Leihbibliothek 8 deutſcher, engliſcher und franzo ſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit.: Lit. A. Nr. 256. 8 Seeih- und Jeſe Feſehedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothe ſteht zur gmr⸗ EFänanahm und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von l 3 Tden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir bet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 3 für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr.— Pf. 1 M. 55 Df. 2 Nr. 1f. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Fnrückſendung er Bücher auf ihre kixenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und feete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das dereßeedu beſchmutzte, ef lorene oder defecte Buch ein Theil eines gr en Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verichte 7. Ausleihezeit. 3 iſt auf 14 Tage fer geſett und wird deſonders darauf auft gemacht, daß eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden na indem Diejenigen, welche die⸗ en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 8 In der Welt verloren. Eine Erzählung von 8—— Edmund Hoefer. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1869. Erſtes Kapitel. Ein langer Abſchied. „Hoheit, Sereniſſimus befahl mir, Ihnen die Mel⸗ dung zu machen, daß ſich im Südflügel in einem Zimmer des zweiten Stocks das Täfelwerk entzündet hat und daß das Feuer Ihnen möglicherweiſe ſichtbar werden könnte. Sie dürfen aber nicht erſchrecken, es hat keine Gefahr, ſelbſt für die Appartements Ihrer Hoheiten nicht, und wird ſchnell bewältigt ſein.“ So meldete Herr von Bilingsfelden, der in un⸗ tadelhaft dienſtlicher Haltung vor der eben eingetre⸗ tenen Prinzeſſin ſtand, das Muſter eines ſtolzen und glänzenden Soldaten nicht nur, ſondern auch eines wirklich ſchönen Mannes, denn erſt jetzt, wo die reiche, aber nicht überladene, geſchmackvolle Dienſtuniform der Hoefer, In der Welt verloren. II. 1 Adjutanten Seiner Hoheit dazu kam, zeigten ſich alle Vorzüge ſeiner ſchlanken und zugleich feſten Geſtalt im vollſten Licht und gewann auch der edle Kopf darüber mit den reingeſchnittenen Zügen und den ernſten, klaren und geiſtvollen Augen ſo zu ſagen ſeinen rechten Platz und Ausdruck. Unſere gewöhnliche Civil⸗Männertracht iſt bekanntlich ſo unkleidſam oder vielmehr albern, ſo völlig charakterlos, daß man es keinem Auge verdenken kann, wenn es jede andere, dem Körper angemeſſenere ihr vorzieht und ſich lieber derſelben zuwendet. Das Auge der Prinzeſſin haftete auf dem Major mit einem Ausdruck von ſchwermüthiger Freundlichkeit, und es behielt denſelben auch noch, als er ſeine Mel⸗ dung vollendet hatte und ſchweigend ihrer Antwort harrte. Ja, ſie ließ noch eine ziemliche Weile vergehen, bis ſie mit einem leiſen Lächeln verſetzte:„Ich bin Seiner Hoheit ſehr dankbar für die Aufmerkſamkeit und für den Boten. Mein Schrecken iſt aber dennoch dadurch nicht verhindert worden— er war wirklich nicht gering, da ich die Flamme plötzlich aus dem Fenſter ſchlagen ſah. Es iſt gewiß keine Gefahr, Major? Daß man gerade Sie mit dieſer Botſchaft betraute, ſpricht ſonſt freilich kaum für die Unbedeutendheit des Falles.“ „Und dennoch dürfen Hoheit ſich völlig beruhigen“, ſagte der Herr noch immer in unveränderter Haltung V . 4 3 und mit dem ruhig ernſten Ausdruck in ſeinen Zügen. „Es iſt das Zimmer einer der Kammerfrauen Ihrer Hoheit, und es ſcheint, daß, der Ofen nicht nur überheizt worden, ſondern daß obendrein auch noch Kleidungsſtücke in nächſter Nähe hingen. Wäre der Brand eine halbe Stunde ſpäter entdeckt worden, ſo möchte allerdings mehr als nur Gefahr ſein. So aber⸗ ſah ihn die eintretende Frau faſt noch im Entſtehen, und als Sereniſſimus und ich hinaufkamen, fing man ſchon mit Löſchen an. Freilich, daß das Fenſter ſprang und die Flamme der Vorhänge hinausſchlug, wird kaum zu vermeiden geweſen ſein. Man konnte vor dem erſtickenden Rauch kaum in die nothwendige Nähe gelangen.“ „Nun denn Gott Lob', verſetzte die Prinzeſſin,„und nochmals, ich bin meinem Onkel dankbar für die Nach⸗ richt und für den Boten.“ Und indem ſie ihm plötz⸗ lich die Hand hinbot, fügte ſie im Tone und mit dem Ausdruck der Wehmuth hinzu:„Ach, Friedrich, bedarf es denn jetzt einer ſolchen Veranlaſſung, wenn wir uns noch einmal begegnen ſollen? Wie lange habe ich Sie nicht mehr hier bei mir ſehen dürfen!“ Es zuckte etwas wie Beſorgniß durch ſein Geſicht, und wenn er auch ſonſt keine Bewegung machte, ließ er doch das Auge durch den erſt bei der jetzigen 1⸗ „ hellen Beleuchtung überſehbaren großen Raum des ſchönen Zimmers gleiten, an den ſchweren Vorhängen der Fenſter, an der faltigen Portiere einer nahen Thür haften.„Hoheit!“ ſagte er leiſe mahnend, aber ihre Hand hatte er doch genommen und hielt ſie in der ſeinen. „Unbeſorgt, mein Freund!“ ſprach ſie im frühern Tone,„wir ſind für den Augenblick völlig frei und ſicher. Ach, daß wir ſo ſagen müſſen, jetzt, wo wir hofften, daß Alles ausgeglichen ſein würde!“ unterbrach ſie ſich mit einem Anklange von Leidenſchaft, fuhr jedoch ſchon nach einem kurzen Innehalten wieder gefaßt fort:„Es ſtört uns Niemand, mein theurer Freund, und da mein Onkel ſelbſt Sie geſendet hat, darf ich auch wohl annehmen, daß wir ein wenig freie Zeit für uns finden. Wir haben ja ſo viel zu reden, Friedrich! Mein Herz iſt ſo voll!“ Er hatte jetzt auch ſeine andere Hand um die ihre gelegt und führte dieſelbe nun langſam und leiſe zu einem langen, heißen Kuß an die Lippen. Und ſein Auge ruhte voll ſchwermüthiger Zärtlichkeit in dem ihren und ſchien jeden Zug ihres ſchönen Geſichts zu muſtern, und aus ſeiner Stimme klang eine tiefe Be⸗ wegung, als er nun gedämpft erwiderte:„Ja, ja, Con⸗ ſtanze, es iſt nicht ſo gekommen, wie ich es mir ſo = 5 glückſelig und ſo vermeſſen ausmalte; es wäre ja auch zu ſchön geweſen— zu ſchön!— Ach, Conſtanze, wie mir zuweilen zu Muthe war in dieſer Zeit, wo ich Ihnen ſo nahe, unter einem Dach mit Ihnen weilen durfte, wo ich die Gunſt und Gnade nicht verringert, ſondern eher nur täglich ſteigen ſah, und dennoch ſtets etwas zwi⸗ ſchen uns fand, das ich kaum zu erkennen vermag, ge⸗ ſchweige denn zu nennen weiß— es war faſt zu viel, Conſtanze!“ Man ſah es, wie ſich ihre Finger zum zärtlichen Druck um die ſeinen ſpannten, und in ihren Zügen zuckte es, als ob ihr die Thränen nahe ſeien.„Friedrich“, ſagte ſie leiſe klagend,„wenn Sie anfangen zu ver⸗ zagen—“ Sein Auge blitzte auf, und der Stolz, der in ſei⸗ nem Geſichte ausgeprägt war, trat noch entſchiedener, zugleich aber auch entſchloſſener hervor.„So nicht, Prinzeſſin, ſo nicht!“ entgegnete er ernſt, beinahe ſtreng. „An mein Verzagen glauben Sie ſelber nicht. Und wenn ich auch traurig war, oder zuweilen voll Zorn, ſo habe ich doch keine Sekunde lang die Kraft des Stre⸗ bens verloren und nicht eine Sekunde lang aufgehört zu forſchen, was und wer ſich zwiſchen uns drängte, um mit ſolcher Kenntniß auch die Mittel der Gegen⸗ wehr zu finden. Freilich“, fügte er mit einem faſt finſtern Lächeln hinzu,„es iſt nicht das Leichteſte in meiner Stellung, daß ich meiſtens nicht eingreifen darf, wo Sie es nicht können, daß wir einander ſo nahe ſind und doch uns ſo fern bleiben müſſen, wo allerdings— meine Liebe, mein Gefühl kommen da nicht in Betracht!— wo allerdings ein Aus⸗ und Beſprechen ſo durchaus nothwendig geworden. Und darum bin auch ich Sereniſſimus für dieſe Sendung dankbar, wie für das höchſte Zeichen ſeiner Gunſt, um ſo dankbarer“, ſchloß er mit noch mehr gedämpfter Stimme,„als es vernruihlich für längere Zeit die letzte Gelegenheit iſ daß ich— Sie preßte ihre Hände in einander, und mit bleicher Wange und bebender Lippe murmelte ſie:„Um Gottes⸗ willen, Friedrich, was— was ſagen Sie?“ „Erſchrecken Sie nicht ſo ſehr, Conſtanze“, bat er innig.„Uns ſteht allerdings eine längere Trennung bevor, die aber vielleicht, wie die Dinge hier liegen, gut, ja ſogar nothwendig iſt; wir ſind in einer Situa⸗ tion, wo wir nicht die Herren bleiben können, ſondern uns einem andern Willen fügen müſſen, ja wo ſogar unſer eigenes Empfinden und Einſehen nicht mehr ge⸗ nügt, noch entſcheidet. Seien wir dankbar, Theuerſte, daß die Augen, die für uns ſehen, und der Wille, der für uns entſcheidet, bisher doch nur freundlich waren! b 7 Sereniſſimus hat mir vorhin auseinandergeſetzt, daß er mich zu der Militärcommiſſion in F. ſchicken und daß ich ungeſäumt dahin abgehen müſſe.“ Die Prinzeſſin hatte ſich ſchon während ſeiner Worte aufgerichtet, und die gefaltete Stirn und die zuſam⸗ mengezogenen Brauen verliehen ihrem edlen, ſchönen Geſicht einen Ausdruck von faſt erſchreckender Härte, aber freilich auch von einer ſo zu ſagen drohend ſich aufbäumenden Willenskraft.„Und wie lange währt dieſe Ihre Function?“ fragte ſie mit feſtem Blick. „Das weiß ich nicht zu beſtimmen“, verſetzte er, und man hörte und ſah es ihm an, daß er, was er an ihr erblickte, innerlich keineswegs billigte; er ſchüttelte ſogar leiſe den Kopf.„Jedenfalls, bis der Gegenſtand, der die Commiſſion augenblicklich beſchäftigt, völlig ab⸗ ſolvirt iſt. Wann das ſein wird, läßt ſich bei der Weiſe, in welcher die Verhandlungen dort betrieben werden, nicht vorausbeſtimmen. Sagen wir ein halbes Jahr etwa; weniger, glaube ich, wird es nicht ſein.“ Sie hatte ihn, ohne daß jener erwähnte Ausdruck ſich verändert hätte, ausreden laſſen. Nun aber ſprach ſie hart und mit hörbarer Schärfe:„Alſo eine Verban⸗ nung, eine wirkliche Trennung! Alſo das bereitete man uns! Alſo darum war meine Tante heute Nachmittag ſo kalt, ſo verlegen! Und das laſſen Sie, das laſſe ich mir gefallen? Das ſehen Sie ſogar noch als eine Art von Gnade an? O Friedrich“, fügte ſie leidenſchaftlich hinzu, „was werfen Sie ihnen nicht dieſe armſelige Stellung, dieſe ſogenannte brillante Carriere vor die Füße und leben als freier Mann Ihrem und meinem Glück? Wer will uns hindern? Ich bin Gott Lob volle, freie Herrin meiner Perſon und meines Willens—“ „Conſtanze, Conſtanze, beſinnen Sie ſich! Sind Sie das wirklich, Prinzeſſin?“ unterbrach er ſie, das letzte Wort zumal ſcharf betonend. Aber den beabſichtigten Eindruck brachte es trotz⸗ dem nicht hervor. Im Gegentheil verſetzte die hohe Frau noch heftiger, ja faſt ungeſtüm:„Ach, erinnern Sie mich nicht an dieſen armſeligen Rang und Stand, der uns nur unglücklich macht und uns ſogar von dem ausſchließen ſoll, was jeder und jede Andere für ihr beſtes Glück erkennen und für ſich wählen! O, ich würfe ihn ab, ohne Zögern, ohne Beſinnen, wenn ich nur—“ Sie hielt inne, wie übermannt von ihrem Gefühl; oder erſchrak ſie ſelbſt vor dem Gedanken, den ſie hatte aus⸗ ſprechen wollen? Er nahm von neuem ihre Rechte zwiſchen ſeine beiden Hände und ſagte mit ernſtem Blick:„Dies geht nicht an, Conſtanze! Was iſt vorgefallen, däs die heiß⸗ geliebte, klare, edle Frau ſo ganz aus ihrer gewohnten 4 Weiſe herauszureißen vermochte? Sie müſſen dies an⸗ ders, Sie müſſen es richtiger anſchauen lernen, Con⸗ ſtanze. Ich vermag in dieſer meiner Entfernung aller⸗ dings nur eine neue Freundlichkeit des Fürſten zu er⸗ blicken, um es gewiſſen Leuten unmöglich zu machen, mich, wie ſie zu beabſichtigen ſcheinen, in irgend einer Weiſe perſönlich, ſage ich: bloßzuſtellen und dadurch—“ „Da rechne ich anders“, unterbrach ſie ihn wieder mit finſterem Lächeln.„Ich finde in dieſer Sendung gerade ſchon die Spuren, daß jene Leute nicht nur wirklich geſchäftig ſind, ſondern auch Erfolg haben. Der Fürſt—“ „Der Fürſt“, fiel er beſchwichtigend ein, denn ihre letzten Worte klangen bereits wieder heftig,„der Fürſt deutete im Gegentheil gerade darauf hin—“ „Worauf deutet man nicht hin!“ fiel ſie erregt ein und fügte nach einem augenblicklichen Inne⸗ halten bitter hinzu:„Das iſt wohlfeil, Friedrich! Ich mit meinem ſchlichten Verſtande begreife nicht, wie Ihre Abweſenheit jene Intriguen und Ränke eher abſchneiden ſoll als Ihre Gegenwart.“ Damit brach ſie ab und trat, als ſei ſie ganz faſſungslos, von ihm fort zum Tiſch, ein Buch aufnehmend und haſtig auf⸗ und zu⸗ blätternd. Aber als er ſein Schweigen und ſeine ruhige ernſte Haltung auch jetzt bewahrte und ſein Auge jeder 10 ihrer Bewegungen mit dem Ausdruck der Trauer und zugleich der tiefſten Liebe folgte, blieb dies endlich nicht ohne Eindruck auf ſie. Sie wandte ſich plötzlich ihm wieder zu, und die Augen voll aufquellender Thränen, ſagte ſie wehmüthig:„Verzeihen Sie mir mein ſelt⸗ ſames Weſen, Friedrich! Ich bekenne es, es iſt mir heute etwas begegnet, das mir meine Ruhe koſtete, und nun dieſe Ihre Nachricht noch dazu kam, übermannte es mich—“ „Das ſehe ich und glaube ich“, ſprach er mit ernſter Innigkeit.„Sprechen Sie ſich aus, Conſtanze. Helfen kann ich leider nicht oft, aber rathen immer, und Sie wiſſen außerdem von mir, daß meine Fügſamkeit nur bis zu einem beſtimmten Punkt geht. Ueber den hin⸗ aus bin ich allerdings, wie Sie es vorhin wollten, ein freier Mann. Was hat man verſucht?“ Es war ein wehmüthiges, aber tief inniges Lächeln, das ihm für dieſe treuen, männlichen Worte lohnte; und nachdem ſie ſich langſam hatte in den nächſten Stuhl gleiten laſſen, ſagte ſie bei weitem ruhiger und natürlicher als bisher und nur noch in nachdenklichem Tone:„Ich verſtehe den Fall ſelber noch nicht, mein Freund. Ich erfuhr heute, daß meine Eleonore in einer Verbindung mit— ich ſchäme mich, es zu ſagen— meinem Bruder ſtehe, die mich um ſo mehr beſtürzen .„ — *A. 11 und verletzen muß, als ich zugleich höre und leider auch ſchon die Beweiſe erhielt, daß hinter ihr eine zweite fortgeſetzt wird, mit jener kleinen Hildegard Othma⸗ ringen, die man, wie ich glaube, bisher für ein außer⸗ ordentlich unbedeutendes Weſen gehalten hat. Und dieſe Verbindung nimmt ihren Fortgang faſt unter meinen Augen, meinem Schutz, in Eleonorens Zimmern. Sagen Sie, Friedrich, ob das nicht die ruhigſte Faſſung er⸗ ſchüttern muß!“ Der Major war dieſer Mittheilung mit, wie man wohl bemerken konnte, ſteigender Aufmerkſamkeit gefolgt, wenn ſich auch zuletzt in ſeinen Zügen etwas wie Wider⸗ willen zeigte.„In der That“, meinte er nun, und aus ſeiner Stimme klang, für das Ohr ſeiner Zuhörerin zum mindeſten, etwas Verächtliches,„Seine Hoheit pro⸗ tegiren neuerdings, wie ich höre, die Familie des Herrn Miniſters in auffälliger Weiſe— ich habe auch ſonſt und ſelbſt allerhand Zeichen!— und daß dabei, wie Ihr Fall zeigt, Conſtanze, von Rückſicht gegen Andere wenig die Rede iſt, das, dächte ich, könnte uns nicht überraſchen. Mir iſt von Seiner Hoheit nie etwas Anderes bekannt geworden. Daß Sie in dieſem Falle freilich eine ecla⸗ tante Genugthuung erhalten müſſen“, fügte er mit ſtrengem Ausdruck hinzu,„verſteht ſich von ſelbſt. Ich hoffe aber, ſie wird Ihnen leicht gewährt werden.“ 12 „Daran zweifle auch ich nicht“, erwiderte ſie mit einem faſt finſtern Ernſt,„und ich werde ſie auch mit Entſchiedenheit verlangen, allein, mein Freund, nicht blos meinet⸗, ſondern auch unſertwegen. Denn ich täuſche mich nicht, hier brütet ſicher etwas gegen Sie, gegen uns, denn“— ſie bot ihm mit aufflammender Innig⸗ keit plötzlich die Hand—„wie man uns auch zu trennen ſucht, Friedrich, in meinem Gefühl ſind wir auch äußer⸗ lich eins! Sie ſagen“, fuhr ſie, das Auge feſt auf das ſeine richtend, fort,„daß mein Bruder die Othmaringen protegirt. Mir iſt, als hätte ich nicht nur gehört, ſon⸗ dern auch ſelbſt neuerdings bemerkt, daß die Othma⸗ ringen Sie protegiren, Friedrich? Iſt das zufällig oder gleichgültig, Friedrich? Glauben Sie an den Ernſt?“ Durch das edle Geſicht Bilingsfelden's glitt ein nicht lautes, aber herzliches Lächeln.„Ja, es iſt wahr“, ſagte er dann,„Ihre Excellenz, die Frau Miniſterin, macht mir gewiſſe eigenthümliche Avancen; Freiin Hildegard erweiſt mir eine ſanfte Theilnahme, und jener Burſche— ſo etwa wie Dagobert heißt er— den Seine Hoheit zum Adjutanten verlangt hat, ſoll ja ſogar um meinetwillen ein Duell beſtanden haben! Den Damen kann ich freilich nur leidende Dankbarkeit an⸗ bieten“, fügte er achſelzuckend hinzu,„in dieſem letztern Fall aber, von dem ich erſt heute erfuhr, werde ich — 1 ——— 2— 13 mir denn doch wohl einige Aufklärung zu erbitten haben. Wären es dieſe Menſchen allein, ſo wäre die Sache erklärlich— die Gnade, deren ich genieße, rechtfertigt eine ſolche Theilnahme. Allein daß auch Seine Hoheit damit zuſammenhängen ſoll— doch, laſſen wir alle dieſe Armſeligkeiten“, ſchloß er, ihre Hand nehmend und leiſe an die Lippen führend, mit dem Ton, dem Ausdruck, dem Blick der tiefſten Zärtlichkeit. „O Conſtanze, Du ewig Geliebte, der Abſchied, ein langer Abſchied kommt, und wir haben uns noch ſo viel zu ſagen!“ Sie vergalt ſeinen Blick mit dem treueſten und tiefſten ihres wunderſchönen Auges und dem zärtlichſten Lächeln. „Haben wir das, Friedrich?“ verſetzte ſie bewegt. „Gibt es denn im Grunde noch irgend etwas, das nicht völlig klar für uns beide iſt, völlig feſt und ſicher— für alle Ewigkeit? Ach Friedrich, das iſt es nicht, was mich bei dieſer Trennung ſchmerzt und ängſtigt. Aber das Alles, was die Tage mit ſich heraufführen, das Unberechenbare, dieſe Ränke und Iltriguen, die, wenn Sie hier, wenn wir vereint ſind, ſo armſelig bleiben, und die ſo gefährlich werden können, wenn ſie ungehindert hinter unſerm Rücken fortwuchern! Und ſehen Sie, eine ſolche Intrigue ſehe ich in dieſem Treiben der Othmaringen— nehmen Sie es nicht ſo leicht, 14 Friedrich! Es ſchließt ſich darin ſo Mancherlei, ſo Selt⸗ ſames und ſich Widerſprechendes an einander! Dieſe Theilnahme für Sie, gleichviel aus welchem Grunde! Die gleichzeitige Vertretung— denn auch davon erfuhr ich!— jener Verwandten in Othmaringen, von denen man entweder gar nichts zu wiſſen ſchien, oder mit denen man ſogar aufs äußerſte verfeindet ſein wollte. Und dies Alles ſo plötzlich, ſeit Sie zurückkamen, ſeit man erfuhr, daß Sie in jener Waldeinſamkeit geweſen! Erinnern Sie ſich an meines Bruders plumpen Ausfall, neulich bei meiner Tante! Ich glaube ſelber, daß man urſprünglich nur durch die Entdeckung eines Geheim⸗ niſſes glänzen und Effect machen wollte. Aber ſagen Sie ſelber, iſt es möglich, daß man noch immer an ſolchen Gedanken feſthält und die Meinen, Sie, mich, uns alle für ſo armſelig hält, ſo niedrig taxirt? Von meinem Bruder rede ich nicht, aber die Andern— was geht ſie unſere Einigkeit überhaupt an?“ Nach einer Pauſe des Nachdenkens verſetzte er finſter: „Das weiß ich auch nicht, wenn ich es auch vielleicht ahne. Jedenfalls aber nehmen Sie dieſe Albernheiten zu ernſt. Haben Sie Vertrauen zu der Güte, Liebe und Vorurtheilsloſigkeit Ihres Onkels und Ihrer Tante— ich ſehe weder für Sie, noch für mich einen Grund, daran zu zweifeln! Haben Sie Vertrauen zu unſerer Liebe, —— 15 haben Sie Vertrauen zu ſich ſelbſt und zu mir! Ich kann nicht dunkel in die Zukunft ſehen, am wenigſten um dieſer Othmaringen willen. Sie haben mich vorhin gleichfalls ſorgenvoll geſehen und ungeduldig, allein nur um dieſer gegenwärtigen, täglichen Quälereien willen, denen Sie nicht begegnen können, wie ich wiederhole, und ich nicht begegnen darf. Darum aber verzage ich nicht, am wenigſten für die Zukunft. Das Fürſtenpaar iſt edel bis ins Herz hinein; es iſt viel zu weit in unſerer Angelegenheit gegangen, als daß es auch nur zurücktreten könnte— glauben Sie das ſicher, Geliebte, ſicher! Und darum müſſen Sie auch in meiner jetzigen Sendung mit mir eine Gunſt erblicken. Der Fürſt— Sie müſſen es jetzt nochmals hören— war geradezu herzlich und ließ es ſo deutlich merken, wie er wohl irgend durfte, daß er hoffe, gerade während dieſer Trennungszeit werde Alles ruhig und ſicher reifen und er Alles ordnen können für eine friedliche ſtille Entwicklung. Sie müſſen gerecht ſein, meine Conſtanze“, fügte er innig hinzu.„Ein Glück, wie Sie es mir ſchenken, wollen das erreichen wir nicht ohne harten Kampf!“ „Gott gebe, daß Sie ſich nicht täuſchen!“ ſagte ſie hörbar ſorgenvoll.„Mein Herz iſt ſchwer— ſchwer!“ „Ich täuſche mich nicht“, entgegnete er. Soweit unſer Glück von den Ihren und von uns ſelbſt abhängt, ſind wir deſſelben ſicher. Und wie wäre ſonſt Jemand im Stande, es uns zu ſtehlen? Zumal dieſe Othma⸗ ringen! Aber bei dem Namen fällt mir etwas Anderes ein, das mir heute durch den Kopf ging und das ich Ihnen ans Herz legen möchte, gerade für die Zeit meiner Abweſenheit. Hat Ihre Hoheit Ihnen mitge⸗ theilt, daß ſie heute Morgen die alte Baronin Vögels⸗ bach und ihren Sohn, den Felix Eylingshauſen, em⸗ pfangen hat?“ Die Prinzeſſin ſchüttelte den Kopf.„Nichts. Meine Tante war, wie ich ſagte, ſehr zerſtreut, verlegen, ich weiß nicht, wie. Aber was meinen Sie? Ich kenne jene Leute kaum dem Namen nach.“. „Frau von Vögelsbach iſt eine Schweſter jenes alten Herrn von Othmaringen, des Schwarzkünſtlers, wie der Prinz ihn neulich hieß, und durch ihre frühere Heeirath mit dem Grafen Eylingshauſen meine leibliche Tante. Dies nebenbei. Die Eylingshauſen und Vögels⸗ bach ſind— ſche Geſchlechter und mein Vetter Felix iſt daher auch bis jetzt in den dortigen Dienſten geweſen. Nun wünſcht aber die Mutter und wünſcht er ſelber in die unſerigen zu treten, weil er ſich mit jener kleinen Charlotte Othmaringen, ſeiner Couſine, verlobt habe—“ „Mit Ihrer Waldblume, Friedrich?“ fragte die Prinzeſſin hörbar voll Intereſſe dazwiſchen. 17 „Wie Sie ſagen, Conſtanze! Der alte Herr ſcheint ſo etwas wie eine Bedingung gemacht zu haben, daß ſein Schwiegerſohn entweder in gar keinem Dienſt oder dem unſern ſein müſſe. Die Sache wird, wie Sere⸗ niſſimus und auch Felix meinten, keine Schwierigkeiten haben; die Vermählung ſoll, glaube ich, bald ſtatt⸗ finden, und das Paar wird ſich alſo hier vorſtellen. Ich empfehle die junge Frau Ihrer vollſten Güte und Liebe, Conſtanze, Ihrem freundlichſten Schutz! Sie wird es nöthig haben, aber ſie verdient es auch.“ Durch das Geſicht der Prinzeſſin glitt ein leichtes Lächeln.„Major, Major“, ſagte ſie, leiſe den erho⸗ benen Finger bewegend, in ſcherzendem Tone,„das cheint mir denn doch verdächtig zu ſein! Haben Sie am Ende dennoch ein wenig gar zu tief in jene Wald⸗ frauenaugen geſehen?“ Er lächelte gleichfalls, aber nur für einen Moment und verſetzte dann mit ernſter Herzlichkeit:„Ja, Con⸗ ſtanze, ich ſah in dieſe guten, ſchönen Augen, mit wahrer, warmer Theilnahme. Es iſt ein wunderbar gutes und liebes Menſchenkind, ein Geſchöpf, wenn je eins, aus Gottes reichſter Liebe. Und das Loos, das ihm werden zu ſollen ſcheint, an der Seite dieſes Mannes, in unſerer Geſellſchaft, das betrübt und kümmert mich— Charlotte Othmaringen iſt zu gut für den einen wie für Hoefer, In der Welt verloren. II. 2 18 die andere!— Und wiſſen Sie, Conſtanze“, ſetzte er hörbar bewegt hinzu und nahm die Hand der Dame und ſchaute ihr tief in die Augen,„weshalb ich das Kind ſo beſonders gern und herzlich anſah und es ſo liebgewann— denn ich habe es lieb!— Weil ich in ſeinen Augen die Ihren wiederfand, Conſtanze, weil es Ihnen überhaupt, äußerlich wie im Weſen, ſo ſehr ähnlich iſt, und weil mir das ganze Herz aufgeht, wo mir auch nur eine Spur von Ihnen begegnet!“ „Friedrich!“ ſagte ſie tief aus dem Herzen, und es war Glück und Wehmuth zugleich in dem Ton. Sie ſtand auch auf, ſie trat zu ihm, und da ſein Arm ſich feſt um ſie legte, lehnte ſie den Kopf gegen ſeine Bruſt und ließ regungslos und geſchloſſenen Auges es zu, daß ſeine Lippen leicht das weiche, dunkelblonde Haar ſtreiften. Das Alles aber währte nur einen Moment, dann erhob er den Kopf und zog den Arm zurück, und ſie trat von ihm weg. Nur ihre Augen ruhten noch innig in einander. „Das iſt gewiſſermaßen ein Vermächtniß, Prin⸗ zeſſin“, ſprach er nach einer Pauſe,„und ich bitte Sie, es getreu und mit dem Herzen zu verwalten. Denn ich ſagte es ſchon: das Kind iſt mir lieb und ſeine Zukunft bekümmert mich.— Und nun laſſen Sie uns an uns denken. Die Zeit läuft ab. Wie werden Sie es 1— 4*— mit unſern Briefen halten? Entbehren kann ich die Ihren weniger als je! Denn wenn ich auch für die Dauer meiner Abweſenheit nichts fürchte—“ Er hielt inne, denn die Prinzeſſin hielt den Kopf gegen die Thür gewendet, welche zu den innern Ge⸗ mächern führte und von der her ſich allerdings ein leichtes Geräuſch bemerkbar gemacht hatte. Ihr Auge beobachtete mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit die Portière, und in der nächſten Sekunde ſchon ging dieſelbe, als ſei ihr Blick dem Lauſcher unbequem ge⸗ worden, auseinander und Prinz Hermann trat in das Gemach. „Der Tauſend!“ ſagte er, und jetzt waren es der Blick und Ton, ja die ganze Haltung, um derentwillen eine Begegnung mit dem Prinzen von Manchem ſo ſehr gefürchtet wurde.„Alſo täuſchte ich mich nicht in der Ahnung, daß Seiner Hoheit Adjutant insgeheim auch bei meiner Frau Schweſter Liebden mit der gleichen Function betraut ſei! Eine intereſſante und ſeltene Stellung, Herr Major— ich gratulire! Nur finde ich die Stunde des Vortrags ein wenig bedenklich, oder iſt es ein beſonderes geheimes Conſeil? Da muß ich ja ſehr um Verzeihung bitten für meine Störung!“ Weder die Prinzeſſin, noch der Major hatten Miene gemacht, die empfindliche Rede zu unterbrechen. Beider 2* Augen begegneten dem blitzenden, von zorniger innerer Aufregung zeugenden Blick des Prinzen mit kalter Ent⸗ ſchloſſenheit, und nur die bei jedem Wort ſich mehr ver⸗ dunkelnde Röthe auf der Stirn des Adjutanten mochte andeuten, daß er es nicht an einer ernſten Antwort fehlen laſſen werde. „Hoheit wollen mir die Bemerkung geſtatten“, fing er jetzt an,„daß ich dieſe Stunde im Auftrage und nach dem Befehl Sereniſſimi gewählt habe, um Ihrer Hoheit—“ Die Prinzeſſin machte eine Schweigen gebietende Bewegung.„Ich kann Sie nicht autoriſiren, lieber Major, die Mittheilung, welche mir mein Onkel durch Sie machen ließ, auch dem Prinzen zu machen“, ſprach ſie mit kalter Hoheit.„Darüber hat allein Sereniſ⸗ ſimus zu entſcheiden. Ich dagegen muß mir eine Er⸗ klärung über den Weg erbitten, den mein Herr Bruder zum Eintritt bei mir gewählt hat“, redete ſie weiter und ihr Auge begegnete dem des Prinzen mit einem kalten und dennoch durchdringenden, man hätte ſagen mögen: unerbittlichen Blick;„ich kenne dort keinen an⸗ dern Eingang als den für mich und meinen Haushalt vorbehaltenen. Oder hat mein Herr Bruder auch dort einen mir bisher unbekannten Schlüſſel gefunden?“ Der Prinz wurde ſo plötzlich dunkelroth, und aus 21 ſeinem Auge brach ein ſolcher Strahl von Haß und Zorn auf ſeine Schweſter ſo gut wie auf den Major, daß man den heftigſten Ausbruch erwarten mußte.„Das iſt von jeher die Kunſt der— Damen“, ſprach er mit einer vor Hohn bebenden Stimme,„dem Angriff auf ſie ſelbſt durch einen andern, gleichviel wie unſinnigen, zuvorzu⸗ kommen! Aber es iſt umſonſt, madame ma soeur, dieſe Worte ſind verlorene! Dagegen möchte ich aber bitten, daß die meinen nicht das gleiche Geſchick trifft; ich habe den Willen und das Vermögen, ihnen Nachdruck und Folgen zu ſichern. Und ſomit wollen ſich madame la princesse und der Herr von Bilingsfelden merken, daß ich, der Bruder der erſtern und der dereinſtige Herr dieſes Landes, ein⸗ für allemal Conferenzen wie die gegenwärtige unterſage, welche nur geeignet ſind, entehrenden Gerüchten Vorſchub zu leiſten, die ich über die Meinen nicht dulde oder blutig räche. Der Herr Major iſt entlaſſen.“ Nach einer Pauſe des gegenſeitigen feſten Anſchauens ſagte Prinzeſſin Conſtanze, indem ihr Auge freundlich dem auf ſie gerichteten, fragenden Blick Bilingsfelden's begegnete:„In der That, lieber Major, es wird beſſer ſein, daß Sie ſcheiden. Wie Sie hören, iſt Seine Hoheit in keiner geſellſchaftlichen Laune. Bringen Sie meinem Onkel meinen wärmſten Dank. Jedenfalls ſehen.“ Und während der Soldat ſich reſpektvoll verbeugte, rief Prinz Hermann in ſeinem frühern hohnvollen Ton: „Ich habe den gleichen Wunſch, Herr Major, und darf wohl auf ſeine Erfüllung rechnen, wenn es Ihnen nicht zu ſchwer fällt, ſich daran zu erinnern.“ „An meiner Erinnerung liegt es gewiß nicht, Ho⸗ heit“, verſetzte Bilingshauſen ſtolz und hochaufgerichtet; „Eurer Hoheit Wunſch iſt für mich allzu ſchmeichelhaft. Nur hat Sereniſſimus meine freie Zeit ſehr in An⸗ ſpruch genommen und ich muß daher bitten, mir bald eine Stunde zu beſtimmen, wo ich zu Eurer Hoheit Befehl zu ſein vermag.“ Und nach einer neuen Ver⸗ beugung gegen die Prinzeſſin verließ er das Gemach. Bei Hofe und in der Stadt wurde man demnächſt durch eine wahre Flut von Neuigkeiten überraſcht, zum Theil auch beſtürzt, und noch mehr gab es, was man ſich nur ganz leiſe zuzuflüſtern wagte. Zwar daß der Günſtling, der Major von Bilings⸗ felden, plötzlich zum Mitglied der in F. tagenden Mili⸗ tärcommiſſion ernannt wurde und ſchon am Tage, da dieſe Ernennung im Regierungsblatt ſtand, ſeine Reiſe wünſche ich Sie vor Ihrer Abreiſe noch einmal zu — — 23 antrat, das konnte höchſtens nur darauf ſchließen laſſen, daß die zunächſt der Commiſſion obliegenden Arbeiten von beſonderer Wichtigkeit ſein müßten. Eine Ungnade, wie Mancher vielleicht gern geglaubt hätte, war dieſe Entfernung keinesfalls; im Gegentheil hatte, wer die Abſchiedsaudienz bei der Fürſtin zu beobachten Gelegen⸗ heit fand, nur eine faſt herzlich zu nennende Freund⸗ lichkeit der hohen Frau zu rühmen, und auch Sereniſ⸗ ſimus ſelber entließ den Adjutanten mit allen Zeichen des Vertrauens. Ganz anderes Aufſehen und einen ganz andern Ein⸗ druck machte es, daß faſt zugleich eine Reiſe des Prinzen Hermann bekannt wurde, welche nach Italien, Griechen⸗ land und Kleinaſien gerichtet ſein und vorausſichtlich Jahr und Tag dauern ſollte. Zum Begleiter wählte der Herr außer einem Arzt nur den jüngſt ernannten Adjutanten Dagobert von Othmaringen. Es war auf⸗ fällig genug, daß von einem ſolchen weitreichenden Plane bisher kein Menſch in der Umgebung des Prinzen, nicht einmal die Dienerſchaft, eine Ahnung gehabt hatte, und es fanden dadurch die Gerüchte eine böſe Beſtätigung, welche ſich über ernſte Mißhelligkeiten in der fürſtlichen Familie und beſonders zwiſchen dem Prinzen und ſeiner Schweſter ausbreiteten. Ueber den Grund derſelben wagte man keine Angaben, nur wollten Einige— ſelbſtver⸗ ſtändlich ganz im Stillen— die Thatſache, daß gleich⸗ falls um dieſe Zeit die bisherige Hofdame der Prin⸗ zeſſin, Fräulein von Beringen, ihre Stellung verließ und in ihre Familie zurückkehrte, in einem freilich nicht ganz klaren Zuſammenhang mit dem Uebrigen erblicken. Und nun das Ueberraſchendſte und Beſtürzendſte: wiederum in dem gleichen Regierungsblatt las man— kein Menſch hatte dergleichen noch am Tage vorher geahnt— daß Seine Excellenz der Herr Staatsminiſter Baron von Othmaringen aus Geſundheitsrückſichten die Enthebung von ſeiner hohen Stelle erbeten und in Gna⸗ den, mit Hinzufügung von allerhand äußerlichen Gnaden⸗ beweiſen, bewilligt erhalten habe. Zu ſeinem Nachfolger wurde ein Mann ernannt, deſſen nicht unbekannte Ge⸗ ſinnung einen Bruch mit dem bisherigen Syſtem anzeigte. Und Herr von Othmaringen machte nicht nur An⸗ ſtalt, das Palais des Miniſteriums zu verlaſſen, ſondern es hieß, daß er mit ſeiner Familie fortan auf einer ſehr beſcheidenen Beſitzung zu leben gedenke, die er ſeit einigen Jahren ſein eigen nannte. Bei der Audienz, in welcher ſeine Damen von der Fürſtin nicht vertraulich, ſondern nach allen Regeln der Etikette empfangen wurden, wollte man eine erſchreckende Kälte der hohen Frau wahrgenommen haben. Und bei den Hoffeſten ſo wenig wie an den Abenden der Fürſtin bemerkte man noch irgend ein Glied der Familie. Fräulein Hildegard war ſogar bereits abgereiſt zu einer in X. anſäſſigen, ver⸗ wandten Familie. Man ſah einer ſtillen Saiſon entgegen und fühlte ſich in ſeinem ruhigen Behagen geſtört und unſicher gemacht. Was konnte einem ſolchen Anfang nicht Alles nachfolgen! Und was man dafür etwa in Ausſicht hatte — gewiſſe Vorkommniſſe am Hofe, wo es doch nicht ſo bleiben konnte; die Heirath des Grafen Eylingshauſen, der, in die dieſſeitige Diplomatie eingetreten, vielleicht . im Laufe des Winters noch die reichſte Erbin des Landes heimführen ſollte— war das ein Erſatz und Troſt? Zweites Kapitel. Ein unbekanntes Gefühl. So ſtill freilich, wie während dieſer Zeit in Oth⸗ maringen, dem alten Hauſe im ſchönen Flußthal, ging es auch in der einfachſten und beſcheidenſten Familie der Reſidenz nicht zu, und ſelbſt die Bewohner, welche nun doch ſchon ſeit ſo manchen Jahren an dies ruhige, ungeſtörte, faſt regungsloſe Leben gewöhnt waren, meinten es noch nie in ſolcher Stille und Ruhe kennen gelernt zu haben. Und dennoch war das Leben ſchon jetzt ein ſo ganz anderes geworden und ging einer noch viel größern Veränderung entgegen, denn man hatte ja eine Braut im Hauſe, der Verlobte war in der Re⸗ ſidenz, von wo ein raſcher Beſuch ſehr leicht auszu⸗ führen und obendrein jetzt als nahe bevorſtehend an⸗ gekündigt war, und die Vermählung ſollte womög⸗ 27 lich noch im Lauf des Winters ſtattfinden— Alles Bewegungen und Störungen in dieſem gleichmäßigen Lebenskreiſe, wie ſie nicht eingreifender gedacht werden konnten. Allein zu bemerken war davon unendlich wenig, ja an der Hauptperſon ſelber, der jungen Braut, ſo gut wie gar nichts. Denn wenn auch ſeit jenem Abend, wo Frau von Soldnau die erſte Mittheilung erhalten hatte, und noch mehr ſeit den nächſten bewegten Tagen ein neues Moment in Charlottens Empfinden und Leben hineingetreten war; wenn das junge Mädchen auch anders an der Seite desjenigen weilte, der ihr plötzlich ſo nahe getreten, und anders zu ihm aufſah; wenn ſie, nachdem er alsbald geſchieden und nun dem Entfern⸗ ten die Zuſtimmung des Vaters mitgetheilt worden, ſich wirklich als die Seine anſehen mußte und dem Herbeieilenden dies zu bethätigen hatte; wenn endlich ſeitdem die Briefe hin und her gingen und ſie nicht blos an ihn dachte, ſondern auch unter den Ihren von ihm ſprach und des großen Wechſels gedenken mußte, der ihr ſo nahe bevorſtand; von einer hervorſtechenden, tief eingreifenden Wirkung ſchien das Alles dennoch keineswegs zu ſein, und von einer großen Veränderung wurde an dem Mädchen nichts bemerkbar, es müßte denn ſein, daß ſie den Ihren noch ruhiger und ge⸗ 28 faßter, noch klarer und— ſagen wir: reiner erſchien als je zuvor. Eine freundlichere und anmuthigere Braut ließ ſich nicht denken; von dem heitern, ahnungsvollen, ſeligen, ſüßen Glück aber, das zu ſolcher Zeit manches Mädchenherz erfüllt und aus manchem Auge hervor⸗ lächelt, davon wurde nichts recht ſichtbar. Frau von Soldnau erinnerte ſich jeden Tag an das Wort, das ſie in der erſten Mittheilung Char⸗ lottens ſo tief ergriffen hatte.„Kannſt Du ihn denn lieben?“ hatte ſie das Mädchen gefragt und die Ant⸗ wort erhalten:„Ich hoffe es, Tante. Es iſt mir freilich bisher ein ſehr unbekanntes Gefühl.“ Und wie ſelt⸗ ſam oder vielleicht gar lächerlich es klingen mag, der alten Dame war wahrhaftig nicht wie lachen zu Muthe, wenn ſie bei dieſer Erinnerung, zuſammengehalten mit dem eben geſchilderten ſtillen Weiterleben der geliebten Nichte, ſich ſorgenvoll fragte: Liebt ſie ihn jetzt, oder lernt ſie's erſt? Sie hatte freilich ein um ſo größeres Recht zu ſolcher Frage und Sorge, als Charlotte, die in einer liebevollen Stunde derartige Worte von der Tante wirklich einmal vernahm, mit leichtem Lächeln und flüchtigem Erröthen nur einfach antwortete:„Her⸗ zenstante, ſorge nicht um mich. Es wird gewiß Alles freundlich und gut werden für uns. Wie dürfte ich, wie darfſt Du daran zweifeln?“ — Ein ſolches Pflichtgefühl— denn was war es ſonſt?— erſchreckte die Dame beinahe und ließ ihr die Verbindung in um nichts beſſerem Licht erſcheinen, als es von An⸗ fang an der Fall geweſen, und es beruhigte ſie nicht, daß ſie in dieſer Anſchauung auch heute noch allein zu ſtehen ſchien. Die Werbung des Grafen Felix war auf geringern Widerſtand geſtoßen, als ihn Jeder, der die hieſigen Menſchen und Zuſtände kannte, vernünftigerweiſe hatte erwarten müſſen, und als es nun auch nachträglich Frau von Soldnau ſich eigentlich recht zu erklären vermochte. Als Felix ſich am nächſten Morgen ein Herz ge⸗ faßt hatte, dem alten Herrn in ſeine Höhle nachdrang und ihm von ſeinen Wünſchen ſagte, hatte Baron Othmar ihn ohne ein Zeichen der Ueberraſchung ſchwei⸗ gend angehört und ohne Unterbrechung die ſich immer wortreicher und wohlgeordneter entwickelnden Sätze des Ermuthigten zum vollen Ende gedeihen laſſen. Dann erſt hatte er ſeine müden Augen zu einem nachdenk⸗ lichen Blick auf den Neffen erhoben, ihn ſo wiederum eine Weile ſchweigend angeſehen und darauf endlich ſo eintönig oder gleichgültig wie irgend möglich gefragt: „So? Du hältſt, wenn ich Dich recht verſtanden habe, um meine Tochter an? Du haſt alſo doch wohl ſchon mit Charlotten geredet? Was ſagt ſie dazu?“ 30 „Die Couſine hat mir keineswegs die Hoffnung ge⸗ nommen, Onkel“, verſetzte Felix einigermaßen ernüchtert und daher auch wieder natürlicher.„Sie hat mich aber vor allen Dingen an Sie und Frau von Soldnau ge⸗ wieſen und von Ihrer Entſcheidung die eigene abhängig gemacht.“ „Wie begreiflich“, ſagte der Baron ruhig;„vor allem alſo, was für uns alle die Hauptſache, ſie hatte kein Nein zur Antwort. Du nannteſt ſie aber, wie ſie's denn ja auch iſt, Couſine, mein Freund, und dies Wort ſpricht mein Hauptbedenken aus. Ich habe eine, wie ich glaube, ſehr gerechtfertigte Scheu gegen Verwandten⸗ ehen; es pflegt dabei wenig Gutes herauszukommen. Allein— laß Du mich nur ausreden, mein Kind!— ich bin kein unverſtändiger Menſch, der keinen Unterſchied zu machen und die Verhältniſſe nicht zu berückſichtigen wüßte.“ „O mein theurer Onkel— Vater!“ brach Graf Felix aus und ergriff ungeſtüm die Hand des Alten.„Wie unendlich beglücken Sie mich! Wie ſoll ich Ihnen—“ „Sei nun auch Du nicht unverſtändig, mein Kind!“ unterbrach der Baron ihn ſo gleichmüthig wie je. „Ueberſtürze Dich nicht und verlange dergleichen nicht von mir. Ich kenne nun Deine Wünſche und weiß, daß Charlotte im Allgemeinen nichts dagegen hat. So ſprich nun auch mit Frau von Soldnau und ſei über⸗ zeugt, daß wir auf das gewiſſenhafteſte und partei⸗ loſeſte prüfen, überlegen und uns entſcheiden werden.“ „O Onkel“, rief Felix mit einem Ausdruck von ge⸗ linder Verzweiflung,„ſeien Sie nicht grauſam!“ Und da lief zum erſten Mal etwas wie ein leiſes Lächeln durch das ſtille Geſicht des alten Herrn und er ſagte:„Nun, mein Kind, über das Verzweiflungs⸗ alter biſt Du doch ſchon eine Strecke hinaus, wie ich denn aber auch für einen Jüngern gar keinen Grund zu einer ſolchen Uebertreibung zu finden wüßte. Daß wir Dich nicht ungebührlich warten laſſen werden, trauſt Du uns wohl zu, und daß wir nicht ohne ganz beſondere, zwingende Gründe gegen Dich entſcheiden werden, das konnteſt Du ſchon aus meiner jetzigen Aufnahme Deiner Mittheilung ſchließen. Wenn mir recht iſt, denkt Ihr in einigen Tagen fortzugehen. Vierzehn Tage ſpäter, das verſprech' ich, ſollſt Du Ge⸗ wißheit haben.“ „Aber, Onkel“, rief der Graf jetzt wirklich beſtürzt, „was muthen Sie mir für eine Qual zu!“ „Wenn es eine ſolche für Dich iſt“, verſetzte der Baron ſo trocken wie je,„ſehe ich leider nicht, wie ſie zu vermeiden ſein könnte. Daß ich in Deiner und Deiner Mutter Anweſenheit über dieſe Lebensfrage 32 nicht entſcheide, ſteht feſt. Mein Kind ſoll mir vor allem frei und ohne den Einfluß Deiner Nähe gegen⸗ überſtehen. Dagegen läßt ſich nichts thun.“ „Aber gehen, Onkel, mit ſolcher Ungewißheit!“ ſagte Felix hörbar bewegt.„Und wenn ich glücklich werden darf, dies Glück in der Ferne, fern von Charlotten tragen! Und ſelbſt dieſe letzten Tage hier—“ „Die, dächte ich, ſollten Dir ſehr willkommen ſein, Dich mit Charlotten auszuſprechen“, unterbrach Baron Othmar ihn ruhig.„Ich denke nicht daran, Deinen Verkehr mit ihr zu beſchränken. Und wenn unſere Entſcheidung Dir günſtig ausfiele, ſo— Ihr wollt ja einige Tage in der Reſidenz verweilen?— ſteht ſelbſt⸗ verſtändlich einem neuen Beſuch bei uns nichts ent⸗ gegen. Bis zu dieſer Entſcheidung, mein Freund“, fügte der alte Herr in auffällig kaltem Tone hinzu, „bleibt die Sache aber unter uns. Dir ſag' ich das natürlich nur der Form wegen. Deine Mutter aber bitte ich ernſtlich darauf aufmerkſam zu machen.“ Damit war Felix verabſchiedet, der Baron aber ging, was ſeit vielen Jahren nicht geſchehen war, zu⸗ erſt zu Frau von Soldnau und nach einer verhältniß⸗ mäßig kurzen Unterredung ins Dorf hinab zu dem Pfarrer. Da blieb er beinahe bis zur Speiſeſtunde, und als er dann wieder bei den Seinen erſchien, zeigte er ſich in ſeiner gewöhnlichen ruhigen und einſilbigen Laune, als ob nichts Beſonderes vorgefallen wäre. Von der Angelegenheit, die doch ſo unendlich tief, ja er⸗ ſchütternd in ſeine ganze Exiſtenz greifen mußte, ward kein Wort laut. Nur zu Charlotten ſagte er abends, da ſie in der Dämmerung zu ihm ans Fenſter trat, wo er gern um dieſe Stunde in das friedliche Thal hinabzuſchauen pflegte, mit einem langen, freundlichen Blick und mit tiefer Herzlichkeit:„Sei recht ernſt, mein Herzenskind, und werde Dir recht klar, damit Du, wenn wir demnächſt über dies Alles reden, Deines Wollens und Könnens völlig ſicher biſt.“ Und ſo wäre es auch in den nächſten beiden Tagen geblieben, während welcher Frau von Vögelsbach mit ihrem Sohne noch zu Othmaringen verweilte, hätte die Dame ſich in ihrem— ſagen wir einmal: Herzens⸗ drange nicht bewogen gefunden, gegen ihren Bruder einestheils ihr unſagbares Glück und anderntheils die Bemerkung laut werden zu laſſen, daß ſie das Geheim⸗ niß wie den Aufſchub ſehr ſeltſam, ſehr überflüſſig, ſehr peinlich, ja ſogar ſehr grauſam finden müſſe. „An einen Abſchlag kannſt Du doch gar nicht mehr denken“, fügte ſie hinzu. Allein ſchon bevor ſie dieſen Satz vollendet hatte, bereute ſie nicht nur ihn, ſondern auch, daß ſie über⸗ Hoefer, In der Welt verloren. II. 3 34 haupt geſprochen habe, ſo ſteinern war das Geſicht des Barons, ſo kalt und zugleich doch gewiſſermaßen bannend der ſtille Blick, der ſich auf ſie heftete, ſo er⸗ ſchreckend der gleichfalls eiskalte Ton, in dem er er⸗ widerte:„Es ſollte mir ſehr leid thun, wenn Dein Sohn einen ſolchen Abſchlag nicht für ſehr leicht möglich hielte und überhaupt annehmen könnte, daß ich ſelbſt günſtig⸗ ſten Falls meine Tochter ohne gewiſſe Bedingungen und Garantien aus meiner Gewalt entlaſſen würde.“ Man wird zugeſtehen, daß dieſe Antwort, zumal für eine Dame vom Charakter der Frau von Vögels⸗ bach, eine einigermaßen empfindliche war, und ſie ſagte daher auch ohne viel Ueberlegung und ziemlich ge⸗ reizt:„Bedingungen und Garantien— ich verſtehe das zwar nicht recht, allein nenne ſie, und man wird das ja in Ordnung bringen können.“ Und da verſetzte Baron Othmar genau wie zuvor: „Mein Kind, Dir mache ich keine Bedingungen als die eine des Schweigens und der Discretion, im Intereſſe Deines Sohnes, dächte ich. Für dieſen aber habe ich noch einiges Andere, und wenn er die Geduld hat zu warten, ſo kann es Dir, meine ich, nur recht ſein, vor⸗ ausgeſetzt, daß Du mit ſeinen Wünſchen einverſtanden biſt. Eine der zu verlangenden Garantien kann ich allenfalls auch Dir und ſchon jetzt ſagen, und zwar, 35 weil ich ſie bereits durch ſeine Werbung wenigſtens annähernd erhalten zu haben glaube: ich muß völlig ſicher ſein, daß die Verbindung Deines Felix mit Ade⸗ line Schöneck niemals das im Sinne eines Chren⸗ manns erlaubte Maß überſchritten hat.“ Die Baronin wurde blaß und roth, denn ſie hätte ſich eher des Himmels Einfall träumen laſſen, als daß ihr der Welt abgeſtorbener Bruder von ſolchen Dingen Kunde erhalten haben könne!„Felix— Adeline Schöneck—“ ſtammelte ſie;„aber, Othmar— ich bitte Dich— wie—“ Der Blick nicht minder als das Achſelzucken des Bruders hieß ſie innehalten, und darauf erwiderte er, ſtets in der gleichen Weiſe:„Du hörſt ja, daß mich ſchon Felix Werbung gewiſſermaßen beruhigt hat. Denn wer Charlotte Othmaringen lieb zu gewinnen und ſogar um ihr Herz und ihre Hand zu bitten vermag, kann nach meiner Ueberzeugung ſich nur vorwurfsfrei fühlen. Und ſomit laß es genug ſein. Ich verſpreche noch⸗ mals, Felix nicht länger auf die Entſcheidung warten zu laſſen, als die Umſtände und Verhältniſſe es durch⸗ aus nöthig machen.“ Daß es Frau von Vögelsbach genug war, das werden die Leſer keinen Augenblick bezweifeln, aber auch ihr Sohn bekam, da ſie ihm noch ganz erſchüttert 3* 36 die Nachricht von ſeines Onkels Allwiſſenheit brachte, neben einem gewiſſen Schreck einen überaus heilſamen, auch innerlichen Reſpekt vor dem alten Herrn und ſah ihn ſeitdem mit ganz andern Augen an. Weltleute ſehen auf ſchlichte und zurückgezogen lebende Leute nur darum meiſtens ſo hoch, ja mit einer Art von verächtlichem Mitleid herab, weil ihre eigenen welt⸗ lichen Intereſſen für dieſelben gemeiniglich nicht vor⸗ handen ſind, in denen ſie ſelbſt das A und O ihres Lebens, Denkens, Schaffens, ihrer geſammten Exiſtenz finden. Frau von Vögelsbach bewahrte infolge ihres Schreckens und Aergers ſogar das Schweigen vorſich⸗ tiger und gewiſſenhafter, als es ſonſt in ihrer Art lag, und wenn ſie es trotzdem einmal brach, ſo geſchah es nur, weil ſie ſich außer Stande fühlte, Seiner Excellenz dem Herrn Miniſter den Verdruß zu erſparen, den ihm eine ſolche Nachricht bereiten mußte. Ja, wie ſie die Stellung ihres Bruders zu dem feindlichen Vetter auf⸗ faßte, meinte ſie mit ihrer Indiscretion auch im Sinne Othmar's zu handeln. Endlich, wer kann's entſchei⸗ den, ob die Dame nicht, wie viele ihresgleichen, eine gewiſſe Ahnung von der geringen Glaubwürdigkeit hatte, die man ihren Mittheilungen beilegte, und daher ſich den kleinen Verſprechensbruch um ſo lieber erlaubte? —————— Er mußte vorausſichtlich unſchädlich bleiben und blieb es auch. Zu Othmaringen entfaltete inzwiſchen der alte Herr eine Thätigkeit und Theilnahme, wie man ſie nur zwei⸗ oder dreimal im Laufe ſeines Lebens an ihm wahr⸗ genommen hatte und wie er derſelben, ſeit die Erb⸗ ſchaftsangelegenheit geordnet war, völlig abgeſtorben zu ſein ſchien. Sie zeigte ſich beſonders in häufigen Gängen zum Pfarrer, in wiederholten, längern Ge⸗ ſprächen mit Frau von Soldnau und endlich in bei weitem häufigern und— ſagen wir einmal: behaglichen Unterhaltungen mit ſeiner Tochter, während bisher trotz ſeiner unendlichen Liebe zu ſeinem Kinde von ſolchen faſt niemals die Rede geweſen war, der Alte für daſſelbe im Gegentheil ſtets nur einzelne Worte und Blicke gehabt hatte. Jetzt verweilte er, wo ſie weilte, hin und wieder ſtundenlang; er ging mit ihr im Sonnenſchein der letzten ſchönen Tage ſogar ein paar Mal in der Veranda, auf den Terraſſen auf und ab; er veranlaßte ſie zum herzlichen Plaudern und plauderte ſelbſt beinahe mit ihr über Alles und nichts, über Nahes und Fernes, nur mit keiner Silbe über Felix und ſeine Werbung. 8 Das kam erſt nach acht oder zehn Tagen, als auch Herr von Bilingsfelden längſt geſchieden war und man 38 zu Othmaringen wieder in der gewöhnlichen tiefen und friedlichen Herbſtſtille lebte. Da ſagte er eines Mor⸗ gens, wo er ſich bei den Seinen im Frühſtückszimmer eingefunden hatte, endlich zu Charlotten, mit der er wie mit den Uebrigen auch heute bis dahin nur das Alltägliche beredet:„Nun, mein Kind, wenn's Dir recht iſt, wollen wir denn doch einmal über Deine Ange⸗ legenheit ſprechen. Komm mit mir.“ Und damit ging er, von dem Mädchen gefolgt, in ſein Zimmer. Was dort vorgefallen war und beredet worden, darüber erfuhr Niemand etwas weiter als das Re⸗ ſultat. Selbſt zu Frau von Soldnau ſagte Charlotte, da ſie ein paar Stunden ſpäter bei derſelben tief er⸗ griffen und mit verweinten Augen erſchien, nur:„Der Papa iſt anbetungswürdig, Tante! Solch ein Herz voll Ehre, Liebe und Treue ſchlägtz in keiner zweiten Men⸗ ſchenbruſt!“ 3 „Und wie hat er ſich über den Grafen und ſeine Wünſche ausgeſprochen?“ fragte die Dame, die bei weitem erregter war als Charlotte, mit bebender Stimme. „Er hat mir völlig freien Willen gelaſſen, Tante“, verſetzte Charlotte ruhig.„Denn einige, Bedingungen, die er zu ſtellen hätte, gingen mich kaum an, ſagte er.“ „Und Du ſelbſt, mein geliebtes, mein einziges Kind, —— Du biſt wirklich entſchloſſen?“ fragte die Dame, zit⸗ ternd vor Erregung. Und das Mädchen beugte ſich zu der liebevollen alten Frau nieder, ſah ihr innig in die thränenvollen Augen und ſagte ſanft:„Das iſt nicht Dein Ernſt, Tante, denn Du weißt es ja ſchon ſeit neulich Abend. Und Du mußt Dich wirklich nicht um mich ſorgen, es wird gewiß Alles gut werden. Denn Felix hat mich lieb und wir werden gemeinſam ein auch für ihn neues, frohes, ſchönes Leben beginnen.“ Ihr Glaube an Felix ſchien ſich bewahrheiten und zu außerordentlicher Beruhigung der alten Dame be⸗ ſtätigen zu ſollen. Als der Herr nach einer weitern Woche, diesmal ohne die Mutter, herbeigeeilt kam, mußte er auf Frau von Soldnau ſo gut wie auf Jedermann, der ſein jetziges Auftreten mit dem frühern verglich, einen um Vieles beſſern, gewinnenden Ein⸗ druck machen, und derſelbe konnte ſich nur verſtärken, wenn man die Stellung, die er zu ſeiner Braut ein⸗ nahm, und den Verkehr mit ihr wie mit ihrem Vater und den übrigen Hausgenoſſen der Beobachtung unter⸗ zog. Sein ganzes Weſen athmete wirklich etwas wie Herzlichkeit, Einfachheit, ja etwas Frohes und Treu⸗ herziges, das früher Niemand auch nur in einem Zuge zu Geſicht gekommen war, und das Glücksgefühl und 40 die Herzensdankbarkeit, die ihn ganz zu erfüllen und zu durchdringen ſchienen, äußerten ſich ſo unbefangen, ſo friſch und natürlich und vor allen Dingen ſo frei von Uebertreibung, daß man wohl anfangen mußte, an einen guten, unverletzten Kern in ſeiner Natur zu glauben. Das Vornehme und der weltmänniſche Schliff, die freilich gleichfalls nicht fehlten, konnten unter dieſen Umſtänden und da ſie nur ſein Aeußeres, um uns ſo auszudrücken, nicht aber ſein Herz und Gefühl be⸗ herrſchten, nur angenehm wirken. Selbſt Baron Othmar trat ihm ſichtbar freundlich nahe und äußerte ſich um ſo befriedigter über ihn, als er ihn in Betreff ſeiner beſondern Bedingungen ſo willfährig wie möglich fand. Von dieſen Bedingungen kam vor den Hausgenoſſen nur die eine und zwar durch Felix ſelbſt zur Sprache, daß er aus ſeiner bis⸗ herigen Heimat in diejenige ſeiner Braut überſiedle und auch, wenn er überhaupt im Dienſt bleiben wollte, in den dieſſeitigen trete. Der Graf hatte das ohne weiteres und um ſo eher zugeſtanden, als es nach ſeiner Angabe ſchon ſeine eigene Abſicht geweſen war. Er war, während ſeine Mutter in der Reſidenz das Terrain ſtudirte, nach X. gereiſt und hatte auch ſeiner⸗ ſeits alle Einleitungen getroffen, aus dem dortigen Dienſt zu ſcheiden. Er wollte nirgends aufgehalten ſein. 4 — 41 Als er nach der Unterredung mit ſeinem Onkel an Charlotte und Frau von Soldnau darüber Bericht abſtattete, trat ein Zug hervor, der zumal die letztere ganz außerordentlich überraſchte, aber ſie zugleich auch noch mehr für den Grafen einnahm. „Ich ſagte dem Vater“, ſprach er,„daß ich kaum ſchon aus dem Dienſt ſcheiden dürfe und daher mit Ihnen, meine Charlotte, vorerſt allerdings noch in der Ferne leben werde. Ich bin noch zu jung, um mich ſchon zur Ruhe zu ſetzen und ein bloßes, leeres Geſellſchaftsleben zu führen; ich muß ehrlich bekennen, daß ich bisher kaum etwas Anderes verſtehe und kenne, obgleich mir ſeine Armſeligkeit keineswegs immer ver⸗ borgen blieb. Jetzt freilich würde es auch damit an⸗ ders werden, wir leben und lernen miteinander, Char⸗ lotte!“ fügte er zärtlich hinzu, indem er ihre Hand nahm und ihr froh in die freundlichen Augen blickte „Mit Ihnen wird jedes Leben ſchön und reich! Mit Ihnen finde ich überall einen ſchönen, vollen Inhalt! Sie mit Ihrer Güte, Ihrer Lieblichkeit, Ihrer Hoheit veredeln Alles und Jedes, wie Sie mich ſchon veredelt haben, wie Sie ſchon jetzt mich erkennen ließen, wie ſchal und arm mein gewöhnliches, gedankenloſes Leben und Treiben geweſen iſt. Aber ich fühle auch, daß ich zu mehr berufen und hoffentlich zu mehr befähigt bin, 42 als zu einem blos genießenden Leben, ſei es auch an Ihrer Seite! Das“, fuhr er nach einer Pauſe fort,„habe ich auch dem Vater ungefähr geſagt und erhielt auch ſeine Zuſtimmung. Etwas Anderes jedoch, einen Haupt⸗ grund, nannte ich ihm nicht, ſondern nur Ihnen bei⸗ den— es thut mir weh, daß es ſo iſt, aber es iſt ein⸗ mal nicht anders. Blieben wir daheim, ſei es auf den Gütern, ſei es in der Stadt, ſo würde es ſich nicht vermeiden laſſen, daß meine Mutter häufig bei uns weilte, vielleicht ganz bei uns zu bleiben wünſchte. Und das— ich wiederhole: ſo weh mir es auch thut!— iſt völlig unmöglich. Ich kenne meine Mutter. In der beſten Abſicht, mit dem beſten Willen des Friedens würde ſie uns ein heiteres, einiges, höheres Leben, ein Leben nach unſerem Sinn unmöglich machen, ſie würde Sie, meine arme Charlotte, und mich mit all ihren Vorurtheilen, Grillen und— leider!— Extravaganzen nie in Ruhe, nie zum Frieden kommen laſſen, ſondern nur ſich und uns mit nichts bis aufs Blut quälen und nutzlos aufregen. Denn ohne Aufregung geht es bei ihr nicht ab. Sie ſehen wohl“, ſchloß er,„hier daheim könnten wir ihr nicht ausweichen, ohne daß über lang oder kurz ein Bruch entſtehen würde, den ich um Alles in der Welt nicht möchte. Auswärts hat es keine Noth— meiner Mutter Reiſen gehen nicht mehr 43 über die alten Ziele hinaus. Und wenn wir nach einiger Zeit zurückkehren, dann iſt ſie hoffentlich nicht blos ru⸗ higer, ſondern ſind auch wir, ſo Gott will, ſo feſt und ſicher eins geworden, daß ſie uns nicht mehr ſtören kann. Nicht wahr, Charlotte? Nicht wahr, liebe Tante?“ Frau von Soldnau war wie geſagt ſehr überraſcht, aber auch ſehr zufrieden, denn der Gedanke an die Stellung, welche die Baronin Vögelsbach zu dem jungen Paare einnehmen würde, war ihr einer der drückendſten geweſen. Alles, was Felix geſagt hatte, gefiel ihr, und ſie würdigte nicht nur das innige Lächeln, mit dem Charlotte eben den Verlobten belohnte, ſondern begann auch zu begreifen, daß ein Mädchen einem ſol⸗ chen Mann wohl mit Vertrauen ſeine Zukunft anver⸗ trauen möge und alle Veranlaſſung habe, ihn, wo nicht ſchon zu lieben, doch lieben zu lernen. Es that ihr fortan für Felix beinahe weh, daß Charlotte ihm und ſeinem anſcheinend ſo tief empfundenen Glück gegen⸗ über ſo ſelten ſich aus ihrer anmuthigen, ſtets ein wenig ſchüchternen Herzlichkeit zu warmer, voller Zärt⸗ lichkeit erhob. Allein auf dieſe mußte ſie, wie wir deſſen oben ſchon gedachten, auch nach Felix' Scheiden und ſelbſt dann verzichten, als der Hochzeitstag, auf des Verlobten 44 dringenden Wunſch beſchleunigt, ſchon ſehr nahe war. Eine freundlichere und anmuthigere Braut, müſſen wir wiederholen, ließ ſich nicht denken, aber von dem ah⸗ nungsvollen, ſeligen Glück eines bräutlichen Herzens zeigte ſich noch immer nichts, wie die alte Dame, weh⸗ müthig den Kopf ſchüttelnd, ſich ſelbſt oder dem Pfarrer wohl einmal vorklagte. Ihr Herz war ſchwer und blieb es trotz jener beruhigenden Worte Charlottens, deren wir oben erwähnten. Die Andern dachten freilich anders. Baron Othmar ſah freundlicher und zufriedener aus als ſeit langer Zeit, und Florian Hausmann ſprach einmal, nach einer jener Klagen, zu der Dame:„Aber ich verſtehe Sie nicht recht, meine alte Freundin. Glauben wir dem Kinde doch, daß es erſt lernen muß zu lieben und durch die Liebe glücklich zu werden. Und freuen wir uns für ſie und uns, daß ihr dies Gefühl, dies Glück bisher ein fremdes blieb, daß ihr Herz ſich dem Grafen mit unentweihter Friſche anzuvertrauen vermag.“ Drittes Kapitel. Wenn mancher Mann wüßte. Der Winter war in dieſen Gegenden ſehr mild geweſen, der Schnee hatte ſelbſt auf den Bergen und in den ſchluchtenartigen Einſchnitten keine rechte Ruhe gefunden, und wenn auch wie alljährlich die ohnehin beſchränkte Dampfſchifffahrt eingeſtellt worden, ging der Verkehr im Uebrigen doch ungehindert auf dem Fluſſe fort. Und nun kamen bereits jene wundervollen Vor⸗ frühlingstage, die der Menſch glücklicher entgegennimmt und froher genießt als hernach den ſogenannten rechten Frühling mit ſeinem grauen Himmel und dem flutenden Regen, und wenn die Sonne einmal durchbricht, ſo dampft Flur und Wald und die Gewitter ſteigen auf und am nächſten Tage ſchon iſt's wieder fruchtbares Wetter! Jetzt war Alles ein Glanz und ein Licht, ein Duft und eine Milde in den prachtvollen Mondnächten wie an den ſonnenklaren Tagen. Die Gartenanlagen von Othmaringen waren voll von Schneeglöckchen und Cro⸗ cus, die Anemonen kamen luſtig hervor, der Raſen wurde grün, und dann verſchwand ſeine Farbe beinahe vor den Veilchen, die ſich zahllos erſchloſſen. Ja, hier und da fingen bereits die Pfirſiche an zu blühen, die Knospen trieben überall mächtig und brachen, wo es be⸗ ſonders warm war, auch ſchon auf, und eines Morgens, da Charlotte, von den fröhlichen Rufen der Vögel hervorgelockt, mit dem erſten Sonnenſtrahl aus der Veranda trat und die Terraſſe hinabwandelte, da be⸗ grüßten ſie rings auch die Mandeln mit ihren leuch⸗ tenden Blüten. Das Mädchen ſtand und ſchaute ſich um, zum Schloß zurück und in den Grund hinab, über die Teraſſe und drüben an den Waldhöhen hin, ſo feſt und ernſt, ſo lange und ſo tief, als wolle ſie das Alles für immer in ſich aufnehmen, um es ſtets, zu jeder Stunde ihres Lebens, in aller Ferne bei ſich zu haben und ihr eigen zu nennen. Und ſie hatte wohl einen Grund zu dieſem Blick und ſolchem Wunſch, zu der tiefen Bewe⸗ gung, die ſie ſichtbar durchdrang und beherrſchte; denn am geſtrigen Abend war Felix angelangt, und heute 7 4 4 war der Hochzeitstag, und ſein Abend ſchon ſollte ſie fern ſehen von der geliebten Heimat. Sie ſtand ſo verſunken, daß ſie den raſchen Schritt nicht vernahm, der ſich ihr vom Schloß her näherte, und doch ein wenig zuſammenzuckte, als ſich plötzlich ein paar Hände vor ihre Augen legten. Aber es war nur die eine Bewegung, dann lehnte ſie ſich leicht an die Bruſt des Verlobten, und indem ſie die nun wieder freien Augen mit freundlichem Lächeln zu ihm erhob, ſagte ſie mit von neuem anklingender Bewegung:„Es iſt mein letzter Morgengruß an Othmaringen, Felix, den darfſt Du mir nicht mißgönnen, noch verkürzen. Sieh, der Gedanke an dieſe nahe Trennung iſt mir noch ſo neu und die Ferne iſt mir noch ſo fremd— ich war ja niemals auf lange von hier fort und weiß ſo wenig von der großen Welt da draußen! Und es iſt jetzt hier gerade ſo wunderſchön!“ Er küßte leiſe ihre Augen.„Und nimmſt Du nicht das Alles mit Dir hinaus, in Deinem guten, treuen, lieben Herzen?“ fragte er innig.„Aber freilich“, fügte er dann mit aufleuchtendem Blick hinzu und ſein Arm legte ſich feſter um die ſchlanke Geſtalt,„bevorzugt bin ich doch weit vor Dir! Denn ich nehme nicht allein dies reizende Bild mit mir fort, ſondern auch das Schönſte, Lieblichſte und Beſte, das Othmaringen beſitzt, 48 jenen wunderbaren, geheimnißvollen Zauber, der das Herz, das ihn beſitzt, zum glückſeligſten der Erde macht und jeden Platz, wo man weilt, zum Paradieſe umſchafft, Dich, meine Braut, meine Fee, bald mein ſüßes— ſüßes Weib! Ach, Charlotte“, ſchloß er, ſie mit Leidenſchaft in die Arme ſchließend, mit Leidenſchaft ihr in das bewegt lächelnde Auge blickend,„wenn Du's nur begriffeſt, wenn Du's nur ahnteſt, dies unnenn⸗ bare Gefühl, dies Empfinden und Wiſſen meines Glücks⸗ dies Bewußtſein, daß ich das Schönſte und Beſte, was die Erde hegt, mein nenne und mit mir fortnehme!“ „Theurer!“ flüſterte ſie, den Kopf an ſeine Bruſt legend. Ihr Auge war geſchloſſen, aber in den Zügen ihres Geſichts träumte ein ſüßes, weiches Lächeln. „Und gewiß, Charlotte, Du gehſt gern mit mir und voll Vertrauen? Du ängſtigeſt Dich nicht vor all dem Freiden und Fernen?“ Da ſchlug ſie die Augen groß auf und erhob den Kopf.„Nein“, ſagte ſie ſo recht aus dem Herzen em⸗ por.„Wie ich Dich immer beſſer erkenne, Felix, und Dich immer mehr liebe, ſo ängſtige ich mich gar nicht. Habe ich doch überall Dich und bin ich überall Dein. Daß ich aber geſtern ſo bewegt war— Du nannteſt es in Dir vielleicht niedergedrückt— das darfſt Du mir wohl verzeihen. Du mußt nicht vergeſſen, daß 49 ich mein ganzes Leben hier verlebt, daß ich niemals von den Meinen getrennt war; das ſoll nun Alles anders werden, und ſo ſchnell! Als Du vor vierzehn Tagen uns von dieſer nöthigen Beſchleunigung ſchriebſt, bin ich— ich muß es nur ehrlich bekennen!— wirk⸗ lich ein wenig erſchrocken geweſen. Jetzt“— und ſie legte von neuem den Kopf an ſeine Schulter—„iſt das überwunden. Von Dir beſchirmt und geliebt, werde ich mich überall wohl und daheim fühlen lernen.“ Charlotte hatte freilich ein Recht, ſo zu ſprechen und von ihrem Schreck zu ſagen, denn es war allerdings ſehr ſchnell und überraſchend anders gekommen, als es bis dahin beſtimmt geweſen, und das junge Mädchen benannte die dadurch in Othmaringen erregte Stim⸗ mung, natürlich abgeſehen von der eigenen, mit einem ſehr glimpflichen Ausdruck. Um Neujahr hatten Felix' Bemühungen, in den dieſſeitigen Staatsdienſt zu treten, endlich zum Ziele geführt und er war ein paar Tage in Othmaringen geweſen, um Alles abzureden. Er ſollte einſtweilen, da ſich auswärts noch keine Vacanz gefunden hatte, daheim im Miniſterium beſchäftigt wer⸗ den, während man ihm zum Sommer oder Herbſt mit ziemlicher Gewißheit eine Stellung auswärts verheißen konnte, wie ſie ſeinen Wünſchen entſprach. In der Reſidenz aber wünſchte der Baron ſeine Tochter nicht Hoefer, In der Welt verloren. II. 4 50 leben zu ſehen— wir wiſſen, daß die einzigen Men⸗ ſchen, gegen die er eingenommen war, dort weilten und, wenn auch ihr Fortzug infolge der letzten Ereigniſſe in Ausſicht ſtand, noch immer anweſend waren— und er fühlte ſich daher ſeinem Neffen noch herzlicher verbun⸗ den, da dieſer jetzt gleichfalls ſeine Vermählung bis dahin aufgeſchoben zu ſehen wünſchte, wo er die junge Frau nach einer kurzen Vorſtellung bei Hofe ſogleich in die Ferne führen könne. Das Wohlwollen des alten Herrn ging ſo weit, daß er ſelber die Hochzeit auf Charlottens Geburtstag, den 10. Juli beſtimmte; das junge Paar möge dann, wenn ſich für Felix noch keine Stelle gefunden habe, eine längere Reiſe antreten. „Deine Gründe in Ehren“, ſagte er bei dieſen Er⸗ örterungen einmal zu Felix,„aber ehrlich geſtanden verſtehe ich dennoch nicht recht, weshalb Du Dich ſo entſchieden für eine Dienſtſtellung erklärſt, während Dich nichts hindert, als freier Mann Dir und Deiner Frau zu leben. Beſchäftigungen, die für Dich paſſen und Dich unterhalten, ſollte es denn doch noch geben, meine ich, und ebenſo auch Plätze, wo Du“— der alte Herr lächelte leiſe—„auch Deinen Gäſten gegenüber frei bleibſt..). Felix ſchüttelte den Kopf, während zugleich in ſeiner Miene etwas Finſteres erſchien, ein Ausdruck, der, 4 3 51 wie wir wiſſen, in ſeinem hübſchen, aber nicht bedeu⸗ tenden Geſicht ein ziemlich ungewöhnlicher war.„Bitte, Papa, folgen Sie diesmal mir“, verſetzte er in einem gewiſſen kurzen Ton;„ich kenne mich und ich kenne meine Gäſte. Glauben Sie mir, es iſt für uns alle beſſer, wenn es wird, wie ich's mir ausgerechnet. Die Langeweile thut mir nicht gut.“ „Daß bisher nur ſeine Oberfläche in Bewegung kam, ja daß er ſelber nur von dieſer wußte, das merkt man wohl“, ſagte Baron Othmar ſpäter zum Pfarrer, dem er das Geſpräch mitgetheilt hatte.„Allein es ſcheint doch nun auch ſein Inneres zur Geltung und ihm zum Bewußtſein zu kommen, und was ich davon ſehe, befriedigt mich, ſelbſt dies Mißtrauen gegen ſich ſelbſt. Kurz, ich fange an, mit zunehmender Sicherheit an Charlottens freundliche Zukunft zu glauben. Und da es leider nicht mehr in unſerer Macht ſteht, für unſer Kind den zu erwählen, dem wir's am liebſten und ruhigſten geben möchten“, fügte der alte Herr mit einem Ausdruck der Reſignation hinzu,„ſo mag es denn am Ende auch dieſer thun— eher als hundert Andere.“ Florian Hausmann neigte zuſtimmend das Haupt. „Auch ich fürchte für Charlotte keine ſchwere Zukunft, das heißt, ſoweit dergleichen vom Menſchen ſelber ab⸗ hängt; das Uebrige ſteht für ſie wie für uns alle in 4* 52 Gottes Hand“, verſetzte er ruhig.„Am beſten iſt es jedoch, daß ſie die Hauptgarantie für ihr Glück und ihren Frieden eben in ſich ſelber trägt und mit ſich ins Leben hinausnimmt— auch für ihren zukünftigen Gatten. Deine Tochter iſt, wie ich täglich beſſer er⸗ kenne, ein ſo durch und durch geſundes, klares, reines und überhaupt bevorzugtes Weſen, daß ſie auf Jeden, 8 der ihr wirklich nahe ſteht und nahe ſtehen will, den wohlthätigſten Einfluß gewinnen muß. Das beruhigt mich auch in Betreff des Grafen am meiſten. Den guten Willen ſcheint er zu haben. Am meiſten aber freut mich“, ſchloß er, die Hand des Barons drückend, „daß Du ſelber von den alten traurigen Ahnungen und Befürchtungen frei zu bleiben ſcheinſt. Ich habe es, ehrlich geſtanden, nicht ſo gut erwartet.“ „Ja“, verſetzte Othmar in ſeiner gewöhnlichen ſtillen, man möchte faſt ſagen: undurchdringlichen Weiſe,„ich halte Gott für zu gerecht und gnädig, als daß er wirk⸗ lich die Sünden und Fehler der Aeltern auch an den Kindern ſtrafen könnte.“ Und indem plötzlich ein fin⸗ ſteres Lächeln die Ruhe ſeiner Züge unterbrach, fügte er gedämpft hinzu:„Und von einem Glück, wie jenes war, das ich für allzu groß und ſchön hielt, um auf ſeine Dauer zu hoffen, davon ſehe ich hier nichts. Es iſt denn auch wohl ſo am beſten, denke ich.“ 5 Das war zu Anfang des Jah bis fünf Wochen ſpäter aber meld lich, daß durch den Tod einez der Geſandtſchaft in Neapel, ſich um denſelben 1ne geſichert erhalten habe. Ende Februar oder vur abgehen, und da die pola noch vermehrte Wi Urlaub für l er um Be lotten ſeine Frau mit ſich Wir haben ſchon geſagk, Othmaringen eine Stim ng 5 viel zu günſtig nur a 1 bezeichnete. Frau v von Soldnau er völlig unmöglich, da di unter keinen Umſtände werden könnten, und ſelbf doch ein Theil dieſer V ernſtlichen Einſprache veranlaßt. Aber auch Bg Othmar zeigte ſich verſtimmt— m wißheit der nahen Trennung, wä maringen dieſelbe bisher imm 54 1 pehen hatte?— und auch der ze gewiſſe Unzufriedenheit ver⸗ Lind nicht nur leid“, ſagte r möglicherweiſe gefährlich ſten und folgeſchweren nnt noch völlig vor⸗ gegen die er denn irgend n Ende au“, unterbrach er ſie ganz und in auffällig trockenem Mund uns nicht mit ungerecht⸗ und Grübeleien, vor allem aber nich Weshalb das Kind ſeines ſoweit ich Charlotte kenne, zumgl etwas wie das Letztere ganz und gar nicht an ſo ruhiges und ⸗klares, reines Charlotte iſt ſich, wenn es ſich aus der ſtillſten Stille in die lebensvollſte, bunteſte Weite Allgemeinen nicht nur des auch der Pflichten bewußt, d hat, bedarf aber trotzdem me und Schulung als ein anderes, iſt gewiß, aber ob Charlotte— den Ausdruck wählen!— ſchaz das iſt eben die Frage und me ſicher noch nicht fertig wurde, denn den traue ich ihm zu“,“ ernſt weiter,„das iſt Graf weiß das vermuthlich ebenſo g kennt ihn beſſer als einer von, böſe Schlacken in ihm. Zu nicht blos zufällig aus den durch ſeine eigene Mittheilz ſchon ſeit Weihnachten fr reflectirte d d jetzt findet ☚ Iſt das nur reine Inconſequenz, d äußere oder innere Gründe zu dieſer St Hat er Gründe, die Verbindung mit 6 ſchleunigen? Daß dieſelbe von hi verſteht ſich von ſelbſt. Aber d wärts Hinderniſſe? Daß ht, brauche ich Ihnen das zu ß der Graf die Stelle nur Zie erwünſchte Thätigkeit zu die Braut raſcher ſein zu nen⸗ in— glauben Sie das? Daß nd wahr liebt, das bezweifle ich bisbe der Hauptfactor für ſein ſollte, zum mindeſten ſchon r ernſtlich. Er iſt dazu nicht Ehrgeiz, ſondern auch viel zu der großen Welt; laſſen Sie ſo Gott will, gelangt die Liebe bruch und zur Herrſchaft. Char⸗ as, ganz das Weſen, das den eert und ſtärkt. Aber Zeit, n wenig ich ſonſt von ei⸗ hier wäre er in meinem brauchen, hrend ihrer chk täuſche ich mich auch in meinen tr;„jedenfalls aber ſind ſie umſonſt und ie überhaupt alle Einwendungen. Da⸗ ch dem Kinde das Herz nicht ſchwer por allem laſſen Sie den Baron g erfahren, alte Freundin. Da 57 Charlotte ſich entſchieden hat, haben wir nichts mehr 1 3u ſagen.“ Charlotte war es allerdings geweſen, die ſich, nach⸗ dem ſie eine Weile in ihrer gewöhnlichen ruhig⸗ernſten Weiſe mit ſich zu Rath gegangen war, auch wieder mit em jetzt ſtets gezeigten milden und freundlichen Ernſt für die Erfüllung von Felix' Wünſchen ausgeſprochen atte. Infolge deſſen kam es denn auch beim Vater nicht mehr zu Einwendungen, von denen es ja über⸗ haupt fraglich war, ob der alte Herr ſich zu ihnen erhoben haben würde, und die Tante gab, wenn auch miſßmuthig und ein wenig grollend, gleichfalls nach. Sie gewann denn fortan auch allerdings kaum noch Zeizt, ſich um mehr als das Allerdringendſte zu küm⸗ menn, und deſſen gab es nicht wenig, da ſie nicht blos für Idie Ausſteuer von zwei Scheidenden zu ſorgen hatte, ſondſern ſich auch des Hochzeitstags ſelber erinnern mußtie, wenn derſelbe auch in größter Stille verfließen ſollten Die zweite Scheidende, um deſſen zu Köenken, war Henriette, denn deie Calll n Anfang an in Ausſicht geſtellt hatte, war es von ihr auch durch⸗ geſetzt worden: die Jugendfreundin begleitete ſie in die Ferne, und die Einwendungen, welche die Tante ver⸗ ſuchte, und die leiſen Bedenken, die der Pfarrer an⸗ deutete, blieben ohne Wirkung.„Es war mein erſter Wunſch, ja, wenn ich's ſo heißen darf, meine einzige Bedingung, die ich Felir ſtellte“, ſagte ſie,„und er hat ſich ihr auf das liebenswürdigſte und unbefangenſte gefügt. Alſo laßt uns nur!“ Mit Henrietten ſelber ſchien ſie völlig einig zu ſein; die Freundin nahm zum mindeſten dieſe Begleitung vor den Andern ohne viel Worte als ſelbſtverſtändlich an. Wir kennen das Mäd⸗ chen überhaupt ſchon als eine ſchweigſame Natur. Frau von Soldnau ergab ſich alſo auch hierin, ob⸗ gleich ihr die Sache keineswegs gefiel und ſie zun wenigſten von ſeiten der Baronin Vögelsbach einen entſchiedenen Widerſtand und unbehaglichen Erörterungm entgegenſah. Allein wie ſie Charlotte nun einmal wr ſich ſah, in dieſer ruhigen Klarheit und Entſchiedenhät, konnte ſie von fortgeſetzten Einwendungen nur um ſo weniger einen ihren Wünſchen und Anſichten günſtien Eindruck erwarten. Das Mädchen— das wiederhlte die alte Dame ſich täglich voll Trauer und Sorge— hatte ſtaß aleichviel ob erſt ſeit dem Herbſt oder chon von früher her, Wedrt. Der Ernſt und die Stille beherrſchten Charlottens ganzes Weſen; die glück⸗ ſelige Heiterkeit, die vordem einen Grundzug in ihrer Nakur zu bilden geſchienen und von der Florian Haus⸗ mann, wie wir vernahmen, hoffte, daß ſie ſchon wieder durchbrechen werde, wollte niemals mehr ſichtbar werden, 59 und wie liebevoll und innig ſie den Ihren auch hin⸗ gegeben war, Frau von Soldnau fand dennoch ſtets ein gewiſſes Etwas, das ihr bald wie Zurückhaltung, bald wie wirkliche Verſchloſſenheit erſchien und das fortan das frühere ſchrankenlos innige und vertrauens⸗ volle Verhältniß zwiſchen ihr und dem geliebten Kinde niemals mehr zu ſeinem vollen Recht gelangen ließ. Sie wußte bis auf die letzte Stunde nicht, ob Char⸗ lotte an den Verlobten voll wahrhafter Liebe oder nur voll Treue gegen die übernommenen Pflichten denke, ob ſie der Zukunft voll Glück und Frieden oder nur entſchloſſen entgegengehe. Dies Alles quälte und ängſtigte die liebevolle alte Frau, weniger um ihrer ſelbſt als um des geliebten Kindes willen und endlich auch Felix' wegen, deſſen Lebhaftigkeit, deſſen— ſo zeigte er's ja— leidenſchaft⸗ liche Liebe hier jetzt weniger als je eine gleichartige Erwiderung finden zu ſollen ſchien. Hatte er doch ſchon bei ſeinen frühern Beſuchen wohl einmal gegen Frau von Soldnau klagend geäußert:„O wenn Charlotte doch nur ein einzig Mal wieder ganz aufginge in Heiter⸗ keit, nur ein einzig Mal mir ein wenig Glück zeigte! Sagen Sie, Tante, iſt ſie immer ſo ſtill und freundlich, oder nur, wenn ich da bin?“ Wie ſollte das nun, wie ſollte das ſpäter werden, 60 fragte Frau von Soldnau ſich wirklich angſthaft, jetzt, wo das Mädchen noch ernſter und zurückhaltender ge⸗ worden, und wo der Verlobte mit noch größerem Ver⸗ langen, mit noch größerem Recht auf anſchließende Zärtlichkeit, auf hingebendes Vertrauen rechnen mußte? Und als er nun wirklich anlangte und Charlotten ent⸗ gegenflog, war die alte Dame in einer bei weitem tie⸗ fern Bewegung als die ſchöne, ſtille, blaſſe Braut. Sie meinte auch in Felix' Weſen eine gewiſſe Enttäu⸗ ſchung zu bemerken; er gab ſich nach der erſten leidenſchaftlichen Begrüßung ernſter und beobachtender, wie es ihr ſchien, als es ſeine Art war, und ſie ver⸗ mochte ſich nicht zu überreden, daß dieſe Stimmung durch die Bedeutung dieſer Tage, geſchweige denn durch die Krankheit ſeiner Mutter veranlaßt werde. Wie verhältnißmäßig günſtig ſie auch über den Grafen denken gelernt hatte, ſo weit ging der Umſchlag zu ſeinen Gunſten nicht, und ſie fand ihre Anſicht vollends ge⸗ rechtfertigt durch die Gleichgültigkeit, wo nicht gar Be⸗ friedigung, mit der Felix ſich über die Abweſenheit der Mutter äußerte, während ſelbſt Baron Othmar dieſelbe mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit beklagte, ja in derſelben einen Augenblick lang etwas ſehen zu wollen ſchien, das die Trauung verzögern müſſe. Der Graf hatte das, halb freilich ſcherzend, halb jedoch auch mit durch⸗ 61 klingender Ungeduld, kurz für unmöglich erklärt; ſeine Abreiſe ſei unaufſchiebbar, und ſeine Mutter begegne auch ſelber einer ſolchen Einwendung im voraus in den Briefen, die er von ihr dem Baron und Char⸗ lotten mitbringe. Darauf war von der Sache um ſo weniger länger die Rede geweſen, als Charlotte ſelbſt dazu ſchwieg und die Hochzeit ſich ja auch ohnehin faſt nur auf die kirchliche Feier beſchränken ſollte. Gäſte wurden in Othmaringen nicht dazu erwartet. Von den wenigen bekannten Familien, die es überhaupt in der Nachbar⸗ ſchaft gab, weilte zu dieſer Jahreszeit nicht eine auf ihren ländlichen Beſitzungen. „Ich habe geſtern Abend zu der Nachricht von Deiner Mutter Krankheit geſchwiegen; da ſie doch Gott Lob keine ernſte iſt, begreife ich, daß Du uns durch ſie nicht ſtören laſſen willſt“, ſagte Charlotte, da ſie jetzt von Felix' Arm umfaßt und traulich an ihn gelehnt, von dem langen Morgenſpaziergang zum Schloſſe zurück⸗ kehrten;„allein daß mich dieſelbe trotzdem ſehr erſchreckt und betrübt hat, brauche ich Dir wohl nicht zu ſagen. Deine Mutter fehlt mir ſehr, ſehr— auch ihr Segen mußte dieſen Tag für uns heiligen! Und wenn ſie auch noch ſo zärtlich ſchreibt, und wenn wir auch über⸗ morgen ihre Hände küſſen dürfen, es iſt leider kein 62 Erſatz! Es gemahnt mich wie ein Schatten in dem Glück, dem Licht, dem Frieden dieſes Tages.“ Er hatte, wie wir ſagten, ſeinen Arm leicht um ihre Geſtalt gelegt und führte ſie ſo langſam und vor⸗ ſichtig aufwärts. Nun auf ihre Worte flog ein Aus⸗ druck durch ſein Geſicht, als ſei er halb verdrießlich und halb verlegen, und zugleich mußte ſich auch wohl in ſeinem Arm eine Bewegung bemerkbar machen, denn Charlotte blieb ſtehen und ſah zu ihm auf, fragend und um ſo verwunderter, da ſie noch die letzten Spuren jenes Ausdrucks wahrnahm. Indem aber war derſelbe auch ſchon völlig verſchwunden, und den Kopf ein wenig gegen den ihren neigend, ſagte er zärtlich:„Aber, Char⸗ lotte, was für eine Phantaſie! Der Tag, an dem Du mir all Dein Glück und Leben gibſt, kann nicht trübe ſein! Daß meine Mutter fehlt— ja, es iſt recht be⸗ trübend, allein wir wollen ja nichts als einander, und ich zum mindeſten“— ſein Arm umfaßte ſie feſter im Weitergehen und ſein Ton wurde inniger—„ich liebe Dich doch mehr als Du mich! Ich ſehe und weiß und will nichts als Dich! Und ſiehſt Du, meine holdſelige Blume“, fuhr er leiſer und zärtlicher, ſchmeichelnder fort,„darum fühle ich es auch als ein ſo ganz unend⸗ liches Glück, daß dieſe Reiſe uns ſo ſchnell von dannen führt, weit hinaus in die Ferne, uns beide, mein ſüßes —— 63 Lieb, mit un ſerer Liebe und unſerm Glück! Ja, laß es mich nur ehrlich ſagen, ich habe die Zeit nicht mehr, Dich in die Reſidenz zu führen; es thut mir meiner Mutter und Deines Wunſches wegen leid, aber es läßt ſich nicht thun, meine Sendung treibt uns ſo unaufhaltſam vorwärts, daß wir an einen ſolchen Um⸗ weg und Aufenthalt nicht denken dürfen.“ Er hielt inne, als erwarte er von ihr irgend eine Bemerkung, allein ſie ſchritt geſenkten Hauptes ſtumm neben ihm weiter. „Es thut mir ernſtlich leid“, redete er da von neuem weiter und man ſpürte in ſeiner Stimme wohl eine gewiſſe Verlegenheit,„aber wie ich ſagte, es war un⸗ möglich, wir hätten uns nirgends, nicht einen Tag mehr auf dem langen Wege ausruhen dürfen. Du ſiehſt wohl, das wäre, auch nur vom rein körperlichen Ge⸗ ſichtspunkt angeſehen, mehr als grauſam und unver⸗ zeihlich geweſen. Und andererſeits— ſei freundlich, mein theures Herz!“— er blieb von neuem ſtehen und blickte, ihren Kopf leiſe erhebend, ihr zärtlich in die ernſten Augen—„es macht mich ſo unſagbar glücklich, daß Du mir nun von Anfang an ſo ganz allein, ſo ganz ungeſtört gehörſt. Ich gönne keinem Menſchen ein Wort von Dir, ich gönne keinem Menſchen einen Blick auf Dich!“ Und da ein leiſes Lächeln durch 64 ihre Züge glitt, fügte er lebhaft hinzu:„Vollends denen nicht! Du glaubſt nicht, wie widerwärtig es jetzt dort iſt; alle Welt kam aus der rechten Haltung; ſelbſt Se⸗ reniſſimus und Ihre Hoheit ſind verſtimmt. Ich er⸗ zähle Dir unterwegs davon.“ Sie waren ſchon dem Schloſſe nahe. Aber er blieb ſtehen, und indem er ſie feſter an ſich zog, die das willig duldete, fing er noch einmal wieder an, leiſe und raſch: „Ich freue mich unſagbar auf dieſe Reiſe, Charlotte! Nichts, was uns ſtört, nichts, was uns trennt! Du und ich drinnen, Louis und Liſette draußen, ein weicher, behaglicher Wagen, vier tüchtige Pferde davor— die himmliſchſten Gegenden der Welt— ah, es wird ent⸗ zückend werden!“ Sie ſah mit nachdenklichem, faſt träumeriſchem Blick zu ihm auf.„Du erwähnſt Henriette gar nicht, Felix.“ Er zuckte ein wenig zuſammen und in ſeinen Zügen prägte ſich etwas wie die unangenehmſte Ueberraſchung aus.„Henriette?“ wiederholte er dann.„Aber ich bitte Dich um Alles in der Welt, mein theures Herz, haſt Du ſie Dir denn als wirkliche Mitreiſende gedacht? Das iſt mir gar niemals in den Sinn gekommen und, ſo leid es mir auch thut, wie ich das hätte arrangiren ſollen, begreife ich nicht! Bei uns im Wagen iſt un⸗ 65 möglich für ſie Platz, und ſonſt— aber mein Gott, wie mich dies betrübt! Wie mir dies peinlich iſt!“ brach er lebhaft ab.„Ich hatte es ſo hübſch ausge⸗ rechnet! Baron Erlau reiſt mit ſeiner Familie Anfang April nach Rom; im zweiten Wagen habe ich ſchon für Henriette einen Platz ausgemacht; die Gelegenheit iſt die angenehmſte, die Geſellſchaft die ſchicklichſte. Nach Rom ſchicken wir ihr Louis mit dem Wagen entgegen. Es ſtimmt Alles ſo gut! Ich dachte Dir und ihr eine Freude zu machen, daß ſie ſo bald uns folgen kann, und nun— o mein geliebtes Kind“, fügte er in ſicht⸗ barer Bewegung hinzu,„wie mich dies betrübt! Aber zeige mir nur eine Möglichkeit, wie es anders einzu⸗ richten wäre, wie ſie uns begleiten könnte! O über dies traurige Mißverſtändniß, und jetzt, jetzt!“ Charlotte war noch eine Weile ſtill. Dann ſagte ſie leiſe:„Das wird für meine arme Henriette eine ſehr traurige Nachricht ſein.“ „Ich will mit ihr reden!“ rief er. „Nein, Lieber“, verſetzte ſie, das Köpfchen ſchüttelnd, „das überlaſſe mir. Aber wir müſſen nun wohl hinein; es wird auch ſonſt Zeit für mich ſein.“ Er ſah ihr forſchend in das ernſte, aber ruhige Geſicht. Dann umfaßte er ſie ungeſtüm und ſprach mit einer Art von Heftigkeit:„Charlotte, mein Glück und Hoefer, In der Welt verloren. II. 5 66 Segen, Du darfſt mir nicht zürnen! Es muß ſich arrangiren laſſen. Wir nehmen von der nächſten Sta⸗ tion aus einen zweiten Wagen—“ Sie ſchüttelte von neuem den Kopf.„Nein, Lieber, jetzt laß es nach Deiner Beſtimmung; es mag ja auch ſo wohl beſſer ſein. Nur um eins bitte ich Dich“, fügte ſie, die ſchönen Augen zu ihm erhebend, ſanft hinzu.„Wo Du mir einen Wunſch nicht erfüllen kannſt, ſage es ſogleich und nicht erſt im letzten Augenblick. Es thut dann nicht gar ſo weh.“ „Charlotte, Du darfſt mir nicht zürnen!“ flehte er. „Zürnen? Gewiß nicht“, entgegnete ſie wieder ſo ſanft wie vorhin.„Nur betrübt bin ich, Lieber. Aber auch das wird ſich verlieren. Hab' ich doch nun die Freude auf ihre Ankunft bei uns. Denn auf die rechne ich zu der angegebenen Zeit freilich unter allen Um⸗ ſtänden; eine längere Trennung ertrage ich nicht, Felix“, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihr Auge mit ernſtem, feſtem Blick zu dem ſeinen erhob. „Charlotte!“ bat er. „Komm, Lieber“, ſagte ſie, ihn ſanft anlächelnd. „Sieh, Henriette ſteht in der Thür, es wird Zeit für mich zum Ankleiden ſein.“ 4 Die nächſten Stunden vergingen raſch, und dann kam die Trauung in der alten kleinen Dorfkirche, welche — Augen, küßte ſie und ſprach:„Alſo, mein liebes Kind, 67 heute kaum die Menge der diesmal nicht Neugierigen, ſondern Getreuen zu faſſen vermochte; ſie wollten alle noch einmal ihre Roſe von Othmaringen ſehen, ſich noch einmal von ihr anlächeln laſſen, die heute ſchöner als je unter ſie trat. Aber freilich, auf das Lächeln warteten ſie vergebens; Charlotte blieb ernſt und bleich, und als beim Wiederaustritt aus der Kirche ihr Auge noch einmal, Abſchied nehmend, über die kleine Ge⸗ meinde flog, war es feucht von Thränen. Wieder ein paar Stunden ſpäter hatte ſie auch von den Ihren Abſchied genommen und ging an des Vaters Arm zum Reiſewagen hinab. Da faßte der alte Herr ſie in die Arme, ſah ihr lange in die thränenvollen noch einmal: wie es auch wird, laß mit Deinem Herzen nicht von Othmaringen und ſeinem Frieden. Und nun, Gott behüte Euch! Bewahre mir mein Kind, Felix! Henriette wird Euch in ſechs Wochen unſere Grüße und Küſſe bringen. Ich ſorge dafür.“ Als der Wagen ins Thal hinunterfuhr, ging die Sonne eben hinter die Berge und der Abendſchatten fing an ſich leiſe auszubreiten. —— Viertes Kapitel. Villa Marina. Es iſt eine jener Anſiedelungen reicher und vor⸗ nehmer Leute aller Nationen, wie wir ſie hier und da in ſüdlichern Gegenden nicht gerade ſelten finden, wo das Klima ein wohlthätiges iſt für Schwache und Lei⸗ dende und ſelbſt die Geſunden noch geſunder werden läßt; wo Gegend und Ausſicht das Herz und Auge der Durchzügler gefangen nimmt; wo man ſich in Ruhe und Frieden behaglich wiegen kann nach dem Lärm und der Unruhe des Welt⸗ und Geſellſchaftstreibens und dennoch auf ſo viel Unterhaltung und Zerſtreuung rechnen darf, wie es den ermüdeten Sinnen gerade angenehm iſt; wo man endlich trotzdem nicht ſo fern von der Welt iſt, daß man nicht ſtets mit ihr in 69 dem nöthigen Verkehr bleiben und die erwünſchten Klänge aus ihr nicht noch immer herüberdringen hören könnte. Es geht wunderbar mit ſolchen Anſiedelungen. Der Fremdenſtrom, der ſeit hundert und mehr Jahren ſtets wachſend durch dieſe Gegenden ging, wollte lange Zeit niemals weilen, wie weit ſich auch manches Herz ihren Reizen öffnete und wie manches Auge voll Entzücken die wunderſchöne Umgebung durchmuſterte und voll Sehn⸗ ſucht an der noch verlockendern Ferne hing. Die Cam⸗ 3 pagne des ſchlichten Bürgers, die dort auf ſeinem kleinen Eigenthum am Berge lag und aus den Fenſtern eine Ausſicht gewährte, wie man ſie auf keiner zweiten Stelle der Erde, ſei es ſo lieblich, ſei es ſo großartig, wiederfand, zog hundert Blicke auf ſich und Hunderte dachten, wie wonnevoll es dort ſich ruhen und träumen laſſen möge. Aber ſie alle ſchraken zurück, ſei es vor der Einfachheit und Enge, ſei es vor der Abgelegenheit und Einſamkeit, vor all den kleinen und großen Ent⸗ behrungen, die der Aufenthalt in einer Gegend und an einem Platz mit ſich bringen mußte, wohin die Cultur der großen Welt bisher allerdings nur in ihren erſten Anfängen gedrungen war. Dann endlich blieb aber doch einmal einer haften, ein einſiedleriſcher Menſch vielleicht, ein Hypochonder, 70 ein Kauz— wer weiß!— und ſiedelte ſich wohl gar an, baute ſich auf einem ebenſo ſchönen Punkt ein zierliches und behagliches Haus, pflegte ſeine Umgebung mit ge⸗ ſchmackvollem Sinn, ſodaß die neue Beſitzung den Durch⸗ züglern wohl in die Augen ſtechen, hier ihren Neid und dort ihre Sehnſucht nach einem ähnlichen Ruheſitz erregen mußte, während zugleich auch die Erkenntniß nicht ohne Einfluß blieb, daß der es doch hier auszu⸗ halten vermöge und daß man mit und neben ihm nicht ganz einſam ſein werde. Und ſo kam der Zweite bald und der Dritte und Vierte folgten noch leichter; die Einheimiſchen fingen an zu begreifen, was die Fremd⸗ linge wünſchten und worauf es ihnen ankam, ſie fanden nun ſelber ſchon die ſchönen Punkte und bauten Cam⸗ pagnen, Cottagen, Villen, groß und klein, ſchlicht und reich, ganz nach Wunſch und Belieben, ſodaß die Fremden nur zu wählen hatten. Die Regierung, die endlich zu ihrem höchlichen Erſtaunen erfuhr, was in dem faſt unbekannten Winkel, bei dem armen Hafenſtädtchen, vorging, nahm ſich der Sache nät ſteigendem Intereſſe an. Es gab Verkehrs⸗ und Lebenserleichterungen aller Art, die Gewerbe fanden ſich herbei, die Bank⸗ und Wechſelgeſchäfte errichteten Commanditen, brillante Läden wurden eröffnet, die Gaſthöfe überboten einer den an⸗ dern an Luxus und theuren Preiſen, und der bis da⸗ —— 71 hin ſchmuzige und finſtere kleine Ort wurde über Nacht faſt zu einer eleganten Stadt, die einen ihrer prächtigen Umgebung höchſt würdigen, glänzenden Mittelpunkt bildete und nach gar nicht langer Zeit der Sammelplatz und Lieblingsaufenthalt für die vor⸗ nehmſte und excluſivſte Geſellſchaft der Welt gewor⸗ den war. In der Stadt ſelber wohnt freilich nicht leicht ein Mitglied derſelben, obgleich es auch in ihr jetzt Woh⸗ nungen genug gibt, welche durch Lage und Einrichtung auch dem wähleriſchſten Geſchmack und dem Verwöhn⸗ teſten genügen können. Allein es iſt nun einmal Sitte oder Mode geworden, daß man für die Zeit ſeines Aufenthalts nur in einem jener Landhäuſer exiſtiren dürfe, die, gleichviel unter welchen Specialnamen, ſich in der Umgebung der Stadt auf allen eine Ausſicht in die Ferne gewährenden Punkten erheben, und wer es irgend mit ſeinem Vermögen und ſeinem Reiſeplan vereinigen kann, ſichert ſich daher bei Zeiten einen ſolchen Beſitz. Es gibt unter ihnen Beſitzungen, an und in denen ſelbſt der Anſpruchsvollſte nichts ver⸗ miſſen wird, aber allerdings auch und zwar noch mehr andere, wo der Genügſamſte ſich beſchränken lernen muß; die letztern aus Speculation gebaut, die erſtern von reichen Fremden angelegt und bewohnt, bis ſie 72 nach längerer oder kürzerer Zeit wieder davonzogen und die Beſitzung während ihrer Abweſenheit vermiethen ließen oder ſich ihrer ganz entäußerten. Dies Alles könnte demjenigen noch wunderbarer und ſeltſamer erſcheinen, der zugleich erfährt, daß die Blüte⸗ zeit der Saiſon an dieſem Platz in die Wintermonate fällt, und ſich dabei der Kälte und des Schmuzes erin⸗ nert, unter denen ſogar die eleganteſten Städte nicht blos Deutſchlands zu ſolcher Jahreszeit zu leiden pflegen. Allein in unſerer Anſiedelung iſt von beiden wenig zu finden. Durch hohe Bergwände gegen alle rauhen Luft⸗ ſtrömungen geſchützt, kann das Thal ſelbſt im tiefſten Winter ſich meiſtens noch einer Art von Frühling, wo nicht des vollen Lenzes rühmen mit milden Lüften, mit tiefem Himmelsblau, mit lachendem Sonnenglanz und ſtetem Blütenduft. Denn obſchon bei weitem noch nicht im rechten Süden gelegen, gewährt es doch der Flora jener Gegenden den gedeihlichſten Aufenthalt. Und was das zweite jener genannten Winterleiden be⸗ trifft, ſo kann man hier lernen, wie leicht daſſelbe mit gutem Willen und Geſchick zu beſiegen iſt. Der Ort und ſeine Umgebung bleiben bei den getroffenen Vor⸗ kehrungen und Einrichtungen ſtets verhältnißmäßig ſauber und in jeder Richtung, auf allen Wegen zugäng⸗ lich, ein freilich um ſo erwünſchteres Ergebniß, als 73 weder die Entfernungen noch das Terrain für die Benutzung von Equipagen recht geeignet ſind. An dieſem Vorzug, den das Thal freilich nicht minder ſeiner trefflichen Lage und ſeinem geſegneten Klima verdankt, als den Bemühungen und der Sorgfalt der Menſchen, nimmt im vollſten Maße auch die Villa Marina Theil, eine prachtvolle Anlage auf dem ſchön⸗ ſten Punkte, den man in der Umgebung der Stadt kennt, hoch über derſelben und dennoch durch die herr⸗ lichſte Straße mit allen Promenaden und ſonſtigen Ver⸗ ſammlungspunkten der Geſellſchaft in bequemſter Ver⸗ bindung. Die Villa Marina iſt eine jener Beſitzungen, von denen wir oben rühmen konnten, daß ſelbſt der An⸗ ſpruchsvollſte an und in ihnen nichts vermiſſen noch entbehren würde. Sie iſt eine der erſten Anlagen, die überhaupt hier entſtanden, in jener Zeit, da noch der tiefe, wahre— ſagen wir einmal: Herzensdrang einen reichen Fremden veranlaßte, ſich hier niederzulaſſen und anzubauen, einen Mann, der bei der Gründung und Ausſchmückung ſeines neuen Daheims nur ſeinen Ge⸗ ſchmack und ſeine Liebhabereien zur Richtſchnur nahm und nicht nach den Koſten fragte. Das Haus iſt daher auch neben aller Zierlichkeit mit der vollſten Solidität gebaut und mit allen Annehmlichkeiten und allem Com⸗ 74 fort eingerichtet und ausgerüſtet, die eine zugleich reiche und zahlreiche Familie irgend verlangen kann. In der Zeit, die ſeitdem verging, haben die Gartenanlagen um die Villa her Zeit gehabt, auf das üppigſte und ſchönſte heranzuwachſen und das Ganze noch anmuthiger erſcheinen zu laſſen, und der Blick, welcher an der Berglehne und ihren natürlichen Terraſſen hinſchweift und zwiſchen den an einander gereihten reizenden Niederlaſſungen wählt, kehrt ſtets von neuem zu der erſten dort faſt am Rande des Vorgebirges zurück, deren grünüberrankte Veranda ſo wundervolle Ruheplätze ver⸗ heißt und von deren breitem Balkon man eine ent⸗ zückende Ausſicht hier über die ganze Berglehne, dort über die drunten liegende Stadt, den Hafen und weit, weit hinaus in die raſtlos gehenden Wellen ge⸗ nießen muß. Billa Marina wurde die Niederlaſſung nicht nur um deſſentwillen getauft, weil ſie die beſchriebene präch⸗ tige Lage an oder vielmehr über der Flut hat, ſondern auch weil die Gemahlin desjenigen dieſen Namen trug, der den Platz erwarb und den Ruheſitz gründete. Die Ruhe und das Glück, wie er es vielleicht gehofft, fand er hier indeſſen nicht. Es war ein ſchönes, jugend⸗ liches, edles Paar, beide entſtammend den älteſten und vornehmſten Familien ihrer Heimat und fliehend aus derſelben, wie dazumal Viele ihresgleichen, vor der finſtern und blutigen Tyrannei einer nichtswürdigen Regierung. Das Mißtrauen und der Haß dieſer Re⸗ gierung— wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, daß es eine jener kleinen italieniſchen war, die ſeitdem ein rächendes Geſchick weggekehrt hat— verfolgte das Paar aber auch bis in ſeinen ſtillen Zufluchtsort, wie man wohl glauben mußte. Denn der Marcheſe wurde eines Tages auf dem Wege, der aus der Stadt zur Villa hinaufführte, ermordet gefunden; die Dame ſtarb ihm bald gebrochenen Herzens nach, das einzige Kind kehrte zu Verwandten zurück, welche das Leben in der alten Heimat ertragen mochten, und die Villa Marina wurde andern Liebhabern zu Kauf oder Miethe angeboten, nicht umſonſt bei der wunderſchönen Lage und dem gerade da- mals raſch zunehmenden Fremdenzuge. Es war aber faſt, als habe das Geſchick, das die erſten Beſitzer und Bewohner weggerafft hatte, über die prächtige Beſitzung und alle ihre ſpätern Inſaſſen einen tiefen Schatten geworfen: man wollte in der Stadt und Umgegend nicht von einem einzigen der letztern wiſſen, der da oben wirklich und für längere Zeit hei⸗ miſch und glücklich geworden. Und es war freilich unableugbar, daß in keiner von allen übrigen Nieder⸗ laſſungen ſo viel Trauer und Unglücksfälle vorgekommen 76 waren und nicht eine von allen, nicht blos für die Saiſon vermietheten, ſo häufig ihre Inſaſſen gewechſelt hatte. Man iſt aber dort zu Lande noch abergläubiſch, ja dieſer Aberglaube ſteckte, was in dieſem Fall und unter dieſen Umſtänden ſehr zu entſchuldigen war, ſelbſt die Fremden an, und infolge deſſen ſtand die Villa trotz des geringen Preiſes, für den ſie ausgeboten wurde, länger als ein Jahr völlig leer und nur der Bewachung des alten Gärtners anheimgegeben, der zu⸗ gleich als eine Art von eiſernem Inventarium und Caſtellan in ihr hauſte. Erſt ganz neuerdings war die Villa von neuem und bei weitem günſtiger vermiethet worden, als es die Beſitzer noch irgendwie zu hoffen gewagt hatten. Der Graf Felix Eylingshauſen, der während einer lang⸗ wierigen Krankheit des Geſandten ſeinen Hof bis in die neuſte Zeit zu Neapel vertreten hatte, war, nach⸗ dem Garibaldi den morſchen Thron umgeſtoßen, dem unglücklichen König nach Gaeta und, als auch dieſes erobert worden, nach Rom gefolgt, in der Erwartung, auch hier und fernerhin dem entſetzten Fürſten nahe bleiben zu dürfen. Darin ſah er ſich indeſſen getäuſcht. Die Politik ſeines Hofes wechſelte ſo gut wie diejenige mehr als eines andern; die Geſandtſchaft wurde auf⸗ gehoben und er mit dem geſammten Perſonal von Rom 77 abberufen, zu einer andern Beſtimmung, die zwar für eine Begünſtigung und Beförderung gelten ſollte, vom Grafen aber als ſoche nicht angeſehen zu werden ſchien. Es machte in den Kreiſen der Diplomatie und ſeiner zahlreichen Bekannten ein nicht geringes Aufſehen und einen dem Grafen Felix durchaus günſtigen Eindruck, daß er ſich bei dieſer Gelegenheit, ſoviel man wußte, zum erſten Mal in ſeinem Leben, zu einer Art von ſelbſtſtändiger Anſicht der Verhältniſſe und zu einem eigenen Urtheil über die Politik ſeines Hofes erhob. Er bat, wo nicht um ſeine Entlaſſung aus dem Dienſt, doch um einen unbeſtimmten Urlaub. Seine und der Seinen Geſundheit ſei in dieſen letzten Stürmen ſo ſehr erſchüttert worden, führte er an, daß ſie gebieteriſch f die äußerſte Schonung und eine lange Ruhe verlange. Die Richtigkeit dieſes Grundes mußte man zugeben, denn gerade da dieſe Verhandlungen in Gang waren, 4 lag die Gräfin zu Rom in einer ſchweren Krankheit darnieder, welche vorausſichtlich eine lange Schwäche hinterlaſſen mußte, und ſelbſt der Graf war von Gaeta 4 in einem Zuſtand angelangt, der auch ihm eine längere Ruhe erwünſcht machen durfte. Trotzdem erkannten aber alle, welche in dieſe und ähnliche Verhältniſſe ein⸗ geweiht waren, das eigentliche, kaum verhüllte Motiv des Urlaubsgeſuchs deutlich genug und wurden durch 78 eine ſolche Entſchiedenheit und Selbſtſtändigkeit, wie ge⸗ ſagt, auf das günſtigſte für den Grafen überraſcht, der durch ſein bisheriges Leben und Handeln ſeine Bekannten gerade dieſe Eigenſchaften am wenigſten kennen gelehrt hatte, ja man empfand in dieſen Kreiſen etwas wie eine wirkliche Genugthuung über die Lection, welche Graf Felix durch ſeine Antwort gewiſſermaßen ſeinem Hofe mittheilte. Die Art, wie man an demſelben ſeine Politik gewechſelt und das Verfahren des Grafen und damit zugleich die eigenen bisher feſtgehaltenen An⸗ ſichten desavouirt hatte, war einerſeits zu überraſchend und andererſeits, trotz der gewählten milden Form, zu empfindlich, als daß ein charaktervoller Mann, zumal von einer äußern Unabhängigkeit, wie der Graf ſich derſelben rühmen durfte, dazu hätte ſchweigen und der⸗ gleichen ertragen dürfen. Noch mehr überraſcht wurde man durch die Antwort, welche für den Grafen von daheim mit ungewöhnlicher Raſchheit anlangte: ſeinem Anſuchen gemäß wurde ihm mit den üblichen artigen Worten und kleinen Gnaden⸗ beweiſen die Entlaſſung aus dem Dienſte bewilligt. Das war unendlich mehr, als man irgend voraus⸗ geſetzt hatte. Es ſprach ſich darin ein Bruch mit der geſammten äußern und großen, ſowie mit der uralten Hauspolitik eines Hofes aus, der gar nicht entſchiedener gedacht werden konnte und die ganze Diplomatie ernſtlich mißtrauiſch machte. Nach einer ſolchen jähen Schwenkung mußte man dort auch noch andere tief⸗ greifende Aenderungen erwarten, welche bisher durch nichts angedeutet worden waren. Neben dieſem in der Ferne wurzelnden Itereſſen vergaß und überſah man indeſſen nicht, was man in der Nähe hatte, und das war von neuem, ja mehr als je Graf Felix Eylingshauſen und die Weiſe, in der er die ihm gewordene Entlaſſung aufnahm und benutzen zu wollen ſchien. Hier war von keiner neuen Ueberraſchung und ebenſo wenig von einer Billigung ſeines Auftretens die Rede; im Gegentheil ſtieß letz⸗ teres auf einen ſtarken Unglauben, ja auf ernſtliches Mißtrauen und ließ den Herrn und jeden ſeiner Schritte mit einer Aufmerkſamkeit verfolgen, welche weit über die gewöhnliche Neugierde hinausging. Daß ein Mann von des Grafen Gewandtheit und Geſellſchaftserfah⸗ rung die Entſcheidung ſeiner Regierung am Ende mit allem weltmänniſchen Takt und mit äußerlicher Ruhe aufnehmen würde, ließ ſich mit Gewißheit vorausſehen, die vollendete Gleichgültigkeit aber, welche nach allen Anzeichen keine geheuchelte, ſondern eine wirkliche war und gelegentlich von Aeußerungen der vollen Zufrie⸗ denheit, von der Verſicherung, daß er dieſes Ende 80 gerade gewünſcht habe, vor den Vertrauten abgelöſt wurde, das war mehr, als man hatte erwarten können, ja als man ihm glauben zu können meinte. Ein bedeutender, vor andern befähigter oder auch nur eifriger Diplomat war Graf Felix niemals ge⸗ weſen, aber wer ihn näher kannte und beobachtete, wußte gut genug, daß er trotzdem nur in ſolcher Stel⸗ lung, in ſolchem Leben, zwiſchen all den kleinen und großen Intriguen und mitten in dem ganzen Schach⸗ ſpiel der Politik ſich wohl gefühlt hatte und nur in den Kreiſen des Hofes und der vornehmen Geſellſchaft und ihrer raſtloſen Geſelligkeit ſein Daſein genießen zu können meinte. Man wußte ſogar davon, daß er vordem, bei ſeiner Verheirathung, gegen die Anſicht und den Wunſch der Seinen, das Leben in der großen Welt wie eine Nothwendigkeit in Anſpruch genommen hatte. Das Alles ſollte nun vorüber ſein, das Alles ſah man ihn ohne Bedauern, ja mit anſcheinendem Ver⸗ gnügen aufgeben, Grund genug, um zumal dieſer Natur gegenüber mit voller Berechtigung nach dem Weshalb ſo gut, wie nach dem Wofür zu forſchen. Einen ſolchen Schritt aus dem zerſtreuungsvollſten in das ruhigſte und gleichmäßigſte Daſein that gerade ein Menſch wie Graf Felix am allerwenigſten ohne längere Vorberei⸗ tung und ganz beſtimmten Zweck. Ja, hätte er nur, 81 empfindlich und verletzt, wie er es ſein durfte, ſich ſeine glänzende Unabhängigkeit zu Nutze gemacht und als vornehmer Mann daheim auf ſeinen Gütern, auf Reiſen, an irgend einem der Sammel⸗ und Brennpunkte der großen Welt und ihrer Geſelligkeit fortan ſein Leben genießen mögen, ſo würde man auch das natürlich ge⸗ funden und einen ſolchen Entſchluß unter Umſtänden gebilligt haben, ſo wenig derſelbe auch, um dies zu wiederholen, mit ſeinen bisherigen Neigungen und Ge⸗ wohnheiten übereinſtimmen mochte. Allein daß er auch auf dieſe— ſagen wir einmal: Carriere verzichtete, daß er zu ſeinem nächſten Aufenthaltsort jene zu Anfang des Kapitels geſchilderte Colonie wählte und endlich die Villa Marina nicht blos für die Saiſon, ſondern gleich auf Jahre hinaus miethete, das mußte die Ueber⸗ raſchung ſteigern und das Mißtrauen vermehren und feſ⸗ ſelte die Aufmerkſamkeit aller ſeiner Bekannten ſo gut wie Fernerſtehender immer ernſtlicher an jeden ſeiner Schritte. Aber was man auch argwöhnen und erwarten mochte, in Wirklichkeit fand man davon nichts beſtätigt. Graf Felix ſagte es Jedermann, der ihm zu ſolchen Aeuße⸗ rungen nahe genug ſtand, daß er den neuen Aufent⸗ haltsort hauptſächlich um ſeiner lokalen und klimati⸗ ſchen Verhältniſſe willen, aus eigenem Verlangen nach Ruhe, vor allem aber ſeiner Gemahlin wegen gewählt Hoefer, In der Welt verloren. II. 6 82 habe, für welche die Aerzte gerade dieſen Platz den paſſendſten und günſtigſten von der Welt genannt hatten⸗ Ihm ſei die Geſellſchaft und Geſelligkeit als Uebergang zu einem ruhigern Leben völlig genügend und er hoffe bei ſeinen beſcheidenen Anſprüchen auch im Sommer Unterhaltung noch genug zu finden. Daß ſeiner Frau die verhältnißmäßige Stille auch nach der Rückkehr der vollen Geſundheit willkommen ſein werde, ſei ja ſelbſt allen alten Freunden ſeines Hauſes bekannt. Und dies bleibe für ihn beſtimmend, auch wenn ſeine eigene Neigung damit nicht harmonirt hätte. Und wie er geſagt hatte, ſo ſah man ihn leben: er ſelbſt widmete ſich in ſeiner gewohnten ſorgloſen Weiſe der Geſellſchaft und ihren Unterhaltungen und Zerſtreuungen und offenbarte überall die ernſtlichſte Achtung und eine unabläſſige Aufmerkſamkeit für ſeine noch immer leidende, nur den nächſten Bekannten zu⸗ weilen ſichtbar werdende Gemahlin. Dies, das eigene geſellſchaftliche und tägliche Leben und die Stellung zu ſeiner Gemahlin, war gleichfalls ein Punkt, der vordem in ſeinen Kreiſen nicht wenig überraſcht und erſtaunt hatte, ja es gab noch immer Leute und ſogar Bekannte des gräflichen Hauſes, welche jene genannten Regungen bis auf den heutigen Tag nicht recht überwunden hatten. —— 83 Die Leſer erinnern ſich, daß der Ruf, in welchem Graf Felix vordem ſtand, ſelbſt in den Augen ſeiner über dergleichen Dinge außerordentlich freiſinnigen Stan⸗ desgenoſſen ein ziemlich bedenklicher, wo nicht geradezu ſchlechter war. Daß man in ſeinem Urtheil und zumal in der Ferne ein wenig übertrieb, verſtand ſich von ſelbſt; im Allgemeinen aber mußten auch die Freunde einräumen, daß er Alles eher als ein ſolides, ja nur ein in der Geſellſchaft gewöhnliches und nachſichtig über⸗ ſehenes Leben führe, und es war daher ſehr natürlich, daß die Nachricht von ſeiner bevorſtehenden Vermäh⸗ lung in dieſen Kreiſen nicht wenig überraſchte, dieſen den Kopf ſchütteln und jenen die Achſeln zucken ließ, alle Welt auf die Dame neugierig machte, die ſich zu ſolchem Wagſtück entſchloſſen hatte, und mehr oder minder in allen das gleiche Urtheil über die Zukunft dieſer Ehe hervorrief. Abweichend waren in demſelben nur die Anſichten über die Dame. Man wußte, daß ſie aus ſehr gutem Hauſe ſtamme, aber in völliger Abgeſchloſſenheit erzogen worden, und ſehr reich ſei. Es fragte ſich alſo, was für Talente für die Geſell⸗ ſchaft ſich an ihr entwickeln und wie ſie demgemäß ſich zu ihrem Gemahl und ſeinem Leben ſtellen würde. Die Ueberraſchung, man muß wohl ſagen: die Ent⸗ täuſchung, war daher auch eine ganz außerordentliche, 6* 84 als man die Gräfin nun wirklich kennen lernte und in ihr eine Frau entdeckte, welche, weitab von der Er⸗ ſcheinung, Bildung und Unerfahrenheit des erwarteten kleinen Landfräuleins, von Anfang an nicht nur durch ihre vollendete Schönheit und Anmuth, ſondern auch durch alle Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens den erſten Platz in dieſen Kreiſen verdiente und ſich der Begwunderung, der Verehrung, der Theilnahme und der Huldigungen würdig zeigte, die ihr vom erſten Tage an in ſteigendem Maße gewidmet wurden. Es kam dazu, daß ſie ſich, auch wieder von ihrem erſten Auf⸗ treten an, auf dieſem ſchlüpfrigen Boden und in die⸗ ſem von mehr als einer Seite gefährlichen Leben mit einem wunderbaren angeborenen Takt, mit der vollen⸗ detſten Liebenswürdigkeit und einer unbewußten an⸗ muthigen Würde zu bewegen und Alles, was von ihr ausging und was ihr nahte, ſo zu ſagen in dem gleichen Ebenmaß zu halten verſtand und ſich daher denn auch, trotz dieſer Kreiſe und trotz dieſes Lebens, eines Rufes erfreute, wie ihn keine Frau auf der Welt ihn ſich fleckenloſer wünſchen darf. Dieſer Enttäuſchung folgte eine zweite auf dem Fuße. Als man von dem erſten Erſtaunen zur Bewunderung und Theilnahme überging, als es den Einſichtigern immer räthſelhafter erſchien, was dieſe Frau zu dieſem 3 85 Manne geführt haben könne, und als man ſelbſt in dieſen Kreiſen zu bedauern begann, daß ein ſo reiches und ſchönes Herz durch des Grafen Felix Gleichgültig⸗ keit oder Schrankenloſigkeit enttäuſcht, erkältet und er⸗ müdet werden ſolle, da mußte man plöͤtzlich wahrnehmen, daß die anfängliche rückſichts⸗ und maßvolle Haltung, zu der Felix Eylingshauſen der jungen, ſchönen, liebens⸗ würdigen Gattin gegenüber ſich ſchicklicher⸗ und erklär⸗ licherweiſe aufgerafft hatte, zu einer dauernden Ver⸗ änderung werden zu wollen ſchien, ja es allmälig wirklich wurde. Der Graf lebte fortan wie ein vor⸗ nehmer Mann ohne große Skrupel und Sorgen, ohne eine für ſeinen Rang und Stand, für ſeine Kreiſe und Verbindungen penible Solidität, aber ſtets mit Be⸗ wahrung aller Rückſichten, die man am Ende auch in dieſen Kreiſen zu ſchätzen weiß und die zumal ſeine Gemahlin beanſpruchen konnte. Aus dem leichtſinnigen und gewiſſenloſen, den Namen eines Wüſtlings hin und wieder faſt rechtfertigenden Cavalier war ein mun⸗ terer Lebemann geworden, der das ihm begegnende Gute zu genießen verſtand. Man ſah ihn zuweilen auch wohl in einer jener Verbindungen, wie ſie in der Geſellſchaft ſtets vorkommen werden, von einer wirk⸗ lichen Leidenſchaft, einer ernſtlichen Untreue, von einem wirklichen Grund zum Zürnen, den er ſeiner Gattin —Iſſſſſ 86 gegeben, wurde aber niemals etwas ſichtbar, und ob⸗ gleich ſeine Ehe eine der großen Welt war, durfte man ſie doch eine der glücklichſten heißen, die in ſolchen Kreiſen zu finden ſind. Wenn man in der Geſellſchaft dieſe außerordentliche Veränderung hier und da auch dem Einfluß eines ſo hohen, reinen und ſchönen Herzens zuſchrieb, wie man es in der Gräfin Charlotte täglich beſſer erkannte, und ſie infolge deſſen nicht nur erklärlich, ja natürlich fand, ſondern auch zu ihrer Wahrheit und Dauer Vertrauen gewann, ſo konnte es freilich doch auch nicht ausbleiben, daß Andere ſowohl an der Wahrheit wie an der Dauer⸗ haftigkeit der ſogenannten Veränderung allerlei Zweifel hegten, und zwar zum Theil in ſteigendem Maße, je beſſer ſie das Paar kennen lernten und ſein Zuſam⸗ menleben beobachteten. Die Einen beriefen ſich einer⸗ ſeits auf die Größe der Veränderung, die ſie eben für allzu groß erklärten, und andererſeits auf des Grafen Vergangenheit und ſeinen Charakter oder vielmehr auf ſeine Charakterloſigkeit. Sie fanden in all dieſen Punkten keinerlei Garantie für die Dauer, geſchweige denn einen Schutz gegen irgend einen gelegentlichen vollſtändigen Rückfall. Ddie Andern ſtützten ſich dagegen auf dir Verſchie⸗ denheit, die trotz aller äußern Harmonie und anſchei⸗ 87 nenden Einigkeit in den Naturen und Charakteren der Gatten einem theilnehmenden Beobachter nirgends ver⸗ borgen bleiben konnte. Dies waren diejenigen, welche ſchon von Anfang an gefragt hatten, was dieſe Frau gerade zu dieſem Mann geführt haben könne, und die auch heute noch Grund zu der fernern Frage zu haben meinten, was dieſe Beiden an einander zu feſſeln ver⸗ möge. Sie ſahen, wiederholen wir, die Widerſprüche und Contraſte, ſie erkannten den Reichthum der einen und die verhältnißmäßige Armuth der andern Natur, und ſie erklärten es für unmöglich, daß nicht irgend eine Gelegenheit endlich den tiefen Zwieſpalt offenbaren und dann möglicherweiſe auch zu einer äußern Tren⸗ nung führen ſollte. Sie konnten ſich ſogar neuerdings auf eine Aeuße⸗ rung des Grafen berufen, die nach Allem, was man bisher von ihm geſehen und vernommen, allerdings ziemlich ſeltſam klang. Ungeduldig über das anhal⸗ tende Kränkeln ſeiner Gemahlin und ihre auch ihn beſchränkende Zurückgezogenheit, hatte er im Club die Bemerkung fallen laſſen: wenn er das hätte voraus⸗ ſehen können, wäre er allerdings beſſer, dem Wunſch der Gräfin gemäß, für einige Zeit mit ihr nach Oth⸗ maringen gegangen. Dort gäbe es zum mindeſten gar keine Gelegenheit zu Thorheiten, die hier nicht aus⸗ 88 bleiben könnten, ſo gern er auch ſolid zu bleiben wünſche. Er hatte damit auf ſeine ſteigende Leidenſchaft für das Spiel gedeutet und im ſpottenden Tone geſprochen. Manche jedoch glaubten darin, wie geſagt, eine viel weiter reichende Offenbarung zu finden. Für die große Menge der Geſellſchaft war freilich von dem Allem keine Rede. Das gräfliche Paar ſtand in ſolchem Anſehen, daß man ſich ſchon glücklich ſchätzte, nur in ſeiner Nähe weilen zu dürfen, und es gab in der Colonie Manche, welche ſich zu dieſem Aufenthalt in⸗ folge der Anweſenheit der Eylingshauſen entſchloſſen hatten. ——— —— — 4jj.— ——— ——— Fünftes Kapitel. Alte und neue Schatten. Es war ein wundervoller Tag von jener, man möchte ſagen, glänzenden Friſche und Klarheit, die wir außer dem Herbſt nur hin und wieder im Vorfrühling zu finden pflegen. Der Himmel ſpannte ſich in tiefem Blau über Land und See, und die weißen leichten Wolkenflöckchen, welche hier und da leiſe vorüberſchwammen, ließen die Färbung des weiten Gewölbes nur um ſo ſatter er⸗ ſcheinen. Die Sonne ſtrahlte mit voller Pracht über die Felſen und Höhen hin, an denen die ſtolzen Villen und die kleinen zierlichen Campagnen ſich, jede wie in einem Mantel des reichſten und üppigſten Grüns, hinzogen, ſie durchflutete die Gaſſen und Gäßchen der Stadt drunten, ſie lag brennend auf den breiten Molen, 90 die das Hafenbaſſin begrenzten, und funkelte mit tau⸗ ſend zitternden, blitzenden, blendenden Lichtern aus den Seewellen zurück, welche, ſoweit das Auge reichte, ihr luſtiges Spiel trieben. Ja, wohin ſie mit ihrer ganzen Gewalt traf, wie dort am Hafen und hier an der Berglehne, machte ſie den Tag ſchon zu einem ſommerlich warmen, und es bedurfte nicht nur der zierlichen Schattendächer, welche bereits überall die Balkone überſpannten, ſondern man nahm auch dankbar den leichten Wind hin, der heute, wie meiſtens zu dieſer Frühnachmittagsſtunde, gleich⸗ falls die Berglehne leiſe entlang zog und wohlthätig die Macht der goldenen Strahlen brach. Schöner konnte man das zugleich reizende und pracht⸗ volle Landſchaftsbild nirgends vor ſich haben als auf dem großen Balkon der Villa Marina, und ein an⸗ muthigerer Platz ließ ſich nicht denken als der in der Ecke, am zierlichen Steingeländer, wo nichts die Aus⸗ ſicht beſchränkte und das Auge ungeblendet hinaus⸗ ſchweifen konnte, wo der Wind, noch nicht ermüdet durch den Weg an der ſonnigen Berglehne hin, mit voller, entzückender Friſche vorbeihuſchte, die rothen Franſen des Vordachs wiegend und in den Zweigen und Nadeln der Pinien ſpielend, die in ſtolzer Gruppe ſich ganz in der Nähe erhoben. W —— — 91 Es war ein Plätzchen, wie gemacht zum Ruhen und Schauen, zum Sinnen und Träumen, ſei es für einen Geſunden, der eben nur des Schaffens oder Umher⸗ treibens müde geworden, ſei es für Jemand, der ge⸗ neſen und erſtarken, ſich erholen ſoll nach ſchweren Stunden der Krankheit und des Leidens. Ja, der letztere konnte es nicht beſſer finden, noch ſich wünſchen. Das Auge konnte hier nicht ernſt oder trübe blicken, das Herz konnte nicht ſchwer bleiben, die Bruſt mußte ſich kräftiger heben und athmen und ein neues wohliges Gefühl des Lebens mußte den ganzen Menſchen durch⸗ dringen. Das ſchien auch Gräfin Charlotte zu empfinden und in vollen frohen Zügen zu genießen, welche jetzt in dem bequemen Stuhl in jener Ecke ruhte und, das Köpfchen auf die Hand gelegt, ihre Blicke in die Ferne hinausgleiten ließ, über die Stadt und den Hafen hin auf das ſonnenfunkelnde Wellenſpiel, den Möven nach, welche dort draußen zahllos ſumherſchoſſen, blitzgleich auf und ab und vorüber zuckend, oder ſie an eins der rothen oder weißen Segel heftend, die leiſe dem Hafen zuzogen oder weiter und weiter der Ferne zuſtrebend, dort allmälig immer tiefer hinabſanken. Gräfin Charlotte war in dieſen ſechs Jahren ent⸗ ſchieden noch ſchöner geworden, als wir ſie vordem in 92 Othmaringen gefunden und als ſie es bei ihrem erſten Erſcheinen an der Seite ihres Gatten geweſen war. Damals war man hier und da wohl auf der Straße ſtehen geblieben wenn ſie vorüberkam, und, in den be⸗ wundernden Ruf ausgebrochen:„Wie ſchön iſt ſie!“ Allein an ſolcher Bewunderung fehlte es auch heute noch nicht, wo ſie ſich zeigte, und wer lange genug in ihrer Nähe geweilt hatte, um das Damals mit dem Jetzt zu vergleichen, mußte zugeſtehen, daß die Erſchei⸗ nung der jungen, ſchüchternen, bräutlichen Frau nichts verheißen hatte, was ſich an dem jetzigen wunderbar ſchönen Weibe nicht auf das reichſte entwickelt und vollendet zeigte. Man fand an dieſem Kopfe noch alle die alten Züge wieder, die Reinheit und Klarheit, die vollendetſte Harmonie, den unendlich lieblichen Ausdruck der edelſten Weiblichkeit, und daß ſie ein wenig bläſſer geworden, beeinträchtigte den Geſammteindruck nicht, ſondern ver⸗ ſtärkte ihn vielmehr; es ſprach ein hoher Geiſt, ein tiefes Gemüth, ein warmes Herz aus dieſen Zügen, aus dieſen tiefblauen Augen, und wenn ſie, was neuer⸗ dings freilich nicht häufig bemerkt wurde, einmal heiter lächelte und ſich, auch wieder heiter, einem glten Freunde, der Gegenwart hingab, erkannte man mit Entzücken, daß auch jener Duft und jene Friſche, welche vor dem — 93 die Roſe von Othmaringen geſchmückt, nicht verloren gegangen waren, ſondern ſich zur reinſten Holdſeligkeit und Lieblichkeit verklärt hatten. Man konnte es der Geſellſchaft nicht verdenken, wenn ſie ſich überall in neidloſer Bewunderung vor dieſer obendrein ſtets anſpruchsloſen und ſanften Schönheit und Liebenswürdigkeit beugte und ſie mit einer Art von Stolz die Ihre nannte, und man mochte über den Grafen Felix wohl die Achſeln zucken, konnte es ihm jedoch im Grunde kaum verübeln, wenn er, wie das bei ſeiner ſorgloſen, um nicht zu ſagen gedankenloſen Weiſe ſchon einmal vorkam, gelegentlich ſich ſelbſt für den erſten und treuſten Anbeter ſeiner Frau erklärte. Wie ſie jetzt dort in dem tiefen Stuhle ruhte, zeigte, auch wenn man ganz abſah von dem Ausdruck eines faſt ſchwermüthigen Ernſtes und des tiefen, wehmuths⸗ vollen Träumens, der ſich in den Augen zeigte und auf der bleichen Stirn, wie ſehr ihre Natur erſchüttert worden und wie ernſtlich ſie des Friedens und der Stille bedurft hatte, die ſie hier allerdings in vollen Zügen genießen durfte. Wer ſie ſo geſehen, hätte nicht nach beſondern Motiven für den Rücktritt des Grafen und für ſeinen hieſigen Aufenthalt zu ſuchen brauchen, an ſeinen Angaben zweifeln dürfen: ein ſolches Zurück⸗ ſinken, eine ſolche Regungsloſigkeit zeugte entſchieden 94 genug von der tiefen Abſpannung und Erſchöpfung, welche über dieſe ſonſt zwar nicht lebhafte, aber ſtets elaſtiſche Natur gekommen ſein mußte— eine Beobachtung, die ein theilnehmendes Herz wohl ſchwer machen und ein treues Auge mit Sorge auf ſie blicken laſſen durfte, wie man es denn eben auch an derjenigen wahrnahm, welche nicht fern von Charlotten in der Nähe einer der Balkonthüren ſaß und von ihrer Arbeit mehr als einen ernſten, beſorgten, faſt wehmüthigen Blick zu der ſchönen Frau heimlich hinübergleiten ließ. Ja, dieſe Blicke würden wohl noch ernſter und trüber geweſen ſein, hätten ſich trotz alledem nicht an Charlottens Er⸗ ſcheinung, wie wir ſchon oben erfuhren, gewiſſe kleine Züge gefunden, die, wenn auch noch ſo leiſe, auf die wiederbeginnende Kräftigung und Aufraffung hinzudeuten ſchienen. Als ein ſolcher Zug durfte wohl die verhältniß⸗ mäßig kräftige Bewegung angeſehen werden, mit der ſie ſich eben von der Rücklehne des Stuhls aufrichtete, und noch mehr das wahrhaft ſüße Lächeln, welches durch ihr Geſicht glitt, als ſie, daſſelbe ihrer Geſellſchafterin zuwendend, mit dem vollſten Ausdruck der innigſten und glücklichſten Ueberzeugung ſo recht aus tiefer Bruſt heraus ſagte:„Ach, es iſt doch wunder— wunder⸗ ſchön hier, Henriette, und es iſt eine unbeſchreibliche „ 1 — 95 Seligkeit in dieſer Empfindung des Wiederauflebens und Erwachens, wie ich ſie niemals auch nur geahnt habe!“ Es war faſt, als ſei der Blick ein wenig feucht, mit dem die Freundin zurücklächelte, denn der vernom⸗ mene Name ſagt uns, daß es jene war, von der ſchon das Mädchen Charlotte ſich nie hatte trennen wollen und welche auch die Frau ſich wirklich bis auf den heu⸗ tigen Tag zu erhalten verſtanden hatte. „Gott Lob, Gott Lob!“ verſetzte ſie nun hörbar bewegt; „Gott Lob, daß Du das ſo empfindeſt, ſo ausſprechen, ſo— und das iſt das Beſte!— ſo zeigen magſt! Das macht mich glücklicher, als ich's ausſprechen kann. Ich muß es Dir nur ſagen, mein armes Herz, daß ich noch eben wieder recht voll Sorgen und Wehmuth war, als ich Dich ſo müde und ſo verſunken ſah, ſo traurig anſcheinend, ohne daß ich doch recht ahnte, weshalb, ſo theilnahmlos und träumeriſch, ohne zu wiſſen, warum, trotz dieſer himmliſchen Natur, in der, dächte ich, kein Traum aufzukommen vermag, wo das ärmſte und käl⸗ teſte Herz aufſchlagen muß voll Freude und Leben.“ Die Gräfin hatte den Arm auf das Steingeſims der Baluſtrade ſinken laſſen und ſaß wieder verſunken wie vorhin, das ſinnende Auge der Ferne zugewendet. Und erſt nach einer Weile wandte ſie den jetzt aber 96 ernſten Blick von neuem der Freundin zu und ſprach gedämpft:„Und dennoch träumte ich, Henriette, oder dachte mich in die Vergangenheit zurück, wenn Du es lieber ſo heißen willſt. Es iſt nicht dieſe Gegend, nicht dieſe Ausſicht, die mich dazu aufforderten, ſondern dieſer himmliſch ſchöne Tag ſelber mit ſeinem Glanz und ſeiner Milde. Er erinnert mich auf das unabweis⸗ lichſte und— ſage ich's immerhin, denn es iſt ſo!— ſchwermüthigſte an jenen, der ſich ja auch ſchon dem⸗ nächſt jährt, da ich vom Papa und all den Meinen, von Othmaringen ſchied und mich von Felix einer un⸗ bekannten Ferne, einer verhüllten Zukunft entgegen⸗ führen ließ. Er war auch voll ſolchen Lichts, ſolcher Klarheit und Schönheit wie der heutige! Ich fühlte mich auch an jenem Morgen, da ich hinaus auf die Terraſſe trat und auch da Felix dann zu mir kam und ſo innig mit mir redete, voll ſolchen Friedens, voll ſolcher Zuverſicht auf eine glückliche Zukunft. Und als wir zurückkehrten, war ich ſo ſterbenstraurig, und als wir abends ins Thal hinabfuhren, breiteten die Schat⸗ ten, die es plötzlich erfüllten, ſich noch tiefer und trüber über all mein Hoffen und Glauben aus. Ach, Hen⸗ riette, ich kann's Dir nicht beſchreiben, wie ſich mein Herz zuſammenzog, als der erſte Schritt in die Ferne uns gleich in dieſe Schatten hineinführte!“ ———— — p,,. 97 „Ja“, ſagte Henriette gedankenvoll,„ich war ja nicht bei Eurer Abfahrt zugegen und konnte es daher nicht beobachten. Aber die Tante gedachte hernach gegen mich dieſes Zufalls und meinte, es ſei für ſie alle wirklich erſchreckend geweſen, wie ſchnell der letzte Sonnenſtrahl hinter den Berg geſunken, und ſelbſt Dein Vater habe einen faſt finſtern Blick hinauf zur Kuppe geworfen und einen noch finſterern Euch nachgeſendet, ſich dann ſchnell abwendend und ohne ein Wort im Hauſe verſchwindend. Die Tante und ich dachten gleich daran, ob Du das bemerkt und wie Du's empfunden haben mögeſt. Es iſt ſeltſam“, fügte ſie nach einer Pauſe mit einem halb fragenden, halb nachdenklichen Blick auf die Freundin hinzu,„daß wir bisher noch niemals darauf zu reden gekommen ſind. In Deinem Briefe erwähnteſt Du nichts davon. Und ſo hofften wir damals Dich frei von dem Eindruck. Du neigteſt ja auch niemals zu etwas wie Aberglauben, und wäre das ſelbſt geweſen, gerade die nächſte ſchöne, heitere Zeit hätte ihn ja ſchnell zerſtreuen müſſen.“ Gräfin Charlotte wiegte leiſe das Haupt.„Du heißeſt es ſeltſam, daß wir niemals über dieſen Ab⸗ ſchied geſprochen, wie überhaupt kaum über jene erſten ſechs Wochen der Reiſe und des Aufenthalts bis zu Deinem Eintreffen“, redete ſie, das Auge mit einem Hoefer, In der Welt verloren. II. 7 eigenthümlich tiefen und dennoch faſt ein wenig ſcheuen Blick zur Freundin erhebend.„Für mich und zwiſchen uns iſt es das eigentlich nicht, denn jetzt darf ich es wohl ſagen, daß ich ſolchen Mittheilungen damals mit vollem Bewußtſein aus dem Wege gegangen bin. Hier⸗ nach hatten ſie ihre Bedeutung für uns verloren und wurden vom Leben auf die Seite gedrängt. Ich denke aber auch noch heute nicht gern an jene Wochen zu⸗ rück. Du nennſt ſie ſchön und heiter, für mich lag der Abendſchatten von Othmaringen tief über ihnen, wielleicht, ich will's nicht leugnen, nur für meine Augen, mein Gefühl, ja möglicherweiſe ſogar nur durch meine eigene Schuld. Seitdem habe ich Manches anders an⸗ ſehen und verſtehen gelernt, ich bin nicht nur gleich⸗ gültiger, ſondern auch nachſichtiger und freier geworden. Damals aber war ich noch nicht ſo weit, und um ehrlich zu ſein, muß ich hinzufügen, daß ich Manches, was mich damals erſchreckte, betäubte, verletzte, auch heute noch nicht viel anders aufzunehmen im Stande ſein würde. Es traf ſich eben unglücklich, zumal für ein ſo unerfahrenes Menſchenkind, wie ich es war.“ Henriette blieb einige Augenblicke ſtill bei ihrer Stickerei, ohne aufzuſehen.„Du denkſt an jene Be⸗ gegnung mit dem Prinzen Hermann und Deinem Vetter Dagobert?“ fragte ſie endlich ſo hin.„Die Weiſe des — —,f, 99 Prinzen ſei Dir unverſtändlich geweſen und der Herr Vetter habe ſich albern benommen, äußerteſt Du ein⸗ mal gegen mich. Iſt es das? War es etwa noch mehr? Du warſt bei dieſer Erinnerung ſo kurz, daß ich nicht darauf eingehen mochte.“ Auch die Gräfin ruhte eine Weile im nachdenklichen Schweigen, bevor ſie verſetzte:„Daran denk ich freilich auch. Ja, es war in Wirklichkeit vielleicht das unan⸗ genehmſte Begegniß unſerer Reiſe, allein für mich lag damals Anderes faſt noch näher, und es ſtammte und ſchrieb ſich Alles von jenem ſchönen und zugleich trau⸗ rigen Abſchiedstage her. Du weißt“, redete ſie nach einer neuen Pauſe weiter,„daß unſere Reiſe über die Reſidenz feſtgeſetzt war, meinem Gefühl nach noch un⸗ vermeidlicher, ſeit ich von meiner Schwiegermutter Krankheit erfahren mußte, und ich ſagte Dir ja auch ſchon an jenem Morgen davon, wie weh es mir that, daß mein Mann dieſen Umweg plötzlich für unmöglich erklärte. Was ich Dir aber nicht ſagte, war, daß ich an Felix' Gründe nicht glaubte, zumal nicht, ſeit er auch Deine Begleitung abwies. Mein Herz, mein Herz“, fuhr die ſchöne Frau erregt fort und richtete ſch auf und ſchüttelte den Kopf,„ich habe das ſtets feſt in mir verſchloſſen und Ihr habt es nie geahnt, aber es war ein böſer, böſer Tag. Ich fühlte mich 7⸗ 100 vertrauenslos, unglücklich, erkältet bis ins Herz hinein, und es hätte des Abendſchattens nicht bedurft, um mich nichts mehr von der Zukunft erwarten zu laſſen, als ſtets neue Enttäuſchungen. Wir reiſten alſo“, ſprach ſie von neuem weiter, und die ſteigende Röthe ihrer Wangen und der un⸗ ruhige Blick des ſonſt in ſeiner Milde ſo klaren und ſichern Auges zeugten von ihrer tiefen Bewegung, „und Felix redete oder plauderte zu mir über Alles und nichts und ſtreifte zuweilen auch an die weitern Gründe, die ihn außer der ihm vorgeſchriebenen Eile von der Reſidenz fern gehalten haben ſollten. Da kam denn eine Abneigung gegen die Mutter zum Vor⸗ ſchein, die mich beſtürzte, obgleich ſie gewiſſermaßen mit der Sorge für mein Wohlergehen zuſammenhing— ich brauche Dir das wohl nicht weiter zu erklären. Dann war von den Irrungen und Störungen die Rede, welche damals am Hofe die unangenehmſten Zu⸗ ſtände hervorgerufen haben und ſogar bis in die fürſt⸗ liche Familie gedrungen ſein ſollten, hervorgerufen an⸗ geblich durch die Neigung der Prinzeſſin Conſtanze zu dem Major Bilingsfelden und durch den Widerſtand, den dieſelbe nicht blos bei ihrem Bruder, dem Prinzen Hermann, fand, und dann überſpringend auf Gott weiß was für andere Perſonen, Kreiſe, Zuſtände, Verhält⸗ — . S4 8 niſſe— Du haſt ja übrigens in der erſten Zeit in Neapel in unſerm Kreiſe öfters von dieſen Dingen gehört.“ Was Du aber nicht hörteſt, war Felix' Mitthei⸗ lung an mich, daß auch er und ſeine Mutter, auch wir, ja ich ſelbſt in dieſen Wirren, der Himmel weiß woher und wie, vorkämen. Was ich damals davon begriff, war ſo peinlich für mich, daß ich jeder weitern Erklärung auswich. Genug, hier fand mein Mann einen andern Grund, mich nicht nach der Reſidenz zu führen, und dann kam noch ein anderer hervor, ſcherz⸗ haft, neckend, ſpöttiſch und doch, wie mir es vorkam, mißtrauiſch ſpürend.“ Die Gräfin hielt inne, als ſei ihr dieſe Erinnerung allzu peinlich, als daß ſie dieſelbe ausſprechen möchte, und als ſie dennoch nach einigen Augenblicken fortfuhr, hörte es Henriette auch aus ihrer Stimme, wie erregt und verletzt ſie war.„Es trat mir damals ans Herz“, ſagte ſie,„und ſich hätte um keinen Preis da⸗ von reden können, ſelbſt zu Dir, ſelbſt zur Tante nicht; jetzt iſt auch das überwunden. Genug, Felix meinte, er möge mich auch des Majors Bilingsfelden wegen nicht hinführen, der ſeit einigen Tagen wie⸗ der dort weile. Begegnen müßten wir ihm und er fürchte, daß ſeine Augen auch mich bezaubern möchten, wie ſie's ja nun einmal vermögen ſollten, oder ob ſie's am Ende ſchon bei uns in Othmaringen gethan hätten? Wie das herauskam, habe ich ja ſchon bezeichnet, ſcherz⸗ haft und doch ſpürend“, ſetzte die Gräfin Charlotte mit einer ungeduldigen Bewegung hinzu;„ich brauche alſo auch nicht weiter davon zu reden, noch von mei⸗ ner Empfindung dabei zu ſagen, nur daß ich mich zu einer Antwort gereizt fand, deren Schärfe mich ſelber erſchreckte, doch aber das Gute hatte, daß ſie Felix für immer über dieſen Punkt ſchweigen ließ. Siehſt Du, das war in den erſten Reiſetagen. Dann folgten andere, wo mir von der nöthig befun⸗ denen Eile nichts bemerklich wurde. Wir reiſten auf das bequemſte. Wir blieben, wo es uns gefiel und faſt ſolange es uns gefiel. Ich wußte ja bereits, wie ich mit ſeiner Bemerkung über die raſche Reiſe daran war und was für Gründe ihn einen längern Aufent⸗ halt daheim hatten vermeiden laſſen. Allein trotzdem blieb die Empfindung vom Hochzeitsmorgen in mir, ja ſie verſtärkte ſich noch bis zum Gefühl der tiefſten Ent⸗ täuſchung, ja beinahe eines gewiſſen Mißtrauens. So kamen wir nach Rom, und noch als wir im Wagen ſaßen, kam eine kleine Cavalcade vorüber, von der wir auf das unbeſcheidenſte angeſtarrt wurden und aus der ich ganz deutlich ein:„Ei, Signor Eylings⸗ hauſen und ſeine Spoſa!“ herüberklingen hörte. Mein Mann hatte ſich, wie ich, da ich auf ihn blickte, ſah, verfärbt.„Das iſt ganz verwünſcht!“ ſagte er hörbar unmuthig.„Was denn? Kennſt Du die Leute?“ fragte ich.„Richtig, Du kennſt ſie ja nicht!“ ſagte Fer wie zuvor;„es war der Prinz Hermann, und auch Deinen Vetter, den Fat Dagobert Othmaringen, den Seine Hoheit zum Adjutanten erkoren haben, meinte ich zu erkennen. Ich hoffte dieſe Begegnung vermei⸗ den zu können, nun iſt's unmöglich. Selbſt wenn Du kräftig genug wäreſt, ſchon morgen wieder abzureiſen, würde ich ihm nicht ausweichen dürfen, und dann ha⸗ ben wir ihn auf dem Halſe. Und nun habe ich oben⸗ drein noch Aufträge für unſere Geſandtſchaft— wir müſſen vielleicht acht Tage und länger bleiben!“ Ich verſtand das Alles nicht, denn was wußte ich von dieſen Menſchen und was gingen ſie mich an? Aber ich fragte nicht, denn meine Stimmung war da⸗ mals von der Art, daß ich meinen Gatten eben nie⸗ mals zum Reden oder Erklären veranlaßte. Wir blieben wirklich einige Tage und Felix be⸗ gegnete dem Prinzen ſelbſtverſtändlich, ſagte mir auch davon im Allgemeinen, war jedoch ſichtbar nicht weni⸗ ger verſtimmt als bei der Ankunft. Ich ließ das ge⸗ hen, und um ſo eher, als ich wirklich keinen Sinn für — — 104 dergleichen hatte. Rom erfüllte mich ganz und gar, es betäubte mich und berauſchte mich zugleich— es war der erſte tiefe, ſogleich aber auch allmächtige Ein⸗ druck, den ich auf der Reiſe empfing. Bis dahin war mir auch auf den ſchönſten Punkten immer geweſen, als liege mein ganzes Inneres in Ketten und Banden. Am vierten Tage, da wir zum zweiten Mal in der Peterskirche waren, trafen wir mit dem Prinzen zu⸗ ſammen. Er ließ mich ſich vorſtellen, ſtellte mir dann ſelber den Vetter Dagobert vor, witzelte dabei über die ſogenannte Familienfeindſchaft und ſchlug überhaupt einen Ton an, deſſen— ſage ich: Vertraulichkeit und Unumwundenheit mich mehr noch indignirte als ver⸗ letzte, weil ich mir ſehr wohl bewußt war, daß nichts an mir ihn veranlaſſen konnte. Darauf hatte ich in⸗ deſſen natürlich nur zu ſchweigen. Als aber auch Da⸗ gobert ſich in einer Weiſe hineinmiſchte, welche den ihm von Felix gegebenen Titel nur allzuſehr rechtfer⸗ tigte, erlaubte ich mir eine ſcherzhafte, aber ſehr ent⸗ ſchiedene Ablehnung, und da der Prinz dann, faſt wie eine Art von Sekundant, nochmals anfing und ſich— ich vermag es nur ſo zu heißen und mir zu erklären! — bis zur nackten Unartigkeit ſteigerte, machte ich ent⸗ ſchloſſen meine beſte Verneigung und trat zurück. Felix folgte mir, aber erſt nachdem er auf eine Weiſe, ‿ — 105 die ich auch jetzt nur als die männlichſte und zugleich feinſte von der Welt anerkennen kann, ſich gegen den einen wie den andern über das Vernommene geäu⸗ ßert hatte. „Siehſt Du wohl, Charlotte“, ſagte er zu mir, da wir im Wagen ſaßen und fortfuhren,„daß meine Gründe, Dich nicht in die Reſidenz zu führen, doch ein wenig beſſer ſind, als Du geglaubt? Ich hab' es wohl gemerkt, daß Du mißtrauiſch und unzufrieden mit mir warſt. Der Ton, den Du eben vernommen haſt, würde ſicherlich auch dort hin und wieder verſucht worden ſein; der Kreis Seiner Hoheit iſt nicht klein und ſein Bei⸗ ſpiel nicht verloren. Ich mag und will dieſen Ton ber nicht gegen Dich, Du ſollſt nicht nöthig haben, Dich gegen ihn ſelbſt zu vertheidigen, ja Du ſollteſt ihn nicht einmal kennen lernen, wie ich hoffte. Das war leider umſonſt, aber ich hoffe dafür nun, daß meine Antwort verſtändlich genug geweſen iſt. Und 1 morgen reiſen wir ab.“ Ich drückte ſeine Hand, mir war trotz Allem, was vorgegangen, glückſelig zu Muthe: ich hatte mein Ver⸗ 3 trauen zu meinem Mann wiedergefunden, und mein Herz war offen für ihn und blieb es ſeitdem. Und ſo bezeichnete denn dies Begegniß in Rom, anſcheinend das unangenehmſte für uns und das peinlichſte und — 106 empfindlichſte für meine Unerfahrenheit, doch das Ende der Schattentage. Es kamen jetzt wirklich helle und immer freundlichere. Das neue Glücksgefühl verlor ſich nicht wieder, und als ich nach drei Wochen dann auch Dich bei mir hatte, erſchien mir die alte Noth, das alte Mißtrauen täglich mehr halb wie ein Traum, halb wie eine Sünde. Die Zukunft lag freundlich und ru⸗ hig vor mir. Und was uns angeht, wurde ſie es ja auch.“ Sie ſtand auf und ging ein paar Mal langſam auf und ab. Nach der Erregung, welche die alten Er⸗ innerungen hervorgerufen hatten, war es jetzt mit einer um ſo größern und ſanftern Stille über ſie gekom⸗ men. Auf ihrer Stirn lag die Träumerei, und die Träumerei umgab und durchdrang die Geſtalt und ihre Bewegungen wie ein Duft mit wunderbarem Reiz. Henriettens Augen folgten ihr auch mit einem ganz beſondern Blick, denn es ſprach daraus nicht nur die Zärtlichkeit, ja etwas wie eine ſchier andächtige Ver⸗ ehrung, ſondern auch eine Bewegtheit, welche weit über Wehmuth und Mitleiden hinausging und vielleicht wirklich nur als eine Art von leiſem Zürnen zu deuten wmar. Die Freundin wußte es freilich am beſten, daß das Herz der ſchönen Frau am Ende doch nicht das Glück — — — 107 und Genügen gefunden, wie es in den Träumen der Jugend wohl zuweilen, eine echte Fata Morgana, leiſe, leiſe emporgeſtiegen war; ja noch mehr, daß auch das Leben, über das ſie eben ſo freundlich urtheilte, dennoch Manches gebracht, von ihr verlangt und ihr auferlegt hatte, was ihrer innerſten Natur wider⸗ ſprach und ſchwer auf ihr laſtete. Und wie ſie ſo dachte, konnte ſie ſich nicht überwinden, und ſie ſagte leiſe:„Du biſt freilich auch ein goldenes Herz. An⸗ dere ſind— ſoll ich leider ſagen oder Gott Lob?— weder ſo beſcheiden noch ſo geduldig, weder ſo nach⸗ ſichtig noch ſo nachgiebig wie Du.“ Gräfin Charlotte blieb ſtehen. Ihr Auge begeg⸗ nete dem der Freundin mit einem milden Lächeln und ſie verſetzte ſanft:„Das iſt unſer alter Streit; Du hältſt mehr auf mich, als ich's ſelber vermag und für recht finden kann. Wünſche und Hoffnungen gibt es in je⸗ dem Herzen; es ſind viele dazwiſchen, die uns das Le⸗ ben nicht erfüllt, und andere, die es gar nicht erfüllen kann, denn in den Stunden, wo die Wünſche und Hoffnungen in uns aufſteigen, pflegen wir leider nur allzu wenig an die Wirklichkeit zu denken. Das find' ich auch ſehr verzeihlich und begreiflich. Aber nicht begreiflich und verzeihlich find' ich's, wenn man nun hinterdrein mit der Wirklichkeit hadern will, wenn man 108 ſich über die erfolgten, meiſt unvermeidlichen, oft ſelbſt⸗ verſchuldeten Täuſchungen und Verluſte beklagt und grämt und dadurch ſich auch das Gute verkümmert,* was uns bleibt, und das Schöne trübt, das uns um⸗ gibt und uns zu eigen wird.“ „Und in ſolcher Reſignation willſt Du, kannſt Du Dich glücklich heißen?“ fragte Henriette beinahe finſter. „Das will und kann ich allerdings. Denn was ich vielleicht entbehre, entbehre ich nicht durch den Willen der Menſchen, ſondern durch das Geſchick, durch die Grenzen und Beſchränkungen unſerer menſchlichen Natur. Iſt da unſer Nachgeben und Unterwerfen überhaupt das, was Du Reſignation heißeſt? Ich darf, nein, ich muß es ehr⸗ 1 licherweiſe ausſprechen“, fuhr ſie ernſt fort,„das Leben hat mir, im Ganzen genommen, mehr gebracht, als ich gehofft, und nicht viele, noch weniger empfindliche Täu⸗ ſchungen auferlegt. Du kannſt das ebenſo gut wiſſen wie ich, denn ich bin mir keines Geheimniſſes vor Dir bewußt. Und daher, wenn Du mit meiner Auf⸗ faſſung des Lebens haderſt, oder mich gar bedauerſt, ſo haderſt Du halb mit dem Geſchick, halb mit meiner Natur, und bedauerſt etwas, um deſſentwillen ich mich freue, ja mir Glück wünſche.“. „Du haſt nicht immer ſo gedacht“, bemerkte Henriette mit dem gleichen finſtern Ausdruck wie vorhin. —— 109 „Immer, mein Herz, ſeit ich überhaupt das Leben zuerſt ahnte und es endlich begreifen lernte“, lautete die Antwort.„Von unſern oder meinen Jugendträumen rede ich nicht. Sie waren der Wirklichkeit ebenſo fern und fremd, wie Othmaringen und unſer Leben dort ihr war. Das begriff ich noch in Othmaringen ſelbſt. Hernach, ſeit ich wirklich im Leben ſtand und mit leben mußte, ſage ich, ward es anders, und ich trug nicht ſchwer, gleich⸗ viel ob Ihr darin eine glückliche oder eine beſchränkte Anlage meiner Natur findet. Für mich gab es in dieſen Jahren nur eine Sehnſucht, die ich nicht immer wegzu⸗ disputiren und zu beherrſchen vermochte, und nur ein Entbehren, das mir bitter weh gethan hat, wie tief ich's auch zu verſchließen ſuchte. Jetzt“— ſie lehnte ſich leicht auf die Baluſtrade und ſchaute in die Ferne— nhat ſich auch das zur Ruhe gelegt.“ „Und iſt das ein Geheimniß, oder darf ich's erfah⸗ ren?“ fragte Henriette, deren Auge mit einem Aus⸗ druck von ſeltſamem, faſt trotzigem Unmuth an der ſchlan⸗ ken Geſtalt der Gräfin haftete. „Geheimniß? Dir ſollte es nie ein ſolches geweſen ſein“, verſetzte Charlotte, ohne ſich umzuwenden.„Sieh hinab, dort kommt Antwort und Erklärung.“ Auf der Straße, welche vom Hafen zu der Villa hinauf und die Berglehne entlang zu den andern An⸗ ſiedelungen weiter führte, erſchien eine jener Caval⸗ caden, denen man während der Saiſon häufig hier be⸗ gegnen konnte und für die drunten in der Stadt aller wärts die langohrigen Reitthiere bereit ſtanden. Der Weg war berühmt um ſeiner ſchönen, wechſelvollen Ausſichten willen. Eine Dame im capriciöſeſten Coſtüm der herrſchenden Mode ritt voran, begleitet vom Grafen Felix, mit dem ſie in lebhafter Unterhaltung begriffen ſchien. Hinter ihr 8 folgte auf dem zweiten Thier ein hübſcher, kecker, luſtiger, etwa fünfjähriger Knabe, und auf dem dritten ſaß eine zierliche Wärterin mit einem kleinen, über den Ritt ent⸗ zückten und ſelbſt entzückenden Mädchen auf dem Schooße. Die Treiber und ein Diener in dunkler Livree kamen nebenher und hinterdrein. Als der Trupp an die Villa kam, verabſ chiedete ſich Graf Felix und trat in das Gartenthor. Das bisherige blen⸗ dende Licht war auf der Straße einem leichten Schatten gewichen, da eben eine kleine Wolke an der Sonne vor⸗ überglitt, und Geſtalten und Mienen der Vorüberzie⸗ henden zeigten ſich in größter Deutlichkeit. Das Geſicht der Dame war jugendlich und ſchön, aber voll einer gewiſſen vornehmen, faſt zurückſtoßenden Kälte. Sie neigte ſich nur leicht gegen die beiden Freundinnen auf dem Balkon, die Kinder lachten fröhlich empor. Und dann warenſie vorüber. Sechstes Kapitel. Frühlingsempfindungen eines Diplomaten. Als Graf Felix den kühlen und ſchattigen Salon durchſchritten hatte, deſſen Fenſter ſich gleich ebenſo viel Thüren auf den Balkon öffneten, und dieſen betrat, flog ſein Blick mit einer gewiſſen muſternden Schärfe zu den beiden Damen hinüber, die noch von ihm abge⸗ wandt, ſei es den Fremden nach oder in die wunder⸗ bare Beleuchtung des Landes und der See hinausſchau⸗ ten; denn während hier oben und an den Bergen hin noch Alles im durchſichtigen Schatten lag, herrſchte dort drunten weit hinaus das glänzendſte Licht, und es war, als könne man bis hier hinauf die faſt ſchon unerträg⸗ liche Glut fühlen, welche auf dem eben, wie alltäglich zu dieſer Stunde, ſich dem Hafen nähernden Dampfer die Geſellſchaft trotz des Zeltes peinigen mochte. —— —— Während die Damen, die den ſich nähernden Schritt vernahmen, ſich jetzt um und dem Grafen zuwandten, verwandelte ſich ſein Blick, der an Henrietten freilich noch ziemlich kalt vorüberglitt, für ſeine Gemahlin in einen ſehr freundlichen, ja faſt zärtlichen, und als er nun zu ihr trat und ihre Hand zu ſeinen Lippen erhob, ſagte er auch lächelnd:„Madonna, ſei gegrüßt! Du glaubſt nicht, wie mich jedesmal die Begegnung mit Dir nach meiner Heimkehr beglückt; jedesmal finde ich meine zarte Blume reicher, duftiger und kräftiger erſchloſſen! Man möchte wahrhaftig noch häufiger und auf längere Dauer davongehen, um dies Glück der Heimkehr noch voller zu empfinden!“ Er ſagte das heiter und leicht hin, freundlich und natürlich, er hielt dabei ihre Hand ſo warm in der ſeinen und ſein Auge begegnete ſo froh und vertraulich dem ihren, daß man es wohl erkannte, wie die für einen ſo alten Ehemann faſt ein wenig übertriebenen Worte doch aus dem Herzen heraufklangen. Sie lächelte ihn auch ganz heiter, ja herzlich an und meinte nur in einem beinahe ſchalkhaften Ton:„In der That, Felix, es müſſen hier ganz beſondere, geheimnißvolle Mächte und Kräfte hauſen, die mich ſo ſchnell geſund und froh und Dich ſo luſtig und galant machen! Was gibt's in Dir? Wird der Frühling auch in Dir ſelber wach 113 und treibt ſo wunderbare Empfindungen und Einfälle in dem ernſten Diplomaten zur Blüte?“ „Liebenswürdig und grauſam zugleich— die echte Frau!“ verſetzte er munter und legte den Arm um ihre ſchlanke Geſtalt und hielt ſie ſo neben ſich an der Baluſtrade. „Daß ich all die verſteckten Vorwürfe verdiene, glaube ich nicht. Ich dachte bisher, daß kein Ehemann ein größerer und getreuerer Verehrer ſeiner Frau ſein könne als ich! In gewiſſem Sinne haſt Du aber doch Recht, trotz Deines Spottes. So diplomatiſch abgeſtorben bin ich nicht, daß nicht auch dieſe prächtige Natur, dieſer üppige Frühling mich erfriſchen und erheitern ſollten! Und dazu— ich muß das wiederholen— Deine täglich fort⸗ ſchreitende Geneſung— ich wäre Deiner wahrhaftig noch weniger werth, als ich es ohnehin leider bin, wenn mir das nicht— heiß' es immer ſo— immer wieder eine neue Jugend gäbe!“ Er hatte das gedämpfter geredet, mit gewiſſermaßen bewegter Stimme; er zog ſie feſter an ſich und ſchaute ihr tief in die ihn innig anlächelnden Augen, und nun drückte er leicht ihren kleinen Kopf an ſeine Bruſt und ſenkte ſeine Lippen zum Kuß auf ihre Stirn, flüchtig nur, denn in der nächſten Sekunde ſchon ließ er ſie, wie ſich darauf beſinnend, daß ſie nicht allein, plötzlich frei und warf ſeinen Blick über den Balkon hin, wo Hoefer, In der Welt verloren. II. 8 —a 114 Henriette eben ihre Arbeit vom Stuhl nahm und in die nächſte Thür tretend verſchwand. Es war etwas Unmuthiges, wo nicht Verdrießliches in dem Zlick, den er ihr folgen ließ, und nach einer kleinen Weile ſagte er auch in einem Tone, der die ihn beherrſchende Empfindung der Gräfin noch be⸗ merklicher machen mußte:„Nun Gott Lob! Endlich!“ Und da ihr Auge dem ſeinen, ſei es mit einer Art von Erſtaunen, ſei es mit leiſem Vorwurf begegnete, fügte er wie ein wenig ungeduldig hinzu:„Verzeih', mein Herz, aber ich muß es einmal ſagen: ſo char⸗ mant und angenehm und niützlich Henriette auch iſt, ein gewiſſes richtiges Verſtändniß des Augenblicks wäre. ihr wohl zu wünſchen. Ihre Gegenwart kann wirklich zuweilen faſt ein bischen peinigend werden. Das hab'⸗ 3 ich hier ſchon mehrmals empfunden und auch eben wieder. Und— ſchüttele nur den Kopf, ich kann nicht anders!— es iſt gut, daß ſie ging, ich hätte mir ſonſt erlauben müſſen, ihr einen kleinen Wink zu geben, ſo leid es mir auch deinet⸗ und ihretwegen gethan haben würde.“ Die Gräfin ſchüttelte wirklich noch einmal den Kopf und ſah fragend zu dem Gatten auf.„Ich habe eine ſolche Ungeduld— oder iſt es Abneigung?— noch niemals an Dir bemerkt“, entgegnete ſie;„im Gegentheil, Du —. — 115 haſt ja oft geäußert, wie unentbehrlich Henriette für uns ſei. Oder iſt es nur dieſe augenblickliche Em⸗ pfindung? Haſt Du mir etwas Beſonderes zu ſagen, Felix?“ „Beſonderes? In der Welt nichts!“ antwortete er ſchon wieder munter und legte von neuem den Arm um ſie und zog ſie zu einem langſamen Gange über den Balkon fort.„Aber es kommen doch Momente, wo mir in Deiner Gegenwart jeder Dritte zu viel iſt, wo ich Dich allein haben, wo ich mit und zu Dir plau⸗ dern, Dir ins Auge ſehen, Dein Herz für mich ſchlagen hören, Dich in meinen Armen halten will— mein hold⸗ ſeliges Weib!“ „Seltſamer Menſch! Als wenn Du das nicht immer hätteſt, wenn Du's verlangſt!“ ſagte ſie leicht, aber mit einer gewiſſen Befremdung lächelnd.„Was hat Hen⸗ riette damit zu thun?“ Er führte ſie leiſe in die Thür des Salons und zum nächſten Sopha. Da ließ er ſich nieder und zog ſie auf ſeine Kniee und legte beide Arme um ſie.„Ja freilich“, ſprach er dann ſcherzend,„unſere Hausord⸗ nung iſt eine muſterhaft geregelte und alle Stunden haben ihre Beſtimmung und finden auch die beſtimmten Menſchen bei einander! Aber haſt Du's noch nie ge⸗ fühlt, Madonna, daß zuweilen etwas durch den Kopf 8* ſchießt und etwas im Herzen emportreibt, thöricht viel⸗ leicht und doch glückſelig, das nach Aeußerung ringt, nicht für alle, ſondern für einen oder eine, und nicht nach der Hausordnung fragt— ſo, wie es jetzt mir ging, daß ich Dir ſagen mußte, wie ich Dich niemals lieblicher und ſchöner gefunden und wie ich Dich niemals mit ſolcher Innigkeit, Hingebung, mit ſo heißem, leidenſchaftlichem Herzen geliebt habe!“ „Aber, Felix, thörichter Mann, was redeſt Du?“ erwiderte ſie, leicht an ihn gelehnt, aber, wie freund⸗ lich das klang, es fehlte auch jetzt nicht an jener leiſen Befremdung.„Kann ich das denn hören, ohne ganz roth zu werden für Dich und mich— ſolche Thor⸗ heiten?“ „Thorheiten! Iſt's eine Thorheit, daß ich Dich ſchöner und lieblicher finde als je? Daß ich Dich lei⸗ denſchaftlicher liebe als ſelbſt in den erſten Tagen, da ich Dich mein nannte? Ah, dann zum mindeſten die glückſeligſte Thorheit, die jemals von einem Menſchen⸗ kopf ausgegangen iſt und zugleich ihn berauſcht hat!“ Und er küßte heiß ihre Augen, ihre Lippen.. „Wie ich ſchon fragte, was gibt's in Dir? Iſt's der Frühling? Ich kenne Dich gar nicht wieder!“ ſagte ſie leiſe und hörbar bewegt, und wie ſie das hauchte, und wie ſie in ſeinen Armen ruhte, wie ſie 117 flüchtig ſeinen Kuß erwiderte und ein ſüßes, inniges Lächeln um den kleinen Mund und die geſenkten Augen ſpielte, es war ſo liebreizend das Alles, ſo hinreißend, ſo ahnungslos und holdſelig, daß man dem Mann, der das entzückende Weſen ſein nannte und am Herzen hielt, ſeine Liebe und Leidenſchaft wohl zu gute halten durfte. „Was es iſt, das weiß ich nicht, aber es iſt, wie ich's ſage und zeige!“ verſetzte er, ſie noch feſter um⸗ faſſend.„Und das iſt's, was ich vorhin meinte: das treibt im Herzen und will hinaus, wenn es einmal überwallt, und will und kann ſich doch nur der Einen hingeben, der es gehört, und kann und will ſich nicht ſchmerzend und grollend zurückziehen in das übervolle Herz— um eines Dritten willen! Sieh“, ſagte er nach einer Pauſe und ſtand langſam mit ihr auf, ohne ſie aus dem Arm zu laſſen, und ſtreifte noch einmal mit den Lippen ihr Haar,„ſo mußt' ich's Dir ausſprechen und hab' es nun gethan! Und wenn ich's recht überlege, kann ich dies mein Empfinden und dieſe Leidenſchaft auch in der ruhigſten und vernünf⸗ tigſten Stunde nicht ſeltſam heißen oder gar thöricht. Sag' es ſelbſt, Charlotte, haben wir denn im Grunde jemals, ſelbſt in der erſten Zeit, ein rechtes, friſches, glückſeliges Liebesleben leben dürfen? Haben wir uns jemals ſo recht innig ganz allein gehört, wie es jetzt an dieſem wunderbaren Platz, in dieſer prächtigen Natur uns werden zu können ſcheint? Jetzt, wo Dich kein Heimweh und mich keine Geſchäfte drücken, wo keine politiſchen und geſellſchaftlichen Zerſtreuungen uns gegen unſern Willen nahe kommen und ſtören, wo all die Sorgen und Wirren der letzten Jahre überwunden ſind und Deine Geſundheit endlich wiederkehrt und Deine Heiterkeit wieder auflebt? Ach, in der That, mir iſt’s, als finge unſer Leben noch einmal und ſchöner als je von neuem an! Und Gott Lob, ich ſehe Dich und ich fühle mich noch jung und froh genug, um ſolch Glück in vollen Zügen zu genießen!“ „Du biſt ein wunderlicher, aber lieber Mann!“ ſagte die Gräfin mit innigem Blick und Ton und tief athmend. Und auch ihr durfte man die Bewegung, die aus ihrem ganzen Weſen ſprach, wohl zu gute halten, denn was und wie Felix zu ihr geſprochen, hätte trotz oder vielleicht gerade wegen ſeiner unver⸗ mittelten und ungeſuchten Leidenſchaftlichkeit auch wohl ein kälteres Herz erwärmt, als das Charlottens war. „Gott Lob, daß auch Du Dich hier wohl und heiter fühlſt“, fügte ſie herzlich hinzu, ſeine Hand in der ihren haltend.„Ich fürchtete bisher dieſen Aufenthalt eini⸗ germaßen für Dich. Was ich von der Geſellſchaft ſah 119 und durch Dich erfußr, könne Dich auf die Dauer kaum unterhalten, meinte ich.“ „Böſe! Und an Dich dachteſt Du gar nicht?“ fragte er ſcherzhaft ſchmollend. „Wie konnt' ich auf ſolchen Frühling in Dir rech⸗ nen— ſo heißt und zeigſt Du's ja!“ verſetzte ſie, mit Lächeln den Kopf ſchüttelnd. Sie waren bei dieſen Worten wieder auf den Balkon und an die Baluſtrade getreten und ſchauten an einander gelehnt in die Stadt und den Hafen hinab, wo der Dampfer jetzt angelegt hatte und auf dem breiten Quai ſich ein lebhaftes Getreibe der anlan genden und abfahrenden Fremden, der das Gepäck be⸗ ſorgenden Leute, der verſchiedene Waaren aus⸗ und einſchiffenden Mannſchaften zeigte. Denn das Schiff weilte hier nur eine kurze Zeit. Die Wolke war längſt von der Sonne fort und zeigte ſich auf dem tiefen Blau des Himmels ſeitwärts wie eine leichte weiße Flocke. Alles war wieder voll Licht und Glanz, und die Straße blendete von unten herauf, daß man die Augen abwenden mußte. „Wer war die Dame, die Du vorhin heraufbeglei⸗ teteſt? Ich habe ſie noch nicht geſehen“, ſagte Charlotte nach einer Weile.„Eine ſchöne Frau, und was für reizende Kinder!“ 120 „Da nennſt Du ungefähr Alles, was auch ich von ihr erfuhr“, entgegnete Felix, die Achſeln zuckend.„Vor⸗ hin, da wir im Café unter der Veranda ſaßen, kam ſie mit ihrer Geſellſchaft aus dem Hotel und der Diener miethete die Eſel. Sie ſei geſtern oder vorgeſtern an⸗ gekommen, hieß es, ein Gemahl ſei nicht dabei; viel⸗ leicht trägt ſie ihre Halbtrauer noch um einen ſolchen. Den Namen wußte man noch nicht und auch nicht, ob ſie bleiben oder wieder gehen wird. Nachher, als ich heraufging, begegnete ich dem Zuge und ſie redete mich um ein paar Punkte in der Gegend an. Sie ſcheinen das hieſige Patois nicht recht zu verſtehen. So plauderten wir weiter; es kam mir vor, als habe ſie eine Art von Bedürfniß, ſich auszuſprechen; viel⸗ leicht bot ihr die Reiſe bisher wenig Gelegenheit dazu. Klüger aber wurde ich darum nicht, ja ich weiß nicht einmal, was für eine Landsmännin ſie ſein mag. Der Diener, da er mit den Treibern handelte, fluchte im ſolideſten Deutſch, ſie ſelbſt ſpricht ihr Franzöſiſch wie eine Pariſerin, ſo auch die Kinder und die Bonne. Ob ſie hier bleibt, weiß ſie noch nicht; ſie will es davon abhängig machen, ob ſie eine ihr zuſagende Wohnung findet.— Ich kann's nicht leugnen“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„die Frau intereſſirte mich ſo ſehr, daß ich bei⸗ nahe indiscret geworden wäre und mir geradezu ihren 121 Namen erbeten hätte. Ich muß dieſem prätentiöſen Geſicht oder einem andern, ihm ſehr ähnlichen ſchon einmal begegnet ſein, ohne daß ich mich jedoch auf Weiteres zu beſinnen wüßte. Und zweitens, es kam, ich weiß ſelber nicht wie, zufällig zur Sprache, daß ſie eine ihrer Reiſeſtationen in unſerer Reſidenz gemacht habe.„So!“ ſagte ich, und da ſie wohl meine Ueber⸗ raſchung merken mochte, fragte ſie:„Sind Sie dort be⸗ kannt?«—„Ja, einigermaßen“, ſagte ich,„zum wenig⸗ ſten war ich's.“ Und da erfuhr ich allerhand ſeltſame Dinge, wie eigentlich nur ein in die dortigen Verhält⸗ niſſe völlig Eingeweihter ſie wiſſen kann, die ſogar für mich zum Theil völlig neu waren und mir Manches, auch aus der letzten Zeit, erklärt haben. Ich ſtehe ja ſeit meiner Entlaſſung im Grunde in gar keinem Ver⸗ kehr mit den Dortigen. Die Fürſtin geht entſchieden ihrem Ende entgegen, der Fürſt iſt völlig theilnahmlos und ſelber leidend. Prinz Hermann iſt ganz und gar begnadigt und obenan, und mit dem alten Othma⸗ ringen unterhandelte man wegen der neuen Annahme des Portefeuille. Endlich, und die Nachricht thut mir eigentlich am wehſten“, fügte er nachdenklich hinzu und begegnete mit ernſtem Blick dem Auge Charlottens, „der Prinz ſcheint ſeine alten Intriguen oder Künſte, oder heiß' es, wie Du willſt, gegen ſeine Schweſter und 122 Fritz Bilingsfelden wieder aufgenommen zu haben und zwar mit mehr Glück oder mehr Nachdruck als früher. Die Dame meinte von einem ernſten Zerwürfniß in jener Ehe und ſogar von möglicher Trennung gehört zu haben. Auseinander ſind ſie ſchon. Fritz iſt auf Reiſen, heißt es. Sie hätte nicht nöthig gehabt hin⸗ zuzuſetzen, daß man darin die Hände des Prinzen und jenes Fräuleins von Beringen oder vielmehr der jetzigen Frau von Brodowska finden und erkennen wolle. Das verſteht ſich von ſelbſt. Das Verhältniß zu der Bro⸗ dowska iſt ja beinahe ein öffentliches und— ich habe Dir früher, dächte ich, von dieſen Dingen erzählt?“ brach er ab. „Bitte, verſchone mich mit dieſen Dingen“, ſagte Gräfin Charlotte mit hörbarer Kälte und indem in dem ſonſt ſtets ſo ſanften und reinen Geſicht ein Zug von— man muß wohl ſagen: ſtolzem Widerwillen erſchien, der Kunde von dem ernſten und klaren Selbſtbewußtſein eines edlen und geſunden Herzens und von dem aus⸗ geprägten und entſchiedenen Charakter gab, welchen man gelegentlich neben aller Güte und Milde, neben allem Liebreiz und aller Anmuth in der ſchönen Frau begegnen konnte.„Ich weiß in der That zu wenig von dieſen Menſchen und will noch viel weniger von ihnen, als daß mich ihr Treiben zu intereſſiren ver⸗ ſchwichtigendem Tone:„Und eben, weil ſie das wiſſen, 123 möchte. Nur eins nehme ich aus Deinen Worten an, und das iſt die ſich immer mehr befeſtigende Ueber⸗ zeugung von dem wahrhaften Glück, das uns durch Dein Scheiden aus dieſen Kreiſen und ihren Wirren zu Theil geworden iſt.“ Er zuckte mit einem leichten, aber eigenthümlichen— man hätte faſt glauben mögen, ein wenig hohnvollen Lächeln die Achſeln.„Bis zu einer ſolchen Höhe oder Tiefe der Abſtraction, Reſignation, Gleichgültigkeit, wie Du willſt, vermag ich mich leider nicht zu erheben oder zu verſenken, und wär' es auch nur um jenes Paares willen, dem man unbarmherzig und grauſam ſein Glück und ſeinen Frieden ruinirt. Wer dieſes Paar kennt, die prächtige, ſchöne, edle, hohe Frau und dieſen ſtolzen, durch und durch adligen Mann, und wer von ihren Kämpfen weiß, bevor ſie einander gehören und glück⸗ lich ſein durften“, fuhr er mit einer gewiſſen, neuer⸗ dings an ihm ſehr ungewöhnlichen Emphaſe fort,„der kann nur mit Beſtürzung und Trauer an die Möglich⸗ keit einer Trennung denken; denn wie und weshalb dieſelbe auch erfolgen möchte, es ſteht unbedingt feſt, und ſie wiſſen es ſelber, daß ſie damit auch von allem Glück und allem Licht auf immer ſcheiden.“ Gräfin Charlotte lächelte ſanft und verſetzte in be⸗ 124 wie Du glaubſt, brauchen wir, dächte ich, auch nicht um ſie zu ſorgen. Daß man intriguirt, iſt ja möglich, viel⸗ leicht ſogar wahrſcheinlich, wenn man an den frühern Widerſtand des Prinzen und an den Zorn denkt, mit dem er die Verbindung endlich trotzdem und hinter ſeinem Rücken geſchloſſen ſah; und daß er noch einmal allerhand Verſuche macht, zumal nachdem er nun zur Macht gelangt ſein ſoll, das mag ja auch glaublich ſein. Im Uebrigen aber vermag ich in dieſer Nach⸗ richt wenig mehr als das Hofgerede zu entdecken— man heißt das gewiß, was man hofft und wünſcht. Ich glaube aber nicht an ſolche Wirkung der Intri⸗ guen. Wie Du, wie Andere mir die Prinzeſſin ſchil⸗ derten und wie man von Herrn von Bilingsfelden redet, ja wie ich ihn, wenn ich damals auch noch ſo jung und unerfahren war, ſelbſt ungefähr kennen ge⸗ lernt habe, laſſen ſie ſich gewiß nicht durch armſelige Intriguen von einander reißen.“ Der Graf lächelte von neuem, jetzt jedoch faſt ſchwer⸗ müthig.„Mein Herz“, redete er, und auch ſein Ton klang melancholiſch,„hältſt Du es für ſo ſchwer, zwei Herzen zu entzweien und zu trennen, wenn es dem Gegner von der ordinären Verleumdung und Lüge hinauf vielleicht bis zur rohen Gewalt nicht auf die zur An⸗ wendung zu bringenden Mittel ankommt, zumal in — 125 einem immerhin außergewöhnlichen Verhältniß, wie am Ende doch die Verbindung der Prinzeſſin und Bilings⸗ felden’s bleibt? Sei Prinzeſſin Conſtanze noch ſo hoch⸗ herzig und hochſinnig, noch ſo klar und edel, hältſt Du es für möglich, daß ſie mit dem Schritt, den ſie zu dem Erwählten immer doch hinabthat, jede Erin⸗ nerung an, jedes Gefühl für ihre frühere Stellung, alle ihre angeborenen und ihr anerzogenen Anſprüche aufgab und den Schritt hinab trotz aller Liebe nicht dennoch als eine Gunſt und Gnade empfindet, die der Mann ihr nie genug lohnen und danken kann? Iſt es da wirklich ſo ſchwer, Mißtrauen zu ſäen, Irrungen und Empfindlichkeiten hervorzurufen und ganz leiſe ſich immer höhere und feſtere Schranken zwiſchen beiden er⸗ heben zu laſſen? Sage, Charlotte, ſage, ſollte das ſo ſchwer ſein, wo es, muß ich wiederholen, nirgends auf die Mittel, ſondern nur auf den Zweck ankommt?“ Sie ſah ihm ernſt und zugleich offen in die Augen und mit dem Tone der vollſten Ueberzeugung entgeg⸗ nete ſie ruhig:„Das halte ich nicht nur für ſchwer, ſondern für völlig unmöglich, vorausgeſetzt, daß der Mann und die Frau ſo ſind und ſo einander gehören, wie man es von jenen beiden ſagt: voll Adel und Ehre, voll Vertrauen und echter Liebe. Ich bin ſicher“, fügte ſie nicht minder ernſt hinzu, da ſie ihn zweifelnd 126 den Kopf ſchütteln ſah,„daß mein Glaube und meine Anſchauung nicht zu ideal für die menſchlichen Ver⸗ hältniſſe ſind, wie oft ihnen auch die Wirklichkeit leider zu widerſprechen ſcheint. Ich ſpreche nicht von allen Verbindungen im Allgemeinen, ſondern nur von dem echten und rechten Bunde der Herzen und Seelen zwi⸗ ſchen zwei rechten Menſchen, ſo, wie jene beiden es ſein ſollen. Da weiß ich, daß ich Recht habe. Die ſind nicht zu trennen durch fremde Künſte und fremde Ge⸗ walt, ſondern, wenn überhaupt, trennen ſie ſich nur aus und durch ſich ſelbſt, und es gibt für mein Gefühl und mein Verſtändniß nur ein einziges Motiv zu einer ſolchen Trennung.“ „Und das iſt, Du anbetungswürdige Schwärmerin?“ fragte er, den Arm um ſie legend und ihr zärtlich in die Augen blickend. Sie ſchüttelte lebhaft den Kopf.„Schwärmerei? O nein, es iſt die tiefſte Ueberzeugung, Felix! Jenes Motiv, jener zwingende, unüberwindliche Grund iſt der Verluſt der Achtung des Einen vor dem Andern, die Erkenntniß, daß der Eine der Liebe und Treue des Andern unwerth iſt. Du ſiehſt aber wohl, einen ſolchen Verluſt kann nur der Menſch ſelber verſchulden, eine ſolche Erkenntniß kann er nur aus eigener Anſchauung gewinnen. Fremde—“ Sie hielt inne, denn in der Thür erſchien der Kam⸗ merdiener und meldete, daß das Diner bereit ſei. „Gott Lob, Gott Lob!“ ſagte Felix, den Arm ſeiner Gemahlin in den ſeinen ziehend, mit einem, wie es faſt ſchien, ein wenig erzwungenen muntern Auflachen,„eine proſaiſche Störung und dennoch ſo ganz à propos! Bei Gott, man ſoll den Tag nicht vor dem Abend loben! Wer hätte eine ſo ernſthafte und melancholiſche Fort⸗ ſetzung unſerer Frühlingsträume und Frühlingsplau⸗ dereien befürchten können! Es hat mich ganz gefröſtelt bei Deinem Ernſt und Deiner Strenge, Du ſchöne Schwärmerin!— Vorbei!— Wir wollen nur in un⸗ ſern Frühlingsträumen leben!“ — ——— ——— Siebentes Kapitel. Geſtörte Träumſe. Der Graf ſchien das wahr machen zu wollen. Er war und blieb fort und fort in jener erregten, geho⸗ benen, man durfte wohl ſagen: ſchwärmeriſchen Stim⸗ mung, in der er uns eben begegnete; ja er blieb derſelben länger getreu, als die Gräfin, als irgend ein Anderer, der davon erfuhr, es erwartet hatte. Beſtän⸗ digkeit gehörte ſonſt nicht zu ſeinen Eigenſchaften. Ein Abglanz ſeiner Laune fiel rund um ihn her, ſei es droben auf der Villa, wo er jetzt viel länger auszuhalten pflegte und ſtets an Charlottens Seite zu finden war, die in der That täglich friſcher und an⸗ muthiger erblühte; ſei es drunten an den, Plätzen, wo die Geſellſchaft ſich begegnete, zu deren heiterſten und willkommenſten Mitgliedern er bald gezählt wurde. ‧́ꝙ nn 129 Die Gräfin fing jetzt allmälig an, ſich mit ihm in dieſer Geſellſchaft zu zeigen, und auch die Villa Marina 5 öffnete ſich nach und nach für einige nähere Bekannte. Da beobachtete man denn an beiden Stellen, daß die Leidenſchaft des Grafen für ſeine Gemahlin wirklich noch immer in der vollſten Blüte ſtand, ſo wenig Mühe 1 gab er ſich, ſie zu verhehlen. Und wenn man ſelbſt⸗ 1 verſtändlich auch über eine ſolche ungewöhnliche Extra⸗ waganz lächelte und ſpottete, fand man dieſelbe doch, ſobald man die Dame häufiger ſah oder gar kennen lernte, auch wieder ziemlich erklärlich. Frau von Ey⸗ lingshauſen rechtfertigte eine Ausnahme von der Regel, ſie war ja ſelber eine ſolche Ausnahme. Die Verehrung und Bewunderung, die Charlotten bald überall gewidmet worden war, wurde ihr auch hier wieder im vollſten Maße zu Theil. Man pries den Grafen um einer ſolchen Frau willen glücklich und ſchätzte auch ihn, um ihretwillen, höher, als es ſonſt der Fall geweſen ſein dürfte. Man vertrug ſich ſogar- 4 mit der Erſcheinung und Gegenwart der Mademoiſelle Henriette, welche man anfangs mit einigem Mißtrauen in dieſem Kreiſe ſah; die Jugend⸗ und Lebensfreundin der Gräfin mußte ihren Werth haben. Kurz, man war mit Allem zufrieden und bedauerte nur, daß die Geſund⸗ heit Charlottens noch immer nicht ihre volle Hingebung 9 Hoefer, In der Welt verloren. 11. 130 an die heitere Geſelligkeit aller erlaubte und ihr noch ſtets eine gewiſſe Zurückgezogenheit auferlegte. Wir müſſen wohl einen Augenblick bei der Stel⸗ lung verweilen, die Henriette im Hauſe des Grafen einnahm und die von Anfang an nicht nur für die Beſucher, ſondern auch für einen Theil der Haus⸗ genoſſen ſelber eine unklare, wo nicht gar zweifelhafte geweſen war. Man ſah die nicht ſchöne, aber durch⸗ aus anſprechende Erſcheinung ſtets wie ein völlig be⸗ rechtigtes und— wir könnten beinahe ſagen: ebenbür⸗ tiges Mitglied der Geſellſchaft, welche ſich um die Gräfin verſammelte; man bemerkte und erfuhr bald, daß es Charlotte ſelber war, die dieſen Platz für ſie in Anſpruch nahm und behauptete, und daß, wo das artige und, wie jeder Näherſtehende anerkennen mußte, anſpruchsloſe Mädchen ſich zurückzog oder überhaupt nicht zeigte, dies jedenfalls nur nach ſeinem eigenen Willen und nicht ſelten gegen den der Gräfin, ja zu⸗ weilen zum ausdrücklichen Bedauern derſelben verſucht wurde. Man ſah Gräfin Charlotte und ihre Jugend⸗ freundin durch die herzlichſte, faſt ſchweſterliche Liebe verbunden; man fand den Grafen ſtets voll der größten Aufmerkſamkeit und höflichſten Rückſicht für ſeine Haus⸗ genoſſin, und man ſah Henriette ſelbſt endlich ſich in dieſer zum mindeſten ungewöhnlichen Stellung zwar 131 mit aller Beſcheidenheit und Anſpruchsloſigkeit, daneben aber auch auf das ungezwungenſte gleichſam heimiſch fühlen. Wer die Dame genauer beobachtete und ihr zufällig oder abſichtlich näher trat, mußte freilich zu⸗ geſtehen, daß ſie ſich ihres Platzes nicht blos durch die zärtlichſte Liebe zu der Gräfin, ſondern auch durch ihr Herz und ihren Geiſt, durch reiche Anlagen und voll⸗ endete Bildung bei weitem würdiger zeigte, als es bei manchem wirklichen Mitglied der vornehmen Geſell⸗ ſchaft der Fall ſein mag. Dies Verhältniß wurde zwar erklärlicher, als man ohne Schwierigkeiten erfuhr, daß und wie die beiden Damen ihre Jugendzeit in der engſten und herzlichſten Gemeinſchaft verlebt hatten, und wer beide näher kennen lernte, mußte einräumen, daß in der einen wie in der andern ſich alle Anlagen fanden, welche die Jugend⸗ und Mädchenfreundſchaft zu einem Bunde fürs Leben werden laſſen konnten. Trotzdem gab es von Anfang an immerhin einzelne Ungläubige und Zweifler, welche ſich bei dieſer einfachen und natürlichen Erklärung nicht beruhigten, ſondern nach einer andern, verſtecktern, ihrer Natur und Anſchauung entſprechendern ſuchten, und endlich fanden ſich erklärlicherweiſe auch in der Geſell⸗ ſchaft ſo gut wie im Hauſe ſelbſt, unter der Diener⸗ ſchaft, Einige, denen das Verhältniß, die Stellung, die 9⸗ 13² Perſon Henriettens mißfiel und die daher ſo oder ſo, offen oder im Stillen, ſich gelegentlich dagegen auf⸗ zulehnen verſuchten. Einen Erfolg erzielten ſie freilich nicht, im Gegentheil ſchlugen ſolche Verſuche ſtets zu ihrem eigenen Schaden aus, da in ſolchen Fällen Graf Felix mit nicht geringerer Entſchiedenheit für die Haus⸗ genoſſin eintrat als ſeine Gemahlin. Und als infolge deſſen einmal die Sage entſtand und ſich ſeitdem hier und da hartnäckig erhielt, daß des Grafen Stellung zu der Freundin ſeiner Frau im Stillen wohl eine andere ſein dürfte, als die Welt ſie anſehen ſollte und Charlotte ſelbſt ſie anſah, ſo nützte auch das nicht. Die Damen erfuhren ſelbſtverſtändlich nichts davon, Felix zuckte, da ein guter Freund an ihm eine ſolche kleine Neckerei verſuchte, mit ſeinem ſpottvollſten Lächeln die Achſeln, und wer dieſe Menſchen und ihre Stel⸗ lung mit ruhigem, unbefangenem Blick beobachten durfte und mochte, konnte nicht lange in Zweifel bleiben über die völlige Grundloſigkeit des Gerüchts. Noch ſichtbarer war dies ſtets für die nähern Be⸗ kannten und für die Hausgenoſſen ſelber geblieben, da es in dieſem Kreiſe früher und ſpäter bekannt genug war, daß Graf Felix trotz aller Aufmerkſamkeit und Rückſicht für Henriette nichts weniger als die gleiche Neigung und Freundſchaft empfand, wie Char⸗ 2 133 lotte, vielmehr ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach nur um ſeiner Gattin willen, dann aber allerdings als gebildeter Mann in dieſe Zuſtände ergab. Er hatte es immer gelegentlich einmal merken laſſen, daß ihm die enge Verbindung der Freundinnen nicht allzuſehr behagte, obgleich er es ſtets hervorhob und bereitwillig zugeſtand, daß von einem unbequemen oder gar bedenk⸗ lichen Einfluß Henriettens niemals etwas ſichtbar ge⸗ worden war; und es waren von jeher zuweilen Mo⸗ mente gekommen, wo er kaum ſeine Ungeduld über die faſt ſtete Anweſenheit und Gegenwart der Haus⸗ genoſſin zu verbergen vermocht hatte. Etwas Aehnliches erfuhren und erlebten die Leſer ja eben nur von ihm ſelber, und Charlotte vernahm dergleichen in dieſer nächſten Zeit noch mehrmals, wo der Gatte ſich ihr mehr und wärmer widmete, als ſeit den erſten Monden ihrer Ehe der Fall geweſen war. Es war, als ſei er wirklich gegen Henriette verſtimmt und als gehe er ihr abſichtlich aus dem Wege. Auf die Fragen und Bitten Charlottens hatte er meiſtens nur irgend eine Ausflucht zur Antwort oder auch allen⸗ falls die ſcherzhafte Erklärung:„Ich bin eiferſüchtig, mein Herz! Du ſollſt Niemand ſo lieb haben wie mich und zu Niemand ſo herzlich und vertraulich ſtehen wie zu mir! Und Henriette hat obendrein entſchieden einen 134 ſchlimmen Einfluß auf Dich, unwillkürlich, aber un⸗ ableugbar: ihre ſtete Ruhe, ihre ſtete Faſſung, ihr ſteter Anſtand, ihre ſtete Verſtändigkeit erhalten auch bei Dir dies Alles in Herrſchaft und laſſen Dein Herz niemals unbedächtig aufſchlagen und in Deinem Köpf⸗ chen niemals die friſche, goldene, übermüthig glück⸗ liche Luſt am Augenblick zur Geltung kommen, die, wo ſie einmal hervorlauſcht, Dich völlig hinreißend erſcheinen läßt, nach der ich mich ſo heiß ſehne!“ Gräfin Charlotte hörte zu ihrer Betrübniß aus ſolchen Reden und Scherzen ſtets nur allzu deutlich einen Ernſt hervorklingen, der ihr freilich ebenſo unverſtänd⸗ lich blieb wie die ganze gegenwärtige Stimmung des Gatten, ſie darum aber nur immer nachdenklicher machte. Allein hier war nichts zu thun, das erkannte ſie wohl, und es erfüllte ſie daher auch trotz ihrer Betrübniß mit einer gewiſſen Befriedigung, daß die Freundin ſich neuerdings erſichtlich mehr zurückzog, gleichviel am Ende, aus welchem Grunde. War ſie doch ſicher, daß Henriette an ihr ſelber keine Veränderung und Abnahme der alten treuen, liebevollen Einigkeit wahrnehmen konnte und auch niemals argwöhnte. So ſtörte ſie denn auch dies nur hin und wieder und nur auf Augenblicke in dem frohen und heitern Genuß des neu erwachenden Lebens. Die Tage waren 135 ſo wonnevoll ſchön, die Ruhe und der Frieden umher ſo erquickend, die Geſelligkeit, wo man ſich ihr über⸗ ließ, ſo angenehm wie möglich, und was Felix ihr bot und wie er ſie mit Liebe und Wärme umgab, das konnte ihr Glück und ihren Frieden doch auch nur ver⸗ mehren. Sie gönnte, wenn auch zuweilen überraſcht, ja faſt ein wenig erſchreckt durch ſeinen Ungeſtüm und ſeinen Uebermuth, im Grunde doch ihm und ſich ſelbſt und allen dieſe Art von neuer Jugend, von neuer Liebe. Er hatte Recht gehabt, da er meinte, Char⸗ lotte und er lebten jetzt zum erſten Male einander in völliger Freiheit. Eine ſolche Friedens⸗ und Ruhezeit war ihnen bisher niemals geworden. Und wenn es gegenwärtig im Herzen und Daſein der ſchönen Frau überhaupt einen Schatten gab, ſo konnte es nur der ſein, welcher zuweilen gerade durch unſere beſten Tage zu ſtreifen liebt: das iſt jenes Ahnen und Sorgen, das an der Dauer des jetzigen Friedens zweifelt und um ſein Ende bangt. Eines Morgens, da ſie vom Frühſtück aus dem Gartenſaal, den Charlotte ſehr liebte, weil er ſie mit der vor ihm liegenden Veranda und dem Blick an der Berglehne hin und das Thal aufwärts auf das freundlichſte an Othmaringen erinnerte, zu einer kleinen Promenade durch den jetzt ſchon völlig grünen und von ſͤſͤͤſſ111 136 Blüten durchdufteten Garten hinaustraten, ritt auf der Straße draußen eben jene Fremde mit den Kin⸗ dern, der Bonne und dem Diener vorüber, die Graf Felix neulich heraufbegleitet hatte. Sie neigte ſich gegen den Grafen und die Gräfin auch heute wieder nur mit dem kalten und fremden, hochmüthigen Ausdruck des erſten Tages, während die Kinder fröhlich hinauf nickten und winkten. Denn da die Fremde eine kleine Cam⸗ pagne weiter aufwärts frei gefunden und bezogen hatte, kamen bald alle, bald einzelne ziemlich häufig hier vorüber, und die Gräfin hatte ſchon ein paar Mal ſich mit den Kindern unterhalten— wir durften ja aus ihren damaligen Worten ſchließen, daß ihre eigene Kinder⸗ loſigkeit ein noch immer nicht völlig überwundener Schmerz ſei— und die beiden kleinen Weſen waren ſo friſch, ſo zierlich, ſo fröhlich, wie ſie das Herz der anſpruchs⸗ vollſten Mutter hätten beglücken müſſen. Bei der Fremden ſchien das freilich kaum der Fall zu ſein; ſie hatte, wo man ſie auch mit den Kleinen zuſammen erblickte, nie ein freundlich Auge für die⸗ ſelben und bekümmerte ſich ebenſo wenig um ſie wie um irgend ein ander Menſchenkind. Sie hatte, ſoviel man wußte, nicht einen Bekannten und perkehrte mit Niemand, und von einer Mittheilſamkeit, wie der Graf Felix ſie bei der erſten Begegnung kennen gelernt, hatte 137 weder er, der ihr doch wohl einmal begegnete, noch ein Anderer eine neue Probe erhalten. Man vernahm, daß ſie eine Baronin Reuterholm ſei, aus Schweden ſtamme, zum wenigſten dort verheirathet geweſen ſei, und vor etwa zwei Jahren ihren Gemahl, einen hoch⸗ geſtellten Militär, verloren habe. Seitdem reiſe ſie ohne Zweck umher, und jetzt traure ſie noch um ihre Mutter oder ſonſt einen nahen Verwandten. Das war Alles. „Die Frau dauert mich“, ſagte Gräfin Charlotte, da der kleine Zug vorüber war.„Sie ſieht mir lei⸗ dend und unglücklich aus, und auch dieſe finſtere Zu⸗ rückgezogenheit und Einſamkeit ſpricht dafür. Sollte man ihr gar nicht helfen können? Wär' es auch nur um dieſer ſüßen Kinder willen, die unter dieſen Umſtänden ja vor der Zeit nichts als Ernſt und Schranken kennen lernen. Könnteſt Du— Du biſt ja faſt der Einzige, der ſie kennt— ſie nicht einmal zu uns führen oder ihr meinen Beſuch anbieten? Auch ihre Wohnung er⸗ ſchreckt mich. Es muß dort, ſo hart am Berg, in den nächſten Monaten völlig unerträglich ſein.“ Felix zuckte mit einem gewiſſen mißachtenden Aus⸗ druck die Achſeln.„Da gehen unſere Anſichten und Urtheile auseinander“, verſetzte er.„Von Leiden und Unglück bemerke ich nichts, ſondern nur— wie heiß' ich’'s?— Hochmuth oder gründliche, ſelbſtverſchuldete Unzufriedenheit und Verſtimmung, wie ſie aus uner⸗ füllten und unerfüllbaren Anſprüchen hervorzugehen pflegt. Ja, noch ſchlimmer! Wenn man die Vergangen⸗ heit der Frau Baronin kennen lernte, möchte man leicht möglich auf allerhand Partien ſtoßen, welche ihre Zu⸗ rückgezogenheit ſehr erklärlich machen. Es war neulich im Club davon die Rede. Irren wir uns, ſo iſt es ihre eigene Schuld. Ihr Auftreten, ihre Lebensweiſe, ihre Erſcheinung, Alles ſpricht für dergleichen. Ich weiß, daß man ihretwegen nach Schweden, nach Deutſch⸗ land geſchrieben hat.“ „Ihr Männer ſeid grauſam!“ meinte Gräfin Char⸗ lotte mißbilligend.„Für ihre äußere Erſcheinung kann die arme Frau doch nicht verantwortlich gemacht wer⸗ den, und daß ſie ſo einſam und zurückgezogen lebt— übrigens haſt Du ja ſelber erfahren, daß ſie nicht gegen Jeden zurückhaltend ſein will“, fügte ſie hinzu, ohne ihren frühern Satz zu beenden. Felix zuckte von neuem die Achſeln, aber er lächelte dabei.„Ihr Damen ſeid viel zu mitleidsvoll und allzu ſchnell beſtochen durch allerlei kleine Aeußerlichkeiten, zumal wenn Ihr ſo gütig und rein ſeid, wie Du es biſt, mein Herz! Und ihre Offenheit gegen mich— mon dieu, ſie konnte ſich mit den Treibern nicht ver⸗ ſtändigen und kam dann nach der erſten Frage weiter— — — — 8 139 wer weiß, was ſie an jenen Nachrichten aus der Reſi⸗ denz ſelber intereſſirte! Aber da Du mich an jene Begegnung mit ihr erinnerſt, fällt mir eine Frage ein, die ich ihr nicht beantworten konnte und die mich doch ſelber intereſſirte. Da ſteht der Mann der Antwort!“ ſetzte er hinzu, ſich gegen den alten Antonio, den Gärtner und Caſtellan, wendend, der in der Nähe, wie immer ſchweigſam, ſeinen kleinen Geſchäften oblag. Man wußte wenig mehr von ihm, als daß er, früher im Dienſt des Erbauers der Villa, das Beſitz⸗ thum ſeitdem für die Familie verwaltete und gelegent⸗ lich an Fremde vermiethete, für die Zeit ihrer Anwe⸗ ſenheit gewiſſermaßen in den Dienſt der letztern tre⸗ tend. Verkehr pflegte er indeſſen weder mit der Herr⸗ ſchaft noch den Dienern zu haben, ſondern blieb mei⸗ ſtens für ſich und ging, wie bemerkt, ernſt und ſchweig⸗ ſam ſeinen Geſchäften in Haus und Garten nach. So war es auch jetzt der Fall, und ſo häufig der Graf und die Seinen den bejahrten Mann auch ſahen, ſo wenig hörten ſie ihn. Doch konnte man es merken, daß er mit den gegenwärtigen Inſaſſen ungewöhnlich zufrieden war und zumal der Gräfin etwas wie eine wirkliche verehrende Neigung zugewendet hatte, ihr ge⸗ legentlich einen Wunſch, wie man das heißt, von den Augen ablas und ſchnell und freundlich, wenn auch 140 ohne Worte, erfüllte, ja ihr, wo ſie ihn einmal gütig anredete, wirklich bereitwillig Rede ſtand. Jetzt ließ er auf den Ruf des Grafen ſogleich von ſeiner Beſchäftigung und trat, den Hut in der Hand, zu dem Paar in den Schatten der Veranda. „A propos, Antonio“, ſprach Graf Felix freundlich, während auch ſeine Gemahlin den ehrerbietigen Gruß des Alten mit einem gütigen Lächeln erwiderte,„Ihr werdet mir ſicher am beſten ſagen können, was die ab⸗ gebrochene Marmorſäule dort abwärts an der Straße bezeichnet. Irre ich mich, oder iſt's eine Erinnerung an das unglückliche Ende Eures erſten Herrn, der— Marcheſe war er ja wohl?“ Es glitt etwas Finſteres durch die ernſten Züge des Alten, und die noch ſchwarzen Brauen über den dunklen Augen rückten für einen Moment zuſammen. „Der Herr Graf haben Recht“ ſagte er dann jedoch mit reſpektvoller Verbeugung;„es iſt eine Erinnerung an den Herrn Marcheſe, und zwar iſt's der Platz, wo wir ſeine Leiche fanden. Ich ließ ein Kreuz hinſetzen, wie es mir dahin zu gehören ſchien, aber Seiner Excellenz Bru⸗ der haben die Säule anfertigen und aufrichten laſſen.“ „Ein Sinnbild des in ſeiner vollſten Kraft gewalt⸗ ſam zerbrochenen Lebens“, bemerkte Graf Felix mit einer gewiſſen Wichtigkeit. —— 141 „Es iſt eine furchtbare Kataſtrophe!“ ſagte die Gräfin bewegt.„Ich verſtehe es, daß ſie auch diejenige ver⸗ nichten mußte, die bis dahin all ihr Glück und Leben in dem Unglücklichen geſunden hatte! Denn nicht wahr, Antonio, es war ein ſehr glückliches Paar, wie fern auch von den Seinen und ſeiner Heimat?“ Der Alte nickte finſter.„Ja, ſie ſind vordem ſehr glücklich geweſen. Sie verdienten es auch zu ſein, denn ſie liebten nur einander und waren gut und ſchön, bis— bis das Unglück begann.“ „Ihr meint die Verfolgungen, die ihnen keinen Frieden ließen, noch ihnen die Freiſtatt gönnten?“ fragte Charlotte in einem gewiſſen zweifelhaften Ton, denn die ſeltſame Antwort des Caſtellans hatte ſie nicht minder als ihren Gatten überraſcht.„Es iſt doch wohl kein Zweifel, daß der Mord ein politiſcher geweſen, wenn man auch vielleicht den Mörder und ſeine Spu⸗ ren aufs beſte zu verbergen wußte?“ Der alte Mann begegnete ihrem forſchenden Auge mit einem langen und tiefen, finſtern und gedanken⸗ vollen Blick.„So heißt es in der Welt“, ſagte er nach längerer Pauſe,„und wie es damals hier zu Lande zuging, war's ja auch glaublich genug. Wir im Hauſe aber hatten darüber andere Anſichten und wußten 142 leider, daß ſie die richtigern waren. Der Herr Mar⸗ cheſe hat ſein blutiges Ende ſelbſt herbeigerufen—“ „Er hätte ſich ſelbſt getödtet?“ fragte Felix un⸗ gläubig dazwiſchen. „Das ſage ich nicht, gnädiger Herr. Aber wenn er noch etwas wie Verſtand in ſich hatte— ich weiß das frei⸗ lich nicht— ſo mußte er ſein Ende voraus wiſſen. Denn wie er geſündigt hatte, das rächt jede Frau nur in einer Weiſe.“ „Menſch, Ihr wollt doch nicht ſagen, daß ſeine Ge⸗ mahlin—“ rief Charlotte mit allen Zeichen des Abſcheus und Entſetzens aus. „Ich ſage, was ich ſage, Euer Gnaden“, verſetzte Antonio mit finſterem Blick.„Und lieber, als daß die gnädige Herrſchaft glaubt, ich ſei ein Lügner oder Prah⸗ ler, lieber will ich davon erzählen, ſo gut ich's weiß; und ich weiß es leider beſſer als irgend ein Anderer, denn die ſonſt dabei waren, von denen lebt, glaub' ich, keiner mehr. Und wenn der Herr Graf und die Frau Gräfin mir die Gnade erweiſen wollen, mich anzuhö⸗ ren“, fügte der alte Mann hinzu, und ſein Auge ruhte auf den Beiden mit einem Blick, in welchem ſich Fin⸗ ſterkeit und Schwermuth um die Herrſchaft ſtritten,„da thu' ich's gern, ſo wenig ich auch ſonſt darüber ſprach. Denn wenn ich ein ſo junges edles Paar ſehe wie die 143 gnädige Herrſchaft, ſo ſchön und ſo glücklich, da mein' ich immer, ich müßt' es warnen und es bitten, daß es Acht hat auf ſein Glück und dem Unglück nicht Ge⸗ legenheit noch Platz gibt, hereinzubrechen. Das Unglück ſteht in unſerm Leben immer hart am Glück.“ „Welch ein ſeltſamer alter Mann!“ ſagte Gräfin Charlotte zu ihrem Gemahl, hörbar ergriffen, in deut⸗ ſcher Sprache.„Laß uns ihn anhören. Es iſt etwas in dieſer Weiſe, das mich beſticht, und auch die Erzäh⸗ lung hör' ich gern, wie furchtbar ſie ſein mag.“ „Da denke ich anders“ erwiderte Felix hörbar un⸗ muthig und trat in die Thür des Gartenſaals.„Ich finde die Weiſe des alten Burſchen und ſeine Worte gleich zudringlich. Aber das iſt immer ſo mit ſolchen Menſchen, wenn man ſie ſich einmal näher kommen läßt. Doch wie Du willſt, mein Herz!“ ſchloß er wie⸗ der italieniſch.„Komm, ich habe eine Stunde frei. Bringen wir dieſe italieniſche Liebesgeſchichte jetzt gleich zu Ende.“ Achtes Kapitel. Eine italieniſche Geſchichte. „Von Haus aus bin ich kein Diener des Herrn Marcheſe Lazzari noch ſeiner Familie geweſen“, fing Antonio drinnen im Gartenſaale ſeine Erzählung an, „ſondern auf den Gütern der Grafen Neri geboren und habe wie mein Vater und Großvater vor mir in den Gärten gearbeitet, die der Stolz der gräflichen Familie waren und von allen Seiten die Fremden herbeizogen wegen ihrer Pracht und Schönheit. Die Herrſchaft hat uns immer in ihrer Nähe behalten und uns auch ſonſt vertraut; die Kinder ſind mit uns herangewachſen, und wir haben auch deren Kinder wieder gehütet und auf den Armen getragen, ſodaß es kaum war wie zwiſchen Herren und Dienern. Und was die Gräfin Marina geweſen iſt, meine ſpätere Herrin, die habe ich ſo zu 145 ſagen vom erſten Tage ihres Lebens an unter meinen Augen und meiner Hut gehabt. Denn ihre Amme war meine Schweſter, die Niccoloſa, die dazumal auch gerade ein ſolches Kindlein hatte, und da ihr Mann bald darauf ſtarb, blieb ſie ganz und gar bei der jungen Gräfin, ja ging auch mit ihr, als dieſelbe in ihren Jahren dem Herrn Marcheſe vermählt wurde. Und ebenſo blieb meiner Schweſter Tochter, die Monna, die mit der Marina herangewachſen war, der Dame getreu bis ans Ende. Wenn aber irgend ein Menſchenkind ſolche Liebe und Treue verdiente, und daß auch der Herr Graf und die Frau Gräfin und der Herr Bruder, die edle Ver⸗ wandtſchaft und wer ſie nur kannte, ſtolz auf ſie waren und ſie als die Krone des Hauſes hielten, ſo war's die Gräfin Marina, ſo ſchön war ſie und ſo luſtig, ſo adlig und ſo gut, und als ſie aus dem Kloſter zurück⸗ kam, war's doch, als würde es erſt heller Tag bei uns, ſo viel Licht brachte ſie mit ſich und ſo viel Luſt, wie die Morgenſonne. Aber ſie hatte freilich auch heißes, ſtolzes Blut und hielt auf ihre und der Ihren Ehre und Anſehen mit ihrem Leben, und erzürnen durfte man ſie nicht, oder man hatte es für lange oder gar für immer mit ihr verloren. Der Marcheſe Lazzari mit den Seinen war ein Hoefer, In der Welt verloren. II. 10 146 Verwandter unſers Hauſes und hatte Güter, die an die unſern grenzten, ſodaß die Herrſchaften zu Zeiten häufig bei einander waren. Für gewöhnlich aber lebten die Lazzari in der Stadt und am Hofe, während die Neri ſtets auf den Gütern blieben. Sie waren vordem, als die Franzoſen zuerſt zu uns kamen, zu dieſen ge⸗ ſtanden und hatten nur mit Mühe ſpäter Gnade ge⸗ funden. Die Lazzari ſtanden dagegen zu dem Fürſten⸗ hauſe, und da hatte es zu jener Zeit auch Zank und Feindſchaft zwiſchen den Familien gegeben. Das war aber nun längſt ausgeglichen, die Alten und die Jungen waren, wie's im Lande zuging, eines Sinnes geworden, und daß der älteſte Sohn des Marcheſe, der Signor Aleſſandro, unſere Marina heimführen ſollte, war von jeher ſo beſtimmt. Sie waren von Jugend auf mit einander bekannt und liebten ſich, und da es Zeit war, wurde denn auch die Hochzeit ausgerichtet, wie es das Anſehen der Familien verlangte. Das junge Paar lebte bald auf den Gütern, bald am Hofe. Signor Aleſſandro war ſtolz auf ſeine Gemahlin, und Madonna Marina war's nicht minder auf ihren Gemahl. Und ſie durften es, denn ein ſchöneres und edleres Paar hab' ich nie geſehen und gab es nicht. Nach Jahr und Tag kam es heraus, daß die Laz⸗ zari ſich in allerhand Verbindungen und Umtriebe ein⸗ 147 gelaſſen hatten, die den Fürſten um ſeinen Thron bringen und das Land frei machen wollten. Sie wur⸗ den ergriffen und in den Kerker geworfen, wo der alte Herr Marcheſe, der ſchon krank geweſen war, alsbald ſtarb, Signor Aleſſandro aber ſcharf inquirirt und, ob⸗ gleich man nichts herausgebracht haben ſoll, zum Tode verurtheilt wurde. In der Nacht jedoch vor dem ſchon angeſetzten Hinrichtungstage verſchwand er aus ſeinem Gefängniß, wie man alsbald erfuhr, mit Hülfe ſeiner Gemahlin, und war mit ihr, da man ſeine Flucht ent⸗ deckte, ſchon über die Grenze hinaus. Das hatte die Dame allein, blos von meiner Schweſter und des jetzigen Herrn Marcheſe Kammerdiener, Luigi, unterſtützt, aus⸗ geführt, und ich ſage davon auch um deſſentwillen, daß der Herr Graf und die Frau Gräfin erkennen, wie lieb ſie ihren Gemahl hatte und was ſie für eine Kraft und einen Geiſt beſaß, wo es darauf ankam. Ihre Aeltern waren derzeit, wie ſie zur Winterszeit zuweilen thaten, in Neapel, wo ſie viele alte Freunde hatten, und erfuhren die Einkerkerung der Lazzari faſt zugleich mit der Rettung und Flucht ihres Schwieger⸗ ſohns und ihrer Tochter. So mag es denn auch ge⸗ kommen ſein, daß ſie ſtraflos ausgingen und nicht an Leben und Vermögen geſchädigt wurden, vielmehr auf ihren Gütern weiter leben mochten. Von den Ent⸗ 10* 148 flohenen durfte nicht geredet werden, natürlich war das aber nur ſo nach außen. Im Stillen wußten wir von ihnen wohl und wurden ſie reichlich unterſtützt. Und als es ausgemacht war, daß es ihnen hier an dieſem Platz gefiel und ſie bleiben und ſich ein Haus bauen wollten, da ſprach mein Herr, der Graf, eines Tags mit mir, ob ich zu ihnen gehen und ihnen die Gärten anlegen und pflegen möge, hier verſtehe man derglei⸗ chen nicht. Ich ſagte auch natürlich ja, denn ich hatte das junge Paar lieb, und ſo reiſte ich denn mit der Monna, die bei der Flucht hatte zurückbleiben müſſen, und alle Kaſten voll Gold und Wechſelbriefen, ab; der Herr Graf wollte und konnte die Seinen aufs reichſte ausſtatten; das Vermögen des Herrn Marcheſe war eingezogen worden. Und ſo kamen wir denn hier an und küßten ihnen die Hände; ſie waren froh der alten vertrauten Diener, und wir waren's unſerer Herrſchaft und hielten an einander, denn wir waren doch nicht in der Heimat, ſondern im fremden Lande und unter Fremden, die von uns nicht viel wollten, wie wir von ihnen nicht. Und war der Herr, nunmehr ſelbſt der Marcheſe, ſchon immer ein ſchöner, heiterer, ſtolzer Mann geweſen und Madonna Narina eine ſchöne und fröhliche Dame, ſo wie jetzt hatte ich beide noch gar nie geſehen noch ge⸗ kannt, und ſie liebten einander wie ein junges Liebes⸗ paar und waren glücklich wie die Kinder, Tag ein und aus. Wir aber waren es auch und hatten ſie lieb, wie es ſein mußte. Es war ein gutes Leben. Das ging ſo fort, Jahr und Tag. Zuerſt wohnten wir noch in der Campagne, wo jetzt der reiche Eng⸗ länder hauſt, der die drei langen blonden Töchter hat; hier am Berg wurde aber bereits tüchtig gebaut und ich war von morgens bis abends mit meinen Arbeitern in den Anlagen. Dann wurde Alles fertig und wir zogen herauf mit einem großen Feſt. Das Haus be⸗ kam den Namen der Frau Marcheſe, und es gefiel den Gäſten daran und darin Alles ſo wohl, wie ihnen die Dame ſelber gefiel. Der machten ſie den Hof und ver⸗ ehrten ſie, wie es wohl natürlich war; denn wie ich ſchon geſagt habe, ſie war eine wunderſchöne Frau. Sie machte ſich nicht viel daraus, daß man ſo artig gegen ſie war und ſo zu ihr aufſah, aber ſie ließ ſich's gefallen, da der Herr Marcheſe nichts dagegen hatte, ſondern nur dazu lachte. Und er durfte es wohl, denn Madonna Marina hatte im Herzen nichts als Ehre und Treue, den Gemahl und ihr Kind, die kleine Angio⸗ lina, die war hier im erſten Jahre geboren. Uns, meiner Schweſter und mir und dem Luigi, gefiel das Alles freilich nicht recht und wir ſchüttelten die Köpfe, 5 ..–‧ 150 daß Madonna Marina ſolche Blicke und Worte duldete, daß die Fremden ſie wagten, daß der Herr Marcheſe dazu lachen mochte. Wer ſo nach eines Andern Frau ſieht und ihr vorredet von ihrer Schönheit und Güte und was weiß ich, der denkt im Kopf weit über ſeine Worte hinaus, und es iſt am Ende doch faſt wie eine Unehre für die Dame und ihren Gemahl, daß man ſo an ſie und von ihr denkt. Und was das Böſeſte war, wir kannten den Herrn Marcheſe doch auch, wie ſtolz er war und wie zornig er werden konnte, und wir fürchteten, das Lachen möge einmal ein Ende nehmen und Haß und Rache ſein Herz erfüllen und ſeine Hand ſich erheben laſſen. Allein wir irrten uns, wie ſich hernach zeigte. Der Herr Marcheſe hätte wohl glücklich und zufrieden ſein dürfen mit dem, was er beſaß; es gab Niemand, der es ſo gut hatte wie er. Aber er war nicht damit zu⸗ frieden, wie es beim Menſchen ja leider oft geht, und hatte ganz andere Dinge im Kopf, als die wir ihm zutrauten, und ſein Lachen und Scherzen war ihm nicht ernſt, oder er meinte auch dabei wieder etwas Anderes, als die Seinen glaubten. Als die Herrſchaft hier zuerſt angelangk war und ſich niedergelaſſen hatte, und auch noch als wir ihr nachkamen, war die Stadt drunten noch klein und arm; 151 von all den Landhäuſern und andern Bauten gab es nur erſt ein paar, und ob der Fremden auch ſchon vwiele durchreiſten, weilten doch nur wenige längere Zeit, und mit jetzt ließ ſich's überall nicht vergleichen. Von Eiſenbahnen, von denen ſie jetzt ſo viel reden, war nah und fern nichts zu hören, ein Dampfſchiff legte im Sommer vielleicht zwei⸗ oder dreimal hier an, und ſelbſt die Herrſchaften eilten dann zum Hafen, um das Ding ſich anzuſehen. Und auch im Ort ſelber, mit den Gaſthöfen und andern Bequemlichkeiten, ſah es, wie ich ſchon ſagte, ſchwach genug aus. Das veränderte ſich nun aber mit einem Mal und ſchnell; wer weiß, weshalb. Die Straßen wurden gebeſſert, die Dampfer kamen häufig und regelmäßig, die Fremden zogen herbei in ſtets größern Schaaren, immer mehr Herrſchaften ſuchten ein Unterkommen und blieben, und das Leben wurde immer lauter, luſtiger und bunter. Der Herr Marcheſe aber und die Madonna Marina waren und blieben die Erſten; wer hierher kam, begrüßte ſie, als ſeien ſie die Fürſten des Platzes, und ſie hießen ihn bei uns willkommen. Zwiſchen den Uebrigen, die hier aus und ein gingen wurden von uns allmälig ein paar beſonders bemerkt, und zwar nicht blos, weil ſie ſich häufiger zeigten und 1 dann länger verweilten als alle Andern, ſondern auch, 152 weil wir's bald ſpürten, daß ſie auch zu dem Herrn Marcheſe und der Madonna Marina um Vieles anders ſtanden, herzlicher und nicht wie, wenn auch willkommene, doch nur gelegentliche Gäſte, ſondern wie rechte Freunde des Hauſes und des Herzens. Davon war die eine eine ruſſiſche Fürſtin. Die Heiligen ſelber würden Noth haben, den erſchrecklichen Namen auszuſprechen oder gar zu behalten, und uns gelang es niemals. Selbſt unſere Herrſchaft i*ſt damit, glaub' ich, nicht fertig geworden, und man hieß ſie hier wie allerwärts nur entweder Hoheit oder bei ihrem eigenen Namen Donna Elena. Sie hatte auch einen Gemahl hier und ein paar Kinder, aber von denen war nicht viel die Rede; ſie fragten von beiden Seiten nicht weiter nach ein⸗ ander. Zuerſt war ſie auch nur mit den Kindern ge⸗ kommen; ſie war krank in der Bruſt, hieß es, und die Aerzte hatten ſie hergeſchickt. Da in ihrer Einſamkeit und Krankheit hatte unſere Herrſchaft ſie kennen ge⸗ lernt und ſich ihrer angenommen mit Pflege und Ge⸗ ſellſchaft und aller Freundlichkeit. Es ging ihr hier auch gut, ſie wurde wieder geſund, und da es ihr ſehr gefiel, blieb ſie von einem Mond zum andern, über den Sommer und den zweiten Winter, und der Herr Fürſt kam ihr nach und blieb auch. 3 Es war eine ſehr ſchöne, zarte Frau, blaß und fein, 153 ſodaß man fürchten mochte, der Wind ſtoße ſie um, und ¹ immer ſanft und leiſe, als ob das Leben und die Ge⸗ f ſundheit ſich noch kaum wieder in ihr rege. Aber wenn ſie zuweilen einmal plötzlich die braunen Augen aufſchlug, da mußte man ſchier erſchrecken, ſo brach's daraus hervor mit heißer Glut, und dann ſah man's wohl, was für ein Leben ſie erfülle und wie ſtark und heiß das Herz ſchlage hinter all der Bläſſe und Zart⸗ heit. Sie war aber viel hier oben bei uns— die Luft bekomme ihr beſſer als drüben in ihrer ſonnigen Cam⸗ pagne— ſie hatte die Madonna Marina ſehr lieb und die liebte ſie wieder, ſodaß ſie wie Schweſtern waren, ihren Herzen nach. Und der Herr Marcheſe ſah das mit an und freute ſich deſſen und gönnte ſolche Freund⸗ ſchaft beiden, zumal auch er ſelber in einem ähnlichen Bunde ſtand und zu erfahren meinte, daß ein rechter Freund das beſte und edelſte Gut iſt, das dem Menſchen zu Theil werden mag. Das war der zweite von unſern beiden Beſuchern. Seinen Namen habe ich nicht zu nennen, wie man ihn denn auch bei uns damals alsbald nicht bei dieſem, ſondern Signor Lorenzo hieß. Er war eine Art von Landsmann von uns, aus dem O—ſchen, von ſehr guter Familie, und auch ein Flüchtling wie unſer Herr. Ver⸗ heirathet war er geweſen, hatte ſeine Gemahlin aber 154 ſchon daheim durch den Tod verloren, ohne daß ſie ihm Kinder hinterlaſſen hätte. Er war auch um man⸗ ches Jahr älter als der Herr Marcheſe, in der Mitte der Dreißig etwa, im Uebrigen aber ein ſchöner, ſtatt⸗ licher Mann in ſeiner vollſten Kraft, nur daß er uns, unſerer jugendlichen Herrſchaft gegenüber, ſchon alt er⸗ ſchien. Und er war auch faſt immer ernſt und zurück⸗ haltend, wie's freilich erklärlich ſein mochte, da er viel Schweres erfahren und gerade unter ſeinen beſten Freunden mehr als einen als falſch und verrätheriſch erfunden haben ſollte. Er kam anfangs auch nur ſelten zu uns, das heitere Leben und die Munterkeit des Herrn Marcheſe ſtimmten wenig zu ſeiner Weiſe. All⸗ mälig aber zeigte er ſich häufiger und häufiger, den Damen und andern Gäſten alle Höflichkeit erweiſend, im Grunde aber nur mit unſerm Herrn verkehrend. Und wie verſchieden die Beiden auch waren, der eine ein Lebemann, ſtets heiter und offen, und der andere immer kalt, ernſt und verſchloſſen, ſie kamen doch zum Erſtaunen gut mit einander aus und waren ein Herz und eine Seele⸗ Da dieſer Verkehr begann und noch mehr, als er immer lebhafter wurde, kamen wir auf den Verdacht, daß Signor Lorenzo möglicherweiſe von denen daheim abgeſchickt ſei, um unſern Herrn auszukundſchaften oder 155 gar bei Gelegenheit auf die Seite zu bringen; derglei⸗ chen kam ſchon vor. Mit Herrn Aleſſandro durfte man davon nicht reden; er war, da Luigi einmal auf ſo etwas hinzudeuten gewagt, zornig geworden, hatte auch jede Spionerie, wie er's hieß, ſtreng verboten. Nun, daran kehrten wir uns nicht, da wir einmal mißtrauiſch waren, ſondern gaben, natürlich in der Stille, Acht und beobachteten und horchten, wo und wie wir konnten. Allein wir merkten nichts Unrechtes und mußten uns am Ende wohl ſagen, daß Signor Lorenzo kein fal⸗ ſches Spiel ſpiele. Hätte er Arges im Sinne gehabt, wir würden unſern Herrn nicht haben ſchützen können, ſo vertrauensvoll war er und ſo ſorglos. Allein das Beobachten gaben wir dennoch nicht auf, denn wir hatten unſere Herrſchaft lieb, und der Mann gefiel uns nicht— wer kann immer ſagen, weshalb das ſo kommt? Das ging ſo fort in gewohnter Weiſe, bis der Herbſt kam und die Fremden anlangten, zahlreicher als je. Es war der erſte Winter, da es hier wirklich voll wurde und ſo zu treiben und aufzuleben begann, wie mau's jetzt alle Jahre ſieht. Unſere Herrſchaft ſtand wiederum mitten darin— es kamen ſchon Manche, die ſie vorm Jahre kennen gelernt hatten, und Andere, die von Bekannten empfohlen waren— und die Frau Marcheſe war wie eine Königin, ſo wurde ſie geehrt, ſo ruhten die Augen auf ihrer Schönheit, und die Herzen lagen ihr zu Füßen. Und ſie nahm es an, anders als ſonſt. Es ſchien ihr zu gefallen und ſie zu unter⸗ halten, ſie mochte nicht mehr daheim und allein ſein, ſondern immer in Luſt und Feſten; dann lachte ſie und ſcherzte und hörte es gern, daß man ſie ſo ſchön fand; wir ſahen es wohl, wenn es hier oben bei uns ein Feſtin gab, zu dem die Fremden ſich drängten. War ſie aber allein, da ſah man's ihr an, daß ihr die Zeit lang wurde, und ſie trieb fort, daß ſie nur wieder unter die Menſchen kam. Kurz, es war ſo ganz anders und eigen, daß wir wohl darüber erſchrecken durften und mit ſchwerer Sorge auf Herrn Aleſſandro ſahen, was der dazu ſagen möchte, und ob ſeine Zufriedenheit und ſein Lachen nun doch ein Ende nehmen würden. Bei einem Andern wäre das wohl geſchehen und viel⸗ leicht auch bei ihm, wäre er noch geweſen wie ſonſt. Aber das war er eben auch nicht. Seine Gemahlin war die letzte, nach der er ſah und fragte, und ſoviel Höflichkeit und Ehre er ihr auch erwies, ließ ſich doch wohl merken, daß ſein Herz nicht mehr dabei und voll von ihr war.. Nun war's doch gut, daß wir unſere Beobachtungen fortgeſetzt hatten; wir brauchten nun nicht lange umher ————— 157 zu rathen und uns zu quälen, wie das Alles gekommen ſein möge, ſondern wußten leider Gottes gut genug Beſcheid. Die Augen der ruſſiſchen Hoheit hatten es Herrn Aleſſandro angethan und ihre heißen Blicke eine noch größere Glut in ſeinem Herzen entzündet, ſodaß er ſie kaum noch bergen mochte oder konnte. Und wie er's trieb, und wie's die Dame trieb, von der ich frei⸗ lich nicht ſagen kann, ob ſie's ernſt mit ihm meinte, oder nur mit ihm ſpielte, weil ihr's Vergnügen machte, das konnte auch dem Blindeſten kaum verborgen bleiben und mußte auch der Madonna Marina ſichtbar werden, wie ſtolz und rein ſie auch war, ſodaß ſie vom Böſen und Unrechten gar nichts wußte, noch ahnte, und wie hoch ſie auch bisher den Gemahl gehalten und wie lieb ſie die Freundin gehabt haben mochte. Ja, ſie mußte es ſehen, denn die Beiden trieben's faſt, als ſeien ſie allein, und die Ruſſin ging dennoch bei uns aus und ein wie ſonſt und that der Frau Marcheſe ſchön, als ſei nichts zwiſchen ihnen. Die Madonna Marina aber merkte es wohl, und weshalb ſie's duldete, weiß ich nicht— wollte ſie nichts mehr von dem Gatten, oder wußte ſie, daß ihm nichts mehr helfen konnte? Sie warf ſich immer luſtiger in die Welt, lachte, ſcherzte, ließ ſich den Hof machen; wer ſie nicht kannte, wie wir, mußte Böſes denken. 158 Und ſie jammerte uns, ich kann nicht ſagen wie! Das war ja doch nur, als wenn einer zum Wein geht und ſich berauſcht, um ſein Elend zu vergeſſen! In der Welt wußte man von dieſen Dingen nichts und ſah nur aufs Aeußere. Und da das nun Manchem nicht gefallen mochte, merkten ſogar wir, daß man ſich hier und da von unſerer Herrſchaft zurückzog; die Ge⸗ ſellſchaft, die ſich hier oben bei uns zeigte, wurde eine andere. Damen waren nicht viele dabei, und die dabei waren, mochten ſo ſchön ſein, wie ſie wollten, und noch ſo große Namen und Titel haben, man ſah es ihnen an und hörte es leicht, was die in der Welt und von ihr wollten. Es konnte unſerer Herrſchaft nicht ent⸗ gehen, und es entging ihr auch nicht, aber Herr Aleſſan⸗ dro hatte keine Zeit, darauf zu achten, und Madonna Marina wollte es nicht. Ja, da eines Tags Signor Lorenzo zu ihr davon geredet und ſich auch über den Herrn Marcheſe geäußert hatte, war ſie zornig ge⸗ worden nnd hatte ſolche Reden heftig zurückgewieſen. Und da ſie meiner Schweſter, der Niccoloſa, vor der ſie kaum ein Geheimniß hatte, von dieſer Unterhaltung erzählte, fügte ſie noch immer zürnend hinzu: ſie wiſſe überhaupt nicht, was der Signor Lorenzo im Sinn habe, daß er ſich ſolches herausnehme und ſtets ihre Nähe ſuche. Aber Aleſſandro ſolle ſich vor ihm hüten. 4 4 6 159 Das ſei einer von denen, die ins Geſicht ſo redeten und hinter dem Rücken anders. „Und wahr iſt's“, ſetzte die Niccoloſa hinzu, als ſie mir abends von dieſen Dingen berichtete,„der Herr Lorenzo iſt jetzt mehr bei der Marina als beim Herrn und redet ſtets an ſie hin, in allen Ehren, meine ich, wie ein Cavalier es darf, aber er macht zuweilen ku⸗ rioſe Augen dabei und ſieht ſie ſo von der Seite an— Du könnteſt es auch ſchon gemerkt haben, Bruder, ſie ſind ja oft in der Veranda und den Gärten. Es ge⸗ fällt mir nicht, und am wenigſten dies von heute. Davon ſollte er zum Herrn reden, wenn er es gut meint, und nicht zur Marina. Glaubt er, daß ſie nichts weiß, noch ſieht, und will er ihr die Augen öffnen und ſie ganz mit dem Aleſſandro verfeinden? Gib Acht, Antonio, da iſt's nicht richtig.“ Das ſchien es mir auch nicht, und wie er ſtets neben unſerer Herrin war und wie er ſie anſah, das hatte ich gleichfalls ſchon bemerkt und mit Luigi darüber geredet; wir beobachteten ihn ja noch immer unausgeſetzt. Nach der Mahlzeit, als der Herr die Gäſte, die auch heute nicht gefehlt hatten und munter geweſen waren, ſeiner Gewohnheit nach bis ans Gartenthor begleitet hatte, kam er mit Signor Lorenzo zurück und 160 trat in die Veranda, wo Luigi parat ſtand mit den Cigarren und dem Kaffee. Der Herr liebte den Platz, das Geſpräch mit dem Freund, den Kaffee und die Cigarre, das wußte ich und pflegte mich dann häufig in der Nähe zu halten und zu beſchäftigen, denn beſſer konnte ich den einen nicht überwachen und auf den andern nicht achten. Ich durfte es ſchon wagen, ohne weggewieſen zu werden, denn ſo leutſelig der Herr Marcheſe auch gelegentlich gegen uns alle ſein mochte, im Ganzen gab er wenig auf uns Acht, und wo ihn ein Anderer oder irgend etwas Anderes unterhielt und zerſtreute, mochte einer von den Dienern noch ſo nahe ſein, für ihn war er gar nicht da; und darin dachte Signor Lorenzo ebenſo, wo nicht noch viel hochmüthiger, der ſah uns gar nicht einmal, glaube ich. Als ich den Herrn ſah, merkte ich, daß er heute 3 die friſche Luft und die Bewegung nöthig haben mochte, denn er hatte einen heißen Kopf, wie oft, ſeit er neuer⸗ dings meiſt ſehr viel Wein trank. Signor Lorenzo aber war heute ſo kalt und ruhig wie immer und ging bequem mit dem Herrn auf und ab, rauchte und plauderte, und ich hantierte in der Nähe umher und hörte jedes Wort. 8 „Muntere Burſche, muntere Burſche!« ſagte Herr 3 Aleſſandro lebhaft.„Man wird ſelber luſtig bei ihnen 161 und die Grillen los.“—„Was habt Ihr für Grillen?“ fragte Lorenzo.„Dergleichen bemerkte ich noch nie an Euch! Oder that ich Euch Unrecht, Aleſſandro, und ward es Euch, trotz der Burſche Munterkeit, doch be⸗ denklich und unangenehm, wie ſie Eurer Gemahlin den Hof machen und zu Füßen liegen?“«—„Ah bah, ah bah!“ rief der Marcheſe halb erſtaunt und halb ver⸗ ächtlich.„Was redet Ihr da? Was geht das mich an?“ —„Ich dächte, mehr als jeden Andern⸗, ſagte der Signor kaltblütig,„denn da Ihr Eure Gemahlin liebt, kann Euch dieſer Ton und dieſe Weiſe, die ſie verletzen und herunterſetzen müſſen, nicht gleichgültig ſein.“— „Verletzen und herunterſetzen heißt Ihr's?“ meinte der Andere wie zuvor.„Das merke ich nicht. Solange es ihr ſelber gefällt und ſie darüber lacht und eine Antwort darauf hat, wen kümmert's und wie miſchte ich mich hinein?“—„Wen’s kümmert, fragt Ihr, Aleſſandro? Jeden, glaub' ich, der es mit Euch wohl meint und Madonna Marina verehrt. Ihr müßt oder ſolltet doch gemerkt haben, daß man in der Geſellſchaft—« „Ah bah, ah bah!« unterbrach ihn der Marcheſe ver⸗ drießlich lachend.„Was gehen uns die Narren an? Dieſe hochtrabenden Barone von Habenichts und dieſe Grafen von der Schürze? Laßt ſie und uns leben, wie jeder es mag, ſie mit ihrer Langeweile, uns mit Hocfer, In der Welt verloren. II. 11 162 unſerer Luſt. Wir ſind Menſchen von Fleiſch und Blut und keine Puppen noch Masken.“ Signor Lorenzo ſchüttelte den Kopf, ſagte jedoch nichts, und erſt nachdem ſie ein paar Mal ſchweigend auf und ab gegangen waren und Aleſſandro angefangen hatte:„Wenn ich nur wüßte, was mit Euch iſt, mein Freund, daß Ihr ſo verſtimmt—“ da blieb er ſtehen, legte die Hand auf des Andern Schulter und ſagte: „Das kommt, weil mir dies Alles nicht gefällt, ſondern mir Sorgen macht, Aleſſandro; denn ich liebe Euch und verehre Eure Gemahlin, ich möchte Euch vor Schaden bewahrt ſehen und glücklich und ſehe Euch beide ſpielen mit der Gefahr. Sollte mich das nicht betrüben und kümmern?“—„Ich weiß nicht, was Ihr wollt, Lo⸗ renzo!“ rief der Marcheſe. Und da ſprach der An⸗ dere voll Ernſt:„Das könntet Ihr leicht erfahren, wenn Ihr nicht ſo gleichgültig wäret und nicht andere Dinge im Kopf hättet. Ihr fragt nach dem Urtheil der Ge⸗ ſellſchaft nicht, ſagt Ihr, und das macht, wie Ihr wollt, obgleich Ihr doch am Ende auch nicht allein in der Welt leben könnt, und ich auch nicht weiß, ob Eure Gemahlin ebenſo denkt. Aber Ihr heißt Euch ſelbſt Menſchen von Fleiſch und Blut und ſeht Madonna Marina von allen Seiten umworben und umſtellt, wäh⸗ rend Ihr ſelber— Ihr dürft mir das nicht übel neh⸗ men, mein Freund, ich miſche mich nicht in Eure An⸗ gelegenheiten, aber Augen habe ich nun einmal!— während Ihr ſelber nicht nach Ihr fragt. Und zwiſchen denen, die ſie umgeben, ſind Männer von Geiſt und Kühnheit, welche ihre Schule bereits gemacht haben und nicht leicht zurückweichen, zumal wo ſie auf ſo wenige Hinderniſſe ſtoßen. Und ich warne Euch, mein Freund! Spielt nicht zu lange mit der Gefahr und verachtet ſie nicht. Ich kenne leider die Welt und die Menſchen.“ So redete er etwa, wenn's auch nicht gerade die gleichen Worte waren, und es hätte dem Herrn ſchon zu Herzen gehen dürfen, ſo ernſt war's und ſo wohl⸗ meinend, daß es mich ordentlich ergriff und ich faſt Reſpekt bekam vor dem Signor. Allein wie der Herr nun einmal gelaunt war, rührte es ihn nicht. Er zuckte nur mit einem etwas verächtlichen Lachen die Achſeln und meinte:„Aber Madonna Marina kennt Ihr nicht, Lorenzo. Da iſt von Gefahr für ſie und mich keine Rede.“—„Seid Ihr ihrer ſo ſicher?“ fragte der Andere, wie mir ſchien, ein wenig ſpöttiſch.—„Ja, ſo ſicher! Ich wollte die höchſte Wette darauf eingehen, und wär' es noch wie ſonſt, ſie den höchſten Verſu⸗ chungen ausſetzen. Ja⸗— und er lachte ganz luſtig —„werſucht's, wenn Ihr wollt, ich lege Euch nichts in 11* 16⁴4 den Weg. Aber laßt hernach Eure Niederlage nicht mich entgelten.“ Ich ſah's, daß Signor Lorenzo auf die ſchamloſen Worte die Stirn faltete und die Brauen zuſammenzog⸗ Im nächſten Augenblick ſagte er aber wieder ruhig, wenn auch mit einer gewiſſen Barſchheit:„Schämt Euch, Aleſſandro! Ich bin der Mann nicht zu ſolcher Thor⸗ heit oder Sünde. Aber dankt Gott, daß Euch Niemand beim Worte nimmt; es gäbe dergleichen Leute ſchon, wenn ſie Eure Worte gehört hätten. Ich glaube nicht daran, Aleſſandro. Die Menſchen ſind Menſchen und die Frauen nicht weniger als wir, ſondern ſchier mehr. Eure Gemahlin in Ehren, aber ſie iſt jung, ſchön, le⸗ bensvoll und ihr Herz warm. Wären ihre Grundſätze noch ſo feſt und ihre Liebe zu Euch noch ſo groß— „Was Grundſätze und Liebe!“ unterbrach ihn der Mar⸗ cheſe ſpöttiſch und ungeduldig.„Ich habe einen an⸗ dern Talisman, und der heißt Temperament.“ Nach einer Pauſe ſagte Signor Lorenzo:„Das glaub' ich Euch nicht. In ſolcher Jugend, ſolchen Formen, ſolchen Augen iſt keine Kälte. Ihr ſeht und würdigt die Schön⸗ heit der Madonna Marina nicht.“ Es ſtand in der Veranda eine Statue, die war erſt vor einigen Tagen angelangt und hier aufgeſtellt, daß man ſie recht anſehen könne; der Herr hatte Freude 165 an ſolchen Dingen und es ſtanden in der Villa und den Gärten mehrere ſolcher Naturen. Sie ſagten, dieſe ſei die Venus, die große Heidengöttin, und gött⸗ lich ſchön waren die Glieder und das Geſicht voll höchſten Reizes, majeſtätiſch zugleich und lieblich. Und wie ſie den Hals trug und den Kopf, und in den Zügen des Geſichts, da fanden ſelbſt wir etwas von unſerer Herrin wieder. Zu der zog Herr Aleſſandro plötzlich den Freund, ſtellte ihn vor das Bild hin und rief, wieder ſo ſpöttiſch und ungeduldig:„Seht ſie an, ſie iſt ſchön und ohne Makel. Dieſe Formen leben, meint man, dieſe Bruſt athmet. Aber nehmt ſie in den Arm und fühlt, ob Leben darin; nichts, es iſt Stein! Und die Marcheſa iſt ihr ähnlich, ſagt man; ich ſage, ſie iſt ihr gleich! Es iſt, als habe der Meiſter ſie zu ſeinem Modell gehabt.“—„Ihr redet irre, Aleſſandro“, ſprach der Andere in einem gewiſſen lächelnden Ton.„Der Göttin gleicht leider kein irdiſch Weib. Aber wozu?“— Und da fuhr der Marcheſe wild auflachend dazwiſchen:„Der Streit iſt leicht zu ſchlichten! Ihr ſollt ſelber ſehen und ur⸗ theilen, daß Marina das ſchönſte Weib der Welt, ſchöner als dies Werk des Künſtlers; aber auch kalt wie dieſer Stein und nicht zu erwärmen! Ich bin daran müde geworden, und wenn Ihr die Probe machen wollt— 166 ich habe nichts dawider— ſo werdet Ihr auch hier mir Recht geben.“ So redeten ſie, und ich ſtand und horchte, längſt nicht mehr draußen, ſoneern hier im Saal, wohin ich mich durchs Haus geſchlichen, dort am Fenſter, das offen war, hinter dem Vorhang, und ſah und hörte, als ſei ich neben ihnen. Mochte daraus werden, was da wollte, ich konnte nicht anders, und es war, als hörte ich eine Stimme, die ſagte: Das mußt Du hören, denn es gilt Tod oder Leben! Und da ich die ſchmach⸗ vollen Reden vernahm, wie der Mann von ſeiner Frau ſprach und was er dem Freunde verhieß und bot, und wie dieſer es anhörte, da wußt' ich, daß die Stimme recht geredet. Und ich dachte an eine Geſchichte, welche man bei uns erzählte von einem alten König fern im Morgenlande; der habe auch geprahlt mit der Schön⸗ heit ſeiner Königin und ſie ſeinem Freunde gezeigt, da ſie im Bade war. Aber die Königin merkte es und erhob ſich im gerechten Zorn. Sie wurde eins mit dem Freunde, an den der König ſie verrathen, und ſie erſchlugen dieſen. Und daß das habe ſo kommen und ſein müſſen, das verſtand und wußte ich jetzt. Wie ich ſo ſtand und dachte, und mein Haar hatte ſich gehoben, aber auch meine Fauſt geballt, da regte ſich etwas hinter mir— ich hatte keine Zeit gehabt, 167 nach innen zu horchen— und als ich herumfuhr, ſah ich die Thür offen, die auf die Dienſttreppe führt, und neben mir Madonna Marina, kalt und bleich wie eine Leiche, aber auch ſtolz und hoch wie eine Königin. Ihre Augen waren wie glühende Kohlen, ſo ruhten ſie auf mir und brannten in mein Herz.„Fort!⸗ ſagte ſie und wies auf die Thür; es war nur das eine Wort und ganz leiſe, allein ich hörte es und es war genug; ich wich zurück und hinaus, wie vor einem Geſpenſt, und floh die Treppe hinauf. Droben aber traf ich auf die Niccoloſa; der ſagte ich, was ſich begeben, wie die Herren geredet und wie Madonna Marina gelauſcht, ich wußte nicht wie lange; aber es mußte wohl genug geweſen ſein, denn die letzten Worte waren ja die böſeſten. Und die Nicco⸗ loſa und ich drückten uns die Hand; ſie wolle hingehen und mit der Monna packen, daß die Signora abreiſen könne, meinte ſie. Ich hörte das und zuckte dazu die Achſeln und ſah ſie an. Sie merkte wohl, daß ich dachte, das habe noch Zeit und komme nicht zuerſt. Und ſie ſagte:„Du haſt wohl Recht, Bruder, aber packen will ich doch.“ Das mochte ſie. Als ich hinunterkam, ſah ich die Herrſchaften alle drei hier im Saal— Luigi hatte Licht angezündet, denn es war dunkel geworden. Und ſie waren mit einander 168 ganz höflich und munter, wie ſonſt. Hernach gingen die beiden Herren wie meiſtens in die Stadt hinunter — Herr Aleſſandro kam gemeinhin erſt gegen Morgen wieder— und Madonna Marina ſtieg hinauf und ſetzte ſich zu ihrer kleinen Tochter ans Bette und blieb da, wie mir meine Schweſter erzählte, die ganze Nacht in düſterem Sinnen. Am Morgen war die Dame ſchon früh unten; ſie ſtand vor der Statue in der Veranda und ſah ſie an und lachte— ein böſes Lachen. Dann ging ſie an mir vorüber, ohne mich anzuſehen, gegen das Garten⸗ thor zu und ſchritt im großen Wege immer auf und ab. Um die Frühſtücksſtunde kam Signor Lorenzo wie gewöhnlich, begrüßte ſie höflich und wollte vorbei. Aber ſie hielt ihn an mit einem:„Auf ein Wort, Signore!“ und ſchritt mit ihm den Weg entlang gegen die Ter⸗ raſſen; da ging ſie mit ihm auf und ab im lebhaften Geſpräch. Nach einer langen Weile kamen ſie wieder zurück, bis zur Veranda. Da neigte Herr Lorenzo ſich, küßte ihre Hand und ſprach ein paar leiſe Worte, und dann ging er hinein, den Herrn Marcheſe aufzuſuchen, und Madonna Narina ſchritt um das Haus zum großen Portal und trat dort ein. Der Tag war ganz ungewöhnlich ſchön, wie im vollen Frühling, ſodaß die Herrſchaft nach dem Mittags⸗ —y— 169 mahl, das ein wenig früher eingenommen wurde, noch eine Fahrt in die See hinaus machte und erſt in der Dämmerung zurückkehrte. Die Begleiter blieben noch eine Weile, dann jedoch ſchieden ſie ſchleunig, da ein Unwetter ausbrach, auch Herr Lorenzo, wie ich wohl ſah, da ich mit der Fackel am Thor leuchtete; und wiederum etwas ſpäter ging auch Herr Aleſſandro, ohne ſich durch das Wetter hindern zu laſſen. Es hieß ſeit einiger Zeit, er ſei an einer Bank betheiligt, die drunten im Hotel gehalten werde, und dürfe nicht fehlen. Nach ſeinem Weggange ſchloß ich das Thor; er hatte ſeinen beſondern Schlüſſel, denn wir durften auf ſeine Heimkehr nicht mehr warten, wie vordem. Trotzdem gingen wir noch nicht ins Bett, da die Nacht wild war und der Wind zum Sturm geworden ums Haus brauſte, ſondern ſaßen bei einander in der Küche. Und gegen elf Uhr etwa kam die Niccoloſa an die Thür und winkte mich mit den Augen zu ſich hinaus, und da ich ihr folgte, flüſterte ſie— ſie war leichenblaß und zitterte—:„Die Signora hat mich fort⸗ geſchickt und zu Bett gehen heißen mit der Monna, ſie 3 bleibe noch auf und wolle ſich ſpäter ſelber bedienen. Aber Antonio, Bruder, ich merkte es wohl und weiß es, er iſt bei ihr. Sagen wir's dem Luigi?“—„Das thun wir nicht“, ſagte ich, wenn auch erſchrocken, doch 170 gleich gefaßt.„Es geht die Signora an und nicht uns. Und wen ſie ruft, der folgt, anders keiner.“ Da ſagte ſie wieder:„Antonio, Bruder, ich weiß es, das iſt der Tod des Herrn Marcheſe, und auch die Marina ſtirbt daran, denn ſie lebt nicht ohne Ehre!“ Und ich ſprach wie vorhin:„Das mag ſo ſein, aber was können wir thun? Du und ich, wir ſind in ihrem Dienſt und nicht in ſeinem. Und was ihr Recht iſt, das iſt's auch für uns.“ Da ging ſie ſeufzend wieder nach oben. Nach Mitternacht legte ſich der Sturm, der Himmel wurde klar und die Andern gingen zu Bett. Das ver⸗ mochte ich nicht, ſondern blieb auf, trat hinaus in die Veranda, hielt mich ſtill und gab Acht auf das Haus, denn ich wollte wiſſen, ob die Niccoloſa ſich nicht ge⸗ täuſcht habe. Und richtig, um drei Uhr oder halb vier kam einer heraus, tief in den Mantel gehüllt, ging gegen das Thorgitter, ſah ſich um und hinaus und horchte, nahm dann den Mantel ab, warf ihn hinüber und ſchwang ſich ihm nach. Dabei erkannte ich den Signor Lorenzo gut. Und als er draußen davonſchritt, ging ich hinein, wieder an den Herd und rechnete mir aus, wie Alles kommen würde. Es konnte faſt nicht anders ſein, als daß er Herrn Aleſſandro begegnete, denn der kam um dieſe Zeit zurück, wie ich wußte, und 171 dann verſtand ſich alles Uebrige von ſelbſt. Umſonſt hatte Madonna Marina den fremden Mann nicht bei ſich empfangen. Als es Tag wurde und der Herr noch immer nicht da war, weckte ich den Luigi und die andern Diener; wir gingen die Straße hinab, und da, wo nun die zerbrochene Säule ſteht, fanden wir ihn. Mit zwei Stößen war er getödtet worden. Signor Lorenzo ging umher wie in großer Trauer, nur glaubte man ihm nicht recht, ſondern warf gerade auf ihn den Verdacht, von dem man noch heute redet, ſodaß er klüglich verſchwand. Aber zuvor ſchon, ja vom erſten Tage an war Madonna Marina krank geworden und kränker und nach vierzehn Tagen war ſie todt. Die ſtarb an ihrer Ehre, wie die Niccoloſa geſagt hatte. Das iſt die Geſchichte, die ich erzählen wollte.“ Neuntes Kapitel. Aus der Heimat. Als Antonio ſich ſchon längſt ehrerbietig zurückge⸗ zogen hatte, blieben ſeine beiden Zuhörer noch nach⸗ denklich und ſtill; Graf Felix ſchritt, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt, die ſonſt ſo ſorgenloſe Stirn in tiefen Falten und die Augen unruhig und . mißmuthig bald auf den Boden heftend, bald durchs 4 5 Gemach oder hinaus in die Gärten werfend, in einer Weiſe auf und ab, die ſich auch ohne den finſtern Aus⸗ 3 druck ſeines Geſichts nicht hätte mißdeuten laſſen; und Charlotte ſaß wie von Anfang an in einem der tiefen Lehnſeſſel, welche in den Fenſterniſchen ſtanden, ſo re⸗ gungslos, wie faſt während der ganzen Erzählung des Alten, und ſchaute, den Kopf in die Hand gelegt, träu⸗ mend hinaus in das Grünen und Blühen. 173 Man ſagt wohl, die Todten kommen nicht wieder. Aber zuweilen iſt das nicht richtig. Sie ſchauen ſchon einmal traurig oder düſter zu uns herein und ſtreifen leiſe an uns vorüber; wir hören ein Wort flüſtern und fühlen eine Hand über unſere Stirn gleiten. Und die Freude weicht und der Sonnenſchein flieht, und die Schatten breiten ſich über uns und um uns— „Eine häßliche Geſchichte!“ ſagte Graf Felix beinahe finſter und wie vor ſich hin.„Ich könnte uns zürnen, daß wir auf dieſe unglückliche Frage gekommen, und dem alten Burſchen, daß er ſo bereit geweſen mit ſei⸗ ner Antwort. Das geht mir den ganzen Tag nach.“ „Ich möchte ſie daneben, ja eher noch traurig hei⸗ ßen“, verſetzte Charlotte gedämpft und ohne ihre Stel⸗ lung zu ändern,„ſo traurig, daß ich darüber, wie ein Kind über ein Märchen, in Thränen ausbrechen könnte. Ich weiß nicht, was mir darin ſo ſchmerzlich ans Herz gegriffen hat, weshalb mir dieſe Marina, weshalb der Marcheſe und die Andern mir ſo deutlich vor Augen, ja ſo nahe ſtehen, faſt als ſeien es alle alte Bekannte und Freunde, deren ich im Laufe des Lebens, Gott weiß wie, völlig vergeſſen und erſt durch Antonio's Erzählung mich wieder erinnere.“ „Behüte uns Gott!“ unterbrach ſie der Gatte mit einem Verſuch zu ſcherzen und indem er kurz auflachte, 2 — 174 aber ſein Ton und ſeine Miene zeugten dafür, daß ihm ſelber im Grunde nach nichts weniger als Scherz zu Muthe war.„Das klingt ja faſt wie eine Remi⸗ niſcenz aus einem frühern Leben! Am Ende biſt Du wirklich dabei geweſen, damals die ſchöne Marina ge⸗ heißen oder die zarte ruſſiſche Hoheit. Für mich ſelber freilich müßte ich auch dann gegen jedes ſolches Vor⸗ leben proteſtiren, wenn ich nicht damals ſchon aller Wahrſcheinlichkeit nach längſt auf der Welt geweſen als Graf Felix, ein außerordentlich hübſches, aber auch außerordentlich ungeberdiges Kind, wie meine Bonne mich zu zeichnen pflegte. In dieſem Jago von Signor Lorenzo oder in dieſem Trunkenbold von Marcheſe zum mindeſten könnte ich niemals geſteckt haben.“ Durch Charlottens Züge glitt ein flüchtiger, aber tiefer Schatten, als fühle ſie ſich von des Gemahls Weiſe und in ihrem Sinne faſt frivolen Worten ſchier unheimlich berührt. Der Graf, der zufällig ſeinen Blick auf ſie gerichtet hatte, bemerkte es, wie es ſchien, mit einem gewiſſen unbehaglichen Erſtaunen und öffnete die Lippen zu einer Frage, als, man möchte ſagen: glücklicherweiſe ein Diener in der Thür erſchien und für einen Fremden um Erlaubniß bat, ſich dem Paare vorzuſtellen, ohne Namen einſtweilen und trotz der frühen Stunde; Beides werde er der Herrſchaft ſelber erklären. 175 Felix zuckte die Achſeln.„Ich habe Sorge für dieſen Tag“, ſagte er,„der ſo ſchön und heiter zu wer⸗ den verſprach und dennoch am Morgen mit Unbehag⸗ lichkeit und Inconvenienz beginnt! Was wird da erſt der Abend bringen! Wie denkſt Du darüber, Charlotte— der Herr Geheimnißvolle hat ja ausdrücklich auch nach Dir gefragt— willſt Du es auf eine neue mögliche Thor⸗ heit oder Zudringlichkeit hin wagen?“ „Laſſen Sie ihn eintreten“, ſprach ſie ſtatt aller Antwort zu dem Diener, indem ſie ſich zugleich erhob und zu ihrem Gatten trat. Und im nächſten Augen⸗ blick erſchien der Fremdling in der Thür und näherte ſich nach kurzem Rundblick leichten Schritts dem Ehe⸗ paar, ein nicht großer, ſchlanker oder vielmehr hagerer, noch jugendlicher Mann, deſſen Züge jedoch von einer ſehr herabgeſtimmten Geſundheit zu reden ſchienen, was der ſtarke blonde Bart nicht verdecken konnte. Seine Erſcheinung zeugte, wenn auch nicht von perſönlichem Geſchmack, ſo doch von der Kunſtfertigkeit eines ver⸗ muthlich im beſten Rufe ſtehenden Schneiders; trotzdem aber wurde in ſeiner Haltung und wie er die tadellos elegante Kleidung trug, ein gewiſſes Etwas bemerkbar, faſt als gehörten ihm die Kleider nicht oder ſeien nicht für ihn gearbeitet. „Kennen Sie mich noch?“ ſagte er, den Augen des 176 gräflichen Paars mit einem Blick begegnend, der ſicher⸗ lich ſchalkhaft ſein ſollte, in Wirklichkeit aber nur ein Lächeln zeigte, welches dem hagern Geſicht nichts we⸗ niger als gut ſtand.„Oder haben Sie mich vergeſſen, was mir, foi de gentilhomme, eigentlich faſt lieber wäre, und muß ich mich Ihnen als ein neuer Menſch vorſtellen?“ Es zuckte etwas durch die Miene des Grafen wie ein jäher Schreck oder finſterer Verdruß. In der näch⸗ ſten Sekunde aber hatte er das überwunden und ver⸗ ſetzte eiskalt:„Wenn wir in Ihnen wirklich Herrn von Othmaringen zu begrüßen hätten, ſo müßten Sie ſich allerdings ſehr verändert haben.“ Der Fremde lachte jetzt natürlicher.„Leider, leider“, ſprach er ein wenig hüſtelnd,„die Veränderung iſt nicht abzuleugnen, ich erkenne mich ſelber kaum. Und nun“, fügte er hinzu, Felix die Hand bietend,„empfehle ich mich Ihnen beiden zu einer freundlichen Aufnahme als kranker, mitleidswerther Couſin und hoffe beſonders von Ihrem gütigen Herzen, meine gnädige Couſine, daß Sie mich nicht unter dem alten unglücklichen Fa⸗ milienzwiſt leiden laſſen.“ Graf Felix hatte die dargebotene Hand ſo zu ſagen nur mit den Fingerſpitzen genommen, ſeine Miene blieb kalt nd die paar Worte, die er laut werden ließ, — 177 klangen nicht wärmer.„Alſo wirklich Dagobert Oth⸗ maringen? In der That!“ ſagte er und nichts weiter. Seine Gattin machte das durch ihre ſichtbare Theil⸗ nahme einigermaßen gut. Sie legte ihre Hand voll in die nun auch ihr dargebotene Rechte des Vetters und ſprach dann mit ruhiger Freundlichkeit:„Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht ganz, Couſin. Ich weiß nichts von einem Familienzwiſt. Ich erinnere mich Ihrer nur ſehr undeutlich“, fuhr ſie fort;„wir ſind uns ja ein einzig Mal und ſehr flüchtig begegnet; allein auch danach muß ich Sie mit Bedauern anſehen und fragen: Sind Sie denn einer Kur wegen hier, und was vermochte Ihre Geſundheit ſo zu erſchüttern, daß Sie derſelben— man ſieht es ja!— ſo ernſtlich bedürfen?“ „Alſo haben Sie jene Begegnung in Rom doch nicht vergeſſen, wie ich in guten Stunden hoffte!“ ſagte Dagobert Othmaringen in einer Art von klagendem Ton. Graf Felix ſchnitt aber die weitere Erörterung dieſer, wie wir wiſſen, dem gräflichen Paare nicht an⸗ genehmen Erinnerung ab. Während er mit dem Verwandten Charlotten folgte, welche zu ihrem frühern Platz am Fenſter zurückkehrte, bemerkte er— ſein Ton war freilich auch jetzt nichts weniger als herzlich, ſondern faſt eher voll einer gewiſſen Malice—:„In der That, mon cousin, Sie ſcheinen eine Hoefer, In der Welt verloren. II. 12 178 Kur nöthig zu haben, denn Sie ſehen miſerabel aus, ſo“, fügte er ſcherzend hinzu,„daß ich mir, wenn ich mich dennoch nicht einzelner Züge in Ihrem Geſicht erinnerte, eine Art von Affirmation Ihrer Angaben erbitten würde; man hat hier allen Grund, mißtrauiſch und vorſichtig zu ſein. Sie werden das bald merken. Aber was Teufel iſt denn das für ein Dienſt bei Seiner Hoheit, der die Leute ſo ſchnell verbraucht? Es muß ſcharf hergegangen ſein, Couſin.“ „Daß ich nicht wüßte; der Eine kann eben das Le⸗ ben, Luft, Klima, Reiſen ertragen, der Andere nicht“, verſetzte Dagobert mit einer Trockenheit, die ihm von allen Tönen, welche er bisher vor uns angeſchlagen, bei weitem am beſten ſtand.„Ihnen ſcheint es vor⸗ trefflich bekommen zu ſein, mich hat es ruinirt. Und ſo ſchickten mich denn die Aerzte hierher. Es ſollte ſchon um Weihnacht ſein, ließ ſich aber nicht ein⸗ richten; die verwünſchten kalten Märzwinde hätten mich ſicherlich ins Erbbegräbniß geweht, wenn Sie uns an dem Ihren Theil nehmen laſſen“, fügte, er ſich gegen Charlotte neigend, launig hinzu. „Sie ſind kürzlich erſt angekommen, Couſin?“ „Kürzlich? Welch eine betrübende Suppoſition! Geſtern Abend, meine gnädige Couſine, langte ich an, ſterbensmüde, denn ich bin der Verſpätung wegen wie 179 ein Kurier gereiſt, und legte mich gleich ins Bett wie ein krankes Kind, meinem Diener die Lectüre des Fremdenblatts empfehlend, ob er etwa Bekannte finde. Als er mit Ihrem Namen kam, ſprang ich auf, und, foi de gentilhomme, wäre es nicht ſo ſpät und ich ſo müde geweſen, ich hätte an nichts gedacht als an dieſen jahrelangen, zuweilen faſt quälenden Wunſch, Ihnen wieder einmal zu begegnen, und wäre noch zu Ihnen geeilt. Gerade die einzigen Bekannten unter all den Fremden Sie, von denen und deren Aufenthalt wir daheim gar nichts wußten! Etwas Erfreulicheres und Tröſtlicheres hätte mir die Fremde gar nicht entgegen⸗ bringen können.“ „Sie ſind entſchieden noch ernſtlich angegriffen und müſſen ſich ſchonen“, ſagte der Graf im Tone einer gewiſſen Theilnahme.„Was für Reden von quälendem Wunſch, von Freude und Troſt! So übel, daß Sie nothwendig eines Anſchluſſes bedürften, ſteht es doch Gott Lob nicht mit Ihnen. Aber laſſen wir das—“ „Nein, laſſen wir das nicht“, unterbrach ihn Dago⸗ bert mit unverminderter, man muß wohl ſagen: krank⸗ hafter Erregtheit.„Au contraire, ſprechen wir das gleich aus, es muß klar zwiſchen Ihnen und mir ſein. Sie wollen nichts von dem alten Familienzwiiſt wiſſen, Couſine, das iſt reizend, gütig und liebenswürdig. Ich 12* will und weiß auch nichts von ihm. Aber er iſt im Stillen dennoch da und trennt uns— ein unerträglich Gefühl. Und dann die Erinnerung an jene Begegnung in Rom, wo Sie, Couſin, uns eine ſehr gerechtfertigte Abfertigung zuertheilten! Seine Hoheit ſind, wenn einmal durch irgend etwas verſtimmt und gereizt, trotz aller Ihrer ſonſtigen Güte, zuweilen derb bis zur Rück⸗ ſichtsloſigkeit. Und ein junger Menſch, wie ich damals war, meint die Gunſt, welche ihn plötzlich aus ſeiner Dunkelheit hervorzog, nicht anders lohnen und ver⸗ dienen zu können, als durch ein ſchnelles Eingehen auf Alles, was ſein Gebieter zu äußern beliebt. Geben Sie mir die Hand, Couſine, und auch Sie, Couſin. Ihre derbe Antwort öffnete mir ſchon damals die Au⸗ gen und ließ mich meine kindiſche Weiſe bereuen und den Wunſch von Jahr zu Jahr ernſter werden, mich gegen Sie ausſprechen zu dürfen! Nicht war, ich bin pardonnirt und darf mich in dieſer fremden Welt an Sie halten?“ Es war in dieſen Worten und der ganzen Weiſe des Mannes etwas, das trotz der ſichtbaren Erregtheit oder vielleicht gerade wegen derſelben, weil ſie noch deutlicher als alles Uebrige ſeinen krankhaften Zuſtand verrieth und die Theilnahme der Zuhörer in Anſpruch nahm, auf dieſe letztern nur einen verhältnißmäßig —— 181 günſtigen Eindruck machen konnte. Was ſich auch im Grafen ſo gut wie in Gräfin Charlotte ſeither bei einem übrigens ſicher ſehr ſeltenen Gedanken an Da⸗ gobert geregt, und was ſie eben bei ſeinem Eintritt und ſeinem erſten Auftreten empfunden haben mochten, für den.Augenblick war das Alles überwunden, und beide erklärten den Vetter im Stillen für einen Men⸗ ſchen, der nicht blos Theilnahme verdiente, ſondern mit dem ſich auch in für beide Seiten erfreulicher Weiſe verkehren laſſen mußte. Die eine wie der andere legt die Hand mit einer gewiſſen Herzlichkeit in die dar⸗ gebotene des Verwandten und beide bemühten ſich, durch ihre Antwort und das ſich anknüpfende ruhigere Ge⸗ ſpräch auch den Reſt der bisherigen Erregtheit allmälig immer mehr verſchwinden zu laſſen. Dazu trug ſelbſt Graf Felix redlich, wenn auch nur in ſeiner Weiſe bei. Trotz der gewinnendſten Formen zeigte ſich an ihm bei ſeinem Verkehr mit der Welt doch ſelten oder nie et⸗ was wie Herzlichkeit, die nun einmal nicht in ſeiner Art lag, und von einer unbefangenen, rückhaltloſen Hingebung wußten ſelbſt ſeine Nächſten nichts zu ſagen. „So fremd, wie Sie es vorausſetzen, Couſin, ſind Sie hier denn doch wohl nicht“, ſagte er, nachdem das Geſpräch ſich ſchon eine Weile in ruhigern Bahnen bewegt und Dagobert von ſeinem Leiden, ſeinen nächſten ͥ— 182 Plänen geredet und von neuem ſich der Anweſenheit der Verwandten gefreut hatte, deren Umgang und Theilnahme ihm die gerade nöthige und genügende Zerſtreuung gewähren werde; neue Bekanntſchaften zu machen, ſei er weder aufgelegt, noch fühle er ſich kräftig genug zu einem regen Geſellſchaftsleben, meinte er. „Es wäre ſeltſam, wenn Sie nicht dieſen oder jenen, obgleich vielleicht nur oberflächlichen Bekannten träfen, mit dem Sie ſo oder ſo einmal ſich geſtreift. Einen oder vielmehr eine kann ich ſelbſt und ſogleich Ihnen nennen; es iſt wunderlich, daß Ihr Diener den Namen nicht herausgefunden und Ihnen genannt hat. Solche Leute pflegen doch nicht nur über unſern Kreis, ſondern auch über das, was in demſelben und in der ganzen Geſellſchaft vorgeht und neu auftaucht, oft beſſer unter⸗ richtet zu ſein als wir ſelbſt. Zanken Sie ihn wegen ſeiner Unaufmerkſamkeit aus.“ „Wen meinen Sie, Couſin? Das intereſſirt mich ja ſehr“, verſetzte Dagobert, lebhaft aufblickend.„Noch dazu eine Dame! Ich habe keine Ahnung, wer das ſein könnte.“ „Sie müſſen eine Baronin Reuterholm kennen, die vor gar nicht langer Zeit in der Reſidenz verweilte und doch wohl in unſern Kreiſen verkehrte, da ſie in alle möglichen Zuſtände eingeweiht ſcheint.“ —— 88ͤſſſ 183 Bei dem Namen der Fremden zuckte durch Dago⸗ bert's abgeſpanntes Geſicht ein ſeltſamer, aus Unglauben und Beſtürzung gemiſchter Ausdruck.„Aber was ſagen Sie da?“ rief er, da der Graf ſchwieg.„Die alte Reu⸗ terholm wäre hier, die Abenteurerin? Aber ich dachte doch— Des Grafen Auge ruhte mit einem ſpürenden Blick auf ihm.„Was Sie da ſagen, paßt nicht, Couſin. Ihre Dame kenne ich nicht. Dieſe iſt keinesfalls alt und—“ „Nicht alt und— Reuterholm?“ fiel Dagobert anſcheinend völlig verblüfft ein.„Aber in des Himmels Namen—“ Und nach einer kleinen Pauſe raſch auf⸗ ſehend, fügte er lebhaft hinzu:„Mon dieu, es war auch noch ein Oberſt Reuterholm da—“ „Das wird ihr Mann geweſen ſein“, bemerkte Felix noch immer mit jenem forſchenden Blick.„Sie iſt die Wittwe eines Oberſten.“ „Wittwe? So iſt er todt und vorher verheirathet geweſen? Ich erinnere mich, es hieß einmal ſo, aber — da iſt die Dame am Ende doch eine Bekannte! Sie heißt Hildegard?“ 4 „Das weiß ich nicht“, ſagte der Graf kalt. „Wir dürfen uns nicht mißverſtehen, Couſin! Etwa in der Mitte der Zwanzig, mittelgroß, pikante 184 Schönheit, elegante Erſcheinung, ſpricht ſuperbes Fran⸗ zöſiſch?“ „Das ſtimmt ganz genau“ bemerkte Felix, der jetzt mehr nur noch mit Neugier die eigenthümliche Bewe⸗ gung des Verwandten verfolgte, welche in der That beſonders genug war, um ſelbſt in Gräfin Charlotte ein ſichtbares, an ihr nicht oft zu bemerkendes In⸗ tereſſe zu erwecken, ſodaß ſie ſchweigend, aber aufmerk⸗ ſam dem Geſpräch zuhörte.„Nennen Sie noch dunkle Haare und wirklich ſchöne blaue Augen, ohne ander⸗ weitige beſondere Kennzeichen, endlich zwei ſehr hübſche Kinder, ſo haben Sie das tadelloſeſte Signalement eines der alten ſoliden Paſſeports oder Steckbriefe ge⸗ liefert, das ein pflichteifriger Beamter ſich wünſchen kann. Nur was Sie über Erſcheinung und Tournure ſagen, möchte hier und da Widerſpruch finden; das ſind eben Anſichten. Der Eine möchte ſie vielleicht allzu kalt und hochmüthig heißen, der Andere allzu elegant, trotz der Trauer.“ „Trauer? Der Tauſend, ſie trauert noch. Alſo erſt ſeit kurzem Wittwe?“ ſagte Dagobert noch lebhafter, fügte jedoch ſchon im nächſten Augenblick hörbar herab⸗ geſtimmt, wo nicht mißmuthig hinzu:„Alſo, wenn ſie es iſt, und daran ſcheint ja gar kein Zweifel, dann adien Ruhe und Stille! Ich werde noch heute zu ihr — 185 müſſen und— das iſt eine infernale Geſchichte!“ brach er, wie zu ſich ſelbſt redend, ab. Gräfin Charlotte lächelte.„Nun, Couſin“, meinte ſie ſcherzend,„das heiße ich doch ein effectreiches Auf⸗ treten! Eben noch der müde und theilnahmswerthe Leidende und nun ſchon in ein bedenkliches, vielleicht ſchreckliches Geheimniß verwickelt, das Sie auf⸗ und fortreißt—" „Ach Couſine, ſpotten Sie noch obendrein!“ unter⸗ brach er ſie halb mißmuthig, halb faſt mit einem An⸗ klange von Melancholie.„Der Himmel weiß, ich ſähe mich gern davon verſchont, denn wie ich ſagte, das iſt eine infernale Geſchichte!“ „Von der auf unſern Theil hoffentlich ein wenig mehr als dieſe Lamentationen oder unſere Neugier kommen wird“, ſprach Graf Felix nur anſcheinend lau⸗ nig, denn in ſeinem Auge zeigte ſich eher etwas wie Verdruß und wieder jenes frühere Spüren.„En avant, Couſin! Meine Frau intereſſirt ſich für die Schwarze aus Menſchenliebe, ich um ihrer ausgezeichneten Kennt⸗ niſſe von unſerm Staats⸗ Hof⸗ und Stadtleben willen, kurz, wie Sie ſehen, umfaßt unſere beiderſeitige Theil⸗ nahme ihre geſammte Exiſtenz. Sie werden nicht un⸗ galant und grauſam genug ſein, uns mit Ihrem infer⸗ 186 nalen Geheimniß noch länger zu quälen. Wir ſind ja unter uns.“ Dagobert Othmaringen ſchien inzwiſchen ſeine Faſ⸗ ſung einigermaßen wiedergefunden zu haben, und von der Aufregung blieb nur ſo viel zurück, daß dadurch ſein mattes Auge eine Art von Lebensglanz erhielt und ſich in den nichtsſagenden und durch die Krank⸗ heit noch obendrein erſchlafften Zügen beinahe etwas wie Intelligenz zu zeigen vermochte.„Und dennoch muß ich, wie peinlich mir das iſt, dies Geheimniß einſt⸗ weilen bewahren“, ſagte er, den Kopf wiegend;„es hängt nicht von mir, ſondern von der Dame ſelbſt ab; erhält ſie's, obgleich ich keinen rechten Grund dafür finde, ſo habe ich dagegen nichts einzuwenden. Ich muß wiederholen, daß mir ihre Anweſenheit ſehr über⸗ raſchend und— ich ſage es unter uns, aber unver⸗ hohlen— ſehr peinlich iſt. Daß ſie mich in Anſpruch nimmt, liegt in allerlei frühern Verhältniſſen, und ebenſo, daß ich nicht ausweichen darf. Ich habe aber von einem hieſigen Leben etwas Anderes gewollt und gehofft. Sie ſehen wohl, es handelt ſich für mich nicht um Geſchäfte und Emotionen, ſondern um volle Ruhe; man hat ſein bischen Leben, gleichviel ob es noch zu etwas nütze iſt oder nicht, doch einmal lieb“, fügte er achſelzuckend hinzu. ſ 1 187 „Das macht die Sache in der That denn noch eher ſchlimmer als beſſer“, ſagte Felix in ſeinem frühern launigen Tone, während ſein Auge jedoch den Gaſt wiederum mit einem Intereſſe und einem Ausdruck fixirte oder vielmehr ſtudirte, die für jeden Andern eine ſehr ernſtliche Mahnung enthalten haben würden, vorſichtig und auf der Hut zu ſein, während dieſe für Dagobert freilich auch jetzt noch immer verloren zu gehen ſchien.„Allein nur immer discret, wie vordem mein alter Chef in Paris zu mahnen liebte, obgleich er ſelbſt der indiscreteſte Menſch von der Welt war. Zweierlei wird aber hoffentlich unter dieſer Discretion nicht leiden: die menſchenfreundliche Neugier Charlottens — lache Du nur!“ unterbrach er ſich, da er die Gräfin allerdings lächelnd den Kopf ſchütteln ſah, mit gut⸗ müthigem Spott,„Du intereſſirſt Dich mehr für dieſe ſtille, finſtere, geheimnißvolle Erſcheinung, als Du es kund gibſt! Alſo hübſch rund und gerade, Couſin: ſind unſere Nachrichten über die Dame und ihre Vergangen⸗ heit richtig und macht dieſe Vergangenheit keine Ein⸗ wendungen gegen das menſchenfreundliche Intereſſe?“ Dagobert ſah von Felix auf die Gräfin mit dem Ausdruck einer gewiſſen treuherzigen Wahrhaftigkeit. „Ich verſtehe“, erwiderte er,„und ich gebe zu, daß Er⸗ ſcheinung und Lebensweiſe der Baronin, wie ich ſie mir etwa denke, dergleichen Fragen und ein ſolches Miß⸗ grrauen rechtfertigen muß—“ 3„Welches, beiläufig geſagt, nicht das meine iſt, ſon⸗* dern nur das des Grafen“, unterbrach ihn Charlotte plötzlich mit einer Kälte, als ob ihr die Wendung, die das Geſpräch genommen, nicht eben gefalle, ja ſie er⸗ hob ſich auch zugleich.„Ich ſehe und weiß keinen einzigen Grund zum Zweifeln oder Mißtrauen für mich.“ „Das entſpricht ganz Ihrem großen und gütigen Herzen, meine Couſine“, verſetzte Dagobert mit einer Verbeugung.„Und Sie haben auch in der Hauptſache gewiß Recht, obgleich der Couſin, das Aeußere ange⸗ ſehen, gleichfalls nicht im Unrecht ſein mag. Die Dame, wenn ſie es iſt, die ich meine, iſt mir längſt aus den Augen gekommen. Sie erwähnten eines neuer⸗ lichen Aufenthalts bei uns— davon iſt mir nichts be⸗ kannt. Was ich indeſſen von früher, da ſie noch un⸗ verheirathet war, von ihr weiß, iſt das Beſte, und wenn nicht ſeitdem etwas Neues, Bedenkliches dazu ge⸗ kommen iſt, wüßte ich in ihrem Leben nichts, das ihren Umgang für irgend Jemand unerwünſcht machen könnte. Im Gegentheil, ſie hat, wenn ſie anders ſelbſt den⸗ ſelben ſucht, Alles, was ihn intereſſant zu machen ver⸗ mag. Kurz“— er lächelte den Grafen faſt mit einer Art von Pfiffigkeit an—„da ſteckt das Geheimniß nicht.“ 189 Charlotte wandte ſich ab und trat, den breiten Sommerhut vom Tiſch nehmend, den das Klima ſchon unentbehrlich machte, in die Veranda hinaus. Dago⸗ bert ſah ihr mit einem Zlick nach, der, wenn ſein Herz dergleichen überhaupt zu empfinden und ſein Auge es wiederzuſpiegeln vermochte, wohl ein bewundernder ge⸗ heißen werden mußte. „Couſin“, ſprach er endlich mit einem melancholi⸗ ſchen Kopfſchütteln und ſogar mit etwas wie einem Seufzer,„ich nehme ſogleich Verwandtenrechte in An⸗ ſpruch: was für ein beneidenswerther Mann Sie ſind! 8 Geſund, reich, frei wie der Vogel, an einem Platz wie . dieſer hier— ich weiß ſonſt wenig von dergleichen, aber dieſe Natur hat es auch mir ſchon angethan!— und im Beſitz eines Kleinods, wie meine Couſine! Ich begreife, daß Sie Charlotte niemals in unſere kleinen armen Kreiſe führen mochten, ſie iſt wahrhaftig zu gut und ſchön für ſie!“ „Ei, ſieh da, ich habe Sie gar nicht als ſo enthu⸗ ſiaſtiſch gekannt“, verſetzte Felix ſpottend und doch mit einer gewiſſen Ungeduld.„Meine Frau iſt allerdings nicht geeignet für jene Kreiſe und jenes Leben, denen 6 auch ich, wenn ich ſie vordem gekannt hätte, wie jetzt, wohlweislich fern geblieben ſein würde und von denen ich nun hoffentlich für immer frei bleiben darf. Aber “ laſſen wir das. Mich intereſſirt augenblicklich noch unſere trauernde Dame. Alſo ſie war, wie es ſcheint, nur kurze Zeit bei uns und dennoch dieſe genaue Kenntniß — denn die beſitzt ſie!— von allen möglichen Ver⸗ hältniſſen und Perſönlichkeiten?“ „Bei uns? Ich ſagte ſchon, ich weiß nichts davon“, ſagte Dagobert.„Sie wird etwa in S. geweſen ſein, und bei der genauen Verbindung zwiſchen dem dortigen Hofe— „Mir aber auch etwas Neues“, entgegnete Felix⸗ „Ich bin eben außer Curs geſetzt, und ich geſtehe“, fügte er in einem gewiſſen kalten Tone hinzu,„daß, was mich ſeit Jahr und Tag hier beſchäftigte, mich allerdings nicht viel nach den heimiſchen Verhältniſſen fragen ließ. Daheim hat man darin, wie es ſcheint, ein Zuviel gefunden; nach Belieben, mir iſt meine jetzige Muße ſchon recht. Nur allerdings überraſchte mich der plötzliche Wechſel in der Beurtheilung dieſer Vorgänge und machte mich, ich geſtehe es, neugierig. Hätte ich freilich gewußt, was ich jetzt weiß, ſo würde mir Alles ſehr natürlich erſchienen ſein. Alſo Excellenz von Oth⸗ maringen übernimmt von neuem das Portefeuille?“ „Soviel ich weiß, ſind die Unterhandlungen noch im Gange. Mein Vater äußert ſich über ſo etwas nicht leicht, am wenigſten gegen mich, der ich— wir ———O 191 ſind ja unter uns, Couſin!— obendrein mich nicht gerade ſeines Vertrauens rühmen kann. Sie wiſſen wohl, wie dergleichen geht. Alte und junge Augen ſehen die Dinge meiſtens ſehr verſchieden an, und da können am Ende kleine Differenzen nicht ganz aus⸗ bleiben.“— „Alle Achtung vor Ihrer Zurückhaltung, Couſin! Hoffentlich werden Sie dieſelbe aber nicht auch für die öffentlichen Verhältniſſe aufrecht erhalten und es gleich meinen Correſpondenten machen, die entweder gar nicht ſchreiben oder ſich mit einer— heiß' ich es: Vorſicht? äußern, die—“ „Die bei unſern Zuſtänden völlig natürlich, ja noth⸗ wendig iſt“, fiel Dagobert achſelzuckend ein. „Das läßt ſich allenfalls begreifen. Allein gerade dieſe Zuſtände ſelbſt, die dergleichen nöthig machen, darüber möchte ich gern ein wenig mehr erfahren, als die Geſellſchaftsplaudereien und Gerüchte der Reuter⸗ holm zu bieten vermochten.“ „Und da überfragen Sie mich durchaus. Ich könnte gleichfalls nur das Gleiche mittheilen“, ſagte Dagobert, dem Blick des Grafen mit mehr Feſtigkeit begegnend als bisher. „Ich bitte um Verzeihung“, ſprach Felix froſtig und ſtand auf. 192 „Sachte, Couſin, ſachte!“ verſetzte der Andere in beſchwichtigendem Ton;„Sie thun mir entſchieden Unrecht, wenn Sie an mein Wollen denken, wo doch nur von meinem Können die Rede iſt.“ „Bah, der vertraute und begünſtigte Adjutant des Erbprinzen!“ „Wieder ein Irrthum.“ Und nachdem er ſich, wie es ſchien, mit Vorſicht umgeſehen, trat er nahe an den Grafen und fuhr gedämpft fort:„Ich ſagte nicht um⸗ ſonſt noch in Rückſicht auf Andere von der nöthigen Vorſicht; ich finde ſie für mich vielleicht noch noth⸗ wendiger als für irgend einen Andern, hier ebenſo gut wie daheim, und ich empfehle ſie auch Ihnen, Couſin, falls Sie nicht für immer ſich von uns trennen oder ſchon getrennt haben. Ich nehme jene Stellung aller⸗ dings auch heute noch ein, das heißt, dem Titel nach, in Wirklichkeit aber und beſonders was das Vertrauen und die Gunſt Seiner Hoheit angeht, ſchon ſeit— ſeit — nun, ſage ich, ſeit Jahr und Tag nicht mehr. Mein Nachfolger in der äußerlichen Gunſt— ob im Ver⸗ trauen gleichfalls, von dem beiläufig geſagt auch bei mir, wenigſtens in Ihrem Sinne, kaum jemals die Rede war, das weiß ich nicht!— iſt ein alter Freund von mir, ein Hauptmann Bennet, früher ein braver Junge, jetzt— wir ſind auseinander gekommen, ohne einen be⸗ “ 193 ſtimmten Grund, ja ohne daß es eigentlich den An⸗ ſchein hat. Sie verſtehen mich, Couſin.“ „Aber was iſt denn zwiſchen Sie und den Prinzen gekommen? Sie waren doch unzertrennlich!“ „Weiß ich das, Couſin? Iſt überhaupt etwas zwi⸗ ſchen uns als vielleicht ein momentanes Verlangen nach etwas Neuem, die richtige oder eingebildete Einſicht, daß ich zu dieſem oder dem nicht geeigenſchaftet bin? Eine Laune, ein— Gott weiß was? Seine Hoheit ſind in gewiſſen Richtungen völlig undurchdringlich und nicht minder unberechenbar. Es kann ſehr wohl ſein, daß man mir morgen meine Entlaſſung nachſchickt; ebenſo aber auch, daß ich die Ordre erhalte, augen⸗ blicklich nach Hauſe und in meinen Seiner Hoheit un⸗ entbehrlichen Dienſt zurückzukehren. Darum bin ich ſelber, ſind wir alle ſo vorſichtig, und daher“— er ſah ſich von neuem forſchend um—„mahne ich auch Sie dazu. Es wäre geradezu gefährlich, wenn Seine Hoheit er⸗ führen, daß unſereiner ein ſolches Urtheil hat und ſich auszuſprechen erlaubt. Man iſt einmal am Ruder.“ Felir ſah ihn einige Augenblicke zweifelnd an, dann machte er eine eigenthümliche Bewegung mit dem Kopf nach oben und fragte:„Es iſt dort alſo wirklich Alles zu Ende?“ „Es ſcheint faſt ſo“, antwortete Dagobert leiſe. Hoefer, In der Welt verloren. II.. 13 ——õ— 194 „Die Fürſtin liegt auf den Tod?“ „Wir haben ſie den ganzen Winter nicht mehr ge⸗ ſehen, und von ihrem Einfluß iſt“— er machte eine bemerkbare Pauſe—„nichts mehr zu ſpüren geweſen. Das iſt richtig.“ „Und der Fürſt? Iſt er entſchloſſen zu abdiciren?“ Dagobert ſah ſich zum dritten Mal und noch vor⸗ ſichtiger um und erwiderte erſt nach einem ſichtbaren Zögern:„Davon weiß Niemand etwas, denn Sere⸗ niſſimus redet mit Niemand, ja er redet überhaupt faſt gar nicht mehr. Er hört die Vorträge und unter⸗ zeichnet, das iſt Alles. Soll ich eine, meine Privat⸗ meinung äußern, ſo möchte ich ſagen: es wird ihm nichts Anderes übrig bleiben. Wenn Sie auch bei uns eigentlich nie gelebt haben, ſo werden Sie dieſe Ver⸗ hältniſſe doch ungefähr kennen; Sereniſſimus hat im Grunde ſchon längſt nur noch durch und für die Fürſtin gelebt und ebenſo durch ſie regiert. Da verſteht ſich Alles von ſelbſt.“ Nach einer langen Pauſe ſagte der Graf nach⸗ denklich:„Nun alſo Prinz Hermann— Sereniſſimus in spe—“2 Auf Dagobert's Geſicht prägte ſich ein gewiſſes Unbehagen aus, als er ſchnell entgegnete:„Mit dem, dächte ich, wären wir fertig.“ 195 „Ich will Sie gewiß nicht peinigen, Couſin, ob⸗ gleich ich in Wahrheit nicht begreife, was Sie hier fürchten und weshalb Sie ſo vorſichtig ſein zu müſſen glauben. Sie werden mir wohl zutrauen, daß ich meine Augen und Ohren offen halte, auch wenn ich mit die⸗ ſen Dingen nichts mehr zu thun habe. Es iſt nicht ein Menſch hier, der ſich ernſtlich dafür intereſſirt, ge⸗ ſchweige denn in wirklichen Beziehungen zu den dortigen Perſonen ſteht. Sie haben ſich wohl kaum viel um dergleichen bekümmert, zumal Sie ja ſelber bekennen, daß Sie bei dem Herrn Papa nicht gerade in Gnade ſtehen. Alſo will ich nur das Eine ſagen: die Rolle, die wir ſpielen konnten und einige Zeit lang auch wirklich geſpielt haben, iſt völlig zu Ende, und wenn wir überhaupt noch irgend eine Stimme im europäiſchen Concert haben, ſo iſt es die eines Choriſten; und wenn man uns überhaupt noch beachtet, ſo iſt es allenfalls um der Grimaſſen oder der Anſprüche willen, über die man lacht oder die Achſeln zuckt. Gegen dieſe Erkenntniß habe ich ſelber mich verſchloſſen, ſolange es mög⸗ lich war“, fuhr er mit einem Ernſt fort, der ihm faſt etwas wie Würde verlieh,„das heißt, bis man mich in Neapel zuerſt ohne Inſtructionen und hernach im Stich ließ, und ich würde es niemals ausſprechen oder zugeſtehen, wäre ich noch im Dienſt oder hielte ich eine 13* 196 Beſſerung für möglich. Beides iſt nicht der Fall, und allen Reſpekt vor Ihrem Vater und vor dem Prinzen, aber auch ſie werden das Unmögliche nicht möglich machen, ganz abgeſehen von ihren mir unbekannten Abſichten. Das iſt mein unumwundenes Glaubensbe⸗ kenntniß“, redete er in leichterem Tone weiter, ohne von dem Ausdruck einer an Conſternation grenzenden Ueber⸗ raſchung Notiz zu nehmen, der, je länger, deſto deutlicher, ja man möchte faſt ſagen: komiſcher in Dagobert’s Zügen erſchien.„Nach dieſen Dingen und Ausſichten frage ich nicht. Ich weiß darüber mehr, als mir lieb iſt, und auch, als Sie mir zu ſagen vermögen. Ich frage nur nach Privatverhältniſſen, an denen mir, ſo ſehr ich auch von der Heimat— ſchönes Wort!— losgelöſt bin, dennoch ein wenig mehr liegt. Und da hoffe ich auf Antwort; ich wiederhole es, wir ſind hier nicht blos in der Villa Marina, ſondern auch in dem ganzen Ort unter uns, Couſin.“ „Alſo, zum Exempel?“ ſagte Dagobert achſelzuckend und die ſchon wieder matten Augen zum Grafen er⸗ hebend. „Zum Exempel: wird der Prinz ſeine Abneigung gegen eine Verheirathung auch jetzt noch nicht beſiegen? Hat man gar keine Spuren?“ Dagobert ſchüttelte leiſe den Kopf.„Ich ſagte ſchon, 197 Seine Hoheit ſeien undurchdringlich und unberechenbar. Das gilt bei dieſem Punkt mehr als bei irgend einem andern. Daß die Frage natürlich iſt, gebe ich zu, aber meine und aller Antwort bleibt auch heute noch: man weiß gar nichts.“ „Hat die Brodowska einen Einfluß, der ſich auch auf dieſen Punkt erſtrecken möchte?“ „Ich müßte eigentlich wieder ſagen: das weiß kein Menſch, aber ich habe meine beſondern Gründe, anzu⸗ nehmen und zu antworten: Nein.“ „Und dieſe Gründe? Seien Sie ein einzig Mal offen, Couſin! Mir liegt viel daran.“ Wir müſſen ſchon einmal wieder ſagen: wäre Da⸗ gobert, wäre ſein Auge, wäre die Ausdrucksfähigkeit ſeiner Züge anders geweſen, ſo hätte man den Blick, mit dem er den Verwandten ein paar Sekunden lang gewiſſermaßen fixirte, wohl für einen mißtrauiſchen halten dürfen, während Felix jetzt aus ihm nur ein gewiſſes Zögern erkennen zu müſſen glaubte und in dieſer Annahme durch das Schweigen beſtärkt wurde, welches erſt nach einer längern Pauſe gebrochen wurde. „Nun gut, Couſin“, ſagte Dagobert,„die ſchöpfe ich aus meiner Kenntniß der Perſonen und ihres Charak⸗ ters. Eleonore Beringen iſt, wie und was ſie auch ſonſt ſein mag, viel zu ſehr die reine Lavalliere, ſchüch⸗ 198 tern, beſcheiden, anſpruchslos und entſagend, als daß ſie jemals verſuchen ſollte, im Sinne Ihrer Frage zu wirken. Und Seine Hoheit ſind viel zu unzugänglich und viel zu— kaltblütig verſtändig, um irgend Jemand einen beſtimmenden Einfluß zu geſtatten oder ſich gar durch irgend welche Gefühle oder ſogenannte Verpflich⸗ tungen für gebunden zu halten. Darin glaube ich mich nicht zu irren.“ „Ich danke Ihnen, mein beſter Couſin“, ſprach Felix erſichtlich befriedigt;„das iſt eine ſehr genügende Ant⸗ wort. Und nun erlauben Sie mir noch eine, die letzte Frage: was iſt an dem Gerücht, das mir gleichfalls durch die Schwarze zukam, von ernſten Mißhelligkeiten zwiſchen der Prinzeß Conſtanze und—“ Der Eintritt des Dieners ließ ihn inne halten. Der Diener des Herrn Barons von Othmaringen ſtehe draußen mit zwei Briefen, die eben von einem durch⸗ eilenden Kurier für ihn und für den Herrn Grafen von Eylingshauſen abgegeben worden ſeien und die größte Eile verlangten. Der Kurier würde ſie per⸗ ſönlich übergeben haben, hätte er ſie nicht ſicher gewußt in der Hand des Dieners. „Da haben wir's, Vetter!“ ſprach Dagobert ganz kleinmüthig.„Was hab' ich Ihnen geſagt? Man iſt des heutigen Tags nicht ſicher! Und noch dazu von 199 Hoheit eigenhändig!“ fügte er hinzu, das Schreiben in der Hand herumdrehend. Währenddeſſen hatte Graf Felix ſein Packet, denn ein ſolches war es, mehr als ein Brief, bereits eröffnet und eins der darin enthaltenen Schriftſtücke raſch mit den Augen durchlaufen. Er legte es jetzt mit den übrigen uneröffneten auf den Tiſch, wandte den Blick auf ſeinen Geſellſchafter und ſagte nach einer kleinen Pauſe:„Nun?“ Dagobert faltete ſeinen Brief gleichfalls zuſammen und reichte ihn dem Grafen hin.„Leſen Sie, Couſin, ich verſtehe dies nicht recht. Nichts als die Anzeige, daß er die Regierung wirklich übernommen habe, mich vermiſſe, mich bald daheim zu ſehen wünſche. So freundſchaftlich— foi de gentilhomme, es beglückt mich, aber es überraſcht mich auch! Ich ahnte das nicht! Ich ſagte Ihnen ja vorhin von Bennet. Dann ſoll ich Sie zur Eile mahnen— hm, man kennt alſo Ihren Aufenthalt, während ich keine Ahnung davon hatte.“ Felix lachte ſpöttiſch.„Das geht zuweilen ſo, mein Lieber! Alſo das Ihre Depeſche; die meine: ein zärt⸗ licher Brief Ihres lieben Papas, ſeine erſte Amtshand⸗ lung auf ausdrücklichen Befehl Seiner Hoheit, meine Ernennung zum Geſandten in*us, augenblickliche Ab⸗ 200 reiſe, Route über unſere ſchöne Reſidenz, ſehr intereſ⸗ ſante Conferenzen dort— entzückend, ſag' ich Ihnen!“ Dem Gaſt ſchien dieſe Weiſe einigermaßen unheim⸗ lich zu ſein. Er verzog die Schultern ein wenig und bemerkte in unſicherem Ton:„Ihre Worte, Couſin, und Ihr Weſen— dieſer glänzende Auftrag—“ „Scheint mich kalt zu laſſen?“ unterbrach Felix ihn mit einer— man hätte ſagen mögen: ceremoniöſen Fro⸗ ſtigkeit.„Behüte Gott! Er macht mich nur ganz un⸗ glücklich, da ich ihn trotz alles Glanzes ablehnen muß. Ich weiß es voraus, daß die Gräfin ſich ihm auf das entſchiedenſte widerſetzen würde. Sie erfreut ſich und bedarf der hieſigen Ruhe, und ich habe alle Veran⸗ laſſung, ihr dieſelbe zu gönnen, ganz abgeſehen davon, daß ich den Dienſt auch ſelber ſatt habe.“ Dagobert ſchien von neuem völlig conſternirt zu ſein. Er ſeufzte und ſchüttelte den Kopf und ſchaute den Grafen ganz vorwurfsvoll an.„Aber, Couſin, ich bitte Sie“, meinte er endlich,„ein ſo glänzender Antrag! ns iſt reizend, die Geſellſchaft die angenehmſte von der Welt. Ich war damals in Begleitung Seiner Hoheit da. Mon dieu, was mir einfällt! Die zweite Prinzeß ſoll entzückend ſein; wenn Seine Hoheit am Ende— hm!— und Sie der Vermittler—“ „Ich würde neben meinem ſchmerzlichen Bedauern — ——-- 201 alſo auch noch meinen tief empfundenen Glückwunſch auf— wie heißt man das?— auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen haben?“ „Couſin, und mein Auftrag von Seiner— von Sereniſſimus? Er iſt ſo empfindlich!“ „Das thut mir leid, Vetter Dagobert, aber ich kann dabei nichts thun. C'est fini, ich trete nicht wieder in Dienſt. Schreiben Sie das als Antwort.“ Zehntes Kapitel. Löſungen und Verwickelungen. Obgleich Dagobert Othmaringen, wie wir ihm wohl glauben müſſen, von ſeines Vetters ſchneller und be⸗ ſtimmter Entſcheidung und der Ablehnung der aller⸗ höchſten Gnade als loyaler Unterthan ſelbſtverſtändlich auf das äußerſte beſtürzt, ja ſo zu ſagen völlig confus gemacht war, da das Vernommene und Erlebte Allem widerſprach, was er einem Mann von der Lebens⸗ und Dienſtſtellung des Grafen und vor allem Felix Eylings⸗ hauſen ſelber zugetraut hatte, vergaß er darüber doch nicht der andern,„infernalen“ Ueberraſchung, welche ihm am heutigen Morgen geworden, und das erſte Wort, welches er nach ſeinem Abſchied von Felix auf der Straße an den ihn zurückbegleitenden Diener richtete, 203 war ein nichts weniger als krankhaftes:„Soll Dich der Teufel holen, Du Dummkopf! Wozu laſſe ich Dich die Fremdenliſten leſen, wenn Du die Hauptperſon über⸗ ſiehſt?“ „Hauptperſon? Ueberſehen? Ich kann's bei Gott beſchwören, daß ich außer denen da hinter uns nicht einen bekannten Namen gefunden habe“, ſagte der Menſch in einem Tone, der den ihm gewordenen Titel bei weitem weniger als einen entgegengeſetzten rechtfertigte. „So, Du Dummkopf?“ beharrte inzwiſchen ſein Gebieter womöglich noch ärgerlicher.„Alſo die Baro⸗ nin Reuterholm iſt Dir ein unbekannter Name? Aber ich weiß ſchon: anſtatt in das Blatt zu ſehen, haſt Du über Kammer⸗ und Küchenjungfern Inſpection gehalten! Aber ich will Dir ſagen“, fuhr er hörbar ſehr erzürnt fort,„wenn dieſer verdammliche Leichtſinn unbeſieglich iſt, wenn Du vergißt, was ſich für den aufmerkſamen Diener eines Kranken ſchickt, und Du mich noch einmal in Verlegenheit bringſt, ſo packſt Du ein und reiſeſt nach Hauſe und dienſt, ſtatt bei mir, hübſch wieder im Regiment. Darauf verlaſſe Dich.“ Der Diener fühlte ſich erſichtlich nicht ſehr beäng⸗ ſtigt.„Der Herr Major ſollten ſich wirklich nicht ſo echauffiren“, ſagte er beſchwichtigend.„Der alte Medi⸗ cinalrath hat mir's aufs Gewiſſen gebunden. Und nun gar ſo hart gegen mich! Kammerjungfern⸗Inſpection — na, es hat ſich was. Affen oder Hexen, Herr Major, nichts weiter!— Alſo Baronin Reuterholm— iſt's Ernſt, Herr Major? Nun, da hat eine Nummer gefehlt! Aber wie um Gotteswillen kommt die alte— Dame hierher?“ „Alte Dame? Narr, es iſt ja nicht die alte!“ grollte Dagobert. „Nicht die alte? Ja, aber— von einer jungen weiß ich kein Wort“, verſetzte der Diener verwundert. „Dummkopf, verwünſchter! Kannſt Du denn nicht an den Oberſten denken und wer's mit ihm hielt und auf ihn abgeſehen hatte?“ „Wa— was?“ ſagte der Diener, erſichtlich ganz conſternirt.„Es iſt das gnädige— alſo? Und die hat den Namen und iſt hier? Na, da iſt der alte Menſch vorhin doch richtig der Friedrich geweſenſl Es kam mir ſo vor, aber wie bei allen Heiligen und Sündern hätte ich an ſeine ſolche Geſchichte denken ſollen? Na, ich ſage! Das iſt ein toller Einfall!“ Dagobert's Zorn hatte ſich währenddeſſen mehr und mehr verloren. Er war nachdenklich geworden und zwar ſo ſehr, daß er, als der Diener jetzt ſchwieg, noch eine ziemliche Zeit mit ſeiner Antwort zögerte.„Ein toller Einfall?“ wiederholte er endlich.„Nein, ein 205 geradezu räthſelhafter oder gar völlig wahnſinniger!— Das mit der fehlenden Nummer läßt ſich übrigens hören— von Ordnung iſt da keine Rede. Hm! Alſo den Friedrich haſt Du erkannt? Es iſt der helle Wahn⸗ ſinn, ſage ich!“ „Na, ſehen der Herr Major, da hätten wir das Fremdenblatt nicht zu ſtudiren brauchen“, ſagte der Diener mit bekräftigendem Kopfnicken.„Wenn andere Bekannte hier wären, hätten wir das gnädige Fr— die Frau Baronin, wollt' ich ſagen, nicht getroffen, meine ich, und alſo iſt ſie auch dem Herrn Grafen da oben nicht bekannt? Das iſt mir doch eigentlich kurios, muß ich ſagen.“ „Weshalb kurios, Du Narr? Contraire, das iſt ganz natürlich“, verſetzte der Herr mit einer Art von Un⸗ geduld, als ob er ſich nur ungern ſeinen Gedanken entzogen ſähe.„Wenn ſie ſich früher begegneten— ich weiß nicht einmal, ob das anderswo als einmal in Baden geſchah— ſo iſt das ſo lange her, daß von kei⸗ nem Wiedererkennen ſeinerſeits die Rede ſein kann. Hernach, da er bei uns auf- und eintrat, war ſie ſchon abgereiſt.— Auch was Du von Andern ſagſt, die hier fehlen ſollen, iſt nichts, nichts! Iſt's glaublich, daß Niemand hier ſein ſollte oder noch anlangte, der von ihr weiß und erfahren hat? Kurz, der helle Wahn⸗ ———-—-———õÿ—yy 206 ſinn! Und ſo ſehr ich auch dies Alles und die Noth⸗ wendigkeit meines Verkehrs mit ihr verwünſche“, fügte er verdroſſen hinzu,„neugierig bin ich doch auf die Erklärung!— Beſtelle uns alſo ein paar Eſel, gleich nach dem Diner. Du begleiteſt mich natürlich. Aber wenn Du auch nur hauchſt davon, Du Dumm⸗ kopf—“ „Na, Herr Baron, ich meine doch mein Examen im Schweigen beſtanden zu haben“, verſetzte der Diener achſelzuckend.„Aber was ich ſagen wollte: alſo kennen der Herr Baron ſchon die Wohnung, und die Frau Baronin ſind auch bereits beim Herrn Grafen bekannt? Das iſt doch—“ „Das iſt leider Gottes ſehr natürlich, Du Narr“, unterbrach Dagobert ihn noch ungeduldiger.„Sie treibt es danach, ſcheint's, und das gehört auch dazu. Nun aber laß uns eilen. Die Sonne brennt abſcheulich. Ich fühle mich marode.“ Am Nachmittag, nach dem Diner, das Herr von Othmaringen ein wenig früher, als es hier zu geſchehen pflegte, und gemäß ſeinem leidenden Zuſtande auf ſei⸗ nem Zimmer einnahm, gönnte er ſich in der That nur noch eine ganz kurze Ruhe, und während die vornehme Welt zu Tiſche ſaß, ritt er mit dem Diener, den wir als ſimples Landeskind auch nur ganz einfach Chriſtoph 207 heißen können, langſam die Straße wieder hinauf, nur diesmal nicht an der Villa Marina vorüber, ſondern von der entgegengeſetzten Seite her, wo ſie freilich ein wenig ſteiler und der Weg ein längerer war. Es war, wie wir wiſſen, noch ſehr früh im Jahre, die Tage aber zeigten ſich alle gleich ſonnig und ſchön, wie man das zu heißen pflegt, und die Hitze auf der nur mäßig beſchatteten Straße erreichte bereits einen Grad, welcher ſie zu dieſer Stunde der vollen Nachmit⸗ tagsſonne ganz und gar vereinſamte. Sogar Dagobert ſeufzte von neuem und trotz des Schirms, mit dem er ſein Haupt ſchützte, über ſolche Tageslaſt und die Schwere des Daſeins und verwünſchte die hieſige Sitte, ſeine Wohnung nicht drunten im Thal und am Strande, ſondern an der Berglehne droben zu ſuchen; und Mon⸗ . ſieur Chriſtoph, der gleichfalls bedeutend ſchwitzte und 1 die Hitze vergeblich auszublaſen ſuchte, erlaubte ſich die unſchuldige Bemerkung, daß dieſer Spazierritt doch ein höchſt gewagtes und bedenkliches Unternehmen bleibe, weil man ja gar nicht einmal wiſſe, ob die Heim⸗ zuſuchende überhaupt nur daheim gefunden werde. Herr von Othmaringen war indeſſen zu keiner Un⸗ terhaltung aufgelegt, ſondern wies den vorlauten Die⸗ ner mit einem mürriſchen:„Das wäre mir gerade recht. Sehen werde ich ſie noch oft genug!“ zur Ruhe. 208 „Häufiger, als mir lieb und geſund“, fügte. er nach einigen weitern Schritten, ſich die Stirne trocknend, hinzu.„Denn dem Wege nach zu ſchließen muß dieſe Campagne— was für ein verrückter Name für ein Bauernhaus!— eine Art von Hölle ſein!“ Ein Bauernhaus war es nun freilich nicht, das Frau von Reuterholm ſich zum Aufenthalt erwählt hatte, ſondern eins von jenen, wenn auch noch ſo ſchlichten, doch immer geſchmackvollen, mit einer Art von künſt⸗ leriſchem Sinn angelegten und auch mit künſtleriſcher Benutzung der Umgebung ausgeführten Bauwerke, wie man ihnen in dieſen ſüdlichen Gegenden überall begeg⸗ nen kann und das Auge ſich ihrer erfreuen laſſen darf. Hier, wo man bei der Anlage oder dem Ausbau oben⸗ drein die Fremden im Auge gehabt hatte, fehlte es „auch nicht an einer gewiſſen Zierlichkeit, und die üppige Vegetation, welche die kleine Anſiedelung rings umgab und ſo zu ſagen einhüllte, ließ ſie wie ein ſtilles Neſt erſcheinen, in dem ſich auch die Verwöhnten und An⸗ ſpruchsvollen nicht ganz unbehaglich zu fühlen brauchten und das trotz ſeines Platzes faſt im Hintergrunde des Thalbogens ſeinen Inſaſſen den nachhaltigſten Schutz gegen die Sommerglut verſprach. Als der kleine Trupp herankam, lag Alles umher in einem beinahe mittäglichen Schweigen, und trotz der 209 prächtigen Wipfel, welche ſich über dem Landhauſe wiegten, und trotz der üppig grünenden Anpflanzungen, welche ſich ſeitwärts und hinterwärts zeigten, waren ſelbſt die Rufe der Vögel nur vereinzelt und ſelten zu vernehmen. Man weiß ja, daß die armen Geſchöpfe in dieſen Gegenden noch viel erbarmungsloſer verfolgt werden als in unſerm guten Deutſchland. Nun jedoch, als ſie vollends an die Umfaſſung des Grundſtücks gelangten, ließen ſich vom Berg herunter, der ſich hin⸗ terwärts, wie überall hier, in mehreren Terraſſen erhob, gedämpfte Kinderſtimmen hören, und Dagobert mur⸗ melte, ſeinen Schirm zuſammenfaltend, ein ſchier ver⸗ drießliches:„Alſo richtig zu Hauſe!“ Der Ruf der Glocke, denn das Thor war geſchloſſen, hatte erſt nach mehrmaliger Wiederholung den Erfolg, daß eine nichts weniger als zierliche und ſaubere ein⸗ heimiſche Magd ſichtbar wurde, welche weder Luſt noch Fähigkeit zu haben ſchien, den Wunſch der Fremden zu verſtehen, geſchweige denn ſich in ihrer Antwort ihnen verſtändlich zu machen. Alles, was man von den Aeu⸗ ßerungen der Unhöflichen, welche nur durch ſtets erneute Anrufe von einem Rückzuge ins Haus abgehalten werden konnte, ungefähr zu begreifen vermochte, war die Erklärung, daß das Haus vermiethet ſei und kein Fremder mehr aufgenommen werde. Und erſt als Dago⸗ Hoefer, In der Welt verloren. II. 14 210 bert gereizt und heftig den Namen Reuterholm ihr zurief, ſchien ſie zu einer Art von Einſicht zu gelangen, erklärte nun aber um ſo hartnäckiger, daß die Signora keine Beſuche annehme, auch gar nicht einmal da⸗ heim ſei. Als Dagobert ſich hierauf ein wenig rathlos und verzweiflungsvoll umſchaute, erblickte er glücklicherweiſe an der nur halb geöffneten Thür des Hauſes etwas wie den Kopf eines vorſichtig Spähenden und Lauſchenden und rief aufs Gerathewohl ein gebieteriſches:„Friedrich, wird's bald?“ hinüber. Der Kopf fuhr zurück, im nächſten Augenblick jedoch zeigte ſich der alte Diener in der Thür und kam erſichtlich widerwillig und mit miß⸗ trauiſchem Blick die Gruppe muſternd heran. „Wer ruft denn da meinen Namen?“ fragte er noch ziemlich mürriſch. Da aber Dagobert ihm in dieſem Moment ſein Geſicht zuwandte— man hätte faſt glauben mögen, dieſe Bewegung ſei berechnet geweſen— und ein barſches:„Ich, Burſche!“ zurückrief, ſo prallte der Mann mit einer an Schreck grenzenden Ueber⸗ raſchung zurück und vermochte kaum ein bebendes:„Aber, Gott meines Lebens, Euer Gnaden, wie kommen Sie hierher?“ laut werden zu laſſen. „Vor allen Dingen mache das Thor auf, Dumm⸗ kopf“, verſetzte der Herr mit grimmigem Blick und Ton; 211 „ich habe hier lange genug geſchmort und mich mit der Beſtie da herumgeplagt.“ Und als der alte Diener das Thor geöffnet— that er's ungern oder machte nur der vorausgegangene Schrecken ſeine Hand noch ſo lang⸗ ſam?— trieb er ſein Thier auf den kleinen Vorhof, ſtieg ab, warf die Zügel dem Treiber zu und wandte ſich dann erſt wieder an den Alten.„Nun alſo vorwärts! Wo werde ich das Glück haben, die Frau Baronin zu treffen?“ „Die gnädige Frau ſind in Ihrem Kabinet und haben jede Störung verboten, weil Sie zu ſchreiben hätten“, ſagte Friedrich noch immer faſt ohne Faſſung.„Für den Herrn— Baron“, fügte er, auf einen für das ſonſt ſo ſtumpfe Auge Dagobert's überraſchend ausdrucksvollen, böſen Blick plötzlich abbrechend, nach einem ſekunden⸗ langen Zögern hinzu,„gilt das natürlich nicht. Wie konnte die gnädige Frau das ahnen! Ich will den Herrn Baron ſogleich melden.“ „Melden? Komm Du nur, Du Narr, und bringe mich bis an die Thür, das Andere iſt meine Sache, verſetzte Dagobert ſcharf ſpottend und mit einem Schritte vorwärts.„Sollte ich mir etwa dieſe ſchöne Ueber⸗ raſchung ſtehlen laſſen?“ „Aber, Herr Baron“, bat der Diener faſt ängſtlich, „die gnädige Frau erſchrecken bis auf den Tod und— 14* 212 und— Euer Gnaden kennen ſie ja, ſie iſt ſehr ſtreng gegen unſereinen, wenn man ſich nicht an ihre Befehle hält.“ Dagobert lächelte, oder vielmehr war es eine Art von Grinſen, das ſein hageres Geſicht durchzuckte, als er erwiderte:„Nur immer vorwärts, alter Haſe! Das Glück dieſes Wiederſehens tödtet nicht, noch läßt es ihr Herz ſtreng bleiben. Uebrigens werde ich Dich ver⸗ treten.“ Und damit ſchritt er vor, gegen die Thür, die Stufen hinauf und trat in eine ſchattige, kühle kleine Halle. Der Diener führte ihn eine Treppe hinauf und deutete auf eine Thür im Hintergrunde des kleinen Flurs.„Bitte, bitte“, flüſterte er dann,„laſſen Sie mich Sie melden, Herr Baron! Ihre Gnaden ſind wirklich leidend und ſo ſehr verſtimmt.“ „Redensarten!“ lautete die Antwort, und indem Dagobert mit einer Handbewegung den Alten beinahe zurückſtieß, ging er gegen die Thür, öffnete, ohne daß auch das leiſeſte Geräuſch vernehmbar geworden wäre, und blickte, die niedergelaſſene Portidre leicht zur Seite ſchiebend, in ein zierlich, ja faſt üppig eingerichtetes Gemach. Diejenige, welcher ſeine Ueberraſchung galt, ſaß an einem Tiſch neben dem gegenüberliegenden Fenſter. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und ſchrieb ſchnell; 213 von ſeinem Eintritt hatte ſie augenſcheinlich ebenſo wenig etwas vernommen wie von der vorausgegange⸗ nen, keineswegs leiſe geführten Unterhandlung am Hof⸗ thor ihres Hauſes. Herr von Othmaringen ſtand eine ganze Weile und muſterte nicht nur das Zimmer bis in die einzelnen Stücke der Einrichtung, ſondern auch die Geſtalt der Schreibenden in ihrer leichten und bequemen, lichten Haustoilette, welche hier nichts Trauerhaftes zeigte, wie es ſchien, mit einer Aufmerkſamkeit, der nicht das Geringſte entging. Zuletzt blieb ſein Auge an dem dunklen Haar haften, das in ungewöhnlichem Reich⸗ thum mit Flechten und Löckchen den Kopf umgab und auf den entblößten, vollen Nacken herabſank, und der Blick war wieder einer von denen, welche man von ſeinem Auge eigentlich gar kein Recht zu erwarten hatte, ſcharf und voll Spott oder vielmehr Hohn. Endlich ſchien er mit ſeiner Muſterung fertig zu ſein oder wurde ihm die Zeit lang. Er ſchob die Por⸗ tiere weiter zurück, und das leichte, durch das Ver⸗ ſchieben der haltenden Ringe entſtehende Geräuſch ließ die Schreibende zuerſt eine ungeduldige Bewegung machen und dann das Geſicht mit dem Ausdruck des Mißver⸗ gnügens über die Schulter dem Störer zuwenden. In der nächſten Sekunde zuckte es wie ein jäher Schrecken 214 durch ihr blaues Auge, und da trat Dagobert vollends in das Zimmer und ſagte mit ſpöttiſchem Lachen: „Gelt, Hildegard, einen ſo lieben Lauſcher haſt Du nicht vermuthet?“ Sie war ſchon auf, ſchon neben ihm. Ihr Auge traf ihn mit einem ſchier rachſüchtigen Blick, ihre Hand, klein und fein, wie ſie war, erfaßte ſeinen Arm ſo, daß es in ſeinem Geſicht wie von Schmerz zuckte, und mit leidenſchaftlicher Heftigkeit rief ſie aus:„Menſch, iſt es möglich? Wagſt Du es? Springſt Du nicht aus ein⸗ ander vor Scham und Schande vor meinem Auge? Haſt Du Friedrich ermordet oder Dich wie ein Dieb und Räuber ins Haus geſchlichen?“ Als ſie einen Augenblick, wie erſchöpft oder über⸗ mannt, innehielt, ſagte er kopfſchüttelnd und in hohn⸗ vollem Tone:„Nun, foi de gentilhomme, das iſt denn doch ein kurioſer Empfang nach faſt dreijähriger Tren⸗ nung und noch dazu für Jemand, der die zärtlichſten Gefühle in ſeiner Toga tkägt, Verſöhnung, Vergebung, völlige Retablirung, Wiederanknüpfung alter Bande, eine Stellung voll Macht, Glanz und Glück—“ „Halt' ein, Du Geſchöpf mit dem Menſchenantlitz und der Schmuzſeele, mich ekelt!“ rief ſie zornig da⸗ zwiſchen. „Das muß irgend ein Citat ſein“, meinte er kalt⸗ 215 blütig,„aber ganz richtig iſt es nicht. Ich hab's ja immer geſagt, Hildegard—“ „Nenne meinen Namen nicht— er iſt zu gut für Dich!“ rief ſie noch heftiger. Er ſah ſie kopfſchüttelnd von oben bis unten an und darauf gegen die Thür zurück und im Zimmer umher. „Nau, ſagte er dann,„jetzt, dächte ich, könnteſt Du die Empfangsfreude überwunden haben und ein wenig vernünftiger werden. Was Du für Hausgenoſſen haſt, außer dem alten Dummkopf, weiß ich nicht ſund kann alſo auch nicht beurtheilen, ob es ihnen etwa Vergnügen macht, ein bischen vor der Thür zu horchen. Da Deine Stimme aber durchaus nicht an einen leidenden Geſundheitszuſtand erinnert, den Friedrich mich zu ſchonen bat, und obendrein ein Fenſter offen iſt, ſo iſt das Horchen gar nicht nöthig. Das Haus iſt klein, der Hof ganz nahe, und in dieſem Hauſe ſteht oder ſitzt zum min⸗ deſten ein Menſch mit ausgezeichneten Ohren und außer⸗ ordentlicher Theilnahme für Dich und mich.“ „Noch immer der fade Schwätzer!“ ſprach ſſie ver⸗ achtungsvoll; aber ſie war doch ruhiger geworden und hatte das Körnlein Wahrheit in ſeinen Worten nicht ganz überhört. Sie ging auch hin und ſchloß das Fenſter. Und als ſie dann zurückkam, blieb ſie vor ihm ſtehen, maß ihn finſtern Blicks und ſagte kurz und 216 hart:„Da Du alſo einmal da und bei mir biſt, ſo will ich wiſſen, woher und zu welchem Zweck Du hierher kommſt. Es müſſen allerdings ganz abnorme Verhältniſſe ſein, welche Dich zu ſolcher Zeit aus Deiner Sphäre reißen und in die Ferne führen konnten. Das begreife ich!“ „Schön, ſchön!“ meinte er, indem er die Hand⸗ ſchuhe bequem auszog und auf ſeinen Hut legte.„Gott Lob, die Stürme ſchweigen und milde Frühlingslüfte beginnen uns zu umſpielen. Du ſiehſt, liebe Hilde⸗ gard—“ „Du ſollſt dieſen Namen nicht nennen, ſage ich Dir!“ unterbrach ſie ihn wieder heftig.„Wenn ich Dich hier in meinem Zimmer für einen Augenblick dulde, ſo iſt das meine Sache und weiche ich der Ge⸗ walt— ich und die Meinen ſind nicht auf den Einbruch von Räubern vorgeſehen. Vertraulichkeiten aber weiſe ich ein⸗ für allemal zurück. Wir haben nichts mehr mit einander gemein.“ „Die Bande der Natur ſind unauflöslich, Hilde⸗ gard“, ſagte er mit einer Art von Pathos.„Das iſt ein phyſiologiſcher oder pſychologiſcher oder— nun irgend ein Hauptgrundſatz.“ Sie wandte ſich mit einem verächtlichen Laute ab, trat zum Schreibtiſch und begann die Papiere zuſammen und in die Ledermappe zu legen, die ſie ſorgfältig verſchloß. 217 Er beobachtete das mit der gleichen Gewiſſenhaf⸗ tigkeit, durfte man ſagen, mit der er anfangs das ganze Zimmer gemuſtert hatte. Zugleich aber ſuchte er ſich auch den weichſten Stuhl aus, ſetzte oder legte ſich viel⸗ mehr hinein, und da ſie jetzt die Mappe in den Tiſch ſchloß und den Schlüſſel zu ſich ſteckte, ſagte er:„Du haſt es Dir hier wirklich ganz angenehm gemacht, Kind! Es iſt behaglich, zumal für einen kranken Menſchen, wie ich einer bin. Und da haſt Du denn gleich den Hauptgrund meiner Reiſe“, fuhr er fort, indem er ſie die ſich auf ſeine Worte zu ihm gewendet hatte und ihn kalt muſterte, mit dem müdeſten Ausdruck ſeines Auges anblickte;„Seine Hoheit erlaubten mir nach all den angreifenden Jahren Heilung und Stärkung zu ſuchen.“ Es blitzte etwas wie eine finſtere Freude in ihrem Auge.„Ah, alſo kam es auch mit Dir endlich dahin!“ „Wie denn? Daß meine Geſundheit endlich unter⸗ lag? Allerdings—“ „Bah! Du verſtehſt mich ſehr gut!“ unterbrach ſie ihn mit jenem Zlick voll Haß und Rachſucht, der ihn zuerſt getroffen, nur daß zum mindeſten aus ihrer Stimme auch noch der ſchärfſte Hohn hervorklang.„Alſo er iſt Deiner Armſeligkeit ſatt geworden und hat Dir einen—“ 218 „Meine beſte Hildegard, verzeih', die Bande der 5 Natur laſſen ſich nicht verleugnen! Du mußt wirklich leidend ſein, wie Friedrich klagte! Was ſind das für ſeltſame, erſchreckende Phantaſien! Es ſcheint mir doch völlig erklärlich zu ſein, daß ich allmälig zu einer an⸗ dern Stellung vorrücke und ſtatt des kleinen Dienſtes und ſeiner Geſchäfte andere übernehme, welche, wenn auch an und für ſich bedeutender, doch nicht jeden Tag gleich drängend ſind und obendrein zuweilen auch aus der Umgebung Seiner Hoheit in die Ferne führen. Ich kann Dir das nicht ſo genau auseinanderſetzen, Du wirſt mir auch ohnehin glauben—“ „Und ſolche, ſoll ich glauben, hätten Dich auch hierher geführt?“ fragte ſie verachtungsvoll dazwiſchen. „Im Vertrauen, ja, Liebe— höchſt ehrenvoll, wenn ich auch am liebſten nur meiner Geſundheit gelebt hätte. Man bleibt eben ein Sklave der Ehre und des Dienſtes!“ „Vortrefflich! Und darf man, ohne indiseret zu ſein, nach den hieſigen Geſchäften ſich erkundigen?“ fragte ſie hohnvoll. Sie ſtand vor ihm, die Arme über die Bruſt gekreuzt, und das blaue Auge ſcharf und doch kalt auf ihn niederblickend— ein Geſicht, deſſen ur⸗ ſprünglich vielleicht hübſche, aber ſicherlich unbedeutende Züge von der Leidenſchaft, welche dieſe Frau einmal 219 erfüllt und beherrſcht hatte, nicht zerſtört, ſondern ſo zu ſagen ausgearbeitet waren zu einem Antlitz voll Stolz und Kälte, voll Intelligenz und Kraft. Und trotzdem lag in dieſem Geſicht und ſprach aus ihm ein verhülltes Etwas, welches, wenn es einmal durch ein ſanfteres Empfinden oder ein leidenſchaftlicheres Fühlen zum Leben erwachte und zur Herrſchaft über die Kälte und den Stolz gelangte, dieſe Frau zu einer für manche Männer gefährlichern Schönheit machen mußte, als jene zu ſein pflegen, deren Reize nicht nur die Bewunderung der Menge hervorrufen, ſondern auch das ſtrenge Auge eines ernſtern und unbefangenern Beobachters zu ent⸗ zücken vermögen. Wir wiſſen nicht, ob Herr von Othmaringen eben gleichfalls ſolche Betrachtungen anſtellte, während er ſein Auge mit einem faſt träumeriſchen Ausdruck die ganze Erſcheinung der Dame langſam umfaſſen und endlich auf ihren Zügen ruhen ließ. Laut wurde davon in⸗ deſſen nichts; denn als er, da ſie bereits ungeduldig zu werden ſchien, die Lippen öffnete, geſchah dies nicht zu einer ähnlichen Bemerkung, ſondern nur um mit einem hart an eine Grimaſſe ſtreifenden Lächeln zu ſagen:„Meine hieſigen Geſchäfte? Hm, es wäre luſtig, wenn ſie am Ende die gleichen Ziele verfolgten wie die Deinen!“ 220 Sie wandte ſich von neuem mit jenem frühern verächtlichen Laut auf dem Abſatz um und trat gegen den Tiſch zurück. „Nun, nimm's nicht übel— ich dränge mich nicht in Deine Angelegenheiten. Vor allem aber wollen wir dies dumme Hinundhergezänk aufgeben“, ſprach er kalt⸗ blütig.„Eins von meinen Geſchäften kann ich Dir jedoch nennen. Ich ſollte mich auf meiner Reiſe und bei meinem hieſigen Aufenthalt nach einem gewiſſen trotzigen und thörichten Flüchtling umſehen, deſſen Spuren uns ſeit ſeiner Entfernung von S. vollends verloren gingen und um den es doch mehr als einem ernſtlich zu thun iſt.“ „Geſchwätz!“ ſagte ſie, nach einem raſchen, feſten Blick ſich von neuem abwendend. „Kein Geſchwätz, Verehrteſte, ſondern die volle, ſchöne Wahrheit!“ „Zu welchem Ende?“ fragte ſie hart und ſcharf, in ſtolzer Haltung.„Ich denke, Ihr wißt's alle, was ich von Euch halte und daß ich fertig mit Euch bin.“ „Aber, liebſte Hildegard, wir nicht fertig mit Dir! Was meinſt Du, wenn ich Dir nun den herzlichen und innigen Wunſch nach Deiner Rückkehr ins Haus der alten traurigen Aeltern, das Verſprechen völligen Ver⸗ gebens und Vergeſſens, einer glänzenden Aufnahme brächte?“ 221 „Herzloſer Schwätzer!“ ſagte ſie und trat mit dem Aus⸗ druck der tiefſten Indignation noch weiter von ihm weg. „Bitte“, entgegnete er kaltblütig,„die Herzloſigkeit ſcheint mir denn doch mehr Deine als meine Eigenſchaft zu ſein— nach meiner Mittheilung und Deiner Auf⸗ nahme derſelben! Aber wie geſagt, fort mit der Zän⸗ kerei und weiter! Das alſo der erſte Auftrag. Der zweite das Anerbieten, nein, die Bitte um endliche völlige Verſöhnung, um Vergeſſenheit der alten ſoge⸗ nannten Härte, die doch nur durch übermächtige, un⸗ beſiegliche Verhältniſſe hervorgerufen wurde und im Grunde und wenn Du die Sache ein wenig vernünftig hätteſt anſehen wollen, nur Dein Beſtes ſuchte und bewirkte.“ Abgewendet, wie ſie ſtand, lachte ſie hart und bitter. „Gib Dir keine Mühe“, ſprach ſie dann.„Gebrannte Kinder ſcheuen das Feuer. Und wie ich ſagte: ich bin mit Euch fertig und völlig befähigt und entſchloſſen, mein Leben fortan ſelber zu führen und zu beſtimmen.“ „Nun, nun“, meinte Dagobert immer gleich kalt⸗ blütig,„das iſt viel und Vielerlei auf einmal und obendrein nicht in einem einzigen Punkte zutreffend. La populace nennt das, glaub' ich, das Kind mit dem Bade ausſchütten! Vom Verbrennen iſt gar keine Rede, denn es iſt höchſtens nur ſanftes Himmelsfeuer da. Fertig— hm, iſt man mit Jemand fertig, der eben nicht mehr der alte Jemand, ſondern ein neuer iſt?“ Sie wandte ſich um. Ihr Auge maß ihn finſter. „Was heißt das? Ich liebe die Räthſel durchaus nicht!“ „Räthſel? Nichts weniger als das! Ich ſehe immer beſſer ein, daß Dein hieſiger Aufenthalt im Verein mit dieſer kurioſen Lebensweiſe einer von Deinen unüber⸗ legteſten und gefährlichſten Einfällen iſt!“ „Ich bitte das mir zu überlaſſen“, ſagte ſie mit kaltem Hochmuth.„Die Auflöſung des Räthſels—“ „Iſt einfach genug, liebe Seele. Lebteſt Du nicht als einſiedleriſche Wittwe, ſo wüßteſt Du ſie ſchon! Alſo, wenn eine ſimple Hoheit mit einem Male zum Sereniſſimus avancirt—“ Sie fuhr auf.„Der Fürſt iſt todt?“ „Nicht ganz, aber halb und halb, und vor allem— er hat abdicirt.“ „Und Prinz Hermann Fürſt? Und Du hier? Und nicht in Ungnade? Wo ſtecken da Deine Lügen, Da⸗ gobert?“ „Nirgends, liebe Seele, es iſt Alles die pure Wahrheit. Ich kann es Dir ſogar ſchriftlich, von ſeiner Hand zeigen, wenn dieſe Handſchrift auch nur auf eine kleine ausge⸗ zeichnete Komödie berechnet war“ fügte er lachend hinzu. Aber darüber können wir ein andermal lachen. Jetzt 223 nur: Du ſiehſt alſo wohl, daß man mit dem Prinzen Hermann allerdings ſehr gut fertig ſein kann, während man mit dem Fürſten gleichen Namens vielleicht gerade erſt anzufangen hat und, wenn man nicht ganz thöricht iſt, anfangen muß. Du ſprichſt endlich da von Deiner Luſt zu einem ſelbſtſtändigen Leben“, fuhr er fort, und man ſah wieder einmal jenes Etwas in ſeinem Auge, das himmelweit von der gewöhnlichen Müdigkeit oder Stumpfheit verſchieden war, und auch durch ſeinen Ton klang ſtatt der Schlaffheit oder, wenn es hoch kam, Spötterei eine ſelbſtbewußte Ueberlegenheit.„Wenn Du kein Kind biſt oder vollſtändig verblendet durch einen auch wieder nur kindiſchen Haß, ſo kannſt Du weder das, was man Dir bietet, mißverſtehen, noch einen Augenblick daran zweifeln, daß es nur auf einen— ſage ich: Contract ankommt, um Dir alle erwünſchte und nöthige Freiheit für gewiſſe Fälle zu ſichern.— Du läßt mich jetzt ausreden“, ſprach er mit einer Art von Barſchheit weiter, da ſie eine Einwendung machen zu wollen ſchien.„Nimmſt Du an, was man Dir bietet, ſo kommſt Du zum mindeſten augenblicklich aus der alber⸗ nen Stellung heraus, die Du Dir trotz Deiner Klugheit hier bereitet haſt. Es iſt eigentlich wirklich unglaublich: mit dem Namen Reuterholm und ſeinen eigenthümlichen Reminiſcenzen gerade an einem Platz aufzutreten, der, 224 wo nicht der Sammelpunkt, ſo doch der Durchgangs⸗ platz der geſammten guten Geſellſchaft iſt.“ „An dieſem Namen haften ebenſo wenig ſchlimme Erinnerungen wie an dem, der ihn mir gegeben haben würde, wenn nicht— genug davon!“ brach ſie bitter ab. „Das ſagſt Du wohl!“ verſetzte er kaltblütig.„Aber wenn man nun erführe, daß Du Dir den Namen nahmſt, liebe Seele? Einen Namen, den doch dieſer und jener kennt, weil noch eine andere Perſönlichkeit in der Welt umherzog oder zieht—“ „Mit der mich Niemand verwechſeln wird!“ ſagte ſie hart. „Hm, wenn er ſie geſehen hat und dann Dich ſieht— richtig! Doch meinte ich auch nur: die den Namen zu einem bemerkenswerthen macht. Man möchte doch nach⸗ forſchen, wer ihn ſonſt noch trägt oder“— er machte eine ſeltſame Grimaſſe—„ſich nahm. Man möchte dann auch ein wenig nach den Antecedentien fragen. Couſin Felix that das ſogar ſchon, als er meine Conſternation über die Anweſenheit einer Dame Reuterholm heute Morgen bemerkte.“ Sie warf den Kopf auf und ihr Auge blitzte ihn drohend an.„Haſt Du Dich überrumpeln laſſen oder. haſt Du mich abſichtlich verrathen, Menſch?“ rief ſie zornig aus, fügte jedoch faſt augenblicklich ſchon wieder 1 ———— —————— 2 225 im Tone der Verachtung hinzu:„Aber gleichviel! Es wäre ſchlimm, wenn ein ſo armſelig Geſchöpf mein Spiel und meine Pläne ſtören könnte. Treibe, was Du kannſt, nur auf unſere Bekanntſchaft poche nicht. Ich desavouire Dich. Und da wir jetzt zur Genüge von einander wiſſen“, ſchloß ſie mit voller Kälte,„ſo dächte ich, könnte auch dieſe Unterredung enden.“ Er behielt jedoch ſeinen Platz mit voller Ruhe.„Du biſt doch ein ganz erſchreckliches Menſchenkind, Hilde⸗ gard“, verſetzte er die Achſeln zuckend und beinahe phlegmatiſch.„Sieh, ich geſtehe zu, daß die plötzliche Kunde von Dir im Verein milt Dieſen Frugem anrtch wirklich ernſtlich beſtürzten und mich auf ein Haar zu irgend einer Dummheit verleitet hätten. Wie ſollt' ich denn wiſſen, ob er nicht am Ende eingeweiht ſei? Dank' es meiner guten Schulung, daß ich noch recht⸗ zeitig einlenken konnte. Jedenfalls war es jetzt beſſer, daß ich jener andern Dame Reuterholm gedachte und daneben noch irgend eine andere myſteriöſe Perſön⸗ lichkeit auftreten ließ, die man gleichfalls desavouiren kann. Damit erreichen wir allerhand. Das Erſtere muß Jedermann als Mißverſtändniß befinden, der von jener gehört oder ſie gar einmal geſehen hat und nun Dich erblickt; damit aber weiß er dennoch noch keineswegs von Dir, da dieſe Deine Verbindung am Ende nur Hoefer, In der Welt verloren. II. 15 — Wenigen bekannt wurde und es möglicher⸗, ja wahr⸗ ſcheinlicherweiſe noch mehrere Damen dieſes Namens gibt. Endlich wird unſere Verbindung, nachdem ich ganz beglückt meinen Irrthum entdeckt und eingeſtan⸗ den habe, zu einer ſo nahen oder fernen, wie es uns beliebt. Bedanke Dich, liebe Seele! Der Dagobert verſteht doch auch noch allerhand Künſte und iſt gut⸗ müthiger, als Du denkſt. Trotz alledem aber“, fügte er nach einer Pauſe ernſter hinzu,„bleibt dieſe Namens⸗ wahl, Dein hieſiger Aufenthalt, Deine Offenheit über uns daheim einer Deiner unüberlegteſten Einfälle. Svutrerwmittirft Dl Dich vor neuem, wie das kaum ausbleiben kann, ſo ſehe ich wahrhaftig nicht, wie Du es ihm und den Deinen möglich machen willſt, Dich trotz der beſten Abſichten zu retabliren. Nur wenn wir unſer Spiel, wie Du es heißt, vierhändig wenn natürlich auch mit aller Vorſicht, ſpielten, könnte ich es für möglich halten—“ „Und dieſe Deine Pläne?“ unterbrach ſie ihn; ſie war ſeinen Worten zum mindeſten ohne die bis⸗ herige Ungeduld und Verächtlichkeit, ja mit wirklicher, obſchon finſterer Aufmerkſamkeit gefolgt.„Du redeſt immer davon— ich liebe die Räthſel nicht, ſagt' ich Dir ſchon.“ Er zuckte die Achſeln.„Ich bin lange nicht ſo — 227 räthſelvoll wie Du“, entgegnete er.„Meine Pläne ſind die alten.“ „Die weniger als je durchführbar ſind“, ſagte ſie mißachtend.„Die Tante hat falſch gerechnet, ſogar bei ihm. Da iſt nichts zu machen.“ Bah, bah“, meinte er mit einem eyniſchen kleinen Lachen,„ſo zaghaft und entſagungsvoll bin ich nicht und biſt auch Du nicht— ich kenne Dich beſſer. Mag er Capriolen machen, wie er will, für ihn gibt es Leim⸗ ruthen genug. Sie iſt allerdings ein prächtiges Weib, aber allzu prächtig, als daß nicht Blut und Leben in ihr ſein ſollte, wenn er's auch nicht erwecken kann.“ „Und das trauſt Du Dir zu?“ fragte ſie mit ſchar⸗ fem Hohn. „Das kommt darauf an, liebe Seele. Wenn auch nur ein Anderer ſie für mich erweckte— ich bin ge⸗ nügſam, liebe Seele! Was hältſt Du von Fritz Bilings⸗ felden? Er iſt auf Reiſen und könnte vielleicht auch hierher kommen, zum mindeſten hat er die Direction. Was meinſt Du, könnte ſich nicht ein Eindruck er⸗ neuern, der vordem— ich ſchwöre noch heute darauf— dageweſen iſt? Jetzt wie damals ohne ſeinen Willen wielleicht und dennoch unüberwindlich und folgenreich? Da, zumal bei ſo edlen Herzen, kommt es zuweilen 15* —— 228 nur darauf an, bei der Hand zu ſein. Aber es gibt auch noch andere Mittel und Wege. Man hat ſeine Schule durchgemacht.“ Nach einer Pauſe ſprach ſie mit einem finſter ſin⸗ nenden Ausdruck:„Alſo Bilingsfelden kommt? Das heißt denn für mich die Abreiſe, denn er muß und wird mich erkennen.“ „Hm, Deine Abreiſe! Wäre es nicht unter Um⸗ ſtänden möglicherweiſe das— Pikanteſte?“ „Ich weiß nicht“, verſetzte ſie im vorigen Tone. „Nun gut, das wird ſich finden. Du ſiehſt aber ein, daß wir viel und vernünftig zu reden haben. Vor allem aber“, fuhr er fort und ſtand auf und ſah nach beiden Thüren, die ſich im Gemach zeigten,„wer⸗ den wir nicht belauſcht werden können?“ „In meinem Hauſe lauſcht Niemand“, ſagte ſie finſter. „Redensarten, liebe Seele! Wir wollen uns doch lieber ſichern; was wir zu reden haben, iſt wirklich nicht für andere Ohren.“ Und damit ging er zuerſt zur einen, dann zur andern Thür, ſchaute hinaus, 4 ſchloß ab und kehrte zu ſeinem Platze zurück.„So, nun laß uns plaudern. Wir ſollten völlig d'accord ſein.“ Sie blieb aber ſtehen, wo ſie ſtand, die Arme — ——.—— — 229 über die Bruſt gekreuzt und die Augen feſt auf ihn gerichtet.„Rede, was Du willſt“, ſagte ſie kalt. „Hören, da es nun einmal ſo ſein ſoll, will ich Dich. Alles Andere iſt meine Sache. Und was auch wird, mein Spiel— heiße es ſo— ſpiele ich allein, und eine Verbindung mit Dir, die über das ober⸗ flächlichſte Geſellſchaftliche hinausgeht, weiſe ich ab. Das merke Dir.“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſan. — fffffffffffffffffffffff 12 13 14 15 16