Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und ſebedingungen. 6 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nüchabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 4 3 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen m eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß vo beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Wrr— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 ME.— Pf. 3 „ 3 üſſen, bei Entgegennahme raus bezahlt werden und 5. Auswärtige Abonnenten haben der Bücher auf ihre eigenen Koſt — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp. 7. h eane en Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 1 ———— Eine Erzählung von Edmund Hoefer. — e5— Leipzig, Ernſt Julius Gün ther. 1872. New-Vork, L. W. Schmidt. äͤ 4 — =S 5 Erſtes Kapitel. Das Vorſpiel. Der Cantor und Organiſt an der Liebfrauenkirche oder, wie man in der Stadt zu ſagen gewohnt iſt, am Dom, Johann Sebaſtian Kettenbrink, ſtammte aus einer alten Muſikerfamilie, welche in einer der großen nieder⸗ ſächſiſchen Städte an der Hauptkirche bedienſtet war. Während der letzten Generationen ſtand ſie in genauer Verbindung mit der noch berühmtern des alten„Can⸗ tors an der Thomasſchule“; der Großvater war einer der tüchtigſten und geliebteſten Schüler des großen Meiſters; der Vater wurde ein ebenſo wackerer Zögling des Sohnes, des genialen, unglücklichen Friedemann Bach, und unſer Johann Sebaſtian ſollte eben zu dem andern Sohne, dem ſogenannten Hamburger Bach, über⸗ Höfer, Zur linken Hand. 1 fiedeln, als deſſen Todesnachricht eintraf und allen ſchönen Plänen ein Ende machte. Er blieb der Zög⸗ ling ſeines Vaters, kam dabei jedoch kaum zu kurz und bildete ſich ſo raſch und tüchtig heran, daß er ſchon in jungen Jahren eine gute Stelle bekam und ſich einen ehrenvollen Namen errang, der ihm einige Zeit ſpäter den Ruf an die Liebfrauenkirche eintrug. Ja, als ſein Vater bald darauf ſtarb, wurde ihm die alte Familien⸗ ſtelle in der Heimat angeboten. Weshalb er dieſelbe, die in jeder Richtung eine bedeutendere war, ablehnte und es vorzog, fern von den Seinen, am fremden Ort und unter den fremden Menſchen alt zu werden, wurde nicht bekannt. Johann Sebaſtian war einer von jenen Menſchen, denen man die Lebensjahre nicht an⸗ und nachrechnet, ja bei denen man dies, ſelbſt wenn man es wollte, gar nicht 4 auszuführen vermag. Als er in die Stadt kam, hatte ſein Ruf und Name noch einen neuen Glanz; ſeine Frau war jung und ein kleines Kind, dem bald ein paar andere folg⸗ ten, zeugte gleichfalls für eine verhältnißmäßige Jugend des Vaters. Dieſem ſelber ſah man davon nichts an. Er war ein ſtiller und ernſter Mann und erſchien und gab ſich wie ein alter. Seine hohe, hagere Geſtalt hatte bereits eine leicht vornüber gebeugte Haltung angenommen, das Geſicht, von Pockennarbenerfüllt, zeigte tiefe Züge, die dunkeln Haare fingen an, auf dem Scheitel und an den Schläfen dünn zu werden und ſich mit grauen zu miſchen, und die großen blauen Augen blickten nicht mit der Zufrieden⸗ heit und dem Vertrauen in die Welt hinaus, welche durch die gute und ſichere Lebensſtellung, die fröhlich gedeihende junge Familie, die Anerkennung der neuen Mitbürger gerechtfertigt worden wären, ſondern ſchauten nachdenklich und faſt ſchwermüthig vor ſich hin, als ſähen ſie trotz des Sonnenſcheins umher und durch denſelben in ſchwere, dunkle Schatten. Den Frohſinn traf man nie in dieſen Zügen, und ein Lächeln war in ihnen nur wie ein ſeltener, ſcheuer Gaſt. Aber trotzdem war der Organiſt kein finſterer und ſtrenger, ſondern ein freundlicher, nachſichtiger, gutmüthiger, ja gütiger Mann. Er ſab Welt und Leben eben nur anders und nicht mit jungen Augen und friſchem Herzen an und hatte ſich ſelber in ihnen niemals jung gefühlt. So war er hierher gekommen und ſo blieb er hier, Jahr auf Jahr; er wurde durch die guten Zeiten nicht jünger, durch die ſchweren nicht älter. Die Zeit ging, wie bei ſolchen Menſchen meiſtens, verhältniß⸗ mäßig ſchonend mit ihm um: ſeine Haare wurden dünner und weißer, ſeine Geſtalt noch ein wenig gebeugter, aber das hatte im Grunde bei ihm nicht viel zu ſagen; man hatte ihn von Anfang an niemals den jungen, ſondern 1* 3* 5 8 keine Segenswünſche nach, als der eine ſeine Wande⸗ rung antrat, der zweite entlief und der dritte endlich gleichfalls verſchwand. Der Name Kettenbrink, der ſeither nur allzu häufig in der Leute Mund geweſen, verklang wieder, und an den„alten Cantor“ dachte man faſt nur, wenn man Sonntags ſeinem prachtvollen Spiele lauſchte und einander freudig zugeſtand, daß die Stadt in ihm den vielleicht letzten großen Muſiker der alten Bach'ſchen Schule beſitze. Ein paar Jahre ſpäter wurde man noch einmal aufmerkſam auf ihn und nannte von neuem ſeinen Namen auch in anderem Sinne, der Eine tadelnd, der Andere billigend, jeder mit einem gewiſſen Erſtaunen. Der nunmehr wirklich nicht mehr junge Cantor heiro⸗ thete plötzlich und zwar die ältere von zwei bejahrten Schweſtern, die das Häuschen neben dem ſeinen be⸗ wohnten, brave alte Mädchen und mit einem kleinen Vermögen, welches im Verein mit der freien Wohnung und ihren Handarbeiten für ihre beſcheidenen Anſprüche völlig genügte. Auf Geld und Gut ſah Herr Johann Sebaſtian allerdings nicht; wie er und wie man über⸗ haupt damals noch lebte, war ſelbſt ſein Einkommen für eine ſchlichte Familie genügend, und er hatte über⸗ dies Niemand, für den er hätte ſparen und zurücklegen ſollen. An ſeine Söhne dachte er ſelber vermuthlich in ſtets nur den alten Cantor geheißen. Und ebenſo blieb er auch der ſtille, ernſte, ſchlichte und gutmüthige Mann, der er ſtets geweſen, nur daß im menſchlichen Sinne ſein Ernſt und ſeine Stille allmälig mehr begründet und berechtigt erſchienen als in den erſten Jahren nach ſeiner Anſtellung. 1 Die damaligen Kriegszeiten— es war zu Anfang des Jahrhunderts— wurden auch für dieſe Stadt ſchwerer und ſchwerer und verſchonten den Organiſten ebenſo wenig wie ſeine Mitbürger; es kamen ſogar Jahre, wo er ſelbſt der Ausübung ſeiner Kunſt faſt ganz entſagen mußte, denn die Liebfrauenkirche mußte zum Magazin dienen. Ein paar Kinder ſtarben, denn der Tod hielt damals nicht allein auf den Schlachtfeld und in den Lazarethen ſeine Ernten; die Frau folgte ihnen gerade in der Zeit des ſchwerſten Druckes nach, und als es endlich in der Welt wieder beſſer wurde und der Friede zurückkehrte, lächelte dem armen Orga⸗ niſten das Glück dennoch nicht. Die drei Knaben, welche ihm am Leben geblieben waren, machten ihm keine Freude, ſondern nur Kummer und Sorge. Es waren alle drei hochbegabte Burſchen, aber der eine immer wilder und meiſterloſer als der andere. Sie erfüllten das Vaterhaus, die Nachbarſchaft, die ganze Stadt mit Lärm und Verdruß und man rief ihnen dieſer Richtung am wenigſten. Sie hatten ſich ja von ihm abgelöſt und er hörte und ſah nichts von ihnen. An die Nachbarin mußte ihn daher ſchon ein anderes Intereſſe binden, und es war einerſeits die langjährige Bekanntſchaft, da die beiden Schweſtern, als der Orga⸗ niſt vor ſo und ſo viel Jahren ſeine hieſige Stelle bezog, ſchon weit über das Schulalter hinaus und ſchier älter waren als die junge Frau des Nachbars, mit der als⸗ bald ein Freundſchaftsbund geſchloſſen wurde. Und da andererſeits bei ihm mit den zunehmenden Jahren auch das Gefühl der Verlaſſenheit und Hülfsbedürftigkeit immer ſtärker wurde und er obendrein bei den alten Mädchen auf ähnliche Empfindungen ſtoßen mochte, ſo erklärte der endliche Ausgang ſich nicht nur für die beiden Menſchen ſelber, ſondern auch für alle Welt auf das genügendſte und fand nach dem erſten Er⸗ ſtaunen im Allgemeinen weit mehr Billigung als Tadel. Die beiden Leute oder vielmehr die drei, denn die Schweſter zog, nachdem ſie das Aelternhaus verkauft, gleichfalls in die Organiſtenwohnung, lebten ſtill und einträchtig weiter und bewieſen auch auf dieſe Weiſe, wie wichtig ihr Schritt geweſen war; jünger wurde der Organiſt freilich nicht, und heiterer auch nicht, aber man ſah ihm eine gewiſſe ſtille Zufriedenheit an, und wenn 7 die drei ihren Sonntagnachmittag⸗Spaziergang machten oder an milden Abenden auf der Bank vor der Haus⸗ thür ſaßen, konnte man den ſtillen Mann zuweilen mit ſeinen Begleiterinnen ſich unterhalten, einem Begegnenden⸗ oder Herantretenden ganz ordentlich Rede ſtehen hören. Man erkannte in dem Verſchloſſenen mehr Regſamkeit und Theilnahme, als man erwartet, und ſtieß auf ein Verſtändniß und eine klare Anſchauung, wo man bei ihm kaum eine Kenntniß der Sache vorausgeſetzt hatte. Lange währte dieſe gute Zeit leider nicht. Nach wenig mehr als einem Jahre wurde in den ſtillen Räumen der„Cantorei“ eines ſchönen Morgens noch einmal das Wimmern eines kleinen Kindes vernommen, und ein paar Tage darauf nahm der Leichenwagen vor der Thür wieder einmal einen Sarg in Empfang: Johann Se⸗ baſtian war noch einmal Vater und zum zweiten Mal Wittwer geworden. Seine Geſprächigkeit hörte auf, ſeine Theilnahme zog ſich ſchweigend ins Innere zurück. Er war wieder der alte, ernſte, gebeugte Mann mit den tiefen Zügen und den nachdenklichen Augen; und hätten Sonntags nicht die prachtvollen Klänge ſeiner Orgel die hohen Gewölbe des Doms erfüllt, und wären in frühen Morgen⸗ und ſpäten Abendſtunden nicht die andern vernommen worden, die er dann ſeinem Klavier zu entlocken pflegte, ſo möchte man außer ſeinem Hauſe kaum noch einen Laut von ihm erhorcht haben. Das kleine Kind blieb da und gedieh unter der Obhut der alten Tante und ſetzte den Lebensgang fort, ungefähr wie alle ſeinesgleichen. Es lag auf dem Schooß, es ſaß auf dem Arm; dann kam es auf den Boden und machte ſeine erſten Kriech⸗ und endlich auch Gehverſuche. Und darauf lief's, ſpielte umher, ſo gut es ging, unterhielt ſich, wie es konnte und mochte, ſaß auf den ſchweren Stufen des großen Portals, das der Thür des Vaterhauſes gegenüber in den Dom führte, hantierte mit Grashalmen oder kleinen Steinen, oder ſtützte den blonden Kopf auf die Hand und ſchaute mit den großen Augen, unter den langen Wimpern hervor, lauſchend und träumend über den einſamen Platz und die alten grauen Häuſer und Häuschen, die ihn um⸗ faßten, auf die ſchmale, dämmerige Gaſſe, die zwiſchen ihnen hinaus in die hellere, heitrere Stadt führte, auf die beiden alten Bäume, welche vor dem Hauſe des Dompfarrers ſtanden, auf den Brunnen, der eintönig an der Ecke murmelte und plätſcherte, auf die Sperlinge, die Tauben und Dohlen, auf das grasdurchwachſene Pflaſter drunten und den weiten Himmel droben— wer ergründet die Gedanken in einem ſolchen kleinen Kopfe, uud wer kann ſie verfolgen? 9 Und endlich kam die Zeit, da ſie nicht länger nur an der Hand der Tante über den einſamen Platz, durch die dämmerige Gaſſe hinausgelangte, ſondern allein . davonſpazierte, im ſchlichten Kleidchen, den Schulranzen auf dem Rücken, morgens, wenn kaum der Tag graute, und mittags bei Regen oder Sonnenſchein und nach⸗ mittags, wo es nicht ſelten ſchon wieder dämmerte und die Dohlen droben am Thurm ſich um ihr Nachtquartier zankten, durch Wind und Wetter, ohne Säumniß, wie es einem fleißigen Schulkinde gebührt. Marie— denn ſo hieß ſie— war ein ſtilles und ernſtes Kind, laut wurde ſie niemals, und jubeln und jauchzen wie die Altersgenoſſen hörte ſie Niemand. Wie hätte es auch anders ſein ſollen? In ihrem Vaterhauſe gab' es keine lauten Töne, kein raſches, regſames, heiteres Leben; der Dom, der Platz, die alten Häuſer waren ſtets gleich einſam und ſtill, und Spielgefährten fand ſie keine. Wie es ſo geht, war ſie faſt das einzige Kind ihres Alters in dieſer Gegend, und die übrigen ältern oder jüngern, oder die ſie da draußen in der Schule fand, die blieben ihr fremd, oder ſie folgten ihr doch nicht nach in die Einſamkeit, wo man nicht ſpielen und nicht fröhlich hinausjauchzen mochte; denn es war ja Alles umher ſo ernſt, ſo ſchattig, und die Schritte hallten ſo ſeltſam auf dem Pflaſter— da lagen all die alten 10 vergeſſenen Gräber des frühern Kirchhofs darunter — und die lauten Stimmen klangen ſo unheimlich zurück von den ſchweren Mauern, Pfeilern und Thürmen.. Ihr Vaterhaus ſelber lud gleichfalls nicht zu Be⸗ ſuchen ein, und die Menſchen, die in demſelben hauſten, erleichterten den Verkehr auch nur mit der Nachbarſchaft nicht, zogen ſich vielmehr ſtets weiter von derſelben zu⸗ rück. Durch Marie wurde das hier, wie es ſonſt in ähnlichen Fällen zu geſchehen pflegt, nicht wieder gut gemacht. Sie ſchloß ſich ebenſo wenig an und zog Nie⸗ mand zu ſich herüber. Sie war nicht fröhlich genug, um den Leuten ein freundlich Wort abzugewinnen, und ihre Erſcheinung machte ebenfalls keinen raſchen, herz⸗ lichen Eindruck. Denn ſchön war Marie nicht. Ihr Geſicht zeigte allerdings reine und feine Züge, allein ohne jene Harmonie, durch welche dieſelben erſt zu einem anſprechenden Ganzen werden und die Blicke der Leute anziehen und feſſeln. Nur ihre Augen machten zuweilen auf den und jenen einen beſondern Eindruck— ſie er⸗ ſchienen in dem blaſſen, magern Geſichtchen wunder⸗ bar groß und tief, und was aus ihnen hervorlauſchte, ging weit hinaus über das Leben und Weben in einem Kinderherzen, in einem Kinderkopf. Aber das Seltſamſte war, daß mehr als einer feſt in dieſe Augen blicken konnte und 41 dennoch nicht zu ſagen vermochte, ob ſie braun ſeien oder blau oder grau— ſo ſpielte und wechſelte das Licht darin. Sie waren wunderbar tief und wunderbar dunkel, und die langen Wimpern lagen weich und zart darüber und verliehen dieſer Partie des Geſichtchens einen unendlich ſanften, ſchüchternen und träumenden Ausdruck. Hernach, als das Kind zwölf, dreizehn Jahre alt geworden war, wurde es anders. Da blieb, wenn Marie, jetzt nicht mehr mit dem Ranzen, ſondern ſchon mit der Taſche, aus der Schule kam und ſchüchtern durch die volkreichen Straßen der Stadt nach Hauſe eilte, hin und wieder wohl einmal Jemand überraſcht ſtehen und ſah ſie an und ſchaute ihr nach und fragte vielleicht einen Andern:„Haben Sie das Kind geſehen? Wem gehört das reizende Geſchöpf?“ Und in der Nachbar⸗ ſchaft, an dem alten Platz, ſchauten ſie ihr auch nach und ſchüttelten die Köpfe und ſprachen verwundert: „Nein, was die Marie ſich herauswächſt! Woher ſie's nur hat? Der Alte iſt all ſein Lebtag nicht ſchön ge⸗ weſen; die Mutter, die Erneſtine, konnte man darum auch nicht rühmen— ihre Schweſter zeigt's ja noch! Und die erſte ſelige Frau und die wilden Jungen hatten gleichfalls nichts Beſonderes. Woher kommt's denn an dieſe da?“ Ja, wer vermag zu ſagen, wie und woher der⸗ 12 gleichen kommt? Es blieb aber die volle Wahrheit: das ſtille, blaſſe Kind mit den unharmoniſchen Zügen wuchs ſich von Jahr zu Jahr immer wunderbarer heraus, wie es die Leute hießen, zu einer ſtets liebreizendern Menſchenknospe. Die Geſtalt fing an ſich leiſe zu runden, die Züge ſchloſſen ſich immer zarter und reiner an ein⸗ ander, und die Augen wurden täglich ſchöner und be⸗ deutender. Es waren nicht Viele, die ſie in ihrer ganzen Schönheit kannten, denn ſie blickten nur ſelten frei und in ihrer vollen Größe in die Welt hinaus. Wer das aber einmal beobachtete oder ſelbſt einen ſolchen Blick gewann, vergaß ihn nicht wieder. Es ſtand jetzt freilich feſt, daß dieſe Augen von einem tiefen, ſatten Blau waren, das faſt zur Veilchenfarbe wurde, und von den Nachbarn erinnerte der eine oder der andere ſich wohl, daß derälteſte Sohn des Organiſten, der ſeit Jahren verſchollene Sebaſtian, gauz die gleichen gehabt habe, nur daß der unbändige Burſche anders aus ihnen hervorblickte. Aber auch jetzt noch ſpielte in dieſen Sternen das Licht zu⸗ weilen wunderbar, und es kamen ſchon einmal Momente, wo man auch heute noch fragen konnte, wie vor dem Kinde: ſind ſie braun, ſind ſie blau oder ſind ſie grau? Wieder ein paar Jahre ſpäter wurde die Aufmerk⸗ ſamkeit von neuem auf die Cantorei und ihre ſtillen 13 Bewohner gelenkt. Abends, wenn in dieſer Gegend des Geräuſch verſtummte, die alte Kirche und der Platz im Dunkel ruhten und auch in den Häuſern umher die Lampen und Lichter zu erlöſchen begannen, vernahm man nicht mehr, wie von jeher zu dieſer Stunde, blos das Klavierſpiel des alten Organiſten, ſondern neben demſelben oder auch allein den Geſang einer Menſchenſtimme, anfangs ſchüchtern und unſicher zitternd und nach den rechten Tönen ſuchend, allmälig jedoch feſter und reiner und immer voller, immer klarer, immer er⸗ greifender. Wer da noch vorüberkam, blieb gewiß ſtehen und horchte lautlos, wie wenig Sinn und Verſtändniß es bis dahin auch für ſolche Klänge in ihm gegeben haben mochte. In der Nachbarſchaft öffnete ſich dann wohl hier und da ein Fenſter, und wenn's die Witte⸗ rung erlaubte, weilten die Lauſcher auch auf den Bänken vor ihren Thüren. „Die Marie ſingt wie ein Engel“, ſagte der eine zum andern.„Woher ſie's nur hat? Denn ſo etwas zieht man doch einem nicht an, er muß es in ſich haben! Und was daraus werden ſoll? Der Alte will die doch nicht aufs Theater ſchicken?“ Danach ſah es indeſſen nicht aus. Man vernahm kaum etwas Anderes von dieſer Stimme als ernſte Kirchenmuſik, vielleicht einmal ein Stück aus einem 14 Oratorium und ſelten, ſelten, wie zur Auffriſchung, ein kleines Volkslied. Das war Alles. Eines Abends im Herbſt kehrte eine kleine Geſellſchaft von einem heitern Gartenfeſt in die Stadt zurück und ſchlug, weil es ſpät geworden war, den abkürzenden Weg über den Domplatz ein. Als ſie gegen die alte Kirche kamen, wo rechts ganz nahe das Organiſtenhaus liegt, blieben ſie einen Augenblick ſtehen und bewunderten die ſelten ſchöne Be⸗ leuchtung, welche der volle Mond über die gewaltige Kirche, den einſamen Platz, die alten ſtillen Häuſer umher verbreitete. Nur in der Cantorei waren oben noch zwei kleine Fenſter erhellt, und indem erklangen von dort ein paar volle Accorde eines von einer Meiſter⸗ hand angeſchlagenenen Klaviers, und an den letzten verhallenden Klang ſchloß ſich eine Menſchenſtimme, welche das kleine, damals noch wenig bekannte Lied ſang: O wie iſt's möglich dann, Daß ich Dich laſſen ſoll— „Richtig!“ ſagte einer leiſe.„Da iſt's wieder! Hab⸗ ich doch ſchon beim Näherkommen vorhin gemeint, Geſang zu hören!“ „Seien Sie ſtill— ganz ſtill— bitte!“ flüſterte eine Dame, die ſich feſt an den Arm ihres Begleiters ſchmiegte und deren Augen wie verzaubert an den beiden hellen Fenſtern hingen. Der Geſang ging weiter und zu Ende. Das Klavier trat wieder ein, aber nur in abgeriſſenen Sätzen, als wiſſe der Spieler noch nicht recht, was nun, oder ſei mit ſeinen Gedanken weit entfernt von der Gegenwart und ſeiner Umgebung. Mit einem Mal aber gewann das Spiel wieder Charakter, ernſte, gewaltige Tonwellen zogen heran, und plötzlich ſetzte die Stimme wieder ein mit einem anfangs leiſe zitternden, aber ſchnell anſchwel⸗ lenden gewaltigen Ton.„Das iſt Bach“, flüſterte die Dame.„Den hab' ich zu hören gehofft, für dieſe Stimme hat er geſetzt!“ Der Pſalm ging wiederum zu Ende, der Geſang verklang, und nach einigen Schlußgriffen ſchwieg auch das Klavier. Gleich darauf wurde das Licht fortgenom⸗ men, bewegte ſich an den beiden andern Fenſtern des Hauſes vorüber und verſchwand. „In der That“, ſagte der Begleiter der Dame, indem ſie langſam weiter gingen,„das iſt eine Stimme, wie ich ſie ſelten oder nie in ſolcher friſchen Schönheit gehört habe. Aber es fehlt ihr noch der volle, wahre Ausdruck, die Seele, und wenn ſie die einmal gefunden hat—“ „Nixen und Sirenen haben keine Seele— das iſt ihr ewiger Schmerz!“ fiel ein Dritter ſcherzend ein— es war ein Offtzier. „Sie irren voheit, das iſt keine Nixe und Sirene, nes, gläubiges, reines Menſchenkind, in dem die Seele nur erſt nach der vollen Entfaltung ringt“, verſetzte der Andere ernſt und fuhr dann zur Dame gewendet fort:„Du erinnerſt Dich, Conſtanze, ich zeigte Dir neulich einmal die Tochter unſeres alten Organiſten, die Marie Kettenbrink; das Mädchen iſt ein wunderbares Geſchöpf— die Bezeichnung ſchön paßt kaum, ſie iſt zu weit oder zu eng— genug, es ſagte mir damals ſchon ein Bekannter, ſie ſolle eine ganz prachtvolle Stimme haben, und er ſei nur neugierig, was der alte Kauz, der Vater, damit anfangen werde. Das muß ſie alſo geweſen ſein. Aber ſo hab' ich mir es nicht gedacht. Es iſt wie bei ihrer Schönheit— prachtvoll iſt nicht genug oder zu viel. Es iſt der reine Glockenton.“ Am folgenden Morgen, noch früh, trat eine Dame in einfachem, dunklem Morgenanzug durch die kleine ſchwere Thür der Cantorei und verlangte Herrn Kettenbrink zu ſprechen. Ihr Begehren ſtieß auf keinen Widerſtand. Sie wurde die Treppe hinauf und zu der betreffenden Thür gewieſen und fand den Organiſten am Tiſch unter dem Fenſter mit der Abſchrift eines ——— ͦ——— Muſikſtücks beſchäftigt. Er erhob ſich bei ihrem Eintritt und kam ihr entgegen, ſtill, ernſt und höflich wie immer. „Ich habe geſtern Abend im Vorübergehen aus dieſem Hauſe und, ich glaube, aus dieſem Zimmer Geſang vernommen, der mir zu Herzen drang“, ſagte ſie mit ruhiger Freundlichkeit.„Die Stimme war, wie ich noch keine hörte, und deswegen komme ich zu Ihnen, Herr Cantor. Ich muß mich bei Ihnen einführen und dieſen Beſuch erklären“, fuhr ſie fort, da ſie in den Zügen des Greiſes ſich ein gewiſſes Unbehagen regen ſah.„Mein Mann iſt der Commerzienrath Löhnde. Sie haben vielleicht erfahren, daß ich ſelber vordem Sängerin war und dieſe Laufbahn meinem Gatten zu Liebe aufgab. Die Liebe zu unſerer Kunſt und— ich hoffe es wenig⸗ ſtens— das Verſtändniß für dieſelbe iſt mir aber darum Gott Lob nicht verloren gegangen.“ „Nein“, entgegnete der Organiſt, in deſſen tiefen Augen es eigenthümlich hell aufleuchtete, und bot ihr mit plötzlicher, einnehmender Herzlichkeit die Hand,„es iſt Ihnen nicht verloren gegangen. Ich habe Sie bei unſern Aufführungen ſingen hören— Sie haben eine brave Stimme und eine tüchtige Schule— es hat mich überraſcht und erfreut, denn wer weiß und verſteht heut⸗ zutage noch etwas von der Schule?— Und ſo kommen Sie alſo der Marie wegen zu mir?“ ſchloß er abbrechend Höfer, Zur linken Hand. 2 18 mi einem tiefen, forſchenden Blick. Die Dame erkannte wohl, daß dieſe Augen der Welt doch nicht ſo ganz ent⸗ fremdet waren, wie es Mancher, der den Greis theil⸗ nahmlos ſeinen Weg wandeln ſah, zuweilen glauben mochte. „Jau, ſagte ſie einfach,„Ihrer Tochter wegen komme ich. Ihre Stimme drang mir zu Herzen. Unſer Herrgott hat ihr ein Geſchenk gegeben und ein Pfand anvertraut, wie es ſo reich und ſchön nur wenig Auser⸗ wählten zu Theil wird.“ Das Auge des Alten wurde wieder ſtiller und ge⸗ wiſſermaßen mißtrauiſcher.„Uebertreiben Sie nicht“, verſetzte er,„ſie hat eine gute, geſunde Stimme und einen ſchönen Umfang—“ „Wir wollen uns nicht ſtreiten, Meiſter“, unterbrach ſie ihn lächelnd.„In Allem, was die Kunſt angeht, beuge ich mich tief vor Ihnen. Erfahrung aber— die lebendige Erfahrung meine ich— habe ich mehr als Sie. Es gibt in den letzten fünfundzwanzig Jahren in Europa keine Stimme von Ruf, die ich nicht gehört und gewiſſenhaft geprüft habe. Und danach ſpreche ich noch einmal mein Urtheil aus: die Stimme Ihrer Tochter wird von keiner übertroffen. Sie griff mir ans Herz. Und es iſt kein leichter Künſtlerenthuſiasmus, der mich ſo ſprechen läßt“, fügte ſie von neuem lächelnd hinzu, 19 „ſondern meine tiefſte Ueberzeugung, mein beſtes Fühlen und Verſtehen. Und darum komme ich und frage offen und ehrlich: wie denken Sie über die Zukunft Ihrer Tochter und dieſer wundervollen Stimme?“ Er ſah ſie eine ganze Weile ſchweigend, mit dem tiefen und träumeriſchen Blick an, der ſeinem Auge ſo ganz eigenthümlich war.„Wie ſoll ich darüber denken, Frau Commerzienräthin?“ ſprach er endlich.„Ich greife der Zukunft nicht gern vor, ſie vollzieht ſich zu⸗ letzt doch ohne unſer Zuthun. Ich will es nicht leugnen, daß die Stimme bei der paſſenden Ausbildung in der Welt das machen könnte, was man Effect heißt; aber könnten Sie meinem Kinde dazu rathen, daß es aufs Theater ginge und Carrière machte?“ Die Dame ſchüttelte den Kopf.„Sie ſagen ſelber, Meiſter, daß Sie der Zukunft nicht vorgreifen mögen“, verſetzte ſie ernſt.„Ich frage entgegen: wollen Sie Ihrem Kinde die Zukunft verſchließen, indem Sie ihm die Ausbildung verſagen oder entziehen, welche nicht blos das ihm anvertraute Pfand verlangt, ſondern die es Ihrer Tochter auch erlaubt, dereinſt gerade den Weg zu betreten und zu verfolgen, auf den ſie ſich gedrängt findet oder fühlt? Ich ſage es Ihnen, es wäre eine unverzeihliche, furchtbare Sünde, wollten Sie dieſe wunderbare, außerordentliche Gottesgabe nicht in jeder 2*¾ 4 20 Weiſe, mit allen Kräften und Mitteln zu der Ausbildung und Vollendung führen, welche dem Menſchlichen ge⸗ ſtattet iſt.“ Es leuchtete von neuem in ſeinem Auge auf, und wisder bot er ihr die Hand.„Sie ſprechen mir zu Herzen“, ſagte er,„und ſchließen es auf. Ich will offen gegen Sie ſein. Als ſich vor zwei Jahren ihre Stimme frei machte, hat ſie mir im Grunde mehr Sorge als Freude gemacht, denn die Frage konnte nicht aus⸗ bleiben: was damit thun? Das Kind zu einer Sän⸗ gerin großen Stils ausbilden, wie es ſolche noch im vorigen Jahrhundert gab und wie es mir bis auf einen gewiſſen Grad vielleicht möglich wäre, darauf mußt' ich wohl verzichten; wo fände eine ſolche noch ihren Piatz und wer möchte ſie hören, wer würde ſie würdigen? Zu einer Opernprinzeſſin? Darauf habe ich ſchon ge⸗ antwortet. Alſo dachte ich: du gibſt ihr, was in deinen Kräften ſteht, und dann mag ſie ſelber weiter ſorgen. Ja, ich laſſe ihr ſchon jetzt eine gewiſſe Freiheit. Sie haben ſie geſtern Abend gehört, ſagen Sie. Da werden Sie denn auch eins von den Dingelchen gehört haben, die man Volkslieder heißt.'s iſt ein Firlefanz und nicht meine Wahl, ſondern die ihre, aber ich laſſe ſie. Nützen thut das Zeug ihrer Stimme nicht, allein, geſund wie ſie iſt, fürcht' ich auch keinen Schaden davon. —— 8 „Mein Mann ſagte geſtern Abend, es fehle ihr noch 21 Kurz, die Form, wenn ich das Ding ſo heißen ſoll, gebe ich ihr, den Inhalt muß ſie ſelber finden, und ob ſie den findet—“ „Da ſind wir“, unterbrach ihn die Commerzienräthin. die Seele. Ich ſage, die Seele iſt nur noch nicht frei, ſondern ringt ſich ſchwer und unklar empor. Das meinen Sie doch mit Ihrer Form und Ihrem Inhalt, Meiſter?“ „So iſt's“, verſetzte er wieder mit jenem träumenden Ausdruck.„Die Seele— ja, die Seele! Aber die kann eben nur der Menſch ſelber frei machen, oder das Leben thut's für ihn und an ihm.“ „So denke ich nicht“, ſagte ſie ſehr ernſt.„Lehre und Beiſpiel, vor allem aber die Liebe eines warmen und treuen Herzens kann einer ſolchen jungen Seele in ihrem Ringen zu Hülfe kommen und ſie ſich milder entfalten laſſen, als wenn die Erfahrungen und Schmerzen des Lebens dies Amt allein übernehmen müſſen. Ver⸗ trauen Sie mir Ihr Kind an, Meiſter“, ſchloß ſie und ergriff ſeine Hand und ſchaute ihm hell in die Augen. „Laſſen Sie mich verſuchen, da anzuknüpfen, wo Sie aufhören müſſen, und ihm die heitern und hellen Regi⸗ onen unſerer Kunſt zu erſchließen, welche ja Sie ſelbſt ihm nicht verſagen. Dies Talent darf nicht zu kurz ————— kommen, nicht verkümmern. Vertrauen Sie mir— beaufſichtigen Sie uns. Ich fühle nicht nur die Kraft in mir, ſondern auch die Liebe, um Ihr Kind leichter und freundlicher auf dem Wege zum Heiligthum unſerer Knnſt weiter zu führen, als Sie es könnten, als das Leben es vermöchte.“ „Sei es ſo— verſuchen Sie es“, entgegnete der Alte nach einer langen Pauſe.„Ihr Weg iſt nicht der mmaeene, allein was ich von Ihnen gehört habe und jetzt höre, überzeugt mich, daß es auch hier der Wege mehrere gibt. Nur auf Einem muß ich auch heute, muß ich im⸗ mer beſtehen. Einen entſcheidenden Schritt, ſei es auf die Bühne, ſei es in die große Oeffentlichkeit, unterläßt Marie, bis ſie alt genug iſt, ihn nach eigener Ueber⸗ legung und auf eigene Verantwortung zu thun. Als einen ſolchen Termin hab' ich für ſie das einunzwanzigſte Jahr beſtimmt, gleichviel ob ich dies noch erlebe oder nicht. Sie hat noch vier Jahre bis dahin. In denen kann ſich viel bilden, viel verändern.“ Von dieſer Zeit an genoß Marie den Unterricht der Dame, welche ihrer Zeit wirklich unter den erſten Sängerinnen Deutſchlands geglänzt hatte. Die treffliche Frau widmete ſich ihrem Zögling mit vollſter Gewiſſen⸗ haftigkeit und wachſender Theilnahme und Liebe, und das Mädchen lohnte ihr dieſelben nicht blos durch ſchran⸗ 23 kenloſe Hingebung, ſondern auch durch die überraſchend⸗ ſten Fortſchritte. Der Organiſt konnte ſich von Tag zu Tag mehr überzeugen, daß ſein Kind in guten Hän⸗ den war und daß Lehrerin und Schülerin auf ſeiner Grundlage redlich fortbauten. Er merkte es wohl: es kam Inhalt in die Form. Die junge Seele regte immer kräftiger ihre Flügel, das frohe, friſche Leben durchdrang das Herz des Mädchens und klang hervor aus den auf⸗ jubelnden Tönen. Man ſah es wohl, er wußte oft nicht, wie ihm ge⸗ ſchah: die Hände blieben, wenn ihr Geſang ihn umzau⸗ berte, zuweilen ſtill auf den Taſten ruhen, die Thränen traten in ſeine Augen und durch die tiefen Züge des alten Geſichts leuchtete die helle Begeiſterung. Dann ſprang er wohl auf vom Klavier, ohne den letzten Satz zu vollenden; er zog den weiten Hausrock feſt um die hagere Geſtalt zuſammen und lief im Zimmer auf und ab, das Haupt anf die Bruſt geſenkt. Und ebenſo plötz⸗ lich blieb er ſtehen, die Hände der beiden Sängerinnen— die Commerzienräthin war jetzt ein häufiger und ſtets willkommener Gaſt in der Cantorei— in die ſeinen preſſend.„Cott ſegne Euch, Kinder!“ murmelte er und wandte ſich, ſank auf den Stuhl vor dem Klavier, ſeine Hände ſielen auf die Taſten, und Töne reihten ſich an Töne, wunderbar, ergreifend, erſchütternd, die ſeine Zu⸗ 24 hörer innen lauſchen ließen, athemlos, wie verzaubert. Was war das? Wurden plötzlich Erinnerungen wach an eine längſt verſunkene und vergeſſene goldene Ju⸗ gend— war er dennoch einmal wirklich jung geweſen? Oder regte ſich erſt jetzt, zum erſten Male, das warme, volle Leben in ihm? Nang ſich erſt jetzt ſeine Seele frei und ſtrebte hinauf über all den ſchweren, ſchweren Erdenſtaub? Bei ſeiner Tochter regte dies Leben ſich wirklich und brach mit wunderbarem Glanz durch all die dunkeln Hüllen, ſtieg mit zauberhafter Friſche aus all den Feſ⸗ ſeln und Schranken des bisherigen engen Daſeins her⸗ vor, umkleidete ſie mit immer ſüßerem Liebreiz. Wer das junge Weſen vordem geſehen und ſeinen Tönen ge⸗ lauſcht hatte und es jetzt, nachdem es ein halbes Jahr lang den Unterricht, den Umgang, die Liebe der vor⸗ trefflichen Frau genoſſen, von neuem ſah, ihm von neuem lauſchte, der mochte weder das holdſelige Men⸗ ſchenkind noch ſeinen zauberhaften Geſang als die gleichen wiedererkennen. Die Veränderung war eine ganz un⸗ beſchreibliche. Die Augen begannen ſich zu erheben und täglich heiterer und inniger, voll leiſe, leiſe aufkeimenden Verſtändniſſes, voll ſüßen, gläubigen Vertrauens auf die Menſchen, in die Welt, in das Leben zu ſchauen. Die träumeriſchen Züge ſchloſſen ſich auf, wie eine Knospe — 4 25 ſich ſchüchtern öffnet und ihre Blätter auseinander legt, bis man tief hineinblicken kann in den ſtillen, duftvollen Kelch. Und auch durch die Töne ihres Geſangs klang jenes leiſe Verſtehen hin, die junge Seele ſchwang ſich mit ihnen jubelnd empor, voll Friſche und Kraft, voll Zartheit und Reinheit, oder ſie wiegte ſich auf ihnen in ſüßer Träumerei und lauſchte hinaus, ſcheu und doch gläubig, in den Glanz und Duft des weiten, weiten, golden ſchön aufſteigenden Lebens. So verſtehen dürfen die Leſer dies freilich nicht, als ob das junge Weſen ſich nun auch plötzlich, wie andere Mädchen, die aus engen Verhältniſſen hervortreten durf⸗ ten, heiter und fröhlich ins neue friſche und freie Leben hineingeworfen und unbedächtig und glückſelig ſich in den glänzenden Wogen dahingewiegt hätte, aller Welt die Fülle und das Glück ihrer Jugend, ihres Herzens entgegenjauchzend. Im Gegentheil, wie heiter ſie auch innerlich war, wie voll und warm es ſich in ihr regte und ſie erfüllte, der Welt, der Geſellſchaft gegenüber, der ſie ſich plötzlich nahe gerückt fand, blieb ſie faſt im⸗ mer das ſtille und verſchloſſene, ſcheue und träumeriſche Kind, das ſie ſtets geweſen, und es waren nur wenig Bevorzugte, die zuweilen einen Einblick in die volle, warme und reine Tiefe ihres Innern, in ihr wirkliches, eigenes Sein und Weſen erhielten. 26 Die Geſelligkeit im Hauſe des Commerzienraths war eine ſehr lebhafte und muntere, und er und ſeine Gattin verſtanden es, ſie auch zu einer inhaltsvollen und an⸗ muthigen zu machen. Das Paar hatte keine Kinder und ſtand in jenem Alter, wo die Jahre den Körper noch nicht beläſtigen und der Geiſt noch in voller Friſche und Kraft die ir iſche Form erfüllt, wo wir das Leben verſtehen und würdigen und uns mit Behagen in ihm daheim fühlen, im ruhigen und frohen Genießen des Guten und Schönen, im ernſten Zurückweiſen oder mu⸗ thigen Ueberwinden des Falſchen und des Schweren. Der Commerzienrath genoß nicht nur in der großen Stadt eines außerordentlichen Anſehens und der allge⸗ meinen Achtung, ſondern ſein Bankgeſchäft hatte ſeinen Namen und ſeinen Ruf auch weit in die Ferne hinaus verbreitet; zu dem ſtädtiſchen Kreiſe, welcher ihn und die Gattin verehrend umgab, geſellten ſich die zahlreichen Fremden, die an ſein Geſchäft oder an ſeine Familie empfohlen waren, und was von hervorragenden Männern, von künſtleriſchen Größen die Stadt berührte, fand ſich beſtimmt in ſeinem gaſtfreien Hauſe zuſammen, angezo⸗ gen und unterhalten durch den hochgebildeten, erfahrenen, geiſtvollen Mann, entzückt durch die liebenswürdige Frau, welche auch jetzt dem Rufe, deſſen ſie als Künſtlerin ge⸗ noſſen, Ehre machte und gelegentlich ihre Hörer durch 27 ihren Geſang bezauberte, angeregt und befriedigt durch den Kreis von zu einander paſſenden heitern und be⸗ deutenden Menſchen, der es ſich hier wohl ſein ließ. Es gab wenig Tage im Jahre, wo ſich das Paar wirk⸗ lich einmal allein bei einander fand, auch dann froh und zufrieden. Denn es waren tüchtige Menſchen, die einander verſtanden und liebten. In dieſen großen, lebhaften Kreis ließ Marie ſich faſt niemals ziehen, obgleich das freundliche Paar die Einſame und bald vielleicht noch Einſamere— mit dem Organiſten ging es anſcheinend ſchnell bergab und auch ſeine alte Schwägerin wurde raſch hinfällig— auf das herzlichſte an ſich zu feſſeln ſuchte und, von des Mäd⸗ chens Schönheit und Talent ganz zu ſchweigen, ſelbſt die Bildung deſſelben nicht allzuweit hinter den Anſprü⸗ chen zurückſtand, die man in dieſen Regionen zu erheben pflegt. Der Alte hatte viel an ſein Kind gewandt. Er mochte ſich im Stillen doch wohl ſelber klar gemacht haben, daß das Talent Mariens, wenn es wirklich das außerordentliche war, für das man es hielt, bald ſeine Schranken durchbrechen und die Künſtlerin auf eine Höhe, in Kreiſe und Verbindungen führen dürfte, wo ihr nur eine tüchtige innere Bildung den nöthigen Halt und die nothwendige Selbſtſtändigkeit zu gewähren und zu erhalten vermöge. Sie hatte bei weitem mehr gelernt, 5———— ————————— v1“ als es bei Mädchen dieſer Klaſſe der Fall zu ſein pflegt, und ſie hatte es in der Stille auch weiter ausgebildet und ſich beſſer zu Nutze gemacht. Was ihr und, wenn wir uns ſo ausdrücken ſollen, ihrem Beſitze fehlte, war im Grunde nur, daß ſie denſelben mit und an demje⸗ nigen Anderer maß und an dieſem ſich klären und weiter bilden ließ, und das Haus und die Kreiſe des Commer⸗ zienraths boten ihr dazu eine Gelegenheit, wie ſie die⸗ ſelbe nicht günſtiger erhoffen konnte. Trotzdem benutzte ſie dieſe Gelegenheit, wie geſagt, nicht. Die paar Male, wo es der Commerzienräthin im Laufe der Zeit gelang, ſie wirklich in die Geſellſchaft hineinzuführen, verharrte ſie in einer Zurückhaltung oder vielmehr ängſtlichen Scheu, welche Niemand ſich ihr zu nähern erlaubte und ihre Beſchützer nach und nach von ähnlichen Verſuchen abſtehen ließ. Aber dieſe ängſtliche Scheu beherrſchte ſie auch in den kleinern und kleinſten Cirkeln, in denen ſie denn allmälig doch öfters zu finden war. Jede fremde Erſcheinung drängte ſie wieder in ihre erſte Zurückhaltung und Verſchloſſen⸗ heit zurück, und es bedurfte einer langen Zeit, um ſie auch nur den drei oder vier nächſten Freunden des Paars, welche ſchier täglich im Hauſe verkehrten und dem liebreizenden Geſchöpf die wärmſte Theilnahme und das herzlichſte Wohlwollen entgegentrugen, mit einer 29 Art von Ungezwungenheit begegnen, ſich vor ihnen— um einen Volksausdruck zu gebrauchen— nicht geniren zu laſſen. Es wird hiernach verſtändlich ſein, daß ſie vor der Offenbarung und Hingebung, die der Geſang von ihr verlangt haben würden, noch viel ſcheuer zurückwich. In dem größern Kreiſe ließ ſie ſich von der Commerzien⸗ räthin ein einzig Mal zu einer kleinen Production faſt zwingen— man merkte es, daß ſie nur nachgab, um die gütige, von ihr angebetete Frau nicht zu betrüben oder zu erzürnen— und machte im Grunde vollſtändig Fiasco; die Stimme war ſo ſchön wie irgend denkbar, aber der Vortrag war ſeelenlos. Wenig anders nur war es in den zwei oder drei Kirchenconcerten, von denen ſie ſich nicht ausſchließen durfte, und ſelbſt wenn ſie hin und wieder im allerkleinſten und vertrauteſten Cirkel einmal ihre Scheu überwand und, den Bitten und dem Drängen nachgebend, ihre Stimme erklingen ließ, erreichte ſie niemals weder den Aus⸗ noch den Ein⸗ druck, wie in dem ſtillen Zimmer des alten Vaters oder in den Stunden, wo ſie mit den geliebten Pflegeältern— ſo ſah ſie das edle Paar beinahe an— und höchſtens dem einen oder andern der ſchon erwähnten Hausfreunde allein war. Selbſt dieſe gelangten nicht ohne weiteres zu einem ———— 30 ſolchen Vorzug, ſondern es bedurfte eines Kunſtgriffs der Commerzienräthin.„Und Ihr ſollt ſie doch hören, nicht blos ihre Stimme, ſondern ſie ſelber“, ſprach die Dame halb verdrießlich, halb luſtig zu den Freun⸗ den eines Abends, als man Marie wiederum vergeb⸗ lich gedrängt und endlich nichts von ihr erlangt hatte als eine jener Productionen, die man bewundern mußte, ohne Freude an ihnen zu haben. Und ſo ver⸗ barg ſie die Bevorzugten eines Tags im Nebenzimmer und ließ das argloſe Kind nicht vom Klavier, es fort⸗ ziehend von einem Lieblingsſtück zum andern, bis das junge Weſen Alles umher vergaß und jubel⸗ voll Herz und Seele erſchloß und hinausſtrömen ließ, wie ſelbſt die Gatten es bis dahin noch niemals vernommen hatten. Ihr Schreck und ihre Beſchämung waren ſehr groß, als man ihr den kleinen Betrug entdeckte, deſſen Opfer ſie geworden. Allein ſie liebte ihre Lehrerin allzu ſehr und die Theilnahme der Lauſcher war eine allzu warme, herzliche und verſtändige, als daß ſie ihr nicht dennoch wohlthun und wirklich ihre Scheu allmälig hätte beſiegen ſollen. Zu einem weitern Nachgeben indeſſen ließ ſie ſich, wie wir ſchon berichteten, auch auf dieſe Weiſe nicht bewegen. 31 „Sage mir aber um Gotteswillen, was Du Dir eigentlich bei dieſer kindiſchen Angſt und Zurückhaltung denkſt, wie Du Dein Leben geſtalten willſt?“ fragte die Commerzienräthin wohl einmal, wenn ein neuer Verſuch zur Beſiegung von Mariens Scheu mißlungen war. „Du haſt nicht nur die Anlage zu einer der größten Sängerinnen aller Zeiten und Länder, ſondern Du biſt es im Grunde ſchon. Nichts fehlt Dir, um es auch vor aller Welt zu ſein, nichts als der Ehrgeiz und die Courage. Und wenn nichts ſie zu wecken, nichts Deine dumme Angſt zu beſiegen vermag, ſchrickſt Du denn nicht zurück vor der himmelſchreienden Sünde, daß Du dies Pfund vergräbſt, das Dir der liebe Gott doch nicht blos für nichts und wieder nichts anvertraut hat, ſon⸗ dern auf daß Du mit ihm wucherſt zu ſeiner und Deiner Ehre, zur Freude und zum Glück Deiner Mit⸗ menſchen?“ „Laß mich, Mama, ſei barmherzig, ich kann nicht!“ flehte das Mädchen dann wohl mit Thränen in den Augen.„Und wenn ich eine Todſünde beginge, ich kann und kann nicht hintreten vor all die neugierigen, kalten, fremden Menſchen und ihnen mein Herz erſchließen und meine Liebe! Meinen Geliebten gegenüber— Euch, an denen ich hänge, in denen ich lebe— o das iſt ein unſagbar Glück— wüßteſt Du nur, wie ich's erkenne, 32 wie es mich erfüllt!— Aber den Andern, den Fremden und Kalten— nie, nie! Es bleibt Alles in mir ſtill und kalt, und was auch die Stimme einmal Dir und dem Vater zu Liebe verſucht, das Herz ſagt nicht Amen dazu.“ Frau Conſtanze ſchüttelte den Kopſ.„Biſt Du ſo ſicher, mein Kind, daß Du immer diejenigen um Dich findeſt, denen Du Dich erſchließen, denen Du Dich hin⸗ geben kannſt?“ fragte ſie ernſt und ein wenig zögernd, denn es regten ſich in ihr noch andere Gedanken, denen ſie nicht Worte zu leihen wagte.„Biſt Du ſo ſicher, daß Du immer findeſt, die Dich verſtehen und Dich würdigen, wie Du es verſtehſt, wie Dein Ta lentes verlangt? Denn glaube nur, mein Kind“, fügte ſie beinahe traurig hinzu, neine Gabe wie die Deine, die empfängt der Menſch nicht und birgt ſie nicht in ſich wie einen Theil, wie ein Stück ſeines Weſens, das abhängig iſt von ſei⸗ nem Willen, ſeinem Entſcheiden; ſondern ſie hat ihr eigenes Leben, ihre eigene Kraft, ihren eigenen Willen und ihr eigen Recht, die ſich vielleicht zurückdrängen, aber nicht beſiegen laſſen. Und wehe dem Menſchen, wenn ſie ſich einmal auflehnt gegen den Zwang und die Feſſeln, die, ſei es ſeine Kurzſichtigkeit, ſeien es un⸗ glückſelige Verhältniſſe, ihr auferlegt haben; wenn ſie nach ihrem Recht verlangt, ihr Leben gegen ſeines, ihre ,—‧ 33. Kraft wider die ſeine ſetzt— dann, wenn es für ihn zu ſpät geworden! Das ſollſt, das mußt Du Dir überlegen, Marie“, ſchloß ſie ergriffen.„Du biſt es Dir ſelbſt und den Deinen, Du biſt es vor allem Deinem Talent ſchuldig.“ Das Mädchen beugte demüthig das Haupt. Aber es wurde nicht anders. „Laſſe ſie gehen“, ſagte der Commerzienrath, dem die Gattin einmal von einem ſolchen neuen vergeblichen Verſuch berichtete.„Ich fange wirklich ſelber an zu glauben, daß der Alte, daß ſie ſelber ſich und ihr Talent beſſer verſteht und würdigt als wir. Trotz der Außerordentlichkeit deſſelben ſcheint ihm doch das Höchſte und Größte abzugehen, das, was es zum Herrn des Menſchen und ſeines Geſchicks macht und jeden Widerſtand, woher er auch komme, überwindet. Ob es bei ihr jemals dazu noch kommt— wie geſagt, ich bezweifle es. Vielleicht iſt ihre Gabe und ſie ſelbſt nur dazu beſtimmt, die Ihren zu beglücken. Und am Ende iſt das doch auch ein Glück, hat auch ſeine Berechtigung, und am wenigſten haben Andere das Recht, dem Walten des Geſchicksder eigenen Beſtimmung und Einſicht des Menſchen vorzugreifen, ihn vielleicht auf eine Bahn zu drengens die einmal nicht die ſeine ſein ſoll, noch werden Höfer, Zur linken Hand. 3 34 kann, die ihn möglicher Weiſe nur zum Unglück führen könnte.“ „Die Ihren!“ wiederholte Frau Conſtanze gedan⸗ kenvoll, faſt wehmüthig.„Wer werden dieſe Ihren ſein? Mir thut der Gedanke, ich kann nicht ſagen, wie weh, das dies wunderbare, gottgeſegnete Geſchöpf gleich den meiſten andern armen Erdenkindern in den Erdenſtaub und die Erdenmiſère hinabſinken und darin verkümmern ſoll, ohne Pflege und Schonung, ohne Verſtändniß und ohne Glück! Es wird nicht allen ſo wohl wie mir“ fügte ſie hinzu und bot ihm innig die Hand.„Mein Opfer, wenn es eins war, hat die Liebe hundertfältig erſetzt. Aber Marie— was kann ihr Loos für ein anderes ſein als die immer ſtillere und freudloſere Einſamkeit eines Einzellebens, oder eine von den vielen Ehen eben im Erdenſtaub und in der Erdenmi⸗ ſere? Daß ſie ſich in ihrer vollen Schönheit, in ihrem unendlichen Reichthum jemals einem Manne erſchließt und hingibt— ich vermag es nicht zu hoffen! Und daß ein Mann ſie nach ihrem vollen Werth zu ſchätzen und zu würdigen vermögen, ja daß die Verhältniſſe ihm dies nur möglich machen ſollten— ich kann es nicht glauben!“ „Wer weiß!“ ſagte der Commerzienrat ernſt und mit nachdenklichem Blick.„Es paſſirt Manches in der 37 rühmten künſtleriſchen Kreiſen der Reſidenz erlangt hatte. Für ihn ſprach bei ſeinen Wirthen dagegen der Ernſt und die Tiefe ſeines Weſens und die echte Humanität, die in jedem Zuge, in jedem Worte zu Tage trat. Vor denjenigen, welchen er ſich wirklich näherte und denen er vertraute, verſchwand der Prinz vollſtändig und blieb nur der hochgebildete und liebenswürdige Geſellſchafter, der tüch⸗ tige und gediegene Mann zurück. Auf ſeinen Rang und ſeine Geburt legte er um ſo weniger Werth und rückte dieſelben um ſo ſeltener in den Vordergrund, als er ſehr wohl begriff, daß ſie ihn in den Augen der Unab⸗ hängigen und Verſtändigen nicht um ein Haar breit höher hoben und in mehr als einer Richtung ihm eher zum Schaden als zum Vortheil gereichten. Ein Prinz ans einer Nebenlinie und ohne ein angemeſſenes Ver⸗ mögen iſt ein Menſch, der hundert und aber hundert Privatleuten nachſteht und es in der Welt nicht halb ſo gut hat wie ſie. Wie er in jener Nacht dabei geweſen war, wo Marie entdeckt worden, blieb er nicht nur vermöge ſeiner Stellung im Hauſe des Commerzienraths, ſondern auch durch die eigene Theilnahme und das eigene Verſtändniß fortan unter mi de, welche dem Mädchen die treueſte Auf⸗ merkſamkeit zuwandten und mit ſteigendem Intereſſe der raſch vorſchreitenden, glänzenden Entwickelung des 38 Menſchen und der Künſtlerin folgten. Er gehörte wie⸗ derum zu den Wenigen, denen Frau Conſtanzens kleiner Betrug den Genuß verſchaffte, Mariens Begabung in ihrer vollen Größe und Schönheit kennen zu lernen, und er war endlich unter allen Hausfreunden derjenige, deſſen Gegenwart das Mädchen am wenigſten ſtörte, vor dem ſie ſich am offenſten und freiſten ihrer wahren Natur überließ. Dieſer Vorzug, wenn man es ſo heißen darf, erklärte ſich nicht blos durch des Prinzen häufige, ja faſt regel⸗ mäßige Anweſenheit, ſondern auch durch ſeine Perſön⸗ lichkeit, durch ſein ganzes Weſen und durch den Ton und die Weiſe e, welche er dem liebreizenden Geſchöpf gegenüber vom erſten Tage an angeſchlagen hatte und ſeitdem unabänderlich inne hielt. Herzlichkeit, Theilnahme und Offenheit ſprachen aus jedem ſeiner Blicke, klangen aus jedem Wort, die er ihr zuwandte, und ſein Ver⸗ ſtändniß der Kunſt, ſein Urtheil und ſein Geſchmack waren von einer Feinheit, Gereiftheit und Sicherheit, woelche ſeinen Ausſprüchen ſelbſt für die Erfahrenſten und Einſichtigſten einen bedeutenden Werth und ein großes Gewicht verliehen und das junge Mädchen bald immer vertrauensvoller und gläubiger zu ihm ufſchauen ließen. Eine Gefahr für ihren Schützling fanden der Com⸗ 39 merzienrath und ſeine Gattin in dieſem Verhältniſſe nicht. Der Prinz war allerdings nicht nur ein ſchöner, ſondern auch noch ein junger Mann, zum mindeſten noch keineswegs in den Jahren, welche ihn einem Mäd⸗ chen von Mariens Alter nothwendig hätten ſchon alt erſcheinen laſſen müſſen. Mit dieſem Aeußern vereinten ſich nicht nur ſein Geiſt und ſeine Bildung, ſondern auch ſelbſtverſtändlich die vollendetſten Umgangsformen, und er war Alles in Allem wohl der Mann, der auf Frauen, nicht um ſeines Ranges, ſondern um ſeiner ſelbſt willen, einen tiefen und nachhaltigen Eindruck zu machen ver⸗ mochte. Aber einerſeits war es ihm ſelber bisher nie⸗ mals um einen ſolchen Eindruck zu thun geweſen, noch hatte er demſelben, wo er vielleicht dennoch einmal zu bemerken war, jemals eine Rückwirkung auf ſich geſtattet, geſchweige denn ihn ſich im Sinne der Welt zu Nutze gemacht. Undandererſeits erſchloß Marie ſich ihm ſo offen, ſo hingebungs⸗ und vertrauungsvoll, daß ihr Herz nach allem menſchlichen Begreifen dabei kaum etwas Anderes fühlen konnte als die Liebe und Verehrung einer jungen Schweſter oder Freundin zu dem ältern, erfahrenern, ihr weit überlegenen Bruder oder Freund. Und was das wackere Paar, wenn ſich ja einmal irgend eine leiſe Beſorgniß in ihm regen wollte, ſtets von neuem und am meiſten beruhigte, war die Beobachtung, daß ſich im 40 Laufe der Zeit in der Stellung und Geſinnung der Beiden nicht die leiſeſte Veränderung bemerklich machte, natürlicherweiſe mit Abrechnung derjenigen, die ſich aus dem Jahr und Tag fortgeſetzten Verkehr von ſelbſt er⸗ ggab der auf die lange und genaue Bekanntſchaft und die beiderſeitige Perſönlichkeit gegründeten unver⸗ hehlten herzlichen Zuneigung und heitern Vertraulichkeit. Ein einzig Mal wurde Frau Conſtanze durch den Blick und Ton betroffen, mit denen Prinz Bernhard der Abneigung des Mädchens gegen Oeffentlichkeit zuſtimmte. „Laſſen Sie das arme Kind doch, laſſen Sie es, meine Frreundin!“ rief er beinahe heftig aus, als ſie ihm gleich dem Gatten von ihrem Drängen und Mariens„kin⸗ diſcher“ Angſt geſagt hatte.„Sie hat Recht, tauſendmal Recht. Sie und ihre Stimme gehören nicht vor die ggroße, kalte, rohe Menge. Sie ſind beide zu gut, tau⸗ ſendmal zu gut für dieſelbe!“ „Ich verſtehe Sie nicht, Hoheit!“ ſagte die Dame nach einem langen forſchenden Blick. „Ich kenne Marie und ihre Stimme beſſer und vürdige ſie richtiger als Ihr alle“, verſetzte er mit einer Art von Gereiztheit, die an ihm ſehr ungewöhnlich war. „Nochmals, ſie ſind beide zu gut für den großen Hau⸗ fen. Sie würden an ihm und ſeinem— Enthuſiasmus heißt Ihr es ja wohl?— zu Grunde gehen.“ 41 Die Commerzienräthin war, wie geſagt, äußerſt betroffen und gab in der Stille mit peinlicher Aufmerk⸗ ſamkeit auf den einen wie auf die andere Acht. Aber ſie entdeckte nichts, was ſie mit Recht hätte beunruhigen müſſen. Das war in der Zeit zu Anfang des Jahres, wo e„Saiſon in dex Blüte“ iſt, die Concerte wie alle andern Zerſtreuungen und Unterhaltungen ſich drängen und Marie ſich eben gegen die Theilnahme an einer ſolchen Production gewehrt hatte. Der Winter verging und Oſtern kam heran, in dieſem Jahre einmal vollkom⸗ men dem Volksglauben entſprechend, der dies Feſt grün verheißt, wenn die Weihnacht weiß geweſen. Es war freilich ſchon etwas ſpäter als gewöhnlich, aber es war dafür auch wunderſchön. Ueberall brach das junge Laub hervor, überall ſprangen die Knospen, die Blumen duf⸗ teten, die Vögel ſangen und der Himmel hatte niemals blauer gelächelt, die Sonne niemals glänzender geſtrahlt als in dieſem Jahre— man mochte glauben, heute müſſe ſie bei ihrem Aufgange„getanzt“ haben, ſo freudig blickte ſie herab, in alle Straßen, in jedes Haus, in jedes Herz. Frau Conſtanze, die heute weniger als je in ihrem Stuhl im Dom fehlte, hatte ſich noch niemals andäch⸗ tiger und erhobener geſtimmt gefühlt: der alte Dom⸗ 42 prediger hielt eine ſeiner ſchönſten Reden, die Orgel er⸗ klang in wunderbaren, wehmuthsvollen und aufjubelnden Weiſen, und die Dame hörte ſelbſt in ihrer Nähe, wie einer dem Andern zuflüſterte, was die meiſten Anwe⸗ ſenden denken mochten:„Schöner hat der Alte noch nie geſpielt!“ Frau Conſtanzens Auge flog hinüber zu dem Stuhle, den die Bewohner der Cantorei in der Ecke unter der Orgel beſaßen— was mußte erſt die Tochter empfinden, die den alten Vater mit aller Her⸗ zenskraft liebte und ihn und ſein Spiel verſtand wie Keiner ſonſt! Sie fand das Mädchen auf dem ge⸗ wohnten Platz, aber der kleine Kopf war tief geſenkt, und die ſchönen Augen grüßten heute nicht einmal, wie ſonſt wohl, innig zu der liebevollen Frau herüber. Da⸗ für begegneten dieſer ein paar andere Augen, und das waren die des Prinzen, der einſam an dem Pfeiler ſtand, an dem die Kanzel befindlich. Seine Stirn war ernſt und ſein Auge voll tiefen, ſchweren Nachdenkens, wie das eines Men⸗ ſchen, dereinmal mit ungewöhnlicher Strenge und Gewiſſen⸗ haftigkeit Einkehr bei ſich hält. Er war, ganz gegen ſeine Gewohnheit, ein paar Tage lang nicht in ihrem Hauſe geweſen und kam auch heute nicht; vordem, als er noch mehr mit den Gei⸗ ſtern der Vergangenheit rang, waren ſolche Fälle häu⸗ figer eingetreten. Neuerdings aber hatte man nichts 43 Derartiges mehr bemerkt; vielmehr erſchien er gerade in den letzten Monaten heiterer und lebhafter als jemals früher. Doch legte Frau Conſtanze auf dies Ausbleiben des Freundes kein beſonderes Gewicht— über das Feſt waren Verwandte des Commerzienraths als Gäſte in ihr Haus gekommen, und es verſtand ſich von ſelbſt, daß die Familie während dieſer Tage mehr unter ſich lebte. Ließ ſich doch auch Marie nicht ſehen. Am Dienſtag reiſten die Verwandten wieder ab uud am Abend fand ſich ein kleiner Cirkel in Frau Conſtanzens Salon zuſammen, darunter ein ſeltener Gaſt, der Regimentscommandeur. Der alte Herr ſchien nicht zu finden, was er ſuchte, und ſich nicht zu unterhalten, wie er es vielleicht gewünſcht. Er brach, als man ſich zu Tiſche ſetzen wollte, ſchon wieder auf. „Sie wiſſen, meine gnädige Frau“, ſagte er in ſeiner höflichen Weiſe, als Conſtanze gegen ſeine Ent⸗ fernung proteſtirte,„ich darf mir abends nicht zu viel zumuthen und muß frugal leben wie ein Karthäuſer. Wir Alten werden von den Jüngern erſetzt— das iſt der Lauf der Welt! Aber einen Jüngern ſeh' ich heute hier nicht— wo ſtecken denn Seine Hoheit?“ Und als die Dame achſelzuckend ſeines längern Aus⸗ bleibens gedachte, fügte der Alte nach einem„So, ſo! Auch bei Ihnen?“ die Stimme dämpfend plötzlich hinzu: 44 „Haben Sie denn ſchon davon gehört, daß er um ſeinen Abſchied gebeten hat?“ Conſtanze hob überraſcht den Kopf.„Um ſeinen Abſchied? Prinz Bernhard? Keine Silbe!“ rief ſie lebhaft. „Sachte, ſachte!“ mahnte er.„Nicht ſo laut! Da auch Sie nichts davon erfuhren, ſcheint die Sache noch mehr Geheimniß ſein zu ſollen, als ich es annahm. Man fragt auf Befehl unſeres Allergnädigſten plötzlich unter der Hand bei mir an, was denn dieſen Wunſch veranlaßt habe. Für mich war's das erſte Wort; mich hatte er, wie es ſolche Herren wohl einmal machen, umgangen und ſich direct an den König gewendet. Ich habe die Nachricht erſt heute Mittag erhalten und konnte ſeiner bisher nicht habhaft werden, auch hier nicht.“ „Aber das— zumal dies Schweigen— begreife ich nicht!“ ſagte Conſtanze noch immer erſtaunt.„Er hat niemals auf einen ſolchen Entſchluß hingedeutet. Im Gegentheil—“ „Sondiren Sie ihn— ich bin ſelber ganz con⸗ ſternirt und nicht wenig neugierig“, unterbrach ſie der Oberſt.„Aber vorſichtig, ſchöne Frau! Er ſcheint ja erſt mit der vollendeten Thatſache vor uns treten zu wollen.“ Die Mahnung war keine überflüſſige geweſen. Prinz 45 Bernhard zeigte ſich, als er wieder im Hauſe erſchien, ungewöhnlich ernſt, verſchloſſen und zurückhaltend. Die Verſuche Conſtanzens, dieſe Stimmung zu beſiegen, waren vergeblich, und als ſie endlich geradezu ſagte: „Sie haben mir erlaubt, Hoheit, mich Ihre Freundin zu nennen; einer ſolchen kann eine Veränderung des Freundes nicht entgehen— ſie hat ein Recht, nach der⸗ ſelben zu fragen!“ da entgegnete er beinahe finſter: „Fragen Sie mich nicht, meine Freundin! Ich kämpfe einen ſchweren Kampf gegen Hochmuth, Eigenſucht und Thorheit. Wenn er geendigt iſt— gleichviel wie— ſollen Sie zuerſt davon erfahren. Früher iſt's nicht möglich.“ Dabei blieb es. Von Marien ſah Frau Conſtanze in dieſer Zeit noch weniger. Die alte Tante war, wie es hieß, in den Tagen vor Oſtern hart erkrankt und lag ſeitdem ſchwer darnieder, faſt allein auf die Pflege der Nichte angewieſen, welche dieſelbe ihr denn auch mit muſter⸗ hafter Treue und Unermüdlichkeit widmete. Das Mäd⸗ chen kam wochen⸗ und wochenlang faſt nicht von ihrem Bett, geſchweige denn aus dem Hauſe und wurde ſelbſt, wenn Frau Conſtanze bei ihr oder dem alten, gleichfalls kränkelnden Organiſten vorſprach, nicht immer ſichtbar. Daß ſie, wenn ſie ſich ſehen ließ, niedergeſchlagen und gepreßt war, konnte die Dame nicht anders erwarten: 46 die Dinge ſtanden ſchlecht, und die Kranke duldete keine andere Pflegerin als das arme Kind, das freilich ſelbſt: verſtändlich auch keiner andern weichen wollte. Erſt gegen Pfingſten wurde es beſſer, und Marie brauchte nicht mehr Alles, was die Freundin zu ihrer Kräftigung und Aufheiterung verſuchte, mit dem Hin⸗ weis auf die häuslichen Pflichten zurückzuweiſen. Die ſchwere Zeit hatte das arme Kind ernſtlich mitgenommen, meinte die Commerzienräthin zu erkennen. Sie war nicht blos blaß und mager geworden, ſie war auch noch immer niedergeſchlagen und gepreßt; ſie wich mehr als je vor jedem Heraustreten aus ihrer Stille und florten Blick. Frau Conſtanze berieth mit ihrem Mann — ſo durfte das nicht fortgehen, ſie hatten das Mäd⸗ chen zu lieb. Sie hofften, der Alte werde ſie ihnen als Begleiterin bei der Sommerreiſe anvertrauen, die man in Ausſicht genommen, für die bei den erſten Be⸗ ſprechungen Marie ein lebhaftes Intereſſe gezeigt hatte. Der Prinz war in dieſen Wochen nicht da, ſondern, wie es hieß, zu ſeiner Familie gereiſt. Mit ſeinem Abſchiedsgeſuch mußte es irgendwie Anſtand gefunden haben. Es verlautete kein Wort davon und auch der Oberſt hatte nichts mehr erfahren. V 47 Am Tage vor Pfingſten kam er zurück und erſchien abends bei der Commerzienräthin. Er war ſehr heiter, ließ ſich aber nicht weiter aus. Nur beim Abſchied ſagte er, die Hand der Dame in der ſeinen haltend, zu den Gatten:„Ich habe auch eine Neuigkeit für Sie, die Sie hoffentlich für eine gute halten werden. Sie müſ⸗ ſen aber noch ein paar Tage neugierig bleiben.“ Ein paar Tage nach dem Feſt— es war einer von jenen ſtillen, grauen Tagen, die in dieſer Jahres⸗ zeit zuweilen erſcheinen und in ihrer Milde und ſanften Ruhe den durch all den Sonnenglanz geblendeten und ermüdeten Augen ſo wohl thun und das Herz mit Träumerei füllen— kam Marie noch abends, da es bereits dämmerte, zu der Commerzienräthin, die ſich nicht ganz wohl gefühlt hatte und noch allein war. Das Mädchen zeigte ſich unruhig und zerſtreut; es klang ein paarmal wie ein heller Jubel aus ihr hervor und gleich darauf zitterten in ihrer Stimme, hätte man ſagen mögen, heimliche Thränen. Und plötzlich kniete ſie auf die Fußbank neben der Commerzienräthin nie⸗ der, legte den Kopf an ihre Schulter und ſagte mit niedergeſchlagenen Augen, wieder ſo halb jubelnd, halb weinend:„Ich muß Dir etwas ſagen, Mama, und bring's doch nicht heraus. Der Prinz Bernhard will, daß ich— ſeine Frau werde.“ — leben, nur für uns! empfand's faſt wie eine Beleidigun für ſich ſelbſt. Und die Brauen feſt zuſ fügte ſie hinzu:„Mit ſolchen Einfällen mußt Du mir vom Leibe bleiben, wenn wir gute Freunde ſein ſollen.“ „9 Mama, Mama, es iſt ja kein Einfall, kein Spaß!“ Härte und Strenge der geliebten Frau.„Es iſt ja kaum zu denken, zu glauben, es iſt wahr, wahr! Er will es ſo! Alle Welt iſt dagegen geweſen, ſeine hohe Familie und mein Vater, und ich— ich bin ja eines ſolchen Glücks niemals werth! Aber er hat es dennoch gewollt, und er hat es erreicht! Sie alle ſagen ja und Amen. Und ſo ſoll ich denn nun die Seine ſein— o Mama, Mama, wie ſoll ich's nur denken, nur faſſen, ſolch ein Glück? Er hat die Einwilligung des Her⸗ zogs und des Prinzen, ſeines Bruders. Er hat ſeinen Abſchied genommen, wir wollen ganz i i der Stille — O Mama, wie mir das Herz ſo ſchwer iſt von Glück! Und daß ich's auch Dir nicht ſagen durfte als erſt jetzt, da Alles gewiß iſt— wie hat es mich gequält und betrübt! Aber er wollt' es nicht, und ich muß ihm doch gehorchen!— O liebe— „Was will er?— Kind, haſt Du Fieber?“ rief Frau Conſtanze beinahe heftig aus, denn was ſie ver⸗ nahm, erſchien ihr nicht blos unmöglich, ſondern ſie ig für das Kind, ammenziehend, entgegnete Marie, tief beſtürzt durch die. 4 liebe— liebe Mama, ſei uns nicht böſe! Das Glück iſt ja ſo himmliſch ſchön, und ich weiß es kaum zu tragen!“ So jubelte, ſo ſchluchzte ſie, ſo ſchmeichelte ſie und flehte. Und das Glück ſtrahlte aus ihren thränenvollen Augen und klang aus jedem Wort, jedem Laut. „Und Du—“ brach Frau Conſtanze leidenſchaft⸗ lich aus, wie übermannt von den Gefühlen und Ge⸗ danken, die ſich ſtürzend hervordrängten bei dieſem Be⸗ kenntniß, dieſem Anblick, und zuckte jäh zurück, als ſei es allzu unmenſchlich, was ſich von ihren Lippen ringen wollte. Sie ſchob das Mädchen faſt ungeſtüm von ſich, ſie ſtand auf und ging raſchen Schritts im Zimmer auf und ab. Und als ſie endlich vor der erſchrockenen, zitternden Marie ſtehen blieb, ſprach ſie mit bebender Stimme:„Daß ich den lieben Gott bitte, alles Unheil von Dir zu wenden, das weißt Du. Aber Glück wünſchen kann ich Dir nicht— noch nicht!— Und jetzt, mein Kind“, brach ſie von neuem ab,„bitt' ich Dich, mich allein zu laſſen. Mein Kopf iſt ganz wüſt. Ich muß erſt in der Stille ruhig und klar werden.“ Zum Prinzen aber, der am gleichen Abend ſich einſtellte und, da er das Paar allein traf, die Sache gleichfalls und zwar in jener ſcherzhaften Weiſe zur Hoefer, Zur linken Hand. 4 Sprache brachte, welche unſere Verlegenheit nicht ganz zu verbergen vermag, ſagte ſie, als er geendet hatte, mit einer Art von finſterer Ruhe:„Erlauben Sie mir heute noch einmal die alte Offenheit, Hoheit. In Ihre und Mariens Privatbeziehungen zu einander miſche ich mich nicht, das iſt Ihre und nicht meine Sache und geht Niemand etwas an. Aber es gibt auch noch an⸗ dere Beziehungen, die nicht ganz ſo vereinzelt und, laſ⸗ ſen Sie mich ſagen, perſönlich ſind. Sie haben nicht redlich an uns gehandelt, Hoheit; Sie wiſſen ſehr gut, daß wir mehr als nur eine Art von Recht auf das Mädchen und ſeine Zukunft, ſein Wohlergehen haben, und Sie umgingen dies Recht durch Ihre Verſchloſſen⸗ heit und durch das Verbieten jeder Mittheilung, weil Sie wußten, daß der ernſteſte und vor allen Andern berechtigte Widerſtand nur von unſerer Seite kommen konnte und mußte, das heißt von Menſchen, welche die Welt und die Verhältniſſe beſſer kennen und richtiger beurtheilen als alle Uebrigen, mit denen Sie zu ver⸗ handeln hatten.“ „Frau Commerzienräthin— ſagte der Prinz im Tone der vollſten Empfindlichkeit. 3 Aber ſie kehrte ſich nicht daran.„Daß die hier nichts zu thun hat, ſondern daß eine ganz Andere aus mir zu Ihnen ſpricht, das wiſſen Sie ſo gut wie ich, 4 — Hoheit“, ſprach ſie lebhaft.„Ich weiß nicht, ob Sie uns, wenn Sie mit uns geredet hätten, überzeugt haben würden. Das Geheimniß, welches Sie vorzogen, über⸗ zeugt uns nicht. Im Gegentheil, Hoheit.“ Er ſtand auf.„Es ſcheint nicht, daß wir uns heute verſtehen ſollen“, ſagte er mit erzwungener Ruhe. „Laſſen Sie mich hoffen, daß Sie mich und Marie, daß Sie die Verhältniſſe und mein Handeln bei unſerer nächſten Begegnung, in der Zukunft freundlicher an⸗ ſehen, gerechter beurtheilen.“ So ſchied er. Der Commerzienrath hatte kein Wort geſprochen und redete auch zu der Gattin nicht mehr über den Fall. Aber ſie wußte dennoch, daß er ihr in Allem und Jedem völlig zuſtimmte. Die Aufklärung, welche der alte Organiſt am fol⸗ genden Tage Frau Conſtanzen bringen wollte, wies ſie ernſt und ruhig zurück.„Wozu ſoll das führen, Mei⸗ ſter?“ ſagte ſie.„Die Sache iſt abgethan. Nur Eins will ich Ihnen ſagen, obgleich auch das im Grunde überflüſſig iſt, allein Sie ſollen uns nicht mißverſtehen. Es iſt möglich, daß ich Ihrer Tochter und auch dem Prinzen empfindlich erſchienen und es auch im erſten Augenblick geweſen bin. Das iſt aber dennoch nicht das Richtige und Hauptſ ächliche. Das Geheimniß, in welches man ſich und dies Alles auch vor uns hüllte, 4* 52 verletzt meinen Mann und mich viel weniger, als es uns mit Mißtrauen und Sorge, mit Zweifeln erfüllt. Wir erkennen aus dieſem Geheimniß beim Prinzen weder die innere Klarheit noch die Sicherheit und Ent⸗ ſchloſſenheit gegen alle Wechſelfälle der Zukunft, die Ihr Kind verdient, die dieſen Schritt in unſern Augen er⸗ klären, ja heiligen würden. Aber genug davon, Mei⸗ ſter“, ſchloß ſie.„Sie wiſſen jetzt, wie wir denken, was wir fürchten. Gebe Gott, daß wir uns täuſchen.“ Daß die gütige, liebevolle und gerechte Frau das junge Mädchen nicht mit Härte zurückwies und ihm nicht länger durch neue, nichts mehr ändernde Einwen⸗ dungen und Klagen das junge Glück verkümmerte, brauchen wir den Leſern nicht erſt zu ſagen. Sie nahm im Gegentheil das Kind während der wenigen noch freien Tage ſo zu ſagen deſto feſter an ihr Herz und erſchloß ihm ihre Theilnahme und Liebe, ihre reichen Erfahrungen, ihre gereiften Lebensanſchauungen im vollſten Maß, vermied auf das ſorgfältigſte jedes Wort, das einen Schatten in das junge, ſelige, vertrauens volle Herz werfen, es mit Angſt, mit Mißtrauen füllen konnte. Nur ein einzig Mal, als Marie wieder, voll tiefer Demuth in ihrem Glück, in die Worte ausbrach: „O Mama, Mama, wie verdien' ich dies Glück, wie bin ich deſſelben werth? Wie bin ich des Mannes und ſei⸗ 53 ner Liebe würdig, ich Arme, ich Kleine, ich— 4 da legte Frau Conſtanze ihr den Finger auf die Lip⸗ pen und ſprach faſt hart:„Du ſeiner, Kind? Dreh's um! Es wird richtiger ſein.“ Das Ereigniß, dieſe Verbindung des allerdings ſchönen und reichbegabten, aber ſchlichten, bürgerlichen Mädchens mit einem Prinzen; die Kämpfe, die er darum beſtanden haben ſollte mit ſeiner hochmüthigen Familie, die Heimlichkeit, mit der Alles betrieben wor⸗ den, und die Eile, mit welcher jetzt die letzten Schritte geſchahen; die Trauung nur vor den allernothwendig⸗ ſten Zeugen und die Trauung obendrein zur linken Hand— war denn das überhaupt eine richtige Ehe? fragte das„unverſtändige“ Volk nicht blos, ſondern noch Mancher, der über demſelben ſtand, aber die Nothwendigkeit und Rechtmäßigkeit einer ſolchen Ab⸗ weichung dennoch nicht begriff— das Alles machte in Stadt und Land und wo man davon erfuhr, das außerordentlichſte Aufſehen und bildete wochenlang das Thema aller Unterhaltungen und Discuſſionen. Es war ſeltſam, daß nur Wenige das„Glück“ des Mädchens prieſen und es für geſichert hielten. Einſtweilen ſchienen ſich derartige Zweifel nicht be⸗ wahrheiten zu ſollen. Das Paar wurde nicht wieder in der Stadt geſehen, aber Marie blieb auch nach dem Tode ihres Vaters und der alten Tante mit der Com⸗ merzienräthin in freundlichem brieflichen Verkehr, ja man war ſich ein paarmal auf Reiſen begegnet.„Sie heißt ſich glücklich und zufrieden“, ſagte Frau Conſtanze, wenn man ſie fragte,„und ich habe kein Recht, daran zu zweifeln.“ Zweites Kapitel. Bad Bechnau. Viele unſerer Leſer erinnern ſich unzweifelhaft noch daran, daß der Sommer des Jahres 1850 einen der trübſeligſten Zeitabſchnitte bildete, welche das Jahrhun⸗ dert uns gebracht hat. Nach den beiden letzten ſchweren Jahren wollte weder die heißerſehnte noch die comman⸗ dirte Ruhe und Ordnung recht wiederkehren; die„Re⸗ volution“ und die„Revolutionäre“ waren zwar nieder⸗ geworfen und zum Schweigen gebracht, allein es war nur das Schweigen des knirſchenden und— hoffenden Grimms. Und anſtatt die wild erregten Leidenſchaften in jeder Weiſe und durch alle Mittel zu beſchwichtigen und mit Milde und Schonung die erhitzten Parteien entgegenzuführen, ſchlug man den umgekehrten Weg des ungerechten Zwangs hier, der nicht minder ungerechten Nachſicht oder vielmehr Schwäche da ein und ließ die Reaction ihre erbarmungsloſeſten Triumphe feiern. So war es im innern Staats⸗ und Geſellſchafts⸗ leben; auswärts, in den Beziehungen der Staaten und Stätchen, der Kabinette zu einander, ſtand es um nichts beſſer. Auch hier überall Mißtrauen, Neid, Intriguen, Haß, Anfeindungen aller Art— die deutſche Miſère und Zwietracht in ihrer giftigſten Blüte, der Ueber⸗ muth und die Anmaßung des Auslandes uns gegen⸗ über in ihrer frechſten Nacktheit. Holſtein und Baden, Heſſen und der Schimmel von Bronzell, Olmütz und Warſchau— es ſind Erinnerungen, welche noch heute jedem ehrlichen und ehrenhaften Mann in Deutſchlands Norden und Süden die Scham auf die Wangen treiben müſſen. Aber es war noch immer nicht genug. Die Jahr⸗ gänge 48 und 49 waren ſchlecht geweſen, aber 1850 war noch ſchlechter. Dem rauhen und naſſen Frühling folgte ein elender naſſer und kalter Sommer. Das Heu verfaulte auf den Wieſen, das Getreide, ſoviel es überhaupt gab, wuchs aus. Die Kartoffeln miß⸗ riethen gänzlich. Es war ſchlimme Zeit; wo man hin⸗ ſah, fand man betrübte, mißmuthige, finſtere Mienen, und wo man hinhorchte, vernahm man nur Klagen und Anklagen, ſtieß auf Mißmuth und Verſtimmung, 2 5 7 und Behaglichkeit und Zufriedenheit ſchienen den Men⸗ ſchen gänzlich abhanden gekommen zu ſein. Man konnte ſich nicht einmal auf Reiſen zerſtreuen oder in Bäder flüchten— das Wetter war gar zu ſchlecht, die Geſell⸗ ſchaft und ihre Intereſſen allzu zerfahren. In dem kleinen Bade Bechnau, welches am Fuße eines der großen Waldgebirge Deutſchlands reizend genug gelegen iſt, hatte ſich trotz alledem auch in die⸗ ſem Jahre eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft zuſammen⸗ gefunden. Der kleine Ort, der vor einem Jahrzehnt nur Wenigen bekannt war und von ihnen mehr noch ſeiner Stille und Ruhe, ſeiner ſtillen Umgebung wegen als ſeiner Quellen halber aufgeſucht und den großen Modebädern vorgezogen wurde, hatte ſeit der Ausdehnung der Eiſenbahnen einen ungeahnten und für die frühern Beſucher nicht gerade erfreulichen Aufſchwung genommen. Aus der nächſten großen Stadt kamen ſie in hellen Haufen herbei, um ſich hier eine„Sommerwohnung“ zu ſuchen und mit dem kleinen oder falſchen Glanze zu brüſten, der anderwärts keine Bewunderer und keinen Glauben fand. Ihnen ſchloſſen ſich von hüben und drüben die Müßigen an, die nur der Ruf des neuen Vergnügungsplatzes oder die Langeweile daheim zu einem Beſuche antrieb, und es waren in dem kleinen Orte„Verſchönerungen“ aller Art vorgenommen worden, die Wohnungen wurden knapp und theuer, alle Preiſe ſtiegen, die Einwohnerſchaft„civiliſirte“ ſich alljährlich mehr, und hätte man nur die Conceſſion zu einer Spielbank erhalten können, ſo wäre das„Weltbad“ fertig geweſen. Bechnau hatte aber wirklich nicht blos den Vor⸗ zug der bereits erwähnten ſchönen und obendrein ge⸗ ſchützten Lage, ſodaß ſelbſt ſchlechte Sommer zu erträg⸗ lichen wurden, ſonder es gehörte auch einem Ländchen an, in welchem von den Stürmen der unruhigen Jahre weniger bemerklich geworden war als in irgend einer andern Gegend Deutſchlands; und der regierende Fürſt endlich war, ganz abgeſehen davon, daß er ſeinen Unter⸗ thanen gegenüber keinen Grund zum Mißtrauen und zur Strenge hatte, ein braver Herr, der, wenn man's nicht allzu arg machte, gern fünf gerade ſein und Jeder⸗ mann„nach ſeiner Facon“ ſelig werden und ſich amü⸗ ſiren ließ. Er war aber daneben auch noch von jenem alten derben, eigenſinnigen und ſelbſtbewußten Schlage, der ſich ſo frei und ſelbſtſtändig ſchätzte wie der höchſte Potentat in der Welt und die Einmiſchung und die Maßregelungen des Bundestags und ſeiner mächtigen Nachbarn nach Gutdünken annahm, ſich verbat oder ignorirte. Es war hier daher eine Art von neutralem Boden; man wurde von der„Politik“ wenig behelliat — —— — 59 und brauchte ſich um dieſelbe nicht zu kümmern. Und die Folge davon war, daß die unruhigen Jahre Bad Bechnau eher gecördert, als ihm geſchadet hatten, daß eine neue Einrichtung nach der andern und immer neue Bauten entſtanden, und daß man ſelbſt im Sommer 1850 hier nicht blos eine ziemlich zahlreiche, ſondern auch verhältnißmäßig glänzende und muntere Geſell⸗ ſchaft fand. Ja, ſie war gewiſſermaßen angenehmer als vordem: die„Banquiers“ blieben hier allzuſehr in Rückſtand mit den Tagescourſen, und die„Geheimräthe“ fürchteten ſich zum Theil vor der herrſchenden Denk⸗ und Redefreiheit in der nicht„purificirten“ Geſellſchaft. Wie viele und hübſche Leute hier waren, ſah man recht an dem heutigen Nachmittag, wo man wirklich einmal im Freien ſeinen Kaffee trinken konnte und trotz der zahlreichen„Partien“, die bereits fort oder— erſt im Aufbruch begriffen waren, und trotz der kleinen Geſellſchaften, welche durch die Allee dem„Schloßgarten“ zuſchlenderten, die Terraſſe vor dem Badehauſe ſich noch dicht beſetzt ziigte. Man ſah's den Menſchen an, wie wohl ihnen in der ungewohnten Wärme, unter dem klaren blauen Himmel und unter der Herrſchaft der Sonne war, vor der man heute wirklich einmal den Schatten der Bäume aufſuchen mußte und welche alle Nebel und Dünſte von den Fluren und aus den Ber⸗ 60 gen vertrieben hatte, ſodaß man ſich auch der Land⸗ ſchaft erfreuen konnte. Und ſie war ſchön, dieſe Land⸗ ſchaft. Die Matten waren wundervoll grün infolge des vielen Regens, die gegen Norden verlaufende Berg⸗ reihe zeigte ſo anmuthige Linien, ſchluchtenartige Thäler öffneten ſich hier und da zwiſchen den mit Tannen über⸗ wachſenen prächtigen Kuppen, und der raſche Fluß rauſchte luſtig daneben hervor, mit wunderſchönem Bogen die vorderſte Höhe umkreiſend, entgegen dem Unterland. „Wie hübſch das kleine Schloß— oder was iſt es?— dort liegt!“ ſagte eine ſchmächtige und zarte, mit der höchſten Eleganz gekleidete Dame und richtete das ſchmachtende Auge durch die Lorgnette auf das Gebäude, welches von einer der Vorhöhen am Fluß hell herüberſchimmerte. Hinter ihm ſtiegen die dunkeln Tannenberge zu mächtigen Kuppen auf, ſeitwärts öffnete ſich eins von den ſchon erwähnten kleinen Thälern, und die Matte von ſeinem Eingange her leuchtete und die ſtolzen Waldbäume, welche dieſelbe begrenzten, ver⸗ liehen dem Punkte einen wunderbaren, geheimnißvollen Reiz. Dahin mußt Du uns morgen führen, Siebmann“, fügte ſie hinzu, ohne ſich nach dem ihr gegenüberſitzen⸗ den dicken und rothen Gatten umzuſehen.„Es muß dort reizend ſein— ſo poetiſch, ſo friedensvoll, ſo duf⸗ tig! O, dort zu träumen und zu ſchwärmen!“ 61 „Ja, es iſt wirklich ſchön dort“, ſprach ein ande⸗ rer Herr,„und wenn wir die Erlaubniß erhalten—⸗ „Die Erlaubniß?“ fiel ſie, den Mund verzie⸗ hend, ein. „Ja, die Erlaubniß. Der Prinz iſt, wie ich hörte, ſeit einigen Wochen ſchon dort und pflegt nie⸗ mals vor dem September fortzugehen. Aber er gilt für einen ſehr civilen und freundlichen Herrn, und ein Geſuch, ſich die Gärten und den„Park“« anzuſehen, wird ſchwerlich abgeſchlagen werden.“ „Alſo einem Prinzen gehört dieſer reizende Sitz? Wer doch auch ein Prinz wäre!“ meinte ſie ſeufzend. „Bahl ich tauſche nicht mit vielen von dieſen kleinen Prinzen“, ſagte der Gemahl, deſſen Doppel⸗ kinn bei dieſer Erklärung in außerordentlichem Selbſt⸗ bewußtſein hervortrat;„s kommt drauf an— was iſtss für ein Prinz?“ „Prinz Bernhard von S.“ „So, ſol Alſo richtig ſo ein apanagirter—“ „Doch nicht ganz. Es iſt eine wirkliche, ſchon ſeit vielen Jahren abgezweigte Seitenlinie des regieren⸗ den Hauſes und jetzt, da der Tod in den letzten Jahren ſtark aufgeräumt hat und Prinz Bernhard faſt den ganzen Familienbeſitz in einer Perſon vereinigt, mindeſtens ebenſo reich als die Hauptlinie. Früher freilich ſtand 62 es um den Herrn anders. Als er vor fünfzehn, zwan⸗ zig Jahren in der— ſchen Armee diente, wo ich ihn häufig ſah, ſoll es ihm geradezu ärmlich ergangen ſein. Man erzählte ſich damals von einer unglücklichen Liebe zwiſchen ihm und der Prinzeß Helene, deren Hand ihm wegen ſeiner Armuth verſagt wurde.“ „Wie intereſſant! Wie tragiſch!“ bemerkte die Dame, zurückgeſunken an die Lehne ihres Seſſels und mit träumeriſchem Blick auf das Schlößchen dadrüben.„Und der arme Herr lebt noch immer einſam der Erinnerung? Er iſt nicht verheirathet?“ Der Herr zuckte lächelnd die Achſeln.„Doch, meine Gnädige, ſchon ziemlich lange.“ „Ja, ſiehſt Du, Maſchinka, das iſt die Herzens⸗ treue!“ ſagte der Gemahl gähnend und zündete ſich eine neue Cigarre an.„Nicht einmal warten, bis die Ge⸗ liebte Wittwe geworden— die Helene iſt doch die bis⸗ herige Erbprinzeß von A.)— Wen hat er denn jetzt?“ „Es iſt nur eine Ehe zur linken Hand.“ „Wie intereſſant!“ rief die Dame, während der Gemahl ein„Verdenk' ich ihm gar nicht! Man hat da Wahlfreiheit!“ laut werden ließ. Und nach einem Blick voll Indignation über dieſe„Rohheit“ fügte ſie lebhaft hinzu:„Woher ſtammt ſie? Iſt ſie ſchön, jung? Was iſt es für eine Geborene?“ 3 Der Herr zuckte wieder die Achſeln.„Ich bin nicht genug eingeweiht, um Ihnen genaue Auskunft geben zu können, meine Gnädige“, entgegnete er.„Alt mag ſie gegen die Dreißig ſein; ſchön— Manche hal⸗ ten ſie für ſehr ſchön, mir, geſtehe ich offen, gewinnen dieſe ſogenannten Madonnen keinen Geſchmack ab; ihre Abſtammung endlich— ſie führt den Titel Baronin Kettenburg, ſoll aber ein ganz armes Mädchen, die Tochter eines Organiſten oder dergleichen geweſen ſein. Andere behaupten, ſie ſei Sängerin geweſen und habe mit ihrer Stimme, ich weiß nicht wo, großes Aufſehen gemacht.“ „Alſo eine Theaterprinzeß— nun, es ließ ſich den⸗ ken!“ gähnte der Gemahl. „Sehen Sie— ſehen Sie— da kommen ſie!“ ſagte der Erzähler lebhaft und winkte mit dem Haupt gegen eine kleine Cavalcade, die eben, vom Trab in einen bequemen Schritt fallend, um die Ecke des Badehauſes und in die zweite, zum Fahren und Reiten beſtimmte Allee bog. Es war eine Dame, begleitet von zwei Herren, auf ausgeſucht ſchönen Pferden. Zwei Reitknechte, nicht weniger gut beritten, folgten in einiger Entfernung. „Ich ſehe ſie heuer zuerſt“, fügte der Herr hinzu,„aber den Prinzen und die Baronin erkenne ich beſtimmt, der Dritte iſt mir unbekannt.“ Während dieſes Geſprächs auf der Terraſſe war 64 in der Allee, welche, wie ſchon geſagt, dem im vorigen Jahrhundert erbauten und auch bewohnten, jetzt läugſt verlaſſenen kleinen Luſtſchloſſe an der Oſtſeite der Stadt zuführte, faſt das gleiche Thema verhandelt worden. Zwei nicht mehr junge Herren gingen behaglich in dem Schatten der ſchönen Bäume dahin, und der eine ſagte zum andern:„Ein Tag, wie der heutige, ver⸗ ſöhnt mit vielem Ungemach! Noch vorgeſtern hab' ich mich und alle Badegäſte für Halbnarren erklärt, daß ſie ſich nach dieſem troſtloſen Neſt verlocken ließen, und all' Deine Lob⸗ und Anpreiſungen verwünſcht und nich über die Phantaſie⸗Naturſchönheiten, die Du mir ver⸗ hießeſt, geärgert. Geſtern war es ſchon beſſer und heute — ich bitte ab, Alter! Es iſt hübſch hier! Dieſe Berge bleiben für unſere norddeutſchen Augen und Herzen ſtets von gleicher Anziehungskraft. Wie hübſch die Ruine dort liegt— wie heißt ſie?“ „Weiſerseck“, verſetzte der Andere, ein behaglicher Herr in braunem Ueberrock, einem locker umgeſchlunge⸗ nen weißen Halstuch und mit einem Stock, der ihn, mit allem Uebrigen zuſammengehalten, ganz entſchieden als den„Stadt⸗ und Badearzt“ kennzeichnete. „Prachtvoll!—„An der Saale kühlem Strande“ — weißt Du noch Alter?— Und das weiße Schlöß⸗ lein dort über dem Fluß?“ 65 „Das iſt der Rothenſtein.“ „Luſtſchloß natürlich?“ „Ja, es gehört ſeit einigen Jahren dem Prinzen Bernhard und er bringt ſeitdem gewöhnlich ein paar Sommermonate hier zu.“ Der Frager blieb ſtehen und ſchaute überraſcht auf.„Was Du ſagſt!“ rief er.„Prinz Bernhard— es iſt doch natürlich der von S., welcher früher in unſerer Armee diente? Hat ſich hier angekauft?“ „Nichts angekauft, es iſt Erbſchaft. Er iſt jetzt das Haupt der Seitenlinie, und der ſelbſtſtändige Be⸗ jt derſelben iſt—“ „Erbſchaft— Haupt der Seitenlinie? A la bonne heure! Na, er konnt' es brauchen, mein' ich!“ ſagte der Andere mit einer gewiſſen Bedächtigkeit und fügte, . den Gang wieder aufnehmend, nach einer Pauſe hinzu: „Na, alſo da ſteckt er! Und was macht ſeine Frau?“ Die Reihe des Stehenbleibens und Erſtaunens war an dem alten Arzt.„Seine Frau?“ wiederholte er in eigenthümlichem, faſt ablehnendem Tone und brach dann kurz ab:„Ich wußte nicht, daß Du den Prinzen von altersher kennſt.“ Sie gingen wieder weiter, gegen das Badehaus zurück.„Er ſtand Ende der Dreißiger und Anfang der Vierziger drei bis vier Jahre bei uns in Garniſon als Hoefer, Zur linken Hand. 5 ſimpler Oberſtlieutenant“, erklärte der Badegaſt wiederum mit der frühern Bedächtigkeit;„ein kurioſer Ein⸗ fall eigentlich für einen Prinzen, aber das geht mich nichts an. Wir trafen häufig bei einer befreundeten Familie zuſammen— Commerzienraths Löhnde, ein wackeres, liebes Paar!— und verkehrten verhältniß⸗ mäßig viel. Da lernten wir auch zuſammen ſeine ſpä⸗ tere Frau kennen— ein Menſchenkind, an dem wir alle in gleicher Weiſe Theil nahmen. Als er ſie uns ent⸗ führte, haben wir noch mehrere Jahre von ihr gehört — die Commerzienräthin war beinahe ihre Pflege⸗ mutter— dann— es geht ja ſo!— ſchlief der Brief⸗ wechſel ein und wir erfuhren nichts mehr; ich glaube nicht, daß einer von uns den Gothaer Almanach ſtu⸗ dirt, und auch in den Zeitungen hat man Wichtigeres zu leſen bekommen als fürſtliche Geburten, Reiſen und Todesfälle. Da haſt Du einen Abriß unſerer Geſchichte“, K er,„und nun ſollſt Du mir weiter erzählen. o hier! Wenn das die Commerzienräthin wüßte! 2 Frau iſt noch immer ſo etwas wie unſer aller Herzblatt. Du mußt mir von ihr erzählen. Du biſt doch der Arzt auf dem Rothenſtein?“ Der Arzt hatte die Hände mit dem Stock auf den Rücken gelegt und war in ſchweigendem Zuhören neben dem Freunde hergeſchritten. Seine Augen waren ge⸗ 67 dankenvoll der Ferne zugewendet und auch die Weiſe, wie er der Cigarre nur ſelten ein wenig Rauch entzog, bewies, daß ſein Kopf voll von Vorſtellungen war, welche ſchwerlich viel mit ſeiner gegenwärtigen Um⸗ gebung zu thun hatten. Er gab auch auf die letzte Frage des Freundes keine Antwort, und erſt als dieſer nach einer Pauſe ſagte:„Hör' einmal, Alter, willſt Du mir nicht antworten, oder—“ ſchaute er faſt unmuthig auf und verſetzte beinahe rauh:„Redensart Weshalb nicht? Es ging mir eben nur allerhand An⸗ deres durch den Kopf. Ich bin nur einmal als Arzt auf dem Rothenſtein geweſen— zu einer Conſultation vor zwei Jahren. Sie hatten ein Mädchen, das krank war. Ich konnte dem armen Dingelchen auch nicht mmehr helfen. Aber ſeitdem beehren die Herrſchaften mich mit vieler Freundlichkeit und laſſen mich, wenn ſie hier ſind, immer wieder einmal hinaufbeſcheiden, nicht als Arzt, ſag' ich— es iſt Gott Lob! nicht nöthig. Trotzdem iſt's doch eine Art von ärztlichem Intereſſe, das mir die Einladungen willkommen macht, und aus dem gleichen Grunde erfreut mich Deine alte Bekannt⸗ ſchaft mit den Leuten. Wir werden darüber zu reden haben.“. Er brauchte nicht hinzuzuſetzen: Nicht jetzt! Dieſe Clauſel lag in ſeinem Ton, ſeinem Ausdruck, und der 5* / 68 Begleiter ſagte daher auch nach einem prüfenden Seiten⸗ blick, den der Arzt nicht bemerkte, nur:„Recht! Ein paar Fragen mußt Du mir aber ſchon jetzt beantworten. Was macht Dir Marie— die Frau, mein' ich— für einen Eindruck? Als Arzt heißt Du ſie geſund, wie ur⸗ theilt der Menſch?“ Nach einem langen, zerſtreuten Blick verſetzte der Arzt:„Das iſt kurz geſagt: es iſt eine Seele von Frau.“ „Das war ſie ſtets, und das genügt mir“, ſprach der Andere mit dem frühern Ausdruck.„Und er 2 „Er iſt ein Prinz— kein übler, mein' ich.— Aber lupus in fabula!“ brach er ab und deutete auf den auch ihnen ſichtbar werdenden Reitertrupp.„Da ſind ſie. Laß uns umkehren. Ich mag mich nicht auf⸗ drängen.“ „Sie kommen uns aber nach“, ſagte der Gaſt, nach einem langen Blick ſich abwendend. „Gewiß. Da hinten neben dem Schloßgarten biegt der Weg zum Rothenſtein ab. Ich will ihnen auch nicht ausweichen, nur ihnen nicht entgegenkommen. Man ſteht ſich beſſer dabei.“ Die Reiter ließen, auch als ſie an der Terraſſe des Badehauſes vorüber und vollſtändig im Schatten der Allee waren, ihre Pferde noch immer im Schritt weiter gehen. Allein die feurigen Thiere traten trotzdem raſch aus und der Trupp holte in kurzer Zeit die beiden Spaziergänger ein und gelangte demnächſt in gleiche Höhe mit ihnen. Der Arzt ſchaute mit der größt⸗ möglichen Ruhe auf und grüßte, wie es ſich für einen höflichen Mann geziemte, ſein Begleiter nicht minder. Die Dame erwiderte den Gruß mit einem freund⸗ lichen Neigen des edlen Kopfes und einer graziöſen Handbewegung, ihre Augen ſahen auf die beiden Männer mit dem klaren und doch tiefen Blick, der ihnen von jeher und vor allem Andern zu eigen ge⸗ weſen war. Der Prinz— er ritt den beiden Herren zunächſt— lüftete den Hut und ſprach herüber: „Sieh da, Doctor! Warum machen Sie ſich ſo ſelten, alter Herr? Müſſen wir Sie denn mit Gewalt holen laſſen?“ „Viel zu thun, Hoheit. Aber ich werde Ihre Er⸗ laubniß ſchon einmal benutzen“, verſetzte er gleichmüthig. „Bald hoffentlich! A revoir!“ Die Pferde ſchritten raſcher weiter. Die Dame blickte aber noch einmal zurück und wandte ſich dann mit einer Bemerkung an ihren Gemahl, welche dieſen zu überraſchen ſchien, denn er wandte ſich mit lebhafter Bewegung faſt ganz im Sattel um, ſchaute aufblitzenden Auges auf die beiden Männer zurück, und ſein Pferd umlenkend, war er im nächſten Augenblick wieder neben ihnen, ja ließ ſein Thier einen Schritt in die verbotene Allee hinein thun, bevor er, es zügelnd und die Hand ausſtreckend, freundlich ſagte: „Meine Frau irrte ſich alſo wirklich nicht— Sie ſind es, mein lieber Herr Rath! Und Sie ſind hier und laſſen uns nichts von Ihnen erfahren?“ „Allzu gnädig, Hoheit“, verſetzte der Angeredete und legte nach einer Verbeugung die Hand in die dar⸗ gebotene Rechte des Prinzen.„Ich bin erſt ſeit wenigen Tagen hier und erfuhr eben nur von meinem Freunde Ihre Nähe.“ „‚Nehmen Sie ſich vor dem Freunde in Acht, daß er Sie nicht anſteckt!“ ſagte der Prinz munter, ohne die Hand loszulaſſen.„Sie ſehen, ich unterſchätze die Gefahr nicht, ich halte Sie feſt.“ Und ſich den hal⸗ tenden andern Reitern zuwendend, rief er:„Komm mir zu Hülfe, Marie! Er will uns echappiren!“ Sie kam wirklich heran, während ihr zweiter Be⸗ gleiter ſich einigermaßen zurückhielt. Sie beugte ſich tief aus dem Sattel nieder und bot dem Rath mit einer Herzlichkeit die Hand, welche ſich wunderbar innig auch in ihren ſchönen Zügen, in den tiefen, dunklen Augen wiederſpiegelte. Und ſie klang auch aus der 71 Stimme, die zu ihm ſprach:„Mein lieber Herr Rath, was bringen Sie mir ſchon durch Ihren Anblick für eine Freude! Die ganze liebe alte Zeit, die aute Hei⸗ mat, die theuren Menſchen— Alles, Alles grüßt mich mit Ihnen nach ſo vielen— vielen Jahren.“ Er ſtand und antwortete nicht ſogleich. Er hielt die kleine Hand, er ſchaute in die ſtillen, treuen Augen — reſpektvoll mochte das freilich nicht ſein, aber er konnte nicht anders. Auch vor ihm ging die alte Zeit auf, das liebreizende Menſchenkind, die wunderbare Stimme, und er ſah und hörte ſie nicht wie eine liebe Erinnerung, ſondern leibhaftig und wirklich, faſt als ſeien die vergangenen neun Jahre gar nicht dageweſen: ſo fand er ſie vor ſich, freilich nicht mehr das ſtille, träumeriſche, ahnungsvoll ins Leben hinauslauſchende jungfräuliche Kind, ſondern die innige und klare Frau, der das Leben ſeitdem— er wußte nicht, ob erfüllt oder verſagt hatte, was das Mädchen träumte, um⸗ floſſen von dem gleichen und dennoch höherem, weil geiſtigerem Liebreiz! Und die Stimme— es war noch immer der reine, volle Glockenton, ein wenig tiefer vielleicht, aber auch melodiſcher. „Verzeihen Sie mir, gnädigſte Frau!“ ſprach er endlich, ſich zuſammennehmend, und trat, da ſie die Hand leiſe zurückzog, ein wenig ſeitwärts.„Auch mich 72 grüßte eben die alte Zeit und ließ mich der Gegenwart vergeſſen.“ „Es geht uns allen nicht anders, lieber Rath“, ſagte der Prinz ſtatt der Gattin.„Wir haben viel zu fragen, zu antworten, zu plaudern. Wir hörten lange nichts von dort drüben. Kommen Sie zu uns— recht bald, recht freundſchaftlich— machen Sie Marien und mir die Freude! Wir ſind faſt immer allein und zu Hauſe— nur nachmittags fliegen wir wohl ein wenig aus.“ Er lenkte ſein Pferd zurück. Und Marie bot dem alten Bekannten noch einmal die Hand und redete mit einem lächelnden Seitenblick auf den Arzt:„Ich ſage nicht zu Ihnen: laſſen Sie ſich von dem hinaufführen, ſondern umgekehrt: führen Sie ihn mit ſich hinauf zu uns— bald, bald— nicht wahr, lieber Herr Rath?“ — Noch ein freundlicher Blick, ein ſanftes Neigen des Hauptes, und ſie folgte dem Prinzen. Der kleine Trupp ſetzte die Pferde in Trab und durchmaß ſchnell den Reſt der Allee. Als die beiden Männer kurz darauf über die Terraſſe zum Badehauſe gingen, wo der eine wohnte und der andere noch nach einem Patienten ſehen wollte, trat ihnen an jenem Tiſch, bei dem wir vorhin ver⸗ weilten, der dicke und rothe„Gemahl“ mit einem„Auf 73 ein Wort, meine Herren!“ entgegen. Und als ſie an⸗ hielten und den Frager und ſeine Geſellſchaft mit einer Art von mißtrauiſchen Blicken in Augenſchein nahmen, ſprach der Dicke, ohne dies zu bemerken, weiter:„Die Herren ſchienen bekannt mit den Herrſchaften, die eben vorüberritten— war's wirklich der Prinz vom Rothen⸗ ſtein?“ Der Rath ſah ihn aufs neue von oben bis unten an.„Gewiß!“ ſagte er.„Aber warum?“ „Nun, ich frage nur ſo. Mich intereſſiren unſere Herren Fürſten und Prinzen, man kann nicht wiſſen⸗ wo und wie man ihnen einmal begegnet. Und das Dämchen an ſeiner Seite— es ſoll eine zur linken Hand oder—“ „Mit wem habe ich— zu ſprechen?“ unterbrach ihn der Rath, der„die Ehre“ in ſeinem Satze ver⸗ ſchluckte.. „Von Siebmann, Rittergutsbeſitzer aus Schleſien“, ſprach der Andere mit einer Art von Wohlgefälligkeit und fügte dann, da er den üblen Eindruck, den ſeine vorige Bemerkung auf die Beiden gemacht hatte, nicht wohl verkennen konnte, in einem gewiſſen beſchwichtigenden Tone hinzu:„Die Herren müſſen mir's nicht übel nehmen. Allen Reſpekt vor den Herrſchaſten, aber es gibt ja kurioſe Geſchichten. Meine Frau da meinte in 74 der Dame eine Tänzerin zu erkennen, die vor einigen Jahren—“ „Ihre Frau Gemahlin irrt ſich“, unterbrach der Rath ihn kalt,„die Baronin Kettenburg war nie auf dem Theater.“ „Und ich möchte die werthe Geſellſchaft bitten, ein wenig vorſichtig über die Herrſchaften zu ſein“, fügte der Arzt ſarkaſtiſch hinzu.„Man achtet hier bei uns den Prinzen und verehrt ſeine Gemahlin und verſteht keinen Spaß über dieſelben. Berufen Sie ſich nur auf mich— Sanitätsrath Zöllner.“ Drittes Kapitel. Die Baronin. Der folgende Tag war noch ſchöner als der ver⸗ gangene, man empfand wirklich, daß man im Sommer war; der Himmel zeigte ſich wolkenrein, an den Bäu⸗ men regten ſich nur einzelne Blätter, und die Ebene, die Berge mit den leuchtenden Matten und dunklen Wäldern, Alles ruhte in jenem goldigen Duft und dem wunderbaren Frieden, die uns an ſolchem Morgen und vor ſolchem Anblick wie mit einem Zauber umfangen und uns in ſüße Träumerei wiegen. Der Tag verſprach ſehr heiß zu werden, und der Sanitätsrath hatte ganz Recht, den Freund, dem er die Botſchaft brachte, daß vom Rothenſtein ein Wagen angelangt ſei und ſie beide abholen ſolle, zum ſofortigen Aufbruch zu mahnen. Er ſelbſt könne, wenn überhaupt, natürlich erſt gegen Mittag abkommen, fügte er hinzu, und ſei damit wohl zufrieden. Aus der Hitze mache er ſich nichts, und den halben Tag ſo„hinzuduſeln und zu verplaudern“, ſei nicht ſeine Sache. Das ſei für den Freund etwas Anderes, der zu ſolchem Plaudern ein Thema vor ſich habe, welches auch noch für längere Stunden ausreichen möge, während es für jeden Dritten langweilig werden müſſe.„Soweit ich Seine Hoheit kenne, werden Hochdieſelbe genau ſo denken wie ich und auch ſchwerlich lange incommodiren“, ſchloß er in ei⸗ nem Tone, den der Rath, als am vergangenen Tage vom Prinzen geſprochen worden, noch nicht vernommen hatte. „Immerhin“, verſetzte der Freund indeſſen ruhig, „ich bin auch nicht gerade auf ſeine Unterhaltung ver⸗ ſeſſen. Für mich kommt zuerſt nur ſie in Betracht, und wenn es deſſen bei mir bedürfte, würde mich dieſe ſchnelle Citation vollſtändig über ſie und ihr Herz beruhigen. Beide müſſen noch die Alten ſein und ich freue mich auf dieſen Morgen mit ihr.“ So fuhr er denn auch ſchon eine halbe Stunde ſpäter raſch auf der wohlunterhaltenen Straße dahin, den kühl rauſchenden Fluß entlang, durch Fluren, welche ſelbſt in dieſem traurigen Sommer noch geſegnet erſchie⸗ nen, vorüber an Wäldchen mit noch ungewöhnlich friſchem Grün, endlich langſam unter einer ſchattigen 4ʃ Allee die Höhe hinan, um deren Fuß ſich wieder der Fluß wand, und droben vor das kleine Schloß, wo ihn ein alter, ſauberer und freundlicher Diener empfing und ihn durch eine weite Halle nach der Rückſeite führte, die zu dieſer Tagesſtunde in wohlthätigem Schat⸗ ten lag. Der Rothenſtein iſt eins von jenen kleinen, halb Luſt⸗, halb Jagdſchlöſſern, wie Langeweile, Nachah⸗ mungsſucht und Bauluſt der Fürſten ſie im vorigen Jahrhundert zahlreich entſtehen ließen. Das Gebäude iſt in dem Stile gehalten, den man heutzutage den Zopf⸗ oder Rococoſtil heißt und ſich gewöhnt hat, als ganz abſcheulich zu verdammen. Indeſſen ſollte man auch hier, wie in andern ähnlichen Fällen gleichfalls, eine vernünftige Billigkeit walten und ſich durch ſo ab⸗ ſprechende Urtheile nicht ohne weiteres beeinfluſſen und beherrſchen laſſen. Mögen ſolche Bauwerke auch den Regeln der hohen Kunſt wenig entſprechen, ja ihnen, nach dem Urtheil der Kenner, direct zuwiderlaufen, ſo ſind ſie darum doch ſicher noch nicht alles Anziehenden bar. Sie mögen nicht ſchön ſein— der Begriff des Schönen iſt überhaupt ein außerordentlich relativer— aber man darf das Eine oder Andere trotzdem ſehr wohl für hübſch, für zierlich, für— wir möchten faſt ſagen: für pikant erklären und muß ſich, wenn man nicht blaſirt oder in der Methode befangen, ſondern wahr gegen ſich ſelbſt iſt, ihrer dennoch erfreuen. Das Leben, welches uns aus ihnen entgegentritt, iſt aller⸗ dings kein hohes und hehres, geweihtes und geläuter⸗ tes. Was wir ſehen, erinnert uns wirklich an die zier⸗ lichen Friſuren und die prachtvollen Schoßweſten, an rauſchende Brocatgewänder und gebauſchte Spitzen; die Fächer verbergen und enthüllen kokette gefährliche Reize, über geſchminkten Wangen ſtrahlen die glänzendſten Augen und verlachen heimlich all die ſchnörkelhaften Formen, die Reverenzen, die Etikette, den zierlichen Pomp und die pomphafte Zierlichkeit, in welche man das Leben gewickelt hat. Aber wer nur die Augen hat zu ſehen, der ſieht durch all die Wickel hinein in dies Leben, wie es wirk⸗ lich war, luſtig und üppig, unbedächtig und ſorglos, übermüthig und ſpöttiſch, von einem Genuß zum andern flatternd, nur den Schaum vom Rande ſchlürfend, die Lippen ſtets bereit, ſich den Kuß ſtehlen zu laſſen, den die Hand graziös gewähren darf— après nous le déluge! Und warum nicht? Weshalb ſollt' es nicht auch ein ſolches Leben geben? Die Zeiten ſind verſchieden und die Menſchen auch. Es können nicht alle„große Geiſter“ ſein, noch„hohe Herzen“ haben. Es muß auch jenen Schlag geben, den man„tolle Chriſten“ heißt, und neben der Würde hat auch die Luſtigkeit ihr Recht. Auf der Rückſeite des Schlößchens zog ſich eine von jenen Terraſſen hin, wie ſie in ſolcher Zierlichkeit auch nur aus der verrufenen Zopfzeit hervorgegangen ſind, und der kleine Pavillon, in welchem ſie links endigte, war in ſeiner Art ein wahres Bijou jener ſchnörkelhaften und üppigen Kunſtepoche. Von ihm aus kamen der Prinz und Marie dem Gaſt entgegen, und der erſtere rief ihm lachend zu: „Alſo richtig allein? Ich ſchlug Marien eine Wette vor, daß der alte Griesgram nicht mitkommen würde. Aber ſie wollte nicht“, fügte er, des Raths Hand ſchüttelnd, hinzu.„Aber ſie wollte nicht! Sie betet den Alten an und duldet keinen Fehl an ihm.“ „Ich kenne auch keinen“, ſprach Marie voll herz⸗ licher Ueberzeugung,„es müßte denn ſeine allzu große Zurückhaltung gegen unſere Freundlichkeit ſein. Aber nicht wahr, lieber Rath, er kommt heute noch?“ „Darauf ſchwöre nicht“, meinte der Prinz ſcherzend. „Er iſt ſicher eiferſüchtig auf dieſen plötzlichen Eindring⸗ ling, der Deine Gunſt mit ihm theilt.“ „Nach Allem, was ich ſeit geſtern gehört und be⸗ obachtet habe, kann ich Eurer Hoheit Erklärung kaum widerſprechen“, ſagte der Rath, und ſo ſchritten ſie 80 munter plaudernd dem Pavillon zu, wo auf einem Tiſch ein Frühſtück angerichtet war und von einem andern ſich der Begleiter des Paares erhob, der dort bei einem Haufen Zeitungen geſeſſen hatte. „Herr Hauptmann von Hallbrunn, mein alter Ka⸗ merad und Freund“, ſtellte ihn der Prinz vor.„Und nun, lieber Rath,“ fuhr er fort,„Sie ſehen, es geht ganz ſchlicht bei uns zu. Alſo laſſen Sie uns Platz nehmen und auf die alte Zeit und die alten Freunde anſtoßen. So muß man dieſe kleine enthaltſame Frau dazu zwingen, den ihr verordneten Wein auch wirklich zu trinken.“ Der heitere Ton klang fort, man war ſehr munter, und der Rath würde ſich ganz wohl und mit den alten Freunden zufrieden gefunden haben, hätte er nicht hinter aller Offenheit und Heiterkeit Mariens etwas wie einen leiſen Druck und in der Freundlichkeit des Prinzen eine Art von Zurückhaltung wahrgenommen, die ihn über⸗ raſchten und nachdenklich machten. Zu ſeiner Wahr⸗ nehmung ſtimmte auch die Weiſe, wie der alten Zeit, der befreundeten Menſchen, der ſeitherigen Erlebniſſe gedacht wurde: von den Wunſch auf der Seite des Prinzen und ſeiner Gemahlin, recht viel zu erfahren, wurde im Grunde wenig bemerkbar, und die Willigkeit, zu berichten, und das Verlangen, auch ſeinerſeits zu hören, nützte dem Rath wenig. Er wußte nicht recht, 841 wie es ſo kam, aber man gelangte eben nicht zum ru⸗ higen Aus⸗ und Beſprechen, ſtets drängte ſich, wenigſtens von der Seite des Prinzen, irgend etwas dazwiſchen, das die Aufmerkſamkeit auf ein anderes Feld, zum mindeſten von dem eigentlichen Thema abzog, und das wenigſtens ſtand für den Rath nach kurzer Zeit feſt genug, daß Prinz Bernhard in Wirklichkeit ſo gut wie nichts von dem Intereſſe für die Vergangenheit und die frühern Freunde in ſich barg, das es ihm beliebte zur Schau zu tragen. Herr von Hallbrunn hielt ſich, wie es dem ge⸗ bildeten, höflichen Mann bei einer ſolchen Begegnung alter Bekannter geziemt, mehr im Hintergrund und miſchte ſich nur ein, wenn die Unterhaltung ſich allge⸗ meinen Gegenſtänden zuwandte. Doch entging es dem Nathe nicht, daß der ſchöne und ſtattliche, ruhig⸗ernſte Mann nicht nur ihn, ſondern auch das Paar beobachtete. Er brach übrigens, ſobald das Frühſtück beendet war, auf, um noch einen Spaziergang zu machen, und ſchritt über die Stufen der Terraſſe in die parkartigen An⸗ lagen hinab, welche ſich hier ausbreiteten. Die Umgebung des Schlößchens war allerdings derart, daß ſie zu ſolchen Spaziergängen verlocken konnte; allein auch das Ruhen auf einem ſo bevor⸗ zugten Platz, wie der Pavillon der Terraſſe war, bet Hoefer, Zur linken Hand. 6 Genüſſe dar, welche ſelbſt in dieſen von der Natur be⸗ vorzugten Gegenden ſich nur ſelten auf einem Punkt vereinigt fanden. 3 Das Schlößchen liegt, wie wir erfuhren, auf einer Vorhöhe, welche gegen die Ebene zu ziemlich ſteil abfällt, rückwärts aber ſich ſanft zu einer kleinen thal⸗ artigen Mulde hinabſenkt und durch dieſe mit dem ei⸗ gentlichen Waldgebirge zuſammenhängt. Daſſelbe erhebt ſich hier ſchon zu den ſtolzeſten Kuppen, welche immer mehr anſteigend von Nordweſten nach Süden ſtreichen, faſt bis zum Fuß hinab und über die Gipfel hin mit dunklen Tannen bewachſen. Nur ſelten tritt durch den prachtvollen Mantel der Kern des Berges in ſchroffen Felswänden zu Tage, welche dann meiſtens jene Farbe zeigen, die dem Rothenſtein ſeinen Namen gegeben hat. Rechts ſinkt die Mulde ſchnell noch tiefer hinab und läuft in das wunderbar grüne und ſtille kleine Thal aus, das ſich, alsbald wieder anſteigend, zwiſchen zwei der ſchönſten Berge und weiter und weiter drängt, als wollte es dem Auge des Beſchauers einen Blick bis ins Herz des Gebirges eröffnen und ihn leiſe, leiſe immer weiter hineinlocken in die waldgrüne Einſamkeit. Die Kunſt des Nenſchen, deren Spuren wir hier, am Fuße der Terraſſe, in reizenden Blumenpartien und weiter⸗ hin in allerhand Anlagen und Anpflanzungen begegnen, 83 hat dieſem Zauber der Natur keinen Eintrag gethan, ſondern denſelben auf das ſchonendſte und liebevollſte zu erhalten, ja ihn dem Auge in ſeiner vollſten Friſche und Schönheit zu erſchließen geſucht. Man kann in das Thal und zwiſchen die Berge weniger hineinſchauen, als man hineinlauſchen muß, und den ſilberklaren Bach, der dort ganz hinten ſchäumend über die Felſen ſtürzt, hört man trotz der rings herrſchenden Stille kaum heraufrauſchen und ſieht ihn faſt gar nicht, denn er birgt ſich tief in den Grund und hinter die Büſche Nur zuweilen, wenn die Sonne iun ihrem vollſten Glanz herableuchtet und ihre Strahlen weiter und weiter in die grüne Tiefe ſendet, bricht aus ihnen plötzlich ein heller Blitz hervor und verräth den Lauf des luſtigen Waſſers. So ſchön das geſchilderte Bild, welches man von der Terraſſe aus rechts vor ſich hat, aber auch ſein mag, es wird dennoch von dem faſt übertroffen, was dem Beſchauer auf der linken Seite ins Auge fällt. Hier ſtürzt der Schloßberg ſo ſchroff ab, daß nur hin und wieder Gebüſch an ihm haften konnte; die Mauer des Schloſſes erhebt ſich auf dem äußerſten Rand und der Pavillon hängt beinahe über der Tiefe. In dieſer rauſcht, den Fuß der Höhe umkreiſend, der Fluß, den man weithin mit den Augen verfolgen kann, wie er hart am Fuße der dunkelgrünen Berge in großartigen 1 84 Windungen hinzieht. Das iſt ein ander Treiben und Blitzen und Glänzen als drüben bei dem kecken Bach. Man ſieht von hier oben, wie raſtlos, wie gewaltig die Waſſer ſtürzen und ſich drängen und gerade unter⸗ halb des Pavillons wild über verborgene Felſen wir⸗ beln. Sein Rauſchen dringt nur dumpf herauf, denn die Höhe iſt zu bedeutend, aber wenn man ſich über das Geländer lehnt und hinabſchaut, fühlt man es kühl ſich anwehen. „Wundervoll!“ ſagte der Rath, der aufgeſtanden war und in Begleitung ſeiner Wirthe nach allen Seiten hin lange hinausgeſchaut hatte.„Es iſt über die Worte erhaben, man kann nur ſehen und fühlen.“ „Sieh da, ein Bundesgenoſſe, Marie!“ rief der Prinz mit einem Lachen, das nicht ganz ohne Spott, und fügte in gleichem Tone, gegen den Gaſt gewendet, hinzu:„Denn Sie müſſen wiſſen, daß Madame eine ge⸗ waltige Naturſchwärmerin iſt und den Rothenſtein vor allem in ihr Herz geſchloſſen hat! Können Sie es glauben, daß Sie mich ſogar bereden will, hier auch während des Winters zu bleiben?“ Mariens Augen erhoben ſich mit einem dunklen, ſanften Blick zu dem Gatten.„Du weißt wohl, daß nicht blos die wunderbar ſchöne Umgebung mir dieſen Aufenthalt ſo theuer macht“, ſprach ſie. 85 Prinz Bernhard zog die Brauen flüchtig zuſammen, aber ſeine Antwort wurde durch das Schmettern eines Poſthorns abgeſchnitten, welches vom Vorhofe des Schlößchens grell durch die Morgenſtille herüberklang. Ein Künſtler auf ſeinem Inſtrument war der Poſtillon nicht, und der Prinz hatte faſt ein Recht zu der ver⸗ drießlichen Bemerkung:„Hoffentlich wird der Beſuch angenehmer ſein als ſeine Ankündigung! Warum bin ich nicht Generalpoſtdirector! Dem. Burſchen ließ ich alle Tage ſeine Töne vorblaſen, bis ihm die Augen übergingen!“ Der alte Diener kam die Terraſſe entlang mit einem Teller, auf dem ein Brief lag. Bei Ueberreichung deſ⸗ ſelben an den Prinzen meldete er, daß der eben ange⸗ langte Fremde um Erlaubniß bitte, einſtweilen dem Schloßherrn allein ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Der Brief werde dies Geſuch erklären. Prinz Bernhard hatte mit ſichtbarem Verdruß zu⸗ gehört.„Soß verderben einem alberne oder unver⸗ ſchämte Störungen die beſten Stunden!“ ſagte er, indem er das Couvert aufriß und den Bogen entfaltete. Der Inhalt der Zeilen entwölkte ſeine Stirn nicht, ſie wurde im Gegentheil noch finſterer, und indem er den Brief mit wenig Umſtänden in die Seitentaſche des Reitfracks 2 9 ſchob und ſich gegen ſeine Frau und den Rath wandte, 86 ſprach er unmuthig:„Sie müſſen mich entſchul⸗ digen, beſter Rath, und Marie einſtweilen mich vertreten laſſen. Hoffentlich dauert es nicht lange.“ Und den Beiden zunickend, ſchritt er dem Portale zu und verſchwand. Eine kleine Weile blieben die Verlaſſenen noch ſchweigend einander gegenüber, dann aber ſagte die Baronin plötzlich, indem ihre Wangen ſich leiſe rötheten und die Augen ſich zögernd zu dem Rath erhoben, mit bewegter Stimme:„Mißverſtehen Sie mich nicht, mein Freund, aber ich habe einen ſolchen Augenblick der Frei⸗ heit faſt ſchmerzlich erſehnt! Ich habe nicht das leiſeſte Geheimniß vor dem Prinzen, und mein Vertrauen zu ihm, ſeine Güte gegen mich ſind unbeſchränkt. Allein es würde unvernünftig und lieblos von mir ſein, wollte ich nicht gewiſſe Rückſichten nehmen und Schonung üben, wo er vielleicht ein Recht hat, empfindlich zu ſein. Werden Sie nicht ungeduldig bei dieſer Vorrede“, fuhr ſie mit ſichtbarer, ſchmerzlicher Bewegung fort,„Sie dürfen mich nicht mißverſtehen, Sie dürfen es nicht! Und dennoch konnte ich die Frage, die mir auf dem Herzen brennt, nicht früher thun!“ Und indem ſie die Hand des erſtaunten Gaſtes ergriff, fügte ſie faſt leiden⸗ ſchaftlich und die Augen voll aufſteigender Thränen hinzu:„Sagen Sie mir, mein Freund, was habe ich 87 gethan, daß unſere geliebte alte Freundin mich ſo hart beſtraft, ſo unerbittlich mich zurückweiſt?“ „Aber, gnädigſte Frau!“ ſprach der Rath beſtürzt; denn wie er Marie ſah und was er von ihr hörte, ja ihre Frage ſelber— Alles war, wie er es gerade von ihr am wenigſten erwartet hatte. Sie ließ ihn nicht ausreden.„Habt Ihr denn alle über der vornehmen Frau, wie man das heißt das arme Kind vergeſſen, das Ihr lieb hattet, und hab, ich auch Sie verletzt und erzürnt?“ rief ſie heftig und mit unwilligem Blick. „Aber um Alles in der Welt— was heißt das? Was haben Sie?“ verſetzte er immer betroffener.„Ich beſchwöre Sie—“ „Und ſoll mich das nicht betrüben— bis ins Herz?“ rief ſie aus.„Soll es mich nicht peinigen mit raſtloſer Oual, wenn ich mich ſo verlaſſen und zurück⸗ gewieſen finde von denen, die ich am meiſten geliebt, an denen ich am treueſten hänge? Wenn man mir alle Fäden abſchneidet, die mich verbinden mit jener glückſeligen Zeit, mit jenen geliebten Menſchen, und mir nur die Gegenwart läßt, in der ich einſam bin und—“ Er nahm ihre Hand, erſ ſchaute ihrfeſt in die leidenſ ſchaft⸗ lich bewegten Züge.„Marie!“ ſagte er ernſt und mahnend. „O, ſo iſt's recht, ſo iſt's recht! Gott lohn’ 2 es Ihnen!“ murmelte ſie und erhob ſeine Hand, faſt als wolle ſie dieſelbe küßſen. Er zog ſie haſtig zurück.„Dies geht nicht an“, ſprach er.„Was Sie, gerade Sie, in Ihrer ſanften, klaren und reinen Natur auch bewegen und erſchüttern mag— Sie müſſen ſich faſſen! Sie müſſen Ruhe ge⸗ winnen und Beſonnenheit. Sie erkennen in mir den Freund, der ich bin— gut, glauben Sie nun auch an ihn! Er wird Ihren Glauben und Ihr Vertrauen nicht täuſchen.“ Sie war zurück an das Geländer getreten und hatte die Hände vor das Geſicht gedrückt. Nun, da er ſchwieg, ließ ſie dieſelben ſinken und zeigte ihre reinen Züge wieder in der alten ſanften und ſtillen Lieblich⸗ keit. Nur blaß war ſie noch und die Augen waren noch feucht.„Verzeihen Sie mir, mein Freund“, ſagte ſie dann weich,„ich erſchrecke über mich ſelbſt! Aber ich bin nicht ſo ſchuldig, wie Sie fürchten mögen. Eine vergebliche Sehnſucht, die jahraus jahrein an un⸗ ſerem Herzen zehrt, ein einzelner Gedanke, der fort und fort unſern Kopf peinigt, müſſen wohl wider unſern Willen, ja ohne unſer Wiſſen endlich krankhaft werden und uns ſelbſt krank machen. Das haben Sie, das habe ich eben erfahren. Und darum müſſen Sie es mir auch zu gute halten.“ 89 „So thu' ich's auch und ſo ſehe ich's an“, ent⸗ gegnete er in einem Ton und mit einem Blick, die ſeine tiefe Theilnahme, ja das Erbarmen offenbarten, welche ihn erfüllten. Es war weniger ihre Erklärung als der jähe Ausbruch und die ihm folgende raſch erzwungene Faſſung, welche ihn einen langen, langen Blick in das Herz dieſer Frau, ja in ihr Leben thun ließen: wie ein⸗ ſam mußte ſie ſein, daß die Qual eine ſolche Höhe hatte erreichen können! Und was mußte ſie für eine Schule durchgemacht haben, bevor ſie eine ſolche Herrſchaft über ſich erlangt haben konnte!„Und nun vor allen Dingen“, fuhr er fort,„ſprechen Sie offen aus, was Sie drückt, weshalb Sie auf dieſen troſtloſen Verdacht gegen unſere alte liebe Freundin kommen. Ich habe keine Ahnung davon; nur daß die Commerzienräthin Ihnen nicht zürnt, wie Sie annehmen, das weiß ich beſtimmt.“ Noch einmal zeichnete ſich eine gewiſſe Erregung in ihren Zügen ab und durchzitterte ihre Stimme, als ſie antwortete:„So können Sie ſprechen, während ich mich vollſtändig von ihr verlaſſen und vergeſſen weiß, während ich auf keinen meiner— ich darf ſo ſagen!— liebevollſten, flehendſten Briefe eine Erwiderung erhielt, ſelbſt auf den nicht, der ihr den Tod meiner Kleinen meldete.“ Sie brach mit einer Art von Schluchzen ab. 90 „Ruhig, ruhig!“ ſagte der Rath mahnend und fuhr ernſt fort:„Hier muß ein eigenthümliches Un⸗ glück oder Mißverſtändniß walten, das wirklich Auf⸗ klärung verdient. Ich weiß es beſtimmt, daß die Com⸗ merzienräthin ſchon längſt keine Zeile mehr von Ihnen empfing— gewiß ſeit vier, fünf Jahren nicht mehr!— und daß ſie auf ihre beiden letzten Briefe vor dieſer Zeit auch keine Antwort erhielt.“ „Aber, mein Freund—“ ſprach Marie, zugleich ungläubig und erſchrocken. „Hänge es zuſammen, wie es wolle“, entgegnete er kopfſchüttelnd,„es iſt ſo. Es muß im Jahre 46 geweſen ſein, als ſie an Sie zuletzt ſchrieb und nach Ihren Plänen für den Sommer fragte, um Sie und Ihr Kindchen einmal wiederzuſehen. Darauf erhielt ſie keine Antwort—“ „Und ich den Brief nicht!“ rief Marie.„O Gott, was hätte mich glücklicher gemacht als ſolche Ausſicht, Giſela ihr zu zeigen, damals, wo ſie ſo reizend, ſo ge⸗ ſund, mein ganzes Glück, mein ganzer Stolz war! O mein Freund!“ Und indem ſie die Hand, mit der ſie bei den letzten Worten die Augen verdeckt hatte, wieder ſinken ließ, fügte ſie nach einer Pauſe gedämpft hinzu: „Und ſeitdem?“ „Wie ich ſagte, ſie hörte nichts mehr von Ihnen. — 91 Betrübt hat es ſie, zumal anfangs, natürlich ſehr, aber gezürnt hat ſie Ihnen keinen Augenblick; ich verſichere Ihnen, ſie ſpricht noch heute mit der größten Zärt⸗ lichkeit von Ihnen, und als ich geſtern von Ihrer hieſigen Anweſenheit erfuhr und Sie dann ſah, durft' ich mit gu⸗ tem Gewiſſen zu Zöllner ſagen: Wenn das die Commer⸗ zienräthin wüßte, ſie käme trotz all ihrer Beſchwerden zu uns geflogen, auf die Gefahr hin, vielleicht— „O Freund, mein Freund, ſprechen Sie nicht aus! 4 unterbrach ſie ihn vorwurfsvoll.„Solch ein Argwohn thäte mir mehr als Unrecht! Ich weiß es wohl, der Prinz denkt an die Geliebten nicht ſo innig wie ich Es iſt zu jener Zeit etwas zwiſchen ſie getreten, was ich damals nicht begriff und auch jetzt nur ahne. Das iſt denn auch der Grund, weshalb ich ihrer gegen ihn nicht häufig erwähne und zumal von meiner Trauer und Qual längſt nicht mehr ſprach; er wurde gleich empfindlich und ungeduldig— Sie verſtehen mich. Bernhard iſt ein Mann von Geiſt und Klarheit, von Charakter und Herzensgüte; allein er iſt in Anſchauun⸗ gen groß geworden, welche Andern vielleicht als Vor⸗ urtheile erſcheinen können, die aber gerade ich dennoch zu ſchonen und denen ich mich zu fügen habe, da er ſie einmal, mir zu Liebe, überwand und ſeine Freiheit und ſein Glück gegen ſie wahrte. Aber das Alles iſt 92 für mich kaum von Bedeutung“, redete ſie weiter;„ich kann es nicht dankbar genug bezeugen, daß er mich in dieſem Sinne niemals beeinflußt, beſchränkt hat. Er hat nie eine Einwendung gegen meine Briefe gemacht, welche ihm ja auch niemals verheimlicht wurden. Und die Herzlichkeit, mit der er Sie geſtern begrüßte— aber was ſpreche ich von dem Allem, wo mir Anderes ſo viel näher liegt!“ brach ſie bewegt ab.„Sagen Sie mir, erklären Sie mir dies Unglück! Ich habe immer wieder geſchrieben, nach dem Tode meiner Kleinen, im Herbſt, wo ich ſo ſterbenstraurig war, im Winter noch, von Nizza aus— ich ſchüttete mein ganzes Herz aus, ich bat ſo flehentlich um ein freundlich tröſtend Wort, wie nur ſie es zu ſagen verſteht!— Und nichts erhal⸗ ten!— Aber gehen denn auf der Poſt ſo viel Briefe verloren?“ Er ſchüttelte den Kopf.„Es iſt wirklich ein ganz beſonderes, eigenthümliches Mißgeſchick, wie ich kaum von einem ähnlichen erfahren habe“, verſetzte er mit h 9 nachdenklichem Blick.„Die Poſt—“ Er brach plötz⸗ lich ab. War es ſein Blick oder Ton, waren es ſeine Worte oder dieſer plötzliche Abbruch, oder das Alles vereint, was ſie überraſchte und Gott weiß welche Gedanken in ihr wachrief— genug, ihr Geſicht wurde plötzlich glü⸗ ——— —— 93 hend roth, ſo ſchnell und ſo heiß, daß es faſt erſchrecken konnte, und ſie ſagte beinahe heftig:„Sie glauben nicht an die Nachläſſigkeit der Poſt? Aber—“ Und gleich ihm brach ſie ab, mitten im Wort. Sie ſtand auf und ging ein paarmal raſch auf und ab, und als ſie wieder ſtehen blieb, kehrte die natürliche Farbe bereits auf ihre Wangen zurück und ſie ſprach in ruhigerem Tone:„Aber enden wir dies traurige Gefpräch. Vergeſſen werd' ich es nicht, und es war auch nicht umſonſt. Denn da ich jetzt weiß, was geſchah, werd' ich auch ſchon erfahren, wie es geſchehen konnte. Rüſten Sie ſich immer, einen Brief an die Commerzienräthin mitzunehmen. Und nun kein Wort mehr davon. Wir haben ja noch ſo viel zu reden, zu fragen— weniger Trauriges und Kla⸗ reres.“ „Das haben wir!“ ſagte er ſehr herzlich, ja innig. Die Theilnahme und das Erbarmen wurden immer größer in ihm, denn ſein Blick drang immer tiefer, und der letzte geheimnißvolle dunkle Schatten, welcher ſich plötzlich vor ſeinem Auge erhob, war von der Art, daß er noch gar nicht wußte, ob er es auch nur verſuchen dürfe, in ihn hinein zu ſchauen.„Sie müſſen mir viel, Sie müſſen mir Alles von ſich erzählen“, redete er weiter,„für die daheim und für mich. Denn wir wiſſen ja im Grunde alle nichts von Ihnen, die Sie aus der 94 ſtillſten Enge in eine ſo ganz andere Lage, in ſo ganz andere Verhältniſſe, ein reich und bunt bewegtes, weites Leben kamen. Mit uns iſt das ganz etwas Anderes“, fügte er lächelnd hinzu,„bei uns hat ſich nichts verän⸗ dert, iſt nichts paſſirt. Davon iſt nichts zu ſagen.“ „Ein reich bewegtes Leben!“ wiederholte ſie, als habe ſie nur dies eine Wort von ihm gehört. Sie hatte ſich an den kleinen Tiſch geſetzt, auf dem ein Körbchen mit einer Handarbeit ſtand. Sie legte den wunderſchönen Kopf auf die untergeſtützte Hand, und ihr Auge ruhte träumeriſch auf dem kleinen Waldthal drunten, in welchem es, wie in der ganzen Natur, mit der ſteigenden Sonne und dem nahenden Mittag immer ſtiller und ſtiller wurde. Es rief kein Vogel, es regte ſich kein Hauch. Der Waldkönig ſchläft, ſagt das Volk. Der Rath ließ ſie ſtill gewähren und begnügte ſich, dieſen Moment der Einkehr in ſich ſelbſt voll ernſter Theilnahme zu beobachten. Es gibt Manche unter uns, die wollen es ſich niemals klar vor Augen rücken, was und wie es ihnen das Leben in Wirklichkeit gebracht; manche Andere können das gar nicht, und wieder An⸗ dere wagen es nicht oder kommen niemals dazu aus irgend einem andern Grunde. Und Einige gibt's, aber es ſind nicht viele, die wiſſen es wohl, wie es geweſen und wie es gekom⸗ men, aber ſie haben längſt damit abgeſchloſſen, wie man 95 mit einem Todten abſchließt. Gehörte Marie zu denen? — gehörte Marie zu denen? „Ein reich bewegtes Leben!“ murmelte ſie noch einmal. Die Augen wandten ſich langſam gegen ihn — der Rath mußte ſich lebhafter als je der Zeit erin⸗ nern, da dies wunderbare Geſchöpf zuerſt unter ſie ge⸗ treten: das waren noch einmal die ſtillen, traumvollen Züge, das waren die Augen mit dem tiefen und dunk⸗ len Blick des jungen Mädchens! Aber es war auch nur ein Moment, dann ſtrahlten ſie ihn bereits voll ruhigen, ſichern Verſtändniſſes an; der untergeſtützte Arm ſank auf den Tiſch, und mit einem nur noch milden Lächeln ſprach ſie:„Ja, mein Freund, es war ein großer Wechſel, der über mich kam! Es war ein bewegungs⸗ volles, reiches Leben, das ſich mir eröffnete und mich umfing. Und dennoch kann auch ich Ihnen nicht viel davon erzählen. Denn an dem bunten Hin⸗ und Herwechſeln, an den Begebenheiten und Ereigniſſen, aus denen für die Meiſten das Leben beſteht, war das meine niemals reich, ſondern verfloß nach außen hin in ſelten geſtörter Ruhe und Gleichmäßigkeit, ohne Stürme, ohne Gefahren, ohne ein außerordentliches, berauſchendes und betäubendes Glück. Als wir von Euch fortgingen, lebten wir, wie es die Verhältniſſe des Prinzen, aber mehr noch unſere Herzen verlangten, ſehr ſtill und zurückgezogen. Kaum anders wurde es, als nach ein paar Jahren ſeine beiden Brüder raſch hinter einander ſtarben, dann die Mutter, ſchnell auch ſein Vater folgte und ſeine äußere Stellung allerdings eine himmelweit andere wurde. Nach einem Hofleben, um in dies Wort Alles zuſammenzufaſſen, ſtand ſein Sinn niemals, und er hat ſich von jeher nur im allerbeſchränkteſten Maße den Anforderungen gefügt, welche ſeine veränderte Stellung von ihm verlangte. Für mich war der Wechſel, wie Sie mir glauben werden, noch weniger folgenreich und bedeutungsvoll. Für die große Welt, für die Geſellſchaft und Repräſentation habe ich einmal keine Gaben, und der Prinz hat mir niemals daraus einen Vorwurf gemacht, noch eine Leiſtung von mir verlangt, die über mein Vermögen hinausge⸗ gangen wäre. Und ſo haben Sie jetzt einen Abriß meines Lebens“, ſchloß ſie, ſtets im gleichen ſanften und friedlichen Tone.„Das, was neben dieſem Aeußern in uns allen vorgeht, das Aufleben, das Erleben und Ver⸗ leben— wer kann davon erzählen, und wenn er's könnte, wer möchte oder dürfte es?“ „Und dennoch“, ſagte er nach einer Pauſe mit einem langen und tiefen Blick in ihre wieder träume⸗ riſchen Augen,„gerade für Sie und in Ihnen gibt es ein paar Punkte, über die Sie nicht allein ſprechen 3 97 können, ſondern zu mir auch ſprechen dürfen. In dieſen 4 beiden Punkten gipfelt, wenn ich Sie jemals richtig erkannt und verſtanden habe, nicht nur Ihr Weſen, ſondern auch Ihr Leben. Sie hatten eine Gabe des Himmels in ſich, wie ſie in ſolcher Schönheit nur ſelten einem Menſchenkinde zu Theil wird. Was wurde aus Ihrer Kunſt, was b ieb, was wurde ſie Ihnen?“ Sie ſah ihn wehmüthig an.„Wie immer, mein Freund, das Höchſte, Schönſte und Heiligſte, was ich kenne und habe“, verſetzte ſie.„Aber ich übe ſie wenig mehr, das heißt, den Geſang. Der Prinz wünſcht es ſo, da er behauptet, daß es mich zu ſehr angreife; und da nicht nur der Arzt ihm zuſtimmt, ſondern auch ich ſelber nicht leugnen kann, daß meine Kraft eine be⸗ ſchränkte iſt, ſo füge ich mich meiſtens, wie ſchwer es mir zuweilen auch wird. Es kommt freilich noch hinzu“, ſchloß ſie,„daß wir, trotz unſerer Zurückgezogenheit, wenig Stunden haben, wo wir ſo ſtill bei einander ſein können. Und vor Fremden will er es weder, noch würde ich mich dazu verſtehen. Sie kennen mich ja. Ich bin hierin noch ganz die Alte.“ Nach einem neuen langen Schweigen ſagte er, ohne Blick von ihr zu verwenden, mit gedämpfter Stimme: „Und der zweite Punkt— das Kind, das Sie beſaßen und das Ihnen genommen wurde?“ Hoefer, Zur linken Hand. den 98 Es ſchwebte ein geiſterhaftes Lächeln durch ihre Züge, leiſe, leiſe heraufſteigend, leiſe, leiſe verſinkend. „Ja, ich habe ein Kind gehabt“, entgegnete ſie faſt flüſternd.„Gott hat es mir gegeben, Gott hat es mir genommen. Giſela war vier Jahre lang der Inbegriff alles Segens und Glücks, die mir wurden, die ich ahnte und faßte, all meines Denkens, meines ganzen Daſeins. Dieſe Liebe war wohl eine Sünde. Sie ging über das hinaus, was ein Menſch dem andern weihen darf. Darum nahm Gott das junge Leben wieder hinauf in ſeine Verklärung.“ Und nach einem kurzen Innehalten fügte ſie hinzu:„Dort unten am Bach ruht ſie— wir haben dort ſo oft geſpielt und ſo glückſelig gejubelt. Und darum fühle ich mich auch nur hier heimiſch und wohl. Der Prinz gibt mir nach, obſchon er es, wie Sie wohl bemerkten, übertrieben findet und behauptet, daß auch dieſe Liebe für ein Todtes mich aufreibt. Sie kennen wohl die alte Sage von Faſtrada's Schlangenring, der den Kaiſer Karl an die Lebende und Todte feſſelte und ihn, als der Ring im See bei Aachen lag, auch von hier nicht ſcheiden ließ. Und ich ſenkte einen noch ſchönern, reinern, mächtigern Zauber in den ſtillen Grund!“ Der Rath war ſtill. Was man in der Welt auf ſolche Worte erwidert, wußte er nicht zu finden, und 99 was ihm auf dem Herzen brannte, konnte er nicht au ſprechen. Aus dem Waldthale ſahen ſie Herrn von Hallbrunn gervorkommen und langſam durch den glühenden Sonnen⸗ chein die Höhe zur Terraſſe hinanſchreiten. Marie ſchaute raſch auf und ſich um.„Iſt es denn ſchon ſo ſpät?“ fragte ſie erſtaunt.„Unſer Gaſt kehrt ſonſt nie vor der Mittagsſtunde zurück. Aber wirklich, die Sonne fällt ſchon auf die Terraſſe— es iſt Mittag! Da werde ich die Herren leider eine Weile allein laſſen müſſen“, ſetzte ſie, die Begrüßung des Heran⸗ kommenden freundlich erwidernd, hinzu.„Bis dahin wird hoffentlich auch der Prinz wieder frei ſein und unſer ſpröder alter Sanitätsrath eintreffen.“ Sie nahm ihr Arbeitskörbchen und ging, nachdem ſie ſich ſanft gegen die Zurückbleibenden geneigt, langſam gleichfalls dem Portale zu. Die beiden Herren blieben noch eine Weile in gle ichgültigem Geſpräch, bis der Hauptmann den Rath einlud, ihm in die kühlen Zimmer des Hauſes zu folgen. Dann zog auch er ſich zurück und der Gaſt blieb eine Weile allein— nicht ungern, denn er hatte genug zu denken und über Manches mit ſich ins Reine zu kommen. 7*½ Viertes Kapitel. Wirkungenohne Urſachen. Der Prinz hatte ſich in ſeiner Hoffnung, daß der Beſuch nur ein kurzer ſein oder daß er ſich des Frem⸗ den wenigſtens bald werde entledigen können, gründ⸗ lich getäuſcht, und die Hausgenoſſen harrten vergeblich auf ſeine Rückkehr zu der Geſellſchaft, ſei es allein, ſei es in der Begleitung des Störers. Die Stunde des Diners war, gemäß dem zwangloſen Leben auf dem Rothenſtein, eine frühe, daneben aber, wie es ſich in jedem geordneten Haushalt von ſelbſt verſteht, nicht blos eine beſtimmte und unaufſchiebbare, ſondern auch diejenige, welche die im Hauſe anweſende Geſellſchaft unbedingt zuſammenführte. Der Prinz brachte aber weder den Fremden mit zu Tiſche, noch 101 kam er allein. Er ließ vielmehr ſeine Gemahlin kurz⸗ weg bitten, ihn bei den Gäſten zu entſchuldigen und keine Rückſicht auf ihn zu nehmen. Für ihn und den Beſuch wurde in einem Zimmer neben ſeinem Kabinet etwas wie ein Frühſtück aufgeſetzt, die Bedienung zurück⸗ gewieſen. Es war bemerkenswerth, daß die aufräumenden Diener, als der Fremde gegen Abend ſo geheimnißvoll, wie er gekommen, endlich davongefahren war, den Imbiß faſt unberührt befanden. Nur ein paar Gläſer Wein waren geleert, die Speiſen kaum verſucht. Auch zeigte ſich überhaupt nur ein Couvert benutzt. Das des Prinzen lag, wie es hingelegt worden. Geraucht aber hatten die Herren ſtark— Prinz Bernhard war überhaupt ein leidenſchaftlicher Raucher— denn obgleich die Fenſter nach der Entfernung des Fremden geöffnet worden waren, fanden die Diener das Zimmer doch noch voll blauer Wolken. Das Auffälligſte für ſie, die Diener nämlich, warf jedoch die Wahrnehmung des Kammerdieners, der, als er dem Prinzen die Bereitſchaft des Diners meldete, den Fremdling auf dem kleinen ſchattigen Eckſopha in der bequemſten Stellung ruhen ſah, während der Hausherr im Zimmer! ſauf und ab ging. Nun war der Prinz, wie wir wiſſen, freilich ein ſehr„civiler“ Herr, der keineswegs die ſtrenge Etikette liebte, noch auf übertriebene Wahrung und Beob⸗ achtung ſeines Ranges hielt, trotzdem aber nicht leicht von gewiſſen Formen abwich, noch die Abweichung von denſelben einem Dritten erleichterte. Der Beſuch mußte daher nothwendig etwas ſehr Vornehmes oder recht Vertrautes geweſen ſein. Das Erſtere ließ ſich glauben ſeine Erſcheinung widerſprach einer ſolchen Annahme nicht, und das Trinkgeld, welches er dem begleitenden Kammerdiener gab, war ein brillantes. Das Zweite ſchien fraglicher. Zum mindeſten kannte ihn Niemand von der Dienerſchaft, ſelbſt der erwähnte alte Kammer⸗ diener nicht, obgleich derſelbe ſchon ſeit vielen Jahren im Dienſt der fürſtlichen Familie und beim Prinzen ſeit ſeiner frühſten Jugendzeit angeſtellt war. Als Prinz Bernhard bei der Geſellſchaft wieder erſchien, welche bereits von einem Spaziergang in das Waldthal und zum Waſſerfall zurückkehrte, lieh er ſeinem Mißvergnügen über die unvorhergeſehene Störung und den verlorenen Tag einen offenen Ausdruck, doch war es ſelbſt für die beiden Gäſte nicht ſchwer zu erkennen, daß er im Innern ganz anders geſtimmt war, daß zum mindeſten die Mittheilungen oder die Geſchäfte des Fremdlings ihn viel zu ſehr in Anſpruch genommen hatten, um ihn an das denken zu laſſen, was der Tag ihm ohne dieſe Störung gebracht haben würde. Er war auch jetzt nur halb bei der Geſellſchaft, ſo ſehr er ſich —- Müähe gab, dies nicht bemerken zu laſſen. Die lebhaft und eifrig, als wolle er das Verſäumte nachholen, an⸗ geknüpfte Unterhaltung mit den beiden alten Herren, die gegen den Sanitätsrath, mit ſeiner Gemahlin, mit Herrn von Hallbrunn verſuchten Neckereien und Scherze beſchäftigten ihn augenſcheinlich wenig. Nachdenken und Zerſtreutheit drängten ſich ſtets von neuem heran, und wenn man bedachte, daß Prinz Bernhard ein Mann war, der nicht blos die Umgangsformen vollſtändig beherrſchte, ſondern auch durch Geiſt und Charakter ſich ſtets gegen alle bedenklichen Einflüſſe gewappnet zeigte, ſo mußte man nothwendig zu dem Schluſſe kommen, daß der heute erhaltene Eindruck einer der ſtärkſten und ernſteſten ſei, die der Herr jemals empfangen habe. Die beiden Gäſte empfahlen ſich unter ſolchen Um⸗ ſtänden begreiflicherweiſe bald, und der Prinz machte keine Miene, ihren Aufbruch zu verzögern, obgleich er auf das freundlichſte den Wunſch und den Vorſatz ausſprach, ſich und ihnen demnächſt ſchon Revanche für die heutigen Verdrießlichkeiten— ſo drückte er ſich aus— zu verſchaffen. Die beiden alten Freunde legten einen langen Theil ihres Weges ſchweigend zurück— der Sanitätsrath hatte für die Heimkehr den Platz auf dem Wagen vorgezogen und ließ ſein Pferd durch einen Diener zurückreiten. „Nun alſo, Alter“, ſagte er endlich gedämpft und in der für dieſe Gegenden faſt ſunverſtändlichen platt⸗ deutſchen Sprache ſeiner urſprünglichen Heimat— der Kutſcher ſaß nahe vor ihnen—„hab' ich Recht oder Unrecht, mich droben rar zu machen?“ „Ich bereue den Beſuch dennoch nicht und bedauere auch nicht dies letzte Intermezzo“, verſetzte der Rath in dem gleichen Idiom.„Der Tag hat mir Blicke er⸗ öffnet, die ich um Alles nicht entbehren möchte. Die letzte Beobachtung ſtimmt genau zu dem Uebrigen, ja beſtätigt meine Auffaſſung der Dinge. Doch genug da⸗ von. Nur noch— was iſt dieſer Gaſt für ein Mann? Ich bin mir über ihn und ſeine Stellung zu dem Paare nicht klar geworden.“ 3 „Halte ihn kurzweg für einen braven Mann und wahren Freund“, ſagte der Arzt ungewöhnlich lebhaft und warm,„Du wirſt nicht fehlſchießen. Ich habe ihn im Jahre 46 kennen gelernt, wo er vier Wochen in meinem Hauſe wohnte; er hat mir Reſpekt und Theil⸗ nahme eingeflößt— das paſſirt nicht häufig, ich bin kein Windbeutel. Darum freute ich mich auch, ihn heuer wiederzuſehen, und noch mehr, daß er als Freund des Herrn und mit ihm kam und blieb. Wollte der Herr⸗ gott, er und ſie hätten mehr ſolche Freunde. Mir iſt immer, als dürften ſie ſolche ſchon einmal brauchen.“ en — — Der Rath hörte hieſe Worte des nichts weniger als Geſprächigen mit einem gewiſſen Erſtaunen an. „Hat Dir der Wein die Zunge gelöſt, oder was gibt's?“ fragte er lächelnd.„Das klingt anders als Deine ge⸗ ſtrigen trockenen Antworten.“ „Möglich“, entgegnete der Sanitätsrath, kurz mit dem Kopfe nickend.„Du haſt Deine Zlicke gethan, ich auch. Und der auf den Fremden, der uns des Glücks ſeiner Gegenwart beraubte, war kein erfreulicher. Wenn der zum Exempel zu ſeinen Freunden gehörte, dann geſeg⸗ nete Mahlzeit!“ „Du haſt ihn geſehen? Du kennſt ihn?“ fragte der Andere, immer überraſchter durch die Weiſe des Freundes. „Ja; er nahm an der Poſt drunten friſche Pferde, die frühern waren zum Umfallen. Und ob ich ihn kenne? Na, er war damals, Anno 46 mein' ich, auch ein paar Wochen lang hier.“ „Und ſein Name? Und was gab's?“ „Nachher— drunten“, ſagte der Arzt mit einem bezeichnenden Blick auf den Kutſcher. Auf dem Schloſſe droben wurde die Stimmung des Prinzen durch die Entfernung der Fremden weder heiterer noch freier. Im Gegentheil zeigte er ſich immer nachdenklicher und zerſtreuter, und das Auge, welches von den neu angelangten Zeitungen ſich erhob und über ſeine Umgebung hinſtreifte, nahm offenbar wenig oder nichts von dem was wahr, um ihn her vorging. Von Bedeutung war das freilich nicht. Der kleine Kreis hatte jetzt, wo die Terraſſe von den Sonnenſtrah⸗ len kaum verlaſſen und durch ihre Nachwirkung noch ſehr heiß war, einen andern Platz gewählt, den großen Balkon an der nördlichen Ecke, von dem man auf die Ebene und die kleine Stadt hinabſchaute. Man lebte gemäß der Neigung Mariens und weil das kleine Schloß in Wirklichkeit wenig mehr als ein Sommeraufenthalt war, auf dem Rothenſtein viel im Freien. Da trank man zu dieſer Stunde des Sonnenuntergangs dann gewöhn⸗ lich den Thee. Die Ebene und die Stadt, der Fluß und die ſanften Höhen, welche ſich weiter gegen Norden hin an ihm erhoben, lagen an Abenden wie der heutige dann in der ſchönſten Beleuchtung, und man verfolgte mit hohem Genuß, wie der Glanz, je tiefer die Sonne hinter die Berge ſank, immer weiter zurückwich, wie die Schatten raſcher und raſcher herandrängten und ſich vertieften, wie die Dämmerung mit ihren duftigen Schleiern kam, hier und da von einem herablauſchen⸗ den Stern durchzittert, und wie der Sterne immer mehr wurden und es drüben, hinter der Stadt, ſilbern her⸗ aufſchwamm— es war die Stunde des tiefſten Frie⸗ dens, der ſüßeſten Ruhe, und was auch den Tag über die Menſchen verſtimmt und bedrückt hatte, jetzt löſte ſich Alles leiſe von ihnen ab, und ſie wußten wieder nur von ihrer Liebe, ihrem Glück und ihrer herzlichen Einigkeit. Heute übten der Platz und die Stunde die Wirkung nicht. Denn nicht blos der Prinz blieb in ſeiner zer⸗ ſtreuten und untheilnehmenden Laune, ſondern auch Marie zeigte eine Stille und einen Ernſt, die weit über das hinausgingen, was man gewöhnlich an ihr wahr⸗ nahm. Die liebenswürdige Freundlichkeit und Geſprä⸗ chigkeit, welche ſie den alten Freunden gegenüber gezeigt, war ſchon, ſeit der Prinz ſich ihnen wieder angeſchloſſen und ſich ſo wenig gezügelt hatte, einer ſtets zunehmen⸗ den Einſilbigkeit und, wenn ſie ſprach, einem Tone ge⸗ wichen, der von allen andern Lippen ſicherlich empfind⸗ lich, wo nicht gar ein wenig gereizt geklungen hätte, während er hier nur Kunde von einer Störung des innern Friedens gab, welche der ſanften und nachſichtigen Frau für ſich ſelbſt vermuthlich peinlicher war als für denjenigen, der ſie veranlaßt haben mochte. Selbſt dies war aber an ihr etwas ſo Seltenes und Auffälliges, daß es ihrer Umgebung nicht entgehen konnte. Der Prinz nahm, wenn er auch ein paarmal auf eine ihrer Aeußerungen hin mit forſchendem Ausdruck zu ihr hinüberblickte, keine Notiz davon und ließ Herrn von Hallbrunn ſtets neue Verſuche machen, die Unterhaltung 108 in einem gewiſſen Fluß zu erhalten und eine freund⸗ lichere, theilnahmevollere Stimmung zurückzuführen. Endlich, da auch die Dame, welche Marien als Geſellſchafterin oder Begleiterin auf das einſame Schlöß⸗ chen gefolgt war— der kleine, auf dem Rothenſtein weilende Kreis ſah in dieſem Sommer noch weniger irgend etwas wie einem Hofſtaat ähnlich, als in allen frühern Jahren— ſich zurückgezogen hatte und der Hauptmann, den Blick von der ſich Entfernenden zu Ma⸗ rien zurückwendend, mit gedämpfter Stimme zu ihr zu reden begann, ohne anſcheinend Eindruck mit ſeinen Worten zu machen, ließ der Prinz von neuem ſein Auge zu dem Paare hinüberſtreifen, legte die Zeitung auf den Tiſch und ſagte mit ſcharf ſpöttiſchem Ton:„Redet doch laut, mich ſtört Ihr nicht. Die Politica ſind herzlich langweilig. Und Sie, Hallbrunn, geben Sie Ihre nutzloſen Bemühungen auf! Madame ſind unrührbar in Hochdero Eigenſinn.“ Das Auge des Hauptmanns begegnete mit einer gewiſſen Kälte dem Blick des Prinzen.„Sie irren, Hoheit“, verſetzte er.„Ich bat eben die Frau Baronin um ein Lied. Dieſe Abendſtille und Milde erquicken nach dem heißen, blendenden Lage bis ins Herz und ver⸗ langen—“ er lächelte leicht—„noch einen Dank von uns Menſchenkindern.“ 109 „Und Madame ſchlugen es natürlich ab“, ſprach der Prinz, der ſich in ſeinem Seſſel zurücklehnte und die ausgeſtreckten Beine übereinander ſchlug, im frühern Ton. „Du irrſt wieder, mein Freund“, ſagte Marie ruhig, indem ſie aufſtand.„Herr von Hallbrunn ſpricht ſo ſelten einen Wunſch aus und dieſer jetzige ſtimmte ſo genau mit meinem eigenen Gefühl zuſammen, daß ich nur zögerte, weil ich Dich nicht ſtören wollte.“ Des Prinzen Auge ging mit einem ganz eigenen Ausdruck von ſeiner Gemahlin zu dem Freunde und wieder zurück.„Welche Sympathie und welche Liebens⸗ würdigkeit!“ verſetzte er.„Gelt, Hallbrunn, es wäre ſelbſt für einen alten Ehemann unverzeihlich, das nicht mit Entzücken anzuerkennen und durch die eigene Bitte zu belohnen? Alſo ſinge, ſinge, Schönſte, und verſinge Dir und uns getäuſchte Hoffnungen und Verſtimmung und Verdruß!“ Sie warf ihm einen langen, ernſten, dunkeln Blick zu, erwiderte jedoch nichts uud ging mit ihrem geräuſch⸗ loſen, gleichmäßigen Schritt durch die offenſtehende Flü⸗ gelthür in das anſtoßende Eckzimmer und weiter, in das nächſte. „In der That, die Einſamkeit wird ihr gut ſein— ſie iſt in keiner geſellſchaftlichen Laune“, bemerkte Prinz 110 Bern hard, der ſich noch bequemer ſtreckte, leichthin. „Da muß der eine alte Freund unendlich ſchöne Hoff⸗ nungen getäuſcht haben und der andere ungewöhnlich ungalant geweſen ſein! Wie iſt's, Hallbrunn? Sie müſ⸗ ſen das ja wiſſen, da Sie den ganzen Tag von dieſer intereſſanten Geſellſchaft waren und doch wohl kaum andere Unterhaltung fanden, als zu beobachten. Ar⸗ mer Freund, das muß, nach den Nachwirkungen zu ſchließen, verzweiflungsvoll geweſen ſein.“ „Verzeihung, ich fand bis zu Eurer Hoheit Er⸗ ſcheinen nichts Beſonderes zu beobachten“, verſetzte der Hauptmann mit bemerkbarer Trockenheit. Der Prinz ſah raſch auf.„Ah, bis zu meinem Erſcheinen! Und dann? War ich alſo der Störenfried?“ „Da Sie mir erlauben, offen zu ſein, Hoheit— einen erheiternden und belebenden Eindruch kann es auf einen ſo kleinen Kreis nicht machen, wenn der Haus⸗ herr ſo ernſt wie Sie ſeinen Gedanken nachhängt“, ent⸗ gegnete der Hauptmann mit einer ruhigen, vollkommen höflichen Unbefangenheit, die nicht blos den langjährigen vertrauten Freund, ſondern auch den ſelbſtſtändigen Mann kennzeichnete. Des Prinzen Auge leuchtete flüchtig auf und durch ſeine Züge zuckte etwas wie eine leiſe Gereiztheit. Ja, eine ſolche klang auch beinahe aus ſeiner Stimme wieder, 114 als er, die Cigarre nachläſſig zwiſchen den Fingern drehend, achſelzuckend verſetzte:„Ja freilich, mein Lieber! Sie wiſſen aber, ich bin ein Feind alles Zwanges und aller geſellſchaftlichen Heuchelei, natürlich jedoch bei mir ſelber nicht weniger als für Andere.“ „So verſtand ich es auch nur, Hoheit. Der Ernſt des Hausherrn macht billigerweiſe auch ſeine Umge⸗ bung ernſt.“ Es zuckte von neuem in das Prinzen Auge und ſeine Lippen kräuſelten ſich, wie man trotz des ſtarken Bartes erkannte. Er unterdrückte jedoch die Antwort, welche ſich hervordrängen wollte, und ſagte, die Cigarre zwiſchen die Lippen ſchiebend, nur:„Man war alſo ſehr neugierig und ſehr enttäuſcht, als ich nichts zu berichten fand?“ „Davon habe ich nichts bemerkt, Hoheit.“ „Sind auch Sie nicht neugierig, Hallbrunn?“ „Von dieſem Fehler ſprechen Sie ſicher ſelber mich frei, Hoheit. Sie kennen mich lange genug.“ Der Prinz kaute an den Spitzen des Bartes. „Und dennoch, Hallbrunn“, entgegnete er nach einer Pauſe in nachdenklichem Ton,„wäre die Neugierde oder wie Sie es heißen wollen, diesmal völlig gerechtfertigt. Wenn Sie wüßten, was ich heute erfahren und erlebt habe!“— Und nach einer neuen Pauſe fügte er 112 gedämpft hinzu:„Wiſſen Sie, wer mich ſo lange von Euch entfernte?“ „Nein, Hoheit. Wie ich ſchon ſagte—“ „Es war Auguſt Leuen!“ Herr von Hallbrunn ſah doch überraſcht auf. Au⸗ guſt Leuen, der Oberjägermeiſter?“ wiederholte er.„Ich wußte nicht, daß Sie ihn kennen.“ „Wir haben uns ſeit zwanzig Jahren und länger nicht geſehen und ich hätte ihn anfangs kaum wieder⸗ erkannt. Was iſt das für ein großer, breiter Herr ge⸗ worden! Man ſieht's, daß ihm die Frankenweine beha⸗ gen und bekommen! Und wiſſen Sie, was er mir außer ſeiner Perſon brachte? Das iſt eben, was mich zerſtreut und beherrſcht; er hatte den Auftrag, mir für den Rothenſtein eine andere Beſitzung im Tauſch anzubie⸗ ten.— Sehen Sie mich nicht ſo groß an, Hallbrunn“, brach er ab, da ihm der allerdings weniger erſtaunte als ungläubige Blick des Freundes begegnete;„es iſt wahrhaftig wahr. Und das Tauſchobject iſt ſo verlockend, daß ich trotz allen vorausſichtlichen Widerſtandes und trotz aller Thränen Mariens weder ihm noch mir ſelbſt ein beſtimmtes Nein entgegenzuhalten vermochte.“ „In der That, das muß etwas ſehr Beſonderes ſein“, ſagte der Hauptmann jetzt mit ſeinem gewöhnlichen ruhigen und feſten Blick. 413 Das iſt's. Urtheilen Sie ſelbſt! Es—“ Er erhob raſch den Kopf und neigte ihn lauſchend. Seine Züge verfinſterten ſich und die Brauen rückten gegen einander.„Hören Sie— hören Sie! Da erfüllt Ma⸗ dame Ihren Wunſch, und es iſt obendrein richtig wieder jenes vertrackte Stück— hören Sie, Hallbrunn? Es iſt's!“ „Ich höre“, ſagte der Hauptmann gedämpft und lauſchte gleichfalls. Marie hatte, ſeit das Geſpräch der beiden Herren begonnen und bald lebhafter geworden war, die Thüren des Zimmers, in welches ſie getreten war, längſt geſchloſ⸗ ſen und man hatte nichts mehr von ihr vernommen. Es war dort, gegen die Terraſſe auf der Rückſeite und rechts gegen Norden zu, der ſogenannte Muſikſaal, auf das angemeſſenſte ausgeſtattet und, wenn die Geſellſchaft auf dem Rothenſtein zahlreicher war, nicht ſelten ihr abendlicher Verſammlungspunkt und, da man Schau⸗ platz ſagt, dürfte man wohl auch einmal ſagen: Hör⸗ platz brillanter Vorträge und der reichſten muſikaliſchen Genüſſe. Selbſt die Frau des Hauſes ſchloß ſich nicht immer aus, wenn ſie auch nicht ſang. Dazu war ſie, wie wir wiſſen, immer ſeltener und vor Fernerſtehen⸗ den gar nicht mehr zu bringen. Aber auch ihr Spiel war berühmt in dem kleinen Kreiſe, der daſſelbe hatte kennen lernen dürfen. Und um dieſer letztern Kunſt Hoefer, Zur linken Hand. 8 114 willen, die ihr lieber und lieber zu werden ſchien, je mehr ihr Geſang verſtummte, ſuchte ſie das Gemach auch allein häufig auf: der prächtige Flügel lockte ſie und— die Entfernung von den Gemächern des Prinzen. Wir er⸗ fuhren durch ſie ſelbſt, daß er den Geſang ſchädlich für ſie hielt. Allein es war damit nicht genug. Es wurde ihm überhaupt neuerdings der Muſik leicht zu viel, und voll Güte und Rückſicht, wie überall, beſchränkte und beherrſchte Marie auch hier die eigene Vorliebe auf ein Maß, das ihm nicht mehr unbequem ſein konnte. Vielleicht hatten die beiden Männer bisher nicht Acht gegeben, vielleicht mochte ſie erſt jetzt ein Fenſter nach der Seite geöffnet haben, welcher ſich der Balkon auf der vordern Ecke gleichfalls zuwandte. Der Abend wurde auch immer ſtiller und ſtiller, und die Luft— 1 man konnte kaum ſagen: Wind— welche tagsüber von Oſten gekommen war, ſtrich nun, wie man es zu dieſer Jahreszeit in den hier geſchilderten Gegenden als ein Zeichen des beſtändigen Wetters gern ſieht, gerade von Weſten herüber. Mit ihr kamen denn wirklich die Klänge des Flügels daher und ſſchloſſen ſich vor den Ohren der Lauſchenden leiſe, leiſe an einander, zu einer Melo⸗ die, die allerdings geeignet war, den Hörer zu überra⸗ ſchen und zu feſſeln. Man hätte ſagen mögen, es ſei 115 etwas Altfränkiſches darin, ein Hauch jener Rococozeit, aus welcher das kleine Schloß ſtammte, eine ganz außer⸗ ordentliche Einfachheit, welche dennoch hier und da von den ſeltſamſten Wendungen, von allerhand kleinen pikan⸗ ten Zierrathen unterbrochen und abgelöſt wurde, die tiefe Klage eines traurigen Herzens, in welche ſich un⸗ widerſtehlich ein neckender Scherz, ein übermüthiger Einfall drängte, die bittern Thränen in einem ſtrah⸗ lenden Auge, verſiegend plötzlich vor einem graziöſen Lächeln. Aber der Scherz verſtummte, das Lächeln kehrte nicht wieder, undals der Schlußaccord hinklang, war's, als ob von bebenden Lippen die verzweiflungsvolle Klage zittere: Es iſt Alles vorüber! Es war Alles vorüber. Wie angeſtrengt die Beiden lauſchten, es kam kein Ton, kein Laut mehr herüber. „Sagen Sie mir, was iſt das? Woher hat ſie's? Was liegt darin oder was legt ſie hinein? Gibt es einen Text dazu oder iſt's nur ein Muſikſtück?“ ſprach der Prinz in einer faſt leidenſchaftlichen, kaum be⸗ herrſchten Erregtheit.„Im vorigen Winter ſpielte ſie's zuerſt und ich fragte danach. Sie wollte oder konnte nichts erklären. Sie wiſſe ſelber nichts darüber, es ſei ihr plötzlich wieder in den Kopf, in die Hände gekom⸗ men, ſie habe es vordem, als Kind von ihrem Vater 8* 116 gehört— Sie wiſſen, er war Organiſt zu X. und ge⸗ wiſſermaßen ein Schüler der Bach. Aus der Zeit ſtammt's— nicht aus der Schule!— man hört's ihm ar! Aber was iſt's? Es peinigt mich, es reizt mich, und dennoch muß ich zuhören, ich kann nicht fort! Es klingt mich daraus wie ein bitterer Vorwurf an, aber ich verſtehe ihn nicht.“ Der Andere ſchüttelte den Kopf.„Ich höre das Stück zum zweiten Mal, aber der Eindruck war beide Male der gleiche: ich höre nur die Klage eines voreinſt jubelvollen und glückſeligen Herzens, das ſich vergeblich gegen das herandrängende Unglück wehrt“, verſetzte er gedämpft. Nach einer Pauſe erhob ſich der Prinz.„Nun, ſo oder ſo— ich mag das Stück nicht; ich werde ſie ern⸗ lich bitten, es nicht mehr zu ſpielen“, ſagte er finſter und fügte, ſich zum Gehen wendend, kurz hinzu:„Ich muß noch einen Brief ſchreiben. Bleiben Sie hier, Hallbrunn?“ „Ja, Hoheit. Ich bin einmal ein Abendſchwärmer“, antwortete der Gaſt. „Viel Vergnügen. Wenn Sie noch plaudern mö⸗ gen— in einer halben Stunde bin ich frei.“ Am folgenden Morgen hatte ſich Stimmung und Leben des kleinen Kreiſes anſcheinend völlig wieder in die gewohnte gleichmäßige und behagliche Bahn zurück⸗ gefunden. Der Prinz war wieder der bequeme, umgäng⸗ 117 liche, muntere Hausherr, der ſelber allen Zwang ſcheuend, auch ſeiner Umgebung denſelben fern hielt; ſeine Nachdenklichkeit und Zerſtreutheit war der Theilnahme gewichen, auf die man in Allem, was dieſelbe verdiente, ſtets bei ihm rechnen durfte und ſtatt der Gereiztheit und Empfindlichkeit, welche am vergangenen Abend zuletzt aus ihm hervorgeklungen war, zeigte ſich nicht blos die gewöhnliche Nachſicht und das behagliche Gehenlaſſen, ſondern ſogar etwas wie der Wunſch, wieder gut zu machen, was er tags zuvor verdorben haben möchte. Er gab ſich gegen ſeine Gemahlin aufmerkſam und liebenswürdig, gegen den Freund vertraulich, ſein Spott war ohne Schärfe, ſein Scherz und ſeine Neckerei voll Gutmüthigkeit. Marie erſchien gleichfalls wieder in der milden und freundlichen Ruhe, die nur am vergangenen Abend für wenige Stunden von ihr gewichen zu ſein ſchien. Ihr 1 Auge lächelte den Gemahl innig an und hatte auch für den Freund einen offenen und herzlichen Blick. Aber dennoch entging es einem ſo guten und freundlich ge⸗ ſonnenen Beobachter nicht, daß dieſes Lächeln und dieſer Blick nur gleichſam eine Ausnahme waren und daß die ſchöne Frau von Träumen oder Gedanken beherrſcht zu 5 werden ſchien, denen ſie ſich nicht immer und nicht vollſtändig zu entziehen vermochte. ſſſſſſſſſſ 118 Prinz Bernhard nahm die Beobachtung des Freun⸗ des wahr, wie er auch augenſcheinlich das Weſen Mariens nicht überſehen hatte.„Ja, ja“, ſagte er ſcherzend, da er einen forſchenden Blick Hallbrunn's bemerkte,„Sie ſtu⸗ diren auch die kleine Frau und grübeln über den In⸗ halt ihrer Träumerei, gegen die ſie ſo mühſam kämpft und die Augen offen zu halten ſucht! Aber ſo ſind dieſe armen zarten Weſen— jedes widrige Lüftchen zittert lange in ihnen nach! Da hab' ich ihr nun geſtern Abend von dem mir angebotenen Tauſch erzählt, und die Angſt, den geliebten Rothenſtein zu verlieren, quält ſie trotz all meiner Beſchwichtigungsverſuche. Gelt, mein Herz?“ Sie erwiderte nichts, ſondern erhob das Auge nur mit einem weichen Lächeln zu ihm. Frei war daſſelbe aber auch jetzt nicht und am wenigſten enthielt es die freundliche Zuſtimmung, welche der Prinz annehmen zu wollen ſchien. Für Hallbrunn flüſterte daraus etwas wie die leiſen Worte:„Glaube ſo, wenn es Dich beruhigt. Aber mich ſchmerzt doch ganz etwas Anderes!“ „Wir kamen geſtern Abend von dem Tauſchobject ab“, fuhr der Prinz fort.„Denken Sie, man bietet mir die ganze Beſitzung Königseck bei L. dafür— es⸗ iſt kaum zu glauben!“ „Königseck?“ wiederholte Hallbrunn aufſchauend. 119 „Iſt's ein Irrthum, oder hörte ich wirklich einmal, daß die Beſitzung ein Eigenthum der Erbprinzeſſin yvon A. geworden ſei?“ „Ganz recht, es gehört der Prinzeß Helene, und ſie auch ließ mir den Tauſch anbieten“, entgegnete der Prinz plötzlich in einem Ton, als ſei das Thema jetzt erſchöpft. „Sie muß einmal hier vorübergekommen ſein und eine romantiſche Neigung gefaßt haben. Sonſt verſteh' ich's nicht, denn nochmals es iſt kaum zu glauben.“ Herr von Hallbrunn wurde durch einen Blick über⸗ raſcht, der aus Mariens Auge, ſcheu und doch forſchend, zu ihm herüberglitt und ſich nur langſam vor dem ſei⸗ nen ſenkte. Und wiederum war es ihm, als flüſterten ihm daraus Worte entgegen, und diesmal war's die trauervolle Frage:„Glaubſt Du an dies Alles?“ Er ſchüttelte unwillkürlich wie zur Antwort leiſe den Kopf. Der Prinz bemerkte es nicht. Es vergingen ein paar Tage in großer Stille und um ſo tieferer Ruhe, als die Hitze ſich, wie nicht ſelten in ſo ſchlechten Jahren, gerade jetzt auf das empfindlichſte ſteigerte und zum wenigſten tagsüber jede Bewegung im Freien auf das äußerſte Maß beſchränkte. Man kam nicht hinab vom Rothenſtein zu den gewöhnlichen täglichen Ausflügen, und es kam auch Niemand herauf weder aus Bechnau noch aus größerer Ferue. Gan⸗ 120 auf ſich angewieſen, lebte man anſcheinend friedlich und behaglich zuſammen und richtete ſich nach der Zeit, wie man das zu heißen pflegt. Allein wenn man Acht gab und die Menſchen be⸗ obachtete, fand man, daß es nicht ganz ſo gut ſtand, wie es der Schein andeutete. Der Prinz hatte nicht nur ungewöhnlich viel Geſchäfte und war zu einer Thätig⸗ keit gezwungen, die ihn faſt immer in ſeinem Kabinet weilen und ſeinen Secretär beinahe den ganzen Tag, wo nicht noch einen Theil der Nacht in Anſpruch neh⸗ men ließ, ſondern dieſe Geſchäfte und Sorgen gingen ihm auch in den Freiſtunden nach, machten ihn nach⸗ denklich, zerſtreut, ja verſtimmten ihn zuweilen in einer Weiſe, die den Seinen an dem für gewöhnlich ſo gleich⸗ maäßigen Herrn wohl auffallen durfte und nicht ſelten für ſie empfindlich wurde. Die Prinzenlaune, wie man wohl ſagen darf, war bei Bernhard in keineswegs hohem Grade ausgeprägt und wurde meiſtens durch ſeine Herzensgüte, ſeinen Verſtand und alle übrigen achtungs⸗ werthen Anlagen und Eigenſchaften dieſer Natur in Schranken gehalten. Kam ſie aber dennoch einmal zum Durchbruch oder zur Herrſchaft, ſo ließ ſie ihn auch nur um ſo ſchroffer erſcheinen und machte jeden Verkehr mit ihm zu einem ſehr bedenklichen, ja gefährlichen. Er hatte dann an Allem und Jedenr etwas auszuſetzen, er . 1241 fand in Allem Veranlaſſung zum Verdruß, zum Tadel, zum ſcharfen Spott, und wer in ſolchen, wir müſſen wiederholen, freilich ſehr ſeltenen Momenten nicht ernſt⸗ lich auf ſeiner Hut war, konnte es im Handumdrehen mit ihm verderben. Was ihn und ſeinen Secretär ſo ſehr in Anſpruch nahm und beſchäftigte, daraus machte er kein Geheimniß. Er wollte einen Ueberſchlag der geſammten Beſitzungen ſeiner Linie und aller Anſprüche haben, welche dieſelbe hier und da von altersher bis in die neuſte Zeit zu erheben berechtigt war oder noch in Ausſicht hatte. Das Material war von allen Seiten her zuſammenge⸗ bracht und zeigte ſich endlich, wie leicht begreiflich, den⸗ noch nicht ausreichend. „Ich werde wirklich noch auf ein paar Tage nach Hauſe müſſen“, ſagte der Prinz verdrießlich zu Hall⸗ brunn, mit dem er in der Abendkühle auf der Terraſſe auf und ab ging.„Ich muß nur ſelber in unſern Archiven und in denen zu M. nachſehen. Sie glauben nicht, was dieſe Angeſtellten für Eſel ſind— oder Eulen⸗ ſpiegel. Was man auch verlangt— wenn's irgend möglich iſt, bringen ſie das Verkehrte heraus. Und dies Correſpondiren bringt mich um!“ „Ich habe keine Einſicht und alſo auch kein Urtheil über dieſe Dinge“, verſetzte der Hauptmann,„und ich 122 will mich daher auch, wenn ich mich irre, gern belehren laſſen. Iſt dieſe ganze Arbeit denn wirklich nothwendig und obendrein für Eure Hoheit ſelber?“ „Ja, ja, die Einſicht, die Einſicht!“ entgegnete Prinz Bernhard bitter.„Gott bewahre Sie vor dieſer Einſicht, Freund! Es kann einem dabei grauſen, ſo liegt das Alles durcheinander und im Argen! Wenn Sie wüßten, was es für Anſtände, Verdrießlichkeiten, Nichts⸗ würdigkeiten gab, als ich nach meines Vaters Tode dieſe Laſt auf mich nehmen mußte, Sie erklärten es gleich mir für Menſchen⸗ und Chriſtenpflicht, daß dies endlich genau und für immer geordnet wird. Ich will Niemand eine ſo heilloſe Erbſchaft hinterlaſſen, wie ich ſie antrat.“ „Werden's die Erben Ihnen danken? Vielleicht ge⸗ fällt ihnen gerade die Ordnung nicht. Wenn Sie ſelber Söhne hätten—“ „Die hab' ich Gott Lob nicht— malen Sie den Teufel nicht an die Wand, Hallbrunn!“ unterbrach ihn der Prinz faſt rauh.„Mir däucht, die Verhältniſſe ſind ohnehin ſchon verzwickt und qualvoll genug.“ Nach dieſer überraſchenden Aeußerung brach der Herr das Geſpräch alsbald vollends ab und überließ es dem Freunde, mit ſeinen immer ernſtern Gedanken allein fertig zu werden. Denn wenn Hallbrunn ſeiner ———— ——õ 123 frühern Begegnungen mit dem Paare gedachte und ſich der damals herrſchenden Stimmung, des tief einigen Lebens erinnerte, mußte er mit Sorge die Veränderung wahrnehmen, welche ſeitdem ſtattgefunden hatte und noch immer im Fortſchreiten begriffen zu ſein ſchien. Und dabei mußte für einen Mann ſeines Charakters und ſeiner Anhänglichkeit das Unheimlichſte ſein, daß er überall nur Wirkungen fand, ohne daß ihm die Urſachen klar oder erklärt worden wären; was für olche ausgegeben wurde und ihm dafür gelten ſollte, konnte einen ſo theilnahmevollen und einſichtigen Beobachter nicht täuſchen. Mit einem Wort, was ſich hier vor⸗ bereitete, erſchien ihm wie eine ſchwere Bedrohung des Friedens und des Glücks, mit denen das Paar bisher geſegnet war. Noch mehr beſtärkte ihn in ſeiner Anſicht was er an einem Abend, den er drunten in der Stadt in Geſell⸗ ſchaft des von ihm verehrten Arztes und des befreun⸗ deten Raths verbrachte, von den ernſten Männern ver⸗ nahm. Hier erfuhr er zuerſt Genaueres über Mariens Jugend und über die Sorgen der Ihren, als ſie in die— ſo hieß es der Rath noch jetzt— unnatürliche Verbindung hineingeriſſen wurde. Der Rath ſprach auch über ſeine neuern Beobachtungen, zurückhaltend freilich, und dennoch ohne abzuleugnen, daß ſie ſeine alten Sorgen 124 gerechtfertigt, ja geſteigert hätten. Der Prinz empfinde ſicherlich ſchon längſt, was er dem ſchlichten Mädchen geopfert habe, als ein mehr als ſchweres Opfer, und Marie möge trotz aller Anſpruchsloſigkeit und Demuth, trotz aller Liebe und alles Vertrauens dennoch gleichfalls anfangen, die Verhältniſſe in anderem, in richtigem Lichte zu ſehen.— Der Arzt äußerte ſich noch viel un⸗ umwundener. Hallbrunn wußte nichts einzuwenden. Am Tage nach dieſem Abend traf nachmittags auf dem Rothenſtein ein Kurier ein. Das geſchah neuerdings nicht ſelten, denn der Prinz war meiſtens viel zu ungeduldig, als daß er die Sendungen, welche er von dort und da verlangte, vom langſamen Poſtenlauf hätte abhängig machen ſollen. Heute kam der Bote beſonders gelegen, eine Rückſendung war ſchon bereit, und der Kurier verließ das Kabinet des Prinzen nur, um ſo⸗ gleich wieder zu Pferde zu ſteigen und davonzujagen. Eine Stunde ſpäter, beim Thee, erklärte der Prinz plötzlich, daß er noch heute Abend abreiſen werde.„Wie ich ſagte, ich muß ſelber auf einige Tage hinüber“, ſetzte er gegen Hallbrunn gewendet hinzu.„Sonſt enden dieſe Dummheiten niemals.“ Marie war bei der Mittheilung leichenblaß ge⸗ worden.„Du willſt verreiſen und hatteſt es ſchon län⸗ ger im Sinn?“ ſagte ſie leiſe. 125 „Und habe Dir nichts geſagt“, ſprach er ſcherzend, „weil ich Deine Senſibilität reſpectire. Du wäreſt ſeit acht Tagen nicht aus der Qual gekommen. Jetzt haſt Du die Freude auf das Wiederſehen— in acht Tagen bin ich zurück— und Hallbrunn hilft Dir die Einſam⸗ keit überwinden.“ „Sehr gnädig, Hoheit, und dennoch, rechnen Sie nicht allzu ſicher!“ verſetzte der Hauptmann kalt, denn die Worte des Prinzen gefielen ihm nicht.„Meine Zeit iſt, wie Sie wiſſen, gemeſſen, und jedenfalls hat die Frau Baronin hier die erſte Stimme.“ .„Gott behüte Dich, Bernhard!“ ſagte Marie, als der Prinz ſpäter raſch Abſchied nahm, in auffallend ſchwerem Ton. Sie zog ſich ſogleich in ihre Gemächer zurück und erſchien an dieſem Abend nicht mehr bei den Andern. Fünftes Kapitel. Man verſteht einander. Marie war mit dem Rath eben langſam über die Terraſſe und die Stufen hinunter in die Anlagen hineingegangen, das helle Morgenkleid ſchimmerte noch hier und da durch die Büſche zu den Zurückgebliebenen hinauf. „Da wird auch gerade ein gutes Werk gethan“, ſagte Sanitätsrath Zöllner und neigte dazu bekräfti⸗ gend den weißen Kopf; in ſeinen Zügen zeigte ſich ſtatt des gewöhnlichem ſarkaſtiſchen Ausdrucks nur war⸗ mes Wohlwollen. Und da er die fragenden Blicke der beiden Andern bemerkte, welche im kleinen Pavillon an ſeiner Seite waren, fügte er, gegen die Dame ge⸗ wendet, hinzu:„Hörten die Gnädige einmal von einer Commerzienräthin Löhnde, welche ſo eine Art von 127 Pflegemutter unſerer Baronin war und ſie auch im Ge⸗ ſang unterrichtete? Freund Maier hat ihr von dem hieſigen Aufenthalt der Herrſchaften und von der Sehn⸗ ſucht der Baronin, ſie wiederzuſehen, geſchrieben, und da iſt ſie geſtern Abend angelangt—“ „Und ſie kam nicht mit Ihnen?“ rief die Dame vorwurfsvoll dazwiſchen. Er zuckte die Achſeln.„Sans comparaison, Gnä⸗ dige!“ verſetzte er launig—„Damen ſind wunderlich, be⸗ ſonders wenn ſie empfindlich ſein wollen, und noch anchr, wenn ſie einigermaßen Grund dazu haben. Die ſechzig Meilen iſt ſie ganz leicht gekommen, die Stunde auf den Rothenſtein iſt deſto ſchwieriger; vielleicht— 4 er zuckte von neuem die Achſeln—„mit Recht. Wer kann's wiſſen, ob die Baronin die Begegnung drunten nicht vorzieht!“ „Schämen Sie ſich, Sanitätsrath!“ ſagte die Dame in dem frühern Tone.„Von Ihnen hätt’ ich ſolche Worte am wenigſten erwartet. Sie kennen doch die Baronin und wiſſen am beſten, daß ſie ihr Gefühl— Gott Lob!— nicht der Etikette unterordnet, welche oben⸗ drein hier gar nicht einmal vorhanden iſt.“ „Ei, ei, meine Frau von Welden! Charmirt, Sie ſo nachſichtig zu finden!“ entgegnete er ſarkaſtiſch. „Doch nehmen Sie einmal an, daß ich die Entſcheidung 128 über die Begegnungsfrage nicht ge ade bei der Baronin geſucht habe. Sie wiſſen doch— Rückſichten, Rück⸗ ſichten! Vorſchriften, Vorſchriften! Wer kann das im voraus wiſſen?“. Nach einem langen nachdenklichen Blick, der vom Arzt über den ſchwe mend dabei ſitzenden Hallbrunn hin in die Ferne ſtreifte, ſagte die Dame in einem kaum näher zu beſtimmenden Tone dNind mit eigenthümlich gedämpfter Stimme:„Nun, lieber Sanitätsrath, da thun Sie dem Prinzen doch Unrecht. Scine Hoheit haben unſern hieſigen Aufenthalt und unſer Leban während Dero Abweſenheit ſchwerlich viel in Ueberlegung gezogen. Die Abreiſe erfolgte außerordentlich raſch. Ich glaube nicht, daß der Baronin und unſere Frei⸗ heit jemals größer ſein könnte als jetzt.“ Ueber das Geſicht des Arztes lief ein ſeltſames Lächeln, und indem ſein Auge den Blick der Dame, welcher ihre Worte begleitet hatte, gewiſſermaßen feſt⸗ hielt, verſetzte er:„Sie wiſſen, ich bin ein Bär und mache keine Complimente: Sie halten, ſcheint's, die Freiheit für zu groß?“ Und da erwiderte ſie, indem ihr Auge ſich auch mit dem des Hauptmanns in gleichem Ernſt begegnete, mit flüchtigem Zuſammenziehen der Brauen:„Wir ſind ja unter uns und alle drei treue Freunde unſerer 1 — 5—— ———— Baronin. Alſo ja, Sanitätsrath. Ich halte die Freiheit für zu groß, weil ſie— es thut mir leid, es auch nur unter uns ſagen zu müſſen!— rückſichts⸗ los iſt. Ich habe den Prinzen, ehrlich geſagt, nicht verſtanden, als er unſern Kreis in dieſem Sommer gegen früher noch mehr, ja auf das äußerſte ver⸗ engerte.“ „Rebellion, Gnädige— Teufel auch!“ bemerkte der Arzt mit einem Seitenblick auf Hallbrunn ſar⸗ kaſtiſch.„s iſt ja die pure Rückſicht auf die Baronin und—“ „Machen wir keine Komödie, Sanitätsrath!“ fiel ſie ungeduldig ein.„Sie wiſſen ebenſo gut wie wir, daß die Baronin niemals an ihre Neigung noch an ihre perſönlichen Gefühle denkt, wo es ſich um das handelt, was der Prinz ſich ſelbſt, auch für ſeine Ge⸗ mahlin, ſchuldig iſt. Alſo nochmals, ich habe das nicht verſtanden. Noch weniger verſtehe ich aber, daß und wie Seine Hoheit uns hier jetzt zurücklaſſen. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher auszuſprechen“, ſchloß ſie. „Herr von Hallbrunn wenigſtens ſtimmt ſicher mit mir überein.“ Zöllner ſaß ſtill, die Arme über die Bruſt gefal⸗ tet und mit gedankenvollem, faſt tieffinnigem Blick die Sprecherin und den noch immer ſtummen Freund— Höfer. Zur linken Hand. 9 ſagen wir: anſchauend, obgleich er von beiden ſchwer⸗ lich viel wahrnahm. Dafür zeugte auch die Bewegung, mit der er ſich nach einer Weile wie aus einem Traume aufrichtete, und der Ton, in welchem er unvermuthet fragte:„Haben Seine Hoheit geruht, einen Termin für Dero Rückkehr zu beſtimmen?“ „Er ſprach von acht Tagen“, bemerkte Hallbrunn trocken und legte das eine Bein über das andere. „Soſo! Da hätte die Baronin alſo für die alte Mama da drunten noch immer für drei, vier Tage Platz und Zeit hier oben“, ſagte Zöllner ſo hin. Und plötzlich ſich zu Hallbrunn wendend, fügte er hinzu: „Apropos, Hauptmann, ich bin heute auch Ihretwegen 14 heraufgekommen. Ueber das ernſte Geſicht des ſtattlichen Mannes glitt ein leiſes Lächeln.„Das iſt doch Sympathie, alter Freund“, entgegnete er.„Ohne Ihren Beſuch hätten Sie mich heute drunten geſehen.“ „Hoho— ſoſo! Was gibt's?“ „Ich ſprach neulich mit Ihnen über meine alten Leiden. Sie rühren ſich ſeitdem noch ſtärker. Ich dachte, ob ich die vierzehn Tage, welche ich mich allen⸗ falls noch frei machen kann, nicht am Ende zu einer kleinen Kur verwenden ſollte.“ „Sympathie, wie Sie ſagen, Hauptmann!“ ſprach 8 der Arzt mit einem Blick, der nicht ganz zu dem ſcherzhaften Ton ſtimmte.„Ich wollte Ihnen gleich⸗ falls die Kur vorſchlagen— Ihr altes Zimmer iſt geſtern frei geworden. Herunter zu mir müßten Sie freilich, und ob Ihnen das convenirt, oder vielmehr, ob die Damen Sie bei ihrer jetzigen Einſamkeit ziehen laſſen—⸗ „Sanitätsrath, Sie ſind heute wirklich in einer feindſeligen Laune gegen unſer Geſchlecht!“ miſchte ſich hier Frau von Welden wieder in das Geſpräch.„Die Baronin und ich haben Ihnen ſicher keinen Grund zu ſolchem Verdacht gegeben, der uns den nackten Egois⸗ mus zuſchiebt. Ich glaube ſagen zu dürfen, daß wir Herrn von Hallbrunn mit lebhaftem Bedauern ſcheiden ſehen werden“, fügte ſie mit einem ſehr freundlichen Blick auf den Genannten hin zu.„Aber die Dank⸗ barkeit überwiegt, wir ſchulden ihm den beſten Theil der Erheiterung und Unterhaltung in dieſem ſtillen Sommer.“ „Sie ſind ſehr gütig, gnädige Frau!“ ſagte der Hauptmann. „Ich denke, nur gerecht, mein Freund!“ verſetzte ſie mit einem neuen freundlichen Blick.„Complimente ſage ich nicht, ſondern gerade wie ich's meine, oder ich ſchweige ganz. Genug, ich kann Ihnen nur Glück 9⸗ wünſchen zu Ihrem Entſchluß und Ihrer Kur. Sie bedürfen derſelben.“ In dieſem Augenblick ſah man die Baronin drun⸗ ten durch die Anlagen mit einer Schnelligkeit gegen die Terraſſe zurückkehren, welche faſt jugendlich genannt werden konnte und an der ſanften, ernſten Frau von ihrer Umgebung ſonſt kaum jemals beobachtet wurde. Da ſie näher kam, ſah man ihr Geſicht ungewöhnlich geröthet und die Augen waren voll hellen, freudigen Glanzes. Sie war ſo erregt, daß ſie ſchon von der unterſten Stufe der Terraſſentreppe heraufrief:„O liebe Welden, bitte, bitte, kommen Siel Ich muß nothwen⸗ dig mit Ihnen reden! Ich habe ſo ſehr Liebes er⸗ fahren!“ Frau von Welden erhob ſich raſch, ſie winkte der Ruferin zu und machte ſich, nach einem ausdrucks⸗ vollen Blick auf ihre beiden Geſellſchafter, eilig auf den Weg, der Baronin entgegen. Der Inhalt des vorausgegangenen Geſprächs dürfte den Leſern kaum bedeutend genug erſcheinen, um ſeine Mittheilung zu rechtfertigen, wenn ſie nicht dies plötz⸗ liche Auf⸗ und Hervortreten einer bisher ſtummen Per⸗ ſon berückſichtigen. Frau von Welden war eine Dame von Stand und Bildung, welche ihr in jedem Kreiſe die beſte Aufnahme und eine bevorzugte Stellung ſicher⸗ 133 ten. Sie ſtand mit dem fürſtlichen Hauſe, dem Prinz Bernhard angehörte, von Jugend auf in einer Verbin⸗ dung, welche für alle Theile eine um ſo angenehmere war, als ſie niemals zu einer abhängigen wurde, viel⸗ mehr von beiden Seiten ſich auf gegenſeitige Neigung und herzliche Uebereinſtimmung gründete und daher alle gefährlichen Anſprüche ausſchloß. Ihre Stellung zu der hohen Familie blieb⸗ während ihrer Mädchenjahre, wäh⸗ rend ihrer Ehe und ihres Wittwenſtandes unverändert eine gewiſſermaßen freundſchaftliche— ſolche Verhältniſſe haben ſich an den kleinen Höfen ſtets gefunden und die Hochachtung und das Vertrauen der Aeltern pflanzten ſich unvermindert auf die Kinder fort. Ihr Liebling unter dieſen war Prinz Bernhard geweſen, der unter ihren Augen heranwuchs und ſich entwickelte, und als ſeine nicht ſtandesgemäße Ehe die geſammte Familie wider ihn aufbrachte, war Frau von Welden die Einzige, welche nicht nur zu begütigen und auszugleichen ver⸗ ſuchte, ſondern auch damit wirklich einen gewiſſen Er⸗ folg hatte und die Verhältniſſe allmälig beſſerte. Die Erſcheinung und das Weſen der jungen Frau, welche der Prinz ihr ſehr bald zuführte, erleichterten ihre Bemühungen und rechtfertigten dieſelben vor allem in ihren eigenen Augen. Sie umfaßte Marie mit immer herzlicherem Vertrauen und ſtets ſich ſteigernder 134 Theilnahme, und als der Prinz, der nach dem Tode ſeiner Aeltern und ſeiner Brüder das Haupt ſeiner Linie wurde, über die neue Stellung ſeiner Gemahlin und über ihre Umgebung und Begleitung berieth— ein eigentli⸗ ches Hofleben entſprach weder ſeinen und Mariens Nei⸗ gungen, noch ſchien es ihm unter den beſtehenden Ver⸗ hältniſſen möglich zu ſein— da bot ſie ſich, die ſeit einigen Jahren verwittwet war, ſelber zu der Beglei⸗ terin, Geſellſchafterin, mit einem Wort zu der Art von Ehrendame an, wie er eine ſolche wünſchte und bis dahin nicht finden konnte. Aus Freundſchaft angebo⸗ ten, wurde dieſe Stellung auch aus Freundſchaft an⸗ genommen und die Verbindung blieb unverändert eine völlig freie, die keinem der beiden Theile bindende Ver⸗ pflichtungen auferlegte, geſchweige denn Frau von Wel⸗ den in eine abhängige Lage brachte. So hatte man einige Jahre auf das einträchtigſte gelebt und Frau von Welden widmete ſich den frei⸗ willig übernommenen Pflichten um ſo gewiſſenhafter, als ſie die Menſchen und Verhältniſſe ſich allmälig in einer Weiſe verändern ſah, die ſie mit Beſorgniß für die Zukunft erfüllte. Je näher ſie ſich Marien fühlte, deſto ferner trat ſie nach und nach dem Prinzen, was indeſſen bei dem Charakter dieſer Menſchen und der Klugheit und dem Takt der Frau von Welden ſelbſt⸗ 135 verſtändlich zu keinen auffälligen Folgen führte. Denn die Dame nahm ſich, ſeit ſich dieſe Wendung in ihr vollzog, immer ernſtlicher vor einer Einmiſchung in Dinge und Verhältniſſe in Acht, wo ihr, ſolange ſie nicht ausdrücklich aufgefordert wurde, kaum eine andere Stimme zuſtand als die der alten Familienfreundin, die von dem Prinzen obendrein möglicherweiſe gar nicht mehr anerkannt wurde. Sie machte von der für ſich reſervirten Freiheit Gebrauch und zog ſich inner⸗ lich und äußerlich ſoviel wie möglich zurück, die Dinge beobachtend, aber ihnen ruhig ihren Lauf laſſend. Sie wollte ſich ſo zu ſagen für gewiſſe Fälle der jungen, zärt⸗ lich geliebten Frau erhalten. Ein plötzliches und offenes Herausgehen aus ihrer Zurückhaltung, wie wir es eben erlebten, war etwas ſo Seltenes, daß der Sanitätsrath, als die Dame außer Hörweite war, mit allem Recht fragen durfte:„Was iſt denn los, Hauptmann? Die iſt ja in einer ganz remarkablen Laune und exmittirt Sie da zuletzt ſo Sans façon, als ob es gar nicht anders ſein könnte.“ Hallbrunn lächelte.„Laſſen Sie's gut ſein“, ver⸗ ſetzte er.„HRichtiger ermittire ich mich ſelber, und die Zuſtimmung unſerer alten Freundin iſt mir von gro⸗ ßem Werth. Ich habe allen Reſpekt vor ihrem Takt und ihrer Klugheit.“ Der Arzt ſchaute ihn forſchend an.„Hoho“, meinte er,„ſteht's ſo? Sie machen's wie die Herren Diplo⸗ maten, welche ihre wichtigſten Reiſen ſtets aus Ge⸗ ſundheitsrückſichten und in Familienangelegenheiten un⸗ ternehmen? Darf man ein wenig unter die Decke ſehen?“. „Muß ich ſie auch für Sie noch lüften, alter Freund?“ ſprach Hallbrunn ernſt.„Ich meine, Sie müſſen die Dinge genau ſo anſehen, wie ich und Gott Lob! auch die Welden.“ Und finſterer fuhr er fort: „Hätte ich nicht gefürchtet, die Baronin aufmerkſam zu machen und Aufſehen zu erregen, ſo wäre ich vorgeſtern Abend ſchon aufgebrochen. Daß er mich, der ich kei⸗ nerlei Stellung zu ſeinem Hofe habe, hier zurückläßt, ich weiß nicht, auf wie lange, iſt eine Rückſichtsloſigkeit ſondergleichen, die ich mir um ſo weniger gefallen laſſen kann, als ich das Gefühl habe, es möchte keine ordinär prinzliche, ſondern eine ſehr beabſichtigte ſein.“ „Hoho“ ſagte der Arzt. „Mißverſtehen wir uns nicht, alter Freund. Den⸗ ken Sie dem Dinge einmal ein wenig nach— es gibt zuweilen etwas, das man wohl denken, aber nicht ausſprechen mag.“ Zöllner trommelte eine Weile mit den Fingern 4 3 * 137 auf den Tiſch, bevor er, nachdenklich zu ſeinem Nach⸗ bar aufblickend, ſagte:„Was hat Seine Hoheit eigent⸗ lich ſo Knall und Fall davongeſprengt, Hauptmann, und wohin haben ſich Hochdieſelben gewandt?“ Hallbrunn zuckte, unmuthig blickend, die Achſeln. „Er habe in ſeinen eigenen Archiven oder denen zu M. zu thun, ſagte er“, lautete die Antwort.„Und ſehen Sie, das iſt es eben, was mich mißtrauiſch und vorſichtig macht. Denn glauben Sie an einen ſolchen Grund für eine ſolche Reiſe, Sanitätsrath?“ Der Arzt lächelte ſarkaſtiſch.„Ei nun, wer weiß? Solche Herren haben zuweilen ſolche Einfälle! Wenn er nach Hauſe oder nach M. will, iſt der Weg, den er wählte, freilich kurios. Da hat ſich ein Knabe des Poſtmeiſters in Bebendorf ſchauderhaft verbrannt und ich mußte vorgeſtern Nachmittag kopfüber zu dem armen Teufel hinaus, war auch noch dort, als Seine Hoheit anlangten. Seine eigenen Pferde beorderte er ſogleich zurück und promenirte, bis die Poſtgäule vorgelegt waren, vor dem Hauſe auf und ab, mit einem Herrn, der ihn erwartet hatte— wiſſen Sie, wer's war? Der Herr Oberjägermeiſter von Leuen. Dann ſtiegen beide ein und fuhren Roſchwitz zu. Wenn ſie bei der Rich⸗ tung bleiben, werden ſie meines Wiſſens allerdings eher nach Rom als nach M. kommen.“ 138 Herr von Hallbrunn ſchaute den Alten eine ganze Weile gedankenvoll an, bis er endlich bemerkte:„Das ſind in der That ſeltſame Nachrichten, die mich von neuem in meinem Mißtrauen beſtärken. Hat er Sie geſehen?“ „Daß ich nicht wüßte, mein Lieber. Sie wiſſen, übermäßig prinzenſüchtig bin ich nicht“, verſetzte Zöll⸗ ner, indem er eine Priſe nahm,„zumal nicht da, wo ich nicht einmal einen Orden zu erwarten habe. Und nun“, brach er ab, da die beiden Damen mit dem Rath die Terraſſentreppe heraufkamen,„wann geden⸗ ken der Herr Hauptmann bei mir einzutreffen?“ „Heute Abend, alter Freund!“ Und mit forſchen⸗ dem Blick fügte er hinzu:„Auf Ihre Ehre, Sanitäts⸗ rath, haben auch Sie vielleicht andere Gründe für Ihren Wunſch, mich drunten zu haben?“ Der Arzt wich dem Blicke nicht aus, ſondern er⸗ widerte ihn mit einem gleich feſten.„Allzu neugierig iſt ungeſund, Hauptmann!“ verſetzte er dann aber. „Jedenfalls ſind meine Gründe für Sie von keiner nennenswerthen Bedeutung.“ Die Baronin war in großer und, wie man leicht erkannte, freudiger Bewegung.„Dem Rath habe ich ſchon meinen äußerſten Zorn angedroht“, ſprach ſie im Herantreten,„und nun kommt es an Sie, Sanitäts⸗ 139 rath! Wie konnten Sie es übers Herz bringen, mir eine ſo beglückende Nachricht auch nur eine Stunde vorzuenthalten, zum mindeſten ſie mir nicht ſogleich bei Ihrer Ankunft entgegenzurufen? Warten Sie, ich räche mich beſtimmt einmal empfindlich!— Denken Sie, Herr von Hallbrunn“, fügte ſie, ſich gegen dieſen wen⸗ dend, hinzu,„drunten im Bade iſt ſeit geſtern Abend ſchon meine vielgeliebte Lehrerin und Pflegemutter ein⸗ getroffen, ausdrücklich, um mich zu ſehen, und dieſe beiden böſen Menſchen ſagen mir, der eine gar nichts, der andere ſo vorſichtig davon, als ob man unſere Be⸗ gegnung für ein Verbrechen halte! Aber die Strafe folgt ſogleich“, ſchloß ſie.„Ich verlaſſe Sie, meine Herren! Ich fahre ſogleich hinunter und werde Sie verklagen bei der Theuern und werde nicht raſten, bis ich ſie Ihnen entführt habe, hier herauf! Und dann iſt der Rothenſtein für Sie ein verbotener Platz! Ich werde unerbittlich ſein!“ „Dafür entführe ich Ihnen den Hauptmann, Frau Baronin“, verſetzte der Arzt launig.„Wollen ſehen, wie lange die Damenrepublik hält!“ Sie ſah ihn, ſie ſah Hallbrunn an.„Was iſt das für ein Scherz?“ fragte ſie. „Kein Scherz, Frau Baronin“, entgegnete der Hauptmann lächelnd.„Der Sanitätsrath findet für 140 mich eine Kur nöthig, und Sie wiſſen ja, daß er keine Einwendungen duldet!“ „Sie wollen wirklich fort?" rief ſie ungläubig aus.„Und der Prinz, wenn er Sie nicht mehr findet?“ 4 „Gnädige Frau, er wird mich ja noch drunten finden“, entgegnete er ruhig.„Und lange hätte mein Aufenthalt in dieſem Frieden ja leider ohnehin nicht mehr dauern können.“ 4 Sechstes Kapitel. Ein altes Lied. Der Hauptmann hatte ſeinen Entſchluß mit mi⸗ litäriſcher Promptheit ausgeführt und war trotz des leiſen Widerſtandes, den die Baronin am Nachmittage noch einmal erneuerte, abends in die Stadt und zu ſeinem alten Freunde hinabgezogen. Marie entließ ihn mit ernſter Herzlichkeit, aber zugleich auch mit einem Ausdruck des Nachdenkens in ihren Zügen wie in ihrem ganzen Weſen, der ihn freilich in ſeinem Entſchluß nur beſtärkte, daneben aber auch in ihm ſelber mehr als einen ſchweren Gedanken anregte. Eine ſo, weniger verſchloſſene als ſtille Natur, wie die Mariens war, iſt allerdings in ihrem wirklichen und eigenartigen Weſen für einen Fremden nur ſchwer zu 142 ergründen und noch ſchwerer in ihrem innern Leben zu verfolgen. Marie hatte als Mädchen wie als Frau mit der Welt und Geſellſchaft ſo wenig Berührungen gehabt, daß von dem, was wir an Andern Erfah⸗ rungen heißen, bei ihr im Grunde kaum die Rede ſein konnte, und daß in ihr eine Ahnungsloſigkeit und Un⸗ befangenheit erhalten blieb, wie wir ſie ſonſt kaum in einem jungen Mädchen finden, das noch mit treuer, ſorgender Liebe vor allem Rauhen und Ernüchternden gehütet wird. Es mußte nicht nur Zuſtände und Ver⸗ hältniſſe im Ueberfluß geben, von denen ſie weder eine Ahnung noch einen Begriff hatte, ſondern man durfte auch mit Sicherheit darauf ſchließen, daß manche Vorſtellungen und Gedanken, die uns Andern leider häuſig nur allzufrüh aufgezwungen werden, in ihrer reinen Seele ſich noch niemals geregt hatten. Welch ein Schatz und Segen eine ſolche Ahnungs⸗ loſigkeit iſt, begriff Hallbrunn freilich gut genug, als er ſich durch den erwähnten Ausdruck des Nachdenkens belehrt glaubte, daß Marie zum mindeſten einen Theil der Gründe zu ahnen begann, welche ſeine Entfernung veranlaßten, eine Einſicht, die gerade für dieſe Natur nur eine betrübende und ſchmerzliche ſein konnte. Aber ſie hat freilich auch ihre ſchweren Gefahren, und der Hauptmann fühlte ſich bis ins Herz hinein ergriffen, — 143 wenn er ſich die Möglichkeit vorſtellte, daß die arme Frau auch in ihren eigenſten und intimſten Verhält⸗ niſſen noch mit der gleichen gläubigen Argloſigkeit der Zukunft entgegenſchritt. Es war für ihn nur ein geringer Troſt, daß er während der vergangenen Wochen des engen Zuſammenlebens und beſonders in der letzten Zeit ein paarmal Anzeichen zu entdecken ge⸗ glaubt hatte, nach denen Marie doch nicht ſo ganz un⸗ vorbereitet zu ſein ſchien, wie die Ihren für ſie fürch⸗ teten. Die Fälle, wd ein Menſchenkind gewiſſermaßen durch Intuition zu einem Verſtändniß gelangt, das die Meiſten nur durch zahlreiche und oft harte Erfah⸗ rungen erreichen, ſind ſo außerordentlich ſelten— lag hier dennoch ein ſolcher vor? Als er nun drunten war und ſein ſtilles Bade⸗ leben begann, hatte er trotzdem bald die Entdeckung zu machen, daß die Gründe, welche ihn ſich vom Rothenſtein entfernen ließen, nur allzu gültig waren und daß ſein Umzug in gewiſſem Sinne eher ſchon zu ſpät als zu früh erfolgt war. Es gab hier wie allerwärts einen Bruchtheil der Geſellſchaft— Herr von Siebmann nebſt Gemahlin ging ja einmal an uns vorüber— welcher, abgeſehen von allen übrigen hierher gehörenden Eigenſchaften, auch der Klatſchſucht unterthan war und in dem, was auf dem Rothenſtein 144 zu ſehen und von dort zu hören war, ein außerordent⸗ lich ergiebiges Feld für dieſelbe eröffnet fand. Daß der Freund, der dort neben dem Prinzen und der „ſogenannten“ Baronin eben nur als„Freund“ lebte, mit beſonderer Aufmerkſamkeit beehrt wurde, braucht nicht erſt geſagt zu werden. Man witterte in dieſem Verhältniß und in der Stellung der drei Perſonen zu einander allerhand, wie es den eigenen frivolen An⸗ ſchauungen entſprach. Und als der Prinz plötzlich ab⸗ reiſte und Herrn von Hallbrunn zurückließ, fand man es„fadengerade“, daß dort oben entweder ein Eclat ſtattgefunden hätte, oder ein Arrangement getroffen würde, das den Wünſchen aller Parteien entſprach⸗ Denn es war ſeltſam genug, wie in dem genannten Kreiſe auch nicht der leiſeſte Zweifel darüber herrſchte, daß der Prinz ſeine Ehe für eine Feſſel anſehe, welche er ſo bald wie irgend möglich von ſich abſtreifen werde. 3 Hallbrunn's raſche Entfernung vom Rothenſtein und aus der Nähe der verdächtigten Frau machte aller⸗ dings einen Strich durch dieſe Rechnung, allein er war nicht oder nicht mehr feſt und entſchieden genug, um ſie ein- für allemal zu ſchließen. Das erfuhr der Hauptmann nicht blos von dem alten Arzt, dem, ſo fern er auch jenem Kreiſe war, dennoch aus demſelben 145 mehr als genug zu Ohren kam und der ſich hier unten offener äußerte, als er es droben gethan hatte, ſon⸗ dern es konnte dem erfahrenen Mann trotz aller gegen ihn beobachteten Vorſicht auch ſelber nicht entgehen. Von einem Widerſtande war hier keine Rede; es war einer von den Fällen, wo man ſich trotz alles Ekels und alles Zorns in Geduld faſſen muß, weil man keinen Gegner findet, den man zur Rechenſchaft ziehen kann. Aber ſein Mißtrauen gegen den Prinzen wuchs und der Verdacht, den er am letzten Morgen auf dem Rothenſtein geäußert hatte, ob die Rückſichtsloſigkeit des hohen Herrn nicht am Ende eine durchaus beab⸗ ſichtigte geweſen ſei, gewann täglich an Stärke. Denn die acht Tage, welche der Prinz ſelber als Termin angegeben hatte, waren herum, ohne daß von einer Rückkehr etwas verlautete. Dazu meldete ſelt⸗ ſamerweiſe jetzt der Secretär„im Auftrage des viel⸗ beſchäftigten“ Herrn nur das Wohlſein deſſelben und ſeine Befriedigung über die Anweſenheit der Commer⸗ zienräthin. Der Brief zeigte den Poſtſtempel der Re⸗ ſidenz des Landesfürſten. Und jetzt tauchte plötzlich in dem kleinen Bade das Gerücht auf, daß der alte Fürſt ſehr leidend ſei und ſich ernſtlich mit der Wahl ſeines Nachfolgers be⸗ ſchäftige. Directe Erben waren nicht da. Das Land Hoefer, Zur linken Hand. 10 146 fiel, wie man bisher angenommen hatte, an einen der kleinen Nachbarſtaaten, mit deſſen Regenten der Landes⸗ herr freilich in nichts weniger als freundlichem Ein⸗ vernehmen ſtand. Die Abneigung, hieß es jetzt, ſei vielmehr ſo groß, daß der Herr Himmel und Erde in Bewegung ſetze, die Erbſchaft in andere Hände zu bringen. Hier mußte man daher faſt zuerſt an die Nebenlinie und ihr Haupt, den Prinzen Bernhard denken. So Viele denſelben, zumal hier in der Nähe des Rothenſteins kannten und von ihm wußten, es war nicht einer darunter, der an ſeiner Bereitwillig⸗ keit, den Fürſtenhut anzunehmen, zweifelte. Und es war ſeltſam: der Prinz war überall, wo man ihn kannte, im Grunde wirklich beliebt— wenigſtens war er es geweſen und es war nichts vorgekommen, was dieſe Stimmung mit Recht hätte verändern können. Dennoch wollte jetzt kein Menſch etwas von ihm wiſſen, er war keinem recht, und die Klage war in den hier verſammelten Kreiſen eine einſtimmige, daß der alte Herr eben niemals und von Niemand erſetzt werden könne. Weiter und an Privatverhältniſſe dachte man in dieſen erſten Augenblicken noch nicht. Es hätte ſonſt wohl neue und ernſte Bedenken erregen müſſen, daß Prinz Bernhard keine Kinder hatte und daß daher nach nicht vielen Jahren das Ländchen — 147 wiederum vor einem Wechſel nicht blos des Throns, ſondern auch der regierenden Familie ſtehen mußte, der Einmiſchung Fremder preisgegeben. 5 Deſto ernſter freilich dachten die Freunde über dieſe plötzliche Wendung und ihre Folgen. Hier war mit einem Male die Kataſtrophe nahe gerückt, die ſie geahnt und gefürchtet hatten, obſchon bei weitem nicht in einer ſo gefährlichen Form. Hallbrunn, der den Prinzen ſeit vielen Jahren und genau kannte, begriff noch beſſer als die Andern, daß der Conflict für den Herrn ein ſchrecklicher ſein mußte. Mochte Prinz Bernhard in ſeinen Privatverhältniſſen ſein, wie er wollte, er war für ſeinen Stand ein einſichtiger und freiſinniger Mann, der dem Fortſchritt huldigte und die Erhebung Deutſchlands aus der Zerriſſenheit und innern und äußern Knechtſchaft, in denen es durch eine wahnſinnige Politik erhalten wurde, als das Hauptziel für jeden Patrioten, für jeden treuen und ehrlichen Mann erkannte. Wie die Dinge ſtanden, war an eine raſche und allgemeine Beſſerung nicht zu denken; dieſelbe mußte erſt im Einzelnen vorbereitet werden, heranreifen und ſich allmälig ausbreiten. So war es bisher in dem kleinen Fürſtenthum gewe⸗ ſen, und daß, was hier ſich regte und herangepflegt wurde, nicht bedeutungslos war, bewies die Aufmerk⸗ 10* 148 keit, der Verdruß, ja der Haß, mit denen die hier herrſchenden Zuſtände von andern Seiten her beehrt wurden. Ging das Land in die Hände derjenigen über, die ſich bisher für die einzig berechtigten Nach⸗ folger gehalten hatten, ſo mußte vorausſichtlich auch dieſer kleine und ſichere, faſt letzte Hort verloren gehen, während der Prinz unleugbar der Mann war, ihn nicht nur zu erhalten, ſondern auch ſich in und mit ihm auf die Veränderungen vorzubereiten, welche ſich— ſagen wir einmal: aus dunkler Ferne leiſe, aber unabweislich herandrängten. Hier trat von neuem das Bedenken der Kinder⸗ loſigkeit und die Ehe mit der nicht ebenbürtigen Frau heran, und es mußte, ſelbſt wenn Prinz Bernhard für die letztere noch ſo treu und ehrenhaft fühlte, der Conflict für ihn, wiederholentlich geſagt, ein grau⸗ ſamer ſein— ohne ſeine Schuld, durfte man hinzu⸗ fügen, da er, als er ſeine Ehe ſchloß, einen ſolchen Fall nicht hatte in Rechnung ziehen können. Noch ſchlimmer aber ſtellte ſich die Frage durch die Verän⸗ derung, welche ſich neuerdings in der Stellung des Prinzen zu Marien auch ohne eine ſolche äußere Ver⸗ anlaſſung bemerklich gemacht hatte— jenes Wort gegen Hallbrunn:„Die Verhältniſſe ſind ohnehin ſchon verzweifelt und qualvoll genug!“— war leider nur 8——— 149 allzu bezeichnend. Und es lag, um den gelindeſten Ausdruck zu wählen, nicht nur im Reich der Möglich⸗ keit, ſondern auch der Wahrſcheinlichkeit, daß Prinz Bernhard, wenn die Dinge ſich wirklich ſo verhielten, wie das Gerücht behauptete, und er ſeinen bisherigen beſcheidenen Platz mit dem erſten im Lande vertauſchte, ſchwerlich Rechte und Verhältniſſe berückſichtigen würde, welche ſeine freie Bewegung zu beeinträchtigen vermoch⸗ ten. War doch, wie er ſich ſelbſt, wie ſein Charakter ſich neuerdings verändert zu haben ſchien, kaum auf die Schonung und Rückſicht zu rechnen, welche die Frau beanſpruchen durfte, die für Alles, was ſie ihm geopfert hatte, doch nur in ſeiner Liebe und Treue Erſatz finden konnte und bisher gefunden hatte. Was ſie ihm geopfert hatte, wiederholen wir, ſicher, daß die Leſer keine Erklärung des Wortes verlangen. Das Leben, welches der Prinz und ſeine Stellung ihr übrig ließen, hätte in jeder andern Verbindung ein freieres, inhaltvolleres und ſtrebſameres ſein müſſen. Die Wolken ſammelten ſich aber, um ein Bild zu gebrauchen, alsbald noch dichter. Am Abend des Tages, an dem der Sanitätsrath von ſeiner Praxis das er⸗ wähnte Gerücht nach Hauſe gebracht hatte, las man im eben angelangten Regierungsblatt, daß die ver⸗ wittwete Erbprinzeſſin Helene von A. in der Reſidenz zu einem Beſuch eingetroffen und im Schloß abgetreten ſei. Unter den einpaſſirten Fremden war auch Seine Excellenz, der Herr Oberjägermeiſter Graf von Leuen angeführt. Und man brauchte nicht übertrieben miß⸗ trauiſch zu ſein, um es zum mindeſten ſeltſam zu finden, daß das gewiſſenhafte Blatt der Anweſenheit des Prinzen Bernhard, welche doch durch den Brief des Secretärs conſtatirt worden war, mit keiner Silbe erwähnte. „Das ſieht auf eine Meile weit nach einer ganz charmanten kleinen Intrigue aus“, ſagte der Sanitäts⸗ rath, als dies Alles zwiſchen den Dreien zur Sprache gekommen war, indem er eine Priſe nahm.„Denn ich will Euch was ſagen— unſer alter Herr iſt ein eigen Kraut— heißt das, der Herrgott gebe, daß man viele ſeinesgleichen fände!— ſtand mit den Verwandten, zu denen unſere Hoheit gehört, nie auf beſonderem Fuß und hat, ſoviel ich weiß, auch dieſen letztern niemals vor Andern goutirt. Wie kommt s jetzt, daß er trotzdem ihn gerade vor allen Uebrigen be⸗ vorzugen ſollte? Der Einzige iſt er doch nicht. Die Freienthaler Linie ſteht dem Alten ungefähr ebenſo nahe und er ſtand zu derſelben ſtets freundlicher. Alſo?— Wie denkt Ihr darüber? Wird man ver⸗ ſuchen, auch die Hieſigen ins Netz zu wickeln, und —— 151 warten wir, bis es wirklich die Beute feſthält und dann der Schlag ohne Vorbereitung erfolgt—“ „Alter, denkſt Du nicht allzu ſtreng?“ unterbrach ihn der Rath ſorgenvoll.„Du weißt wie Herr von Hallbrunn, daß ich die Zuſtände hier ſehr ernſt anſehe und ſehr wenig auf den Prinzen gebe. Allein Du ſcheinſt die Sache von ſeiner Seite bereits für abge⸗ than zu halten und zu glauben, daß er auch vor dem letzten und äußerſten Schritt nicht zurückſcheuen, ſich nicht einmal beſinnen dürfte!“ „So glauh' ich auch— das Beſinnen iſt längſt vorüber“, ſprach Zöllner mit ungewöhnlich hartem Aus⸗ druck.„Die rothen Beeren ſind da, der Vogel fällt darauf; das iſt, wie es iſt.“ Der Rath ſchüttelte den Kopf.„Es gibt dennoch etwas, was mich noch zweifeln läßt“, ſagte er.„Wohl⸗ verſtanden, ich würde die Trennung dieſer Verbindung, die ich von Anfang an für eine unnatürliche hielt, auch heute noch nicht beklagen, wenn ſie aus der klaren Einſicht der beiden Menſchen und aus ihrem freien Entſchluß hervorginge. Dann würde ihr auch nichts entgegenſtehen. So aber— der alte Organiſt war ein wunderlicher Mann. Er hat einen förmlichen Ehe⸗ vertrag aufgeſetzt, wie ich weiß, und ſeine Einwilligung davon abhängig gemacht, daß der Prinz ſein Ehren⸗ wort verpfände, die Ehe niemals aus ſogenannten Staatsintereſſen auflöſen zu laſſen. Ich muß Ihnen beiden zugeben“, fuhr er ernſter fort,„daß Staats⸗ intereſſen etwas ſehr Dehnbares ſind, und daß die Feſſel überhaupt für manchen Charakter in ſolchen Verhältniſſen nichts ſein dürfte, was ſich nicht ab⸗ ſtreifen ließe. Allein iſt denn der Prinz ein ſolcher Charakter? Daß die Clauſel, oder wie Sie's heißen wollen, dem Commerzienrath Löhnde und ſeiner Gattin gleichfalls bekannt iſt, und daß der Prinz dies weiß oder doch ahnt, deſſen bin ich ſicher. Wie es mit ſeiner Frau ſteht, weiß ich freilich nicht. Aber ich halte das auch für ziemlich gleichgültig. Wie ich ſie zu kennen glaube, würde ſie gegebenen Falls darin ſicher keinen Halt für ſich ſuchen, wenn ihn nicht zu⸗ gleich auch der Prinz darin finden wollte.“ „Und ich will Euch etwas ſagen“, ſprach der Sanitätsrath nach einer Pauſe mit einer gewiſſen Grämlichkeit;„mich geht die ganze Geſchichte im Grunde wenig an. Seine Hoheit kümmern mich gar nicht— Hochdieſelben können ohne mich und ich kann ohne Sie leben— und wie hoch mir auch die junge arme Frau ſteht, gibt mir das doch keinerlei Recht zu einer Einmiſchung in ihre Angelegenheiten. Diejenigen aber, welche ſich ihre Freunde nennen und ein ſolches 153 Recht zu haben glauben, ſollten nach meinem dummen Verſtande wenigſtens an etwas wie eine Vorbereitung denken. Ohne dieſelbe könnte ein ſolcher Schlag ge⸗ fährlich werden, ſage ich als Arzt. Sie hat nicht allzu viel zuzuſetzen.“ Herr von Hallbrunn ſtand auf, denn es war ſpät geworden.„Ich will morgen früh hinauf und mit Frau von Welden reden“, ſagte er ruhig.„Sie iſt die Frau, welche nicht nur die nothwendige Einſicht in dieſe Verhältniſſe am Hofe hat und ſicher ſchon Nachrichten darüber erhielt, ſondern auch die Menſchen ſelbſt am beſten von uns allen kennt, was vom Prin⸗ zen zu erwarten, was für die Baronin nöthig ſein dürfte. Jenes Ehrenwort, Herr Rath, iſt, wenn Sie der Sache ſicher ſind, für mich ein Punkt von ernſter Bedeutung— ich ſage nicht: von guter. Wie ich den Prinzen kenne, mußte eine ſolche Feſſel vielleicht erſt nach und nach, dann aber auch deſto empfindlicher für ihn werden. Noch einmal, wenn Sie der Sache ſicher ſind—“ „Ich bin ihrer ſicher. Der Organiſt hat ſie ſelber dem Commerzienrath und mir mitgetheilt und beſtand darauf, trotz unſeres Abrathens.“ „Dann erklärt ſich mir Manches“, ſagte Hall⸗ brunn. —ÿÿÿ-—³——ͦ:n——— r Auf dem Rothenſteine waren den drei Damen in⸗ zwiſchen äußerlich ſehr ſtille Tage verfloſſen. Be⸗ ſuche waren keine gekommen, ſelbſt Hallbrunn und der Rath hatten nur flüchtig ein paarmal vorgeſprochen. Pom Prinzen langte außer dem einen ſchon erwähn⸗ ten Brief des Secretärs keine Nachricht an und es wurde auch ſonſt nichts bemerkbar, was das innige Zuſammenleben der Commerzienräthin mit der Schloß⸗ herrin und den reinen Genuß deſſelben beeinträchtigt hätte. Die außerordentliche, freudeſtrahlende Aufregung, mit welcher Marie von der Ankunft der geliebten müt⸗ terlichen Freundin erfahren, dieſelbe leidenſchaftlich zärtlich begrüßt und in ihr kleines Reich hinaufge⸗ zwunge hatte, war freilich längſt wieder einer ruhigern und dennoch nicht minder glücklichen, wohlthuenden Stimmung gewichen. Wie lebhaft Frau Conſtanze auch noch immer war, drängte ihre ganze Natur doch zu einem mehr ruhigen und behaglichen Lebensgenuß hin, und ihr Einfluß auf ihre Umgebung war ein allzu großer, als daß ſich nicht Jedermann leicht und willig in ihre Weiſe gefunden und mit ihr in derſelben ſich wohl gefühlt hätte. Hier kam noch dazn, daß ihr die Freude, mit der ſie ſich von der ihr ſchon verloren Geglaubten aufgenommen ſah, freilich einen großen — 155 Troſt und das reinſte Glück gewährte, daß ſie trotzdem aber zu viel Theilnahme und Liebe für dies Kind ihres Herzens hatte, um nicht vor allem zu wünſchen, daſ⸗ ſelbe nach ſo langer Trennung in ſeiner eigenſten Weiſe wiederzuſehen und jeden Zug kennen zu lernen, der von altersher erhalten, der neuerdings erſt durch das Leben und die Verhältniſſe hervorgerufen worden war. Sie war eine kluge Frau, eine ſcharfe und hier obendrein auch liebevolle Beobachterin. Sie konnte mit ziemlicher Sicherheit voraus berechnen, welche Ver⸗ änderung die vollſtändig neue Stellung in einem Weſen wie Marie ſelbſt unter den günſtigſten Umſtänden zur Folge haben mußte, und ſie hatte dieſelbe ſchon bei den paar Begegnungen in den erſten Jahren als keine erkannt, welche von dem Glück der jungen Frau ge⸗ zeugt hätte. Dann kam die ihr unverſtändliche Tren⸗ nung, welche, gleichviel durch wen oder was ſie ver⸗ anlaßt ſein mochte, unmöglich an Marien vorüber ge⸗ gangen ſein konnte, ohne tiefe Spuren zu hinterlaſſen: Frau Conſtanze war kein Weſen, von dem man ſich, ſei es in der Gegenwart, ſei es nur in der Erinnerung, ſo ohne weiteres loszulöſen vermag. Und endlich meldete der Rath von der neuen Entdeckung und Be⸗ gegnung; er konnte aus ihrem Leben erzählen und hatte Wahrnehmungen mitzutheilen, welche die treue Frau 156 nicht gerade liberraſchten und dennoch entſetzten und ſie nicht raſten ließen, bis ſie mit eigenen Augen ſah und eigenen Ohren hörte. Und nun war ſie hier, zu den frühern Mitthei⸗ lungen des Raths konnten ſich neue geſellen; mit Frau von Welden ergaben ſich bald Unterhaltungen der ein⸗ gehendſten Art— die beiden Damen begegneten ſich ſchneller, als es ſonſt vielleicht geſchehen wäre, in ihrer Liebe zu Marien. Endlich hatte ſie die junge Frau ſelber vor ſich, in einer Nähe, einer Ungeſtörtheit und einer Hingebung wie nie zuvor. Und dennoch fehlte viel, daß ſie Marie, daß ſie die dominirenden Zuſtände und Verhältniſſe wirklich und ſicher vor ſich gehabt und klar durchſchaut hätte. Es wurde ihr nichts ent⸗ zogen und vorenthalten; was ſie zu ſehen, zu erfahren erwartete, fürchtete, kam ihr aber nirgends zu Geſicht, ließ ſich niemals vernehmen. Die Baronin erzählte Mancherlei aus ihrem Leben, das, man ſah nicht recht, ob nur durch den Prinzen oder auch durch ihre eigene Neigung, ſtets in den engſten Kreiſen, auf den ebenſten Bahnen erhalten worden war. Sie ſprach mit jener unendlichen Trauer und Sehnſucht von ihrem Kinde, die bereits den Rath ergriffen hatte; ſie redete vom Prinzen und ſeinem Sein und Weſen, ſeiner Stellung zu ihr, von der 157 Veränderung, die auch mit ihm wohl vorgehen mußte, als ſeine Verhältniſſe ſich durch all die Todesfälle in ſeiner Familie ſo gänzlich anders geſtaltet hatten. Ihr Herz, nein, ihr Leben, hätte man ſagen mögen, lag wie ein offenes Buch vor den Augen der mütterlichen Freundin; da wurde anſcheinend nicht eine Seite über⸗ ſchlagen, nicht auf einer fand ſich etwas wie eine be⸗ denkliche Stelle, wie ein Mißklang, und dennoch hatte Frau Conſtanze nicht blos das Gefühl, ſondern er⸗ kannte und wußte es, wie viel es gab, das auf dieſen Blättern nicht verzeichnet oder zwiſchen den deutlichen Zeilen in einer Schrift geſchrieben war, die ihr un⸗ leſerlich blieb. Wußte Marie in ihrer Demuth und Reſignation ſelber nichts davon, oder verſtand und verbarg ſie es mit jener ſchamhaften und heiligen Scheu, welche die großen Schmerzen des Lebens allen fremden Blicken entzieht? Das war die große Frage, welche die Commerzienräthin ſich während dieſer Tage ſtets von neuem und ſtets umſonſt vorlegte und welche ihr auch Frau von Welden nicht zu beantworten ver⸗ mochte. Wie in allem Uebrigen wurde auch in dem, was ſie über den Prinzen äußerte, nichts vernehmbar, was auch nur im entfernteſten an einen Mißklang gemahnt hätte. Jede, auch die liebevollſte Frau muß nothwendig 158 hin und wieder Momente und Punkte haben, in und bei denen ſie nicht ganz auf der Seite des Gatten ſteht, nicht vollſtändig mit ihm einig iſt, wo ſie ſich zum mindeſten nicht mit dem ſchrankenloſen Vertrauen und der unwankbaren Gläubigkeit des Herzens ſeinen Anſchauungen, ſeinen Beſtimmungen zu fügen vermag. Allein auch in dieſer Beziehung wurde an Marien nichts wahrnehmbar, was auch nur den leiſeſten innern Zwieſpalt hätte bemerklich werden laſſen, was ver⸗ rathen hätte, daß ihr dies oder jenes jemals ſchwer geworden ſei oder noch werde. Als jener Brief des Seeretärs anlangte, der die einzige Kunde von dem Gatten an die Gattin brachte, und Frau Conſtanze über eine ſo kalte, wo nicht lieb⸗ loſe Form ihr Erſtaunen, ja ihren Unmuth nicht ganz verbergen konnte, da ſagte Marie ſanft aufblickend: „Du mußt nicht zanken, Mama“— ſie hatte die alte kindlich vertrauliche Anrede vom erſten Augenblick an wieder aufgenommen—„Bernhard ſchreibt ſehr un⸗ gern, und in den ſeltenen Fällen, wo bisher überhaupt Briefe zwiſchen uns nöthig waren, habe ich niemals mehr als eine Nachſchrift und meiſtens auch dieſe nicht bekommen.“ Frau von Welden, gegen welche die Commerzien⸗ räthin ſich trotzdem ziemlich empfindlich über den gleichen 159 Punkt ausſprach, beſtätigte einfach Mariens Ausſage. Sie verſtehe dergleichen freilich nicht, äußerte ſie achſel⸗ zuckend, aber es ſei einmal ſo, und ſo müſſe man ſich denn eben fügen. Wie feſt Marie unter der Herrſchaft auch ihres abweſenden Gatten ſtand, das zeigte ſich in Allem und Jedem: ſie hielt ſich von Allem fern, was dem An⸗ weſenden nicht zugeſagt haben würde; und wenn Frau von Welden an jene Aeußerung des Prinzen in der Abſchiedsſtunde dachte: er habe vor ſeiner Reiſe nur aus Schonung gegen die Senſibilität ſeiner Frau nicht geſprochen, und dann auf Mariens gegenwär⸗ tige Haltung blickte, ſo wußte ſie nicht, ob ſie eher den Prinzen eines ſchweren Irrthums zeihen ſollte, oder ob ſie mehr die Selbſtbeherrſchung der Frau be⸗ wundern müßte, welche auch bei der ſtets verlängerten Trennung keine Klage laut werden ließ, keine Spur von Ungeduld, mit einem Worte nichts zeigte, was, ſei es als Sehnſucht, ſei es als Vorwurf, gegen den Säumigen hätte gedeutet werden können. Jene träu⸗ mende Lieblichkeit, jene milde Freundlichkeit und die leiſe, ſtets vorwurfsloſe Reſignation, welche die Grund⸗ züge ihrer Natur bildeten, waren niemals klarer und reiner hervorgetreten als in dieſen Tagen. Es war Alles ſtill an ihr, ſelbſt das Glück, das ihr die Gegen⸗ wart und die Liebe der mütterlichen Freundin ſichtbar genug gewährte. Nur einen einzigen Punkt gab es, in welchem Marie ſich gewiſſermaßen von der Herrſchaft des Gatten frei machte, und das war die Muſtk, die, erklärlich genug bei der Anweſenheit der alten Lehrerin und noch immer großen Künſtlerin, gegenwärtig eine große Stelle in dem Leben auf dem Rothenſtein einnahm. Marie machte gegen das Verlangen der Commerzienräthin, ſie ſpielen zu hören und ihren Geſang zu vernehmen, nur zu Anfang eine ſchüchterne Einwendung, fügte ſich dann jedoch, ſichtbar gern, muſicirte fortan nicht nur mit Conſtanzen zuſammen, ſondern auch allein viel häufiger als jemals bisher und weigerte ſich auch nicht, hin und wieder in den alten halbvergeſſenen Stücken vor den beiden Damen ihre Stimme hören zu laſſen, dieſe Stimme, welche Frau von Welden jetzt faſt zum erſten Mal in ihrer wundervollen Schön⸗ heit kennen lernte und die auch die Commerzienräthin immer von neuem mit Entzücken und zugleich mit Wehmuth erfüllte und ſtets von neuem das alte Zürnen gegen den Prinzen anregte, der ſo Herrliches nicht nur der Welt entzogen hatte, ſondern es auch, wie es faſt ſchien, durch ſeine Kälte und ſeinen Wider⸗ ſtand dem Untergange weihen wollte. Wenn ihm das 18ʃ nicht gelungen war, ſo hatte man es nur der unbe⸗ ſieglichen Schönheit und Kraft dieſes Talents zu ver⸗ danken, welches ſich jetzt nach der langen, erzwungenen Ruhe in unverminderter Friſche und Pracht vor den Zuhörerinnen erhob. Wie tief dies Talent in Mariens Weſen wurzelte und wie voll und ganz es daſſelbe durchdrang, zeigte die Gewalt, welche es raſch wieder über ſie gewann, zeigte die Leidenſchaft, mit welcher ſie ihm diente und ſich von ihm fortreißen ließ. Ihr Spiel und ihr Ge⸗ ſang beſchränkten ſich auf keine beſondere Stunde des Tags mehr; ſie waren da, wie es die Künſtlerin dazu drängte; ein tiefes und reiches, lange unterdrücktes, bange und mühſam in Schlummer gewiegtes Leben rang ſich in ihnen hervor und aufwärts— die Klagen, der Schmerz, die Sehnſucht, welche in Mariens Tages⸗ leben niemals ſichtbar und laut wurden, hier klangen ſie leiſe und trauervoll hervor. Es kam wieder wie damals, als der Geſang der Tochter den alten Orga⸗ niſten in ſeinem ſtillen Zimmer zuweilen bis zu Thränen bewegt hatte. Auch in die Augen der beiden Zu⸗ hörerinnen traten jetzt dieſe Thränen, wenn ſie Marien lauſchten, die nicht mehr in dem großen, reichen Muſikſaal, ſondern in dem eigenen traulichen Gemach am Inſtrument ſaß und ſich ganz ihrer Empfindung Hoefer, Zur linken Hand. 3 11 162 überließ. Aber es waren keine Thränen des Glücks und der Freude oder der Erinnerung an eine lange entſchwundene goldene Zeit! Eines Tags war ein Gewitter geweſen, das die große Hitze wohlthätig abgekühlt hatte; der Himmel war noch grau umzogen, es regnete leiſe, und durch die geöffneten Fenſter kam mit dem milden Licht eine wundervolle Luft und zugleich das dumpfe Rauſchen des Fluſſes herauf in das kleine Schloß. Da ſaß Marie auch ſo vor ihrem kleinen Inſtrument und ließ ihre zauberhaften Klänge erſchallen, während die beiden Damen in dem anſtoßenden Salon weilten und ſich ganz ſtill hielten, um die Spielerin nicht zu ſtören, welche ihre Gegenwart vergeſſen zu haben ſchien. Denn ſie ſpielte, was ſie ſonſt ſelten that, mehr als eins von den freilich unvergänglich ſchönen Stücken, welche der alte Organiſt in ſeinen beſten Stunden hatte er⸗ klingen laſſen, und wie bei ihm klangen auch hier zu⸗ weilen einzelne Paſſagen dazwiſchen, als ob die ein⸗ ſame Frau den Gedanken des Componiſten in ſich weiter denke. Solche Phantaſien— denn die waren es nach dem Kunſtausdruck— hatten ſich zuletzt in einer ganzen Reihe an einander geſchloſſen, abgebrochen, zu⸗ ſammenhangslos, taſtend und ſuchend gewiſſermaßen —— — 7 163 nach dem rechten, wahren Ausdruck; und plötzlich war der Ausdruck gefunden, die einzelnen Klänge fanden ſich zuſammen, und man vernahm wieder einmal jenes wunderbare Stück, das damals den Prinzen gereizt und Hallbrunn ergriffen hatte— dieſe Muſik mit ihren altfränkiſchen Schnörkeln, mit dem übermüthigen Scherz und dem aufſtrahlenden Lächeln, mit der ein⸗ fachen, hier und da immer wieder hervorlauſchenden ſterbenstraurigen Melodie. So ſpielte ſie's einmal durch. Dann fing ſie es zum zweiten Male an und nahm jetzt auch die Melodie mit ihrer Stimme auf— ſie ſang nicht, ſondern ſummte nur und Worte wurden nicht vernehmbar. Die beiden Zuhörerinnen lauſchten athemlos.„Sa⸗ gen Sie mir, Frau von Welden, was iſt das? Seit wann ſpielt ſie das? Singt ſie es auch? Ich kenne es nicht— ich habe es nie gehört!“ flüſterte Frau Conſtanze in einer Bewegung, die ſie nur mit Mühe bemeiſterte. Die Angeredete ſchüttelte den Kopf.„Sie fragen zu viel“, verſetzte ſie ebenſo leiſe und gleichfalls an⸗ gegriffen.„Ich habe es ſchon ein paarmal erlauſcht, wo ſie ſich allein glaubte, aber geſungen hat ſie es noch nie. Aber ich habe ſie niemals danach fragen mögen. Mir thut das Herz dabei weh, und mir iſt's, als müſſe es auch ihr weh thun.“ 41 164 „Mir iſt'’s, als ob es bricht“, ſagte Frau Con⸗ ſtanze verdüſtert.„Ich werde ſie fragen. Sie darf das nicht ſpielen.“ „Was haſt Du vorhin für ein ſeltſames Stück geſpielt, Kind?“ fragte am Abend, als ſie auf der Terraſſe auf und nieder gingen, Frau Conſtanze die junge Frau.„Ich meine die altfränkiſche Muſik mit der traurigen kleinen Melodie, die Du dazu ſummteſt.“ „Ich wußte nicht, daß Ihr mich hörtet“, ſagte Marie mit einem flüchtigen Erröthen.„Verzeih'! Der Prinz liebt es nicht und hat es mir eigentlich ver⸗ boten. Aber zuweilen reißt es mich doch fort.“ „Und was iſt es denn? Ich hörte es früher nie von Dir. Haſt Du es erſt neuerdings erhalten?“ „Wie Du willſt, Mama— ich ſpiele es wenig⸗ ſtens erſt ſeit kurzer Zeit zuweilen. Was es iſt— ich weiß es ſelber nicht recht. Ich fand es zwiſchen meines Vaters Muſikalien, Noten und Text von ſeiner Hand, und mir iſt, als müſſe auch die Compoſition von ihm ſelber ſein. Erinnert es Dich nicht an gewiſſe Partien, wenn er einmal ins Phantaſiren kam? Jedenfalls muß es aus ſeiner Jugendzeit ſtammen, dafür ſpricht die Muſik, dafür auch der Dert.“ „Es hat alſo einen Text?“ unterbrach ſie Frau Conſtanze lebhaft.„Und dieſer Text?“ 165 „Scheint mir eine ſchlechte Ueberſetzung eines franzöſiſchen Originals zu ſein. Aber gleichviel, er paßt zu der Muſik, zu der Begleitung und Melodie ſo ge⸗ nau, daß dieſe nothwendig zu ihm geſchaffen ſein müſſen.“ „Und weshalb ſingſt Du es nicht einmal?“ Und nach einer Pauſe, während welcher ſich in Mariens reinen Zügen eine tiefe Bewegung wider⸗ ſpiegelte, verſetzte ſie leiſe:„Ich kann es nicht, Mama! Meine Stimme würde dabei brechen, wie mein Herz dabei bricht.“ „Und kannſt Du mir die Worte auch nicht ſagen, Marie?“ fragte Frau Cenſtanze ernſt. „Sagen? Wenn Du es willſt!“ Und im Weiter⸗ gehen begann ſie und ſprach mit leiſer, bebender Stimme: „Wo ſind die Zeiten hin, als Du an mir gehangen, Als ich Dein Ein und All— wo ſind die Zeiten hin? Ein Sehnen ahnungsvoll, ein ungeſtüm Verlangen, Ein ſüßer, ſüßer Traum im Herzen und im Sinn! Gedenkſt Du noch⸗der Zeit, als Du der Meine worden, Als ich die Deine war— gedenkſt Du noch der Zeit? Das Glück ein ſtrahlend Meer in ungemeſſ'nen Borden, Die Lieb' ein einz'ger Rauſ in alle Ewigkeit! Und nun, di gläubig Herz? Vorüber, ſchon vorüber Der Traum und all das Glück? 2.— Und nun, du gläubig Herz? Soweit, ſoweit wir ſchau⸗ u, der Hinmel trüb' und trüber, Soweit, Arweit wir gehn, die G Sch hatten allerwärts! 8 ſchönes Geſicht blieb ohne Bewegung, und ſo war Jetzt aber machte die Dame Halt.„Du haſt 166 Die Liebe fleht und ringt. Im Herzen tief, im müden, Schlägt raſtlos banger Schmerz. Die Liebe fleht und ringt. Umſonſt, umſonſt geliebt! Geſchieden iſt geſchieden! Geh hin und laß mich gehn!— Der letzte Ton verklingt.“ Sie hatte es zu Ende geſprochen, wie ſie es be⸗ gonnen; die Stimme, die allmälig feſter geworden, bebte von neuem bei der letzten Zeile, und das letzte Wort war nur ein Hauch. Sie war blaß, aber ihr ſie auch während des Sprechens weiter und weiter geſchritten, Frau Conſtanze leiſe fortziehend. Recht, das kannſt Du nicht ſingen“, ſagte ſie, die Augen voll ſchwerer Thränen.„Aber auch ſagen ſollteſt Du es nicht, mein Liebling! Denn wie Du es ſagſt— Marie, mein Herzenskind, ich kann, ich darf es nicht ſo verſtehen!“ Das Geſicht war noch immer gleich blaß und ſtill. Die Geſtalt zeigte keine Bewegung, die Hände waren leicht in einander geſchlungen.„Und dennoch mußt Du, muß ich es ſo verſtehen, Mama“, ſprach ſie leiſe und erhob die wunderbaren, dunklen Augen zu einem tiefen Blick auf ihre Begleiterin. Eine Sekunde lang ſtand die Commerzienräthin wie betäubt. 167 Dann ſprach ſie bebend:„Marie, Du willſt doch nicht ſagen—“ „Daß Alles zu Ende iſt, Mama.“ „Marie, mein Liebling, der Prinz muß ja in den nächſten Tagen wiederkommen.“ „Glaube es nicht, Mama! Er und ich, wir wiſſen es beide nur allzu gut, was dieſe Reiſe bedeutete. Er kommt niemals wieder.“— Siebentes Kapitel. Voten und Botſchaften. 2 Der Morgen war ſo grau, wie es der vergangene Abend geweſen war. Aber das milde Licht that den Augen nach all dem blendenden Glanz der letzten Tage auch heute noch wohl und die weiche Luft ließ die von der ungewöhnlichen Hitze ermatteten Menſchen ſich all⸗ mälig wieder erholen. Man durfte um ſo dankbarer für einen ſolchen Tag ſein, je ſeltener in dem troſt⸗ loſen Sommer, der ſonſt in den ſchroffſten Wechſeln und Gegenſätzen verlief, ſeinesgleichen waren. Wohin man blickte und horchte, kam es einem wie ein Auf⸗ athmen entgegen. Die Tannenberge ſchauten ſchier be⸗ haglich auf die Thäler nieder, der Fluß, der ſeither ſo niedrig geweſen war, wie man ihn lange nicht ge⸗ ſehen, brauſte voll daher, und das Rauſchen des Bachs 169 und ſeines kleinen Falls im Waldthal, das in den letzten Tagen kaum noch vernehmbar geworden, drang jetzt wieder luſtig empor zur Terraſſe des Rothenſtein. Zur hellen Luſt und zum lauten Jubel lud der Morgen freilich nicht ein, aber zum bequemen Ruhen oder Pro⸗ meniren, zum ruhigen Schauen und angenehmen Plau⸗ dern hätte man ſich keinen beſſern wünſchen können. Man brauchte doch nicht wie ſeither verzweiflungsvnll von einem Platz zum andern zu flüchten, ohne auf einem einzigen Schatten Ruhe und Erholung zu finden, und nur, um ſich dennoch troſtlos in die erſtickend heißen kleinen Wohnungen zurückzuziehen. Die Geſell⸗ ſchaft im Bade drunten war daher auch lange nicht ſo animirt geweſen wie heute. Auf dem Rothenſtein ſah es damit freilich anders aus. Das Licht und die Luft des Tages hatten ſich ſo zu ſagen auch über die Bewohner und ihre Stim mung gebreitet, nicht mit ihrem Behagen, ſondern mit ihrem Ernſt. Die Baronin, welche ſchon am vergange⸗ nen Abend ſich früh zurückgezogen hatte, war am heu⸗ tigen Morgen noch nicht zum Vorſchein gekommen, und die Kammerfrau, welche die Herrin, als ſie wie ge⸗ wöhnlich in aller Frühe bei derſelben erſchien, zu ihrem Schrecken nicht nur außer Bett, ſondern auch bereits angekleidet fand, bemerkte nach wiederholtem Sehen —— 170 im Laufe des Vormittags gegen den alten— man darf ſagen: Familiendiener Silbermann mit ernſtem Kopfſchütteln, daß ihr die Gebieterin gar nicht gefalle. Sie habe entweder gar nicht oder nur ſehr wenig geſchlafen und ſehe überhaupt ganz und gar ſo aus, als ſtehe ihr eine ſchwere Krankheit bevor. Silbermann ſchüttelte den weißen Kopf.„Möglich iſt's, Mamſell Roſa“, ſagte er,„aber ich glaub' es nicht. Sie wiſſen, die gnädige Frau iſt bisher noch keine Stunde krank geweſen, wie ſchwer ſie auch wohl einmal gelitten und getragen hat. Trotzdem wünſcht' ich's beinahe, ſo lieb ich ſie habe. Der Menſch kommt zu⸗ weilen ſo am leichteſten über die ſchlimmen Tage weg.“ Sie ſah ihn beſtürzt an— ſie war gleichfalls ge⸗ wiſſermaßen ein Inventariumſtück des fürſtlichen Hauſes, vordem bei einer frühverſtorbenen Schweſter des Prin⸗ zen im Dienſt und von dem letztern ſogleich zu ſeiner jungen unerfahrenen Frau gerufen, für die er damals in jeder Weiſe auf das liebevollſte ſorgte.„Fürchten Sie denn ſchlimme Tage für uns, Silbermann?“ fragte ſie ſtockend. „Sind Sie nicht ſchon da, Mamſell Roſa? Daß es nicht mehr iſt wie vordem und wie es ſein ſollte, das wiſſen Sie ſo gut wie ich. Ich hab's Ihnen noch nicht erzählen können, daß man geſtern drunten in der 421 Stadt wiſſen wollte, der alte Fürſt wolle unſere Hoheit zum Nachfolger haben und darüber werde jetzt in M. verhandelt. Wenn das wirklich zu Stande käme— ich brauche Ihnen nichts mehr zu ſagen.“ „Um Gotteswillen, Silbermann!“ murmelte ſie ganz entſetzt.„Wenn Seine Hoheit das übers Herz bringen könnte—“ „Ich glaube, er hat's ſchon drüber gebracht“, fiel der alte Mann finſter lächelnd ein.„Noch einmal, Sie wiſſen ſo gut wie ich, was Alles anders geworden bei uns, ſeit die prinzlichen Brüder und dann auch die Aeltern ſtarben. Seitdem ſieht er auch die— arme Frau anders an. Und daß er bei der Abreiſe jetzt allerhand kurioſe Dinge im Kopf gehabt—“ Sil⸗ bermann machte eine kleine Pauſe und redete dann erſt mit einer Art von Verlegenheit leiſe weiter:„Ich will Ihnen etwas anvertrauen, Mamſell Roſa, obgleich ich mich dabei für mich und— Andere ſchäme. Sehen Sie, an dem Abend der Abreiſe hat mich der Monſieur Reiger auf die Seite genommen und mir nach vielen Redensarten aufgetragen, auf unſere gnädige Frau und den Herrn von Hallbrunn Acht zu geben; es ſei traurig für Seine Hoheit, aber immer beſſer, wenn er erfahre, wie es ſtehe, als daß er ſo fortſchwanke zwiſchen Vertrauen und Zweifel. 172 „Aber das iſt ſchändlich, Silbermann!“ ſagte die Kammerfrau aus tiefſtem Herzen. „Ich ſage nicht nein, Mamſell Roſa! Aber glau⸗ ben Sie, daß der Secretär ſo von ſich ſelber zu mir zu reden wagen würde? Und ſieht das für unſereinen nicht genau ſo aus, als ob man dergleichen, wenn es nur irgend zu denken und zu glauben, mit beiden Hän⸗ den aufgreifen würde? Sehen Sie, Mamſell Roſa, ſo ſteht’'s! Und darum hab' ich eine ſolche ſtille Freude gehabt, als der Herr von Hallbrunn ihnen einen Strich durch die Rechnung machte und ſchon am folgenden Tage in die Stadt zog. Nun müſſen auch dort die Läſtermäuler verſtummen, und den Grund wird man nun auch bei uns nicht mehr hervorſuchen und vor⸗ ſchützen können. Dafür bin ich gut.“ „Es iſt ſchändlich— ſchändlich!“ ſagte die Kam⸗ merfrau mit dem Ausdruck der tiefſten Entrüſtung. „Ich möcht' es wünſchen, daß ſie es wagten! Ich würde ſchon auch ein Wort mit zu reden haben, und ſie ſoll⸗ ten es hören, wenn's auch Seine Hoheit ſelber wäre!“ „Sie fragen nach den ſchlimmen Tagen, Mamſſell „Roſa“, fing der alte Mann noch einmal wieder an. „Sie ſehen jetzt wohl, wie es damit ſteht. Und wir ſind nicht die Einzigen hier, die ſie wittern. Ich möchte darauf ſchwören, daß die gnädige Frau ſelber ihre 173 ſchweren Gedanken hat, mit der braven alten Welden ſteht es nicht anders. Und wenn Sie, kurz bevor Sie hierher kamen, Herrn von Hallbrunn geſehen hätten, wie er anlangte und nach Frau von Welden fragte und dann mit ihr auf der Terraſſe auf und abging— der hat gleichfalls ſeine Nachrichten, und es ſind wie⸗ der dieſelben. Ich habe den Herrn noch nie ſo ernſt darein ſchauen ſehen.“ Der Hauptmann war allerdings gemäß dem Vor⸗ ſatz, den wir ihn ausſprechen hörten, heute ſchon in früher Stunde auf den Rothenſtein geritten und hatte — um eine Unterredung mit Frau von Welden gebeten. Er traf die Dame nebſt der Commerzienräthin, wie immer zu dieſer Stunde, wenn die Witterung es irgend erlaubte, im Pavillon der Terraſſe und fand die ernſte Miene und die nicht minder ernſte Stimmung, welche er ſelber mit ſich brachte, bei beiden in gleichem Maße wieder. Man unterhielt ſich trotzdem in ruhiger Weiſe, bis Frau Conſtanze ſich nach einer halben Stunde zuruckzog. Dann erſt kam das Thema an die Reihe, welches den Hauptmann heraufgeführt hatte, und das Paar ging ſeitdem in Geſprächen auf der Terraſſe auf und ab, welche beide erſichtlich auf das ernſteſte in Anſpruch nahmen und ihnen keinen Gedanken, keinen Blick für die milde Schönheit des Morgens und die 174 gerade in dieſer Beleuchtung beſonders reizende Um⸗ gebung übrig ließen. Doch haben wir jetzt um ſo weniger mit ihnen zu thun, als die Leſer ja ohnehin den Inhalt ihres Ge⸗ ſprächs kennen, und müſſen noch einmal zu dem Diener⸗ paare zurückkehren. Als ſie beide ſo mit einander redeten, ſtanden ſie in der Halle, ganz in der Nähe der großen Thür, welche auf die Rampe und den kleinen Vorhof führte. Der letztere iſt ein Halbrund, welches von den umherliegen⸗ den Nebengebäuden des Schlößchens gebildet wird, und in der richtigen Mitte des Bogens, der Eingangspforte des Hauptbaus gegenüber, zeigt ſich das ſtattliche Säu⸗ lenthor, durch welches man auf die Straße gelangt. Wir führten ſchon an, daß dieſelbe im Ganzen eine ſehr bequeme war; trotzdem gab es ein paar Strecken auf ihr, welche den Pferden nicht gerade leicht wurden, und ſo war auch gerade das letzte Stück vor dem Thor ſo ſteil, daß der Prinz, welcher ſelbſtverſtändlich ſehr raſch zu fahren liebte, bei der Heimkehr von einem Aus⸗ fluge hier ſtets äußerſt ungeduldig zu werden pflegte und mehr als einmal die hundert Schritte, aus dem Wagen ſpringend, zu Fuß zurückgelegt hatte. Für Fremde, welche zuweilen vom Bade heraufkamen, um das Schloß und die Anlagen zu beſehen, war eine ſolche 145 Fußpartie auch ſchon um deſſentwillen beinahe zur Regel geworden, weil der Vorhof wirklich ziemlich eng war und der Schloßherr obendrein trotz aller Liberalität gegen Beſucher es nicht gern ſah, wenn der Platz durch haltende Wagen eingenommen wurde. Dieſe letztern hatten es endlich draußen bequemer und ſicherer: unter⸗ halb der letzten Steile breitete ſich ein ziemlich großer Platz zur Seite der Straße aus, ſodaß man daſelbſt gut umwenden, halten und die Rückkehr der Inſaſſen des Gefährtes abwarten konnte. Solche Beſuche waren ſtets gekommen, denn abge⸗ ſehen von allem Uebrigen war die Ausſicht von der Terraſſe gegen das Waldgebirge und den entlangziehen⸗ den Fluß eine berühmte, und ſie hatten ſich auch heuer in den letzten Wochen, da das Wetter verhältnißmäßig ſchön und der Prinz abweſend war, ziemlich häufig eingeſtellt. So hatte es denn im Grunde auch nichts Auffälliges, als eben, da Silbermann ſeine letzten Worte geſprochen, eine ſolche Geſellſchaft durch das Thor auf den Vorhof trat, und das einzige Beſondere mochte allenfalls einerſeits in der Zeit liegen, die ſich bereits ſtark dem Mittag näherte, und andererſeits in der Er⸗ ſcheinung der Fremden zu ſuchen ſein, welche ſie allerdings ziemlich weit über die große Menge der drunten hauſen⸗ den Badegaſte und der gewöhnlichen Reiſenden ſtellte. 176 Es war eine Dame, deren Toilette in Mamſell Roſa's geübtem Auge trotz ihrer Einfachheit den elegan⸗ teſten Reiſeanzug bildete, eine impoſante Geſtalt mit ſtol⸗ zen und doch anmuthigen Bewegungen; der Herr an ihrer Seite machte ungeachtet ſeiner eher maſſiv als elegant zu heißenden Erſcheinung gleichfalls den Eindruck der Vornehmheit und das Gleiche mußte man, wenn auch in beſchränkterem Maße, der zweiten Dame zugeſtehen, welche, einen Schritt zurück, den erſten folgte. Ein Diener in dunkler Livree, mit den Shwals der Damen auf dem Arm, kam hinterdrein. 3 „Nun, die hätten ſich auch einen paſſendern Tag ausſuchen können!“ bemerkte der alte Diener unmuthig und trat dennoch vor gegen die Thür, um ſeiner Pflicht gemäß die Fremden zu empfangen. Plötzlich aber ſtand er und ſagte, zu der Kammerfrau zurückſprechend, haſtig und gedämpft:„Mamſell Roſa, es iſt der Herr, welcher damals, vor drei Wochen, den ganzen Tag bei dem Prinzen allein war und—“ „Der iſt's?“ fiel ſie ein.„Das iſt der Oberläger⸗ meiſter Graf von Leuen. Ich hab' ihn geſehen, als ich mit meiner hochſeligen Prinzeſſin vor zwölf Jahren am B. ſchen Hofe war. Und er macht es danach, daß man ihn nicht vergißt.“ „Bleiben Sie da, Mamſell Roſa“, ſprach Silber⸗ 464 mann ſchnell.„Mir iſt, als brächte der was Neues.“ Und damit trat er vollends auf die Rampe hinaus. Die Geſellſchaft war jetzt heran und kam langſam die leichte Steigung herauf. Der Reſpekt war auf⸗ fällig, mit welchem Graf Leuen der ſtolzen Dame neben ihm ſeinen Arm bot. „Die gnädige Frau wünſcht das Schloß und ſeine Umgebung zu beſichtigen, mein Freund“, ſagte der Herr zu dem ſich tief verbeugenden Diener.„Es wird keinen 6 Anſtand haben, denke ich? Sie ſind der Caſtellan?“ „Wie Excellenz befehlen“, verſetzte Silbermann mit einer neuen Verbeugung. Durch das rothe, aufgedunſene Geſicht des Grafen zuckte es wie ein flüchtiger Unmuth. Doch ſagte er nichts als kurz:„Gut, ſo führen Sie uns.“ „Um Vergebung“, wandte Silbermann ruhig ein. „Die Umgebungen ſtehen Excellenz zur Dispoſition. Das Schloß aber iſt für gewöhnlich nicht geöffnet. Doch denke ich, daß die Frau Baronin gern die Er⸗ laubniß geben wird, den Herrſchaften die Feſträume—“ „Was iſt das für eine Baronin?“ fiel hier die ſtolze Dame mit jener Nachläſſigkeit ein, welche eine Unterbrechung für das Natürlichſte von der Welt hält, weil der Betreffende nur ſich ſelbſt ſprechen hört. Es war eine reine, aber eiskalte, hochmüthige Stimme, Hoefer, Zur linken Hand 12 und auch in den Augen und den Zügen der Dame er⸗ ſchien der gleiche Ausdruck jetzt bei der Bewegung der Lippen noch ausgeprägter als bisher.„Ah, iſt es jene— Kettenburg?“ fuhr ſie ebenſo fort.„Ich dächte, Sie ſagten mir, Leuen, die Frau ſei abgereiſt?“ „So vermuthete ich auch, gnädigſte Frau“, erwi⸗ derte der Graf mit einer gewiſſen flüchtigen Verlegen⸗ heit.„Allein der alte—“ ⸗ —„Nun, im Grunde iſt es ja ganz gut ſo“, ſagte die Dame genau wieder in der gleichen Weiſe wie vor⸗ hin.„Alſo, mein Freund“, wandte ſie ſich an Silber⸗ mann,„melden Sie der Baronin, daß Graf Leuen mit einer Geſellſchaft das Schloß zu beſichtigen wünſchte, die ſich freuen würde, auch die Dame ſelber einen Augenblick zu ſehen.“ In des alten Dieners Miene zeigte ſich trotz ſeiner langen Gewöhnung für eine Sekunde eine nicht geringe Befremdung. Ir derz nächſten war ſie jedoch bereits zurückgedrängt, und ſich zu der noch immer im Hinter⸗ grunde der Halle ſtehenden Kammerfrau wendend, ſprach er:„Wollen Sie die gnädige Frau von dem Wunſche der Herrſchaften unterrichten, Mamſell Roſa?“ Die Kammerfrau trat einen Schritt vor.„Die Frau Baronin ſind heute nicht wohl“, ſagte ſie in der ſolchen alten Dienern zur Gewohnheit gewordenen höf⸗ 179 lichen und doch kalt förmlichen Weiſe,„und ich weiß nicht, ob Sie im Stande ſein werden, einen Beſuch zu empfangen. Doch— wen habe ich die Ehre zu melden?“ Die Dame hatte die Sprecherin durch ihre Lorg⸗. nette betrachtet, jetzt ließ ſie dieſelbe fallen und ſprach, langſam durch die Halle vorſchreitend, kurz und kalt: „Antworten Sie, Leuen.“ „Melden Sie der Baronin, daß eine Dame in Begleitung des Oberjägermeiſters Grafen Leuen ſie zu ſehen wünſche, mit Nachrichten von Seiner Hoheit, dem Prinzen Bernhard“, redete der Graf in nicht min⸗ der kaltem, vielleicht ein wenig ungeduldigem Ton. Und damit ſchritt er der Dame, welcher ſich auf einen Wink die zweite, jüngere, bereits angeſchloſſen hatte, nach und gegen die reich mit Stuckaturarbeit verzierte Bogenpforte, durch die man auf die Terraſſe hinaustrat. Die beiden alten Diener tauſchten einen raſchen, ernſten Blick aus; dann ging die Kammerfrau links in die Gemächer der Baronin, und Silbermann folgte der Geſellſchaft, welche jetzt bereits die Terraſſe erreicht hatte. Er ging raſch, denn es fiel ihm ein, daß wahr⸗ ſcheinlich noch Frau von Welden und der Hauptmann draußen weilen würden und durch die unvermuthete Erſcheinung der Fremden überraſcht werdem könnten. Und er hatte ſich nicht getäuſcht, denn gerade als auch er in das Portal trat und einen Blick auf die Terraſſe gewann, ſah er das Paar wirklich von rechts daher⸗ kommen und eben ſtutzend anhalten, und zu gleicher Zeit hörte er die ſtolze Dame, welche mit ihrer Be⸗ gleitung ſich links gewendet hatte, in unmuthigem Tone ſagen:„Wahrhaftig, die alte Welden! Wie unan⸗ genehm!“ Graf Leuen machte, ſich leicht verbeugend, eine leiſe Bemerkung, die ſie jedoch mit einer ungeduldigen Bewegung von ſich wies, faſt als ob ſie ſagen wollte: „Dazu iſt keine Zeit mehr!“ Und an dieſer fehlte es wirklich. Denn nach jenem flüchtigen Stutzen und einem nicht minder ſchnellen Wort gegen ihren Beglei⸗ ter kam Frau von Welden jetzt raſch gegen die Frem⸗ den daher, und indem ſie ein paar Schritte von ihnen eine tiefe Verneigung machte, ſagte ſie:„Königliche Hoheit, das iſt eine Ueberraſchung, die wir an einem ſo grauen Tage am wenigſten zu hoffen gewagt haben würden!“ Die Prinzeſſin Helene, denn ſie war es, nickte kurz.„Die Ueberraſchung iſt auf meiner Seite“, ver⸗ ſetzte ſie mit der eiskalten Stimme von vorhin.„Ich dachte den Rothenſtein ſchon frei zu finden. Nun höre ich von der Anweſenheit der Baronin Kettenburg, ſehe —— 181 jetzt auch Sie, meine Gute, und neben Ihnen—“ Ihr Auge muſterte hochmüthig den noch zurückſtehenden Hallbrunn. Frau von Welden machte eine leichte Wendung gegen ihn und winkte ihn heran.„Geſtatten Königliche Hoheit“, ſprach ſie darauf mit einer neuen Verneigung, in einer Haltung und einem Ton, mit einer Miene, wie wir ſie tadellos nur an Jemand finden können, der in der Schule des Hoflebens groß geworden iſt, „daß ich den Hauptmann Baron von Hallbrunn vor⸗ ſtelle, einen Freund Seiner Hoheit des Prinzen und einen willkommenen Gaſt deſſelben.“ Das hochmüthige Auge der Prinzeſſin muſterte kalt den ſich verbeugenden Hauptmann.„Noch will⸗ kommener in des Prinzen Abweſenheit, höre ich“, ſagte ſie mit einem eigenthümlichen Ausdruck.„Die Einſam⸗ keit hier oben würde ohne Geſellſchafter auch allzu ein⸗ ſam ſein.“ „Geſtatten Königliche Hoheit“, entgegnete Frau von Welden diesmal ohne Verneigung, und nicht nur die Einwendung ſelbſt, ſondern auch ihre ganze Weiſe erinnerte plötzlich an die Unabhängigkeit, die ſie ſich ſtets, ſelbſt in ihrem Verkehr mit den Fürſtlichkeiten zu bewahren gewußt hatte.„Herr von Hallbrunn denkt ein wenig egoiſtiſcher“, fuhr ſie in gleich leichtem Ton 182 und mit einem Lächeln gegen den Genannten fort,„und benutzt die Abweſenheit ſeines hohen Freundes zu einer Badekur in Bechnau. Es müſſen ganz beſondere Gründe vorliegen, wenn ihm ſein Arzt einmal noch einen Be⸗ ſuch bei mir geſtatten ſoll.“ Die Miene der hohen Frau verrieth die unendlichſte Gleichgültigkeit, und von der gleichen— wir müſſen wohl ſagen: Nichtempfindung zeugte auch der Ton, in welchem ſie nun ſprach:„Als ich drunten vorbei fuhr und den Rothenſtein ſah, meinte ich mir einmal flüchtig anſehen zu ſollen, was der Prinz liebenswürdi⸗ ger Weiſe mir als Eigenthum überließ. Man ſcheint hier davon noch keine Mittheilung zu haben?“ „In der That, nein, Königliche Hoheit“, verſetzte Frau von Welden mit einer Unbefangenheit, welche ihre Zuhörer entſchieden um Vieles mehr überraſchte, als ſie ſelber es durch die Mittheilung der Prinzeſſin zu ſein ſchien. Die Worte in dieſem Ton und mit dieſem Ausdruck klangen durchaus ungläubig. Die Prinzeſſin verſtand das ſo gut wie die Uebri⸗ gen. Auf ihrer ſtolzen, weißen Stirn zuckte es, und ſie machte eine halbe Wendung gegen den kleinen Pa⸗ villon zu. In dieſem Augenblick trat Marie aus dem Portal und kam mit ihrem gleichmäßigen und dennoch leichten ew, Schritt über die Terraſſe heran. Wer nicht nur Mam⸗ ſell Roſa's beſorgte Aeußerungen vernommen hatte, ſondern auch von der grauſamen Erſchütterung des vergangenen Abends wußte, durfte wohl erſtaunen über die wenigen Zeichen, welche dieſelbe in Mariens Aeuße⸗ rem und ihrer Haltung zurückgelaſſen hatte. Denn ob⸗ gleich Alles, was geſtern aus ihr herausbrach, für ſie ſelbſt ſchon ein alter, längſt bekämpfter Schmerz war, hatte derſelbe dennoch erſt durch die Mittheilung an ein Fremdes ſeine volle Gewalt über ſie erhalten, ja ſich ihr ſelber in ſeiner rechten Tiefe offenbart. Solche ſtille Naturen, welche gewohnt ſind, auch das Schwerſte in ſich zu verarbeiten, leiden am tiefſten, ſobald ſie durch Ausſprechen ihr Eigenthum aufgaben und einem fremden Blick ihr Inneres enthüllten. So ſtand es um Marie. Sie mußte, wie ſie nun einmal war, ſchwerer gerungen und gelitten haben als die meiſten Andern in einer ähnlichen Lage. Allein die außerordentliche Selbſtbeherrſchung, welche die Ihren an ihr bewunderten, hatte auch dieſe Probe beſtanden. Von Krankheit und Leiden erſchien nicht eine Spur an ihr. Sie war nur ſehr blaß und ſah müde aus, wie Jemand, dem die Nacht keine Ruhe gebracht hat. Frau von Welden war bei ihrer plötzlichen Er⸗ ſcheinung ſichtlich erſchrocken.„Mein theures Kind“, ſagte ſie, raſch zu ihr tretend, in leiſem Ton,„wie um Gotteswillen kommen Sie gerade jetzt hierher?“ Mariens Augen wandten ſich von ihr zu der Gruppe der Fremden, welche gleichfalls wieder Halt gemacht hatte.„Man hat mich zu ſprechen ge⸗ wünſcht“, verſetzte ſie dann ſanft.„Man habe Nach⸗ richten vom Prinzen für mich.“ Bei der Stille, welche ringsum herrſchte, mußten ihre Worte trotz der nicht lauten Stimme auch den Uebrigen vernehm⸗ bar werden. Frau von Welden ſchaute ſie fragend an und mit dem gleichen Ausdruck zur Prinzeſſin hinüber. Dann nahm ſie die Hand der jungen Frau und ſprach, ſie mit ſich vorführend:„In dem Fall erlauben alſo König⸗ liche Hoheit, daß ich die Baronin Kettenburg vorſtelle, die beglückt iſt, einen ſo hohen Beſuch auf dem Ro⸗ thenſtein begrüßen zu dürfen. Es iſt Ihre Königliche Hoheit, die Frau Erbprinzeß Helene, meine theure Baronin!“ Für einen Augenblick bedeckte ein tiefes Erröthen Mariens Geſicht bis zur Stirn hinauf und zum Nacken hinab. Dann aber verſchwand es auch ſchon wieder und ließ die Züge in der frühern klaren und ruhigen Bläſſe zurück; und als ſie nach ihrer Verneigung die ſtillen Augen erhob und vor der Prinzeſſin ſtand, war ——— — ſie wie— man verzeihe uns den einigermaßen trivialen Vergleich!— eine Statue, harmoniſch und rein in jeder Form und jedem Zuge, wunderbar ſchön, aber ohne Leben— ein Bild der Reſignation, dachte Frau von Welden troſtlos, der Reſignation, die von keinem Wi⸗ derſtande mehr weiß! Es empörte die brave Dame, wie Graf Leuen mit kaltem, verachtendem Blick Marie ſo zu ſagen inſpicirte, und wie auch die ſtumme Begleiterin der Prinzeſſin, eine wie geſagt noch junge Erſcheinung, die Muſterung faſt in gleicher Weiſe vornahm. Sie hatte nur die eine Genugthuung, daß Marie ſelber gar keine Notiz von dieſen Beobachtungen nahm, ſondern in ungeſtör⸗ ter Haltung die noch immer ſäumende Anrede der Fürſtin erwartete. Jetzt endlich ſprach die letztere.„Baronin Ketten⸗ burg?“ ſagte ſie.„Ich hätte Sie mir anders gedacht. Sie ſehen in der That nicht wohl aus.“ Die Stimme hatte keine Spur von einer Wärme, ihr Blick verrieth nicht die leiſeſte Theilnahme. Und ohne einen Ueber⸗ gang zu verſuchen, redete ſie weiter:„Ich hatte nicht im Sinn, mich hier zu nennen, ebenſo wie ich auch keine Bewohner mehr erwartet habe. Da es aber anders gekommen, iſt es auch recht, ja, es iſt vielleicht beſſer ſo. Ich kann das Nothwendige eher ausſprechen als irgend ein Anderer. Wollen Sie mich ein paar Schritte begleiten, Frau Baronin.“ Sie wandte ſich und ging gegen den Pavillon zu, und da ſie Marie an ihrer Seite ſah, ſprach ſie, den Blick des kalten Auges auf ſie richtend, nach einigen Schritten:„Sie kennen die Angelegenheiten, welche den Prinzen Bernhard gegenwärtig in M. feſſeln?“ Da hatte Marie auch die letzte Schwäche plötzlich überwunden— hier durfte ſie nicht zurückweichen, nicht unterliegen. Der Ausdruck von Ermüdung war ver⸗ ſchwunden, ihre Augen blickten, trotz der auch jetzt in ihnen träumenden Melancholie, freier und auf den Wangen zeigte ſich ein warmes Roth. Selbſt ihre Stimme hatte den wunderbar lieblichen, melodiſchen Klang wiedergefunden, als ſie ſanft erwiderte:„Kö⸗ nigliche Hoheit, nein. Der Prinz hat mir keine be⸗ ſondern Mittheilungen gemacht.“ Die Prinzeſſin ſchaute ſie durchdringend an.„Und Ihre eigenen Ahnungen, Frau Baronin?“ „Königliche Hoheit, was können Ahnungen in Frage kommen, wo nur die volle Wahrheit und die klare Einſicht für den Prinzen und mich von Bedeu⸗ tung ſein können?“ „Frau Baronin, täuſchen Sie mich und ſich nicht“, 187 ſagte die Fürſtin mit einem Anklange von Ungeduld. „Dieſe Einſicht kann Ihnen nicht fehlen, wie ſie dem Prinzen nicht fehlt. Prinz Bernhard konnte ſich, wenn auch damals ſchon mit Unrecht, allenfalls über die Verhältniſſe hinwegſetzen, welche ſich ſeiner Verbindung mit Ihnen entgegenſtellten. Seitdem er aber aus einem nachgeborenen Prinzen zum Haupt ſeines Stammes wurde, mußten dieſe Verhältniſſe mächtiger werden als er und ſeine perſönliche Neigung, und jetzt, wo er vom Fürſten zum Nachfolger deſignirt iſt und vielleicht ſchon dem⸗ nächſt den Thron einzunehmen hat, kann ſeine Ent⸗ ſcheidung keine zweifelhafte ſein, wie ſie es denn auch nicht iſt. Sie ſehen, ich rede offen mit Ihnen“, fügte die Prinzeſſin mit feſtem Blick auf ihre ſchweigende Begleiterin hinzu.„Ich habe Vertrauen zu Ihrer Ein⸗ ſicht, zu Ihrer Kraft und auch zu Ihrer Liebe für den Prinzen. Ich erwarte dieſe Offenheit aber auch von Ihnen, ja ich beanſpruche ſie auch im Namen des Prinzen, dem es um die ſchonendſte Löſung unglückli⸗ cher Bande zu thun iſt. Daß Sie auf einen ähnlichen Ausgang vorbereitet ſein müſſen, glaube ich aus Ach⸗ tung vor Ihrer Einſicht, und ebenſo, daß Ihr Ent⸗ ſchluß für den äußerſten Fall gefaßt iſt. Derſelbe wird hoffentlich ein glücklicher ſein“, fügte ſie nach ſe⸗ kundenlangem Zögern hinzu.„Laſſen Sie ihn durch mich an den Prinzen gelangen und erleichtern Sie ihm und ſich das unvermeidliche Ende.“ Die Baronin erhob die bisher geſenkten Augen, und der Blick dieſer dunkeln Sterne ſchien ſelbſt auf die hohe Frau einen gewiſſen Eindruck zu machen, es zuckte zum mindeſten flüchtig in den ſtolzen Zügen und ihre Wangen wurden, wenn auch nur um einen Grad, röther.„Königliche Hoheit“, ſprach Marie dann mit einer ruhigen Würde, welche die Zürſtin ſichtbar von neuem überraſchte,„wie könnte ich einen Entſchluß zu faſſen oder gar auszuſprechen und eine Antwort zu geben wagen, bevor der Prinz mir ſeinen Willen und ſeine Gründe erklärt und meine Antwort verlangt hat?“ Die Prinzeſſin ſah die junge Frau hochmüthig von oben bis unten an und drehte dann kurz um, gegen die übrige Geſellſchaft zurück.„Ausflüchte, Madame!“ ſagte ſie dabei hart.„Die entſcheidenden Gründe— in die andern miſche ich mich nicht— können nur in des Prinzen neuer Stellung liegen.“ „Dann, Königliche Hoheit“, verſetzte Marie blaß und ruhig und mit unbewegter Stimme,„wäre meine Antwort freilich eine gegebene: wenn der Prinz ſich ſelber von ſeinem gegebenen Wort freiſpricht, kann auch ich ihm daſſelbe nur zurückgeben.“ 189 Die Prinzeſſin blieb ſtehen und zog die Brauen zuſammen.„Was bedeutet dieſe kindiſche Aeußerung?“ fragte ſie ſcharf. Und mit einer tiefen Verneigung zurücktretend, rentgegnete Marie wie vorhin:„Darüber muß ich ddie Entſcheidung dem Prinzen überlaſſen, Königliche 1 Hoheit.“ Achtes Kapitel. Wieder daheim. Es dürfte wenig Städte in Deutſchland geben, welche ſich im Lauf von zwölf bis fünfzehn Jahren ſo ganz anßerordentlich verändert hätten wie der Ort, wo wir vordem die erſte Bekanntſchaft mit dem Or⸗ ganiſten und ſeiner reichbegabten, ſchönen Tochter machten. Wie das ſo gekommen war und hatte kom⸗ men müſſen, haben wir hier nicht weiter zu erörtern. Es genügt vielmehr, wenn wir anführen, daß die Stadt im Laufe der vierziger Jahre und, nach dem kurzen Rückſchlag der unruhvollen Zeit, auch zu An⸗ fang der fünfziger reißend ſchnell vorgeſchritten, von einem gewerbthätigen und wohlhabenden zu einem Hauptfabrik⸗ und Handelsplatz geworden war und von — = Jahr zu Jahr äußerlich ſo gut wie innerlich, hätte man ſagen mögen, weniger an die graue und ehr⸗ würdige, ein bischen altväteriſche Hanſeſtadt erinnerte, die ſie vordem geweſen und deren Charakter ſie Jahr⸗ hunderte lang unverändert bewahrt hatte. Die Zahl der Einwohner, die vordem merkwürdig conſtant geblieben, hatte ſich in dieſer Zeit nahezu verdoppelt und hob den Platz faſt über diejenigen mittlerer Größe ſchon hinaus. Die Ausdehnung der neuentſtandenen Quartiere übertraf beinahe den ganzen Raum, der vordem für die Bevölkerung nicht blos genügt, ſondern auch für ihre Vermehrung noch Platz genug gewährt hatte, und während man im Jahre 1840 die erſte Schnellpoſt und den erſten Fabrikſchorn⸗ ſtein wie ſtaunenswerthe Wunder betrachtete, ſchaute fünfzehn Jahre ſpäter kein Auge mehr nach den Gruppen und Reihen ähnlicher Bauwerke, die ſich hier und da zeigten, noch horchte ein Ohr nach dem grellen Pfiff der Locomotiven, welche zu und von dieſem Knoten⸗ punkt verſchiedener Bahnen ei einen Zug nach dem an⸗ dern beförderten. Das Innere der alten Stadt war von dieſem Sturm der Zeit nicht verſchont worden; krumme und enge Straßen waren nach Möglichkeit gerade und breit gemacht, Durchbrüche zeigten ſich überall, den Verkehr 192 erleichternd; die Gärten hinter den Häuſern verſchwanden, die großen Höfe wurden überbaut und neue, helle, drei⸗ und vierſtöckige Häuſer von höchſt zweifelhafter Archi⸗ tektur erſetzten mehr und mehr die alten dunkeln, ſchweren und ſtolzen Giebel. Das wurde faſt am bemerklichſten in jener Gegend, welche vordem, wie überall in ſolchen alten Städten, am wenigſten von ähnlichen Neuerungen heimgeſucht worden war: am ſogenannten Domplatz. Die Häuſer, welche früher hier geſtanden, datirten ſchier ausnahms⸗ los aus einer Zeit, welche von der jetzigen durch Jahr⸗ hunderte getrennt war, und von einem wirklichen Neu⸗ bau oder einer ſonſtigen nennenswerthen Veränderung hatte während der letzten Generationen Niemand etwas zu ſehen bekommen. Da brach über Deutſchland das „Domfieber“ herein— wir wollen das Wort durch⸗ aus nicht in ſpöttiſchem Sinne geſagt haben— das heißt jene Zeit, wo man plötzlich aufmerkſamer auf die lange vernachläſſigten, ja mißachteten ſchönen alten Kirchen wurde, ſich ſolcher Schätze zu freuen, zu reſtauriren und zu ſäubern begann, und man entdeckte mit einem Mal, daß die Liebfrauenkirche, gemeiniglich der Dom ge⸗ heißen, aus der Zeit der höchſten Kunſtblüte ſtamme und mit Fug und Recht einen Platz in der Reihe der berühmten deutſchen Kirchen beanſpruchen könne. Da 193 Da ſorgte man denn nach Kräften für dies ehrwür⸗ dige Denkmal alter deutſcher Kunſt und deutſchen Geiſtes. Man verſchaffte ihm durch Ab⸗ und Durch⸗ brüche in der nächſten Umgebung mehr Luft und Licht, aals er ſein Leben lang genoſſen; man gab dem Platz ein Pflaſter, das keinen Beſucher mehr zurückſchreckte; man begünſtigte den Aus⸗ und Umbau der Häuſer umher, die allerdings zum größten Theil entweder in ſehr bedenklichen Zuſtänden oder durch vielfaches Flick⸗ werk allmälig häßlich geworden waren, und man er⸗ hielt gewiſſenhaft die paar alten Bauwerke, welche neben dem Dom angeſehen zu werden verdienten, nicht ſo alt wie er und nicht ſo ſchön, aber immerhin Denkmäler einer längſt entſchwundenen Zeit. Ein ſolches war das große Haus des Dompfarrers mit den beiden prachtvollen, uralten Linden vor der Thür und ein anderes das graue Häuschen des Or⸗ ganiſten, hart neben dem Dom, mit ſeiner tiefgewölbten Thür und den kleinen Fenſtern, die ſo ausſahen, als ob ſie die gewaltigen Mauern kaum zu durchbrechen vermöchten. Beide traten um ſo ernſter aus ihrer Um⸗ gebung hervor, als ſich dieſe, wiederholentlich geſagt, bedeutend moderniſirt hatte. Da zeigten ſich Häuſer des neuſten Schlags mit Balkonen und Erkern; da präſentirten ſich Läden mit gewaltigen Schaufenſtern, Hoefer, Zur linken Hand. 13 — — 194 und ganz nahe bei der alten Cantorei erhob ſich ſo⸗ gar ein großer Gaſthof—„Domhotel“. Es iſt indeſſen Alles wandelbar, zumal der Enthu⸗ ſiasmus hier und der Geſchmack dort, und beſonders in der neuern Zeit vollziehen die Wandlungen ſich viel raſcher als jemals früher. Das Domfieber hatte, zum wenigſten in unſerer guten Stadt, längſt ſchon ſeine erſte Stärke verloren und einer verhältniß⸗ mäßigen Abſpannung und Nüchternheit Platz gemacht. Gethan hatte man für den Dom und ſeine Umgebung, was nur möglich war, bewundert hatte man den erſtern gleichfalls nach Kräften und hielt ihn noch immer hoch und werth und freute ſich, daß nicht leicht ein gebildeter Fremder die Stadt verließ, ohne den gewaltigen Bau angeſtaunt zu haben. Dagegen machten die Ladenbeſitzer die Erfahrung, daß die Lage dennoch keine allzu günſtige ſei; der Gaſthof machte Alles, nur keine brillanten Geſchäfte, und die Bewohner der neuen Häuſer erkannten ſo gut wie die durchpaſſirenden Frem⸗ den, daß die Gegend trotz alledem und alledem eine ziem⸗ lich„triſte“ ſei, daß es mit Licht und Luft, wie im Mittelpunkt der Stadt freilich kaum anders zu er⸗ warten, ungeachtet aller Neubauten und Durchbrüche ein eigen Ding, und ſchließlich, daß alle derartigen Mängel am Ende durch die Schönheit des alten Wunder⸗ 195 baus doch nicht ausgeglichen würden. Die Bevölke⸗ rung, welche vordem gerade hier eine außerordentlich conſtante geweſen, wechſelte daher neuerdings unauf⸗ hörlich; die Leute, welche die meiſtens ſehr theuern Wohnungen bezahlen konnten, machten die Entdeckung, daß ſie für das gleiche Geld überall anderwärts an⸗ genehmer und vortheilhafter hauſen mochten, und es kam ſo weit, daß man beim Beginn jedes Quartals viel mehr unbekannte als bekannte Geſichter aus den Fenſtern blicken ſah. Von denjenigen, welche vor zwölf, ja noch vor zehn Jahren ſo zu ſagen auf dem Erbe ihrer Väter gehauſt, lebte vermuthlich nicht ein Menſch mehr in dieſer Gegend. Dies fand auch auf die beiden alten Häuſer ſeine Anwendung, deren wir vorhin gedacht haben. Der vieljährige greiſe Dompfarrer von Anno 40 war längſt zu ſeinen Vorgängern verſammelt und hatle ſchon mehr als einen Nachfolger gehabt. Und noch häufiger hatten nach dem Tode des alten Johann Sebaſtian Kettenbrink die Organiſten gewechſelt, denn die Stelle war noch nach den Anforderungen der frühern Zeit, das heißt ſehr mäßig dotirt, ſodaß man es Niemand übel nehmen konnte, daß er ſich anderwärts zu verbeſſern ſuchte. Erſt neuerdings, ſeit die Beſoldung zeitgemäß erhöht, ja ſogar nach dem 13* f 3 Künſtlerruf des Angeſtellten bemeſſen worden war— man mußte doch auch in dieſer Beziehung dem Pracht⸗ bau und ſeiner Prachtorgel ihr Recht anthun— durfte man hoffen, für längere Jahre verſorgt zu ſein. Der neue Organiſt war eine wirkliche Berühmtheit in ſei⸗ nem Fach und, was noch beſſer, ein Mann, der nicht nur die rechte Liebe zu ſeiner Kunſt hatte, ſondern auch den ihm hier eröffneten Wirkungskreis zu würdigen verſtand.— In der alten düſtern, kleinen Cantorei wohnte er allerdings nicht, dazu war er zu elegant und zu ſehr Mann der Geſellſchaft. Er vermiethete mit Er⸗ laubniß ſeiner Vorgeſetzten das ſtille Neſt und ver⸗ wandte das Miethsgeld zur Bezahlung der großen, ſchönen, heitern Wohnung, welche er ſich im vor⸗ nehmſten Theil der Neuſtadt einrichtete. Zu der Zeit, in welcher wir uns befinden, das heißt, in der Mitte der fünfziger Jahre, wurde das kleine Haus von einer allein ſtehenden, noch jugend⸗ lichen Dame mit ihrer ziemlich viel ältern Dienerin bewohnt— ſchon ſeit Jahr und Tag. Sie hieß ſimpel genug Frau Marie Maier, ein Name, aus dem ſich freilich ſo gut wie gar nichts machen, noch deuten oder errathen läßt. Und ſo wußte man von ihr denn außer dieſem deutungsloſen Namen auch nichts, als daß der 197 alte Commerzienrath Löhnde die Wohnung für ſie be⸗ ſorgt hatte, vermuthlich, weil ſie in beſchränkten Um⸗ ſtänden zu ſein und ſo ſtill wie möglich leben zu wollen ſchien, und daß er und ſeine Gattin die einzigen Bekannten ſein dürften, welche ſie in der Stadt ge⸗ funden habe. Daß dieſe ſtille, ernſte, anſpruchsloſe Frau jenes wunderbar ſchöne und wunderbar begabte Mädchen geweſen ſein könne, welches in dieſem Häuschen groß und aus ihm, ganz märchenhaft, von einem Prinzen entführt worden war, davon hatte Niemand in dieſer Gegend, vielleicht kein Menſch außer Löhndes und einigen ihrer alten Freunde, eine Ahnung. Denn, um es zu wiederholen, von den frühern Bewohnern hauſte gegenwärtig am Domplatz nicht einer mehr, und es ließ ſich kaum erwarten, daß irgend Jemand, welcher der Dame in andern Stadtgegenden begegnete, ſie aufmerkſam genug betrachtete, um in ihr die längſt vergeſſene und verſchollene Tochter des alten Organi⸗ ſten Kettenbrink zu erkennen. Man hatte ſeinerzeit ſich freilich des Todes über das„Glück“ verwundert, das das Mädchen gemacht; dann aber erfuhr man in dieſen Regionen kaum jemals wieder etwas von ihr. Das Intereſſe für Hofnachrichten nahm in dieſen Jahren bekanntlich außerordentlich ſchnell ab, und die 198 Gemahlin zur linken Hand des Prinzen Bernhard, war für die officiellen und officiöſen Zeitungen eine zu unbedeutende Perſönlichkeit, als daß man viel über ſie hätte reden ſollen. Selbſt von der Trennung der Ehe wurde ſchwerlich irgendwo etwas berichtet, ſei es aus Gleichgültigkeit, ſei es aus Rückſicht gegen den Prinzen und ſein hohes Haus, dem es ernſtlich darum zu thun ſein mußte, daß die„fatale“ Geſchichte todt ge⸗ ſchwiegen und vergeſſen wurde. Denn fatal war ſie für den Prinzen im alltäg⸗ lichen wie im eigentlichen Sinne des Worts. Am Abend des Tages, an welchem die Prinzeſſin Helene in ſo wenig rückſichtsvoller Weiſe auf dem Rothen⸗ ſtein aufgetreten war, wurde das Schloß von der Mehrzahl ſeiner Bewohner bereits geräumt. Marie ſiedelte von dem ihr theuer gewordenen Platz nach einem Gute der Frau von Welden über, das nicht allzu ent⸗ fernt war und von der tretflichen Frau ihr zur Dispo⸗ ſition geſtellt wurde. Denn mit Stolz und Härte, wie ſie in ſolcher Schärfe nur dies einzige Mal in ihrem Janzen Leben an ihr beobachtet wurden, erklärte die Baronin, daß ſie nicht eine Stunde an einem Platz ver⸗ weilen wolle, deſſen Eigenthum von einem Andern in ſo entſchiedener Weiſe beanſprucht worden ſei. Man merkte es wohl, die Rückſichtsloſigkeit, welche die Ab⸗ 199 tretung des Rothenſtein hinter dem Rücken der Gattin verrieth, drang ihr ſo zu ſagen ins Leben und machte den Riß zwiſchen ihr und dem Prinzen vollends zu einem unheilbarem. An demſelben Abend gingen zwei Briefe an den Prinzen ab, welche ihm das Vorgefallene mittheilten, das Beſchloſſene ankündigten und eine beſtimmte Er⸗ klärung ſeiner Willensmeinung verlangten. Der eine, von Herrn von Hallbrunn, faßte dies Alles auf das kürzeſte zuſammen und ſetzte gewiſſermaßen voraus, daß die erwartete Erklärung der ſchwer und unwürdig ver⸗ letzten Frau, um des Prinzen ſelber willen, eine glän⸗ zende Genugthuung geben werde. Es ließ ſich annehmen, daß dieſer Brief, von dem ſelbſt Frau von Welden und der Sanitätsrath nichts erfuhren, vom Prinzen mit zorniger Verachtung auf die Seite geworfen wurde. Er erhielt zum mindeſten niemals eine Antwort. Um den zweiten Brief, der von Frau von Welden geſchrieben wurde, ſtand es anders. Die Dame ſprach ſich mit einer Freimüthigkeit über das Vorgefallene und über dasjenige aus, was vom Prinzen gefehlt worden und nothwendig in irgend einer Weiſe wieder gut gemacht werden müſſe, die einen um ſo tiefern Eindruck machte, als Frau von Welden ſich ſeither, wie wir wiſſen, auf das zurückhaltendſte zu den Perſonen 200 und Verhältniſſen geſtellt hatte, und als Prinz Bernhard ſehr wohl wußte, daß ſie durch ihre alten Verbindungen mit mehr als einem der kleinen Nachbarhöfe eine Geg⸗ nerin ſei, die unter Umſtänden ſelbſt für eine Hoheit gefährlich werden konnte. Der Prinz lenkte gewiſſermaßen— ob in Wahr⸗ heit oder nur dem Scheine nach, blieb wie immer in ſolchen Fällen zweifelhaft— ein. Er erklärte, daß eine Abtretung des Rothenſtein unter all den übrigen hoch⸗ wichtigen Verhandlungen bisher gar nicht wieder zur Sprache gekommen ſei und die Angabe der Prinzeſſin auf einem Mißverſtändniß beruhen müſſe. Ein ſolches könne nur durch den Grafen Leuen verſchuldet ſein und er werde denſelben zur Rechenſchaft dafür ziehen, nicht raſtend, bis er die genügendſte Aufklärung erhalten habe. Ueber den Beſuch der Prinzeß Helene auf dem Rothenſtein und über ihr Auftreten daſelbſt fiel er aus den Wolken. Er habe keine Ahnung davon gehabt, geſchweige denn ſeine Einwilligung dazu gegeben. Er äußerte ſich mit dem lebhafteſten Verdruß über dieſe Einmiſchung in das„unglückſelige“ Verhältniß zwiſchen ihm und der Baronin, da er nicht nur die Einſicht, ſondern auch den Willen habe, daß daſſelbe nur mit der größten Zartheit und nur zwiſchen ihnen beiden geordnet werden könne. Hieran ſchloß er eine ſoge⸗ 201 nannte offene Erklärung über ſeine Stellung zu der Gattin und über die Veränderung, welche nothwendig zu werden ſcheine. Er müſſe zu ſeinem Schmerz bekennen, daß die innere Harmonie, welche die Verbindung zu einer ſo glücklichen gemacht, ſeit längerer Zeit ſchon einer zunehmenden Entfremdung gewichen ſei und damit nicht nur ihre innere und äußere Berechtigung, ſondern auch die Möglichkeit des Weiterbeſtehens verloren habe. Sie habe enden müſſen, auch ohne die politiſchen Gründe, welche gegenwärtig allerdings ihre Auflöſuug verlangen und dieſelbe ſchneller herbeiführen dürften, als er es vorausgeſetzt, gefürchtet habe. Von welcher Seite die Entfremdung ausgegangen und verſchuldet worden, wolle er nicht unterſuchen. Sein Schmerz über ein ſolches Ende des Glücks ſei ohnehin ſchon bitter genug und ſo ſchwer, daß er vom Rothenſtein habe fliehen müſſen, um ſeiner Meiſter und in der Stille mit ſich einig zu werden über das, was für ihn und die Baronin übrig bleibe. Unter dieſen Umſtänden müſſe er die plötzlich an ihn herantretenden Staats⸗ intereſſen gewiſſermaßen ſegnen. Sie machten den Schluß, den er ohne ſie kaum zu finden vermocht haben würde, zu einem nothwendigen und unvermeidlichen, und die gleiche Wirkung erwarte er von ihnen auch auf die Baronin. Einen Widerſtand von dieſer fürchte er um 202 ſo weniger, als ſie zu derſelben Einſicht gelangt ſein müſſe wie er ſelber, und obendrein alle Einwendungen nutzlos ſein würden. Ueber die Freiheit, welche er ihr einräumte, über die Ordnung ihrer Verhältniſſe ſprach er ſich mit hervorgehobener Liberalität aus. Und nach⸗ dem er gewiſſe„unheilvolle“ Einflüſſe beklagt hatte, die trotz ſeiner Vorſicht ſich von jeher bei Marien gegen ihn geltend gemacht und in der letzten Zeit an Stärke gewonnen hätten, ſchloß er mit der Hoffnung, daß Frau von Welden's Einſicht und Erfahrung ſowie ihre erprobte Treue gegen ſeine Familie und ihn ſelbſt ſich auch in dieſer unglückſeligen Lage bewähren und für alle zu den günſtigſten Folgen führen würden. Es erging Frau von Welden mit dieſem Brief, wie es dem Leſer ergehen wird: der Fortgang und Schluß deſſelben entſprach dem Eingang wenig, und der begü⸗ tigende Eindruck des letztern wurde alsbald durch den⸗ jenigen aufgehoben, den der Reſt des Briefes oder viel⸗ mehr der Haupttheil deſſelben hervorbringen mußte. Frau von Welden fand ſich zu keiner Bundesgenoſſen⸗ ſchaft mit dem Prinzen veranlaßt, ſondern ſtand im Gegentheil entſchiedener als je zu der, wie ſie es offen ausſprach, mißhandelten Frau, die mit einer Rückſichtsloſigkeit geopfert wurde, welche in Wirklichkeit auch nicht den leiſeſten Verſuch machte, für ihr Verfahren 203 nach einer Entſchuldigung oder Beſchönigung zu ſuchen. Sie hatte nicht umſonſt die vergangenen Jahre mit dem Paare zuſammengelebt und beide auf das genauſte beobachtet. Und ſie hatte die Genugthuung, daß ihrem Urtheil gerade von jener Seite zugeſtimmt wurde, welche man in der großen Welt freilich leicht, aber ſtets zu ſeinem Schaden unterſchätzt; das waren die alten, in der fürſtlichen Familie grau gewordenen Diener, die der Baronin treu bleiben zu wollen erklärten und um ihretwillen ohne Bedenken ihre bisherige, um Vieles ſichrere Stellung aufgaben. Es traf ſich für den Prinzen unglücklich, daß zu dieſer Zeit in der Badegeſellſchaft in Bechnau die bereits erwähnten Gerüchte und Verleumdungen über ein zwiſchen der Baronin und Herrn von Hallbrunn beſtehendes Verhältniß von neuem und in viel beſtimm⸗ terer Weiſe auftauchten als bei dem ſerſten Anlauf. Sie lenkten die allgemeine Aufmerkſamkeit in einem Grade auf den traurigen Fall, von dem unter andern Umſtänden ſchwerlich die Rede geweſen ſein würde, und es konnte bei der Frechheit und Nacktheit der Beſchuldigungen um ſo weniger an einer ebenſo ent⸗ ſchiedenen Vertheidigung und der ſtrengſten Verurthei⸗ lung des Prinzen und ſeines Verfahrens fehlen, als die Baronin ſich in der ganzen Umgegend ſehr viel 204 Verehrung und Liebe erworben hatte und auch Herr von Hallbrunn von ſeinem frühern wie von ſeinem jetzigen Aufenthalt her der ungetheilteſten Achtung ge⸗ noß. Es kam dazu, daß die Verleumdungen allzu nackt und allzu maßlos waren, um nicht den Eindruck zu machen, daß ſie mit Abſicht aufgebracht worden ſeien und verbreitet würden, und ihre Gehäſſigkeit führte nur allzu ſchnell und allzu begreiflich auf den Verdacht, daß ihre Quelle in der Umgebung des Prinzen, wo nicht bei ihm ſelber zu ſuchen ſei. Nach Gründen für eine ſolche Annahme brauchte man nicht lange umher zu rathen. Wenn man vorausſetzte, daß der Prinz die unbequeme Frau unter allen Umſtänden los zu werden wünſchte, ohne dennoch die Staatsraiſon in den Vordergrund zu ſtellen, welche bei dem Publikum ihren Nimbus von Tag zu Tag mehr verlor, ſo lagen ſie auf der Hand. Und als ob auch der letzte Zweifel ſchwinden ſollte, erfuhr man, daß jener unwürdige Auftrag des Secretärs, von dem Silbermann ſprach, auch noch einem andern, weniger discreten Diener gegeben worden ſei. Dazu ſtand der Secretär nach⸗ weisbar mit Herrn von Siebmann und ſeiner Gattin in einer gewiſſen Verbindung, und man brauchte nicht lange umher zu horchen, um zu bemerken, daß es der um dies noch immer anweſende Paar verſammelte Kreis war, in und von welchem jene Gerüchte am lebhafteſten beſchwatzt, am hohnvollſten betont, am eifrigſten verbreitet wurden. Für die Willkürlichkeit und reine Nichtswürdig⸗ keit der Gerüchte ſprach endlich auch ihr plötzliches feiges Verſtummen, als Hallbrunn auf des Sanitäts⸗ rathes Ruf noch einmal in Bechnau erſchien und den ſchlechten Gegnern feſt entgegentrat. Herr von Sieb⸗ mann mit Gemahlin reiſte ſchleunigſt ab, und ſein Kreis flatterte auseinander, wie eine Schaar Krähen, die man von ihrem Mahle aufjagt und die ſich kräch⸗ zend in die Ferne verlieren. Und nicht ſchwerer als hier ſchien dem Hauptmann ſein Einſchreiten auch in der Reſidenz zu werden, wo er den Prinzen ſelber aufſuchte. Es war ſeltſam, daß ſelbſt die Wenigen, welche von dieſem Beſuch und ſeiner Veranlaſſung erfuhren, die ein paar Tage ſpäter erfolgende Entlaſſung des Secretärs auf einen andern Grund zurückführten. Man flüſterte ſich in dieſem Kreiſe etwas von einer Bemerkung des alten Fürſten gegen den Prinzen zu, welche gleichfalls ſeine— ſagen wir: häuslichen Ver⸗ hältniſſe berührte.„Was ſind denn das für jämmer⸗ liche Intriguen gegen Ihre Frau?“ ſollte Sereniſſimus verdrießlich geſagt haben.„Wozu bedarf's derſelben, wenn Eure Hoheit entſchloſſen ſind, die Dame los zu werden? Sie thun Ihnen nur Schaden, kann ich Ihnen ſagen, denn der Ruf Ihrer Frau iſt der beſte. Ich muß das wiſſen. Denn die Dame, welche ein Mitglied meiner Familie zu einer ſolchen Verbindung vermochte, verdiente meine Aufmerkſamkeit, und ich habe niemals etwas Anderes als Gutes von ihr ge⸗ hört.“ Die Verleumdungen verſtummten, die Gerüchte verſchwanden— ein neues Zeichen, wie ſchlecht der Grund, aus dem ſie künſtlich hervorgetrieben worden. In die eigentliche Oeffentlichkeit war von dieſem Allem bisher nur wenig gedrungen, und jetzt wurde es ganz ſtill. Das Scheidungsverfahren wider den Prinzen Bernhard und die Baronin Kettenburg nahm ſeinen Anfang und ſchien um ſo raſcher und einfacher ver⸗ laufen zu müſſen, als von Mariens Seite keinerlei Einwendung erfolgte. Sie ſprach in ihrer Antwort auf die Anzeige den Prinzen von allen Verpflichtungen gegen ſie frei und überließ die Ordnung aller Ange⸗ legenheiten und Verhältniſſe ſeiner Beſtimmung. Nur in einem Punkte zeigte ſie einen eigenen Willen: die ihr auszuſetzende Rente wies ſie mit voller Entſchie⸗ denheit zurück. Das Vermögen, welches ihr ihre Aeltern 207 hinterlaſſen, genüge für ihre Bedürfniſſe, lautete ihre Erklärung. Zu einer weitern Auseinanderſetzung ließ ſie ſich weder gegen den Gerichtshof noch gegen ihre Freunde herbei, und die Vorſtellungen der letztern, welche eine ſolche, ſei es Gleichgültigkeit, ſei es Groß⸗ muth bedenklich fanden, blieben umſonſt. Auf den Prinzen ſchien dieſer Entſchluß einen geradezu alarmirenden Eindruck gemacht zu haben. Der Brief, den Frau von Welden umgehend von ihm darüber erhielt, äußerte mit der höchſten Gereiztheit, daß er in dieſer Erklärung nur die Abſicht der Ba⸗ ronin und— ſo drückte er ſich aus— ihrer Helfers⸗ helfer entdecken könne, ihn zu beleidigen und in den Augen Leichtgläubiger herabzuſetzen. Für eine ſolche Abſicht ſpreche auch die takt⸗ und gefühlloſe Erwäh⸗ nung eines ſogenannten Ehrenworts, von der er er⸗ fahren habe, die Phantaſie eines ſchwachen und zu⸗ gleich confuſen Kopfes, die für ihn keinerlei Bedeutung habe. Unter dieſen Umſtänden müſſe er jeden Zuſam⸗ menhang zwiſchen der Baronin und ihm für aufge⸗ hoben erklären und ſtreiche die Jahre der Vereinigung mit ihr und die Erinnerung an dieſelben aus ſeinem Leben, jede Schuld feierlich von ſich weiſend. Frau von Welden ließ das Alles gut ſein. Der Charakter des Herrn erſchien ihr in einem immer 208 zweifelhaftern Licht und ſie begann ſich zu fragen, wie es möglich geworden, daß ſeine Verbindung mit Marien trotzdem ſo lange habe beſtehen können und jahrelang eine verhältnißmäßig glückliche geweſen ſei. Sie ihrerſeits wünſchte der Frau Glück, die, hoffentlich nicht zu ſpät für ihr eigenes inneres Glück, aus ſol⸗ chen Banden erlöſt wurde. Sie beantwortete den Brief nicht. Seine Drohung, wenn es eine ſolche war, führte der Prinz aus— es gelangte von ihm aus ſo zu ſagen auch nicht das leiſeſte Lebenszeichen mehr an ſeine frühere Frau oder die Ihren. Und was das Seltſamſte war: ſelbſt von dem Scheidungsſpruch, der doch längſt erfolgt ſein mußte, kam keinerlei Mitthei⸗ lung an die Baronin— einen beſondern Geſchä ts⸗ führer hatte ſie niemals für ſich verlangt, ſondern die erſte Eröffnung des Gerichtshofs ſelber in der oben angegebenen Weiſe ausreichend beantwortet. Es be⸗ durfte in ihrem Gefühl keines Rechtsſpruchs mehr, nachdem die Scheidung ſich ſchon im Innern beider Gatten vollzogen hatte, und aus einem ähnlichen Grunde ließen auch ihre Freunde ſpäter Alles auf ſich beruhen; die Freiheit, welche Marie für ſich und ihre Zukunft in Anſpruch nahm, hatte ſie mit oder ohne Wahrſpruch des Gerichts. 209 Von dem Prinzen erfuhr man aber auch ſonſt— ſagen wir einmal: weder in der großen noch in der kleinen Oeffentlichkeit viel, am wenigſten aber etwas für ihn Erfreuliches. Es ſchien ihm wenig nach Wunſch und Erwartung zu gelingen. Der alte Fürſt lebte noch immer in womöglich größerer Rüſtigkeit als vor⸗ dem. Seine Stellung zu dem erwählten Nachfolger war die kälteſte von der Welt, und der Titel als Erbprinz und die Ausſicht in eine beſſere Zukunft bildeten die einzigen Vortheile für Bernhard, welche aus jenen geheimnißvollen Unterhandlungen hervorge⸗ gangen waren. Ja, ſelbſt ſie blieben dem Anſchein nach nicht unbeeinträchtigt. Man konnte, wenn man nur hören wollte, leicht genug erfahren, daß man an dem die Erbfolge beanſpruchenden Nachbarhof die alten Hoff⸗ nungen durchaus nicht aufgegeben habe, und es war kein Geheimniß, daß man auch an andern, einfluß⸗ reichern Höfen verzweifelt wenig Sympathien für den Prinzen Bernhard hege. Man wußte oder argwöhnte vielmehr, daß er ziemlich freiſinnig denke und aller Wahrſcheinlichkeit nach dereinſt in die Fußtapfen ſeines hartnäckigen und eigenſinnigen Vorgängers zu treten verſuchen werde, eine Möglichkeit, welche den ganzen Grimm der Reaction erregte und dieſelbe alle Hebel anſetzen ließ, um ſie zu einer Unmöglichkeit zu machen. Hoefer, Zur linken Hand. 14 Die Gerüchte, welche eine Verbindung zwiſchen dem Prinzen und der Prinzeß Helene in Ausſicht ge⸗ ſtellt, zeigten ſich als grundlos. Ob ſie dies ſtets ge⸗ weſen, oder ob der wirklich vorhandene Vorſatz nur nicht zur Ausführung gelangt war, blieb unbekannt. Von einer fortgeſetzten Thätigkeit der hohen Frau für den Jugendgeliebten wurde nichts mehr ſichtbar, die Zeichen ihrer Einigkeit verſchwanden, der Austauſch der beiden Schlöſſer fand, ſoweit man davon erfuhr, nicht ſtatt, der Rothenſtein lag einſam und unbewohnt auf ſeiner Höhe. Nach Jahr und Tag heirathete die Prinzeſſin in eins der älteſten fürſtlichen Häuſer. Prinz Bernhard blieb unvermählt. Marie vernahm von allen dieſen Dingen weniger als irgend ein Anderer und vom Prinzen drang nicht eine Silbe, nicht ein Laut in ihre Einſamkeit. Sie hatte ein paar Jahre lang in tiefſter Zurückgezogenheit in dem Aſyl gelebt, das Frau von Welden ihr groß⸗ herzig eröffnete, und erſt als dieſe alte Getreue einer ſchweren Krankheit erlag, gab ſie den Bitten der Com⸗ merzienräthin nach und ſiedelte in die Jugendheimat über. Da lebte ſie, wie zuvor, ganz einſam und ſelbſt im engen Kreiſe der alten Freunde ein ſeltener Gaſt, in ihrer ſtillen, friedlichen und ſanften Weiſe weiter, abgetrennt anſcheinend von ihrem ganzen vergangenen 211 Leben. Wie und ob ſie in ihrem Innern noch mit demſelben zuſammenhing, wie und ob ſie an ihr Glück und an ihr Leid, an den Mann dachte, der ſie ſo leicht und ſo vollſtändig aufgegeben hatte, das wurde den Ihren nicht klar. Wo ſich einmal eine Erinnerung an jene Zeit und jene Zuſtände zufällig aufthat, lehnte ſie dieſelbe, wenn auch in der mildeſten Weiſe, doch mit voller Entſchiedenheit von ſich ab. Und ſelbſt Mamſell Roſa, die noch immer getreu bei ihr aushielt, konnte über dieſen Punkt keine Auskunft geben. Neuntes Kapitel. Der Ring im Becher. Eines Tages im September kam nachmittags der Rath in die Cantorei, wie das Gebäude noch immer genannt wurde. Es war ein grauer Tag wie vor fünf Jahren auf dem Rothenſtein und mochte ungefähr ſo⸗ gar jährig ſein. Eins von den ſogenannten heimziehen⸗ den Gewittern war gleichfalls über die Stadt gerathen und zum Ausbruch gekommen, ſo plötzlich und heftig, daß es ein allgemeines Flüchten durch die Straßen gegeben hatte. Und nun war der Abend wundervoll mild und erquickend und ſelbſt das gedämpfte Licht des mit Wolken bedeckten Himmels, das hier im Schat⸗ ten der großen Kirche faſt ſchon zur Dämmerung wurde, that den wieder aufathmenden Menſchen wohl. Der Rath war kein häufiger Gaſt in der Cantorei, 213 denn die Abende, welche ſeine einzige freie Zeit bildeten, hatte der früh Verwittwete ſich längſt gewöhnt, im Hauſe des Commerzienraths zuzubringen. Und obgleich er inzwiſchen zum alten Manne geworden war, kam dem geliebten Pfleglinge gegenüber, als welcher Marie in die⸗ ſem engſten Kreiſe ſeit ihrer Heimkehr mehr denn je galt, die Rückſicht dazu, die der armen Frau jede beſondere Auf⸗ merkſamkeit, jede Neugierde und all die überflüſſigen Reden und Blicke einer gelangweilten Nachbarſchaft erſparen wollte; die einſame und ſtille Dame in dem alten Hauſe, von der man ſo wenig ſah und ſo gar nichts hörte, war dieſer Nachbarſchaft ohnehin gewiſſer⸗ maßen ein Dorn im Auge, und die letztere würde ent⸗ zückt geweſen ſein, hätte ſie einmal Gelegenheit zu andern als den gewöhnlichen, wir müſſen ſagen: nega⸗ tiven Bemerkungen gefunden. Mamſell Roſa, welche, wie meiſtens zu dieſer Stunde, wo es im kleinen Haushalt gar nichts zu thun gab und Marie überdies häufig zur Commerzien⸗ räthin gegangen war, in ihrem eigenen Parterreſtüb⸗ chen ſaß und durch die nach dem Flur geöffnete Thür den Ankömmling hereinblicken und grüßen ſah, ſagte daher auch, indem ſie ſich erhob, ganz überraſcht: „Ei, mein Gott, Herr Rath, was führt Sie in unſern Winkel?“ —— Er bot ihr die Hand— es war nicht ihre Treue allein, welche die alte Dienerin den Freunden immer werther gemacht hatte.„Die Commerzienräthin ſchickt meine eine Hälfte“, verſetzte er ſcherzend,„die andere kommt durch ſich ſelbſt. Wie ſteht's und geht's, Roſa? Wie kommt's, daß unſere liebe Freundin ſo vollſtändig aus unſern Augen entſchwindet? Sie iſt doch nicht gar wieder krank, wie im vergangenen Jahr— es muß ja etwa zu der gleichen Zeit geweſen ſein— und läßt uns diesmal obendrein ohne Nachricht?“ fügte er be⸗ ſorgter hinzu. 3 Roſa ſchüttelte den Kopf.„Krank iſt die gnädige Frau freilich nicht“, ſagte ſie,„aber ich weiß nicht, ob es im vorigen Jahre nicht beſſer für ſie war als jetzt. Es ſind ihre traurigſten Tage, Herr Rath— wiſſen können Sie und die Frau Commerzienräthin es nicht, denn ſo etwas kommt ja bei der Gnädigen nie⸗ mals zur Sprache. Vor ſieben Jahren ſtarb in dieſen Tagen unſere liebe ſchöne Kleine, und Herr Rath, wenn unſereins mit dem Kinde ſchon ſein halbes Herz ins Grab legte, wie muß es da um die arme Mut⸗ ter ſtehen! Und dann— Sie dachten wohl nicht daran? — war geſtern der Tag, wo wir vor fünf Jahren auf dem Rothenſtein den hohen Beſuch hatten und grau⸗ ſam und hochmüthig ausgetrieben wurden. Und ich 215 will Ihnen etwas anvertrauen, Herr Rath“, fuhr die Jungfer mit einer bemerkbar zornigen Bewegung fort, „die Grauſamkeit und— nun, ich will nichts ſagen!— iſt es, die unſerer gnädigen Frau mehr als alles An⸗ dere ins Leben drang und ſie noch mehr hart machte als traurig. Es kann das Niemand ſo wiſſen wie ich: der Platz, wo ihr Kind lag, war nicht blos ihre Hei⸗ mat, ſie ſah ihn auch als ihr Eigenthum an. Das hat Seine Hoheit ſehr wohl gewußt, ja ihr vordem ſtets darin nachgegeben. Und als ſie trotzdem davon mußte, da brach in ihr all die engliſche Güte und De⸗ muth zuſammen, ſie verhärtete ſich und wies Alles von ſich und wollte nichts mehr von dem, was ihr gehörte und gebührte. Glauben Sie mir, das iſt's! Und ich kann freilich nicht ſagen, daß es ein Unrecht war“, ſchloß ſie beinahe finſter.„Man war nicht menſchlich gegen ſie.“ Der Rath fuhr ſich über die Stirn. Faſtrada's Ring! dachte er.„Und wie iſt ſie jetzt?“ fragte er. „Kann ich ſie ſehen? Ich hätte ihr allerhand zu er⸗ zählen, Roſa. Aber da warte ich wohl beſſer noch ein paar Tage?“ „O nicht doch— nicht doch!“ ſagte die Zofe leb⸗ haft.„Im Gegentheil, es kann gar nichts erwünſchter ſein, als daß ſie ein wenig aufgeſchüttelt und abgezogen wird. Ich hab'sauch darum bedauert, daß die Frau Commerzienräthin gerade jetzt dassZimmer hüten mußte. Die Gnädige iſt ja auch viel zu engelsgut, als daß ſie nicht immer mehr an Andere als an ſich denken ſollte. Das hab' ich vorhin recht bemerkt, als das Donnerwetter und der plötzliche gewaltige Regen kam. Es fehlte nicht viel, ſo hätte ſie ſich ſelber in die Thür geſtellt und die Flüchtenden und Rennenden herein⸗ gerufen.“ „Ja, ja“, meinte der Rath,„es kam raſch, ich bin ſelber gelaufen wie ein Schuljunge. Und es ſah gefährlich aus, hier bei Euch muß es faſt Nacht gewe⸗— ſen ſein.“ „Es war auch gefährlich, Herr Rath“, ſprach Mamſell Roſa.„Gerade als der gewaltige Schlag kam, fuhr der Wagen des Hotels, der vom Bahnhof kam, über den Platz. Die Pferde ſcheuten und es hätt; um ein Haar ein Unglück gegeben.“ „Nun, Roſa, ſo melden Sie mich“, ſagte der Rath.„Es wird auch Sie intereſſiren, was ich zu erzählen habe, aber ich darf nicht aus der Schule plaudern.“ „Spazieren Sie nur hinauf, Herr Rath“, verſetzte ſie.„Die Gnädige liebt es nicht, daß ich die alten Freunde melde— ſie heißt das viel zu vornehm für 217 uns. Sie werden ſſie im Hinterzimmer finden. Sie hat vorhin ein wenig geſpielt, undsdas iſt auch ein gutes Zeichen.“ Marie ging wirklich in dem Gemach einſam auf und ab, das auch während ihrer letzten Mädchenjahre von ihr bewohnt worden war und, auf der Rückſeite des Hauſes gelegen, auf den kleinen ſchattigen Hof und in eins von jenen Gärtchen blicken ließ, die in ſolcher Stadtgegend und hinter ſolchen alten Gebäuden zu⸗ weilen noch in klöſterlicher Abgeſchloſſenheit und Ein⸗ ſamkeit zu finden ſind. Was ſie um ſich hatte und was ſie vor ſich Alles ſah, war für ſie durch die Erinnerung geheiligt. Hier waren die glücklichſten, friedenvollſten und ſorgenloſeſten Jahre ihres Lebens an ihr vorübergegangen; zwiſchen dieſen Wänden, un⸗ ter dieſen alten Bäumen, neben dieſen ſchlichten duft⸗ vollen Blumen hatte ihre junge Seele ſich immer rei⸗ ner und reicher entfaltet, hatte das ſüßeſte Träumen ſie umfangen, war das ſeligſte Ahnen durch ihr Herz ge⸗ zogen und hatte endlich das ſchönſte Glück ſie angelächelt. Und dennoch war für ſie dies Alles nicht der Hauptgrund, der ſie dies ihr altes Mädchenzimmer auch jetzt wieder zur Wohnung wählen ließ. Marie war eine von jenen Naturen, in denen ſich die tiefſte, zuweilen ſogar träumeriſche Empfindung mit der ruhig⸗ 218 ſten und klarſten Lebensanſchauung auf das wunder⸗ barſte gepaart findet. Es konnte ihr nicht entgehen und war ihr nicht entgangen, daß die Dame, denn als eine ſolche erſchien ſie nun einmal trotz des erwähl⸗ ten beſcheidenen Namens, welche in das beſchränkte und dunkle alte Organiſtenhaus zog, für die Nachbar⸗ ſchaft ein Gegenſtand der faſt mißtrauiſchen Aufmerk⸗ ſamkeit war und in einer Weiſe beurtheilt wurde, welche ſelbſt durch ihre bekannte Verbindung mit dem Löhnde'ſchen Hauſe ſich nicht ganz zu ihren Gunſten auszuſprechen vermochte. Und wie ſie Alles ſtreng ver⸗ mied, was jene Aufmerkſamkeit vermehren konnte, hatte ſie ſich auch mit der Muſik nach hinten zurück⸗ gezogen. Man brauchte von ihrem Spiel nichts zu vernehmen— ihr Geſang erklang immer ſeltener— noch auf daſſelbe zu lauſchen. Und in dem Hinter⸗ zimmer wußte ſie ſich in dieſer Beziehung faſt völlig ſicher. Es drang kein Laut durch die dicken Mauern nach vorn, und rückwärts, im Hof und Garten, in den meiſt unbewohnten Hintergebäuden der anſtoßenden Häuſer hatte ſie am wenigſtens in den ſpäten Abend⸗ ſtunden irgend einen Lauſcher zu fürchten. Sie erkannte und begrüßte den Eintretenden mit einem Ausdruck von Beſorgniß, die auch in ihrer Stimme wiederklang, als ſie ſagte:„Sie, lieber Rath?“ 219 Und gleich darauf fügte ſie hinzu:„Sie bringen mir doch keine ſchlimmen Nachrichten von unſerer lieben alten Mama?“ „Behüte, behüte!“ verſetzte er beſchwichtigend.„Im Gegentheil geht es mit ihr beſſer und ſie ſchickt mich zu Ihnen, um nach Ihnen zu ſehen und Sie möglicher⸗ weiſe zu ihr hinüberzuführen. Ihr Verſchwinden hat uns beſorgt gemacht, Marie!“ „Sorgen Sie nicht um mich“, entgegnete ſie mit leiſem Lächeln.„Mich haben Sie ſicher genug, auch wenn ich anſcheinend einmal fern bin.“ „In der alten Zeit“, ſagte er, als ob er ihre Rede fortſetze, gedankenvoll. Und als er den Stuhl neben ihr genommen— ſie hatte ſich in die Fenſter⸗ niſche geſetzt— fuhr er in gleichem Tone ſort:„Es iſt ſeltſam, wie auch mir die alte Zeit gerade wieder auf⸗ gegangen iſt! Denken Sie, ich habe einen langen Brief von unſerem braven Sanitätsrath erhalten, den erſten wahrhaftig ſeit unſerem damaligen Zuſammenſein— er iſt ein furchtbar fauler Briefſchreiber, der Alte!“ Nach einem langen, leiſe forſchenden Blick ſprach ſie mit bewegter Stimme:„Und da kommen Sie mit dem Briefe zu mir? Das iſt ſehr freundlich von Ihnen. Sie wiſſen wohl, wie ſehr ich ihn verehre und liebe!“ „Mit dem Briefe nicht, aber mit ſeinem Inhalt“, 220 gab der Rath zur Antwort.„Da er nun einmal ſchreibt, thut er's auch gründlich und ausführlich, es iſt viel Erzählenswerthes in dem Briefe, auch für Sie. Denn, denken Sie, er fragt bei mir an, ob wir gar nichts von Ihnen oder Ihrem Aufenthalt wiſſen. Daß Sie bei Frau von Welden geweilt haben, weiß er, und daß die arme Dame geſtorben iſt, auch. Was dann aber aus Ihnen geworden, wohin Sie ſich ge⸗ wandt, iſt ihm völlig unbekannt, und das find' ich mehr als ſeltſam. Sie haben ſich doch, ſoviel ich weiß, niemals mit einem beſondern Geheimniß für Ihre Freunde umgeben. Und der Namenswechſel iſt ja nur ein Schutz gegen die hieſige Neugierde. Ich werde ihn auszanken.“ „Und warum?“ fragte ſie ernſt.„Mit Bechnau hatten wir auf dem Gute gar keine Verbindungen, und wie hätte er ſonſt von uns, von mir erfahren ſollen? An ſeiner Theilnahme zweifle ich keinen Augenblick, aber er iſt kein Briefſchreiber, wie Sie ſelber ſagen, und wie es mit ſeiner freien Zeit ſteht, wiſſen wir beide.“ „Es iſt heuer viel Geſellſchaft dageweſen“, ſagte der Freund, ohne ihre Einwendung weiter zu beachten. „Und unter Andern auch können Sie rathen, Marie?“ brach er ab, das Auge mit fragendem Blick auf ſie gerichtet. 224 Sie ſchüttelte den Kopf und begegnete ernſt, ja wie mit einem gewiſſen Erſtaunen ſeinem Blick. Die Frage des Freundes ſchien eine Laune zu verrathen, die er gegen ſie noch niemals kundgegeben hatte. Und ſo gab ſie gar keine Antwort, ſondern ließ ihn nach einer Pauſe ſelber fortfahren:„Denken Sie— Herr von Hallbrunn mit ſeiner Gemahlin, die, wie Zöllner ſchreibt, eine ſehr liebenswürdige, vollſtändig ſeiner werthe Dame ſein ſoll.“ Wäre ſie eine mißtrauiſche Natur geweſen, ſo hätte ſie argwöhnen können, daß ſein Blick, mit dem er von neuem dem ihren begegnete, nicht ganz gleich⸗ gültig ſei, ſondern mit einer gewiſſen Sorge den Ein⸗ druck dieſer Nachricht beobachte. Allein davon gab es keine Spur in ihr. Sie ſchaute hell und freundlich auf und ſagte lebhaft:„Das iſt eine ſehr gute, liebe Nachricht, Herr Rath, und daran kann ich doch wirk⸗ lich einmal eine wahre Freude haben. Wie die Frau heißt, ſagen Sie nicht, aber es kann nur eine ſein— eine Jugendliebe, die ſehr früh von ihm getrennt und dennoch nie vergeſſen wurde; der Prinz war tief in dieſe traurigen Verhältniſſe eingeweiht und hat Frau von Welden und mir öfters davon erzählt. Frau von Welden kannte die Dame ſogar ſelbſt einigermaßen. Und im letzten Sommer vor ihrem Tode ſchrieb Hall⸗ 222 brunn noch an ſie und theilte ihr mit, daß die Dame ſeit einiger Zeit verwittwet ſei und, ſo Gott wolle, Alles für ihn noch gut werden könne. O das freut mich ſehr— ſehr! Der, wenn irgend einer, verdient ein volles, wahres, reiches Glück und verſteht deſſeiben würdig zu ſein.“ Nach dem erſten Leuchten der herzlichen Befrie⸗ digung war bei dieſer ihrer Rede ein tiefer Schatten durch die Züge des Raths geglitten— er mußte wohl an jene Gerüchte und Verleumdungen denken, welche gerade jenen Mann und dieſe Frau hier verfolgt hat⸗ ten und nur allzu ſicher, wo nicht vom Prinzen ange⸗ regt, doch von ihm erlaubt worden waren, obgleich alſo gerade er von ihrem Ungrund und ihrer Nichts⸗ würdigkeit auch in Anſehung des Mannes hatte über⸗ zeugt ſein müſſen. Und er mußte ſich zuſammennehmen, um nach einer Pauſe mit der frühern, ruhig⸗freund⸗ lichen Miene zu ſagen:„So beurtheilte auch Zöllner ihn und ich, trotz der flüchtigen Bekanntſchaft. Auch er läßt Sie freundlich grüßen, wo Sie auch zu finden ſeien.“— Er machte eine neue Pauſe, und als er wieder ſprach, geſchah es mit ſichtbarer Befangenheit, welche ſie aufmerkſam aufſchauen ließ.„Das iſt die eine Nachricht oder Mittheilung für Sie, meine theure Freundin. Aber Zöllner hat noch mehrere. Und obſchon 223 ich fürchten muß, daß ich Ihnen weh thue, muß ich Ihnen doch davon ſagen— ich halte es für meine Pflicht, Marie!“ fügte er, das Wort betonend, hinzu. „Denken Sie, der Rothenſtein iſt zum erſten Mal wieder bewohnt geweſen.“ Sie ſah ihn dunkel an.„Laſſen Sie das ruhen, mein Freund!“ „Und dennoch muß ich davon reden, Marie, ich halte es für meine Pflicht! Es ſind ſehr, ſehr ſeltſame Nachrichten, die mir Zöllner für Sie ſchreibt; kaum glaublich, und dennoch, weil er ſie ſchreibt, ſicher und wahr. Alſo— laſſen Sie mich Alles ſagen: Prinz Bern⸗ hard iſt auf dem Rothenſtein geweſen—“ „Der Prinz?“ rief ſie wie athemlos aus.„So iſt der Rothenſtein wieder ſein Eigenthum?“ „Er ſcheint es immer geblieben zu ſein. Er iſt dageweſen, zwei ganze Monate lang, mit einem Adju⸗ tanten und ein paar Dienern, ganz einſam, ganz ſtill, ernſtlich leidend. Zöllner hörte davon, bekümmerte ſich aber nicht darum— Sie kennen ihn ja!— Endlich wurde er hinaufgerufen zu dem Leidenden, und da ging er, wie er mußte. Er hat ihn dann wirklich leidend getroffen, ſo verändert, daß man ihn kaum wiedererkennen möge, als einen müden und kranken Mann. Der Prinz habe, als Zöllner zum zweiten Male hinaufgekommen, ihn mit ſich zu einem weiten Spaziergang geführt, und drunten, an dem kleinen „Bach—“ Er brach ab und fügte erſt nach einem lan⸗ gen forſchenden Blick hinzu:„Sie ahnen vielleicht die Stelle?“ Ueber ihr ſchönes, blaſſes Geſicht glitt es wie ein finſterer Schatten, und ihre Lippen zitterten. Aber ſie ſagte nichts. „Dort hat er mit Zöllner, wie ſehr auch dieſer abwehrte, über die Vergangenheit geredet, über Sie, über ſich, über ſeine Schwäche und ſeinen Schmerz— wunderbare Bekenntniſſe, meine Freundin, um ſo wun⸗ derbarer, je weniger ſie zu dem zu ſtimmen ſcheinen, was wir vom Prinzen wußten und annahmen. Er entſchuldigt ſich nicht, er klagt ſich vielmehr auf das ernſtlichſte an, daß er die Intriguen, mit denen man ihn umſponnen, nicht durchſchaut und mit feſter Hand zerriſſen habe, als es noch Zeit geweſen ſei. Hernach, als er, in gewiſſem Sinne noch zur rechten Zeit, zur Beſinnung gekommen, da ſei es eben in der Hauptſache zu ſpät geweſen. Und dennoch ſei ihm Alles früher klar geworden, als wir annehmen möchten. Der Tauſch⸗ handel in Betreff des Rothenſtein ſei nach der erſten Ueberraſchung von ihm entſchieden zurückgewieſen wor⸗ den, ſchon um der Taktloſigkeit willen, mit der die 225 Prinzeß Helene und der Graf Leuen in dieſer Sache vorgegangen und ſie ſelbſt vor Ihnen für abgemacht erklärt hätten. Er habe ihn Ihnen als Sitz anbieten wollen, als Ihre Antwort an den Gerichtshof, die jede Unterſtützung von ſeiner Seite zurückwies, ihn aufs äußerſte erbittert habe, ſo daß er auch davon ſchwieg.“ Sie ſaß zurückgelehnt in ihrem Stuhl, die Hände im Schooße ruhend, die Augen geſenkt. Und nur bei ſeinen letzten Worten wurde die Regungsloſigkeit ihrer Züge durch ein finſteres, beinahe verachtungsvolles Lächeln geſtört, das plötzlich um den Mund und die Augen zuckte und ebenſo ſchnell wieder verſchwand. Er bemerkte es wohl, und wie man erkannte, mit ernſter Ueberraſchung— den Ausdruck hatte er noch niemals in dieſen ſanften Zügen geſehen— aber er ſagte ebenſo wenig etwas wie ſie und redete nach einem flüchtigen Zögern im frühern Tone weiter:„Und nun, meine liebe Freundin, müſſen Sie ſich auf das Selt⸗ ſamſte von Allem gefaßt machen. Erbittert ſei er ſehr geweſen, dennoch habe Ihre Weigerung allmälig auch noch einen andern Eindruck gemacht, und als nach einiger Zeit— Zöllner weiß nicht, was dazu gekom⸗ men ſei, habe er das Scheidungsverfahren ſiſtiren laſſen, und ſeine Ehe mit Ihnen ſei bisher nicht gelöſt.“ Hoefer, Zur linken Hand. 15 Sie ſaß regungslos wie vorhin und es drang kein Laut durch die geſchloſſenen Lippen. Er fuhr wieder fort:„Anſprüche, ſagte er zu Zöllner, könne und wolle er ſeinerſeits nicht darauf gründen. Allein wie er jetzt fühle und denke, müßten Sie es erfahren, ob Sie dadurch zu einem andern, mildern Urtheil über ihn bewegt werden, ob Sie Ihre beiderſeitige Stellung zu einander mit Nachſicht und Liebe auffaſſen könnten. Er müſſe— und nun komme ich zum Schluß dieſer traurigen Mittheilungen, meine Freundin“, ſchob der Rath ein—„er müſſe Gewißheit haben, gleichviel welche. Er beauftragte Zöllner, an die Commerzienräthin zu ſchreiben, die jedenfalls von Ihnen wiſſen werde; ſie ſolle ihm ſagen, ob er Sie aufſuchen dürfe oder nicht. Er bitte nur um Beſchleunigung der Antwort, da er ſelber fühle, daß er keine Zeit mehr zu verlieren habe— Zöllner beſtätigt das. Der Freund hat nicht an Frau Conſtanze, ſondern an mich ge⸗ ſchrieben, Sie kennen ja ſeinen Eigenſinn.“ Sie ſaß noch immer wie bisher, die Augen ge⸗ ſenkt, die Hände im Schooß, ohne durch die leiſeſte Bewegung zu verrathen, was ſich bei ſeinen Nachrichten in ihrem Innern rege. Eine Weile ſah er das ſchweigend mit an, dann fragte er ernſt:„Und nun, Marie?“ Und da ſie darauf 227 mit wunderbar ſtillem und tiefem Blick zu ihm auf⸗ ſchaute, fügte er noch ernſter hinzu:„Eine Entſchei⸗ dung erwarte ich von Ihnen nicht, ich muß ſagen: ich fürchte ſie nicht! Aber Gedanken müſſen Sie doch über das Alles haben, und ich glaube beanſpruchen zu dürfen, von denſelben zu erfahren.“ Da begegnete ihr Blick dem ſeinen mit der gleichen Tiefe und Stille und mit ſchier unheimlicher Ruhe verſetzte ſie:„Gevanken? Gewiß. Aber dieſe Gedanken ſind meine, Entſcheidung. Wenn Sie wüßten, was zwiſchen uns kam und wie es kam“, fuhr ſie fort— ſie veränderte auch jetzt nicht ihre Stellung, nur daß ſie ihm ruhig und feſt ins Auge ſchaute—„Sie könnten über dieſelbe nicht zweifelhaft ſein. Es verging eine kurze Zeit, vielleicht ein Jahr, vielleicht zwei, wo ich ihm wirklich ſein Weib war, wo er das in mir fand, was er geglaubt hatte. Ich verzeihe ihm viel um jene Zeit, um jenes Glück, denn es war ein Glück! Ich habe darum die Jahre geduldig hingenommen, welche darauf folgten, und würde ausgehalten haben bis ans Ende meines Lebens, ſo dankbar war ich für jene erſte Zeit, für ſeine Liebe, ſeine Nachſicht und Geduld. Die Jahre wurden anders, ſage ich. Von der Zeit an, daß ſeine Brüder ſtarben, begann die Veränderung und nahm zu und wieder zu und vollendete ſich, als auch 15* 228 3r ſeine Neltern ihm Platz machten. Ich habe es damals vielleicht nicht klar gewußt, ich dachte zu viel an mein Kind und fand Alles in ihm; ich hab' es Ihnen ja auch ſchon einmal geſagt, daß die äußere Veränderung keine bedeutende war: das reichere, höfiſchere Leben, das ſeine neue Stellung erklärt hätte, trat nicht an uns heran. Aber als Giſela todt war, da wurde mir Alles klar, da verbanden ſich alle einzelnen kleinen, bisher unbeachteten Züge, ich war ihm längſt nichts mehr als die Frau zur linken Hand; da ſtand ich, ein reines Nichts, ihm weder bequem, noch unbequem, das er eben neben ſich ließ, bis irgend einmal die Verhältniſſe auch dieſe Duldung beendeten. Glauben Sie mir“, fügte ſie ſtets mit der gleichen erſchreckenden Ruhe zu dieſen bittern Worten hinzu,„ich ſpreche nicht zu hart. So war es und ſo mußte es ſein. Und wenn ich trotz dieſer troſtloſen Einſicht aushielt, ſo geſchah das, einmal, mein Freund, weil ich nicht hochmüthig genug war, um mich ſelber für— ſage ich: ſchuldfrei zu halten; ich war tief von meiner Mangelhaftigkeit überzeugt und habe niemals daran gezweifelt, daß nur die Liebe das in mir finden, das an mir überſehen konnte, was der Prinz zu finden geglaubt und ſo lange überſehen hatte. Und zum Andern hatte ich meinem Vater vor meiner Trauung verſprochen, daß ich niemals, unter 229 keinen Umſtänden den erſten Schritt zu einer Trennung thun wolle— ob mit Recht, das weiß ich nicht. Jeden⸗ falls war ich ihm noch immer zu dankbar und hatte ihn auch zu lieb, und endlich hatte ich das Vertrauen zu ihm, daß er, wenn ihm unſere Verbindung unmög⸗ lich erſcheine, ehrenhaft und offen das erſte Wort zu mir ſprechen werde. Da kamen Sie“, fuhr ſie ſtets in gleicher Weiſe fort,„und mit Ihnen die Nachricht von den verſchwun⸗ 6 denen Briefen. Ich ſage kein Wort weiter darüber, als daß ich durch Silbermann erfuhr, wie ſie auf aus⸗ drücklichen Befehl des Prinzen unterſchlagen worden, der gegen die Commerzienräthin ſtets einen alten Groll hegte. Da erhielt meine Liebe und mein Vertrauen den erſten Stoß. Und gleich darauf— es war ja am ſelben Abend!— erfuhr ich von jenem Tauſchhandel, der den Rothenſtein aus unſerem Beſitz bringen ſollte. Aus unſerem Beſitz“, wiederholte ſie, und von neuem glitt durch die Züge ein Ausdruck von Finſterkeit, den der Rath noch niemals in ihnen gefunden zu haben meinte; „denn der Rothenſtein gehörte mir gleichfalls, ja mehr als ihm, ich hatte und habe dort einen Beſitz, den man mir wohl gewaltſam nehmen, aber um alles Gold der Welt mir nicht abhandeln kann. Das wußte und weiß der Prinz, und darum— aber das ſind ja Alles über⸗ 230 wundene Dinge“, brach ſie ab.„Ich wollte ja nur ſagen, was mich damals ſchweigen, harren und glauben ließ und endlich mir dieſen Glauben nahm. Und ſo reiſte er denn auch ab, auf Nimmerwiederkehr, und das mann⸗ und ehrenhafte offene Wort blieb aus. Und—* Sie ſtand auf.„Ich habe ihn ſehr geliebt und ich habe ihn auch noch lieb“, ſprach ſie finſter.„Allein die Liebe iſt umſonſt geweſen, ſie hat in ihm nichts er⸗ halten können, was ihr glich. Und was er jetzt will und für möglich hält, das iſt nichts als der traurige, wilde und kraftloſe Traum eines kranken Kopfes und unmöglich. Er mag die zerflatterten Enden des zerriſſe⸗ nen Bandes wohl noch einmal zuſammenfaſſen und wieder verknüpfen, aber das Band ſelber hält nicht, es iſt inzwiſchen ganz und gar morſch geworden. Ge⸗ ſchieden iſt geſchieden! Das ſteht in einem alten Liede, das mir mein Vater hinterließ. Das gilt auch von zuns. Die Illuſionen unſerer Jugend waren ſchön, ſie haben uns getäuſcht und fortgeriſſen, und als ſie endlich verflogen und uns vereinzelt und verarmt zurück⸗ ließen, da durften wir wohl trauern, aber anklagen durften wir weder ſie noch uns. Es erging uns wie den Menſchen allen in dieſer oder jener Weiſe. Jetzt— wollten wir die Reue bei ihm und das Mitleid bei mir noch einmal über uns herrſchen laſſen, mit der gleichen 231 Kraft und der gleichen Täuſchung jener Jugendilluſionen — ſagen Sie ſelber, mein Freund, könnte das ein Halt ſein, eine Dauer haben? Könnten wir uns ſelber, könnte irgend ein Anderer uns entſchuldigen und auch nur glücklich wähnen? Wir ſind nicht mehr jung genug für den Schein. Noch einmal, die Ehe zur linken Hand hat mich nie gegrämt, wäre nur die Liebe— ſeine Liebe eine rechte geweſen.“ „Ich ſeh' es Ihnen an“, ſagte die Commerzien⸗ räthin, als eine Stunde ſpäter der Rath in das be⸗ hagliche Zimmer trat und, nachdem er den Hut fort⸗ geſtellt hatte, in einer gewiſſen ſtillen Weiſe bei dem alten Paare am Theetiſch Platz nahm,„es iſt ge⸗ kommen, wie ich Ihnen vorausgeſagt habe: Ihr Weg iſt, in Ihrem Sinne, ein vergeblicher geweſen.“ Der Rath war eine Weile ſtill. Dann ging ſein Blick von der alten Freundin zu ihrem Gatten und wieder zurück und er ſprach:„So ſcheint es allerdings. Ich bin einer Entſchiedenheit oder, um nicht ungerecht gegen Marie zu ſein, einer Klarheit der Anſchauung begegnet, welche mich ſehr überraſchte, weil ich ſie in dem ſtillen Menſchenkinde niemals zu finden erwarten konnte, und Marie ſtreng genommen in meinen Augen noch höher ſtellt, dennoch mich aber auch betrübt, für ihn und ſie ſelbſt. Sie ſagt, die Illuſionen ſeien zer⸗ 232 flogen und das ſei menſchliches Loos. Richtig mag das ſein und kann nicht ausbleiben, aber ich finde es unbeſchreiblich traurig, wenn es ſo früh ſchon ge⸗ ſchieht. Denn ich habe durch ihre heutigen Worte nur allzu wohl begriffen, daß ſie ſchon damals, als ſie zu⸗ erſt auf dem Rothenſtein mit mir redete, mit der gleichen nüchternen Klarheit in die Verhältniſſe ſchaute wie heute und in der Verbindung mit dem Prin⸗ zen faſt nur noch durch äußere Rückſichten erhalten wurde.“ „Und daraus wollen Sie ihr einen Vorwurf machen, denn ſo klingen Ihre Worte doch!“ fiel Frau Conſtanze lebhaft ein.„Es iſt ſeltſam, wie ſehr wir, das heißt, Ihr Männer und ich, die Frau, hier die Rollen getauſcht haben! In ſolchen Fällen, ſagt man ja, haben ſtets wir Frauen mehr Mitleid mit einem Reuigen und Unglücklichen, mehr Verzeihung für ihn als Ihr. Da reden wir der beleidigten Schweſter zum Nachgeben zu und klagen ihre Härte und ihren Trotz an. Und hier— „Hier iſt es freilich umgekehrt“, ſagte der Com⸗ merzienrath mit ſeinem ruhigen Lächeln,„aber ich meine, weil wir nicht nur die Verhältniſſe anders an⸗ ders anſehen, ſondern weil ſie auch wirklich andere ſind als in den meiſten ähnlichen Fällen. Der Prinz 233 konnte ſeine Stellung mit aller beſſern Einſicht, mit allem guten Willen zu keiner andern machen, als ſie war und noch mehr durch ganz unberechenbare Zu⸗ fälle wurde. Das erklärt nicht nur ſein Straucheln, ſondern entſchuldigt es auch um ſo mehr, als das, was wir jetzt von ihm erfahren, beweiſt, wie es nur ein momentanes war. Dies Feſthalten an dem Bunde, wenn auch in der Stille, dies jetzige reuevolle Einlen⸗ ken beweiſt in meinen Augen, daß die Illuſionen, von denen Marie geredet hat, doch etwas Beſſeres geweſen ſein müſſen.“ „Und wie ernſt die Umkehr und die Reue“, fiel der Rath ein,„das beweiſt uns Zöllner's Theilnahme und Wärme. Er iſt der Mann nicht, ſolche Worte zu ſagen, ohne daß ſie aus ſeiner tiefſten Ueberzeugung ſtammen, und er iſt unabhängig und nüchtern genug, um ſich nicht durch den Schein, ſei es, welcher es wolle, blenden und beſtechen zu laſſen!“ Frau Conſtanze machte eine faſt heftige, abwei⸗ ſende Bewegung.„Ihr leitet das Alles eben, Gott mag wiſſen, weshalb, aus ſeinem Edelſinn ab, aus ſeiner alten Liebe, aus ſeiner— ich weiß nicht was! Und ich und, wie ich hoffe, auch Marie, finde darin nur eine neue Beſtätigung ſeines zugleich ſchwachen und vorurtheilsvollen Charakters und überdies— ich 234 ſage nur: vielleicht!— Motive und Zwecke, die am allerwenigſten mit dem Edelſinn zu thun haben! Sie hat ihm ihre Kunſt geopfert und ihren Beruf, ihr Talent; ſie opferte ihm ihr Glück, ihren Frieden, wo⸗ für? Für einen Traum, für eine Liebe zur linken Hand! Denn das iſt's, Ihr Herren“, fügte die Dame erregt hinzu,„das iſt's, was mich von Anfang an ge⸗ gen dieſe unglückliche Verbindung ſo ſehr eingenommen hat; die Form wäre ſehr gleichgültig geweſen, hätte ſie nur den rechten Inhalt gehabt. Aber da fehlte es. Denn es war bei ihm niemals etwas Anderes als zuerſt eine Phantaſie, ein Rauſch, und hernach der Trotz gegen den Widerſtand, dem er begegnete, der Trotz, welcher der Welt beweiſen wollte, daß ſelbſt ſeine Phantaſie berechtigt und befähigt ſei, nicht nur zu exiſtiren, ſondern auch dem Menſchengeſindel als eine Art von Wahrheit zu erſcheinen— gut genug für uns, gut genug für das arme Kind. Mit einem Wort“, ſchloß die Dame,„wenn Marie denkt und fühlt, wie ich hoffe, ſo trennt dieſer neue Verſuch ſie noch entſchiedener von ihm als Alles, was voraus⸗ ging. Ich will es Euch noch einmal verſprechen, wie ich es Dir ſchon verſprochen habe, Löhnde, daß ich kei⸗ nen Einfluß auf ihre Entſcheidung üben willl. Ent⸗ ſcheidet ſie ſich aber, wie ich hoffe, gegen ihn, ſo 235 nehme ich ſie, ich, gegen Euch, gegen die ganze Welt in Schutz!“ Hätte die heftige Frau, in der, wie wir ſehen, die alte Künſtlernatur noch immer von Zeit zu Zeit einmal aufbrauſte, hätten die kopfſchüttelnden Männer geahnt, wie tief, bis ins Herz hinein, Marie gerade zu dieſer Stunde erſchüttert war, wie ſie rang um die Entſcheidung, welche die Commerzienräthin, welche ſie ſelbſt vorhin gegen den Rath bereits für feſtſtehend erklärt hatte! Als der Rath von ihr geſchieden war, ſaß die einſame Frau noch eine lange, lange Zeit allein in dem ſtillen Hinterzimmer und ſchaute hinaus in den dämmernden Abend. Und wie die Schatten dort drau⸗ ßen aufſtiegen und ſich dichter und dichter über den Hof breiteten und durch den kleinen Garten, ſo erho⸗ ben ſie ſich auch in ihr mit ihrem vergangenen Leben, mit all den verflogenen Träumen, mit all dem ver⸗ geblichen Hoffen und Sehnen, mit all dem verſunkenen Vertrauen und all der verlorenen Liebe— Schatten, 3 Schatten, nichts als Schatten! Das Licht, welches hier und da ſich auch in der Erinnerung zwiſchen ſie drängte, es war, wie es in Wirklichkeit geweſen, nur ein Blick, der, je heller und freundlicher er war, auch deſto flüchtiger dahinſchwand. Jene Zeit, jene erſte, 236 war wohl ſchön und reich geweſen und ganz voll Glanz. Aber Alles, was ihr folgte, ließ auch ſie er⸗ bleichen und breitete auch über ſie die traurigen Zwei⸗ fel hin. War denn auch ſie nicht nur ein Rauſch ge⸗ weſen, blendend, betäubend, fortreißend und dennoch ohne Wahrheit? Es wurde immer ſtiller in ihr und immer dunk⸗ ler, die Zweifel erhoben ſich höher und höher, Glauben und Vertrauen ſchwanden weiter und weiter zurück. Sie wußte von nicht einem Verbindungsglied mehr zwiſchen ſich und dem Mann, der ihr Alles geweſen, der ihr nichts mehr hatte ſein wollen. Es war ſpät geworden. Die Zofe hatte einmal vorſichtig in das faſt ſchon dunkle Zimmer geblickt, ſich aber, als ſie die Gebieterin noch immer am Fenſter ſitzen ſah, ebenſo leiſe zurückgezogen. Sie kannte ſolche Stimmung bei der einſamen Frau und ehrte und ſchonte ſie. Endlich erhob Marie ſich. Es wurde ihr bang und ſchwer in dem ſtillen Raum, wo ſich die Schatten eines ganzen Lebens eben ſo tief gelagert hatten und die ſchweren Träume ſich drängten und die traurigen Zweifel, als hätten ſie Geſtalt und Leben gewon en und zögen in dichten, dunkeln Schaaren ſich näher und näher um die Einſame zuſammen. Sie nahm eins 237 der Lichter vom Inſtrument, zündete es an und ging in das vordere Gemach, in das, wo vordem der alte Organiſt gehauſt hatte. Es war hier auch ſtill. Aber dennoch fühlte ſie ſich dem Leben und der Wirklichkeit näher und den Boden ſicherer unter ihren Füßen. Als ſie an den Tiſch trat, der jetzt in der Mitte des Zimmers ſtand, lag auf der dunkeln Decke deſſel⸗ ben etwas, das ihr fremd erſchien und das ihr kurz⸗ ſichtiges Auge nicht zu erkennen vermochte. Sie ſetzte das Licht nieder und nahm den Gegenſtand auf— ein Elfenbeinplättchen— und ſah es an und ſchrie hell auf— es war ein kleines Miniaturbild ihres Kindes, das der Prinz im erſten Schmerz über den Tod deſſel⸗ ben aus der Erinnerung zu malen begonnen, aber niemals vollendet hatte, noch ihr überlaſſen wollte! Und jetzt war es fertig, und hier lag's! Und es lag noch ein zweiter Gegenſtand daneben— ſie hob ihn auf und ans Licht— und ein zweiter Schrei rang ſich aus ihrer Bruſt— es war ein Daguerreotyp und es zeigte ihr das kleine ſtille Grab des Kindes an dem Bach im Rothenſteiner Grund! Roſa ſtürzte herein.„Um Gotteswillen, gnädige Frau!“ rief ſie erſchrocken. Marie flog auf ſie zu, ſie zog ſie zum Tiſch, ſie hielt ihr die Bildchen vor.„Roſa, wie kommt dies hierher?“ rief ſie athemlos, mit zitternder Stimme, die ganze Geſtalt wie von einem Fieberſchauer erfaßt. Die alte Dienerin ſchaute die kleinen Stücke, dann die Herrin ungläubig, wie träumend an.„Aber mein Gott“, ſagte ſie endlich, ſelber bebend,„das iſt ja—⸗ „Das iſt mein Kind, das iſt ſein Grabl“ rief die arme Mutter aufſchluchzend und indem ihr die Thrä⸗ nen aus den Augen ſtürzten.„O Roſa, Roſa, um Gottes Barmherzigkeit willen, wie kommt dies hierher, gerade jetzt? Der Rath kann es nicht gebracht haben — haben Sie—⸗ „So war mir Gott helfe, ich that es nicht, ich weiß nichts davon“, ſagte die ergriffene Roſa.„Und wenn es der Rath nicht war, ein Fremder iſt vor meinen Augen nicht ins Haus gekommen!“ Marie hatte ſich mit ihrer gewohnten Kraft ſchon wieder gefaßt. Sie wiſchte die Thränen fort, ihre Geſtalt wurde ruhig.„Und dennoch muß Jemand hier geweſen ſein“, ſprach ſſie, die Bilder feſt in der Hand haltend,„und es war der Prinz, Roſa, er iſt da! Nur er kennt mein Herz und den Zauber, dem es ſich niemals zu entziehen vermag!“ 239 Und die Vergangenheit ging noch einmal vor ihr auf, aber es war eine andere, als in die ſie vorhin geſchaut. Jetzt lächelte aus all den Schatten ein Engels⸗ köpfchen ſanft und innig und ſelig hervor, und der ſtille grüne Grund breitete ſich vor ihr aus, und das einſame kleine Grab am murmelnden Bach— Faſtra⸗ da’s Ring! Faſtrada's Ring! In der tiefen Nacht zogen die jubelnden und kla⸗ genden, ſcherzenden und verzweifelnden Klänge des alten Liedes durch das offene Fenſter des Hinterzim⸗ mers in die dunkle Stille hinaus, und Mariens Stimme ſang die Worte bis zu den letzten: Die Liebe fleht und ringt. Im Herzen tief, im müden, Schlägt raſtlos banger Schmerz— die Liebe fleht und ringt. Umſonſt, umſonſt geliebt! Geſchieden iſt geſchieden! Geh hin und laß mich gehn.— Der letzte Ton verklingt! In einem Fenſter des benachbarten Gaſthofs „Domhotel“, dem einzigen Platz vielleicht, von dem aus man über die maſſive Scheidemauer einen Blick in den Hof und auf die Rückwand der Cantorei ge⸗ winnen konnte, lehnte zu dieſer Stunde ein einſamer Mann und horchte auf das Lied, ohne daß die Sänge⸗ rin die Nähe des Lauſchers ahnte. Er vernahm die wunderliche Muſik, er hörte die trauervollen Worte, und nun verſtand er's, was ihn ſchon vordem, wenn Marie es einmal geſpielt, daraus angeweht, zugleich ergriffen und gereizt hatte. Klang und ſang doch aus jedem Ton und Wort ſein eigen Geſchick und das der Sängerin! Und als der letzte Ton ausklang, ſchloß er ſtumm und finſter das Fenſter. War es denn möglich, daß wirklich, auch für ihn, Alles vorüber war? 16 Zehntes Kapitel. Der letzte Ton verklingt. „So kam es über mich— ſo iſt's. Nun weißt Du Alles.“ 3 Sie kniete wieder einmal auf der kleinen geſtickten Fußbank neben dem Stuhl der mütterlichen Freundin, und wenn man auf die Geſtalt ſah, wie ſie ſich hin⸗ gebungsvoll an Frau Conſtanze ſchmiegte, und in das 4 Geſicht ſchaute, aus dem neben einer ſchwermüthigen Reſignation auch das tiefſte, ſchrankenloſeſte Vertrauen ſprach, ſo war es wirklich, als ob hier die Tochter zur Mutter redete und derſelben ihr Herz mit all ſeinen Schmerzen und Zweifeln ausſchüttete. Die Jahre beider entſprachen ja auch einem ſolchen Ver⸗ hältniß vollkommen, und die Verbindung war ſeit Mariens Rückkehr inniger als je geworden. Und dennoch Hoefer, Zur linken Hand. 16 242 war etwas Fremdes in dem Bilde, aber etwas Fremdes, das uns nicht zurückſchreckt, ſondern nur noch mehr feſſelt und ergreift. Denn Frau Conſtanze war durch die Jahre zum alten Mütterchen geworden, wie man das zu heißen pflegt, während Marie ſich wunderbar jung erhalten hatte; ihre Geſtalt war noch immer ſchlank und fein, und die Reinheit und kindliche Zart⸗ heit ihrer Züge hatte alle Stürme und Schmerzen der Vergangenheit überdauert. Nur der Ausdruck der träumeriſchen Lieblichkeit, der das junge Mädchen ſo wunderbar verſchönte, war demjenigen einer— wir ſagten es ſchon— milden Schwermuth gewichen. Die Schönheit verlor freilich nichts dabei. Sie hatte jetzt eben— nicht ihr Herz ausgeſchüt⸗ tet. Das Ereigniß des vergangenen Abends hatte ſie der Freundin mitgetheilt, und wie furchtbar ſie durch daſſelbe ergriffen worden, ſprach noch jetzt aus ihrem Ton, aus ihrem ganzen Weſen. Aber von dem, was dieſe Erſchütterung endlich in ihr hervorgerufen habe, wohin ſie ſie dränge, davon klang nicht ein Laut hervor.„Der Prinz iſt da— er will die Entſcheidung von mir.“ Das war Alles. Frau Conſtanze war durch das Mitgetheilte heftig erregt worden. Aber was ſie an Marien beobachtete und von ihr vernahm oder vielmehr nicht vernahm, —y 1 ließ ſie raſcher als ſonſt ihre Faſſung wiedergewinnen und die Sache mit einer gewiſſen Nüchternheit an⸗ ſehen. „Stellſt Du Dir die Gefahr nicht näher vor, als ſie vielleicht iſt?“ fragte ſie endlich ſo ruhig, wie ihr möglich, und indem ſie ſich bemühte, die ſorgenvolle Aufmerkſamkeit zu verbergen, mit der ſie insgeheim Marie beobachtete.„Auch mir ſcheint dies Ereigniß räthſelhaft, und ich ſuche bisher vergeblich nach einer Löſung. Aber wäre es nicht dennoch möglich, daß ein Anderer für ihn und in ſeinem Auftrage gehandelt hat?“ Marie ſchüttelte den Kopf.„Unmöglich, Mama! Daß der Rath nicht in Frage kommt, geſtehſt Du ſelber zu. Daß von Roſa keine Rede ſein kann, weiß ich be⸗ ſtimmt, nicht blos wegen ihrer Treue gegen mich, ſondern auch, weil ſie ſeine allerentſchiedenſte Gegnerin iſt und meine Verſöhnung mit ihm mir wie ein Ver⸗ brechen anrechnen würde. Ein Dritter endlich— wie könnte ein Bote von ihm, und wäre er noch ſo genau unterrichtet, im Dunkeln den einzigen Weg finden, der es ihm erlaubt, ungeſehen zu kommen und zuverſchwinden, nachdem er die Bilder auf jenen Platz gelegt? Glaube mir, es kann nur der Prinz ſelber ſein! Nur er weiß, daß die Pforte, welche aus dem Winkel auf den 16* Hof führt, niemals verſchloſſen wurde; nur er kennt die Hintertreppe, die geradeswegs zum Zimmer meines Vaters führt; er hat ſie damals oft genug paſſirt, als er mit dem Vater verkehrte und Niemand auf ſeine Beſuche aufmerkſam machen wollte. Nur er war es. Er iſt hier.“ „Und dennoch, mein Kind, hat er vor acht Tagen noch nicht gewußt, wo Du lebteſt! Und dennoch ge⸗ nügte es ihm vor acht Tagen noch, dem Sanitätsrath ſeine Wünſche und Hoffnungen auszuſprechen. Und nun—“ „Und nun iſt er ſchon da, Mama, und hat mich entdeckt— iſt denn das ſo ſchwer? Iſt denn das ſo wunderbar, daß er, ſei es auch nur im Vorübergehen, nach dem alten Hauſe ſchaute, aus dem er mich ent⸗ führte, daß er von der Bewohnerin deſſelben erfuhr und ihren Namen errieth? Wir kennen einander, Mama! Er weiß, mit welcher Innigkeit ich an meinem Vaterhauſe hing, mit welcher Sehnſucht ich damals, als Giſela ſtarb und die ganze Welt mir verödet er⸗ ſchien, nach einer einzigen Stunde Ruhe in ſeinen fried⸗ lichen Räumen verlangte— er gewährte mir den Wunſch nicht, weil es ein ſentimentaler und krankhafter ſei, ſagte er. Und ich weiß von ihm, wie raſch ein Keim, der ſich einmal in ihm regt, weiter und weiter treibt — —— Nachlaſſen. Ich glaube, er hat das an mir bewieſen, wie er mich errang, wie er mich von ſich ſchob. Du haſt das damals nicht hören wollen, Mama— leicht machte meinen Beſitz ihm weder mein Vater, noch ich ſelbſt, ich aus Demuth, mein Vater aus Mißtrauen. Aber er ließ nicht nach und beſiegte die eine und das andere. An Mitteln hat es ihm in ſolchen Fällen nie gefehlt. Und ſo zeigt er's auch jetzt.“ Frau Conſtanze hatte mit großem Ernſt zugehört, und nun, da Marie ſchwieg, redete ſie:„Dies Hin⸗ und Herſprechen nützt aber nichts, wir müſſen zu einem Ent⸗ ſchluß und Ziel kommen. Gib Acht, mein Kind“, fuhr ſie fort.„Sieh, als dieſer Brief des Arztes eintraf, deliberirten wir viel, was zu thun, was zu glauben, was zu bezweifeln ſei; die ſchwachen Männer waren gleich überredet, ſie fanden in des Prinzen jetzigem Auftreten etwas Chrenhafteres und Beſtechenderes, als man ihm je habe nachſagen können. Und ſie meinten, das Wagniß könne nicht allzu groß ſein, wenn Du noch einmal mit dem zu leben verſuchteſt, mit dem Du ver⸗ bunden warſt und noch biſt, wie es ſich jetzt zeigt; Du müßteſt eben annehmen, daß das Unglück für Euch aus und ihn endlich unwiderſtehlich überwuchert. Wo irgend ein Plan auftaucht, ein— Einfall“, fügte ſie mit leiſer Bitterkeit hinzu,„gibt's kein Raſten in ihm, kein 246 Verhältniſſen hervorgegangen ſei, welche der Prinz nicht vorausberechnen und denen er vielleicht gar nicht ge⸗ wachſen ſein konnte; wie vermöchte unſereins zu entſcheiden und zu begreifen, wie ſolche Ausſichten, ſolche Zuſtände auf einen ſolchen Kopf wirken, was ſie für eine Bedeutung für ihn haben? Genug, mein Mann und der Rath, beide meinten, daß der erſte Schritt, der Dich ihm verband, ein Unrecht und ein Unglück geweſen ſei, auch eine Thorheit, da er Dich nothwendig in eine Lage brachte, welche eine zweifelhafte und gefährdete war und bleiben mußte, auch ohne die unver⸗ mutheten Veränderungen, welche die äußere Stellung ves Prinzen erlitt. Jetzt ſei das Alles anders, meinten ſie, und der zweite Schritt ſei für Dich nicht nur leichter, ſondern auch gerechtfertigter und ſicherer als der erſte, vorausgeſetzt natürlich, daß Dein Herz dazu ja und Amen ſage. Ich will das nicht weiter ausführen“, fuhr Fran Conſtanze fort, während Marie noch immer regungslos an ihrer Schulter lehnte.„Es iſt viel Wahres daran. Du gibſt, immer den innern Zug vorausgeſetzt, kaum einen geringen Bruchtheil von dem auf, was Du damals opferteſt, nicht Deine Jugend und Deine Gaben, nicht Deine Ausſichten und Anſprüche. Das Leben liegt nicht mehr ganz und gar Voredir, ſondern zum großen und 247 zwar in ſeinem lebenvollſten Theil ſchon rückwärts. Und nicht anders iſt es mit dem Prinzen. Sein Geſchick iſt gewiſſermaßen ein abgeſchloſſenes. Was ihm die Zukunft noch bringen, was ſie ſich neu geſtalten laſſen kann, iſt Alles gleichſam gegeben. Es kann eigentlich nichts mehr paſſiren, was ſeine Kraft überrumpelte und auf die Probe ſtellte, was ihm die Entſcheidung er⸗ ſchwerte, was ſein einmal feſt begründetes Privatleben beeinfluſſen und umgeſtalten könnte, vollends, wie er nun einmal iſt. Du weißt, ich denke nicht allzu hoch von ihm. Allein das geſtehe doch auch ich ihm zu, daß, was geſchah und wie er fortgeriſſen wurde, keine Folge des Leichtſinns und der Gewiſſenloſigkeit, ſondern von Verhältniſſen, Ereigniſſen und— möglicherweiſe— Intriguen war, welchen er ſich nun einmal nicht ge⸗ wachſen zeigte.“ Marie hatte ſich leiſe aufgerichtet und auf den Stuhl geſetzt, der für ſie neben den der alten Freundin gerückt war. Sie hörte zu, die Wange in die Hand gelegt und die Augen niedergeſchlagen. Und ohne dieſelben zu erheben, ſagte ſie, als Frau Conſtanze jetzt inne hielt, gedämpft:„Du biſt ein guter Anwalt, Mama.“ Es war etwas Nachdenkliches, ja man möchte faſt ſagen, Träumeriſches in ihrer Stimme wie in ihren Zügen, ſoweit die Freundin dieſelben vor der — ſtützenden Hand zu ſehen vermochte. Und wie denn dieſe Natur trotz aller Offenheit und Hingebung ſtets eine verſchloſſene geweſen und geblieben war, deren eigenſtes und bewegungsvollſtes Leben ganz und gar im Innern verlief und ſelbſt ihren Nächſten ſich kaum jemals offenbarte, ſo war es auch in dieſem Augenblick völlig unentſcheidbar, was Frau Conſtanzens Ausein⸗ anderſetzung in ihr angeregt habe, was in ihren Worten, ihrer Stimme, ihren Zügen wiederklang und ſich ab⸗ ſpiegelte. Frau Conſtanze verſtand das wohl. Und nach einem langen aufmerkſamen und forſchenden Blick ver⸗ ſetzte ſie ernſt:„Da irrſt Du, mein Herz, wenigſtens bin in dieſem Falle nicht ich der Anwalt, ſondern die Verhältniſſe in ihrer Wahrheit und Wirklichkeit ſind es. Entſtellen— das trauſt Du mir zu— kann und darf ich ſie nicht. Ich habe meinem Mann und dem Rath verſprochen, Deine Entſcheidung in keiner Weiſe zu beeinfluſſen, und das halte ich. Was ich bisher ſagte, war nur die eine Seite, die Kehrſeite erſpare ich uns. Ich bin ein lebhaft Menſchenkind und ohne viel Complimente, und was ich auf dieſer Kehrſeite finde und leſe, iſt Dir längſt bekannt. Aber weil ich ſo ohne Complimente und freimüthig bin, ſo muß ich Dir auch ſagen: dieſe Weiſe, wie er ſich Dir zu nähern 249 und mit Dir wieder anzuknüpfen verſuchte, gefällt mir. Er trifft damit den einzigen Punkt, wo die Verbindung zwiſchen Euch noch immer eine feſte und innige iſt und bleiben muß— in dem Kinde ſeid und bleibt ihr eins. Und daß auch er das weiß und begreift, daß er ſich dadurch für gebunden hält, das zeigt mir, glaube ich beinahe, daß die Umkehr, von welcher der Sanitätsrath ſchreibt, keine ſo gar plötzliche und für uns unbe⸗ gründete ſein könne, vielmehr ſich ſchon ſeit langem vorbereitet haben müſſe ja noch mehr, daß es ſtreng ge⸗ nommen gar keine Umkehr iſt. Euer Kind und die Erinnerungen an Eure Verbindung durch daſſelbe war und blieb in ihm, gleichviel, ob für eine Zeit zurück⸗ gedrängt. Noch einmal, dies ſpricht bei mir für ihn. Dies kann nicht blos ein Mittel zum Zweck ſein.“ Narie ſaß ganz in ſich verſunken, das Haupt auf die Bruſt geneigt, die Hände im Schooß gefaltet. Endlich ſchüttelte ſie plötzlich leiſſe und langſam dem Kopf. „Ja, wenn Giſela noch lebte— wenn das Band noch exiſtirte!“ klang es tief aus ihr empor. Und mit einem Male erhob ſie nun auch den Kopf, die Augen trafen auf Conſtanze mit ihrem tiefſten Blick, durch die Züge glitt jener finſtere Ausdrnck, der am Abend zuvor ſchon den Rath ſo ernſtlich überraſcht hatte, und ſie ſprach in einem Tone, der trotz ſeiner Ruhe oder vielleicht gerade durch dieſelbe ihre Zuhörerin er⸗ ſchreckte:„Und dennoch weiß ich nicht, ob es darum beſſer wäre; dennoch kann ich Giſela's Tod nicht darum beklagen. Denn ſieh, Mama, er hat ſie freilich ſchon geliebt, und als ſie ſtarb, war es ein gewaltiger Schmerz. für ihn, er brach zuerſt ganz darunter zuſammen. Aber hernach fand er ſich bald hinein und ſah es faſt wie ein Glück an; denn er fürchtete Kinder für uns—“ „Aber, Marie, mein Kind!“ brach die Commerzien⸗ räthin ganz entſetzt aus. „Es iſt ſchrecklich, Mama, aber es iſt nicht anders“, ſagte Marie mit der gleichen unnatürlichen Ruhe. „Sie würden die Verhältniſſe noch mehr verwirren, meinte er, ja ſie auf Generationen hinaus zu aller Qual fortpflanzen. So gerade heraus hat er das freilich gegen mich niemals auszuſprechen gewagt, aber ange⸗ deutet hat er es ſchon, und einmal, da er mit Herrn von Hallbrunn über Mancherlei redete, ſagte er es beſtimmt, und ich war unglücklicherweiſe eine ſehr un⸗ freiwillige Horcherin. Du begreifſt, Mama“, fügte ſie reſignirt hinzu,„daß ich danach mich ſelbſt durch Giſela nicht mehr mit ihm verbunden fühle.“ Nach einer langen Pauſe ſagte die Commerzien⸗ räthin endlich in einem Ton und mit einem Ausdruck, 251 welche trotz aller in ihnen liegenden Sorge dennoch nicht ganz frei von einer gewiſſen Befriedigung waren:„Wenn es ſo ſteht, mein Herzenskind, dann haſt Du Dich alſo auch raſcher und beſtimmter entſchieden, als ich es er⸗ wartet habe, und anders, als ich es, da Du mir vorhin von der geſtrigen Ueberraſchung ſagteſt, annehmen durfte. Denn ich weiß, wie Du nicht nur an Deiner Kleinen, ſondern auch an ihren Spuren hängſt, und das Grab auf dem Rothenſtein—“ „Das iſt es eben, Mama! Darum bin ich auch ſo furchtbar traurig!“ redete ſie leiſe und ſenkte das Geſicht tief auf die Hände hinab.„Er hat es ja ſo oft übertrieben geheißen und mich darum geſcholten— aber ich kann einmal nicht anders! Und nun kommt er ſelber damit. Und obſchon ich glaubte, ich hätt' es längſt überwunden—“ In dieſem Augenblick bemerkte die Commerzien⸗ räthin, daß die Thür, welche in ein Vorzimmer führte, leiſe geöffnet wurde. Ein paar Sekunden lang blieb ſie ſo, und es war, als ob Jemand ins Zimmer hinein horche oder ſchaue. Frau Conſtanze konnte das von ihrem Platz aus nicht erkennen, und wirklich ſichtbar wurde Niemand, wie ſich auch keine Bewegung ver⸗ nehmen ließ. „Sieh, darum bin ich ſo traurig und in ſolcher —— —————õõõ—— Qual!“ ſagte Marie noch einmal, ohne ihre Stellung zu verändern und ganz leiſe. Und wie das letzte Wort heraus war, wurde die Thür aufgeſtoßen— man ſah's wohl, der da gelauſcht hatte, dachte an Alles eher als an die Weiſe, wie er ſich in ein fremdes Gemach einführte— und ein Mann eilte herein und nach einem kurzen dunkeln Blick auf die Commerzienräthin gegen Marie zu. Er umſchlang ſie, er zog ſie unwiderſtehlich auf, an ſeine Bruſt.„Du ſollſt nicht traurig ſein, nicht voll Qual und Gram! Ich nehme das Alles von Dir mit meiner Liebe, und Du nimmſt es mit der Deinen von mir! Denn auch ich bin's, Du meine alte, Du meine neue Liebe— traurig, voll Qual und Gram! Und ich war ſchuldiger als Du und ich war einſamer als Du— o Marie!“ Als ſie, durch das Geräuſch aufgeſchreckt, das Geſicht erhoben und den Herbeieilenden zuerſt erblickt, hatte ihre Farbe flüchtig gewechſelt— das einzige Zeichen einer wirklichen Ueberraſchung, das an ihr ſichtbar wurde. Ohne Widerſtand ließ ſie ſich von ihm aufziehen, ohne Widerſtand ruhte ſie an ſeiner Bruſt, in ſeinen Armen; ohne ſich zu rühren, hörte ſie ſeine leidenſchaftlichen Worte— war ſie nur ſo betäubt durch die Plötzlich⸗ keit ſeines Ueberfalls und durch ſeinen Ungeſtüm, oder vermochte ihr Herz, trotz Allem, was es erſchüttert, trotz — — Allem, was in ihm gegen den Mann ſprach, nun, als —— — er da war und ſie hielt, dennoch nicht der Liebe zu entſagen, die es ihm einmal ſo heiß, ſo voll gewidmet hatte? Ja, ihr Herz rang wirklich in ihr mit dieſem alten ſchrankenloſen Vertrauen und ſeiner alten Liebe, gegen Alles, was es von dem Geliebten entfernt und ihm entfremdet hatte. Aber wie immer, wo ein ſolcher Kampf ſich in ihr erhob, vollzog er ſich auch jetzt im tiefſten Innern, ohne ein anderes äußeres Zeichen, als daß ihre Erſcheinung, ihr ganzes Weſen noch ruhiger und ſtiller wurden, als ſie ſich ſonſt und überall ſchon zu zeigen pflegten. Wie wir es der Prinzeſſin gegen⸗ über beobachteten, ſo war es auch jetzt: ihr ganzes Leben concentrirte ſich ſo zu ſagen in ihrer Seele, ihrem Herzen und wich vollſtändig zurück aus der äußern Form. Er küßte ihre Haare, ihre Stirn, ihre Hände. Sie zuckte nicht, ſie regte ſich nicht. Frau Conſtanze hatte ſich erhoben und ſtand an ihren Stuhl gelehnt, bebend. Denn was ſie vor ſich ſah, erfüllte ſie mit Angſt und Schrecken: ſie ahnte den Kampf, der ſich in Marien vollzog, und hatte das wunderbare Weſen allzu lieb, als daß die endliche Ent⸗ ſcheidung, welche es auch ſein mochte, auch für ſie ſelbſt nicht von tiefſter Bedeutung hätte ſein ſollen. Und ſie ſah die Veränderung, die mit dem Prinzen Bernhard vorgegangen war, viel ſchärfer, ja erſchreckender hervor⸗ treten, als die Andeutungen des Sanitätsraths es hatten vermuthen laſſen. Zumal ſie, die ihn noch viel länger nicht geſehen, erkannte ihn wirklich kaum wieder! Die ſtolze Geſtalt war zuſammengebrochen, wenn auch jetzt aufgerafft in der Leidenſchaft des Moments, das dunkle Haar faſt ganz ergraut, die Züge weniger verlebt als verzehrt von der innern Friedloſigkeit, die ſtolzen, kühnen Augen ſo unſtät, voll eines ſcharfen Lichts! Und zu alledem dieſe Leidenſchaft, dieſe Heftigkeit und Haſt, die ſo vollſtändig der Gewöhnung und Uebung ſeines ganzen frühern Lebens widerſprach, bei ihm, der ſich niemals hatte fortreißen laſſen, der ſich weder im Zorn noch in der Liebe jemals ſelbſt verloren hatte! Er wandte ihr über Mariens Kopf hin jetzt die unruhigen Augen zu.„Ich habe meine Frau in dem alten Neſte geſucht, wo ich ſie geſtern entdeckte“, ſprach er kurz und gleichfalls mit einem ſcharfen Klang;„ich gab ihr dort das Zeichen, daß ich da ſei, daß der Bund, den unglückſelige Verhältniſſe für eine Weile gelockert, in meinem Gefühl, in meinem Willen unauf⸗ löslich geblieben ſei. Das böſe alte Lied, das ich in der Nacht vernahm, hat mir weh gethan, Marie! Aber ich dachte, es ſei das letzte Ausklingen der Mißverſtändniſſe und der traurigen alten Einflüſſe, die uns getrennt. Ich hoffte Dich heute Morgen mir mit der ganzen wieder erwachten Liebe entgegeneilen zu ſehen— Du mußteſt mich erwarten! Und da ich Dich dennoch nicht fand und wußte, wo ich Dich zu ſuchen habe, da durft' ich freilich nicht ſäumen“, fuhr er fort, den Blick von neuem auf Frau Conſtanze richtend und ohne anſcheinend es zu ſpüren, daß Marie ſich eben mit einer kaum bemerkbaren Be⸗ wegung von ihm frei machte.„Ich weiß es, daß die Frau Commerzienräthin mich längſt nicht mehr in ſo freundlichem Lichte anſieht wie vordem. Ich würde mich auch nie hier einzudrängen gewagt haben, hätte ich ſäumen dürfen, Marie zum wenigſten in dieſer Stunde mir gegenüber frei zu erhalten von—“ Er vollendete nicht, denn das Auge der Dame begegnete ihm mit dem Ausdruck des ruhigen, aber ernſten Er⸗ wartens. „Und ſo verzeihen Sie mir den Ueberfall, Frau Commerzienräthin“, ſagte er wirklich in weniger ſchar⸗ fem Tone.„Ihr Mann erlaubte mir ihn gewiſſermaßen. Und nochmals, ich habe nicht zu ſäumen, und was zwiſchen Marien und mir ſich ordnen muß, ſchließt jeden Dritten aus— jeden, ſelbſt den Geliebteſten!— vor ihm ſtehende Frau und ſtreckte den Arm aus, ſie zu umfaſſen.„Laſſe uns in dem kleinen Neſte noch einmal eins werden und noch einmal von ihm hinaus⸗ ziehen zu einem glücklichern Leben.“ Sie wich leiſe, aber unmerklich zurück. Sie erhob 3 9 die bisher geſenkten Augen zu ihm mit einem jener wunderbaren tiefen und ſtillen Blicke, welche nur aus dieſen Sternen hervortauchten. Und als ſich die Lider wieder ſenkten, ſagte ſie leiſe:„Ich kann nicht, Bern⸗ hard!“ „Du kannſt nicht?“ rief er ungeſtüm aus.„Ich ſage Dir, daß ich nicht ohne Dich leben will, nicht ohne Dich ſterben; ich biete Dir die glänzendſte Genugthuung für das Dir geſchehene Unrecht. Ich verzichte für Dich noch einmal auf den— freilich in meinen Augen hohlen— Glanz meiner Stellung und auf die Zukunft meines Stammes, der mit mir erliſcht. Ich will nichts als das Leben mit Dir, in der alten Einigkeit, an Deinen alten geliebten Plätzen, wo uns der größte Segen vereinte und der tiefſte Schmerz uns noch innigerzuſammenband!— Und Du weichſt vor mir zurück? Und Du ſagſt, Du kannſt nicht mit mir gehen? Und Du— Du, Marie, läſſeſt Dich von mir, von dem Vater Deines Kindes fortreißen, durch armſelige Intriguen und Intriganten, durch eine Komm, Marie!“ wandte er ſich an die blaß und ſtill ſolche Empfindlichkeit?“ Man ſah und hörte es wohl, wie das keine Worte eines Herzens voll Liebe, Reue und Sehnſucht waren, ſondern wie ſich in dem Mann der Zorn aufbäumte über einen Widerſtand, den ſein Hochmuth gar nicht für möglich gehalten hatte. Beide hatten es nicht bemerkt, daß die Commerzien⸗ räthin ſich längſt zurückgezogen hatte und durch eine Neben⸗ thür verſchwunden war. „Und Du ſagſt, Du kannſt nicht?“ rief er noch⸗ mals aus. „Nein, ich kann nicht, Bernhard!“ ſagte ſie leiſe und weich, faſt klagend.„Geſchieden iſt geſchieden.“ Du weißt— wenigſtens ſollteſt Du's wiſſen!— das Gericht hat niemals dieſen Spruch gethan!“ rief er heftig. Sie ſah von neuem zu ihm auf, ebenſo flüchtig, ebenſo tief wie vorhin.„Das that Gott und das Le⸗ ben“, verſetzte ſie, immer gleich leiſe und ſanft. Ein jäher, wilder Zorn blitzte aus ſeinen Augen auf ſie nieder.„Als Bettler komme ich nicht, ſtehe ich nicht vor Dir“, ſprach er drohend.„Ich weiß, was ich mir ſchuldig bin. Ich biete Dir noch einmal den Platz an meiner Seite— lebe neben, lebe mit mir, geehrt und geliebt, wie es der Gemahlin des Prinzen von S. gebührt, voll Liebe gegen mich und auch von mir geliebt, Hoefer, Zur linken Hand. 17 258 nicht in phantaſtiſchem Jugendrauſch, ſondern mit dem vollen, warmen Vertrauen—“ „Ich kann nicht, Bernhard!“ unterbrach ſie ihn mit einer Stimme, in welcher Thränen zitterten. „Dann leben Sie wohl, Frau Baronin“, ſprach er nach einer kaum bemerkbaren Pauſe hart und ſtolz. Er knöpfte den Rock zu und nahm den Hut vom Stuhl, auf den er ihn vorhin geſtellt hatte.„Wenn das Ihr letztes Wort iſt— von mir vernehmen Sie kein neues.“ Sie ſchaute noch einmal zu ihm auf. Ihre Augen waren ganz geblendet von Thränen.„Es muß ſo ſein— ich kann nicht anders!“ flüſterte ſie. Da wandte er ſich ſchroff und kurz, ohne Blick, ohne Gruß, ohne irgend eine Bewegung auf dem Ab⸗ ſatz um und verließ harten Schrittes das Gemach. Sie ſchaute ihm durch die Thränen regungslos nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte. Dann deckte ſie langſam beide Hände auf die Augen und ihre Lippen murmelten: „Umſonſt, umſonſt geliebt! Geh hin und laß mich gehn! Geſchieden iſt geſchieden!— Der letzte Ton verklingt.“ Sie haben ſich niemals wiedergeſehen. Marie lebte ihr Leben in Stille und Frieden weiter, welche von keinen Stürmen mehr geſtört wurden. Daß ſie 259 auch in ihrem Innern herrſchten— ſollten wir daran zweifeln? Das alte traurige Lied hat Niemand— wieder von ihr vernommen. Und als die Commerzien⸗ räthin, die auch ein künſtleriſches Intereſſe an dem wunderlichen Stück nahm, ſie einmal um den Text und die Muſik bat, ſchlug ſie es voll ruhiger, aber feſter Entſchiedenheit ab. Es ſolle vergeſſen bleiben, ſagte ſie. Der Prinz iſt ein paar Jahre ſpäter geſtorben. Er hinterließ trotz ſeiner vielen, unleugbar guten Ei⸗ genſchaften den Ruf eines unklaren und unglücklichen Menſchen, der ſelten wußte, was er wollte, und noch ſeltener zur rechten Ausführung des für gut und richtig Erkannten durchdrang. Zur Herrſchaft gelangte er nicht; er reſignirte nach dem Tode des alten Fürſten unaufgefordert zu Gunſten des Nachbarhofs. Was ſeine letzten ungeſtümen Schritte, Marie wieder mit ſich zu vereinigen, hervorgerufen hatte, wurde nicht bekannt. Man darf bei ſolchen Köpfen freilich nie oder doch nur ſehr ſelten nach wirklichen und ernſten Gründen forſchen. In ihnen regiert der Einfall und die Laune. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Neue Ramane aus dem Verlage von Ernſt Julins Günther in Leipzig. penit che Kämpfe. Zwei Erzählungen von evin Schücking. 2 Bände. 80. Eleg. geheftet. Preis 1 Thlr. 15 Ngr. 3 Roman von 3. von Oben. 3 Bände. 80 Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. 7 5 1 ————