9/S 6455 .— 3— Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen,“ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. hur beſchmutzte, zeriſtene verlorene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V eee 1 g . ZLorelei 5. 14 8* Eine Schloß⸗ und Waldgeſchichte von Edmund Hoefer. —oro:0⸗ Stuttgart. 6 Verlag von Adolph Krabbe. 1 1862. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Inhalt. I. Ich fahr' und weiß nicht wohin II. Ich ſollt' eine Nonne werden III. Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! IV. Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! V. Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. VI. Da droben auf jenem Berge VII. Es war einmal ein König und eine Königin VIII. Es geht ein friſcher Sommer daher IX. Es wohnet Lieb' bei Liebe X. Nun laßt uns ſingen das Abendlied —.j— Seite 1. Ich fahr' und weiß nicht wohin. Es war aber eine ſonderbare Straße, wenn es über⸗ haupt eine ſolche ſein ſollte, und der Reiter, welcher ſein Auge mit raſchem Blick zuweilen rechts und links auf die dicht hinziehenden Waldmaſſen richtete oder ungeduldig und ſcharf in die dunkle, vor ihm geöffnete Lichtung ſchweifen ließ, ſchaute noch viel häufiger und mit halb ärgerlichem, halb verwundertem Kopfſchütteln auf den rauhen, ſteinigen, mooſigen und zu Zeiten auch übergrasten Pfad, den ſein müdes Pferd vorſichtig hinanſchritt. Jetzt ſtieg er ab und führte das Thier langſam über eine böſe Stelle, wo, wie er wohl bemerkte, vor nicht langer Zeit das Waſſer über die Straße herabgeſchoſſen ſein mußte und ſie arg zerriſſen hatte; jetzt ſaß er wieder auf und ritt verdrießlich weiter über einen ſchier ebenen Fleck, wo ſich Moos und Gras und Kraut und hie und da einige kleine Sträucher feſtge⸗ ſetzt hatten. Aber dazwiſchen lagen ſcharfkantige Stein⸗ ſplitter, über welche das müde Thier mehr als einmal Hoefer, Lorelei. 1 2 Ich fahr' und weiß nicht wohin. ſtolperte und auf welche es immer zögernder die ſchmerzen⸗ den Hufe niederſetzte. Und es wurde nicht beſſer. Denn als der Mond jetzt höher und höher kam und das rings ausgebreitete Dunkel lichtete, konnte der Reiter bemerken, daß die Straße in gleicher Weiſe noch weit hinaus zwiſchen den Laubwänden fortzog. Eine Straße war's und keine zufällige Lichtung, das ſah er nun wohl, und wär' es auch nur an den halb zu⸗ ſammengeſtürzten Gräben geweſen, welche zu beiden Seiten den Wald begrenzten; aber ſie ſchien ſeit Menſchengedenken nicht mehr benützt, ſondern längſt ſchon aufgegeben und vergeſſen zu ſein. Er zog die Zügel an und ſah ſich nachdenklich und prüfend nach allen Seiten um.„Iſt das der Weg, oder bin ich verirrt?“ murmelte er dabei vor ſich hin und ſpähte und lauſchte wieder, wie er in der letzten Stunde ſchon häufig gethan. Denn ſeit dem Mittage bereits ritt er in den weiten Heiden und Wäldern, welche, wie er wußte, der Krone gehörten und ſeine ihm genau beſchriebene Straße bargen; allein der Wege waren früher manche abgegangen, wo die Beſchreibung nicht mehr ausreichte, und ſeit die Sonne hinter die Wipfel geſunken, zog er nun ſchon auf dem jetzigen Pfade langſam ſteigend dahin. Seitdem hatte er keine ſich abzweigenden Pfade mehr bemerkt; die kleine Schenke, in der er Mittags das Pferd gefüttert, war die letzte menſchliche Wohnung geweſen, die er geſehen, und —— Ich fahr' und weiß nicht wohin. 3 einem Menſchen, bei dem er ſich hätte erkundigen können, war er ſeither auch nicht begegnet. Und jetzt ſchien das Spähen und Lauſchen gleichfalls keinen Erfolg haben zu ſollen. Es war eine Auguſtnacht, und der Hauch, welcher droben in den Wipfeln ſäuſelte und zuweilen im leiſen Zuge auch die Straße entlang kam, belehrte den Reiſen⸗ den, daß ſie auf offeneren Stellen ziemlich kühl ſein mochte, obgleich hier im dichten Walde die Hitze der vergangenen Tage noch ſchwül genug zu ſpüren war. Der Mond ſtand jetzt faſt über dem Wege und ließ ihn und die Büſche und Laubmaſſen umher immer heller und ſchärfer aus der bis⸗ her herrſchenden Dunkelheit hervortreten. In einiger Ent⸗ fernung trat ein Reh auf die Straße, ſchaute ſich um, ſchmälte und trabte hinüber in das Gehölz; ein paar an⸗ dere folgten ihm ſchnell und verſchwanden gleichfalls,— und dann war wieder alles einſam im ſtillen Mondlicht. Zeitweiſe rieſelte und zitterte es durch die Wipfel, ein paar⸗ mal ſchrie auch weit in der Ferne eine Eule; das Pferd ſchüttelte ſich einmal und ſchnaubte noch nach der letzten Anſtrengung. Sonſt aber war weit umher nichts als die Nacht und das Schweigen. „Verwünſcht!“ murmelte der Reiter.„So bin ich— Er brach ab und neigte das Haupt lauſchend in die Richtung des Luftzuges, denn ihm war geweſen, als habe er einen Ton vernommen, wie ihn nur ein Menſch hervor⸗ Ich fahr' und weiß nicht wohin. bringt. Und er hatte ſich nicht getäuſcht— wieder ſchlug ein leiſer, leiſer Klang an ſein Ohr, ſo leiſe, daß er ſich noch nicht zu ſagen vermochte, was es ſei; allein von einem Thier oder Vogel kam er nicht und war ebenſo wenig ein Waldlaut.— Und er trieb das Pferd wieder an und ſtrebte haſtig vorwärts— es ging auch beſſer, da der Weg hier ebener war— und je weiter er kam, deſto deutlicher hörte er die Töne, fort und fort, ſie ſanken und hoben ſich, ſie ſchloſſen ſich an einander— es ſang, jetzt nicht fern mehr, eine volle, reine, klingende Frauenſtimme ein Lied, und die Melodie deſſelben klang auch ohne die Worte, die er noch nicht verſtand, im Herzen des Reiſenden mit ſolcher Schwer⸗ muth und ſolcher Sehnſucht wieder, daß er ſich ſeltſam be⸗ wegt und durchſchauert fühlte. Und jetzt war die Straße plötzlich zu Ende. Nach einer kurzen Wendung ſtieß ſie auf eine dreifache Allee von alten Linden, welche ſich rechts eine leichte Höhe hinaufzog. Die Zweige droben waren ſo dicht gewölbt, daß der Weg zwiſchen den Stämmen im tieſſten Schatten lag. Allein er war eben und wohl unterhalten, und in der Entfernung von ein paar hundert Schritten ſah man hinter der Oeff⸗ nung des Baumganges einen freien, vom Mondlicht hell überfluteten Platz und weiterhin dunkle Maſſen, die zu einem größeren Gebäude zu gehören ſchienen. Zuerſt, auf der Biegung des Weges und wie der Reiter in die Allee lenkte, war der Geſang wieder leiſer —— ,— Ich fahr und weiß nicht wohin. 5 geworden; nun jedoch, als das Pferd zwiſchen den Bäumen hinſchritt, klang es immer voller und näher. Jetzt verſtand er ſchon einzelne Worte, kannte nun auch die Melodie— 8s war die des alten Volksliedes„Von den beiden Königs⸗ kindern“— und nun— er hielt unwillkürlich ganz an, um nicht einen Ton, nicht eine Biegung der wundervoll ſchönen Stimme zu verlieren— nun ſetzte ſie den letzten Vers ein, und jede Silbe drang ihm in's Herz— „Da hört man Glocken läuten, Da iſt viel Jammer und Noth— Hier liegen zwei Königskinder, Die ſind alle beide todt.“ Der letzte Ton verklang, immer weicher, immer ſanfter — der Reiter lauſchte umſonſt. Es ließ ſich nichts mehr hören als das Lispeln in den Lindenwipfeln und das ein⸗ tönige Plätſchern eines Brunnens oder eines andern nahen Gewäſſers. Er nahm die Zügel auf und ritt raſch die kurze Strecke bis zum freien Platz hinauf— hier kam er ja zu Menſchen. Allein, wo die Allee endete, war ein leichtes eiſernes Gitter⸗ thor zwiſchen zwei hohen Pfeilern, und rechts und links ſtreckte ſich eine, wenn auch nur niedrige Mauer hin. Jen⸗ ſeits öffnete ſich ein mäßig großer Raum von anſcheinend ovaler Geſtalt, während rings umher der Wald dicht und dunkel zur Höh ragte. In der Mitte des mit Raſen be⸗ deckten Platzes erhob ſich ein ziemlich großes Gebäude, deſſen 6 Ich fahr' und weiß nicht wohin. Rococoſtil der Reiſende bei dem hellen Mondlicht und der geringen Entfernung deutlich genug bemerken konnte. Er ſah's, daß mächtige Pfeiler vor dem Erdgeſchoß einen tiefen Bogengang bildeten und eine Art von Terraſſe trugen, welche droben den ganzen Hauptbau zu umgeben ſchien. Da hinauf führten vom freien Platze rechts ein paar an⸗ muthig geſchwungene Freitreppen, während links, an der Rückſeite des Schloſſes, ein einfacher gebauter Flügel vor⸗ ſprang und bis an die hier dicht herantretenden Waldbäume reichte. Es war nahe und hell genug, um an den Pfeilern vor dem Erdgeſchoß ſtolze Hirſchgeweihe angebracht zu ſehn. Aber ſo viel der Reiſende auch ſpähte, der ganze Bau war ſtill, in keinem Fenſter zeigte ſich ein Licht, von Menſchen oder Thieren hörte man keinen Laut, und auch die Sängerin mußte ſich zurückgezogen haben. Auf dem Platze und den Bäumen rings, auf den Treppen und auf der Terraſſe, auf der ganzen zierlich ſchnörkelhaften Vorderſeite des Bauwerks träumte das Mondlicht und ließ alles noch viel ſtiller er⸗ ſcheinen.— Der Neiter ſtreckte die Hand nach dem Klingel⸗ zuge aus, den er am Thorpfeiler bemerkte. Aber er zögerte. Sollte, durfte er hier um Aufnahme bitten? „Nun, was gibt's hier? Was wollt ihr?“ fragte da neben ihm die ziemlich barſche Stimme eines Mannes, den er, in das Schauen verſunken, ſich nicht hatte nähern hören. Als er jetzt raſch den Kopf dem Frager zuwandte, fand er in ihm einen bereits bejahrten Mann in der herkömmlichen d Ich fahr' und weiß nicht wohin. 7 und den hohen Stiefeln, die Taſche zur Seite und die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt.„Was be⸗ liebt dem Herrn?“ wiederholte derſelbe jetzt und ſchaute dabei den Reiter mit einem feſten, prüfenden Blick an. Der Reiſende ließ ſein Auge gleichfalls ernſt und auf⸗ merkſam auf dem Ankömmling ruhen, bevor er ziemlich kurz antwortete:„ein Nachtquartier für mein Pferd— für mich wär's nicht nöthig, aber das Thier iſt abgejagt.“ „Nachtquartier? Das iſt kein Wirthshaus, wie der Herr ſieht,“ ſagte der Förſter wieder barſch und ohne ſein Auge von dem Fremdling abzuwenden. Der Letztere zuckte die Achſeln und entgegnete:„Das ſeh' ich freilich. So könnt Ihr mir aber vielleicht ein ſol— ches nennen, denn das Thier muß Ruhe haben, wieder⸗ hole ich.“ „Es iſt nicht erlaubt, durch dies Revier zu reiten,“ ſprach der Förſter wieder, indem er die Worte des Fremden unbeachtet ließ.„Was hat der Herr hier überhaupt zu thun?“— Er ſprach gedämpft und ſeine Worte klangen nicht eigentlich unhöflich, ſondern nur ernſt und beſtimmt, als ob der Sprecher in ſeinem vollen Recht und oben⸗ drein nichts weniger als erfreut über die Begegnung ſei. Der Reiter zuckte auch nur wiederum die Achſeln und verſetzte ruhig:„ich kenne weder die Gegend, noch die be⸗ ſonderen Beſtimmungen für dies Revier, Herr Förſter. Ab⸗ —— 8 Ich fahr' und weiß nicht wohin. ſichtlich komme ich hieher nicht, habe im Gegentheil ſchon ſeit einiger Zeit gefürchtet, daß ich irre geritten.“ „Aber wie kommt der Herr denn hieher?“ fragte der Andere hartnäckig.„Das kann mir eben nicht gleichgül⸗ tig ſein.“ „Nun, da auf dem Wege, der die Höhe heranſteigt,“ lautete die Antwort des Fremden, während er zugleich in jene Richtung deutete. „Dort?“ rief der Forſtmann erſtaunt.„Dort?— Aber wo und wie ſeid Ihr auf die Waldſteige gekommen? Habt Ihr denn keinen Schlagbaum getroffen?“ Der Reiter ſchüttelte den Kopf.„Nein,“ ſagte er dann,„einen Schlagbaum ſah ich nicht, doch bin ich auch um Sonnenuntergang, wo ich vom rechten Wege abgekom⸗ men ſein mag, nicht ſehr aufmerkſam auf meine Umgebung geweſen. Ich meinte nicht fehlen zu können, ſo genau war mir der Weg beſchrieben und ſo leicht kenntlich ſchien er ſich hinzuziehn. Und als ich eine Weile ſpäter ein Kreuz unter den Bäumen ſah, meinte ich vollends noch recht zu ſein. Das war mir als Wahrzeichen angegeben.“ Auch der Förſter ſchüttelte den Kopf und meinte:„ein Kreuz ſteht freilich auf der Steige bei den drei Eichen, und ich weiß weit und breit nur noch das auf dem Wege nach Stonsheim—“* „In die Gegend will ich auch,“ entgegnete der Fremde. „Nun, da ſeid Ihr ſchon früher vom rechten Wege —————:—— 160 ———;ʒ—— —— Ich fahr' und weiß nicht wohin. 9 abgekommen,“ ſprach der Andere,„und es wird beim wüſten Dorf geweſen ſein, wie wir's heißen. Da hättet Ihr rechts und im Thal bleiben müſſen. Hinterdrein freilich müßt Ihr gerade auf die Waldſteige zulaufen.“ „Das thut mir leid,“ meinte der Reiter.„So bin ich—“ „Kümmert Euch nicht darum,“ unterbrach ihn der Förſter.„Was könnt Ihr dafür, wenn die Canaillen heut Morgen den Baum nicht ſchließen, ſondern im Gebüſch ſtehen laſſen, wo man ihn kaum am hellen Tage ſieht? Wartet!“ ſetzte er grollend hinzu und ſchüttelte die erhobene Fauſt,„will's euch aber anſtreichen!“ „Alſo bin ich wirklich verirrt und weit abgekommen?“ fragte nach einer Pauſe der Reiter, und man hörte ſeiner Stimme an, daß dieſe Gewißheit ihm nichts weniger als angenehm war. „Nun, es geht noch ſo an,“ verſetzte der Förſter und richtete jetzt das Auge wieder auf ſein Gegenüber;„drei Stunden werdet Ihr immerhin bis auf die Straße zu reiten haben, und zwar auf den nächſten Waldwegen, die bunt genug durch einander laufen. Heut Nacht und mit dem maroden Thier dort geht's nicht,“ fuhr er fort, als er den Reiter bei dieſen Auseinanderſetzungen etwas wie einen Fluch vor ſich hinm irmeln hörte.„Ihr müßt aber darum nicht verzagen. Ich habe Euch mit Unrecht angefahren, wo doch nur die Canaille von Burſchen ſchuldig iſt, und muß 10 Ich fahr' und weiß nicht wohin. das billigerweiſe wieder gut machen. Ihr könnt heut Nacht bei mir bleiben und ſollt morgen einen Führer haben. Kommt, es iſt nicht weit.“ Ohne die Antwort des Fremden abzuwarten, ging er vorwärts, kreuzte die Allee und ſchritt jenſeits weiter. Der Reiter war ihm mit einem kurzen:„Gott lohn's! Ich muß wohl!“ gefolgt.— Der Weg lief eine kleine Strecke längs der Mauer hin, welche den Platz begrenzte, und ſenkte ſich dann, in den Wald lenkend, raſch abwärts, ſo daß der Fremde ab⸗ ſtieg und das Pferd am Zügel führend neben dem Forſt⸗ mann herſchritt. Ringsum war es wieder ebenſo ſtill, wie vorhin, und das Mondlicht drang in dieſe Tiefen nicht hinein. Schweigend gingen die Männer hin, bis ſie nach einer kleinen halben Stunde Hundegebell hörten und bald darauf zu dem einſamen Jägerhaus gelangten. Der Alte ließ den Fremdling in das Zimmer treten, wo eine ältliche Frau ſpinnend bei der Lampe ſaß, und ging wieder hinaus, um für das Pferd zu ſorgen und den ſchuldigen Burſchen, wie er ſagte, nach dem Schlagbaum hinüberzuſchicken. Dann kehrte er zurück und ſetzte ſich zu ſeinem Gaſt an den Tiſch, wo die Frau inzwiſchen ſchon einen kleinen Imbiß aufge⸗ ſtellt hatte. „Langt zu!“ ſagte der Alte, zündete ſich dann eine kurze Pfeife an und muſterte ſchweigend den mit den Speiſen Ich fahr' und weiß nicht wohin. 3 11 beſchäftigten Fremden. Die Frau rüſtete indeſſen in einer Nebenkammer ein einfaches Bett. Der Gaſt— es war ein noch junger Mann, deſſen braunes Geſicht aber von einem langen Aufenthalt in freier Luft ſprach— legte endlich Meſſer und Gabel nieder und richtete nun auch ſeinerſeits ein paar dunkelblaue, ziemlich finſter blickende Augen auf den Forſtmann. „Ihr lebt hier in einer einſamen Gegend,“ bemerkte er nach einer Weile anſcheinend gleichgültig.„Ich bin erſtaunt geweſen, ſo wenig bewohnte Stellen zu finden. Sind die Waldungen im Privatbeſitz oder gehören ſie dem Fürſten?“ „Letzteres,“ ſagte der Andere kurz. „Und Ihr ſeid im fürſtlichen Dienſt, Herr Förſter?“ „d.“ „Nun, Ihr wohnt da, wie es ſcheint, gar abgelegen,“ warf der Fremde nach einer neuen kleinen Pauſe wieder hin,„aber in der jetzigen Zeit hat das zuweilen ſein An⸗ genehmes. Man kann wenigſtens hoffen, nicht ſo oft von den Kriegsunruhen beläſtigt zu werden.— Habt Ihr hier auch zu leiden gehabt? Es ſieht wild in der Welt aus.“ Der Alte ſtreifte den Fremden mit einem neuen ſcharfen und finſtern Blick. Gleich darauf ſah er wieder gleichgültig dem Rauch ſeiner Pfeife nach und verſetzte:„leiden? Meint Ihr von dem Franzoſengeſindel?“ 12 Ich fahr' und weiß nicht wohin. „Ja, von den Franzoſen oder von andern, die ihnen feind waren.“ „Bah— was gehn uns die Feindſchaften der Poten⸗ taten an!“ ſagte der Alte wieder.„Unſer Landesherr iſt ja übrigens gut Freund mit dem Wälſchen, wie es heißt, obſchon— ich kann das von mir zwar nicht behaupten,“ ſetzte er jäh abbrechend hinzu.„Ich liebe das Geſindel nicht, das ſich im deutſchen Lande ſo breit macht, wenn es bisher auch mir nicht in den Weg gekommen. Hier helhn haben wir noch keinen Beſuch von ihnen gehabt. Was hätten ſie da auch zu ſuchen? Es führt keine rechte Straße durch den Bezirk, und ſollte ſich Einer oder der Andere neugiershalber zu uns herein verirren, ſo würde ich ihm die Wege zu zeigen wiſſen.“ Er hatte bei den letzten Worten die Pfeife aus dem Munde genommen und den Blick feſt auf den Gaſt gerichtet; und wie gleichgültig er anſcheinend ſprach, klang doch aus ſeiner Rede etwas ſo Scharfes hervor, daß der Fremde wohl hätte aufmerkſam werden können. Allein der hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſchaute ſchweigend in das Lam⸗ penlicht. „Es iſt eine wilde Zeit, ſagt Ihr ſelber,“ fing der Förſter wieder an und ſein Auge haftete noch immer finſter auf dem jungen Mann.„Eure Fragen laſſen mich daran denken, wie viel Geſindel jetzt umherſtreift, und daß man aufpaſſen muß, wenn man reines Haus behalten will. Alſo Ich fahr' und weiß nichr wohin. 13 — obſchon Ihr reputirlich ausſeht und ein ſolch Gefrage ſonſt nicht meine Art iſt— wie kommt's, daß Ihr nach Stonsheim durch den Wald zieht und Euch dem Verirren ausſetzt, obſchon es dahin eine ziemlich grade und offene Straße gibt?— Ihr ſcheint freilich ein deutſches Landes⸗ kind, allein es ſoll leider Gotts auch unter denen manchen geben, der ſich mit Haut und Haar dem Franzoſen verkauft hat. Seid Ihr ein ſolcher,“ fuhr er noch finſterer fort, „ſo— will ich Euch morgen auf den Weg nach Stons⸗ heim geleiten laſſen. Ich halte mein Wort. Dann möchte ich Euch aber den Rath geben, nicht wiederzukommen, denn—“ Er brach ab, da der junge Mann ihm plötzlich mit ernſtem Lächeln die Hand entgegenſtreckte. „Schlagt dreiſt ein, es iſt die Hand eines Gleichge⸗ ſinnten,“ ſagte dieſer dabei.„Eben, weil es unter unſern Landsleuten Schufte gibt, wie Ihr ſie erwähntet, und weil die Franzoſen Herren ſind in unſern Gauen, muß ich die Waldwege wählen. Ich bin auf der Flucht ſeit Wochen, Alter, und habe nicht Luſt, mich wie einen Verbrecher er⸗ ſchießen zu laſſen. Die Zeit kann nicht fern ſein, wo ich dem Vaterland meine Kräfte und mein Leben weihen darf. — Ich habe ein paar Tage bei einem Freunde geraſtet und dachte dort bleiben zu können, bis ſich eine Gelegenheit fand, an das Meer und nach England zu gelangen. Aber man hat mich auch dort aufgejagt, und mein Freund konnte 14 Ich fahr' und weiß nicht wohin. nichts mehr thun, als mich hieher zu, dirigiren, während er zugleich die Spürhunde des Tyrannen nach einer andern Richtung hin zu ſchicken ſuchte.“ „Wie heißt Euer Freund?“ fragte der Förſter— er ſchaute den Fremdling jetzt freundlich an—,„man kennt der Biedermänner nie genug.“ „Es iſt ein Herr von Herbersberg auf Finkenſtein, an der Grenze von S.“ „Kenn' ihn ſchon,'s iſt ein wackerer Herr. Er iſt bis vor Kurzem Offizier geweſen?“ „Ja,“ entgegnete der Gaſt und nickte leiſe mit dem Kopf,„er diente mit mir im gleichen Regiment und ſchlug ſich mit mir nach dem Unglück bei Jena zur Armee in Preußen durch. Wir dienten bis zum Frieden. Da mußte man uns bei der allgemeinen Reduction entlaſſen, und wir gingen auf unſere Güter.“— Der Förſter ſah den ernſten jungen Mann wieder prüfend an.„Nun,“ meinte er nach einer Pauſe,„da ſind Sie beide doch in allen Ehren verabſchiedet und haben nichts mehr mit den Franzoſen zu thun. Und doch ſagtet Ihr, daß Ihr auf der Flucht—?“ Der Fremde nickte.„So iſt's,“ ſprach er ernſt.„Ich habe ſchon ſo viel geſagt, weßhalb nicht alles? Vor acht Wochen machte der Oberſt Emmerich drüben in Heſſen, im Marburgiſchen, einen Aufſtandsverſuch, bei dem ich mich * Ich fahr' und weiß nicht wohin. 15 betheiligte. Die Sache mißlang. Es ſind leider nicht viele entronnen.“ Der Förſter ſtand auf und ging nachdenklich ein paar⸗ mal durch das Gemach, bevor er vor dem Fremdling ſtehen blieb und fragte:„wie heiß' ich Euch, Herr?“ „Nennt mich Hofmann,“ gab der Andere finſter lächelnd zur Antwort.„So ſteht's wenigſtens im Paß, den Her⸗ bersberg mir für den Nothfall zu verſchaffen wußte. Mein Familienname wird jetzt nur noch in den Steckbriefen der Zeitungen und Gensdarmen genannt.“ „Und ſeit ſieben— acht Wochen ſeid ihr, Mann und Pferd, in der Hetze geweſen?“ fragte der Alte theilnehmend. „Donnerwetter, da werdet ihr beide Ruhe brauchen! Aber Ihr könnt ſie auch haben, Herr; der Joſef Waldinger ſteht Euch dafür, daß Ihr hier nicht geſtört werdet. Aber—“ fuhr er zögernd fort—„Ihr wollt in die Gegend von Stonsheim. Iſt das nur zufällig, oder ſucht Ihr dort jemand? Ich kenne dort manchen, höre von noch mehreren. Denn,“ ſetzte er hinzu,„Vertrauen um Vertrauen. Wir haben hier herum ſchon auch ein Herz für's Vaterland und achten auf die Treuen und die Verräther.“ „Von einem der letztern iſt da keine Rede,“ erwiderte der Gaſt ernſt.„Ich hörte von Herbersberg, daß dort ſeit kurzem ein älterer Kamerad von uns wohne— ein Herr von Bühel—⸗ „Auf Breitenſteinbach?“ unterbrach ihn der Förſter. Ich fahr' und weiß nicht wohin. — „So iſt's. Er war Major in unſerm Regiment.“ „So wird er genannt. Er hat nicht mehr in Preußen 4 gekämpft, hör' ich.“ 5 „Nein, er kapitulirte mit einem Theil des Regiments 4 bei Prenzlau und wurde auf Ehrenwort entlaſſen. Ich wußte nicht, wo er geblieben, denn es war mir nicht be⸗ kannt, daß er in dieſer Gegend begütert ſei. Ich freue mich, ihn wiederzufinden; er hatte zwar wenig Umgang mit uns, da er ſtill lebte, allein er war bei Gelegenheit ein ganz guter Kamerad und ein heftiger Franzoſenfeind.“— Der Alte ging wieder einigemal auf und ab.„Nun, ⸗nun,“ ſagte er dann,„wir ſind da weiter ins Plaudern gekommen, als für einen müden Mann gut, und können morgen mehr reden. Jetzt, Herr, kommt zur Ruhe und 4 ſchlaft tüchtig aus; Ihr ſeid ſicher hier, und Euer Pferd bekommt auch ſeine Abwartung.“ Und nachdem er den Gaſt in die Kammer geführt, ſchied er raſch von demſelben mit wiederholtem Gutenachtwunſch. Der Fremde war in der That zu müde, um auf dieſen 3 plötzlichen Abbruch der bisherigen Unterhaltung beſonders zu achten, und ſuchte ſchnell das Lager. Als er am folgenden Morgen erwachte, warf die Sonne ihre Strahlen bereits über die hochragenden Kronen des rings ausgebreiteten Waldes auf den ſtillen Platz vor dem Hauſe und in ſein Kämmerchen. Seine Kleider hatte er bald angelegt und ging dann hinaus, um nach dem Pferde 4 6 44 3 A Ich fahr' und weiß nicht wohin. 17 zu ſehen. Er fand es unter den Händen eines putzenden Knechts und trat, darüber beruhigt, wieder hinaus und in den kleinen Garten, welcher ſich mit einigen Obſtbäumen und ein paar Blumenrabatten neben und hinter dem Forſt⸗ hauſe ausbreitete. Da ſah er den Förſter mit einem jungen Menſchen, der gleichfalls die Jägerkleidung trug, einen Steig herauf kommen und hörte noch die letzten Worte des Alten:„alſo kurz und gut, Freund,— kommt dergleichen noch einmal vor, ſo kannſt du deiner Wege gehn. Ich mag mich nicht länger ärgern an dir.“ Dann bemerkte derſelbe ſeinen Gaſt, den die begleitenden beiden Hühnerhunde miß⸗ trauiſch umſchnupperten, und trat ihm mit freundlichem Gruß entgegen. „Schon heraus?“ fragte er und ſchüttelte die darge⸗ botene Hand.„Das heiß ich Ueberfluß! Ihr wißt nicht, wie lang' Ihr ſo ſichere Ruhe habt, und da ſolltet Ihr ſie gründlich genießen.“ „Ich ſchäme mich ſchon genug über die ſpäte Stunde,“ entgegnete Hofmann kopfſchüttelnd.„Meine Kleider hat man mir auch gereinigt, ohne daß ich etwas davon ge⸗ ſpürt, und das iſt, wie Ihr ſelber ſagen müßt, kein geringer Vorwurf für den verfolgten Flüchtling.“ „Ei,“ lachte der Förſter,„das müßt Ihr mit meiner Alten abmachen. Die ſchleicht trotz ihres lahmen Beines wie eine Katze und geht durch die Thüren wie ein Geſpenſt⸗ 2 Hoefer, Lorelei. 18 Ich fahr' und weiß nicht wohin. Wenn Ihr gewacht hättet, würdet Ihr ſie freilich geſehen haben, aber gehört ſicher nicht.“ „Ich könnte ſchon ein gutes Stück fort ſein,“ bemerkte Hofmann. „Davon nachher,“ entgegnete aber der Alte freundlich; „zuerſt wollen wir unſere Suppe eſſen— den Kaffee hat uns der Franzos verboten.“— Und als ſie die einfache Mahlzeit beendet und die Frau das Gemach wieder verlaſſen hatte, meinte der Förſter: „nun ſagt mir offenherzig, Herr, ob man Euch heut in Breitenſteinbach erwartet?“ „Nein, das nicht. Bühel weiß ſogar nichts von meinem Kommen, von meiner Flucht vielleicht nur durch die Zei⸗ tungen.“ „Und habt Ihr einen beſondern Plan im Auge, deſſen Ausführung an einen beſtimmten Tag gebunden iſt?“ „Nein, auch das nicht. Sprechen muß ich ihn, aber auf ein paar Tage kommt es nicht an. Ich muß eben auf jede Gelegenheit achten, die mir forthelfen kann.“ „So bleibt heut noch hier,“ ſagte der Alte entſchieden. „Es wird Euch gut thun, Herr, und Eurem Gaul auch, — er iſt mächtig herunter. Und ſicher ſeid Ihr hier— mehr als in Breitenſteinbach, das ſchon nah am offenen Lande liegt.“ Es war nicht ſchwer, den Gaſt zu überreden, da der⸗ ſelbe ſich nach den Strapazen und der Aufregung der letzten 1 Ich fahr' und weiß nicht wohin. 19 Wochen gleichfalls der Ruhe bedürftig fühlte. Und als er eingewilligt, bot ihm der Förſter eine Pfeife—„denn,“ ſagte er,„ſo ein Ding gibt uns ein befriedigtes Gemüthe und großes Behagen“— und führte ihn dann mit ſich hinaus in den morgenfriſchen Wald, der ſo munter darein ſchaute, als habe auch er in der vergangenen Nacht gründ⸗ lich ausgeſchlafen. Da redeten die ſchnell vertraut gewor⸗ denen Männer über des Vaterlandes Noth und Ausſichten. Es war, wie unſere Leſer aus den Andeutungen des Flüchtlings bereits erfahren, das Jahr 1809, trotz einiger Lichtblicke und herzerhebender Züge eins der traurigſten, die jemals über das deutſche Land dahinzogen. Oeſterreich hatte nach ſeinem muthyvollen Ringen bereits einen Waffenſtill⸗ ſtand geſchloſſen, der vorausſichtlich bald zum neuen elenden Frieden führen mußte. Die heſſiſchen Aufſtände waren längſt unterdrückt und blutig gerächt, die Reſte des Schill'⸗ ſchen Corps zu Weſel erſchoſſen oder auf franzöſiſche Ga⸗ leeren gebracht. Der Herzog von Braunſchweig hatte ſein tapferes Corps vor einigen Tagen zu Esfleth auf engliſche Schiffe gerettet, und der in Tirol nach fortdauernde Kampf konnte die Herzen aller Patrioten nur mit herber Trauer erfüllen, da das treue Land je ſpäter, deſto blutiger dem allgewaltigen Gegner erliegen mußte. Und dazu lag Preu⸗ ßen unter ſchier vernichtendem Druck, dazu ſeufzte ganz Deutſchland in ſchmachvollſter Abhängigkeit; wohin man ſchaute, nichts als Elend, nichts als Knechtſchaft, nichts als —QOOCꝭ—·—ʒᷓäaäadadqdqdq·· 2— 20 Ich fahr' und weiß nicht wohin. Schmach und Schande, und es gehörten eiſerne Herzen dazu, an dieſer Zeit nicht nur nicht zu verzagen, ſondern auch noch feſt zu vertrauen, daß gerade aus dieſem furcht⸗ barſten Dunkel das volle, helle, flammende Licht deſto ſchneller emporbrechen werde.— Das beredeten, darüber verſtändigten ſich die beiden Männer und faßten ein Vertrauen zu einander, wie es nach der erſten Begegnung des vorigen Abends und ſelbſt nach den folgenden befriedigenden Mittheilungen keiner von ihnen ſo ſchnell und voll erwartet haben mochte. Rückhaltslos tauſchten ſie ihre Anſichten aus. Von den eigenen Erleb⸗ niſſen des G war nur noch flüchtig die Rede, da es eigentlich nur ſolche, wie ſie damals mancher zu erfahren und erzählen hatte.— Während des ganzen Frühlings durch eine ſchwere Krankheit ans Lager gefeſſelt, hatte Hofmann ſich mit einigermaßen erſtarkten Kräften erſt dem bereits erwähnten unglücklichen Aufſtandsverſuch des Oberſten Emmerich anſchließen und auf der Flucht weder nach Oeſter⸗ reich, noch zum Corps der Braunſchweiger durchdringen können. Glühend ſehnte er ſich nach Thätigkeit und ge⸗ dachte, wie viele, dieſelbe in Spanien unter Englands Füh⸗ rung zu finden. Der Major von Bühel hatte, wie er wußte, Verwandte in England und konnte, da er doch mit ihnen wohl in Verbindung geblieben, unzweifelhaft nicht nur die weitere Flucht des alten Kameraden, ſondern auch ſeine Anſtellung unter den Truppen befördern. Ich fahr' und weiß wohin. 21 „Habt Ihr etwas gegen den Major?“ fragte der Gaſt endlich, da der Alte ganz gegen ſeine bisherige Weiſe zu dieſen Mittheilungen geſchwiegen oder doch nur während derſelben ein paarmal leicht den Kopf geſchüttelt hatte. „Es fällt mir jetzt erſt wieder ein, daß Ihr auch geſtern Abend gar ſchnell über meinen frühern Kameraden fort⸗ gingt.“ „Hm,“ machte der Förſter trocken,„es gefällt mir nur nicht beſonders, daß er ſich damals ergeben und auf Ehren⸗ wort ſeinen Privatfrieden mit den Franzoſen gemacht. Ich weiß von manchen— Ihr gehört ja auch dazu— welche das Ding anders anſahen und anders angriffen. Im Uebrigen— nun Ihr müßt ihn beſſer kennen als ich, der ich immer doch nur zufällig und durch Andere etwas von ihm erfahren.“ Hofmann ſah ſeinen Begleiter fragend an.„Eure Trockenheit täuſcht mich nicht,“ meinte er dann;„Ihr wißt mehr als Ihr ſagen wollt.“ „Nicht viel,“ verſetzte der Förſter im früheren Ton. „Man weiß nur, daß der Major ein paarmal einige arme Teufel von Schmugglern, die ſein Gebiet paſſiren mußten, aufgreifen und an die Behörden ausliefern ließ. Er iſt auch gut Freund mit den Herren Douaniers in Dettſtädt, welches kaum drei Stunden von Breitenſteinbach liegt. Ich meine nur,“ ſetzte der Förſter kalt hinzu,„das und Ich fahr und weiß nicht wohin. dergleichen ſpräche* allzu deutlich von einer großen Franzoſenfeindſchaft des Herrn.“ Hofmann hatte leicht die Brauen zuſammengezogen, ließ jedoch keine Erwiderung laut werden und ging ſchwei⸗ gend neben dem Andern her, der nach einer Weile fort⸗ fuhr:„ſoll ich Euch rathen, Herr, ſo bleibt Ihr für's erſte noch bei mir, bis ſich eine gute Gelegenheit findet weiter zu kommen und wieder ein wenig mehr Ruhe im Lande iſt. Ihr ſeid hier ſicher und erweist mir eine Freundlichkeit durch Euer Verweilen, ich ſehe wenig neue Geſichter und kann nur ſelten mit einem Freunde ein vernünftig Geſpräch führen. Ungelegenheiten,“ ſetzte er hinzu, da er den Frem⸗ den den Kopf ſchütteln ſah,„können mir auch nicht daraus erwachſen. Der Forſtmeiſter von Raben denkt über unſere Zeit wie Ihr und ich und haßt die Franzoſenwirthſchaft gründlich, und von ihm weiß ich, daß auch unſer Durch⸗ lauchtigſter ein gut deutſches Herz beſitzt und der guten Sache Vorſchub leiſtet, wo er's irgend vermag. Alſo— ſchlagt ein! Abgemacht! Ihr bekommt einen grünen Rock und geltet für den Forſtgehülfen Hofmann— das wollen wir ſchon arrangiren.“ Der Gaſt ſchüttelte die dargebotene Hand des Förſters und entgegnete herzlich:„nach dem, was Ihr mir von Bühel ſagtet, muß ich allerdings wohl Bedenken tragen, ohne Weiteres in jene Gegend zu gehn. Ich habe gar nicht Ich fahr' und weiß nicht wohin. 23 gewußt, daß die Grenze dort ſo ſei. Für mich ſelbſt fürchte ich natürlich von dem Kameraden nichts, aber—“ „Ich will Euch was ſagen,“ unterbrach ihn der Förſter, „wenn es durchaus ſein muß, ſo reitet einmal zu ihm hin⸗ über und ſeht Euch an, wie die Dinge ſtehn. Wir wollen ſchon erfahren, wann er allein iſt, und Euer Verſteck bei mir braucht Ihr ihm auch nicht zu nennen. Was meint Ihr?“ „So wird es am richtigſten ſein, denn ſprechen müßte ich ihn— es geht nicht anders,“ antwortete Hofmann nachdenklich, ſetzte aber ſchnell wieder freundlich hinzu:„in⸗ zwiſchen alſo nehme ich Euer Anerbieten mit wärmſtem Dank für ein paar Tage an, denn mir bleibt ja ſonſt nichts übrig. Gott lohn' Euch Eure Treue, Herr Waldinger!“ Der Alte ſchüttelte mit ernſtem Lächeln den Kopf. „Laßt's gut ſein, Herr,“ ſagte er,„ſo ſchlimm ſteht's doch noch nicht, daß unſer Herrgott das extra belohnen müßte, was nur die verfluchte natürliche Schuldigkeit jedes richti⸗ gen Menſchen iſt. Doch genug davon,“ fuhr er fort.„Seid mir willkommen, Herr, und zwar je länger, deſto lieber. Hier müſſen wir aber umkehren, denn da iſt der Park.“— Sie waren während ihrer Unterhaltungen ziemlich weit in den Wald gedrungen und immer mählig bergan geſtiegen, ſo daß ſie nun hoch über dem Forſthauſe ſtehen mußten. Bisher hatten ſie ſtets den Wald um ſich gehabt mit ſeinen geſchloſſenen Beſtänden, die nur ſelten durch eine kleine 24 Ich fahr' und weiß nicht wohin. Wieſe oder irgend ein ung unterbrochen wurden. Hin und wider kam ein Waſſer hurtig die Höhe vor ihnen herab und murmelte durch den kühlen, ſchattigen Grund; zuweilen riefen auch noch ein paar Vögel, allein im Ganzen war es rings umher ſtill und einſam, und zumal von Men⸗ ſchen oder ihrem Wirken ließ ſich nirgends etwas bemerken. Nun aber waren ſie ſchon ſeit einigen Minuten auf einem breitern und gebahnten Wege gegangen und ſahen jetzt nicht weit vor ſich einen Graben nebſt dahinter liegendem Wall, der noch durch eine oben angepflanzte dichte grüne Hecke erhöht war. Seitwärts bemerkte man eine kleine Brücke über den Graben geſpannt und dahinter eine Staketenthür. Und wenn ſich drüben auch der Wald fortzuſetzen ſchien, ſo ließ ſich doch leicht erkennen, daß innerhalb des Walles ein 4 breiter Weg hinlaufen mußte, von dem ſich dann ein paar Alleen in das rückwärts liegende Terrain abzuzweigen ſchie⸗ nen. Dahin hatte der Forſtmann bei ſeinen Worten mit einer bezeichnenden Kopfbewegung gedeutet. „Der Park?“ wiederholte ſein Begleiter nun fragend. „Gehört der vielleicht zu dem—?“ „Freilich, freilich!“ unterbrach ihn der Förſter gutge⸗* launt;„der gehört zu dem verbotenen Revier, von deſſen Betretung ich Euch geſtern Abend noch glücklicherweiſe abhalten konnte. Das würde einen ſchönen Lärm unter dem hochmüthigen alten Schloßgeſindel gegeben haben, wenn Ihr wirklich geſchellt und um Aufnahme ge⸗ Ich fahr' und e 25 beten hättet! Und eigentlich— wäre die Hoheit nicht— möcht' ich den Andern ſ chon ſolch ein Vergnügen einmal gönnen.“ „Aber was iſt denn das für ein Haus?“ fragte Hofmann. „Was ich beim Mondſchein davon bemerken konnte, hat einen bedeutenden Eindruck auf mich gemacht.“. „Es iſt der„Hindenſtein“, ein Jagdſchloß des alten Herrn Georg Wilhelm, aber ſeit vielen Jahren und eigent⸗ lich ſeit dem Tode des Hochſeligen bereits nicht mehr von dem Fürſtenhauſe benützt oder auch nur beſucht. Und das iſt im Grunde ſchade, denn es iſt zwar ein etwas kurioſes, aber immerhin ſtattliches Gebäude, das ſeiner Zeit ſchreck⸗ lich viel Geld gekoſtet haben muß. Gelegen iſt es ſo gün⸗ ſtig wie möglich, mitten in dem großen Revier, und bec uem .) eingerichtet. Aber, wie geſagt, man thut nichts dafür, und wenn die alte Hoheit einmal abfährt, wird es ganz ver⸗ fallen. Schade, ſchade, wiederhole ich.“ „Und ſeine jetzigen Bewohner?“ fragte der junge Mann lebhaft, indem ſie auf dem vorigen Wege langſam wieder zurückgingen. Das Begegniß des vergangenen Abends, die wundervolle Stimme d unſichtbaren Sängerin und ihr trauriges Lied kam ihm wieder in's Gedächtniß und bewegte ihn auf's neue. „Die jetzigen Bewohner? Ja ſo, von denen könnt Ihr freilich nichts wiſſen,“ verſetzte der Förſter.„Nun, es iſt gerade kein Geheimniß, wenn man auch nicht viel davon redet, und wenn ich Euch auch rathen muß, Euch während 26 Ich nicht wohin. Eures Aufenthalts in Gegend von dieſen Dingen fern zu halten und lieber mit niemand darüber zu ſprechen. Man will am Hofe keinen Vewehr. wit der Hoheit. Sie ſoll ſo gut wie vergeſſen ſein, ſcheint's. „Es lebt da nämlich eine alte Prinzeß unſeres Fürſten⸗ hauſes,“ fuhr er gedämpft fort.„Sie heißt Prinzeß An⸗ toinette und iſt vordem die Gemahlin des Prinzen Heinrich geweſen, von deſſen wilden und luſtigen Streichen man in meiner Jugend noch viel zu erzählen wußte. Er iſt aber zeitig geſtorben, und nicht lange nachher iſt die Dame nach dem Hindenſtein gebracht und hier ſ. ſagen gefangen gehalten worden. Weßhalb— weiß ich cht, obgleich ich mir ſchon mein Theil denke; ſie mag wohl lebensluſtiger geweſen ſein als ſich für eine ſolche Dame ſchickt. Das Wann iſt mir anch nicht bekannt. Denn als ich vor faſt dreißig Jahren den Poſten hier erhielt, war ſie ſchon nicht mehr jung und hatte bereits viel mehr Freiheit als früher; auch war ein Kammerjunker da un ei e Hofdame, ſowie anſtändige Bedienung. Vordem ſoll das alles anders ge⸗ weſen ſein. Da durfte ſie n in Begleitung aus dem Schloß und auf den Platz, in den Park aber gar nicht. Der alte Oberſt, der hier auf dem Hindenſtein ſo eine Art von Schloßhauptmann oder Kommandant war, hatte die ſchärfften Inſtruktionen, und ſeine Frau, welche die Ober⸗ hofmeiſterin ſpielen mußte, durfte die Hoheit nie aus den Augen laſſen. Ich fahr' und weiß nicht wohin. 27 „So hab' ich mir ſagen laſſen, ich aber traf es, wie ich erwähnt, und es iſt ſeitdem ungefähr ſo geblieben. Ver⸗ kehr nach außen iſt nicht erlaubt, findet ſich aber auch nicht, da von den Jugendbekannten der Hoheit wohl nur noch wenige am Leben ſein mögen; ſie muß wohl ſchon in den Siebzigen ſein, und ihre Umgebung iſt auch nicht mehr jung. Fort darf ſie nicht, im Uebrigen aber genießt ſie eine anſtändige Freiheit und kann im Revier umherfahren oder reiten, wie ſie will. Sie thut's aber ſo gut wie nie, und wenn ich nicht den Park in Stand zu halten und die Lieferung für ihre Tafel hätte, und dabei zuweilen hinauf käme, könnten Monden vergehen, ohne daß ich etwas von ihr oder ihrem Hoſſtaat zu ſehen kriegte.“ Der Fremde hatte dieſem Bericht ein aufmerkſames Ohr geliehen, und als der Förſter jetzt ſchwieg, ſagte er: „das iſt alles ſeltſam genug, Herr Waldinger. Hätte ich doch nicht gedacht, daß es in einem der deutſchen Fürſten⸗ häuſer jetzt noch ſolche— Myſterien und Reſte früherer Härte geben würde, wie man ſie ſonſt nur in der Geſchichte vergangener Jahrhunderte findet. Es iſt ſchade, daß man nicht hinein darf; ich liebe dieſe alten Parks und Schlöſſer mit der Einrichtung früherer Tage, und hier hätte man auch noch ein Stück Leben von damals dazu. Ihr nann⸗ tet vorhin aber alle Bewohner alt,“ fuhr er fort;„die Sängerin jedoch, die mich geſtern Abend an's Thor lockte, muß ihrer Stimme nach noch jung ſein?“ 28 Ich nr 39 weiß nicht wohin. „Das iſt ſie auch,“ erwiederte der Förſter.„Es iſt neben der Hofdame immer noch eine zweite Dame dage⸗ weſen, jüngere Fräulein meiſtens, die es aber in der Ein⸗ ſamkeit ſelten lange aushielten. Eine ſoll ſogar darüber ganz melancholiſch geworden ſein. Bei dieſer da iſt das freilich nicht zu befürchten. Die iſt wie ein wilder Vogel, der kehrt ſich nicht dran, ob es ſtill um ihn iſt. Er bringt ſelber Lärm genug in's Revier. So iſt das Fräulein.“ „Singt ſie oft ſo?“ fragte Hofmann weiter.„Ich habe große Sängerinnen gehört, aber nie eine ſchönere, ergreifen⸗ dere Stimme.“ „Ja ja,'s iſt wahr,“ ſtimmte der Förſter zu.„Es hat auch mich zuerſt mächtig gepackt, und noch jetzt gehe ich Abends zuweilen eigens darum in die Nähe. Auch meine Burſchen ſind dann kaum daheim zu halten. Sie ſingt faſt nur Abends, oder Nachts, wenn die Hoheit zur Ruh gegangen und ihr Dienſt zu Ende. Da ſetzt ſie ſich in ihr offenes Fenſter— es ſieht von drunten und zumal beim Mondſchein ſchier grauslich aus, ſag' ich Euch— und ſingt bald länger, bald kürzer. Und immer ſind's traurige Lieder wie das geſtrige.— Das iſt überhaupt ihr Leiblied, ich hört' es ſchon oft.— Und es iſt doch ſonſt ein ſo luſti⸗ ges und keckes Dingelchen, das Fräulein!“ „Ja ja,“ ſprach Hofmann nach einer Weile und ſah dabei gedankenvoll vor ſich hin,„der alte Sang hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, einen tiefern als ich be⸗ Ich fahr' und weiß nicht wohin. 29 greife, und obgleich ich nicht abergläubiſch bin, kann ich doch kaum den Gedanken los werden, daß dies traurige Lied für mich und mein Geſchick von irgend einer Vorbe⸗ deutung iſt.“ Der Förſter war ſtehen geblieben und hatte ſeinen Be⸗ gleiter erſtaunt angeſchaut.„Ach Unſinn!“ meinte er nun. „Was hätten die beiden todten Königskinder mit Euch zu thun, Herr?— Da merkt Euch lieber den Grund hier. Darin iſt noch ſo ein Stück altes Leben, wie Ihr vorhin zu ſehn wünſchtet, und wenn Ihr vorſichtig ſeid, könnt Ihr da ſchon einmal einen Beſuch riskiren. Ich habe hier lange nicht mehr einen von den Schloßbewohnern geſehn.— Da droben an der Biegung führt ein Fußſteig hinab. Kommode iſt er nicht, aber Unſereiner kann ihn ſchon paſſiren. Ich ſage Euch nichts von da drunten, es muß Euch über⸗ raſchen.“ Sie waren allmälig doch auf einen andern Weg ge⸗ kommen und hatten den Wall des Parks ſtets in einiger Entfernung links durch den Wald hinziehend erblickt. Nun mußten ſie aber einer langen Schlucht wegen weiter aus⸗ weichen, welche in die Hochebene, auf der ſie gingen, tief hineinzuſchneiden ſchien. Wenigſtens konnten ſie, am obern Nande ſtehend und durch das dichte Gebüſch ſpähend, nichts vom Grunde erblicken. Sie ſahen nur mehrere ſchnurgerade Reihen von dunklen Tannenwipfeln vor ſich, welche ſie rechts 30 Ich fahr' und weiß nicht wohin. bis an's Ende der Schlucht verfolgen konnten, und die nur wenig über ihren Standpunkt emporragten. „Die Bäume ſind alt genug,“ erklärte der Förſter, „denn ſie ſind noch unter dem Herzog Georg Wilhelm ge⸗ pflanzt, aber ſie haben da im feuchten Grunde nur ein langſames Gedeihen.“ „Aber was iſt denn da drunten?“ fragte der junge Mann, nur um etwas zu ſagen, da die Erinnerung an die Sängerin und ihren Geſang, welche bisher durch die poli⸗ tiſchen Geſpräche und durch das, was ihn ſelber und ſeine Zukunft betraf, in den Hintergrund gedrängt war, ihn, wie wir ſchon angedeutet, ſtets unwiderſtehlicher überkam und ihn ganz erfüllte. „Ihr müßt es ſelber ſehn, ſage ich,“ entgegnete der Förſter lachend.„Wenn wir einmal mehr Muße haben, will ich Euch hinabbegleiten. Da geht der Weg. Jetzt aber wird's Zeit nach Hauſe zu gehn. Es mag gerade Mittag werden, und das Frühſtück haben wir ſo ſchon vergeſſen.“ Sie ſchritten fort und fort, ohne ſich noch viel zu un⸗ terhalten; der Fremde hing ſeinen Gedanken nach, die ihm, wie der Förſter bei ſich meinte, freilich genug geiſtige Be⸗ ſchäftigung geben konnten, und der Alte ſah ſich derweil ſeine Beſtände an. Da hatten ſie beide zu thun.— „Singt ſie jeden Abend ſo?“ fragte der junge Mann endlich plötzlich. Der Förſter ſchaute überraſcht auf, verſetzte dann aber Ich fahr' und weiß nicht wohin. 31 gutmüthig lächelnd:„die Dame, meint Ihr? Ei, liegt Euch die ſo im Kopf?— Nun ja, wenn das Wetter irgend dar⸗ nach iſt, ſitzt ſie im Fenſter und ſingt. Zuweilen, wenn's zu kühl oder regnig, ſoll ſie auch wohl einmal in dem gro⸗ ßen Jagdſaal auf und ab promeniren, hat mir einmal der alte Kammerdiener geſagt.“ „Wie heißt ſie?“ fragte der Fremde gedankenvoll. „Ich habe ihren Namen wohl ſchon gehört, aber wie⸗ der vergeſſen, ſie iſt keine Einheimiſche. Wir nennen ſie nur bei ihrem Vornamen oder gnädiges Fräulein. Sie kommt zuweilen zum Forſthauſe.“ „Und wie iſt ihr Vorname, Herr Waldinger? Den müßt Ihr alſo doch kennen.“ „Sie heißt Eva, Herr,“ verſetzte der Förſter freundlich.— Die Hunde bellten und ſprangen ihnen enigegen. Sie waren beim Forſthauſe.— Ich ſollt' eine Nonne werden. II. Ich ſollt' eine Nonne werden. 6 4 „En vérité, ma nièce, je ne vous—“ „Sprechen Sie mit mir, liebe Tante?“ „Mais, ma nièce— mit wem ſollte ich ſonſt reden? Oder trauſt du mir einen ſo ſchlechten Geſchmack zu, daß ich mit mir ſelber Monologe mache? Je vous—“ „Ja, ich bitte Sie auch um Gotteswillen— denn ſo 4 etwas wollten Sie doch wohl ſagen?— laſſen Sie uns 3 deutſch ſprechen, liebe Tante! Ich verſtehe wahrhaftig ſonſt kein Wort; meine Ohren ſind heut Morgen grenzenlos dumm.“— „Vous ôtes une sotte, ma nièce!“ „Vous ôtes— das heißt: du biſt— das weiß ich noch. Alſo: ich ſei, ſagen Sie— das was verſtehe ich nicht, aber es mag etwas recht Schlimmes bedeuten und wird leider Gotts wohl wahr ſein, denn viel Gutes iſt wirklich nicht an mir, und ſehr klug bin ich auchenicht.“ „Das weiß Gott!“ ſagte die alte Dame mit einem tiefen Seufzer und erhob zugleich die hohe Geſtalt mit einer unendlich ſteifen Bewegung von dem mit geblümtem blauem Seidenſtoff überzogenen, ſichtbar ſchon lange nicht mehr aufgepolſterten Kanapee.„Das weiß Gott,“ wieder⸗— holte ſie, mit langſamem Schritt das Zimmer durchmeſſend; Ich ſollt' eine Nonne werden. 33 „ich finde überhaupt wenig anderes an dir als was ſich für ein Fräulein umſeres Namens und Standes nicht ſchickt. Ein Glück iſt's, daß wir hier auf dem Hindenſtein entre nous ſind, denn ſonſt müßte ich deinetwegen vor Scham vergehn. Du haſt nichts, du weißt nichts, du thuſt nichts, was ſich ziemt. Wie du da nur wieder ſitzeſt!“ Das junge Mädchen, welches die Zweite in dieſer ſeltſamen Unterhaltung war, ſaß allerdings in einer der tiefen Niſchen auf dem Fenſterbrett und ließ die zierlichen Füßchen taktmäßig, aber leiſe gegen das Täfelwerk ſchlagen, welches die Brüſtung verkleidete, während ſie das Geſicht an die Scheibe gedrückt hatte und eifrig über den Schloß⸗ platz nach einem rückwärts gelegenen, mit mehreren Thüren verſehenen langen Gebäude hinüber ſah. Auf die letzten Worte der Tante wandte ſie für einen, Augenblick den klei⸗ nen dunklen Kopf und ſchaute mit einem unendlich komiſchen Ausdruck auf die einher wandelnde ſteife Geſtalt, gleich darauf jedoch warf ſie das Geſicht wieder dem Fenſter zu und verſetzte:„aber, liebe Tante, iſt nun meine Unkenntniß des Franzöſiſchen wohl werth, daß Sie ſich darüber ſo ſehr erzürnen? Wir bedürfen der Sprache ja nicht. Die Ho⸗ heit ſelber redet ja nur deutſch und kann die fremden Laute nicht hören.“ Die alte Dame hielt für einen Augenblick ihren Schritt an und erhob das friſirte Haupt noch ein wenig höher. „Mein Kind,“ ſprach ſie im hohen Ton,„unſere Hoheit— . Hoefer, Lorelei. 3 34 Ich ſollt' eine Nonne werden. iſt eine Hoheit und hat ſomit ein Recht, nach ihrem eigenen hohen Willen zu leben, da ſie über der Geſeellſchaft ſteht, der wir angehören. Aber man hat es ſelbſt unſerer hohen Dame verdacht, daß ſie ſich zuweilen dem Herkömmlichen entzogen. Was würde man erſt von dir denken, die du ein ſimples Fräulein biſt und doch deine Lebenszeit nicht grade auf dieſem Schloſſe verbringen ſollſt?“ Die Nichte am Fenſter ſchien dieſe Strafrede mit höch⸗ licher Andacht aufzunehmen, denn ſie regte ſich nicht und gab keinen Laut von ſich. Ihre Augen freilich beobachteten unterdeſſen einen alten Reitknecht, der eben rechts hinter dem Schloſſe hervorkam, langſam über den Platz ritt, vor dem langen Gebäude abſtieg und ſein Pferd in eine der Thüren hineinführte. Das traf ungefähr mit den letzten Worten der Tante zuſammen, und nun erhob die Nichte das Geſicht, deſſen Ausdruck auf eine gewiſſe innere Befriedi⸗ gung hindeutete, rutſchte vom Fenſterbrett herab und trat zu der Dame.„Sie haben ganz recht, liebſte Tante,“ ſagt ſie, indem ſie den feinen Arm um die ſteife Taille derſelben legte und ihre ſchlanke, geſchmeidige Geſtalt an die hohe dürre der Alten ſchmiegte,„die Hoheit hat gewiß die Er⸗ laubniß nach ihrem eigenen Willen zu verfahren, und wir ſind ihre Dienerinnen.“ „Aber meine Nichte, deine Ohren—“ Ich ſollt' eine Nonne werden. 35 Aber ſehn Sie, Sie ſprechen ganz gut deutſch. Ich weiß auch nicht, was man an dieſer Ziegenſprache findet.“ „Ma nièce!”“— „Ja wahrhaftig, Tante, wenn Sie nur einmal auf die beiden Ziegen achten wollten, die der alte Lukas im Stall hat.— die ſprechen weiß Gott franzöſiſch, Sie können's glauben!“ Die Tante ſah jetzt wirklich finſter aus, und auch aus ihrem Ton klang eine ernſtliche Indignation hervor, als ſie entgegnete:„ich habe weder mit dem Kaſtellan Lukas, noch mit ſeinen ſchmutzigen Liebhabereien etwas zu thun und will zu Gott hoffen, daß auch meine Nichte, das Fräulein von Thanneck, ſich nicht an ſolchen Orten, wie ein Ziegen⸗ ſtall, gemein macht und durch ſie ſich zu unwürdigen Späßen animiren läßt.— Es iſt aber nicht dieſer Mangel— deine Unkenntniß der franzöſiſchen Sprache— allein, obgleich ſie immer ein Hauptkennzeichen wahrer Bildung, was ich an dir auszuſetzen habe.“ „Aber, liebe Tante,“ unterbrach das Mädchen die Sprecherin,„Sie können mir ſicher glauben, daß man ſchon ſeit manchen Jahren in der Geſellſchaft faſt nur deutſch reden hört.“ In deiner Geſellſchaft, ja ich glaub's,“ lautete die ver⸗ ächtliche Antwort.„Wenn du ein Muſterſtück der wirklichen jetzigen Geſellſchaft wärſt, müßte man freilich Abſchied von der Welt nehmen. Für jemand unſere pndes wäre das 36 Ich ſollt' eine Nonne werden. Leben dann nicht mehr möglich. Aber genug, es iſt nicht das allein. Du weißt, daß ich noch hunderterlei theils an dir vermiſſe, theils alle Tage tadle. Doch ich rede ja ſtets vergeblich.“ „Ja, ich bin ein böſes, unglückliches Geſchöpf!“ ſagte die Junge, während jedoch in dem geſenkten roſigen Ge⸗ ſichte die luſtigſte Schelmerei jeden Zug beherrſchte.„Mit ſalchem Blut in mir— Mutter und Tante Freifräulein von Hohenkron, der Vater ein Herr von Thanneck, der Oheim ein Baron von Dedenberg—“ „Ja, es ſind Namen, die dein Herz erheben müßten,“ ſchob die Tante ein. „Und ich bin dennoch eine ſo unwürdige, wilde Hum⸗ mel, und ohne Verſtändniß für ſolche Größe und Ehre!“ ſetzte die unverſchämte Spötterin mit einem ſchelmiſchen Aufblick zu dem gravitätiſchen Geſicht der alten Dame hinzu. „Ja ja, du armes Kind!“ ſprach die Tante theilneh⸗ mend und ſtrich mit ihrer langen magern Hand über das dunkle, einfach geſcheitelte Haar der Nichte.„Aber wenn du nur auf mich hören wollteſt—“ „Kann ich es denn, gnädige Tante? Sind meine Ohren nicht gleichfalls ſo ſchrecklich ungebildet? Ach, es iſt ein Jammer! Nichts als deutſch reden, nichts als umherlaufen, nichts als Unſinn im Kopf, nichts als Ungeſchick in den Händen! Dieſe Kleidung auf dem Leibe, die weder auf alten, noch neniodebildern zu finden, ſondern nur von ⸗Ich ſollt' eine Nonne werden. 37 der Hoheit und mir ſekber beliebt wird. Ach Gott! ach Gott! Und dazu eine Nachteule und dieſe unwürdige Luſt an alten, unpaſſenden Liedern—!“ Die alte Dame hatte während dieſer ſeltſamen, hin⸗ ſprudelnden Rede mehrmals höchſt ernſthaft mit dem Kopfe genickt. Bei den letzten Worten wandte ſie die Augen mit einem Blicke aufwärts, als wollte ſie ſagen: ja nur du weißt es, mein Gott, weßhalb du ſo hart mit mir ins Ge⸗ richt gehſt! und dann zur Nichte herabblickend, ſprach ſie: „ja ja, ma nièce, ſo bleiben darf es nicht. Wie ich höre, hat ein frecher Menſch vorgeſtern Abend am Alleenthor dich beläuſcht. Wenn die Hoheit auch mit mir unbegreiflicher Nachſicht dein Treiben duldet, ja vielleicht wohl noch gar Geſchmack daran findet und es befördert,— regt ſich denn in dir ſelber nicht das Blut deines Stammes und deiner Ahnen und hält dich von dieſem unglückſeligen—⸗ Sie hielt inne und zählte die Schläge der Uhr, welche ins Gemach klangen.„Es iſt vier Uhr,“ bemerkte ſie dann und griff nach Fächer und Handſchuhen, die auf einem Ta⸗ bouret neben dem Kanapee lagen,„ich gehe zur Hoheit und werde ihr von der Frechheit des Fremden ſagen. Herr von Aldenhofen muß ſich über die Nachläßigkeit des För⸗ ſters beſchweren, der das Geſindel bis an unſere Thore kom⸗ men läßt.— Alſo, mein Kind, ich laſſe dich nun allein, bis du zur Promenade kommſt,“ fuhr ſie fort.„Benütze dieſe Zeit zum Nachdenken über dich ſelbſt und über die Rathſchläge 5 ——— 38 Ich ſollt' eine Nonne werden. deiner Tante, oder lies in jenem Buche da. Die Briefe der Madame de Sevigné ſind ſelbſt für ein Weſen, wie du, wohl geeignet.“ Als die würdige Dame nach dieſen Worten das Ge⸗ mach verlaſſen hatte, machte Fräulein von Thanneck eine Schwenkung auf dem Abſatz, die ihr in der Gegenwart der Andern vermuthlich eine ſehr nutzloſe„Reprimande“ einge⸗ tragen haben würde, und indem ſie dieſe Schwenkung ſo weit fortſetzte, daß ſie vor den großen Ovalſpiegel gelangte, betrachtete ſie in dem Glaſe ihr fröhliches Geſicht, ſtrich mit beiden Händen das Haar glatt, welches im weichen Scheitel ſich an die roſigen Wangen ſchmiegend, zu einem einfachen Knoten nach hinten genommen war, ſchüttelte den Kopf und ſprach lächelnd vor ſich hin:„ach Gott ja, ich bin eine ab⸗ ſcheuliche Perſon und einer ſo vortrefflichen Tante gar nicht werth!— Beſſere dich, du thörichte Eva!“ Und wieder ſchwenkte ſie ab, ſprang ans Fenſter und murmelte hinaus⸗ ſehend:„jetzt wird der Felix wohl zu ſprechen ſein, ich muß nur hin!“ Damit wandte ſie ſich, ging durch das Gemach, wobei ſie mit einer neckiſchen Verbeugung gegen das auf dem Tiſche liegende Buch ein fröhliches:„um Vergebung, Ma⸗ dame de Sevigné, ich habe jetzt keine Zeit!“ ausſtieß, und eilte aus der Thür. Wenige Augenblicke ſpäter ſchlüpfte ſie, einen leichten Strohhut in der Hand, aus einer Nebenthür des Schloſſes, 3 . Ich ſollt' eine Nonne werden.. 30 über den Platz. Auf dem Wege zum Stallgebäude hielt ſie an ſie ging auf dem offenen Raume überhaupt ſo geſetzt, wie man es nach ihren ſonſtigen raſchen Bewegungen gar nicht erwartet hätte— und ſchaute ſich vorſichtig nach dem Schloſſe um. Allein die Fenſter des Hauptbau's ſo gut wie die des rückwärts angebauten Flügels zeigten nirgends ein beobachtendes Geſicht, und hierüber beruhigt, ſpazierte das Fräulein ein wenig raſcher vollends dem Stalle zu, umging ihn und trat durch eine kleine Pforte in den ge⸗ ſchloſſenen Hof, der ſich auf der Rückſeite des Gebäudes ausbreitete. Da legte ſie den Finger an den Mund und pfiff hell hinaus— die Tante würde darob keinen kleinen Schreck bekommen haben— und gleich darauf kam der vorhin angelangte Reitknecht aus einer Thür und auf ſie zu. „Wo bleibſt du, Felix?“ rief ſie ihm luſtig entgegen. „Ich ſitz' da und pfeife und warte, und wer nicht kommt, biſt du.“. „Hab's eben erſt gehört,“ entgegnete der alte Mann grämlich.„Konnte auch nicht früher, mußte zuerſt die arme Kreatur beſorgen und ihr den Huf einſchlagen, den ſie ſich auf dem ſakkermentſchen Wege wieder angeſtoßen.“ „Alſo biſt du bei Waldinger geweſen? Wie ich dich reiten ſah, meint' ich, du kämſt in Jahr und Tag nicht 3 hin, geſchweige denn zurück.“ „Na, ich ſollte auf dem Wege doch wohl nicht Trab rei⸗ ten?“ fragte er im frühern Ton.„Das gnädige Fräulein kann ——xüyjj⁴ nnnn 40 Ich ſollt' eine Nonne werden. das ſchon thun, aber Unſereiner hat ein Herz für die Beine der armen Kreaturen.“ „Und Angſt ſeinen koſtbaren Hals zu riskiren,“ ſagte ſie neckend.„Ich will dir übrigens ſagen, Felix,“ fuhr ſie mit angenommenem Ernſt fort und wußte ſogar die feinen dunklen Brauen zuſammen zu ziehen,„wenn du nicht höf⸗ licher wirſt, ſo iſt es zwiſchen uns aus; hat man je erlebt, daß ein Verehrer gegen die Dame ſo grob geweſen? Ich werde dem Kammerdiener ſagen, daß er ein Auge auf deine Trink⸗ und Eßgelüſte hat— du wirſt, weiß Gott, viel zu ſtark zum Anbeter! Und ich will auch nicht länger mehr die Schelte riskiren. Denke nur, was meine Tante Hohen⸗ kron wohl ſagen würde, wenn ſie erführe, daß ich, ihre nièce, dem Reitknecht Felix Rendezvous bewillige! Du müßteſt fort und wir würden beide unglücklich.“ Wie ſie das ſagte, mit ſo komiſchem Ernſt in der Stimme und den Worten, in den Zügen des Geſichts und den großen braunen Augen, und wie ſie zuletzt dazu ſchel⸗ miſch das Köpfchen ſchüttelte, durchdrang ſogar das runzel⸗ volle Geſicht des alten Reitknechts ein immer freundlicheres Lächeln.„Gott ſegne Sie, Fräulein Eva,“ ſprach er herz⸗ lich.„Sie wiſſen doch immer einen Scherz und treffen immer den rechten Fleck. Na, wir auf dem Hindenſtein * können das auch ſchon brauchen. Erſt ſeit Sie hier ſind, weiß man wieder, daß man noch lebt.“ „Siehſt du wohl?“ verſetzte ſie lachend,„ſo laß' ich's 8 Ich ſollt' eine Nonne werden. 41 gelten. Du kannſt ſchon galant ſein, wenn du willſt. Nun aber geſchwind— haſt du Waldinger ſelbſt geſprochen?“ „Nein, er iſt nach Rehhauſen; aber die Alte war da⸗ heim.“ „Und wußte ſie was davon?“ „Ei ja, Fräulein Eva, die erfährt immer alles von ihrem Brummbären von Mann.“ „Schilt mir den Waldinger nicht, ſondern nimm ihn zum Muſter. Der geht mit den Frauen um, wie ſie's wünſchen. Alſo was ſagte Mama Waldinger?“ „Na, es thäte ihnen allen leid, daß es ſo gekommen; aber der Jägerburſche Franz habe den Waldbaum nicht ge⸗ ſchloſſen und da ſei der Fremde zufällig auf die Waldſteige und zum Schloß gekommen.“ „So? Und weßhalb hat man ihn nicht gleich fort ge⸗ wieſen? Ich habe ihn dach noch geſtern wieder mit dem Förſter hinten am Park geſehn.“ „Sie werden's Revier begangen haben, Fräulein Eva, denn er bleibt für's erſte hier.“ „Hier?“ „Ja, beim Waldinger, mein' ich. Er iſt ſo was von einem Forſtgehülfen oder dergleichen und heißt Hofmann, ſagt die Alte.“ Um den Mund des Fränuleins zuckte es ein wenig ver⸗ ächtlich, und auch in ihrer Stimme klang etwas ähnliches Ich ſollt' eine Nonne werden. wieder, als ſie nach einer kleinen Pauſe bemerkte:„Forſt⸗ gehülfe oder ſo was, ſagſt du? Und Hofmann? Hm!“ „Ja, Fräulein Eva, ſo ſagte Frau Waldinger,“ ver⸗ ſetzte der Reitknecht.„Es ſoll auch noch ein früherer Be⸗ kannter des Förſters ſein.“ „Darnach ſah er nun gerade nicht aus,“ bemerkte ſie zerſtreut,„aber immerhin. Alſo er bleibt noch in der Ge⸗ gend? Das iſt unangenehm und läſtig.“ Und indem ſie ſich erhob— ſie hatte auf der niedrigen Einfaſſung des fließenden Brunnens geſeſſen— ſah ſie nach der Sonne, die noch hoch am wolkenreinen Himmel ſtand und ſprach dann:„laß mich hinaus, Felix, ich mag nicht wieder über den Schloßplatz gehn und will noch in den Park.“ Der Reitknecht öffnete die kleine Pforte, welche von hier aus ſogleich in den Park führte, für gewöhnlich aber verſchloſſen war. Und als das, junge Mädchen ihm zu⸗ nickend hinausgegangen war und ziemlich langſam den Fuß⸗ ſteig entlang ging, der durch dieſe Waldpartie zu den künſt⸗ lichern und gepflegteren Anlagen führte, ſah er ihr freundlich nach und murmelte vor ſich hin:„ein Wettermädel!— Gut, daß ich ſo alt bin!“ Er trat wieder in den Hof zurück. Unterdeſſen ſchritt Eva noch immer langſam und ohne auf ihre Umgebung zu achten, auf dem Steige weiter, folgter dann einer breiten Kaſtanienallee, wo ſich zwiſchen den alten Stämmen hie und da eine aus weißlichem Stein gehauene Ich ſollt' eine Nonne werden. 43 Jagdgruppe zeigte und gelangte endlich zu einem runden Platz, von dem ſich nach allen Richtungen hin ähnliche Alleen ſtrahlenförmig verbreiteten. Da hielt ſie an und warf den Kopf auf und ihr nachdenkliches Geſicht nahm wieder den Ausdruck der früheren ſchelmiſchen Heiterkeit und Sorgloſigkeit an. Strahlenden Aug's ſchaute ſie ſich um auf dem halbüberſchatteten kleinen Platz, in die Alleen hinein, die in ſo verſchiedener Beleuchtung wunderſtill und friedlich ſich ausdehnten, und auch ihr Herz ſchwellte ein Hauch des unendlichen heimlichen Wohlſeins, mit dem ſich die grünen Wipfel rings umher in der ſonnig durchglänzten blauen Höh' zu wiegen ſchienen. „Närriſche Eva!“ murmelte ſie vor ſich hin.„Was geht's mich an, ob er Hofmann heißt und Forſtgehülfe iſt?— Ma nièéce, vous ôtes une sotte!— Vraiment ma tante!— Gott behüte! Man muß mich wahrhaftig drum auf franzöſiſch ſchelten, das ehrliche Deutſch genügt nicht! Und nun fort!— Ach Gott, wie iſt es hier ſo ſchrecklich langweilig!“ Und damit folgte ſie leichten Fußes einer andern Allee, bis ſie an einen ſich abzweigenden Sei⸗ tenpfad gelangte und ſich von dieſem weiter führen ließ, indem ſie mit heitern Blicken die neue Umgebung grüßte und dabei ſogar eine Melodie vor ſich hinſummte. Und der Pfad mußte ſie wohl heiter ſtimmen, da er in der reizvollſten und zierlichſten Anmuth des häufig ſehr mit Unrecht geſchmähten Rococoſtils erhalten war. Die Ich ſollt eine Nonne werden. Taxushecken zeigten eine prachtvolle, grünſammt'ne Wand, in deren zierlich ausgeſchnittenen Niſchen weiße Statuen ruhten, während von Strecke zu Strecke ſich eine Bogen⸗ pforte öffnete, die auf dem dahinter befindlichen Grunde einen reichen duftigen Blumenflor erblicken ließ. Und an den Niſchen und vor den Statuen blühten Roſen, und Roſen kletterten an den Pforten empor und vereinten ſich über dem Pfade zum luftigen Bogen, aus deſſen zierlichem Geblätter auch jetzt noch eine Fülle glänzender Blumen hervornickte. Und dazu murmelte das Waſſer dort aus der Urne des Flußgottes und entfloh neckend im weiß⸗ ſchimmernden feinſtrahligen Fall aus dem Steinſiebe der armen Danaide. Da ging Eva hin, da nickte ſie lächelnd den einzelnen, wohlbekannten Geſtalten zu und freute ſich fröhlich der ganzen reizenden Anlage. Und als ſie zu dem Plätzchen am Ende des Weges kam, das ringsum durch Bogenpforten, abwech⸗ ſelnd aus Taxus und Kletterroſen, begrenzt war, da trat ſie in den kleinen dort befindlichen Pavillon und zog ein Tabouret zur geöffneten Thür und hockte ſich nieder, den heitern Blick auf den Blumenflor da vorn richtend und auf den alten Tannenhain, der ſich ſeitwärts und rückwärts hinter den Bogen erhob. Sie ſprang aber bald wieder auf, ſchob den Seſſel zurück, ſah ſich um in dem halbdun⸗ keln, nur von oben erleuchteten Raum. Die Dämmerung, die alten Spiegel, die Wandbilder, die verblichenen Möbel, Ich ſollt' eine Nonne werden. 45 die Stille rings und die Einſamkeit, das leiſe Rieſeln in den Tannenzweigen und der Duft der Blumen— alles machte auf ſie einen tiefen Eindruck, es ſprach zu ihr mit ſüßem Reiz und doch bewegte es ſie auch. „Wie's die Hoheit hier nur aushält?“ ſagte ſie leiſe — ſie mochte nicht laut reden.—„Ich könnte hier nicht allein bleiben,— ich käme auf dumme Gedanken!— Aber mit jemand, den ich lieb hätte— vüde lieb— recht lieb— oh!— Da ſind die dummen Gedanke ſchon!“ rief ſie munter und ſprang aus der Thür auf den ſonnigen Platz hinaus und ſchüttelte ſich lachend. „Und nun? Nach Hauſe?“ ſagte ſie wieder und ſchaute ſich um.„Nein, Madame de Sevigné, heut nicht! Ich will nur zum Brunnen!“ Und als ob der Entſchluß alle Träumerei, alles Grübeln und Sinnen vollends von ihr fortgenommen, flog ſie mehr als ſie ging in den Tannen⸗ hain hinein, gelangte nach einer Weile an den Grenzwall des Parks, den ſie hinaufſprang, drängte ſich dort durch eine Lücke der Hecke, ſprang drüben hinab und durch den Graben, und ſtand im Walde.„Frei!“ rief ſie fröhlich aus,„ade Hindenſtein!“ Und erſt leiſe, dann immer lauter und jubelnder ſang ſie vor ſich hin: „Ein Jäger aus Kurpfalz, Der reitet durch den grünen Wald, Er ſchießt das Wildbrät her, Gleich wie es ihm gefallt Ich ſollt' eine Nonne werden. 8 Ju ja ju— Ja luſtig iſt die Jägerei Allhier auf grüner Heid', Allhier auf grüner Heid'!“ Die Stimme ſchallte prächtig durch den Wald. Die Blätter flüſterten nur, die Vögel lauſchten, das Waſſer, das neben ihr her die Höhe hinabtanzte, murmelte leiſer, als ob es gleichfalls horchen wolle. Es war todeseinſam weitum und ward es womöglich noch immer mehr, je weiter ſie auf dem ſteilen Pfade hinab in den Grund gelangte. Der war im Walde wie ein Keſſel. Das Waſſer fiel die letzte Höhe im vollen Strahl herab und drunten in eine kleine Schale, die Gott weiß welcher naturliebende Herr hieher geſtiftet hatte, und die nun„der Brunnen“ genannt wurde. Der Ueberfluß des Waſſers verlor ſich als hurtiges Bächlein in einer engen, vom Brunnengrunde fortſtreichenden Schlucht, die es ſich vermuthlich vor Alters, in den Zeiten einer friſchern Kraft ſelber gewühlt hatte. Auf dem Plätzchen am Brunnen aber ſtanden jetzt ein paar fröhlich grünende Bäume und über⸗ wölbten eine einfache Bank. Dort war Eva's Lieblings⸗ platz, ſo ſeltſam auch einem Beobachter dieſe Vorliebe des heitern, lebensvollen, neckiſchen Geſchöpfes für den däm⸗ merigen, ſchier ängſtlich eng begrenzten Raum erſchienen ſein möchte.— Da weilte ſie gern und es ſtörte ſie niemand. Ich ſollt' eine Nonne werden. 47 Als ſie jetzt um den letzten Buſch trat, der ihr bisher die Ausſicht auf den Platz vollkommen verdeckt hatte, fuhr ſie überraſcht ein wenig zurück und ließ einen leiſen Schreckenslaut vernehmen, denn auf der Bank ſaß ein Mann, der ſich an den Stamm der hinter ihm aufragen⸗ den jungen Buche gelehnt hatte und mit gekreuzten Armen und finſtern Blicks auf den Waſſerſtrahl ſchaute, welcher ihm gegenüber in die Schale herabfiel. Der Ausruf in ſeiner Nähe ließ ihn jetzt aufſehn und gleichfalls überraſcht aufſpringen, denn da Eva während der letzten Minuten bereits ihren Geſang beendet, konnte er ihr Kommen nicht gehört haben. Einen Augenblick war's dem jungen Mädchen, als ſollte ſie raſch umkehren und die Höhe wieder hinauf eilen. Allein es war auch nur die Regung des erſten Augenblicks, und gleich darauf ſtand ſie vollkommen ruhig und maß den Fremdling mit einem halb neugierigen, halb ſorgloſen Blick ihrer blitzenden Augen, während zugleich der Gedanke durch ihren Kopf ſchoß: da haben wir ihn ja! Das iſt er und — ich habe mich doch nicht getäuſcht!— Es zuckte zwar eine leichte feine Röthe über ihr Geſicht, zugleich aber ſprach ſie auch im unbefangenſten Ton von der Welt:„um Ver⸗ zeihung, mein Herr, der Platz hier gehört mir, ſonſt würde ich Sie nicht geſtört haben.“ Aus ſeinem ſchwarzblauen Auge brach ein heller, man hätte ſagen können: freudiger Blick, wie in dieſen Wäldern 48 Ich ſollt' eine Nonne werden. ihn noch keiner bei ihm bemerkt, und indem er einen Schritt näher trat und ihr raſch die Hand entgegenſtreckte, rief er lebhaft:„iſt's möglich— Eva, ſind Sie's?— Die kleine Eva Thanneck von Steinkirchen?— Grüß' Sie Gott tau⸗ ſendmal!“ Sie legte ihre Hand in die ſeine, ſie ſchaute ihn lachend an und verſetzte luſtig:„ei mein Gott, und Sie ſind ja wohl der große dünne Lieutenant in funkelnagelneuer Uniform, der mich durch ſeine zitternde Blödigkeit ſo ſehr ergötzte und ärgerte— und jetzt„le nommé Hofmann,“ würde meine Tante ſagen— Forſtgehülfe— 2 „Wahrhaftig,“ unterbrach er ſie leiſe lächelnd, denn ihrer zauberhaften Weiſe gegenüber hätte auch der Gräm⸗ lichſte ſchwerlich den Ernſt zu bewahren vermocht,—„wahr⸗ haftig, Sie ſind's, wie Sie leiben und leben, Fräulein von Thanneck! Und wäre ich blind— Sie müßte ich an Stimme und Worten wieder erkennen, denn ſo wie Sie— ſind Sie allein!“ Ihre Hand lag noch immer in der ſeinen und ſie machte auch keine Bewegung ſie zurückzuziehen. Schelmiſch ſah ſie zu ihm auf und ſchelmiſch fragte ſie auch nach ſeinen letzten Worten:„Kompliment?“ „Nein,“ erwiderte er beluſtigt. „Alſo keins? Noch ſchlimmer!“ „Auch nicht!“ ſagte er wie vorhin;„nur die Wahrheit.“ „Nun, Jentgegnete ſie, indem ſie zugleich die Hand zurückzog, Ich ſollt' eine Nonne werden. 49 „ſo will ich Ihnen eins machen, Herr Hubert Schenk von Bergkheim. Sie plaudern mit mir, Sie haben meine Hand gehalten— eine ganze Minute lang!— und ſind trotzdem nicht roth geworden und haben auch nicht ge⸗ zittert. Sie könnte ich verkennen, Herr von Schenk, ſo haben Sie ſich verändert— zu Ihrem Vort theil. Das iſt auch nur die Wahrheit. Und ich kann jetzt Ihr grüß Gott getreulich zurückgeben. Sie— ärgern mich nicht mehr,“ ſetzte ſie luſtig hinzu. „Und Sie ſind hier, Fräulein von Thanneck?“ fragte er nach einer kleinen Pauſe, während der er ihre ſchlanke Ge⸗ ſtalt mit einem freundlichen Blick überflogen, den er nun wieder auf dem ſchönen Geſicht, in den lebhaften Augen ruhen ließ. „Und Sie ſind hier, Herr von Schenk?“ eutgegnete ſie neckend mit ſeinen Worten. „Das iſt etwas Anderes,“ verſetzte er wieder ernſt. „Ein Menſch wie ich, der keine Heimat mehr hat, wird in unſerer Zeit vielleicht an manchen Stellen zu finden ſein, wo man ihn am wenigſten erwarten konnte, und wo er ei⸗ gentlich nichts zu thun hat.“ „Nun,“ meinte ſie noch im frühern Ton,„das alles kann ich Wort für Wort auch von mir ſagen. Wo bleibt alſo der Unterſchied?“ „Der Unterſchied?“ wiederholte er noch ernſter.„Ueber mein Bleiben oder Gehn entſcheidet nicht mein Wunſch und Wille, ſondern der Zufall oder vielmehr die Güte der Hoefer, Lorelei. 4 —— 50 Menſchen und die Sicherheit des Orts. Danken Sie Gott, mein Fräulein, daß Sie von dergleichen keinen Begriff haben können.“ „Die Sicherheit?“ ſprach ſie, als habe ſie nur dies eine Wort gehört, und ihr heiteres Geſicht nahm plötzlich den Ausdruck einer faſt ängſtlichen Theilnahme an.„Habe ich doch das Richtige getroffen, als ich Sie geſtern neben dem alten Waldinger zu erkennen glaubte? Sie ſind— 2“ „Ja, auf der Flucht verfolgt,“ vollendete er ihre Rede. „Nach dem Frieden von Tilſit verabſchiedet, habe ich mich vor einigen Wochen an einem Aufſtande betheiligt,— denn ich liebe mein Vaterland und haſſe ſeinen Feind— und gelangte, durch Steckbriefe und Menſchen verfolgt, durch Zufall hieher zu dem braven Förſter.“ „Segnen Sie den Zufall, Herr— Hofmann,“ ſprach ſie tief ernſt und ihre Stimme ſogar bebte leiſe.„Waldinger iſt ein treuer Mann, glaub' ich.“ „Dank— Dank für Ihre Theilnahme, Fräulein,“ ſagte er bewegt und nahm ihre Hand auf und drückte ſie warm in der ſeinen.„Gott weiß, es gibt doch auch noch Freude im Leben, wie man ſie in meiner Lage ſonſt kaum noch für möglich hält.“ Sie ſah ihn einen Augenblick ſchweigend an— es war ein gar eigener Blick, halb innig, halb aber auch zerſtreut oder nachdenklich— zog dann ihre Hand zurück und ging das Haupt ſenkend zu der Bank unter der Buche. Da ſetzte Ich ſollt' eine Nonne werden. Ich ſollt' eine Nonne werden. 51 ſie ſich nieder, lehnte ſich leicht an den Stamm zurück und kreuzte die Arme, während ſie auf's neue ihr ſinnendes Auge auf ſeiner ſtattlichen Geſtalt, auf ſeinem männlichen, ſtolzen Geſicht ruhen ließ. „Kommen Sie her,“ ſprach ſie endlich mit ſich wieder erheiternder Miene.„Sie müſſen mir noch viel— viel er⸗ zählen. Ich haſſe meines Vaterlandes Feinde, wie Sie, aber ich weiß ſo wenig von allem, was nun paſſirt. Denn der Hindenſtein iſt wie ein Kloſter, und ich ſoll eine ſeiner Nonnen ſein. Das Leben der Welt verrauſcht an unſern Wäldern und Mauern ungekannt.“ Er hatte ſich zu ihr geſetzt.„Sagen Sie nur, welchem Zufall verdank' ich's, daß ich Sie grade an dieſer abgelege⸗ nen Stelle treffe?“ fragte er herzlich. „Ei, es iſt eben mein Lieblingsplatz,“ verſetzte ſie, und zum erſtenmal tauchte um ihren Mund wieder das alte ſonnige Lächeln auf.„Ein kurioſer Lieblingsplatz, werden Sie ſagen. Aber was wollen Sie? Man nimmt, was man kann. In meiner Clauſur iſt mir jedes Stückchen Freiheit lieb und jeder Fleck, wo ich einmal mich allein und unbeachtet fühlen kann und nicht jeden Augenblick ein: „mais, ma nièce!“ erwarten darf.“ „Aber wenn Sie ſo ungern hier ſind, Fräulein von Thanneck, weßhalb ſind Sie denn hier? Auch mir ſcheint, daß ſich grade für Sie das volle freie fröhliche Leben mehr eignen müßte als dieſe— Einſamkeit.“ 52 Ich ſollt' eine Nonne werden. „Unſer Geſchick hat manches Aehnliche mit einander,“ redete ſie, mit Lächeln den Kopf ſchüttelnd.„Ueber mich beſtimmte zwar nicht Zufall und Sicherheit, aber auch nicht mein, ſondern ein fremder Wunſch und Wille. Als vor nun bald zwei Jahren mein Vater plötzlich ſtarb—“ „Ihr Vater?“ rief er überraſcht.„Aber—“ „Ja, er war noch gar nicht alt, allein Sie wiſſen wohl, daß er lebte, als wenn er zwei geſunde Beine und nicht ein hölzernes gehabt hätte. Er ſtürzte beim Hetzen, und man brachte ihn ſchon todt nach Hauſe. Genug, da⸗ mals,“ fuhr ſie fort, und ſtrich mit den Fingerſpitzen leicht über die Stirn,„ſah es böſe genug für mich aus. Mein Vater hatte nicht geſpart, die Güter waren Lehn und fielen meinem Oheim und Vormund Dedenberg zu, der dafür— nicht aber für mich— Gott reichlich dankte. Mit mir wußte er nichts anzufangen. Meine Tante iſt längſt todt, und wie der Onkel und ſein Sohn leben, konnte ich nicht wohl im Hauſe bleiben, wenn er mich auch hätte behalten wollen. Das ſeh' ich ſelber ein. Da war alſo nicht viel zu wählen, da ich nur ſehr wenig Verwandte und Bekannte habe, und man ſpedirte mich hieher. Es iſt hier auch ganz gut,“ ſetzte ſie mit wieder aufleuchtendem Lächeln hinzu, „aber nur als ein Uebergang. Ich denke zuweilen, ſie möchten mich ganz hier behalten und zur ſittſamen alten Jungfer ausbilden, um mich dereinſt wieder als Hof⸗ oder Stiftsfräulein zu placiren. Allein daraus wird nichts. Ich Ich ſollt' eine Nonne werden. 53 bin weder eine Kloſter⸗ noch Stifts⸗Natur. Und ſollt' ich Bonne werden— ich verſtehe freilich verzweifelt wenig von ſolchen Dingen— eines ſchönen Tages, zumal, wenn die Hoheit ſtürbe, gehe ich auf und davon, und es wird heißen, wie in meinem Leibliede: Nun ade, ade, fein's Klöſterlein, Ade, nun halt dich wohl!“ „Singen Sie die folgenden Verſe dann auch?“ fragte er lächelnd; die gute Laune des M kädchens hatte ihn auf's neue erheitert. „Weßhalb nicht?“ rief ſie luſtig.„Weil vom Herz⸗ allerliebſten darin die Rede iſt? Ei, mein Herzallerliebſter i*ſt jeder fröhliche, wackere Menſch, der den Scherz liebt und verſteht, der lebt und leben läßt und mich nicht mit Grillen, Regeln und Grundſätzen plagt, wie— meine hochgeborene Tante. Die dürfen Sie, wenn Sie ſie einmal träfen, um Gotteswillen nichts von meinen Anſichten und Plänen merken laſſen; Sie könnten ſonſt im nächſten Augenblick eine adelige Leiche vor ſich haben,“ ſetzte ſie hinzu.— „Alſo Sie ſind hier bei Ihrer Tante?“ fragte er mit Theilnahme, da das junge Mädchen ihn durch alles und alles, was aus ihrem Innern hervorbrach, nur immer mehr feſſelte und intereſſirte. „Neben ihr,“ gab ſie zur Antwort;„ſie iſt Hofdame bei Ihrer Hoheit, der Prinzeß Antoinette, und mich— Ich ſollt' eine Nonne werden. ſie ſprang auf und verneigte ſich ſteif—„hat man zu einer Art von Hoffräulein erkoren.“ „Aber ſieht denn Ihre Frau Tante—“ „Fräulein, Fräulein, um Gotteswillen, Herr— Hof⸗ mann, Freifräulein Galatea Leonore Hebe Zeline Thekla— „Gott behüte!“ unterbrach er ſie lachend. „Valentine Ulrike Euphemie von Hohenkron,“ fuhr ſie aber geläufig fort.„Sind's die Namen alle?— Ich glaube!— Ja ja, Herr— Hofmann, es iſt kein Spaß, die vielen Namen gut im Kopfe zu haben! Aber für un⸗ ſern Stand,“ fuhr ſie mit köſtlicher Gravität und leicht veränderter Stimme fort,„ſchickt ſich dergleichen nicht an⸗ ders, und meine Eltern gelten ihr faſt für Revolutionäre, weil ſie in der Taufe mich nur mit den armſeligen Eva Regine Hedwig ausſtatteten.“ Er ſchüttelte den Kopf.„Da brauche ich meine vor⸗ herige Frage allerdings nicht zu vollenden,“ ſagte er.„Mit ſolchen Namen und Anſichten ahnt man ſchwerlich, was ein junges Mädchen, wie Sie, vom Leben zu fordern hat.“ „Sie haben's gut im Sinn!“ meinte ſie mit einem komiſchen Seufzer.„Wenn ſie nur ahnen wollte, was man nicht von mir fordern ſollte; da wär' ich wohl zufrieden.“ Er ſah ſie an, wie ſie da vor ihm ſtand in unbewußter und unwiderſtehlicher Anmuth, die eine Hand an die Wange des leicht geneigten Geſichtes gelegt, die andere an der Seite Ich ſollt' eine Nonne werden. 55 herabhängend und zwiſchen den Fingern das Band des Stroh⸗ huts haltend, die Geſtalt umfloſſen von den weiten weichen Falten des weißen Kleides, das allerdings fern genug von der wahnſinnigen Mode der damaligen eng anſchließenden Gewänder, keine ihrer Bewegungen hemmte und nur von den zierlichen ſchlanken Armen und dem ebenſo ſchönen Halſe, von der geſchmeidigen weichen Taille— denn ſie trug auch das Gürtelband an der natürlichen Stelle— auf ihre vollendet ſchönen Formen ſchließen ließ. Und dies warme geſunde volle junge Leben, das ſie durchſtrömte, und dieſe goldige Heiterkeit, die aus ihren hellen Augen brach, aus jedem Zuge ihres Geſichts, aus jeder Bewegung ihres Kör⸗ pers— man hätte ſagen mögen: aus jedem Laut ihrer kindlich klaren und reinen Stimme hervorglänzte— das alles ſollte hier verborgen verkümmern und in Theilnahm⸗ loſigkeit zu Grunde gehn?— Es überkam ihn ein eigen Gefühl. Er wußte nicht, ſollte er lachen oder traurig ſein— ſie bot ja Stoff zu dem einen, wie zum andern. Er hätte ihr ſo gern etwas recht Treues, Warmes, Tröſtliches geſagt und ſprach zuletzt doch nur leiſe und wie vor ſich hin:„armes Kind!“ Die Hand ſank von ihrer Wange und aus ihrem Auge brach ein Strom von Luſt und Neckerei, als ſie raſch erwiderte: „nun, nun, Herr— Hofmann, nur nicht ſentimental! So arg iſt es auch nicht. Meine alte Tante hat mich immer⸗ hin wahrhaft lieb, und übrigens auch allerlei Verdruß, ſo 56 Ich ſollt' eine Nonne werden. daß ſie ſchon einmal grämlich ſein darf. Ich verſtehe es gründlich, einen geſetzten Menſchen zur Verzweiflung zu bringen— glauben Sie's nur!— und die Hoheit, die von keiner Etikette und Mode etwas wiſſen will, die nicht fran⸗ zöſiſch redet, die meine Tante unbarmherzig ſo alt nennt, wie ſie freilich leider Gotts ſchon iſt, die ſie nie bei ihrem geliebten Taufnamen„Galatea“ heißt, ſondern bei dem ab⸗ ſcheulichſten von allen acht— Ulrike“ und ihr damit täglich mehrere Stiche in das Herz gibt— die trägt auch nicht zu ihrem Frieden bei. Und nun unſer Kammerjunker und Oberſt⸗ hofmeiſter Gunibert Hyacinth Chriſtian, Freiherr von Alden⸗ hofen, der ihr ſeit— ſeit dreißig Jahren das gleiche zärt⸗ liche Schmachten demüthigſt zu Füßen legt— Gott tröſte Sie, Herr von Schenk,“ ſetzte ſie durch ihre eigene Schil⸗ derung zum hellen Lachen bewegt hinzu,„unter ſolcher Noth müßten Sie ſelber grämlich werden!“ „Sie ſcheinen da eine ſchöne Sammlung von origi⸗ nellen oder barocken Antiquitäten bei einander zu haben,“ bemerkte er ſichtbar ergötzt.„Waldinger hat mir ſchon von der Dienerſchaft geſagt, und nun die Tante, der Kammerherr, die alte Hoheit—“ „Reſpekt vor der Hoheit!“ fiel ſie ihm plötzlich ganz ernſt werdend in's Wort.„Die ſteht über jedem Scherz. Mag ſie vordem geweſen ſein, wie ſie will, und gethan haben, was es ſei— ich weiß ſo gut wie nichts von ihrer Vergangenheit und nur, daß man ſie mit unmenſchlicher Ich ſollt' eine Nonne werden. 57 Härte aus dem vollen Leben riß und ſeit faſt fünfzig Jahren an dieſem elenden Ort zu bleiben zwingt— jetzt iſt ſie eine prächtige alte Dame, und ich liebe ſie wie eine Mutter, mehr als irgend einen andern Menſchen in der Welt. Wenn Sie ſie kennten wie ich, würden Sie ebenſo reden und denken. Und Sie ſollen ſi tenütn lernen,“ ſetzte ſie leb⸗ haft hinzu.„Die Prinzeß— Sie brach ab und ging nachdenklich das Haupt ſenkend bis an den Brunnen und zurück. Er folgte ihr halb ver⸗ wundert, halb entzückt mit ſeinen Blicken. Laut ſagte er nichts, aber ganz heimlich dachte er: das iſt aber ein pracht⸗ volles Menſchenkind!— Sie blieb wieder ſtehn und ſah empor zu dem Stückchen Himmel, das durch die Baumwipfel ſichtbar wurde.„Dem Licht nach muß ich nun fort,“ ſprach ſie heiter;„Sie glau⸗ ben nicht, was ich für eine Naturkundige geworden. Ich kann Ihnen faſt jede Stunde dort aus dem Blau und den Schatten rings herausleſen.— Sie bleiben alſo einige Zeit hier, Herr von— Herr Hofmann? Ich muß den ver⸗ wünſchten Namen nur recht oft nennen, um mich an ihn zu gewöhnen und bei Gelegenheit keine dummen Streiche zu machen.— Alſo?“ „Ja, ich muß wohl,“ verſetzte er.„Meine Flucht und meine andern Beziehungen ſind für jetzt abgeſchnitten.“ „Und was ſind das für Beziehungen? Hier in der Gegend? Kenne ich ſie?“ fragte ſie raſch. 8 58 Ich ſollt eine Nonne werden. „Schwerlich, Fräulein. Ich wollte eigentlich zu einem alten Kameraden, dem Major von Bühel auf Breitenſtein⸗ bach,— allein Waldinger ſagte mir, daß dort die Grenze ganz nahe. ſei.“ Sie ſchaute ihn wieder mit einem ganz eigen leuchten⸗ den Blick an und öffnete die Lippen wie zu einer lebhaften Antwort, ſchloß ſie jedoch, ohne ein Wort laut werden zu laſſen, und als ſie ſie auf's neue bewegte, ſagte ſie nur: „ja ja, dort hinaus liegt Dettſtädt, mein' ich, und dort ſind Franzoſen. Nehmen Sie ſich in acht, mein Freund!“ ſetzte ſie erregt hinzu.„Es iſt auch hier nicht ganz ſicher, glaub' ich. Vertrauen Sie niemand als Waldinger, niemand, und nennen Sie auch ihm Ihren Namen nicht.— Und nun — auf Wiederſehen! Ich komme oft hieher, vielleicht mor— gen ſchon; wir werden auch ſonſt von einander hören kön⸗ nen. Merken Sie ſich als Parole— nun immerhin!— St. Hubert!— Adieu!“ 8 Und ihm freundlich zunickend, wandte ſie ſich und eilte flüchtig den ſteilen Hang hinauf. Ihr weißes Kleid war bald hinter den Büſchen verſchwunden, aber nicht lange nachher hörte er ſie droben das Lied beginnen, von dem ſie vorhin zwei Zeilen angeführt: „Ich ſollt' eine Nonne werden, Ich hatt' keine Luſt dazu 4— Sein Kopf war voll von Gedanken, und ſein Herz ſchlug laut. 8 — Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 59 II. Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! In der Kaſtanienallee, die, wie wir bereits wiſſen, vom„Stern“ ab und zu jener eigenthümlich ſchönen Taxus⸗ und Roſen⸗Anlage führte, wandelte um dieſe Zeit eine Dame langſam einher. Es war eine hohe Geſtalt, in deren gan⸗ zem Aeußeren eine ſtrenge Würde ausgeprägt lag, und die noch jetzt, obgleich ſie ſich nicht mehr jugendlich kräftig trug, ſondern augenſcheinlich von der Laſt der Jahre leiſe gebeugt war, jedermann überzeugen mußte, daß ſie einer hochſtehen⸗ den und nicht gewöhnlichen Frau angehörte. Wie ſie dahin ſchritt, langſam und dennoch leicht, umfloſſen von einem weiten ſchwarzen Kleide und auch den kleinen Kopf auf dem noch jetzt ſchlanken Halſe nur mit einem ſchwarzen Schleier umbunden, aus dem ſich vorn ein paar nicht ge⸗ puderte, aber eisgraue kurze Locken hervordrängten,— die ganze Erſcheinung paßte durchaus zu dem ruhigen Ernſt der Anlagen, welche ihr Fuß durchmaß— denn an dem Roſengange ging ſie vorüber und blieb in der ſchattigen Allee— ſie paßte auch, hätte man ſagen können, zu der Stille umher, zu der milden Abendluft und dem gedämpf⸗ ten Licht. Die Sonne war ſchon nahe am Untergang, und nur an den höchſten Kronen der alten Bäume zeigten 60 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! ſich hie und da noch einzelne, von ihren letzten Strahlen erhellte Laubmaſſen. Dreißig bis vierzig Schritte rückwärts zeigte ſich ein altes Paar in einer ſchon damals veralteten Hofkleidung; die Dame war das uns bereits bekannte Freifräulein von Hohenkron, die Tante Eva's; der Herr, welcher ſich ſichtbar keine geringe Mühe gab, noch jugendlich zierlich und kräftig neben ihr einher zu tänzeln, konnte ſeiner Erſcheinung nach niemand anders ſein als der Kammerjunker von Aldenhofen. Beide waren in einer zwar gemeſſen geführten, dennoch aber unausgeſetzten Unterhaltung; ihre Stimmen blieben indeſſen dabei ſo leiſe, daß ſie nur ihnen ſelber vernehmbar wurden und trotz der rings herrſchenden Abendſtille mit keinem Ton zu der vor ihnen wandelnden Gebieterin, oder zu den beiden Dienern drangen, welche wieder dreißig bis vierzig Schritte rückwärts mit den Shawls der Damen folgten. Das war die gewöhnliche Abendpromenade der alten Prinzeß Antoinette und ihres Hofſtaats. 4 Die Prinzeß achtete weder auf ihr Gefolge, noch dachte ſie wahrſcheinlich an daſſelbe. Sie war vordem ſo manche Jahre grauſamerweiſe gezwungen worden, eine Art Wache neben ſich zu dulden, daß ſie ſich zuletzt wohl oder übel daran gewöhnt hatte, ſich trotz ſolcher Begleitung allein zu fühlen; und nachdem ſie bei endlich wieder erlangter größerer Freiheit einigemal vergeblich verſucht, die Hofdame und den Cavalier daheim zu laſſen, hatte ſie ſich ziemlich gleichgültig Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 61 darin gefunden, daß das edle Paar hinter ihr drein wan⸗ delte. Sie konnte am Ende nicht darüber zürnen, daß Fräulein von Hohenkron eher von ihrem Leben als von ihrer Pflicht— die längſt beſtimmten, ſogenannten Dienſtſtunden in der Nähe ihrer Prinzeß zuzubringen— gelaſſen haben würde, und daß der Kammerjunker in geduldiger Anbe⸗ tung wieder dem Fräulein nachzog. Mit ihnen oder ohne ſie blieb ſie ja doch allein und konnte ungeſtört ihren Ge⸗ danken nachhängen. So war es viele Jahre geweſen. Die zweite Hofdame — wir wiſſen ſchon, daß ſtets eine ſolche da war, wenn ſie auch gewöhnlich bald wieder die Stelle verließ,— machte entweder von der Erlaubniß Gebrauch, daheim oder für ſich bleiben zu dürfen, oder ſchloß ſich ihren Collegen an. Die Fürſtin, um es nochmals zu ſagen, wollte ihre Erholungs⸗ ſtunde allein genießen, und erſt, ſeit Eva von Thanneck auf dem Hindenſtein erſchienen, hatte ſie nach und nach immer häufiger von dem alten Herkommen abgelaſſen und das Mädchen an ihre Seite gerufen. Das ſchöne, ewig heitere und neckiſche, ewig ſorgloſe Kind hatte es der alten Dame, wie man zu ſagen pflegt, bald gründlich angethan und ſtand in hoher Gunſt. Sie durfte die Prinzeß allerwärts beglei⸗ ten, ſie durfte alles vor derſelben auskramen, was ihren raſtloſen Kopf und ihr. ebenſo raſtloſes Herz erfüllte und bewegte, ſie ward faſt immer gegen die vielfach indignirte Tante in Schutz genommen, ſie mußte ſogar, wenn man —— 62 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! Abends keine Partie beliebte, der Prinzeß vorleſen, weil, wie die Fürſtin zur höchſten Qual für die alte Hofdame lächelnd meinte, ihre eigenen Augen und die der„guten Ulrike“ nachgerade zu einer Lecture bei Licht nicht mehr ge⸗ eignet wären. Und endlich erhielt ſie ihre beiden Zimmerchen unmittelbar neben dem Schlafgemach der Hoheit angewie⸗ ſen, ſo daß dieſe ſich des Geſanges und der wundervollen Stimme ihres Lieblings auf das ungeſtörteſte erfreuen konnte. „Singe du nur, ſinge!“ hatte ſie freundlich zu Eva geſagt, als Fräulein von Hohenkron anfangs einmal einen leiſen Einwand gegen ſolche unziemliche Störung des Schlafs Ihrer Hoheit erhoben hatte.„Seit meine Mutter an mei⸗ ner Wiege ſang, bin ich nicht ſo friedensvoll entſchlummert wie unter deinen Tönen, mein liebes Kind.“ Heute war ſie noch nicht zugegen, und die Fürſtin hatte ſchon ein paarmal ihre Augen ſuchend durch die Park⸗ anlagen ſtreifen laſſen, weil ſie ſich wirklich oft an dem Plaudern des fröhlichen Kindes herzlich ergötzte. Dann aber dachte ſie: glückliches Kind, das noch ſo viel Luſt in ſich ſelbſt und in der Welt findet, das nur durch ſie ſich beherrſchen, durch ſie ſich führen läßt! Möge ſie ſchwärmen!— Und dann ſetzte ſie ruhig ihre Promenade fort.— Die Tante hinter ihr urtheilte freilich nicht ſo nach⸗ ſichtig.„Was ſoll nur daraus werden!“ ſprach ſie mit einem tiefen Seufzer zu ihrem Begleiter und fuhr bald in Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 63 franzöſiſcher, bald in deutſcher Sprache redend fort:„wenn auch unſere Hoheit die grenzenloſen Etourderien meiner Nichte überſieht— mich machen ſie troſtloſer von Tag zu Tag. Welch' ein Licht muß auch auf mich dadurch fallen, da ich für die Leichtſinnige dieſe Stelle erbeten habe!“ „Ach, meine Gnädigſte,“ verſetzte er in einer Art von zärtlichem Enthuſiasmus,„wer Sie zu kennen gewürdigt iſt, Sie mit Ihrem Takt, Ihrer Bildung, mit allen unend⸗ lichen Vorzügen Ihres Geiſtes und Herzens, Sie in Ihrer ganzen gediegenen und doch ſo anmuthigen Perfection,— wie würde der jemals Ihnen auch nur den geringſten Theil einer Etourderie beizumeſſen wagen? Sie, in Ihrer vollen⸗ deten Seelenhoheit, ſtehn unendlich erhaben über die Leiden⸗ ſchaften des gewöhnlichen Lebens und halten es gar nicht für möglich, daß einem edlen Herzen— wie unſer munteres Hoffräulein— nicht immer auch ein Verſtändniß deſſen ſchon angeboren iſt, was man als ein Eigenthum und ein Kennzeichen unſeres Standes annehmen und gelten laſſen muß, und was zu unſerer Zeit auch nur ſelten jemand fehlte.“ „Ach, daß Sie recht haben, mein Freund!“ unterbrach ſie ſeufzend ſeine weitſchweifige Rede. „Unſer liebes Hoffräulein iſt auch noch ſehr jung,“ fuhr er fort.„Ich weiß freilich, daß Sie in dem Alter— ach, denken Sie noch an das Schäferſpiel, Galatea?“ ſetzte 64 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! er abbrechend und mit einer Art von verklärtem Geſicht hinzu.„O Galatea!“ „Ach Gunibert— daß Sie noch immer— aber nun ſehn Sie um der Liebe Gottes willen, da iſt ſie! Iſt es nicht, um an Welt und Menſchheit zu verzagen, Herr von Aldenhofen?— Unſere Zeit iſt aus, Gunibert!“ Und in demſelben Augenblick ſagte da vorn die Prinzeß zu Eva, welche plötzlich aus einem Seitenberceau hervor⸗ geeilt war und nun überraſcht durch die Nähe der Ge— bieterin leicht zurückſchreckte und ſich allerdings nur auf eine ſehr flüchtige Verneigung beſann—:„nun, biſt du wieder da, mein munterer Wildfang? Haſt du deine alte Freundin einmal gründlich vergeſſen?“ „Ach Gott, Eure Hoheit,“ ſtammelte das Mädchen, „ich—⸗ „Mach' dir nichts d'raus,“ unterbrach ſie die Prinzeß gütig und klopfte leiſe die glühende Wange ihres Lieblings. „Sei du nur fröhlich, ſo lange es geht. Aber du biſt er⸗ hitzt— laſſe dir einen Shawl geben.“ „Tauſend Dank, Hoheit!“ erwiderte Eva, nun ſchon wieder heiter;„ich bin nur erſchrocken, daß es ſchon ſo ſpät, und daß ich Ihnen ſo grade, ſo wild entgegen laufen mußte.“ „Ja ja, daß ich dich einmal gründlich ertappt, ſage nur, und daß du auf verbotenen Wegen geweſen, du wilder Vogel!“ Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 65 Eva lachte auf das fröhlichſte.„Oh, Eure Hoheit müſſen mich in Schutz nehmen,“ ſprach ſie,„meine Tante enterbt und verſtößt mich ſonſt. Ich ſollte über meine Ahnen und mich ſelber nachdenken und die Briefe der Ma⸗ dame de Sevigné leſen und bin ſtatt deſſen in den Wald gelaufen und nun— zu ſpät und ganz unmanierlich vor Eurer Hoheit aufgetreten— nicht einmal im Anzuge!“ ſetzte ſie halb lachend, halb verlegen hinzu, indem ſie einen flüchtigen Blick an ihrem Waldkleide hinabgleiten ließ. „Wollen Eure Hoheit mir geſtatten— ich bin in der Minute wieder da.“ Die Fürſtin ließ ihre lächelnden Blicke eine Weile auf dem anmuthigen Weſen ruhen, bevor ſie wieder gütig ihre Wange klopfte und ſagte:„ſei nicht thöricht, Eva. Ich ſehe dich immer am liebſten in deiner vollſten Natürlichkeit. Nachher zur Theeſtunde kannſt du deiner alten Tante in Kleidung und Manieren gerecht werden. Jetzt komm' und plaudere mir was vor.“ „Oh, ich weiß Euer Hoheit viel zu erzählen!“ redete das Fräulein eifrig, aber leiſe im Weitergehn, indem ſie ſich ſo nahe wie irgend ſchicklich neben der hohen Frau hielt. „Das wird etwas Rechtes ſein!“ meinte dieſe lächelnd. „Was iſt's, du Wildfang? Haſt du einen neuen, recht großen und alten Baum gefunden, oder ein Reh geſehn, oder ein ander Stück Wild?“ Hoefer, Lorelei. 5 ————— 66 Koomm Troſt der Nacht, o Nachtigall! „Ja ein armes gehetztes Wild, Hoheit,“ flüſterte ſie, „einen armen, hülfsbedürftigen wackern Mann—“ „Einen Mann, Eva? Hier im Hindenſteiner Revier? Du meinſt keinen von den Forſtleuten?“ fragte die Prinzeß verwundert und ſah ihre Begleiterin mit einem ſo ernſten Blick an, daß ſich das Geſicht derſelben mit einer flüchtigen Röthe bedeckte. Deſſen ungeachtet antwortete das Mädchen aber ohne Zögerung:„ja, Eure Hoheit, im Hindenſteiner Revier und keinen von unſern Forſtleuten.“ „Weiter!“ ſagte die Prinzeß ruhig, doch noch immer mit ernſtem Blick. „Hoheit haben vielleicht erfahren, daß in einer der letzten Nächte ein Fremder an das Alleenthor gekommen und von dort durch den alten Waldinger fortgewieſen iſt.“ „Nachdem er deinen Geſang belauſcht— deine Tante hat mir davon geſagt. Nun, der—?“ „Der ſoll ſich einige Zeit bei Waldinger verborgen halten. Der Förſter will's bei Herrn von Raben ver⸗ treten.“ „Verborgen halten? Weßhalb?“ „Er iſt auf der Flucht vor den Franzoſen, Hoheit.“ „Wie kommt das? Was iſt er? Wie heißt er?“ Die Fürſtin fragte ungewöhnlich raſch, und ihre ohnehin ſtrengen und ſtolzen Züge verriethen einen zunehmenden Unmuth. „Um Gotteswillen, zürnen Eure Hoheit nicht!“ bat Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 67 Eva innig und legte wie flehend ihre Hände zuſammen. „Hören Sie nur alles! Er war früher preußiſcher Offi⸗ zier, hat ſich dann nach dem Frieden auf ſein Gut zurück— gezogen, ſich vor kurzem aber einem der verunglückten heſſiſchen Aufſtände angeſchloſſen und muß ſeitdem fliehen. Er nennt ſich— Hofmann,“ ſetzte ſie zögernd hinzu. „Und der iſt ſo taktlos geweſen, dich im Walde anzu⸗ reden und dem Hoffräulein der Prinzeß Antoinette von ſeinen Schickſalen vorzuſchwatzen?“ fragte die Fürſtin ſtreng; auf ihrer Stirn zeigte ſich eine tiefe Falte. „Ach, Eure Hoheit, ich habe ihn ſelber angeredet, denn ich erkannte ihn,“ verſetzte Eva, auf's neue erröthend, und fuhr dann raſch fort:„er war vor Jahren einmal bei einem unſerer Nachbarn auf einige Wochen zum Beſuch. Er heißt nicht Hofmann— Eure Hoheit wollten neulich den Zei⸗ tungsartikel nicht hören, der von jenem Aufſtande berichtete; da ſtand auch ſein Name als einer der Geächteten. Er verbirgt ihn, aber Eurer Hoheit darf ich ihn wohl nennen — er heißt Hubert, Schenk von Bergkheim, und iſt— aber um Gotteswillen, Eure Hoheit—!“ Sie hatte wohl Grund zu dem Ausruf und dem hef⸗ tigſten Erſchrecken, denn die hohe Frau neben ihr war plötz⸗ lich leichenblaß ſtehn geblieben und ſtarrte ſie an mit einem, man möchte ſagen: irren Blick, während ſie dabei zugleich ſo heftig zitterte, daß Eva, indem ſie jenen Schreckensruf laut werden ließ, auch unwillkürlich ihren Arm um die Ge⸗ 68 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! ſtalt der Prinzeß ſchlang, um ſie aufrecht zu halten. Alles war jedoch nur das Werk eines Augenblicks. Im nächſten, und ſo ſchnell, daß das hinten wandelnde Paar überhaupt nichts von dieſem Zufall merkte, hatte ſich die Dame ſchon wieder aufgerafft, und indem auch ihr Geſicht wieder ſeine gewöhnliche Farbe annahm, ſagte ſie mit einem freundlich dankbaren Blick auf ihre Begleiterin:„laß gut ſein, mein liebes Kind, und mache keinen Lärm. Es war nur einer meiner alten Schwindelanfälle und iſt ſchon vorüber. Komm' weiter. Alſo— wie heißt der Mann?“ „Hubert, Schenk von Bergkheim,“ wiederholte das junge Mädchen leiſe und wieder beruhigt, da ihre Gebieterin ſich augenſcheinlich faſt ganz von dem Anfall erholt hatte und feſten Schritts fort ging. „Freiherr Schenk?“ fragte dieſelbe jetzt, ſichtlich inter⸗ eſſirt. 1 „Das weiß ich nicht, Eure Hoheit. Ich habe ihn nie ſo nennen hören.“ 3 „Doch, doch! Ich glaube nicht, daß es eine zweite Familie dieſes Namens gibt.— Weißt du etwas von ſeinen Eltern?“ „Nur daß er ſie früh verloren haben muß, Hoheit, da er bei einem Oheim erzogen worden iſt. Mir iſt wenig⸗ ſtens, als hätte ich das damals von einem der Herren ſo ge⸗ hört. Er war nämlich zum Beſuch bei einem unſerer Nach⸗ barn,“ plauderte ſie fort, während die Fürſtin ſchweigend Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 69 weiter ſchritt und mit gedankenvollem Blick in die bereits dämmerig werdende Allee hinausſchaute,„und in der Jagd⸗ zeit waren die Herren alltäglich zuſammen— ſehr oft bei meinem Vater. Da habe ich ihn kennen lernen. Ich war damals vierzehn Jahre alt und ſchrecklich ſpottſüchtig, und er war ein ganz junger Offizier und unbeſchreiblich blöde, Hoheit, ſo daß ich gar nicht aus dem Lachen kam.“ Die Fürſtin ſah die Plaudernde freundlich an, alsbald aber wurde ihr Blick wieder nachdenklich und ſie ſagte, wie vor ſich hin:„ja ja, ſo wird es ſein!— Ich habe vordem — als ich noch in der Welt lebte— einen Mann dieſes Namens geſehn,“ ſetzte ſie gegen Eva gewendet hinzu,„der vermuthlich der Vater deines Bekannten geweſen iſt. Das war in der That ein Mann— von Herz und Ehre, wie mir nicht viele vorgekommen ſind. Unter dem hohlen Ge⸗ ſindel will das zwar nicht viel heißen,“ ſetzte ſie ver⸗ achtungsvoll die Achſeln zuckend hinzu,„aber dieſer Mann war wirklich ein bedeutender Menſch und wäre ſicher in jedem Kreiſe einer der Erſten geweſen.“ „Oh, glauben Eure Hoheit nur— dieſer hier— le nommé Hofmann, iſt ſicher ebenſo,“ bemerkte Eva eifrig und doch mit einem ſchalkhaften Lächeln.„Ich kenne ihn ja nur wenig, allein mein Vater hat ſchon damals ſehr an⸗ erkennend über ihn geſprochen, im Kreiſe der Herren ſoll er aufgethaut ſein und außerordentlich gefallen haben. Und 1 70 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! was ich heut von ihm ſah und hörte, bezeichnet einen keines⸗ wegs gewöhnlichen Menſchen.“ Die Prinzeſſin antwortete nicht; ihr Auge blickte ſtill vor ſich hin, und in ihren Zügen rührte ſich nichts. Auch Eva ſchwieg fortan und ſah nur ein paarmal mit einem halb ſcheuen, halb neugierigen Blick heimlich zu ihrer Be⸗ gleiterin auf. Das Weſen der hohen Frau ſchien dem Mädchen gar nicht wie ſonſt zu ſein, und ſie ahnte doch keine Veranlaſſung. Erſt nach einer ziemlich langen Pauſe ſagte die Prin⸗ zeß ernſt:„nun, wenn er alſo hier in den Wäldern iſt und bei Waldinger— es ſpricht übrigens für ihn, daß Wal⸗ dinger ihn aufgenommen, der Förſter hat gute Augen und das Herz auf dem rechten Fleck— ſo kann er ſich wohl für's erſte ſicher halten. Wir ſind bisher, ſo viel ich weiß, noch nie von dem fremden Geſindel beläſtigt worden. Der Hof iſt ja gut franzöſiſch,“ ſetzte ſie in einem eigenen Tone hinzu,„und ſteht in Gnaden bei dem Herrn Bonaparte. Es iſt daher wohl am beſten, wenn man dort von dem Flüchtling gar nichts erfährt. Herr von Raben kann das ſehr gut allein in Ordnung bringen. Ich werde mit ihm reden; aber— ich wünſche denn doch einmal deinen Schütz⸗ ling zu ſehn,“ ſchloß ſie.„Sein Name erinnert mich an eine zwar ferne, aber unvergeßlich gute Zeit.“ „Aber Eure Hoheit erinnern ſich vielleicht, daß es in Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 71 der Umgegend leider nicht ſo ſicher iſt,“ wandte Eva faſt ſchüchtern ein. „Ah bah!“ verſetzte die Fürſtin ein wenig ungeduldig über dieſe Unterbrechung der ſichtlich auf's neue ſie beherr⸗ ſchenden Gedanken;„er ſoll eben im Revier bleiben, bis ſich eine gute Gelegenheit für ihn bietet, weiter zu kommen.“ „Er hat eigentlich zu dem Herrn von Bühel auf—“ Die Prinzeß blieb jäh ſtehn und ſchaute das Mädchen finſter an.„Zu dem hat er gewollt, ſagſt du? Den kennt er?“ „Er muß wohl, Hoheit; vielleicht iſt's ein alter Kame⸗ rad, da Herr von Bühel ja gleichfalls preußiſcher Offizier geweſen. Er geht für jetzt nicht hin, weil er von Wal⸗ dinger erfahren, daß die Grenze ganz nahe bei Breitenſtein⸗ bach vorbeiführt. Ich weiß nicht, ob Waldinger ihm mehr geſagt— ich wagt' es nicht. Aber wenn er nun doch hinüberginge!“ „Schenk und Bühel— Verhängniß!“ murmelte die Prinzeß vor ſich hin. Erſt nach einer kleinen Pauſe kehrten ihre Gedanken zu der Gegenwart zurück und ſie ſagte leb⸗ haft zu Evaͤ:„das ſoll er nicht, das darf er nicht. Ich muß Waldinger oder ihn nur um ſo früher ſehn.— Und nun laß uns umkehren, mein Kind,“ fuhr ſie freundlicher fort.„Es iſt ſpäter als ſonſt, und deine Tante wird ſchon außer ſich ſein über dieſe Neuerung.“ Sie wandte ſich und ging, Eva neben ſich, ein wenig 72 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! ſchneller als bisher dem folgenden Paare entgegen, welches mit tiefer Verneigung ſeitwärts trat, um die Gebieterin vorbei zu laſſen.„Entſchuldigen Sie, liebe Ulrike,“ ſprach ſie vor Beiden anhaltend,„wir haben uns verſpätet. Aber wenn unſre Kleine plaudert, vergeß' ich immer Zeit und Stunde. Eva iſt ein wahrer Eskamoteur.“ Und ſie ſchritt von den Uebrigen gefolgt weiter durch die ſich vielfach kreu⸗ zenden Alleen und Heckengänge dem Schloſſe zu, ohne mit der neben ihr gehenden Eva noch wieder zu reden. An der Freitreppe, welche über die Arkaden des Erd⸗ geſchoſſes zu der Terraſſe droben und zu dem Haupteingang in die fürſtlichen Gemächer führte, ſchritt die Prinzeß auch heut wie immer vorüber und trat durch das große Thor des Parterres in das Gebäude. Die Treppen und die Staatszimmer des Hauptbaus hatte ſie in all den Jahren ihres Hierſeins niemals benützt, und auch die Arkaden drunten und die Terraſſe droben nur ſelten zu einem Spa⸗ ziergange gewählt.„ „ Ich will nichts von dem, was jenem Geſchlechte ge⸗ hört,“ hatte ſie finſter und hart geſagt, als Eva ſie unbe⸗ fangen einmal nach dem Grunde dieſer Eigenheiten zu fragen gewagt.„Ich gehe nicht, wo ihr Fuß gewandelt, und lebe nicht, wo ſie ihre Ausſchweifungen begingen. Im Flügel kann ich ſchon wohnen, der iſt mit meinem Gelde bezahlt,“ ſetzte ſie bitter lachend hinzu,„wenn auch nicht für mich.“ Fräulein von Hohenkron war der Verzweiflung nahe ge⸗ . * Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 73 kommen, als ſie von der Keckheit ihrer Nichte erfahren. Aber ſie hatte dann doch beſtätigt, daß der Flügel aller⸗ dings erſt in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhun⸗ derts von dem Prinzen Heinrich, dem ſpätern Gemahl der Prinzeß, erbaut worden; der Hindenſtein ſei des Herrn Lieblingsplatz geweſen. Er habe hier oft halbe Jahre lang gelebt. Auch heut ging die Fürſtin, wie geſagt, durch die untere prachtvolle Halle und ſtieg auf der innern Treppe zu ihren Zimmern im Anbau hinauf, wo ſich nach einer halben Stunde der kleine Kreis wieder um ſie verſammelte. Die Einrichtung der Gemächer war einfach genug und in einem ſtrengen Stile, der dem Charakter der Bewohnerin und ihrem gewöhnlichen Weſen vollkommen entſprach, und allerdings nur bei einem ſo ſorgloſen und unbefangenen Geſchöpfe, wie Eva war, eine Art von Behaglichkeit und Vertraulichkeit aufkommen laſſen konnte. Man ward nicht laut in dieſen Zimmern und auch nicht beweglich. In ein⸗ ſilbiger Unterhaltung nahm man auch heute den Thee und ſetzte ſich ſodann an den Spieltiſch. Doch die Prinzeß ſpielte zerſtreut und legte die Karten ſchon nach einer Stunde nieder, um ſich, nachdem ſie den Kammerjunker verabſchiedet, von Eva aus den angelangten Zeitungen vorleſen zu laſſen, während ſie ſelber langſam im Zimmer auf und nieder ging. Aber auch damit währte es nicht lange, und bereits um neun Uhr entließ ſie die beiden Damen. 3 — 4 1 8 4 1 4 74 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 8 „Ich habe heut Nachmittag draußen einen meiner alten Schwindelanfälle gehabt, liebe Ulrike,“ ſagte ſie ent⸗ ſchuldigend zu der alten, erſchrocken die Hände faltenden Hofdame, und indem ſie ſich gegen Eva wandte, fuhr ſie mit bezaubernd freundlichem Blick ihrer noch jetzt unver⸗ gleichlich ſchönen tiefblauen Augen fort:„wirf die Sorgen fort, du kleiner Wildfang! Sei heiter und ſinge mir heut ein gutes Schlummerlied. Gute Nacht, Kinder.“ „Die Hoheit hat einen ihrer Anfälle gehabt?“ ſprach Fräulein von Hohenkron auf dem Corridor mit gerungenen Händen,„und du rufſt nicht um Hülfe, und du ſagſt mir nichts davon? Willſt du in deinem horriblen Leichtſinn und deiner effroyablen Taktloſigkeit die Verantwortung auf dich nehmen, wenn dies hohe Leben plötzlich endete? Man muß augenblicklich nach dem Leibarzt ſenden.“ „Aber liebe Tante,“ verſetzte das junge Mädchen in einem Ton, der von dem, welchen ſie früher der Ver⸗ wandten gegenüber angeſchlagen, außerordentlich verſchieden war— ſie ſprach ruhig, um nicht zu ſagen: gleichgültig, und von Spott oder Neckerei zeigte ſich keine Spur.„Aber liebe Tante, verderben Sie ſich doch nicht ſelber Ihre Ruhe. Sie hören doch, daß die Hoheit nichts daraus macht, wie ſie auch bei dem Anfall ſelbſt nichts daraus gemacht haben wollte. Sie hörten auch, daß die Prinzeß mir die Sorgen ausredete— ich war gewiß nicht leichtſinnig hierbei.“ Die Alte ſchaute ihre Nichte etwas mißtrauiſch an. Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 75 „Alſo das war's?“ bemerkte ſie.„Ich wollte ſonſt auch ſchon fragen, was meine Nichte zu ſorgen hätte? Was haſt du auf der Promenade der Hoheit ſo eifrig erzählt? Wo biſt du vorher geweſen? Hatteſt du denn alle Gedanken verloren, als du in ſolchem— Bauernaufzuge unſerer Prin⸗ zeſſin nahe zu bleiben wagteſt?“ Das ſchelmiſche Lächeln zuckte ſeit Stunden zuerſt wieder über Eva's Geſicht, als ſie verſetzte:„ach Gott ja, Tante,— was weiß ich von Gedanken! Diesmal hatte ich jedoch einen, aber die Prinzeß befahl mir zu bleiben, wie ich war. Aber da iſt Ihre Thür— gute Nacht!“ „Und ſiehſt du gar nicht ein, ma nièéce, daß unſere Hoheit wahrhaftig nicht Vergnügen an dir und deinen Etourderien finden kann, ſondern nur aus, mir oft unbe⸗ greiflicher, hoher Nachſicht darüber hinſieht? Ich würde aus Scham vergehn—“ „Morgen, morgen, liebe Tante! Morgen will ich's verſuchen, ob ich das kann!“ rief Eva luſtig.„Heut muß ich ins Bett! Gute Nacht, Tante!“ Und nach einem Kuß auf die zuckende Hand der Dame ſprang ſie davon. Einen Augenblick ſah die Alte ihr faſt beſtürzt nach. „Spottet ſie?“ murmelte ſie vor ſich hin.„Nein— ich kann es nicht länger verantworten! Ich werde—“ ſie vollendete den Satz nicht und trat nachdenklich in ihr Ge⸗ mach.— Unterdeſſen hatte auch die Prinzeß ihre Kammerfrau * 76 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! entlaſſen und war endlich in ihren Zimmern allein. Sie ſtand noch in der Mitte des kleinen Salons, und als ſich die Thür hinter der ſich Entfernenden geſchloſſen hatte, legte ſie beide Hände an die Stirn und ſtrich langſam mit ihnen über die Schläfen und die kurzen grauen Locken zu⸗ rück, und dann erhob ſie den Kopf und ſchöpfte tief Luft, tief, als ob eine Centnerlaſt von ihr genommen. Darauf ging ſie zum Kamin, auf deſſen Simſe die einzige Kerze brannte, welche die Kammerfrau nicht verlöſcht hatte, nahm ſie herab und ſchritt langſam durch den Salon in ihr daran⸗ ſtoßendes Kabinet. Da ſetzte ſie das Licht auf den Schreib⸗ tiſch und ſich ſelber davor, öffnete ein geheimes Fach und nahm ein Elfenbeinkäſtchen heraus, welches geöffnet nur ein paar vergelbte Papiere zum Inhalt zu haben ſchien. Aber die Fürſtin legte die Briefe— denn ſolche waren es— zur Seite, drückte auf eine Feder und nahm gleich darauf aus dem Grunde ein ziemlich großes Miniaturbild. Es war das Portrait eines Mannes im einfachen Jagdkoſtüm; das Geſicht zeigte eine hohe ſtolze Stirn, männlich ſchöne ernſte Züge und dunkle, faſt finſter blickende Augen, aber dieſer Eindruck wurde auf das angenehmſte durch den Zug von Freundlichkeit und Güte gemildert, welcher die außer⸗ ordentlich frei und rein geſchnittenen Lippen umgab. Die Prinzeſſin hatte das Bild vor ſich auf den Tiſch gelegt und ſaß davor, das Haupt zu langer, feſter Betrach⸗ tung in die Hand geſtützt. Aus ihren Augen tauchte ein ——n— Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 777 Blick hervor von ſo unbegrenzter Hingebung und ſo tiefer Innigkeit, als käme er aus der vollen, warmen, unver⸗ gänglichen Jugend ihres Herzens, ein Blick von unendlichem Gram und unendlicher Zärtlichkeit, und er ward immer inniger und immer glänzender, bis er zuletzt wie gebrochen ſchimmerte, denn mit ihm zugleich waren auch die Thränen emporgeſtiegen und erfüllten endlich das ganze Auge und fingen an, ein⸗ zeln, in großen Tropfen, leiſe über die Wangen zu rollen. Und die alte Frau wehrte ihnen nicht. Sie wiſchte ſie nicht fort, ſie zerdrückte ſie auch nicht in ihrem ſonſt ſo feſten, ſtrengen Aug', ſie dachte nichts und ſah nichts als den da vor ihr im Bilde. Und ſie hatte keinen Laut und kein Wort als das eine:„grüß Gott dich tauſendmal, du mein Viel— Viellieber!“ So ſaß ſie eine ganze Weile, bis ſie endlich die ſtützende Hand auf den Tiſch ſinken ließ und ſich langſam in ihren Stuhl zurücklehnte. Aber ihre Augen wandten ſich darum nicht von dem Bilde, nur daß jetzt nicht mehr Thränen, ſondern jenes bezaubernde, hinreißend liebevolle Lächeln darin glänzte, mit dem ſie vorhin die ſinnende Eva entlaſ⸗ ſen. Und ſie ſprach leiſe vor ſich hin:„ich habe deinen Gruß wohl verſtanden, Victor. Redeſt du doch wieder mit dem Namen zu mir, mit dem du mich ſtets genannt. Deine Seele iſt ſo treu im Himmel, wie du ſelber auf Erden warſt.“ Sie ſchwieg und erhob aufhorchend das Haupt, um es v 78 Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! gleich darauf mit einem milden Lächeln wieder an das Pol⸗ ſter des Stuhls zurückzulegen. Denn an dem Fenſter vor⸗ über zog durch die im Mondſchein träumende Nacht ein wundervoller, zuerſt leiſer, nach und nach aber immer voller anſchwellender Ton, und gleich darauf umſchmiegte er mit ſeinen ſanften Schwingungen das alte ſchwermüthige Lied: „Es waren zwei Königskinder, Die hatten einander ſo lieb, Sie konnten beiſammen nicht kommen, Das Waſſer war gar zu tief.“ „Gott ſegne dich, Eva, mein Kind!“ flüſterte die Fürſtin vor ſich hin und legte den Kopf noch feſter an die Polſter. Der Geſang ging fort, dem Liede folgte ein anderes, und noch eins. Die Sängerin ward nicht müde, ihre Stimme immer voller und reiner, und die alte Frau lauſchte immer friedensvoller. Ihre Thränen floſſen ſchon lange wieder, aber in ihrem Geſichte zeigte ſich jetzt kein Gram mehr und kein herber Schmerz. Wehmuth und Erinnerung wiegten ihr altes Herz gleich ſanft in ihren weichen Armen, und ihre Blicke lächelten durch die Thränen dem zu, den ſie ſo über alles geliebt.—— Und drunten an der Mauer, die den Schloßplatz be⸗ grenzte, ſtand der Förſter mit ſeinem Gaſt, halbverſteckt von den überhängenden Waldbüſchen, und beide lauſchten Komm Troſt der Nacht, o Nachtigall! 79 gleichfalls dem wunderbaren Geſange. Der junge Mann hatte den Arm auf die Mauer geſtützt, den Kopf in die Hand gelegt und verwandte kein Auge von dem Fenſter droben in der dunkeln Schloßwand, auf deſſen Brüſtung die Sänge⸗ rin ſich zuſammen geſchmiegt hatte. Ihr weißes Kleid leuch⸗ tete ſeltſam durch die Schatten der Nacht. Der Geſang ſchwieg ſchon eine gute Weile, Eva war vom Fenſter herabgeſprungen, hatte noch einen Blick in den Park geworfen und dann den Flügel geſchloſſen. Nun war ſchon ihr Licht verlöſcht, und auch das, welches im Zimmer der Fürſtin gebrannt, war verſchwunden. Das Schloß lag dunkel, und weitum regte ſich kein Laut. Da erſt richtete Hubert ſich auf und wandte ſich mit dem Förſter zum Gehn. „Bei Kaub am Rhein,“ ſagte er gedämpft und ſeine Stimme klang eigen bewegt,„ſtehn die Felſen, in denen die Rheinnixe wohnt, die Lorelei. Da erſcheint ſie den Fiſchern und ſingt ihnen das Herz aus der Bruſt. Seht, Waldinger — daran gemahnt mich dies wunderbare Menſchenkind dort im hohen Schloßfenſter.“ Waldinger nickte leiſe.„Ihr habt recht, Herr!“ ſagte er gleichfalls gedämpft.„Sie ſingt, um einem das Herz zu ſtehlen.— Aber ein böſer Geiſt iſt das nicht; man darf ſchon ſein eigen ſein und bleiben.“— Hubert war ſtumm.—— Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! X IV. Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! „Wär' ich ein Knab' geboren, Ich wollte ziehn in's Feld, Ich wollte die Trommel rühren Dem Kaiſer um ſein Geld.“ Sie ſchwieg und hielt das muntere weiße Pferdlein an und lauſchte angeſtrengt in den Pfad hinein, der ſich durch die Büſche zum„Brunnen“ hinab wand.—„St. Hubert!“ rief ſie im ſingenden Tone und wiederholte nach einer Pauſe noch einmal:„St. Hubert!“— und lauſchte wieder. Die Blätter flüſterten weitum, die Inſekten ſummten und fuhren ſchwirrend an ihr vorüber, ein paar Vögel lockten in den ſonnigen Kronen, ein Specht, der erſchrocken auf ihren Ruf gehorcht, fing wieder ſeine Arbeit an, ein Bußard ließ aus weiter Ferne ſeinen melancholiſchen Schrei hören. Durch den ganzen, im glänzenden Morgenlicht ſchimmernden Wald ging ein endloſes Flüſtern und Rauſchen, ein friſches und keckes, wohliges Leben. Aber von Menſchen ließ ſich nichts ſpüren, und nur das junge Mädchen hielt da einſam zwiſchen den ſchwanken Büſchen und mächtigen Stämmen in dem magiſchen goldgrünen Dämmer der Waldtiefe. Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 81 Das Pferd ſcharrte mit dem Huf in dem Mooſe, welches ein heller Sonnenſtrahl grade vor ihm in prächtig⸗ ſter Färbung aufleuchten ließ, und bewegte muthig den ſchönen Kopf. Aber Eva achtete nicht darauf; die Hand mit den ſchlaffen Zügeln lag läßig auf dem Sattelknopf, die Geſtalt, von dem weichen, mattgrünen Stoff in den reichſten Falten umfloſſen, neigte ſich leicht vorwärts, und das lebhafte Aug' kehrte von einem raſchen Ausfluge in die Umgebung wieder und wieder zu dem vor ihr unter den Büſchen verſteckten Grunde zurück.—„St. Hubert!“— Noch einmal klang es von ihren Lippen und hallte prächtig wie ein ächter, melodiſcher Jagdruf weithin durch den Wald, bis es von einer fernen Höhe im leiſen Echo ſanft zu ihr zurücktönte. Sie richtete ſich auf und ſchüttelte mit einem verwun⸗ derten Blicke den Kopf, daß die lange weiße Feder am Hütchen auf's anmuthigſte hin und her wiegte.„Nicht da?“ ſprach ſie dann mit einem neuen Umblick.„Aber wo nun ſuchen?— Galant—“ und in ihrem Auge leuchtete ein muthwilliges Lächeln auf,„hm, galant iſt das nicht! Wär' ich wie er, und ein Mädchen wie ich hätte mir— wie ſagt meine Tante?— ſolche— ſolche Avancen gemacht, ich ginge Tag und Nacht nicht vom Fleck und thäte inzwiſchen, bis ich ſie wiederſähe, nichts als die Spuren ihrer Sohlen küſ⸗ ſen! Oh— das würde eine Liebe ſein, eine Anbetung— gleich vom Fleck fort und nichts als Feuer!— Pu⸗ ſchreck⸗ Hoefer, Lorelei. 1 ——bbööͤͤͤ 82 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! lich!— Ach, es iſt übrigens doch recht gut,“ ſetzte ſie mit einem komiſchen Seufzer hinzu,„daß er noch der Alte iſt und nicht ſolche Einfälle hat. Ich wüßte mich ſicher gar nicht dabei zu benehmen, und meine Tante könnte mir das auch nicht ſagen!“ Sie ſchüttelte luſtig lachend den Kopf. „Aber wo ihn nun ſuchen?“ murmelte ſie nach einer Weile auf's neue und ließ einen unſchlüſſigen Blick in die Runde umher gehn.„Sprechen muß ich ihn doch, ich kann's nicht verantworten, daß er— fort, Ellen, fort! Zum Waldinger!“ unterbrach ſie ſich plötzlich und nahm zugleich die Zügel auf und lenkte das Pferd zu einem ſchmalen Fußſteig, der ein wenig ſeitwärts durch den Buſch führte. „Immerhin!“ rief ſie dabei fröhlich.„Ein dummer Streich mehr oder weniger— meine Tante enterbt mich doch, und Herr Hubert— Hofmann iſt viel zu geſetzt, um mich miß⸗ zuverſtehen. Und ſo— ſo wird ſich's thun. Ich kann es der Hoheit ſagen.“ Das Pferd tanzte den Weg entlang, das Kleid wogte, die Feder flatterte, und die ſchöne Reiterin ſang in goldig⸗ ſter Laune und mit lachenden Augen:— „Weine, weine, weine nur nicht, Ich will dich lieben, doch heute nicht. Ich hab' dich gern und will dich ehren, So viel ich kann— Aber's Nehmen,'s Nehmen, Aber's Nehmen, ſteht mir nicht an.“ Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 83 Wo waren die Sorgen hin, das Nachdenken und der Ernſt des vorigen Abends! Aber freilich, Eva mußte wohl heiter ſein, denn der prachtvolle Morgen und der üppig grüne Wald ließen keinen trüben Gedanken aufkommen, und auch das ſchwerſte Herz hätte hier noch einen leichten Schlag gefunden. Daſt Forſthaus war auf dem Fußſteige nicht gar fern, und bald ging derſelbe auch in einen breitern Pfad über, wo Reiterin und Pferd ihrem Verlangen zur Genüge nach⸗ kommen konnten. Schritt und Trab war für die Beiden nicht, darauf brauchte man ſie nur einmal anzuſehn, wie das Leben in ihnen pulſirte.„Felix, es hilft nichts!“ rief ſie luſtig und mit der Hand in die Richtung hinüber win⸗ kend, wo etwa die Gebäude des Hindenſtein ſich erheben mochten.„Friſch auf, Ellen!“ Und ſie brauchte auch kein weiteres Zeichen, ihr Thier ging ſchon von ſelber in Galopp über. Und wer die beiden ſo hinfliegen ſah durch den Wald, über die ſonnigen Lichtungen, die Hügel hinunter und hin⸗ auf, das ſchöne zierliche Pferd, dem der Ritt nicht weniger Spaß zu machen ſchien als der Herrin im Sattel, und dieſe Letztere in ihrer Jugend und Anmuth, das Geſichtchen ſo glückſelig und die friſchen Lippen leicht geöffnet, als woll⸗ ten ſie im nächſten Augenblick einen hellen Jubelruf durch den Wald erklingen laſſen— an die Rheinnixe hätte der wohl nicht gedacht, aber an eine Waldfee, die am geweihten Tage einmal wieder ihre alten Reviere durchfliege. 84 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! Als ſie dem Forſthauſe nahte, blieb ſie jedoch nicht länger einſam. Die Hunde ſtürzten ihr entgegen, groß und klein, und ſprangen liebkoſend zu ihr hinauf und jauchzten vor den Hufen ihres Pferdes einher und wälzten ſich vor Luſt im Wege. Denn Eva war eins jener ſeltenen, glück⸗ lichen Geſchöpfe, dem die Thiere hold und treu ſind, wie die Menſchen; ſie ſelber ahnen das kaum in ihrer hold⸗ ſeligen Unbefangenheit.— So ging die Jagd auf den kleinen Raſenplatz vor dem Hauſe; Frau Waldinger ſtand lächelnd und knixend vor der Thür, und der Jägerburſch, der herbeiſprang, um dem Fräulein unter der hundertjährigen, vor dem Hauſe ſtehen⸗ den, ſchlanken Lärche die Hand zum Abſteigen darzubieten und die Zügel zu nehmen, lachte, wie man zu ſagen pflegt, über das ganze Geſicht vor ſeinem guten Glück.. Das Mädchen ſprang leicht aus dem Sattel, ohne die Hand des Burſchen zu benützen, aber die Zügel ließ ſie ihm und lächelte ihn auch ſchelmiſch an, als ſie ſagte:„ſeht Ihr wohl, Franz, es geht! Wenn Ihr Euch nur rührt, kommt Ihr ſchon zu rechter Zeit. So lob' ich's!— Führt Ellen ein wenig umher, wenn Ihr Zeit habt.“ Und dann warf ſie das Kleid über den Arm und eilte der alten Frau ent⸗ gegen, die ſich, wenn auch ſchwer hinkend und die Hüfte mit der Hand ſtützend, doch bereits ziemlich raſch genähert hatte. „Bleibt ſtehn, bleibt ſtehn! Da bin ich ſchon!“ rief das ſchöne Mädchen und ſprang vollends an die Seite der 5 Gott' geb' ihm ein verdorben Jahr! 8⁵ Frau und ergriff und drückte die runzlige Hand derſelben. „Warum quälen Sie ſich mir entgegen, liebe Mama Wal⸗ dinger? Bei der Eva bedarf's keiner Ceremonien und keiner Nöthigung, ſie kommt leider immer ungeladen, wie das böſe Wetter.“ „Gnädiges Fräulein!“ unterbrach ſie die Frau zugleich lächelnd und kopfſchüttelnd. „Ei, nennen Sie mich nur Eva. Von Gnaden hab' ich nichts zu vertheilen. Das kommt erſt, glaub' ich, wenn man eine uralte Dame iſt— ſo wie meine gnädige Tante,“ ſetzte ſie mit einem Knir hinzu. „Fräulein, Fräulein!“ mahnte die Alte „Ja, lieber Gott, was denn? Ich laſſe ihr doch alle Ehre, liebe Frau Förſterin. Aber nun— darf ich ein wenig mit hineingehn? Sie müſſen Ihre Ruhe haben, und ich habe ein wenig mit Ihnen zu plaudern.“ „Ach Gott, wie iſt es hier heimlich!“ ſagte ſie, als ſie in's Zimmer getreten, und ſah ſich leuchtenden Blicks in dem einfachen Raume um. Und ſie hatte wohl recht, denn alles in der Stube athmete die größte Behaglichkeit und den ungeſtörteſten Frieden, von den glänzend ſaubern und paſſend vertheilten Möbeln bis zu dem reinen Fußboden, von dem die grünen Tannenzweiglein, die längs der Wände geſtreut waren, ſo freundlich abſtachen, von dem leiſen, würzigen Duft der Zweige bis zu der milden Luft, welche 86 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! durch das offene Fenſter hereinzog und die weißen Vorhänge dort ſacht ſich wiegen ließ. Und die Sonne ſtahl ſich ganz heimlich mit ein paar langen Strahlen durch das Gezweig der alten Lärche und ſpielte auf dem Fußboden. „Hätt' ich doch ſolch ein Zimmer auf dem Hinden⸗ ſtein!“ ſprach Eva auf's neue, und das braune Auge flog wieder und wieder mit einem ſo treuinnigen Blick durch den Raum;„ſo war's vordem bei meinem Vater, in meinem Kinderſtübchen, aber droben im Schloß kommt weder Sonne noch Mond zu mir.“— Die Förſterin hatte ſich in ihren Stuhl geſetzt, und nach ihren letzten Worten nahm nun auch Eva auf dem zweiten Sitz am Fenſter Platz und ſah ein paar Augen⸗ blicke ſchweigend hinaus.„Aber wo bleibt denn Herr Waldinger?“ fragte ſie dann plötzlich, den Blick zu ihrem Gegenüber zurückwendend.„Er pflegt doch um dieſe Zeit nach Hauſe zu kommen— ich weiß, ihr eßt ſtets noch vor zwölf Uhr, und es muß ſchon gegen Elf ſein.“ Frau Waldinger nickte.„Das wohl, Fräulein Eva, aber mein Mann kommt heut nicht zu Mittag wieder,“ ſagte ſie. „Nicht zu Mittag wieder? Das iſt ärgerlich. Ich habe eine Beſtellung an ihn von der Hoheit. Sie möchte ihn heut noch ſehn, aber allein und zwar in dem Pavillon am Roſengange. Darum ſchickt ſie mich, ſie mocht's einem, Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 87 Diener nicht anvertrauen. Wann kommt Waldinger denn nach Hauſe, und wo ſteckt er eigentlich?“ „Um Gott, das iſt mir ja ein wahrer Schmerz, Fräu⸗ lein Eva!“ verſetzte die Frau mit wirklich betrübtem Ge⸗ ſicht.„Ich weiß gar nicht, wann er kommt, es kann ſpät werden, denn—“ ſie zögerte ein wenig, bevor ſie wieder ſchnell ſprechend und mit gedämpfter Stimme fortfuhr— „er iſt dem Fremden nach, von dem Sie wohl gehört haben, dem neuen Forſtgehülfen Hofmann.“ „Dem?— Aber wohin denn?“ fragte das Mädchen haſtig. „Der Herr iſt noch nicht bekannt im Revier, mein Mann ſorgte, daß er ſich auf dem Heimweg verirren könnte, und da man ſich auf die Burſchen gar nicht mehr verlaſſen kann und er auch überdies Geſchäfte in Rehhauſen hatte, ſo iſt er lieber ſelber nachgegangen.“ „Aber wohin denn?“, rief Eva aufgeregt, und ihre Augen hingen mit dem Ausdruck einer Art von Angſt an den Lippen der Alten. Und da dieſe die Achſeln zuckte, fuhr ſie haſtig fort:„ich weiß, Mama Waldinger, daß Ihr Mann nichts Geheimes vor Ihnen hat, Sie werden daher auch hiervon Kunde haben. Und ich— ich kenne den Fremden,“ ſetzte ſie mit flüchtigem Erröthen hinzu.„Wir haben uns vor vielen Jahren bei meinem Vater getroffen, ich kenne ſeinen Namen, ſein Geſchick. Ich habe ſeinetwe⸗ 88 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! gen mit der Prinzeß geredet, und gerade darum will ſie Ihren Mann heut noch ſehn.“ „Wie ich ſage, es iſt mir ein wahrer Schmerz!“ ent⸗ gegnete die Alte betrübt.„Aber wir hörten, daß heut grade ein freier Tag ſei, und da hat mein Mann, weil es doch einmal ſein ſollte, ſelber zugerathen.“ Eva ſprang auf.„Wohin?“ rief ſie heftig. „Der Herr— ſeinen Namen wiſſen wir nicht und wollen ihn auch gar nicht wiſſen— Herr Hofmann iſt nach Breitenſtein—“ „Barmherziger Gott, ſo iſt's zu ſpät!“ brach Eva aus und ſank wie zerbrochen auf den Stuhl zurück, und die Thränen ſtürzten jäh aus ihren Augen.„Oh, weßhalb hab' ich geſtern nicht geredet!“ Die Förſterin hatte ſich erſchrocken von ihrem Stuhl erhoben und ſah das erſchütterte Mädchen tief beſtürzt an. „Um Gotteswillen, Fräulein, was haben Sie nur?“ ſprach ſie und beugte ſich zu dem Mädchen nieder.„Waldinger war dieſer Beſuch auch nicht angenehm, und er hat ſeine Anſicht über Herrn von Bühel nicht verborgen. Allein der Herr Hofmann wollte partout hinüber. Und ſo hat mein Mann ihm denn nur den Rath gegeben, nichts von dem Aufenthalt bei uns zu ſagen, und iſt ihm ſelber nach, um ihn auf Schleichwegen zurückzubringen, wenn man ja ſeinen Schritten nachſpürte.“ „Und daran zweifelt Ihr Mann noch?“ fragte Eva —— 4 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 89 bitter, indem ſie haſtig mit dem Taſchentuch über die Augen fuhr.„Aber freilich, er weiß auch nichts weiter von ihm, als was hier bekannt geworden. Doch auch das hätte ge⸗ nügen ſollen.— Oh, hätte ich doch geſtern geredet!“ ſetzte ſie mit neu ausbrechendem Schmerze hinzu. „Aber liebes, liebes Fräulein,“ meinte die alte Frau faſt zärtlich, indem ihr zugleich ſelber die Augen feucht wurden, ſo rührte ſie der ſichtbare Kummer des holdſeligen, ewig heiteren Weſens,„warum quälen Sie ſich nur ſo grauſam? Es iſt ja nichts verloren, mein Mann, können Sie glauben, wird ſchon dafür ſorgen, daß Herr Hofmann ungefährdet zurückkommt, und dann können Sie dem Herrn ja noch immer das Nöthige mittheilen. Heut Abend ſind ſie wieder da; ſoll mein Mann morgen vielleicht der Hoheit aufwarten?“— Eva ging im Zimmer auf und ab. Den Schmerz ſchien ſie überwunden zu haben oder doch zu beherrſchen, aber auf ihren offenen Zügen lag ein faſt finſterer Ernſt und ſie war auch ungewöhnlich blaß.„Wenn ſie zurück⸗ kommen!“ warf ſie jetzt nach einer Pauſe hin. „O Fräulein, wie können Sie das fürchten!“ „Sie kennen den Mann da drüben in Breitenſteinbach nicht, aber ich,“ ſagte ſie bitter.„Von dem fürchte ich alles. Er iſt in ſeiner Art ein Renegat, und die taugen alle nichts. Das hat ſchon mein Vater von ihm geſagt, und ich— ich habe ihn noch beſſer kennen lernen.“ 90 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! Die alte Frau erwiderte nichts 5 und Eva fuhr nach einer Weile immer noch auf und ab gehend, lebhaft fort: „durch ihn bin ich nach dem Hindenſtein gekommen; ſeinen Zweck— er thut nichts ohne Zweck— kenne ich nicht, aber ich weiß, daß es ſo iſt. Ich ſegne jetzt freilich meinen Aufenthalt hier, aber konnte ich das voraus wiſſen?— Doch,“ und ſie blieb vor der Förſterin ſtehn,„ſagen Sie Hubert— Herrn Hofmann, mein' ich, von alledem lieber nichts, Mama Waldinger. Es iſt beſſer, ich theil' es ihm ſelber mit. Ich kann da ins Detail gehn. Und da auch die Hoheit ihn ſehn will, ſoll er morgen früh, gegen zehn Uhr, in die dunkle Allee kommen— da fällt's nicht auf und keiner merkt es, wenn ich ihn zum Pavillon führe. Wenn er noch kommen kann!“ ſetzte ſie wieder bitter hinzu.— „Aber Fräulein Eva,“ bemerkte die alte Frau jetzt gleichfalls ernſt,„der Herr von Bühel iſt doch Offizier und ein Kamerad des Herrn Hofmann geweſen, da—“ „Sie meinen, da wäre nicht an Verrath zu denken,“ unterbrach Eva die Sprecherin, und aus ihrer Stimme klang es wie Verachtung.„Ich will auch zu Gott hoffen, daß es in allen Armeen der Welt keinen Offizier mehr gibt, der dieſem gleich wäre. Es wäre ſchlimm für dieſen und jeden Stand. Aber genug davon,“ fuhr ſie fort.„Wollen Sie Ihren Mann zur ſelben Stunde— oder falls ein Unglück paſſirte, ſogleich— zu Ihrer Hoheit ſchicken? Sie Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 91 iſt bei gutem Wetter dann immer im Pavillon, wiſſen Sie wohl.“ „Ich will es ausrichten, liebes Fräulein. Quälen Sie ſich nur nicht, es wird alles gut gehn.“ „Wie Gott will, Mama Waldinger,“ erwiderte ſie. „Rechnen Sie mir nicht hoch an, was ich Ihnen hier zeigte,“ redete ſie weiter, indem ſie der Alten die Hand hinbot und ein lichter rother Schimmer über ihr blaſſes Geſichtchen lief.„Ich war ſehr erſchrocken— Sie wiſſen nicht, was ich weiß— und dieſem Herrn von Bühel ſoll mit meinem Willen niemand zum Opfer fallen, am wenig⸗ ſten mein alter Jugendfreund. Und nun adieu! Reinen Mund, liebe Mama Waldinger!— Wiſſen Sie nicht, wann der Forſtmeiſter kommen könnte?“* „Morgen iſt ſein Tag, Fräulein.“ „Freilich, freilich! Ich bin, ganz konfuſ'! Deſto beſſer! Alſo nochmals adien— nein, Sie ſollen mich nicht beglei⸗ ten! Adieu, Mama!“ Und bevor die Matrone ſich erheben konnte, war das Mädchen ſchon aus der Thür, ſaß wenige Sekunden darauf im Sattel und ritt im Galopp gegen den Wald zu. Der Burſche, der das Pferd geführt, hatte kaum einen Gruß erhalten und ſchaute ihr beſtürzt nach, und Frau Waldinger ſah gleichfalls halb nachdenklich, halb zärtlich der Enteilenden durch ihr Fenſter nach und murmelte vor ſich hin:„nun, das Glück gönnt' ich ihm kaum. Er ſcheint 92 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! ein braver Menſch, aber unſer fröhliches kleines Wald⸗ fräulein— wie das arme Ding weinte! Und von den Augen verdient das kein Mann auf der Welt!— Der Waldinger muß ihn mir recht in Aufſicht nehmen. Es bräch' mir ſelber das Herz, wenn's da ein Unglück gäbe.“— Das Mädchen ritt inzwiſchen wieder durch den Wald, allein wie es nun dem Schloſſe zuging anſtatt zuvor davon ab, war jetzt auch in Eva's Erſcheinen und Weſen eine Aenderung eingetreten. Von Galopp oder auch nur Trab war bald keine Rede mehr, das Pferd hatte genug zu thun, die ſteilen Wege im gleichmäßigen Schritt zurückzulegen; und von der Laune und Munterkeit, welche vorhin die Reiterin erfüllten, ließ ſich jetzt weder in ihrer läßigen Hal⸗ tung, noch in dem nachdenklichen, faſt trüben Geſicht eine Spur entdecken. Die Feder am Hut faatterte nicht ein einzigmal, ſo regungslos ſaß Epa. Und dennoch war der dunkle Kopf voll von treibenden Gedanken, und unter dem knapp anſchließenden Leibchen klopfte ihr Herz, daß man's hätte ſehen können. Es war nicht der Schreck allein über die Mittheilung der Förſterin, der ſie noch immer bewegte, obgleich er nicht gering geweſen und die bange Sorge um Huberts Geſchick ſie in einem um nichts verringerten Maße erfüllte. Aber grade in ihrem erſten furchtbaren Erſchrecken, in ihrem Schmerz und ihrer Troſtloſigkeit war dem ſonſt ſo ſorg⸗ loſen Mädchen auch das volle, tiefe, unabweisliche Gefühl . — Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 93 ihrer Liebe zum Bewußtſein gekommen, ihrer Liebe zu dem, der trotz alles Neckens und Spottens ſchon auf das Kind den erſten und ernſtlichen Eindruck gemacht und ſeitdem ihr im Heranwachſen ſtets nahe und ſtets unvergeſſen geblie⸗ ben war. Denn in jedem Herzen, und wär's das leichteſte und fröhlichſte, gibt es ein leiſes, ſüßes Gefühl, das vielleicht nur ſelten und ganz heimlich ſich regt und dem Menſchen ſelber in ſeiner Wahrheit und Stärke oft kaum bewußt und klar wird, das dennoch aber ſtets da iſt und ſein beſtes bleibt. Und wenn einmal eine Stunde erklingt, die unſer b innerſtes Leben zur Geltung kommen läßt, da regt ſich dann auch leiſe jenes tiefſte Fühlen und ſchwellt unſer Herz ſo ſehnſuchtsnoll und läßt das Auge mit träumeriſchem Lächeln hinüberblicken zu jenen Tagen, wo das Licht aufging für uns, und unſer eigenſtes Glück, unſer wahrſter Segen ge⸗ boren ward, gleichviel, ob wir es zu dieſer Stunde endlich und wirklich erkennen oder ob noch immer nur ein einzel⸗ in Glanzes in unſere Seele fällt. int die Zeit, wo wir klar ſchauen 1 ſie kann oft ſchnell da ſein. Noch vor einer Stunde hatte Eva nur viel an Hubert ge⸗ dacht, und jetzt füllte er ihr Denken aus. Noch vor einer Stunde nahm ſie nur innig theil an dem Geſchick des alten Bekannten, und jetzt war dies Geſchick ihr eigenes. Noch vor einer Stunde— wir hörten das— dachte ſie luſtig 94 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! und ein wenig ſpöttiſch an ihn und ſein Weſen, ſtellte ſich ihn in der Liebe vor und auch ſich ſelbſt, und lachte jede Verbindung zwiſchen Beiden fort. Und nun wußte ſie, daß ſie ſein eigen war mit Herz und Kopf, mit Leib und Seele, für ihr ganzes Leben, und ſie wußt' es, daß ſie es im Grunde immerdar geweſen, daß ſie ihn— ſei es auch nur im Traume— geliebt. Das ſtand nur zu deutlich vor ihr. Der Gedanke, daß er aus ihrem Weſen geſtern, aus ihrem Treiben heut dieſe Liebe herausleſen könne, erfüllte ſie aber mit einer bebenden Angſt und ließ ihre Wangen in dunkler, ſchampoller Röthe erglühen. Denn von ihm wußte ſie nichts, und daß er ſie wieder liebe, hielt ſie für unmöglich— wo rechnete eine junge, reine, ächte Mädchenliebe jemals kühn auf Erwiderung?— Und wenn ſie an das dachte, was ſie vorhin beim„Brunnen“ ſich fröhlich vorgeredet und im Wald geſungen, und an die Schrankenloſigkeit und Heftig⸗ keit, mit der ſie vor Mana Waldinger ſich hatte gehn laſſen — das alles erfüllte ſie mit neuer, ner Pein, und Sorgloſigkeit und Unbefangenheit ür immer von ihr Abſchied nehmen zu wollen O, ſie hätte tief verſteckt weilen ma vor aller Welt, ſei's im Wald, ſei's in der fernſten Einöde, nur allein, nur einſam, daß ſie nichts zu ſehen, nichts zu hören brauchte als das, was in ihr ſelber rang und klang! Und ſie mußte nun grade zurück zum Schloß, zu den gleich⸗ gültigen und doch anſpruchsvollen Menſchen, und bei dem Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 95 einzigen Weſen, dem ſie ihren glühenden Kopf hätte an's Herz legen und ein volles Vertrauen geben mögen, bei der Fürſtin, wagte ſelbſt Eva nicht Theilnahme für dieſe neuen Gefühle zu ſuchen. Das Herz war ihr ſo voll und ſo gepreßt, und nun, da ſie in ihr Zimmer trat, erhielt ſie den Befehl bei ihrer Tante zu erſcheinen. Sie drückte die Hände vor die Augen — jetzt zur Tante? Es ſchien ihr faſt unmöglich, und einen Augenblick dachte ſie daran, wie ſonſt zuweilen auch nun mit luſtigem Trotz vor der Begegnung hinauszuflüchten und der folgenden Strafpredigt ſorglos die Stirn zu bie⸗ ten. Aber es war eben keine Luſtigkeit in ihr und keine Sorgloſigkeit. Sie kleidete ſich um und ging hinüber zu der alten Dame.— „»Ma nièce,“ begann Fräulein von Hohenkron in würde⸗ vollſter Haltung von ihrem niedergeſeſſenen Kanapee aus und in dem Jargon, den wir der Bequemlichkeit halber mit ſimplem Deutſch luſchen,„ich will dir ohne weitere Einleitung mit ſchon zu Lebzeiten deines Vaters leſſen Sündentode ein Mann von Ehre, ein Cavalier gutem Hauſe, dir die Ehre ange⸗ than, auf dich als ſeine Gemahlin zu reflektiren, obſchon ich nicht zu ſagen weiß, was ihn an dich gefeſſelt. Er hat dieſen Wunſch gegen meinen Couſin Dedenberg, deinen Onkel und Vormund, ſchon vor faſt zwei Jahren geäußert, und da dieſer dich noch für zu jung und wild und es für —— 96 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! nöthig hielt, dich zuvor in einem weitern Kreiſe die paſſende Tournüre erwerben zu laſſen, ſo fand ſich jener Cavalier zwar in den Aufſchub, ſchlug jedoch zum Aufenthaltsort für dich und zu deiner Führerin—“ die Sprecherin erhob mit tiefem Seufzen ihre Blicke zur Stubendecke—„mich, deine Tante, und den Hindenſtein vor, weil er, und leider nicht mit Unrecht, bei einem Aufenthalt in der großen Welt und bei deiner grenzenloſen Haltungsloſigkeit für dich nur Ge— fahren über Gefahren ſah und als Cavalier und Mann von Welt fein genug begriff, daß du nirgends beſſer als auf dem Hindenſtein das dir aneignen könnteſt, was ſich für eine Dame von deiner Geburt und deiner ſpätern Stellung ewig und allein geziemt.— Dein Onkel und ich, wir willigten ein, und ich that die Schritte, dir durch eine Stellung in der Nähe Ihrer Hoheit der Prinzeß Antoi⸗ nette von vornherein einen größern Halt und Gelegenheit zu geben, mit Takt und Wünde dich benehmen zu lernen.“ Die Dame ſchöpfte Luft, wa in Anbetracht der vortrefflichen langen Rede gewi ir inden mußte, und fuhr dann fort:„ich ſegn cht, ſie ha⸗ ben mich der Gefahr ausgeſetzt, Herrſchaft für eine einſichtsloſe Thörin zu gelten, und müſſen mir mit Recht den herbſten Tadel zuziehn. Ich hätte bedenken ſollen, daß die Thanneck von jeher ſtark in Extravaganzen und an⸗ ders als gewöhnliche Leute geweſen. Das alles hab' ich auch bald erkannt und mich ſehr um meine Uebereilung be⸗ Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 97 kümmert. Aber— ich kann es vor Gott verantworten— ich habe dann deſto ernſtlicher und gewiſſenhafter mich be⸗ müht, dich auf den rechten Weg zu führen. Es iſt mir nicht gelungen,“ fuhr ſie mit einer gewiſſen bittern Reſig⸗ nation fort.„Ich verzage; ich bin müde, mein Kind. Ich vermag die Inconvenienzen, an denen du täglich nur mehr Genuß zu finden ſcheinſt, nicht länger vor Ihrer Hoheit, vor dem Hofe, vor mir und dir ſelbſt zu verantworten.— Ich darf dich auch nicht länger in der Nähe Ihrer Hoheit laſſen, deren grenzenloſe Güte und Nachſicht du ſo gänzlich miß⸗ verſtehſt und ſo unverſtändig auf's Spiel ſetzeſt. Ich darf dich nicht länger hier dulden— meine Kraft reicht nicht aus, dich pflichtmäßig in Schranken zu halten. Ich habe aber noch immer eine zu gottloſe Liebe für die einzige Toch⸗ ter meiner Schweſter, als daß ich ſie auf's Gerathewohl in die Welt ſtoßen ſollte. Bisher habe ich die Wünſche jenes Cavaliers zurückgewieſen, weil ich noch immer hoffte, dich endlich einmal deiner zukünftigen Stellung würdiger werden zu ſehn. Jetzt— er hat geſtern grade wieder angefragt, wo du, ein Fräulein von Thanneck, mit einem fremden Herum⸗ treiber im Walde zu unterhalten dich nicht entblödeteſt— jetzt habe ich keinen Einſpruch mehr, ſo wenig wie dein Onkel Dedenberg. Mag denn er es mit dir verſuchen, viel⸗ leicht gelingt ſeiner Kraft die Bändigung deines Leichtſinns. Betrachte dich von heut an als ſeine Braut und vergiß 7 Hoefer, Lorelei. 98 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! nicht, mein Kind, daß von nun an ſeine Ehre auch die deine, und daß Männer in dergleichen empfindlich ſind.“ Eva hatte den größten Theil dieſer Mittheilungen theil⸗ nahmlos an ſich vorübergehn laſſen; ſie ſah, zumal in ihrer gegenwärtigen Stimmung, in ihnen eben nur eine der häu⸗ figen Strafpredigten für Gott weiß welche ihrer kleinen Sünden. Erſt die Schlußſätze hatten ſie anfangs mit Be⸗ fremdung, dann aber mit einem leiſen Anflug ihrer ſonſtigen unverſieglich guten Laune aufſehn laſſen, und die letzten Worte riefen wieder ein helles Lächeln auf ihr Geſicht.„Und wer iſt dieſer geheimnißvolle wunderbare Cavalier, liebſte Tante,“ fragte ſie mit einer graziöſen Verbeugung,„dieſer Cavalier mit der alten treuen Liebe?“ „Ja,“ erwiderte die Tante mit ſtrafendem Ernſt,„der dich Unwürdige ſo ſehr liebt, daß er um deinetwillen in die Nähe des Hindenſtein zog! Es iſt der Herr von Bühel auf Breitenſteinbach—“ G Sie konnte nicht weiterreden, denn Eva brach jäh in ein ſo ausgelaſſenes Gelächter aus, daß das Wort der Alten ungehört verklang. Sie fuhr erſchrocken vom Kanapee auf und ſtarrte das Mädchen an, als fuürchte ſie, daſſelbe ſei wahnſinnig geworden. „Ah!“ rief Eva, und aus ihrem erneuerten Gelächter klang der volle ſpöttiſche Uebermuth ihrer heiterſten Stunden. Die Nachricht der Tante hatte ihr für den Augenblick we⸗ nigſtens ihre ganze gute Laune wiedergegeben.„Alſo der A Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! 99 Herr von Bühel erkiest mich Unwürdige zur Frau und hat mich darum ſchon ſo lange im Auge? Sagen Sie, Tante, ſind des Onkels Geldverhältniſſe vielleicht noch im⸗ mer derangirt, oder iſt mir eine beſondere Erbſchaft zuge⸗ fallen, von der ich noch nicht weiß?— Sonſt wär's nicht möglich!“ „Ma nièce— ich verſtehe Sie nicht!“ ſprach Fräulein von Hohenkron im ſcharfen Ton. „Aber ich verſteh's deſto beſſer, und der Herr auf Brei⸗ tenſteinbach auch. Legen Sie ihm meine Fragen nur vor— das wäre meine Antwort.— Es ſteht ihm auch eine andere zu Dienſten, wenn ich ihn ſelber ſehe, aber leider keine gün⸗ ſtige, ſo gern ich Ihnen, liebe Tante, alles zu Liebe thun möchte! Herr von Bühel liebt mich alſo, wirklich? Gott, Gott! Jammert mich dieſer alte treue Herr und ſeine alte treue Liebe für mich unwürdiges Geſchöpf! Und die ver⸗ lorene Freude meiner werthen Verwandten—!“ 1„Meine Nichte, Ihre Unpolirtheit überſteigt allen Glau⸗ ben. Aber in dieſem Fall wird Ihre Hoheit hoffentlich ihre alte treue Dienerin zu unterſtützen geruhen.“ Ueber das ſchöne Geſicht Eva's zuckte ein noch ſpöt⸗ tiſcheres Lächeln, als ſie entgegnete:„ich will ſie fragen, Tante; ſie ſoll Ihnen ſelber antworten.“ Und ohne auf ein hoch erzürntes neues„ma nièce!“ der alten Dame zu hören, verließ ſie raſch das Gemach.— Als eine Stunde ſpäter die Tafel aufgehoben war und 100 Gott geb' ihm ein verdorben Jahr! die Fürſtin, nachdem der Kammerjunker entlaſſen, wie ge⸗ wöhnlich mit den beiden Damen in ihrem Kabinet noch einige Worte wechſelte, ſagte ſie plötzlich zu Eva, die ſie während der Tafel ſchon mehrmals ſcharf angeſehn:„aber was haſt du denn, Kind? Du biſt ja wie ausgetauſcht!“ Das Mädchen zuckte die Achſeln.„Ich ſoll auch Braut ſein, Eure Hoheit,“ verſetzte ſie. „Eure Hoheit!“ ſiel Fräulein von Hohenkron lebhaft mit einem zornigen Blick auf die Kühne ein. „Laſſen Sie die Kleine doch ausreden, Hohenkron,“ ſprach die Fürſtin heiter.„Braut? Was du nicht ſagſt. Weſſen denn, Eva?“ Und indem ein übermüthiges Lächeln um die feinen Lippen zuckte, ſagte das Mädchen:„meine Tante und mein Oheim Dedenberg haben mich dem Herrn von Bühel auf Breitenſteinbach beſtimmt.“ Die Fürſtin erhob den Koßf und die Geſtalt zu ihrer vollen ſtolzen Höhe, und ihre Augen ruhten mit der ganzen Gewalt ihrer Blicke auf der alten Hofdame, welche beſtürzt und immer beſtürzter nicht ein Wort zu ſagen wußte. „Und den Namen wagt man vor mir bei einer ſolchen Veranlaſſung zu nennen?“ ſprach die Fürſtin endlich hart und ihre hohe Stirn war voll drohender Falten.„Und den Mann wagt man zu einer Verbindung mit jemand von meinem Hofſtaat heranzuziehn? Iſt das Ihre Treue, Freiin von Hohenkron? Sie ſind doch alt genug, um ſich an Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 101 vergangene Zeiten zu erinnern, oder ſind Sie ſchon zunalt?— Beruhige dich, mein Kind,“ fuhr ſie nach 9 zu der über ſolchen Ernſt gleichfalls erſchrockenen Eva fort und legte ihr leiſe die Hand auf das weiche Haar.„Ich ſtehe zu dir. Und wenn ich auch eine machtloſe, vergeſſene alte Frau bin, ſo viel Anſehn wird mein Wort wohl noch haben, daß es dieſe Verbindung unmöglich macht. Dem ſoll nie⸗ mand geopfert werden, der mir nahe ſteht, am wenigſten du. Ich kenne die Bühel und ich kenne ihn— ſie taugen alle nicht.“ V. Es ſiel ein Reif in der Frühlingsnacht. „Da iſt der Steig— nür langſam, dann geht's ganz gut,“ hatte der Förſter geſagt, indem er auf der Ecke der früher ſchon erwähnten Waldſchlucht in den Grund deutete.„Ich gehe zur alten Hoheit. Sie iſt jetzt im Pavillon, und wenn ſie Euch ſehn will, ſind wir bald bei einander. Sonſt 1 bleibt hier, ich hole Euch dann wieder ab.“ Und dann war er dem ſeitwärts ſtreichenden Fußſteige gefolgt, und Hubert hatte ſich durch die Büſche gedrängt, hinab in die Tiefe, wo der Förſter ihm einen„eigenen“ Anblick ver⸗ heißen, und wo er na der heimlichen Beſtellung der För⸗ 102 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. ſterin Eva— er wußte nicht, was für Mittheilungen empfangen ſollte. Nun ſtand er drunten und hatte vor ſich, was er freilich in ſeinem Leben noch nicht geſehn, und wie es vermuthlich auch nirgends auf der Erde wieder ge⸗ funden wird. 5 Die Schlucht öffnete ſich vor ihm ſchmal und lang, die Seitenwände ſtiegen ſchroff empor und waren nur theil⸗ weiſe durch herausgeſchlagene Büſche verdeckt. Den ganzen Grund aber füllte eine dreifache Allee von Tannen, und die vier Reihen der alten Bäume zogen ſich in einer Geſchloſ⸗ ſenheit und Regelmäßigkeit hin, wie man es— man möchte ſagen: auf der Oberwelt— bei ähnlichen Anlagen ſelten oder nie finden dürfte. Da fehlte kein Stamm, da war keiner nachgepflanzt oder zurückgeblieben. In feſter Reihe ſtanden ſie da, die ſchweigend ausgebreiteten Zweige be⸗ ſchatteten eng gedrängt die graden Straßen und ließen aus ihnen niemals ganz das Dunkel entweichen. Denn auch jetzt, wo droben doch alles im Glanz und Licht des Mor⸗ gens ſchwamm, herrſchte hier unten in den ſtillen Gängen nooch eine tiefe Dämmerung; kein Sonnenſtrahl kam herun⸗ ter und durch das dichte Gezweig ließ ſich kaum hie und da ein Stückchen blauen Himmels entdecken. Was im Wald flüſterte und rauſchte, verklang an den ernſten Tannen⸗ wipfeln; lautlos lag der ganze Weid, und feierlich wölb⸗ 8 ten ſich die dunkelgrünen Hallen, is ſie in der Ferne auf eine hohe grade Wand ſtießen, die in der Mitte von einem Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 103 Bogen durchbrochen war. Durch die Oeffnung ſah man in ein lichteres Terrain. Das mußte im Park ſelber ſein. Eine ganze Weile ſtand Hubert im ernſten Schweigen vor dieſer wunderbaren Anlage und wagte ſich kaum zu regen; es war ihm, als dürfe nicht ein Laut, nicht eine Bewegung die feierliche Stille umher ſtören. Leiſe ging er endlich einige Schritte herüber und hinüber und ließ das Auge jede der drei Alleen durchmeſſen, wo nichts ſeine Blicke hemmte oder nur zum Ruhen einlud, denn in dieſem Schatten wuchs nicht Strauch, nicht Kraut, den Grund deckte nur hie und da ein leichtes Nadelngerieſel, und ſelbſt die Stämme zeigten an ihrer bräunlichen Rinde weder Moos, noch Flechten. Als er wieder vor der Mittelallee ſtand, erſchien ⸗hinten in der Bogenwölbung eine weißgekleidete Dame, in der er bald darauf Eva erkannte. Sie näherte ſich ſchnell, und als ſie vor ihm ſtand, holte ſie tief Luft und ſagte dann lebhaft, aber gedämpft: „Gott ſei Dank— Sie ſind alſo zurückgekehrt!“ Er ſchaute ſie freundlich an.„Frau Waldinger hat mir von Ihrer Beſorgniß um mich geredet,“ erwiderte er gleichfalls leiſe,„und daß Sie mich zu der Prinzeſſin füh⸗ ren wollten. Sie ſind ſehr— ſehr gut, Fräulein von Thanneck, aber zum Sorgen iſt wirklich kein Grund.“ „Laſſen Sie das gut ſein, davon hernach,“ entgegnete ſie.„Sie ſind alſo wirklich in Breitenſteinbach geweſen? Wie trafen Sie's? Haben Sie von Ihrem Verſteck bei * 104 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. Waldinger geſprochen? War der Förſter auf dem Rück⸗ wege vorſichtig?“ Er ſah ſie prüfend und nachdenklich an. Er hatte ſie freilich nur erſt einmal in der Nähe geſehn, allein es konnte ihm dennoch nicht entgehn, daß ſeitdem eine große Ver⸗ änderung mit ihr vorgegangen. Sie ſprach eigenthümlich raſch, die Augen hatte ſie ſeit dem erſten grüßenden Blick noch nicht einmal aufgeſchlagen, und über ihr ganzes Weſen lag es wie ein trübender Hauch gebreitet,— die Friſche fehlte und die Unbefangenheit, die Hubert neulich drüben am„Brunnen“ ſo unwiderſtehlich angezogen. Da er noch immer ſchwieg, ſah ſie endlich zu ihm auf — mit einem ſchüchternen Blick, fand er, und ihre Augen — waren ſie müde oder hatten Thränen ſie getrübt? Wo⸗ war ihre Klarheit hin und ihre Heiterkeit! Er nahm ſich zuſammen und ſagte mit Herzlichkeit: „ſorgen Sie nicht, es iſt alles gut. Bühel war allein und zwar erſtaunt über mein plötzliches Auftreten, aber dann voller Theilnahme. Er hat mich ungern ſcheiden laſſen und meinte, er thue es nur deßhalb, weil ich in ſeinem Hauſe, bei der nahen Grenze und ſeinem Verhältniß zu den Dettſtädter Beamten, kaum recht ſicher ſein werde. Doch habe iche keinen meiner Verſteckplätze genannt oder auch nur bezeichnet, obgleich er theilnehmend ſich darnach erkundigte; und meinen Rückweg kann er— ſelbſt wenn er darnach ſuchte— ſchwerlich entdecken. Waldinger * Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 105 kam mir in Perſon entgegen und hat mich durch Dick und Dünn und kreuz und quer geführt, ſo daß kein Spürhund, geſchweige denn ein Menſch unſere Fährte auffinden dürfte. Wäre es nicht um den Wunſch und die Sicherheit des wackern Förſters, den ich durch meinen Aufenthalt nicht ge⸗ fährden darf,“ ſetzte Hubert hinzu,„ſo würde ich das alles unnöthig gefunden haben. Man thut, glaub' ich, Bühel unrecht. Was Waldinger von der Schmuggleraffaire und ſeinem Verkehr mit den Dettſtädtern erzählt, läßt ſich wahr⸗ ſcheinlich ſehr leicht durch die Lage des Guts ſo nahe an der Grenze, durch Bühels Eigenſchaft als früherer Offizier, durch alle unſere ſchmachvollen Zuſtände erklären, wo kein Mann unbeobachtet bleibt und keiner der äußerſten Vor⸗ ſicht entbehren kann, wenn er ſich nicht ewigen Plackereien ausgeſetzt ſehn will.“ Als er geendet, ſchaute ſie wieder zu ihm auf, wäh— rend zugleich ein finſteres Lächeln durch ihre Züge glitt. „Sie haben nicht ſo gedacht, und nicht ſo gehandelt, Herr von Schenk,“ ſprach ſie mit wieder geſenkten Augen. „Nein, Fräulein von Thanneck, die Charaktere ſind verſchieden. Aber ich kann darum den nicht tadeln, der anders handelt, der, wo wir— vielleicht thöricht— vor⸗ wärts gegangen, klug zurückhält und auf eine beſſere Ge⸗ legenheit wartet, die kommen muß und wird.“ „Für Herrn von Bühel, in Ihrem Sinne, nie!“ er⸗ widerte ſie; ihr Mund zuckte verächtlich. * * — — m 106 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. „Sie thun ihm unrecht, Fräulein!“ ſprach Hubert ernſt.„Bühel iſt nicht jung mehr und kränklich, ſo daß er ſich wohl nach Ruhe ſehnen darf. Er iſt deßhalb aus Weſtfalen fortgezogen, um den Franzoſen aus dem Wege zu gehn— „Deßhalb?— Und Dettſtädt?“ „Der Verkehr mit dort iſt ihm zuwider, läßt ſich aber ohne Unannehmlichkeiten nicht vermeiden, ſagt er.“ „Das ſagt er?“ „Fräulein!“ rief er und ſein Aug' ruhte ernſt auf ihr und in ſeiner Stimme ließ ſich eine leiſe Verſtimmung nicht verkennen;„Ihr Lächeln— Ihre Worte— Ihr Ausdruck — ich verſtehe das nicht! Was können Sie gegen ihn haben, von ihm wiſſen, das Sie alſo einnimmt? Jene unglückliche Schmugglergeſchichte muß ihm viel Mißwollen erregt haben, aber dergleichen wird auch nur zu leicht übertrieben.“ Ihr Auge begegnete ernſt ſeinem Blick und ihre Stimme war feſt, als ſie entgegnete:„Sie irren, Herr von Schenk, ich denke nicht daran, obgleich auch dies zu dem Uebrigen paßt. Ich meine Anderes, denn ich kenne Herrn von Bühel.“ „Aber wie iſt das möglich?“ fragte er erſtaunt;„Bühel kennt doch Sie nicht!“ „Das ſagt er?“ verſetzte ſie mit einem jäh wifleuchten⸗ den Blick.„Haben Sie von mir geredet?“ 2* Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 1⁰07 Er ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Nicht doch, Fräulein Eva,“ gab er zur Antwort.„Bühel meinte nur, in dieſem Reviere ſeien die beſten Verſteckplätze für mich, da weit und breit nur Rehhauſen, das Forſthaus und der Hindenſtein bewohnt würden. Er ſprach dann vom Schloß und den Bewohnern, von dem Geheimniß, das ſie umgebe, und das er vergeblich zu ergründen ſuche; man dürfe ja nicht in's Reyier. Beſonders—“ der Erzähler lächelte wieder— „beſonders ſei da eine Sängerin, ein junges, ſchönes Kind, das zuweilen auch durch den Wald ſtreifen ſolle. Alle Welt rede von ihr, aber niemand wiſſe recht, wer oder woher ſie ſei.“ „Schlange!“ murmelte ſie; ihr Fuß trat hart auf den Boden, die ſchlanken Finger zogen ſich leicht zuſammen, und in dem Auge brannte ein ſo dunkles Feuer, daß Hubert unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und faſt beſtürzt aus⸗ rief:„aber Fräulein von Thanneck!“ „Wiſſen Sie, warum er das geredet?“ fragte ſie heftig. „Um Sie auszuholen, Hubert! Um Ihnen Ihr Verſteck zu entlocken! Glauben Sie mir,“ fuhr ſie auf ſein Kopf⸗ ſchütteln leidenſchaftlich fort.„Gelogen hat er, gelogen! Er kannte meinen Vater, er kennt meinen Oheim, meine Tante — er korreſpondirt mit ihnen. Er kennt auch die Prin⸗ zeſſin— ich weiß nicht, wie weit, aber ſie haßt ihn. Er⸗ kennt mich— er hat auf mich ein Auge geworfen,“ ſetzte ſie bitter auflachend hinzu.„Um mich darin zu behalten, 108 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. iſt er mir nach gen Breitenſteinbach gezogen und geſtern— geſtern hat er von meiner Tante auch meine Hand verlangt.“ „Fräulein— Eva!“ rief er zurückweichend. „Ja, die Eva will er, aber ſie nicht ihn!“ gab ſie gut⸗ gelaunt zur Antwort.„Und am wenigſten jetzt, wo er auch noch zu allem Uebrigen— dumm iſt. Denn wenn er Sie in der Nähe des Hindenſtein, oder auch nur beim Waldinger wähnt,— muß er nicht fürchten, daß Sie von uns und auch von ihm hören? Ich verſtehe das nicht! Doch genug da⸗ von! Glauben Sie mir nun, Herr von Schenk? „Ich kann Ihnen noch mehr ſagen,“ redete ſie nach einer Weile erregt weiter, da ſie Hubert noch immer ſtumm und ſtarr vor ſich ſah.„Hab' ich das ausgeſprochen, brauche ich auch das Andere nicht mehr zu verſchweigen. Alſo— nach ſeiner Dienſtentlaſſung trat er bald in unſerer Gegend auf und kam auch zu uns. Was damals paſſirt, weiß ich nicht. Sie wiſſen, mein Vater war geradeheraus und barſch, aber nie eigentlich ungerecht. Von ihm hörte ich jedoch harte Aeußerungen über den Herrn; er nannte ihn einen Spion und Renegaten, ohne daß man ihm vor meinen Ohren widerſprochen, und endlich verbat er ſich Bühels Beſuche. Als mein Vater geſtorben und mein Oheim in's Haus gekommen, war der Herr aber wieder dabei; er ließ ſich förmlich bei uns nieder, um— ſo hörte ich in einer unglücklichen Stunde, wo ich gegen meinen Willen horchen mußte— um dadurch Ertrazinſen für ein Kapital herauszuſchlagen, das —“ Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 109 er meinem Oheim vordem geliehen und bisher vermuthlich nur ſchlecht verzinst erhalten. Mir erwies er— große Auf⸗ merkſamkeit, obgleich ich ihm mehr als einmal meinen Ver⸗ druß darüber nicht verhehlte. Und endlich erfrechte er ſich — doch genug davon!“ unterbrach ſie ſich, ihre Stimme hielt noch immer den Ton einer kalten Verachtung feſt, aber ihr ganzes Geſicht glühte in dunkler Röthe, und ihre Lippen zitterten.„Genug, er und ich— wir wiſſen das und kennen einander. Und dem Mann— ich ſpreche nicht davon, daß er ſchon damals in den intimſten Beziehungen zu den Frem⸗ den ſtand und daß er ſicher nicht um meinetwillen von dort fortgezogen— dem Mann ſollte ich jemand ſich blind an⸗ vertrauen laſſen, der ein Freund meines Vaterhauſes ge⸗ weſen? Das duldete ich nicht einmal von einem ganz Fremden und Gleichgültigen.“*+ Sie hatte bei ihren letzten Worten die Hand erhoben, als wollte ſie dieſelbe ihm in voller Herzlichkeit hinbieten, und auch die Augen hatte ſie mit einem innigen Blick zu ihm aufgeſchlagen. Aber das währte keine Sekunde; dann ſank ihre Hand herab, auch ihre Augen ſenkten ſich, und ſie ſtand ſtumm. Er hatte das alles wohl kaum bemerkt, ſo übernommen war er noch von dem Gehörten. In finſtrem Schweigen ſtand er vor ihr, und die dunklen Blicke, wie ſtarr ſie auf Eva ruhten, ſahen ſicher nichts von ihr und nichts von der ganzen Umgebung. Erſt nach einer ganzen Weile ſchien er 110 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. zu erwachen, und nachdem er mit der Hand über die hohe, ernſte Stirn gefahren, ſprach er:„alſo— fahr' hin!— Haben Sie Dank, Fräulein, und ſeien Sie nun unbeſorgt. Dieſe Begegnung konnte ich in meiner jetzigen Lage nicht vermeiden. Ich mußte ſie ſuchen, um— um mich mit— einer Dame aus einander zu ſetzen, die ich in einer unglück⸗ lichen Stunde meine Braut genannt.“ Sie ſah flüchtig mit einem ſchwer zu beſchreibenden Ausdruck— war es heimliche Trauer oder eben ſo heimlicher Schreck oder nur eine leichte, ſehr natürliche Ueberraſchung, was ſich in ihren Zügen malte— zu ihm auf und ließ ihren Blick an ſeinem Aug' vorübergleiten, um ihn ſogleich wieder zu ſenken. Dann ſtand ſie wie zuvor, ſtill und ruhig; nur ihre Wangen mochten ein wenig blaß geworden ſein. Sein Blick ruhte feſt anf ihr, aber er war nicht finſter und traurig, ſondern von ernſter Innigkeit, als er nun fortfuhr:„daß wir uns beim Schließen dieſes Bundes in einander getäuſcht, iſt uns leider bald klar geworden; ich mußte daran verzagen, ſie durch meine Liebe glücklich zu machen und konnte daſſelbe auch von ihr nicht für mich hoffen. Es ruhte ein alter— Traum in mir, der mir je länger, deſto lebhafter wieder zum Bewußtſein kam, und der auf Clara immer weniger paßte. Die Verſchiedenheit un⸗ ſeres Fühlens und Denkens trat ſtets unverkennbarer hervor; als ich im Frühling krank war, kam mir bereits der Ge⸗ danke an eine Trennung nahe, und die Nachrichten, die ich ——— ————— Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 114 von ihr aus Kaſſel erhielt, unſere letzte Begegnung kurz vor dem Aufſtande ließen ihn nicht mehr zurücktreten. Auf meiner Flucht wurde es Entſchluß, und da ich vor einigen Tagen von Bühel und der Nähe ſeines Gutes hörte, wollte ich durch ihn meinen Scheidebrief abſenden. Er iſt ihr Ver⸗ wandter.— Ich mußte alſo zu ihm,“ ſetzte er hinzu und trat zu Eva und nahm ihre Hand;„die letzten Tage zumal belehrten mich, daß ich nicht länger zögern dürfe. Ich fühlte, daß der alte Traum weder eine Lüge, noch eine Un⸗ möglichkeit. Ich hatte mit vollem Recht an ihn geglaubt, auf ihn vertraut. Er war— ich muß wohl ſo ſagen— Leben und Wahrheit geworden.“ Ein Vogel hatte ſich droben in einem der Tannen⸗ wipfel niedergelaſſen und ſein helles Rufen klang plötzlich faſt erſchreckend durch die weite Stille. Eva zuckte zuſam⸗ men. Sie zog ihre Hand zurück und wandte ſich zum Gehn. „Wir müſſen zur Hoheit,“ ſagte ſie leiſe.„Kommen Sie, Herr von Schenk.“ „Müſſen wir?“ fragte er— in ſeinem Tone ſprach ſich eine eigene Beklommenheit aus, ſein Auge umfaßte Eva mit einem tiefen ernſten Blick. „Ja,“ verſetzte ſie kurz und ging ihm voran die Allee entlang. Er blieb ihr zur Seite, allein wenn er den Blick auch noch ein paarmal wie mit inniger Frage zu ihren blaſſen Wangen, zu den geſenkten Augen, zu der ſtillen Schönheit ihres Geſichtes wandte,— ſie ſchien das nicht zu — 112 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. ſpüren, denn ſie erhob die Augen nicht ein einzigmal, ſie kam nicht einmal aus der gleichmäßigen Bewegung ihres raſchen elaſtiſchen Schrittes, ſie brach nicht einmal das Schweigen. Zu ſagen fand aber auch Hubert nichts. Erſt da ſie durch den Bogen gegangen waren und einen mählig anſteigenden Hang vor ſich ſahen, den die Sonne, zwiſ ſchen den vereinzelt ſtehenden Tannen durch⸗ ſtreifend, mit warmem Lichte übergoß, blieb er plötzlich ſtehn und ſagte:„laſſen Sie mich gehn, Fräulein von Thanneck. Was ſoll ich bei dey Prinzeſſin? Zur Neugierde iſt ſie hoffentlich zu edel und ſonſt— was kann ich ih was kann ſie mir bieten?“ Sie hatte überraſcht aufgeſehn und ließ ihren Blick auf ſeinem ernſten Geſichte ruhen. Ihr Auge ſchien noch größer zu ſein als ſonſt und leuchtete mit einem eigenen Glanz— waren denn Thränen darin? Und von zurückgehaltenen Thränen klang auch etwas aus ihrer weichen Stimme, als ſie nun erwiderte:„ſie hat früher einen Mann Ihres Na⸗ mens gekannt, vielleicht Ihren Vater, Herr von Schenk, und möchte Sie ſehn. Sie iſt beſorgt um Ihre Sicherheit und will mit Ihnen und Waldinger darüber reden.“ Er ſchüttelte den Kopf.„Wozu?“ verſetzte er.„Mein Aſil genügt ſchon für ein paar Tage und dann muß ich daran denken weiter zu kommen.“ In ihrem Auge ſtand jetzt wirklich eine Thräne und um den kleinen Mund zuckte es leiſe.„Weßhalb wollen Es ſiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 113 Sie nun hart gegen uns ſein?“ fragte ſie traurig und den Kopf ſenkend. Er ſah ſie einen Augenblick ſtill, faſt prüfend an. Dann ward ſein Blick aber heller, und endlich ſagte er milde: „Sie haben recht, es wäre thöricht. Kommen Sie.“ Ueber ihr Geſicht zuckte etwas von dem alten, hellen, ſüßen Lächeln und raſch ſchritt ſie neben ihm den Hang hinauf und in den dichten Tannenhain hinein, der ſich dro⸗ ben ausbreitete. Auch der war bald durchmeſſen, und als ſie zum Pavillon traten, ſahen ſie Waldinger an der Thür ſtehn und hörten ſeine Worte:„da kommen ſie, Hoheit.“— Und an ihm vorübergehend, fanden ſie ſich im nächſten Au⸗ genblick vor der Prinzeſſin, welche in Mitten des dämmeri⸗ gen Raums ſtand und die Verbeugung des jungen Mannes mit einem leiſen Kopfneigen erwidernd, ihre ernſten Augen zuerſt mit prüfendem, bald aber mit immer milderem Blick auf ſeiner Erſcheinung ruhen ließ.— „Hubert, Freiherr Schenk von Bergkheim?“ fragte ſie endlich gedämpft, ohne doch die ſie erfüllende Bewegung ganz verbergen zu können. Er verbeugte ſich tief.„Das iſt mein Name, Eure Hoheit.“ „Sie waren preußiſcher Offizier und ſind jetzt auf der Flucht von einem der heſſiſchen Aufſtände?“ „Ja, Eure Hoheit.“ „Sie ſind aus Weſtfalen?“ Hoefer, Lorelei. 8 114 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. „Ja, Eure Hoheit.“. „Ihr Vater hat vordem auch gedient— er hieß Victor mit dem Vornamen?“ „Ja, Eure Hoheit.“ „Als ich Ihren Namen von meiner Kleinen da erfuhr, zweifelte ich kaum daran,“ ſagte ſie freundlich;„als ich Sie ſah, wußte ich es faſt gewiß. Sie ſind Ihrem Vater ſehr ähnlich, junger Mann. Erinnern Sie ſich ſeiner noch gut?“ „Nein, Eure Hoheit,“ entgegnete er.„Er heirathete meine Mutter erſt inſhiemlich hohen Jahren und ſtarb bald nach meiner Geburt.“ Sie ging ſchweigend ein paarmal hin und her, bis ſie plötzlich wieder vor ihm ſtehn blieb und ihm die Hand hin⸗ ſtreckend ſagte:„geben Sie mir Ihre Hand, junger Mann. Ihr Vater iſt ein Ruhm für Sie. Ich habe ihn gekannt und Freund genannt und wenige gefunden, die ihm auch nur entfernt gleich kamen an Adel des Herzens, an Hoheit des Geiſtes.— Seien Sie mir willkommen in dieſem Bezirk,“ fuhr ſie fort und zog ihre Hand zurück, die Hubert inzwiſchen reſpektvoll mit ſeinen Lippen berührt, und ihre Augen ruh⸗ ten mit einem bezaubernd freundlichen, milden Lächeln auf ſeinen Zügen.„Nicht um Ihren Vater allein, nein, auch um der guten Sache willen ſoll für Sie und Ihre Sicher⸗ heit geſchehen, was wir vermögen. Nach dem Beſuch, den Sie geſtern gemacht, wird es beſſer ſein, daß Sie von Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. 115 Waldinger fort und in die Nähe des Schloſſes kommen. Waldinger wird Ihnen das Genauere ſagen und Ihren Aufenthalt anweiſen. Der Forſtmeiſter von Raben ſoll davon heut noch unterrichtet werden; es iſt ein treuer Mann. Im Uebrigen aber— nennen Sie Ihren Namen hier nir⸗ gends. Es könnte ſein, daß man— was gibt es Wal⸗ dinger?“ unterbrach ſie ihre Rede, da der Förſter plötzlich in der Thür erſchien. „Hoheit, der Kammerdiener kommt den Roſengang herauf, er läuft,“ meldete Waldinger. „Treten Sie zur Seite, Herr Hofmann,“ ſprach die Prinzeſſin mit freundlichem Lächeln.„Man braucht Sie hier nicht zu ſehn. Komm' Eva, mein Kind.“ Und indem ſie ihren Arm auf den des jungen Mädchens ſtützte, trat ſie durch die Thür in's Freie und dem allerdings haſtig heran⸗ kommenden alten Mann entgegen. „Eure Hoheit,“ meldete dieſer athemlos,„eben hat ein Jägerburſche vom Forſthauſe die Nachricht gebracht, daß Douaniers von Dettſtädt und auch fremde Truppen kommen. Sie ſind ſchon im Revier. Ein Theil wendet ſich zum Forſthauſe, der andere ſcheint ſich nach dem Schloſſe zu ziehn. Fräulein von Hebhenwon und der Herr Kammer⸗ junker wiſſen ſich keinen R Kath— Waldinger war bei dieſer Botſchaft zuſammengefahren und Eva hatte ſogar, erbleichend, einen leiſen Schreckensruf hören laſſen. Die Fürſtin aber zeigte keine andere Bewe⸗ 116 Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht. gung, als daß ihre Züge tief ernſt, faſt finſter geworden. „Geh zurück, Joſef,“ ſagte ſie nun kalt.„Laß den Staats⸗ ſaal aufſchließen. Mein Hofſtaat ſoll mich dort erwarten.“ Als der Diener ſich mit dieſem Befehl entfernt, kehrte ſie ſich zu Waldinger und dem herantretenden Hubert und fuhr fort:„raſch, Waldinger, Ihr wißt Beſcheid und habt noch Zeit genug. Leben Sie wohl, junger Mann,“ ſetzte ſie hinzu.„Sorgen Sie nicht, es wird alles gut gehn. Ich hoffe Sie bald zu ſehn. Dann müſſen Sie mir viel erzählen.“ Und ihm zunickend, wandte ſie ſich und ging mit Eva ziemlich ſchnell gegen das Schloß.„Muth, Eva, Muth!“ flüſterte ſie unterwegs dem ſtillen Mädchen freund⸗ lich zu.—— Der alte Kaſtellan war blaß, und die Dienerſchaft, die ſich in der großen Halle verſammelte, fühlte ſich augenſchein⸗ lich höchſt unbehaglich. Die Prinzeſſin achtete nicht darauf und ſchritt einem ſchlanken brünetten Mann entgegen, der grade die Treppe herabkam.„Haben Sie gehört, Raben?“ fragte ſie raſch. „Leider, Eure Hoheit,“ verſetzte er.„Aldenhofen ſagte mir vor einem Augenblick von dieſem unerhörten Ueberfall. Ich habe meinen Reitknecht mit der Nachricht ſchon in die Reſidenz geſchickt und will ihnen nun ſelber entgegen.“ „Nicht doch, bleiben Sie da,“ erwiderte die Fürſtin hinaufſteigend.„Ich habe mit Ihnen zu reden.“ Und als ſie droben in den prachtvollen Saal getreten waren, ging —.ͤ.ͤͤͤ Da droben auf jenem Berge. 117 ſie, ohne auf die andern beſtürzten Anweſenden zu⸗ achten, mit ihm leiſe ſprechend auf und ab, bis plötzlich die Hohen⸗ kron mit einem angſtvollen Aufſchrei von einer der hohen Fenſterthüren zurückwich, welche auf die Terraſſe führten. Eine Trommel ward ganz in der Nähe des Schloſſes ge⸗ ſchlagen. Da blieb die Fürſtin ſtehn und ſah ſich blitzenden, ſtolzen Auges um.„Was iſt denn?“ fragte ſie mit ſcharf ſpöttiſchem Ton.„Mir däucht, man brauchte nicht gerade vor Schreck zu ſchreien, wenn einmal ein franzöſiſcher Tam⸗ bour lärmt. Lacht ihm lieber in die Zähne und ſteht. Im Uebrigen aber denkt daran, daß ich einſtweilen noch für euch hier im Saal, wie für das Geſindel draußen die Prinzeß Antoinette bin. Gehn Sie hinaus, Raben, und ſehn nach, was die Narren mit ihrem Geklapper wollen.“—— VI. Da droben auf jenem Berge. „Ah bah, Hoheit oder nicht Hoheit! Wo ein Ver⸗ brechen vorliegt, iſt mir das ganz gleichgültig, oder kon⸗ trair—“ ſprach auf der Terraſſe draußen eine laute Stimme im brutalen Ton, mit den letzten Worten ward auch ſchon 118 Da droben auf jenem Berge. die große Mittelthür heftig aufgeriſſen, und in die Oeffnung trat haſtigen Schritts ein Offizier, grade Herrn von Raben entgegen, welcher eben auf den Befehl der Fürſtin hinaus⸗ eilen wollte. Den Kopf zurückwendend, fuhr der Fremde fort:„zwei Poſten an die Treppen, zwei auf die Terraſſe. Niemand wird hinausgelaſſen. Die andern folgen mir.“ Und während hinter ihm mehrere Soldaten, das Gewehr im Arm, an der Thür erſchienen, machte er einen Schritt weiter in den Saal hinein und muſterte den vor ihm ſtehen⸗ den Forſtmeiſter und die Gruppe, welche ſich um die hohe Geſtalt der Fürſtin gebildet hatte, mit einem halb finſtern, halb verächtlichen Blick. Seine und ſeiner Begleiter Uniform kennzeichnete ſie als Angehörige eines der Rheinbundskontingente, und das Auftreten des Offiziers entſprach dem Ruf, den ſich dieſe deutſchen Truppen bei ihren Landsleuten in ganz Nord⸗ deutſchland zu erwerben verſtanden hatten, einen Ruf, der noch heut, nach fünfzig Jahren, unvergeſſen iſt und einen guten Theil der ſcharfen Abneigung erklärt und rechtfertigt, der man in allen nördlichen Gauen des Vaterlandes gegen den Süden begegnen kann, während man hier, im Süden, ſeltſamerweiſe zuweilen annimmt, die Abneigung ſei nur eine diesſeitige, und drüben, im Norden, wolle man nichts als die etwa dargebotene Hand der Einigung mit Freuden ergreifen. „Ein Poſten an jene Thür!“ herrſchte der Offizier Da droben auf jenem Berge.. 119 ſeinen Begleitern zu, indem er auf die Flügelthür im Hinter⸗ grunde deutete;„niemand verläßt den Saal!— Und nun, wen haben wir denn hier alles? Wer ſind Sie? Was wollen Sie?“ ſtieß er wieder im anfänglichen brutalen Ton gegen Raben gewendet heraus, der mit gerötheter Stirne und blitzenden Augen, aber in feſter Haltung eben hart vor ihn hin trat.„Ah, vielleicht der Brigand und Hochver⸗ räther, der Herr von Schenk, ſelber?“ „Sie irren, mein Herr!“ war die raſche, feſte Antwort; „nicht Sie haben zu fragen, ſondern ich. Ich bin der Forſt⸗ meiſter von Raben und von Seiner Durchlaucht, dem Her⸗ zog, mit der Forſtverwaltung dieſes Bezirks, mit der Auf⸗ ſicht über das Luſt— und Jagdſchloß Hindenſtein betraut und zugleich als Commiſſar für die Angelegenheiten Ihrer Hoheit, der hier gegenwärtigen hohen Frau und Prinzeſſin Antoinette, der Couſine unſeres Landesherrn, beſtellt. Ohne meinen Willen hat auf ausdrücklichen hohen Befehl niemand dieſen Bezirk zu betreten, noch weniger ſich dem Schloſſe Hindenſtein zu nähern oder ſich gar in dasſelbe einzudrängen. Wer ſind Sie, mein Herr, der dieſe Befehle offen zu ver— höhnen wagt? Ich habe über dieſen unerhörten Friedens⸗ bruch bereits an meinen Herrn berichtet. Noch iſt der Her⸗ zog Gott ſei Dank ſouverainer Herr in ſeinem Lande, in Frieden mit aller Welt und wird ſeine Rechte zu wahren wiſſen.“ Einen Augenblick ſah der Offizier den entſchloſſenen 120. Da droben auf jenem Berge. Sprecher einigermaßen verdutzt an; es niochte ihm wohl ſelber klar werden, in welche eigenthümliche Stellung ihn der Befehl ſeiner Obern und ſein rückſichtsloſes Vorgehn gebracht. Und zugleich regte ſich in ihm vielleicht, trotz ſeines ganzen barſchen Auftretens, doch noch ein kleiner Reſt der Ehrfurcht, die dem Deutſchen vor den Mitgliedern ſei⸗ ner Fürſtenhäuſer angeboren iſt und ihm unter allen Um⸗ ſtänden zu bleiben pflegt. Deſſenungeachtet verſetzte er aber bald, wenn auch in etwas gemäßigterem Ton:„ah bah, was kümmert mich das alles! Ich bin befehligt, einen Brigand und Hochverräther zu ergreifen, den ſteckbrieflich verfolgten frühern Offizier, Herrn von Schenk, von dem uns gemeldet, daß er ſich auf dem Hindenſtein oder in deſſen Umgegend verberge, und ich folge dieſem Befehle im Namen Seiner Majeſtät des Kaiſers—“ „Der, ſo viel ich weiß und ſehe, weder Herr in dieſem, noch im Nachbarlande, noch Ihr eigener Souverain iſt,⸗ unterbrach ihn der Forſtmeiſter ernſt.„Ihre Uniform iſt eine deutſche. Aber gleichviel— franzöſiſch oder deutſch— wir ſind in Deutſchland Gottlob noch nicht ſo weit, daß unſer Herr ſich einen ſolchen Eingriff in ſeine Rechte gefallen laſſen müßte,“ ſetzte der kühne Mann hinzu. Der Offizier machte nach einer kleinen Pauſe eine ver⸗ ächtliche Handbewegung und erwiderte:„ah bah, der Befehl Seiner Majeſtät des Kaiſers ſuspendirt dieſe Rechte auf ſo lange es ihm beliebt, wenn die Regierung dieſes Landes Da droben auf jenem Berge. 121 nicht Kraft oder Luſt hat, ihre Pflicht zu thun. Und nun genug des Redens. Ich muß dies Schloß und die Umge⸗ gend durchſuchen laſſen und hoffe keinen Widerſtand zu finden.“ „Auf Ihre Gefahr, mein Herr!“ rief Raben heftig. „Auf meine Gefahr allerdings!“ war die von einem höhniſchen Lachen begleitete Antwort. „Ich proteſtire im Namen Seiner Durchlaucht gegen jeden Schritt—“ „Raben!“ unterbrach ihn die laute, aber ruhige Stimme der Fürſtin, welche während dieſes ganzen, allerdings ſehr raſch verlaufenden Geſprächs ihren Platz in der Mitte des Saals behauptet und in ſtolzer ernſter Haltung das Ge⸗ ſchehende beobachtet hatte. Und als der Forſtmeiſter ſich raſch ihr zuwandte und tief vor ihr verneigte, fuhr ſie fort: „ſagen Sie dem Herrn, daß er ſich in unſerer Gegenwart zu menagiren habe. Wir ſind dieſes Gezänkes ſatt und wünſchen in unſerm Schloß und Park fernerhin unbeläſtigt zu bleiben. Hier befehlen wir. Was in der Umgegend ge⸗ geſchieht, möge unſerm Couſin, dem Herzog, gemeldet wer⸗ den.— Wir wünſchen allein zu bleiben.“ Raben wandte ſich nach einer ehrerbietigen Verbeugung wieder dem Offizier zu.„Sie haben den Befehl Ihrer Hoheit, der Frau Prinzeſſin, gehört,“ ſagte er kurz. Der Offizier zuckte die Achſeln.„Ich habe allerdings den Wunſch Ihrer Hoheit vernommen,“ entgegnete er ge⸗ 122 Da droben auf jenem Berge. mäßigter und mit einer Art von reſpektvollen Bewegung, „allein es thut mir leid, ihn nicht im ganzen Umfange er⸗ füllen zu können. Vor allen Dingen muß ich den mir gewordenen Befehlen nachkommen, und dieſelben ſchreiben mir vor, den Verbrecher, von deſſen Anweſenheit man uns unterrichtete, überallhin zu verfolgen. Die Hausſuchung ſoll indeſſen ſo ſchnell wie möglich geſchehn. Nur muß ich darauf beſtehn, daß unterdeſſen niemand dieſen Saal verläßt.“ Die Prinzeſſin erhob den Kopf noch ſtolzer.„Wir fürchten nicht die Frechheit ſo weit ausgedehnt zu ſehn,“ ſprach ſie,„daß man es wagte, in unſere Gemächer oder in die unſeres Hofſtaats zu dringen oder uns und unſer Gefolge hier zurückhalten zu wollen. Kommen Sie, Raben. Sie haben das Ihre gethan. Wir haben noch weiter mit Ihnen zu reden und nichts mehr in dieſem Raum zu thun.“ Und indem ſie ſich abwandte, ſchritt ſie in ſtolzeſter Haltung dem Hintergrunde des Saales zu. Eva war auf ihren Wink an ihre Seite geeilt, die Andern folgten ihr— Fräulein von Hohenkron fortwährend mit einer Ohnmacht ringend und durch den Arm des bleichen Kammerjunkers geſtützt— und Raben ging ihr raſch voraus auf die Flü⸗ gelthür zu, welche durch einen Soldaten bewacht wurde. „Platz für Ihre Hoheit und Ihr Gefolge!“ rief er dem Poſten zu und ſtreckte die Hand nach dem Drücker * Da droben auf jenem Berge. 123 aus. Allein der Soldat ſenkte die Muskete vor den Ein⸗ gang und verſetzte barſch:„niemand paſſirt.“ Die Prinzeſſin ſah den Menſchen einen Moment ernſt⸗ haft an und öffnete die Lippen zu einem vielleicht harten Wort. Sie beſann ſich jedoch ſogleich, und mit den leiſen Worten:„was kann der arme Burſch' dafür!“ wandte ſie ſich langſam um und ſchritt gegen die Seitenwand des Saals, indem ſie ruhig ſagte:„kommt, meine Kinder, wir wollen den Narren ihren Willen laſſen.“ Ihre Umgebung freilich theilte dieſe ſtolze Reſignation nicht. Die Hohenkron war in Thränen ausgebrochen, des Kammerjunkers Hand hatte ſogar den Griff des Galanterie⸗ degens gefaßt, ohne den letzteren jedoch zu entblößen. Eva aber ſtand mit glühendem Geſicht und blitzenden Augen, und als die Fürſtin ihre letzten Worte geſprochen, murmelte ſie mit bebenden Lippen:„o, wär' ich ein Mann, daß ich Rechenſchaft fordern könnte für dieſe Schmach!“ „Eva!“ rief die ernſte Stimme der Fürſtin, denn die Worte waren nicht ſo leiſe geweſen, daß die meiſten An⸗ weſenden ſie nicht vernommen, und während das Mädchen der Prinzeſſin nacheilte, ſprach auch Raben laut und ernſt: „unbeſorgt, Fräulein von Thanneck, der Mann iſt da.“ Zugleich ging er auf den Offizier zu, welcher den Vorgang mit kaltem Blick beobachtet hatte und ſich eben der Terraſſen⸗ thür zuwandte, und fragte:„haben Sie das gehört, mein Herr? Geſchieht auch das auf Ihren Befehl?“ 124 Da droben auf jenem Berge. Der Angeredete drehte ſich heftig um, ohne jedoch zu einer Antwort Zeit zu finden, da man in dieſem Augenblick aus nicht großer Ferne ein helles Trompetenſignal vernahm. „Die Leibhuſaren!“ rief Raben, ſich gegen die Fürſtin wen⸗ dend. Zugleich eilte ein jüngerer Offizier in den Saal herein und mit den Worten auf den andern zu:„mein Kapitän, man jagt unſere Leute aus dem Walde! Es kommt Reiterei!“ Dieſem nach drängte ſich ein Herr im Civilanzuge zu dem Kommandeur und redete lebhaft:„was Sie auch thun, Herr Kapitän, ſchonen Sie wenigſtens die beiden Damen der alten Prinzeß. Ich verbürge mich dafür, daß beide von dieſer traurigen Sache nichts wiſſen.“ Der Kapitän ſtieß ihn rauh und mit einem gemurmel⸗ ten Fluch zur Seite und eilte in Begleitung ſeines Kame⸗ raden aus dem Saal, ſo daß der letzte Ankömmling ſich in der Mitte des weiten Raumes mit dem herantretenden Raben allein ſah. „Das iſt eine unglückliche Geſchichte, Herr von Raben,“ ſagte er.„Was muß der thörichte Menſch auch grade die Umgegend des Hindenſtein zu ſeinem Verſteck wählen und ſich bei ſeiner geſtrigen Heimkehr von mir beobachten laſſen! Ich bin gleich aufgebrochen, als ich von dem Truppenmarſch hörte. Ich denke,“ ſetzte er gedämpft hinzu,„es wird mit ein wenig wohlverdienter Angſt für die ewige Intriguantin dort abgehn. Für die beiden Damen übernehme ich die Da droben auf jenem Berge. 125 Ordnung dieſer Angelegenheit. Man wird mein Wort wohl gelten laſſen.“ Raben hatte ihn ausreden laſſen, ohne ſeinen ſtarren Blick von dem runzelvollen Geſicht und den unſtäten, blaß⸗ blauen Augen des Herrn zu verwenden.„Sie ſind der frühere Major von Bühel, wenn ich nicht irre,“ bemerkte er jetzt kalt, und da der Herr ſich verbeugte, fuhr er im gleichen Tone fort:„Sie wiſſen daher, daß das Betreten des Hindenſtein und ſeines Reviers nicht erlaubt iſt, und haben ſich zu entfernen. Zuvor muß ich mir jedoch die Antwort auf die Frage ausbitten: wen verſtehn Sie unter dem Ausdruck— die ewige Intriguantin— 2“ Auf der Wange Bühels zeigte ſich ein kleiner rother Fleck, als er gedämpft entgegnete:„ich dächte, wir wiſſen beide, was man am Hofe von der Prinzeſſin hält. Ich kam auch nur der Damen wegen, an deren ſchonender Be⸗ handlung mir gelegen iſt.“ „Und ich hoffe, mein Herr,“ verſetzte Raben ſtolz und laut,„wir werden die Frechen und Unverſchämten nicht zur Schonung, ſondern zur Buße zwingen— auch die Unver⸗ ſchämten, mein Herr—“ „Das denke ich gleichfalls, Raben; ich bin auch ſchon dabei!“ klang es wie zur Erwiderung von der Terraſſe her, und im nächſten Moment erſchien in der Saalthür ein älterer Mann in der reichen Uniform eines höhern Offiziers und fuhr fort:„das iſt ein ſauberes Stücklein Frechheit. ÿyy 126 Da droben auf jenem Berge. Aber wir wollen den Herren— wie, Damen hier, und an jener Thür ein Poſten?“ unterbrach er ſich jäh, mit einem blitzenden Blick den ganzen Saal durchfliegend.„Wie iſt das?“ „Der Herr Kapitän hat es für nöthig befunden, Ihrer Hoheit der Frau Prinzeſſin den Austritt aus dieſem Saal zu verweigern, bis man Hausſuchung im Hindenſtein, auch in den Gemächern Ihrer Hoheit gehalten,“ verſetzte Raben mit kaltem Ton.„Ich habe vergeblich proteſtirt, Excellenz.“ 1 das haben Sie gewagt, Herr?“ brach der An⸗ dere zornig aus und wandte ſich mit einer ſo ungeſtümen Bewegung gegen den mit mehreren andern Offizieren hinter ihm ſtehenden Kapitän, daß derſelbe unwillkürlich einen Schritt zurücktrat.„Und das haben Sie gewagt? Löſen Sie augenblicklich den Mann dort an der Thür ab und ziehn Sie Ihre Mannſchaft aus dem Schloß zurück, oder ich laſſe ſie mit Gewalt hinauswerfen. Sorgen Sie dafür, Rittmeiſter von Hoben!“ Und ſich gegen den Forſtmeiſter zurückkehrend, ſetzte er gemäßigter hinzu:„ſtellen Sie mich Ihrer Hoheit vor, Raben.“ Die Prinzeſſin war inzwiſchen in ruhiger Haltung auf die Seite des Saales hinübergegangen und, auf Eva's Arm geſtützt, dort langſam auf und ab geſchritten, indem ſie mit anſcheinend völliger Unbefangenheit die Jagdſcenen muſterte, welche in gar nicht übler Malerei die Wand be⸗ deckten. Sie war auf dieſe Weiſe weit genug von den Da droben auf jenem Berge. 127 Männern entfernt, um die faſt immer gedämpft bleibenden Reden derſelben zwanglos ignoriren und ſogar mit ihrer Begleiterin ein gleichgültiges Geſpräch fortſpinnen zu kön⸗ nen. Nur einmal, als Bühel in den Saal trat und ſich Raben näherte, hatte ſie ihren Schritt für einen Augenblick angehalten und mit gefalteter Stirn das Haupt erhoben. Eva war zuſammengezuckt und hatte, während eine lichte Röthe ihr Geſicht überflog, halblaut geſagt:„Eure Hoheit, da iſt er ſelbſt. Die Liebe zu mir muß doch groß ſein!“— Fräulein von Hohenkron war ſogar aus dem gänz⸗ lichen„Ruin ihrer Kräfte“ von dem Seſſel aufgefahren, auf den ſie unter des Kammerjunkers Beiſtand geſunken war, und hatte geſtammelt:„o Gottlob, ein Freund!“ Aber die Prinzeſſin, welche eben Rabens Antwort ver⸗ nahm, hatte ihr einen eiskalten Blick zugeworfen, vor dem das alte Fräulein förmlich zuſammenknickte, und indem ſie dann ihre Augen auf Eva wandte, ſagte ſie freundlich: „komm' du nur, mein Kind; Raben kennt meinen Willen!“ und ſetzte ihren Weg ruhig fort. Erſt jetzt, da ſich der Forſtmeiſter mit dem letzten Ankömmling näherte, machte ſie wieder Halt und erwiderte die tiefe Verbeugung des Herrn mit einem leichten Neigen des ſtolzen Hauptes. „Eure Hoheit, Seine Excellenz, der Oberkommandirende unſerer Truppen, Generallieutenant Baron von Wehringen,“ meldete Raben, und der Vorgeſtellte ſprach:„Eure Hoheit können verſichert ſein, daß Sereniſſimus keinen Augenblick 128 Da droben auf jenem Berge. ſäumen wird, für die Eurer Hoheit angethane Schmach die eklatanteſte Genugthuung zu erzwingen. Der Herzog wird untröſtlich ſein, wenn er die ganze Ausdehnung dieſer Schmach erfährt. Ich war damit beauftragt, Eure Hoheit vor jeder Rückſichtsloſigkeit zu bewahren. Aber wir erfuhren dieſen wahnſinnigen Einfall zu ſpät und konnten auch dann nicht wohl fürchten, daß die Frechheit ihn bis in die Nähe der Frau Prinzeſſin fortführen würde. In dieſem Augen⸗ blick iſt jedoch Schloß und Park Hindenſtein wieder zu Eurer Hoheit freier Dispoſition. Ich bürge mit meinem Kopf dafür, daß Ihre Ruhe hinfort nicht mehr geſtört wird.“ Die Prinzeſſin ſchaute den Zurücktretenden freundlich an.„Ich wünſche,“ ſagte ſie,„und theilen Sie dieſen Wunſch auch dem Herzog mit— daß man die Sache, ſo weit ſie mich betrifft, ruhen laſſe. Das taktloſe Benehmen eines ungebildeten Menſchen berührt mich nicht weiter.— Ich danke Ihnen, Herr Baron.“ Und indem ſie mit einem neuen freundlichen Blick eine entlaſſende Handbewegung machte, wandte ſie ſich mit Eva der Thür zu, welche der voraneilende General ſelber öffnete, und verließ von den Andern gefolgt, den Saal.— „Eine ſtattliche alte Dame,“ bemerkte der General im Zurückgehn gegen Raben,„hätte ſie mir weder ſo wohlkon⸗ ſervirt, noch ſo ächt fürſtlich vorgeſtellt. Nun aber, was iſt das denn für eine Geſchichte mit dem verfolgten Flüchtling Da droben auf jenem Berge. 129 oder dergleichen, der dieſen Herren die Veranlaſſung zu einem ſo wahnſinnigen Streich gab?“ „Mir durchaus unbekannt, Excellenz,“ lautete die Ant⸗ wort,„nur daß der Kapitän und auch— der Herr hat den Saal verlaſſen, aber es war der frühere Major von Bühel auf Breitenſteinbach— eines Flüchtlings erwähnten.“ „Herr von Bühel? Ah!“ Der General ſtrich den ſtarken grauen Bart rechts und links auseinander und ſchaute Raben bedeutend an.„Kam er etwa im Gefolge der Ein⸗ dringlinge?“ fragte er, ſetzte jedoch ſchon im nächſten Mo⸗ ment hinzu:„doch davon nachher. Jetzt bitte ich die Herren aber mir zu folgen. Wir haben die Ruhe Ihrer Hoheit der Frau Prinzeſſin ſchon zu lange geſtört und werden draußen Raum genug zu den weitern Verhandlungen und Anordnungen haben.“ Er ſchritt der Terraſſe zu, und der Saal ward leer und ſo ſtill, wie er es ſonſt immer war. Draußen aber auf dem Schloßplatz ſtand neben der Fontaine ein Zug In⸗ fanterie, vor der Front befanden ſich die beiden uns ſchon bekannten Offiziere in ernſter Haltung, und der Kapitän maß mit finſtern Blicken die ihm gegenüber haltenden Reihen der angelangten Huſaren, welche den Säbel in der Fauſt mit trotzigen Augen auf die Eindringlinge ſtarrten. Der General trat mit ſeiner Begleitung zwiſchen die Parteien und winkte dann auch die beiden fremden Offiziere zu ſich heran.„ Hoefer, Lorelei. 9 ——— 130 Da droben auf jenem Berge. Patrouillen durchſtreiften inzwiſchen die Waldungen, und eine größere Abtheilung war nach dem Forſthauſe ge⸗ ſchickt, um auch dort dem Unweſen ein Ende zu machen und die Fremden überall nach der Grenze zurückzuweiſen. Von Widerſtand konnte nicht die Rede ſein. Was das Her⸗ zogthum noch an Truppen beſaß, war nach der Erklärung des Generals bereits gegen die Grenze dirigirt und auch ſchon eine Botſchaft an die jenſeitigen Behörden abgegangen, um Genugthuung zu verlangen. Wie der Kapitän im Hindenſtein aufgetreten, mußte die Sache noch verſchlimmern, und der hohe Ton, den der Kommandeur des Streifzugs und einige Andere noch ein paarmal anzuſchlagen wagten, verſtummte der Entſchiedenheit des Generals gegenüber immer mehr. Die Eindringlinge zogen ab, eskortirt, könnte man ſagen, von den Huſaren und ein paar Schützendetaſchements. Am Nachmittage brach auch der General wieder nach der Reſidenz auf, nachdem er mit Raben eine lange Unterredung gehabt, und bei dem Jagdſchloß war es ſo ſtill und einſam wie immer. Nur im Forſthauſe und zu Rehhauſen blieben ein paar Pikets Schützen poſtirt, um einem etwa erneuten Anfall energiſch zu begegnen. Zugleich erhielten ſie freilich die Weiſung, auch auf den Flüchtling zu achten, der dieſen ganzen„Lärm“— ſagte der General— veranlaßt hatte, und den man noch in den Revieren des Hindenſtein ver⸗ muthete, Be Da droben auf jenem Berge. 131 „Er muß hinaus, Sereniſſimus will das,“ hatte der General zu Raben geſagt.„Von Auslieferung iſt keine Rede, aber er ſoll ſich andere Verſtecke ſuchen. Sie wiſſen, wie die Sachen ſtehen, Raben; wir müſſen vorſichtig ſein. Befehlen Sie dem Förſter, wenn er damit zu thun hat, daß er ſich nicht in Dinge miſcht, die ihn nichts angehn und ihm möglicherweiſe böſe mitſpielen könnten.— Und Herr von Schenk heißt er? Schenk?— Schenk?— Weiß der Teufel, woher mir der Name bekannt,“ hatte er vertrau⸗ lich hinzugeſetzt.„Muß ihn in meiner Jugend gehört haben und— mir iſt faſt ſo— in Verbindung mit der Hoheit. Teufel, ſo muß es ſein! Sereniſſimus meinte, der Menſch ſolle nicht im Lande, am wenigſten in der Umgegend des Jagdſchloſſes bleiben. Der Name, den man ihm ge⸗ nannt, ſei ihm verhaßt.— Alſo! Sie wiſſen überdies, er mag nichts von der alten Dame und der Vergangenheit hören, und es wird ihm ſchon verdrießlich genug ſein, daß er jetzt auch für ſie auftreten muß. Alſo vorſichtig, Raben, und ſo wie Sie ſeiner habhaft werden— fort mit ihm, gleichviel wohin, nur fort, und ſo ſtill wie möglich. Sie wiſſen, wie der Herr über die Aufſtände in Heſſen denkt.“— Bei all dieſen und noch manchen andern Verhandlungen war es ſpät geworden, und als Raben, der unter den ge⸗ genwärtigen Umſtänden für's erſte auf dem Hindenſtein bleiben wollte, ſich endlich der Hoheit melden ließ, hatte Da droben auf jenem Berge. man bereits die Lichter zur Theeſtunde angezündet. Da Fräulein von Hohenkron in Folge der heftigen Emotionen des Morgens ſich unwohl gemeldet, und die Prinzeß auch den Kammerjunker entlaſſen hatte, war ſie mit Eva allein geblieben und ließ ſich aus Archenholz' Geſchichte des ſieben⸗ jährigen Krieges vorleſen. „Gott gebe uns wieder eine ſolche Zeit!“ hatte ſie ernſt geſagt.„Die einzelnen Männer helfen uns nicht— das ganze Volk muß mannhaft werden.“— Und Eva hatte geantwortet:„oh, Eure Hoheit, es muß dahin kommen! Solche Ereigniſſe, wie die heutigen hier, müſſen auf die Herzen wirken, wie ein voller Früh⸗ lingsſonnenſchein auf die Knospen— zeitigend!“ „Ja ja,“ bemerkte die Fürſtin wieder, indem ſie einen faſt zärtlichen Blick auf dem holdſeligen Kinde ruhen ließ, „ich hab's wohl gehört und weiß es auch ſonſt— du wärſt am liebſten ſelber ein Mann, Eva.“ „Wär' ich als Knab' geboren!“ entgegnete Eva mit leuchtenden Augen und mit einem Aufblitzen ihrer alten Fröhlichkeit.„Das iſt nur ein Lied, aber ich fühl's auch im Herzen, und ich glaube, es würde an mir nicht fehlen.“ „Phantaſt!“ ſprach die Fürſtin mit flüchtigem Lächeln. „Tröſte dich aber, Kind. In einer Zeit, wie die unſrige, bedarf's der Frauen nicht weniger als der Männer. Sei ganz, wozu Gott dich beſtimmt, und du wirſt deiner Zeit ger echt werden.“— Da droben auf jenem Berge. 133 „Da kommt freilich ein Mann,“ ſagte ſie dann, als Raben eintrat, und indem ſie dem ſich tief Verneigenden die Hand hinſtreckte, fuhr ſie fort:„ich will Ihnen meinen warmen Dank ausſprechen, lieber Raben. Sie haben bei dieſer widerwärtigen Geſchichte alles gethan, was möglich war, was ich aber auch von Ihnen erwartete,“ ſetzte ſie lebhaft hinzu.„Ich habe mich vordem, als ich noch mehr mit Menſchen verkehrte, ſelten in einem getäuſcht, den ich einmal näher zu beobachten Gelegenheit fand,— er ent⸗ ſprach dann überall meinen Erwartungen. Wie ich ſehe, hat mich die alte Gabe noch nicht verlaſſen. Und nun, mein Freund, was bringen Sie uns Neues? Die Truppen ſind fort? Der Hindenſtein iſt wieder einſam?— Aber nehmen Sie Platz und erzählen Sie. Ich bin neugierig, und die Kleine hier iſt voll Sorgen.“ „Eure Hoheit— Fräulein von Thanneck hat nicht unrecht,“ verſetzte der Forſtmeiſter ernſt,„obgleich ich mir nicht zu beurtheilen erlaube, weßhalb ſie beſonders ſorgt. Es ſteht nicht gut, und wenn Sie mir einen Vergleich ge⸗ ſtatten wollen, möchte ich ſagen: die Luft iſt noch nicht rein, — im Gegentheil, es braut ſich noch mehr und vielleicht Ernſteres zuſammen als wir heut erlebt; das heißt,“ ſetzte er mit einem gewiſſen Stolz hinzu,„von auswärts fürchte ich nichts; ich hoffe die Lection von heute wird verſtändlich und nachhaltig ſein. Allein die Angelegenheit des Flücht⸗ lings, von dem Sie mir ſagten, ſteht nicht gut. Der Gene⸗ 134 Da droben auf jenem Berge. ral hat die Ordre hinterlaſſen, nach ihm zu fahnden und ihn zwar heimlich, aber ſo bald wie möglich über die Grenze zu ſpediren—“ „Oh!“ fuhr Eva auf, allein die Fürſtin winkte ihr beſchwichtigend zu und ſagte mit leicht gefalteter Stirn nur: „fahren Sie fort, Raben. Alſo über die Grenze?“ „So iſt's, Eure Hoheit. Der General meinte, von Ausliefern ſei keine Rede, wenn die Sache nicht gar zu laut werde; er möge verſchwinden, wenn er könne. Aber an Verheimlichen und Begünſtigen dürfe man gar nicht denken; der Herr ſei ſehr übel auf dieſe Aufſtandsverſuche und ihre Theilnehmer zu ſprechen, weil ſie der guten Sache nur ſchadeten. Es ſind ein paar Pikets Schützen dage⸗ blieben zum Beobachten und Durchforſchen der Gegend.“ „Voöͤn denen der Hindenſtein und ſein Park hoffentlich bei dieſen Nachforſchungen verſchont bleiben wird,“ bemerkte die Prinzeſſin ſcharf, indem aus ihren Augen ein dunkler Blick auf den Forſtmeiſter fiel. „So lange ich mit meinen bisherigen Geſchäften be⸗ traut bin, bürge ich Eurer Hoheit dafür,“ verſetzte Raben ehrfurchtsvoll.— „Was heißt das, Raben?“ fragte die Fürſtin raſch. „Ahnen Sie etwas von einer Verſetzung oder dergleichen?“ „Nein, Hoheit. Allein man kann für nichts ſtehn. Man ſcheint, nach einer Aeußerung des Generals, Werth darauf zu legen, daß Herr von Schenk nicht in der Nähe Da droben auf jenem Berge. 13⁵ des Hindenſtein weile, und wenn man daher glauben könnte, daß wir ihn dennoch verbergen wollten— um mich iſt es nicht, Hoheit,“ ſetzte er lebhaft hinzu.„Allein ich möchte Eurer Hoheit gern allen Verdruß erſpart ſehn.“ Die Prinzeſſin ſah ihn eine Weile finſter ſinnend an, bevor ſie bemerkte:„Sie ſagen ‚Schenk— betonen Sie den Namen? Wurde derſelbe ausdrücklich genannt?“ „Nein, genannt nicht grade,“ gab der Forſtmeiſter zö⸗ gernd zur Antwort,„aber doch— ich muß offen ſein, Ho⸗ heit,“ unterbrach er ſich und berichtete dann in raſcher Folge die oben angeführten Aeußerungen des Generals. Die Prinzeſſin hatte ihn mit finſterer Stirn angehört, und als er ſchwieg, ſtand ſie auf und ging ein paarmal langſam im Zimmer hin und her.„Ganz recht, ganz recht,“ ſprach ſie endlich mit bitterem Ton, indem ſie vor den beiden Andern, die ſich gleichfalls erhoben hatten, ſtehn blieb.„Der General traf das Richtige, der Name iſt aller⸗ dings in der Geſchichte meiner Jugend laut geworden, und der Herzog kann nur ihn gemeint haben. Aber wie hat er ihn jetzt erfahren? Hat er denn eine Meldung dieſes Einbruchs vom— Feinde ſelber erhalten? Wer weiß von dem Namen jetzt hier im Lande, außer uns?“ „Eure Hoheit vergeſſen Herrn von Bühel,“ ſagte Eva leiſe. „Bühel!“ rief die Prinzeſſin heftig und ihre Augen blitzten unter den zuſammengezogenen Brauen;„Bühel— 136 Da droben auf jenem Berge.— bei Gott im Himmel, du haſt recht, Kind! Es wird mir klar! Schon die beiden Namen zuſammen erklären mir alles. Ha, bei Gott! Alſo ein doppeltes Spiel, um ſicher zu ſeinem Zweck zu kommen! Er will ihn alſo fort haben — ſo oder ſo, und ſich dabei drüben bei den Feinden und zugleich hier bei dem Herzog liebes Kind machen!— Aber ich begreife nicht,“ ſetzte ſie hinzu, indem ihre heftige Stimme wieder mehr den gewöhnlichen ruhig ernſten Klang annahm, „wie er von Schenks Aufenthalt Kunde erhalten. Der junge Mann ſagt ſelber, daß er vorſichtig geweſen, und Waldinger ſchwört mir, daß niemand ſie auf ihrem Hin⸗ oder Herwege beobachten konnte.“ „Eure Hoheit können aber glauben, daß der Mann des Flüchtlings Aufenthalt nicht nur in dieſer Gegend ver⸗ muthet, ſondern ſogar den Verſteck ſelber zu ahnen ſcheint,“ bemerkte nach einer Weile Raben im nachdenklichen Ton. „Waldinger iſt dem Herrn, obgleich ich ihn ernſt genug aus dem Reviere fortgewieſen, vor einer Stunde ungefähr dieſ⸗ ſeits Rehhauſen begegnet und von ihm nach dem Flüchtling gefragt worden. Er müſſe mit ihm reden— ich weiß nicht worüber. Er könne ſich zwar ſeinen Aufenthalt denken— er werde wohl in der„grünen Wand“ ſtecken—“ „Raben!“ unterbrach ihn die Fürſtin heftig; Eva ſtarrte ihn athemlos an. „Ich referire nur, Hoheit— ich ſelber weiß ja nichts. Alſo ſo ſprach er, und er würde ihn aufſuchen, wenn man ☛— Da droben auf jenem Berge. 137 hier auf dem Schloſſe nicht ſo viele Umſtände machte und ſich ſo hermetiſch abſchlöſſe. Das wäre ihm um ſo ver⸗ drießlicher, da er hier ſeine theuerſten Intereſſen zu, ver⸗ folgen hätte.“ Ueber das Geſicht der Fürſtin glitt ein verächtliches, finſteres Lächeln; ſie wandte ihre Augen wie fragend auf Eva, und da ſie bei dieſer demſelben Ausdruck begegnete, wandte ſie ſich wieder Raben zu und fragte:„nun, und Waldinger?“ „Er hat jede Bekanntſchaft mit dem Fremden entſchie⸗ den von ſich gewieſen, ſagt er, zugleich aber Herrn von Bühel aus dem Revier führen laſſen und ihm jeden Beſuch deſſelben wiederholt unterſagt. Der Alte war in großem Zorn, wie ich ihn nie geſehn,“ ſetzte Raben hinzu.„Er verlangte dringend darnach, Eure Hoheit zu ſprechen. Er ſchwur darauf, daß der heutige Ueberfall nur auf eine direkte Denunciation des Majors erfolgt ſein könne, wie ſehr ich daran auch zweifeln muß. Sie ſind doch Kameraden ge⸗ weſen und geſtern freundlich geſchieden, wie Waldinger ſagt. Was ſollte da für ein Grund vorliegen zu ſolcher — Schandthat?“— „Was für ein Grund?“ wiederholte die Prinzeſſin bitter. „Zwei, mein Herr, abgeſehn von den etwa noch vorhandenen geheimen, die ich nicht kenne. Zuerſt iſt er, wie meiner Eva Vater ihn ganz richtig genannt, ein politiſcher Rene⸗ gat, und die ſind bekanntlich fanatiſch für ihren neuen 8 138 Da droben auf jenem Berge. Glauben. Sodann wünſcht er den frühern Freund, den er in unſerer Nähe ahnt, von ſeinen„theuerſten Intereſſen“ — ſagte er nichk ſo?— zu entfernen. Und das ſucht er zu erreichen, indem er ſeinen Namen dem Herzog mittheilt. Seine theuerſten Intereſſen aber beſtehn in der Abſicht, ſich an mir zu rächen und mir wehe zu thun und— verzeihe mir, Eva, mein Kind, es muß alles geſagt ſein, um dieſen Freund aufzuklären,— in dem Wunſch, meine Kleine hier zu ſeiner Frau zu machen, obgleich ſie ſelber ſo gut wie ihr Vater ihm vordem nie ihre Geſinnungen verborgen, obſchon er ſieht, daß das Mädchen jetzt unter meinem Schutze ſteht— unter meinem! „Aber das alles iſt für jetzt gleichgültig,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe lebhaft fort.„Ich wollte Sie bisher nicht weiter in dieſe Dinge einweihen, Raben, als durchaus nothwendig, damit Sie im Nothfall Ihr Ehrenwort darauf geben könnten, daß Ihnen der Flüchtling und ſein Auf⸗ enthalt unbekannt. Aber nun muß es anders werden. Ich bedarf Ihrer Hülfe, mein Freund— denn Schenk iſt dort, wo Bühel ihn vermuthet.— Sei unbeſorgt, Eva,“ ſprach ſie weiter, als ſie das Mädchen bei ihren letzten Worten aufſpringen ſah,„du kannſt ſicher ſein, daß dein Schützling nicht verlaſſen wird. Er ſoll gerettet werden, und hätte ich keinen andern Grund, als nur die Pläne dieſes Bühel zu durchkreuzen. Aber Gott ſei Dank— ich habe beſſere Gründe!“ ſetzte ſie hinzu, und durch ihre bisher ſo finſteren Da droben auf jenem Berge. 139 oder doch tief ernſten Züge flog ein leiſes, faſt wehmüthiges Lächeln, und ihre Augen hafteten mit innigem Ausdruck auf Eva.„Er ſoll und muß gerettet werden, Raben, um der guten Sache willen— es ſoll von uns nicht heißen, daß wir einen Patrioten ſchmählich zu Grunde gehn ließen; ich gehöre auch zu dem Fürſtenhauſe dieſes Landes und habe auch ſeine Ehre zu vertreten.— Er ſoll gerettet werden um ſeiner ſelbſt willen— er iſt ein wackerer Mann, wie es ſcheint— und endlich um meinet- und noch Eines willen, von dem ihr erfahren werdet. Es iſt meine Pflicht ihn zu retten, Kinder; er ſoll noch glücklich werden und glücklich machen! Ich habe an ihn eine Schuld zu bezah⸗ len, die ich dem richtigen Empfänger nicht mehr entrichten konnte.— „Sie ſollen mir nicht blindlings folgen, Raben,“ fuhr ſie nochmals fort.„Sie ſollen meine beſten Gründe, weß⸗ halb ich mich für den jungen Mann ſo ſehr intereſſire, kennen und beurtheilen lernen. Sie haben mir geſagt, daß Waldinger mit mir zu reden wünſche, ich weiß, was er hat, und es gibt kein Säumen, ich will ihm durch Joſef ſeine Inſtruction ſchicken.— Bleibt beide ruhig da, ich komme ſogleich wieder.“ Und ſie ging in ihr Kabinet, aus dem man alsbald ihre Klingel vernahm.— Erſt nach einer Weile wandte Raben den Blick von der Thür, durch welche die Fürſtin gegangen, zu ſeiner Ge⸗ ſellſchafterin, welche den Kopf voll Nachdenkens hatte auf 140 Da droben auf jeuem Berge. die Bruſt ſinken laſſen und ſtumm vor ſich hinſah.„Ich geſtehe,“ ſagte er,„dies plötzliche Intereſſe unſerer ſonſt ſo ruhigen und kalten Fürſtin überraſcht mich. Sie kennen Herrn von Schenk, liebes Kind?“ „Ich lernte ihn vor einigen Jahren bei meinem Vater kennen,“ erwiderte ſie aufſchauend. „Iſt es ein Mann, der ſolche Theilnahme verdient?“ fragte er.— „Mein Vater lobte ihn,“ war ihre ruhige Antwort, „ich ſelber weiß nicht viel, aber nur Gutes von ihm.“ „Wer ſo ſpricht, ſollte eigentlich nicht zur Eiferſucht Veranlaſſung geben können,“ ſprach er neckend. Sie ſah wieder auf und ihn fragend an, bis ſich plötz⸗ lich ihr Auge erhellte und ſie mit einer faſt fieberbaften Luſtigkeit erwiderte:„o freilich, gar nicht, wie leidenſchaft⸗ lich mich auch der Herr drüben lieben mag!“ Er ſtand auf und nahm ihre Hand, die ſie ihm willig ließ.„Sie zürnen mir doch nicht wegen meines thörichten Scherzes, Kind?“ ſagte er herzlich.„Die Sache ſcheint mir zu lächerlich, um Sie ernſtlich berühren zu können.“ „Ja ja,“ entgegnete ſie lebhaft,„jetzt lache ich auch ſchon wieder— Sie wiſſen ja, daß ich ein leichtſinnig Geſchöpf bin. Aber anfangs hat mich dieſer Antrag und ſeine Be⸗ fürwortung durch meine Verwandten ganz— ſtarr vor Ueberraſchung und Glück gemacht,“ ſetzte ſie bitter lachend hinzu,„ſo daß ich erſt nach und nach wieder zum Leben Da droben auf jenem Berge. 141 zurück kehren kann. Man muß Geduld mit mir haben, Herr von Raben.“ Seine Erwiderung wurde durch den Eintritt der Ho⸗ heit abgeſchnitten. Sie trug das Käſtchen in der Hand, das wir bereits von jener Nachtſtunde her kennen, nachdem ſie ſich geſetzt und auch die Seſſeln gewinkt, öffnete ſie und beiden Andern zu ihren den Deckel, ließ die Feder ſpielen und hielt das hervorgeſprungene Bild Eva hin. das?“ fragte ſie. „Bei Gott— Hubert!“ rief das Mädchen, das ſich 3 h h nach dem Geſpräch mit Raben raſch zu faſſen geſucht, er⸗ ſtaunt aus. „Wer iſt „Nein, nicht Hubert, ſondern ſein Vater, mein Kind,“ ſprach die Fürſtin in bewegtem Ton. Aber er gleicht ſeinem Sohne ſehr. Raben— das iſt der den wir retten wollen.“— Als der Forſtmeiſter es gleichfalls betrachtet, verbarg die Prinzeſſin das Bild wieder und ſah eine Zeitl gend ins Lampenlicht. ihre Augen ſich auf Sehn auch Sie es an, Vater des Mannes, ang ſchwei⸗ „Wohlan,“ ſagte ſie endlich die beiden Andern will euch eine alte Geſchichte er mir lieb geworden „indem zurückwandten,„ich zählen— dir, Eva, die du faſt wie ein eigen Kind, und Ihnen, 1 2. Raben, dem beſten Freund, den ich ſeit meiner Jugendzeit gefunden, und der ſeit zehn geblieben. Denn ihr müß Hubert liebe, als wär' Jahren mir unverändert treu t doch wiſſen, weßhalb ich den er mein Sohn, und weßhalb ich . 142 Es war einmal ein König und eine Königin. alles daran ſetzen muß, ihn zu retten aus den Schlingen jenes— Armſeligen.“ VII. Es war einmal ein König und eine Künigin. „Es iſt eine lange Zeit her, ſeit ich geboren wurde; die Welt und das Leben ſind ſeitdem andere geworden, und wie es in den Tagen meiner Jugend war, davon ahnt ihr beide nichts. Ich bringe mit meiner Geſchichte ein ganzes verſunkenes Zeitalter zu euch, es ſchaut euch fremd, vielleicht unheimlich in die Augen, und ihr findet wenig, 4 wo ihr mit euren jungen Erfahrungen anknüpfen könntet. Das Damals iſt fort— bis auf das, was ſich im Men⸗ ſchen regt, ſo lange er jung iſt und nur mit ſich ſelber zu thun hat. Denn was ein junges Herz fühlt, und was ein junger Kopf träumt, das bleibt zu aller Zeit ungefähr das Gleiche.— „Ich bin als letzter Sprößling der älteſten Nebenlinie unſeres Fürſtenhauſes geboren. Es iſt ſeltſam genug, wie vielen ſolchen Nebenlinien das achtzehnte Jahrhundert ein Ende machte, und wer in der Geſchichte etwas mehr findet und glaubt als den Zufall, muß wohl auf den Gedanken kommen, daß ſich auch in dieſem Factum eine neue Zeit Es war einmal ein König und eine Königin. 143 ankündigte— die Zerſplitterungen mußten aufhören, da es überall eines größeren Ganzen, einer kompacten Kraft be⸗ durfte, um dem Kommenden noch einigermaßen Widerſtand leiſten zu können. So war es auch in unſerm Lande. Meine Eltern erhielten mich als ihr erſtes Kind, und da mein Vater nicht lange nach meiner Geburt ſtarb, blieb ich auch das einzige, und der große Beſitz unſerer Linie fiel an das regierende Haus zurück, das eigentlich erſt ſeitdem und dadurch zu einigem Anſehn gelangte. Denn meine Vorfahren hatten gut gewirthſchaftet, unſere Landestheile 5 waren im vollſten Flor und auch unſer Privatvermögen war vielleicht eins der größten in Deutſchland, während das herzogliche Haus und Land von Schulden überhäuft war, die durch die Wirthſchaft des damaligen Herzogs Georg Wilhelm nicht verringert wurden. „Unter ſolchen Umſtänden wird es euch ſehr begreiflich erſcheinen, daß man mein Vermögen nicht außer Landes laſſen wollte, und da der Prinz Heinrich, der Halbbruder des Herzogs, und um viele Jahre jünger als dieſer, be⸗ ſonders arm war und mit ſeiner Verſchwendung ſtets von neuem immer weniger erſchwingliche Mittel in Anſpruch nahm, ſo verſuchte der Herzog die Angelegenheiten des Bruders nachhaltig zu ordnen und die Anſprüche deſſelben an ſeine Kaſſen für immer los zu werden, indem er mich in meinem achtzehnten Jahr mit dem Prinzen verheirathete. Meine Mutter war ſchon ſeit mehreren Jahren todt, allein —— 144 Es war einmal ein König und eine Königin. A ſie würde auch im andern Fall ſchwerlich einen Widerſpruch gegen dieſe Verbindung erhoben haben, der überdies dem Herzog gegenüber jedenfalls hätte nutzlos ſein müſſen;— und ich ſelbſt— die Erzählerin lächelte trübe— ich hatte auch keinen. „Prinz Heinrich war einer der ſchönſten Männer ſeiner Zeit und, wenn er es darauf anlegte, von unwiderſtehlichem, zauberiſch einnehmendem Auftreten und Weſen. Von ſeinem Leben wußte ich, die ich in faſt klöſterlicher Stille erzogen war und erſt als ſchon Verlobte in die Welt kam, gar nichts, und mein Herz hatte bis dahin noch nie geſprochen, es müßte denn bei der Annäherung des Prinzen ſelbſt ge⸗ weſen ſein. So ward ich ſeine Frau und fühlte mich nicht unglücklich. Von dem eigentlichen Grunde dieſer Verbin⸗ dung ahnte ich nichts, und von Geldſachen hatte ich keinen Begriff. „Hätte auch nur die Art von Glück und Zufriedenheit, die ich genoß, Beſtand gehabt, meine Kinder, ſo würde ich mich ſelbſt nach gewonnener Einſicht über den frivolen Grund dieſer Ehe wohl fortgeſetzt haben. Und ſo lange mein Schwager, der Herzog, lebte, ging auch alles noch er⸗ träglich gut. Er hielt ſtreng darauf, daß man vor mir wenigſtens nicht allen Anſtand außer Augen ſetzte, denn er liebte und achtete mich; und das letztere verdiente ich, da ich— ich prahle leider nicht— in dieſen Kreiſen ſo ziem⸗ lich die einzige Frau ſein mochte, die ſich ſelber nichts vor⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 145 zuwerfen hatte und von der auch niemand etwas Unrechtes zu ſagen wußte, obgleich ich dem Leben nicht, wie die Ge⸗ mahlin des damaligen Thronfolgers, abgeſtorben war und meine Tage nicht wie ſie in finſterer Askeſe verbrachte. Er zwang den Bruder, ſein Leben, wenigſtens nach den ſchlimmſten Seiten hin, mit einem gewiſſen Schleier zu verhüllen, wenn er ihn auch nicht zu einem wirklichen inni⸗ gen Zuſammenleben mit mir vermögen konnte. Aber als er im Jahre 1760 ſtarb, war es mit allem Zwang vorbei, die Schleier wurden zerriſſen, und man ließ mich die Wahr⸗ heit nicht allein ahnen, ſondern in einer Weiſe ſehn, die ich noch heute nur ſchamlos nennen kann. „Wäre ich eine Andere als ich bin, eine jener bégueules — um einmal die geliebte Sprache deiner Tante zu ge⸗ brauchen, mein Kind— die mit hochmüthiger Tugend oder ſcheinheiliger Prüderie vor allem zurückſchrecken, was nicht ſchneerein iſt, vor jedem Wort, das nicht im Schleier, und vor jeder Hand, die nicht im Handſchuh— mit einem Wort, wär' ich eines jener thörichten alten Weiber, die ihre heran⸗ wachſenden Kinder noch immer mit der Speiſe der Unſchuld, mit einer Art von geiſtigem Zuckerbrod, füttern und ihnen am liebſten einbilden möchten, die Erde ſei noch heut das Paradies des Anfangs, und die Menſchen darin litten nur an ſo zu ſagen geiſtigen Fehlern und Sünden,— dann würde ich über das Damals vielleicht ſchnell fortgehn, um dir, mein Kind, ſicher keinen Anſtoß zu geben. Aber ich 10 Hoefer, Lorelei. 146 Es war einmal ein König und eine Königin. bin nicht von dieſer Art. Ich bin nie vor dem zurückge⸗ bebt, was das Leben mit ſich brachte und bringt; ich bin niemals vor den häßlichen Wunden und all den leiblichen Schäden armſelig zurückgeſchreckt, die mir hie und da zu Geſicht kamen. Ich habe im Gegentheil angefaßt, wo ich konnte, und geholfen, wo ich's vermochte, und bin darum nicht ſchlechter geworden, und habe ſelbſt da, wo mich der Anblick zurückſtieß, meines Wiſſens niemals Schaden ge⸗ nommen an meiner Seele, an meinem Herzen. Die Rein⸗ heit beſteht nicht in der Unwiſſenheit und Unerfahrenheit, ſondern in der Gediegenheit des Herzens, des ganzen inneren Menſchen, daß der Schmutz der Welt unſchädlich von ſeiner Spiegelfläche abgleitet. Und dazu würde ich mein Kind erziehn, wenn mir Gott eins geſchenkt hätte. „Prinz Heinrich, mein Gemahl, war ein Menſch von großen Gaben, von einer unwiderſtehlichen, bezaubernden Liebenswürdigkeit, vor allem aber— ich muß wohl ſagen: das Geſchöpf ſeiner ungebändigten Leidenſchaft. Er faßte dazu im Grunde ſeine Stellung als Prinz und Fürſt noch in jenem altfranzöſiſchen oder vielmehr aſiatiſchen Sinne auf, daß er ſich für eine andre Art Weſen hielt als die übrigen Menſchen, und in ſeinen Adern ein anderes Blut fließen wähnte. Wenn er zu ihnen hinabſtieg und mit ihnen verkehrte, ſo geſchah das nur, weil Seinesgleichen zu ſelten waren, um mit ihnen allein zu leben, oder, weil es ihm zufällig Spaß machte, und jedenfalls war alles, was 1 1 Es war einmal ein König und eine Königin. 147 unter ſeinem Geſchlecht eriſtirte nur zu ſeinem Vergnü⸗ gen da, nur um ihm⸗Anterhaltung zu gewähren, nur um mit und an dieſem Häeen ſeinen Einfällen und Ausſchwei⸗ fungen fröhnen zu können. Von dieſem Standpunkt aus galt ihm der Edelmann wenig mehr als der Bauer, und er ging mit einem ſolchen bei Gelegenheit vielleicht freundlicher um als mit dem Cavalier, woher es denn auch kommen mag, daß er in den untern Ständen wahrhaft populär und beliebt war. „Von eigenem Willen oder gar Widerſtreben konnte ihm gegenüber keine Rede ſein. Jeder, auf den das Auge des Prinzen fiel, zu dem er ſich ſo oder ſo herabließ, ſollte ſich durch den Blick, durch dieſe Annäherung geehrt fühlen und ſein ganzes eigenes Ich aufgeben, fortan nur noch gewiſſermaßen als ein Geſchöpf des Prinzen exiſtiren, der ihm durch ſeine Beachtung eine Art neues Daſein gab. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß ſeine Blicke zumeiſt auf die Frauen fielen, und daß dieſelben dieſen Blicken nur ſelten zu widerſtehn vermochten. Es hätte ihnen ein ſolcher Widerſtand vermuthlich auch wenig genützt, da der Prinz, wie ihr nach meiner Schilderung wohl an⸗ nehmen könnt, weder Geduld, noch Gewiſſen hatte, und icht erſt lange bat, wo er befehlen zu können und durch inen Befehl ſo gut wie durch ſeine Neigung dem oder der Erkorenen die höchſte Ehre anzuthun glaubte. „Er war der Fürſt des vorigen Jahrhunderts, wie es 148 Es war einmal ein König und eine Königin. dazumal manche gab— er jagte um trank, er ſpielte und machte Komödie, er ta lte⸗ und. 34 im Lande umher auf wilden, luſtigen, halsbrechenden Fahkten; er machte zu Zei⸗ ten ſogar den wohlwollenden gutmüthigen Mann im Bürger⸗ kleide, während er jedoch darunter⸗ſtets den Rock mit dem Stern trug, und wehe dem, deß das jemals zu vergeſſen wagte. Und das alles ging ihm hin, und ob er je oder von irgend jemand daran gemahnt wurde, daß auch er nur ein Menſch, unterthan den ewigen Geſetzen, mit den allge⸗ meinen Pflichten und Rechten, bezweifle ich ſehr. Kurz, er trieb's, wie es ihm gefiel, er nahm hin, wie er's fand, und wußte nicht von Schranken oder Gewiſſen. Und dafür konnte er nichts, denn von dem war damals nur bei den Wenigſten die Rede. „Die Sittenloſigkeit im Lande war über alle Vor⸗ ſtellung groß, es gab keinen Stand, der frei geblieben, ſelbſt in die ehrenwerthen Klaſſen der Bürger und Handwerker war ſie eingedrungen, und das hatten der Prinz und Sei⸗ nesgleichen allerdings nicht verſchuldet, ſondern ſchon ziem⸗ lich ebenſo— vielleicht nur nicht in der Allgemeinheit— vorgefunden. Es war dann ebenſoſehr durch ſich ſelbſt als durch die Schrankenloſigkeit der Wüſtlinge des Hofes weiter gewachſen. Der alte Herzog hatte das Laſter gleichfalls nur, um mich ſo ausdrücken, mit einer Art von Etikette umgeben und, wie geſagt, darauf gehalten, daß man vor den Prinzeſſinnen den Anſtand bewahrte. Sein Sohn und Es war einmal ein König und eine Königin. 149 Nachfolger war nicht beſſer, wenn er es auch noch vor der Strenge des Vaters verheimlichen mußte. „Da ſtarb Georg Wilhelm, Heimlichkeit und Anſtand hörten, wie geſagt, auf, und der ganze Wirbel, deſſen Brau⸗ ſen meine Couſine, die jetzige Herzogin, und ich bisher nur zuweilen von ferne vernommen, lag plötzlich offen vor un⸗ ſern Augen. Der neue Herzog wetteiferte jetzt an Ausge⸗ laſſenheit mit dem Prinzen, mit dem er ein Herz und eine Seele war und von dem er ſich zu allen möglichen Excen⸗ tricitäten verleiten ließ, und Hof und Stadt und Land hallten wieder von dem Lärm der Orgien, der ſchranken⸗ loſen Ausſchweifungen aller Art. Man hörte nichts, man ſah nichts als Skandal, das Laſter ſpreizte ſich allerwärts und verſuchte es ſelbſt vor unſern Augen, in unſern Ge⸗ mächern. Meine Couſine zog ſich noch finſterer zurück und vergab es mir nie, daß ich ihrem Beiſpiel nicht folgte, ſon⸗ dern mit allem Stolz darnach ſtrebte, mich aufrecht und meiner Stellung würdig zu halten, dem Wüſtlingshaufen meine ganze Verachtung zu beweiſen und ihn vor mir im Staube kriechen zu laſſen. Ich beleidigte dadurch auch den Herzog auf das ernſtlichſte, denn ich konnte mich nicht über⸗ winden, ſeine Kreaturen neben mir auch nur zu ignoriren und zu dulden. Nützen that mir meine Haltung wenig; kaum das Frechſte vermochte ich abzuwehren, und es iſt mir bei alledem zuweilen der Gedanke gekommen, ob man nicht durch dies Treiben am Ende verſuchen wollte, auch mich in 150 Es war einmal ein König und eine Königin. den Wirbel hinein zu ziehn, um mich, da ich einmal nicht zurückwich, wenigſtens auf dieſe Weiſe los zu werden. „Von meinem Gemahl rede ich nicht. Schon ſeit den erſten Jahren unſerer Ehe war unſere Verbindung immer lockerer geworden; die anfängliche Zuneigung war längſt zu Ende, mit dem Tode meines Schwagers hörte aber auch die Gleichgültigkeit auf— es gab kein einziges Band mehr zwiſchen uns; ich war für ihn gar nicht da, und er erregte mir höchſtens nur noch Ekel, wie mehr oder minder das ganze Geſindel um mich her. „Im Jahre 1762 ſtarb der Prinz plötzlich bei einer der Orgien, denen er ſich mit dem Herzog gemeinſchaftlich hinzugeben pflegte, ich war alſo Wittwe und mußte mich in die Einſamkeit einer Trauer wegen zurückziehn, von der ich in mir keine Spur fand. Freilich fühlte ich auch nichts von Freude oder Erleichterung,— ich hatte mich ja längſt ſchon frei gefunden. Der Fall war mir nur unendlich gleichgültig, aber faſt froh verließ ich den Hof, an dem ich bisher nichts als Kampf und Ekel gefunden. „Seit einem halben Jahre war ein Fräulein von Hohenkron— deine Großtante, Eva— als Dame zu mir gekommen und hatte mich zuerſt wieder erkennen laſſen, daß es noch tugendhafte, beſcheidene, liebenswürdige Menſchen gebe. Bei Hofe, wo trotz allem Geſchilderten, in manchen Be⸗ ziehungen eine ſehr ſteife Etikette herrſchte, mußten wir uns mit den Aeußerungen unſerer Freundſchaft in acht nehmen; — Es war einmal ein König und eine Königin. 151 auf meinem einſamen Wittwenſitz konnten wir uns derſelben ganz hingeben. Sie war ein liebes Geſchöpf!— Und wir ſehnten uns nicht nach dem Hofe zurück, obgleich es dort ſtiller geworden und der Herzog, durch den jähen Tod des Oheims beſtürzt, damals die erſten Spuren der Geiſtes⸗ richtung ſichtbar werden ließ, die ihn ſpäter ganz in die Arme der Bigotterie und zu einem ebenſo asketiſchen Leben führte, wie es die Herzogin von jeher gelebt hatte.— „Es waren ſchon elf Monate des ſogenannten Trauer⸗ jahrs vergangen, und das Land begann im Frühling nach dem Hubertsburger Frieden aufzuathmen, als ich eines Junitags mit Gertrud— ſo hieß meine Freundin— von einem langen Spaziergange durch den Wald in den eigent⸗ lichen Schloßpark zurückkehrte. Wir waren heiter, denn der Frühling war ſehr ſchön, wir fanden uns in Luſtnau, wie ſchon bemerkt, von jedem Zwange frei, den wir uns nicht ſelber auferlegten, und eine ſolche Freiheit war uns beiden leider zu neu, um ſie nicht in vollen Zügen zu genießen. Wir ſtreiften zum Entſetzen meiner alten Oberhofmeiſterin weit umher und lehnten häufig ſogar die Begleitung eines Dieners ab. Meinen gleichfalls hochbejahrten podagriſtiſchen Cavalier mochte ich nun ſchon gar nicht inkommodiren. Und ich wiederhole es für euch, die ihr mich ſtets nur als alt gekannt, ich war auch einmal jung,— ich zählte damals ſechsundzwanzig Jahr'— und athmete eigentlich zum erſten⸗ mal in meinem Leben frei auf und hinaus, und wußte es, 15² Es war einmal ein König und eine Königin. daß ich in wenig Monden wieder zeitweiſe zum alten Hof⸗ leben zurückkehren mußte. Der Herzog— er war zuweilen ſeltſam gegen mich— hatte es ſchon bei unſerer letzten Be⸗ gegnung merken laſſen, daß er meine fortgeſetzte ſtrenge Zurückgezogenheit übertrieben fände. „Als wir in das Hagebuchen⸗Berceau traten, welches auf dem nächſten Wege vom Walde zum Schloſſe lag, und in dem ich an ſchönen Tagen mehrere Stunden mit Ger⸗ trud und Andern bei irgend einer Arbeit zu verbringen pflegte, kam uns von der andern Seite ein hochgewachſener, ſchlanker Mann entgegen, deſſen ganze Haltung und, wenn jetzt auch einfache, Kleidung bewies, daß er von Stande und, im beſten Sinne des Worts, ein Cavalier ſei. Zum Hofe gehörte er meines Wiſſens nicht, denn ich war dieſem bedeutenden, ſtolzen und edlen Geſicht, dieſen dunklen Augen unter der Menge unſeres Hofgeſindels noch nicht begegnet,— ſie müßten mir ſonſt in der Erinnerung ge⸗ blieben ſein, wie es fortan der Fall war. Er kam uns ziemlich ſchnell entgegen, und da ich, ſeinen reſpektvollen Gruß erwidernd, vorübergehn wollte, redete er uns mit ungezwungener Höflichkeit und in deutſcher Sprache an, als ob er wiſſe, daß ich dieſe von jeher bevorzugt hatte. „Meine Damen,“ ſprach er,„Unachtſamkeit auf die Wege hat mich bei einem Spaziergang in den Park geführt und Neugierde mich weitergelockt— ich bin fremd im Lande und die Einſamkeit ſchien mir die Unbewohntheit des Schloſ⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 153 ſes anzudeuten. Zu meiner Beſchämung finde ich nun das Gegentheil und ziehe mich ſchleunig zurück. Ich fand leider bisher niemand, dem ich meine Entſchuldigung auftragen konnte. Darf ich Sie bitten, dieſe anzunehmen, meine Damen.“ „Ihre Hoheit, die Frau Prinzeſſin, iſt voll Nachſicht,“ entgegnete Gertrud raſch und mit einem ſchalkhaften Blick auf mich;„ſie wird gewiß Ihre Erklärung freundlich gelten laſſen.“ „Um Gotteswillen,“ ſagte er lebhaft,„ſo iſt dies Luſt⸗ nau, wo die Frau Prinzeſſin Antoinette ihr Trauerjahr verlebt? Ich muß nur um ſo demüthiger um Entſchuldi⸗ gung meiner unverzeihlichen Dreiſtigkeit und um eine freund⸗ liche Befürwortung bitten. Darf ich hoffen?“ „Und als ich ihm erwidert:„ſicher, mein Herr!“ ging ich raſch weiter, da meine Begleiterin nicht übel Luſt zu haben ſchien, das Geſpräch fortzuſetzen. Sie leugnete das auch gar nicht und war noch manchen Tag voll des Lobes über die Erſcheinung und das Benehmen des Fremden, ſchmollte auch faſt mit mir, daß ich dieſem kleinen Roman ſchon im Entſtehen ein Ende gemacht.— „So einfach kündigt ſich zuweilen an, was doch dazu beſtimmt iſt, das Wichtigſte zu werden im Leben eines Menſchen und für immer über den Gang ſeines Daſeins zu gebieten. „Wir erfuhren nicht, wer der Mann geweſen und 154 Es war einmal ein König und eine Königin. hörten auch nichts mehr von ihm, ſo daß das Abenteuer von mir ſicherlich bald vergeſſen worden wäre, wenn mir nicht die Erſcheinung des Fremden vor Augen und im Ge— dächtniß geblieben. Mir war, als habe ich nie bisher einen wirklichen, dieſer Benennung würdigen Mann geſehn, und ich gedachte daher ſeiner mit vollem Intereſſe und warmer Bewunderung, ohne daran zu denken, daß ich ihm wieder begegnen könne. Hatte er ſich doch ſelber einen Fremden genannt, und wußte ich doch, daß er keinem der Adelsge⸗ ſchlechter des Landes angehören könnte. Die waren im Laufe der letzten Jahre alle nach und nach an mir vorbei⸗ paſſirt.— 8 „Im September konnte ich es nicht länger ablehnen wieder bei Hofe zu erſcheinen und kehrte in die Reſidenz zurück. Der Herzog und die Herzogin waren artiger gegen mich als je— man ſpekulirte auf meine Hand und die Reſte meines Vermögens für einen Couſin der Herzogin, der ſich damals bei uns aufhielt— und mein Wiederauftreten wurde mit mehreren Feſtlichkeiten, zuerſt mit einer großen Cour und folgender Aſſemblee, gefeiert. „Es waren alle die alten bekannten Geſichter, und nur eine neue Perſönlichkeit näherte ſich mir; das war der Vorſtellung nach der Major, Freiherr Schenk von Bergk⸗ heim, Flügeladjutant des Königs Friedrich II. von Preußen und von dieſem mit andern Gliedern einer Commiſſion an unſern Hof geſchickt, um, ich weiß nicht mehr, welche An⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 155 gelegenheiten zu ordnen. Das war der Fremde, und ich ſehe noch immer das leichte Erröthen, welches ſein ernſtes Ge⸗ ſicht bei meinem erſten Anblick in meiner heutigen Stellung überflog, und ich weiß auch von mir ſelber, daß ich glühend roth wurde, als ich ſeine Uniform im Eirkel erblickte und ihn wieder erkannte. „Dieſe meine Aufregung verdroß mich, und ich ſagte daher bei der Vorſtellung ſo leicht wie möglich nur:„wir ſind uns ſchon begegnet, Herr Major.“ „Was ich um alles in der Welt von Eurer Hoheit gänzlich vergeſſen wünſchen möchte,“ entgegnete er frei⸗ müthig und ſah mich mit ſeinen tief dunkelblauen Augen dabei ſo bittend an, daß ich daraus auf den vollen Ernſt ſeiner Worte und ſeiner Bitte ſchließen mußte. „Und wie er ſich in dieſem erſten Augenblick mir darſtellte, fand ich ihn ſtets— freimüthig, ohne ſeine Worte viel abzuwägen, ohn⸗ e Regungen ſeines Innern groß zu verbergen. Er war ein Mann von ſtets tadel⸗ loſem Benehmen, aber nie ein richtiger Hofmann. Dazu war er zu ehrlich und viel zu ſehr Soldat. Und vermuth⸗ lich grade deßhalb hatte ihn ſein Herr zu dieſer Sendung erwählt, auf welcher der Major mit den geriebenſten und penibelſten Köpfen der alten diplomatiſchen Schule zu ver⸗ handeln hatte. Denn der große Fürſt wußte wohl, daß die freiſte Offenheit ſolchen Leuten gegenüber die beſte Diplomatie iſt. ——— — 156 Es war einmal ein König und eine Königin. „Als wir uns ſpäter an jenem Abend am Spieltiſch trafen, wo er mit meiner Schwägerin, ihrem Couſin und mir die Partie machen mußte, fand ich ihn wieder wie vor⸗ hin. Er ſpielte ſchlecht und hatte deſſen kein Hehl. „Eure Hoheit wollen mir das zu gut halten,“ ſagte er lachend, als er einmal nach dem Ausſpielen ſelbſt ſeinen Fehler bemerkte,„die Ehre, die mir widerfährt, kann nie⸗ mand höher ſchätzen als ich, aber ich habe bisher leider nur ſelten Zeit erhalten das Spiel kennen zu lernen.“ „Sie ſind ſtets Soldat geweſen?“ fragte der Prinz kalt. „Hoheit, ja, ſeit meinem dreizehnten Jahr'.“ „Und in kleinen Garniſonen?“ „Im Felde, Hoheit. Der zweite ſchleſiſche Krieg ſah mein Debut,“ entgegnete er in einem gewiſſen ſtolzen Ton, denn die Abſicht jener Fragen des Prinzen konnte ihm kaum verborgen bleiben.„Ich bin ſtets um den General Seyd⸗ litz geweſen, bis Seine Majeſtät mich vor einem Jahr zu meiner jetzigen Stellung berief. Und der General hat uns weder in der Garniſon, noch im Felde viel Zeit zu Privat⸗ geſchäften und geſelligen Vergnügungen gelaſſen.“— „Ein faconloſer Menſch,“ bemerkte die Herzogin, als wir nach beendigter Partie allein waren. „Sagen Sie: ein übermüthiger,— meine Couſine!“ verſetzte der Prinz ſcharf.„Ich geſtehe, daß mir die Ueber⸗ hebung dieſer preußiſchen Offiziere ſchon neulich in G. nicht grade angenehm auffiel, und der Herr Major ſcheint das Es war einmal ein König und eine Königin. 157 Ding noch weiter treiben zu wollen. Mich wundert's, daß Ihr Gemahl dieſe Weiſe ſo gleichgültig aufnimmt.“ „Er ſoll ſich in den diplomatiſchen Verhandlungen— wünſchenswerther benehmen,“ meinte die Herzogin gleich⸗ gültig,„und der Herzog fürchtet einen andern Botſchafter weniger fügſam zu finden. Daß er das Kartenſpiel nicht liebt,“ ſetzte ſie hinzu,„würden wir nicht tadeln, im Gegen⸗ theil! Auch wir müſſen ja nur gezwungen von Zeit zu Zeit an ſolchen leeren Vergnügungen theil nehmen. Aber wir dürfen darum leider wohl nicht glauben, daß der Major das Irdiſche überhaupt richtig zu taxiren und rangiren weiß. Er kommt uns ſehr weltlich vor.“ „Ich ſagte zu dem allen nichts, obgleich eigentlich nichts dabei war, was ich, wie ich den Major ſchon kennen ge⸗ lernt, nicht hätte erwarten können. Daß er mit ſeiner Weiſe weder meinen Verwandten, noch dem Hofgeſindel im Allgemeinen beſonders gefallen ſollte, war gar nicht anzu⸗ nehmen. Dazu hielt ſein ganzes Weſen und Auftreten der geſammten Geſellſchaft an unſerm Hofe einen allzu klaren und ſcharfen Spiegel vor. Nur der Herzog ſelbſt und der Miniſter waren mit ihm zufrieden, weil ſie, wie ihr ſchon vernommen, aus ſeiner Geſchäftsunkenntniß mehr heraus⸗ zuſchlagen gedachten als aus der größeren Gewandtheit eines andern Geſandten. „Am folgenden Morgen wurde er mir beſonders vor⸗ geſtellt, und da kam dann auch unſere Begegnung zur 8* 158 Es war einmal ein König und eine Königin. 2 Sprache.„Eure Hoheit würden mich unglücklich machen, wenn Sie jene Taktloſigkeit nicht zu vergeſſen geruhen,“ ſagte er, und mir iſt's, als hörte ich nochmals den unbe⸗ ſchreiblich innigen und treuherzigen Klang, den ſeine ſonſt ſo ſonore, männliche Stimme bei dieſen Worten gewann; und als ſähe ich wieder die anmuthsvolle Geberde ſeiner Hand, die Haltung der hohen, ſchlanken Geſtalt, kurz den ganzen ſtattlichen, ſchönen Mann vor mir. „Ich habe die Leidenſchaft des Umherſtreifens,“ fuhr er fort,„und hatte damals einen Ausflug nach Ried ge⸗ macht, wo mich dann die ſchöne Gegend zu immer anderen Excurſionen und auch in den Park Eurer Hoheit verlockte. Schon als mich Eure Hoheit entlaſſen hatten, fiel es mir aufs Herz, daß Sie ſelber es geweſen ſein möchten, zu der ich ſo unſinnige Worte geredet— fragen mochte ich nie⸗ mand; jedermann hat ſein Stückchen Eitelkeit, und ich konnte mich nicht ſelbſt dem Gelächter ausſetzen. Als ich nun geſtern Eure Hoheit erkannte, wurde mir himmelangſt.“ „Sie, ein Kriegsheld?“ fragte ich lachend, denn der Ausdruck, den er gewählt, und ein Zug in ſeinem Geſicht ließen mich nicht ernſt bleiben. „Ja, ich!“ verſetzte er kopfſchüttelnd.„Hoheit wiſſen noch nicht, daß es mir hier gar nicht gut geht. Man— goutirt mich nicht, ohne daß ich recht begreife, was man gegen mich hat. Aber Eurer Hoheit Ungnade würde ich leider nur zu gut verſtehn, und ich wiederhole, ſie würde Es war einmal ein König und eine Königin. 159 mich unglücklich machen. Ich müßte an mir verzagen und könnte es mir nie verzeihen, daß ich es nicht allein am Hofe, ſondern auch mit Ihnen, Hoheit, ſchon verdorben, bevor ich Ihnen eigentlich recht zu Angeſicht kam.“ „Machen Sie nicht zu viel Worte um ein Nichts, Major?“ warf ich ein.„Ich habe nichts gegen Sie, ich will ſogar jene Begegnung vergeſſen, wenn Sie es wün⸗ ſchen. Aber nun laſſen Sie die Sache auch vergeſſen ſein. — Sie bleiben noch länger bei uns?“ „Ich muß wohl!“ erwiderte er.„Man zwingt mich ja, meinen Weg in Schraubenzügen zu gehn, obgleich er im Grunde offen und grade genug wäre.“ „Nur Geduld und ein wenig leichten Sinn!“ meinte ich.„Dann werden Sie ſchon bei uns leben können. Man lebt leicht bei uns.“ „In der That— ich merkte das,“ ſagte er kopf⸗ ſchüttelnd. „Ich hoffe Sie häufiger und auch zufriedener zu ſehn,“ ſchloß ich und reichte ihm die Hand, denn gegen diejenigen, welche mir gefielen, mochte ich nie zurückhaltender ſein, als nöthig. Und damit ſchieden wir. „So waren wir denn mit einander bekannt und trafen uns, wenn ich es ſo nennen ſoll, häufig genug, nicht nur am Hofe und bei all den Feſtlichkeiten, die ſich dort noch eine geraume Zeit drängten, ſondern auch in den kleinen Cirkeln, die ich während der folgenden Wintermonate hin 4 ——— 160 Es war einmal ein König und eine Königin. und wider bei mir zu verſammeln pflegte, und wo er bald niemals fehlte. Ich hatte ſtets ſolche Geſellſchaften bei mir gehabt, und wären es auch nur ein paar Leute geweſen; denn, wie ihr aus dem Bisherigen abgenommen haben ſolltet, der freie Ton am Hofe ekelte mich an, und der ſteife oder frömmelnde mißfiel mir gleichfalls. Ich war nie eine Eti⸗ ketten⸗-Natur. Bei mir ging es fröhlich und angenehm zu, und dieſe Cirkel waren allen denen ein Dorn im Auge, welche davon ausgeſchloſſen blieben. Und vor allen Andern waren es die beiden Verwandten— der Oberjägermeiſter und ſein Vetter, der Kammerherr und Oberſt, von Bühel, dier mir eine ſolche Zurückſetzung ihres Hauſes und ihrer Perſonen niemals vergaben. Die Gattin des Letzteren war als eine der galanteſten Frauen des Hofes bekannt und ſollte mit dem verſtorbenen Herzog genau liirt geweſen ſein. Seit meiner Verheirathung jedoch war davon nichts mehr zu be⸗ merken geweſen und mein Schwager hatte auch niemals etwas dagegen einzuwenden gehabt, daß ich die Dame von meinem Kreiſe fern hielt und ihr nie meine Abneigung verbarg. „Der Ton am Hofe hatte ſich in der Zeit meiner Ab⸗ weſenheit einigermaßen geändert. Einerſeits wurden die Anſichten und Neigungen der Herzogin von ihrem Gemahl mehr und mehr reſpektirt, und es breitete ſich daher auch, wenn ich ſo ſagen ſoll, ihr Kreis allmälig weiter aus. Andrerſeits herrſchte auch in den freiern und wildern Cir⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 161 keln jetzt wenigſtens eine Art von Haltung, ſeit der Herzog nach dem Tode des Oheims ſich zurückhaltender zeigte. Es kam dazu, daß ein paar neue Geſtalten aufgetreten waren, und endlich wirkte meiner Ueberzeugung nach auch die Weiſe der preußiſchen Commiſſionsmitglieder und vor allem die des Majors von Schenk auf das heilſamſte. „Der Unterſchied zwiſchen den alten Einheimiſchen und dieſen neuen Erſcheinungen war ſo groß, daß er jedermann auffallen, daß jedermann den Gegenſatz des guten und ſchlechten Tons daran erkennen mußte. Dieſe Fremden waren derbe, friſche, lebensluſtige Geſellen, wie ſie eben eine ſolche Kriegszeit und das Feldlager erzieht, die ſicher vor einem Genuß und einer Ausgelaſſenheit nicht zurückſchracken, aber allerdings keinen Geſchmack an der Raffinerie und Per⸗ fidie finden mochten, die bei uns bisher in Flor geweſen. Der Major aber ging gänzlich unberührt durch dies Leben, obſchon man, wie ich weiß, auf mehr als einer Stelle Ge⸗ ſchmack an ihm fand, und obgleich es nur an ſeinem Willen lag, der Gebieter dieſes oder jenes Herzens zu werden. Und ich darf hinzuſetzen, es waren nicht die traurigen Größen des alten ſchrankenlos wilden Lebens, die ihn bevorzugten — denen war der Mann zu groß, zu edel und zu rein. — Nein, es waren ſelber noch edle Herzen, die ihn in ſeinem Werth erkennen und warm für ihn ſchlagen konnten. „Er ging, wiederhole ich, unberührt und anſcheinend kalt durch das Hoftreiben, und das geſchah nicht etwa deß⸗ Hoefer, Lorelei. 11 —— 162 Es war einmal ein König und eine Königin. halb, weil er kein Herz gehabt hätte, ſondern weil er das ſeine bereits einem andern geweiht hatte, das er einer großen, wahren, reinen Liebe für fähig und würdig hielt und das ihm wärmer und wärmer entgegenſchlug.— Das, meine Kinder, war das Herz der alten Frau, die jetzt nach faſt fünfzig Jahren von jener Zeit des Glücks und Segens zum erſtenmal und zu Fremden redet. Es gibt Zeiten und Er⸗ eigniſſe iim Leben des Menſchen, die ſind ſein eigen und er darf darüber nicht laut werden; ſie ſind auch zu gut oder zu böſe, um ſich in Worte hineinzwängen zu laſſen. Aber es kommt ein Moment, der ſie gebieteriſch hervor und an's Licht zieht. Der Moment iſt da und ihr beide ſeid meinem Herzen nahe— zu euch kann ich reden ohne Schmerz. Darum erfahrt ihr's.— „Ich hatte bisher, wenn ich jenes flüchtige Gefühl bei der erſten Annäherung meines nachherigen Gemahls ab⸗ rechne, niemals gewußt oder empfunden, daß auch ich ein Herz habe und mich zu einem Manne hingezogen fühlen, ihn achten und lieben könne. Dazu war mir keine Gele⸗ genheit geworden, wie ihr gehört. Aber ſchon als ich im Park von Luſtnau den Fremden vor mir ſah, überkam es mich mit einer unbeſchreiblichen, wenn auch nur erſt mo⸗ mentanen Bewegung, die ich in verſtärktem Grade wieder empfand, als ich ihn bei Hofe zum zweitenmale vor mir ſah, und die ſich immer wieder und immer lebhafter ein⸗ ſtellte, je häufiger ich ihm fortan begegnete, je beſſer ich Es war einmal ein König und eine Königin. 163 ihn kennen und ſeinen Werth ſchätzen lernte. Ich mußte den Mann achten, ihn bewundern; ich ſah ihn gern in meiner Nähe und gewann ihn lieb, wie einen trefflichen Menſchen von Geiſt und Herz, wie den einzigen Menſchen, wiederhol' ich, unter all den hohlen Puppen, die mich bisher umgeben, an denen ich meine Unterhaltung finden gemußt,— wie einen Menſchen, den ich mir ergeben wußte, den ich mir Freund glaubte, mir, die ich faſt noch nie anders als einſam geweſen, die ich Diener gefunden— anhängliche und treue, doch nur Diener— aber kein Freundesherz, es müßte denn das der kleinen Gertrud Hohenkron geweſen ſein. Aber das Herz einer Frau kann nur in dem des Mannes das rechte Genügen finden, wie dieſes in jenem. Das iſt eins der Ur⸗ geſetze der Schöpfung.— „Und die Zeit und mit ihr der Winter verging; die Bewerbungen des Prinzen Julius glitten ſpurlos an mir ab— ſie würden das freilich auch ſonſt gethan haben, ſelbſt wenn mein Leben und Fühlen in der alten Ruhe oder dem alten Wirbel geblieben. Allein, wer kann ſagen, was ich unter andern Umſtänden gethan, um nur aus dem Lande, fort von dieſem Hofe zu kommen. Jetzt war freilich nicht einmal von dem Gedanken an dergleichen die Rede, denn mit dem Erſcheinen des Frühlings in der Natur zugleich brach auch in meiner Bruſt ein voller, wunderbar ſchöner Lenz hervor. „Was mich noch vor wenig Wochen mit Schrecken er⸗ 164 Es war einmal ein König und eine Königin. füllt,— die erſte Ahnung, daß Schenks Gefühl für mich ein wärmeres und innigeres als das eines Freundes,— die folgende, immer ſicherere Erkenntniß, daß ich mich nicht ge⸗ täuſcht, daß er mich liebe,— das volle Bewußtſein dieſer Liebe— das fing an, mein tieſſtes, ſchönſtes Glück zu bilden, meinen Kopf zu erfüllen und mein ganzes Sein und Weſen zu durchdringen. Und ich fühlt' es und verbarg es mir nicht— ich liebte ihn mit aller Lebenskraft!— Ich wußt' es, daß ich ein Herz— ein tief ſehnſuchtsvolles, heißes und ungeſtümes Herz habe, das mit jedem Schlage zu ihm ſtrebte, das ſein war bis zu ſeinem tiefſten Grunde, das ſein erſtes und letztes, ſein reinſtes und höchſtes Fühlen für ihn bewahrt hatte. Das Bewußtſein meiner Stellung, den Stolz der Fürſtin und des in jenem Wirbel vorwurfslos gebliebenen Weibes, die Scheu und den Widerwillen der Frau gegen das ganze entartete Geſchlecht der armſeligen Männer— er hatte das alles in mir beſiegt, er hatte es mich vergeſſen laſſen. Er hieß auch Victor.— „Es war eine wunderbare Zeit, meine Kinder, eine Zeit voll jenes ſüßen Hangens und Bangens, von dem der Dichter ſingt, eine Zeit, wo wir uns bis in's Herz zu eigen waren, ohne daß jemals ein Wort zwiſchen uns über das Weſen unſerer Gefühle für einander gewechſelt worden; denn er war Mann von Ehre genug, um meine Stellung zu be⸗ rückſichtigen und zu ſchonen, um an die theils mißlichen, theils widerwärtigen oder lächerlichen Verhältniſſe und Zu⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 165 ſtände an unſerm Hofe zu denken. Das war's, was ihn von jeder Aeußerung ſeiner Gefühle, von jeder, doch ſo heiß erſehnten innigeren Annäherung zurückhielt, und nicht — wenigſtens damals nicht mehr— der Gedanke, daß er mich mit ſeiner Liebe beleidige, und daß eine Erwiderung derſelben in meinem Herzen ganz unmöglich ſei. Er wußte wohl, daß ich ihn liebte, und er hätte kein Mann von Geiſt ſein und nicht die rechte Liebe haben müſſen, wenn er mein Gefühl noch länger hätte verkennen können. O nein, wir wußten von einander, feſt, ſicher, treu und innig! „Es war eine wunderbare Zeit, wiederhole ich, ein tiefes, ſüßes, unſagbares Glück, und dieſe Zeit mit ihrer Liebe iſt noch heut der Segen meines Lebens, das volle Licht meines Daſeins, nicht ſchwächer, nicht leuchtender und beſeligender als damals, ſondern in unvermindertem Glanz. Denn was der Menſch ſo erlebt, das bleibt in ihm und ſein eigen, bis zu ſeiner letzten Stunde, es beherrſcht ihn immer⸗ dar und unabänderlich, und die Erinnerung kann nichts hinzu thun; an die Wirklichkeit und Gegenwart eines ſolchen Glücks reicht ſie gar nicht heran.— „Wir waren aber Menſchen, Menſchen voll Blut und Leben, mit heißen Herzen, die zum erſtenmal ſprachen, voll eines Glücks, das wir bisher vergeblich geſucht, voll des Bewußtſeins unſerer ewigen Rechte, welche die gleichen blei⸗ ben im Fürſten und Bürger. Es konnte nicht bleiben, wie bisher, und es blieb auch nicht ſo.— 166 Es war einmal ein König und eine Königin. „Eine ſtarke halbe Stunde von hier, auf dem Rande des Plateaus, welches die Wälder des Hindenſtein trägt, lag damals noch das Luſtſchloß Fantaiſie, der gewöhnliche Sommeraufenthalt des Hofes. Man hatte von ſeinen Fen⸗ ſtern und Terraſſen eine anmuthige Ausſicht auf das Thal, in dem die Reſidenz liegt, und auf die Thürme derſelben und den blanken Fluß; im Uebrigen aber war weder an den Gebäuden, noch an ihrer Umgebung viel von Phantaſie zu bemerken. Alles war groß und wüſt oder nüchtern, der Park in troſtloſer Regelmäßigkeit und Steifheit, und das Ganze ſchutz- und ſchirmlos der vollen Gewalt der Sommer⸗ ſonne preisgegeben. Dies alles fiel um ſo mehr und um ſo unbehaglicher auf, da der Park des Hindenſtein mit ſeinen damals noch viel mannigfaltigeren und ſchöneren An⸗ lagen ſich faſt unmittelbar an die Langweile des andern ſchloß und auch die Anmuth und Zierlichkeit des Jagd⸗ ſchloſſes ſelber eine Vergleichung mit den Mängeln drüben herausforderte. Man ſah es deutlich genug, die Fantaiſie war ſeit langer Zeit nur noch aus einem gewiſſen Pflicht⸗ und Anſtandsgefühl erhalten worden, während dem Hinden⸗ ſtein die volle Liebe oder Liebhaberei ſeiner Erbauer und Bewohner zugewendet blieb. „Auf der Fantaiſie langweilten wir uns auch in jenem Sommer und Herbſt, und da der Hindenſtein ſeit dem Tode meines Gemahls nicht mehr bewohnt, wenigſtens nicht mehr zu all den frühern Ausſchweifungen benützt wurde, flüchtete Es war einmal ein König und eine Köoͤnigin. 167 ich oft genug vor der Glut drüben in ſeine ſtillen, mich geheimnißvoll umflüſternden Schatten. Der Pavillon an dem Roſengange— er hieß damals Pavillon der Leda und barg in dem hintern halbrunden Anbau ein Baſſin köſtlich kühlen, ſpiegelklaren Waſſers, das jetzt längſt verfallen iſt— war ſchon damals mein Lieblingsplatz, und eines Morgens fand mich dort Victor, der, wie häufig umherſtreifend, zu⸗ fällig dahin gelangt war. Wir hatten ſeit Monden kaum mit einander geſprochen, ſeit Wochen uns nicht mehr geſehn. — Es wurde zu Worten, was bisher nur in unſern Herzen geklungen. „Wir trafen uns ſeit der Zeit öfters dort und wurden immer mehr und immer feſter einander zu eigen. Erſt von da ab lernte ich den Mann kennen in ſeiner vollen Seelen⸗ und Geiſteshoheit und lebte auf in dem Zauber ſeiner Liebe, in der Güte und Größe ſeines Herzens, in dem unendlichen Reiz ſeines Umgangs. Erſt von da ab lernte ich auch mich kennen und ſtaunte oft faſt ſelber über alles, was ſeine Liebesmacht in mir zum Keimen und Blühen rief, über die Liebesinnig⸗ keit, deren nun mein ſonſt ſo ruhiges oder ſtolzes Herz fähig war, über das unſagbare Glück, das einem Menſchen hier auf der Erde zuweilen beſchieden iſt, und das aus dem ſtillſten, einförmigſten Schatten plötzlich mit einem Glanze hervorbrechen kann, der uns von der Erde fort und in den vollen, klaren, reinen Himmel entrückt.— „Da der Herbſt ſo unbeſchreiblich ſchön war, gingen — 168 Es war einmal ein König und eine Königin. wir erſt am neunzehnten October in die Reſidenz zurück, und am zwanzigſten brannte die Fantaiſie, durch den Blitz eines ſchweren Herbſtgewitters entzündet, ſo ſehr zuſammen, daß zum Theil nicht einmal die Mauern ſtehen blieben. Mir war das unendlich gleichgültig, aber die Herzogin ſah darin eine Mahnung, daß ihr und ihrer Umgebung Leben noch immer zu weltlich und ſündhaft ſei, wurde in ihrem Lebenswandel noch ſtrenger und gewann einen immer ent⸗ ſchiedenern Einfluß auf den ſeit einiger Zeit kränkelnden Herzog. Das Leben am Hofe wurde immer triſter und ſtiller, die weiten Säle waren öde und dunkel, von heitern oder gar ausgelaſſenen Feſtlichkeiten war keine Rede mehr, und die Menſchen, die ſich vor Jahr und Tag noch in den wildeſten Ausſchweifungen ergangen, ſah man jetzt nur in ſchmuckloſer Tracht und mit gefaltenen Händen, hörte von ihnen die Weltluſt verdammen und ſo viel fromme Reden, daß es den Vernünftigen unerklärlich bleiben mußte, auf welche Weiſe ſie dergleichen auch nur ſo ſchnell gelernt haben könnten. „Auch ich ſchränkte meine kleinen Cirkel ein, und zwar ohne darüber Betrübniß zu empfinden. Die Stille und Ruhe dieſes Lebens war mir für meine Liebe grade will⸗ kommen, ja nothwendig. Ich hätte mich jetzt noch weniger als je in die alten leeren Luſtbarkeiten zu finden und der unſinnigen Etikette zu fügen vermocht. Auf mein Verhält⸗ niß zu, auf meinen Verkehr mit Victor hatte die Ueber⸗ .. 4 Es war einmal ein König und eine Königin. 169 ſiedlung nach der Stadt keinen hemmenden Einfluß gehabt. Mit der gehörigen Vorſicht ließ ſich unſer Umgang ſogar inniger und ſicherer fortſetzen als hier draußen in den, un⸗ endlich Vielen freiſtehenden Revieren, wo wir bisher nur durch ein glückliches Ungefähr jeder Beobachtung entgangen waren. Zu Fantaiſie hatte er ſich ſelten oder nie ſehn laſſen dürfen, da mit Ausnahme weniger beſonderer Gele⸗ genheiten dort nur die dienſtthuenden Herren und Damen erſcheinen durften. In dem großen Stadtſchloß, wo alle möglichen Menſchen wohnten oder Dienſtlokale hatten, konnte er ſich unbekümmert zu jeder Tages⸗ oder Abendſtunde zei⸗ gen. Zu einzigen Vertrauten unſeres Bundes hatten wir Gertrud Hohenkron und meinen alten Kammerdiener, ein Erbſtück von meinen Eltern her, und wir hofften unſer Ge⸗ heimniß wohl bewahrt und vor aller Welt verborgen. „Ich kann von jenen Monaten wenig ſagen,“ fuhr die Fürſtin nach einem tiefen Athemzuge fort.„Wir waren glücklich und ein ſolches Glück muß der Menſch erleben, um es kennen zu lernen; durch Worte läßt es ſich nicht wiedergeben noch deutlich machen. Nur das kann ich anführen, was damals auch uns immer klarer ward, und in dem ſich, ſo zu ſagen, die Summe unſeres Denkens, Fühlens und Wiſſens konzentrirte— das war die tiefinnige, gläubige, feſte Ueberzeugung: Victor war der Mann für mich, und ich war das Weib für ihn. Außer ihm und mir gab es 170 Es war einmal ein König und eine Königin. nichts für uns Beide, und die übrige Menſchheit war um⸗ ſonſt da. „Eine Sünde ſahen und wußten wir in dieſem Bunde 4 nicht, den wir nicht für heute und morgen geſchloſſen, der uns vielmehr für alle Lebenszeit vereinen ſollte, wenn wir ihn, der beſondern Umſtände und Verhältniſſe wegen, auch jetzt noch verheimlichen mußten. Die Geſchäfte der Com⸗ miſſion zeigten ſich mit dem Jahre 1764 beendigt, allerlei Formalitäten konnten die Mitglieder vielleicht noch bis zum Frühjahr in der Reſidenz feſthalten. Dann ſollte Victor ſeinen Abſchied nehmen, als freier Mann wiederkommen, und ich wollte ihm dann ſtill, als ſein treues Weib in ſeine Heimat folgen. 1. „Daß die Sache Aufſehn machen, von Seiten meiner 4 Verwandten allerlei Einwendungen hervorrufen werde, daß ich auf mehr als einen Verſuch von ihnen, mich von dem geliebten Mann zu ſcheiden, gefaßt ſein müßte,— daran zweifelten wir nicht. Allein ebenſowenig erwartete ich einen ernſtlichen Widerſtand, und ein wirkliches Veto hielt ich für unmöglich. Ich war frei, im ſelbſtſtändigen Alter. Was wir beabſichtigten, war dazu keineswegs ohne Beiſpiel, es gab der ähnlichen Fälle mehrere. Und endlich— die Schenk von Bergkheim waren vom beſten alten, turnierfähigen Adel, angeſehn und wohlhabend, ſo daß meine zukünftige Stellung, man mochte ſie betrachten, von welcher Seite man wollte, eine durchaus anſtändige und würdige blieb. Es war einmal ein König und eine Königiu. 171 „Wir hatten daher auch keine andere Sorge als das Geheimniß zu bewahren. Die armſeligen Menſchen an un⸗ ſerem Hofe waren nicht dazu gemacht, es richtig und freund⸗ lich aufzufaſſen; ſie hätten es lieblos in den Schmutz ge⸗ zogen, in dem ſie ſelber ihr Daſein verbrachten. Und unſer Bund war ſo ſchön und ſo innig, und unſer Glück ſo voll⸗ ſtändig, und wir waren uns ſo durch und durch ſelbſt ge⸗ nug, daß wir von andern Menſchen weder im Guten, noch im Böſen etwas wollten. Glaubt mir, es war das keine thörichte Schwärmerei und keine ſentimentale Uebertreibung, ſondern das tiefinnige, ruhige und ſelige Bewußtſein des vollen Genügens, die Ueberzeugung, wiederhole ich, daß wir nichts von der Welt wollten und brauchten als uns, daß wir für einander beſtimmt ſeien. „Ich bin eine alte Frau und bin niemals ſehr weich geweſen und habe nie von meinem Fühlen reden können, noch davon überhaupt und vor mir ſelbſt viel Weſens ge⸗ macht. Es iſt auch eine lange Zeit her, in der ſich, nach der Menſchen Sagen, ja alles und alles zurecht ziehn, be⸗ ruhigen und erträglich werden ſoll. Allein, wenn ich an das Damals denke, an jene ſpäten Abende, wo unſer Tag begann, wo ich allein war in meinem traulichen Zimmer oder nur die gute Gertrud neben mir hatte und ihre theil⸗ nehmenden, treuen Blicke mir, der Glücklichen, Erwartungs⸗ vollen, ſo innig folgen ſah; wo endlich die Stunde ſchlug und ich dann faſt zugleich das leiſe Pochen des Kammer⸗ 172 Es war einmal ein König und eine Königin. dieners an der Thür hörte, das ihn mir ankündigte; wo er vor mir ſtand und meine Hände an die Lippen zog und ſeine ganze Zärtlichkeit in den leiſe ausgeſprochenen Namen hineinlegte, bei dem er mich nannte; wo mir das Herz ſchwer war von Glück, und mein Kopf nichts anderes in ſich hatte, als Einen Segen für ihn und ſeine Liebe,— ſeht, Kinder, das Gefühl iſt noch heut in mir, wie damals — das tiefe Glück, die tiefe Befriedigung, die ſüße Ruhe und Sicherheit in ſeinem Beſitz, in ſeiner Liebe, das Auf⸗ gehn meines ganzen Weſens in der Hingebung an ihn, in der Zärtlichkeit für ihn— das habe ich und fühle ich noch heute in mir, das hat mich nie zu Grunde gehn laſſen in all dem Gram, in all der Einſamkeit und Oede der langen folgenden Jahre, und ich gedenke es feſt in mir zu behalten bis zu meiner letzten Stunde. „Er nannte mich, ſeit er mir einen Namen gab, nie anders als Hubertine, wie ich neben Antoinette benannt bin. Den letztern Namen wollte und mochte er nicht. „Den haben dir alle die gegeben,“ ſagte er einmal, „welche dein Weſen nie begriffen, welche dich feſtgehalten in den bisherigen traurigen, entwürdigenden Verhältniſſen. Für mich biſt du die nicht, nicht die Prinzeſſin, ſondern das ſe⸗ gensvolle Weſen, das mich zum Leben erweckte, das an meinem Herzen erſt zu einem rechten Daſein erwachen ſoll. Für mich biſt du etwas Neues, ich will nichts mit denen gemein haben, die dir bisher nahe waren, nicht einmal dei⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 173 nen, von ſo frechen und feilen Lippen mißhandelten Namen. Der Name eines geliebten Menſchen iſt mir nicht gleichgül⸗ tig, ich nenne mit ihm den Menſchen ſelbſt, ich rede mit ihm zu dem tiefſten, innerſten und eigenſten Sein und Weſen. Die Antoinette iſt nicht mein, von der weiß und will ich nichts. Hubertine iſt's, die ich liebe, die ſich mein eigen nennt.“ „Und wie er bei dieſer Gelegenheit ſprach, ſo war es eigentlich immer. Er redete anders als alle, die ich ſonſt gehört. In der gleichgültigſten Rede, in dem einfachſten Wort von ihm war etwas Beſonderes, Bedeutendes, etwas Schönes und Inniges, was dem Hörer in's Herz klang. Alles, was er ſagte, zeugte von ſeinem Geiſt, von ſeinem Herzen und Gefühl, eine Phraſe habe ich nie von ihm ver⸗ nommen. Und glaubt nur nicht, daß er dieſe ſeine Vorzüge gekannt hätte, daß je in ſeinem Reden oder Weſen etwas Abſichtliches, etwas Gemachtes zu Tage getreten wäre. Nie dachte ein Menſch beſcheidener von ſich ſelbſt— eigentlich ſollte ich ſagen: ſo gar nicht an ſich ſelbſt— nie war einer unbefangener und überließ ſich ſo ſorglos den Regungen ſeines Innern und gab ſich ſo offen hin, wie er war. Das muß ich ſtets wiederholen.— „Aber ich will weiter erzählen,“ fuhr die Prinzeſſin fort;„ich kann mich nicht in dieſen Einzelheiten und kleinen Zügen verweilen, ſo theuer und unvergeßlich ſie mir auch 174 Es war einmal ein König und eine Königin. 4 ſein mögen. Ich muß zu dem Ende kommen, das damals auch für uns herannahte... „Die Zeit verging, und es ließ ſich für uns alles auf's beſte an. Der Prinz Julius hatte ſich wirklich ausge⸗ ſprochen und war zum großen Verdruß meiner Verwandten abgewieſen worden. Ich hatte dem Herzog dabei nicht ver— hehlt, daß meine frühere ſogenannte Ehe mir nicht grade Luſt zu einer zweiten ähnlichen gemacht hätte, und er hatte das achſelzuckend hingenommen, weil er auch allerdings nichts dagegen einwenden konnte. Der Prinz war dann abgereist, und wir lebten noch ſtiller weiter. „Da ließ ſich eines Tages im März der Herzog bei mir zu einer gänzlich ungewohnten Stunde melden— es war Abends gegen neun Uhr— und folgte dem Kammer⸗ herrn auf dem Fuß. Er ſah finſter aus. „Meine Couſine,“ fing er ſteif an,„es iſt mir etwas ſo Aergerliches zu Ohren gekommen und ich habe Ihnen ſo ernſtliche Vorwürfe zu machen, daß ich es vorgezogen habe, ſelber und ſogleich mit Ihnen zu reden, bevor die Sache öffentlich werden könnte und ich einſchreiten müßte.“ „Ich verſtehe Sie nicht, mein Couſin,“ verſetzte ich kurz, denn ſeine Weiſe mißfiel mir. „Sie wiſſen,“ fuhr er fort,„daß Ihr Hoffräulein, die Gertrud Hohenkron, nach einer Uebereinkunft der beiderſei⸗ tigen Eltern ſeit ihrer frühſten Jugend mit dem Jagdjunker von Bühel verlobt iſt und demnächſt mit ihm verheirathet Es war einmal ein König und eine Königin. 175 werden ſollte. Nun muß ich mir auf meine Frage von dem Oberjägermeiſter, dem Vater, ſagen laſſen, daß das leichtſinnige Geſchöpf ein Liebesverhältniß mit dem preußi⸗ ſchen Commiſſar, dem Major Schenk, angeknüpft habe und daß Eure Hoheit daſſelbe zu begünſtigen ſcheinen. Wenig⸗ ſtens habe man den Major zu außerordentlich unpaſſenden Stunden in dieſem Flügel geſehn und wiſſe, daß er zu eben ſolchen Stunden jenes Geſchöpf in den Gemächern Eurer Hoheit getroffen habe. Das kann nur mit Ihrem Wiſſen und Ihrem Willen geſchehn ſein.“ „Euer Durchlaucht irren,“ verſetzte ich kalt und gefaßt. „Ich will keine Antwort von Eurer Hoheit, ſondern Gehorſam gegen die Befehle Ihres Fürſten und Herrn,“ entgegnete er hart und ſtand auf.„Die Sache verhält ſich, wie ich geſagt, und ich werde dafür zu ſorgen wiſſen, daß die Familie Bühel die vollkommenſte Genugthuung erhält. Ich habe auch noch einen andern Grund für die Beſuche jenes Menſchen angedeutet erhalten,“ fuhr er drohender fort;„man hat mich errathen laſſen wollen, daß die Affaire mit dem Fräulein nur eine Maske ſein möge, daß es ſich noch um einen ganz andern Skandal handeln könne, daß man Dinge treibe— Dinge, die auf der einen Seite eine Geſunkenheit, auf der andern eine Frechheit oder einen Wahnſinn kundgeben würden, die alles Glaubliche überſtei⸗ gen. Ich glaube nicht daran. Aber ich will doch Eure Hoheit darauf aufmerkſam machen, daß ich in Betreff der 176 Es war einmal ein König und eine Königin. Ehre unſeres Hauſes Grundſätze habe, welche ſich nicht ver⸗ letzen laſſen, ohne dem Frevler verderblich zu werden. Ich kann unverſöhnlich ſein, Eure Hoheit, ſelbſt wo nicht ein Factum, ſondern nur ein Gerücht in Betracht käme, das am Hofe und im Lande zum Gerede Veranlaſſung geben würde.“ „Damit verließ er mich, ohne auf eine Antwort von mir zu warten. Ich hatte aber freilich auch gar keine Luſt zu antworten. „Nicht als ob ich grade ſonderlich beſtürzt oder in Sorgen geweſen wäre, meine Kinder. Daß mir dieſe— Gerüchte nicht angenehm ſein konnten, verſteht ſich von ſelbſt, aber damit iſt auch alles geſagt. Es hieß Vorſichts⸗ maßregeln ergreifen, Victor warnen, die arme Gertrud ſchützen und ſelber ein paar Monate früher in den Kampf treten, als ich es mir bisher gedacht. Da ich jedoch ent⸗ ſchloſſen war, mußte die Zeit gleichgültig ſein. Ich begriff noch nicht, wie die Sache zuſammenhing, aber daß es eine Intrigue der Bühel ſei, war mir klar genug. An meinen Couſin, den Herzog, dachte ich gar nicht; ich hatte keinen Grund dazu, ihn für mehr zu halten, als für einen gut⸗ müthigen, jetzt durch Gott weiß was aufgehetzten Poltron. Das Beſte aber war, daß ich grade an dieſem Abend noch Victor zu erwarten hatte und mich alſo vollſtändig mit ihm verſtändigen konnte. „Ich inſtruirte einſtweilen meinen alten Kammerdiener, Es war einmal ein König und eine Königin. 177 daß er heut beſonders vorſichtig ſein möge, und dann ließ ich alles ſeinen gewöhnlichen Gang gehn. Gertrud hatte ſich unwohl melden laſſen, was mir jetzt ſehr natürlich er⸗ ſchien. Ein ſo ſchmachvolles Gerücht mußte das arme Mädchen wohl krank machen vor Scham und Verdruß, und was die Eltern mit ihr im Sinn hatten, konnte ihr Herz auch nicht erleichtern. Es war bisher von dieſem Plane niemals im Ernſt die Rede geweſen, und Gertrud ſelber hatte für den Jagdjunker und ſeine Bewerbungen nie etwas anderes als Spott gehabt. Er war ein ruinirter Menſch. „Die Uhr ward zehn. Ich entließ die Hofdame und meine Kammerfrau wie gewöhnlich und zog mich in mein Kabinet zurück, erwartungsvoll und ſehnſüchtig, wie ſtets vor dieſen Stunden meines Glücks, und dennoch ruhiger als ſonſt; ein gefaßter Entſchluß gibt auch eine feſte Hal⸗ tung. Ich ſaß ſtill in der dämmerigen Ecke am Kamin und horchte in mich hinein und um mich her. Allein es ließ ſich nichts vernehmen als das Rauſchen der nahen Parkbäume im Märzwind und das Geräuſch des zuweilen gegen die Fenſter geſchlagenen Regens. Im Schloß ſchien alles zur Ruh' zu ſein, es regte ſich nichts mehr, wie es freilich neuerdings, ſeit man bei uns der Weltluſt immer mehr Valet gegeben, faſt ſtets um dieſe Zeit der Fall zu ſein pflegte. Dennoch, ohne daß ich recht faßte, weßhalb, wurde mir dieſe Stille heut Abend quälend, und ich ſagte faſt jubelnd:„Gott ſei Dank!“— als ich endlich des Hoefer, Lorelei. 12 178 Es war einmal ein König und eine Königin. A Dieners Pochen vernahm. Diesmal trat der Alte ſelber herein. „Der Herr Major ſind da,“ meldete er,„und es iſt alles ruhig. Ich bin ſelbſt über den Hof gegangen und habe Seine Gnaden herbegleitet.“ Und gleich hernach ſtand Victor vor mir. „Was gibt es denn?“ fragte er nach den erſten Be⸗ grüßungen, indem er meine Hände in den ſeinen behielt und mir mit der vollen Innigkeit ſeines Blicks in die Augen ſchaute.„Es iſt heut Abend nicht alles wie ſonſt. Du biſt ſo bewegt, Hubertine. Der Alte war ſo ernſt und führter mich ſelber durch die Thür und über den Hof. Was iſt denn vorgefallen?“ „Da erzählte ich ihm von den Mittheilungen des Für⸗ ſten. Victor fuhr auf; ich habe ſeine Augen nie ſo dunkel, ſeine Stirn nie ſo finſter geſehn. „Ich verſtehe,“ ſprach er.„Frau von Bühel iſt ſo freundlich gegen mich geweſen, daß meine Kälte in ihren Augen ein Verbrechen ſein und einen Grund haben muß, der ihr als ein weiteres Verbrechen erſcheint. Bei Gott, man hat mir alſo nachgeſpürt! Verlaß dich darauf, der Hauptſpion iſt niemand anders als der alberne Junge, der Arnold Bühel. Er iſt mehrmals Abends an mir vor⸗ beigeſtreift; doch habe ich ihn nie auf dem Wege hieher bemerkt.“ „Und dieſer Arnold Bühel, der zweite Sohn des Ober⸗ Es war einmal ein König und eine Königin. 179 jägermeiſters, damals ſeit einem Jahre etwa Page der Her⸗ zogin, iſt der jetzige Beſitzer von Breitenſteinbach. Zu jener Zeit wird er ſchwerlich mehr als fünfzehn Jahre gezählt haben, aber an Intriguengeiſt und Bosheit war er ſchon ein Mann ſeiner Familie. „Jetzt fürchte ich noch etwas Anderes,“ fuhr Vietor damals fort.„Man hat geſtern Abend, während ich bei dem Hofmarſchall war, einen Einbruch bei mir verſucht und auch meinen Schreibtiſch ausgeräumt. Ich habe das als einen Diebſtahl betrachtet und angezeigt. Allein ich komme nun auf den Gedanken, daß man es nicht auf mein Geld, ſondern auf meine Papiere abgeſehn hat.“ „Victor!“ rief ich erſchrocken; ich hatte ihm ja ſo oft geſchrieben! „Sei ruhig, mein Herz,“ verſetzte er begütigend.„Ich bin zwar kein Hofintriguant, ſondern nur ein ſorgloſer Sol⸗ dat, allein dennoch zu ſchlau für dieſe armſelige Geſellſchaft. Meine Schätze ſind unberührt geblieben— ſie ſind wohl geborgen. Nur der kleine Papierſtreifen, den ich geſtern erhielt, lag im Tiſch und iſt freilich fort. Aber du weißt, es iſt nur eine Zeile ohne Unterſchrift. Der kann dich nicht kompromittiren. Und nun laß uns von dieſer irdiſchen Miſere ſchweigen. Laß uns unſerer Liebe denken und der Zukunft, Hubertine. Wir werden uns vielleicht lange nicht ſehn können.“. „Er zog mich auf, an ſeine Bruſt, und dann gingen 180 Es war einmal ein König und eine Königin. wir im Zimmer auf und ab und beredeten, was zunächſt nothwendig ſein möchte, und wie wir's im Fall einer län⸗ gern Trennung halten wollten. Es war ſchon zwei Uhr, da er ſchied. „Mir war das Herz ſchwer; ich öffnete das Fenſter und ſah ihm nach. An der Thür drunten lehnte er die Begleitung des Kammerdieners freundlich ab. Das war das letzte Mal, daß ich ſeine Stimme vernahm; und ſeit ſeine Geſtalt mir drüben im Schatten des Querbau's entſchwand, hab' ich ihn nicht wieder geſehn. Ich hörte noch die kleine Thür drüben öffnen— in ſolchem Augenblick iſt unſer Ohr ſchärfer als ſonſt und bemerkt jeden Ton— und dann war alles ſtill. Nur der Wind zog bald leiſer, bald lauter über den öden Hof und an den dunklen Ge⸗ bäuden entlang. „Und doch ward zur ſelben Zeit im dunklen Korridor des Querbau's ein blutiger, aber lautloſer Kampf gekämpft. Die Bühel überfielen dort den geliebten Mann. Der Forſt⸗ junker fand dabei ſeinen Tod; Victor durchbrach trotz einer ſchweren Wunde den Mörderhaufen und gelangte von ſeinem treuen Jäger unterſtützt, der ihn im Park zu erwarten pflegte, in ſeine Wohnung, wo er viele Wochen lang mit dem Tode rang. Das habe ich erſt manche Jahre ſpäter durch meinen alten Joſef erfahren, der damals vor kurzem Lakai geworden war. Er hat mir, als er einige Jahre darauf hieher und zu mir kam, die erſte Nachricht von Victor gebracht. Bis —— ⅓ Es war einmal ein König und eine Königin. 181 dahin wußte ich nur von dem Kampf und hielt den Freund für todt. „Schweren Herzens legte ich mich in jener Nacht end⸗ lich nieder, und als ich Morgens mich erhob, wurde mir angekündigt, daß ich eine Gefangene ſei. Gertrud war ſchon am vorigen Abend in der Stille verhaftet; meinen Kam⸗ merdiener hatte das Loos in der Nacht getroffen. Ich ſah beide nicht wieder. „Man öffnete meinen Schreibtiſch und bemächtigte ſich meiner Papiere. Ich rettete nichts als dies Käſtchen mit dem Bilde Victors und ſeinem letzten, aber auch ſchönſten Brief. Aus dem, was man fand, las man, ich weiß nicht welche und wie viele Verbrechen heraus. Meine Vertheidi⸗ gung ward nicht gehört, mein Wille, meine Freiheit nicht geachtet. Man brachte mich hieher und hielt mich hier ab⸗ geſchloſſen von aller Welt. Zu Kerkermeiſtern beſtellte man mir den Oberſten von Bühel mit Frau und Neffen— den Pagen meine ich. Friedrich II. hatte für die Mißhandlung ſeines Geſandten Genugthuung verlangt, auch da noch, als man ihm den Zuſammenhang der Sache, natürlich in uns feindlichem Sinne, auseinandergeſetzt, und man beſeitigte alſo nothgedrungen die Hauptbetheiligten. „Sie errangen ſich den Ruhm, einer unglücklichen Frau das Leben zuweilen unerträglich zu machen,— und jener Bube trieb die Frechheit und Unverſchämtheit ſo weit, daß ich eines Tages die Hand gegen ihn erhob. Die Sache 182 Es war einmal ein König und eine Königin. mochte dann auch anderwärts zur Sprache gekommen ſein und das Benehmen des Jungen Mißfallen erregt haben. Er verſchwand vom Hindenſtein und man hieß ihn ſeine Carriere vermuthlich in andern Ländern machen. Sein Vater, der Oberjägermeiſter, legte damals gleichfalls ſeine Aemter nieder und ging außer Landes. Nur meine Pei⸗ niger blieben. „Von Victor habe ich durch Joſefs Vermittelung nur einmal, nach vielen Jahren eine Nachricht erhalten. Seine früheren Verſuche waren an der Wachſamkeit und dem Haß meiner Hüter geſcheitert. Er meldete mir ſeine Verheira⸗ thung. Sein Familiengeſetz legte ihm die Verpflichtung auf, vor dem fünfzigſten Jahre zu heirathen oder die Güter noch zu ſeinen Lebzeiten abzutreten. Er hat ſich gewehrt bis auf den letzten Moment. Da hat er nachgegeben, weil er für ein paar alte Verwandte zu ſorgen hatte, die ohne ſeine Un⸗ terſtützung hätten in Armuth verkommen müſſen. Ich habe ihm Gottes reichſten Segen gewünſcht, und er— hat mich nie vergeſſen, nicht hier unten, nicht dort droben. Denn er iſt's, der mir ſeinen Hubert geſchickt und ans Herz gelegt hat, den Knaben, den er durch ſeinen Namen mir geweiht. Eine ſolche Begegnung iſt nicht zufällig.— Von ſeinem Tode erhielt ich, wieder manche Jahre ſpäter, gleichfalls die Kunde durch Joſef. „Das bin ich, meine Kinder, das ſind Victor und Hu⸗ bert, das ſind die Bühel. Die Eva hier—“ und ſie ſtreckte Es geht ein friſcher Sommer daher. 183 dem bewegten Mädchen die Hand hin,—„die verläßt mich nicht in dem neuen Kampf, das weiß ich. Und Sie, Raben?“ Der Forſtmeiſter erwiderte nichts und beugte ſich ſtumm über die andere Hand der Fürſtin. Er hatte Thränen in den Augen. VIII. Es geht ein friſcher Sommer daher. „Ach Gott, liebe Tante, ſind Sie noch immer unwohl — eine Beute des Schreckens, um mich angemeſſen auszu⸗ drücken?“ fragte Eva, als ſie am folgenden Morgen ins Zimmer mit dem niedergeſeſſenen Kanapee trat und die alte Verwandte in einem voreinſt ſicher nicht wenig eleganten, jetzt jedoch vergelbten Deshabillé und das ehrwürdige Haupt mit einer großen Dormeuſe bedeckt auf dem geliebten Möbel ſitzen fand. Die Dame richtete den Oberkörper mit einem ſchnellen Ruck von der Rückwand auf und ließ die Hand mit den Briefen der Sevigné auf den Schooß ſinken, während ſie der überaus heiter d'reinſchauenden Nichte einen finſtern Blick zuwarf. „En vérité, ma nièce,“ fing ſie an, aber das unver⸗ beſſerliche Geſchöpf fuhr mit beiden Händen an die Ohren 184 Es geht ein friſcher Sommer daher. hinauf und unterbrach ſie mit komiſcher Angſtmiene:„um Gotteswillen, Tante, halten Sie ein! Auch ich bin noch bis in's Innerſte erſchüttert von den geſtrigen Unthaten der Franzoſenfreunde, und wenn Sie mich dieſe abſcheulichen Laute zu hören zwingen, ſtehe ich nicht für mich.— Mir iſt krampfhaft zu Muth.“ Die Alte erbleichte und fuhr auf.„Mais— liebes Kind,“ ſtotterte ſie angſthaft,„ich bitte dich— keine Scene! Du weißt, ich kann keine— ſolchen Anfälle ſehn, ohne ihnen ſelber zu unterliegen. Ich kann nicht einmal den Namen hören. Faſſe dich, Kind!“ „Ich nehme mich auch zuſammen, Tante,“ war die ernſthafte Antwort.„Aber wie geſagt, das Geſtern ſteckt auch mir noch in den Gliedern. Und Sie thun nicht recht, jene Fremdlinge und ihre Anhänger noch zu protegiren. Sie wiſſen nicht, mit welcher Entrüſtung die Hoheit ſich ausge⸗ ſprochen hat. Nehmen Sie ſich in acht. Sie wiſſen, unſere Herrin ſcherzt in manchen Dingen gar nicht.“ Galatea von Hohenkron ſetzte ſich ſteif wieder auf das Kanapee zurück und entgegnete nichts. Aber auf ihrem Ge⸗ ſicht zeigte ſich eine Art von Schwermuth und ihre Dor⸗ meuſe zitterte auf eine ſo beſondere Weiſe, als ob das Haupt darin leiſe geſchüttelt werde, freilich mit genauer Beobachtung des Maßes, welches für eine ſo ordinäre Bewegung einer Dame ihres Ranges erlaubt war. Eva jedoch fand diesmal aus beidem nicht das Komiſche Es geht ein friſcher Sommer daher. 185 heraus, ſondern fühlte beſonders durch den Geſichtsausdruck der Verwandten ihre ganze Gutmüthigkeit rege werden, und raſch herantretend und die Hand der alten Dame ergreifend, ſagte ſie herzlich:„liebſte Tante, Sie ſehn wirklich leidend aus. Kann die Eva gar nichts für Sie thun?“ Jetzt ſchüttelte die Dame wirklich den Kopf und ſah ihre Nichte mit einem ungewöhnlich ſtrengen Blicke an. „Glaubt man, daß ich mich verſtelle?“ fragte ſie ſcharf. „Mein Körper iſt zu zart für ſolche Emotionen, wie ich ſie in den letzten Tagen auf's grauſamſte meine Nerven zer⸗ ſtören fühlte. Ich will nichts von geſtern ſagen. Dieſe Scenen haben mich erſchüttert und mir meine alte peinliche Migraine zugezogen. Allein der Körper würde ſchon tragen, wenn der Geiſt nicht noch ſchwerer zu leiden hätte. Die unwürdige Behandlung, die der Ehrenmann zu erdulden hatte, der zu unſerem Schutz herbeieilte,— der ſchran⸗ kenloſe Leichtſinn deren, die ich meine Nichte nennen muß, — die ſichtbare Ungnade Ihrer Hoheit, die ihre alte treue Dienerin immer weniger beachtet, immer weniger ihres Vertrauens würdigt,— und das alles, wie es ſcheint, um einen Vagabunden, einen mit Steckbriefen verfolgten Ver⸗ brecher, um einen, von jedem treuen Unterthanen unſeres hohen Fürſtenhauſes verdammten Menſchen—!“ Sie brach ab und ſetzte aus ihrer Aufregung zurück⸗ ſinkend, abgeſpannt hinzu:„ich bin alt und müde, mein Kind, das fühle ich immer deutlicher. Ich kann den An⸗ 186 Es geht ein friſcher Sommer daher.— forderungen, welche man jetzt an Unſereinen macht, nicht mehr genügen, mich nicht zu den neuen Ideen und Be⸗ griffen erheben. Meine Zeit iſt aus. Ich muß Ihre Hoheit um meine Entlaſſung bitten. Herr von Aldenhofen ſtimmt mit mir überein.“ Eva hatte während dieſer Rede ſchweigend vor ihr ge⸗ ſtanden, aber über das wieder roſige Geſichtchen zuckte es jetzt fort und fort von unterdrücktem Lächeln, da ſie mit jedem Wort den eigentlichen Gemüthszuſtand der alten Dame beſſer verſtand und ſich über ihr Befinden immer mehr beruhigte. „Um Gott, liebſte Tante,“ ſagte ſie endlich, und jetzt zeigte ſich in ihrem Geſichte neben aller Schalkhaftigkeit auch noch ein Zug von geſpannter Aufmerkſamkeit, und ihre Augen beobachteten jede Bewegung und jede Miene der Tante heimlich, aber ſcharf,—„was reden Sie nur? Kön⸗ nen Sie es der Hoheit verdenken, wenn ſie ernſtlich em⸗ pfindlich darüber iſt, daß Sie nicht nur den von ihr ge⸗ haßten Mann ſo häufig nennen, ſondern auch denſelben, den Major, meine ich, protegiren, ihm Ihre Nichte beſtim⸗ men und noch geſtern mit ihm eine Zuſammenkunft—“ Eva ſprach ſehr langſam und brach bei dem letzten Worte ab, denn die Hohenkron zuckte heftig zuſammen. „Ich begreife nicht—“ ſtammelte ſie. „Wie man davon erfahren?“ ſagte Eva kalt.„Oh, man hat es wohl bemerkt und—“ Es geht ein friſcher Sommer daher.. 187 „Ihre Hoheit weiß davon?“ fragte die Alte raſch und ſetzte verzweiflungsvoll hinzu:„O Gott, es geſchah ja nicht aus Ungehorſam, ſondern nur, um dem Herrn Major das Wohl Ihrer Hoheit recht ans Herz zu legen, das ſie durch die Protection dieſes— Vagabunden neuerdings auf's Spiel ſetzt. Ihre Hoheit hat ein ſo gütiges Herz, und wo es zu helfen gegolten, hat ſie niemals viel überlegt. Ich — ich konnte nicht gleichgültig bleiben.“ Es regte ſich in Eva, welche die Prinzeſſin ſo ganz anders und beſonders durch die Erzählung des porigen Abends bis ins Herz hinein kannte, bei dieſen Aeußerungen der langjährigen Begleiterin der hohen Frau ein leiſes miß⸗ achtendes Gefühl. Aber mit wahrer Erbitterung erfüllte ſie die neue Intrigue des Feindes, in deren plump ange⸗ legte Fäden ſie eben, halb durch Zufall, hineingegriffen. Da ſie von Bühels Anweſenheit im Revier, von ſeiner Verbindung mit der Tante und von einem höchſt unge⸗ wöhnlichen Spaziergang dieſer Letzteren durch den Park wußte, ſo lag der Gedanke an eine Begegnung nicht gar zu fern, obſchon Eva bei der prüden Aengſtlichkeit des alten Fräuleins nicht recht daran glaubte. Sie machte ihren An⸗ griff, halb um ganz ſicher zu gehn, halb um die Alte ein wenig zu necken und ſie von einem ähnlichen, etwa beab⸗ ſichtigten Rendezvous zurückzuſchrecken. Was ſie nun ent⸗ deckte, flößte ihr nicht geringen Schrecken ein, allein ſie zeigte das nicht und wich auch nicht zurück. Und da ſie * . 1 188 Es geht ein friſcher Sommer daher. nicht nur ihren Feind, ſondern auch die Tante kannte und aus den Aeußerungen der Letzteren abnahm, wie Bühel die Sache angegriffen, ſo warf ſie alle Rückſichten zur Seite und trat feſten, kecken Schritts und auf ihre Weiſe gleich⸗ falls in die Intrigue hinein. „Wie ich von dem Major Bühel denke, liebe Tante,“ ſprach ſie daher lebhaft,„das wiſſen Sie, wenn Sie meine Anſicht auch nicht theilen, ſondern mich wegen derſelben eine Thörin und Undankbare ſchelten; Sie wiſſen aber, daß die Prinzeſſin wenigſtens ſich meinem Urtheil anſchließt. Ich ſage jetzt, laſſen Sie ſich nicht betrügen und Ihre Güte nicht mißbrauchen. Glauben Sie mir, Bühel will ſich nur an der Fürſtin und mir rächen— wir wiſſen ſchon, wofür — und ſchiebt jetzt zu dem Zweck eine— fabelhafte Perſönlichkeit vor, die er auf ſeine Weiſe koſtümirt und konſtruirt, damit ſie ſeinen Zwecken diene. Die Hoheit protegirt meines Wiſſens gar keinen Fremden. Sollte es aber der ſein, welchen man geſtern verfolgte— wiſſen Sie, wer das eigentlich iſt?“* Die Hohenkron, welche ſchon durch das Vorangegangene in ihrer feindlichen Haltung erſchüttert war und durch den Ernſt der Nichte auf's neue frappirt wurde, ſah dieſelbe mit einem halb ſcheuen, halb zweifelhaften Blicke an, ohne jedoch eine Antwort zu geben. „Wen hat Ihnen der Herr Major genannt?“ fragte Eva wieder. ¼ Es geht ein friſcher Sommer daher. 189 Und da verſetzte die Tante, welche ſich über dies Examen doch zu ärgern begann, ziemlich feſt:„jenen un⸗ ſeligen Namen, der ſchon einmal für dies Land das ſchwerſte Unheil mit ſich brachte. Schenk heißt der Menſch. Du verſtehſt das freilich nicht.“ „Doch, doch, Tante, ich verſtehe ſchon!“ entgegnete Eva, innerlich faſt beluſtigt, da ſie ihren Weg und den des Feindes immer deutlicher vor ſich ſah.„Und berechnen Sie nicht, daß jener Unglückliche, der damals von der Mörderbande der Bühel überfallen wurde, jetzt ein Mann von faſt achtzig Jahren ſein müßte? Sollte der noch als Flüchtling umherſtreifen? Lernen Sie nun den Menſchen kennen, der ſo frech mit Ihnen ſpielt, der Sie für ſo— ſo bedachtlos hält, daß er eine ſo plumpe Täuſchung wagt? Nein, nein,“ fuhr ſie bei der Verdutztheit der Alten immer kecker werdend fort,„der Mann, der hier verfolgt wurde — denn jetzt wird er wohl fort ſein— iſt der Sohn eines Andern, welcher auf dem Punkte ſtand— Fürſt zu werden, als ihn die ſchrecklichen Ereigniſſe des vorigen Jahrhunderts von ſeiner Bahn zurückſtießen. Es iſt ein fürſtliches Ge⸗ ſchlecht, Tante—⸗ „Ein fürſtliches Geſchlecht?“ wiederholte die Hohen⸗ kron entſetzt.. „Ja, ein fürſtliches Geſchlecht. Sie wiſſen ja, wie ſehr der Franzoſenkaiſer ſolche haßt. 38 unſer Land und der Hindenſtein der Schauplatz ein rbrechens wer⸗ b 190 Es geht ein friſcher Sommer daher. den, wie jenes war, das man an dem unglücklichen Herzog von Enghien beging? Wollten Sie Ihre Hand dazu leihen und ſich den Nachruhm erwerben, daß ein Fräulein von Hohenkron—“* „Halt inne!“ rief die völlig verwirrte, aber noch mehr entſetzte alte Dame aus und ſank in die Polſter ihres Kana⸗ pees zurück.„Das habe ich nicht verdient!“ „Ja ja, Tante,“ fuhr Eva unbarmherzig fort;„ſo mit Ihnen zu ſpielen! Sie für ſo leichtgläubig, für ſo ganz entartet zu halten, Sie, ein Fräulein einer der älteſten, edelſten, treuſten deutſchen Adelsfamilien! Sie ſollten die Angeberin und Verfolgerin eines Unglücklichen machen, der nichts verſchuldet, als daß er ſein— Land liebt und gegen die Tyrannei der Fremden kämpfte!“ „Eines Fürſten!“ ſchluchzte die Hohenkron. „Der es wenigſtens zu ſein verdiente, Tante,— der jenen Unwürdigen mit ſeiner Freundſchaft, mit ſeinem Ver⸗ trauen beehrte, jenen Schrecklichen, der auf Ihre— Leicht⸗ gläubigkeit ſpekulirte und Sie zu einer ſolchen Rolle zu überreden verſuchte!“ Die unglückliche alte Dame ſtöhnte hinter den vor das Geſicht gepreßten Händen.„Das iſt mein Tod!“ mur⸗ meelte ſie. „Aber Tante, wo war auch Ihre Ueberlegung, Ihre Feinheit?“ ſprach Eva unerbittlich weiter, denn jenem Geg⸗ ner gegenüber n in ihr jede Rückſicht und jedes Be⸗ Es geht ein friſcher Sommer daher. 191 dauern ſchweigen.„Was konnten Sie denn Gutes von dem erwarten, der ſchon als Page den Reſpekt gegen ſeine Fürſtin ſo weit vergaß, daß ſie in ihrer Hülfloſigkeit ge⸗ zwungen war, ſelbſt ſeine Beſtrafung zu übernehmen?“ Die Hohenkron fuhr auf und ſah das Mädchen verſtört an.„Die Fürſtin, ſagſt du?— Wir haben damals am Hofe den Grund ſeines Austritts aus dem Dienſt nicht erfahren.“ „Die Hoheit hat ihn geſtraft, Tante. Und er wagt ſich dennoch wieder in dies Land, auf den Hindenſtein!— Sie ſehn, ſein ganzes Weſen iſt ein Verlangen nach Rache. Kein Mittel iſt ihm zu ſchlecht. Und einem ſolchen Men⸗ ſchen wollten Sie das Geſchick der Tochter Ihrer geliebten Schweſter anvertrauen?“ Die alte Dame erwiderte keine Silbe, aber in ihren Augen blitzte es von Zorn, und ſich raſch erhebend, ging ſie zum Sekretair, zog Schreibegeräth hervor und bedeckte das Papier, nachdem ſie ihre Brille aufgeſetzt, mit großen kraftvollen Schriftzügen. Dann erhob ſie ſich wieder und reichte den Bogen an Eva mit der kurzen Weiſung:„lies!“ — Und Eva las. „Hochwohlgeborener Herr Baron!“ lautete das Schrei⸗ ben.„Nach dem, was ich neuerdings erfahren und gemäß den, bisher leider von mir mißachteten Erinnerungen aus einer frühern Zeit nur für zu richtig und wahr erkannte, wer⸗ den Sie es begreiflich finden, wenn ich Sißnir zugemuthete 192 Es geht ein friſcher Sommer daher. Rolle in die Hände Eurer Hochwohlgeboren zurückgebe und dem Gedanken an eine Verbindung zwiſchen Ihnen und meiner Nichte, die wie ich eine treue Dienerin unſerer hohen Gebieterin und ihres Hauſes iſt, hinfür entſage.— „Galatea, Freiin von Hohenkron, „Hofdame J. H. d. F. P. A. von K.“— „Tante!“ rief Eva, und auf ihrem Geſichtchen ſtritt Lachen mit Rührung, wie in ihrem Innern die leiſe Be⸗ ſchämung über ihr Spiel mit dem Triumph über ihren Sieg rang.„Tante, laſſen Sie mich Ihnen all meine Thorheiten und Unarten abbitten! Ich will fortan ernſt⸗ lich ſtreben, Ihrer Verzeihung und Ihrer Liebe würdiger zu werden.“ „Du wirſt dafür den Lohn in dir ſelbſt und in der Liebe deiner Tante finden, mein Kind,“ verſetzte ſie gravi⸗ tätiſch.„Für jetzt muß aber ich dir dankbar ſein, daß du mich vor dieſem Abgrund bewahrt, in den mich bald meine Leichtgläubigkeit geſtürzt. Nun laſſe mich dieſe Angelegen⸗ heit gänzlich beendigen.“ Und nachdem ſie geſiegelt und üerſchrichen, fuhr ſie fort:„die Weiſe der Uebermittelung bleibt mein Geheimniß, allein ſei verſichert, daß der Herr Major noch heute den Brief erhalten wird. Jetzt laſſe mich aber, mein Kind. Verſichere die 8 daß ich ihre treuſte Dienerin bin und bleibe und ihre ihung erflehe. Und wenn jener hohe Es geht ein friſcher Sommer daher. 193 Flüchtling— wie nennt er ſich, mein Kind?“ unterbrach ſie ſich. „Hofmann,“ verſetzte Eya, mit Mühe das Lachen unterdrückend. Die Hohenkron zuckte zuſammen.„Hofmann?“ wieder⸗ holte ſie mißtrauiſch.„Der Major nannte gleichfalls dieſen— plebejiſchen Namen als den, welchen ſich jener Unſelige ge⸗ geben.“ „Aber liebſte Tante, nennen Sie ihn doch ſogar Schenk oder wie Sie wollen— jener, an den Sie denken, kann es nicht ſein, und iſt denn nicht ein gewöhnlicher Name der beſte, den ſich ein Unglücklicher erwählen kann, um ſich beſſer verbergen zu können?“ „Es mag ſein. Aber einen ſolchen— dieſen Namen zu wählen—!— Doch genug davon, mein Kind. Alſo, wenn jener Flüchtling noch gefährdet werden kann, ſo ſorge man für ihn, und auch du hüte dich. Denn die Ränke jenes— Abſcheulichen ſind unzählbar und nicht zu berech⸗ nen. Ich habe davon die Probe erhalten.“ Eva küßte die Hand des alten Fräuleins herzlicher als ſie ſeit langer Zeit gethan, und verließ das Zimmer und das Schloß, um mit ihren Gedanken allein zu ſein. Der Tag aber war glühend heiß, und das Mädchen ſetzte ſich, nach⸗ dem ſie unter den Arkaden ein paarmal auf und ab ge⸗ gangen, zwiſchen zwei der ſtarken Pfeiler, wo ein Tiſch und Hoefer, Lorelei. 13 * 194 Es geht ein friſcher Sommer daher. ein paar Seſſel eine häufiger von den Herrſchaften benützte Stelle bezeichneten. Vor ihr lag der Schloßplatz in einer Flut von zittern⸗ dem Glanz, und der Raſen ſchmachtete nach einer Erfri⸗ ſchung. Im Schloß war's ſtill und rings umher in den Ställen und Nebengebäuden regte ſich kein Laut, ja ſelbſt in den Waldwipfeln jenſeits der Umfaſſungsmauer bewegte ſich anſcheinend nicht ein einzig Blatt, und wenn ſie durch das jetzt geöffnete Gitterthor in die nur von einzelnen Lich⸗ tern durchſtreifte Allee hinausſchaute, fand ſie auch dort nicht eine Spur von Leben. Nur das Waſſer des Spring⸗ brunnens rauſchte fort und fort im funkelnden Schwall empor und fiel murmelnd von Schale zu Schale herab bis in das Becken. Aber die Einſamkeit ward dadurch nicht geſtört, ſondern nur größer, und man konnte es dem alten Portier nicht verdenken, daß er in ſeinem Stuhl neben dem großen Hallenthor von den Schrecken des vorigen Tages ſich durch einen ſanften Schlummer vollends zu erholen ſuchte. Eva hatte ihn im Vorbeigehn zwar bemerkt, und zu anderer Zeit möchte der Schlaf des Alten dem Mädchen eine höchſt erwünſchte Gelegenheit zu irgend einer Neckerei gegeben haben; heut jedoch blieb er ungeſtört. Eva ging vorüber und ſetzte ſich in den Schatten der Pfeiler. Sie ſtützte nun den dunkeln Kopf in die Hand, die braunen Augen blickten ſtill in die Einſamkeit hinaus, und ihre Züge waren ſo ernſt und trüb, daß man in ihnen Es geht ein friſcher Sommer daher. 195 kaum jenes rege Leben, jenes fröhliche, ſonnige Lächeln ge⸗ ſucht haben würde, welches ſie doch meiſt immer durchdrang und erhellte.— Es gibt ein altes Wort, wer's geſagt hat, wußte Eva nicht, allein ſeine tiefe Wahrheit fühlte ſie wohl, und ſie ward es nicht los. Fort und fort klang es in ihr wieder: Keine Lieb' ohne Leid.— Wie hatte ihr fröhliches Herz das nun erfahren! Wie war die junge Liebe ſchon ſeit ihrem erſten Erwachen dem alten traurigen Bann unter⸗ legen! Und welch ein Leid war das, welches ſie betroffen! Es war nicht der Schmerz, daß Hubert ſchon einer Andern zu eigen,— nein, es war die Trennung von dieſer und die bange, finſtere Sorge, ob er ſich nicht ihretwegen von jener geriſſen. Das ließen jene Worte wenigſtens ahnen, die er in der dunklen Allee zu ihr geredet,— das konnte ſie vielleicht ſchließen aus dem ſo ſeltſam bewegten Weſen, mit dem er vor ihr geſtanden, und zu ihr geſprochen. Und die bloße Ahnung einer ſolchen Möglichkeit erfüllte ſchon das Mädchen mit einer Art von Entſetzen und ließ ſie au⸗ genblicklich faſt am Leben verzagen. Mußte ſie grade an dem, der ihr ſo hoch ſtand, dem ſie ſich innerlich ſo tief zu eigen fühlte, einen ſolchen Makel finden? Mußte ſie ſich ſelber, die Harmloſe, anklagen, Veranlaſſung zu einer ſolchen Sünde gegeben zu haben? Und all die Qualen ſollte ſie allein tragen? So rang ſie ſchwer und bang, und um ſo ſchwerer, ä— 196 Es geht ein friſcher Sommer daher. je weniger ein ſolches Bangen und Zagen in ihrer Natur begründet war. Aber ſelbſt Eva mußte es einmal empfin⸗ den, daß ſie eben auch nur Menſch und der menſchlichen Schwachheit unterthan ſei. Der Erfahrung entgeht nie⸗ mand; nur erhebt ſich der Eine ſchneller wieder von ihrem lähmenden Druck als der Andere. 4— Sie hatte ihn noch nicht wiedergeſehn und wußte auch nicht, wo er verborgen war, obgleich ſie aus den Worten der Fürſtin am vergangenen Abend abnehmen zu können glaubte, daß er im Schloſſe ſelber weile. Sie ſcheute zu⸗ rück vor einem Begegnen— wie würde er ihr, wie ſollte ſie ihm entgegentreten? Allein als ſie bei dem Gedanken angelangt war, ſchüttelte ſie heftig den Kopf und ihr Auge blickte zwar noch ernſt, aber auch wieder muthig und hell auf und umher. Schäme dich, Eva! dachte ſie dabei, und auch ihre Wange ward wieder roth und aus dem Geſicht entwich der letzte trübe Zug. Du biſt dein Lebenlang anders geweſen als alle Welt, das hat dir jedermann geſagt, das haſt du ſelber gefühlt. Und nun willſt du klagend und ſorgend, feig und egoiſtiſch, grade wo ſie am miſerabelſten iſt, aller Welt gleich werden? Schäme dich, Eva!— Halte den Nacken ſteif! würde die Hoheit ſagen. Ob du ihn liebſt, ob er dich liebt, ob er geſündigt und zwar um deinetwillen — jetzt iſt er verfolgt, in Noth, jetzt gilt es ihn zu retten, wie du ja jeden retten würdeſt, den du unſchuldig leiden Es geht ein friſcher Sommer daher. 197 ſäheſt. Was geht dich das Voreinſt an und das Dereinſt? Faſſe an, wo's Noth thut! Halte deinen Witz parat,— denn wir ſind noch nicht fertig!— Und indem ſie aufſprang und nur die Linke leicht auf der Tiſchplatte ruhen ließ, ſchlug ſie mit den Fingern der andern Hand ein Schnippchen in die Luft und ſang, wenn auch gedämpft, doch immerhin fröhlich hinaus, nach einer alten kühnen Weiſe: „Friſch her, ihr lieben G'ſellen mein! Es muß ſich nur gewaget ſein, Wagen das thut gewinnen. Wir wollen reiten Tag und Nacht, Bis wir eine Beute gewinnen. „Ich bin ſo oft mit einem Scherz fertig geworden und habe mit einem Scherz die Wildeſten gebändigt,“ ſagte ſie dann gut gelaunt, während ihr Auge hell hinaus in die Allee blickte, in deren Hintergrunde eben ein Jägerburſche vor⸗ überging.„Sollt's mit dem Ernſt ſchlechter gehn?— Wollen's verſuchen! Aufgepaßt, Bühel— die Thanneck kommen!“ „Das laſſe ich gelten,“ ſprach die Stimme der eben aus dem Park zurückgekehrten Fürſtin, welche hinter dem großen Pfeiler ſo nahe lauſchend geſtanden, daß ſie das nicht laute Selbſtgeſpräch ihres Lieblings mühelos vernom⸗ men, und zugleich trat ſie auch zu der Erröthenden und maß ſie mit lächelndem Blick.„So lieb' ich dich viel mehr als wie du ſeit geſtern geweſen. Du ſchienſt vor der Zeit 198 Es geht ein friſcher Sommer daher. alt geworden und glichſt genau einer alten Jungfer. Was Kukuk, Kind,“ fuhr ſie lebhaft fort,„ſchau dir einmal deinen Kopf im Spiegel an und ſag's, ob das einer iſt, den man hängen laſſen darf?“ „Eure Hoheit,“ verſetzte Eva ergötzt,„meine Tante redet leider ganz anders. Die verweist mich auf die Veil⸗ chen„auf der Wieſe“, die beſcheiden und verborgen ſtehn und ſchüchtern niederblicken.“ Die Prinzeſſin zog flüchtig die Brauen zuſammen, be⸗ vor ſie zur Antwort gab:„ja, ja, deine Tante! Die gute Galatea ſchwärmte für die Schäferſpiele, und wollte Gott, ſie wäre ihre Lebenlang bei dieſer friedlichen Neigung ge⸗ blieben. Du aber, kehr' dich an nichts, mein luſtiger Wild⸗ fang, und bleibe, was du biſt,“ ſetzte ſie wieder lächelnd hinzu.„Ich für meine Perſon frage den Kukuk nach den Veilchen auf der Wieſe oder am Bach, oder wo ſie ſonſt blühen ſollen. Ich liebe die wilden Blumen, die fern von falſcher Beſcheidenheit und Demuth fröhlich ſtehen und blü⸗ hen, wie Gott es für ſie beſtimmt. Sei und bleib du nur, was du biſt, ſag' ich,— die kecke, ſchlanke Waldblume, die jedermann freudiger anſchaut als all' das zahme, ſchmach⸗ tende Geſindel. So denke ich und ſo denkt auch— noch ein Anderer.“ „Eure Hoheit,“ ſtammelte Eva zuſammenſchreckend, während ihr Geſicht zugleich von glühender Röthe über⸗ goſſen wurde. Es geht ein friſcher Sommer daher. 199 Die Prinzeſſin ſah ſie einen Augenblick prüfend und ſchweigend an; dann ſagte ſie ernſt:„was haſt du, Eva? Was iſt plötzlich über meinen lieben Wildfang gekommen und hat dich gegen ihn eingenommen, dem du im Grunde ſchon ſo lange, ſeit deinen Kinderjahren gut geweſen? Denn mich alte Frau täuſcheſt du nicht,“ ſprach ſie freundlich weiter.„Was in dir iſt, hab' ich ſchon neulich Nachmittag geſpürt, als du mir von ihm zuerſt erzählteſt, und ich hab's vollends gemerkt, als du mir dann von dem berichteteſt, was du bei Waldinger über Huberts Reiſe nach Breitenſteinbach erfahren. Da warſt du, wie du es ſollſt, nachdenklich, träu⸗ meriſch, bewegt, aber nicht ſcheu, nicht kopfhängeriſch oder fieberhaft. Das überlaſſe andern, mein Kind.“ Eva hatte der Sprecherin ſchweigend zugehört, das Geſicht war ein wenig geſenkt und das heiße Roth hatte die Wangen verlaſſen. Nun ſah ſie auf und ſprach leiſe und mit einem erzwungenen Lächeln:„ich bin auch ſchon auf dem Wege zur Vernunft, Eure Hoheit. Sie haben mich ja ſingen und reden hören.“ „Und dazu ſiehſt du aus, wie eine Mater doloroſa,“ meinte die Fürſtin.„Sei nicht thöricht, Kind, und nicht wie die dummen Menſchen, die, wenn ſie kein Leid haben, ſich ſelber eins ausklügeln. Du brauchſt nicht zu zagen, wirſt es wohl wiſſen, wie Hubert von dir denkt. Du brauchſt dich deiner Liebe nicht zu ſchämen— er iſt der Sohn ſeines Vaters. Das erkannt' ich geſtern ſchon und noch mehr, 200 Es geht ein friſcher Sommer daher. als ich heut Morgen ausführlich mit ihm geredet. Und nun ſage mir offen, Eva, was iſt ſeit geſtern in deinen thörich⸗ ten kleinen Kopf gefahren?“ Die Fürſtin hatte ſich auf einen der Seſſel niederge⸗ laſſen und ſchaute mit einem theilnehmenden, faſt zärtlichen Blick auf das vor ihr ſtehende, in ſich verſunkene Mädchen. „Hat Hubert— Herr von Schenk denn mit Eurer Hoheit über mich geſprochen?“ fragte Eva endlich gepreßt und ohne die Augen dabei aufzuſchlagen. Die Fürſtin ſchüttelte den Kopf.„Mit Worten wenig,“ verſetzte ſie lächelnd,„und dennoch ſpürt' ich's, daß er im Grunde nur von dir redete. Darum handelt es ſich jetzt aber nicht. Ich bitte um eine Antwort.“ „Er hatte eine Braut,“ ſagte Eva nach einer Weile leiſe. „Das dacht' ich mir!“ rief die Fürſtin lebhaft und lauter als bisher.„Das dacht' ich mir!“ wiederholte ſie wieder im bisherigen, gedämpften Ton.„Ich habe ihn tüchtig ausgeſcholten, weil er dir davon und von dem Bruch mit ihr erzählt; was brauchteſt du von dieſer abgethanen Sache zu wiſſen, die ihm in keiner Weiſe zur Unehre ge⸗ reicht? Aber ſo ſind die Männer! Sie wollen nicht, daß eine Frau ſich um ihre Vergangenheit kümmert, und ſind doch die Erſten, ſie damit bekannt zu machen!“ „Und doch, Eure Hoheit, ſagte er, daß er ſich erſt in den letzten Tagen zu der Trennung entſchloſſen,“ ſprach Eva ſtockend und noch immer mit tief geſenkten Augen.„Und Es geht ein friſcher Sommer daher. 201 doch ſchienen ſeine Worte anzudeuten, daß— daß— die Erinnerung— und—“ „Du meinſt, daß die Erinnerung an die kleine Eva Thanneck und nun gar das Wiederſehn des luſtigen wilden Vogels für ſeine Entſchließung den Ausſchlag gegeben,“ unterbrach die Prinzeſſin das befangene Mädchen.„Hab's mir gedacht, wiederhole ich. Aber du irrſt dich, Kind. Du hatteſt damals einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Doch warſt du ein Kind, ihr kamet auseinander, er ahnte nicht, wohin du gekommen und ſchloß dann in einer unglücklichen (Stunde den Bund, den er bald genug als einen ſegensloſen erkannte, an dem er aber als Ehrenmann feſthielt, ſo lange es möglich war. Glaube mir, er hätte ihn auch um deinet⸗ willen nicht gelöst, wenn er nicht von dem Kameraden, bei den er vor kurzem ein paar Tage verſteckt war, die Beſtätizung eines ſchon früher zu ihm gedrungenen Ge— rüchts erhalten, daß nämlich jene Dame in Kaſſel in einer — Verzindung ſtände, welche jeden Ehrenmann von ihr entferner mußte. Das hat er dir natürlich nicht geſagt, mein Kind; ich, die alte Frau, die dich lieb hat, darf es aber ſchor wagen.— Als er ſich unglücklich mit ihr fühlte, wurde die Erinnerung an dich wieder lebhafter,— das iſt ſehr natürlch, denn man iſt niemals mehr zu Erinnerungen und Verglechen geneigt als in trüben Stunden. Und als er dich nun vieder ſah, als er dich fand, wie du nun ein⸗ mal biſt,— Hottes Freude und aller Menſchen Luſt,“ ſetzte 202 Es geht ein friſcher Sommer daher. ſie mit tiefem Gefühl hinzu,—„willſt du ihm zürnen, weil auch er dich liebt? Willſt du einer ſentimentalen, ſchwächlichen Regung, die ohne allen Grund iſt, das Glück und den Frieden eures Lebens opfern, du mein fröhliches, geſundes, ſtarkes Mädchen?“ „O, Eure Hoheit,“ ſagte Eva, und das ſchöne Geſicht glühte, und die Thränen, die in ihren Augen ſtanden, thaten dem glückſeligen Lächeln, das zugleich mit ihnen emporge⸗ ſtiegen war, nicht den geringſten Eintrag,—„o, Eure Hoheit, Sie haben wohl recht, ich bin ein thörichtes, wildes Ding und all des Glücks gar nicht werth, das ich im Herzen fühle!“— „So laſſe ich's gelten,“ ſprach die Fürſtin wieder, wie vorhin zum Beginn dieſes Geſprächs, und ſtand auf und legte freundlich die Hand auf den Kopf ihres Lieblings. „Sei du nur immer du ſelbſt und nicht wie die Andern. Wir haben auch wenig Zeit zum Träumen und Zagen, dein Glück fällt dir ſicher nicht umſonſt zu. Mit dem Jemmern wird ebenſo wenig etwas erreicht, wie mit der Uigeduld, die den Hubert peinigt. Es gilt den Kopf aufrcht und die Augen offen zu halten, denn man ſtrickt drüben, wie es ſcheint, noch immer an einem Netz, das mam über uns alle zuſammenziehn möchte. Sag' du nur we vorhin: „Aufgepaßt— die Thanneck kommen!e— aber lſſſe es auch wahr werden.“ Es wohnet Lieb' bei Liebe. 203 . Es wohnet Lieh' bei Liebe. Ein paar Tage vergingen ſtill und anſcheinend von allen Seiten ruhig. Die Nachforſchungen und Beobach⸗ tungen, zu denen das Schützendetachement im Hindenſteiner Revier geblieben, hatten keinen Erfolg; der Flüchtling wurde nicht entdeckt, keine Spur von ihm aufgefunden, was freilich zum Theil wenigſtens an der ſchlechten Stim⸗ mung der Offtziere ſo gut wie der Leute liegen mochte. Sie machten kein Hehl daraus, daß ſie den Unglücklichen, wenn er noch irgendwo in der Gegend ſei, viel eher gegen etwaige neue Einfälle und Streifzüge vom Nachbarlande ſchützen als verfolgen oder ſonſt beläſtigen würden. Die Stimmung in den angrenzenden Bezirken ſprach ſich ganz in ähnlicher Weiſe und in der tiefſten Erbitte⸗ rung aus. Und da man in dieſen Tagen zufällig die Zei⸗ tungsnachricht fand, daß in einem der Grenzſtaaten ein ge⸗ heimnißvoller Reiſender als Flüchtling erkannt ſei und, wenn bisher auch vergeblich, verfolgt werde, ſo mußte die Mit⸗ theilung der herzoglichen Behörde von der Erfolgloſigkeit der bisherigen Nachforſchungen und ihre Vermuthung, daß Schenk das Land verlaſſen und eine und dieſelbe Perſon mit jenem Reiſenden ſei, den Feinden genügen und die Sache als beendigt erſcheinen laſſen. —— — — 204 Es wohnet Lieb' bei Liebe. Von den dabei Intereſſirten glaubte drüben jedoch kein Einziger daran, und vor allen Andern war der Major von Bühel von Huberts fortwährender Anweſenheit feſt über⸗ zeugt. Der feindlich geſinnte Mann hatte zu den frühern Motiven ſeines bittern Haſſes neuerdings durch Huberts Bruch mit ſeiner Verwandten und durch den Abſagebrief der Hohenkron noch zwei weitere erhalten, welche ihn ſeine alten Pläne nur immer hartnäckiger und zugleich mit finſte— rem Haß verfolgen ließen. Er bereute nun auf's bitterſte, daß er ſich durch ſeinen Haß anfänglich zu dem unvorſich⸗ tigſten Vorgehn hatte fortreißen laſſen und dadurch ſich, in den Augen der Eingeweihten wenigſtens, unheilbar kompro⸗ mittirt zu haben ſchien. Er hatte nicht nur die bisherigen Verbindungen ver⸗ loren oder doch arg gefährdet, ſondern auch vom Hofe die Andeutung erhalten, daß man von ſeinem Auftreten in dieſer Angelegenheit, ſeinem Eindringen in den Hindenſtein mit dem höchſten Mißfallen vernommen, und war zugleich daran erinnert worden, daß man ſein Wiederauftreten im Herzogthum und in dieſer Gegend nur darum ſchweigend geduldet, weil man vorausgeſetzt habe, er werde ſelber be⸗ müht ſein, die Vergangenheit mit ihren Ereigniſſen auch vergangen ſein zu laſſen. Endlich wußte er vom Hinden⸗ ſtein aus alle Augen auf ſich gerichtet und mußte einge⸗ ſehen haben, daß er ſich wenigſtens in Raben und Wal⸗ dinger, und vor allen in dem verrathenen Kameraden Es wohnet Lieb' bei Liebe. 20⁵ Feinde erworben hatte, welche er nicht wie die alte Fürſtin oder ſelbſt Eva verachten konnte. Er wußte nicht, daß es in der ganzen Gegend keinen Menſchen mehr gab, welcher wohlwollend oder auch nur gleichgültig an ihn dachte. Waren die Einen durch den Argwohn erbittert, daß er die Verfolgung des Flüchtlings und frühern Kameraden veran⸗ laßt, ſo haßten ihn die Andern noch bitterer, zu denen auf irgend eine Weiſe die Kunde gedrungen, daß etwas zwiſchen ihm und Eva vorgefallen ſei. Das Mädchen war einmal der Abgott aller derer, welche ſie kannten. Auch auf dem Hindenſtein ließ man ſich durch die gegenwärtige Stille nicht täuſchen. Man war, wie wir wiſſen, auf der Hut und blieb es, obſchon nach einigen Tagen das Leben anſcheinend wieder durchaus die alten Wege ging. Die Schützen waren drunten in Stonsheim und Rehhauſen und in der Umgebung des Schloſſes ſah man nur ſelten einen von ihnen auf einem, wie es ſchien, zu⸗ fällig bis hieher ausgedehnten Spaziergang. Raben war abgereist und kam wie üblich nur auf Stunden wieder, und Waldinger lag mit den Seinen ruhig den laufenden Geſchäften ob und zeigte ſich wie ſonſt nur ſelten im Schloß und ſeiner Umgebung. Deſſenungeachtet war aber kein einziges Auge geſchloſſen und die Eingeweihten achteten auf alles, was die endliche weitere Flucht des Verfolgten mög⸗ lich machen und begünſtigen konnte. Denn es war aus mehr als einem Grunde nicht daran zu denken, ihn noch Es wohnet Lieb' bei Liebe. viel länger hier verborgen zu halten. Es war nicht allein der Verrath zu fürchten, man mußte auch Rückſicht nehmen auf das Gefühl des Flüchtlings ſelbſt. Hubert hatte ſich nur ungern und im Drängen des Augenblicks zu dem erſten Verſteck im Park und noch ſchwe⸗ rer zu dem zweiten im Schloſſe ſelber verſtanden. Der Gedanke, daß er die Fürſtin und ihr Haus durch ſeinen Aufenthalt möglicherweiſe auf das ernſtlichſte kompromittiren könne, ward ihm von Tag zu Tag unerträglicher, und überdies war der junge Mann für nichts weniger als für eine ſolche— wie er's nannte: feige Ruhe, für ein ſo müßiges Leben, für eine ſtete, ſcheue Vorſicht in allem Thun und Laſſen gemacht. Er war ſein Lebenlang der Mann der freien Luft, der Bewegung geweſen und ſehnte ſich auf das glühendſte nach neuer rechter Thätigkeit, wie ſie dem tiefen Gefühl des Haſſes gegen die Unterdrücker ſeines Vaterlandes entſprach. Und dazu kam nun noch in den langen einſamen Stunden nach dem feindlichen Ueberfall die aus Schmerz und Zorn gemiſchte, tief bittere Empfin⸗ dung, welche der enthüllte wahre Charakter und der nicht mehr zu bezweifelnde Verrath des früheren Kameraden in ihm hervorgerufen, und endlich die Erinnerung an das, was bei der letzten Unterredung zwiſchen ihm und Eva vorgefallen war. Dies Letztere zumal und die Erkenntniß, daß er ſelber ſich dabei von ſeinem Gefühle hatte gar zu weit fortreißen —— 2 Es wohnet Lieb' bei Liebe. 207 laſſen, drückte Hubert tief nieder und ließ ihm ſeine gegen⸗ wärtige Lage in noch viel düſtererem Licht erſcheinen. Er hatte einen ernſten Sinn und ein nicht leichtes Herz; die Vorgänge der letzten Zeit, die öffentlichen ſo gut wie die in ſeinen eigenen Beziehungen, in ſeinem eigenen Innern, hatten ihn weder gleichgültiger noch heiterer ins Leben hinausſehn laſſen. Und das freundliche, helle, ſegensvolle Licht, das ihm beim Wiederfinden derjenigen aufging, welche er mit ſeiner erſten Liebe geliebt und trotz aller Trennung niemals vergeſſen,— das war ſo ſchnell wieder erloſchen — wie er wohl glauben mußte, durch ſeine eigene Schuld, und kaum gefunden ſchien er die Geliebte auf immer ver⸗ loren zu haben. Denn wie Eva ihm geſchildert war und wie er ſie ſelber zu kennen glaubte, fand er in ihrer Auf⸗ nahme ſeiner ungeſtümen Andeutungen kein ſchüchternes, mädchenhaftes Ausweichen, ſondern eine entſchiedene Ab⸗ lehnung und begriff auch, als er über alles Geſagte nach⸗ dachte, nur zu bald, was in ſeinen Mittheilungen das Mädchen zurückgeſchreckt haben mußte. Die Fürſtin, welche am folgenden Morgen mit ihm ein langes Geſpräch hatte, wußte ſein Vertrauen ſo ſchnell und ganz zu erwerben, daß er ſie dies ſchmerzlichſte ſeiner Gefühle wenigſtens errathen ließ. Die hohe Frau hatte von Huberts Weſen und Auftreten einen ſehr günſtigen Eindruck empfangen, zumal bei ihr auch noch ihre unver⸗ minderte Liebe zu ſeinem Vater und die große Aehnlichkeit * 208 Es wohnet Lieb' bei Liebe. ſeiner ganzen Erſcheinung für ihn ſprach. Ihr Herz hatte von jeher ſchnell geſprochen und ſich auch hier raſch und froh für eine Verbindung Huberts mit ihrem Liebling Eva entſchieden, über deren Gefühle ſie bereits am erſten Abend nicht mehr im Zweifel war. Deſto mehr war ſie daher von dem ſpätern Zurückweichen und dem ganz veränderten Weſen des Mädchens überraſcht worden und ließ nicht nach, bis ſie aus Huberts Aeußerungen den Grund zu erkennen glaubte. Sie verbarg dem jungen Mann keineswegs ihre Mißbilligung ſeiner halben Bekenntniſſe, ſuchte ihn darauf aber auch wieder zu beruhigen und zur Geduld zu überreden. Die Fürſtin hatte mit wenig Ausnahmen noch auf jedermann, dem ſie wohlwollte und dies nicht verbarg, einen unwiderſtehlichen Eindruck gemacht und ihn unauflöslich an ſich gefeſſelt. Wie viel mehr mußte dies bei Hubert der Fall ſein, zu dem ſie faſt wie eine Mutter und mit der Liebe redete, die ſie ſeinem Vater bewahrte. Sie eröffnete ihm wenigſtens einen Blick in die Vergangenheit und verließ ihn endlich als einen Menſchen, der ihr völlig zu eigen war. Die Leſer wiſſen, wie ſie gleich darauf auch auf Eva's Glück und Frieden bedacht war, und dann hatte ſie beruhigt alles weitere den beiden Menſchen ſelbſt überlaſſen, die ihr ſo ſehr am Herzen lagen. Die Begegnungen beider waren in den erſten Tagen, wo Hubert, ſelbſt den übrigen Schloßbewohnern verborgen, nur durch den Kaminerdiener zuweilen zu den Gemächern der Prinzeſſin geführt wurde, begreiflicherweiſe ſelten und Es wohnet Lieb' bei Liebe. 209 flüchtig geweſen. Aber ſelbſt dabei hatte er aus dem gänz⸗ lich veränderten Weſen der Geliebten, die ihm unbefangen und in goldigſter neckiſcher Laune jetzt wie damals am „Brunnen“ erſchien, mühelos abnehmen können, daß von ihr wenigſtens jede Verſtimmung gegen ihn gewichen. Er hatte das auch aus ihrem Geſange erfahren, welcher nun Abend für Abend wieder durch die ſtille Luft zu ihm in ſein einſames Zimmer drang und ſein Herz immer ſehnſuchts⸗ voller und heißer für ſie ſchlagen ließ. Aber je feſter er ſich von dem Zauber umſponnen und durchdrungen fühlte, deſto ruhe⸗ loſer ward er, und deſto qualvoller wurde ihm ſeine Lage. Sollte er ſich, ihr ſo nahe, dennoch ſtets umſonſt nach ihr ſehnen? Sollte er ihr und ſein Glück, wenn es ein ſolches gab, in der Noth und Angſt der Gegenwart verkümmert und erdrückt ſehn, wo nie von Ruhe und Sicherheit, nie von Beſitz die Rede ſein konnte? O, auch um ihretwillen mußte er fort, hinaus, wo ſein Herz frei ſchlug und frei ſeine Kraft ſich regte, wo er, ob auch fern, ſeines Glückes froh werden konnte! Wäre er deſſelben nur erſt ſicher geweſen. Die gänzliche Ruhe und Abgeſchloſſenheit hatte Hubert nur wenige Tage zu ertragen vermocht, alsdann wagte er hie und da gegen Abend das Haus zu verlaſſen, um wenig⸗ ſtens in den Alleen des Parks friſche Luft zu ſchöpfen. Er konnte ziemlich unbemerkt über eine Treppe hinabgelangen, welche für gewöhnlich nur von dem alten Kammerdiener Hoefer, Lorelei. 14 210 Es wohnet Lieb' bei Liebe. benützt wurde, wenn er aus ſeinem Zimmerchen ſchneller zu den Gemächern der Fürſtin gelangen wollte; und wurde er ja von jemand geſehn, ſo konnte er in der Dämmerung leicht für einen der Hausbewohner gelten oder ſah ſich auch faſt ehrfurchtsvoll vermieden, da Joſef ſeinen Kameraden Gott weiß was über dieſen Gaſt und Schützling der Prin⸗ zeſſin geſagt hatte. Verräther gab es aber unter dieſen alten Leuten nicht, welche ſeit vielen Jahren auf dem Hin⸗ denſtein gedient hatten, und Felix, der Reitknecht, ſtrapa⸗ zirte ſogar ziemlich ſchonungslos die Beine ſeiner Pferde, um das Revier zu durchſtreifen und auf den zu vigiliren, der, wie er ſagte,„ſeinem Fräulein“ und ihrem Erkorenen nicht wohl wollte. Die Fürſtin und Waldinger, welche von dieſen Aus⸗ flügen natürlich erfuhren, mahnten trotz ihrer anſcheinenden Gefahrloſigkeit doch zur Vorſicht. Ein Revier wie das Hindenſteiner, meinten beide, ſei vor jemand, der hinein wolle und ſich in acht zu nehmen wiſſe, gar nicht abzu⸗ ſperren, zumal vor Bühel nicht, welcher von ſeiner frühern Dienſtzeit als Page her alle Wege und Pfade vermuthlich auf das genaueſte kennen werde. Er könne ſich dem Park von mehr als einer Seite nähern und werde auch wohl Wege wiſſen, die hineinführten. Und Hubert ſolle nicht vergeſſen, daß es nur die Feſtſtellung ſeiner Anweſenheit bedürfe, um wieder eine offene Verfolgung hervorzurufen und die weitere Flucht noch weniger möglich zu machen. Es wohnet Lieb' bei Liebe. 211 Allein das alles ließ den jungen Mann wohl vorſichtig bleiben und die Augen offen halten, allein ganz ins Zimmer vermochte es ihn nicht zu bannen. Das ſah die Fürſtin ſo gut wie Waldinger ein. Denn dieſe letzten Auguſttage waren von ungewöhnlicher Glut und gefolgt von ſo warmen Nächten, daß ſelbſt in den ſchattigen Zimmern des Schloſſes der Aufenthalt faſt unerträglich wurde. Eva empfand das nicht weniger ſchwer als die Andern, und am heutigen Nachmittag entwich ſie vor der Hitze, wie wir ſie im Anfang unſerer Erzählung den Briefen der Ma⸗ dame de Sevigné entfliehen ſahen, wiederum in den Wald und eilte dem Lieblingsplatz am Brunnen zu, wo ſie ſeither nicht wieder geweſen. Heut ging ſie nicht in den kleinen Pavillon hinein,— es war ſchon ſpät— ſondern ſtreifte ihn im Vorbeieilen nur mit einem träumeriſch lächelnden Blick, und über ihre Wangen flog ein lichtes Roth. Erin⸗ nerte ſie ſich der Erzählung der Fürſtin von jenen glück⸗ ſeligen Stunden, in denen ſie und Huberts Vater hier ein⸗ ander gefunden, oder gedachte ſie ihrer eigenen Liebe und deſſen, dem ſie gehörte, und der nun nicht an ihrer Seite war, ſondern dahinten in dem ſchwülen Schloß, dem ſie entflohen? Sagte davon der Seufzer, der ihren Buſen ſchwellte? Und ſchüttelte ſie darum das Köpfchen, während ſie durch den Tannenhain dem Wall und ihrem gewöhn⸗ lichen Schleichwege zuſchritt?— Aber das alles ging ſchnell vorbei, und als ſie erſt drüben im Walde war, durchdrang 212 Es wohnet Lieb' bei Liebe. die alte Fröhlichkeit ihr Weſen, und ihre Lippen ſummten wie ſonſt wieder ein munteres Lied. Sie dachte aber doch wenig an ihren Weg und ſah ſich nicht viel um, denn ſie hätte ſonſt den Jägerburſchen erblicken müſſen, der neben der alten Buche ſtand und ſie nun, zu ihrem nicht geringen Erſchrecken, mit einem plötz⸗ lichen:„grüß Gott, gnädiges Fräulein!“ anredete. Sie fuhr auf und zurück, allein im nächſten Augen⸗ blick war ſie ſchon wieder gefaßt und ſagte gutgelaunt: „nehmt Euch in acht, Monſieur Franz! Dergleichen lieben Damen von ihren Verehrern nicht. Ei, wie iſt's doch mög⸗ lich, daß ich Euch großes Menſchenkind gar nicht bemerkte!“ „Ja, ja,“ entgegnete der Burſche luſtig,„man ſieht oft manches, was man gar nicht da geglaubt. Ich meinte den alten Park gut genug zu kennen bis auf's letzte Katzen⸗ loch, aber wo das gnädige Fräulein durch die Hecke kam, hab' ich bisher keine Lücke gewußt.“ „So ſo,“ meinte ſie lachend, denn das Geſicht des Burſchen zeigte ein ſeltſam Gemiſch von Befangenheit und luſtiger Schlauheit,„alſo auf Spionage ſeid Ihr aus, Mei⸗ ſter Franz? Drum find' ich auch dieſe bequemſte Seele ſo weit von ihrer theuren Ruhe.“ „O, in Ihrem Dienſt bin ich nicht faul, Fräulein,“ ſagte er treuherzig. „In meinem Dienſt?“ wiederholte ſie einigermaßen verwundert. Es wohnet Lieb' bei Liebe. 213 „Freilich. Der Herr Forſtmeiſter iſt drüben beym Alten, 4 und da der Knecht die Nachricht brachte, daß er hier oben ein fremdes Geſicht bemerkt, welches bei ſeinem Anrufen im Buſch verſchwunden ſei, ſo mußt' ich hieher, um aufzupaſſen und für Ihre Ruhe zu ſorgen.“ Sie reichte ihm freundlich die Hand.„Ihr ſeid ein braver Menſch,“ ſprach ſie dabei herzlich.„Und wenn Ihr 3 mich lieb habt, Franz, ſo gebt Ihr gut acht, daß jener ſchlechte Mann da drüben in Breitenſteinbach uns keinen Schaden thut. Ihr wißt, daß er's auf uns, auf Ihre Ho⸗ heit, auf Herrn Hofmann und mich abgeſehen hat.“ „Auf Sie auch, gnädiges Fräulein?“ fragte der Burſche * raſch. „Ja, auch auf mich, obſchon ich ihn haſſe und verachte, denn es iſt ein ſchlechter Mann,“ ſagte ſie, die Brauen zu⸗ ſammenziehend.„Doch genug davon,“ fuhr ſie gleich wieder munter fort.„Habt Ihr jemand gefunden?“ „Nein,“ erwiederte er kopfſchüttelnd.„Der Knecht mag ſich auch geirrt und nur einen der Schützen geſehn haben, die hier oft umherlungern. Aber Sie können ruhig 8 ſein, ich paſſe ſchon auf, Fräulein.“ „Herr von Raben iſt bei Waldinger?“ fragte ſie nach einer kleinen Pauſe.„Kommt er auch zum Schloß?“ „Ich denke wohl,“ verſetzte er.„Ich glaube faſt, er iſt um den Herrn da— „Um— Herrn Hofmann?“ unterbrach ſie ihn raſch. Es wohnet Lieb' bei Liebe. „Ja, es mag heut Nacht vielleicht möglich ſein, ihm fortzuhelfen. Ich hörte ſo was.“—. Nach einem langen, zuerſt erſchrockenen, bald aber wieder nachdenklich werdenden Blick auf den Burſchen und einem flüchtigen Erröthen, wandte ſie ſich langſam ab und ſagte zerſtreut:„nun wohl.— Adieu Franz, paßt gut auf.“ „Wenn Sie zum Brunnen gehn,“ bemerkte er mit einem Blick zur Höh', wo der Himmel ſich von einem feinen weißlichen Dunſt überzogen zeigte,„ſo nehmen Sie ſich nur in acht, gnädiges Fräulein. Es braut ſich dort oben etwas zuſammen.“ 5 „Schon gut,“ war ihre Antwort, indem ſie gedanken⸗ voll zwiſchen den Stämmen weiter und dem ſtillen Grunde zuſchritt. „Hubert fort, und jetzt?“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin, es war eigentlich mehr Gedanke als Wort, aber es war in dieſem Augenblick der ganze Inhalt ihres Innern, und nahm ihr die ganze Außenwelt fort, ſo daß ſie mecha⸗ niſch dem Pfade folgte und hinabſtieg in den engen Keſſel und ſich auf der kleinen Bank niederließ. „Hubert fort, und jetzt?“ flüſterte ſie wieder und wandte den tief und bange ſinnenden Blick von dem Strahl des Waſſers zur Höh' und zurück auf die Büſche am obern Rand und am Pfade, und ſah plötzlich ſo ſtarr hinüber und zuckte zuſammen und auf, und rief im Tone des höchſten Schreckens:„Hubert!“ Es wohnet Lieb' bei Liebe. 215 „Die Parole iſt nicht ganz richtig, aber der Gerufene iſt einmal da,“ ſprach er und trat vollends hervor und raſch ihr nahe, denn es war kein Phantom und kein Anderer, ſondern er ſelber, der Flüchtling, der daheim im Schloß weilen ſollte, und nun ſo unbeſonnen am hellen Tage das ſichere Aſil verlaſſen hatte. „O, Hubert!“ wiederholte ſie angſthaft, und ihr Geſicht war bleich, und ihre ſchlanke Geſtalt bebte. Aber er faßte ſie bei den Händen und ſah ihr ſo innig in die ſchönen er⸗ ſchrockenen Augen, daß ihr Herz wieder hoch aufſchlug und das Blut in ihre Wangen zurück ſtrömen ließ. „Verzeihen Sie mir, Eva,“ ſagte er leiſe.„Ich ſah Sie von meinem Kerker aus im Park, und da ertrug ich's nicht, ich mußte Ihnen nach, um Sie endlich— endlich ein— mal zu ſehn, wo niemand iſt außer Ihnen und mir—“ „Aber die Gefahr!“ unterbrach ſie ihn bange. „Ich weiß von keiner Gefahr, als daß ich fort muß, ohne Sie noch einmal geſehn, Sie noch einmal geſprochen zu haben,“ ſagte er mit ernſter Innigkeit. „So iſt's wahr, Sie gehn fort?“ flüſterte ſie. „Ich weiß das Wann nicht, aber ich ſehn' es herbei,“ gab er zur Antwort.„Hier bleiben kann ich nicht länger.“ Da ſah ſie mit einem leiſe ſchelmiſchen Blick flüchtig 1 zu ihm auf und ſprach in eigenthümlich vibrirendem Tone: „o du armer Hindenſtein!“ 1 Er zog ihre Hände feſter an ſich, bis ſie faſt Bruſt an 216 Es wohnet Lieb' bei Liebe. Bruſt ſtanden und ſeine Lippen beinah den Scheitel des geſenkten Köpfchens hätten ſtreifen können, und indem er leiſe den Arm um ihre weiche Taille legte, fragte er:„weil ich Sie mit fortnehme, Eva?“ „Mich?“ verſetzte ſie, ohne aufzuſehn;„ſoll ich vielleicht auch Aufſtändler und Flüchtling werden?“ „Könnten Sie es nicht, Eva, wenn Sie darin Ihr eigenes und eines Andern Glück fänden?“ Ihre Augen erhoben ſich nur, um ſich ſogleich wieder zu ſenken.„Eines Andern?“ wiederholte ſie nach einer Weile.„Wiſſen Sie das ſo gewiß?“ „Ja, Eva,“ ſagte er innig. Sie ſchaute lächelnd zu ihm auf, aber ſie regte ſich ſonſt nicht in ſeinem Arm.„Hubert, Hubert,“ ſprach ſie und ihre Stimme klang faſt neckend.„Wenn Sie ſich nur nicht in mir täuſchen! Sie wiſſen doch, daß ich ein ſchreck⸗ lich leichtſinniges und bedachtloſes Ding bin, das Sie vor⸗ dem, als Sie noch ein ſchüchterner Lieutenant waren, auf das gottloſeſte verſpottet hat.“ „Und jetzt, Eva?“ fragte er und ſie hört' es ſeiner Stimme wohl an, daß ſie grade empor aus einem tief be⸗ wegten glücklichen Herzen klang. Es durchbebte ſie auch und ihre Augen blickten innig, aber ihre Antwort lautete dennoch nur:„jetzt nennt mich die Hoheit einen Wildfang und Strudelkopf, und meine Tante Galatea enterbt mich noch zu all meiner übrigen Es wohnet Lieb' bei Liebe. 217 Armuth, weil ich nur drei Vornamen und keine Manieren habe und ganz plebejiſche Lieder ſinge. Und ſehn Sie,“ fuhr ſie leiſer fort,„zu dem allen bin ich noch ein ver⸗ wöhntes Geſchöpf. Ich brauche viel Liebe— eine ganze!— und kann nicht hart liegen— es thut mir gleich weh— und habe noch obendrein die Prätenſion, nicht wie andere Menſchenkinder nur auf den Händen, ſondern in einem warmen, treuen Herzen durch's Leben getragen zu werden, das ganz mein eigen, das nichts neben mir hat in ſeinem Grunde.— Erſchrecken Sie nicht, Hubert? Bin ich der Kamerad, der Ihnen auf der Flucht und in der Ruhe ge⸗ fallen und genügen könnte?“ „Eva!“ ſagte er tief aus der Bruſt heraus, und es klang in ſeiner Stimme etwas wie eine leiſe Trauer:„zwei⸗ feln Sie an mir und meiner Liebe?“ Da machte ſie ſich raſch von ihm los, und indem ſie ſeinen Kopf zwiſchen ihre beiden Hände faßte und zu ſich niederzog, ſo daß ſeine Stirn faſt die ihre berührte, ſah ſie ihm mit der ganzen Macht ihrer hellen braunen Augen in die ſeinen und ſagte:„kannſt du treu ſein, Hubert, ganz treu?“ Er zog ſie feſt an ſich, ohne ein Wort, umd ſein Aug' nur beantwortete ihre Frage. „Haſt du mich denn ſo ſehr lieb, Hubert? flüſterte ſie. Er richtete ſich auf und preßte ihren Kopf an ſeine Bruſt.„Das iſt nicht genug,“ entgegnete er, und ſeine ————— ſ 218 Es wohnet Lieb' bei Liebe. Stimme bebte vor tiefer Bewegung.„Ich liebe dich, Eva, und mein Herz weiß von nichts mehr als von dir allein, du wunderbares, theures, ſüßes Weib!“ Ihren Körper durchzog ein leichtes Beben, aber ſie er— wiederte nichts, und erſt nach einer langen Pauſe erhob ſie plötzlich den Kopf und ſah ihn an, leuchtenden Aug's, legte ihre kleine Hand feſt in die ſeine und ſagte:„und weil ich das ſein ſoll— das Weib für dich, Hubert, du einzig lieber, lieber Mann— darum will ich's auch ſein und will nicht von dir laſſen. Nun laß kommen, was mag, für uns beide ſorge ich nicht. Wo zwei es ſo gut und ehrlich mit einander meinen, die bleiben auch einander zu eigen, denen kann's nicht ſchlecht gehn.“ Und ſie ſchlang die Arme um ſeinen Hals und ſchloß die ſtrahlenden Augen unter ſeinem heißen Kuß.— Aber als hätten die letzten kühnen Worte des Mädchens das Schickſal herausgefordert, ſo wurden ſie nur zu bald aus dieſer Liebesruhe geriſſen. Ein plötzlich Geräuſch in den Gebüſchen droben ließ ſie aufſchauen,— die Sonne war fort und der Himmel grau überlaufen— und zugleich ſahen ſie den Jägerburſchen durch das Gezweig' brechen und dann ſpringend und fallend und ſich an einzelnen Büſchen wieder aufraffend, ſo ſchnell die ſteile Wand herab⸗ gleiten, daß er faſt im nächſten Augenblick ſchon hoch auf⸗ athmend vor ihnen ſtand. — Es wohnet Lieb' bei Liebe. 219 „Was gibt's?“ fragte Hubert, den Burſchen mit fin⸗ ſterem Blick meſſend.„Ich denke, Ihr kennt dieſen Platz—“ „Sachte, ſachte!“ unterbrach ihn aber Eva ſchnell. „Sie müſſen meinen treuen Franz nicht ſo rauh behandeln, Hubert. Er hat nur um unſretwillen ſeinen koſtbaren Hals riskirt, weiß ich, und ſeine Nachricht muß Eile haben. Was bringt Ihr uns, meinem Verlobten und mir?“ ſetzte ſie beſonnen hinzu, denn ſie ſah das Auge des gutmüthigen Geſellen mit einem keineswegs freundlichen Blick auf Hu⸗ bert ruhen. Bei ihren Worten erhellten ſich ſeine Züge.„Oho,“ verſetzte er,„nun, dann hat es um ſo mehr Eile für beide Herrſchaften. Sie müſſen fort, ſchnell. Denn es kommt ein ſchweres Gewitter— da iſt's ſchon!“ unterbrach er ſich, als in dieſem Augenblick ein fernes langes Donnern hörbar wurde.„Das ſchlimmſte aber iſt— im Walde ſpukt der Teufel. Ich habe eben einen Trupp Menſchen geſehn— am grünen Knick, wie wir's heißen, ſchlichen ſie auseinander— und ich will mein Leben lang nichts als pudeln, wenn nicht der Breitenſteinbacher unter ihnen iſt.“ „Bühel?“ rief Eva zuſammenfahrend. „Weßhalb tratet Ihr ihnen nicht entgegen?“ fragte Hubert zugleich. „Darf ich nicht,“ entgegnete der Burſch' raſch.„Habe meine Inſtruction für ſolchen Fall. Es gilt nicht Einen, ſondern alle zu greifen, und wir kriegen ſie heut. Aber ich „ 220 Es wohnet Lieb' bei Liebe. muß fort, und Sie beide auch. Durch den Wald geht es nicht— alſo die Schlucht hinauf. Horch, es ſpukt ſchon droben! Fort, gnädiger Herr!“ Hubert zog Eva haſtig mit ſich fort, in die Schlucht hinein, wo neben dem Waſſer kaum ein Pfad zu ver⸗ muthen war. „Ich kenne den Weg nicht,“ flüſterte das Mädchen. „Aber ich,“ verſetzte Hubert ebenſo.„Waldinger hat ihn mir neulich bezeichnet, als er mich zur„grünen Wand“ führte. Er mündet nicht weit davon, im Park. Ruhig— ruhig, Geliebte!“ ſetzte er hinzu, als er Eva in ſo bebender Eile vor ſich hinfliegen ſah, daß er ihr kaum zu folgen vermochte. Sie war eben über eine Windung des Baches ge⸗ ſprungen und blieb nun auf ſeine Worte ſtehn, um ihn herankommen zu laſſen.„Denkſt du, daß ich um mich ſorge?“ fragte ſie lebhaft.„O nein! Was könnte mir im ſchlimmſten Fall paſſiren. Ich ſorge nur um dich, Hubert, deſſen Unvorſichtigkeit ich ja noch obendrein verſchuldet.“ „Du, Eva?“ „Etwa nicht?“ erwiderte ſie auf ſeine verwunderte Frage lächelnd und zog ihn mit der Hand zum Weitergehn.„Biſt du nicht um meinetwillen aus dem Park und durch den Wald gelaufen, gottloſer Menſch?“ „Und bringe dich in ſolche Noth, auf ſolche Wege!“ ſagte er.„Aber ſo ſind leider meine Wege,“ ſetzte er — Es wohnet Lieb' bei Liebe. 221 hinzu,„und wer weiß, wie lange es noch auf ihnen mit mir fortgehn wird. Da mußt du nun mit, Eva.“ „Immerhin,“ entgegnete ſie heiter und ſprang wieder von Stein zu Stein über den Bach, der ſich hier links in das Geſtein verlor, während vor ihnen die Schlucht langſam ſteigend in ein ebenes Terrain auslief.„Ich finde den Weg nicht ſo ſchlecht und— mit ein wenig Gefahr liebt ſich's noch viel hübſcher. Weißt du, was ich möchte, Hubert?“ ſetzte ſie fröhlich hinzu.„Du biſt ſicher, merk' ich, es iſt ihnen wieder ein Plan ruinirt, ich bin ſeelenvergnügt und habe eine unmenſchliche Luſt, einmal hell hinauszuſingen. Ich weiß einen ſo ſchönen Vers für uns!“ Und in die Melodie fallend, ſang das wunderbare Weſen leiſe, aber neckend: „Warum biſt du denn ſo traurig, Bin ich aller Freuden voll?— Als ſie im nächſten Augenblick droben waren, ſahen ſie ſich vor dem Tannenhain und in der Nähe der dunklen Allee, und konnten freier um ſich ſchauen. Es war alles einſam und ſtill, und ſelbſt der Wirbelwind, der während ihres bisherigen Weges durch die Waldgipfel gebraust, ſſcchwieg vor dem näher kommenden Gewitter, deſſen ſchwere Maſſen ſie hier oben drohend genug vor ſich erblickten. Eben zuckte ein greller Blitz, der Donner folgte ihm nach kurzer Pauſe, vom Wiederhall in die Runde fortgepflanzt, und die Es wohnet Lieb' bei Liebe. erſten Regentropfen raſſelten zwiſchen den Tannennadeln. Es galt zu eilen, und beide ſäumten auch ſo wenig, daß ſie noch vor dem hereinbrechenden ſchwerſten Regen unter die Arkaden des Schloſſes traten. „Da ſind ſie!“ ſagte die Prinzeſſin, welche mit Raben, der Hohenkron und dem Hofjunker neben dem großen Eck⸗ pfeiler ſtand und von dem athemloſen Paare bisher noch 1 nicht bemerkt war, zumal in dem tiefen Bogengange bereits eine faſt nächtliche Dämmerung herrſchte.„Was meinen Sie, Raben?“ fuhr ſie fort;„die paſſen noch beſſer zu einander, als ich ſchon geglaubt. Sie ſind überall Eins— auch in Un⸗ gehorſam und Leichtſinn!“ „O, Eure Hoheit!“ rief Eva bittend und doch lächelnd und beugte ſich über die dargebotene Hand der Fürſtin. 5 „Es war ſo heiß im Schloß und im Wald ſo kühl— das lockte mich hinaus.“. „Und du lockteſt den da,“ ſprach die Prinzeſſin gleich⸗ falls lächelnd,„ich finde das begreiflich. Es iſt auch ganz recht ſo. Gott ſegne euch, meine Kinder,“ fuhr ſie fort und reichte nun auch Hubert die Hand,„er gebe euch Stärke und laſſe euch euren frohen Muth. Ihr werdet deſſen bald bedürfen, Kinder. Das iſt alſo der Herr Hofmann, Raben?“ „Eure Hoheit entſchuldigen,“ verſetzte der Letztere lau⸗ nig,„ich glaube vielmehr, daß es für jetzt mein Bruder Leo iſt, der mich nach B. und unterwegs nach dem Hinden⸗ ſtein begleitet.“ Es wohnet Lieb' bei Liebe. 223 Die Fürſtin lächelte wieder.„Alſo Herr Leo von Ra⸗ ben, gehn Sie mit Ihrem Bruder, der Ihnen viel zu ſagen hat. Ich will unterdeſſen mit den Uebrigen reden, und nachher ſollen Sie mir in meinen Zimmern willkommen ſein. Komm' Eva, meine kleine Braut.“ Und ſo ging ſie dem Eingange zu und ins Schloß, von dem alten Paare gefolgt, welches dieſer raſch verlaufenden Scene in immer größerer Verwirrung beigewohnt hatte. Die Mittheilungen der Fürſtin an Eva waren bald gemacht. Raben hatte in B., der Reſidenz eines kleinen Nachbarſtaats, mit mehreren Gliedern ſeiner Familie am folgenden Tage eine Zuſammenkunft, und da von dort eine Flucht zur Seeküſte kaum noch verhindert werden konnte, ſo hatte er beſchloſſen, den Schützling der Fürſtin auf dieſem Wege aus ſeiner jetzigen Lage und in Sicherheit zu bringen. Sein Bruder war ſchon drüben und eingeweiht, und unter deſſen Namen ſollte Hubert die Grenze paſſiren. Sie hatten um ſo weniger auf ihrer Reiſe zu befürchten, da ſie noch heut Abend aufbrechen und den größten Theil des Weges während der Dunkelheit zurücklegen wollten. Waldinger war inſtruirt und einer der Schützenoffiziere, der mit Raben ziemlich befreundet, hatte verſprochen, am heutigen Abend beſonders auf die Feinde acht haben und das Revier durch⸗ ſtreifen zu laſſen. Daher war auch die Nachricht von dem Umherſchleichen Fremder mit einer gewiſſen Gleichgültigkeit aufgenommen “ ” 224 Es wohnet Lieb' bei Liebe. worden. Bei den getroffenen Maßregeln mußte man ihrer faſt ſicher habhaft werden oder ihnen wenigſtens eine Verfolgung Huberts unmöglich machen. Nur des Letztern Verſchwinden aus dem Schloß hatte die Fürſtin und Raben beunruhigt, da es im Walde leicht zu einer nicht mehr abzuwendenden Begegnung zwiſchen ihm und Bühel oder den andern kom⸗ men konnte, von deren Nähe er nichts ahnte. „Nun aber iſt alles gut,“ ſchloß die Fürſtin endlich. „Nur ihr dauert mich, ihr armen Kinder; kaum vereint geht es auf Gott weiß wie lange auseinander. Aber ich weiß es nicht zu ändern. Ihr müßt eben Muth und Ge⸗ duld haben.“ Eva nickte gedankenvoll vor ſich hin.— Es verging wohl noch eine Stunde, bis die beiden Männer kamen und dann erſchienen ſie ſchon im Reiſe⸗ anzug, den der Forſtmeiſter vorſorglich auch für Hubert mitgebracht. „Das Gewitter iſt vorüber,“ meinte Raben,„den Re⸗ gen werden wir aber die ganze Nacht haben und wollen daher jetzt aufbrechen. Wir können hoffen, unbeobachtet aus dem Revier zu kommen.“ „Sie haben recht, Raben,“ verſetzte die Fürſtin.„Wozu noch zögern?— Komm' Eva, mein Kind, kommen Sie, Hubert,“ fuhr ſie fort und ſtand auf und führte die beiden, ihr ſchweigend folgenden jungen Leute zu ihrem Kabinet; Es wohnet Lieb' bei Liebe. 225 „tretet ein und— macht euch nicht gar zu weich. Es wird alles gut gehn, denn Gott hat euch lieb.“ Und als ſie die Thür geſchloſſen und zu den Andern zurückgekehrt war, ſagte ſie gutmüthig:„haben Sie Nach⸗ ſicht, Hohenkron. Sie ſollen es beide nachholen, was ſie heut verſäumen, wenn ſie weniger mit einander zu thun haben. Sie können bei dem Vormund unſerer Kleinen immer ein gutes Wort für dieſe Verbindung einlegen— Hubert verdient's, und ich, Ihre alte Freundin, bürge für ihn.“ Wie konfuſ' die gute Hofdame auch durch alle uner⸗ hörten Vorgänge des Abends geworden war, die letzten Worte ihrer Prinzeſſin durchleuchteten ihr Herz und lichte⸗ ten ihren Kopf. Sie küßte die Hand der Gebieterin. Und drinnen im Kabinet hing Eva an des Geliebten Halſe, und was ſie dem erſchütterten Mann in dieſer Stunde gab, was ſie ihm ins Herz küßte, was ſie zu ihm flüſterte unter Lachen und Weinen, was ſie vor ihm ſich erſchließen ließ, wie es noch kein Anderer geſehn und wie ſie ſelber es nicht in ſich gekannt,— das machte ihn traurig, denn er mußte ja von ihr ſcheiden!— aber es machte ihn auch wieder ſo glückſelig, ſo unendlich reich, denn er wußte ſie ſein eigen über alle Zeit und Ferne, und die Zauberblume, die alle dieſe Schätze erſchloß und beherrſchte,— die Liebe nahm er mit ſich hinaus, und ſie blieb ihm treu, wohin er ging und wo er weilte. Hoefer, Lorelei. 15 226 Es wohnet Lieb' bei Liebe. „Leb' wohl,“ ſprach ſie endlich und hielt Huberts beide Hände feſt in den ihren, und auch ihre Augen hingen mit tiefem leuchtendem Blick an den ſeinen.„Leb' wohl, Hu⸗ bert, und Gott ſei mit dir immerdar, wie deiner Eva Liebe. Wüßt' ich dich nur erſt aus dieſem Bezirk, dann will ich keinen Augenblick mehr ſorgen. Die Ferne fürcht' ich nicht, mit der weiß ich Beſcheid und will ſchon mit ihr fertig werden.“ „Gott laſſe dir deine Fröhlichkeit und deinen Muth,“ ſagte er gepreßt,„du wirſt ſie nöthig haben, denn die Zeit der Trennung dehnt ſich weit vor uns aus— wer kann ſie ermeſſen und berechnen? Aber Eins ſage ich dir. Jetzt darf ich dich nicht in die Unſicherheit meiner nächſten Zu⸗ kunft hinausreißen, allein lange kann ich nicht warten, mich nicht ewig nach dir ſehnen. Wenn ich wieder feſt ſtehe, oder wenn eine Stunde kommt, wo ich nicht mehr zu han⸗ deln vermag und in feiger Ruhe weilen muß, wo ich nicht mehr zu leben weiß ohne dich—“ 4 „Da rufe mich und ich komme,“ unterbrach ſie ihn feſt und ſchlang die Arme wieder um ſeinen Hals, als wollte ſie ihn niemals von ſich laſſen.— Als ſie dann, nach der Rückkehr in den Salon, den letzten Händedruck und Blick getauſcht und wirklich ge⸗ ſchieden waren, ging Eva in ihr Zimmer hinüber und ſetzte ſich, wie auch ſonſt zu dieſer Stunde, an das offene Fenſter — — 1 Es wohnet Lieb' bei Liebe. 227 um zu ſingen. Raben hatte das ausdrücklich von ihr erbeten. „Singen Sie, Eva, ſingen Sie!“ hatte er ihr zuge⸗ flüſtert.„Wir reiten durch den Park und über die Brücke. Wenn hier herum noch irgend jemand lauſchen ſollte, wird er nur auf Sie hören und nicht auf uns. Aber ſingen Sie keine Scheidelieder!“— Eva ſchüttelte lächelnd den Kopf, und nun ſaß ſie⸗ droben und folgte ſeinem Wunſche. Die Stimme drang ſo ſüß und rein durch die Nacht wie je, und niemand horchte aus ihrem Klange die Trauer eines ſchweren Her⸗ zens heraus.— Die Nacht war ſtill, der Regen rieſelte noch einförmig aus der grauen Wolkendecke herab in das Laub der Wald⸗ kronen; auf dem kleinen freien Raum jedoch, der zwiſchen dem Schloß und der Umfaſſungsmauer vor Eva's Augen lag, herrſchte trotz der ſpäten Stunde und trotz der Wolken droben eine zwar tiefe, aber noch durchſichtige Dämmerung. Der Mond mochte inzwiſchen aufgegangen ſein, und von Zeit zu Zeit kam auch über den Wald herüber von dem fernen Gewitter ein langes, geiſterhaftes Leuchten, welches Eva's Blicke noch weiter in das Dunkel dringen ließ. Sie ſang und ſang, aber ihre Augen hafteten ſeit einiger Zeit ſtarr auf einer Stelle der Mauer drüben, und ihr Herz klopfte faſt hörbar; ſie ſah dort etwas Dunkles, das nicht zur Mauer gehörte und nicht zum Walde— ſie 228 Es wohnet Lieb' bei Liebe. hatte ſo oft und oft den ganzen Platz überblickt, daß ſie jeden Zweig kannte und jeden Buſch. Aber was ſie jetzt ſah, war weder das Eine, noch das Andere, und obſchon ſie bisher trotz aller Anſtrengung nicht eine Bewegung ent⸗ deckt hatte, konnte ſie es nur für einen dort weilenden, lauſchenden Menſchen halten. Hätte ſie nur gewußt, ob es Feind oder Freund! Die Freunde freilich ſollten jetzt anderwärts, auf den Wegen der Reiſenden ſtreifen, und die Feinde— hatten ſie Zeit zu ſolcher Muße? Oder ahnten ſie noch nichts von der Flucht? Oder beabſichtigten ſie gar etwas gegen das Schloß?— Ich muß wiſſen, was das iſt, dachte ſie, und ſollt' ich allein hinaus! Und ſie glitt, mitten im Liede abbrechend, von der Fenſterbank herab— und ſtand plötzlich wie ge⸗ bannt. Denn jetzt regte ſich drüben etwas— die dunkle Geſtalt und auch noch etwas hinter derſelben im Buſch— und ſie hörte ein Flüſtern,— das waren nicht die Blätter, ſondern Menſchenlaute! Aber verſtehn konnte ſie nichts, und es war auch im Augenblick wieder ſtill, bis auf ein leiſes Rauſchen in den Zweigen. Und wie ſie ſchaute und lauſchte— es war nichts mehr zu ſehn, die dunkle Geſtalt war verſchwunden, und die Büſche ſtanden regungslos.—— Sie hatte recht geſehn und recht gehört. Zu dem, der dort an der Mauer lauſchte, war durch das Gebüſch ein Anderer heran geſchlichen und hatte ihm zugeraun't:„ Un⸗ ſinniger, was ſäumen Sie?“ Und ihn mit feſtem Griff in — 1 — A 4 Es wohnet Lieb' bei Liebe. 229 das Dunkel ziehend, hatte er in dumpfem Tone hinzugeſetzt: „ſie ſind fort, durch den Park. Die verdammten Jäger und Schützen ſpuken allerwärts— die Zeit drängt, wenn wir's am Kreuz noch einmal verſuchen wollen. Und Sie—* „Machen Sie's beſſer als ich,“ hatte der Andere ihn finſter unterbrochen, während ſie forteilten, ſo ſchnell es das tiefe Dunkel rings möglich machte.„Ich war wie ver⸗ zaubert— verzaubert, ſag' ich! Ich hab' niemals ſo etwas gehört. Laſſen Sie uns den Burſchen faſſen, wenn wir können, aber gegen das Mädchen reg' ich keine Hand für Sie, Major.“ Ein dumpfer Ton war die einzige Antwort des Ge⸗ nannten, und ſie gingen ſtumm weiter.— Eva ſaß wieder im Fenſter und lauſchte und ſpähte. Singen konnte ſie nicht mehr, denn ihr Herz ſchlug zum Zerſpringen, und wie feſt ſie auch die ſchlanken Finger in einander verſchlungen hatte, wie feſt ſie den Körper an die Mauer zurückdrängte, ſie konnte das leiſe Zittern nicht be⸗ ſiegen, das fort und fort ihre ganze Geſtalt durchlief. Mit dem ſteigenden Mond und dem nachlaſſenden Regen war die Dämmerung umher noch lichter geworden. Allein es gab nichts zu ſehn und zu hören; auch das letzte Blatt ſchien eingeſchlafen. Die Uhr des Schloſſes ſchlug elf. Da fiel in der Ferne ein Schuß. Der Knall hallte 230 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. lang nach durch den Wald und tönte in immer leiſerem Wiederhall von den Höhen umher zurück.— Eva horchte athemlos, aber es blieb auch jetzt wieder alles ſtill.— Sie ließ ihr Haupt ſinken und weinte.— X. Uun laßt uns ſingen das Abendlied. Es waren Jahre auf Jahre vergangen, und auf dem Hindenſtein und in ſeinem Reviere war es noch ſtiller als ſonſt. Nach den Ereigniſſen, die wir in den letzten Ka⸗ piteln geſchildert und welche im Schloſſe und ſeiner ernſten Umgebung plötzlich ſo viel Leben und Bewegung geſchaffen hatten, wie dort früher im Laufe vieler Jahre nicht zu be⸗ merken geweſen, war nicht nur die alte Ruhe und Ein⸗ ſamkeit, ſondern eine noch tiefere eingetreten, es konnten Wochen vergehn, ohne daß man ein anderes Geſicht als das der Schloßbewohner droben ſah, und unten im Lande war von dieſen Letzteren ſo wenig zu vernehmen, daß ſie nach und nach mit ſammt ihrem Wohnſitz faſt ganz ver⸗ geſſen wurden. Nur einmal, etwa im Jahre 1812, war die Einſamkeit durch einen kleinen Reiterzug geſtört worden, der die jetzt faſt noch unwegſamere Waldſteige herauf kam, und — — Nun laßt uns ſingen das Abendlied. 231 deſſen vorderſtes Paar, ein Herr und eine Dame, in Ra⸗ bens Begleitung ſchnell die Treppe zu den Gemächern der Prinzeſſin hinaufſtieg und dort nach kurzer Meldung eintrat, während das Gefolge ſich unter den Arkaden ausruhte. Das war der junge Herzog geweſen, der gleich nach ſeiner Thron⸗ beſteigung mit ſeiner Gemahlin einen Beſuch bei der alten ſchwer geprüften und ſchwer mißhandelten Verwandten machte, um ſie für die Unbarmherzigkeit ſeiner Vorfahren um Ver⸗ zeihung zu bitten und ſie zurückzuführen an den Hof und in die Stellung, die ihr gebührte. „Laſſen Sie die Herzogin und mich gut machen, was man an Ihnen geſündigt, meine theure Couſine,“ hatte er mit warmer Herzlichkeit geſagt, und die ſchöne junge Frau hatte die Alte innig umfaßt und gebeten: elaſſen Sie uns gut machen!“ Aber die Prinzeſſin hatte mit mildem Lächeln den Koyf geſchüttelt und jede Veränderung ihres Wohnſitzes abge⸗ lehnt. „Gut gemacht habt ihr ſchon,“ antwortete ſie bewegt und drückte dem Herzog die Hand und berührte die Stirn ſeiner Gemahlin mit ihren Lippen.„Ich danke euch dafür, denn ihr nahmt mit euren Worten und Bitten den letzten alten böſen Druck von mir— ich kann hinfür an euch und unſer Haus wieder denken ohne Zürnen, ohne Haß. Aber mit euch zurückkehren in die Welt, oder gar an den Hof— das kann ich nicht. Denkt daran, Kinder, ich bin nun bald 232 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. fünfzig Jahre fern von dort geweſen. Ich würde den Leuten ja wie ein Geſpenſt erſcheinen und ihnen Angſt machen. Dort habe ich nichts als trübe Erinnerungen und hier— wenigſtens ſeit vielen Jahren ſchon— nichts als gute oder doch friedliche. Hier bin ich daheim, ich kann den Hinden⸗ ſtein und ſeine Waldſtille nicht mehr entbehren.“ Und ebenſo hatte ſie auch jede Veränderung ihrer Le⸗ bensweiſe, jede Vergrößerung ihres Hofſtaates abgelehnt. „Laßt uns zuſammen, wie wir ſind,“ meinte ſie„wir kennen und genügen einander, wir wiſſen mit unſern Eigenheiten Beſcheid und verſtehen unſere Vorzüge zu ſchätzen, unſere kleinen Fehler geduldig zu ertragen, alles billig zurechtzu⸗ legen. Wir ſind eine alte Geſellſchaft hier auf dem Hin⸗ denſtein, Menſchen und Thiere, Schloß und Park. Ein junges Geſicht iſt hier immer vor der Zeit alt oder blaß geworden. Davon iſt nur eins frei geblieben, aber das ge⸗ hörte auch der Einen!“ ſetzte ſie leiſe hinzu, fuhr jedoch ſogleich wieder gutgelaunt fort:„Wir brauchen hier auch gar nichts Junges. Seit meine alte Hohenkron die Schä⸗ ferſpiele zu vergeſſen und eine Brille aufzuſetzen gewagt, liest ſie mir ſogar wieder ganz gut vor und verſteht es mit mir zu plaudern. Denn wir haben jetzt ein gemein⸗ ſames, herzliches Intereſſe.“ 8 Da war das fürſtliche Paar wieder betrübten Her⸗ zens und doch voll hoher Achtung und Ehrfurcht von der alten Frau geſchieden; ſeitdem war jedoch zwiſchen der Re⸗ — — Nun laßt uns ſingen das Abendlied. 233 ſidenz und dem Jagdſchloß ein freundlicher, wenn auch ſel⸗ tener Verkehr in Gang geblieben. Von Zeit zu Zeit ſahen der Herzog oder die Herzogin einmal bei der Verwandten ein und fanden gute Aufnahme. Aber ſie kamen nie mit großem Gefolge, und die Stille in Schloß und Park wurde durch ſie und die Ihren auch nicht geſtört.— So hatte die Fürſtin damals geredet und zu dem alten Hoffräulein hatte ſie hinterdrein geſagt:„eine Vergrößerung des Hofſtaats! Was ſollten wir damit? Nach unſerer Kleinen kann ich wenigſtens keine Andere brauchen und möcht' es auch keiner gönnen es mit uns zu verſuchen. Der Vergleich würde nicht ausbleiben und zu nachtheilig für ſie ausfallen. Ja, die Eva!“— Und wie leichthin die Prinzeſſin auch von ihrer Zu⸗ friedenheit auf dem Hindenſtein und von ſeiner Stille ge⸗ ſprochen, und daß ſie dort nichts entbehre— die Eva und ihr fröhliches Leben und Weben fehlte ihr doch allerwärts — denn ſie war fort— und ſie fand den einzigen Erſatz in den Briefen des Lieblings oder in den Geſprächen mit der Hohenkron und den beiden vertrauten Männern, Raben und Waldinger. Mit denen rekapitulirte ſie immer von neuem die Vergangenheit, und Galatea faßte dieſe Unter⸗ haltungen längſt nicht mehr als eine Strafe für ihren da⸗ maligen Unverſtand auf. Das alte Fräulein war durch mancherlei damals zu⸗ ſammentreffende Erſchütterungen zu aller ihr möglichen Be⸗ 234 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. ſinnung und Einſicht gekommen, hatte ſich mit dem Weſen der Nichte zwar nicht ausgeſöhnt, aber daſſelbe doch dulden gelernt, und meinte noch heut, wenn ſie mit dem zum Kammerherrn avancirten Aldenhofen allein war, das Mädchen habe mehr Glück als Verſtand und ſei eines ſolchen ‚Sorts' kaum würdig. Zugleich aber leugnete ſie nicht, daß ſie das Mädchen ſehr lieb habe. Es ſtecke doch der Adel ihres Geſchlechts in ihr— das habe ſie recht deutlich in jenen Tagen erkannt, die das Treiben des Verräthers— nur ſo nannte ſie Bühel— enthüllt. Damals habe Eva viel Feinheit, und nachher eine höchſt achtungswerthe Con⸗ tenance bewieſen. Die Fürſtin und eigentlich auch alle Uebrigen wußten dem Liebling noch vieles Andere nachzurühmen und trugen 4 das Mädchen im liebevollſten und treuſten Herzen. Der Felix pflegte ihr weißes Pferdchen und ließ keine fremde Hand an daſſelbe heran und meinte kopfſchüttelnd:„ja die Pferdebeine wußte keiner ſo ſchrecklich zu ſtrapaziren wie ſie, und mit ſo einem alten Menſchen wußte ſie Teufelszeug anzugeben, daß er niemals Ruh' hatte. Aber ein beſſer Menſchenkind hat der Herrgott nie erſchaffen, und lieb haben mußte man ſie, da half kein Gott und kein Teufel!“ Waldinger vergaß niemals das Leuchten ihres Blicks, das helle Aufjubeln ihres Herzens— ſo hieß er's— mit dem ſie am Tage nach der Fluchtnacht ſeine Botſchaft auf⸗ genommen, daß Raben und Hubert unbeläſtigt bis zur Nun laßt uns ſingen das Abendlied. 235 Grenze und hinübergekommen.— Und die Fürſtin dachte nicht hieran allein, ſondern auch an alles, was darauf folgte. Mit jener Nachricht Waldingers war auf dem Hin⸗ denſtein denn die alte Ruhe und das alte Leben wieder ein⸗ gekehrt und von außen nicht mehr geſtört worden. Man hatte im Revier damals nur einen Mann ergriffen, den man aber, da nichts aus ihm herauszubringen, bald darauf wieder laufen ließ. Daß man in jener Nacht etwas gegen Hubert vorgehabt, war zweifellos, allein die Unternehmer kamen glücklich davon, und der Major Bühel blieb von da an verſchwunden. Es wurde bekannt, daß er am Tage zuvor nach Dett⸗ ſtädt geweſen und von dort mit zwei Herren im Jagdanzuge zurückgekehrt, bald mit ihnen aber auch wieder von Brei⸗ tenſteinbach aufgebrochen ſei. Seitdem hörte man nichts mehr von ihm, und die, freilich ziemlich lau betriebenen Nachforſchungen brachten keine Aufklärung. Eva gedachte der beiden Geſtalten an der Mauer und des ſpäteren Schuſſes und ſprach davon zu Waldinger und Raben. Beide hatten nichts gehört oder nicht darauf geachtet; auch die Leute des Förſters und die Schützen wußten nichts davon, da ſie zu jener Stunde faſt alle ſchon gegen die Stonsheimer Straße geſtreift. Und im Walde war keine Spur aufzufinden ge⸗ weſen, welche eine weitere Kunde von dem Geſchick des Ver⸗ ſchollenen gebracht hätte.— Man lebte alſo, wie geſagt, ſo ziemlich wieder ebenſo 236 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. wie ſonſt, und Eva überließ ſich anſcheinend der vollen alten Heiterkeit, dem unverkümmerten Frohſinn der frühern Zeit. Sie neckte und lachte, ſie ſchwärmte umher und band fröhlich mit jedem an, der ihr in den Weg kam; ſie ſtritt mit der Tante die alten Kämpfe, trug der Fürſtin ihr ganzes Herz entgegen und machte ſich alle Welt zu eigen. Und Abend für Abend faſt zogen die Klänge ihrer Zauber⸗ lieder durch Park und Wald, und wer ſie vernahm, fand Troſt in ihnen, oder Freude und Erhebung, und die Fürſtin in ihrem einſamen Gemach, und der alte ernſte Waldinger draußen an der Mauer, und wer ſonſt dort im Schloß oder im Walde lauſchte— ſie hatten alle den einen Wunſch im Herzen: Gott ſegne das liebe Menſchenkind! Es kamen auch Unterbrechungen der einförmigen Le⸗ bensweiſe— die Briefe Huberts und Eva's Antworten. Es gab darin manches Ernſte und Schwere; Hubert kämpfte in Spanien unter Englands Fahnen wie ſo viele unſerer Landsleute, und lernte die Wechſelfälle des Kriegs gründlich kennen. Es gab Nachrichten, die das Herz ſchwer machten, und Pauſen, die es faſt verzweifeln ließen. Allein Eva verlor weder ihren Muth noch ihre Heiterkeit, und ihre Briefe trugen dieſe Stimmung getreulich zu dem Geliebten hinüber, und der Mann da drüben, und die alte Frau— die Gebieterin— hier daheim umfaßten das wunderbare Geſchöpf mit immer innigerer Liebe. Und da kam der Tag, an dem Eva zu der Fürſtin ins Nun laßt uns ſingen das Abendlied. 237 Zimmer trat, einen Brief in der Hand, und mit glühenden Wangen und durch Thränen lächelnden Augen ſagte:„Müt⸗ terchen— ſo nannte ſie ſeit einiger Zeit die alte geliebte und liebevolle Frau— ich muß fort. Der Hubert hat den linken Arm verloren und iſt auch noch weiter verwundet. Er iſt ſchon in England und in der Beſſerung, aber es mag lange dauern, bis er die Waffen wieder aufnehmen kann. Vielleicht geſchieht's nie. In dem Briefe ruft er mich nicht— den hat ein Anderer geſchrieben, aber in ſeinem Herzen thut er's. Ich muß fort, Mütterchen, ich muß zu ihm! Da gibt's kein Säumen, wie ſchwer mir auch die Trennung von Ihnen wird.“ Und zum Entſetzen der Hohenkron entgegnete Prinzeß Antoinette:„du haſt recht, mein Kind. Du mußt hinüber, und von uns iſt dabei keine Rede. Allein ſollſt du aber nicht hingehen; Raben wird dich begleiten. Ich habe mit ihm ſchon über einen ſolchen Fall geredet.“ Der bald darauf folgende Abſchied von ihrem Liebling hatte die hohe Frau tiefer ergriffen als alles, was ſie ſeit ihrer Jugendzeit erlebt, und erſt die Nachrichten, die der zurück⸗ kehrende Raben brachte, und Eva's ſpätere glückſelige Briefe konnten nach und nach ihre tiefe Wehmuth mildern. Es ging Eva auch ſo gar wohl! Hubert war zwar wieder in den Krieg gezogen, aber auch er hatte Glück und machte Carriere, zuerſt bei den Engländern drüben und ſeit 1813 wieder in dem Heere ſeiner Heimat. Die Eva hätte “ 238 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. inzwiſchen wohl nach dem Hindenſtein kommen können, aber ſie wollte ſich nicht ohne den Gatten zeigen, und überdies gab es allerlei Zuſtände, die wir zur Beruhigung von Fräu⸗ lein von Hohenkron und allen Ihresgleichen nicht weiter bezeichnen wollen, als daß eine Frau in ihnen nicht gern eine längere und beſchwerliche Reiſe zu unternehmen pflegt. Aber jetzt— im Jahr 1814— erwartete man ſie. Die Eva war ſchon mit dem Gatten in Frankreich.—— Es war am Abend eines blendend klaren, heißen Juli⸗ tags, da ritten wieder ein Herr und eine Dame, ſo ſchnell die Pferde vorwärts konnten, die Waldſteige herauf, bogen in die Allee ein und ſahen die Gebäude des Hindenſtein vor ſich im tiefen Schatten und ebenſo tiefer Ruhe. Es war darin eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn die Sonne war ſchon hinter den Wäldern, und auf dem Platz vor dem Schloſſe hatte niemals viel Leben und Bewegung geherrſcht, allein das ſich nähernde Paar ſchien darüber anders zu denken. Denn die Dame hielt, nach einem hellen Freuden⸗ ruf bei dem erſten Anblick, das Pferd an und ſagte mit plötzlich ernſten Augen und im beſorgten Ton:„Hubert — es iſt niemand da, und ſie wiſſen's doch, daß wir kommen!“— Und der Angeredete verſetzte kopfſchüttelnd:„ich verſtehe Waldinger und Raben nicht— einer hätte uns ſchon ent⸗ gegenkommen können.“ „Laß uns zureiten,“ ſprach die Dame haſtig und trieb — — Nun laßt uns ſingen das Abendlied. 239 das Pferd an, daß ſie raſch auf den Platz und vor das Eingangsportal gelangten, da trat ihnen der Förſter ent⸗ gegen. „Waldinger— da ſind wir. Um Gott, was gibt's?“ Ihr ſeht ſo ernſt aus!“ rief die ſchöne Frau und ſprang, ohne eine Hülfe abzuwarten, raſch aus dem Sattel und bot dem alten Freunde mit der ganzen ungeſtümen Herzlichkeit ihrer Mädchenjahre beide Hände hin. Der Förſter hielt ſie feſt und ſah einen Augenblick mit heller Freude in die ihm ſo wohlbekannten braunen Augen, auf die noch immer ſo friſchen und reizenden Züge des lieb⸗ lichen Geſichts, bevor er gedämpft entgegnete:„grüße Sie Gott, gnädige Frau! Wir haben ſehnſüchtig nach Ihnen ausgeſehn, und Ihre Hoheit fragt viel nach Ihnen. Sie iſt recht krank— die Hoheit.“ „Recht krank? Ernſtlich?“ rief ſie wieder. Und ohne eine Antwort abzuwarten, flog ſie in die Halle hinein, an ein paar Dienern vorbei, die Treppen hinauf, während Waldinger leiſe zu Hubert ſagte:„es iſt keine Hoffnung, und der Arzt glaubte nicht, daß ſie den heutigen Abend erleben werde. Aber ſie hat ruhig geſagt: zich ſterbe noch nicht; ich muß doch vorher noch einmal die Eva ſehn. Sie kommt ja!’— Entſchuldigen Sie meine Worte, Herr Oberſt,“ ſetzte der Alte hinzu,„ſo hat ſie aber geſprochen. Ihr Herz hängt ſehr an Ihrer Frau Gemahlin.“ —— E“ 240 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. Eine Stunde ſpäter ſtand auch Hubert neben dem Lager der Sterbenden, welche beide Hände der knieenden Eva in den ihren hielt und die Augen immer von neuem auf dem Geſicht und der Geſtalt ihres Lieblings ruhen ließ. „Gott ſegne dich, Eva, mein liebſtes Kind,“ ſprach ſie langſam und leiſe, aber ihre Stimme verkündete auch jetzt noch die volle Zärtlichkeit des Herzens,„Gott ſegne dich, Eva, daß du mich noch einmal dein liebes Geſicht ſehn und deine Stimme hören ließeſt. Ich ſehe nun und weiß es, daß es dir wohl geht, daß du glücklich biſt, du mein lieber Wildfang.— Wie ſollteſt du's auch nicht an der Seite deines Gatten! Ich weiß, er macht ſeinem Vater Ehre, dem er äußerlich ſo ſehr gleicht. Mir iſt's faſt, Hubert, als ſähe ich in Ihnen ſchon hier den alten theuren Freund wieder, den ich wirklich doch erſt drü⸗ ben begrüßen ſoll. So gleichen Sie ihm!— Und, Hubert, ſeien Sie auch in Ihrem Herzen immer wie er, feſt wie Stahl, rein wie Gold, treu bis in den Tod. Halten Sie mir meinen kleinen Wildfang hier recht warm und gut—“ „Hoheit!“ unterbrach Eva ſchluchzend ihre Rede. „Hoheit? Nein, Mütterchen ſollſt du ſagen,“ ſprach die alte Frau freundlich, und ihr Auge ruhte noch einmal mit dem alten unwiderſtehlichen, bezaubernden Lächeln auf der Knieenden.„Mütterchen! So fühlte und fühl' ich für dich, Kind! Und du mußt nicht weinen, Eva. Mein Weg führt mich ja dahin, wo ich endlich das Glück ſo rein und Nun laßt uns ſingen das Abendlied. 241 ſchön wiederfinde, um deſſen Verluſt ich hier ſo lange ge⸗ trauert. Singe, ſinge, mein fröhlicher Waldvogel! „Empfehlt der Herzogin meine alten Diener,“ ſprach ſie nach einer Weile auf's neue.„Deine Tante nimmſt du wohl zu dir; ſie iſt alt und gebrechlich und braucht Pflege und Liebe. Du haſt dich nicht mehr vor ihr zu fürchten, ſie hat dich doch von Herzen lieb und iſt ſtolz auf das „Sortt, das du gemacht, wird dich auch nicht mehr allzuviel mit dem Franzöſiſchen quälen, das ſie jetzt haßt. Nicht wahr, Hohenkron?“ Eva lachte durch ihre Thränen. Die alte Zeit ſtand lebendig vor ihren Augen, mit all ihrer Thorheit und Schalkhaftigkeit, mit all ihrer Luſt und all ihrem Glück. Und in der Nacht, als die Fürſtin mit einem Segens⸗ wort für ſie und ihr Glück geſtorben war, und Eva an den „Gatten geſchmiegt das Sterbezimmer verlaſſen hatte und auf die Terraſſe hinaus kam, da trat ihr wiederum die alte Zeit entgegen. Sie ſtützte den Arm auf einen der Stein⸗ pfeiler der Brüſtung, und legte den Kopf in die Hand, während ſie die andere Hubert gegeben hatte, der neben ihr lehnte und ſchweigend und ernſt ihren Schmerz ge⸗ währen ließ. Nun ſah ſie hinaus, wie ſie's vordem auch von hier aus ſo oft gethan, und ſie fand es alles wieder, wie damals — das Schloß mit ſeiner ruhigen, dunklen Maſſe, der Platz davor, auf dem die Fontaine murmelte, die Wälder rings in Hoefer, Lorelei. 16 242 Nun laßt uns ſingen das Abendlied. ihrer tiefen Stille, die dunkle Allee, die ſich ſo geheimnißvoll vor ihr öffnete, den Himmel droben mit ſeinen Sternen,— und endlich den Mond, der dort hinten grade aus den Baumwipfeln hervortrat und lange, weiche Lichter in all den Schatten zu ſtreuen begann.— Ja, es war alles, alles wieder da!— Eva's Thränen floſſen nicht mehr. Ein ſüßes Lächeln überflog das ſchöne blaſſe Geſicht. Und plötzlich klang von bren Lhpen voll und rein das alte Lied durch die Stille: „Es waren zwei Königskinder, Die hatten einander ſo lieb, Sie konnten beiſammen nicht kommen Das Waſſer war gar zu tief.“— Hubert zog die geliebte Frau leiſe auf und lehnte ihren Kopf an ſein übervolles Herz. Sie drückte ſeine Hand feſt in die ihre und ſang weiter und weiter. Und rings lauſchten die Nacht und der Wald, das Schloß und die traurigen Menſchen in ihm. Sie alle wußten's, daß ſie die Stimme hier zum letztenmale hörten. 4 . 17 en2 2ek. 27 S.— Tdn? 32 . 2, ee e e h, e, ere r Fee enne 2, d ſ fffſ 17 18 19 20 21