Leihbibliochet neucer, engliſcher und franzö ſiſcher Literatur Ednuard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. . Offensein der Bibliothek. Die Wiüliotſer ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rück 1 e per Bücher jeden Tag von Morgens Ühr bis Abends 8. nn offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von im Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den an⸗ genommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe üinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9, ab bonnement. Daßfelbe muß voraus egahlt werden und ern e19 muß d eſchmutzte, v Werkes, ſo In der Welt verloren. Eine Erzählung von Edmund Hoefer. Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Erſtes Kapitel. Reſidenzaffairen. Man hatte in der Reſidenz bisher einen Sommer verlebt, der ſo zu ſagen gegen alle Traditionen und Gewohnheiten ihrer Bewohner und zumal der vorneh⸗ mern Geſellſchaft ſtritt, da er trotz der außerordent⸗ lichen Hitze, welche ſonſt Jedermann in die Weite ge⸗ trieben haben würde, diesmal für alle Welt eine Art von Verpflichtung, wo nicht wirkliche Nöthigung mit ſich brachte, jeden Gedanken an eine Reiſe aufzugeben und hübſch, vorerſt wenigſtens, daheim zu bleiben. Der in den erſten Frühlingstagen ſtattfindende Thron⸗ wechſel war von größerer Wirkung geweſen, als man erwartet hatte; er brachte für ſehr Viele innerhalb wie außerhalb der Hofkreiſe zahlreiche neue Zuſtände und Hoefer, In der Welt verloren. IV. 1 2 Verhältniſſe mit ſich, und ſelbſt wer nicht durch dieſe ausdrücklich betroffen und gebunden wurde, mochte nicht an eine längere Abweſenheit denken. Es gab gar zu viel Neues zu beobachten, zu befürchten, zu bereden oder zu beſpötteln, das man unmöglich in der Ferne durch die Zeitungen erfahren oder gar erſt nach ſeiner Rück⸗ kehr ſich zutragen laſſen konnte. Fürſt Hermann hatte Land und Stadt ſeit ſeinem Regierungsantritt an ſo viele und ſeltſame Ueberraſchungen gewöhnt, daß man keinen Augenblick ſicher vor neuen war, und er, der luſtige und formloſe Herr, nahm die Regierung ſo ſtraff und feſt für ſich und alle in die Hand, daß von überflüſſiger Muße für keinen Menſchen mehr die Rede war. Der Fürſt ſelbſt hatte die Stadt verlaſſen und das nahe gelegene Luſtſchloß Schwaneck zum Sommerauf⸗ enthalt gewählt, das heißt, um ſeine ſehr beſchränkten Ruheſtunden dort in Frieden und mit Behagen zu ge⸗ nießen. Des Morgens kam er in die Stadt, um die Vor⸗ träge entgegenzunehmen und die laufenden Geſchäfte auf das gewiſſenhafteſte zu beſorgen; zur Tafel fuhr er wieder hinaus und bewegte ſich für den Reſt des Tages munter zwiſchen ſeinen mehr oder minder zahl⸗ reichen Gäſten, zwanglos ſich betheiligend an den ihnen bereiteten Zerſtreuungen und Vergnügungen. Damit —— 80 war aber auch Alles erſchöpft, was er ſich an Muße geſtattete, denn am nächſten Morgen begannen ſchon hier draußen die Geſchäfte wieder, und ſelbſt die Miß⸗ trauiſchen mußten täglich mehr von ihren anfänglichen Sorgen und Befürchtungen zurückkommen. Das fand denn auch überall ſtatt. Der Fürſt be⸗ nahm ſich gegen ſeinen körperlich und geiſtig gebrochenen Vorgänger mit der zarteſten Rückſicht und verlangte aufs ſtrengſte das Gleiche von allen, welche die Um⸗ gebung bildeten oder ſo oder ſo mit ihm in Berührung kamen, nur allzu geneigt, die alte, bedeutungslos gewor⸗ dene Größe mit Gleichgültigkeit oder gar Mißachtung zu überſehen. Er ließ unter den Angeſtellten nur die allernothwendigſten und, wenn man billig ſein wollte, völlig gerechtfertigten oder natürlichen Veränderungen eintreten und berief zu den einflußreichſten Stellungen Leute, welchen auch die Mißtrauiſchen nicht nur die Befähigung, ſondern auch gewiſſermaßen die Berechti⸗ gung zu ſolchem Vorzug zugeſtehen mußten. Major Bennet, der Vorſtand des militäriſchen Kabinets, war ein allgemein in voller Achtung ſtehender Mann, und der frühere Staatsanwalt von Diringshofen, jetzt zum Kabinetsrath ernannt und gleich dem erſtern im voll⸗ ſten Vertrauen des Fürſten, bot ebenſo wie jener ſchon durch ſeine Perſönlichkeit allein genügende Garantie 1* 4 gegen die Fortſetzung oder Erneuerung des frühern ſchrankenloſen und ausgelaſſenen Treibens. Herr von Othmaringen, der alte neue Staats⸗ miniſter, ſtand bei dem Fürſten freilich im beſten An⸗ ſehen, doch nur als feſter und erfahrener Leiter der Staatsgeſchäfte, im Uebrigen und in Allem, was nicht mit derartigen Geſchäften zuſammenhing, dem Herrn nichts weniger als nahe. Das zeigte ſich noch deutlicher in Anſehung der Familie des Miniſters, von der augen⸗ blicklich allerdings nur die Gemahlin und Schweſter anweſend waren. Der Fürſt, noch immer unvermählt und dennoch, anſcheinend allerdings in bei weitem beſ⸗ ſern Sinn als vordem, ein großer Damenfreund, hatte auch in jenem Luſtſchloß der ältern fürſtlichen Ver⸗ wandten die Vertretung der noch fehlenden Fürſtin übertragen, welche ſeit dem Tode ſeiner Tante auch in der Stadtreſidenz dieſe Stellung einnahm. Er liebte, wie ſchon bemerkt, in ſeinen Mußeſtunden eine lebhafte Geſelligkeit und ſah nicht nur wechſelnde, ſogenannte Tagesgäſte um ſich, ſondern ließ Andere auch zu länge⸗ rem Aufenthalt einladen, Einzelne ſo gut wie Familien, eine Gunſt, die um ſo mehr geſchätzt und um ſo dank⸗ barer angenommen wurde, als die fürſtlichen Wirthe ihren Gäſten ſolchen Aufenthalt nach Kräften angenehm zu machen ſuchten. Zu dieſen Bevorzugten gehörten die 2 5 Othmaringen niemals, und ſelbſt bei Tafel oder bei irgend einem der oft ſehr heitern und hübſchen Abend⸗ feſte begegnete man ihnen ſelten, auch dann durch nichts weniger als beſondere Aufmerkſamkeit vom Fürſten und der Prinzeſſin ausgezeichnet. Das war aber noch nicht einmal genug. Der Sohn des Hauſes, Dagobert, war, wie wir wiſſen, manche Jahre lang der vertraute Adjutant und der unzertrenn⸗ liche Begleiter des Herrn geweſen, eingeweiht, wie man annahm, in alle Verhältniſſe und betraut mit allen mögli⸗ chen und unmöglichen Dienſten. Wie gering man im Grunde nicht nur in weitern Kreiſen, ſondern auch unter den ſogenannten Freunden über Dagobert denken mochte, eins mußte man ihm dennoch zugeſtehen, und das war eine tadelloſe Discretion in Anſehung ſeines Gebieters und ſeiner Dienſte. Man ſah und glaubte ihn daher auch, wo nicht in der Achtung des Herrn— über dieſen Punkt konnte man Zweifel haben— ſo doch im vollen Vertrauen deſſelben, hielt ihn im gewiſſen Sinne für unentbehrlich und war beim Regierungswechſel nicht wenig auf die Stellung geſpannt, welche er hinfüro einzunehmen haben würde. Wie wir bereits geſagt haben, täuſchte man ſich indeſſen in Anſehung der frü⸗ hern Günſtlinge und Genoſſen des Fürſten und ſomit auch in Betreff Dagobert's durchaus. Er kehrte weder 4 . 6 zurück von ſeiner Badereiſe, wenn man dieſen Aus⸗ druck wählen will, noch las oder erfuhr man etwas von einer ſicher erwarteten Beförderung oder andern Gnadenbeweiſen. 8 Noch weniger womöglich ward von Hildegard Oth⸗ maringen etwas laut, obgleich man im Stillen noch viel ſicherer erwartet hatte, ſie wieder auftreten und eine hervorragende Stellung im Hofkreiſe einnehmen zu ſehen. Es war freilich ſelbſt in dieſen Kreiſen nie⸗ mals eigentlich recht klar geworden, wie weit ihre Ver⸗ bindung mit dem damaligen Prinzen Hermann gegangen ſei, da von den Betheiligten nicht nur, ſondern auch von der Familie Alles angewandt war, um dieſe Ver⸗ hältniſſe in das undurchſichtigſte Dunkel zu hüllen. Sie war bald nach der damaligen großen Kataſtrophe, wie man es hieß, zu Verwandten oder Freunden in die Ferne, Gott mochte wiſſen wohin, gegangen und ſeit⸗ dem für die Meiſten, ja ſogar für nahe Freunde der Familie ſo gut wie verſchollen. Man wußte nur, daß ſie ſich nicht lange nachher verheirathet haben ſollte, und hatte hier und da auch wohl den Namen des Gatten gehört. Doch mochte dieſe Verbindung der Familie eine unwillkommene geweſen ſein und ihr die Tochter mehr und mehr entfremdet haben. Es wurde ihrer zum mindeſten von den Ihren ſelten oder nie 7 gedacht, und dann ſtets in einer Weiſe, daß man daraus auch auf eine innere Trennung ſchließen durfte. Trotz alledem oder vielleicht gerade wegen dieſes beharrlich feſtgehaltenen ſeltſamen Dunkels im Ver⸗ ein mit allerhand alten bedenklichen Gerüchten glaubte man an eine ſehr, wo nicht allzu genaue Verbindung zwiſchen ihr und dem Prinzen und erwartete, zumal ſeit dem Abtritt des alten fürſtlichen Paares, welches dazumal ſeiner ungnädigen Geſinnung beſonders gegen die weiblichen Mitglieder der Familie Othmaringen einen ungewöhnlich offenen Ausdruck gegeben hatte, ſeit der Wiederanſtellung des Miniſters und ſeit dem Regie⸗ rungsantritt des Fürſten Hermann auch hier die end⸗ liche, möglicherweiſe ſehr intereſſante Aufklärung. Die⸗ ſelbe blieb indeſſen, wiederholentlich geſagt, vollſtändig aus. Es wurde ſelbſt in der Familie nicht mehr von der Dame geredet als bisher, das heißt, im Grunde gar nicht; man hörte nichts von ihrem Leben und nichts von ihrem Aufenthalt und vernahm zumal vom Fürſten nichts, was wie eine Erinnerung an ſie ge⸗ klungen hätte, geſchweige denn auf eine mögliche Wie⸗ deranknüpfung alter Verhältniſſe zu deuten geweſen wäre. Man wußte von mehr als einer Verbindung, in der Prinz Hermann von jeher zu dieſer oder jener 8 Dame der Geſellſchaft, ja hier und da auch wohl zu einer Frau anderer Kreiſe geſtanden. Von einem ſtrengen Geheimniß war in derartigen Fällen ebenſo wenig die Rede geweſen wie von irgend einer großen oder gar getreuen Neigung. Der Herr liebte den Wechſel und die Freiheit, ganz ſeinen Wünſchen zu folgen, ſo ſehr, daß man wohl nicht mit Unrecht auch ſeine entſchiedene Abneigung gegen eine ſtandesgemäße Ehe, ja gegen dieſe überhaupt aus dieſer ſeiner Natur abzuleiten geneigt war. Man wurde daher beinahe freudig über⸗ raſcht, als man ſchon in der letzten Zeit vor ſeiner Thronbeſteigung und auch noch nach derſelben von Un⸗ terhandlungen flüſtern hörte, welche mit einem benach⸗ barten Hof angeknüpft ſein ſollten— abgeſehen von allem Andern war der Herr der letzte ſucceſſionsfähige Sproß ſeines Stammes— und man fühlte ſich hier bitterer als in allen übrigen Fällen enttäuſcht, als ſchon in kurzem nicht nur Alles wieder ſtill, ſondern obendrein auch noch eine Aeußerung des Fürſten bekannt wurde, welche ſeine Aneigung gegen jedes feſte Band noch ent⸗ ſchiedener hervorhob als jemals bisher. Man war alſo auch nicht wenig geſpannt, wohin man ihn zunächſt ſich wenden ſehen würde, und ſchaute den zu erwartenden Zuſtänden mit ſehr verſchiedenen Gefühlen entgegen. Allein man kam eben nicht aus den Enttäuſchungen + Ar 9 heraus. Der Fürſt zeigte ſich ſeit ſeinem Regierungs⸗ antritt auch in dieſem Punkte verändert, ſei es, weil er älter und ruhiger geworden, oder nur im Ge⸗ fühl ſeiner neuen Stellung und der ihm durch dieſelbe auferlegten Rückſichten. Man beobachtete keine einzige beſondere Bevorzugung einer Dame, man wußte von nicht einer neuen Verbindung. Neberhaupt gab es nur noch eine ſolche, ſeit lange ſchon bekannt und gewiſſer⸗ maßen ſanctionirt, die einzige von allen, welcher der Herr jemals wenigſtens mit einer Art von Treue ſtets zu eigen blieb. Das war die frühere Hofdame ſeiner Schweſter Conſtanze, Eleonore von Beringen, welche ſeitdem, wie dergleichen arrangirt zu werden pflegt, mit einem Herrn von Brodowski zum Schein verhei⸗ rathet und längſt wieder von demſelben getrennt, zum Prinzen ſtets in einer Art von anerkanntem, vom alten Hofe ignorirtem oder ſchweigend geduldetem Verhältniß geſtanden hatte. Man hatte auch, da die Dinge einmal ſo ſtanden, am Ende und mit Recht wenig dagegen einwenden können. Die Dame war und blieb die Be⸗ ſcheidenheit und Anſpruchsloſigkeit ſelbſt, fügte ſich in ihre durch nichts weniger als Treue und Rückſicht des fürſtlichen Freundes erleichterte Stellung mit anerken⸗ nungswerther Geduld und vielem Takt und lebte in größter Zurückgezogenheit. Wenn von einem Einfluß —— äüä 10 ihrerſeits auf den Fürſten überhaupt die Rede ſein durfte, ſo konnte er nur als ein ſehr günſtiger, mil⸗ dernder und beſchwichtigender bezeichnet werden. Nach dieſem Allem iſt es erklärlich, daß man mit der Fort⸗ ſetzung dieſer obendrein einzigen Verbindung allgemein zufrieden war. In der Stellung der Dame veränderte ſich nichts. Sie lebte genau ſo zurückgezogen wie bis⸗ her und erſchien niemals in den Hofkreiſen. Das waren einige der Zuſtände, die ſich nun all⸗ mälig gewiſſermaßen conſolidirt hatten und für die Hofgeſellſchaft und was mit derſelben zuſammenhing, zu. gewohnten geworden waren. Denn man war inzwiſchen vom Frühling bis in den Hochſommer gelangt, ja be⸗ reits faſt über denſelben hinaus, und da der Fürſt ſchon ſeit dem Mai auf dem Luſtſchloß wohnte und das geſchilderte Leben führte, ſo hatte man allerdings eine hübſche Reihe von Tagen hinter ſich und durfte mit einer Art von Sicherheit und Ruhe den kommenden Zeiten entgegenſehen. Man fing daher auch nach und nach an, ſich daheim ein wenig unruhig zu fühlen und ſich allgemach in die Ferne, nach irgend einer Ver⸗ änderung zu ſehnen, ohne deshalb die auf dem Luſt⸗ ſchloß gebotenen Unterhaltungen und Zerſtreuungen zu unterſchätzen oder die Gnade und Gunſt des Herrn geringer anzuſchlagen. Meinte man doch das Alles 8* 4* Ar 1 8- 11 nach einer draußen erlangten Erfriſchung, wenn auch in anderer Weiſe, doch unvermindert wiederfinden zu dürfen und, weil ſelbſt erfriſcht, auch friſcher und voller genießen zu können. Da traf mitten in ſolche Reiſewünſche und Reiſe⸗ vorbereitungen und mitten in das, wie geſagt, ein wenig gleichförmige Leben hinein wie ein Blitz aus freiem Himmel die Kunde von dem unerhörten Skandal, der zu*s vorgefallen ſein ſollte und in ſeinen Nachwir⸗ kungen, ſei es direct, ſei es indirect, die ganze vor⸗ nehme Geſellſchaft mitbetraf und in eine außerordent⸗ liche Aufregung verſetzte: Graf Felix, auf den man ohnehin noch von ſeinem Auftreten in Neapel und ſeinem folgenden Dienſtaustritt, von der ſchnöde zurückgewie⸗ ſenen erneuerten Gnade her im Stillen aufmerkſam genug war, obſchon man dies Intereſſe natürlich um ſo weniger zu zeigen wagte, als man den Fürſten durch⸗ aus ungnädig gegen ihn geſtimmt wußte und von Excellenz Othmaringen, wenn man dieſelbe einmal zu irgend einer Aeußerung zu bringen vermochte, die kälteſten oder gar mißachtende Worte vernahm. Die Gräfin, die reichſte Erbin des Landes, die man leider noch immer nicht perſönlich kennen gelernt hatte, von allen aber, die ihr irgend einmal begegnet waren, als die ſchönſte, die anmuthigſte, die tadelloſeſte Frau, als die Krone und den Vorzug ihrer Kreiſe rühmen hörte; von der man wußte, daß ſie zu Neapel der Liebling des Hofes geweſen und von den höchſten Herrſchaften mit ganz außerordentlicher Gnade, ja mit wirklicher zärtlicher Freundſchaft beehrt worden war. Und dann endlich Dagobert Othmaringen, der, wenn er überhaupt jemals irgend einen Erfolg bei den Frauen gehabt, etwas, worüber ſelbſt ſeine beſten Bekannten trotz ge⸗ legentlicher Andeutungen und Anzeichen noch immer allerhand Zweifel hegten, denſelben ſicherlich nicht ſeinen perſönlichen Eigenſchaften und Vorzügen, ſon⸗ dern etwa ſeiner einflußreichen Stellung oder— Gott mochte wiſſen, welchen andern Einflüſſen und Motiven zu danken gehabt hatte! Und der ſollte— man mußte ſich das immer wiederholen— die ſchönſte, vornehmſte, zufriedenſte und tadelloſeſte Frau der Welt zu einem ſolchen, doch wohl einzig nur durch eine überwälti⸗ gende Leidenſchaft zu erklärenden Schritt fortgeriſſen haben? Allein je mehr Zweifel man hegte, deſto intereſ⸗ ſanter wurde der Fall, den man doch ſelbſt nicht ab⸗ zuleugnen vermochte, und man legte ſich überall, wo man irgend nur Erklärungen zu finden hoffen konnte, auf das angelegentlichſte Horchen und Lauſchen, jedes irgend hierher zu deutende Wort auffangend und jede A* A* 13 Miene controlirend, ohne indeſſen leider zu einem nen⸗ nenswerthen Reſultat zu gelangen. Der Fürſt zu⸗ mal, auf den und deſſen Aeußerungen man in An⸗ ſehung ſeiner Stellung zu dem frühern Vertrauten ſo gut wie zu den Othmaringen überhaupt und neuerdings auch zum Grafen Eylingshauſen faſt am aufmerk⸗ ſamſten war, täuſchte auch hier wieder die Erwar⸗ tungen aller, indem er den Fall, mit Ausnahme jener ſpöttiſchen, oben erwähnten Aeußerung, vollſtändig igno⸗ rirte. Die Prinzeſſin hatte gleichfalls nur im engſten Eirkel einmal die Bemerkung fallen laſſen, daß Herr von Othmaringen auch hier wieder ſeine Gedanken⸗ armuth und ſeinen geringen Lebenstakt beweiſe, da er doch wohl vorausſehen müſſe, daß gerade für dieſe Frau niemals an einen Platz in der heimiſchen Geſell⸗ ſchaft zu denken ſei und daß daher auch ſeine eigene Carriere und alle Ausſichten für immer ruinirt ſein würden. Frau von Vögelsbach, welche in ihrem„unendlichen Mutterſchmerz“ die erſte dunkle Kunde durch leiden⸗ ſchaftliche Mittheilungen aus ihres Sohnes Brief be⸗ ſtätigt und zur Gewißheit erhoben hatte, war ſeit der Rückkehr von ihrem Bruder ganz auffällig ſtumm ge⸗ worden, ausgenommen gelegentliche Ausbrüche eines— man möchte faſt ſagen: knirſchenden Zorns und Haſſes 14 gegen die Familie Dagobert's. Dergleichen war denn am Ende von ihr und ihrer Aufgeregtheit nicht nur zu vermuthen geweſen, ſondern mußte auch nach Ab⸗ rechnung der ihr gewöhnlichen Uebertreibungen ſehr er⸗ klärlich ſein. Von Dagobert's Familie ſelbſt erfuhr man am aller⸗ wenigſten. Der Miniſter und ſeine Gattin zum min⸗ deſten machten es genau ebenſo wie Sereniſſimus: ſie ignorirten den Vorfall ſo vollſtändig wie irgend mög⸗ lich und hatten, wo„alte Freunde“ ſich dadurch nicht zurückſchrecken ließen, die allerkälteſte, ja faſt unfreund⸗ liche Ablehnung ihnen entgegengehalten. Nur bei zwei Leuten nahm man etwas wahr, das jene oben erwähnten Lauſcher belohnte, wenn es auch die vorhandenen Räthſel nicht erklärte, vielmehr ihnen gewiſſermaßen noch neue hinzufügte. Das war der Ausdruck der Befriedigung, ja des Triumphes, den man in einigen unbewachten Augenblicken nicht nur in den Mienen der Stiftsdame, ſondern auch in ihren Aeußerungen zu finden glaubte.„Das iſt ganz, wie ich es vorausſagte“, hatte ſie dann einmal, freilich mit ihrem ſanfteſten Augenaufſchlag und der klagendſten Stimme, hinzugefügt.„Wie konnte gerade dieſe Frau an eines ſolchen Mannes Seite glücklich bleiben! Sie mußte früher oder ſpäter zu Grunde gehen, obendrein in Ver⸗ 4⸗ 15 hältniſſen, die, ſagen Sie, was Sie wollen, für das ſtill und einfach erzogene Landkind ſchon an und für ſich gefährlich ſein mußten. Man darf wahrhaftig Nachſicht mit ihr haben, aber auch mit dem Grafen. Wie er nun einmal iſt, paßte ſie nicht für ihn, noch zu ihm. Es iſt ſchade um ihn! Zu ihm gehört eine andere, nicht ſanfte, ſondern kecke, nicht nachgiebige, ſondern ſtolze und zugleich heitere Natur, die ſo zu ſagen ebenſo gut wie er für ſich ſelbſt ſorgt. Ja, ich gönnte ihm noch jetzt eine ſolche. Wir haben ja alle das Recht, nach unſerer Weiſe und nach unſern An⸗ lagen glücklich zu werden. Und dem guten, luſtigen Felix gelang das leider bisher nicht.“ Die zweite, freilich nicht weniger ſeltſame, ja noch räthſelhaftere Aeußerung vernahm man von dem Kabi⸗ netsrath Herrn von Diringshofen, der abends in der Soirée gegen mehrere, das Ereigniß gleichfalls beredende und ſich in allerhand Zweifeln und Spötteleien er⸗ gehende Bekannte plötzlich mit den ſehr ernſt, beinahe finſter betonten Worten hervortrat:„Brechen Sie den Stab noch nicht, meine Herren! Die Schuld iſt jeden⸗ falls nicht allein auf der Seite der unglücklichen Frau zu ſuchen, wie Ihnen meiner Ueberzeugung nach ſchon dadurch bewieſen wird, daß ſie gerade Herrn von Oth⸗ maringen zu ihrem Begleiter wählte. Ich will damit 16 übrigens dem Herrn durchaus nicht zu nahe treten, nur ſehe ich ſeine Stellung für eine andere an, als die Läſterer annehmen zu wollen ſcheinen. Es gibt aber 8 überdies, wie ich erfahren habe, ein Gerücht, das alle Schuld, ja mehr als nur dieſe, auf der Seite des Gatten finden will. Ich habe mich darüber nicht zu äußern. Nur bitte ich Sie, halten Sie Ihr Urtheil noch zurück. Die Aufklärung wird nicht ausbleiben.“ So war es bisher geweſen. Und nun trat plötz⸗ lich eines Abends der jetzt zum Legationsſecretär avan⸗ eirte Herr von Arnaud zu den beim Italiener ver⸗ ſammelten Bekannten mit der Nachricht ein, daß er eben auf dem Bahnhofe den gerade anlangenden Da⸗ 1 gobert geſehen und begrüßt habe. „Allein?“ riefen ſie neugierig und mit ſpottenden Mienen.„Oder riskirte es auch das Dämchen—“ „Allein, meine Herren!“ unterbrach Arnaud ſie, ſelbſt mit leichtem ſpöttiſchen Lächeln.„Es ſteckt hier ein neues, wie es aber ſcheint, für den theuren Dago⸗ bert nicht gerade ſchmeichelhaftes Geheimniß. Denn da ich mir die Bemerkung erlaubte, daß ſeine Ankunft die Geſellſchaft nicht wenig überraſchen müſſe, meinte er mit ſeiner— Sie kennen ihn ja!— allergrämlichſten 5 Miene, daß er ſeiner Ueberzeugung nach ſchon viel zu lange fortgeblieben ſei und das langweilige Bade⸗ 17 leben gründlich ſatt bekommen habe. Er fuhr gleich zu Sereniſſimus hinaus. Bei der Audienz möchte ich, ehrlich geſtanden, zugegen ſein dürfen!“ Von dieſer Audienz war indeſſen keine Rede ge⸗ weſen. Der Fürſt hatte ſeinen alten Vertrauten vor allen andern Anweſenden und anſcheinend ziemlich kalt empfangen. Schon am gleichen Abend traf Dagobert, wie man bald erfuhr, wieder in der Stadt, bei den Seinen ein und trat auch in den nächſten Tagen ſeinen Dienſt noch nicht an. Man konnte das freilich durch ſeinen Geſundheitszuſtand erklären. Derſelbe ſchien wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit ſich nicht gebeſſert zu haben. b0 Hoefer, In der Welt verloren. IV. Zweites Kapitel. Damenconferenzen. In dieſer Zeit geſchah es eines Tags, daß die Stiftsdame Fräulein Aurelie von Othmaringen ſchon, da ſie kaum ſich von ihrem Lager erhoben hatte und ſich zur ſorgfältigſten Morgentoilette unter den Händen ihrer wohlgeſchulten Jungfer befand, bei dieſem wich⸗ tigen Geſchäft durch den Eintritt einer andern Die⸗ nerin geſtört und dadurch in die übelſte Laune verſetzt wurde. Fräulein von Othmaringen liebte zu dieſer Stunde keinerlei Unterbrechung, da das Arrangement und die Vollendung gerade dieſer Morgentoilette ohne⸗ hin nicht nur eine ſehr lange Zeit, ſondern auch eine außerordentliche Aufmerkſamkeit und die gewiſſenhaf⸗ teſte Ueberlegung in Anſpruch nahm, und noch weniger 19 liebte ſie fremde Zuſchauer, gleichviel, ob dieſelben auch wie heute nur auf einen Augenblick im Zimmer er⸗ ſchienen und ſich mit tadelloſer Discretion in gebühren⸗ der Entfernung hielten. Wie einfach und unſtudirt die ſanfte Dame den Ihren und der Welt in den verſchie⸗ denen Abſchnitten des Tags auch ſich vorzuſtellen pflegte, ſtets der ſchlichten Natur huldigend und ihr Alter nicht minder als ihre allgemeine Seelenſtimmung berückſich⸗ tigend, kamen bei dieſer Morgentoilette beſonders doch ſtets allerlei Dinge zur Sprache und allerhand Fragen zur Erwägung, von denen, wie geſagt, Niemand außer den beiden Betheiligten etwas verſtand oder auch nur zu erfahren brauchte. Die Zofe meldete den dringenden Wunſch des Herrn Majors, wie Dagobert in der Familie, ſeinem Range gemäß, benannt zu werden pflegte, der Tante ſobald wie möglich ſeinen Beſuch in einer dringenden Ange⸗ legenheit machen zu dürfen. Der Herr hatte zwar ſeine Dienſtwohnung im Schloß, lebte jetzt aber, wo er ſeinen Dienſt noch nicht wieder angetreten hatte und es bei der Abweſenheit des Fürſten und aller übrigen hohen Herrſchaften in den gewaltigen Gebäuden völlig einſam, faſt öde war, einſtweilen im Palais ſeines Vaters. Fräulein von Othmaringen nahm den Wunſch wo⸗ möglich noch ungnädiger auf als die Störung; man 2 20 wollte überhaupt bemerkt haben, daß ſie ſich zu dem zurückkehrenden Neffen bei weitem weniger zärtlich ſtelle als vordem, wo ſie ihn als ihren Liebling zu bezeichnen pflegte. Sie ſah mit einer ungeduldigen Bewegung nach der Uhr und dann auf ihre Jungfer und ſagte, da dieſe die Achſeln zuckte, verdrießlich:„Sage, ich wolle ihn rufen laſſen; wo nicht, könne ich ihn erſt nach dem Diner empfangen. Ich ſei ſehr beſchäftigt.“ Und da ſie die Zofe das Zimmer noch nicht verlaſſen hörte, fügte ſie, auch wieder ohne den Kopf zu wenden, noch verſtimmter hinzu:„So geh doch und ſtöre uns nicht!“ „Gnädiges Fräulein, es ſteht auch ein Diener von der Frau von Brodowska draußen, mit dieſem Billet. Er ſolle auf Antwort warten“, rapportirte die Zofe. „Von der Brodowska? Auf Antwort warten? Wa⸗ rum nicht gar! Wüßte nicht, was Eleonore ſo über⸗ mäßig Preſſantes zu melden hätte!“ ſagte die Dame immer verdrießlicher.„Lege es drinnen auf meinen Schreibtiſch und ſage, ich würde Antwort ſagen laſſen, ſobald ich frei wäre. Genug jetzt!— Daß man auch keinen Augenblick für ſich haben ſoll!“ fügte ſie grollend hinzu, als die Dienerin jetzt das Gemach verließ. Die Toilettengeſchäfte gelangten endlich wieder zu einer ruhigen Fortſetzung und endlich zu einer ſelbſt⸗ verſtändlich verſpäteten, aber dennoch recht befriedigenden 21 Vollendung. Ja, als Fräulein von Othmaringen ſich zuletzt vor dem großen Ankleideſpiegel auf das ſorg⸗ fältigſte muſterte und ſich von dem Effect aller Einzeln⸗ heiten und dem Totaleindruck ihrer Erſcheinung über⸗ zeugte, glitt ein außerordentlich ſchmachtendes Lächeln durch ihr träumeriſches Geſicht und ſie ſagte in ihren ſanfteſten Tönen:„Ich mache Dir mein Compliment, Agathe, Du haſt es ſehr gut getroffen. Dies weiche Lila ſteht mir morgens wirklich ſtets am beſten und paßt heute auch ſo ganz beſonders gut zu meinem Teint. Wirklich, dieſes erbleichte, zurückgedrängte Roth iſt Dir meiſterlich gelungen— bewegt und erwartungs⸗ voll— ganz natürlich!“ Und indem ſie langſam ihrem anſtoßenden Boudoir zuſchwebte, fügte ſie ein wenig kräftiger hinzu:„Du läßt mich unter keinen Umſtänden früher ſtören, als bis die alte unangenehme Perſon angelangt iſt und meine Schwägerin Nachricht ſchickt.“ Damit trat ſie in ihr Zimmer, das ſie mit einem Blick überflog, der für das mit dem Säubern und Auf⸗ räumen betraute Dienſtperſonal unter Umſtänden zu ziemlich unangenehmen Folgen führen mochte und ganz und gar aus den hohen Regionen herabſank, in denen die Dame für gewöhnlich weit über dem armen Erden⸗ ſtaub zu weilen liebte; darauf liebkoſte ſie ein wenig den kleinen, ausnehmend dicken König⸗Karls⸗Hund, der 22 jedoch, infolge des eben angegebenen Embonpoints viel⸗ leicht, dieſe Liebesbeweiſe für ſehr überflüſſig und ſehr angreifend zu halten ſchien und ſie keineswegs durch Freundlichkeit vergalt; dann bot ſie dem alten Papagei ein Stückchen Zucker und kraute ihm den dargebotenen Kopf, blickte eine Weile ſchwärmeriſch aus dem Fenſter in den altmodiſchen Garten und trat endlich zum Schreib⸗ tiſch, wo ſie aus einer Schale ein kleines Spiegelchen nahm und in demſelben, Gott mochte wiſſen, weshalb, ihre tadelloſen Zähne betrachtete. Als ſie den Spiegel aufnahm, war ihr Blick auf das Billet der Frau von Brodowska gefallen, glitt in⸗ deſſen achtlos vorüber und beſchäftigte ſich vorerſt mit der erwähnten Inſpection. Und erſt als dieſe an⸗ ſcheinend zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war und ſie den Spiegel wieder in die Schale gelegt hatte, nahm ſie das Papier auf, beſah die Adreſſe mit einer Art von Mißmuth, wie es ſchien, murmelte etwas von „alberner Geziertheit“ oder dergleichen, langte aus einer Schublade des Schreibtiſches— wer hätte es glauben ſollen!— eine Brille heraus und begann, als ſie dieſelbe auf die ein wenig ſcharfe Naſe geſetzt hatte, das Papier zu entfalten und zu leſen. Der Inhalt lautete: „Mein hochverehrtes gnädiges Fräulein! Wenn Sie ſich freundlich daran erinnern, daß ich morgens 4 4 „ meine Wohnung nicht wohl verlaſſen kann, ſo werden Sie vielleicht meine Bitte, mir heute Ihren Beſuch zu gönnen, nicht gar zu unbeſcheiden finden. Es iſt eine wirkliche Nothſache und heute Nachmittag würde es ſchon zu ſpät ſein. Ich kann mich leider nicht klarer ausdrücken und nur anführen, daß es hier ſich nicht um mich, ſondern um Jemand handelt, der Ihnen ſonſt ſehr am Herzen lag. Indem ich Sie um eine Beſtimmung der Stunde bitte, verbleibe ich, mein gnädiges Fräulein, in alter Verehrung Ihre von Herzen ergebene Eleonore B.“ Als Fräulein von Othmaringen dieſes Billet, das nicht nur die ſchüchterne und ein wenig ängſtliche Schreiberin, ſondern auch ihre Stellung zu der Stifts⸗ dame und ſogar dieſe ſelbſt in ihrer Eigenthümlichkeit gewiſſermaßen zu charakteriſiren ſchien, langſam und trotz der Brille nicht ohne Mühe zu Ende geleſen hatte, ließ ſie die Hand ſinken und ſchaute mit dem Ausdruck einer gewiſſen Verblüfftheit gegen das Fenſter. Mit einem Male aber zuckte es durch ihren Körper, durch ihre Züge wie ein jäher, großer Schreck, ſie ſchaute noch einmal in das Blatt, ſie warf es auf den Tiſch. „Es iſt ja kaum zu glauben— zu glauben!“ rief ſie aus.„Und dennoch, was ſollte, was könnte 8 24 es anders ſein?— Und Dagobert— wäre es möglich—“ Und ohne an die Brille zu denken, die ſie noch vor den Augen hatte und unter andern Umſtänden ſchwer⸗ lich von irgend Jemand erblicken ließ, machte ſie eine Bewegung, die man faſt nur als ſprungartig bezeichnen konnte, gegen den Glockenzug zu und zog an dieſem, als ſollte er ihr in der Hand bleiben. „Agathe“, rief ſie der hereintretenden Jungfer ent⸗ gegen,„das iſt eine große Dummheit! Du mußt mir ſogleich eine Droſchke an die Gartenpforte rufen laſſen, augenblicklich! Keine Einrede, es muß ſein!“ fügte ſie heftig hinzu, da ſie die Zofe den Mund zu einer Be⸗ merkung öffnen ſah. Und als dieſelbe das Gemach verlaſſen hatte, las ſie das Blatt noch einmal, zerriß es dann in die kleinſten Stücke, von denen ſie einige in den Kamin und den Reſt aus dem Fenſter warf, und nahm dann erſt die Brille ab und legte ſie in die Schublade zurück. Die Jungfer brachte, als ſie wieder eintrat, zum Zeichen, daß dergleichen Privatausfahrten ihrer Herrin nicht ganz ungewöhnlich ſein mochten, gleich einen ſo⸗ liden Hut mit großem Schleier und einen ganz ſchlichten dunkeln Sommermantel mit, wie Beides nicht nur für die Hinterpforte und Droſchke, ſondern auch zu dem , — 25 ausnahmsweiſe regneriſchen Morgen paßte. Sie wagte auch nur noch eine ganz leiſe Frage, ob das gnädige Fräulein nicht am Ende doch lieber ein anderes Mor⸗ genkleid— „Dazu iſt's zu ſpät, es muß auch ſo gehen!“ un⸗ terbrach Aurelie ſie ungeduldig und fuhr dann wäh⸗ rend des Ankleidens raſch und beſtimmt fort:„Wenn meine Schwägerin ſchickt oder ſonſt Jemand zu mir verlangt, ſo ſagſt Du, ich habe plötzlich meine Krämpfe bekommen und ſei leider unfähig mich zu zeigen. Zu Dagobert gehſt Du aber ſelbſt und ſogleich— ſo viel Zeit wird noch ſein— ſagſt ihm, daß ich zur Brodowska gefahren ſei, jedenfalls aber vor der Tafel zurück ſein werde und hoffe, ihn dann hier auf mich warten zu finden. Und nun raſch, der Wagen wird hoffentlich da ſein! O Agathe, iſt das eine Dummheit mit die⸗ ſem albernen Geſchreibe! Hätte ſie mir nur ſagen laſſen, ſie müſſe mich ſehen, ſo wäre dies Alles nicht vorgekommen und von keinem Mißverſtändniß die Rede geweſen.“ Sie ging jetzt ſchnell durch die hintern Räumlich⸗ keiten des Palais, die Lauftreppe hinab und durch den Garten, ohne befürchten zu dürfen, daß ſie auf dieſem Wege von irgend Jemand bemerkt werde. Denn von denen, die in dieſem Hauſe wohnten, war ſchwerlich — irgend einer bisher anders als durch reinen Zufall in den Garten gekommen. Und Agathe ſchloß die kleine verſteckte Pforte auf und gab dem Kutſcher ſeine Ordre, und zehn Minuten ſpäter trat Fräulein von Othma⸗ ringen ſchon in das beſcheidene, aber ſaubere und ſtille kleine Haus, das Frau von Brodowska nahe am Park des Schloſſes inne hatte. Wie ſie die Treppe hinaufſtieg, war in ihren Be⸗ wegungen, in ihrer Haltung ebenſo wenig etwas von der gewöhnlichen Langſamkeit und Mattigkeit zu be⸗ merken, wie in ihren Zügen von dem Schmachten und der ſanften Träumerei, die in denſelben ſo zu ſagen ſtereotyp geworden waren. Es erſchien in ihnen viel⸗ mehr wieder jener Ausdruck, durch den wir ſchon früher einmal überraſcht wurden: das war das Geſicht, das Auge voll Geiſt und Leben, voll einer ſichtbar großen Spannung und doch zugleich auch voll einer vollendeten ſelbſtbewußten Sicherheit, faſt als ob es für dieſes Men⸗ ſchenkind nichts geben könne, dem es nicht gewachſen ſei, mit dem es nicht ohne beſondere Anſtrengung, ja ſpielend fertig zu werden vermöge. Der Diener, der ſie droben empfing, machte auch ſeine tiefſte Verbeugung, die herbeigerufene ältliche Kammerfrau ihren reſpektvollſten Knix.„Welch ein Glück, gnädiges Fräulein! Die gnädige Frau waren —— — ganz außer ſich über Ihre Antwort und wären am liebſten ſelbſt zu Ihnen gegangen!“ ſagte ſie in dem Flüſterton ſolcher alten vertrauten Dienſtboten, indem ſie die Dame in den Salon begleitete. Frau von Brodowska kam ihnen entgegen. Beim An⸗ blick des Beſuchs ging ein wahrhaft glückliches Leuchten durch das ſtille, ſanfte Geſicht.„O mein theures Fräu⸗ lein, wie beglücken Sie mich durch dieſen Entſchluß!“ ſagte ſie, Aureliens Hand erhebend, als wolle ſie die⸗ ſelbe an ihre Lippen ziehen. Fräulein von Othmaringen zog ſie aber leiſe zu⸗ rück.„Bitte, Liebe!“ entgegnete ſie haſtig.„Sagen Sie mir nur, irre ich mich nicht? Iſt ſie's? Und wes⸗ halb hier bei Ihnen? Weshalb dieſe Eile?“ „Ach Gott, ich verſtehe es auch nicht! Aber kom⸗ men Sie, kommen Sie! Sie iſt ſo unruhig, ſo erregt, ſo gereizt! Bitte, bitte, ſeien Sie freundlich und ge⸗ duldig!“ Es ging in dem Aeußern der Stiftsdame eine plötz⸗ liche Veränderung vor, die für jeden Beobachter auf⸗ fällig genug geweſen ſein dürfte, während freilich die ſchüchterne und obendrein ſichtbar bewegte Frau vom Hauſe ſchwerlich etwas von derſelben bemerken mochte: wie mit einem Schlage kehrte der Gang, die Haltung, der Ausdruck ihrer Züge, jede Bewegung, die geſammte 28 Erſcheinung Aureliens zu ihrer— wir müſſen wohl ſagen: Alltäglichkeit zurück, und als ſie nun mit ihrer Begleiterin in das ſtille Nebenzimmer trat und den geheimnißvollen Gaſt vor ſich ſah, erfolgte eine Bewe⸗ gung des ſehnſuchtsvollſten Vorwärtsſtrebens und zu⸗ gleich des ſchreckenvollſten Zurückbebens, welche auch der erſten Schauſpielerin der Welt noch zur Ehre ge⸗ reicht haben würde, und ihre Hände langſam erhebend und vor die Augen legend, ließ ſie ihre Stimme in den klagendſten Tönen laut werden:„O Hildegard, mein Kind, wie muß ich Dich wiederſehen!“ „Bitte, Tante, meine Zeit iſt ſehr gemeſſen! Laß uns keine Komödie ſpielen!“ entgegnete die Dame, die, im einfachen, aber eleganten Reiſekleid, in tadelloſer Haltung mitten im Zimmer ſtand und keinen Schritt machen zu wollen ſchien, der ſie den Eintretenden ge⸗ nähert hätte. Ihre Stimme klang ſcharf und präcis, ihr Blick war dunkel und feſt, in ihren Zügen er⸗ ſchien nichts von einer milden, geſchweige denn herzlichen Regung. Und das Alles blieb auch ſo, als Aurelie nun die Hände wieder ebenſo langſam ſinken ließ, und, die Augen und die Stimme voll leidenvollſter Klage, hervorhauchte:„Ach Hildegard, mein Liebling, wie biſt Du grauſam! Ach Eleonore, Theure, Sie fühlen es mir nach, wie mein Herz zittert! O dies Wieder⸗ ſehen nach ſo viel trauervollen Jahren, nach ſo furcht⸗ baren, mein Herz brechenden Ereigniſſen! O wie könnte ich—“ „Und die Jahre ſind um“, fiel Hildegard womög⸗ lich noch härter und herber ein,„und die Ereigniſſe ſind überwunden und obendrein von Dir und allen ſo viel beſprochen, bekrittelt, hin und her gedreht wor⸗ den und Gott weiß, was noch Alles, daß ſie wirklich abgethan ſein könnten. Alſo nochmals, Tante, meine Zeit iſt gemeſſen. Ich will und muß heute Nach⸗ mittag wieder abreiſen und habe, wenn Du anders Dich ſo weit faſſen kannſt, mit Dir noch Allerlei zu reden.“ Die Stiftsdame ſeufzte.„Ich muß mich ſetzen, mir zittern die Kniee“, ſagte ſie, die That den Worten folgen laſſend. Nur war es bei dieſer Stimmung ſeltſam, daß ſie noch Sinn für das Arrangement ihres Morgenkleides hatte und daſſelbe auf das zierlichſte ausbreitete, eine Bewegung, über die Hildegard, die Freundin anblickend, die Achſeln zuckte. Und erſt dann fuhr ſie mit einem neuen Seufzer fort:„Erkläre mir nur, mein Engels⸗ kind, weshalb Du hierher, zu Eleonoren, und nicht zu Deinen Aeltern gingſt und nun, wie es ſcheint, ſchei⸗ den willſt, ohne ſie geſehen zu haben. Das iſt grau⸗ ſam, o gar zu grauſam, Hildegard!“ Wir haben ſchon vordem geſagt— denn daß wir hier Frau von Reuterholm wieder begegnen, wird kei⸗ ner Erklärung bedürfen— daß das Geſicht Hildegard's ſich gegen früher zu ſeinem außerordentlichen Vortheil verändert hatte und aus dem ſchnippiſchen Doſenbild⸗ chen zu einem in gewiſſem Sinne wahrhaft ſchönen, vom Leben ausgearbeiteten, von Geiſt durchleuchteten Antlitz geworden war. Man ſah das recht klar in dieſem Augenblick, wo die Worte der Tante erſichtlich einen tiefen, freilich nichts weniger als milden und freundlichen Eindruck auf ſ war leicht gefaltet und aus den Augen brach ein dunkler Blick hervor, mit einem Wort, in dieſen Zügen war kein Hochmuth mehr, ſondern ein faſt finſterer Stolz und nicht minder etwas wie eine auch wieder finſtere Erinnerung an alte ſchwere Zeiten. Und ſo verſetzte ſie denn auch:„Wie ich zu den Aeltern gehen ſollte, das verſtehen wir, glaube ich, alle drei nicht; ich wiederhole es, wir wollen keine Umſtände machen, noch Komödie ſpielen. Daß ich nicht offen, ſondern nur im tiefſten Incognito hier ſein will, muß Dir klar ge⸗ worden ſein, und ebenſo, daß ich nach nichts weniger als Erörterungen und Redensarten über die alten abgethanen und nicht mehr zu ändernden Affairen ver⸗ lange.“ „Und dies Incognito glaubſt Du hier geſicherter als— zum Beiſpiel bei mir?“ fragte Aurelie weich und in ſanft zweifelndem Tone, während ihr Blick, der dabei zur Frau vom Hauſe hinüberſtreifte, anzudeuten ſchien, daß ſie die Sache im Grunde ganz anders anſah. „Können Sie denn das verſprechen, Liebe, ohne gele⸗ gentliche Unannehmlichkeiten? Sie ſchrieben mir, daß Sie morgens Ihr Haus nicht wohl verlaſſen könnten, und ebenſo, dächte ich—“ Sie brach achſelzuckend ab. „Das habe auch ich Hildegard geſagt“, bemerkte Frau von Brodowska befangen.„Falls Sereniſſimus, was ich heute freilich nicht erwarten kann, mir heute Mittag die Ehre eines Beſuchs gewährte, wäre ich allerdings außer Stande, ihre Anweſenheit zu verheim⸗ lichen. Aber—“ „Aber ich ſagte“, fiel Hildegard ein,„daß ich das in ſolchem Falle auch nicht beanſpruche. Daß ich nicht Seine Hoheit ſuche, weiß Seine Hoheit ſelbſt gut genug, und daß Seiner Hoheit meine Anweſenheit auf einen halben Tag gleichgültig iſt, weiß ich. Sollte er mich wider Erwarten ſuchen wollen, ſo habe ich auch da⸗ gegen nichts. Ich bin nicht ſchreckhaft und ebenſo wenig unklar. Und nun wollen wir dieſe Niaiſerien gehen laſſen und auf die Hauptſache kommen. Bleibe Du ruhig da, Eleonore“, unterbrach ſie ſich, da ſie die beſcheidene Freundin im Begriff ſah, das Zimmer zu 32 verlaſſen.„Ich habe mit der Tante nichts zu bereden, was Dir ein Geheimniß ſein müßte, das weißt Du ja. Alſo Tante“, fuhr ſie in ſtets gleich entſchiedenem und präciſem Tone fort,„der Hauptgrund meines Kommens war der Wunſch, zu erfahren, wie man hier meine Verbindung mit Felix Eylingshauſen anſehen würde, nicht nur bei Hofe, ſondern auch bei Euch, und wie man ſeine Anſtellung in— ſchen Dienſten aufnehmen dürfte. Er hat Anträge, die brillant ſind, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß er dergleichen ins Auge faßt; unſer Vermögen iſt nicht groß genug, um uns eine unabhängige Stellung zu erlauben. Sodann wollten wir auch wiſſen, was man hier über dieſe ganze An⸗ gelegenheit erfahren hat, und endlich möglicherweiſe Nachrichten über das Verbleiben Charlottens und Dago⸗ bert's erhalten—⸗ „Dagobert's?“ ſchob die Stiftsdame überraſchend ein. „Ja, Dagobert's, Tante! Denn daß der ſich ſchon von ihr getrennt haben und obendrein hier ſein könnte, haben wir allerdings nicht vermuthet, und bei dieſer Mittheilung Eleonorens war ich wirklich ernſtlich über⸗ raſcht und mußte Dich freilich zu ſprechen ſuchen.) Daß ich ihn nicht will, brauche ich Dir nicht zu ſagen. Er wird Dir ſchon von unſerer Stellung in*s zu einander erzählt haben.“. 1 4 1 33 Die Stiftsdame nickte leiſe.„Das wird wohl ſo ſein. Es hat mir um Euret⸗ und unſer aller willen und nicht am wenigſten das Herz ſchwer gemacht“, ſprach ſie, zum erſten Mal in einem einigermaßen natürlichen Tone. „Deine Unverſöhnlichkeit hat mich betrübt. Denn es iſt doch Dein Bruder, und wie er ſtand und wie die Dinge ſtanden, konnte er doch wahrhaftig kaum anders, als ſeinen Auftrag damals erfüllen! Allein ich ſehe, Dir ſind dieſe Erinnerungen unangenehm, alſo laſſen wir das. Und um auf Deine Fragen zu kommen“, fuhr ſie fort,„ſage mir nur um Gotteswillen, wes⸗ halb gerade Du dies Alles auf Dich genommen haſt? Mir ſcheint, daß der Graf, zumal doch Alles ſeine Af⸗ fairen ſind, ſelbſt am beſten—“ „Das laſſe gut ſein, Tante“, unterbrach Hildegard ſie mit einem mißmuthigen Zuge.„Von Felix' Geſchick in derartigen Verhandlungen und Nachforſchungen iſt, fürchte ich, nicht viel zu ſagen; ich geſtehe Dir ganz ehrlich, daß er ſich in dieſer ganzen Angelegenheit mit einer Thorheit, ja Tollheit benommen hat, die mich, wenn ſie nicht zu meinem Plan geſtimmt hätte, faſt un⸗ abweislich zurückgeſchreckt haben würde. Davon abge⸗ ſehen aber läßt es ſich begreifen, daß er nicht Luſt hat, ſich möglicherweiſe einem Widerſtande oder gar directen Verbot ſeines Uebertritts nach— auszuſetzen, oder gar Hoefer, In der Welt verloren. IV. 3 34 etwaigen Verleumdungen entgegentreten zu müſſen— denn daß dergleichen im Gange ſind, wiſſen wir— be⸗ vor er ſie durch einen Hinweis auf das Weiterleben Char⸗ lottens widerlegen kann. Und daher vor allen Dingen: wo iſt ſie, was treibt ſie und weshalb hat Dagobert ſich von ihr getrennt?“ Die Stiftsdame hatte jetzt ihre ſchmachtende Zart⸗ heit vollſtändig überwunden und ſchien mit all ihrem Nachdenken und ihrem ganzen Verſtande bei der Sache zu ſein.„Da wendeſt Du Dich leider an die Unrechte“, verſetzte ſie kopfſchüttelnd.„Ich weiß nur, daß Dein ruder ſehr verdrießlich zurückgekommen iſt und ſich kaum zu Andeutungen herbeilaſſen will. Was eigentlich vor⸗ gefallen iſt, ahne ich nicht. Sie ſcheint mir aber faſt eine ſentimentale Gans zu ſein, die ihren Schritt jetzt be⸗ reut, zu dem ſie ſelbſt, Dagobert weiß nicht was fort⸗ geriſſen hat, und ihn durch ganz beſondere Tugendhaftig⸗ keit büßen und ſich, auch wieder durch dieſe Tugendhaf⸗ tigkeit, in den Augen der Welt wiederherſtellen will. So hat ſie ihn, denk' ich mir, entweder ſchlecht behan⸗ delt, oder iſt ſo langweilig geweſen, bis ſelbſt er es nicht länger aushielt und entfloh. Daß dazu etwas gehört, wo er ſich einmal auf etwas geſetzt hat und ſchon ſo viel an ſeinen Zweck wandte, das wiſſen wir, und das geht auch aus ſeiner Verdrießlichkeit und Verſtimmung 35 hervor. Kurz, mein Kind, für ihn ſcheint da leider gar nichts mehr zu machen zu ſein. Doch Du mußt ganz nothwendig heute noch hier bleiben!“ redete ſie mit überlegendem Ausdruck nach einer kurzen Pauſe weiter.„Es iſt möglich, nein, faſt gewiß, daß ich Dir heute Abend mehr ſagen kann. Die alte Vögelsbach hat ſich bei Deiner Mutter zu heute Mittag angemeldet, und das kann, wie wir mit einander bisher ſtanden, nur einen ganz beſondern und natürlich hierauf bezüg⸗ lichen Grund haben. Und zweitens verlangte Dagobert heute mit großer Angelegentlichkeit nach einem Geſpräch mit mir, was doch wohl, wenn er nicht von Deiner Anweſenheit erfahren hat, gleichfalls ſich auf dieſe Dinge beziehen dürfte. Alſo?“ Hildegard ſchüttelte den Kopf.„Es wird nicht mög⸗ lich ſein“, entgegnete ſie nachdenklich, faſt finſter.„Ich habe ihm verſprochen, in kürzeſter Zeit zurückzukehren, und ich möchte nicht gleich anfangs eine Täuſchung verſchulden, und— genug, Deine Nachrichten können wir ja auch brieflich erhalten, zumal, wo ſie iſt— das ſagteſt Du noch nicht, Tante!— und weshalb Dagobert von ihr ging. Ich muß geſtehen, dies erſcheint mir wie ein böſer Strich durch ſeine Rechnung“ fügte ſie noch nachdenk⸗ licher hinzu, ganz zurückgeſunken in die tiefen Polſter, ſodaß man bei dem trüben Tage und den ſchattenden 4 3* ſchweren Fenſtervorhängen kaum die Züge ihres Ge⸗ ſichts recht unterſcheiden konnte.„Sie hat ohnehin mehr Theilnahme und mehr Entſchuldiger gefunden, ſcheint's, als man irgend erwarten konnte, ja es hieß ſogar—“ und jetzt ſah man's dennoch, daß ein tief verächtliches Lächeln durch ihr Geſicht glitt—„daß gerade dieſe Ab⸗ reiſe mit Dagobert ſie gewiſſermaßen frei ſpreche, denn daß ſie nicht um ſeinetwillen gegangen, ſehe und wiſſe Jedermann. Nun dieſe ſchnelle Trennung dazu— habt Ihr irgend ein Anzeichen, eine Ahnung, daß jener— jener Bilingsfelden oder ſonſt Jemand—“ „Behüt' uns Gott, was Alles! Wie viel Worte, wie viel Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten um ſolche Baga⸗ telle!“ ſagte die Stiftsdame plötzlich mit einem Anklang von Verachtung und einem hohen Achſelzucken.„Da⸗ gobert hat ſie, glaub' ich, in G. verlaſſen, das zu Eurer Beruhigung, wenn Euch daran ſo viel gelegen iſt, und man wird von dort denn wohl ihre Spur verfolgen können. Wie Euch aber ſo viel daran gelegen ſein kann, begreife ich nicht. Sie iſt fortgelaufen, das ſteht feſt und nimmt kein Menſch von ihr ab; ſie hat ſich damit nicht nur von ihrem Gemahl, ſondern auch von ihrem Vater geſchieden; daß ſie da nicht wieder zu Gnaden angenommen wird, dafür ſtehe ich. Was und ob etwas dabei für Euch herauskommt, das weiß ich nicht und 37 ebenſo wenig, was Felix dabei gewinnt. Ich fürchte aber, daß es gar nichts ſein wird. Der Alte iſt von jeher zäh geweſen und obendrein voll beſonderer, ver⸗ ſchrobener Ideen und Einfälle. Daher muß ich denn auch ſagen, daß ich noch gar nicht mit mir einig bin, ob es klug von Dir war und iſt, meine Liebe, daß Du Dich ſo weit mit ihm einließeſt und noch weiter einlaſſen willſt—“ „Erlaube, Tante, das iſt meine Sache“, fiel Hilde⸗ agard in ihrer hochmüthigſten Weiſe ein.„Ich habe mir, wie ich denke, nicht nur das Recht erworben, ſondern auch meine Fähigkeit bewieſen, ſelbſt für mich zu ſorgen.“ Fräulein von Othmaringen zuckte von neuem die Achſeln.„Alſo, wie Du denkſt, meine Liebe! Lieber Gott, hebt ſich die alte Jugendliebe aus ihrem Grabe? Aber wenn Du einmal ſo entſchieden biſt, verſtehe ich Dein oder Euer Zagen und Sorgen noch weniger. Seht Euch nicht mehr um, ſondern macht Euren Weg—“ „Das iſt leicht geſagt, Tante“, fiel Hildegard wie⸗ der mit finſterem Ausdruck ein.„Du vergißt, daß eine wirkliche Scheidung, zumal ohne ihre Zuſtimmung, faſt zur Unmöglichkeit wird. Und ob ſie, wie ſie erzogen iſt und denkt, zu einer ſolchen Zuſtimmung zu vermögen ſein wird—“ „Bah, ſie! Und der Herr Graf, iſt er ſo gläubig und fromm, daß er nöthigenfalls vor einem Uebertritt zurückſchreckt? Das wäre mir doch ſehr neu!“ ſagte die Stiftsdame voll ſcharfen Hohns. „Und dennoch vielleicht ſehr erklärlich“, entgegnete Hildegard hörbar gereizt.„Sage es Dir ſelbſt, was für einen Eindruck ein ſolcher Schritt unter dieſen Umſtänden, um unſeres Zwecks willen, bei ſeinen Ausſichten und Wünſchen machen würde, ganz abgeſehen davon, daß auch an dem Beſitz von Eylingshauſen, ſeinem einzigen, irgend eine derartige Bedingung haftet. Du ſiehſt, wir⸗ haben auch dies bedacht, allein es iſt nichts. Und es bleibt hier ein Hinderniß, an dem vielleicht noch Alles ſcheitert, deſſen Forträumung zum mindeſten ſehr ſchwer und gar nicht abzuſehen iſt—“ „Reden, Reden, Reden!“ fiel Aurelie ungeduldig und zugleich hart ein.„Nochmals, bei Eurer und zumal Deiner gerühmten Entſchloſſenheit iſt mir das räthſel⸗ haft! Seid Ihr denn Kinder im Leben, in der Welt, daß Ihr keine Hülfe wißt und keine Wege ſeht, wo ſogar ich einfaches und einſiedleriſches Menſchenkind mehr als einen erblicke? Bei den Verbindungen, die der Graf zu Rom hat oder doch haben ſollte, dürfte es ihm kaum ſchwer fallen, die nahe Verwandtſchaft geltend zu machen. Das wäre zum Beiſpiel ſchon ein Weg und zwar ein außerordentlich achtungswerther“, redete ſie hohnvoll † 39 weiter.„Oder wenn auch der nicht gefällt, ſollte es ſo ganz unſaglich ſchwer ſein, eine Frau, die einen ſolchen Schritt gethan und ſich dadurch— trotz der ſogenannten Theilnahme— völlig iſolirt hat, zum Nachgeben, zu Eurem Willen zu— bekehren? Lieber Gott!“ „Iſolirt? Du irrſt!“ ſagte Hildegard finſter.„Bi⸗ lingsfelden iſt ihr nachgereiſt, und jene Henriette ſcheint das gleichfalls gethan zu haben; ſie iſt wenigſtens aus ew ſchon am Tage nach der Kataſtrophe verſchwunden. Felix legt keinen Werth darauf, ich habe aber meine eigenen Gedanken darüber und zwar um ſo ernſtere, als zwiſchen ihr und Felix noch irgend etwas zu walten ſcheint, das ich bisher nicht herausbrachte, das aber für ihn von Bedeutung, wo nicht gefährlich werden könnte. Endlich die Prinzeſſin Conſtanze, die ſie auf ihrer Reiſe vor einigen Monaten ausdrücklich aufſuchte—“ „Ja, ich ſehe ſchon! Da bleibt denn freilich für Euch arme Menſchen nichts Anderes übrig, als auf ihren Tod zu hoffen“, fiel die Stiftsdame, trotz des Hohns, mit einer Trockenheit ein, welche die ſchweigend zuhörende Eleonore ſichtbar mit einer Art von Schrecken erfüllte und ſelbſt Hildegard betroffen aufſehen ließ. Doch faßte die letztere ſich ſogleich wieder und meinte mit einem An⸗ klange des alten Hochmuths:„Dein Spott iſt wohlfeil, Tante, ja für Felix und mich trifft er nicht einmal zu—“ 40 „Spott?“ unterbrach Aurelie ſie mit einem Blick und Ton, die beide Zuhörerinnen von neuem beſtürzten. „Ich habe in meinem Leben nicht ernſter gedacht und geredet! Solche Tugendheldinnen und büßende Magda⸗ lenen ſterben ja gemeiniglich ſehr bald an gebrochenem Herzen oder dergleichen. Das iſt eine ſo alte und ſichere Erfahrung, daß ich, zumal in dieſem Fall, faſt beſtimmt darauf rechne, ſie bald beſtätigt zu ſehen.“ Es blieb unentſchieden, ob ſie mit dieſen ſeltſamen Worten ſchließen oder ihnen noch etwas hinzufügen wollte, Frau von Brodowska erhob ſich raſch.„Man ſagt mir, daß Seine Hoheit ſo eben in die Gartenpforte getreten ſind“, ſprach ſie mit bemerkbarer Aengſtlichkeit.„Ich habe Dir geſagt, theure Hilda, daß ich in ſolchem Fall völlig außer Stande bin—, „Sei doch ruhig, Kind! Wir haben das ja bereits abgemacht“, unterbrach Hildegard ihre Worte und ſtand auf.„Wir ſtören Dich gewiß nicht, und auch Seine Hoheit kann, wenn er anders will, meine Anweſenheit völlig ignoriren. Komm mit, Tante, wir wollen in Leo⸗ norens Schlafzimmer gehen. Da ſind wir Niemand im Wege. —— 41 folgte nicht, zur Erleichterung für alle vermuthlich. Tante und Nichte hatten zum mindeſten noch viel mit einander zu reden, bevor die erſtere das ſtille kleine Haus verließ. Der Fürſt hatte, wie Eleonore ſpäter der Freundin erzählte, die Erwähnung ihrer Anweſenheit ohne irgend eine Erwiderung gelaſſen, vielmehr, als habe er gar nichts gehört, wie gewöhnlich über Alles und nichts weiter geredet und dem leichten Frühſtück, das er bei dieſen Be⸗ ſuchen zu finden liebte, in aller Ruhe zugeſprochen. Nur beim Fortgehen hatte er ganz kurz ihrer baldigen Abreiſe gedacht. Hildegard hörte dieſe Mittheilung gleichfalls ohne Gegenbemerkung an. Sie war ſichtbar zerſtreut und voll ſchwerer, düſterer Gedanken. Ihre Abreiſe verſchob ſie noch. Sie ſchrieb ſtatt deſſen einen langen Brief und bat die Freundin, ihn noch am Abend auf das Eiſenbahn⸗ poſtamt zu ſenden. Drittes Kapitel. Alte Liebe roſtet nicht. Ob Herr Dagobert von Othmaringen mittags ſei⸗ nen Wunſch erfüllt ſah und in einer Conferenz mit ſei⸗ ner Tante ſein Herz ausſchüttete, und was dieſe Con⸗ feſſionen enthalten haben mochten, iſt uns nicht bekannt geworden. Wenn man aber nach dem Ausdruck ſeiner Mienen und nach ſeinem ſonſtigen Verhalten ſchließen darf, war das Reſultat keinesfalls ein erfreuliches und befriedigendes geweſen, und dieſer Schluß wurde auch durch das beſtätigt, was man an der Stiftsdame wäh⸗ rend der Mittagsverſammlung der Familie wahrnahm. Mürriſcher und verdrießlicher hatte man den Herrn Sohn und zerſtreuter und weniger zart und ſchmach⸗ tend das Fräulein Tante noch niemals zu dieſer Stunde erblickt, und da Seine Exellenz der Herr Miniſter, wie 43 gewöhnlich, mehr aßen und tranken als plauderten und die Frau Gemahlin ſich noch ſteifer und abſprechender zu geben beliebte als je, ſo war das heutige Diner m Palais des Staatsminiſters entſchieden eins der langweiligſten und drückendſten, welche zu irgend einer Zeit die Familie und ein paar unglückliche Gäſte im Speiſeſaal verſammelt hatten. Dieſe letztern zogen ſich denn auch, faſt ohne den Kaffee zu erwarten, in aller Eile zurück, mit tiefen Verbeugungen und leichten Händedrücken für die„angenehmen Stunden“ dankend, während die Trinkgelder, welche die Dienerſchaft drau⸗ ßen empfing, leider von einer ganz andern Stimmung Kunde gaben. Als ſich hinter dem letzten die Thür geſchloſf en hatte, ließen auch die drei Familienglieder— Seine Exellenz hatte ſich bereits nach dem letzten Hände⸗ druck kurzweg umgedreht und ſich zähneſtochernd gegen ſein Kabinet zu entfernt— ihre Taſſen halbgeleert ſtehen und ſpazierten ohne weitere Complimente auseinander, ſo ſtumm und gleichgültig, als ob ſie auch nicht einen Gedanken mehr, geſchweige denn ein Wort für die An⸗ dern hätten. „Nichts eingelaufen? Niemand dageweſen?“ fragte Dagobert ſeinen von ihm Dummkopf titulirten klugen Diener, der beim Eintritt des Herrn ins Vorzimmer 44 der Junggeſellenwohnung einigermaßen überraſcht von der Lectüre eines Leihbibliothekenbandes auffuhr und mit ungewöhnlichen Reſpekt eine verneinende Antwort gab. Und ſei es nun, daß Dagobert's Gedanken, ſchon ohne⸗ der Dank!“ klangen, in ſein anſtoßendes Zimmer. In der Thür drehte er ſich jedoch noch einmal um, ſagte barſch: Ich will nicht geſtört werden!“ und drückte fort⸗ tretend die Thür ins Schloß. Der Diener wartete, bis ſich jedes Geräuſch ver⸗ loren hatte. Dann wandte er ſich wieder ſeinem Stuhl am Tiſch und dem Buche zu.„Ja, ja“, ſagte er dabei kopfnickend und mit ziemlich verdießlichem Ausdruck vor ſich hin, werdenken kann ich's ihm nicht,'s iſt zum Teufelholen langweilig hier! Und wenn’s noch lange ſo fort geht und er ſich's gefallen läßt, ich werde mich hüten!“ Damit ſchlug er das Buch wieder auf und ſtützte den Kopf zur aufmerkſamen Lectüre auf die Hand. 4 —— —— 45 Es blieb eine geraume Zeit völlig ſtill, denn die Zeit der Sieſta, wie wir der Kürze halber ſagen wollen, war von jeher im Hotel Othmaringen eine gewiſſer⸗ maßen geheiligte und für das geſammte Dienſtperſonal obendrein die willkommenſte des ganzen Tags, da es während derſelben, die ſeltenſten Fälle abgerechnet, ſich einer völligen Freiheit erfreute und ungehindert ſeinen Privatvergnügungen und Unterhaltungen nachleben konnte, vorausgeſetzt, daß dieſelben nicht gar zu lär⸗ mend wurden. Man ſaß dann— die Dienerſchaft war ſeit der Wiederanſtellung des Miniſters viel zahlreicher geworden— gemeiniglich ganz munter bei einander und trank entſchieden beſſern Kaffee als die Herrſchaft; man hielt auf dieſe Stunde der Geſelligkeit und des Gedan⸗ kenaustauſches mit großer Zähigkeit und war ſehr übler Laune, falls man einmal durch irgend etwas verhindert wurde, an ihren Freuden Theil zu nehmen. Dies galt von Dagobert's Diener ebenſo ſehr, wo nicht mehr, als von allen andern, und es mußte daher ſchon etwas ausnehmend Intereſſantes ſein, das ihn die ihm aufgenöthigte Einſamkeit ſſo geduldig ertragen ließ. Denn obgleich der Gebieter ſein Dableiben nicht aus⸗ drücklich befohlen hatte, war doch die erlaſſene Ordre viel zu beſtimmt, als daß ſelbſt Meiſter Chriſtoph— die⸗ ſen ſchlichten Namen führte er bekanntlich— es auf eine zwar nicht zu erwartende, aber immerhin doch mögliche Störung in ſeiner Abweſenheit hätte ankom⸗ men laſſen mögen. Und ſiehe da, das nicht zu Erwartende trat heute wirklich ein. Die Thür öffnete ſich plötzlich, ein Die⸗ ner ſchaute herein mit einem leiſen:„Herr Chriſtoph, der Herr Major ſind doch daheim? Ein Herr wünſcht ihn zu ſprechen!“ trat zurück, und im nächſten Au⸗ genblick ſtand der Fremde auch ſchon im Gemach und vor dem halb erſchrocken, halb zornig ſich erhebenden Diener. Der Zorn entwich, der Schrecken blieb, ja vergrö⸗ ßerte ſich beinahe noch, doch erſchien in des Dieners Geſicht ein Zug, der immerhin darauf hindeutete, daß die Ueberraſchung eine wenn auch noch ſo leiſe freu⸗ dige Beimiſchung habe.„Herr meines Lebens“, ſagte er gedämpft,„ſind Sie's wirklich, gnädiger Herr, und hier, bei uns?“ Der Herr ſchaute ihn prüfend und nachdenklich an. „Du haſt früher bei der Leibgarde geſtanden, meine ich?“ ſagte er. „Jawohl, Herr Oberſt, mein Bruder war ja bei Ihren Pferden. O das waren ſo gute Zeiten!“ „Richtig, richtig, ich beſinne mich! Du biſt der — 47 Chriſtoph, ich wollte Dich auch zu mir nehmen. Dann kam aber meine Verſetzung. Und jetzt beim Major Othmaringen im Dienſt?“ „Ja freilich, gnädiger Herr, ſeit faſt fünf Jahren. Der Herr Major nahmen mich aus der Schwadron und behielten mich.“ „Seit fünf Jahren?“ wiederholte der Herr noch immer mit dem prüfenden Blick.„Richtig, ich habe Dein Geſicht ja bemerkt, konnt' es aber nicht unter⸗ bringen! Du warſt alſo auch mit in*** fuhr er mit ſich faltender Stirn fort und ſeine Stimme wurde gedämpfter.„Du haſt Deinen Herrn dann auch weiter begleitet, Chriſtoph?“ Der Diener warf einen Blick auf die Thür von ſeines Gebieters Zimmer, bevor er leiſe verſetzte:„Ja, gnädiger Herr.“ Die Stirn des Herrn faltete ſich noch tiefer.„Und wo verließt ihr die arme Frau?“ „In einem kleinen Neſte bei G.; den Namen hab' ich nicht behalten. Aber wenn Euer Gnaden von der Stadt aus links dem Strande folgen, ſind Sie in zwei Stunden da. Es war dort ein Landhaus zu ver⸗ miethen, da blieben die Frau—“ Eine raſche Handbewegung ließ ihn inne halten. „Ich ſeh' es Dir an, daß Du dergleichen bemerkſt“, ſagte der Fremde immer gleich leiſe;„ſteht Dein Herr noch mit ihr in Verkehr?“ Durch das Geſicht des Dieners glitt ein ſehr reſpekt⸗ widriges ſpöttiſches Lächeln, und mit Kopfſchütteln verſetzte er:„Ei behüte, gnädiger Herr.“ Der Fremde fuhr ſich mit der Hand über die Stirn und ſchien etwas bei ſich ernſtlich zu überlegen. Endlich rich⸗ tete er ſein ſtolzes Auge mit einem ernſten, feſten Blick auf den Diener und ſprach raſch, aber wiederum ge⸗ dämpft:„Du mußt mich noch, wenn auch nur durch Deinen Bruder, kennen, Chriſtoph. Es iſt nicht meine Art, ſolche Fragen zu thun. Hier aber muß es ſein. Daß der da drinnen mir die Wahrheit ſagt, das bezweifle ich, und dennoch muß ich ſie erfahren. Denn die arme Frau ſoll und muß gerettet und ihre Ehre auch in den Augen der Welt wiederhergeſtellt werden. Weißt Du, weshalb Dein Herr ſich von ihr trennte?“ Und wiederum glitt das reſpektwidrige, ſpöt⸗ tiſche, obendrein auch noch pfiffige Lächeln durch des Die⸗ ners Geſicht; er ſchaute wieder nach der Thür, horchte ſogar, trotz der launigen Miene, recht ernſtlich, und dann, da ſich nichts regte, trat er ganz nahe zu dem Fremden und flüſterte:„Schlechtweg fortgeſchickt, gnä⸗ diger Herr! Die Frau Gräfin ſagte ihm ſtolz wie eine Königin, daß ſein Dienſt gethan ſei und ſie ſei⸗ 49 ner nicht mehr bedürfe. Da hat er Ordre parirt— es ging nicht anders.“ Nach einem kurzen Schweigen fragte der Herr:„Und ſie blieb allein zurück?“ „Ja, ganz allein mit ihrer Jungfer.“ „Und Fräulein Henriette— Du mußt die Dame in der Villa Marina geſehen haben— war ihr nicht nachge⸗ kommen?“ „Nein, gnädiger Herr, bis zu unſerer Abreiſe nicht. Ich weiß aber, daß die Frau Gräfin ſie mit Schmer⸗ zen alle Tage erwartete. Sie hat an ſie ſchreiben laſſen, ſobald wir in P. zum erſten Mal einen Tag raſteten.“ 3 Es verging eine neue Pauſe des Ueberlegens und Sinnens, bis der Fremde auf die Thür deutend fragte: „Der Major iſt drinnen? Er ſchläft?“ „So glaub' ich, gnädiger Herr“, lautete die Ant⸗ wort;„er wollte nicht geſtört werden. Er iſt ſehr verſtimmt, weil Seine Hoheit ihn noch immer nicht wie⸗ der zum Dienſt befohlen haben, glaube ich. Allein es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich den gnädigen Herrn trotzdem melde“, fügte er mit einer Grimaſſe hinzu, die, wenn überhaupt, nur durch den Ausdruck„ſchaden⸗ froh“ bezeichnet werden konnte.— Der Herr ſchaute ihn feſt an und erwiderte ruhig: Hoefer, In der Welt verloren. IV. 4 „Das wird jetzt nicht mehr nöthig ſein, Chriſtoph. Deine Auskunft genügt mir und ich kann den Major und mich mit einer Erörterung verſchonen, die für uns beide gleich unerfreulich ſein würde. Sage ihm von meinem Beſuch oder ſage ihm nichts davon, mir kann es gleichgültig ſein, ebenſo, was Du über meine Ent⸗ fernung, ohne ihn zu ſehen, angeben willſt. Sollteſt Du Unannehmlichkeiten davon haben, ſo melde Dich bei meinem Verwalter in Neideck; ich werde ihn für alle Fälle benachrichtigen. Und ſomit Gott befohlen, Chri⸗ ſtoph. Sollte Dein Herr mich noch ſehen wollen, ich bin in dem Hotel am Bahnhof abgeſtiegen. Bis wann ich bleibe, weiß ich nicht, länger als bis morgen gewiß nicht.“ Und freundlich dem Diener zunickend, verließ er ohne beſondere Vorſicht das Zimmer. War es dies Geräuſch geweſen, das den inzwiſchen wielleicht erwachten Dagobert aufmerkſam gemacht hatte, oder hatte derſelbe ſchon länger gewacht und ſogar gehorcht— die Außenthür hatte ſich noch keine halbe Minute geſchloſſen und Meiſter Chriſtoph ſtand noch recht nachdenklich mitten im Gemach, als Dagobert ſeine Thür aufſtieß und mit einem zornigen:„Wer war hier? Mit wem haſt Du geſchwatzt? Habe ich nicht ausdrücklich jede Störung verboten?“ hereintrat. Es ging ein flüchtiges Zucken durch des Dieners 51 Geſicht— war es wirklich etwas wie Schrecken oder wieder nur eine jetzt freilich möglichſt unterdrückte Schadenfreude? Im nächſten Augenblicke aber erwi⸗ derte er mit der uns noch von früherher bekannten phlegmatiſchen Miene und nun auch in gleich ruhigem Ton:„Aber der Herr Baron ſollten ſich wirklich nicht ſo um nichts echauffiren! Es thut Ihnen nicht gut, ſagt der Herr Medicinalrath! Ich kann ja doch nichts dafür, wenn da einer in die Thür kommt—“ „Dummkopf, verwünſchter, was ſchwatzeſt Du?“ unterbrach Dagobert ihn zornig und ſprang zum Fen⸗ ſter, riß es auf, legte ſich weit hinaus, ſprang wieder zurück auf den Diener zu und ſchrie, indem er ihn an der Schulter packte und ihn zu ſchütteln ſuchte, wüthend:„Canaille, ich erwürge Dich, wenn Du lügſt! Der, den ich geſehen habe, war der Lump, der Bilings⸗ felden, oder der Teufel! Sag', hat er ſich unterſtanden— 3„Aber Gott meines Lebens, was iſt denn los?“ fiel Meiſter Chriſtoph gleichſam verwundert ein, indem er ſich jedoch zugleich ziemlich reſpektlos von des Ge⸗ bieters Griff frei machte.„Wie weiß ich denn, daß ſich der Herr Oberſt Baron von Bilingsfelden etwas Beſonderes unterſteht, wenn er hier den Herrn Major aufſuchen will?“ „Mich aufſuchen? Und was wollte er? Weshalb 4* 52 kam er nicht herein? Canallle, ich erwürge Dich!“ ſchrie Dagobert ganz außer ſich, mit einem neuen Griff nach Chriſtoph's Schulter. „Na, Herr Baron, wozu all der Spectakel? Das läßt ſich Alles in Frieden abmachen“, ſagte der Diener, ſich von neuem losmachend.„Der gnädige Herr wünſchte etwas von unſerer letzten Reiſe zu erfahren und wo wir die Frau Gräfin verlaſſen hätten. Und da der Herr Baron nicht geſtört ſein wollten und ich das ebenſo gut ſagen konnte—“ Es war faſt, als wollte Dagobert ſich noch einmal und jetzt allerdings mit einem noch bedenklichern Griff auf den Diener werfen. Doch faßte er ſich mit aller ihm noch gebliebenen Kraft und ſagte mit bebender Stimme:„Du gehſt und ſchickt mir Jemand anders zum Ankleiden und beſtellſt meinen Wagen. Heut' hab' ich keine Zeit. Morgen ſprech' ich weiter mit Dir. Fort!“ Und er eilte in ſein Zimmer. Der Diener ſtand und ſah ihm wieder mit jener ſchadenfrohen Grimaſſe nach.„Halt' ein bischen!“ murmelte er dann.„Sein Wagen? Ankleiden? Alſo etwa zu Sereniſſimus, um Herrn von Bilingsfelden— na, na, da muß er ſich noch ein wenig gedulden!“ Und damit ſchlich er zur Thür ſeines Herrn, drehte unhörbar den Schlüſſel um, zog ihn ab und ſteckte ihn in die Taſche, ſchlich zurück, nahm ſeinen Hut vom Tiſch und verließ nach einer ausgezeichneten Verbeu⸗ gung mit einem ſpöttiſchen:„Adieu, Herr Major!“ wiederum ohne irgend ein Geräuſch das Gemach. Gleich darauf war er unten beim Portier, drückte ihm die Hand und ſagte:„Thomas, mein Lieber, ich mache einen kleinen Ausgang, wenn nach mir gefragt werden ſollte; wir ſind da droben wieder einmal des Teu⸗ fels!“ und ſpazierte, ſanft vor ſich hinpfeifend, aus dem Hausthor und um die nächſte Straßenecke. Inzwiſchen war Herr von Bilingsfelden, als er das Palais durch die Nebenthür verlaſſen hatte, die in der Seitenſtraße zu Dagobert's Wohnung führte, langſam auf dem Trottoir weitergegangen und demnächſt in eine der beiden großen Hauptſtraßen gebogen, welche die Reſidenz von altersher in ihrer ganzen Länge durch⸗ ſchneiden und beide auf den Schloßplatz münden. Er ging ruhig und nachdenklich ſeines Wegs, ohne ſich umzuſchauen, denn es begegneten ihm zu dieſer ſchon ſpäten Nachmittagsſtunde und bei dem trüben, regne⸗ riſchen Wetter überhaupt nicht viele Menſchen und noch weniger Bekannte, und dazu waren auch ſeine Gedanken von der Art, daß ſie ihn kaum recht an ſeine Umge⸗ bung denken ließen, vielmehr ihn weit in die Ferne zogen. Hatte er doch heute endlich, zwar in einer Weiſe. 54 die ſonſt freilich nicht die ſeine war, jetzt aber, wo er ſich in einer Art von Kriegszuſtand wußte, am Ende ſchon erlaubt ſein mußte, alles für den Augenblick Nothwendige und Wiſſenswerthe erfahren, nach dem er ſo lange vergeblich geſucht und das er ſelbſt von Da⸗ gobert kaum recht zu erfahren gehofft hatte. Und er gedachte der armen, mißhandelten Frau und des Orts, an dem ſie weilen ſollte, des Orts, an dem er ſelber ſo nahe vorübergeſtrichen war. Wie hätte er ſie dort ſuchen ſollen? Und er dachte auch an Henriette, wie er ſie in der Villa Marina geſehen, an die Stel⸗ lung, die ſie zu den Perſonen und Verhältniſſen ein⸗ nahm, an die alte Freundſchaft mit Charlotten und ihr jetziges ſeltſames Verſchwinden. Solch Ueberlegen und Bedenken, ſolch Berechnen und Erwägen, ja überhaupt dieſe Theilnahme an irgend etwas und irgend Jemand, es war für Bilingsfelden ſeit all den traurigen Wirren und der Unordnung der letzten Jahre, in dem raſt⸗ und intereſſeloſen Leben, dem er ſich hingege⸗ ben, zu etwas Ungewohntem und Fremdem geworden, und der Stoff dieſes jetzigen Denkens und Empfindens, die Motive ſeines Handelns waren von der Art, daß ihm, ſo ganz und warm auch ſeine Theilnahme gefeſſelt wurde, dennoch nicht wohl dabei werden konnte. Es kam ihm ein Offizier auf dem Trottoir entgegen, 55 eine große, ſtattliche Geſtalt, in der Interimsuniform ohne Gradabzeichen, mit dem bequemen, ja ein wenig nachläſſigen Gange, den wir wohl an alten Kavalle⸗ riſten bemerken. Er ſah den Begegnenden ſcharf von unten bis oben an, ſtutzte und ſtand, und im nächſten Augenblick fragte er:„Fritz,biſt Du's oder biſt Du's nicht?“ Bilingsfelden ſchaute auf.„Wahrhaftig— Delmar! Das heiß' ich doch einmal wirklich noch Glück! Gerade Du!“ Die Hände ruhten in einander, die Augen begegneten ſich, hier wahrhaft freundlich und herzlich, dort ernſt und prüfend. „Gerade ich, und das heißt Du ein Glück und ſuchſt es auf der Straße!“ meinte Delmar, dem der letztere Blick gehörte, in einem eigenthümlich gedämpften Tone. „Das war ſonſt nicht Deine Sache.“ „Ich bin heute Morgen erſt angekommen—“ „Von**? Man nannte auch Deinen Namen in dieſer abſcheulichen Geſchichte, Fritz!“ „Gerade ihretwegen bin ich hier, Freund, gerade ihretwegen wünſchte ich auch einen von den alten Kamera⸗ den, womöglich Dich, zu ſehen und mußte dieſe Hoff⸗ nung doch beinahe aufgeben, da ich erfuhr, daß die Leibgarde draußen ſteht. Von Aufſuchen dort war natürlich nicht die Rede. Ueberdies iſt meine Zeit eine gemeſſene. Ich muß heute Nacht ſpäteſtens wieder fort.“ 56 „Darin iſt etwas Wahres!“ ſagte Delmar nachdenk⸗ lich und dennoch zugleich freundlicher als bisher.„Daß Du nicht hinausmochteſt, verſteht ſich von ſelbſt; wie die Dinge ſtehen, finde ich ſchon Deine hieſige Anwe⸗ weſenheit ziemlich bedenklich. Und wiederum, wie die Dinge leider ſtehen, konnteſt Du im Gaſthof allerdings nicht erfahren, daß ich nicht mit draußen ſei, weil ich ie in der Taſche habe. Aber ſchon lange genug hier, und es iſt unnöthig, Dich aller Welt zu präſentiren. Mei⸗ netwegen iſt es mir völlig einerlei“, fügte er, flüchtig die Stirn faltend, hinzu,„Deinetwegen aber nicht. So⸗ viel ich Dich kenne, wird Dir weder an einem mög⸗ lichen Aufſchub in Deinen Geſchäften, noch an einem ſehr überflüſſigen Aufſehen gelegen ſein. Und Beides riskirſt Du.“ „Wohin führſt Du mich?⸗ „Zum Italiener. Bei mir iſt es Meine Frau läßt packen, damit wir glei den Abſchied erhalten, abreiſen können. der— das geht ſo! lut nicht überzeugen, ſein ſoll.“ „Kinder? Wem's auch ſo gut geworden wäre!“ ſagte Bilingsfelden ſo vor ſich hin. zu unruhig. ch, nachdem ich Und die Kin⸗ — laſſen ſich nun einmal abſo⸗ daß mein Zimmer nicht das ihre 1 4 . 57 Der Begleiter ſah ihn überraſcht und voll Theil⸗ nahme von der Seite an. Es waren allerdings Worte und ein Klang, wie man ſie kaum jemals von dem ſtolzen und zurückhaltenden Manne der Vergangenheit hätte erwarten dürfen und wie man ſie noch weniger in dem kalten und intereſſeloſen, nur nach äußerlicher An⸗ und Aufregung ſtrebenden Menſchen der Gegen⸗ wart zu finden hoffen konnte. Delmar ſagte indeſſen, einſtweilen nichts, ſondern ſetzte ſchweigend ſeinen Weg fort, und erſt als ſie beim Italiener im kleinen Hin⸗ terzimmer ſaßen, das ſtets für einige Bevorzugte reſer⸗ virt blieb, und gegen jede Störung geſichert waren, bot er Bilingsfelden plötzlich die Hand und ſprach mit einer Bewegung, die er ſich gar keine Mühe gab zu unterdrücken:„Fritz, mein Alter, weißt Du, wann wir uns zuletzt geſehen haben, hier, auf demſelben Platz? Es ſind faſt ſieben Jahre. Du kamſt zu Deiner Vermählung her und reiſteſt am folgenden Tage mit ihr ab— für mich auf immer, bis heute. Damals und jetzt und die Jahre ſeither! Ich ſollte Dich eigentlich gar nicht anſehen, denn es trifft mich ins Herz, wie dieſe Jahre an Dir gezehrt, was ſie aus dem Fritz Bilings⸗ felden gemacht haben.“ Man ſah es wohl, daß Bilingsfelden's ſtolzes und kaltes Auge auch noch andere Blicke hatte, voll Wärme 58 und Tiefe und Treue, Blicke, die von dort empor⸗ drangen, von wo vorhin auch jene leiſen Worte erklun⸗ gen waren, wo auch die raſtloſe Theilnahme ihren Sitz und Halt hatte,„zu der er ſich gegenwärtig erhoben. So ſchaute er jetzt den alten Freund an, ſo hielt und drückte er deſſen Hand und ſagte dabei:„Ja, ich wurde anders, Leo, vor meiner Zeit, wider meine Natur. Es war zwiſchen dieſen Jahren keins, das ich nicht doppelt zu rechnen hätte, und ein paar waren da, die das Doppelte vom Doppelten verlangten. Du kennſt mich, daß ich weder eine Schuld leugne noch beſchönige, daß ich nicht anklage, nicht bereue. Es iſt, wie es iſt, und damit muß man fertig werden. Nur wenn ich einmal an das dachte, was dieſe Jahre brachten, nah⸗ men und übrig ließen, glaubte ich zuweilen ſelber, es gehe zu Ende. Allein ich weiß nicht, iſt’'s meine beſondere oder die allgemeine menſchliche Natur, daß trotz Allem, was an uns verdorrt, verfault, von uns abfällt, der Kern unverwüſtlich geſund bleibt und, wo's darauf ankommt, immer noch wieder eine gewiſſe Kraft, etwas wie Muth gewährt? Ich fand es Gott Lob ſo in mir, als mir dieſe nichtswürdige Geſchichte zeigte, daß ich mein Leben noch beſſer anwenden könne als zum bloßen Verbrauch.“ Nach einer Weile ſprach Delmar gedämpft:„Du ——“ 59 haſt alſo wirklich mit dieſer Geſchichte zu thun— als Theilnehmer, Fritz?“ „Wie Du es nimmſt; auch das, vor allem aber als Rächer eines vernichteten Lebens.“ „Du weißt, daß Dagobert Othmaringen hier iſt? Er iſt ganz wider Erwarten die Discretion ſelbſt. Die Sache wird dadurch freilich nicht beſſer, nur räthſel⸗ hafter. Ich ſehe leider keine Hülfe für die unglück⸗ liche Dame.“ „Bah, aber ich!“ Es war wieder einmal der Bilings⸗ felden ſo ganz eigenthümliche ſtolze, feſte und ſelbſtbewußte Blick, der dem Freunde begegnete.„Von Dagobert Othma⸗ ringen iſt gar keine Rede. Er war nichts als Werkzeug, nichts als Marionette. Wenn Du den Sachverhalt erfahren haſt, kann Dein Urtheil gleich dem jedes andern Mannes von Ehre nur eins ſein; deſſen bin ich ſicher. Aber ich hoffe daß Ihr Euer Urtheil auch vertreten und bethätigen werdet, gleichviel ob dergleichen in unſerer faulen Geſellſchaft ſonſt Sitte iſt oder nicht. Und nun höre zu. Es iſt eine Geſchichte, die, als ſie vordem einmal ſpielte, gleichfalls von keinem Richter beſtraft, aber von den Göttern und Menſchen gerächt wurde.“ Als er ſeine nur in großen Umriſſen gegebene Mit⸗ theilung beendet hatte, war es dennoch ſpät geworden und man hatte den beiden Herren ſchon die Lampe angezündet, welche ſtatt des Gaſes in dieſem Zimmer zu brennen pflegte. Delmar erhob ſich mit Bilingsfelden zugleich und bot ihm von neuem die Hand.„Meine Zeit iſt um“, ſagte der Herr dabei, der, vielleicht infolge des gedämpf⸗ ten Lampenlichts, auffällig blaß ausſah;„allein über mein Urtheil kannſt Du allerdings nicht im Zweifel ſein, und ebenſo wenig, daß wir alle unbedingt auf Deiner Seite ſtehen. Hier findet der Burſche keine Freiſtatt, gleichviel wer ihn noch protegiren möchte. Man wird ihn Dir auch unverletzt aufheben, wenn Du anders ſo willſt, obgleich ich Dein früheres, erſtes Ur⸗ theil für das richtige halte; von der Ehre der Waffen iſt hier keine Rede, man ſtößt ihn mit dem Fuße fort. Nur ein Bedenken hab' ich und zwar ein böſes“, fügte er verdüſtert hinzu; mach ſolchem Schritt und in der Erwartung Dich zum Gegner hier, zum Rächer dort zu haben, wird ein ſolcher Charakter es beſtimmt nicht an neuen Intriguen und Angriffsverſuchen fehlen laſſen, deren Wirkung eine gefährlichere werden könnte, weil—⸗ „Laß, laß!“ unterbrach ihn Bilingsfelden finſter. „Das iſt's, was mich treibt. Ich fürchte Alles, auch das Schlimmſte. Dieſe Menſchen ſind danach, Hilde⸗ 61 gard, wenn ſie wirklich mit ihm einig iſt, mehr als er. Allein was thun? Ich habe keinerlei Verbindungen, die mir Licht verſchaffen könnten. Ich muß eben reiſen.“ „Hm, ich dächte, Du bliebeſt noch“, verſetzte Del⸗ mar nachdenklich.„Erfahren ließe ſich ſchon etwas. Seine Mutter zum Beiſpiel iſt bekanntlich nicht als unzugänglich bekannt. Von Rückſichten iſt hier keine Rede. Laſſe mich gehen, mir fährt etwas durch den Kopf. Jedenfalls bleibe bis morgen und erwarte mich ſelbſt oder Nachricht von mir.“ „Wollen ſehen! Natürlich erhielteſt Du ſonſt irgend⸗ wie eine Anzeige und zugleich meine Adreſſe“, entgeg⸗ nete Bilingsfelden erſt, da ſie bereits auf der Straße ſtanden. Sie ſchieden mit einem feſten Händedruck. Delmar ſchritt ſeiner nicht entfernten Wohnung zu, und der Andere ging in tiefen, finſtern Gedanken wieder einſam ſeines Wegs über den durch dis Laternen nur nothdürftig erhellten Schloßplatz und die neue, jetzt kaum weniger öde und dunkle Straße, welche von letz⸗ terem aus zum Bahnhof und dem dort liegenden, frü⸗ her erwähnten Hotel führte. Es regnete fein, und da zu dieſer Stunde kein Zug abging oder anlangte, begegnete dem Wanderer hier kaum ein einziger Menſch, und wo das dennoch einmal geſchah, erhielt derſelbe von dem Herrn keinen Blick. Das war auch jetzt der Fall, als er gerade neben einer Gaslaterne ein Mädchen einholte und an demſelben vorüberſchritt, das mit ihm den gleichen Weg verfolgte. Er beachtete es nicht, daß ſie, zu ſeinem Geſicht auf⸗ ehend, zuſammenſchrak und einen Augenblick Halt machte, und er blickte deſto finſterer auf und hielt zürnend an, da ſie mit einem Male neben ihm leiſe und haſtig ſagte: „Gnädiger Herr— „Was beliebt?“ unterbrach er ſie barſch.„Du irrſt Dich in mir, mein Kind.“ „Nein, Herr Baron, ich irre mich nicht, Sie ſind's!“ ſprach ſie wie vorhin und fügte bittend hinzu:„Laſſen Sie mich eine Minute mit Ihnen gehen oder treten Sie hier unter den Balkon; ich muß Ihnen etwas ſagen, das für Sie vielleicht—“ „Wer biſt Du und woher kennſt Du mich?“ unter⸗ brach er ſie, hörbar verwundert. „Herr Baron, ich bin ja die Charlotte, die bei der Frau Prinzeſſin Hoheit in Dienſt war, hier und zu Neideck und immer, bis der ganze Hausſtand auf⸗ gelöſt wurde. Sie waren immer gut gegen uns“, ſprach ſie weiter und redete ſchnell,„und wir bejammerten Sie und all das Unheil, das wir wohl ſahen, aber wir durften ja nichts ſagen; wer hätte auf uns 63 gehört? Sie auch nicht. Und wir wußten wohl, wer es betrieb, das waren die da, die Othmaringen, Sie können's glauben! Die waren der Hoheit feind um des Skandals willen mit dem Fräulein damals, und auch Ihnen, ja noch mehr—“ „Was ſoll das Alles? Meine Zeit iſt knapp“, unter⸗ brach er ſie von neuem ungeduldig. „Nun, gnädiger Herr, ich bin jetzt bei der Frau von Brodowska— Sie wiſſen doch?— in Dienſt. Die iſt auch unglücklich geworden durch die Othmaringen und beſonders durch das Fräulein. Sie glaubt's nur nicht, ſie iſt ſo engelgut. Und heute iſt ſie, die Hildegard, hier, und es gab allerhand Conferenzen, auch mit dem alten Stiftsfräulein, der Spinne. Und Ihr Name wurde genannt und die Hoheit und die arme Dame, die der Herr Graf von Eylingshauſen um der Hildegard willen—“ „Woher weißt Du das?“ fragte er finſter. „Das hört man wohl ſo, Herr Baron. Heute aber, da ich's merkte, habe ich gehorcht. Es geſchah für Sie alle. Die Othmaringen ſollen nicht neues Unheil ſtiften.“ „Sprich weiter!“ ſagte er kurz. „Heute Abend hat ſie an den Herrn Grafen geſchrie⸗ ben. Ich bringe den Brief eben zur Eiſenbahn; er iſt — preſſant, ſteht darauf. Ich hätt' ihn faſt ſelber auf⸗ gemacht, hätt' ich nur gewußt, wohin damit! Und da treff ich Sie— o, das iſt ein Glück! Denn ich ſag's, der Brief bringt Unheil, und das ſoll nicht ſein. Hier iſt er.“ Es zuckte etwas wie ein tiefer Widerwillen durch des Herrn finſtere Züge, allein im nächſten Augenblick ſtreckte er dennoch die Hand aus und nahm den Brief an. Da war's, was er noch vor kurzem gewünſcht, was auch Delmar für die Hauptſache erklärt hatte, und gleich dieſem mußte auch er, wie die Sachen ſtanden, ſich von allen Rückſichten frei ſprechen. „Gott lohne Dir Deine Treue, ſmein Kind!“ ſagte er raſch.„Ich bin tiefer in die Sache verwickelt, als Du ahnſt, und weiß noch beſſer als Du, daß man Un⸗ heil ſpinnt und vor keiner Sünde zurückſchreckt! Wie kann ich Dir lohnen?“ „Gott behüte Sie, Herr Baron, und laſſe Alles gut gehen!“ gab ſie ihm ſeinfach zur Antwort. Zugleich hatte ſie ſeine Hand ergriffen und küßte ſie. Und ohne auf ſeinen leiſen Ruf zu hören, war ſie von ihm fort und im Dunkel verſchwunden. Ein paar Minuten darauf ſtand er in dem unge⸗ müthlichen Gaſthofszimmer, ſchaute noch einmal nach der 65 Handſchrift und Adreſſe des Briefes, öffnete ihn nach einem kurzen Zögern und las: „Mein theuerer Felix! Ich bin heute Morgen hier angekommen und von Eleonoren zwar nicht ohne Schrecken, aber doch mit der alten Freundlichkeit aufgenommen worden; ihre und meine Stellung zum Fürſten, im Verein mit ſeinem völlig unberechenbaren Weſen, rechtfertigen und entſchul⸗ digen den erſtern. Sie konnte mich in Anſehung unſe⸗ res Hauptzwecks wenig fördern. Sie lebt zurückgezogener, als wir dachten, will keinen Einfluß und hat auch kei⸗ nen und darum auch nicht einmal Verbindungen, durch die ſie über das, was paſſirt, mehr erführe als jeder Andere. Doch konnte ſie mir immerhin ſagen, daß der Fürſt ſich völlig ablehnend zu dem Falle verhält, ohne irgend eine beſtimmte Aeußerung; daß ſich in der Ge⸗ ſellſchaft eine gewiſſe Strömung gegen Dich bemerklich mache, und endlich, daß Dagobert faft ſchon ſeit acht Tagen hier iſt und nicht im Dienſt, ſondern bei den Aeltern lebt. Daß ich nach ihm nicht verlangte, begreifſt Du. Ich ließ mir dafür Tante Aurelie kommen. Sie hielt ſich anfangs in Ihrer albernen, ſchmachtenden Weiſe, wachte jedoch allmälig auf und konnte mir dann zum mindeſten einige ſehr gute Fingerzeige Loben⸗ zumal Hoefer, In der Welt verloren. IV. als Eleonore uns verlaſſen mußte, weil der Fürſt zum Frühſtück kam. Er hat, obgleich ſie ihm natürlich von meiner Anweſenheit ſagte, auch hier anſcheinend keine Notiz davon genommen, beim Fortgehen indeſſen fallen laſſen: man habe wohl mein baldiges Weggehen zu erwarten, da er ſich, wenn ich nicht bei meiner Familie ſei, keinen Zweck meines Verweilens denken köune. Das iſt verſtändlich, denke ich. Ich will es auch nicht anders. Von der Tante alſo. Dagobert iſt ſehr verdrieß⸗ lich zurückgekehrt, aber völlig ſchweigſam. Man weiß nichts von dem, was geſchehen, zumal auch ſein Die⸗ ner ſchweigt. Von ihrem Aufenthalt weiß man nichts. Ich weiß nicht, ob es nicht richtiger geweſen wäre, wenn ich in dieſem Punkt einige Andeutungen gemacht hätte. Daß ſie für ihren Vater nicht mehr exiſtirt, beſtätigt die Tante, ſie kennt ja ſelber den Alten. Im Uebrigen aber führt auch ſie an, daß man in der Ge⸗ ſellſchaft noch mehr für ſie als Dich iſt, legt jedoch in Anſehung ihres Entweichens mit Dagobert wenig Werth darauf; es werde ihr nichts nützen. Dagegen hält ſie ſich auf über unſere Bedenklichkeiten und meint, daß die Trennung unbedingt zu erlangen wäre, auch wenn es nicht gelingen ſollte, ſich auf die zu nahe Verwandt⸗ ſchaft zu ſtützen, oder wenn ſie nicht ſtürbe, wie man 67 es von ihrer Natur nach einer ſolchen Erſchütterung faſt erwarten müßte. Sie meint, in der Vereinſamung müſſe ſie vor einem ernſten Angriff unterliegen, und wenn wir vor demſelben zurückſcheuten, ſo ſei ſie ſelber dazu erbötig. Es komme ihr auf die Reiſe nicht an. Du ſiehſt, hier kommt das zwiſchen Ihr und Deinem Schwiegervater waltende alte Verhältniß und Ihr unver⸗ ſöhnlicher Haß ins Spiel. Wie denkſt Du hierüber? Ich habe mich bisher zu keinen Offenbarungen und auch zu keinem Zugeſtänd⸗ niß herbeigelaſſen, allein ich denke, es ſollte ſein. Wenn wir ganz aus dem Spiel bleiben und ſie aus freiem Antrieb zurücktritt— ich brauche Dir das nicht weiter auseinanderzuſetzen. Ich bin daher auch ent⸗ ſchloſſen, ſie zu allen ihr nothwendig ſcheinenden Schrit⸗ ten zu autoriſiren— verlieren können wir dabei nichts!— ſobald ich Nachricht von ihr habe über einen Beſuch Deiner Mutter bei der meinigen und über eine Con⸗ ferenz, die Dagobert von der Tante verlangt hat. Ich bleibe daher auch jedenfalls bis morgen. Wir müſſen unſere Sehnſucht zügeln, Geliebter! Der kleine Auf⸗ ſchub wird ſich lohnen. Ich kann es Dir nicht ſagen, mit welcher Qual mich all dieſe Verzögerungen unſeres Glücks erfüllen! Und da Du ja ebenſo denkſt, ſo meine ich, ſollten wir die Mittel nicht anſehen, die uns zum 5*⅔ 68 Ziele führen. O Felix, wann werden wir auch vor der Welt einander gehören dürfen? Von Bilingsfelden weiß man nichts. Tante Au⸗ relie lacht über unſere Sorge. Sie meint ihn unglück⸗ lichſten Falls durch die Prinzeſſin in Zaum halten zu können. Ich verſtehe das nicht recht, aber ich glaube ihr.— Von Henrietten weiß man natürlich noch we⸗ niger. Ich zürne mir ſelber und begreife mich nicht, daß ich meine Fragen über dieſen Punkt ſtets nur durch Dein Lachen beantworten ließ! Biſt Du denn ſicher, daß ſie nicht bei ihr? Oder biſt Du ihrer ſonſt ſicher? Felix, Felix, ich weiß nicht, weshalb ich hier gar nicht aus meinen Zweifeln und Sorgen herauskommen kann. Ich weiß nur— genug, auch die Tante hält dies für wichtig, ja für das Wichtigſte. Sieben Uhr. Ich kann nicht länger warten, obgeich ich von der Tante noch keine Nachricht erhielt. Geht dieſer Brief mit dem Nachtzuge, ſo haſt Du ihn über⸗ morgen und ich könnte am Dienſtag Deine Antwort in D. erhalten. Nöthigenfalls könnte ich von dort ja leicht hierher zurückkehren. Aber ich hoffe, es wird nicht nöthig ſein. Ich hoffe Deine Zuſtimmung zu finden, und dann bin ich am nächſten Sonntag bei Dir. Felix, mir iſt, als hätt' ich Dich ſeit Jahren nicht geſehen! Sehnſt Du Dich auch ſo nach mir? ——ͤͤͤͤ Je ſchwerer uns unſer Glück wird, deſto mehr verlange ich danach. Deine ſehnſuchtsvolle Hildegard.“ Herr von Bilingsfelden hatte den Brief zu Ende geleſen, ohne eine Miene zu verziehen. Jetzt legte er ihn ebenſo kalt zuſammen und ins Taſchenbuch, warf dann raſch einige Worte auf einen Briefbogen, ſiegelte und adreſſirte und verſchloß, nachdem er die letzten Effecten hineingelegt hatte, ſeinen Koffer. In zehn weitern Minuten hatte er ſeine Rechnung bezahlt, eine kurze Unterredung mit dem Wirthe gehabt und begab ſich mit dem Gepäckträger zum Bahnhof. Dort ſteckte er den eben geſchriebenen Brief in den Brief⸗ kaſten und fuhr nach wenigen Minuten mit dem Nacht⸗ Kurierzuge gegen Süden. Eine Stunde ſpäter, gegen elf Uhr, erſchien im Gaſthof ein Unteroffizier der Garde mit zwei Mann Wache und fragte barſch nach dem Oberſten Baron von Bilingsfelden. Auf die ruhige Erklärung des Wirths, daß der Herr bereits abgereiſt ſei, zog er ſich fluchend zurück. Der genannte Zug hatte bereits gegen zehn Uhr die Grenze des Fürſtenthums paſſirt. Es wäre daher an Nach⸗ ſetzen, auch durch den Telegraphen, nicht mehr zu denken geweſen. ——Eooooſſſſſſſſ“ Viertes Kapitel. — Die Wirkungen. —— Die Nachricht von Bilingsfelden's Anweſenheit in der Reſidenz, die ihm ſchon ſeit dem Zerwürfniß mit ſeiner hohen Gemahlin und der endlichen Trennung von ihr ſo gut wie verſchloſſen und auch niemals von ihm mehr heimgeſucht war, fiel wie eine Bombe nicht blos in den Kreis der uns bekannten Menſchen, ſondern wirkte auch überall anderwärts, wo man ſo oder ſo von dem Herrn wußte, kaum weniger gewaltſam, über⸗ raſchend, beſtürzend, ja hier und da wohl zum lebhaf⸗ teſten Zorn entflammend. Dies Letztere fand zumal bei dem Fürſten ſelbſt ſtatt, der bei dieſer Gelegenheit verrieth, daß die außerordent⸗ liche Aenderung zum— ſagen wir einmal kurz: Guten, die mit ihm vorgegangen ſein ſollte und allmälig auf b5 71 immer weniger Mißtrauiſche ſtieß, im Grunde eine ſehr äußerliche geblieben, und daß er ſich, wie vollſtändig er im Uebrigen auch mit ſeiner Vergangenheit gebrochen haben mochte, aus ihr gewiſſe Antipathien in ihrer vollſten Schärfe bewahrt hatte. Es war niemals ein Geheimniß geweſen, daß er Herrn von Bilingsfelden, den Günſtling ſeiner Vorgänger, geradezu gehaßt hatte und ihm, trotz des ausgeſprochenen fürſtlichen Willens, wo es irgend möglich, entgegengetreten war. Er hatte die Verbindung mit ſeiner Schweſter wie eine Art von Hochverrath angeſehen, Himmel und Erde dagegen in Bewegung geſetzt, niemals, auch da der Bund dennoch geſchloſſen war, ſich nachgiebig oder auch nur gleich⸗ gültig gezeigt, vielmehr dem Paar geradezu ſo zu ſagen die Fehde erklärt und, wie Jedermann wußte, nicht ge⸗ ruht, bis das Band gelockert und endlich wieder gelöſt wurde. Ueber die Weiſe, wie das geſchehen, über die Mittel, die in Anwendung gebracht worden, blieb man im Zweifel, ſchloß indeſſen bei dem bekannten Charakter des Prinzen ſicherlich nicht fehl, wenn man annahm, daß von Rückſichten dabei nirgends die Rede geweſen ſein würde. Der Prinz hatte, als das Ende erreicht war, laut ſeine Genugthuung ausgeſprochen und ſich daneben über Bilingsfelden von neuem in der feindſeligſten Weiſe geäußert. 72 Seitdem, auch ſeit ſeinem Regierungsantritt, war von dieſen Dingen und Menſchen keine Rede mehr ge⸗ weſen. Der jetzige Fürſt begnügte ſich auch in dieſem Falle, wenn es irgend einmal bemerklich wurde, daß man ſich in ſeiner Umgebung an das unglückliche Paar erinnerte, wie jetzt meiſtens, damit, dergleichen anſchei⸗ nend völlig zu ignoriren oder vielmehr gar nicht zu hören.— Daß dieſes Verhalten aber nur ein angenommenes geweſen, erkannte man, wie bemerkt, jetzt auf das aller⸗ deutlichſte, da er von der Anweſenheit des Gehaßten erfuhr. Dagobert war, nachdem er durch die endlich her⸗ beigeklingelten Diener halb raſend aus dem verſchloſ⸗ ſenen Zimmer befreit worden und Befehle zur Verfol⸗ gung ſeines treuloſen Dieners gegeben hatte, ohne ir⸗ gend Jemand von den Seinen zu ſehen, in den Wagen geſtiegen und, nur einen Augenblick auf der Haupt⸗ wache vorſprechend, was die Pferde laufen konnten, zum Luſtſchloß hinausgefahren. Inzwiſchen war jedoch ſchon ſo viel Zeit verſäumt und der Weg auch immer⸗ hin ſo lang, daß er erſt bei Einbruch der Dunkelheit anlangte und den Fürſten, wie es an ähnlichen, ver⸗ hältnißmäßig ſtillen Abenden zuweilen der Fall war, bereits am Spieltiſch ſand. Von einer Störung war „ 73 hier wenig Gutes zu erwarten, und als der Adjutant vom Dienſt— es war nicht Bennet— auf Dagobert's ungeſtümes Verlangen ihn dennoch zu melden verſuchte, erhielt er die unter dieſen Umſtänden noch ganz leid⸗ liche Antwort, daß der Major ſich ſchon ein wenig gedulden könne. Eine erneute Meldung, bei welcher der Name des Gehaßten genannt werden ſollte, ver⸗ weigerte der Adjutant.„Verſuchen Sie's ſelbſt, Herr Kamerad, wenn Sie dazu Luſt haben“, war ſeine Ant⸗ wort. Und dieſe Luſt fand Dagobert trotz ſeines kochen⸗ den Grimms nicht in ſich. Als der Fürſt bald darauf die Partie beendete und den Harrenden mit ſpöttiſcher Neugier empfing, war die Wirkung der Mittheilung freilich eine ſolche, wie ſelbſt Dagobert ſie nicht erwartet hatte. Seiner Hoheit Geſicht verzerrte ſich bis zur Unkenntlichkeit und der Mund ließ einen Fluch laut werden, der einem Kar⸗ renſchieber Ehre gemacht haben würde.„Verhaften!“ rief er dann.„Wehe Euch, wenn Ihr zu ſpät kommt!— Auf Ihren Kopf, mein Herr!“ ſchrie er von neuem dem Adjutanten zu, der ihm den Namen nicht hatte nennen wollen.„Nur daß Sie mir den Burſchen lie⸗ fern, kann Ihnen Verzeihung verſchaffen!“ Und bitter lachend fügte er hinzu:„Oft geſchah's nicht, diesmal 74 aber ſcheint Othmaringen wirklich klug, ja der Klügſte von Euch allen geweſen zu ſein!“ Das war der erſte Ausbruch. Gleich darauf zog der Fürſt ſich indeſſen wieder in eine anfangs noch fin⸗ ſtere, bald aber anſcheinend ſogar kalte, gemeſſene Hal⸗ tung zurück, aus der ihn auch die mitten in der Nacht anlangende Nachricht von des Gehaßten Abreiſe nur noch für einen Augenblick aufzureißen vermochte. Es lag freilich der Schluß nahe, daß er, alle Einzelnheiten erfahrend, ſich nicht wohl der Einſicht verſchließen konnte, wie hier eigentlich von keiner Schuld eines Einzelnen die Rede war, es hätten denn diejenigen ſein müſſen, die trotz ihrer etwaigen Kenntniß von des Fürſten Haß mit Bilingsfelden verkehrt haben mochten. Wer dieſe aber ſein könnten, ließ ſich, fürs erſte wenigſtens, nicht erkunden. Der Wirth und ſeine Untergebenen, bei denen man anfragte, hatten den Gaſt mit Niemand verkehren ſehen, und von ſeinen Gängen in der Stadt erfuhr man nur den einen, der ihn zu Dagobert ge⸗ führt hatte. Des letztern Diener, eine in der Stadt nicht gerade unbekannte Perſönlichkeit, war nachweis⸗ lich mit dem Sieben⸗Uhr⸗Zuge abgereiſt. Von Bilings⸗ felden fehlte auch hier jede Spur. Man mußte freilich 4 einräumen, daß er ſeit manchen Jahren nicht in der Reſidenz geweſen war und auch ſchon durch ſeine Civil⸗ 8 —.— 75 kleidung für mehr als einen, der vordem den glänzen⸗ den Offizier wohl gekannt hatte, jetzt bei zufälliger Begegnung faſt unkenntlich geworden ſein mußte. Auf⸗ fällig war allein, daß der Herr auch nicht von einem der Eiſenbahnbeamten erkannt ſein ſollte, die faſt aus⸗ nahmslos alte Soldaten, zum Theil ſogar noch unter ihm gedient hatten. Herr von Bilingsfelden war trotz ſeines Stolzes und ſeiner Zurückhaltung vordem von ſeiner Schwadron geradezu geliebt worden, und daß dieſe Liebe noch fortwirkte, bewies die Erfahrung mit Dagobert's Diener. Es ließ ſich daher annehmen, daß die alten Soldaten, wo ſie des frühern Chefs Sicher⸗ heit gefährdet glaubten, dieſelbe ihrerſeits nach Kräften zu ſchützen ſuchen würden. Gegen Morgen langte in der Reſidenz eine Depeſche an, welche von einem furchtbaren Unfall berichtete, der den mehrfach genannten Sieben⸗Uhr⸗Zug gleich jenſeits der Grenze betroffen hatte. Mit einem großen Güter⸗ zuge zuſammentreffend, war mehr als die Hälfte ſeiner Wagen völlig zerſchmettert und der Reſt auf das ſtärkſte beſchädigt worden. Von den Reiſenden, die Gott Lob nicht allzu zahlreich geweſen, war ein großer Theil getödtet oder vielmehr in Fetzen zerriſſen, ohne Ver⸗ wundung aber faſt Niemand davongekommen. Von der Reſidenz aus, wie von allen Seiten, eilten - 76 die Aerzte, die Helfenden, troſtloſe Verwandte und Freunde auf den Schauplatz des entſetzlichen Unglücks. Ihnen ſchloſſen ſich natürlich auch Polizeibeamte an, und einer von dieſen hatte, wie zum mindeſten einige Näherſtehende erfuhren, den Auftrag, ſich in der Stille nach Bilingsfelden umzuſehen. Der Erfolg war, wie die Leſer es wiſſen müſſen, nicht der erwartete, ſondern im Grunde gar keiner. Unter den Verwundeten war der Geſuchte nicht und ebenſo wenig unter den noch erkennbaren Leichen. Doch gab es, wie ſchon geſagt, eine nur allzu große Zahl der letztern, wo von keinem Wiedererkennen, von keiner Feſtſtellung der Perſonen die Rede ſein konnte. Und da auch ſämmtliche Beamte des Zugs entweder todt oder ſchwer verletzt waren, ſo ließ ſich ſelbſt von ihnen über die Reiſenden nichts erfahren. Ueber dieſer erſten furchtbaren Nachricht wurde eine zweite, wenig ſpäter anlangende und für unſere Leſer ſicherlich intereſſantere kaum beachtet. Auch der Nacht⸗ Kurierzug hatte, gleichfalls auf der Grenzſtation, das Unglück gehabt, daß ein paar Wagen entgleiſten und ſtark beſchädigt wurden. Von dem Perſonal und den Reiſenden waren mehrere ernſt, doch nicht gefährlich ver⸗ letzt, zu Tode gekommen Niemand. Daher und weil die an jenem Platze vorhandenen eigenen Hülfsmittel —— 77 völlig ausreichend waren, bekümmerte man ſich officiell einſtweilen nicht weiter als nöthig um den Fall und überließ die eigentliche Theilnahme dem Publikum, ſo⸗ weit ſich dieſes an demſelben betheiligt glaubte. Der zuerſt erwähnte Unfall nahm alle Kräfte, alle Sorge in Anſpruch. Für die Näherſtehenden und Eingeweihten war der Vorfall aber darum von einem eigenen, gewiſſermaßen beklemmenden Intereſſe, weil ſie jetzt von neuem und deutlicher als je erkannten, eine wie furchtbare Leiden⸗ ſchaft in dem hohen Herrn ſchlummerte, wie gewaltſam und überwältigend dieſelbe, einmal zu Tage brechend, Alles umſtürzen würde, was ſich ihr entgegenzuſtellen verſuchte. Woher der Haß gegen Bilingsfelden, abge⸗ rechnet die ihm gewidmete Neigung der Prinzeſſin, ſtammte, wußte von der gegenwärtigen Umgebung Nie⸗ mand mehr, ſelbſt Dagobert nicht; wie tief er aber war, zeigte ſich nun, wenn auch nur in einzelnen Aeußerungen, da der Fürſt, an den Tod des Ver⸗ folgten glaubend, dieſen ſo zu ſagen wie einen Ein⸗ griff in ſeine Rechte betrachtete und faſt mit dem Him⸗ mel zu hadern ſchien, daß er ihm die Gelegenheit zur Rache genommen habe. 8 Dagobert, der dem Gebieter durch den Vorfall und ſeine Thätigkeit bei demſelben wieder genähert worden 78 war und die alte Stellung bei ihm einnehmen durfte, erfuhr freilich noch weit mehr. Alle Ungnade, welche dieſen und jenen in einem gewiſſen Kreiſe getroffen hatte, hing anſcheinend mit der Stellung zuſammen, welche der Betreffende zu Bilingsfelden eingenommen hatte, oder hier und da auch wohl einmal zur Prin⸗ zeſſin Conſtanze; trotz der Löſung ihrer ihm verhaßten Verbindung ſah der Bruder die Schweſter mit um nichts freundlichern Augen an als früher. Da waren Baron Othmar und die Seinen, die anfangs den Mann allein und ſpäter auch das Paar ſo herzlich aufgenom⸗ men hatten, und es nützte ihnen nichts, daß ſie zuletzt, nach der Trennung, Bilingsfelden von ſich wieſen. Da war vor allen Felix Eylingshauſen, der ſeine Ver⸗ wandtſchaft, ſeine Freundſchaft mit dem Gehaßten zu betonen liebte und die Folgen davon zu erfahren hatte ſobald der Prinz, bei der zunehmenden Schwäche des alten Fürſten, einen Einfluß auf die Staatsgeſchäfte erlangte. Gegen dieſen freilich wirkte auch noch die Heirath mit Charlotten, durch welche die auf das Mäd⸗ chen gegen Bilingsfelden angeſponnene Intrigue un⸗ möglich wurde. Die Wiederberufung, die er damals zu*s in Dagobert's Gegenwart oder vielmehr durch denſelben erhalten, war nicht blos, wie der letztere glaubte, eine Komödie geweſen, um ihn von dem Ort —— 79 hinweg und in eine Stellung zu bringen, die ihm und der Welt als eine Art von Revanche erſcheinen konnte. Der Fall hatte bekanntlich unangenehmeres Aufſehen gemacht, als man daheim erwartet hatte, und überdies dachte die Regierung im Grunde auch nicht daran, ihre alte Politik zu wechſeln, obgleich ſie den bisherigen Vertreter derſelben hatte fallen laſſen. Nein, es war auch eine Falle geweſen, da man den Grafen, wenn er den Köder annahm, entweder daheim feſthalten konnte oder mit Beſtimmtheit annehmen durfte, daß er in kur⸗ zem ſeine Unfähigkeit für den neuen Poſten beweiſen werde, wo denn eine erneute Remotion die allgemeine Billigung finden mußte.. Wenn auch dieſer Plan durch des Grafen kalte und wiederholte Ablehnung verdorben wurde, genügte doch auch ſchon die letztere; wo man von ihr erfuhr, konnte das Urtheil zu Gunſten der Regierung nicht zweifel⸗ haft ſein, deren angebotene glänzende Genugthuung ſo entſchieden zurückgewieſen wurde. Man war den Herrn mit guter Manier los geworden und hatte obendrein allen Grund, ihm fortan auch öffentlich ſo ungnädig wie möglich geſonnen zu ſein. Dieſe Ungnade wurde noch vergrößert durch ſeine Verbindung mit Hildegard und erſtreckte ſich auf dieſe, da man ſie ſo entſchieden dieſelbe einer Wiederanknüpfung alter Verhältniſſe vor⸗ ziehen ſah— man hatte zu** denn doch noch andere Augen als diejenigen Dagobert's— und ſie wurde zur Unverſöhnlichkeit, als man Bilingsfelden’'s Ankunft und ſeine genaue Verbindung mit dem Grafen erfuhr. Herrn Dagobert konnte es kein Geheimniß bleiben, daß für Felix und ſeine Schweſter daheim nichts mehr zu hoffen ſei, daß der Fürſt vielmehr dem Paar, ſeinen Plänen und Wünſchen überall, ſei es offen, ſei es unter der Hand, entgegentreten werde, und daß, wenn er die jetzige Anweſenheit Hildegard's geduldet habe, dies vermuth⸗ lich nur gewiſſen Rückſichten gegen die Vergangenheit und gegen ihre Familie zu danken ſei. Und endlich erkannte der edle Herr nun auch den Grund ſeiner ei⸗ genen momentanen Zurückſetzung: ſelbſt ſeine durchaus oberflächliche Verbindung mit Bilingsfelden war daheim verdächtig und mißfällig geworden. Allein, wie wir zu Anfang dieſes Kapitels ſagten, auch in dem Kreiſe der übrigen uns bekannten Men⸗ ſchen brachte die Nachricht von Bilingsfelden's Erſchei⸗ nen in der Reſidenz eine ganz ungemeine Wirkung her⸗ vor. Die Stiftsdame, die ſie, wir wiſſen nicht woher, erhalten hatte, brachte ſie noch am ſpäten Abend ſelbſt ins Haus der Frau von Brodowska zu Hildegard und beſtürzte dieſe dadurch dermaßen, daß ſie anfangs faſt einer Ohnmacht nahe war und, dieſe mühſam überwin⸗ 81 dend, von einem Sturm der Leidenſchaft erfaßt und aufgeriſſen wurde, der die ſanfte Freundin entfliehen ließ und ſelbſt Aurelie einen Augenblick beſtürzte. Die letztere faßte ſich freilich aufs ſchnellſte wieder und ſagte, nachdem ſie die Nichte einige Minuten lang mit ſichtbar großer Aufmerkſamkeit beobachtet hatte, in wunderbar kaltblütiger Weiſe:„Nun, daraus werde ein Anderer klug! Daß Dich kalt läßt, was ich Dir von der Gans, der Vögelsbach, und dem Dagobert erzähle, begreife ich, es ſind Kindereien, und dies, dies hier iſt von Bedeutung. Aber ich denke Dir eine gute Nach⸗ richt zu bringen, da der Menſch ſich dummerweiſe ſelbſt in die Hand ſeines ſchlimmſten Feindes liefert, und Du lärmſt und tobſt wie eine Unſinnige, als ob nun Alles verloren ſei! Selbſt wenn er entſchlüpfte, was ich beiläufig kaum für möglich halte— ich ſagte Dir heute Morgen, daß man ſeine Thätigkeit allenfalls durch die Prinzeſſin lahm legen könne. Jetzt halte ich ſelbſt das für ſehr überflüſſig. Contraire, laßt ihn doch! Gerade dieſer Retter bricht ihr vollends den Hals, dächte ich; ſein Ruf iſt, ſoviel ich weiß, ſchlecht genug, um den jedes Andern zu ruiniren, mit dem er ſich mehr als rein geſellſchaftlich einläßt, und obendrein dürfte ſeine Begleitung und Vertretung ihr in Othmaringen die letzten Ausſichten abſchneiden. Kurz, mein Kind“, fügte Hoefer, In der Welt verloren. IV.. 6 ſie kopfſchüttelnd hinzu,„wenn es nicht noch ganz be⸗ ſondere Gründe für Eure haſenfüßige Angſt gibt und Du dieſelben mir nicht völlig klar machen kannſt, ſo muß ich Euch für das albernſte Liebespaar erklären, von dem ich je gehört habe.“ Hildegard war während dieſer Worte wirklich zu einer wenn auch nur äußerlichen Ruhe zurückgekehrt und ſaß der Tante finſter und ſtumm gegenüber. Nach 8 der letzten Bemerkung ſchaute ſie auf und ſprach mit einem Ausdruck, der ſich nur als eine Art von düſterer Reſignation bezeichnen läßt:„Das müſſen wir uns ge⸗ fallen laſſen, Tante. Selbſt wenn ich wollte, könnte ich nicht einmal etwas erklären, was ich ſelber nicht 3 genau weiß. Felix iſt hierüber feſt verſchloſſen; er geſteht nur zu, daß er Bilingsfelden mehr haßt als irgend einen andern Menſchen und, weil er ſich Gott 1 weiß welche Blöße gegen ihn gegeben, leider auch fürchtet, zumal in der Verbindung mit ihr.“ „Hm!“ machte die Stiftsdame; es war nicht nur ein ungläubiger, ſondern auch ein verächtlicher Laut, und zu dieſem ſtimmten die Worte, die ſie gleich darauf hinzufügte:„Und den Gehaßten und Gefürchteten läßt„ er geduldig, ohne irgend einen Gegenverſuch umherziehen und jene Verbindung endlich herſtellen? Ein Cavalier, ein enragirter Liebhaber, ein—“ —„f 83 „Du irrſt, Dein Hohn trifft nicht zu!“ unterbrach Hildegard ſie noch finſterer als vorher.„Es hat an Verſuchen nicht gefehlt, obgleich ſie von vornherein ziemlich ausſichtslos waren, da der Verfolgte völlig verſchwunden blieb. Und dennoch nicht ganz erfolglos, da ſeine Anweſenheit hier beweiſt, daß er bisher ver⸗ gebens nach ihr ſuchte. Jetzt freilich, wenn er Dago⸗ bert ſelber oder auch nur den Diener ſah und den einen oder andern zu Mittheilungen zwang—4. „Zwang!“ wiederholte Aurelie verächtlich. „Zwang, Tante!“ lautete die Antwort.„Du weißt, ich denke ſogar über Dagobert ſelbſt nicht in Deiner, ſondern in meiner Weiſe. Von dem Diener rede ich nicht.“ Die Stiftsdame ſchüttelte das Haupt.„Ich ver⸗ ſtehe von dem Allem nur, wiederhole ich, daß es mit Euren Plänen, Verſuchen und was noch ſonſt, ich weiß nicht, ob mehr komiſch oder betrübt ausſieht! Es iſt wirklich ein unverdientes Glück für Euch, ſcheint's, daß man den ſchrecklichen Menſchen da attrapirt und ein wenig feſthält!“ „Wenn man ihn attrapirt!“ „O ſorge nicht, Beſte! Sereniſſimus haben eine ganz beſondere Sehnſucht nach ihm, und Fürſtenarme ſind, wie ich mir habe ſagen laſſen, ſehr lang.“ 6* ſollte glauben, daß ſie bereits in aller Stille abge⸗ reiſt ſei. In gewiſſem Sinne beſtätigten ihre Befürchtungen und Ahnungen ſich wirklich. Von Bilingsfelden's Ster⸗ ben oder Leben kam freilich nicht die leiſeſte Kunde zu ihr, dafür aber trat die Stiftsdame am dritten Tage der Clauſur mit den Worten ins Zimmer:„Ich habe mich, ſcheint's, geirrt, mein Kind: der todte Löwe möchte am Ende doch noch beißen wollen!“ Und damit fing ſie in einer eigenthümlichen, man mußte ſagen: lauern⸗ den Weiſe an zu berichten, daß die Offiziere der Leib⸗ garde bei Dagobert angefragt hätten, ob er von den Vorgängen, welche den Grafen und die Gräfin Eylings⸗ hauſen getrennt, unterrichtet geweſen und welche Stel⸗ lung er ſelbſt zu der letztern eingenommen habe. An⸗ geſchloſſen wäre die Erwartung, daß weder er noch ein anderes Glied ſeiner Familie fortan irgend eine nähere Stellung zu dem Grafen einnehmen werde, da derſelbe niemals wieder von der Geſellſchaft aufgenommen und in ihr geduldet werden dürfe. Von Dagobert’s Ant⸗ wort war nichts bekannt geworden, erzählte die Dame weiter, wie denn auch Alles nur ein Gerücht war, das man ſich bei Hofe zuflüſterte. Ebenſo glaubte man auch nur annehmen zu dürfen, daß Sereniſſimus, von dem Schritt der Offiziere erfahrend, ſich ſelbſt erkun⸗ 84 Die Erwartung der edlen Dame wurde diesmal, wie wir erfuhren, nicht ganz, wenigſtens nicht in der Weiſe erfüllt, wie ſie gerechnet hatte. Dennoch meinte ſie, da ſie am nächſten Tage die Nichte wieder⸗ ſah, ſollte dieſe mit dem Geſchehenen noch zufriedener und völlig ruhig ſein. Ein todter Löwe, fügte ſie zur Veränderung einmal wieder ſanft lächelnd hinzu, beiße ihres Wiſſens nicht mehr. Bei der Nichte fand ſie freilich die erhoffte Beruhigung nicht: Hildegard war, wie wenig ſie dergleichen auch wirklich laut wer⸗ den ließ, voll von Zweifeln und finſtern Sorgen. „Wir werden's erfahren!“ ſagte ſie nur. Sie ſchrieb von neuem an den Grafen und brachte, als ahne ſie, daß ihre Briefe gefährdet ſeien, dieſen in der nächſten Abenddämmerung ſelbſt zum nächſten Brief⸗ kaſten. Ihre Abreiſe verſchob ſie, da ſie meinte, auch trotz ihrer Zurückgezogenheit hier ſchneller und mehr von dem zu erfahren, was für ſie und Feilx von Wich⸗ tigkeit ſein mußte, als irgendwo ſonſt. Es trat dabei ein Zug von Rückſicht hervor, den man ſonſt ſelten an ihr beobachten mochte: um die Freundin nicht zu com⸗ promittiren, beſtand ſie darauf, ſich in das ſtillſte Zim⸗ mer des Hauſes zu verſchließen und nur für Eleonore und die alte Kammerfrau, ſowie für ihre Tante ſicht⸗ bar zu ſein. Selbſt die Dienerſchaft des Hauſes 86 digt und ſeltſame Aufklärungen erhalten habe. Kund ließ er gleichfalls nichts davon werden. „Und dieſe Aufklärungen, Tante?“ fragte Hildegard düſter. Die Stiftsdame ſah ſie ungläubig an.„Die wären Dir wirklich ein Räthſel, Kind? Ich, das darfſt Du glauben, ahne von ihrem Inhalt ebenſo wenig wie ein Anderer außer den wenigen Eingeweihten.“ „Ich weiß von ihnen nichts und will nichts davon wiſſen“, lautete die Antwort.„Ich ſagte es neulich ſchon. Sei es, was es ſei, für mich liegt darin kein Grund, ihn aufzugeben. Ich habe dieſer Verbindung zu viel geopfert, als daß ich noch zurückweichen könnte. 3 Und endlich, was kann es anders ſein als Verleum⸗ dungen oder Phantaſien eines halbverbrannten Hirns?“ „Dann, mein Kind“, ſagte die Tante mit einem durchdringenden Blick,„ſorgt dafür, daß dieſen Ver⸗ leumdungen und Phantaſien auch der Grund und Halt entzogen wird— Du verſtehſt mich doch? Findet das ſtatt, ſo bleiben die Drohungen der Herren Offiziere nur Drohungen und werden vergeſſen. Du ſollteſt nicht länger hier nutzlos ſitzen, dächte ich. „Ich denke heute Abend zu reiſen“, verſetzte Hilde⸗ gard düſter.„Es iſt gekommen, wie ich ſagte: Felix hat inzwiſchen ihren Aufenthalt erfahren— ſie iſt richtig v 87 bei G.!— und ſogleich an ſie geſchrieben und ihr ſeine letzten Vorſchläge gemacht. Sie hat dieſelben bisher gar nicht beantwortet. Sein Brief an mich läßt mich befürchten, daß ihn Zorn und Ungeduld zu unüber⸗ legten Schritten—“ „Kurz, reiſe, reiſe!“ unterbrach Aurelie ſie, ſelbſt in einer Art von ungeduldigem Ton.„Menſchen ſind am Ende immer wirkſamer als Briefe. Wenn Du mir ein gutes Wort gibſt, begleite ich Dich ſogar. Ich möchte Euch einmal zuſammen ſehen— hier wird mir dieſes Glück doch wohl nicht!— und die unglückliche Schöne kennen lernen. Mißverſtehen wir uns aber nicht, mein Kind“, fügte ſie hinzu, und durch ihr Geſicht, durch die Augen flog ein Etwas, das ſelbſt Hildegard beinahe erſchreckte; „miſche ich mich da ein wenig hinein, ſo geſchieht's nicht um Euch— Ihr könnt für Euch ſelbſt ſorgen, Ihr klugen Leute!— ſondern um dieſer lieben Othmaringer Ver⸗ wandten willen. Ich muß wirklich wieder einmal nach ihnen ſehen.“ Fünftes Kapitel. Eine ſtille Frau. An einem der größten Seen Deutſchlands liegt im tiefſten Winkel und am äußerſten Ende ſeiner ganzen Länge eine kleine uralte Stadt, umgeben bis auf den heutigen Tag von dem geſammten Apparat der mittel⸗ alterlichen Befeſtigungskunſt und mit einem angeb⸗ lich noch aus den Römerzeiten ſtammenden Caſtell auf einem Vorſprung des Gebirges. Denn dieſes Gebirge drängt ſich mit ſeinen prachtvollen Maſſen bis hart an das Seeufer heran; über die gewaltigen Gipfel, die Euch zu Häupten ragen, heben ſich alsbald noch mäch⸗ tigere empor, und die nach ihnen kommen und die von links herübergrüßen, zeigen ihre Spitzen und Riſſe ſchon vom ewigen Schnee umhüllt. —— 89 Das ſchließt ſich Alles ſo feſt an einander und um⸗ faßt das Ende des Sees mit ſo unerſchütterlichen Maſſen, daß man auf den erſten Anblick faſt glauben möchte, hier habe die Natur einmal ganz einſam bleiben und den Menſchen keinen einzigen Platz zur Anſiedlung ge⸗ währen wollen. Sie haben es denn auch mühſam genug gehabt. Die Stadt mußten ſie in die Schlucht hinein⸗ bauen— ein Thal kann man ſie kaum heißen— die hier ſich gegen den See öffnet und rückwärts weit ins Gebirge hinaufſtreicht; für jedes Haus mußten ſie ſich mit Mühe Platz ſuchen, und von ſaubern, ebenen Straßen iſt noch heute keine Rede; überall ſieht man von einer ſolchen in eine andere hinab oder zu der dritten hinauf, überall gibt's rauhe Steigen oder gar wirkliche Steintreppen; und über die höchſten Häuſer ſchauen die alten Stadtmauern herab, und über dieſe blicken wieder von allen Seiten die dunklen Bergwände herein, für alle, die an das weite Freie gewöhnt ſind, ein ſchier beängſtigender Anblick. Auch nach vorn, am See, iſt, wie geſagt, faſt gar kein freier Raum; die prächtige Straße, welche nach rechts zu an ſeinem Ufer hin führt, iſt erſichtlich erſt ein Bauwerk der neuſten Zeit und mußte meiſtens durch Sprengung der Felſen gewonnen werden. Nur ganz vorn, im Grunde oder vielmehr in der Spitze des 90 Winkels, zeigt ſich vor den hier zum Theil abgebro⸗ chenen Mauern und dem noch erhaltenen maſſiven alten Thore der Stadt, am Hafen, etwas wie ein freier Platz, auf dem man ſich einigermaßen bewegen kann. Allein wenn man die ringsumher aufragenden Bergwände genauer betrachtet, erkennt man alsbald, daß auch er zum größten Theil künſtlich geſchaffen und mit Gewalt den Felſen abgewonnen wurde; ja hier und da ſieht man auch jetzt noch eifrig an ſeiner Erweiterung ar⸗ beiten und Stellen für neue Bauten, ſei es mit den Werkzeugen des Steinhauers, ſei es mit Pulver, frei machen. Denn hier, um den Hafen, der in ſeinem jetzigen ſaubern und zugleich ſoliden Zuſtande gleich⸗ falls eine Anlage der neuern Zeit iſt, drängt ſich nicht nur Handel und Wandel, ſondern auch Alles zuſam⸗ men, was man in dieſem Erdwinkel vom ſogenannten modernen Leben findet. Da ſind denn Zoll⸗ und Lager⸗ häuſer der Regierung, da ſind Speicher und Nieder⸗ lagen, die einzelnen größern Kaufleuten gehören, deren es hier mehr gibt, als man nach dem dunklen und dürftigen Aeußern der Stadt erwarten ſollte. Es zeigen ſich ein paar Gaſthöfe, ja hart am Hafen und in der ſchönſten Lage erſcheint ſogar ein ganz modernes Hotel, das ſich auch überall anderwärts ſehen laſſen dürfte, und endlich erheben ſich hier, an der Straße, deren 91 wir gedachten, einige wenige Privathäuſer. Man muß ſelbſt an dieſem im Uebrigen wohlfeilen Platz ſehr wohlhabend, ja reich ſein, um ſich hier niederlaſſen zu können. Denn auf die weiten Geldbeutel der Fremden kann man auch in den Sommermonaten nicht wohl ſpeculiren. Es gibt freilich Reiſende, welche ſich der ſchönen Lage und Ausſicht, der großartigen Umgebung erfreuen, allein ſie verweilen ſelten längere Zeit, und wo das wirklich einmal der Fall iſt, finden ſie Platz und Bequemlichkeit im Ueberfluß in den Gaſthöfen. Trotz alledem aber iſt Alles, was wir anführten, unendlich eng und einfach bei einander und von einem großen, raſchen Verkehrsleben wenig oder gar nicht die Rede. Handel und Wandel, die, wie bemerkt, nicht unbedeutend, beleben im Sinne von uns Weltmenſchen einen Platz nicht, und wenn man die Stunden abrech⸗ net, wo während der eigentlichen Reiſezeit die ziemlich zahlreichen Dampfſchiffe ankommen und abfahren, kann man ſich kaum eine Stelle denken, wo es einſamer zu⸗ geht und wo man weniger fremden Geſichtern begeg⸗ net als hier. Wir müſſen wiederholen, daß für die Reiſenden die Gaſthöfe überflüſſig genügen, ja es be⸗ darf nicht einmal aller. Das Hotel, das den Anlangen⸗ den ins Auge ſticht und ihnen den meiſten Comfort verheißt, reicht allein ſchon beinahe aus, und die beiden 92 andern ältern müſſen ſich ſelbſt zur lebhafteſten Zeit meiſtentheils mit einzelnen Gäſten begnügen oder ſtehen auch manche Tage lang ganz leer. So mußte es auch der Gaſthof zum Reichsapfel erleben, der älteſte auf dieſem Platz und daher noch mit einer gewiſſen Raumverſchwendung erbaut— ein langes, ganz ſchlichtes Gebäude am Fuße der Felswand, auf der einen Seite von den Ställen, auf der andern ſogar von einem wirklichen, freilich nur kleinen Garten flankirt, der ſich obendrein auch noch rückwärts in den dem Berg abgewonnenen Terraſſen fortſetzte. Und wenn man ſchon um deswillen ſeine Anlage in eine weit entlegene, viel wohlfeilere Zeit zurückdatiren durfte, ſo erhielt man dafür noch einen weitern Beweis in den ſchönen alten Bäumen, welche die Vorderſeite des Hauſes beſchatteten und ſich auch im Garten nebenan fanden. Alles, was ſich ſonſt in dieſer Art am Ufer fand, war erſichtlich genug erſt neuerdings angepflanzt und hatte bei der brennenden Sonne und den ſcharfen Winden, die zu Zeiten über den See daherkommen, noch ein mühſames Gedeihen. Der Reichsapfel war nicht allein der älteſte, ſon⸗ dern auch manche Jahre lang der einzige wirkliche Gaſthof auf dieſem Platz geweſen und hatte, als er endlich einen Nebenbuhler erhielt, auch dieſem gegen⸗ über ſtets den erſten Rang zu behaupten vermocht. Erſt vom Hotel war er zurückgedrängt worden; aber wer weiß, ob bei ſeiner guten Lage und dem außerordent⸗ lichen Vorzug der freundlichen, grünen und ſchattigen Umgebung auch dies gelungen wäre, hätte der Beſitzer den Kampf angenommen und ſein Haus und ſeine Wirthſchaft den Anforderungen, welche die modernen Reiſenden machen, entſprechend verändern und moder⸗ niſiren wollen. Das geſchah nicht. Anſelm Mayer, wie er hieß, hatte den Gaſthof kurze Zeit nach ſeiner Eröffnung von ſeinem Vater übernommen und war mittlerweile ſelbſt ein alter Mann geworden, dick und breit wie eben ein alter Gaſtwirth und bequem und langſam wie ein ſolcher, ſehr wohlhabend durch ſeinen übrigen großen und einträglichen Beſitz an Obſtgärten, Matten und Waldung und vor allem durch den Wein⸗ und Holzhandel, den er von jeher auf das ſchwung⸗ hafteſte betrieben hatte. Für ſeine Kinder, einen Sohn, der ihm bei allen ſeinen Geſchäften an die Hand ging, und eine tief drinnen im Gebirg verheirathete Tochter, war bei ſeinem dereinſtigen Tode überflüſſig geſorgt, und da auch dieſe Beiden wenig Sinn für die Gaſt⸗ wirthſchaft hatten, ſah der Alte nicht ein, weshalb er ihrer glänzenden Weiterführung beſondere Opfer hätte bringen ſollen. An einen wirklichen Verfall derſelben oder gar 94 an ein völliges Eingehen war ohnehin nicht zu denken. So viel alte Kunden und neue Gäſte gab es noch im⸗ mer, daß das Geſchäft eine gute Rente abwarf. Und wie es im Uebrigen auch mit dem Reichsapfel und ſeinem Wirth geſtellt ſein mochte, es war noch immer ein guter, reeller Gaſthof, ſo einer vom alten, ſoliden, behaglichen Schlage; die einſprechenden Gäſte fühlten ſich, wenn ſie von mancherlei neumodiſchen Aeußerlich⸗ keiten abzuſehen vermochten, wohl in ihm, und wer von der genannten Art wieder in dieſe Gegend kam, ſuchte das Haus ſicherlich von neuem auf. Viele waren ihrer freilich zu keiner Zeit und es gab, wie wir ſchon vorhin erwähnten, ſelbſt in den Reiſemonaten Tage genug, wo kaum ein Gaſt im Hauſe übernachtete und wo in der Küche nur für den Tiſch der Hausgenoſſen gekocht wurde. Es war daher auch für Anſelm Mayer und die Seinen etwas wie ein wirkliches Ereigniß und veranlaßte zwiſchen ihm und ſeiner auch ſchon alten und bequemen Frau faſt vier⸗ undzwanzig Stunden lang die gewiſſenhafteſte Ueber⸗ legung und die eingehendſten Erörterungen, als in der zweiten Hälfte des Auguſt dieſes Jahres eine einzelne Dame mit ihrer Kammerjungfer anlangte und, nach⸗ dem ſie zwei Tage lang verweilt hatte, den Wunſch ausſprach, hier längere Zeit, vielleicht bis in den 95 Winter hinein und noch weiter, ganz ſtill und zurück⸗ gezogen, ganz beſcheiden leben zu dürfen. Sie war eine wunderſchöne, ſanfte und zarte Frau in noch jungen Jahren, der aber der erfahrene alte Wirth, welcher ſein Leben lang mit allen möglichen Menſchen verkehrt hatte, ohne Mühe die Spuren großer, ſei es körperlicher, ſei es geiſtiger Leiden abſah und der er ohne weiteres nicht nur die Sehnſucht nach Ruhe und Stille, ſondern auch das Bedürfniß derſelben zutrauen konnte. Wer weiß, ob es nicht auch dieſer Geſammteindruck ihrer Erſcheinung war, der das alte Paar endlich veran⸗ laßte, auf den Wunſch der Fremden einzugehen und ſie fortan wie ein Kind des Hauſes zu halten. Darauf deutete es wenigſtens, daß der Alte, da er ihr endlich gewiſſermaßen ſeine Einwilligung brachte und die von ihr verlangten Bedingungen vorlegte und ſie bei ſeiner immer noch zögernden Weiſe ihm einfach und als ver⸗ ſtehe ſich das von ſelbſt, eine bedeutende Summe als Vorſchuß anbot, dieſen zurückwies. „Darauf kommt es nicht an und iſt keine Rede davon“, ſagte er dabei, mit tiefem, prüfendem und doch theilnehmendem Blick in ihre ſchönen, ſtillen Augen. „Ich brauche Euer Gnaden nur anzuſehen, um über dieſen Punkt ganz und gar ruhig zu ſein. Allein wir ſind ſchlichte und einfache Leute und mein Haus und meine 96 Wirthſchaft ſind nicht neumodiſch. Meine Alte und ich wiſſen nicht, ob wir Euer Gnaden zufrieden ſtellen können und ob es Ihnen hier nicht zu ſtill und einſam werden muß. Das iſt's!“ „Darum ſorgen Sie nicht, Herr Mayer“, verſetzte die Fremde ſanft;„das iſt Alles gerade ſo, wie ich es wünſche, ja wie ich deſſen bedarf, und wenn Sie mich nicht gehen heißen, ich bin ſehr glücklich über dieſen ſtillen Hafen.“ „Nun denn in Gottes Namen“, ſprach Anſelm freund⸗ lich und nahm ihre feine, ſchmale Hand in ſeine große und rothe.„So ſeien Sie uns nochmals willkommen, und was Sie wünſchen und wollen, ſagen Sie's uns nur kecklich. Wo es möglich iſt, ſollen Euer Gnaden ſtets zufrieden geſtellt werden.“ Das hatte Anſelm leicht zu verſprechen und zu halten, denn eine anſpruchsloſere und beſcheidenere Men⸗ ſchenſeele gab es auf der Welt Gottes nicht als die arme Frau— ſie nannte ſich nicht minder einfach Char⸗ lotte Otto, obgleich der Alte, der in ſeiner Jugend weit herumgekommen war und doch auch hier von Zeit zu Zeit Gelegenheit gehabt hatte, allerhand Leute kennen zu lernen, ſteif und feſt behauptete, daß er in ſeinem ganzen Leben kein Menſchenkind geſehen habe, das ſo ganz und gar fürſtlich geweſen, von Geſicht und Blick, 97 von allen Gliedern, von allen Bewegungen und vom ganzen Weſen, wie er's hieß, und doch auch wieder ſo„civil“ und„ſimpel“, daß kein Menſch ſich vor ihr zu geniren brauche.„Nicht daß man grob und ungebür⸗ lich würde“, fügte er dann wohl einmal ernſthaft hin⸗ zu,„davon iſt keine Rede. Gegen die iſt man von ſich ſelbſt höflich und voll Reſpekt, und wer's über das Herz bringt, ihr was zu Leide zu thun, das muß kein Menſch ſein und nicht werth, daß ihn die Sonne be⸗ ſcheint. So ein Engel Gottes iſt ſie.“ Man hört's wohl, der Anſelm Mayer war richtig in ſie verliebt, allein er durfte es auch wohl ſein, und ſeine alte Frau wehrte es ihm nicht, noch nahm ſie’s ihm übel. Im Gegentheil, es erging ihr nicht anders, wenn ſie's auch nicht in ſolche Worte kleidete, zu denen ſie weder die Gabe noch die Zeit hatte. Sie kam aus der Küche und der Wirthſchaft ſelten heraus. Wo das aber einmal geſchah und wenn ſie der Fremden begeg⸗ nete, da erhielt dieſe vollen Erſatz für die Zurück⸗ gezogenheit und Schweigſamkeit der Alten durch ein herzlich und freundlich Lächeln, das durch die gefurchten Züge glitt, durch irgend ein gutes Wort, wenn's auch nur ein einzelnes war, ja wohl einmal ſogar durch irgend eine Bewegung. Die Fremde war, wie ſie es mittags gern that, Hoefer, In der Welt verloren. IV. 3 7 98 wo alles Leben und Bewegen auf dem kleinen Hafen⸗ platz feierte, im Hausgarten geſeſſen, unter dem alten Birnbaume. Das Plätzchen lag gegen Norden, die Sonne kam nicht dahin; es war immer kühl dort, ſelbſt zu dieſer Stunde, und vom See herüber kam dann ein friſcher Hauch, der es einem wohl werden ließ bis ins Herz, mochte draußen die Sonne glühen, wie ſie wollte. Da ſaß ſie auf der kleinen Bank, leicht an den Stamm des Baumes zurückgelehnt, die Hände im Schooß ru⸗ hend, den Kopf leicht geneigt und die großen, müden Augen ſtill und träumend auf den blitzenden See ge⸗ richtet, mit jenem Blick, der, wenn wir ihn in einem Auge finden, uns traurig macht, ſo traurig iſt er ſelbſt, ſo ſieht er fort und hinaus über die Nähe, über die Gegenwart, hinein in die Ferne, hinein in eine an⸗ dere Zeit, ſei's zurück, ſei's vorwärts. Und man ſieht es wohl, daß er nirgends etwas Frohes und Glückliches findet. Die alte Wirthin kam aus der Küche, von der eine Thür in dieſen Gartentheil führte; ſie ſchnitt noch ein wenig Kraut zur Suppe und ging hier und da zwiſchen den Beeten ſuchend umher. Die Fremde hatte ſie gleich geſehen, achtete anſcheinend aber nicht weiter auf ſie. Als ſie jedoch, was ſie brauchte, in der aufgebundenen Schürze hatte und auf dem Rückweg dort unter den —— 99 Zweigen des Birnbaums vorüberkam, machte ſie bei der Fremden Halt, ihre Hand glitt ſanft über das dunkelblonde Haar und ſie ſagte leiſe und nicht minder ſanft:„Nicht ſo traurig ſein, junge Frau, nicht ſo traurig! Es wird ganz gewiß noch einmal wieder hell!“ Es war nur der eine Augenblick, ſie ging ſchon weiter, dem Hauſe zu. Aber durch das Geſicht der Fremden glitt ein unendlich wehmuthsvolles und den⸗ noch ſüßes und dankbares Lächeln, tief aus den Thrä⸗ nen hervor, die in ihren Augen ſtanden. Ein theil⸗ nehmend Herz findet mühelos die Worte und die Weiſe, die zu unſerm Schmerz ſtimmen und tröſtend durch all unſere Trauer klingen. So wenig geſprächig die Wirthin zum Reichsapfel auch für gewöhnlich war, bei Gelegenheit und wo es darauf ankam, zeigte ſie dennoch, daß auch ihr ein gut Theil von dem allgemeinen Frauenerbe zu Theil geworden ſei und ſie ihre Zunge im beſten Stande erhalten habe. Es läßt ſich begreifen, daß die Fremde und ihr Verweilen bei Anſelm Mayer nicht blos von den Nachbarn bemerkt wurde und Veranlaſſung zu allerhand Fragen und Bemerkungen gab, ſondern daß ſich auch ſonſt, in der Stadt und unter den Rei⸗ ſenden ſolche Neugierige fanden: die Fremde wurde 7* ——ſſſ“—ͤ““ͤſ-- 3 100 wenig ſichtbar, zumal für die erwähnten Auswärtigen, zuweilen, wenn auch nur im Hauſe und für die gerade anweſenden Gäſte, geſchah es aber dennoch, und wer ſie einmal ſah, empfing dann einen Eindruck, der eben nicht ſpurlos an ihm vorüberglitt. Den Nachbarn und Bekannten antwortete der Wirth je nach ſeiner augen⸗ blicklichen Laune, bald offen, wie wir's oben vernah⸗ men, bald auch einmal kurzweg, daß man ſich um ſeine eigenen Angelegenheiten bekümmern möge, oder daß er auch nichts weiter wiſſe und wolle, als was man ſehe. Den Gäſten gegenüber war er noch kürzer oder gab ſogar meiſtens gar keine Antwort. Nicht minder begreiflich iſt es indeſſen, daß auch andere Anfragen geſtellt wurden, die nicht ſo kurz und ſchnell zu beantworten waren, für die zum wenigſten eine ſolche Antwort nicht genügte. Da Herr Anſelm Mayer nicht von ſelbſt mit der nöthigen Aufklärung über die kurz gemeldete„Frau Charlotte Otto“ ſich bei der betreffenden Behörde einſtellte und auch keinerlei Papiere einreichte, ſo übernahm dieſe Behörde die Ini⸗ tiative, glücklicherweiſe ganz freundlich und human und obendrein privatim, wie man das wohl heißen darf. Denn der Wirth zum Reichsapfel war ein ſehr geach⸗ teter Mann und obendrein den Polizeibeamten perſön⸗ lich bekannt, ja zum Theil gewiſſermaßen befreundet. —,—— 101 Es ſtellte ſich daher einmal gegen Abend ein Beamter ein und ſetzte Anſelm die Sache beim Schoppen freund⸗ ſchaftlich auseinander. Der Wirth nahm das Ding zuerſt leicht und ſcherzhaft, dann ernſter, erklärte, in jeder Weiſe für die Fremde haften zu wollen, und wurde, da das Alles nicht den erwünſchten Erfolg hatte, endlich verdrießlich und grob, obgleich der Beamte auch jetzt noch ganz freundlich blieb und zur Vernunft redete. In dieſem Stadium der Unterhaltung erſchien glück⸗ licherweiſe die Wirthin in der Gaſtſtube, wo die Beiden ſaßen, um irgend ein Glas oder dergleichen aus dem Schenkſchrank zu holen. Was ſie vernahm, hielt ſie feſt und ließ ſie ſich gleich darauf ſelbſt ins Geſpräch miſchen. „Was Sie wollen, Herr Commiſſar“, ſagte ſie kurz und barſch,„capir' ich nicht. Daß unſere Dame auf Euer ſchmieriges Bureau kommt und Ausweis über ſich gibt? Daraus wird nichts. Ich leid's nicht, eher komm' ich ſelbſt. Eine Landſtreicherin iſt's nicht, eine Verbrecherin auch nicht— ſeht ſie nur einmal an!— contraire, eine arme Frau, gegen welche andere nichtsnutzige Menſchen geſündigt und etwas verbrochen haben. Ob ſie Papiere hat, wiſſen wir nicht, wir haben ſie nicht danach ge⸗ fragt. Vielleicht hat ſie ſie, vielleicht nicht, und wenn nicht, ſo ſeid auch Ihr zufrieden wie wir und macht ſie nicht noch unglücklicher und quält ſie nicht. Was 102² auch geſchieht, wir bürgen für ſie, der Anſelm und ich, und nehmen'’s auf uns. Seid einmal menſchlich, Herr Commiſſar!“ Der Commiſſar zuckte die Achſeln; er könne da wenig thun, denn an ihm liege die Sache und ihre Entſchei⸗ dung nicht. Doch war ihm, gleichviel wie weit und weshalb, die Antwort der Frau eingeleuchtet und zu Herzen gegangen. Er mußte wohl günſtig berichtet haben, denn es geſchah das Unerhörte, daß die Poli⸗ zeibehörde einſichtig und nachſichtig war; man verhieß Anſelm die Sache auf ſeinen Wunſch und ſeine Bürg⸗ ſchaft einſtweilen ruhen zu laſſen, bis man erneuerte Veranlaſſung zu ihrer Wiederaufnahme erhalte. Dieſe erhielt man indeſſen nicht, denn die zweite Woche verging nicht weniger ſtill und— man durfte wohl ſagen: inhaltslos als die erſte. Die Fremde ging ihren gleich leiſen Weg fort, beſcheiden, anſpruchs⸗ los und traurig, wie am erſten Tage; ſie ſchien wirklich, wie ſie einmal zu Anfang gegen Anſelm, zu dem ſie überhaupt erſichtlich viel Vertrauen hatte, auf ſein Zureden und Fragen geſagt, in der Welt mit keinem Menſchen mehr zuſammenzuhängen und von keinem mehr zu wiſſen; ſie ſchrieb nicht einen einzigen Brief und erhielt auch keinen einzigen, ja ſie ſah nicht einmal nach einem ſolchen aus und ließ die Poſtboten 4 103 ſtets unbeachtet vorübergehen; ſie bekümmerte ſich nicht um die Ankunft der Dampfſchiffe und ſchaute nicht nach den Reiſenden; in unſerer ſchreibluſtigen und verkehrs⸗ reichen Zeit und zumal nachdem man einen neuen Auf⸗ enthaltsort gewählt hat, Alles ſicherlich doch wohl Zeichen, daß man in der Welt ſehr einſam daſteht. Mit der Zofe ging es einigermaßen anders. Es zeigte ſich an ihr von Zeit zu Zeit wenigſtens eine gewiſſe Unruhe; ſie fragte auch einmal den Poſtboten, ob er nichts für ſie habe, und ſie muſterte wohl die Anlangenden und Abfahrenden, ſeltſamerweiſe aber dies Alles nur, wenn ihre Gebieterin es nicht bemerken konnte. Es war ein hübſches und in ſeiner Weiſe feines, nicht mehr ganz junges Mädchen, von anſcheinend großer Verehrung und Liebe, Treue und Theilnahme für die Herrin, ebenſo ſtill wie dieſe und niemals zu Aeuße⸗ rungen und Offenbarungen über ihre Dame und die Vergangenheit zu bewegen. Das alte Paar nicht, aber die Söhnerin deſſelben und auch ſonſt vielleicht Jemand machten dergleichen Verſuche— vergebens, ſagten wir. Nur ein einzig Mal, als man ſich ſchon ein wenig mehr mit einander eingelebt hatte und die genannte jüngere Frau, gleichfalls ein freundliches und theilnahmvolles Menſchenkind, ſich bei irgend einer Gelegenheit voll Bedauern über die Bläſſe und Traurigkeit der Dame 104 äußerte, daß ſie immer ſo ſttlll hingehen könne und ihren Gedanken nachhängen, ſo ganz theilnahmlos gegen Alles, was ſie umgebe, als habe ſie ſich bereits ge⸗ ſchieden von Welt und Leben: da verſetzte die Zofe mit einem Blick und Ton, von denen man nicht ſagen konnte, ob mehr Trauer und Sorge darin war, oder mehr tie⸗ fes, finſteres Zürnen:„Ja, Frau, das iſt meine Qual und mein Grämen! Sie kommt mir manchmal wirklich vor, als ſei ſie ſchon von uns geſchieden, ſo will und weiß ſie gar nichts mehr von uns. Und wenn es ſo fortgeht, muß es bald zum Ende kommen. Verdenken kann ich's ihr freilich nicht, daß ſie mit den Menſchen nichts zu thun haben will. Sie iſt ein Engel, den der liebe Gott auf die Erde geſchickt hat. Aber es ſind Wenige, die ihn erkannt haben und ihn nicht mißhan⸗ delten und nicht an ihm ſündigten; und die ihr am nächſten ſtanden, die ſündigten am furchtbarſten, und die ſie am meiſten umſchmeichelten, die haben ſie ver⸗ laſſen und verſtoßen, daß ſie Niemand mehr hat als mich. Aber unſer Herr und Gott wird ſie ſchon rächen an den Sündern und Heuchlern.“ Die Dame aber, müſſen wir wiederholen, ging ihren ſtillen, einſamen Weg und ſchien am wenigſten von ſolchen Gedanken etwas zu wiſſen, wie die Dienerin ſie geäußert hatte. Da war keine Ungeduld, kein Zürnen, keine Bit⸗ 105 terkeit, kein finſteres Träumen, wie tief auch ihr Sinnen und Denken ſein mochte, wenn ſie dort im großen Eck⸗ zimmer an dem Fenſter ſaß, das den ſchönſten Ausblick auf den See gewährte, oder im Garten unter dem alten Baume vor dem gleichen Bilde ruhte. Ihr Leben und Bewegen war ſo ſtill und einförmig wie ihre ganze Erſcheinung, da glich der eine Tag ſtets dem andern. Vom Hauſe entfernte ſie ſich nur ſelten, um allenfalls einmal über die Gartenterraſſen hinaufzuſteigen am Berg, wo ein Fußſteig ſich mühſam zwiſchen den Felſen noch weiter emporzog und in den Wald führte, der droben Alles grün und üppig überſchattete. Oder ſie ſchritt abends wohl einmal an das äußerſte Ende des Hafens hinaus und ruhte dort auf der einſamen Bank. Da lag der See in ſeiner ganzen Pracht vor ihr, von links herüber grüßten die gewaltigen Schneeberge ſtill und ernſt und ringsumher glänzte und ſchimmerte Alles in den wunderbaren Farben und Tönen des herbſtlichen Sonnenuntergangs. Oder— und damit war dieſer ein⸗ ſame Lebenskreis geſchloſſen— ſie fuhr an ſo ſchönen Abenden wohl auch einmal mit dem alten Schiffer in den See hinaus und ließ ſich umherrudern, bis der Nond über die Berge heraufkam und Alles mit ſeinem ma⸗ giſchen Dämmer umkleidete. Dann mochte ſie wohl zuweilen freundlicher nach 106 Hauſe zurückkehren und hatte hier und da ſogar ein paar Worte für dieſen oder jenen Hausgenoſſen, der ihr gerade in den Weg kam. Denn ſonſt redete ſie niemals irgend Jemand an. Iſt es für die Leſer eine überraſchende, faſt er⸗ ſchreckende Entdeckung, wie es für die Wäſcherin eine ſolche war, als ſie in der Wäſche der Fremden, die dazu ſo fein war, wie ſie in ihrem Leben noch keine in Händen gehabt zu haben verſicherte, über dem Na⸗ menszuge eine Freiherrnkrone fand, und müſſen wir ihnen noch den rechten Namen der ſtillen Fremden nennen? Die alte Wirthin zum Reichsapfel, da ihr die Wä⸗ ſcherin dies mittheilte, machte eine ablehnende Bewe⸗ gung.„Dabei iſt nichts zu verwundern“, ſagte ſie,„und ob ſie Baronin geweſen iſt oder Gräfin oder Fürſtin, das iſt Alles eins. Sie iſt eins von unſers Herrgotts vornehmſten Menſchenkindern, und das iſt mir mehr als alle Ehre der Erde.“ —— „—— ——444⁴ ₰—— Sechstes Kapitel. Wiedergefunden. So war es nun ſchon eine ganze Reihe von Tagen, ja ſchon mehrere Wochen fortgegangen, ohne daß ſich in dem einförmigen Leben der Fremden irgend eine Veränderung oder Störung ergeben hätte. Die Ein⸗ heimiſchen fingen an ſich an die Erſcheinung der ſtillen Frau und an ihre Weiſe zu gewöhnen; man grüßte ſie gelegentlich wohl wie eine bereits lange hier Bekannte, man ſah ihr nicht mehr neugierig nach, fragte nicht und unterhielt ſich nicht mehr über ſie, und die Rei⸗ ſenden, die bisher vorüberſtreiften und ſo oder ſo einen Blick von ihr erhaſchten, wurden immer ſeltener. Denn nach dem glühenden Sommer ſchien ſich ein früher, rauher und trüber Herbſt einſtellen zu wollen, der zu⸗ mal den Ausſichten, welchen man in dieſer Jahreszeit 108 im Gebirge nachzugehen pflegt, ſehr wenig günſtig war, und die Dampfſchiffe, die überhaupt auch ſchon lange nicht mehr ſo ſoft anlegten wie in den vergangenen Wochen, führten nun der Güter bei weitem mehr als der Paſſagiere. Wer von ſolchen, außer den Handel⸗ treibenden, jetzt noch an ihrem Bord zu finden war oder demſelben zueilte, war ſicherlich auf ſeiner Reiſe in irgend einer Weiſe aufgehalten worden und ſtrebte nun deſto raſcher und ohne Zögerung der Heimat oder wirthlichern Gegenden zu. Es vergingen jetzt Tage über Tage, wo es ſo ſtill und einſam im Reichsapfel war wie in dem ſchlichteſten Privathauſe. Ja, das Hotel ſogar ſtand faſt immer leer, die Table d'hôte hatte aufgehört und die Kellner waren bis auf einen entlaſſen. Auf das Leben der Fremden oder ihrer Zofe hatte dieſe Herbſtſtille anſcheinend gleichfalls keinerlei Einfluß; es ging unverändert einförmig fort, und die paar Zweifler und Spötter, an denen es ſelbſt hier nicht gefehlt und die da gemeint hatten, daß die Aufklärung des Räthſels ſich eines Tags ſchon mit dem bisher vergebens Erwarteten einſtellen und dann all die Ge⸗ duld belohnt werden würde, ſahen ſich noch immer ge⸗ täuſcht. Im Gegentheil mußten ſie nach und nach wohl zugeſtehen, daß hier wirklich von gar keiner Er⸗ —— —— —— —-— 109 wartung die Rede geweſen ſein könne, da man weder an der Dame noch an der Zofe irgend eine Spur be⸗ merken konnte, daß ſie an getäuſchten Hoffnungen litten. Beide ſchienen ſich vielmehr immer beſſer und zufrie⸗ dener in dieſe Enge und Abgeſchloſſenheit des Daſeins zu finden, und als ſolle dieſelbe fürs erſte wenigſtens unverändert ihnen genügen, fing die Zofe an, Winter⸗ kleider für ihre Dame zu fertigen, dunkel und einfach, wie der kleine, vom Welt⸗ und Modeleben entfernte Ort ihr die Materialien zu liefern vermochte. Sie kam dabei häufiger, ja im Grunde zuerſt in die winklige, dunkle Stadt und lernte dieſelbe allmälig bis in die letzten Gaſſen kennen, da ſelbſt die einfachen Requiſiten, welche ſie ſuchte, nur mühſam aufzufinden waren. Eines Tags— es war ein düſterer Regentag und der Dunſt und die Wolken hingen ſchwer in den Berg⸗ wäldern und drängten ſich hier und da faſt bis an die alten Mauern und die am höchſten gelegenen Gaſſen herab— ging Liſette auch wieder in die Stadt, um ſich mit irgend etwas, deſſen ſie zu ihrer Arbeit be⸗ durfte, zu verſehen. Sie wurde heute ſchneller befrie⸗ digt als ſonſt— es war ja auch der vornehmſte Laden des Orts, verſehen mit einem wirklichen Schaufenſter zur Auslage der Stoffe, des Putzes, der Parfümerien und Seifen,„feiner“ Cigarren und was der induſtriöſe 110 Beſitzer ſonſt ſeinen Kunden darzubieten hatte, und ge⸗ legen an dem einzigen freien und einigermaßen ebenen Platz, der ſich in der Stadt zwiſchen der Hauptkirche und dem Rathhauſe vorfand. Als ſie wieder heraustrat und, um den Schirm zu öffnen, einen Augenblick unter den ſogenannten Lauben verweilte, welche ſich rings an den Erdgeſchoſſen der Häuſer hinziehen und, einen ſtets trockenen und ſchattigen Spa⸗ zierweg gewährend, daneben auch den zahlreichen Verkäu⸗ ferinnen von Brod, Obſt und Gemüſe geſicherte Plätze darbieten, kam aus der Gaſſe, die ſich hier in der Ecke öffnete, durch den eintönig rieſelnden Regen einer der kleinen plumpen Gebirgswagen angefahren. Außer dem Fuhrmann, der ſich durch eine alte Pferdedecke gegen die Näſſe zu ſchützen ſuchte, ſaß nur ein Frauen⸗ zimmer darauf, gleichfalls durch eine ebenſolche Decke geſchützt oder vielmehr beſchwert. Denn man ſah's, daß dieſelbe wöllig durchnäßt war und ſchwer um die Schultern der obendrein anſcheinend nur leicht geklei⸗ deten Reiſenden lag. Eine ſolche aber war's und keine Frau, wie ſie in dieſem Gebirge hauſen, das ſah die in dergleichen erfahrene Zofe nicht blos an dem, was von der erwähnten Kleidung ſichtbar wurde, ſondern auch an der unverkennbaren feinen Hand, welche die Decke zuſammenhielt, und an der ganzen Haltung der 111 Fremden. Man durfte dieſelbe wohl bedauern— es war ſicherlich für ſie eine ſchlimme Fahrt geweſen— und die Zofe ſchüttelte auch voll Theilnahme den Kopf und ſagte zu dem Ladenbeſitzer, der ſie hinausbegleitet hatte und neugierig ſtehen geblieben war, recht aus dem Herzen:„Die Aermſte!“ War es dies Wort, das die ganz nahe Vorbei⸗ fahrende vernommen hatte, oder war's der Zufall, daß ſie den vornüber gebeugten Kopf erhob und das Mäd⸗ chen anſchaute— es zeigte ſich in dem Auge ein plötz⸗ liches Aufleuchten, es zuckte durch die bleichen, abge⸗ härmten Züge mit jäher Heftigkeit, und in der nächſten Sekunde rief die halb erſtickte Stimme:„Haltet, Fuhr⸗ mann, haltet!— Jeſus mein Gott— biſt Du es, Liſette?“ Und faſt zugleich ſprang auch das Mädchen die beiden zu den Lauben führenden Stufen hinab, an den wirklich haltenden Wagen und ſtammelte bebend: „Um aller Heiligen willen, Fräulein Henriette, wie ſehen Sie aus! Wo kommen Sie her?“ Henriette warf die Decke zurück; es war wirklich ein Sommerkleid darunter, durchnäßt, beſchmuzt, ja hier und da mit einem Riß. Sie ergriff die Hand des Mädchens wie in einer Art von Krampf, ihre ganze Geſtalt zuckte und zitterte, und zitternd auch 112 klang ihre Stimme:„O Liſette— Du? Und ſie— und ſie?“ „Wir ſind hier, Fräulein—“ „Hier? Hier? Ihr allein?“ „Ja, allein; der heiligen Jungfrau ſei tauſendmal Dank! Aber ſagen Sie nur um Jeſu willen, Fräulein, wo— doch nein, doch nein!“ brach ſie ab,„kommen Sie nur vor allem vom Wagen herunter, daß ich Sie mit hinausnehmen kann. Denn mit dem Wagen iſt es nicht möglich“, fügte ſie immer mehr ſich faſſend und mit einer Art von Finſterkeit hinzu.„Ich weiß ohnehin noch nicht, wie wir es der Gnädigen bei⸗ bringen ſollen.“ Henriette erwiderte nichts. Es war faſt, als ſchlügen ihre Zähne an einander vor Froſt oder furchtbarer Erregung, ſo zuckte und zitterte Alles an ihr, und die Zofe und der Ladenbeſitzer mußten ihr helfen, daß ſie vom Wagen herabgelangte, und ſie vermochte kaum das Geldtäſchchen aus der Taſche hervorzuholen, um den mürriſch dreinſchauenden Fuhrmann von dem ge⸗ ringen Inhalt zu bezahlen. Ein kleines Bündel war Alles, was ſie an Gepäck mit ſich führte. Liſette nahm das Alles, ſowie die ganze— wir müſſen wiederholen: abgehärmte und zerſtörte Erſchei⸗ nung der frühern geehrten Hausgenoſſin mit ſteigender 113 Finſterkeit wahr. Sie ſagte jedoch kein Wort, ſondern zog die Erſchöpfte vor allen Dingen in den Laden, wo die Frau des Beſitzers ſchnell mit einer Erfriſchung bei der Hand war. Allein die Arme genoß kaum von derſelben; ſie verlangte, wenn auch nur in abgebro⸗ chenen Lauten und mit flehenden Zlicken, weiter, und die Zofe erfüllte nach einem kurzen Nachdenken ihren Willen. Es ging dem Kaufmann heute gut; er verkaufte ſeinen wärmſten Shawl, die theuerſte Kapuze, den beſten Schirm, ohne daß nur nach dem Preiſe gefragt worden wäre. Als ſie aus den Lauben hinaus und in die Gaſſe kamen, die zum Hafenplatz hinabführt, bot Liſette ihrer Begleiterin den Arm— dieſelbe bedurfte auch jetzt noch einer ſolchen Stütze— und ſchritt ſchweigend an ihrer Seite weiter, die gleichfalls ſtumm blieb. Erſt da ſie das alte Thor paſſirten, erhob Henriette den bisher tief geſenkten Kopf, und durch ſchwere Thränen die Zofe anblickend, ſagte ſie gepreßt:„Sage mir nur, wie Ihr gerade hierher kommt und weshalb Ihr hier verweilt, fern von der Heimat?“ Es glitt ein trübes Lächeln durch Liſettens Geſicht. „Ach, Fräulein, ich ſchrieb es Ihnen ja ſchon von P. aus, wie finſter und erſtarrt die Frau Gräfin war, wie ſie an aller Welt und an ſich ſelber verzagte und Hoefer, In der Welt verloren. IV. 8 am wenigſten etwas von den Ihren hören wollte. O wären Sie nur gekommen! Es war eine ſchreck⸗ liche Zeit!“ „An mich geſchrieben haſt Du?“ fragte Henriette dumpf.„Wann?“ „Schon am dritten Tag, von P. aus, wo der Herr Couſin uns zu raſten zwang. Die Frau Gräfin wollte nicht, aber er ſetzte es durch und es war nöthig, ſie wäre ſonſt geſtorben, ſage ich Ihnen. Und ich mußte heimlich ſchreiben; ſie wollte ja auch von Ihnen nichts hören. O Barmherzigkeit Gottes! Die Stunde, da ich in der Nacht von ihr hörte, daß ſie fort müſſe und ich packen ſolle—“ Sie hielt wie übermannt von ihrem Gefühl inne und ſprach erſt nach einer längern Pauſe, aber noch immer mit leiſer, gepreßter Stimme weiter:„Jetzt iſt das anders. Die Finſterkeit und Starrheit iſt zu Ende, ſie iſt jetzt nur noch traurig. Aber freilich entſchloſſen iſt ſie dennoch und will von dem Herrn Vater und Keinem etwas hören. Wir waren in einem Dorfe bei G., da ſchickte ſie den Herrn Couſin fort, und wir blieben, bis nicht nur ein Brief vom Herrn Grafen kam, ſondern bis wir auch ſonſt merkten, daß man irgend etwas gegen uns im Schilde führe. Da brachen wir in der Stille auf und reiſten umher, bis wir hierher kamen und es der Gnädigen hier gefiel. 115 Ich glaube auch, daß man uns hier nicht findet, und nun Sie endlich da ſind—“ „Daß man uns nicht findet, ja, Gott gebe es!“ mur⸗ melte Henriette.„Denn wo er uns erreicht“— Und indem ſie das Auge mit finſterem Blick ihrer Beglei⸗ terin zuwandte, fuhr ſie haſtig und leiſe fort:„Höre, aber behalte es für Dich! Als ich, da die Flucht mit jenem Elenden, dem Dagobert, entdeckt war, in mein Zimmer ſtürzte und das Nöthigſte zuſammenraffte, um Euch nachzueilen, da wurde ich eingeſchloſſen. Mein Jammern, mein Hülfegeſchrei half mir nichts, es kam Niemand bis zur Nacht; da kam er mit dem Louis, und ſie übermannten, ſie banden mich, ſie verſtopften mir den Mund. Sie ſchleppten mich in einen Wagen und der Louis brachte mich fort— in ein Irrenhaus, Liſette—“ „Fräulein!“ „Da lieferte er mich ab. Ich ſei wahnſinnig. Da bin ich geweſen ſeither. Und wenn der Director nicht allmälig geahnt, wie es mit mir ſtand, und mir eine größere Freiheit geſtattet hätte, um ſeiner Sache völlig ſicher zu werden— ſo erkläre ich's mir— ſo hätte ich den Wärter mit der Hälfte meines glücklich ge⸗ retteten Geldes nicht beſtechen und vor ſechs Tagen entfliehen können.“ 8* — 116 „Fräulein!“ Liſette ſchauderte. „Ja, Kind, ja, das geſchah mir! Und ich ſage Dir, wenn er uns hier entdeckt— wir müſſen fort, Liſette, nach Hauſe!“ Die Zofe ſagte nichts. Und erſt, da ſie in die Thür des Reichsapfels traten, ſprach ſie— ihre Stimme bebte—:„Nun kommen Sie in mein Zimmer und kleiden ſich um. Ich will indeſſen die Frau Gräfin vorzubereiten ſuchen.“ Es gibt Scenen, die niemals eine Feder zu ſchil⸗ dern verſuchen darf. Die Worte der Sprache ge⸗ nügen nicht, um das Erſchreckliche oder Traurige, das Beſeligende oder Erſchütternde, das uns hier begegnet, in ſie zu faſſen, und keine Kunſt der Darſtellung ver⸗ mag es wiederzugeben, was der Augenblick mit ſeiner Leidenſchaft, mit der Aufregung und Anſpannung aller Gefühle in uns und Andern entſtehen oder auch nur beobachten läßt. Da haben wir demüthig zurückzu⸗ weichen und unſere Schwäche zu bekennen. Ob wir auch noch ſo tüchtige Maler und Bildner ſind, die Seele und der Geiſt des Menſchen ſind und bleiben das Kunſt⸗ werk Gottes, das keine menſchliche Kraft nachzuahmen oder auch nur bis in ſein innerſtes Sein und Weſen zu ergründen vermag. Einen ſolche Scene war's, als die beiden Freun⸗ — 17 dinnen ſich nach ſolcher Trennung, nach ſolchen Begeg⸗ niſſen und Erſchütterungen zuerſt wieder zuſammen⸗ fanden; als die eine ſich der andern zu Füßen warf, unter ſtürzenden Thränen ſchluchzend:„Charlotte, kannſt Du mir vergeben, daß ich Dich hinausſtieß aus dem friedlichen Traum in die rauhe Wirklichkeit, daß ich Deinen Glauben an die Menſchen vernichtete und Dein Herz brach?“ Und als die andere mit ſeltſamer, faſt finſterer Ruhe erwiderte:„Vergeben? Nicht doch Henriette, jetzt danke ich Dir, daß Du den falſchen, betäubenden Traum vernichteteſt und mein Herz er⸗ weckteſt, daß ich mich aufraffen konnte und ihm und mir unſer Recht nahm, das, was ich uns längſt ſchuldig geweſen.“ Davon läßt ſich nichts ſagen, nichts ſchildern, nicht dieſe Leidenſchaftlichkeit derjenigen, welche bisher faſt niemals aus ihrer ernſten und kühlen Verſchloſſenheit hervorgetreten war, und nicht die— wir müſſen wieder⸗ holen: ſeltſame, ja faſt beängſtigende Ruhe der andern, die dieſem Sturm begegnete. Denn wie freundlich und willig Charlotte die Freundin auch bei ſich ſaufnahm, von der Innigkeit und Herzenswärme, von dem tiefen, hingebenden Vertrauen der Vergangenheit klang Hen⸗ rietten jetzt nichts mehr entgegen. Wie unglücklich die letztere darüber auch, zumal in 118 ihrer jetzigen Stimmung war und wie troſtlos ſie ſich gegen die Zofe äußerte, ſo mußte ſie doch ſchon in den allernächſten Tagen der Auffaſſung des Mädchens bei⸗ pflichten und einſehen lernen, daß dieſe Weiſe Char⸗ lottens ſich nicht allein gegen ſie wende, ſondern daß die ganze Natur der Freundin eben bis in ihren tiefſten Grund durch die Stürme der letzten Zeit aufgeſchüttelt und verändert worden ſei. Charlotte ſchien der ge⸗ dachten Innigkeit und Wärme gar nicht mehr fähig zu ſein und von jenem herzlichen Vertrauen keinen Reſt mehr in ſich zu finden, obgleich ſie wunderbarerweiſe, wie Henriette bald bemerken konnte, ſich des Verluſtes völlig bewußt war und aufs tiefſte den Gegenſatz ihres frühern und jetzigen Weſens zu empfinden ſchien. Von Verſchloſſenheit war aber gleichfalls keine Rede, im Gegentheil begegnete ſie der Freundin bei Allem, was zwiſchen ihnen zur Sprache kam, mit einer anſcheinend rückhaltloſen Offenheit; allein es fehlte derſelben die Wärme, durch welche ſie zum Vertrauen erhoben wird, wie ſie denn auch ſonſt nirgends mehr hervordrang, weder in der Anſchauung und Auffaſſung der Ver⸗ hältniſſe und des Lebens, noch in ihren Urtheilen über die Perſonen und die Dinge, über ihre eigene Gegen⸗ wart und Zukunft. Es ſprach ſich überall in dieſen Punkten eine ſtarre, zuweilen auch beinahe nüchterne 119 Faſſung aus, eine faſt gleichgültige Reſignation und dennoch daneben auch wieder eine Art von unerbitt⸗ licher, ſtarrer Entſchloſſenheit: ſo ward es, ſo iſts; daran können die Menſchen, kann Gott nichts ändern. Das Alles erkannte und vernahm Henriette, wie erwähnt, ſobald ſie ſich einigermaßen von den Stürmen erholt hatte, die ſie ſelber beinahe vernichtet hatten, und zu einer größern, auch geiſtigen Ruhe zurückkeh⸗ rend, allmälig wieder fähig wurde, zu beobachten und zu urtheilen. Sie fand die Freundin, um das zu wiederholen, wenn auch nur in der angegebenen, halb betrübenden, halb erſchreckenden Weiſe, offener als jemals früher, ſelbſt da, wo ſonſt Jedermann den Ver⸗ ſchluß ſeines Innern aufrecht zu erhalten pflegt und wo auch Henriette bisher ſtets noch vor einem Ge⸗ heimniß geſtanden. „Was in jener Stunde, da Du mir entdeckteſt, wie ich aller Menſchlichkeit, aller Natur zum Hohn miß⸗ handelt worden, äußerlich mit mir vorging, das weiß ich jetzt ſo wenig wie damals“, ſagte Charlotte eines ſtillen Morgens, wo beide unter dem alten Birnbaum ſaßen, zu der Freundin.„Und auch von meinem In⸗ nern weiß ich nur die eine jähe Empfindung, daß ich auch nicht eine Stunde länger mit ihm, mit Euch leben könne, daß ich das weltliche Band zwiſchen uns auch 120 der Welt als für immer zerriſſen zeigen müſſe, daß ich mich ſelber für ausgeſtoßen erkläre aus Eurer Welt. Darum wollte ich einen Begleiter und darum— gleich⸗ viel, ob in jenem Augenblick mit Bewußtſein oder nur inſtinktmäßig— wählte ich dazu Dagobert. Wer mich wirklich kannte und achtete, konnte ſchon daraus meine Motive erkennen. Daß dieſer Schritt mich trotzdem auch in den freundlichſten Augen vernichten mußte, das räume ich ein. Allein es mußte geſchehen, es blieb mir keine andere Rache der Schmach. Ich bin einmal keine Madonna Marina. Und für mich kam auch auf den Erfolg nichts an, von mir war und iſt ſelbſt für mich fortan keine Rede mehr. Aber mir iſt“, redete ſie nach einer Pauſe weiter, ſtets gleich unbewegt und eintönig,„als habe ich in jenem erſten Moment der Entdeckung etwas von dem laut werden laſſen, was in dem gleichen Augenblick auch erſt in mir ſelber wirklich laut wurde und grell aufleuchtete. Davon muß ich Dir ſagen. Denn was auch an mir geſündigt wurde, Du ſollſt und darfſt nicht glauben, daß ich ſelber es nicht gewiſſermaßen durch eine Sünde herausgefordert und gerechtfertigt habe, die ich freilich unverſchuldet auf mir trug und deren ich mir eben erſt in jenem Moment völlig klar wurde. Das iſt, Henriette, daß mein Herz eigentlich 1²¹ niemals dem gehört hat, den ich meinen Gatten hieß, ſondern ſtets, ohne es zu wiſſen, einem Andern zu eigen war. Es gibt in meinem Leben nur einen einzigen Mo⸗ ment, wo mich die volle Wahrheit durchzuckte. Tante Soldnau und der Pfarrer redeten an jenem Morgen, da Felix und ſeine Mutter zu Othmaringen eintrafen, bei der großen Buche über Mancherlei, und als ich gerade in das Gebüſch hinter ihnen ſchlüpfte, vernahm ich, wie Bilingsfelden zu der Prinzeſſin Conſtanze ſtand. Das übermannte mich ſo, daß ich aufſchrie und entfloh, daß ich halb bewußtlos im Pavillon blieb, bis mich die Annäherung der Beiden zur Faſſung zwang, denn ich wollte und durfte nicht verrathen, was eben durch mich hingezuckt war und mich nicht blos durch ſich ſelbſt, ſondern auch um deswillen bald faſt noch mehr er⸗ ſchreckte, weil ich mir bis dahin eines ſolchen Gefühls in ſolcher Tiefe niemals klar geworden war. Und daß es ein wirkliches und echtes, ein unvergängliches und unüberwindliches ſei, das glaubte ich auch bald ſelbſt nicht mehr. Denn ich konnte es ja überwinden und mich faſſen, ich konnte auf das hören und achten, was um mich her vorging, ohne große Kraftanſtrengung; ich fand mich Bilingsfelden gegenüber in einer zum mindeſten nicht qualvollen Reſignation. Und als Felix 122 um mich anhielt, fand ich weniger Widerſtand in mir, als ich ſpäter oft ſelber verſtanden habe. Es iſt mög⸗ lich, daß ich inſtinktmäßig dem Wiedererwachen und Erſtarken jenes im erſten Durchbrechen ſchon verdammten Gefühls entfliehen wollte und mich in die Pflicht rettete, Alles, was es in mir gab, einem Andern weihen zu müſſen. Und auch daß mir das gelang, beruhigte mich ge⸗ wiſſermaßen von neuem und ließ ſo zu ſagen jenes Gefühl immer weiter ſich zurückziehen, immer ſtiller und mir fremder werden. Ich fühlte nie in mir die Fähigkeit, geſchweige denn die Sehnſucht nach einer tiefen, Alles erfüllenden und durchdringenden Liebe und machte es mir noch weniger klar, daß Felix die⸗ ſelbe weder begehrte noch zu erwecken vermochte. Ich vernahm die Löſung des Bandes zwiſchen der Prin⸗ zeſſin und Bilingsfelden, ohne daß ſich in mir etwas regte, was mich hätte beunruhigen müſſen, denn ich war niemals ſo ſorglos, ſo ſicher, Henriette, daß ich nicht auf mich in dieſem Punkte geachtet hätte; ver⸗ geſſen hatte ich, was damals durch mein Herz zuckte, niemals. Da kam Bilingsfelden zu uns. Wie er war, wie es bei uns ſtand, was ich dabei empfand, davon will ich nichts ſagen; ungefähr weißt Du es ja auch. Ich 1 3 à wurde mir nicht klar über das, was es wirklich in mir gab— ſage: ich wollte es nicht werden. Ich wußte nur die Ruhe und Sicherheit nicht in mir, an die ich bis dahin geglaubt hatte, ich ſuchte inſtinktmäßig— lache nicht über das Wort, es iſt das einzig richtige— nach Hülfe, nach einem Halt, einer Stütze und meinte ſie nur bei dem ſuchen zu dürfen, der mir ja das Alles ſein ſollte. Ich rang voll Angſt und Qual gegen mich ſelbſt, ich demüthigte mich im dumpfen Gefühl meines Unrechts und der Gefahr, wie ich es jetzt oft ſelber nicht mehr begreife. Ich wollte nicht ſehen, nicht wiſſen. Und da kam dann endlich der Moment, wo ich mir wohl klar werden mußte, wo ich gerade vor dem ent⸗ würdigt und vernichtet wurde, der— genug!“ brach ſie ab und zum erſten Male flog etwas Finſteres durch die ſtillen Züge,„ich weiß ſehr gut, wie er zu dieſem infamen Einfall kam; in ſeinem Kopfe entſtand er nicht! Und wenn ich Alles vergeſſen und im Herzen vergeben könnte, als den ſchlechten Streich eines leichtſinnigen und charakterloſen, ſchmuzigen Menſchen— daß er ſich den zum Zeugen meiner Schmach wählte, vor dem ich ſogar in Gedanken, im Traum rein und unnahbar bleiben wollte, dieſe Berechnung, Henriette, dieſe Be⸗ rechnung, denn die war's!“ fügte ſie mit düſterer, kaum noch gebändigter Leidenſchaftlichkeit hinzu, ſich erhebend 124 von ihrem Sitz und vor der Freundin ſtehend, die Augen brennend, die Stirn voll Drohen, die Finger zuſammengezogen,„die macht die That zu etwas Schlimmerem als zum Mord, denn ſie vernichtet mich nicht blos vor ihm, vor Euch, vor allen, ſondern auch in meinen eigenen Augen auf immerdar und ſtößt mich aus. Sie macht mir auch jeden Kampf unmöglich und jede Wiedererhebung.“ Es war eine lange Pauſe. „Und glaubſt Du— glaubſt Du— kannſt Du's glauben, daß er, daß Bilingsfelden ſich durch die In⸗ famie des— des Andern zu einer noch größern hat fortreißen laſſen können?“ fragte Henriette endlich ſo langſam, ſo ſchwer, als ob nicht nur jedes Wort, ſondern auch jeder Gedanke ihr eine furchtbare Qual mache, während der eine ſich doch nicht zu⸗ rückweiſen ließ und das andere geſprochen werden mußte. „Auf Deine Ehre, auf Dein Herz, auf Dein Ge⸗ wiſſen, Henriette, wird dadurch, nicht einmal ſein Wiſſen vorausgeſetzt, für mich, meine Ehre und mein Gefühl etwas geändert?“ verſetzte Charlotte, mit feſtem, fin⸗ ſterem Blick der Freundin begegnend. Und da die letztere ſchwieg, wandte ſie ſich ab und ging langſam durch den Steig, der ſich an dem ſchlichten Zaun hinzog 125 und in dem kleinen Garten faſt die einzige Gelegenheit zu einer Art von Promenade darbot. Erſt nach einer ganzen Weile und nachdem ſie den Steig mehrmals vom Anfang bis zum Ende durch⸗ meſſen hatte, kam ſie zu der Bank unter dem Baume zurück und ließ ſich nieder. Die kurze tiefe Erregung war der gewöhnlichen milden Stille gewichen. Nach einem längern Schweigen nahm Henriette die Hand, die läſſig im Schooße ruhte, in die ihre, und da Charlotte aufſchaute, ſprach ſie:„Ich danke Dir für Deine Mittheilung und will ſie durch eine andere über mich erwidern. Es muß Dir in der letzten Zeit dies und jenes an mir räthſelhaft erſchienen ſein. Ich weiß es wohl, daß es nur Dein ſehr gerechtes Mißtrauen war, das Dich nicht mich vor allen mitnehmen ließ—“ „Du irrſt“, unterbrach Charlotte ſie eintönig.„Dir wie allen—“ „Laſſe es gehen! Es muß Alles klar zwiſchen uns ſein“, redete das Mädchen verdüſtert.„Ich kann es ganz kurz ſagen. Als Du damals in Neapel ein paar Monate lang ſo leidend warſt,A wandte Dein Gemahl ſich mir zu, aus Langweile, glaub' ich wohl, allein dennoch allmälig für mich gefährlich. Und eine Stunde gab's, da rettete mich nur ſein gar zu offener Angriff, der mich aufſchreckte aus meiner Betäubung und mir die Erinnerung zurückgab an Deine und meine Ehre. Aber ich wußte und fühlte mich ſchwach und entfloh. Ich ging damals nach Deutſchland und blieb fort, bis mich endlich Deine Bitten und meine Liebe zu Dir, vor allem aber ſeine Reue und ſeine Verſprechungen, endlich auch das Bewußtſein meiner wiedergewonnenen Stärke zurückführten. Wie ich Dich kannte und ihn kennen gelernt hatte, war ich für Dich in tiefſter Sorge. Du mußteſt Jemand bei Dir haben, der Dich, Du Reine, Unſchuldige, vor ihm und ſeinem Leichtſinn, ſeiner Gewiſſenloſigkeit ſchützte und hütete. Das konnte ich und wollte ich. Da ich zurückkam, ſprach ich mich mit ihm darüber aus und ſagte ihm offen, welche Stellung ich fortan für Dich und gegen ihn einnehmen werde, und daß ich fortan nur dann neben ihm leben und gegen Dich ſchweigen könne, wenn ich ihn Deiner Liebe und Güte, Deiner Treue und Reinheit unwandel⸗ bar würdig ſehe. Und das Alles erfuhr er noch ernſter, als er mir noch einmal in der alten Weiſe nahe zu treten verſuchte. Ich war auf dem Wege zu Dir, da warf er ſich mir zu Füßen und ſchwor mir zu Alles, was ich verlangte, und hat das gehalten, bis er ſene Hildegard kennen lernte. Da bat ich, da drohte ich ihm, da bot ich Dir die Aufklärung an, obgleich Du ſo gleichgültig bliebſt gegen das, was Du ſelber ſehen 127 mußteſt. Leicht, mein Herz, wurde mir mein Bekenntniß nicht“, fügte ſie gepreßt hinzu,„und ſo, da Du es zurückwieſeſt, ſchwieg ich.“ „Und weshalb ſagſt Du es jetzt?“ fragte Charlotte nach einem kurzen Schweigen mit ruhigem, klarem Blick. „Ich wiederhole, ich hatte und habe kein Mißtrauen gegen Dich; Du ſagſt mir im Ganzen auch nichts Neues. Und was hätte Deine Mittheilung genützt? Glaubſt Du, daß ſie ihn aus ſeinem Rauſch zur Beſinnung gebracht, daß ſie mich aus meiner— heiße es Kälte oder Nachſicht aufgeſchreckt hätte? Und ſiehſt Du“, ſchloß ſie, von neuem mit jenem leiſen finſtern Zug, „gerade, daß ich ſo ruhig blieb, als er im Frühling plötzlich ſo leidenſchaftlich war, und noch ruhiger die gleiche Leidenſchaft ſich von mir ab und jener zuwenden ſehen konnte, das zeigt mir gleichfalls wieder, daß er mir innerlich von der erſten bis zur letzten Stunde unſeres Zuſammenlebens fremd geblieben iſt.“ „Nur das Eine verſtehe und faſſe ich nicht“ ſagte Henriette, als ſie mittags ins Haus zurückkehrten, „daß Du in dieſer Einſamkeit und Abgeſchiedenheit, in dieſer Selbſtſtändigkeit fortzuleben verſuchſt.“ „Sei unbeſorgt, ich kann es“ fiel Charlotte gleich⸗ gültig ein.„Mir ſtand eine nicht geringe Summe zu Gebote, die ich kurz vor meiner Flucht von daheim 128 erhalten hatte; die und mein Schmuck ſichern mir mein einfaches Leben für lange.“ „Das meinte ich nicht. Fern auch von Deinem Vater, Charlotte!“ „Vor allen von ihm. Er willigte nicht gern in meine Verbindung mit Felix, er war mißtrauiſch, er ſagte mir das, und wenn er dennoch meinem Wunſch nachgab, ſo muß er zwingende Gründe gehabt haben, von denen ich jedoch nichts erfuhr. Als er aber nach⸗ gab, ſagte er mir, daß ich nun fortan auch mein Ge⸗ ſchick auf mich allein nehmen müſſe und nur als Felix' Frau meine Heimat in Othmaringen habe. Ich er⸗ kenne ſein Recht zu dieſer Beſtimmung heute an, wie ich es damals that, denn ich verſtehe ihn, und ich weiß, daß er dabei beharrt, bis an ſeinen Tod. Ich bin keine Othmaringen mehr.“ „Und Dein Schutz gegen Felix, wenn er ganz frei von Dir ſein will?“ „Soweit ich ihn frei geben kann, iſt er's. Will er mehr, ſo muß er's verſuchen. Ich kann ihn nicht hindern. Nur daß er ſich nicht wieder perſönlich mir naht, weiß ich“, ſetzte ſie mit finſterer Verachtung hinzu.„Er iſt nur in ſeiner Feigheit noch Menſch.“ Siebentes Kapitel. Schlangenringe. Am Nachmittag, der dieſem Morgen folgte und über den See und über die Berge noch einmal die wunder⸗ vollſte Lieblichkeit und Klarheit des Herbſtes ſich aus⸗ breiten ließ, kam, in unſerer Zeit der Eiſenbahnen und zumal in dieſem abgeſchloſſenen Erdenwinkel ein ſeltenes Ereigniß, ein ſchwerer Reiſewagen alten Stils, von vier Extrapoſtpferden gezogen, die ſchöne, oben von uns erwähnte Landſtraße entlang gefahren. Er war ſchwer bepackt mit Koffern aller Art, und man konnte es glau⸗ ben, daß die vier Pferde, die über und über naß waren von Schweiß und Schaum, es mit ihm in dieſer ge⸗ birgigen Gegend trotz des trefflich unterhaltenen Wegs nichts weniger als leicht gehabt hatten. Es kam dazu, daß, wie die Begegnenden bemerkten, trotz der erſichtlich Hoefer, In der Welt verloren. IV. 9 130 großen Solidität des Gefährts doch die Hinterachſe gebrochen und nur kümmerlich durch Stricke und Schie⸗ nen für den Reſt der Station wieder in Stand geſetzt worden war. Der Weg hatte dadurch für die armen Thiere noch länger und die Laſt noch ſchwerer werden müſſen. Der Poſtillon ſah denn auch mißmuthig genug aus, und auch dem ältlichen Diener auf dem Bock blickten der Verdruß und die Ungeduld deutlich aus den Augen. Trotzdem hatte der erſtere das Gefährt, als er auf den Platz gelangt war, an dem erſten der Gaſthöfe, dem zur Krone, vorübergelenkt und wollte nun ebenſo auch den Reichsapfel paſſiren. Er mochte wohl denken, daß eine ſo vornehme Herrſchaft, wie ſie durch dieſe Reiſeweiſe gekennzeichnet zu werden ſchien, nur das Hotel zum Abſteigequartier wählen werde. Darin hatte er ſich jedoch geirrt; denn als er bereits am Reichsapfel vorüber war, hieß ihn der Diener auf einen Ruf aus dem Wagen plötzlich anhalten, ſtieg dann vom Bock und näherte ſich mit abgezogenem Hute dem Schlag. Eine ältliche Dame, deren zartes Geſicht noch Spuren einer frühern großen Schönheit zeigte, neigte ſich ein wenig aus dem Fenſter, ließ ihr Auge langſam und prüfend über den alten Gaſthof mit ſeinem Garten und ſeinen Bäumen vor der Thür und dann zu dem 6 5 ——— 131 gleichfalls ſichtbaren Hotel hinübergleiten und ſagte darauf im ſanfteſten Tone:„O nein, Johann, wenn wir doch ein paar Tage hier verweilen müſſen, ſo will ich lieber in dieſem Hauſe bleiben. Es ſieht ſo kühl und ſchattig und freundlich aus, und da draußen iſt es gewiß zugig und der See blendet mir die Augen. Sage Er es dem Schwager, daß er hier vorfährt.“ Der Poſtillon folgte dem Befehl ſichtbar noch ver⸗ ſtimmter, denn abgeſehen davon, daß er umwenden mußte, was bei dem Zuſtand des Wagens ſeine Be⸗ denklichkeiten hatte, wußte er auch nur allzu gut, daß bei Anſelm Mayer von dem Trinkgeld, das ihm im Hotel für die eingeführten Fremden ſicher war, keine Rede ſein würde. Der Wagen knarrte und ſchwankte denn auch bei der Wendung und der folgenden kurzen Strecke auf das gefährlichſte, und man konnte es dem Burſchen am Ende nicht verdenken, als er vor der Thür mit einem erleichternden Fluch aus dem Sattel ſprang, die Peitſche auf den Boden warf und dem heraustretenden Anſelm die Erklärung gab, daß eine ſolche Fahrerei der Schwarze holen möge. „Da biſt Du denn doch ſelber allein ſchuld daran“ ſagte der Wirth.„Solche Achſe zu brechen—“ „Den Teufel bin ich!“ unterbrach ihn der Burſche grimmig und fing an die Gäule abzuſträngen.„Auf 9* der ebenen Straße, im Schritt, bergan— da lag der Bettel! Es iſt Pfuſcherarbeit oder geht nicht mit rechten Dingen zu. Das wird Er ſelber ſchon noch ſehen, Herr Mayer, und auch der Schmied muß es ſehen. Gott Lob, daß ich damit fertig bin.“ Das Trinkgeld, das er vom Diener empfing, machte dann freilich Vieles wieder gut, es erregte ſogar An⸗ ſelm's Verwunderung, und obgleich der brave Wirth, wie wir wiſſen, auf nichts weniger als Gaſthofsverdienſt ausging und den Wagen vorhin ſchier mit einer Art von Mißmuth ſeinem Hauſe zulenken ſah, ſo nahm ihn doch jetzt Alles, was er ſah und hörte, für die Fremden ein; das war ſo eine von den alten vorneh⸗ men, zugleich ſoliden und freigebigen Herrſchaften, bei deren Reiſen niemals von den Koſten, ſondern nur von der Behaglichkeit die Rede war, eine ſolche, wie er ſie vordem, da er noch auswärts ſeine Wirthsſtudien als Kellner machte, ziemlich häufig und ſelbſt hier am Platze hin und wieder kennen gelernt hatte und wie man ſie jetzt faſt nie mehr trifft. Seine Antwort auf die höfliche Frage des ältlichen, gleichfalls ſolid ausſehenden Dieners, ob die Frau Ba⸗ ronin hier für einen oder ein paar Tage die nöthigen Zimmer und Bequemlichkeiten finden könne, war daher auch nicht die gewöhnlich gleichgültige: es werde ſich 133 ſchon machen, ſondern lautete, von einer reſpektvollen Verbeugung begleitet und indem ſein Auge ſich auf die ſich wieder am Fenſter zeigende Dame richtete, dahin, daß er bemüht ſein werde, Ihre Gnaden zu⸗ frieden zu ſtellen. „Das wird nicht ſchwer ſein, mein lieber Herr Wirth“ ſagte die Dame, die jetzt aus dem Wagen ſtieg, ſehr freundlich und mit den ſanften Tönen, die wir ſchon vorhin vernahmen;„ich brauche nur Ruhe und Schatten, um mich zu erholen, denn der unangenehme Zufall mit dem Wagen und dieſe Fahrt durch die heiße Sonne und den Staub haben mich angegriffen. Ihr Haus ſieht ſo friedlich und ruhig aus. Sind noch viele Gäſte da?“ „Nur ein paar Damen“ verſetzte Anſelm,„die Eure Gnaden ſicher nicht ſtören werden.“ „Und nicht wahr, mein lieber Wirth“, ſprach die Dame wieder nach einem kurzen zufriedenen Nicken, „Sie weiſen hernach meinem Diener ſogleich die nöthigen Handwerker nach, damit der Wagen bald und gut wiederhergeſtellt werde? Allzulange darf ich nicht ver⸗ weilen. Nicht wahr, es geht doch noch alle Tage das Dampfboot nach B.?“ fügte ſie hinzu, da ſie Anſelm die Treppe hinauf folgte. Alles, was er ſah und hörte, wiederholen wir, be⸗ 134 friedigte Herrn Anſſem Mayer durchaus. Die Dame war eine vornehme Frau, erſichtlich nicht mehr jung und doch im Ganzen wohl erhalten, mit ungewöhnlich ſanften und ſchönen braunen Augen, mit reichem, aber ſchon leicht ergrauendem Haar. Und wie ſie dieſes letztere offen zur Schau trug, ſo fand ſich auch ſonſt an ihrer Erſcheinung nichts, aus dem man hätte auf den Wunſch oder das Streben ſchließen dürfen, daß ſie ihr Alter ein wenig verbergen wolle. Im Gegentheil, es ſtimmte Alles zu demſelben, ihre Toilette, ihre Be⸗ wegungen, ihre Sprache, die ganze ruhig freundliche und doch alle ungebührliche Vertraulichkeit ausſchließende Weiſe, in der ſie mit ihrer Umgebung verkehrte. Von ihrer Begleitung— ſie beſtand nur aus dem erwähnten Diener und einer auch wieder bejahrten Kammerfrau— galt ungefähr das Gleiche, ſodaß man faſt von ſelbſt zu dem Schluß kommen mußte, beide ſeien in dieſem Dienſte und mit ihrer Herrin alt geworden. Sie waren, wie man ſolche Leute gerade in vornehmen Häuſern noch am erſten antrifft, höflich, ruhig, ſchnell, ſicher und leiſe in ihren Bewegungen, aufmerkſam auf die Bedürfniſſe und die Bequemlichkeit ihrer Gebieterin und für ſich ebenſo anſpruchslos, wie jene es in An⸗ ſehung ihrer eigenen Perſon zu ſein ſchien. Kurz, man konnte an dieſer kleinen Reiſegeſellſchaft recht deutlich 135 die Wahrheit des alten Satzes erkennen: wie der Herr, ſo der Diener. Und Herr Anſelm Mayer ſagte abends beim Zubettgehen anſcheinend mit vollem Recht zu ſeiner Frau, daß er, dies und jenes abgerechnet, ohne das es nun einmal nicht abgehe, ſolche Gäſte ſich ge⸗ fallen laſſe und nur bedauere, ſie nicht ein wenig länger bei ſich behalten zu dürfen. Das ſei eine Geſellſchaft, wie man ſie der Frau Charlotte und ihrer Freundin wünſchen müſſe in ihrer Trauer und Einſamkeit. „Wenn ich nur das mit dem Wagen capirte!“ fügte er kopfſchüttelnd hinzu. Darin hatte er allerdings Recht,„das mit dem Wagen“ war wirklich etwas Seltſames und Räthſelhaftes. Denn als der Schmied den Schaden unterſuchte, erklärte er alsbald, daß an dem Bruch der Poſtillon in der That keine Schuld trage, und wenn da keine Schur⸗ kerei oder Schabernack ſtattgefunden habe, verſtehe er's nicht. Das Eiſen ſei ſo geſund und die Arbeit ſo tüchtig wie irgend denkbar, die Achſen ſeien für jeden Weg, ſelbſt für den rauheſten im Gebirge ſtark genug. Hier aber finde ſich an der Bruchſtelle etwas wie ein wirklicher Einſchnitt bis über die Hälfte des Durch⸗ meſſers, der nur abſichtlich und nur durch Menſchen⸗ hand bewirkt worden ſein könne. Der Diener, der dabei ſtand, ſchüttelte ungläubig 136 den Kopf.„Wie wäre das möglich?“ meinte er.„Wir haben auf der ganzen Reiſe keinen Zank und Verdruß gehabt, überall ſind wir und überall iſt man mit uns zufrieden geweſen. Wer könnte da Luſt zu einem ſol⸗ chen ſchuftigen Streich gehabt haben?“ „Das weiß ich auch nicht“, ſagte der Schmied achſel⸗ zuckend,„aber es iſt, wie ich ſage, und ſchaue Er her, das können ſelbſt ſeine Augen ſehen und der Herr An⸗ ſelm hier wird mir Recht geben.“ Und da dieſer allerdings zuſtimmte und auch der Diener durch den Augenſchein faſt überzeugt wurde, wiederholte er, daß er das Ding nicht begreife. Da könne es alſo nur in A. geſchehen ſein, wo ſie die letzte Nacht geblieben;„und“, fügte er nachdenkend hinzu, nes iſt wahr, als ich geſtern Abend ſpät noch in die Remiſe ging, um nachzuſehen, ob Alles in Ordnung und ſicher, denn wir hatten das große Gepäck nicht vom Wagen genommen, da kam ein Knecht mit der Laterne mir entgegen, ein mürriſcher Menſch. Er meinte, das könne ich mir ſparen, bei ihnen paſſire nichts, er habe eben ſelber Alles viſitiren müſſen. Ich ging aber doch hin und ſah nach; es war Alles recht. Er leuchtete mir ungeduldig, ſchloß dann das Thor und brachte den Schlüſſel dem Wirth, das ſah ich ſelber.“ „Da mag's geſchehen ſein und es iſt ein Buben⸗ 137 ſtreich!“ bemerkte der Schmied.„Und dankt Ihr Gott, daß das Unglück nicht auf der großen Steig geſchah, Ihr hättet alle des Todes ſein können.“ „Es iſt wirklich nichtswürdig! Und bis wann denkt Ihr fertig zu werden, Meiſter?“ Der Schmied kratzte ſich hinter dem Ohr.„Ich will thun, was ich kann“, meinte er,„aber vor morgen Abend wird's kaum möglich ſein, denn ich kann heute nicht mehr dazu.“ „Das iſt widerwärtig“, ſagte der Diener zum Wirth, als der Meiſter mit dem Wagen davon war;„ſo müſſen wir ja jedenfalls bis übermorgen bleiben, und die Zeit iſt wirklich knapp. Die Frau Baronin fährt nun ein⸗ mal nicht mit der Eiſenbahn, da geht's ohnehin nicht raſch; und wenn dann noch ſolche Hinderniſſe dazu kommen—“ „Ihr reiſt nicht vergnügenshalber?“ fragte Anſelm. „Na, wie Ihr's nehmt, Herr Wirth; nöthig war die Reiſe gerade nicht, obgleich die gnädige Frau ſie doch gern macht. Wir gehen nach Meran. Da lebt die Frau Tochter mit ihrem Herrn Gemahl und wünſcht die gnädige Frau bei ſich zu haben. Sie ſieht ihrer Entbindung entgegen. Es ſteht Alles gut, denke ich. Aber wenn die Tochter ſo etwas wünſcht— es iſt die einzige, Herr Wirth, und das letzte Kind— da gibt 138 die Mutter gern nach, noch obendrein eine ſolche wie unſere Gnädige. Es iſt die beſte Dame im Lande, Herr Wirth! Und natürlich will ſie nun doch auch nicht gern zu ſpät kommen.“ „Ja, ja, ſo ein letztes und einziges Kind!“ bemerkte Anſelm, der, am Thürpfoſten lehnend und ſeine kurze Pfeife rauchend, weil er gerade nichts Anderes zu thun hatte, bereitwillig auf die Mittheilungen des Redſeligen lauſchte.„Eure Gnädige hat wohl viel Unglück gehabt?“ „Ja, leider Gottes!“ lautete die Antwort.„Die beiden Junker ſtarben an dem infamen Scharlachfieber; das iſt freilich ſchon lange her und wohl überwunden, aber was ſie nicht überwindet und was ſie zur alten Frau gemacht hat, das iſt der Tod des Herrn Barons; es ſind anderthalb Jahre. Und die Herrſchaft lebte ſo glücklich mit einander, und als der Herr ſtarb, war die Gnädige noch immer eine ſchöne Dame. Allein damit war Alles vorüber. Und wenn die Roſine und ich ſie anſehen, thut's uns bis ins Herz weh. Sie iſt eine fromme Dame und weiß ſich zu faſſen. Aber wir mer⸗ ken's ſchon.“ „Ihr und die Jungfer, Ihr ſeid wohl bereits lange Zeit in dem Dienſt?“ fragte der Wirth. „Wir? Ja. Ich war ſchon bei dem Herrn Baron, da er heirathete, und die Roſine kam mit der jungen 139 Frau. Es ſind über dreißig Jahre. Ihr glaubt nicht, Herr Wirth, wie wunderſchön unſere Dame war und wie fröhlich und gütig! Ach Gott, nach dem Tode der beiden Junker wurde ſie wohl ſtiller und ernſter, und dann, als der gnädige Herr— ja Vornehmheit und Güte ſchützen doch nicht gegen das Unglück!— Das habe ich auch noch vorhin wieder denken müſſen, als ich da Euren Gaſt, die ſchwarze Dame, im Garten ſah. Herr Gott, wie ſieht die ſo vornehm aus und wunder⸗ ſchön! Und doch merkt man es auf den erſten Blick, wie ſchwer ihr das Herz ſein muß!“ Anſelm Mayer ſah den Diener mit einer Art von Mißtrauen an, denn es kam ihm ſeltſam vor, daß der Menſch ſchon im Garten geweſen ſein oder auch nur öfters und aufmerkſam hinübergeblickt haben ſollte, während er bisher mit dem vollſtändigen Abpacken und Ausräumen des großen Wagens überflüſſig zu thun gehabt hatte und, ſoviel wenigſtens der Wirth wußte, keine Minute fort geweſen war. Das fehlt ſich nicht, ſagte er zu ſich ſelbſt, ſolch Volk iſt immerdar einander gleich; ſpioniren müſſen ſie. Und laut ſprach er mit großer Trockenheit, indem er zugleich die Hände aus den Hoſentaſchen zog und Miene machte, ins Haus zu gehen:„Ja, ja, da habt Ihr nicht Unrecht. Die arme Dame iſt immer traurig und ſcheint es ſchlecht getroffen 140 zu haben. Aber danach frage ich nicht und weiß nichts von ihr, als daß ſie eine grundgute Frau zu ſein ſcheint. Vornehm, wie Ihr es meint, iſt ſie aber ganz und gar nicht, ſondern ſchlechtweg bürgerlich.“ „Was Ihr ſagt!“ verſetzte der Diener erſtaunt.„Und ich dachte, es ſei zum mindeſten eine Gräfin oder der⸗ gleichen, denn ſo ſieht ſie aus, trotz all ihrer Trauer!“ „Da habt Ihr auch wieder nicht Unrecht“, ſprach der Wirth noch trockener,„ich ſage es ſelber ſo! Aber daran ſieht man, daß ſo was im Menſchen ſitzt und nicht in ſeinem Rang und Titel. Wenn Ihr länger dabliebt oder hier ins Gebirge kämt, da wollte ich Euch mehr als einen zeigen, der ſieht aus und trägt ſich und thut auch wohl, als ſei er ein Fürſt oder Prinz, und iſt doch nur ein Bauersmann, aber einer von den rechten. Das iſt ſo.“ Damit ließ er den Diener ſtehen und ging ſeinen Geſchäften nach. Ob und was der Diener von der mitgetheilten Unterhaltung der Kammerfrau zugetragen haben mochte, wurde im Hauſe nicht bemerkbar. Die Baronin blieb für den Reſt des Tags in ihrem Zimmer, und auch die Kammerfrau wurde drunten nicht mehr ſichtbar. Selbſt der Diener zeigte ſich nur, als er die Reſte des Abendeſſens wieder hinabbrachte, und ließ ſich auch auf dem Corridor nicht ſehen. Noch weniger wurde irgend — 141 etwas bemerkt, das als eine beſondere oder gar wohl neugierige Beobachtung der alten Gäſte hätte gedeutet werden können; man kennt dergleichen ja. Herr Anſelm hatte im erſten Verdruß über die Neugierde des Die⸗ ners ein Wort darüber gegen ſeine Frau fallen laſſen und gewünſcht, daß man ein wenig Acht darauf gebe: er wolle nicht, daß man ſeine Damen beläſtige. Und da von dergleichen, wie geſagt, nichts bemerkt wurde, ſo ſtimmte ihn das von neuem und noch mehr zu Gunſten der neuen Gäſte und auch wieder gnädiger gegen den Diener. Die beiden Freundinnen zogen ſich übrigens auch früh ſchon in ihre Zimmer zurück und waren den Fremden nirgends begegnet. Die Zofe ließ ſich noch weniger ſehen. Sie hatte zu viel Arbeit mit der Winter⸗ toilette der Damen, als daß ſie ſich mehr als nöthig im Hauſe umherbewegt hätte. Am folgenden Morgen freilich, wo nun auch die letzten Gäſte von der Unruhe des Reiſetags zu der Ruhe und Ordnung der Häuslichkeit übergingen, denen man ſich während einer ſolchen gemüßigten Pauſe auch wohl im Gaſthofe zu überlaſſen pflegt, ließen ſich die beiden Parteien nicht wohl länger auseinander halten⸗ Die Dienerſchaft ging im Hauſe ihren Beſchäftigungen nach oder ſuchte ſich irgend eine Unterhaltung für die 142 langen ſtillen Stunden auf, man begegnete ſich und grüßte einander höflich, es kam ſogar zu dieſer und jener Frage oder Bemerkung, auf welche Liſette, wie wenig Luſt ſie auch zu ſolchem Verkehr hatte, nicht wohl ſchweigen durfte. Und endlich, da Charlotte im Laufe des Morgens, wie immer, wenn es die Witterung erlaubte, in den Garten ging, machten die Kammerfrau und der Diener, denen ſie im Corridor begegnete, ihr ihre tiefſte Verbeugung und ſahen ihr kopfſchüttelnd und flüſternd nach. Liſette, welche gerade anfing, das Zimmer ihrer Gebieterin aufzuräumen, bemerkte das mit einem aus tiefem Mißmuth und Mißtrauen gemiſchten Gefühl, wie ſie es von Anfang an gehabt, wo ſie die Gräfin von Fremden beobachtet ſah, und das ſich nun ſeit Henriettens furchtbaren Mittheilungen noch um Vieles verſchärft hatte. Charlotte hatte, wie wir erfuhren, dieſen Aufenthalt gewählt, nicht ſowohl um wirklich gefährliche Verfolgungen zu vermeiden, an die ſie nicht glaubte, ſondern vielmehr um in ſeiner Abgelegenheit nur allen Verbindungen mit der Welt zu entgehen, von der ſie nichts mehr wollte, und ſich der Ruhe und Stille zu überlaſſen, die er ihr zu gewähren ſchien. Von dem Eindruck, den ihre Erſcheinung machen mußte, hatte ſie auch zur Zeit ihres glänzendſten und heiterſten —— 5 143 Weltlebens und trotz der außerordentlichen Huldigungen, die man der ſchönen Frau darbrachte, in ihrer an⸗ muthsvollen Beſcheidenheit niemals etwas gewußt und ddachte jetzt noch weniger über dergleichen nach. Liſette aber und neuerdings auch Henriette ſahen das anders an. Sie ſahen und wußten, daß dieſe Erſcheinung auch jetzt noch die Augen auf ſich ziehen mußte, wäh⸗ rend zugleich das Leben der Dame, ihre Zurückgezogen⸗ heit und Einſamkeit Jedem, der davon erfuhr, nur immer weitere Fragen nahe legte. Und wenn daraus bisher auch keinerlei wirkliche Unannehmlichkeit für ſie erwachſen war, weil gerade ihre Erſcheinung und ihr Weſen jede Dreiſtigkeit und Zudringlichkeit ausſchloſſen, ſo ließ ſich doch die Beſorgniß nicht fern halten, daß es damit nicht immer ſo fortgehen werde. Henriette hatte daher auch, ſobald ſie einigermaßen zur Ruhe gekommen war und die Verhältniſſe zu überſehen ver⸗ mochte, auf einen Wohnungswechſel gedrungen. Es mußte ſich in der Stadt irgend ein Haus finden laſſen, in dem man wie jede andere Familie unbeachtet und friedlich hinleben konnte. Allein Charlotte wollte davon nichts hören.„Laßt mir Luft und Licht, wie ich es hier habe“, bat ſie.„Weiter will ich von der Welt nichts.“ Die Kammerfrau kam an die offene Thür.„Ver⸗ 7 144 zeihen Sie, Mamſell“, ſagte ſie, da Liſette verwundert über dieſe Annäherung ſich zu ihr umſah,„es iſt wohl ein wenig dreiſt, daß ich da zu Ihnen komme, allein ich kann wirklich nicht anders. Der Anblick Ihrer Dame hat mich ſo bewegt. Wo ich ſo viel Leiden und Trauer an einem Menſchenkinde ſehe, und dazu an einem noch ſo jungen und ſchönen— ich ſah in mei⸗ nem ganzen Leben nicht eine ſo wunderſchöne Frau— da kann ich nicht bleiben, wie man's in der Welt ſoll, ſondern fühle es mit und muß es herausſagen, wie mir das weh thut. Lieber Gott“, fügte ſie hinzu,„wenn man ſelber an ſeiner guten Herrſchaft und mit ihr ſo viel Unglück und Leid erlebt hat, da merkt man's erſt, wie es auch mit Andern ſteht, und hat ein Herz dafür. Iſt's denn Ihrer Dame ſo traurig ergangen, ſolch einem Engel Gottes?“ Es war etwas in dieſen Worten und dem Ausdruck, mit dem ſie geſprochen wurden, das Liſettens Mißmuth beſänftigte und jedes Mißtrauen abzuweiſen ſchien. Sie erwiderte auch verhältnißmäßig freundlich, was für ſolche Fälle zwiſchen den drei Frauen verabredet wor⸗ den. Charlotte hatte ſich, wenn auch widerwillig, zu einem ſolchen Märchen verſtanden, da ſie am Ende wohl einſehen mußte, daß ſie und ihr Leben gelegent⸗ lich eine Erklärung nöthig machen müßten. Sie habe 145 ihren Gatten verloren und viel von der Untreue und Undankbarkeit ihrer Nächſten zu leiden gehabt, hieß es, ſodaß ſie alles Vertrauen zu den Menſchen und alle Freude am Leben verloren habe. Eine ſchwere Krank⸗ heit ſei dazu gekommen, von der ſie ſich noch immer nicht vollſtändig erholt habe. „Die arme Frau!“ ſagte die Kammerfrau voll Theil⸗ nahme.„Man ſieht’s ihr wohl an! Aber da ſollte ſie nicht an dieſem ſtillen und engen Platz bleiben, da muß der Menſch ja allein ſchon melancholiſch werden! Und — verzeihen Sie es mir!— auch eine andere Geſell⸗ ſchafterin ſollte ſie haben, als die Dame, die ihr eben in den Garten folgte; die ſieht ſelber ja noch kränker und trauriger aus!“ „Sie darf wohl“, verſetzte Liſette achſelzuckend. Die Theilnahme der Fremden ſprach ſie wirklich als herz⸗ lich und vor allem als verſtändig an, denn wer Hen⸗ riette nur ſo im Vorübergehen oder allenfalls neben der Freundin ſah, mußte etwa zu einem ähnlichen Ur⸗ theil gelangen.„Sie iſt die Schwägerin meiner Frau und hat faſt noch mehr Unglück gehabt. Sie hat ihren Mann auf der Reiſe verloren und iſt auf das abſcheu⸗ lichſte ausgeſogen, betrogen und mißhandelt worden, ſo⸗ daß ſie ganz krank und elend kaum noch zu uns kom⸗ men konnte. Es wäre freilich für meine Frau beſſer, Hoefer, In der Welt verloren. IV. 10 146 wenn ſie eine heiterere Geſellſchaft hätte. Aber wo findet ſich die, zumal in der Fremde? Und nach Hauſe wollen die Damen noch nicht; ſie haben leider unter den Verwandten wenig Freude— Sie wiſſen, es geht zuweilen ſo.“. Zu der gleichen Zeit etwa, da dieſes Geſpräch oben ſtattfand, näherten ſich drunten einander auch die Damen. Die Baronin hatte gleichfalls ihr Zimmer verlaſſen und ſich durch den wunderſchönen, klaren und friſchen Morgen zu einem Gang durch die Gartenanlagen ver⸗ locken laſſen, welche, wie wir berichteten, hinter dem Gaſthofe in mehreren Terraſſen ſich am Berge hinauf⸗ zogen. Doch mochte es ihr dort noch zu feucht ſein, denn es hatte über Nacht ſtark gethaut, und auch zu kühl, da die Sonne noch nicht hoch genug über den Bergen ſtand, um ihre Strahlen auch hierher ſchon zu ſenden. Drunten im Seitengärtchen dagegen war Alles bereits voll von ihrem Glanz und ihrer zu dieſer Jahreszeit nur noch angenehmen Wärme, und wer nur das Grün anſah und die Farben und nicht an die Arten und an den Duft der Blumen dachte und über die gelben und welken Blätter hinwegblickte, die ſich doch ſchon zahlreich fanden, der mochte ſich faſt in den Frühling zurückverſetzt wähnen, ſo leuchtete das Alles von Friſche und, man möchte ſagen, Wohlſein. 147 Die Fremde wandelte denn auch ſichtbar heiter in den ſchmalen Steigen hin und ſah ſich die Dahlien und die Aſtern an und betrachtete einige in ihrer Art ſchöne Zwergbäume— für mehrere große war der Platz am Ende nicht geräumig genug— als ob ſie nicht blos ein reges Intereſſe, ſondern auch ein wirkliches Verſtändniß für und von dergleichen habe. An dem alten Birnbaume, in deſſen Schatten Charlotte mit der Freundin auch heute ihren Platz gewählt hatte, war ſie ſchon ein paar Mal vorübergekommen, mit ſanftem, theilnahmvollem Blick beide überfliegend, ja einmal ſogar ein wenig zögernd, als wolle ſie näher treten, nach einer artigen Verneigung aber dennoch weiter ſchreitend. Jetzt kam ſie zum dritten Mal vorüber, von neuem überflog der weiche Blick die Beiden, welche von ihrer Arbeit nicht aufſchauten, und plötzlich herantretend, ſagte ſie in den uns ſchon bekannten ſanften Tönen: „Verzeihen Sie die Störung, meine Damen, und rech⸗ nen Sie es mir nicht als Aufdringlichkeit an, wenn ich mich ein wenig zu Ihnen ſetze. Ich lebe daheim viel in der freien Luft, bin aber neuerdings zu kränk⸗ lich, als daß ich mich nicht bald müde fühlte.“ Und als Henriette, auf dieſe Worte ſich erhebend, einen nahe⸗ ſtehenden Stuhl herbeizog und mit ein paar artigen 10* 148 Worten die Fremde zum Ausruhen einlud, fuhr dieſe mit mildem Lächeln fort:„Wir ſind ja auch Hausge⸗ noſſen, und ich finde es immer unrecht, wenn ſolche einander, zumal in ſolcher Einſamkeit, fremd und ſteif gegenüberſtehen.“ Sie nannte ſich als Baronin Trautenau aus Franken und vernahm dagegen die Namen, unter denen die Freundinnen hier lebten, mit der freundlichen Aufmerk⸗ ſamkeit einer Dame von Welt, die ſich an dem Dar⸗ gebotenen genügen läßt und nicht nach Weiterem forſcht Sie ſprach über ſich ſelbſt, über ihre Erfahrungen und Schickſale mit einer gewiſſen herzlichen und zugleich bequemen Offenheit, ſie gedachte des Ziels und Zwecks ihrer ſpäten Reiſe und meinte mit theilnehmendem Blick auf Charlotte:„Auch Ihnen würde ein ſolcher Aufenthalt im milden Süden gewiß wohl thun, meine liebe junge Frau. Man ſieht es Ihnen recht an, wie ſehr Sie der Schonung und Stärkung bedürfen. Und hier, glaube ich, muß es bald recht rauh werden. Ich würde mich an Ihrer Stelle wirklich ein wenig fürchten. Aber Sie gedenken auch wohl nicht mehr lange zu bleiben?“ Es konnte überhaupt, zumal Henrietten nicht ent⸗ gehen, daß die Fremde ſich faſt immer nur an ihre Freundin und nicht an ſie wandte. Die Perſönlich⸗ 149 keit beider erklärte freilich dieſen Vorzug, wenn man es ſo heißen will. Aber ebenſo wenig ging es für ſie verloren, daß die Baronin im Grunde ihr ſelber eher noch mehr Aufmerkſamkeit zuwandte: ſie ertappte die ſanften Augen mehr als einmal auf einem ganz eigen⸗ thümlich fragenden, ſpürenden Blick, der ſich allerdings auf das ſchnellſte in den gewöhnlichen verwandelte und zurückzog, ſobald er dem ihren begegnete. Einmal aber, da das wieder geſchah, blieb ihr Auge auf dem Henriettens haften.„Sie halten mich gewiß für recht unbeſcheiden, mein liebes Kind“, ſagte ſie, „weil ich Sie ſo fragend anſehe. Ich muß ganz ehrlich ſein. Als ich mich Ihnen näherte, war es nicht blos die Müdigkeit und der ſympathetiſche Zug, der die wahrhaft Leidenden ſtets zu einander führt, ſondern es frappirte mich auch an Ihnen beiden, meine Kinder— halten Sie mir dies Wort zu gut!“— unterbrach ſie ſich mit einer Art von inniger Bewegung— nich könnte ja Ihrer beider Mutter ſein!— es frappirte mich eine Aehnlichkeit, ſage ich, wie ſie mich jetzt, wo ich Sie in der Nähe ſehe, noch immer mehr überraſcht und— ver⸗ zeihen Sie!— mit traurigen Erinnerungen erfüllt!“ „Mit traurigen Erinnerungen?“ wiederholte Char⸗ lotte theilnehmend. „Ja, meine Beſte. Ich meine aber nicht Sie, ſondern 150 Ihre Frau Schwägerin hier! Sie— ich muß ent⸗ ſchieden eine Dame gekannt oder geſehen haben, die Ihnen außerordentlich ähnlich war, ohne daß mir jedoch bisher das Wann, das Wo, das Wer klar werden wollte. Bei Ihnen aber, meine Liebe“, fuhr ſie, gegen Henriette gewendet, mit trauerndem Ausdruck fort,„iſt es damit anders. Sie bringen mir— bitte, bitte, verzeihen Sie mir! Wir können ja beide nichts dafür!— Jemand in nur allzu lebhafte Erinnerung, an der und durch die ich ſehr, ſehr viel Schmerz und Trauer zu erleben hatte.“ „Arme Henriette!“ ſagte Charlotte, der Freundin mild zulächelnd. Es zuckte durch das feine, ſanfte Geſicht der Ba⸗ ronin etwas, das ſich gar nicht näher beſchreiben läßt, ſo war es gemiſcht aus Schrecken, Unglauben, Zorn und noch einem andern Zuge, für den die überraſchten Freundinnen am wenigſten eine Bezeichnung fanden. Ja, die Dame fuhr zugleich beinahe vom Stuhle auf. Im nächſten Augenblick aber war die eine wie die andere Bewegung überwunden, und die Dame ſagte nur noch mit hörbar bebender Stimme:„Es iſt auch der gleiche Name!— Es war eine Jugendfreundin meiner Tochter“, fügte ſie nach einer Pauſe ebenſo hinzu,„die ihr und uns Aeltern unſere Liebe und unſer Vertrauen 151 durch ſchreckliche Intriguen, durch— ich mag gar nicht daran denken!— gelohnt hat, eine Unwürdige, eine Unſelige! Möge ſie in Gott einen gnädigen Richter gefunden haben!“ „Sie iſt todt?“ fragte Henriette ernſt. „Ja, ich muß ſagen: Gott Lob! Aber laſſen Sie mich ein wenig hineingehen. Sie ſehen es wohl, dieſe Erinnerung hat mich erſchüttert. Und Sie, beſte Frau, verzeihen Sie mir. Sie ſind ja unſchuldig an dem Eindruck!“ „Das iſt allerdings mehr als ſeltſam“, bemerkte Henriette, da die Baronin ſich wirklich zurückgezogen hatte, mit dem Ausdruck eines unverkennbaren Miß⸗ trauens.„Der Eindruck, den mein Name oder meine Anweſenheit auf ſie machte, und dieſe Schilderung der—“ „Aber ich bitte Dich, Henriette, ſei nicht ungerecht!“ ſagte Gräfin Charlotte ſanft.„Du haſt es ja gehört, an was Du ſie erinnerteſt, und da nun auch der gleiche Name dazu kam— wir wiſſen es doch alle von uns ſelbſt, wie tief ſolche plötzliche Eindrücke in unſer In⸗ neres greifen können!“ „Laſſe es gut ſein“, verſetzte die Freundin faſt fin⸗ ſter.„Es iſt etwas in dieſem Geſicht, in ihrem Auge, das mich nachdenklich macht und vorſichtig; mir iſt, als ſei dieſe Sanftmuth und Milde nur eine Maske. 152 Wer kann wider ſolche Eindrücke?“ fügte ſie mit einer Art von bitterem Spott hinzu.„Sie will ja aber auch Dich kennen! Wir wollen erwarten, wen ſie da heraus⸗ findet!“. „Sei nicht ungerecht!“ bat Charlotte nochmals. In der That gewährte der nachmittags erneuerte Verkehr mit der Baronin Henrietten keinerlei neuen Grund zum Mißtrauen, geſchweige denn zu einem wirk⸗ lichen Verdacht, daß die Fremde das Incognito der Freundinnen durchſchauen möge. Von dem Vorgange am Morgen war nicht weiter die Rede, als daß die Baronin, da ſie zu ihnen trat, Henrietten mit der na⸗ türlichſten Herzlichkeit die Hand bot und ſie noch ein⸗ mal um Verzeihung bat, daß ſie durch eine Erinnerung ſich ſo heftig habe erregen laſſen. Sie widmete dem Mädchen fortan, als wolle ſie vollends jeden unange⸗ nehmen Eindruck verwiſchen, eine freundliche, ja herz⸗ liche Aufmerkſamkeit und Theilnahme, während ſie Charlotte mit einer gleichen, faſt noch wärmern Theil⸗ nahme mehr nur im Stillen zu beobachten ſchien. Von der Aehnlichkeit dieſer war keine Rede wieder. Als Charlotte ſich einmal, wie ſie das liebte, zu einem einſamen Gange durch den Garten entfernt hatte, ſagte die Baronin mit hörbarer Bewegung zu Hen⸗ rietten:„Meine beſte Frau, ich habe da Ihre Schwãä⸗ — — 153 gerin recht aufmerkſam beobachtet und muß Ihnen leider ſagen, daß ſie mir den Eindruck macht, als leide ſie an einer Herzkrankheit. Ich habe leider viel mit ſolchen Kranken leben müſſen! Ich bitte Sie, ſeien Sie recht, recht aufmerkſam— das Unglück kommt zu⸗ weilen ſo fürchterlich raſch!— und bringen Sie ſie vor allem von dieſem traurigen, kalten Ort fort! Sie braucht Wärme und Heiterkeit!“ Henriette konnte durch dieſe Worte, obgleich ſie nicht an die Krankheit glaubte, ſich nur dankbar geſtimmt fühlen. Zu erneutem Mißtrauen wenigſtens war hier nirgends ein Grund. Am folgenden Morgen war der Dampfer, der täg⸗ lich von hier nach B. geht, ſchon früh im Hafen und der inzwiſchen fertig gewordene und bepackte Reiſewagen wurde an deſſen Bord gebracht. Der Diener bezahlte die Rechnung, die Kammerfrau— ſie hatte verweinte Augen— ging mit dem kleinen Handgepäck zum Hafen, und die Baronin trat, ohne ſich melden zu laſſen, in Charlottens Zimmer. „Meine beſte Dame“ ſagte ſie nach einem ſchnellen Umblick durch das ſtille Gemach zu der ſich überraſcht von ihrem Frühſtück erhebenden jungen Frau,„verzeihen Sie mir dieſen Ueberfall; es war Niemand draußen, der mich hätte melden können. Ich mußte Ihnen doch 154 Adieu ſagen— Sie flößen mir ſo viel Theilnahme ein! — und“— ſie lächelte ſanft—„ich habe auch eine Bitte an Sie: Sie können mir einen großen Gefallen thun! Ich ſah geſtern an Ihnen ein kleines blauweißes Seidentuch; ich hatte genau das gleiche und binde es auf der Reiſe immer um den Hals. Heute Morgen fehlt es, die Roſine muß es verlegt oder verloren haben und iſt nun ganz unglücklich und in Thränen, das alte gute, dumme Ding. Treten Sie mir das Ihre ab, daß die Alte glaubt, ich habe es wiedergefunden. Was thut man nicht einem ſo alten treuen Dienſtboten zu Liebe!“ Charlotte eilte ins Nebenzimmer, und als ſie mit dem Tuch zurückkam und es der Baronin hinbot, be⸗ hielt dieſe ihre Hand und ſprach nach einigen Worten des Danks im herzlichſten Ton und mit einem weichen Blick:„Nun ſo leben Sie denn recht, recht wohl, liebes Kind! Werden Sie wieder heiter und geſund und gedenken Sie meiner zuweilen; ich habe Sie lieb gewonnen und werde mich oft Ihrer erinnern.“ Achtes Kapitel. Zur rechten Zeit. Gräfin Charlotte war eine Frühaufſteherin, wie wir ſie ja auch ſchon als Mädchen kennen lernten, allein im Laufe ihrer Ehe hatte ſie es nach und nach angenommen, dieſe erſten Stunden des Tags ſo viel wie möglich für ſich zu bleiben, und hielt, ſeit ſie ſich von ihrem Gatten getrennt, noch feſter an dieſer Ge⸗ wohnheit. Die vertraute Zofe, die ihr friſches Waſ⸗ ſer und ſpäter den Thee brachte, den ſie in Italien zum Frühſtück gewählt hatte, war die Einzige, welche die Dame in dieſen Stunden zu ſehen bekam und zwar auch nur zu den beiden genannten Malen, und auch Henriette hatte ſich, wie ſchon vordem, ſeit ihrer An⸗ kunft gleichfalls wieder in dieſe Gewohnheit gefügt. 156 Charlotte pflegte zu dieſer Zeit ihr Tagebuch oder ihre Briefe zu ſchreiben, zu leſen, zu arbeiten oder was ſonſt dergleichen war. Neuerdings freilich hatte ſie faſt immer nur einige Sätze für das Tagebuch ge⸗ habt und dann ſich, wie auch während des ganzen übrigen Tages, ihren finſtern Träumen und Gedanken überlaſſen, zum tiefen Schmerz und zur ernſten Be⸗ ſorgniß für die treue Dienerin. Henriettens Anweſen⸗ heit hatte darin eine ſehr wohlthätige Veränderung her⸗ beigeführt. Die Freundin ruhte nicht, bis ſie Charlotte wenigſtens von Zeit zu Zeit wieder mit einer Arbeit in der Hand ſah und von ihr die Zuſicherung erhielt, daß ſie ſich auch in ihrer Einſamkeit fortan nicht mehr dem gefährlichen und dumpfen Hinträumen ergeben wolle. Schon am nächſten Morgen hatte die Gräfin denn auch mit ihrem ſtillen Lächeln zu ihr geſagt:„Du kannſt zufrieden mit mir ſein, Henriette. Ich habe heute vier Seiten in meinem Buch geſchrieben. Es iſt mir friedlicher danach.“ Liſette erſchrak nicht wenig, als ſie, über den Corri⸗ dor gehend, gerade die Baronin das Zimmer ihrer Ge⸗ bieterin verlaſſen ſah. Da die Dame jedoch ihre letz⸗ ten Worte noch bei geöffneter Thür ins Zimmer hinein ſprach und dann mit einem Ausdruck davonſchritt, wie ihn ein herzlicher Abſchied in unſern Mienen zu⸗ 157 rückzulaſſen pflegt, ſo hatte das Mädchen ſelbſtverſtänd⸗ lich keine andere Sorge, als daß die Herrin über ihre Unaufmerkſamkeit zürnen möge, was freilich Charlot⸗ tens Umgebung ſelten oder nie zu erfahren hatte. Sie hielt ſich daher auch nur bereit, auf den Klingelruf der Herrin ſchnell bei der Hand zu ſein, und ging ihren Geſchäften und hing ihren Gedanken nach, die denn allerdings nicht ſo ganz ruhig waren. Denn Henriette hatte ihr am vergangenen Abend ſpät noch von der Beobachtung geſagt, welche die Baronin ge⸗ macht haben wollte. „Haſt Du jemals dergleichen an Charlotten bemerkt?“ hatte ſie danach gefragt.„Hat ſie irgend einmal über ſo etwas geklagt?“ Liſette hatte den Kopf geſchüttelt.„Etwas Beſon⸗ deres nie“, hatte ſie verſetzt.„Ich hab' es ſeither, vor einiger Zeit, wohl ein paar Mal gemerkt, daß ſie hoch und kurz aufathmete, als ob ſie ſich beklommen fühle, und da ich ſie fragte, meinte ſie auch, daß ſie einen Druck in der Gegend des Herzens fühle, von Bedeutung aber war es ſicherlich nicht und war auch ſtets nur momentan.“ 4 „Laſſe uns dennoch recht aufmerkſam ſein“, hatte Henriette finſter geſagt;„dies hat mich furchtbar erſchreckt. Stürme, wie ſie ſie erlebte, können nicht ohne Folgen * bleiben, und ihre Geſundheit war ja ohnehin kaum wieder recht erſtarkt.“ Daran hatte Liſette in der Nacht denken müſſen— ſie mußte Henrietten wohl Recht geben!— damit ſtand ſie heute Morgen auf, und daran dachte ſie von neuem mit tiefer Sorge, als ſie bei einem Blick aus dem Fen⸗ ſter die Baronin, von dem Diener gefolgt, dem Hafen zuſchreiten und an Bord gehen ſah. Der Dampfer ſchien nur auf ſie noch gewartet zu haben. Gleich darauf fingen die Räder an ſich zu drehen und das hübſche Schiff durchfuhr langſam den Hafen und ging durch die enge Einfahrt in den ſonnenüberglänzten See hin⸗ aus. Wenn wir auch nur erſt ſo davonzögen! dachte Liſette. Henriette und ſie ſelbſt hielten beide den hie⸗ ſigen Aufenthalt während des Spätherbſtes und Win⸗ ters nicht für unbedenklich. Als der Dampfer im See dahinzog und, da er raſch ging, nur noch den Schlot und den langen dunklen Rauchſtreifen ſehen ließ, trat Liſette vom Fenſter zurück und horchte im nächſten Augenblick raſch auf; es war ihr, als habe ſie klingeln hören. Das mußte indeſſen ein Irrthum ſein, denn die Glocke ihrer Herrin war ganz nahe draußen im Corridor und überdies kannte ſie auch Charlottens Zug auf das genauſte. Trotzdem fühlte ſie, wie das zuweilen ja ſo geht, eine gewiſſe 159 Unruhe, und nach kurzem Zögern ging ſie durch das anſtoßende Schlafzimmer auf Charlottens Gemach zu. Ein Grund für die Störung ergab ſich leicht und die Dame hielt übrigens am Ende doch auch nicht mit Peinlichkeit auf ihre Einſamkeit. Als ſie in die Thür trat, ſchaute ſie ſich einen Augenblick ſuchend um, denn ſie ſah die Herrin nicht, im nächſten aber ſtürzte ſie vorwärts, zum Sopha, auf dem Charlotte mehr lag als ſaß, der Körper in jähen Zuckungen, das Geſicht ſtark geröthet— bei ihrer ge⸗ wöhnlichen Bläſſe der erſchreckendſte Anblick— und augenſcheinlich bewußtlos. Das Mädchen flog zum Klingelzug und riß daran, daß er ihr in der Hand blieb, während ein greller Klang draußen durch den Corridor gellte. Sie ſtürzte wieder zurück zu der Gräfin und hob mit übermenſch⸗ licher Kraft den zuckenden Körper vollends auf das Sopha hinauf, von dem er ohne ihre Hülfe demnächſt hätte heruntergleiten müſſen. Und als in dieſem Augen⸗ blick Henriette ſchreckensbleich ins Zimmer hereineilte, rief ſie kaum verſtändlich ihr zu:„Fräulein— es iſt geſchehen!“ Henriette war ſchon neben ihr, hielt die Freundin im Arme.„Fort“, rief ſie mit zuckender Lippe,„zum Arzt! Hier iſt noch Hülfe, ſie lebt ja noch!“ Und wie zur Beſtätigung dieſes Ausrufs ſchlug Charlotte 160 eben die Augen auf zu einem freilich halb bewußtloſen Blick, es flog, da ſie die Freundin doch zu erkennen ſchien, etwas wie ein Lächeln durch ihre Züge, die Lippen regten ſich, ohne daß freilich ein Wort laut, geſchweige denn verſtändlich geworden wäre, die Zuckun⸗ gen des Körpers ließen nach. Das ſah Liſette noch, dann ſprang ſie zur Thür und hinaus und ſtieß dort auf den alten Wirth, der gleichfalls durch den furchtbaren Klang der Glocke er⸗ ſchreckt und herbeigezogen worden war.„Was gibt's?“ rief er ſie an, und:„Die Gräfin ſtirbt!“ gab ſie zurück. Sie dachte nicht an den verpönten Titel, aber auch Anſelm Mayer hörte vermuthlich nichts davon. „Gottes Fügung!“ murmelte er vielmehr.„Spring' hinunter, Kind, Du haſt fixere Beine als ich! Drunten ſitzt der Doctor im Gaſtzimmer bei einem Schoppen, kommt eben vom Lande zurück!“ Liſette flog bereits die Treppe hinab. Zwei Mi⸗ nuten darauf trat der Arzt mit ihr ins Krankenzimmer und zum Sopha. Die kurze Beſſerung in Charlottens Zuſtande war ſchon wieder vorüber. Der Körper wurde von neuen ſtarken Zuckungen gequält, die Röthe des Geſichts hatte wieder zugenommen, die Augen waren geſchloſſen, das Bewußtſein ſchien ganz zu fehlen. 161 „Ein Herzſchlag, Herr Doctor?“ ſtammelte Hen⸗ riette. Der alte Arzt drängte ſie zur Seite und beugte ſich über die Leidende; er nahm eine raſche, aber augen⸗ ſcheinlich genaue Unterſuchung vor. Dann richtete er ſich auf, riß ein Blatt Papier aus dem Taſchenbuch ſchrieb mit dem Bleiſtift ein paar Worte darauf und reichte es dem danebenſtehenden Anſelm.„In die Apotheke mit dem ſchnellſten Menſchen im Hauſe, er bekommt es gleich. In zehn Minuten muß er wieder da ſein.“ Und da Liſette ſich mit einem flehenden„Ich!“ heran⸗ drängte, ſagte er barſch:„Nichts da, Jungfer! Sie hilft die Dame entkleiden und ins Bett bringen. Ich werde auch helfen, hier gelten keine Rückſichten!“ Damit hob er mit Henriettens Hülfe den armen, für den Augen⸗ blick wieder ziemlich ruhigen Körper auf und trug ihn ins Schlafzimmer, Alles ohne Umſtände betreibend und fördernd, bis die Kranke in ihrem Bette lag. Es ſchien ihr das gut zu thun. Die Zuckungen kehrten noch nicht wieder, die Röthe ließ ein wenig nach, die Augen öffneten ſich und die Lippen regten ſich, aber auch jetzt, ohne daß ein Laut vernehmbar geworden wäre. „Einen Löffel Waſſer!“ befahl der Alte und zog ein kleines Fläſchchen aus der Weſtentaſche. Dann ließ er Hoefer, In der Welt verloren. IV. 11 162 ein paar Tropfen daraus in den mit Waſſer gefüllten Löffel fallen und flößte es der Leidenden ein. „Jetzt, Jungfer, hinab und ein warmes Bad beſorgt“, ſagte er, vom Bette forttretend.„Ich laſſe die alte Frau bitten, raſch zu ſein. Es hängt Leben und Ster⸗ ben daran. Und Sie, Madame“, fuhr er, gegen Hen⸗ riette gewendet, mit einer Art von Milde fort,„kom⸗ men Sie mit mir ins Wohnzimmer zurück. Wir kön⸗ nen hier im Augenblick nichts nützen.“ Er ſchritt ihr voran. Als ſie im Wohnzimmer ſtanden, trat Henriette mit krampfhaft verſchlungenen Händen vor ihn hin, und ihr Auge begegnete dem ſeinen mit einem ver⸗ zweiflungsvollen Blick.„Sie ſtirbt?“ hauchte ſie. „Na, wollen's abwarten“, verſetzte er.„Zehn Mi⸗ nuten ſpäter entdeckt, wär's zu Ende geweſen. So geht's vielleicht noch, bei Gott iſt kein Ding unmöglich.“ „Ein Herzſchlag?“ hauchte ſie wieder. Jetzt floſſen ihr die Thränen aus den bisher trockenen Augen. „Herzſchlag? Was Herzſchlag! Wer hat Ihnen das dumme Zeug in den Kopf geſetzt?“ entgegnete er wie⸗ der barſch.„Eine Vergiftung iſt's, ich denke— doch das verſtehen Sie nicht! Hat ſie's ſelber probirt, oder wer ſonſt? Wo iſt, was ſie heute genoß? Das da?“ Und ohne auf Henriette zu achten, die von ſeinem 163 Wort wie von einem Blitz durchzuckt worden war und jetzt wie das Bild des lähmenden Entſetzens daſtand, ging er zum Tiſch, wo ſich das Theegeſchirr zeigte, ſah die zu einem Drittel noch gefüllte Taſſe an, hob den Deckel der Kanne und ſchaute hinein.„Es iſt die zweite Taſſe“, ſagte er vor ſich hin,„die erſte muß unſchädlich geweſen ſein. Na, werden ja ſehen!“ Indem kam der Bote mit dem von der Apotheke verlangten Mittel hereingeſtürzt. Der Arzt nahm es ihm ab und verſchloß hinter dem Hinausgeſchobenen die Thür; dann winkte er Henrietten, ihm ins Schlaf⸗ zimmer zu folgen, und ſchloß auch die Verbindungsthür „Dahinein kommt Niemand mehr ohne mich“, ſagte er zurückdeutend, ging dann zur Kranken, flößte ihr von dem neuen Mittel ein und ſetzte ſich dann ans Bett. Da blieb er, ihre Hand in der ſeinen haltend und über ſie gebeugt, zur ſchärfſten Beobachtung des erſicht⸗ lich, wo nicht beſſern, doch ruhigern Zuſtandes ſitzen, bis ihn das Rauſchen des Waſſers im anſtoßenden dritten Zimmer und bald auch Liſettens leiſe Mittheilung be⸗ nachrichtigte, daß das verlangte Bad fertig und auch die alte Wirthin ſelber gegenwärtig ſei. „Schön“, ſagte er, während ſein ſcharfes Auge feſt auf der Zofe ruhte oder vielmehr ſie muſterte,„da ſetzt ſie hinein und ruft mich, wenn ſie darin iſt.“ 11* 164 Und damit wandte er ſich, um ins Wohnzimmer zu gehen, blieb dort, bis er zur Beobachtung an die Ba⸗ dewanne gerufen wurde, und ſchloß auch jetzt wieder die Thür während ſeiner Abweſenheit. Mit dem Zu⸗ ſtand Charlottens ſchien er jetzt und noch mehr, als er ſie wieder im Bett ſah und eine neue Doſis ſeines Mittels ihr gereicht hatte, zufrieden zu ſein. Die Zuckungen kehrten ſeltener und ſchwächer zurück, die un⸗ natürliche Röthe verlor ſich allmälig und das Bewußt⸗ ſein ſchien mehr und mehr zu erwachen. Sie erkannte die Umſtehenden, ſie ſah den Arzt mit einer Art von Erſtaunen an, man verſtand ihre leiſe Frage, was denn geſchehen ſei? Der Arzt verwies ſie, ſo mild er's vermochte, zur vollſten Ruhe, erſuchte die alte Wirthin am Bett zu bleiben und die Kranke durch nichts ſtören, auch nicht ſprechen zu laſſen, ließ Anſelm heraufrufen und zog ſich mit ihm ins Wohnzimmer zurück. Auf die Frage des Alten, wie es ſtehe, verſetzte er kurz:„So gut es kann!“ und fuhr, ihn zum Tiſch füh⸗ rend, dann gedämpft fort:„Und nun, alter Freund, wollen wir einmal überlegen, wer hier der Thäter ſein kann. Denn um es kurz zu ſagen, ſie iſt vergiftet worden, mit Strychnin. Ich merkte ſo etwas gleich und weiß es ſeit der Unterſuchung der Taſſe gewiß. 165 Die Miſchung iſt ſo ſtark, daß, wenn die Taſſe voll geweſen und bis auf dieſen Reſt wirklich geleert wor⸗ den wäre, dran ein Ochſe hätte erliegen müſſen. Alſo iſt das Gift erſt in dieſen Reſt hineingekommen und ſie hat entweder nur einen kleinen Schluck genom⸗ men oder gar nur ein Stück Brod eingetaucht, ſonſt wäre meine Kunſt umſonſt geblieben. Nun alſo, wer that's? Ich möchte bei meiner Anzeige dem Gericht ſogleich einen Fingerzeig geben können. Alſo ſie ſelber?“ Anſelm war von dem Vernommenen ſo erſchüttert, daß ſeine Stimme zitterte, als er verſetzte: 75 iſt ganz und gar unmöglich, Doctor!“ „Glaub's auch nicht, Alter! Sie hätte mehr getrun⸗ ken und es wäre vorbei. Alſo die beiden Frauenzim⸗ mer oder eine von ihnen?“ „Nein, Doctor, nein! Sie gehen beide für ſie durchs Feuer! Ich kann's mit dem höchſten Eid be⸗ ſchwören! „Denk' auch etwa ſo, habe ſie wenigſtens recht ge⸗ hörig ins Auge gefaßt. Nun aber— von Euch und Eurem Geſinde iſt keine Rede. Das weiß nicht einmal etwas von dem Gift. Alſo wer dann?“ „Das, Doctor, capir' und verſteh' ich allerdings ganz und gar nicht. Es iſt meines Wiſſens kein fremder Menſch im Hauſe geweſen, geſchweige denn mit dieſen * 166 hier zuſammengekommen, Scheußlichkeiten verſehen könnte. Denn die Frau Ba⸗ ronin, die mit Jungfer und Diener bis heute frü war— zu dem man ſich ſolcher h da „Was für eine Baronin?“ fragte der Arzt dazwi⸗ ſchen. „Eine noble und vornehme Dame, Doctor,'s iſt keine Rede davon“, verſetzte Anſelm ungeduldig.„Und die Dienerſchaft na, wie ich ſage!— Wir müſſen uns eben die Liſette vornehmen oder die Andere, die Schwägerin— ich vergeſſe den Namen immer wieder. Nur das Eine, Doctor“, fügte er ſich am Kopf ſcheu⸗ ernd und mit einem gewiſſen Stocken hinzu:„die arme Dame wird ja wieder geſund, ſagt Ihr. Muß denn da die Anzeige geſchehen? Wie ſoll's denn da mit den Damen werden, die— na, Doctor, das müßt Ihr noch überlegen, mein' ich!“ „Da iſt nichts zu überlegen“, verſetzte der alte Herr kurz und barſch.„Das iſt meine Pflicht wie Eure, Alter, und wenn ich auch ſchweigen dürfte, ich will nicht. Das Ding iſt gar zu frech. Und was die Damen angeht, das iſt ihre Sache und nicht unſere. Dafür kann Keiner. Ich will jetzt einmal wieder nach ihr ſehen— Eure Alte kann wohl noch bei ihr ſitzen, es iſt mir am liebſten!— und dann wollen wir mit —— 167 den beiden Andern reden. Das Ding muß zu Ende kommen.“ Der Zuſtand Charlottens hatte ſich wirklich auf das auffälligſte gebeſſert und ſelbſt ein Laie konnte ſich zum Troſte ſagen, daß hier an eine eigentliche ernſte Gefahr ſchwerlich noch zu denken ſei. Alle die erſchrecken⸗ den Symptome hatten ſich bis auf verhältnißmäßig unbedeutende Rückbleibſel verloren und auch dieſe ſchie⸗ nen verſchwinden zu wollen. Für den Augenblick ſchlief ſie ſogar. Da winkte der Arzt den beiden Frauen, daß ſie ihm ins andere Zimmer folgten, wo Anſelm noch ver⸗ weilte, und bemerkte gegen dieſen händereibend:„Na, es iſt, wie ich vorhin ſagte: da iſt dem Teufel ein Schnippchen geſchlagen worden. Sie hat Gott Lob nur gekoſtet, nicht getrunken. Aber daß ich da auch gerade unten ſitzen muß und obendrein vor gar nicht langer Zeit einen ähnlichen Fall hatte— da war's freilich nur die gottverdammlichſte Unvorſichtigkeit— ſodaß ich gleich auf das Richtige kam, das iſt denn auch ſo etwas wie unſers Herrgotts Specialwille geweſen und ein Glück. Denn ich kann Euch beiden wiederholen, was ich ſchon vorhin ſagte“, wandte er ſich an die beiden Frauen, die noch immer nicht ihre volle Faſſung wiedergewon⸗ nen zu haben ſchienen,„Eure Entdeckung kam zur rech⸗ 168 ten Zeit. Zehn Minuten ſpäter, wäre die Hiſtorie zu Ende geweſen. Und nun, Kinder, was denkt Ihr Euch über das Verbrechen und den Thäter?“ Liſette gab an, wie ſie die Herrin gefunden, da ſie ihr das Waſſer und dann das Frühſtück gebracht; ſie war nicht im entfernteſten leidend und wenn auch nicht heiter, doch freundlich und gütig geweſen. Dann redete ſie von der ſeltſamen Warnung der Baronin und wie ſchwere Gedanken ihr dieſelbe gemacht. „Sieh da, alſo daher kommt der verrückte Einfall vom Herzſchlag?“ ſchob der Doctor mit einer Art Schmunzeln ein.„Na, das ſcheint ja ein teufelsmäßig. kluges Frauenzimmer geweſen zu ſein! So, ſo! Das wird ja ganz nett und intereſſant! Aber fahre Sie fort, Jungfer! Weiß Sie noch mehr ſo kluge Geſchichten?“ Und Liſette berichtete weiter, wie ſie die Baronin zu ihrem Schrecken aus dem Zimmer Charlottens habe kommen ſehen. „Die Baronin bei Ihrer Dame? Heute Morgen? Und zehn Minuten darauf fand Sie Ihre Frau ſo? Halt!“ ſagte der Arzt barſch. Und ſein Auge bald auf Henriette, bald auf die Zofe richtend, mit jener Schärfe, die bis ins verſchloſſenſte Innere dringen zu wollen ſchien, redete er ebenſo weiter:„Alſo kurz und gut: hat die Dame Feinde, denen an ihrem Tode gelegen ſein 169 kann, und könnte dieſe Eure Baronin zu denſelben gehören? Denn ich will Euch was ſagen, Kinder“, fügte er noch immer mit dem durchdringenden Blick hinzu, während ſich aber in ſeiner Miene ſo gut wie in ſeiner Stimme eine gewiſſe Milde verrieth,„Euch beide habe ich nicht im Verdacht bei dieſem Schelmen⸗ ſtück— ich kenne meine Leute! Aber offen müßt Ihr ſein.“ Henriette, welche ſich bei ihrem Eintritt in das Ge⸗ mach wie vollſtändig erſchöpft auf einen Stuhl hatte ſinken laſſen und dem bisherigen Geſpräch mit düſterer Aufmerkſamkeit gefolgt war, erhob ſich bei dieſen Wor⸗ ten des Arztes und trat ihm näher.„Herr Doctor“, ſprach ſie mit finſterer Faſſung,„ich erkenne Ihr Recht zu dieſen Fragen an und bin zu jeder Auskunft bereit, denn ich ſehe ein, daß hier nicht länger von dem Gefühl die Rede ſein kann, das meine Freundin wie uns beide bisher über die Vergangenheit und uns ſelbſt zu ſchweigen veranlaßte und die arme Charlotte ſich in dieſe Einſamkeit zurückziehen ließ. Ja, ſie oder vielmehr wir haben Feinde, deren erſte Angriffe ſo erbarmungslos und unmenſchlich waren, daß wir Alles von ihnen zu erwarten haben, auch eine That wie die hier verſuchte. Wer die Dame iſt, die wir für die Thäterin halten müſſen, und wie ſie mit jenen zu⸗ 170 ſammenhängt, das ahne ich freilich nicht. Meine Freundin wird Ihnen aber hoffentlich bald ſelber beſtätigen können, daß ich ſchon geſtern mißtrauiſch war. Genug, wie ſchwer es mir wird, ich werde offen ſein. Von Freun⸗ den weiß ich leider nichts, man hat ſie uns geſtohlen. Wir ſind alſo auf uns ſelbſt angewieſen. Ich kann und will nicht dulden, daß unſere Feinde uns wider⸗ ſtandslos vernichten, mag daraus entſtehen, was da will. Sagen Sie mir eine Zeit, Herr Doctor, wo ich zu Ihnen reden darf. Ich kann nicht ganz kurz ſein.“ Der alte Arzt ſchaute ordentlich wohlwollend darein. „Die Zeit iſt da, mein Kind“, verſetzte er.„Ich gehe in der erſten Stunde noch nicht von hier fort, ſchwere Kranke hab' ich Gott Lob nicht. Und mit der Anzeige und Eurer Baronin eilt es ſo ſehr nicht. Sie iſt auf dem Schiff nach B., ſagt Ihr? Es legt, ſoviel ich weiß, nirgends an. Da hat der Telegraph ſie in einer Stunde auch noch früh genug. Alſo munter und dreiſt heraus, Kindchen. Was ich der Behörde erzählen, erklä⸗ ren und für Sie vertreten kann, das kommt Ihnen bei derſelben zu gut und man peinigt Sie nicht mehr als nöthig.“ Als Henriette ihren Bericht geendigt hatte, blieb der Arzt noch eine ganze Weile ſtill, die finſter nach⸗ denklichen Augen auf die nun gleichfalls ſchweigende — 171 Erzählern gerichtet.„Da haben Sie ganz Recht, mein Fräulein“, redete er endlich, noch immer in einem ge⸗ wiſſen ſinnenden Ton,„von einem ſolchen Menſchen kann, nein, muß man Alles erwarten, da muß alle Schonung und— ich begreife dieſelbe ſehr gut!— Scheu und aller Ekel über ſolche Infamie aufhören. Die Frau Gräfin und Sie dürfen dies Alles nicht unge⸗ rächt dulden, Sie ſind den Verbrecher dem Geſetz und der Gerechtigkeit zu übergeben verpflichtet. Das iſt eine ſo ungeheuerliche und unglaubliche Geſchichte“, redete er heftiger und ſchier grimmig weiter,„daß ſelbſt mir meine Haare zu Berge ſteigen! Es iſt ein Glück, daß es am Ende für Rang und Stand und Stellung der Frau Gräfin und für ihren Ruf Ihnen nicht an Zeugen und Beweiſen fehlen kann und daß ſich ſolche denn auch wohl zu Ihren Gunſten über dieſen ſaubern Herrn Gemahl finden laſſen werden. Und— ſehen Sie, ſo geht's! ein noch größeres Glück für Sie iſt dieſe Tollhausgeſchichte, mag ſie im Uebrigen ſo infam ſein, wie ſie will! Nach Ihrer Beſchreibung kann es nur das Irrenhaus bei F. geweſen ſein; der Director iſt ein Ehrenmann, ein kluger Mann und obendrein ein alter Freund von mir. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, wie nützlich Ihnen das Alles nicht blos für die Anklage ſein muß. Hat er Verdacht geſchöpft— und 172 was Sie mir von ihm ſagten, ſpricht dafür— ſo hat er auch ſchon ſicher Anzeige von dem Fall gemacht. Ihre Flucht freilich, ſo wenig ich ſie Ihnen verdenke, iſt für ihn ein fataler Streich. Genug aber, wenn dies Alles gemäß Ihrer Angabe conſtatirt wird, ſo gewinnt auch die Anklage wegen des heutigen Verbre⸗ chens Hand und Fuß. Haben Sie gar keine Ahnung über dieſe Baronin?“ Henriette ſchüttelte den Kopf.„Wir kennen von ſeinen Verwandten Niemand als ſeine Mutter, von denen der Dame nur den Bruder. Von den frühern ſonſtigen Verbindungen beider wiſſen wir gar nichts.“ „Nun denn, mein Kind, das wird am Ende wohl herauszubringen ſein“, ſagte der Doctor wohl⸗ wollend.„Sie müſſen ſich alſo vorbereiten, demnächſt die Fragen des Gerichts zu beantworten, ich kann die Anzeige nicht länger aufſchieben. Es ſoll nicht an mir liegen“, fügte er voll wirklicher Theilnahme hinzu,„wenn Ihnen nicht alle Unannehmlichkeiten nach Möglichkeit erſpart werden und man mit aller Schonung Ihre Lage berückſichtigt. Den Anſelm und mich wird man ſchon als Bürgen gelten laſſen und unſer Fürwort berückſichtigen. Jedenfalls aber“, ſchloß er,„müſſen Sie und die Gräfin irgend einen Beiſtand, einen Ver⸗ treter haben. Denken Sie ernſtlich nach! Die Frau 173 Gräfin muß Vernunft annehmen!— Jener alte Pfarrer, von dem Sie ſagten— der Herr Vater— ich ſag! es Ihnen ehrlich: dieſe Abneigung der Dame gegen den Vater ſpricht gegen ſie!— Denken Sie nach.“ Es kam, wie der alte Herr es geſagt und in Aus⸗ ſicht geſtellt hatte. Der Beamte des Gerichts, der ſich einſtellte und Henriette und die Zofe verhörte, trat wirklich mit der größten Milde und Nachſicht auf; wir dürfen von dem Lande, in dem dieſe letzten Vor⸗ gänge ſtattfanden, wohl anführen, daß daſelbſt von jeher und bis in die neuſte Zeit der Protection und der Fürſprache ein großer Einfluß geſtattet war und daß nicht minder auch der Rang eines Verdächtigen oder Angeklagten von Bedeutung und gelegentlich gro⸗ ßer Wirkung war. Und hier war Beides vorhanden: der ſehr beliebte und angeſehene Arzt und der nicht minder angeſehene Anſelm Mayer als Fürſprecher und der, da das Geheimniß nun einmal aufgegeben werden mußte, leicht zu beweiſende Name und Rang der verfolgten Frau. Es kam dazu, daß der erfahrene Criminalbeamte bald nicht weniger feſt als der Arzt und alle Andern von der Schuldloſigkeit der beiden Frauen überzeugt war. Und endlich lag auf dem Ge⸗ richt ſeit dem vorigen Abend das Anſchreiben eines andern, welches die Anzeige eines Irrenarztes von der 174 Flucht der ihm anvertrauten angeblichen Kranken und ſeine Angabe enthielt, daß er ſich nur erſt vollſtändig von der Geſundheit Henriettens habe überzeugen wollen, um alsdann den Fall, in dem er ein ſchweres Verbre⸗ chen ahne, dem Gericht zu übergeben. Soweit die Richtung, welche die Fliehende eingeſchlagen, verfolgt werden könne, führe ſie anſcheinend zu dem kleinen Hafenplatz. Man möge daher das Erforderliche thun, um ſie aufzufinden oder über ihr Verbleiben Auskunft zu geben. Die Verzögerung, die ſich hier herausſtellte, denn ſeit der Flucht Henriettens waren bereits über vier⸗ zehn Tage vergangen, ſchien nicht blos von dem Direc⸗ tor ausgegangen zu ſein, dem das von ihm eingehal⸗ tene Verfahren vielleicht ſelber nicht mehr als ganz richtig erſcheinen mochte, ſondern war auch eine Folge der bequemen und ein wenig patriarchaliſchen Weiſe, in der ſolche Dinge hier zu Lande betrieben zu werden pflegten. Man wollte und liebte nirgends Ueberſtür⸗ zung. Der Zuſtand der Kranken beſſerte ſich im Laufe des Tages ſo ſehr, daß der Beamte es wagen konnte, ihr in ſchonendſter Weiſe ein paar Fragen vorzulegen. Ihre Antworten waren indeſſen, wie vorauszuſehen, nicht von entſcheidendem Gewicht. Nachdem die Baro⸗ 175 nin ſich mit dem erbetenen Tuche entfernt hatte, war Charlotte zu ihrem unterbrochenen Frühſtück zu⸗ rückgekehrt, hatte aber nach dem erſten kleinen Schluck etwas wie einen elektriſchen Schlag durch ſich hinzucken gefühlt, ſodaß ſie kaum noch die Taſſe niederzuſetzen vermochte. Von allem Weitern wußte ſie nichts. Man ſah alſo nur, daß die verderbliche Miſchung in der Taſſe während ihres kurzen Ganges ins Nebenzimmer bereitet ſein mußte. Die telegraphiſche Depeſche flog nach B. hinüber, wo der Dampfer wirklich noch nicht angelangt war. Nach ſeiner Ankunft meldete die Antwort, daß die ge⸗ ſuchte Reiſende mit Dienerſchaft und Wagen auf ihre Bitte in einem andern kleinen Hafenort, den das Schiff ausnahmsweiſe berührt hatte, gelandet worden ſei. Eine neue Depeſche ging ab, allein die Sache wurde ſchwieriger, denn von jenem Hafenort führten zwei Ei⸗ ſenbahnen nach verſchiedenen Richtungen, und falls eine derſelben benutzt worden, war der inzwiſchen erreichte Vorſprung immerhin ſchon ein bedeutender. Am Abend dieſes Tages, als Liſette einen Augen⸗ blick hinabgegangen war, um friſche Luft zu ſchöpfen, und gegen die Hausthür kam, trat ihr einer entgegen, bei deſſen Anblick ſie mit einem dumpfen Schreckensruf wie vor einem Geſpenſt zurückwich. Und zugleich ſagte 176 der Mann mit einer Art Triumph, wenn auch nicht laut:„Na, nu ſei Gott getrommelt und gepfiffen! Sie ſind's, Fräulein Liſette, und ſo hab' ich Euch doch gefunden!“ „Chriſtoph“, ſtammelte das Mädchen,„kann Ihr Herr es wagen—“ Aber er— es war wirklich der uns bekannte entlaufene Diener— ließ ſie nicht ausreden.„Liſett⸗ chen“, ſagte er,„haben Sie keine Angſt! Der Herr Major war mein Mann nicht— Sie müſſen's gemerkt haben! Ich bin jetzt bei einem andern Herrn, das iſt der Bilingsfelden, ein Herr von Ehre und Courage— man geht für ihn durchs Feuer. Er hat bei ſo einem verfluchten Eiſenbahnmalheur beinahe Arme und Beine gebrochen, ſonſt wären wir ſchon längſt hier geweſen. Denn wir ſind hinter Euch drein, in G. geweſen und dem kleinen Neſt, dem Dings da, und dann herabge⸗ ſtreift, der Herr links und ich rechts, und wieder zu⸗ ſammen und uns berathen und wieder fort, er rechts und ich links, und ſo bis hierher, an den See— er iſt drüben in R. Und er hat eine grauſame Angſt, daß er zu ſpät kommt—" „Zu ſpät kommt?“ murmelte Liſette. „Ja, Fräulein Liſettchen! Er hat etwas gehört, daß man der armen Gnädigen zu Kleide will, ich weiß 177 nicht, ob er, der Schuft, oder die Hildegard oder gar die falſche Spinne, das alte Fräulein. Und da⸗ rum Gott Lob, daß ich Sie finde. Die arme Dame iſt doch wohl auf?“ Nach einer langen Pauſe ſagte das Midchen gepreßt: Sie iſt heute Morgen beinahe geſtorben.“ „Beinahe geſtorben? Alſo doch nicht ganz. Na, Gott Lob! Ich möcht's mit dem Herrn nicht erleben!“ rief Chriſtoph.. „Es waren geſtern Fremde da— man hat ſe vergiften wollen, Chriſtoph!“ „Fremde? Vergiften? Teufel! Donnerwetter! Ken⸗ nen Sie die alte Spinne nicht?“ „Chriſtoph—“ „Das alte Fräulein Othmaringen, die Stiftsdame, die Aurelie— ſo was zwiſchen fünfzig und ſechzig, groß, hübſch rund, ſanft, ſcheinheilig, himmelnde Augen, lauter Honig—“ „Chriſtoph— ſo war— „Reiſende? Ein alter ſcheinheiliger Schuft von Diener, eine ſcheinheilige alte Kammerkatze—“ „Chriſtoph, ſie waren's!“ rief das Mädchen außer ſich. „Na, und die arme Dame lebt? Na, Liſettchen, da wollen wir Halleluja ſingen, wie die Engel im Hoefer, In der Welt verloren. IV. 12 178 Himmel! Die laufen uns nicht fort, die kriegen wir! Und mein Herr— o Du lieber Gott, wenn ich ihn nur erſt hier hätte! Liſettchen, ſagen Sie, kann man da ein Glas Wein trinken? Ich bin ganz elend von all dem Herumlaufen und der Freude! Hernach will ich telegraphiren.“ Neuntes Kapitel. Der Retter. „Ich kann es Ihnen leider nicht verbergen, mein Fräulein“, ſagte er, und die Brauen über den finſter blickenden Augen rückten noch ein wenig näher zuſam⸗ men und die Stirn faltete ſich noch tiefer,„eine ſolche Zurückgezogenheit, an ſolchem, an dieſem Platz, zu ab⸗ gelegen und einſam, als daß man in der Welt von ihm wüßte und nach ihm ſchaute, und doch nicht ab⸗ gelegen und einſam genug, als daß nicht dieſer oder jener, dem gerade darum zu thun, ihn dennoch auffinden und hier nur um ſo ſicherer ein böſes Spiel verſuchen ſollte, die verſtehe ich nicht und weiß ſie kaum recht mit der Geiſtesklarheit und dem Lebenstakt zu verbin⸗ den, die ich ſtets an der Gräfin bewundern hörte und 12* 180 doch auch ſelbſt zuweilen bewundern durfte! Sehen Sie, was hat Ihnen dieſer Platz genützt?“ fuhr er mit einer Art von Bitterkeit fort.„Jene haben Sie doch hier gefunden und nur mit deſto größerer Ruhe und Sicherheit ihren Schlag gethan. Daß derſelbe mißlang, das iſt Gottes Wille geweſen. Sagen Sie ſelbſt, war die Miſchung ein wenig ſchwächer, ſodaß nicht gleich dieſe furchtbare Wirkung erfolgte und die Gräfin vielleicht die ganze Taſſe leerte, kam die Jungfer fünf Minuten ſpäter, war die Hülfe nicht ſo ſchnell bei der Hand, hatte der Arzt nicht einen ziemlich ähnlichen Fall vor kurzem zu behandeln gehabt, ſodaß er keinen Augenblick über das Vorliegende in Zweifel blieb— ſagen ſie ſelbſt, mein Fräulein, ob Sie oder auch nur der Arzt ſelbſt die Wahrheit, das Verbrechen geahnt hätten und eine Anklage zu erheben im Stande geweſen wären? In einem Gaſthofe, einer Penſion— wer ſchließt die Beſucher aus, wer hält ſie ſich fern, wer darf ſie ver⸗ dächtig finden?“ Henriette, welche tief in die Sophaecke zurückgelehnt ſaß und, als ob ſie fröſtele, die Mantille feſt um die Schultern zuſammengezogen hatte, nickte, ohne aufzu⸗ blicken, finſter vor ſich hin.„Das Alles habe ich mir auch ſelbſt geſagt“, verſetzte ſie.„Das habe ich auch vorausgeahnt und Liſetten ſogar bei meiner Ankunft 181 ausgeſprochen. Wenn man uns hier entdeckte, ſo blieb auch der Angriff nicht aus, wußte ich. Einen ſolchen freilich habe ich nicht gefürchtet. Aber gleichviel, Herr Baron, Charlotte wollte nichts von einem Ortswechſel hören. Wir hatten keinen Einfluß.“ Nach einer Pauſe ſagte der Baron— brauchen wir ihn noch als Bilingsfelden zu nennen?— kopfſchüttelnd: „Und um ſo weniger begreife ich es. Sie war doch ſonſt nicht ſo unzugänglich! Sehen Sie, gerade im Gaſt⸗ hofe! Jedes Privathaus wäre ſicherer geweſen! Und wenn ſie ſo wenig an ihre eigene Sicherheit dachte, konnte man's ihr denn nicht klar machen, daß ſie ſich durch dieſe Zurückgezogenheit auch von allen trennte, die es gut mit ihr meinen, und ihrem Vater, den Ihren jede Annäherung unmöglich machte?“ Henriette blickte ſcheu auf.„Herr Baron, gerade von dem Vater, den Ihren—“ „Ich weiß, ich weiß!“ unterbrach er ſie, jetzt noch mit mehr Trauer als Finſterkeit.„Ich begreife ſehr wohl, was ſie bisher gerade von Othmaringen fern gehalten, was ſie im Vater gerade ihren unerbittlichſten Richter hat ahnen laſſen. Allein ich weiß jetzt gut genug, daß auch er anders denkt— vom Pfarrer wußte ich es längſt—“ „Sie waren in Othmaringen?“ fragte ſie. 182 breitet dort jetzt die Arme verzweiflungsvoll nach ihr aus. Sie wiſſen dort von mir und wie ich ſie ſuche, und harren voll qualvoller Sehnſucht auf die endliche Kunde.“ „Sie will nicht“, ſagte Henriette düſter;„und was ſie mir vom Vater erzählt hat, ſpricht leider für ihre Anſicht.“ Nach einem langen, feſten, gedankenvollen Blick ſprach Bilingsfelden:„Und wenn das Alles ſo iſt und vielleicht ſo ſein muß, bedachte und bedenkt ſie denn auch nicht den furchtbaren Nachtheil, den ihr dieſes Verſchwinden bringen muß? Daß ſie den Verleum⸗ dungen und Lügen der Feinde freie Bahn läßt, ja die⸗ ſelben anſcheinend rechtfertigt? Daß ihr Ruf unheilbar vernichtet wird, unwiederbringlich verloren geht? Was hilft es, daß ich Florian Hausmann die Augen öffnete, daß ich in der Reſidenz für ein richtiges Urtheil über den Grafen und ſein Handeln beſorgt war? Wird dadurch ihr Handeln, ihr Verſtummen und Verſchwin⸗ den auch jetzt noch erklärt und gerechtfertigt? Im — 183 Gegentheil, die Lügen und Verleumdungen, die man von Anfang an ausbreitete, gewinnen dadurch nur mehr Platz, nur mehr Halt und Boden, wiederhole ich, und finden mehr und mehr Gläubige. So erfahre ich aus der Reſidenz. Selbſt Conſtanze glaubt daran, ſchreibt man mir, und dadurch komme auch ich denn noch mehr ins Spiel als durch die Anklagen Anderer. Das würde mir gleichgültig ſein; man hat das ſchon früher benutzt, um die unglückliche Frau von mir zu entfernen, nur daß man damals die Gräfin ſelbſt wohl aus dem Spiel laſſen mußte. Aber es iſt mir um ihretwillen nicht gleichgültig! Das Rettungswerk wird immer ſchwieriger. Denn wenn das Alles ſich erſt feſt⸗ ſetzt, wenn das Alles nicht durch ſie ſelbſt auf das glänzendſte widerlegt wird— ſagen Sie, Henriette, wie kann, wie ſoll meine Vertheidigung Alles wieder gut machen? Und ſelbſt wenn man den Grafen für einen Nichtswürdigen hält, wird ſeine Nichtswürdigkeit nicht gewiſſermaßen entſchuldigt durch ihre vollkommene Gleich⸗ gültigkeit— wer kann es anders auslegen?— oder noch ſchlimmer, durch ihr Handeln und Treiben, von dem man nur durch ſeine Lügen und Verleumdungen erfährt? Und noch ſchlimmer: ihr Handeln, wie man es heißt, oder ihr Nichthandeln, wie wir es kennen, iſt, ſo zu ſagen, für alle Welt ſichtbar, während ſeine Nichts⸗ 184 würdigkeit nur von mir allein behauptet und allenfalls von den Wenigen geglaubt wird, welche ihn beſſer kennen lernten als die große Menge. Ich“, fügte er finſter hinzu,„bin ein einzelner Mann, mag mein Wort auch heute noch ſeine volle Geltung haben für alle, die mich kennen. Aber es iſt ein einzeln Wort. Ich habe nicht einmal die Gräfin ſelbſt zum Zeugen! Und darum, muß ich geſtehen, erſcheint mir dieſer neue An⸗ griff wie ein gar nicht zu überſchätzendes Glück, ja ich würde ihn ſelbſt dann noch für ein ſolches halten, wenn er auch gelungen wäre. Es iſt ein unwiderlegliches Zeugniß für uns und gegen ſie. Denn daß Aurelie Othmaringen nicht blos für ſich handelte, das wird ſich bald nachweiſen laſſen.“ Henriette hatte dieſer böſen und, wie ſie ſelbſt nur allzugut wußte, leider durch und durch richtigen Aus⸗ einanderſetzung ohne Bewegung, mit düſterem Schweigen gelauſcht und beharrte auch, nachdem Bilingsfelden geendet, noch eine ganze Weile in demſelben. Als ſie endlich aufſchaute, traf ihr Auge mit einem eigenthüm⸗ lich dunkeln Blick auf das finſter ſinnende des Barons, und ſie ſagte gedämpft:„Dagegen kann ich nur in einem Punkte etwas einwenden. Es gibt dennoch einen Zeugen für Sie und ein weiteres Zeugniß gegen ihn.“ Sein Auge blitzte und durch ſeine Züge glitt etwas 185 wie ein jäher Schreck.„Henriette“, ſagte er zwei⸗ felnd,„wäre es möglich? Ich hatte eine Ahnung— denn wie ſollte ſie ſonſt ſo ſchnell unterrichtet worden ſein?— allein ich wies ſie zurück—“ „Und dennoch trafen Sie das Richtige“, unterbrach ſie ihn mit dem gleichen Blick, in demſelben Ton. „Sie ſelbſt, Henriette? Aber erklären Sie mir—“ „Das iſt, denke ich, gleichgültig“, fiel ſie kalt ein. „Genug, ich war der Zeuge— nicht des Verbrechens, aber der Vorbereitung zu demſelben und des aus⸗ geſprochenen Willens—“ „Fräulein Henriette“, ſagte er plötzlich— er war leichenblaß geworden, obſchon ſein Auge voll finſtern Drohens war—„ſagen Sie mir auf Ihre Ehre, auf Ihr Gewiſſen, haben Sie, hat die Gräfin auch nur eine Sekunde lang geglaubt, daß mir mehr bekannt geworden ſein könne als jener ausgeſprochene Wille des Elenden? Seine Abſicht war deutlich genug.“ „Nein, Herr Baron“, verſetzte ſie ernſt und feſt. „Aber geändert wird dadurch, wie Sie ſelbſt begreifen, nichts. Daß Sie— daß irgend Jemand“, unterbrach ſie ſich,„von jenem Willen, von jenen Vorbereitungen unterrichtet, ja daß die einen überhaupt gemacht und der Andere vorhanden war, das ſchied ſie von ihm und trieb ſie in die Flucht. Das hat ſie auch von 186 mir entfernt und mich nur ſchwer und erſt jetzt wieder aufnehmen laſſen. Und wie ſie darin über Sie denken wird— ich weiß es nicht.“ „Als ich mich überzeugt hatte, daß er ſie wirklich zum Bleiben aufforderte, verließ ich das Gemach und Haus“ ſprach er düſter. „Das hab' ich nicht gewußt, Herr Baron; aber wie ich ſage: geändert wird durch dies Mehr oder Weniger nichts. So ſieht ſie ſelbſt es an. Ich will Sie daher auch nur aufmerkſam machen: ob ſie Sie ſehen will und wird, das iſt ſehr zweifelhaft. Es iſt etwas in ihr, das ich nicht näher zu bezeichnen vermag, Sie müſſen es ſchon aus ihrem bisherigen Handeln oder Nichthandeln erkannt haben. Ich möchte ſagen: in dem gleichen Augenblick, da ihr Herz zerſprang, zog ſich in ihrem armen Kopfe etwas zuſammen in unnatürlicher, undurchdringlicher Härte und Starrheit.“ „Sie ſagten auch noch von einem Zeugniß gegen ihn, Henriette?“ fragte er nach einer langen, nachdenk⸗ lichen Pauſe. „Allerdings, Herr Baron“, gab ſie wieder kalt zur Antwort.„Ahnte er mich als Zeugin und wollte er dieſelbe unſchädlich machen, oder ſpielte dabei noch ein anderer Zweck— genug, er machte mich unſchädlich, nach Kräften.“ 187 „Als ich durch den Pfarrer erfuhr, daß er Sie im Brief an ſeine Mutter als Begleiterin Charlottens ge⸗ nannt hatte, während ich das Gegentheil wußte, ahnte ich irgend einen neuen Schurkenſtreich. Er hat Sie alſo wirklich verhindert?“ „Ja, Herr Baron. Er ließ mich“— ſie lächelte bitter—„in ein Irrenhaus bringen, wo ich über vier Wochen blieb, bis ich entfliehen konnte und, durch die Gnade Gottes den Verfolgern entgehend, hierher und zu Charlotten gelangte.“ Und da ſie hörte, daß ſeine Zähne an einander knirſchten, fügte ſie hinzu:„Sehen Sie die Sache an, wie ſie iſt— als ein Glück! Ich bin nicht ſchlecht behandelt worden. Und daß man mich ſo lange feſthielt, verdenke ich ihnen nicht— ich war in den erſten Tagen meiner nicht mächtig.“ „Das iſt denn allerdings ein Zeugniß“, ſagte er nach einer Pauſe des finſtern Anſchauens,„aber wir dürfen es auch nicht ruhen laſſen—“ „Es iſt Alles ſchon im Gang“, fiel ſie ein.„Nun aber, Herr Baron, wird es Zeit für mich, nach ihr zu ſehen und ihr meine lange Abweſenheit zu erklären. Ich glaube, Herr Baron, ich ſchweige noch über Sie. Sie iſt noch zu ſchwach und— ich muß das wiederholen— innerlich über jene Stunde und die Mithandelnden gar zu— gar zu entſchieden.“ 188 „Sie haben Recht“, ſprach er mit ruhigem Ernſt, „laſſen Sie mich noch verborgen bleiben. Ich will uns Succurs von Othmaringen rufen. Der Pfarrer zum wenigſten, hoffe ich, wird noch Gehör bei ihr finden.“ Henriette ſchüttelte zweifelnd das Haupt, aber ſie machte keine Einwendungen. Bilingsfelden hatte, wie die Leſer bereits von Mon⸗ ſieur Chriſtoph erfuhren, bei der früher berichteten Ent⸗ gleiſung des Nacht⸗Kurierzuges wirklich eine nicht un⸗ bedeutende Verletzung davongetragen, welche für ihn um ſo peinlicher war, als ſie ihn für eine Zeit zur Unthätigkeit verdammte, die aller Vermuthung nach nicht wieder zu erſetzen war. Denn daß man auf ſeiten der Gegner, da man von ſeiner Thätigkeit nicht nur erfahren hatte, ſondern auch demnächſt die Wirkungen kennen lernen mußte, nicht länger mit der bisherigen verhältnißmäßigen Vorſicht und Scheu weitergehen, ſon⸗ dern entſcheidende Schritte verſuchen würde, konnte er ſowohl aus dem aufgefangenen Briefe abnehmen, als auch aus ſeiner Kenntniß der Perſonen folgern. Zumal die in Ausſicht geſtellte Betheiligung der Stiftsdame beunruhigte ihn ernſtlich. Denn abgeſehen davon, daß er als ſcharfer Menſchenkenner die Dame vordem, da er zuweilen im Hauſe des Miniſters verkehrt, ſchon bei 189 weitem anders beurtheilt als die Meiſten und zufällig einmal einen Einblick in den ſtillen, aber furchtbaren Haß gewonnen hatte, den ſie vor allen den Verwandten widmete, mußte er auch vorausſetzen, daß die Dame Charlotten völlig unbekannt geblieben ſei und daher bei irgend einem wirklich verſuchten Angriff ihr nur um ſo gefährlicher werden müſſe. Es war für den Baron eine nicht geringe Ueber⸗ raſchung und zugleich, unter den jetzigen Umſtänden, wirklich etwas wie ein Troſt, als der erſte Menſch, der zur Hülfe an ſeiner Seite erſchien, ſich als Chriſtoph offenbarte. Wie dem Burſchen es gelungen war, ſeine Abreiſe mit dem einen Zug glaublich zu machen und den andern zu benutzen, darüber gab er auch ſeinem jetzigen Herrn keinerlei Erklärungen. Er gab nur an, daß er, von Bilingsfelden's Abſichten unterrichtet und nur allzu gut bekannt mit Dagobert's Rachſucht, mit ſeinen Ränken und Plänen, ſeine Begleitung nicht nur für nützlich, ſondern auch für nothwendig befunden und daher Bilingsfelden ſich angeſchloſſen habe. Er meinte, wäre er nur einmal, in hübſcher Entfernung von der Reſidenz, bei dem Herrn, ſo würde ſich das Uebrige von ſelbſt machen und er ſich ſchon brauchbar erweiſen. Daß ihm der beſtimmte Aufenthalt zu Neideck ein wenig unbehaglich erſchienen und er eine längere Strecke 190 zwiſchen ſich und der Reſidenz für dienlicher und er⸗ wünſchter gehalten hatte, war freilich ſehr begreiflich, aber auch nicht minder verzeihlich. Der Burſche bewies übrigens gleich anfangs, daß er ſich nicht zu viel zugetraut hatte. Er ſorgte vor allen Dingen dafür, daß der Baron in aller Ruhe und Sicherheit wieder geneſen konnte, unterhielt daneben eine Verbindung mit der Reſidenz, die neben vielem für Bilingsfelden Gleichgültigen auch die Nachricht von der Abreiſe der Stiftsdame brachte und damit, ſeine ſchlimmſten Befürchtungen beſtätigend, ſeine Ungeduld über den Aufſchub bis zu einer Art von Verzweiflung ſteigerte. Seine Geduld ſollte aber freilich auf faſt noch härtere Proben geſtellt werden, als ſie, in G. endlich anlan⸗ gend und den letzten Aufenthaltsort der Gräfin heim⸗ ſuchend, von ihrer längſt geſchehenen Abreiſe erfuhren und außer der erſten Richtung keinerlei Spur von ihrem Verbleiben entdeckten. Hier erſt zeigte ſich Chriſtoph's arg verkannte Pfiffigkeit und Gewandtheit im glän⸗ zendſten Licht. Es war wirklich, als gäbe es in ihm etwas von der eigenthümlichen Begabung, die den echten Spürhund vor allen andern Geſchöpfen aus⸗ zeichnet und ſeine Verfolgung ſelbſt in den verzweifelt⸗ ſten Fällen noch zu einem Erfolg gelangen läßt. Wie 191 es Chriſtoph gelang, eine Spur der Verſchollenen aufzu⸗ finden und ihr immer von neuem wieder zu begegnen, erfuhr ſein Herr von ihm nicht, möglicherweiſe wußte er das ſelbſt nicht, ſondern begnügte ſich gemüthsruhig mit dem Factum; Bilingsfelden ließ ihn aber ver⸗ trauensvoll gewähren, nur daß er je länger, deſto un⸗ geduldiger und beſorgter vorwärts drängte. Denn die Zeit verging raſch, und was er von daheim, durch Chriſtoph's Correſpondenten und durch Delmar, erfuhr, machte ihm das Herz täglich ſchwerer. Er hatte in dem Geſpräch, das er, von dem Diener nach dem ſtillen Hafenort berufen, gleich nach ſeiner Ankunft mit Henrietten begonnen, bei weitem nicht Alles, nicht das Richtige ausgeſprochen, was er aus der Heimat über den unſeligen Fall und ſeine Beur⸗ theilung von ſeiten der Geſellſchaft erfahren hatte. Die Vorſicht oder Scheu, welche Felix bisher in einer verhältnißmäßigen Unthätigkeit erhalten, war jetzt, ſei es, daß ihn Charlottens vollſtändiges Schweigen und Verſchwinden ermuthigte, ſei es, daß die über ihn nun erſt ernſtlicher auftauchenden Gerüchte ihm die Verthei⸗ digung nothwendiger erſcheinen ließen, oder was ſonſt ihn bewegen mochte, von der größten Rührigkeit abge⸗ löſt worden. Man ging dort, und zwar erſichtlich nicht Felix allein, mit einer Schlauheit und Rückſichtsloſig⸗ . keit vorwärts, die nichts aus den Augen ließ und vor nichts zurückbebte. Es kamen immer neue und immer bedenklichere Gerüchte über Charlotte in Gang, die ſich nicht mehr an ihre letzten Schritte knüpften, ſondern ſich auch ſchon mit den letzten Wochen in*⸗ beſchäf⸗ tigten und ihre damalige Erregtheit und Ruheloſigkeit auf das geſchickteſte zu verwenden und auszubeuten wußten. Dabei wurde nicht nur Dagobert's und mehr als eines Andern Namen, ſondern auch Bilingsfelden genannt und zu verſtehen gegeben, wie derſelbe ja be⸗ reits vordem auf das Mädchen einen Eindruck gemacht und von ihm einen ſolchen empfangen habe; dieſer Eindruck ſei nunmehr verfolgt und verwerthet worden und es bedürfe daher kaum noch einer Erklärung, was Bilingsfelden mit ſeiner Anklage des Grafen bezweckt habe. Daß die Gräfin Dagobert nur als Deckmantel benutzt habe, ſei glaublich, wenn auch noch nicht er⸗ wieſen. Daß ſie ſich von ihm getrennt habe, ſei um eines Andern willen geſchehen, gleichviel ob dies ein unbekannter Dritter oder Bilingsfelden geweſen ſei. Daß dieſer jetzt mit ihr umherziehe oder irgendwo ein idylliſches Leben führe, ſei gewiß, ſeit man wiſſe, daß er bei jenem Eiſenbahnunfall davongekommen und her⸗ nach auf der Reiſe hier und da erkannt worden ſei. Man wußte nun mit einem Mal genug von dem 193 Leben des in** verſammelten Kreiſes. Man wußte, wie leidenſchaftlich ſich der Graf ſeiner Gemahlin ge⸗ widmet hatte, wie er ſich nach und nach, beſtürzt und verletzt durch ihre Kälte, durch— ſo hieß man es— zunehmende Rückſichtsloſigkeit und Schrankenloſigkeit, zu⸗ rückgezogen und ſich nun erſt, halb verzweiflungsvoll und um dadurch möglicherweiſe ſeine Frau zur Beſin⸗ nung zu bringen, einer andern Dame zugewandt habe; wie ſie, die früher ſo Tadelloſe und Strenge, ſich nun aber ſtets gleichgültiger hier, ſtets verletzender da habe gehen laſſen; wie der Gatte ſie noch am letzten Morgen in einer Situation mit— der Name wurde ſchonend nicht genannt, ſondern nur angedeutet— überraſcht habe; wie— kurz, es wurde das Alles, was wir vordem er⸗ lebten, auf das ſchonungsloſeſte verwendet und her⸗ beigezogen. Und man erkannte nun, wie Dagobert in Mancher Sinne dennoch nicht der völlig nichtige Menſch geblieben und wie ſein Treiben dennoch genügt hatte, die Gräfin gewiſſermaßen zu compromittiren; und man erkannte wiederum, daß ſelbſt ihr fleckenloſer Ruf, ihr tadelloſes Leben, die große ihr gewidmete Verehrung nicht ausgereicht hatten, ſie gegen Mißdeu⸗ tung und Verdacht zu ſchützen, als ſie mit jener den Meiſten räthſelhaft erſcheinenden Erregtheit und Ruhe⸗ loſigkeit ſich dem Treiben und dem Ton der Geſellſchaft Hoefer, In der Welt verloren. IV. 13 194 überließ. Denn wenn dieſe Stimmen, die jetzt über jene Wochen und Monate zu*s laut wurden, ſich nicht gerade mit Freundlichkeit und Entſchuldigung über den Grafen äußerten, vielmehr auch ſein Treiben und ſein Verhältniß zu der Frau von Reuterholm ein extra⸗ vagantes hießen, ſo kam das doch der Gräfin wenig zu gute. Es ging hier wie immer in ſolchen Fällen: der Mann fand im Grunde nur Achſelzucken, wo die Frau auf das ernſteſte angeklagt, ja ſchon verurtheilt wurde. Und es war leider mit dieſem Allem nicht genug. Dieſe— ſagen wir: Darſtellung, Anklage, Verleumdung erhielt eine Beſtätigung von zwei Seiten her, wo man bisher nichts als Schweigen gefunden hatte und ſie, zum mindeſten von der einen, am wenigſten hatte be⸗ fürchten können. Dagobert brach, da er bemerkte, wie auch er in die Sache verwickelt und nicht gerade zu ſeinem Vortheil gezeichnet wurde, ſein bisheriges mür⸗ riſches Schweigen in der ſchlimmſten Weiſe der giftigen Andeutungen, die weniger verriethen als errathen ließen, daß ſeine Trennung von der Gräfin erfolgt ſei, als er bereits einen und zwar den willkommenſten Nachfolger in ihrer Gunſt ſich habe nähern ſehen. Auch hier wurde Bilingsfelden's Name genannt. Und endlich ließ eines ſchönen Tages die alte, bei dem Fürſten Hermann 195 lebende und repräſentirende Prinzeſſin den Comman⸗ deur der Leibgarde zu ſich rufen und erklärte ihm, wie taktlos die Vertheidigung Bilingsfelden's und die Ver⸗ urtheilung des Grafen Felix von ſeiten des Offizier⸗ corps ſei, da ſie jetzt durch die Prinzeſſin Conſtanze ſelbſt erfahren habe, daß die ganze Affaire nichts als ein zwiſchen der unwürdigen, entlaufenen Frau und dem ebenſo unwürdigen frühern Gemahl der Prinzeſſin abgekartetes Spiel ſei, von ſeiner Seite wenigſtens ſchon längſt gemiſcht und jetzt zum Austrag gebracht. Sie— Conſtanze— habe die Beweiſe, daß beide jetzt vereint ſeien und durch die Schweiz und Oberitalien reiſten. Dieſe Nachricht und zugleich die ernſte Mahnung, die Sache auch um ſeiner ſelbſt willen nicht allzu leicht zu nehmen, kam Bilingsfelden durch Delmar zu. Sie hatte im Offiziercorps bereits einen ihm ſehr nachthei⸗ ligen Eindruck gemacht. Der Baron knirſchte und betrieb die Verfolgung und Entdeckung der armen, mißhandelten, von aller Welt verlaſſenen Frau nur um ſo eifriger und raſt⸗ loſer. Er mußte ſeine Revanche verſchieben, bis er zuerſt ihr dieſelbe bieten, bis er ihr Hülfe und Ret⸗ tung bringen konnte. Daß er die eigene ſich verſchaffen würde, ſobald die Zeit dazu gekommen, deſſen war er ſicher genug. 13* 196 Und nun hatte er ſie entdeckt, und nun fand er den Lohn für ſeine Selbſtverleugnung in dem Angriff auf Charlotte und noch mehr in Henriettens letzten Nachrichten. Die Revanche war ſchon da, nur daß er ſie nicht mehr zu nehmen brauchte; für ihn trat der Richter und das Geſetz ein. Es gingen ein paar ſtille Tage hin; die Gräfin er⸗ holte ſich unter der Aufſicht und Hut des Arztes und unter der Pflege ihrer Getreuen von dem furchtbaren Stoße, den ihre Natur erlitten hatte, ſchneller, als man es hatte hoffen können. Neue oder auch nur nähere Erklärungen über das Verbrechen und die Verbrecherin vermochte ſie nicht zu geben. Aber man forſchte auch nicht mehr danach, war man doch ſicher genug, daß die Sühne für die Verletzung alles göttlichen und irdiſchen Rechts nicht ausbleiben werde. Von Bilingsfelden erfuhr ſie nichts. Es war nicht ſchwer, ſich vor ihr, die das Zimmer kaum erſt ver⸗ laſſen konnte, verborgen zu halten. Und da er ſich mit dem Gericht und den Behörden in Verbindung ge⸗ ſetzt und auch dem alten Wirth und den Seinen gewiſſe Aufklärungen gegeben hatte, ſo ſiel auch von dieſen Seiten nichts vor, was die Dame vor der Zeit überraſcht und erſchreckt hätte. Wenn freilich dieſe Zeit da ſein, wie ſie Bilingsfelden aufnehmen, was ſelbſt er von ihr für 197 die Zukunft erlangen werde, die Fragen quälten die Getreuen und vor allen Henriette ernſtlich. Denn die Gräfin war wie damals in der Stunde ihrer Flucht und auch ſpäter, bis Dagobert's Zudringlichkeit ſie auf⸗ geſchreckt hatte und es dann allmälig, zumal ſeit dem hieſigen friedlichen Aufenthalt, beſſer geworden war: es lag eine Art von Betäubung auf ihr, eine eiſige Gleichgültigkeit gegen Welt, Leben und Menſchen, und es offenbarte ſich dennoch die finſterſte Starrheit gegen Alles, was ſie in das Leben, zu den Menſchen zurück⸗ zurufen verſuchte. „Charlotte, mein Herz, der Arzt und alle treiben uns von hier fort“, ſagte Henriette einmal wie zur Vorbereitung.„Du darfſt nicht an dieſem Platz, Du darfſt nicht in dieſer ſchutzloſen Lage bleiben. Wer kann wiſſen, was man von neuem gegen Dich ver⸗ ſucht?“ „Wenn ſie's noch können, wer verhindert ſie an⸗ derwärts?“ verſetzte ſie kalt.„Laßt mich hier. Es iſt mir hier wohl. Ich will nichts mehr von den Menſchen.“ „Charlotte, mein Herz, wer hindert Dich, in der ruhigſten Einſamkeit zu leben? Aber in einer Einſam⸗ keit, wo Dir Schutz und Liebe nahe iſt?“ „Was ich hier und von Liſetten und Dir nicht habe, finde und ſuche ich auch anderwärts nicht.“ 198 „Kannſt Du wirklich noch fürchten, daß Dein Vater, daß Tante Soldnau, daß Florian Hausmann auch jetzt noch verſchloſſen gegen Dich ſind, daß ſie nicht weit die Arme ausbreiten, Dich aufzunehmen, Dich zu hüten, zu pflegen, zu tragen?“ „Ich fürchte gar nichts, Henriette, ich weiß nur.“ „Sieh, Charlotte, es iſt mir ſo eingefallen: da iſt das kleine ſtille, hübſche Schöneck, das Haus Deiner Mutter. Das iſt ganz Dein Eigenthum. Da ſtört Dich nichts und Niemand, wenn Du nicht willſt. Es ſind noch alte Diener da von Deiner Mutter her. Und Florian iſt nahe und—“ Die Gräfin ſchaute auf. Es ſchien ein neuer Ge⸗ danke für ſie zu ſein, was Henriette angedeutet hatte. Ihr Auge war feucht und in ihren Zügen wurde es hell. Aber ſchon in der nächſten Sekunde wurde Alles wieder ſtill und träumeriſch, das Auge ſenkte ſich und ſie ſagte eintönig:„Laßt mich nur, Kinder! Dort oder hier— ich bin Euch und mir überall verloren.“ „Hat ſie nie geſagt, daß ſie ein Kloſter auf⸗ ſuchen möchte?“ fragte Henriette uach dieſer traurigen Unterhaltung die Zofe.„Alles, was ich an ihr ſehe und von ihr höre, es ſcheint mir mehr als je zu einem Entſchluß zu drängen.“ Liſette ſchüttelte den Kopf.„Davon hörte ich nie etwas, Fräulein, und glaub' es auch nicht. Die Sünde, die ſie in ſich finden will— Sie verſtehen mich ſchon— die weicht auch im Kloſter nicht von ihr und läßt ihr auch dort keinen Frieden. Ich fürchte ganz etwas An⸗ deres“, fügte das Mädchen mit bebender Stimme und aufquellenden Thränen hinzu.„Wenn wir ſie nicht auf⸗ reißen können aus dieſer Stumpfheit und Gleichgültig⸗ keit, aus dieſen quälenden Vorſtellungen, aus dieſer Angſt vor ſich ſelbſt und— Fräulein, mir iſt, als ſollte mir das Herz brechen!“. „Doctor, ſie kommt mir krank, ja ſie kommt mir ernſtlich gefährdet vor“, ſprach Bilingsfelden, nachdem er von Henrietten gleichfalls jenes Geſpräch erfahren hatte, ſorgenvoll zu dem alten Arzt.„Es ſcheint mir, daß wir Alles riskiren, wenn wir ſie aus dieſen be⸗ täubenden Träumen erwecken, und dennoch— muß es nicht am Ende ſein? Ich habe vorhin endlich die Briefe von den Ihren erhalten, vom Vater, von der alten Tante, von dem braven Pfarrer, und weiß aus des letztern Mittheilungen an mich, was ſie enthalten. Es iſt darin nichts als Liebe und Verſöhnung, die flehende Bitte um Rückkehr, die Bitte, meine Begleitung anzunehmen. Ich kann und will auf die letztere nicht verzichten. Ich bin ſie ihr und mir ſchuldig. Ich kann nur dann den in⸗ famen Gerüchten mit Erfolg entgegentreten, die auch, 200 wenn die Verbrecher ſelbſt von der Bühne abtreten, nicht ſchweigen werden. Und dennoch—“ „Und dennoch, es muß ſein!“ unterbrach ihn der Arzt entſchieden.„Kranke von ihrer Art— denn krank iſt ſie freilich— können ſo zu ſagen nur gegen ihren Willen gerettet werden. Und endlich— ich fürchte nichts Schlimmes. Das iſt eine eiſerne Natur, trotz all der Phantaſien und Träumereien. Uebrigens werde ich in der Nähe ſein und die Augen offen haben.“ „Charlotte, mein Herzenslieb“, ſagte Henriette am Abend dieſes Tages zu der wiederum am Fenſter ſitzenden und auf den grauen See hinausträumenden Freundin, nſie wiſſen jetzt daheim von Dir, und es iſt gegangen, wie ich immer hoffte: ihre Briefe ſind da, die Dich zu⸗ rückrufen in Dein ſtilles Othmaringen, Dich zurückfor⸗ dern an ihre treuen, liebevollen Herzen, von allen, Char⸗ lotte, von Florian, von der Tante, von Deinem Vater—“ „Von meinem Vater?“ wiederholte die Gräfin dumpf und zweifelnd. „Von Deinem Vater, Charlotte, der Dich noch einmal an ſein Herz drücken will und Deine Verzeihung erhofft, bevor er—" „Mein Vater!“ murmelte ſie wieder. Die Thränen floſſen leiſe, leiſe über die bleichen Wangen. „Ja, Dein Vater! Die Briefe ſind da— willſt Du 201 ſie leſen? Willſt Du auf die Deinen hören? Und es iſt auch ein Bote da, der ſie Dir bringt, der Dich zurück⸗ führt in die Heimat, er, der Einzige, der Dir ſtets getreu blieb, der Dir folgte zu Rettung und Schutz—“ „Ein Bote?“ Sie fuhr jäh empor, von dunkler Röthe übergoſſen.„Es iſt nicht möglich— er kann es nicht ſein! Ich kann ihn nicht—“ „Und ich bin es dennoch, und Sie müſſen mich den⸗ noch ſehen und mir dennoch folgen!“ ſagte in dieſem Augenblick Bilingsfelden, die Thür aufſtoßend und mit ein paar raſchen Schritten zu ihr tretend, mit feſter, ruhiger Stimme. Er hielt ihre Hände in den ſeinen, er ſchaute ihr ernſt und treu in die entſetzt ihn anſtar⸗ renden Augen.„Sie müſſen ſich ſelbſt, Sie müſſen mich wiederfinden, Charlotte, nicht, wie Sie uns träumen, ſondern wie wir ſind. Sie dürfen nicht zweifeln an ſich, nicht an mir. Und wenn Sie auch in der Welt und für dieſelbe verloren bleiben, für uns, für Ihre Hei⸗ mat, für die Ihren alle ſind Sie, wie Ihr Vater es wollte, die unentweihte Roſe von Othmaringen.“ Sie lag ohnmächtig in ſeinen Armen. Zehntes Kapitel. Die Rache Gottes und der Menſchen. „Meine theuren Kinder“, hatte Fräulein Aurelie von Othmaringen in dem einzigen Briefe, den Hilde⸗ gard jemals von ihr erhalten, ja überhaupt nur zu ſehen bekommen, mit ihrer wirklich ſehr zierlichen, perl⸗ artigen Handſchrift geſchrieben,„da ich Euch jetzt bei einander geſehen und mich an Eurer großen und ſchö⸗ nen Liebe recht erquickt habe, begreife ich wohl, daß Ihr für die Dinge dieſer Welt wenig geſtimmt ſeid und zurückſchreckt vor all den Wirren, Intriguen und Unannehmlichkeiten, die man Euch nicht freundlich er⸗ ſpart. Ach, meine Kinder, die Welt iſt kalt und hart. Sie verſteht unſere Herzen nicht, ſie weiß nichts von der hohen Liebe, die uns beſeligt, ſie ſpottet oder geht 203 achſelzuckend vorüber an dem unſagbaren Glück, an der verzehrenden und doch ſüßen Qual, die unſere Liebe uns zuweilen gibt! Meine theuren Kinder, ich habe Euch geſehen, Eure Liebe hat mich erquickt und erhoben, mir ſüße Thränen in die alten Augen gelockt. Und andere hei⸗ ßere, bittere, kummervolle Thränen habe ich über Eure Noth geweint, über all die Härte, die Intriguen, die Lügen und Schlechtigkeiten, die Euch Euer volles, ſtilles, hohes Glück nicht gönnen. Verzaget nicht, meine ge⸗ liebten Kinder! Es wird Euch dennoch werden. Eure Liebe iſt ſo ſchön, ſo treu, daß endlich Alles von ihr überwunden wird! Und ich, wie wenig ich auch von der Welt weiß, werde getreulich zu Euch ſtehen, und wenn ich zurückkomme, hoffe ich Euch doch die eine oder andere gute Nachricht mitbringen zu können. Wir wollen dann zuſammenſtehen. Ihre liebe Mutter, mein beſter Felix, und Deine Aeltern, meine geliebte Hilde⸗ gard, werden gewiß Euren Bund ſegnen und damit die letzten Hinderniſſe heben. Nur meine ich, meine Geliebten, Ihr ſolltet Euch nicht ſo fern von den Euren halten, vielmehr einen Aufenthalt wählen, wo ſie Euch, wo Ihr ihnen be⸗ gegnen könnt, oder wo Ihr ihnen doch gleich in die Arme zu fliegen vermögt, wenn die Stunde des vollen, 204 Alles verſöhnenden Glücks geſchlagen. Ich weiß jetzt, was einen offenen Aufenthalt in der Reſidenz Euch nicht wohl erlaubt, und ich verſtehe Dich, mein ge⸗ liebtes Kind, wenn Du gerade jetzt, in dieſer noch ungelöſten Verwirrung, noch nicht bei Deinen Aeltern weilen kannſt. Allein ſollte ſich nicht irgendwo in der Nähe ein ſtiller Platz für Euch finden? Wäre nicht die liebe gute Brodowska zu bereden, Euch ein freundlich Aſyl zu gewähren? Sereniſſimus hält jetzt die großen Manöver ab und geht hernach ſicher, wie er es ja all⸗ jährlich gethan, noch auf einige Wochen nach S. Eleo⸗ nore nähme Euch alſo gewiß gern auf. Ich will es nur geſtehen, dieſer mein Vorſchlag iſt nicht ganz ohne Egoismus. Ich weiß, daß, wenn ich von meiner Reiſe zurückkehre, meine Sehnſucht nach meiner ſtillen Ruhe groß ſein wird und ich jede wei⸗ tere Ausdehnung der Abweſenheit vermeiden muß. Wie nothwendig mir auch von Zeit zu Zeit eine ſolche Reiſe durch die ſchöne Gotteswelt iſt, ſie ermüdet mich ſehr, meine Kinder, ich bin eben nicht mehr jung oder kräftig: die gute Wirkung kommt erſt ſpäter, in der Ruhe. So würde ich es kaum möglich machen können, wieder bei Euch in* vorzuſprechen, ſondern müßte ſchreiben, was meine Augen ſo ſehr angreift. Und wir haben einander vielleicht ſo viel zu ſagen! 205 Alſo, meine Geliebten, überlegt Euch das und laßt mich Eure Entſcheidung nach drei Wochen hier in F. finden. Ach, es iſt himmliſch hier! Ich träume wie ein junges Mädchen in dieſer göttlichen Natur.“ Im Sinne der Tante zog das Paar dieſen Vor⸗ ſchlag allerdings nicht in Ueberlegung, da ihm derſelbe mehr aus der ſentimentalen und bequemen Laune der Dame als aus ihrer gelegentlichen klugen Auffaſſung der Verhältniſſe hervorgegangen zu ſein ſchien. Ein Aufenthalt in der Reſidenz erſchien beiden wie etwas völlig Unmögliches, ſelbſt während der Abweſenheit des Fürſten, da es dort immerhin noch Leute im Ueberfluß gab, welche den Grafen ſo gut wie Hildegard alſobald wiedererkennen mußten, und da vor allem ein ſei es auch noch ſo kalter Verkehr mit den Verwandten ſich in keiner Weiſe vermeiden ließ. Genug, ſie entſchieden ſich bald für einen andern Platz, da ſie es allerdings nöthig fanden, dem Wunſch der Tante einigermaßen entgegen zu kommen, und weil ihnen F. als ſichere Reiſeſtation genannt war, ſo entſchloſſen ſie ſich, die Rückkehrende dort durch ihre Anweſenheit zu über⸗ raſchen. F. iſt bekanntlich eine Stadt, die nicht nur durch ihre ſchöne und günſtige Lage, ſondern auch durch großen Reichthum und Eleganz, durch den Glanz und —— ͤ 206 Comfort des ganzen Lebens zu den am meiſten ge⸗ nannten und gerühmten Plätzen in Deutſchland gehört. Die Stadt iſt ſo groß, daß darin der Einzelne, wenn ihm daran gelegen iſt, aller unbequemen Beachtung leicht aus dem Wege gehen kann, um ſo eher, als hier von jeher die polizeiliche Behörde zu den nachſichtigſten der ganzen Welt gezählt werden muß und obendrein der Zug der Fremden, der durchpaſſirenden ſo gut wie der längere oder kürzere Zeit verweilenden, ein ſo außerordentlicher geworden iſt, daß von einer Controle in Wirklichkeit gar keine Rede mehr ſein kann. Das Paar quartierte ſich in einem der erſten Hotels ein, ſuchte und fand jedoch ſchon nach einigen Tagen eine von jenen glänzenden kleinen Privatwoh⸗ nungen, die für reiche Fremde hier ſtets bereit gehalten werden. Von irgend einer unbequemen Beobachtung hatte es, wie geſagt, nichts zu befürchten, denn die Perſönlichkeit beider und ihre Stellung zu einander hätte immerhin um ein gutes Theil auffälliger und zweifelhafter ſein können, als es hier der Fall, ohne daß ſich irgend ein Menſchenkind darum gekümmert hätte. An einem Platze wie F. und zwiſchen einer Fremdenmenge, wie ſie hier ab⸗ und zuſtrömt, gibt es, zumal in der neuern Zeit, alle möglichen Verhältniſſe und Verbindungen zwiſchen zwei Menſchenkindern zu 207 beobachten, ohne daß auch die ſeltſamſten noch Anſtoß erregten. Dergleichen ließ ſich hier, wie angedeutet, obendrein gar nicht oder nur im geringen Maße bemerken. Es hatte Alles ein gewiſſermaßen ſolides und achtungs⸗ werthes Anſehen, von der Dienerſchaft bis zur Herr⸗ ſchaft, in Allem, was von ihrem Leben ſichtbar wurde. Hildegard hatte, da ſie anſcheinend vor Bilings⸗ felden aus** entwich, während ihrer Abweſenheit Zeit und Gelegenheit genug gefunden, Alles für die, wie ſie vorausſetzte, nahe Erfüllung ihrer Wünſche und Pläne ſo geſchickt wie möglich ins Werk zu ſetzen; ſie hatte die Kinder mit ihrer Bonne untergebracht und eine Kammerfrau angenommen, die von dem Vorher⸗ gegangenen nichts wußte, ſodaß ſie ſich zum mindeſten von dieſer Seite nirgends gehindert fand, den endlich errungenen Mann völlig an ſich zu feſſeln. Daß dies einſtweilen noch in einer gewiſſen Zurückgezogenheit geſchehen mußte, gefiel ihrer ehrgeizigen und rachſüch⸗ tigen Natur zwar nicht allzuſehr, allein ſie mußte ſich wohl darein ergeben, wenn ſie nicht alles Erreichte wieder gefährden wollte. Sie hatte ſich über den Cha⸗ rakter des Grafen keinen Augenblick getäuſcht, ſeit ſie ihm in Rom zufällig begegnete und ſich alſobald ent⸗ ſchloß, nicht nur durch ihn aus ihren unklaren und 208 unbehaglichen Verhältniſſen herauszugelangen, ſondern ſich auch auf ſolche Weiſe an der Frau, der ſie ihre Stellung in der Welt je länger, deſto mehr beneidet hatte, und an denen zu rächen, von denen ſie zuerſt ruinirt und ſpäter vernachläſſigt, mißhandelt und ver⸗ geſſen worden war. Sie wußte auf das allergenauſte, daß die Uebertreibung, der Leichtſinn und die Grund⸗ ſatzloſigkeit, die ſich in ſeinen Charakter theilten, nur eines leichten Anſtoßes bedurften, um aus dem Schlum⸗ mer der letzten Jahre in alter Unbändigkeit aufzu⸗ fahren, und wenn ſie ſich irgendwo getäuſcht hatte, ſo war es nur da geſchehen, als Charlottens Takt und Liebenswürdigkeit, ihre Geduld und Nachſicht, die rück⸗ haltsloſe Verehrung, welche die Geſellſchaft ihr wid⸗ mete, nicht nur jeden Verſuch ſcheitern ließ, ſie durch Andere zu compromittiren oder ſie ſich ſelbſt durch irgend ein unüberlegtes Handeln compromittiren zu laſſen, ſondern auch der Leidenſchaft des Grafen immer noch gewiſſe Feſſeln anlegte. Sie ergriff daher auch die Entfernung, zu der ſie in erſter Linie Bilingsfelden's Ankunft veranlaßte, mit beiden Händen. Sie ſchloß nicht mit Unrecht, daß Felix' Leidenſchaft während ihrer Abweſenheit aller Ver⸗ muthung nach jede Schranke umſtoßen und ſo oder ſo den Bruch herbeiführen werde, während ſie zugleich 209 hoffte, daß inzwiſchen auch von Seiten Charlottens, deren verändertes Weſen ihr ſo wenig wie aller Welt entgangen war, endlich irgend ein Schritt erfolgen werde, der Felix in den Augen der Geſellſchaft zu ent⸗ ſchuldigen vermöge. Die Rechnung traf, wie wir wiſſen, zu und fehlte nur darin, daß die Grundſatzloſigkeit des Grafen noch größer war als die Leidenſchaft und ihn zu einem Mittel greifen ließ, das, mochte es ſein, welches es wollte, doch ſeine erſchütterte Stellung noch zu ver⸗ ſchlimmern ſchien, ihn zu einer qualvollen Unthätigkeit verdammte und vor allem Hildegard's bisherige Machi⸗ nationen noch immer erfolglos bleiben ließ. Ja, wollte ſie Alles auch ihrerſeits nicht auf das ernſtlichſte ge⸗ fährden, ſo mußte ſie, wie ſchwer das dieſer im tiefſten Grunde ungeduldigen und energiſchen Natur auch fiel, ſelbſt auf alles eigene Handeln verzichten und ſich daran genügen laſſen, Felix im Auge, in der Hand zu be⸗ halten. Wie er einmal war, ließ ſich gar nicht berech⸗ nen, wohin und wozu er ſich in ihrer Abweſenheit fortreißen laſſen möchte, ja ſie wußte nicht einmal, ob ſie ſelbſt ſeiner ſicher ſein könnte. Denn ſo maß⸗ und ſchrankenlos er ihr auch hingegeben war und ſo feſt ſie ihn in ihren Banden wußte, ſie konnte nicht über⸗ ſehen, wie überreizt er war und wie raſtlos, wie Hoefer, In der Welt verloren. IV. 14 210 ungeſtüm er nach ſtets neuem wilden Genuß, nach Zer⸗ ſtreuung, zuweilen meinte ſie faſt: nach Betäubung verlangte. Sie mußte ſich wohl darein ergeben, ſeiner Leiden⸗ ſchaft Stand, ja dieſelbe ſtets im gleichen Gange zu erhalten, befähigt dazu vor Vielen, auch einen bedeu⸗ tendern und höherſtehenden Menſchen ſich zu unter⸗ werfen und widerſtandslos an ſich zu feſſeln, wenn ſie ihn mit ihrem Auge, mit ihrem Geiſt einmal umfing und beherrſchte. Es blieb ihr nichts Anderes übrig, wie ſchwer es ihr auch wurde. Denn daß von ihrem Herzen— wenn es ein ſolches in ſolchem Sinn über⸗ haupt in einer Frau dieſes Charakters gibt— nicht im entfernteſten dabei die Rede war, verſteht ſich nach Allem, was wir von ihr erfuhren, von ſelbſt. Allein in ihrem Kopfe hauſte eine finſtere, ſtets zunehmende und dennoch kaum recht näher zu bezeichnende Sorge vor der Zukunft, ein gewiſſes, ſtets unheimlicheres Vorausempfinden von Schrecken, die ihnen bevorſtehen und den Ausgang aller ihrer Machinationen in Frage ſtellen, all ihre Opfer, wie ſie es hieß, vergeblich machen und ſogar auch Felix und ſie ſelbſt, ſie wußte nicht wie, treffen könnten. Wie der Bruch mit Charlotten herbeigeführt und wie dieſelbe zur Flucht mit Dagobert gerade veranlaßt 211 worden, was Felix ſeitdem gegen die unglückliche Frau verſucht oder unternommen hatte, davon wußte ſie bis auf den heutigen Tag im Grunde nicht das Geringſte. Gleichviel, was es auf Felix' Seite gab, ob Vorſicht, oder Schonung gegen ſie, oder Scham, er hatte ihr, obſchon lachend und höhnend über die Entfernte, jede Auskunft verweigert und auch über Henriette, deren Verſchwinden Hildegard noch viel mehr beunruhigte, niemals etwas Anderes zu ſagen gehabt, als daß ſie ihn am wenigſten kümmere und ſo unſchädlich wie möglich ſei. Hildegard aber ſchloß gerade aus dieſem Schweigen oder Ausweichen und aus der Thatſache, daß er gegen die Anklagen Bilingsfelden's und Anderer in Wirklich⸗ keit nichts Anderes als ſeinen machtloſen Grimm hier und kaum viel wirkſamere und erfolgreichere neue Intriguen dort ins Feld zu führen hatte, endlich aus gewiſſen Zeichen der Mißachtung, die ſelbſt in ihrer Zurückgezogenheit ihr zuweilen bemerkbar wurden, daß irgend etwas geſchehen ſein mochte, was ihn in den Augen der Geſellſchaft ernſtlich im Nachtheil erſcheinen ließ. Und ſo wenig ſie Charlotte auch liebte und ſo gleichgültig oder vielmehr willkommen ihr deren völ⸗ liger Ruin war, hatte ſie doch ſelber allzuviel Kenntiß von dem Charakter und der Weſenheit der unglücklichen 14* 212 Frau und zu viel Geiſt, als daß ſie auch nur im ent⸗ fernteſten an all die ſchmachvollen Gerüchte hätte glau⸗ ben ſollen. Gerade die Wahl Dagobert's zum Begleiter war für Hildegard, wie ſie einmal über den Bruder dachte, bezeichnend und verſtändlich genug. Daß das keine Wahl der Liebe war, konnte kein Menſch in der Welt, der Charlotte oder ihn jemals kennen gelernt hatte, einen einzigen Augenblick überſehen. Dazu kam endlich auch noch, was ſie ſonſt an Felix beobachtete, ſeine Gereiztheit, ſeine Unſtetigkeit, dies leidenſchaftliche Haſchen nach wildem Genuß, nach ſteter Aufregung und Zerſtreuung und zuletzt und trotz alle⸗ dem eine gewiſſe ohnmächtige Verſunkenheit in das qualvoll unthätige und abwartende Leben, wie er es neuerdings mit und neben ihr ohne Unterbrechung weiter führen zu wollen ſchien. Die Nachrichten, die ſie aus der Reſidenz mitbrachte, hatten einen Wuthausbruch, Drohungen und Verwünſchungen zur Folge, die jedoch, wie man das zu heißen pflegt, im Sande verliefen und gerade einer ſo energiſchen Natur, wie Hildegard ſie beſaß, faſt verächtlich erſcheinen mußten. Ein Brief Florian Hausmann's, der ſich ernſtlich nach dem Ver⸗ bleiben Henriettens erkundigte, während ſonſt nichts von Othmaringen an Felix gelangt war als ein Ab⸗ ſagebrief des alten Herrn, brachte die gleiche Wirkung — 213 hervor und führte zu dem gleichen Ende, und erſt die Ankunft der Tante Stiftsdame und einige Conferenzen zwiſchen dieſer und dem Grafen, die Hildegard weder ſtörte, noch nach deren Inhalt ſie fragte, ſchienen end⸗ lich einen beſſern Eindruck zu machen. Felix wurde munterer und gleichmäßiger, er zeigte wieder eine ge⸗ wiſſe Thätigkeit, und wären es auch nur die wieder ernſtlicher betriebenen Bemühungen geweſen, ſeine An⸗ ſtellung in— ſchen Dienſten zu ſichern. Das Alles beſſerte ſich ſeit der Ueberſiedlung nach F. von neuem, und dazu kam für Hildegard noch be⸗ ſonders, daß gleich nach ihrer Ankunft der Kammer⸗ diener des Grafen eine Reiſe, es hieß, zu ſeinen Ver⸗ wandten, antrat. Es war in dem Menſchen ſelbſt und in der Stellung zu ſeinem Gebieter etwas, das Hilde⸗ gard von jeher und neuerdings immer mehr mißfallen und ſie mißtrauiſch gemacht hatte, wäre es auch nur die unabweisbare Erkenntniß geweſen, daß allein Louis ihr und ihrem Einfluß Widerſtand leiſtete und auch den Grafen ſelbſt, ſei es auch nur in einzelnen, nicht ein⸗ mal recht verſtändlichen Punkten, demſelben nur allzu ſichtbar entzog. Daß ſie nicht Unrecht gehabt, erſah ſie, da jetzt, in ſeiner Abweſenheit, auch die Stimmungen und Nei⸗ gungen des Grafen zu einem natürlichern Maß zurück⸗ 214 kehrten. Selbſt die Leidenſchaft oder Liebe zu ihr be⸗ kam eine gewiſſe Ruhe und Stetigkeit, und ſie konnten hier, wo ſie einſtweilen unter anderm Namen lebten, auch vor ſchärfern Beobachtern wohl als das Paar beſtehen, deſſen Treue endlich alle Hinderniſſe über⸗ wunden, alle Verhältniſſe beſiegt hatte und nun ein⸗ ander alle Leiden der Vergangenheit durch um ſo größere Zärtlichkeit lohnte. Zugleich kamen auch von auswärts angenehmere Nachrichten. Eleonore Brodowska hatte von der neuen Strömung zu melden, die in der heimiſchen höhern Geſellſchaft ſich entſchieden zu des Grafen Gunſten be⸗ merkbar mache— wir erfuhren davon auch bereits durch Bilingsfelden— und Felix eigene Correſpondenzen ließen erkennen, daß ſeine Bemühungen um eine neue Stellung nicht ausſichtslos bleiben dürften. Hildegard fing wirklich an, mit einer gewiſſen Ge⸗ nugthuung und einer Art von Aufathmen in die Zu⸗ kunft zu ſehen, was ſie erſtrebt und aufs Spiel geſetzt hatte, ſchien jetzt erreicht zu werden, ſchien ſich belohnen zu wollen. Endlich mußte nun auch die Tante dem⸗ nächſt zurückkommen und hoffentlich neue Fortſchritte zu melden haben; Felix machte Andeutungen über die Abſichten und Pläne der Stiftsdame, welche für die Nichte, wie dieſelbe über Aurelie dachte, dergleichen 215 ziemlich ſicher erſcheinen ließen, und wenn ſie überhaupt noch ein Bedenken hatte, ſo war es die Sorge, daß die Dame möglicherweiſe allzu rückſichtslos ihrem Haß gegen die Tochter des Barons Othmar nachgeben möge. „Wenn ich nur ahnte“, ſagte Felix einmal in dieſen Tagen,„was dieſen wahrhaft prachtvollen Haß der alten Katze gegen Alles, was zu Othmaringen hauſt oder von dort ſtammt, hervorgerufen hat. Wär' er uns nicht ſo günſtig, ſo könnte einen dabei fröſteln.“ Hildegard ſchaute ihn einen Augenblick nachdenklich an, bevor ſie entgegnete:„Darüber kann ich Dir nur eine Andeutung geben; Genaueres weiß ich ſo wenig wie ein Anderer, außer ihr ſelbſt und dem alten Baron; ſelbſt meine Aeltern nicht, glaube ich. Es ſcheint, daß Baron Othmar ihr vordem Ausſichten auf ſeine Hand gemacht hat— vielleicht bildete ſie ſich das auch nur ein— und ſich nachher zurückzog, gleichviel ob um Char⸗ lottens Mutter willen oder weil er von der Tante etwas erfuhr, das ihm an ſeiner Frau unerträglich erſchien. Wie meine Aeltern darin verflochten ſind, weiß ich nicht, allein von der Zeit an begann die allgemeine Feindſchaft—“ „Die ſich bisher und bei Euch Uebrigen aber mit finſtern Mienen, einem bischen Zähneknirſchen und Augenverdrehen begnügte“, bemerkte Felix ſpottend. 216 „Nur die Tante— Reſpekt vor ihr, wenn ſie das, was aus ihr herausklingt— Worte kann man's kaum heißen — wirklich einmal zur That werden und zu Folgen führen läßt.“ Es war in ihrem Zlick nicht nur Zürnen, ſondern auch Mißachtung, da ſie verſetzte:„Sage das nicht, Felix, zum mindeſten nicht von der Tante. Du thuſt ihr Unrecht. Ich fürchte, ihre Feindſchaft iſt nicht im⸗ mer unſchädlich und bei Worten geblieben, und ich will nur wünſchen, daß ſie ſich jetzt nicht allzuweit von ihnen entfernt.“ Damit brach ſie ab. Er lächelte grimmig.„Und ich hoffe, daß es nicht bei ihnen bleibt. Komme es, wie es will. Alles, was uns von der Perſon befreit und uns endlich— endlich glücklich werden läßt, ſoll geſegnet ſein! Und ich ſchwör's“, fügte er hinzu, ſie ungeſtüm in die Arme ziehend,„ſchlägt auch dies wieder fehl, ſo muß ich ſelbſt mein Heil mit ihr verſuchen, ſo ungern ich mich auch dazu verſtehe. Wäre nur der Louis wieder zurück! Ich weiß nicht, wo er ſtecken mag.“ Hildegard ſah ihn forſchend an, erwiderte indeſſen nichts. An einem der nächſten Tage, wo man Aurelie nun ſchon erwarten mußte, wurde Friedrich, der alte Diener Hildegard's, durch das Erſcheinen eines höhern Poli⸗ 217 zeibeamten überraſcht, der ſich, wenn auch auf das höflichſte, nach ſeiner Herrſchaft, nach dem Ort ihres frühern Aufenthalts, nach der Dauer ihres hieſigen erkundigte und, da ihm die Antworten nicht genügten, den Gebieter ſelbſt zu ſprechen verlangte. Dem Grafen, der ihn denn auch mit ſehr hoher Miene und höchſt verſtimmt empfing, erklärte er, wiederum auf das höf⸗ lichſte und anſcheinend offenſte, daß man von Paris aus über die Pläne und Abſichten einiger politiſcher Emiſſäre unterrichtet und zugleich von andern Seiten aufgefordert worden ſei, denſelben rechtzeitig zu begeg⸗ nen. Man ſei daher in die unangenehme Verlegenheit verſetzt, ſich auch über den Herrn Grafen ein wenig mehr zu vergewiſſern, als es— wir gedachten ſchon der zu F. herrſchenden milden Praxis— ſonſt der Fall geweſen ſein würde. Gewöhnlich begnügte man ſich mit der Meldung des Hauswirths und fragte hier ſchon damals nur in ſeltenen Fällen nach Paß oder Paß⸗ karte. Der Grund war gerade für Felix, der trotz ſeiner augenblicklichen Zurückgezogenheit von den politiſchen Vorgängen und Wühlereien immerhin noch gut genug unterrichtet blieb, ein durchaus annehmbarer, und da der Beamte, wie geſagt, ſeinen Auftrag in der höflich⸗ ſten Weiſe vollzog, ſo verlor ſich des Grafen Empfind⸗ 218 lichkeit und er verſtand ſich, wenn auch achſelzuckend, zu den gewünſchten Angaben und Erklärungen. Der Beamte ſchied denn auch mit einer Bitte um Entſchul⸗ digung und allem Anſchein nach völlig befriedigt, und Felix gedachte gegen Hildegard des Vorfalls wie einer Ungereimtheit, da man bei der Behörde von ihm, ſei⸗ nem Aufenthalt und Leben am hieſigen Platz, trotz der anſcheinenden Gleichgültigkeit gegen ſolche Fragen, ge⸗ nug erfahren haben mußte, um ihn nicht mit jenen Sendlingen zu verwechſeln. Anders wurde ſeine Stimmung, als er durch Hilde⸗ gard vernahm, daß der Beamte vor ſeinem Weggange ſich bei Friedrich noch einmal und mit einem gewiſſen Intereſſe nach dem abweſenden Diener erkundigt habe. Er fuhr von ſeinem Platze auf.„Was heißt denn das?“ rief er zornig aus.„Hat der Narr mich noch immer im Verdacht und ſieht im Kammerdiener den Emiſſär des Emiſſärs? Beim Himmel, ich fange an, den Zeitungsgrimm über dieſe polizeilichen Scherereien zu begreifen, der uns bisher oft ſo albern und räth⸗ ſelhaft erſchien! Dies i*ſt ja völlig unerträglich!“ Hildegard's Auge ruhte mit finſterem Forſchen auf ihm.„Wäre es nicht möglich, daß die Frage nach dem Menſchen noch einen andern Grund gehabt hätte?“ verſetzte ſie, 219 Der Graf zuckte von neuem auf.„Was für einen andern Grund?“ fragte er haſtig, mit un⸗ ſicherem Blicke.„Du liebſt den Louis nicht, und Dein Friedrich—“ „Liebt ihn gleichfalls nicht“, unterbrach ſie ihn mit hörbarer Kälte.„Den Grund weiß ich nicht, nur meine ich, dürfte es bei ihm an einem ſolchen nicht fehlen. Ich kann Dir nicht helfen“, fügte ſie achſelzuckend hinzu, „der Menſch hat mir von jeher den Eindruck gemacht, als möge er, ſein Leben und Treiben der Behörde von alters her und ſtets von neuem Veranlaſſung zu Fragen geben, wie die heutigen geweſen zu ſein ſcheinen.“ „Das mag ſein“, entgegnete der Graf nach einer Pauſe düſtern Nachdenkens erſichtlich verſtimmt;„ich halte ihn ſelbſt für keinen allzu ſoliden und tadelloſen Menſchen im Sinne der— ſage ich einmal: Sittenpolzei. Davon erfahre ich aber Gott Lob nichts Näheres. Nur wüßte ich nicht, wie er hier Zeit gefunden haben ſollte zu beſondern Exceſſen, er reiſte ja ſogleich ab. Und andere Gründe— hm“, brach er nach einer neuen Pauſe ab,„ich wüßte nicht, was das für welche ſein ſollten. Mag er ſein und treiben, was er will, er iſt am Ende immer doch viel zu klug und gewandt, um ſich in ernſt⸗ liche Unannehmlichkeiten zu verwickeln. Wäre der Burſche nur erſt wieder hier! Wer weiß, ob wir nicht, wenn 220 Deine Tante kommt, alsbald von hier fortgehen. Es iſt hier unerträglich.“ Es entging Hildegard nicht, daß ſein Blick unruhig und ſein ganzes Weſen gereizt oder zerſtreut war. Aber ſie wußte, daß er ihr in ſolchen Fällen keinerlei Aufklärung zu geben pflegte, und ſchwieg daher. Doch fühlte auch ſie ſelbſt ſich von neuem unbehaglich und fing an, die Rückkehr der Tante herbeizuſehnen. Es war am Abend dieſes Tages, als Hildegard vor dem Kamin ſaß, deſſen Glut man jetzt ſchon be⸗ haglich zu finden begann, und Felix unruhig im Zim⸗ mer auf und ab ſchritt, bald ein paar Worte ſprechend, die keine Fortſetzung erhielten, bald am Tiſch in das Buch blickend, in dem er vorher geleſen hatte, oder auch einmal zu Hildegard tretend, um ihr ins Auge zu ſehen, ihr Haar mit ſeinen Lippen zu berühren, irgend ein Wort der Leidenſchaft zu flüſtern— Alles Zeichen einer innern Aufregung, eines Unfriedens und einer Ungeduld, welche Hildegard nur allzu ernſt an das erinnerte, was ſie in den vergangenen Monaten an ihm beobachtet und für endlich überwunden ge⸗ halten hatte. „Es iſt nicht mehr zum Ertragen!“ ſagte er und ſtand dabei wieder neben ihr, hatte ſie voll Ungeſtüm auf und in ſeine Arme gezogen, ſie umſchlungen, ſchaute 221 ihr heiß in die Augen.„Es iſt nicht mehr zum Er⸗ tragen! Wann wird endlich dieſe Qual enden? Wann biſt Du offen mein? Wann darf ich Dich der Welt als mein zeigen— in der Welt und nicht in dieſer nichtswürdigen Clauſur? Und all dieſe Qualen, dieſe albernen Rückſichten und Bedenklichkeiten um ihretwillen, die wie die Kugel am Bein des Galeerenſklaven— aber bei Gott oder“— er lachte grimmig— beim Teufel—“ Er hielt plötzlich inne, da eben die Thür geöffnet wurde und Friedrich in derſelben erſchien. Das helle Gaslicht zeigte gut genug, daß er überraſcht und zwei⸗ felhaft über die Aufnahme ſein mochte, die ſeine Mel⸗ dung finden möchte. Er kam jedoch gar nicht zu der⸗ ſelben, denn bevor er noch ein Wort geäußert, wich er vor einem ihm unmittelbar Folgenden haſtig auf die Seite, und zugleich ſagte eine zarte Stimme:„Wozu die Umſtände, mein Freund? Die Herrſchaft muß doch erfreut ſein—“ „Beim Himmel— die Tante!“ rief Felix herzueilend, und im nächſten Augenblick ſtand die Stiftsdame wirk⸗ lich vor ihm und Hildegard in eigener Perſon mitten im Gemach, im Reiſeanzug und erſichtlich ermüdet, denn ihre Augen ſchauten das Paar noch ein wenig ſanfter und ſchmachtender an, als ſie ſonſt zu blicken pflegten, und auch ihre Stimme klang noch matter, da 222 ſie, beider Hände in den ihren haltend, ſprach:„Ja wohl, die Tante, mein beſter Graf! Sehr überraſcht, ja erſchrocken durch Hilda's Brief— was um Gottes willen wollen Sie hier, ſo fern von Ihrem rechten Terrain? Oder iſt es nur die Liebe zu mir, die mir alle weitere Unruhe erſparen wollte, meine Geliebten? Aber Kinder, ich muß mich ſetzen!“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie die That den Worten folgen und ſich, indeſſen mit der uns von ihr ſchon bekannten Beobachtung und Bewahrung des Faltenwurfs, auf Hildegard's Fauteuil am Kamin ſinken ließ.„Ich bin zum Sterben ermüdet! Dieſe abſcheulichen Eiſenbahnen ruiniren die ſtärkſten Nerven—“ „Die Eiſenbahnen?“ fiel Hildegard erſtaunt ein. „Dein Wagen, Tante—“ „Zerbrach, mein theures Kind, es fand ſich kein anderer, bequemer. Ich ſehnte mich auch nach meiner friedlichen Häuslichkeit, nach Euch und all meinen Lieben! So gab ich denn nach und ſtieg in ſolch ein Coupé— ach, nochmals, es ruinirt alle Nerven! Ich war auch halb todt, da ich hier vorhin in der Dämmerung an⸗ kam. Ich gedachte mich heute nicht mehr zu regen. Aber da ich Deinen Brief las, geliebte Engelshilda, und Johann dann erfuhr, wie nahe Ihr wohntet— ach, meine Kinder, ich mußte wirklich zu Euch— ich wußte 223 ja, daß auch Ihr Euch nach mir ſehntet! Ihr dürft es mir immer ein wenig anrechnen, daß ich Alles über⸗ wand und gleich zu Euch flog!“ „Aber weshalb riefſt Du uns nicht?“ ſagte Hilde⸗ gard. „In den Gaſthof? Ach mein Kind, wo denkſt Du hin!“ verſetzte die Dame.„Das läuft ja, nach ſolcher Ankunft zumal, ſtets aus und ein, von Mädchen, Kell⸗ nern, den Gepäckträgern, dem Wirth und wer weiß, von wem ſonſt. Eine ewige Unruhe! Darum erſchrak ich auch ſo, da ich Eure Anweſenheit erfuhr und Euch zuerſt im Gaſthof vermuthete, bis Johann mir dann Beruhigenderes ſagen konnte!“ Bis hierher hatte der Graf, wenn auch ſichtbar von Ungeduld verzehrt, den ſanften Redefluß nicht zu unterbrechen gewagt. Nun aber vermochte er ſich nicht länger zu zügeln, und mit einer Stimme, aus der ſeine Aufregung nur allzu deutlich vernehmbar wurde, ſprach er jetzt:„Gewiß, meine gnädige Tante, unſer Dank kann gar nicht groß und innig genug ſein! Be⸗ ſtanden Sie doch all dieſe Strapazen um unſertwillen! Wenn denn wenigſtens auch nur der Erfolg für Sie ein lohnender geweſen iſt!“ Es war in dem Lächeln, das ihm aus ihrem Auge begegnete, noch etwas Anderes als die bisherige ſchmach⸗ 224 tende und abgeſpannte Milde; Hildegard hatte es nur einmal, damals geſehen, als die Stiftsdame gegen ſie des eigenen, perſönlichen Intereſſes an den Verwandten zu Othmaringen gedachte. Sie öffnete die Lippen zur Antwort, ſchloß ſie jedoch ſogleich wieder, horchte gegen die Außenthür, hinter der auf dem Vorplatz ein paar Stimmen vernehmbar wurden, und ſagte dann mit fragendem Blick auf den Grafen:„Aber mein beſter Graf, das iſt ja hier beinahe ſo unruhig wie im Hotel!“ Felix horchte gleichfalls— es war Alles ſtill.„Es wohnt droben gleichfalls eine Familie, deren Diener ich ein paar Mal mit Friedrich verkehren ſah— das wird's geweſen ſein“, verſetzte er ungeduldig.„Du ſollteſt dem Alten das verbieten, Hilda!— Alſo der Erfolg Ihrer Reiſe, gnädige Tante?“ „Ach, beſter Graf, es hat mich recht bewegt, die arme Frau zu ſehen und ganz ſo zu finden, wie ich's befürchtete: ſolche unglückliche Weſen leiden ſtets am Herzen— der Tod kommt dann oft— „Sie fanden ſie wirklich noch dort? Im Gaſthof? Allein?“ fragte er faſt heftig. „Jawohl, beſter Graf— im Gaſthof! Ach, die macht keine weitern Reiſen mehr! Der arme Baron Othmar hat Unglück mit ſeinen Kindern! Alle ſterben vor ihm!“ 225 „Sterben?“ fragte Hildegard dumpf.„So meinſt Du, ſie—“ „Ich rechne ſelbſt heute nicht mehr auf ihr Leben, ſo vorgeſchritten erſchien mir ihr Leiden!— Aber Sie fragten auch, ob allein, beſter Graf“ fuhr ſie fort und erhob ihr Auge mit einer Art von mißbilligendem Blick zu Felix.„Ja, es überraſchte mich nicht wenig, ſie nicht allein, ſondern jene Henriette—“ Der Graf fuhr leichenblaß empor.„Henriette— bei ihr? Es iſt nicht möglich!“ ſtammelte er. „Möglich? Leider nur zu gewiß, beſter Graf! Sie ſehen, Ihre Nachrichten waren doch nicht ſicher—“ „Henriette— frei— bei ihr!“ Er preßte die Hände in einander. Der Schweiß ſtand auf ſeiner Stirn in hellen Tropfen.„Laß packen, Hildegard— das Nöthigſte! Wir müſſen noch heute reiſen!— O dieſe Canaille von Louis!— Es iſt Alles verloren!“ Da erhob ſich die Stiftsdame aus ihrem Stuhl und ſtand vor ihm. Es war wieder einmal das Ge⸗ ſicht voll Intelligenz, voll Energie, nur daß ſich dazu jetzt auch eine unverhehlte Verachtung geſellte. Und mit Achſelzucken ſprach ſie:„Seien Sie nicht kindiſch, Herr Graf! Es iſt für Sie vielleicht ſchlimm, daß Sie ſich in die Hände der Perſon und eines Dieners ge⸗ geben haben, wie es ſcheint, aber mich geht das nichts Hoefer, In der Welt verloren. IV. 15 226 an und in dieſem Fall kann es Ihnen auch, denke ich, gleichgültig ſein. Sie hat mich—⸗ „Henriette— da!— Henriette iſt mißtrauiſch und klug!“ murmelte er. „Bah, Unſinn! Die Baronin Trautenau—"“ Sie brach jäh ab und richtete einen entſetzten Blick auf die aufſpringende nahe Seitenthür, durch welche ein Herr in dunkler Civiltracht herein⸗ und auf ſie zu⸗ kam, während in ihrer Oeffnung ein paar Polizei⸗ beamte erſchienen. „Fräulein von Othmaringen, alias Baronin Trau⸗ tenau“, ſagte der Herr mit klarer Stimme und feſtem Blick,„ich habe Sie auf Requiſition des Gerichtes zu X. wegen Mordverſuchs auf die Perſon der Frau Gräfin von Eylingshauſen zu verhaften—“ „Mein Herr, das iſt eine Verwechslung!“ rief ſie dazwiſchen. „Mein Herr!“ brauſte zugleich der Graf auf, aber man ſah es ihm an, welche Mühe ihm die augenblick⸗ liche Faſſung koſtete,„dieſer Angriff in meiner Woh⸗ nung—“ „Mein Herr Graf von Eylingshauſen“, drang die Stimme des Beamten kalt und klar durch,„ich habe auch Sie zu verhaften auf Requiſition des Gerichtes zu k., als dringend verdächtig der Urheberſchaft und 227 Betheiligung an dem beabſichtigten Verbrechen gegen Ihre Frau Gemahlin, und auf Requiſition des Ge⸗ richtes zu L. wegen eines andern Verbrechens, das Sie im Verein mit Ihrem Diener Ludwig Berend an der Perſon des Fräuleins Henriette Walden, wenn auch nur zum Theil, zur Ausführung gebracht haben.— Auch die Dame hier“, fuhr er, ſich gegen Hildegard wendend, welche halb ohnmächtig und die Hände vor das Geſicht gepreßt in einem Seſſel ruhte, ſtets gleich kalt fort,„wird mir folgen müſſen. Die Wagen halten bereit. Ich hoffe, Sie erſparen uns alle härtern Maßregeln.“ Elftes Kapitel. Daheim gerettet. „Reiſen Sie, reiſen Sie in Gottes Namen!“ hatte 3 der alte Arzt zu Henrietten und Bilingsfelden geſagt, welche den Othmaringer Briefen ſo gern nachgegeben hätten und am erſten Tage, da Charlottens Zuſtand ſich wieder beſſer zeigte, nach der Heimat mit ihr auf⸗ gebrochen wären. Und dennoch war dieſer Zuſtand von der Art, daß man in ihm kaum etwas wie wirk⸗ liche Geneſung erkennen konnte und der Reiſe und den folgenden Erſchütterungen wohl mit Sorgen und Angſt entgegenſehen mußte. Allein der alte Herr dachte nicht ſo, er trieb im Gegentheil zur Reiſe. „Und ich thu' das nicht, wie zuweilen ſo ein Herr College— ich weiß recht gut!— nur um die Kranke 229 los zu werden“, fügte er ernſt hinzu, ſondern weil ich die Reiſe für eine beſſere Kur halte als alle meine Tränke und Tropfen. Denn gerade heraus, mein Fräu⸗ lein und Herr Baron, ich kann gegen das, was wir hier noch haben, nichts mehr thun. Da muß die Zeit, müſſen die Menſchen mit ihrer Liebe eintreten, und ich möchte wetten, die Heilung lgelingt. Denn die Frau Gräfin hat eine tüchtige Natur, ein geſundes Herz, einen klaren Kopf, mag es augenblicklich darin auch noch ein wenig dunſtig ausſehen. Das gibt ſich. Rei⸗ ſen Sie, reiſen Sie in Gottes Namen! Sie haben die beſte Zeit vor ſich, es kommen unſere blanken Herbſt⸗ tage, wo Jedermann friſch und munter wird. Sie gehen mit aller Bequemlichkeit durch die ſchönſten Ge⸗ genden, wo es immer etwas zu ſehen, zu fühlen und zu denken gibt— Luſtiges, mein' ich. Da bleibt ſelbſt der Traurige nicht traurig! Und wenn Ihr dann mit ihr daheim ſeid und die Ihren vernünftig mit ihr umgehen, da wird Alles recht werden. Was Sie mir da von dem alten Pfarrer erzählt haben, das paßt mir ausgezeichnet in den Kram. Das iſt der Mann, dem ich die weitere Kur ruhig anvertrauen kann. Rei⸗ ſen Sie!“ So waren ſie denn wirklich, nach einem ſchweren Abſchied von Anſelm Mayer und den Seinen, von dem 230 alten Geiſtlichen, dem Charlotte ſich mit allem Ver⸗ trauen, das ſie damals beſaß, angeſchloſſen hatte, von dem Arzt, dem ſie bei jedem Erſcheinen entgegenlächelte, an einem glänzend friſchen Herbſttage aufgebrochen und näherten ſich in kleinen Tagereiſen allmälig der Heimat. Denn Charlotte war aus der Ohnmacht, welche ſie in Bilingsfelden's Arme gelegt hatte, zu einer neuen, kurzen, aber ſchweren Krankheit erwacht, und obgleich ſie dieſelbe überwunden, befand ſie ſich noch immer in einem Zuſtande, in welchem faſt nur der Arzt mit ſeiner derben und klaren Auffaſſung des Lebens und der Menſchen die fortſchreitende Geneſung erkannte und verbürgen mochte. Für ihre Umgebung waren ſogar die körperlichen Kräfte weit im Rückſtande, und von dem, was uns die Geneſung eines lieben Menſchen gerade am ſchönſten und ſicherſten offenbart, von der Friſche und Heiterkeit des Geiſtes, von dem neuen Lebensmuth, von der frohen Theilnahme und Hingebung an das, was der Tag bringt, davon zeigte ſich leider kaum eine leiſe Spur. Charlotte war aus der Krankheit nicht vertrauensvoller, nicht heiterer her⸗ vorgegangen, und das Einzige, was man allenfalls als einen Fortſchritt gelten laſſen konnte, war, daß ſie ſich täglich vertrauter mit dem Gedanken an die Hei⸗ mat und die Ihren zu machen ſchien und daß ſie, nicht 3—— 231 mehr ſo häufig der alten dumpfen, beängſtigenden Träu⸗ merei verfallen, mit wehmüthiger Freundlichkeit die Liebe und Treue ihrer Umgebung erkannte und zu lohnen ſuchte. Das zeigte ſich auch in ihrem Verkehr mit Bilings⸗ felden, den ſie, da ſie zum erſten Mal das Lager ver⸗ laſſen hatte, ausdrücklich zu ſehen verlangte und ſeit⸗ dem, wo es die Gelegenheit mit ſich brachte oder ſich Veranlaſſung dazu ergab, mit einer gewiſſen ruhigen Unbefangenheit in ihrer Nähe duldete. Der ernſte Ton ſeiner Unterhaltung ſagte ihr offenbar zu, und es war ſeltam, daß ſie, wo es ſich nicht vermeiden ließ, über ihre Verhältniſſe, ihre Stellung, ihren Zu⸗ ſtand zu reden, außer dem alten Arzt dies am liebſten mit ihm beſprach. Sein Weſen, ſeine ganze Weiſe recht⸗ fertigte freilich dies— wir wollen, obgleich es im Grunde wohl noch mehr war, kurz ſagen: Vertrauen. Wer ihn vor⸗ dem, in ſeiner guten Zeit gekannt und dann die traurige Veränderung beobachtet hatte, die ſeitdem mit ihm vor⸗ gegangen war, durfte nunmehr wohl mit freudigem Erſtaunen den neuen Wechſel wahrnehmen: das war der Bilingsfelden ſeiner beſten Zeit, voll Würde und Ehre, ein adliger Menſch, der Mann, zu dem das traurigſte Herz Vertrauen faſſen und an dem das ver⸗ trauensloſeſte und angſtvollſte ſich halten und wieder 232 aufraffen konnte. Ja, ſelbſt an ſeinem Aeußern hatte ſich dieſer Wechſel während der vergangenen raſtloſen Mo⸗ nate vollzogen. Sein Haar freilich konnte nicht wieder dunkel werden, wie vordem, aber aus ſeinen Augen und ſeinen Zügen verloren ſich die Spuren des gegen Alles gleichgültigen oder Alles mißachtenden Hinlebens und es traten an ihre Stelle diejenigen, welche uns das Bewußtſein des eigenen Werths, des Zwecks und Ziels anzeigen, welche der Menſch in ſeinem Daſein findet und verfolgt. In dieſer Beziehung war die ſchwere Sorge, mit der Henriette Bilingsfelden's Ankunft und den Zweck ſeines Erſcheinens vernommen und ihm zuerſt begegnet war, gleich anfangs erleichtert und nach und nach völlig von ihr genommen, lund auch die andere, faſt noch ſchwerere begann zu weichen, wie Charlotte ſeine Gegenwart und Begleitung ertragen werde. Sie ſah, wie wir anführten, die Freundin nicht feig oder ſchwach zurückweichen vor dem Manne, dem ihr tiefſtes Weſen von jeher zu eigen geweſen, ohne doch jemals ihm zu eigen ſein zu wollen und zu dürfen, ſie ſah ſie viel⸗ mehr an ihm, an ſeiner Würde und Ehre, ſeiner Klar⸗ heit und Ruhe ſich ermannen und aufrichten. Und dieſe Beobachtung machte ſie nun auch auf der Reiſe von Tag zu Tag zufriedener und vertrauensvoller für 233 die Zukunft; hier, wenn irgendwo, erkannte ſie das erſte ſichere Zeichen der fortſchreitenden Geneſung, welche der Arzt prophezeit hatte, die neu ſich regende, erſtar⸗ kende Kraft des Geiſtes und Herzens, den muthig auf⸗ genommenen Kampf gegen die bisherige müde und kranke Schwäche. Und die Zeichen mehrten ſich, die Kräfte nahmen ſichtbar zu, die Augen blickten lebensvoller und theil⸗ nehmender um ſich her, und ein leiſes Roth begann in den Wangen zu ſchimmern. Die Tage waren frei⸗ lich auch ſo wunderſchön, wie man ſie ſelten in dieſer ſpäten Jahreszeit zu erleben hat; die langſam durchzo⸗ genen Gegenden erſchienen in dem eigenthümlichen Reiz und Schmuck des bunten Herbſtlaubes und waren, da man immer weiter ins Unterland hinabkam, über⸗ all belebt und durchklungen von dem fröhlichen Jubel der Weinleſe. Da konnte wirklich auch der Traurigſte nicht mehr traurig und der Muthloſeſte nicht länger muthlos bleiben. Da begann der Glanz umher ſich wiederzuſpiegeln in Charlottens Augen und ein leiſes Lächeln flog zuweilen durch die ſtillen Züge. Es kam wohl vor, daß ſie Henrietten, die allein bei ihr im Wagen ſaß— Bilingsfelden fuhr in einem andern voraus und man ſah ſich nur auf den Stationen oder auch erſt abends im Nachtquartier— plötzlich, wie 234 von ihrem Gefühl übermannt, die Hand hinbot und ein bewegtes:„Wie iſt’'s ſo ſchön, ſo ſchön in der Welt!“ laut werden ließ. Es konnte Henrietten freilich nicht entgehen, daß ſich im Innern daran gewöhnlich ein Nachſatz ſchließen mochte, der um ſo ſchwermüthiger war. Und einmal klang wirklich wenigſtens ein Theil die⸗ ſes Nachſatzes aus ihr heraus. Denn da ſie nach einer ſolchen Aeußerung Henriettens Hand losließ und in die Wagenecke zurückſank, blieb ſie dort ruhen, die Augen wie träumend auf die anmuthige Gegend ge⸗ richtet, bis die Thränen heraufdrangen und den Blick verſchleierten. Und als Henriette bittend ſagte:„Aber mein liebes Herz, was bewegt Dich ſo?“— da lehnte ſie ſich gegen die Freundin und legte den Arm um ſie und den Kopf an ihre Bruſt und ſprach leiſe:„Ja, ſo ſchön, ſo ſchön! So reich, ſo warm, ſo fröhlich und glückſelig! Und nur ich darin verloren, für Frohſinn und Glück, für Euch, für mich ſelbſt! Was ſoll ich, wie kann ich noch leben? Wo gibt's für mich noch einen Platz darin?“ Henriettens Herz zuckte, aber ſie nahm ſich gewalt⸗ ſam zuſammen. Dieſem unſeligſten Traum des armen Kopfes durfte ſie am wenigſten nachgeben, ihn am wenigſten ſich wieder feſtſetzen laſſen.„Charlotte“, — Z— 3— 235 ſagte ſie mit bebender Stimme und dennoch aus dem tiefſten Ernſt und der heißeſten Liebe ihres Herzens, „ſchau' in Dich ſelbſt, ſchau' auf uns und um Dich her— biſt Du auch in Dir ſelbſt, biſt Du für uns verloren? Und wenn noch ſo ſehr an uns geſündigt wird und wir dem Verbrechen unterliegen, bis in unſer Inneres reicht die Sünde nur mit unſerm eigenen Willen, unſer tiefſtes Selbſt kann auch durch das furcht⸗ barſte Verbrechen nicht berührt werden. Das mag betäubt werden und gebeugt für lange, lange Zeit— ſo, wie Du es erfahren mußteſt— aber gebrochen wird es nicht. Es kann, es ſoll, es muß ſich wie⸗ der faſſen, ſich in ſeiner Unverletztheit und Schuldloſigkeit wieder empfindenlernen, es muß ſich klarwerden, daßesnicht verloren, nein, daß es gerettet iſt. Das mußt Du begreifen, das mußt Du fühlen, das mußt Du wollen, Charlotte. Sei verloren in der Welt und für dieſelbe, in Dir ſelbſt und für Dich ſelbſt, in Deiner Heimat, bei den Deinen biſt Du gerettet— vor der Welt und ihrer Sünde.“ Charlotte erwiderte nichts. Sie ruhte ſtill am Herzen der Freundin und ihre Thränen floſſen unauf⸗ haltſam. Henriette ließ ſie gewähren. Es war ihr, als wiche mit dieſen Thränen der ſchwerſte Druck vom Herzen und das letzte Dunkel, die letzte finſtere Starr⸗ heit aus dem Haupt. Schon daß ſie dieſe finſterſten 236 Träume, dieſe ſchwerſten Fragen ihres Lebens gegen Andere laut werden, daß ſie Andere daran Theil neh⸗ men ließ, konnte nur ein Schritt zur Beſſerung ſein. So näherten ſie ſich allmälig Othmaringen. Die eigentlich ſchweren Tage mochten für das ſtille Haus und ſeine Bewohner freilich vorübergegangen ſein, ſeit Bilingsfelden damals dem alten Pfarrer die Aufklärung gebracht und Charlottens Unſchuld verbürgt hatte; der Liebling war den alten Leuten von neuem geboren und theurer als je geworden. Baron Othmar nannte ihren Namen wieder, Frau von Soldnau erwachte aus ihrer Stumpfheit und ſchloß die Poſttaſche mit zitternden Händen ſelber auf. Allein das Alles war eben umſonſt, und die ſchlimmſten Tage kamen erſt jetzt, die Tage des Harrens und Bangens, der troſt⸗ loſeſten Ungewißheit, der qualvollſten Sorge. Die Ferne blieb todtenſtill, und da auch von Bilingsfelden keinerlei Kunde kam, fanden ſich die alten Menſchen völlig von der Welt abgeſchnitten; ja ſelbſt als nach vierzehn Tagen Bilingsfelden ſeinen Unfall meldete, der ihn zum Aufſchub ſeines Rettungswerkes zwang, und den von ihm erkundeten Aufenthalt Charlottens angab, wurde dadurch nichts gebeſſert. Im Gegentheil empfanden ſie zu Othmaringen erſt jetzt auf das bitterſte ihre Vereinſamung, ihre Hülfloſigkeit und die Schwäche 237 des Alters, welches jedes perſönliche Handeln ihnen unmöglich machte.— Sie wußten nun obendrein, wie einſam das arme Kind in der Fremde ſtand, ohne Halt und Stitze, ohne Freund, ohne Glauben und Vertrauen. Denn 3 daß auch Henriette nicht dort, dafür bedurften ſie nicht 4 einmal der beſtätigenden Ausſage Chriſtoph's. Von ihr hätte eine Kunde eintrefſen müſſen— die Zofe hing von ihrer Herrin und deren entſchiedenem Willen ab. Und auf die bedenklichen Andeutungen Bilings⸗ felden's legte der Pfarrer, der dieſelben ſelbſtverſtänd⸗ lich für ſich behalten hatte, keinen Werth. Was dort auch vorgefallen ſein mochte, ja auch wenn das ernſte und ſtrenge Mädchen ſich ſelbſt verloren hätte, was Florian für unmöglich hielt, der Bund mit Char⸗ lotten, die Liebe und Treue für dieſe mußte über alles Andere triumphiren und das Mädchen augenblicklich . wieder an die Freundin und ihr Geſchick feſſeln, ſo⸗ bald das Unglück hereinbrach. Baron Othmar hatte gut ſagen, wie erbarmungs⸗ los ſeine Strafe gegen den Verderber ſeines Kindes 4 ſein werde, jetzt, wo ſie eintreten ſollte, blieb das V Wort eben nur eine ohnmächtige Drohung. Was konnte er, gerade er denn dem Grafen thun, als dem⸗ ſelben ſeine tiefſte Verachtung ausſprechen, als derſelbe 238 ihm in dieſer Zeit endlich wirklich einen ſeiner heuchle⸗ riſch würdigen und zärtlichen Briefe zu ſchreiben wagte? Wie die Sachen ſtanden, konnte er ja nicht einmal in der Welt, in der Geſellſchaft als ſein Ankläger auf⸗ treten, geſchweige denn als wirklicher Angreifer und Verfolger! Und wie hier, ſo ging es allerwärts. Daß man vom Fürſten, von der Regierung keine Unterſtützung zu erwarten hatte, war bei des Barons Stellung und der in den höchſten Regionen herrſchenden Stimmung ſelbſtverſtändlich und nicht minder begreiflich, daß man von Othmaringen aus nicht die Mittel in Anſpruch nehmen konnte, die den Behörden zur Auffindung eines Verſchollenen zu Gebote ſtehen. Von den Verwandten in der Reſidenz, die durch Dagobert und auch ſonſt zunächſt bei dem unſeligen Fall betheiligt waren, konnte am wenigſten die Rede ſein. Da eine Verbindung mit Dagobert ausgeſchloſſen war, lag es, wenn in irgend Je⸗ mandes, gerade in ihrem Intereſſe, daß Vater und Toch⸗ ter auseinander gehalten würden, daß in der letztern diejenige verſchwand, die allein noch zwiſchen ihnen und der großen Familienerbſchaft ſtand, der alten bittern Feindſchaft gar nicht einmal zu gedenken, von der Baron Othmar gerade bei dieſer Gelegenheit mit Sicherheit Proben zu erhalten erwartete. 239 Man knüpfte die alten Verbindungen wieder an, die man vordem in der Reſidenz und ſonſt gehabt. Sie waren in dieſem Falle gleichfalls einfluß⸗ und erfolglos und vermochten nur jene auf und ab wogen⸗ den Gerüchte nach Othmaringen gelangen zu laſſen, an denen die Geſellſchaft ſich unterhielt, und von der Strömung und Gegenſtrömung Kunde zu geben, die in dem Urtheil über den Grafen und Hildegard, über Charlotte und Bilingsfelden ſich bemerkbar machten. Da⸗ rin war um ſo weniger Troſt, als der Baron noch immer nicht ſeine Mißſtimmung gegen den letztern zu überwinden vermochte und ſich nur mit Widerſtreben darein fand, trotzdem in ihm den Einzigen zu ſehen, von dem man endlich eine wirkliche Hülfe erwarten konnte, und als Frau von Soldnau hier von neuem eine Beſtätigung ihrer alten Sorgen und Befürchtun⸗ gen fand. Florian Hausmann nahm die Hülfe und Thätigkeit ſeines alten Freundes, des Biſchofs, in Anſpruch, die ihm mit Herzlichkeit und Theilnahme verheißen wurde, aber ohne Erfolg blieb. Er wandte ſich, wie das bei der genauen Verbindung der katholiſchen Geſſtlichkeit an die Hand gegeben ſchien, an einen Amtsbruder in G., in deſſen Nähe die letzten Spuren des geliebten Flüchtlings entdeckt worden waren. Die Antwort konnte die Anweſenheit beſtätigen, zugleich aber auch nur die Abreiſe melden und Nachforſchungen verheißen, die erfolglos blieben. Und endlich wandte der alte Getreue ſich trotz Bilingsfelden's Abmahnungen den⸗ noch an Prinzeß Conſtanze, um gerade von ihr die untröſtlichſte, härteſte Beurtheilung des Falls und der Menſchen zu erhalten und die finſtere Mahnung zu empfangen, man möge ſich zu Othmaringen in ſein Geſchick ergeben, wie ſie es in das ihre habe thun müſſen. So ſtanden die Dinge, als man von einem Corre⸗ ſpondenten in der Reſidenz die Nachricht erhielt, daß die Stiftsdame abgereiſt ſei, man ſage, um ihre Nichte Hildegard und den Grafen Felix in der Stille zu beſuchen. Dieſe Kunde machte auf den Baron Oth⸗ mar einen geradezu beſtürzenden Eindruck.„Ich hab' es gefürchtet“, ſagte er, nachdem er tagelang völlig verſtummt war, plötzlich mit bebender Stimme zum Pfarrer,„es konnte nicht ausbleiben. Sie konnte ſich dieſe Gelegenheit nicht entgehen laſſen, noch einen Schlag gegen uns zu führen. Findet ſie Charlotte, ſo iſt mein Kind verloren.“ Er war auch diesmal zu keiner weitern Aeußerung zu bewegen. Da kam endlich, endlich der erſte leiſe Troſt durch Bilingsfelden's Mittheilung, daß er den Flüchtling 241 zwar nicht mehr in der Gegend von G. gefunden, aber ſeine Spuren entdeckt habe und raſtlos auf denſelben weiter gehe. Und eine neue Nachricht meldete die neuen Fortſchritte, und dann endlich erzählte er, daß und wie er ſie gefunden, wie ſie leiblich gerettet wor⸗ den, aber geiſtig ihm und den Ihren nur deſto kränker zu ſein ſcheine, und wie raſch und entſchieden die Hülfe ſein müſſe, die nach ſeiner, nach Henriettens, nach des Arztes Anſicht jetzt in voller Wirkſamkeit nur aus ihrer Heimat kommen könne. Denn die Scheidung von die⸗ ſer und den Ihren ſei ihr finſterſter und gefährlichſter Traum. Da flogen denn die Briefe, ſelbſt Baron Othmar raffte ſich zum Schreiben auf, was er längſt den Sei⸗ nen überlaſſen hatte. Und es kamen wieder beſſere, wenn auch noch traurige Nachrichten; nun ſchrieb auch Henriette endlich und erklärte und berichtete, was gegen ſie zur Ausführung gekommen, was gegen Charlotte verſucht worden.„Du ſiehſt wohl“, ſagte Othmar zum Pfarrer,„ich habe mich nicht getäuſcht. Ich kenne ſie!“— Und dann vernahm man die Ab⸗ reiſe und endlich— endlich erfuhr man den Tag der Ankunft. Und der Tag war da. Er war klar und golden geweſen, wie alle ſeine Vorgänger während dieſes ſpäten Hoefer, In der Welt verloren. IV. 16 Herbſtes; aber als die Sonne hinter die Berge ſank, breitete ich anfangs ein leichter Duft über die Bläue des Himmels, der ſich bald immer mehr verdichtete und auch auf die Berge umher herabſank und ſich durch das Thal trübe hinlagerte, endlich zum ſtillen grauen Nebel werdend, welcher Alles in ſeinen Schleier hüllte und jede Ausſicht verſchloß und die ganze Umgebung des ſtillen Hauſes gleichſam verſchwinden ließ. Wenn jemals der Vergleich: einſam, wie eine Inſel mitten im Ocean, anzuwenden war, hier traf er zu. Und als Baron Othmar in Erwartung der noch immer ſich ver⸗ zögernden Ankunft mit Florian in den Portikus trat und ſorgen⸗ und angſtvoll, wie ihn Niemand bisher gefunden, auch hier keine Ruhe fand, ſondern ſeinen Begleiter zu einem Gange um das Haus fortzog; und als ſie den Nebel ausgebreitet ſahen, grau und ſtill in der Dämmerung wie ein weites Meer, und die Terraſſen ſchon verſchwanden in ihm, ſodaß nur die kleine Oberfläche des Schloßhügels und das Gebäude ſelber noch aus ihm hervortrat, und wie und wohin ſie horchten, kein Laut zu ihnen drang als das leichte Ziehen des Windes, welcher das letzte Laub von den die Veranden über⸗ ſpinnenden Ranken ſtreifte: da ſagte der Geiſtliche er⸗ griffen zu dem alten Freunde:„Sieh, mein Alter, der Tag iſt ſo recht ein Bild von unſerem und unſeres Kin⸗ 243 des Leben. Die Welt mit ihrem Glanz und ihrer Pracht iſt verſunken und verloren, und nur unſer eigenes ſtilles Daheim, nur wir ſelbſt ſind uns geblie⸗ ben. Mögen wir eines ſolchen Segens würdig bleiben!“ Da kam durch die tiefe Stille daher, vom Thal herauf ein fernes, leiſes Rollen, das ſich allmälig ver⸗ ſtärkte und immer näher klang, bis es, wo die Wagen auf der ſteilen Straße langſam fahren mußten, noch einmal faſt ganz verſchwand. Und da wurden die Köpfe der Pferde ſichtbar und dann der Wagen, der die letzte kurze Strecke nun raſch durchflog und vor dem Portikus hielt. Und im nächſten Augenblick— wie das Alles ſo kam, darauf achtete Niemand— lag Charlotte vor des Vaters Füßen und ruhte aufgeriſſen an ſeiner Bruſt, in ſeinen zitternden Armen. „Vater“, ſtammelte ſie,„Vater, vergeſſen hab' ich Dich und Othmaringen nicht, aber man hat Dich mir und mich Dir geſtohlen und ich bin Eurer nicht mehr werth.“ Und da verſetzte der Alte, indem ſeine Arme ſie umfaßten, als ſollten ſie nie mehr das Kind von ſei⸗ nem Herzen laſſen, ſeine Stimme bebte, aber ſeine Stirn war voll Drohens:„Verzeih' Du mir, Charlotte, mein Kind, und bitte Gott mit mir, daß er mir ver⸗ zeiht! Ich war der größte Sünder an Deinem Herzen. 16* 244 Aber, mein Kind, ich habe in der Welt da draußen auf Menſchen gerechnet und nicht auf Teufel.“ Da trat der Pfarrer heran und legte ihr die Hände aufs Haupt und ſagte voll Kraft:„Und ob die Men⸗ ſchen es übel mit Dir zu machen gedachten, mein lie⸗ bes Kind, und ob Du da draußen, in ihrer Welt Dich verloren wähnteſt und verſtoßen, Gott der Herr läßt Dich nicht verloren gehen, ſondern führt Dich heim zu Deiner Heimat und den Deinen, zu Dir ſelbſt. Da biſt Du gerettet. Gott ſegne Deinen Eingang, wie wir ihn ſegnen.“ Sie gingen hinein, wo Frau von Soldnau halb ohnmächtig ihrer harrte und nun mit tauſend Thrä⸗ nen die Heimgekehrte in die Arme nahm. Wir blicken heute, nachdem ſechs inhaltſchwere Jahre vergingen, auf das ſtille Othmaringen und die Menſchen, welche hier ihre Zuflucht ſuchten und ihren Frieden. Es ſind Jahre, die gewaltſamer als irgend welche frühere in die Zuſtände Deutſchlands eingriffen, das Beſtehende mit furchtbarem Stoß über den Haufen warfen und faſt Niemand, nicht den Höchſten, nicht den Geringſten auf dem alten Platz, in der alten Bahn ließen. Das Fürſtenthum, zu dem Othmaringen gehört, —ͤ—⅛⅓¼ 245 iſt gleichfalls fortgekehrt, wenigſtens glauben wir es beinahe, obſchon wir's nicht genau wiſſen; wer fragt heut⸗ zutage noch nach der Exiſtenz oder Nichtexiſtenz einer der armen kleinen Regierungen, deren eingebildete und angemaßte Bedeutung gerade durch dieſe letzten Jahre in ihrer vollen Nichtigkeit erwieſen wurde? Zum min⸗ deſten iſt von dieſer und dem Fürſten ſelber nirgends mehr die Rede, und daß Excellenz Othmaringen nicht mehr am Ruder iſt, wiſſen wir beſtimmt, da das Re⸗ gierungsblatt ſchon lange vor der großen Kataſtrophe des Jahres 1866 ſeinen Austritt aus dem Dienſt mel⸗ dete. Der Eindruck, den die Verhaftung ſeiner Schweſter und die Anklage gegen ſie hervorbrachte, die, obgleich vor dem Beginn des wirklichen Proceſſes von gewiſſen Seiten für ſie ſo gut wie für den Grafen Felix Ey⸗ lingshauſen und ſelbſt Hildegard Himmel und Erde in Bewegung geſetzt wurden, dennoch durchgeführt, mit der Verurtheilung ſchloß, dieſer Eindruck war allzu furcht⸗ bar, als daß irgend eine Macht der Welt ihm hätte Widerſtand leiſten können. Es hätte gar nicht einmal der Unbeliebtheit bedurft, deren der Miniſter und die Seinen in der Geſellſchaft genoſſen, um ihn nicht min⸗ der als die entſetzlichen Verbrecher für immer aus dieſer ausſtoßen zu laſſen. Ja, hätte man das Verbrechen 246 ſelbſt noch verzeihen oder doch vertuſchen und die Ver⸗ brecher um ihres Standes und deſſen ſogenannter Ehre willen retten mögen, daß ſie durch ſich ſelbſt und durch ihre Verbrechen die tiefe Fäulniß verrathen, welche gerade in der ſogenannten guten und vornehmen Ge⸗ ſellſchaft furchtbarer wuchert als irgendwo ſonſt, das machte, zumal nachdem der Proceß wirklich begonnen und immer ſchlimmere Züge ans Licht traten, jede Hülfe und jede Theilnahme unmöglich, ſei es auch nur, weil ſolche Hülfe und Theilnahme die ganze Decke vom Abgrunde geriſſen haben würde, von welcher die Unwürdigen und Wahnſinnigen jetzt Gott Lob nur ein Eckchen zu lüften gewagt hatten. Die Geſellſchaft ſtrich alle dieſe Menſchen nicht nur aus den Herzen, ſondern auch aus den Köpfen, ſie wußte nicht mehr, ob ſie überhaupt exiſtirt hatten oder noch exiſtirten, und als nach einigen Jahren davon go⸗ redet wurde, daß die Stiftsdame Aurelie von Othma⸗ ringen zu einer mildern Haft begnadigt worden und daß Graf Felix bei einem Fluchtverſuch durch einen Sturz ſchwer verletzt und nach wenigen Tagen geſtor⸗ ben ſei, ging das in dieſen Kreiſen ſpurlos vorüber, ja man erfuhr vielleicht gar nicht einmal davon. Auch von den Uebrigen, den alten Excellenzen, von Hildegard, ———— 247 von Dagobert wußte man weder, wo, noch ob ſie über⸗ haupt noch lebten. Für Charlotte und wer zu ihr gehörte, und für das Urtheil über ſie iſt dieſe erbarmensloſe Strenge nicht zur freundlichen Nachſicht geſtimmt worden, und es iſt ſehr fraglich, ob und wie man ſie wieder aufneh⸗ men würde, falls ſie von neuem in der Welt erſchei⸗ nen möchte. Die Verehrung, welche die Gräfin Cy⸗ lingshauſen vordem genoß, und die Huldigungen, die ihr gewidmet wurden, ſind ſeit jener Kataſtrophe zu** vergeſſen und verſchwunden, wie ſie ſelber es ſeitdem blieb. Das Verbrechen, welches die arme Frau mit Allem brechen ließ, was man in der Welt als Regel und Geſetz angenommen und aufgeſtellt hat, und ſie in die Flucht trieb, das Motiv, welches gerade dieſe Flucht veranlaßte, das Gefühl und der Sinn, welche ſie ſelbſt ſich verloren heißen und fern von den Ihren weilen ließen, das Alles ward dem größten Theil der Geſell⸗ ſchaft kaum recht bekannt und niemals verſtändlich. Man ſah darin immer zuerſt und faſt allein den furcht⸗ baren Eclat der Flucht mit einem fremden Manne und 3 das Umherziehen in der Fremde, das freilich ſtets in ein myſteriöſes, darum aber nicht günſtigeres Dunkel gehüllt blieb; es fand ſich dort eben ein nur um ſo breiterer Platz für die Gerüchte, die wie Pilze aufſchoſ⸗ ſen, und man hatte gleichfalls auch nur um ſo mehr Veranlaſſung zum Glauben an dieſelben. Die Men⸗ ſchen von Herz und Kopf, von Ehre und Gefühl, die das Alles begriffen und auch, wie Bilingsfelden es ge⸗ hofft hatte, gleich ihm für die Mißhandelte auftreten würden, waren in allzu geringer Zahl da, als daß ihre Stimme hätte durchdringen und ihr Urtheil das Allgemeine werden können. Sie ſind überhaupt nicht diejenigen, welche in der Welt den Ton angeben. Es kam dazu, daß bei dem ſchmachvollen Proceß trotz aller gegen die Gräfin und ihre Begleiter geübten Schonung ihre Namen wenigſtens ſo häufig wie möglich herbeigezogen und ihre Perſönlichkeiten und Perſonalien von der Vertheidigung und den Verbrechern ſelber nach Kräften ausgenutzt wurden. Und wenn ſich da⸗ raus für die Richter wie für alle ehrenhaft und edel Denkenden auch nur eine noch größere Verworfenheit dieſer Verbrecher ergab und das Urtheil nur um ſo ſtrenger werden ließ, für die große Menge, für die Welt blieb davon leider nur allzuviel an den Unſchul⸗ digen haften und fand ſich Mancherlei, was die Lügen glaubhaft machte und die Verleumdungen zu beſtätigen ſchien. An Bilingsfelden wagte man ſich nicht. Er hatte ſich in dieſen Stürmen wiedergefunden und war ganz und gar der Mann, der ſeinen Platz in der Welt — zu behaupten verſtand. Charlotte aber und, wenn von ihr einmal die Rede war, auch Henriette hatten die⸗ ſen Platz verloren. Charlotte aber— von Henrietten reden auch wir nicht, ſie iſt mehr als je eins mit der Freundin!— verlangt auch nicht nach der Welt, die ſie ausſtieß. Sie hat längſt aufs tiefſte begriffen und in ſich aufge⸗ nommen, was Henriette, was der alte Pfarrer ihr ſagte: in der Welt verloren, daheim und in Dir ſelber gerettet!— Sie hat ſich längſt nicht nur aus jener finſtern und müden Träumerei, ſondern auch aus der erſchreckenden Kälte und Nüchternheit, aus der Theil⸗ nahmloſigkeit, aus der ſtumpfen oder harten Reſigna⸗ tion au jede Zukunft zu der frühern Harmonie und Klarheit, zu der anmuthvollen, ſchlichten Würde auf⸗ gerafft. Sie iſt nicht mehr die Roſe von Othmaringen, aber ſie wurde für die Ihren, für ihre ganze Umge⸗ bung mehr als je zum Kleinod, zum Mittelpunkt des ganzen Lebens. Und ſie ſieht auch den Kreis des eignen Lebens und Wirkens, zumal ſeit Baron Othmar ſie ſeg⸗ nend die Augen ſchloß und ſie den großen, ihr geſicher⸗ ten Beſitz übernahm, ſo weit, ſo reich und ſchön, daß ſie weniger als je über denſelben hinausblickt. Sie hat aber auch in ſich ſelber das Gleichgewicht wiedergefunden und jene tiefſte Noth und jene ſchwere 250 Sünde überwunden, die ſie in ſich ſelbſt, in ihrem Her⸗ zen zu finden wähnte, das iſt, daß dies Herz, einem Andern verpflichtet, in ſeinem tiefſten Grunde doch nicht ihm, ſondern dem zu eigen war und blieb, den es bei ſeinem erſten Erwachen in ſich geſchloſſen hatte. Sie iſt von dem erſtern nun ſchon lange ſelbſt im ſtreng⸗ ſten Sinne frei, und es hindert ſie nichts, dem tiefſten Fühlen ihres Herzens nachzugeben. Allein wie innig und treu daſſelbe auch ſein mag und wie tief ſie ſich Bilingsfelden zu eigen fühlt, zu einer äußern Verän⸗ derung ihrer Stellung zu ihm führte es bisher nicht. In der Welt, von der aus man denn doch zuwei⸗ len auf die Einſiedlerin blickt, welche zugleich die reichſte Frau des Landes iſt, und ſelbſt in ihrer näch⸗ ſten Umgebung erwartete man dieſe Veränderung mit Beſtimmtheit, als man vor einigen Jahren den Tod der Prinzeſſin Conſtanze vernahm und damit das letzte Hinderniß ſchwinden ſah, das es ſelbſt in Charlottens Augen geben konnte. Allein man hatte ſich getäuſcht. Als Bilingsfelden in dieſer Zeit einmal, wie oft, nachmittags von Neideck nach Othmaringen herüber⸗ kam und nach einem langen Geſpräch mit Charlotten abends erſichtlich ernſt und nachdenklich zurückritt, ſagte die Gräfin zur Frau von Soldnau und Henrietten in ihrer ruhig freundlichen Weiſe:„Er hat mich um meine . 251 Hand gebeten, allein ich habe, wie die Sachen ſtehen und ich einen ſolchen Schritt anzuſehen vermag, ihm nicht zuſtimmen können, ſo tief und ganz ich mich ihm auch zu eigen fühle. Dieſer Schritt führte uns, ob wir wollten oder nicht, in die Welt zurück, die von mir und von der ich nichts will.“ Und ſo iſt es bisher geblieben. Ob für immer? Wer vermag das zu ſagen! Die Liebe erſetzt Alles, aber ſie überwindet auch Alles. Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſan. ——, 4 8 ſiſffſf al Laaqzawraaswwzaxuwwmmnxuwnmmmrmmmwnmmuarmmanmmmmmuunmmmnurann 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20