— 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 8 von.. Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Jeſebedingungen. K. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zür Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 NKorgens S 7 Uhr bis Abends 8 ühr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei ückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden nd beträgt: 4— 4 für wöͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen auf 1 Monat: 1 Nr. Ff. 1 Mü 55 Pf. 2 Nk.— „ 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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An einem Nebenfluſſe des Rheins, der friſch und keck ſeine ſmaragdgrünen Wellen durch den geſegnetſten und ſchönſten Landſtrich unſeres Vaterlandes hintreibt, öffnet ſich eins der anmuthigſten Thäler, die man irgendwo zu finden vermag, und an ſeinem Eingange, hart am Fluß, ſodaß ſich die Häuſer darin ſpiegeln, liegt das ſtattliche und ſaubere Dorf Othmaringen, ſeit ſeiner Entſtehung das Eigenthum des alten und edlen freiherrlichen Geſchlechts, von dem es ſeinen Namen erhalten hat. Die Freiherren von Othmaringen haben hier auch⸗ gehauſt, ſeit man überhaupt von ihnen etwas weiß, und das iſt unendlich lange her. Denn in den ſchweren Kämpfen, die der Rothbart in Italien zu beſtehen hatte, Hoefer, In der Welt verloren. I. 1— waren ihrer ſtets an ſeiner Seite, und da der große Kaiſer ins gelobte Land zog und dort ſtarb, war ein Othmaringen in ſeinem nächſten Gefolge. Das Schloß, welches auf dem ſanften Hügel über dem Dorf liegt, iſt freilich ziemlich neu; es zeigt jenen Stil und jene Formen, die man mit Unverſtand und ſchlechtem Ge⸗ ſchmack vor hundert Jahren aus Italien herüberholte und in unſere deutſchen Gegenden und das deutſche Klima hineinzwang. Und obſchon die Beſitzer hier nicht nur faſt immer daheim blieben, ſondern auch reich waren und ein Herz und Auge für ihre Umgebung hatten, ſo waren ſie doch nicht im Stande geweſen, das fremdartige Gebäude vor allen Spuren des Alters zu bewahren. Die Säulenhalle, der Fries, die Fresken und Reliefs, das flache Dach, das Alles wurde vom deutſchen Himmel zu wenig begünſtigt, als daß es hätte friſch und glänzend bleiben können. Sieht man ſich indeſſen weiter um und horcht auf die Mittheilungen der Einheimiſchen, ſo entdeckt man bald die ältern und feſtern Neſter des alten Ge⸗ ſchlechts. Dort hinten, auf dem höchſten und ſchroffſten Rücken, blicken zwiſchen den licht ſtehenden Waldbäumen Alt⸗Othmar, die der Sage nach ſchon in den Zeiten gewaltige Trümmer hervor; das iſt die Stammburg Kaiſer Heinrich's des Lützelburgers zerſtört und von v ihren Herren verlaſſen worden ſein ſoll. Das Haus, welches ſie darauf gründeten, zeigt ſich, wenn auch gleich⸗ falls noch auf hoher Kuppe, doch ſchon ein gut Theil weiter abwärts. Daneben iſt es aber auch dem Anſcheine nach noch ziemlich gut erhalten und wenigſtens theilweiſe bewohnbar. Es wurde zu Anfang des vorigen Jahr⸗ hunderts, hauptſächlich auch nur ſeines unbequemen Zu⸗ gangs und ſeiner Enge wegen, von ſeinem Herrn, in dem ausnahmsweiſe einmal moderne Ideen haushielten, verlaſſen und als Wohnſitz mit dem„galanten“ Bau vertauſcht, deſſen wir oben gedachten. Dies letztere Gebäude entſprach aber nicht nur nicht den klimatiſchen Verhältniſſen, ſondern contraſtirt auch ſogar noch heutiges Tages auf das ſchärfſte und ſelt⸗ ſamſte mit ſeiner ganzen Umgebung und ihrer— ſagen wir: Stimmung. Die Gegend und zumal das Thal ſind, wie wir bemerkten, ſo anmuthig und anheimelnd, wie nur irgend denkbar, im Grunde aber nichts weniger als das, was wir heiter nennen. Im Gegentheil, es iſt eine ernſte Schönheit, die uns hier allerwärts ent⸗ gegentritt, von den feſten, trotzigen Bergmaſſen herab zu den dunklen Waldhügeln, den ſtillen und ſanften Matten, die ſich leiſe aufwärts ziehen und in den Wald hineindrängen; von den zahlreichen Burgtrümmern, die nah und fern von allen hervorragenden Höhen herab⸗ 1* ſchauen, bis zu den ſauber gehaltenen, aber alterthüm⸗ lichen Häuſern des Dorfes, bis zu der alten kleinen Stadt, die dort fern, am Ausgange des Thals ſichtbar wird und noch heute mit ihrer mittelalterlichen Wehr umgürtet iſt, den feſten Mauern, den maſſiven Thürmen, mit Gräben und Brücken, als habe ſie auch jetzt noch jeden Augenblick zu gewärtigen, daß plötzlich hinter dem nächſten Hügel eine geharniſchte Schaar hervor⸗ breche und noch einmal den alten Kampf verſuche zwi⸗ ſchen dem wilden, übermüthigen Ritter und dem feſten, bewußtvollen, fleißigen Bürger. Sie mögen hier vordem einen harten Stand gehabt haben, die braven Bürger, denn die Umgegend war ein wahres Adelsneſt; überall zeigen ſich, wie wir wieder⸗ holen, die Reſte der alten Burgen, und wenn man ſich ihre Namen nennen läßt, vernimmt man mehr als einen, der noch heute an dieſem oder jenem Hofe oder wo immer ſonſt ſich des beſten Klanges erfreut. Von hier freilich ſind die alten Geſchlechter längſt fortgezogen, denn, es wurde ihnen auf dieſen Höhen und in dieſen Thälern zu ſchlicht und ſtill, zu eng und — weshalb ſollte man nicht ſo ſagen?— zu alter⸗ thümlich. Denn neu war und iſt hier nichts als allen⸗ falls das„Schloß“ über Othmaringen, alles Andere ſteckt noch tief in der längſt vergangenen Zeit, und mit dem, was die Neuzeit fordert und auch wohl bringt, ſieht es hier bedenklich aus, ohne daß man freilich der Be⸗ völkerung die Schuld zuſchieben könnte. Denn die frühere große Reichsſtraße, welche durch dieſe Gegenden führte und ſie mit andern gewerbreichern verband, hat gleich dem Reich ſelber ein Ende genommen und iſt verödet und verfallen. Die Eiſenbahnen reichen nicht hierher, und ſo ſchön und luſtig der Fluß auch iſt, hat man bisher doch wenig für ihn gethan und er vermag nur den ſogenannten Kleinverkehr zu vermitteln. Selbſt der Holzhandel iſt aus ſpäter zu erwähnenden Gründen bei weitem nicht ſo bedeutend, wie ihn die prachtvollen Wälder zu ermöglichen ſcheinen. Von allen alten Geſchlechtern ſind die Freiherren von Othmaringen die einzigen, welche, zum mindeſten in ihrem Hauptſtamm, ſtets in ihrem heimatlichen Gau verblieben und nie nach auswärts, ins Getriebe der großen Welt verlangten. Von dieſem alten Haupt⸗ ſtamm, der überdies ſich zu keiner bekannten Zeit zahl⸗ reicher Sprößlinge erfreute, hat ſelten oder nie Jemand Kriegs⸗ oder Staatsdienſte geſucht, und wenn derglei⸗ chen wirklich einmal geſchah, fehlte es nicht, daß der Betreffende ſtets ſchon in noch jungen Jahren der Welt da draußen Valet gab und in die Heimat zurückkehrte. Da lebte er dann gleich ſeinen Vorfahren ſtill, ſchlicht und zufrieden fort, als Landjunker im beſten Sinne des Worts, ſeiner Familie, ſeinen Unterthanen, ſeinem reichen Beſitz, ohne Leidenſchaften und excentriſche Nei⸗ gungen oder gefährliche Liebhabereien, ohne beſonderes Glück und ohne großes Unglück, ein liebevoller Gatte und Vater, ein gütiger Gebieter, ein einſichtsvoller Haushalter, der dem, was die Vorfahren ihm hinter⸗ laſſen hatten, wo irgend möglich noch neue Erwerbungen hinzufügte, ſodaß endlich ſelbſt die meiſten Beſitzungen der ausgewanderten Geſchlechter den Othmaringen ge⸗ hörten und man ihren Namen gleich dem jenes be⸗ rühmten Herrn von Carabas ſich überall entgegenklin⸗ gen hörte. Hervorragende Menſchen gab es unter ihnen, ſo⸗ wiel man erfuhr, niemals, aber wackere, ehrenhafte Männer und treffliche, ehrbare und ſchöne Frauen wur⸗ den alle, und es gab nur einen Einzigen unter ihnen, der einigermaßen aus dieſen altgewohnten feſten Bah⸗ nen gewichen war, Freiherr Othmar, der zwölfte oder dreizehnte dieſes Namens, der, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts von großen Reiſen zurückkehrend, ſein Vaterhaus zu eng und unbequem fand und im Verein mit einem italieniſchen Baumeiſter das neue Schloß über dem Dorfe aufbaute. Lob und Nachfolge fand dieſer, ſagen wir: Einfall weder bei den Seinen, ————— noch bei den wenigen Familienfreunden und Nachbarn, und auch er ſelber kehrte, nachdem er ihm genügt, ſo ziemlich zur Weiſe ſeiner Ahnen zurück und lebte fortan auch nur als der brave Landjunker. So ging es fort bei ſeinem Sohne, ſeinem Enkel und dem Sohn dieſes, obgleich der letztere gleich zahl⸗ reichen Standesgenoſſen die bisherige Unabhängigkeit verlor und ein Unterthan des Fürſtenhauſes wurde, welches in dieſen Gegenden das mächtigſte geweſen war. Bei den Othmaringen wurde dadurch nichts verändert. Der alte Baron lebte weiter, wie er es von Jugend auf gewohnt geweſen war, und da er ſtarb, machte es ſein einziger Sohn nicht anders. Nur ließ dieſer die Zahl hinter ſeinem Namen fort, er hieß ſelbſtverſtändlich, gleich allen älteſten Söhnen ſeines Hauſes, Othmar. Mit dieſem Letzten, der in der That auch der letzte Mann des Hauptſtammes war, gelangen wir zu der Zeit unſerer Erzählung und werden bei dem alten Herrn, denn das war er bereits, fürs erſte einkehren müſſen. Der Freiherr Othmar hatte gleich allen ſeinen Vor⸗ fahren ſeine Jugend auf Schloß Othmaringen unter der Zucht eines Hofmeiſters ſtill und fleißig verlebt und war, kaum erwachſen, in Begleitung des Lehrers auf die Univerſität geſchickt worden, um auf ſolche Weiſe allmälig in das weitere Leben eingeführt zu werden und ſeinen bisherigen Studien einen gewiſſen Abſchluß zu geben. Nach einigen Jahren begab er ſich, auch wieder dem Familienherkommen gemäß, auf große Reiſen durch die ſchönſten Theile Europas, benutzte Zeit und Gelegenheit auf das beſte und kehrte im Winter 1812 als— im beſten Sinne geſagt— vol⸗ lendeter junger Mann zu ſeinem Vater zurück. Gleich darauf begann die Erhebung Norddeutſch⸗ lands gegen die franzöſiſche Zwingherrſchaft, und ob⸗ gleich bei den Othmaringen bisher niemals von einem eigenen Willen der Kinder gegenüber den Aeltern die Rede geweſen war, ließ Othmar ſich doch durch ſeinen Enthuſiasmus zur Aeußerung des Wunſches fortreißen, ſich dem Aufſtande anſchließen zu dürfen. Damit traf er es indeſſen nicht weniger als gut. Die Antwort des Vaters war ein ſehr ruhiger und beſtimmter Ab⸗ ſchlag, dem auf die erneuerten Bitten und Vorſtellungen des Sohnes alshald die noch entſchiedenere Erklärung folgte, daß der Baron nicht im entfernteſten daran dächte, ſeinen einzigen Sohn und Erben den Wechſel⸗ fällen und Gefahren eines Krieges auszuſetzen, und überdies auch bereits über die Zukunft deſſelben be⸗ ſtimmt hätte. Das Nähere, fügte der Alte kaltblütig 9 hinzu, werde der Sohn ſeiner Zeit erfahren und ſich bis dahin in kindlicher Devotion und Obedienz gedulden. In der That währte es nicht lange, bis ſich die Pläne des alten Herrn enthüllten. Im Frühling em⸗ pfing Othmar die Anzeige, daß der Vater ihm eine Braut ausgeſucht und daß er ſich zu den Aeltern der⸗ ſelben zu begeben habe, um die Erwählte kennen zu lernen und ſich nach kurzer Friſt mit ihr zu vermählen. Einwendungen verſuchte der Sohn nicht, obgleich er eine andere Liebe im Herzen hatte. Er hatte ſich ja erſt vor kurzem überzeugt, daß der Wille des Vaters ihm gegenüber unnachgiebig und die Entſcheidung deſ⸗ ſelben unumſtößlich war. Er reiſte daher gehorſam ab und ſtellte ſich der Erwählten vor, der Tochter einer den Othmaringen von jeher befreundeten und an Rang, gutem Ruf und ſogar an Vermögen ihnen ziemlich gleichſtehenden Familie, ſodaß, zumal die Dame jung, ſchön und von anerkannt vortrefflichem Charakter war, dieſe Wahl jeden Andern beglückt haben würde und ſelbſt Othmar, nachdem er ſich mit ſeinem Herzen ein⸗ mal abgefunden, mit einem gewiſſen Vertrauen in die Zukunft ſchauen ließ. Von einem großen, reichen, ſchönen Liebesglück war zwiſchen dieſen beiden Menſchen freilich um ſo weniger die Rede, als auch die Dame dem Wunſch und Willen 10 ihrer Aeltern die erſte Liebe ihres jungen Herzens zum Opfer gebracht hatte. Wenn jedoch eine immer ſtei⸗ gende herzliche Neigung und gegenſeitige Achtung, Her⸗ zensgüte, Anmuth und Würde in allen Lebenslagen hier, und Charakterſtärke und unwankbare Ehrenhaftig⸗ keit da eine Ehe zu einer glücklichen zu machen ver⸗ mögen, ſo verdiente diejenige Othmar's dies Beiwort in hohem Grade. Als dieſer Bund nach neun Jahren durch den Tod der Baronin gelöſt wurde, hatten beide einander eigentlich niemals ſchwere Stunden gemacht, und wenn etwas ihren Frieden getrübt hatte, ſo war es, daß von ihren vier Kindern nicht eins am Leben blieb. Wie beide geartet waren, war es nicht unmög⸗ lich, daß ſie in einem ſolchen wiederholten Unglück eine Art von Strafe für den erzwungenen Bund erkannten. Die Baronin hatte dergleichen nach dem Tode des dritten— das vierte ſtarb erſt nach ihr— in ihrem tie⸗ fen Schmerze angedeutet, und ihr Gemahl hatte ſtumm und finſter dazu das Haupt geneigt. Wie betrübend dieſe Erfahrung auch für beide war, lag darin doch weder für den einen noch für den an⸗ dern etwas Verletzendes. Denn beide wußten von ein⸗ ander und ehrten es, daß jene erſte verlorene Liebe eine reine und echte geweſen war und, wenn auch ſtill über⸗ wunden, doch niemals vergeſſen wurde. 11 Der Baron ſchien indeſſen ſeine Frau doch mehr geliebt zu haben, als dieſer oder jener geglaubt haben mochte, denn nach ihrem Tode ging mit dem zwar nicht lebensluſtigen, aber doch heitern Herrn eine Verän⸗ derung vor, die nicht größer zu denken war, und er lebte eine ganze Reihe von Jahren ſo einſam auf ſei⸗ nen Beſitzungen weiter, wie es nicht einer ſeiner Vor⸗ fahren gethan hatte, und als ſei er der Welt und dem Leben völlig abgeſtorben— ein ſtattlicher, ja ſchöner Mann, ein Dreißiger, und der letzte ſeines Stammes! Seine Umgebung fing an beſorgt zu werden und der Arzt, der, wenn auch niemals vom Baron verlangt, dennoch gelegentlich einmal auf dem Schloſſe vorzu⸗ ſprechen pflegte, mahnte und bat und ſchüttelte ſtets abgewieſen immer ernſtlicher den Kopf und ſprach gegen Florian Hausmann, den Pfarrer von Othmaringen, eine ſtets größere Beſorgniß aus, daß es mit dem Herrn unmöglich lange ſo fortgehen dürfe, wenn man nicht ein trauriges, vielleicht baldiges Ende befürchten ſolle. „Der Herr iſt, was wir einen Melancholikus hei⸗ ßen“, ſagte er wohl,„und bei einem ſolchen bleibt es nicht bei leiblichen Störungen, es kommen nach und nach auch geiſtige. Ja, ich fürchte, ſie haben ſchon an⸗ gefangen. Was Teufel, ein Mann von ſolchen Jahren, ſolchem Rang, ſolchem Vermögen, und lebt wie ein Kartäuſer! Trinkt nicht, ißt nicht, reitet nicht, jagt nicht und weiß nicht, ob es noch Frauenzimmer in der Welt gibt— in allen Ehren geſagt. Denn der Herr muß wieder heirathen, Pfarrer, das macht den Mann geſund, das gibt ihm die nöthige Zerſtreuung und Auf⸗ regung, und das endlich ſchafft ihm einen Erben, wie der Baron gerade ihn am erſten braucht. Mir däucht, auch Othmaringen ſollte am meiſten daran gelegen ſein, und ich mache Sie dafür verantwortlich, Pfarrer, daß der Gnädige nicht blos ſeinen Zuſtand aus dieſem Ge⸗ ſichtspunkt anſchauen lernt, ſondern auch von dieſer Stimmung auf ſeinen Beſitzungen unterrichtet wird Das Ding iſt ohne allen Spaß.“ Pfarrer Hausmann zuckte die Achſeln. Er ſah und wußte Alles, was der Arzt ihm ſagte, beſſer als dieſer, zugleich aber auch, daß hier ſelbſt er keinen Einfluß auf den Herrn habe. Der Pfarrer hatte den Baron auf der Univerſität kennen gelernt und dort einen Freundſchaftsbund mit ihm geſchloſſen, der einige Jahre ſpäter zu ſeiner Berufung auf die erledigte Pfarrſtelle in Othmaringen führte und ſeitdem mit wachſender Herzlichkeit fortgeſetzt wurde. Es gab keinen Menſchen auf der Welt, dem Baron Othmar von jeher ſo ſchran⸗ kenlos vertraute, dem er einen ſo unbegrenzten Einfluß auf ſich geſtattete, vor dem er kein einziges Geheimniß — 13 hatte, und zwar dieſes Alles nur in Anſehung des Freundes und ganz abgeſehen von dem Beichtvater. Er vor allen Andern durfte daher auch dem Arzt er⸗ widern, wie er es pflegte:„Da, wenn irgendwo, Doctor, heißt es: wie Gott es will. Ich muß Ihnen leider zugeſtehen, daß die Hülfe ſehr nöthig iſt, daß ich aber keine weiß, noch ſehe, wenn uns nicht irgend ein Zufall, irgend ein beſonderes Ereigniß unterſtützt, von dem ich freilich leider wieder nicht weiß, was es ſein könnte, noch woher es kommen ſollte. Und endlich, wenn es käme, wer weiß, ob auch das etwas nützte! Weſen und Zuſtand des Barons erſchrecken mich zuweilen noch mehr, als ſie mich betrüben.“ So ſtanden die Dinge, als um das Jahr 1831 etwa das von dem Pfarrer gewünſchte beſondere Er⸗ eigniß eintrat, freilich ohne fürs erſte einen andern Eindruck auf den, wir müſſen wohl ſagen Kranken zu machen, als daß es ihn einigermaßen aus der brütenden Stille aufſcheuchte und zu einer Art von Theilnahme und Thätigkeit zwang, ein Erfolg immerhin, für den Hausmann ſo gut wie die ganze Umgebung dem Ge⸗ ſchick außerordentlich dankbar war. Die einzige Familie, welche in der Gegend außer den Othmaringen noch anſäſſig geblieben, war die der Grafen von Schöneck geweſen, deren Wohnſitz und ſehr 14 zuſammengeſchwundene Beſitzungen am Ausgange des Thals lagen und an die Umgebungen der kleinen, oben erwähnten Stadt grenzten. Während ein jüngerer Zweig auswärts in Reichthum und Anſehen fortblühte, ging dieſer ältere immer mehr zurück, und als um das Jahr 1820 der letzte Graf ſtarb, ließ er ſein einziges Kind, eine noch junge Tochter, in einer Armuth und Vereinſamung zurück, die völlig troſtlos geweſen wären, hätten der Baron Othmar, der vom Vater gewünſchte Vormund, und ſeine damals noch lebende Gemahlin ſich des jungen Weſens nicht auf das thätigſte und liebevollſte angenommen. Der Baron ſetzte es bei den Lehnsvettern durch, daß man der Gräfin den armſeligen väterlichen Beſitz ließ und ſie nicht als völlige Bettlerin in die Welt hinausſtieß. Er nahm dieſen Beſitz unter ſeine Aufſicht und Pflege, er nahm auch die junge Dame ſelber in ſein Haus und hielt ſie gleich ſeiner Gemahlin wie ein eigenes geliebtes Kind, und als Gräfin Friederike im nächſten Jahr in einem Bade, das man wegen des leidenden Zuſtandes der Baronin beſuchte, einen Herrn von Armfeld kennen lernte und von ihm um ihre Hand gebeten wurde, berieth das edle Paar die Pflegetochter mit älterlicher Treue und ſah ſie mit wahrem Schmerz in ſchier unverſtändlicher Haſt und Heftigkeit dem Manne ihr Jawort geben und 1 3 4 endlich als Gattin folgen, dem weder der Baron noch ſeine Gemahlin zu vertrauen vermochten. Seitdem waren jetzt zehn Jahre vergangen und der Baron hatte von der Dame wenig mehr erfahren, als daß ihre Ehe ſo unglücklich wie irgend möglich wurde und ihr Gatte ſich von Jahr zu Jahr als ein unwür⸗ digerer Menſch offenbarte. Auch dieſes erfuhr er nicht von ihr ſelbſt, ſondern nur durch Mittheilungen An⸗ derer, wenn er in den erſten Jahren nach dem Tode ſeiner Frau noch einmal in die Welt hinaus und mit alten Freunden zuſammenkam, und ſein Verkehr mit ihr beſchränkte ſich je länger deſto mehr auf die Ueber⸗ mittelung ihrer kleinen Revenuen. Der Baron hatte nämlich darauf beſtanden, daß Schöneck und ſeine Ein⸗ künfte im Heirathscontract der Frau von Armfeld als unveräußerliches und unbelaſtbares Eigenthum erhalten wurden. Jetzt kehrte die Dame plötzlich nach Schöneck zurück, nachdem ſie ihren einzigen Troſt, ihr Kind, verloren hatte und von dem im Duell gefallenen Gatten in der troſtloſeſten Lage zurückgelaſſen war. Denn nun wurde auch der Beſitz von Schöneck, das ſich allerdings unter des Barons Aufſicht ſehr verbeſſert hatte, durch einen Verwandten angefochten, der von jener frühern Ab⸗ tretung nicht einmal etwas erfahren, geſchweige denn 16 ihr zugeſtimmt zu haben behauptete. Sie war ſo miß⸗ trauiſch geworden gegen alle Freundſchaft und Theil⸗ nahme der Welt, oder ſo niedergedrückt durch die Wucht 4 des traurigen Lebens, das ihr beſchieden geweſen, daß ſie ſchon einige Wochen lang auf Schöneck lebte, als ihr alter Vormund von dem Pfarrer, der gleichfalls nur durch reinen Zufall davon erfahren hatte, ihre Anweſenheit vernahm und zugleich eine Schilderung ihrer Lage erhielt, und ſie trat dem Baron Othmar, da er hinübereilte— ſchon dies war ein Ereigniß in ſeinem ſtillen Leben— ſo ſcheu und ablehnend ent⸗ gegen, als habe ſie auch zu ihm und ſeiner Hülfe das Vertrauen verloren. Der Baron raffte ſich, wie wir vernahmen, aus 1 ſeiner Verſunkenheit auf; er wäre nicht der Mann von Herz und Gemüth, von Geiſt und Rechtsgefühl geweſen, als welchen ihn ſelbſt jetzt alle ihm nahe Stehenden achteten und liebten, hätte er nicht die wärmſte Theil⸗ nahme und das ernſteſte Mitleid für die arme Frau empfunden und nicht begriffen, daß hier nur mit ſchnel⸗ lem und entſchiedenem Eingreifen geholfen werden konnte. Dazu fand er denn auch die rechten Leute und trug ſelber nach Kräften dazu bei, die verworrenen Ange⸗ legenheiten und Verhältniſſe abzuwickeln und für die Dame zu retten, was noch zu retten war. Und als 17 es nach Jahr und Tag klar wurde, daß ein guter Aus⸗ gang der Streitigkeiten nur von einer perſönlichen Ver⸗ handlung mit der Familie und der entſcheidenden Be⸗ hörde zu erwarten ſei, entſchloß ſich Baron Othmar ſogar zu der Reiſe in die Reſidenz. Er ging fort als ein ſtiller, bleicher und müder Mann, der gar kein Geheimniß daraus machte, daß dieſer Schritt hinaus ins Weltgetriebe für ihn ein ſehr ſchwerer ſei, und daß er ihn auch nur halb aus alter Liebe zu ſeinem frühern Mündel, halb in der Ueber⸗ zeugung zu thun vermöge, daß der Dame das himmel⸗ ſchreiendſte Unrecht geſchehe und daß jeder Ehrenmann verpflichtet ſei, in ſolchem Fall mit ſeiner Hülfe nicht zurückzuhalten. Und nach drei Wochen kam er zurück als ein ernſter, kluger, feſter Herr und Gebieter, der nicht blos die Angelegenheit der alten Freundin glän⸗ zend durchgeführt hatte, ſondern auch für ſich ſelber aufgewacht zu ſein ſchien, voll Bewußtſein ſeiner Stel⸗ lung, voll Schaffensluſt und Schaffenskraft. Was in der Reſidenz geſchehen ſein und derartig auf ihn gewirkt haben könne, das erfuhr Niemand, und ſelbſt der Pfarrer, dem der Herr entſchieden am nächſten ſtand, vernahm nur eine Andeutung, die ihm freilich weitere Folgerungen möglich machte. „Nun ja“, meinte der Baron ruhig, da der Freund Hoefer, In der Welt verloren. I. 2 ihm zu der ernſten und lebhaften Thätigkeit gratulirte, in der er ihn erblickte,„todt bin ich am Ende doch noch nicht, Florian, und ſchwachſinnig auch nicht; darin täuſchten ſich die Leute. Allein ſie hatten gewiſſer⸗ maßen ein Recht, mich in Gefahr zu glauben. Das merk ich jetzt, wo ich mich aus meiner Stumpfheit auf⸗ raffe und nun alle die Mängel entdecke, die ſeither ent⸗ ſtanden. Das ſoll nicht ſein. Othmaringen iſt mir zu lieb, als daß ich es ſo bald ſchon in andern Händen und ruinirt ſehen möchte.“ Da wußte denn der Pfarrer, wie bemerkt, ungefähr wenigſtens, daß der Baron bei ſeinem Vetter in der Reſidenz, dem Geheimrath von Othmaringen, allerhand unbehagliche Eindrücke erhalten und ſchlimme Ent⸗ deckungen gemacht haben mochte. Und was er ver⸗ nommen hatte, verrieth genau die Einſicht, die er ſo gut wie alle, welche es wohl mit dem Baron meinten, dieſem gewünſcht hatte. Allein wie dieſelbe dem Herrn ſo plötzlich und nachhaltig aufgedrängt worden und was überhaupt zur Sprache gekommen und geſchehen ſein mochte, das blieb auch ihm jetzt wie ſpäter verborgen. Selbſt zu Andeutungen, wie die eben angeführte, kam es nicht wieder; Baron Othmar war niemals beſonders mittheilſam geweſen. Für den ernſten und liebevollen Beobachter fanden ſich indeſſen allmälig andere Offen⸗ 19 barungen, die ſich leicht mit der erſten in Verbindung denken ließen. Und zwar war das nächſte Ereigniß in dieſem bis⸗ her ſo ſtillen Kreiſe für den Pfarrer das überraſchendſte und wichtigſte von allen: etwa drei Wochen nach ſeiner Heimkehr theilte der Baron dem Freunde eines ſchönen Tags mit, daß er Frau von Armfeld zur zweiten Gattin erwählt und ihr Jawort bereits erhalten habe.„Und denke Dir, Alter“, fügte der Herr hinzu im Tone der tiefſten Bewegung und mit einem weichen Lächeln, das ſchon für ſich allein ein Ereigniß geheißen werden durfte, da in des Herrn ſtillem Geſicht ſchon ſeit Jahr und * Tag wohl einmal ein freundlicher Zug, aber niemals mehr ein wirkliches Lächeln erſchienen war,„und denke Dir, das liebenswürdige Weſen hat es mir bekannt, daß ſie mich längſt und innig geliebt und damals Arm⸗ 5 feld's Bewerbung ſo ſchnell angenommen und die Ver⸗ bindung beeilt habe, um aus unſerer Nähe zu kommen und womöglich von dem Gefühl frei zu werden, das 3 nicht nur ein verlorenes war, ſondern ihr meiner Frau 6 und mir gegenüber auch freilich wohl als ein ſündiges 4 erſcheinen mußte. Erinnerſt Du Dich wohl noch an * 3 das, was ich Dir nach unſerer Rückkehr aus dem Bade einmal ſagte?“ „Ich erinnere mich daran“, verſetzte der Pfarrer mit tiefem Ernſt,„aber laſſen wir's bei dieſer unſerer Er⸗ innerung. Sehen wir doch auch hier, daß Gott Alles, ſelbſt das anſcheinend Sündige zum Guten zu wenden weiß. Und nun“, ſchloß er, des Freundes Hand neh⸗ mend und feſt in der ſeinen drückend,„nun laſſe mich Dir von ganzem Herzen Glück wünſchen zu dieſem ſegensvollen Beſchluß, und ebenſo uns allen, die wir zu Dir gehören. Soweit ich die Dame ſeither kennen zu lernen vermochte, iſt ſie aus der Noth ihres ver⸗ gangenen Lebens nicht nur rein und vorwurfsfrei, ſondern noch geläuterter, ſchöner und verehrungswer⸗ ther hervorgegangen. Ich hoffe von ihr viel Glück und Segen für Dich, Othmar, und für uns alle.“ Dieſe Hoffnung erfüllte ſich. Die Baronin Frie⸗ derike wurde die liebevollſte Gattin, die gütigſte Ge⸗ bieterin, die ſchönſte und anmuthigſte Schloßfrau, die jemals auf Othmaringen gehauſt hatte. Die Heiter⸗ keit und die Freude am Leben durchdrangen von neuem ihr Weſen und breiteten ſich beglückend über ihre ganze Umgebung aus, die ſie anbetete, wie alle Inſaſſen der großen Beſitzungen. Und der Baron bekannte in dieſer wunderſchönen Zeit mehr als einmal dem Pfarrer mit bebender Stimme und feuchten Augen, daß er ſo viel Glück auf der Erde niemals bisher geahnt, ja nur für möglich gehalten habe.„Es iſt faſt zu —— —— 21 ſchön, zu reich, als daß es dauern könnte“, fügte er einmal hinzu. Und auch dieſe— ſagen wir Ahnung, ſagen wir Prophezeiung?— traf leider ein. Die Freude und der Jubel auf den Othmaringiſchen Beſitzungen waren unermeßlich, als die Baronin im zweiten Jahr ihrer Ehe einen Stammhalter gebar, der, anders als die Kinder erſter Ehe, von Leben und Geſundheit ſo zu ſagen ſtrahlte und auf das prächtigſte gedieh. Als der Knabe aber faſt drei Jahre alt war, ertrank er in dem kleinen, zu dieſer Jahreszeit faſt waſſerloſen Bach, der den Raſengrund auf der Jenſeite des Schloß⸗ hügels durchſchneidet, auf einer Stelle, wo er ſeither alltäglich am Ufer geſpielt hatte, in den drei bis vier Minuten, während welcher die Wärterin, zwanzig Schritte davon mit dem vorbeigehenden Gärtner über irgend einen eben geäußerten kindlichen Wunſch des Kleinen ſprach. Von dem Schmerz der Aeltern, von der Trauer im Schloß und auf den Beſitzungen iſt nichts zu ſagen, ſie gingen über jede Beſchreibung hinaus, und die un⸗ glückliche Wärterin floh davor aus dem Leben. „Ich hab' es Dir geſagt“, ſprach Baron Othmar zum Pfarrer, als derſelbe auf die Trauerkunde ins Schloß geeilt war und mit dem Vater vor der armen kleinen Leiche ſtand. 22 „Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er“, erwiderte Florian mit bebender Stimme, denn ihm ſelber brach beinahe das Herz nicht blos über dieſen Verluſt, ſon⸗ dern auch über den Ausdruck in den Worten, im Ge⸗ ſichte des Freundes; das war die ganze dumpfe, me⸗ lancholiſche Reſignation der vergangenen Jahre.„Dir bleibt noch viel Glück. Und wenn auch eine Blüte gebrochen wurde, es iſt reich, ſchön und echt genug, um Dir andere zu ſchenken!“ „Warten wir“, ſagte Othmar ſo ſtill hin. Nach einiger Zeit ſchien ſich auch die Prophezeiung des Pfarrers erfüllen zu ſollen: man durfte auf einen Erſatz für den kleinen Verlorenen hoffen. Das Leben geſtaltete ſich wieder freundlicher, die Stimmung wurde wieder vertrauensvoller, und obſchon das Kind, welches die Baronin ihrem Gatten ſchenkte, ein Mädchen war, wurde doch auch dieſes vom Vater dankbar und von all den Seinen mit um ſo größerem Jubel aufgenommen, als Mutter und Kind ſo wohl wie möglich waren. In der Nacht vom fünften auf den ſechsten Tag aber ſtarb die Baronin Othmaringen, ohne irgend ein Vor⸗ zeichen, plötzlich— man ſagte, an einem Herzſchlag. „Ich hab' es Dir ja geſagt“, ſprach Othmar auch diesmal zum Freunde, und als dieſer, dem die Thränen unaufhaltſam aus den Augen drangen, nur zur Ant⸗ 23 wort hatte:„Verzage nicht! Bleibt Dir doch noch Dein Kind, dem Du fortan Vater und Mutter biſt!“ da erwiderte der Baron mit müdem Lächeln:„Nein, ver⸗ zagen will und werde ich nicht, um des Kindes willen, obſchon es ja auch nur eine Himmelsblüte iſt.“ Das traf indeſſen nicht zu. Das Kind gedieh viel⸗ mehr auf das lieblichſte und fröhlichſte und entfaltete ſich allmälig zu einer jener Erſcheinungen, die nicht blos auf ihre nächſte Umgebung, ſondern auch auf alle Welt und zumal auf das Volk, wenn daſſelbe ihnen nicht ganz fern bleiben muß, einen tiefen Eindruck machen. Man ſagt von ihnen nicht, wie von andern Menſchenkindern, daß ſie hübſch, daß ſie häßlich, daß ſie dies oder das ſind, ſondern erfindet beſondere Be⸗ zeichnungen für ſie, die uns ſtets an den Sinn und Geiſt, an das Gemüth und die Poeſie erinnern, welche uns aus den Volksliedern entgegenhauchen. Hier war die Bezeichnung obendrein eine gegebene, denn Char⸗ lotte Eliſabeth, wie das Kind geheißen worden, war nicht die erſte Dame von Othmaringen, welche mit einer Roſe verglichen und als ſolche bezeichnet wurde. Aber es war immerhin wunderbar, daß dieſer Name, oder ſagen wir Titel, denn ein ſolcher war es, ſeit mehreren Generationen geruht hatte und ſchwerlich noch von einem Lebenden auf eine der Ahnfrauen wirklich 24 angewandt war, und trotzdem nun mit einem Mal wieder auftauchte und feierlich auf das junge Mädchen über⸗ tragen wurde. Man wußte keine beſondere Gelegen⸗ heit, keine beſondere Veranlaſſung, nicht, wer ihn zuerſt ausgeſprochen, noch wer ihn weiter getragen. Er war eben da und blieb fortan der Dame zu eigen, deren wirklichen Namen man darüber ſchier ganz vergaß. Wo man hier zu Lande von ihr wußte, oder ſie ſah, oder ſie nannte, da war es niemals das Fräulein, ſon⸗ dern ſtets nur die Roſe von Othmaringen. Das Volk aber verleiht ſeine Titel und Würden ſelten oder nie nach Gunſt und Laune, ſondern faſt immer nur aus gutem, richtigem Grunde und an den, der ſie verdient und ihrer würdig iſt. Und das war auch hier der Fall. Keine Dame von Othmaringen hatte jemals den Beinamen mit größerem Recht ge⸗ tragen, und wenn man überhaupt ein Menſchenkind mit einer Blume und gar mit dieſer vergleichen kann, ſo bot ſich hier Veranlaſſung dazu. Als Charlotte Eliſabeth von Othmaringen zur Jungfrau heranreifte, war ſie eine junge Roſe, nicht an Stolz, aber an Duft und Friſche, an holdſeliger Reinheit und Schönheit, der Augen⸗ und Herzenstroſt im Schloß und Dorf und wo man von ihr wußte. Wenn hier alſo die ſchwermüthige Ahnung des Barons nicht eintraf, ſo hielt er dagegen, was er in Anſehung ſeiner ſelbſt verſprochen hatte, auf das ge⸗ wiſſenhafteſte. Er verzagte nicht, noch ſank er in jene traurige frühere Melancholie und Stumpfheit zurück, ſobald und ſolange es galt, für ſein Kind zu ſorgen und die Zukunft deſſelben zu ſichern. Von dem Augen⸗ blick an, wo das kleine Weſen die erſte, gefährlichſte Zeit ſeines Daſeins hinter ſich und nach menſchlicher Vorausſicht ein frohes Gedeihen und Entwickeln vor ſich hatte, betrieb Baron Othmar die Uebertragung ſeines Beſitzes auf daſſelbe mit einer Energie und Aus⸗ dauer, wie kein Menſch dieſe Eigenſchaften ihm in ſolchem Maße zugetraut hatte, und ſorgte daneben mit der liebevollſten, einſichtigſten und unermüdlichſten Treue für Alles, was die Erziehung und Ausbildung des Kindes verlangte. Er wußte ſich nicht blos eine vor⸗ treffliche Erzieherin zu verſchaffen und die nöthigen Lehrer anzuſtellen, ſondern vermochte auch eine Ver⸗ wandte ſeiner erſten Frau, ſich auf Schloß Othmaringen niederzulaſſen, ſeinem Hauſe vorzuſtehen und ſeiner Tochter nach Kräften die Mutter zu erſetzen— eine Dame von Geiſt und Bildung, von außerordentlicher Herzensgüte und Würde, welche nach dem Todesihres Gatten ihre, wenn auch beſchränkte, doch ganz unab⸗ hängige Stellung nur aus reiner Theilnahme für den 26 vereinſamten alten Freund und ſein verwaiſtes Kind aufgab. Darüber vergingen Jahre, die, wie angedeutet, für den Baron viel Unruhe und Bewegung mit ſich brachten. Dann aber, als er Alles geordnet wußte und auch ſeinen Hauptzweck erreicht hatte— zum mindeſten Othma⸗ ringen ſelbſt und ſomit den ſchönſten Theil ſeiner Be⸗ ſitzungen ſeinem Kinde zu ſichern— ließ auch die An⸗ ſpannung der geiſtigen und körperlichen Kräfte von neuem nach und er verſank allmälig wieder in die me⸗ lancholiſche Stille und Träumerei, welche vordem die Seinen ſo ſehr betrübt und geängſtigt hatte. Zu dieſer letztern Empfindung war jedoch jetzt kein Grund, denn der Zuſtand des Barons war immerhin ein anderer, beſſerer geworden, ſei es auch nur, weil ihn gegen⸗ wärtig zum mindeſten ein Intereſſe, ein Gefühl ſtets beherrſchte und Geiſt und Herz ſtets— ſagen wir: in Thätigkeit erhielt. Das war die Liebe zu ſeiner Tochter und die Sorge für ihr Wohl. Er war ein ſtiller und ernſter Mann; ſo ſtill, daß man oft tage⸗, ja wochenlang kein anderes als das allernothwendigſte Wort von ihm vernahm und ſelbſt dieſes ihm augenſcheinlich ſchwer wurde; ſo ernſt, daß man ſelten oder nie mehr eine Bewegung in ſeinen Zügen zu beobachten hatte, weder Freude noch Trauer, 27 weder Theilnahme noch Aufmerkſamkeit und am we⸗ nigſten jemals etwas wie Heiterkeit. Von ihm konnte man wirklich ſagen, was in einer gewiſſen Literatur⸗ epoche nach Byron's Vorgang als Attribut einer ganzen Klaſſe von Romanhelden angeführt wurde: er hatte das Lachen vergeſſen. Nur die Liebe zu ſeiner Tochter offenbarte ſich wohl einmal außer der gelegentlichen Thätigkeit und ſchaffenden Sorge für ſie und ihre Be⸗ dürfniſſe in einem tiefzärtlichen Blick ſeines Auges. Und wenn er unglücklicherweiſe jemals durch irgend Jemand oder irgend etwas an ſeine Verwandten in der Reſidenz erinnert wurde, ſo rückten die Brauen noch ein wenig näher zuſammen, und in dem Auge erſchien ein gewiſſes Drohen, das die Seinen erſchrocken das böſe Thema ſo weit wie möglich auf die Seite ſchieben ließ. Florian Hausmann zum mindeſten wußte von Baron Othmar ſelber, daß dieſer Haß gegen jene Ver⸗ wandten das zweite und letzte tiefere Gefühl war, das es überhaupt noch in dieſem Herzen gab. Um die Verwaltung ſeines Vermögens und ſeiner Beſitzungen bekümmerte er ſich längſt ſo gut wie gar nicht mehr, ſelbſt die jährliche Abrechnung mußte der alte Rentmeiſter jedesmal beinahe erzwingen. Und wenn er überhaupt noch nach irgend etwas fragte, ſo waren das die Armen, deren es freilich auf ſeinem Gebiet ſo 28 gut wie gar keine gab, und die prachtvollen Waldungen, wo er von den nöthig werdenden Holzſchlägen und Verkäufen ſtets unterrichtet werden wollte und die einen wie die andern wo irgend möglich verhinderte oder doch auf das knappſte Maß beſchränkte. Die Er⸗ haltung und Pflege ſeiner Waldungen war ſeine einzige Liebhaberei; er ſchweifte zuweilen tagelang einſam in ihnen umher und brachte hin und wieder ganze Wochen ebenſo einſam in Neu⸗Othmar zu, jenem zweiten, zum Theil noch bewohnbaren Schloſſe, wo ihn der Wald ringsum ſo zu ſagen von allem Verkehr mit der Welt abſchloß. Denn er machte kein Geheimniß daraus, daß er von der Welt da draußen nichts möge noch wolle, ohne einen beſondern Grund für ſolche Abneigung zu haben, und verließ ſeine Beſitzungen eigentlich niemals mehr. Er weigerte ſich auch entſchieden, ſeine Tochter nach der Sitte ſeiner Vorfahren zur Vollendung ihrer Ausbildung noch auf einige Zeit in ein Kloſter zu ſchicken oder ſonſt, von ſich zu laſſen; und als Frau von Soldnau, jene oben erwähnte, auf Othmaringen lebende Verwandte, ſpäter, da Charlotte erwachſen war, ernſtlich auf eine größere Reiſe drang, um das Mäd⸗ chen doch auch einmal etwas Anderes ſehen zu laſſen als die Berge und Thäler, den Wald und den Fluß der ————— . do 29 Heimat, da war ſeine Einwilligung nur ſchwer und für eine kurze Abweſenheit zu erlangen. „Wenn der Menſch nur in ſeiner Heimat daheim iſt, ſo iſt Alles recht und jedes Weitere von Uebel“ ſagte er damals und ſagte er auch ſpäter.„Wenn die Welt etwas von meiner Tochter will— was Gott gnädig verhüten möge!— ſo ſoll ſie zu ihr kommen. Char⸗ lotte braucht nichts von ihr.“ Das junge Mädchen ſtimmte dieſer Anſicht gewiſſer⸗ maßen bei. Sie hatte auf jener einzigen Reiſe ihres Lebens da draußen vor Heimweh weder Freude noch Genuß gehabt. Sie liebte ihre ſtille grüne Heimat leidenſchaftlich und behauptete, es könne keine Stelle auf Erden geben, an der es ſchöner ſei als in ihrem geliebten Othmaringen mit ſeinen waldüberrauſchten, von friſchen Quellen durchrieſelten Thälern und Höhen Zweites Kapitel. Die Roſe von Othmaringen. Das junge Mädchen hatte freilich in gewiſſem Sinne nicht Unrecht. Wir haben ſchon beim Eingange un⸗ ſerer Erzählung geſagt, daß das Thal von Othmarin⸗ gen, welches ſich bei dem Dorf am Fluſſe aufthat und dort hinten endete, wo die Thürme der alten Stadt ſich, von hier aus nur in feinen Linien ſichtbar, er⸗ hoben, eins der anmuthigſten war, und wenn man in daſſelbe eindrang, traf man bald überall auf Punkte und Ausſichten, wo der ernſte Geſammteindruck durch die lieblichſten Einzelzüge unterbrochen und gemildert wurde. Dies war zumal auf der Rückſeite des Schloß⸗ hügels der Fall, wo ſich gewiſſermaßen ein kleines Nebenthal und ein prachtvoller Raſengrund öffnete und 31 ſo zu ſagen zur Folie der Parkanlagen diente, auf die ſchon von des Barons Aeltern her ſehr viel Koſten und Mühe, aber auch ſehr viel Liebe und Geſchmack ge⸗ wandt worden waren. Letzteres zeigte ſich beſonders darin, daß man der Natur wo irgend möglich freien Spielraum gewährt hatte und nur, wo es nöthig wurde, ihr liebevoll zu Hülfe kam; daß man hier und da eine Durchſicht öffnete auf den Fluß und die fernen blauen Berge; daß man die Wege zog, die aufwärts und ab⸗ wärts von einem ſchönen Punkt zum andern führten; daß man dieſem oder jenem alten Baumrieſen Raum verſchaffte, ſich in ſeiner vollen Majeſtät bewundern zu laſſen, und daß man die Hecken und Berceaus, die Bosquets und Gruppen, welche die Natur erſchaffen, geſchickt in den Plan zog, nach dem Alles geordnet und dieſe ganze Gegend, faſt bis Neu⸗Othmar hinauf, zu einem Park umgeſtaltet wurde, in deſſen grünen Tiefen ſogar das Wild noch vertraulich weilte und wo es den Vögeln beſſer gefiel als in allen andern Revieren. Es gab hier, wie wir wiederholen, die reizendſten Punkte, und wer zum Beiſpiel dort drüben ſaß, wo es aus dem Grunde wieder aufwärts ging und eine gewaltige, wundervolle Buche einen weiten Raum mit ihren mächtigen Zweigen überſchattete, der mußte in der That das Landſchaftsbild, welches ihn von allen Seiten umgab, für eins der ſchönſten halten, das über⸗ haupt auf deutſchem Boden zu finden ſein möchte. Nach rückwärts verdichtete ſich der Wald, aufwärts gegen das alte Schloß zu und auch rechts hinaus ſtreifte der Blick nur in die üppigſten und zugleich friedlichſten Waldtiefen hinein und über kleine Matten hin, welche hier und da im leuchtendſten Grün an den ſchon höhern Bergen ſichtbar wurden. Links jedoch gab es eine jener oben erwähnten Durchſichten auf den Fluß und die fernen Höhenzüge, während vornan die Kirche und die Häuſer des Dorfes Othmaringen aus ihren Gärten her⸗ vorſchauten. Gerade gegenüber hatte man den Schloß⸗ hügel mit terraſſirten eigentlichen Gartenanlagen und reichen Blumenpartien, und ſelbſt das Schloß ordnete ſich hier zum mindeſten nicht ſtörend in das ſchöne Ganze ein. Eine breite Veranda war von Roſen und wildem Wein überſponnen, und das Gerank kletterte hier und da auch an den Mauern aufwärts und um⸗ faßte und beſchattete die Fenſter mit üppigem Laub⸗ werk und ſchimmernden Blüten. Kurz, die Stelle war wunderſchön, und wenn ſie auch der Baron nicht liebte, den der ganz nahe herab⸗ fallende und im Grunde weiter fließende Bach an das ſchwerſte Unglück erinnerte, das in den Augen Mancher jemals ihn und ſein Haus getroffen hatte, ſo war ſie 33 doch allen übrigen Schloßbewohnern ans Herz ge⸗ wachſen, wäre es auch nur um deswillen geweſen, weil die Roſe von Othmaringen die Bank unter dem ſtolzen Baum für ihr eigenſtes Eigenthum und für ihren Lieblingsplatz erklärt hatte. Ja, wenn man dort ſtand und ſich umſchaute, und der Morgen ein ſo ſchöner war wie der heutige, ſo prächtig friſch und klar, mit ſolchem Duft an den Waldbergen und ſolchem Thau⸗ gefunkel auf dem Raſen, überwölbt von einem ſo tiefen Blau und Alles wie gebadet im Sonnenglanz, da durfte man ſchon, wie die alte Dame, die ſich jetzt hier zeigte, mit feuchten Augen um ſich blicken und die Hände fal⸗ tend gleich ihr in die Worte ausbrechen:„O, es iſt doch nirgends ſo ſchön als in Othmaringen!“ „Ich habe damals über das Heimweh halb gelacht, halb gezankt, das unſere Kleine nach Hauſe trieb“, redete ſie weiter, leiſe das Haupt wiegend und indem ihre Augen wie grüßend von einem Punkt zum an⸗ dern glitten,„allein jetzt bitt' ich's ihr ab. Es iſt mir nicht beſſer ergangen, obgleich ich doch obendrein bei den Meinen weilte. Es war zumal in dieſen letzten Wochen wie ein wirklicher, körperlicher, ſchmerzhafter Griff, der mich erfaßte und hierher zog.“ „Sie waren auch lange, lange fort, meine gnädige Frau“, bemerkte ihr Begleiter, der Pfarrer Florian Hoefer, In der Welt verloren. I. 3 34 Hausmann;„es iſt in wenigen Wochen ein rundes Jahr, und wenn Sie ſich endlich nach Othmaringen ſehnten“, fügte er hinzu, während ein mildes Lä⸗ cheln durch ſein ſtilles Geſicht glitt,„ſo waren wir noch weniger gut daran, denn wir verlangten nach Ihnen.“ Sie lächelte gleichfalls.„Spotten Sie nur, Pfarrer“, ſagte ſie.„Sie wiſſen gut genug, daß mein Heimweh nicht blos dem Ort, ſondern auch und noch viel mehr unſerm ganzen kleinen Kreiſe galt, vor allem aber unſerer Roſe. Laſſen Sie uns niederſitzen, mein Freund“, fuhr ſie fort und nahm ſelber Platz auf der Bank. „Ich ſegne den Zufall, der Sie mir ſchon heute Morgen und hier entgegenführt. Denn wenn ich Sie auch jedenfalls heute noch zu ſprechen verſucht hätte, wer weiß, wie und wo und unter welchen Störungen das hätte geſchehen können! Es gibt ſo viel zu bereden, zu fragen, zu erzöhlen!— Ein rundes Jahr fern— Sie haben Recht!— und wenn ich mir das klar mache, erſchrecke ich von neuem und fühle wieder die Angſt und Sorge, die mich drüben oft genug gepeinigt— glauben Sie's nur, Pfarrer!— und ich quäle mich wieder mit der hundert⸗ und aber hundertmal auf⸗ tauchenden Frage, ob dieſe lange Entfernung denn gar nicht zu vermeiden, abzukürzen geweſen, ja ob über⸗ 35 haupt die ganze Reiſe nicht am Ende überflüſſig oder gar zu egoiſtiſch—“ „Nun, nun, Frau von Soldnau, übertreiben dürfen Sie auch nicht“, fiel der Pfarrer ein.„Daß eine Mutter zu ihrer Tochter geht, zumal wenn es in deren Häuslichkeit Verhältniſſe und Zuſtände gibt, wie im vergangenen Herbſt und Winter bei Ihrem Kinde, darin kann ſchwerlich irgend Jemand etwas Anderes entdecken als die Erfüllung einer Pflicht und die Be⸗ folgung eines Naturgeſetzes. Und ebenſo, daß Sie dann im Frühling krank wurden und viele Wochen darniederlagen, ſodaß eben ein Jahr verging, wo wir uns auf einige Monate eingerichtet hatten, nun, der Herr rechnet eben anders als wir kurzſichtigen Menſchen⸗ kinder.“ „Ja gerade dieſe unglückſelige Gicht!“ verſetzte die Dame, lebhaft den Kopf ſchüttelnd.„Ich bekenne mich zu der Sünde, daß ich wärend der Krankheit und noch mehr während dieſer endloſen ſogenannten Geneſung ganz erſchrecklich gegen den lieben Gott gemurrt habe! Gerade mir dieſe Krankheit, die ich ſonſt in meinem Leben noch nie etwas von dergleichen wußte und ſeit meinen Kindertagen nur meiner Kinder wegen ein paar Mal im Bett lag! Und gerade jetzt, wo ich mich mit aller Herzenskraft zu Euch hierher ſehnte und dort 3* — ꝗ—-————— ÿI 36 nichts mehr zu thun hatte! Es war bös, Pfarrer, bös, ſag' ich Ihnen! Und ſo wohl es auch unſerm Herzen thut, wenn wir erfahren, daß wir entbehrt werden, andererſeits thut's doch auch wieder weh, wenn man ſich eben entbehren laſſen muß und nicht helfen kann, wo man ſeine Hülfe begehrt und nöthig weiß. Und wenn dann endlich gar kleine Zeichen kommen, daß das Entbehren ein Ende nimmt und—“ Des Pfarrers Hand, welche ſich auf die ihre legte, und das beinahe muntere, ja faſt ſchalkhafte Lächeln, das in ſeinen Zügen erſchien, ließen ſie inne halten. „Jetzt laſſen Sie's genug ſein“, ſprach er dabei.„Sie ſind ſchon bei den Anklagen angelangt, meine alte Freundin, und die erſte iſt gleich ſo himmelſchreiend ungerecht— Sie wiſſen das übrigens ſelber ſehr gut!— daß ich von den folgenden nichts mehr hören will.“ „Macht Alles das Heimweh, Pfarrer!“ ſagte ſie mit einem komiſchen Seufzer. „Redensart, alte Freundin“, verſetzte er launig. „Das Heimweh iſt wie die Seekrankheit; wenn man daheim oder am Lande iſt, verlieren beide ihre Kraft. Sie ſind jetzt wieder unter uns, und da müſſen die Grillen und Sorgen aufhören.“ „Ach, Pfarrer, Mißtrauen und Neid war es auch“, meinte ſie, auf ſeinen Ton eingehend.„Ich fürchtete 37 eben, die alte Tante Katharine könne mich ausſtechen und mir Eure Herzen und meinen Platz nehmen.“ . Florian Hausmann machte ein ernſtes Geſicht.„Das iſt ſelbſt als Scherz nicht recht von Ihnen“, ſagte er. „Sie kennen die gute Dame länger und beſſer als wir und konnten keinen Augenblick zweifeln, daß gerade der Vergleich zwiſchen ihr und Ihnen den Wunſch, Sie wieder hier zu ſehen, immer lebhafter machen mußte.“ „Bei allen, Pfarrer?“ „Bei allen, Frau von Soldnau! Die alte Dame iſt ein herzensgutes, liebenswerthes Weſen, aber der Stellung, die ſie hier einzunehmen hatte, nirgends ge⸗ wachſen, weder für das Hausweſen, noch den Menſchen gegenüber, und am wenigſten bei dem Baron und der Kleinen.“ „Es ging alſo gar nicht, Pfarrer?“ „Das iſt zu viel geſagt, Frau von Soldnau! Die Dame iſt, wie mir ſcheint, theils zu ſchüchtern und unſelbſtſtändig, theils ſelber zu ſtill, als daß ſie irgend⸗ wie beſtimmend, ordnend, ermunternd und anregend einwirken könnte, wie es auf Othmaringen nothwen⸗ g diger iſt als irgendwo ſonſt. Und gerade für unſere Roſe war ſie am wenigſten, was derſelben zumal in ihrem jetzigen Alter noth thut, die treue und ernſte —— 38 Führerin und Beratherin, die mütterliche Vertraute, an die das Kind ſich lehnen, auf die es hören, nach der es ſich bilden ſoll, die ihm ſelbſt in unſerer Ein⸗ ſamkeit Welt und Leben erſchließt. Glauben Sie mir, meine Freundin“, fügte der Pfarrer ſehr ernſt hinzu, „es gibt dabei Manches, was mir gerade in Ihrer Ab⸗ weſenheit zuweilen ſchwer aufs Herz gefallen iſt!“ Der Pfarrer ſah ſorgenvoll vor ſich nieder, die Dame, leicht an den Stamm der Buche zurückgelehnt und die Arme gekreuzt, ſchaute ſinnend in die Ferne, und beide waren eine ganze Weile ſtill, bis die letztere endlich, den Kopf wendend, ihre Augen mit tief nach⸗ denklichem Blick auf der ernſten Miene des Geiſtlichen ruhen ließ und gedämpft ſagte:„Sie meinen jenen neuen ſeltſamen Gaſt vom vorigen Herbſt und Früh⸗ ling, mein Freund? In der That, dieſe Kunde war für mich eine ſo überraſchende, ſo bedenkliche, daß ich ſchon darum meine Entfernung auf das bitterſte be⸗ klagte. Nun, Pfarrer, alſo an den dachten Sie?“ „Doch nicht eigentlich oder wenigſtens nur mittel⸗ bar“, verſetzte der Pfarrer kopfſchüttelnd,„und zwar weil ſein Eintritt in unſern Kreis und ſein Verweilen allerdings die Gedanken und Erwägungen noch ver⸗ tiefen und ernſter machen mußte, welche uns, die wir dem Baron und der Kleinen am nächſten ſtehen, doch ———— 39 wohl ſchon ſeit längerer Zeit beſchäftigt haben und be⸗ ſchäftigen mußten. Von ihm ſelber iſt dabei kaum, ich glaube faſt, ſicher nicht die Rede“ Die Dame wiegte das Haupt.„Und doch iſt der Freiherr von Bilingsfelden ein noch junger und reicher Menſch, ein ſtolzer, untadelhafter Cavalier, ein berühmt ſchöner und gefährlicher Mann, lieber Pfarrer!“ Er ſchaute ſie überraſcht an.„Kennen Sie ihn denn, Frau von Soldnau?“ „Wie Sie das nehmen, Pfarrer. Perſönlich, nein, aber durch den Ruf und Mittheilungen ſeiner Bekannten, ich glaube, ja. Ehrlich geſtanden, als mir die Kleine im vorigen Herbſt plötzlich von ihm und ſeinem Auf⸗ treten ſchrieb, war ich ſehr überraſcht, zumal aus ihrem Briefe hervorging, daß der Baron ihn wie einen Be⸗ kannten aufgenommen und willkommen geheißen, ja an⸗ ſcheinend ſogar eingeladen habe. Sagen Sie ſelber, ob mir, die ich jetzt ſeit ſechzehn Jahren hier lebe und alle Neigungen, Stimmungen, ja ſogar Bekanntſchaften meines Vetters kenne, das nicht auffallen mußte. Ich erkundigte mich denn auch ſogleich nach den nähern Umſtänden, erhielt von der Kleinen aber ſo gut wie keine Auskunft. Halb behauptete ſie nichts Näheres zu wiſſen, als daß der Herr eben zur Jagd komme, halb ſchien ihr die Sache ſo unbedeutend, daß ſie der⸗ 40 ſelben neben all ihren übrigen Mittheilungen und Plau⸗ dereien vergaß. Henriettens Nachrichten waren noch dürftiger. Ich ließ das Ding alſo gut ſein“, fuhr die Dame nach einer kleinen Pauſe fort,„aus der Ferne konnte ich nicht vorſichtig genug ſein, dachte ich. Als ich jedoch im März las, daß er von neuem hier ge⸗ weſen, und wieder nur die trockene Mittheilung erhielt, da wurde auch dies eine meiner Sorgen und ich war darauf und daran, an Sie zu ſchreiben, Pfarrer, als meine Krankheit dazwiſchen kam. Da blieb denn Alles liegen, aber vergeſſen that ich's nicht, und als ich neu⸗ lich durch die Reſidenz kam, bin ich eigens ein paar Tage länger dort geblieben, um mehr von dem Herrn zu erfahren.“. „Und das war?“ fragte der Geiſtliche aufmerkſam. Frau von Soldnau ſchüttelte den Kopf.„Tauſchen wir unſere Erfahrungen aus“, verſetzte ſie.„Zuerſt ſagen Sie mir, was Sie von ihm und ſeinem hieſigen Auftreten wiſſen, denken, urtheilen; dann komme ich.“ Der Geiſtliche zuckte mit einem Lächeln die Achſeln. „Das iſt ſchnell geſagt“, erwiderte er.„Der Herr be⸗ ſitt, glaube ich, dort draußen, ein paar Stunden von der Stadt, ſeit einiger Zeit ein kleines Gut, das er zur Jagdzeit aufſucht. Im vorigen Herbſt traf er zu⸗ fällig in der Stadt mit unſerm Othmar zuſammen, —— — 41 der dann, wie Sie wiſſen, dort das alljährliche große Holzgeſchäft perſönlich abſchließt. Er iſt, denke ich, ſo⸗ gar eine Art Verwandter—“ „Gewiß“, fiel die Dame ein.„Seine Mutter war eine Comteſſe Eylingshauſen und die rechte Tante des Grafen Felix.“ „Nun gut, ſie trafen ſich— ob ſie einander ſchon früher gekannt, weiß ich nicht— und da Othmar von dem Zweck ſeines Aufenthalts in dieſer Gegend erfuhr lud er ihn hierher ein. Es waren damals gerade Klagen über die überhand nehmende Vermehrung des Wild⸗ ſtandes laut geworden. Der Herr nahm das dankbar an, kam her, verweilte vierzehn Tage und wiederholte den Beſuch im Frühling auf etwa ebenſo lange Zeit. Das iſt Alles, und Sie ſehen, es iſt einfach und na⸗ türlich genug.“ „Und nun ſein Auftreten, ſein Benehmen, ſein Ver⸗ kehr mit dem Baron, den Andern— Ihr Urtheil, Pfarrer?“ fragte die Dame mit ernſtem, forſchendem Blick. „Meine Freundin, Sie wiſſen, ein ſo häufiger Gaſt bin ich eigentlich auf dem Schloſſe nicht, daß ich, was Sie da ſagen, an einem Andern bis in die Einzelheiten beobachten könnte“, entgegnete Florian Hausmann ruhig. „Ueberdies hat Herr von Bilingsfelden vor allem den Zweck ſeines hieſigen Aufenthalts im Auge behalten und war meiſt nur abends daheim, wo ich daher noch ſeltener Gelegenheit fand, ihn zu ſehen und zu hören. Doch darf ich ſagen, daß er mir ſehr gefallen hat; er iſt ein vornehmer Mann im beſten Sinne des Worts, zurückhaltend im Ganzen, aber durchaus artig, ein Mann von Charakter, von Takt, von mehr Bildung, ſcheint’s, als man ſonſt in einem Herrn ſeines Stan⸗ des und ſeiner Carriere gewöhnlich finden ſoll. Und endlich ſpricht es in meinen Augen neben manchem Andern ſehr für ihn, daß er mit unſerm Othmar vor⸗ trefflich umzugehen verſteht und anſcheinend gern um⸗ geht.“ „Nun aber mein Vetter, wie urtheilt er? Wie denkt er ſich die Fortſetzung dieſes Verkehrs und ſeinen Einfluß auf unſern Kreis, mit einem Wort, die Zu⸗ kunft?“ fragte die Dame nach einer Pauſe mit dem Ausdruck des ſorgenvollſten Nachdenkens. „Meine gnädige Frau“, verſetzte der Pfarrer in ceremoniöſem Ton, als fühle er ſich nicht recht zufrieden mit dem eben Bernommenen,„wenn Sie darunter die Zukunft ſeiner Tochter verſtehen, ſo iſt mir Ihre Frage nicht ganz klar. Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß der Baron, wenn er überhaupt an dergleichen denkt, ſich niemals darüber äußert, auch gegen mich nicht. Sie —— 2 B————Oᷓ— 43 müſſen von dieſen ſeltſamen Anknüpfungsverſuchen der Verwandten drüben gehört haben; man probirte es ja ſogar bei dem Kinde ſelber. Das wäre denn nun doch wohl ein Punkt geweſen, über den man hätte ſprechen ſollen, trotz ſeiner Feindſchaft oder gerade wegen der⸗ ſelben; ich geſtehe Ihnen, daß mich dieſe Verſuche ſehr nachdenklich gemacht haben. Aber er ließ nicht ein einzig Wort darüber laut werden. Und ſo auch hier. Er iſt in ſeiner Weiſe ſehr freundlich gegen den Herrn und ſagte zu mir ſchon im vorigen Herbſt:„Sieh ihn Dir an, Florian! Das iſt ein Edelmann, man findet nicht mehr viele ſolche.“ Das war indeſſen auch Alles. Von irgend einem Plan, irgend einer Abſicht war und iſt beſtimmt keine Rede, dafür bürge ich. Er denkt nicht an eine Trennung von ſeinem Kinde. Er. hat es zu lieb.“ Die Dame war erſichtlich durch des Pfarrers Ant⸗ wort gleichfalls nicht befriedigt.„Nun gut, laſſen wir das alſo“, meinte ſie,„beſonders dieſe Verſuche, deren Sie gedachten. Ich habe ja keinen Grund zur Abnei⸗ gung gegen dieſe Menſchen, allein ich freue mich faſt, daß Othmar ſo entſchieden gegen ſie. Ich hörte auch jetzt wieder in der Reſidenz ſo unbehagliche Dinge von ihnen. Im Uebrigen aber— allen Reſpekt vor Ihrer Erfahrung und Einſicht, mein Freund, allein darüber iſt 44 ſo komme ich denn zu meiner letzten, ſorgenvollſten Frage: Wie ſteht Charlotte ſelber zu dem Fremden? Haben Sie eine Ahnung, wie ſie von ihm denkt?“ Der Geiſtliche machte eine abwehrende Bewegung. „Frau von Soldnau“, ſagte er,„Sie trauen meiner Freundſchaft für den Vater und meiner Liebe zu dem theuren Kinde wohl zu, daß auch ich mir dieſe Frage vorlegte und beobachtete, ſo gut ich's vermochte, ebenſo aber auch, daß ich gerade in dieſem Punkt am aller⸗ vorſichtigſten war, am allerwenigſten eine Frage ſtellte. Wozu das Kind auf etwas bringen, das ihm vermuth⸗ lich bisher völlig fremd blieb? Beobachtet habe ich nichts, was für das Gegentheil ſpräche, erfahren von ihr ſelbſt noch weniger. Und da ſie mir bisher ſtets ein ſchrankenloſes Vertrauen gewährte und Alles zur Sprache brachte, was ihr Herz und ihren Kopf bewegt, ſo darf ich wohl ſchließen, daß ſie in dem Herrn nichts Anderes ſieht, als den Gaſt ihres Vaters und den an⸗ genehmen, gebildeten Mann, deſſen Unterhaltung ihr gelegentlich Freude macht.“ „Das gebe Gott, es wäre ſonſt auch ein großes Unglück!“ ſagte Frau von Soldnau ſo tief aus dem Herzen heraus, daß des Pfarrers Augen mit einer Art mit Junggeſellen am Ende kaum zu reden; mein Vetter iſt gewiſſermaßen auch nur ein ſolcher. Und —,— — 45 von Beſtürzung den ihren begegneten.„Ja, Pfarrer, ja, ein großes Unglück!“ wiederholte ſie in gleichem Tone.„SIch ſagte Ihnen vorhin, daß ich mich erkun⸗ digte nach ihm und was ich über ihn erfuhr. Darin iſt denn allerdings kaum etwas Nachtheiliges und ſtimmt es ja auch ungefähr mit Ihrem Urtheil überein. Man hat ungemeine Achtung vor ihm und ſogar Re⸗ ſpekt, beliebt aber iſt er im Allgemeinen nicht, ſelbſt nicht unter ſeinen Kameraden; er iſt ihnen zu ſtolz, — manche heißen's hochmüthig— zu kalt und ſchroff. In den höchſten Kreiſen dagegen ſoll man ihn ſehr gern haben und zeichnet ihn entſchieden aus; er iſt ſeit vier oder fünf Wochen unter die Adjutanten un⸗ ſeres Fürſten aufgenommen, und das Alles iſt um ſo wunderbarer, als— paſſen Sie auf, Pfarrer— als es eine Art von öffentlichem Geheimniß iſt, daß Prinzeß Conſtanze ihm ſehr geneigt iſt und daß er ſelbſt dieſer Neigung gegenüber zum mindeſten nicht kalt blieb. Mein Gewährsmann hielt es ſogar für nicht unmög⸗ lich, daß dieſe Verbindung am Ende durch eine Heirath ſanctionirt würde. Es wäre ſonſt zum wenigſten un⸗ verſtändlich, wie man die Dinge hätte ſo weit gedeihen laſſen können. Sie ſehen alſo wohl, Pfarrer!“ Florian Hausmann ſchaute nachdenklich vor ſich hin. „So täuſchte ich mich alſo nicht“, bemerkte er nach 46 einer ganzen Weile, zur Nachbarin aufblickend.„Sein Weſen machte mir ein paarmal den Eindruck, als ob er gebunden ſein möge— nicht glücklich, ſchien mir's. An eine ſolche Verbindungfreilich konnte ich nicht wohl denken.“ In dieſem Augenblick wurde von den Büſchen her, welche ſich gleich hinter dem alten Baume und faſt noch unter dem Schirm ſeines mächtigen Gezweigs er⸗ hoben, ein ſo eigenthümliches Geräuſch vernehmbar, daß das Paar auf der Bank zugleich die Köpfe und Augen dahin wandte. Es klang wie ein ſchwerer Seufzer, ja faſt wie eine Art von kurzem, qualvollem Aufſchluchzen, und dann folgte unmittelbar ein anderer Laut, als ob ſich ein Weſen raſch und gleichgültig, ob man dieſe Bewegung bemerke oder nicht, durch das Gebüſch in den Wald hinein entferne. Ein Zweifel konnte nicht ſtattfinden. Die Zuſchauer ſahen ein paar Büſche ſich wirklich bewegen, und von einem Winde war am heutigen Morgen nicht die leiſeſte Spur wahr⸗ zunehmen. Die Dame erhob ſich ſchnell, der Geiſtliche ſprang ſogar auf.„Was um Gottes willen war das?“ fragte die erſtere erſchrocken.„Haben wir denn einen Zu⸗ hörer gehabt? Pfarrer, um des Himmels willen, wenn es die Kleine ſelbſt geweſen wäre! Ich weiß, ſie iſt draußen, und hier iſt ja ihr Lieblingsplatz!“ 47 Florian Hausmann war bereits an den Büſchen; allein ſie erhoben ſich gerade hier dicht und verſchlun⸗ gen wie eine künſtliche Hecke, ſodaß man weder ſich ſchnell durchzudrängen, noch auch nur hindurchzublicken vermochte, und als er auf den Pfad zueilte, der eine kleine Strecke weiter oberhalb auf den Platz mündete und einen Blick auf das rückwärts liegende Terrain gewährte, war nirgends mehr ein lebendes Weſen zu erblicken. Der Wald wurde hier freilich, wie wir bereits ſagten, dichter von Schritt zu Schritt, ſodaß, wenn anders Jemand dergleichen ſuchte, in nächſter Nähe eines Spähenden mehr als ein Verſteck zu finden war. „Nichts!“ ſagte der Geiſtliche, als er zurückkehrte und dem unruhigen Blick der Dame begegnete, die Achſeln zuckend.„Und daher möchte ich denn auch faſt glauben, daß wir uns ganz täuſchten, oder daß es eins von den zahmen Rehen war. Ein Menſchenkind, zumal ein Mädchen, und wäre es auch ſo wild wie gelegent⸗ lich unſere Roſe“— er lächelte—„kommt nicht ſo ſchnell und unſichtbar durch die Büſche.“ „Gott geb' es, daß wir uns täuſchten, oder daß es zum mindeſten nicht Charlotte war“, erwiderte die Dame ſorgenvoll und wandte ſich dem Wege zu, der ſeitwärts den Hang entlang führte und ſich allmälig dem Fluß und dem Dorf näherte.„Wenn es iſt, wie Sie meinen, 48 alter Freund, und wie wir's alle wünſchen müſſen, ſo wäre ja anſcheinend keine Gefahr dabei; allein es würde mir— ich weiß nicht weshalb— trotzdem wie ein wirkliches Unglück vorkommen.“ „Weshalb? Die Antwort ſcheint mir nicht ſchwer. Augen und Herz, wie Charlotte ſie Gott Lob! hat, müßten freilich vor einem Einblick erſchrecken, wie Ihre Mit⸗ theilung ihn eröffnet. Das Kind hat— nochmals Gott Lob!— bisher keine Ahnung von den traurigen, verwirrten und ſchmuzigen Zuſtänden in der ſoge⸗ nannten Geſellſchaft.“ Die Dame blieb ſtehen und ſchaute ihren Begleiter kopfſchüttelnd an.„Das, mein Freund, iſt, mit Ihrer Erlaubniß geſagt, eine Redensart,, verſetzte ſie be⸗ ſtimmt,„und widerſpricht obendrein ganz ſeltſam Ihren ſonſtigen Anſichten und Grundſätzen, mit denen Sie die Doctorin und mich ſtets unterſtützten. Nein, darauf gründet ſich meine Sorge nicht, oder wie Sie's heißen wollen; vielmehr— aber laſſen wir das, wie auch den Grund Ihrer Verſt ſtimmung, den ich Ihnen übrigens keineswegs ſchenke“, brach ſie weiterſchreitend ab.„Ich muß am Ende doch wohl ins Haus, ich habe Othmar geſtern Abend kaum und heute Morgen noch gar nicht geſehen. Und da möchte ich noch raſch ein paar Worte über unſer Kind ſagen. Sie hießen die Charlotte eben —,— —— 4 49 wild, Pfarrer; daran knüpfe ich an. Wiſſen Sie, Freund, ſie kommt mir ſehr verändert vor, gar nicht mehr wild, noch fröhlich, wie viel ich auch auf unſere gegenſeitige Bewegtheit bei dieſem Wiederſehen rechne; ſo ruhig, ſo klar, anmuthig, ja, ſehr! Sie iſt liebreizender als je, aber eben gar nicht fröhlich, nicht Kind mehr! Iſt Ihnen das nicht aufgefallen?“ Ihr Begleiter ſchüttelte den Kopf.„Daß ich nicht wüßte, Frau von Soldnau“ verſetzte er ruhig,„wenig⸗ ſtens durchaus nicht in auffälliger, beſonderer Weiſe. Daß unſere Kleine, wie wir ſie noch immer heißen, allmälig ein wenig damenhafter wird— denn das wollten Sie doch wohl ſagen?—“ „Gewiß, das auch, aber doch nicht ganz. Man kann in ihrem Alter ſchon durchaus Dame und dennoch zu⸗ gleich auch noch fröhlich ſein. Jedes hat ſeinen Platz.“ „Und Sie ſahen ſie geſtern und heute erſt ein paar Stunden, bewegt gleich ihr durch das Wiederſehen— Sie geſtehen das ſelber zu und wollen ſchon urtheilen?“ wandte er lächelnd ein und fügte erſt nach einigen Schritten hinzu:„Laſſen Sie ſich nur Zeit! Der Kinds⸗ kopf wird gelegentlich ſchon wieder zur Herrſchaft kommen!“ Die Dame wiegte jetzt ihrerſeits das Haupt.„Ich weiß nicht, Pfarrer, zu einer ſolchen Entdeckung bedari Hoefer, In der Welt verloren. I. 4 50 8 es keiner langen Beobachtung. Dergleichen offenbart ſich ſogleich in kleinen, anſcheinend unbedeutenden und vereinzelten Zügen, die man zwar nicht näher bezeich⸗ nen und einem Andern deutlich machen kann, die aber dem Blick der Liebe nicht entgehen.“ „Die ich aber weder wunderbar noch unnatürlich, vielmehr hier ganz begreiflich, ja nothwendig finde“, verſetzte er.„Was wollen Sie? Sie wird in weni⸗ gen Monaten neunzehn Jahre. Da iſt man eben kein Kind mehr.“ Sie waren während dieſes Geſprächs langſam auf dem Wege fortgegangen, der ziemlich eben und bequem den Hügelrücken entlang führte, hier und da von einem Baum überſchattet oder durch ein Gebüſch unter⸗ brochen, in deſſen Schirm wieder eine Bank zum Ruhen einlud. Nun aber wurde der Pfad von einer— ſagen wir: Waldzunge gekreuzt, welche von droben bis in den Thalgrund hinabreichte, und als ſie auch dieſe durchſchritten hatten, betraten ſie hier, wo der Hügel ziemlich jäh gegen den Fluß zu abſtürzte, eine Art von kleinem Plateau oder Belvedere, einen faſt ſchattenloſenn und im Grunde wenig reizenden Platz, nur daß man auch hier wieder eine wundervolle Ausſicht hinab in den rauſchenden Fluß und auf das jenſeitige anmu⸗ thige Gelände hatte. Dazu ſah man in die Gaſſen des 51 Dorfes, in ſeine Gärten, auf die Kirche und die Kreuze und Steine des ſtillen Friedhofs gerade hinab, und darüber hinaus durch die ganze Länge des ſchönen Thals mit den zahlreichen Ruinen auf den Höhen und der Stadt im fernen Hintergrunde, welcher der zwiſchen ſtattlichen Baumreihen hier und da ſichtbar werdende helle Faden einer Landſtraße entgegenführte. 7. Der Wald hatte längſt nicht mehr bis hier herunter gereicht und neuen Anpflanzungen hatte die Stelle ſich nicht günſtig gezeigt, ſodaß man zu einigem Schutz gegen die Sonnenglut, welche an hellen Tagen hier eine außerordentliche war, eine Art von Pavillon er⸗ * richtet, das heißt auf einige ſchlichte Holzſäulen ein ebenſo einfaches Schindeldach gelegt und dadurch einen Platz zum gelegentlichen Ausruhen gewonnen hatte. Im Schutz und Schatten des ſchlichten Bauwerks 1⸗* hatten ein paar Büſche Wurzeln geſchlagen und mil⸗ derten einigermaßen die Kahlheit der Stelle; ein Tiſch und einige Gartenſtühle zeigten, daß die Schloßbewohner wenigſtens zuweilen hier einkehrten, und auf einem dieſer letztern ſaß oder ruhte vielmehr, als die beiden Spaziergänger den Platz betraten, bequem an die Lehne zurückgeſunken, eine Dame. Von den beiden Ankömmlingen ſah ſie augenblick⸗ lich ebenſo wenig wie anſcheinend von dem Landſchafts⸗ 52 bilde und ihrer ganzen Umgebung; ſie hielt in ihren Händen ein Buch und hatte das Geſicht ein wenig gegen daſſelbe geneigt. Und da ein breitrandiger Stroh⸗ hut ihren Kopf bedeckte, ſo erblickte man von dieſem Geſicht kaum mehr als eine ſanft gerundete, mehr blaſſe als roſige Wange. Trotzdem aber und trotz ihrer Stel⸗ lung, die von der Geſtalt wenig erkennen ließ, umfloß die ganze Erſcheinung ein Hauch nicht nur der rei⸗ zendſten Jugendlichkeit, ſondern auch einer vollendeten Anmuth und Grazie, gleichviel ob man dies nur in der Haltung des ſchlanken Halſes und des kleinen Kopfes fand, der im Nacken von kurzen Locken um⸗ geben war, oder in den ſchönen Linien der leicht er⸗ hobenen Arme, oder ob auch die ganz einfache und doch geſchmackvolle Toilette dazu beitrug, der Hut mit der lang herabſinkenden leichten Feder, das weite, glän⸗ zend friſche, weiße Sommerkleid. Wir denken bei der Toilette nur ſtets an das Modenjournal und glauben deshalb in derſelben etwas Gleichgültiges, wo nicht gar Verächtliches erblicken zu dürfen. Wo ſie aber, wie es hier augenſcheinlich der Fall, nicht durch das Modenjournal beſtimmt wird, ſondern, vom eigenen Geſchmack geordnet, ſich der Perſönlichkeit anpaßt und gleichfalls mit dem eigenen Geſchmack und der eigenen Anmuth getragen wird, da, dächten wir, hätte ſie noch 53 etwas weiter zu bedeuten und ſähe man in ihr und aus ihr noch etwas mehr als dieſen oder jenen Stoff oder den und jenen Schnitt. „Wahrhaftig, da iſt Charlotte!“ ſagte Frau von Soldnau, den Fuß anhaltend, mit einem Ausdruck von Beſtürzung.„O, Freund, wäre ſie es dennoch geweſen?“ „Aber ſie müßte ja geflogen ſein und ſieht doch gar nicht erhitzt aus!“ verſetzte ihr Begleiter in beſchwich⸗ tigendem Tone.„Ich weiß nicht, was Sie ſich quälen— meine Erklärung wieſen Sie zurück! Was wäre es denn, wenn das Kind wirklich—“ Seine Rede ſo gut wie die Erwiderung der Ma⸗ trone, zu der ſie bereits die Lippen öffnete, wurde durch die Bewegung der Leſenden abgeſchnitten, welche, von ihrem Buche aufſchauend, das Paar erblickte, die Hand ſinken ließ und ſich von ihrem Platze erhob. Sie winkte den Beiden einen Gruß zu und kam ihnen entgegen, und man ſah nun, daß die Geſtalt ſo vollendet ſchön und harmoniſch war, wie man ſchon aus ihrer Ruhe hatte ſchließen dürfen, ſchlank, leicht und geſchmeidig, in jeder Bewegung voll Anmuth und natürlicher Grazie. Aber gerade aus dieſer Anmuth der Haltung, aus dieſen graziöſen und zugleich weichen Bewegungen nicht minder als aus dem mild freundlichen Ausdruck des jungen Geſichts und den wunderſchönen, ſanften, dunkel⸗ blauen Augen ſprach die beiden Ankömmlinge etwas an, das ſie unwillkürlich ſich an jene frühern Worte der Matrone erinnern ließ. Liebreizend war die Roſe von Othmaringen freilich, holdſelig, wie nur je ein junges Weſen dieſes Alters; aber wie freundlich, ja zärtlich jetzt auch ihre Augen das Paar anlächelten, wie herzlich ſie beiden zugleich ihre Hände entgegen⸗ ſtreckte, wie innig ihre Worte klangen:„Grüß Gott, Tante! O Gott Lob, daß ich's wieder ſagen darf zu Dir ſelbſt, daß Du endlich wieder da biſt!— O, lieber Herr Pfarrer, wie ſo ganz unſagbar glücklich fühl' ich mich!“— von der Fröhlichkeit und dem unbedächtigen, ungeſtümen Sichgehenlaſſen eines glücklichen Kindes war darin nichts zu entdecken. Man ſah es wohl, die Kinderträume waren aus dieſem reizenden Köpfchen für immer entwichen. „Wie blaß Du biſt, mein Herzenskind!“ ſagte Frau von Soldnau, die kleine Hand in der ihren haltend, mit zärtlich beſorgtem Blick und Ton.„Du ſiehſt müde aus.“ 2 „Das bin oder war ich auch ein wenig“, verſetzte das Mädchen lächelnd,„denn ich bin weit umher ge⸗ ſtreift, bis zur Burg hinauf und dann ganz rechts hinüber. Ich hatte ſchon ſeit drei Tagen den Hans nicht geſehen— weißt Du noch, Tante, daß ſo mein 55 Lieblingsreh heißt?— und wollte wiſſen, wo er ſtecken möge. Und als ich dann endlich hier auf meinem Po⸗ ſten anlangte, gefiel mir die Ruhe ſehr gut und ich wäre beim Leſen beinahe eingeſchlafen. Jetzt bin ich wieder ganz friſch.“ In der That ſah man nun, da das junge Mädchen ſo nahe ſtand, daß der Saum ihres langen Kleides von einem weiten Weg über thauigen Raſen und Moos zeugte, und auch ſonſt zeigten ſich an dem Gewande Spuren, daß ſie raſch und achtlos an Kraut und Zwei⸗ gen vorübergeſtreift war. Der Pfarrer, der dies bemerkte, meinte lächelnd: Sie ſehen wohl, gnädige Frau, daß ich in Betreff unſerer Kleinen Recht hatte. Denn Deine Tante meinte, mein Kind“, fügte er gegen Charlotte gewendet, in gleich munterem Tone hinzu,„ſie habe Dich ſehr ver⸗ ändert, gar nicht mehr fröhlich und beweglich, ſondern ganz damenhaft wiedergefunden, und fragte, ob denn Deine Tante Katharine einen ſolchen Einfluß auf Dich habe gewinnen können.“ Das junge Mädchen lachte ganz herzlich und ſchlang beide Arme um die alte Verwandte.„O Tante, o Herr Pfarrer, wie böſe Ihr beide ſeid, ſo über die gute, liehe alte Seele zu ſpotten!“ rief ſie dabei.„Und über mich auch, daß ich damenhaft geworden— ol“ 56 „Nun, Kind, ich ſagte das nicht, ſondern beruhigte hier die Dame“, bemerkte der Geiſtliche heiter.„Der übermüthige Kindskopf werde ſchon noch wieder zu Platz kommen, meinte ich, mit Recht, glaub' ich. Der Beweis liegt vor Augen! Denn dieſer Streifzug ohne Begleitung und durch Dick und Dünn, und dann die Wahl dieſes angenehmen Abkühlungsplatzes—“ „Ja, in der That, mein Herzenskind, hier halt' ich es nicht aus“, ſprach Frau von Soldnau dazwiſchen, und obgleich die kleine Geſellſchaft jetzt in den Schatten des Pavillons getreten war, hatte ſie doch ein Recht zu dieſer Bemerkung. Die Septemberſonne brannte heiß.„Komme mit hinab, Kind. Dein Vater wird ſchon nach uns ausſehen. Es iſt ja die alte Stunde.“ „Entſchuldige mich, liebſte Tante; ich darf meinen Poſten noch nicht verlaſſen“, entgegnete Charlotte lä⸗ chelnd.— „Deinen Poſten? Schon zum zweiten Mal dies Wort! Was heißt das?“ fragte der Pfarrer. „Daß wir Beſuch bekommen, Herr Pfarrer“, ver⸗ ſetzte das Mädchen munter,„und daß ich ihn abfangen will, um den Papa von ſeinem Nahen benachrichtigen zu können. Dem armen Papa ſind ſolche Ueberraſchungen ja ſo peinlich!— Ihnen hab' ich noch nichts davon geſagt, Herr Pfarrer. Wenn ich Sie noch ſehen ſoll, 547 muß die Tante nach Hauſe kommen, um Sie herzu⸗ ziehen“, fuhr ſie mit reizender Schalkhaftigkeit fort; „und gegen die Tante vergaß ich's auch, wir hatten ſo viel Anderes auf dem Herzen!— Die Tante Vögels⸗ bach hat ſich vorgeſtern mit ihrem Felix angemeldet. Sie kommen von Baden, wollen von D. aus die Nacht durch fahren und hoffen heute Morgen hier einzutreffen. Ach, Tante, ach, Herr Pfarrer, ich ängſtige mich ein wenig! Ich kenne ja die Tante faſt gar nicht; Du hießeſt ſie vordem aber überſchwänglich und unberechen⸗ bar. Und Felix, da er vor ſieben, acht Jahren hier war, iſt mir ſo wenig liebenswürdig in der—“ Sie brach ab, ohne den Satz zu vollenden, und er⸗ hob haſtig ein kleines Fernrohr vom Tiſch an das Auge.„Wahrhaftig“, rief ſie gleich darauf,„es kommt ein ſchwer bepackter Reiſewagen mit vier Pferden! Das ſind ſie, das ſind ſie! Ich muß vorauseilen, ſonſt komm' ich zu ſpät. Adieu!“ Und damit flog ſie be⸗ reits auf den Fußſteig zu, der ſich von hier ſteil in das Thal ſenkte. „Kind, erhitze Dich nicht ſo furchtbar! Dein Vater iſt ja durch den Brief vorbereitet!“ rief Frau von Sold⸗ nau ihr nach. Das junge Mädchen wandte ſich, ohne inne zu 58 halten, um und lächelte zu der alten Verwandten, das Köpfchen ſchüttelnd, zurück. Dann flog ſie hinab. „Was hab' ich Ihnen geſagt?“ ſprach der Pfarrer, ihr nachblickend, in herzlichem Tone.„Da iſt noch Leben und Luſt genug darin! Es iſt ein prächtiges, liebreizendes Kind!“ Seine Begleiterin nickte zerſtreut.„Dieſer Beſuch— Sie haben nichts davon gewußt“, meinte ſie endlich. „Was ſagen Sie dazu, Pfarrer? Was wollen die hier?“ Der Pfarrer zuckte die Achſeln.„Ich hörte nie, daß die gnädige Dame ſich irgend jemals mit etwas wie einem Zweck, einer Abſicht, einem Plan geplagt habe, ſondern nur von Capricen, Launen, Einfällen und ſehr viel Langerweile weiß. Ja, hätte ſie einen Plan, wie lange würde ſie dabei bleiben? Darum quäl' ich mich nicht. Sie halten's hier nicht lange aus. Aber laſſen Sie uns gehen, ich begleite Sie bis an die Terraſſen.“— Sie folgten langſam und vorſichtig dem voraus⸗ fliegenden Mädchen, das jetzt ſchon drunten durchs Thal eilte.—„Wie eine Elfe!“ ſagte die Matrone zärtlich. Ddrittes Kapitel. Fremde Vögel im Revier. Die Baroneſſe Vögelsbach war die einzige Schweſter des Barons Othmar und behauptete zuweilen in einer ſentimentalen Stunde, daß ſie nie im Leben einen Men⸗ ſchen ſo leidenſchaftlich und ſo ausſchließend geliebt habe, wie dieſen„einzigen, vergötterten, unglücklichen Bruder“. Das wollte denn ſchon etwas heißen, denn die Frau Baronin hatte in ihrem freilich ziemlich langen Leben, das ſie ſelber indeſſen um zwanzig Jahre ab⸗ zukürzen pflegte, ſehr viel geliebt— verſteht ſich, in allen Ehren geſagt. Denn ſie hatte dreimal geheirathet und dreimal als unglückliche Wittwe getrauert, und man erzählte ſich außerdem in der Geſellſchaft und hörte es in hingebungsvollen Stunden wohl von ihr 60 ſelbſt geſenkten Blickes und ſeufzend zugeſtehen, daß ſie noch ein paar Mal der Gegenſtand einer großen Leiden⸗ ſchaft geweſen, ja das eine oder andere Mal dieſelbe. auch erwidert, dann ſie aber aus irgend einem zwin⸗ genden Grunde mit brechendem Herzen oder mit großer Vernunft überwunden habe. Trotz dieſer außerordentlichen Liebesfähigkeit war jene größte Liebe zu ihrem„vergötterten“ Bruder aber um ſo merkwürdiger, als die Geſchwiſter ſeit ihrer früheſten Jugend ſchon getrennt, ſpäter ſtets nur auf kurze Zeit zuſammengetroffen waren und niemals länger, als es die Gelegenheit mit ſich brachte, zuſammen blie⸗ ben. Die Baronin Armgard— ſo hieß ſie— war* um fünf bis ſechs Jahre jünger als ihr Bruder und, als dieſer, kaum erwachſen, auf die Univerſität geſchickt wurde, noch das reine Kind. Heranwachſend kam ſie dann, wie damals noch üblich, ins Kloſter, und als Othmar im Winter 1812 nach Hauſe zurückkehrte, war die Schweſter ſchon ſeit faſt einem Jahre mit ihrem erſten Gatten verheirathet und keineswegs ſo nahe, daß von einem häufigen Verkehr hätte die Rede ſein können. Nach des Bruders Heirath und endlich wieder hergeſtelltem Weltfrieden trafen die beiden Paare ſich 6 ein paar Mal auf Reiſen, ohne daß Othmar und ſeine Gattin von ſolchen Zuſammenkünften indeſſen hinter⸗ —,— 61 drein viel zu berichten oder gar zu rühmen pflegten; im Gegentheil äußerten ſich beide gegen Florian Haus⸗ mann gelegentlich über die Schweſter und Schwägerin und ihr Leben in entſchieden mißbilligender Weiſe. Und dies nahm noch zu, als Armgard ſich in dieſen Jahren von ihrem Gatten trennte und— eine jener großen Leidenſchaften beſiegend— allein in der Re⸗ ſidenz lebte. Othmaringen war ihr von dem damals noch lebenden ſtrengen Vater infolge dieſer Verhältniſſe verſchloſſen, und da ſie ſelber nicht heim verlangte, ließ auch der Bruder den Dingen ihren Lauf, ſodaß ſie erſt nach Jahren ſich einſtellte, um ihren zweiten Gemahl— der erſte war inzwiſchen geſtorben und betrauert— dort vorzuſtellen, zu einem unglücklichen Zeitpunkt, da ihre Schwägerin nicht lange vorher aus dem Leben geſchie⸗ den und ihr Bruder, wie wir erfuhren, ſehr niederge⸗ drückt und faſt theilnahmlos war. Der Beſuch war daher auch nur ein kurzer und murde erſt lange Zeit ſpäter wiederholt, als ſchon die zweite Frau auf Oth⸗ maringen hauſte, auch wieder zur Vorſtellung eines, des dritten Gemahls und des Sohnes zweiter Ehe, des einzigen Kindes, das Armgard überhaupt beſchert wor⸗ den war. Und ſo ging es fort, und die Roſe von Othma⸗ ringen hatte nur einmal, als ganz kleines Kind, ihre Tante geſehen und ihren Vetter Felix, den Herrn Grafen von ECylingshauſen, gleichfalls nur kennen ge⸗ lernt, da er ſich vor ſieben oder acht Jahren auf Be⸗ fehl ſeiner Mutter den Verwandten präſentirte. Er war damals auf der Reiſe nach Paris, wo er eben der Geſandtſchaft zugetheilt worden war. Denn da er keine Neigung zum Soldatenſtande hatte, wurde er mit ſeinem Namen, ſeinem Aeußern und ſogar im Beſitz von einigem Vermögen ſelbſtverſtändlich Diplomat. Dieſe beiden Perſonen hatten ſich, wie wir erfuhren, vor einigen Tagen zum Beſuch bei dem Bruder und Onkel angemeldet und waren nun eingetroffen. Die Baronin hatte, was man ihr nicht verdenken konnte, nach der anſtrengenden Reiſe ſich einigermaßen innerlich und äußerlich zu„refraichiren“ verlangt und ſich, ohne Jemand von den Ihren zu ſehen, ſogleich in ihre bereitgehaltenen Zimmer zurückgezogen. Sie hatte ihren Zweck denn auch erreicht, die Reiſe⸗ toilette mit einer andern, für das erſte häusliche Zu⸗ ſammentreffen mit den Verwandten paſſenden vertauſcht und ſah jetzt, da die Kammerfrau ſie verließ und ihr Sohn aus ſeinem nahe gelegenen Zimmer bei ihr ein⸗ trat, ſo vortrefflich aus, daß Felix ihr mit vollem Recht darüber ein Compliment machen durfte, und ſelbſt der⸗ — —— 63 jenige, welcher ihr wirkliches Alter zu kennen meinte, in dieſem Augenblick ſeine Rechnung vielleicht um ein Halbdutzend Jahre oder noch mehr verringert hätte. Die Baronin beſaß nicht nur die Kunſt, ſondern nach Beendigung ihrer„großen Leidenſchaften“ auch die Ver⸗ nunft, ihre Toilette ſowohl ihren von ihr behaupteten Jahren als auch ihrer ganzen Erſcheinung anzupaſſen, und erſchien dadurch in der That um ein Bedeutendes jünger, als ſie war. Seit ihr Herz zur Ruhe gekom⸗ men, war die Dame ſtark geworden; ihr Geſicht war voll, ohne die urſprünglichen feinen Linien einzubüßen — Armgard von Othmaringen war ihrer Zeit zwar keine Roſe, aber eine berühmte Schönheit geweſen— und noch glatt, ihr Hals weiß, und die ſilbergrauen Locken, in denen ſie ihr Haar trug, erſchienen daneben faſt vorzeitig und machten ſie keineswegs älter, ſondern eher jünger. „Mon enfant“, verſetzte ſie auf des Sohnes ſchmei⸗ chelhafte Worte mit ſanftem Lächeln,„das muß mir wohl angenehm ſein, Du giltſt ja für den competen⸗ teſten Richter! Freilich, dieſe unendliche Freude, mei⸗ nen heißgeliebten, unglücklichen Bruder und dies ein⸗ ſame Kind wiederzuſehen— nach ſolcher Zeit— da verſchwindet jede Ermüdung.“ „Eine Freude, die man Ihnen weng lohnt, chère Maman! meinte der Sohn achſelzuckend.„Dieſer Empfang durch die Dienerſchaft und was für eine Dienerſchaft—“ „War in unſerm Hauſe von jeher Sitte. Man begrüßt ſich ſtets erſt im Salon— hier im Hauſe hieß man's ſonſt Familienzimmer“, unterbrach ihn die Mutter in einem gewiſſen kühlen Tone.„Man will ſeine Empfindungen nicht vor den Augen der Diener⸗ ſchaft profaniren. Ueberdies, mon enfant, iſt mein geliebter Bruder alt und leidend—“ „Nun, nun, chère Maman, allen Reſpekt vor der Sitte Ihres Hauſes und vor dem leidenden Herrn Onkel! Beides entſchuldigt aber die Abweſenheit der Couſine nicht, auch nicht die dieſer— dieſer— Frau — wie nennt ſich die Aya?— Ach Gott, Mama, es iſt eigentlich ein ſchrecklicher Einfall, dieſen Erdwinkel mit ſeinen Höhlenmenſchen aufzuſuchen, und ein noch ſchrecklicherer Sedanke, hier mehrere ganze Tage zu verweilen! Wenn ich an das zurückdenke, was ich hier vor acht Jahren, erlebte— und der Herr Onkel iſt um ebenſo viel Jahre älter, leidender und langweiliger, die Dame Aya ſteifer, die Couſine ländlicher geworden! Es iſt ſchrecklich!“ Auf der Stirn der Baronin zeigte ſich eine höchſt bedenkliche Falte und ihre Brauen erhoben ſich ſtrafend. ———j,—— —x „Mon enfant“, ſagte ſie jetzt in hohem Tone,„ich ge⸗ ſtehe Dir, daß ich Deine Bemerkung außerordentlich voreilig und, ſelbſt wenn ſie einigermaßen zutreffen ſollte, ganz und gar unſchicklich finde. Statt Dich von vornherein gegen Deine Verwandten zu verſtimmen, hätteſt Du allen Grund, dächte ich, wenigſtens den Verſuch zu machen, Dir ihren Beifall zu gewinnen. Leicht, das verſichere ich Dir, wird Dir das nicht. Dein Onkel war von jeher ein wunderlicher Herr, und Deine Couſine müßte eine andere Erziehung und Um⸗ gebung—“ „Chère Maman, ich bitte Sie um Alles in der Welt, capriciren Sie ſich nicht auf dieſen Plan!— Ich bin der gehorſamſte Sohn auf Erden, wiſſen Sie! Aber dies iſt unmöglich! Ein ſolches Höhlenmenſchen⸗ kind in unſern Cirkeln zu Neapel und noch dazu als meine Gemahlin— Maman, ich ſtürbe vor Scham oder müßte vor dem Lachen der Geſellſchaft aus der Welt fliehen!“ Die Falte auf der Stirn der Dame wurde noch tiefer, die Brauen zogen ſich, ſtatt aufwärts, feſt zu⸗ ſammen— es war nicht nur ein ſtolzes und zürnendes, ſondern auch hartes Geſicht, in das der Sohn blickte. „Bah, mon enfant, ein Freifräulein von Othmaringen, zumal wenn ihm der größte und ſchönſte Theil des Hoefer, In der Welt verloren. I. Hausbeſitzes geſichert iſt, wird in der erſten Geſellſchaft der Welt mit Reſpekt aufgenommen.“ „Ich begreife Sie wahrhaftig nicht, Maman! Es gibt doch noch andere Damen von nicht geringerem Vermögen, von mehr Welt, von höherem Rang—“ „Alſo Prinzeſſinnen?“ fiel die Mutter verächtlich ein.„Es hat ſtets nur von dem Willen der Othma⸗ ringen abgehangen, ob ſie den Fürſtenrang angewieſen erhalten oder lieber die älteſten deutſchen Barone blei⸗ ben wollten. Ein Freifräulein dieſes Namens, wieder⸗ hole ich, findet überall für ſich einen ausgezeichneten Platz offen und beehrt jeden Cavalier durch ihre Hand auf das höchſte.“ „Und dennoch ein Landfräulein! Ach, Mama, man will in unſern Cirkeln jetzt mehr als Geburt und Ver⸗ mögen!“ „Bah! Landfräulein, das wird ſie allerdings ſein, wir können es nicht anders erwarten! Aber wie lange wird ſie's ſein? Laſſe ſie dieſe engen Verhältniſſe ver⸗ laſſen und ſich In der großen Welt wiederfinden— ſei unbeſorgt, mein Kind, das edle Blut ihres Stamms wird ſchon zur Geltung kommen! Das Blut macht Alles! Und ein Führer und Lehrmeiſter wie Du—“ „Sie ſind entzückend, chère Maman! Aber ich bitte Sie um der Liebe Gottes willen, capriciren—“ 67 „Und ich bitte Dich, mon fils, im größten Ernſt, Dich nicht durch kindiſche Phantaſien zu einer noch kindiſchern Oppoſition fortreißen zu laſſen. Angeboten wird Dir Deine Couſine nicht, das iſt ſicher; ich kenne meinen Bruder. Und ob Du mit Deiner Bewerbung reüſſiren wirſt, iſt nach meiner Anſicht ſehr zweifelhaft. Deine Couſine müßte nicht von Jugend auf als Herrin von Othmaringen erzogen worden ſein; ich wollte das ſchon vorhin ſagen, als Du mich unterbrachſt. Das iſt neuerdings unter Euch jungen Leuten überhaupt leider nur allzuſehr Mode geworden! Ich bitte Dich aber, vergiß ſie hier in Othmaringen einſtweilen. Dein Onkel dürfte ſchwerlich daran Gefallen finden. Alſo, was ich ſagen wollte: Deine Couſine müßte anders erzogen ſein, wenn ſie dem erſten beſten Bewerber und ſelbſt Dir, mein Sohn, demüthig in die Arme fliegen ſollte. Und nun Deinen Arm, mein Kind! Laß uns gehen. Sie werden mit ihrer Toilette fertig ſein.“ „Ach, Maman, dieſer Ihr Ausdruck iſt zum Er⸗ ſchrecken prägnant für dieſe Menſchen und Zuſtände— für unſer Loos!“ ſagte Graf Felix ſeufzend und indem er einen anklagenden Blick zum Himmel warf.„Toi⸗ lette machen, um uns zu empfangen! Schon dieſer Zug würde genügen—“ „Deinen Arm, mon enfant! Man wird uns er⸗ 5* 68 warten“, ſprach die Dame und ließ ſich vom Sohne aus der Thür führen. „Es iſt ein ſchwerer Gang!“ ſagte Graf Felix weh⸗ müthig, als ſie ſich durch den langen Corridor der großen Flügelthür näherten, vor der ein Diener ſie zu erwarten ſchien.„Dieſes trübe Lächeln des leidenden, unglücklichen Onkels und das blöde, bebende Entgegen⸗ zittern meiner ſehr rothen Couſine in ihrem koſtbarſten, antediluvianiſchen Geſellſchaftskleid— vielleicht Ball⸗ kleid, Mama?— das macht mir ſchon jetzt das Herz weich.“ Ein ſtrafender, ſehr ernſter Blick der Mutter war die einzige Antwort, deren der Unartige gewürdigt wurde; und dann waren ſie an der Thür, die der Die⸗ ner öffnete, und traten ein. Das Gemach war für beide nicht neu, wenn ſie auch, ſeit ſie es zuletzt betreten hatten, dies und jenes vergaßen und im Einzelnen Mancherlei verändert fanden. Die Lage war die gleiche geblieben; die hohen Fenſterthüren ſtanden weit geöffnet, die Veranda mit ihren ſich bereits bunt färbenden Guirlanden und Behängen von Schlingpflanzen erhob ſich vor ihnen luftig und kühl, und draußen breitete ſich in unvergänglicher Schönheit die Landſchaft aus, das Thal, der Fluß, die Waldhöhen, gebadet in der Lichtflut des goldenen Herbſttages. —jj— 69 Die Baronin zum mindeſten ſtand auch nach ihrem Eintritt wie gebannt, ohne von den Anweſenden etwas zu ſehen, nur in Anſchauung des entzückenden Bildes. Sie breitete plötzlich die Arme aus und rief wie ſelbſt⸗ vergeſſen:„O du geliebtes Othmaringen!“ Und was in dieſer Geſte, in dieſem Ausruf, die⸗ ſem Ton auch berechnet ſein mochte auf einen beſtimmten Eindruck, auf dieſer Stelle und unter dieſen Menſchen blieb derſelbe im gegenwärtigen Augenblick nicht aus. Im nächſten Moment ſchon ſtand Baron Othmar neben der Schweſter, mit mehr Bewegung in den Zügen des beinahe farbloſen Geſichts, mit herzlicherem Druck der Hand, als man ſeit Jahren an ihm beobachtet hatte, und es war wirklich ein inniger Klang in ſeiner Stimme, da er zugleich ſprach:„Grüß Dich Gott, Armgard! Sei willkommen, Du Othmaringiſch Herz!“— Und wiederum gleichviel, was dabei Berechnung und was Natur war, die Baronin umfaßte ihn mit beiden Armen und küßte ihn, und er erwiderte das. Da ent⸗ floh manches Vorurtheil und manche Sorge, es ging wie ein leiſes Aufathmen durch den Raum. Graf Felix bekam von dem Oheim noch den ge⸗ wöhnlichen, halb müden, halb gleichgültigen Blick; es war etwas Welkes in der Hand, die ſich von der ſeinen nehmen ließ, und die Stimme klang auch wieder er⸗ 70 ſchreckend gleichgültig, die zu ihm ſagte:„Sei willkom⸗ men, Neffe!“ Dann jedoch erhob ſich ſo zu ſagen das Weſen des Greiſes— denn das war Baron Othmar bei weitem mehr als der mehrere Jahre ältere Pfarrer— er bot der Schweſter den Arm, um ſie weiter zu führen, es war eine Art von Kräftigkeit in ſeinen Bewegun⸗ gen, etwas Heiteres in Miene und Blick, und munter ſprach er:„Heran, Kinder, heran! Hier meine Tochter, Armgard, hier die gute Soldnau, hier unſere Henriette, und Florian— weshalb bleibſt Du zurück? Armgard kennt Dich ja längſt als meinen beſten und unentbehr⸗ lichſten Lebensfreund.“ Das Auge der Baronin hatte während dieſer Vor⸗ ſtellung für jeden Genannten den gebührenden Zlick: einen überraſchten und alsbald zärtlichen für die Roſe, einen freundlichen für Frau von Soldnau, einen ver⸗ trauensvollen für den Pfarrer; nur für Henriette, wie das junge Mädchen kurz genannt worden war, gab es einen von denen, welche eine Weltdame für eine fremde und unerwartete, nicht ganz„verſtändliche“ Er⸗ ſcheinung zu haben pflegt; er war nur muſternd und wandte ſich dann kalt ab und zärtlich wieder ihrer Nichte zu. Auch Felix, der bisher von fern die kleine Gruppe mißtrauiſch gemuſtert hatte, trat jetzt mit dem Aus⸗ druck einer großen Erleichterung, wo nicht der vollſten —⸗— Befriedigung heran, ganz entzückt, die„ſchöne Couſine“ kennen zu lernen— als er damals hier geweſen, habe ſie ihm ſelten ihre Gegenwart gegönnt— erfreut, die verehrten Hausgenoſſen wiederzufinden. Man konnte ihm ſeine Befriedigung freilich nicht verargen. Seine Beſorgniſſe waren ſchon in dieſem erſten Moment auf das glücklichſte zerſtreut; was er fand, befriedigte ihn nicht blos, ſondern verſetzte den gewandten Mann ſo⸗ gar faſt faſt in eine Art von Verlegenheit: es ging ſo himmelweit über Alles hinaus, was er irgend für möglich gehalten, und dieſer Eindruck verringerte ſich nicht, je länger und, ſagen wir, bekannter er im Lauf des Tages mit ſeiner Couſine verkehrte. Das war allerdings nicht im entfernteſten ein Land⸗ 5 mädchen, geſchweige denn ein Höhlenmenſch, wie er ſich mit witziger Ungezogenheit ausgedrückt hatte. Sie war ihm im Gegentheil nur allzu ruhig, allzu ſicher und klar, allzu vollendet hieß er es alsbald, in ihrer einfachen und doch geſchmackvollen Erſcheinung, in ihrem ganzen unbefangen und maßvoll freundlichen Weſen und Sein, in ihrem erſichtlich völlig ungezwungenen Sich⸗ gehenlaſſen. Er bekannte ſich ſchon heute beinahe zu dem Glaubensſatz ſeiner Mutter, daß das Blut Alles mache, denn wie wäre ſonſt dieſe vollendete Erſchei⸗ nung in dieſem Erdwinkel, in dieſer Umgebung zu er⸗ —— 72 klären geweſen? Und er hielt es kopfſchüttelnd für gar nicht unmöglich, daß ſie dereinſt beim Eintritt in die Geſellſchaft ſogleich einen der erſten Plätze, wo nicht den allererſten einnehmen werde, ja er ſuchte in Ge⸗ danken ſchon nach irgend einer Perſönlichkeit in ſeinen Kreiſen umher, die er mit ihr vergleichen und in dieſer oder jener Beziehung über ſie ſtellen dürfe, und er gab dies Suchen, von neuem kopfſchüttelnd, auf, denn er fand Niemand. Man ſieht wohl, der Grundſatz der Baronin war in gewiſſem Sinne gar nicht ſo uneben: das Blut ſpukte auch im Grafen Felix. Das von der Mutter ererbte leicht bewegliche Herz und die darin ſich be⸗ wegende Ueberſchwänglichkeit ſpotteten gelegentlich der ausgezeichneten Schule, die der junge Diplomat in den excluſivſten Kreiſen der Geſellſchaft, wie er glaubte, mit Nutzen durchgemacht hatte. Seiner Mutter erging es bei einer ähnlichen Natur dennoch einigermaßen anders. Bei dem Plane, den ſie hatte, wäre ſie, wie die Sachen ſtanden, auch mit ge⸗ ringern Vorzügen der Erwählten zufrieden geweſen, und daneben hatte ſie wieder allzuviel Glauben an das Blut, um das Gefundene nicht endlich und trotzdem ganz natürlich zu finden, durchaus ſo, wie ſie es für ihren Sohn zu wünſchen hatte. Ueberraſcht war ſie — ——y— —— — — 73 freilich gleichfalls ſehr, ja Charlotte erſchien ihr ſelber vielleicht allzu vorzüglich, da dies Weſen ſich ihrem Einfluſſe vermuthlich niemals recht zugänglich erweiſen konnte. Da war aber jetzt nichts mehr zu thun, und ſo überlegte und verglich ſie auch nicht mehr, ſondern ging offen vorwärts. Graf Felix hatte ſich im Anfang ein paar Mal zu ſeiner eigenen nachträglichen Beunruhigung zu dem Ausdruck„ſchöne Couſine“ hinreißen laſſen, der Herr kam neben dem freilich wunderſchönen Kinde, das, wie geſagt, fern von aller Verlegenheit, mit der ruhigſten Unbefangenheit von der Welt ihm und ſeiner Unterhaltung Stand hielt, vollſtändig aus ſeiner Hal⸗ tung und benahm ſich ſeiner eigenen Empfindung nach ſo„kindiſch“ wie möglich, ſodaß er, dies erkennend, ſich mühſam wieder in die herkömmlichen Formen zu⸗ rückzwang. Bei der Mutter war davon, wie gleichfalls ſchon bemerkt, keine Rede. Gleichviel, ob es nur ihr leicht erregbarer Enthuſiasmus war, oder ob ſie davon in dieſem Kreiſe und auf dieſe Menſchen einen günſti⸗ gen Eindruck erhoffte, ſie ſagte aller Welt und auch dem Kinde ſelber, daß ſie ihre Nichte entzückend finde; ſie nahm Charlottens Arm und ſtreifte— ſo muß man'’s heißen— mit ihr durch das Schloß, den Portikus, die Veranden und Terraſſen; ſie plauderte mit ihr, ſcherzte mit ihr, examinirte ſie, ſchüttete gegen ſie ihr Herz aus, wünſchte ihr Vertrauen und fand ſie immer „entzückender“, in ihrer unbefangenen Heiterkeit ſo gut die ſie gelegentlich fröhlich hinauslachen ließ, wie in der niemals ſchwankenden Haltung, welche ſie gerade der geſchilderten hingebungsvollen Vertraulichkeit der Tante gegenüber zu bewahren verſtand. Dieſe ruhige und ſichere Haltung des jungen Weſens war freilich nicht nur ſchon am Morgen dem Pfarrer, der, wie wir vernahmen, dennoch zum Empfang der Gäſte mit aufs Schloß gegangen war, ſondern auch im Laufe dieſes und des folgenden Tages der Frau von Soldnau mehrmals aufgefallen; von der Angſt vor den Ver⸗ wandten, zu der Charlotte ſich bekannt hatte, war weder bei der Begrüßung noch beim Verkehr mit denſelben etwas bemerkbar geworden. „Nun, mein Herzenskind?“ ſagte Frau von Soldnau am folgenden Morgen lächelnd, da das ſchöne Mädchen noch lachend vom Portikus zu ihr in das dahinter lie⸗ gende Zimmer trat— die Geſellſchaft frühſtückte bei dem prachtvollen Herbſtwetter auf den Wunſch der Baronin im Freien, und der Schweſter zu Liebe hatte ſich ſelbſt Baron Othmar dabei eingefunden.„Nun, Kleine“, fuhr ſie, als Charlotte ſtehen blieb, fort,„mit Deiner Angſt vor der Tante und dem Couſin iſt' nichts geworden, —— — 1 L wie es ſcheint? Es läßt ſich mit ihnen auskom⸗ men?“ „Ach ja freilich, Tante“, verſetzte Charlotte munter. „Es war ein kindiſches Gefühl, und ich hab's ſchon überwunden, als ich den herzlichen Empfang zwiſchen der Tante und Papa ſah; um ſolcher Herzenswärme willen könnte ich der Tante noch viel größere Ueber⸗ treibungen zu gute halten, als ſie mich hören läßt. Und ſeit der Couſin die poſſirliche Weiſe aufgegeben, die mich geſtern Morgen reizte, ihm ſtets ins Geſicht zu lachen, finde ich ihn ganz angenehm, artig und freundlich, gewandt und unterrichtet, unterhaltend— er erzählt vortrefflich, Tante, und plaudert allerliebſt und hat wirklich hübſche Einfälle. Soweit ich mich ſeiner erinnere, hat er ſich ſehr zu ſeinem Vortheil verändert.“ „Nun, das iſt ja ein Glück!“ meinte Frau von Soldnau in ſcherzendem Tone;„ich ſehe ſchon, wenn ſie nach acht Tagen wieder abreiſen, wird Dir der Abſchied ſchwer werden und Du nöchteſt ſie am liebſten be⸗ gleiten, hinaus in die bunte Welt.“ Charlotte ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Das Ein⸗ zige, was mich beinahe ein wenig verdrießt“, ſagte ſie, „iſt, daß beide ſich gar zu eifrig an mich anſchließen, mich immer mit ſich allein haben wollen und die arme Henriette ſo hochmüthig von oben herab anſehen. Ich bin eben dabei, ihnen in dieſer Beziehung eine kleine Lection zu geben.“ „Deiner Tante, Kind?“ rief die Matrone mit ſcherz⸗ haftem Vorwurf. Charlotte lachte.„Diesmal eigentlich nur dem Herrn Couſin. Doch darf ſich auch ma chère Maman ihr Theil daraus nehmen.“ „Sie beabſichtigen einen Spaziergang, Couſine“, ſprach Graf Felix, da die beiden jungen Mädchen eine Viertelſtunde ſpäter mit Hüten und Sonnenſchirmen wieder in dem Säulengang erſchienen.„Sie erlauben mir doch die Begleitung? Die Gegend iſt wirklich ſehr ſchön, und einen beſſern Führer und liebevollern Er⸗ klärer als Sie dürfte man nicht finden. Sie kennen ſicher alle ſchönen Punkte.“ „Couſin, Couſin, ich ſoll Ihnen doch nicht dankbar für dieſen Glauben ſein?“ verſetzte ſie ſcherzend.„Das Gegentheil wäre doch gar zu unartig! Diesmal aber iſt's kein Spazier⸗, ſondern ein Pflichtgang“, fuhr ſie fort, die Handſchuhe zuknöpfend;„wir gehen nur ins Dorf. Papa hat Henrietten und mir im Verein mit unſerm Pfarrer die Aufſicht über die Kranken⸗ und Armenpflege anvertraut, und da haben wir zuerſt eine Conferenz und Berechnung und hernach ein paar Beſuche zu machen. Dabei, Couſin, würden Sie wenig Unter⸗ 77 haltung haben, ſelbſt wir könnten uns Ihnen nicht widmen. Gehen Sie inzwiſchen dort über die Terraſſen hinab und drüben zur großen Buche hinauf; der Weg iſt nicht zu verfehlen und der Punkt reizend. Sie ent⸗ ſchuldigen uns, liebe Tante! Adieu, Papa!“ Und nach einer anmuthigen Verneigung trat ſie die Stufen hinab und ging mit ihrer Begleiterin auf dem von Vogelbeerbäumen überſchatteten Fußſteig wei⸗ ter, der, neben der wohlunterhaltenen breiten Fahrſtraße hinlaufend, zum Dorf hinunterführte. Frau von Vögelsbach hatte, als die beiden Mädchen in den Portikus getreten waren, nicht ganz ein leiſes Zucken in ihren Zügen und ein leichtes Zuſammen⸗ ziehen der Brauen unterdrücken können. Doch hatte ſie der Nichte beim Abſchied ſchon wieder zärtlich zu⸗ gelächelt, und nun waren die Augen, welche der ſich Entfernenden nachblickten, beinahe ein wenig feucht. „Aber ich erſtaune mehr und mehr“, ſprach ſie mit einer gewiſſen Emphaſe,„ſie iſt ja ganz, ganz wunder⸗ voll, Deine Charlotte! Wie ſie den Felix abwies, ſtand, blickte, lächelte, ſich verbeugte und entfernte, nun dort den Weg hinabſchwebt, wie ſie ſich kleidet, ſich bewegt, es iſt tadellos, entzückend!— Sie bezieht ihre Toilette aus Paris?“ Baron Othmar, der neben der Schweſter bequem in ſeinem Lehnſtuhl ruhte, zuckte die Achſeln.„Davon weiß ich nichts“, verſetzte er gleichgültig; die Aufregung des vorigen Tags war ſchon längſt wieder von ihm gewichen, und obſchon er der Schweſter wegen noch ſeine herkömmliche Zurückgezogenheit aufgab, ſank er mehr und mehr in die gewohnte melancholiſche Stille zurück.„Doch glaube ich kaum, daß ſie oder die Soldnau ſo viel Werth auf dergleichen legt.“ „Ich verſichere Dir, es iſt vollkommen tadellos— ſie iſt es ſelbſt ganz und gar, mein Freund!“ bemerkte die Dame in ihrem vorigen Tone. „Das ſollteſt Du ihr zum mindeſten nicht ſo oft ins Geſicht ſagen“, meinte der Bruder trocken.„Einfach, wie ſie Gott Lob iſt, macht es ſie nur verlegen, und ſie iſt dennoch zu vernünftig, als daß ſie daran glauben und Deine Uebertreibungen nicht erkennen ſollte.“ „Uebertreibungen? Ich übertreibe nicht“, entgeg⸗ nete die Baronin lebhaft.„Sie iſt tadellos, ſie iſt vollendet; keine Dame der erſten Kreiſe kann es mehr ſein. Ich häbe ein Urtheil darüber. Nicht ins Geſicht ſagen? Was willſt Du, mein Freund? Ich werde eben hingeriſſen! Ich erſtaune mehr und mehr, ſage ich, ich bin entzückter in jedem Moment! Und wenn ich dann bedenke, daß dies in dieſer traurigen Ein⸗ ſamkeit, in dieſer Umgebung entſtehen konnte—“ 79 Es war ein leiſer Mißmuth in des Barons Zügen, da er ſie noch trockener unterbrach:„Frau von Soldnau war ihrer Zeit ſelber eine Dame der Geſellſchaft, glaub' ich, und iſt eine treffliche Führerin. Ihre Erzieherin, die gute Doctor Walden, die uns leider ſchon vor zwei Jahren genommen wurde, war muſterhaft; Florian Hausmann iſt ein liebevoller Berather und geiſtig hoch⸗ begabter Mann. Endlich, ſie hatte gute Lehrer und iſt ſelber von guten Anlagen. Was iſt da alſo zu er⸗ ſtaunen oder auf die Umgebung herabzuſehen?“ „Bah, bah, was will das Alles heißen?“ rief die Baronin, der man während des Bruders Worten ihre ſteigende Ungeduld angeſehen hatte.„Man kann auch hier ein Kind unterrichten, es tanzen lernen laſſen, es auf dies und jenes aufmerkſam machen, Vorſchriften geben, weiß Gott, was Alles! Allein das, was mich an Charlotten erſtaunt und entzückt, das kann ihr keine Erzieherin, kein Florian Hausmann geben, denn ſie haben es ſelber nicht! Da beſtätigt ſich wieder recht meine Anſicht: das Blut macht und gibt Alles! Ach, ſie iſt hinreißend— ich muß es Dir, ich werde es i9r ſelber wieder ſagen! Und ſie muß ſich daran ge⸗ wöhnen, denn zumal ſo bildhübſch, wie ſie obendrein iſt, ſo geiſtvoll, ſo heiter, und dazu mit ihrer Geburt und ihrem Vermögen, wird ſie in der Geſellſchaft noch ganz andere Dinge hören müſſen!“ „Davor möge Gott ſie bewahren!“ ſagte Baron Othmar ernſt. „Sei nicht unverſtändig, mein Lieber!“ verſetzte die Schweſter lebhaft.„Du glaubſt oder wünſcheſt ſie doch nicht hier ihr Lebenlang in der Clauſur halten zu können? Du wirſt ſie doch hinausbringen oder hin⸗ ausziehen laſſen müſſen! Das muß ſogar geſchehen und zwar bald! Es iſt eine Sünde gegen dies zauber⸗ hafte Kind, gegen Dich ſelbſt, gegen die Deinen, gegen die Welt, es hier noch länger zu feſſeln! Es wird Zeit, daß ſie weitere Ausſichten, einen größern Ge⸗ ſichtskreis gewinnt. Wie tadellos und vollendet ſie iſt, hier in dieſer Stille und Enge läuft ſie Gefahr, ſich in einem allzu engen Geſichtskreis zu gefallen und der Welt verloren zu gehen.“ „Sie iſt nicht dazu beſtimmt, der Welt nachzugehen, die Welt ſoll zu ihr kommen“, ſprach Baron Othmar beinahe finſter. Wir erinnern uns, daß er ſich dieſes Ausdrucks öfters bediente. „Wie Du wunderlich biſt, mein Lieber, wie Du mich mißverſtehſt!“ rief die Baronin erregt.„Wenn ich es für nothwendig halte, daß ſie in die Welt hin⸗ auskommt, ſo meine ich doch gewiß nicht, daß ſie ſich an die Welt oder in derſelben verlieren ſollte! Sie ſoll nur in dieſer Enge und Stille nicht zurück⸗, nicht ver⸗ loren gehen! Und ich glaube, es iſt die höchſte Zeit, daß ſie hinauskommt“, fügte die Dame mit bedächtigem Wiegen des Hauptes hinzu.„Sie muß noch Manches lernen, Manches aufgeben, das, je länger, deſto ſchwerer für uns wird. Sie muß ſo viel Schönes und Großes kennen lernen, und das Leben iſt in kurz!“ Jetzt lächelte Baron Othmar.„Laſſe ſie das lieber nicht hören! Schöner als ihr geliebtes Othmaringen, behauptet ſie, könne es nirgends in der Welt ſein und ſei es auch nirgends.“ „Ah bah, mon freère! Laſſe ſie nur hinauskommen, die Arme! Und wäre es auch nur, damit dieſe ſelt⸗ ſame Vertraulichkeit mit dieſer— dieſer— Henriette heißt Ihr ſie—“ „Die Tochter von Charlottens Erzieherin, der Frau Doctor Walden“, ſetzte der alte Herr der Schweſter Rede trocken fort.„Mit ihrer Mutter zu uns gekom⸗ men und ſeitdem uns allen täglich werther.“ „Ach ſo! Alſo etwas wie eine Geſellſchafterin, durch gemeinſame Erziehung und Umgebung gebildet und auch genähert. Das iſt ganz begreiflich. Allein wenn ſie wirklich einſichtig iſt, muß ſie ſelbſt begreifen, daß ihre Stellung jetzt täglich eine andere wird und denn⸗ Hoefer, In der Welt verloren. I. 6 82 nächſt enden muß. Je früher, deſto beſſer, glaube ich. Es ſpricht wirklich nicht für ihren Takt und ihre Be⸗ ſcheidenheit, wie ſie ſich fortwährend an Deine Tochter hängt.“ Der alte Herr lächelte von neuem.„Laſſe auch das Charlotte nicht hören“, ſagte er.„Sie hängt an Hen⸗ 1 rietten, wie an einer Schweſter, und erklärt zu meiner und der Soldnau großen Freude, daß ſie ſich nie und unter keinen Umſtänden von ihr trennen werde.“ Die Baronin ſah ein wenig verächtlich aus.„Zu Deiner und der guten Soldnau Freude, ſagſt Du? Dem Kinde halte ich eine ſolche Phantaſie zu gut, aber Ihr, dächte ich, müßtet einſehen, daß, wer Deine Tochter einmal zur Gattin nimmt, ſich ſchwerlich eine ſolche Zugabe gefallen laſſen dürfte.“ Der Baron erhob ſich langſam.„Mein Kind, miß⸗ verſtehen wir uns nicht“, ſprach er trocken.„Charlotte wird nicht genommen, ſondern nimmt oder nimmt nicht, nach ihrem Gefallen, und wird im erſtern Falle ſchon ihre Bedingungen zu ſtellen wiſſen. Täuſche Dich nicht in ihr, ſie hat Charakter. Im Uebrigen, wie ich vor⸗ hin ſagte: wenn's denn einmal ſein muß, ſoll die Welt zu ihr kommen, mein Kind braucht nichts von ihr. Laſſe uns hineingehen, es wird mir hier zu warm.“ —— Viertes Kapitel. Ein Diplomat in Nöthen. Die Baronin Vögelsbach war durch das, was ſie von ihrem Bruder vernommen hatte, in eine nichts weniger als angenehme Laune verſetzt worden, und was ſie im Lauf der nächſten Tage beobachtete und hörte, war nicht geeignet, dieſelbe zu verbeſſern. Die trockene Entſchiedenheit, welche ſie trotz ihrer entgegen⸗ geſetzten Aeußerungen gegen ihren Sohn ſelber bei dem„melancholiſchen Träumer“ am wenigſten erwartet hätte, konnte ihr nur ſehr bedenklich ſein, und als er ſich jetzt, nachdem er ihr anderthalb Tage lang, ſo zu ſagen, die Honneurs von Othmaringen gemacht und ihr eine Theilnahme bewieſen hatte, wie Niemand ſie an ihm in den letzten zehn bis zwölſ. Jahren zu be⸗ merken gehabt, gewiſſermaßen völlig unbefangen in ſeine 6* 84 gewohnte Einſamkeit und Einſilbigkeit wieder zurückzog, da mußte ſie halb erſchreckt und halb indignirt erfah⸗ ren, daß dies auch für die übrigen Hausgenoſſen das Signal war, zu ihrer alltäglichen Weiſe zurückzukehren⸗ Es fehlte nicht an Reſpekt und Aufmerkſamkeiten gegen ſie ſelbſt, es war von keiner Vernachläſſigung ihres 1 Sohnes die Rede; einem andern Gaſt gegenüber, und unter andern Umſtänden und an einem andern Platz vielleicht ſogar für die Baronin und Felix ſelber, hätte die jetzige Umgangsweiſe vielmehr für eine noch freund⸗ lichere und vertrauensvollere gelten können. Man war nicht mehr fremd gegen die Gäſte, ſondern ſah in ihnen die Hausgenoſſen, die jetzt auch ihrerſeits ihrer eigenen Weiſe folgen mochten; man ging ſeinen gewöhnlichen Beſchäftigungen und Unterhaltungen nach, die Ver⸗ wandten freundlich aufnehmend, wo ſie Luſt zeigten, ſich daran zu betheiligen; man widmete ſich ihnen mehr nur in jenen Stunden, welche überall die des gemein⸗ 3 ſamen Verkehrs zu ſein pflegen, überließ ſich dabei aber auch hier„wieder ſeiner gewohnten Weiſe, ſeiner eigenen Natur. Manche Leſer mögen denken, wir hätten das Alles kürzer ſagen und in die herkömmliche Redensart faſſen können: man machte keine Umſtände mehr. Es war aber doch noch etwas Anderes, was ſich Mutter und 85 Sohn darbot, eine Art von fortlaufendem Commentar, möchte man ſagen, zu den Aeußerungen des alten Herrn, und die Dame kam anfangs wirklich auf den Verdacht, ihr Bruder möge die Seinen von ihrer Mor⸗ genunterhaltung benachrichtigt und ſie gewiſſermaßen in ihre neuen Rollen eingewieſen haben. Sie kam jedoch bald davon zurück; ihr Bruder war augenſchein⸗ lich viel zu gleichgültig, um ſich für irgend einen Un⸗ terhaltungsſtoff auch nur eine Minute länger zu in⸗ tereſſiren, als über ihn verhandelt wurde, und hatte vermuthlich alles Beſprochene längſt vergeſſen. Aber die Sache wurde in den Augen der Baronin darum keineswegs beſſer. Im Gegentheil! Frau von Vögelsbach hatte gegen ihren cher fils zwar, wie wir vernahmen, allerhand Schwierigkeiten und Hinderniſſe zur Sprache gebracht, denen ſeine von ihr gewünſchte Bewerbung um ihre Nichte begegnen dürfte, allein im Grunde und für ſich ſelbſt hatte ſie nicht im entfernteſten an dieſe Schwierigkeiten geglaubt, zum mindeſten ſie für ſehr leicht beſieglich gehalten.— Ihr Bruder, einerſeits ein Eremit, ein Träumer, ab⸗ geſtorben den Dingen und Intereſſen dieſer Welt, und andererſeits mit nicht mehr Energie, Willen und Ver⸗ ſtand begabt, als man gerade ins Haus braucht, konnte ihrem Plane um ſo weniger entgegen ſein, als er ja 86 die Zukunft ſeiner Tochter und den ihr beſtrittenen Beſitz in feſte Hände brachte, die Beides zu ſchützen vermochten. Charlotte war, wie die Dame ſehr gut wußte, da ſie das Haus ihres Bruders ſtets einiger⸗ maßen unter Augen behalten hatte, das einzige Weſen, für das der Alte ſeit dem Tode ſeiner Frau noch irgend ein Intereſſe und etwas wie Willenskraft gezeigt hatte, und wie wenig er auch von den Dingen dieſer Welt verſtand, konnte es ihm doch nicht verborgen geblieben ſein, daß die von ihm erreichte Uebertragung Oth⸗ maringens auf ſeine Tochter keineswegs jeden Angriff nach ſeinem Tode ausſchließen werde. Zum Zweiten Charlotte ſelbſt, ein gutes und liebes, ſchüchternes und neugieriges, jüngferliches und ein wenig ſchwärmeriſches Landkind, ohne Erfahrung, ohne Kenntniß der Welt und der Menſchen, glückſelig, wenn ſie ein⸗ mal hinausdurfte, außer ſich vor Erſtaunen und Ent⸗ zücken über Alles, was ſie ſah, willenlos, weiches Wachs in der Hand desjenigen, der ſich ihrer, wie es die Tante im Sinne hatte, bildend annahm. Sie würde ſich mit unendlichen Thränen von dem Vater, der Heimat und ſo weiter trennen, rechnete die Dame, und hernach ums Leben nicht wieder zurückwollen—„man kenne das!“ Zum Dritten Frau von Soldnau, von jeher eine 87 langweilige, gute, unbedeutende Perſon, die nicht weiter in Betracht kam. Endlich viertens Florian Haus- mann, der Pfarrer und Hausfreund, der bedeutendſte, aber auch letzte Factor, der Einzige, der für die Dame und ihre Pläne hätte bedenklich ſein können, von dem ſie indeſſen nicht recht einſah, weshalb er oppo⸗ niren ſollte. Er liebte ihren Bruder und die Seinen nachweisbar getreu und uneigennützig, er war klug genug, um ſich betreffs der Zukunft keine Illuſionen zu machen; er mußte daher jedem Plane gewogen ſein, der Charlottens Zukunft ſicherte, und ſich eines Be⸗ werbers erfreuen, der das Mädchen in ſeiner Einſam⸗ keit aufſuchte und allen Anſprüchen, welche die Familie erheben konnte, durchaus genügte. Von großer Aus⸗ wahl konnte keine Rede ſein— wer kam hierher? So hatte die Dame gerechnet, g geſtützt auf gewiſſe Mittheilungen, die ſie, wie angedeutet, über Oth⸗ maringen und ſeine Bewohner erhalten, und noch mehr auf ihre dieſe Mittheilungen ergänzenden und illuſtri⸗ renden Phantaſien. Und nun kam ſie an und ſah und— ſiegte nicht! Und fand Menſchen und Verhältniſſe ſo himmelweit anders! Im Bruder nicht nur eine gewiſſe Einſicht und Theilnahme, eine Art von Willen, ſogar etwas wie einen ſchon gefaßten Entſchluß— wer konnte von einem ſo verſchloſſenen und einſilbigen Menſchen 88 wiſſen, was es in ſeinem Innern gab?— und in der Nichte ein Weſen, das viel zu fertig und vollendet in ſeiner ganzen Weiſe war, um irgend Jemand einen Einfluß auf ſich zu geſtatten oder in irgend einer Lage nach einer Stütze zu ſuchen. Die Baronin hatte ſich trotz aller Herzenszerſtreuungen auf ihrem langen Lebens⸗ wege immerhin zu viel Menſchenkenntniß geſammelt, als daß ſie auch jetzt ſich durch ihre Phantaſie hätte täu⸗ ſchen laſſen können. Abgeſehen von ein wenig Ueber⸗ treibung, ohne die es nun einmal bei ihr nicht ab⸗ ging, traf ſie ziemlich genau das Richtige. Aber das Schlimmſte war dies Alles nicht. Das war entſchieden dieſe Henriette, von der die Baronin gar nichts gewußt, auf die ſie alſo auch gar nicht ge⸗ rechnet hatte, mit der ſie nun gar nichts anzufangen wußte und deren Einfluß und Bedeutung ſie weder zu erkennen, noch zu ſchätzen vermochte. Henriette war eine Bürgerliche, aus einer Menſchenklaſſe, von der die Baronin ſo gut wie nichts kennen gelernt hatte denn ſie war eine Herzens⸗ und Geiſtesſchweſter jenes verehrungswürdigen öſterreichiſchen Fürſten, für den die Menſchheit bekanntlich mit dem Baron anfing, und ſie bekannte ſich auf das liebenswürdigſte zu der Schwäche, daß ein gewiſſes räthſelhaftes Unwohlſein ſie erfaſſe, ſobald ein Bürgerlicher in ihrer Nähe weile. Sie hatte 1 — 89 daher auch nicht die entfernteſte Ahnung, was man in einem ſolchen Geſchöpf zu ſuchen, was man von ihm zu erwarten habe, und ſchloß nur aus einigen er⸗ ſchreckenden Beiſpielen, die ihr, abgeſehen von der frechen, aber auch gezüchtigten Ueberhebung der Populace wäh⸗ rend der letzten Jahre, hier und da zu Ohren gekom⸗ men waren, daß da von Gutem keine Rede ſei. Das war freilich auch nicht anders möglich. Sie ſah das auch hier ſchon deutlich genug, und wäre es auch nur an der Unbefangenheit und Rück⸗ ſichtsloſigkeit—„Frechheit“— geweſen, mit der die „Perſon“ ſich in der Stellung wohlbefand, die man ihr gutherzig und ſchwach eingeräumt hatte. Von einem beſcheidenen Zurückweichen ahnte ſie augenſcheinlich nichts. Das Allerübelſte aber war, daß die Baronin außer dieſer„Unbeſcheidenheit“, mit der ſich das Mädchen die ihm erſichtlich angewieſene Stellung gefallen ließ, eigent⸗ lich kaum etwas Namhaftes an Henrietten auszuſetzen fand. Sie war wenig älter als Charlotte, nicht gerade hübſch, aber von angenehmem Aeußern, einfach und von gutem Geſchmack, ruhig und klar, ohne ſich jemals hervorzudrängen, von tadelloſem Benehmen und Be⸗ wegen— nur eben über ihren Stand hinaus!— endlich unleugbar begabt und gebildet, auch leider weit mehr 90 als ſchicklich und gut, denn wohin ſollte das führen? Genug, für ein Fräulein wäre das Alles ſehr erfreu⸗ lich geweſen und hätte demſelben einen ehrenvollen Platz in der Geſellſchaft geſichert. Hier war es nicht nur zu viel, ſondern auch ungehörig und ſogar gefähr⸗ lich, da es nur zu doch unerfüllbaren Anſprüchen führen mußte. Ja, man ſah das ſchon jetzt. Graf Felix wandte der„Perſon“ viel artige Aufmerkſamkeit zu, ohne ſie dadurch in Verlegenheit zu bringen, geſchweige denn einen andern, tiefern Eindruck auf ſie zu machen. Graf Felix, wenn auch nicht der, doch ein Löwe der Geſellſchaft, ein Stücklein Don Juan, wie die Mutter ihm, ſelbſtverſtändlich aber nicht auf Othmarin⸗ gen, beglückt nachrühmte, der und dies„Kind des Volkes“! Es traf ſich eben unglücklich. Hätte die Baronin nicht ganz ausnahmsweiſe ihren beſtimmten Plan ge⸗ habt und ſich, ſeit ſie ihre Nichte kennen gelernt und auf ſo ganz unvermuthete Schwierigkeiten geſtoßen war, immer eifriger und leidenſchaftlicher für ſeine Durchführung intereſſirt, ſo wäre eine kleine„Liebelei“ mit Henrietten ihr bei Felix ganz willkommen geweſen, ſowohl die„Perſon“ in Mißcredit zu bringen und aus der Familie zu entfernen, als auch dennoch vielleicht einen gewiſſen, in ſeinen Folgen günſtigen Eindruck —— — 91 auf Charlotte zu machen. Jetzt war an dergleichen gar nicht zu denken, wäre Charlotte auch nicht einer⸗ ſeits ſo völlig leidenſchaftslos und auf der andern Seite zugleich ſo ſtreng und ſo rein geweſen! Endlich war auch Felix ſelber augenblicklich zu nichts weniger geneigt als zu ſolchen Abſchweifungen. Der junge Herr war durch das, was er hier ge⸗ funden hatte, in einer Weiſe getroffen worden, wie er bisher es im Leben noch nicht empfunden hatte, und weit gefehlt, daß die Mutter noch nöthig gehabt hätte, ihn anzutreiben, ergab ſich für ſie täglich mehr Veranlaſſung, den ſchwermüthigen, zagenden Sohn auf⸗ zuheitern, zu ermuthigen, zu tröſten. Der gewandte und erfahrene Mann verlor täglich mehr von ſeinem Selbſtvertrauen, er liebte wirklich, ſoweit ſeine Natur die Fähigkeit dazu beſaß; er dachte wirklich faſt nur noch an das Weſen, deſſen Beſitz er erſehnte, und an das Glück eines Lebens mit demſelben, während die Vortheile beinahe verſchwanden, welche eine ſolche Ver⸗ bindung auch für ſein äußeres Leben zur Folge haben mußte. Er empfand ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben als den Erben des leicht empfänglichen Herzens ſeiner Mutter, nur daß das ſeine gleich bei dieſem erſten Male tiefer getroffen und ſtärker bewegt wurde, als es dem ihren vermuthlich jemals zu Theil geworden. Er warb um die Geliebte nach beſten Kräften, mit dem tiefſten Empfinden, deſſen er fähig war, mit der vollſten Wärme und Wahrheit, die es in ihm gab, und da er leider bisher ſeine Werbung erfolglos bleiben ſah und keinen erfreulichen Eindruck auf ſeine unver⸗ ändert heitere und freundliche, ſchöne Couſine wahr⸗ nahm, ſo mußte er Alles wachrufen, was er nicht nur von geſellſchaftlicher Bildung, ſondern auch von echter Männlichkeit beſaß, um nicht am Ende zum unglück⸗ lichen ſchmachtenden Liebhaber zu werden. Wie ungewohnt ihm der Ernſt war, der ihn jetzt erfüllte, und wie groß der Aufwand von Kraft, deſſen er bedurfte, um nicht in ſeinen eigenen Augen lächer⸗ lich zu werden— ſo hieß er's— das erkannte man nicht nur an dem finſtern und traurigen Ausdruck, den er ſich geſtattete, wo er einmal allein oder doch unbeachtet war, ſondern es zeigte ſich auch und zwar noch deut⸗ licher an der Abſpannung, die ihn abends überfiel, wenn die Geſellſchaft auseinander ging, und trotz der Uebertreibung, die ſich auch hier an ihm im Allgemei⸗ nen offenbarte, hätte doch auch ein würdigeres Men⸗ ſchenkind, als ſeine Mutter war, ihn bedauern dürfen. Ein Ernſt, wie er in ihm gegenwärtig haushielt, wird um ſo empfindlicher und ernſter, je weniger und ſeltener zugänglich ein Herz ſonſt für denſelben iſt. — 93 Am meiſten erſchreckte es aber die Baronin, weil es ihr abſolut unverſtändlich, unbegreiflich und räth⸗ ſelhaft blieb, daß ihr Sohn ſo gar kein Vertrauen zu ihr hatte, nicht mit ihr ſprach, ſich nicht mit ihr ver⸗ ſtändigte, ja ihr entſchieden aus dem Wege ging. Während des Tags war an ein Alleinſein ohnehin nicht viel zu denken, denn wenn ſich überhaupt einmal Gelegenheit dazu fand, hatte die Mutter ſicherlich auf ihrem Zimmer Briefe zu ſchreiben, deren ſie, Gott mochte wiſſen an wen, viele ſchrieb, oder ſchwärmte der Sohn einſam durch die Umgegend. Abends aber, wenn die Geſellſchaft auseinander ging, zog Graf Felix ſich, wie bereits geſagt, ſogleich zurück, verſchloß ſeine Thür und ließ ſeine Mutter ſchicken oder ſelber rufen und klopfen, ſoviel es ihr beliebte. Er öffnete gar nicht, oder nur, um anzuzeigen, daß er ſich zu jeder Unterhaltung unfähig fühle. Die Baronin war daher auch ganz glücklich, als ſie ihn heute Abend noch im Corridor attrapirte, wo er gerade einem Diener einen Auftrag gab, und ſich ſeinen Arm erbat, um ſich in ihr Zimmer führen zu laſſen; ſie fühle ſich angegriffen, ſagte ſie. Und mit einer gewiſſen Genugthuung pries ſie innerlich die gute Er⸗ ziehung, die ſie ihrem Sohn gegeben, als ſie ihn gehorſam, wenn auch ſchweigend und finſter, nachgeben ſah. Lichter angezündet hatte und ſich mit einer Frage wegen der Nachttoilette nahte, wurde ſie ungeduldig hinausgewieſen, und Frau von Vögelsbach ſank ſehr erſchöpft in die Polſter des Sophas.„Mon enfant“, ſagte ſie auf das kühle„Gute Nacht, Mutter!“ ihres Sohnes mit ſchwacher Stimme,„ſei nicht grauſam und laſſe mich nicht auch jetzt allein und in Ungewißheit.“ „Ich fühle mich abgeſpannt, Mutter, und bedarf der Ruhe“, verſetzte er hörbar mißmuthig. Sie ſah ihn trotz ihrer Erſchöpfung außerordentlich ſcharf an.„Ach, mon fils“, meinte ſie dann aber wieder in ſchwachem Tone,„ſei nicht ſo kalt, ſo ablehnend! Es ſchneidet mir ins Herz! Ich liebe Dich ſo unend⸗ lich, ſo zärtlich, ich muß mit Dir ſprechen, mon pauvre ami— das mußt Du begreifen! Und auch Du mußt verlangen, Dein gequältes Herz auszuſchütten—“ Er machte eine ungeduldige Bewegung, obgleich er inſofern nachgegeben hatte, daß er ſich niederließ.„Ich bitte Sie Mutter, werden Sie nicht ſentimental!“ Sie zog ihre Brauen hoch hinauf.—„Mein Kind—“ Aber ſie lenkte ſogleich wieder ein und ſprach recht matt:„Mon enfant, wie ich ſage! Entweder haſt Du gar kein Herz, oder Du biſt grauſam gegen mich und thöricht gegen Dich ſelbſt! Du mußt es begreifen, Als ſie im Gemach waren, die Kammerfrau die 95 daß ich nicht nur ein Intereſſe, ſondern auch ein Recht habe, von dem Stande Deiner Angelegenheit zu er⸗ fahren. Wenn ich Dir überhaupt irgendwie nützen kann und ſoll, ſo vermag ich es nur—“ „Ich bitte Sie um Alles in der Welt, Mama, ver⸗ ſchonen Sie uns! Ich werde mir ſchon ſelber helfen!“ unterbrach Felix ſie kaltblütig. „Uns, mon enfant? O wie mich dies Wort be⸗ glückt! Alſo machſt Du wirklich Progreſſen? Ich habe es halb und halb gehofft, da ich Euch heute Morgen endlich einmal allein über die Terraſſen hinabgehen ſah, da ich heute Abend Eure Unterhaltung beobachtete und beide Male Gott Lob dies unausſtehliche Geſchöpf, die Henriette—“ „Ich muß ſehr bitten, Fräulein Henrietten nicht Unrecht zu thun, Mutter! Sie iſt in der Familie ſehr beliebt, wie Sie wiſſen, zumal bei der Couſine, und zwar aus dem beſten Grunde von der Welt: ſie iſt ein ganz vortreffliches Kind. Sie würden außer⸗ ordentlich thöricht handeln, wollten Sie das Mädchen anfeinden oder gegen daſſelbe intriguiren. Beides würde hier ganz beſtimmt den gerade entgegengeſetzten Ein⸗ druck und Ihren und meinen Hoffnungen unausbleib⸗ lich ein Ende machen. Sie können doch nicht mehr zweifeln, daß man hier nicht blos klüger, ſondern auch 96 um ſehr viel entſchiedener iſt, als ſelbſt Sie voraus⸗ ſetzten und mir einredeten, vor allem, daß man nach uns an und für ſich unbeſchreiblich wenig fragt. Wollen wir uns pouſſiren, ſo können wir es gewiß am wenigſten dadurch, daß wir Jemand anfeinden, den man hier ſeit lange kennt und liebt. Kurz“, fügte er mit hörbarem Verdruß hinzu,„ich verehre Fräulein Henriette und bin glücklich, daß auch ſie mir wohlzu⸗ wollen ſcheint.“ Die Baronin hatte dieſer langen und verdrießlichen Auslaſſung des Sohnes mit der größten Aufmerkſam⸗ keit gelauſcht, nur daß ſich zu dieſem Ausdruck nach und nach ein höchſt beſonderer Zug von Schlauheit, wo nicht gar von Pfiffigkeit geſellte, der denn den be⸗ gegnenden Blick des Sohnes zu einem finſtern machte und zuletzt den Verdruß laut werden ließ, der, wie wir ſagten, aus ſeinen letzten Worten klang. Davon nahm ſie jedoch keine Notiz, ſagte vielmehr, da er ſchwieg, halb überraſcht, halb erleichtert:„Ah, alſo ſo ſtehſt Du mit der— Dame?“ und fuhr, da er raſch und mit zür⸗ nendem Ausdruck den Kopf erhob, beſchwichtigend fort: „Laß doch, mon cher, laß doch! Ich miſche mich ge⸗ wiß nicht in Deine Geheimniſſe. Ich tadle auch nicht, ich klage ja nicht. So habe ich mich denn am Ende auch nicht getäuſcht, als ich es ein paar Mal nicht für „ ——— 97 unmöglich hielt, daß Dein ſchwermüthiges, leidendes Weſen ein Verſuch auf das weiche, mitleidsvolle Herz Deiner—“ Graf Felix erhob ſich.„Erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe, Mutter“, ſagte er kalt.„Ich bin müde, auch zu ernſt geſtimmt für Scherze, oder zu dumm für Räthſel und Phantaſien. Gute Nacht, Mutter.“ Sie erhob ſich gleichfalls ungewöhnlich raſch.„Im Gegentheil, Du bleibſt!“ ſprach ſie beinahe heftig. „Täuſche ich mich, wer iſt daran ſchuld? Warum redeſt Du nicht zu mir, was vertrauſt Du mir nicht, wo ich Beides fordern kann? Du biſt wie alle Welt hier in dieſem verwünſchten Schloß— wohin man horcht, wo man auch anklopft, nichts als Schweigen— mein Bru⸗ der, Charlotte, die Andern, ſogar die Dienerſchaft; Luiſe klagt, daß kein Menſch ſich zu einer Unterhaltung her⸗ beiläßt, nie über etwas Anderes als über das gerade Gegenwärtige redet, nie über die Herrſchaft, über das Leben im Hauſe, über etwaige Gäſte ſpricht. Jetzt ſängſt Du auch an. Aber das ertrag' ich nicht. Wir ſind jetzt bereits zehn, elf Tage hier. Dein Urlaub läuft ab, meine Zeit iſt auch eine gemeſſene. Sollen wir mit einem geſcheiterten Plane davongehen oder mit— ich gebe Dir das zurück!— ſentimentalen umd phan⸗ Hoeſer, In der Welt verloren. I. 98 taſtiſchen Träumen von allerhand zukünftigen Glücks⸗ fällen und Entwickelungen? So dumm bin ich zum mindeſten nicht, mon enfant! Ich rede von Deiner Couſine nicht; wir ſind wohl einig darüber, daß ſie auch den capriciöſeſten Anſprüchen genügt. Ich habe aber ſchon vor einigen Tagen die Auskunft über den Vermögensſtand erfahren, die mir Herr von Bleſſing in Baden verſprach. Mein Bruder hat mit wirklich faſt unglaublicher Energie und mit überraſchendem Er⸗ folg operirt. So ſicher der Wille des Menſchen und die Entſcheidung der Behörde etwas machen können, fällt zum mindeſten Othmaringen dem Kinde dereinſt beſtimmt zu, außer dem fabelhaften Privatvermögen— eine fürſtliche Erbſchaft!“ Graf Felix hatte wirklich wieder Platz genommen und ſchweigend der Rede ſeiner Mutter zugehört. Die Weiſe, die ihm entgegenklang, imponirte ihm gewiſſer⸗ maßen durch ihre ungewöhnliche Entſchiedenheit und Offenheit im Verein mit der wenigſtens annähernden Wahrheit des Ausgeſprochenen. Und wenn er ſich auch nicht zu Mittheilungen geneigter fühlte als ſeit⸗ her, ſo verweigerte er ſie doch auch nicht mehr und machte kein Hehl mehr aus ſeiner Stimmung.„Da⸗ nach frage ich wahrhaftig nicht!“ verſetzte er ſchwer⸗ müthig auf ihre letzten Worte. ——..— 99 Sie lachte ein wenig verächtlich.„Geſprochen wie ein ganzer Verliebter!“ erwiderte ſie.„Gott Lob weiß ich, daß Du ſchon wieder zur Beſinnung kommen wirſt, falls dies nicht am Ende auch nur ein Stücklein Maske iſt. Aber wir wollen keine Redensarten machen, mon ami!“ fuhr ſie fort.„Ohne Umſchweife: daß bei dieſen Verhältniſſen noch mehr Leute auf Charlotte aufmerk⸗ ſam werden oder ſchon ſind und ſich, wenn ſie das Kind kennen lernen, noch mehr Mühe um ſie geben, brauche ich Dir ſchwerlich erſt zu ſagen. Othmaringen liegt am Ende nicht außerhalb der Welt und ganz verſchließen kann mein Bruder weder ſein Haus, noch ſein Kind. Ich kann Dir ſogar einen vorausſichtlichen Bewerber nennen, auch einen Vetter, den Dagobert Oth⸗ maringen, den Sohn des alten Miniſters und ſeiner hoch⸗ müthigen Gans von Frau. Man ſpeculirt auf der⸗ gleichen, weiß ich. Man käme da ſicherer zu der Erbſchaft als durch einen etwaigen Proceß!“ „Bah!“ ſagte Graf Felix verächtlich.„Sie kennen ſich gar nicht, und überdies haßt der Onkel jene Ver⸗ wandten.“ „Sei nicht kindiſch, mon ami! Meines Bruders Haß bedeutet bei ſeiner Gutmüthigkeit wenig und kommt hier obendrein noch weniger in Betracht. Er hat mir beſtimmt ausgeſprochen, daß Charlotte völlig 79 freie Wahl hat. Alſo laß uns lieber allen möglichen Fällen vorbeugen; ich kann das, glaube ich. Vor allem aber muß ich wiſſen, wie Du mit der Kleinen ſtehſt und ob Du Hoffnungen haſt.“ Graf Felix ruhte ganz zurückgeſunken in ſeinem Stuhl und ſchaute finſter vor ſich hin. Der Ton, in dem die Mutter zu ihm ſprach, machte, wie wir ſchon ſagten, einen gewiſſen Eindruck auf ihn, und der Inhalt ihrer Worte traf ihn gleichfalls, um ſo tiefer, je weni⸗ ger ihn die Dame an eine ſolche Weiſe gewöhnt hatte. Er ließ eine ganze Weile vergehen, ohne ihr zu ant⸗ worten, und erſt auf ihr ungeduldiges„Nun?“ erhob er die Augen zu ihr und verſetzte nach einer neuen Pauſe des Anſtarrens in einem Tone, den man wohl brütend heißen mußte:„Das weiß ich nicht, Mama. Bald glaube ich hoffen zu dürfen, bald halte ich das für die größte Thorheit.“ Die alte Dame fuhr auf.„Mon fils, gib dieſe Maske auf!“ rief ſie ſichtbar und hörbar bitterböſe aus.„Spiele nicht mit mir! Sie ſteht Dir mehr als ſchlecht und ich glaube keine Sekunde daran. Was, Graf Felix Eylingshauſen, mein Sohn, der ſeine Schule in den erſten Kreiſen der civiliſirten Welt durchgemacht und vor den ſchönſten Augen der Welt mit Ehren, ja ſiegreich beſtanden, könnte hier vor dieſer kleinen Land⸗ ——— 101 ſchönen— denn das iſt ſie doch nur!— zum ſchmachtenden Seladon und Ritter Toggenburg werden und wie ein Schulknabe zittern und verzagen? Ich glaube kein Wort davon, ſage ich Dir! Ich miſche mich durchaus nicht in dieſe Affaire, ich urtheile durchaus nicht, ob dieſer Verſuch recht und ausſichtsvoll, ob er thöricht und ge⸗ fährlich iſt— Du mußt in dieſen zehn Tagen Deine Couſine am Ende beſſer kennen gelernt haben als ich— allein ich kann und muß verlangen—“ Es war aber, wie wir ſagten, wenn auch nicht nach der Rechnung der großen Welt, doch für das ſchlichte Othmaringen bereits tief in der Nacht und an den andern Tagen um dieſe Stunde und auch heute bisher im Schloſſe todtenſtill. Bei dem letzten Wort der Baronin jedoch ließ ſich plötzlich ein Geräuſch vernehmen, leiſe und entfernt und dennoch überraſchend genug, um die Dame jäh abbrechen und gleich ihrem Sohne lauſchen zu laſſen. Eine ſchwere Thür wurde geſchloſſen, man vernahm ſehr gedämpfte Stimmen oder vielmehr nur einzelne Laute derſelben, dann Schritte auf der großen Treppe. Und dieſe letzten Töne kamen näher, durch den Corridor, obſchon durch die Matten gedämpft, am Gemach der Baronin vorüber— ein raſcher, feſter, elaſtiſcher Schritt, wenige gedämpfte Laute einer tiefen Stimme und ebenſo wenig verſtändliche Worte einer andern antwortenden. Dann das Oeffnen und Schließen einer Thür, gar nicht fern, und dann die frühere, womöglich noch tiefere Stille. Mutter und Sohn hatten während dieſer Minuten, denn länger währte die Störung nicht, ſchweigend und angeſtrengt gelauſcht. Nun, da Alles wieder ſtill ge⸗ worden, wandte die Baronin ihre Augen dem Sohne zu; ſie ſah ein wenig beſtürzt aus und ſagte leiſe: „Was war denn das, Felix? Das klang ja durchaus—“ „Als ſei ein Gaſt angekommen, und zwar ein er⸗ warteter und häufiger, nach der geringen Störung zu ſchließen, welche dieſe Ankunft veranlaßte“, verſetzte der Graf mit einem mehr noch unbehaglichen als miß⸗ muthigen Ausdruck. „Assurement! Und dennoch wiſſen wir nichts von ihm? Und dennoch kein Wort über ihn? Wie ich ſage: dieſe Geheimnißkrämerei— oder iſt es nur Schweigſamkeit? — im Hauſe iſt völlig unerträglich! Wär'es ein häufiger Gaſt, wie Du nicht mit Unrecht ſchließeſt— nur um ſo ſchlimmer! Man redete nie von einem ſolchen. Aber, mein Kind, lache mich nicht aus, ich weiß von dieſem Plan, ſagt' ich. Wenn es Dagobert wäre?“ Der Graf fuhr auf.„Ich flehe Sie an, Mutter, quälen Sie ſich und mich nicht mit dieſem Einfall!“ ſprach er mit dem tiefſten Mißmuth und dem finſterſten —— —;,y 103 Blick, deſſen ſein braunes, für gewöhnlich ein wenig mattes Auge fähig ſein mochte.„Dieſer Burſche— ich entſinne mich ſeiner kaum!— er kann ja nur ein halbes Kind ſein. Mir däucht, ich las ſeinen Namen in der letzten Rang⸗ liſte, er war eben Lieutenant bei den Jägern geworden. Halbes Kind und ganzer Laffe und überdies der reine Hungerleider und endlich der Sohn ſeiner Aeltern, mit denen der Onkel—“ „Mit Dir iſt nicht zu reden, mon enfant!“ unter⸗ brach ihn die Dame achſelzuckend und hörbar verletzt. „Meinen Correſpondenten—“ „Ah bah, Ihre Correſpondenten, chère mère! Die Ihnen von Fräulein Henriette keine Silbe mel⸗ deten—“ Sie wandte ſich kurz ab und der Thür des Schlaf⸗ zimmers zu, wo die Kammerfrau harrte.„Du ſcheinſt der Ruhe zu bedürfen, mon enfant. Gute Nacht!“ Er trat zu ihr, ihre Hand zu küſſen.„Gute Nacht, Mama“, ſagte er in ſeinem ſonſt gewöhnlichen leichten Tone.„Ich denke, Louis wird von dieſem unbekannten Nachtgaſt ſchon etwas erfahren haben, und morgen früh werde ich gehorſam rapportiren.“ „Wozu, mon enfant?“ verſetzte ſie mit hoher Miene. „Ich erfahre den Namen dieſes Gaſtes bei der Vorſtelllung noch zeitig genug. Mich intereſſirt er unendlich wenig.“ 104 Aber auch der ſehr gewandte, neugierige und kluge Louis, der Kammerdiener des Grafen, den dieſer in ſeinem Zimmer auf dem Poſten traf, wußte keinerlei Auskunft zu geben, ja ſchien von dem kleinen Nacht⸗ ereigniß gar nichts vernommen zu haben; ſeine Augen erzählten etwas von einem verſuchten Vorſchlummer, den man dem armen Burſchen indeſſen zu gute halten durfte, da Othmaringen allerdings ganz der Ort war, um Gaben und Geiſt, wie Monſieur Louis ſich ihrer rühmte, rettungslos in Schlaf verſinken zu laſſen. Graf Felix war indeſſen nicht ſo ruhig und gleichgül⸗ tig, wie er ſich in Betreff des unbekannten Ankömm⸗ lings der Mutter gegenüber geäußert, ſondern in Wirk⸗ lichkeit ſehr nachdenklich, ſehr verſtimmt und— man ge⸗ ſtatte uns dieſen Ausdruck!— händelſüchtig, und es gab infolge deſſen eine kleine Scene mit dem Diener, welche dieſen zu Anfang völlig verblüffte, da er den Gebieter noch gar nicht von dieſer Seite kannte, und ihn nach und nach zu einer immer pikantern Oppoſition ſich erheben ließ: zu, einem Leben, wie er es hier in Oth⸗ maringen fand und mitzuleben genöthigt war, hatte er ſich nicht in die Dienſte des Herrn Grafen begeben. Kurz, Herr und Diener, ſonſt die beſten Freunde von der Welt und voll wahrer Hochachtung vor ein⸗ ander, waren auf dem Wege, ſich unheilbar zu ent⸗ „ 105 zweien, als das Geräuſch der von neuem ſich öffnenden und ſchließenden, nicht entfernten Thür in des Grafen Ohr drang. Mit gebieteriſcher Handbewegung ſchnitt er die gerade im Fluß befindliche Erklärung des Die⸗ ners ab, ergriff das Licht und trat raſch entſchloſſen auf den Corridor hinaus— keinen Augenblick zu früh. Franz, der alte Leibdiener des Barons Othmar, war beinahe ſchon vorüber. „Was gibt's?“ fragte Felix leutſelig.„Sie ſind ja noch ſpät auf den Beinen, Meiſter Franz, und ich hörte Thüren gehen.“ „Bitte tauſendmal um Entſchuldigung für die Stö⸗ rung, gräfliche Gnaden“, erwiderte der alte Mann reſpektvoll.„Herr Baron von Bilingsfelden ſind un⸗ terwegs aufgehalten worden und erſt ſo ſpät ein⸗ getroffen—“ „Was? Bilingsfelden? Mein Vetter Fritz? Der iſt hier bei Euch bekannt?“ rief der Graf ſehr über⸗ raſcht.„Davon weiß ich ja gar nichts!“ „Der Herr Baron kamen ſchon ſeit Jahr und Tag ein paar Mal zur Jagd“, lautete die Antwort. „Zur Jagd— in der That, er war leidenſchaftlicher Jäger. Weiß er von unſerer Anweſenheit, Meiſter Franz?“ 106 „Der Herr Baron waren ſehr müde und fragten nur nach dem gnädigen Herrn. Da dacht' ich—“ „Ganz recht, Meiſter Franz, ganz recht! Das wird morgen eine charmante Ueberraſchung werden! Gute Nacht, Franz!“ 3 Und der Graf zog ſich in ſein Zimmer zurück, ließ ſich von dem ſchmollenden, ceremoniöſen Louis entkleiden, ohne dem Diener einen Blick, geſchweige denn ein Wort zu gönnen, ſtieg ins Bett und löſchte, als der Diener ſich entfernt hatte, das Licht lautlos und mit gleichſam erſtarrten Zügen. Erſt nach einer langen Weile— zu an⸗ dern Zeiten hätte er längſt geſchlafen— murmelte er in einem ſeltſamen, ſchier knirſchenden Tone:„Fritz Bilings⸗ felden hier? In der That, da möchte einen doch der Schlag rühren! Ah, chère mère, das ſind unſere Cor⸗ reſpondenten!“ Wir können unſern Leſern leider nicht die beru⸗ higende Nachricht geben, daß der Herr Graf von Ey⸗ lingshauſen ſich von den Emotionen dieſes Abends durch einen ſtärkenden Schlaf erholte. Er hatte eine ſchlechte Nacht. — 8 „—— *— 3——— ——mñ—— Fünftes Kapitel. Fechterkünſte. Danach brauchte man ihn, als er am nächſten Mor⸗ gen früh bei den Andern erſchien, nicht erſt zu be⸗ fragen, ſondern ſah es auf den erſten Blick an der— man muß wohl ſagen: Zerſtörung, die in ſeinem ganzen Aeußern ſichtbar wurde, und Frau von Soldnau, die dem kleinen Cirkel präſidirte— Baron Othmar zeigte ſich ſeinen Gäſten im Laufe des Morgens überhaupt nur ſelten, und ſeine Schweſter ließ ſich erſt um die Mit⸗ tagsſtunde außerhalb ihres Zimmers blicken— ſagte daher auch, ſobald ſie den Eintretenden erblickte, voller Theilnahme:„Was um des Himmels willen hat Ihnen denn Ihre Nachtruhe geſtört, mein lieber Graf? Unſer gutes Othmaringen kennt doch weder Geſpenſter noch 108 Nachtſchwärmer, welche uns anderwärts nicht ſchlafen laſſen.“ Des Grafen Blick hatte mit einer gewiſſen finſtern Schärfe, die demſelben ſonſt kaum jemals anhaftete, das große Gemach durchflogen, wo man ſich zum Früh⸗ ſtück verſammelte. Denn ſo unabänderlich ſchön auch noch die Tage waren, ſo kühl zeigten ſich dieſe Mor⸗ genſtunden und man mußte ſelbſt aus der ſonnigen Veranda in die innern Räume des Hauſes zurück⸗ weichen. Heute, wo die Sonne kaum erſt über die Berge herüberblickte und noch mit den dichten Nebeln rang, durfte man ſich ſogar des Feuers erfreuen, das hell und luſtig im Kamin praſſelte. Graf Felix ſchaute ſich vergeblich um. Es waren nur die drei Damen des Hauſes im Zimmer und am Frühſtückstiſch, der ſpäte Ankömmling von geſtern Abend fehlte. Und da verlor der Blick des jungen Mannes ſeine Schärfe, er fuhr ſich leicht über die Stirn, als incommodire ihn das lockige Haar, das noch nicht ganz den rechten Strich zu haben ſchien, und den nächſten Stuhl nehmend, verſetzte er mit leichtem Lächeln:„Sind Sie eine Hellſeherin, meine gnädige Frau, oder iſt das Menſchenkind, das man Felix heißt, wirklich ein ſo armſelig Geſchöpf, daß man ihm ein paar Stunden Kopfweh und Schlafloſigkeit von der Stirn leſen kann?“ —y—·.“ —— — 109 Die Damen lachten, denn ſein Ton war allerdings munter genug, ja faſt ſchalkhaft, Frau von Soldnau aber meinte:„Nun Gott Lob, daß Sie noch ſcherzen mögen! Sie ſehen aber ernſtlich angegriffen aus, und wenn Sie das nun gar von Kopfſchmerzen herleiten, ſo bedaure ich Sie noch mehr— das iſt auch mein alter, grauſamer und unverſöhnlicher Feind.“ „Bei mir iſt's ein neuer und ſehr unerwarteter, der mich heimtückiſch überfallen und daher auch nieder⸗ geworfen hat“, erwiderte er launig.„Aber ich werde ſeiner ſchon noch Herr werden.“ „Und da iſt Ihre Hülfe, Couſin!“ ſprach Charlotte dazwiſchen, gegen das Fenſter deutend, wo eben der erſte helle Sonnenſtrahl den Nebel durchdrang und die Höhen und Bergwände drüben wunderbar hervorzu⸗ treten begannen.„Es iſt prachtvoll draußen, für Leib und Seele— eigentlich viel zu ſchön für einen ſolchen Langſchläfer“, fügte ſie ſcherzend hinzu. „Grauſam, wie immer!“ entgegnete er im gleichen Tone, während ſein Auge auf dem jungen Mädchen mit, man hätte glauben mögen, noch größerer und herzlicherer Aufmerkſamkeit ruhte als ſonſt.„Aber waren Sie denn heute Morgen ſchon hinaus, Couſine?“ Das ſchöne Mädchen lachte ganz fröhlich hinaus. „Da ſieht man recht, was auf die Betheuerungen der 110 Herren von Theilnahme und Anhänglichkeit zu geben iſt!“ rief ſie.„Gelt, Tante, gelt, Henriette? Da ſind Henriette und ich nun jeden Morgen, wo es das Wetter irgend erlaubt, in frühſter Frühe draußen und ſtreifen umher, ſei es zu Fuß, ſei es, wie heute, zu Pferde! Und der treffliche Herr Couſin, gräfliche Gnaden, widmen uns nun ſchon ſeit faſt zwei Wochen Dero höchſte Ver⸗ ehrung und Aufmerkſamkeit und ahnen nicht einmal unſere liebſte und ſchönſte Unterhaltung! O Couſin Felix, o!“ „O, Couſine, o!“ antwortete er munter in gleichem Tone.„Den Vorwurf geb' ich Ihnen noch viel ernſt⸗ licher zurück! O, Couſine, was zünden Sie mir für ein erſchreckendes Licht an! Was ſind Sie eigentlich mehr: verſteckensluſtig, mißgünſtig, egoiſtiſch oder—⸗ „Grauſam“, ſchob ſie neckend ein. „Das ohnehin und neben und vor allem Uebrigen!“ meinte er launig.„Iſt's meine Schuld, daß ich dieſe geheimnißvollen Ausflüge nicht ahne? Würde ich nicht mit tauſend Freuden zu Ihrer Begleitung bereit ſein? Was habe ich eigentlich geſündigt— ich wende mich an Ihre Güte, Frau von Soldnau— daß die beiden jungen Damen ſo unbarmherzig ſind, meine Begleitung zurück⸗ zuweiſen und hinterdrein mir mein Zurückbleiben zum Vorwurf zu machen?“ — ſſnnn— 111 „Wir einigen uns nicht, Couſin“, verſetzte Char⸗ lotte, lachend wie die Andern.„Sie heißen uns grau⸗ ſam, daß wir Sie nicht rufen; von Geheimniß oder Abweiſen iſt gar keine Rede, und wir würden gerade dieſen Ruf in Anſehung Ihres zu ſtörenden Morgen⸗ friedens für grauſam erklären müſſen. Aber Sie ſollen es haben, wie Sie wollen. Mißgünſtig und egoiſtiſch wollen wir nicht heißen. Finden Sie ſich morgen früh rechtzeitig am Portikus ein. Ich bin in der That neu⸗ gierig, was in Ihnen ſiegt, die—“ „Die Freude, Sie zu begleiten— ſeien Sie unbeſorgt!“ unterbrach er ſie heiter und fügte, indem er ihre Hand nahm, herzlich hinzu:„Sie ſind doch gut, Couſine! Das iſt ein Friedensſchluß, der mich glücklich macht.“ Man erhob ſich in froher Laune, man trat an die Fenſter und dann in die Veranda hinaus, wo die Sonne jetzt ſchon behaglich wärmte und der ſich immer mehr lichtende Nebel die wundervollſten Ausblicke über die Terraſſen und den Wieſengrund, über den Wald hinauf bis zu den Gebäuden von Neu⸗Othmar und dem Getrümmer der alten Burg geſtattete. „Sie haben Recht, der Morgen iſt himmliſch“, ſagte Graf Felix faſt enthuſiaſtiſch,„und eine Sünde iſt'’s, ihn daheim zu verlieren. Wie beſtimmen Sie über die nächſten Stunden, meine Damen? Darf ich mit Ihnen hinaus oder muß ich's, nach Ihrer geheimnißvollen Frühpromenade, allein verſuchen? Oder—“ und ſein Auge überflog fragend den kleinen Kreis—„am Ende dennoch in noch dazu ganz unerwarteter Begleitung! Denn ich hörte zu meiner Ueberraſchung ja vom alten Franz, daß mein Vetter Friedrich Bilingsfelden geſtern Abend angelangt ſei; ich ahnte nicht, daß er mit Ihnen bekannt, und dachte ihn ſchon hier zu finden, ganz be⸗ reit zum Jagdzug, denn er iſt ein großer Jäger vor dem Herrn, der edle Vetter! Aber er liebt, wie es ſcheint, ſeinen Morgenfrieden noch mehr als ich!“ Die alte Dame war erſichtlich ſehr überraſcht; ſie ſchaute zuerſt den Grafen, dann ihre Nichte und Hen⸗ riette mit fragenden und zweifelnden, Beſtätigung ſuchenden Blicken an und ließ nur nach einer Pauſe ein abgebrochenes:„Ein Gaſt hier? Aber erfuhrt Ihr denn davon?“ laut werden. Und Henriette antwortete freundlich:„Ja, Tante—“ in einem ſo langen, ſtillen und innigen Zuſammenleben, wie es dieſen Menſchen geworden, pflegt man die Be⸗ nennungen und Anreden nur von der Zärtlichkeit be⸗ ſtimmen zu laſſen—„ja, Tante, die Marie ſagte uns heute Morgen, daß der Herr Baron angekommen ſei, und wir waren auch überraſcht und fanden es ein „ 8 —,— 113 wenig ſeltſam, daß Papa gar nichts davon geſagt, obgleich er's doch hat wiſſen müſſen.“ „Ja, in der That ſeltſam!“ meinte der Graf. Sein Auge ruhte auf Charlotten, welche an der Brüſtung der Veranda ſtand und, für die Unterhaltung anſchei⸗ nend theilnahmlos, ins Thal hinabſchaute. „Doch nicht ſo ſehr“, ſagte ſie jetzt indeſſen, ruhig aufblickend.„Papa redet meiſtens kein Wort mehr, als irgend nöthig iſt, und Herr von Bilingsfelden war die beiden Male, da er bisher hier verweilte, ſo wenig ein rechter Gaſt oder wirklicher Hausgenoſſe, daß wir Andern kaum einer Benachrichtigung bedurften. Du wirſt's erfahren, Tante, Du ſahſt den Herrn noch nicht. Daß Jemand ſo wenig Störung machen könne, hab' ich nie für möglich gehalten. Man lernt den Baron kaum kennen, wie lange er auch verweilt, ſo wenig hört und ſieht, ſo wenig ſpürt man von ihm.“ „Behüte Gott!“ rief Graf Felix mit auffällig ſpöt⸗ tiſchem Verziehen der Lippen.„Daß mein edler Vetter etwas Beſonderes iſt, hab' ich längſt gewußt, aber daß er eine Tarnkappe beſitzt und ſich unſichtbar zu machen verſteht, hab' ich nicht geahnt. Da kennen auch Sie ihn alſo faſt nur dem Namen nach, Couſine?“ „Beinahe“, verſetzte ſie mit der gleichen Ruhe wie vorhin, und die Züge des ſchönen Geſichts und ihre Hoefer, In der Welt verloren. I. 8 Augen, welche unbefangen denen des Grafen begeg⸗ neten, widerſprachen ihrem Tone nicht im geringſten, wenn auch eben ein leichtes Lächeln durch ſie hinglitt. „Ihr Einfall iſt hübſch, Couſin. Es iſt wirklich mit Ihrem„Verwandten ungefähr ſo.“ „Am Ende iſt er ſchon unter uns!“ rief Felix wieder ſpöttiſch lachend und indem er ſuchend umherblickte. Frau von Soldnau war dieſem raſchen Geſpräch mit größter, unſern Leſern ſicher nicht unverſtändlicher Aufmerkſamkeit gefolgt und hatte zumal Charlotte anfangs mit einer Art von Unruhe, bald aber um ſo befriedigter beobachtet, als auch nicht das Geringſte bemerkbar wurde, das ihr hätte Sorge machen können. Deſto weniger gefiel der klugen und erfahrenen alten Frau aber, was ſie vom Grafen Felix vernahm; es klang darin und ſprach daraus etwas, das von der ihr bisher bekannt gewordenen Weiſe des Herrn ſehr verſchieden war, etwas Scharfes, ja faſt Gereiztes, etwas Spöttiſches, ja beinahe Hohnvolles, und ſie konnte ſich nicht enthalten, auf ſeine letzten Worte im Tone einer gewiſſen Befremdung zu erwidern:„Sie lieben Ihren Verwandten nicht, wie es ſcheint, Herr Graf?“ Es zuckte etwas durch ſein Geſicht; begriff er ihr Recht zu dieſer Frage?„Mon dieu, woraus ſchließen Sie das, meine gnädige Frau?“ rief er nur noch mit 115 munterem Ausdruck aus.„Aus meinem Scherz, der doch gewiß nicht böſe gemeint iſt? Lieber Gott, der edle Ritter Fritz und ich waren vordem die beſten Freunde von der Welt, und ich wüßte nicht, weshalb wir's auch jetzt nicht ſein ſollten, obſchon oder vielleicht gerade weil wir uns in den letzten fünf bis ſechs Jahren kaum ein paar Mal und nur auf Stunden begegneten! Geneckt haben wir uns immer, er mich mit meinen Civilnei⸗ gungen— er glaubt, daß ein Cavalier Soldat ſein müſſe, nichts Anderes ſein könne!— und ich ihn mit ſeiner Rit⸗ terlichkeit sans peur et sans reproche! Es ſcheint aber mit ihm ein wenig zurückzugehen. Denn daß er heute Morgen ein ſo ungalanter Langſchläfer—“ „Darin thun Sie dem Herrn Baron Unrecht“, fiel Henriette unbefangen ein.„Die Jungfer berichtete uns nicht nur, daß Ihr Verwandter ſpät eingetroffen, ſon⸗ dern auch, daß er, gerade wie die vorigen Male, heute früh ſchon vor Thau und Tage— ſo hieß ſie es— mit dem Jäger in die Reviere gegangen ſei.“ „Behüte Gott!“ rief Graf Felix mit ſcherzhaftem Erſchrecken.„Vor Thau und Tage, ſagen Sie? Alſo dieſe Leidenſchaft ſcheint noch gewachſen zu ſein! Sind Sie gar nicht für Ihre Rehe beſorgt, Couſine?“ Charlotte ſchüttelte ruhig lächelnd den Kopf.„Ich glaube nicht, daß Herr von Bilingsfelden und meine A* 116 Rehe einander begegnen oder ſtören“, entgegnete ſie. „Er ſucht ſich beſſere Reviere als hier den Schloßwald, denke ich.“ Frau von Soldnau gab dem Geſpräch durch eine Frage nach einem gemeinſamen Bekannten, dem der Graf und ſeine Mutter vor kurzem erſt begegnet wa⸗ ren, eine andere Wendung und ließ es, ſolange man noch bei einander verweilte, nicht wieder auf das alte Thema zurückkommen. So ruhig und freundlich hier, ſo luſtig und ſpöttiſch da die Unterhaltung auch von allen Theilnehmern geführt worden, war doch an⸗ ſcheinend nicht einem wohl und behaglich dabei gewor⸗ den, und der Dame mißfiel vor allem dieſer Angriff und dieſe Vertheidigung eines Abweſenden und die dadurch veranlaßte Offenbarung oder gar Steigerung eines Intereſſes, das ihr zum mindeſten für ihre beiden Pflegebefohlenen nichts weniger als gleichgültig war. Was ſie am Ankunftsmorgen der Gäſte bei der Buche droben mit dem Pfarrer geredet und ebenda mit ihm erlebt hatte, wär ihr ſeither nicht aus dem Sinn ge⸗ kommen und ſie hatte ihre Nichte, wie ſie Charlotte nun einmal hieß, nicht aus den Augen gelaſſen. Wenn ihre Befürchtung irgend einen Grund hatte, ſo mußte dieſer aller Wahrſcheinlichkeit nach gegenwärtig eher und leichter klar werden als zu jeder andern Zeit; — 117 denn des Grafen täglich offener dargebrachte Hul⸗ digungen und ſein ganzes, wenn auch überraſchendes, doch nicht mißzuverſtehendes Gebaren mußten auch Charlotte gewiſſermaßen zu einer Offenbarung deſſen zwingen, was es in ihrem Herzen gab. Was die Dame in dieſer Richtung bisher an ihrem Pflegekinde beobachtet, hatte ihre Befürchtungen eher vermehrt als zerſtreut. Mochte Graf Felix im Uebri⸗ gen und zumal in ſeinen Kreiſen der großen Welt ſein, wie er wollte, hier in Othmaringen und vor ſeiner Couſine zeigte er ſich als einen angenehmen, un⸗ terhaltenden Geſellſchafter, als einen Mann von Welt, Bildung, Takt und Geſchmack, und da er, wenn auch nicht ſchön und noch weniger imponirend, dennoch ein durchaus anſprechendes Aeußeres beſaß und alle ſeine innern und äußern Vorzüge und Fähigkeiten in tadel⸗ loſer, ungezwungener Weiſe zur Geltung zu bringen verſtand, ſo war nicht abzuſehen, weshalb ein ſolcher Menſch, zumal wenn er ſeine Huldigungen darbrachte, wie der Graf es that, nicht einen durchaus günſtigen und angenehmen Eindruck auf die Dame hätte machen ſollen, welcher er ſeine Verehrung weihte. Eine Ab⸗ weiſung war entweder nur durch Gründe zu erklären, welche man aus der Perſönlichkeit oder aus dem Leben des Grafen ſchöpfte, oder das Herz der Verehrten 118 rechtfertigte ſie, wenn es das Gefühl, welches der Graf in ihm zu finden wünſchte, bereits einem Andern ge⸗ widmet hatte. Von jenem erſten Punkt, von den aus der Perſön⸗ lichkeit und dem Leben des Grafen geſchöpften Abwei⸗ ſungsgründen, konnte hier keine Rede ſein. Wir ſagten ſchon, daß, was man von Felix in Othmaringen ſah und hörte, mehr für als wider ihn ſprach, und ſein Weltleben reicht nichte hierher. In Anſehung des zwei⸗ ten Punktes aber, da ſorgte die alte Dame eben, 3 da beobachtete ſie und wurde immer beſorgter. So heiter ſich Charlotte auch gab, ſo unbefangen, ſo freund⸗ lich, ja ſo ſcherzhaft zu Zeiten, ſchien ſie ihrem Vetter gegenüber doch niemals warm und herzlich, geſchweige denn innig zu werden, wie ſie es ſo ganz ſein konnte, wo ihr Herz getroffen wurde. Seine Huldigungen glitten anſcheinend ſpurlos von ihr ab, ja ſie beachtete ſie kaum oder verſtand ſie nicht einmal. War das möglich, fragte die alte Dame ſich ſtets von neuem, wenn ihr Herz„wirklich noch frei war? Und wenn das nicht der Fall, an wen konnte dieſe Freiheit ver⸗ loren gegangen ſein, wenn nicht an denjenigen, der in der Abweſenheit der Matrone ein Gaſt des Hauſes„ geworden war? Und jetzt war der gefährliche Fremdling da! Frau 119 von Soldnau war, wie wir angedeutet haben, ſehr überraſcht, da auch ſie kein Wort von dieſem bevor⸗ ſtehenden Beſuch erfahren hatte, allein unangenehm war dieſe Ueberraſchung keineswegs. Jetzt, zumal die beiden Männer zuſammentrafen, mußte ſich, wie ſie ſich wiederholte, ein Blick in Charlottens Herz gewinnen laſſen, und ein zweiter in Weſen, Charakter und Ab⸗ ſichten des Mannes, von dem die Matrone nur durch Fremde etwas wußte und deſſen Name ſeit ihrer Rück⸗ kehr hier noch nicht genannt war. Ja, ſchon das Ge⸗ ſpräch über ihn mußte dieſen Blick ermöglichen. Darin täuſchte die Dame ſich indeſſen ganz und gar. Ruhiger, unbefangener und, man hätte ſagen mögen, unbetheiligter konnte kein Menſch über den andern urtheilen oder ihn gegen Neckereien oder Vorwürfe in Schutz nehmen, als es Charlotte laut werden ließ. Da ſchien von keiner auch nur annähernd ernſten Theil⸗ nahme eine Spur zu ſein. Und ebenſo auch nicht für Felix? War es denn möglich, daß in dieſem lieb⸗ reizenden, warmen und innigen Geſchöpf das Herz noch völlig frei in ſeinen ſtillen Träumen ruhte? Frau von Soldnau wußte nicht, ſollte ſie glücklich, ſollte ſie unglücklich darüber ſein; ſie wußte nicht, was ſie denken, nicht, was ſie glauben durfte, und mochte daraus entſtehen, was da wollte, ſchweigen konnte ſie 120 nicht länger! Und das Auge zu Henrietten erhebend, die neben ihr in der Veranda ſtand, während Char⸗ lotte mit Felix die Stufen hinabgetreten war und plau⸗ dernd auf der oberſten Terraſſe hin und her ging, ſagte ſie in nachdenklichem Tone:„Weißt Du, mein Kind, ich bin eben ſehr überraſcht worden, und zwar nicht ſowohl durch die plötzliche Ankunft dieſes Herrn von Bi⸗ lingsfelden— wir wiſſen ja, wie wunderlich Baront Oth⸗ mar meiſtens iſt!— als vielmehr durch das, was ich an unſerer Kleinen beobachtete. Wie ich von dieſem Gaſte in der Ferne hörte, kam mir der Gedanke, daß er ſicher nicht ganz eindruckslos an Charlotten vorübergehen werde; ich wußte ſelbſt nicht, ſollte ich darum ſorgen oder mich freuen, und was ich hier fand, die völlige Schweigſamkeit über ihn, die völlige Gleichgültigkeit gegen den jungen Grafen, beſtärkte mich in dieſem Glauben. Nun aber, wie ſie eben war und ſich äußerte, zeigt mir doch wohl, daß ich mich vollſtändig getäuſcht habe?“ Henriette hatte ſchweigend und geſenkten Blickes zugehört. Nach einer Pauſe erſt ſah ſie auf und er⸗ widerte, indem ihre Wangen ſich leiſe rötheten, hörbar ein wenig unſicher:„Ich weiß wirklich nicht, Tante, das heißt für früher. Für jetzt freilich, glaube ich, täuſchten Sie ſich allerdings. Früher, nach des Herrn ———— —— 121 Barons zweiter Anweſenheit im Frühling, habe ich ſelber an dergleichen gedacht, geſchloſſen darauf aus dieſen und jenen Zeichen, die man aber kaum einem Andern deutlich machen kann; bekannt hat ſie mir nie etwas, wie ich ſie denn freilich auch nicht fragte, ja ſie hat faſt nie mit mir über ihn geſprochen. Sie werden es ſchon ſelbſt bemerkt haben, daß ſie viel ſtiller und verſchloſſener wurde, als ſie ſonſt war. Allein wenn ſie auch wirklich einmal tiefer gefühlt hat, ſo iſt das gewiß ſchon ſeit Monaten vorüber. Ich ſchließe auch dies nur aus andern Zeichen; weshalb, das ahne ich nicht. Es iſt inzwiſchen nicht mehr von ihm die Rede geweſen, erfahren konnte ſie nichts Neues von ihm, und neue Bekanntſchaften hat ſie auch nicht gemacht bis zur Ankunft ihres Couſins.“ „Das glaubſt Du?“ fragte die Matrone gedan⸗ kenvoll. „Ja, ich ſchließe es, wie geſagt, aus jenen nur dem eigenen Auge eines Beobachtenden ſichtbaren und ver⸗ ſtändlichen Zeichen. Ich glaube gewiß, daß ich mich nicht täuſche. Charlotte iſt in dieſen letzten Monaten wieder anders, mehr die Frühere geworden, heiterer, beweglicher, offener.“ 3 Nach einer langen Pauſe erſt ſagte die Dame, mit den Augen auf das drunten wandelnde Paar blickend, f deſſen Unterhaltung die munterſte zu ſein ſchien:„Und Graf Felix, wie denkſt Du darüber?“ Henriettens Auge war voll Schelmerei und auch in ihrer Stimme war ein Klang von unterdrückter Heiter⸗ keit, als ſie verſetzte:„Das, Tante, weiß ich wirklich nicht. Mühe gibt er ſich freilich, und daß er ſie grau⸗ ſam heißt, verdenk ich ihm kaum. Denn wie er es auch treibt, zum Ernſt hat er ſie noch nicht einmal zu bewegen vermocht. Und das verdenk'’ ich ihr wieder nicht. Denn auch ich kann nicht ernſt auf ihn ſehen und nicht daran glauben, daß es ihm Ernſt ſei.“ Das Paar kam lachend und ſcherzend die Stufen wieder herauf, denn die Sonne fing an, heiße Strahlen herabzuſenden. Die Damen zogen ſich ins Haus zu⸗ rück, und Felix ließ durch einen Diener aus der Woh⸗ nung des abweſenden Jägers Flinte und Taſche ent⸗ nehmen— man fand dergleichen auf Othmaringen ſonſt ſchwerlich— um ſich zu einem eigenen Jagdzuge auszu⸗ rüſten. Der Diener grinſte, denn man brauchte den Grafen allerdings nur anzuſehen, um ihn für Alles eher als einen Jagdliebhaber zu halten, und Felix zuckte ſelber lächelnd dazu die Achſeln; er beſaß nicht den Ehrgeiz, für einen Jäger zu gelten, ſpottete viel⸗ mehr gelegentlich über dieſe Leidenſchaft. Hindern ließ er ſich dadurch indeſſen nicht, ſondern ſtieg, als er 123 fertig war, die Terraſſen hinab und ſchritt drüben durch das Seitenthälchen in den Wald hinein, zu wel⸗ chem Zweck eigentlich, war ihm ſelber vermuthlich ebenſo wenig klar wie einem Andern. Denn ganz ab⸗ geſehen davon, ob er ſeinem Vetter überhaupt zu begegnen wünſchte, war es bei ſeiner gänzlichen Unbekanntſchaft mit der Gegend mehr als fraglich, ob ein Zuſammen⸗ treffen ſtattfinden oder auch nur möglich ſein würde. Im Gegentheil, wenn ihn nicht der Wunſch hinaus⸗ trieb, ſeiner Mutter und ihrer Aufregung über den unerwarteten Beſuch aus dem Wege zu gehen, war es wahrſcheinlich nichts als die helle Langeweile oder das Gefühl ſeiner vermeintlichen unglücklichen Liebe. Solchen Wünſchen und Empfindungen entſprachen ſeine heutigen Erlebniſſe denn auch im genügendſten Maß; er verirrte ſich auf das allergründlichſte und hatte, nachdem er ſich von einer mühſam erſtiegenen Höhe wieder orientirt, ſo tüchtig zu marſchiren, daß er mit knapper Noth noch zur Mittagsſtunde das Schloß zu erreichen vermochte, ſterbensmüde, vor allen Dingen aber ſo durſtig und hungrig, daß er ſich ſolcher ple⸗ bejen Regungen nicht einmal ſchämte, ſondern nur eilte, ſeine Toilette zum Diner zu beenden. Der alte Onkel verſäumte den Mittagstiſch nie, während er ſeine Haus⸗ genoſſen und Gäſte zu andern Stunden keineswegs 124 durch ſeine Gegenwart verwöhnte, und ſah das Aus⸗ bleiben eines Theilnehmenden mit Gleichgültigkeit, das Zuſpätkommen aber mit unverhehlter Empfindlich⸗ keit an. Als er in den kleinen Speiſeſaal trat, fand er die Geſellſchaft ſchon bei einander, und da er ſeine Mutter erblickte, überkam ihn ein aus Schadenfreude und Genugthuung gemiſchtes Gefühl, und er begriff, daß der Wunſch, ihr einſtweilen auszuweichen, im Grunde das ſtärkſte und zugleich gerechtfertigtſte Motiv zu ſei⸗ nem Ausfluge geliefert haben dürfte. Frau von Vögels⸗ bach begrüßte den Sohn mit einem Zlick, deſſen erſtes Zürnen ſich faſt unmittelbar in den Ausdruck einer anklagenden Verzweiflung und ſogleich in den einer bittern Reſignation verwandelte. Graf Felix hielt dieſen bedenklichen Zeichen einer ſehr complicirten Auf⸗ regung keine Sekunde länger Stand, als ſein Gruß in die Runde währte, und ſchritt alsbald vorwärts, wo er ſeinen Vetter im Geſpräch mit dem Hausherrn und dem Pfarrer erblickte, welcher letztere ſich ſeither nur wenig im Hauſe hatte ſehen laſſen. Baron Othmar war erſichtlich heiterer und ange⸗ regter, als er ſeit dem Ankunftstage ſeiner Verwandten dieſen ſich gezeigt hatte; er empfing den Neffen mit einem Scherz über deſſen Jägerei und einer neckenden 125 Frage nach ſeiner Beute. Der junge Mann ant⸗ wortete in munterer Laune und wandte ſich dem neuen Gaſte zu, der ihm mit freundlichem Zunicken die Hand bot und dabei ſagte:„Sieh da, Vetter, wir trafen uns lange nicht. Ich freue mich, Deine Mutter und Dich einmal wiederzuſehen.“ Es war etwas unendlich und zugleich wohlthuend Ruhiges in ſeinen Worten, ſeiner Stimme, ſeiner ganzen Erſcheinung; man mußte zu dieſer Perſönlichkeit ſo zu ſagen auf den erſten Blick Vertrauen faſſen und nicht minder Achtung vor ihr empfinden; denn es war etwas an ihr und um ſie her, das in ihr nicht nur den vor⸗ nehmen Mann im beſten Sinne des Worts, ſondern auch einen durch und durch tüchtigen, geſunden und würdigen Menſchen erkennen ließ. Und dieſer Eindruck ging weniger von der ſtolzen Schönheit ſeiner ganzen Erſcheinung aus, als von dem Ausdruck echter Männ⸗ lichkeit und Würde und eines ernſten Selbſtbewußtſeins, welche ſich in jedem Zuge und Blick, in jeder Bewe⸗ gung ausſprachen.„Ein Edelmann nicht blos von ſeinen Ahnen her, ſondern mehr noch durch ſich ſelbſt“, hatte Baron Othmar von ihm vordem einmal zum Pfarrer geſagt. Das traf zu. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Die Unterhaltung war eine angenehm belebte, und Baron Othmar betheiligte 126 ſich nicht nur in ungewöhnlichem Maße an ihr, ſon⸗ dern erhielt ſie auch im Fluß und leitete ſie in einer Weiſe, welche ſein Wohlgefallen an dem neuen Gaſte auf das deutlichſte verrieth. Seine Schweſter und ihr Sohn, ſowie vielleicht auch Frau von Soldnau hatten dagegen allzuviel zu beobachten, als daß ſie hätten ihren gewöhnlichen lebhaften Beitrag zu dem Geſpräche geben mögen, und die erſtere zumal erſchien ſo un⸗ ruhig und zerſtreut, daß mehr als einer von den Uebrigen auf ſie aufmerkſam wurde und Charlotte ſie herzlich fragte, ob ihr nicht wohl ſei. Sie wies das mit einer Art von Ungeduld zurück. Im Sinne der drei Beobachtenden gab es indeſſen nicht das Geringſte, das ihre Mühe gelohnt hätte. Der Fremdling verkehrte mit der Tochter des Hauſes in der völligſten Unbefangenheit und freundlichſten Artig⸗ keit eines ſchon ältern Bekannten, und auch das ſchöne Kind zeigte nichts als die anmuthigſte Freiheit und liebenswürdigſte Ungezwungenheit gegen denjenigen, welcher nicht nur ihrem Vater willkommen war und von ihm geſchätzt wurde, ſondern auch ihr ſelbſt als ein bedeutender Menſch, als Mann von Welt, Bildung und Erfahrung wohlgefallen mußte. Nach Tiſche zogen ſich nicht nur Baron Othmar, ſondern auch die Damen nach der in Othmaringen —„ 127 herrſchenden Gewohnheit zurück.„Ich hoffe Dich nach⸗ her ruhiger ſehen und ſprechen zu können, mon neveu,“ ſagte Frau von Vögelsbach, bevor ſie ſich entfernte. „Du mußt mir viel erzählen und erklären, ich bin ſchon lange außer aller Verbindung mit Euren Kreiſen.“ „Bauen Sie doch nicht zu viel auf mich“, verſetzte Herr von Bilingsfelden, leicht das Haupt ſchüttelnd; „meine Verbindung mit den meiſten dieſer Kreiſe iſt eine ſehr lockere. Sie erinnern ſich wohl, daß ich nie ein Mann der Geſellſchaft war. Jetzt iſt obendrein meine Zeit eine ſehr beſchränkte. Ueberdies, meine Tante, muß ich Sie um Geduld bis heute Abend bit⸗ ten“, fügte er hinzu.„Ich habe mir den Jäger ſchon zu einem zweiten Gange beſtellt.“ „Couſine, Couſine, nehmen Sie Ihre Rehe in Acht, oder ſchicken Sie mich mit zur Ueberwachung!“ rief Felix lachend Charlotten zu.„Der große Nimrod läßt nichts am Leben!“ „Fräulein von Othmaringen kennt mich beſſer und iſt auch nicht ſo ſchreckhaft, glaube ich“, ſagte Herr von Bilingsfelden mit einem freundlichen Blick in das ihn anlächelnde Auge des Mädchens, das ſich eben ent⸗ fernen wollte. „Auf ein Wort, mon flls!“ ſprach die Baronin, indem ſie ſich ihr zu folgen anſchickte.„Es liegen mehrere 128 Briefe für Dich drinnen, auch einer von der Geſandt⸗ ſchaft; es könnte doch ſein—“ Und da er, augen⸗ ſcheinlich ungern, mit ihr ein paar Schritte weiter ging und ſich von dem Vetter entfernte, fügte ſie in einem Tone, als ſei ſie ganz außer ſich, halb erſtickt hinzu:„Was heißt das, Felix? Was will er hier? Wie kommt er hierher? Und wie mein Bruder ihn bevorzugt—“ „Das heißt, Mama, daß Ihre Correſpondenten Dummköpfe ſind“, fiel der Sohn grob genug ein. ,Fritz iſt ſchon zum dritten oder vierten Male hier, vom Onkel ſelbſt eingeladen. Sie ahnen das nicht einmal! Aber ich muß zu ihm zurück“ brach er, ſich von ihr wen⸗ dend, ab.„Ich bin ſelber ein wenig neugierig.“ Die Tiſchgeſellſchaft hatte ſich vollſtändig zerſtreut, denn auch der Pfarrer war auf einen Wink des Barons, der Felix keineswegs entgangen war und ihn, er wußte ſelbſt kaum weshalb, beſtürzt gemacht hatte, mit dem Alten in deſſen Gemächer gegangen, und die beiden Ver⸗ wandten blieben allein bei dem Kaffee und der Cigarre in der Veranda zurück, welche jetzt, von der Sonne verlaſſen, einen ungemein behaglichen und durch die prächtige Ausſicht erfreuenden Ruheplatz darbot. „Ich wollte meinen Ohren nicht trauen, als ich heute Morgen Deinen Namen hörte“, ſagte Graf Felix in ———— — ——— 129 einem leider geſucht muntern Tone.„Du außerhalb der Reſidenz, jetzt, bei Deiner neuen Stellung— auf Seele, mein Lieber, Du machſt eine prachtvolle Car⸗ riere, ich gratulire Dir!— und hier, bei meinen Ver⸗ wandten, die keinen Menſchen kennen und von keinem Menſchen gekannt werden—“ „Wobei die Menſchen ſicher mehr verlieren als die Deinen“, bemerkte Herr von Bilingsfelden ruhig. „Je le concède— unter Umſtänden, heißt das“, ſprach der Graf, und wie er ein Bein über das andere ſchlug, die Cigarre hin und her drehte, die Taſſe hin und her ſchob und die Augen bald auf den Vetter, bald von ihm abwandte, verrieth er nur zu deutlich, wie unruhig es in ihm ausſehen mochte.„Es ſind außerordentlich würdige, außerordentlich reſpectable Leute, alle, jung und alt, Herrſchaft und Diener, aber für Jemand, der in der Welt lebt, doch ein wenig ſeltſam, ſo alter⸗ thümlich, ſo unbeweglich, ein ganz klein wenig ermü⸗ dend.“ „Mir erſchien das anders; ich gehöre freilich nicht zu der großen Welt und mache geringere Anſprüche“, verſetzte der Andere mit der frühern Trockenheit.„Dein Onkel erſchien mir wie ein Mann von Ehre, Charakter, Bildung und Erfahrung, durch das Leben ernſt ge⸗ ſtimmt, der Pfarrer wie das Muſter eines würbihen Hoefer, In der Welt verloren. I. 9 130 Geiſtlichen, zumal in dieſer Zeit der Zwietracht und Unduldſamkeit nicht hoch genug zu ſchätzen, die Damen endlich, wie Eure Geſellſchaft, ſoviel ich davon kenne, Gott alle Tage auf den Knieen für ähnliche Erſchei⸗ nungen danken würde, wenn ſie dergleichen in ihrem Kreiſe fände.“ „Ah!“ machte Felix. Das ernſte, tief blaue Auge des Vetters ruhte auf ſeinem leicht gerötheten Geſicht mit feſtem und dennoch zugleich ſtillem Blick. Da dem Ausruf jedoch keine weitern Worte folgten, ſagte der Herr nach einer Pauſe kalt:„Du meinteſt, Vetter?“ „Ah, nichts, nur ein Einfall!“ wich Felix aus.* „Beiläufig, iſt die Frage indiscret, wie Du eigentlich gerade in dieſe Clauſur gelangteſt?“ „Durchaus nicht indiscret“, entgegnete der Herr ſo— trocken wie immer.„Ich habe vor Jahr und Tag Neideck geerbt; es lag mir daran, das ſehr herunter⸗ gewirthſchaftete Beſitzthum wieder zu heben, und da die Waldwirthſchaft hier auf Othmaringen muſterhaft, ja berühmt iſt, ſo war ich glücklich, als ich Deinem Onkel zufällig begegnete— ich kannte ihn noch aus dem Hauſe meiner Aeltern, wo er ſehr beliebt war— und von ihm eingeladen wurde, mir ſeine Forſten anzu⸗ ſehen und mit ſeinem Förſter zu conferiren. Seinen — ———*ú— 3 131 reichen Wildſtand gab er mir ebenfalls frei, und ich war und bin ihm ſehr dankbar. Ich lerne hier jedes⸗ mal in acht Tagen mehr als auf einer Forſtakademie in Monaten. Der Förſter und ſelbſt der Jäger ſind ausgezeichnete Leute.“ 2 „O über den Heuchler!“ ſagte Felir nach einer kleinen Pauſe mit lachender Miene. „Ich verſtehe Dich unglücklicherweiſe durchaus nicht“, lautete die von dem frühern feſten und ſtillen Blick begleitete kalte Antwort. „Oder iſt's die himmelſchreiendſte Ungalanterie un⸗ ſeres ſtolzeſten und ſchönſten Cavaliers? Ich dächte, die ſchönen Augen der Erbin von Othmaringen würden ſchon allein genügen, Othmaringen ſelbſt und den Aufenthalt in ihm ſo intereſſant wie möglich zu machen. Die vorzügliche Forſtcultur freilich und der ausgezeich⸗ nete Wildſtand ſind nicht zu verachtende Zugaben und weitere Reizmittel!“ Herr von Bilingsfelden hatte den Grafen völlig ausreden laſſen, obgleich ſich in ſeinem ſtolzen Auge und auf der hohen Stirn nicht nur ein gewiſſer Un⸗ muth, ſondern ſogar etwas wie leichte Mißachtung zeigte. Jetzt war dieſer Zug indeſſen ſchon wieder verſchwunden. Er ſtreifte die Aſche von der Cigarre und ſprach, indem er ſich zugleich erhob, mit wunder⸗ 9* barer Kaltblütigkeit:„Soweit ich mich erinnere, excel⸗ lirteſt Du vordem nicht gerade in Deinen Urtheilen über Menſchen und Verhältniſſe, Vetter, und ich ſehe, daß auch Deine ſeitherige Carriere Dir darin nicht viel genützt hat. Ich liebe die Offenheit“, fuhr er fort, ſtets in gleichem Tone, während dabei ſein Auge den über die erſte unumwundene Bemerkung erſichtlich empfindlichen Verwandten ſo zu ſagen im Bann hielt; „Deine Mutter ſchien mir über meine Anweſenheit zu erſchrecken, Du ſelbſt warſt und biſt auch nicht frei. Verfolgt ihr bei Eurem hieſigen Aufenthalt irgend einen Plan, ſo thut das und laßt Euch, zumal durch mich, nicht ſtören. Ich habe weder etwas dafür noch da⸗ gegen. Ich ſehe in Fräulein von Othmaringen eine aumuthige und duftvolle Blüte ihres alten Stammes; man heißt ſie hierherum ja die Roſe von Othma⸗ ringen, und zwar mit vollem Recht, wiederhole ich. Es iſt ein ſehr hübſches, liebenswürdiges, gütiges und zugleich hochgebildetes und, wenn ich mich nicht ſehr irre, ſchon charaktervolles Kind, aus dem ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach eine Frau— oder ſage Dame— entwickeln wird, wie ich wenig ähnliche kenne. Wen ſie dereinſt mit ihrer Hand beglückt, der wird, glaube ich, wirklich beglückt ſein. Ich aber, und damit laſſe es ein⸗ für allemal genug ſein, ſtrebe nach dieſem Glücke nicht.“ 133 Nach einem tiefen Athemzuge ſprach Graf Felix, wie⸗ der einmal mit einigermaßen geſucht heiterem Ausdruck: „Alſo noch immer der alte Eisberg, ſtarr auch gegen die glänzendſten und glühendſten Strahlen der ſchönſten Sonne? Oder hinge dieſe Unnahbarkeit am Ende doch mit jenem Gerücht zuſammen—“ „Mit was für einem Gerücht?“ Wir hörten von Herrn von Bilingsfelden erzählen, daß er in dem Ruf ſtehe, hochmüthig zu ſein, und wer den Ton dieſer ſeiner Frage beachtete und den Blick und die Miene ſah, die ſie begleiteten, konnte den Ruf für begründet halten. „Bitte, Vetter Fritz, ich bin zu discret und loyal, um etwas auszuſprechen, das vielleicht eben nur ein wenn auch ſchmeichelhaftes Gerücht“, verſetzte der Graf mit einer gewiſſen weltmänniſchen Artigkeit.„Dazu kannſt Du nicht wohl in Zweifel über das ſein, was ich meinte, biſt vor allem aber hoffentlich davon über⸗ zeugt, daß ich mich am allerwenigſten in Deine An⸗ gelegenheiten miſche.“ „Darum bitte ich dringend“, verſetzte der Andere un⸗ verändert ſtolz und kalt.„Und hörteſt Du wieder von Gerüchten, die mich beträfen, ſo habe die Güte, die Herumträger von dieſer meiner Bitte zu unterrichten. Aber der Jäger wird auf mich warten“, brach er ab. „Wie iſt's, begleiteſt Du uns?“ 134 „Ich danke“, entgegnete der Graf lachend.„Die Motion des Morgens war völlig genügend für mich.“ Am Abend dieſes Tages wurde Frau von Soldnau bei ihrer Nachttoilette, welche ſie allein vorzunehmen pflegte, durch den Eintritt Charlottens auf das höchſte überraſcht, denn die Geſellſchaft war bereits ſeit längerer Zeit auseinander gegangen und ſie hatte das Mädchen ſchon im Bette geglaubt. „Verzeihe mir die Störung, Tante“, ſagte das junge Mädchen, indem es ſich zu der Matrone niederbeugte und die Stirn derſelben küßte, auf das herzlichſte.„Ich meinte die Mittheilung nicht aufſchieben zu dürfen, die ich Dir zu machen habe, und fand heute Abend keine Gelegenheit dazu. Heute Nachmittag hat Vetter Felix mich um meine Hand gebeten, Tante.“ „Aber, Charlotte, mein Kind!“ rief die alte Dame mit allen Zeichen eines ernſtlichen Schreckens aus und erhob ſich raſch von ihrem Stuhle.„Ich bitte Dich, das iſt doch—“ Sie vollendete den Satz nicht, ſondern wandte ſich jäh ab und ging ein paar Mal raſch auf und ab, bevor ſie tief aufathmend, aber hörbar gefaßter hinzufügte:„Und Du haſt ihm geantwortet?“ Und ebenſo wenig, wie die ſehr ungewöhnliche Weiſe der Tante ſie zu erſtaunen geſchienen, verrieth ſie durch Stimme und Ausdruck irgend eine beſondere innere —— 135 Erregung, als ſie erwiderte:„Wie ich es zu müſſen glaubte, liebe Tante: daß ich dazu weder ja noch nein ſagen könne, ſondern daß die Entſcheidung vom Papa und Dir abhänge. So wird er denn morgen wohl ſprechen. Dir aber wollte ich es noch heute ſagen.“ Nach einer Pauſe des ſtummen, wehmüthigen An⸗ blickens legte die Matrone beide Arme um das Mäd⸗ chen und ſagte mit zitternder Stimme:„Mein einziges, geliebtes Kind, kannſt Du ihn denn lieben, Deinen Vetter?“ „Ich hoffe es, liebſte Tante“, verſetzte Charlotte mit ruhiger Freundlichkeit.„Bisher iſt mir das freilich ein ſehr unbekanntes Gefühl“, ſetzte ſie leicht lächelnd hinzu. „Aber Felix iſt doch ein guter, liebenswürdiger Menſch, durch ſeine Stellung allein bisher in eine gewiſſe Aeußer⸗ lichkeit hineingezogen, die ſich gewiß in der Häuslich⸗ keit verlieren wird. Und er hat mich ſehr lieb, glaube ich ihm, und hofft mit mir und durch mich glücklich zu werden. Ich habe Vertrauen zu ihm, Tante.“ Sechstes Kapitel. Beim Italiener. „Alſo das iſt der Bilingsfelden? Nun, ehrlich ge⸗ ſtanden, Kamerad, angenehm und höflich find' ich ihn nicht, zumal nicht gegen Dich. Ihr ſeid ja doch wohl mit einander verwandt, meine ich gehört zu haben?“ Alſo ſprach im eleganteſten Kaffeehauſe der Reſidenz, das nicht weit vom Schloſſe gelegen war, ein junger Offizier zu einem andern und ſah dabei von der Thür, welche ſich eben hinter einem Gehenden geſchloſſen hatte, zum Fenſter zurück, an dem die Beiden ſaßen, und hin⸗ aus auf die Straße. Der genannte Herr ging dort gerade vorüber, und wie er die Grüße Begegnender, beſonders der Militärs erwiderte, welche um dieſe Stunde zahlreich vom Schloßplatz zurückſtrömten, das 137 entſprach gleichfalls der ganzen, uns nun ſchon mehr⸗ fach angedeuteten Weiſe des ſtolzen Mannes; ſein Gruß blieb kurz und fremd, und von Freundlichkeit zeigte ſich weder in ſeiner Miene noch in ſeinen Bewegungen die leiſeſte Spur. Der Angeredete, der dem Sprecher gegenüber in einem der kleinen Lehnſtühle, der ſehr behaglichen In⸗ ſaſſen der Fenſterniſchen, mehr lag als ſaß, gab ſich nicht die Mühe, den Kopf zu wenden, ſondern drehte nur langſam das Auge mit dem eingeklemmten Glas dem Fenſter zu und ließ ſeinen Blick dem ſogenannten Verwandten mit einer an— ſei es Melancholie, ſei es Stumpfſinn grenzenden Gleichgültigkeit folgen. Darauf ſeufzte er ein wenig, gähnte um Einiges ſtärker— ein Vornehmen, das zu einer wunderbaren Grimaſſe führte, da er es nicht für nöthig fand, die Cigarre während deſſelben aus dem Munde zu nehmen— und dann endlich ſprach er in jenem halb ſchnarrenden, halb lispelnden Tone, der bekanntlich für bürgerliche Ohren— es war Gott Lob auch kein ſolches in der Nähe— nicht ganz verſtändlich iſt:„Ja, mon cher, das iſt der Bilings⸗ felden, ein glücklicher Hund, foi de gentilhomme! Seit zwei, drei Monaten Adjutant Seiner Hoheit, jetzt ſchon mit einer Wohnung im Schloß begnadigt und mit dem Majorspatent erfreut— er iſt noch nicht dreißig 138 Jahre alt! iſt's da ein Wunder, daß er auf uns arme Schlucker ein wenig herabſieht?“ „Und woher ſtammt dieſe ungemeine Protection?“ fragte der Andere.„Iſt es wahr, daß—“ „Pſt, mein Lieber, darüber ſpricht man nicht. Kurzum, er hat dieſe allerhöchſte Protection, obgleich er ſich in ſeiner unverſchämt hochmüthigen Weiſe ver⸗ zweifelt wenig um dieſelbe zu kümmern ſcheint. Und das iſt für uns völlig genug; er iſt ein glücklicher Hund, ſage ich! Und Du begreifſt, mein Lieber, daß er ſich unter dieſen Umſtänden einen Ton geſtatten darf, der ohne dieſelben ſchwerlich durchzuführen ſein dürfte, daß man Rückſichten übt, daß man ſeine Bekanntſchaft cultivirt, ja daß meine Aeltern ſogar die Verwandt⸗ ſchaft berückſichtigt wiſſen wollen, von der bisher wenig die Rede geweſen. Weither iſt ſie auch keineswegs“, fügte der Sprecher achſelzuckend hinzu;„was gehen die Bilingsfelden und ſelbſt die Eylingshauſen uns Oth⸗ maringen an? Ich kreuze aber nicht den Wunſch meiner Familie. Mir perſönlich iſt das Alles ſehr gleichgültig.“ Der Freund ſchaute einigermaßen ungläubig darein. „Ich ſah Dich noch niemals höflicher und zugleich nach⸗ giebiger—“. „Wie geſagt, ich durchkreuze die Wünſche der Mei⸗ nen nicht. Für mich ſelbſt und meine Ausſichten iſt 139 er von ſehr geringer Importance. Wollte ich Soldat bleiben—“ Wieder der ungläubige Blick des Freundes und die zweifelnde Frage:„Du willſt quittiren?“ „Allerdings, mein Lieber; ich wüßte nicht, was mich halten ſollte! Unſere hieſigen Ausſichten ſind ſo ſchlecht wie möglich, Du weißt es ſo gut wie ich. Ein Krieg iſt nicht in Ausſicht. Ueberdies, mein Ehrgeiz oder meine Neigung ſtrebt andern Zielen zu als einem Bataillon oder einer Commandantur.“ Der Freund ſchaute den Sprecher mit einer Art Ueberraſchung an. Es war eine gewiſſe Wahrheit in dem, was er vorgebracht hatte, denn bekanntlich waren in jenen Jahren, wo der Krimkrieg zu Ende und von dem nahe bevorſtehenden italieniſchen höchſtens nur einer oder zwei und vielleicht auch noch nicht einmal dieſe eine Ahnung hatten, die Ausſichten eines jungen, zumal deutſchen Soldaten ſo armſelig, wie ſie nur je vor dem erſchrecklichen Achtundvierzig geweſen ſein konnten. Allein daß eine ſolche Einſicht ſich in dem Kopf da vor ihm eingeſtellt hatte und ſolche Wünſche oder Pläne ſich in dem Menſchenkinde regten, das von Kopf zu Füßen ſo zu ſagen das Prototyp eines jungen Reſidenzoffiziers war, deſſen Züge und deſſen Ausdruck obendrein nichts von einer beſondern geiſtigen Be⸗ 140 gabung verriethen, das war mehr, als der Freund irgendwie vorauszuſetzen vermocht hatte, und er ſagte mit einem leichten Wiegen des Hauptes nach einer Pauſe:„Das finde ich zwar ganz charmant, allein zu⸗ gleich auch außerordentlich neu. Vor'm Jahre, da wir uns zuletzt ſahen, und in Deinen Briefen war keine Rede davon.“ Das Glas fiel aus dem Augenwinkel, die Glieder ſtreckten ſich noch ein wenig bequemer, die ſehr hellen blauen und ein wenig vorſtehenden Augen ruhten auf dem Geſicht des Andern mit dem Ausdruck der innig⸗ ſten Selbſtzufriedenheit.„Ja, ſiehſt Du, mein Lieber, es regt ſich in uns doch allmälig ein Etwas, ein— Et⸗ was. Wir fangen an nachzudenken und uns umzu⸗ ſchauen. Wir werden uns klar über uns ſelbſt und unſere Gaben. Man macht mehr Anſprüche an das Leben und fühlt ſein Recht dazu—“ Der Freund lachte.„Behüte Gott!“ unterbrach er die ſeltſame Rede,„welchen tiefſinnigen und obendrein revolutionären Autor begünſtigſt Du neuerdings—“ „Bitte, mein Lieber, ich denke, man hat allenfalls noch ebenſo viel Einſicht und Geiſt wie dies Bücher⸗ machergeſindel. Contraire, wir liefern den Schreibern 4 den Stoff und Inhalt— leugne es!— nur daß ſie 9 ihn mit ihren groben Köpfen und Fingern in ihrer „— 141 Weiſe umgeſtalten. Aber laſſen wir das gehen! Ich habe keinen Grund, gegen Dich über meine Pläne zu ſchweigen. Ich fühle die Anlage zu einem Ehemann in mir und werde heirathen, zumal obendrein meine Familie mich dazu drängt. Du weißt, ich bin der Letzte unſeres Namens, und meine Aeltern hegen den Wunſch“— es glitt ein fades Lächeln durch die flachen Züge—„vor ihrem Ende noch Enkel auf ihren Knieen zu wiegen.“ „A la bonheur! Und ich darf vielleicht ſchon gra⸗ tuliren?“. „Immerhin. Ich fürchte mir keinen Korb zu holen, obſchon die Sache anſcheinend verzweifelt genug aus⸗ ſieht. Aber das iſt ja nur ein Reiz mehr. Eine kleine romantiſche Verwickelung, Familienzwiſt, ein tyranni⸗ ſcher Vater, eine ſchüchterne, weltunerfahrene Tochter, die man dann in die Welt und das Leben hineinführt — Du ſiehſt, das ſind angenehmere Ausſichten als—“ Die Thür der Conditorei öffnete ſich und lachend und plaudernd traten mehrere junge Leute, Offiziere ſo gut wie Civiliſten, herein; es war die Stunde, wo die Herren ſich hier nach Beendigung des Morgendienſtes zu verſammeln pflegten und ſich auch Andere, welche zu dieſem Cirkel gehörten, dann herzufanden, um vor dem Diner noch einen Bekannten zu ſprechen, Stadt⸗ 142 und Hofneuigkeiten auszutauſchen, eine Eigarre zu rau⸗ chen und ein Glas Sekt zu trinken, den der Italiener von der veuve Cliquot direct zu beziehen verſicherte. Vor allem aber hatte man den Vortheil, daß man zu dieſer Stunde, wo die andern Stände zu Mittag aßen oder ſchon gegeſſen hatten, völlig ungeſtört hier ver⸗ weilen konnte— ein Kreis, deſſen Excluſivität nichts zu wünſchen übrig ließ. „Sieh da, Othmaringen! Sieh da, Bennet! Da ſteckt Ihr? Ihr ſeid doch mißgünſtige Seelen, uns das nicht wiſſen zu laſſen!“—„Bennet, laſſen Sie ſich nicht von dem da umgarnen, es iſt ein Menſchenfeind!“— „Bah, Menſchenfeind! Ein Philoſoph iſt's und heckt ein neues philoſophiſches Syſtem aus, das der Serioſität und des Schweigens und der Enthaltſamkeit von allen Genüſſen. Er will nicht einmal mehr ein Glas Veuve trinken!“ So klangen die Stimmen munter, ſcherzend und neckend durcheinander, und nach den letzten Worten, während welcher der Italiener perſönlich bereits die herbeigebrachten Gläſer mit dem gerühmten Getränk füllte, meinte einer launig:„Nun, die Damen haßt er, die Wittwen liebt er nur nicht— immerhin ein Vorzug, messieurs!“ Die ſeltſame Rede mußte eine wunde Stelle treffen, b 143 denn man lachte von allen Seiten herzlicher und un⸗ gezwungener, als es ſonſt in dieſem Kreiſe Mode zu ſein pflegte, ja ſelbſt Herr von Othmaringen ſtimmte ein wenig ein, nickte dem Sprecher lächelnd zu und meinte ſanft:„Recht hübſch, in der That, doch nicht ganz Meidinger!“— Und darauf placirte man ſich nach Belieben und Behagen und plauderte über Alles, was ſich eben beplaudern ließ; es war nicht ganz un⸗ fruchtbare Zeit. Der Herbſt hatte ſchon unfreundliche Tage gebracht und die Geſellſchaft fing an ſich in der Reſidenz wieder zu ſammeln. „Wißt Ihr, daß der ſtolze Friedrich auch wieder einpaſſirt iſt?“ fragte einer, das ausgeſchlürfte Glas niederſetzend. „Kindliche Frage!“ verſetzte Othmaringen achſel⸗ zuckend.„Mein Vetter war vorhin hier und plauderte mit uns— ganz aufgelegt, verſichere ich Euch.“ Des Herrn Geſellſchafter, den wir eben von den eintretenden Bekannten mit dem Namen Bennet an⸗ rufen hörten, lachte zu dieſer Bemerkung und meinte kopfſchüttelnd:„Nun, nun, Kamterad, wenn Du das aufgelegt heißeſt, gerade Du— „Wie ich Diyx ſchon vorhin erklärte: mein Vetter nimmt einmal eine exceptionelle Stellung ein und iſt nicht nach dem gewöhnlichen Maß zu meſſen“, unter⸗ 144 brach Othmaringen ihn in einem um ſo kältern, wo nicht gar mißachtenden Ton, als es ihm nicht entgehen konnte, daß die Worte des Freundes bei mehr als einem der Uebrigen eine Art von ſpöttiſchem Lächeln hervorgerufen hatten.„Wenn Du hier bliebeſt und Bilingsfelden näher kennen lernteſt, würdeſt Du bald erfahren, daß ich genau nur das Richtige ausſprach.“ „Dann würde er noch weniger mein Mann ſein als jetzt, nach dem erſten Begegnen“, verſetzte der junge Offizier ruhig.„Ich finde, die Wahrheit zu ſagen, wenig Geſchmack an einem ſolchen, gleichviel durch welche Stellung beförderten exceptionellen Auftreten, wie Du es heißeſt.“ „Ich weiß nicht, was es gegeben hat“, ſagte ein Anderer,„allein im Ganzen glaub' ich behaupten zu dürfen, daß Ihr Urtheil zu ſtreng iſt, Herr Kamerad. Ich glaube ſogar, auch Sie würden viel milder ur⸗ theilen, wenn Sie unſern alten Kameraden näher kennen lernten. Umgänglich war er allerdings niemals, viel⸗ mehr ſtets zurückhaltend, ja ablehnend; allein ebenſo wenig kenne ich ihn als unhöflich, und vor allen Dingen iſt er ein Mann von Ehre und ein echt vornehmer Menſch. Ich begreife ſehr gut, daß man ihn droben bevorzugt— nicht protegirt, denn was man ihm ge⸗ währt, iſt einerſeits mehr als das und andererſeits nur 145 gerecht— und ihn in ſeiner Nähe zu haben wünſcht. Wenn einer, ſo rechtfertigt er dieſen Wunſch.“ „Nun, und man lohnt ihm die Erfüllung dieſes Wunſches“, bemerkte ein Dritter, ein junger Civiliſt. „Ihr wißt doch, wie es mit ſeiner neueſten Auszeichnung zuging, mit dem Majorspatent? Als er vorgeſtern Abend von ſeinem Ausfluge heimkehrte, fand er es auf ſeinem Schreibtiſch; Hoheit haben es höchſtſelbſt ſo befohlen. Und es iſt vom Juli, vom Tage ſeines Ein⸗ tritts an datirt. Das heißt man in der That doch eine Carriere!“ „Apropos, ſein Ausflug!“ ſagte wieder ein Anderer im gewöhnlichen leichten Unterhaltungston, während jedoch in ſeinen Zügen etwas wie ein leiſer Spott be⸗ merklich wurde und ſein Auge mit einem ähnlichen Ausdruck zu Herrn von Othmaringen hinüberſtreifte. „Er erklärte uns doch, und wir glaubten's ihm auch, daß er nach Neideck hinüberging— ſo heißt ja das Gut, das ihm die alte Tante hinterließ— um dort zu inſpiciren, zu beſſern und ſo weiter, endlich auch ein wenig zu jagen— beiläufig und mit Ihrer Er⸗ laubniß, Kamerad“, unterbrach ſich der Sprecher, indem er ſich zu jenem wandte, der den Major vorhin in Schutz genommen hatte,„ich fand es ein wenig un⸗ kameradſchaftlich, daß er nicht einen von uns allen zu Hoefen, In der Welt verloren. I. 10 146 dieſer ſeiner Jagdpartie einlud. Jetzt bitte ich ſelbſt ihn für dieſen Gedanken um Verzeihung. Denn er jagte gar nicht zu Neideck, ſondern zu— rathet, Ihr Herren, rathe, Othmaringen!“ Der Genannte zuckte die Achſeln.„Ich bin wahr⸗ haftig nicht neugierig genug, um mir durch eine ſo überflüſſige Anſtrengung eine Indigeſtion zuzuziehen“, entgegnete er gleichgültig, während der Blick ſeines Auges jedoch erkennen ließ, daß es in ſeinem Innern nicht ganz ſo regungslos ausſah. „Bah, Indigeſtion! Es iſt gar nicht ſchwer, ſage ich Dir!“ rief der Vorige lachend.„Nenne nur Deinen Namen—“ „Ah bah, meinen Namen! Dieſen Witz verſtehe ich leider durchaus nicht. Oder iſt's ein zweites Räthſel?“ „Auf Ehre, Kamerad! Dein Name iſt die Auflö⸗ ſung. Kann ich es Dir bequemer machen?“ „Othmaringen— Du willſt doch nicht ſagen—“ Der Herr zuckte in einer Weiſe aus ſeiner bequemen Lage auf und die flachen Züge und die hellen blauen Augen ſprachen von einer Aufregung, vor der keine geſell⸗ ſchaftliche Tournure mehr Stand zu halten vermochte. „Bilingsfelden zu—“ „Othmaringen, ganz richtig, bei dem Einſiedler, dem Feind Deines Hauſes— ganz richtig, ſage ich! Ar⸗ —r 147 naud, der mit dem Dampfſchiff vorüberfuhr und, wäh⸗ rend daſſelbe, wie häufig dort, ein bischen feſt ſaß, ans Land ging— es ſoll eine reizende Gegend ſein — traf ihn mit einem Jäger oder Förſter und ver⸗ nahm von ihm, daß er, wie öfters, einige Zeit bei dem alten Baron weile, um Jagd⸗ oder Forſtſtudien zu machen, oder dergleichen.“ Die Aufmerkſamkeit im Kreiſe der Zuhörer war eine erſichtlich große, die größte aber, ja faſt eine Art von völliger Conſternation zeigte ſich an Herrn von Othmaringen. Seine Augen blickten ganz ſtarr, auf ſeinen Wangen erſchien ſogar etwas wie eine leichte Röthe, und da er nun ſprach, verrieth ſich auch in ſeiner Stimme ein eigenthümliches Schlucken.„Wenn ich das glauben könnte“, ſagte er. „Noch mehr, Du mußt es ſogar glauben“, verſetzte der Andere, und wäre der unglückliche Räthſelrather nicht ſo vollſtändig von ſeinem Schrecken beherrſcht ge⸗ weſen, ſo hätte er ebenſo gut, wie es bei den Uebrigen der Fall war, überraſcht ſein dürfen von der pfiffigen Selbſtzufriedenheit, welche ſein— ſagen wir: Gegner verrieth.„Du wirſt hoffentlich nicht anzunehmen ge⸗ willt ſein, daß Arnaud ſich mit leeren Phantaſien trage, zumal hier, wo die erſte Frage an den Betreffenden alle nöthige Aufklärung herbeiführen muß.“ 10* „Ich ſehe überhaupt gar nicht ein, was da ſo außer⸗ ordentlich unwahrſcheinlich oder überraſchend iſt“, be⸗ merkte ein Vierter.„Ich bin nicht ganz unbekannt in jener Gegend; Neideck liegt nicht allzu weit von Oth⸗ maringen; Umgang findet unſereiner nur an dem letz⸗ tern Ort. Der Baron ſoll ein Melancholikus ſein, doch aber wohl kein Menſchenfeind oder gar Menſchen⸗ freſſer. Contraire, ich habe ihn ein paarmal als einen ausgezeichneten, liebenswürdigen alten Herrn und be⸗ ſonders als einen Cavalier vom echten alten Schlage rühmen hören, einer der reichſten Leute im Lande und endlich Vater einer einzigen, ſehr hübſchen und heitern Tochter, noch dazu ſeiner Erbin—“ „Um Gotteswillen, trefflicher Erneſte, halte ein!“ rief der vorige Erzähler lachend dazwiſchen.„Sieh Dir den armen Dagobert an. O Königin, du weckſt der alten Wunde— und ſo weiter! Weißt Du denn nichts von dem großen Proceß um dieſe Erbſchaft, den jener liebenswürdige alte Baron mit ſeinem Vetter und rechten Erben, unſerer Excellenz Othmaringen geführt und— o Königin!— gewonnen hat?“ Inzwiſchen hatte Herr von Othmaringen ſich zu faſſen geſucht, da es ſelbſt ſeiner Einſicht nicht wohl entgehen konnte, daß ſeine bisherige Aufregung den Kameraden einigermaßen ſeltſam erſcheinen und in ihnen — eine gewiſſe Neugior hervorrufen mußte. Jetzt zog er die Brauen zuſammen und faltete die Stirn, was, bei⸗ läufig geſagt, ſein Geſicht nicht gerade verſchönte, und dann erwiderte er in geſucht hohem Tone:„Ich möchte doch ernſtlich bitten, unſere Familienangelegenheiten und meinen Vater aus dem Spiele zu laſſen. Soviel ich weiß, wurde nie ein Proceß geführt und alſo auch keine Entſcheidung verlangt. Was ſpäter geſchehen wird, habe einſtweilen nicht ich zu entſcheiden, ich habe daher auch noch nie über dies Alles nachgedacht. Ich hoffe, wir laſſen alle dieſe unangenehmen Dinge fallen—“ „Heißt das, die Erbſchaft“, fiel der Andere wieder lachend ein.„Den alten Melancholikus und die ſchöne junge reiche Dame wirſt Du hoffentlich nicht für un⸗ angenehm erklären wollen, obgleich Du mit ihnen in Familienfeindſchaft biſt. Jedenfalls haben wir“— und er nickte munter im Kreiſe—„andere Intereſſen. Und da erlaube ich mir, an Monſieur Erneſte die höf⸗ liche Frage zu richten, ob auch er vielleicht ein heim⸗ licher Beſucher von Othmaringen und ein ſtiller Ver⸗ ehrer ſeiner Forſten und Jagden iſt.“ „Zu meinem Bedauern nein, mein Lieber!“ ſchob der Genannte ein. „Liebſter Freund, ich glaube in Betreff dieſes Dorn⸗ röschenſchloſſes keinem Menſchen mehr auf ſein ſchlichtes ———jjjjjjjjE 150 Nein. Es bedarf höherer Schwüre und bündigerer Erklärungen. Du haſt eine ſo ausgezeichnete, tiefgehende Kenntniß verrathen—“ „Zu der ich auf eine ſehr leicht erklärliche Weiſe, wenn auch auf einem allerdings nicht gewöhnlichen Wege gelangte“, unterbrach ihn Monſieur Erneſte in der beſten Laune und ohne ſich durch Herrn von Oth⸗ maringen's erneutes Stirnrunzeln ſtören zu laſſen.„Ihr wißt, daß der Biſchof von F. der Bruder meiner Mutter und mit uns im herzlichſten Verkehr iſt. Nun, in deſſen Sprengel liegt Othmaringen, und der dortige Pfarrer — ich entſinne mich ſeines Namens nicht— ſoll nicht blos ein ausgezeichneter Geiſtlicher, ſondern auch ein trefflicher, liebenswürdiger Menſch ſein. Er iſt ein Jugendfreund meines Onkels, ſie ſtehen noch heute in brieflicher Verbindung, ja der Pfarrer beſucht gewöhn⸗ lich alle Jahre einmal den Onkel in F. und iſt dann voll von Lob und Ruhm der Herrſchaft, des Alten und zumal der jungen Dame, die nach ſeiner Angabe ein wahres Muſter und Meiſterſtück des Herrgotts ſein muß. Und damit ich nun meinen frühern Satz, der durch ſo intereſſante Debatten unterbrochen wurde, zu Ende führe: ich begreife alſo nicht recht, weshalb unſer Ritter sans peur et sans reproche, der noch oben⸗ drein in der Nähe begütert iſt, dort nicht bekannt ge⸗ 151 worden und mit Vergnügen eingekehrt ſein ſollte. Daß Fritz Bilingsfelden von jeher Glück gehabt hat, wird Niemand von Euch ableugnen wollen, und ebenſo we⸗ nig, daß er ſich einer ausgezeichneten Begabung erfreut, ſich daſſelbe in ſeiner ruhigen und ſtillen Weiſe zu Nutze zu machen—“ „Eine Bezeichnung, die ſchwerlich nach Bilingsfel⸗ den's Geſchmack ſein dürfte“, unterbrach ihn der frühere Vertheidiger des Genannten in ziemlich entſchiedenem Tone.„Ueberhaupt, meine Herren, kann ich es nicht für ganz recht halten, daß Sie ſich ſo viel mit dem Freunde hinter ſeinem Rücken—“ ¹ „Aber um des Himmels willen, Rittmeiſter, wie können Sie mich, ja überhaupt uns alle in ſolcher Weiſe mißverſtehen?“ rief Monſieur Erneſte munter dazwiſchen.„Ich habe kein Wort des Angriffs auf den Major vernommen, nicht eins, das man ihm nicht ſelber ſagen möchte; am wenigſten ging von mir ein ſolches aus. Was ich eben von ſeinem Glück und ſeiner Benutzung deſſelben geredet, enthält gewiß nichts Verletzendes; dazu müßte Herr von Bilingsfelden nicht der Mann und Menſch ſein, für den er uns allen, gleich⸗ viel ob wir zu ſeinen nähern Bekannten gehören oder nicht, einſchränkungslos gilt. Im Gegentheil, ich bin des Glaubens, daß er in jeder Lebenslage, in allen Verhältniſſen nicht nur der tadelloſe Charakter und Mann von Ehre iſt und bleibt, ſondern ſich auch un⸗ bedenklich auf dies und jenes einlaſſen, dies und das in die Hand nehmen darf, was manchem Andern ge⸗ fährlich werden oder ihn auch einmal in zweifelhaftem Licht erſcheinen laſſen könnte. Sie ſehen, Rittmeiſter“, ſchloß der junge Herr mit einer Art von Herzlichkeit, vich ſtelle Ihren Freund, den ich leider nicht auch den meinen heißen kann, ſehr hoch, und wenn er ſich, wie ich's heiße, ſein Glück zu Nutze macht, geſchieht das ſicherlich nicht nur in der klügſten, ſondern auch in der würdigſten Weiſe. Iſt er auf Othmaringen heimiſch geworden und hat er jenes Dornröschen für ſich zu erwecken geſucht, ſo wäre das nach meinem beſcheidenen Urtheil ein zwiefaches Glück für ihn—“ Herr von Othmaringen hatte, ſeit ihm vorhin das Wort abgeſchnitten worden und die Unterhaltung ſich noch ernſter oder doch eingehender auf das ihm unbe⸗ hagliche Thema geworfen hatte, ſich erſichtlich der übel⸗ ſten Laune von der Welt überlaſſen und zwar in ſtei⸗ gendem Maße, wie es zum mindeſten Bennet bemerkte, der, dem Geſprächsſtoffe im Ganzen fremd, mit Ueber⸗ raſchung die ungewöhnliche Aufregung des Freundes wahrnahm. Ein paar Mal war er augenſcheinlich nahe daran geweſen, grimmig in die Reden und Berichte der —-—— 153 Andern hineinzufahren, und einmal, während des Ritt⸗ meiſters Einwendung, hatte er ſogar ein barſches, leider unbeachtet bleibendes„Das denke ich doch auch!“ da⸗ zwiſchen geworfen. Dann nagte er wieder an den Spitzen des ſehr blonden Bärtchens, oder runzelte die Stirn, oder zog die Brauen gewaltſam zuſammen oder in die Höhe, und als endlich Monſieur Erneſte ſeine letzten Worte von dem zwiefachen Glück ſprach, war's mit ſeiner Faſſung zu Ende und er ſagte jäh und im ſchnarrendſten Tone:„Das ihm ſchwerlich geſtattet ſein würde. Der Herr Staatsanwalt ſcheinen allerdings nicht blos meinem Vetter, ſondern auch den hieſigen Verhältniſſen fremd zu ſein.“ Monſieur Erneſte oder, wie wir ihn eben nennen hörten, der Staatsanwalt wandte auf dieſe Unter⸗ brechung dem gereizten jungen Herrn einigermaßen überraſcht die Augen zu, meinte jedoch nach einem lan⸗ gen, prüfenden Blick in ſeiner frühern muntern Weiſe: „Gott Lob, nun fängt der auch an! Was um Gottes⸗ willen iſt denn in Euch hineingefahren—“ „Ich glaube mit dem Herrn Staatsanwalt nicht auf dem Du⸗Fuße zu ſtehen und denke überdies, daß ihm auch mein Name nicht unbekannt iſt“, fiel Othma⸗ ringen in verletzendſter Weiſe ein, und ohne ſich durch die begütigenden, abmahnenden Rufe der erſtaunten 154 übrigen Anweſenden ſtören zu laſſen, fügte er noch— wir wiſſen keinen andern Ausdruck— biſſiger hinzu: „Der Herr Staatsanwalt erinnern ſich überdies daran, daß der Baron von Othmaringen auf Othmaringen ſo gut wie der Major Baron von Bilingsfelden meine Verwandten ſind und niemals der Gegenſtand einer Kaffeehaus⸗Unterhaltung werden können, zum mindeſten nicht in meinem Kreiſe und am allerwenigſten von ſeiten Jemandes, der in dieſem Kreiſe im Grunde—“ „Aber Dagobert Othmaringen, biſt Du närriſch ge⸗ worden?“ rief der ſpöttiſche Räthſelaufgeber auch jetzt mit ſpottendem Lachen dazwiſchen. „Nimm Vernunft an, Kamerad! Das iſt ein mehr als muthwilliger Streit!“ ſagte ein Anderer ernſter. „Seien zum mindeſten Sie vernünftig, Staatsanwalt—“ „Ich glaube völlig ruhig zu ſein, meine Herren“, fiel der Genannte ein;„ich wüßte nicht, was mich bei dieſem plötzlichen Angriff reizen könnte. Aber ich muß Herrn von Othmaringen um die Vollendung ſeines letzten Satzes erſuchen.“ „Dieſem Wunſche ſchließe auch ich mich an, ja ich ſtelle die Forderung, Herr Lieutenant“, ſagte der Ritt⸗ meiſter in dienſtlicher Haltung und mit eben ſolchem Ton.„Dieſe letzten Worte ſchienen zu einem Nachſatz führen zu wollen, der über die Befugniſſe des Herrn — —. 15 5 ◻ Lieutenants hinausgehen dürfte. Alſo, wenn ich bitten darf—“ „Dagobert, beſinne Dich!“ flüſterte Bennet dem trotz aller Anſtrengung vor Aufregung bebenden Freunde zu. Allein dieſer wandte ſich grimmig von ihm ab und verſetzte auf des Rittmeiſters wiederholtes:„Wenn ich bitten darf, Herr Lieutenant!“ mit nur noch müh⸗ ſam ſchnarrender Stimme:„Nun, ich denke, das verſteht ſich von ſelbſt. Ein Civiliſt iſt in dieſem Kreiſe, ganz beſondere Ausnahmen abgerechnet, ſtets ein fremdes Glied.“ „Bitte, Herr von Diringshofen“ ſagte der Ritt⸗ meiſter, da er den Staatsanwalt die Lippen zur Er⸗ widerung öffnen ſah,„überlaſſen Sie mir die Antwort, die ich auch Ihnen obendrein ſchuldig bin. In Ihren Streit, meine Herren, miſche ich mich nicht; darüber werden Sie ſelbſt, neben Ihnen aber auch noch An⸗ dere zu entſcheiden haben. In Anſehung jenes letzten Satzes aber muß ich dem Herrn Lieutenant von Oth⸗ maringen bemerken, daß es nur ſein und nicht mein, nicht unſer Urtheil iſt. Hat der Herr Lieutenant ſeinen beſondern Kreis, ſo iſt das ſeine Sache. In dem jedoch, dem ich anzugehören die Ehre habe, gilt man nicht nach dem Urtheil eines Einzelnen für fremd oder ver⸗ traut, und ich habe es in dieſem beſondern Fall mir 156 nur zur Ehre zu ſchätzen, mein Herr Staatsanwalt, daß Sie ein Glied meines Kreiſes ſein mögen. Irre ich mich nicht“, ſchloß er mit freiem Blick in die Runde, „ſo fügen die Herren Kameraden gern hinzu: in un⸗ ſerem Kreiſe.“ 1 „Mit vollſter Herzlichkeit, Rittmeiſter!“ ſagte der Räthſelaufgeber, indem er zugleich dem Staatsanwalt ſeine Hand bot. Die Uebrigen verbeugten ſich zu⸗ ſtimmend. „Und nun zu Tiſche, meine Herren!“ ſprach der Rittmeiſter.„Das Uebrige wird ſich finden.“ —— Siebentes Kapitel. Vor und nach dem Diner. In einer ſchlimmern Stimmung mag ſelten ein Menſch nach einem im Ganzen angenehm verbrachten Morgen mittags zu ſeinem Diner heimgegangen ſein, als der Herr Lieutenant Dagobert, Baron von Oth⸗ maringen, ſie heute mit ſich aus dem Kaffeehaus und zu ſeinen Aeltern trug. Er war ſogar, was ihm ſonſt ſelten oder nie paſſirte, beinahe bis zu einer Art von Reflectiren gelangt, und wenn es wirklich dahin ge⸗ kommen wäre und er ſeine Gedanken ſich klar gemacht hätte, ſo würde er darin unzweifelhaft etwas wie eine melancholiſche Verzweiflung über die Armſeligkeit der Menſchen und ihrer Natur entdeckt haben, die trotz all ihrer Prahlerei und ihrer geträumten Herrſchaft über 158 die geſammte Schöpfung nicht einmal Herren der näch⸗ ſten Minute ſind und keine Ahnung von dem haden, was ſie ihnen bringen, wie ſie über ſie beſtimmen wird. Die zu vermuthende ernſte Begegnung mit dem muthwillig von ihm Beleidigten kümmerte ihn aller⸗ dings und ſelbſtverſtändlich wenig oder gar nicht; denn mochte Herr von Othmaringen im Uebrigen ſein, wie und was er wollte, von dem, was man perſönlichen Muth heißt, hatte er ziemlich ebenſo viel empfangen wie jeder Andere, oder möglicherweiſe ſogar noch etwas mehr, da dieſe Eigenſchaft bekanntlich im Allgemeinen wenig oder nichts mit der geiſtigen Begabung des Men⸗ ſchen zu thun hat. Allein daß er ſich im Aerger über eine Nachricht, für deren raſche Mittheilung er eigent⸗ lich nur dankbar hätte ſein ſollen, zu einer Provocation hatte fortreißen laſſen, zu der er in einer andern Stunde ſelber vermuthlich den Kopf geſchüttelt hätte, und zwar gegen einen Mann, der nicht nur des beſten Rufes genoß, ſondern auch mit aller Welt auf gutem Fuße ſtand und mit Recht überall beliebt war; daß er um dieſes Mannes willen eine Zurechtweiſung erhalten und von den Kameraden verleugnet worden war; ja endlich ſogar, daß er nun nicht, wie er im Sinn ge⸗ habt, im Gaſthof mit Bennet und den Uebrigen ſpeiſen konnte, ſondern den Tiſch ſeiner Aeltern aufſuchen mußte: —O—O—O—ꝭ—O—C—C—Q— 3 159 das war überflüſſig genug, ſeine üble Stimmung zu rechtfertigen. Und nun noch, was er daheim bei den Seinen fand, was ſeine Nachricht dort hervorrief! Und dann erſt die Folgen von alledem, das unangenehme Auf⸗ ſehen, das der Fall hervorrufen mußte, die endloſen Fragen nach der Veranlaſſung des Streits und die ebenſo endloſen Reden über dieſelbe— genau das, was er vor allem vermieden zu ſehen wünſchen mußte; dieſe vollends unangenehme, wo nicht geradezu gefährliche Herbeiziehung Bilingsfelden's, der durchaus der Mann war, eine ſolche nicht zu dulden! Und ſo fort in end⸗ loſer Reihe— Der Portier, der im Thor des Palais ſtand, und der Diener neben ihm ſahen einander, da der junge Herr mürriſch an ihnen vorüberſtrich, vorſichtig, aber mit nicht ganz zu unterdrückender Pfiffigkeit an und dann dem Enteilenden nach.„Wieder ein bischen zu ſtark gefrühſtückt!“ meinte der erſtere, und der andere ſagte kopfſchüttelnd, daß der Herr Lieutenant ſich ein wenig in Acht nehmen möge. Egxcellenz ſeien ſehr un⸗ gnädig aus dem Schloſſe zurückgekehrt und der Kammer⸗ diener habe harte Worte zu hören bekommen. Der jetzige Staatsminiſter, Baron Dagobert von Othmaringen, Excellenz, gehörte zu der Linie ſeines ſͤſͤͤſͤſſſſſſſ— 160 alten Hauſes, welche ſich vor drei oder vier Genera⸗ tionen von dem Hauptſtamme getrennt und ſeitdem ſich in ihren Männern dem Staatsdienſt gewidmet hatte. Ganz hübſch ausgeſtattet, waren dieſe Vettern doch in Anſehung ihres Ranges und der Stellungen, die ſie meiſtens einnahmen, niemals auch nur wohlhabend, ſondern ſtets ſehr ernſtlich auf ihr Dienſteinkommen angewieſen geweſen und, da ihre Stellungen eben grö⸗ ßere Anforderungen ſtellten, in ihrem Vermögen ſtets mehr zurückgekommen. Der jetzige Staatsminiſter hatte überhaupt nichts mehr ererbt, was man noch ein ſolches nennen konnte, und durfte ſich auch ſonſt nicht, weder im Leben noch in ſeiner Carriere, eines beſondern Glücks rühmen. Von brennendem Ehrgeiz verzehrt, mußte er ſich dennoch lange Zeit mit geringen Poſten begnügen und erreichte die höhern in der langſamſten Weiſe— er war eben nicht beliebt. Er hatte ein uradeliges, aber armes Fräulein geheirathet, das indeſſen eine große Erbſchaft in, wie man das heißt, ſicherer Aus⸗ ſicht hatte. Allein trotzdem ging dieſe Erbſchaft ver⸗ loren, da die alte unverheirathete Tante noch auf dem Sterbebett andern Sinnes ward und ihre Hinterlaſſen⸗ ſchaft einem Verwandten zuwandte, von dem ſie bis dahin gar keine Notiz genommen. Und faſt zu gleicher Zeit nahm es auch mit der letzten Hoffnung beinahe 161 ein Ende; der Baron Othmaringen, der reiche Vetter, der letzte Mann der Hauptlinie, wußte es auf Gott weiß welche Weiſe durchzuſetzen, daß er den Haupttheil ſeiner Beſitzungen auf ſeine Tochter vererben durfte und die Einwendungen ſeines Vetters ein⸗ für allemal zurückgewieſen wurden. Es war wirklich viel Unglück auf einmal, und um daſſelbe voll zu machen, hatte der damalige Staatsrath obendrein auf das ſchwerſte mit den Schulden zu kämpfen, vor denen er ſich in Ausſicht auf die brillante Zukunft allzu wenig gehütet und die er nun auf das ſchleunigſte abzutragen oder zu reguliren ſuchen mußte, wenn dieſe Verhältniſſe nicht publique werden und auch ſeiner Stellung im Staat den Gnadenſtoß geben ſollten. Wie die Sache arrangirt wurde, konnten nur die ſehr Wenigen ungefähr ahnen, welche zuweilen einen Blick in das innere Leben der Familie werfen und die an wirkliche Armuth grenzende Einfachheit wahrnehmen durften, die hier Alles beherrſchte. Die Familie ging trotz aller Opfer dem Vergeſſenwerden entgegen. Da kam endlich das Jahr 1848 heran, und der Staatsrath von Othmaringen ſtand ſelbſtverſtändlich als einer der Getreuſten auf Seite des Fürſten. Ja er entwickelte in jenen Kämpfen eine Energie und in all den zahlloſen Intriguen eine Feinheit und Gewandt⸗ Hoefer, In der Welt verloren. I. 11 5 6 heit— Andere nannten es anders— welche den gan⸗ zen Hof und den Fürſten ſelbſt auf ihn aufmerkſam machten und ihn als den erſten und tüchtigſten Führer der Regierungspartei, als den Mann der Zeit erkennen und ſchätzen ließen. Herr von Othmaringen war der Mann nicht, der eine Gelegenheit, ſich zu pouſſiren, überſah oder einen ſich ihm bietenden Vortheil— bis⸗ her hatte es dergleichen leider wenig oder gar nicht gegeben— aus der Hand ließ. Er ſpann ſeine Fäden geſchäftig und vorſichtig weiter, und eines ſchönen Tags verkündete das Regierungsblatt die gnadenvolle Ent⸗ laſſung des bisherigen Staatsminiſters und die Er⸗ nennung des Barons Othmaringen zu ſeinem Nach⸗ folger.— Es ſtellte ſich bald heraus, daß es ein guter Griff geweſen war. Der Miniſter war wirklich der Mann der Zeit, und die Reaction hatte in ihren kühnſten Träumen nicht auf Erfolge gerechnet, wie ſie dieſelben jetzt täglich von ihm erreicht ſah. Man war geneigt, für den großen Mann zu ſchwärmen und in ihm den erſten Staatsmann nicht blos Deutſchlands— da war kaum eine Concurrenz vorhanden— ſondern ganz Eu⸗ ropas, das heißt der Welt zu ſehen. Und man be⸗ klagte es ernſtlich, daß er und die Seinen dergleichen den Verehrern ſo ſchwer machten durch Zurückhaltung, 163 tiefen Ernſt und rückſichtsloſe Strenge— Andere hie⸗ ßen das: durch Hochmuth, Verbitterung, Selbſtſucht und grobe Gewaltthätigkeit. Die Familie ſtand daher auch noch immer verhält⸗ nißmäßig einſam, und von wahren Freunden, die ihr ergeben geweſen, verlautete nichts. Neuerdings flü⸗ ſterte man ſich ſogar zu, daß ſelbſt Sereniſſimus nicht mehr vollſtändig mit ſeinem erſten Diener harmonire, vielmehr ein paar Mal neuen, allzu gewaltſamen und gehäſſigen Eingriffen und Einrichtungen ſeine Zuſtim⸗ mung verſagt habe. Und es war ſicher, daß der Mi⸗ niſter ſeit einiger Zeit in der ſchlimmſten, für ſeine Umgebung beinahe gefährlichen Laune zu ſein pflegte und daß die Seinen— Frau, Schweſter und Tochter — ſehr ſelten in den Hofcirkeln erblickt wurden. Sein Sohn, der Lieutenant, kam bei dieſer Beobachtung oder Rechnung, wie man will, nicht in Betracht. Der Soldat hat andere Bahnen zu verfolgen als ſeine Familie. Als der Lieutenant in den Salon ſeiner Mutter trat, fand er dort nicht nur die Seinen verſammelt, was bei dem wenig einträchtigen und harmoniſchen Leben im Hauſe und den allerdings zahlreichen Ge⸗ ſchäften des Vaters ſchon an und für ſich eine Selten⸗ heit war, ſondern hatte auch noch ein paar alte Freunde zu begrüßen, was mit Ausnahme der officiellen Diner⸗ 11*. 164 tage ein noch um Vieles ſeltenerer Fall. Denn Herr und Frau von Othmaringen liebten auch heute noch nichts weniger als irgend einen Aufwand und ſahen denſelben in manchen Dingen und auf manchen Seiten, wo jeder Andere nur eine mit Unrecht aufgegebene Annehmlichkeit oder höchſtens eine durch die Verhält⸗ niſſe gebotene und daher unvermeidliche Ausgabe er⸗ blickt und auf ſich genommen hätte. Von dem daher, was in einem andern wohlgeordneten und heitern Haus⸗ ſtande das Erfreulichſte und Willkommenſte iſt und was wir die zufällige Gaſtlichkeit heißen möchten, war im Hauſe des Miniſters keine Rede; man lebte im ſtillen Familienkreiſe noch immer ſo einfach und knapp wie irgend möglich, und die Anweſenheit der beiden alten Freunde war daher, wie ſchon angedeutet, eine Aus⸗ nahme erſten Ranges. Man ſchien aber auch nicht auf des Sohnes An⸗ weſenheit gerechnet zu haben, denn bei ſeinem Eintritt rief ihm der Vater ein herbe ſpottendes:„Der Tauſend, der Herr Lieutenant beehren Ihre Aeltern!“ und zu⸗ gleich ſeine Schweſter, Fräulein Hildegard, ein ganz ähnlich betontes:„Aber, Dagobert, wie ungalant gegen den vielgeliebten Bennet! Oder haſt Du ihn ſchon ſatt?“ entgegen. Der Lieutenant nahm einſtweilen von dieſem dop⸗ 165 pelten Angriff keine Notiz, ſondern verbeugte ſich vor den alten Freunden, küßte ſeiner Tante, dem Stifts⸗ fräulein Aurelie von Othmaringen, die zarten Finger⸗ ſpitzen, nickte den Aeltern zu und ignorirte ſeine Schwe⸗ ſter und ſagte dann erſt mit einem gleichſam Aufmerk⸗ ſamkeit heiſchenden Blick in die Runde:„Ich komme vom Italiener mit einer ſeltſamen, ſchier unglaublichen Nachricht—“ „Der Tauſend!“ fiel der Miniſter jetzt wirklich ſo⸗ gar hohnvoll ein,„biſt Du auch der alten verſchrobenen Perſon, der Eylingshauſen begegnet?“ „Der Eylingshauſen?“ fragte einer von den alten Freunden überraſcht. „Nun, nun, der Vögelsbach!“ ſagte der Miniſter ungeduldig.„Der Henker behalte all ihre Männer, Liebhaber und Namen!“ „Ich weiß nichts von der Dame, nicht einmal, daß ſie hier“, verſetzte der Lieutenant kalt.„Ich traf beim Italiener vorhin nur auf einen Augenblick mit Bilings⸗ felden zuſammen, der ſeit vorgeſtern wieder hier—“ „Und bei ſeiner Ankunft das Majorspatent auf dem Schreibtiſch fand— Sereniſſimus haben es höchſt⸗ ſelbſt da hingelegt“, ſchob der andere alte Freund ein — der Kürze halber haben wir dieſe Bezeichnung für beide Anweſende uns erlaubt, obgleich nur einer von 166 ihnen ein Freund, der andere aber und zwar der zu⸗ letzt Sprechende eine Freundin war. „So hörte ich, meine gnädige Frau“, ſagte der Lieutenant, ſich verbeugend.„Den Major ſahen wir nur einen Augenblick, er hat ja angeblich immer Dienſt und iſt obendrein— nun, Sie kennen ihn ja. Von dieſer Begegnung wollte ich auch nichts ſagen. Nachher kamen Bekannte, Kameraden, und da wurde erzählt— ich muß damit heraus, wir ſind ja ganz unter uns— da wurde erzählt, daß Bilingsfelden ſeinen Urlaub nicht in ſeinem Neſt, dem Neideck, zubringe, ſondern zu— rathen Sie!— nun, denken Sie!— zu Othmaringen.“ Rufe des Erſtaunens und des Zweifels antwor⸗ teten von allen Seiten her dieſer Nachricht, und nur der Miniſter fragte endlich in der uns nun ſchon be⸗ kannten ſpottenden Weiſe:„Bah, bah! Von wem wurde das erzählt?“ „Von Kamberg, und zwar auf Herrn von Arnaud's Mittheilung hin, der dem Major in Othmaringen be⸗ gegnet war und von ihm ſelber ſeine öftere dortige Anweſenheit— zum Zweck von Forſtſtudien oder der⸗ gleichen— es iſt lächerlich!— erfuhr.“ „Nun alſo. Und was erſcheint meinem werthen Sohne dabei ſo lächerlich?“ fragte der Miniſter. „Das bedarf wohl keiner Erklärung, Vater. Es glaubte Niemand an ſolchen Zweck und Grund ſeines —— nur von Vortheil ſein kann, mon enfant“, ſchloß Ihre 167 Aufenthalts. Kamberg hatte es bei der Nachricht oben⸗ drein entſchieden auf uns abgeſehen“— der Lieutenant ſchaute bei dieſen Worten halb verächtlich, halb in⸗ grimmig darein und ſein Ton war wegwerfend—„und Herr von Diringshofen, beiläufig ein außerordentlich aufdringlicher Herr—“ „Aber, Dagobert, wie ſeltſam ungerecht!“ rief Fräu⸗ lein Hildegard mit einigermaßen ſchmachtendem Blick dazwiſchen.„Herr von Diringshofen iſt ſicher einer unſerer liebenswürdigſten Cavaliere.“ „Von beſter Familie, der Biſchof von F. iſt ſein Onkel“, ſagte die alte Freundin,„ſeine Mutter—“ „Ueberall beliebt und der beſten Carriere ſicher“, ſprach der alte Freund zugleich. „Braucht noch ein wenig mehr Charakterfeſtigkeit und Entſchiedenheit, wie ich höre“, klang des Miniſters Stimme dazwiſchen.„Im Uebrigen aber wirklich ein ganz angenehmer und einſichtiger junger Mann.“ „Enfin, ein Mann, den ich mich freuen werde, recht oft in meinem Salon zu ſehen und deſſen Umgang Dir Excellenz, die Dame des Hauſes, ſteif und gerade und in ſehr decidirtem Ton. „Ganz, wie Sie befehlen, Mama“, verſetzte der Sohn — ꝗ —-ꝰ ½/ ᷣ3--— 168 mit geſuchter Kälte.„Nur in Anſehung des Letzten, des vortheilhaften Umgangs, geſtatten Sie mir eine Einwendung oder einen Zweifel. Denn ich nahm mir die Freiheit, Herrn von Diringshofen, der ſich gleich⸗ falls einmiſchte, Othmaringen zu kennen vorgab, über unſere Verwandten urtheilte und Bilingsfelden’s Be⸗ mühungen um unſere Couſine ganz begreiflich fand, auf das Unpaſſende einer ſolchen Beſprechung unſerer Familienverhältniſſe im Kaffeehauſe aufmerkſam zu machen.“ „Gedacht, geſprochen und gehandelt wie ein Held!“ ſagte der Miniſter ſarkaſtiſch.„Ich bin entzückt, mein Sohn. Und— aber wir wollen bei der Sache bleiben! Alſo auch der Staatsanwalt wußte von des Majors—“ „Aber es iſt ja ganz und gar nicht möglich!“ unter⸗ brach jetzt auch die Stiftsdame ihren Bruder in ſehr ſanftem, ein wenig lispelndem Tone und mit noch ſanfterem Aufſchlag ihrer ſchmachtenden Augen.„Wir wiſſen es ja, daß und wo Herr von Bilingsfelden ge⸗ bunden iſt. Wie könnte er, beglückt von einer ſolchen wundervollen, hohen Liebe—“ „Ah bah, ah bah, Schweſter!“ fiel der Miniſter ihr rückſichtslos und ungeduldig ins Wort.„Bleibt mir mit Euren Sentimentalitäten vom Leibe! Wenn ich an dieſe Affaire glaubte oder vielmehr, wenn ich an dieſelbe denke— denn ich leugne ſie am Ende nicht— ſo würde ich gerade um ſo eher daran glauben, daß der Major in Othmaringen noch etwas Anderes als Forſtſtudien betreibt. Wie man ſich die Sachlage vor⸗ ſtellen zu dürfen meint, wär's ja ein ganz charmanter Erſatz in jeder Richtung und dazu ein nicht minder charmanter Riegel vor all die hieſigen dummen Ge⸗ rüchte und ſo weiter! Allein es iſt das Alles nichts als leere Flunkerei, und ſelbſt wenn er derartige Pläne verfolgt hätte, wäre es damit anſcheinend jetzt zu Ende. Denn da wir doch einmal ſo weit ſind, kann ich nun auch das mir liebevoll mitgetheilte Geheimniß der alten Eylingshau— Vögelsbach wollt' ich ſagen— zum Beſten geben: ſie iſt mit ihrem Sohn, dem Legations⸗ ſecretär— und der heißt doch Eylingshauſen?— einige Wochen in Othmaringen geweſen, der Sohn hat um die junge Erbin“— der Miniſter lachte hohnvoll— „angehalten und das Jawort erhalten.“ „Ah bah!“ ſagte Ihre Excellenz wegwerfend,„ich habe von der Vögelsbach nie eine Rede vernommen, in der nicht jedes zweite Wort mindeſtens eine reine Phantaſie geweſen wäre.“ So weit war man in dieſer Unterhaltung gediehen, als der Kammerdiener Seiner Excellenz meldete, daß das Diner der Gäſte harre. Wie außerordentlich ein⸗ 170 fach das Mittagsmahl auch von jeher im Hauſe Oth⸗ maringen geweſen und wie einfach es noch heutiges Tags war, hatte das Ehepaar doch ſtets auf das ſtrengſte die Formen anfrecht erhalten, und der frühere einzige Diener war zu der gleich feierlichen Dienſtwaltung an⸗ gehalten worden, wie jetzt Monſieur Francois als Haupt eines ſehr vergrößerten Hausſtandes ſich ihr zu unter⸗ ziehen hatte. Man ging in das Speiſezimmer, man nahm ſeine Plätze ein und überließ ſich der Beſchäftigung, die der Miniſter heute noch ebenſo ernſtlich wie vor zwanzig oder dreißig Jahren für die einzige reell angenehme des Tags erklärte und der er ſich mit der größten Gewiſſenhaftigkeit widmete. Herr von Othmaringen war im Grunde nichts weniger als ein Schlemmer oder gar Feinſchmecker, ſondern im Gegentheil ein frugaler Menſch, der ſich zur Mittagsſtunde vor allen Dingen ſatt zu eſſen wünſchte und ſich dieſen Genuß oder dieſe Beſchäftigung nur ungern beeinträchtigen ließ, gleich⸗ viel ob er vor einer Suppe mit folgendem Gemüſe nebſt Beilage ſaß, oder ob man ihm die ausgeſuchteſten Küchenraritäten präſentirte. Während er daher ſeiner Frau nachſah oder zugeſtand, daß ſie zum Diner Toi⸗ lette machte und auch von ihm einen beſſern Rock ver⸗ langte; während ſie den Diener, wie ſchon geſagt, zur ——— 4——— 171 feierlichen Anmeldung, zum feierlichen Oeffnen der ein⸗ oder zweiflügeligen Thüren, zum feierlichen Bedienen und allen ſonſtigen einſchlagenden Geſchäften anhielt, forderte er für ſich ſelber nur einen genügenden Vor⸗ rath und die ungeſtörte Muße, ſich denſelben zu Nutze zu machen, und zwar Letzteres um ſo entſchiedener, als er, zum mindeſten in frühern Zeiten, dieſe Muße oft mühſam genug ſeinen gehäuften Geſchäften abringen mußte. Von einer Unterhaltung war daher auch am Tiſche der Familie Othmaringen ſelten oder nie die Rede; die Mutter ſchwieg aus Würde, der Vater, weil er zum Reden keine Zeit und Luſt hatte, auch alles Störende und Aufregende vermeiden wollte; die Tante Stiftsdame, weil ſie gemeiniglich durch allerhand Er⸗ innerungen oder Gefühle der ſchalen Gegenwart ent⸗ rückt wurde und obendrein in dem leider nicht ganz zu vermeidenden Genuß von Speiſe und Trank etwas ſah, das im Grunde des Menſchen und zumal einer Dame völlig unwürdig ſei; die Kinder endlich, weil ſie nicht gefragt und, wo ſie ſelber fragten, kurz auf die Ungehörigkeit des Redens aufmerkſam gemacht wurden. Wir alle aber wiſſen, wie leicht eine einmal ange⸗ nommene und ſelten geſtörte Lebensweiſe zur zwingenden Gewohnheit, ja faſt zur Natur wird, und wie viel ſich auch im Hauſe oder, wie es jetzt lautete, Palais Oth⸗ ————„——· 172 ſelbſt mit zwei oder drei Gäſten, war heute gewöhnlich noch ebenſo lautlos wie vor zwanzig Jahren. Darin vermochten auch die eben mitgetheilten Nachrichten, die für die Familie nichts weniger als gleichgültig waren, keine Aenderung hervorzurufen, und wie es dem einen oder andern auch auf dem Herzen oder der Zunge brennen mochte und wie ungeduldig er nach weiterer Kunde, nach Beſprechen und Ausſprechen verlangte, einſtweilen fügte ſich Alles der Regel des Hauſes und unterhielt ſich an den ſparſamen und kurzen Wechſel⸗ reden, die um der beiden alten Freunde willen nachge⸗ ſehen wurden. Als man abgeſpeiſt hatte, zog der Miniſter ſich zu einer Ruheſtunde zurück, die er ſich neuerdings geſtattete, und auch der alte Freund brach auf, weil es, wie er ſanft lächelnd verſicherte, auch ihm ein Bedürfniß ſei ſich ein wenig auszuruhen, vielleicht aber auch, um ganz in der Stille ein kleines Nachdiner einzunehmen; böſe Zungen flüſterten, natürlich ganz heimlich, davon, daß dergleichen nach Othmaringiſchen Diners oder Soupers keineswegs ganz unerhört ſei; und da die Excellenz vorhin in ungewöhnlich gnädiger Laune den alten Freund aufgefordert hatte, heute bei ihnen vorlieb zu nehmen, hatte die alte Freundin in ſeinen Zügen die —·· maringen verändert haben mochte, der Familientiſch, 173 Spuren eines nicht ganz zu verhehlenden Schreckens wahrgenommen und ihn darauf bei Tiſche ſich einer auffälligen Mäßigkeit befleißigen ſehen. Sie ſelber wäre gern geblieben, denn ſie fühlte ſich einerſeits völlig befriedigt— intereſſante Neuigkeiten ſind bekanntlich für Damen eines gewiſſen Alters nahrhafter als die kräftigſten Speiſen— und wünſchte andererſeits nun endlich zu einer Discuſſion des Vernommenen zu ge⸗ langen— dem erquickendſten Nachtiſch. Allein da keine Einladung erfolgte, mußte auch ſie wohl aufbrechen. Frau von Othmaringen zog ſich ebenfalls zurück; ſie bedurfte das ihrer Nerven wegen, die überhaupt eine große Rolle in ihrem Leben ſpielten. Bevor ſie ſich entfernte, trat ſie zu ihrem mißmuthig die Zähne ſtochernden Sohn, und indem ſie ihr ſtarres und trockenes Geſicht zu einer Art von freundlichem Aus⸗ druck verzog, ſagte ſie gemeſſen:„Weshalb ſo verſtimmt und verzagt, mon enfant? Deines Vaters Nachricht ſcheint mir wenig glaubwürdig. Ein verzogenes Püpp⸗ chen, wie Deine kleine Couſine da drüben, und ein alter Halbnarr, wie ihr Vater, dürften wenig Geſchmack an dem Felix Eylingshauſen finden, zumal wenn ein Cavalier wie Bilingsfelden wirklich mit ihm concurrirt. Dieſes Letztere halte ich nicht für unmöglich. Dein Vater hat ganz Recht. Aber auch dann iſt kein Grund ————————— 174 zu verzagen. Ich habe ſchon noch meine Karten in der Hand. Vor allem müſſen wir nur erſt gewiß wiſſen, was an dieſer Sache iſt. Ich denke, mein Kind—“ und ſie wandte ſich gegen ihre Tochter—„wir gehen heute Abend lieber doch an den Hof. Inſtruire Deine Jungfer. Auf Wiederſehen, meine Lieben.“ Und ihrer Schwägerin ſteif zunickend, entfernte ſie ſich würdevoll. Man war nun unter ſich. Unverheirathete Damen eines gewiſſen Alters, wie das Stiftsfräulein, rechnen ſich nicht nur gewöhnlich zu den Jungen, ſondern ſchlie⸗ ßen ſich auch, wo irgend möglich, dem Kreiſe der⸗ ſelben an. „Ich verſtehe wirklich nicht, weshalb Du ſo ver⸗ drießlich biſt“, ſagte Hildegard achſelzuckend zu ihrem Bruder.„Felix Eylingshauſen und dieſe Waldſchöne — bah!“ „Du meinſt, weil er Dir vor zwei Jahren in Baden die Cour machte?“ fragte Dagobert hohnvoll.„Die Hoffnung, Schatz—“ „Bah! Laſſe meine Hoffnungen mir, ich miſche mich ja nicht in die Deinigen!“ unterbrach ſie ihn weg⸗ werfend. „Und doch, mein theures Kind“, meinte die Stifts⸗ dame zart und ſanft,„Du warſt ſo ſtill; ich fürchtete beinahe, dieſe Nachricht habe Dir wehe—“ . ——— 175 „Bitte, Tante, beunruhige Dich nicht!“ fiel die Nichte von neuem hochmüthig ein.„Ich denke nicht an jene Badener Thorheiten, ſondern nur an ſeine Anſprüche und wie er es ſonſt treibt. Was wir dieſen Sommer von ihm und Adeline Schöneck hörten, möchte dem tu⸗ gendhaften Baron Othmar wenig gefallen.“ Die Stiftsdame ſchüttelte ſchwermüthig das Haupt. „Solche Weltgerüchte dringen nicht in jene Waldein⸗ ſamkeit“, ſagte ſie. Hildegard lachte ſpöttiſch.„Glaubſt Du das? Ich nicht. Die Zurückgezogenheit iſt ſicher mehr Maske als Wahrheit. Denke doch nur daran, daß vor kurzem die alte Soldnau hier umherſpionirte—“ „Ja freilich“, redete Dagobert finſter dazwiſchen, „jener Burſche, der Diringshofen, wußte auch von dem Pfarrer, der ſeinem Onkel, dem Biſchof— es iſt ridi⸗ cül!— alljährlich Beſuche macht! Alſo die Soldnau hier, der Pfarrer da, nun auch Bilingsfelden, Mama Vögelsbach und Sohn— eine nette klöſterliche Ein⸗ ſamkeit! An den Felix glaub' ich, trotz Papas Nach⸗ richt, kaum. Dagegen ließe ſich wenigſtens noch etwas thun. Bilingsfelden aber mit der Protection— ich fürchte, Papa hat Recht!“ Wer ſich dieſe Familie angeſehen hatte, das Bureau⸗ kratengeſicht des Miniſters, die hochmüthigen und ſelbſt⸗ -— 176 ſüchtigen Züge ſeiner Gemahlin, Herrn Dagobert, das tadelloſe Modell eines Bleiſoldaten, nur daß ein ſolcher gemeiniglich ein wenig mehr Farbe zu haben pflegt, und endlich Hildegard, deren entſchieden hübſches ſoge⸗ nanntes Doſengeſicht gleichfalls wohl etwas Hochmü⸗ thiges und Schnippiſches, aber eigentlich auch keinen Ueberfluß an Geiſt und Intelligenz ausſprach, der durfte mit einer Art von Aufathmen auf den Zügen der Stiftsdame ausruhen, welche nicht blos in dieſem Kreiſe, ſondern überall eines ernſten und aufmerkſamen Blickes werth waren und wenigſtens den tröſtlichen Schluß er⸗ laubten, daß doch ein Mitglied dieſes Kreiſes über die Alltäglichkeit hinaus begabt worden ſei. Fräulein von Othmaringen, wie ſie im Kreiſe der Familie und ihrer Bekannten genannt wurde, mußte vordem von wo nicht ungewöhnlicher, doch intereſſanter und pikanter Schönheit geweſen ſein. Das zeigte ſich in ihren Zügen, ſobald der ſtereotype melancholiſche Ausdruck einmal einem mehr natürlichen, lebensvollern Platz machte, und ebenſo hatten ihre Augen, wenn ſie, ſtatt zu himmeln und zu ſchmachten, frei aufſchauten, einen Blick, vor dem man ſtets Reſpekt haben, unter Umſtänden aber beinahe etwas wie einen leiſen Schreck empfinden mußte. Das ſah man eben gerade auf das deutlichſte, wo 477 des Neffen Worte ſie den Kopf erheben und die Augen aufſchlagen ließen; in dem Geſicht war nicht blos Geiſt und Leben, ſondern auch etwas Grundgeſcheidtes, wo nicht gar Boshaftes, vor allem aber eine außerordent⸗ lich ruhige und bewußtvolle Ueberlegenheit, gegen die es, zum mindeſten in ihrer Umgebung, ſchwerlich irgend einen wirklichen Widerſtand gab. Und da ſie nun zu ſprechen begann, waren auch ihre Aeußerungen himmel⸗ weit von dem verſchieden, was man gewöhnlich von ihr zu hören bekam, und der Contraſt wurde, ver⸗ muthlich ſelbſt für ihre jetzigen Zuhörer, um ſo auf⸗ fälliger, als ihr Ton ſo ſanft und ein wenig leidend blieb wie immer. Hildegard wenigſtens empfand das ganz entſchieden. Von dem Aufblicken und dem erſten Wort der Tante an verlor ſich aus ihren Zügen das Schnippiſche und Verächtliche und machte der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit Platz. „Mein lieber Knabe“, ſagte die Tante, die, wenn überhaupt einen Menſchen, ihren Neffen gewiſſermaßen liebte,„Herr von Bilingsfelden kommt hier ſchwerlich in Betracht. Dein Vater wies mich vorhin zwar in ſeiner rückſichtsloſen Weiſe zurück, allein ich glaube, daß der Irrthum ganz und gar auf ſeiner Seite iſt. Der Major iſt nach Allem, was wir wiſſen und hier und da auch ſahen, wirklich von einer Seite und in Hoefer, In der Welt verloren. I. 12 4 —EEEE“ 178 einer Weiſe gefeſſelt, daß ich mir zum mindeſten nicht zu denken vermag, wie er ſich aus dieſen Feſſeln heraus⸗ ſehnen, geſchweige denn, wie er ſich von ihnen frei machen ſollte. Habe ich Seine Excellenz recht verſtanden, ſo meint er das aber auch gar nicht, ſondern glaubt nur, daß die Trennung eine rein äußerliche ſein würde, weil man den empfindlichen Gerüchten einen Damm entgegenzuſetzen wünſchte. Das iſt in meinen Augen ein Unſinn, der hart an Albernheit grenzt. Man hat dieſe Verbindung von oben bisher nirgends geſtört, im Gegentheil, wenn auch duldend, begünſtigt. Sie iſt ſchon viel zu weit gediehen, als daß man ſie durch eine ſolche kindiſche Maskerade noch verbergen könnte. Obendrein wäre es doch völlig räthſelhaft, daß die— nun ſag' ich's— die Prinzeſſin einer von oben ihr geſtatteten wirklichen, wenn auch ſtillen Verbindung eine halbe vorziehen ſollte, die ſie noth⸗ wendig im zweifelhafteſten Licht erſcheinen laſſen und zu den ſkandalöſeſten Folgen führen müßte. Und end⸗ lich iſt es ganz unmöglich, daß man zur dritten, zur Mittelsperſon ein Fräulein von Othmaringen wählen könnte— ich denke zu hoch von unſerer Familie. Und mag die Einſamkeit von Othmaringen noch ſo groß ſein, dieſe Zuſtände bleiben dort nicht verborgen; und mag jene Charlotte im Uebrigen ſein, wie ſie will, zu einer ſolchen Rolle verſteht ſie ſich beſtimmt nicht. „ 179 Trotz alledem finde ich dieſe Gerüchte bedenklich für den Major“, fuhr ſie mit einem neuen klugen, wenn auch nur flüchtigen Aufblick fort.„Wenn ſie boshaft benutzt würden, ſcheinen ſie mir ſehr geeignet, Miß⸗ trauen gegen ihn zu erregen und ſeine Stellung zu er⸗ ſchüttern. Möge es nicht dahin kommen! Sein Glück iſt ohnehin ein prekäres, darüber iſt kein Zweifel. Das Andere, das mit dem Felix Eylingshauſen, das glaube ich; die Vögelsbach verſteht ſich aufs Heirathenſtiften. Sein Intereſſe für Dich, theuerſte Hilda, ſcheint wirklich verloren zu ſein, und Wüſtlingsgerüchte dringen, wie ich ſagte, nach Othmaringen ſchwerlich. Was aus der Ehe aber werden muß? Nun, Glück ſehe ich dabei für das Mädchen allerdings nicht. Wir wiſſen von Felix nur durch das Gerücht, aber das genügt völlig, um vorauszuſehen, daß der Bund kein dauernder wird und daß ſeine Frau keine Heilige bleiben dürfte. Und das könnte mir ſchon jetzt leid thun, denn ihr Vater iſt erbarmungslos in ſeiner Strenge, in gewiſſen Punkten; ich weiß das.“ Als ſie gleich nach dieſen Worten das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, ſagte Dagobert zögernd und mit zweifel⸗ haftem Blick:„Was hältſt Du von all dieſen Reden? Sie ſcheinen mir ſehr phantaſtiſch zu ſein.“ Hildegard zog die Brauen ein wenig zuſammen. 12* 180 „Das ſieht Dir gleich“, verſetzte ſie wegwerfend.„Ich ſehe darin aber ein Programm, das uns, wenn Du Deinen Kopf zuſammennimmſt, vermuthlich die Zu⸗ kunft und eine Revanche ſichert, wie wir ſie nur wün⸗ ſchen können. Ich bewundere die Tante. Sie hat mehr Verſtand im kleinen Finger als Papa und Mama in ihren ganzen großen Köpfen. Wenn wir vernünftig und folgſam ſind—“ „Ja, ja, ja!“ unterbrach der Bruder ſie verdrießlich. „Es iſt möglich. Nur währt's mir ein wenig zu lange, und ich muß inzwiſchen einige Unterhaltung haben. Es heißt, Prosnitz nimmt ſeinen Abſchied, und Prinz Hermann iſt neuerdings freundlich gegen mich. Da möchte etwas zu erlangen ſein— zumal mit Deiner Hülfe.“ Sie ſah ihn überraſcht an.„Was heißt das? Ich habe leider nicht das Glück, von Seiner Hoheit beachtet zu werden.“ „Das ändert ſich vielleicht. Er redete ſogar zu mir über Dich freundlich. Denke daran und laſſe den Felix laufen. Es könnte uns auch für all dieſes Andere von Werth ſein, bei ihm in Gunſt zu ſtehen.“ Achtes Kapitel. Ein Abend bei Fofe. Wir haben das Land oder vielleicht auch Reich, in welchem die Menſchen leben und zum Theil wirken, die wir unſern Leſern entweder bereits vorſtellten oder etwa noch vorzuſtellen haben, bisher nur als ein Für⸗ ſtenthum und ſeinen Herrſcher als den Fürſten be⸗ zeichnet. Wir müſſen uns aber auf das feierlichſte gegen den Schluß verwahren, den möglicherweiſe irgend Jemand aus dieſen Wörtern ziehen möchte, daß das Land und ſein Herr nun auch in Wirklichkeit nur eine ſo niedrige Sproſſe auf der Leiter der Macht und des Einfluſſes eingenommen hätten, wie unſer Titel anzuzeigen ſchei⸗ nen möchte. Wir bitten im Gegentheil die Leſer, ſich einen ganz hübſchen Staat zu denken, deſſen Stimme nicht blos am trefflichen Bundestag, ſondern ſogar auch im europäiſchen Concert von— zu Zeiten wenig⸗ ſtens— anerkanntem Gewichte war, der ſich folgerichtig an allen bedeutendern Höfen durch wohlgeſchulte Diplo⸗ maten vertreten ließ, dem Militärweſen viel Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte und ſorgſame Pflege angedeihen ließ und alljährlich ſeine Kammern zuſammentreten ſah und ſehr fleißig reden hörte. Die Leſer wiſſen aber ebenſo gut wie wir ſelber, wo nicht beſſer, daß dies Alles nicht blos in den großen Kaiſer⸗ und Königreichen, ſondern auch in den kleinern König⸗, Kurfürſten⸗, Großherzog⸗, Herzog⸗, kurz in Fürſtenthümern aller Art und jedes Ranges, kleine Unterſchiede abgerechnet, genau das Gleiche war, re⸗ ſpective iſt, und daß es daher einerſeits völlig gleich⸗ gültig ſein dürfte, andererſeits uns hoffentlich aber auch als die taktvollſte Rückſicht und Schonung gefährdeter Intereſſen ausgelegt wird, wenn wir das Land mit dem von uns gewählten Generaltitel bezeichnen und den erſten Diener des Staats, wie Friedrich der Einzige ſich bekanntlich in ſeiner zuweilen ein wenig kurioſen Manier auszudrücken beliebte, nicht als Ma⸗ jeſtät, noch als kaiſerliche oder königliche, ſondern nur als ganz einfache Hoheit vorzuſtellen wagen. Ebenſo wenig wie für die äußere Macht und den äußern Einfluß kommt unſer Titel aber auch in An⸗ ———— —— —— ———— —— 183 ſehung der fürſtlichen Reſidenz, des Hofes und des an demſelben herrſchenden Lebens in Betracht. Die präch⸗ tigſten und ſchönſten Schlöſſer ſtehen keineswegs überall in den Reſidenzſtädten der Großſtaaten, und in Betreff der Würde und Pracht, der Freiheit oder Gemeſſenheit des Hoflebens haben bekanntlich die kleinern Fürſten⸗ häuſer den größern ſelten nachgeſtanden, ſie vielmehr häufig genug übertroffen. Das Schloß in unſerer fürſtlichen Reſidenz war ein gewaltiger, ſtolzer Bau und enthielt Räumlichkeiten, die, ihrer Beſtimmung gemäß, an anmuthiger und behaglicher Wohnlichkeit ſo gut wie an Glanz und Pracht vor keinen andern zurücktraten, und ebenſo wenig brauchten auch Würde und Geſchmack des täglichen Lebens wie der gelegentlichen Feſtlichkeiten den Vergleich mit dem anderwärts Gefundenen zu ſcheuen. Das konnte man ſelbſt am heutigen Abend recht erkennen, obgleich keine beſondere Feſtlichkeit ſtattfand, ſondern die Fürſtin nur, wie ſie es liebte und von den Herbſttagen an allwöchentlich einmal übte, einen heitern Kreis derjenigen um ſich verſammelte, welchen ſie und ihr Gemahl das meiſte Wohlwollen zuwandten. Einladungen ergingen zu dieſen Abenden nur ſelten und aus ganz beſondern Rückſichten; wer den erſten Abend ſich hier einſtellen durfte, konnte während aller 184 folgenden auch ungerufen erſcheinen oder, wenn er ſich abgehalten ſah, ohne viel Umſtände fortbleiben. Denn aus dieſem Kreiſe ſollte aller Zwang entfernt bleiben, und das fürſtliche Paar ging darin ſeinen Gäſten mit gutem Beiſpiel voran. Auch für die Unterhaltung der Verſammelten wurde in dieſer Weiſe geſorgt; alle Steif⸗ heit und Abgemeſſenheit war verbannt, und die hohe Frau hielt darauf, daß ſich nicht nur der geſammte Kreis unterhalten, ſondern auch jeder Einzelne nach Möglichkeit à son aise fand. Es gab ſtets etwas Neues, Anſprechendes, ſei es, daß ein fremder oder ein⸗ heimiſcher Künſtler einige Muſikſtücke vortrug, ſei es, daß ein ganzes kleines Concert arrangirt war, ſei es, daß man einem neuen Dichterwerk lauſchte, oder daß man auf einen wirklichen Erzähler horchte. Oder man führte ein paar Charaden auf, oder ſtellte einige lebende Bilder, man amüſirte ſich gelegentlich einmal an den Kunſtſtücken eines durchreiſenden Escamoteurs, und was dergleichen mehr war. Nur die Kartentiſche fehlten an dieſen Abenden gänzlich, und wenn es Jemand in dem Kreiſe gab, der unbefriedigt nach Hauſe ging, ſo war das ſicherlich nur irgend eine alte Hofdame oder ein bejahrter Cavalier, die eben keinen beſſern Platz auf der Welt kennen, als den am Speeltiſch. Aber ſelbſt dieſe hätten keinen dieſer Abende ohne — — 185 die dringendſte Noth jemals verſäumen mögen, wie die⸗ ſelben denn überhaupt in der Geſellſchaft ſo hoch wie möglich geſchätzt und geprieſen wurden. Bevor die erſten und ein⸗für allemal gültigen Einladungen ergingen, herrſchte in allen Familien und Kreiſen, welche nur die entfernteſte Ausſicht auf mögliche Berückſichtigung hatten, ein Fieber der Erwartung; die Erfüllung der Hoff⸗ nungen wurde beinahe wie ein verliehener Ordensſtern betrachtet, und die Unglücklichen, welche ſich aus⸗ geſchloſſen ſahen, beugten ſich tief unter einer ſolchen erklärten Ungnade. Und gewiſſermaßen hatten beide Recht. Denn ganz wenige der oberſten Hof⸗ und Dienſt⸗ chargen ausgenommen, die ſich nun einmal nicht um⸗ gehen ließen, wurden alle übrigen Gäſte nur durch die Gunſt des Fürſtenpaars berufen, und obendrein durften Rang und Name derſelben ſich bei weitem weniger rühmen als Geiſt und Gemüth, als Anmuth und Lie⸗ benswürdigkeit, als irgend ein Talent, das den ge⸗ ſammten Kreis zu unterhalten vermochte. Man begegnete hier dem ernſten Gelehrten ſo gut wie dem beſcheidenen Künſtler und ſah ſie von den fürſtlichen Wirthen auf das freundlichſte beachtet und hervorgezogen. Vor allem aber ſah man das hohe Paar ſelber in Ungezwungen⸗ heit und Heiterkeit mitten zwiſchen allen Uebrigen, wie, um das Wort zu wiederholen, freundliche und um das 186 Wohlſein ihrer Umgebung beſorgte Wirthe, während man an allen übrigen wirklichen Empfangstagen und bei den Hoffeſten ſtets die unnahbare Fürſtlichkeit vor ſich fand. Die fürſtliche Familie folgte ihren Häuptern nach. Kinder hatte das Fürſtenpaar nicht, aber es gab Neben⸗ verwandte und die meiſten von ihnen zeigten ſich, falls ſie in der Reſidenz weilten, an ſolchen Abenden auf kürzere oder längere Zeit in zugänglicher und umgäng⸗ licher Weiſe. Nur der Erbprinz, ein Neffe des Fürſten, fand keinen Geſchmack an dieſen Unterhaltungen wie an dieſen bequemen Formen. Sein Erſcheinen erhöhte daher auch niemals die herrſchende heitere Stimmung, ſondern drückte dieſelbe vielmehr herab, denn es ſtellte faſt unabänderlich irgend eine unbehagliche Scene in Ausſicht, zu der die Begegnung mit einer dem Prinzen für den Augenblick vielleicht nicht angenehmen Perſön⸗ lichkeit die Veranlaſſung gab, die ſich durch kein Ein⸗ ſchreiten des Fürſten oder der Fürſtin vermeiden und ebenſo wenig durch ihre Güte ungeſchehen machen ließ. Man wußte, daß dieſe Rückſichtsloſigkeit des Prinzen mehr als einmal die ſtrengſte Mißbilligung des Fürſten und den ernſtlichen Zorn ſeiner Gemahlin hervorgerufen hatte, ja die letztere ſollte gedroht haben, daß ſie ſich in demſelben Augenblick zurückziehen werde, in dem —— —— 187 Prinz Hermann ſich in ihren Gemächern zeige. Und man konnte annehmen, daß in dieſem Gerücht wenig⸗ ſtens einige Wahrheit verborgen ſei. Denn der Prinz verließ im vergangenen Winter, als es entſtanden war, die Reſidenz uͤnd kehrte erſt im Frühling wieder zurück, ſeitdem, nach dem Urtheil derjenigen, welche ihn zu beobachten Gelegenheit fanden, im Allgemeinen höf⸗ licher und rückſichtsvoller als früher. Auch an den beiden Abenden, welche dem heutigen ſeit Einbruch des Herbſtes vorausgegangen waren, hatte ſein Erſcheinen keinerlei beſondere Unannehmlichkeiten für irgend Jemand zur Folge gehabt. Er hatte ſich zuſammengenommen. Man war daher auch der heutigen, dritten Ver⸗ ſammlung mit einer Art von Ruhe und Sicherheit entgegengegangen, geſpannt auf die Unterhaltung, welche der Geſellſchaft geboten werden möchte, und man war, wenn auch überraſcht, doch nicht geradezu erſchrocken, als man den Prinzen zugleich mit dem Fürſtenpaare und den übrigen Familiengliedern zugleich erſcheinen ſah. Denn der Prinz pflegte ſonſt gewöhnlich von ſeiner bevorrechteten Stellung und zugleich von der geſtatteten Zwangloſigkeit dieſer Abende Gebrauch zu machen und ſich gemeiniglich erſt kurz vor dem Schluß derſelben einzuſtellen, wenn er„ſeine Studien“ für den laufenden Tag zum Abſchluß gebracht hatte. 188 Der Prinz hatte denn ſo gute Erwartungen auch nicht getäuſcht, vielmehr ſich dem ganzen Kreiſe ſo gut wie den Einzelnen, die er ſeiner Aufmerkſamkeit wür⸗ digte, von ſeiner erträglichſten— bei dieſem Charakter durfte man ſchon ſagen: liebenswürdigſten Seite ge⸗ zeigt, und ein paar ſpöttiſche Einfälle und Bemerkungen abgerechnet, die zwar immerhin die von ihnen Betrof⸗ fenen nicht allzu ſanft berührten, bei Unbetheiligten dagegen ein gewiſſes billigendes Lächeln hervorriefen und vor allen Dingen niemals ausblieben, wo man mit Seiner Hoheit zuſammentraf, hatte Niemand ſich über irgend etwas Empfindliches zu beklagen. Im Gegentheil zeigte der Prinz ſich zuvorkommen⸗ der und beweglicher, als es ſonſt auch zu den beſten Stunden in ſeiner Art lag. Nach Beendigung des Quartetts, welches von Mitgliedern der Kapelle auf das brillanteſte ausgeführt worden, hatte er ſogar für die Muſiker ein anerkennendes Wort und ließ ſich mit dem einen derſelben überdies in ein längeres Geſpräch ein. Darauf bewegte er ſich von einer Gruppe zur andern, hier ein gnädig ſcherzendes, dort ein, wie er⸗ wähnt, nicht ganz unverfängliches, ſpöttiſches Wort hin⸗ werfend, und blieb zuletzt in der Nähe des zu einem kleinen Theater eingerichteten Saales ſtehen, wo hinter dem noch 189 geſchloſſenen Vorhang eben irgend eine Vorſtellung vor⸗ bereitet wurde. „Ei, mein Gott, Sie hier, Fräulein von Othma⸗ ringen, und nicht hinter den Couliſſen?“ rief er ganz verwundert aus, als er die Genannte, diesmal jedoch die Tochter und nicht die Schweſter des Miniſters, in einem Kreiſe von andern Herren und Damen erblickte. „Das iſt ja wahrhaftig beſtürzend! Was ſagt mir denn meine Tante von einem ganz entzückenden Bilde und ſeiner ſicherlich zauberhaften Wirkung, wenn unſere bezauberndſte Schönheit darin fehlt? Sagen Sie mir, wie kommt das? Haben Dero geſtrenge Frau Mutter Excellenz ein ſo weltliches Vergnügen für allzu gefähr⸗ lich befunden für ihr Töchterchen, oder iſt die ſprödeſte unſerer Schönheiten— o, mein Fräulein, ich habe furcht⸗ bare Dinge von Ihrer Grauſamkeit und Unerbittlich⸗ keit vernommen!“ unterbrach der Prinz ſich mit ſchalk⸗ haftem Lächeln und fuhr dann fort:„Oder haben Sie ſelber den Wunſch meiner hohen Tante für unerfüllbar erklärt?“ Hildegard ſtand, da ihre bisherige Umgebung ſich reſpektvoll zurückzog, allein vor dem launigen Inqui⸗ renten, ein wenig roth und in einer Bewegung, die trotz Allem, was ſie bisher vernommen hatte, nicht ganz ohne ein gewiſſes Bangen war. Wir müſſen wieder⸗ holen, daß eine Begegnung mit dem Prinzen ſo ziem⸗ lich für Jedermann eine bedenkliche blieb und daß ſelbſt ſeiner ſogenannten Freundlichkeit niemals recht zu trauen war. Dazu kam noch, daß die Familie von Othma⸗ ringen ſich bisher nicht gerade ſeiner Gunſt zu rühmen gehabt hatte, vielmehr häufig und nicht ſelten offen genug von ſeinem Spott verfolgt wurde, eine Laune, die ſich, wie der Prinz nun einmal war, auch den Be⸗ theiligten ſelber zuweilen auf das unumwundenſte offen⸗ barte. Hildegard war bisher, wie wir von ihr hörten, kaum beſſer daran geweſen als die Uebrigen, und wenn ſie auch ſelbſtgefällig genug war, um, was der Bruder angedeutet hatte, für nicht ganz unmöglich zu halten, ſo war ihr doch immer noch ein gewiſſes Mißtrauen geblieben, das jetzt, nach dieſem Anfang der Unter⸗ haltung, eher wuchs, als verſchwand. Die Dame nahn ſich indeſſen nach Kräften zuſam⸗ men und verſetzte mit einer tiefen Verneigung:„Hoheit ſind ſehr gnädig, aber ich habe leider nicht den Vorzug gehabt, von Ihrer Hoheit heute Abend zur Theilnahme an der Vorſtellung befohlen zu werden.“ „Iſt's möglich?“ rief der Prinz mit dem Ausdruck eines faſt naiven und daher nur um ſo bedenklichern Erſtaunens aus.„Sie ſind ja doch nicht in Ungnade, ſchöne Dame? Oder regt ſich auch gegen Sie die Cabale und Intrigue“, redete er, näher tretend, leiſer und ver⸗ traulicher weiter,„welche neuerdings ſich bei uns zu zeigen beginnt und uns ſtatt der alten erprobten Freunde mit allerhand neuen Größen und Windbeuteln um⸗ gibt? Ah, mein Fräulein, ſehen Sie nicht ſo erſtaunt aus! Mir können Sie ſchon vertrauen, wir ſind ja Leidensgefährten; Sie können's nicht überſehen, daß meine Wünſche wahrhaftig nicht die geltenden ſind! Apropos, aber die heutige Aufführung—“ er neigte ſich noch näher und ſeine leiſe Stimme gewann einen höchſt eigenthümlichen, zarten Klang—„wiſſen Sie, daß ich im Grunde entzückt bin, Sie ausgeſchloſſen zu ſehen? Ich fühlte mich ordentlich unglücklich, daß Sie für irgend einen Andern den zärtlichen Blick haben ſollten und die hingebende Bewegung—“ „Hoheit!“ ſtammelte Fräulein von Othmaringen, da dieſe doch ſelbſt für ihr Selbſtbewußtſein und ihre Vorausſetzung etwas erſchreckenden Worte keine Fort⸗ ſetzung erhielten, bis in den Nacken erglühend und in einer die ganze Geſtalt durchbebenden Bewegung. „Verrathen Sie mich um des Himmels willen nicht, mein Fräulein! Meine Tante verziehe mir niemals, wenn ſie erführe, daß ich von ihrer vorbereiteten Ueber⸗ raſchung Jemand auch nur einen Wink gegeben hätte! Aber, wie ich ſage, neben meinem Glück, Sie nicht 192 in jener Situation zu ſehen, begreife ich doch immer weniger, wer Sie erſetzen ſoll! Je mehr ich Sie anſehe— dieſes wunderſüße Erröthen, dieſer geſenkte Blick— un⸗ nachahmlich, bezaubernd, hinreißend! Ah, dürfte ich mir einmal ſelber eine Rolle wählen und Sie als Partnerin— Endymion und Luna, par exemple! Ah, was muß man mich meines Ranges wegen von ſolchem Glücke aus⸗ ſchließen! Und wäre es nur deswegen! Aber man fragt ja bei uns ſo unendlich wenig nach dergleichen und macht ſo wenig Umſtände. Sehen Sie, bezaubernde Luna, da ſpukt ſicherlich auch wieder jene Cabale! Man gönnt—“ Die junge Dame war in einem Aufruhr der Ge⸗ fühle und zugleich in einer Verlegenheit, welche für ein ſo wohlgeſchultes Kind der Geſellſchaft eigentlich faſt erſchreckend zu nennen waren. Daß die Worte ihr zum Herzen drangen, verſtand ſich von ſelbſt; von einem Prinzen und obendrein vom Prinzen Hermann aus⸗ gehend, waren und blieben ſie ſchmeichelhaft genug und gingen über Alles hinaus, was ſie irgend hatte hoffen können. Ein Theil des Inhalts beſtürzte ſie aber den⸗ noch, obgleich ſie in dieſem Punkte zu großer Nachſicht geneigt war, und endlich war ſie weder geſchmeichelt, noch beſtürzt genug, um einige intereſſante Wendungen zu überhören, welche durch eine Fortſetzung des Ge⸗ 193 ſprächs vorausſichtlich zu noch intereſſantern Bemer⸗ kungen führen mußten. Sie fühlte ſich unter dieſen Umſtänden daher auch nur halb zufrieden, als eine eintretende Störung jedes weitere Wort des Prinzen abſchnitt und ſie ſelber der Nothwendigkeit überhob, durch irgend einen Laut oder eine Bewegung darauf zu erwidern. Denn bei dem „Man gönnt“ brach Prinz Hermann jählings ab, erhob die Lorgnette ans Auge und ſagte in einem nichts weniger als zarten Ton und obendrein ziemlich laut: „Nun, was iſt denn das da für eine Perſonnage, die von Sereniſſimus ſpazieren geführt wird? Mir iſt, als wäre mir dieſer breite Rücken nicht gänzlich un⸗ bekannt.“ Hildegard ließ ſich die Gelegenheit nicht nehmen, gleichfalls ihre Lorgnette zu benutzen; die Bewegung, mit der ſie dieſelbe vors Auge nahm, hatte man ihr mehrmals als eine beſonders graziöſe gerühmt.„Hoheit, es iſt, glaube ich, der Major Bilingsfelden“, ver⸗ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe, noch ein wenig gepreßt.. „Major Bilingsfelden?“ wiederholte der Prinz in jenem ſcharf ſpottenden Ton, der ſo ſehr gefürchtet wurde.„Ja, ja, ich vernahm davon eine ganz roman⸗ tiſche oder ſentimentale Geſchichte— Sereniſſimus hört Hoefer, In der Welt verloren. I. 13 194 uns ja nicht! Alſo Major Bilingsfelden, hm! Stets ein hochmüthiger und eingebildeter Geſell, im Uebrigen aber doch ein Cavalier comme il faut und tadelloſer Soldat. Aber ſeit er Adjutant wurde— hm, unausſteh⸗ lich! Ich weiß nicht, ob ich ihn eher frech oder taktlos heißen ſoll— Sie verſtehen mich leider, mein Fräulein, aber ich verſtehe weder Seine noch Ihre Hoheit und am allerwenigſten— bah!— Und nun dieſe Renommage mit dem Neſt, dem— wie heißt's?— Neideck, für das er ſeine Pflicht und ſeinen Dienſt vernachläſſigt— kindiſch! Will er ſich dort ein Paradies für Flitterwochen ſchaffen oder ſeinen Kohl pflanzen, wenn er hier zufällig einmal ver⸗ kannt würde, wie jener alte römiſche Heide auf einen neuen Ruf des Vaterlandes harrend?— Bah, ſich intereſ⸗ ſant machen, nichts weiter!“ Nicht dieſe Worte allein, ſondern auch und zwar noch mehr der Ton, in dem ſie geſprochen wurden, und vor allem der Ausdruck im Geſicht des Prinzen, den man nur als einen geradezu verderblichen bezeich⸗ nen konnte, beſchwichtigten in Hildegard auch die letzte Spur von Aufregung und riefen ſie völlig in die Gegen⸗ wart zurück. „Hoheit thun, fürchte ich, Herrn von Bilingsfelden Unrecht“, verſetzte ſie mit ſanftem Aufſchlag der Augen. „Der Major nimmt die Sache ſehr ernſthaft, ſcheint s. 195 Er ſtudirt, wie mein Bruder heute vernahm, zu Oth⸗ maringen, bei unſern Verwandten, Forſteultur und dergleichen.“ Der Prinz ſchien überraſcht.„Ei, was Sie ſagen! Zu Othmaringen— richtig! Der alte Herr dort ſoll die ſchönſten Forſten unſeres Landes beſitzen— ich hörte da⸗ von. Hm! Und der nimmt unſern charmanten Major bei ſich auf? Es ſoll ſonſt ein kurioſer alter Burſche ſein, Einſiedler, Menſchenfeind? Ihr Verwandter und Ihrer Familie verfeindet? Das iſt ja ein richtiges Stück Romantik! Davon müſſen Sie mir mehr er⸗ zählen.“ „Hoheit, was kann ich ſagen?“ verſetzte Hildegard ein wenig ſchmachtend.„Wir wiſſen leider wenig von jenem unglücklichen Mann, der uns— Niemand ahnt, weshalb— ſo feindlich geſinnt iſt, als daß er an der tiefſten Melancholie und allerhand finſtern Vorſtellun⸗ gen leidet, die Welt flieht und auch die Seinen zu einem gleich traurigen Leben—“ „Die Seinen? Ich dachte, er ſei ganz einſam.“ „Nicht ganz, Hoheit. Er hat eine Tochter—“ In dieſem Augenblick machte ſich von den rück⸗ wärts liegenden Gemächern her eine Bewegung zwi⸗ ſchen den bisher zwanglos vertheilten Gruppen der Geſellſchaft bemerklich. Sie wichen gegen die Wänd 13*. 196 zurück, und indem wurde in der Ferne auch bereits die Fürſtin ſichtbar, welche, nachdem der Fürſt ſich wieder zu ihr gefunden hatte, ſich dem Theater nähern zu wollen ſchien, für den Moment aber bei irgend Jemand Halt gemacht hatte. Hildegard brach erſchrocken ab und trat gleichfalls zurück. Allein der Prinz folgte ihr.„Nicht ſo erſchrocken, ſchüchterne Taube!“ lachte er.„Wir haben ſchon noch eine Minute Zeit. Ich kann Ihnen das Ende Ihres intereſſanten Satzes nicht ſchenken. Alſo eine Tochter des Melancholikus— eine Waldblüte—“ Hildegard ſchaute ängſtlich zurück— das Fürſtenpaar näherte ſich jetzt wirklich, die Geſellſchaft ſchloß ſich ihm an. Aber im Auge des Prinzen zeigte ſich eine ſolche Ungeduld, daß ſie nicht zu zögern wagte.„Ich kenne Charlotte nicht“, ſprach ſie haſtig.„Sie iſt mir aber als ſehr ſchön gerühmt worden.“ „Ah, ſchön, jung, in ſolcher Waldeinſamkeit! So entdeckungswerth— ein wahres Märchen! Ich danke Ihnen, mein Fräulein, das iſt eine reizende Neuigkeit! Und nun— à revoir, die Hoheiten bemerken uns. Ich muß Sie noch ſprechen. Denken Sie auch bei dem Bilde an mich!“ Sie traten aus einander und der Prinz nahte ſich dem fürſtlichen Paare, vom Fürſten mit dem leichten — C— 197 Drohen des erhobenen Fingers begrüßt, während der Blick des Herrn zugleich zu der von neuem erröthenden Hildegard hinüberſtreifte. Allein es war jetzt wenig Zeit, auf dergleichen zu achten oder an den letzten Theil der Unterhaltung viel zu denken, denn man nahm raſch ſeine Plätze ein, und nach einer kurzen Introduction zeigte ſich den Augen der aufmerkſamen Geſellſchaft eine Reihe von lebenden Bildern, welche auch heute wieder mit dem vollendetſten Geſchmack arrangirt waren und ausgeführt wurden. Es begreift ſich, zumal nach den letzten Worten des Prinzen, daß Hildegard nicht die Unaufmerkſamſte war, allein anſtatt ſich geſchmeichelt oder gar befriedigt zu fühlen, regte ſich in ihr eine ſteigende Empfindlichkeit. Denn ſchon daß die Darſtellenden nicht der Geſellſchaft angehörten, ſondern Mitglieder des Ballets waren, hatte nach dem, was der Prinz ihr geſagt, ſein Bedenkliches. Hatte er es nicht gewußt oder war es eine ſeiner böſen Neckereien? Und dieſer Gedanke gewann von Minute zu Minute ſo zu ſagen an Conſiſtenz, als nicht ein einziges der dargeſtellten Bilder den Andeutungen des Herrn und Hildegard's Erwartungen entſprechen zu wollen ſchien. Es waren Genreſtücke, im Geſchmack oder nach wirklichen Bildern der Niederländer— die Fürſtin liebte dieſe Weiſe. Und nun— die Sache wurde immer 198 empfindlicher— kam, da der Schluß nahe ſein mußte, eine Schenke, trinkende Bauern und Soldaten, ein dicker Wirth, eine corpulente Wirthin, eine kokette, üppige Kellnerin, ein prachtvolles Bild, aber Hildegard wurde dunkelroth; war es denn möglich, daß der Prinz— Und da ihr Auge ſcheu zu den Fürſtlichkeiten hinüberſtreifte, ſah ſie den Blick vom Prinzen auf⸗ gefangen; ſein lachendes Auge winkte ihr zu, er beugte ſich, mit einem neuen Blick auf ſie, zur Fürſtin nieder. Hildegard ſchwindelte. Sie fühlte ſich kaum ihrer Sinne mächtig; ein ſolcher Affront war ſelbſt vom Prinzen Hermann noch nie einer Dame geboten worden. Sie zog die Mantille um die Schultern mit einer Be⸗ wegung, die Alles, nur nicht hofmäßig war, und war nahe daran, ſich zu erheben, mochte daraus entſtehen, was da wollte. Da fiel der Vorhang und— es war noch nicht das letzte Bild geweſen. Die Muſik begann von neuem; es vergin⸗ gen tödtlich lange zehn Minuten, und dann hob ſich die Gardine nochmals und— es war wirklich das Bild En⸗ dymion und Luna, hinreißend ſchön und dennoch für das Mädchen bis ins Herz erſchreckend. Konnte, durfte ſie ſich dadurch geſchmeichelt fühlen? War es nicht im Grunde ein noch empfindlicherer furchtbarer Scherz des Herrn? ——— 199 Die Vorſtellungen waren zu Ende, man ſtand auf, man trat auseinander, Hildegard in einer Art von Betäubung und nur mechaniſch den Bewegungen der Uebrigen folgend. Und da, mit einem Male war der Prinz wieder neben ihr; er bot ihr ſogar ſeinen Arm oder nahm vielmehr den ihren und führte ſie langſam gegen die vordern Räume. „Ich habe es wohl bemerkt, Sie haben mich einen Augenblick in einem ſchlimmen Verdacht gehabt“, ſagte er in ungewöhnlich artigem, faſt herzlichem Tone.„Aber ich hoffe glänzend gerechtfertigt zu ſein; war es nicht entzückend? Wäre es nicht noch viel entzückender, wenn — ſchöne Taube, ſehen Sie nicht ſo außerordentlich er⸗ ſchrocken aus! Iſt es meine Schuld, daß Sie mich be⸗ zaubert haben?“ „Aber, Hoheit—“ ſtammelte das Mädchen. „Nochmals, ſchöne Taube, ſeien Sie nicht ſo er⸗ ſchrocken! Man wird ja aufmerkſam! Ich muß Sie ſprechen— über jene Waldſchönheit; das iſt doch keine Sünde?“ Und noch leiſer weiter redend, führte er ſie bis in die Nähe ihrer Mutter und nahm dort mit Artigkeit Abſchied. Die Geſellſchaft breitete ſich aus. Man nahm Er⸗ friſchungen. Bei der herrſchenden Ungezwungenheit und bei der, ſagen wir: Zugänglichkeit und heitern Beweg⸗ 200 lichkeit des Fürſtenpaars und der ganzen fürſtlichen Familie drängte ſich Niemand gefliſſentlich in ihre Nähe, da man ſicher war, auch ohnedies den Theil von Beach⸗ tung zu finden, den die Herrſchaften überhaupt dem Einzelnen zu widmen vermochten. Von einem abſicht⸗ lichen Ueberſehen war in dieſem Kreiſe keine Rede. Die Gäſte erfreuten ſich, wie geſagt, alle mehr oder minder der vollen Gunſt. Es war daher auch in dem Gemach, wo die Fürſtin augenblicklich verweilte, verhältnißmäßig leer. Die hohe Frau ſprach auf das freundlichſte mit Herrn von Bilings⸗ felden, der, wie alle Welt wußte, bei ihr in nicht min⸗ derer Gnade ſtand als bei ihrem Gemahl und den ſie in den paar ſeit ſeiner Rückkehr verfloſſenen Tagen bisher kaum länger als auf einige Minuten in ihrer Nähe geſehen hatte. Einige andere von den Vertrauteſten ſtanden hier und da umher; der Fürſt ſelber redete, wenige Schritte entfernt, mit einer Dame, deren prächtige Figur ſelbſt in dieſem Kreiſe von Anmuth und Hoheit aufzufallen geeignet war. Prinz Hermann kam lachend aus einem Nebenzimmer herein und trat zur Fürſtin.„Sie haben Recht gehabt, gnädige Tante“, ſagte er,„da hab' ich etwas Schönes angerichtet! Fräulein Hildegard iſt ganz vernichtet in dem Gedanken, daß ich ihr die Rolle der niederländi⸗ ————— —— 201 ſchen Hebe zugedacht haben könnte, und brütet Rache. Und Mama Excellenz ſchauen noch ſeriöſer drein.“ „Wenn ich nur begriffe, was Sie von ſolchen herben Neckereien haben, Hermann!“ unterbrach die Fürſtin ihn mißbilligend.„Ich ſagte Ihnen ſchon vorhin, das iſt kein Scherz mehr, ſondern muß das Mädchen verletzen.“ „Ich beuge mich auch demüthig ihrer Rache, aber ich konnte um die Welt nicht anders, der Reiz war zu groß!“ verſetzte der Prinz luſtig, und als ob er erſt jetzt Bilingsfelden, der einen Schritt zurückgetreten war, bemerkte, wandte er ſein Auge auf dieſen und fuhr in leichtem Tone fort:„Ah, unſer neuer Major! Gratulire, gratulire! Nun, wie ſteht's in Othmaringen? Iſt die Jagd wirklich ſo ausgezeichnet und die kleine Erbin ſo hübſch? Möchte Sie um ein Stücklein von Ihrem Arcanum bit⸗ ten, Major! Für alle Welt ſind Schloß und Menſchen dort verzaubert, Sie aber ſprengen den Zauber wie ein echter Märchenprinz und erlöſen das Königreich und die Braut!“ Der Major verbeugte ſich leicht, über ſein ſtolzes Geſicht glitt ein ruhiges Lächeln.„Eure Hoheit über⸗ raſchen mich auf das gnädigſte durch ein Intereſſe für mein Treiben, wie ich es bei Hochdenſelben gar nicht erhoffen konnte“, erwiderte er.„Nur muß ich mir er⸗ lauben, Eurer Hoheit Berichterſtatter einer gewiſſen Ueber⸗ 202 treibung zu beſchuldigen. Seit ich zuweilen in jener Gegend weile, habe ich Othmaringen niemals verſchloſſen gefunden, ſondern bin vielmehr von ſeinem liebenswür⸗ digen alten Herrn ſelber eingeführt worden. Am wenig⸗ ſten aber fand ich dort irgend einen laſtenden Zauber, es müßte denn derjenige ſein, der von der reizenden Gegend und den trefflichen Menſchen ausgeht.“ „Und von ſchönen Augen— ſehen Sie, ſehen Sie!“ rief der Prinz lachend.„Bei Gott, Major, die Freund⸗ ſchaft des alten finſtern Schwarzkünſtlers— das iſt er doch dem Rufe nach?— die ſchönſte Beſitzung und die reichſte Erbin im Lande— wie ich ſage, ich bitte mir etwas von dem Arcanum aus, mit dem Sie das Glück an ſich feſſeln und den Zauber, denn dabei bleib' ich, brechen.“ Es ſah ganz danach aus, als ob Herr von Bilings⸗ felden nur mit Mühe ein wirkliches Achſelzucken zurück⸗ halte. Dafür ſprach auch ſeine eiskalte Miene und die auffällige Trockenheit, mit der er antwortete:„Zu meinem Bedauern widerſpricht die Wirklichkeit Eurer Hoheit Scherz ganz und gar. Ich ſelber würde mir das nie geſtatten.“ Die Fürſtin hatte während dieſes verhältnißmäßig raſch verlaufenden Geſprächs beide Herren nicht aus den Augen verloren; es konnte ihr nicht entgehen, daß trotz des muntern Tons ihres Neffen und trotz der reſpekt⸗ vollen Haltung des Majors ſich in beiden eine ziemlich andere Empfindung regen mochte, eine Art von Gereizt⸗ heit hier und eine kalte und zugleich entſchiedene Zu⸗ 3 rückweiſung derſelben do. Bei der zweiten Bemerkung des Prinzen zeigten ihre Züge eine unverhehlte Ver⸗ ſtimmung, und als Bilingsfelden geantwortet hatte, ſagte ſie kalt:„Ich muß dem Major zuſtimmen. Sie zeigen ja ein ganz ungemeines Intereſſe an dieſen Dingen. Aber Sie haben heute Abend Unglück mit Ihren Scherzen und der Familie Othmaringen, wie es ſcheint.“ Der Fürſt trat mit ſeiner ſchönen Begleiterin heran. „Macht mein Herr Neffe wieder einmal ſeine Künſte und neckt ſeine Tante und den Major?“ fragte er launig. „Drauf, Bilingsfelden! Ein Soldat wie Sie weicht vor keinem Angriff zurück!“ „Gnade, Gnade!“ rief der Prinz munter aus,„ich bin ſchon geſchlagen genug! In der That, gnädige Tante, ich habe heute Unglück! So wird man in ſeinen edelſten Abſichten verkannt! Ich will nur dieſen geheim⸗ nißvollen Herrn Major ein wenig necken um ſeiner heimlichen Ausflüge nach Othmaringen willen, während man ihn auf das ſolideſte in Neideck beſchäftigt glaubt—“ „In der That, mein Lieber, Du haſt Unglück“, un⸗ terbrach ihn der Fürſt in einem ganz ungewöhnlich 204 ſpöttiſchen Ton,„und Sie, lieber Major, verdienen eine empfindliche Strafe, daß Sie Seiner Hoheit nicht ſchon von Othmaringen erzählt haben. Ich werde darüber ernſtlich nachdenken.“ Als die Geſellſchaft an dieſem Abend die Gemächer der Fürſtin verließ, traf der Prinz noch einmal mit Herrn von Bilingsfelden zuſammen.„Mein Herr Major“, ſagte er ſtehen bleibend und den Herrn blitzenden Blickes meſſend,„ich gratulire Ihnen zu der hohen Gunſt, in der Sie ſtehen, aber ich bitte Sie als redlicher Freund, bauen Sie nicht zu feſt darauf. Fürſtengunſt iſt ver⸗ gänglich wie Roſenblätter, heißt es, wie ich glaube.“ Der Major verbeugte ſich leicht.„Hoheit, verſetzte er und ſein ſtolzes Auge begegnete feſt dem des Prinzen, „Ihre Theilnahme und gnädige Gefinnung beglücken mich ſtets aufs neue, ſo oft Sie die Gnade haben, mir dieſelben zu äußern. Aber ich beſtrebe mich auch nach Kräften, derſelben würdig zu bleiben; nach Kräften, Hoheit. Was kann der Menſch mehr?“ — —— Neuntes Kapitel. Im Flügel der Prinzeſſin. „Laß es gehen, ich mag, ich will davon nichts hören“ ſagte die Dame, unruhig das Zimmer durchmeſſend, in erregtem Tone.„Es gibt ohnehin ſchon Unglück und Nichtswürdigkeit genug in der Welt, und es finden ſich auch Menſchen genug, die zu Nutz und Frommen ihrer leidenden Mitmenſchen ſich dafür intereſſiren. Ich will von dem Einen nichts mehr erfahren und gehöre nicht zu den Andern.“ „Und dennoch dürfen Hoheit es nicht zurückweiſen. Es iſt nicht um des Skandals willen und nicht der Neugier wegen, ſondern weil es, ich ſagte das ſchon, auch Hoheit perſönlich trifft, mehr, als Sie in Ihrer engliſchen Güte und Reinheit ahnen, ja mehr, als es wohl die Zuträger vermuthen dürften, obgleich dieſe ſicher nicht aus Theilnahme zu mir kamen.“ Die Dame war am Fenſter ſtehen geblieben und ſchaute, die ein wenig blaſſe Wange auf die Hand gelegt, beinahe finſtern Blicks in das melancholiſche Abendbild hinaus, das ſich ihrem Auge darbot. Denn obgleich es noch kaum die Tageszeit war, dämmerte es doch draußen bereits, während es im Zimmer ſchon dunkel wurde; über den kleinen Hof hinaus und durch den Park hin, der ſich links öffnete, lag ein feuchter, grauer Nebel, faſt jede weitere Ausſicht verhindernd, und vereinigte ſich auſwärts mit dem todten Grau, welches tief herabſchattete. Und nirgends regte ſich etwas wie Leben, es müßte denn der Poſten geweſen ſein, der drüben am nächſten Schloßflügel unhörbar und kaum ſichtbar im Nebel auf und ab ging, oder es wären denn die ſchwarzen Vögel geweſen, die mit heiſerem Gekrächz auf den hohen Dächern des Schloſſes oder drüben in den laubloſen Wipfeln des Parks ihr Nachtquartier ſuchten. Kurz, es war etwas Troſtloſes in dieſem ganzen Anblick, und weſſen Stimmung ohne⸗ hin eine ſchwere und trübe war, der mußte den Eindruck in noch verſtärktem Maße empfinden. Das zeigte ſich auch an der Dame, die nach einer kleinen Pauſe auf die letzten Worte der Andern nicht mehr in erregtem, 207 ſondern in bitterem Tone antwortete:„Theilnahme, Treue, findeſt Du ſie noch? Du glaubſt ſelber nicht daran.“ „Da haben Hoheit nicht Unrecht; es geht bergab mit der Menſchheit“, ſagte die andere Sprecherin, von der man in der tiefen Dämmerung des Hintergrundes nur undeutliche Umriſſe bemerken konnte.„Von mir iſt dabei keine Rede⸗ Ich habe ſchon Eurer Hoheit Mutter auf den Armen getragen und Sie ſelbſt in Ihrer erſten Lebensſtunde— das iſt eine Sache für ſich. Und auch von den Hoheiten, dem Herrn Onkel und der Frau Tante, gilt's nicht; die ſind gleichfalls noch, mit Reſpekt geſagt, vom alten Schlage. Sonſt aber— Die Prinzeſſin— das war ſie doch wohl— ließ die Hand von der Wange ſinken.„Was willſt Du eigent⸗ lich, Anna?“ fragte ſie hörbar ungeduldig.„Sollſt und willſt Du ſprechen, ſo thu' es endlich, und halte Dich nicht bei den Vorreden auf. Sie machen mich müde.“ „So iſt's ganz recht, aber Hoheit wollten ja nicht!“ verſetzte die Andere mit Befriedigung.„Alſo, es iſt neuerdings viel die Rede davon in der Stadt, daß der Herr von Bilingsfelden, wenn er auf Urlaub iſt, nicht auf ſeine Güter geht, ſondern nach Othmaringen.“ Die Prinzeſſin wandte ſich wieder dem Fenſter zu. 208 „Das iſt kein Geheimniß, wenigſtens nicht für die Freunde des Majors“, ſagte ſie leichthin.„Er inter⸗ eſſirt ſich für die Forſteultur oder dergleichen, was dort muſterhaft im Stande ſein ſoll.“ „Andere ſagen anders, Hoheit. Es ſoll dort auch eine Tochter ſein, ein einzig Kind, jung, ſchön, ſehr gut und brav. Um die bemühe ſich der Herr Major.“ Nach einer langen Pauſe erſt ſprach die Dame, ohne ihre Stellung zu ändern, in einem ruhig ernſten Tone:„Willſt Du mir weh thun, Anna, oder mich miß⸗ trauiſch machen, oder willſt Du mich nur ausforſchen? Ich dächte, Du hätteſt das am wenigſten nöthig. Ge⸗ redet habe ich freilich zu Dir nicht, wie Du aber zu mir ſtehſt, kann Dir mein Fühlen nicht verborgen ge⸗ blieben ſein.“ „Eben darum, Hoheit“, verſetzte die Andere nicht minder ruhig und ernſt.„Ich kann's nicht dulden, daß Ihre Güte und Liebe mißbraucht und betrogen wird, gleichviel von wem. Iſt's nicht wahr, was man ſagt—“. „Nein, Anna, es iſt nicht wahr. Es iſt nichts als der elendeſte Neid, daß der Major in ſo hoher und gerechter Gunſt bei dem Fürſten und meiner Tante ſteht, und die Mißgunſt, wo nicht noch etwas Schlim⸗ meres, weil er mir als der edelſte und liebenswertheſte 209 der Männer erſcheint, weil ich— genug, deshalb intri⸗ guirt man gegen ihn in der einen wie in der andern Richtung, legt ſeine Schweigſamkeit als Verheim⸗ lichung aus, ſchiebt ihm Abſichten zu, von denen er nichts weiß, um mit ihrer Offenbarung Eindruck auf ſeine bisherigen Gönner zu machen, und hat“— ihr Ton wurde bitterer—„auch wirklich Erfolg gehabt bei meinem Bruder, der die Sache denn auch, in ſeiner Weiſe, in die Hand nahm. Nur ſchade“, fügte ſie mit einem faſt verächtlichen, herben Spott hinzu,„daß Hermann ſo außerordentlich wenig Geſchick zu der⸗ gleichen Dingen hat; ſein Kopf iſt noch plumper als ſeine Hand, wenn er in die Fäden einer Intrigue hin⸗ eingreift.“ Sie wandte ſich vom Fenſter ab und ging langſam durch das Zimmer und zurück, ſelbſt jetzt in der Däm⸗ merung noch eine prachtvolle Geſtalt, mit ſtolzer, könig⸗ licher Bewegung. „Davon hab' ich gehört“, ſprach die Andere mit einem gewiſſen nachdenklichen oder ſorglichen Anklang. „Der Herr Prinz hat ja neulich Abend in der Soirée der Frau Fürſtin ſcharfe Worte mit dem Herrn Major gewechſelt—“ „Scharfe Worte, Anna?“ Die Prinzeſſin hielt, wie überraſcht, plötzlich an.„Ich hörte nur ſeine gewöhn⸗ Hoefer, In der Welt verloren. 1. 14 210 liche taktloſe, nach ſeinem Glauben ſpöttiſche Weiſe, und der Onkel und die Tante wieſen ihn beide zurecht.“ „So war's vielleicht ſpäter, Hoheit, man ſagte von ſcharfen Worten. Vielleicht iſt's aber auch nicht wahr, ja vielleicht irren auch Hoheit von wegen jener In⸗ trigue, wie Sie'’s heißen. Ich verſteh's wenigſtens nicht. Was ich ſonſt hörte, ſpricht dagegen, mein' ich. Da haben nämlich am gleichen Tage, an dem der Soirée, morgens die Herren Offiziere beim Italiener zuſammengeſeſſen, und da iſt davon die Rede geweſen, daß der Herr Major in Othmaringen ſich aufgehalten. Hier unſer Herr von Othmaringen, der Lieutenant, hat ſich des Majors angenommen und einen Andern, einen Civiliſten, ich habe den Namen vergeſſen, ſo barſch zur Ruhe gewieſen, daß daraus ein Duell entſtand; ſie liegen beide darnieder, heißt's, der Lieutenant leicht, der Andere ſchwer.“ „Was ſollen dieſe Thorheiten? Was gehen ſie mich an?“ fragte die Prinzeſſin hörbar ungeduldig. „Warten Hoheit nur einen Augenblick, das Rechte kommt ſchon, und dies gehörte dazu. Man hat ſonſt nie bemerkt, daß der Herr Prinz nach der Familie Seiner Excellenz gefragt hat; im Gegentheil, den Lieu⸗ tenant hat er gar nicht angeſehen und das Fräulein höchſtens nur einmal geneckt. Nun aber, ſeit der Offizier 211 ſich des Herrn Majors angenommen, iſt es anders. Er ſoll mit Beförderung ſein Adjutant werden, und das Fräulein beehrt Seine Hoheit mit ganz beſonderer Aufmerkſamkeit.“ „Wenn das ſicher wäre, iſt es in der That ſelt⸗ ſam“, ſagte die Prinzeſſin nachdenklich.„Mir iſt wirk⸗ lich, als hätte ich meinen Bruder mit dem Mädchen, auch wieder an jenem Abend, in lebhafter Unterhal⸗ tung geſehen, und ſeither—“ Da ſie ihren Satz nicht vollendete, ſprach die An⸗ dere, die Stimme dämpfend:„Seither, Hoheit, geht es weiter. Der Prinz ſpricht die Dame öfters und ganz im Stillen.“ „Was heißt das? Wo ſpricht mein Bruder das Mädchen? Weshalb? Wie kommſt Du darauf?“ fragte die Prinzeſſin raſch und, wie man vernehmen konnte, unmuthig. „Weshalb? Darüber erlaube ich mir kein Urtheil, Hoheit“, lautete die ruhige, wieder gedämpfte Antwort. „Wie ich darauf komme? Weil's dazu gehört und vielleicht der Hauptpunkt iſt. Wo? Na, das iſt's eben, was mich am meiſten zum Reden brachte. Hier!“ „Was? hier? Anna, mache mich nicht böſe!“ ſagte die Prinzeſſin beinahe heftig. „Dafür kann ich nichts, Hoheit. Wahr muß wahr 14* 4 212 bleiben, und wahr iſt's, daß der Herr Prinz das Fräulein ſchon ein paar Mal geſprochen hat, hier, in unſerer Wohnung, in dem Zimmer Fräulein von Berin⸗ gen's.“ „Eleonorens? Anna, das iſt nicht wahr!“ rief die Dame zürnend. „Das iſt wahr, Hoheit. Das hat man mir freilich auch zugetragen, aber ich weiß es nebenher auch von mir ſelber. Fräulein von Othmaringen kam am Tage nach jener Soirée nachmittags, um Fräulein von Be⸗ ringen zu beſuchen.“ „Es iſt wahr, ſie ſind vertrauter, als mir lieb iſt“, ſprach die Prinzeſſin nachdenklich.„Ich liebe Hildegard Othmaringen nicht. Aber Eleonore war damals gar nicht daheim, mit mir ausgefahren; ich weiß das gut, denn ſie beredete mich ſelber zu der Fahrt, und wir ver⸗ weilten ſo lange in den Gewächshäuſern von Schwaneck, daß wir erſt bei vollem Dunkel zurückkamen.“ „Sie beredete Eure Hoheit?“ fragte die Dienerin in gar beſonderem Ton.„Da wird's immer kurioſer, oder vielmehr, da ſtimmt's noch beſſer. Sie hat um Fräulein von Othmaringen's Beſuch gewußt und ſie bitten laſſen zu warten. Das Fräulein iſt darüber beſtürzt und ſehr verlegen geworden, hat gehen wollen, iſt aber endlich doch geblieben, im kleinen blauen Salon, 213 neben Eurer Hoheit Empfangszimmer. Da iſt der Herr Prinz eine ganze Weile bei ihr geweſen.“ „Anna, woher weißt Du das? Spionirſt Du?“ „Da noch nicht, Hoheit. Dies iſt mir erzählt wor⸗ den, von keinem unſerer Schloßleute, weiter kann ich nichts ſagen. Aber freilich wiſſen Hoheit ſo gut wie ich, daß es in einer ſo großen Dienerſchaft immer einige gibt, die Augen und Ohren allerwärts haben und das Erhorchte weiter bringen. Und als das Fräu⸗ lein endlich gegangen iſt, weil ihr das Warten zu lange währe, hat ſie den Schleier niedergelaſſen gehabt und iſt ſehr erregt geweſen, faſt zitternd, und ſehr roth. Das iſt mir erzählt worden“, fuhr die Alte fort;„ſeit⸗ dem aber hab' ich ſelber Acht gegeben; ſagen Hoheit immer⸗ hin: ſpionirt, es iſt mir nicht egal, was hier bei uns, hinter Eurer Hoheit Rücken vorgeht— und weiß von drei Malen, wo das Fräulein da war und den Herrn Prinzen ſprach, in Fräulein von Beringen's eigenen Zimmern.“ „Wo Eleonore daheim war?“ „Ja, Hoheit.“ „Und in ihrer Gegenwart?“ „Nein, Hoheit. Fräulein von Beringen war wäh⸗ renddeſſen im Salon.“ Nach einer Pauſe ſagte die Prinzeſſin mit einer 214 Bewegung, die an Erſchütterung grenzte:„Bei Deiner alten Liebe zu meiner ſeligen Mutter und mir, Anna, haſt Du jemals bemerkt, daß mein Bruder mit Eleo⸗ noren—“ Sie brach ab, wie erſtickt von ihrer Bewegung. „Hoheit, das weiß ich nicht zu ſagen“, verſetzte die Alte einfach.„Ich komme allzu wenig in des Fräuleins Nähe. Zwar iſt's mir wohl einmal ſo vorgekommen, als habe der Herr Prinz ſehr vertraut gethan und die Dame ſich gar nicht darüber gewundert, aber das war immer in Ihrer Gegenwart, Hoheit— wo ſähe ich ſie ſonſt?— und der Prinz Hermann hat ja auch von Jugend auf ſeine eigene Art gehabt. Ich will keinen Stein werfen auf das Fräulein; ich habe immer geglaubt, daß ſie Eure Hoheit von Herzen ehre und liebe. Und ſehen Hoheit“, redete ſie gleich ruhig und nun auch mit einer gewiſſen Herzlichkeit weiter, n„ſo wenig mir das auch gefällt, daß der Herr die Andere da bei uns trifft— die Verleumdung iſt ſchnell bei der Hand!— ſo mag ich doch nichts eigentlich Schlimmes darin ſehen, einmal, weil Fräulein von Beringen davon weiß, und zum zweiten, weil die Othmaringen um ihrer Aeltern und auch um ihres Namens willen doch wohl zu gut für eine— na, Hoheit verſtehen mich. Ich glaube das nicht, aber darum verſtehe ich auch dieſe plötzliche At⸗ tention für die Othmaringen nicht. Nur mein' ich, da 215 die es ja gut mit dem Herrn Major im Sinne zu haben ſcheinen, ſo kann der Herr Prinz es in Wirk⸗ lichkeit—“ „Laß uns aufhören, Anna', unterbrach ſie die hohe Frau, noch immer hörbar ſehr ergriffen, allein es klang zugleich doch auch etwas wie Entſchloſſenheit aus ihrer Stimme ſo gut wie aus ihren Worten.„Ich ſehe, fürchte ich, der Sache auf den Grund, und da habe ich freilich nicht zu ſäumen, wenn ich mir mein Lebens⸗ glück nicht ſtehlen laſſen will. Ich glaube alt genug zu ſein und auch ſonſt es mir verdient zu haben, daß ich ſelbſtſtändig über mein Glück und Geſchick ent⸗ ſcheide.“ Indem kam die zweite Sprecherin aus dem Hinter⸗ grunde des Zimmers, wo ſie geſeſſen haben mochte, hervor, und es war noch hell genug, um ſie in der That als eine bejahrte, aber anſcheinend noch rüſtige, hochgewachſene Frau erkennen zu laſſen, ſo feſt und ſo ſchlicht in ihrer äußern Erſcheinung, wie ſich den Leſern bisher auch ſchon ihr Inneres offenbarte. „Hoheit müſſen ſich nun auch nicht erſchrecken laſſen“, ſagte ſie ruhig.„Der Herr Onkel und die Frau Tante ſind, ſoviel ich von dem Ding verſtehe, ganz und gar für Sie und wollen obendrein dem Herrn Major ſehr wohl. Was gehen Hoheit da die Andern an, heißt 216 das, für dieſe Sache? Im Uebrigen freilich, da denk auch ich, daß Hoheit ein ernſtes Wort ſprechen ſollten.“ Und da legte die Prinzeſſin, während zugleich ein gütiges Lächeln durch ihr Geſicht glitt, die Hand ſanft auf die Schulter der Alten und verſetzte:„Daß Du es wohl mit mir meinſt, das weiß ich, Anna, und auch, daß ich auf Deinen Rath, Deine Erfahrung, Deine Klugheit bauen kann. Hier aber reicht das nicht aus. Mein Onkel und die Tante haben mich lieb und ſind vorurtheilsfreier und einſichtiger als Viele. Ganz aber können ſie Geburt und Stellung nicht verleugnen, noch ſich von den Anſchauungen derſelben frei machen. Wenn man das zu benutzen weiß und auch ſonſt die Gelegen⸗ heit wahrnimmt, halte ich es für leicht möglich, daß ich ſie vielleicht gerade in der Entſcheidungsſtunde nicht neben mir, ſondern mir gegenüber finde. Ich fürchte, man iſt auf dergleichen aus. Mein Bruder iſt plump, ſagte ich ſchon, und dieſe Othmaringen—“ ſie zuckte die Achſeln.„Aber es thut nichts. Ich will vorſichtig ſein, auch für ihn, der in ſeinem ſtolzen und reinen Selbſtbewußtein ſo himmelhoch über dieſen Menſchen und ihren Ränken ſteht. Und wir müſſen raſch ſein. Mir iſt— ich weiß ſelbſt nicht recht. Sage ich unheim⸗ lich? Meine Tante kam mir vorhin wunderlich verlegen vor— oder war es froſtig? Geh hinaus und ſieh Dich 217 um, ob ſchon die Lichter angezündet, und wo Eleonore iſt. Sie ſoll aber nicht erfahren, daß ich ſie ſhen i will. Ich werde zu ihr gehen.“ Die Abweſenheit der alten Frau währte nur wenige Minuten, aber auch dieſe werden genügen, den Leſern einen Rückblick in das Leben der hohen Frau zu er⸗ öffnen, von der ſie ſchon mehrfach hörten und die ſie nun ſelber kennen gelernt haben. Prinzeſſin Conſtanze, nebſt ihrem Bruder Hermann früh verwaiſt, hatte bei der zärtlichen Liebe, welche das kinderloſe Fürſtenpaar dieſen ſeinen nächſten Verwandten und beſonders dem kleinen Mädchen widmete, nie unter dieſem Geſchick zu leiden oder die kaum gekannten Aeltern zu vermiſſen gehabt. Sie wuchs ſo glücklich heran, wie es nur irgend einem Kinde zu Theil werden kann, und ent⸗ wickelte ſich zu einem jungen Weſen, das überall, wo man es ſah und von ihm wußte, im Kreiſe der Ver⸗ wandten, des Hofes, der ganzen Bevölkerung vergöttert wurde und, was das Beſte war, dies auch durch die glänzendſten innern und äußern Vorzüge verdiente. Dem gewöhnlichen Schickſal ihrer Standesgenoſſen, daß bei ihrer Verheirathung zuerſt nach dem Staats⸗ intereſſe und erſt in zweiter Linie nach ihrem Glücke und Herzen gefragt wurde, entging trotzdem ſie ſo wenig wie eine Andere, und ſie wurde mit achtzehn 218 Jahren einem Gatten vermählt, dem außer ſeiner Stel⸗ lung als Erbprinz eines größern Staates verzweifelt wenig Vorzüge nachzurühmen waren, den ſie kaum Zeit hatte, kennen zu lernen, und der, als der Reiz der Neuheit verſchwunden war, von ſeiner liebenswürdigen, edlen und ſchönen Gemahlin bald immer weniger wollte und immer weniger nach ihr fragte. Es wurde eine Ehe, wie ſie ſelbſt im Fürſtenſtande Gott Lob nicht häufig iſt und in bürgerlichen Verhältniſſen und nach bürgerlichen Anſchauungen gar nicht unglücklicher hätte gedacht werden können, und ſie würde trotz Allem, was in ſolchem Falle als Hinderniß auftritt, zur Trennung geführt haben, wäre der Prinz nicht nach einigen Jahren geſtorben. Was man ihr in ihrer neuen Heimat und was ſie ſelbſt ſich zuweilen als Unglück angerechnet und was ihr in den Augen des Verſtorbenen ſogar zum Vorwurf gereicht hatte, daß ſie kinderlos geblieben, wurde jetzt ein Glück für ſie. Sie kehrte ungehindert zu den Ihren zurück und durfte ſich ausruhen in der alten Liebe, in einer erhöhten Zärtlichkeit und durch ihr Ge⸗ ſchick gerechtfertigten liebevollen Schonung. Die Prinzeſſin war zu jung, zu ſchön und liebens⸗ würdig und die Verbindung mit ihr und ihrem Hauſe bot, zumal bei der Stellung ihres Bruders, zu viele Vor⸗ theile, als daß ihr nicht bald und wiederholt neue 219 Wünſche hätten nahe treten ſollen, und es fand ſich unter den Bewerbern wenigſtens der eine oder andere, der nicht nur dem Fürſtenpaare willkommen geweſen wäre, ſondern auch der Dame ſelber Garantien für eine glücklichere Zukunft an ſeiner Seite zu bieten ſchien. Aber die Erfahrungen ihrer erſten Ehe waren von der Art, daß Prinzeſſin Conſtanze wohl ein Recht hatte, zu erklären, ſie werde ſich nie wieder zu einem oolchen Opfer verſtehen und fortan über ihr Wohl und Wehe, ihr Glück und Herz ſelber entſcheiden. Und die fürſtlichen Pflegeältern, wie man ſie wohl heißen durfte, liebten, achteten und ehrten die ſchöne Frau zu ſehr und fanden ſie vor allem nach ihren Erlebniſſen all⸗ zuſehr in ihrem Recht, als daß ſie ſich ihrem Willen hätten widerſetzen ſollen. So vergingen mehrere Jahre, in denen von der Prinzeſſin allmälig immer weniger zu vernehmen war, nur daß der Ruf ihrer Herzensgüte, ihres Geiſtes und Gemüths ihr die Menſchen ſtets herzlicher verband, und man gewöhnte ſich an den Gedanken, daß die ſchöne, noch jugendliche Frau ihrem Wittwenſtande unabänder⸗ lich treu bleiben werde. Da begann man plötzlich zu beobachten, daß ſie den Rittmeiſter Baron von Bilings⸗ felden in einer Weiſe auszeichnete, welche kaum miß⸗ deutet werden konnte und für jede andere Dame in 220 ähnlicher Lage, aber mit weniger makelloſem Ruf hätte gefährlich werden müſſen. An Prinzeß Conſtanze wagte ſich keinerlei Verleumdung heran, und ſo ſehr man auch in manchen Kreiſen die Achſeln zuckte über eine ſolche Wahl und Neigung, war man doch über den vielleicht ungewöhnlichen, aber völlig legalen Ausgang derſelben um ſo weniger in Zweifel, als man einerſeits wußte, daß die hohe Frau unter Umſtänden ſehr ent⸗ ſchieden und unbeugſam auftreten konnte, und anderer⸗ ſeits die ſteigende Gunſt des Fürſtenpaars bemerken mußte, welche Herrn von Bilingsfelden vor allen An⸗ dern auszeichnete. Mit dem Baron ſtand es ſelbſtverſtändlich nicht ebenſo gut. Die Verleumdung, welche der Prinzeſſin, wie geſagt, fern blieb, verſuchte ſich zum mindeſten an ihm, obgleich kaum eines andern Mannes Leben offener und fleckenloſer vor aller Augen lag, und Neid und Mißgunſt regten ſich wider ihn in manchen Kreiſen, wo man ſie am wenigſten hätte ſuchen ſollen. Dazu kam, daß die Neigung der hohen Frau— wir müſſen ſchon das Obige wiederholen— ſ elbſtverſtändlich nicht nur bei ihren Nächſten und Getreuſten, ſondern auch in allen Verhältniſſen auf mehr als ein Hinderniß, auf ernſte Bedenken ſtieß, und der Widerſtand, den ihr Bruder, der Prinz Hermann, neuerdings immer entſchiedener b 221 ihr entgegenſetzte, ſchob die endliche Entwickelung ſtets weiter hinaus. So, müſſen wir hinzuſetzen, rechnete das Publi⸗ kum und erklärte es ſich den bisherigen Verlauf dieſer Angelegenheit, während von dem wirklichen Stande der Dinge Niemand außer den Allernächſten etwas Be⸗ ſtimmtes wußte. Denn in Wahrheit war man niemals über das gleich anfangs Beobachtete hinausgekommen und mußte ſich noch heute mit vielleicht nur um etwas wahrſcheinlichern Combinationen begnügen. Von dem Zurſchautragen eines tiefen oder gar leidenſchaftlichen Gefühls war bei Prinzeß Conſtanze keine Rede, ge⸗ ſchweige denn bei dem jetzigen Major. Beide hatten die Kraft, ihr Inneres für ſich zu behalten und die Entwicklung langſam heranreifen zu laſſen, und der letztere war unzarten Andeutungen das einzige Mal, wo ſie in der Reſidenz gewagt wurden, in einer Weiſe entgegengetreten, welche ihre Wiederholung ein⸗ für alle⸗ mal verhinderte. Nur daß die Prinzeſſin ernſter ge⸗ worden war und ſtets ernſter wurde, das ſah man ebenſo gut, als daß ſie zu keiner Zeit ihres Lebens dem Fürſtenpaare näher geſtanden in gegenſeitiger Liebe. Die Alte kam zurück, und durch die Thür, welche ſich kurz öffnete und ſchloß, fiel ein Strom von Licht 222 und ließ das im Gemach herrſchende Dunkel ſo zu ſagen nur um ſo auffälliger werden.„Es iſt hier erſchrecklich dunkel, Hoheit“, ſagte ſie auch.„Wollen Sie kein Licht haben? Ich kann's ja ſelber anzünden.“ „Thu's“, verſetzte die Prinzeſſin kurz, die ſich erſt jetzt vom Fenſter abwandte, wo ſie während Anna's Abweſenheit geſtanden.„Eleonore in ihrem Zimmer?“ „Nein, Hoheit, im Salon.“ Die Prinzeſſin blieb ſtehen.„Du willſt doch nicht etwa ſagen—“ „Ich will gar nichts ſagen, Hoheit. Ich habe mich eben nur nach Ihrem Befehle gerichtet und mich nicht weiter umgeſehen.“ Der Flügel, in welchem die Prinzeſſin wohnte, war der gleiche, wo ſie vordem mit ihrer Erzieherin ge⸗ hauſt und auch ſpäter bis zu ihrer Vermählung gelebt hatte. Der vorhandene Raum war völlig genügend, ja behaglich für ein ſo junges Kind, ſeine wenig zahl⸗ reiche Umgebung und die immerhin kleinen und ein⸗ fachen Lebensverhältniſſe, wenn auch Conſtanze von jeher einer gewiſſen Selbſtſtändigkeit genoſſen und ſo zu ſagen von Jugend auf eine Art von eigenem klei⸗ nen Hofſtaat gehabt hatte. Sie war zu jener Zeit und in dieſen Räumen ſo glücklich und in der folgenden ſchrankenloſen, öden Pracht ſo unglücklich geweſen, daß 223 ſie es bei ihrer Rückkehr ſich als eine beſondere Gunſt erbat, ſich in der alten Beſchränkung von neuem ein⸗ richten und wohl fühlen zu dürfen. Die fürſtlichen Pflege⸗ ältern zuckten lächelnd dazu die Achſeln, der Hof ſchüt⸗ telte ſeine ſtarken und ſchwachen, alten und jungen Köpfe, und mehr als einer und eine dachten mit einer gewiſſen Bänglichkeit an die Möglichkeit, daß ſie der hohen, gar zu einfachen und anſpruchsloſen Frau nahe geſtellt werden könnten. Prinzeſſin Conſtanze kümmerte ſich um alles der⸗ artige Sorgen und Bangen nicht und richtete ſich— ſo bürgerlich dürfen wir von ihr ſprechen— mit Zuſtim⸗ mung des Fürſtenpaars ganz nach ihren beſcheidenen Wünſchen ein, ſich ein warmes, freundliches und doch geſchmackvoll zierliches Daheim bereitend, in welchem es ihr ſelbſt und Jedem, der den Sinn der hohen Frau zu würdigen verſtand, wohl werden mußte. Und ebenſo, wie ſie es mit den Räumen hielt, in denen ſie ſich zufrieden fühlte, ebenſo berechnete und beſtimmte ſie auch ihre Umgebung— ſie wollte keinen Prunk um ſich und keinen Zwang. Es gab bei ihr keinen Schwarm von Dienern und Dienerinnen aller Art; die alte Kam⸗ merfrau, die ſchon ihre Mutter bedient hatte, genügte meiſtens für den täglichen und perſönlichen Dienſt, und die noch ältere Wärterin fungirte neben derſelben als 224 eine Art von Beſchließerin, vor allem aber als die erſte Vertraute der Prinzeſſin, in allerhand häuslichen Geſchäften, beinahe wie wir es von ſolchen alten Inven⸗ tarienſtücken hier und da in einem wohlhabenden Bür⸗ gerhauſe ſehen. Die Oberhofmeiſterin der Prinzeſſin kam nur bei ganz beſondern Gelegenheiten zum Vorſchein und zur Geltung; die Damen und Herren, welche dieſem Neben⸗ hofe zugewieſen waren, durften ihre Stellen faſt als Sinecuren betrachten, und ſelbſt die einzige Hofdame, welche ſo zu ſagen ſtets im Amte war, hatte den be⸗ quemſten Dienſt oder vielmehr die freiſte und angenehmſte Stellung von der Welt. Prinzeſſin Conſtanze hatte das junge Mädchen, das ihr ſchon bei der erſten Vorſtel⸗ lung auf das lebhafteſte geſiel, vollſtändig bei ſich auf⸗ genommen, weniger gemäß dem Titel, den ſie von jetzt an führte, als aus Verlangen nach einer jungen, an⸗ ſchmiegenden, vertrauten Menſchenſeele, als Geſellſchaf⸗ terin und Freundin, mit der ſie fortan auch äußerlich in einer wirklichen Häuslichkeit lebte. Es fanden ſich neben den Gemächern der fürſtlichen Frau ein paar Zimmerchen, die für einen beſcheidenen Sinn, wie Eleo⸗ nore von Beringen ihn beſaß, genügten und das freund⸗ lichſte Zuſammenleben ermöglichten. Dahin ging Prin⸗ zeſſin Conſtanze jetzt. 225 Sie wählte indeſſen nicht den gewöhnlichen Weg durch ihre Gemächer, welche ſich um die Kopfſeite des Flügels gegen die ihrem Wohngemach gegenüberlie⸗ gende, den großen Schloßhof begrenzende fortſetzten, ſondern trat auf den beide Seiten trennenden Corridor hinaus und ſogleich in die nahe Thür des ſogenannten blauen Salons. Er war jetzt, wie immer abends, hell erleuchtet, da man, wenn ſich das Fürſtenpaar oder andere Verwandte, wie es nicht ſelten geſchah, ganz häuslich und nachbarlich auf eine Stunde bei Prin⸗ zeſſin Conſtanze einfanden, gemeiniglich hier zu ver⸗ weilen pflegte. Augenblicklich aber war Niemand hier als Fräulein von Beringen, deren eigene Zimmer ſich links anſchloſſen und die jetzt, tief über eine Stickerei gebeugt, einſam auf einem der kleinen Eckſophas ſaß. Sie ſchaute mit einem Zuge von Mißmuth in dem hübſchen, aber ſeinem ganzen Schnitte und gewöhn⸗ lichen Ausdruck nach ein wenig melancholiſchen Geſicht auf und nach der geöffneten Thür und zuckte, da ſie die Eintretende erkannte, mit allen Zeichen des Schreckens empor; eine brennende Röthe überflammte Stirn und Wangen, und die Hände ließen die Arbeit fallen.„Hoheit ſind ſchon zurück—“ ſtammelte ſie. „Das bin ich längſt geweſen, mein Kind“ ſagte die Prin⸗ zeſſin, mit ernſtem, beobachtendem Blick die Sprecherin Hoefer, In der Welt verloren. I. 15 226 ſo gut wie das ganze Gemach muſternd.„Ich meine Dir doch geſagt zu haben, daß ich nur eine halbe Stunde bei meiner Tante bleiben würde. Aber gleichviel“, fügte ſie mit leichtem Lächeln hinzu,„ſtöre ich da ein ganz beſonderes Geheimniß oder bin ich Dir ſonſt ſo iurchi⸗ bar, daß Du ſo vor mir erſchrickſt?“ „Es war ſo ſtill hier— ich dachte Allerlei— ſo weit fort— ich ſchrak bei dem Geräuſch auf—“ ſtammelte das Mädchen, das jetzt auffällig blaß geworden war, ohne die Augen vom Boden zu erheben, und man hörte es, daß ſie die Worte kaum hervorzubringen vermochte. „So?“ verſetzte die Prinzeſſin mit einer gewiſſen Kälte des Tons, während ihre Augen feſt auf der jungen Dame ruhten.„Mir war's, als erſchräkeſt Du nur vor mir, und das mußte mich betrüben, Eleonore! Wes⸗ halb weilſt Du aber, wenn Du ſo tief nachzudenken haſt, hier im Salon, wo eine Störung kaum ausbleiben kann, und nicht lieber in Deinem ſtillen Zimmer, wo Du vor ihr ſicher biſt?“ Und da das Mädchen nichts erwidern zu können ſchien, fügte ſie noch kälter hinzu: „Komme in Dein Zimmer, ich habe mit Dir zu reden, und mir iſt es hier zu unruhig.“ Eleonore ward dunkelroth und leichenblaß. Sie machte eine Bewegung, als wolle ſie der Weiſung folgen, aber ſie zitterte ſo heftig, daß dieſe Bewegung mißlang 227 und ſie ſich, anſcheinend halb bewußtlos, auf die Lehne des Stuhls ſtützen mußte. Man ſah es, es war ein Aufraffen der letzten Kraft, als ſie dennoch im nächſten Augenblick vorwärts ſchwankte, bleich wie eine Ster⸗ bende und, da ſie die Augen zu der Gebieterin erhob, mit erſtorbenem Blick. Sie hauchte etwas, das nicht verſtändlich wurde, und ſank in der nächſten Sekunde vor den Füßen der hohen Frau zuſammen. Der ſtrenge, beinahe finſtere Blick, mit dem die Prinzeſſin dieſen ganzen Vorgang beobachtet hatte, ver⸗ wandelte ſich in einen erſchrockenen; ſie beugte ſich raſch zu dem unglücklichen Kinde nieder und richtete ſich noch raſcher wieder auf, da ſie daſſelbe in wirklicher, tiefer Ohnmacht fand. Ihr harter Klingelzug rief faſt augen⸗ blicklich den im Vorzimmer weilenden Diener herbei und faſt zugleich mit ihm erſchien auch Anna in der Thür. „Rufen Sie Roſalie und des Fräuleins Jungfer“, herrſchte Conſtanze dem erſtern zu.„Anna, komm, raſch!“ Und da der Diener verſchwand und die Alte herbeieilte, fügte die hohe Frau mit gefalteter Stirn und verdunkeltem Blick hinzu:„Du haſt wieder Recht, meine Alte, da iſt das erſte Opfer der Sünde— oder des Verbrechens? Nimm Dich ihrer an. Ich will währenddeſſen in ihrem Zimmer nachſehen.“ Sie ſchritt ſchnell gegen die Thür und öffnete ſie 15* 228 und trat hinein, allein wenn hier wirklich heute eine Begegnung ſtattgefunden hatte, wie ſie es fürch⸗ tete, ſo war ſie zu ſpät gekommen. Das zierliche Gemach war voll Einſamkeit und Stille, wenn auch durch die auf dem Tiſch brennende gedämpfte Lampe matt er hellt, und noch ſtiller faſt war es in dem anſtoßenden dunklen Schlafzimmer. Conſtanze trat trotzdem in daſſelbe hinein; ſo vertraulich, wie ſie mit dem jungen Mädchen gelebt hatte, wußte ſie hier Beſcheid, und in der nächſten Sekunde ſchon hatte ſie ein Streichhölzchen gefunden, entzündet und die Lichter auf der Toilette angeſteckt. Ihr Auge flog durch das Zimmer und haftete auf etwas Weißem neben einer zweiten Thür. Sie trat hinzu und hob es auf, und ein bitteres Lächeln glitt durch ihr ſchönes Geſicht— das feine Taſchentuch zeigte in der Ecke die verſchlungenen Buchſtaben H. v. O. unter einer Freiherrenkrone, und da die Prinzeſſin es aus⸗ einander ſchlug, fiel ein kleiner blaßgrauer Handſchuh zu Boden— eine Farbe, die Hildegard von Othmaringen, wie alle ihre Bekannten wußten, beſonders liebte. Prinzeſſin Conſtanze drückte Beides in ihrer Hand zuſammen und legte dieſe auf den Griff der Thür vor ihr. Der Griff gab nach, die Thür ging auf, und ſie ſah hinein in ein großes dunkles Gemach. Es lagen hier die nur bei Hofbällen und andern beſondern Feierlich⸗ keiten benutzten, ſonſt ſtets verſchloſſenen großen Feſt⸗ räume, und zu der Thür, welche in Eleonorens Zim⸗ mer und den Flügel der Prinzeſſin führte, hatte weder dieſe letztere noch Jemand von ihrer Umgebung jemals einen Schlüſſel gekannt. Und dennoch war der Ein⸗ gang jetzt offen! Einen Augenblick ſtand die Dame und ſchaute finſter in das Dunkel hinein; dann ſchloß ſſie aus dem Ge⸗ räuſch hinter ſich, daß man die Ohnmächtige herein⸗ trage, und trat zurück, und— zuckte zuſammen und machte wieder raſch einen Schritt vor, wo ihr in jäh auf⸗ leuchtender Helle plötzlich ein Fenſter ſichtbar wurde. Drüben im Südflügel, wo das Fürſtenpaar wohnte und auch die Gemächer lagen, in denen wir uns neu⸗ lich Abend befanden, ſchlug aus einem Fenſter des zweiten Stocks eine mächtige Flamme heraus. Die Prinzeſſin eilte zurück und zog die Thür ins Schloß— keine Sekunde zu früh, wenn es unbekannt bleiben ſollte, daß ſie geöffnet geweſen, denn eben kamen ihre Kammerfrau Roſalie und eine jüngere Die⸗ nerin mit der Ohnmächtigen ins Wohnzimmer. Sie nahte ſich raſch mit einer Frage, aber die Antwort vernahm ſie nicht, da in dieſem Moment auch Anna zu ihr herantrat und leiſe ſagte:„Der Herr Major ſtehen draußen mit einer Meldung von Sere⸗ niſſimus an Eure Hoheit. Wo befehlen Hoheit—“ „Drüben in meinem Zimmer; hier im Salon iſt es jetzt unmöglich“, verſetzte Conſtanze, obgleich ſich eine flüchtige Röthe über ihre Züge breitete, anſcheinend völlig ruhig;„ich werde den Herrn ſogleich empfangen. Und, Anna“, fügte ſie gedämpft hinzu,„ſieh nach der Thür im Schlafzimmer— ſie iſt offen, aber ich kam zu ſpät.“ Sie wandte ſich ab und zu Eleonoren, die man auf das Sopha gelegt hatte. Aber das Mädchen war noch immer in den Banden der tiefſten Ohnmacht. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. 8 Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſan. * 5 3 ffffffffffffffffffff 11 12 14 15 16 17 18 19