„„„ Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Pblidißet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und lüichgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 7 ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen ſen, bei Entgegennahme J eines Buches, eine dem Werthe de ſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurü⸗ on mir zurückerſtattet wird. 4 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus Ibeträgt: 4 ſ für wöchentlich 2 Bücher: 3 6 Bücher: ——. auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 1 Sf. 2 M 7 1— 1 und Zurückſendung hr ſelbſt zu ſorgen. ene, verlorene und lupfern ꝛc.) muß der e, beſchmutzte, ver⸗ In der Welt verloren. Eine Erzählung von Edmund vefer. 8 H f. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Erſtes Kapitel. Felix und Dagobert. Die Bemerkung Dagobert's gegen Frau von Reu⸗ terholm, daß man eine einſiedleriſche Wittwe ſein müſſe, um von allen neuern Vorgängen daheim gar nichts zu erfahren, zenthielt trotz alles augenblicklichen Spottes die volle Wahrheit. Es lebten gerade hier im Orte Leute genug, welche, wenn auch für den Mo⸗ ment nicht im Amt und Geſchäft, dennoch mit der großen Welt in genauſter Verbindung ſtanden und ſich für Alles intereſſirten, was dort geſchah; und die neuer⸗ lichen Vorgänge in dem Staate, dem der Graf Eylings⸗ hauſen und der eben bekannt werdende Herr von Othma⸗ ringen angehöcten, waren nicht blos intereſſant, ſondern auch wirklich wichtig und möglicherweiſe ſogar folgenreich 1 Hoefer, In der Welt verloren. III. genug, um eine ganz beſondere Aufmerkſamkeit zu rechtfertigen. Der Staat war, gleichviel weshalb, aller⸗ dings von ſeiner frühern Bedeutung zurückgeſunken und hatte ſeinen Einfluß, wie wir von Felix vernah⸗ men, in bedenklichem Maße verloren; allein man mußte denn doch wohl zugeſtehen, daß dies Zurückgehen einer⸗ ſeits nur durch Anſchauungen, Neigungen und vielleicht auch Fähigkeiten derjenigen begründet worden ſei, welche bisher an der Spitze geſtanden, und daß es andererſeits nur auf die rechten, energiſchen Perſönlichkeiten und ein entſchiedenes Eingreifen, ein conſequentes Durch⸗ führen ankomme, um ſich wieder einen immerhin noch ſehr gewichtigen Einfluß zu ſichern. Dazu kam endlich, daß der Zeitpunkt, wo dieſe Veränderungen ſtattfanden, ein ſehr bedeutender und die politiſchen Verhältniſſe ſo günſtig wie möglich waren. Verſtand man daheim ſich dies zu Nutze zu machen, wie man es vom jetzigen Fürſten und dem neuen alten Miniſter annehmen zu dürfen glaubte, ſo ließ ſich faſt mit Beſtimmtheit erwarten, daß man den beinahe verſchollenen Staat ſchon dem⸗ nächſt wieder im Vordergrunde erſcheinen ſehen werde. Zu dieſer Auffaſſung der Dinge ſtimmte ganz und gar, was man über die Depeſchen, welche Graf Felix erhalten, und die Beſtimmung erfuhr, die ihm zugedacht worden. Es deutete ſich darin weniger ein ſogenannter 3 Wechſel als ein vollſtändiger Bruch mit dem bisherigen Syſteme an, und ſchon daß man gleich zu Anfang den Poſten in er ins Auge gefaßt und für denſelben den Grafen erwählt hatte, der mit ſolcher Entſchiedenheit für ſeine Ueberzeugung eingetreten war und derſelben ſeine Stellung geopfert hatte, machte in dieſen Kreiſen einen tiefen Eindruck, ja derſelbe wurde durchaus nicht durch die Andeutungen verringert, welche Felix gelegent⸗ lich gegen dieſen oder jenen Vertrauten nicht zurück⸗ hielt, daß er kein rechtes Vertrauen zu den neuen Perſönlichkeiten habe und an den Ernſt des ſogenannten Wechſels nicht glaube, vielmehr ſeine Ernennung andern Gründen zuſchreibe. Man glaubte eben auch ihm nicht, ſondern fand für ſeine— man ſetzte voraus, nur tem⸗ poräre— Ablehnung andere Motive heraus, und wäre es auch nur der Reſt einer an Erbitterung grenzenden Empfindlichkeit über die Behandlung geweſen, die man ihm während der letzten Zeit ſeiner Dienſtſtellung hatte angedeihen laſſen und die, wie wir erfuhren, aller⸗ dings auch in den Augen Anderer, Unbetheiligter aus⸗ reichte, ſeinen Austritt zu rechtfertigen. Was Wunder, wenn ein Mann wie der Graf, der durch das eigene Vermögen und noch mehr durch dasjenige ſeiner Ge⸗ mahlin zu einem der reichſten Leute Deutſchlands ge⸗ macht wurde, ſeine Freiheit der Abhängigkeit und dem 1* Dienſtzwange, der auch nur möglichen Erneuerung alter Conflicte vorzog, wenn er nur ſich und den Seinen zu leben entſchloſſen war und zuerſt und vor allem die Geſundheit und Zufriedenheit, die Wünſche ſeiner Ge⸗ mahlin in Rückſicht nahm? Daß die Geſundheit der Gräfin noch nicht für das Klima von** geeignet ſei, und daß ſie ſelbſt an dem dortigen Leben und ſeinem Ton keinen Geſchmack finden könne, begriffen die Kun⸗ digen— das heißt, mehr oder minder alle— gut genug und fanden es, wenn auch lächelnd, endlich durchaus gerechtfertigt, daß der Graf nicht Luſt habe, ſich auf längere Zeit von ſeiner ſchönen, anmuthigen, liebens⸗ würdigen Frau zu trennen. Die Leſer haben indeſſen früher ſchon erfahren, daß das Auftreten des Grafen in Neapel, Gaeta und Rom für die meiſten ſeiner nähern und fernern Bekannten ein ſehr überraſchendes geweſen war, und daß man noch weniger die Entſchiedenheit erwartet hatte, mit welcher er bei ſeinen Anſchauungen verharrte, geſchweige denn die Gleichgültigkeit, mit der er die Folgen auf ſich nahm. Man kannte ihn nur als den Mann der Geſellſchaft, dem es allein in dieſer und ihrem Treiben, in all ihren kleinen Wirren und Intriguen wohl war und der ſich hier mit einem Takt und Geſchick bewegte, das man wohl gelten laſſen mußte und das ihn un⸗ r 82 —“ ————— 5 leugbar für einen Poſten, wie er ihn urſprünglich in Neapel eingenommen hatte, vor vielen Andern befä⸗ higte. Es ließ ſich freilich nicht leugnen, daß er dann, ſeinen kranken Chef vertretend, ſich gleichfalls mit Ge⸗ ſchick und Würde, vor allem mit jener überraſchenden und für ihn folgenreichen Selbſtſtändigkeit zu benehmen verſtanden; allein man ſah darin entweder nur ein— Gott weiß wie und wodurch veranlaßtes— jähes Auf⸗ lodern, oder— auch davon erfuhren die Leſer ſchon— man witterte darin noch beſondere Motive und vor allem fremde Einwirkungen und wandte ihm und ſei⸗ nem folgenden Leben eine Aufmerkſamkeit zu, deren der luſtige Lebemann bis dahin ſich niemals zu rühmen gehabt hatte. Bisher waren dieſe Beobachtungen ohne irgend einen lohnenden Erfolg geblieben. Graf Felix hatte keinerlei Verbindungen, die durch andere als die alltäglichſten und unſchuldigſten Intereſſen zuſammengehalten wurden. Er verkehrte mit keinem Mann von Bedeutung und Einfluß in einer Weiſe, welche gerade dieſe Bedeutung oder dieſen Einfluß ins Auge gefaßt hätte, und hatte für alle Fragen, welche ſich mit der Politik beſchäf⸗ tigten, Sorgloſigkeit, ja Gleichgültigkeit. Dieſelben waren ſogar faſt allzu groß, als daß man noch recht hätte an ſie glauben mögen, und rechtfertigten daher die Fort⸗ zur Noth eine Erklärung ſeines bisherigen Handelns ſetzung der Beobachtungen von neuem. In ſolchen Fällen klammert man ſich an jeden Halt und findet ſelbſt den unbedeutendſten nicht unbedeutend genug, um ihn fallen zu laſſen. Da man nichts Aeußeres fand, machte man ſich ſo zu ſagen an das Innere und nahm das Pri⸗ vwatleben des Grafen vor, ſeine Häuslichkeit und, um es ſo auszudrücken, Solidität, alle die an ihm ſich neuer⸗ dings offenbarenden Eigenſchaften eines beſonders zärt⸗ lichen und glücklichen Ehemanns, Seiten, von denen man wiederum bisher, zumal in ſolchem Umfange, wenig zu bemerken gehabt hatte. Daß er ſeit ſeiner Verhei⸗ rathung ſchon gewiſſe Schranken und Rückſichten an⸗ erkannt und beobachtet, die er gerade bis dahin am allerwenigſten bewahrt hatte, war bekannt, ebenſo aber auch, daß er trotzdem das Leben nichts weniger als ſchwer nahm und ſich keine unnöthigen Entſagungen auferlegten Er lebte als Mann der Geſellſchaft und der großen Welt, ohne Extravaganzen und ohne Skrupel, und ſetzte das auch noch in der erſten Zeit ſeines hie⸗ ſigen Aufenthalts fort, bis dann der ſogenannte, viel belächelte und dennoch entſchuldigte Liebesfrühling be⸗ gann, der ihn als Ehemann von vierzehn Tagen erſchei⸗ nen ließ. Wenn man dies Alles ins Auge faßte, war alſo 7 gefunden und man durfte nur noch fragen, wie lange er in dieſer Entſchiedenheit beharren und ob er die diplomatiſche Laufbahn wirklich für immer aufgeben würde, auch wenn die Geſundheit der Gräfin wieder ooöllig hergeſtellt ſei, wenn ſeine Jung⸗Ehemanns⸗Laune einem andern Einfalle Platz gemacht, wenn die Dinge daheim wirklich und dauernd einen andern Verlauf näh⸗ men und neue Anerbietungen endlich ſeinem Ehrgeiz genügten oder ſeine Empfindlichkeit beſiegten. Man meinte ſogar die Antwort auf dieſe Frage bald er⸗ halten zu müſſen, da mehr als eins der angegebenen Hinderniſſe verſchwand oder verſchwinden zu wollen ſchien. Denn von daheim kamen nun immer entſchie⸗ denere und beſtimmtere Nachrichten, die das frühere Syſtem als aufgegeben zeigten. Die Geſundheit der Gräfin ließ täglich weniger zu wünſchen übrig und die Jung⸗Ehemanns⸗Laune war augenſcheinlich zu ei⸗ nem ſehr vernünftigen Maß zurückgekehrt. Der Graf aber blieb, was und wie er war, gleich⸗ gültig hier, luſtig dort. Man wußte jetzt für gewiß, was die Depeſchen enthalten und daß die Anerbie⸗ tungen ſehr ernſt geweſen; ja dieſelben waren, wie es hieß, wiederholt und noch entſchiedener von Felix ab⸗ gelehnt worden. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß das ein vollſtändiger Bruch mit ſeiner Vergangenheit war „— und ihm alle früher verfolgten Ausſichten ein⸗ für alle⸗ mal abſchnitt. Das hatte Niemand von ihm erwartet und Niemand mochte es ihm auch jetzt noch recht glau⸗ ben, weil man noch immer nichts fand, das ihm etwa als Erſatz für alles Aufgegebene gelten konnte. Die Zweifler fanden ſich in ihrer Anſicht durch die Beobachtung beſtärkt, daß Herr von Othmaringen, der vertraute Adjutant des neuen Fürſten und obendrein der Sohn des Miniſters, der ſeinem Vetter die erſten Anerbietungen übermittelt und ſeinen Abſchlag empfan⸗ gen hatte, nun auch nach der Wiederholung der einen wie des andern und trotz des völligen Bruchs mit ihm noch immer in genauem Verkehr blieb. Das war denn freilich etwas völlig Unerhörtes, ja anſcheinend Unmög⸗ liches, vorausgeſetzt, daß die Ungnade, die Graf Felix herausgefordert hatte und von der auch dieſes und jenes Briefe meldeten, eine wirkliche und dauernde war. Bisher hatte die Jahreszeit, welche trotz der herr⸗ lichen Witterung doch immer noch mehr in den Häu⸗ ſern als außerhalb derſelben zu leben zwang, und die Geſundheit der Gräfin Charlotte, welche ihren Kreis bis jetzt ſtets einen kleinen bleiben ließ, die Geſellſchaft noch auseinander gehalten und es ſchwer gemacht, das Leben und Treiben eines Einzelnen genauer zu ver⸗ folgen. Das änderte ſich jetzt, wo die Winterſaiſon ———ꝛü ſich ihrem Schluß näherte und der Frühling mit aller Schönheit und Pracht begann, auf das vollſtändigſte. Die eigentlichen Wintergäſte reiſten allmälig ab, die zurückbleibende Geſellſchaft ſchloß ſich näher an einander, und das Leben und Begegnen im Freien näherte alle noch mehr, ſelbſt diejenigen, welche bisher dem eigent⸗ lichen Kern ferner geſtanden oder ſich ihm nur aus irgend einem perſönlichen Grunde fern gehalten hatten. Zu dieſen letztern gehörte unter andern auch Dago⸗ bert Othmaringen, der während ſeines bisherigen Aufent⸗ halts wirklich ein äußerſt zurückgezogenes Leben geführt hatte und, wenn nicht einmal im Club oder auf der Promenade, faſt nur zuweilen auf der Villa Marina, bei den Verwandten zu finden geweſen war. Er hatte ſeine Geſundheit allein berückſichtigt, hieß es, die ſeinem Aeußern nach allerdings eine ſorgfältige Schonung zu verlangen ſchien. Einen gewinnenden Eindruck hatte er freilich auf Niemand gemacht, geſchweige denn Je⸗ mand wirklich an ſich gezogen. Wer häufiger mit ihm in Berührung kam, war bald mit dem Urtheil fertig geweſen, daß man in ihm einen leeren Kopf, einen durchaus unbedeutenden Menſchen vor ſich habe. Man zuckte wohl gar über den Fürſten die Achſeln, der ſich ſo lange mit einem ſolchen Begleiter und Vertrauten habe begnügen mögen. ——— —õõ—õ——⸗—:⸗::— 10 Er erſchien nun, wie wir wiederholen, gleichfalls mehr und mehr in der Geſellſchaft und zwar am häufigſten und erſichtlich am liebſten in der Begleitung des gräf⸗ lichen Paars, ſodaß man dieſen Verkehr, der für Manche, wie wir erfuhren, noch ein beſonderes In⸗ tereſſe hatte, auf das genauſte ſtudiren und verfolgen konnte. Da ſah man denn bald, daß ſein Umgang mit dem Grafen doch nur ein ſehr oberflächlicher, ja nur geſellſchaftlich höflicher war, daß er ſich dagegen der Gräfin mit einer Ergebenheit und Angelegentlichkeit widmete, wie es die in ſolchen Kreiſen angenommenen Regeln nur irgend erlauben wollten. Das war freilich gewiſſermaßen ſelbſtverſtändlich, da er nicht nur ihr nächſter Verwandter war, ſondern auch, ganz abgeſehen von dem zwingenden Reiz ihrer Feinheit und Würde, ihrer Anmuth und Liebenswür⸗ digkeit, der alle Welt ihr unterthan machte, bei ihr auf eine Güte und Freundlichkeit, auf eine Nachſicht mit ſeiner Weiſe und eine Theilnahme für ſeine Leiden ſtieß, die ihn ihr völlig zu eigen machen und auf das dankbarſte verbinden mußten. Ja, man mußte es ſogar erklärlich und verzeihlich finden, daß ſein Gefühl für die ſchöne und gütige Verwandte ſich allmälig ſteigerte und von herzlicher Verehrung zu einer Art von ſchwär⸗ meriſcher— ſagen wir immer einmal: Liebe überzugehen 11 ſchien. Wie Charlotte nun einmal war, konnte ſo etwas bei einem Mann mit einem empfänglichen Herzen und der obendrein ihr ſo nahe ſtehen durfte, kaum aus⸗ bleiben und war, wie wir andeuteten, auch bisher nicht ausgeblieben. Man hatte mehr als einmal eine große Leidenſchaft zu beobachten gehabt, die ihr gewidmet worden war, aber auch jedesmal die Würde, den Takt, die vollendete Liebenswürdigkeit und Feinheit bewun⸗ dern müſſen, mit der ſie die Situation zu beherrſchen und die Leidenſchaft in den ſchicklichen Schranken zu erhalten oder endlich völlig zu beſchwichtigen verſtanden. Die Forderung der Vorſicht und ernſten Ueber⸗ legung, der gewiſſenhaften Berechnung jedes Schrittes trat Dagobert Othmaringen und ſeinem Gefühl gegen⸗ über allerdings nicht an ſie heran, und während man in ihrer Umgebung vordem den Verlauf eines ſolchen Ver⸗ hältniſſes mit Aufmerkſamkeit verfolgte und dem Aus⸗ gang nicht immer ohne Sorge entgegenſah, fand man Dagobert'’s Huldigungen und ſein Treiben für die Dame bald äußerſt ungefährlich und hatte für ihn Alles eher als Mitleid und Theilnahme. Graf Felix, der ſich in andern ähnlichen und für ſeinen Frieden nicht immer von vornherein ungefährlichen Fällen ſtets als Welt⸗ mann zu benehmen verſtanden, ſchien, was hier vor⸗ ging, meiſtens gar nicht zu ſehen oder lachte gelegentlich 2—y r-———ꝛ—ꝛ⸗ℳ:⸗ͦLL—L—ꝛ⏑ꝛ—ꝛ—⸗—ꝛ—ꝛ—ꝛ—-—:—:—:—ꝛ—ꝛꝛ——— 12 wohl einmal herzlich über die, wie er es hieß, ſelt⸗ ſamen Grimaſſen und Capriolen des Couſins. Auch Charlotte ſelbſt bemerkte entweder gar nichts von des Verwandten Treiben oder legte demſelben zum min⸗ deſten einen ganz andern Sinn unter, faſt als ſähe ſie darin nur Aeußerungen und Folgen ſeines Leidens, welche denn die herzlichſte Theilnahme eher ſteigerten, als geringer werden ließen. Es gab indeſſen Einige in dieſem Kreiſe, welche jene liebenswürdige Freundlichkeit und Theilnahme Charlottens für Dagobert wo nicht für zu groß hielten, doch für unverdient und übel angewandt er⸗ klärten. Beliebt, wie es denn doch auch ein Menſch ohne große Gaben ſein kann, ward Herr von Othma⸗ ringen keineswegs, und wie es Manche gab, welche, an ſeine ſogenannte Krankheit gar nicht glaubend, Gott weiß was für andere Zwecke unter der Hand von ihm verfolgt meinten, ſo fanden ſich auch nach und nach Einige, die in ſeinem Auftreten und Gebaren, ja ſelbſt in ſeiner zur Schau getragenen Oberflächlichkeit und Nichtigkeit nichts als eine Art von Maske erkennen wollten und ihn gewiſſermaßen als einen unheimlichen Menſchen anſahen, vor dem man und vor allen ſeine nähern Bekannten ſich ernſtlich in Acht zu nehmen hätten, auch ohne daß man im Stande geweſen wäre, » » 13 Gründe für eine ſolche Anſicht anzugeben oder die Punkte anzuführen, wo beſonders jene Vorſicht wohlangewandt ſein würde. Gräfin Charlotte wußte von dieſen Urtheilen nichts; ſie war nicht nur eine edle und reine, ſondern auch im Grunde viel zu harmloſe und unbefangene Natur, als daß ſie irgend Jemand, der ihr nicht ganz beſondere Veranlaſſung gegeben, mit Mißtrauen hätte anſehen, mit einer Art von Vorſicht ſich fernhalten ſollen. Sie glaubte überhaupt nicht leicht und nie ohne weiteres an etwas Uebles oder Verſtecktes im Menſchen und am wenigſten da, wo daſſelbe in irgend einer Beziehung zu ihr ſelbſt ſtehen ſollte. Sie wußte ſich zu ſchuldlos und rein von Allem, was in einem Andern auch nur eine Mißſtimmung, geſchweige denn etwas wie Abnei⸗ gung oder gar Feindſchaft gegen ſie hätte hervorrufen können, und am allerwenigſten konnte ſie von dem⸗ jenigen irgend eine Gefährdung ihres Friedens, ihrer Stimmung befürchten, dem ſie wie Dagobert nichts Anderes als Freundlichkeit und Theilnahme zuwandte. Sie wurde daher auch nicht wenig überraſcht, als ihr Gemahl eines Abends, da der Vetter ſie eben ver⸗ laſſen hatte, mit einer auffälligen Trockenheit ſagte: „Ich glaube, Du wirſt gut thun, wenn Du ihm gegen⸗ über ein wenig vorſichtiger und zurückhaltender wirſt ————— oder ihn gelegentlich auch einmal ausdrücklich auf die nöthigen Schranken aufmerkſam machſt, damit er ſich mehr menagiren lernt. Ich muß geſtehen, daß mir ſeine Weiſe täglich weniger gefällt.“ Charlotte ſah ihn ganz erſtaunt an; ſie hatte noch nie in ihrer Ehe eine ſolche Warnung von dem Gatten vernommen, ja es niemals auch nur geahnt, daß er ſich überhaupt mit ſolchen Gedanken trage. Das konnte in der That nur ein Scherz ſein, und auf einen ſolchen eingehend, ſchüttelte ſie daher auch alsbald mit einem ganz muntern Lächeln den Kopf und verſetzte: „In Wahrheit, Felix, das begreife ich nicht! Du wirſt doch nicht gar anfangen, Dich mit Eiferſucht zu plagen und obendrein um des armen Vetters und ſeiner ſchmach⸗ tenden Verehrung willen?“ Felix zog die Brauen zuſammen; er ſchien über⸗ haupt verſtimmt zu ſein, wie neuerdings öfters ohne einen recht ſichtbaren Grund.„Was für eine ſeltſame Neckerei, Charlotte!“ ſprach er unmuthig.„Als wenn ich überhaupt an dieſe Albernheiten gedacht hätte! Möchte er doch laufen und grimaſſiren, Dir zu Füßen liegen oder Dir Liebe ſchwören, ſoviel er will und kann; Du weißt doch wohl, daß ich Dir zu viel Geſchmack zu⸗ traue, als daß Du an ſolchen Thorheiten Dich auch nur einen Augenblick unterhalten könnteſt. Möchte er * — das thun, ſage ich, wenn es eben etwas wie ein wirk⸗ licher, ob auch noch ſo närriſcher Ernſt, die Wahrheit wäre! Allein daran glaub' ich eben nicht; es iſt nicht Ernſt, nicht Wahrheit, ſondern— der Henker weiß was! Ich ſage Dir offen, daß ich dem Burſchen täglich mehr mißtraue, daß mir ſein Herandrängen an uns oder vielmehr an Dich ganz und gar nicht gefällt.“ „Aber, Felix, wie mißtrauiſch und ungerecht! Ich kenne Dich gar nicht ſo!“ ſagte ſie mit erneutem Kopf⸗ ſchütteln, aber diesmal ohne Lächeln.„Es wäre ja unnatürlich, wenn er leidend, wie er iſt, und auf Hülfe und Theilnahme angewieſen, dieſelbe am fremden Ort nicht zuerſt bei Verwandten ſuchte!“ „Von denen weder die Seinen noch er ſelbſt bisher haben etwas wiſſen wollen, mit welchen ſie vielmehr in einer aller Welt bekannten Feindſchaft gelebt haben! Erinnere Dich jenes Morgens in Rom und ſeiner Un⸗ gezogenheit gegen Dich!“ „Die er neulich gleich bei ſeiner Ankunft erklärte und entſchuldigte“, verſetzte ſie ernſt.„Und die Fami⸗ lienfeindſchaft— ja, ich habe von der Exiſtenz einer ſolchen gehört, allein empfunden habe ich jemals ebenſo wenig davon, wie ich ſie überhaupt auch nur verſtanden habe. Und am allerwenigſten begreife ich, wie ſie gegen uns, gegen mich zur Aeußerung gelangen könnte.“ „Das weiß ich zwar auch nicht“, ſagte er, ſeinen Hut nehmend, mit finſterem Ausdruck,„allein ich habe meine Gründe, ihm und ſeiner Aufdringlichkeit zu miß⸗ trauen, und ich bitte Dich, thue auch Du das und halte ihn in den gebührenden Schranken.“ Er ging mit kurzem Gruße fort, um noch einen Spaziergang durch den wundervoll ſchönen Abend zu machen, wie er das im Gegenſatz gegen ſeine frühern Gewohnheiten ſchon ſeit dem Beginn ihres hieſigen Aufenthalts zuweilen gethan und neuerdings immer häufiger, ja faſt alltäglich und trotz der größten, etwa vorausgegangenen Ermüdung übte. Man hatte in der Geſellſchaft ſchon darüber geſcherzt, ohne daß er ſich daran gekehrt hätte, und auch Charlotte hatte keine Einwendungen gegen dieſe neue Unterhaltung, da die⸗ ſelbe dem Gatten auf das beſte zu bekommen ſchien. Er kehrte ſtets in der munterſten Stimmung zurück. Was aber die Gräfin am meiſten an dieſen Gängen befriedigte, ja ſie dieſelben willkommen heißen ließ, war, daß gerade, ſeit ſie häufiger und nun faſt regel⸗ mäßig geworden, jene ſeltſame, neu erwachte Leiden⸗ ſchaft des Gatten für ſeine ſchöne Frau, welche ſie im Grunde nicht ſelten doch mehr erſchreckte als beglückte, ſich wieder zu einem ruhigen Maß zurückgefunden hatte. Felix ſtand ihr jetzt mit der frühern freundlichen Auf⸗ 17 merkſamkeit nahe, die ihrer tiefen und innigen, aber nichts weniger als leidenſchaftlichen Natur auf das freundlichſte zuſagte und ſie um ſo mehr beglückte, als ſie des Gatten ganzes Weſen zu erfüllen ſchien und ihr gegenüber niemals die Verſtimmung zum Durch⸗ bruch kommen ließ, die ihn, wie geſagt, neuerdings nicht ſelten beherrſchte und über die weder ſie ſelbſt noch irgend Jemand ſonſt zur rechten Klarheit gelangte. Um ſo mehr mußte ſie daher durch ſein heutiges Auf⸗ treten überraſcht werden, da es ſich nicht nur gegen Dagobert richtete, mit dem Felix bisher in einer zwar oberflächlichen und von ſeiner Seite faſt ein wenig mißachtenden, im geſellſchaftlichen Sinn aber immer doch ganz erträglichen Stellung geblieben war, ſondern ſich auch mit ſo eigenthümlicher Schärfe gegen ſie ſelber wandte und ſie ſo zu ſagen auf einem Terrain anzu⸗ greifen wagte, wo ſie von jeher ſich mit dem vollen⸗ detſten Takt und ohne den leiſeſten Vorwurf bewegt hatte. Gräfin Charlotte war, wie wir ſtets wiederholen müſſen, zu edel und zu ſelbſtlos, als daß ſie bei dem hätte verweilen ſollen, was ſie, wäre ſie eine Andere geweſen, allenfalls hätte verletzen können. Sie war auch zu einſichtig, um nicht anzuerkennen, daß der Menſch nicht immer Herr iſt über ſeine Stimmungen und ihre Hoefer, In der Welt verloren. III. 2 Aeußerungen, und ſie hatte endlich das herzlichſte Ver⸗ trauen zu ihrem Gemahl und glaubte ihn gut genug zu kennen, ſodaß ſie auf den Angriff, der anſchei⸗ nend ſie ſelbſt geſtreift, gar keinen Werth legte. Der Scherz, den ſie vorhin mit dem Gatten verſucht hatte, exiſtirte nun, da ſie das Geſchehene überlegte, nicht mehr; Eiferſucht war eine Empfindung, welche in dieſer Ehe, bei dieſen beiden Menſchen niemals zur Geltung kommen konnte, am wenigſten hier, wo, wie Felix es ganz richtig bezeichnet hatte, ſchon der Geſchmack der Gräfin eine innere Annäherung unmöglich erſcheinen ließ. Nein, was Charlotte gegenwärtig allein beſchäftigte und be⸗ trübte, war hier die Anklage Dagobert's und dort die Warnung vor ihm— wir ſagten ſchon, daß ſie an nichts Verſtecktes im Menſchen glaubte und von nichts Ueblem und Feindſeligem wußte— und vor allem war es der einzige Grund, den Felix hatte anführen mögen: die ſogenannte Feindſchaft zwiſchen den beiden Linien der Othmaringen. Das war wie eine alte Sage ge⸗ weſen, die man vernimmt und wieder vergißt; es iſt ja eben nur eine Sage! Allein jetzt, wo ſie ſo zu ſagen als Factum vor ſie hintrat und ihr als ſolches von einem Andern, verhältnißmäßig Unbetheiligten als ein ſolches vorgehalten wurde, war es damit etwas Anderes und es fiel von derſelben wie ein 19 tiefer, beängſtigender Schatten in ihr reines Herz und Leben. Das konnte und das wollte ſie nicht ertragen. Mit dem Gatten redete ſie davon nicht— ſie fühlte etwas zwiſchen ſich und ihm, ohne ſich recht klar zu werden, was das ſein könne. Sie ſah ihn auch am Abend gar nicht mehr, da er nach ſeinem Spaziergange noch den Club aufgeſucht hatte und erſt ſpät in der Nacht heimgekehrt war. Indeſſen auch am folgenden Morgen, wo die üble Laune des vergangenen Tages wie gewöhnlich überwunden war, kam die Sache nicht mehr zur Rede, Dagobert's wurde gar nicht mehr ge⸗ dacht, und als er, wie häufig, im Laufe des Morgens einſprach, ſtreifte Felix, der ſchon wieder zur Stadt und zum Hafen hinabwollte, wo die Vorbereitungen zu einem gemeinſamen weitern Ausflug des Kreiſes ge⸗ troffen wurden, ganz in der gewöhnlichen, höflichen und gleichgültigen Weiſe an ihm vorüber. Als ſie mit dem Vetter allein war, empfand ſie zum erſten Mal jenes tiefe Unbehagen, das uns über⸗ kommt, wenn wir in einem Bekannten, den wir bisher unbefangen nahmen, wie er ſich zeigte, plötzlich etwas Anderes und Beſonderes finden und zu beobachten haben ſollen, das er uns, gleichviel aus welchem Grunde, zu verbergen ſuchte. Sie ertrug auch dies Gefühl nicht, 2* derſelben fragte, ſagte ſie, den nachdenklichen Blick zu ihm erhebend:„Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich⸗ neuerdings hin und wieder an die ſogenannte Feind⸗ ſchaft denken muß, die unſere Familien trennen ſoll. Ich weiß, wie ich Ihnen ſchon neulich ſagte, kaum oder gar nichts davon. Sie aber gedachten ja der⸗ ſelben, Couſin. Wiſſen Sie mehr von dieſen Dingen? Kennen Sie irgend eine Veranlaſſung?“ Es zuckte etwas durch das matte blaue Auge und die ſchlaffen Züge— war er nur überraſcht durch die Frage, oder war ſie ihm zugleich auch unangenehm?— und er verſetzte erſt nach einer Pauſe hörbar zögernd: „Aber ich bitte Sie, Couſine, was wollen Sie ſich Ihre Heiterkeit durch dieſe alten unglücklichen Geſchichten trüben laſſen, die uns, Sie und mich, ja überhaupt und Gott Lob gar nichts angehen!“ „So entgehen Sie mir nicht“, ſprach ſie mit ſchwa⸗ chem Lächeln.„Es iſt alſo wirklich und im Ernſt etwas daran? Und Sie wiſſen davon? Stammt es ſchon von alters her?“ Man ſah's ihm an, daß ihm dieſe Fragen peinlich waren, allein wie ſie gethan wurden, glaubte er ihnen wohl nicht ausweichen zu können, und ſo entgegnete er endlich achſelzuckend:„Das glaub' ich kaum, obgleich und da er, ihre Stille bemerkend, ſie nach dem Grunde — 21 freilich eine vom Hauptbeſitz ausgeſchloſſene Linie wohl niemals beſonders freundlich mit der geraden Erblinie ſtehen mag. Davon iſt aber in dieſem Falle keine Rede. Im Gegentheil meine ich gehört zu haben, daß unſere Aeltern ganz freundſchaftlich ſtanden, bis eben die Trennung eintrat.“ „Alſo erſt von Ihren und meinen Aeltern her?“ wiederholte ſie nachdenklich.„Und der Grund, Couſin?“ „Nennen kann ich Ihnen denſelben freilich, das heißt, den angeblichen und vermuthlichen, denn beſtimmt und offen wurde unter uns niemals davon geſprochen. Ich ſtehe daher auch nicht für denſelben ein, ja ich thue dies um ſo weniger, als mir ſelbſt keineswegs Alles recht klar in der Sache iſt; und wäre es auch nur“, fügte er befangen hinzu,„daß die Trennung gerade von Ihrem Herrn Vater viel entſchiedener ver⸗ langt und aufrecht erhalten wird, als ich dies jemals von den Meinen betonen hörte.“ „Und alſo der Grund, die Veranlaſſung, Couſin?“ „Da Sie es einmal wollen, Couſine— aber ich verwahre mich in jeder Beziehung! Man ſagt, daß Ihr Herr Vater vordem, nach dem Tode ſeiner erſten Gemahlin, meiner Tante Aurelie viel Aufmerſamkeiten erwieſen, ja ſie endlich um ihre Hand gebeten, nach ſeiner Abreiſe aber alsbald ſich in— in— ich refe⸗ 22 rire nur, Couſine, und verwahre mich— in verletzend⸗ ſter Weiſe von ihr zurückgezogen habe, ſo, daß das erſte Wort, welches man von ihm vernahm, die An⸗ zeige ſeiner Verlobung mit ſeiner zweiten Gemahlin war.“ Charlotte hatte ihn ohne einen Laut ausreden und ihr Auge mit unverwandtem, ernſtem Blick auf ihm ruhen laſſen.„Das glaub' ich nicht von meinem Vater“, ſagte ſie jetzt in ruhigem, aber entſchiedenem Tone. „Es ſtimmt weder zu ſeinem Herzen, noch zu ſeinem geſammten Weſen. Am allerwenigſten aber verſtehe ich, wie gerade er, nach ſolchen Vorgängen, Ihrer Familie hätte— bleiben wir bei dem Ausdruck— feind⸗ lich werden und bleiben ſollen.“ „Das ſagte ja auch ich ſchon, meine Couſine“, ver⸗ ſetzte Dagobert geſenkten Blicks mit noch bemerkbarerer Befangenheit.„Und ich muß wiederholen, daß ich mich durchaus gegen die Annahme verwahre, als habe ich Ihnen da etwas völlig Feſtſtehendes, auch von mir Geglaubtes erzählt: ich referirte nur, weil Sie es ſo verlangten. Nur eins könnte vielleicht für die Rich⸗ tigkeit ſprechen: meine Tante ſchien den Namen Ihres Herrn Vaters niemals hören zu können, ohne daß ihr Thränen ins Auge kamen, und— ſie iſt unverheirathet geblieben. Bei ihr iſt überhaupt von keiner Feind⸗ 2 1— — b 23 ſchaft die Rede“, fügte er aufblickend hinzu.„Zumal für Sie, Couſine, hat ſie, auch ohne Sie zu kennen, ſtets die zärtlichſte Liebe gehabt. Sie hat ein ſo gütiges, treues Herz wie Sie, meine Couſine.“ Der Diener kam, den Wagen zu melden, der die Damen an den Hafen hinabführen ſollte. Die Gräfin zog ſich zurück, um ihre Toilette zu vollenden. Als ſie wieder erſchien, war Henriette neben ihr. Aber auch ohne dieſelbe hätte ſie das Geſpräch wohl nicht fortgeſetzt. Sie blieb ernſt und nachdenklich. Zweites Kapitel. Ein Geſellſchaftsausflug. Die wunderſchönen Ufer, welche ſich von dem Platze, wo wir unſere Geſellſchaft gefunden haben, nach beiden Seiten hin erſtrecken und ſeit der Erleichterung der Schifffahrt und des Reiſens dieſe ganze Strecke der Küſte zu einer der gerühmteſten in der Welt gemacht haben, boten von jeher den länger weilenden Fremden die Gelegenheit zu einer Menge von Ausflügen, durch welche man die verhältnißmäßige Stille und Einför⸗ migkeit des Aufenthalts auf das angenehmſte unter⸗ brochen ſah und dem Auge und Herzen Reize erſchloß, die ſelbſt das müdeſte nicht mehr müde und das kälteſte nicht kalt ließen. Solche Ausflüge waren daher in der Geſellſchaft auch ſtets, ſobald ſich nur ein zuſammenſtimmender Kreis — ———pe— — gebildet hatte, ſehr beliebt geweſen und trotz der nicht geringen Schwierigkeiten ausgeführt worden, die ihnen das Terrain ſo gut wie die Gleichgültigkeit der Ein⸗ heimiſchen, ja ſchon die Kräfte der Theilnehmenden entgegenſtellten. Denn das Gebirgsland, von dem unſere Anſiedelung ſich eins der ſchönſten Thäler erwählte, iſt ein rauhes und unwegſames und ſchiebt ſeine Maſſen bis an die See, hier und da ſie ſogar mit pracht⸗ vollen Vorgebirgen weit zurückdrängend. Selbſt mit den plumpen und doch geſchickten Gebirgswagen läßt ſich hier nirgends weit vordringen, und die brillanten Equipagen, welche dieſer oder jener Fremde mit ſich führt, ſind vollends außer Frage. Wer hier zu Lande vorwärts will, muß einen Theil des Weges reiten und einen andern, vielleicht den lohnendſten, ſeinen eigenen Füßen anvertrauen, was bekanntlich nicht Jedermann mag oder kann. Und wer zur See einem Küſtenpunkte zuſtrebte, war auf die kleinen, ſichern und ganz ſchmucken Fahrzeuge der Einheimiſchen angewieſen, welche jedoch verzweifelt wenig Bequemlichkeiten darboten und oben⸗ drein ſo gut wie gar keinen Schutz gegen die bren⸗ nende Sonne, gegen einen jähen Witterungswechſel ge⸗ währten. Das hatte ſich nun ſeit Jahr und Tag bedeutend geändert. Es gab jetzt ein paar kleine Dampfer im 26 Ort, welche den Verkehr mit den nächſten Küſtenplätzen vermittelten, nebenher aber noch Zeit genug fanden, ſich dem Dienſt und den Wünſchen der Fremden zu wid⸗ men. Man gelangte jetzt leicht und bequem, ja mit allem wünſchenswerthen Comfort an jeden in Ausſicht genommenen Punkt und fand ſich daſelbſt nicht mehr den frühern ſogenannten pikanten, in Wirklichkeit aber häufig ziemlich unangenehmen obligaten Entbehrungen ausgeſetzt, ſondern erfreute ſich dank der vorausgegan⸗ genen Meldung und den mitgebrachten Vorräthen nicht blos des romantiſchen Natur⸗, ſondern auch des reellſten 4 3 und materiellſten Lebensgenuſſes ohne irgend eine äußere Beſchränkung. 2 Zu einem ſolchen Ausfluge brach man jetzt auf, und da er nach einem der ſchönſten Punkte gerichtet und alle Vorbereitungen in die beſten Hände gelegt waren, 3 durfte man einem Tage entgegenſehen, der für jeden Theilnehmer an der Fahrt ſo glänzend und heiter ver⸗ 3 laufen würde, wie derjenige war, der vom Himmel heute auf die Erde herabſtrahlte. Die Geſellſchaft, welche ſich unter dem Zelt des ſauber herausgeputzten Dampfers zuſammengefunden hatte, war denn auch faſt durchgängig in einer Stim⸗ mung, welche bei Leuten dieſer Klaſſen leider keine gewöhnliche und alltägliche zu ſein pflegt, ſei es auch „1 1 „— nur deshalb, weil man durch gewiſſe, für uns andere ſchlichte Leute ziemlich alberne Regeln in der Aeuße⸗ rung ſeiner Empfindungen und Stimmungen beſchränkt iſt. Hier war man aber ganz unter ſich, und da man einmal das Parquet der Salons und die ſauber ge⸗ kehrten Wege der Promenade für rauhe Felspfade, für den Wieſen⸗ und Waldboden auf einige Zeit aufgegeben hatte und aus der Geſellſchaftstoilette in die leichten und loſen Sommergewänder geſchlüpft war, ſo hatte man ſich auch hinter all den Regeln, Riegeln und Banden hervorgewagt, welche Blick und Miene, Be⸗ wegung und Ton, das ganze Weſen der armen Men⸗ ſchenkinder unbarmherzig unter ihrer Herrſchaft halten. Gegen das, was man hier um und vor ſich hatte, gegen dieſen herrlichen Tag mit ſeinem Leuchten und ſeiner elaſtiſchen, friſchen, ſpielenden Luft, gegen die prachtvolle, leicht bewegte See mit ihren ſchillernden und blitzenden Farben, gegen die grandioſen oder auch einmal lieblichen Uferbilder, die eins ans andere ge⸗ drängt ſich den Augen der Vorüberfahrenden erſchloſſen und leiſe, leiſe zurückſinkend, ſich alſobald wieder in den bläulichen Duft hüllten, der in dieſen Gegenden Alles magiſch umzieht: dagegen hielt keine Kälte Stand, welche Herz und Auge der Weltleute gegen alle Reize abzuſtumpfen pflegt, und was daheim den Einen oder Andern vielleicht gedrückt hatte, entwich und verſchwand wie ein böſer Dunſt in die klare und reine Luft. Das konnte für Jemand, der wie Dagobert Oth⸗ maringen oder Henriette die Gräfin Charlotte in der letzten Stunde am Lande beobachtet hatte, an Niemand ſo auffällig ſich zeigen wie an dieſer Dame. Sowie das Schiff durch die Wellen ſchnitt und ſich immer weiter vom Hafen entfernte, ſo glitt es auch gewiſſer⸗ maßen aus der drückenden Atmoſphäre von Schwer⸗ muth, Kummer und Zweifeln aller Art heraus, welche die ganze Erſcheinung und das ganze Weſen der anmuths⸗ vollen Frau umhüllt hatte. Nun lächelten ihre Augen wieder den Freunden zu, die ſie umgaben, und folgten ſchalkhaft dem Treiben des Gemahls, der, gleichfalls fern von aller üblen Laune, ſich hier ſo recht in ſeinem Elemente fand und das Vergnügen, das er als einer der Ordner und Leiter des Ausflugs allen gewährte und noch mehr in Ausſicht ſtellte, ſelbſt in den vollſten Zügen genoß, überall gegenwärtig, voll Aufmerkſam⸗ keit und heiterer oder neckender Galanterie für die Damen, voll Scherz, Laune und Anregung aller Art für die Herren. Hatte er doch ſelbſt für Henriette ein paar Minuten der freundlichen Unterhaltung übrig— Gräfin Charlotte bemerkte das um ſo dankbarer, je anſpruchsvoller ſie, wie wir wiſſen, für die Geſell⸗ — ſchaftsſtellung ihrer Freundin war, und je mehr ſich Felix neuerdings leider von Henrietten abgewandt hielt— und mochte ſogar über Dagobert's Leidensmiene und kränk⸗ liche Zurückhaltung, wie er es hieß, ſcherzen und den Vetter auffordern, ſich endlich einmal als den langjäh⸗ rigen und bevorzugten Geſellſchafter und Begleiter eines Fürſten zu offenbaren, deſſen Ruf in alle Kreiſe und ſogar über den Ocean gedrungen ſei. Herr von Oth⸗ maringen nahm das in ungewöhnlich munterer Weiſe auf und folgte der Aufforderung wirklich inſoweit, als er ſich, auch wieder mit ungewöhnlicher Belebtheit, ja faſt Luſtigkeit, nicht blos, wie ſonſt meiſtens, ſeiner Couſine, ſondern mehr oder minder der ganzen Geſell⸗ ſchaft widmete. Gräfin Charlotte dankte ihm das nicht nur inner⸗ lich, ſondern auch hier und da durch ein offenes, freund⸗ liches, ermuthigendes Wort. Wir wiſſen, daß ſie mehr Theilnahme für und mehr Glauben an ſein Leiden hatte als irgend ein Anderer; ſie hatte im Allgemeinen auch mehr Nachſicht, ja gewiſſermaßen Anerkennung für ſeine den meiſten Andern eben faſt nur flach er⸗ ſcheinende Weiſe, und es konnte ihr zuweilen ein leiſes Bedauern erregen, wenn ſie den Couſin faſt überall, wo nicht auf wirkliche Zurückweiſung, ſo doch auf ent⸗ ſchiedene Kälte, auf mehr oder weniger offenen Spott 30 ſtoßen ſah. Und heute hatte ſie zu ihrer Theilnahme hier, zu ihrer Zufriedenheit mit ſeiner Munterkeit da noch ein weiteres, ſo zu ſagen perſönliches Motiv: von ihr war jenes Morgengeſpräch, das zu ſo ſchmerzlichen Aufklärungen führte, veranlaßt worden, und ſie hatte Dagobert unter dieſen Erinnerungen und— gleichviel ob richtigen oder entſtellten— Mittheilungen ſelbſt, wie ſie glaubte, zu ſehr leiden ſehen, als daß ihr gütiges Herz darüber nicht den eigenen augenblicklichen Schmerz vergeſſen und dafür den des Andern wie einen beinahe verſchuldeten hätte empfinden ſollen. So war es ihr wie eine Art von Freiſprechung, als ſie auch ihn— ſie hieß es für ſich: aufleben ſah, und es machte ſie um ſo froher, als ſie ſelbſt von Minute zu Minute ſich heiterer fühlend, Niemand umher, ge⸗ ſchweige denn ihre Nächſten in entgegengeſetzter Stim⸗ mung ſehen mochte. Es war ihr daher auch wie ein Schatten in dem Glanz dieſes Tages, daß ſie gerade diejenige, an der ihr ganzes Herz hing, auch heute nicht heiterer und theilnehmender, offener und unbefangener ſah, als es freilich annähernd von jeher der Fall geweſen, neuer⸗ dings aber in einem, wie Charlotte es empfand, um ſo beunruhigendern Grade zugenommen hatte, als ſie ſelbſt keinen Grund dafür zu erdenken vermochte und . —2—— 1 31 als die Freundin ihr auch keinen ſolchen angeben konnte oder wollte, ja überhaupt das Zutreffende ihrer Beob⸗ achtung leugnete. Henriette— denn die Leſer wiſſen, daß Charlotte nur dieſe im Auge haben konnte— war wirk⸗ lich den Hausgenoſſen noch niemals ſo ernſt und ſtill erſchienen wie in dieſen letzten Monaten, ſo, daß es faſt wie ein ſchwerer Druck ſie niederzuhalten ſchien. Sie hatte ſich nie ſo entſchieden aus der großen Welt, ja aus dem häuslichen Cirkel auf ſich ſelbſt zurückgezogen und ſich, wo das am Ende nicht durchzuführen war, ſo kalt und ablehnend aller ihr erwieſenen Aufmerk⸗ ſamkeit gegenüber verhalten, ja es war faſt, als ſtelle ſie ſich auch der Freundin ſelbſt ferner und ſuche dem herzlichen Zuſammenleben, vor allem aber der heitern Offenheit und Vertraulichkeit aus dem Wege zu gehen, zu welcher ſich ſelbſt dieſe ſtets ernſte und ſtille Natur gegen Charlotte vordem erſchloſſen hatte. Was das Alles ſein konnte, wußte die Gräfin nicht zu ergründen, wiederholen wir. Soweit ſie auch um⸗ herſah, fand ſie nichts, was dies Weſen und dieſe Weiſe hätte veranlaſſen, geſchweige denn rechtfertigen können; jene frühere, von Henrietten vielleicht bemerkte geſteigerte Ungeduld des Grafen war ebenſo wie der ſpätere ſogenannte Liebesfrühling, wie wir wiſſen, längſt wieder von einer ruhigern und gleichmäßigern Laune 2————— abgelöſt worden. Wenn Henriette ſelbſt überhaupt irgend eine Veränderung gelten ließ, ſo ſchob ſie dieſelbe auf ihre Geſundheit; ſie war in Rom vor der Gräfin plötz⸗ lich auf den Tod erkrankt, aber ebenſo ſchnell und anſcheinend völlig wieder geneſen, und Charlotte fand auch jetzt trotz der liebevollſten Beobachtungen in ihr nirgends mehr etwas wie Nachwehen. Was aber Charlotten in und bei dieſem Allem für ſich ſelbſt faſt weniger weh that, als für Henriette und für die Geſellſchaft, das war die Erkenntniß, daß die Freundin ſelber die Stellung aufgab, die Charlotte für ſie in der Geſellſchaft beanſprucht und eifrig gehütet hatte, und die Bemerkung, wieviel der Kreis durch die Entfremdung des Mädchens verlor, deſſen Bega⸗ bung, deſſen reiche innere Schätze früher doch hin und wieder ihn erfreut und zur Anerkennung gezwungen hatten. Und Charlotte war nicht verblendet genug, um zu überſehen, wie arm ſelbſt ihre eigene, immerhin noch auserwählte Umgebung an ſolchen begünſtigten, nicht blos empfangenden, ſondern auch ausſpendenden Naturen war. „Weshalb ſo ernſt und theilnahmlos, mein Herz?“ ſagte ſie, zu Henrietten tretend, welche allerdings, ohne auf das Plaudern einer ganz nahen fröhlichen Gruppe zu hören oder den prächtigen Felspartien am Lande — ———— 33 einen Blick zu gönnen, auf einer der Seitenbänke ſaß und ihr Auge anſcheinend zerſtreut durch die bunte, das Verdeck füllende Menge hingleiten ließ.„Es iſt doch ſchön um uns her, es ſind wirklich ſo liebens⸗ würdige Menſchen hier. Kann Dich denn gar nichts erheitern, gar nichts anziehen? Du biſt gewiß krank, Henriette!“ Das Mädchen lächelte ſchwermüthig.„Du biſt ſehr gut, Du biſt zu gut gegen mich, mein liebes Herz', verſetzte ſie.„Ich fühle es ſelbſt, wie ſeltſam ich Man⸗ chem, zumal Dir erſcheinen muß! Ich ſehe ja Alles und fühle Alles, ich habe ja auch Freude daran, und beſonders glücklich macht es mich, daß ich Dich ſo froh ſehe. Allein es iſt faſt, als ſollte ich jede Fähigkeit zu einer Aeußerung meines Empfindens und Denkens verlieren. Wie das kommt, weiß ich nicht, nur krank bin ich keinesfalls, wenn ich auch wieder ein wenig Kopfweh habe. Das Licht iſt mir zu grell. In Einem aber thuſt Du mir dennoch Unrecht“, fügte ſie, von neuem lächelnd, hinzu.„Ganz vernachläſſige ich die Menſchen doch nicht, ſondern war vielmehr gerade da⸗ bei, ein paar recht eifrig zu beobachten, wenn auch⸗— ſie lächelte nochmals— nnicht gerade ihrer Liebens⸗ würdigkeit wegen. Ich ſah da auf Frau von Reuter⸗ holm und Deinen Conſin. Angenehm find' ich beide 3 Hoefer, In der Welt verloren. III. — 3 5 nicht, aber intereſſant. Wie ſtehen, was haben ſie mit einander? Haſt Du Dich noch nie gefragt: ſind ſie mit einander näher bekannt oder nicht? Haben ſie Verpflichtungen gegen einander oder haſſen ſie ſich gar? Und trotzdem— achte nur darauf!— blitzen Zeichen einer Vertraulichkeit auf, die gar nicht vertraulicher gedacht werden kann.“ Gräfin Charlottens Auge ſtreifte gedankenvoll zu dem Paare hinüber, das in lebhafter Unterhaltung mit andern Gliedern der Geſellſchaft am jenſeitigen Schiffs⸗ bord ſtand.„Bei beiden findeſt Du ſolche Spuren?“ wiederholte ſie. „Bei Herrn von Othmaringen freilich wohl häu⸗ ſiger“, ſagte Henriette. „Dann mag es ſein, und ich finde darin nur die Reſte eines ſchlechten Tons, wie er ihn in ſeinem frü⸗ hern Kreiſe gewohnt geworden iſt, weiter nichts. Du weißt, ich denke von Dagobert beſſer als Ihr Andern. In den rechten Händen und der rechten Stellung wäre er ein bedeutender nie, aber ſicher ein ganz wackerer Mann geworden, ja, halb und halb iſt er das noch, und was ihm abhanden gekommen iſt, kann er auch jetzt noch wiedererlangen— unter günſtigen Umſtänden. Bei Frau von Reuterholm könnte ich Deiner Beobach⸗ ung nicht zuſtimmen. Mag ſie im Uebrigen ſein, wie &ᷣ 35 ſie will, ihrer Stellung und ſich ſelbſt ſah ich ſie nie⸗ mals etwas vergeben. Vertraut könnte ich, glaub' ich, nie mit ihr werden, aber gut bin ich ihr und Theil⸗ nahme hab' ich viel. Es iſt ein ſchweres Loos, Kind und Gatten in der gleichen Woche zu verlieren, in der Fremde, und ſelbſt monatelang darniederzuliegen! Ich kann mich nur freuen, daß ſie ihre Zurückgezogenheit aufgab. Und mein Urtheil iſt das der Geſellſchaft, glaube ich. Man hat ſie gern. „Ja, es iſt richtig“, bemerkte Henriette— war es mehr zerſtreut oder nachdenklich?„Selbſt Dein Gatte ſcheint von ſeiner frühern Abneigung zurückgekommen zu ſein und ihr“— ſie lächelte die Freundin an—„ganz eifrig den Hof zu machen.“ Es war ein reizendes, gütiges und ſchelmiſches Lächeln, das aus den ſchönen Augen Charlottens zu der Freundin, zum Gatten, über die Fremde und Da⸗ gobert hinglitt. In der nächſten Sekunde ſagte ſie aber ſchon wieder mit ernſtem Blick:„Und Du ſelbſt ſtimmſt mit unſerm Urtheil nicht überein, Henriette??“ Die Freundin ſchüttelte den Kopf.„Dazu ſehe ich Frau von Reuterholm allzu wenig in der Nähe“, ver⸗ ſetzte ſie in einem gewiſſen kalten Ton. „Und weſſen Schuld iſt das, mein Herz? Weshalb hältſt Du Dich ſtets ſo fern, auch heute, hier?“ 36 „Was für eine ſeltſame Unterhaltung, Charlotte!“ meinte Henriette und brach ab, da eben Dagobert mit Frau von Reuterholm herantrat und auch Andere ſich nahten, welche die Gräfin und ſie ins Geſpräch zogen. Da die Leſer aus dem eben mitgetheilten, an dieſem Platz und in ſolcher Umgebung allerdings nicht gewöhn⸗ lichen Geſpräch der Freundinnen ſchon die Hauptpunkte der Veränderung kennen lernten, welche inzwiſchen mit der Frau von Reuterholm genannten Fremden ein⸗ getreten war, brauchen wir nur ganz in der Kürze hinzuzufügen, daß die Dame allerdings etwa ſeit Da⸗ gobert's Ankunft aus ihrer bisherigen Zurückgezogen⸗ heit einigermaßen hervorgetreten war und ſich der Geſell⸗ ſchaft nicht mehr entzog. Mit Dagobert ſelbſt freilich ſchien das nichts zu thun zu haben. Sie erklärte nur, nachdem ſie bekannter geworden, in der unbefangenſten Weiſe, daß ſie ſich allmälig in ihrer Einſamkeit ganz unglücklich gefühlt habe und nothwendig irgend einen neuen Anhalt für ſich in der Geſellſchaft haben müſſe. Sie ſuchte denn auch alsbald nach einem Halt und fand dieſen in der Gräfin und dem Grafen Eylings⸗ hauſen, denen ſie auch ſeither ſchon nicht ganz fremd geweſen war. Gräfin Charlotte nahm ſie mit der ganzen ihr eigenen liebenswürdigen Güte auf; Graf Felix begegnete ihr, trotz etwaiger Bedenken, die er wohl noch durchblicken ließ, ſelbſtverſtändlich als höflicher und artiger Mann, und beide hatten dieſe— ſagen wir: Nachgiebigkeit um ſo weniger zu bereuen, als die Fremde ſich nicht im entfernteſten aufdringlich zeigte, vielmehr ſich niemals eigentlich auch nur ſo weit näherte, wie man es, ſeit man ſie beſſer kennen lernte, ihr bald gern eingeräumt haben würde. Sie gewann, wie überhaupt bei der nähern Bekanntſchaft, auch durch dies gemeſ⸗ ſene Verhalten von neuem bei Jedermann und erſicht⸗ lich am meiſten beim Grafen Felix, der ihr bald— im geſellſchaftlichen Sinn und in ſeiner Weiſe— allerdings mit der munterſten Laune den Hof machte. Am günſtigſten war es ihr aber, bei Vielen wenig⸗ ſtens, daß die Verbindung mit Herrn von Othmaringen, die man aus ſeinem Beſuch geſchloſſen und auch vom Grafen erfahren hatte, eine durchaus oberflächliche blieb; wir erfuhren, daß das Urtheil über ihn nirgends ein freundliches, eher hier und da ſogar ein mißtrauiſches war. Er hatte gleich anfangs gegen den Grafen er⸗ klärt, daß er die infernale Bekanntſchaft in ihr Gott Lob nicht wiedergefunden habe, wenn auch eine Dame, der er gleichfalls ſchon einmal begegnet ſei. Das konnte nach dem, was man ſeitdem beobachtete, ungefähr wahr ſein. ————õm 38 Inzwiſchen zog der Dampfer weiter und weiter durch den prächtigen Tag und die glänzende See und erreichte nun das Ziel des heutigen Ausflugs. Es war wiederum ein Thal, das ſich hier zwiſchen den gewaltigen Bergmaſſen gegen das Meer zu öffnete; es lag auch hier ein kleiner Ort— Stadt konnte man ihn kaum heißen— an ſeinem Eingange und an dem aus⸗ gezeichneten Hafen, nur daß dieſer mit Ausnahme ei⸗ niger am Ufer liegenden Küſtenfahrzeuge und Boote gänzlich öde erſchien, wie denn überhaupt hier Alles wiel kleiner, ſchlichter und ländlicher war als in der prunkhaften Anſiedelung, von der die Geſellſchaft her⸗ überkam. Aber gerade dieſe Ländlichkeit und Einfach⸗ heit reizt ja zuweilen die verwöhnten Kinder der großen Welt, weil ſie neu für ſie iſt und einen Wechſel in die Einförmigkeit ihres Lebens bringt, und überdies fand man auch an dem kleinen Platze Manches, was der große und reiche nicht zu bieten vermochte. Denn das Vorgebirge, in deſſen Schutze der Hafen lag, ſprang mit den grandioſeſten Formen weit in die See hinaus, und von ſeiner bedeutenden, aber nicht ſchwer zugänglichen Höhe hatte man einen Blick in die See hinaus, einen andern auf die links und rechts ſich ausbreitende, zurücktretende Küſte und endlich einen dritten auf die rückwärts herüberglänzenden kühnſten * 39 Schneegipfel des Hochgebirges, welche vielleicht nirgends in der Welt wieder von einem Punkte aus in ſolcher Großartigkeit zu gewinnen waren. Und dazu zeigte auch die Nähe ſelbſt ihre eigenen Reize: es war ein üppiges, ſaftiges Wieſenthal, wie man es ſonſt ſelten in dieſen Gegenden findet, mit kryſtallklaren, murmelnden Bächen, die auf mehr als einer Stelle in wunderſchönen Stürzen von den Felswänden herunterrauſchten, mit pracht⸗ vollen Matten, welche ſich auf günſtigern Stellen bergan zogen, und endlich im Hintergrunde, die jähen Abhänge hinauf und in die Schluchten hinein, von den Ausläu⸗ fern und Reſten eines Bergwaldes eingefaßt, der ſelbſt die der Natur Entfremdeten anlocken mußte, da ſie hier zu Lande weit und breit nicht mehr auf ſeinesgleichen ſtießen. Es gab in der heitern Geſellſchaft immerhin Augen und Herzen genug, welche alle dieſe Vorzüge und Reize zu würdigen verſtanden, um ſo mehr, als Alles ſo eng bei einander lag, daß man jeden Punkt ohne Schwie⸗ rigkeit und Ermüdung zu erreichen vermochte. Und als es ſich erwies, daß auch für die leiblichen Genüſſe aufs befriedigendſte geſorgt war und daß man in dem großen, aber öden und ein wenig verfallenen Gaſthof mit einer Art von Ehrgeiz beſtrebt geweſen zu ſein ſchien, die angekündigten Gäſte würdig zu empfangen und ihnen ——õ— zu zeigen, daß man die gelieferten Vorräthe zu ver⸗ wenden und ſelbſt in dieſem einſamen Winkel zu leben verſtehe: da gab es nirgends auch nur einen Gelang⸗ weilten mehr und man fing an ſcherzhaft zu beklagen, daß man all dieſes Gute und Schöne nicht länger als den einen Tag genießen ſolle. Am glücklichſten und frohſten war faſt Gräfin Char⸗ lotte, deren Natur ganz dazu geartet war, auch nicht den leiſeſten und verſteckteſten Reiz dieſes ſchönen Platzes zu überſehen und zu verlioren Sie fühlte ſich hier obendrein, wenn auch nur Kleinen und in ein⸗ zelnen Nebenzügen, an ihr altes unvergeſſenes Othma⸗ ingen erinnert: das ganze Thälchen war wirklich bei⸗ nahe wie jener ſtille Seitengrund, der ſich hinter dem Schloſſe in die Berge hineinzog, aufwärts mit dichtem Walde gegen das alte Stammſchloß zu, wie auch hier auf der Höhe des Vorgebirges zum mindeſten einer von den alten Thürmen ſtand, welche an dieſen Küſten vordem zum Schutz gegen die Seeräuber errichtet wur⸗ den. Ja, ſelbſt der Gaſthof erinnerte ſie an das Vater⸗ haus, denn ſeine Lage auf einer kleinen Höhe hart über dem Hafen glich einigermaßen derjenigen des Schloſſes, und ſogar der Bau ließ ſich vergleichen. Das Haus war, wie man erfuhr, wirklich von einem reichen Herrn im vorigen Jahrhundert erbaut worden 6* . 1 6 4 * 41 und erſt nach manchem Wechſel in die jetzigen Hände, zu ſeiner nunmehrigen Beſtimmung gelangt. Und noch mehr: ſogar jenes große, wunderſchöne, auf die Veranda geöffnete Familienzimmer fand ſie hier wieder in dem weiten, kühlen, der Geſellſchaft geöffneten Saal mit dem breiten Balkon vor ſeiner ganzen Fronte. Henriette ſtimmte ihr zu. Sie war heiterer gewor⸗ den und widmete ſich freundlich den Uebrigen, bei denen die gute Laune ſich gleichfalls eher ſteigerte als verringerte, für jeden Genuß empfänglich und ſelbſt Mängel und Entbehrungen ſcherzend, welche das Ganze erſt pikant und amüſant erſcheinen ließen. Die gute Laune ſollte indeſſen alsbald einer harten Probe ausgeſetzt werden. Als man noch beim Diner ſaß, das ſich bei der heitern Stimmung aller weit über die gewöhnliche Zeit verlängerte, und von neuem ſcher⸗ zend bedauerte, daß der Tag und das Vergnügen ſich ſeinem Ende zuneige, meldete der Kapitän des Dam⸗ pfers einen Aufſchub an, da er bei einem drohenden Unwetter, das in der Ferne über der See ſtehe und ſeinen Strich landwärts zu nehmen drohe, die Rück⸗ fahrt mit dem verhältnißmäßig ſchwachen Schiffe nicht wagen dürfe. Wie die Stimmung einmal war, konnte dieſe Nachricht nicht erſchrecken; man trat vielmehr auf 42 den Balkon hinaus oder ſtieg gar das Vorgebirge hinan, um den Kampf der Elemente, wie man das zu heißen pflegt, luſtig und zugleich gründlich zu beobachten. Aber die Sache änderte ſich alsbald auf das ernſtlichſte. Die Kühnen, welche ſich der Höhe zugewandt hatten, flohen erſchrocken in den Schutz des Hauſes zurück und ſelbſt der Balkon mußte geleert werden, mit ſolcher furcht⸗ baren Gewalt brach das Wetter herein und ſtieß ſo zu ſagen über den Häuptern der Geſellſchaft auf ein an⸗ deres, das aus dem Gebirge hervor gegen die See zog und nun gerade über dem kleinen Hafenplatz einen Kampf begann, der es ſelbſt dem Muthigſten unheim⸗ lich werden ließ. Blitz und Donner folgten einander unaufhörlich mit blendenden Strahlen und furchtbarem Krachen; der Regen ſtürzte in unermeßlichen Fluten, und als ſich das Alles einigermaßen legte, brauſte der Sturm mit ſolcher Gewalt daher, daß an keine Abfahrt zu denken war, ja der Kapitän verſicherte, daß der Sturm ſich wielleicht erſt am nächſten Morgen, wo nicht noch ſpäter zur Ruhe geben werde. Das waren böſe Erfahrungen und Ausſichten, denn was konnte die zahlreiche und verwöhnte Geſellſchaft für Bequemlichkeiten an einem Platz erwarten, wo man ſich nur mit Mühe auf ihre Anweſenheit und ihre 43 Bedürfniſſe während weniger Stunden eingerichtet hatte! Allein die gute Laune behielt die Oberhand, und wo ſich wirklich ein Kleinmüthiger fand, ſah auch er ſich bald wieder erheitert und ſtimmte wohl oder übel in die Scherze der Uebrigen ein, half ihnen Pläne machen, wie man den Reſt des Abends am luſtig⸗ ſten hinbringe, und betheiligte ſich an den Verhand⸗ lungen mit dem glücklich⸗unglücklichen Wirth, dem bei allen hereinbrechenden Anforderungen und ſeinen ge⸗ ringen Hülfsmitteln die Haare immer höher zu Berge ſtiegen. Wie recht der Kapitän gehabt, als er die Abfahrt für unmöglich erklärte, und wie vernünftig man ge⸗ weſen, ſich dieſem Ausſpruch zu fügen, erfuhr man, als während des furchtbarſten Tobens und Stür⸗ mens der regelmäßige Nachmittagsdampfer ſich durch die finſtere Nacht mit Mühe in den kleinen Hafen hineinfand, hier eine Zuflucht ſuchend, da ſſelbſt das ſtarke Schiff dem Ungeſtüm des Wetters nicht länger Trotz zu bieten vermocht hatte. Man war, aus dem großen Hafen fahrend, nur allzu bald in das ſchlimmſte Ungeſtüm des Wetters gerathen, auf das böſeſte umhergeworfen worden, ja nur hart am Untergange vorübergeſtreift. Die zahlreichen Paſſagiere waren faſt alle krank, und faſt zugleich mit der Nachricht vom Einlaufen des Schiffs kam auch ſchon die Botſchaft an den Wirth, daß er zum mindeſten für einige Unterkunft ſchaffen müſſe, die am Bord des ſchwan⸗ kenden Schiffs nicht die dringend nöthige Ruhe zu finden hofften. Es war zum mindeſten für das gräfliche Paar eine nicht geringe Ueberraſchung, daß die Leidendſte unter den Gelandeten die Prinzeſſin Conſtanze ſei— Damen ſolchen Ranges behalten bekanntlich trotz ihrer Vermählung mit einem Mann geringern Standes ihren Titel und Namen— die ſchon drüben im großen Hafen nach dem Grafen und der Gräfin Eylingshauſen gefragt, mit Bedauern ihre Abweſenheit erfahren habe und nun zum wenigſten die letztere ſich vorgeſtellt zu ſehen wünſche; ſie ſei über Othmaringen gereiſt und habe ihr Grüße von den Ihren zu bringen. „Und denke Dir, ſie reiſt allein“, ſagte der Graf, der ſeiner Gemahlin dieſe Botſchaft brachte;„die Tren⸗ nung von Bilingsfelden iſt entſchieden, und die Hof⸗ dame läßt Dich durch mich bitten, ſeinen Namen nicht vor Ihrer Hoheit auszuſprechen. Sie leide zu ſehr bei dieſer Erinnerung.“ „Hoheit empfängt nicht auch Dich?“ fragte Char⸗ lotte, den Arm des Gatten nehmend, in hörbar be⸗ wegtem Ton. War es die an ſie ergangene Auffor⸗ ——. —. derung oder die letzte traurige Nachricht, welche ihre Wangen höher färbte und ihre bisherige Heiterkeit plötzlich verſcheuchte? „Nein, die Prinzeſſin fühlt ſich zu angegriffen, ſie will nur Dich ſehen, weil ſie es Deinem Vater ver⸗ ſprach. Und unter uns— mir iſt das lieb. Es würde ſich, ſei es hierüber, ſei es ſonſt, kaum ein Wort ver⸗ meiden laſſen, das ihr oder mir peinlich wäre. Und dazu fand ich als ihren Cavalier jenen Herrn von Mohr, mit dem ich in Rom verkehrte— Du lernteſt ihn damals kaum kennen. Ich muß mit ihm reden. Es ſcheinen da ſeltſame Dinge vorgegangen zu ſein, und wäre es nur das Eine, daß ihre beiden Begleiter keine Ein⸗ heimiſchen ſind.“ Nach einer Weile kehrte Felix in der That mit dem Fremden in den Saal zurück, wo die Geſellſchaft inzwiſchen mit dem anerzogenen Takt nicht nur die Ueberraſchung, ſondern auch ihre Neugier überwunden hatte und ſich in der frühern Weiſe zu unterhalten fortfuhr. Als die beiden Herren in den Saal traten, machte der Fremde Halt und warf einen forſchenden Blick über die Anweſenden und ſagte lächelnd:„So zahl⸗ reich hätte ich mir Ihre Begleitung nicht gedacht, mon cher comte! Da wird es allerdings ſchlimm mit einigem 4 +0 Comfort für die Nacht ausſehen, und ich gehe am Ende an Bord zurück. Aber laſſen Sie uns vorgehen, Graf! Es wäre doch ſeltſam, wenn ich hier nicht noch weitere Bekannte—“ Und plötzlich abbrechend, fügte er nach einer Sekunde im Tone der lebhafteſten Ueberraſchung hinzu:„Ei, mon dieu, da ſehe ich ja ſchon Jemand! Auf Ehre, ich will nicht Mohr heißen, wenn die Dame dort nicht jene myſteriöſe ſchwarze Einſiedlerin von Rom iſt, der Sie dort mit ſo anerkennenswerther Beharrlichkeit und ſo betrübender Erfolgloſigkeit nach⸗ gingen. Ah, cher comte, cher comte“, ſchloß er ſchalkhaft,„was für ein entzückendes, böſes kleines Ge⸗ heimniß! Nur das Eine ſagen Sie mir ganz leiſe: haben Sie Madame oder hat Madame Sie hierher gezogen?“ In dieſem Augenblick trat aus der Thür eines Nebenzimmers, welche hart neben dem Standpunkt der beiden Herren war, Henriette hervor, welche ſich vor einiger Zeit dahin ihres ſteigenden Kopfſchmerzes wegen zurückgezogen hatte. Sie ſah ſehr blaß aus und wollte mit einer leichten Verbeugung vorübergehen. „Bitte, liebe Henriette“, hielt Graf Felix ſie in⸗ deſſen zurück, deſſen Miene ein gewiſſes Unbehagen verrieth, während ſein Auge mit einer Art von unru⸗ higem Forſchen das Mädchen überflog und in den Zügen 8 — —— „— 47 deſſelben leſen zu wollen ſchien. Und zu ſeinem Be⸗ gleiter gewendet, fuhr er fort:„Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen Herrn von Mohr vorſtelle, einen römi⸗ ſchen Freund, der damals aber die Gräfin kaum und Sie gar nicht kennen lernte. Fräulein von Walden, lieber Mohr, die unzertrennliche, treue Jugendfreundin meiner Frau.“ „Herr Graf!“ ſagte Henriette, dunkel erröthend bei dem Titel, den ihr der Herr gegeben hatte und der, ſtatt ſie zu ehren, ſie in ihrem Gefühl nur herunter⸗ ſetzte. Der Fremde ſchnitt aber ihre Worte ab. Sein dunkles Auge ruhte mit erſichtlich großer Ueberraſchung auf ihr.„Mein gnädiges Fräulein“, ſprach er dann, „ich bin entzückt über dieſe Begegnung mit der vom Herrn Grafen ſo oft geprieſenen und verehrten Freundin der Frau Gräfin! Aber die erſte Begegnung iſt es, wie ich faſt glaube, nicht.“ Ihre Wangen hatten wieder die gewöhnliche, mehr blaſſe Farbe angenommen, und ihre Augen begegneten denen des Fremden mit feſtem, kaltem Blick.„Deſſen entſinne ich mich nicht“, entgegnete ſie auch in kaltem Ton.„Soviel ich weiß, höre ich Ihren Namen heute zum erſten Mal, der Herr Graf müßte ihn denn einmal in Rom in meiner Gegenwart ausgeſprochen haben.“ „Und doch, und doch— es wäre faſt zu erſtaunlich!“ ſagte der Fremde, ohne ſein Auge abzuwenden.„Vor drei Jahren, im Herbſt, in Kaſſel, im Hauſe—“ Sie ſchüttelte den Kopf.„Ich war damals wirklich in Deutſchland, in Familienangelegenheiten, aber den⸗ noch zu jener Zeit ebenſo wenig wie ſonſt jemals in Kaſſel.“ Sie wandte ſich mit einem leichten Neigen des Hauptes ab und der nächſten Gruppe zu. Drittes Kapitel. Eine flüchtige Begegnung. Es war ſichtbar genug, daß jene ſeltſame böſe Krank⸗ heit, die uns auf der See ſo grimmig anpackt und uns nicht tödtet, aber ſo grauſam leiden läßt, daß wir uns verzweiflungsvoll den Tod wünſchen, während ſie beim erſten unſerer Schritte ans Land augenblicklich entflieht, die Prinzeſſin Conſtanze vor allen Uebrigen zu ihrem Opfer erkoren hatte. Herr von Mohr war, wie wir bemerken konnten, faſt oder völlig unverletzt geblieben; die Hofdame, welche die Gräfin in das der Prinzeſſin eingeräumte Gemach begleitete, erſchien zwar bleich und ein wenig angegriffen, zeigte ſich im Uebrigen aber durchaus im Stande, den Pflichten ihres Dienſtes zu genügen, und ebenſo waren auch bei der ſaubern, ſchlichten alten Frau, welche im Zimmer anweſend und Hoefer, In der Welt verloren. III. 4 50 um ihre Gebieterin beſchäftigt war, wenig oder keine Spuren des beſtandenen Kampfes wahrzunehmen. Die Prinzeſſin ſelber aber ruhte auf dem Sopha, das der Wirth, Gott mochte wiſſen, wie und woher ſo ſchnell, aufzutreiben verſtanden, und zwiſchen Polſtern, welche vermuthlich der Salon des Schiffes geliefert hatte, in einer Ermattung, welche ſie an jeder Bewegung zu verhindern ſchien und kaum das Haupt aufrecht er⸗ halten ließ. Auch hatte die Hofdame Gräfin Charlotte auf dieſen Zuſtand vorbereitet und ſie gebeten, daß ſie, auch gegen den Wunſch der hohen Frau, ſich zurück⸗ ziehen möge, ſobald es der Inhalt der Mittheilungen oder der Unterhaltung irgend möglich erſcheinen laſſen würde. „Die Geſundheit Ihrer Hoheit iſt ohnehin auf das tiefſte erſchüttert“, ſetzte die junge artige Dame ſorgen⸗ voll hinzu,„und was dieſe letzten Stunden uns auf⸗ erlegten, rechtfertigt unſere peinlichſten Sorgen. Wir haben ſchon heute Nachmittag Hoheit angefleht, Sie moöchten in*« ein paar Tage ruhen, zumal Sie dort morgen beſtimmt die Frau Gräfin ſehen würden; allein es war vergeblich. Der Wille Ihrer Hoheit iſt un⸗ beugſam, und ſelbſt ihre Kraft muß ſich ihm fügen, bis ſie zu Ende iſt.“ Prinzeß Conſtanze machte, da das Fräulein Char⸗ 51 lotte hereinführte und den Namen derſelben nannte, auch kaum eine andere Bewegung, als daß ſie den Kopf ein wenig erhob und ihre ſelbſt in ihrer Müdigkeit noch wunderſchönen Augen zu einem langen, ſanften, prüfenden Blick auf die Vorgeſtellte richtete. „Sie müſſen mir meinen Wunſch, Sie hier und zu dieſer Stunde noch zu ſehen, zu gute halten, liebe Gräfin“, ſagte ſie leiſe, aber mit einem Blick, den man trotz ſeiner Sanftheit nur durchdringend heißen konnte. „Ich hatte ſo ſicher gehofft, Sie zu ſehen, und gab dieſe Hoffnung heute Nachmittag mit wahrhaftem Bedauern auf, ſodaß mich die nun doch gelungene Begegnung, wie böſe auch ihre Veranlaſſung, ganz glücklich macht. Und ebenſo verzeihen Sie mir dieſen Empfang“ ſetzte ſie hinzu;„ich fühle mich gänzlich außer Stande, Ihnen entgegenzugehen. Geben Sie mir die Hand, Gräfin.“ Sie ſtreckte ihr die ihre entgegen, und Charlotte fühlte einen leichten Druck der feinen, magern Finger. Als die Gräfin jedoch die Lippen auf die Hand neigen wollte, wurde dieſelbe zurückgezogen, und die Prinzeſſin ſprach mit einem leiſen Anklange von Wehmuth:„So nicht, mein Kind! Ich bin Ihnen nur in den Jahren überlegen. In allem Uebrigen ſind Sie die Glücklichere und Bevorzugtere.— Gib der Frau Gräfin einen Seſſel, 4* 52 Anna, hier ganz nahe zu mir. Und dann laſſe uns nicht ſtören.“ Als Charlotte Platz genommen und die alte Die⸗ nerin ſich entfernt hatte— die Hofdame hatte ſich ſchon früher zurückgezogen— blieb es eine ganze Weile ſtill in dem nur ſchwach erhellten Gemach. Ungeachtet dieſes letztern Umſtandes aber konnte Charlotte jetzt, wo ſie der hohen Frau ſo nahe ſaß und dieſelbe aus der augenblicklichen Aufregung des Empfangs in die Ruhe der Ermüdung zurückgeſunken war, nur allzu deutlich und mit tiefer Bewegung wahrnehmen, daß die Worte der Hofdame von der erſchütterten Geſund⸗ heit der Prinzeſſin mehr als nur richtig waren. Und was für Charlotte, welche die Dame zwar heute zum erſten Male erblickte, dagegen aber nicht nur gleich aller Welt den Ruf ihrer großen Schönheit vernommen, ſon⸗ dern auch obendrein von dem Glück, dem Leid, den Wirren ihres Lebens eine immerhin ausreichende Kunde erhalten hatte, faſt am ſchmerzlichſten, das war die leider unabweisliche Erkenntniß, daß es die innern Leiden geweſen ſein mußten, die die äußern hervor⸗ gerufen hatten, welche die Kraft und Anmuth dieſer Geſtalt lähmten und die Züge vor der Zeit altern ließen. Die Augen der Prinzeſſin ruhten wieder mit jenem tiefen, ſanften und zugleich forſchenden Blick auf ihrem — 53 liebreizenden Gegenüber, aber derſelbe wurde immer milder und ſanfter, ja erhielt zuletzt faſt einen feuchten Glanz, bis ſie endlich leiſe, aber wie aus dem tiefſten Herzen herauf ſagte:„Alſo das iſt die Roſe von Oth⸗ maringen!“ Charlotte ſah überraſcht, mit dem ſanften Erröthen und dem ſchämigen Lächeln auf, welche den ſchönſten und um ſo unvergleichlichern Reiz der anmuthigen Frau bildeten, da es ſo unendlich wenige verſtehen oder vom Glück erlangen, denſelben ſich, ſelbſt in ſo jungen Jahren noch, in ſeinem vollen jugendlichen Duft zu be⸗ wahren. Ihre Lippen öffneten ſich wie zu einer Frage, aber Prinzeß Conſtanze kam ihr zuvor. „Weshalb ſo überraſcht, mein Kind?“ fuhr ſie mit ſanftem Lächeln fort.„Weil ich dieſen Ihren Namen kenne und Ihnen denſelben nun ſelber gebe, da ich freudig erkenne, daß Sie ihn ſo ganz und gar ver⸗ dienen und rechtfertigen?“ „Hoheit ſind gar zu gut“, ſagte Charlotte mit neuem Erröthen und einem leiſen Lächeln um die geſenkten Augen.„Ich höre den Wiederhall von den Stimmen in meinem lieben alten Othmaringen. Sie haben mich dort ſtets über Verdienſt lieb gehabt. Aber ich“— und ſie ſchlug die Augen zu einem unendlich treuen und innigen Blick auf—„ich habe ſie doch noch lieber! 54 Hoheit bringen mir Grüße von meinem alten Vater, ſagte mir mein Mann.“ So ſanft und faſt zärtlich das Auge der Prinzeſſin jetzt auf die anmuthige Frau blickte, es war doch auch etwas wie Schwermuth, ja wie ein leiſer Schmerz darin, und auch in ihrem Tone wurde eine auffallende Bewegung vernehmbar, als ſie nun erwiderte:„Ja, mein Kind, von Ihrem Vater, den ich hoch verehre, bringe ich Ihnen allerdings die zärtlichſten Grüße, und auch von den Andern, dem trefflichen Pfarrer, der liebenswürdigen Frau von Soldnau; allein den Namen haben Sie mir nicht mitgegeben, noch hab' ich ihn von ihnen vernommen, wie ich denn auch viel früher von 3 Ihnen hörte und wußte, als ich die Ihren kennen lernte. Sie und ich, wir ſind ſchon alte Bekannte, Charlotte“, fügte ſie noch bewegter hinzu.„Sie dürfen mir Ihren Namen ſchon erlauben; Sie ſind mir ſeit lange nahe geweſen, näher, als Sie ahnen können.“ Sie richtete ſich mit mehr Kraft auf, als man ihr zugetraut hatte, ja als ſie ſelber von ſich erwartet haben mochte. Sie ſtreckte Charlotten beide Hände entgegen, und da dieſe, aufſpringend und dieſelben ergreifend, ſich über ſie neigte— denn eine ſolche Si⸗ tuation ruft unſer Herz auf zu ſeiner ganzen, alle For⸗ znen und jede Schulung überwindenden eigenen Natur— b 55 zog ſie die junge Frau ganz zu ſich heran, legte den Arm um ſie, ſchaute ihr zärtlich in die Augen und ſtreifte endlich mit ihren Lippen die zu ihr geneigte reine Stirn. Das Alles währte nur einen Augenblick. Dann trat Charlotte zurück, und aus ihrem tiefen Erröthen, aus der Schüchternheit ihres Blicks ſprach es wie eine Art von Schreck, daß ſie ſich ſo weit habe hinreißen laſſen. Sie ſchob ihren Stuhl zurück. Aber die Prin⸗ zeſſin gab das nicht zu.„Nein, nein“, ſagte ſie,„ſo nicht, mein Kind! Ich laſſe Sie noch nicht frei! Im Gegentheil, Sie müſſen hier ganz nahe herankommen und mir Ihre Hand laſſen.“ Und als Charlotte folg⸗ ſam wieder näher trat, nahm ſie wirklich die Hand in die ihre und ſprach dabei bewegt:„Ja, ja, Charlotte, Sie ſind ſchon vor langer, langer Zeit meiner Liebe empfohlen, ja derſelben wie ein Vermächtniß anvertraut worden, von Jemand, der Sie ſehr lieb—“ Charlottens Hand zuckte in der der Prinzeſſin, und dunkles Erröthen überflammte ihr Geſicht, die weiße Stirn, den ſchlanken Hals.„Hoheit“, bat ſie zagend, „dieſe Erinnerungen—“ Aber Prinzeß Conſtanze ließ ſich nicht zurückhalten. „Dieſe Erinnerungen“, ſagte ſie mit dem Beben einer tiefen Erregung,„führen mich in die glücklichſte 6 Zeit meines Lebens zurück, zu einem ſolchen Glück, daß davor all die Qual und Pein des einzelnen Tags ſchon damals verſchwand und heute längſt vergeſſen iſt, daß es ſelbſt durch das nicht erdrückt werden kann, was ſich ſpäter daran ſchloß und mir das Herz brach.“ „Hoheit!“ flehte Charlotte angſtvoll; eine Erſchö⸗ pfung, wie ſie dieſelbe an der hohen Frau wahrge⸗ nommen hatte, und eine Aufregung, Erinnerungen, wie ſie jetzt ſie erſchütterten, erſchienen ihr ſo ſchreckhaft und gefährlich, daß ſie mit einer Art von Verzweiflung nach der Thür blickte, durch welche vorhin die alte Dienerin verſchwunden war. Die Prinzeſſin merkte das.„Seien Sie unbeſorgt, mein Kind“, ſprach ſie hörbar ruhiger, aber mit einem momentanen finſtern Lächeln,„ich laſſe mich nicht zu weit fortreißen, mich nicht übermannen. Gerade die Erinnerung an jene Zeit des Glücks, zu der auch Sie gehören, Ihre Gegenwart, Ihre Erſcheinung laſſen das, was ſich ſpäter daran ſchloß, in mir nicht zur Herr⸗ ſchaft kommen. Ich kann ohne Schmerz und ohne Zorn an das Damals denken, von ihm— zu Ihnen wenig⸗ ſtens— reden! Es iſt kein Schatten dort, ſagte ich ſchon, ſondern Alles ſchön, licht, rein und edel, wie er ſelber es war, er— er“— ihre Stimme bebte—„den Menſchen und Verhältniſſe mir und ſich ſelbſt geſtohlen —— 57 haben, er— er, der edelſte, der reinſte, der höchſte Menſch!“ Sie brach jäh ab, ſtrich ſich leiſe mit der Hand über die Stirn, und indem ſie die Augen dann mit einem ruhigern Ausdruck zu Charlotten erhob, ſagte ſie gefaßter, ja mit einer Art von Reſignation:„Aber wir wollen nur von Ihnen reden, mein Kind.“ „Hoheit!“ bat Gräfin Charlotte noch einmal und mit neuem, tiefem Erröthen. Aber die hohe Dame nahm auf dieſe Einwendung noch weniger Rückſicht als bisher, und ihre Augen mit einem gedankenvollen Blick auf ihre Zuhörerin richtend, fuhr ſie gleichſam in ihrem frühern Satz fort:„Ich erfuhr von Ihnen ſchon, da Friedrich zum erſten Male in Othmaringen geweſen war und unter den andern Hausgenoſſen Ihrer beſonders freundlich gegen mich gedachte. Das geſchah dann jedesmal, wenn er bei Ihnen geweſen, und als dann plötzlich auch in andern Kreiſen von Ihnen geredet wurde—“ „Von mir? In andern Kreiſen?“ wiederholte Charlotte ſo überraſcht, daß ſelbſt ſie darüber die Un⸗ gewöhnlichkeit einer ſolchen Unterbrechung vergaß. „Ja, in andern Kreiſen, in der Familie Ihrer dor⸗ tigen Verwandten, meine ich, und auch ſonſt; aber davon iſt nicht zu reden. Genug, damals, als Fried⸗ rich mit Ihrem jetzigen Gemahl in Othmaringen zu⸗ 58 ſammengetroffen war und bald nachher von Ihrer Ver⸗ lobung mit demſelben geredet wurde, da ſprach er— Friedrich— mir in einer unvergeßlichen, ſchweren und ſüßen Stunde von Ihnen in der Weiſe, wie ich es vorhin andeutete: wie hoch er Sie ſtelle, wie wahrhaft lieb er Sie habe, wie— es darf Sie nicht verletzen, Charlotte“, brach ſie ab.„Der Anſchein ſprach ganz und gar für ihn, und ſo ſtreng, wie er über die Ge⸗ ſellſchaft und zumal über die Männer derſelben ur⸗ theilte und zu urtheilen berechtigt war, durfte er wohl für Ihre Stellung zwiſchen denſelben, für Ihre Zukunft beſorgt ſein. Sie ſollten in Ihrer Jugend und Uner⸗ fahrenheit plötzlich aus Ihrer tiefen, aber auch würdigen Einſamkeit in den wildeſten, glänzendſten, leerſten Strudel hinübertreten, zwiſchen Menſchen, in Zuſtände und Ver⸗ hältniſſe, für die Sie, wie er es hieß, viel zu gut waren, wo Sie— wir haben niemals ergründet, wes⸗ halb— aller Wahrſcheinlichkeit nach ſogleich auf allerlei Intriguen, ja auf wirkliche Anfeindungen ſtoßen mußten. Da empfahl er Sie meinem Schutz und meiner Hut. Und ich verſprach ihm das, denn ich hatte Sie lieb gewonnen durch ihn. Nun, mein Schutz wurde nicht nöthig“, redete ſie weiter, indem ihre ſchönen Augen mit vollſter Innigkeit Charlotte umfaßten;„Sie kamen nicht zu uns, und 59 was wir dann aus der Ferne von Ihnen hörten, zeigte uns nicht nur, daß unſere Sorge eine unnöthige ge⸗ weſen war, ſondern machte Sie uns— mir zumal— auch immer lieber! Glauben Sie mir, mein liebes Kind, ich hatte eine ordentliche Sehnſucht, von Ihnen zu hören, Sie kennen zu lernen; eine junge Frau, welche ſich ſolcher Erfolge an— den Ihren, ſolcher Achtung, Anerkennung, Liebe in all ihren Kreiſen zu erfreuen und ſich das Alles zu ſichern wußte, mußte wirklich ein ungewöhnlich bevorzugtes Weſen ſein. Werden Sie nicht roth, liebes Kind! Ich ſpreche nur aus, was wir ſtets von Ihnen vernahmen, was wir, da es von allen Seiten gleich klang, wohl glauben mußten, und was wir noch feſter glaubten, als auch ich in Othmaringen und bei den Ihren bekannt wurde und alles Gute und Schöne nun von dem trefflichen Florian Hausmann, von der guten Soldnau beſtätigen hörte.“ Es war ein leiſes, ſüßes, faſt ein wenig ſchelmiſches Lächeln, mit dem Charlotte, als die Prinzeſſin eine Pauſe machte, ſagte:„Ob das die rechten Richter über mich ſind, Hoheit—“ Die Prinzeſſin ſchüttelte gleichfalls lächelnd den Kopf. „Florian Hausmann gewiß“, verſetzte ſie,„er iſt eine unbeſtechlich wahre Natur; obgleich er nicht meines 60 digſten Diener Gottes. Aber ich will weiter reden“, fuhr ſie fort.„Ich darf Sie nicht allzu lange Ihrer Geſellſchaft entziehen und habe doch noch ſo Manches auf dem Herzen! Genug, das ging ſo fort; Sie blieben uns, mir immer nahe, obgleich“— und ihr Blick wurde für eine Sekunde wieder durchdringend—„man früher und ſpäter verſuchte, mich auch gegen Sie mißtrauiſch zu machen. Aber“, fuhr ſie wieder herzlich fort,„Ihnen braucht man nur ins Auge zu blicken!— Und als nun vollends dieſe ſchmachvollen letzten Zeiten in Neapel kamen, durch welche Ihres Gatten und Ihre Treue faſt wie die einzigen hellen Sterne zu uns hinüberleuchteten, da geſellte ſich zu meiner Liebe eine wahre Verehrung, Charlotte, und dieſe wuchs von neuem und erſtreckte ſich auch auf den Grafen, als er ſo mannhaft zu ſeiner Ueberzeugung ſtand und ſich für dieſelbe opferte. Das iſt's, was auch die Ihren ſehr beglückt hat und was ich Ihrem Gemahl ausſprechen ſollte. Thun Sie es für mich, liebes Kind, ich kann den Grafen leider nicht ſehen! Leider, ſage ich!“ fuhr ſie mit einem leichten Zucken der feinen Brauen fort.„Ich möchte ihm gern eine Mahnung zur ernſtlichſten Vorſicht bringen. Folgt er mir, ſo läßt er ſich durch nichts, ſei es ſo ſchmeichel⸗ haft, wie es wolle, zu einem Schritt verlocken, der ihn Glaubens iſt, verehre ich in ihm doch einen der wür⸗ 61 in den Dienſt zurückführte. Er iſt ja, ſoviel ich weiß, in der glücklichen Lage, völlig unabhängig ſein zu dür⸗ fen, und was man ihm auch bietet, er kann überzeugt ſein, daß man ihm im tiefſten Grunde nicht wohl will, ſondern ſo oder ſo einen Schlag gegen ihn vorbereitet. Ich weiß, daß mein Bruder, der Fürſt, irgend etwas gegen ihn hat; das Was kann ich freilich um ſo we⸗ niger nennen, als ich ſchon ſeit Jahren in gar keiner Verbindung mit ihm bin. Und ebenſo weiß ich, daß man auch im Hauſe Ihres Verwandten, des jetzigen Miniſters, nichts weniger als freundlich gegen ihn, viel⸗ leicht auch gegen Sie geſonnen iſt. Er ſoll daher auf ſeiner Hut ſein. An Verſuchen wird es nicht fehlen, ihn wieder heranzuziehen.“ „Sie wurden bereits gemacht, Hoheit“, ſagte die Gräfin gepreßt. Die Mittheilung der hohen Frau hatte eine ſteigende ſorgenvolle Bewegung in ihr hervorge⸗ rufen, und die Erwähnung der Verwandten und ihrer feindſeligen Stimmung betraf ſie um ſo tiefer, je ſelt⸗ ſamer ſie zu dem ſtimmte, was am geſtrigen Abend und heutigen Morgen zwiſchen ihrem Gatten, Dagobert und ihr zur Sprache gekommen war.„Man hat meinem Mann auf die ſchmeichelhafteſte Weiſe den Poſten in ar angeboten“ ſetzte ſie auf das lebhafte„Wie?“ Con⸗ ſtanzens hinzu. 62 „Sehen Sie! Sehen Sie!“ rief die Prinzeſſin noch lebhafter.„Und der Graf?“ „Er lehnte ab, Hoheit.“ „Zu ſeinem Glück, denke ich! Nochmals, mein theures Kind, was man gegen ihn hat, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß mein Bruder niemals ein ihm geſchehenes, gleichviel ob wahres oder rein eingebildetes Unrecht vergißt oder verzeiht, noch jemals um die Mittel zur Erreichung ſeines Zwecks in Verlegenheit geräth. Und ich glaube auch Herrn von Othmaringen und die Sei⸗ nen genug zu kennen, um von ihnen ungefähr das Gleiche ſagen zu dürfen.“ „Aber um des Himmels willen, Hoheit, was können dieſe Leute gegen uns haben?“ fragte Charlotte mit ſichtbarer Erregtheit.„Soviel ich weiß, iſt mein Mann niemals mit ihnen in Verbindung geweſen, und von mir weiß ich das gewiß. Und dennoch gedachte auch der Graf dieſer Familienfeindſchaft, wie er es hieß, und warnte mich vor meinem armen Vetter Dagobert, dem Sohn des Miniſters, der ſeit einiger Zeit hier verweilt und—“ „Sich an Sie angeſchloſſen hat?“ fiel die Prinzeſſin mit einer auffälligen Schärfe ein.„So möchte auch ich Sie und zwar noch ernſtlicher warnen.“ „Und dennoch, Hoheit, ich vermag nichts in ihm —— ———— zu ſehen als einen einerſeits kranken und hülfsbedürf⸗ tigen und andererſeits ſchwachen, vor allem unbedeu⸗ tenden Menſchen, am wenigſten etwas wie einen In⸗ triganten oder Diplomaten.“ „Mein theures Kind“, ſagte die Prinzeſſin mit dem Blick und Ton einer Charlotte faſt erſchreckenden Ver⸗ achtung,„es gibt auch in dieſer Klaſſe zwei Arten von Acteurs. Die einen nehmen die ihnen übertragene Rolle ſo zu ſagen nur als Schema, das ſie ſelbſtſtändig zum Kunſtwerk geſtalten und ausarbeiten; die andern ſind nichts Anderes als Maſchinen, die genau, Wort für Wort, das Penſum herſagen, die vorgeſchriebenen Be⸗ wegungen und Wendungen machen und damit— in gewiſſen Fällen— genau die gewünſchte Wirkung, den verlangten Erfolg erzielen. Ich habe allerdings nie gehört, daß Dagobert Othmaringen zu einer andern als ſolcher Maſchinenthätigkeit gelangt ſei. Solche Leute fragen dann auch nicht nach der höhern, künſt⸗ leriſchen oder ſittlichen Bedeutung ihrer Rolle, noch ob dieſelbe ihnen Ehre macht oder bringt, ſondern nur nach dem beifälligen Lächeln des Chefs.“ „Das iſt ein ſehr hartes Urtheil, Hoheit“, ſprach Charlotte geſenkten Blicks. „Das ich nicht in allen Punkten für Herrn Dago⸗ bert von Othmaringen aufrecht erhalten und beweiſen 64 kann“, meinte Prinzeß Conſtanze mit dem frühern Aus⸗ druck,„dennoch aber nicht für zu hart halte. Ich kenne den Herrn allerdings Gott Lob! ſehr wenig, habe in⸗ deſſen von ein paar Aufträgen gehört, wo er— genug, ſage ich: die nur ein Menſch ohne höheres oder tieferes Gefühl rein maſchinenhaft in ſolcher vollendeten Weiſe durchführen konnte. Haben Sie einmal von ſeiner Schweſter gehört? Wer iſt dieſe Frau von Reuter⸗ holm in der Fremdenliſte?“ In dieſem Augenblick trat die alte Dienerin in die Thür und ließ die Prinzeſſin plötzlich abbrechen. Anna meldete, daß der Kapitän des Dampfers, da der Sturm ſich entſchieden zur Ruhe gebe und von keiner Gefahr mehr die Rede ſei, ſo bald wie irgend möglich wieder in See zu gehen wünſche; er könne, ſo gern er auch die Bequemlichkeit Ihrer Hoheit berückſichtigen wolle, kaum die Verantwortung einer über die dringendſte Noth verlängerten Verzögerung ſeiner Fahrt auf ſich nehmen. b Prinzeſſin Conſtanze war ſogleich bereit, der Bitte des Kapitäns zu entſprechen. Sie habe ſich einiger⸗ maßen wenigſtens erholt, meinte ſie, und zum min⸗ b —— deſten den Hauptzweck ihrer hieſigen Landung, Gräfin Charlotte kennen zu lernen und mit ihr zu ſprechen, erreicht. Sie wolle den Mann nicht in Verlegen⸗ — 4 4 4 65 heit bringen. Einen Aufſchub ihrer Reiſe aber könne ſie ſelber um ſo weniger wünſchen, als ſie wohl fühle, wie nöthig ihr die dauernde völlige Ruhe an dem zum längern Aunfenthalt erkorenen Platze ſei. „Und es iſt ja nicht aus der Welt“, ſagte ſie, Char⸗ lottens Hand zum Abſchied in der ihren haltend, faſt zärtlich,„daß Ihr Beſuch bei mir zu den Unmöglich⸗ keiten gehören ſollte. Ich bitte im Gegentheil um dieſen Beſuch, liebe Gräfin! Wir haben uns noch ſo viel zu ſagen, von einander zu hören! Ja, wenn es mir irgend möglich wird, ſollen Sie durch einen Brief noch dies und jenes erfahren, was mir am Herzen liegt und wozu heute die Zeit nicht mehr ausreicht. Vor allem aber denken Sie an das, was ich Ihnen für Ihren Gemahl geſagt habe. Denken Sie auch für ſich ſelber daran, Gräfin. Und wenn Sie nach Othmaringen ſchreiben, ſo grüßen Sie die Ihren auf das freundlichſte von mir.“ Sie ließ ſich zum Hafen und auf das Schiff hinab⸗ tragen und war fort, ohne Geräuſch, wie ſie ohne ſolches gekommen. Ein weiteres Glied der im Gaſthof anweſenden Geſellſchaft zu ſehen— es hatten Mehrere gewünſcht, ſich ihr vorſtellen zu dürfen— lehnte ſie ab und ließ auch dem Grafen Felix durch ſeine Gattin Hoefer, In der Welt verloren. III. 5 66 noch einmal ihr lebhaftes Bedauern ausſprechen, daß ſie infolge ihres leidenden Zuſtandes ſelbſt ihn nicht ſehen könne. Eine Viertelſtunde darauf ging der Dampfer brau⸗ ſend in die allerdings noch ſehr bewegte See hinaus. Aber in der Luft war es wirklich ſchon faſt ganz ſtill geworden, und zwiſchen den langſam abziehenden Wolken wurden die Sterne ſichtbar. Es war mehr als einem in der Geſellſchaft auf⸗ fällig, wie ſtill und zurückhaltend Gräfin Charlotte von der langen und vertraulichen Unterhaltung mit der Prinzeſſin zurückkehrte, in welcher die Meiſten doch nur eine neue, ſchmeichelhafte Bevorzugung der ſchönen Frau zu entdecken vermochten. Sie konnte zwar dem Erſtaunen hier und der Neugierde dort leicht mit der Erklärung begegnen, wie ſie durch den leidenden Zuſtand der hohen Dame allzu tief ergriffen worden und wie ihre ganze Unterhaltung eine allzu ernſte geweſen ſei, als daß ſie ſich durch dieſelbe beglückt und erheitert finden könne, allein man ſchien daran nicht recht glauben zu wollen, und der Graf, an dem ſich überhaupt eine gewiſſe erregte, halb zerſtreute, halb unſtäte Stimmung beobachten ließ, neckte ſie ge⸗ radezu mit ihren Geheimniſſen und ihrer diplomatiſchen Miene. 67 — Sie nahm das mit guter Manier hin, ohne ſich in ihrer Weiſe ſtören zu laſſen oder heiterer zu wer⸗ den. Und endlich gab ſie zuerſt das Zeichen zum Auf⸗ ſuchen der Ruhe, welche die geringen Bequemlichkeiten des Hauſes der Geſellſchaft möglich machten. Viertes Kapitel. Beziehungen und Stimmungen. Es war auffällig, weil in der Geſellſchaft wenig⸗ ſtens Niemand einen rechten Grund dafür auffinden zu können ſchien, daß ſich an den Hauptperſonen un⸗ ſerer Erzählung von dieſem Tage an eine Veränderung vollzog, welche zu ſcharf mit ihrem bisherigen Weſen contraſtirte, als daß man ſie hätte überſehen können, ja daß ſie nicht in den Perſonen ſelber ein, ſei es neugieriges, ſei es mißtrauiſches oder mißmuthiges Er⸗ ſtaunen über das an den Andern Wahrgenommene her⸗ vorgerufen hätte, und zwar, wie wir hinzufügen müſſen, das Eine wie das Andere mit vollem Recht. Es gab Niemand in der Welt, der bei der Gräfin Charlotte jemals etwas wie ein beſonderes Vergnügen an einer lebhaften, raſtloſen Geſelligkeit, geſchweige ——— 69 denn einen beſondern Trieb nach derſelben oder gar eine Beförderung und Aufmunterung zu ſolchem Trei⸗ ben beobachtet hätte. Die Dame hatte ſich niemals dem Vergnügen und der Unterhaltung des Kreiſes, in dem ſie ſtand, entzogen, vielmehr dieſelben ſchon durch ihre Gegenwart und Theilnahme, durch die außeror⸗ dentliche Anmuth und vollendete Liebenswürdigkeit be⸗ lebt zugleich und verſchönt, welche ſo ganz ihr eigen war. Sie war niemals mit einer in ſolchem Fall fal⸗ ſchen Beſcheidenheit von dem Platz zurückgewichen, den ſie von jeher eingenommen hatte und der ihr von Nie⸗ mand ſtreitig gemacht wurde, weil Niemand deſſelben ſich würdiger erwies als ſie, und ſie hatte nicht minder in ihrem eigenen Hauſe allen Anſprüchen und Pflichten auf das tadelloſeſte zu genügen verſtanden, welche der Name und die Stellung ihres Gemahls, welche ihre eigene Geburt, ihre Jugend und Schönheit, ihr Reich⸗ thum ihr auferlegten und von der Geſellſchaft an ſie erheben ließen. Aber ebenſo wenig hatte ſie, um das zu wiederholen, jemals im vollen, raſtloſen Treiben geſtanden oder daſſelbe aufgeſucht, geſchweige ſich denn von dem⸗ ſelben fortreißen laſſen. Sie zeigte ſich ſtets als eine heitere und liebenswürdige, freundliche und theilneh⸗ mende Natur, aber fern von aller Uebertreibung und 70 Leidenſchaftlichkeit; man traf ſie, um dieſen Ausdruck zu wählen, ſtets eher zu ſelten als zu oft und aller⸗ wärts, und wer ſie irgend beobachten wollte, konnte keinen Augenblick darüber in Zweifel ſein, daß ein be⸗ ſchränkter Kreis der Geſelligkeit und des geſammten Lebens ihrer Natur ſo gut wie ihren Neigungen am meiſten entſpreche, und daß alle ihre Reize, alle Schätze ihres Geiſtes und Herzens, alle Vorzüge gerade in einem ſolchen zur reichſten Entfaltung, zur vollen Gel⸗ tung kamen. Hieran ſchloß ſich ein anderer Zug, deſſen wir auch ſonſt ſchon gedacht haben: Gräfin Charlotte ſtand den Ihren ſo herzlich und innig nahe wie möglich und hing an ihnen mit der vollſten Hingebung, mit— ſo mußte man wohl annehmen— rückhaltsloſer Offenheit. Allein wenn man ſie näher kannte und genauer be⸗ obachtete, konnte man nicht verkennen, daß das Maß, welches ihr ganzes Weſen beherrſchte, auch hier und zwar vorzüglich ſichtbar wurde. Seit ſie von Othma⸗ ringen geſchieden und in die Welt getreten war, hatte ſie im Grunde und vielleicht ein paar ältere Freunde abgerechnet, Niemand mehr ſich wirklich genähert, und ebenſo wenig wie die Huldigungen, die ihr dargebracht worden, jemals einen Eindruck auf ſie gemacht, hatte ſie ein Freundſchaftsbündniß geſchloſſen, das auch ——— ——— 71 nur im Sinne der Geſellſchaft dieſen Namen verdient hätte. Und gerade in dieſen Punkten, die man doch wohl wie das Fundament ihrer Natur, ihres Charakters, ihres ganzen Weſens hätte anſehen ſollen, machten ſich nun die Veränderungen bemerkbar, deren wir oben ge⸗ dachten. Es erſchien an ihr eine gewiſſe Erregtheit und Unruhe, ein Treiben und Drängen nach Unter⸗ haltung und Zerſtreuung, wie eine glänzende und durch keinerlei Rückſichten und Schranken gefeſſelte Geſellſchaft, gleich der hier verſammelten, ſie nur zu bieten ver⸗ mag, eine lebhafte Theilnahme nicht nur an all den jetzt auftauchenden Zerſtreuungen, ſondern auch eine— man möchte faſt ſagen: fortreißende Luſt an dieſem aufregenden Treiben. Und ſo reizend ihr das auch ſtand, und ſo anmuthig ſie ſich auch in dieſer neuen Rolle bewegte, die Stellung, welche ſie in der Geſell⸗ ſchaft einnahm, mit einer Art von Uebermuth wie ihr Recht beanſpruchend und die Huldigungen, welche ihr jetzt alsbald offener und freier als je zuvor dargebracht wurden, eher mit Scherz und Schalkhaftigkeit ermu⸗ thigend, als mit ruhiger Liebenswürdigkeit in ihr Maß zurückweiſend, in der Villa Marina ſo gut, wenn dieſe ſich, wie nun häufig, zahlreichen und heitern Gäſten öffnete, wie überall ſonſt, wo man ſich geſellig ver⸗ 72 einte, ſtets die— freilich beglückende— Gebieterin, ſtets die Fee, welche immer neue Ueberraſchungen und Zerſtreuungen bereit hatte: das Alles war eben dennoch ſo ganz anders, als man es bisher an ihr beobachtet und von ihr kennen gelernt hatte, daß es alle Welt aufmerkſam machen und Jeden, der es ehrlich und treu mit ihr meinte, gewiſſermaßen ſorgenvoll der Fort⸗ ſetzung und Entwickelung entgegenſehen laſſen mußte. Ja, die Verwunderung hier und die Sorgen da mußten noch wachſen, wenn man ins Auge faßte, wie ſie ſich zu ihrem Vetter Dagobert und ſeiner anſchei⸗ nend ſtets ſich ſteigernden, ſtets unverhohlener ſich offen⸗ barenden Leidenſchaft mit Lachen zwar und gelegent⸗ lichem Spott, aber auch mit einer an ihr zum min⸗ deſten in ähnlichen Fällen noch nie beobachteten, eher aufreizenden als zurückweiſenden, faſt an Koketterie grenzenden Luſtigkeit verhielt; wie ſie mit Frau von Reuterholm in einer täglich intimern Freundſchaft ſich zuſammenfand, ſodaß es ihr ohne die Geſellſchaft der⸗ ſelben gar nicht mehr wohl zu werden ſchien; wie ſie das Verhältniß ihres Gatten zu der genannten Dame, das er ſich gar nicht zu verheimlichen bemühte und über das kein Menſch mehr im Zweifel war, mit la⸗ chendem Scherz, mit einer ſpöttiſchen Neckerei, ſei es als etwas Gleichgültiges, ſei es ſogar faſt als etwas 73 Natürliches hinnahm und duldete; wie ſie endlich nicht nur das ganze ſeltſame, mehr und mehr mit frühern, über Felix Eylingshauſen noch curſirenden Sagen zu⸗ ſammenſtimmende Treiben dieſes Gatten, ſondern auch, und dies vor allem, den Ton aufnahm, den er neuer⸗ dings gegen ſie anzuſchlagen liebte und der ſich auf das auffälligſte von der bisherigen herzlichen, achtungs⸗ vollen, anerkennenden Weiſe in die in den Ehen der großen Welt nur allzu gewöhnliche Gleichgültigkeit, Nach⸗ läſſigkeit und oberflächliche Scherzhaftigkeit, ja zuweilen faſt in eine Art von Rückſichtsloſigkeit verlor. Es konnte nicht ausbleiben, daß die ſchöne Frau durch alle dieſe kleinen, im Einzelnen unbedeutenden, im Verein doch ein gewiſſes Gewicht gewinnenden Züge der Geſellſchaft alsbald in anderem und für manche Augen zum wenigſten nicht günſtigerem Licht erſchien. Der Ruf einer Frau iſt dem Sprichwort nach wie ein Roſenblatt, das, eben noch friſch und unverletzt, ſchon im nächſten Augenblick, oft faſt ohne erkennbare Urſache, verwelkt und duftlos niederſinkt. Und es bedarf dazu keineswegs wirklicher, tadelnswerther Ausſchreitungen und Abweichungen vom Pfade der Tugend und Ehr⸗ barkeit, ſondern häufig nur eines Blickes oder Wortes, einer Wendung oder Bewegung, mit einem Wort eines Zugs, der von dem abweicht, was wir bisher in dieſem 74 Auge, in dieſem Herzen zu finden gewohnt waren und als eigenſtes Weſen dieſes Menſchen erkannt zu haben glaubten. So erging es auch der Geſellſchaft mit Charlotten. Es war nichts geſchehen und geſchah nichts, was wirk⸗ lich zu tadeln geweſen, ja was nicht von und an jeder andern Dame dieſes Kreiſes wahrſcheinlich ganz ge⸗ wöhnlich und herkömmlich erſchienen wäre; aber es war ein Rückſchritt und wurde als ein ſolcher erkannt, daß die Gräfin nicht mehr wie bisher über dem Niveau ſtand, ſondern in daſſelbe hinabzutreten ſchien. Ueber das, was ſich an den andern Perſonen gleich⸗ falls, wie wir ſagten, ſeit dem Tage des Ausflugs verändert zeigte, können wir ſchneller fortgehen, da die Hauptzüge im Vorſtehenden bereits angedeutet ſind. Graf Felix befleißigte ſich eines Tons und einer Weiſe, welche, wie geſagt, nur allzu lebhaft an das erinnerten, was man von ſeinem Leben vor ſeiner Verheirathung ſich lachend oder mißbilligend erzählt hatte, und er that das mit ſo viel Aplomb und Routine, daß man wohl immer feſter an die Wahrheit jener alten Sagen glauben mußte. Er machte neben oder vielmehr vor allem Uebrigen Frau von Reuterholm den Hof mit einer Angelegentlichkeit und Unbefangenheit, welche bis 75 hart an die Grenzen ging, die ſelbſt in ſolchen Kreiſen und ſogar einem Cavalier gezogen ſind. Vor ſeiner Gemahlin genirte er ſich dabei nicht im entfernteſten und kümmerte ſich nicht um den Eindruck, den Andere davon empfingen. Es war nicht zu ver⸗ kennen, daß, obgleich dies Verhältniß öffentlich halb wie ein Scherz angeſehen, halb für ein unſchuldiges Vergnügen erklärt wurde, im Stillen doch Manche die Sache ganz anders anſchauten und ſei es ſpöttiſch die Achſeln zuckten, ſei es ernſtlich mißbilligend und mit erneuerter Zurückhaltung gegen die noch immer ge⸗ heimnißvolle Fremde den Kopf ſchüttelten. Darin machte dieſe weder die Heiterkeit, Nachſicht oder Gleich⸗ gültigkeit irre, mit der Gräfin Charlotte ſich dem Verhältniß gegenüber verhielt, ja gerade ſeit dem Beginn deſſelben den Bund mit der Dame zu einem täglich vertrautern machte, noch konnte ſie die Weiſe täuſchen, in der die Reuterholm des Grafen Aufmerk⸗ ſamkeiten bald ſcherzend duldete, bald wiederum ſcher⸗ zend zurückwies oder zuweilen wohl auch für ziemlich langweilig erklärte. Die Fremde gab ihre anfängliche Zurückgezogenheit und Verſchloſſenheit nach und nach immer mehr auf. Sie lebte in der Geſellſchaft wie eine Dame von Welt und erwiderte Charlottens Entgegenkommen mit nicht geringerer Herzlichkeit. Dieſe Veränderung nützte ihr indeſſen, wie bemerkt, wenig oder gar nichts. Der Nim⸗ bus von Zweifeln, der ſich nicht nur um ihre hieſige Erſcheinung, ſondern auch und mehr noch um ihre Ver⸗ gangenheit zuſammengezogen hatte, wollte nicht ſchwin⸗ den. Er verdichtete ſich vielmehr wieder, da inzwiſchen einzelne Nachrichten über jene Frau gleichen Namens aus Deutſchland herüberdrangen, welche daſelbſt vor Jahr und Tag eine zum mindeſten unklare Rolle ge⸗ ſpielt haben ſollte und von der es zweifelhaft blieb, ob man ſie möglicherweiſe nicht in der hier aufge⸗ tretenen Perſönlichkeit wiederzuerkennen habe. End⸗ lich tauchte, ohne daß man den Urheber entdeckte, das Gerücht auf, daß des Grafen Felix' Verbindung mit der Fremden keineswegs eine neue ſei, vielmehr ſich ſchon von dem Aufenthalt beider in Rom herſchreiben möge. In der alſo denkenden, ſtrenger urtheilenden Fraction der Geſellſchaft war man mit Frau von Reuterholm allmälig immer weniger einverſtanden. Man ließ ſich weder durch ihre Offenheit und Unbefangenheit, noch durch das liebenswürdigſte Entgegenkommen wieder für ſie einnehmen und rechnete es ihr jetzt nicht mehr an, daß ſie ſich von dem ſtets weniger beliebten Da⸗ gobert Othmaringen ſtets entſchiedener abwandte, ja ſeine gelegentlichen Annäherungsverſuche mit auffälliger Kälte zurückwies. Man fing an, ſich über des Grafen ſtets offenere und rückſichtsloſere Leidenſchaft ernſtlich zu ſkandaliſiren und die Stellung, welche Gräfin Char⸗ lotte zu beiden einnahm, täglich räthſelhafter zu finden, ja ſelbſt dieſen Stolz und dieſe Krone ihres Geſchlechts mit immer zweifelvollern Blicken zu verfolgen. Was konnte die reine, ſtolze Frau zu einer Blindheit oder Gleichgültigkeit veranlaſſen, wenn nicht etwa ein Ge⸗ fühl im eigenen Herzen, das ſie von dieſen Menſchen, von dieſen Zuſtänden abzog? Die hauptſächlich Betheiligten ſchienen auf dieſe Vorgänge und Stimmungen indeſſen kaum zu achten und lebten ihr Leben auf das unbekümmertſte fort. Neben ihnen⸗jedoch gab es eine Perſönlichkeit, die Alles mit der peinvollſten Aufmerkſamkeit verfolgte, nicht einen Blick, nicht ein Wort verlor und infolge deſſen mehr als irgend ein Anderer aus ihrer bisherigen ſtillen Gewohnheit wich. Das war Henriette. Wenn man das ſonſt ſo ſtille Mädchen beobachtete, wie es nun plötzlich mit einer ſchier fieberhaften Er⸗ regtheit aus ſeiner Zurückgezogenheit hervorkam und ſeinen Platz in der Geſellſchaft beanſpruchte, ſich den Zerſtreuungen und Vergnügungen, vor denen es bisher faſt immer zurückgewichen war, mit einem wiederum 78 faſt fieberhaften Eifer widmend und die Einſamkeit fliehend, als ob es ſchier Angſt vor derſelben habe; wenn man dann ihr Aeußeres anſah und auch hier wieder der gleichen Erregtheit begegnete, der ſcharfen, fliegenden Röthe der Wangen, den heißen, unruhigen Augen, der Unſtätheit des ganzen Weſens, was Alles zum mindeſten für die ihr näher Stehenden dennoch nicht die an Erſchöpfung grenzende Abſpannung zu ver⸗ decken vermochte, welche ſie nur zu häufig überkam: da durfte man in dieſem Zuſtand wohl, ſei es eine innere tiefe Zerrüttung, ſeien es die erſten Anzeichen einer tief erſchütterten Geſundheit, wo nicht einer be⸗ reits drohenden Krankheit fürchten und ſich den ernſt⸗ lichſten Sorgen überlaſſen. Die Ihren faßten es auch ſo auf, man umgab die Hausgenoſſin mit Aufmerkſamkeit und Theilnahme; nur war es ſeltſam, daß dies neuerdings von ſeiten Char⸗ lottens faſt weniger geſchah, als von der des Grafen Felix, der überhaupt in der letzten Zeit für Henriette viel mehr Freundlichkeit gezeigt hatte, als es vordem zu geſchehen pflegte. Das Mädchen machte ſich an⸗ ſcheinend freilich aus dieſer neuen Stimmung ebenſo wenig, als es früher durch die Zeichen einer entgegen⸗ geſetzten niedergedrückt worden war. Und als Gräfin Charlotte ihr eines Tags von der Meinung ihres Ge⸗ ———— 79 mahls ſprach, daß ſie auf einige Zeit in die Heimat gehen und dort Geneſung ſuchen ſolle, lachte ſie ſo un⸗ gewöhnlich bitter, ja faſt verächtlich, daß die Freundin ſie ernſtlich empfindlich nach dem Grunde fragte. „Weshalb ſagt man's nicht offen, daß man mich zu entfernen wünſcht?“ lautete die herbe Antwort.„Dieſe Vorwände ſind mehr als armſelig.“ „Henriette!“ rief Charlotte ernſt mahnend. „Was willſt Du, mein Herz?“ verſetzte Henriette aber unverändert.„Daß ich an Dich nicht denke, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, obgleich ich Deiner Liebe und Güte weniger werth bin, als Du wiſſen kannſt oder vielmehr willſt. Du willſt mich ja nicht hören. Und auch der Herr Graf meint es vielleicht nicht ſo— vielleicht, ich weiß es nicht!— zum mindeſten nicht aus eigenem Antrieb. Sonſt aber— ich täuſche mich nicht über das, was hier vorgeht, und über die, denen ich im Wege bin. Und ich begreife täglich weniger, wie Du ſo blind ſein kannſt oder ſo nachſichtig—“ „Genug, liebe Henriette“, unterbrach die Gräfin ſie mit einem Zuge von einer gewiſſen kühlen Vornehm⸗ heit, wie ihn die Jugendfreundin kaum jemals, am wenigſten aber in Beziehung auf ſich wahrgenommen hatte;„dies Thema kann ich wirklich nicht länger be⸗ ſprechen. Was Du über mich denkſt und urtheilſt, muß ich mir gefallen laſſen und darf es auch, da ich weiß, daß Du mich zu lieb haſt, um ungerecht zu bleiben. Ueber meinen Mann kann ich ein ſolches Urtheil nicht zugeben. Du biſt ihm fremd geblieben, ich ſage nicht, durch Deine Schuld. Du kennſt ihn aber ſo lange wie ich. Hat er Dir eher als mir jemals Veranlaſſung zu einem Mißtrauen gegeben, wie Deine Worte es merken laſſen? Ich kann die Zwecke, die er verfolgt, nur ahnen, muß ſie dann aber gewiſſermaßen gelten laſſen; ich weiß nicht, ob der Weg, den er eingeſchlagen hat, der richtige iſt. Allein ich muß am Ende zuge⸗ ſtehen, daß man bei einem Gegner, der nicht mit ehr⸗ lichen Waffen kämpft, unter Umſtänden zu ähnlichen greifen muß. Mir gibt Felix keine Veranlaſſung zum Zweifeln— wie wäre das möglich?— und das denke ich, wird auch Dir genug ſein.“ Sie wandte ſich ab und verließ in ſtolzer Haltung den Balkon, wo dies Geſpräch am Nachmittag ſtattgefunden hatte. Henriette ſtand eine Weile wie erſtarrt und ſchaute der Freundin mit einem an Betäubung grenzenden Ausdruck nach. Dann erhob ſie plötzlich die Hände zum Geſicht und preßte ſie vor die Augen. Allein ihre Thränen ſtürzten ſo gewaltſam hervor, daß die Finger ſie nicht zu verbergen vermochten. Zuſammenzuckend fühlte ſie ſich von einem weichen 81 Arm umſchlungen, und zugleich wurden ihr die Hände mit ſanfter Gewalt vom Geſicht gezogen. Die Augen waren ihr ſo von den Thränen geblendet, daß ſie die Geſtalt und die Züge der Freundin, welche, Hen⸗ riettens Erſchütterung wahrnehmend, zurückgekehrt war, kaum zu erkennen vermochte; allein Charlottens Stimme war es, die zu ihr ſagte:„Henriette, mein liebes Herz, was um Gotteswillen heißt dies Alles? Wie konnten Dich meine Worte ſo furchtbar ergreifen? Du weißt doch, wie ſie allein gemeint ſein können!“ Und indem ſie die Freundin leiſe gegen die Thür zurück und in den Salon hineinzog, fügte ſie zärtlich hinzu:„Du ſiehſt wohl, daß Felix, daß ich Recht habe: Du biſt ernſtlich lei⸗ dend und mußt nothwendig etwas für Dich thun.“ Auch jetzt noch ſchien Henriette wie betäubt zu ſein, ſo ließ ſie ſich führen, ſo hörte ſie auf die Worte der Freundin. Erſt als Charlotte ſchon eine Weile aus⸗ geredet hatte, richtete ſie ſich von ihrem Arm auf, nahm die Hände der Gräfin in die ihren, führte ſie an die Lippen, drückte ſie ans Herz, und die von neuen Thränen gefüllten Augen zu denen Charlottens erhe⸗ bend, rief ſie mit einer an Verzweiflung grenzenden, leidenſchaftlichen Heftigkeit:„O Du Heilige, Reine, die Du die Untreue gar nicht ahnſt und dennoch von ihr geopfert wirſt! Und ich, und ich—“ Hoefer, In der Welt verloren. III. 6 82 „Henriette!“ bat die Gräfin, aber es war in ihrem Blick und Ton wieder eine leiſe Andeutung von jener Kälte oder Strenge, welche das Mädchen vorhin über⸗ raſcht hatte.„Dies geht nicht an! Ich verſtehe Dich nicht, aber ich will Dich auch nicht verſtehen; ich will Dich nicht hören, denn ich ſehe es deutlich genug, daß nur Krankheit und Phantaſien in Dir ſind, welche durch ein Ausſprechen, wie Deine Heftigkeit es ver⸗ langen zu wollen ſcheint, nicht gemildert werden können, ſondern ſich eher nur noch ſteigern würden! Werde an meiner Zufriedenheit, meiner Heiterkeit geſund und gib vor allem dieſe ſeltſamen Anklagen Deiner ſelbſt auf. Ich kenne Dich in jedem Zuge Deines Herzens, in jeder Stunde Deines Lebens; wenn Du eine Schuld trägſt, tragen wir alle die gleiche. Und nun“, brach ſie ab,„komm und laß uns Toilette für die Promenade machen; der Wagen wird gleich vorfahren.“ ⁵ Es war während dieſer Worte über Henriette er⸗ ſichtlich keine Ruhe, ſondern nur eine Art von finſterer und trauriger Reſignation und Ergebung in den Willen der Freundin gekommen; ſie ſah ſchweigend vor ſich hin, und wiederum erſt, nachdem die Gräfin ſchon eine Weile geendet hatte und nochmals ihr:„Komm zur Toilette!“ wiederholte, ſah ſie zu ihr auf mit einem trockenen, heißen und doch unſtäten Blick, während ſich 83 auch auf ihren Wangen eine ſcharfe Röthe zeigte, und ſprach gepreßt:„Sei es alſo, wie Du es willſt, ich füge mich. Nur eins muß und will ich ſagen: Weißt Du, daß dieſe Frau von Reuterholm Deine Couſine Hilde⸗ gard von Othmaringen und Dagobert’s Schweſter iſt?“ Durch Charlottens ſchönes Auge flog ein finſterer Ausdruck, aber ſo zu ſagen nur für einen Blick, und dann erwiderte ſie nur noch ernſt:„Woher ſchließeſt Du das, Henriette?“ Das Mädchen ſchüttelte finſter blickend den Kopf. „Das würde uns jetzt zu weit führen und iſt auch gleichgültig. Alſo Du weißt es?“ „Ich wurde durch eine Andeutung der Prinzeſſin darauf geführt und habe nun aus ihrem letzten Brief die Gewißheit erhalten.“ „Und Felix— der Graf weiß es auch erſt ſeitdem?“ „Ich ſprach ihm von meinem Verdacht; er war ſehr überraſcht, glaubte aber ſogleich daran, weil es zu ſeinen eigenen Beobachtungen ſtimmte.“ „Und Du legſt keinen Werth auf dies eigenthüm⸗ liche Verſteckensſpiel, Charlotte, obgleich es faſt nur gegen Dich gerichtet ſein kann, zumal wie jene Ver⸗ wandten zu den Deinen ſtehen ſollen?“ Gräfin Charlotte lächelte faſt ſpöttiſch.„Du ſiehſt doch, daß ich in meiner Weiſe dagegen operire“, ſagte ſie. 6* 84 „Ja, mit dieſer grenzenloſen Güte und Liebens⸗ würdigkeit, welche Du gegen dieſe Unwürdigen ver⸗ ſchwendeſt und deren ſie, ich bin davon überzeugt, hinter Deinem Rücken ſpotten! O Charlotte, gütiges Herz, das weißt Du und duldeſt dieſe— es ſind ja nicht einmal Intriguen, ſondern offene, plumpe Angriffe auf Deinen Frieden! Das weißt Du und duldeſt, daß der Graf ſich von dieſen armſeligen Ränken einſpinnen läßt, die ſchon ſeit Rom—“ „Auch davon weiß ich; Felix hat mir davon und von den Gründen ſeines bisherigen Schweigens offen geſprochen“, fiel Charlotte ein.„Und nun“ fuhr ſie mit ernſter Freundlichkeit fort,„ſei ruhig und gib be⸗ ſonders Dein unfreundliches Mißtrauen auf. Du ſiehſt, wir ſind nicht ganz blind und nicht ganz gleichgültig, ſondern wehren uns und operiren, Felix in ſeiner, ich in meiner Weiſe. Wollte oder könnte ich vielmehr wie Du einen Verdacht gegen die Treue hegen, wie Du es heißeſt“, fügte ſie mit einem ſeltſamen Lächeln hinzu, „was hinderte Felix, auch mich mit meinem armen Couſin—“ „Charlotte!“ Und wieder mit dem gleichen ſeltſamen Lächeln ſagte Charlotte:„Nun, mein Herz, wenn er um Hildegard mich aufgeben könnte, ſo meine ich, wär's 85 auch ebenſo gut möglich, daß ich ſein um Dago⸗ bert's—“ Sie brach plötzlich ab und wurde ſo blaß, daß Hen⸗ riette mit einem Schreckensruf ihren Arm erfaßte. Drunten— ſie waren während des Geſprächs wieder auf den Balkon getreten— hatte Felix ſich eben mit einem hochgewachſenen Fremden dem Gartenthore ge⸗ naht; die Herren grüßten zu den Damen hinauf und der Graf rief etwas, das die Entfernung indeſſen nicht verſtändlich werden ließ. „Mein Gott“, rief Henriette mit dem Ausdruck des Schreckens,„iſt es möglich? Iſt das Herr von Bilings⸗ felden?“ Charlotte erwiderte nichts, ſondern nickte nur. Fünftes Kapitel. Was aus einem Menſchen werden kann. Es war in der That Herr von Bilingsfelden ge⸗ weſen, und wenn Henriette noch einen Augenblick gezwei⸗ felt hatte, mußte ſie jetzt auch den letzten Zweifel aufgeben, als Graf Felix den Ankömmling ſogleich zu ihnen in den Salon führte oder vielmehr zog. „Denke Dir“, rief er ſeiner Gemahlin lachend zu, „dieſen Bären fing ich mir eben am Hafen ein, wo er vom Dampfer herunterfuhr und uns alle beinahe umrannte! Ins Hotel wollte er, Charlotte, ins Hotel, und wir wohnen hier! Und ich habe ihn nur mit richtiger Gewalt heraufbringen können!“ Herr von Bilingsfelden war es allerdings, der vor der Dame ſtand und ſie mit einem kalten, Andere wür⸗ 87 den vielleicht geſagt haben: dreiſten Blick muſterte, ſo⸗ daß ſie davor die Augen niederſchlug. Allein man ſah es erſt jetzt und gerade daran recht deutlich, wie ſehr jener Schreck und Zweifel Henriettens gerechtfertigt geweſen, denn was man hier vor ſich ſah, war freilich eine andere Veränderung, als man ſie neulich an Da⸗ gobert Othmaringen wahrgenommen hatte oder ſie über⸗ haupt an einem Menſchen bemerken mag, mit dem man ſeit ſechs, ſieben Jahren nicht mehr zuſammentraf. Ueber den hier waren nicht die paar Jahre hingegan⸗ gen, ſondern ein ganzes Menſchenleben; es hatte ihm genommen und gebracht, was und wie es nur ein Menſchenleben vermag, und nur einen Schatten des Menſchen übrig gelaſſen, der vordem der ſchönſte und ſtolzeſte, adligſte Mann ſeiner Kreiſe geweſen war, durch ſeinen Geiſt und ſein Herz ſich über alle er⸗ hebend und gerade von den Beſten und Edelſten vor allen bevorzugt; es hatte ſein Haar bereits gebleicht und ſeine prächtige Geſtalt erſchüttert, es hatte das ſchöne, tiefe, warme Auge kalt und blaß gemacht und die edlen, ſtolzen Züge zu ſcharfen umgeſchaffen. Und wenn man an den dachte, der er geweſen, und den ſah, zu dem er geworden, ſo brauchte man kein Weib zu ſein, um traurig zu werden bis ins Herz und ſeine Augen feucht werden zu fühlen von bittern Thränen. 88 In Charlotten mochte etwas Aehnliches vorgehen: es ging ein leiſes Zucken durch ihre Züge und ſie ſchloß die Augen für eine Sekunde, als wolle ſie eine auf⸗ ſteigende Thräne zerdrücken. Allein der Gaſt ließ es dazu nicht kommen. Das leichte, ein wenig heiſere Lachen, welches den Worten des Grafen folgte, verſcheuchte ſo zu ſagen die Erinnerung wie die Trauer und rief die ſchöne Frau raſch in die Gegenwart zurück. „Erſchrecken Sie nicht ſſo ſehr, Gräfin!“ ſagte er, indem er zugleich ihre Hand nahm und flüchtig mit den Lippen ſtreifte.„Der Herr Gemahl extravagirt— er that das ſchon vordem gern— aber ich verſtehe mich auf Ehemannsfreiheiten und ihre Grenzen und laſſe dieſe nicht von ihm verletzen! Ich gehöre ins Hotel und nicht in die Familie. Die Roſe von Othmaringen einmal wieder zu begrüßen, konnte ich mir freilich nicht verſagen. Und nun“— ſein Auge überflog die zur Seite ſtehende Henriette—„ah, Mademoiſelle Henriette, wenn ich nicht irre? Wie entzückend ſich die Damen conſer⸗ viren! In mir hätten Sie ohne den Felix da ſchwer⸗ lich den alten Othmaringer Gaſt erkannt!“ Das traf nun, wie wir wiſſen, freilich nicht zu, im Uebrigen aber enthielten ſeine Worte nur allzu viel Richtiges, und ſelbſt Felix mochte, wie ſein leichtes Kopfſchütteln anzudeuten ſchien, über die Veränderung —— 89 erſchrecken, welche hier vorgegangen war und bei jeder Bewegung, bei jedem Blick und Ton, bei jedem Wort nur ſchärfer hervortrat. Das war, mußte man fürchten, nicht einmal mehr der Schatten oder die Ruine des frühern Menſchen, ſondern ein anderer, neuer Menſch, und was ſich an ſeinem Aeußern zeigte, reichte, wie man wohl annehmen durfte, nicht im entfernteſten an die neuen Geſtaltungen hinan, die in ſeinem Innern zu finden ſein mußten. Schwache und arme Naturen, wie diejenige Dago⸗ bert's etwa, werden gelegentlich durch das Leben rui⸗ nirt und im Kern und der Schale endlich zuweilen ſogar völlig vernichtet. Starke und reiche Menſchen aber tragen eben in ſich gewiſſermaßen allzu viel Stoff, als daß derſelbe völlig zerdrückt und zu Grunde ge⸗ richtet werden könnte. Er geſtaltet ſich unter dem ſchwer⸗ ſten Druck und in der gewaltigſten Glut nur um zu einem vielleicht ſehr, ja völlig verſchiedenen, immer aber doch noch exiſtenzfähigen Weſen. Das ſchien bei Herrn von Bilingsfelden der Fall zu ſein. Graf Felix konnte nicht verkennen, wie peinlich Alles, was ſie bisher geſehen und vernommen hatte, für ſeine Gattin ſein mußte, ſodaß ſie Mühe hatte, auch nur die allergleichgültigſten und gewöhnlichſten Worte für den Gaſt zu finden. Er bat ſie, ihre Toilette 90 zu vollenden und die gewöhnliche Abendpromenade am Hafen nicht zu verſchieben. „Dir ſieht und hört und fühlt man Dein Reiſen— ich ſollte wohl ſagen: Umhertreiben an“, bemerkte er in mun⸗ terem Ton.„Du haſt den richtigen Reiſerauſch und er⸗ ſchreckſt die damen. Denkt Euch“, fügte er lachend, gegen Charlotte gewendet, hinzu,„der Nimrod— es war das ja von jeher ſein Titel— kommt direct von der Winter⸗ Eisbärenjagd in— wo?— in Spitzbergen oder Lappland und wünſcht hier auf der Sommerjagd jetzt Steinböcke oder Lämmergeier zu ſchießen— angenehm, bei Gott!“ „Der Spott trifft mich nicht, Excellenza“, verſetzte Bilingsfelden in dem frühern, halb kalten, halb ſpot⸗ tenden Ton,„denn ich liebe die Thiere in der That mehr als die Menſchen. Die Anlage war immer in mir, Gräfin— Sie erinnern ſich vielleicht noch an dieſe meine Untugend— und iſt ſeither nur ausgebildet worden.“ „Darüber bin ich mit Dir zu den eingehendſten Er⸗ örterungen bereit“, meinte Felix, gleichfalls im frühern muntern Tone.„Jetzt aber gehſt Du auf Dein Zimmer— Dein Diener wird mit dem Gepäck angelangt ſein— und kommſt in zehn Minuten mit mir an den Hafen. Du mußt doch unſere hieſigen Menſchen kennen lernen. Ich verſpreche Dir Ueberraſchungen!“ . 4— — 91 „Du biſt ein Thor mit Deiner Gaſtfreiheit gegen mich“, ſagte Bilingsfelden achſelzuckend, als er mit dem Grafen über den Corridor dem Gemache zuſchritt, das ihm eingeräumt wurde.„Ich verwahre mich ausdrück⸗ lich gegen alle ſpätern Vorwürfe und Inconvenienzen. Ich bin, wie ich ſagte, kein Familien⸗, ſondern ein Hotelmenſch.“ Graf Felix lachte.„Offenheit gegen Offenheit!“ ent⸗ gegnete er.„Die ſchöne Verwandtenliebe iſt diesmal 4 nicht mein einziges Motiv, ſondern ich habe bei Deiner Aufnahme noch einen andern Zweck. Es iſt Jemand hier, der ſich im Sternenhimmel wähnen würde, wenn wir ihn bei uns aufnähmen ja ich denke, daß er es ſo erwartete, und der nun vor Neid, Eiferſucht, Miß⸗ gunſt, kurz, was Du willſt, aus der Haut fahren möchte. Das Vergnügen kann ich weder Dir noch mir entziehen.“ Bilingsfelden ſah ſeinen Vetter von oben bis unten ſpöttiſch an.„Ihr ſcheint hier beſcheiden zu ſein in Euren Wünſchen und Unterhaltungen“ verſetzte er.„Und der Name des armen Teufels— kenne ich ihn?“ „Dagobert Othmaringen, Major und Adjutant Sei⸗ ner Hoheit, Couſin meiner Frau und ſo weiter.“ „Der Tauſend, iſt der kleine giftloſe Molch auch hier? Was treibt ihn? Denn daß er ſelbſt etwas betriebe, kann ich freilich nicht annehmen.“ 92 „Ein wenig Spionage für mich, ein wenig Adora⸗ tion für Charlotte und— ich glaube, Du thuſt ihm. Unrecht— einige weitere kleine Privatgeſchäfte—“ „Hm, dieſe Adoration, wie Du es heißt, ſpricht allerdings für ihn und gegen mich! Es zeigt mir zum mindeſten, daß er Geſchmack hat, etwas, das ich am allerwenigſten bei ihm geſucht hätte. Ich mache Dir mein Compliment über Deine Frau. Der Ruf hat uns vordem Wunderdinge von ihr zugetragen, aber ich ſah eben, daß er noch lange nicht die Wirklichkeit er⸗ reichte—“ „Ich gebe Dir das Compliment zurück“, unterbrach ihn Felix ſcherzend.„Allen Reſpekt vor einer Men⸗ ſchenkenntniß, die über Jemand urtheilt, der bisher kaum die Augen aufſchlug und kaum ein Wort laut werden ließ! Charlotte war ſeltſam.“ Bilingsfelden zuckte die Achſeln.„Gerade dieſe Ein⸗ drucksfähigkeit entzückt mich; es gibt Wenige ſo in ihrer Stellung und ihrem Alter. Und dann, es gibt noch eine kleine Partikel der alten ſentimentalen Ader in mir, die noch nicht ganz vertrocknete: dieſe Aehnlichkeit mit Conſtanze, wie ſie in ihrer guten Zeit war, iſt wahr⸗ haft überwältigend. Und da wir doch einmal offen gegen einander ſein wollen“, fügte er mit jenem Aus⸗ druck eines kalten Spottes hinzu, der aus jedem Ton 93 und Wort, aus ſeinem ganzen Weſen ſprach,„ſo will ich Dich freundvetterlich darauf aufmerkſam machen, daß Deine Frau mir gefährlich werden könnte, und daß ich von keinen Rückſichten etwas weiß, ſondern nur noch von Einfällen, dieſe aber zu verfolgen pflege.“ „Immerhin und viel Vergnügen“, ſagte der Graf mit einem ſeltſamen Lächeln.„Ich bin nicht eifer⸗ ſüchtig. Aber laſſe uns eilen, daß wir auf die Pro⸗ menade kommen; ich habe, wie geſagt, Ueberraſchungen für Dich.“ „Von denen die eine bereits keine mehr iſt und auch nie eine geweſen wäre. Ich fand das Gewürm zu oft auf meinen Pfaden, als daß ich mich nach ihm umſehen ſollte.“ Das, wir dürfen wohl ſagen: wunderſame Geſpräch war zu Ende, und wenn der Graf noch kein anderes Zeichen der großen und traurigen Veränderung wahr⸗ genommen hätte, die mit dem Verwandten vorgegangen war, ſo würde er jetzt nicht mehr an ihrer Vollſtän⸗ digkeit haben zweifeln können. Es hatte eine Zeit ge⸗ geben, und der Graf erinnerte ſich ihrer auf das leb⸗ hafteſte, wo Bilingsfelden ſelbſt gegen den ihm ver⸗ hältnißmäßig naheſtehenden Felix niemals einen Ton angeſchlagen haben würde, der ihn, gleichviel wie er im Innern darüber dachte, ſo zu ſagen auf das Niveau 94 der Geſellſchaft mit ihren leichten und freien An⸗ ſchauungen und Anſichten hinabſteigen und ſich den Uebrigen gleichſtellen ließ. Gleichviel wie er im In⸗ nern darüber dachte, wiederholen wir, denn Zweifler gibt es überall und immer und auch Bilingsfellden's Leben und Auftreten war von ihnen nicht verſchont worden. Eine Blöße war aber nirgends ſichtbar ge⸗ worden, und wenn es Viele gab, die es ihm niemals vergaben, daß er ſich in jeder Weiſe über ſie ſtellte, ſo konnte es nicht ausbleiben, daß ebenſo Viele ihm dieſen hochſtrebenden Stolz nicht nur vergaben, ſondern ihn nur um ſo höher achteten und um ſo weniger an ſeiner Wahrheit, an ſeinem innern Reichthum zweifelten, weil er ſich ohne Wanken auf der eingenommenen Höhe zu halten verſtand. Seit wann er heruntergeſtiegen und zwiſchen die andern Menſchen getreten war, ja ſich zum Theil in ſeinem Weſen und Treiben, ſeinen Neigungen und ſeinen Ausſchreitungen noch unter ſie geſtellt zu haben ſchien, gleichgültig oder gar verachtungsvoll gegen Ver⸗ gangenheit und Zukunft, gegen Ruf und Urtheil, nur ſich und ſeinen Zwecken oder, wie er es hieß, Einfällen lebend, von keinen Rückſichten wiſſend und von keinen Schranken, ein Egoiſt im ſtrengſten Sinne des Worts— das Alles ließ ſich ungefähr verfolgen und feſtſtellen. 95 Denn in einer Stellung und auf einer Höhe, wie Bi⸗ lingsfelden ſie eingenommen hatte, iſt man ſehr vielen, nicht blos theilnahmvollen, ſondern auch neidiſchen und mißgünſtigen, ſpürenden Blicken ausgeſetzt, und als der Bund mit der Geliebten einmal gelockert und der Friede geſtört war, nahm Alles einen ſo raſchen und offenen Verlauf, daß von keinem Verbergen mehr die Rede war. Allein wie es dahin gekommen, wie der Bund ge⸗ lockert und zerriſſen, der Friede vernichtet, die beiden reinen, edlen, kraftvollen Menſchen zu einem ganz ge⸗ wöhnlichen unglücklichen Ehepaar geworden waren, für das es nur noch Heil in der Trennung gab, das vernahm und erſpürte man nicht, wieviel Gerüchte auch davon umgingen, wie außerordentlich geiſtvolle Combi⸗ nationen auch darüber aufgeſtellt und unter der Hand als das einzig Wahre und Richtige verbreitet wurden. Uud ſo viel Neugierde den beiden Menſchen begegnet und gefolgt war, wo ſie ſich zeigten, ſie blieb ſtets vergeblich. Das zeigte ſich auch hier, als Graf Felix nun mit dem intereſſanten Mann auf der Promenade erſchien und ſein Name bekannt wurde. Man drängte ſich in einer Weiſe und mit einer Neugierde heran, wie ſie nur irgend in dieſen Regionen erlaubt ſein konnte; 96 man beneidete den Grafen um dieſe Bekanntſchaft und ſein intimes Zuſammenleben mit dem Fremdling; man knüpfte ſeine eigenen Fäden an, wo es nur irgend möglich war, und fand am Ende auch ſolche Stellen genug, da es in dieſen Kreiſen Wenige gab, deren Ver⸗ bindungen in älterer oder neuerer Zeit nicht hier oder da in die Nähe von Bilingsfelden geführt hatten. Und wenn man auch im Grunde und in der Hauptſache hier ſo wenig wie ſonſt und anderwärts zu einem befriedi⸗ genden Reſultat gelangte, ſo gab es dafür allerhand Anderes zu bemerken und zu erfahren, was nicht ganz ohne Werth erſchien, zumal in dem verhältnißmäßig einförmigen Leben, das dieſer Sommerkreis von Gäſten führte. gu dieſem Andern gehörte vor allen Dingen die Stellung, welche Bilingsfelden von Anfang an zu Da⸗ gobert Othmaringen einnahm. Von allen Combina⸗ tionen in Betreff des Zerwürfniſſes, welches den erſtern endlich von ſeiner Gattin geſchieden hatte, nahm die⸗ jenige die meiſte Wahrſcheinlichkeit für ſich in Anſpruch, welche daſſelbe für ein durch fremde Hände herbei⸗ geführtes anſah und dieſe Hände für diejenigen des damaligen Prinzen Hermann hielt. Daß dabei Dago⸗ bert Othmaringen gleichfalls, ja vor allen Uebrigen zur Verwendung gekommen war, verſtand ſich von ſelbſt, 97 und die Begegnung, welche ſchon am erſten Abend zwiſchen ihm und dem neuen Ankömmling ſtattfand, und das Verhalten beider, wo ſie ſpäter zuſammen⸗ trafen, rechtfertigte ſolche Vorausſetzung durchaus, wenn auch nicht ganz in der erwarteten Weiſe. Wie Herr von Bilingsfelden— er wollte nur ſeinen Namen führen und wies den ihm gehörigen militäri⸗ ſchen Titel entſchieden zurück— im Uebrigen auch von ſeiner frühern Höhe herabgeſtiegen ſein mochte, Dagobert gegenüber nahm er ſeinen alten unnahbaren Platz ein und ſchlug die alten ruhig überlegenen Töne an, in ſeiner beſten und vollendetſten Weiſe, wie er vordem in ſeiner guten Zeit ſich der Geſellſchaft dargeſtellt hatte, und wie es von ihm, im Verein mit ſeiner ganzen Perſönlichkeit und all ſeinen hervorragenden Eigenſchaften, niemals verletzen konnte, vielmehr völlig berechtigt und natür⸗ lich erſchien. Dagobert, welcher nach der erſten, erſichtlich nicht großen Ueberraſchung mit anerkennungswerthem Selbſtgefühl als alter, gleichgeſtellter Bekannter aufzu⸗ treten ſuchte, ſank ſo zu ſagen lautlos davor zurück und bewegte ſich ſo unbefangen, wie es ihm möglich ſein mochte, in den ihm angewieſenen Grenzen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß man in der Geſellſchaft mit dieſer Ordnung des Verhältniſſes um ſo mehr zufrieden war, als man im Allgemeinen für Hoefer, In der Welt verloren. III. 7 98 Herrn von Othmaringen täglich weniger Sympathien hegte und die Hoffnung ſchöpfen zu dürfen glaubte, daß fortan auch ſeine Stellung zu der Gräfin Char⸗ lotte ſich verändern und auf ein erklärlicheres und richtigeres Maß zurückgeführt werden dürfte. Die Leſer erinnern ſich, daß die Aufnahme, welche die Gräfin ihm und ſeiner unverhehlten Leidenſchaft angedeihen ließ, in den Augen der Meiſten eine allzu gütige und dem Ruf der Dame nicht vortheilhafte war. Man meinte annehmen zu können, daß ſchon die Gegenwart des neuen Verwandten und Gaſtes ihn aus dem Hauſe und dem nächſten Kreiſe des gräflichen Paars eini⸗ germaßen zurückdrängen werde. Es ſchien unmöglich zu ſein, daß beide in ſolcher Nähe neben einander exiſtirten. 4 Darin hatte man ſich indeſſen und zwar nach mehr als einer Seite hin getäuſcht. Dagobert blieb der von ihm beliebten Weiſe und ſeiner, gleichviel ob wahren oder nur zu irgend einem Zweck geheuchelten Adoration, wie es hieß ja der Graf, durchaus getreu und der unabweisliche, tägliche Beſucher der Villa Marina und der ebenſo unabänderliche Begleiter der ſchönen Frau, und auch dieſe zeigte ſich ihm gegen⸗ über anſcheinend völlig unverändert, ja eher noch ge⸗ duldiger und freundlich⸗nachſichtiger. Herr von Bilings⸗ 99 felden verhielt ſich zu dieſen Zuſtänden anſcheinend auf das gleichgültigſte; er veränderte weder den ruhig ablehnenden und in die gebührenden Schranken zu⸗ rückweiſenden Ton gegen Dagobert, noch den ebenſo ruhigen, reſpektvollen und artigen gegen die Dame, freilich nur ſelten mit beiden zuſammen, da er, ob⸗ gleich der Hausgenoſſe, doch nirgends ſeltener zu finden war als in der Villa Marina. Wie er auftrat und was er trieb, zeigte von neuem und am deutlichſten die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Es gab keinen Mann in dieſem Kreiſe, der ſich offener zu den leichteſten Lebensgrund⸗ ſätzen bekannt und ihnen bei jeder Gelegenheit nach⸗ gegeben hätte, der ſo rückſichtslos ſeinen Neigungen gefolgt und ſo unbekümmert um den Eindruck ge⸗ blieben wäre, den ſein Treiben auf ſtrenger wie auf leichter Denkende machen mußte. Und da das Alles bei ihm trotzdem in dem Ton und den Grenzen blieb, welche in der großen Geſellſchaft angenommen und reſpectirt ſind, und er, wie vordem das Muſter eines vornehmen und edlen Mannes, auch jetzt ein vollen⸗ deter, gewiſſermaßen tadelloſer Lebemenſch war, ſo nahm er auch hier von Anfang an den erſten Platz ein und machte den Führer bei Allem, was den Kreis beſchäftigte und unterhielt, nicht abſichtlich, weil auch 1 100 hier völlig gleichgültig gegen jeden Eindruck, vielmehr vollſtändig abſichtslos und darum allerdings nur um ſo unwiderſtehlicher. Aus ſeiner Ruhe und Gleichgültigkeit ſchien er ſeiner Umgebung nur ein einzig Mal hervorzutreten, und zwar gleich in den erſten Tagen ſeiner Anweſen⸗ heit, als zufällig in ſeiner Gegenwart der Frau von Reuterholm und des auffälligen Umſtandes gedacht wurde, daß ſie völlig verſchwunden ſei, ja, wie Einige behaupteten, mit einem der kleinen Vergnügungs⸗ dampfer abgereiſt ſein ſolle. Graf Felix ſollte, da dies abends am Spieltiſch zur Sprache kam, Auskunft geben. „Reuterholm?“ wiederholte Bilingsfelden in be⸗ fremdetem Ton.„Was für eine Reuterholm?“ Und als man ihm das Bekannte mitgetheilt hatte, meinte er nach einem ſcharfen Seitenblick auf Felix:„Das iſt eine Geſchichte voller Widerſprüche für mich. Ich kannte eine— Dame dieſes Namens, eine Abenteurerin, wollen wir ſagen, von der doch auch hier Jemand gehört haben ſollte: ſie machte von ſich reden. Daß der Herr von Othmaringen ſie kennt, ſpricht für dieſe; daß ſie ſich in der Geſellſchaft hielt und daß Deine Frau ſie empfängt, cher Felix, ſpricht dagegen. Auch ſcheint nach Ihrer Beſchreibung das Alter nicht zu — — 101 ſtimmen. Dieſe Dame hatte einen Bruder, den man einen Mann von Ehre hieß. Nur gefiel es Manchem nicht, daß er ſich von einer Dame fangen ließ und ſich mit ihr verlobte, die— genug, die nicht Jeder⸗ mann als Braut gefallen hätte. Er ſtarb indeſſen, bevor er ſie heirathete, Andere ſagen, daß die Trauung noch auf ſeinem Sterbebette vollzogen ſei; die Dame hat wenigſtens ſelbſt, wie ich einmal gehört zu haben glaube, dergleichen behauptet, auch zuweilen ſeinen Namen geführt. Sie konnte einen ſolchen gebrauchen. Zu ihr ſtimmt hier auch wieder Manches und Manches ſpricht gegen ſie. Oder iſt's endlich eine Dritte, mir Unbekannte? Ich bin neugierig.“ Felix blieb finſter und ſtill. Als ſie ſpät in der Nacht nach Hauſe zurück⸗ kehrten, ſagte Bilingsfelden in einem auffällig kurzen und kalten Ton:„Nun alſo nochmals Madame Reu⸗ terholm! Es iſt alſo natürlich Hildegard Othma⸗ ringen. Die Feindſchaft mit dem Bruder— denn ſo leg' ich's aus— charakteriſirt und ehrt ſie. Wes⸗ halb iſt ſie fort? Meinetwegen etwa? Und weshalb dies tolle Incognito? Deinetwegen vielleicht, cher Felix?“ Der Graf verſetzte erſt nach einer Pauſe gepreßt, oder war es gereizt:„Ich weiß erſt ſeit kurzem von 102 dieſer Identität. Ich bin ihr früher nicht begegnet. Und dies Incognito, wenn es eins iſt! Es gibt auch hier alberne Menſchen genug, welche ihr alte Geſchichten nicht verzeihen würden, obgleich ſie hundert⸗ mal beſſer iſt als dieſe ſogenannten achtungswerthen Weiber. Ich ahne ſogar, daß ihr Bruder ihr gewiſſe Anträge brachte. Sie wies ſie ab.“ Bilingsfelden lachte.„Begreiflich! Der Sperling in der Hand und die Taube auf dem Dach— oder viel⸗ mehr eine ungenießbare Eule. Aber weshalb fort?“ Nach einer Pauſe ſagte Felix finſter:„Ich weiß nicht mehr als die Andern. Es peinigt mich. Es iſt zum Sterben ohne ſie!“ Bilingsfelden lachte von neuem.„Der Tauſend, wie offen! Weshalb reiſeſt Du ihr nicht nach? Sie wünſcht das vielleicht.“ „Peinige mich nicht, Fritz!“ ſprach Felix dumpf⸗ „Du kennſt ſie nicht! Man muß für ſie zum Thoren werden!“ „Was hindert Dich daran? Roſenketten!“ „Feſter und ſchwerer als Feſſeln!“ „So ſtreif' ſie ab oder laſſe ſie abſtreifen.“ „Sie laſſen ſich nicht abſtreifen. Im Gegentheil, auch Du kannſt es ſehen: ſie ſchlingen ſich nur feſter.“ „Das käme auf den Verſuch an. Ich glaube, 103 ahnte Deine Frau oder ſähe ſie es, daß man zwiſchen ihr und Hildegard Reuterholm⸗Othmaringen wählte, ſie reſignirte freiwillig. Denn“— es war ein geradezu harter Ton, in dem er das ſagte—„ich glaube nicht mehr an die Frauen und achte ſie nicht mehr. Deine Frau aber, meine ich zuweilen, könnte mich noch wieder bekehren. Jeder nach ſeinem Geſchmack, cher Felix.“ Sechstes Kapitel. Drohende Zeichen. Wir ſind mit dieſer Nachtunterhaltung, welche dem 4 Leſer vielleicht nach dem grünen Tiſch und dem Cham⸗ pagner ſchmeckte, denen ſie folgte, anſcheinend in un⸗ terer Erzählung zurückgegangen, da ſie, wie geſagt, ſchon in die erſten Tage von Bilingsfelden's Anweſenheit ſiel, während derſelbe zu der Zeit, in der wir jetzt weilen, bereits zu einem Einheimiſchen geworden war und längſt den Rang in der Geſellſchaft eingenommen hatte, deſſen wir oben erwähnten: ein Mann, den die Damen offen oder im Stillen ihrer vollſten Aufmerk⸗ ſamkeit würdigten und, zum Theil wenigſtens, fürs Leben gern zu ihren Füßen geſehen hätten, und! in welchem die Herren ihr Vorbild und ihren Führer bei 105 allen Unterhaltungen und Zerſtreuungen reſpectirten. Sein Einfluß ließ ſich nirgends verkennen: man lebte entſchieden leichter und zwangloſer, und ſelbſt die ſo⸗ genannten Strengern ließen in ihrer Strenge nach und bequemten ſich dem freiern Ton an. Schon hieraus ergibt ſich, daß wir eben nur an⸗ ſcheinend zurückgingen, denn der Ton, welcher durch jene Unterhaltung ging, klang nunmehr, wenn auch nicht in ſeiner vollen Schärfe und Eigenthümlichkeit, ſo ziemlich durch das ganze Geſellſchaftsleben hin, und was in dem Geſpräch über die uns bekannten Men⸗ ſchen laut geworden war, traf heute noch viel entſchie⸗ dener zu als damals. Frau von Reuterholm war und blieb verſchwunden. Es kam keine Nachricht von ihr und ihrem Aufenthalt, und Niemand in der Geſellſchaft ſchien von ihr etwas zu wiſſen, noch von dem Plan der Abreiſe etwas er⸗ fahren zu haben. Eine ſolche Unkenntniß fand man nicht nur bei Gräfin Charlotte und ihrem Couſin Da⸗ gobert, ſondern auch, wo ſie am meiſten überraſchte, beim Grafen Felix: wenn nicht durch ſeine Verſiche⸗ rungen, ſo wurde dieſelbe durch ſein ganzes Weſen und Treiben beſtätigt, das man nicht wohl raſt⸗ und ruh⸗ loſer, nicht verſtimmter, nicht gepeinigter denken konnte. Es war, als wollte der Mann, dem man am wenigſten 106 bisher den geſellſchaftlichen Takt hatte abſprechen kön⸗ nen, ausdrücklich alle Welt von der Leidenſchaft über⸗ zeugen, die ihn beherrſchte und ihm wie einem Neu⸗ ling nicht Tag noch Nacht Ruhe ließ. Er machte ſogar eine Reiſe— in Privatgeſchäften, hieß es, und nach einer nicht entfernten Hauptſtadt— in der Jedermann nur einen Verſuch ſah, die Verſchwundene wieder aufzu⸗ finden oder der für ihn gar nicht Verſchwundenen zu begegnen. Denn daß ſeine Huldigungen ganz vergeb⸗ lich geblieben ſeien, glaubten wenigſtens Manche, aller⸗ hand Andeutungen nach, keineswegs. Aber er kehrte nach acht Tagen noch verſtimmter, noch raſtloſer zurück— er hatte, wie es ſchien, ſeinen Zweck verfehlt. Es gab bald nur drei Menſchen, welche dieſes ſein Treiben nicht erkannten oder auch nicht erkennen wollten. Das war Herr von Bilingsfelden, der durch Wort und That bekundete, daß er auf dergleichen weder für ſich ſelbſt, noch für den Freund oder irgend Je⸗ mand ſonſt den geringſten Werth lege oder es auch nur eines Worts für oder wider für werth halte. Es war nicht minder Dagobert Othmaringen, welcher ganz und gar im Dienſt der Gräfin Charlotte aufging, und es war endlich dieſe ſelbſt, die ſich, wenn auch nicht für Jeder⸗ mann, in dieſen Wochen noch viel entſchiedener und räth⸗ ſelhafter als in den vorausgegangenen verändert hatte. 107 Nicht für Jedermann, wiederholen wir, ja viel⸗ leicht bis zur vollen Erkenntniß nur für einen einzigen Menſchen. Das war Henriette. Aber freilich, Henriette ſah und wußte es auch gut genug, und was ſie ſah, erfüllte ſie für die geliebte Freundin, für ſich und für alle mit qualvoller Sorge und Unruhe, mit einer, wenn auch unbeſtimmten, nur um ſo peinlichern Angſt vor dem, was daraus her⸗ vorgehen könne und müſſe. So wie ſie die Freundin von Jugend auf kannte und ſo zu ſagen durch alle Stufen der Entwickelung, als halbes Kind noch, als Jungfrau, als Gattin be⸗ gleitet und gewiſſermaßen ſtudirt hatte, mußte aller⸗ dings auch der leiſeſte Zug ihr ein vertrauter und feſt⸗ ſtehender ſein und die fernſte Andeutung einer Ver⸗ änderung faſt augenblicklich ſichtbar werden. Es kam zu ihrer Kenntniß hinzu, daß Charlotte eine nichts weniger als complicirte Natur war, welche einem Beobachter ihr Studium jemals erſchwert hätte. Es war in ihrem Weſen nicht nur, ſondern auch in all ihrem Denken und Thun, mit einem Wort in ihrem geſammten Organismus ſtets und überall die eine kry⸗ ſtallene Reinheit und Klarheit und die vollendetſte Ebenmäßigkeit und Gleichmäßigkeit. Da wurde man durch keine auch noch ſo leiſe Trübung jemals zu irgend 108 einer mißtrauiſchen Frage, geſchweige denn zu einem Zweifel veranlaßt; da beobachtete man niemals irgend etwas wie einen Abſprung, einen unvermittelten Ueber⸗ 8 gang und ſtieß nie auf einen neuen Zug, der, nicht zur Harmonie des Ganzen paſſend, als ungewöhnlich oder gar unnatürlich aufgefallen wäre. Nun hatte man, und vor allen natürlich Henriette, wie wir erfuhren, ſeit einiger Zeit an der ſchönen Frau Allerlei zu bemerken gehabt, das zu dem bisher Beobachteten nicht recht ſtimmte, ja nicht nur als neu, ſondern ſogar auch als fremd auffallen mußte: die Unruhe, wie wir es hießen, und die Neigung zu einer zerſtreuenden und aufregenden Geſelligkeit, ſowie ein 6 gewiſſes, an dieſer Perſönlichkeit ſehr ungewöhnliches Herabſteigen zu dem Ton, der in dieſen Kreiſen herrſchte; die nachſichtige oder gleichgültige oder zuweilen ſogar lachende, leiſe übermüthige Aufnahme, die ſie den ihr nunmehr viel freier ſich nahenden Huldigungen ange⸗ deihen ließ, und die Duldung, welche ſie zumal für Dagobert's unverhüllte Leidenſchaft hatte; die ange⸗ legentliche Hinneigung zu Frau von Reuterholm und endlich die ſeltſame Nachſicht, ja Blindheit, die ſie für ihres Gatten rückſichtsloſe Hingebung an jene Dame hatte. Das war Alles da und Alles fremd, und zumal das — r 109 Letztere wollte ſelbſt Henrietten auch nach der eigen⸗ thümlichen Erklärung nicht begreiflicher oder erträglicher erſcheinen, die ſie darüber von der Freundin erhalten hatte. Ja, gerade dieſe Erklärung ſprach ihr dafür, daß es in Charlotten etwas geben müſſe, das ihr ver⸗ borgen blieb. Mochte Charlotte noch ſo rein und un⸗ ſchuldsvoll ſein, ſodaß etwas wie Untreue für ſie gar nicht exiſtirte, ſie war am Ende denn doch zu geiſtvoll und nicht minder zu theilnahmvoll und erfahren, als daß die Unſchuld ihres Herzens auch unter dieſen Um⸗ ſtänden noch den Unglauben, den Zweifel und das Mißtrauen hätte fern halten ſollen. Es war freilich das erſte Mal in dem Leben der Gräfin, daß ihr der⸗ gleichen ſelber entgegentrat. So leicht ihr Gemahl das Leben auch zu nehmen pflegte, war er doch in dieſem Punkt, wie wir wiſſen, während ſeiner Ehe niemals über eine gewiſſe Grenze hinausgegangen, ja hatte ſich der in der Geſellſchaft erlaubten überhaupt nicht ein⸗ mal wirklich genaht. Es ließ ſich daher auch gar nicht vorausſetzen, welche Wirkung ein Ueberſchreiten jener Grenze auf die Gattin haben müßte. Doch konnte man, und zumal Henriette, aus Charlottens Verhalten in andern ähnlichen Fällen und aus ihrem ruhigen, aber entſchiedenen Abwenden von derartigen Zuſtänden und Perſönlichkeiten mit Recht ſchließen, daß ſie im 110 eigenen Falle ſich nicht nachſichtiger und geduldiger er⸗ weiſen werde. Und dennoch ſchien dieſer Schluß nun⸗ mehr ein völlig falſcher ſein zu ſollen und die Einig⸗ keit und der Friede zwiſchen den Gatten, wenigſtens auf ſeiten Charlottens, nicht im entfernteſten geſtört zu ſein. Das war ſo bis zu jenem Nachmittag fortgegangen, an dem Bilingsfelden plötzlich von Felix bei ſeiner Frau eingeführt wurde. Ueber dieſen beſtimmten Ter⸗ min war Henriette leider in gar keinem Zweifel, und wenn auch an dem gleichen oder doch am folgenden Tage die Entfernung der Frau von Reuterholm be⸗ kannt wurde, ſo hatte das Mädchen doch von jeher zu wenig Glauben an dieſe ſogenannte intime Freund⸗ ſchaft gehabt, als daß es nun von der plötzlichen Trennung einen ernſten, irgendwie nachhaltigen Ein⸗ druck auf Charlotte hätte erwarten ſollen. Im Gegen⸗ theil gab es für die vertraute Genoſſin und Begleiterin von Anfang an mehr als ein Anzeichen, daß die Gräfin in Wirklichkeit die Trennung kaum empfand und die neue Freundin überraſchenderweiſe faſt nicht zu ver⸗ miſſen ſchien; überraſchenderweiſe, wiederholen wir, da Henriette dennoch auch wieder Alles eher als dieſe völ⸗ lige Gleichgültigkeit erwartet hatte. War der Bund von Charlotten, freilich räthſelhaft genug, mit dem Herzen — 111 geſchloſſen worden, ſo konnte dieſes bei der plötzlichen Trennung unmöglich ſchweigen; und war er, bei der Natur der Gräfin womöglich noch räthſelhafter, nur eine Art von Maske geweſen, ſo hätte doch nach aller möglichen Vorausſetzung ein gewiſſes Aufathmen er⸗ folgen ſollen über das Ende des Zwanges und der Gefahr. Beides fand, wie geſagt, nicht ſtatt. Und hier ſchloß ſich an, was das Mädchen an der Freundin ſo erſchreckte und mit unbeſtimmter Angſt erfüllte: eine jetzt bis zur Fieberhaftigkeit geſteigerte Unruhe, ein förmliches Haſchen nach Zerſtreuung und eine wiederum fieberhafte Hingebung an die auf⸗ regendſte Geſelligkeit; etwas krankhaft Unſtätes und Luſtiges— wir geben die Auffaſſung der ſchwer ſor⸗ genden Freundin wieder— ja faſt eine Art von über⸗ müthiger Koketterie im Verkehr mit der Geſellſchaft und zumal dem ſchmachtenden Dagobert, und im vollen Gegenſatz dazu eine Zurückhaltung und Fremdheit gegen Herrn von Bilingsfelden, welche um ſo mehr auffallen durfte, da der Herr, ſo oft er in der Nähe der Gräfin weilte, in ſeinem ganzen Auftreten ſtets an ſeine beſte Zeit erinnerte und ihr allein von allen gegenüber nie⸗ mals die Weiſen laut werden ließ, welche er in der Geſellſchaft für völlig ausreichend und angemeſſen zu halten ſchien. 112 Aber— und das war in Henriettens Augen das Peinlichſte und Bedenklichſte— dies Alles konnte eine ſo liebevolle und ſtete Beobachterin nicht einen Augenblick 3 täuſchen: es blieb in Wirklichkeit von dem, was Char⸗ lotte zeigte, nichts übrig als das Krankhafte und Fie⸗ beriſche, und die Luſtigkeit, die Zerſtreuungsluſt, die Koketterie oder der zuweilen ſogar freie Ton waren ſo zu ſagen nur Aeußerungen deſſelben, faſt als ob die Frau in einer Art von Verzweiflung danach ſtrebe, den rechten Zuſtand ihres Herzens vor aller Augen, ja vielleicht ſogar vor ſich ſelbſt zu verbergen. Und wie zur Beſtätigung deſſen, was ſie zu erkennen glaubte und eben nur für krankhaft halten konnte, erblickte Henriette hinter dieſer beängſtigenden Maske zuweilen eine grenzenloſe Abſpannung und eine tödtliche Gleich⸗ gültigkeit gegen Alles, was Charlotte zu unterhalten und zu vergnügen ſcheinen ſollte. Die Gräfin— und das war für Henriette der räthſelhafteſte, ja faſt un⸗ heimliche Zug an dieſer, wie bemerkt, ſo ebenmäßigen und harmoniſchen, innigen, aber völlig leidenſchaftsloſen Natur— die Gräfin ſchloß ſich daheim und im engern Zirkel ihrem Gemahl mit einer Hingebung und erregten 2 Zärtlichkeit, ja mit einer Art von leidenſchaftlicher Liebe an, wie Henriette es nie an ihr beobachtet, ja bei ihr nie für möglich gehalten hatte und wie ſie es nun bei 113 Allem, was ſie vom Grafen ſah, hörte und voraus⸗ ſetzte, für die Freundin förmlich erbitterte. Graf Felix hatte in ihrem Sinn eine ſolche Zunei⸗ gung niemals weniger verdient und augenſcheinlich nie⸗ mals weniger zu ſchätzen gewußt als gerade jetzt. Er hatte weder Auge noch Ohr für ſeine ſchöne Frau, er hatte nicht die leiſeſte Theilnahme für ſie, ihre Stel⸗ lung und ihren Ruf, wenn man nicht etwa den un⸗ artigen Spott dafür gelten laſſen wollte, mit dem er ſich gelegentlich über ihre Zerſtreuungen, über Dagobert's oder eines Andern Aufmerkſamkeiten zu äußern liebte. Er ſchien nicht einmal von dem Takt mehr wiſſen zu wollen, mit dem er bis dahin das, was ihn beherrſchte, zum mindeſten einigermaßen verſchleiert und in Zaum gehalten hatte. Er gab ſich gar keine Mühe, der Gattin ſeine völlige Gleichgültigkeit gegen ſie zu ver⸗ bergen, ja es kam zuweilen vor, daß er im Familien⸗ kreiſe, ja ſogar vor Andern ihre Annäherung in einer Weiſe zurückwies, welche auch die demüthigſte und liebe⸗ vollſte Frau dem Gatten hätte entfremden und zum Selbſtgefühl erwecken müſſen. Henriette fühlte ſich nicht nur, wie geſagt, durch die Geduld oder vielmehr Unempfindlichkeit der Gräfin, ſondern auch und mehr noch durch dieſe Taktloſigkeit und Härte des Grafen ſo erbittert und gereizt, daß Hoefer, In der Welt verloren. III. 8 114 zuweilen ſogar jene oben erwähnte Angſt und Sorge davor zurücktrat und ſie ein paar Mal ſich nur mit Mühe von einer Einmiſchung zurückzuhalten ſchien. Ob Felix das bemerkt hatte, mußte dahingeſtellt bleiben; Notiz davon nahm er nicht, wie er denn über⸗ haupt neuerdings die Hausgenoſſin wieder völlig zu ignoriren ſchien. Charlotte aber hatte es wahrgenom⸗ men und ſagte einmal nach ſolcher Scene zu der Freundin in mißbilligendem Tone:„Ich bitte Dich um Alles in der Welt, Henriette, beherrſche Dich mehr! Was müßte daraus entſtehen, wenn mein Mann Deinen Blick, Deine Miene beachtet hätte? Es ſah faſt ſo aus, als möchteſt Du ihn zur Rede ſtellen.“ „Dazu habe ich auch nicht nur alle Luſt, ſondern ſogar die Pflicht und das Recht, wenn ich Dich— ſchwach ſehe!“ verſetzte das Mädchen finſter. „Ich muß es wiederholen, ich verſtehe Dich nicht mehr und vermag Dich nur durch die Annahme einer Krankheit zu entſchuldigen“, ſprach die Gräfin im Ton des vollſten Unmuths.„Ueber mich und mein Fühlen, mein Glück und meine Zufriedenheit kann und werde ich niemals einen Andern, ſelbſt Dich nicht entſcheiden laſſen.“ „Dein Glück, Deine Zufriedenheit!“ lachte Henriette bitter.„Lege die Hand aufs Herz und ſchaue mir ——— —&— —y.—.— 115 ehrlich ins Auge: biſt Du noch glücklich und zufrieden? Kannſt Du's bleiben? Kannſt Du in Wahrheit ver⸗ kennen, was man Dir bietet und wie man Dich— es hilft nichts— entwürdigt?“ Die Gräfin hatte die Augen niedergeſchlagen und war eine Weile ganz ſtill. Dann erhob ſie den Blick— es hing eine Thräne im Auge— und ſagte mit hör⸗ barem Beben:„Ach Kind, und wenn das Alles auch ſo wäre, wir haben wohl Grund, nachſichtig, mild und verzeihend zu ſein, denn wir ſind allzumal ſchwach und ſündig und bedürfen der Verzeihung. Und das Zürnen beſſert nicht und hält uns nicht; das thut nur Pflicht⸗ erfüllung und Treue.“ Durch Henriettens Geſicht zuckte ein tödtlicher Schreck. Es kam ihr bei dieſen Worten der Freundin eine alte furchtbare Angſt in den Sinn, die im Lauf der Jahre immer mehr verſchwunden und auch neuerdings nicht wieder aufgetaucht war. War denn auch dies plötzliche Anlehnen an den Gatten, dieſe faſt leidenſchaftliche Hingebung nur Maske für ein anderes Gefühl, nur das Ringen und Haſchen eines erſchütterten Herzens nach irgend einem Halt, an dem es vor dem völligen Unterliegen bewahrt und ſeiner Pflicht und Treue— ſo ſagte Charlotte ja— getreu zu bleiben vermochte? Aber ſie hatte keine Zeit, dieſen Gedanken nachzu⸗ 8* 116 hängen, denn Charlotte fuhr eben im gleichen, be⸗ wegten Tone fort:„Und ſo bitte ich Dich nochmals, mein Herz, ſei auch Du nachſichtig und geduldig, wo nicht für mich, doch für Dich. Du ſagteſt vorhin von Deinem Recht— das verſtehe ich nicht. Jedenfalls er⸗ kennt Felix es nicht an, zumal nicht in ſeiner gegen⸗ wärtigen Stimmung. Ein Wort von Dir, wie ich es vorhin befürchten mußte, könnte nur zum unheilbaren Bruch führen, und ich—“ „Das wäre denn doch noch zu verſuchen“, unter⸗ brach Henriette ſie mit einem feſten, dunklen Blick.„Es gibt zwiſchen mir und Deinem Mann etwas, das mir auch in ſolchem Fall das Recht einer Einmiſchung ſichert.“ Und unverwandt dem überraſchten, faſt erſchrockenen Blick der Freundin begegnend, fügte ſie hinzu:„Du haſt mein Vertrauen zurückgewieſen, wo es Zeit dazu war; jetzt iſt dieſe Zeit nicht da— vielleicht kommt ſie wieder. Bis dahin aber habe ich meine eigenen Wege zu gehen. Nur eins mußt Du nie vergeſſen, noch be⸗ zweifeln: das iſt meine Liebe zu Dir und meine Sorge für Dich und Deinen Frieden.“ Sie wandte ſich ab und ſchritt über die Stufen der Veranda in den Garten hinaus. Nicht fern von ihr beſchäftigte ſich Antonio; womit, ließ ſich heute wie meiſtens kaum ſagen, da es im — 117 Garten ſelbſt zu dieſer Jahreszeit wenig oder nichts zu thun gab und der Graf dem alten Mann für die Zeit ſeiner Anweſenheit jede nöthige Hülfe bewilligt hatte. Henriette ſah ihn nicht gern— es war etwas Finſteres an und in dem alten Burſchen, faſt als ſei in ihm das Geſchick perſonificirt, das, wie wir erfuhren, für alle ſeitherigen Bewohner der Villa ein mehr oder minder ſchweres geweſen war, und obendrein hatte ſie ſtets das Gefühl, von ihm beobachtet und behorcht zu werden: von Allem, was in der Villa vorging, war ſicherlich Niemand beſſer unterrichtet als der Alte, obgleich er nur ſelten ins Haus kam und mit der Dienerſchaft ſo gut wie gar nicht im Verkehr ſtand. Wir wiſſen, daß auch dieſer Verdacht des Mädchens durch die Ver⸗ gangenheit des Gärtners gewiſſermaßen gerechtfertigt wurde. Da ſie jetzt herankam und nach kurzer Erwiderung ſeines Grußes an ihm vorübergehen wollte, fiel ihr der ungewöhnlich ſorgenſchwere Ausdruck auf, der ihr aus den Zügen des alten, aber noch immer ſchönen, echt italieniſchen Geſichts entgegentrat; und zugleich war in dieſen Zügen, in dem Blick des dunklen Auges, in der ganzen Haltung des Alten, wie er gebeugt und den Hut in der Hand am Wege ſtand, ein Etwas, das ſich wie eine Bitte oder Frage an ſie wendete. Sie 118 blieb ſtehen und fragte:„Wünſcht Ihr etwas, An⸗ tonio?“ Er ſchüttelte leicht den weißen Kopf.„Nein, Sig⸗ nora“, verſetzte er, fügte jedoch nach einem augenblick⸗ lichen Zögern hinzu:„Ich möchte die Signora freilich bitten, auf die Herrſchaft recht Acht zu haben, aber Sie thun das ja ohnehin. Nöthig iſt's, denke ich, denn es iſt gerade ſo wie vordem, und das Unglick ſteht hinter der Thür.“ Henriette war beſtürzt. Wußte der Alte von den unheilvollen Zuſtänden? Hatte er wirklich gehorcht und ſpionirt? Wußte, meinte er noch etwas Beſon⸗ deres, das ſelbſt ihr verborgen geblieben?„Ich ver⸗ ſtehe Euch nicht“, ſagte ſie, ſeinem Blick begegnend;„was meint Ihr mit dem vordem, mit dem Unglück hinter der Thür?“ „Das ſind alte traurige Geſchichten, Signora, die mir nicht aus dem Kopf kommen, von denen ich jedoch nicht reden kann. Aber die Frau Gräfin weiß davon und kann's Ihnen erzählen und ſoll daran denken. Schaden kann es niemals.“ Und damit wandte er ſich mit erneutem reſpektvollen Gruß ab und ſchritt ge⸗ ſenkten Hauptes den nächſten Steig entlang. Henriette kehrte beſtürzt und ſorgenvoller als je ins Haus zurück, um womöglich die Freundin zu ſehen —„— 119 und von ihr eine Erklärung zu verlangen. Aber die Gräfin hatte ſich bereits in ihre Gemächer zurück⸗ gezogen, um ſich für den Tag und ſeine Gäſte anklei⸗ den zu laſſen. Denn die Geſpräche und Begegnungen, von denen wir berichteten, hatten am frühen Morgen ſtattgefun⸗ den, wo es für die vornehme Welt kaum Tag ge⸗ worden zu ſein pflegt und ſelbſt in dem hieſigen, verhältnißmäßig zwangloſen, ja faſt ländlichen Leben für mehr als eine Familie vermuthlich eben erſt ge⸗ worden war. Aber Charlotte war von jeher ein Kind der Frühe und bei den wundervollen, aber glühend * heißen Tagen des bereits beginnenden Sommers hielt ſie noch treuer zu der alten guten Gewohnheit, welche inzwiſchen auch für die Ihren längſt beſtimmend ge⸗ worden war. Selbſt der Graf kam in Anſehung ſeiner Lebensweiſe ſtets ſehr früh zum Vorſchein, und ſo⸗ lange der Friede und das Behagen auf der Villa Ma⸗ rina geherrſcht hatten, waren es die beſten Stunden des Tags geweſen. Das Beiſpiel der gräflichen Familie und der wun⸗ derſchöne Frühling hatten in der Geſellſchaft viel Nach⸗ eiferung hervorgerufen; man hatte ſich nicht ſelten ſchon ſo früh zuſammengefunden und ſogar kleine Aus⸗ flüge unternommen; man war, geſtärkt und heiter von ⸗. — 120 ihnen zurückkehrend, hier oder da in munterer Geſel⸗ ligkeit bei einander geblieben, gewiſſermaßen dankbar für dieſe glückliche Neuerung, da man ſich bisher während der heißen Zeit für den größten Theil des Tags und bis zum ſpäten Abend auf ſeine eigene Ge⸗ ſellſchaft angewieſen geſehen hatte. Bei der Stellung, welche das gräfliche Paar in der Geſellſchaft einnahm, und bei der großartigen Gaſt⸗ freiheit, die es von dem Augenblick an zeigte, wo Gräfin Charlotte ſich der Geſellſchaft zu widmen ver⸗ mochte und ihr Haus derſelben öffnete, war es ganz von ſelbſt dahin gekommen, daß dies Haus mit ſeiner prachtvollen Lage und Ausſicht, ſeiner anmuthigen, ſchattenreichen Umgebung, ſeinen grandioſen und kühlen Räumlichkeiten der Hauptſchauplatz dieſer Morgenunter⸗ haltungen geworden war. Alles hatte allen ſo gut ge⸗ fallen, daß der frühere Zufall ſeitdem zu einer Art von Regel geworden, und wie der erſtere den Kreis gelegentlich auch jetzt noch auf der Villa vereinigte, die letztere brachte es mit ſich, daß man ſich minde⸗ ſtens ein⸗ bis zweimal in der Woche dort beſtimmt für dieſe Stunden zuſammenfand, zwanglos, heiter, ja ausgelaſſen, ſtets überraſcht und vergnügt durch irgend eine neue, von den Wirthen bereitgehaltene Unter⸗ haltung, bis die Hitze der erſten Nachmittagsſtunden 3 121 Jeden zur Ruhe im eigenen Daheim eilen und ſich neue Friſche ſuchen ließ für die Promenade nach dem Diner, oder was ſonſt der Abend an neuer Unterhal⸗ tung bot. Heute war ein ſolcher— ſagen wir kurz: Geſell⸗ ſchaftstag auf der Villa Marina, und der Morgen war bereits ſo weit vorgeſchritten, daß auch Henriette, durch das Vorhergegangene zerſtreut, nunmehr eilen mußte, mit ihren Vorbereitungen fertig zu werden. Fehlen, wie ſonſt wohl zuweilen, wollte ſie heute am allerwenigſten. Es war wie eine Stimme in ihr, die ſie antrieb, die Freundin und ihren Gemahl nicht eine Sekunde aus den Augen zu laſſen, und Anto⸗ nio's Reden machten, je länger ſie über dieſelben nach⸗ grübelte, im Verein mit jener einen deſto ſtärkern Eindruck auf das ſorgenvolle Herz. Und um daſſelbe noch ſchwerer und ihre Gedanken noch finſterer zu machen, erfuhr ſie von der Zofe, daß eben Herr von Bilingsfelden von dem mehrtägigen Ausflug zu⸗ rückgekehrt ſei, den er ins Gebirge unternommen hatte. Er wolle ſich nach der Gelegenheit umſehen, ſeine Jagdleidenſchaft zu befriedigen, hatte er den Damen erklärt. Den wirklichen, neuen Schreck, der ihr aufbewahrt worden, hatte ſie freilich am wenigſten vorausſehen 122 können und wurde daher von ihm auch auf das furcht⸗ barſte erſchüttert. Als ſie, ihre Toilette ſo ſehr wie möglich beeilend, durch die kleine Seitenthür, welche von der ſogenannten Dienſttreppe her in den ſzum Empfang dieſer Mor⸗ gengeſellſchaften beſtimmten kühlen Gartenſaal führte, raſch eintrat, fand ſie den großen Raum noch völlig einſam bis auf ein einzig Paar. Und dieſes Paar zeigte ſich ihr in einer Situation, die alles Blut aus des zurückſchreckenden Mädchens Wangen trieb: Gräfin Charlotte ſtand faſt in der Mitte des Raums und zu ihren Füßen kniete Dagobert Othmaringen, das Ge⸗ ſicht geröthet, die Augen glühend, alle Züge geſpannt. Er hatte die Hand Charlottens erfaßt und bedeckte ſie mit Küſſen. Eben da Henriette in die Thür trat und dies Alles mit entſetztem Blick überſah, machte Gräfin Charlotte ihre Hand mit einer ſtolzen Bewegung von ihm frei und ſagte mit erſchreckend kalter Stimme: „Das iſt ein ſchamloſer Ernſt oder ein wahnſinniger Scherz, gleich beleidigend für mich. Gehen Sie und beſinnen Sie ſich.“ Und ſich ohne ein Zeichen der Ueberraſchung gegen Henriette wendend, fügte ſie hinzu: „Habe die Güte, irgend Jemand zu Herrn von Oth⸗ 123 maringen's Begleitung anzuweiſen. Er ſcheint's nöthig zu haben.“ Das Alles folgte einander ſo raſch und auch die Worte der Gräfin waren ſo ſchnell, daß Dagobert ſich mit dem Ausdruck einer unter andern Umſtänden faſt komiſchen Ernüchterung bei Charlottens Wendung zu Henrietten kaum erhoben hatte. Er ſtand noch faſ⸗ ſungslos vor der Dame, und nicht nur der genannte Ausdruck, ſondern auch ſeine ganze Erſcheinung und Haltung waren von der Art, daß ſie die Augen des Grafen Felix und der erſten Gäſte, die lachend und ſcherzend eben in die Thür traten, nothwendig auf ſich ziehen mußten. Er machte eine gewaltſame Anſtrengung, ſich zu faſſen. Er verbeugte ſich mit einem gemurmelten:„Alſo wie ich ſagte, meine Couſine, Sie entſchuldigen mich!“ vor Charlotten, wiederholte dieſe Verbeugung gegen die Eintretenden und ging langſam gegen die Garten⸗ thür und hinaus. „Der Tauſend“, ſagte der Graf ſpottend, und ſein Auge flog blitzend von ſeiner Gemahlin zu Henrietten und wieder zurück,„dem Herrn Couſin ſcheint etwas Unangenehmes begegnet zu ſein!“ „Allerdings, ein Schwindelanfall“, verſetzte Char⸗ lotte, ruhig die Achſeln zuckend.„Er geht auf unſern Rath nach Hauſe und ruht aus.“ „Ja, ja“, meinte Felix im gleichen Ton und mit einem noch ſpöttiſchern Blick,„das mußte man er⸗ warten, wenn man ihn und ſeinen Zuſtand beobachtete⸗ Aber ſo geht's, wenn man ſich über ſeine Kräfte zu⸗ traut. Sieh nicht ſo erſchrocken aus, Charlotte! Die Sache iſt's nicht werth, daß wir unſere Heiterkeit durch ſie ſtören laſſen.“ Siebentes Kapitel. Das rothe Kabinet. Gräfin Charlotte hatte ihren Schreck oder ihr Zür⸗ * nen, was es auch mehr geweſen ſein mochte, mit ihrer großen Selbſtbeherrſchung äußerlich bald genug über⸗ wunden und widmete ſich der Geſellſchaft mit all der Liebenswürdigkeit und Anmuth, die ſie ſelbſt für ferner Stehende ſtets von neuem zu einem Gegenſtand der herzlichſten Bewunderung und Verehrung machten. Aber Henrietten und, wie dieſe zu bemerken glaubte, auch Andern konnte es trotzdem nicht entgehen, daß in ihrem Innern noch von keiner Wiederherſtellung des Gleich⸗ gewichts die Rede, ja, daß daſſelbe ernſtlicher geſtört zu ſein ſcheine, als irgend Jemand es bisher für mög⸗ lich gehalten. So ſchloß Henriette zum mindeſten aus der Erregtheit, welche die Freundin augenſcheinlich auf — 126 8 das tiefſte durchdrang und, ſtatt ſich zur Ruhe zu geben, im Laufe dieſer Stunden eher noch zunahm; aus der Anſpannung aller Seelen⸗ und Geiſtes⸗ ja gewiſſer⸗* maßen aller Körperkräfte, da die ſchöne Frau heute mehr als je mit einer Art von Leidenſchaft ſich dem Vergnügen ihrer Gäſte widmete und ſich ſelbſt demſel⸗ ben, wiederum faſt mit Leidenſchaft, überließ. Das ging weit über die ſchon auffällige Weiſe hinaus, in der ſie ſich in den letzten Wochen, wie wir hörten, der Geſellſchaft und ihren Zerſtreuungen hingegeben 4 hatte. Sie ſchlug nach dem üppigen Frühſtück, wie man'’s hieß, fröhlich ſogar einen Tanz vor und nahm ſelber daran Theil, was ſeit der Auflöſung des Hofes zu Neapel nie mehr der Fall geweſen. Und als in der muntern Geſellſchaft der Plan auftauchte, dies Ver⸗ gnügen, in dieſen Monaten wenigſtens ein ungewöhn⸗ liches, am Abend in den prächtigen Sälen des Club⸗ hauſes zu erneuen und zu einem allgemeinen zu machen, war ihre Stimme ſogleich gewonnen und führte alle übrigen zur luſtigen Zuſtimmung. Ihre Wangen glühten und ihre Augen glänzten, 4 jede Bewegung, ihr ganzes Weſen durchdrang und 4 beherrſchte eine— ſagen wir: unbedächtige Hingebung an die Luſt des Augenblicks, ſie war ſchöner und hin⸗ reißender als je, das geſtand Henriette ſich ſelber ein, 127 das erkannte ſie aus dem Eindruck auf die Geſellſchaft, welche heute huldigender als je Charlotte umgab. Allein trotzdem und obgleich die Anmuth und Grazie der ſchö⸗ nen Frau auch heute unabänderlich treu blieben und kei⸗ nen Schritt über die Grenze des Schönen geſtatteten, welche der wunderbaren Natur nun einmal eingeboren war, vermochte Henriette ſich weniger als je glücklich über die Erſcheinung, das Weſen, die Triumphe der Freundin zu fühlen. Im Gegentheil, Alles, was ſie ſah und hörte, that ihr weh und ſteigerte ihre Sorge. Alles, was ſie ſah und hörte, paßte eben nicht zu Char⸗ lotten, ja es war gar nicht mehr Charlotte, die da vor ihr ſchwärmte und nur von dem Augenblicke wußte, die nicht einen Gedanken zu haben ſchien für das, was dieſer Luſt vorausgegangen war. Wenn ſie ſchon bis⸗ her geſorgt und gebangt hatte vor dem, was ſich hinter ſolcher Aufregung verbarg und was ihr folgen mußte, was ſollte ſie heute fürchten? Von der Geſellſchaft, in der, wie wir ſagten, Manche der Heiterkeit und Lebhaftigkeit gleich ihr zu mißtrauen ſchienen, wandte ſie ihren Zlick in ſtiller, ernſter Beobachtung auf Bilingsfelden und den Grafen. Was ſie an dem erſtern bemerkte, konnte ſie gewiſſer⸗ maßen befriedigen und beruhigen. Er hatte im All⸗ gemeinen heute ebenſo wenig Aufmerkſamkeit und Aus⸗ 128 dauer für den Einzelnen, wie neuerdings immer, und was von ihm ausging, bewegte ſich ſo zu ſagen in den gleichen, ſtets innegehaltenen Weiſen und Maßen. Für Charlotte, die ihm heute im Ganzen gleichfalls ebenſo fern blieb wie ſtets, hatte er dagegen auch wieder, wie immer, die ruhige und zugleich weltmänniſche Artig⸗ keit des alten Bekannten und Hausgenoſſen, ja Hen⸗ riette glaubte in ſeinem Auge, das gelegentlich der Dame folgte, ein paar Mal etwas wie eine ernſte Theinahme, hin und wieder ſogar eine Art von leichtem Befremden zu leſen, Empfindungen, welche ihr gerade an dieſem Manne ſehr natürlich erſchienen, zugleich aber auch wohl thaten. Nur einmal— es war wirklich, als ſollte ihr nichts entgehen— ſah ſie etwas, das ſie, zumal in Erinnerung an den jähen Gedanken des Morgens, von neuem erſchreckte. Es war, als die Heiterkeit ſich, wie bemerkt, zum Tanz geſteigert hatte und Charlotte ſelber ſich an dem⸗ ſelben betheiligte. Sie war zu ihrem Gemahl getreten, der mit Bilingsfelden eben in der Thür erſchienen war, und wechſelte mit den Herren ein paar lachende, ſcher⸗ zende Worte. Dann folgte ſie von neuem ihrem Tänzer, und die beiden Zurückbleibenden ſchauten ihr nach, der Graf mit einer Bemerkung, welche ſeinen Begleiter ihm das Auge mit einem flüchtigen, allein, wie Henriette 129 meinte, verachtungsvollen Blick zuwenden ließ. Gleich darauf ſuchte das Auge die Gräfin, und dieſer Blick war ein ſo tief ernſter, faſt ſchwermüthiger oder gar liebevoller, daß Henriette davor erbebte. Der Graf hatte augenſcheinlich weder den einen noch den andern bemerkt. Aber wenn dieſe Beobachtung das Mädchen beäng⸗ ſtigte und das Bangen vor einem unbekannten und unbeſtimmten drohenden Etwas ſteigerte, rief, was ſie vom Grafen Felix ſah und hörte, ein um Vieles anderes Gefühl in ihr hervor und zwar das des vollſten Zorns, einer ſteigenden Erbitterung. Es war etwas Räthſel⸗ haftes und zugleich für alle, die ihm näher ſtanden, tief Verletzendes in dieſem obendrein ſpott⸗ und hohn⸗ vollen Ueberſpringen aller Schranken und Rückſichten, die er nicht nur ſeiner Gemahlin, ſich ſelbſt und den Seinen, ſondern heute auch ſeinen Gäſten ſchuldete, und das ſich nicht nur in ſeinem Ton und Zlick, ſondern auch in ſeinem ganzen Auftreten, in jedem Wort äußerte. Er gab ſich erſichtlich kaum Mühe, ſeine Zer⸗ ſtreutheit zu überwinden, ſeine Mißachtung der Geſell⸗ ſchaft, ſeine Langeweile zu verbergen; ſeine Unterhal⸗ tung meinte Henriette, wo von derſelben etwas zu ihr drang, niemals ſo frei, ja leichtfertig, ſeinen Spott Hoefer, In der Welt verloren. III. 9 130 nie ſo ſcharf, ſeine Scherze und Neckereien nie ſo frivol, ſo verletzend gehört zu haben. Und wo ſie ihn in der Nähe ſeiner Gemahlin ſah, vernahm und ſah ſie nicht nur jene achtungsloſe Weiſe, die ſie ſchon ſeither und zumal am heutigen Morgen verſtimmt und gereizt hatte, ſondern hörte auch Anſpielungen und Neckereien in Betreff Dagobert's und ſeiner Flucht, wie er es hieß, welche ſie faſt noch mehr entſetzten als indignirten. Es war beinahe, als wollte er die Geſellſchaft an dem Theil nehmen laſſen, was er ſelber von jener Scene etwa vorausſetzen mochte! Und Charlotte blieb nicht nur geduldig, ſondern auch freundlich, ja Henriette meinte gerade heute jene demüthige Nachgiebigkeit an ihr zu bemerken, welche ſie für die Freundin am meiſten betrübte und verletzte. „Das ſoll, das darf nicht ſo fortgehen“, ſprach ſie zu ſich ſelbſt, als ſie, kurz bevor die Geſellſchaft aufzubre⸗ chen begann, eine ähnliche Begegnung der Gatten be⸗ obachtet hatte.„Und was auch daraus entſtehen mag, ich muß mit ihm reden!“ „Gott behüte, Sie ſchauen ja ganz finſter aus, Henriette!“ ſagte in dieſem Augenblick Graf Felix, der, ohne daß ſie es beachtet hatte, in ihre Nähe getreten war.„Wie verantworten Sie das vor dem Seelen⸗ bündniß mit Charlotten? Die eine voll Uebermuth 131 und Lebensluſt, die andere— wie benennen ſich Ihre gegenwärtigen Empfindungen?“ Ihr Auge begegnete dem Spottenden mit einem feſten, dunklen Blick.„Das, Herr Graf, möchte ich Ihnen eben einmal ausſprechen und dachte gerade darü⸗ ber nach, wie und wann ſich dazu eine Gelegenheit finden würde“, verſetzte ſie in kaltem und zugleich ent⸗ ſchiedenem Ton. „Mon dieu, was für eine entzückende Güte, Hen⸗ riette!“ rief er.„Das Glück iſt mir lange nicht zu Theil geworden! Ich bin Ihres Befehls gewärtig, laſſen Sie mich nicht zu lange harren!“ Er wandte ſich von ihr, um wenigſtens jetzt ſeinen Pflichten als Hausherr zu genügen, da man eben wirk⸗ lich aufzubrechen begann, ſpäter als gewöhnlich, und ſah daher nicht, wie finſter und verachtungsvoll das Lächeln war, das auf einen Moment durch Henriettens Züge glitt. Dann wandte ſich auch das Mädchen der nächſten Gruppe zu. Als ſie es aber leerer und leerer werden und nur noch Einzelne zurückbleiben ſah, welche mit den Haus⸗ genoſſen die letzten Worte wechſelten, zog ſie ſich unbe⸗ fangen zurück und verließ den Salon, durchmaß den Corridor und trat, nachdem ſie ſich durch einen raſchen Blick verſichert hatte, daß kein beobachtendes Auge in 9⸗ 132 der Nähe, in das Gemach des Hausherrn. Doch auch hier weilte ſie nicht, ſondern ging durch eine Tapeten⸗ thür in das anſtoßende kleinere Zimmer, das nach der Farbe der Sammttapete von den Hausgenoſſen das rothe Kabinet genannt wurde. Felix hatte es, wie er es hieß, zu ſeinen Dämmer⸗ und Träumſtunden beſtimmt und es demgemäß mit einer Art von Liebha⸗ berei eingerichtet und ausgerüſtet, zu einem Raume, in dem es ſelbſt am glänzendſten Tage dämmerig und kühl blieb und Alles zu einem üppigen Ruhen einlud, von der Abgeſchloſſenheit und Stille bis zu dem durch die reichen Vorhänge brechenden, roſig dämmernden Licht, von der ſchönen Statue des die Pſyche erwecken⸗ den Amor, welche von dem erſten Beſitzer der Villa her hier aufgeſtellt war, bis zu all den Möbeln und Polſtern, wie nur eine üppige und weichliche Sinnlich⸗ keit ſie in ſolcher Vollkommenheit ſich ausdenken und wünſchen kann. Felix pflegte hier die Stunden der Sieſta, die er gleich aller Welt hier zu Lande, zumal ſeit dem Anfange des Sommers, auf das gewiſſenhafteſte inne hielt, ſtets zuzubringen und das Gemach blieb nicht nur dann, ſon⸗ dern überhaupt und ſtets für Jedermann, mit Ausnahme der Gräfin allenfalls oder irgend eines Andern, dem der Graf ſein„Bijoux“ mit einer Art von Koketterie — 8——, 133 zeigte, faſt unzugänglich. Selbſt Bilingsfelden, mit dem Felix vertrauter lebte als jemals bisher mit irgend einem andern Menſchen, weilte hier nicht. Zumal während der genannten Ruheſtunden liebte auch er, wenn er nicht in die Stadt hinabging, auf ſeinem anſtoßenden, mit dem Kabinet aber nicht verbundenen Zimmer einſam zu weilen. Darauf, auf dieſe Abgeſchloſſenheit hier und auf dieſe Gewohnheit dort, gründete Henriette ihren Plan; für das Geſpräch, das ſie beabſichtigte, gab es nirgends im Hauſe einen beſſern Platz oder eine beſſere Stunde. Daß Felix kam, war gewiß; daß er allein ſei, ließ ſich erwarten, und daß er ihr nicht ausweichen werde, deſſen glaubte das finſtere, entſchloſſene Mädchen ſicher zu ſein. Es hatte in der That einmal etwas zwiſchen ihm und ihr ſtattgefunden, was ihn in gewiſſem Sinne allerdings in ihre Hand gab. An die Möglichkeit einer Störung hatte ſie gar nicht gedacht, und es glitt daher auch ein Ausdruck von bitterer Enttäuſchung und zornigem Schreck durch ihr erglühendes Geſicht, als ſie gleich nach dem Ein⸗ tritt des Grafen in ſein anſtoßendes Gemach, zu dem ſie die Verbindungsthür offen gelaſſen hatte, Bilings⸗ felden ſagen hörte:„Das iſt die reine Thorheit, cher Felixy! Dir und mir würde nach all dem Wirbel und in Vorausſicht des noch luſtigern Abends ein wenig Ruhe ſehr wohl thun.“ „Ah bah!“ verſetzte der Graf.„Ich muß eben noch ein Glas Wein trinken, um all dieſe Quälerei zu betäu⸗ ben, ſie bringt mich ſonſt um! Und ich muß mit Dir reden— mit wem ſoll ich's ſonſt? Dies Leben ertrag' ich nicht mehr!“ Bei den erſten Lauten war Henriette gegen die Thür zurückgewichen, welche auch aus dem Kabinet auf den Corridor führte, aber ſtets verſchloſſen blieb. Der Schlüſſel ſteckte jedoch im Schloß und ſie drehte ihn um, um hinauszuflüchten. Da aber vernahm ſie des Grafen Worte und durch ihre Miene zuckte es wie ein finſterer, trotziger Entſchluß. Sie blieb in der tiefen Niſche der Thür ſtehen und zog die ſchwere Sammt⸗ portiere ſo feſt wie möglich vor ſich zu. Es war ein Platz zum Horchen und zum Lauſchen, wie er nicht beſſer gedacht werden konnte. Eine Entdeckung war nur durch einen kaum vorauszuſetzenden Zufall möglich und die Flucht ſelbſt im unglücklichſten Fall faſt mit völliger Sicherheit auszuführen. Denn die Thür bewegte ſich, gleich allen übrigen in der Villa, unhör⸗ bar auf ihren Angeln, und der Corridor bildete drau⸗ ßen ganz nahe eine Ecke, um welche man dem nach⸗ ſchauenden Auge entſchwinden konnte. —— 8 —— 135 „Das Du Dir allein ſo ſchwer machſt und Andern noch unerträglicher“, beantwortete Bilingsfelden die letzten Worte des Freundes in kaltem Tone. Und da er zugleich in die Thür des Kabinets trat, blieb er ſtehen, ſah, die Arme über die Bruſt kreuzend, ſich um und fügte nach einer kleinen Pauſe, jetzt hörbar ſpot⸗ tend, hinzu:„Raffinement haſt Du, das muß man Dir zugeſtehen! Ich ſah das Neſt noch nicht darauf an— es iſt wie das Boudoir einer Sultana, aber freilich zu zweien.“ „Zu vieren, wollteſt Du ſagen, Du wirſt Dich nicht ausſchließen wollen“, meinte Felix mit einem kurzen, ſcharfen Lachen.„Dein Compliment aber verdiene ich nur halb; die Alten verſtanden beſſer, was zu einem ſolchen Neſt, wie Du es heißeſt, gehört, als wir! Schau' einmal her!“ Und nachdem er auf einen Knopf an der Polſterwand des großen Eckdivans gedrückt hatte, ließ er den Freund ſich niederbeugen zu der reich geſchnitz⸗ ten Einfaſſung deſſelben.„Was ſiehſt Du?“ „In der That“, ſagte Bilingsfelden, ſichtbar über⸗ raſcht,„ich ſehe in ein anderes Zimmer und es ſcheint faſt das meine zu ſein.“ „Das iſt's auch. Und iſt's nicht ein ſublimer Ge⸗ danke, zwei Zimmer auf dieſe Weiſe durch das Schnitz⸗ werk von ein paar Möbelſtücken zu verbinden, ſodaß 136 man etwaige intereſſante Scenen beobachten kann, ohne daß die Agirenden eine Ahnung davon haben? Das heiße ich Raffinement!“ In dieſem Augenblick wurde im anſtoßenden Zimmer die Thür geöffnet und wieder geſchloſſen, und Felix, der ſich darauf hineinbegab, kam alsbald mit einer Flaſche und zwei Gläſern zurück; der Zugang zum rothen Kabinet war den Dienern am wenigſten ge⸗ ſtattet. Er füllte die Gläſer, er bot dem Gaſte das Cigarrenkäſtchen, und dabei ſagte er mit einem ſelt⸗ ſamen, halb ſpöttiſchen, halb frivolen Lächeln:„Apro⸗ pos, zu vieren! Wie wär's, wenn wir die Frau Grä⸗ fin und ihre Buſenfreundin herübercitirten? Koſtbarer Einfall!“ „Ich dächte, cher Felix, Du ließeſt dieſen unangeneh⸗ men Ton“, bemerkte Bilingsfelden, der ſich auf eine der Cauſeuſen niedergelaſſen hatte, nachläſſig.„Gleich⸗ viel, ob Scherz oder Ernſt, er iſt geſchmacklos und mir unverſtändlich. Bei der einen haſt Du obendrein, ſo⸗ viel ich ſehe, nichts mehr zu verlieren, und bei der andern könnte es auch dahin kommen.“ Nach einer Pauſe ſagte der Graf finſter:„Als ob ich etwas Anderes wünſchte und beabſichtigte! Ich habe Dir geſagt: dies Leben iſt unerträglich! „Das iſt in der That ein eigenthümliches Bekennt⸗ — — niß!“ ſprach Bilingsfelden, ohne ſeine bequeme Lage zu verändern, aber in einem faſt hohnvollen Tone. „Für das ſchönſte, reinſte, anmuthsvollſte Weib der Welt— denn das Alles iſt Charlotte— eine Hildegard Othma⸗ ringen einzutauſchen! Donner!— und gerade aus dem für dieſe Lippen ſo ganz ungewöhnlichen Fluch brach der ſchärfſte Hohn—,Dazu gehört nicht nur Geſchmack, ſondern auch und mehr noch Courage! Ich wiederhole Dir das.“ „Lerne ſie beide kennen, wie ich, Du urtheilſt anders!“ ſprach Felix finſter. „Danke, mein Lieber, habe nicht das mindeſte Ver⸗ langen nach ſolcher Erfahrung“, lachte Bilingsfelden. „Heißt das, bei der Dame Reuterholm. Bei Deiner Frau iſt es etwas Anderes“, fügte er ernſter hinzu; „ich kenne ſie; ſie hat ſich nicht verändert, oder, wenn doch, nur erfüllt, was ſie verſprach. Und obgleich ich mit den Frauen im Allgemeinen nichts mehr im Sinn habe, ſo bekenne ich doch heute noch viel offener als neu⸗ lich, daß ich mich vor der Deinen beuge. Ich kenne keine ſchönere, keine reinere, keine holdſeligere, keine, die ſo ganz der Stolz ihres Geſchlechts iſt, keine, deren ſich unſer Stand gerade mit ſo vollem Recht als ſeines Stolzes, ſeiner Krone rühmen dürfte und ſollte, unſer Stand gerade, ſage ich, der leider Gottes ſo manche ſogenannte Dame in ſeinen Reihen ſieht, welche die 138 Angriffe rechtfertigt, mit denen man ihn verfolgt! Charlotte hat in meinen Augen nur einen Fehler, und das iſt die Geduld und Nachſicht, mit der ſie Dich erträgt. Aber ich müßte mich ſehr irren“, ſchloß der Herr und ſein Auge blickte mit einer Art von Ver⸗ achtung auf Felix,„oder dieſer Fehler iſt nicht unver⸗ beſſerlich. Auch das ſagt' ich Dir neulich ſchon. Fahre ſo fort, wie ſeither, wie zumal heute. Auch die ſtärkſte Saite reißt endlich! Du könnteſt Deinen nichtswürdigen Wunſch früher erfüllt ſehen, als Du denkſt.“ Auf den Grafen Felix hatte die ſeltſame, rückſichts⸗ loſe und mißachtende Rede anſcheinend nichts weniger als den zu vermuthenden Eindruck gemacht. Sein Auge begegnete dem des Andern mit der vollſten Gleich⸗ gültigkeit, und nun, da Bilingsfelden ſchwieg, ſagte er achſelzuckend:„Das iſt Alles ganz charmant und auch richtig, bis auf die zerſpringende Saite. Daraus wird bei ihr nichts und das iſt's eben. Ich gehe an dieſer Geduld und Nachſicht, wie Du es heißeſt, zu Grunde! Dieſe ſtete unrührbare Schönheit und makelloſe Unſchuld bringt mich um. Sie hängt wie eine Kette an mir, wo ich mich einmal übermüthig ins Leben, in den Ge⸗ nuß ſtürzen möchte, und zerrt mich aus dem halbvol⸗ lendeten zurück.“ Es war während dieſer Worte etwas Finſteres in 139 ſeine Miene gedrungen und ſprach auch aus ſeinem Ton, und immer finſterer fuhr er nach einer Pauſe 4 fort:„Ich habe das früher nicht ſo empfunden. Ich war in eine Art von Winterſchlaf gewiegt; ich ſtieß auch auf nichts, was mich reizte, es war Niemand da, der mich intereſſirt hätte. Ich wußte nie von einem wirklichen Verlangen, ſondern höchſtens nur hie und da von einem Einfall, von dem man bei irgend einem Widerſtand gleichgültig abſteht. Ich wünſchte Char⸗ lotte nicht anders, als ſie war, und war in Wahrheit ein Muſtermenſch. Und das währte ſo fort, bis ich im vergangenen Herbſt in Rom Hildegard begegnete und alsbald fühlte, daß ich ſelber Gott Lob noch nicht zum vollendeten Muſter geworden war und was ich trotz des Muſters an meiner Seite entbehrte. Sieh“, redete er, nun in einem mehr bittern Tone, weiter, „ich war ein ſolcher Muſtermenſch geworden oder ſo verſchlafen, wie Du es nennen willſt, daß ich mich gegen die neuen Eindrücke, gegen das Erwachen ordentlich wehrte, daß ich mit meiner Leidenſchaft zu madame la comtesse flüchtete und noch einmal als Liebhaber zu ihren Füßen kniete. Sie nahm meine Leidenſchaft freundlich an, aber ſie gab ſie mir nicht zurück. Ich riß ſie hinein in einen Wirbel der Geſel⸗ ligkeit, die hier denn doch einen andern Ton hatte und h ——— 140 hat, als jene, die ſie bisher kennen lernte. Sie folgte mir freundlich nach, ſie ging ſogar ſelber in ihrer Weiſe auf den hieſigen Ton ein, ſie ſah mir eiferſuchtslos 4 und freundlich meine Thorheiten nach, beging aber ſelber nicht die geringſte. Sie nahm die ausſchweifend⸗ ſten Huldigungen freundlich auf und wurde von kei⸗ ner bewegt, es müßte denn ſein, daß ſie ſich für die⸗ ſelben durch größere Hingebung an mich rächte. Und als ich endlich unterlag oder ſiegte, wie Du willſt, und kein Geheimniß aus meiner Leidenſchaft für Hildegard machte, als ich Charlotte, ich gebe das zu, ſchlecht behandelte, was half's? Sie blieb und bleibt wie immer. Es erzürnt ſie nichts, es ſchreckt ſie nichts zurück. Aber das iſt ja einmal bei ihr ſo. Eindrucks⸗ fähig war ſie niemals, wenn nicht— er lachte kurz auf— „Du vielleicht einmal Eindruck auf ſie machteſt.“ „Ich? Was ſoll die Thorheit?“ fragte Bilingsfelden hart. „Thorheit? Das iſt eben die Frage. Ich habe da⸗ rüber meine eigenen Gedanken und Zeichen. Aber genug und auch gleichgültig bei zwei ſo edlen Men⸗ ſchen, wie Ihr beide ſeid. Kurz, das iſt meine Ant⸗ wort auf Deine zerſprungenene Saite, mein Schatz.“ Die Lauſchende hinter der Portiere hatte während dieſer ganzen Unterhaltung, die ihr ſtets furchtbarere Einblicke gewährte, ſtets grauſamere Aufklärungen brachte, 4 141 ihre Aufmerkſamkeit dennoch faſt nur Bilingsfelden zuge⸗ wandt, deſſen Weiſe, deſſen Worte, ja deſſen Anweſenheit und Geduld für die nichtswürdigen Offenbarungen des Grafen ſchon ſie mit ſteigender Angſt erfüllten. Darin hatte ſelbſt ſeine Anerkennung und Vertheidigung Char⸗ lottens kaum etwas geändert. Es war gerade darin ein Etwas, das ſie, wenn auch in anderem Sinne, von neuem beunruhigte, und als ſie nun die letzten Worte des Grafen vernahm, war es mit ihrer Faſſung zu Ende. Sie wußte nicht, ſollte ſie hervorſtürzen, ſollte ſie fliehen. Sie zitterte ſo, daß die Portiere ſich bewegte, und ihr Auge hing an dem Gaſt mit einem Blick, als ob ſein nächſtes Wort Leben oder Tod für ſie bedeuten werde. Sie hatte ſich noch einmal geirrt. Die Kälte, die ihn mit Ausnahme jener kurzen, warmen Worte für die arme Freundin während der ganzen Unterhaltung beherrſcht hatte, lag auf ſeinem Geſicht und klang aus ſeiner Stimme unverändert wieder, als er jetzt ant⸗ wortete:„Das würde mir leid thun für Deine Frau, denn es würde nicht zu dem Stolz, zu der Würde und dem Ehrgefühl ſtimmen, die ich bisher in ihr ſuchte und fand. Allein ich glaube Dir auch nicht. Was Du heute Morgen geleiſtet, hätte eine Heilige erzürnen müſſen, und dieſe— deutſch heraus, cher Felixy!— halb —————————— ö 142 kindiſchen, halb unwürdigen Anſpielungen auf des arm⸗ ſeligen Dagobert Dummheit waren der Schlußſtein. Ich habe auch meine Zeichen. Es blitzte ein paar Mal et⸗ was durch ihr Auge und zuckte durch ihr Geſicht, das nicht zu mißdeuten war. Wir werden ſehen, Schatz!“ „Wäre es ſo, was will ich weiter? Aber es iſt nicht ſo!“ ſagte Felix wieder mit dem kurzen, ſcharfen Auflachen.„Im Gegentheil, ich biete Dir jede Wette 4 an, daß ſie nur um ſo hingebender und demüthiger iſt. Sie will mich feſthalten, ſie will mich begütigen, ſie ſieht Dagobert's Albernheit faſt wie ein Stück eigener Schuld an, die ſie gegen mich abzubüßen habe. Ihre Motive kenn' ich nicht— gleichviel!— aber was und wie es ſich an ihr äußert, das weiß ich. Gib Acht auf unſere nächſte Begegnung, es wird ſich ſchon Ge⸗ legenheit dazu finden. Es gibt, glaube ich, nichts, was ſie mir jetzt nicht gewährte, geſchweige denn verziehe. Ich biete Dir jede Wette an, ſage ich. Ich“— und Henriette zuckte zuſammen vor dem blitzartig durch ſeine Züge gleitenden dämoniſchen Ausdruck und einem neuen, kurzen, faſt wilden Auflachen—„ich liefere Dir den Beweis.“ Bilingsfelden, deſſen Blick kalt, ja mit einer Art von leiſer Verachtung auf dem Erregten ruhte, zuckte die 143 Achſeln.„Das iſt Trunkenheit oder Tollheit“, ver⸗ ſetzte er kaltblütig,„und mir kann das gleichgültig ſein. Eins aber mußt Du noch hören, und das ſoll der Schluß dieſes Geſprächs ſein. Biſt Du denn einmal toll genug, Charlotte aufzugeben, ſo beſitze auch zum mindeſten den Muth und den Reſt von Ehrenhaftigkeit, ihr das rund heraus zu ſagen oder die That für Dich ſprechen zu laſſen, ſtatt ſie auf dieſe armſelige und unwürdige Weiſe todt zu peinigen. Ich wette mit Dir gleichfalls, daß es nur eines entſchiedenen Worts be⸗ darf—“ „Nichts, nichts, Fritz!“ unterbrach ihn Felix erregt. „Ich habe meine guten Gründe zu wünſchen, daß dieſes erſte und entſchiedene Wort nicht von mir geſprochen wird, ſondern—“ Er hielt inne, denn ſo leiſe es auch geſchehen mochte, drang doch das Geräuſch der im Vorderzimmer geöffneten und geſchloſſenen Thür bis an ſein Ohr und ließ ſeine Brauen ſich verdrießlich zuſammenziehen. Im nächſten Moment aber zuckte, während aus den Wan⸗ gen der Lauſcherin alles Blut wich und ihr Herz ſich krampfhaft zuſammenzog, durch ſeine Züge die jähſte Ueberraſchung und zugleich eine Art von wildem Tri⸗ umph, denn in die Verbindungsthür trat die Gräfin Charlotte. 144 Henriette meinte ſie niemals ſchöner, niemals an⸗ muthsvoller und liebreizender geſehen zu haben als jetzt, wo ſie wie ein Bild zwiſchen den reichen und ſchwe⸗ ren Falten der zurückgeſchobenen Portiere ſtand, die ſchlanke, graziöſe und in der Ebenmäßigkeit und Har⸗ monie aller Formen prächtige Geſtalt, das ſchöne, reine Geſicht mit den leiſe gerötheten Wangen und den ſanften Augen, mit dem leiſe verlegenen und doch ſüßen Lächeln der Ueberraſchung, da ſie den Gaſt des Hauſes bei ihrem Gemahl erblickte. „Ah, die Herren ſind bei einander!“ ſagte ſie in leicht ſcherzendem Tone.„Ich traute dem Herrn Ge⸗ mahl ſo viel Munterkeit nicht zu; Du ſahſt vorhin müde und abgeſpannt aus, Felix. Aber laſſen ſich die Herren nicht ſtören! Ich wollte eben nur einmal einſehen.“ Sie trat zurück. „Nichts, nichts“, rief Felir mit einer Art von unheimlicher Luſtigkeit laus, und ſein Blick flog mit jenem frühern Ausdruck des Triumphes zu Bilingsfel⸗ den und ſtreifte dann— Henriette ſah es nur zu deutlich— zu der Einfaſſung des Sophas hinüber.„Der Beſuch, Madonna, iſt zu ſelten, als daß wir ihn ver⸗ lieren könnten!“ Bilingsfelden nahm von der Bewegung und dem Blick des Freundes keine Notiz. Er war gleichfalls aufge⸗ 145 ſtanden und näherte ſich nun der ſchönen Frau.„Auch ich bitte, ſich nicht ſtören zu laſſen, Gräfin“, ſprach er mit ruhiger Artigkeit.„Unſer Plaudern hat ſchon län⸗ ger gewährt als billig, und ich habe heute Morgen ein paar Briefe vorgefunden, die ich vor dem Diner noch leſen ſollte. Alſo entſchuldigen Sie mich.“ „Vergiß nicht, was ich Dir ſagte!“ redete der Graf, indem er mit dem Freunde ſeiner zurücktretenden Gat⸗ tin in das andere Zimmer folgte. Dieſen Augenblick benutzte Henriette, um zu ent⸗ fliehen; ſie fühlte die Kraft nicht, noch ferner zu lau⸗ ſchen. Der Zuſtand ihres Innern ließ ſich nicht in Worte faſſen, ſo wogte Alles durcheinander, Zorn und Verachtung, Verzweiflung und Entſetzen, und nur der eine Entſchluß erhob ſich ſo zu ſagen klar, frei und feſt über alles Andere, daß ſie die Freundin heraus⸗ reißen müſſe aus dieſem Abgrund von Schmach und Entwürdigung. Jetzt glaubte ſie die Waffen in der Hand zu haben.. Für ein anderes, weniger gewaltſames Ende dieſer unwürdigen Zuſtände blieb ihr nur die einzige und letzte, aber leider unendlich ſchwache Hoffnung, daß Charlotte trotz ihrer— Schwäche nannte es jetzt Hen⸗ riette!— und Geduld ſich dennoch vielleicht gerade bei dieſer Begegnung mit dem Gemahl und durch die ihn Hoefer, In der Welt verloren. III. 10 146 beherrſchende Laune aufgerafft und zum Widerſtand erhoben haben möge. Allein das Mädchen lachte ſelber bitter über dieſen Troſt. Und wenn am Grafen Felix Alles Unwürdigkeit und Lüge war, jene Wette auf Charlottens räthſelhafte, aber unbeſiegliche Nachſicht war leider nur allzu ſicher auf die tägliche Erfahrung gegründet. Was ſie bei Tafel beobachtete, nahm ihr denn auch dieſen letzten Troſt wirklich vollends. An der Gräfin zeigte ſich eine gewiſſe Bewegung, welche, ſehr verſchie⸗ den von der Erregtheit des Morgens, ihre Erſcheinung wie ihr ganzes Weſen durchdrang und verſchönte und nur zuweilen in etwas wie eine leiſe und flüchtige fin⸗ ſtere Träumerei überging. Bilingsfelden erſchien in einer ſtillen und ernſten Aufmerkſamkeit für ſie, während er den Grafen gar nicht zu beachten ſchien, und dieſer letztere endlich erging ſich in einer Art von über⸗ müthiger, ja zuweilen faſt mißachtender Nachläſſig⸗ keit gegen ſeine Gemahlin, wie gegen Bilingsfelden, welche ihn Henrietten auch ohne die ſie beherrſchende, an Abſcheu grenzende Empfindung verhaßter als je ge⸗ macht haben würde. „Du biſt vorhin bei Deinem Gemahl geweſen? fragte das Mädchen mit gewaltſamer Faſſung die Freun⸗ din, als beide nach Beendigung der Tafel noch einen —— 147 Augenblick auf den Balkon, in den leiſe heraufdäm⸗ mernden Abend getreten waren. Nach einem flüchtigen, fragenden Blick ſagte Char⸗ lotte ſanft:„Ja, mein Herz, das war ich. Es drängte mich, nach der abſcheulichen Scene von heute Morgen mit ihm zu reden.“ „Und er nahm das an und— freundlich?“ Hen⸗ riettens Stimme bebte. „Mehr als das, Liebe! Er war zärtlich, wie ſeit lange nicht, ausgelaſſen ſogar, aber doch gut. Du ſiehſt“, fügte ſie wie im Tone eines leiſen Vorwurfs hinzu,„wie Unrecht Du ihm thateſt!“ „Unrecht!“ wiederholte Henriette halb erſtickt, ſie war leichenblaß und ihre Augen brannten in die der Freundin. Und ganz nahe zu dieſer hintretend, fuhr ſie mit leiſem, aber hartem Tone fort:„Weißt Du aber auch, daß er dieſe— Laune gegen Dich Herrn von Bilings⸗ felden vorausgeſagt und ihm den Beweis zu liefern ver⸗ ſprochen hat, daß Deine Geduld und Nachſicht ohne Ende? Und weißt Du, daß man vom anſtoßenden Zimmer Alles ſehen und hören kann, was im rothen Kabinet geſchieht?“ Die Gräfin hatte nach dem erſten blitzgleichen Zu⸗ ſammenzucken dieſe Worte durch keinen Laut, keine Bewegung unterbrochen. Noch bleicher faſt als Hen⸗ riette, ſtand ſie erſtarrt bis ins Auge, die Lippen zu⸗ 10* 148 ſammengepreßt, jeder Zug des ſchönen Geſichts wie von Stein, faſt ſchien's ſogar, ohne Athem. So horchte ſie, lautlos, ſagen wir, und ohne Regung, und horchte noch, da das Mädchen ſchwieg. Dann erhob ſie plötz⸗ lich die Hände und ſchlug ſie vors Geſicht und zwiſchen den Lippen hervor drang es wie ein leiſer Schrei: „Vor ihm! Vor ihm! Und wieder nach einer Sekunde ſanken die Hände herab; ſie richtete ſich zu ihrer vollen Größe auf, wandte ſich und ſchritt erhobenen Hauptes der nächſten Thür zu. Eine ſtolze Bewegung, ein hartes:„Ich will allein ſein!“ wies die nachſtürzende Henriette zurück. Am Abend, auf der verabredeten Réunion in den Sälen des Clubhauſes, erſchien die Gräfin ernſt und gehalten, in ſtolzer Schönheit, verbindlich gegen die Bekannten, aber nicht ermunternd zum heitern Verkehr, wie ſonſt. Für ihren Gemahl, für Bilingsfelden hatte ſie weder einen Blick noch ein Wort; beide waren freilich auch ſelten in ihrer Nähe. Dagegen verkehrte ſie viel und in einer gewiſſen Lebhaftigkeit mit Dago⸗ bert Othmaringen, der darob immer mehr die Leidens⸗ miene verlor, mit der er anfangs ſich kaum ihr nahen zu wollen ſchien. Am folgenden Morgen, da man in der Villa Ma⸗ rina wach wurde und zuſammenkam, war die Gräfin 149 mit ihrer Kammerfrau verſchwunden. Antonio hatte beide beim erſten Grauen des Tages die Villa ver⸗ laſſen ſehen. Ein Herr, den er nicht zu erkennen ver⸗ mochte, empfing ſie nicht weit vom Gartenthor, und bald darauf wurde das Rollen eines raſch ſich entfer⸗ nenden Wagens vernehmbar. Ein paar Stunden darauf erfuhr man zur läh⸗ menden Ueberraſchung der Geſellſchaft, daß auch Da⸗ gobert Othmaringen abgereiſt ſei— als ihr Be⸗ gleiter? „Glück auf den Weg! Cest fini!“ ſagte Felix mit dem hohnvollſten Lachen der Verachtung zu Bilings⸗ felden.„Wie ſie es aber erfahren haben kann, daß Du geſtern Nachmittag—“ „Es ſieht Dir ehrloſem Wicht ähnlich, daß Du mir die gleiche Ehrloſigkeit zutrauſt“, unterbrach ihn der Herr mit drohendem Stolz.„Aber Du irrſt; ſo geſun⸗ ken bin ich nicht, daß ich ein Zeuge Deiner Infamie hätte ſein mögen.“ „Herr von Bilingsfelden!“ brauſte der Graf auf. „Still! Einem ſolchen Elenden gewähre ich nicht einmal das Recht der Einrede, geſchweige denn die Ehre der Waffen. Geh hin und verbirg Dich mit Dei⸗ nen Lüſten, Deiner Buhlerin und Deiner Chrloſigkeit, wo Du willſt und kannſt, der Rache Gottes und 150 der meinen entgehſt Du nicht, wie auch die Menſchen über Dich urtheilen. Jetzt reiſe ich ihr nach und werde ſie zu ihrem Vater führen; an Deiner Nichtswürdigkeit 4 ſoll ſie auch in den Augen Eurer feilen Welt und Geſellſchaft nicht zu Grunde gehen. Dann werde ich Dich zu finden wiſſen.“ Achtes Kapitel. Vernichtende Kunde. Die Wolken kamen in ſchwerem, gedrängtem Zuge von den fernen Höhen her und über den Fluß, ſie breiteten ſich dicht über das Dorf und das Schloß und ſchoben ſich dann an den Bergkuppen hin in das Thal hinein, und der Regen rieſelte ſanft, aber unaufhörlich von ihnen herab, mit leiſen Schleiern die Ferne ver⸗ hüllend. Die Menſchen aber athmeten auf, und drunten in den Häuſern des Dorfes wie droben im langen Schloßbau waren alle Thüren und Fenſter geöffuet, auf daß die Glut entweiche, welche ſie, ſeit Wochen ſteigend, erfüllt hatte. Denn der Sommer war heuer mit großer Hitze gekommen, die Raſenplätze lagen wie verſengt und ſelbſt die ſonſt immer friſchen, bergan gegen den Wald zu kletternden Matten hatten alle Friſche 152 verloren. Da hatte man denn bei dem ſchweren Ge⸗ witter, das am vergangenen Abend gewaltig über Oth⸗ maringen und durch ſein Thal hinbrauſte, nicht mehr an Gefahr und Schaden gedacht, ſondern nur an den Segen, den es für Menſchen und Gethier, für Flur und Wald mit ſich brachte, und nun freute man ſich und genoß deſſelben, und wo man hinſchaute, begegnete man frohen Geſichtern. Droben auf dem Schloſſe fand das in nicht gerin⸗ gerem Grade ſtatt als drunten im Dorfe, denn man hatte dort nicht weniger gelitten, und die alten Diener liefen ſchier luſtig umher, um nicht ein Plätzen unge⸗ lüftet zu laſſen, oder ſtellten ſich auch einmal hin und ſchauten händereibend dem prachtvollen Regen zu und wünſchten aller Creatur und ſich ſelber Glück. Und Frau von Soldnau überwachte das, die Rührigſte von allen und überall gegenwärtig, zum großen Unbehagen ihrer Geſellſchafterin, welche ängſtlich auf den Contraſt der kühlen Luft draußen und der noch immer in den Zimmern brütenden Hitze hinwies und eine furchtbare Erkältung für unausbleiblich erklärte. Die alte Dame— ſie war in den vergangenen ſechs oder ſieben Jahren wirklich recht alt geworden, aber freilich in jener Weiſe, die uns den Menſchen nur noch würdiger und anſprechender erſcheinen läßt— die 153 alte Dame lachte dazu und tröſtete ihre Begleiterin aauf das gutmüthigſte. Sie ließ ſich endlich ſogar einen Seſſel und einen Tiſch unter den Portikus bringen und etablirte ſich dort mit ihrer Arbeit und ermunterte auch das ängſtliche Fräulein, ſich neben ihr einzurichten.„Es iſt eine wahre Freude für mich“, ſagte ſie dabei und ſchaute dazu wirklich ganz glücklich aus,„da in den prächtigen Regen zu ſehen, wie er ſo ſanft und eben herunterkommt und auf das Gras fällt und die Blätter. Sehen Sie nur einmal hin, Bertha! Das iſt gerade, als ob das Kraut Athem hätte wie unſereiner, es richtet ſich ordentlich auf! Und ſehen Sie, wie kommt es da von den Bergen herüber ſo hübſch dicht und grau! Das hört den ganzen Tag nicht auf und reicht einmal gründlich aus. Und ſehen Sie, da kommt der Pfarrer— nun, ich dachte es mir doch! Der wird auch eine Freude haben und nirgends anders als hier ſitzen wollen. Du mein Gott, das iſt ſo eine alte Ge⸗ wohnheit, liebes Kind. Wir ſaßen vordem hier oft ſo, an ſolchen Tagen, und ſchauten dem Regen zu und den Kindern, die luſtig um uns herſprangen. Damals, ja damals“, ſchloß ſie mit leichtem Kopfſchütteln,„da⸗ mals war es freilich luſtiger hier! Aber das iſt nicht anders.“ Luſtig war es nun eigentlich wohl auf Othmaringen 154 niemals geweſen, da ſelbſt die Kinder die Stille und den Ernſt des hieſigen Lebens im Ganzen kaum jemals zu verſcheuchen vermochten, allein Unrecht hatte die Dame trotzdem im Grunde nicht; denn auch da jene Kinder ſchon erwachſen waren und die ſorgloſe Munter⸗ keit der Jugend abgeſtreift hatten, brachten ſie immerhin noch eine gewiſſe friſche Bewegung in das Haus und das Leben, und die jungen Geſichter und die jungen Stimmen ließen den Ernſt niemals finſter und die Stille nicht drückend werden. Das hatte ſich nun ſeit ihrem Fortzuge geändert; es war in Othmaringen einſamer geworden als je zuvor, und die Jahre zogen ſo leiſe vorüber, daß die alten Leute ihrer faſt nur in den Spuren gewahr wurden, die ſie an ihnen ſelbſt zurück⸗ ließen. Es war neuerdings am jenſeitigen Ufer des Fluſſes eine Eiſenbahn entſtanden und eine Station ganz nahe angelegt worden, ohne daß dies jedoch für Othmaringen irgend nennenswerthe Folgen gehabt hätte. Für das Schloß wenigſtens und ſeine Bewohner ent⸗ ſtand dadurch keinerlei⸗ Veränderung; ſie ſelber gingen nicht mehr fort und ſahen auch ſelten oder nie einen Gaſt unter ſich. Und war es von außen her ſo ſtill geblieben oder noch mehr geworden, auch für das innere Leben dieſer Menſchen gab es nirgends eine rechte Störung. Was man von dem geliebten Kinde draußen vernahm, klang von Anfang an friedensvoll und beruhigend, und wenn es in dem Einen oder Andern während der erſten Zeit noch einige Zweifel gegeben hatte, ob die Briefe, welche von Neapel kamen, auch wirklich das Richtige und Wahre meldeten, ſo ſchwanden doch auch dieſe, als vor einigen Jahren Henriette, welche, wie wir wiſſen, damals in Familienangelegenheiten nach Deutſchland gekommen war, ſelbſtverſtändlich auch zu Othmaringen verweilte und von Charlotten und ihrer Ehe im Ganzen nur Gutes mitzutheilen hatte. Dann war freilich die wilde Zeit gekommen, wo der Thron des Königs Franz um⸗ geſtürzt wurde und die von allen Einſichtigen längſt für unhaltbar erkannten Zuſtände ein jähes Ende fan⸗ den. Man verlebte damals im Schloß ſorgenſchwere Monate, bis man über das Geſchick der Seinen volle Beruhigung erhielt. Dieſe Beruhigung war dann aber auch eine deſto vollſtändigere, denn daß ein Mann von Baron Othmar's Charakter vollkommen auf der Seite ſeiner Tochter und ſeines Schwiegerſohns ſtand und das Auftreten und Handeln des letztern, ſeine Treue gegen den geſtürzten König, das entſchiedene Einſtehen für ſeine Ueberzeugung von ganzem Herzen billigte, brauchen wir den Leſern nicht erſt zu erklären. Im Gegentheil ſtand Graf Felix ſeitdem bei dem Baron in größerer Achtung als je zuvor, und wenn er überhanpt eine Klage über denſelben hatte, ſo mochte es mög⸗ licherweiſe nur die ſein, daß ſeine Kinder auch jetzt, trotz ihrer äußern völligen Freiheit, ſtzts von Othma⸗ ringen fern blieben. Möglicherweiſe, ſagen wir, denn von einer beſtimmten dahin lautenden Aeußerung war bei dem Baron in dieſem Falle faſt noch weniger die Rede als bei irgend einer andern Gelegenheit. Der alte Herr war ſeit dem Abſchied von ſeinem Kinde womöglich noch ſtiller ge⸗ worden als je zuvor und hatte ſich immer mehr in ſich ſelbſt zurückgezogen. Von einem wirklichen Ver⸗ kehr mit den Seinen war längſt ſo gut wie gar nicht mehr die Rede, er lebte ſelbſt in Othmaringen faſt immer nur für ſich und ſuchte obendrein häufiger als je und nicht blos für einige Tage, ſondern zuweilen für Wochen die Einſamkeit von Neu⸗Othmar auf, dort mit ſeinem alten Kammerdiener hauſend und, man wußte kaum, welchen Beſchäftigungen hingegeben. Früher hatte dieſes Leben und Treiben, wie wir wiſſen, die Seinen beunruhigt, war jetzt jedoch längſt für ſie zu etwas Gewöhnlichem und Unabänderlichem geworden, und zwar um ſo leichter, als ſie an dem Alten keine bedenkliche Wirkung und keine ſchlechten Folgen von demſelben wahrzunehmen vermochten. Der c —— —m 1n 157 Baron war für ſeine nunmehr ſchon hohen Jahre ein geſunder und ſogar rüſtiger Mann, und wie ernſt und zurückhaltend ſeine Stimmung auch ſein mochte, zeigte ſie ſich doch niemals mehr, wie vordem zuweilen, ge⸗ drückt oder gar finſter. Im Gegentheil erſchien er ſtets zufrieden, ja, wo die Gelegenheit ſich dazu fand, in ſeiner Weiſe theilnahmvoll und freundlich, nur aller⸗ dings ohne viel Worte, geſchweige denn mit einer lebhaften Aeußerung. Für die Seinen bedurfte es deſſen allerdings auch nicht. Man kannte ihn und ſeine Weiſe gut genug, um niemals über das im Zweifel zu ſein, was es in ſeinem Innern gab. Lebhaft und angeregt, wohl verſtanden und wieder⸗ holt geſagt, in ſeiner Weiſe, hatte man ihn in all dieſen Jahren nur zwei⸗ oder dreimal geſehen. Be⸗ ſonders war dies der Fall geweſen, als Bilingsfelden, der ja ſein erklärter Liebling war, ihm zuerſt die Prin⸗ zeſſin Conſtanze als ſeine Gemahlin zugeführt und vor⸗ geſtellt hatte und wenn das Paar von der Zeit an dieſe Beſuche zuweilen wiederholte. Er ließ es das Paar ſelbſt und die Seinen erkennen, daß er der Fürſtin die ganze Neigung ſeines Herzens zugewendet habe, eine Neigung, welche ſogar noch diejenige zu Bilings⸗ felden übertraf. Denn als ſpäter in dieſe Ehe jene traurigen Störungen traten, welche zu ihrer völligen Auflöſung führten, ſtand er mit einer an Starrheit grenzenden Entſchiedenheit auf der Seite der Dame und verweigerte Bilingsfelden, der nach der Trennung einmal zu Othmaringen erſchien, jede Begegnung mit einer Härte, die ſelbſt Florian Hausmann bis dahin nie in ihm geahnt hatte. Eine ähnliche, faſt ſtarr zu heißende Entſchiedenheit zeigte er nur noch einmal und zwar gegen den Prinzen Hermann, der, bei der Eröffnung jener oben erwähnten Eiſenbahn in die Nähe gelangend, mit ſeinem Adju⸗ tanten Dagobert Othmaringen und andern Begleitern im Schloß erſchien, um, wie er in ſeiner unumwun⸗ denen Weiſe ſagte, den alten einſamen Schwarzkünſtler kennen zu lernen, ein wenig aufzuheitern und zwiſchen ihm und ſeinen Verwandten eine ſegensreiche Verſöh⸗ nung zu ſtiften. Aber die Kälte und Starrheit des alten Herrn war ſo außerordentlich geweſen, daß ſelbſt der Prinz mit ſeiner Rückſichts⸗ und Schrankenloſigkeit davor nicht Stand hielt, ſondern entwich. Dagobert war während der zwei bis drei Stunden, welche die Geſellſchaft im Schloß und ſeiner Umgebung verweilte, für den Baron gar nicht vorhanden geweſen; er hatte weder ein Wort noch einen Blick für ihn gehabt. Das war denn nun auch ſchon wieder manche Zeit her und das Leben von neuem ſo ſtill geworden, — 159 wie kaum jemals bisher, ohne irgend eine Störung oder Unterbrechung. Graf Felix war mit Charlotten in jener Niederlaſſung der vornehmen Geſellſchaft dem Vaterlande ſo viel näher. Die Verbindung war leichter und ſchneller. Charlotte ſchrieb ziemlich häufig und allem Anſchein nach völlig geſund, heiter und zufrieden. Die Briefe Henriettens lauteten freilich nicht ganz ſo gut, ſondern enthielten einen gewiſſen ſchweren Ton, der unter andern Umſtänden die liebevollen Herzen der alten Leute hätte beunruhigen können. Sie wußten jedoch aus Charlottens Mittheilungen, daß das Mäd⸗ chen, das ſie ſelber als ernſt und, wie Frau von Sold⸗ nau es hieß, hypochonder kannten, jetzt obendrein lei⸗ dend ſein ſollte und daher Alles in einem trüben Licht ſehen mochte, wie es weder für die Dortigen, noch hier für ſie ſelber ſonſt vorhanden war. Und ſelbſt das Auftreten Dagobert's und ſeine freundliche Aufnahme von ſeiten Charlottens beunruhigte ſie nicht, obgleich ſie allerdings den Herrn anders beurtheilten und Frau von Soldnau in ihrem und des Pfarrers Namen ein großes Mahnſchreiben in Betreff ſeiner erließ. Die Gräfin ſchrieb darauf beruhigend zurück. Dann kam die Nachricht von der flüchtigen Begeg⸗ nung mit der Prinzeß Conſtanze, eine kurze Bemerkung über das Eintreffen Bilingsfelden’s und ſeine Aufnahme 160 in die Villa Marina, eine Notiz, wie heiter man lebe und wie Charlotte an ſolchem Leben Vergnügen finde, kurz, nirgends auch nur eine Andeutung, welche daheim zur Unruhe, zu Sorgen hätte veranlaſſen können. Im Gegentheil, wiederholen wir, es ſchien Alles gut, ja beſſer zu ſtehen als je zuvor, und man trug ſich oben⸗ drein zu Othmaringen mit der ſtillen Hoffnung, daß der Herbſt vielleicht ſogar ein endliches Wiederſehen herbeiführen möge. Daß das gräfliche Paar reiſen wollte, war bereits ausgeſprochen; Charlotte hatte ihre Sehnſucht nach der Heimat und den Ihren ein paar Mal lebhaft betont, und da der Graf jetzt völlig frei war, ließ ſich am Ende nicht abſehen, weshalb er ſol⸗ chem berechtigten Wunſch noch länger entgegen ſein ſollte. Das Alles war zwiſchen den alten liebevollen Leuten, den Baron ſelbſtverſtändlich immer abgerechnet, gerade neuerdings häufig beſprochen worden, ja es war eigent⸗ lich in jede ihrer Unterhaltungen hineingeklungen als der Hauptſtoff ihres geſammten Denkens und Lebens und als das faſt einzige Glied, das ſie noch mit der Außenwelt in Verbindung erhielt. Und als der Pfarrer jetzt mit höflichem Gruß zu den beiden Damen in den Portikus trat, fand Frau von Soldnau es ſehr be⸗ greiflich, daß er, noch bevor er den von Fräulein Bertha 35 161 herbeigezogenen Stuhl annahm, die Frage laut werden ließ:„Nun, meine gnädige Frau, erhielten Sie geſtern neue Nachrichten von unſern Lieben? Ich ſah's, die Poſttaſche Auguſt's war ganz voll.“ Man hatte ſich in den letzten Tagen wenig geſehen, da die Hitze gar zu groß geweſen war und Pfarrer Hausmann trotz ſeiner tadelloſen Geſundheit allmälig dennoch die Laſt ſeiner Jahre zu ſpüren begann, ſodaß ihn nicht mehr jeder Tag zum Schloß hinaufführte. Zumal ſparte er ſich den Weg wohl hin und wieder, wenn der Hausherr, wie es auch gegenwärtig gerade der Fall war, ſich für einige Zeit nach Neu⸗Othmar zurückzog. Wir ſagten bereits, daß dieſe einſiedleriſche Neigung des Barons neuerdings ſich wieder häufiger offenbarte. Frau von Soldnau lächelte dem Geiſtlichen ein wenig ſchalkhaft entgegen.„Ei, ei, Pfarrer“, verſetzte ſie;„alſo von außen muß es kommen, was Sie noch zu uns herauflockt? Das finde ich recht ungalant und obendrein, mit Ihrer Erlaubniß, kaum recht ſtandes⸗ gemäß. Drum folgt aber auch ſogleich die Strafe. Sie haben Ihren Gang umſonſt gemacht, denn außer den beiden Briefen für Sie und den Zeitungen, die ich Ihnen hinunterſchickte, war nichts von Bedeutung da. Ernſtlich geſprochen aber“, fügte ſie im mehr ge⸗ Hoefer, In der Welt verloren. III. 11 wöhnlichen Tone hinzu,„wie kämen uns jetzt ſchon wieder Nachrichten von den Kindern? Es ſind noch keine drei Wochen ſeit den letzten Briefen, und ſo ſchreibſelig ſind ſie beide nicht.“ Florian Hausmann ließ ſich nieder und legte die Zeitungen, die er aus der Taſche gezogen hatte, auf den Tiſch. Man ſah es wohl, daß der Scherz der Dame augenblicklich keinen rechten Anklang in ihm ge⸗ funden hatte.„Nun, meine gnädige Frau“, ſagte er, „eine Frage reiner Neugierde war die meine denn am Ende doch nicht, ſondern hatte einen beſondern Grund. Haben Sie die Zeitungen geleſen?“ „Nein“, entgegnete ſie mit einer bemerkbaren Span⸗ nung,„ich ſchickte ſie Ihnen gleich hinab; es war zu dunkel für mich und bei Licht leſe ich nicht gern. Was gibt's?“ „Hm, ich fand ein paar Zeilen aus**, die mir es glaublich erſcheinen ließen, daß Charlotte oder Hen⸗ riette geſchrieben hätten; weshalb, weiß ich ſelber kaum, da die Kinder uns allerdings niemals eigentlich Der⸗ artiges mitgetheilt haben.“ Das Auge der alten Frau hing mit einem beinahe erſchrockenen Blick an ſeiner ernſten Miene.„Pfarrer, Sie ängſtigen mich! Was um Gotteswillen iſt ge⸗ ſchehen?“ fragte ſie drängend. 163 „Ruhe, Ruhe, alte Freundin“, erwiderte er beſchwich⸗ tigend;„Ihre Angſt iſt ungerechtfertigt, denn von den Kindern iſt dabei keine Rede. Ich ſagte ja auch ſchon, daß ich ſelber nicht wüßte, weshalb mich der Artikel überraſchte und mich Nachrichten von dort erwarten ließ. Es iſt etwas, das in der vornehmen Welt ja wohl öfters vorkommt.“ Und indem er die Zeitung auseinanderſchlug, beugte er ſich näher über ſie und las nach kurzem Suchen: „** Anfang Juli. Ein leider nicht unerhörter, aber ſtets trauriger Fall hat die Fremden, welche hier noch leben, und die Stadt in große Beſtürzung verſetzt. Eine der vornehmſten und liebenswürdigſten Damen des Fremdenkreiſes iſt plötzlich mit einem Herrn abge⸗ reiſt, der ſeit einigen Monaten hier ſeiner leidenden Geſundheit wegen ſich aufhielt. Der Fall iſt um ſo räthſelhafter, als die Dame bisher des tadelloſeſten Rufes genoß und in der glücklichſten Ehe zu leben ſchien, während der Herr, eine in Mancher Augen zwei⸗ deutige Perſönlichkeit, ſich bisher auch von ſeiten der Dame nur der allgemein menſchlichen Theilnahme zu rühmen hatte, welche ſein leidender Zuſtand erklärlich machte. Der entrüſtete Gemahl der unglücklichen Frau hat denn auch ſeinen Freunden erklärt, daß er keinen Schritt zu einer in ſeinen Augen unmöglichen Aus⸗ 11* 164 gleichung thun und von einer Verfolgung des Paares nichts wiſſen wolle.“ Das iſt Alles“, fügte der Pfarrer, die Zeitung wieder zuſammenfaltend, hinzu,„und, wie es ja auch hier ſteht, in unſerer Zeit und ſolchen Kreiſen nicht gerade unerhört. Ich ſagte ja auch, die Kinder haben uns niemals dergleichen Dinge berichtet, und dennoch — es hilft nichts!— erwartete ich diesmal eine Nach⸗ richt. Die Geſellſchaft iſt klein, wiſſen wir, es müſſen ja faſt genaue Bekannte ſein—“ „Ja, es iſt abſcheulich, ganz abſcheulich!“ ſprach Frau von Soldnau mit hörbarem Beben der Stimme und in einer gewiſſen zitternden Unruhe dazwiſchen.„Aber, Pfarrer, was erſchreckt mich ſo an dieſem Fall, was erſchreckt mich ſo?“ Und nachdem ſie ſich durch einen haſtigen Blick überzeugt hatte, daß ihre Geſellſchafterin auf irgend eine Meldung eines Dieners ins Haus ge⸗ treten und verſchwunden war, ſetzte ſie, die Hände krampfhaft in einander ſchlingend, in einer Art von Verzweiflung hinzu:„Pfarrer, wenn es uns näher an⸗ ginge! Pfarrer, Bilingsfelden iſt dort! Pfarrer, erinnern Sie ſich an meine alte ſchreckliche Sorge— Pfarrer, Pfarrer, wäre es möglich?“ „Pfui, Frau von Soldnau!“ ſagte Florian Haus⸗ mann ſtreng und zürnend.„Beſinnen Sie ſich! Be⸗ 165 3 denken Sie, was Sie ausſprechen, wen Sie an⸗ klagen!“ Sie hatte beide Hände vor die Augen gepreßt. „Pfarrer, wenn ich damals dennoch Recht gehabt hätte!“ murmelte ſie. 2 „Und wenn Sie zehnmal, hundertmal Recht gehabt hätten“, verſetzte er noch ſtrenger, noch zürnender,„iſt das Ihr Glaube, Ihr Vertrauen zu unſerm Kinde, zu unſerer Roſe, zu dem beſten, edelſten, reinſten Geſchöpf, das jemals aus der Hand des gnädigen Gottes her⸗ vorgegangen iſt? Ich geſtehe Ihnen“, redete er auf⸗ 3 ſtehend weiter,„es trifft mich wie eine eigene Sünde, daß ich nur ein Wort auf dieſen— wie ſage ich nur? — abſcheulichen Verdacht entgegne, den Sie weder vor Gott noch ſich ſelbſt verantworten, den Sie durch keine Buße und Reue wieder gut machen können!“ Er ging, nach Faſſung ringend, ein paar Mal raſch auf und ab, und als er dann wieder vor ihr ſtehen blieb, ſagte er wirklich mit milderem, faſt traurigem Blick und Ton: „Bitten Sie es Gott und der heiligen Jungfrau auf 1 Ihren Knieen ab, alte Freundin! Sie müſſen krank, ſehr krank ſein, daß dergleichen in Ihrem Kopfe ent⸗ ſtehen, daß Ihre Lippen es ausſprechen konnten!“ Sie hatte die Hände vom Geſicht ſinken laſſen und das Haupt tief auf die Bruſt geneigt. Nun erhob ſie ₰ 166 es und ihr Auge begegnete dem ſeinen mit einem Aus⸗ druck, als ſei alles Leben in ihr erſtarrt.„Ja, mein alter Freund“, ſagte ſie leiſe und mit einer faſt ton⸗ loſen Stimme,„ich weiß es, es iſt entſetzlich, was ich dachte, und entſetzlich, was ich ſagte; Sie müſſen mich für wahnſinnig halten! Aber noch entſetzlicher iſt's, daß ich dieſen furchtbaren Gedanken nicht los werde, daß Ihre Worte mich nicht aus ihm emporreißen! O Pfarrer, ich muß Gewißheit haben oder ich ver⸗ zweifle!“ Florian Hausmann ſchüttelte noch immer mit zür⸗ nendem Ausdruck den alten Kopf.„Ich begreife und verſtehe Sie nicht; das bleibt das A und das O all meines Denkens“, ſprach er, brach ſeine Rede aber damit ſchon wieder ab, da in dieſem Augenblick vom Dorfe herauf die Klänge eines Poſthorns zu ihm dran⸗ gen, Töne, welche der jüngern Generation der Thal⸗ bewohner vermuthlich völlig neu waren. Zwiſchen die Säulen des Portikus vortretend, ſah er auch bereits einen Wagen, der eben auf die Straße herauflenkte. „Wahrhaftig eine Extrapoſt!“ ſagte er, hörbar nicht un⸗ zufrieden über die Störung.„Wer mag das ſein? Sie haben uns da draußen ja alle vergeſſen!“ „Nur das Unglück nicht!“ murmelte die alte Dame, indem ſie ſich erhob und zu ihm ging. 167 Er ſah ſie ſcharf und mißbilligend an, ſagte jedoch nichts, da in der Thür bereits ein Diener erſchien, um die angekündigten Gäſte zu erwarten, und wandte ſein Auge wieder dem Wagen zu, der ſchwerbepackt von den vier Pferden nur langſam die ziemlich ſteil anſteigende Straße heraufgezogen wurde. Doch war er immerhin ſchon nahe genug, um die alten Leute erkennen zu laſſen, daß ſich auf dem hintern Bock ein paar Men⸗ ſchenkinder wie Kammerfrau und Diener unter den ausgebreiteten Schirmen gegen den unaufhörlichen Regen zu ſchützen ſuchten. Jetzt hatte das Fuhrwerk endlich die Höhe erreicht, der Poſtillon trieb nach einem letzten Hornſchmettern die müden Gäule an und fuhr mit ſtolzem Zuge um den kleinen Platz vor die Stufen des Portikus. Der Diener kletterte, ältlich und wohlgenährt, wie er war, nicht gerade leicht von ſeinem hohen Sitz herab, ſodaß ſein Othmaringer Kamerad von der Thür her ihm weit zuvorkam und den Tritt niederſchlug und den Schlag öffnete, und im nächſten Augenblick zeigte ſich in dieſem den beiden alten Zuſchauern das unabänderlich elegante Reiſecoſtüm und das unverfallene Geſicht der Baronin Vögelsbach. „Gott ſei uns gnädig, es iſt Armgard! Sie bringt uns Nachrichten!“ murmelte Frau von Soldnau, ſo bleich wie die Wand und ſich unwillkürlich, wie halb bewußtlos, an die nächſte Säule lehnend. „Frau von Soldnau, beſinnen Sie ſich!“ flüſterte der Geiſtliche in beinahe drohendem Tone ihr zu, allein auch in ſeinen Zügen hatte ſich bei der Erſcheinung der Baronin der Ausdruck einer nichts weniger als angenehmen Ueberraſchung ausgeprägt. Denn das Zuſammentreffen dieſes Beſuchs mit jener Zeitungs⸗ nachricht war allerdings ein ſehr überraſchendes und bedenkliches, ſodaß ſelbſt das feſteſte Herz und der klarſte Kopf ſeinem Eindruck unterliegen mußten. Frau von Vögelsbach war ſeit der Verheirathung ihres Sohnes, obgleich ſie ſeitdem, ihre Sommerreiſen abgerechnet, ſtets in der nicht fernen Reſidenz verweilte, nur ein einzig Mal und zwar gleich im erſten Früh⸗ ling wieder zu Othmaringen erſchienen, um ein Straf⸗ gericht zu halten über die Bewohner deſſelben, von denen ſie ſich in ihren heiligſten Gefühlen und Rechten auf das unverantwortlichſte und rückſichtsloſeſte verletzt erklärte. Ihr Plan, ihr Vorſatz, ihr Wunſch und Wille, das junge Paar zu begleiten und unter ihre mütter⸗ liche Obhut, in ihre durch ihr langes Geſellſchaftsleben bis zur Meiſterſchaft gediehene und erſtarkte Lehre zu nehmen, war bekanntlich von ihrem„ſchwachen, unkind⸗ lichen, herzloſen“ Sohn in der kürzeſten und entſchie⸗ 169 denſten Weiſe von der Welt umgeſtoßen worden, weil, wie er geſagt habe, er ſo gut wie Charlotte dieſer Lehre entwachſen ſeien und er die Freiheit der letztern in keinem Punkt beſchränkt ſehen wolle. Er könne ſeiner Mutter nicht verwehren, ſollte er in dieſer bittern Conferenz erklärt haben, den gleichen Aufenthaltsort mit ihm zu wählen, aber er gebe ihr die Verſicherung, daß er auch den leiſeſten Eingriff in ſeine Ehe und ſein Haus energiſch zurückweiſen und überdies augen⸗ blicklich um ſeine Verſetzung einkommen werde.„Bis nach Tombuctu, hat er geſagt!“ fügte die Dame zorn⸗ ſprühend hinzu, da ſie ihrem Bruder und den alten Hausgenoſſen dieſe Scene— man möchte ſagen: vor die Füße warf, die allerdings auch nach Abrechnung aller Uebertreibungen, deren man ſich von der reizbaren und gereizten Dame verſehen konnte, des Verletzenden viel enthalten haben mochte. Sie behauptete endlich ihren Sohn viel zu gut zu kennen, um anzunehmen, daß dieſe abſcheuliche Unkindlichkeit und Hartnäckigkeit in ihm ſelber entſtanden und von ihm ſelber ausge⸗ gangen ſei. Sie wiſſe ſehr wohl, daß ihm dies Alles zu Othmaringen eingeblaſen worden ſei. Aber die Zeit werde ſchon kommen, wo man die Strafe für ſolche Sünden empfange und die Folgen eines ſo herz⸗ und kopfloſen Handelns auf ſich zu nehmen habe. 170 Die Dame war, mit einem Wort, in ganz außer⸗ ordentlicher Aufregung, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Erklärungen, welche ſie zu Othmaringen über das Verfahren ihres Sohnes erhielt, bei dieſer ihrer Stimmung noch weniger Wirkung, ja eher ſogar eine faſt entgegengeſetzte auf ſie machten; aber ebenſo be⸗ greiflich iſt es auch, daß ihre Gereiztheit und Schranken⸗ loſigkeit im Verein mit den leicht erkennbaren Ueber⸗ treibungen nicht nur bei ihrem Bruder, ſondern auch bei Frau von Soldnau und Florian Hausmann des Eindrucks völlig verfehlten. Der erſtere zog ſich als⸗ bald kalt zurück, und nach einer Auseinanderſetzung mit dem Stand haltenden Florian, die von dieſem mit ſeiner ganzen Würde und Offenheit geführt wurde, ſchied die Baronin mit womöglich noch geſteigertem Zorn und der Verſicherung, daß man ſie zu Othmaringen nicht wiederſehen werde. Das Verſprechen hatte ſie denn auch bis jetzt ge⸗ halten, obgleich ſie im Uebrigen längſt wieder ihren Zorn aufgegeben und ſich für verſöhnt erklärt hatte. Es gab in ihren finanziellen Verhältniſſen allzuviel Verwirrung, die nur durch die ſtets bereite Hülfe des Bruders überwunden werden konnte; ſie fühlte ſich allmälig in ihrem neuen Lebenskreiſe heimiſch und zu⸗ frieden und mußte endlich anerkennen, daß das junge . —— 171 Paar da draußen auch ohne ihre Hülfe und Aufſicht mit dem Daſein auf das glänzendſte fertig zu werden vermochte. Gekommen aber war ſie, wiederholentlich geſagt, nicht und hatte ſelbſt eine wirkliche Einladung mit der Erklärung abgelehnt, daß ſie, wenn überhaupt noch eine Reiſe, nur die alljährliche in ihr gewöhn⸗ liches Bad unternehme. Ihre jetzige Ankunft, der oben⸗ drein ganz gegen ihre Gewohnheit keine Anmeldung vorausgegangen war und die daher ihrem Bruder gleich jeder Ueberraſchung unlieb ſein mußte, hätte ſomit auch zu andern Zeiten und unter andern Umſtänden auf dem Schloß einen vermuthlich nichts weniger als an⸗ genehmen Eindruck gemacht. Ihre Erſcheinung, da ſie nun aus dem Wagen ſtieg und den beiden alten Leuten entgegenkam, verringerte das unheimliche Gefühl, welches, wie wir ſagten, ſelbſt den Pfarrer durchdrungen hatte, keineswegs. Es war etwas Schleppendes und Leidendes in ihren Bewegungen, ihren Zügen, ihrer ganzen Haltung, das um ſo mehr auffallen mußte, je hochmüthiger und unzugänglicher Frau von Vögelsbach ſonſt in den gewöhnlichen Lebens⸗ lagen zu erſcheinen und ſich zu zeigen liebte. Und jetzt, da ſie vor den Beiden ſtand und ihnen mit einem: „Seien Sie gegrüßt, mes pauvres amis!“ die Finger⸗ ſpitzen entgegenhielt, wurde der Ausdruck noch deut⸗ 172 licher: das Leidende ſprach auch aus ihrem Blick, und in ihrem Tone lag daneben auch noch etwas Bedeu⸗ tungsſchweres und Klagendes, ſodaß es der Worte, mit denen ſie ebenſo fortfuhr, kaum noch bedurft hätte: „O mes pauvres amis, ich ſehe Sie hier, ich leſe in Ihren Mienen das Vernichtende! So drang die Kunde denn ſchon zu Ihnen, und mir armen Mutter bleibt die Qual erſpart, das erſte entſetzliche Wort zu Ihnen zu ſprechen!“ Frau von Soldnau ſtand leichenblaß und jedes Wortes unfähig. Sie zitterte ſo heftig, daß der Geiſt⸗ liche ihren Arm in den ſeinen zog.„Frau Baronin“, ſagte er dann gepreßt,„Ihre— dieſe Worte bei Ihrem Eintritt—“ „Zeigen Ihnen, wie auch ich zuſammenbreche unter dieſem Schmerz!“ unterbrach ſie ihn.„Aber laſſen Sie uns eintreten, daß wir nicht den Dienern ein ſo trau⸗ riges Schauſpiel geben. Meine Theure, beherrſchen Sie ſich! Es muß ja freilich gerade für Sie ein Ban⸗ ditenſtoß mitten in das Herz geweſen ſein! Aber auch bei Ihnen muß Zorn und Verachtung jedes andere, mildere Gefühl überwinden!“ redete ſie immer noch im gleichen Tone fort, in die Thür tretend und weiter ſchreitend bis zum Frühſtückszimmer, das ſich gegen die Veranda öffnete. Und als ſie ſich hier mit den beiden — ͦ— ihr Folgenden allein ſah, brach ſie voll weinender Em⸗ phaſe in die Worte aus:„O mes pauvres amis, ich möchte ſterben! Und wie nimmt es mein armer, theurer, unglücklicher Bruder auf?“ „Sieh da, Armgard, biſt Du's? Von ſolchem Reiſe⸗ plane ahnte ich ja nichts! Und nun ſo klagevoll, und mich heißeſt Du unglücklich?“ ſagte in dieſem Augen⸗ blick Baron Othmar, der eben von der Veranda herein⸗ trat, in ſeiner ſtillen, faſt theilnahmloſen Weiſe. Und zu einer andern Stunde würde ſein plötzliches Erſcheinen die Hausgenoſſen kaum überraſcht haben, da er ſie längſt an ſein ſtets unberechenbares Gehen und Kommen gewöhnt hatte, während nun Frau von Soldnau einen dumpfen Schreckensruf laut werden ließ und der Pfarrer, deſſen Geſicht bei den letzten Worten der Baronin ſich wie zürnend geröthet hatte, ſichtbar erſchreckend zu⸗ ſammenfuhr. Frau von Vögelsbach wußte freilich von der bis⸗ herigen Abweſenheit ihres Bruders nichts. Sie eilte ihm entgegen, ſie umſchlang ihn mit einer— wir müſſen wohl ſagen: theatraliſchen Leidenſchaft und rief wiederum voll jener weinenden Emphaſe:„O Othmar, mein un⸗ glücklicher Bruder! Was will unſer Schmerz, unſer Zorn heißen gegen das, was Dich bewegt!“ „Dies iſt mehr als chriſtlich, dies iſt mehr als — ͦ—— 174 menſchlich!“ ſagte der Geiſtliche zürnend und in ſtarkem Tone.„Sprechen Sie's endlich aus, Frau Baronin! Das Schlimmſte iſt nicht ſo ſchlimm wie dieſe Ihre grauſamen Andeutungen!“ Und Baron Othmar, der ſich faſt heftig aus ihren Armen los machte, fügte gleichfalls zürnend hinzu:„Ja, der Faſelei wäre genug, dächte ich!“ Sie blickte wie mit tiefer Ueberraſchung von einem zum andern.„Ihr habt noch keine Nachricht von**, von der unerhörten—“ „Von wem redeſt Du?“ unterbrach der Bruder ſie plötzlich drohend.„Von Deinem Sohn oder von meiner Charlotte? Sage heraus, was Du haſt. Aber hüte Dich vor Anklagen und Lügen, wer auch der Zuträger ſein möge! Bei uns finden ſie keinen Glauben, aber vielleicht Strafe, Armgard, erbarmungsloſe Strafe!“ Sie fuhr auf, ihr Blick begegnete dem ſeinen voll zürnender und zugleich hochmüthiger Verachtung.„Mein Herr Baron, ſehen Sie zu Ihren Worten!“ ſprach ſie heftig.„Es ſteht keine Verworfene vor Ihnen, ſondern Ihre Schweſter, die Mutter des armen Felixy! Mein Zuträger— die ganze Geſellſchaft iſt's, die ganze Welt! Durch die Zeitungen klingt die Entwürdigung, die Ent⸗ ehrung, die—“ „Armgard, Du biſt wahnſinnig!“ rief er drohend. 175 Ihr Auge traf ihn noch einmal mit jenem hoch⸗ müthigen, verachtungsvollen Blick, dann aber wurde es plötzlich milder und ſie ſagte, wenn auch noch in ſcharfem Ton:„Ich verzeihe Dir! Halb kenne ich Eure Affen⸗ liebe und Verblendung, halb iſt, was geſchah, für einen Menſchen von Ehre, Würde und Religion allerdings über jedes menſchliche Begreifen und Glauben hinaus! Ich wollte, falls Ihr's nicht wüßtet, Euch ſchonen ſo lange wie möglich. Aber ich ſehe, es paßt hier nicht. Und daher: ganz**, die ganze Welt weiß es und ver⸗ dammt es, daß die Gräfin Eylingshauſen, die Krone aller Frauen, Eure Charlotte, den Nimbus von Ehre und Würde, deſſen ſie ſo prahleriſch ſich rühmen ließ, ſelber und für immer wie eine Wahnſinnige zerſtörte und, deutſch geſagt, mit ihrem Vetter Dagobert Oth⸗ maringen davongelaufen iſt.“ Es war todtenſtill im Gemach. Frau von Soldnau lag ohnmächtig in dem Seſſel, an dem ſie bisher ſich mühſam aufrecht erhalten hatte. Neuntes Kapitel. VBerurtheilt. Das war denn allerdings eine Kunde und ein Fall, wie ſie über Othmaringen, ſeit es eine Familie dieſes Namens gab, noch niemals mit ſo furchtbarer, läh⸗ mender und vernichtender Wucht hereingebrochen ſein mochten. Wir mußten es zum Beginn dieſer Erzählung erwähnen, daß dem alten Stamm zu keiner Zeit eigent⸗ lich hervorragende Menſchen entſproſſen waren, viel⸗ mehr bei all ſeinen Gliedern mehr oder minder die gleiche Schlichtheit und Einfachheit, die ruhige Zu⸗ friedenheit in dem ſelbſterwählten, verhältnißmäßig engen Daſeinskreiſe ſich wiedergefunden hatte. Nach den Ehren und dem Glanze der Welt hatten ſie nie geſtrebt, ſtatt deſſen aber deſto ruhiger und feſter auf die eigene Ehre und Würde gehalten, die, von den 177 Ahnen forterbend, bei den Nachkommen längſt zu einer Art von unveräußerlichem Familien⸗ und Stammes⸗ eigenthum geworden und, ſoweit man zurückzudenken vermochte, kaum jemals von irgend einem Gliede der Familie auch nur für Augenblicke vergeſſen war. Daß die in der Welt lebende Nebenlinie, welche doört nach Rang und Ehre zu ſtreben hatte und ſich dem großen Leben anbequemen mußte, über dergleichen weniger ſtreng denken lernte, hatte ſie ſchon deswegen und lange vor der die Jetztlebenden trennenden Feindſchaft dem alten Hauptſtamm gewiſſermaßen entfremdet, und daß die jetzige Baronin Vögelsbach in ihrem Weltleben nicht immer im Stande geweſen war oder Luſt gehabt hatte, auch den Schein zu wahren, trennte ſie von ihrem Bruder innerlich ebenſo ſehr, wie vordem von dem alten ſtrengen Vater, wenn Othmar dieſe Trennung, gemäß ſeinem Charakter und ſeiner Stellung als Bruder, auch nur in der Gleichgültigkeit zu erkennen gab, mit der er ſeine Schweſter gehen und kommen und unbehindert ihre eigenen Wege verfolgen ließ. Jetzt aber ſollte es die Roſe von Othmaringen ſein, diejenige, der ſeit ihrer erſten Lebensſtunde alle Herzen gehörten, die in dieſen ſtillen Thälern ſchlugen, diejenige, in der alle die Ihren den Ruhm und Stolz und die Krone ihres Geſchlechts erblickt hatten und ſo zu ſagen Hoefer, In der Welt verloren. III. 12 178 die Krone, den belebenden Hauch ihres eigenen Daſeins liebten, diejenige endlich, in der ſelbſt der alte melan⸗ choliſche Vater einen Erſatz für all das Unglück, für all die Verluſte ſah und fand, welche ihm das Leben gebracht hatte, und durch welche allein er ſich überhaupt noch mit dem Leben verbunden wußte. Und ſie ſollte hinabgeſtiegen ſein aus ihrer reinen Höhe in den tiefſten, ſchmuzigſten Staub der Erde! Sie ſollte gebrochen haben, aus freien Stücken, mit allen Grundſätzen, mit aller Ehre und Würde, mit allen reinen und edlen Gefühlen, ſie, die bisher tadel⸗ und makellos durchs Leben gegangen, ſie, welche nichts und Niemand bisher auch nur um einen Schritt von ihrer ſtillen, ſchönen, lichten Bahn hatte verlocken können! Sie fortgeriſſen von einer ungeregelten, überwältigenden Leidenſchaft, ſie, die ſelbſt in den bewegteſten Stunden ihres Lebens, in jeder Lage ſich das reinſte Maß zu bewahren verſtanden, ſie zu einem Schritt fortgeriſſen, der ſie für immer nicht nur von den Ihren trennen mußte, ſondern auch von Allem ſchied, was, noch dem Anſtand unterthan war und der Ehre; je höher ſie ge⸗ ſtanden, deſto tiefer hinabſinkend, weit unter jene Frauen, über welche die Welt die Achſeln zuckt und ſie dennoch ſchweigend duldet, weil ſie zum mindeſten den äußern Schein wahrten, zu jenen, die man ausſtößt und aus⸗ 179 ſchließt und für die man nichts mehr hat als Miß⸗ achtung! Und das Alles für einen Menſchen, von dem man ſelbſt zu Othmaringen genug wußte, um ihn zu den Armſeligſten, zu den Zweideutigſten ſeines Ge⸗ ſchlechts zu zählen! Aber war es denn nur möglich? Konnte man es glauben? Und dennoch, konnte noch ein Zweifel beſtehen, nach⸗ dem der— ſo mußte man ihn wohl heißen— wahn⸗ ſinnige Schritt in den Zeitungen aller Länder bald ſchonender, bald offener beſprochen worden, nachdem der unerhörte Fall in den Hof⸗ und Geſellſchaftskreiſen der Reſidenz ſchon mehrere Tage laut und leiſe be⸗ ſprochen worden, und nachdem Excellenz Othmaringen ſich ſelber um Aufklärung an Frau von Vögelsbach gewendet und Fürſt Hermann in ſeinem Abendeirkel die begreiflicherweiſe raſch verbreitete Aeußerung gethan, daß er ſeinen lieben Adjutanten bisher unterſchätzt zu haben ſcheine, da derſelbe im Stande geweſen ſei, ein ſolches Weltwunder wie die Gräfin Eylingshauſen zu beſiegen? Und auch der letzte Zweifel mußte beinahe ſchwinden, als die Baronin nun endlich den Brief ihres Sohnes vor⸗ legte, den ſie erſt vor ein paar Tagen erhalten hatte und infolge deſſen ſie die Reiſe nach Othmaringen antrat. 12* 180 Graf Felix ſchrieb auf das gefaßteſte und würdigſte. Er hatte ein paar Tage vergehen laſſen, um ſeine an⸗ fängliche Betäubung zu überwinden und die nothwen⸗ digen Entſchlüſſe mit Klarheit und Entſchiedenheit zu faſſen. Er gab eine kurze Schilderung deſſen, was in den letzten Wochen geſchehen war. Er gedachte der ſchon längſt bemerkten, ſtets zunehmenden Leidenſchaft Dagobert'’s für ſeine Frau, welche der rückſichtsloſe Mann kaum nöthig gefunden hatte, auch nur ober⸗ flächlich zu verbergen. Jedermann habe ſie bemerkt, Jedermann habe darüber geſpottet, auch er ſelber, ob⸗ gleich er Charlotte einige Male vor Dagobert's Rück⸗ ſichtsloſigkeit gewarnt habe, die ihn bei Gelegenheit zu irgend einem für ſie peinlichen Eclat fortreißen möchte. Charlotte habe das unfreundlich zurückgewieſen, wie ſie ſich denn überhaupt zu ihm, Felix, trotz ſeiner liebe⸗ vollſten Aufmerkſamkeit und Zärtlichkeit, ſchon ſeit dem Winter immer kälter und fremder geſtellt, während ſie gegen alle Welt ſonſt nichts weniger als zurückhaltend geblieben ſei. Vielmehr ſei ihre zunehmende Neigung zu geſellſchaftlichen Zerſtreuungen, ihre oft ein wenig übertriebene Hingebung an dieſelben nicht ihm allein aufgefallen, da ſie ſo ganz ihrer ſonſtigen Weiſe wider⸗ ſprochen habe. Dies ſei zumal bemerkt worden, ſeit ſie vor ſechs — 181 bis acht Wochen eine Begegnung mit der durchreiſenden Prinzeſſin Conſtanze gehabt habe. Von der Zeit an ſei ſie fortwährend dem Einfluß Henriettens unterthan geweſen, den ſie bis dahin, wohl wiſſend, daß das Mädchen dem Grafen aus nicht näher zu erörternden Gründen abgeneigt war, ſich mehr fern gehalten habe. Nun habe ſie auch eine ſeltſame Eiferſucht gegen den Gatten zur Schau getragen wegen ſeiner in Wahrheit nur rein geſellſchaftlichen Aufmerkſamkeiten für eine in der Geſellſchaft hochgeachtete Fremde. Nun ſei ſie auch Bilingsfelden, der bei ihnen ſeit einigen Wochen gelebt, in einer Weiſe begegnet, die ihn, Felix, habe beſtürzen müſſen, da er hinter der vorgeſchobenen Kälte eine nur allzu erregte Theilnahme zu bemerken geglaubt. Und nun endlich habe er am letzten Morgen, mit Andern ins Zimmer tretend, Dagobert beinahe noch auf den Knieen vor ihr getroffen— um ſo beſtürzender, als Henriette ebenfalls im Gemache geweſen— ein Vorfall, für den ſie, da er abends herzlich und mahnend mit ihr geredet, kaum ein erklärendes Wort nöthig gefunden. Und am folgenden Morgen ſei ſie mit ihrer Jungfer und Henrietten, wie man bald erfahren, in Dagobert's Begleitung verſchwunden. Bilingsfelden ſei in eine wahre Raſerei ausgebrochen und ihr alsbald nachgereiſt. Daß er nach einem ſo extremen, aller Sitte Hohn 182 ſprechenden Schritt keine Möglichkeit einer Wiederaus⸗ gleichung vor ſich ſehe und ſich ſeinerſeits von Allem fern halten müſſe, was in den Augen der Welt für einen Verſuch gelten könne, die Sünderin und ihren Ruf zu retten, ebenſo aber auch, daß für ihn von keiner Verfolgung Charlottens und ihres Verführers die Rede ſein dürfe: das werde er nicht nöthig haben zu erklären. Sein Entſchluß ſei unumſtößlich, für ihn ſei die Sache abgethan. Er beauftrage die Mutter, die Mittheilung des Geſchehenen an Charlottens Vater auf die ihr paſſend erſcheinende Weiſe erfolgen zu laſſen, und er ſei ſicher, daß ſelbſt der Vater nach Ueberwin⸗ dung des erſten Eindrucks auf ſeiner Seite ſtehen werde, wie ſehr er anfänglich ihm auch zürnen und ihn ver⸗ dammen möge. Das ſei natürlich und müſſe er ſich ge⸗ fallen laſſen, an dem Ausgange zweifle er, wie geſagt, nicht. In die Heimat vermöge er noch nicht zu kommen, und noch weniger nach Othmaringen. Er werde ver⸗ muthlich eine längere Reiſe antreten. Endlich, und damit ſchloß der Brief, bitte er für die Unglückliche um alle irgend mögliche Nachſicht und Schonung. Wenn er je vermocht hätte, an etwas wie einen böſen Zauber zu glauben, ſo müßte es hier geſchehen ſein, wo, wenn irgend jemals, eine Sünde gegen die innerſte Natur des Menſchen vorzuliegen ſcheine. 183 Auf wie viel Zweifel und wirklichen Unglauben dieſer Brief auch bei den Othmaringern ſtieß, es war in demſelben trotzdem ein gewiſſes Etwas, gegen das der Unglaube je länger, deſto weniger anzukämpfen vermochte. Das war einerſeits die Leidenſchaftsloſigkeit und Klarheit, welche die ganze Darſtellung zu durch⸗ dringen ſchien, und andererſeits der Ausdruck des ruhigen und ernſten Selbſtgefühls, das, fern von aller Oſten⸗ tation, den Schreiber in der ganzen Angelegenheit auf den Punkt ſtellte und ſo zu ſagen den Punkt für ſich feſthalten ließ, welchen auch der entſchiedenſte Gegner am Ende dem Gatten nicht abſtreiten durfte. Und es war endlich und vor allem dieſer völlige Mangel an unerwieſenen und verdächtigenden Anklagen und Be⸗ ſchuldigungen, ſtatt deren leider die Thatſachen nur allzu deutlich und unwiderleglich ſprachen. Das Factum ſtand unſeligerweiſe feſt und ließ ſich durch nichts ableugnen noch beſchönigen. Mochte Charlotte zu jenem Schritt gelangt und gedrängt worden ſein, wie ſie wollte, daß ſie ihn und gerade dieſen gethan, das mußte ſelbſt die Liebevollſten und am billigſten Denkenden ihr, ſei es für immer, ſei es für lange, entfremden und ihren Ruf auch in den Augen der Ihren geradezu und auf immerdar vernichten. So ſtand es allem Anſchein nach bei Baron Othmar 184 4 ſelber, nachdem er die erſte zornige Ueberraſchung über⸗ wunden und Alles erfahren hatte, was ſeine Schweſter mittheilen konnte. Von irgend einer Aeußerung ſeiner⸗ ſeits oder gar von irgend einem wirklichen offenen Urtheil war keine Rede, wie denn in dieſem Kreiſe, wo man ſeine Weiſe kannte, dergleichen auch Niemand von ihm erwartet haben mochte. Er zog ſich entſchie⸗ dener als je in ſeine Einſamkeit und Abgeſchloſſenheit zurück, anſcheinend noch kälter und leidenſchaftsloſer als zu irgend einer andern Zeit oder bei irgend einer andern Gelegenheit, und ſchien dadurch den Seinen an⸗ zudeuten, daß für ihn und in ſeinem Sinn die Sache beendet ſei, gleichviel welche innern und verborgenen Stürme dieſer errungenen Faſſung vorausgegangen und mit welchen Schmerzen und Qualen er dieſe letzte Liebe und Hoffnung ſeines vereinſamten Lebens zu Grabe getragen haben mochte. Viel Worte hatte er auch in ſeinen ſogenannten guten Zeiten niemals über irgend etwas verloren, das ihm ſo oder ſo nahe trat und ans Herz griff, und noch weniger hatte er jemals, auch in den ſchwerſten Stunden ſeines Lebens, eigent⸗ liche Klagen laut werden laſſen. Es läßt ſich begreifen, daß dies völlige Verſtummen für die Seinigen, ohgleich ſie daſſelbe gewiſſermaßen hatten erwarten können und obendrein ſo zu ſagen 4 8 — 3 8 185 ſeinen Inhalt kannten, dennoch ſo qualvoll wie irgend denkbar war und daß ſie daher, obſchon ſie auch hier wieder den ⸗Erfolg ungefähr voraus wußten, wenigſtens den Verſuch machten, in ſein verſchloſſenes Inneres ein⸗ zudringen und ſeine Entſchlüſſe zu erfahren. Von einem ſolchen Verſuch ſchloß ſich ſelbſt die Baronin nicht aus, obgleich ſie über alle Fragen, die bei dieſer traurigen Angelegenheit zur Sprache kommen konnten, und daher auch über das endliche Urtheil ihres Bruders und der Seinen völlig mit ſich im Reinen zu ſein ſchien. Sie hatte das ja gleich anfangs geäußert, als ſie aus ihrer ſogenannten ſchonenden Weiſe heraus⸗ getreten war, und ſie äußerte es von neuem, nachdem ſie ihre nähern Mittheilungen geſchloſſen, mit der ganzen hochmüthigen und abſprechenden Entſchiedenheit, welche von keinem Einwand etwas zu wiſſen und denſelben, wo er dennoch erfolgt, wie etwas völlig Nichtiges und Bedeutungsloſes durch einen verachtungsvollen Blick, durch ein kaltes Achſelzucken zurückzuweiſen pflegt. Allein ein ſolcher Einwand wurde hier nicht einmal laut, etwas, das die Dame ſeltſamerweiſe eher zu be⸗ unruhigen als zu befriedigen ſchien und ſie, wie be⸗ merkt, zu dem Verſuch veranlaßte, ihren Bruder zu irgend einer Offenbarung ſeiner Anſicht und ſeiner Vor⸗ ſätze zu bewegen. Der Erfolg war freilich in ihrem 186 Sinne theils ſo nichtig, theils ſogar ſo empfindlich, wie irgend denkbar. Denn der Bruder erwiderte ihr, da er ihr nicht länger auszuweichen vermochte, in ſeiner kälteſten Weiſe nur:„Ich weiß nichts zu ſagen, was Du Dir nicht ſelbſt ſagen kannſt. Daß ich Jemand nicht halten werde, der ſich mit ſolcher Entſchiedenheit gegen uns und unſere Sitte erklärte, verſteht ſich ohne Worte, und danach iſt alles Uebrige theils gleichgültig, theils eine Frage, deren Antwort ſich erſt in der Zu⸗ kunft finden und ſich jetzt niemals auch nur errathen läßt, da ſie nicht einmal von mir oder einem Andern, ſondern nur durch völlig unberechenbare Zuſtände und Verhältniſſe gegeben werden kann.“ „Das möchte in Anſehung der Unwürdigen, die wir bisher die Unſere nannten, genügen, obgleich ich nicht recht verſtehe, was Du von der Antwort ſagſt, welche erſt durch ſpätere Zuſtände und Verhältniſſe dictirt werden könnte“, verſetzte ſie noch immer in der eben erwähnten abſprechenden und überlegenen Weiſe.„Für Felix aber, für ſeinen Schmerz, für dieſes an ihm be⸗ gangene Verbrechen biſt Du Dir, ihm, uns allen eine eclatante Genugthuung ſchuldig, dächte ich.“ „Deinem Sohn? Wie ſo?“ entgegnete er womög⸗ lich noch kälter.„Die Thatſache ſteht feſt, weiter nichts. Aber für mich iſt das, wie geſagt, genug, und für ihn 187 ebenſo, vorausgeſetzt, daß ſeine Darſtellung richtig iſt. Darüber urtheile ich ebenſo wenig, wie ich danach ſuche, denn es iſt in meinen Augen gleichgültig, wiederhole ich nochmals. Und ſo laſſe dies ruhen, wie Alles. Ich habe die Welt ſatt.“ Wie er das ſagte und dabei blickte, es ſchreckte wieder einmal, wie auch ſonſt wohl, die Baronin zurück und ließ ſie verſtummend entweichen. Gegen Frau von Soldnau ſprach ſie ſich freilich deſto lebhafter, deſto hochmüthiger und rückſichtsloſer aus, nur daß ſie hier noch weniger erzielte als bei ihrem Bruder. Die alte Dame war ſo vollſtändig niedergeſchmettert von dem in ihren Augen größten Unglück, das über Oth⸗ maringen hatte hereinbrechen können, daß ſie ſeither in einer Art von Betäubung umherging und für Nie⸗ mand eine rechte Antwort hatte. Für ſie gab es in dem Geſchehenen und Berichteten einen Punkt, der ſie furchtbarer erſchüttert hatte als alles Uebrige, und das war jene Mittheilung über Bilingsfelden, die ſie von neuem an ihren alten unglückſeligen Verdacht erinnerte und ſogar für denſelben zu ſprechen ſchien. Beſtätigte ſich das, dann, erſt dann war in ihren Augen Alles zu Ende und Charlotte für immer den Völen und ſich ſelber verloren. Von dem, was die Baronin nnn gegen ſie äußerte, 188 vernahm ſie, wie geſagt, ſo gut wie nichts; es war ihr, wenn auch in anderem Sinne und aus andern Gründen, noch gleichgültiger als dem Baron Othmar. Und die hochmüthige Dame wandte ſich von der Armen auf das verachtungsvollſte, diesmal freilich aber auch mit einem gewiſſen Ingrimm ab; ſollte ſie denn bei dieſen Schwachköpfen, wie ſie ſie hieß, noch immer jener alten Affenliebe begegnen— denn darauf lief es doch am Ende bei ihrem Bruder ſo gut wie bei der Soldnau hinaus— und durch dieſelbe endlich Alles wieder ausgeglichen und verziehen ſehen? In ihrem ercentriſchen Kopf wogten alle Möglichkeiten durch⸗ einander, ja es ſchien ihr gar nicht unmöglich zu ſein, daß ihr Bruder ſogar um der reuigen und be⸗ gnadigten Sünderin willen jenen Burſchen, den arm⸗ ſeligen Dagobert, zu Gnaden aufnehme, der alten Feind⸗ ſchaft Valet gebe und die hochmüthigen Othmaringen in der Reſidenz endlich doch triumphiren laſſe. Dann war auch die letzte Hoffnung verloren, daß die große Erbſchaft des Bruders zum größten Theil ihrem Sohne zu gute kommen müſſe, dieſe Hoffnung, welche⸗ſie zuerſt und vor allem Uebrigen die Verbindung mit Char⸗ lotten als das höchſte Glück hatte anſehen laſſen, und die ihr Alles verſüßt hatte, was die vergangenen Jahre ihr brachten oder vielmehr nicht brachten. 189 Alle ſolche Vorſtellungen und Gedanken überwäl⸗ tigten ſie ſo, daß ſie ſogar die Vorſicht vergaß, mit der ſie bisher, klüger, als es ſonſt ihre Art war, ſich ſtets und überall Florian Hausmann gegenüber zu benehmen pflegte. Gegen ihn hatte ſie in dieſen Tagen jede weitere Bemerkung ſelbſt über ihres Sohnes Brief und über Charlotte zurückgehalten, ziemlich ſicher, daß er das Geſchehene in möglichſt mildem Licht ſehen und jedes entſcheidende Urtheil zurückhalten werde, bis wei⸗ tere Nachrichten eingetroffen ſeien. Nach ſeiner Ant⸗ wort im Ganzen war ſie ebenſo wenig lüſtern wie nach den einzelnen Gründen, mit denen er ſein Urtheil be⸗ legen würde. Denn um den Leſern wenigſtens dieſen einen Blick in ihr Inneres zu eröffnen: mochte Frau von Vögelsbach auch ihre Schwiegertochter noch ſo ſehr im Unrecht ſehen und ihren letzten Schritt noch ſo tief verdammen, ihren Sohn ſah ſie darum noch keineswegs im Recht. Im Gegentheil ſtießen ſeine Mittheilungen in ihr vielleicht auf mehr Zweifel als bei irgend einem Andern; kannte ſie ihn doch länger und beſſer als irgend ein Anderer. Das Alles war aber, wie geſagt, in ihrer jetzigen Aufregung und nach den Niederlagen, die ſie erlitten, völlig vergeſſen, und in der letzten Viertelſtunde, da ihr Wagen bereits vor dem Portikus hielt und der 190 Pfarrer, in Abweſenheit der Uebrigen, ihr ernſt und gehalten das Geleit gab, ſprudelte Alles unaufhaltſam hervor, und ſie äußerte ſich über die Aufnahme, die ihr und ihrer Botſchaft geworden, über dieſe letztere ſelbſt, über ihres Bruders unbegreifliche Schwäche, über Alles, was ſie von der nächſten Zukunft erwartete, in ihrer hochmüthigſten, bitterſten, leidenſchaftlichſten Weiſe, voll Anklagen, voll Beſchuldigungen und endlich voll Drohungen wider die Sünderin und alle, welche die⸗ ſelbe nicht verdammen würden. Im nächſten Augenblick bereute ſie aber auch ſchon ihre Unvorſichtigkeit, denn des Pfarrers Auge begegnete dem ihren mit einer Art von bannender Gewalt und ſeine Worte drangen mit unerbittlicher Schärfe in ihr Herz:„Was wollen Sie eigentlich, meine gnädige Frau? Halten Sie es für möglich, daß wir Ihres Herrn Sohnes Bericht für unumſtößlich wahr erklären und in Charlottens Schritt als einziges Motiv nur die ordinäre, niedrige Sinnlichkeit erkennen— gleich ihm? Wir ſollten ſie verwerfen, ohne ſie, ohne Andere über ſie gehört zu haben? Das ſei fern von uns, Frau Baronin! Und das Eine ſpreche ich Ihnen ſchon jetzt aus: dem Herrn Grafen gegenüber kann Charlotte nicht ganz im Unrecht ſein.“ „Wir ſprechen uns weiter, mein Herr!“ ſagte die ——— 191 Baronin, all ihren Hochmuth zuſammennehmend.„Wir werden unſere Rechte und unſere Ehre zu wahren wiſſen, deſſen ſeien Sie ſicher!“ „Und von uns glauben Sie das nicht, Frau Ba⸗ ronin?“ fragte er tief ernſt. „Genug— leben Sie wohl!“ ſprach ſie, ſeinen Arm zurückweiſend und in den Portikus tretend.„Nehmt Euch in Acht mit Eurer Schwäche; das iſt mein letztes Wort.“ Als der Wagen verſchwunden war, kehrte Florian finſter ſinnend ins Schloß zurück und ſuchte den Baron auf, um noch einen Verſuch zu machen, ihn zum Aus⸗ ſprechen ſeines Willens in Anſehung deſſen zu bringen, was demnächſt kommen und geſchehen mußte. Allein es war umſonſt. Othmar ließ ſich auch ihm gegenüber nur zu den kalten Worten herbei:„Die Sache iſt ab⸗ gethan. Sie hat ihren Weg gewählt, und wohin er auch führt, zu mir führt er nicht. Das weiß ſie ſo gut wie ich. Hat ſie Othmaringen vergeſſen, ſo vergißt Othmaringen auch ihrer. Kein Wort mehr davon!“ ——— ⁄ Elftes Kapitel. Der Freund in der Noth. Es war noch um Vieles ſtiller zu Othmaringen geworden, als man es je gefunden, denn was bisher dort geherrſcht hatte, war doch immer die Ruhe des Lebens geweſen, während ſich nun nur noch diejenige des Todes ausbreitete, jenes Laut⸗ und Regungsloſe, das uns in dem Gemache erſchüttert, wo eben das letzte Aufathmen eines Sterbenden erklang. Man ver⸗ nahm kein lautes Wort, man ſah keinen hellen, offenen Blick; die Diener ſchlichen traurig durch das Schloß, und wo ſie eine Thür öffneten, da hörte man's kaum. Im Portikus oder der Veranda ſah man nie⸗ mals mehr einen behaglich Ruhenden, und der grüne, kühle Grund, die ſchattigen Anlagen, die wunderſchö⸗ nen Plätze am Berge drüben waren ſo öde und ver⸗ 8 5 eeee en eeeee 193 laſſen, als weile im Schloß überhaupt kein Menſch mehr. Baron Othmar kam, nachdem er von einem neuen Aufenthalt in Neu⸗Othmar zurückgekehrt war, kaum mehr aus ſeinen Zimmern heraus und ſtand, wenn ſich überhaupt Jemand ihm zu nähern wagte, dieſem nur da noch Rede, wo ſich ein Wort eben nicht vermeiden ließ. Frau von Soldnau lebte fort wie im Traum oder in der Betäubung, von keiner Theilnahme wiſſend, von keinem Intereſſe, nichts ſehend von dem, was ſie umgab, nichts hörend, was an ihr Ohr klang. Nur wenn Florian Hausmann, wie jetzt alltäglich, abends auf das Schloß kam und, nachdem er bei dem Baron eingeſehen, zu ihr ins Zimmer trat, da ſchaute ſie auf und nach ſeiner Hand und ſeinen Zügen, ob die eine ihr nichts brachte und ob die andern von keiner neuen Erſchütterung Kunde gaben. Und wenn ſie, wie immer, nichts fand, da ſchlug ſie die Augen wieder nieder und ließ den Freund an ſich hinreden wie die Andern, ohne Theilnahme und faſt ohne Antwort. Wenn Florian abends kam, fand er die Poſttaſche auf dem Tiſch im Wohnzimmer liegen und den Schlüſſel daneben, daß er ſie öffnete und den Inhalt kennen lernte und vertheilte und, falls einmal Briefe kämen von unbekannter Hand oder von gar zu bekannter, Hoefer, In der Welt verloren. III. 13 “ 194 dieſe an ſich nehmen und öffnen könnte. Der Baron und auch Frau von Soldnau hatten es ſo gewollt. „Daß von ihr etwas kommt, glaub' ich nicht“, hatte der erſtere in ſeiner gleichgültigſten Weiſe geſagt, „aber von Andern in Bezug auf dieſe Dinge, das wäre möglich. Für mich wäre es; gleich ich will nichts mehr davon erfahren und würde das Eine wie das Andere ins Feuer ſtecken. Für Dich iſt es etwas Anderes⸗ Du haſt ja noch Theilnahme für die Welt und ihre Menſchen. Alſo lies und ſieh zu, ob Du etwas Deiner Theilnahme Würdiges findeſt. Mich aber beläſtige nicht.“ „Othmar, ich verſtehe Dich immer weniger“, hatte Florian Hausmann zürnend erwidert.„Iſt das blos— ich ſpreche es offen aus— Stumpfheit, oder iſt's eine Verhärtung alles männlichen und menſchlichen, chriſt⸗ lichen Gefühls? Darüber muß ich endlich Aufklärung verlangen.“ Und der Baron verſetzte mit einer Finſterkeit, wie man ſie nur in den ſeltenſten Fällen an ihm wahrnahm: „Und ich muß ſie Dir verweigern. Ich ſagte ſchon neu⸗ lich: kein Wort mehr davon! Zwiſchen mir und ihr iſt Klarheit, hier wie überall. Das wird fürs Leben auf der Erde genügen und muß es auch für den Him⸗ 3 mel, Pfarrer.“ Befriedigt war Florian nicht, wie er es denn auch nicht ſein konnte, aber begnügen mußte er ſich mit dem Vernommenen. Denn ſo nahe die Freunde ſich auch von jeher geſtanden und ſo viel Einfluß nicht nur, ſondern auch Einſicht in ſein Inneres der Baron dem Geiſtlichen zugeſtand, es gab dennoch in ihm gewiſſe Grenzen, wo jeder Einfluß aufhörte und über welche hinaus Florian ebenſo wenig wie irgend ein Anderer jemals einen klaren Einblick gewann. Da war und blieb Othmar völlig unzugänglich, und von den Be⸗ ſchlüſſen, die während ſeines Lebens zuweilen aus die⸗ ſem Innerſten hervorgetreten waren, hatte ihn nie Jemand weichen oder wanken ſehen, mochte dann auch daraus entſtehen, was da wollte. Frau von Soldnau hatte für ihre Bitte, daß der Pfarrer die Taſche öffnen und den Inhalt durch ſeine Hände gehen laſſen möge, keine Gründe angegeben und der alte Freund keine von ihr verlangt; ihr Gefühl ver⸗ ſtand er ohne Worte. Und ſo kam er denn täglich und ſah nach den Einläufen, täglich umſonſt, denn es kam nicht ein Laut aus der Ferne, der an das Geſchehene erinnert hätte, nicht von den Betheiligten ſelber, nicht von Andern, ferner Stehenden, deren freilich nur wenige mit den Othmaringern noch in Verbindung waren. Allein der Biſchof von F., der, wie wir erfuhren, 13*½ 196 ein Jugendfreund Florian's war und noch immer getreu mit ihm zuſammenhielt, erwähnte in ſeinem Briefe des unerhörten Falls, der ihm nach ſeiner Kenntniß von der Unglücklichen ſo räthſelhaft und faſt unglaublich war wie irgend einem andern, wirklich Theilnahm⸗ vollen, und fügte zum Schluß hinzu:„Es iſt mir kürz⸗ lich allerdings ein Gerücht zugeflüſtert worden, das den Schritt der Aermſten aus einer Sünde erklären wollte, die an ihr begangen ſei, einer Sünde, wie ich ſie aber nach meiner tiefſten Ueberzeugung in keinem Weſen, das noch den Namen eines Menſchen verdient, für möglich halten und die ich auch gegen Dich, theurer Bruder, nicht ausſprechen kann. Für mich geht daraus nur hervor, daß es ſelbſt in den Krei⸗ ſen der großen Welt noch Theilnahme und Erbar⸗ men für die unglückliche Frau gibt und daß man nach einer Entſchuldigung für ſie ſucht. Bei den Ihren, bei Dir verſteht ſich dergleichen von ſelber. Mögeſt Du mir bald etwas Tröſtliches melden können.“ Florian hatte daraufhin an den Freund um nähere Auskunft geſchrieben und, ſoweit er durfte, die zu Oth⸗ maringen herrſchenden Zuſtände nebſt dem Wenigen, was ihm über die traurige Begebenheit bisher bekannt geworden war, beſprochen, ſeitdem aber auch hier noch keine Antwort und Aufklärung erhalten. 197 Aber wenn ihm auch das Schweigen der wenigen übrigen Bekannten am Ende erklärlich war, welche nach der feigen Sitte der Welt vor jeder Berührung der Wunde zurückſcheuten, wo ſie nicht gar mit jener mit Schadenfreude und ſcheinheiliger Selbſtgenügſamkeit gemiſchten Neugierde, der wir in ähnlichen Fällen wohl auch ſonſt treue und wackere Menſchen unterliegen ſehen, auf die weitere Entwickelung und geſteigerten Skandal warteten; wenn er auch ebenſo das Verſchwinden und Verſtummen Charlottens ſelber gelten laſſen mußte, da der Vater es zum mindeſten vorausgeſagt hatte, doch wohl auf Gründe geſtützt, die, obſchon ſie dem Geiſtlichen bisher noch verborgen waren, in dieſem Fall am Ende zwingend und entſcheidend ſein konnten: daß auch Henriette ſchwieg, daß von dem beleidigten Gatten noch immer keine Zeile anlangte, daß die ſo nahe betheiligten Verwandten in der Reſidenz weder im Guten noch im Böſen etwas von ſich hören ließen, das wurde dem treuen Manne täglich räthſelhafter und ſelbſt für ſein Herz und ſeinen Kopf zu einer täg⸗ lich ſich erneuenden, faſt nicht mehr zu ertragenden Qual, ja wie zu einer Art von Vorzeichen eines neuen, furchtbaren Unglücks. Und es kam dahin, daß ſelbſt er ſich erbeben fühlte, ſobald er die Poſttaſche er⸗ blickte, und daß er zitternd den Inhalt herauslangte, 198 der ihm doch jeden Tag nur die gleiche Täuſchung brachte. 1 Er zermarterte den alten Kopf bei Tage und bei Nacht mit den Fragen, wie er dieſem qualvollen Zu⸗ ſtand ein Ende machen, wo er Mittel und Wege fin⸗ den könne, das Genaue und Richtige zu erfahren und endlich das Rettungswerk zu beginnen. Denn daß Florian Hausmann von einem ſolchen nicht abſtand, daß er vor allen Andern vielmehr ſich zu demſelben nicht nur durch ſeine Stellung in der Welt und zu der Familie, ſondern auch durch ſeine Liebe zu Charlotten verpflichtet fühlte, das werden die Leſer von dieſem Charakter wohl nicht anders erwarten können. Ja, er war drauf und dran, ſich Urlaub geben zu laſſen und ſelbſt nach** hinüberzureiſen, um dort an Ort und Stelle, zwiſchen den Augenzeugen ſeine Nachforſchungen zu beginnen und von dort aus auch die leiſeſten Spu⸗ ren der Verſchwundenen zu verfolgen. Und wenn er den Plan fallen ließ, ſo geſchah es nur, weil er über ſein Alter und ſeine Kräfte nicht verblendet war, ſondern es für ſehr wahrſcheinlich halten mußte, daß die Anſtrengungen und Aufregungen einer ſolchen Reiſe und Thätigkeit ihn vielleicht inmitten derſelben erliegen laſſen und ſeine Hülfe auch denen nehmen würden, welchen ſie hier, ſo nothwendig zu ſein ſchien. Da kam ihm in einer Nacht, wo er wieder ſo ruhe⸗ los und qualvoll ſann, der Gedanke, ſich an die Prin⸗ zeſſin Conſtanze zu wenden, welche ihren Aufenthalt ja nicht ſo entfernt von*s gewählt hatte, daß ſie nicht von dem, was dort geſchah, hätte erfahren ſollen, zumal wenn es Jemand betraf, für den ſie ſich, wie für Charlotte, voll wahrer Theilnahme und Liebe inte⸗ reſſirte. Florian Hausmann wurde von dieſem Gedanken ſo ergriffen, daß er faſt jugendlich rüſtig aus dem Bette ſprang und ſich ankleidete, obgleich kaum der Tag graute Er ſchalt ſich ſelber, daß ihm dies Alles erſt jetzt in den Sinn kam, da er die Theilnahme der Prinzeſſin für Charlotte doch gut genug kannte und aus der letztern Briefen nicht minder als aus dem des Gra⸗ fen von der Begegnung beider Frauen erfahren hatte. Ja, er kannte ja die Prinzeſſin ſelber beſſer als man⸗ cher Andere und hatte ſelbſt bei ihrer letzten Anwe⸗ ſenheit in Othmaringen wahrgenommen, welchen Schatz von Liebe und Güte, von Ehre und Würde ſie ſich aus den verwüſtenden Stürmen der letzten Jahre erhal⸗ ten hatte. Bei ihr, wenn bei irgend Jemand, glaubte er Alles vorausſetzen zu dürfen, deſſen es zu einem billigen Urtheil über die Unglückliche, zum Erbar⸗ 200 men mit ihr, ja zu ihrer Rettung möglicherweiſe be⸗ durfte! Der Morgen dämmerte, wie geſagt, und der Him⸗ mel war noch von jener leichten Wolkendecke überzogen, die wir in ſolcher Frühe gern ſehen, da ſie uns mehr als die glänzendſte Klarheit die ſchönſten Tage verſpricht. Florian Hausmann ſah ſich das mit einem gewiſſen Behagen an, denn es war mit einer Art von Troſt und Frieden über ihn gekommen: da nur erſt der An⸗ fang gefunden war, meinte er, ſollte auch wol ein erträglich Ende zu entdecken ſein! Er lehnte ein paar Augenblicke in dem geöffneten Fenſter und ſchaute auf die ſtille Dorfſtraße hinaus und auf den prächtigen Fluß, der durch eine Lücke zwiſchen den Häuſern drü⸗ ben ſichtbar wurde. Es war ſo ſtill umher, daß er deutlich das Rollen des Zuges vernehmen konnte, der jenſeits eben die Station verließ. Dann folgte das ſcharfe Pfeifen, und der Geiſtliche ſchloß das Fenſter und ſetzte ſich an den nahe ſtehenden Arbeitstiſch. Was er vernommen hatte, erinnerte ihn an die Raſchheit und Leichtigkeit aller Verbindungen; es bedurfte nur weniger Tage, bis er, wenn Prinzeß Conſtanze anders wollte, bereits Auskunft erhalten konnte. Der alte Herr ſaß und ſchrieb eifrig; er ſah nicht auf, wie wunderbar ſchön der Tag auch aus den Mor⸗ 1 201 genſchleiern hervorging, wie glänzend jetzt der erſte Sonnenſtrahl zu ſeinem Hauſe herüberflog, durch das Gerank der blühenden Roſen an ſeinem Fenſter ſchlüpfte, am ſchlichten, ſaubern Vorhang vorbeiſtreifte und keck⸗ lich bis zu ihm auf den Schreibtiſch drang. Erſt da ſtatt des freundlichen Strahls plötzlich ein Schatten her⸗ einfiel und ſein Papier verdunkelte, erhob er den Kopf und wandte das Geſicht verwundert und dennoch zerſtreut dem Fenſter zu. Und im nächſten Augenblick ſprang er mit jugendlichem Ungeſtüm auf und ans Fenſter, riß es auf:„Herr von Bilingsfelden! Sind Sie's wirklich? Iſt es möglich?“ „Laſſen Sie mich ein, Pfarrer?“ fragte der Herr gedämpft zurück. Man ſah's ihm an, daß er eine ſchwere Zeit verlebt haben mochte, ſo bleich erſchien er und ſo— verfallen mußte man's heißen.„Seien Sie nicht laut. Man braucht meine Anweſenheit hier nicht zu erfahren.“ Florian eilte hinaus und ſchloß die Thür aufß ſeine alte Haushälterin ſchlief noch ihren ſüßen Mor⸗ genſchlaf. Er zog den Ankömmling auf den Flur, ins Zimmer.„Mein beſter Herr Baron, ſetzen Sie ſich nur erſt, ich will Ihnen ein Glas Wein holen“, rief er, das kleine Sopha abräumend.„Sie ſcheinen ſehr angegriffen zu ſein!“ 202 „Das kommt bei ſolcher Jagd ſchon vor, Pfarrer“, verſetzte er mit ſchwachem Lächeln.„Das machen aber ein paar Stunden leiblichen und geiſtigen Schlafs wieder gut, wie ich ihn hier zu finden hoffe. Und darum vor allen Dingen“— ſeine ſchönen, jetzt nur ſo tief liegenden blauen Augen begegneten denen des Geiſt⸗ lichen mit einem drängenden und zugleich faſt angſt⸗ vollen Blick—„Gräfin Charlotte iſt doch wohl hier, bei ihrem Vater?“ Es zuckte ein tiefer Schreck durch des Pfarrers Geſicht.„Das fragen Sie, Herr Baron, und ſchauen mich ſo dabei an? Alſo Sie, von dem ich endlich irgend eine Auskunft über die Unglückſelige zu erhalten hoffe— der Graf ſchrieb ja, daß Sie ihr nachgereiſt ſeien!— Sie wiſſen nichts von ihr, Sie ſuchen ſie hier?“ Wie groß die Ermüdung und Abſpannung war, das ſah man erſt jetzt, da bei des Geiſtlichen Worten Bilingsfelden's noch immer ſchöne und edle Züge völlig zuſammenfielen. Er ließ ſich auch in die Sophaecke ſin⸗ ken und ſagte in einem faſt dumpfen Ton:„Dann geben Sie mir ein Glas Wein, Pfarrer. Denn es heißt alſo wieder: Vorwärts!“ Als Florian Hausmann das Nothwendige raſch herbeigeſchafft und der Gaſt, ein paar Gläſer ſchnell hinter einander leerend, ſich wieder finſter blickend in 203 die Ecke zurückgelehnt hatte, blieb der erſtere vor ihm ſtehen und ſagte, die Hände feſt in einander geſchlun⸗ gen:„Sie ſind ihr nachgereiſt, Baron?“ „Gewiß, Pfarrer!“ verſetzte Bilingsfelden düſter.„Sie bedurfte einer beſſern Sauvegarde als der miſerablen, nach der ſie in der Verzweiflung gegriffen, und mußte erfahren, daß ſie in den Augen der Leute von Anſtand und Ehre ſo hoch und rein daſtand wie je, daß man ihren Schritt nicht mißverſtand. Und obgleich ich nicht mehr viel werth bin“, fügte er düſter lächelnd hinzu, „glaubte ich doch noch zu einem ſolchen Amt befähigt zu ſein, ja ſogar berufen, denn gerade bei dieſer nichts⸗ würdigen Affaire konnte und kann ihr Niemand näher ſtehen, Niemand eher zu ihrem Schutz, zu ihrer Ver⸗ tretung berufen ſein als ich.“ Der Pfarrer ſah ihn tiefſinnig an.„Ich weiß nicht, ob ich aufathmen, ob ich mich freuen darf“, ſprach er faſt zögernd.„Sie ſcheinen keine Schuld an der Unglücklichen zu finden, und dennoch—“ Er ſtockte. „Und dennoch, Pfarrer?“ „Und dennoch dieſer Schritt, der ihr nicht blos in den Augen der großen Welt ihre Stellung nimmt, ihren Ruf vernichtet, ſie haltlos in die Welt hineinwirft— O glauben Sie mir, Herr von Bilingsfelden“, brach er, 204 heftig den Kopf ſchüttelnd, ab,„ich bin nicht ſtreng und nicht verblendet genug, um alles Unrecht auf ihrer, alles Recht auf des Grafen Seite zu ſehen! Ich weiß nicht, was geſchehen iſt, allein ich darf, ja ich muß glauben, daß Furchtbares um ſie und in ihr vorgegan⸗ gen ſein muß, bis ſie ihrer Ehre vergeſſen und ſich zu ſolchem Schritt fortreißen laſſen konnte. Indeß dadurch wird nichts gebeſſert! Nach den Motiven und Urſachen fragt Niemand, dieſer Schritt dieſer Effect, übertäubt Alles.“ „Ihrer Ehre vergeſſen!“ wiederholte Bilingsfelden mit einem Ausdruck, als ob er von allen Worten des Alten nur dieſes eine vernommen habe.„Ihrer Ehre vergeſſen! Um ſie zu retten, Pfarrer, o, nur um ſie zu retten! Glauben Sie's mir!“ „Herr von Bilingsfelden!“ Florian Hausmann lä⸗ chelte bitter.„Und darum die Flucht mit einem frem⸗ den Manne, mit dieſem Dagobert Othmaringen, der—⸗ „Ja, gerade mit dieſem armſeligen Burſchen, dem armſeligſten von allen, um dem Menſchen, der ſie und ſich entehrt hatte, ihre grenzenloſe Verachtung zu be⸗ weiſen“, ſagte Bilingsfelden ſtark und feſten, offenen Blicks.„Um der Welt, um den Ihren zu zeigen, daß ſie um ihrer ſelbſt willen und nicht um einen Andern brechen wollte mit dem Ehrloſen, brechen für immer — 205 und bis auf den Grund, weil ſie's eben nicht vermochte oder vielleicht auch nicht wollte, ihn in ſeiner nackten Ehrloſigkeit Euch vor Augen zu führen! Glauben Sie mir, Pfarrer, das war's, das allein iſt's! Das habe nicht ich allein erkannt, ſondern das werden— ich habe das Vertrauen!— auch noch Andere begreifen, ohne gleich mir die nähern Umſtände des an ihr begangenen Verbre⸗ chens zu kennen oder dies Verbrechen zu ahnen!“ Es verging eine lange Pauſe des gedankenvollſten finſtern Anſchauens, bis der Pfarrer langſam ſprach: „Und wenn dem Allem ſo wäre, Herr Baron, wenn dieſes Verbrechen— auch der Biſchof erwähnte eines ſol⸗ chen Gerüchts“— „Sehen Sie, Pfarrer? Sehen Sie? Ich wußte es wohl, daß auch Andere für ſie eintreten, ſich nicht täu⸗ ſchen laſſen würden!“ „Und dennoch, Herr Baron! Verkennen Sie mich nicht! Ich bin derjenige, der am wenigſten an ihre Schuld glaubt, ich bin derjenige, der ſie hier, ſolange es möglich, vertrat! Ich will es auch immer noch hof⸗ fen, ja ſchon jetzt Ihnen glauben, daß ihre Unſchuld in dem Hauptpunkte erwieſen wird, daß ihre Flucht gewiſſermaßen keine freiwillige, vor allem, daß ſie keine Folge eines unlautern Verhältniſſes, ſondern eine erzwun⸗ gene war. Allein dieſe Flucht mit dem fremden Manne, 206 wiederhole ich, wird ſtets gegen ſie zeugen; ſie bricht nicht nur mit ihrem Gatten, ſondern auch mit den Ihren, mit der ganzen geſitteten Welt. Und wenn ich auch Ihre Erklärung für möglicherweiſe richtig halten kann, ſo finde ich, ſo finden ſicherlich auch Andere in derſel⸗ ben ein— ſage ich: ſchier unnöthiges Raffinement, das der einen unverzeihlichen Schuld eine zweite, kaum weniger unverzeihliche hinzufügt und mir mehr als alles Andere gegen die Unglückliche zu ſprechen ſcheint!“ „Es gibt Stunden und Begegniſſe, Pfarrer, denen auch der klarſte Kopf, das reinſte Herz nicht gewachſen bleibt, wo man nicht trocken zu rechnen im Stande iſt!“ ſagte Bilingsfelden finſter. „Herr Baron, wo iſt hier die trockene Rechnung?“ fragte Florian nicht ohne Schärfe.„In dieſer Flucht mit dem fremden und obendrein zweifelhaft berufenen Manne, oder in der natürlichen, offenen Abreiſe mit ihrer Freundin, ihrer Bedienung?“ „Nochmals, Pfarrer“, verſetzte der Baron wie vor⸗ hin,„es gibt Stunden, wo man nicht mehr man ſelbſt iſt, wo man nicht denkt, ſondern geradezu, ohne Ueberlegung, nach dem Erſten Beſten greift. Tauſend⸗ fache Schmach über den, der ein ſolches Geſchöpf wie Charlotte in eine ſolche Lage verſetzte! Freilich, ich will nicht leugnen“, fügte er nach einer kurzen Pauſe, 207 düſter das Haupt ſchüttelnd, hinzu,„daß ich in Hen⸗ riettens Begleitung etwas wie einen Troſt gefunden haben würde! So allein—“ Der Pfarrer ſah hoch auf.„Aber Henriette hat ſie ja begleitet, ſchrieb der Graf!“ rief er. „Henriette? Begleitet? Das iſt eine offenbare Lüge, Pfarrer!“ brach Bilingsfelden aus, indem er zugleich auch von ſeinem Sitz auffuhr.„Ich habe das Fräulein an dem Morgen, bei der Entdeckung der Flucht, mit meinen eigenen Augen geſehen und ſehe noch ihren Blick voll furchtbaren Entſetzens, voll von tödtlichem Haß auf den Nichtswürdigen gerichtet! Und daß ſie ihr nachgereiſt ſei— bah, ſie hätte mir begegnen müſſen! Pfarrer, Pfarrer, haben Sie denn auch von ihr keine Nachricht? Was ſteckt hinter dieſer Lüge?“ Florian Hausmann ſtand einen Augenblick wie be⸗ täubt.„Alſo wirklich ſie ganz allein mit jenem Menſchen, ohne irgend einen andern Halt und Schutz!“ ſagte er endlich mit in einander gepreßten Händen und mit bebender Stimme.„O, dann iſt Alles vorbei! Dann begreife ich ihr Verſtummen und Verſchwinden! Dann, mein Herr Baron“, fügte er bitter hinzu,„fällt Ihre Er⸗ klärung, wie mir ſcheint, völlig zuſammen. Es wird wenigſtens kein Menſch mehr daran glauben.“ „Und wiederum thun Sie ihr Unrecht“, verſetzte der .208 finſtere Mann.„Es iſt hier etwas, das ich nicht ver⸗ ſtehe. Allein daß ich Ihre Charlotte richtig beurtheile, das erweiſt ſich auch dadurch, daß ſie ſich von jenem Burſchen entweder ſogleich oder nach wenigen Tagen getrennt hat. Sie wiſſen“, fuhr er mit dem gleichen Ausdruck, aber mehr referirend fort, indem er mit einer ungeduldigen Bewegung des Hauptes den von neuem hoch aufſehenden Geiſtlichen zum Schweigen verwies, „daß ich ihr ſogleich nachreiſte, ſie aber trotzdem nicht zu entdecken vermochte. Das iſt in jenen Gebirgsthä⸗ lern am Ende kein Wunder, ja es iſt überhaupt faſt unmöglich, wenn ſich Jemand verbergen will und wir die Behörden und ihre Entdeckungsmittel nicht in An⸗ ſpruch nehmen können. Von ihr fand ich alſo keine Spur, den Namen des Herrn Dagobert traf ich aber ſchon nach acht bis zehn Tagen zu G. im Fremdenbuch. Er war. tags zuvor angelangt, allein, Pfarrer, mit einem Diener, morös und ſichtbar hinfällig, und am Abend mit dem Dampfer nach L. weitergereiſt, auch allein. Ein Irrthum fand hier nicht ſtatt. Ihn hätte ich alſo haben können, allein was that ich mit ihm? Ich ſtieß auch hernach noch zweimal auf ſeinen Namen; er iſt entſchieden in die Reſidenz gegangen und das ſchließt allein ſchon ihre Begleitung aus. Jetzt, da ſie auch nicht hier iſt, werde ich ihn freilich 209 aufſuchen und mir ihre Adreſſe holen. Sie ſoll nicht allein ſein mit ihrem Unglück! Wenn Ihr ſie im Stich laßt, ich thue das nicht“, ſchloß er im härteſten Ton. Inzwiſchen war der Tag längſt ſchon völlig herauf⸗ gekommen, im Dorfe regte ſich das gewöhnliche Leben, und auch im Pfarrhauſe wurde es allmälig laut. Eben da Herr von Bilingsfelden ſeine letzte Mitthei⸗. lung endete, öffnete ſich die Thür und die alte Haus⸗ hälterin blickte kopfſchüttelnd herein.„Hochwürden, Hochwürden“, ſagte ſie mißbilligend,„ſchon wieder ſo fruh auf? Wenn Sie mich doch wenigſtens nur— heiliger Joſeph, das ſind ja der Herr Baron!“ brach ſie erſchreckend ab, da ſie jetzt Bilingsfelden erblickte, der ſich wieder in die Sophaecke geſetzt hatte. Florian Hausmann winkte ihr Schweigen zu.„Kein Wort vom Herrn Baron draußen“, ſprach er ernſt; beſorgt uns das Frühſtück, Wirthſchafterin.“ Und als die Alte ſich gehorſam zurückgezogen hatte, fuhr er gegen Bilingsfelden gewendet fort:„Ich weiß nicht, ob ich Ihren Willen treffe, Herr Baron! Aber da Sie Ihre Erwartung hier leider nicht erfüllt finden, und wie es droben auf dem Schloſſe ſteht, dachte ich—“ Da er innehielt, verſetzte der Andere, die Achſeln zuckend und in bitterem Ton:„Sie haben durchaus Hoefer, In der Welt verloren. III. 14 210 Recht, Pfarrer. Meine Hoffnung war umſonſt, und es heißt für mich daher wieder weiter gehen, und zwar um ſo entſchiedener, als ſich dies Alles ja noch mehr zu verwickeln ſcheint. Auch über den Erfolg einer Ver⸗ mittelung droben brauche ich mir keine Illuſionen zu machen nach dem, was ich hier bei Ihnen erfuhr. Es wäre ja überhaupt die Frage, ob der alte Herr mich empfangen würde. Ich habe das ſchon erfahren!“ „Beim allmächtigen Gott, Sie thun mir Unrecht, Herr Baron!“ ſagte Florian mit hörbar großer Be⸗ wegtheit.„Ich muß es wiederholen und Sie dürfen mir es glauben, daß nicht ich es bin, welcher an die Schuld des unglücklichen geliebten Kindes glaubt und es ungehört verdammt und ungehört es draußen, fern von den Seinen, fern von allen Treuen, vollends zu Grunde gehen laſſen will. Wie die Sachen ſtehen, kann ich ja ihre Unſchuld freilich leider auch nicht ver⸗ treten, bis es Licht wird in dieſem, ich weiß nicht, ob ſchrecklichern, ob traurigern Dunkel, und bis ich erfahre, was ſie zu jenem Schritte zwang, was ſie ſich verbergen und uns fliehen läßt, was auch Henriette zu dieſem entſetz⸗ lichen räthſelhaften Schweigen veranlaßt. Das geht Tag und Nacht mit mir herum“, fuhr er faſt ſchmerzlich fort „denn wenn ich je ein Kind der Erde geliebt habe, ſo iſt es dieſes Kind geweſen, das wir alle wie unſer ſeigenes, 211 wie unſern höchſten Schatz, wie eine ſegensvolle Gabe unſers Herrn und Gottes anſahen! O glauben Sie mir, Baron, es iſt etwas unausſprechlich Entſetzliches in dieſer unſerer Abgeſchiedenheit und Hülfloſigkeit, in dieſem glühenden Wunſch, zu helfen und zu retten, und in der Unmöglichkeit, etwas zu ſeiner Erfüllung zu thun! Und obendrein ſtehe ich ganz allein. Baron Othmar iſt völlig unzugänglich und feſt verſchloſſen; ich erfahre von ihm nicht einmal, weshalb das Kind gar nicht an die Heimkehr, an einen Begütigungs⸗ und Verſöhnungsverſuch denken ſollte, wie er davon überzeugt zu ſein behauptet. Frau von Soldnau iſt durchaus unzurechnungsfähig, wie gelähmt. Und ich, der alte, der Welt entfremdete Mann, was kann ich thun, an wen mich wenden? An den Grafen?“ Sein Auge verdunkelte ſich.„Es bedurfte Ihres beſtimmten Ausſpruchs nicht, um mich gegen ihn mit Mißtrauen zu erfüllen. An Henriette? Sie war ja für mich gleich⸗ falls verſchwunden. An die Dienerſchaft, die Behörden? Sie ſind für uns nicht minder ausgeſchloſſen als für Sie. So blieb mir denn nur noch eine Ausſicht, eine einzige Perſönlichkeit, und an die ſchrieb ich, als Sie mich vorhin überraſchten. Es iſt Ihre Hoheit die Frau Prinzeſſin“, ſchloß er. Bilingsfelden lächelte finſter.„Das iſt nichts. Daß 14* 212 ſie ſich anfangs nicht dahin wandte, das weiß ich; ob neuerdings, ja ob ſie auch nur Ihrer Hoheit Nachricht von ſich gab, das bezweifle ich, und nicht minder, daß Sie von dort eine in Ihrem Sinne befriedigende Nach⸗ richt erhalten würden. Ihre Hoheit denkt, wie wir erfahren haben, ſehr ſtreng und hier möchte ſie mög⸗ licherweiſe noch einen beſondern Grund zur entſchie⸗ denſten Verdammung zu haben glauben. Aber geben Sie mir die Hand, Pfarrer“, fuhr er ſich erhebend fort und bot dem Geiſtlichen mit einer Art von Herzlichkeit die Rechte hin.„Ich habe Ihnen wirklich Unrecht gethan, ſehe ich, und ich beginne überhaupt Alles in anderem Lichte, hoffentlich richtiger zu ſehen. Es iſt jetzt doch ein Glück, daß ich herkam!“ „Ein Segen des Himmels, Baron!“ verſetzte Florian, die dargebotene Hand feſt in der ſeinen haltend.„Ich faſſe wieder Muth. Ich ſehe noch die Möglichkeit einer Rettung. Wir müſſen zuſammenhalten, Baron, und wir müſſen klar ſein über die nöthigen und möglichen Schritte. Vor allem aber muß ich eine Erklärung und Begründung Ihrer Anklage gegen den Grafen erhalten, die weder Charlotte ſelbſt noch Henriette erheben zu wollen oder zu können ſcheint, obgleich ſie nach Ihren Andeutungen die Unſchuld der Unglücklichen zweifellos erſcheinen laſſen würde.“ „Daß Charlotte ſie nicht erhebt, das begreife ich, Pfarrer“, entgegnete Bilingsfelden düſter und brach ab, da die Haushälterin eben das verlangte Frühſtück her⸗ einbrachte und auf dem Tiſch ordnete. Die Aufforde⸗ rung Floriau's, zuzugreifen, lehnte er ab.„Hernach vielleicht“, ſagte er zerſtreut.„Jetzt haben wir Anderes zu thun. Mein Bericht kann nicht ganz kurz ſein und dazu muß ich auch von dem Briefe des Nichtswürdigen mehr erfahren. Und die Zeit drängt. Ich hörte auf der Station, daß um zehn Uhr der Eilzug vorübergeht; ich darf ihn nicht verſäumen.“ Und erſt, da ſie wieder allein waren, fuhr er fort: „Alſo ich begreife Charlottens Schweigen und Ver⸗ ſchwinden, ja ich könnte es mir auch von Fräulein Henriette erklären, wenn ſie einerſeits wirklich einge⸗ weiht iſt, und wenn andererſeits— ich will wünſchen, daß ich mich über ſie und ihre Stellung getäuſcht habe“, brach er ab.„Es iſt da irgend etwas nicht, wie es ſein ſollte, und dieſe Lüge des Grafen und Henriettens völliges Verſtummen ſpricht leider eher für als gegen mein Mißtrauen. Genug aber“, redete er von neuem weiter und fuhr ſich langſam mit der Hand über Augen und Stirn,„was geſchah, iſt von der Art, daß für jede Frau von Gefühl, von Herz und Ehre nur die augenblickliche Trennung übrig bleibt oder der Tod⸗ 214 ſei es ihr eigener, ſei es der des Verbrechers, und daß ſie auch wieder lieber ſterben wird, als daß ſie ſich gerade ihren Lieben offenbarte.“ Florian ſtand bleich vor dem finſtern Manne und ſein Auge ruhte ſauf ihm mit dem gleichen Ausdruck. „Auch mir, dem Beichtvater, nicht?“ fragte er. „Auch Ihnen nicht, Pfarrer“, lautete die Antwort. „Dafür hat auch der Himmel keinen Troſt, und die Geſetze der Menſchen haben dafür keine Sühne. Da kann nur der Einzelne als Rächer erſtehen.“ „Und Sie ſelbſt, Baron, ſchweigen auch Sie gegen mich?“ fragte Florian gepreßt. „Auch ich vermag nur anzudeuten, alter Freund. Vor allem aber muß ich Ihnen wenigſtens die Umriſſe des Vorausgegangenen geben.“ Damit begann er eine flüchtige Schilderung der Zuſtände und Perſonen, die er in** gefunden, ſprach von Felix und ſeiner Lei⸗ denſchaft für die verſchwundene Hildegard, erwähnte Charlottens auffällige Erregtheit und ihre Nachſicht gegen das rückſichtsloſe Treiben des Gatten, gegen Da⸗ gobert's verdächtige Huldigungen und gab endlich den Inhalt von jener letzten Unterhaltung im rothen Kabi⸗ net an.„Sie ſehen, Pfarrer“, ſchloß er,„das Alles lief darauf hinaus, von ihr frei zu werden und zwar durch einen entſcheidenden Schritt von ihrer Seite. — —,— 7 — 215 Weshalb dieſe“— er lächelte bitter—„Rückſicht, weiß ich zwar nicht—“ „Aber ich vielleicht“, unterbrach ihn Florian, wel⸗ cher regungslos dieſen traurigen Offenbarungen gelauſcht hatte, gleichfalls mit einem verachtungsvollen Lächeln. „Ich habe mich alſo nicht über ihn getäuſcht, allein bei ihm ſelbſt dürfte das der Fall geweſen ſein. Aber fahren Sie fort, Baron. Mir fehlt noch immer die Hauptſache.“ Bilingsfelden ſchaute einen Augenblick finſter ſinnend vor ſich hin, und als er dann wieder aufſah, traf ſein Auge das des Andern mit einem eigenthümlich dunklen und zugleich feſten Blick und er ſprach gedämpft: „Nun denn, Pfarrer, nehmen Sie alſo Alles, was ich ſagte: dieſen Willen, von ihr loszukommen, aber den Schritt von ihr thun zu laſſen, dieſe grimmigen Klagen über ihre unüberwindliche Geduld, dieſe Mittheilung an mich, den er ja wohl für ein verlorenes Subject halten, dem er ſogar ein nichtswürdiges Intereſſe für die ſchöne Frau zutrauen mochte. Er bot mir den Be⸗ weis an, daß er ſie zu Allem bringen könne, was er wolle, obgleich ſie ihm doch mißtrauen, zürnen müſſe. Er zeigte mir, wie man von ſeinem Zimmer das anſtoßende meine und umgekehrt überſehen könne, und machte mich, da das unglückliche Weib gerade zu uns kam, 216 noch einmal darauf aufmerkſam, bevor ich ging. Und dann endlich denken Sie an jene alte Geſchichte des Hero⸗ dot, wo der König ſeinem Freunde— dort freilich nicht aus infamer Berechnung, ſondern aus barbariſcher Prah⸗ lerei— die Reize—“ „Baron!“ Es war eine Art von dumpfem Schrei, der ſich aus Florian's Bruſt rang. „Alſo, mein Herr Pfarrer, er behandelte ſeine reine, ehrbare, ſchuldloſe Frau, wie er annahm, vor den Augen eines Fremden wie eine feile Dirne, ſo war ſein Plan. Und derſelbe mußte wohl gelingen, obſchon die Annahme des Zuſchauers oder Hörers falſch war. Denn wenn ſie davon erfuhr, wie es denn geſchah, vielleicht durch den Elen⸗ den ſelbſt, ſo war für ſie die Berechnung allein genug, es bedurfte des Dritten gar nicht einmal.“ Und da Florian wie völlig erſtarrt ſchwieg, fügte Bilingsfel⸗ den ſtolz und hart hinzu:„Ich habe keinen Zeugen als mein Wort. Aber gleichviel, das muß und wird ſeiner Zeit genügen. Ich will zuerſt nur ſie retten, die— es iſt ja ſo!— faſt um meinetwillen vernichtet wurde, dann komme ich zu ihm.“ 2 „O Herr Gott im Himmel und ihr Heiligen alle, verhüllt ihr euer Antlitz nicht vor dieſer Erde und ihren Menſchen?“ brach der Pfarrer endlich verzweif⸗ lungsvoll aus.„O Kind, mein armes Kind! Du— dul“ 217 Die Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, und er preßte wie vergehend beide Hände vor die Stirn. So ſtand er, bis Bilingsfelden in tiefer Erſchütte⸗ rung herantrat und die Hände ergriff und herabzog. „Verzagen Sie nicht, mein alter Freund“, ſagte der Herr, und ſeine Stimme klang mild und auch in ſei⸗ nem Geſicht erſchien ein Zug der herzlichſten Theil⸗ nahme.„Ich hoffe zu Gott, daß es auch für das arme Kind noch nicht zu ſpät iſt. Wir werden ſie wiederfinden, wir werden ſie retten. Aber ſäumen dürfen wir allerdings nicht. Wenn ich nur erſt den Burſchen, den Dagobert, faſſen kann!“ „Nein, ſäumen nicht, keinen Augenblick ſäumen!“ verſetzte der Pfarrer, noch immer heftig erregt.„Ich darf gar nicht denken an dieſe Wochen, die ſchon unge⸗ nutzt vergingen. Es iſt, um den Verſtand zu verlieren! Und vor allen Dingen“, fügte er finſter aufblickend hinzu,„müſſen wir ſorgen, daß man hier, dort oben keine Stunde länger in dieſer furchtbaren Verblendung bleibt und ſich durch die Lüge beſtricken läßt.“ Bilingsfelden ſah ihn ein paar Sekunden lang düſter ſinnend an.„Ich weiß nicht, alter Freund, ob ich Ihnen darin zuſtimmen darf“, entgegnete er dann. „Ich ſagte ſchon vorhin, wie der alte Herr nun ein⸗ mal iſt und von mir denkt—“ Florian neigte zuſtimmend das Haupt.„So meine ich's auch nicht“, unterbrach er ihn, jetzt wieder völlig gefaßt.„Das iſt mein Amt, und ich weiß, daß es kein leichtes ſein wird. Sie reiſen und retten unſer Kind und führen es uns zu, in den Frieden der Heimat. Wollte Gott, ich könnte Sie begleiten! Aber ich darf dieſen Gedanken nicht mehr Raum geben. Wir haben noch ſo Vieles zu bereden, wir müſſen auch von Hen⸗ rietten ſprechen. Wenn ſie nicht mit Charlotte ging und ihr, wie Sie glauben, auch nicht nacheilte, was wurde dann aus ihr?“ Und nach einer Pauſe ſetzte er hinzu: „Kommen Sie, Baron, und ſtärken Sie ſich! Sie dürfen den Zug nicht verſäumen, er hält nur zwei Minuten.“ Als der Pfarrer ſeinen Gaſt eine Stunde ſpäter zur Fährſtelle am Fluß gebracht, das ſchnellſte Boot ausgeſucht und ihn dem Bootsmann zur äußerſten Eile empfohlen hatte, wandte er ſich nach dem ernſten Abſchied ins Dorf zurück und ſtieg mit ſeinem raſchen Schritt zum Schloß hin⸗ auf, um mit der neuen furchtbaren Kunde den Trotz und thörichten Hochmuth— ſo hieß er es jetzt noch entſchiede⸗ ner vor ſich als bisher— des betrogenen Vaters zuͦ brechen. Seine Eile war leider umſonſt geweſen, denn Baron Othmar hatte ſich heute in aller Frühe ſchon wieder in ſeine alte gewöhnliche Einſiedelei zurückgezogen. Es war ſo zu ſagen nur ein Zucken der unange⸗ —— 219 nehmſten Enttäuſchung, das durch Florian's Geſicht glitt. Dann war ſein Entſchluß auch ſchon gefaßt, und mit einem‚Nun denn in Gottes Namen!“ ſchritt er durch die Veranda, die Teraſſen hinab, die jenſeitige Höhe hinauf und rüſtig Neu⸗Othmar zu. Daß die Schwie⸗ rigkeiten dort oben wuchſen, wußte er, allein er war entſchloſſen, ſie zu beſiegen; denn jeder Gedanke, der dem unglücklichen Kinde noch Unrecht that, jede Minute, die beim Werk der Aufklärung, der Rettung verloren ging, erſchien ihm wie eine nie zu verzeihende Sünde. Und er drang auch durch bis zu dem ihn mit finſte⸗ rem, zürnendem Erſtaunen empfangenden Freund; er wies deſſen zorniges:„Ich will nichts mehr von dieſen Dingen hören!“ mit einem noch entſchiedenern:„Du mußt!“ zurück und theilte dann in ſcharfen, faſt har⸗ ten Umriſſen das Nothwendigſte mit. Das zuerſt mißmuthige und ungläubige, bald aber immer finſterere Lauſchen Othmar's und der endlich aus jedem Zuge, jedem Blick hervorleuchtende Zorn führten indeſſen zu keinem gewaltſamen Ausbruch. Dagegen geſchah etwas Anderes, das der Freund noch weniger für möglich gehalten hatte: die alten Augen zerdrück⸗ ten wie mit furchtbarer Anſtrengung eine aufſteigende Thräne, und dann ſagte er dumpf:„Du und Bilings⸗ felden, Ihr irrt Euch. Der rechte Verderber iſt nicht 220 jener entmenſchte Nichtswürdige, ſondern der bin ich, der unmenſchliche Vater. Denn in jener Stunde, da ich mit ihr über des Menſchen Antrag ſprach, hab' ich ihr von ſeinem Ruf, von dem Urtheil über ihn geredet und ihr geſagt, daß ſie, wenn ſie ſich trotzdem für ihn entſcheide, auch ohne Weigern und Wanken alle Folgen auf ſich nehmen und tragen müſſe. Eine Trennung von dem einmal erwählten Gatten, gleichviel aus wel⸗ chen Gründen, würde ich niemals anerkennen, und die ſich Trennende ſcheide damit auch von den Ihren und finde zu Othmaringen keinen Platz mehr für ſich. Das mußte ich ihr ſagen, auch um derer willen da in der Reſidenz, denen ich einmal erklärte, daß auf Othma⸗ ringen nur die Ehre hauſen dürfe und die Unehre nie eine Statt finde. Sie nahm das wie etwas Selbſtver⸗ ſtändliches an und— ich kenne mein Kind!— ſie hat es nicht vergeſſen. Siehſt Du, Florian, ſo iſt ſie uns durch mich verloren. Aber freilich“, fügte er in gleich dumpfem und ſchweren Tone hinzu,„ich habe nur an einen menſchlichen Sünder gedacht und auf menſchliche Sünden gerechnet.“ Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſan. 1 4 9 5 * —