werden!“ „Hörſt Du das Alles, Hagen? Duldeſt Du das? Läßeſt Du uns hier ermorden? Biſt Du denn gar kein Mann?“ fragte Sophie, die bei Adolf's Fall zu ihm ge⸗ eilt war und, nachdem er ſich ſchwankend erhoben, den blutenden Kopf des Betäubten auch jetzt noch an ihrer Bruſt hielt.“ Ihre ſcharfe Stimme gewann durch die rings umher plötzlich eingetretene Stille einen noch ſchärferen Klang. Denn auf den Lärm und Tumult war, ſeit man den Ritt⸗ —— — — 10² meiſter fortgetragen, die tiefſte Ruhe gefolgt. Selbſt draußen hörte man keinen Laut, und Schüſſe waren auch nicht mehr gefallen. „Geduld!“ verſetzte Hagen, der bisher in finſterem Schweigen an einem Tiſche lehnte und bald auf die Wei⸗ ber oder die beiden Knechte ſchaute, die ihn im Saal zu⸗ rückhielten, bald den Blick auf Sternfeld oder die Toch⸗ ter, oder Adolf richtete.„Geduld, Sophie!“ verſetzte er und richtete ſich auf, und über ſein Geſicht glitt ein Zug von wildem Hohn.„Ich bin ſchon da. Mahne lieber Deinen Neffen, daß er ſeiner Jahre und ſeines Standes eingedenk ſei und ſich ermanne.— Lieutenant von Stern⸗ feld,“ fuhr er mit angenommener Kälte fort und trat ei⸗ nen Schritt vor und warf den Kopf noch höher auf,„Ihr kommt zwar ſehr unerwartet, aber auch ſehr unglücklich für Euch. Als Herr im Hauſe würde ich Euch hinaus⸗ jagen. Als Oberſt und Kommandeur aber ſage ich Euch: gebt Euren Degen ab, Ihr ſeid mein Gefangener.“ Elſe ſah beſtürzt zu dem Vetter auf und öffnete die Lippen zu einer Entgegnung, als er mit ruhigem Lächeln die Hand an ihren Arm legte und erwiederte: „Seid unbeſorgt, Couſine, ich bin nach höherem Willen und mit Eurer Erlaubniß, hoffe ich, in dieſem Hauſe, und der Herr Oberſt von Hagen vergißt, daß er nicht 103 mein Kommandeur iſt und daß ich ſo gut wie er im Dienſte des Königs bin.“ „Laß dieſe Narrheit enden,“ ſprach Sophie zu Ha⸗ gen gewendet mit gerunzelter Stirn und ungeduldigem Ton.„Es wird Zeit, daß wir—“ Eine ungeſtüme Handbewegung des Oberſten ließ ſie innehalten, und dann ſagte er:„Sei ruhig, Sophie, Du ſollſt Genugthuung haben, wie wir alle!— He, Kerl!“ rief er dann heftig dem Knecht zu, der jetzt allein an der Thüre ſtand, da ſein Kamerad bei der Fortſchaf⸗ fung des Rittmeiſters geholfen.„Nimm den Lieutenant beim Kragen und ſchließ ihn in eine Kammer ein, bis ich Dir weitere Befehle gebe. Nun, wird's?“ ſetzte er hinzu und trat auf den Mann zu, der bald ihn, bald Elſe verdutzt anſtarrte und nicht wußte, was er zu thun hatte.— Da richtete Elſe wieder den Kopf auf, ihr Auge blitzte ſtolz wie vorhin und ihre Stimme war feſt, als ſie zum Knecht gewendet ſagte:„Wem dienſt Du, Wilm?“ Der Mann verzog das Geſicht zu einem breiten Lächeln.„Euch, gnädiges Fräulein Elſe,“ gab er zur Antwort. „So ſteh, wie ich befohlen,“ ſprach ſie ſtolz, und ſich zum Vetter wendend ſetzte ſie hinzu:„Hinaus, Sternfeld, zum Onkel— und dann zum Wall! Da iſt mein Platz!“ 104 „Cornet von Horſt!“ rief der Oberſt und ſprang zu Sternfeld,„ſind Eure Beine zerbrochen? Iſt Euer Sä⸗ bel eingeroſtet? Heraus damit— heran und helft mir!— Nehmt Pardon, Lieutenant von Sternfeld, oder ich laſſe Euch zuſammenhauen!— Ihr ſeid mein Gefangener im Namen des Königs von Dänemark, meines Herrn, deſſen Truppen vor dieſem Schloſſe ſtehen und es beſetzen werden.“ „Ihr irrt Euch, mein Herr Oberſt, Ihr irrt Euch ſehr!“ ſprach eine Stimme von der Saalthür her, und mit den Worten:„Laß mich hinein, mein Freund, ich habe hier zu thun,“ trat am Poſten vorbei ein ſtattlicher Mann in dunkler Kleidung, aber mit dem Stern eines Ordens auf der Bruſt und das Haupt mit einer großen Perrücke bedeckt, herein und ſchritt langſam und abge⸗ meſſen der Gruppe der Anweſenden zu. Der Oberſt wich leichenblaß von Sternfeld zurück und murmelte:„Beim leibhaftigen Satan— Görz!“— Dieſer wandte ſich aber, ohne ihn zu beachten, mit einer höflichen Verbeugung zu Elſen und ſagte im mil⸗ deſten Ton:„Meine Gnädigſte, ich bin heut Nacht an⸗ gekommen, doch verbot ich Herrn von Werth, Euch davon zu ſagen, da meine Reiſe geheim bleiben muß. Doch hoffe ich, werdet Ihr das Geheimniß ſo gut bewahren, wie Euer Oheim. Ich bin der Miniſter, Baron Görz, 105 und es freut mich, daß grade ich von Seiner Majeſtät den Nebenauftrag erhielt, die Frau von Landsburg Sei⸗ ner vollſten Gnade zu verſichern und Euch mitzutheilen, daß Er gern die Wünſche Eurer ſeligen Mutter erfüllt, die erſt jetzt an Seine Majeſtät gelangten. Ich hatte die Ehre, dem König perſönlich weitere Aufklärungen geben zu können,“ ſprach er weiter, indem er zugleich des Fräu⸗ leins Hand ergriff und galant an die Lippen führte. „Vor manchen Jahren hab' ich Eure Frau Mutter ge⸗ kannt und wußte, daß auf Seiten dieſer verehrungswür⸗ digen Dame kein Unrecht ſein konnte. Auch lernten wir dieſen Herrn hier—“ und er deutete mit einer leichten Handbewegung auf den verſtummten Oberſten—„ſeit ei⸗ niger Zeit beſſer kennen, als ihm lieb ſein mag. „Alſo, wie ich ſchon ſagte,“ wandte er ſich nun mit ſpöttiſchem Ton zu Hagen und nahm aus einer pracht⸗ vollen, mit Diamanten beſetzten Doſe eine Priſe.„Ihr irrt, mein Herr Oberſt; Seine Majeſtät, der König von Schweden, hat Euch bisher nicht aus ſeinem Dienſte ent⸗ laſſen, und wird Euch leider handgreiflich beweiſen müſſen, daß er noch Euer König und Herr iſt. Verräther und Mörder— ja, mein Herr Oberſt— Mörder! Denn die Kugeln fliegen nicht um Mauerecken und nicht in unſern Rücken, wenn wir dem Schützen die Bruſt zuwenden, und ſo möchte Euch das Epitheton ornans— Mörder— 1859. XXIV. Vergangene Tage. 7 ——o““““— 106 gleichfalls zukommen, auch wenn es Herr von Werth nicht felber beſtätigte!— Verräther und Mörder finden, wie Ihr wißt, einen erhabenen Platz in der Welt.“ Ein Aufſchrei Elſens unterbrach die erbarmungsloſe Rede, und als könne ſie die Ausſicht, welche die letzten Worte eröffneten, nicht ertragen, barg ſie ſchaudernd das Geſicht in beide Hände. Als ſie dieſelben nach einer Pauſe ſinken ließ⸗ zeigten ihre Züge ſich bleich wie die getünchte Wand, und ihre Stimme war kaum vernehmbar, da ſie ſprach:„Ihr könnt das nicht im Ernſte denken, Herr Baron! Mein Vater iſt noch nicht zum Feinde übergegangen— Onkel Werth iſt nicht todt!— Und hier in Landsburg— im Hauſe ſei⸗ ner Tochter—O Herr Baron, Herr Baron!“ ſetzte ſie lauter und feſter hinzu,„laßt ihn fliehen! Wenn er ver⸗ ſpricht, dem Könige nicht zu ſchaden und im fremden Lande zu bleiben—“ „Ha, falſche Dirne!“ unterbrach Hagen, der aus der Betäubung, in die ihn für den Augenblick die Rede des Miniſters verſetzt, zur vollſten Wuth auffuhr, die Worte ſeines Kindes.„So rechneſt Du? So habt ihr es abgekartet?— Aber triumphirt nicht zu früh!“ fuhr er fort und ſchüttelte wild die erhobenen Fäuſte.„Noch habe ich Euch hier in der Falle, und ich will ſorgen, daß ſie feſt bleibt.“. 107 Und Sternfeld heftig bei Seite ſtoßend, ſtürzte er gegen die Thür, ſchlug den überraſchten Knecht mit einem Fauſtſchlage nieder und verſchwand im Korridor. Ebenſo ſchnell und ungehindert folgte ihm Sophie, dem ſich auf⸗ raffenden Adolf aber warf Sternfeld ſchnell gefaßt ſich entgegen und zwang ihn mit vorgehaltenem Degen in den Stuhl zurück, wo er kraftlos bisher geruht. „Es wird nöthig ſein, daß Ihr nach den Leuten ſeht, Lieutenant,“ ſprach Görz mit kalter Ruhe.„Euer Wachtmeiſter könnte ſich von Hagen's Worten einſchüchtern laſſen.“ Und als Sternfeld hinauseilte, die Wache anwei⸗ ſend, auf Horſt zu achten, wandte der Miniſter ſich zu Elſen, aus deren Augen ſich Thräne auf Thräne drängte, und ihre gefalteten Hände erfaſſend, ſagte er herzlich: „Ich konnte Euch dies leider nicht erſparen, mein theu⸗ res Kind, aber tröſtet Euch! Post nubila Phoebus, ſa⸗ gen wir Lateiner— nach Regen Sonnenſchein!— Wenn der Mann, den das Schickſal Euch zum Vater gab, ein Verbrecher iſt— ſo vergeßt ihn, wie er Euch ſtets vergaß, und denkt Eurer Mutter. In der Erinnerung liegt ein Königsſchatz von Ehre und Tugend. Keine Frau der Welt war daran reicher als ſie.— Kommt, laßt uns zu Eurem wackern Oheim gehen. Er lebt und ich hoffe ihn gerettet zu ſehen.“ 7*½ ₰ 108 Wie aus tiefem Sinnen erwachend und den Kopf erhebend, ſah Elſe zu ihm empor, und ſich zuſammen⸗ nehmend ſprach ſie mit möglichſt ruhiger Stimme:„Ich muß hinaus, Herr Baron, und nach dem Feinde ſehen und nach meinen Leuten. So handle ich in des Onkels Sinne— Landsburg darf nicht erobert werden, ſo lange Onkel Werth lebt. Das hat er mir oft geſagt.“ Görz lächelte.„Seid ruhig, meine kleine Heldin!“ erwiederte er.„Es war und iſt keine Gefahr. Eure und Sternfeld's Leute haben die Feinde derb zurückgetrieben. Sie haben ſich in den Wald gezogen und werden bald abziehen, wenn ſie—“ Ein paar ſich raſch folgende Schüſſe ſchnitten ſeine Rede ab und ließen ihn und das Fräulein überraſcht auf⸗ horchen. Als es darauf jedoch wieder ſtill blieb, fuhr er gleichmüthig fort:„Laßt ſie ſchießen— es hat nichts zu ſagen. Kommt zu Eurem Oheim!“ Und indem er ihr den Arm bot, führte er ſie aus dem Saale, in dem von all' den wilden Scenen der ver⸗ gangenen Stunde nichts zurückblieb als das hie und da verſpritzte Blut und Horſt, der im ſtumpfen Hinbrüten im Stuhle lag und mit irren Blicken halb bewußtlos vor ſich hinſtarrte.. Görz und Elſe fanden den Onkel bei Beſinnung und verhältnißmäßig kräftig. Der alte derbe Soldat beherrſchte 109 jetzt nicht nur den Schmerz, ſondern auch einigermaßen die Schwäche, und mit munterem Blick und den Bart aufwirbelnd ſagte er:„Na, mein Herzblatt, ſiehſt du— Landsburg hält ſich auch ohne mich.“ Und ihre mit ängſt⸗ lichem Blick auf ihm weilenden Augen bemerkend, fuhr er fort:„Bah, Fräulein Elſe, diesmal geht’s noch nicht zum Abmarſch; ſei ruhig.“ Der herantretende Kammerdiener des Miniſters, der einige Kenntniſſe von Wunden und die des Rittmeiſters verbunden hatte, bat um Ruhe und Schweigen. „Schon gut,“ meinte der gut gelaunte Kranke,„ſo gebt mir eine Pfeife und ein Glas Wein. Euer Excellenz entſchuldigt mich ſicher,“ ſetzte er zu Görz gewendet hin⸗ zu. Der Baron nickte lachend. Einige Augenblicke darauf trat Sternfeld in's Zim⸗ mer.„Ich kam zu ſpät,“ erklärte er;„der Oberſt iſt frei.“ „O Gott ſei Dank!“ rief Elſe aus, und auch Werth meinte:„Ja, Gottlob! Laßt ihn laufen, Excellenz. Je weiter er mit ſeiner Dame davon iſt— deſto beſſer für uns Alle.“ Görz, der bei Sternfeld's Worten in dem Auge und den Zügen des jungen Mannes noch weitere Nach⸗ richten zu leſen geglaubt, führte ihn mit einem:„Ich habe noch mit Euch zu reden, Lieutenant!“ aus dem Gemach. 84 110 Er hatte ſich nicht geirrt und erfuhr, daß Hagen in ſinnloſer Wuth, gegen das Thor eilend, dieſes zu öffnen befohlen, und da man ihm nicht gehorchte, trotz der Warnung des Wachtmeiſters auf den Wall und die Bruſt⸗ wehr geſprungen ſei. Kaum hatte ſeine Geſtalt ſich dort gezeigt, ſo fielen von den im Walde verborgenen Feinden ein paar Schüſſe herüber, und eine Kugel warf den Ober⸗ ſten auf den Wall zurück. Gleich nach Sternfeld's An⸗ kunft hatte er in Sophien's Arm zum letztenmal ge⸗ athmet. „Wollt Ihr es dem Fräulein mittheilen, Excel⸗ lenz?“ ſchloß der junge Mann ſeinen kurzen ernſten Vaniht Görz ſchüttelte lächelnd den Kopf und maß Stern⸗ feld mit einem ſchlauen Büic. „Ah,“ verſetzte er dann,„das erfährt die junge Dame ſicher beſſer und lieber von Euch, Herr von Stern⸗ feld. Aber ſpäter— ſpäter, wenn erſt die heute geſchlage⸗ nen Wunden unter Eurer Hand ein wenig vernarbt ſind. In Betreff der Mamſell,“ fuhr er fort und nahm eine Priſe—„ſchickt einen Parlamentär zum däniſchen Offizier und laßt für ſie und die Leiche des Oberſten um freien Abzug erſuchen. Gebt ihr einen Wagen und ein Paar Pferde und laßt ſie auch den jungen Menſchen drüben mitnehmen. Mögen ſie laufen, wohin ſie wollen. Vor uns, mein' ich, werden ſie ſich hüten.“ 4 111 Es geſchah nach ſeinem Befehl. Einige Stunden ſpäter waren die beiden Lebenden mit dem Todten davon gezogen, und gegen Abend ver⸗ ſchwanden auch die Dänen wieder, da ſie daran verzwei⸗ felten, mit ihrer geringen Mannſchaft des kleinen wohl⸗ vertheidigten Platzes Meiſter zu werden, vor dem ihre Schaar beim Angriff höchſt bedeutende Verluſte erlitten. Am folgenden Tage zog auch Görz mit ſeinen Be⸗ gleitern davon, und das kleine Schloß lag wieder ſo ein⸗ ſam und ſtill, als wäre es nie etwas anderes geweſen als ein Hort des tiefſten Friedens, und die Wirren der Zeit und des Lebens zögen ſpurlos vorüber an ſeinen feſten Mauern. Der Rittmeiſter lag drunten in ſeinem Zimmer noch immer darnieder, aber die kräftige Natur des Alten hatte längſt den Sieg gewonnen, und mit ungewohnter Unge⸗ duld ſuchte er ſeine Geneſung herbeizufluchen. Elſe ſaß droben in ihrer Thurmſtube auch wieder am Fenſter und hatte den blonden Kopf auf den Arm gelegt und ſchaute hinaus in die Weite. Es war wieder der träumeriſche, ſanfte Blick, die Innigkeit und Milde ihres Herzens ſpie⸗ gelte ſich in den ſchönen Zügen des roſigen Geſichts, wie damals, als wir ſie zuerſt hier trafen; allein es war 3 11² nichts mehr von der Melancholie und dem Trübſinn dar⸗ in, die damals ihr Weſen beherrſchten. Wie die Scene vor ihren Augen ſich geändert hatte, wo die Eisdecke jetzt gebrochen war, und die Wellen, von einem friſchen Wind gekräuſelt, im Wiederglanz des hel⸗ len, ſonnigen Aprilhimmels friſch blau zum Fuß des Schloßhügels rollten, und wie die Wolken droben licht vorübertrieben und Vögel vorbei und umherſchoſſen, und Alles lebte und ſich regte— ſo, möchte man ſagen, war auch in Elſens Herzen und Köpfchen ein friſches reges Leben erwacht, und ihr Blick ging jetzt hell hinaus über das muntere Leben und Bewegen da unten, hinaus in die leuchtende Ferne, immer weiter— immer weiter, bis zu ihm, von dem ſie allein noch wußte, dem ſie nicht mehr träumend zu eigen war, ſondern mit klarem, ſicherem, jubelvollem Bewußtſein— zu Guſtav Sternfeld. Und ſie fühlte ſich nicht mehr einſam und traurig— denn ihre Augen wußten ja den Punkt, nach dem ſie blicken konnten; ihre Gedanken hatten ein liebes Ziel und eine ſüße Ruhe, und ihr Herz fühlte es tiefbeglückt, daß ein ander Herz ihm ebenſo warm entgegenſchlug. Am Abend war es geweſen, am Abend jenes furcht⸗ baren Tages, der ſo wild und gewaltſam den Frieden Landsburgs unterbrochen hatte, da ſaß ſie müde und allein drunten bei dem Onkel und dachte all' der Noth & A — 113 und weinte die bitterſten Thränen ihres jungen Lebens, und horchte dazwiſchen auf die Athemzüge des unruhig ſchlummerndern Alten. Sie hatte es nicht gehört, daß die Thür ſich öffnete, ſie hatte nicht vernommen, daß ein leiſer Schritt ſich ihr näherte, und erſt die unmittelbar neben ihr geflüſterten Worte:„Arme Elſe!“ ließen ſie erſchrocken aufſchauen. „Arme Elſe— arme Couſine!“ hatte Sternfeld wiederholt,„wißt Ihr, daß ſich mein Herz umdreht, wenn ich Euch ſo traurig ſehe, ſo niedergedrückt von Kummer— Ihr, die Ihr ſo unendlich lieb und gut ſeid!“ Bei der ſanften, innigen Stimme des heimlich ge⸗ liebten Mannes waren ihre Thränen immer ſtärker ge⸗ floſſen— denn grade bei der Liebe und Milde, bei der Güte und Schonung, die ſie bisher von allen Seiten ſchützend umgeben und behütet, erfaßte ſie um ſo gewalti⸗ ger die Erinnerung an Jene, die ſo unbarmherzig und rauh, wenn auch nur auf Momente, in den Frieden ihres Da⸗ ſeins eingegriffen. „Ja, Elſe,“ flüſterte er dann,„es drückt mir das Herz ab, wenn ich Euch ſo einſam ſehe, ſo ſchutzlos und verlaſſen; Ihr kommt mir vor, wie eine ſeltene, wunder⸗ volle Blume, die muß man hegen und pflegen mit Wärme und Licht. Aber für ein Menſchenkind, wie Ihr, gibt es das nur am Herzen eines andern Menſchen, und Ihr * 114 habt es gefunden an dem Eurer Mutter. Aber ſie iſt Euch genommen, und Onkel Werth iſt krank— und wenn Ihr allein ſtehn ſolltet, Elſe— ich habe es heut Morgen ge⸗ ſehn— Ihr müßtet dabei vergehn und ſterben!“— Sie hatte nichts erwiedert. Sie fühlte ſeinen Athem an ihrem Haar, denn er ſtand nahe bei ihr und hatte ſich auf die Lehne ihres Seſſels geſtützt, aber ſie hatte beide Hände vor ihr glühendes Geſicht gelegt und ſah nicht auf, und ihr Herz ſchlug bang und doch auch ſüß bewegt. „Elſe,“ flüſterte er wieder mit noch innigerem Ton, und ihr war's, als höre ſie in ſeiner Stimme das Beben ſeines Herzens,„Elſe, ſo kann es nicht bleiben. Ihr müßt einen Platz haben, wo Ihr leben könnt.— Elſe— ich nenne wenig mein und kann Euch kaum eine andere Hei⸗ mat bieten als mein Herz— Elſe, meine Blume, willſt Du Dich daran legen? Willſt Du dort wohnen? Willſt Du glauben, daß es warm iſt und treu, ſtark und feſt wie eine Burg, die Dich ſchirmen und hegen wird Dein Leben lang?“ Sie ließ die Hände vom Geſicht gleiten und legte ſie auf ſeine Rechte, die neben ihr auf der Lehne des Stuhls ruhte, und ſenkte ihren Kopf an ſeine Bruſt und hob das glühende Geſicht zu ihm auf und flüſterte kaum vernehm⸗ bar:„So ſoll es ſein, Guſtav!“ 1 115 Da hefteten ſich ſeine Lippen auf ihre feuchten Au⸗ gen, und zugleich war der Onkel erwacht, lachte und ſagte munter:„Ei, da hat Landsburg den Herrn, den Deine Mutter ihm wünſchte, Fräulein Elſe!“ Am folgenden Tage war er ſchon geſchieden, und in all den Wochen ſeither hatte ſie nur einmal Nachricht von ihm erhalten und nur einmal ihm Kunde geben können von ſich und ihrer Liebe. Aber wenn das Eis aufging und wenn der luſtige Wind ein Boot ſchnell und unge⸗ fährdet durch die Fluten trieb, da ſollte ſie ihn wieder⸗ ſehen, da ſollte ſie für immer die Seine werden und nie⸗ mals mehr weichen von ſeinem Herzen. Denn der Krieg ſchien nicht enden zu wollen, und neben Sternfeld's Bitten und des Oheims ernſtem Drängen hatte auch die eigene Einſicht Elſens ihren anfänglichen Widerſtand gegen eine ſo ſchnelle Vermählung überwunden. Sie fühlte tief, wie ſehr ſie einer feſten Stütze, eines liebevollen Schutzes be⸗ durfte, um ſtets bewahrt zu ſein vor der Wiederholung jener Qualen und Schmerzen, die ihr im Winter beinah das Herz brachen. Und wie ſie ſo am Fenſter ſaß, und den Kopf auf den Arm gelegt, hinausſchaute wie damals, wie es rings umher wieder zauberſtill war und nur das Feuer im Ofen kniſterte und der Wind leiſe draußen durch den Korridor zog— da fuhr ſie plötzlich auch wieder empor wie da⸗ * 116 mals— denn dort hinten, dort hinten— der letzte Son⸗ nenſtrahl leuchtete darauf!— da tauchte ein rothes Segel auf und kam ſchnell näher und näher. Sie riß das Fenſter auf und lehnte ſich hinaus— 4 ſie ließ ihr Tuch im Winde flattern— und:„Guſtav, Guſtav!“ rief ſie jubelnd, denn ihr ſcharfes Auge hatte im Boot ein anderes Tuch dem ihren antworten ſehen. Sie flog hinaus über den Korridor, die Treppe hin⸗ ab, durch den Garten zur kleinen Pforte. Das Boot war nahe— nun legt es an, nun ſprang er zu ihr hinauf— nun ſtanden ſie mächtig bewegt, Hand in Hand, Auge in Auge, bis er ihren Kopf ſanft an ſeine Bruſt zog und mit bebender Stimme ſprach:„Meine Braut, mein Weib, nun ewig mein, Du meine füße Elſe!“ Im Waldſchloß. Eines Tages— es war im Herbſt und die Luft grau und kühl— kam morgens zeitig ein Freund zu mir, mit dem ich damals viel verkehrte.„Was, noch nicht fertig?“ fragte er, indem er ins Zimmer trat.„Und die Poſt geht doch ſchon in einer Stunde.“ „Fertig? Poſt in einer Stunde?“ antwortete ich verwundert und erhob mich von meiner Arbeit.„Was fällt Dir denn ein, Otto? Biſt Du zufällig närriſch ge⸗ worden?“ 9 „Ich? Nicht im mindeſten,“ verſetzte er lachend. „Sind wir aber nicht eingeladen? Habe ich nicht für uns angenommen? Fahren wir nicht in der genannten Zeit?“ Und er demonſtrirte mir das Alles vor, als ſei die Sache längſt abgemacht und ich allein der Schuldige und Säumige. Da ich dieſe ſeine Art jedoch kannte und auch gar keinen Grund abſah, weßhalb ich mich diesmal nicht ſo gut wie oft hätte von ihm lenken laſſen ſollen, ſo ſagte ich wohlgelaunt:„Wir verreiſen alſo, wie es ſcheint, mein Lieber?“ „Gewiß, was denn ſonſt?“ war ſeine Antwort. „Und dürfte man vielleicht wiſſen, wohin und für wie lange Du über uns disponirt haſt, mein Lieber?“ „Es geht auf's Land!“ rief er luſtig,„und es kann vier bis fünf Tage dauern, bis wir wiederkommen.“ „Auf's Land!“ Ich trat zum Fenſter und ſah mir das Wetter an.„Aber in aller Welt, Otto, wie biſt Du auf den Gedanken gekommen?“ fuhr ich fort.„Was wollen wir dort? In der Stadt iſt es ſchon langweilig genug, wie muß es da erſt draußen ſein! Endloſe Mahl⸗ zeiten, ewige Spielpartieen, ſtete Beſuche in den Ställen, ſchleppende Geſpräche—oh! ich kenne das!“ „Ja,“ ſprach er wieder lachend,„Du kennſt das, hältſt Reden darüber und verbringſt damit die kurze Zeit, die Dir zum Packen und Ankleiden bleibt. Denn die Poſt geht unweigerlich um zehn Uhr und Deinen Platz habe ich für Dich bezahlt. Nun aber lies das,“ ſetzte er hinzu und reichte mir einen Brief. Er enthielt eine Ein⸗ ladung für ihn und Einen Bekannten, der etwa auch Jäger ſei, zu der in den nächſten Tagen angeſetzten gro⸗ ßen Jagd und noch auf ein paar weitere Tage. Und die Unterſchrift lautete einerſeits„Schloß Wolfsberg“ und auf der andern Seite:„O. von Strengen.“ 121 „Wer iſt das?“ fragte ich, als ich ihm das Schreiben zurückgab. „Ei, ein ganz charmanter, angenehmer Mann mit einer noch viel charmanteren Frau,“ erwiederte Otto. „Ich lernte ſie durch Zufall im vorigen Jahr in Pyrmont kennen und fand mich ſehr von ihnen angezogen. Du ſollſt ſehen, daß es Dir ebenſo gehen wird, ſie müſſen aller Welt gefallen; es iſt ſchade, daß ſie ſo einſam leben und ſich nirgends ſehen laſſen.“ „Und ich ſoll der„Jäger“ ſein?“ fuhr ich fort. „Natürlich,“ entgegnete er und lachte wie ein Ko⸗ bold.„Biſt Du nicht ein eifriges Jäger? Was geht das einen Andern an, daß Du lieber Pflanzen und Aus⸗ ſichten nachläufſt als Thieren? Nuͤn aber im Ernſt— wie iſt's? Läßeſt Du mich im Stich a⸗ „Haſt Du das für möglich gehalten?“ meinte ich munter.„Du verſprichſt mir da angenehme Geſeellſchaft und ein Waldrevier, wo ich laufen, träumen und ſchauen kann. O, Du kennſt mich nur zu gut.“ „Ja!“ rief er,„und die Jagd, die rechte luſtige friſche Jagd— „Und mich als Jäger dazu!“ unterbrach ich ihn lachend und begann meine kleinen Vorbereitungen zur Reiſe. Er drückte mir die Hand und eilte davon. Eine halbe Stunde darauf ſaßen wir in der Poſt. 1859. XXIV. Vergangene Tage. 8 122 Der Wagen war ganz beſetzt, das Geſpräch— es war die Zeit der religiöſen Streitigkeiten am Rhein— wurde bald von allen Seiten auf's eifrigſte geführt, und Otto ſaß ſogleich mitten darin. Mich jedoch langweilte die ſtete Wiederholung derſelben Schlagwörter, das Durch⸗ kneten— ich weiß kein ander Wort— deſſelben Themas, und ich ließ daher Alles die gewohnten Wege gehen und lehnte mich an's Fenſter, um meinen Gedanken nachzu⸗ hängen und im Vorbeirollen die Gegend zu betrachten, die einſam und ſtill dahinſtrich. Es hatte über Nacht ein wenig geſchneit, und die Decke lag nun wie ein leichter Puder über die Stoppeln, die friſch umgebrochenen Felder und die jungen Saaten. Ein Haufe von Sperlingen ſchwirrte in den Bäumen umher, Krähen und Dohlen zogen hie und da vorüber, aus einem naheliegenden Dorfe ſchallten die Dreſchflegel luſtig im Takt. Das Geſpräch zog ungehört an mir vor⸗ über. Ich hing meinen Gedanken nach, oder vielmehr meinen Gefühlen und Empfindungen. Es war in mir ein Abglanz jener Jugendluſt, mit der man ſich ſonnenhell und heiter auf eine raſchbeſchloſſene Reiſe in's Blau hinein begibt. Da denkt man nicht, man freut ſich nur. Mir war etwa zu Muthe wie damals, wenn der Sonn⸗ tag kam und die Mutter dem Kleinen ein beſonderes Röckchen anzog. Da war das Kind ſo froh und ſo ge⸗ 123 ſpannt auf allerlei Beſonderes, was doch nothwendig kommen mußte. Denn wozu hätt' es ſonſt ein neues Röck⸗ chen angezogen!—— Der Wagen rollte weiter wie die Unterhaltung und meine Träumerei. Die offene Gegend machte nach und nach dem Walde Platz, der ſich von hier aus manche Meilen weit über das Land verbreitet, unterbrochen frei⸗ lich hie und da von großen Blößen, ja von ganz be⸗ deutenden Feldmarken, dennoch aber bald diesſeits, bald jenſeits wieder mit neuen Wäldern zuſammenhängend. Die Partieen an der Straße waren jetzt freilich noch nicht angenehm; junge Kiefernſaaten oder wenig ältere Schonungen wechſelten mit Strecken der ſogenannten Stangenholzes, wo oben die— magern grünen Wipfel und unten die dürren Stämme zum Erſticken an einander gedrängt waren; oder es zog eine Heide hin, öde traurige Flächen, bedeckt mit allerlei Kraut und verkümmertem Gebüſch, aus dem ſich hie und da bald eine krumme Kiefer, bald eine jetzt blätterloſe Birke erhob. Auf der zweiten Station erwartete uns ein Wagen von Wolfsberg, unſere Straße trennte ſich hier von der Chauſſee. Es war ein offener hölzerner Wagen mit Sitzſäcken darauf und auf dem Boden mit Stroh bedeckt, um drin die Füße zu erwärmen. Der Knecht entſchuldigte dies Gefährt mit den ſchlechten Wegen, für die es freilich 8* das beſte von der Welt iſt. Denn von Umwerfen oder Brechen iſt nicht leicht die Rede; das zähe Holz zieht und biegt ſich, knarrt und ſtöhnt auf das wunderbarſte, aber es hält und zieht ſich wieder gerade. Und ſo fahrt ihr mit einem ſolchen Wagen durch die übelſten Stellen, durch die tiefſten Geleiſe, ja durch wirkliche Gräben ſo ſicher, wie es kein anderes Fuhrwerk möglich machen könnte. Wir ſpürten das wohl auf unſerer Fahrt. Zuerſt war freilich noch eine offene Gegend und eine fahrbare Straße, und als dieſe nach einiger Zeit zu tief wurde und die Lachen des von leichtem Froſt überzitterten Waſ⸗ ſers ſich zu Einem See aneinanderſchloſſen, ging die Fahrt daneben auf dem Acker fort. Allein damit nahm es ein Ende, als rechts und links die Büſche begannen. Da mußten wir in den Weg zurück, der uns jetzt tief hinein in den wirklichen Hochwald führte.„Nun geht’'s los!“ ſagte der Knecht. Eigentlich war das ein Euphemismus, denn wir ſaßen oft genug feſt; von Fahren war keine Rede mehr, ſondern nur von Geſchleppt⸗werden. Die Straße hatte ſich in einen flüſſigen Moraſt verwandelt, der hinter den durchſchneidenden Rädern wieder ſanft zuſammenfloß und mit ſeiner gleichmäßigen Flut auf das Scheinhei⸗ ligſte ſeinen innerſten Grund verbarg. Da waren Wur⸗ zeln und Steine und Gott weiß was noch ſonſt vereint, 12⁵ * um den armen Reiſenden Erſchütterungen zu verurſachen, wie kein Arzt ſie beſſer für den ärgſten Hypochonder wün⸗ ſchen kann. Und ſo ging's fort Stunde auf Stunde, ohne Ende. Es dämmerte, es ward dunkel; dann kam die Nacht, ſo daß man zwiſchen den hohen Stämmen kaum ein paar Schritte weit vor ſich ſehen konnte, zumal auch, wie gewöhnlich um dieſe Zeit, der Nebel in dichten Schlei⸗ ern emporzog. Kurz, uns beiden fing die Reiſe an leid zu werden. Es war ſchon ſpät, als der Wald ein Ende nahm. Mit einem tiefen Athemzuge trieb der Knecht die Pferde an, der Wagen kam auf einen andern feſten Weg und rollte ſchnell fort. Bald darauf tauchten vor uns auch Lichter auf, wir fuhren durch eine lange dunkle Allee, ein ſchweigendes Dorf entlang, dann durch ein Gitterthor, an ein paar Scheunen vorüber, über einen wohlgepflegten Damm eine Rampe hinauf. Die Hausthür war geöffnet, der Flur drinnen hell erleuchtet; Diener ſprangen herzu und halfen uns beim Abſteigen, und in der Thür ſtand ein großer, hagerer Mann und empfing uns mit herzli⸗ chem Willkommensgruß. Wir waren da. Als wir auf dem Flur ſtanden und einander ſehen konnten, muſterte mich der Hausherr mit, wie es mir ſchien, nicht gerade artiger Neugier; doch als Otto ihm meinen Namen genannt, trat er raſch auf mich zu, reichte mir die Hand hin und ſagte:„Iſt's möglich, Robert, daß Du mich nicht erkennſt?“ Ich ſah ihn an, ich prüfte jeden Zug ſeines Geſich⸗ tes— es hatte ſcharfe Züge und ſah ein wenig nach ra⸗ ſchem Leben aus— aber freilich, dieſe Stirn und die dunklen, wenn auch tiefliegenden, doch ſtolzen Augen hat⸗ ten etwas für mich nicht neues— jedoch wo ich ſie ge⸗ ſehen, bei welchem Menſchen, zumal bei welchem Freunde ich ſie gefunden, wußte ich auf keine Weiſe anzugeben. Strengen— ich hatte nie Jemand des Namens gekannt. Er hatte meine Hand nicht los gelaſſen, ſondern noch feſter gefaßt.„Freilich,“ ſprach er,„zu verwundern iſt's kaum; es ſind zwanzig Jahre, daß wir uns nicht geſehen, und ich habe mich viel mehr verändert als Du. Kennſt Du noch einen alten Schulkameraden— Oswald Seebach?“ „Und der wärſt Du— Sie?“ fragte ich zweifelnd. „Ja, alter Knabe,“ erwiederte er lachend,„den ſiehſt Du. Ich merke, mein Name hat Dich geſtört, zu dem ich durch Erbſchaft gekommen. Und nun nochmals, Gott⸗ willkommen, mein alter Burſch!“ Da ſchloſſen wir uns feſt in die Arme; es war mein älteſter Jugendfreund und nie vergeſſen. Aber freilich ſein Aeußeres hatte ſich unendlich verändert oder— verlebt, ſo daß ich auch jetzt noch in mir ſprechen mußte: 127 Ja, Stirn und Augen mögen damals bei Oswald ver⸗ heißen haben, das zu werden, was ſie ſind!— Weiter aber vermochte ich nichts zu ſehen. Im Zimmer trat uns ſeine Frau entgegen, die alsbald ſeine Freude über mein Erſcheinen theilen mußte. Dann ging es zu Tiſch und nach einer heitern Plauder⸗ ſtunde in die Betten, deren wir Ankömmlinge ſehr be⸗ dürftig waren, da wir uns von der böſen Fahrt noch immer wie zerbrochen fühlten. Am folgenden Morgen fanden wir uns in den ſchönen, wohnlichen Räumen, bei den freundlichen Menſchen bereits wie daheim. Und ſo ging denn unſer Leben fort. Ich will keine Jagd ſchildern und auch keine Be⸗ ſchreibung von den Waldpartieen machen, in die mich meine Wanderungen bald allein, bald mit den Genoſſen zuſammen führten. Das Alles war hier wie anderswo auch, und Beſonderes ließe ſich davon kaum berichten. Deſto mehr möchte ich von dem ſchönen alten Hauſe ſagen, in dem wir lebten, deſſen Wohnlichkeit und nüſeſnöcdalle Pracht man erſt zu würdigen lernte, wenn man, wie ich, viele ähnliche Gebäude durchmuſtert und ſich über die Anſtrengungen verwundert hat, mit denen die Beſitzer meiſtens aus den wohnlichſten Räumen die ödeſten und unbehaglichſten Gelaſſe geſchaffen, oder geſchmacklos und 128 überladen hergeſtellt hatten, was mit Leichtigkeit auf's Würdigſte einzurichten geweſen wäre. Hier war es ſo ganz anders. In der Pracht der Geſellſchaftsräume war keine Steifheit und Kälte, in dem Geſchmack der Wohnzimmer keine Geſuchtheit, keine Uiber⸗ ladung. Ob man an der Feſttafel ſaß oder am täglichen Tiſch, ob man bequem in kleiner Geſelligkeit die Abend⸗ ſtunden verplauderte, oder in der Menſchenfülle und der lauten Luſt der großen Jagdgeſellſchaft ſich umherbe⸗ wegte— dieſelbe Gemüthlichkeit blieb in mir, wie ich ſie auch auf allen Mienen las, die Heiterkeit und der freund⸗ liche— Anſtand, möchte ich ſagen, waren im großen Kreiſe daheim, wie im kleinſten Cirkel. Und unſere Wirthe zeigten ſich überall gleich angenehm und gleich liebenswürdig. Um ſo mehr mußte mir auffallen, daß mit Aug⸗ nahme des eigentlichen Jagdtages, wo Abends zu den heimkehrenden Jägern ſich auch eine große Zahl von Da⸗ men geſellte, die inzwiſchen den Männern und Vätern nachgekommen waren, in den weiten Räumen die tiefſte Stille herrſchte, nur die Hausbewohner zuſammen wa⸗ ren. Man fuhr nicht aus, es kam kein Beſuch, und wenn das auch theilweiſe durch die ſchlechte Beſchaffenheit der Wege erklärt wurde, ſo braucht man doch nur die Geſel⸗ ligkeit zu kennen, welche unter Gutsnachbarn zu herrſchen pflegt, umeine ſolche wochenlange Einſamkeit auffällig zu b 129 finden. Wir waren ſo recht im Stande, dieſe Eigen⸗ thümlichkeit zu bemerken, denn Oswald hatte uns nach dem Jagdtage ſo herzlich gebeten noch einige Zeit zu blei⸗ ben, und ſeine Frau hatte dieſe Einladung ſo freundlich unterſtützt, daß wir gern nachgegeben hatten und gern einſam mit den Andern waren. Es waren genußreiche, ſchöne Tage, die wir dort weil⸗ ten; wir thaten Blicke in ein Familienleben, wie es nicht inniger und ſchöner gedacht werden kann; wir lernten ein Daſein kennen, wie es ſicher zu den beneidenswertheſten der Erde gehörte, und Menſchen, wie ich ſie nie liebenswerther gefunden. Oswald war ein gediegener und gebildeter Mann, ſeine Gattin eine ſchöne Frau von der reinſten Weiblich⸗ keiw milde und innig, geiſtvoll und hochgebildet; ihr ein⸗ ziges Kind, ein kleines Mädchen von etwa vier Jahren, verdiente es der Abgott der Eltern und der Liebling eines Jeden zu ſein, der mit dem lieblichen, heitern kleinen We⸗ ſen eine halbe Stunde verplaudern und vertändeln mochte. Dazu waren ihre Beſitzungen ausgedehnt und reich, ihre Stellung die unabhängigſte von der Welt— kurz, es war Alles da, was man zum vollſten Glück für nothwen⸗ dig hält. Und am ſchönſten von Allem erſchien mir das Verhältniß der Gatten zu einander— dieſe Zärtlichkeit von beiden Seiten, die tiefen, liebevollen oder auch lei⸗ 2 130 denſchaftlichen Blicke, mit denen er zuweilen ihren Bewe⸗ gungen folgte,— die Innigkeit, die aus ihrem Auge, aus ihren Worten auftauchte, wie und wo ſie mit ihm ver⸗ kehrte— wie ſelten findet man das bei einem Paar noch nach ſechsjähriger Ehe!— Und doch zog ein leiſer Schatten auch durch dieſe Räume, durch dieſe Herzen. Ein gewiſſer Druck machte ſich zuweilen auf einen Augenblick an Oswald bemerkbar; eine momentane Zerſtreutheit, eine faſt fieberhafte Leben⸗ digkeit zeigte ſich vorübergehend in ſeinem Weſen; die Frau— ſie hieß Clara— ſahen wir nie ganz heiter, ob⸗ gleich Etwas in ihrem Weſen zu verrathen ſchien, wie ju⸗ belvoll, wie frühlingsleicht dieſe Natur geweſen oder viel⸗ leicht noch hätte ſein können. Mag der Ausdruck auch verbraucht ſein, ich muß ihn doch benützen: es lag über ihr ein Duft von Melancholie, der eines Jeden Theil⸗ nahme in Anſpruch nehmen mußte. Eines Abends nach dem Nachteſſen ſaßen wir noch in Strengens Zimmer bei einem Glaſe Punſch und plau⸗ derten über dies und jenes, wie es der Zufall mit ſich brachte. Clara hatte ſich, da wir vom Tiſche aufſtanden, bereits in ihre Zimmer begeben. Wie immer waren wir auch heute allein geweſen, aber die Witterung hatte ſich überdies auch noch mit Sturm und eiſigem Regen ſo un⸗ geſtüm und rauh gezeigt, daß wir während des ganzen —— 131 Tages mit keinem Schritt das Haus verlaſſen konnten. Wir ſpürten das Wetter ſelbſt jetzt noch im ſtillen Zim⸗ mer; das Holz im Ofen brannte mit raſender Eile und heftigem Praſſeln, und von den Gartenbäumen und den Stämmen des nahe ſich daranſchließenden Waldes kam ein Sauſen und Heulen herüber, als ob nicht ein, ſondern ein halbes Dutzend wilder Jäger vorüberzögen. Dazwi⸗ ſchen fuhren gewaltige Regenſchauer gegen die Fenſter— kurz, es war ein Wetter, wie es ſelbſt in der Stadt nicht angenehm, auf dem Lande aber nur dann erträglich iſt, wenn man in einem größern Familien⸗ oder Freundes⸗ kreiſe bei einander weilt. So ſehr iſolirt es, möchte ich ſagen, ſo viel einſamer noch läßt es das ſonſt ſo einſame Leben erſcheinen. „Allen Reſpekt vor Ihrer Häuslichkeit, Ihrem Schloß, Ihrem ganzen Beſitz,“ bemerkte Otto nach einer Pauſe, während wir ſtumm auf den Lärm da draußen ge⸗ horcht,„aber ich bekenne offen, lieber Strengen— ich hielte es hier für immer nicht aus, wie überhaupt nicht auf dem Lande! Wenn Sie noch vielen Verkehr mit der Nachbarſchaft hätten! Und ſelbſt dann! Im Herbſte und Winter wenigſtens liefe ich ſicher davon, zumal wenn mir wie Ihnen die ganze Welt offen ſtände.“ Und er trank ſich ſchüttelnd ſein Glas leer und füllte es wieder aus der Bowle, welche über der Spirituslampe ihren In⸗ halt warm erhielt. 132 Strrengen wiegte leiſe das Haupt.„Der Geſchmack iſt verſchieden,“ ſagte er.„Ihnen liegt die Welt in der Abwechſelung, in der Belebtheit der Geſellſchaft, des Stadtlebens, mir— ich muß ſagen uns, denn Clara denkt ebenſo— grade in dieſer Stille. Gott behüte mich, daß ich ſagte: wir ſeien uns ſelbſt genug und bedürften Niemand als einander. Aber wir haben vollkommen Ge⸗ nüge an dieſer Stille und die Welt da draußen ebenſo vollkommen ſatt. Sie ſehen, wir haben gern einmal ei⸗ nen oder ein paar Freunde bei uns, allein der größeren Geſelligkeit widmen wir uns nicht mehr, als es die Ver⸗ hältniſſe dringend gebieten. Auch verlagt Clara's Ge⸗ ſundheit ein ſtilleres, geregelteres Leben. Das Alles hängt mit Umſtänden zuſammen,“ ſprach er weiter und drückte momentan die Augen zu und fuhr mit der Rechten von unten auf leiſe über die Stirne,„die es in unſerm frühe⸗ ren Leben gab; und da wir nichts Beſſeres zu thun ha⸗ ben, will ich Euch, wenn Ihr wollt, gern davon erzählen. Ich bin Dir, Robert, überhaupt noch einige Nachrichten über meinen Lebensgang ſchuldig.“ „Ja,“ antwortete ich,„ſeit Du damals nach S. gingſt, um Soldat zu werden und Dich zum Fähnrichs⸗ examen vorzubereiten, habe ich nie mehr von Dir gehört. Ich bin ja auch nie wieder in die alte Heimat gekommen. Biſt Du wirklich Soldat geweſen?“ 133 „Freilich,“ entgegnete er lächelnd;„ich war es manche Jahre mit Leib und Seele, und daß ich den Dienſt aufgab, hängt auch mit jenen Umſtänden zuſam⸗ men.— Und ſo will ich denn erzählen,“ fuhr er fort; „ſeh't, trotz des Trüben in dieſen Erinnerungen denke ich zuweilen gern daran. Ich möchte mir immer gegenwärtig erhalten, daß wir das Alles wirklich erlebt. Nur um Eins bitte ich Euch, redet nicht mit meiner Frau von dem, was Ihr erfahren werdet. Sie würde aufs neue dabei leiden.— Und nun nehmt Eunch ein friſches Glas und dann hört zu.“ „Wie Ihr wißt,“ fing er an,—„denn Robert wird Ihnen wohl davon geſagt haben, lieber Otto,— war mein Vater Rechnungsrath in D. und in einer Stellung, die ihm ein anſtändiges Einkommen gewährte. Zurück⸗ legen konnte er jedoch nichts und hatte Mühe genug, die paar tauſend Thaler für ſeine beiden Söhne unverſehrt zu erhalten, aus denen ſein und der Mutter Vermögen⸗ beſtand. Ein Studium auf einer weit entlegenen Univer⸗ ſitet wäre ihm für uns zu koſtbar geworden, zumal alle Fächer damals bereits anfingen überfüllt zu werden und die Ausſichten zu einer irgend einträglichen Stellung die mißlichſten waren. Er ſah es daher durchaus nicht un⸗ gern, daß wir beide auch gar keine Luſt zum Studium hatten. Mein Bruder Leopold, ſieben Jahre älter als 9 134 ich, widmete ſich ſeiner Zeit der Landwirthſchaſt— man dachte dabei, er werde als ein hübſcher, gewandter Menſch dereinſt ſchon eine gute Partie machen und ſo zu Brod kommen. Ich hatte von Jugend auf Luſt zum Mi⸗ litär, und obgleich der Vater davon wenig wiſſen wollte, gab er ſpäter, da meine Neigung ſtets entſchiedener her⸗ vortrat und ich viel Luſt zur Mathematik zeigte, endlich nach und ließ mich bei den Pioniren eintreten, wo die Ausſichten nicht übel waren und ich mit einem kleinen Zu⸗ ſchuß leben konnte. Es war für uns Brüder gut getrof⸗ fen; Leopold war mit Leib und Seele Landmann, ich ebenſo Soldat, zumal in dieſem meinem Dienſtzweige. „So verging manches Jahr, ohne daß etwas Er⸗ zählenswerthes vorgefallen wäre; ich war längſt Offi⸗ zier und bei den günſtigen Verhältniſſen bereits nahe am Premierlieutenant; ich hatte mich aber auch meinem Dienſt mit dem größten Eifer hingegeben, nichts vorüber⸗ gelaſſen, was meine Kenntniſſe, meine Erfahrungen be⸗ reichern konnte, und war in all' den Jahren niemals weiter als zu einem kurzen Beſuch bei den Eltern auf Urlaub geweſen. Nach und nach regte ſich die Reiſeluſt aber mächtig in mir, und es ſind jetzt zehn Jahre her, als ich im Sommer mir Urlaub erbat und mit einer klei⸗ nen, halb erſparten, halb durch einen Zuſchuß des Va⸗ ters geſammelten Summe eine längere Reiſe antrat. Ich 135 verlebte in der Schweiz, am Bodenſee, in Böhmen wun⸗ dervolle Wochen, und auf der Rückreiſe weilte ich mit vollem Entzücken noch einige Tage in den ſchönen Umge⸗ bungen Dresdens und in dieſer Stadt ſelbſt. „Schon in der ſächſiſchen Schweiz war ich einer Geſellſchaft begegnet, die ſich aus mehreren kleineren Parteien zuſammengeſchloſſen hatte, und fand darunter eine junge Dame von einer ſo auffälligen, für mich we⸗ nigſtens ſo großen Lieblichkeit und Anmuth, daß ich mich auf das tiefſte bewegt und zu ihr gezogen fühlte. Zwar konnte ich mich leicht anſchließen und auch in die Nähe des Mädchen kommen, allein ein Verkehr, wie ich ihn wünſchte, wollte ſich in den wenigen Stunden doch nicht geſtalten, und am Abend mußte ich, da ſie nach Vöhmen hinübergingen, woher ich kam, mit traurigem Herzen mich von ihnen trennen. Ich wußte nichts, als daß ſie Clara hieß und in einer ältern Dame vermuthlich eine Verwandte oder Freundin bei der Geſellſchaft hatte. „Nun ſtellt Euch meine Freude und zugleich meinen Aerger vor, als ich drei Tage darauf— am Nachmittag mußte ich zu meiner Garniſon abreiſen— Morgens vor der Conditorei auf der Terraſſe meine Unbekannte wiederſehe, die mit ihrer Begleiterin ein Glas Eis nahm. Ich ging, um ſicher zu ſein, ein paarmal vorüber— ich irrte mich nicht. Ich trat näher und ſtellte mich vor; 85 136 man erkannte mich und nahm mich freundlich auf. Ich erfuhr, daß ſie in der„Stadt Rom“ wohnten.„Das iſt entzückend!“ ſagte ich,„da wohne ich auch.“ „Das war freilich bis dahin nicht der Fall, denn für mich armen Teufel war das Hotel zu theuer, aber es ließ ſich auf die letzten Stunden noch thun. Ich verab⸗ ſchiedete mich, eilte in meinen Gaſthof, nahm mein Ge⸗ päck und fuhr zu ihrem Gaſthof. Durch eine kleine Be⸗ ſtechung ſicherte ich mir den Platz an der Tafel neben ihr und begrüßte ſie hocherfreut eine Stunde darauf wirk⸗ lich dort. „Was ſoll ich von unſerer Unterhaltung ſagen? Ich weiß nichts mehr davon, als daß mich das junge heitere ſchöne Weſen immer mehr bezauberte. Sie hieß Clara von Müller und lebte mit ihrem Vater, einem penſionir⸗ ten alten Hauptmann, im Poſenſchen. Mit einer Freun⸗ din ihrer verſtorbenen Mutter machte ſie dieſe Reiſe, um ſich von einer längeren Krankheit des Winters gründlich zu erholen. Das war Alles, was ich durch die Unterhal⸗ tung erfuhr. Ich mußte mich in meinen Mittheilungen faſt nur auf Namen und Stand beſchränken. Und doch hoffte ich, als wir aufſtanden und ich Abſchied nehmen mußte. Daß ihr meine Neigung klar geworden ſei, fühlte ich; daß ſie mir nicht ganz zuwider, ſchloß ich aus ihrer Freundlichkeit und ihrer durch den Abſchied ſichtbar her⸗ 137 vorgerufenen Bewegung. Und ſo reiste ich mit einer Fülle von Gedanken und Empfindungen ab. Ja, ich dachte ſchon daran, mich nach Poſen verſetzen zu laſſen, um ihr näher zu ſein; ſie ſollte den Winter in der Stadt zu⸗ bringen. „Allein es ſchob ſich ſo Manches vor die Ausführung dieſes Einfalls, daß ich immer davon abgehalten ward. Erſt über ein Jahr nachher kam es dazu, indem ich zwar nicht verſetzt, ſondern nur auf einige Zeit dahin komman⸗ dirt ward, und da war es denn freilich mein erſtes Ge⸗ ſchäft, mich an den Wohnort des Vaters zu begeben, ihm nachzufragen. Die Antwort lautete, er ſei todt, Clara zu Verwandten nach— man wußte nicht wohin— gegangen. Man kannte auch die Verwandten nicht; ihre damalige Reiſegefährtin war verreist, weiter war in dem kleinen armſeligen Neſt Niemand, mit dem die Geliebte um⸗ gegangen, geſchweige denn im Verkehr geblieben. Was blieb mir übrig als zurückzureiſen und an die damalige Begleiterin um Auskunft zu ſchreiben. „Ich erzähle Euch das jetzt gar ruhig,“ unterbrach er ſeine Erzählung,„allein damals war ich nicht ſo, ſon⸗ dern voll einer Qual, einer Ungeduld, die ich noch heute nicht zu erklären weiß. Hatte ich doch Jahr und Tag ver⸗ gehen laſſen, ohne mich ihr zu nähern! Ein Brief hätte ja ſo ſchnell den Weg zu ihr gefunden, ſeine Antwort 1859. XXIV. Vergangene Tage. 9 . 138 mußte mir ja mit einem Mal Sicherheit über meine Hoff⸗ nungen geben! Und doch hatte ich geſchwiegen, die Un⸗ gewißheit ertragen— und nun, da ich mich perſönlich be⸗ mühte, durch unglückliche Zufälle einen kleinen Aufſchub erfuhr— nun dieſe fieberhafte, qualvolle Ungeduld!— Wer vermag die tiefſten Motive ſeines Handelns, den wirklichen Grund ſeines Seins ſich ſelbſt immer klar zu machen! „Von der Begleiterin erhielt ich keine Antwort, ein zweiter Brief hatte daſſelbe Schickſal. Dafür erhielt ich um dieſe Zeit von meinem Vater eine Nachricht, die mich nicht wenig überraſchte. „Der Beſitzer dieſes Gutes, ein alter Major von Strengen, war ein weitläufiger Verwandter meiner Mut⸗ ter. Er hatte ſich nie um uns gekümmert, wir kaum Weiteres von ihm gewußt, als daß er exiſtire und ein ſeltſamer launenvoller alter Burſch ſein ſolle, der wegen Unverträglichkeit und Händelſucht verabſchiedet, ſeine erſte Frau todtgequält habe und mit der zweiten auch nicht glücklich lebe. Nun hatte er an den Vater geſchrieben, den Tod ſeiner Frau und ſeines einzigen Kindes gemeldet und zugleich mitgetheilt, er wolle uns Brüder, Leopold und mich, zu Erben einſetzen, wenn wir uns ſeinen An⸗ ordnungen unterwürfen. Wir ſollten uns daher bei ihm einfinden, daß er uns kennen lerne.— Leopold ſei ſchon 8 — 139 abgereist, ſchrieb der Vater, ich möge baldigſt folgen; die Sache ſei nicht aufzuſchieben, denn der Major ſei ein ſeltſamer, ſtörriger Kauz, aber ſteinreich. „Ich brauche Euch wohl kaum zu ſagen, daß ich auch nicht ſäumte. Zumal bei meinen damaligen Gefüh⸗ len und Wünſchen ſehnte ich mich nach einer unabhän⸗ gigen, ſorgenfreien Stellung, die mir meine langſame Karriere nicht ſo ſchnell gewähren konnte. Außerdem hatte mein Gebundenſein mir den ſonſt ſo lieben Dienſt zu⸗ letzt ganz verleidet. Kurz, ich nahm ſobald als möglich Urlaub, reiste ab und kam hier nach der nöthigen Friſt an. „Ich weiß nicht recht, was mir an dem alten Herrn im Anfang ſo durchaus mißſiel. War es die kategoriſche Beſtimmtheit und der Befehlshaberton, mit dem er gegen mich auftrat, als ob ich unter jeder Bedingung ſein Un⸗ tergebener ſei?d— War es das Ihr in ſeiner Anrede, das mich jedesmal traf, als rede er mich mit Er an?— Wa⸗ ren es ſeine Muſterung meiner Perſon und Berührungen, mit denen er mich beglücken zu wollen ſchien— wie man einen Rekruten zurecht rückt, dem man den Kopf aufhebt, die Schultern zurückſchiebt— und denen ich mich endlich mit der ernſten Erklärung entziehen mußte, daß ich der⸗ gleichen lieber unterlaſſen wünſchte—5— War es endlich die Haſt, mit der er mir gleich in der erſten halben 9* 1 140 Stunde die Anordnungen mittheilte, die er in Betreff ſei- nes Vermögens getroffen? „Was man ihm ſonſt nachgeſagt— Unverträglich⸗ keit und Launenhaftigkeit, habe ich dagegen wenig an ihm bemerkt. Im Gegentheil war er, wenn man„Ordre pa⸗ rirte“, ein ganz erträglicher, umgänglicher, ja generöſer Mann. In Betreff des Geldes wenigſtens, das er uns Brüdern gleich von vornherein zur Dispoſition ſtellte, be⸗ dachte er uns überreichlich.„Braucht es,“ ſagte er uns, „meine Erben dürfen ſich nicht lumpen laſſen. Ich be⸗ rechne es Euch natürlich von Eurem Erbtheil, aber brau⸗ chen ſollt ihr's, denn es ſchickt ſich ſo für Euch und mich.“ Ich habe mich oft gefragt, wie er eigentlich dazu kom⸗ me?— und habe erſt nachher einmal erfahren, daß er es den andern, näher ſtehenden Verwandten zum Schaber⸗ nack that, mit denen er ſich unheilbar überworfen. Sie ſollten ſehen, was ſie an ihm und ſeinem Vermögen ver⸗ loren. „Die Anordnungen über ſein Vermögen waren in der That aber ſeltſam genug. Auf Wolfsberg habe immer ein alter Soldat gehaust, darum ſolle ich das Gut ha⸗ ben, müſſe aber zugleich den Namen Strengen annehmen, wozu er die Erlaubniß bereits in der Taſche habe, und zugleich mir wenigſtens den Hauptmannscharakter erdie⸗ nen. Ein Lieutenant ſei nichts und ein zur Ruhe geſetzter 141 Lieutenant erſt recht nichts. Ein Soldat liebe außerdem die Neuerungen und Experimente nicht, er habe daher die Hoffnung zu mir, daß ich, wie es im Teſtament be⸗ ſtimmt, Haus und Wirthſchaft auch gern laſſen werde, wie ſie ſeien. Er wolle keine Veränderungen haben, denn er wiſſe, daß es ſo wie bisher am beſten und einträg⸗ lichſten ſei. Er habe dagegen aber auch noch ziemlich viel Privatvermögen, das ſolle nicht ich, ſondern mein Bru⸗ der haben— denn wir ſeien ihm einmal gleich nahe und Gerechtigkeit müſſe ſein. Er ſelbſt habe zuviel von der Ungerechtigkeit gelitten. Ein Soldat in meinen Jahren verſtehe nicht mit Geld umzugehen— das könne der Land⸗ mann beſſer. Leopold ſolle ſich ein Gut kaufen, da könne er wirthſchaften und experimentiren, ſo viel ihm beliebe. Die übrigen Clauſeln gingen mich nicht an, nur noch— damit es ſich mit Vermögen und Gut ausgleiche, ſo habe ich die Verbindlichkeit, ſeiner Nichte jährlich eine Rente von ſo und ſo viel zu bezahlen, und Leopold habe dieſe Nichte zu heirathen. Sie ſei ihm einmal in's Haus ge⸗ ſchneit und er könne ſie doch nicht auf die Straße ſetzen. „Als ich zu dem Allen ſchwieg, weil ich nichts zu antworten, in mir aber auch kaum eine Widerrede wußte, ſagte er:„Na, Ihr ſeid ein kluger Kerl wie Euer Bru⸗ der, ſeh' ich, und ſperrt Euch nicht. Wüßte freilich auch nicht, weßhalb. Es fällt Euch Beiden da auch gut genug 2 142 in den Schooß, ihr Hunde. Ihr könnt jetzt auf Euer Zimmer gehen, Herr Vetter— Donnerwetter, haltet den Kopf nicht ſo ſchief, wie ein alter Gaul!— Euer Bruder iſt im Felde— kann das Laufen nicht laſſen, hat da aber nichts zu ſagen.“ „Indem ward er abgerufen, und wie er in der Thür ſeines Kabinets ſtand, trat durch die andere Thür eine Dame in's Zimmer.„Das iſt meine Nichte und die Braut Eures Bruders,“ ſprach er zu mir und ging hinaus. „Ich fuhr vom Stuhl auf und ſtand wie gelähmt— es war Clara, die Clara, an die allein ich ſeit Jahr und Tag gedacht, die ich erſehnt, die ich geſucht, die ich nicht gefunden! Und nun hier! Und nun die Braut meines Bruders!— Ich war keines Gedankens mächtig, ich war faſſungslos, ich wußte nichts als das, was ich ausſprach: „Das iſt zu viel!“ „Ich ſah es wohl, daß ſie ſehr blaß und dann glü⸗ hend roth geworden, dann einen Schritt vorgetreten, dann wie entſetzt ſtehen geblieben war. „Um Gotteswillen,“ ſprach ſie mit bebender Stim⸗ me,„iſt es möglich— Sie ſind es, Herr Lieutenant— der erwartete Vetter, der Bruder des Herrn Seebach?“ 143 „Ich war noch faſſungslos.„Und Sie!“ rief ich, „Sie, nach der ich ſo lange vergebens geſucht— Sie finde ich hier, Clara— ſo nahe mir verwandt— als Braut meines Bruders— iſt es denn möglich?“ „Sie ward roth bis in die Stirne und wieder ebenſo plötzlich blaß, mit geſenkten Augen verneigte ſie ſich leiſe, dann wandte ſie ſich ab und trat ſtumm zum Fenſter. „Ihre ſichtbare Erſchütterung, ihr Ringen gab mir meine Faſſung wieder. Ich trat zu ihr, ich erzählte ihr von meiner Verſetzung nach Poſen, von meinem Beſuch in ihrer Heimat, von meinen Briefen an ihre Freundin. Das— mag es tadeln wer es will— war ich in meinem Gefühl ihr und auch mir ſelbſt ſchuldig, es war nichts Unrechtes in dieſer meiner Liebe zu ihr. Sie berichtete da⸗ gegen abgebrochen, daß ihr Vater geſtorben, daß ſtatt des gehofften kleinen Vermögens nur Schulden zurück⸗ geblieben. In ihrer Hülfloſigkeit habe ſie ſich an den On⸗ kel gewandt, freilich mit geringer Hoffnung, von ihm auf⸗ genommen zu werden, da er mit ihrem Vater verfeindet geweſen. Gegen alles Vermuthen indeſſen habe er nicht nur ſie zu ſich kommen laſſen und ſie ganz erträglich aufgenommen und gehalten, ſondern auch die Schulden ihres Vaters bezahlt. Wie ſie mir ſpäter einmal entdeckte, hatte der ſeltſame Menſch freilich dazu geſagt:„Sehen 7 144 Sie, ma nièce, mein Schwager und meine Schweſter haben mich für einen ſchlechten Kerl erklärt und grimmig auf mich geſcholten. Und da muß die Tochter nun doch zu dieſem ſchlechten Kerl kommen und ihn um Hülfe bit⸗ ten, und dieſer ſchlechte Kerl muß das Andenken der „guten Leute“ rein machen und ihre Schulden bezahlen! O Donnerwetter, das klitzelt, das iſt ein Triumph!“ „Wir waren im Lauf des Geſprächs beide ruhiger geworden und gingen endlich ſo auseinander. Aber in der Stille und Einſamkeit meines Zimmers brach es über mich herein mit ſolcher Noth, daß ich darunter zu erliegen dachte. Warum mußte mir der Vater den Wunſch des Majors ſo ſpät mittheilen, daß ich mit dem beſten Willen nicht früher als Leopold anlangen konnte! Weßhalb mußte ſich mein Urlaub ſo verzögern— weßhalb— weß⸗ halb?— O es waren tauſend thörichte, müßige Fragen, die ich zum Himmel warf und auf die es keine andere Antwort gab, als die eine: es iſt einmal ſo und zu ſpät! Und ich ſah nirgends Hülfe— nirgends Rettung. „Ihr ſagt vielleicht,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „wenn Leopold Deine Noth ſah— ſollte der Bruder, bei dem dieſe Neigung doch während ſeiner kurzen Anweſen⸗ heit noch nicht feſte Wurzel geſchlagen haben konnte— ſollte er Dir nicht zu Hülfe gekommen ſein, nicht die Hand 145 zu einem Arrangement geboten haben, das alle Theile zu⸗ frieden ſtellte?— Ich dachte daran, mich ihm zu ent⸗ decken— einen Augenblick lang! Aber, ihr Herren, ich woußte voraus, daß er nicht nachgab. Wir hatten uns von Zugend auf niemals gut geſtanden; bei ihm war Heftig⸗ keit, ja Jähzorn gegen Alles, was ihm entgegenſtand, die Sucht zu dominiren, eine Eigenmächtigkeit ſonder glei⸗ chen; und mir gegenüber kam hiezu noch das Pochen auf ſein größeres Alter, ſeine beſſere Einſicht; Ihr könnt Euch denken, daß ich mich hiegegen nicht gehorſam erwies, daß ihm gegenüber auch meine Eigenthümlichkeiten, meine In⸗ dividualität zum kraſſeſten Ausdruck gelangten. —„Es war ſchlimm geweſen, ſo lange uns das elter⸗ liche Haus vereinte, ſo oft er ſpäter vom Lande auf ein paar Tage zum Beſuch kam. Es ward nicht beſſer, als auch ich von Hauſe ſchied und ihn nur in langen Zwiſchen⸗ räumen wiedertraf. Ein paar heftige Scenen waren vor⸗ gefallen, die ernſteſte Entzweiung hatten die Eltern nur äußerlich einigermaßen beilegen können. Jetzt hatten wir uns ſeit zwei Jahren gar nicht mehr geſehen, auf das Treiben der Eltern hatten wir wohl ein paar Briefe ge⸗ nechſat aber ſie hatten ſich an das Nothwendigſte ge⸗ alten.. „Und doch hätte ich mich ihm zugewandt— wir wa⸗ ren ja beide keine Kinder mehr, ſondern verſtändige Men⸗ ſchen, die ſich nicht beherrſchen, ſondern nebeneinander ſte⸗ hen wollten, ihre Heftigkeit in Schranken haltend, wie man es im Umgang muß. Allein da ſtellten ſich noch zwei Bedenken entgegen. Zuerſt: wie der Major nun einmal war, würde er mit einer Aenderung ſeiner Beſtimmungen einverſtanden ſein? Er ſah mir ſchon jetzt, nachdem ich ihn ſeit einer Stunde gekannt, durchaus nicht darnach aus.— Sodann aber: liebte Clara mich, hatte ſie mich geliebt?— Einerſeits ſchien mir Manches dafür zu ſpre⸗ chen— auf der andern Seite aber— wie konnte ſie mich dann aufgeben, wie konnte ſie ſo ſchnell zu einem An⸗ dern Ja ſagen? Leopold konnte doch höchſtens erſt ſeit vier Wochen da ſein! „Und das Reſultat war: ich muß ihre Gefühle ken⸗ nen, koſte es, was es will! Und wenn ſie mich liebt, wenn ſie mir den leiſeſten Wink gibt, daß ſie mich vor⸗ zieht— dann fahre hin, Bruder— dann fahre hin, Major und Gut! Sie wird mein, und ich bin's, der allein un⸗ ſer Loos gründet! „Mittlerweile— dies Alles hatte am Vormittage geſpielt— wurde es Eſſenszeit und dabei traf ich denn auch meinen Bruder. Er reichte mir kühl die Hand. „Sieh da, Oswald,“ ſagte er,„biſt Du endlich da?“ Dann wandte er ſich an den Major.„Das iſt hier ein 147 böſes Treiben, Vetter,“ bemerkte er,„wo Sie ernſtlich einſchreiten müſſen. Wie ich vorhin drüben im Buſch bei dem Quellſtück war, um mir die Eichen anzuſehen, fiel ein Schuß ganz in der Nähe, und wie ich hinzueilte, fand ich den widerwärtigen Geſellen wieder, von dem ich ſchon neulich ſagte. Er hatte eine Flinte, an der das Schloß geſchwärzt war. Und in der Ferne ſah ich einen andern Burſchen, der Etwas in den Buſch zog. Hätte ich nur Jemand bei mir gehabt! So mußte ich mich beſchränken, ihm meine Meinung zu ſagen und mit dem Gericht zu drohen.“ „Der Major ſah den Bruder mit einem lauernden Ausdruck an.„Und was ſagte er Euch, Vetter?“ „Ich habe hier nichts zu ſagen,“ erwiederte Leopold, „ich ſolle meiner Wege gehen, oder er zeige ſie mir. Ich ſolle ihm erſt beweiſen, daß er gewilddiebt. So ſprach der diebiſche Schuft. Aber ich packe ihn ſchon einmal!“ „Der Major lachte ſpöttiſch.„Seht, Schatz, das ſchadet Euch nichts! Was habt Ihr hier zu ſagen?— Nichts, ſagte er Euch mit Recht! Laßt Ihr meine Wild⸗ diebe gehen und bringt Euch nicht in Ungelegenheiten.“ „Aber es geht ja Alles zu Grunde, Vetter!“ „Bah, was geht's Euch an?“ „So ſchlage der Teufel in ſolche Wirthſchaft!“ 3 148 brauste mein Bruder auf, aber der Alte verſetzte mit derſelben ſpöttiſchen Ruhe:„Das wollte ich mir ſchön⸗ ſtens verbeten haben, denn der hat hier auch nichts zu thun.“ Und indem mit einem Mal das Lächeln ſein Geſicht verließ und einem faſt finſtern Ernſte Platz machte, fuhr er fort:„Aber einen Rath will ich Euch geben— menagirt Euch und nehmt Euch mit dem Burſchen in Acht. Ihr habt ihn ſchon jetzt auf dem Halſe.“ „Bah,“ ſprach mein Bruder verächtlich und wandte ſich zu Clara. „Ich beobachtete die Beiden ſcharf. Sie war kühl und gemeſſen gegen ihn und geſtattete ihm keinerlei Frei⸗ heit, und daß er das gleichmüthig hinnahm, bewies mir, wie er es nicht anders gewohnt ſei. Er ſelbſt war ganz, wie ich es erwartet— gleichgültig, artig zwar, aber auch beſtimmt, als ob ſich, mit einem Wort, das Alles von ſelbſt verſtände; von der Zärtlichkeit, der Aufdringlichkeit eines Verlobten zeigte ſich keine Spur. „Laßt mich über dieſen, laßt mich über die folgen⸗ den Tage ſchnell fortgehen; ſie waren ſo qualvoll für mich und, wie ich jetzt freilich weiß, auch für Clara, daß es am beſten iſt, wenn wir ſie zu vergeſſen ſuchen. An etwas Schweres, Drückendes, an ein großes Unglück, an eine herbe Trauer kann man ſich zuweilen gern erin⸗ 149 nern— wir haben es mannhaft beſtanden oder wir ſind nach ehrlichem Kampf vollkommen davon beſiegt worden, um ſpäter dennoch wieder geläutert daraus aufzutauchen. Aber eine Quälerei iſt in der Erinnerung ſo folternd wie in der Gegenwart— es iſt nichts Erhebendes dabei, ſon⸗ dern nur die Pein, die kleinliche Noth, das ewige Zwicken und Zerren, das uns müde gemacht, uns entnervt, dem wir unterlegen ſind. „Clara wich mir aus, aber ſo, daß von einem Alleinſein, von einem Sprechen mit einander gar keine Rede war; ſie ſchien mit ihrem Verhältniß ganz zufrie⸗ den zu ſein. Eine Verſtändigung mit meinem Bruder ward unter dieſen Umſtänden daher überflüſſig, und außerdem machte er mir auch nicht den geringſten Muth dazu. Im Gegentheil ſagte er einmal, da wir zufällig auf die Anordnungen des Alten zu reden kamen, grob ge⸗ nug:„Es iſt ſchade, daß das ſchöne Gut in ſolche Hände kommt. Allein, wie die Sachen ſtehen, möchte ich es nicht; ich könnte nicht ſo abhängig ſein. Und ſomit— der Alte hätte gar nicht beſſer für mich beſtimmen kön⸗ nen. So laſſ' ich's mir gefallen! Und nun gar das Bräut⸗ chen und ihre Rente— das ſchmeckt! Aber Kleiner“— ſo nannte er mich zuweilen aus alter Gewohnheit—„ich bin ein ſtrenger Gläubiger! Das Geld muß ſtets auf den Tag da ſein!“ 150 „Ich wandte ihm angewidert den Rücken zu. Und da ich hier nichts mehr zu thun hatte, reiste ich bald ab, zweifelvoll, was ich thun, was ich laſſen ſollte. Sollte ich das Erbe annehmen oder ausſchlagen? In meiner jetzigen Stellung und Hoffnungsloſigkeit fragte ich den Teufel nach einer unabhängigen Stellung. Die mußte mir, für meine Perſon genügend, in einigen Jahren auch mein Stand geben. Wie ich jetzt nach Poſen zurückkam, war mein Kommando unerwartet zu Ende und ich mußte nach S. zurück. Dort ward ich zum Premierlieutenant be⸗ fördert und blieb. Es war mir Alles gleichgültig. „Von den Meinen erfuhr ich wenig. Der Major ſchrieb mir, ich ſolle jetzt ein Jahr noch dienen, dann den Abſchied mit Hauptmannscharakter nehmen und das Gut unter ſeiner Aufſicht bewirthſchaften. Mein Bruder ſei auf Güterkäufe aus.— Von Hauſe erfuhr ich, daß Clara bei den Eltern zum Beſuch ſei und denſelben ſehr gefalle; ja der Vater ſchrieb: Leopold ſcheine ihm ein Loos ge⸗ zogen zu haben, wie man es kaum für ihn habe erwarten können.— Das war Alles, und ſo verging Monat auf Monat bis in den Sommer hinein. „Da erhielt ich am Anfang Auguſt einen Brief meiner Mutter, worin mir eine lebensgefährliche Krank⸗ heit des Vaters und ſein Wunſch, mich noch einmal zu 151 ſehen, mitgetheilt wurde. Wie ſehr ich mich indeſſen auch beeilte, ich fand ihn nicht mehr am Leben, und nichts mehr zu thun, als für ſein Begräbniß zu ſorgen und die troſtloſe alte Frau zu pflegen. Leopold war nicht da; bei ſeinem vielfältigen Umherreiſen mochten ihn die mehr⸗ fach abgeſendeten Briefe nicht getroffen haben. Es war auch Alles übermäßig raſch gegangen. „In dieſen trüben, ſchwermüthigen Tagen erzählte mir die Mutter denn auch viel von Clara und war voll ihres Lobes. Es kann ſein, daß die alte Frau nur jetzt durch Leopold's Ausbleiben ſich von ihm verletzt fühlte— der Menſch iſt in ſolchen Momenten ſo ſehr empfindlich— vielleicht aber war er ihr auch ſchon ſonſt ferner getreten; ich habe dem nie nachgeforſcht. Genug, ſie ſagte: er ver⸗ diene gar nicht das Glück, Clara ſei viel zu gut für ihn, und er wiſſe das in keiner Weiſe zu ſchätzen und zu würdigen. „Es betrübt mich ſehr— ſehr!“ fuhr ſie fort. „Wenn das Kind ihn lieb hätte, wenn es gern ſein würde, wollte ich nichts ſagen— da zöge es ſich ſchon zu⸗ recht und ſie fänden ſich ſchon nach und nach in ihr gegenſeitiges Weſen. Aber,“ ſchloß ſie eifrig,„ſie hat ihn nicht lieb, es iſt reines Pflichtgefühl, ihr Wort zu halten. Ich habe es wohl gemerkt, daß ſie ſich unglücklich fühlt. 2 152 Sie hat einen Andern lieb gehabt und ihn ohne Noth auf⸗ gegeben, weil ſie ſich von ihm vergeſſen glaubte.“ „Hat ſie Dir das geſagt, Mutter?“ fragte ich athemlos,„hat ſie Dir den Andern genannt?“ „Nein,“ war die Antwort,„aber ſie ließ es mich merken, als ich ſie einmal wegen ihrer ſtets trüben Stim⸗ mung fragte.“ „Haſt Du ihr dann nicht gerathen, Leopold auf⸗ zugeben?“ fragte ich wieder. „Freilich wohl, Oswald,“ entgegnete ſie,„aber das arme Kind meinte, ihr Wort ſei gegeben, und damit ſei nun Alles zu Ende. Sie werde Leopold auch mit der Zeit ſchon lieb gewinnen, wenn er nur freundlich und geduldig ſei, ſetzte das edle Weſen hinzu.“ „Es läßt ſich nicht ſagen, wie mir zu Muthe war, aber wohl, was ich jetzt wollte und mußte— denn das war nur Eins: ich nahm Abſchied von der Mutter und reiste noch am ſelben Tage ab, hieher nach Wolfsberg. Unter dieſen Umſtänden mußte ich reden zu Clara, zu Leo⸗ pold. Wie tauſendmal warf ich mir unterwegs mein Zö⸗ gern im Winter vor! Hätte ich mir eine Gelegenheit erzwungen, mit Clara zu ſprechen, ſo wäre möglicher⸗ weiſe ſchon damals Alles gut geworden, ich hätte dem geliebten Weſen unzählige trübe Stunden erſparen kön⸗ 153 nen! Denn nur an ſie dachte ich, an Leopold keinen Au⸗ genblick, da der Gedanke felſenfeſt in mir war, daß ich bei ihm mit dieſer Trennung der Verlobung kein Glück ſtören könnte. „Wie ich ankam, war es zur Vesperzeit, und bei der unmäßigen Hitze des Tages zog ich es vor, den drückend heißen Platz im Wagen zu verlaſſen und mich auf ei⸗ nem Richtſteige durch den Wald dem Park zuzuwenden. Es iſt das ein wundervoller Weg durch den reichſten und üppigſten Theil des Forſtes, ſchattig und kühl, voll der anmuthigſten Windungen, der reizendſten Partieen. Aber ich ſah damals nichts davon, ich war voll von mei⸗ nen Gedanken und Erwartungen; die Menſchen und die Dinge, das Sichere und das Wahrſcheinliche— es drängte ſich Alles im bunten Wirbel durch meinen Kopf. So kam ich endlich aus der Waldecke heraus— und da war ich plötzlich in der Gegenwart. Denn vor mir, jenſeits der kleinen Wieſe, ſaß auf einer Bank unter den letzten Park⸗ bäumen eine Frau. Es war Clara. Von Ueberlegung war keine Rede, in drei Sprüngen ſtand ich vor ihr. „Clara!“ rief ich. „Um Gotteswillen— Oswald!“ ſtammelte ſie und fuhr auf, blaß vor Schreck. „In ihren Augen ſtanden Thränen; es lag ein Brief auf der Erde, der ihr im Schreck ifalen ſein 1859. XXIV. Vergangene Tage. 154 mochte— ich erkannte ihn ſogleich, es war einer der beiden Briefe an ihre alte Freundin, die mir nicht beantwortet wurden. Sie ſah meinen Blick, ſie bückte ſich erglühend, das verrätheriſche Blatt aufzuraffen, aber ich hielt ſie zurück und nahm es ſelbſt auf, und indem ich es ihr in die Hand gab, behielt ich dieſe zum Erſtenmal in der meinen. „Clara,“ ſprach ich,„laſſen Sie es gut ſein, ich habe meinen Brief erkannt. Warum ward er mir nicht beantwortet?“ „Sie ſtand mit geſenkten Augen.„Damals, als ſie ihn empfing, war ſie krank; nachher, da ſie meine Ver⸗ lobungsanzeige erhalten, hielt ſie die Antwort nicht mehr für nöthig, ſchickte ihn jedoch mir.“ „Clara,“ ſagte ich,„laſſen Sie mich eine Frage thun.“ „Nein, nein, Oswald, nein!“ rief ſie heftig, mich unterbrechend und riß mir die Hand weg und drückte ſie mit der andern vor ihr Geſicht. Aber es überkam mich wie mit tiefem Zürnen und bitter fuhr ich fort:„Es hilft nicht, Clara, es muß ſein. Sie müſſen mittragen, was das Geſchick uns auferlegt; glauben Sie, das ich es leicht habe?“ „Sie ſah mich an— es war ein Blick voll Trauer 155 und Vorwurf, als wollte ſie ſagen: habe ich es leich⸗ ter?— und ihre Lippen bebten, aber ſie ſprach kein lautes Wort, und da ſprach ich weiter:„So ſagen Sie mir— weßhalb haben Sie damals ſo ſchnell Ja geſagt?“ „Ihr Köpfchen ſank auf die Bruſt.„Ich mußte es ja— ich war abhängig— ſie drängten Beide— Leopold mißfiel mir nicht—es war mir ja Alles— Alles gleich⸗ gültig,“ ſtammelte ſie. „Und hat man denn nie von mir geredet, bevor ich ankam?“ fragte ich von Neuem.„Hat man vor Ihnen nie meinen Namen, meinen Stand genannt?“ „Ich habe nur von einem zweiten Vetter gehört, der Soldat ſei— aber in Poſen ſtehe,“ war ihre leiſe Ant⸗ wort.„Ihr Bruder hat Ihren Namen nie genannt— wir haben nicht oft vertraut geredet— er neigt nicht da⸗ zu.— Und Poſen— wie ſollte ich dabei an— an einen Bekannten denken!“ „Hielten Sie es denn nicht für möglich, Clara?“ ſagte ich gepreßt,„daß es den Bekannten dahin ge⸗ zogen?“ „Sie ſchüttelte den Kopf.„Es war ſo lange her— ich hatte nie wieder Etwas von Ihnen gehört.“ 4 „Da hielt ich mich nicht länger; es war Alles fort, 10* 156 was von Beherrſchung und Uiberlegung in mir geblie⸗ ben; ich faßte ihre beiden Hände und ſprach:„Clara, o Clara, haben Sie mich wirklich geliebt— lieben Sie mich noch?“ „Und als habe die Gewalt, die mich hingeriſſen, auch ſie erfaßt, ſo erhob ſie das Geſicht und ſah mich an mit einem langen, tiefen, thränenvollen Blick, und dann drückte ſie die Augen zu und ſchüttelte heftig den Kopf. Sie ſprach kein Wort, aber wozu wäre das auch nöthig geweſen! „Es machte mich ſo glückſelig, wie ich mich nie gefühlt, und mit Heftigkeit ſprach ich:„So werde ich noch heute an Leopold ſchreiben— wüßte ich nur, wo er iſt!“ „Er iſt hier,“ erwiederte ſie— die Hände hatte ſie mir ſchon vorhin entzogen; ſie ſtand jetzt aufgerichtet vor mir, anſcheinend ruhig und gefaßt, ohne Thränen.„Er iſt hier— aber Sie können und dürfen nicht mit ihm reden, Schwager.“ „Ihr könnt Euch meine Uiberraſchung, ja Beſtür⸗ zung denken bei dieſen Worten Clara's.„Leopold iſt hier?“ rief ich,„ſeit wann?“ „Seit geſtern,“ ſprach ſie.„Er hat hier erſt die Nachricht vom Tode des Vaters erhalten. Aber da es einmal ſo weit ſei, meinte er, und er daheim doch zu ſpät komme, ſo wolle er nur erſt die nothwendigen Geſchäfte beſorgen. Er hat ein Gut nach ſeinem Sinn gefunden und verhandelt nun mit dem Onkel, das Geld zur An⸗ zahlung herbeizuſchaffen. An die Mutter hat er gleich ge⸗ ſtern noch geſchrieben.“ „Ich ließ das Alles jetzt gut ſein, das Andere lag mir näher.„Und Sie wollen nicht, daß ich mit ihm über uns rede?“ fragte ich. „Nein, Oswald,“ erwiederte ſie ſo entſchieden, wie ich es nie von dem ſanften Mädchen erwartet.„Ich bin ſeine Braut— und was auch ſonſt geweſen— das iſt damit nun für immer vorbei. Mein Wort, meine Treue, meine Ehre iſt ihm gegeben. Es iſt nicht anders, es gibt in meinem Sinn keine Möglichkeit der Löſung.“ .„Und wenn er Sie ſelbſt frei gibt, Clara?“ rief ich heftig, denn dieſe Klarheit, dieſe Beſtimmtheit brachte mich zur Berzweiflung. „So würde ich mich in meiner Ehre verletzt fühlen,“ entgegnete ſie feſt,„und geſchähe es aus dem Beweg⸗ grunde, den Sie im Auge haben— ſo— ſo würde es noch ſchlimmer ſein!“ „Clara!“ rief ich leidenſchaftlich,„Sie lieben mich nicht, Sie haben mich nie geliebt!“ 158 „Sie ſah mich ernſt an.„Gott verzeihe Ihnen, Oswald,“ ſagte ſie.„Sie ſind unbarmherzig— Sie vergeſſen, daß ich die Braut Ihres Bruders bin.“ „Das dächte ich denn am Ende doch auch,“ ſprach in dem Augenblick hinter uns Leopold's Stimme, und als wir herumfuhren, trat er aus dem Gebüſch zu uns und fuhr fort:„Vielen Dank, verehrtes Fräulein, daß Sie ſich deſſen erinnerten und es dem Herrn hier be⸗ merklich machten, der an ſeinem Bruder zum— Diebe werden möchte. Was geht hier vor?“ redete er immer heftiger, die Stirnadern waren zum Entſetzen gefüllt und die Augen ſprühten.„Was unterſtehſt Du Dich, Schuft, den ich bisher Bruder genannt, Dieb meiner Ehre? Hier hinter meinem Rücken ſich Rendezvous zu geben mit einem pflichtvergeſſenen—“ „Bruder!“ rief ich heftig,„nimm Dich in Acht! Deine Braut iſt ſo rein und lauter, wie die Sonne!“ „Ich verbiete Dir das Wort Bruder zu mir!“ brauste er auf.„Fort, aus meinen Augen, Schuft! Mit der Dame dort werde ich weiter reden; ſie ſoll ihren Herrn kennen lernen, daß man nicht ſo mit ihm ſpielt!“ „Da hatte ich mich gefaßt, und indem ich zu Clara ſagte:„Gehen Sie hinein und beruhigen Sie ſich; dieſen Wahnſinnigen nehme ich auf mich!“— packte ich ihn feſt 159 am Arm und riß ihn mit mir fort, in einen nahen Baum⸗ gang hinein. Er ſträubte ſich wie ein Raſender, aber meine Kraft zog ihn fort; er erhob die Flinte, die er bei ſich trug, als ob er von der Jagd käme, allein ich zog ihn immer weiter, bis zu einem abgelegenen Platz. „Da ließ ich ihn los und blieb vor ihm ſtehen; er hatte noch immer das Gewehr erhoben, als ob er damit auf mich ſchlagen oder ſchießen wollte, und wenn Blicke tödten könnten, ſo hätten die ſeinen damals auf mich eine ſolche Wirkung hervorbringen müſſen, ſo brannten ſie in mich hinein. Ich hatte meine ganze Ruhe und Kaltblütigkeit wiedergefunden. „Laß das Gewehr in Ruh,“ ſagte ich;„ich fürchte mich nicht vor einem ſolchen Firlefanz, ich bin kein Kind. Und nun, Du roher, brutaler Burſch, höre zu und gib wohl Acht auf das, was ich Dir zu ſagen habe. Ich ſcherze nicht.“ „Sei es, daß ihm meine Kraft imponirt hatte, die er hinter meinem damals kränklichen Aeußern nicht ge⸗ ſucht; ſei es, daß ihn die Kälte beſiegte, welche ich ihm gegenüber zeigte— kurz, er ließ die Flinte ſinken und ſtellte ſie an einen Baum, ſchlug die Arme übereinander und erwiederte hochmüthig:„Wohlan, vertheidige Dich, wenn Du kannſt, aber belügen laſſe ich mich nicht.“ „Laſſ' die hohen Airs,“ ſprach ich ruhig,„ſie ſind bei mir umſonſt. Ich bin mit ſchlimmeren Narren fertig geworden, als Du.“ „Ja, ich bin keiner von den Rekruten, die das Maul halten und Ordre pariren müſſen!“ meinte er höhniſch. „Leider Gottes!“ verſetzte ich,„Du hätteſt wenig⸗ ſtens Manieren gelernt. Aber ich habe weder Zeit noch Luſt, mich zu zanken. Willſt Du hören oder nicht?“ „Ich höre,“ war ſeine trotzige Antwort.. „So nahm ich mich denn zuſammen, ſo gut ich's vermochte, und berichtete von meiner erſten Begegnung Clara's an Alles, was ich für ihn paſſend hielt; ich ver⸗ barg nichts, ich kürzte nur ab, was ich auch Euch heute Abend erzählte. Zuletzt ſagte ich ihm, wie ich Clara vor⸗ hin dort unter den Birken gefunden, und was ich, was ſie geredet.„Du ſiehſt,“ ſchloß ich endlich,„wie die Sachen ſtehen, daß kein Unrecht dabei iſt, kein Verbergen, Ver⸗ heimlichen, am wenigſten aber von ihr. Daß ſie mich ge⸗ liebt hat, weiß ich, und zwar nicht von ihr. Als ich dar⸗ über Gewißheit erhielt, kam ich hieher, um mit ihr zu reden, um Dich aufzuſuchen. Was wir geredet, wie ehren⸗ voll ſie ihrem Verlobten gegenüber daſteht, weißt Du jetzt auch. Daß ihre Einwendungen aber eben nur Ein⸗ wendungen und Redensarten ſind, ſehen wir Alle ein. 161 Daß Du ſie nicht liebſt, daß von ihrem Beſitze nicht Dein Glück abhängt, wiſſen wir auch Alle. Willſt Du daher Vernunft annehmen— willſt Du ſie frei geben— ſo laß uns das unter einander abmachen, ſtelle Bedin⸗ gungen, welche Du wlllſt. Ich gehe ſie von vornherein ein, vorausgeſetzt, daß ſie mein wird.“ „Er war während meiner Erzählung immer ruhiger geworden, die Wuth und der Haß in ſeinem Geſichte hatten dem Hohn, endlich dem Spott Platz gemacht. Gott verzeihe mir, daß ich ſo über ihn rede er war aber ſol Meine Kraft, meine Selbſtändigkeit und Entſchieden⸗ heit, die ich ihm gegenüber vorhin bewieſen, hatten ihn eingeſchüchtert, mein jetziges Weſen, daß ich mich ab⸗ hängig zeigte von ſeinem Willen, daß ich ihm Bedin⸗ gungen zu machen erlaubte— das Alles rief wieder den ganzen Uebermuth dieſes Menſchen wach und gab ihm ſein altes Weſen wieder. Und ſo ſprach er mit ſpöttiſcher Ruhe:„Ja, ja, Kleiner, ſo geht's, wenn man dumm iſt! Warum haſt Du nicht zugegriffen, als Du das Glück beim Schopf hatteſt! Schilt Dich ſelbſt, mein Sohn, und ärgere Dich, ſo viel Du magſt. Darin aber irrſt Du, wenn Du von mir was hoffſt. Das ſollte mir feh⸗ len, Anderer Dummheiten auszubaden! Es bleibt, wie es iſt,“ ſchloß er, wandte ſich und nahm die Flinte unter den Arm.„Ich bitte mir aber aus, daß Du Clara fort⸗ 162 an ungeſchoren läſſeſt und ſo bald wie möglich abreiſeſt. Nur ſo vergebe ich.“ „Da übermannte es mich und mit Wuth und ge⸗ ſchüttelter Fauſt rief ich:„So ſei verflucht! Und auf Dein Haupt alles Unglück, das daraus entſteht!“ „Bah!“ erwiederte der herzloſe Burſch mit einer verächtlichen Handbewegung, und ſchritt den Pfad ent⸗ lang, dem Walde zu, der ſich hier nahe an den Park ſchloß. „Ich ſtürzte zu dem Platz, wo ich Clara gelaſſen— ſie war fort. Ich ſtürmte gegen das Schloß— einem begegnenden Diener trug ich auf, meinen Kutſcher an⸗ ſpannen, mir auf den Weg der Herreiſe folgen und an der Stelle, wo ich ausgeſtiegen, warten zu laſſen. Den Major, Fräulein Clara ſolle er von mir grüßen; man werde bald von mir hören, jetzt müſſe ich fort. Damit kehrte ich mich von dem beſtürzten Menſchen ab und eilte den Weg zurück; das Alles ging in fliegender Eile. „Aber beruhigt hatten mich dieſe Anordnungen ge⸗ wiſſermaßen doch, die Wuth war fort, ein dumpfes Brü⸗ ten, eine finſtere Reſignation war in mir. Daraus ſtörte mich jetzt auch nicht Clara mehr auf, die mir nicht fern vom altem Platz entgegeneilte, mich in der leidenſchaft⸗ lichſten Erregung anrief, händeringend nach Leopold fragte. —4,, 163 Er ſei in den Wald gegangen, ſagte ich ihr, er ſei auf⸗ geklärt über ihr Benehmen. Es ſei aber Alles zu Ende und ich ſage ihr hiemit auf ewig Lebewohl. Ich ſchloß ſie dabei in die Arme und küßte ihre Stirn; dann wandte ich mich von der Erſtarrten ab und verfolgte meinen Pfad. „Ich mochte ſo ein paar hundert Schritt im Walde fortgegangen ſein, als mir der Jäger des Majors be⸗ gegnete und mich plaudernd begleitete; ich hatte ihn im Winter kennen gelernt, als ich einmal verzweiflungsvoll vor der ſteten Qual im Hauſe hinausflüchtete. Da ich jetzt zur Unterhaltung nicht beſonders aufgelegt war, ließ ich ihn reden und antwortete einſilbig, indem ich dachte, daß ich ihn ſo deſto ſchneller los werden könne.— Wäh⸗ rend wir ſo hinſchritten, fiel mit einem Mal in nicht weiter Ferne ein Schuß, ſo daß wir unwillkürlich Beide ſtehen blieben und horchten. „Hei, das Geſindel!“ bemerkte der Jäger verdrieß⸗ lich.„Da geht's wieder über unſern Wildſtand her! Es wird Zeit, Herr, daß Sie kommen; mit dem Herrn Ma⸗ jor iſt nichts anzufangen— er läßt die Burſche hauſen, wie ſie wollen, wir dürfen Ihnen nicht in den Weg.“ „Weßhalb eigentlich?“ fragte ich ſo hin, allein die Antwort ward abgeſchnitten, da zugleich in derſelben Ent⸗ fernung wieder ein Schuß fiel; ich ging ruhig fort, 164 allein der Jäger blieb ſtehen.„Das iſt kurios!“ ſprach er, da er mir folgte. „Was?“" fragte ich. „O, ich meinte nur den Knall zu kennen,“ ſagte er; „er klang wie von des Herrn Majors Lütticher Büchs⸗ flinte.“ „Dazu iſt's doch wohl zu weit,“ meinte ich. „Hm, ja, es mögen freilich ein paar tauſend Schritt geweſen ſein— aber doch!“ war ſeine Antwort. „So kamen wir immer weiter und ſahen zuletzt bereits die Landſtraße und meinen dort harrenden Wagen vor uns. Da trennten wir uns. Ich ſtieg ein und fuhr nach B. zurück, wo ich am zeitigen Morgen mit der Poſt angelangt war— in wie andern Gedanken, in welchen Hoffnungen!— Die Poſt ging erſt am folgenden Mittag nach D., ſo blieb ich im Gaſthof, um mich auszuruhen; ich hatte das auch nöthig, denn ich war todmüde, und ſtand am folgenden Morgen erſt ſpät auf. Ich fühlte mich un⸗ wohl, um nicht zu ſagen krank; mein Kopf war wie zer⸗ brochen, ich mochte weder an die Vorgänge des geſtrigen Tags, noch an ſonſt was denken, ich konnte es nicht ein⸗ mal. Was ich zu thun, mit dem Kellner zu reden hatte— Alles geſchah nur mechaniſch. Wie ich eben mein Nachtzeug wieder in den Koffer 165 geſchloſſen, trat ein Polizeibeamter in mein Zimmer und erſuchte mich höflich, ihn auf's Amt zu begleiten; einen Grund wußte er nicht oder wollte ihn nicht angeben. Ich folgte alſo, ward dort in ein beſonderes Zimmer geführt, einem Beamten gegenübergeſtellt, mit einer Menge Fra⸗ gen über meine Verhältniſſe, mein Thun am vergan⸗ genen Tage, meine Bekanntſchaft, meinen Verkehr mit Clara, meinem Bruder überhäuft; und endlich, da ich betroffen fragte, wie man zu dem Allem komme, was man damit wolle?— ſagte der Beamte, indem er mich ernſt fixirte:„Ja ſehen Sie, Herr Lieutenant, es liegt ein ernſter Fall, ein ſchweres Verbrechen vermuthlich vor. Mit einem Wort— man hat Ihren Bruder im Walde todt gefun⸗ den— erſchoſſen— die Wunde im Kopf— und wir möch⸗ ten von Ihnen erfahren, ob Sie uns irgendwelche Mit⸗ theilungen zu machen haben, die uns auf eine Spur führen können!“— „Ich taumelte zurück und fiel auf einen Stuhl, ſo übermannte mich das Unglück.„Barmherziger Gott!“ ſagte ich,„ſo iſt es doch gekommen, wie der Major pro⸗ phezeit: die Wilddiebe haben ihn erſchoſſen!“ „Der Beamte ſchüttelte den Kopf.„So meint der Major freilich auch in ſeiner Anzeige. Allein es gibt noch einen andern Verdacht. Könnten Sie uns vielleicht weitere Mittheilungen machen, Herr Lieutenant?“ 166 „Ich?“ rief ich beſtürzt. „Sie, Herr Lieutenant,“ ſagte er ruhig.„Sie ha⸗ ben die Braut Ihres unglückicchen Bruders lange ge⸗ kannt und mit ihr, wie es ſcheint, in einem beſondern Verhältniß geſtanden; Sie haben geſtern eine lange Un⸗ terhaltung beſonderer Natur mit ihr gehabt, und in Folge derſelben einen heftigen Streit mit ihrem Bru⸗ der. Von ſeiner Braut haben Sie hinterdrein mit einem Kuß Abſchied genommen, und ſind dann in den Wald gegangen, wohin Ihr Bruder ſich gleich nach jenem Streit entfernt. Sind Sie ihm nicht mehr begegnet? Der Platz ſeines Todes iſt keine fünfzehn Hundert Schritt von Ihrem Pfade zum Wagen.— Sie wären ſehr erhitzt angekom⸗ men, meint Ihr Kutſcher. Haben Sie den Streit im Walde erneuert?“ „Mein Herr!“ rief ich entrüſtet, beſtürzt, verwirrt— ich weiß nicht was Alles. Ich brach beinah' zuſammen unter dieſer Auliag, die ja auch Clara mit zu belaſten drohte. „Der Beanuls ſtand auf.„So iſt es, Herr Lieute⸗ nant,“ ſagte er.„Man führe den Boten von Wolfsberg herein. 4 „Es war, wie ich mich bei ſeinem Anblick erin⸗ nerte, der Gärtner. Er berichtete, wie er zufällig Clara 167 und mich bei den Birken geſehen und neugierig be⸗ obachtet. Es ſei ihm kurios erſchienen, daß eine Braut ſo mit einem Andern Hand in Hand ſtehe. Dann kam Leopold's Auftreten, daß ich ihn fortgeriſſen, unſer Zank— mein Fluch zum Schloß, mein Fortſtürzen, mein Abſchied von Clara— er hatte es Alles geſehen, theils auch gehört. Als„Herr Leopold“ ſo lange ausgeblieben, ſei ihm unruhig geworden. Er ſei in den Wald gegangen und habe dort denn auch die Leiche gefunden. Da habe er gleich an alles Frühere gedacht.— „Ich war ſo beſtürzt, daß ich den Kopf, die Beſinnung vollends verlor, daß ich kein Wort an⸗ zuwenden wußte, daß ich des Jägers nicht gedachte, der mich ja gleich frei machen konnte. Alle meine paar übrigen Gedanken waren bei Clara, die ſo in mein Geſchick, in dieſen wahnſinnigen Verdacht verwickelt wurde. „Ich muß Sie in Haft nehmen und an Ihre vorgeſetzte Behörde berichten,“ ſprach der Beamte.„Sie ſind ſehr angegriffen; ruhen Sie ſich aus und denken Sie nach. Sie haben mir ſpäter vielleicht weitere Mittheilun⸗ gen zu machen.“ Ich ging willenlos ab. „In der Ruhe des einſamen Zimmers war ich aber bald gefaßt und begriff mich ſelbſt nicht, daß ich mich ſo hatte beſtürzen laſſen, daß ich die einfache 168 Einwendung vergaß, die mich ſogleich ſchuldlos hin⸗ ſtellen mußte. Bis ich dahin kam und ein neues Ver⸗ hör erlangte, war es zu ſpät. Der Bericht an die Mili⸗ tärbehörde war abgegangen, Clara bereits der hinaus⸗ gereisten Unterſuchungskommiſſion vorgeſtellt, das Gerücht von dieſem Allem in's Publikum gedrungen. An unſerer Schuld zweifelte Niemand als der alte Major— der Fall war viel zu pikant, als daß man ihn ſich hätte entgehen laſſen können. Und noch Jahre nachher hat mir einmal ein frecher Patron in der Trunkenheit geſagt: „Es war doch ſchlau, wie Sie ſich damals herausrede⸗ ten!“— Clara und ich haben damals die Menſchen, die ſogenannte Geſellſchaft gründlich verachten gelernt. „Das erſte Verhör des Jägers ſtellte meine Un⸗ ſchuld außer allem Zweifel; allein bis man die Gründe für und gegen abgewogen, bis Alles aufgeklärt und ſpruch⸗ reif wurde, verging beinah' ein Vierteljahr; da endlich erfolgte meine Freiſprechung. Zum Ueberfluß ward man damals auch des Wilddiebs habhaft, der an jenem Abend mit Leopold auf's Neue in Streit gerathen war und ihn mit ſeiner eigenen, ihm abgenommenen Flinte— es war das Lütticher Gewehr, das der Jäger vermuthet— im Hin⸗ und Herringen erſchoß. „Was ſoll ich weiter ſagen?“ ſchloß Oswald.„Ich⸗ nahm meinen Abſchied und ging hieher zum alten Major, 169 der ſich damals humaner und ehrenwerther benahm als alle Welt. Er allein hatte nie gezweifelt, er allein hatte meine Mutter getröſtet, er hatte es durchgeſetzt, daß Clara während der peinigenden Unterſuchung in ſeinem Hauſe bleiben durfte. Als ich frei war und hier ankam, fand ich ſie von all' den Erſchütterungen lebensgefährlich krank, und es währte noch manche Wochen, bis ſie ſich ſo weit erholt hatte, daß ſie mit meiner Mutter nach D. gehen konnte. Erſt zwei Jahre ſpäter entſchloß ſie ſich, mir ihre Hand zu geben, und auch da that ſie es nach langen Kämpfen. Sie hat mich ſeitdem zu dem glücklichſten der Menſchen gemacht. „Ja, wir ſind glücklich!“ ſchloß er.„Nur die alten Erinnerungen ziehen zuweilen wie ein leiſer Schatten durch unſere Tage. Und ſeht, manchmal überkommt es mich mit böſen, trüben Gedanken; ich frage mich: Hat ſie ihn am Ende doch lieb gehabt? Wäre ſie glücklich mit ihm geworden, glücklicher als mit mir, mit dem ſie nun auch all' die trüben Erinnerungen empfing?— Ich weiß, ich bin thöricht! Ich trübe mir ſelbſt mein Glück, aber wer vermöchte auch in einem Licht zu leben!“ Wir ſprachen darnach nicht mehr viel, ſondern trenn⸗ ten uns bald. Ich bin ſeit der Zeit alle Jahre bei ihm in ſeiner einſamen Häuslichkeit geweſen, und je älter ich 1859. XXIV. Vergangene Tage. 11 170 ward, deſto mehr ſtimme ich mit einem ſeiner oft wieder⸗ holten Sätze überein:„Wehe dem, der nur in der Ge⸗ ſellſchaft und mit ihr leben mag— ſie läßt ihn ſtets un⸗ befriedigt und zwingt ihn doch, für nichts ſeine edelſten Kräfte zu vergeuden. Nur in der Familie iſt das Glück, und das Haus iſt die Welt des Menſchen.“ Ein Schrei. * — ₰ Es gibt Geldſorten, die der Staat für wehrthlos erklärt, die der Einzelne als falſch erkennt und die deſ⸗ ſenungeachtet fortwährend von Hand zu Hand gehen; man hak ſich eben an ſie gewöhnt, ſie bequem gefunden, und nimmt ſie ruhig an und gibt ſie ebenſo wieder aus. Da indeſſen der Geldwerth ein mehr oder imaginärer und konventioneller iſt und die betreffenden Stücke auch grade nicht in großer Anzahl vorhanden zu ſein pfle⸗ gen, ſo iſt die Sache einestheils ziemlich gleichgültig, an⸗ dererſeits würde der Verluſt auch im ſchlimmſten Fall ein nur geringer ſein. Anders iſt es aber mit hunderterlei Meinungen, Vorurtheilen und— Ariomen, die ganz ähn⸗ lich kurſiren, vor der Vernunft nicht beſtehen können und von der Erfahrung widerlegt werden, und dennoch mit ei⸗ ner wahrhaft lächerlichen Pietät kultivirt, dennoch von Einem dem Andern aufs gedankenloſeſte nachgeſchwatzt und nachgeglaubt werden. Es iſt einmal ſo angenom⸗ men!— Es iſt ſo bequem, wenn man nicht eigene oder gar neue, ſondern nur die alten Gedanken zu denken braucht! Nirgends hat ſich dies begreiflicherweiſe klarer und beſtimmter gezeigt, als auf dem Felde, welches für den menſchlichen Geiſt am ſchwerſten zu erfaſſen und zu durch⸗ dringen iſt auf Erden— ich meine bei der Beurtheilung des innern Menſchen, in der Pſychologie und Phyſiogno⸗ mik. Ich will von der Entwürdigung ſchweigen, die man dem gottentſtammten freien Menſchengeiſte, der Men⸗ ſchenſeele angedeihen läßt, wenn man dieſen unendlichen, dieſen mannigfaltigſten, dieſen edelſten Stoff über die na⸗ türlichen Schranken des menſchlichen und Erdendaſeins hinaus wie Thon und Letten in eine Form zu kneten, in Schemata, in von armſeligen Köpfen ausgeheckte noch armſeligere Regeln zu ſperren ſich erkühnt. Ich habe es hier nur mit der charamanten Kunſt zu thun, die dem Menſchen an der Naſe anſehen will, was er im Innern nicht nur geweſen und noch iſt, ſondern ſogar was er all ſein Lebtage ſein und werden wird. Wenn man ſchlöße: wer Tag ein und aus brummt, tobt und finſter iſt, der wird am Ende auch überall nicht mit ſolchen Augen dich anſehen, wie Einer, der ſtets lä⸗ chelt und heiter dreinſchaut— ſo möchte das Etwas für ſich haben. Aber man ſchließt im Gegentheil: wer finſtere Augen hat, der iſt auch finſter, der iſt böſe, der iſt gefähr⸗ lich, der iſt grauſam, ein Ungeheuer und Gott weiß was noch. Und man gehe nur einmal in die Welt und be⸗ 175 obachte ſelbſtändig und redlich! Wie Viele findet man äußerlich ſchlaff, kalt, glatt— und ſie ſind dennoch der größten Erregung, der höchſten Energie fähig! Und wie Viele ſcheinen ſchon ein Dutzend Menſchen verſpeist zu ha⸗ ben und das zweite Dutzend verſpeiſen zu wollen— und ſind innerlich ſanft wie Lämmer und traitabel wie ein Hand⸗ ſchuh!— Und wie Viele ſehen aus, als ob ſie keine Freu⸗ de kennten— und ſind bei Gelegenheit die Fröhlichſten!— Und wie Viele ſchauen ſanft darein wie Engel— und ſind im Grunde die rauheſten, widerwärtigſten Geſellen! Ich habe einen Mann geſehen, der Raubmorde, der Brandſtiftungen, kurz Alles auf dem Gewiſſen hatte, was man als das Böſeſte von einem Menſchen ſagen kann. Und dennoch hatte er das humanſte Geſicht von der Welt, als ob er kein Waſſer trüben könne, und es war nichts von Heuchelei oder Falſchheit in ſeinem Blick. Einen Andern habe ich gekannt, der das häßlichſte Geſicht— eine wahre Galgenphyſiognomie hatte, ohne einen einzigen angenehmen Zug, und nach ſeinem Tode ſagte ſeine Frau: er habe ihr nichts als Glück und Segen gegeben ſein Leben lang, und ſie ſtarb vor Gram über ſeinen Verluſt. Und ſo könnte ich Euch Beiſpiele über Beiſpiele anführen. Ich will Euch aber lieber eine Geſchichte erzählen von einem Menſchen, dem man auch nicht anſah, was er geweſen. Den größten Theil meiner Lebenszeit habe ich an a 176 der See zugebracht, und es ſind Jahre dabei, in denen ich mehr im Boot auf dem Waſſer als auf dem Lande lebte. Und da mich von jeher die Menſchen in der Natur min⸗ deſtens ebenſoviel, wo nicht mehr als dieſe letztere ſelbſt intereſſirten, ſo verkehrte ich auch mit den Seeleuten, mit Fiſchern, Schiffern und Matroſen und ſuchte ſie auf, wo ſie zu finden ſind, auf der See in ihren Fahrzeugen, am Lande in ihren Wohnungen, in den Schenken, auf den Werften und Hafenplätzen. Ich könnte eben nicht ſagen, daß ich dies bereute oder mich ungern daran erinnerte; im Ganzen war mein Vertrauen und meine Offenheit bei Leuten dieſes Schlages weniger weggeworfen und ward weniger getäuſcht als in den gebildeten Kreiſen des täglichen Umgangs. Rohheit findet ſich dort nicht nur nicht häufiger, ſondern viel ſeltener als in den höheren Sphären, das heißt Herzens⸗Rohheit, was denn aller⸗ dings etwas Anderes als ein friſcher, dreiſter Lebens⸗ genuß und derbe, rauhe Lebensform iſt. Im Gegen⸗ theil habe ich nirgends mehr Achtung vor wirklichem Unglück, nirgends mehr wahrhafte Theilnahme, Barm⸗ herzigkeit, echte Herzensgutmüthigkeit und Milde ge⸗ funden, als bei den verrufenen Matroſen und Schiffern. Was thut die rauhe Schale dem edlen Kern?— Herzen und Köpfe in Sammet und Seide geboren und erzogen, Hände in Glaczhandſchuhen und Füße in Glanzſtiefel⸗ chen muß man freilich nicht bei ihnen erwarten, und auch keine Lebensanſchauung verlangen, wie unſere ſpitzfindige oder blaſirte. Sie haben zwar um nichts beſſere oder ſchlechtere oder andere Augen, nur daß ſie mit dieſen ſelbſt ſehen und nicht wie wir durch Brille oder Lor⸗ gnette. Das macht viel aus. Zwiſchen manchen andern Geſellen lernte ich da⸗ mals auch einen Menſchen kennen, der zu den eigenthüm⸗ lichſten gehört, die mir je zu Geſicht gekommen. Zuerſt fanden wir uns, indem ich zufällig neben dem Werft ſtand, wo eben eine neue große Bark von Stapel laufen ſollte. Rings umher bewunderte man das ſaubere Schiff, freute ſich ſeines tüchtigen, ſtarken und dabei doch ſchlanken Baues und prophezeite Wunderdinge von ſeiner Schnelligkeit. „Und ich ſage, es iſt jammer und ſchade,“ bemerkte ein alter, grauhaariger Burſch nahe vor mir, und ſchlug dabei bekräftigend gegen ſeine Lende,„ja jammer und ſchade iſt's, daß das ſaubere Fahrzeug ſich nur mit Korn und ſolchem Kram ſchleppen ſoll. Der müßte ſeine zwan⸗ zig Brummer im Bauch haben. Dann ſollte uns der Däne da draußen nicht mehr lange auf der Naſe tanzen! Es iſt'n rechter Fliegel, ſo ein rechter Allerweltsfeind; es nähm's mit einem Baltimore⸗Schoner auf. Das würd' eine Jagd!“ 178 Es war zur Zeit des traurigen Krieges mit Däne⸗ mark; alle Welt ſchrie nach einer Kriegsflotte bei Tage und träumte von ihr zur Nacht, und natürlich in den See⸗ 3 ſtädten noch mehr als anderwärts. Denn da draußen lag ein kleines armſeliges unbedeutendes Kriegsſchiff und lähmte doch den ganzen Handel der reichen, thätigen, mächtigen Stadt. Arm an Arm mit mir ſtand ein nur mittelgroßer, aber breiter und gedrungener Mann von vielleicht fünfzig bis ſechzig Jahren, mit braunem, aber ziemlich wohl kon⸗ ſervirtem Geſicht und dichtem grauem Haar, das glatt und ordentlich unter dem gutgebürſteten Hut hervortrat. Er hatte den letztern auf die zwar nicht wohl zu beſchrei⸗ bende, aber ganz charakteriſtiſche Weiſe aufgeſetzt, welche den Träger faſt mit untrüglicher Gewißheit als einen Schiffer erkennen läßt. Und um meinen Schluß noch ſiche⸗ rer zu machen, ſtand er auch ſo breitbeinig, wie man es durch ein langes Leben auf Schiffen zu lernen genöthigt iſt. Bisher war er ein ſtummer Zuſchauer des Schau⸗ ſpiels geweſen; ſein Auge— denn er ſah nur mit dem linken, während das rechte durch eine ſchwarze Binde ver⸗ deckt war— ſein Auge ſah ruhig, um nicht zu ſagen gleichgültig auf die Bark auf dem Stapel, auf die Flut drunten oder auf die Menſchenmenge umher, und ſeine Hände ruhten läſſig in den Seitentaſchen des langen, 1 „* 179 dunkelfarbigen, überaus ſauberen Rocks. Nur einmal, wie die Reden über den ſchmucken Bau des„Fliegers“ grade im vollſten Gange waren und ich zufällig nach ei⸗ nem lebhaft Sprechenden mich umſah, bemerkte ich, daß mein Nachbar die Hand aus der Taſche gezogen und ſich mit dem Vorfinger unter der Naſe ſcheuerte, als wolle er das leiſe, aber ſpöttiſche Lächeln vollends wegwiſchen, das ich noch um ſeinen Mund zucken ſah. Das fiel mir auf, denn die Anſicht über die Tüchtigkeit des Schiffs war eine beinah einſtimmige in den kompetenten Kreiſen, und ein fremder Baumeiſter ſogar ſollte erklärt haben, es ſei ein wahres Muſterſtück und verſpreche alles Mögliche. So war es denn ſehr begreiflich, daß ich bei der entſchiedenen, oben angeführten Rede des alten See⸗ manns halb unwillkürlich und halb neugierig zu meinem Nachbar mich umſah. In der That ſtieß ich diesmal auf einen kleinen verächtlichen Zug, und zugleich zuckte er die Achſeln. Doch blieb es nicht dabei, er ſprach auch. „Tröſte Dich, mein Junge,“ ſagte er mit einer ein wenig heiſern Stimme;„mit dem Fahrzeug da holſt Du den Dänen nicht ein und führſt Du ihm auch nach rund um die Erde. Zum Korn⸗ und Kohlenſchleppen iſt das Ding gut genug, aber ein Flieger wird's in Ewigkeit nicht. Ich weiß nicht, wo ihr Eure Augen habt.“ Und er deutete mit ausgeſtreckter Hand ſo unbeſtimmt gegen 180 das Schiff, das eben in's Gleiten kam, daß mir, dem Unerfahrenen, nicht verſtändlich ward, was er meinte. Der vorige Sprecher hatte ſich zuerſt ziemlich er⸗ zürnt nach dem Widerſacher umgeſehen, dann aber, als ob er ihn erkenne, ſeine Mütze gelüftet und ſein Auge der angedeuteten Richtung folgen laſſen. Inzwiſchen ward eine Zuſtimmung oder Widerrede jetzt durch den eben be⸗ ginnenden Tumult abgeſchnitten; das Schiff glitt ſtolz und glücklich hinab und ſchoß in's Waſſer. Dann Hur⸗ rahrufen und Trompetenſchmettern, Kanonenſchüſſe und Drängen umher und Lärmen— ich zog mich ſacht aus dem Treiben. Der alte Seemann hatte es ebenſo ge⸗ macht. Wir ſtanden fünfzig Schritte rückwärts wieder neben einander. Er grüßte mich mit höflichem Lächeln, da er mich erkannte. „Ja, ja,“ meinte er dann und ſah zum Schiff hinüber, das ſie eben zu ſeinem erſten Ankerplatz zogen, wo es ſeine volle Ausrüſtung erhalten ſollte;„das Alles iſt brav gemacht, es war gut aufgelegt, der Meiſter ver⸗ ſteht ſeine Sache. Aber einen rechten Flieger hat er auch gar nicht bauen wollen.“ „Und doch behauptete das vorhin alle Welt,“ be⸗ merkte ich. „Ja, und alle Welt ſieht nicht oder will nicht ſe⸗ 181 hen,“ ſprach er beſtimmt.„Ich kann Euch das nicht de⸗ monſtriren, mein Herr, da Ihr kein Seemann ſeid. Aber ein Seemannsaug', das zumal auswärts aufgepaßt und die Engländer und Amerikaner angeſehen, kann das im Augenblick erkennen.“ Er zog bei den Worten ſein roth und gelb geblüm⸗ tes Taſchentuch heraus, nahm den Hut ab und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn, denn die Sonne brannte heiß. Dabei ſah ich, daß vom Schädel herab über die gefurchte hohe und, gegen das Geſicht, wunderbar weiße Stirne eine furchtbare Narbe grade auf das rechte Auge herunterlief. Obgleich die Haare oben drüber gekämmt waren und man den Anfang nicht ſah, war ſie doch ſelbſt am obern Stirnrand noch ſo tief, daß man bequem einen Finger hineinlegen konnte. Ich konnte mich eines Ausrufs nicht enthalten. Die Wunde mußte ſo ſchrecklich geweſen ſein, daß ich nicht be⸗ griff, wie er ſie überlebt haben konnte.„Das iſt ein grauſamer Hieb!“ ſagte ich, denn dafür mußte ich es halten.„Wo hat Sie der getroffen?“ „Kein Hieb— es fiel mir eine Spiere auf den Kopf,“ verſetzte er.„Allerdings war's hart. Ich lag über ein Vierteljahr in Raſerei, und noch jetzt ſpür' ich's, wenn das Wetter ſich ändern will. Auch habe ich erſt ſeit einigen Jahren die ſilberne Platte weglaſſen dürfen, die 182 ich bis dahin tragen mußte. Und ich war doch noch ein junger Menſch, da es mich traf.“ „Sie ſind viel in der Welt umher geweſen?“ fragts ich.„Und die Amerikaner und Engländer, von denen Sie vorhin redeten, kennen Sie aus eigener Erfahrung?“ Er lächelte und ſchüttelte den Kopf.„Mehr als das,“ erwiederte er dann.„Ich bin die Hälfte meines Lebens bei ihnen an Bord geweſen, und kenne daher die Flieger!“ ſetzte er wieder lächelnd hinzu. Ich weiß es noch heute nicht recht auszuſprechen, was eigentlich mir an dem Mann ſo auffällig war. Denn etwas Beſonderes zeigte ſich gar nicht an ihm, es müßte denn dies ganz eigenthümliche, oft wiederkehrende Lächeln geweſen ſein, das ich nie ſonſt an einem Menſchen ſeines⸗ gleichen bemerkt hatte, ſo ſpöttiſch war es und doch wie⸗ der ſo ruhig und ſelbſtbewußt, ohne den geringſten Zug von Hochmuth oder Einbildung. Zum Spott aber und zum Selbſtgefühl gehört unabweislich eine gewiſſe Bil⸗ dung, gleichviel woher ſie geſchöpft ſei— und die zeigte ſich denn auch in ſeinen Reden und in ſeinem Weſen viel⸗ leicht mehr, als man ſie zu erwarten berechtigt war. Irzwiſchen begann das Volk ſich zu verlaufen, und nach einigen gleichgültigen Worten bemerkte er, es ſei auch für ihn an der Zeit, nach Hauſe zu gehen. Und ſo entfernte er ſich langſam mit einem höflichen Gruß. Ich 4 fragte ein paar mir bekannte Leute nach ſeinem Namen; ſie kannten ihn nicht und wußten auch nichts von dem Mann ſelbſt, als daß er ihnen ſeit einigen Monaten hie und da auf der Straße begegnet und nicht weiter auf⸗ gefallen ſei. Denn es iſt grade nichts Beſonderes, daß ein alter Schiffer dort ſich zur Ruhe ſetzt, wo er ſeinem frühern Element und Geſchäft wenigſtens mit den Augen noch nahe bleibt. Das kommt alle Tage vor; und es kommt auch vor, daß ſie ziemlich unbekannt bleiben ihr Leben lang, denn ſie ſind zuweilen einſiedleriſch und men⸗ ſchenfeindlich, die alten Geſellen. Einige Tage darauf traf ich ihn wieder, als ich mit einigen Bekannten an die See ging, um uns ein Boot zu einer Segelfahrt zu ſuchen. Er ſaß diesmal auf der Mole, ſo weit am vordern Ende, wie er gelangen konnte, und ſah durch ein langes Fernrohr nach dem Dänen drau⸗ ßen, der eben Jagd auf einen armen Küſtenfahrer machte, welcher ihm jedoch zu entſchlüpfen ſchien. Ich grüßte ihn, und er dankte. „Nehmt Euch in Acht,“ ſagte er dann zu mir, da wir neben ihm in's Boot ſtiegen.„Macht Euch nicht zu weit hinaus. Es ſpielt ſo in der Luft, daß der Wind ſicher umſchlägt, ehe eine Stunde vergeht, und dann könnt Ihr ihm grade in die Zähne laufen.“ „Ohne Sorgen, Kap'tain,“ entgegnete unſer Boots⸗ 184 mann, indem er an ſeine Mütze langte;„ich will ſchon aufpaſſen. Wir kriegen ſo was von Nord⸗Nordoſt, viel⸗ leicht kann's auch Nord geben, und damit haben wir ihn zum Narren.“ „Oder auch Weſt,“ bemerkte er,„und dann ſpielt er mit Euch.“ „Ne, Kap'tain, Weſt wird's heut' nicht,“ war die Antwort, und wir fuhren ab. Nun erfuhren wir auch von ihm. Er hieß Georg Vicent, war ein Landeskind, aber bereits vor ſo langer Zeit zur See hinausgegangen, daß er, da er inzwiſchen nie von ſich hören ließ, für todt oder verſchollen erklärt und ſein geringes Erbtheil an andere Verwandte vertheilt wurde. Erſt vor einem halben Jahre ſei er plötzlich an⸗ gelangt, habe ſich legitimirt und ein kleines Haus am Ha⸗ fen erſtanden. Er ſei nach langen Dienſten Kapitän eines nordamerikaniſchen Wallfiſchfängers oder eines großen Kauffahrers geworden, und dabei nach und nach zu ſo viel Vermögen gekommen, daß er behaglich davon leben könne. Das war Alles. Der Wind ging richtig um, der Däne fing uns aber nicht und wir kamen nach einigen Stunden fröhlicher Fahrt heiter zum Hafen zurück und wie gewöhnlich und natürlich ſo hungrig, daß wir nur raſch in eine nahe kleine Schenke eilten, um uns mit derber Seekoſt zu ſtär⸗ ken. Da trafen wir den Kapitän wieder, wie er mit dem dicken Wirth, auch einem frühern Schiffer, in vertrauli⸗ cher Unterhaltung war. Wir ſetzten uns an ſeinen Tiſch, kamen in ein lebhaftes Geſpräch, luden ihn endlich zu unſerm Getränk ein, und fanden dann in den folgenden Stunden immer mehr, daß wir es mit einem Menſchen zu thun hatten, der vielleicht nicht Viele ſeines Gleichen haben mag. Von allen Fächern, die man nur aus Büchern erlernen kann, wußte er augenſcheinlich gar nichts. Da⸗ gegen hatte er ſich ebenſo augenſcheinlich durch ſein wech⸗ ſelvolles reiches Leben, durch ſeinen Verkehr mit allen möglichen Leuten eine Art Bildung angeeignet, die ihn zu befähigen ſchien, in jedem Kreiſe mit Ehren zu beſtehen. Man wußte nicht, ſollte man ſich mehr verwundern über dies endloſe, unermeßliche Umhertreiben auf allen Mee⸗ ren und in allen Ländern, oder über die wunderbare Weiſe, wie er beobachtet und in ſich aufgenommen, wie er es wieder heraus zu geben verſtand. Und wieder wußte man nicht, ſollte man mehr die Talente bewundern, die in dieſem Graukopf ſich regten, oder mehr beklagen, daß ſie nie zur rechten Ausbildung und Vollendung gelangt, nie ihn auf die paſſende und gebührende Stelle geführt. Und wie ich bereits am erſten Tage bemerkt hatte, es ſprach ſich in ſeinem Weſen und Reden zwar ein ruhiges 1859. XXIV. Vergangene Tage. 12 186 Selbſtgefühl, eine gewiſſe Sicherheit und Beſtimmtheit aus, aber es zeigte ſich nicht eine Spur von Hochmuth oder Prahlerei und Aufſchneiderei, dieſem faſt durchgän⸗ gigen Fehler„vielbefahrener“ Seeleute. Ruhig und be⸗ ſcheiden kam's heraus und ſo klar und ſo— porträtirt, will ich ſagen, daß jeder von der Wahrheit und Richtig⸗ keit ſeiner Mittheilungen und Anſichten überzeugt ſein mußte. Es begreift ſich von vornherein, daß ich dies Alles an dieſem erſten Abend unſeres Zuſammenſeins wohl in ſeinen Grundzügen herausfand und verſtehen lernte, daß ich aber, um voll in ſein Weſen einzudringen und das eben Geſagte wirklich ſagen zu können, erſt länger und oft mit ihm verkehren mußte. Das geſchah denn auch nach dieſem Zuſammenſein. Ich bin in meinem Leben oftmals in ziemlich ſelt⸗ ſame Geſellſchaft und in einen nicht ſelten wunderlichen Verkehr mit allerlei Leuten gerathen, ohne daß ich mehr als nur hie und da anzugeben wüßte, wie das zuerſt ſo gekommen, wie und weßhalb es ſpäter ſo weiter gegan⸗ gen, ſo freundlich und zutraulich geworden. Hin und wider freilich bin ich auch Einem wohl wie ein Liebhaber auf Schritt und Tritt nachgelaufen und habe mich an ihn gehängt. Bei Vicent war das aber nicht der Fall. Mit dem war ich knall und fall vertraut. Er beſuchte mich in meiner Wohnung, ich kam zu ihm in ſein ſauberes klei⸗ nes, echtes Schifferhaus; wir liefen Tags zuſammen um⸗ her und ſaßen Abends an einem Tiſch vor unſern Glä⸗ ſern. Nur zu einem Geſchäft war er nie mein Gefährte— bei den Segelfahrten im Boot; doch war das nichts Beſonderes. Faſt alle alten Schiffer, die immer nur auf größern und großen Schiffen gefahren, haben vor ſo ei⸗ nem offenen Dinge einen heilloſen Reſpekt, ja eine wahre Angſt, als ſeien ſie darin in ſteter Todesgefahr. In ſeinem Hauſe lebte er allein mit einer alten Wirthſchafterin, die er Gott weiß wo aufgetrieben hatte, die aber ihr Geſchäft vortrefflich verſtand und eine mei⸗ ſterliche Köchin war. Ich habe bei ihm ein paarmal ganz ausgezeichnet gegeſſen— er hielt was darauf, denn er war in ſeiner Weiſe etwas von einem Gourmand, und konnte ordentlich in Aufregung gerathen, wenn er der Küche auf den Antillen und in einigen ſüdamerikaniſchen Häfen gedachte. Beſſer aber noch tranken wir dazu, und zwar nur ſüdliche Weine von einem ſolchen Feuer und ſo edel, daß ich ihn einmal fragte:„Kapitän, woher bezieht Ihr die nur?“ Denn ich nannte ihn auch Ihr, weil er mich, ſobald wir bekannter waren, gebeten hatte, ihm den einzigen Gefallen zu thun,„das dumme neumodiſche Sie“ wegzulaſſen. „Was geht's Euch an?“ entgegnete er gutgelaunt 12*¾ 188 auf meine Frage und ſchlürfte dabei mit Behagen ſein Glas Syrakuſer;„trinkt doch und fragt nicht. Wenn Ihr aber an dem Säftchen Vergnügen findet, ſo kann ich Euch wohl eine Quelle zeigen. Heut' Abend will ich Euch abholen, wenn Ihr nichts Beſſeres zu thun wißt.“ Und ſo geſchah's. Er holte mich ab, führte mich durch allerlei Quergaſſen und trat zuletzt mit mir in ein kleines Wirthshaus nicht fern von ſeiner Wohnung und gleichfalls am Hafen, das mir bisher nur als gewöhnliche und ziemlich verrufene Matroſenſchenke bekannt geworden. Da gingen wir durch das große branntweindunſtige Gaſt⸗ zimmer und traten in eine kleine Nebenſtube, deren Fen⸗ ſter grade auf den Hafen hinausführten. Jetzt war es da draußen freilich ſtill; zu andern Zeiten aber mußte man in ein unendlich bewegtes buntes Leben hinein⸗ blicken, und ich kann mir noch heute keinen beſſern Platz für einen alten Seefahrer denken, der von ſeinem alten Beruf nicht gänzlich ſcheiden will. Man ſchien meinen Begleiter und ſeine Wünſche zu kennen. Denn gleich nach unſerem Eintritt kam der Wirth mit einer Flaſche und zwei Gläſern, rückte den Tiſch und zwei Stühle zum Fen⸗ ſter, holte aus dem Wandſchrank eine friſche Cigarren⸗ kiſte und Feuerzeug und verließ uns dann mit einem: „Du weißt ja Beſcheid, Georg.“ In der That, das war derſelbe edle Wein von Syrakus, den ich Mittags beim Kapitän ſelbſt erprobte. „Trinkt mit Bedacht,“ ſagte er, da er mich wohl⸗ gefällig koſten ſah,„er iſt's werth. Aber— reinen Mund, mein Junge!“— Von der Zeit an verging keine Woche, wo wir nicht wenigſtens am Sonnabend Abends dort waren; gemein⸗ hin traf es ſich aber auch noch in der Woche einigemal, denn ich ſah nie ein heimlicheres Plätzchen, ich fand nie einen beſſeren, gleichmäßigeren, freundlicheren Geſellſchaf⸗ ter, und vor allen Dingen nie beſſere Getränke und Ci⸗ garren zu ſo mäßigen Preiſen. Und wenn wir ſo bei ein⸗ ander ſaßen in belehrender oder munterer oder intereſſan⸗ ter Unterhaltung, geſchah es mehr als einmal, daß es unvermerkt tiefe Nacht ward, bevor wir loszukommen ver⸗ mochten, ſo ſehr auch zuweilen der alte Wirth über uns ſchmälte oder ſo laut er zu andern Zeiten in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl ſchnarchte. Einmal Abends holte er mich wieder ab, und wir ſaßen dann lange und wie gewöhnlich allein auf unſeren nun ſchon herkömmlichen Plätzen. Es war gegen elf Uhr, vielleicht auch darüber, der Lärm im Nebenzimmer hatte mit den letzten andern Gäſten aufgehört und die beiden Lampen dort waren ausgelöſcht. Wir hatten keine Luſt, ſchon nach Hauſe zu gehen, denn es war gerade ein furcht⸗ bares Wetter; der Aequinoctialſturm brauste mit don⸗ nernder Gewalt über Hafen und Haus, die Schiffe drau⸗ 190 ßen knarrten und ächzten an ihren Ankern, die Laden der Fenſter klapperten vor den gewaltigen Stößen, die zu⸗ gleich eine wahre Sündflut von eiſigem Regen peitſchend mit ſich trugen. Doch iſt es nicht der Sturm, der mir den Abend in der Erinnerung hält, ſo lange ich lebe; denn ſeines Gleichen kann man dort öfter erleben. Wie es zuweilen geſchieht, waren wir ſeit einiger Zeit ſtill geworden, wir ſahen vor uns hin oder dem ſich kräuſelnden Cigarrenrauch nach, wir lauſchten auf die furchtbaren Stöße, die das Haus zittern machten, auf das Sauſen und Pfeifen, das Regenpraſſeln und das dumpfe Wellenbrauſen, wir tranken einmal von unſerem Wein und ſchwiegen. Der Wirth hatte ſich nach einem vergebli⸗ chen Verſuch, uns zu entfernen, wie gewöhnlich murrend in ſeinen Lehnſtuhl zurückgezogen und ſchnarchte jetzt, als ob er's drauf abgeſehen, es dem Sturmtoſen zuvor⸗ zuthun. Wir waren ſeit einiger Zeit in einen Kurſus über Schiffsbau und Schiffstakelung gekommen, und Vicent hatte mir vorhin zur beſſern Anſchaulichkeit und„Expli⸗ kation“ ein großes Schiff mit allem Stengen⸗ und Tau⸗ werk mit Kreide auf den Tiſch„geſchrieben“, von der großen Raa bis zur Oberbramraa und vom Spanker bis zum Außenklüver, ſo daß es theils wirklich hübſch, theils höchſt inſtructiv war. Und nun ſaß er mir ſchwei⸗ gend gegenüber, den Rock ausgezogen wie gewöhnlich und die Manſchetten ſeines feinen Hemdes zurückgeſchlagen von den braunen Händen. Und ich ſeh' ihn noch, wie er daſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt, das kraftvoll⸗männliche und doch wieder gutmüthige Geſicht unbewegt, das blaue ſcharfe Auge bald zur Zeichnung geſenkt, bald mit einem gedankenvollen, man könnte ſagen, abweſenden Blick zu mir, zu den Fen⸗ ſtern, dem Rauch nach erhoben. Der Zug um den Mund, die leichten Furchen quer über die hohe Stirn, die frei gezogene graue Augenbraue— das Alles ſprach wohl von dem Lebensernſt und den reichen Erfahrungen des weit umhergetriebenen Mannes; aber man las kein Unglück, keine Härte, nichts Schweres und Sorgenvolles heraus, wie man es doch ſonſt an alten Schifferköpfen begreiflicher⸗ weiſe ſo oft findet. Man ſah's, der Mann war in ge⸗ faßter Ruhe, in vollem Frieden. Und das Licht unſerer Lampe ſiel im ſcharfen Strahl auf den grauen Kopf, auf das braune Geſicht. Ich weiß noch, daß ich in dem Au⸗ genblick ernſtlich bedauerte, kein Maler zu ſein. Es müßte ein prachtvoll Bild gegeben haben in dieſem Licht, in die⸗ ſem Schatten. Da ließ er die Hand auf den Tiſch ſinken, nahm die Cigarre aus dem Munde, trank ſein Glas leer, füllte es wieder, und da die Flaſche leer war, rief er: „Wirthshaus, he alter Schnarchbär, wird's bald? Die Flaſche iſt leer, Burſch, bring' uns immer noch eine neue! Sollſt heut' Verdienſt haben.“ Und als der Alte mit einer neuen Flaſche aus dem Nebenzimmer zurückkam und ſie geöffnet hinſtellte, nippte Vicent von ſeinem Glaſe, daß er noch einige Tropfen hineingießen konnte— denn er war in dergleichen von beſonderer Aufmerkſamkeit— darauf hieß er mich aus⸗ trinken und füllte auch mein Glas— und dann war er wieder ſchweigend mit einer neuen Cigarre beſchäftigt. Das fiel mir auf. Er war ſtiller als je und trank nicht mehr, aber anders als ſonſt: er ſtürzte von Zeit zu Zeit die vollen Gläſer hinunter. Genirt hatte ich mich ihm gegenüber niemals, und ſo ſagte ich:„Was gibt's, Kapitän? Es iſt nicht ganz recht mit Euch!“ Er ſtreifte mich flüchtig mit einem leiſe lächelnden Blick, richtete dann das Auge auf die Lampe, und ohne es von dort wegzuwenden, ſprach er erſt nach einigen Augenblicken:„Ja ſeht, mein Junge, der Menſch iſt eine recht ſeltſame Kreatur. Ich hätt' wohl Grund zu⸗ frieden zu ſein und ruhig zu bleiben,“ fuhr er fort und legte ſich mit den beiden Armen läſſig auf den Tiſch. „Ich hab' Unruh' genug im Leben gehabt und mich nach der Ruhe lang genug geſehnt. Und doch, wie ich Euch da das Schiff„hinſchreibe“, und wie es da draußen weht und tobt— Junge, Gott verdamme mich, aber ich ſehn' mich nach meinem alten Leben draußen in See und Sturm, Gott verdamme mich!“ Er ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und ſein Auge blitzte dunkel und heiß. Es war was Wildes in dem Blick, wie bei einem Thier, das längſt gezähmt, plötzlich ſeiner frühern Natur ſich erinnert. Ich hatte den Blick noch nie an ihm geſehen. „Ja, Gott verdamme mich,“ fuhr er wieder fort, und ſtürzte ſein Glas hinunter.„Das iſt was! Ein flinkes Schiff, eine ſtramme Briſe, ein offenes Lee, eine wackere Mannſchaft— und ein Feind, der ſich finden läßt! Seht, ſo hab' ich gelebt, und es war beim Donner ein Leben, wie ich's nicht beſſer möchte und wüßte mein Lebenlang! Und wenn ich nicht ſo ein alter halblahmer und einäugiger Hund wäre, und wenn ich wäre wie Ihr— kein Teufel brächte mich dazu, daß ich meine Knochen am Lande ver⸗ faulen lieſy, wie jetzt. Aber es iſt aus mit mir,“ brach er ab, indem er ſich auch an die Stuhllehne zurücklegte und das Auge wieder ruhig ward,„weiß Gott, wo die Planken ſchwimmen, auf denen ich vordem ſtand! Die Kameraden ſind auch davon— wo ſind ſie? Und ich habe mich zur Ruh' geſetzt.“ Und ein Lächeln fuhr über ſeine Züge, wie ich es ſonſt weder an ihm, noch bei ſonſt Jemand geſehen, ſo 194 verzerrte es ſein Geſicht in Bitterkeit, Hohn und Haß. Aber kaum bemerkt, war's auch ſchon vorüber, und er ſchüttelte nur noch ein paarmal leiſe den Kopf mit einem ſo ruhigen Geſicht, als wäre das Gleichgültigſte von der Welt abgehandelt worden. Ich wußte nicht, was ich denken, was ich reden ſollte, ſo überraſcht, um nicht zu ſagen ſo erſchreckt war ich. Was hieß das? Wie kam das? Von Trunkenheit oder auch nur Aufgeregtheit war bei ihm keine Rede heute ſo wenig wie je. Denn wenn er auch viel trank, ſo war dies Viel für ihn und ſeine Natur doch noch wenig, und über⸗ dies blieb er ſtets bei einem Getränk und trank nur ſelten etwas Anderes als Wein. Sagen mußte ich jedoch Etwas, denn er ſah mich an, und ſo meinte ich denn ſo ruhig wie möglich:„Nun, Kapitän, Ihr wählt die Zeit zu Euren Erinnerungen nicht gut. Bei dem Wetter möcht' es auch Euch beſſer am Lande als an Bord und in See gefallen.“ Er lachte ganz munter und ſchüttelte den Kopf. „Das verſteht Ihr nicht, mein Junge,“ ſagte er.„Das Wetter iſt auf hoher See nicht ſo ſchlimm, wie es hier an all' den Häuſern und Läden und Mauern klappert und braust. Es iſt ein ſtetiger, derber Wind und nichts mehr— der Regen könnte freilich davon bleiben. Aber einen ſtetigen Wind hab' ich nie geſcheut auf der See, 195 wenn das Lee offen war. Im Gegentheil war er mir nie ſcharf genug. Ein reguläres Unwetter kennt Ihr hier zu Lande nicht, dazu müßt Ihr erſt einmal nach den An⸗ tillen kommen, in die Meere und Küſten von Amerika— dann macht Ihr Euch nichts mehr aus ſolch einem ehr⸗ lichen Wind— oder könnt ihn auch Sturm nennen, wenn es Euch Pläſir macht. Jeder mißt nach ſeinem bekannten Maß.“ „Ei,“ entgegnete ich lachend,„von Stetigkeit merk' ich nicht viel. Horcht, wie er ſtößt und ausſetzt.“ „Na ja,“ erwiederte er gut gelaunt,„es iſt wahr, aber was wollt Ihr? Wie ſoll der arme Burſch grade und ungeſtoßen durch all das„Gezeugs“ umher kommen? Draußen iſt's anders, und für ein ordentliches Waſſer iſt's doch nur Spielerei.“ Und als ob der Sturm ihn eines Beſſeren und fühlbar von ſeiner Gewalt überzeugen wollte, ſo brach eben jetzt ein Stoß gegen das Haus, daß es bebte in ſeinen Mauern und der Fußboden zitterte, daß der Wirth ſogar im Lehnſtuhl ſein Schnarchen durch ein unwilliges „Na!“ unterbrach. Und zugleich rollte ein dumpfer Don⸗ ner über uns hin. „Ei ſieh, ſieh, iſt der auch da?“ ſprach er kopfnickend und trank bedächtig ſein Glas leer;„am Ende thu ich dem Lande hier unrecht— es hat doch ſeinen netten klei⸗ 196 nen Sturm. Sieh, ſieh, das macht ſich! Und da muß es in dieſen engen Waſſern wirklich kein— „Heiliges— Kreuz!— Was iſt das?“— unter⸗ brach er ſich jäh und ſprang wie von einer Kugel ge⸗ troffen vom Stuhl empor und ſein Haar ſträubte ſich, und ſein Auge brannte gegen das Fenſter, als wollte es durch Glas und Laden ſchauen, und die Cigarre fiel ihm aus dem Munde, und er zitterte ſo, daß er ſich mit beiden Fäuſten auf den Tiſch ſtützen mußte. Und indem erſchallte durch die momentane Stille des ausſetzenden Sturms von draußen noch einmal der grelle, langausholende Schrei einer Frauenſtimme, der ihn bei ſeinem erſten Schallen unterbrochen und empor⸗ gejagt hatte. „Aber um Gotteswillen, Kapitän,“ ſagte ich— ich war gleichfalls aufgeſprungen—„was habt Ihr denn? Das kann Euch doch nicht neu ſein. Wir ſind im rechten Viertel; Matroſen ſcherzen nicht fein noch fanft, und die Weiber, die's mit ihnen halten, ſind auch nicht fein und ſchreien beſſer als eine.“ „Ja, Knabe, ja!“ ſprach er dumpf und verſtört. „Ich weiß, ich weiß das Alles, und bin kein Kind und kein Feigling, und doch— es ſchneidet mir durch Mark und Bein, ſo daß auch ich ſchreien könnte vor Entſetzen, wie das Weibsbild!“ Und damit fiel er auf den Stuhl mehr als er ſich ſetzte, legte beide Hände vor das leichen⸗ blaß gewordene Geſicht, und ich bemerkte, wie auf ſeiner Stirne große Schweißtropfen ſtanden. Ich wußte nicht, was ich ſagen, was ich thun ſollte. Ich habe mehr als einmal bei dieſem oder dem böſe Momenteo, tiefe Erſchütterungen beobachtet und Verände⸗ rungen geſehen, wie ſie kaum ſchneller und ſchärfer gedacht werden können. Aber, um das nochmals zu wiederholen, bei Vicent hatte ich dergleichen am wenigſten erwartet. Waren hinter dieſen ruhigen Zügen, hinter dieſem ſtillen, geſetzten Weſen dennoch böſe Tiefen? Wir ſind ſo ein⸗ geſchnürt in die ſeit unſerer Kindheit uns überlieferten Anſichten und— Narrheiten, daß wir ihnen unwillkürlich immer von Neuem anheimfallen und nachlaufen. Der ſtille, ruhige Mann da vor mir hatte, ſo viel ich wußte, ſtets ein ziemlich geordnetes Leben geführt, ohne beſon⸗ ders ſchreckliche und ſchreckhafte Erlebniſſe. Und wie ſollte er auch! Er ſah weder wie ein Eiſenfreſſer aus, noch wie eine„geknickte Blume“, weder leidend, noch geſpenſtig, noch geheimnißvoll! Im Gegentheil war er ja wie Jeder⸗ mann!— Und nun dieſer Vorfall— ſchon der zweite an dieſem ſchönen Abend! Aber es ſollte noch ganz anders kommen. Denn in dem Augenblick ließ er die Hände vom Geſicht ſinken und— ich mußte mich beſinnen, ob das 198 noch derſelbe Mann ſei, ſo verändert, ſo furchtbar anders war dieſer hier. Ein Geſicht, in dem jeder Zug anders. geworden, ſich verzerrt hatte zu Wildheit und Trotz, ein Geſicht von Leidenſchaften durchwühlt— nicht voreinſt, ſondern jetzt— ein Mund von eiſerner Härte, eine Stirn von furchtbarem, finſterem Drohen, ein Auge von un⸗ heimlicher Starrheit, brennend unter der niedergedrückten Braue— und die Narbe brennend roth, und das ſonſt ſo ſaubere Haar jetzt wirr und ſtruppig über die Stirn hängend. Und von der Zeit an habe ich an die Anekdote von großen Schauſpielern geglaubt, die ihr Geſicht ſo verändern konnten, daß ihre beſten Freunde ſie nicht er⸗ kannten. Wäre er mir ſo auf der Straße begegnet, ich hätte ihm erſtaunt nachgeſehen, als einer ganz unbekann⸗ ten und höchſt auffallenden Erſcheinung. Und ein Schau⸗ ſpiel war dies hier nicht, ſondern bittere Wahrheit, und ich erſchrack ſo beim erſten Anblick, daß ich mit einem lauten Ausruf wie vor einem Geſpenſt zurückfuhr. „Nur ſachte, mein Burſch, nur ſachte!“ ſagte er mit höhniſchem Ton und wildem, verachtendem Lächeln, das ich gleichfalls in ſeinem Geſicht nie bemerkte und auch für unmöglich gehalten hätte, wenn ich's nicht ſelbſt ge⸗ ſehen.„Brauchſt nicht zu ſchreien, ich beiß' Dich nicht. Erſchrick nicht wie ein altes Weib, ich thu' Dir nichts, ſag' ich. Was iſt's denn groß, wenn ſo ein alter Menſch ſich einmal an ſein altes Geſchäft erinnern muß und da⸗ mit auch die alte Fratze wieder annimmt? Hab' den Pfaffen geglaubt und der alten Weiberrede, daß man ſich wieder herausleben könne aus der Sündhaftigkeit, wie die das nennen— und habe gelebt wie die zahmſte von euch Landratten, und gedacht, der im Himmel dort oben ſei zufrieden und Alles gut und charmant, und mein Alt⸗ Weiberleben als Buße angenommen. Und da geht'’s mir ſo! Da bin ich wieder mitten darin! Was ſchiert mich der Himmel oben und die Hölle unten? Das in dem Menſchen, das Erinnern, das Grübeln, das Gedenken— das iſt Himmel und Hölle! Und was nützt mir die Buße, das glatte Leben, wenn ſie mich davon nicht los machen?“ Er war aufgeſprungen, er ging im Zimmer umher, er ſtieß ſeine Worte in kurzen Sätzen, in Pauſen aus, er ſchlug dazwiſchen einmal mit der Fauſt auf den Tiſch oder eine Stuhllehne, er ſtieß ingrimmig mit dem Fuß nach dem, was ihm im Wege war. Mir war unheimlich zu Muthe. Was bedeutete das Alles? Was hatte er in ſich? Indeſſen mußte Etwas geſchehen, denn ſo ging das nicht fort. Halb, wie geſagt, war mir unheimlich, halb aber war es mir auch widerwärtig; ich habe dieſe Art von Unglauben und Blasphemiren niemals leiden kön⸗ 200 nen. Und ſo faßte ich denn meinen Entſchluß und ſagte anſcheinend eiſig kalt:„Wozu all' die Reden, Kapitän? Ihr ſeid eben grauſam erſchrocken über den dummen Schrei einer Matroſenſchönen. Und nun— was wollt Ihr eigentlich?“ Ich habe die Wirkung einer ſolchen Rede bei heftig Aufgeregten mehr als einmal zu beobach⸗ ten Gelegenheit gefunden und ſelten mich in meiner Ab⸗ ſicht getäuſcht geſehen; ſie gelang mir auch hier. Er blieb mitten im Zimmer ſtehen, und je weiter ich ſprach, deſto feſter und drohender ruhte ſein Blick auf mir. Als ich zu Ende war und noch einmal wiederholte: „Was wollt Ihr eigentlich?“— trat er auf mich zu. Am liebſten, glaub' ich, wäre er über mich hergefallen, ſo wüthend ſah er aus. Doch wagte er es nicht oder beherrſchte er ſich— kurz, mit einem Mal warf er die Arme auf den Rücken, das verächtliche Lächeln verzerrte noch einmal ſein Ge⸗ ſicht, und er ſagte:„Ja, habt recht, muß Euch erſchei⸗ nen wie ein Verrückter oder ein altes Weib. Ja, was will ich?— Euch erzählen davon will ich, Burſch. Dann könnt Ihr ſelbſt ſagen, ob's Kinderſpiel iſt. Euch erzäh⸗ len— kann doch nicht ſchlafen.“ Und damit ging er ruhigen Schritts zu ſeinem Stuhl zurück, ſetzte ſich, nachdem er noch ſtehend ſein Glas geleert und eine neue Cigarre genommen, ſchlug die Arme über einander und ſah mich eine lange Zeit feſt und ernſt an. Erſt nach einer geraumen Pauſe begann er zu reden. „Ihr wißt,“ fing er an,„ich bin drüben an der Küſte geboren, eines Schiffers Sohn und von jung auf bei meinem Geſchäft geweſen, zuerſt in Küſtenfahrern, dann zum Verſuch auch'nmal nach England, dann in die Mittelländiſche See und endlich immer ſo weiter. Als ich von meiner erſten Reiſe nach dem Cap zurückkehrte und wieder bei meinen Alten war, ſtarb mein Vater, und da ich mich mit der alten Frau nicht recht vertragen konnte, ließ ich mich ſo bald wie möglich von Kapitän Gering auf das Vollſchiff„die ſieben Schweſtern“ heuern zu ei⸗ ner Reiſe nach dem dazumal noch hiſpaniſchen Amerika. Wir hatten Leinenwaaren, Porzellan und allerhand Der⸗ artiges zur Fracht, was man drüben immer gerne hat. „Die Reiſe ließ ſich unglücklich an. Wir waren am Donnerſtag Abend fertig mit unſerer Fracht, waren ausklarirt und wollten am Sonnabend Anker lichten. Allein ſchon am Freitag Nachmittag, da der Kapitän eben noch einmal zur Stadt wollte— er hatte da einen Schatz— packte uns eine jähe Bö aus Nord⸗Nord⸗Weſt auf eine ſo rauhe Weiſe, daß wir auf der hundsfött'ſchen Rhede triftig wurden und nur die Wahl hatten, auf den Strand geworfen zu werden oder in See zu gehen. Das 1859. XXIV. Vergangene Tage. 13 202 wollte Keinem von uns Allen zu Kopf und ſchien uns von übler Vorbedeutung, von dem Unglückstage ganz zu ſchwei⸗ gen. So geſchah es auch. Eine ſchlimmere Fahrt als die damalige habe ich Zeit meines Lebens nicht gehabt. Und als wir endlich nach zwölf Wochen auf der Höhe von Cuba waren, wurden wir aufgebracht. Es war ein böſer Tag voll Blut und Unglück; doch habe ich weiter nichts davon zu ſagen, als daß unſrer Vier von Allen allein übrig blieben und gezwungen wurden, bei den wilden Ge⸗ ſellen einzutreten. Das hatte man uns auch nicht an un⸗ ſerer Wiege geſungen.“ Ich weiß nicht, ob es mir gelingen kann, dem Leſer mit dieſem Anfang ſeiner Erzählung denſelben Eindruck zu machen, den er auf mich hervorbrachte. Er erzählte ganz ruhig, beinahe kalt, aber ſowohl in ſeinem Ton, als auch in der ganzen Art und Weiſe war trotz der kla⸗ ren, einfachen Worte etwas gewiſſenmaßen Dumpfes und Schweres, wenn ich ſo ſagen darf— etwas wie eine bit⸗ tere Reſignation: ſo war's und ſo ward's einmal.— Ich bin überzeugt, daß dieſe Weiſe mich auch ohne den Vorgang des oben Erzählten gleich unheimlich berührt haben müßte. Und nun kamen noch ſeine letzten Worte von den„wilden Geſellen“ dazu; ich konnte mich nicht enthalten zu fragen:„Wer waren die wilden Geſellen, Kapitän? Wer brachte Euch auf?“ Da zuckte wieder jenes halb wilde, halb verächtliche Lächeln über ſein Geſicht, und er antwortete:„Ja, mein Püppchen, ich möcht's Euch gern erſparen, aber es geht nicht. So haltet Euch denn hübſch feſt, daß Ihr nicht vom Stuhl fallt. Das Schiff, das uns nahm und Drei⸗ viertel von uns über Bord ſpazieren und einen Beſuch bei den Haifiſchen machen ließ, war der„Feuerſtrahl“, der dort zu Lande damals im weitſten Ruf ſtand, und die Mannſchaft hatte weder mit Rheder, noch Cargadeur, noch ſonſt Jemand zu thun. Sie war das Alles ſelber. Und Ihr könnt die tollen Geſellen auch Piraten nennen, wenn es Euch ſo beſſer gefällt. Alſo— Piraten; und nun— erſchreckt Ihr nicht, armer Junge?“ Es war etwas wahrhaft Widerwärtiges in ſeinem Ton und Weſen, ſo etwas Verbiſſenes, Beleidigendes, und ich hatte auf der Zunge ihm zu ſagen: Mein guter Mann, wollen wir auch lieber nach Hauſe gehen? Allein er war in einer kurz angebundenen Laune und hätte nicht ein⸗ gelenkt, ſondern ſich auf immer von mir geſchieden. Und das wollte ich nicht. Alſo zuckte ich nur die Achſeln und meinte ſo gleichgültig wie möglich:„Und was weiter, Kapitän? Beunruhigt Euch nicht meinetwegen; ich ſorge am beſten ſelbſt für mich.“ „Ihr nehmt's kaltblütig,“ ſprach er mich fixirend und nahm die Cigarre aus dem Munde. 13* 204 „Nun, ſollte ich vielleicht anfangen zu ſchreien und zu heulen?“ war meine ruhige Antwort. „Das nicht,“ verſetzte er noch immer mit demſelben ſtarren Blick;„aber iſt Euch das etwas ſo Geläufiges— Piraten?“ „Das nicht,“ ſagte ich gleichfalls;„doch ich habe nach dem, was heut' Abend paſſirte, kaum etwas Anderes erwartet. Wenn Ihr einmal ein alter Sünder ſeid, was wollt Ihr denn viel anders geweſen ſein? Dabei kommt es nicht auf ein bischen auf und ab an.“ „Da habt Ihr recht,“ erwiederte er jetzt lachend; „aber kaltblütig nehmt Ihr's, Gott verdamm's! Und ich wollte, ich könnte das auch. Doch wir wollen das dumme Gezänk laſſen, und ich will weiter erzählen. Trinkt Euer Glas aus.“ Und als er die Gläſer neu gefüllt, fuhr er fort. „Es war ein wildes Leben, und zuerſt ward mir dabei vor den Augen grün und gelb; allein der Menſch gewöhnt ſich an Alles, und ſo ging es auch mir nach und nach— erſt ward es mir egal, dann machte es mir Spaß und zuletzt mocht' ich nimmer davon ab. Dazu kam, daß der Steuermann bei unſerem erſten Gefecht erſchoſſen wurde und, da Niemand da war, ihn zu erſetzen, ſeine Stelle von den Kameraden mir anvertraut ward. Das ſchmeichelte und gefiel mir; man hatte Vertrauen zu mir und ich konnte was nützen. Und das iſt mir alle Tage meines Lebens die Hauptſache geweſen, ich habe nie um⸗ ſonſt einen Poſten oder ein Amt haben mögen. Was mir allein nicht zuſagte, war, daß unſer Kapitän ein Unmenſch und Bluthund war, und daß es da oft gar kein Hem⸗ men und Zurückhalten gab. Und unſere Burſche waren ſo ſchon wild und grauſam genug, ſie bedurften dazu nicht erſt eines beſondern Leiters; Einer, der ſie zurückhielt, wäre ihnen viel nöthiger geweſen. Der Kapitän war da⸗ mals ein Engländer und hieß John; es war ein böſer Geſell, freundlich nie, und wenn einmal gereizt, wie ein wildes Thier. „Ich war ſchon ein Jahr an Bord und darüber, hatte Manches mitgemacht und dachte nicht an's Davon⸗ gehn; mit den Kameraden ſtand ich mich gut, ſie liebten mich und hatten Reſpekt vor mir, ſo daß ich mehr als einmal ihrer Unmenſchlichkeit hatte Einhalt thun können, trotz des Kapitäns, mit dem es dann jedesmal einen har⸗ ten Strauß geſetzt. Das Letztemal, wo er wieder die ganze Mannſchaft des beraubten Schiffs über Bord ſpazieren laſſen wollte, hatte ich ihm ſogar ruhig und feſt geſagt, daraus werde nichts, und es dahin gebracht, daß die noch Uebrigen mit ihrem leeren Schiff gehn konnten, wohin ſie wollten. Wozu ſollte die Unthat? Man kannte uns zur Genüge an der ganzen Küſte, heimlich war unſer Treiben — — —— 206 längſt nicht mehr, und wenn wir uns nicht durchſchlugen oder entfliehen konnten, ſo waren wir doch geliefert. Nun, er gab dann auch nach, da er nur wenig Geſellen auf ſei⸗ ner Seite und überdies in der letzten Zeit bei ſeinen Anſchlägen und Ausführungen kein Glück gehabt hatte. So was wirkt wunderſam. „Als wir zuletzt auf Cuba landeten, erfuhren wir, daß man ein Schiff mit einer ſchwer reichen Ladung von Spanien erwartete, und ſeine Connaiſſements ſeien aus⸗ geſtellt nach Matanzas auf das Haus des Don Criſto⸗ bal Lopez. Das war uns recht; wir hatten ſeit einiger Zeit Unglück gehabt; entweder waren die Ladungen für uns nicht nutzbar und nicht der Rede werth, oder die Schiffe entkamen uns, oder wir wurden auch einmal derb auf die Naſe und abgeſchlagen. Und zudem ſaß uns eine engliſche Achtzehnkanonenbrigg auf den Hacken, wo wir uns ein wenig länger aufhielten, und ließ uns kaum noch ein Geſchäft in rechter vergnügter Ruhe ausführen. Ueber⸗ dies hatten wir auch auf Don Criſtobal noch ein beſon⸗ deres Auge. Er hatte nie eine Ladung durch uns verloren, rühmte ſich deſſen und hatte gemeint, wenn man ein gutes Schiff, einen tüchtigen Kapitän und brave Mannſchaft habe, brauche man einen Baltimore⸗Schoner und ein paar Dutzend Piraten nicht zu fürchten. Es würden an⸗ derwärts auch flinke Schiffe gebaut, und wilde und wak⸗ kere Geſellen gäb's auch an einem ehrlichen Bord. Da mußte man ihm doch den Unterſchied einmal zeigen. „Wir hatten acht Tage gekreuzt und nichts bemerkt und nichts gefangen; ein paar Küſtenfahrer war Alles, was wir nah und fern von Segeln geſehn, und einmal war auch der Engländer draußen vorbei gegangen in ei⸗ ner ſchönen Nacht, aber ohne uns zu bemerken. Es ward uns ungeduldig zu Muth, und zornige Klagen wurden ge⸗ gen den Kapitän laut, der auch diesmal wieder Unglück hatte. Da bekamen wir am Morgen des neunten Tages Windſtille; ſie währte nur ſiebzehn Tage— aber für uns, in unſerer damaligen Laune waren es hundert Jahre. Ich habe ſchlimmere erlebt, wo wir auf halbe, auf Viertel⸗ rationen Waſſer kamen— und hier fingen wir erſt am zwölften Tage mit den halben und reichten damit aus. Aber ſo wie dieſesmal habe ich nie geſehn, was für eine Beſtie im Menſchen ſteckt, wenn er wartet— nicht mit Ungeduld, ſondern mit Gier, und ihm dazu die Sonne auf den Kopf brennt und ſeine Zunge ausdörrt. „Seht,“ ſagte er ſich unterbrechend, im ſelben kal⸗ ten, ſogar etwas docirenden Ton,„ich erzähle Euch das, denn es gehört dazu, und ich erzähl es gleichgültig, da es mich jetzt nicht weiter inkommodirt und ich was Andres im Kopf habe. Aber in Wahrheit, kann ich Euch ſagen, war es kein Spaß, ſondern furchtbar. Die Planken riſſen, 208 das Pech quoll aus den Fugen, der Kupferbeſchlag war ſo heiß, daß man nicht die Hand daran halten konnte. Und dazu dieſer blaue Himmel und dieſe Sonnenmacht, und dieſer Wiederglanz von der See— und des Tags Glut und des Nachts kochende Hitze— keine Luft, kein Hauch, kein Gott, kein Teufel!— Nichts als blauer Him⸗ mel und ſtille See! Und die Haut zerſprang und das Blut brach aus den Lippen und die Zunge war trocken und die Augen entzündeten ſich. Hört, mein Burſch, es war furchtbar, und ſelbſt dem ſanfteſten von uns kochte das Blut, in dem kühlſten Kopf tobte das Fieber. Wär' es nicht bald anders geworden, wir wären über einander hergefallen, nur um die Glut auszutoben, nur um Blut— Blut zu ſehn; es gab alle Tage ſchon ſchlimme Auf⸗ tritte.— „Und dazu ging's drunten im Meer ſeinen geruhi⸗ gen Weg; das Seekraut trieb und die Seethiere ſchwam⸗ men vorbei, die Schildkröten ſonnten ſich— man hätte ſelbſt eine ſein mögen, um nur einmal ſchlafen zu kön⸗ nen, denn wir Menſchen an Bord thaten es nicht mehr. Und das Schiff lag wie ein Block, und die Haifiſche trie⸗ ben ſich umher unter unſerm Bug. „Als ich am achtzehnten Tage Morgens vor der Sonne auf's Deck taumelte, wo die Wachen betrunken lagen, war mir's, als ſpürt' ich einen leiſen Hauch. Ich ſchrie nicht— ich heulte auf vor Entzücken, ſo daß die halbe Mannſchaft mir nachſtürzte und dann in einen gleichen Schrei ausbrach. Denn ja— es regte ſich die Luft!— Und als ich dann zu Maſt lief und vom Mars meinen Ausguck nahm— da ſah ich drüben in Nord⸗Nordoſt eine ſchwere, mälig aufſteigende Bank, und grade vor ihr her kam mit allem Tuch, das es tragen konnte, ein Schiff. „Mein Ruf, mit dem ich das meldete, wirkte wie ein Donnerſchlag, ſo ſchrieen ſie auf, ſo ſtürzten ſie an die Arbeit. Die Kranken waren geſund, die Trunkenen nüchtern, und in zehn Minuten waren alle Segel geſetzt und die Karronaden geladen und ſchußfertig und die Waf⸗ fen parat. Und wär's eine Fregatte geweſen— diesmal hätten wir ſie angegriffen. Wir mußten einen Kampf ha⸗ ben und—Blut, Blut! „Aber es kam keine Fregatte— es war unſer Spa⸗ niole, wie er leibte und lebte, wie man ihn uns beſchrie⸗ ben.— Und da faßte auch uns die Briſe, der Schoner folgte dem Steuer, wir kamen los von dem verfluchten Fleck und zu ihm hinan, der ſorglos niederkam. „Ich ſeh es noch, wie er in ſeinem ſtetigen Lauf ſchwankte, als ihm unſer erſter Schuß über die Spieren fuhr, damit er beilege. Doch er fuhr wieder ſtetig weiter und die Luügliſce Flagge ging in die Höhe. Allein das irrte uns nicht; unſere nächſte Kugel koſtete ihn die 210 Fockraa und die Leeſegel kamen herunter wie eine Wolke. Aber wenn wir ihn damit zu haben gedachten, hatten wir arg in die Kohlen geſchlagen. Im Nu hatte er gewendet und das Wrack vom Halſe, und dann lief er hin vor der ſich ſtets friſchenden Briſe, ſo ſtolz, ſo leicht, daß wir wohl ſahen, wie Don Criſtobal ſo unrecht nicht hatte; das Schiff war edel und ſeine Mannſchaft mit ihrem Ka⸗ pitän ſo brav, wie eine auf der Welt. „Zu einer andern Zeit hätt's mich ihrer jammern können, aber damals war auch ich nur voll heißer Gier. Und unſer Schoner ward jetzt auch lebendig und that, was in ſeinen Kräften ſtand. Dagegen konnte denn kein ander Schiff auffommen. Und dennoch jagten wir ihn vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Abend, und vom Abend wieder bis zum Morgen, ohne ihn recht faſſen zu können, denn es war ein trefflicher Segler. Doch am folgenden Morgen erreichten wir ihn mit unſerer langen achtzehnpfündigen Karronade, knickten ihm eine ſeiner Federn nach der andern, und eine Stunde nach Sonnenaufgang hing er matt an unſern Enterhaken. „Ich will Euch nicht davon erzählen. Die Zeit vor⸗ her hatte uns erhitzt; die Jagd hatte uns nicht ab⸗ gekühlt. Der Spaniole ergab ſich auch nicht wie ein fei⸗ ger Hund, ſondern wehrte ſich mannhaft. Und bei uns war Niemand, der da kalt geblieben. Kurz, es war eine Stunde voll Blut, und es blieb nicht ein Leben an ſeinem Bord von Allen, die wider uns gekämpft. Das habe ich öfter erlebt— und dabei wär' nichts, das mich dran be⸗ ſonders gedenken ließe. Es war ein Spiel: Du oder ich— und ſo war's wett. Aber nun!— Er holte tief Luft und ſchwieg einen Augenblick. „Als es ſtill droben war, als das Geſchrei, das Schießen und Klirren verſtummt war, da kam von unten ein gellender Ruf, und indem flog es ſchwarz die Leiter herauf, und auf dem Verdeck ſtand ein Weib in dunklen Gewändern— glühend— entſetzt— zitternd vor Schreck und Angſt— ein paar wilde Geſellen ſtürzten hinter ihr drein— und ſie ſah wild nach dem Blut und den Lei⸗ chen, und ſie ſah entſetzt auf die wilden, geſchwärzten, blutigen Burſche umher, und indem heftete ſich ihr Blick auf mich, und mit einem neuen Ruf ſtürzte ſie durch die Menge und warf ſich mir zu Füßen und umſchlang meine Kniee und drückte das Geſicht dagegen—„Don Jorge!“ rief ſie ſtöhnend,„Don Jorge!“ „Wie durchfuhr es mich! Es war Donna Tereſa, die Gattin eines deutſchen Kaufmanns in Cadiz, in deſſen Hauſe ich auf zwei meiner frühern Fahrten mit meinem Kapitän oft genug geweſen und daſelbſt ſehr viel Gutes empfangen hatte. So was vergißt ein armer Matroſe nicht. 212 „Hätt' ich mich beſonnen, ich weiß nicht, was ge⸗ ſchehn; denn klug war meine Einmiſchung nicht. Aber ich beſann mich nicht. Ich riß mich los und warf mich vor ſie und ſchrie den wilden Burſchen entgegen:„Wehe dem, der ſie anrührt! Dies Weib iſt mein!“ Und in der einen Piſtole hatte ich noch einen Schuß und mein Degen war noch ſcharf. So ſtand ich vor ihr, und bei Gottes Donner, ich hatte nicht im Sinn zu ſpaßen. „Da ſtellt ſich der Kapitän vor mich hin, mit un⸗ tergeſchlagenen Armen, mit höhniſchem Geſicht— ich ſeh' ſie noch die böſe, mit Blut beſudelte Fratze— und ſo ſtarrt er mich an, ganz ſtumm, was die Stimme anbe⸗ langt, aber die Augen lebendig wie leibhaftige Teufel. Und endlich ſagte er:„Ei, ei, Don Jorge, was Ihr für charmante Bekanntſchaften habt— hätt's Euch gar nicht zugetraut!“ „Damit ſchweigt er zwar wieder, allein ich merk es ſchon, wohinaus es mit den Worten ſoll, und ich ſpreche auch kein Wort, ſondern halte nur mein Piſtol feſt in der Hand, den Finger am Drücker. Das ſieht er, ſein Geſicht färbt ſich noch röther, die Stirne runzelt ſich noch mehr, und mit einem Male bricht er aus:„Aber, mein Burſch, neue Moden führſt Du hier nicht ein. Bekannt⸗ ſchaft hin und her— fort mit Dir an Deinen Poſten, und das Weib in meine Kajüte!— Kein Wort!— Schnell!“ „Aber es gehorchte ihm Niemand. Sie ſahen's mir an, wie es in meinem Sinne ſtand, und, wie ich Euch ſagte, hatte ich auch meine große Partei an Bord, die feſt zu mir hielt. Je mehr ich nun fühlte, daß eine Ent⸗ ſcheidung nahe ſei, deſto kaltblütiger und entſchloſſener wurde ich, und ſo wartete ich— nein, zu warten hatte ich nicht mehr, denn er ſprang bei meinem Säumen auf mich ein, wie ein Tiger— in demſelben Augenblick ging mein Schuß los, er ſtürzte im Fallen auf mich und riß mich um. Aber ich ſtand im Nu wieder auf meinen zwei Beinen. Das ging ſo ſchnell wie ein Gedanke, und wenn ich's ebenſo ſchnell erzählen wollte, müßte ich eine Zunge haben, wie ein altes Weib oder ein Franzoſe.— „Was jetzt geſchah, brauche ich Euch nicht zu ſagen. Genug, ich ward damals der Kapitän der Schaar, nach⸗ dem man mich feierlich von aller Schuld an dem Tod⸗ ſchlag freigeſprochen. Und mein erſtes Werk war, daß wir uns mit der günſtigen Briſe davon und in unſern eigenen Hafen machten. Die See hatte an dieſem Tage ſo viel von uns zu ſehn gekriegt, daß wir bange hat⸗ ten, die Wellen ſogar möchten plaudern. Wir wollten ſie erſt vorüberziehn laſſen.“ Er machte eine neue Pauſe und ließ mir Zeit über das Erzählte und ſeine Weiſe dabei nachzudenken. Wie ich ſchon oben geſagt, es war für mich eine Studie der ſeltenſten Art, die wahrhaft wunderbar klar hervortre⸗ tenden Seelenregungen des Mannes zu beobachten. Wie durch eine Glasdecke ſah man in ihn hinein und erkannte, wie es dort trieb und wogte, wie es ſich gleich ſchweren Wolkenmaſſen langſam empor, neben und vor einander ſchob. Und man bemerkte wohl— was vorhin jäh empor gerauſcht, war nur ein Vorläufer des rechten Wetters ge⸗ weſen. Dann war die Starrheit gefolgt, die Reſignation, und jetzt bei der Schilderung der letzten Scenen zeigte ſich eine Trockenheit und Kälte, die mich ahnen ließen, daß er vielleicht nur darüber hin wollte, etwa weil ihm die Erinnerung peinlich ſei. Und ich hatte mich nicht geirrt. Er fing wieder an.„Ich will Euch das ſchnell ſagen, denn verweilen dabei kann ich nicht, noch mag ich's. Wenn es lang und breit erzählt werden müßte, möchte ich es auch nicht mehr genau in meinem Kopfe zuſammenfin⸗ den.— Die Frau ging mit uns an Land. Aber als ich nach ſechs Wochen wieder in See wollte, weil es mir auf der Feſte nicht länger behagte, da bot ich ihr an, mit uns zu gehn, und verſprach ihr ſie auf das erſte uns begegnende Schiff zu ſetzen, damit ſie dann hinginge, wohin es ihr beliebe. Ihr Mann war freilich todt, wie ich von ihr erfuhr, aber ſie konnte ja zu dem alten Ohm 215 gehn, zu dem ſie eigentlich gewollt, oder wohin es ihr ſonſt paßte.— Ich will Euch bekennen, in Betreff ihrer Sicherheit traute ich meiner Mannſchaft nicht beſonders und, was noch mehr war, ich traute mir ſelber nicht. Der Menſch iſt ein halb armſelig, halb ſeltſames Geſchöpf, und berechnen kann er zuweilen ſich ſelbſt ganz und gar nicht, mag er für gewöhnlich noch fo feſt und ſicher ſein. Und ſeht, Junge, es jammerte mich ihrer, wenn ich mir ſolche Gedanken machte. Sie war ein prachtvolles Weib, von einer Schönheit, wie meine Augen nie und nirgendwo ſonſt gefunden, von einer Sanftmuth und Schüchternheit, und jetzt noch obendrein von einer Trauer— war's über den Mann oder ihre jetzige Lage?— umfangen, die mich wilden Kumpan ganz mitleidig machten. Die, dachte ich, werde an ihren Gedanken ſterben, wenn ſie bei uns bleiben müſſe; ſie war nicht für ſolch ein Leben, ſchien es mir. Mich jammerte ihrer; vielleicht hatte ich ſie auch ſchon lieb. Zwiſchen dem Geſindel, das bei uns für Weiber galt, war ſie auch wie ein Engel Gottes. Und bisher war ihr noch kein unſauber Wort zu nahe getreten. „Als ich nun zu ihr ſprach:„Macht Euch parat, Sennora, ſo und ſo hab' ich's mit Euch im Sinn, wenn es Euch alſo recht iſt!“— da ſah ſie— ſie lag in ihrer Hängematte— langſam und erſt nach einer Pauſe mit 216 ihren großen braunen, ſanften Augen auf. Ich ſehe noch dieſen— unmenſchlichen Blick, wie ſich die Wimpern hoben, ganz allmälig, ganz ſanft— man konnte ordentlich Angſt haben dor dem, was nun dahinter los ſein würde! Und es war auch was da, was Urhbeſchreibliches, ein Feuerſtrahl, ein allmächtiger Blick, ſag' ich Euch— aber gleich hinterdrein war er ſo weich wie genueſiſcher Sam⸗ met. So kam er auch jetzt, ſo haftete er eine Sekunde auf mir. Ihre Lippen blieben aber geſchloſſen. „Iſt es Euch alſo recht, Sennora?“ fragte ich; mir war beklommen. „Sie ſah wieder ſo auf— ſo langſam, ſo blitzend, ſo weich.„Nein!“ ſagte ſie. „Aber was befehlt Ihr dann, Donna Tereſa?“ fragte ich wiederum nach einer Pauſe. „Hier bleiben,“ war ihre Antwort, ohne daß ſie dabei aufſah. „Hier bleiben?“ rief ich;„aber—“ „Doch ich ſprach nicht aus, denn bevor ein Wort weiter heraus war, fuhr ſie von ihrem Lager, ihre Arme lagen wie zwei Flammen um meinen Hals, ihr Köpfchen war an meiner Bruſt wie eine Blume, und ſie flüſterte: „Bei Euch, Jorge, thörichter Mann, bei Euch! Oder— wollt Ihr mich nicht, Sennor Don?“— „Wißt Ihr,“ unterbrach er ſich und legte die Arme 217 auf den Tiſch und ſah mich forſchend an,„wißt Ihr, woran ich zumeiſt denke, wenn ich mir dieſe Hiſtorie einmal wieder recht in's Gedächtniß rufe? Seht, das iſt nicht das allmächtige Glück, das mir damals aufzugehn ſchien, wie ein ganzer glorreicher Frühlingstag, ſondern das iſt das Grübeln: Wie ſah es in ihr aus, als ſie ſich mir ſo an den Hals warf? War es Wahrheit, war ſie es ſelbſt, ihr Herz und ihre Seele, was ſich mir enthüllte? Oder war es eine Komödienſcene? Liebte ſie mich eigentlich ganz und gar nicht und hatte dabei nur irgend einen— der Teufel weiß, welchen Zweck? „Das ſind böſe Gedanken, mein Junge, die Einem das Leben ruiniren können, wenn es nicht ſonſt ſchon rui⸗ nirt iſt. Ich bin auch erſt nach und nach dazu gekommen, ſeit ich älter ward, mir die Welt um die Ohren ſchlug und anfing nachzudenken. Damals war es noch nicht ſo weit. Ich war ein rauher ungeſchlachter Burſch, wenig im Verkehr geweſen mit honetten Leuten; ich that, ich fühlte nach meiner Natur, nach der Eingebung des Au⸗ genblicks, und nachdenken that ich gar wenig. Da war es denn wohl begreiflich, daß ich ſie dazumal nicht erſt lange fragte:„Wie kommt Ihr dazu?“ oder:„Iſt das auch gewiß und wahrhaftig ſo Eure Herzensmeinung?“ ſondern ich hielt ſie in meinen Armen, und mir war, als dürften die nach ſolcher Herrlichkeit nie mehr was Andres 1859. XXIV. Vergangene Tage. 14 218 halten. Meine Augen ſahen nur ſie und mein Herz war voll von ihr.— „Ich habe ſie geliebt, Kamerad, unmenſchlich— unmenſchlich hab' ich ſie geliebt!“ ſagte er und ſchlug das Auge zu mir auf, und es war ſo groß, als ob ſein nächſter Blick ſich in Thränen brechen würde. Aber es kam kein Tropfen, kein Hauch, ſondern nur ein Lächeln, doch es war ſo ſanft, ſo erinnerungstief, möchte ich ſagen, ſo ſchwermüthig, daß es mich bis in's Herz ergriff und mir ward, als ſei er wieder der wackere, mir hochwillkommene Geſelle, der er vor den Begebenheiten dieſes Abends für mich geweſen. So was macht viel wieder gut am Men⸗ ſchen. Und als ich ihm in der erſten Regung meine Hand über den Tiſch hinbot, ergriff er ſie und preßte ſie in ſeine harte Fauſt wie in einen Schraubſtock. „Ja,“ ſprach er dabei,„ſo iſt's wahrhaftig ge⸗ weſen; und es war das was Andres, als wenn Einer von Euch ehrbaren Leuten ſich eine Frau nimmt und ſich vom Paſtor mit ihr die Hände zuſammenſpliſſen läßt, und ſich mit ihr lieb hat, wie's im Buch ſteht. Und wen Jemand ſich an ein Weib hängt und ihm nachläuft, Jahr ein und aus, und Unſinn macht und für ſie Alles in die Schanze ſchlägt— das mag ſchon ſeine Art haben. Aber gegen das bei mir dazumal kommt's ſo wenig auf, 219 wie Eure Sonne hier zu Lande gegen die, welche dort Himmel und Erde und See mit Feuer füllt. So was läßt ſich nicht ſchildern, nicht malen. „Alles um mich her war anders— lauter Duft und Glut. Ich träumte nicht— den Teufel auch, ich wußte und fühlte wohl, daß ich lebte; aber ich kam mir wie ausgetauſcht vor, es ſchien mir nicht möglich, daß ich noch derſelbe Menſch ſei wie vordem. Was ich ſprach— es war anders; was ich that und trieb, es hatte eine andere Manier— es flog, es ſprang, es blitzte Alles nur ſo hin.„ Ich war wie in einem ſteten Rauſch, wenn ich bei ihr war, und wenn ich mit dem Schiff und den Geſellen zu einem neuen Zuge auslief und meine klaren fünf Sinne beieinander haben und— ſo zu ſagen— aufwachen mußte— da hatt' ich keinen Katzenjammer, wie es ſonſt den Trunkenen paſſirt, ſondern war leicht und friſch, keck und froh wie nie zuvor. Was ich unternahm— es gelang, als ob es nicht anders ſein könne; das Schiff glitt wie eine Möve durch die jähſte Bö, es ſtieß wie ein Falke auf den Feind. Ich war barmherziger gegen die Ueber⸗ wundenen als je Einer meines Gleichen. Aber wir hatten auch Glück wie noch nie. Und eine luſtigere, keckere, ge⸗ horſamere Mannſchaſt hat kein Kapitän befehligt, als meine Piraten waren. Sie beteten mich an, Mann für Mann; ich hätte ſie in die Hölle führen können, ohne 14 . 220 daß mir Einer entwichen. Aber ich führte ſie nur zu Beute und Luſt.* „Tereſa begleitete mich anfangs ein paarmal, halb freilich gegen meinen Willen, halb aber, weil ich ihr nicht widerſtehn, ſie nicht entbehren konnte. Dann aber hörte das auf; ſie ſchenkte mir einen Knaben, und ich lernte auch einſehen, daß dieſe Fahrten nicht für ſie ſeien, ſie waren zu gefährlich; und ich liebte ſie mehr von Tag zu Tag, jeder Tropfen ihres Blutes war mir lieb, jedes * Haar ihres Hauptes mir heilig. Wie ſollte ich ſie und mein Kind da leichtſinnig den Gefahren ausſetzen, die uns trotz alles Glück's doch ſtets umdrohten?— So blieb ſie denn vom zweiten Jahr unſeres Zuſammenſeins an mit den andern Weibern am Lande zurück, beſchützt von einem Häuflein treuer alter Geſellen, verehrt und ange⸗ betet, wie eine Königin. Und ich kann Euch das nicht be⸗ ſchreiben, Junge, wie mir war, wenn ich nach einem Streifzuge zurückkehrte und des Weibes Herz und Arme für mich geöffnet wußte! Denn Ihr könnt mir's glau⸗ ben, ſie liebte mich dazumal und war mein bis in den letzten Schlag ihres Herzens. Freilich,“ ſetzte er plötzlich düſter hinzu,„als das Kind nach kurzer Zeit ſtarb, ward es anders. Ich fühlte mich ihr noch feſter zu eigen, aber ſie wurde— nachdenklich und träumeriſch, wie mir's er⸗ ſchien, und hielt ſich ferner von mir. Ich ſchob das auf ihre Trauer, aber es war was Andres. 221 „So waren, ſeit ſie zu uns gekommen und ſeit ich das Kommando führte, etwa drei Jahre vergangen, als wir nach manchen Wochen des Umherkreuzens einmal wieder gründlich am Lande bei den Unſern ausruhten und im wilden Jubel die Zeit todtſchlugen; ſo was muß der Menſch hin und wider auch einmal haben. Doch müßt Ihr drum nicht denken, daß wir uns um Alles, was draußen paſſiren mochte, gar nicht bekümmert hätten. Im Gegentheil hatte ich in den meiſten Hafenplätzen meine Spione, die mich von Allem in Kenntniß ſetzten, was für uns wiſſenswerth war. Und ſeit Jahr und Tag hatten wir einen zweiten Schoner, den wir gekapert, auf das tüchtigſte ausgerüſtet und ließen ihn nun mit uns ab⸗ wechſelnd umherkreuzen, ſo daß immer Einer von uns drau⸗ ßen war und die neueſten Nachrichten einholte. „Da lief eines Tags, als wir grade ein extraluſti⸗ ges Feſt feierten, die„Tereſa“— ſo hatte ich den andren Schoner getauft— binnen und brachte uns die Nachricht, daß demnächſt von Port Royal ein Schiff mit ſchwerer Ladung abgehn werde. Der Mund wäſſerte uns, denn wir hatten die letzte Zeit wenig mehr als Spielerei ge⸗ habt, und noch dazu war das angezeigte Fahrzeug ein alter Bekannter von uns, den wir ſchon einmal auf ſeiner Fahrt von Antigua aus verfolgt und in einem ſchweren Sturm hatten aufgeben müſſen. Es hieß freilich, daß eine 222 Achtzehnkanonenbrigg zugleich auslaufen werde, und die engliſchen Kreuzer liefen damals dort uns ſo ſchon überall in die Augen— aber Alles das kümmerte uns wenig, da wir an Mannſchaft ſo ſtark waren wie noch nie vorher, zwei tüchtige Schiffe und ein ſolches Verlangen nach der angekündigten Beute hatten, daß man's ſogar hätte Liebe nennen können. Damit wird Alles Spaß. „Zu ſäumen, wußte ich, war nicht; vom Gelage ging es recta zu Schiff— die Trunkenen konnten an Bord nüchtern werden— und mit allen Segeln folgten wir un⸗ ſerm Curs. „Ich habe Euch noch ſonſt genug zu erzählen— hievon iſt wenig zu ſagen. Wir fanden den Burſchen mit dem Bullenbeißer zur Seite. Letzteren ließ ich der Te⸗ reſa, die ſich ehrlich mit ihm herumneckte, ich im Feuer⸗ ſtrahl nahm den Kauffahrer und hülſtte ihn aus. Beim Kampf waren hüben und drüben ein paar Leute gefallen; im Uebrigen ſchonten wir, wie gewöhnlich, jetzt der Mann⸗ ſchaft— wir trugen bei ſolchen Affairen Masken oder ſchwärzten auch einmal die Geſichter, um ein ſpäteres Wiedererkennen zu verhindern. Als ich fertig war, gab ich der Thereſa drüben Signal, ſich von dem Achtzehner loszumachen und mir zu folgen, löste die Enterhaken und lief vor der ſich friſchenden Briſe nach Südweſt hinauf. Wir machten eben Alles wieder klar, ſäuberten das Ver⸗ 223 deck und knüpften ein paar zerſchoſſene Taue— denn der Engländer hatte uns mit ſeinen Puffern doch einigen Schaden gethan— da gab's zwiſchen den Leuten mit ei⸗ nem Mal ein Halloh, und aus der Luke tauchte ein langer Geſell auf, hielt die Andrängenden gebieteriſch zurück und fragte nach dem Kapitän. Man führte ihn zu mir. „Ich weiß nicht mehr, was der Burſch und Alles vorwelſchte in ſeinem gebrochenen Spaniſch und hinter⸗ drein in deſto geläufigerem Engliſch; das Lange und Breite war, daß er ein Deutſcher aus dem Hannöver'⸗ ſchen, daß er bisher auf einem Wallfiſchfahrer geweſen, ſein Schiff verloren, und von Port Royal habe über England in die Heimat gehn wollen, um ſich nach neuer Heuer umzuſehn. Nun habe ihm aber unſer Handwerk längſt gefallen, und was er vom„Feuerſtrahl“ gehört, habe ihn mächtig gelockt. Da nun die Gelegenheit da⸗ geweſen, ſei er im Tumult heimlich an unſern Bord ge⸗ kommen; der Engländern drüben brauche nicht zu wiſſen, wo er geblieben. Ob ich ihn aufnehmen wolle?— „Nun, Knabe, es war da Etwas an ihm oder in ſei⸗ ner Vergangenheit, was nicht recht zu Tage kam. Aber, lieber Gott, nach einem Paß fragten wir nicht und auch nicht nach alten vergangenen Dingen, wenn uns nur der Menſch ſonſt gefiel. Und der da gefiel uns Allen. Es war ein prächtiger Burſch, ſchlank und doch voll Kraft, 224 eine Figur voll Mark, mit einem kleinen Kopf, großen veilchenblauen Augen und blonden Haaren. Und als wir am Abend einen recht ordentlichen Sturm kriegten, zeigte er ſich bei den ihm übertragenen Geſchäften ſo muthig, daß er unſer Aller Herzen gewann. Freilich ſah nicht ich allein, daß es mehr guter Wille und allgemeine Geſchick⸗ lichkeit war als wirkliches Verſtehen. Man merkt' es, daß er dieſe Dinge oft geſehn, aber entweder ſelten oder lange nicht mehr ſelbſt geübt, und man konnte ihn etwa für einen Offizier halten, der ſehr wohl ſein Schiff zu führen, die kleinſten Anordnungen zu treffen verſteht, ohne bei der praktiſchen Ausführung und Anwendung jemals anders als zufällig thätig geweſen zu ſein. „Darüber verſtändigte ich mich ſchon während der erſten Nacht mit meinem Steuermann, und wir kamen überein, den Geſellen auf dieſe und jene Stelle zu brin⸗ gen, bis wir ſeinen richtigen Platz gefunden. Es fand ſich auch bald eine Gelegenheit. Die„Tereſa“ hatte im Gefecht einen ihrer Offiziere verloren; ich ſchickte einen von meinem Bord hinüber und ließ den Heinrich Paul⸗ ſen— ſa nannte ſich unſre Acquiſition— bei mir in eine Offiziersſtelle rücken. Es ging noch beſſer, als wir gedacht; der Burſch hätte in jedem Seedienſt der Welt Ehre ein⸗ gelegt. Es war entſchieden ein Seemann erſten Ranges, wenn auch der kleine Dienſt ihm nicht oder doch weniger — 225 geläufig war, und ein Schiff zu führen verſtand Niemand beſſer als er. Und in den acht Wochen unſeres diesmaligen Kreuzens ward er auch im kleinen Dienſt ſo gewandt, daß er auf jedem Poſten zu verwenden geweſen wäre. Lernen konnte man was bei uns. „Auch im Uebrigen,“ fuhr der Kapitän nach einem tiefen Zuge aus ſeinem Glaſe fort,„ſchickte ſich der Mann zum Offizier, wenn auch nicht grade bei uns. Er hatte etwas Vornehmes an ſich, äußerlich nicht nur, ſon⸗ dern auch im Innern— ſtolze Manieren und kühles We⸗ ſen, und wie freundlich und kameradſchaftlich er auch mit der Mannſchaft verkehrte— überall zeigte ſich's, daß er nicht zu ihnen gehörte, zumal er auch durch eine tüchtige Schule gelaufen ſein mußte, da er ſich allenthalben da⸗ heim zeigte, ſo daß er ſelbſt die Beſten von uns über⸗ ſah. Haß erweckte er dadurch nicht— er blieb, wie geſagt, kameradſchaftlich und ſtets in den Schranken ſeiner Stel⸗ lung; allein überſehen ward ſein Weſen nicht, und bald hieß er an Bord allgemein nur et Conde— das heißt: „der Graf“, mein Junge. „Mich ſelbſt zog es bald gar beſonders zu ihm; ich weiß nicht, war es ſein Weſen und Behaben, ſeine Tüch⸗ tigkeit als Seemann, ſein feſter Muth und ſeine eiſerne Entſchloſſenheit bei allen Vorfällen oder endlich ſeine Menſchlichkeit nach dem Kampf, mit der er meinen Wil⸗ 226 len unterſtützte. Denn es gab bei uns noch immer genug wilde Geſellen, deren Hauptpläſir im Blutvergießen, im Hinſchlachten, in thörichten Grauſamkeiten beſtand, und die nur mit Gewalt davon zurückzuhalten waren. Dage⸗ gen ſtand er mir und den Meinen wacker zur Seite. Genug, ich hätte ihm gern ſchon vom erſten Tage an vertraut, und ich that es wirklich beinah, als wir erſt einige Zeit mit einander gefahren waren. „Nur in einem Punkt hatten wir endlich noch ein Ge⸗ heimniß vor einander; ich erfuhr einen Theil ſeiner Ver⸗ gangenheit nicht, und er kriegte nicht zu wiſſen, daß ich ein Deutſcher ſei. Weßhalb? Das weiß ich eigentlich nicht zu ſagen, es müßte denn ſein, daß mir ſein Geſicht zuweilen bekannt erſcheinen wollte, ohne daß ich jedoch anzugeben vermocht hätte, wo, wann und bei wem ich dieſe Züge einmal ſchon geſehn. Am Ende dacht, ich auch nicht viel nach; Ihr wißt wohl ſelbſt, wie leicht man Aehnlichkeiten findet. Hier in dem Neſt läuft mehr als ein Geſicht umher, das ich vor Zeiten an Orten ge⸗ ſehn, von denen der hieſige Beſitzer deſſelben nie auch nur den Namen gehört. „Wir fuhren nach achtwöchentlichem Kreuzen und nach einigen weiteren guten Fängen wieder nach Haus, ſchwer beladen und in der beſten Laune von der Welt; es war kein Mann an Bord, der nicht zufrieden geweſen 227 mit dem Erfolg— und mich erhoben ſie bis in den ſieben⸗ ten Himmel. Mir ſelbſt war zu Muthe, als ſei ich be⸗ reits darin; ich ging meinem Weibe entgegen, und wenn ich noch eine oder zwei ähnliche Fahrten machte, konnte ich mich zurückzuziehn ſuchen und leben, wo ich wollte. Denn ich will Euch was ſagen, mein Junge,“ unterbrach er ſich und ſchaute mich ernſt an—„ſo ſehr ich auch See⸗ mann war und ſo wenig ich mir ſonſt aus den Gefahren machte, die es grade bei meinem Geſchäft gab— wenn man ſo glückſelig iſt, wie ich dazumal, ſehnt man ſich nach einigem Beſtand ſeines Glücks, nach Ruhe, und Bei⸗ des gab es auf dieſe Weiſe für mich nicht, wo, wie ich wiſſen mußte, im Fall eines Unglücks für mich überall eine Schlinge am Nock parat war. Und das iſt ein ver⸗ flucht kitzliches Gefühl, Knabe, zumal für einen Hals, der ſich gern von ein paar weichen Armen umſchlin⸗ gen läßt. „Es war das ſo Stil bei uns— wenn wir Neu⸗ linge an Bord hatten, ſegelten wir die Klippen vor un⸗ ſerm Hafen ſtets zur Nacht an, traten Morgens früh in das enge Fahrwaſſer zwiſchen ihnen, ließen dann bis zum Abend wieder den Anker fallen und gingen erſt in der nächſten Nacht in den Hafen ſelbſt hinein. So blieben die Meiſten über den Ort im Unklaren, und nur wir Offiziere und ein paar alte Geſellen wußten genau Be⸗ 228 ſcheid. Bis ein Neuer eingeweiht wurde, darüber kounte lange Zeit vergehn und er mußte erſt ſeine vollen Pro⸗ ben abgelegt haben. Nur auf dieſe Weiſe konnten wir uns ſicher halten und waren's bisher geblieben. Es war, wie Ihr Euch ſelber ſagen könnt, kein Spaß damit; überall ſaßen uns die verdammten engliſchen Kreuzer auf den Hacken, und vor Verrath der eigenen Genoſſen konnte man nie ganz ruhig ſein. So aber wußten ſie nichts, oder nicht genug, und ließen den Verrath hübſch bleiben.“ „Und fürchtetet Ihr nie, das ein Fremder ſich bei Euch anwerben ließ, nur um Euch und Eure Schlupf⸗ winkel auszuforſchen?“ fragte ich, indem ich an irgend einen Roman dachte, wo ich einmal ſo Etwas geleſen. Er ſchüttelte finſter den Kopf.„Nein, mein Junge, das fürchteten wir nicht; in unſrem Leben ging's nicht zu, wie im Geſchichtenbuch, es war kein Spaß damit, ver⸗ ſicher' ich Euch. Und hätt's Einer gewagt, ſo hätten wir ihn bald ſo oder ſo gehabt. Ein bischen Blut gab es immer noch, trotz aller Schonung; wen wir angriffen, wehrte ſich ſeiner Haut. Und wer von uns nicht ſeine Waffen in ſolchem Kampf geführt und auch gebraucht hatte, galt bei uns noch nicht für voll. War er aber da⸗ bei geweſen, ſo war er unſer mit Haut und Haar, und es löste ihm kein Gott und kein Teufel das Blutband von der Seele. Doch will ich Euch geſtehn, bei„dem Grafen“ * dachte ich zuerſt ſelbſt an ſo was, und dieſer Verdacht war ein Grund mehr, ihm gleich einen Hauptpoſten zu geben und ihm ein blindes Vertrauen zu zeigen. Der Menſch iſt ja eine dumme Kreatur, und wenn man ſeine Eitelkeit reizt, iſt's gar keine Kunſt ihm die Würmer aus der Naſe zu ziehn. Wollte der Geſell uns ausſpioniren, ſo hatte er an ſeinem Platz und bei unſerm anſcheinen⸗ den Vertrauen allen Grund zur Einbildung, daß er uns ſchon im Sack habe und losbrechen könne. Und hätt' er nur das gewollt, ſo wär' er in die Schlinge gegangen, ſag' ich Euch. Wir gaben ihm Gelegenheit dazu. Aber nichts da! Und als wir ihn erſt im Kampf gehabt, war Alles ſchön und gut; er ſchlug unparteiiſch los auf Eng⸗ länder und Franzoſen, auf Hispanier und Deutſche, und wen er traf, ſtand nicht wieder auf. „Auch diesmal,“ fuhr Vicent nach der Unterbre⸗ chung fort, indem er das Deckblatt einer friſchen Cigarre oben naß machte und ſie dann anzündete,„auch diesmal gingen wir alſo Nachts vor Anker, und von den Schiffen ging Niemand an Land als ich, der ich zu Tereſa eilte. Ich fand ſie friſch und geſund und—o ja, auch voll Liebe. Dann nahm ich mir den alten Burſchen vor, der in mei⸗ ner Abweſenheit am Lande kommandirte.„Was Neues?“ fragte ich,„oder, wie gewöhnlich nichts?“ „Doch,“ verſetzte er ernſt.„Bald nach Eurer Ab⸗ * —— 230 fahrt hat ſich hier ein fremder Nigger gezeigt, der Teufel mag wiſſen, wie er hereingekommen und wo er hinaus⸗ wollte. Keiner hat ihn kommen ſehn. Die Sennora zeigte mir das Gewürm, als es an den Manglen hin zu ent⸗ ſchlüpfen ſuchte.“ „Die Sennora?“ rief ich überraſcht— ſo nannten ſie Tereſa. „Die Sennora,“ wiederholte er. „Und Ihr faßtet ihn?“ forſchte ich. „Nein,“ war ſeine Antwort.„Stehn wollte die Be⸗ ſtie nicht, einholen konnten wir ſie auch nicht; ſo ſchoß Jack und traf ihn ſo dumm, daß er ſchon todt war, da wir herankamen.“ „Und habt Ihr nichts an ihm entdeckt, was Auf⸗ ſchluß über den Burſchen geben könnte?“ „Nichts, Kapitän.“ „Ich ſchüttelte denn Kopf und ging zu Tereſa zurück. „Sie wußte mir wenig mehr zu ſagen. Am Mor⸗ gen, wie ſie ihr Gemach verlaſſen, habe ſie zufällig den Nigger vorbeiſpringen ſehn, den ſie ſogleich für einen Fremden erkannte, da die drei oder vier, welche uns am Lande gehörten, bereits weißköpfige Burſche waren. Die noch brauchbaren hatten wir auf den Schiffen mit uns. So rief ſie den alten Bootsmann, und es geſchah, wie 9 231 er mir ſoeben erzählt. Sie war verdrießlich bei dieſem Bericht; ſie habe ſchon damals bis zum Ueberdruß da⸗ von ſprechen hören, meinte ſie, und nun ſcheine es erſt recht anzufangen! „Das that es nun freilich nicht, denn ſie hörte kein Wort mehr davon; allein mit meinen nächſten Offizieren kam die Sache ernſt zur Sprache, denn wie lange es auch ſchon her, das ſchien eine Sache, die ohne allen Spaß war. Die Mannſchaften blieben alle vorerſt an Bord; nur ein paar Vertraute und ein kleiner Trupp zu⸗ verläſſiger alter Geſellen folgten mir, und wir ſuchten unſere Niederlaſſung und die Umgebungen auf das Ge⸗ naueſte durch, ohne eine Spur zu entdecken, wo der Fremde etwa hereingekommen wäre. Niemand als wir erfuhr von dieſem Zufall; der Bootsmann und Jack hat⸗ ten wohlweislich geſchwiegen; Tereſa legte ich ſelbſt noch ein unverbrüchliches Schweigen auf. So blieb nichts mehr übrig, als die paar alten Nigger vom Lande an Bord zu ſchaffen— wir trauten den Beſtien nicht mehr— und noch beſſere Wacht zu halten als ſchon bisher. „Es war das eigentlich nicht ſchwer,“ fuhr er fort, und holte ſo tief Luft, daß man's beinah einen Seufzer nennen konnte;„der Platz, an dem wir hausten, war wie eine Feſtung, und mehr als das, er war ſchier unnah⸗ bar. Vorn war die Klippenreihe, die ſelbſt für uns Ein⸗ geweihte nicht leicht zu paſſiren war; dann kam eine Straße— ich muß ſagen: eine Schlucht, die beinah eine Meile hinführte, und zwar ſo eng, daß die Raaen mit knapper Noth an den Felswänden vorbeigingen, und die Wände ragten hoch über unſre Spieren empor und hin⸗ gen über, ſo daß man von dort oben ein hindurchſegeln⸗ des Schiff mit Felsblöcken hätte in den Grund bohren können. Aber freilich war das Waſſer drin ganz frei, ſo daß wir, wie geſagt, meiſtens zur Nacht die Straße paſſir⸗ ten. Wenn es dann Morgen ward, riſſen die Neulinge an Bord einmal ihre Augen auf! Denn wir lagen dann in einem prachtvollen, rings umſchloſſenen Becken, wie ich's nirgends ſchöner nund lieblicher geſehn, und ſo ſicher, daß weder Feind noch Wetter uns leicht was anhaben konnten. Und rings umher waren die ſteilen, nur hie und da grün durchwachſenen Felſen, und vor uns lag bis an die Bergkette, welche uns vom Innern der Inſel ſchied, ein Stück Land, wo wir unſere Hütten und Magazine hatten, wo unſere Alten ihre müden Glieder ausruhten und unſere Weiber und Kinder hausten. Und das war ein Stück Land!— A„Ja, Knabe, ja,“ fuhr er fort und ſtürzte ſein Glas aus und reichte die leere Flaſche dem Wirth zu, der längſt ermuntert bei uns ſaß und mit zuhörte und für ſein Theil auf die Lampe Acht gab, daß ſie hell brannte— 233 „ja, Knabe, das dort iſt das Land, möchte man ſagen, das iſt die See, das der Himmel, und ſo denke ich mir, muß es geweſen ſein dazumal, als der Herrgott Alles fertig hatte und am ſechsten Tage Alles anſah, was er gemacht hatte, und—„ſiehe da, es war ſehr gut!“ „So, Knabe, ſo iſt's! Ihr kennt das nicht, Ihr habt hier weder Land, noch Meer, noch Himmel! Wirths⸗ haus, biſt Du da? Gib die Flaſche her! Füll' Dir auch ein Glas, ſollſt mit uns anſtoßen auf das Land! Es iſt's werth! Und was der Menſch auch verliert, und was ihm auch die Erinnerung trübt— wo er in ſolchem Sonnen⸗ lande lebte und unter ſolchem Himmelsblau, in ſolcher Glut, in ſolchem Glanz, in ſolchem Seelenjubel— das behält er ſein Lebenlang und vergißt es nimmermehr. Stoßt an, Jungen, ſtoßt an! Weſtindien lebe! Dreimal drei— hurrah! 12 Er ſprang auf, das Auge blitzte und die Stirne war glatt, die ganze Geſtalt wie von Luſt und Kraft erhoben und geſtrafft, die eine Fauſt lag feſt auf dem Tiſch, die andere hielt uns das Glas entgegen. Und als ſein kraft⸗ volles Hurrah verklungen war, blieb er noch einen Au⸗ genblick ſo ſtehen und ſagte:„Ja, Jungen, Gott ver⸗ damme mich, dort iſt's werth zu leben und zu ſterben. Und wenn nicht dies wäre und das, ſo wär' kein Ort in 1859. XXIV. Vergangene Tage. 15 234 8 der Welt, wo ich lieber meine Gebeine zur Ruh ſtrecken möchte, als dort. „Seht an,“ fuhr er fort und ſetzte ſich wieder,„ich bin kein Büchermacher und weiß nur zu reden von dem, was von draußen an mich herantrat und mir paſſirte. Von dem, was ich dabei in dieſem Bruſtkaſten hier und in dieſem alten wilden Kopf fühlte, kann ich keine Re⸗ densarten machen— nicht von meiner Liebe zu dem Wei⸗ be, nicht von meinem Gefühl über das dortige Land; da⸗ von kann ich nur ſprechen: Es war ſo! Aber ich ſag' Euch, wenn ich ſo manchmal auf dem Felsvorſprung ſtand, wo wir die Batterie angelegt, und von dort aus hier das Hafenbecken mit ſeiner blauen weichen Flut an⸗ ſah, und dort das Land mit ſeinem glanzvollen Grün, das im Seewind mit leiſen Wellen ſpielte, und über mir den Himmel in ſeinem tiefen Blau— und das Alles ſo hold, ſo ſchön und ſanft, ſo leuchtend und lieblich, wie das Lächeln auf dem Antlitz des Weibes, das Ihr lieb habt— oder auch, wenn ich einmal ſo am Vorderſteven ſtand und mein Schoner durch die See tanzte— ſeht, Jungen, da preßte ſich mir oft das Herz zuſammen, daß ich nach Luft ſchnappte. Denn die Luſt drinnen, das Jauch⸗ zen war zu allmächtig, ich hätte es nicht auslaſſen können und hätt' ich aufgeſchrieen mit tauſend Stimmen. „Das Land war gegen das Innere zu von einer 235 Bergkette umgeben,“ ſprach er nach einer Pauſe fort und verfiel wieder in ſeinen kühlen Erzählungston.„Sie war ſo ſchroff, daß an ein Erſteigen gar nicht zu denken war; den einzigen Paß, den wir nach dem längſten und ge⸗ naueſten Umherſpüren entdeckt, hatten wir ſo geſichert, daß es unmöglich ſchien, ihn zu forciren oder vor unſren Poſten und Wachen vorbeizuſchleichen. Sodann kam noch ein Bach aus den Bergen— aber ich habe ſein Bett ſelbſt zur heißeſten Zeit nicht paſſirbar gefunden, und wo er in die Ebene ſtürzte, hatte er rings umher den Boden verſumpft, ſo daß Niemand hindurch konnte; es war mehr als nur Gefahr bei jedem Schritt. Und übrigens war das Rohrdickicht und das Gewirr der Manglen auch ſo dicht, und die Lianen zogen ſich wie tauſend Netze da⸗ zwiſchen, daß Niemand da herauszufinden vermochte; es war, als ob alle Pflanzen und Ranken der Welt auf dieſem einen Fleck zuſammengehäuft wären. Und ſo ſich Jemand mit Beil und Meſſer hätte durcharbeiten wollen, hätten wir noch jetzt, nach ſo viel Wochen, ſeinen Pfad ſehn müſſen. Aber wir fanden keinen— und der Verſtand ſtand uns ſtill. „Am folgenden Tage erſt legten wir die Schiffe an den Fels bei der Batterie und ließen die Leute am Lande ihre Glieder ausrecken und ihrem Belieben nachgehn. Den Conde brachte ich, da ich ihn in der Nähe umher⸗ 15* 236 ſteigen ſah, auch zu Tereſa, die ſich in ihrer Hängematte unter der Cocospalme vor unſerer Hütte ſchaukeln ließ. Da die Beiden ſich ſahen, war's mir, als führe ein ei⸗ genthümlich Leuchten durch des Burſchen Augen, und mit der Geſchwindigkeit des Gedankens wandte ich mei⸗ nen Blick vorſichtig auf Tereſa; allein ſie ſchaute ebenſo verdrießlich drein, wie ſchon den ganzen vergangenen Tag, und nach ein paar Worten wandte ſie uns den Rücken zu. „Als wir weiter ſchlenderten, bemerkte er:„Ihr habt ja auch Weiber hier, Kapitän. Was thut Ihr bei unſrem Leben mit ſolchem Ballaſt? Hätt' ich das gewußt, wär' ich davon geblieben.“ „Nun, nun,“ verſetzte ich lachend,„das iſt ſtark, mein Burſch! Haßt Ihr ſie denn gar ſo ſehr?“ „Ich habe mit dem Gezücht nichts zu thun,“ war ſeine Antwort. „Wie kommt das?“ „Laßt's gut ſein, Kapitän,“ ſagte er finſter.„Es iſt ſo und geht Niemand weiter was an.“ „Darin hatte der Burſch denn freilich recht, und ich ließ es auch gut ſein, nur daß ich ein bischen vor mich hin lachen mußte über ſolchen ſogenannten Haß. Aber da warf er den Kopf auf und ſprach mit ſeiner ganzen hoch⸗ müthigen, gräflichen Weiſe:„Lacht nicht, Kapitän, lacht nicht! Glaubt mir, es iſt Blut und Tod bei der Sache!“ „Das war denn Etwas, was er beſſer wiſſen mußte, als ich, und ſo ließ ich's mir geſagt ſein. „Indeſſen, er verkehrte auch mit keinem Weibsbild, und ſo tapfer er vor dem Feind geſtanden, ſo furchtlos in Sturm und Wetter und ſo luſtig und wild er bei aller Ausgelaſſenheit bis auf den letzten Mann aushielt— vor einem Weiberrock lief er davon, ſo weit es eben ging. Und als ihn eine Dirne, die ſich an ſeinen blauen Augen verſehn haben mochte, einmal gar zu ſehr merken ließ, daß ſie ihm gut ſei, da ſagt' er ihr ſo deutlich ſeine Her⸗ zensmeinung, daß Blinde und Taube es hätten begreifen müſſen. „Dafür nahm er aber die Herzen unſerer Burſchen ein bis in ihren tiefſten Grund; ſtürmiſch verlangten ſie ſeine Beförderung auf eine höhere Stelle— ſie glaubten, unter ihm würden ihnen nicht mehr ordinäre Tauben, ſondern lauter Paradiesvögel in den Mund fliegen. Was ſollte ich thun? Gegen ihn hatte ich auch nichts, im Gegentheil ſchlug mein Herz nur für ihn; und als wir nach zwei weiteren Fahrten zurückkamen und Urſache hat⸗ ten, mit dem bisherigen Befehlshaber der Tereſa unzu⸗ frieden zu ſein, gab ich dem Verlangen der Mannſchaft nach einer neuen Wahl nach. Ihr Ausfall konnte nicht zweifelhaft ſein, el Conde ward einſtimmig gewählt. Es waren auch nur Wenige, die damit nicht zufrieden gewe⸗ 238 ſen. So liefen wir aus und kehrten zurück, wir ſchlugen uns, wir ſiegten, wir machten uns auch einmal davon. Das war eben Alles, wie es längſt geweſen. Und der Winter kam und der Winter verging, und ganz Weſt⸗ indien war voll von unſern Streichen und unſerm Glück. „Nur bei uns ſelbſt ſah es nicht mehr ganz ſo aus wie früher; der Teufel der Zwietracht hatte ſich unter uns feſtgeniſtet— die vom Feuerſtrahl und die von der Tereſa ſtanden neckend, höhnend, hadernd gegen einan⸗ der, und die Letzteren machten nicht undeutlich Miene, ſich meinen Befehlen zu widerſetzen. Schon hatte ich mehr als einmal drohen müſſen und einmal mußte ich einen frechen Burſchen, der mir keck entgegenſprang und die An⸗ dern zur Folge aufrief, über den Haufen ſchießen. Hätten nicht el Conde, dem ſie bis in den Tod gehorchten, und ein paar alte anhängliche Geſellen treu zu mir gehalten und ſich und ſie ſtets meinem Kommando untergeordnet, ſo wäre es ſchon damals zu ernſteren und blutigeren Vor⸗ fällen gekommen. Denn ich konnte mir eine ſolche Wider⸗ ſetzlichkeit nicht gefallen laſſen und ich hätt's auch nicht gethan. Was uns ſo lange Glück gebracht und uns ſtets noch ſicherte, war allein die eiſerne Zucht und der ſtete, augenblickliche, wortloſe Gehorſam, in denen ich ſie hielt. „Und nun kam das Zwiſchentragen, das Verläſtern und Verhetzen, das Lügen und das Argwöhnen, der b 2 239 offene, jähe Streit und der ſchleichende rachſüchtige Haß— Gott verdamme mich, es war ſchandmäßig, ekel⸗ haft, ſag' ich Euch, und dies Leben ward mir immer mehr verleidet. Denn auch in meinem eigenen Hauſe hatte ich Noth und Quälerei.“ Er ſtürzte ſein Glas aus, und als er es neu ge⸗ füllt, goß er auch dieſes hinunter, dann ſtützte er den Arm auf den Tiſch, die Braue war tief auf das Auge herab⸗ gepreßt, und dieſes ſelbſt ſchaute mit einem Blick darein, von dem ich nicht recht wußte, ob mehr düſtere Trauer darin oder mehr Grimm und Trotz, ſo dunkel war er und ſo ſtarr. 1 „Seht, Junge,“ ſagte er nach einer langen Pauſe zu mir— den Wirth ſchien er zu ignoriren—„Tereſa war anders geworden— ich habe es Euch ſchon vorhin angedentet; aber es ward immer mehr und ſichtbarer, ſeitdem wir damals zurückkehrten; ich wußte das ganz ge⸗ nau, es war von dem Zeitpunkt an. Sie war nicht mehr wie ſonſt, ſie brauste auf gegen ihre Bedienung und Um⸗ gebung in jähem Zorn, ſie ſtrafte grauſam; und von mir zog ſie ſich zurück, ich möchte ſagen, ſie wehrte mich und meine Liebe ab, ſie war kühl und gleichgültig, wenn ich da war; ſie flog mir nicht mehr entgegen, ſie jubelte nicht mehr in ſeliger Luſt an meiner Bruſt auf, wenn ich von einem Zuge zurückkam. Zuweilen preßte ſie noch Lu⸗ 240 ſtigkeit aus ſich heraus, warf ſich in eine wilde Aus⸗ gelaſſenheit, in ein trunkenes Glühen und Stürmen, aber es war ein künſtlicher Rauſch und keine Natur und kein Herz. Um das zu erkennen, hätt' ich ein gut Theil dum⸗ mer ſein können, als ich war. Ich fing an beſſer aufzu⸗ merken und zu lauſchen— dies Alles mußte doch einen Grund haben!— Ich ſpürte was von einer Eiferſucht auf— der Teufel weiß wen! Ich gab dem alten Boots⸗ mann, von dem ich Euch vorhin ſchon geſagt— er nannte ſich Lionel und war mir mit Leib und Seele ergeben— Anfträge für meine Abweſenheit. Es kam nichts zu Platz, was meinen Verdacht hätte rechtfertigen können. Sie war anders— und ich ward elend, das war Alles. „Da kam ich wieder von einem Zuge zurück, und als ich Tereſa guten Tag geſagt, und als ich ſie kalt ge⸗ funden, daß es mir wie mit Dolchen in's Herz ſtach, da ging ich zum Alten und fragte ihn wie gewöhnlich. Er war finſter und winkte mir abſeits. „Sir,“ ſagte er dann,„die Sennora hat geſtern die alte Cilli unbarmherzig peitſchen laſſen, weiß nicht weß⸗ halb. Und das alte Weib hat mir dann in der Wuth ge⸗ ſagt, nun wolle ſie reden. Sie wiſſe, der Nigger dazumal, der Jack erſchoß, der ſei aus Eurem Hauſe gekommen. Die Sennora habe vorher mit ihm geredet und ihn dann der Sicherheit wegen mir gezeigt, ſo daß er erſchoſſen wurde und nicht mehr plaudern konnte.“ „Und was hatte er gebracht?“ rief ich ganz betäubt; „was ſollte er nicht ausplaudern?“ „Cilli meint, er ſei ein Bote geweſen von dem Conde,“ gab er zur Antwort,„und habe der Sennora Nachricht gebracht, daß der unterwegs ſei und ſie entdeckt habe. Es ſei ein alter Bekannter oder Liebhaber, meint Cilli. Sie habe ihn auch mit der Sennora zuſammen⸗ geſehn, droben an den„fünf Brüdern“, und ſie habe ſie belauſcht, aber kein Wort verſtanden.“ „Wie er das ſo erzählte, der Alte, und mich dabei immer feſt im Auge hatte, denn er mochte wohl einen Ausbruch fürchten— da war mir zu Muth, als ob Je⸗ mand meinen Schädel in eine Schraube preßte, daß er davon aufſpringen müſſe wie eine Mohnkapſel, und als er ſchwieg und ich aufſtand, ſchwankt' ich wie ein Trunkner und fiel zurück auf meinen Sitz. Aber das war bald vor⸗ bei und dann fuhr ich auf wie ein Pulverfaß— ja, bei allen Geiſtern in Himmel und Hölle, ſo war's! Denn es war auch Alles in mir entzwei, zerriſſen, zerſprengt, zer⸗ ſchmettert—o Satan!“ unterbrach er ſich mit verzerrtem Geſicht und vor Grimm zitternder Stimme, und fuhr vom Stuhl in die Höhe und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, daß Gläſer und Flaſchen tanzten, und preßte 242 beide Fäuſte vor's Geſicht.„Seht— Junge— ſeht— es zerreißt mich noch. Ich kann nicht davon erzählen!“— So ſtand er eine geraume Zeit regungslos, nur zu⸗ weilen hörten wir ihn einmal tief Luft holen oder auch ſeine Zähne an einander knirſchen, und ich erſchrack in mir förmlich vor dieſem Abgrund der Leidenſchaft, der mir aus dem Innern des Mannes immer gewaltiger ent⸗ gegengähnte. Sprechen mocht' ich nicht, und auch der Wirth war ſtill, nur daß er hie und da höchſt bedenklich den Kopf ſchüttelte und die leeren Flaſchen zu überzählen ſchien, die auf einem Nebentiſche ſtanden— bis endlich ein neuer Windſtoß noch heftiger als die vorigen gegen die Laden fuhr und den Alten zu den Worten bewegte:„Das iſt ein barbariſches Wetter!“ Da ließ Vicent die Hände vom Geſicht ſinken, ſchüt⸗ telte ſich, ſetzte ſich wieder und fuhr, nachdem er noch ei⸗ nige Augenblicke in's Licht geſtarrt, dennoch fort, und ich möchte ſagen, Ton und Weiſe waren noch kälter als frü⸗ her. Es mochte auch wohl der Kontraſt gegen den letzten Ausbruch ſein, der es mir ſo erſcheinen ließ. „Hört nur weiter,“ ſprach er.„Als ich das alſo vernommen und aufgefahren, wollte ich fort zu ihr, die ich ſo raſend geliebt, die ſich mir ſelbſt an den Hals ge⸗ worfen, die mich ſo raſend betrog— und ich war ſchon ein paar Schritte fort, bevor Lionel mir nachſpringen, 243 mich zurückhalten konnte.„Laßt mich los!“ ſchrie ich und riß meinen Dolch heraus,„oder Ihr ſeid des Todes!“ „Aber ſeine Fauſt lag wie ein Schraubſtock um mei⸗ nen Arm und ſeine Antwort war:„Immerhin, Kapitän; ſo kühlt Euch mein Blut vielleicht ab, daß Ihr vernünftig werdet. Was wollt Ihr? Sie ermorden? Bedenkt, wer ſie anſchuldigt— ein rachſüchtiges altes Weib! Und der Conde flieht ja die Weiber, wie wir wiſſen. Und Ihr und ich— wir wiſſen nichts Unrechtes weder von ihm noch von der Sennora. Und wir müßten's doch geſpürt haben, Sir. Sind wir denn allein blind und dumm?— Wenn Jemand etwas weiß, ſo iſt es Juno“— ſo hieß eine Mulattin, die Tereſa zu ihrem Dienſt um ſich hatte— „ſie folgt der Sennora wie ihr Schatten. Weiber müſſen ſich ausreden, Sir,“ ſetzte er hinzu;„die Sennora hat ſicher zu der Dirne geredet.“— „Da preßte ich die Fäuſte zuſammen und gab ihm nach; mein Plan war gemacht. „Genug!“ ſprach ich und ſchüttelte ſeine Hand ab und ſteckte den Dolch in die Scheide.„Geht an Bord und laßt ſie zur Ausfahrt parat ſein; ich ſegle in einer halben Stunde.“ „Kapitän,“ ſagte er,„ſie iſt ein Weib!“ „Bin ich Euch als ein Bluthund bekannt?“ fragte 244 ich dagegen.„Fort, und wie ich befohlen. Ihr bleibt in der Nähe, daß ich Euch die Befehle für meine Abweſen⸗ heit geben kann.“ Und damit wandte ich mich ab und ſchritt meinem Hauſe zu, um noch mit Tereſa zuſammen zu ſein, wie ich es mir ausgeſonnen. Es waren noch etwa zwei Stunden bis Sonnenuntergang, und wenn ich mich haſtete, konnte ich am Abend noch mit der Ebbe und dem Landwinde durch den Hafen bis an die Klippen kommen, und in der Frühe des folgenden Morgens in See gehn. „Knabe, es war das Erſtemal, daß ich gegen ſie Etwas heuchelte, was nicht in mir war. Ich war luſtig und koſete mit ihr, nachdem ich von meiner neuen Fahrt geſagt; ich neckte und ich lachte, wie ein glückſeliger Menſch— und im Innern gab es doch nichts als Zorn und auf Rache ſinnenden Grimm. O, die Liebe und der Haß machen den Menſchen zu Allem fähig, ſelbſt zu dem, was ſonſt weit ab liegt von ſeiner Natur. Das hab' ich da geſpürt, denn wie ich auch war und bin, heucheln und lügen hab' ich nie gekonnt, als dies eine, dies einzige Mal in meinem ganzen Leben.—Tereſa verſtand davon nichts; ich weiß nicht, ob ich zu gut ſpielte, oder ob ſie was Andres im Kopf hatte, daß ſie nicht Acht darauf gab. Sie war kalt, wie zuvor, ſie ward weder durch meine Lieb⸗ koſungen noch durch den Abſchied berührt. Sie war unge⸗ duldig— ſie wollte mich los ſein! Und der Zorn füllte 245 meinen Kopf mit immer wilderer Glut, ſo daß ich eilen mußte, davonzukommen. „So lebe wohl, Herz meines Herzens!“ ſagte ich nach dem letzten Kuß,„laß mich Dich in Deiner Lieblich⸗ keit wiederfinden bei meiner Rückkehr! Und nun— à la mano de Dios!— Juno ſoll mir gleich die Wäſche brin⸗ gen.“ Und damit ging ich unter den Palmen hin dem Hafen zu, und die Dirne folgte mir nach wenigen Sekun⸗ den mit dem Pack friſcher Wäſche, wie ſie es bei jeder Ausfahrt zu thun gewohnt war. „Als ich an Bord kam und mit dem Steuermann ſprach, kam ſie bereits mir nach.„Trag's in die Kajüte, Juno, befahl ich.„Die Wache ſoll ſie nicht wieder her⸗ auslaſſen. Werft das Brett ab, Leute an die Segel und hinaus mit uns.“ Und zu Lionel, der am Lande meiner Befehle harrte, ſagte ich, indem wir ablegten, er möge aufpaſſen und gute Ausſchau halten laſſen auf etwaige Signale, wenn ich wieder zurückkomme. Der Sennora ſolle er ſagen, Juno ſei von der Laufplanke gefallen und von den Haifiſchen zur Nachtkoſt verſpeist worden. „Meine Leute waren verwundert, aber zu ſagen wagten ſie nicht's; hatten auch zuviel zu thun, da die Segel mittlerweile in die Höhe gingen und ſich füllten und wir durch das Hafenbecken hinausſchoſſen. Da ging ich hinab und nahm mir das heulende Weibsbild vor. 246 „Es koſtete nicht gerade beſondere Künſte, ſie zum Reden zu bringen. Das erſte drohende Worte:„Nun, Du gelbe Hexe, Du willſt mich alſo mit Deiner Herrin betrü⸗ gen?“— ſtürzte ſie wie ein ſchlagender Blitz heulend zu meinen Füßen, und als ich nur erſt ihr Geſchrei und Ge⸗ heul geſtillt hatte, erfuhr ich Alles, was ich wollte. Lio⸗ nel hatte Recht gehabt— Tereſa hatte gegen die Sklavin ihr Herz ausgeſchüttet; und nun hörte ich's: ſie liebte mich längſt nicht mehr.— .„Heinrich Paulſen nannte ſich jener Burſch, weil er verborgen ſein wollte; ſein eigentlicher Name geht Euch Beide nichts an, aber er war der Vetter von Tereſa's Mann in Cadiz— daher die Aehnlichkeit!— durch die Verbindungen ſeiner Familie in der holländiſchen Kriegs⸗ marine untergebracht und mehrere Jahre als Offizier in Dienſt geweſen. Schon damals hatte er ſeine Couſine heiß genug, doch ohne Erfolg, geliebt; als er den Tod ſeines Vetters erfahren, hatte er Urlaub genommen und war nach Cadiz geeilt. Tereſa war abgereist zu ihrem Oheim nach Cuba. Er nimmt ſeinen Abſchied, um frei zu ſein, er eilt ihr nach; ſie iſt nicht da. Das ausge⸗ raubte Schiff des Criſtobal Lopez iſt jedoch aufgefunden, das Schickſal der Mannſchaft muß Jedermann klar ſein; theils zeugen davon die Spuren auf den Deck, theils weiß man von uns im„Feuerſtrahl“ genug, um keinen 247 Augenblick in Zweifel zu ſein. Der tolldreiſte Burſch ſetzt es ſich in den Kopf uns aufzuſpüren; darüber ver⸗ geht ein zweites und beinah ein drittes Jahr. Seine Nachforſchungen bleiben umſonſt, ſeine Spione kommen gar nicht wieder oder unverrichteter Dinge— kurz er denkt zu verzweifeln— denn der Burſch iſt halb verrückt vor Liebe zu dem verlorenen Weibe.—. „Da endlich verſucht er es noch einmal mit einem Nigger, der von unſrem Hafen, der Teufel weiß wie, Kunde erhalten hat. Ich kann mir noch heut' keine andere Weiſe denken, als daß er mit einem andern Burſchen zuſam⸗ mengerathen, der uns vor einiger Zeit einmal in Puerto bello entlaufen war und den wir erſt nach paar Tagen wieder griffen. Kurz, der Burſch findet einen Weg— wie und wo, habe ich nie erfahren— er gelangt zu Te⸗ reſa und bringt ihr Kunde. Sie will nichts davon hören, aber ſie läßt ihn zurückgehn, ohne uns Etwas zu ent⸗ decken. Mich liebte ſie nicht mehr. Nach dem Tode des Kindes war, wie ich es ja auch geſpürt, der Rauſch vor⸗ bei. Am liebſten wäre ſie jetzt fort geweſen.— Er kommt zum zweiten, zum dritten Mal. Dabei verſpätet er ſich— vor den Augen Lionel's, der ihn freilich bisher noch nicht erblickt, will er entſchlüpfen. Das ſchlaue und doch be⸗ ſorgte Weib ergreift die Partie, ihn ſelbſt dem Alten zu zeigen, um ihn ſo los zu werden, wie es ihr auch ge⸗ lingt.— 248 „ Als der Bote, der einen drängenden Brief des Conde gebracht, diesmal ganz ausbleibt, verſucht der tollkühne Mann das letzte Mittel. Er breitet ſelbſt die Abfahrt des Schiffes aus, um Spione von uns aufmerkſam zu ma⸗ chen. Es gelingt, es wird von uns aufgebracht; er ſchleicht keck zu uns an Bord. Er ſieht ſie— ſie will nichts von ihm wiſſen; aber ſie langweilt ſich bei mir— ſie will fort— ſie hat ein ſehnſüchtig Herz— die Liebe und die Verachtung jeder Gefahr rührt ſie bei dem Mann— ſie ſpricht mit ihm— ſie gibt nach.— Schlau machen ſie den Plan, mich erſt ſicher werden zu laſſen, dem Conde eine Autorität mir gegenüber zu verſchaffen; dann wollen ſie fliehen. „Seht ihr,“ ſchloß er dieſe gedrängte, erſt zuletzt lebhafter vorgebrachte Mittheilung,„ſo erzählte mir nicht die Dirne, ſondern ſo kombinirte ich's mir aus all⸗ ihrem Heulen und Schwatzen. Mir däucht, es war nicht ſchwer, das Richtige zu treffen; und wo ich mir ſelbſt Etwas zuſammengereimt, was nicht richtig— was that das? Die Hauptſache blieb richtig. „Als ich das wußte, ließ ich ſie liegen, wo ſie lag, und ging auf Deck; wir waren bereits in der Schlucht, aber als wir hinauskamen, war es ſchon zu dunkel, als daß wir hätten wagen können, noch heute die Klippen zu paſſiren. Wie ich die Nacht zubrachte, kann ich nicht ſa⸗ gen; ich glühte in einem Fieber, in einer Wuth. Und verdamm' mich, das iſt juſtement mein Fall! dacht' ich damals und guckte auf meine Bahn um's Verdeck. Denn wenn ich nicht auch mit meinem Spähglaſe im Mars ſaß, that ich nichts als raſtlos auf und niederlaufen, vom Steuerrade bis zum Vorderſteven und retour, ſei's Steuerbord, ſei's auf Backbord. Doch die Planken blie⸗ ben glatt und eben, und es war nichts zu ſehen, ſo viel ich auch guckte. So was denkt ſich nur ſo ein einfältiger Büchermacher aus.— „Endlich hielt ich's nicht länger aus. Meine Ra⸗ chegedanken waren alle fort; es packte mich eine furcht⸗ bare Unruhe und mir war immer, als riefe mich was zurück in den Hafen. Und ſo ließ ich umlegen, und wir liefen ſo ſchnell wie möglich dahin zurück, woher wir ge⸗ kommen. „Es war ein glorreicher Morgen, als wir die Riffe wieder anliefen und— da wir Niemand Fremdes an Bord und auch kein Segel in Sicht hatten, daß wir hät⸗ ten vorſichtig ſein müſſen— die Straße auch ſogleich be⸗ traten, genau neun Tage nach unſrem Auslaufen. Und Gott verdamme mich, wir wußten's Alle, daß uns was Abſonderliches bevorſtände. Woher?— Ja, woher!— Es war einmal da und in uns, und— wißt Ihr's Beide, oder wißt Ihr's nicht— ſo was täuſcht den Menſchen ſelten. 16 „Als wir in der Schlucht hinzogen, erſcholl über uns plötzlich ein lautes:„Ahoi, Feuerſtrahl!“— „Die Stimme gemahnte uns an die Lionel's, aber ſehn konnten wir Niemand vor den überhängenden Fel⸗ ſen und auch wieder kaum glauben, daß der alte Burſch dort oben ſei. Denn was hatte er dort zu ſchaffen, wo wir höchſtens im äußerſten Fall ein paar Mann zur Ver⸗ theidigung gegen feindliche Angriffe hinbeordern konnten? Der Weg dahin war ſelbſt für den Jüngſten nicht ohne Gefahr. Und nun, da wir auf den Ruf antworteten und die Hälſe nach oben drehten, wie die Hühner, wenn ſie getrunken, da blieb Alles ſtill— der Schoner ging nach vorn, wir traten um die letzte Ecke in den Hafen, und was an Gläſern an Bord war, richtete ſich nach dem Lande. Da war's. „Eigentlich,“ ſprach er nach einer Pauſe, und ein finſteres Lächeln glitt über ſeine eben noch ruhi⸗ gen Züge—„eigentlich ſollte ich ſagen: Es war da nichts!— Nichts denn Kohlen und Aſche und Spuren der Zerſtörung; Ihr müßtet denn ein paar Leichen für ein Etwas halten wollen.— Ja, Burſche, es war uns, als ob wir träumten— wir ſahen uns an, wir ſahen zum Lande hinüber. Auf der Batterie ſtand kein Geſchütz mehr, von den Hütten war nichts zu ſehen. Verwüſtung, ſag ich, Kohlen und Aſche! Das war Alles! Alles! „Und nein doch— nein!“ fuhr er fort, fieberhaft erregt,„ich ſagte ja auch das ſchon!— Da vorn am Strand entdeckten unſre Gläſer und beim Nähertreiben bald auch unſre Augen ein paar hingeſtreckte Körper— Kameraden, wie wir's an der Kleidung ſahen, auch ein Weib— o Gott verdamme mich!— Der Schoner ſtieß an die Batterie, und wir ſtanden am Bord wie gelähmt und ſchauten das an und rührten uns nicht, und ſprangen nicht an Land und ſagten kein Wort— ſo hatte ſogar uns der Anblick gelähmt. „Was half es dann auch, als wir endlich aufſchrieen vor Wuth und au's Land ſtürzten, als wir die Leichen unterſuchten und die Kohlen durchſtöberten, die theil⸗ weiſe noch glühten und dampften, als wir die Fäuſte zum Himmel warfen und Rache ſchwuren! Da ward nichts beſſer.— Alles, was wir geſammelt und aufgeſpei⸗ chert, war fort oder vernichtet; keine Hütte mehr übrig, keine lebendige Seele zu finden— ſelbſt ein paar Hunde, die wir am Lande hatten, lagen dort mit durchſchoſſenen, zerſchmetterten Schädeln. Kurz, es war grauſig, ſag' ich Euch, furchtbar! Und den Kühnſten unter uns bebte das Herz, und die Muthloſeſten erhoben ſich zu einem Haſſe, der nur durch Blut zu ſtillen war und den ſie auch in Blut geſtillt haben.“ Und als Vicent die letzten Worte ſprach, zuckte es 254 auch jetzt noch mit Wuth und Hohn durch ſein Geſicht, und indem er ſein Glas ergriff und leerte, ſetzte er hin⸗ zu:„Ja, Ihr Landkrabben, das Alles macht Euch blaß, ich weiß wohl! Das jagt Euch vor Angſt Euer Blut aus dem Herzen! Aber es iſt unter der Sonne dort nicht ſo zahm wie hier, und was unſre Herzen und Köpfe mit Glut und ehrlichem Haß füllte, davon wärt Ihr Wickel⸗ kinder ohnmächtig geworden. Das iſt einmal nicht anders bei den Menſchen. „Als wir aus dem Schwören und Fluchen heraus waren, als ich genug mit dem Fuß in die Kohlen geſto⸗ ßen, die an dem Platz lagen, wo vor zehn Tagen meine Hütte geſtanden, wo ich drei Jahre lang mein Haupt zum Schlaf an Tereſa's Buſen gelegt— da war ich's dennoch zuerſt, der ſich faßte. Einige Leute ſchickte ich in's Land, um Alles noch genauer zu durchſuchen. Unſern Schoner ließ ich fertig zum Kampf machen, die Enternetze aufziehn, die Karronaden bis an die Mündung laden, und beorderte ihn dann an den Eingang zur Schlucht, um ge⸗ gen jeden Ueberfall geſichert zu ſein. Und endlich brach ich ſelbſt mit einem ſtarken Trupp nach dem Felsgrath auf, der auf die Seitenwände der Schlucht führte. Wir hatten jene Sti.ame nicht vergeſſen, die uns begrüßte! Ein Le⸗ ben war doch noch übrig! Einer konnte uns doch ſagen, wie das Alles geſchehn!— — — „Wer es geweſen, fragten wir nicht, denn darüber war kein Zweifel bei uns. Niemand als die Männer von der Tereſa kannten den Hafen und den Weg zu ihm hinein. Niemand als die feigen Burſche allein wäre dann davongelaufen, ohne auf uns zu warten. Jeder andere Feind, der unſer Lager entdeckt, wäre noch lüſterner nach uns ſelbſt geweſen, als nach unſern Schätzen. So ſchloßen wir, und es war nicht falſch geweſen. „Denn als wir den Grath paſſirt hatten und oben angelangt waren, in der Gegend, von wo wir nach un⸗ ſerer Meinung vorhin angerufen worden, und wo man einen guten Lugaus auf die Klippen und die See hatte und vernehmen konnte, was drunten in der Schlucht paſſirte— da antwortete auf unſer Rufen aus einem Ge⸗ ſträuch bald dieſelbe Stimme, und wie wir hinzueilten, fanden wir Lionel. Es war Zeit, wie wir merkten, denn es zeigte ſich mit ihm dicht vor dem Zupaſſen. So aber brachte ihn unſere Hülfe wieder zu Kräften, daß er er⸗ zählen konnte. „Ich mag Euch das Alles nicht mehr ausführlich berichten, denn ich habe ſonſt noch genug zu ſagen,“ fuhr der Kapitän wieder fort, nachdem er ſich eine neue Ci⸗ garre angezündet und die Arme dann über die Bruſt ge⸗ kreuzt hatte.„Es war, wie wir vermuthet. Vor vierund⸗ zwanzig Stunden war die Tereſa eingelaufen und gleich zum Anfang ſei die Sennora auf des Conde Arm gelehnt an Bord gegangen. Dann hatte ſich auf des Conde Be⸗ fehl, vielleicht auch ohne denſelben, die Mannſchaft aller unſerer gemeinſamen Vorräthe und Schätze bemächtigt. Als ſie bei den alten Burſchen am Lande Widerſtand ge⸗ funden, ſeien dieſe im Kampf getödtet oder an Bord ge⸗ ſchleppt worden. Das Blut hatte ſich dabei immer mehr erhitzt, es war im wilden Treiben immer weiter gekom⸗ men; die Weiber ſeien mißhandelt, die Hütten angezün⸗ det, die Verwüſtung in der Trunkenheit vollendet wor⸗ den. Und ſo ſeien gegen Abend alle zu Schiff und davon gegangen. „Als die Schlächterei im vollſten Gange geweſen, hatte Lionel ſich mit einem Schuß im Bein ſalvirt und war ſo weit von hinnen geflüchtet, wie möglich, damit wenigſtens Einer uns Kunde geben könne. Ueber den Grath war der alte Burſch auf dem Bauch gekrochen, um uns von droben, wenn wir anſegelten, ein Signal zu ge⸗ ben. Allein dazu hatten ſeine Kräfte nicht genügt; er hatte in ſtundenlanger Ohnmacht gelegen, und war eben erſt wieder zu ſich gekommen, als er auch ſchon die Sten⸗ gen des Feuerſtrahls in den Felspaß treten ſah und uns anrief, ſo laut er's vermochte. „Von den Plänen des Conde wußte er nur zu ſa⸗ gen, daß man, bevor das Plündern und der Kampf be⸗ — —y—— gonnen, die am Lande Gebliebenen zu verführen ſuchte, ſich der Mannſchaft der Tereſa anzuſchließen und mit ih⸗ nen nach irgend einem ſüdamerikaniſchen Hafen zu gehn, wo man im Kampf gegen die Spanier ſicher auf's Beſte willkommen war. Das brauchte ich freilich nicht mehr zu erfahren, da ich es wußte. Denn ich hatte früher ge⸗ gen den Conde wohl hie und da einen Wink fallen laſſen über meine eigenen, ähnlichen Abſichten. Und wohin wollte auch die Bande? Darin war der Schlaukopf nicht ſchlau genug geweſen. Durch das Leben mit uns hatte er ſich jeden ehrlichen Hafen verſchloſſen. Nur dort bei den Aufſtändiſchen konnte er noch Aufnahme, in einer der ab⸗ gefallenen Städte vielleicht einen Wohnort finden. Aber er ſchien auch nichts weiter zu wollen. Tereſa war ihm die Welt, wie ſie's mir geweſen. „Ich ließ den Alten hinunterſchaffen; das Schiff ward zurückgerufen und wir gingen an Bord. Das war raſch geſchehn, mitzunehmen hatten wir nichts— es war nichts da, als wir ſelbſt. Und als wir aus der Bai gin⸗ gen, blieb am Lande nichts zurück als die Bäume und Pflanzen, der Sonnenſchein und der Seewind, der in den Palmenkronen ſpielte. Und wir nahmen Curs nach Südweſten. „Es war ſtill an meinem Bord und ſtill war ich ſelbſt. Aber dort ſah ich die Stirne finſter und die Augen brennend in düſterer Glut, und in mir fühlte ich all' mein Blut klopfen.— Hinunter kam ich nicht; Tag und Nacht ſaß ich wieder im Mars und guckte mir ſchier die Augen aus. Alle Hoffnung war noch nicht verloren, da wir ungefähr die Richtung der Tereſa kannten und im⸗ merhin ein gut Theil raſcher ſegelten, als ſie, zumal bei ſchwächerem Winde. Und Tag und Nacht that ich nichts als darauf ſinnen, wie ich dem„Feuerſtrahl“ ſchneller forthelfen könnte. Segel, Segel, Segel! Und ich ſag' Euch, wir ſchoſſen doch hin wie die Möven, wenn ſie vor dem Sturm fliehen. „Es ward Nacht und es ward Tag; mehr als ein Schiff, das uns ſonſt ein willkommener Fang geweſen, ging unbeläſtigt an uns vorüber; ein engliſcher Kreuzer hatte uns gewittert und ſaß uns ein paar Stunden auf den Ferſen und übte ſeine Burſchen an ſeinen langen Achtzehnpfündern gegen unſre Spieren und Stangen. Wir gingen ruhig weiter und ſahen uns nicht um nach ihm, wir lachten nicht einmal über die Mühe, die er ſich gab und die unſrem Flieger gegenüber ſo umſonſt war. Gottes Tod! Damals hab' ich's geſehn, was ein Schiff leiſten kann, wenn man's recht in die Hand nimmt; und hätte ich nicht Kopf und Herz voll Blut gehabt, ich hätte mich freuen können über mein wackeres Schiff. So flog's! Und wenn Ihr das einmal geſehn,“ wandte er ſich an mich mit blitzendem Auge und, ich möchte ſagen— ſtolzer Stirn,„wenn Ihr das geſehn, dann würdet Ihr's wiſſen, was für ein Unterſchied iſt zwiſchen der faulen, dicken Bark von damals drunten am Werft und einem Baltimore⸗Schoner! Und Ihr würdet ſie nie mit einan⸗ der verwechſeln! „Ich weiß nicht, war es Himmel oder Hölle, was uns zu Hülfe kam— aber am vierten Tage, wie die Sonne aufſtieg, ſah ich recht vor uns auf etwa drei Mei⸗ len Entfernung die Tereſa.— „Was da in mir vorging, kann ich Euch nicht ſagen, Knabe. Am liebſten hätt' ich aufgeſchrieen im unmenſchli⸗ chen Jubel; allein ich preßt' es zurück und ſtieg hinab, da ich nun droben nichts mehr verloren hatte. Jetzt braucht' ich weder Himmel noch Hölle mir zu Hülfe— ich hatte meine Beute, die mir bei dem flauen Winde nicht mehr entgehn konnte. Der Feuerſtrahl ſegelte drei Knoten, wäh⸗ rend die Tereſa es nur auf zwei brachte.— Meine Leute waren gleichfalls ſtill; geſprochen ward nirgends; was zu thun war, geſchah ſchweigend. So preßte uns der Zorn die Bruſt zuſammen. „Sie hatten uns von drüben gleichfalls längſt ge⸗ ſehn und wußten es wie wir, daß von einem Entrinnen keine Rede war. Dennoch verſuchten ſie's zuerſt, und das Schiff ſchoß umher wie ein Fiſch im Netz, planlos und 260 unklug, denn wir kamen ihm dadurch nur immer näher. Sodann aber legten ſie bei und bereiteten ſich augenſchein⸗ lich zum ernſteſten Kampf vor. Sie wußten, daß wir nicht ſpaßen würden mit einander; es galt nur noch Sieg oder Tod zwiſchen uns. „Und da kam ihre erſte Kugel daher und fegte uns durch das Tauwerk, jedoch ohne Schaden zu thun, wäh⸗ rend unſere Antwort ihre Gaffel abſchoß und ihren großen Maſt noch tüchtig anſtreifte. Hatten wir ſie noch nicht gehabt, ſo waren ſie jetzt unſer, und es bedurfte nur noch den Kampf um das ſie oder wir.— Und wir kamen hin⸗ an,“ ſprach er weiter, nicht mehr erregt, ſondern mit ei⸗ ner gewiſſen Starrheit und mit ſinſterem Ernſt in allen vorhin bald ſo verzerrten, bald ſo ruhig⸗gleichgültigen Zügen ſeines Geſichts.„Und wir kamen hinan, und die Lagen folgten ſich raſch, und die Enterhaken fielen, und wir waren an einander geſchmiegt, wie ein Liebespaar in ſeiner zärtlichſten Stunde. „Daß wir ſiegen würden, wußten wir, aber ebenſo gut auch, daß uns der Sieg nicht leicht ſein würde. Denn die Burſchen dort am Bord waren ſo gut wie wir durch eine ernſte, derbe, blutige Schule gegangen; es war Kei⸗ ner darunter, der nicht ſeine richtigen Proben beſtanden, und daß der Conde ſie zu führen verſtand, hatten wir mehr als einmal erfahren. Und ſo kam es denn auch. Es war das kein Kampf, wie am Bord eines armen Kauffahrers, der ſich ein bischen widerſpänſtig zeigte, das Fell ſich von uns über die Ohren ziehen zu laſſen. Hier ſtand Mann gegen Mann, der Hieb traf auf ei⸗ nen Hieb, der Schuß auf einen Schuß, und das Blut floß aus gleichen Wunden. „Und dennoch half es ihnen nicht. Wir fielen hinein in ihre Haufen wie ein Donnerkeil und trieben ſie aus einander, vor uns her, hin über das Verdeck, hinein in die Luken, über Bord, und ich gelangte an den Conde, den heilloſen Verräther. Sein Säbel ſchlug auf mich nie⸗ der und ſchnitt durch den Hut wie ein Meſſer in meinen Kopf, ſo daß ich taumelte. 3 „Das war der Anfang der Narbe, die Ihr da über meinen Schädel ſeht, Knabe.— Aber das war nur ein Moment! Und dann fuhr ihm auch ſchon mein Dolch in die Bruſt, und ich ſtieß den Stürzenden mit dem Fuß zur Seite und ſchrie ihm nach:„Geh hin, verrätheriſcher Hund!“— Und dann ſtürzte ich unter dem wilden Jubel meiner Geſellen fort, die Leiter hinab, in die Kajüte, wo ich ſie ſuchte, die ſo lange das höchſte Kleinod meiner Erdenſchätze geweſen. „Sie war auch da. Mit dem Kopf in die Kiſſen ge⸗ drückt lag ſie auf dem Divan und ſah nicht auf bei mei⸗ nem Eintritt. Aber als ich ihr ihren Namen zurief, fuhr 262 ſie empor, pfeilgrade, hoch und ſchlank, und ſtarrte mich an mit brennenden Augen, als ſei ich ein Geſpenſt, und ſtrich ſich langſam die loſen, langen ſchwarzen Haare aus dem Geſicht, die ihr wirr um die Schultern fielen, und dann ſtammelte ſie Etwas, was da klang wie:„So will mir die heilige Jungfrau nicht verzeihen!“— Und dann ſchlug ſie die Hände vor ihre Augen und ſtürzte rücklings wieder auf die Polſter. „Was ich mit ihr gethan hätte— ich weiß es nicht; vielleicht hätte ich ſie ermordet, vielleicht auch lie⸗ gen laſſen. Denn neben allem Haß hatte ich auch eine raſende Verachtung in mir gegen das Weib, das ſo ſich von mir zu einem Andern gewendet. Aber da ſtürzt mein Steuermann herein und ſchreit:„Kapitän, die Dido ſteht uns auf ſechs Meilen nahe!“— „Und dem Boten folgt ein zweiter und er ruft: „Salvirt Euch, Kapitän, das Schiff brennt lichterloh vom Raum auf!“— „Und ſo vergeß ich Alles, bis auf meine alte un⸗ menſchliche Liebe zu ihr; ich ſpringe zu ihr, ich reiß ſie in meine Arme; ſie windet ſich auf wie ein Wurm und ringt und ruft:„Laßt mich los, Sennor, laßt mich los, Don Jorge!— Ich will nichts von Euch, blutiger Mann! Barmherzigkeit!“— „Recht hatte ſie,“ unterbrach er ſich, und ein höh⸗ .