iothel iothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe —u 3 be eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent —— 8 — 5 gegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt: und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Nr.— Ff. „ 3 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurü⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene“, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ckſe endung ——— Album. Bibliathek deutſcher Originalromanrer. . Herausgegeben von J. L. Kober. — Fünfzehnter Jahrgang. 1 Siebenter Band. Eine Geſchichte von damals. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Eine Geſchichte von damads. 2 Von Edmund Hoefer. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) 8 — 9 — S 8 S 92 S — & 8 E Inhalt. Erſtes Capitel. Der Buſchhof.. Zweites Capitel. Ein Gang durch den Wald. Drittes Capitel. In der warmen Stube Viertes Capitel. Dorfgeſchichten. Fünftes Capitel. Vater und Sohn. Sechstes Capitel. Am Born.... Siebentes Cupitel. Die Zeit und ihr Mann. Achtes Capitel. Der Buſchbauer. Neuntes Capitel. Auf den Buſchhofe Zehntes Capitel. Alte Sünden Elftes Capitel. In grauen Tagen Zmülftes Cupitel. Der Sturmtag 8 58 — * 10 gentlich von dem unglücklichen Waſſer, und haben nichts von ihm, als von Zeit zu Zeit ein Gericht nicht grade beſonders ſchmackhafter Fiſche. Denn die Ina iſt trotz ihrer Länge und Tiefe keine Verkehrs⸗ und Verbindungs⸗ ſtraße, und ſelbſt die ſchlechten Landwege dieſer Gegen⸗ den ſind ihren ſchlammigen Waſſern noch vorzuziehen. Es iſt ein Fluß der tiefſten Wald⸗, Haide⸗ und Moorgegend, in dem von Fließen wenig oder nichts zu ſpüren iſt, der zur angemeſſenen Jahreszeit faſt bis in die Mitte hinein wie ein Teich übergrünt und überblüht wird, deſſen Waſſer von dieſem hellen, ſchönen Element eigentlich nur den Namen und die Flüſſigkeit hat. Im Uebrigen iſt es dem durchfloſſenen Terrain gemäß bald braun, bald roth, gelb oder ordinär ſchmutzig, niemals aber durchſichtig. Und da die Mündung weit in's Fluß⸗ bett hinein obendrein noch von der See mit Sand ver⸗ ſchlämmt und verdämmt iſt, durch den ſich die Fluten ei⸗ nen ſpärlichen Abfluß ſuchen müſſen, ſo behält dies Waſ⸗ ſer den gleichen Charakter während ſeines ganzen Laufes— es iſt nichts als die Grenze und vermag zu nichts Ande⸗ rem zu dienen; es gewährt keinen Nutzen, ſondern bringt vielmehr Schaden, indem es die Kultur der angrenzenden Landſtriche theils überaus erſchwert, theils gradezu un⸗ möglich macht. Seine Ufer beſtehen bis tief in's Land hinein nur qus Moor und Sumpf, welche jedes Ent⸗ 11 wäſſerungs⸗Verſuches ſpotten, da von einem irgendwie namhaften Abfall auf dieſem Terrain keine Rede iſt. Als Grenze iſt die Ina indeſſen in jenen Tagen, wo es bei gelegentlichen Kriegen und Fehden auf die Vertheidigung der äußerſten Landesbezirke ankam, nicht unwichtig geweſen; die Chroniſten wiſſen von mehr als einem blutigen Kampf, von mancher tapfern That an ihren Ufern zu erzählen. Es geht auch aus dem Mit⸗ getheilten hervor, daß ein Uebergang über dies Waſ⸗ ſer ſchon an ſich nicht leicht ſein könne, und bei zweck⸗ mäßigem Widerſtande faſt unmöglich werden müſſe. Der Fluß ſelbſt iſt, mit Ausnahme weniger Stellen, ſchwer zu überſchreiten. Es müſſen tüchtige Schwimmer, Ru⸗ derer mit derben Muskeln ſein, welche durch das Rohr, Kraut und die Waſſerpflanzen aller Art, die ſich wie Schlingen und Maſchen eines verderblichen Netzes über die Flut und unter derſelben hinbreiten, dringen wollen. Das Flußbett iſt bodenlos; in der Tiefe gibt es nichts als einen bis in's Innerſte erweichten Schlamm, aus dem noch niemals etwas, das unglücklicher Weiſe hinein⸗ gerieth, zurück zu erlangen war. Und die Ufer endlich ſind, wie ſchon bemerkt, weit hinaus Sumpf, Moor und Rohrbruch, durch die bisher nur wenige und ſtets gefähr⸗ liche Pfade entdeckt wurden. Da können kanm Einzelne gehen; an den geordneten Marſch einer größern Trup⸗ 1* Erstes Capitel. Der Buſchhof. Dem vielfach aufgeſtellten Grundſatz entgegen, daß ein mäßig breites Waſſer nicht trenne, ſondern ver⸗ binde— bildet der Fluß, den wir die Ina nennen wollen, ſeit unvordenklichen Zeiten und auf eine ziemlich bedeu⸗ tende Strecke hin die Grenze zweier Staaten im Nord⸗ weſten unſeres Vaterlandes. In Betreff der Länge ihres Laufes und der Tiefe ihres Bettes gehört die Ina keines⸗ wegs zu den kleinen Waſſeradern Deutſchlands, und den⸗ noch wiſſen Geographen und Statiſtiker nichts von ihr zu ſagen, als daß ſie eben die Grenze jener beiden Staa⸗ ten ſei. Der Reiſende, der ſie auf ſeinem Wege zu paſſi⸗ ren hat, fragt ſchwerlich jemals nach ihrem Namen oder hört ihn mit vollkommener Gleichgültigkeit, und ſelbſt die Bewohner der angrenzenden Landſtriche reden nur gele 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 1 3 12 penmaſſe iſt nirgends zu denken, da ſelbſt die zwei wirk⸗ lichen, dieſen Landſtrich durchziehenden Straßen nur ſchmal, und zu manchen Jahreszeiten für ſchwere Fuhr⸗ werke gänzlich unbrauchbar ſind. 1 Die Landesbewohner wiſſen das alles ſehr wohl und verſtehen es ſich zu Nutze zu machen. Die beiden Staaten gehören auch heute noch nicht zu dem gleichen Zollverbande, und es iſt daher begreiflich, daß an ihrer Grenze der Schmuggel in reichſter Blüthe ſteht, zumal er dort ein Terrain findet, wie es zum Entzücken der Schmuggler und zur Verzweiflung der Beamten gar nicht beſſer gedacht werden kann. Da gibt es keine Hülfe. Denn wenn auch die Bevölkerung in dieſen Gegenden ſeit eini⸗ gen Jahrzehnten bedeutend zugenommen hat und aus⸗ gedehnte Landſtriche kultivirt und zugänglicher geworden ſind— der Fluß und ſeine nächſten Umgebungen blieben bisher noch immer in der gleichen Verfaſſung, und noch heutigen Tags findet man hier weite, weite Strecken, die auf viele Stunden hinaus mit Wald und Moor, mit Haide oder Sumpf bedeckt und kaum oder gar nicht zu⸗ gänglich ſind. Wer ſich dahinein wagt, kann ſich in ei⸗ nen andern Welttheil und in ein weit zurückliegendes Jahrhundert verſetzt wähnen, ſo fernab muß er ſich hier von der Kultur, von dem ganzen Leben unſeres Zeitalters fühlen.„ 13 Selbſt die Menſchen, die er grade nur hier, auf einigen Stellen dieſer abgelegenſten und verborgenſten Landſtriche angeſiedelt findet, können zur Erhaltung einer ſolchen Illuſion beitragen. Es iſt, möchte man ſagen, kein Geſchlecht der Gegenwart, es ſind urſprünglichere, mar⸗ kirtere Charaktere, als man ſie anderwärts und zwar ſchon bei ihren nächſten, ein wenig civiliſirteren Nachbaren in den ſtärker bevölkerten Bezirken trifft. Hier ſind, um im Bilde zu ſprechen, die Menſchen mit der Axt zugehauen, Hobel und Raſpel hatten nie mit ihnen zu thun. Sie haben noch die Sprache von vordem, Sitten, Gebräuche, Tracht, Glauben und Aberglauben. Alles an und in ihnen iſt ſcharf ausgeprägt: die Ehrenhaftigkeit und die Ro⸗ heit, der Eigenſinn und die Verſchmitztheit, die Ungebun⸗ denheit in jeder heitern oder düſtern Gemüths⸗ und See⸗ lenregung— kurz, alles, was man an den ächten alten Bauern findet; denn das ſind ſie. So wurden ſie und ſo blieben ſie, weil das Land ſelbſt ſie vor einer zu häufigen Berührung mit der Kultur der neueren Zeit bewahrte. Wer hier haust, kommt ſelten, zuweilen auch ſein ganzes Lebenlang nicht weit in die Um⸗ gegend hinaus oder in die noch dazu ziemlich entlegenen Städte; nur zur Zeit des Herbſtmarktes, und zwar an ei⸗ nem beſtimmten Tage, kann man einer größeren Zahl der Dörfler in der Kreisſtadt begegnen. Müßte man nicht von 11* Zeit zu Zeit ſeine Steuern bezahlen, ſo hätte man außer⸗ dem draußen gar nichts zu thun. Die geringen Bedürf⸗ niſſe an Geräth oder Kleidung, denen man nicht ſelber abhelfen oder mit denen man nicht bis zum Markt warten kann, werden von Händler⸗ und Krämer⸗Geſchlechtern befriedigt, welche, der Sohn nach dem Vater, dieſe Land⸗ ſtriche ſeit unvordenklichen Zeiten durchziehen, indem einige das Nothwendige bringen, andere den Ueberfluß an Ge⸗ treide und Vieh mit fortnehmen. Wenn man die paar Grenz⸗ und Forſtbeamten abrechnet, die in der Umgegend ihre Reviere und Stationen haben, ſieht man hier Jahre⸗ lang nichts vom Staat, dem man angehört; denn nur die Genannten finden, was ſie und die Behörden intereſſiren kann. Nur für ſie paſſirt zuweilen etwas; andere Diener des Staates und der Gerechtigkeit finden hier niemals etwas zu thun. Verbrechen kommen anſcheinend niemals vor, wenigſtens erfährt, außer der Familie oder höchſtens dem Prediger, nie ein Menſch davon und am allerwenig⸗ ſten die betreffende Behörde. Und ſomit bleiben dieſe Menſchen unbeläſtigt in ihrer ſtillen, häufig kaum zugäng⸗ lichen Einſamkeit; ſie wollen nichts von der Außenwelt und dieſe begehrt nicht nach ihnen. Sie haben nichts für einander. Das ſind die Ina⸗ oder vielmehr In⸗Bauern, wie man ſie nach dem Fluße zu nennen pflegt, dem ſie zunächſt —— 15 wohnen. Sie hauſen in drei nicht weit von einander ge⸗ legenen Dörfern, und bilden eine Gemeinde von etwa ſechshundert Seelen. In dem einen Dorfe ſteht Kirche und Pfarrwohnung, und es gehört zu den Eigenthümlich⸗ keiten dieſes Völkchens, daß es ſeit wenigſtens zweihundert Jahren alle ſeine Prediger nur aus zwei Familien erhielt. Die eine ſtarb in den ſiebziger Jahren des vorigen Jahr⸗ hunderts aus, ſeitdem folgte die andere in alter Weiſe, der Sohn auf den Vater, und das einzige Mal, wo mit Ausnahme jener Markttage eine größere Anzahl der In⸗Bauern in der Hauptſtadt des Kreiſes neuerdings geſehen wurde, und der Behörde mit einer Forderung nahte, war, als vor einigen Jahren das Conſiſtorium nach dem Tode des alten Predigers die Stelle nicht dem noch ziemlich jungen Sohne deſſelben, ſondern einem andern Kandidaten zuwenden wollte. Wie es den Bauern gelang, dieſen Eingriff in das Herkommen abzuwenden, wiſſen wir nicht. Es gelang ihnen aber und ſie haben ihren heutigen Pfarrer noch mit demſelben Namen zu nennen, den ihre Großeltern bereits ausſprachen. Und wie ſchon bemerkt, ſie hängen an dem, was vor Alters geweſen. Sie heirathen noch heutigen Tags nur unter einander, ſie nehmen ihre Knechte und, Mägde nur aus den Eingeborenen ihrer Dörfer und ſie handeln nur mit den Händlern und Krä⸗ mern, mit deren Vätern ihre Eltern gehandelt. 16 In dieſen Gegenden iſt es herkömmlich, daß die Höfe der Bauern und die Häuschen der Tagelöhner alle nahe bei einander in ihrem Dorfe liegen; erſt in der neueren Zeit haben hie und da einige angefangen, ſich abſeits in der Nähe oder Mitte ihrer zuſammengelegten Aecker und Wieſen ihre Höfe zu bauen. Bei den In⸗ Bauern findet jedoch ſchon ſeit langen Jahren eine Aus⸗ nahme von der alten Regel ſtatt; in der Umgebung von jedem der drei Dörfer trifft man auf zwei oder drei einzelne, einſam gelegene Höfe, und einer von ihnen iſt der ſogenannte„Buſchhof“. Wenn man die Chauſſee verläßt, welche jetzt die beiden größern Städte des Bezirks verbindet, und auf der„Landſtraße“ dem eigentlichen Inakreiſe und der Grenze des Staates entgegenzieht, gelangt man nach einigen Stunden in ein Land, wo die Aecker immer ge⸗ drängter liegen und kleiner werden und endlich faſt gänz⸗ lich verſchwinden. Statt ihrer gibt es hier weite Haide⸗ ſtrecken und hinter dieſen einen ſich immer dichter und höher empordrängenden, anſcheinend unendlichen Wald. Anfangs wird er noch von einigen Dörfern mit ihren be⸗ ſchränkten Ackerfluren unterbrochen; endlich aber trifft man nichts mehr als Baum an Baum im geſchloſſenen Forſt, der nur widerwillig hie und da noch Platz für eine kleine Wieſe gelaſſen zu haben ſcheint, und in den nur 17 ſelten ein ſchmaler ſchattiger Weg von der größeren Straße hineinführt. Ihr ſeid ſchon eine gute Strecke im Schatten der Bäume geweſen, und neben der Landſtraße zeigt ſich be⸗ reits ein Terrain, welches, abfallend und feucht, ſtatt der Eichen und Buchen mit Weiden und Elſen bewachſen, die Nähe der Wieſen und Moorflächen der Ina verräth— da öffnet ſich links in den Wald hinein ein nicht breiter, bedenklich ausſehender Weg, mit tief ausgefahrenen Ge⸗ leiſen, in denen ſelbſt zur hohen Sommerzeit noch zuwei⸗ len Lachen eines trüben oder ſchwarzen Waſſers zu finden ſind. Am Eingange dieſes Pfades liegt ein mächtiger Stein und daran lehnt ſich ein vermorſchter Wegweiſer mit den Landesfarben und der lakoniſchen Bezeichnung: „Stepnitz“. Da müßt ihr hinein, und wenn Glück und Wetter euch hold iſt, mögt ihr nach ein paar Stunden den Wald ſich vor euch öffnen ſehen, kleine Aecker und große Wieſen, eine Kirche und längs der ſchmutzigen Straße ein Dorf erblicken— eben„Stepnitz“, das Kirchdorf der In⸗Bauern. Habt ihr dagegen, wie man zu ſagen pflegt, Pech, waren die Tage vor eurem Aus⸗ fluge regneriſch, wähltet ihr zu eurem Fortkommen nicht eure eigenen, Füße oder die eines Pferdes, ſondern einen der in den Städten und auf guten Straßen gebräuchlichen Wagen, ſo kann es ſich auch gar wohl ereignen, daß ihr 18 Morgens in der Frühe die Stadt verlaſſen habt und Abends in der Dunkelheit doch noch nicht in dem ge⸗ nannten Dorfe ſeid, ſondern zur Abkühlung eurer Un⸗ geduld mitten im Waldwege ſteckt. Es iſt dort zu Lande ein eigen Ding mit den Straßen, und mit Kutſchen oder Chaiſen und dergleichen Fuhrwerken fährt man auf ihnen vernünftigerweiſe nicht. Denn im günſtigen Fall kommt man mit ihnen unendlich langſam vorwärts; im ungünſtigen aber muß man vielleicht ein Paar Stunden zu Fuß gehen, um vom nächſten Dorf Hülfe und Vor⸗ ſpann zu holen. Das iſt nicht anders. Nun alſo, ihr habt jetzt aber das Dorf und die Zeile der an der Straße liegenden, von ihren Garten⸗ bäumen umgebenen Häuſerchen und der großen, zurück⸗ tretenden Bauernhöfe erreicht und trotz aller Hinderniſſe durchmeſſen. Am Eingang und Ausgang ſind Schlag⸗ bäume, die ihr euch öffnen laſſen müßt; die Straße drinnen iſt noch halsbrechender als ſie draußen war, da es hier vor Zeiten einen Damm gegeben hat, der aber inzwiſchen das Schickſal aller einzelnen Steine theilte— er ging langſam und behaglich in den ſchweren ſchwarzen Boden hinein und wird nach einiger Zeit ſpurlos ver⸗ ſchwunden ſein. Ihr ſeid aber, wie geſagt, glücklich wie⸗ der hinaus. Hinter euch liegt das Dorf, vor euch— viel⸗ leicht eine halbe Stunde weit— ein einzelner großer Hof; 4 4 8 —— 19 links und rechts bis an den Waldgürtel mäßig große Aecker und prachtvolle Wieſen, auf denen ebenſo pracht⸗ volles Vieh weidet. Rechts tritt der Wald näher heran, und unmittelbar am Dorf führt eine Seitenſtraße grade auf ihn zu. Der folgt; ſie iſt beſſer im Stande, weil ſie auf einem kleinen Landrücken hinläuft und trockener iſt als euer bisheriger Weg. Sie führt euch durch die Fel⸗ der, dann durch einen in vollſter Kraft ragenden Eichen⸗ und Buchenwald und nach einer Viertelſtunde wieder auf eine ziemlich große Lichtung mitten im Holz. Da lie⸗ gen plötzlich die Güter des Buſchhofes vor euch, und rechts, nahe gegen den Wald gedrängt, zeigen ſich über einem grünen Raſenwall Dächer und hochragende Bäu⸗ me. Erſt wenn ihr ganz nahe komut, entdeckt ihr, daß der ganze Hof— Wohnhaus, Ställe und Scheunen— in einen der ziemlich häufig im Lande zu findenden alten Burg⸗ oder Haidenwälle hineingebaut iſt. Zwei Häusler⸗ wohnungen und der große Garten liegen außerhalb. Das iſt ein einſames, man möchte faſt ſagen, geheimnißvolles Gehöft. Denn wie ein Geheimniß liegt es da, tief und ſtill im abgeſchloſſenen Raum, den Menſchen verborgen und fern vom Verkehr und Treiben der Welt. Es iſt begreiflich, daß man im Allgemeinen von der Entſtehung und Geſchichte eines ſolchen Hofes noch we⸗ niger weiß, als von der eines Dorfes; ſelbſt die Be⸗ 20 ſitzer— auch wenn ſie noch vom urſprünglichen alten Ge⸗ ſchlecht— ſind meiſtens vollkommen unbekannt damit und kennen, einzelne beſondere Züge abgerechnet, auch nur Diejenigen von ihren Vorfahren, welche ſie noch ſelber geſehen. Von einer Haus⸗ und Familienchronik— und be⸗ ſtände ſie auch nur in Namen, Geburts⸗, Heiraths⸗ und Sterbejahren auf den weißen Blättern in der Familien⸗ bibel— iſt immer weniger die Rede. Und die Leute haben eigentlich auch recht. Was ſollen ſie ihr Gedächtniß, das ſie für die Ereigniſſe und das Treiben des heutigen Le⸗ bens gebrauchen, noch mit Namen und Erlebniſſen der Vorfahren beſchweren, die für ſie gleichgültig und ohne Gewicht ſind? Und was fragen ſie oder irgend ſonſt Je⸗ mand darnach, ob der Hof, den ſie bewohnen, dann oder dann und aus dieſem Grunde oder aus jenem erbaut wurde?. Beim Buſchhof aber iſt die Sache zufällig anders. Das Geſchlecht, das darauf ſeit ſeiner Erbauung haust, weiß nicht nur von der Entſtehung ſeines Guts, ſondern auch von ſeinen Voreltern, und hält und pflegt das alles mit treuem Sinn und Herzen. Einige Jahre nach dem Ende des dreißigjährigen Krieges— der Waldbezirk, in dem die In⸗Bauern hauſen, war eine der unendlich wenigen Stellen Deutſch⸗ lands, die in der ſchweren vergangenen Zeit direkt ſo gut — 21 wie gar nicht gelitten hatten, ſondern ſtets und faſt gänzlich unbeläſtigt geblieben— übernahm der junge Bauer Rolof Werdenhagen den väterlichen Hof im Dorfe Stepnitz. Abweichend von der altherkömmlichen Sitte ſeiner Nachbarn, war er vordem nach einem Streit mit dem Vater„in's Land“ gegangen und ein Paar Jahre draußen— man wußte nicht, wo— geblieben, hatte ſich dort— man wußte wieder nicht, auf welche Weiſe— große Reichthümer erworben und war nach dem Tode des Vaters plötzlich wieder da, um ſeinen Beſitz anzu⸗ treten,— etwas, das ihm nur gelang, weil er der ein⸗ zige Sohn war. Sein Vater hatte ihm jenen Streit und ſein un⸗ gebührliches Davonlaufen nie verziehen und eben ſo wenig ward das letztere von ſeinen Nachbarn vergeben. Man betrachtete ihn faſt wie einen Fremden und wehrte ſich, wenn auch vergeblich, auf alle Weiſe gegen ſeine Niederlaſſung im Dorf. Man hätte ſeinetwegen faſt vom alten Herkommen abweichen und das Erbe ſeiner Schwe⸗ ſter zugeſtehen mögen; und als es gar verlautete, daß er auch ſeine Frau nicht in der Heimat wählen, ſondern aus der Ferne holen wolle, war, wie man zu reden pflegt, dem Faß vollends der Boden eingeſchlagen, und die Feindſchaft, der bittere Haß der Nachbarn, ſeiner eigenen Familie, zeigte ſich im ſchärfſten Licht. Der Prediger ſogar nahm Partei gegen ihn und ſchalt ſein Abweichen 22 von der heimiſchen Sitte ſündlich und verderblich, ohne daß er freilich bei dem jungen Mann damit mehr aus⸗ richtete als die andern Inſaſſen des Dorfs es auf ihre Weiſe vermochten. Rolof blieb bei ſeinem Kopf und ſei⸗ nem Recht. Er heirathete und lebte ruhig mit Frau und Kind in der Einſamkeit ſeines Hofes— ſich ſelbſt genug, unbekümmert um den offenen Haß und die heimlichen Anfeindungen des Dorfs. Da kam plötzlich— Niemand wußte, woher— das in jenen Tagen furchtbar gefährliche Geſchrei auf, daß das junge, freundliche, beſcheidene und ehrbare Weib des Rolof Werdenhagen eine arge Hexe und an dieſem und jenem Unheil ſchuld ſei, das in den Jahren ſeit ihrer Anweſenheit die Dörfler betroffen. Die Unterſu⸗ chung führte ausnahmsweiſe zu der endlichen Freiſpre⸗ chung der armen Frau, aber die Folter hatte ihre Glie⸗ der zerbrochen und ſie ſtarb nicht lange darauf geſtörten Geiſtes, kaum einige Tage, bevor faſt das ganze Dorf, und auch Rolof's Hof, durch einen großen Brand in Aſche gelegt wurde. Da führte der Bauer den Entſchluß aus, zu dem er ſchon während der Haft ſeines Weibes gekommen. Seine beſten Aecker und Wieſen lagen drin⸗ nen im Wald— oder wie es dort zu Lande heißt: im Buſch— bei einander, und ſeine Vorfahren hatten der Entfernung und der dadurch erſchwerten Beſtellung wegen mehr als einmal an eine Vertauſchung oder Veräußerung derſelben gedacht. Rolof dagegen ſchlug jetzt die Güter, die er in der eigentlichen Ackerflur des Dorfs beſaß, an einen Verwandten los, der ihm von jeher einzig be⸗ freundet geblieben und nun aus dem Nachbardorfe her⸗ überzog; er erwarb zu ſeinem Waldlande noch einige weitere Striche des damals faſt werthloſen, bisher nie⸗ mals kultivirten Bodens und des angrenzenden, ebenſo gering geachteten Forſtes und baute in dem auf ſeinem Gebiet gelegenen„Burgring“ den neuen Hof wie eine kleine Feſtung und auf das ſtattlichſte auf. Vom Dorfe wollte er nichts mehr wiſſen. Seit ſein Weib todt und das ganze Dorf durch den Brand verarmt war, hatten die Nachbarn ſich ihm wieder genähert— es bleibt unbeſtimmt, aus welchem Grunde; ob es nun geſchah, weil der Hauptanſtoß— die fremde Frau— aus dem Wege war und man von dem rüſti⸗ gen Mann eine neue Heirath erwartete, oder weil man ihn für reich genug hielt, dem ganzen Dorf unter die Arme zu greifen, oder endlich, weil man ſeine Verbindung mit dem Amt und anderen Behörden theils fürchtete, theils auszunutzen gedachte. Daß er beim Amte aber in Geltung ſtand, war ſichtbar genug geworden, da er nicht nur ſeine Güter aus den Beſitzungen der Krone ver⸗ mehren, ſondern auch ſeine Behauſung dort aufſchlagen 24 durfte. Beides erreichte ſchon damals Niemand ohne beſondere Protection und Erlaubniß. Wie dem Allen aber auch ſei— wir wiſſen bereits, daß der Bauer jede Annäherung zurückwies und fortan einſam auf ſeinem Hofe lebte. Er verkehrte mit Niemandem im Dorfe, außer mit dem einen, vorhin erwähnten Verwandten; er verheirathete ſeine drei Kinder mit Frem⸗ den, und auch der Sohn lebte nach Rolof's Tode in gleicher Weiſe fort. Erſt in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts heirathete ein Sohn vom Buſchhofe wieder ein Mädchen aus Stepnitz und kam ſeitdem mit den alten Nachbarn nach und nach in einige Berührung. Lebhaft und freundlich geſtaltete ſich der Verkehr aber auch jetzt noch nicht; die Werdenhagen ſahen mit einer Art von Hochmuth auf die Dorffamilien herab, von denen ſie kaum eine ſich ebenbürtig erachteten. Sie hatten dazu freilich auch ein gewiſſes Recht, denn ihr Hof ſtand an Umfang des Gebiets und an Freiheiten nur den großen Rittergütern nach; das Areal war bei jeder möglichen Gelegenheit vermehrt worden, der Forſt gehörte ihnen auf eine weite Strecke hinaus und in ſeinen werthvollſten Beſtänden, und der Reichthum der Familie war um ſo mehr angewachſen, da man ſtreng an dem alten Herkom⸗ men hielt: der älteſte Sohn erbte Hof und Vermögen, während alle übrigen Kinder ſich mit einer verhältniß⸗ mäßig geringen Abſtandsſumme begnügen mußten, und überdies die nachgeborenen Söhne nur ſelten heiratheten, ſo daß ihr Vermögenstheil ſpäter gewöhnlich wieder dem Hauptſtamm zufiel. Trotzdem blieb das Leben auf dem Buſchhofe nach wie vor ein rechtes und ächtes, arbeitſames und einfaches Bauernleben. Es gab Männer und Frauen unter den Werdenhagen, die für ſehr kluge Köpfe galten und wirk⸗ lich hochbegabt waren, allein für die Ausbildung ihrer Fähigkeiten geſchah in dieſer Familie ſo wenig etwas, wie bei allen Nachbarn dergleichen blieb jedem Ein⸗ zelnen ſelbſt und der Schule ſeines Lebens überlaſſen. Daneben galten Söhne und Töchter des Geſchlechts je⸗ doch ſtets als Muſter der Ehrbarkeit, kaum einmal war Einem von ihnen in dieſer Beziehung ein Vorwurf zu machen geweſen; die Mädchen zeichneten ſich überdies faſt alle durch ihr hübſches Aeußere aus, und die wohl⸗ gebildeten Söhne übertrafen an Kraft und Größe ſelbſt ihre Nachbarn, die In⸗Bauern, welche ſonſt im ganzen Lande wegen ihrer hohen mannhaften Geſtalten berühmt ſind. Kurz, es war ein tüchtiges Geſchlecht, nur blieben alle, und zumal die wirklichen Beſitzer des Buſchhofes, mehr oder minder einſiedleriſch und verſchloſſen. Die Bauern waren ohne Ausnahme ſtolze und feſte, ſtrenge und oft rauhe Männer, die Bäuerinnen und die Kinder 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 2 26 von jeher faſt alle ernſt und ſtill. Beliebt waren ſie bei ihren Nachbarn nicht. Man vergaß ihnen ihren Hochmuth nicht, und bei ihrem abgeſchloſſenen Leben, ihrem, meiſt ebenſo verſchloſſenen, oft ſogar finſtern Weſen und endlich bei ihrem abgelegenen Wohnſitz in dem Burgringe konnte es nicht ausbleiben, daß man ihnen hin und wieder man⸗ cherlei Seltſamkeiten und allerhand Unheimliches nachzu⸗ ſagen hatte und faſt an allen Gliedern der Familie dies oder jenes Beſondere fand. Das Alles war von jeher ſo geweſen, und ſo war es auch zu Anfang unſeres Jahrhunderts, wo wieder ein Rolof als Bauer auf dem Buſchhofe ſaß; der Name war überhaupt in dem Geſchlecht beliebt und fand ſich faſt in jeder Generation einmal. Der Bauer war der zweite Sohn ſeines Vaters geweſen und hatte den Hof nach dem Tode ſeines älteſten Bruders erhalten. Er war ein finſterer, wortkarger Mann, den man ſelbſt in ſeiner Ju⸗ gend niemals recht fröhlich geſehen. Von ſeiner erſten Frau hatte er einen Sohn, der in der Fremde war; von der zweiten, die jetzt noch lebte, gleichfalls einen Sohn und eine Tochter. Es ging in der Familie ſehr ſtill her, und auf dem Buſchhofe war es niemals einſamer geweſen als unter dieſem Beſitzer. Wochen konnten vergehen, ohne daß man dort ein fremdes Geſicht erblickte. Man liebte keinen Verkehr und verbarg das vor Niemand. 27 Zmeites Capitel. Ein Gang durch den Wald. Sie gingen Beide langſam den Pfad entlang, der aus dem kleinen Bruch jetzt wieder auf einen höheren Landrücken führte, wo ſich nach dem bisherigen Buſch und den mächtigen, aber theilweiſe verkrüppelten Stäm⸗ men jetzt der Hochwald in vollſter Pracht und Geſund⸗ heit ausbreitete. Da hob ſich Baum an Baum, der eine immer ſchöner und gewaltiger als der andere, und die Kronen ſchatteten im Sommer ſo weit herüber und hinüber und verſchlangen ſich ſo innig, daß unter ihnen ſich nur der Waldraſen mit ſeinen Kräutern hinſtreckte; ſelbſt die Sprößlinge der alten Bäume gediehen dort nicht mehr. Aber um ſo beſſer konnte man die pracht⸗ vollen Stämme überſehen und zumal jetzt, wo nicht einmal das Laub den vollen Anblick beeinträchtigte und die ra⸗ genden Wipfel verhüllte. Denn es war im Februar und alles Gezweig zeigte ſich weiß überreift. Dazu warf die abwärts gehende Sonne lange Lichtſtrahlen in das Zweig⸗ gewirre der Kronen und ließ die dunklen Stämme drunten, welche ſie nicht mehr erreichen konnte, deſto mächtiger hervortreten. 2* Der Eine blieb ſtehen und ſtieß ſeinen langen Ei⸗ chenſtab auf das Laub, welches mit Schneereſten vermiſcht den Pfad bedeckte. Er ſah bald rechts, bald links und legte den Kopf hintenüber, um den vollen Aufblick zu einer rieſigen, nahe ſtehenden Eiche zu gewinnen.„Aber ſapperment,“ bemerkte er dann und ſah wieder herab zu ſeinem Gefährten,„was führſt Du mich denn hier im Walde herum, Alter? Mir ſcheint's, wir wären nun weit genug und brauchten nur zuzugreifen. Der da iſt mir ganz recht,“ ſetzte er hinzu und erhob die Spitze des Stockes gegen den eben geprüften Baum. „Aber mir nicht,“ verſetzte der Andere, der beim Stehenbleiben ſeines Begleiters zwei Schritt weiter gleich⸗ falls Halt gemacht und dem Benehmen des Andern gleichgültig zugeſehen hatte.„Mir nicht, Müller. Hier ſchlag' ich keinen Stamm und keinen Aſt. Komm nur mit, wir ſind gleich auf dem rechten Fleck, und da kannſt Du nach Guſto wählen.“ Er ſchritt ruhig weiter. Der Müller folgte widerwillig und erſt nach einem neuen bedauernden Blick auf die Eiche.„Beſſer find' ich ſie nicht,“ ſagte er kopfſchüttelnd,„und Dir, mein'’ ich, könnt's egal ſein.“ „Das iſt es eben nicht,“ verſetzte der Bauer— denn ein ſolcher war's ſeiner Tracht nach— ruhig.„Es iſt einmal von Alters her bei uns auf dem Buſchhof ſo ge⸗ 29 weſen, daß wir nur drunten, auf der einen Stelle ſchla⸗ gen, was wir verkaufen wollen. Der Beſtand hier bleibt, wie er iſt; unſere Nachkommen brauchen auch Holz.— Und drunten führt eine Straße entlang. Wie wollteſt Du's von hier fortbringen?“ Der Müller ſchüttelte wieder das Haupt.„Du biſt eben immer ein Querkopf geweſen, Rolof,“ meinte er, „haſt immer für Dich was Apartes haben müſſen! Das fehlte mir juſt, daß ich noch an die nach mir denken ſollte! Laß ſie ſelber ſich umthun, wie's ihre Eltern muß⸗ ten. Und um's Holz wär' mir am wenigſten bange. Da ſteht überall noch ſo viel, daß man die ganze Menſchheit dabei neunmal todtbraten könnte.“ „So?“ fragte der Andere kalt und blieb einen Au⸗ genblick ſtehen und ſchaute ſeinen Begleiter an.„Und doch kommſt Du drei Meilen weit extra zu mir, um Dir eine Mühlenwelle zu kaufen? Was bliebſt Du da nicht bei euch drüben?“ „Ei, Du weißt wohl, daß wir drüben keine eigenen Waldungen haben, ſondern daß Alles dem Fürſten ge⸗ hört,“ lautete die Antwort.„Und der verkauft ſündlich theuer, und ſeine Förſter und Amtleute machen einen Lärm um jedes Stück Holz und thun ſo koſtbar damit, als wär's wunder was Rares.“ „Nun alſo!“ ſagte der Bauer im Weitergehen. 30 „Näher hätt' ich's doch haben können,“ fuhr der Müller fort.„Zu Dir kam ich eben aus alter Freund⸗ ſchaft und um einmal ſelber die Herrlichkeit auf dem Buſchhofe zu ſehen.'s iſt kurios genug— an die dreißig Jahr kennen wir uns, und nicht einmal bin ich herüber gekommen. Aber es iſt richtig— Du lebſt da wie ein Graf, ſo ſtatiös iſt Alles. Iſt das noch immer Dein eigener Wald?“ „Ja,“ erwiederte der Bauer kurz und finſter.„Dort hinten im Grund die Straße macht meine Grenze.— Hier links geht der Weg,“ ſetzte er hinzu und folgte dem Pfade, der in der immer dichter rings ausgebreiteten Laubdecke kaum noch ſichtbar blieb. Sie gingen eine Weile ſchweigend weiter; die Son⸗ nenſtrahlen verſchwanden nun auch droben aus den Kro⸗ nen, und es begann drunten um die Männer her ſchon dämmerig zu werden. Da machte der Bauer wieder Halt, deutete vor ſich hin, wo der Boden ſich raſch ſenkte, und ſagte:„Da ſind wir! Nun ſuch' Dir aus, was Dir paßt.“— Und als der Andere ein wenig verdrießlich bemerkte:„Ich ſeh' keinen Unterſchied! Sie ſind nicht beſſer als die droben!“ da fuhr er ruhig fort:„Ich habe Dir ſchon einmal geſagt, daß ich nur hier ſchlage, und daß die Straße dort drüben die Abfuhre kommöbe acht. Greif' zu, eh's dunkel wird.“ 31 . Der Müller ſah aber nach der Straße hinüber und fragte endlich:„Dort jenſeits— iſt das auch noch Dein?“ „Nein,“ entgegnete der Alte;„das iſt herrſchaft⸗ lich— nichts als Bruch und Moor. Aber mach' fort, daß wir fertig werden.“ „So, ſo!“ machte der Müller, indem er ſich jetzt erſt den Bäumen zuwandte, und darauf begann das Um⸗ herſuchen, das Meſſen, Klopfen und Prüfen, bis der Müller endlich einen Baum gefunden, wie er ſeinem Zwecke entſprach, und nun mit dem Verkäufer über den Preis unterhandelte. Das währte noch eine geraume Zeit, denn Beide waren vom ächten alten zähen Land⸗ ſchlage und wichen und wankten nicht von ihren Köpfen. „Da hätt' ich drüben kaufen können— mit ſolchem Sün⸗ dengeld!“ ſchrie der Müller böſe, und Rolof verſetzte vollkommen kalt:„Thu's noch! Ich verdank es Dir nicht, denn mir preſſirt's nicht.“ Und ſo ging der Handel hin und her, bis der Müller endlich heftig ſagte:„Nun gut, ſo ſei's. Du weißt leider Gott's, daß ich in Noth bin, und ſo muß ich mich wohl ſchrauben laſſen. Aber ſo was hätt' ich nimmer von einem alten Freunde er⸗ wartet, und wieder komm' ich Dir nicht— Du kannſt drauf fluchen.“. Der Bauer erwiederte kein Wort. Langſam zog er einen Baumhammer aus der Taſche ſeines langen grauen 32 Rock's, glättete die Rinde des erwählten Stammes, ſchlug das Zeichen ein, ſteckte den Hammer wieder an ſeinen Platz und wandte ſich dem Fußſteige zu, von dem ſie einige Schritte abgewichen.„Du kannſt ihn holen laſſen, wann Du willſt,“ redete er dann;„ich will ihn morgen ſchlagen laſſen. Und wenn mein Sohn in einigen acht oder vierzehn Tagen hinüberkommt, magſt Du ihm das Geld geben. Es preſſirt aber nicht.“ Damit ging er, ohne ſich weiter nach ſeinem Begleiter umzuſehen, auf dem Steige fort. 3 Der Müller mußte übrigens mit ſeinem Handel nicht ganz ſo unzufrieden ſein, wie er dem Bauer zu erkennen gegeben, wenigſtens hatte ſich ſeine Aufregung bald gänzlich wieder verloren. Er nickte zu den Wor⸗ ten des Bauern, meinte, es wäre ihm ſo recht, und er würde in den nächſten Tagen ſein Gefährt herüberſchicken, und als ſie wieder auf dem Landrücken gingen, begann er plötzlich:„Du denkſt da, daß Deine Kinder in Noth kommen mögen, und das, ſiehſt Du, verſteh' ich heutigen Tags nun gar nicht, wo wir leider Gott's ſo viel mit uns ſelber zu thun haben! Was denkſt Du denn von all' den Geſchichten, die man vom franzöſichen Kaiſer— es iſt ja auch eurer hier zu Lande— und all' ſeinem Volk(Sol⸗ daten) erzählt, das vor dem Ruſſen todt geblieben ſein ſoll? Man ſagt, der Ruſſe käme hinter drein und es werde 33 hier blutige Köpfe ſetzen. In St. ſteht ja, wie ich höre, noch grauſam viel Volk, das ſich wohl wehren wird? Da kann's denn hier rings herum auch noch los gehen, bei euch und bei uns! Wann das wohl einmal enden wird! Ich weiß ſchier die Zeit nicht mehr, daß rechte Ruhe bei uns war.“ Der Bauer ſchaute gleichmüthig vor ſich hin und ſetzte ohne inne zu halten ſeinen Weg fort, bis er nach einer Weile bemerkte:„Na, ſo mag's denn auch ſo kommen. Mir kann es übrigens recht ſein, denn— lieben thu' ich die Wälſchen und ihr Regiment nicht, wenn wir in Stepnitz ſonſt auch wenig von ihnen zu wiſſen kriegen.“ „Ja, ihr habt es gut, ihr ſeid hier ja franzöſiſch!“ meinte der Müller, indem er des Andern Geſicht mit ei⸗ nem flüchtigen Blick ſtreichte.„Ihr werdet geſchont und ſteht auch mit den Herren Wälſchen gut. Aber wenn Du, wie wir drüben, ſeit ſieben Jahren aller Herren Völker auszufüttern gehabt hätteſt, da würdeſt Du nicht ſo gleich⸗ göltig reden!“ „Das weiß ich nicht. Was man geben muß, muß man geben; da hilft kein Sperren. Wir wiſſen aber wenig von hnen, ſagt' ich ſchon. Es geht keine Straße vorbei, und vor dem Buſch hüten ſie ſich. Sie wiſſen, daß es darin iicht geheuer, und daß bei uns nichts mehr zu holen, als waz wir von ſelber geben. Gewalt und Liebe gelten bei uns nichts.“ 34 „Du nimmſt es kaltblütig,“ ſagte der Müller mit einem neuen ſpürenden Blick auf das ſtarre Geſicht ſeines Begleiters;„wenn Du den Hof aber einmal voll Ein⸗ quartierung hätteſt, würdeſt Du anders pfeifen.“ „Schwerlich! Was recht iſt, würd' ich von ſelber ge⸗ ben; im Uebrigen würde ich ſchon noch Herr bleiben.“ „Und wenn ſie Alles ruiniren und zerſchlagen, das Geld nehmen und das Vieh forttreiben? Man hat Alles ſchon erlebt!— Ich haſſe dieſe Wälſchen! Und doch, wenn wir da drüben es hätten, wie ihr hier, wollt' ich auch zufrie⸗ den ſein. Man lebt ruhig, wenn ſie Einem freundlich ſind. Sie ſind die Herren der Welt, und dagegen kommtnichts auf.“ „Hm!“ machte der Bauer ein wenig ſpöttiſch und fuhr erſt nach einer Weile fort:„Ihre Zeit wird ſchon kommen und die unſ're auch, mein’ ich. Mir könnt' es egal ſein; allein ich habe doch lieber einen Herrn, der meine Sprache ſpricht und mich in meiner Weiſe verſteht.“ Der Müller blieb ſtehen und ſah ſich um, bevor er, viel leiſer als bisher, ſagte:„Ja ja, ſchon recht! Und über⸗ dies munkelt es ja davon, daß es hier bei euch ſich rührt und daß man daran denkt, mit den Ruſſen gemeinſcggaft⸗ liche Sache zu machen. Was ſagſt Du davon?“ „Ich— Nichts.“ Und fortſchreitend ſetzte er benſo gleichgültig hinzu:„Komm' Du nur! Der Weg ſt noch weit.“ 3 „Dann würde ich euch hier an der Grenze nicht beneiden,“ bemerkte der Müller anſcheinend nachdenklich. „Den Teufel auch! Da kriegtet ihr die ganze Proſtmahl⸗ zeit über den Hals— Unſer Herzog rüſtet, wie es heißt, und will die Päſſe beſetzen, daß die Franzoſen nicht durch⸗ können, wenn ſie hier im Lande gedrängt werden. Da müßten ſie ſich denn bei euch feſtſetzen und ihr könnt einen ſchönen Spektakel erleben. Und uns würd' es auch ſchlecht gehen, wir hätten ſie, wenn ſie durchbrächen, in der er⸗ ſten Furie. Unſer Förſter ſagt, hier im Walde kämen die Franzoſen überall durch und wären gar nicht aufzu⸗ halten.“ „Euer Förſter iſt ein Narr,“ ſprach der Bauer pfleg⸗ matiſch.„Der Feind weiß mehr vom Walde als er—* „Der Feind, ſagſt Du? Aber der Kaiſer iſt doch euer Landesherr! Ihr müßt es doch mit ihm halten— oder iſt hier auch bei euch wirklich etwas im Gange?“ „Weiß nicht! Mich geht's nichts an. Alſo der Feind kennt den Buſch beſſer als Dein Förſter. Er weiß nämlich, daß er darin nicht zurecht findet und hier bei uns wenig⸗ ſtens keinen Mutterſohn findet, der den Verräther macht und ihn führt. Die Douaniers wiſſen davon zu ſagen.“ Der Müller hörte, ſo zu ſagen, mit beiden Ohren auf die Worte ſeines Gefährten und ließ das Geſicht des⸗ ſelben keinen Augenblick unbeobachtet. Nach einigen Schrit⸗ ten begann er jetzt:„Ja— Mutterſohn! Da muß jeder Mutterſohn mit zu Felde, und für meinen Georg iſt's mir bange. Die Mühle in Strelow iſt zu haben— da möcht, ich ihn hinſetzen, daß er vor der Aushebung ſicher wäre. Es iſt dort gute Nahrung. Zu theuer wär's auch nicht. Wenn ich nur ſchnell eine wackere Dirne wüßte, die ihm ein paar tauſend Gulden zubrächte!— Zu riskiren wär' da nichts. Das Geld könnte gut genug verſichert wer⸗ den, und mein Georg iſt ein braver Menſch, bei dem eine Frau gute Tage hätte.“ Er warf ſeinem Begleiter wieder einen prüfenden Blick zu, allein er bemerkte auch jetzt in dem ernſten Geſicht deſſelben keine Veränderug, und fuhr daher nach einer kleinen Pauſe fort:„Weißt Du keine ſolche Dirne, Rolof?“ Der Bauer ſetzte im ruhigen gleichmäßigen Schritt ſeinen Weg fort und ſagte erſt nach einiger Zeit:„Nein, Müller. Es gibt da herum ſchon, aber ich kenne die Dir⸗ nen nicht und laſſe mich auf ſolche Affairen auch nicht ein.“ Der Müller putzte ſich die Naſe. Endlich bemerkte er anſcheinend gleichgültig, während man jedoch aus ſeiner Stimme und ſeinem Weſen jetzt ohne Mühe einen gewiſ⸗ ſen Zwang herausleſen konnte:„Du ſelber haſt da ein ſchmuckes Ding im Hauſe— heißt Regine, denk' ich, und wird ſo ungefähr zwanzig Jahre zählen, ſo daß ſie auch anfangen mag, ſich nach was Eigenem umzuſehen— hm?“. — 37 „Ja ja, iſt ſchon recht.“ „Nun, Alter, wie wär's denn mit der? Wäre da nichts zu machen?“ Der Bauer hatte bisher, wie auch den Leſern klar geworden ſein muß, trotz ſeines, verhältnißmäßig vielen Redens ſtets eine gewiſſe Zurückhaltung und Kürze be⸗ wahrt, die freilich ſeinem Begleiter nicht beſonders aufge⸗ fallen war, da derſelbe ihn, wie wir wiſſen, ſeit langen Jahren kannte und ſein Weſen ſtets gleichmäßig gefunden hatte. Im Gegentheil gab ſich, nach ſeiner Anſicht, der Alte heute um ein gut Theil umgänglicher und ſo zu ſagen höflicher als ſonſt, und der Müller ſchrieb dies nicht ohne Grund dem Umſtande zu, daß der Bauer zum erſtenmal ihm gegenüber als Wirth auftrat und ihn als Gaſt in ſeinem Hauſe ehren wollte. Der Müller hatte halb und halb auch auf dieſe Stimmung gerechnet und von derſel⸗ ben Nutzen zu ziehen gedacht; denn für gewöhnlich war mit dem Alten in dergleichen Familienangelegenheiten wenig anzufangen, da er außer ſeiner herkömmlichen Wortkarg⸗ heit über die Seinen ſowohl, wie auch über die häuslichen Zuſtände Anderer noch eine ganz beſondere Einſilbigkeit zu bewahren pflegte— mit einem Wort: gar nicht über ſie redete, noch mit ſich reden ließ. Der Gaſt war daher auch nicht wenig zufrieden, daß ſein Begleiter ihn über⸗ haupt nur geduldig angehört, und harrte jetzt mit großer Spannung auf die Antwort. Einige Schritte ging der Bauer jetzt noch ſchwei⸗ gend weiter, dann blieb er ſtehen, bohrte ſeinen Stock in das dürre Laub, bis er feſt ſtand, wandte das Geſicht dem Andern zu und fragte:„Wie iſt denn das? Soll ich Dir den Baum noch ſchlagen laſſen, oder war's damit nur Hokuspokus?“ 1 Der Müller bezwang mit Mühe ſeine Verlegenheit und meinte lachend:„Ei natürlich, Alter! Was hat denn das mit meiner Frage zu thun?“ „Warum führſt Du mich denn da durch den Buſch promeniren?“ fragte Jener wieder, als ob er von den Worten des Begleiters gar nichts gehört.„Hätteſt mir das auch in der Stube ſagen können.“ Der Gaſt ſah ſich ertappt und lenkte ein.„Nun,“ ſagte er mit gutmüthigem Lachen,„was willſt Du, Ro⸗ lof?— Du weißt ſelber, daß Du ein widerhaariger Geſell biſt und nicht immer zu dergleichen aufgelegt. Ich mußte doch erſt wiſſen, wie Dir heut' der Kopf ſtände und ob mein Gewerbe angebracht ſei. In der Stube warſt Du verdroſſen genug, und die Weibsleute ließen uns keinen Augenblick allein. Da mocht' ich nicht fragen. So was will ſeine Zeit und ſeinen Platz haben, ſag' ich immer.“ NRolof nickte ein paarmal langſam mit dem Kopf vor ſich hin, bevor er mit einem ernſten Blick auf ſeinen Begleiter verſetzte:„Haſt recht, ich bin manchmal wun⸗ derlich; aber es thut ſich bei einem ſolchen Rumor, wie 8 ich ihn um mich habe, nicht anders.“ Er ſtrich mit der Hand über die Stirn und rückte dann die Pelzkappe wie⸗ der feſter.„Alſo— meine Regine möchteſt Du haben für Deinen Georg?— Ich kenne den Jungen nicht recht.“ „ Es iſt ein braver Burſch', Rolof, und wird Dir gefallen. Ich ſteh' gut für ihn. Schmuck iſt er auch.“ „Glaub's ſchon! Das wär's nicht, worauf ich ſehen würde; das iſt der Dirne Sache. Aber— da wird we⸗ nig zu thun ſein.“ Der Müller fuhr ordentlich erſchrocken aus der ſtets behaglicher gewordenen Sicherheit auf und fragte raſch: „Wie ſo? Iſt die Dirne nicht mehr frei, oder haſt Du ſelbſt ſchon was Anderes für ſie angefangen?“ Der Bauer ſchüttelte den Kopf.„Ich— nein,“ verſetzte er,„und daß die Dirne ſich vielleicht Dumm⸗ heiten in den Kopf geſetzt— nun darum thät' ich's grade am ſchnellſten. Denn es ſind nur Dummheiten, viel⸗ leicht iſt's auch gar nichts; ich frage nicht darnach. Mein Wille gilt doch. Aber“— und er ſchüttelte wieder den Kopf, und ſprach das Folgende in einigermaßen gepreß⸗ tem Tone—„aber Du redeſt auch von Geld und Ver⸗ mögen. Meine Tochter kriegt ihre Ausſteuer, die iſt ſchicklich; weiter aber kann ich ſo gut wie nichts thun, und auch, wenn ich dereinſt die Augen zumache, wird nicht 1 4 40 viel für ſie abfallen. Ich kann den Hof nicht zu hoch ſetzen.“ Der Müller hatte dieſen Worten in ernſtlicher. 3 wunderung zugehört, denn ſie überraſchten den Mau nicht wenig. Das konnte der Buſchbauer zu ihm ſage welcher, ſo weit man von ihm Kunde hatte, nicht ſovo für einen wohlhabenden, als vielmehr für einen reichet für einen ſehr reichen Mann galt, der es an Vermöge 3. ſogar mit vielen der großen Gutsbeſitzer aufnehmen k en te? Die Sache war dem Zuhörer auch ſo unglaublich daß er verdrießlich die Achſeln zuckte und antwortet 3 „Was ſoll der Spaß, Rolof? Wenn Du nicht willſt, ſag es grade heraus. Aber damit mußt Du mir nicht nn men.“ 1 „Haſt Du mich jemals als ſpaßhaft gekanntd) fragte der Bauer finſter. 1 „Nein, Alter. Drum verſteh' ich Dich auch gan und gar nicht.“ o „Oder kennſt Du mich als hinterhaltig und vol Umſchweifen?“ fragte er nochmals. „Nein, Alter!“ 6„Al‚ſo iſt's, wie ich ſag'. Ich gäb' die Dirne Dei. nem Jungen; aber Du brauchſt Geld, und das hat ſie nicht.“ „Aber wie iſt das möglich?“ rief der Müller, noch 41 immer völlig ungläubig, aus.„Der Buſchhof iſt landein und aus der ſtatiöſeſte Hof, den ich kenne. Du haſt ihn ſchuldenfrei— nein, noch mit Kapitalien übernommen—“ „Wer ſagt Dir das?“ unterbrach der Bauer fin⸗ ſter die haſtige Rede. 5„Du haſt keinem Menſchen was heraus zu bezahlen gehabt,“ fuhr der Andere aber eifrig fort.„Dein Bru⸗ der ſtarb—“ „Wer ſagt Dir das?“ fragte der Bauer wieder, und ſeine Worte klangen noch härter, und ſeine Brauen zeiten ſich feſt und trotzig zuſammengezogen.„Wer ſagt Dir, daß er todt iſt, oder daß nicht Erben von ihm da ſind?“ „Ach was, dummes Zeug!“ gab der Müller heftig zur Antwort.„Mag es zugegangen ſein, wie es will— wenn er noch lebte, ſollte er ſolch ein Narr ſein und volle dreiunddreißig Jahr fortbleiben und mit Dir Verſteckens ſpielen? Weßhalb denn, zum Kreuzdonnerwetter? Was hätte ihn fortgejagt aus Hab' und Gut?— Und Erben, wo ſollten die herkommen?— War er verheirathet?— Na alſo, und Deine Schweſter hat kein Kind hinterlaſſen, und Du haſt ihr Heirathsgut wieder erhalten.— Ach, rede mir nicht drein,“ unterbrach er ſich ſelbſt, da er Rolof wiederum den Kopf erheben ſah;„das weiß alle Welt. Mit Deinen beiden Frauen haſt Du auch was 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 3. 1 4² Tüchtiges gekriegt— willſt Du das auch leugnen?— Drei Kinder haſt Du—“ „Zwei!“ ſagte der Bauer hart und entſchieden. „Drei, denk ich, ſo lange bis Du weißt, was aus Deinem Franz geworden. Wenn er zurück kommt, iſt er da, und Du kannſt ihm das Leben doch nicht abſprechen. Der iſt nicht todt, denk ich. Aber es iſt Alles das einer⸗ lei. So ſteht's, und Du haſt Dein Lebenlang nichts ver⸗ geudet, ſondern wie ein rechter Bauer gelebt; Dein Ge⸗ ſchäft verſtehſt Du aus dem Fundament, haſt nie nichts von böſen Jahren und anderm Malheur zu leiden gehabt, wie wir draußen, und hatteſt auch ſonſt noch Einnahmen, denke ich. Und da willſt Du mir einbilden, Du könnteſt Deiner Tochter nichts mitgeben, ſie ſei arm?— Geh'! Aber ich merk's, wo das hinaus will! Du biſt ein Geiz⸗ teufel— hab' ich wohl gemerkt. Doch daß Du Deinem eigenen eheleiblichen Kinde nichts gönnſt, das hab' ich nicht denken können; das geht mir denn doch über's Boh⸗ nenlied!“ Und er ſpuckte zornig aus und ſtieß den Stock auf den Boden, daß er ſich bog.„Pfui! Ich habe acht Kinder und ſtand mein Lebenlang niemals auch nur halb wie Du, aber ich ſchämte mich roth und blaß, wenn ich ſo an ihnen handeln ſollte.“ caß uns nach Haus,“ ſprach der Bauer nach ei⸗ ner Pauſe kalt und wandte ſich zugleich zum Weitergehen. 43 „Mit Narren, wie Du, iſt nicht zu reden,“ fuhr er fort, nachdem ſie ſchon eine ziemliche Strecke ſtumm neben ein⸗ ander gegangen.„Wie ich bin, weiß Jedermann, der mich kennt, ſo viel es ihn was angeht. Weil's mir an Andern am liebſten iſt, daß ſie deutſch heraus reden, thu' ich das auch ſelber. Und wer das nicht vertragen kann, ſoll ſich die Naſe putzen und mir fern bleiben.“ „Ich kann eine Rede ſehr wohl vertragen,“ ent⸗ gegnete der Müller mürriſch,„aber ſolche Worte nicht. Ich glaub' Dir nicht, denn das ſind Flauſen.“ „So laß es Flauſen ſein,“ ſagte Rolof gleichgül⸗ tig und ohne ſeinen Blick aus der Richtung abzuwenden, der er ihn ſchon ſeit einigen Sekunden hatte folgen laſſen. „Du haſt nichts geſagt, will ich denken, und ich auch nichts.“ Und damit zog er den weißwollenen Fauſthand⸗ ſchuh aus, um ſich mit dem Finger das Auge zu reiben, wie um beſſer ſehen zu können. Denn da vor ihm, in der Entfernung von etwa ſechzig bis ſiebzig Schritt, gin⸗ gen oder ſtanden vielmehr jetzt ein paar Männer, die ſchon, ſeit er ſie vor einigen Minuten zuerſt erblickt, ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatten. Sie waren damals links aus dem Gebüſch gekommen und in ſchräger Rich⸗ tung über den Waldboden und zwiſchen den hier ver⸗ einzelt ſtehenden Stämmen hin dem Pfade zugeſchritten, auf dem der Bauer ſich mit dem Müller nahte. Von die⸗ 6 3x 44 ſen Beiden hatten Jene bisher augenſcheinlich nichts be⸗ merkt, denn ſie waren in angelegentlichem Geſpräch ihres Weges gegangen und nun abgewendet in der Nähe des Pfades ſtehen geblieben. Trotz des milden, bläulichen Duftes, der mit der Dämmerung ſich im Walde ausgebreitet hatte, konnte Rolof noch ohne Schwierigkeit bemerken, daß der Eine in ländlicher Tracht, der Andere im Habit eines Jägers und mit Taſche und Flinte verſehen ſei. Und jetzt ſchlug ein Hund an und ſprang in flüchtigen Sätzen bellend den beiden Alten entgegen, die zwei Andern drehten ſich um, und in demſelben Augenblick rief der Bauer mit jäh aufbrauſender Heftigkeit:„Ho da, Canaille, biſt Du richtig wieder da?“ Und mit haſtigen Schritten näherte er ſich dem ihn anſcheinend vollkommen gefaßt erwarten⸗ den Paare. „Guten Abend, Rolof, Du kommſt wie gerufen!“ ſprach der Jäger im feſten Tone ihm entgegen.„Ich habe eben mit Deinem Jungen geredet, daß ich—“ Aber der Alte hörte nicht auf die freundlichen Worte, ſondern packte, da er jetzt heran war, den Andern, einen noch jungen Burſchen, am Kragen des gleichfalls grauen Rockes, ſchüttelte ihn und fuhr ihn an:„Iſt das der Weg aus der Stadt, Canaille? Iſt's Alles umſonſt, was ich Dir befehle? Ab er bei Gottes Blut—“ und er hob 45 in einem Zorn, den man von dem bisher ſo kühlen Mann am allerwenigſten hätte vermuthen mögen, die Fauſt und ſchlug den Stock auf den Boden, daß Eis und Laub in die Höhe ſtäubte—„bei Gottes Blut, ich will Dein doch noch Herr werden, und müßt' ich Dich züchtigen wie einen Buben— mit Ruthen! Die gehören Dir!“ „Aber Vater,“ war die faſt ſchüchterne, leiſe Ein⸗ rede, während der Burſche ſich jedoch von dem ſchweren feſten Griff des Alten los zu machen ſuchte,„es iſt rei⸗ ner Zufall, daß ich den Ohm getroffen. Ich ſollte Euch ja von ihm beſtellen—“ „Detlof hat recht, ich hab' ihn getroffen und ihm was für Dich aufgetragen, Rolof,“ unterbrach der Zäger Jenen wieder mit dem frühern Tone ſeiner tiefen Baß⸗ ſtimme.„Sei kein Kind und gib die alten Launen und Stücken auf. Ich biete meine Hand zu einem vollen Frie⸗ den. Es iſt jetzt keine Zeit dazu, daß ſo nahe Freunde dummerweiſe Feinde bleiben.“ . Der Bauer hatte ihn ausreden laſſen und inzwi⸗ ſchen die Heftigkeit ſeines Grimmes zu bemeiſtern ge⸗ ſucht. Aber auf ſeiner Stirn lag noch der volle, tiefe Zorn, in ſeinen fiuſtern Augen glühte ein bitterer Haß und klang nun auch aus ſeiner heiſern Stimme, als er jetzt entgegnete:„Geh' hin, woher Du gekommen, Buſch⸗ 46 klepper! Was hab' ich mit Dir zu thun? Aber das ſag' ich Dir: treff' ich Dich noch einmal auf meinem Ge⸗ biet— Du kennſt die Grenzen!— oder merk ich noch einmal, daß Du Dich an den Taugenichts da machſt und mir den Buben aufhetzeſt— ſo— ſo erleben wir ein Unglück!“ Er wandte ihm jäh den Rücken zu und ging weiter. „Narr!“ ſagte der Jäger mit einem rauhen, kurzen Lachen.„Geh', Detlof— es bleibt, wie wir's abgemacht. Sag' es ihm, wenn er wieder bei Sinnen iſt.“ „Kommt der Bube bald, oder ſoll ich ihn holen?“ rief der Bauer drohend zurück. Der Jäger lachte noch einmal, ſchüttelte dem Bur⸗ ſchen die Hand und wandte ſich, während der Andere den beiden Alten nacheilte, wieder in den Wald hinein. Als Detlof neben dem Vater war, deutete dieſer mit dem Stock voraus und ſprach finſter:„Geh' da vor uns, daß ich Dich ſeh'. Ich will Dich noch bändigen!“ Und als der Sohn ſtumm gehorcht, ſchritten die Drei ohne ein weiteres Wort den Weg entlang, verließen endlich den Wald und gelangten durch eine Pforte in den Wall, welcher die Gebäude des Buſchhofes umgab. Vor der Hinterthür blieb der Müller ſtehen und fragte kurz, wo der Weg nach dem Hofe und zum Stall —— 47 gehe; er müſſe eilen, davon zu kommen, wenn er heut' noch nach Hauſe wolle. „Nun, Du wirſt doch erſt Vesper eſſen?“ bemerkte der Bauer finſter, indem er vom Sohn ein kleines Paket in Empfang nahm. „Danke, nehm's für genoſſen!“ lautete die Antwort. „Ich muß fort.“ „Wie Du willſt,“ erwiederte Rolof kalt.„Geh' mit ihm, Detlof, und rüſte ihm den Schlitten.— Willſt Du nicht mittlerweile eintreten, Müller? Es iſt hier draußen kalt.“ „Danke— das Anſpannen iſt gleich gethan. Adjes, Rolof.“ „Adjes, Müller! Guten Weg!“ Und indem er ſich zum Sohn wandto, ſetzte der Bauer hinzu:„Wir reden morgen mit einander.“ Dann drehte er ſich um und ging in's Haus hinein.— 48 Brittes Cagpitel. In der warmen Stube. 6 Der Bauer öffnete und ſchloß die Thür ſo hart, daß das Geſpräch im Zimmer plötzlich verſtummte, und als er zum Ofen ging, um ſeine Pelzkappe dran zu hän⸗ gen, war es rings ſo ſtill, als wenn in dem Gemach wirklich Niemand außer ihm zugegen ſei. Er konnte ei⸗ gentlich auch Keinen erblicken, denn es war hier ſchon ganz dunkel, und nur das ungewiſſe Licht, welches vom ſchneebedeckten Hofe hereindämmerte, ließ ihn be⸗ merken, daß eine Frauengeſtalt neben dem Ofen ſaß, ein paar andere ihr zu Füßen auf niedrigen Schemeln hock⸗ ten, und daß auf dem langen Tiſch am Fenſter Speiſe und Getränk ſtand. „Seid Ihr wieder da?“ fragte jetzt eine Stimme. „Seid lange fort geblieben! Regine, geh' und hole die Lampe.“ Während eine der beiden niedrig ſitzenden Frauen aufſtand und das Zimmer verließ, ging der Bauer zum Fenſter und ſchaute mit aufgeſtütztem Arm in den Hof hinaus, wo bereits ein Pferd aus dem Stall gezogen und an den leichten Schlitten des Müllers geſpannt 49 wurde. Ein Junge leuchtete dazu mit der Laterne, und in ihrem Schein konnte Rolof den Gaſt mit dem Sohn im Geſpräch erblicken. Er zog die ſtarken grauen Augen⸗ brauen flüchtig zuſammen, und als jetzt die Stimme von vorhin hinter ihm wieder fragte:„Wo bleibt der Müller aber, Vater?“— antwortete er kurz:„Er fährt ſchon wieder. Du kannſt abräumen laſſen, Alte!“ und wandte ſich vom Fenſter in's Zimmer zurück. Indem trat auch Regine wieder mit der Lampe in die Thür und trug ſie, mit einem flüchtigen Seitenblick auf den einſilbigen Vater, zum Tiſch, wo jetzt auf dem untergebreiteten weißen Tuch die Zurüſtungen zu einer reichlichen Mahlzeit ſichtbar wurden. Das Mädchen ſah ſchweigend bald den Bauer, bald die Mutter an. „Willſt Du auch nicht eſſen, Vater?“ fragte die Letztere endlich, indem ſie aufſtand. „Nein,“ lautete die Antwort, und zum Ofen tre⸗ tend, fuhr der Bauer zu der noch ſitzenden dritten Frauen⸗ geſtalt im freundlicheren Tone fort:„Biſt Du's, Anw'lene (Anna Magdalene)? Wie geht's daheim beim Groß⸗ vater?“ „Er beſſert ſich,“ verſetzte die Angeredete, ein jun⸗ ges Mädchen mit friſchem Geſicht und muntern Augen. „Ich ſoll Euch auch ſchön grüßen, Bauer, und Euch ſagen, daß Ihr immer wieder einmal einſehen könntet. 50 Die Großmutter hat mich hinausgejagt, daß ich nach⸗ grade wieder unter Leute komme.“ „Hat recht! Mußt nicht ſo viel im Loch ſitzen!“ erwiederte der Bauer, und ſich zu ſeiner Frau wendend, ſetzte er hinzu:„Laß auch noch'n Licht holen, Alte, ich hab' zu leſen. Ihr braucht euch drum aber nicht zu in⸗ kommodiren.“ Und dann nahm er die Lampe, ging in eine kleine Nebenſtube, wo er ſich ſeine kurze Pfeife an⸗ zündete, das vom Sohn erhaltene Paket öffnete und ſich mit den darin enthaltenen Zeitungen an den Tiſch ſetzte. Während dem wurde es auch in dem großen Wohn⸗ gemach wieder hell; der Tiſch wurde abgeräumt und Speiſe und Getränk verwahrt; ein paar Mägde traten mit Spinnrädern herein und nahmen ihre, wie es ſchien, beſtimmten Plätze ein; vom Hofe kamen Detlof und ein Knecht und ſetzten ſich, nachdem der Sohn Mutter und Schweſter flüchtig begrüßt und ſeinen Rock an den Ofen gehängt, mit ihren Pfeifen hinter den Tiſch, und darauf erhob ſich das eintönige Schnurren der Spinnräder, und hin und wieder wurden einzelne, halblaute Worte ver⸗ nehmbar. Nur die beiden Mädchen, Regine und Ann lene, plauderten zuſammenhängend, aber gleichfalls leiſe mit einander. „Was ſagen ſie denn in der Stadt?“ fragte die Bäurin endlich den bisher ſchweigenden Sohn;„iſt's 51 wahr, was uns der Vater neulich erzählt, daß der Fran⸗ zoſenkaiſer dort hinten in Rußland all' ſein Volk verloren hat und nichts zurückkommt als Krüppel und Lahme?— Herrgott, wie geht man mit den Menſchen um!“ „Es wird wohl richtig ſein,“ entgegnete Detlof gedämpft.„Und man hat gemeint, nun müſſe er doch Frieden halten. Aber daraus wird nichts. Es ſoll nun erſt recht Krieg geben, auch hier bei uns zu Lande. Denn es darf kein Franzos mehr in Deutſchland Pleiben ſie müſſen alle hinaus, und wenn nicht gutwillig, mit Ge⸗ walt. Unſer alter Landesvater ſoll ganz feſt reſolvirt ſein. Er will uns wieder haben.“ „Na, Gott geb's!“ meinte die Bäurin zuſtimmend. „Uns hat das neue Regiment kein Glück gebracht, und bei ihm, hab' ich mir ſagen laſſen, war's ja ſeither, als litte man ihn überhaupt nur um Gotteswillen noch im eigenen Hauſe! Sagen konnt' und durft' er da auch nichts mehr, die Fremden machten die Herren.“ „Und ſaubere Herren!“ bemerkte Detlof im vorigen Tone wieder.„Ihr könnt's gar nicht glauben, wie das Volk hie und da gewirthſchaftet hat! Das Vieh fortge⸗ trieben, den Hausrath zerſchlagen, die armen Leute bis auf's Hemd ausgezogen und gepeinigt, zuletzt ihnen noch das Haus über dem Kopf angeſteckt— und viel, was ſich ſo gar nicht denken läßt! Und als ich zurückkam, hat 52 mir der Ohm noch obendrein geſagt: wir möchten uns vorſehen, es werde diesmal auch an uns kommen; er wiſſe für beſtimmt, daß das Volk, welches noch drüben in St. ſteht, nach Hamburg wolle. An der Grenze würde ihm aber der Paß wohl verlegt werden, und dann kriegten auch wir einen Beſuch.“ Er hatte das Alles im ruhigen Tone erzählt, ob⸗ gleich er ſchon nach den erſten Worten, wie auch die Andern, gemerkt, daß der Bauer leiſe aufgeſtanden und auf die halb offene Thür getreten war, um das Mitge⸗ theilte beſſer zu hören. Jetzt, da der Sohn ſchwieg, trat der Alte wieder zu ſeinem Platz zurück, und die Bäurin ſagte nach einer Weile ernſt:„Ja, ſo geht's nimmer fort! Wir haben Menſchen genug im Lande und ſollten uns von den paar wälſchen Narren nicht ſo ſchändlich auf der Naſe ſpielen laſſen. Wir müſſen doch einmal wieder Ruh' haben, daß wir nicht ſtets mit Sorgen auf⸗ ſtehen und in’s Bett gehen. Will man aber anfangen, ſo ſoll man's auch gleich recht thun und feſt anpacken— dann wird der liebe Gott ſchon weiter helfen. Für uns auf dem Buſchhof fürcht ich aber nicht viel. Wer ſollte hieher kommen?— Was ſagſt Du da, Lene?“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe hinzu, da ſie die eine der drei Mägde der andern etwas zuflüſtern ſah. 3 „Oh— nichts, Frau,“ gab die Dirne befangen zur Antwort.„Ich ſagte nur der Marie, daß der„Kleine“ nun ſchon ſeit drei Tagen ſeine Schüſſel nicht angerührt hat, und ich hab' ihm doch ſo viel Butter hineingeſteckt! Das, hab' ich immer gehört, ſoll ein großes Unglück be⸗ deuten.“ 3 Die Bäurin hatte erſchrocken den Fuß mit dem Trittbrett ruhen und die Hand in den Schooß ſinken laſſen.„Und das iſt ſchon ſeit drei Tagen geſchehen, und haſt es mir nicht geſagt, Lene?“ fragte ſie haſtig, aber gedämpft, als ſcheue ſie ſich bei ſolchem Gegenſtand vor einer lauten Rede. „Frau, Sie weiß ja, daß er's nicht gern hat, wenn man was von ihm ſagt,“ ſprach das Mädchen ſchüchtern und ſah ein wenig ängſtlich nach der Thür, die auf den Hausflur hinausging. Es war ſtill im Zimmer, die Spinnräder ruhten, und erſt nach einer Weile ſprach Anu'lene halblaut:„Beim Schulzen, hört' ich geſtern, ſoll's grade ſo ſein. Er läßt ſich auch dort nicht ſpüren; und meine Großmutter meinte gleich, das werde ein Unglück bedeuten. Ihr Va⸗ ter habe ihr oft erzählt, daß dazumal, als es im ſieben⸗ jährigen Kriege hier ſo arg zuging, der„Kleine“ vom Schulzenhof ein paar Tage vorher auf und davon gezo⸗ gen ſei. Denn er wußt' es, daß es auf dem Hofe brennen werde. Nachher, im neuen Haus iſt er gleich wieder da geweſen.“ „Ja ja,“ bemerkte die Bäurin gedankenvoll,„das ſagt man bei mir zu Hauſe auch. Da hat man ſie vor dem großen Brande, der das ganze Dorf verzehrte, da⸗ von ziehen und ſich jämmerlich gebärden ſehen.— Daß ſich Gott erbarm', da kommt's am Ende doch auch noch an uns!“ „Am Rabenberg hat neulich der alte Steffen die weiße Jungfer geſehen,“ redete eine andere Dirne ſchüch⸗ tern.„Sie hat geſtanden und nach dem Buſchhof her⸗ über geguckt und die weißen Hände gerungen. Und dann iſt ſie langſam hinabgeſtiegen und hat dreimal ſo laut geſeufzt, daß der Steffen es richtig gehört hat. Und bis zum Waſſer hat er ſie noch geſehen, da iſt ſie mit Ei⸗ nemmal fortgeweſen. Aber an der Stelle ſei eine helle Flamme aufgeſchlagen, und das, ſagt er, hab' immer noch Brand bedeutet.“ „ Als ich verwichene(vorige) Woche mit dem Korn nach Dreſow war,“ ſagte der Knecht jetzt, indem er ſeine Pfeife am Tiſch ausklopfte und aus der Tabaksblaſe neu füllte,„hat mir der alte Sodenberg eine ganz verwettert ſchnurrige Geſchichte erzählt von dem Spuk, der hier beim Buſchhofe zu ſehen ſein ſoll, wenn's in der nächſten Zeit ein Unglück gibt. Und nun denkt Euch, als ich heut⸗ 55 Nachmittag vom Felde fahre, begegnet mir der Jud', der Rudolf. Er ſieht blaß aus, wiee Geſpenſt, und als ich ihn frage, ob er nicht mit hereinkommen wolle, meint er: Nein, das könn’ er nicht. Er müſſe nach Wiesnitz hin⸗ über und habe eben einen Schreck gehabt, daß ihm noch die Kniee zitterten. Er wollte erſt nicht mit der Sprache heraus, aber endlich hab' ich doch ſo viel gemerkt, daß er das Ding geſehen, von dem der Sodenberg neulich er⸗ zählt. Mir ward ganz gruſelig, kann ich ſagen. Ich hab' noch nie was Böſeres gehört.“ „Was iſt's denn geweſen?“ fragte die Bäurin. „Die Menſchen reden und ſehen auch viel dummes Zeug, was gar nicht wahr iſt. Du mußt nicht Alles glauben, Jochem.“ „Na, Frau,“ verſetzte der Knecht kopfſchüttelnd, „Sie weiß wohl, daß ich ſonſt nicht ſchreckhaft bin; doch was zu toll iſt, iſt zu toll. Und dies muß wahr ſein. Mein Vater in Wiesnitz hat mir vordem auch davon er⸗ zählt, allein nur ganz kurz. Und da ich hier nie, in all' den acht Jahren nicht, wieder davon gehört, hatt' ich's ſchier vergeſſen.— Wir haben ja aber auch ſeitdem, Gott⸗ lob, kein Unglück auf dem Buſchhofe gehabt,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich nun erſt die Pfeife anzündete. „Das iſt nur alles dummes Zeug,“ ſchob der Sohn ein.„Was Spuk! Das ſind Sachen aus dem alten Jahr⸗ hundert— wer glaubt an die noch?“ 56 Die Mägde ſchüttelten wie auf Verabredung den Kopf, und die Mutter meinte ernſt:„Verſündige Dich nicht, Junge! Ich glaube auch nicht Alles und meine, daß man viel ſieht, was nichts als die pure Haſenherzigkeit; allein es gibt doch mancherlei, woran ein chriſtlich Gemüth nicht zweifeln ſoll.— Alſo, Jochem, was war's?“ „Ei, das vom wandelnden Kopf,“ ſagte der Knecht leiſe. „Vom wandelnden Kopf? Davon habe ich nie gehört,“ bemerkte die Bäurin ebenſo, während die Mägde die Hände mit dem Faden im Schooß ruhen ließen und den Knecht angſthaft anſtarrten. Die beiden Mädchen beim Ofen ſahen ſich an; Detlof jedoch ſtand mit einem ſpöt⸗ tiſchen Lachen auf und meinte, nach der Thür gehend: „Nun, ich will meinen Kopf auch wandeln laſſen und nach den Pferden ſehen. Erzähl' Du nur, denn die Weibsleute thun's doch nicht anders. Das wird wieder was Rares ſein!“ Und er verließ das Zimmer. Die Mutter ſchüttelte mißbilligend den Kopf und ſah ihm einige Augenblicke faſt finſter nach; dann ſagte ſie zum Knecht:„Davon ſollſt Du uns erzählen, aber warte!“ Und darauf ſtand ſie auf und ging nach der Ne⸗ benſtube, wo der Bauer beim Leſen ſaß, um die Thür zu ſchließen. Sie wußte wohl, daß ihr Mann ſich noch viel ungläubiger und ſpöttiſcher gegen ſolchen„Aberglau⸗ ben“— wie er's nannte— verhielt, als der Sohn. 57 „Laß auf,“ ſprach er aber jetzt, da ſie die Thüre ſachte anzog, und ſah verdrießlich über die Störung von ſeinem Zeitungsblatte empor.„Wozu ſoll das? Es iſt hier ſchon dunſtig genug, daß ich faſt erſtick.“ „Der Jochem will uns was erzählen— aus der Umgegend,“ ſagte die Bäurin entſchuldigend, ja faſt demüthig. „Na immerhin,“ verſetzte er verdrießlich,„ſo laß ihn, aber die Thüre bleibt auf.„Gaudirt Euch nur an dem dummen Zeuge; ich höre den Teufel darnach hin.“ Und er wandte den Kopf wieder zu dem Blatt, das er mit der Hand hinter der gelblichen Flamme der Oellampe hielt. Und ſo blieb er auch unverwandt ſitzen, als ſeine Frau die Thür verlaſſen und drinnen wieder ihren Platz einge⸗ nommen und das Rad in Bewegung geſetzt hatte. Allein die Wahrheit hatte er diesmal nicht geredet, und die Nachrichten von der polniſchen Grenze, aus Wien, Berlin, Paris und Gott weiß woher noch ſonſt, erregten heute Abend ſein Intereſſe nicht. Im Gegentheil horchte ſein Ohr ſchon eine geraume Zeit nach den Plaudereien in der Wohnſtube und zuweilen wandte ſich ſein Auge dahin mit einem langen, düſtern, nachdenklichen Blick. Zumal war das der Fall geweſen, ſeit der Knecht von ſeiner neuen Geſchichte geredet— nur die leiſe geſprochenen Worte waren ihm entgangen, aber bei der folgenden Bemerkung des 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 4 Sohnes hatte er finſter die Stirn gerunzelt— und jetzt ſtützte er den Arm auf den Tiſch und legte den Kopf in die Hand und lauſchte. Die Räder ſchnurrten und Jo⸗ chem erzählte, langſam und deutlich— der Bauer verſtand jedes Wort. „Na,“ begann der Erzähler jetzt nach wiederholter Aufforderung,„es iſt kurios genug, daß Keiner von Euch das weiß, und ſeid doch Alle hier herum daheim und lange auf dem Buſchhof; aber mein alter Vater in Wiesnitz hat uns einmal davon geſagt, als wir noch kleine Dinger waren, und hat gemeint, hier in Stepnitz wiſſe das Je⸗ dermann, und mehr als Einer hab' ſich darüber faſt den Tod geholt vor Schreck. Ihr wißt, wo der alte Backofen ſteht und der nunmehr gelegte Holzweg in den Buſch und grade zur Förſterei führt. Links iſt der Forſt landesherr⸗ lich, rechts gehört er uns auf dem Buſchhof. Vor Zeiten iſt drüben im Herrſchaftlichen viel Holz geſchlagen wor⸗ den, und die Wagen mußten alle den Weg paſſiren; wer zum Förſter von auswärts kam, ging und ritt dort auch, ſo daß die Straße viel benützt wurde. Daher mag's denn auch wohl kommen, daß man dazumal das Ding ſo oft ſah und daß es nun ſchier in Vergeſſenheit gerathen, wo dort nur zur Noth noch Einer geht. Denn da iſts, wo ſich der Spuk zeigt— hie und da im ganzen Jahr, beſon⸗ ders aber ſo um Simon und Iundä, wenn in St. der 4 / 7 Herbſtmarkt iſt und auf den Höfen die alten Leute ab⸗ und die neuen zuziehen. Da iſt's am häufigſten. „Bei Wiesnitz liegt auch ſo ein Außenhof, wie unſe⸗ rer, und er heißt der Rodenhof, weil da vordem der Wald ausgerodet. Das wißt Ihr. Der Bauer hat's denn er⸗ zählt, daß er einmal grade an Simon⸗ und Judä⸗Tage hieher und nach der Förſterei mußte, wo er mit dem da⸗ maligen Förſter was abzumachen hatte. Nun, es iſt ein ſchöner Tag, in der Nacht hat's ein bischen gefroren, aber die Sonne, die zu allen Fenſtern des Himmels her⸗ auslacht, hat das gleich wieder aus dem Boden gehabt, und als er hier am Buſchhof vorüber und zum Holzweg hinreitet, iſt's ſo tief, daß er das Pferd Schritt gehen läßt. So kommt er an den Backofen— dazumal brauchten ſie ihn noch— und indem ſteht ſein Gaul mit einemmal ſtill und ſpitzt die Ohren und ſchnaubt. Der Bauer denkt ſich dabei grade nichts Beſonderes, denn das Thier iſt ſcheu geweſen, und in Stepnitz haben ſie grade zu einer Begräbniß geläutet, was mit dem Winde mächtig herüber⸗ klang. Und dazu iſt's am hellen Morgen paſſirt, ſag' ich, ſo um neun Uhr. Wer kann da an was Arges denken? „Aber mittlerweile will der Gaul nicht aus der Stelle, ſondern guckt immer auf den einen Fleck neben dem Backofen, wo ein kleiner Dornbuſch geſtanden; und als der Bauer denn endlich auch dahinſchaut, meint er erſtlich 4* . 60 ſchier den Tod zu haben, ſo erſchrickt er— denn da aus dem Dornbuſch taucht auf einmal ein Bauernhut auf und ein Kopf darunter mit ein paar ganz traurigen, wehmüthi⸗ gen Augen, und guckt den Bauer an, und hebt ſich immer höher und geht da— der Kopf mutterſeelen allein und ohne einen Leib drunter— ganz gemächlich den Weg entlang gegen das Holz zu, ſchaut ſich dann noch einmal um, als hätt' er fragen wollen: Kommſt Du? und promenirt in den Buſch hinein, ſo ein fünf Fuß vom Boden, als gehört' er einem großen Mann. Und der Bauer hat's geſehen, daß dort, wo die Füße hätten gehen müſſen, ſich das dürre Laub im Weg richtig bewegte, als würd's fortgeſtoßen oder auch als träte Einer d'rauf. „Hm! hat der Bauer gedacht, alſo iſt's richtig wahr, was ich von dem Platz gehört! Aber ich muß doch ſehen, wo das hinaus will. Freſſen wird es mich ja nicht!—. Und ſo ſtößt er dem Gaul die Ferſen in die Seiten, daß er wohl weiter muß, und ſie reiten denn auch in den Buſch hinein, dem Kopf nach, den der Bauer gleich wieder zwi⸗ ſchen den Bäumen vor ſich ſieht. Und es bleibt auch ſo, ob er Schritt reitet oder den Gaul einmal austraben läßt— immer iſt der Kopf vor ihm, und es ſieht aus, als wenn die Beine drunter ſich gar nicht ſtrapazirten, ſo gemäch⸗ lich ſchwebt das Ding dahin, immer neben dem Weg her, am Grabenufer entlang, zwanzig Schritt vor ihm, immer⸗ 61 Dinge wiſſen will.— So aber haben's Manche geſehen, heißt es, nur daß ſie nicht lange aushielten, ſondern ſich. lieber bald davonmachten. Gleich nachdem der Rodenbauer ben ſein, und das iſt der Vater unſeres Herrn geweſen,“ Der Bauer im Nebenzimmer hatte auch keinen Laut von ſich gegeben, unterbrechen, und die Bewegung hatte ſich in ganz ähnli⸗ cher Weiſe wiederholt, als zum erſtenmal des wandelnden Kopfes erwähnt wurde. Beidemale jedoch faßte ſich der Lauſcher wieder und ließ den Kopf in die Hand zurückſin⸗ ken. Vom zweitenmale an zeigte ſich in ſeinen harten Zügen aber von Sekunde zu Sekunde mehr der Ausdruck einer finſteren Starrheit, und dazuverſchwand die gewöhnliche lebhafte Röthe aus ſeinem Geſicht und machte allmälig einem fahlen Braun Platz. Jetzt, da der Knecht ſchwieg, holte Rolof tief Luft, ließ das Zeitungsblatt auf den Tiſch fallen und klopfte ſeine Pfeife aus, die längſt erloſchen geweſen. Er begann ſie zu füllen und ſtarrte dabei düſter vor ſich hin, ſo daß er den Taback theilweiſe über den Beutel hinaus auf den Tiſch ſtreute, den er nun, als er's bemerkte, mit einem verdrießlichen Zucken um den Mund wieder in die Blaſe wiſchte. Und nun horchte er plötzlich wieder auf, denn ſie ſprachen im Zimmer von neuem. „Und davon hat Dir nun auch der alte Sodenberg geſagt?“ fragte die Bäurin eben. „Ja, Frau,“ lautete die Antwort.„Er ſagte, daß man kürzlich was davon geſehen, und fragte, ob wir ſelber nichts gemerkt. Dabei hat er mir dann auch be⸗ richtet, woher ſich der Spuk ſtammt.“, „So erzähl' uns auch noch das,“ redete die Bäu⸗ rin.„Ich bin ſelber neugierig darauf, denn das iſt ja ein erſchrecklich Stück!— Hat man denn niemals unter der Buche nachgeſucht, wo der Spuk verſchwunden?“ „Ja, Frau. Ein paar Schatzgräber ſollen's einmal verſucht, aber nichts gefunden haben. Beim Dornbuſch, meinte Sodenberg, am alten Backofen würde man ſchon eher was finden.“ „Nun erzähhl' alſo,“ ſagte die Frau. Der Bauer ballte die Fauſt und zog die Brauen zuſammen, daß ſie ſich faſt berührten. Aber er gab auch jetzt keinen Laut von ſich, und als der Knecht dann wirk⸗ lich begann, legte er den Kopf wieder in die Linke, nahm mit der Rechten die Zeitung auf und hielt ſie hinter's Licht. Aber er las nicht, ſondern horchte angeſtrengt auf die Erzählung. „Am Taubenring,“ ſprach Jochem,„iſt ganz vor dieſem, und als unſer Herr Chriſtus hier zu Lande noch unbekannt war, ein Bauernhof geweſen, groß und ſtattlich, und die alte Buche hat grade vor dem Hausthor geſtan⸗ den. Dort hausten dazumal ein paar Brüder, wenig im Alter aus einander und beide noch unbeweibt. Der Aelte⸗ re, der Bauer, war ein braver Menſch von gutem Her⸗ zen, der Jüngere aber ein rauher ſtolzer Geſell, der ſich mit Niemand vertragen konnte, Jedermann von oben herab anſah und ſeinen Bruder ſtets ſchier verächtlich anſchaute von wegen ſeiner Güte und Nachſicht und Ge⸗ d. 64 „Beide gingen aber einem Mädchen nach und zwar der Tochter des Burgbauern, der hier wohnte, wo nachher der Buſchhof hingebaut iſt. Es war ein alter, wilder, ſtolzer Mann, und man ſagte ihm nach, daß er ſein Geld und Gut im Wald und auf den Straßen mit Räubereien gewonnen. Dabei ſoll er denn auch den Jüngſten vom Taubenhof kennen gelernt haben, und bald ſteckten ſie immer zuſammen. Der Alte verſprach ihm ſeine Tochter, jagte den ältern Bruder, den er bis dahin bei ſich gelitten, mit Spott und Hohn aus dem Hauſe, und ſagte ſeiner Tochter, das ſei geſchehen, weil der Bauer ein Heuchler ſei, der anderwärts noch andere Liebſchaften habe, und mit ihr meiw er's nicht ehrlich.“ Der Bauer faßte, als der Erzähler eine Pauſe machte, mit der Hand nach der Kehle, ſeine Züge zuckten wie im Krampf und ſein Geſicht war noch fahler als vorhin. Bald aber lauſchte er wieder regungslos. „Die Dirne ſagte dem Alten, das Alles ſei nichts als Lüge und Verläumdung, die der Anton— ſo hieß der Züngere— ausgebracht; ſie wolle lieber in den blaſ⸗ ſen Tod gehen als zum Anton in's Ehebett. Allein das half ihr nichts, der Alte beſtand auf ſeinem Kopf, nahm den Anton, der ſich mit ſeinem Bruder ganz verfeindet, zu ſich in's Haus und ſetzte die Hochzeit auf den Tag, wo jetzt im Kalender Allerheiligen ſteht. Aber am T 65 Simon und Judä kroch der Anton zufällig ganz zeitig aus dem Bett und fand ſeine Braut nicht daheim. Eine von den Mägden geſtand's denn auch, daß die Jungfer ſchon oft vor Thau und Tage fortgeſchlichen, bisher aber immer zur rechten Zeit wieder dageweſen. „Nun gut; der Anton merkt, wie das ſein mag, weckt den Alten, der in einen unmenſchlichen Zorn ge⸗ räth, nimmt dann einen Säbel mit ſich, und Beide ſchlei⸗ chen durch den Garten heimlich davon in's Feld und zum Buſch. Aber ſchon bei dem Backofen finden ſie das Paar— der Bauer hält das Mädchen im Arm, nimmt traurig Abſchied von ihr, ſie küſſen ſich und weinen mit einander. Da winkt der alte Burgbauer dem Anton, und der ſchlechte Menſch holt aus mit dem Säbel und ſchlägt den Bruder in den Hals, ſo daß der Kopf gleich herun⸗ ter und in den Dornbuſch fliegt. Dann haben ſie, daß nichts davon herausläme, der armen Dirne einen ſchreck⸗ lichen Schwur abgepreßt und den Körper des Todten im Ofen zu Aſche verbrannt. Den Kopf indeſſen haben ſie trotz alles Suchens nicht wiederfinden können; der iſt denn allein übrig geblieben. Doch die That iſt auch ſo niemals bekannt geworden. „Die Jungfer hat den Anton heirathen müſſen, ſich aber bald hernach beim Rabenberg in dem tiefen Waſſer ertränkt. Seitdem erſcheint ſie dort zuweilen. Und auch der Taubenbauer muß immer und immer den Weg ma⸗ chen, den er dazumal ſo oft zu ſeinem Schatz gegangen, bis— Der Bauer ſchien es nicht länger aushalten zu kön⸗ nen. Mit einem jähen Ruck war er vom Stuhl auf und an der Thür und mit heiſerer Stimme ſchrie er auf den entſetzten Kreis hinein:„Iſt das himmelſakkerment ſche dumme Zeug nun bald zu Ende? Hab' ich Dich Bettelbuben darum auf meinen Hof genommen und Dir darum die magern Rippen ausgefüttert und darum ſeit acht Jahren Geduld mit Dir gehabt, daß Du mir endlich mit ſolchen hundsfött'ſchen Geſchichten den Hof in Verruf bringſt und die dummen Weiberköpfe noch toller machſt? Iſt das eine Manier?— Aber,“ ſetzte er hinzu und ſchüttelte die Fauſt gegen den beſtürzten Knecht,„noch einmal ſo was— und Du kannſt nur machen, daß Du vom Hofe kommſt! Darnach richte Dich!— Und Euch allen ſag' ich,“ ſchloß er,„ſo ſich was von der Geſchichte verbreitet, die der da zuſammengelogen, da hab't Ihr's mit mir zu thun.“ Er war in ſeiner Rede nach dem erſten wilden Aus⸗ bruch allmälig zu einem finſtern drohenden Zürnen über⸗ gegangen, das einen noch viel tiefern Eindruck auf die Zuhörer machte. Nun legte er die Hände auf den Rücken 1 67 und ging mit harten Schritten durch's Zimmer, die Stirn gefaltet, die Augen düſter und zwiſchen den Zähnen unverſtändliche Worte murmelnd. Der Knecht hatte ſich inzwiſchen von ſeiner erſten Beſtürzung erholt und wagte nun im halb demüthigen, halb trotzigen Tone zu ſagen:„Aber Herr, ich hab' mir doch gar nichts Arges dabei gedacht. Ich hab' nur wieder erzählt, wie ich's als wahr gehört. Die Wahrheit darf man ſagen, hab' ich gelernt.“ „Was iſt die Wahrheit?“ fuhr der Bauer, in ſei⸗ nem Gange innehaltend, ihn ſo plötzlich an, daß er un⸗ willkürlich von ſeinem Sitze aufzuckte.„Das, was Du da zuſammengeſchwatzt? Ich will Dir ſagen, was es iſt, Du Narr! Du denkſt wunder was Du für'n Held biſt mit Deinem Geſchwätz und all ſolchen Poſſen, die Weibs⸗ leuten und Kindsköpfen gefallen! Das iſt's, das kitzelt Dich, ich kenn' Dich längſt, Du Hansnarr! Aber ich wie⸗ derhol's— ich rathe Dir Gutes, wenn Du anders nicht kopfüber vom Hof willſt.— Man ſchwatzt leider Gott's ſchon genug vom Buſchhof; es iſt nicht nöthig, daß noch Neues hinzukommt, wie das da. Denn das iſt's. Ich bin hier geboren und weiß ſo ziemlich Beſcheid; allein davon hab' ich nie gehört. Wer hat Dir das dumme Zeug ein⸗ geredet?“ „Hab's ſchon geſagt,“ erwiederte Jochem verdroſſen. „Mein alter Vater vordem in Wiesnitz und auch andere Leute dort, und in der verwichenen Woche der alte Soden⸗ berg in Dreſow.“ „Schon gut! Alſo der!“ bemerkte der Bauer.„Na, ich werd's ihm gedenken!— Ihr aber, vergeßt nicht, was ich geſagt!“ Und ſich kurz abwendend, ging er wieder in's Nebenzimmer und warf die Thür hinter ſich zu. Nach einiger Zeit ſchob die Bäurin das Spinnrad zur Seite, ſtand auf und ging ihrem Mann nach. Die Uebrigen blieben ſtill auf ihren Plätzen oder flüſterten nur mit einander, bis wieder nach einer Weile der Sohn und ein zweiter Knecht vom Hofe hereinkamen und nach und nach eine neue Unterhaltung in Gang brachten. Allein ſie blieb gedrückt, da das Auftreten des Bauern und ſeine anfängliche gänzlich ungewohnte Heftigkeit Allen mehr oder minder— wie man dort zu Lande ſagt— in die Knochen geſchoſſen war. Zumal war Jochem ſehr ſtill und verdrießlich geworden und kaute erbittert auf der Spitze ſeiner Pfeife; er antwortete auf alle Verſuche, ihn zum neuen Erzählen zu bringen, mit einer barſchen oder groben Ablehnung. Vom Nebenzimmer hatte man im Anfang ein⸗ oder zweimal die laute, zornige Stimme des Bauern gehört, V 69 worauf auch einmal die Entgegnung der Bäurin nicht grade leiſe vernehmbar geworden. Dann ſchien die Frau zu weinen, und endlich hörte man Rede und Widerrede im gewöhnlichen Wechſel einer gewöhnlichen Unterhal⸗ tung. Verſtändlich ward von den Worten jedoch nichts, und auch ſpäter erfuhr Niemand den Inhalt dieſer Un⸗ terredung. Nur ſpät Abends, als Rolof ſchon in die Schlaf⸗ kammer gegangen und ſeine Frau, aus der Küche zurück⸗ kehrend, auf Detlof ſtieß, der eben die enge Stiege nach ſeinem Kämmerchen hinaufklettern wollte und nun der Mutter noch einmal gute Nacht bot, blieb ſie vor ihm ſtehen und fragte in bitterem Ton:„Weßhalb läſſeſt Du das verdammliche Laufen nach der Förſterei nicht? Du weißt, daß Dein Vater es nicht will. Nachher hab' ich Deine Narrheiten auszubaden.“ „Der Ohm iſt mir begegnet,“ erwiederte der Sohn ruhig, aber ernſt.„Er hat mir einen Auftrag an den Vater gegeben— er bietet auch zu Allem die Hand. Der Vater ſollte vernünftig ſein!“ „Wagſt Du Deinen Herrn und Vater zu mei⸗ ſtern?“ rief ſie aufgebracht.„Gilt ſein Wille oder Dei⸗ ner?— Und obendrein lügſt Du,“ ſetzte ſie heftig hinzu und hielt ihm die Lampe nahe vor's Geſicht, daß ihr kein Zug deſſelben entgehen konnte.„Begegnet biſt Du 70 dem Ohm? In der Förſterei biſt Du geweſen, ſag' ich Dir. Glaubſt Du, daß ich nicht mehr den Weg von der Stadt kenne?“ Der Sohn lehnte ſich mit dem Ellenbogen auf den ſtarken untern Pfoſten des Treppengeländers und ſah die Mutter mit gerunzelter Stirn eine Weile ſchweigend an. „Und wenn's ſo wäre?“ fragte er endlich mit gedämpfter Stimme.„Was wär' es denn Großes? Hat es nicht bis vor drei Jahren immer geheißen, daß die Gertrud und ich ein Paar werden müßten? Hat er ſonſt jemals ſelber ein einzig Wort dagegen geſagt? Und nun ſoll's vorbei ſein, weil er den Ohm nicht mehr leiden kann? Was geht das uns an? Sind wir Kinder, daß man uns ſo auf und ab kommandiren darf?“ „Junge!“ unterbrach ſie ihn verweiſend. „Ja, Mutter, iſt's nicht wahr?“ fragte er von neuem.„Was zu arg iſt, iſt zu arg. Das laß ich mir am Ende nicht mehr gefallen, wenn ich auch jetzt noch immer klein beigebe(demüthig nachgebe)! Aufgeben thu⸗ ich die Gertrud doch nicht, und ſie läßt auch nicht von mir. Und lieber, als daß ich mich ſo fort chikaniren laſſe, mach' ich's am Ende wie der Franz und geh' in die Welt, bis Friede im Lande wird.“ Die Brauen der Frau zogen ſich zuſammen.„Hör', ſprach ſie, und durch ihre Stimme ging ein leiſes Be⸗ 71 ben,„bisher hab' ich Dir beim Vater noch zuweilen das Wort geredet. Aber er hat recht, merk ich. Dir ſoll man den Daumen auf's Aug' drücken, ſonſt thuſt Du kein gut.“ Sie drehte ihm den Rücken zu und ging heftig vor ſich hinnickend in's Zimmer. Biertes Capitel. Dorfgeſchichten. Zu derſelben Zeit etwa, als Detlof auf die Auffor⸗ derung ſeiner Mutter von der Stadt und den dortigen Kriegsgerüchten zu reden begonnen, die dann zu ſo eigen⸗ thümlichen und aufregenden weitern Mittheilungen führten, war der Schlitten des zornigen Müllers auf den Pfarr⸗ hof am jenſeitigen Ende des Dorfes gefahren, und der darin Sitzende hatte den herbeikommenden Knecht gefragt, ob der Herr Magiſter daheim und zu ſprechen ſei. Erſt auf die aus dem Hauſe geholte bejahende Antwort erhob ſich der breite Mann von ſeinem Sitzſack, bat den Knecht, den Braunen ein wenig in den Stall zu ziehen, er müſſe lange mit Sr. Hochwürden reden, ging auf den Flur, wo er ſeinen Mantel abzog und anhing, klopfte dann an die 72 ihm gezeigte Thür und trat auf das von innen erſchallende kräftige„Herein!“ in das Gemach. Der Prediger war von der Arbeit am Schreibtiſch aufgeſtanden und erwartete ſeinen Beſuch mitten im Zim⸗ mer ſtehend. Er hatte den grünen Schirm der Studier⸗ lampe zurückgeſchlagen, ſo daß es ziemlich hell in der Stube geworden, und in dieſem Lichte muſterte er jetzt den Einge⸗ tretenen einen Augenblick, bevor er ſagte:„Guten Abend, lieber Mann. Was führt Ihn zu mir? So viel ich ſehe, i*ſt Er nicht aus meiner Gemeinde.“ Der Müller hatte auch ſeinerſeits den Pfarrer ernſt⸗ haft gemuſtert, die große ſtattliche Geſtalt, den kleinen Kopf mit dem eigenen kurzen, ergrauten, aber noch dichten Haar, die Züge des wohlgenährten Geſichts und die gut⸗ müthigen Augen— und nun erwiederte er:„Ich weiß nicht, ob ich recht berichtet bin, daß der Herr Magiſter Hausmann heißen?“ „So heiß' ich allerdings,“ verſetzte der Prediger wohlwollend.„Alſo, was führt Ihn zu mir, lieber Mann?“ „Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Magiſter?“ fragte der Andere mit einem halb verlegenen Lächeln. „Nein, Freund. Es iſt mir faſt ſo— aber ich beſin⸗ ne mich vergeblich.“. 73 „Ich bin der Fritz Ruſt aus Branitz drüben im Her⸗ zogthum, und jetzt ſchon ſeit vielen Jahren Müller im Dorf.“ „Ei ei!“ rief der Pfarrer lebhaft und trat dem An⸗ dern mit ein paar raſchen Schritten nahe, ſtreckte ihm die Hand hin und ſchüttelte die des Müllers kräftig.„Was ſagt Ihr mir da? Alſo Fritz Ruſt ſeid Ihr? Der Fritz Ruſt, mit dem mein Bruder und ich immer zuſammenſteck⸗ ten, wenn wir einmal drüben bei dem ſeligen Onkel wa⸗ ren?— Lieber Gott, das ſind nun bereits über vierzig Jahre her! Wie die Zeit vergeht, Fritz! Damals waren wir halbwachſene Jungen, und nun ſind die Köpfe ſchon weiß!— Das iſt brav von Euch, daß Ihr bei mir einſeht. Ihr hättet's nur auch früher einmal thun ſollen!“ Der Müller zuckte die Achſeln.„Ja, lieber Gott, Herr Magiſter,“ ſagte er,„Sie wiſſen ja, daß Unſereins nicht leicht weiter kommt, als er grade muß, und zumal nicht in den böſen Zeiten, wo Jedermann auf ſein Haus⸗ weſen extra zu achten hat.“ „Freilich,“ bemerkte der Geiſtliche mit ernſtem Kopf⸗ ſchütteln.„Es ſieht da draußen wild aus, höre ich. Wir ſind bisher hier mit wirklicher Kalamität verſchont wor⸗ den; Ruhe haben wir, wenn auch nicht die, ſo wir wünſch⸗ ten. Allein wer ſteht uns dafür, daß die eine bleibt, oder daß wir die rechte erlangen?— Nun, wie Gott will!“ 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 5 74 ſetzte er hinzu, ſich über die Stirn fahrend, und ſprach dann weiter:„Was ſteht Ihr aber noch da, Ruſt? Kommt und ſetzt Euch zu mir. Wir haben viel mit ein⸗ ander zu plaudern; ich bin ja ſeit dem Tode meines On⸗ kels nicht mehr hinüber gekommen, und nehme doch noch immer herzlich Theil an Eurem Ergehen dort drüben, von dem ich leider nur ſelten etwas höre. Kommt, nehmt Platz.“ Und er ging zu ſeinem Drehſtuhl am Arbeitstiſch und zog für den Beſuch einen andern in ſeine Nähe. „Ja,“ meinte der Müller ein wenig verlegen,„ich möchte Sie auch nicht aufhalten, Herr Magiſter, und muß ſelber heut' Abend noch wieder zurück—“ „Ach was!“ wurde er unterbrochen.„Wir haben Morndſchein— oder noch beſſer, Ihr bleibt heut' Nacht hier! Kommt nur, Freund!“ Und nachdem ſich der Müller end⸗ lich ſetzen gemußt, kamen die beiden ſo lange getrennten Zugendgenoſſen in ein ausführliches Geſpräch, wobei ſich jedoch der Ankömmling keineswegs in der behaglichen oder ſpürenden Weiſe gehen ließ, welche wir von ihm früher kennen gelernt. Er blieb im Ganzen ziemlich nachdenklich und einſilbig, ſo daß es allmälig dem Prediger auffallen mußte, und derſelbe ſchließlich, nachdem ſie den Erinnerungen ge⸗ nug gethan, ſeinen Gaſt gradezu fragte, ob ihn etwas be⸗ drücke und ob er ihm irgendwie helfen und rathen könne. „Ich kann's mir denken,“ ſetzte er launig lächelnd hinzu, „daß Ihr mich nicht allein wegen unſerer Jugendbekannt⸗ ſchaft aufgeſucht habt. Alſo heraus mit der Sprache!“ Der Müller nahm ſeine Pelzkappe, die er neben ſich auf den Tiſch gelegt hatte, in die Hand und drehte ſie nachdenklich herum, bevor er nach einer Weile ver⸗ ſetzte:„Je nun, Herr Magiſter, es iſt ſchon richtig— ich komme nicht von deſſentwegen allein; doch wär' ich nicht ſo keck geweſen, mich an Sie zu wenden, wenn wir uns nicht vordem gekannt. Sehen Sie, Herr Magiſter,“ fuhr er fort,„ich hab' Ihnen von meinen acht Kindern, vom Haus und Hof und allen Umſtänden ſagen müſſen; einen Sohn und zwei Töchter hab' ich verheirathet, und nun iſt mein zweiter Junge— er heißt Georg— auch nach einem eigenen Neſt begierig. Er iſt ſechsundzwanzig Jahre und ein ordentlicher Menſch; die Mühle in Stre⸗ low iſt zu haben, aber ich allein kann's nicht erſchwingen, er muß eben nach einer Frau ausſehen, die ihm was mit⸗ bringt. Und grad' heraus, Herr Magiſter, ich hätte den Jungen gern feſt, bevor es losgeht und ſie mir ihn etwa unter das Volk nehmen.“ Der Pfarrer nickte bedächtig.„Ja ja— wenn's noch Zeit iſt! Ich befürchte— d. h. für Euch, denn ſonſt hoff ich's! Gött gebe uns endlich einen frohen feſten Muth!— es geht früher los, als Ihr denkt.“ „Nun, ich hab' alſo für ihn mich umgeſehen,“ ſprach⸗ 5* 76 der Müller weiter,„allein es wollte ſich nirgends ma⸗ chen. Und da ich nun ſeit dreißig Jahren mit dem Buſch⸗ bauer hier in Stepnitz bekannt bin und weiß, daß er eine Tochter in dem rechten Alter hat, ſo bin ich herüber⸗ gekommen und habe mit dem Alten heut' Nachmittag geredet.“ „Und was hat der Werdenhagen Euch geantwortet, Freund?“ fragte der Geiſtliche, der dem Erzähler auf⸗ merkſam gefolgt war, mit leicht gerunzelter Stirn. Der Gaſt zuckte die Achſeln und erwiederte:„Was ich nicht recht verſtehe. Er hat ja und nein geſagt, Herr Magiſter.“ „Wie meint Ihr das, Ruſt?“ „Je nun, Herr Magiſter— gegen die Heirath hätte er nichts, meint er, allein er behauptet, daß er ſei⸗ ner Tochter nichts über die Ausſteuer mitgeben könne und daß ſie auch ſpäter ſo gut wie nichts zu erwarten habe. Da ich alſo Geld wolle, könne aus der Sache nichts werden. Sehen Sie, das verſtehe ich eben nicht, da er landein und aus als ein ſchwer reicher Mann be⸗ kannt iſt und es auch ſein muß; denn ſein Hof iſt ja faſt wie ein Rittergut, und ich weiß auch recht gut, wo er ſonſt noch unmenſchlich verdient. Ich kann's mir nicht anders denken, als daß er nicht recht bei Sinnen oder ein Geizteufel iſt, was ich ihm auch ſelber geſagt habe. . 77 Ich bin im Zorn von ihm fortgegangen, allein ich be⸗ kenn's, es iſt mir viel an der Sache gelegen— ich weiß nichts auch nur halb ſo Gutes für meinen Jungen. Und da ich weiß, daß der Rolof hier im Dorf mit keinem Menſchen in rechtem Verkehr ſteht, ſo hab' ich mich gradeswegs an Sie gewendet, Herr Magiſter, daß Sie ihn einmal vornehmen und ihm in's Gewiſſen reden. Wenn er nein geſagt hätte— das möcht' ſein; er iſt Herr in ſeinem Hauſe. Aber den Grund kann ich nicht gelten laſſen, denn ich glaub' nicht an ihn. Und ich ſag's wieder, es iſt mir gar zu viel an der Sach' gelegen, ſonſt hätt' ich ihn längſt zum Teufel gehen laſſen.“ Er ſtrich ſich ein wenig erſchrocken über den, an dieſer Stelle aller⸗ dings nicht allzu herkömmlichen Ausdruck über den Mund und ſchwieg. Der Pfarrer nahm jedoch keine Notiz von dem Wort, vielleicht hatte er's gar nicht recht gehört. Er war ſchon während der Rede des Müllers aufgeſtanden und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, langſam und nachdenklich im Zimmer auf und nieder. Endlich ſprach er, ohne in ſeinem Gange anzuhalten, kopfſchüttelnd und nicht laut:„Das geht, nicht an, Freund Ruſt. In ſolche Angelegenheiten miſche ich mich überhaupt nicht gern, und bei dem Werdenhagen würde es ſicher vergebens ſein. Er hat ſeinen eigenen, ſeinen ganz eigenen Kopf.“ 78 „Aber, Herr Magiſter, wenn Sie ihm ſeine Schlech⸗ tigkeit vorhalten wollten, daß er ſeinen eigenen Kindern aus purem, hellem Geiz—“ „Wer ſagt Euch, daß es der iſt, Ruſt?“ fragte der Geiſtliche, indem er vor dem Sprecher ſtehen blieb und ihn prüfend anſchaute.„Wer ſagt Euch, daß er nicht Recht hat mit der Behauptung und wirklich nicht reich iſt?“. „Aber zum Teufel— nehmen Sie's nicht übel, Herr Magiſter! Da muß ich fluchen!— Wenn der nicht reich iſt, wer iſt's denn?“ „Ich weiß nicht, Ruſt,“ entgegnete der Prediger achſelzuckend.„Rolof ſelbſt ſagt gradeheraus das Gegen⸗ theil; wenigſtens hat er auch mir einmal mitgetheilt, daß er ſeinen Hof kaum als ſein Eigenthum betrachten möge, ſo lange es nicht ſicher, daß ſein verſchollener Bruder todt oder daß wenigſtens nicht Erben von ihm da wären. Wenn der oder die heut' oder morgen auftreten würden, verſtände es ſich ja ganz von ſelbſt, daß ſie den Hof wie⸗ der übernehmen, und dann hätte er für ſich wenig. Sei⸗ nen Hauptverdienſt habe er auf die Verbeſſerung des Ho⸗ fes verwenden müſſen.“ Der Müller ſtieß ein verächtlich„phah!“ aus.„So ſagt und denkt er jetzt?“ ſprach er dann achſelzuckend. „Glauben Sie, Herr Magiſter, das ſind nichts als 79 Flauſen! Hat er doch dazumal die Tochter des alten För⸗ ſters, der ſein Bruder Jahr und Tag nachgegangen ſein ſoll, kaum ein Vierteljahr nach dem Verſchwinden des Letztern geheirathet! Damals hat er nicht ſo— ſo gottes⸗ fürchtig gedacht.“ „Das weiß ich freilich,“ verſetzte der Pfarrer,„und hab's mir ebenſo gut überlegt wie Ihr; aber es iſt doch nicht ſo arg, wie Ihr meint. Rolof war mit dem Mäd⸗ chen wirklich verſprochen.“ Und indem er ſich wieder auf ſeinen Seſſel ſetzte und den Kopf mit dem Arm auf den Schreibtiſch ſtützte, fuhr er gedankenvoll fort:„Der Rolof Werdenhagen iſt kein gewöhnlicher Menſch; es ſteckt mancherlei Tüchtiges in ihm und mancherlei, an dem er nicht leicht zu tragen hat, obſchon ich nicht weiß, was das iſt. Er mag ein ſehr wackerer, unſchuldiger, arg verleumdeter Mann ſein oder—“ „Ein Verbrecher, deſſen Thaten zu Gott und Men⸗ ſchen ſchreien!“ ſchob der Müller leiſe ein; er hatte da⸗ bei die Augen niedergeſchlagen und ſah auf die Pelzkappe, die er zwiſchen den Händen drehte. „Ein Verbrecher, meint Ihr? Nein!— Vielleicht aber doch ein ſchuldbeladener, dann aber auch ein ernſtlich bereuender und büßender Menſch!“ ſagte der Geiſtliche ernſt und erſt nach einem kurzen ſinnenden Schweigen. „Und wäre er dies wirklich— ich aber glaube auch das 80 nicht, Ruſt!— ſo könnte man allerdings die ſtrafende Hand Gottes ſchon hier in ſeinem Leben deutlich erkennen. Glücklich iſt der Mann nicht, weder in ſeinem Hauſe und ſeiner Familie, noch in ſeinem eigenen Herzen.“ Es war ein langes Schweigen im Zimmer, ſo daß man trotz der verſchloſſenen Thür im Nebengemach mehrere Frauenſtimmen mit einander plaudern und daneben auch das eintönige Schnurren eines Spinnrades hörte. Denn damals ſah man auf dem Lande faſt noch alle Frauen, ſelbſt die gebildeten und vornehmen, ſich zeitweiſe dieſer Beſchäftigung hingeben. Nach einigen Minuten erhob der Müller den Kopf und fragte wieder leiſe und in einem gewiſſen unſichern Tone: „Wie iſt es eigentlich damit, Herr Magiſter? Wie ich ſchon geſagt— ich kenne ihn lange, ich habe ihn auf den Pferdemärkten kennen gelernt, zu denen er nach R. zu fahren pflegt. Hie und da iſt mir auch einiges über ihn zu Ohren gekommen, allein Genaueres nicht, und ich bin niemals recht klug aus der Sache geworden.“ „Ja ja,“ redete der Prediger und ſchaute gedanken⸗ voll über ſeinen Beſuch hinaus in's dämmernde Zimmer, denn er hatte den Schirm über die Lampenflamme wieder herabgeſchlagen—„ja ja, es iſt eine ſchreckliche oder ſchändliche Geſchichte, Freund Ruſt. Im Fall nämlich, daß man ſie nur erfunden, zeigt ſie von einer Verderbt⸗ 81 heit und Liebloſigkeit der hieſigen Menſchen, die mich faſt noch mehr erſchrecken würde, als die abſcheuliche That ſelbſt. Im Anfang, als ich hieher kam— es ſind nun bald ſiebenundzwanzig Jahre— mußte ich viel davon hö⸗ ren, ja man trug mir Alles auf's angelegentlichſte zu, und als man merkte, daß ich ſolche Ohrenbläſereien gründlich verachtete und ihnen ernſtlich entgegentrat, ſteckte man ſich hinter meine Frau und machte mir das arme junge Weſen ganz krank vor Aufregung und Entſetzen. Es ſitzt leider viel— viel Rohheit, viel Aberglauben, viel Neid und Herzenshärtigkeit in den Leuten, und wie redlich ich auch gearbeitet, es hat mir nicht gelingen wollen, des böſen Geiſtes völlig Herr zu werden.“ „So glaubten Sie ſelber nicht an das Verbrechen, Herr Magiſter?“ fragte der Müller nach einer Weile. „Ich vergeſſe das in meinem Leben nicht,“ ſprach der Geiſtliche in einem Tone weiter, als habe er des an⸗ weſenden Gaſtes faſt vergeſſen und hänge nur für ſich ſeinen Erinnerungen nach.„Als ich die Vocation zu die⸗ ſer Pfarre erhielt, war ich ſeit anderthalb Jahren ver⸗ heirathet und hatte grade mein erſtes Kind getauft. Ich mußte ſchnell hieher, denn mein Vorgänger war ſchon ſeit fünf oder ſechs Wochen todt und von Aushülfe der Amtsbrüder iſt in dieſer Einſamkeit wenig die Rede. Der alte Herr war ſchon über Jahr und Tag verwitwet ge⸗ 82 weſen und hatte nur eine Tochter in der Ferne verhei⸗ rathet, die mir für ein Billiges alles noch Brauchbare im Hauſe gern überließ. Aber es fehlte an allen Enden, meine Frau war noch ſehr ſchwach, das Kindlein machte uns viele Sorgen, ich fand, da der alte Herr lange kränk⸗ lich geweſen, auch in den Amtsangelegenheiten viel Un⸗ ordnung gut zu machen— kurz, ich kam mehrere Wochen lang nur dazu, meine Predigt zu halten und die laufen⸗ den Geſchäfte zu beſorgen. In Wiesnitz und Dreſow war ich erſt einmal geweſen, und auch von den hieſigen Ge⸗ meindegliedern kannte ich bis dahin kaum die Hälfte dem Anſehen nach, genauer nur den Schulzen und die Kirchenvorſteher, ſo wie die paar Leute, die im Haus und Garten taglöhnerten. „Es war am erſten Mai, und nach beendigtem Got⸗ tesdienſt hatte ich die Leichenrede am Grabe einer Bäu⸗ rin zu halten, welche vor ein paar Tagen in ihrer beſten Kraft und von einem Haufen unerwachſener Kinder fort⸗ genommen war. Der Fall bewegte mich ſehr— ich dachte an mich ſelbſt und mein kleines Kind, wie verwaist wir ſein würden, wenn der Herrgott meine Frau abberufen hätte— und ich ſprach zu der großen Zahl der Leidtra⸗ genden ſo recht aus vollem Herzen. Da ſtand mir faſt gegenüber, in der vorderſten Reihe der Zuhörer und An⸗ gehörigen ein junger, ſtattlicher Bauer, den ich bisher 83³ noch nicht geſehen hatte. Er ſtand, obgleich der Platz nur beſchränkt war, faſt allein, und nicht nur dies, ſondern auch der finſtere Ausdruck des wohlgebildeten Geſichts und die trotzige, ſtarre Haltung fielen mir auf und zogen meinen Blick mehr als einmal zu ihm hinüber. Nach dem Vaterunſer war er plötzlich fort. Ich fragte beim Heim⸗ weg den Schulzen nach ihm. Es werde der Buſchbauer geweſen ſein, lautete die ein wenig einſilbige und, wie mir ſchien, ziemlich widerwillig gegebene Antwort. „So ſo!“ ſagt' ich,„alſo der Buſchbauer— Ro⸗ lof Werdenhagen heißt er, denk ich?“—„So iſt's,“ ver⸗ ſetzte der Schulz,„aber hier nennt man ihn nur den Buſchbauer.“—„In der Familie ſind in den letzten Jahren, wie ich aus dem Kirchenbuch geſehen, viel To⸗ desfälle geweſen,“ bemerkte ich;„Vater und Mutter ſchnell hinter einander, die Frau des Bauern, und vor Kurzem auch die einzige Schweſter in Wiesnitz. Das iſt ſchweres Unglück und eine harte Prüfung!“—„Ja,“ meinte der Schulz,„und die wir heut' begraben haben, war auch wieder Eine aus ſeiner Freundſchaft— Geſchwi⸗ ſterkind mit ihm.“— Ich ſchüttelte den Kopf.„Wie trägt er das Alles?“ fragte ich.„Traurig ſah er nicht aus, ſondern hart und ſtörriſch. Ich werde ſobald als mög⸗ lich einmal zu ihm gehen und mit ihm reden.“—„Das thut, Herr Magiſter,“ ſagte mein Begleiter.„Aber das 84 wird umſonſt ſein— deſſen Herz rührt Ihr nicht, ob⸗ gleich es ihm noth thäte.“—„Wie meint Ihr das, Schulz?“ fragte ich verwundert.—„Oh— ich meine eben nur ſo,“ verſetzte er.„Man redet allerlei über des Rolof Herzenshärtigkeit. Ich kenn' ihn aber wenig; er hat nicht viel Umgang im Dorf. Wir ſind ihm nicht gut genug.“—„Ihr ſcherzt wohl, Schulz,“ warf ich ein. „Er muß doch mit Jemand umgehen!“—„Ha ja, mit ſeiner Freundſchaft(Verwandtſchaft) ſchon zuweilen, aber oft auch nicht. Die Buſchbauern ſind aber immer ſo am liebſten für ſich geblieben.“ „Wie kommt's,“ fing ich nach einer Weile wieder an,„Ihr nanntet ihn Rolof— wenn mir recht iſt, heißt ſo aber der jüngſte Sohn. Wo iſt denn der ältere, daß der nicht den Hof hat?“—„Der Arnold iſt fort,“ entgegnete mein Begleiter achſelzuckend.—„Wie das? Es iſt doch ſonſt bei euch hier nicht Sitte, außer Landes zu gehen,“ warf ich ein.—„Na, bei den Werdenhagen ſchon,“ ſagt' er. Und da wir grade vor ſeinem Hofe wa⸗ ren, und meine Frau mit dem Eſſen auf mich warten wußte, ſo nahm ich Abſchied von ihm und ging allein nach Hauſe. Ohne daß ich eigentlich recht wußte, weß⸗ halb, ging mir dies Geſpräch noch lange im Kopf herum, und das finſtere Geſicht des jungen Bauern ſtand fort und fort vor meinen Augen. 8⁵ „Bald nachdem wir abgegeſſen hatten, brach in ei⸗ ner Häuslerwohnung am andern Ende des Dorfes Feuer aus und drohte bei dem ziemlich lebhaften Winde auch dem nächſten Bauernhof gefährlich zu werden. Zur Hülfe kam auch der Buſchbauer mit Knechten und Pferden, und ſeinen raſtloſen Bemühungen, ſeinen verſtändigen An⸗ ordnungen verdankte man es zumeiſt, daß das Unglück nicht größer ward und daß die armen Leute wenigſtens das Vieh und ein paar Stücke Hausrath retteten. Hinter⸗ drein erbot ſich der Bauer, er wolle die Abgebrannten beider Familien, weil hier Alles überfüllt war, für's Erſte zu ſich auf den Buſchhof hinüber nehmen; allein die bei⸗ den Familienväter lehnten das Anerbieten kalt, um nicht zu ſagen, grob ab. Und als ich ihnen zuſprach und ſie darauf aufmerkſam machte, daß ſie dem Mann vielmehr Dank als ungezogene Worte ſchuldeten, ward auch mir ziemlich ſtöckiſch und verdroſſen geantwortet, und ein an⸗ derer Bauer in meiner Nähe ſagte ſogar:„Ho, der Herr Buſchbaron ſoll nur auf ſeinem Rittergut bleiben und ehrliche Leute für ſich laſſen!“ „Das Alles fiel mir immer mehr auf und ich nahm mir vor, in den nächſten Tagen ſchon mich ernſtlich mit dieſer Angelegenheit zu beſchäftigen. Eine ſolche Feind⸗ ſchaft, die ſelbſt in der Noth nichts von der anſpruchs⸗ loſen Wohlthätigkeit eines Andern wiſſen wollte, ſchien 86 mir gar zu unnatürlich zu ſein, um nicht eine ganz be⸗ ſondere Veranlaſſung zu haben. Ich erhielt die Aufklä⸗ rung indeſſen früher und beſtürzender als ich irgend er⸗ wartet. „Am Abend des Tages ließ ſich der Schulz bei mir melden und bat mich um ein Geſpräch unter vier Augen. Er ſagte, er habe wohl meine Verwunderung und Mißbilligung über das geſehen, was am Nachmittage geſchehen. Zugleich wär' es ihm auch auf's Herz gefallen, daß er mir am Morgen allerlei, aber nicht das Rechte mitgetheilt. Sie hätten's hier in der Gewohnheit, daß ſie die Gerichte nicht inkommodirten; ſie wollten keine Fe⸗ derfuchſer in ihren Dorfangelegenheiten haben. So was Unrechtes geſchehen, ſei das bisher ſtets in der Familie oder unter den Nachbarn und mit dem Geiſtlichen ab⸗ gemacht worden, und ſie hätten ſich gut dabei geſtanden. Sie würden mir ſchon früher von der Sache geſagt ha⸗ ben, wenn ſie nicht geſehen, daß ich mit meiner Einrich⸗ tung viel zu thun hätte; auch hätten ſie mich doch erſt kennen lernen müſſen. Nun aber ſehen ſie, daß ſie mir vertrauen könnten, und daß ich wohl wiſſen würde, was bei der Sache zu thun— ob man's gehen laſſen oder von Gemeindewegen einſchreiten ſolle. Die Gerichte aber, wiederholte er, dürften nichts damit zu ſchaffen haben. „Und ſo wolle er mir denn nun ſagen, fuhr er fort, was 87 ich von meinem Vorgänger nicht mehr erfahren haben könne, daß der Rolof Werdenhagen vor ungefähr ſechs Jahren ſei⸗ nen Bruder Arnold, den damaligen Beſitzer des Hofs, er⸗ ſchlagen habe und dabei von dem alten Winrich, dem Förſter auf der ſogenannten Born⸗Förſterei, vermuthlich unterſtützt wäre— vielleicht auch noch von des Letztern Sohn, doch das wiſſe man nicht genau. „Ich erſchrack nicht wenig über dieſe Mittheilung, aber ich forſchte weiter, und da erfuhr ich denn, die beiden Brüder hätten von Jugend auf in der Förſterei verkehrt und die Tochter des alten Förſters zugleich geliebt. Den Arnold hätte das Mädchen ſelber bevorzugt, obgleich die beiderſeitigen Eltern ſeltſamerweiſe den Rolof lieber ge⸗ mocht und der Förſter dieſem längſt die Tochter verſpro⸗ chen gehabt habe. Der Zank zwiſchen den Brüdern war nie ausgegangen, bis Rolof endlich— man wußte nicht recht, wohin— von dannen zog und erſt nach Jahr und Tag, kurz vor dem Tode ſeiner Eltern, wie es hieß, mit ſchwe⸗ ren Kiſten und Kaſten zurückkam. Es verlautete, daß er nun ſelber ſich anderswo ankaufen werde, und das Ver⸗ hältniß der Brüder ſchien ſich gebeſfert zu haben. Als Ar⸗ nold aber den Hof übernommen, war der alte Zank und Unfriede wieder in vollen Gang gekommen. In der För⸗ ſterei gab es auch böſe Scenen, das Mädchen mußte mit Rolof den wirklichen Verſpruch eingehen, aber ſie kriegte 88 ihn drum nicht lieber. Man wußte auch, daß der junge Förſter mehr als einmal Streit mit Arnold gehabt und Drohungen gegen ihn ausgeſtoßen. Und das ging ſo fort, bis Arnold im nächſten Herbſt am Simon und Judä⸗ Tage am Morgen zum Markt nach St. aufbrach, jedoch weder dort geſehen wurde, noch wieder nach Hauſe kam. Er blieb verſchwunden, und faſt überall nahm man an, daß er im Wald von den vorhin genannten Perſonen er⸗ mordet ſei. Die Förſtertochter, welche Rolof nach einem Vierteljahre heirathete, ſollte das einmal zu verſtehen ge⸗ geben haben. Feſt ſtand nur, daß das junge Paar niemals glücklich gelebt, und daß die Frau— der Schulz ſagte: „allmälig wie ein Schatten an der Seite ihres Mannes zerfloſſen“— ſei. Sie war vor einem Jahr etwa mit Hin⸗ terlaſſung eines Knaben geſtorben. Die Leute meinten, der Rolof habe ſie, da ſie ihm einmal ſeine That vorgeworfen, ſo hart geſchlagen, daß ſie einen innern Schaden davon getragen und niemals wieder geſund worden ſei. „Das waren die Hauptzüge dieſes düſtern Gemäldes, das vor meinen Augen durch den Schulzen heraufbeſchwo⸗ ren wurde; die Einzelnheiten und Nebenzüge übergehe ich. Sie haben für mich noch weniger Gewicht als das, was ich erzählt. Nur das will ich noch erwähnen, daß Arnold mir vom Schulzen als ein zwar prahleriſcher und jähzor⸗ niger, aber auch wieder gutmüthiger Geſell dargeſtellt 89 wurde, während Rolof ſtets nichts als ein Heuchler gewe⸗ ſen, der ſich gut und nachgiebig und geduldig angeſtellt, obgleich er's innerlich ganz anders gemeint. Die beiden Förſter freilich hätten vom Charakter der Brüder immer das grade Gegentheil behauptet. Zum Schluß bemerkte der Schulz: Genaueres wüßte von dem Allen, außer den Thätern, jetzt vielleicht nur noch Einer im Dorf— der Bruder der Frau, die wir heute begraben. Der verkehre mit Rolof von Jugend auf, wie bisher auch die Beerdigte es gethan. Der Mann der Letztern freilich ſei ſein ärgſter Feind und glaube am ernſtlichſten an ſeine Schuld. „Das war die Mittheilung,“ fuhr der Geiſtliche nach einem kurzem Schweigen fort,„die mich, wie bemerkt, ſehr beſtürzte. Die Sache ward mit ſolcher Ausführlichkeit und Beſtimmtheit vorgetragen, daß ich mich faſt gezwun⸗ gen fühlte an ſie zu glauben, obgleich ich ſchon anfangs und im Lauf des folgenden Geſprächs immer deutlicher erkennen mußte, daß von eigentlichen Beweiſen nicht im allerentfernteſten die Rede ſei. Arnold war nach den Leu⸗ ten und ganz allein fortgegangen; wie er auf dem Wege nach St. an den muthmaßlichen Platz des Mordes kom⸗ men ſollte, war um ſo weniger begreiflich, da die Entfer⸗ nung der Stadt zu groß iſt, um einem Wanderer, der in einem Tage hin und zurück will, viel Umwege zu geſtat⸗ ten; es müßte denn ſein, daß er den Gang in die Stadt 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 6 90 nur vorgeſpiegelt, um deſto ungeſtörter die Tochter des Förſters im Walde ſprechen zu können. Anderes ſprach überhaupt gegen dieſe Geſchichte. Rolof ſollte keinen Au⸗ genblick an dem Tage vom Hofe entfernt geweſen ſein— ich weiß nicht, wer das anzugeben wußte. Und die För⸗ ſter— Vater und Sohn— waren beide auf dem Markt geſehen worden. Ueberdies war der Letztere grade damals einige Wochen abweſend geweſen und erſt in der Stadt mit ſeinem Vater wieder zuſammen getroffen. So hieß es, oder vielmehr, ſo ſagten die Betheiligten. „Mein Vorgänger hatte nach einem Geſpräch mit Rolof, von deſſen Inhalt man jedoch nichts erfuhr, die Leute zur Ruhe ermahnt— etwas, was auch ich für das Nothwendigſte hielt. Doch war ich feſt entſchloſſen, der Sache weiter nachzuforſchen, und fand es am beſten, ſie den Gerichten zur ernſtlichen Verfolgung zu übergeben. Dagegen aber proteſtirte der Schulz von neuem und höchſt entſchieden. Für den Fall fände ich im Dorf nicht einen einzigen Zeugen und Keiner werde ſich auch nur zu der ge⸗ ringſten Angabe verſtehen, ſagte er kalt. Wir müßten ent⸗ weder Alles ruhen laſſen oder es unter einander ausma⸗ chen. So wäre es von jeher gehalten worden und auch am beſten; im Nothfall verſtänden ſie das Strafen ſelber ebenſogut, wo nicht beſſer als die Gerichte. „Das wollte mir damals freilich wenig einleuchten,“ 91 redete der Geiſtliche weiter,„ſpäter jedoch hab' ich mich von der Richtigkeit und Billigkeit dieſer Argumentation und dieſes Herkommens mehr als einmal überzeugen kön⸗ nen, wenn ich auch keinen ſo ſchweren Fall erlebte wie den Rolof's. Und ſpäter hab' ich denn auch dem Herrgott mehr als einmal inbrünſtig gedankt, daß er damals meinen er⸗ ſten Eifer zügelte und mich vor der ſchweren Sünde be⸗ wahrte, einen Unſchuldigen zu verfolgen. Denn das iſt Rolof Werdenhagen, wenn nicht durchaus, doch in der Hauptſache. Das iſt meine feſte Ueberzeugung, mag das Ding übrigens zuſammenhängen, wie es will. Den Mord hat er nicht begangen. „Ich habe den Mann nun ſiebenundzwanzig Jahre lang beobachtet und bin ihm verhältnißmäßig näher getre⸗ ten als manchem andern der ſogenannten Ehrenmänner meiner Gemeinde. Es iſt ein kalter Schlag Menſchen, dieſe In⸗Bauern, ſie thauen nicht auf, ſie laſſen ſelbſt den Prediger nie über eine gewiſſe Grenze an ſich heran. Ro⸗ lof war noch einer der offenſten. Er hat mir von freien Stücken über die Gerüchte geſprochen, die in Bezug auf ihn kurſiren. Er hat mir mitgetheilt, daß ſein Bruder, der dazumal halb wahnſinnig geweſen, vielleicht von irgend Jemand um's Leben gebracht ſein möge, den er ſich zum Feinde gemacht. Er habe mehr als einen ſolchen gehabt und mehr als ein Mädchen unglücklich gemacht. Ich habe 66 92 den Mann ſparſam wie alle ſeines Gleichen, aber ſtets ehrenwerth und wacker gefunden; ich weiß Einiges von ihm, deſſen ſich der Edelſte und Höchſte noch zu rühmen hätte. Ich wiederhole, daß auch Manches in lhnſtecen mag, was ich nicht kenne, was ihn oft reizbar und men⸗ ſchenſcheu ſein läßt. Es iſt möglich, daß er ſich in Betreff ſeiner erſten Heirath und der Behandlung der Frau Vor⸗ würfe zu machen hat. Aber ich weiß auch, daß ſein Leben nicht leicht war. Seine erſte Frau war faſt immer kränk⸗ lich und ſoll viel, ja die meiſte Schuld an dem häuslichen Unfrieden gehabt haben. Ihr Sohn—“ „Ja ja, der Franz, den der Alte fortgejagt haben ſoll,“ ſchob der Müller einmal wieder ein. „— war ein Taugenichts, den ich auch fortgejagt hätte an Rolof's Stelle,“ ſprach der Prediger ſtreng und ſcharf.„Der Vater that das aber nicht einmal, ſon⸗ dern hat Unſagbares an dem Burſchen erduldet, der zuletzt ſtörriſch entlief. Seine jetzige Frau iſt brav, die Regine iſt ein zwar wackeres, aber auch ſtörriſches Mädchen; der Junge endlich, der Detlof, ſcheint ebenſo wenig zu taugen, wie ſein Stiefbruder. Es ſoll ein heuchleriſcher, ungehor⸗ ſamer Menſch ſein.“ „Mit ſeinem Schwager, dem Förſter, iſt der Rolof verfeindet, hör' ich?“ bemerkte der Müller ein wenig vor⸗ ſichtiger als vorhin. 8 93 „So hör' ich auch,“ entgegnete der Prediger,„und finde das bei den beiden Charakteren nicht grade zu ver⸗ wundern. Der Bornförſter iſt zwar ein luſtiger Geſell, aber auch gewaltthätig und rückſichtslos, der Buſchbauer ſtarr und unduldſam gegen Widerſpruch. Ich weiß nichts weiter davon. Nur ſpricht dieſe Feindſchaft entſchieden ge⸗ gen die Wahrheit der ihnen ſchuldgegebenen That. Solche Leute, mein' ich, verfeinden ſich nicht leicht.“ „Aber man ſagt noch ſonſt dies und jenes über den Buſchbauer,“ fing der Müller nach einer Weile wieder an. „Mein Freund,“ antwortete der Geiſtliche ernſt und ſtand auf,„das iſt mir leider bekannt genug. Der Bauer iſt ein Mann, der am liebſten für ſich bleibt, der für ſtolz und hochmüthig gilt und allerdings den Verdacht, in dem er bei ſeinen Nachbarn ſteht, mit einer Gleichgültigkeit trägt, die ihm noch mehr Feinde gemacht hat als ſein ſon⸗ ſtiges Auftreten. Man ſchwatzt daher über ihn. Aber ich bin am wenigſten dazu da, dergleichen Altweibergewäſch verbreiten zu helfen oder mich überhaupt nur darauf ein⸗ zulaſſen, und ich hätte Euch auch von dem bisherigen nicht geſprochen, mein Freund, wenn ich nicht hoffte, daß Ihr aus wahrem Intexeſſe und deswegen darnach fragtet, weil Ihr eine ſolche Verbindung mit dem Buſchbauer beabſichtiget. Ich habe Euch daher auch geſagt, was ich weiß, und daß ich von Rolof's Unſchuld überzeugt bin. 94 Dem übrigen Geſchwätz thu' ich aber die Ehre einer Widerlegung nicht an, nachdem ich, wo es mir einmal zu Ohren gekommen, die Leute vergebens auf ihren Unver⸗ ſtand aufmerkſam machte. Nur verſtehe ich nicht recht, wie Jemand, der an dergleichen— Dummheiten oder Ungeheuerlichkeiten bei einem Bekannten glaubt, dann noch wünſchen kann, mit demſelben in genaue Verbindung zu treten.— Doch genug,“ unterbrach er ſich;„nun wollen wir Anderes reden. Meine Frau wird auch das Abendeſſen bald fertig haben.“ Der Müller wollte zwar die Einladung ablehnen, der Geiſtliche nahm das aber nicht an. Und Beide be⸗ ſprachen zuerſt allein, ſpäter im häuslichen Kreiſe den Stoff, den ihnen die bewegte Zeit im Ueberfluß darbot. Erſt in der Frühe des folgenden Morgens ſchied der Gaſt. Fünftes Capitel. Vater und Sohn. Der Buſchbauer warf einen prüfenden Blick in den Hintergrund des Stalles zu den dort ſtehenden Pferden hinüber, rührte mit der Hand durch das Futter, welches 9⁵ eben mit großem Appetit von dem ſtattlichen, zunächſt an der Thür befindlichen Hengſt, einem ſogenannten Mohrenkopf, verzehrt wurde, und indem er eine Handvoll herauslangte und beſah, ſagte er ernſt:„Wie oft willſt Du's eigentlich hören, Jochem, daß ich das Häckſel nicht ſo lang geſchnitten haben will? Merk's, es iſt das letzte⸗ mal, daß ich's Dir in Gutem ſag'!— Wer auf dem Buſchhof bleiben will, hat Ordre zu pariren.“ Damit warf er das Futter in die Krippe zurück, trocknete die Hand im rabenſchwarzen Schwanzhaar des Pferdes flüchtig ab und trat nach einem kurzen:„Komm' einmal mit, Detlof!“ aus der Thür auf den Hof und ging, ohne ſich umzuſchauen, dem kleinen Garten zu, der hinter dem Hauſe noch innerhalb des Ringwalles lag. „Nimm Dich in Acht,“ meinte der Knecht leiſe, während Detlof mit finſterem Geſicht die Striegel aus⸗ klopfte und an einen Nagel am Stande des von ihm ge⸗ putzten Pferdes hängte,„der Alte iſt ſeit ein paar Tagen ja ganz teufliſch barſch!“ Aber der Hausſohn langte mit einem unverſtändlichen murrenden Laut die kurze graue Jacke, die an der Thür hing, herab und ging damit hinaus; der Knecht warf ihm einen ſpöttiſchen Blick nach und murmelte beim Striegeln vor ſich hin:„Na, ſchaden thät's Dir auch nicht, wenn er Dir einmal die Grillen ausklopfte! Das iſt hier eine tolle Nation!“ 96 Der Bauer hatte die kleine Staketenpforte des Gärtchens aufgelaſſen, der weiße langhaarige Hund, der ihn getreulich begleitete, jagte hinter ein paar Hühnern her, die ſuchend auf den gefrorenen Gartenbeeten herum⸗ ſpürten. Der Alte gab nicht Achtung darauf, ſondern ſchritt ziemlich raſch weiter den Steig entlang, der mit allerlei Beerenbüſchen zwiſchen ſtarken Obſtbäumen wie mit einer Hecke eingefaßt war, und erſt da er an der Thür war, die aus dem Ringwall in den draußen befind⸗ lichen größern Garten führte, machte er Halt und wandte ſich auf dem Abſatz um und dem Sohne zu, der klap⸗ pernden Schrittes hinter Ahm drein kam und nun im Gehen erſt die Jacke vollends anzog. Der Vater maß den lang aufgeſchoſſenen Burſchen mit einem finſtern Blick, und indem er die Augen auf den eigentlich offenen und ſchönen, jetzt aber ein wenig ſcheuen Geſichtszügen deſſelben ruhen ließ, ſprach er: „Alſo Du biſt geſtern einmal wieder in der Förſterei geweſen?“ Detlof erhob das Auge nur mit kurzem Aufſchlag und ließ es flüchtig über die harten Züge des Alten ſtreifen, bevor er mit gedämpfter Stimme antwortete: „Wie könnt Ihr ſo was denken, Vater? Wie hätt' ich dazu Zeit gehabt? Ihr wißt ſelber, daß der Weg zur 97 Stadt nicht kurz iſt und daß man nicht ſäumen darf, wenn man zur rechten Zeit wieder da ſein muß.“ „Oh— wenn's Deine Narrheiten gilt, kannſt Du Deine Beine brauchen!“ bemerkte der Bauer den Mund verziehend,„das weiß ich ſchon, wie ein fauler Nichts⸗ nutz Du ſonſt auch biſt.— Aber das iſt jetzt egal. Alſo lügen thuſt Du nun auch noch?“ Und da er keine Ant⸗ wort erhielt, ſetzte er ſtreng hinzu:„Was ſoll ich mit Dir anfangen, Bube?“— Wie keck und beſtimmt der Sohn ſonſt auch Andern gegenüber auftreten mochte und wie feſte Worte wir ihn am vergangenen Abend gegen die eigene Mutter aus⸗ ſprechen hörten, vor dem ſtrengen, rauhen Vater hatte er bisher noch niemals einen ſolchen Ton anzuſchlagen gewagt, vielmehr ſeine eigentliche Natur auf das ſcheueſte zurückgehalten. Es war das— man möchte ſagen— die Gewohnheit ſeines ganzen Daſeins, die ihn in dieſer Unterordnung und Abhängigkeit erhielt, ſo lange das Auge des Alten auf ihm ruhte, und man würde dem jungen Menſchen Unrecht thun, wenn man in dem eben verſuchten Zurückweichen einen Zug von wirklicher Feig⸗ heit finden wollte. Es entſprang im Gegentheil einerſeits aus dem Bewußtſein ſeines Ungehorſams und anderer⸗ ſeits aus der Erfahrung, daß der Vater einem direkten Widerſtand unter keinen Umſtänden nachgab, wohl aber, 98 wenn auch nur anſcheinend, ſich zuweilen durch ein kluges Ausweichen hatte befriedigen laſſen. Darauf hatte Detlof auch jetzt gerechnet und wiederholte daher mit der frühern gedämpften, demüthig klingenden Stimme:„Aber Va⸗ ter, Ihr könnt's mir glauben, ich bin nicht„am Born“ geweſen. Und dem Ohm bin ich unterwegs— Er brach ab, denn das ſtahlblaue Auge des Vaters ruhte ſo ſcharf auf ihm, daß er den Blick faſt zu fühlen meinte. Sein Geſicht wurde noch röther als es ſchon von Natur war. „Alſo lügen thuſt Du nun auch noch?“ wieder⸗ holte jetzt der Alte mit drohender Stimme und ſetzte wie vorhin hinzu:„Was fang ich nur mit Dir an, Bube?— Soll ich Dich züchtigen, wie einen Jungen? Verdienen thäteſt Du's! Du haſt leider lange nicht genug Schläge erhalten, und das hab' ich auch vor unſerm Herrgott zu verantworten!— Alſo lügen thuſt Du,“ fuhr er zornig fort.„Haſt nicht einmal die Courage mir in's Geſicht ungehorſam zu ſein, du miſerabler Geſell? Daß ſich Gott erbarm'! Und ein Solcher denkt an's Heirathen und läuft einer Dirne nach— ſolch' ein Junge, der noch nicht einmal auf eigenen Füßen ſtehen kann, und nun gar für zwei ſtehen will! Und der Dummkopf merkt's nicht einmal, daß man ihn zum beſten hat, daß der alte Schleicher, der Fuchs, der Förſter, ſich in's Fäuſtchen lacht bei ſeinen Kareſſen, und daß die Dirne ihn hinter dem Rücken verhöhnt! Denn ich kenn' die Gertrud auch 99 noch und weiß, ſolch' ein quickes, wildes, keckes Ding läuft eher mit dem Teufel davon, als daß ſie ſich an ſolchen miſerablen lügneriſchen Patron hinge, wie Du einer biſt.“ Der Sohn hatte ſchon ſeit einigen Augenblicken den bisher geſenkten Blick erhoben und ihn mit unge⸗ wöhnlicher Feſtigkeit auf den ſtarren Zügen des Vaters ruhen laſſen. Nach und nach wurde der Blick dunkler, die Stirn zog ſich finſter zuſammen und jetzt antwortete er hart und ſcharf:„Das iſt nicht wahr, Vater.“ Der Bauer zuckte auf.„Was iſt nicht wahr, Bu⸗ be?“ herrſchte er ihm zu. „Was Ihr ſagt,“ war die entſchloſſene Entgegnung. „Ich kenne die Gertrud beſſer und bis auf den heutigen Tag, und ich kenne auch den Ohm— er iſt nicht, wie Ihr ihn Euch denkt, ſondern ein Ehrenmann und nach Euch und der Mutter mein nächſter Verwandter, der mir nie was zu leide gethan, es vielmehr beſſer mit mir ge⸗ meint hat als alle Welt.“ Rolof ſtarrte den plötzlich ſo ganz veränderten Sohn eine Weile lang ſprachlos an. Dann ſpannten ſeine Finger ſich noch feſter um den Eichenſtock, der ihn auch heute und hier begleitete, durch ſeine Augen zuckte ein jähes Leuchten und mit dumpfer Stimme grollte er: „Das wagſt Du mir zu ſagen?“ 8„Das wag' ich, ja!“ verſetzte der Sohn ebenſo ent⸗ ſchloſſen.„Bei dem ſcheu und furchtſam ſein, bei dem Zurückhalten und Schweigen kommt doch nichts heraus, merk' ich immer beſſer, und ich ſchelt' mich nun auch laut einen Narren damit, wie ich's in mir ſchon längſt gethan. Ja, ich bin ein Narr geweſen und feig, daß ich immer nachgegeben und Euch aus dem Weg gegangen, daß ich verheimlicht, wie ich nun einmal denk und thu' und nicht anders kann. Was hat's mir geholfen? So oder ſo bin ich tribulirt worden und der Nichtsnutz und das Kind geweſen. Was wird's denn eigentlich viel anders ſein, wenn ich grad herausſage, wie ich's meine und wie ich bin? Bei einem ſo unvernünftigen Kopf, wie Ihr ihn habt, Vater, iſt doch Alles egal. Ihr bleibt einmal allein Herr und die ganze andere Menſchheit ſoll Ordre pa⸗ riren oder ſie mag zum Teufel gehen. Da kommt Keiner gegen auf, und wenn er ein Engel wäre!“ „Wie Du!“ ſagte der Bauer höhnend. „So ſchlecht bin ich nicht, wie Ihr mich macht und wie ich Manchem erſchien, weil er ſah, wie ich vor Euch zu Kreuz kroch, während er doch vielleicht wußte, daß ich hinter Eurem Rücken anders und nach meinem Kopf war. Ich hab' ein ſaures Leben in meinem Vater⸗ hauſe, kein fremder Dienſtjunge iſt ſo gepudelt worden. Die Mutter habt Ihr auch gegen mich aufgeſtiftet, vön 101 unſern nächſten Freunden ſoll ich fortbleiben, ſeitdem Ihr ³ ſelber nichts mehr von ihnen wiſſen wollt. Und es ſind doch die einzigen, die mir wohl wollen!“ Rolof lachte verächtlich auf. „Es hilft nicht, Vater, es iſt nicht anders,“ fuhr der Sohn heftiger fort.„Wie die Gertrud iſt, muß ich am beſten wiſſen, denn ſie iſt mein und ich bin ihr, wir ſind längſt einig. Und weßhalb Ihr dagegen ſeid, ſeh' ich nicht ein, denn was geht das uns Kinder an, daß die Alten ſich nicht vertragen wollen? Wir ſollen mit einander le⸗ ben und nicht Ihr— Ihr könntet von einander bleiben.“ „Ich werde Dir ſchon zeigen, was ich kann und will,“ ſprach der Bauer mit drohend gefalteter Stirn, aber gemäßigter Stimme. Es war faſt, als habe das unerwartete Auftreten des Sohnes einen gewiſſen Ein⸗ druck auf ihn gemacht.„Ich bin Herr auf dem Buſch⸗ hof und über Alles, was darauf lebt, und was ich ſag', das geſchieht— es ändert ſich kein Buchſtabe dran. Das hat der Franz erfahren und das kannſt Du auch kennen lernen, wenn Du's noch nicht weißt.— Alſo, Du biſt geſtern in der Förſterei geweſen?“ Der Sohn begegnete entſchloſſen dem drohenden Blick.„So bin ich,“ ſagte er dann. „So war's zum letztenmal, wie ich Dir zum letztenmal ſage, daß ſo lange die zwei Augen hier offen P fiehen, und ſo lange ich noch einen Fuß und eine Hand regen und noch einen Gedanken denken kann, die Förſters⸗ dirne nicht in mein Haus und der falſche Hund, der—“ „Vater, haltet ein! Verſündigt Euch nicht ſo ganz gottlos!“ unterbrach Detlof raſch die harte Rede.„Ihr thut dem Ohm Unrecht! Redet nicht, was Ihr doch nie⸗ mals halten könnt! Der Ohm hat mir geſtern für Euch was aufgetragen—“ „Ich will von dem dummen Zeug nichts wiſſen!“ fuhr der Alte dazwiſchen.„Ich ſteh' auf meinen eigenen Füßen und werde ſchon ſelber mit Feind und Freund zu⸗ recht kommen.“ —„Davon iſt nur nebenbei die Red', mein' ich,“ ſagte Detlof kopfſchüttelnd und ſchaute den Vater bedenklich an. Seit er ſich vorhin zum erſtenmal zum Widerſtand erho⸗ ben, war wirklich eine ſo unglaubliche Veränderung mit dem ſonſt ſcheuen und demüthigen Burſchen vorgegangen, daß der Vater ihn immer von neuem anſah, ob denn das wirklich ſein Sohn ſei, der ihm da ſo feſt und keck entgegen⸗ trat und ihm kein Wort ſchuldig blieb. Und nun fuhr er fort:„Das iſt nur, wenn der Ohm ſich zuerſt mit Euch vertragen hat. Ich ſoll Euch ſagen, er wiſſe jetzt, wie da⸗ mals die unſinnige Geſchichte ausgekommen, und nehme Euch nun Eure Worte nicht mehr übel.“ 2 „So? Ei ſieh doch, wie gnädig!“ höhnte der Bauer. 103 „Vater, Ihr ſolltet's nicht ſo leicht nehmen! Der Ohm meint es ernſt und gut. Er ſagte, daß er mit Euch bereden müſſe, wie Ihr der ſchandmäßigen Rede entgegen⸗ treten könntet, die Euch Beide immer mehr um Ehre und Reputation bringen würde, wenn man nicht endlich ernſt⸗ lichen Widerſpruch erhöbe. Es ſei jetzt wieder—“ Er brach ab, denn der Vater ſtand, beide Hände auf den Stock geſtemmt, vor ihm wie erſtarrt, das Geſicht fahl, die Lippen bläulich und die Augen mit einem ſchier unheimlichen Blick auf den Sprechenden gerichtet— war's unmäßiger Schreck, der über ihn gekommen, oder hatte ihn ein ebenſo unmäßiger Grimm gelähmt— Detlof wußte das nicht. Allein der Anblick des Alten war ſo furchtbar, daß den Sohn, trotz ſeines bisherigen friſchen Muthes, wieder etwas von der ſcheuen und ſchüchternen Demuth überkam, die ihn bisher beherrſcht. Er ſchwieg und ſchaute den Vater erſchrocken an. „Alſo— alſo das hat Dir der— der— Ohm ge⸗ ſagt?“ kam jetzt heiſer aus des Alten Kehle hervor. „Und was iſt das für eine ſchandmäßige Rede, von der Dein Ohm geſprochen, die er dem Kinde wiedergeſagt über den Vater?“ „Ihr irrt Euch, Vater,“ verſetzte Detlof kopfſchüt⸗ telnd, denn dies Weſen, dieſe Erſchütterung des Bauers wurde ihm immer weniger verſtändlich und gab doch zu⸗ gleich auf der andern Seite dem ſchlauen Burſchen ein Gefühl von Sicherheit und Selbſtändigkeit, welches er, wie geſagt, bisher dem zwar rauhen und heftigen, nie⸗ mals aber ſich vergeſſenden Vater gegenüber kaum jemals in ſich verſpürt hatte:„Ihr irrt, Vater,“ entgegnete er alſo,„und Ihr thut dem Ohm Unrecht, ſage ich; er hat mir nichts mitgetheilt als jene Worte, die Ihr Euch ſel⸗ ber werdet deuten können. Da ſeh' ich nichts Unſchickli⸗ ches; es iſt nichts, was ich nicht längſt auch ohne den Ohm gewußt hätte.“ „Und was wär' das?“ Die Stimme war noch im⸗ mer heiſer. Detlof kratzte ſich hinter dem Ohr.„Nun, das dumme Zeug,“ erwiederte er endlich ſtockend,„das Ge⸗ ſchwätz von dem großen Pferdediebſtahl beim Grafen Eybenberg.“ Der Alte runzelte die Stirn auf's finſterſte, ſein Geſicht verlor die Starrheit und zeigte nur noch ein zor⸗ niges Erſtaunen.„Was ſchwatzeſt Du da?“ rief er, raſch einen Schritt näher an den Sohn herantretend. „Was iſt das mit dem Diebſtahl?“ „Na, Ihr wißt es ja, Vater,“ meinte der Sohn verlegen. „Nichts weiß ich, als daß dem Herrn vor drei oder vier Jahren ſein Geſtüt ſoll ausgeräumt worden ſein.“. 105 „Aber Vater, man munkelte ja leider Gott's, daß— daß Ihr und auch der Ohm—“ Er ſchüttelte den Kopf. „Was, Canaille? Sprich, Bube, oder ich reiß' Dir die Zunge da aus!“ ſchrie der Bauer plötzlich in⸗jäher Heftigkeit, und packte den Jungen an der Schulter mit einem ſo feſten Griff, daß derſelbe ſich ihm umſonſt zu entziehen ſtrebte. „Aber Vater, ich glaub's ja nicht! Ich weiß ja, daß es nicht wahr iſt!“ rief Detlof zurückweichend, ſo weit er vermochte.„Man ſagt aber— und Ihr müßt das doch wiſſen!— daß Ihr die Pferde hättet holen laſſen und an den franzöſiſchen Commiſſarius verkauft. Darüber, weil der Ohm einmal im Wirthshaus ein Wort davon habe fallen hören und dann die Sache Euch vor⸗ geworfen, wäret ihr Beide aus einander gekommen, heißt es ja.“ Die Fauſt des Bauern war von dem Jackenkragen des Sohnes ſchon bei den erſten deutlichern Worten her⸗ unter und ſchlaff am Leibe hinabgeſunken, ohne daß ſich jedoch die Finger aus dem Krampfe gelöst hätten, der ſie zuſammengepreßt hielt. Er ſtarrte den Sprecher dabei mit einem ſeltſamen, unbeſchreiblichen Blick an, und als derſelbe nun ſchwieg, ließ er noch eine geraume Weile vergehen, bevor er plötzlich aus tiefer Bruſt heraus raſch 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 7 106 hinter einander wiederholte:„Darüber? Darüber?“ Dann brach er in ein wildes Gelächter aus, er ſchüt⸗ telte die Fauſt in der Luft und rief:„Alſo ein Pferde⸗ dieb? Ich? Herr, heiliger Gott! Und das ſagt man? Und das hat der Winrich gemeint? Herr, heiliger Gott! Ein Dieb— ich, der Buſchbauer! Ha, nun merk ich's! Alſo das hat es heißen ſollen! Alſo das! Darum ſpionir⸗ ten ſie damals hier ſo umher, die Hunde, und guckten mir in die Ställe, während ſie doch nur ſagten, daß ſie neue Ankäufe machen wollten! Darum gucken ſie mich ſo ſchief an, wenn ich auf dem Markt bin und kaufe! Darum! Herr Gott im Himmel, was iſt Deine Menſchheit auf der Erde für ein feiges, falſches, miſerables Geſindel!“ Er ſtieß den Stock heftig auf den Boden und ging ein paarmal mit harten Schritten vor dem Sohne auf und ab. „Aber Ihr müßt davon doch einmal ſchon gehört haben,“ ſprach Detlof nach einer Pauſe zagend. Der Bauer blieb jäh ſtehen.„Davon? Wer ſollt's gewagt haben? Sie kennen mich, daß ich ſo was nicht auf mir ſitzen laſſe! Sie ſind auch zu feig!— Das ſagt mir nur mein Sohn, und der glaubt auch noch gar, daß ſein Vater ein Dieb!“ „Vater— ich bitt' Euch um Gotteswillen! Es iſt ja keine Rede davon! Ich weiß ja ſehr gut, als damals das Gerücht auskam und dann die Amtsboten auch bei 107 uns waren und durch den Wald ſpürten. Es ſind ja kaum drei Jahre her, und ich muß doch am beſten wiſſen, daß kein fremder Huf auf unſern Hof gekommen, der nicht dahin gehörte.— Ich verſtehe nur nicht, daß Ihr's gar nicht gemerkt habt!“ Der Alte hatte ihn mit gerunzelter Stirn ausreden laſſen, ohne den Blick von ihm zu verwenden. Nun drehte er den Kopf mit einem kurzen Ruck ab und ging wieder haſtig auf und nieder, während er dabei abgebrochen vor ſich hinmurmelte:„Pferdedieb— ich, der Buſch⸗ bauer!— An den franzöſiſchen Commiſſarius! Ich!— Und darum— darum!— Und wer, ſagt Winrich, daß es ausgebracht?“ wandte er ſich plötzlich wieder jäh und laut an den Sohn.„Und wie meint er, daß es auch ihn träfe? Hat er mitgeſtohlen?“ „Mein Gott ja, Vater,“ verſetzte Detlof gepreßt. „Man hat es den Ohm ja damals im Wirthshaus mer⸗ ken laſſen, daß er am Ende wohl mit Euch dabei zuſam⸗ men geſteckt haben werde, und da hat er zornig geant⸗ wortet: Ihr behieltet Eure Thaten und Eueren Lohn für Euch, und er habe nichts mehr mit Euch zu thun. Das wurde Euch dann hinterbracht, und da ſeid ihr zuſam⸗ mengerathen, habt euch Beide, Gott weiß was, vorgewor⸗ fen und— ich begreife nur nicht, wie Ihr denn von der 7* 108 eigentlichen Sache ſo gar nichts erfahren habt. Der Ohm hat es Euch doch—“ „Nichts hat er mir geſagt,“ unterbrach Rolof hef⸗ tig den Sprecher.„Nichts, wenigſtens hab' ich's nicht verſtanden! Denn, Herrgott im Himmel, wie ſoll ich das verſtehen, daß man mir hinter dem Rücken Ehr' und gu⸗ ten Namen abſchneidet und mich zu einem Pferdedieb macht! Wie ſoll mir ſolch' ein Gedanke in den Kopf kommen? Ich hab Anderes darin!— Weßhalb geht der Narr nicht deutſch heraus? Aber warte, dem Sodenberg will ich's anſtreichen, daß er mir die Nachricht ge⸗ bracht!“ „Dem Ohm iſt's ſchon vor Jahr und Tag leid ge⸗ weſen, daß es ſo zwiſchen euch gekommen,“ ſprach Det⸗ lof nach einer Pauſe gedämpft.„Damals hat er Euch durch mich grüßen laſſen und ich ſoll't Euch ſchon damals ſagen, er glaube nicht mehr an die Sache. Aber Ihr ließet ja nicht mit Euch reden, Vater.“— Und da der Alte ſchweigend und finſter vor ſich hinſah, fuhr Detlof im gleichen, halbverlegenen Tone fort:„Seitdem bin ich zuweilen wieder in der Förſterei geweſen, und der Ohm hat nichts dagegen gehabt, daß Gertrud und ich zuſam⸗ menkämen, während er mich früher zornig aus dem Hauſe jagte und auf Euch und mich ſchalt. Und Ihr könnt's wohl ſelber denken, Vater, daß auch ich da nichts mit 109 Dem zu thun haben wollte, der meinen leiblichen Vater in ſolchem Verdacht haben konnte.“ Ueber das Geſicht Rolof's glitt ein finſteres Lä⸗ cheln, doch ſagte er kein Wort, ſondern wandte ſich ab und ſchritt wiederum ein paarmal ſtumm auf und nieder. Der Grimm, die Wuth, die ganze Aufregung, die er noch vor wenig Augenblicken in ſolcher ungewohnten Weiſe kundgegeben, war anſcheinend bis auf den letzten Reſt verſchwunden; ſein Geſicht zeigte wieder die ge⸗ wöhnliche lebhafte Röthe und den ebenſo gewöhnlichen ziemlich düſtern Ausdruck, und als er jetzt endlich von neuem ſprach, hatte auch ſeine Stimme den alten— halb kalten, halb harten Klang.„Und weßhalb erfahr' ich das Alles erſt heut'?“ fragte er, vor dem Sohne ſtehen blei⸗ bend.„Weßhalb preſſirt's nun mit einemmale ſo ge⸗ waltig?“ „Der Ohm weiß jetzt, wer das Gerücht aus⸗ gebracht,“ erwiederte Detlof;„ja, er meint auch Den zu kennen, der die That begangen. Ihr könntet ihn faſſen, ſagt er, und das wäre jetzt am beſten, da ſich im Lande Alles gegen die Franzoſen rühre und man böſe auf Die zu reden ſei, die einmal mit ihnen im Verkehr geweſen und ihnen Vorſchub geleiſtet. Jetzt ſolltet Ihr grade zu⸗ ſammenhalten, meint er, und zeigen, daß man auch hier von dem Geſindel nichts wiſſen will, ſondern es recht⸗ ſchaffen haßt, ſo gut wie alle Welt.— Das ſollte ich Euch mittheilen, Vater, und daß der Ohm gern mit Euch reden möchte. Er ſchwört darauf, daß wir das Volk näch⸗ ſtens auch in den Buſch zu uns herüber kriegen würden, und er weiß“— Detlof's Stimme ſank zum Flüſtern und er trat auch einen Schritt näher zum Alten—„daß ihnen die Stimmung im Lande nicht verborgen iſt, und daß ſie ein ſcharfes Auge auf Die haben, welche ihnen— wie der Ohm ſagt— freundlich ſcheinen und im Herzen ihre Feinde ſind. Und man müßte ſich vor Spionen und Aus⸗ horchern in Acht nehmen, die da herumſpürten. Der Müller Ruſt von Branitz ſei ein ſolcher, meint der Ohm—“ Der Alte ſah überraſcht auf.„Wenn das wirklich wahr wäre!“ rief er aus.„Ich hab' ſo was—“ „Der Ohm will es für beſtimmt wiſſen,“ unter⸗ brach ihn der Sohn.„Er weiß, daß der Mann in der letzten Zeit häufig hier im Lande geweſen iſt und bei Die⸗ ſem und Dem ſeltſame Reden geführt hat. Er erſchrack, als er ihn geſtern mit Euch zuſammen ſah.— Der So⸗ denberg hat ihn in St. auch aus der Wohnung des Kom⸗ mandanten kommen ſehen— er hat einen dunklen Rock angehabt, aber erkannt hat er ihn doch. Und nachher hat er ihn wieder mit einem Offizier auf dem Wall ge⸗ ſehen.— Der Ohm meint ſogar, Ruſt möge auch von dem Pferdehandel mehr wiſſen als Andere.“ — 111 „Der Sodenberg?— In St. beim Kommandan⸗ ten?— Was hat der Sodenberg jetzt in St. zu thun?“ Der Alte murmelte das ſo vor ſich hin, als ſpräch' er nur mit ſich ſelber. Dann wandte er den Kopf zum Sohn und bemerkte:„Sag' der Mutter, ſie ſolle nicht warten. Ich könne ſpät nach Haus kommen.“ Damit ging er der Pforte zu, öffnete ſie, kehrte ſich noch einmal um und ſagte:„Was ich Dir befohlen— damit bleibt es beim Alten!“ und dann ſchritt er ſchnell weiter. Der Hund tanzte ihm bellend voraus. Detlof ſah ihm ſchweigend nach.„Na, Gott geb's, daß es gut wird!“ murmelte er und kehrte zum Stall zurück. Sechstes Canitel. Am Born. Das Feuer knisterte luſtig im großen Ofen, auf deſſen grün glaſirten Kacheln allerlei Scenen aus den Büchern des alten Teſtaments in roher Arbeit dargeſtellt waren; das Spinnrad ſchnurrte, gegen die Fenſter rie⸗ ſelte zuweilen der Staubſchnee, den der ziemlich lebhafte Wind von den ſchwanken Zweigen der beiden großen, dem Hauſe zunächſt ſtehenden Tannen wehte, und dazwi⸗ ſchen hörte man die Feder knirſchen und hin und wider einen gemurmelten Fluch des Förſters, der neben dem Fenſter am Tiſch ſaß und auf einem großen Bogen viele Zahlen ſchrieb und zuſammenzählte. Und manchmal ſchlug das unter dem Tiſch lang ausgeſtreckte Bein heftig und ungeduldig mit dem Abſatz des ſchweren Jagdſtiefels auf den ſandbeſtreuten Fußboden des Zimmers nieder. „Hole der Teufel das verfluchte Geſchreibe!“ murrte der Förſter nach einer Weile und ſtampfte die Feder auf den Tiſch und warf ſie dann heftig von ſich.„Möchte nur wiſſen, wer dieſen Gedanken zuerſt ausgebracht, daß man all' den Quark zu Papier bringen müſſe. Als ob das Amt dadurch einen Pfennig mehr bekäme, als wenn ich's ihnen ehrlich auf den Tiſch hinzahlte, was ich ein⸗ genommen! Die Alten— die ließen's auch ſeiner Wege gehen! Aber Die da, die's mit den Fremden halten!— Solche Rechnerei! Was die von den Beſtänden wiſſen, und wie's mit der Jagd ſteht! Sollt's ihnen nicht ge⸗ nug ſein, wenn ich ihnen ſagte: Liebe Herren— Nar⸗ ren— ſchlagt und verkauft, es bleibt noch genug für Kinder und Kindskinder!— Und mit der Jagd iſt s grad' ſo. Am Endde ſoll ich noch jeden Bock zu Buch bringen und von jeder Sau wiſſen—“ „Wie viel Junge ſie hat,“ unterbrach ihn lachend 113 das Mädchen am Spinnrade, indem ſie ſich vornüber beugte und den Faden an der Spindel weiterhakte.„Ihr macht's auch zu arg, Vater! So dumm ſind die Herren doch nicht!— Es wär' wahrhaftig nicht viel, was Ihr ſchreiben müßt, und wenn Ihr Euch alle acht Tage eine Stunde ordentlich dazu hinſetztet, wäret Ihr fix und fer⸗ tig. Aber Ihr habt keine Geduld in der Stube— und daran hat doch das Amt keine Schuld?“ Der Förſter hatte ſich an die Lehne des Stuhls zurückgelegt und ſtreichelte, während ein launiges Lächeln über ſein wetterbraunes Geſicht lief, den Kopf eines grau und ſchwarz geflammten Hühnerhundes, der, ſeitdem vor⸗ hin die Feder weggeflogen, von ſeinem Platz am Ofen ſich reckend erhoben und zu ſeinem Herrn gegangen war. „Ja ja,“ ſprach der Mann jetzt wohlgelaunt und ſtrich mit der Hand den bereits grau werdenden langen Bart auseinander.„Du biſt mir die Rechte, Trude!— Daß ich mir das von meinem eigenen Kinde ſagen laſſen ſoll, das ſelber wie eine Bachſtelze iſt und keinen Augenblick ruhig bleiben kann! Die predigt mir von Geduld!“ „Iſt's meine Schuld, Vater?“ fragte ſie wieder lachend.„Hab⸗ ich mir meine Natur gegeben, oder habt Ihr's und die ſelige Mutter gethan?“ „Na, Du Närrin— meinſt Du, daß ich aus mir ſel⸗ ber herausgekrochen bin und keine Eltern gehabt habe?“ entgegnete er beluſtigt und ließ ſeinen Blick mit ſichtba⸗ rem Wohlgefallen auf ſeinem heitern, ſchmucken Kinde ruhen, das ſich nun erhob und ihm näherte.„Du haſt Deinen Großvater nicht mehr gekannt— ich möchte wohl wiſſen, was Du erſt zu dem geſagt, und was er etwa ſelber gethan hätte, wenn man von ihm ſolch' Rechnen und Schreiben begehrt. Dazumal war das freilich noch nicht Mode!“ ſetzte er kopfſchüttelnd hinzu.„Das iſt erſt mit den wälſchen Narren zu uns gekommen!“ Sie ſtand jetzt neben ihm, ſtützte den Ellenbogen auf den Tiſch, indem ſie ſich mit dem ſchlanken zierlichen Kör⸗ per halb darüber lehnte, und ſchaute den Vater mit ihren tiefblauen glänzenden Augen um vieles ernſter an als bis⸗ her.„Geht Ihr heut' noch wieder hinaus 2“ fragte ſie mit einem eigenthümlich bewegten Tone. Er ſah ſie verwundert an.„Was gibt's?“ rief er, ſich halb aufrichtend.„Weßhalb ſollt ich nicht hinaus?“ „Vater, der Detlof hat mir geſtern ſeine Hand drauf gegeben, daß er heut' noch mit dem Ohm reden wolle. Ich denke—“ „Was?“ fragte der Förſter ernſt, da ſie ſtockend innehielt. „Daß der Ohm vielleicht kommen könnte—“ „Zu uns?“ unterbrach ſie der Vater auf's neue und ſchüttelte mit einem verdrießlichen Lachen den Kopf.„Na, Du haſt einen guten Glauben an Dich oder an ihn, wenn Du meinſt, der alte Bär werde einer Dirne zu Lieb' von ſeiner dummen Feindſchaft laſſen und Dir die Ehre an⸗ thun, ſeine Aufwartung zu machen!— Ich habe ihm durch den Detlof ganz andere Dinge ſagen laſſen— das heißt, wenn der Junge das Herz gehabt hat, einmal mit dem Alten deutſch heraus zu reden; aber Der rührt ſich nicht!“ „So geh' Du zu ihm, Vater,“ ſagte ſie gedämpft. „Du haſt ihm doch einmal ein ſchweres Unrecht zuge⸗ traut!“ „Damit er mich vom Hofe jagte?“ verſetzte er auf ihre Bitte und ſchüttelte wieder den Kopf.„Es iſt ein thörichter, bärbeißiger Menſch, der Rolof, und es muß ſeltſam zugehen, wenn wir Beide uns treffen ſollten. An mir wird's nicht fehlen, kann ich ſagen. Ich habe Grund genug, wieder mit ihm, und grade jetzt, in Verkehr zu ſein. Denn ſo wenig ſie ſich im Dorf aus ihm zu ma⸗ chen ſcheinen— wenn er einmal ernſtlich auftritt, laufen ſie ihm doch Alle nach, wie die Meute dem Leithund; und wenn wir den Spektakel mit dem wälſchen Geſindel hier wirklich zu uns kriegen, iſt Rolof der einzige Mann, der die Sache in die Hand nehmen, auf den man ſich verlaſ⸗ ſen kann. Er hat einen Kopf, wie ein General, weiß ich! Aber was nützt das Alles?“ fuhr er fort.„Er hat mich geſtern Abend gut genug abgetrumpft, und der Detlof, glaub' ich faſt, wird wieder nicht zum Reden gekommen ſein. Der Junge dauert mich! Er hat es hart zu Hauſe! Der könnte mit mehr Grund ſein Leid klagen und in die Welt gehen, als ein Lump von Bruder vordem!“ „Du biſt dem Ohm geſtern Abend noch begegnet?“ fragte Gertrud, als der Vater ſchwieg. „Hab' ich Dir das nicht erzählt? Er kam mit dem Seelenverkäufer, dem Müller Ruſt, dem Spion, aus ſei⸗ nem Forſt und traf Detlof und mich. Die Wuth war noch grimmiger als ſonſt; er mußte ſich vorher ſchon gezankt oder geärgert haben. Ich fürchte, Detlof wird daheim noch ein gehäuftes Maß zu hören gekriegt haben, und wenn er dabei nicht endlich zum Reden gekommen iſt—“ „Vater— da iſt der Ohm!“ rief Gertrud und ſchnellte wie eine Springfeder vom Tiſch in die Höhe, und deutete auf den kleinen freien Platz vor dem Hauſe, über den eben in der That der Buſchbauer vom Walde mit ſtarken Schritten daher kam. Zugleich ſchlugen auch ein paar Hunde an und ſprangen dem Nahenden entgegen, der jedoch, ſie kaltblütig mit dem Stock zurückſcheuchend, unbekümmert auf die Thür zuging und in's Haus trat. Der Förſter war bei dem Ruf ſeiner Tochter vom Stuhl aufgeſprungen und hatte, als er den Kommenden wirklich erkannt, einen langen leiſen Pfiff ausgeſtoßen, ſo — 117 daß der Hühnerhund nach einem Blick auf das Geſicht ſeines Herrn ſich knurrend gegen die Thür wandte und vom Ofen her zwei Dachshunde bellend ſich ihm an⸗ ſchloſſen. „Still, ihr Geſindel!“ rief der Förſter barſch und trat gleichfalls der Thür entgegen, und als dieſe ſich nun öffnete und der Buſchbauer mit einem finſter muſternden Blick hereinſchaute, rief er ihm zu:„Nur herein, Schwa⸗ ger, der Winrich iſt da und froh Deines Kommens! Das hätteſt Du lange thun ſollen!“ Und zugleich bot er ihm die braune Hand hin. „So, das hätt' ich ſchon lange thun ſollen?“ ver⸗ ſetzte der Bauer, der inzwiſchen die Thür geſchloſſen hatte, und vor dem Schwager ſtehend, dieſen mit finſterem Blicke maß.„War die Reihe an Dir oder mir?“ „An Dir!“ lachte der Förſter und hielt noch immer die Hand hin.„Schlag' ein, Du Bär! Sei willkommen am Born!“ „An mir? Wie wäre das?“ fragte Rolof unbe⸗ wegt und ohne die Hand zu rühren.„Wer iſt dem Andern zuerſt Feind geworden, Du oder ich? Wer hat dem An⸗ dern zuerſt die Thür gezeigt, Du oder ich?“ „Und wer hat den Andern nicht hören wollen, als dieſer das Unrecht einſah und wieder gut machen wollte?“ entgegnete ihm der Förſter launig.„Du oder ich?— 118 Hab' ich's nicht zwanzigmal verſucht, ſelber und durch Deinen Detlof, mit Dir zu reden, Du Bär?— Aber warſt Du auch nur ein einzigmal zu faſſen?“ „Hm, wer das dem Andern zutraut, was ich Dir— der hat wohl ein Recht für ſich zu bleiben und auf nichts mehr zu hören,“ verſetzte Rolof jetzt ernſt und mit leiſem Kopfſchütteln.„Du weißt, ich bin von Natur nicht grade obſtinat und laſſe ein Wort immer noch an mich kommen. Alleein, es hat Alles ſeine Grenzen.“ „Und ſie ſind verwettert eng bei Dir,“ ſprach der Förſter jetzt auch ernſter und zog die Hand zurück und ſtrich über den Bart.„Wie Du biſt— laß es gut ſein, Rolof! Ich kenne Dich lange genug und weiß Dich zu taxiren wie einen meiner Forſtbäume; mag er ſo knorrig ſein, wie er will, an ſeinem Inhalt darf kein Tüttelchen fehlen. Aber davon iſt jetzt keine Rede, ſondern von dem, was es zwiſchen uns gegeben. Sage Dir ſelber, wie Dir zu Muth würde, wenn Dir Einer den hämiſchen Brocken hinwirft, daß Du mit einem Andern zuſammen geſtohlen haſt. Schluck' das hinunter, wenn Du kannſt! Halte Dein Wort zurück und— wenn man Dir Alles auf's deutlichſte zeigt, wie es geweſen— Deinen Glauben, daß der Andere es wirklich gethan! Weiſe dieſem Andern dann nicht die Thür und werde, wenn er grob wird, nicht wieder grobp,— wenn er Unſinn ſchwatzt, nicht grimmig!— Denn ich ver ſteh' Deine damali Kopf ſchüttelnd hinzu. Worte verklatſcht hatten, ſo waren ſie doch nicht, daß Ddu W in ſolcher Weiſe über mich herfuhrſt!“ Der Bauer ſchaute den Schwager mit einem gar an und ſagte erſt nach einer Weile bei weitem milder als bisher:„Du nennſt meine Rede Unſinn, die für mich leider Gott's einen nur mehr als zu böſen Sinn hatte. Was ich gethan und geſprochen hätte, wenn ich gewußt, daß Andere und Du mich einen Pferdedieb geſcholten— das weiß ich nicht, Winrich. Aber das hab' ich erſt heut' Morgen und durch Detlof gehört. Dazumal war davon keine Rede; Sodenberg hat mir ganz andere Worte zuge⸗ tragen, ohne das zu nennen, worauf ſie gingen— und Du haſt mir auch nichts von dem Pferdediebſtahl geſagt, ſon⸗ dern nur—“ und es zuckte um den ſcharf geſchnittenen Mund des Alten ein Zug von Verachtung—„geſchimpft und gedroht.“. Winrich hatte bisher nicht eine Silbe laut werden laſſen, ſondern den Schwager zuerſt erſtaunt, dann von ort zu Wort ungläubiger angeſtarrt, bis er jetzt endlich mit wiederholtem Kopfſchütteln und in zweifelndem Tone fragte:„Und das willſt Du gar nicht gewußt haben? Da⸗ von wäre Dir nichts zu Ohren gekommen?“ 120 „So wahr ich hier ſtehe— nein!“ bekräftigte der Bauer mit ſo ruhigem, feſtem Ernſt, daß des Förſters bisherige ungläubige Miene ſchnell derjenigen einer ſicht⸗ lichen Beſtürzung Platz machte, daß er raſch auf den Schwager zutrat und ihm die Hand auf die Schulter ſchlug und heftig fragte:„Aber beim Donner und Blitz, Rolof, was haſt Du denn damals eigentlich gedacht und gewollt? Was haſt Du denn gehört?“ „Na!“— Der Bauer ſprach nur das eine Wort, aber ſeine Stimme hatte dabei einen ſeltſam dumpfen und doch vibrirenden Klang, und ſein Auge ruhte auf dem des Andern mit einem wunderbar dunkeln Blick, als hätte das ſcharfe Stahlblau der Pupille eine wirklich tiefere Fär⸗ bung angenommen. So ſchaute er Winrich faſt eine Mi⸗ nute lang an, ernſt, düſter, bohrend, und der Förſter be⸗ gegnete dieſem Blick mit einem raſchen Wechſel des Aus⸗ drucks in dem eigenen Geſicht— zuerſt geſpannt und fra⸗ gend, dann überraſcht, und endlich zogen ſich, während ſeine Hand von der Schulter des Schwagers ſank, ſeine Brauen langſam immer feſter und finſterer zuſammen und auch ſein Auge ward dunkel. „Alſo das— das haſt Du gemeint?“ fragte er nach einer langen, drückenden Pauſe.„Iſt das wahr, Rolof?“ Der Bauer zuckte die Achſeln.„So iſt's!— Das!— Und war's dumm— wir ſind wett! Du hielteſt mich für — 121 tiefen Erſtaunen zu erholen ſchien, mit gleichfalls dumpfem Tone.„ Rolof, Rolof, Alter! Denkſt Du denn, daß ich Sinn und Verſtand verloren? Iſt's nicht ſo ſchon arg genug, was das Menſchenpack über uns zuſammenſchwatzt— und ich ſollte nun ſelber davon anfangen?“ Rolof wandte ihm langſam wieder ſeinen Blick zu. „Und dennoch haſt Du das von den Pferden mir zu der übrigen Bagage auf den Buckel geſchoben,“ bemerkte er eintönig. „Hoi, bei Gott!“ rief Winrich und ſtampfte heftig auf dem Boden,„das hat mich ja grade ſo fuchsteufels⸗ wild gemacht, daß ich wähnte, Du hätteſt Dir das noch angerührt! Das grade!— Aber,“ fuhr er gemäßigter fort und warf gleichfalls einen Blick durch's Zimmer und zu ſeiner Tochter, bis das Auge wieder zu Rolof zurückkehrte,„wenn Du noch ſo biſt wie ſonſt, ſo iſt's auch Dir nicht kommode in dem heißen Loch hier. Laß uns hinaus— wir haben noch vielerlei zu reden.“ 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 4 8 122 „Mir iſt's recht,“ antwortete der Bauer mit einem leichten Kopfnicken, und indem er wieder und mit freundli⸗ cherem Blick zur Gertrud hinüberſchaute, ſagte er:„Iſt das die Gertrud? Die hat ſich herausgemacht in den drei Jahren! Na, komm' daher, Kind, und gib mir die Hand! Du ſiehſt Deiner Mutter ſeliger ähnlich!“ „Ich kann's Euch gar nicht ſagen, Ohm,“ ſprach das Mädchen in einem gewiſſen haſtigen und verlegenen Tone, und auch in ihren Zügen prägte ſich eine von dem frühern heitern Ausdruck ſehr verſchiedene Befan⸗ genheit aus,„ich kann's Euch gar nicht ſagen, wie mich das freut, daß Ihr uns wieder gut ſeid! Ich habe mich ordentlich gegrämt um Euren Haß— denn ich habe Euch ja doch von Herzen lieb!“ „Mich?“ fragte der Bauer, während ein faſt ſchel⸗ miſches Lächeln durch die rauhen Geſichtszüge glitt. „Das könnt ihr Beide bei Tiſch oder nachher mit einander ausmachen,“ unterbrach Winrich lachend das begonnene Geſpräch, knöpfte den inzwiſchen angezogenen Rock vollends zu, langte die Flinte und Mütze von dem Nagel und ſchob die Waidtaſche weiter nach hinten. „Komm, Schwager!— Wenn wir nach Haus kommen, Gertred, laß uns was Gutes zu eſſen und trinken finden, wir werden Hunger haben!“ Und damit öffnete er die 123 Thür und ging hinaus; der Hühnerhund drängte ſich ihm eifrig nach. „Wir reden auch noch mit einander,“ ſagte Rolof die Hand des Mädchens ſchüttelnd und mit freundlichem Bäume ſchreiten. Beide gingen einzeln, mehrere Schritt von einander. Gertrud ſchaute noch eine kleine Weile hinaus auf den ſtillen und in ſeiner ſpärlichen Schneedecke jetzt öden Raum, bis die Männer gänzlich zwiſchen den bald dich⸗ ter ſtehenden Bäumen verſchwunden waren. Dann ging ſie zur Küche hinaus, um mit der alten Magd über das Mittagseſſen zu reden, und nachdem ſie auf die verwun⸗ derte Frage der Alten nach dem ſo plötzlich wieder auf⸗ tretenden Oheim nur kurze und zerſtreute Antwort gege⸗ ben, kehrte ſie in die Wohnſtube zurück und ſetzte ſich nach⸗ denklich wieder an ihre Beſchäftigung. Es war, wie vorhin— das Feuer kniſterte im Ofen, das Rad ſchnurrte 124 ſchäftigung; mehr als einmal vergaß ſie den geſponnenen Faden weiter zu haken, mehr als einmal ruhte ihr Fuß, und ihr Blick wanderte nachdenklich im Zimmer umher, oder ruhte auch auf einem der alten Bilder an den weißge⸗ tünchten Wänden, oder auf einem der einfachen alterthüm⸗ lichen Möbelſtücke, und obgleich ſie ſicherlich nur wenig von Dem wirklich anſchaute, auf dem ihr Auge weilte, ſo ſtanden doch die alten Bilder und die alten Stühle, Tiſche und Spinden in einem gewiſſen und zwar in einem ge⸗ nauern Zuſammenhang mit ihren Gedanken, als man von dem friſchen jungen, in der Gegenwart wurzelnden Mädchen hätte vermuthen ſollen. Was es außer ihm in dem Zimmer gab, ſtammte Alles aus einer fernen Ver⸗ gangenheit, und dahin träumte ſich auch ihr Kopf. Und endlich ließ ſie die Hände in den Schooß ſinken und legte ſich an die Lehne des Stuhls zurück und ſtarrte immer ſinnender, immer ernſter gegen die halbgefrorenen Fen⸗ ſter, als liege dort das geheimnißvolle Reich vor ihr erſchloſſen, in das ſie ſich hineinträumte. „Na!“ hatte der Ohm geſagt— der Ton ſchwebte für ihr Ohr noch einmal durch das Gemach, und ihr Auge ſah das Geſicht des Alten dazu und ſeinen Blick; und ſie ſah auch den Vater— Zug für Zug— die Spannung, die Frage, die Beſtürzung und endlich den auch hier ſo tiefen, finſtern Ernſt— und ſie hörte noch einmal auch ſeine Worte!— Sie verſtand nichts davon, als was ſie längſt wußte, daß die beiden Männer Man⸗ ches vordem gemeinſam erlebt und mehr von einander wußten, als ihren andern Nachbarn und Genoſſen bekannt war. Es war ſeltſam genug— die Worte waren ſo ein⸗ fach und doch ſo dunkel— die Mienen und Blicke waren bei Beiden, wie ſie dieſelben häufig an ihnen bemerkt und ſonſt ſelten oder nie beſonders beachtet hatte. Aber jetzt waren ſie nicht nur dageweſen und vorübergegangen— nein, ohne daß Gertrud recht begriff, weßhalb, war es ihr doch, als hätten ſich vor dieſen Worten und Mienen die ſchweren Riegel gelockert, welche die Vergangenheit der beiden Männer und ihrer Familien verſchloſſen hiel⸗ ten; es war ihr, als habe ſich ein kleiner Spalt geöffnet, durch den ſie hinein ſchauen könne in die Zeit, auf die Menſchen, die Thaten, die begraben zum Theil und längſt vorüber, und von denen dennoch die ganze Gegenwart abhing, das Leid und das Glück, das Leben auf dem Buſchhofe und am Born und— auch ihre eigene Liebe. Denn ſie wußte nur zu wohl, daß auch über dieſe, ſo zu ſagen, ſchon in der Vergangenheit entſchieden war— in jener Zeit, wo über Weſen und Willen, über das Leben des finſtern Oheims ſei es durch J Renſchen, ſei es durch Ereigniſſe beſtimmt wurde. Und die Menſchen ſtiegen vor ihr auf, die damals gelebt und gewirkt, von denen ſie ſelber freilich die wenig⸗ 126 ſten kannte, von denen ſie aber dennoch Manches erfahren. Denn wie einſam und abgeſchloſſen ihr Leben auch ver⸗ floſſen war— ſie konnte die einzelnen Male an den Fingern herzählen, wo ſie hin und wieder die Förſterei und den Wald verlaſſen, und ſelbſt zur Kirche im Dorf kam ſie ſelten genug— es hatte ſich doch zuweilen ein Wort, ein ſchier ſagenhaftes Gerücht zu ihr herein ver⸗ loren, ob's nun die alte Magd dem Kinde erzählt, oder ob die Jägerburſchen in ſtillen Abendſtunden am warmen Ofen davon geflüſtert, wenn der Vater, wie vor einigen Jahren häufig, drüben in der Schenke des Dorfes ſaß, und die Kleine unbeachtet im Winkel hockte oder mit den Hunden ſpielte. Die Burſchen hatten dann wohl gemeint, Gertrud ſchlafe oder gebe nur auf ihr Spiel Acht, und erzählten kopfſchüttelnd, was ſie zufällig von Dieſem und Jenem über den Buſchbauer, den Förſter und über deren Angehörige vernommen. Und das Kind lauſchts und plauderte dann darüber mit der Magd, die es ſpäter in ſein Bettchen trug. Da war die Alte ein paarmal ſichtlich auf das heftigſte erſchrocken, und Gertrud hatte hinterdrein trotz der verſchloſſenen Thür vernommen, daß ſie in der Wohnſtube mit den Burſchen zankte; einer dieſer Letztern— der Haupterzähler— war darauf plötz⸗ lich verſchwunden, und der Vater war, ganz gegen ſeine Gewohnheit, manche Tage lang finſter im Haus herum⸗ 127 gegangen und hatte mit aller Welt gezankt. Dann hatte er auch ſein Kind gefragt, was es eigentlich gehört, und Gertrud ſagte unſchuldig und ohne ihre Rede zu verſtehen: der Burſche habe von der Liebe des Arnold vom Buſch⸗ hof und der ſchönen Förſterstochter, und von dem trau⸗ rigen Tode des Bauern erzählt.— Der Vater brauſte auf in raſendem Zorn— es hatte Niemand ihn jemals ſo geſehen— und ſtürzte aus der Stube. Seitdem fragte Gertrud nicht mehr, wenn ſie etwas vernahm, was ſich auf ſolche alte Geſchichten be⸗ zog; aber ſie vernahm auch nicht mehr viel. Man war vorſichtiger geworden, und die alte Magd war jetzt Abends immer in der Stube oder nahm, wenn ſie einmal hinaus mußte, das Kind mit ſich. Aber das Mädchen hielt in ſich feſt, was ſie damals erlauſcht; ſie fügte hinzu, was ihr hie und da doch noch einmal zu Ohren kam; ſie führte es aus in ihren Träumen und Phantaſien zu einem voll⸗ ſtändigen, düſteren und geheimnißvollen Gemälde, das erſt in jenen Jahren allmälig zu erbleichen anfing, als ihr Herz zu erwachen begann und ſie ſelbſt mit dem Leben zu thun kriegte— d. h. als der Verkehr mit ihrem Ver⸗ wandten Detlof plötzlich abgeſchnitten oder doch ſehr er⸗ ſchwert wurde und die beiden jungen Leute unter dieſem Zwange grade immer deutlicher fühlten, daß ſie nicht von einander laſſen könnten. 128 Aber jetzt— jetzt ſtand das Gemälde wieder vor ihr in voller Ausführlichkeit. Bezog ſich das, was ſie eben vom Vater und Ohm vernommen, auf jene Zeiten und Ereigniſſe? auf jene Tage, als der Großvater hier ge⸗ haust, der wilde, herriſche, gewaltthätige Mann, der ein Schreck geweſen für die Seinen und für Alle, die ihm in den Weg gekommen!— wo hier die Tochter deſſel⸗ ben— die Schweſter von Gertrud's Vater— liebte und bangte und verzweifelte— die braune Magdalene, von der die alte Magd wohl einmal erzählt, wie ſchön ſie geweſen und wie fröhlich!— und nachher, als Der ver⸗ ſchwunden, den ſie liebte, hatte ſie den Buſchbauer hei⸗ rathen müſſen, und war nie wieder heiter geworden bei dem ernſten finſtern Mann bis an ihren Tod. Das war kein Geheimniß für Gertrud. Davon hatte die Alte mehr als einmal berichtet, da es die große Affaire ihrer eigenen Jugend und die Haupterinnerung ihres Lebens war. Und ſie hatte dann wohl hinzugeſetzt:„Leicht hat ſie es nicht gehabt, aber leicht hat ſie's dem Rolof auch nicht ge⸗ macht, ſondern ſchwer, Kind, ſchwer! Und mancher an⸗ dere Mann, mein’ ich, hätte ihre Sünden noch ganz anders vergolten. Und ſie war ein thörichtes Weib, die Lene! Um den Arnold hätte ſie ſich nicht ſo grämen ſol⸗ len, denn er verdiente es nicht, und hätte ſie ihn wirklich erhalten, ſo würde ſie ſicher noch mehr des Elends erlebt 129 haben! Er war der Menſch dazu, ihr das Daſein ſauer zu machen, ohne Treue und ohne Gewiſſen. Er ſchämte ſich nicht, ihr nachzugehen, die Dein Großvater doch längſt ſeinem Bruder zugeſagt hatte, und die zuletzt wirklich und wahrhaftig deſſen Braut war. Und wem die nicht mehr heilig iſt, was iſt von dem noch Gutes zu denken?“ Gertrud hatte einmal gefragt, wo denn der Arnold geblieben ſei, und die Alte hatte darauf mit finſterem Lächeln geantwortet:„Er wird zu einem andern Schatz gelaufen ſein— deren hatte er mehrere— und da wird ihn wohl ein Unglück getroffen haben, wie er's auch nicht beſſer verdiente. Er war ein Menſch, grade wie ſein Sohn, der Franz, der nun auch davon iſt—“ „Wie denn, Anna,“ unterbrach Gertrud den Bericht, „Franz des Arnold Sohn?“ „Nicht doch, Kind, nicht doch!“ verſetzte die Alte lachend,„ſo meint' ich's nicht, ſondern hab' mich nur ver⸗ ſprochen. Der Franz iſt freilich des Rolof Sohn geweſen, aber er hätt' eigentlich des Arnold Kind ſein ſollen, ſo glich er ihm, und daher kam's mir in den Mund. Alſo ſo war er, und was die Lene an ihm eigentlich für einen Narren gefreſſen, hab' ich niemals begriffen.— Der Ro⸗ lof glich mehr Deinem Detlof, nur war er kecker und ge⸗ — witzter und hatte doch auch wieder mehr Ernſt im Kopf, und was er anfaßte, das führt' er durch trotz aller Welt.“ „Was weißt Du von Detlof und was er kann und thut?“ fragte Gertrud ein wenig erzürnt entgegen, und ihre Wange ward röther.„Sollte er ſich gegen den Vater auflehnen, der auf dem Buſchhofe Herr iſt wie kein ande⸗ rer Mann? Wenn Detlof's Zeit kommt, wird er ſich aber doch ſchon zeigen— das kannſt Du mir glauben.“ So zog die Vergangenheit mit ihren Geſtalten an dem ſinnenden Mädchen vorüber. Bei manchen weilte ſie nur kurze Zeit, bei andern länger und am längſten bei dem Ohm, den ſie, ſo lange ſie ihn kannte, ſtets zugleich geſcheut und geliebt, obgleich er ihr zu dem einen wie zu dem andern Gefühl kaum jemals eine beſondere Veran⸗ laſſung gegeben und ſie ſelbſt ſich gleichfalls keinen rechten Grund anzugeben wußte. Auf den Buſchhof war ſie, auch ain den Tagen, als beide Familien noch in gutem Einver⸗ nehmen geweſen, nur ſelten hinüber gekommen und hatte ſich dort niemals frei und heimiſch gefühlt. Dafür waren die Kinder des Buſchbauern— Franz, deſſen ſie ſich frei⸗ lich kaum noch recht erinnerte, Regine, die mit ihr in gleichem Alter ſtand, und zumal der um drei Jahre ältere Detlof deſto häufiger und ganze Tage lang bei ihr in der Förſterei geweſen oder mit ihr im Walde umher⸗ geſtrichen. Rolof aber war auch damals wenig oder nie 131 in ihrem Vaterhauſe erſchienen, und hatte dann, ohne auf das Kind zu achten, nur mit dem Förſter verhandelt, an deſſen Seite er meiſtens gleich wieder das Haus verließ. Heute zum erſtenmal faſt hatte der Ohm wirklich und gradezu mit ihr geredet! Sie hatte nun trotz den Worten, die ſie, wie wir vorhin gehört, der Alten über Detlof geſagt, ſchon ſeit längerer Zeit dem Burſchen, deſſen Stellung der zuneh⸗ menden finſtern und herben Stimmung des Vaters und der immer ſichtbarer werdenden Scheu der Mutter vor jedem Widerſtande gegenüber ſtets unerträglicher ward, auf's ernſtlichſte zugeredet, ſich endlich beſtimmt gegen den Vater wenigſtens auszuſprechen und es auf jede mög⸗ liche Weiſe zu verſuchen, den Alten von der Reue und dem guten Willen des Förſters und von ſeiner und Ger⸗ trud's unbeſieglichen Neigung zu einander zu überzeugen. Wie weit ihm das Letztere gelungen war, konnte ſie aus der Freundlichkeit des Alten freilich ahnen, und ſie dachte nun mit ungewohntem Ernſte an das Geſpräch, welches ihr Rolof verheißen, und— Da ſchlugen die Hunde draußen kurz an und bra⸗ chen dann in ein fröhliches Gebell aus, als ob ein Freund ſich dem Hauſe nahe.⸗Gertrud zuckte zuſammen und ihr Auge flog raſch nach der großen Kukuksuhr hinüber, ob ſie denn ſo lange geträumt und die Männer ſchon zurück⸗ kommen könnten. Aber der Zeiger wies noch nicht auf Elf, und ihr Blick wendete ſich zum Fenſter und dann ſprang ſie auf, denn da draußen näherte ſich, ſo ſchnell das Pferd auf dem rauhen Wege fort konnte, und glü⸗ hend vor Eile— Detlof. Nun war er ſchon am Haus, ſprang ab, band das Pferd an, und nun riß er die Thür auf, warf einen flüch⸗ tigen Blick auf ſie, im Zimmer umher und wieder auf ſie, und trat zu ihr und ergriff ihre Hand und ſtammelte erſt nach einer Pauſe— ſo athemlos war er!—:„Ger⸗ trud— Gertrud— der Vater nicht hier— und Dein Va⸗ ter d Das war ſo raſch gekommen und hatte das aus ſei⸗ nem Träumen aufgeſchreckte Mädchen ſo überraſcht und beſtürzt, daß ſie bisher noch kein Wort hervorzubringen vermocht; und auch nun konnte ſie nur, faſt ebenſo athem⸗ los, wie er, ſtammeln:„Aber um Gott, Detlof! Jetzt hier?— Was gibt's?“ „Sie läuten drüben hinter dem Wald Sturm in allen Dörfern,“ verſetzte er gefaßter,„und ein Reitender hat von Moorbach die Nachricht gebracht, daß die Wäl⸗ ſchen von St. ſeit geſtern auf dem Marſch ſind und in den Nachtquartieren barbariſch gehaust und geplündert haben, ſo daß alle Mannſchaft gegen ſie losgebrochen iſt. 133 Der Schulz hat nach dem Vater geſchickt— wo iſt er? Raſch, um Gotteswillen!“ „Haſt Du denn Angſt?“ rief ſie; ſeine Haſt, ſeine Aufregung waren ihr ſo neu, die unſtäten Augen trafen ſie kaum einmal mit vollem Blick, ſondern ſchweiften immer wieder im Zimmer umher und durch die Fenſter mit unbeſieglicher Unruhe. „Angſt?“ rief auch er, und nun hefteten ſich die Augen feſt auf ſie, und es blitzte hell in ihnen auf; er warf auch den Kopf zurück und um ſeinen Mund flog ein ſchier verächtlich Lächeln.„Angſt?— Wer redet von Angſt? Trauſt Du ſie mir zu, Gertrud?— Na, Gott ſei Dank, Du haſt noch keinen Beweis davon und ein Anderer auch nicht!— Nein, konträr, es juckt mir in den Fingern, denn das kann eine reguläre Hetzjagd wer⸗ den, wenn ſie ſich zu uns herüber in den Buſch wagen! Und der Herrgott gebe das! Wir wollen ihnen doch einmal zeigen, daß wir Bauersleute Menſchen ſind und Knochen haben, die's noch immerdar mit ihnen aufnehmen! Aber freilich, zu ſäumen iſt nicht. Der Moorbacher Bote mein⸗ te, ſie machten lange Beine, und da können wir in einer Stunde oder zwei das Geſindel bei uns haben, wenn man ihm nicht den Paß verlegt.— Wo iſt der Vater?— Er muß nach Haus und der Deine muß mitkommen.“ „Und ich?“ fragte ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln. 134 „Du?“ rief er und umfaßte ſie plötzlich mit einem zärtlichen Ungeſtüm, den Niemand in dem meiſtens ſo ſtillen und ſcheuen Burſchen hätte ſuchen mögen; aber freilich,„am Born“ war er anders als daheim, und Alles, was an dieſem Morgen ihm begegnet— das Ge⸗ ſpräch mit dem Vater, die jetzige aufregende Nach⸗ richt— hatte ihn faſt zum erſtenmal ſich ſeiner Kraft, man möchte ſagen: ſeiner ſelbſt bewußt werden laſſen und ihn aus der lahmen und lähmenden Abhängigkeit des täglichen Hinlebens aufgeriſſen.—„Du, Gertrud?“ wiederholte er, als er ſie im Arm hielt,„Du kommſt auch mit; im Buſchhof biſt Du ſicher vor jeder Gefahr!— Ach, Gott geb's, daß Du erſt immer da bleiben könnteſt!“ Sie lehnte ihren dunkelblonden hübſchen Kopf an ſeine Schulter und ſpielte mit den Fingern an einem der Zinnknöpfe ſeiner Jacke— denn in dieſer war er gekom⸗ men. Endlich meinte ſie:„Haſt Du denn wirklich mit Deinem Vater geredet, Detlof?— Und was ſagte er?“ „Das kannſt Du Dir wohl denken,“ verſetzte er kopfſchüttelnd.„Er donnerte und wetterte— und wäre ich nicht mit den Nachrichten von Deinem Vater dazwi⸗ ſchen gefahren, ſo hätt' es zum vollen Bruch kommen müſſen. Denn nachgegeben hätt' ich diesmal nicht. So kam er aber davon ab und zuletzt brach er gar haſtig zu Deinem Vater auf. Sein letztes Wort zu mir war: es ——— — ——— — bleibe beim Alten, ich dürfe nicht hieher. Aber daran kehr' ich mich nicht mehr, mag es werden, wie es will. Ich bin dreiundzwanzig Jahr' und kann uns ſchon ſelber Brod ſchaffen.“ Sie ſchaute ihn ſinnend an; wie war der, ſelbſt neben ihr gewöhnlich ſtille Menſch ſo plötzlich und gänz⸗ lich verändert! Wie regte und bewegte es ſich in dieſer bisher ſo verſchloſſenen Bruſt, als wolle es d'rin Früh⸗ ling werden, und die Lebenskraft höbe ſich und dränge ſich friſch und muthig in alle Glieder, in jedes Fühlen und Denken! Und Gott weiß, daß ſie ihn ſchon immer lieb gehabt, wie es— die Leſer wollen verzeihen, aber das Ding muß beim rechten Namen genannt werden!— wie es in ſolchem Stande gewöhnlich und mit wenig Ausnahmen auch nur möglich iſt, in dieſem Stande, in dieſen Naturen, wo, wieder mit wenig Ausnahmen, von einer Verfeinerung des Gefühls und daher auch von ei⸗ ner gewiſſermaßen excentriſchen und heißen Liebe keine Rede iſt! Sie war dem Burſchen von jeher gut gewe⸗ ſen, ſie hatte ſich längſt mit ihm vereint in den Gedanken hineingefunden, daß ſie zuſammen gehörten und zuſam⸗ men bleiben wollten; der Widerſtand, dem dieſe Neigung eine Zeitlang auf allen Seiten und jetzt noch bei Det⸗ lof's Vater begegnete, hatte die Liebe in Beiden natürlich vermehrt und ſogar lebhafter und inniger gemacht, als es 136 ſonſt der Fall geweſen ſein dürfte. So war's bisher geweſen— aber in dieſem Augenblick, vor dem Burſchen, der ihr ſo ganz anders entgegentrat, ſo friſch, voll Kraft, voll Geiſt, voll Leben, fühlte Gertrud zum erſten⸗ mal in ihrem Herzen etwas wie Bewunderung und ein ungeſtümes, glückvolles Gefühl, das weit hinausging über die feſte und treue, aber ruhige Neigung der Ver⸗ gangenheit. In ihren Augen glänzte es hell und freudig, das hübſche Geſicht leuchtete, möchte man ſagen, von einem heitern, glückſeligen Lächeln. Sie nahm plötzlich ſeinen Kopf zwiſchen ihre Hände und ſah ihm heiter in die Au⸗ gen und fragte:„Aber was iſt denn das mit Dir, Det⸗ lof? Biſt Du mir auch nicht ausgetauſcht und noch der Alte, Richtige?“ WBiuſ ſchon!“ verſetzte er gleichfalls heiter und küßte ſo raſch ihren friſch⸗rothen Mund, daß ihr ſcheues Zurückweichen zu ſpät kam.„Sei nicht bös, Gertrud!“ bat er dann, da ſie ihn ernſthaft anſchaute und aus ſei⸗ nen Armen fortſtrebte.„Mußt mir's heut' zu gut halten! 's kommt ſelten genug an mich, Du kleine Hexe!“ „Ich weiß nicht, wie Du biſt, Detlof!“ ſprach ſie einen Schritt zurücktretend und kopfſchüttelnd.„Ich ſag's, Du biſt ausgetauſcht!“ „Bin's nicht, Gertrud, aber anders ſchon— Du 13 haſt recht! Weiß nicht, was in mich gefahren, allein ich fühbs, daß etwas Neues in mir ſteckt, was mir Courage gibt— ſelbſt dem Vater gegenüber!— Und da— um Gott, daß wir ſo leichtſinnig plaudern! Wo ſind die Alten?“ „In den Wald,“ verſetzte ſie ernſt, wie er.„Und Du mußt ſchon warten, bis ſie heimkommen, denn wo wollteſt Du die ſuchen?“ „Aber es wird zu ſpät, zu ſpät!“ rief er mit dem Ausdruck lebhafter Beſorgniß.„So ſag's ihm, wenn ſie kommen! Ich will fort und ſehen, was ich thun kann— aber ſie werden leider nicht auf mich hören!“ „Wer denn, Detlof? Was kann überhaupt Dein Vater viel nützen? Sie können ihn ja im Dorf nicht leiden!“ „Bah doch! Wenn's Noth thut, kennen und leiden ſie ihn ſchon, hoffe ich! So dumm ſind ſie nicht! Und dann— doch genug! Ich muß fort! Gott behüte Dich, Gertrud! Komm zu uns hinüber!“ „Halt!“ rief ſie und faßte ſeine Hand.„Da kom⸗ men ſie!“ Und ſie deutete mit der andern Hand gegen das Fenſter, durch welches man die beiden Alten jetzt nahe bei einander und im ernſten Geſpräch aus dem Walde heraus⸗ kommen und dem Hauſe zuſchreiten ſah. Sie ſtutzten, als ſie das Pferd erblickten, und eilten raſcher heran. 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 9 3 138 Aus dem Auge des Bauern ſchoß, als er eintretend den Sohn vor ſich ſah, ein Blitz des jäh aufbrauſenden Zornes hervor und heftig fragte er:„Was iſt das? Was wagt der—“ „Ich ſuche Euch, Vater,“ unterbrach Detlof raſch und feſt die barſchen Worte.„Bei Moorbach iſt die Ha⸗ ſenjagd losgegangen, ſie läuten Sturm im Lande. Wir können das Geſindel in ein paar Stunden da haben. Der Schulz hat nach Euch geſchickt.“ „Hoho!“ brach der Förſter aus.„Alſo doch? Hab' ich's Dir nicht geſagt, Rolof, daß es mir vorhin wie Glocken in den Ohren klang?“ „Iſt das wahr, Junge?“ rief der Alte, deſſen Ge⸗ ſtalt bei den Worten des Sohnes ſich plötzlich noch höher und ſtraffer aufgerichtet.„Iſt das wahr?— Werden ſie auch in Stepnitz lebendig?— Nun denn, Gott Lob und Dank! Aber dann auch fort und keinen Augenblick mehr gezögert! Fort mit Dir, Junge! Reite, was Du kannſt! Laß den Hans ſatteln und nach Dreſow reiten und nach Wiesnitz— und wenn's Pferd kaput geht, nur raſch. Er ſoll den Schulzen in Dreſow von mir grü⸗ ßen und die Rodenbauern, und ich laſſe ſagen: Es wär' an der Zeit! Merk's Dir! Lauf, Junge!“ Und nachdem Detlof dem Förſter die Hand geſchüttelt und aus der 139 Thür geeilt war, fuhr Rolof gegen die beiden Andern haſtig fort:„Packt Geld und Silber ein und kommt— auch die Anne muß mit und Deine Burſchen, Winrich!— Auf dem Buſchhof ſeid ihr ſicher!“ Siebentes Capitel. Die Zeit und ihr Mann. s nach Wilna und i e Leichen der Erfrorenen und Verhungerten davon, daß noch eine Macht über den eiſernſten irdiſchen Willen be. Und war 9* 140 das Genie des Corſenkopfes auch ſo übermächtig, daß es Jahraus, Jahrein der ganzen Erde Trotz bot— vor dem Eingriff des Geſchicks unterlag's und zerſplitterte wie das eines jeden andern Erdenſohns, und nur Eines hatte der Kaiſer aus dem großen Schiffbruch gerettet: das Be⸗ wußtſein, daß er nicht den Menſchen, ſondern einem un⸗ berechenbaren, zufälligen Unglück unterlegen war. An die Kraft und Macht der Menſchen glaubte er ſich gegenüber nicht, er verachtete ſie vielmehr auf das tiefſte— etwas, wozu freilich kein Menſch in der Welt im Allgemeinen ein größeres Recht hatte als Napoleon, da Keiner ſo wie er die Schwäche und Armſeligkeit der Erdenbürger und ihrer Reiche erprobt hatte. Und darum ſaß er jetzt in Paris und ſammelte neue Legionen, um ſeinen Feinden zu zeigen, daß es nicht ihre Schaaren, ſondern, wie geſagt, nur die Unglücksfälle geweſen, denen er unterlegen. Er rüſtete gewaltiger als je, der neue Schlag ſollte dem Widerſtand für immer ein Ende machen— und in Deutſchland ſammelten ſich allmälig die Reſte der an ßen erfrorenen Armee und die ſchwachen Schaaren, m che als Garniſonen und Beſatzungen hie und da in unterworfenen Provinzen und Städten zurückgeblioi waren. di Schwerer aber und gefährlicher hatte ſich nite Menſch getäuſcht als Napoleon, da er einerſeits g 141 Staaten oder vielmehr die Völker für nichts, und an⸗ dererſeits wenigſtens mit aller Beſtimmtheit und Verach⸗ tung auf die alten elenden, dumpfen und ſtumpfen, ſaft⸗ und kraftloſen Zuſtände rechnete, die ihm bisher, zumal in Deutſchland, faſt überall und immer begegnet waren. Wir wollen dieſe Zuſtände nicht ableugnen und noch weniger ſie entſchuldigen. Sie waren da, und jeder Menſch von Gefühl und Verſtand muß in tiefer Scham den Kopf ſenken, wenn von dieſen Zeiten und Menſchen und Zuſtänden die Rede iſt. Aber erklärlich ſind ſie lei⸗ der Gott's nur zu ſehr und zu leicht. Seit den lähmen⸗ den Schrecken und dem furchtbaren Elend des dreißig⸗ jährigen Krieges kam in Deutſchland kein Glück mehr zur Blüthe; von einem friſchen, frohen, geſunden Leben war nirgends mehr die Rede; es lag wie ein ſchwerer Druck auf allen Köpfen und auf allen Herzen, und ſelbſt die Kriege Friedrich des Großen und das drängende und flutende Leben unſerer größten Literaturepoche ließen die meiſten Schichten der Bevölkerung bei weitem kälter, als uns wohl Phantaſten und Schwärmer zuweilen einbil⸗ den möchten. Auch dieſe ſogenannte„gute alte Zeit“, wie alle ihre ebenſo benannten Vorgänger, möchten wir ſagen, war in Wirklichkeit eine elende Zeit voll der ſchärf⸗ ſten und traurigſten Gegenſätze, voll des dummſten Aber⸗ glaubens und des kraſſeſten Nichtsglaubens, voll Dumm⸗ 142 heit, Faulheit, Stumpfheit und Entſittlichung, voll der unglaublichſten Rohheit und voll ebenſo unglaublicher Auswüchſe jeder Art— vor allen Dingen aber voll ei⸗ nes furchtbaren Egoismus, der neben der eigenen Per⸗ ſönlichkeit und ihren Intereſſen Niemand und nichts Anderes mehr gelten und aufkommen ließ. Von einem Maß war nirgends mehr etwas zu finden; Alles war auf die Spitze getrieben, und ſelbſt das wenige Gute, dem wir hie und da begegnen, wußte ſich nur, ſo zu ſa⸗ gen, in der Excentricität, in unnatürlicher Exaltation zu offenbaren. Das war eine„gute alte Zeit“, und auf dieſe, auf ihre Auswüchſe und ihre Sprößlinge war Napoleon bei ſeinen ſiegreichen Kriegen bisher geſtoßen. Da mußte Vieles, Alles anders und beſſer werden! Da mußte der furchtbare Druck, der allgemeine Ruin erſt allen Köpfen zum Bewußtſein bringen, daß der Einzelne nichts ſei und allein nur deſto rettungsloſer und nachhal⸗ tiger zu Grunde gehe. Der Egoismus und die Eiferſüch⸗ telei mußte fort aus den Herrſchenden und aus den Be⸗ herrſchten; die Augen mußten weiter zu ſehen lernen, und die Köpfe weiter zu denken als auf die Ruhe im ei⸗ genen Hauſe, als auf den Segen oder Unſegen der ei⸗ genen kleinen Scholle, und ſie mußten einſehen lernen, daß der Staat, dem ſie angehörten, ihnen doch noch etwas mehr für ihre Steuern gewähre als die Erlaubniß, 143 ihren Acker zu bauen oder ihr Gewerbe zu treiben, wenn man ihnen bisher auch nicht grade viel davon geſagt hatte— und endlich mußten ſie zu begreifen anfangen, daß„Nationalgefühl“ und„Nationalehre“ zwei Begriffe von einem unendlich tiefen und ernſten Sinn und mehr ſeien, als nur„ein tönend Erz und eine klingende Schelle“.— Ja, ſie mußten viel lernen und noch mehr mußte in ihnen erwachen, bevor von einer neuen beſſeren Zeit die Rede ſein konnte, und daß ſie's ſo ſchnell lernten, dazu trugen die Truppen und Inſtitutionen des Kaiſers von Frankreich auf's redlichſte und nachhaltigſte bei. Beſon⸗ ders in den nördlichen Theilen Deutſchlands, in dem me⸗ thodiſch ausgeſogenen Preußen, in den mit dem Kaiſer⸗ reich neuerdings verbundenen Provinzen, in den zum Kö⸗ nigreich Weſtfalen vereinigten Landſtrichen fühlte man das Elend und die Schmach auf das ſchärfſte, wohnte in allen Herzen Trauer und Sehnſucht nach Beſſerung, regte ſich in allen Köpfen der Gedanke an eine immer nothwendiger werdende kraftvolle Erhebung. Das ging durch alle Köpfe und durch alle Herzen, die noch über⸗ haupt lebensfähig waren, das band ſich an keinen Rang und Stand, das entflöß nicht den Lehren und Anregun⸗ gen eines Geheimbundes, der vielleicht Tauſende der Höherſtehenden zum ſelben Zweck vereinte, von dem je⸗ doch die große Maſſe des eigentlichen Volkes, der Bür⸗ ger⸗ und Bauernſtand, weder etwas wußte, noch zu wiſſen brauchte. Die Zeit war von der Art und die bewegenden Ideen ſo gewaltig und gemeinſam, daß es keiner beſon⸗ dern Lehren bedurfte, um alle Köpfe und Gefühle auf ei⸗ nen Punkt hinzulenken und alle Welt zu einem freiwilli⸗ gen, unverabredeten Bunde zu vereinen. Es konnte, der Natur der Dinge gemäß, indeſſen nicht ausbleiben, daß das Verlangen nach Beſſerung und das Bewußtſein des ſtets unerträglicher werdenden Druck's, auch in den untern Schichten bei Dieſem und Je⸗ nem nicht ſowohl ſich lebhafter regte, aber doch klarer und ausgeprägter, bewußter war als in der großen Maſſe. Und einer der klarſten und entſchiedenſten, zu⸗ gleich aber auch der klügſten von dieſen war Rolof, der Buſchbauer. Er hatte von jeher die Schmach einer ſolchen Knecht⸗ ſchaft, wie ſie zumal auf ſeinem eigenen Vaterlande lag, auf das allertiefſte empfunden, beſonders ſeit dieſe Grenz⸗ provinz vor ein paar Jahren dem angeſtammten Fürſten entzogen und mit andern Landſtrichen zu einem franzöſi⸗ ſchen Departement vereint war. Er ſelber hatte, ſo gut wie ſeine Nachbarn, bisher verhältnißmäßig weniger von dem Elend des Krieges und dem Druck der Zeiten zu lei⸗ den gehabt als das übrige Land. Im Drange der Um⸗ 145 ſtände war in dieſen Gegenden bisher von nicht vielen Veränderungen in der Verwaltung die Rede geweſen; im Gegentheil waren faſt überall die alten Behörden im Amt geblieben. Von einem Druck der neuen Herrſchaft war in den Ina⸗Gegenden am wenigſten die Rede. Das Continental⸗Geſetz ward nirgends leichter umgangen, weil es in dieſem waldigen Terrain und bei den nahe⸗ gelegenen Küſten des Nachbarlandes dem alsbald entſte⸗ henden Schmuggel gegenüber gar nicht aufrecht zu erhal⸗ ten war. Und war es den Bauern zuerſt auch unbequem, zum Abſatz ihrer Producte und zur Erreichung ihrer Be⸗ dürfniſſe nun andere Wege einſchlagen zu müſſen, ſo fan⸗ den ſie ſich doch bald darin, zumal ſie für die feindlichen Magazine jetzt Alles um vieles höher verwehrten konnten. Rolof aber empfand das Alles tief und bitter, es bäumte ſich in ihm der Muth und der Trotz des kräftigen Mannes, der Stolz des freien Bauern auf, der in ſeinem Eigenthum ſich ſo gut als unumſchränkter Gebieter fühlte, wie der Fürſt es in ſeinem Lande that. Und er hatte, wie leider nur wenige neben ihm, ein Herz für ſein Volk und ſeinen alten Fürſten, für das Land und den Staat, dem er früher angehört hatte und von dem er jetzt losgeriſſen war, als ſei er kein freier Mann, ſondern ein armer Leib⸗ eigener. Am liebſten hätte er ſich zwar ſogleich zum offenen 146 Widerſtand erhoben. Allein neben allem Ungeſtüm barg er in ſich auch ein gutes Theil der Schlauheit und Berech⸗ nung, die ſeinem Stande vor allen andern zu eigen iſt, und er bezwang ſeinen Haß und Grimm mit feſtem Sinn, er verbarg ſich in die Maske der Kälte und Gleichgültig⸗ keit, und gewann es über ſich, der noch unwiderſtehlichen Gewalt des Feindes nicht nur aus dem Wege zu gehen, ſondern ihr hie und da ſogar nachzugeben und ſich anſchei⸗ nend in ſie zu finden. Er verhandelte gleichfalls Vieh und Getreide und ſonſtige Producte mit größter Bereitwillig⸗ keit an die neuen Herren, und ſeine jetzige ganze Rache beſtand allein darin, daß er ſich von ihnen höhere Preiſe zu verſchaffen wußte, als er von irgend einem andern Käu⸗ fer verlangt hätte. Er ſprach es ruhig aus, wie wir wiſſen, daß er ihrer Herrſchaft ein baldiges und dauerndes Ende wünſche, und auch ſelber dazu thun werde, was an ihm ſei. Aber er blieb dabei kalt und gemeſſen, ſo daß man ihm, vollends wenn man mit dieſen Worten ſein Thun zuſammenhielt, wenig Glauben ſchenkte. Er ſuchte niemals politiſche Geſpräche und blieb, wenn er dennoch darin verwickelt wurde, gleichfalls kalt und gleichgültig; er trat faſt keinem Menſchen näher mit Offenheit und Vertrauen, und er hatte dies um ſo leichter, da er ſo ab⸗ geſchloſſen lebte. Und dennoch hatte er den Gang der öffentlichen Angelegenheiten nicht einen Augenblick aus 147 den Augen gelaſſen; dennoch harrte er mit Geduld und Kraft auf den Moment, wo ſich ein wirklicher, nachhal⸗ tiger und ausſichtsvoller Widerſtand erheben werde, um ſich dann dem vollen innern Ungeſtüm ſeiner Natur zu überlaſſen und mit ſeinem geſammten Können und Vermö⸗ gen Partei zu nehmen. Und das war nicht das Können und Vermögen Rolof's allein, ſondern eines großen, aus⸗ gebreiteten Kreiſes, der ſich um ihn zuſammengeſchloſſen hatte— freilich ohne daß die Meiſten von ihm und ſeiner eigentlichen Herzensmeinung etwas wußten. Es waren nur Wenige, die ihn kannten, denen er ſich wirklich erſchloſ⸗ ſen hatte. Dieſe warben weiter, dieſe entwickelten bei Ge⸗ legenheit die neuen Ideen und ließen ſie dann ſelber weiter wirken, und dieſe allein wußten es, daß Rolof ganz in Geheim auch perſönlich und ſchon jetzt gegen den Feind und ſeine Herrſchaft arbeitete. Es iſt bereits angedeutet worden, daß von den Hä⸗ fen des benachbarten Herzogthums aus gegen das Conti⸗ nental⸗Geſetz große Maſſen Waaren auf Schleichwegen in dieſe neuen franzöſiſchen Provinzen und von ihnen aus weiter gingen. Das ahnten die Behörden freilich, aber was ſie nicht ahnten, war die ungeheuere Größe dieſes Schmuggels und die ausgezeichnete Organiſation der Schmuggler ſelbſt. Die Douaniers kamen ihnen niemals auf die Spur oder verloren bei einigen Zuſammenſtößen 148 ſo furchtbar, daß ſie ſich fortan in reſpectvoller Ferne hielten. Und ſie thaten wohl daran, denn dieſer ganze Landſtrich und zumal die Ina⸗Brüche und Wälder waren ein Terrain, in dem ſelbſt die meiſten Einheimiſchen ſich nicht zurecht zu finden vermochten. Rolof war's, der den Gedanken zu zu dieſem Handel gefaßt und ihn in Ausführung gebracht, obgleich er ſelber anſcheinend dabei gänzlich aus dem Spiele blieb. Aber er ſorgte zuerſt für die nothwendigen Mittel; er wußte die Männer zu finden welche die Sache zu leiten verſtanden; er ließ die Schmuggler faſt militärdſch organiſiren und in ihnen den Gedanken heranpflegen, daß ſie dereinſt auch offen gegen den Feind auftreten würden— und endlich, er öffnete ſeinen eigenen großen Forſt zu den Schleichwe⸗ gen, er hielt Verrath fern und unterrichtete die Führer. Von dieſer ſeiner Wirkſamkeit wußten, wir wiederholen es, aber nur ein paar ganz vertraute Männer in den beiden andern Dörfern der Ina⸗Bauern, am wenigſten aber ſeine Nachbarn in Stepnitz, die weder mit ihm, noch mit den 2 Bewoh nern von Wiesnitz und Dreſow in beſonders freundlichom Verkehr waren. Rolof kannte die Stepnitzer leider nur zu wohl und den Egoismus, der grade bei ihnen in vollſter Blüthe ſtand; er wußte von ihrer Gleichgültig gegen Alles, was nicht ihre perſönlichſten Intereſſen berührte; er wußte, 149 daß manche den Frieden um jeden Preis wollten, nur um ſelber nicht in ihrem faulen Daſein geſtört zu werden, daß ſie auf Abgelegenheit des Dorfes bauten und die Welt draußen für ſich ſorgen und tragen ließen— daß ſie endlich von dem Begriff des„Vaterlandes“ keine Ahnung, wohl aber eine finſter abergläubiſche Furcht vor der Macht des Feindes hatten. So hielt er ſich von ihnen zurück, was ihm bei dem Ruf, in dem er bei den Meiſten ſtand, nicht ſchwer fallen konnte. Und er hoffte wenig von ihnen im Fall der Noth. Unter denen, die in Rolof's nächſter Nähe etwas von ſeinem Treiben ahnten, war, wie ſich wohl denken läßt, der Förſter Winrich, obſchon er ſeit einigen Jahren mit Rolof verfeindet und außer aller Verbindung mit demſelben geweſen. Er war ein Mann von ernſter Treue und, trotz ſeiner gewöhnlichen Leichtherzigkeit, mehr vom Elend des Vaterlandes ergriffen, als man ihm im Allgemeinen zu⸗ trauen mochte. Denn er kam nun auch ſchon ſeit ein paar Jahren immer weniger aus dem Wald heraus und hatte das Wirthshaus⸗Gehen faſt ganz aufgegeben, weil er, wie er ſagte, den Franzoſen⸗Nachrichten nicht nachlaufen wollte. Von Rolof's geheimnißvollem Wirken hatte er in⸗ deſſen nicht nur durch Detlof Alles gehört, was dieſer frei⸗ lich mehr ahnte als wußte, ſondern es konnte auch wenig⸗ ſtens der Gang des Schmuggels nicht ganz vor ihm ver⸗ 150 borgen werden, da derſelbe theilweiſe durch ſeine Reviere ging. Ja, bei einer Gelegenheit hatte der Förſter, der in der erſten Zeit der ſchwägerlichen Feindſchaft allerdings auf Rolof nicht gut zu ſprechen war und demſelben hin und wider Manches in den Weg legte, den Schmugglern halb neckend, halb ernſtlich beim Durchmarſch durch ſein Gebiet Widerſtand geleiſtet und ſich dabei auch über Ro⸗ lof's Theilnahme an dieſem Geſchäft geäußert, und ſeitdem war der Buſchbauer erſt zum vollſten Haß gegen den Schwager gekommen und hatte dieſem in ſo rückſichts⸗ loſer Weiſe ſeine Meinung geſagt, daß beiden Männern damals eine Erneuerung der Freundſchaft durchaus un⸗ möglich ſchien. Nun aber war es dennoch dahin gekommen, und während die Männer durch den Buſch gingen, hatten ſie auch dies Thema beredet. Winrich war von dem Schwager jetzt alsbald auch in alle Pläne und Geheimniſſe deſſelben eingeweiht, denn Rolof zeigte ſich, ſeit er einſah, daß er dem Andern Unrecht gethan, ihm wenigſtens Anderes zu⸗ geſchoben hatte, als in Wirklichkeit der Fall geweſen, wie umgewandelt. Man hätte glauben können, daß ein ſchwe⸗ rer Druck von ihm gewichen ſei, oder daß er von Grund des Herzens irgend ein altes Unrecht wieder gut zu machen ſtrebe— ſo mittheilſam war er, ſo vertrauensvoll, ja ſogar faſt herzlich. Selbſt Winrich, der doch vordem ſchier täglich 151 mit ihm zuſammen geweſen, erinnerte ſich kaum, eine ſo wohlthuende Stimmung jemals an ihm bemerkt zu haben. Dieſe Stimmung gab ſich, während der Förſter hin⸗ ausgeeilt war, um nach ſeinen Leuten zu ſehen, und Rolof allein mit Gertrud raſch das Nothwendigſte zuſammentrug und packte, nicht nur im gleichen Maße kund, ſondern ſtei⸗ gerte ſich womöglich noch zu wirklichem freundlichem Wohlwollen. Sie klang aus jedem Wort, ſie durchdrang, ſo zu ſagen, jede Bewegung des Alten. Er plauderte mit dem Mädchen heiter und unbefangen, tröſtete die Erſchro⸗ ckene und ermunterte ſie, muthigen Blicks den nächſten Ereigniſſen entgegen zu ſehen.„Du biſt jedenfalls ſicher auf dem Buſchhofe,“ ſagte er.„Truppenmaſſen können nicht durch den Wald ziehen, und eine Streifpartei oder ein paar plünderungsluſtige Marodeurs klopfen wir auf die Finger.“ Und ſo redete er noch viel, allein von dem, was ihr ſelbſt in dieſer Stunde am meiſten Kopf und Herz erfüllte, ließ er kein Wort fallen. Nur einmal, da er ſie ſo eifrig und doch ſo aufmerkſam bei ihrem Geſchäft ſah, wie ſie Alles raſch bei der Hand hatte und nichts vergaß, meinte er lächelnd:„Du haſt die rechte Art, Kleine, wie ich merke! Mit Dir wird's ein Mann gut haben! Ich wünſch' Dir einen wackern!“ Und ſo war kaum eine halbe Stunde vergangen, als Gertrud bereits Alles bei einander hatte und ſich ge⸗ gen den zurückkehrenden Vater fertig erklärte. 152 „So weit ſind wir noch nicht,“ verſetzte Winrich jedoch kaltblütig.„Ich habe auch noch zu thun, und es preſſirt nicht ſo ſehr. So ſchnell können ſie nicht hie⸗ her kommen, und ich wüßte auch gar nicht, wozu? 2 Was haben ſie hier„am Born“ zu ſuchen, da ſie Gott danken müſſen, wenn ſie der graden Straße folgen können? Aber meine Burſchen ſtreifen jetzt ſchon dort hinüber und geben Achtung und bringen zur rechten Zeit Nach⸗ richt. Im Nothfall weiß ich auch mehr als einen Platz im Wald, wo uns der Teufel ſelbſt nicht finden ſollte. Alſo Geduld!— Du aber mußt fort, Rolof! Nimm Dir meinen Fuchs und reite zu, was Du kannſt! Was ſitzeſt Du hier? In einer Stunde kommen wir nach, wenn's noch nöthig iſt.“ Rolof ſchüttelte den Kopf.„Laß mich immerhin mit Euch gehen,“ bemerkte er im gleichgültigen Ton.„Ich bin froh, daß es losgebrochen, aber bevor ich nicht Nachricht von Wiesnitz und Dreſow habe, kann ich nichts nützen. Das in Stepnitz iſt Spiegelfechterei, denk' ich.“ „Ei, aber der Schulz hat nach Dir geſchickt!“ ſagte der Förſter.„Sie werden mit Dir reden wollen!“ Um des Bauern Mund zuckte ein Zug von bitterer Verachtung, als er erwiederte:„Ja eden. ſchiaben das können ſie! Aber damit hab⸗ ich nichts zu thun. Du weißt, wie ich mit den Narren im Dorf ſtehe,“ ſetzte er — 153 finſter hinzu; mir gönnen ſie nicht die Luft, und ich mag ſie nicht anſehen, ſo zuwider iſt mir das Geſindel. Glaube Du mir, wenn ich jetzt nicht weiter dächte als nach Stepnitz, und nicht mehr in Aug' hätte, als daß der Franzos nur uns nicht nahe käme— da könnten ſie lange auf mich warten. So aber mag's drum ſein. Han⸗ deln will ich, mit ihnen oder allein zaber reden mit ihnen mag ich nicht.“ „Haſt recht,'s iſt ein armſelig Pack!“ ſprach der Förſter ungewöhnlich ernſt.„Aber ein paar ſind doch darunter, die es beſſer meinen und verdienen. Denen zu Lieb' geh' hin und um der guten Sache willen! Wer weiß, was ſie zuſammenkochen, wenn ihnen Keiner die rechte Weiſe zeigt! Geh' hin, Rolof! Sie wären ſonſt am Ende kapabel, mit Mann und Maus und ihren „Kleinen“ in den Buſch zu laufen, oder gar den Wäl⸗ ſchen einen gehorſamen Diener zu machen— Alles aus Angſt für das eigene liebe Fell!— Ich kenne dieſe Na⸗ tion beſſer als Du! In Wiesnitz drüben und in Dreſow iſt's ein anderer Schlag.“ „Haſt recht!“ meinte jetzt auch der Buſchbauer, nachdem er einige Augenblicke finſter ſinnend vor ſich hingeſtarrt.„Der Teufel könnte ſein Spiel haben und— ich kenne ſie zu wenig. Für ein paar ſteh' ich ein, aber die dringen vielleicht nicht durch, und der Magiſter iſt 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 10 154 viel zu gutmüthig.— Laß mich den Fuchs haben, Win⸗ rich!“ „So komm',“ entgegnete der Förſter und Beide gingen hinaus und dem Stalle zu. Geredet ward in den wenigen folgenden Minuten zwiſchen ihnen nichts mehr. Nur als er neben dem fertigen Pferde ſtand, ſagte Rolof gedämpft:„Sollt' es ſich wieder verziehen und brauchtet ihr nicht zu mir hinüber zu kommen, ſo laß mich Dich doch auf alle Fälle noch heut' Abend ſehen, Schwa⸗ ger. Ich habe mit Dir zu reden. Ich werde morgen in die Stadt müſſen und vielleicht noch weiter.“ „Du?“ fragte Winrich erſtaunt. „Ich, ja!“ Und ſich in den Sattel ſchwingend, ritt er mit einem kurzen Nicken des Hauptes fort, über den Platz hin und in den weiß ſchimmernden Wald hinein. Der Förſter ſchaute ihm, ſo lange er ihn ſehen konnte, gedankenvoll nach.„Das iſt ein Kauz!“ murmelte er endlich vor ſich hin und wandte ſich wieder dem Hauſe zu.„Aber wollte der Herrgott, daß es nur viele ſolche gäbe! Wir könnten ſie brauchen!“ — Achtes Capitel. Der Buſchbauer. Als der Bauer ſich ſeinem Hofe näherte, ſah er auf dem Wall ſchon von Ferne eine weibliche Geſtalt, in der er alsbald ſeine Tochter erkannte. Sie ſtand von ihm ab⸗ gewendet und ſah dem Dorfe zu, von dem man jedoch hier, der vorſpringenden Waldecke wegen, nichts erblicken konnte, und ſie ſchaute oder horchte ſo eifrig hinaus, daß ſie von den klappernden Hufen des hereintrabenden Pfer⸗ des nichts vernahm. Rolof machte Halt und lauſchte gleichfals— der Wind trug aus weiter Ferne hin und wider einen einzelnen dumpfen Glockenton herüber; allein der Bauer ſchien etwas Anderes erwartet zu haben, denn er ſtarrte regungslos dem Dorfe zu, und ſein Blick ward immer finſterer, und endlich ſchüttelte er mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln den Kopf, ritt, dem Pferde die Ferſen in die Seiten ſtoßend, raſch vollends zum Wall hinüber und zog grade neben Reginen die Zügel mit einem lauten Pfiff ſcharf an, ſo daß das Mädchen einen leichten Auf⸗ ſchrei vernehmen ließ und droben erſchrocken zurückwich. „Na, was iſt?“ fragte der Alte barſch.„Biſt Du nicht richtig im Kopf, daß Du ſo erſchrecken kannſt?— Was thuſt Du da?“ 10* 156 „Ich ſah nur nach dem Dorf hinüber,“ verſetzte ſie, ſich ſammelnd.„Wir hören—“ „Haben ſie noch nicht geläutet?“ unterbrach er ſie raſch. „Nein, Vater, im Dorf nicht! Aber drüben hört's gar nicht auf, und in der Dreſower Kapelle, mein' ich, haben ſie vorhin auch ſchon angefangen.“ „Hat der Detlof euch geſagt, daß der Ohm und die Gertrud kommen und vielleicht bei uns bleiben werden?“ fragte er wieder raſch. „Ja, Vater; und dann iſt er gleich in's Dorf ge⸗ laufen, um zu ſagen, daß Ihr kämet. Vorher,“ ſetzte ſie zögernd hinzu,„hat er auch den Hans noch nach Dre⸗ ſow geſchickt. Die Mutter wollte es erſt gar nicht glau⸗ ben, daß Ihr ihn das geheißen. Es iſt dort ja Alles in Aufruhr, und wenn der arme Menſch—“ „Zwiſchen die Franzoſen kommt,“ ergänzte der Va⸗ ter ſpöttiſch lachend die Worte ſeines Kindes,„ſo wird er maſſakrirt! Na alſo, wenn er ſo dumm iſt, muß er ſich das eben gefallen laſſen! Lauf hinein und rüſte mir einen Imbiß. Ich werde gleich da ſein.“ Und damit trieb er das Pferd wieder an, ritt in den Hof und vor den Stall, wo der zweite Knecht ihm das Thier abnahm und den Auftrag erhielt, ein anderes zu lantein, und ging dann dem Hauſe zu. Schon ſeit der Bauer vörhin am Waldrande Halt gemacht und auf die Glockenklänge gelauſcht, hatte ſich nicht nur der Ausdruck der gehobenen freundlichen Stim⸗ mung aus ſeinem Geſicht verloren, ſondern auch ſeine Eile ſich gemäßigt, und als er mit der Tochter ſprach und dann am Tiſch ſaß, ruhig den aufgetragenen Speiſen zuſprechend und die ſchüchternen Fragen ſeiner Frau ent⸗ weder gar nicht oder in gewohnter Einſilbigkeit und Buarſchheit beantwortend, war er genau wieder der Alte, wie wir ihn am Tage zuvor und auch heute noch im Geſpräch mit dem Sohn kennen gelernt. Die Bäurin ſchüttelte ſtill vor ſich hin den Kopf. Sie bemerkte nichts von dem, was Detlof, nach Hauſe kommend, in froher Aufregung mitgetheilt— daß der Vater beim Ohm drü⸗ ben aufgewacht ſei.— Sie ſah ihn wie faſt immer in den alten dumpfen oder finſtern Träumen, und als ſie ihn leiſe zu mahnen wagte, daß der Schulz ſchon vor Stunden nach ihm geſchickt, flog das gewohnte, halb fin⸗ ſtere, halb verächtliche Lächeln über ſein Geſicht, und die Antwort erfolgte in dem ihr ebenſo bekannten rauhen, un⸗ geduldigen Tone:„Nur zu! Man kommt zur Dumm⸗ heit noch immer zu früh!“ Er ſteckte den letzten Biſſen in den Mund, wiſchte das Meſſer ab, klappte es zu und verſenkte es in die Toaſche der langſchößigen Weſte, ſtand dann auf, um den Rock wieder anzuziehen und ſtatt der gewohnten Mütze den dreiſpitzigen Hut aufzuſetzen, und ſprach dann ſchon an der Thür ſtehend:„Wenn Hans zurückkommt, ſoll er gleich in's Dorf— ich bin im Wirthshaus oder beim Herrn Magiſter. Wenn andere Burſche kommen, ſo blei⸗ ben ſie hier und Du gibſt ihnen was zu eſſen und zu trinken. Das Weitere ſoll Detlof melden. Adjes bei 'nander!“ Und damit ging er zur Thür hinaus, ſprach auf dem Hofe noch einige Worte mit dem Knecht, der ihm das Pferd brachte, ſtieg auf und ritt fort. Hinter ihm ſchloß Jochem das Hofthor. Die Bäurin ſah ſchweigend eine Weile aus dem Fenſter, bevor ſie ſich wieder in's Zimmer zurückwandte und die Speiſen zuſammenräumend, ſeufzend bemerkte: „Ich weiß nicht, was der überäugiſche Bube drüben ge⸗ ſehen! Ich finde den Vater grade wie ſeither.“ „Wenn ich nur in's Dorf könnte!“ bemerkte Re⸗ gine gepreßt.„Hier hört und ſieht man nichts, und mir iſt, als ſollte ich erſticken, ſo ſchwer liegt's mir in allen Gliedern.“ „Das iſt ſchnell gekommen,“ ſagte die Alte kopf⸗ ſchüttelnd und die Tochter mit einem flüchtigen Blicke ſtreifend.„Vorhin warſt Du lauter(nichts als) Fieber und Leben.“ 1 „D'rum, Mutter!— Wir ſind hier ja auch ſo mut⸗ 3 terſeelen allein— denn der Jochem iſt ein feiger, ſchlechter Menſch, dem trau ich nicht! Und der Hans und der Det⸗ lof ſind fort, und draußen ſoll Alles voll Blut und Brand ſein. Da muß man ſich wohl ängſtigen!“ Sie ging wie im Fieber durch's Zimmer und wand die Hände in einander. Die Bäurin ſah ihr wieder mit einem ernſten, faſt traurigen Blicke nach— die ſtille, kalte Tochter hatte bis⸗ her in ihrem ganzen Leben noch nicht eine ähnliche Auf⸗ regung gezeigt— und öffnete die Lippen zu einer Ent⸗ gegnung. Doch unterdrückte ſie dieſelbe und ging mit lei⸗ ſem Kopfſchütteln hinaus. Auch Regine verließ Stube und Haus und ſtieg wieder auf den Wall. Unterdeſſen ritt der Bauer in mäßiger Eile dem Dorfe zu und bis vor's Wirthshaus, wo er eine große Zahl junger Burſchen im lebhaften Geſpräch bei einander fand. Detlof und ein Zweiter ſprangen ſchnell von dem Haufen ihm entgegen, um das Pferd in Empfang zu neh⸗ men, während die Uebrigen ihre Unterhaltung unterbra⸗ chen und halb neugierig, halb finſter dem abſteigenden Alten zuſahen. „Der Herr Magiſter iſt eben hineingegangen,“ be⸗ merkte Detlof leiſe. „Ja, und der Großvater hat ſich auch herführen 160 laſſen,“ ſprach der andere Burſche ebenſo.„Er war feindlich böſe über das lange unnütze Reden.“ „Schon recht!— Sonſt was Neues?“ fragte Ro⸗ lof kurz.„Keine neue Nachricht von Moorbach?“ Und da die beiden Burſchen den Kopf ſchüttelten, ſetzte er hinzu:„Iſt denn kein Menſch hinausgeſchickt zur Nach⸗ richt?“ Die Beiden ſchüttelten wieder den Kopf, und der zweite Burſche ſagte haſtig, aber leiſe:„Ohm, Ihr irrt! Sie wollen drinnen nicht gemeinſchaftliche Sache mit den Andern machen, ſondern rechnen nur, wie ſie ſich am beſten ſchützen möchten, wenn uns das Volk über den Hals kommt. Ihr ſollt mit den Wälſchen—“ Rolof ſah bald den Sprecher, bald den Sohn mit einem zuerſt ſo verächtlichen, endlich aber drohenden Blick an, daß der Erſtere ſeine Rede nicht vollendete und der Letztere mit flüchtigem Achſelzucken die Augen niederſchlug. Dann fragte der Bauer mit tiefer Stimme:„Alſo hinaus wollen ſie wirklich nicht?“ Und da die beiden Andern nur auf's neue den Kopf ſchüttelten, fuhr er in gleichem Tone fort:„Du reiteſt mit dem Pferde nach Hauſe, Det⸗ lof, und ſchickſt mir Alles, was von Dreſow und Wies⸗ nitz und ſonſt herüberkommt, gleich hieher. Und Du, Georg, paſſeſt auf meinen Hans und ſchickſt ihn mir 161 augenblicklich hinein, Wie denken die da?“ ſetzte er hinzu und deutete auf den Haufen der andern Burſchen. „Sie möchten für ihr Leben hinaus,“ verſetzte d Georg,„aber ſie wagen's nicht un en nicht, wohin.“ Da trat der Alg raſch auf die Schaar zu, die von dem bisherigen fliegegi und leiſe geführten Geſpräch ver⸗ geblich etwas zu erlauſchen geſtrebt und nun halb ſcheu, halb trotzig dem Nahen des Bauern entgegenſchaute. „Horcht auf,“ ſprach er ernſt und ſchnell.„Zu Pferde mit einigen von euch und hinüber bis an das alte Kreuz. Dort ſtellt einen von euch auf und die andern Reiter im⸗ mer ſo fort den Weg entlang, daß wir in ein paar Minuten Nachricht hier haben. Ihr Andern legt euch an der ſchar⸗ fen Ecke in die Tannenſchonung, und wenn was vom Feinde hereinwill, ſo ſteht ihm feſt entgegen. Es kommt Succurs! Im herrſchaftlichen Forſt könnt ihr auch die Jägerburſchen vom„Born“ finden und euch weiter erkun⸗ digen. Fort! Ich, der Rolof, vertret's, was ich euch ſage!“ Und der Ton, in dem er dieſe Worte ſprach, war wie ge⸗ ſagt, ſo ernſt, ſo überzeugend und ſo befehlend, daß die größte Zahl der Burſchen kaum das Ende der Rede ab⸗ wartete, um ſchnell nach allen Seiten davon zu ſtürzen. Nur ein paar blieben mit trotzigen oder verächtlichen Mienen ſtehen, und Einer von ihnen meinte ſogar ziemlich laut:„Laßt die Narren laufen, die ſich von dem alten 8 Fuchs auf's Eis führen laſſen! Die werden's ſchon merken, wie's ſteht, wenn er nachher den gehorſamen Diener macht!“ Georg fuhr auf und Detlof ließ die Zügel des Pfer⸗ des los, um mit dem Freunde auf den offenherzigen Red⸗ ner einzudringen; allein Rolof's rauhe Stimme hielt ſie zurück.„Fort mit euch, an euer Geſchäft!“ rief er befeh⸗ lend.„Laßt die Hunde kläffen! Ihr braucht eure Knochen zu andrem Werk!“ Und damit ſchüttelte er die Hand ver⸗ ächtlich in der Luft hin und her und ging mit großen Schritten der Thür des Wirthshauſes zu, aus deſſen Fenſtern er ein altes faltiges Geſicht ſeinem bisherigen Thun zugewendet geſehen hatte. Das Geſpräch mit den beiden Burſchen aber, die Weiſung an die Andern und was ſonſt geſchehen— Alles war raſcher erfolgt, als wir es erzählen konnten, und ſeit der Ankunft Rolof's waren vielleicht keine fünf Minuten verfloſſen, als der Bauer bereits in das Haus und dann in die dunſtige und rau⸗ chige große Wirthsſtube trat, wo ſich ſämmtliche Haus⸗ väter des Dorfes vereint fanden. Als Rolof die Thür hinter ſich anzog, brach der Prediger die Rede, in der er begriffen zu ſein ſchien, ab und die Augen der Anweſenden richteten ſich dem Eintre⸗ tenden entgegen, der einen muſternden Blick im Zimmer umherwarf und dann, den Hut lüftend, ſprach:„Guten Tag, Männer! Der Schulz hat nach mir geſchickt, hör' ich. Da bin ich denn.“ „Ja ja, Rolof,“ verſetzte der alte Mann, der am Fenſter ſaß, mit gepreßter, häufig durch einen harten Huſten unterbrochener Stimme,„ſie haben nach Dir ge⸗ ſchickt und haben was Gutes mit Dir vor, kann ich Dir ſagen. Sperr' die Ohren auf und halt' ſie ſteif, daß ſie Dir nicht taub werden!'s iſt ein kurioſes Ding um—“ „Schwatz, wenn's Zeit für Dich iſt, Bohnenberg!“ unterbrach ihn ein anderer Bauer vom obern Ende der Stube her und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch.„Wir werden’s dem Buſchbauer ſchon ſelber ſagen, was wir wollen.“ „Na, am beſten iſt,“ ſprach der Alte huſtend und mit ſcharf ſpöttiſchem Ton,„daß er ſchon gethan hat, was er wollte, und die Burſchen fortſchickte.“ „Ja,“ brach ein Anderer aus und ſchlug gleichfalls auf den Tiſch,„was habt Ihr mit den Jungen gehabt und wohin ſind ſie?“ Und im Zimmer erhob ſich ein Lär⸗ men und Schreien, ein Fragen und ein allgemeiner Auf⸗ ſtand, daß Keiner mehr den Andern verſtehen konnte und ſelbſt des Predigers mahnendes und ernſtes Einreden nicht mehr gehört ward. Endlich ſtand der Geiſtliche auf, und nachdem auf ſein lautes, gebietendes„Haltet ein!“ eine momentane Stille eingetreten, fuhr er im ſtrafenden Tone und mit ſchallender Stimme fort:„Es reuet mich, Leute, daß ich 164 zu euch gekommen, denn ein ſo thörichtes Benehmen kann ich in meiner Gegenwart nicht dulden. Seid ihr Chriſten und ehrbare Hausväter, daß ihr ſtatt zu überlegen, tobt und wüthet, ſchlimmer als die unverſtändigen Buben? Iſt das überhaupt der Platz zur Berathung für ehrbare Leute? Ich ziehe Euch zur Rechenſchaft, Schuly, daß Ihr die Gemeinde hier nach der Schenke und nicht, wie ſich's ge⸗ bührt, nach Eurem Hauſe berufen!— Aber treibt's, wie ihr's mögt! Nur ich ſage mich los von ſolchem Verhan⸗ deln, wie ich mich auch losſage von euren Beſchlüſſen, wenn ſie in der vernommenen Art zu Stande kommen ſollten! Gehet in euch!“ Und ſich voll Zürnens abwen⸗ dend, ſchritt er gemeſſenen Schrittes der Thür zu. „Herr Magiſter, Herr Magiſter!“ rief der alte kurzathmige Bauer und erhob ſich mit Anſtrengung von ſeinem Platz:„Um Gotteswillen, gehen Sie nicht! Dann wär's ja Alles zu Ende!“ Auch Rolof wandte ſich auf den zürnenden Mann und bat:„Rechnen Sie's nicht ſo hoch, Herr Magiſter! Sie müſſen ja ſo oft Geduld haben— thun Sie's auch jetzt!“ Und ſich wieder den Bauern zudrehend, fuhr er mit gefalteter Stirn und feſtem Blick fort:„Nun alſo, da bin ich und möchte wiſſen, was ihr von mir wollt. Zum Zank komm ich nicht hieher, deſſen gibt's in der Welt draußen genug zum Sattwerden.“ 3 „So red' endlich in des— in Gottes Namen,“ ſagte da ein finſter ausſehender ältlicher Mann zum Schulzen gewendet.„Aber ich ſag's nochmals: ich habe Euch nicht zum Buſchbauer getrieben. Es wird doch umſonſt ſein, und wir könnten gut genug für uns ſelber reden.“ Da ſchlug der Schulz auf den Tiſch und erhob die Augen zu Rolof, der noch immer in Mitten der Stube ſtand, während der Geiſtliche inzwiſchen kopfſchüttelnd ſei⸗ nen Platz wieder eingenommen hatte, und begann:„Ihr habt gehört, Buſchbauer, was uns von Moorbach für Nachricht zugegangen, daß die Soldaten von St. auf dem Marſch nach dem Herzogthum, daß die Bauern dort über dem Wald aufgeſtanden und hinter ihnen her ſind. Und die Moorbacher ließen uns ſagen, die Franzoſen lie⸗ fen und hätten Noth, und wenn wir Bauern von Step⸗ nitz, Wiesnitz und Dreſow auch dazu thäten, ſo müßten ſie aus dem Lande und unterwegs im Buſch noch viel Mannſchaft verlieren. Wo nicht— ſo könnten ſie auch uns da über den Hals kommen.“ Der Buſchbauer zog ſich einen Stuhl heran, von dem ein Anderer, der zum Fenſter getreten, aufgeſtanden war. Er ſetzte ſich bequem nieder und antwortete dann, da der Schulz nicht weiter redete, kalt:„Das hat mir mein Sohn Detlof geſagt, und die Sturmglocken haben mir auch was davon zugerufen. Ich glaub's, was 166 die Moorbacher euch ſagten. Warum habt ihr die Glocken nicht auch in Stepnitz anſchlagen laſſen und gethan, wie man euch geheißen?“ „Wer hat uns was zu heißen, uns In⸗Bauern?“ rief der Schulz, den Kopf aufwerfend, mit hartem Ton. „Ich mein', das wäre ſchlimm, wenn jeder Pfannenlecker im Lande kommen und uns kommandiren und pfeifen und uns darnach tanzen laſſen könnte! Uns hat Niemand was zu ſagen als das Amt und—“ „Das kommandirt unſer Landesherr, der Kaiſer,“ ſchob der finſter ausſehende Bauer dazwiſchen.„Wenn die Narren draußen ſo dumm ſind, gegen das Volk auf⸗ zuſtehen— ſollen wir unſ're Haut mit zu Markte tragen? Nein, ſag' ich!“ ſetzte er heftig hinzu und ſchlug auf den Tiſch, während man ihm von vielen Seiten auf die eine oder andere Weiſe ſeine Beiſtimmung zu erken⸗ nen gab. „So meinen wir ſchier Alle,“ fuhr der Schulz mit einem flüchtigen Seitenblick auf Bohnenberg fort, der eben dem Buſchbauer ziemlich vernehmlich ein ſpöttiſches: „Merkſt Du's nun?“ zugeflüſtert hatte.„Ob's recht iſt oder nicht, wir ſind hier einmal kaiſerlich und müſſen's bleiben. Der Kaiſer läßt ſich nicht auf der Naſ' ſpielen und wird's denen Andern ſchon zeigen, daß er Herr iſt. Und was gehen uns die da draußen an? Wir ſind für 167 uns, und uns thut Keiner was, ſo lang' wir nicht ſelber den Frieden brechen. Gegen das Volk können wir nicht an, wenn es uns über die Köpfe will. Daß die Soldaten vor den Dorfmannſchaften laufen, das glaub' ich nicht. Man wird's ſchon noch richtig hören. D'rum wollen wir uns ruhig halten, haben wir hier mit einander aus⸗ gemacht, was auch ein paar Narren und Buben dagegen ſchreien mögen. So ſag' ich und wir Alle.“ „Iſt recht, ſo iſt's!“ riefen ſie von allen Seiten her, und dann folgte eine ſo tiefe Stille, daß man den alten Bohnenberg wieder Rolof zuflüſtern hörte:„Das iſt erſt der Eingang! Es kommt aber noch beſſer!“ Der Geiſtliche hatte mehr als einmal den Kopf ge⸗ ſchüttelt; nun klopfte er mit dem Finger auf den Tiſch, als ob er reden wollte. Doch Rolof lüftete den Hut und unterbrach ihn höflich:„Nichts für ungut, Herr Magi⸗ ſter! Aber annun muß ich doch erſt fragen,“ fuhr er dann bitter fort,„was denn dieſe Ehrenmänner eigent⸗ lich von mir wollen, von mir, Rolof Werdenhagen, dem Buſchbauer, den ſie ſonſt nicht anſehen und dem ſie kein Wort gönnen mögen? Ich bitt' ſie freilich auch nicht darum!“. „Ich denk, Ihr kommt nicht um zu zanken!“ warf der Schulz höhniſch ein. 168 „Nein, zanken will ich nicht,“ war die Antwort. „Alſo redet!“ „Nun gut, ſo ſtehen die Dinge. Es ſind allerhand Anzeichen da, die uns und unſerm Dorf Unglück verhei⸗ ßen— e „Ja ja!“ unterbrach Rolof mit launigem Lächeln den Schulzen;„die„Kleinen“ verſpeiſen ihren Brei nicht, weil die Katzen Liebesgedanken haben! So ſagen auch auf meinem Hofe die Weibsleute. Aber dazu kann ich nicht helfen.“ Es ging wie ein unterdrücktes Lachen durch das Zimmer; der Schulz jedoch runzelte die Stirn noch fin⸗ ſterer als bisher und ſprach bitter:„Das weiß ich, daß Ihr in dem Punkt ärger als ein Türk— aber davon iſt hier nicht die Rede. Alſo kurz und gut— wir wollen nichts mit dieſen Narrheiten zu thun haben und unſ'rer neuen Obrigkeit getreu bleiben. Wir wollen dem Solda⸗ tenvolk geben, was wir vermögen, aber es ſoll uns unſer Haus und Hof nicht verruiniren, und die Herren Offi⸗ ziere ſollen ein Einſehen haben. Drum wollen wir ihnen ein paar von uns zuſchicken und ihnen anzeigen, wie's hier bei uns ſteht. Und da ſollt Ihr mitgehen, Buſch⸗ bauer, haben wir gemeint. Ihr redet ihre Sprache, heißt es, und ſeid unter ihnen bekannt und verkehrt mit ihnen als guter Freund. Ihr habt nicht grade viel Liebe zu 169 Eurem Dorf,“ ſchloß der Sprecher,„aber es gilt Eurem Hof ſo gut wie den unſern. Alſo geht immerhin, und Ihr ſollt ſchön bedankt ſein, und wir wollen's fortan anſehen, als ob kein Span zwiſchen uns geweſen oder noch ſei.“ Es war eine lange Stille im Zimmer; die Augen aller Anweſenden ruhten mit dem verſchiedenartigſten Ausdruck auf dem runzelvollen Geſicht des Buſchbauern, in dem ſich, während der Schulz ſprach, nur zu Anfang einmal ein jähes Zucken geregt hatte. Der Prediger ſchaute faſt theilnehmend zu dem regungslos daſitzenden Mann hinüber, deſſen Auge ſich noch immer nicht vom Boden erheben wollte. Die Uebrigen wurden aber allmälig un⸗ geduldig und der Schulz meinte zuletzt mürriſch:„Nun, viel Zeit—“. Damit brach er jedoch ab, denn Rolof ſah jetzt plötzlich auf und ihn ſtarr an. Dann erhob er ſich langſam vom Stuhl, den er mit der Ferſe zugleich zu⸗ rückſtieß, zu ſeiner vollen Größe, ſtemmte die Fauſt auf den Tiſch und ließ ſeine Augen mit feſtem finſtren Blick von Einem zum Andern gehen, als wolle er Allen bis in’s Herz ſchauen, bevor er zu ihnen ſpräche. „Alſo das iſt eure rechte und wahre Herzensmei⸗ nung— ihr—?“ fragte er endlich abgebrochen, indem er den Schulzen noch immer ſtarr dabei anblickte. 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 11 170 „Ja, das iſt ſie, wie doch auch wohl Eure,“ gab derſelbe mürriſch zur Antwort. „Nun gut, ſo will ich euch meine ſagen, und ſie ſoll nicht länger klingen als eure, wenn auch anders. Ich meine, daß wir nicht dem fremden Kaiſer gehören, ſon⸗ dern unſerm alten Landesherrn von deutſchem Stamm und Blut, wenn man uns ihn auch mit Gewalt genom⸗ men hat. Uns hat man nicht drum gefragt, ſonſt wär' im ganzen Land keine andere Stimme laut geworden, als daß wir ihm treu bleiben wollten im Leben und Tod— es müßten denn ein paar Stepnitzer Bauern ſo armſelige, miſerable Schelme geweſen ſein, anders zu reden,“ ſetzte er mit ſich verſtärkender Stimme hinzu.„Nicht Alle, mein' ich, nein, nur ein armſelig paar Schelme, die hin⸗ ter ihrem Buſch nichts mehr ſehen, keine Menſchheit, kei⸗ nen Fürſten, ſelbſt den Herrgott im Himmel nicht! Sie möchten am liebſten auch einen beſondern Herrgott für Stepnitz haben, daß ſie von dem Pack draußen gar nichts mehr zu wiſſen und zu wollen brauchten. Ich kenn⸗ euch!“ Hie und da zuckte Einer zuſammen, ein Anderer ſchaute finſter darein, auch wurde von ein paar Seiten ein unwilliger Ruf laut, aber den Sprecher ſtörte das nicht, und nach einer kaum wahrnehmbaren Pauſe fuhr er ſchon wieder fort.„So ſeid ihr,“ ſprach er.„Was der Herr Magiſter euch geſagt hat, das weiß ich nicht; 2 171 aber zu euch könnten die Engel vom Himmel reden, ihr hörtet nicht drauf— euch muß man mit Thaten an's Herz klopfen. Und ſo hört, was ich gethan. Auf dem Buſchhof liegen in einer halben Stunde fünfzig Männer, die ſind kernig und ich ſteh' für ſie ein; die übrigen Mannſchaften von Dreſow und Wiesnitz ſind parat und ſtehen alle ihren Mann; und eure Söhne, die ſich da draußen die Nägel blutig biſſen, indeſſen die Väter da drinnen Landesverrath trieben— die hab' ich, Rolof Werdenhagen, der Buſchbauer, hinaus in den Buſch ge⸗ ſchickt und ihnen geſagt, wenn ſich ein Feindeskopf in ihrer Nähe blicken läßt, ſollen ſie drauf ſchlagen, daß ihm Hören und Sehen vergeht. So that ich, denn wenn wir überhaupt einmal den Kopf aufheben wollen als treue und freie Männer— jetzt iſt die Zeit da! Und wenn wir anders morgen noch leben, ſo fahr' ich zu unſerm alten Landesvater hinüber und bring' ihm die Botſchaft, daß die In⸗Bauern ihm anbieten, Alles, was ſie haben— ihr Vieh und Fourage, ihr Geld und ihre Söhne. Da heißt mich dann vor dem alten Herrn einen Lügner, wenn ihr's wagt!— Das wollt ich euch ſagen.“ Und ſein Auge ging mit einem finſtern, entſchloſſenen Blick lang⸗ ſam von dem einen zum andern der verdutzten Hörer. Eine Weile blieb noch Alles ſtill, ſo übernommen und beſtürzt waren die Hörer von den ſchwerwiegenden Wor⸗ 11½ „* 172 ten, welche die meiſten grade von Rolof am wenigſten erwartet hatten. Dann aber ſtand der Prediger auf, trat zu dem Alten hinan, und indem er ihm die Hand kräftig ſchüttelte, ſagte er:„Ihr habt einen kühnen und kecken Griff gethan, Werdenhagen, allein in ſolcher Zeit, wie die unſre, muß man nicht zagen und feiern. Der Herr unſer Gott wird mit Euch ſein und mit Eurem Unter⸗ nehmen; denn er ſegnet die Treue.“ Man hatte ihn ausreden laſſen, obgleich einige der Bauern zuſammengetreten waren und leiſe mit einander anſcheinend zornige Worte wechſelten; aber nun brach es faſt von allen Seiten los und ein Sturm von Vor⸗ würfen, Anklagen und Drohungen wandte ſich gegen den Buſchbauer. „Ihr thut Unrecht, Herr Magiſter, dem alten Blut⸗ hund da noch gute Worte zu geben!“ ſchrie der Eine.— „Das iſt nichts als Lüge und Heuchelei!“ riefen andere Stimmen.„Der gegen die Franzoſen, der ihr beſter Freund iſt? der ihnen Alles verhandelt— die ge⸗ ſtohlenen Pferde!— Das iſt eine ſchuftige Rache gegen uns, die wir mit dem alten blutigen Sünder nichts zu thun haben wollen! Erſt will er die Wälſchen gegen uns aufhetzen und dann hinterdrein ſagen: So ſind die, und ſo bin ich!— Unſre Jungen da hinaus zu ſchicken, daß ſie uns erſt recht das Elend auf den Hals ziehen!“ 173 So rief und ſchrie und brüllte es wild durch einan⸗ der, bis der Prediger, nach einigen vergeblichen Ver⸗ ſuchen, ſich Gehör zu verſchaffen, endlich dennoch durch⸗ drang und mit lauter, entſchloſſener, drohender Stimme rief:„Noch einmal, ſtill, ſage ich!— Ich ſchäme mich einer ſolchen Gemeinde, die ſchreit und läſtert, ärger als die Heiden! Seid ihr wahnſinnig worden? Seid ihr ſo verſunken und verſtockt im feigen Eigennutz, daß ihr drüber Ehre, Pflicht und Treue vergeßt? Mag der Mann hier gethan und zu verantworten haben, was er will— hier beſteht er zu Recht, und ich ſtehe zu ihm ſo gut wie Jeder, der Gott und ſein Vaterland im Herzen hat! Er meint es ehrlicher mit ſeinem Lande und Fürſten als tauſend Andere, die ihren Patriotismus immer rühmend auf der Zunge haben.“ „Das iſt's eben, was wir nicht glauben,“ rief der Schulz.„Wir wiſſen nur von dem alten Sünder, daß er es mehr mit den Wälſchen hält, als irgend ein An⸗ derer. Und wenn's wahr iſt, was man ſagt— daß er ſchmuggelt— nun gut doch, ſo betrügt er eben nach allen Seiten! Mag er's übrigens, nur uns ſoll er nicht ſo kommen. Das leiden wir nicht!“ „Nein, das leiden wir nicht!“ grollte es von der übrigen Menge her, die zuſammengedrängt ſtand, und wüthende Blicke richteten ſich auf Rolof, in deſſen brau⸗ 174 nem Geſicht aber nichts Anderes zu leſen war, als bittere Verachtung über die Armſeligkeit, welche dieſe Männer umher offenbarten. Nur zwei oder drei waren zu ihm getreten und hielten ſich ſtill. „Und wißt ihr klugen Leute, die ihr ſo fromm thut und ſo tief in der Sünde ſteckt,“ ſprach der Predi⸗ ger heftig,„wißt ihr, daß der Mann hier, den ihr ſo⸗ lieblos verdammt und verdächtigt, ſeit drei Jahren, ſo lange wir unter die Fremdherrſchaft gezwungen waren, den geſammten Verdienſt—“ „Herr Magiſter!“ rief Rolof, deſſen Wangen plötz⸗ lich roth wurden. „Laßt mich ausreden, Werdenhagen! Die böſen Menſchen verdienen es nicht anders, und Ihr habt Euer Thun nicht zu verbergen, noch Euch deſſelben zu ſchä⸗ men! Wißt ihr klugen Leute, daß Werdenhagen den ge⸗ ſammten Verdienſt des Schmuggels regelmäßig unſerm geliebten alten Landesherrn zukommen ließ und dabei ge⸗ meldet hat: das brächten ihm die treuen In⸗Bauern, die von keinem andern Herrn wüßten als von ihm, und ihn bäten, daß er ihrer treulich gedenken möge?— Wißt ihr das?“ Die Männer umher ſahen ſich überraſcht an, und erſt nach einer Weile ſagte der Bauer, welcher zum Be⸗ ginn dieſer Unterhandlung ein paarmal geredet, indem — 175 er den düſtern Blick bald zu Rolof, bald zum Geiſtlichen wandte:„Das iſt eben nur ein neuer Schabernack! Weßhalb ſagt er uns das nicht? Wer hat ihm erlaubt für uns und in unſerm Namen zu reden?“ Und da der Pfarrer ſich mit unwilliger Geberde abwandte, fuhr der Sprecher fort:„Oder es iſt eine neue Lüge; denn ich bleib⸗ dabei, der da“— und er ſchüttelte die Fauſt gegen Ro⸗ lof, was dieſer mit einem noch verächtlichern Lächeln be⸗ antwortete—„der da betrügt uns Alle! Nun thut er freilich noch ſanft und glatt, allein die Krallen werden ſchon zum Vorſchein kommen, wenn's ihm Zeit dünkt. Wir wiſſen's recht gut, daß der Heuchler da bei den Wälſchen, wie ihr ſie heißt, einen Sohn hat, der gar Offizier iſt! Iſt das—“ Rolof war bei den letzten Worten ſo heftig zuſam⸗ mengefahren, als treffe ihn ein furchtbarer, unvermuthe⸗ ter Schlag.„Was kläfft der Hund?“ ſchrie er jetzt, ei⸗ nen Schritt vorſpringend.„Wen hab' ich bei den Wäl⸗ ſchen und was iſt er?“ „Thut nur nicht ſo unſchuldsvoll!“ höhnte der An⸗ dere.„Ich rede deutſch, denk ich, und auch laut genug. Leugnet es, was alle Welt weiß, daß der fortgejagte— ſo hieß es ja wohl?— Franz jetzt wieder lieb' Kind bei Euch iſt und bisher in St. Offizier bei den Reitern war!“ „Teufel— ſprich deutlich!“ ſchrie der Bauer, der 176 leichenblaß geworden.„Wer iſt in St.? Wer iſt bei den Reitern? Wer iſt Offizier beim Feind?“ „Euer Sohn, der Lumpenfranz! Wir haben ſonſt faſt gemeint, Ihr habet den auch aus der Welt geſchafft. Nun das war falſch, er iſt wieder da. Hört's tauſendmal! thut tauſendmal ſo unſchuldig! wir glauben Euch doch nicht! Und der, Nachbarn,“ ſetzte der Finſtere giftig la⸗ chend hinzu,„der will uns meiſtern, uns auf's Glatteis führen und betrügen! Oh— die In⸗Bauern ſind Dir doch zu klug, Du Schleicher!“ Rolof hatte ſich nach dem vorigen Ausbruch mit der Hand auf den Tiſch gelehnt, als brauche er einen palt für ſeinen heftig erſchütterten ſchwankenden Körper. Wie am Abend zuvor, bei der Erzählung des Knechtes vom wandelnden Kopf, zeigten auch jetzt die Züge ſeines Ge⸗ ſichts eine fahle Bläſe und waren in dem Ausdruck, den ſie bei ſeinen letzten heftigen Worten angenommen, wie erſtarrt. Von der folgenden Rede ſeines Feindes ſchien er nichts vernommen zu haben, und eben ſo wenig von den drohenden oder höhniſchen Aeußerungen zu hören, die jetzt ringsum laut wurden. Erſt als jetzt der Prediger zu ihm trat und ihm ſanft die Hand auf die Schulter legte, zuckte er zuſammen und auf, als erwache er aus einem ſchweren Traume, und ſah den Geiſtlichen, aber noch mit halb ab⸗ weſendem Blick an. 177 „Verliert den Muth nicht, Werdenhagen,“ ſprach der wohlgeſinnte, freundliche Mann.„Wenn ſich das be⸗ ſtätigt, was der Finkenbauer eben ſagte, ſo iſt es ein ſchwe⸗ rer Schlag für Euch— wie wenig Väter ihn von unge⸗ rathenen Söhnen herber empfangen haben mögen. Aber verzagt nicht, Gott wird Euch auch hier die rechten Wege finden laſſen, wie es bisher dem ungerathenen Menſchen gegenüber der Fall war. Euch kann daraus kein Vorwurf Pfaͤrrer dieſer Gemeinde, der da weiß, wie Ihr den Ungehorſam und die Laſter des Burſchen mit Langmuth und Geduld trugt ſo lange wie möglich, und der jetzt, wie jeder Vernünftige, aus Eurem Wghen erkennt, daß Ihr von dieſem neuen charakterloſen Streich bisher nichts wußtet. Tröſtet Euch alſo und kommt mit, wir wollen überlegen—“ Ein draußen heran jagender Reiter, der heftig nach dem Buſchbauer fragte, unterbrach die wohlwollenden Worte.„Kommt hinaus, Werdenhagen,“ fuhr der Geiſtli⸗ che daher raſch fort.„Hier ſind wir doch nichts nütz, wie es ſcheint. Wir müſſen den Leuten Zeit laſſen, ſelbſt ihre Vernunft wieder zu finden.— Ich werde Euch Euren Enkel hinein ſchicken, Vater Bohnenberg— Ihr wollt doch auch nach Hauſe?— Komimt, Rolof!— Gott ſei mit euch, Leute!“ Und damit ſchritt er unter dem finſtern Schwei⸗ gen der Andern aus dem Gemach. Rolof folgte ihm ſchwankenden Ganges. Ein paar Männer folgten ihnen. 178 Bevor ſie draußen dem Reiter, in dem ſie den Hans, den Knecht vom Buſchhof, erkannten, der mit Georg ein paar haſtige Worte wechſelte, ſich völlig hatten nahen können, erhob ſich plötzlich zwiſchen einigen jetzt auf der Dorfgaſſe verſammelten Weibern und Mädchen das jähe Geſchrei:„Seht dahin! Um Gotteswillen! Das iſt auf dem Buſchhof!“ Und als die Männer ſchnell ihre Blicke dem Walde zuwandten, ſahen ſie eine dichte und ſchwere Rauchſäule ſich über die ſchwarzen Wipfel erheben. Zu⸗ gleich fielen in jener Richtung ein paar Schüſſe. „Sitzt auf, Herr, ſitzt auf!“ ſchrie Hans, das Pferd an Rolof's Seite hinantreibend.„Ha, die Hunde!— Es ſind ein halbes Dutzend Feinde beim Hof,“ ſetzte er athemlos hinzu.„Weiß der Teufel, wie ſie hingekommen! Detlof hat aber das Thor verſperrt, und ich brachte an zwanzig Mann von Dreſow und Wiesnitz mit— die gin⸗ gen ihnen gleich zu Leibe!— Sie werden aber einen Stall angezündet haben!“ „Fort!“ rief der Geiſtliche drängend dem noch im⸗ mer ſchweigend neben ihm ſtehenden Bauer zu.„Zu Pferd und fort! Der Feind iſt da, Werdenhagen! Nun gilt's!— Ich bringe Hülfe— ſie müſſen löſchen helfen!“ Der Bauer ſah ihn einen Augenblick mit finſterem Lächeln an; dann murmelte er etwas, das an einen Fluch gemahnte, zwiſchen den Zähnen, riß dem Knecht 179 den Zügel aus der Hand, ſchwang ſich in den Sattel und jagte davon— Alles, ohne ein einziges lautes Wort. Aus der Thür des Wirthshauſes kamen die übrigen Männer, welche den Schrei und die raſche Meldung gleichfalls durch das geöffnete Fenſter vernommen, jetzt eilig hervor. Für manche bedurfte es nicht erſt der mah⸗ nenden Worte des Geiſtlichen, um in dieſer Gefahr und für den Augenblick der perſönlichen Mißſtimmung gegen den Nachbar zu vergeſſen. Sie wußten, daß man in ſolchen Fällen zuerſt an Hülfe denken muß, wie auch Ro⸗ lof es bei jeder Kalamität des Einzelnen wie des ganzen Dorfes gethan. Es kam dazu, daß noch Viele außer de⸗ nen, die Rolof gleich gefolgt, nur durch die zwei oder drei wirklichen alten Feinde des Buſchbauern gegen dieſen aufgehetzt waren, ohne eigentlich und perſönlich etwas gegen ihn zu haben. Auch hatten ſie ſeine und des Geiſt⸗ lichen wackern Worte wirklich getroffen und erſchüttert, und als jetzt auch von den in den Buſch gezogenen jungen Leuten die Nachricht anlangte, daß weder ſie noch die aufgefundenen Jägerburſchen etwas vom Feinde ent⸗ decken könnten— er ſcheine ſich ſeitwärts gewendet zu ha⸗ ben— da waren bald zehn oder zwölf Männer mit Feuereimern und großen Haken auf dem Wege zum Buſchhof. „Wiſſen Sie, Herr Magiſter,“ flüſterte Hans dem Geiſtlichen zu, bevor er den Andern folgte,„ich mocht’s nur dem Herrn nicht ſagen, er erfährt es immer noch früh genug— zwiſchen den Buſchkleppern war Einer, der akkurat wie der verlaufene Franz ausſah. Wär's mög⸗ lich, daß der Lump es zum Offizier gebracht, ſo möcht ich ſchwören—“ „Es wird wohl leider Gott's richtig ſein!“ unter⸗ brach ihn der brave Pfarrer ſeufzend.„Eile hinaus, mein Sohn! Gott legt Schweres auf Deinen Herrn!— Eile, mein Sohn, und hilf ihm, daß er geduldig und wie ein Chriſt trägt und thut, was ihm auferlegt wird. Gott wolle es gnädig mit den beiden wilden Köpfen da draußen machen!— Ich muß nur noch einmal nach Frau und Töchtern ſehen, dann komm ich zu Euch hinüber!“ Neuntes Capitel. Auf dem Buſchhofe. Als Rolof hinter der Waldecke hervorkam und den Buſchhof erblicken konnte, ſah er eine der beiden Häus⸗ lerwohnungen— Rothen oder Rathen heißen ſie dort zu Lande— abgebrannt und die Flammen aus den bereits 181 zuſammengeſtürzten Trümmern ſchlagen. Der„Burg⸗ ring“ dahinter lag unverändert. Bäume und Gebäude ragten wie ſonſt drüber hervor, und alles Leben hatte ſich auf dem Platze vor dem Hofthore konzentrirt, wo ſich viele Geſtalten durch einander bewegten, die einen lö⸗ ſchend, die andern mit der Beſchirmung der zweiten Hütte beſchäftigt, welche ihr mit Schnee bedecktes Stroh⸗ dach noch unverſehrt emporhob. Allein ſie war der Brandſtelle ſo nahe, daß man auch jetzt noch für ihre Rettung beſorgt ſein konnte. Erſt jetzt, da er das Alles ſo grell und ſcharf vor ſich ſah— die Zerſtörung, das bewegte Leben auf der ſonſt ſo einſamen Stelle— fand Rolof ſich ſelbſt wieder und kam zum Bewußtſein deſſen, was ſich begeben, was ihm zu thun oblag. Er ſchüttelte ſich, als müſſe er ſich auch körperlich aus der Starrheit herausreißen, die ihn bisher umfangen. In Galopp durchmaß er die letzte kleine Strecke und ſprang mitten unter den Löſchenden vom Pferde.„Gott lohn's, Kinder!“ rief er, herzlich dem erſten Begegnenden auf die Schulter klopfend.„Das iſt böſes Werk, doch nicht das ſchlimmſte! Wie iſt's aber mit den ſchuftigen Marodeurs?“ Die Löſchenden waren jedoch noch zu eifrig bei ih⸗ rem Werk, als daß ſie ſich viel um den neuen Ankömm⸗ ling bekümmert hätten. Die in Rolof's Nähe waren, 8 182 ſahen allerdings zu ihm hin— die Einen gleichgültig, die Andern mit ſichtbarer Scheu oder mit Unbehagen— und eilten ihrer Arbeit nach, und Derjenige, den er ge⸗ fragt, ein kecker, friſcher Burſch mit einem gefüllten Feuereimer, maß ihn mit einem ſchier finſtern Blick und verſetzte barſch:„'s braucht keinen Dank! Das Geſindel haben wir zu eignem Pläſir geklopft und das Neſt löſchen wir, weil wir'nmal da ſind. So geht's in Einem hin.“ Er wandte ſich zum Gehen.. „Biſt Du närriſch, Fritz?“ rief ein heraneilender älterer Mann, indem er zugleich Rolof's Hand ergriff und ſchüttelte.„Kennſt Du den Buſchbauer nicht? Was ſoll die Grobheit?“ Und zu Rolof gewendet, fuhr er kopfſchüttelnd fort:„Seht Ihr nun, was ich Euch im⸗ mer geſagt, Werdenhagen? Ihr hättet Euch bei Gott nicht immer ſo zurückhalten ſollen! Nun wiſſen ſie nichts von Euch und daß Ihr unſer Aller Hauptmann ſeid. Manche kennen Euch nicht einmal. Wo ſoll nun das Ver⸗ trauen herkommen?“ Rolof zuckte ungeduldig die Achſeln.„Laßt das gut ſein, Schulz,“ verſetzte er.„Es wird ſchon kommen, we⸗ nigſtens iſt nun nichts mehr d'ran zu ändern. Wie ſteht's aber hier und mit den Feinden?“ „Ja, Ihr könnt Gott danken, daß Hans uns grade beranbrachte, als die Kerle an Eurem Wall da herum⸗ 183 krabbelten, und daß der ſo glatt von Eis iſt und kei⸗ nen hinaufklettern läßt! Sonſt könntet Ihr Euren Hof ſo ſehen wie die Hütte da!— Meine Jungen waren ſchier toll vor Jubel, daß es ſo gleich in den vollen Trouble hineinging. Sie ſchnitten den Buſchkleppern den Rückzug ab, und dann gab's eine kurze Klopferei— es waren ja auch nur acht oder neun Mann und bald ab⸗ gethan. Sie liegen hier oder da, wo ſie gefallen— weiß nicht, wo. Fortgekommen, meinen die Jungen, iſt Kei⸗ ner. Einen Gefangenen bewachen ſie im Stall; ich hab' ihn noch nicht geſehen. Ich ſchickte gleich ein paar Trupps in den Buſch hinein, daß uns nicht mehr ſolch' Volk über den Hals kommt.“ „Habt Ihr Verluſt gehabt?“ fragte Rolof. „Nein— ein paar Ritzen, das iſt Alles!— Die Jungen ließen ihnen nicht Zeit zum Schießen und Hau⸗ en. Sie ſchlagen prachtvoll zu, ſag' ich Euch! Da hält kein wälſcher Kopf!“ „Ja ja! Und einen Gefangenen habt ihr?“ „So iſt's. Es ſoll ein Offizier ſein, ich hab' ihn jedoch, wie geſagt, noch nicht geſehen. Er hat nach dem erſten Schlage noch gezuckt, und da hat ihn mein Fritz nicht vollends todt machen mögen, ſondern ihn in den Stall ziehen laſſen und einen Poſten zu ihm geſtellt. Es wär' immerhin anders beſſer!“ fügte er achſelzuckend 184 hinzu.„Was ſollen wir mit dem dummen Teufel anfan⸗ gen?“ Der Buſchbauer fuhr mit der Hand über die Stirne. „Das findet ſich Alles,“ entgegnete er gedankenvoll. „Wenn ich jetzt nur wüßte, wie das Geſindel hieher ge⸗ funden, und grade hieher! Die Narren und Schelme in Stepnitz haben alſo richtig die Zeit verpaßt; denn es iſt ja gar nicht anders möglich, als daß ſie vom alten Kreuz her durchgebrochen ſind, bevor die Burſchen hin⸗ kamen. Und die ſitzen da jetzt allein im Buſch! Darnach ſollten wir ſehen!“ „Sorgt nicht,“ meinte der Andere— es war der Schulz von Dreſow;„die Moorbacher und die Uebrigen werden ihnen noch genug auf den Ferſen ſein und ſie nicht zu Athem kommen laſſen. Sie müſſen ſich an die rechte Straße halten, ſonſt kommen ſie gar nicht heraus. Aber es geht mir wie Euch— wo kamen dieſe Buſch⸗ klepper her? So viel ich hier vom Walde kenne, halt' ich's ſchier für unmöglich, daß ſie durchfinden, wenn ſie nicht Einer führt, der des Landes kundig iſt. Auch müſſen ſie eine ganz beſondere Abſicht gehabt haben. Denn was wollen ſie hier, wo kein Trupp durch kann? Und da— na ja,“ unterbrach er ſich plötzlich und deutete auf den Hof hinauf, wo ſich eben der Förſter Winrich zeigte,„wenn 8 185 man vom Wolf ſpricht, kommt er! Iſt das nicht Euer Schwager, Werdenhagen? Und der auf Eurem Hof?“ Rolof ſchüttelte den Kopf.„Ihr thut ihm Unrecht,“ beantwortete er die Andeutung des Schulzen.„Der Win⸗ rich iſt wieder gut Freund mit mir. Aber wenn auch nicht— ſolche Streiche, wie Ihr meint, macht er nicht. Seht nach den Leuten, Schulz! Ich will mit ihm reden und einen Augenblick in's Haus. Wir reden nachher weiter.“ Da⸗ mit eilte er, wie denn auch dies ganze Geſpräch trotz ſeines ernſten Inhalts von den beiden Männern in aller Schnelle geführt worden, dem Schwager entgegen. „Es iſt gut, daß ich Dich treffe,“ ſagte Winrich ihm die Hand ſchüttelnd;„ſo kann ich mein Gewerb' aus⸗ richten und gleich wieder fort. Geh' nachher hinein und mache Frieden. Da iſt Holland in Noth. Deine Weibs⸗ leute lamentiren und heulen— die Taglöhnerfrau hat arge Brandwunden, und Dein Detlof einen Streifſchuß am Kopf, daß er ganz duſelig iſt.'s hat aber nichts zu ſagen.“ Und damit fuhr er fort zu erzählen, daß zwei ſeiner Leute den kleinen Trupp Feinde in den Buſch rei⸗ ten ſahen, und daß, während der Eine ihnen vorſichtig folgte, der Andere mit der Nachricht zum Forſthauſe eilte. Er, Winrich, habe ſich gleich ſelbſt mit der Nachricht aufgemacht, da er ſicher angenommen, daß dieſer Zug nur Stepnitz und dem Buſchhof gelten lönne, 26 jedoch 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 186 zu ſpät gekommen. Wie ſich dieſe kleine Zahl hieher ver⸗ loren, wußte auch er nicht. Die große Maſſe des Feindes war ſchon vor Stunden, ſtreng von den Bauernſchaaren verfolgt, auf der großen Straße eilig der Grenze zuge⸗ zogen.„Wir haben alſo nichts zu beſorgen,“ ſchloß der Förſter.„Aber laß' uns aufpaſſen! Schenken thun ſie uns den Dank für dieſe Flucht nicht. Sie kommen wie⸗ der, Rolof!“ „Laß ſie!“ verſetzte der Alte gleichmüthig.„Sie laufen nicht ſo leicht herein, wie hinans. Wir werden ihnen, denk ich, die Straßen verbauen. Und durch den Buſch finden ſie keinen Pfad.“ „Denkſt Du nicht an den Schleicher, den Ruſt?“ fragte der Förſter ernſt.„Du weißt—“ .„Du ſagſt ſo, und der alte Faſelhans, der Soden⸗ berg. Aber immerhin— ſei es ſo. Drüben weiß ich Kei⸗ nen, der die Wege bei uns kennt; der Bruch hält vor dem bischen Froſt nicht. Und hier bei uns gibt’s keinen Verräther.“ „Gibt es keinen, Rolof?“ „Nein, ſie ſind zu feig'!— Einen gäb's vielleicht,“ ſetzte er hinzu, indem er die Brauen feſt zuſammenzog. „Aber der iſt, ſo Gott will, drüben und wird ſich hüten, in meine Nähe zu kommen.“ 187 Der Förſter ſah ihn erwartungsvoll an.„Wen meinſt Du?“ fragte er endlich gedämpft. „Heut' Abend, Winrich! Du ſollſt es freilich hö⸗ ren!— Du kommſt doch heut' Abend?“ .„Ja mit Sack und Pack. Es iſt mir nicht geheuer „am Born“ für das Kind. Um mich möcht's ſonſt immer ſein!— Alſo Gott befohlen ſo lange!“ Die Schwäger ſchieden; während Winrich in den Stall eilte, um den Fuchs zu ſatteln, ſchritt Rolof endlich dem Hauſe zu, wo er allerdings keine geringe Unruhe fand, und Mühe genug hatte, die jammernden, entſetzten Frauen zu beruhigen; denn ſelbſt die Bäurin hatte den Kopf verloren. Das arme Weib des abgebrannten Tage⸗ löhners lag freilich hart getroffen darnieder und wand ſich in großer Qual; allein gefährlich ſchienen ſeine Wun⸗ den ebenſo wenig zu ſein wie der Schuß, der gleich beim erſten Angriff Detlof's Kopf geſtreift und den Burſchen betäubt umgeworfen. Rolof fand ihn bereits wieder nicht nur bei Sinnen, ſondern auch in voller Ungeduld hinaus⸗ zukommen und ſich den Löſchenden anzuſchließen. Und da die Mutter jetzt den Verband beendet, eilte er alsbald davon. Rolof ſah ihm gedankenvoll nach. Der Junge hatte am heutigen Tage durch ſein erſtes offenes Auftreten mehr Terrain im Innern des Vaters gewonnen, als er 12* 188 ahnte. Der Buſchbauer herrſchte über die Seinen mit eiſernem Willen und war an Widerſtand nicht gewöhnt. Allein, wie es zuweilen zu gehen pflegt, war er mit dem ſtummen und dumpfen Gehorſam, der ihm faſt immer begegnete, ſelber keineswegs zufrieden, da er ihn für eine Art von Feigheit hielt und als ſolche verachtete. Daher hatte ihm denn Detlof's Auftreten am Morgen, ſo ſehr es ihn augenblicklich aufbrachte, förmlich imponirt und einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und was er im Laufe des Tages weiter vom Sohn geſehen, hatte dieſen Eindruck nur verſtärkt. Er ſah den Sohn, den er bisher als heranwachſenden, willenloſen und ſchwächlichen Jun⸗ gen betrachtet, plötzlich als einen Menſchen von Ent⸗ ſchloſſenheit und Kraft vor ſich und— was mehr wog als alles Uebrige zuſammengenommen— er fand ihn, ob⸗ gleich er ihn nie in ſeine Pläne und Unternehmungen eingeweiht, ja ihn kaum jemals eines Wortes gewürdigt hatte, plötzlich in denſelben Geſinnungen, in der Liebe zur Heimat, im Haß gegen die Feinde, die er ſelber hegte. Er macht ſich! dachte der Bauer, dem davoneilenden Sohn nachſchauend. Wollen ſeh'n— vielleicht läßt ſichss thun,— und wenn das wirklich wahr wäre!— Er ballte die Fauſt vor ſich hin, ſchüttelte mit einem düſtern Lä⸗ cheln den Kopf und ging wieder hinaus über den Hof zur Brandſtätte. 189 Der kurze Wintertag neigte ſich ſeinem Ende zu, beſonders da ſich der Himmel mit dichten Wolken bezogen hatte. Es war um vieles milder geworden und die Schnee⸗ flocken fingen an immer größer und dichter zu fallen und die letzten glimmenden Reſte des kleinen Gebäudes vollends zuzudecken. Ueberdies waren jetzt auch die Stepnitzer mit Hans angelangt und keine Gefahr mehr für die an⸗ deren Gebäude zu beſorgen. Die Mannſchaften ruhten daher aus und ſtärkten ſich an den aus dem Hauſe reich⸗ lich herbeigebrachten Lebensmitteln und Getränken, wäh⸗ rend Rolof mit dem Dreſower Schulzen und einigen Andern zur Berathung über das ſchritt, was man nun zunächſt vornehmen ſolle. Das Rechte war bald gefunden. Man wollte ſich genau über Alles unterrichten, was am heutigen Tage gegen den abziehenden Feind ausge⸗ richtet ſei; dann ſollte die Grenze auf das ſchärfſte be⸗ obachtet werden, damit nicht ein unvermutheter Ueberfall dem Lande neues Elend bringe, und endlich ſollte ein treuer Mann an den alten Landesherrn geſchickt werden, um ihm das Geſchehene mitzutheilen und ihn zur Wie⸗ derbeſitznahme der treuen Provinz aufzufordern. Zu die⸗ ſem letzten Werk war, wie wir wiſſen, der Buſchbauer ſelbſt entſchloſſen und erlangte nun von den verſammelten, ihm befreundeten Männern die bereitwilligſte und dank⸗ barſte Zuſtimmung. Auch ein paar Stepnitzer waren 190 herzugetreten und ſtimmten gleichfalls und um ſo williger bei, da ſie in Rolof's Kreiſe ſo bekannte und gewichtige Männer ſahen, wie den Rodenbauer von Wiesnitz und den Dreſower Schulzen. So gingen ſie nun einig und guten Muths aus einander und an die Jedem obliegenden Geſchäfte, und der Schulz rief dem wieder dem Hauſe zuſchreitenden Rolof noch nach:„Den Gefangenen können wir wohl hier laſ⸗ ſen, Werdenhagen. Was ſollen wir mit ihm anfangen?“ „Will nach ihm ſehen,“ verſetzte Rolof ruhig. „Wenn's ein Offizier und ſeine Nachrichten was werth ſind, nehme ich ihn mit zum alten Herrn. Sonſt macht man nicht viel Federleſens, denk' ich. Frei darf er nicht laufen.“ „Habt recht! Sei's ſo!“ erwiederte der Andere wei⸗ tergehend.„Ich will heut' Nacht ein paar Burſche hier laſſen.“ Hans, der neben ſeinem Herrn ſtand, war bei der Nachricht von einem gefangenen Offizier zuſammenge⸗ fahren. „Was!“ rief er nun,„ein Gefangener und ein Offi⸗ zier? Wo ſteckt denn der?“ „Im Stall,“ entgegnete Rolof gleichgültig.„Geh' hinein und hol eine Laterne; ich will nach ihm ſehen. Du kannſt mitkommen.“ 2 — 191 Der Knecht— es war ein ſtattlicher Menſch, und wenn man ihn genau anſah, mochte man in ſeinem Geſicht eini⸗ ge Aehnlichkeit mit dem Buſchbauer ſ elber finden— eilte dem Hauſe zu und kehrte bald mit der Leuchte zurück, worauf denn Beide dem Pferdeſtall zugingen. Es war dort neben den Ständen eine kleine abgetheilte Kammer, in der für gewöhnlich ein Knecht des Hauſes ſchlafen mußte. Ein ganz kleines Fenſter verlieh ihr Licht, und eine ſchmale Thür bildete den einzigen Ausgang in den Stall, ſo daß in dem feſten Raume ein Gefangener allerdings beſſer ver⸗ wahrt werden konnte, als auf irgend einer andern Stelle der überall zugänglichen, wenig ſicheren Gebäude. Denn von einem ängſtlichen Abſperren und Verſchließen iſt in dieſen Gegenden auf dem Lande und in den Dörfern ſelbſt heutigen Tages wenig oder gar nicht die Rede, und dazumal gab es auf einem Hofe, wie der Rolofs, vielleicht nicht eine einzige Thür außer der zum Kornboden, welche jemals wirk⸗ lich verſchloſſen wurde. An den meiſten waren nicht einmal Schlöſſer, und auch dieſe Kammerthür konnte allenfalls nur durch einen hölzernen Pflock von draußen zugeſperrt werden. Daher hatte man dem Gefangenen denn auch ei⸗ nen Poſten zugegeben. Als der Buſchbauer mit ſeinem Knechte jetzt im Stall und vor der Thür ſtand, hörten ſie die Wache drin⸗ nen eben barſch ſagen:„Hör', Du Lump, wenn Du nicht 192 ganz ruhig biſt, geb' ich Dir noch eins auf den Kopf! Und grade, weil Du ein Landeskind ſein willſt und gut deutſch reden kannſt, thu' ich's mit allem Pläſir. Was haſt Du Lump denn bei den Wälſchen zu ſtecken?— Waſſer, ja, wo ſoll ich Waſſer herkriegen!— Und helfen thut's Dir auch nichts mehr. Du wirſt doch gehängt.“ Da nahm Rolof die Laterne aus ſeines Begleiters Hand, öffnete die Thür und trat in den engen Raum, wo der Poſten, ein derber Burſch, auf der kleinen Futter⸗ kiſte ſaß, während auf dem Bett der Gefangene lag, eine Geſtalt in franzöſiſcher Huſaren⸗Uniform, deren Abzeichen und Verzierungen ihren Träger allerdings als Offizier kennzeichneten. Sein Kopf war entblößt und zeigte theil⸗ weiſe von Blut zuſammengeklebte blonde Haare; Füße und Hände hatte man ihm gebunden, und er lag jetzt un⸗ beweglich und hatte ein paar dunkle Augen ſtarr auf die Eintretenden gerichtet. „Na, wie ſieht's hier aus!“ fragte Rolof eintretend, indem er den Gefangenen, von deſſen Geſicht im Dunkel des Hintergrundes noch nichts zu erkennen war, nur mit einem flüchtigen Blick ſtreifte und ſein Auge dann freund⸗ lich zu dem Wächter wendete.„Ah, Du biſt's, Chriſtian! Biſt Du ungeduldig?“ „Na, Buſchbauer, mir däucht, daß man wohl nach grade einmal nach uns hätte ſehen können,“ erwiederte der 193 Burſche verdrießlich.„Sitz' da ſeit einer kleinen Ewigkeit mit dem Lumpen und weiß nichts mit ihm anzufangen. Er ſchwatzt und bittet immer von Loslaſſen, und zu trinken will er auch haben! Aber wie kann ich ihn allein laſſen?“ Rolof lächelte.„Nun, ich meine, ihr habt ihn doch gut verſichert,“ verſetzte er.„Weglaufen wird er nicht. Geh' nur in Gottes Namen zu Deinen Leuten, Junge, und ſtärke Dich. Hol' Waſſer, Hans, man muß auch dem Feind gegenüber chriſtlich bleiben! Ich will unterdeß ſchon auf⸗ paſſen. Nachher bringen wir ihn in's Haus und wollen weiter ſehen.“ Damit leuchtete er den Beiden aus der Thür durch den jetzt ganz finſtern Stall, kehrte dann in die Kammer zurück und trat nun enrlich an das Lager des Gefangenen, der auch jetzt keinen Laut von ſich gab, ſon⸗ dern den Alten nur mit jenen, ſchon erwähnten, dunklen Augen und einem, für einen Menſchen in dieſer Lage, allerdings höchſt auffälligen, halb höhniſchen, halb wohl⸗ gefälligen Lächeln anſtarrte. Der Bauer fuhr vor dieſem Blick und dieſem Lächeln ſo heftig zurück, daß es faſt ſchien, als müſſe er rücküber⸗ ſtürzen; aber dann beugte er ſich wieder vor nnd leuchtete mit der Laterne hin auf den Gefangenen, und richtete ſich hoch auf und rhob mit einer krampfhaften Bewegung die geballte Fauſt, als wolle er ſie im nächſten Augenblick auf das blutige Haupt hinabſchmettern, und ſchrie:„Iſt's 194 Teufelsblendung, oder biſt Du's ſelber, Schuft, Schurke, ſchlechter Kerl? Sag' nein, daß ich keinen Mord an Dir zu begeh'n brauche!“ „Und das wär' Euch ſo was extra Neues!“ ſagte der Gefangene, in dem Rolof ſeinen entlaufenen älteſten Sohn erkannt hatte, mit heiſerer Stimme, aber mit voll⸗ ſtem, bitterſtem Hohn.„O lieber Gott, was ſeid Ihr für ein Unſchuldsengel!— Aber, wir wollen lieber davon nicht reden, wenigſtens jetzt nicht. Alſo ich bin einmal wieder da und hoffentlich willkommen. Bindet mich los, Herr Vater, daß ich meine Glieder fühle! Dann wollen wir weiter reden— es wird ſich Alles ganz gut machen, trotz dieſes dummen Intermezzos. Rührt Euch, Herr Vater!“ Aber Rolof regte ſich nicht. Die erhobene Fauſt war ſchlaff herabgefallen, ſonſt bewegte ſich nichts an ihm, und er ſtand vor dem Lager des frechen Menſchen, der ihn Vater nennen durfte, und hörte die Worte, und ſah das von Hohn durchzitterte Geſicht; er athmete nur einmal tief auf und murmelte:„Alſo der Finkenbauer log nicht!“ und ſo ſtand er und ließ neue, halb bittende, halb drohende Worte des Gefangenen unbeachtet an ſich vorübergehen, bis nach einigen Augenblicken Hans mit einem Topf voll Waſſer hereintrat. Den Knecht packte er mit der Fauſt am Arm und zog ihn heran, und hob mit der andern Hand die Laterne hoch, daß ihr volles Licht auf die jetzt zürnen⸗ 195 den Züge des Liegenden fiel, und mit einem Ruck des Kopfes dahin deutend, knirſchte er:„Sag’ Du mir, wer das iſt, Hans! Ich weiß nicht, ob ich den Teufel ſehen oder—“ Hans ſchüttelte ſich.„Ich hab's mir ſchon heut' Mittag gedacht, als ich ihn zuerſt zu ſehen kriegte,“ ſprach er faſt flüſternd.„Ich mocht's nur Euch nicht ſagen! Aber dem Herrn Magiſter hab' ich's kund gethan.“ Der Alte ſah ihn während dieſer Worte mit einem abweſenden Blick an. Endlich ſchüttelte auch er ſich und ſagte mit ſeltſam weichem Ton:„Gib ihm zu trinken, mein Sohn, und dann geh' hinaus und ſorge dafür, daß wir hier nicht geſtört werden und daß auch Keiner in den Stall kommt. Es erfährt Niemand, wer der da iſt und daß ich bei ihm.“ Der Knecht nickte, gehorchte dem Befehl und verließ die Kammer, während Rolof ſich zur Futterkiſte gewendet hatte und ſich dort niederließ. Auch als Vater und Sohn allein waren, blieb er dort noch eine Weile ſchweigend ſit⸗ zen; der Gefangene regte ſich gleichfalls nicht— er ſah zu dem Alten mit einem, man hätte ſagen können, bedenk⸗ lichen Blick hinüber. Der Hohn war aus ſeinen wieder bleicher gewordenen Zügen verſchwunden. Es war ſtill umher. Endlich ſtand der Alte auf, ſetzte die Laterne auf die 196 Kiſte, ging zum Bett und löſte die Stricke, mit denen die Hände und Füße des Verwundeten zuſammgeſchnürt wa⸗ ren, und erſt, während er zu ſeinem vorigen Platz zurück⸗ kehrte und im Niederſetzen aus der Ecke eine dort lehnende eiſerne Heugabel hervorlangte, ſprach er zum erſtenmal zu dem ſich ſtreckenden und bewegenden Sohn wieder in dem gewohnten kalten und harten Ton:„Rühr' Dich, ſo viel Du willſt. Stehſt Du aber vom Bett auf, ſo ſchlag' ich Dich nieder— ſo wahr ich der Rolof bin.“ Er ließ die Gabel auf das Steinpflaſter der Kammer klirrend auf⸗ ſchlagen und ſetzte dann hinzu:„Das merke. Nun wollen wir reden.“ 2 „Ein ſchöner Empfang eigentlich— wer kann ihn anders nennen?“ ſagte der Sohn und ſcheuerte, auf dem Bette ſitzend, die ſchmerzenden Fußgelenke.„Von dem gemäſteten Kalbe ſah ich nichts bisher— nun, es wird aber ſchon noch kommen!“ Rolof nahm von den höhniſchen Worten gar keine Notiz. Nachdem er einen Augenblick ſinnend vor ſich hin⸗ geſehen, richtete er das finſtere Auge zum Sohn hinüber und fragte:„Iſt das Flittergezeug auf Deinem Leibe nur eine Maskerade, oder iſt es was Wahres und dienſt Du bei den Wälſchen wirklich?“ Franz ſah verwundert auf.„Weßhalb ſollt' ich mich zum Narren machen? Ich diene bei der großen Armee ſeit 3 197 fünf Jahren und habe mir in Catalonien unter dem gro⸗ ßen Suchet die Epauletts ehrlich verdient.“ „Iſt's auch wahr?“ fragte der Bauer wieder, und in ſeiner Stimme lag jetzt ein tiefer bitterer Hohn.„Ich weiß noch, als der ſchöne Herr mein Korngeld in St. ver⸗ putzt hatte, in Herrenkleidern nach D. fuhr und als Herr Baron auftrat! Hm?“ „Ein Knabenſtreich— aber ein guter Streich!“ lachte der Sohn frech.„Wie die hochgeborenen, ſteifen Herren artig wurden und gelenk und gefügig wie Regen⸗ würmer, als der Bauernſohn mit dem Gelde um ſich warf und von ſeinen Gütern redete! Es ergötzt mich noch heute! Und was war's denn eigentlich ſo Großes?“ ſetzte er ach⸗ ſelzuckend hinzu;„der Buſchhof wiegt manches Rittergut auf, und Werdenhagen klingt ebenſogut wie Kunz von Kunzenſtein! Bah, die Zeit wird auch noch kommen, wo wir Säbel und Taſche an den Nagel hängen und den armſeligen, hochnaſigen Geſellen zeigen, was ein Werden⸗ hagen und ein Baron des Kaiſerreichs—“ „Bleib' ſitzen!“ unterbrach ihn der Bauer kalt und ließ die Gabel klirren, da der Sohn im Eifer die Beine vom Bett gehoben und aufſtehen zu wollen ſchien.„Bleib⸗ ſitzen! Du kennſt unſere Uebereinkunft!“ Es mußte in den Worten und dem Weſen des Al⸗ ten auch für den prahlenden, frechen Geſellen noch ein 198 überaus deutlicher und verſtändlicher Wink zur Vorſicht und Mäßigung liegen, denn er zog, wenn auch mit ei⸗ nem murrenden Laut die Beine zurück, und ſagte erſt nach einer Pauſe:„Nun möchte ich aber doch wiſſen, wann dies Poſſenſpiel enden ſoll.“ „Jetzt!“ verſetzte der Bauer finſter.„Der Narren⸗ reden ſind genug gefallen!— Alſo, Du biſt zum vollen Schuft geworden, dienſt dem Feinde Deines Landes, wagſt es in dies Land zurückzukommen und gegen Deine Landsleute aufzutreten, den Hof, wo die Deinen wohnen, wie ein Dieb und Räuber anzufallen? Das iſt freilich 95 ein Weg, wie ihn Unſereiner mit ſeinem ehrlichen Men⸗ ſchenverſtande nicht macht. Aber jeder nach ſeinem Ge⸗ ſchmack!“ „So viel ich weiß,“ erwiederte Franz auf's neue mit höhnender Stimme,„gehört dieſer Landestheil zum Reiche unſeres großen Kaiſers, und nicht wir, die dem neuen Landesherrn gehorchen, ſondern die ſo gegen ſeine Herrſchaft wahnſinniger Weiſe rebelliren, ſind meiner An⸗ ſicht nach die Schufte und Narren. Aber es wird ihnen heimgebracht werden, hoff' ich!“ ſetzte er bitter hinzu. „Zetzt gehen wir, weil es ſo beſtimmt, aber es wird auch die Zeit kommen, wo wir zurückbefohlen werden, und dann wehe dem Bauerngeſindel, welches ſich gegen die Herrſchaft des Adlers aufzulehnen und an ſeinen Federn zu zupfen erfrecht!“ 199 Rolof zuckte die Achſeln.„Na, ich meine, er iſt ſchon gepflückt da hinten in Rußland,“ entgegnete er, „und wir werden’s auch nicht daran fehlen laſſen, das trauen wir uns ſchon noch zu. Aber das wird ſich finden, und darüber red' ich nicht mit Dir. Alſo, Du biſt Offizier bei den Feinden und haſt in St. geſtanden?“ „Ja, in St. ſtand ich; es zog mich doch wieder in meine Heimat zurück, um bei Gelegenheit nach dem Rech⸗ ten zu ſehen. Denn ich geb's zu, daß ich vordem ein Thor war, als ich davonlief. Wir hätten ſchon noch wieder ruhig mit einander leben können, denk ich jetzt, und hoffe das für die Zukunft, denn in ein paar Jahren quittire ich den Dienſt und komme wieder. Dann wollen wir hier ruhig leben.“ Der Bauer zuckte wieder die Achſeln.„Alſo in St. ſtandeſt Du? Und ſeit wann?“ fragte er kalt. „Seit dem Oktober.“ „So, ſeit dem Oktober! Und haſt es über das Herz bringen können, nicht nach dem Buſchhof zu ſehen? Das iſt ja was Großes!“ Das Geſicht des Sohnes nahm einen finſtern Aus⸗ druck an, und ſein Auge weilte mit düſterem Blick auf den ſtarren unbewegten Zügen des Vaters, bevor er zur Antwort gab:„Ich will es Euch nicht bergen, daß mich neben dem Befehl auch mein eigener Wunſch hieher ge⸗ 200 trieben hat. Ich ſagte das ſchon. Ich wollte mein Recht verfolgen gegen— Euch. Denn ich laſſe mir den Hof nicht nehmen; eher bricht Alles zuſammen und mag Alles zum Teufel fahren. Rein brennen will ich mich nicht— ich habe dumme Streiche genug gemacht, wie ich jetzt einſehe. Allein ich war damals jung und bis auf's Blut von Euch gereizt und chikanirt. Und dazu wußte ich von Euch, daß Ihr auch grade kein Engel waret, und daß Ihr mir ſo oder ſo mein Recht ſchmälertet.“ Er hatte lebhaft, ja heftig geſprochen und ſtand jetzt mit einem Ruck plötzlich auf den Füßen neben dem Bett. Rolof ſprang auf.„Vergiſſeſt Du meinen Befehl, Bube?“ rief er, ſeine Waffe erhebend. „Seid kein Thor, ich bin kein Kind!“ verſetzte Franz heftig.„Glaubt Ihr—“ „Nieder, ſag' ich!“ rief der Bauer noch einmal drohend.„Nieder, ſag' ich, oder—!“ Und ſeine Waffe erhebend, trat er ſo jäh auf den Sohn zu, daß dieſer unwillkürlich wieder auf das harte Bett zurückſank. Aber er that's mit geballter Fauſt und giftigem Blick, mit tiefathmender Bruſt, und er gebrauchte eine ganze Weile, bevor er einigermaßen den Grimm bezwungen, der ihn erfüllen mochte. Rolof ließ ihn während dieſer Zeit nicht eine Se⸗ kunde aus den Augen; dann ſagte er bitter:„Ich denke, 201 Du kennſt mich noch, und daß ich Dich kenne!“ ging zu ſeinem Platze zurück und fuhr, ſich niederſetzend, im kalten Tone fort:„Nun weiter!“ Gefaßt und ergeben hatte ſich der Sohn, aber nur vor dem äußeren Zwang; in ſeinen Worten klang noch der volle Trotz, der volle tiefe Grimm.„Treibt es nicht zu weit,“ ſagte er.„Ich könnte ſonſt auch endlich ein⸗ mal die rauhe Seite herauskehren und Euch mit Eurem Maß meſſen. Ich hab's gut mit Euch im Sinne gehabt. Ich bin ſeit vier Monaten faſt hier im Lande und hätte nur ein Wort zu reden brauchen, um Euch und mir zum Recht zu helfen. Allein ich wollte es einmal mit der Güte verſuchen und ließ es gehen. Ich hörte, daß Ihr es mit dem Kaiſer und ſeiner Herrſchaft hieltet, wie ich— ſo ſtimmten wir alſo ſchon in einem Punkt zuſammen. Ich wußte, daß Euch darum zu thun ſein mußte, mit den neuen Behörden gut zu ſtehen und manche alten Ge⸗ ſchichten zu verbergen. Ich hoffte, daß Ihr mich ſchon wieder freundlich aufnehmen würdet, wenn wir uns dem⸗ nächſt begegneten. Ihr konntet von mir in meiner Stel⸗ lung eine reelle Förderung Eurer Intereſſen erhalten und mehr und ſicherer verdienen, als auf jedem andern Wege. Ich ſtehe gut mit dem Kommiſſariat, man hat mich als Landeskind, das überall hier Beſcheid weiß, oft genug zu Rath gezogen. Und endlich— ich bin Soldat und bin's 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 13 * mit Luſt und will mich noch nicht zur Ruhe ſetzen. So mögt Ihr den Hof noch behalten und verwalten. Hab⸗ ſüchtig bin ich nicht; Euren Verdienſt ſollt Ihr haben, damit auch die Geſchwiſter was bekommen. Das wollt' ich Euch Alles ſagen, wenn wir uns einmal am dritten Ort träfen, unter fremden Leuten. Aber das muß ich denn doch bemerken— vorſichtiger müßt Ihr werden und nicht ſo offen gegen das Geſetz verſtoßen. Man weiß, Herr Vater, daß, auf Eure Veranlaſſung wenigſtens, viele verbotene Waaren in’s Land kommen. Es wird ein ſchweres Stück Geld koſten, das wieder zu vertuſchen. Ich will verſuchen, was ſich mit dem General machen läßt— theilen werden wir freilich müſſen; ſolche Herren haben einen weiten Magen. Ich weiß nur noch nicht, wie ich die heutige Affaire darſtellen ſoll! Es iſt damit ein übel Ding— die Franzoſen verſtehen bei ſo etwas keinen Spaß, und die erſchlagenen Huſaren könnten, wenn man nicht vorbaut, ganz Stepnitz den Hals koſten!“ „Und das möchteſt Du verhindern?“ fragte der Alte in einem nicht wohl näher zu bezeichnenden, eigen⸗ thümlich bewegten Ton. „Ich will es wenigſtens verſuchen. Aber, wie geſagt, es wird ſchweres Geld koſten. Ihr müßt herausrücken. Doch die blaue Lade iſt ſicher auch voll genug— oder habt Ihr's verſteckt?“ 203 Ohne wieder von den frechen Worten anſcheinend Notiz zu nehmen, bemerkte der Bauer im vorigen Tone: „Du rechneſt ſo ſehr beſtimmt auf die nächſten Tage— und doch, ich hab' noch nie gehört, daß ein Todter noch viel reden und handeln kann.“ „Ich fühle mich Gott ſei Dank ſehr lebendig!“ ſagte der Sohn lachend. „Wie lange noch, Burſch?“ Franz ſprang vom Bett auf.„Was ſoll das hei⸗ ßen?“ rief er entſetzt.„Ihr werdet mich doch nicht er⸗ morden wollen? Seid verſichert, das würde eine furcht⸗ bare Rache auf Euch herabziehen!“ „Ermorden?“ Es war wieder der ſeltſame Ton, und man konnte noch immer nicht ſagen, ob er mehr bitter war oder mehr traurig; auch hielt Rolof noch fort und fort den Kopf durch die Hand geſtützt, und ſeine Augen blieben mit dem ſtets gleichen ſtarren Blick auf dem Sohne ruhen.„Ermorden? Wer redet davon? Hän⸗ gen thun ſie Dich, weiter nichts. Meinſt Du, ſie werden Dich laufen laſſen, damit Du drüben erzählſt, wo ein paar von den Wälſchen todt geſchlagen worden? Meinſt Du, ſie werden Dich eher laufen laſſen, da ſie wiſſen, daß Du ein Landeskind? Sind ſie ſo dumm?“ „Es würde eine furchtbare Rache werden!“ knirſchte Franz. 13* 204 „Wieſo denn? Weßhalb für uns mehr, als für das ganze Land? Wer würd' es denn wiſſen? Die Tod⸗ ten reden nicht, und unſ're Leute würdens doch nicht ſel⸗ ber ausplaudern? Sind ſie ſo dumm?“ „Ihr müßt mich retten! Ihr dürft das nicht zuge⸗ ben!“ rief der Sohn mit bebender Stimme; ſeine Wan⸗ gen waren bleich und ſeine Augen unheimlich ſtarr auf den Alten gerichtet. „Ich?“ Der Bauer erhob den Kopf und wiegte ihn langſam hin und her.„Ich? Wozu? Weßhalb? Damit Du noch einmal, wie heut, verſuchteſt, das Geld, das Du ſo nicht bekommen kannſt, zu ſtehlen oder mit Gewalt zu nehmen? Damit Du den Hof, den Du ja als Dein Eigenthum betrachteſt, ganz niederbrennſt, wie heut' die arme Hütte? Damit Du mich und die Meinen verra⸗ then und zu Grunde richten möchteſt?— Darum?— Bin ich denn ſo dumm?“ Franz ſetzte ſich mit einem dumpfen Laut auf das Bett zurück. Der Bauer ſtand auf und ging zwei⸗ oder dreimal in dem kleinen Raume hin und her, bis er end⸗ lich vor dem Sohne ſtehen blieb und denſelben mit einem tiefernſten, finſtern Blick eine geraume Zeitlang ſtumm anſchaute.„Es muß im Blut liegen,“ ſagte er endlich mit dumpfer Stimme und leiſem Kopfſchütteln.„ Es wäre ſonſt ſchier nicht möglich, daß ſich ſo viel Schande, ſo viel Schlechtigkeit und Herzenshärtigkeit in einem Men⸗ ſchenkinde vereint fände. Ich hab' mir ſonſt wohl den Vorwurf gemacht, daß ich Dich mit meiner ſündhaften Nachſicht und Schwäche verzogen und verdorben, allein nun, heut', ſeh' ich's nur zu klar, daß auch die Strenge umſonſt geweſen wäre. Bei Dir hilft nichts! Gott weiß, ich hab's gut, viel zu gut mit Dir im Sinn gehabt! Ich hab' noch geſtern, noch heut' daran gedacht, daß Alles recht werden könne, wenn Du Dir einmal die Hörner abgelaufen und als ein vernünftiger Menſch zu⸗ rückkämeſt. Du ſollteſt Deinen redlichen Theil haben an Allem, was ich beſitze, und der Hof ſollte ganz Dein werden, obgleich Du ſo viel Recht auf ihn haſt— wie ich auf die Krone unſeres Landesvaters. Denn, Burſche,“ ſein Blick ward noch düſterer und ſeine Stimme noch dumpfer,„laß Deinen Hochmuth fahren— Du biſt— und ich danke unſ'rem Herrgott dafür!— Du biſt nicht mein Sohn!“ Franz hatte den frühern Schrecken längſt überwun⸗ den und den Worten des Alten mit ſeiner anfänglichen frechen und höhniſchen Ruhe zugehorcht. Nun verzog er den Mund zu einem häßlichen Lächeln und erwiederte: „Wenn das Euer beſter Trumpf iſt, thut's mir leid um Euch! Ich habe das längſt gewußt.“ 4 Rolof ſah ihn ſcharf an.„Lügner!“ ſprach er dann verächtlich,„von wem ſollteſt Du das gehört haben?— Aber wenn's auch wirklich ſo wäre— ſiehſt Du dann 206 nicht um ſo mehr ein, daß Du kein Recht auf den Buſch⸗ hof haſt, kein einziges?“ „Sachte, ſachte!“ warf Franz höhniſch ein.„Ich denke doch! Denn ſo viel ich weiß, bin ich der Sohn des rechten Buſchbauern.“ „Und wenn Du der biſt— haſt Du je gehört, daß ein Baſtard ſeinem Vater in einem ehrlichen Beſitz folgen kann? Ich kenne kein Recht in der Welt, das ſolche Schan⸗ de zuließe.“ „Und doch wolltet Ihr mir den ehrlichen Beſitz ein⸗ räumen!“ war die neue Antwort im alten Tone.„Und doch mußtet Ihr das! Meint Ihr, als wenn ich nicht wüßte, weßhalb Ihr mich für Euren rechten Sohn gelten ließt— wie Ihr's gemacht habt, weiß ich nicht, es iſt aber auch unnöthig!— weßhalb Ihr mich nach Gefallen leben ließet und, wie Ihr ſagt, Eure Strenge gegen mich mäßig⸗ tet? Meint Ihr, ich wüßte nicht, weßhalb Ihr mir den Hof geben müßt? War's nicht das Kaufgeld, mit dem Ihr von Eurem Herrgott Euch Ruhe für Euer Gewiſſen und Verzeihung für Eure Sünde erkaufen wolltet, Ihr greiſer Sünder? Dafür, daß Ihr meinen Vater ermordet und meine Mutter ihm geſtohlen und zu Eurem Weibe gemacht, und mir das ſo lange vorenthalten, was mir von Rechtswegen gebührte! Meint Ihr, als wenn ich das nicht wüßte, und nicht, daß Ihr mir unterthan ſeid, daß Ihr 207 mich jetzt retten müßt? Was bin ich doch für ein Narr geweſen, über Eure dummen Worte vorhin nur einen Au⸗ genblick zu erſchrecken! Wagt's doch, den Sohn zu morden, wie Ihr den Vater gemordet! Es wiſſen, Gott ſei Dank, noch mehr Leute, was Ihr gethan, und daß ich heut' hier geweſen!— Ich bin lange genug nachſichtig geblieben und habe meines Vaters und Eurer That vergeſſen— aber nun iſt's genug, und ich ſchwöre bei allen Teufeln, die Nachſicht hat ein Ende und ich werde Euch ſchon zeigen, wer Euer Herr iſt!“ Der Menſch war aufgeſprungen, und mit geballten Fäuſten vor dem Bauer ſtehend, hatte er ſeine letzten grimmigen Worte hervorgeſtoßen, ohne an die mögliche Wirkung derſelben zu denken. So war er außer ſich, ſo war vor dem Haß und der Rachſucht jede Ueberlegung aus ihm gewichen, und obſchon er den Alten mit einem vor Wuth funkelnden Blick anſtarrte, ſah er doch nichts von dem, was ſich in Rolof's Zügen regte. Der anfäng⸗ lichen, ſichtbar fürchterlichen Erſchütterung war nach und nach eine immer feſtere und ſtarrere Entſchloſſenheit ge⸗ folgt, eine unnatürliche Ruhe, möchte man ſagen, bei ſolchen Worten und Vorwürfen. Und als Franzens Stimme verklang, fühlte er ſich plötzlich erfaßt und mit furchtbarer Gewalt auf das knackende Bett geſtürzt. Sein wüthendes Ringen nützte ihm nichts bei der rieſenhaften Körperkraft des Bauern; im nächſten Augenblick wand ſich ſchon wieder ein feſter Strick um ſeine Handgelenke, im folgenden waren auch ſeine Füße gebunden, und hülf⸗ loſer als ein Kind lag er vor dem Alten da, der jetzt die Arme übereinander ſchlagend, auf ihn herunterſchaute mit düſtern, aber nicht zornigen Augen— es ſchien mehr nur eine Art von dumpfer Trauer in dem Blick zu liegen. Auch ſchien dem Bauer die Bewältigung des jungen kraftvollen Mannes nichts weniger als ſchwer geworden zu ſein, denn ſeine Bruſt hob ſich ruhig wie in der fried⸗ lichſten Stimmung, und auch ſeiner Stimme war keiner⸗ lei Erregung anzumerken, als er jetzt ſagte:„So liege denn wieder da, Du armſeliger Wurm, bis über Dich entſchieden iſt.“ In dieſem Augenblicke wurden draußen vor dem Stall mehrere Stimmen laut und Rolof unterſchied, daß Jemand nach ihm fragte. Er ging langſam zur kleinen Thür, öffnete ſie und rief über den wacheſtehenden Knecht, um zu erfahren, was es gäbe. Die Frau ſchickte nach ihm, da der Prediger ſchon eine Weile da ſei und nach ihm gefragt habe. „Der Prediger?“ ſagte Rolof wie vor ſich hin. „Wie kommt der noch hieher auf den Buſchhof?“ „Herr, ich hab' dem Herrn Magiſter vorhin im Dorf davon geſagt, daß der Offizier vor meinen Augen 209 wie Euer Franz erſchienen wäre,“ bemerkte Hans be⸗ fangen.„Wenn's Euch nicht recht iſt, braucht man ja dem Herrn nichts davon zu ſagen, daß er gefangen wor⸗ den und hier im Stall liegt. Soll ich hinein und melden, daß ich Euch nicht finden könnte?“ Rolof ſchüttelte den Kopf.„Nein— laß es, es iſt gut ſo, ich will doch mit ihm reden,“ ſprach er zerſtreut. Und ſich zuſammennehmend, ſetzte er hinzu:„Komm' mit herein, Hans, Du mußt bei dem Gefangenen bleiben.“ Er ſchritt voran und wieder in die Kammer, bis vor das Bett, wo Franz noch immer tief athmend und mit ge⸗ ſchloſſenen Augen lag. „Ich hatte ihn losgelaſſen,“ redete der Alte ein⸗ tönig,„aber ich mußte ihn wieder binden— es iſt ein wildes Thier und kein Menſch. Du ſtehſt mir mit Dei⸗ nem Leben dafür, Hans, daß ihm Niemand nahe kommt, weder im Guten noch Böſen. Du läſſeſt keinen Andern da herein, als mich, ſelbſt Detlof nicht. Daß Du ihn nicht losläßeſt—“ Der Knecht ſchüttelte mit einem finſtern Lächeln den Kopf.„Das iſt Eure Sache, Herr,“ verſetzte er;„thut, was Euch gut dünkt. Ich bin nie ſein Freund geweſen, wißt Ihr wohl.“ Der Bauer nickte, warf noch einen Blick auf den Liegenden, verließ darauf ſchweigend Kammer und Stall 210 und ſchritt langſam dem Hauſe zu. Vor der Thür blieb er ſtehen, ſah mit einem langen Blick zum Himmel auf, von deſſen grauer Decke ſich mit den dicht fallenden Flocken über die tiefſtillen Fluren ein magiſches, dämmerndes Licht auszubreiten ſchien. Nur hinter dem Wall, bei dem niedergebrannten Gebäude hörte man noch mehrere Stim⸗ men durcheinander reden und toben, und vom fernen Dorf klang das Bellen eines wachſamen Hundes leiſe herüber. Sonſt war Alles todtenſtill und ſelbſt der Wind ruhte. Rolof ging in's Haus. Sehutes Capitel. Alte Sünden. „Sie haben ihn nicht mehr gekannt, meinen Bruder Arnold, Herr Magiſter, und es ſind überhaupt nicht grade allzuviele in Stepnitz von Denen übrig, die dazu⸗ mal ſchon in den Jahren waren, daß ſie ihn anders ken⸗ nen lernten, als mit den Augen allein. Es iſt ja nun ſchon dreiunddreißig Jahre her, daß er— ſtarb, und er war ſchon eine geraume Zeit vorher nicht auf den Um⸗ 211 gang mit jungen Burſchen aus. Denen gönnte er längſt kein Wort mehr, ſondern ſah ſtolz über ſie hin, und Viele waren's auch ſonſt nicht, mit denen er umging. Mit aller Welt Verkehr zu haben, iſt meines Wiſſens auf dem Buſchhofe niemals Mode geweſen, und der Arnold hatte das noch weniger in der Gewohnheit als irgend Einer vor ihm. „Sie haben ihn nicht gekannt, wiederhole ich, und können's nicht wiſſen, was es für ein Menſch war— er hat ſich außer dem Buſchhof und außer„am Born“ auch ſelten recht gezeigt. Er war ein Menſch von ſchmächtigem Körper und blond— kurz, wenn Sie ſich noch des Franz erinnern, dem glich er ganz und gar, und hatte zu den gelben Haaren auch ſo dunkle, braune Augen wie der. Er ſah nach nichts aus, aber im Körper hatte er große Kräfte, und noch ſtärkere und grimmigere hatte er in ſeinem Kopf und Herzen, die oft genug über ſeinen Ver⸗ ſtand Herr wurden und ihn reden und thun ließen, was kein Anderer verſucht hätte, weil er's für Sünde gehalten haben würde und für ſchlecht. Allein der Arnold fragte darnach nicht, wenn's ſeinen eigenen Vortheil, oder auch nur etwas galt, das ihm zufällig als pläſirlich durch den Kopf ging. Es mußte geſagt und gethan werden— da half kein Gott und kein Teufel, und in ſeinen Augen kam er ſelber und ſein Vergnügen ſtets zuerſt und dann immerfort. Daß noch andere Leute außer ihm da ſeien und auch leben wollten— daran hat er, glaub' ich, nie⸗ mals gedacht. „Es war eine arge Zeit, da er noch ein Junge war, doch ſie ward ſchlimmer, je mehr er zu Jahren kam; es war Niemand auf dem Buſchhofe vor ſeinem Uebermuth ſicher und Niemand vor ſeiner Härte und ſeinen wilden Streichen— nicht die Tagelöhner, die Knechte und Mäg⸗ de, nicht meine Schweſter und ich, ſelbſt nicht unſre El⸗ tern. Es war von jung auf ein munterer, kecker, unge⸗ ſtümer Burſch geweſen, wie er Unſereinem als Sohn gefällt, während ich, der ich ein Jahr nach ihm da war, ein ſchwächlich und mürriſch Kind geweſen bin, das den Eltern nichts als Noth machte, und für deſſen Leben man lange Zeit keinen Deut gegeben hätte. So war's denn wohl natürlich, daß ſie ihn dazumal gern hatten und ihm Alles nachſahen und über ſeine Tollheiten und Kindereien lachten, bis es eben keine Kindereien mehr waren und der Burſch ihnen aus den Fingern gewachſen war. Da war's zu ſpät, ſie konnten ihn nicht mehr bän⸗ digen. Mein Vater war ein Ehrenmann, aber er machte ſich gar zu viel aus der Ruhe im Hauſe; ewiger Lärm und Unfriede war ihm ſchrecklich, und er ließ darum nur gar zu oft fünf grade ſein. Und allendlich— es war ihm noch viel ſchrecklicher, wenn's die Leute hätten wiſſen 213 ſollen, daß es bei den Werdenhagen zwiſchen Eltern und Kindern nicht manierlich zuginge. Und die Mutter dachte auch ſo, und Beide vertuſchten, ſo lange es ſich thun ließ, daß der Arnold ein Taugenichts war. Sie begütigten, ſie warfen das Geld mit vollen Händen hin, daß man nur ſchweige von ſeinen Streichen und Gewaltſamkeiten. Und was nützt' es ihnen? Der Burſche änderte ſich nicht, ſondern lachte ſie noch obendrein aus, und wurde immer frecher, und es kam endlich ſo weit, daß die Eltern ſelber vor ihm kaum noch was galten. Er that's und trieb's, als ob er der Herr auf dem Buſchhof ſei. „Zwiſchen ihm und mir war der Hader von Jugend auf im Gange, wir haben uns nicht vertragen können, ſo lange ich nur zu denken weiß. Ich war, wie ich ſchon erwähnte, ein ſchwächlicher Junge, dem jede kühle Luft und jeder Fall und Stoß weh that, und es war ganz natürlich, daß der Arnold mich drum neckte und hänſelte und, weil er nun einmal ſo war, es deſto ärger trieb, jemehr er mich dadurch gepeinigt und verdroſſen ſah. Er ließ es mich redlich fühlen, daß er mir überlegen an Kräften und an Kopf, er ſagte mir hundertmal, was für ein ſchlechter Knecht ich einmal ſein werde, und daß er noch gar nicht wiſſe, ob er mich auch auf dem Hofe be⸗ halte. Dann heulte ich und klagt' es den Eltern; ſie ſchalten ihn, und er prügelte mich und trieb es ärger 214 als je. Und wo ich ging und ſtand, war er mir auf den Ferſen, ſchier als ob er nicht von mir laſſen könnte. Wir waren freilich dazumal die beiden einzigen Jungen unſeres Alters auf dem Buſchhof, und in's Dorf kamen wir wenig, ſo daß wir wohl bei einander bleiben muß⸗ ten, er als Herr, ich als Knecht. „Das währte ſo fort bis in mein zehntes Jahr; da ward ich ſchwer krank, ſo daß Doctor und Apotheker an mir verzweifelten. Allein ich kam doch wieder auf und erholte mich, und es war, als ob mir ein Riegel vom Kopf weggezogen würde, daß er aufſprang für alles Ler⸗ nen und Wiſſen, und zugleich ſchoß es mir in die Glieder hinein, ich war geſund wie ein Fiſch und kriegte Kräfte wie ein Bär, daß ich ſchier nicht wußte, wohin damit. Und ich warf mich auf die Viehwirthſchaft und das Acker⸗ werk, griff überall an, und meinen Alten lachte die Freude über mich aus den Augen. Es iſt kein Anderer da, und ich muß mir wohl ſelber das Zeugniß geben: ich war dazumal ein guter Junge, ehrlich und ohne Falſch und fröhlich, gutmüthig und geduldig, und der Arnold war der Einzige, der mir das Leben ſchwer machte. Denn er trieb's nach wie vor, und ich war damals noch ſo einge⸗ ſchüchtert, daß ich ſtets nachgab. „Ein paarmal, wenn er's gar zu unbarmherzig machte, ſetzte ich mich wohl zur Wehre und ward meiner 215 Kräfte inne. Allein ich traute ihnen doch nicht recht, mir ſchien's gar nicht möglich, daß meinem Bruder ein An⸗ derer überlegen ſein könnte. Dann ging nun das Hänſeln erſt recht an, und das währte wieder ein paar Jahre, bis ich endlich einmal wirklich Ernſt machte, meinen Kräften ihren Lauf ließ und zu meiner großen Verwunderung fand, daß der Arnold in meinen Fingern nichts als ein Rohr, das ich mit einem Druck zerbrechen könnte. Er war außer ſich vor Grimm über dieſe Niederlage, immer und immer fing er wieder an, und endlich ging der tücki⸗ ſche Burſch gar mit dem Meſſer auf mich los.„Arnold,“ bat ich,„um Gotteswillen laß es! Ich will ja Frieden halten! Reiz' mich nicht, ſag' ich Dir! Es gibt ein Un⸗ glück, wenn ich mich wehren muß!“— Aber er ließ es nicht. Er drang auf mich ein, er ſchrie:„Dein Blut muß ich haben, Dein Blut! Von einer ſolchen Kröte ſollt' ich mich meiſtern laſſen? Dein Blut! Dein Blut!“ Und ſo mußte ich mich wohl meines Lebens wehren— denn er ſpaßte nicht!— Ich kriegte ihn unter mir, ich nahm ihm das Meſſer, mit dem er mir den ganzen Arm aufgeriſſen, fort und ſchlug ihn unbarmherzig— ich war ein ruhiger Menſch, aber es gab in mir auch Blutstro⸗ pfen, die man nicht reizen durfte. „Das war im Wald, und ohne daß wirts wußten, hatte der alte Förſter Winrich, des jetzigen Vater, den 216 ganzen Händel mit angeſehen. Nun trat er vor und er⸗ munterte mich zu einer tüchtigen Abſtrafung des tücki⸗ ſchen Geſellen.„Schlag' ihn nur nicht todt,“ ſagt' er, „aber ſonſt thu' Dein Beſtes! Ein ſolcher Hundsfott, der in einer Schlägerei, die er ſelber obendrein angefangen, das Meſſer ziehen kann wie ein wälſcher Bandit, den ſollte man eigentlich todtſchlagen, wie einen tollen Hund. Aber laß ihn nur, er wird's ſich nun ſchon merken, denk ich, denn er hat einen koſtbaren Buckel voll Prügel ge⸗ kriegt.“ „Ich hatte doch von ihm gelaſſen, da Winrich her⸗ zugetreten, und hätt' ich nicht den blutigen Arm gehabt, ſo wär' mir gar nichts anzumerken geweſen, ſo wenig Mühe hatte mir das Alles gemacht. Ich ſage, er war ein Rohr in meiner Hand! Aber Arnold war jämmerlich herunter; an mich getraute er ſich nicht, aber ſeine Blicke vergifteten mich ſchier, und auf die Rede des Förſters ſagte er jetzt tückiſch, das Meſſer ſei meins und ich habe es gegen ihn gebrauchen wollen.„Nichts, nichts!“ ver⸗ ſetzte da der Alte lachend.„Weßhalb hat der Rolof es denn nicht gebraucht? Du biſt ja ein Wickelkind in ſei⸗ ner Hand, Du Schuft!— Hat er ſich vielleicht ſelber den Arm aufgeriſſen mit dem Dings da? Aber ſei nur zufrieden, ich hab' Alles von Anfang an geſehen und will ſchon Deinen Eltern und ſonſt ſagen, wie es iſt, daß 217 Du mir Deinen Bruder nicht verläſterſt und daß ſie endlich merken, was Du für ein ſchlechter Kerl biſt. Das ſag' ich Dir aber, kommſt Du noch einmal zum„Born“ hinüber, ſo hetz' ich Dich mit den Hunden vom Hofe oder ſchlage Dir die falſchen Knochen vollends entzwei. Pfui, Du Bandit! Willſt auf einen Menſchen und Dei⸗ nen Bruder mit dem Meſſer einſtoßen, als hätteſt Du eine Wildſau vor Dir!“ Und damit verließ er uns. „Wir waren bis dahin faſt Tag für Tag„am Born“ geweſen, zumal ich, denn der jetzige Förſter war mein einziger und rechter Spielkamerad, und der Schwe⸗ ſter, der„braunen Magdalene“, wie man ſie hieß, war ich von Herzen gut, ſo lang' ich zu denken wußte, und ſie hielt ſich auch zu mir und mochte vom Arnold nichts wiſſen, da er ihr dazumal zu wild war. Zu jener Zeit zählte mein Bruder achtzehn Jahre und fing ſchon an die Dirnen mit andern Augen anzuſehen und auch die Magdalene, obgleich ſie noch ein pures Kind und kaum vierzehn Jahre alt. Man wußte überdies, daß ſie einmal was Rechtes mitbekäme, und nun ſollte mein Bruder nicht mehr dahin kommen— mit dem alten Winrich war nicht zu ſpaßen!— und am meiſten ärgerte ihn, daß ich einen Vorzug vor ihm haben ſollte. Und den hatte ich freilich„am Born“ auch ſonſt. Denn ich weiß ſelber nicht recht, wieſo, allein der Alte, der im übrigen in ſei⸗ 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 14 218 nem Leben wenig gute Worte ausgetheilt hat und gegen alle Welt und auch die Seinen niemals recht freundlich war, mochte mich von Jugend auf und hatte die Magda⸗ lene und mich ſchon immer ſein Ehepaar geheißen. Und ſeit dem Streit mit meinem Bruder war ich bei ihm noch viel beſſer d'ran. „Ich weiß von den nächſten paar Jahren nicht viel zu ſagen, denn es blieb eben Alles beim Alten. Der Ar⸗ nold gab ſeine Weiſe nicht auf, und wenn es auch nicht wieder zum offenen Kriege zwiſchen uns kam— denn ich hatte eine wahre Angſt, wie eine Ahnung, im Herzen und ging ihm ſtets aus dem Wege!— ſo ward doch auch niemals Friede. Im Dorf hatte er mir überdies Uebles genug nachgeſagt, und ſeine Kumpane, wie der jetzige Schulz und der Finkenbauer, glaubten daran und tru⸗ gen's mir nach. Mit dem jetzigen Förſter gab es auch Zank, da derſelbe zu bemerken glaubte, daß Arnold ſei⸗ ner Schweſter nachſtelle, und ſo gut wie ich und noch Andere wußte, daß der junge Burſch' ſchon den Weibs⸗ leuten nachlief und eine arme Dirne drüben über der Grenze gar unglücklich gemacht habe. Ich brauch' Ihnen nicht erſt zu ſagen, Herr Magiſter, daß ihm das in un⸗ ſern Augen den Reſt gab. Dergleichen iſt noch heutigen Tag's nicht Mode bei uns, und auf dem Buſchhof hat man ſonſt niemals davon gehört. 219 „So ging es fort, und zuletzt hielt ich's nicht mehr aus. Die Eltern redeten zu, der alte Winrich meinte auch, ein paar Jahre in der Ferne möchten mir und Allen nicht ſchaden, der Magdalene war ich ſicher, von ihrer ſelbſt und ihrer Befreundeten wegen, und endlich ich ſelber dachte, beim Arnold und mir werde Ruhe und Ver⸗ ſtand kommen, wenn wir einmal auseinander wären. Kurz, ich zog davon, kam mit einem Schiff nach Mar⸗ ſeille— denn ich trieb mich ſo umher— und lernte dort einen alten Franzoſen kennen, der mich ſo gern hatte, daß er mich ſchier mit Gewalt mit ſich nach Pondichery nahm. Nach zwei Jahren ſtarb er und hinterließ mir eine gute Summe, mit der ich dann zurückkehrte. Denn ich hatte, wie man das ja wohl zu nennen pflegt, Heimweh, und die Alten, die Magdalene, das ganze Land und Volk hier zu Hauſe, zogen an meiner Seele. „Es war anno achtzig, als ich zurückkam, und ich hat's gut getroffen, daß ich die Eltern doch noch zu ſehen kriegte; bald darauf ſtarben ſie Beide ſchnell hinter ein⸗ ander und, wie ich meine, zufriedenen Herzens. Denn es ſchien wirklich, Herr Magiſter, als wär's zwiſchen dem Arnold und mir nicht nur beſſer geworden, ſondern ſolle auch beſſer bleiben. Er war doch menſchlicher, und es war abgemacht, daß ich mich nun nach einem eigenen Hof um⸗ ſehn und dann die Magdalene heimführen ſollte. Es 14* 220 ging; von den Alten kriegte ich was, ich brachte ſelber ein ſchönes Gut mit, und die Magdalene lieferte den Reſt, ſo daß es übergenug reichte zum beſten Bauernhof im Lande. Allein aus der Gegend wollte ich nicht fort, und hier fand ſich nirgends was Geſchicktes. Und dazu kam, daß die Magdalene ſpröde that und immer fremder ward, immer weniger von mir wiſſen wollte. Der alte Winrich machte nichts daraus— er wußte nicht, daß ihm einer von den Seinen ungehorſam ſein könnte. Mir aber war's nicht egal, ſondern betrübte mein Herz, denn ich hatte das Mädchen lieber als je und hielt ſie für die Krone der Welt. Ihr Bruder ſagte mir knirſchend: er glaube, daß der Arnold ſie mir abwendig gemacht. Er könne ſie aber nicht zuſammen treffen, ſonſt wolle er ſchon Einſpruch thun.— Seinem Vater wagte er nichts davon zu ſagen, denn der Alte war in ſolchen Dingen kein Menſch, ſondern ein reißend Thier.— So erfuhr ich's, nachdem wir ſchon auf des Alten Ordre Verſpruch mit einander gehalten, wobei die Magdalene kalt und ſtill geweſen. Aber ich glaubte meinem Schwager doch nicht recht. „Ich konnte mir gar nicht denken, daß dies möglich ſei— für ſo ſchlecht hielt ich das Mädchen nicht, und auch von Arnold konnte ich das nicht glauben, zumal er ja, wie geſagt, freundlicher und manierlicher war als je. Aber, 221 Herr Magiſter, zuletzt wurden meine Augen leider Gott's hell und ich erkannte die Wahrheit. Bald nach der Eltern Tode fing der Bruder wieder an in das alte wüſte Weſen zu verfallen und mir unaufhörlich und auf jede Weiſe in den Weg zu treten. Ich will davon nicht reden. Es war ſchier nicht zu ertragen, allein ich biß die Zähne zuſammen und ertrug es doch— gleichviel was und wie. Der alte Bohnenberg und zumal deſſen Schweſter, bei deren Be⸗ gräbniß ich Sie zuerſt geſehen, Herr Magiſter, die wußten davon und der Alte könnte Ihnen davon erzählen. Und die Beide hörten's auch mit an, als der Arnold mir rund heraus ſagte: An die Magdalene ſolle ich nicht denken, die ſei ſein und wolle von mir nichts wiſſen. Und er frage den Henker nach dem alten Förſter und ſeinem Narren⸗ ſohne. Er wolle die Dirne. Da ſagte ihm der Bohnen⸗ berg, er wiſſe für gewiß, daß des Kohlenhäuslers Tochter bei Wiesnitz von ihm unehrlich gemacht ſei und darauf ſchwöre, daß er ihr die Ehe verſprochen. Und wenn er auch nun noch an die Magdalene denken könne, die doch mit mir verſprochen, ſo ſei er noch ein größerer Schuft, als er, der Bohnenberg, bisher geglaubt. Und er möge ſich in Acht nehmen, die Dirne des Kohlenhäuslers ſei außer ſich und habe geſchworen, wenn er ihr untreu, wolle ſie ſich an ihm rächen, und wenn es ihr das Leben koſten ſolle.— So redete der Bohnenberg; er dachte es noch gut zu machen, er drohte mit dem alten Winrich und mit unſerm damaligen Herrn Paſtor. Er hatte ſelber einen alten Span mit Arnold, denn mein Bruder hatte ſeiner Schwe⸗ ſter, bevor ſie den Finkenbauer heirathete, auch einmal etwas Ungehöriges zugemuthet, und Bohnenberg war drü⸗ ber zugekommen. Allein jetzt war Alles nichts. Der Arnold lachte, höhnte und drohte gegen uns. 3 „Das war am Abend vor Simon und Judä, Herr Magiſter, und zwar im ſelben Jahr, da ich wieder nach Haus gekommen, anno achtzig.“ So erzählte Rolof, der Buſchbauer, dem Prediger, den er, bald nachdem er in's Haus getreten, mit ſich in ſeine Schlafkammer geführt hatte, um ungeſtört ſein Herz ausſchütten zu können. Der Bauer war heftig bewegt ge⸗ weſen; bevor er angefangen, hatte er die Hände gerungen wie in großer Herzensangſt, und der Geiſtliche hatte ihm eine lange Weile zureden müſſen, bis er ſich wieder eini⸗ germaßen gefaßt und dann ſeinen Bericht begonnen. Dann war er nach und nach ruhiger geworden und hatte ununter⸗ brochen bis zu den letzten obigen Worten weiter geſprochen. Da machte er aber eine Pauſe und ließ das Haupt auf die tiefathmende Bruſt ſinken und ſtarrte vor ſich hin. Der Prediger betrachtete den rauhen und jetzt ſo ge⸗ brochenen Mann mit ernſter Theilnahme. Er ſah immer mehr, wie recht er geurtheilt, als er kürzlich Rolof einen 223 ungewöhnlichen Menſchen genannt und ſein Leben für ſchwer gehalten hatte, und er ſprach endlich mit milder Stimme:„Muth, Muth, Freund Rolof! Ein Sünder, der wahrhaft Buße thut, iſt auf dem rechten Wege zur Beſſerung, und Gottes Langmuth und Gunade ſind auch dem ärgſten Verbrecher nicht entzogen, wenn er ſich ihnen demüthigen, bereuenden Herzens anvertraut. Redet weiter, auf daß die alte Sündenlaſt und Qual endlich ſich für Euer Gewiſſen erleichtere.“ Rolof ſchaute auf und den Geiſtlichen noch mit einem halb abweſenden Blick an. Dann nickte er jedoch wie zu⸗ ſtimmend vor ſich hin, fuhr mit der Hand über Augen und Stirn und fing wieder an. „Am folgenden Morgen, eben am Tage Simon und Judä, ging vom Buſchhof Alles fort nach St. zu Markt, und um ſieben Uhr brach auch Arnold auf, zu Fuß, weil das Pferd, das er ſonſt ritt, grade lahmte. Es blieb Niemand zurück, als unſer alter Kuhhirt und ich, denn ich mochte nicht unter Leute; ſo ſaß mir das, was ich am vergangenen Abend gehört, im Kopf— ich konnt's nicht los werden! Und dem Arnold war ich ſeitdem aus dem Wege gegangen, obgleich es mich eigentlich mit den Haaren zu ihm hinzog, daß wir die Sache ein für allemal ausmachten. Aber ich hielt mich— mir ſaß wieder die Angſt in den Gliedern, wie vordem, ich fürchtete ein Zu⸗ 224 ſammentreffen; Arnold ſchonte einmal nichts, und ich war am Ende auch nur ein Menſch!— Und ſo ging ich mei⸗ nen Geſchäften nach, beſorgte Vieh und Pferde, und grü⸗ belte ſo immer vor mich hin, bis ich endlich zu dem Ent⸗ ſchluß kam: Ich wolle nach der Förſterei gehen, wo ich die Magdalene vermuthlich allein treffen werde, und offen mit ihr reden, wie es zwiſchen uns ſtehe. Ich war bitter traurig, Herr Magiſter. Zwingen wollt' ich das Mädchen nicht, und wenn ſie mir geſtände, daß es wirklich zwiſchen ihr und Arnold etwas ſei, ſo wollt' ich meine ſieben Sa⸗ chen zuſammennehmen und in Gottes Namen wieder in die Welt gehen. „Ich ging alſo fort, in den Buſch hinein und langſam weiter, denn die Füße waren mir ſchwer wie Blei, ich konnte ſie kaum heben. Jenſeits der Baumannswieſe, die zum Buſchhof gehört, geht ein alter Waldweg ab, am Tanubenring vorbei nach St., und gleich vorn'an ſteht eine mächtige Buche; Sie werden ſie wohl kennen, das Volk ſagt ja, daß drunter einmal ein Mord geſchehen, und geht nicht gern dort vorbei, und es iſt weit um der größte Baum, den man ſehen kann. Als ich dort auf der Scheide ſtand und mich eben der Förſterei zuwenden wollte, ſah ich unter dem Baume ſich was rühren, und da ich genauer hinblickte, ſprang plötzlich durch den bunt gefärbten Buſch die braune Magdalene an mir vorüber, der Förſterei zu, und vor mir ſtand mein Bruder Arnold und ſchnaubte mich an. 225 „Herr Magiſter, ich weiß nicht, was ich geſagt oder gethan— mein Kopf war ſiedend heiß und mein Herz, 3 meint' ich, ſpränge mitten auseinander. Er hat gedroht, geflucht, er hat auf mich eingeſchlagen, und ich bin dage⸗ ſtanden, wie ſinnlos, bis ich einen harten Schlag über den Kopf gefühlt und ſein Wort gehört:„Ich muß Dein Blut haben! Ihr habt ſie aufgehetzt! Du kommſt nicht lebend aus dem Buſch!“ Da bin ich gleichſam aufgewacht, und ich ſeh' ihn noch vor mir in ſeiner ſchrecklichen Wuth und mit ſeinen ganz rothen Augen, und wie er wieder mit dem Meſſer auf mich eindrang. Und ich hatte Mühe genug ihn zurückzuhalten— und ich ſchrie— ich war wie verzweifelt: „Arnold, Bruder, laß mich gehen!— Geh' hin mit der Dirne!— Thu', was Du willſt, aber laß mich gehen! Ich bin nicht bei mir— es gibt ein Unglück, wenn ich Dir zu Leibe muß!“—„Ja, ich will Dein Blut haben!“ ſchrie er immer von neuem. Und ich dagegen:„Wir ſind mutter⸗ ſeelen allein im Buſch! Arnold, geh' fort, daß auch ich fort kann!“ Und endlich packte ich ihn und ſchleuderte ihn zurück, ſo weit ich's konnte, und dann floh ich den Weg entlang über die Wieſe, dem Buſchhof zu. Denn ich wollte aus dem ſtillen Buſch fort in's Freie, zu Menſchen. Ich fühlte, daß ich nicht mit ihm allein bleiben durfte. „Aber er war mir gleich wieder auf den Ferſen, unſinnig vor Wuth, ſchreiend und tobend. Ich wandte mich 226 und warf ihn wieder zurück und floh weiter, und ſo ging es noch ein paarmal; er ward immer wüthender, und mir ſtieg der Grimm auch nach und nach zu Kopf, ich wußte— das nächſtemal, wo ich ihn faßte, ließe ich ihn nicht wieder ſo ſchnell los. „Als ich bei dem alten Backofen endlich aus dem Buſch ſtürzte, rief mir eine Stimme— es war die unſeres alten Hirten— zu:„Nimm Dich in Acht, Rolof! Halt an, halt an!“— Der Alte konnte meinen Bruder für den Tod nicht leiden, der ihn kürzlich noch hart geſchlagen um nichts, und zu Martini wollte er aus dem Dienſt.„Halt an— halt an!“ rief er nochmals;„er holt Dich ein! Er hat ein Meſſer!“ „Und da ſtand ich, Herr Magiſter, und ſah den Un⸗ ſinnigen auf mich zuſtürzen, und packte ihn, und rang mit ihm— und mit einemmal knallt irgendwo ein Schuß, es ſpritzt mir das heiße Blut in's Geſicht, in die Augen— und ich bin niedergetaumelt mit Arnold zugleich und hab⸗ von nichts mehr gewußt, bis mich der alte Winrich wieder aufgeſchüttelt und mich unter Arnold's Körper herausge⸗ riſſen hat. „Er war uns zu Pferde gefolgt, denn des Kohlen⸗ häuslers Tochter hatte ihn im Walde aufgegriffen, da er nach St. reiten wollte, und hat ihm von ihrer Schande geſagt und daß es mit der Magdalene nicht anders ſein 227 werde. Da iſt er nach Haus gejagt auf dem kürzeſten Wege durch den Wald, und unterwegs hört er unſer Laufen und Schreien und iſt hinterdrein, kommt grade aus dem Buſch, wie wir Beide ringen, ſchlägt in der Wuth auf den Arnold an und ſchießt ihn nieder. Er trug die Flinte immer bei ſich, und überlegen that er nicht viel— diesmal war auch keine Zeit dazu.— So iſt mein Bruder zu Tode gekommen.——— Der Prediger ſaß bleich und ſchweigend. Rolof legte den Kopf in die Hand und regte ſich nicht; erſt nach einer langen Pauſe brach er wieder die Stille. „Ich bin noch für's erſte wie ſinnlos geweſen; ich bin da geſeſſen und habe zugeſehen, wie der Förſter und unſer Hirt darüber redeten, was nun geſchehen müſſe; ſie haben das Unglück ſich Beide nicht grade ſchwer zu Herzen genommen. Sie haben's endlich für das Beſte gehalten, den Todten zu verbrennen; im Backofen war trocken Holz, weit umher war keine lebende Seele— und ſo ſtießen ſie die Leiche hinein und zündeten an. Dann redete Winrich mit mir, was ich thun müſſe, um Alles zu verbergen, und ich mußte endlich denn auch wohl ein⸗ ſehen, daß da nichts mehr zu ändern ſei. Nachdem die erſte Dumpfheit überwunden, fühlt' ich, daß es ſo am beſten ſei; wär' ich auch davon gegangen, der Arnold würde doch nicht lange mehr fortgelebt haben. Sein Thun und Treiben rief zu viel Rache auf. Mir war d'rum frei⸗ lich nicht weniger weh um's Herz. „So haben wir denn, als der Förſter fortgeritten, gethan, was zu thun war, den Platz gereinigt, Aſche und Knochen vergraben, den Ofen, da er erkaltet, wieder voll Holz gepackt und ſo was. Der Bohnenberg iſt drüber zu⸗ gekommen— und er und mein Schwager, der junge Winrich, ſind die Einzigen geweſen, die noch von der That erfahren. Dennoch hat man bald angefangen, mich zu beargwöhnen, als ob ich den Arnold ermordet, und Ihr Herr Vorgänger hat mich ſeiner Zeit einmal hart deßwegen angefaßt. Aber ich mußte eben ſchweigen; ich konnte meinen alten Schwiegervater nicht unglücklich machen vor der Welt. Sein Gewiſſen drückte Den nicht; wohl aber hat's mich gedrückt, und obſchon ich ſelber kein Unrecht gethan, iſt's mir immer geweſen, als ſei ich der rechte Thäter, und das iſt mir nachgegangen, ich habe den Hof nie recht als mein Eigenthum anſehen können, und habe für Arnold, ſo zu ſagen, gethan, was noch möglich war. „Des Kohlenhäuslers Tochter hatte am Abend vorher— ſie ſchweifte eben im Wald umher, denn ſie hatte den Verſtand verloren über meines Bruders Un⸗ treue und ihr Vater hatte ſie aus dem Hauſe gejagt— auch der Magdalene von Arnold's Unrecht gegen ſie er⸗ zählt, und die Letztere das meinem Bruder an jenem 229 Morgen vorgehalten, ſo daß er drob ſo ganz wüthend ward. Die Dirne iſt bei der Geburt ihres Kindes ge⸗ ſtorben— ich hab's im Stillen aufziehen laſſen und nachher auf den Hof genommen; es iſt der Hans, Herr Magiſter, und es iſt ein braver Menſch geworden, der nicht nach ſeinem Vater geartet. Das andere Kind—“ der Bauer ſchüttelte finſter den Kopf—„das iſt leider Gott's noch ärger als ſein Vater. Das iſt der Franz, Herr Magiſter.“ „Aber Mann— Mann! Wie iſt das möglich!“ rief der Geiſtliche beſtürzt. „Es iſt leider Goth's möglich genug,“ gab der Alte kopfſchüttelnd zur Antwort.„Es iſt ſo und nicht aannders. Vor der Welt ging's ſchon, denn Sie wiſſen ja, es war vordem hier zu Lande gar nicht ſo unge⸗ wöhnlich, daß Brautleute ſchon vom Verſpruch an mit einander lebten; ich war oft genug„am Born“ ge⸗ weſen, und wenn man auch glaubte, daß die Magdalene es mit meinem Bruder gehalten, ſo traute man ihr doch ſo was nicht zu, ſeit ſie einmal mit mir verſprochen war, und glaubte auch nicht, daß ich dann noch an ſie gedacht und ihr's vergeben hätte. Ich hab's auch nur gethan, weil ich ſie ſo unmenſchlich lieb gehabt und ſie nicht ganz unglücklich ſehen konnte, und— weils mir 230 war, als könne man ſo wieder einigermaßen gut machen, was man an meinem Bruder verbrochen. „Der Franz hat den Hof haben ſollen; ich hab' den Jungen auf alle Weiſe verzogen, denn ich konnt' ihm nichts zu Leide thun; mir war's immer, als ſähen mich aus ſeinem Geſicht Arnold's Augen an. Sie wiſſen's auch, der Junge hat nie was getaugt und mir nichts als Kum⸗ mer gemacht. Ich mag ſelber dran ſchuld ſein— weß⸗ halb hab' ich ihn nicht härter gehalten?— Es fiel mir ein Stein vom Herzen, als er davonging, ich meinte, in der Welt werde er ſich ſchon die Hörner abſtoßen. Aber es iſt ärger geworden als je. Er hat erfahren, daß er nicht mein, ſondern meines Bruders Sohn iſt— wer weiß, wer ihm das geſteckt!— er glaubt, daß ich ſeinen Vater erſchlagen, er iſt unter die Franzoſen gegangen, wie ja auch Sie heut' Nachmittag gehört, und er hat mit ein paar Geſellen meinen Hof überfallen, ausrauben, anzünden wollen, da ihm der Abmarſch des Korps nicht Zeit ließ, anders gegen mich aufzutreten. Seine Geſellen liegen todt— ihn aber, Herr Magiſter, haben ſie ge⸗ fangen, er liegt in der Stalllammer——“ „Um Gotteswillen!“ rief der Prediger aufſprin⸗ gend.„Er iſt der Gefangene? Und als ich kam, hört' ich die Burſchen davon reden, daß er ein Deutſcher ſei und 231 exemplariſch beſtraft werden müſſe! Ich konnte ſie kaum beſchwichtigen! Was fangen wir an?“ „Ja, was fangen wir an?“ fragte der Bauer dumpf. „Sehen Sie— ich hab' mir das von den Burſchen ge⸗ dacht. Ein ſolcher Schuft und Verräther muß beſtraft werden!— Er iſt grad' wie ſein Vater— von Nachgeben iſt keine Rede. Laſſen wir ihn laufen, ſo haben wir ihn und den Feind auf dem Halſe, denn er kennt die Wege, wie Keiner außer ihm und mir. Und ich ſeh's ein— wir haben uns heut' fortreißen laſſen. Hinaus iſt der Feind gehetzt worden, es iſt ihm auch über den Hals gekommen. Allein, wer hält ihn vom Wiederkommen zurück und ſchützt uns vor ſeiner Rache— denn wenn er will, was können wir viel dagegen thun? Hier im Buſch möcht' es noch gehen, ein paar hundert rüſtige Burſchen könnten da eine halbe Armee aufhalten. Aber im offenen Lande iſt’s nichts! Wir haben ja keine Truppen zur Unterſtützung.— Kann aber der Franz nichts ausplaudern,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„dann ſind die paar Mann fort— man fragt nicht nach ihnen, der Feind bleibt, wo er iſt, und wir haben Ruhe. Und ſehen Sie— er iſt des Arnold Sohn— ich hab' ihn d'rum immer geſchont, ich möcht' ihn auch jetzt laufen laſſen, wenn er mir verſpräche, daß er davon bleiben wollte. Einem ſolchen Menſchen— und wär's mein eigen Kind— kann ich nicht wieder ——— — 232 Gutes thun; er ſoll mir aus den Augen bleiben, ich bin wett mit ihm!— Aber er kommt wieder, Herr Ma⸗ giſter! Dürfen wir ſolch Elend auf das Land laden? Müſſen wir ihn nicht ſicher haben?— Wär' er nicht am beſten— todt?— Und muß ich auch dieſen Tod einſt verantworten?“ 3 „Aber Mann, Mann, um Gotteswillen!“ rief der Prediger wieder und packte Rolof an der Schulter und ſchüttelte ihn.„Beſinnt Euch! Wollt Ihr einen wirk⸗ lichen Mord auf Eure Seele laden?— Kann man denn den unglücklichen Menſchen nicht feſthalten oder zur weitern Verfügung an die alten Behörden abliefern, die jetzt wieder eintreten werden? Wie könnt Ihr gleich an Tod denken!“ „Ja, mein Herz iſt ſchwer!“ ſagte Rolof gepreßt. „Ich will nichts von ihm— meinethalben ſoll er lau⸗ fen!— aber können wir's vor dem Lande verantwor⸗ ten?— Ausliefern— das dürfen wir nicht! Die da oben geben ihn doch frei, und dann hat ihn das Land auf dem Halſe. Und ich kann's auch nicht leiden, daß ein Werdenhagen in ſolchen Ruf komme!— Herr Ma⸗ giſter, ich trage ſchwer an dem Allen! Ich hab' zu beſſern geſucht, wie ich konnte. Ich habe die beiden Knaben er⸗ zogen, ſo gut ſich's für ſie paßte; ich wollte dem Franz den Hof geben. Für meine Kinder bliebe nicht viel außer 233 ihrem Mütterlichen, denn Sie wiſſen's, was ich ſonſt verdient, habe ich Alles in den Hof geſteckt oder unſerm Landesvater zugeſchickt. Aber es hat mir Alles nichts genützt— ich fühle mich nicht frei, obſchon ich doch nichts gethan, als daß ich geſchwiegen. Ich mußt' Ihnen mein Herz ausſchütten, damit ich als ein freier Menſch der kommenden Zeit entgegengehen und ihr gerecht wer⸗ den kann. Ich fühl's— es hat alle Güte auch ihr Ende in ſolcher Zeit! Der Kopf muß allein ſprechen—“ „Ihr ſeid ein braver— unglücklicher Mann, Ro⸗ lof,“ unterbrach ihn der Geiſtliche ernſt.„Ich glaube dem, was Ihr mir vorhin entdeckt. Wir wollen weiter darüber reden— doch heute nicht. Heut' müſſen wir an den unglücklichen Menſchen, den Franz, denken.“ „Herr Magiſter— darf ich ihm den Hof laſſen und mein eigen Fleiſch und Blut um ſolchen— berau⸗ ben?“ „Davon iſt keine Rede, Rolof. Nach hieſigen Ge⸗ ſetzen muß ein ehelicher Sohn den Hof übernehmen, der Franz iſt alſo ausgeſchloſſen und wäre es, wenn ich Euch recht verſtanden, auch ohne den Tod ſeines Vaters ge⸗ weſen, da der alte Winrich ihm ſchwerlich jemals die Tochter zur Frau gegeben hätte.— Nun aber müſſen wir daran denken, ihn zu retten. Sein Tod, Rolof, wäre nach allem Frühern eine wirkliche Sünde für Euch, ſo 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 1 lange Ihr ihn zu retten im Stande ſeid. Ich will mit ihm reden. Laßt mich hinführen.“ Der Bauer erwiederte kein Wort. Stumm erhob er ſich und führte den Geiſtlichen zum Stall hinüber und in die Kammer des Gefangenen. Dann entfernte er ſich mit Hans und ſchritt allein vor der Thüre auf und nie⸗ der, ohne auf den immer dichter fallenden Schnee zu ach⸗ ten. Und ſo blieb's, bis der Prediger nach einer halben Stunde wieder herauskam. Er meinte kopfſchüttelnd, Franz ſei noch der alte Tückebold wie vordem und nichts mit ihm anzufangen. Deſſenungeachtet ſolle Rolof ihn an die alten Behörden abliefern oder laufen laſſen, bevor es zu ſpät ſei. Rolof gab auch diesmal keine Antwort, ſondern nickte nur zuſtimmend, ſuchte dann den Hans auf, hieß ihn einen kleinen Schlitten rüſten, und ging, nachdem er ſich von dem Geiſtlichen mit den Worten verabſchiedet: „Sie haben recht, Herr Magiſter, es muß auch ſo gehen. Ich habe mich reſolvirt. Was auch kommt— ich will's als Strafe für das nehmen, was ich verbrochen. Sie haben recht, ſage ich— der Franz mag frei laufen, und das ſoll das letzte Geſchenk aus ſeinem Vaterhauſe für ihn ſein!“— in die Kammer. Er fand den Gefangenen ſchon vom Geiſtlichen ſeiner Bande wieder entledigt, aber ſtill auf ſeinem Lager ſitzend. Er ſelbſt nahm ſeinen ren, ebenſo kurz zu Franz:„Zieh' Dich um.“ und Pferd durch den Garten an das kleine Wallth Bruder.“ „Der!“ rief der Knecht zurückfahrend. ſchicke Dich.“ aus der Pforte, ſah ihnen noch eine Weile nach, 1 15* frühern Platz ein, und erſt da Hans den Schlitten fer⸗ tig meldete, ſagte er zu dem Knecht:„Hol' von Deinen alten Kleidern!“— und als dieſelben herbeigeſchafft wa⸗ Dann ließ er Hans vorausgehen und Schlitten ren; er ſelbſt folgte mit Franz, den er mit ſeiner eiſernen Fauſt am Handgelenk gefaßt hielt. Und beim Knecht an⸗ gekommen, redete er:„Du fährſt ihn durch den Wald bis zur Grenze, Hans; da läſſeſt Du ihn laufen.— Und Du,“ ſetzte er zu Franz gewendet hinzu,„kehrſt Du zu⸗ rück, ſo iſt Dein Lied geſungen— das weißt Du. Sperrſt Du Dich unterwegs, ſo mag Hans Dir eins auf den Kopf geben— mir gleich! Mein Sohn biſt Du nicht mehr und gehſt mich nichts an. Steig' ein.“— Dann zog er wieder Hans bei Seite und murmelte ihm zu: „Achte auf ihn, aber thu' ihm nichts. Es iſt Dein „Ja, ſei ſtill. Ein andermal hörſt Du mehr. Er braucht das nicht zu wiſſen— verſtehſt Du?— Und nun fort mit euch, und begegnet euch wer, ſo ſage, der Rolof Die Männer ſaßen im Schlitten, Rolof ließ ſie 236 das leichte Gefährt im Dunkel verloren, ſchloß das Thor wieder zu und ging durch den Garten, über den Hof, zum abgebrannten Gebäude, wo ſich einige Burſche, der Ver⸗ abredung mit dem Dreſower Schulzen gemäß, aufhiel⸗ ten und ſich an dem heißen Schutt wärmten. Sie ſahen den plötzlich auftretenden Alten verwundert an, und Ei⸗ ner meinte, ſie hätten gehört, daß der Gefangene ein Landeskind ſei. Der müſſe exemplariſch beſtraft werden. Ob er auch gut bewacht werde? „Ich habe ihn eben über die Grenze geſchickt,“ ver⸗ ſetzte der Alte eintönig.„Denn es war mein Sohn, der verlaufene Franz, den konnte ich nicht an's Meſſer liefern. Aber mein Sohn iſt er auch nicht mehr, und wenn er, was ich faſt fürchte, mit dem Feinde zur Rache wiederkommt— dann iſt er wie ein Anderer. Laßt uns wachſam ſein, Kin⸗ der!— Gute Nacht!“— Er wandte ſich von ihnen. Unter den Burſchen war keiner, der ihn zu ſchelten gewagt. Die rauhen Geſellen ſahen dem Alten eine ganze Zeitlang faſt mitleidig und ſchweigend nach. Elftes Capitrl. In grauen Tagen. Es waren graue, ſchwere Tage, die da kamen, am Himmel und auf Erden. Von droben, aus der grauen Wolkendecke fiel es herab fort und fort mit dichten weißen Flocken und breitete ſich immer höher, immer ſtiller über das Land, über die weiten Felder, über den Wald und die weiten Wieſen und Brüche deſſelben. Dazu war aber der Froſt nicht ſtark, und wenn er auch hinreichte, im offe⸗ nen Lande die Schneemaſſen feſt zu machen und zur brauch⸗ baren Bahn zu geſtalten— um den Buſchhof herum und 4„am Born“, und noch mehr im Buſche ſelbſt war jedes Fortkommen überaus erſchwert, ja faſt unmöglich gemacht; Alles war voll von wäſſerigem Schnee, und wo derſelbe leicht gefroren war, brach die dünne Decke unter dem leich⸗ — teſten Gewicht, der Fußgänger kam nur mühſam aus der Stelle, und den Pferden wurden die Beine wie mit Meſ⸗ ſern zerſchnitten. Das arme Wild im Buſch litt am mei⸗ ſten; es konnte die Lagerplätze, wo es von dem großen Schneefall überraſcht worden, nicht verlaſſen, und der V FFürſter, der mit ſeinen Burſchen täglich ſo weit wie möglich 238 herumſtreifte, meinte ſchier verzweifelnd, wenn's noch acht Tage ſo bleibe, gehe der halbe Wildſtand zu Grunde. Der Förſter weilte mit ſeiner Tochter und der alten Magd ſeit jenem unruhigen Abend auf dem Buſchhofe und hatte, zumal ſeit er die letzten Vorgänge, Franzens Er⸗ ſcheinen und Befreiung, erfahren, jeden Gedanken an die Heimkehr nach dem einſamen Forſthauſe aufgegeben. Er rechnete noch viel ſicherer als ſein Schwager Rolof dar⸗ auf, daß der böſe Geſell zurückkehren und einen neuen Verſuch zur Beraubung des Buſchhofes nicht nur, ſondern wenn irgend möglich auch zur Plünderung dieſer ganzen Gegend machen werde, wobei er nur zu gewiß auf die bereitwillige Hülfe ſeiner jetzigen, rachedürſtenden Kame⸗ raden rechnen konnte. Alles, was Winrich darüber von Rolof an jenem Abend erfuhr, ſprach immer entſchie⸗ dener für dieſe Anſicht; je weniger Franz daran denken konnte, dereinſt dennoch in den Beſitz des Hofes zu ge⸗ langen, deſto ſicherer war vorauszuſehen, daß er ſcho⸗ nungslos gegen das ihm entzogene Eigenthum auftreten und ſo viel wie möglich an ſich raffen werde. Wie der von der Nachtfahrt zurückkehrende Hans Rolof mit⸗ getheilt, hatte Franz beim Abſchied ſein Wiederkommen in ſeiner bekannten frechen Weiſe ſicher verheißen. Und der ſonſt ſo leichtherzige Förſter ſah der nächſten Zukunft faſt trüber und ernſter entgegen, als alle Uebrigen. Er 239 wußte, daß der Marſch der Feinde für jetzt nicht weiter fortgeſetzt worden und die große Maſſe noch im Herzog⸗ thum, keine zwölf Stunden von der Grenze, weile. So war ein Streifzug auf das leichteſte auszuführen, und das einzige Hinderniß bildeten für den Augenblick die ſchier 6 unergründlichen Wege. Winrich war jetzt, ſo zu ſagen, nicht allein Herr auf dem Buſchhofe, ſondern auch der Leiter, der ſich in dieſen Gegenden immer lebhafter zeigenden Volksbewe⸗ gung und aller Anſtalten, welche man zur Begegnung ei⸗ G nes etwaigen Ueberfalls von den In⸗Dörfern aus traf. Rolof war, wie er die Abſicht dazu ausgeſprochen, am nächſten Tage in ſeinem leichten Schlitten abgefahren, um von den Behörden und wo möglich von dem alten freundlichen Fürſten ſelber über das Auskunft zu erlan⸗ gen, was Land und Leute dieſer Gegenden nach dem, was geſchehen, zu erwarten haben möchten. Er war im Ganzen, nachdem er ſich gegen den Prediger ausgeſpro⸗ chen und über Franz unwiderruflich entſchieden, ruhiger 6 und milder geweſen, als ſeit langer Zeit. Und als Win⸗ rich, dem er alles Geſchehene noch am gleichen Abend mitgetheilt, mit verdrießlichem Kopfſchütteln meinte:„Du biſt ein Narr, Alter! Was läſſeſt Du das alte Zeug nicht ruhen? Haſt Du's darum ſo ſorgfältig gehütet, daß Du's 1 nun, da es ſchier vergeſſen, ſelber dem Pfaffen hin⸗ 240 gibſt? Was ſoll Dir der nützen? Wenn Du Dir nicht ſelber ſagen kannſt, daß Dein Arnold Alles verdient, was ihm geworden— da kann der Pfaff' Dir auch keine Er⸗ leichterung ſchaffen!“— da verſetzte Rolof ernſt:„Laß' das gut ſein! Jeder muß am beſten wiſſen, was ihm frommt, und mir war nichts nöthiger, als mein Ge⸗ wiſſen durch Ausſprechen leicht zu machen. Wir ſind in einer Zeit, wo man die Gedanken von ſich und dem ei⸗ genen Kram ab und dem Ganzen zuwenden muß. Das kann ich nun erſt.“ Am folgenden Morgen hatte er dann noch eine lange Unterredung mit dem Geiſtlichen gehabt, der ihm beim Abſchied die Hand ſchüttelte und meinte: Er möge nur ſo fortfahren, da werde Alles gut werden und Gott ihm ein gnädiger Richter ſein. Dann verkehrte er noch mit dem alten Bohnenberg, der ihm mancherlei Neues über die ſeit dem vorigen Nachmittage veränderten Stim⸗ mungen vieler Dorfbewohner mittheilen konnte— bei den Nachrichten, die man aus der Nachbarſchaft über den ei⸗ ligen Abzug des Feindes und über den Erfolg der ver⸗ ſchiedenen Angriffe auf ihn erhielt, und bei dem, was man nun, da die Leute Vorſicht und Schweigen nicht län⸗ ger für nöthig hielten, von den zurückkehrenden Wies⸗ nitzern und Dreſowern über Rolof und ſein Handeln er⸗ fuhr, hatten Viele einzuſehen angefangen, wie thöricht 241 und feig ihre in der Schenke ausgeſprochenen Entſchlüſſe geweſen und wie ſchwer man dem Buſchbauer hie und da Unrecht gethan. Die Meiſten mußten ſich ſagen, daß er, was er auch früher und gegen Andere gethan, ſo lange ſie denken konnten, ein dienſtwilliger, guter Nachbar und ſo ehrenwerth geweſen, wie nur irgend ein Anderer. Sie mußten's einſehen, daß ſie ſich mehr von ihm und den Seinen, als dieſe ſich von ihnen zurückgezogen, und ſie konnten's ſich nicht verbergen, daß Alles, was gegen Rolof ſprach, eigentlich nur vom Schulzen und Finken⸗ bauer und wenigen Anhängern derſelben ausgegangen ſei. Bohnenberg ließ ſich wieder mit Rolof zur Schenke führen, wo auch nun Manche verſammelt waren und am heutigen Morgen zu ganz andern Beſchlüſſen kamen als am vorigen Nachmittag. Man gab dem Buſchbauer alle möglichen Anerbietungen und Treuverſicherungen an die Behörden mit. Man erbot ſich freiwillig, mit den Wiesnitzern und Dreſowern vereint, den Wald zu durch⸗ ſtreifen und einem Ueberfall der Feinde kräftig entgegen⸗ zutreten.— Rolof nahm das Alles mit ruhigem Ernſt auf; von Empfindlichkeit war in ihm keine Ader, und er war ſich der Noth der Gegenwart und der Größe der Zeit zu ſehr bewußt, um ſich von eigenen Gefühlen und Pri⸗ vatintereſſen beherrſchen zu laſſen. Er hatte ſich am vori⸗ — 242 gen Abend frei geredet von Allem, was ihn bedrückte, und was er ſonſt noch in ſeinen eigenen Angelegenheiten zu ordnen hatte, ſchob er für jetzt weit zurück. Er hatte mit dem alten Bohnenberg ein ernſtes Geſpräch vor⸗ gehabt— er wollte die Ann'lene, die Enkelin deſſelben, zur Frau für ſeinen Detlof, um den Handel mit Gertrud un⸗ möglich zu machen. Es war nicht allein die Erbitterung gegen den Schwager geweſen, die ihm eine derartige Ver⸗ bindung mißfällig machte, ſondern noch manches Andere. Er wollte keine neue Verbindung mit der Förſterei, denn nicht nur er ſelbſt, ſondern auch ſchon einer ſeiner Vor⸗ fahren hatte mit den Töchtern der Winrich kein Glück in's Haus bekommen. Er hatte überdies, wie es bisher angenommen, den Buſchhof an Franz beſtimmt, während Detlof ſich irgendwo einheirathen oder mit Geld einen neuen Hof erwerben mußte, und auf der Förſterei war, wie Rolof ſehr wohl wußte, durch des Förſters ſorgloſes Leben das Vermögen ſehr zuſammengeſchwunden. Endlich hatte er ſeinen Sohn bisher für wenig befähigt zum tüch⸗ tigen Hauswirth gehalten und mußte in ſeinem Sinn vor allen Dingen darnach trachten, ihm eine Frau an die Seite zu geben, welche die Wirthſchaft mit kräftiger Hand zu führen wiſſe— etwas, das er bei Gertrud gleichfalls nicht zu finden glaubte. Von dem Allen hatte nun im Lauf dieſer Tage 243 manches ein anderes Anſehen für Rolof erhalten, ſo daß auch ſeine Anſichten und Pläne dadurch umgeſtaltet werden mußten. Jetzt jedoch ſchob er, wie geſagt, alle dieſe Sonderintereſſen von ſich zurück, wie ſie auch im Gange unſerer Erzählung in den Hintergrund treten mußten. Es galt jetzt das Allgemeine und Große, dem in ſolcher Zeit der Einzelne äußerlich und innerlich unter⸗ geordnet ſein und bleiben muß. Und ſo reiſte der Buſch⸗ bauer ab. Auf dem ſtillen Hofe im Burgring war inzwiſchen ein gar ungewöhnliches Leben und Treiben im Gange. Der Förſter hielt Menſchen und Thiere in Athem, die Gegend zu durchſtreifen, die Grenze zu bewachen. Mit den Bauernhaufen, welche die Päſſe über die Ina bewach⸗ ten, ſtand er in ſtetem Verkehr. Er hatte ſogar vertraute Leute in das Herzogthum hinübergeſchickt und Verbindun⸗ gen angeknüpft, damit er rechtzeitig von jeder drohenden Bewegung des Feindes unterrichtet werde. Er ward da⸗ durch, ſo gut wie ſeine Umgebung, allmälig auch wieder ruhiger, zumal die Nachrichten aus dem eigenen Lande nach und nach tröſtlicher lauteten. Die Regierungen ſchrit⸗ ten immer entſchiedener vor mit ihren Rüſtungen, der Feind wich überall zurück aus den lange beſetzten Pro⸗ vinzen, während die Ruſſen ihm immer weiter nachſtreif⸗ ten, und die Bewegung im Volk ward von Tag zu Tag 244 unaufhaltſamer. Allerwärts jubelte man dem Kampf ent⸗ gegen und brachte freudig die ſchwerſten Opfer für den zu erwartenden Krieg, und alle Tage neu einlaufende Nachrichten von gelungenen einzelnen Auflehnungen gegen den Feind erhöhten die freudige, hoffende Stimmung. Jetzt zeigte ſich, wie allgemein und— wohlthätig der furchtbare Druck geweſen, der ſeit faſt ſieben Jahren das Land gefeſſelt. Nun endlich pulſirte es gleich feſt und ent⸗ ſchloſſen in allen Herzen. Auf dem Buſchhofe ſchaute man trotzdem, und wenn auch über einen etwaigen Ueberfall beruhigt, nicht grade mit heiteren Augen in die Zukunft; die Menſchen dort waren nicht an ein leichtes munteres Leben gewöhnt, und die Ereigniſſe der letzten paar Tage allerdings nicht dazu geeignet geweſen, ihnen Herz und Kopf frei zu ma⸗ chen. Die Bäurin, die wir im alten Aberglauben der Gegend befangen geſehen, vergaß die böſen Anzeichen nicht, die ſich ja auch ſchon im Ueberfall, im Brand, in der Verwundung des Sohnes leider als richtig bewie⸗ ſen haben ſollten. Die Mägde und Jochem, der Knecht, ſchleppten der ſorgenvollen Frau täglich auf das gewiſ⸗ ſenhafteſte neue bedenkliche Geſchichten aus Haus und Umgegend herbei, und ſie war von jeher ſo viel auf ſich und auf ihre eigenen Grübeleien angewieſen geweſen, daß ſie auch jetzt Alles allein mit ſich herumtrug. Zu ihren — Kindern ſtand ſie, ſo lange dieſelben lebten, in einem ziemlich kühlen Verhältniß, den Nachbarn war ſie nie⸗ mals näher gekommen; der Gatte, der einzige, dem ſie ſich angeſchloſſen, war nicht da, und der Förſter mit ſeiner Tochter ihr entfremdet. Sie ging ſtill ihren Ge⸗ ſchäften nach, und es bedurfte mehrerer Tage und der ganzen Munterkeit des heitern Förſterkindes, um ſie end⸗ lich die alte ruhige, feſte Haltung einigermaßen wieder gewinnen zu laſſen und ſie wenigſtens hin und wieder aus ihrer ſtarren Schweigſamkeit und oft herben Kürze her⸗ vorzulocken.. Gertrud war überhaupt— wenn wir dieſen Aus⸗ druck in ſolchen Verhältniſſen anwenden dürfen— das einzige belebende und erheiternde Prinzip im Hauſe, da auch Regine, die wir ſchon als nicht lebhaft kennen ge⸗ lernt, in dieſer Zeit noch ſtiller und gedrückter war als gewöhnlich. Es hatte ſich in dem Mädchen ſeit ihrer früheſten Jugendzeit eine eigene Neigung zu dem Knecht des Hauſes, der uns unter dem Namen Hans bekannt wurde, herausgebildet und war von Jahr zu Jahr im ruhigen, ſtetigen Fortſchreiten geblieben; denn von Hef⸗ tigkeit und Ungeduld war in dem Charakter des Mäd⸗ chens ſo gut wie nichts vorhanden. Erſt in der neuern Zeit, ſeit der Bruder ihr von ſeiner Verbindung mit Gertrud berichtet, und ſeit ſie mit allmälig gewonnener — —— — —— Einſicht in die Anſichten des Vaters und ihre eigene Stellung als wohlhabende Bauerntochter begreifen ge⸗ lernt, was ſich ihr und Hans entgegenſtellte, war ſie ſich überhaupt bewußt geworden, daß ſie den treuen und ſtatt⸗ lichen Menſchen wirklich lieb habe, daß er ihr mehr ſei und gelte, als ſie bisher gemeint, wo ſie in ihm nur den alten Bekannten geſehen, auf deſſen Armen ſie, ſo zu ſagen, groß geworden. Und ſie fühlte dies immer deut⸗ licher in der letzten Zeit, wo ſie ihn häufig zu allerlei gefährlichen Dienſten und Gängen verwendet ſah, denen er ſorglos und guten Muths nachging, während ſie da⸗ heim, zum erſtenmal in ihrem Leben, von Unruhe gepei⸗ nigt und umhergetrieben wurde. Und ſie wußte nicht ein⸗ mal genau, wie er ſelber an ſie dachte, ob nur an die hoch über ihm ſtehende Tochter ſeines Herrn, oder mit einer Neigung, die weiter ſtrebte, einem Ziele zu, auf deſſen Erreichung Regine ſelber am wenigſten zu hoffen wagte. Durch die finſtere und menſchenfeindliche Stimmung des Bauern war allen übrigen Angehörigen des Buſch⸗ hofes etwas Dumpfes, Trübes und Schweres eingeprägt worden, von dem ſie ſich, mit Ausnahme von Detlof, nie⸗ mals ganz frei machen konnten. Und ſie ſahen ſo wenig von der übrigen Welt, daß ſie nachgrade auf den Gedan⸗ ken kommen mochten, es ſei überall nicht anders, und das Leben des Menſchen nichts als Ernſt und Starrheit. In dieſen Kreis war Gertrud hineingeflattert— wie paradox es klingen mag, das Gleichniß iſt richtig!— wie ein kecker, luſtiger bunter Vogel in einen ernſten, ſteif ragenden Tannenforſt, deſſen Zweige ſtarr und finſter ragen, deſſen Nadeln ſich ſcharf fremden Eindringlingen entgegenrichten.— Die Menſchen zeigten ſich dem Vater und noch mehr ihr ſelbſt gegenüber alle ſcheu und miß⸗ trauiſch; ſelbſt Regine mußte ſie erſt wieder gewinnen, und die Bäurin zu beſiegen, koſtete es, wie ſchon geſagt, einen ernſtlichen Kampf, den nur des Mädchens wirkli⸗ che Bravheit und unverwüſtliche Heiterkeit ſo bald zum guten Ende führen konnte. Detlof freilich war wie ſie, voll Luſt und Leben; es war eine wirkliche, nachhaltige Veränderung mit dem Burſchen vorgegangen. Es war etwas, nicht nur in den Ereigniſſen der letzten Tage, ſondern auch im Auftreten des Vaters gegen ihn gewe⸗ ſen, was ihm, in Verbindung mit ſeiner und Gertrud's ernſter Liebe, für die Zukunft alles mögliche Gute ver⸗ hieß. Er brachte nun mit der Geliebten vereint Leben in's Haus, aber er mußte freilich meiſtens, ſo gut wie die andern Männer, draußen auf der Streife ſein und konnte nicht viel daheim ſitzen. Und auch jetzt waren die Frauen allein im Hauſe und ruhten, wie zum Anfang unſerer Erzählung, in der Dämmerſtunde von den Tagesgeſchäften aus, während die Mägde draußen das Haus völlig in Ordnung brach⸗ ten und die erſten Vorbereitungen zum Abendeſſen trafen. Und Gertrud ſtand mitten im Zimmer, hochaufgerichtet, die kleinen Hände keck in die Seite geſetzt und die Augen munter von der Bäurin zur Reginen und wieder zur Bäurin wendend. „Ich weiß nicht, wie ihr ſeid, was ihr habt!“ ſagte ſie lachend.„Weil da die Mannsleute einmal einen Tag lang nicht daheim ſitzen und weil vom Ohm keine Nach⸗ richt da iſt, ſeid ihr da ſtumm und brummig? Lieber Gott, wie würd's euch da„am Born“ ergehen! Wie oft und oft bin ich mit der Anne da allein geweſen, mutter⸗ ſeelen allein, Tage und Nächte lang, der Vater Gott weiß wo, die Lehrburſchen hie und da im Buſch, kaum ein Hund da— nichts als das ſtille Haus und ringsum— ſtundenweit— der dichte Buſch, in dem es rauſcht und knarrt und ſtöhnt— da kann's Einem graulich werden am hellen Tage, und ohne daß das wälſche Geſindel in Nähe iſt! Strolche und Herumtreiber gibt's im Walde und an der Grenze jederzeit, die's doch zuweilen auf ein einſam Haus abgeſehen haben. Da hält man freilich die Thür hübſch verſchloſſen und eine geladene Flinte pa⸗ rat— dann iſt's ſchon recht!— allein zum Spaßen wär's doch nicht, wenn man darüber recht nachdenken wollte! Und wenn man nun gar noch an Spuk und aller⸗ lei Unheimlichkeit glauben thäte—“ „Glaubſt Du nicht daran?“ fragte die Bäurin, ernſt den Kopf ſchüttelnd und mit einem mißbilligenden Blick. „Nein, Baſe,“ war die kecke Antwort.„Der Vater hat mich einmal— wir hatten dazumal einen dummen Menſchen als Burſchen, der mir ſo etwas in den Kopf geſetzt— recht ordentlich abgeſtraft und iſt mit mir, wenn wir einmal irgend ein verwunderſames Geräuſch hörten, gleich dem Schall nachgegangen. Ich hab⸗ immer gefun⸗ den, daß es mit rechten Dingen zuging, ich hab⸗ nie was Unheimliches geſehen oder geſpürt, und ſchreckhaft bin ich auch nicht grade.“ „Und glaubſt Du auch nicht an die„Kleinen“ 2 In der Förſterei war doch ſonſt auch einer.“ „Ja ja, Baſe,“ verſetzte ſie lachend,„ſo hieß es und die Anne glaubt auch noch daran. Aber ich hab' einmal— es ſind nun drei Jahre her— eine halbe Nacht droben auf dem Boden geſeſſen und Acht gehabt, denn ich hatte Luſt ſo ein Ding zu ſehen. Und da ka⸗ men ein paar allmächtig große Ratten zu der Schüſſel und verzehrten den Brei!“ Regine lachte gleichfalls, die Bäurin aber ſagte verweiſend:„Schämt euch, ihr Heidinnen! Euch wird der Glaube wohl noch einmal mit Noth und Jammer aufgezwungen werden! Ich weiß nicht mehr, wie die jetzige 1860. VII. Eine Geſchichte von damals. 3 16 8 250 Menſchheit iſt. Ihr glaubt nichts, ihr ehrt und achtet nichts, ihr ſtoßt das Gute, was euch unſer Herrgott ge⸗ gönnt, mit Hand und Mund von euch. Ihr wollt Alles allein thun und euch von keinem andern Weſen mehr helfen und rathen laſſen! Und ſo taumelt ihr der Zukunft und dem Unglück blind entgegen!— Nein, ich ſag's, ich will lieber bei meinem alten Glauben leben und ſterben, der mir ſagt, wann ich ruhig ſein darf, wann ich zu ſor⸗ gen und aufzupaſſen habe. Und mir däucht, in ſolcher argen Zeit ſollte man ſeinem gnädigen Herrgott tauſend⸗ und tauſendmal danken, daß er uns auf das kommende Elend hinweiſt. Ich denke doch, nun hätt's uns der „Kleine“ deutlich genug gezeigt, daß uns was bevorſteht und daß er die Wahrheit kund macht. Gott gebe, daß wir erſt Alles überſtanden haben!“ „Baſe, Baſe!“ ſprach Gertrud freundlich und kniete neben der Alten auf den niedrigen Fußſchemel nieder und legte ihre Arme um die hagere Geſtalt,„wie mögt Ihr Euch doch fort und fort quälen! Es ſteht ja Alles gut, berichten die Männer, der Feind drüben rührt ſich nicht— wie wollt' er auch jetzt durch den Buſch kommen? Der Ohm muß ja nun auch bald wieder nach Hauſe kehren— ihm kann nichts paſſiren; da draußen iſt ja Alles in luſtigem Jubel und vollem Rüſten!— Und wenn's denn endlich auch zu einem wirklichen Kampf käme—“ „Du denkſt nicht an das Elend, das er über's Land bringen würde!“ unterbrach die Bäurin ſie düſter.„Es würde mancher und mancher Mutterſohn nicht wieder in ſein Vaterhaus kehren. Und— wenn ich's ſo recht überle⸗ ge, Du ſollteſt das wahrhaftig nicht leicht nehmen, wenn's Dir um Dein Herz zu Muth iſt, wie ich mir wohl den⸗ ken muß.“ „Leicht nehmen thu' ich's auch nicht, Mutter— Baſe,“ entgegnete Gertrud ernſter als bisher.„Ich hab' den Vater draußen und— noch mehr als Einen, den ich gern habe. Aber ich meim, in ſolcher Sache, wie jetzt bei uns, kann's der Herrgott gar nicht übel mit uns machen, er muß bei uns und unſern Burſchen und unſerm ganzen Volk ſtehen. Unſ're Sache iſt gut! Wir wollen wieder frei ſein und unſern alten Landesvater haben! Und wer dafür ſein Blut hingeben muß, der thu's mit Ehren; be⸗ klagen kann ich den nicht, und wär's mein eigener Vater oder Bruder! Ihr habt doch ſonſt auch ſelber ſo gedacht. Und wenn ich einen Mann hätte—er müßt' mir mit hinaus, oder ich ſähe ihn nicht wieder an. So iſt's mir!— Und ich wollte nur, daß wir ſchon mitten im rechten Trei⸗ ben wären— dies Warten und Harren iſt uns allen nichts nutz.“ „Haſt recht—'s iſt aber auch vorbei!“ ſagte in dieſem Augenblick Detlof, der raſch in die Thür trat, ohne 16* 252 daß er in der tiefen Dämmerung ſogleich von den Anwe⸗ ſenden erkannt worden wäre.„Ich hab' gehört, was Du ſagteſt, Gertrud— Gott ſegne Dich, daß Du ſo denkſt!“— Und zugleich trat jetzt auch der Förſter in's Zimmer. „Was gibt's? Was bringt ihr?“ rief die Bäurin, die aufgeſprungen war. „Wir werden vom Harren erlöſt,“ verſetzte Detlof wieder mit gewöhnlichem Ernſt.„Der Ohm hier hat eben die Nachricht aus dem Dorf mitgebracht, daß der Krieg ſicher erklärt wird und die Truppen mit aller Gewalt ausgerüſtet werden. Wir In⸗Bauern ſollen fünfzig Mann zu den Soldaten ſtellen, und alle andern Männer ſollen ſich parat halten— unſer alter Landesherr hat's befohlen, er ruft uns heimlich wieder unter ſeine Herrſchaft zurück.“ „So iſt's ja nach eurem Kopf,“ ſprach die Bäurin finſter und trat zum Förſter, während Regine den Kopf auf den Tiſch legte, und Gertrud ſich Detlof näherte und leiſe redete:„Du haſt noch mehr— ich will mit Dir hinauskommen.“ Er drückte ihr die Hand und ging hinaus, und als ſie ihm gefolgt war, ſagte er, ſie feſt in den Arm neh⸗ mend:„Haſt Du Muth, Gertrud?“ „Ich? Wie Du fragſt!“ entgegnete ſie tief Luft ho⸗ lend.„Was habt ihr?“ —— — „Wir haben morgen den Feind vor uns, vielleicht noch heut Nacht. Wir wiſſen beſtimmt, daß ſich, auf die Nachricht von den Rüſtungen, heut' Morgen eine ziemliche Schaar der Grenze genähert hat— unſ're Boten meinten, Franz ſei bei ihnen und der Müller Ruſt, Letzterer aber nur gezwungen. Und ich kann's mir denken, denn wir kennen ihn und ſein Spioniren im Lande umher, und wür⸗ den ihm garſtig mitſpielen, wenn wir ihn packten. Wir ſind ſchon im Dorf umher geweſen und haben alle Mann⸗ ſchaft beſtellt, auch von Dreſow und Wiesnitz. Es ſoll nichts laut werden. Den alten Sodenberg ſollen ſie ein⸗ ſperren— dem iſt nicht zu trauen— und unſern Jochem haben wir beim Krüger(Schenkwirth) gelaſſen, daß der ihn auch feſthält. Er war leider dabei, als der Ohm und ich die Nachricht kriegten, obgleich ich ſchon immer vor ihm gewarnt habe. Nun aber bin ich doch durchgedrungen. 4 „Wenn Dein Vater nur hier wäre!“ meinte Gertrud. „So ſag' ich auch und wir Alle! Niemand weiß Be⸗ ſcheid im Buſch wie er, ſelbſt Dein Vater nicht.— Nun aber hab' Muth, Gertrud! Es muß gut gehen! Sorg' da⸗ für, daß hier Alles in Ruhe und Ordnung iſt. Schließ die Thore zu und laſſe die Dirnen Wache ſtehen, daß ſie auf⸗ paſſen, wenn wir zurück müßten, denn natürlich würden wir uns dann im Buſchhof feſtſetzen. Männer können wir euch nicht hier laſſen.“ 254 „Was wird Deine Mutter dazu ſagen!“ bemerkte Gertrud wieder leiſe wie vorhin. „Laß ſie ſagen, was ſie will! Die haben ſie mit ihren dummen Spukgeſchichten ganz aus dem Haus ge⸗ bracht, und der Regine ſteckt der Hans im Kopf— mit denen iſt nichts anzufangen. Sei Du einmal Frau hier, Gertrud! Wie lange währt's, dann biſt Du's doch ganz und gar.“ Sie lehnte den Kopf an ſeine Bruſt und ſtand ſo eine Weile ſchweigend, bis die Thür aufging und ihr Vater herauskam, das Paar bemerkte und halb lachend, halb verdrießlich murmelte:„Na, iſt's doch richtig? Haſt Du den Mund doch nicht halten können?“ „Ohm, ſie iſt anders! Sie hat Courage!“ rief Detlof. „Na, ich wollt's doch hoffen! Und es iſt am Ende gut, daß Eine im Hauſe den Kopf oben behält. Deine Mutter iſt eine reſolute Frau, aber jetzt iſt's nichts mit ihr. Die ſchüttelt erſt die Noth wieder munter!— Nun aber fort! Geh' hinein, Trude, und rede den Andern zu! Gott behüte Dich— ſei getroſt! Ich bringe Dir den Jungen da lebendig wieder.“ Detlof drückte ſie feſt an ſich und küßte ſie innig. Den Kuß erwiederte ſie und noch feſter den treuen Hände⸗ druck, aber reden that ſie nichts als zuletzt nur die leiſen —— Worte:„Geht mit Gott und ſteht feſt!“ Dann, als die Beiden ſchon das Haus durch die Hinterthür verlaſſen, aber dann erſt, ſchlug ſie die Hände vor's Geſicht, als wolle ſie die hervorſtürzenden Thränen zurückhalten. Sie hatte ſich auch bald wieder gefaßt und ging in die Stube, wo ſie den Frauen das Nöthigſte mittheilte. Die Bäurin redete von den Ahnungen und Vorzei⸗ chen, Regine blieb in ihrem gewöhnlichen, ſtarren Schwei⸗ gen, und erklärte zuletzt nur einſilbig, daß ſie ſelber bei der Gartenpforte wachen werde. Man aß haſtig zur Nacht, und dann eilten die beiden Mädchen und die zwei Mägde auf verſchiedene Stellen des Walles zum ſorg⸗ fältigen Wachehalten. Die Bäurin blieb mit der Anne beim Spinnrade, bis ſie nach einer Weile aufſtand und zu ihrer Gefährtin finſter ſagte:„Komn, wir wollen drüben Betten ausbreiten, daß ſie ſich doch hinlegen kön⸗ nen zu ſterben, wenn ſie mit Blut und Wunden nach Haus kommen.“ „Frau, Frau!“ erwiederte die Alte,„was redet Ihr da! Es wird doch ſo arg nicht werden! Unſ re Bur⸗ ſchen ſind den Wälſchen im Buſch zu mächtig— ſie ge⸗ winnen’s.“ „Komm' Du nur,“ war die Antwort.„Ich weiß, was ich weiß. Es gibt noch Blut und Leichen im Hauſe, bevor's wieder Nacht wird.— Ja, wär der Bauer da— 256 dann möcht' es gehen! Aber die da draußen allein ſind verloren!“— Draußen ſtanden die Mädchen auf ihren Poſten und lauſchten und ſpähten in die unheimliche Nacht. Denn es war ein Wetter, wie es nicht häufig iſt im Fe⸗ bruar. Ein raſender Sturm brauſte über das Land und in den Forſt hinein, daß die alten Stämme bebten und ihr Gezweig wild durcheinander ſchwangen. Und dazu kam es von Zeit zu Zeit mit heftigen Schauern von Re⸗ gen, Schnee und Hagel, daß die Wächterinnen kaum die Augen zu ſchützen und hin und wieder einen freien Aus⸗ blick zu gewinnen vermochten. Allein dies Letztere ſchien auch überflüſſig zu ſein, denn es regte ſich weder nah noch fern etwas Lebendes. Am Morgen, als der Tag graute, jagte ein leichter Schlitten, was das Pferd laufen konnte, auf der Straße vom Dorf daher und hielt vor dem verſchloſſenen Hof⸗ thore an. „Seid Ihr es, Ohm?“ rief Gertrud, die eben von einem Gange in's Haus zurückgekehrt war, froh über⸗ raſcht und begann raſch das Thor zu öffnen. „Freilich bin ich's!“ entgegnete die Stimme des Bauern, der ſich jetzt aufrichtete und den Schnee vom Wolfspelz ſchüttelte.„Was gibt's, Kind, daß Du hier biſt?— Hab' ich recht gehabt, daß die verwünſchte Bande uns doch über den Hals kommt? Ich bin die Nacht durchgefahren— ſo trieb's mich nach Hauſe!“ „Das iſt ſeltſam!“ meinte Gertrud überraſcht.„Ja, Ohm, ſie ſind Alle ſeit geſtern Abend im Buſch und er⸗ warten einen Ueberfall—“ „Und habt ihr gewacht? Habt ihr nichts gehört? Iſt keine Nachricht da?“ unterbrach er ſie haſtig. „Nichts, Ohm!“ „So komm ich noch zur rechten Zeit!“ rief er, un⸗ geſtüm das Pferd zurückreißend, daß es wieder in die Straße kam.„O Gott ſei Dank! Ich will ja nichts weiter!“ „Wollt Ihr gar nicht hineinkommen, Ohm?“ fragte ſie beſtürzt. „Nichts da! Bin ich darum ſeit geſtern Abend zehn Meilen gefahren, um zu guterletzt doch noch zu ſpät zu kommen? Grüß’ mir Frau und Kind— ſie kriegen mich nachher beſſer zu ſehen. Da bin ich froh!— Iſt der Detlof im Buſch?“ „Ja, Ohm, und mein Vater und Alle weit umher. Hans, als er geſtern ſpät von Wiesnitz kam, ſagte, die Hauptmacht ſei beim Taubenring.“ „Die Narren!“ Er ſtieß es heftig hinaus und riß das Pferd vollends herum. Dann ein Peitſchenſchlag, ein lautes Hoh! und fort flog das kleine Gefährt am 258 Wall entlang, dem Walde zu. Bevor Gertrud ihm noch eine nähere Weiſung zurufen konnte, war er ſchon fern, und als Regine auf der andern Seite den Schlitten und die dicht verhüllte Geſtalt darin bemerkte, ſchoß er in langem Zuge auch ſchon vorbei, und ihr Ueberraſchungs⸗ ruf erreichte gleichfalls nicht mehr das Ohr des Vaters. Swülftes Capitel. Der Sturmtag. Gegen Morgen hatte ſich der Sturm gelegt, allein um die Zeit des Sonnenaufgangs, von dem man freilich vor dem dichten Gewölk nichts gewahr wurde, brach er wieder mit einer Gewalt hervor, welche ſelbſt das Raſen am vorigen Abend und in der erſten Hälfte der Nacht bei weitem übertraf. Das iſt ein Toben und Brauſen, ein Pfeifen, Stöhnen und Heulen, das ſind furchtbare, lang hinfahrende Stöße, wie man ſie nur in dieſen ebe⸗ nen, der See mehr oder minder benachbarten Gegenden kennt; der wildeſte Gewitterſturm im tiefern Lande oder in den Bergen iſt nur ein kleiner Bruchtheil dieſer Küſten⸗ ſtürme, und der brauſendſte Wind, der die Binnenländer 259 erſchreckt, für die Bewohner dieſer Striche wenig mehr als ein recht friſcher und ihnen ſehr gewohnter Hauch. Das fuhr jetzt im wilden Raſen über die Ina⸗Ge⸗ genden und brauſte herab mit athemberaubender Kraft, mit peitſchenden Schauern von Regen, Schnee und Schloſſen, und wenn's auch drunten im dichten Walde verhältnißmäßig ruhiger war, ſo ſchlugen doch droben die ſtarken Kronen ächzend und knatternd an einander, die ſchlanken Buchen⸗ und Ahornſtämme zitterten und ſchüttelten ſich, wie in Todesangſt, und ſelbſt die uralten Eichen bebten leiſe unter dem Tod drohenden Umſchlingen des finſteren Feindes. Der Bauer jagte dahin auf dem ſchmalen Wege, wo er neulich mit dem Müller gegangen, und trieb das müde Pferd unaufhörlich durch den aufſpritzenden wäſſe⸗ rigen Schnee, zur Anſpannung ſeiner letzten Kräfte. Ihn kümmerte es nicht, daß hie und da ihm zur Seite eine prachtvolle Krone knarrend brach, oder ein Stamm von dem tobenden Wirbel wie aus der Erde gedreht, ächzend ſeitwärts ſank und hineinſchlug in das Gezweig' ſeines ſtärkeren Nachbars. Ihn kümmerten nicht die Zweige und Zweiglein, die durch die Luft ſauſten, hie und da die Bahn beſtreuten und ein paarmal ihn ſelbſt oder das Pferd ſtreiften. Fort, nur fort! Hiſt— hoh, Brauner!— Hinter der Baumannswieſe, wo der freiere Raum der 260 Gewalt des Sturms offene Bahn machte, zeigte ſich ein großer Windbruch, tief hinein in den ſo geſchonten und gepflegten Forſt geriſſen und ſtreckte ſich quer durch den Buſch und über die Fahrſtraße hinüber, weiter und wei⸗ ter, eine wilde Maſſe zerſchmetterter Kronen, zerbroche⸗ ner Stämme, ragender Splitter— ſo daß kein Durch⸗ weg möglich. Und in der Ferne, am Ende der traurigen Lichtung, ſanken und knickten immer neue Stämme. Rolof hatte vor dieſer Barrikade wohl anhalten müſſen. Er hatte ſich im Schlitten aufgerichtet und ſich den unermeßlichen Schaden zwar mit gerunzelter Stirn, aber gleichſam befriedigtem Kopfnicken angeſchaut.„Recht!“ murmelte er ſogar dabei.„Recht!“ Und als er wieder einen Ausguck gethan, ſo weit es ihm der peitſchende Schnee erlaubte, murrte er:„Aber weßhalb, zum Teu⸗ fel, ſeh' ich Keinen da? Wenn ſie doch einmal beim Taubenring ſitzen—!“ Er vollendete nicht. Raſch warf er den Pelz ab, um freier in ſeinen Bewegungen zu ſein, ſpähte noch einmal hüben und drüben umher, und fuhr dann, ſo ſchnell das Pferd auf der ſchlechten Bahn über den ſumpfigen Wie⸗ ſengrund den Schlitten hinſchleppen konnte, links an dem Baumwall hinauf, bis er ſein Ende erreichte und wieder in den Wald zu lenken vermochte. In wenigen Minuten war er jetzt am Taubenring, ſprang aus dem Schlitten und ſah ſich im nächſten Augenblick von einigen Bur⸗ 261 ſchen, unter denen auch ſein Knecht Hans, begrüßt. Jetzt war die Stimmung der Leute eine andere als noch auf der Brandſtätte; ſie kannten jetzt ſein heimliches Wirken und hatten Vertrauen zu ihm gefaßt, ohne ſich ſelbſt da⸗ für einen beſondern Grund angeben zu können. „Wo ſind die Andern?— Was ſitzt ihr hier?— Iſt noch Alles ſtill?“ rief der Bauer in drängender Eile und ſich haſtig im Kreiſe umſchauend. „Ei— es iſt dumm genug,“ verſetzte Hans ver⸗ ſtimmt;„ich ſoll mit den Burſchen da hier bleiben und Acht haben, wenn uns von rückwärts eine Botſchaft kommt, daß ſie ihnen gleich nachgeſchickt wird. Euer Schwager, Herr, ſteht mit dreißig Mann drüben im rothen Buſch; der Detlof liegt mit fünfzig an der Wieſenecke, und zehn oder zwölf ſitzen„am Born“. „Na,“ meinte der Alte nickend,„das iſt beſſer, als ich fürchtete. Die Gertrud ſagte mir, ihr ſtecktet hier Alle im Taubenring. Wie iſt's damit?“ „Ja, Förſter Winrich wollte nur die im rothen Buſch und„am Born“ haben; wir Andern ſollten als Hauptmacht hier bleiben—“ „Damit euch der Teufel Alle geholt hätte!“ „Ja, ſo ſagte unſer Detlof auch, und als um zwei Uhr der große Windbruch kam, hat er Winrich Nachricht geſchickt und iſt mit ſeinen fünfzig Mann nach der Wie⸗ 262 ſenecke vorgegangen. Wenn's was gibt und ſie zurück müſſen, ſoll Winrich mit den Seinen ſich hier feſtſetzen, Detlof aber will dort rechts entlang und ſich hinter den Windbruch in die Wieſe legen. Er meinte, die Burſchen „am Born“ müßten die Förſterei halten bis auf den Tod; dann käme kein Feind dort herum.“ „Mein Detlof hat das geſagt?“ Das Auge des Bauern blitzte ſo hell und gewiſſermaßen froh, wie Hans es ſeit Jahren nicht geſehen. „Ja, unſer Detlof! Er war ganz Feuer und Leben, die Burſchen haben ihn auch angeguckt, wie die Kuh das neue Thor— ſie kannten ihn gar nicht wieder. Aber als er's ihnen deutlich gemacht— und er verſtand's, er redete wie ein Pfarrer, ſo geſchmiert ging's— da braucht' er gar nicht erſt zu ſagen: Kommt!— Sie liefen ihm von ſelber nach.“ Der Bauer murmelte etwas vor ſich hin, das die Umſtehenden nicht verſtanden. Dann aber richtete er die Augen wieder auf Hans und fragte:„Aber wo ſind die Andern? Ich bringe nur hundert heraus nach Deiner Rechnung, und es ſollten doch noch zwanzig oder dreißig weiter ſein! Will's Gott iſt Keiner zurückgeblieben! Oder find in Stepnitz doch noch feige Hunde hinter den Oefend, „ Nein, Buſchbauer,“ wandte ein ſtrammer Burſch ein;„thut uns nicht Unrecht! Wir ſind Alle hinaus bis auf— na, Ihr wißt ja, da hilft kein Reden und Bit⸗ ten! Die biſſen ſich lieber alle fünf Finger gliedweiſe ab, als daß ſie mit Euch und den Euren gingen. Wir ſind Alle da. Die übrigen ſtecken hie oder da in kleinen Trupps im Buſch gegen die Grenze zu. Der Förſter hat ſie ling gelegt zum Aufpaſſen und Melden.“ H „Wollt', ich wär' dort draußen!“ bemerkte Dritter.„Langweilig iſt’'s da und hier, aber man⸗ en dort doch bei Zeiten, wenn's kgmt!“* „Heut' kommt nichts Me werden ſich hüten!“ lachte wieder ein Anderer.„Bei dem Wetter—“ „Sie ſind ſchon da!— Horch!“ unterbrach ihn Rolof, der während der letzten Reden ſchon lauſchend geſtanden, und warf die Hand empor.— Und durch den, bald aus dieſer, bald aus jener Richtung einherſauſenden Sturm hörten ſie leiſe, aber in der ſich wiederholenden Gleichmäßigkeit unverkennbar Schuß auf Schuß herüber⸗ ſchallen. „Aufgepaßt!“ ſagte Rolof in fliegender Eile und doch beſonnen. 7,Grüßt meinen Schwager, wenn er kommt— das iſt näher als wir denken!— Er ſoll ſich um jeden Preis hier halten und nichts hinter den Wind⸗ bruch laſſen. Es kann kein großer Haufe Baa t gehe zum„Born“ hinüber und halte dort fe 264 Alles kopfüber, ſo ſchlagt ſie in der Wieſe todt— und müßt ihr noch weiter, ſo bleibt im Buſchhof. Wir müſſen bis morgen aushalten, Kinder— morgen ha⸗ ben wir Hülfe hier; die Truppen ſind unterwegs. Aber es muß gehen! Wenn Detlof feſthält, kommen ſie nicht durch den Bruch!— Wäre nur der verfluchte—!“ Er brach ab und ſchüttelte wild den Kopf, während er ſich mit eilenden Schritten dem Förſterhauſe zu entfernte. Aber im Forſthauſe, wo die Burſche, die hier lagen, aus den Dach⸗ und Gielllfenſtern grüßten, während die Läden des Parterregeſchoffes und die Thüren auf das feſteſte verſchloſſen und verrammelt waren— da hatten ſie nichts von den Schüſſen gehört, und auch Rolof's feines Ohr vernahm hier, wo rings der dichte Wald je⸗ den Schall ferne hielt, nichts als das Heulen und Brau⸗ ſen des mit neuer Kraft hereinbrechenden Sturmes. Er beſann ſich nicht lange. Einen herabgeworfenen Baumaſt aufraffend und mit ein paar Schnitten zum Stock und ſchwerer Waffe rüſtend, ging er wieder raſch weiter und trotz der augenſcheinlichen Gefahr mitten durch den Wald, immer in ſchräger Richtung dem Wege zu, den er damals dem Müller zur Abfuhr der erſtandenen Mühlwelle ge⸗ zeigt hatte. Und je weiter er durch den Buſch drang, de zutlicher ward jetzt wieder Schuß auf Schuß ver⸗ ar und wirkte auf den eilenden Alten wie Sporen Antwort.„Wir wurden dort zuerſt zurückg 267 vorne des Landes ſicher zu paſſiren vermochten. Und hie und da arbeitete ein Unglücklicher verzweiflungsvoll, aus dem zä⸗ hen Moraſt wieder herauszukommen, in den er durch einen Fehltritt gerathen. Sie konnten nicht zurück, ſie vermoch⸗ ten nicht vorwärts zu dringen, denn die Burſchen beherrſch⸗ ten mit ihren Flinten die ſchmalen Pfade auf das vollkom⸗ menſte. Und hatte der Feind ſo furchtbar verloren, oder war er nur in kleiner Anzahl zu dem Streifzug aufgebro⸗ chen— Rolof ſchätzte die ganze ſichtbare Macht auf wenig mehr als hundert Mann. Das Alles zeigte ein einziger Blick— dann ſprang der Bauer wieder vor, dem nächſten Schützen zu, der eben ſeinen Schuß abgab, faßte ihn am Arm, zog ihn zurück und rief ihm zu:„Spare Dein Feuer! Laßt ſie heran, daß wir der Sache ein Ende machen!“ Die Burſche, welche bei der Eiche mißmuthig ge⸗ harrt, hatten ſich bei Rolof’s Erſcheinen raſch ihm genähert und brachen jetzt, da ſie ſeine Worte hörten, in ein lautes Beifallsgeſchrei aus.„Ja, laßt ſie heran, laßt ſie heran, daß auch wir was zu thun kriegen!“ riefen ſie jubelnd. „Wo iſt mein Detlof?“ fragte Rolof haſtig den Saüene es war Georg, der Enkel des alten Bohnen⸗ erg. „Droben an der Ecke, Ohm!“ lautet iegende t, aber Detlof warf das Geſindel mit den Wiesnitzern wieder hinaus auf's Moor und hat ſich dort feſtgelegt.“ „Brav! So ſitzt er ihm im Rücken!— Fort ein paar von euch— laßt das Feuer ſchweigen und die Burſchen ſich parat halten!— Hoh!“ Und er ſchwang den ſchweren Knittel ſauſend durch die Luft und rief faſt luſtig, wie ihn nie Einer geſehen:„Meine Knochen wollen ſich recken!“ Es eilten ein paar fort— das Feuer ſchwieg bald überall auf dieſer Seite, während es drüben bei Winrich noch ungeſchwächt fortwährte. Der Feind ſtutzte, er ſam⸗ melte ſich, die verſchiedenen Trupps zogen ſich näher, die Schützenlinie drang vorſichtig, unter einzelnen Schüſſen vor— ein Jubelruf miſchte ſich mit dem Heulen des Stur⸗ mes— eine wilde Stimme ſchrie deutlich vernehmbar die deutſchen Worte:„Ah— endlich!— Nun!“ Und dann ein tönendes Hornſignal und die Rufe:„En avant!— „Vive l'empereur!“— und die Trupps, die Schützen⸗ linie voran, eilten ſo ſchnell wie möglich vorwärts und drangen in die Büſche. Rolof war bei dem Klang der Stimme zuſammen⸗ gezuckt und ſein Auge bohrte ſich mit finſterem Drohen in die Reihen der Andringenden, ſeine Fauſt umſpannte krampfhaft den Aſt. Und dann— da der Feind in die Büſche drang, rief er mit dröhnender Stimme:„Geduld! — 269 Geduld, Kinder! Laßt ihn heran!— Spart die Schüſſe!— Nehmt die Kolben und ſchlagt ſie todt wie tolle Hunde!— Friſch auf ſie!“ Und damit warf er ſich mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt mitten in das furchtbare Getümmel und ließ den Stock mit vernichtender Wucht auf die Köpfe der Feinde fallen.. Das rang, das drang hin und her, das tobte und ſchrie in der Wuth des Kampfes, das klang und ſchmetter⸗ te, und hin und wider fuhr ein Schuß ſcharf knallend durch den Lärm— und die ſchwanken Büſche umher wog⸗ ten unter der Gewalt des wieder ſtärker hereinbrechenden Sturmes, und der peitſchende Schnee blendete Feind und Freund, und der Sturm heulte und brauſte und pfiff und donnerte, eine furchtbare Muſik zu dem ebenſo furchtbaren Durcheinander der Menſchenſtimmen. Und ſo ging's fort im wilden Kampf, im wüthenden Ringen, ohne Erbarmen zu wollen, ohne es zu haben. Aber der Feind drang vor, wie gewaltig ſich die Burſchen entgegenſtämmten— das Bajonet ſchien's gewinnen zu ſollen über Kolben, Knittel und Meſſer. Und mitten unter den Feinden ſtand Franz, der Sohn vom Buſchhof, und wüthete hinein in die Dörf⸗ ler, deren Kleidung er heut⸗ wie zum Hohn zu tragen ſchien, und er ſchrie:„Ich will's euch heimbringen, ihr Bauern⸗ hunde!“ Da ſtürzte durch die Büſche eine neue Schaar herbei, K Detlof voran mit Sätzen, wie ſie der gehetzte Hirſch macht, und warf ſich in den Knäuel der Kämpfenden und ſchlug ſich blutige Bahn. Einen Augenblick ſchwankte die Maſſe noch hin und her, aber dann löſte ſich bald hier einer von den Franzoſen los und bald dort einer, um ſich aus dem furchtbaren Gemetzel zu retten; allein es nützte ihnen nicht— jedem war gleich ein Burſche auf den Ferſen, und nun knallten die Schüſſe von neuem und trafen ihren Mann. Und mitten im Getümmel waren die beiden Söhne vom Buſchhof zuſammengetrofen und ſtanden faſt als die zwei Letzten feſt gegeneinander.„Brüderlein, Brüderlein— den Buſchhof kriegſt Du— nie!“ höhnte der wilde Franz zwiſchen den furchtbaren Hieben ſeines Säbels, die Detlof kaum mit ſeiner Flinte zu pariren vermochte. Sie ſahen nicht, wie die Reihen ſich um ſie auflöſten und der ganze Raum und ſchon die Moorwege draußen von Fliehenden und wüthenden Verfolgenden beſäet waren. Sie kamen nicht auseinander, und immer wilder drang Franz auf den Andern ein, bis Detlof endlich die zerhauene Flinte fort⸗ werfend auf den grimmigen Feind zuſprang, ihn unter⸗ lief und packte und ihn faſt im ſelben Augenblick mit zer⸗ ſchmettertem Haupt aus ſeinen Armen zurückſtürzen ſah. So hatte den Kopf des Landesverräthers des Buſch⸗ bauern Waffe getroffen. ——— — 271 Und die blutbeſpritzte Keule in die Höhe ſchwingend, ſchrie Rolof mit tief glühenden Augen und heiſerer Stim⸗ me dem entſetzt daſtehenden athemloſen Sohne zu:„Was ſtehſt Du, Junge? Laß den Hund liegen! Fort mit Dir und Allen dem Volke nach!— Es darf nicht ein Mann von ihnen aus dem Buſch!“ Detlof ſprang ſich aufraffend zu einer herrenlos da⸗ liegenden Flinte, griff ſie auf und ſtürzte den Andern nach. Der Alte folgte ihm nicht weniger raſch. Sein Geſicht glühte von einem finſtern Triumph, ſein langes graues Haar, von dem er längſt die Pelzmütze und den zuſammen⸗ haltenden Meſſingkamm verloren, flatterte im Sturm, als er durch die Büſche den feſten Rain längs des Moors dahin ſtürzte. Auf dem Moor rangen noch einzelne Paare, vor ihm jagten in verzweiflungsvoller Haſt einige Flüchtlinge hart verfolgt dahin. Der Alte ſah's, wie drüben auf ei⸗ ner kleinen Erhöhung im Moor ſich ein Franzoſe um⸗ wandte, die Flinte an die Schulter riß, ſchoß— und im nächſten Augenblicke ſtürzte Rolof, von der Kugel in die Bruſt getroffen, noch ein paar Schritte vorwärts und ſchlug ſchwer auf den zertretenen, von ſchlammigem Schnee bedeckten Boden nieder. Mit einem Schrei des Entſetzens war Detlof gleich 9 „„CCCÜͤ · 272 darauf an ſeiner Seite, einige Andere hielten in ihrem Lauf inne und ſammelten ſich zu den Beiden. Sie hoben den ſchweren Körper behutſam auf und legten ihn ſanft auf den Rücken. Rolof war bei voller Beſinnung; ſein noch eben ſo rothes Geſicht zeigte ſich bleich, ſein Auge blickte mit ungewöhnlicher Milde. „Friſch auf, Junge!“ ſagte er langſam, aber freundlich zu dem leichenbleichen Detlof.„Was zitterſt Du, und haſt Dich noch eben als einen ſo wackern Burſchen gezeigt?— Das iſt gut ſo— ich frag nichts nach dem Leben!— Fort mit euch, Kinder— ihnen nach! Laßt Keinen lebendig aus dem Buſch!— Laßt mich nur, bis ihr Zeit habt!— Auf mich kommt's nicht an!“ Ihr Widerſtreben half nicht, ſie mußten fort, den Feinden nach, Alle, Detlof mit den Andern. Und ſie er⸗ füllten den letzten Befehl des Alten. Es kam von der ganzen Kompagnie, die hier den Ueberfall verſucht, nicht ein Mann wieder über die Grenze. Ein paar ſchwer Verwundete— aber ihrer waren wenig, denn die Bur⸗ ſchen hatten nicht geſcherzt im Zuſchlagen— die man fand, als Alles vorüber war, ſchonte man und lieferte ſie nach einigen Tagen an das Lazareth in St. ab. Der Müller Ruſt hatte ſeine halb freiwillige, halb gezwungene Füh⸗ rerſchaft gleich im Anfang des Gefechts mit dem Tode gebüßt. Man fand ſeine Leiche jenſeits des Moors. 4 Gegen Mittag fanden ſich die Sieger zuſammen und zogen mit ihren Todten und Verwundeten langſam und ernſt heim. Auch für Rolof hatte man ſchnell eine Bahre gerüſtet. Der Förſter und Detlof gingen neben ihm, und der wunde Mann hielt fort und fort des Sohnes Hand in der braunen Fauſt und ließ ſeine Augen mit einemn tiefen, ernſten, ſinnenden Blick auf den bleichen Zügen ſeines Kindes ruhen. „Das iſt Alles nur für nichts— weßhalb ſollt ich nicht reden? Das Schweigen macht mich auch nicht wieder lebendig,“ ſagte der Buſchbauer zwar mit ſchwä-⸗ cherer Stimme als in den Tagen ſeiner Kraft, ſonſt aber ganz vernehmlich und in ruhig ernſtem Tone, als e Abends, von einem kurzen Schlummer erwacht, die Sei⸗ nen und den Prediger um ſein Lager verſammelt ſah und man ihn um Schonung der wunden Bruſt gebeten hatte.„Das iſt umſonſt— ich ſeh' die Sonne nicht wieder aufgehen, ſo oder ſo, das fühl' ich ſelber am be⸗ ſten. Meine Zeit iſt um. Laßt mich reden, was ich zu reden habe— viel iſt's nicht, aber geſagt muß es doch werden.“ r „Sei Du nur gefaßt, Alte,“ fuhr er fort und legte die hagere Hand auf das Knie ſeiner Frau, die in ſtarrer finſterer Trauer vor ſeinem Bette ſaß und dem Verwun⸗ deten zuweilen den Schweiß abtrocknete oder das Kiſſen rückte.„Du wirſt es beſſer nach mir haben, als Du's mit mir gehabt, und Du brauchſt Dich nicht zu küm⸗ mern— der neue Buſchbauer hat das Herz auf dem rechten Fleck und kriegt es leichter als ich— er braucht ſich nicht wie ich mit dem herumzuſchlagen, was vordem war— und ſeine Bäurin wird auch beſſer daran ſein, ſie iſt ſelbſt luſtig und quick und flügg', und kriegt einen luſtigen Mann. Denn ihr ſollt ein Paar werden, Detlof und Gertrud— wenn's Dein Vater anders will, Kind— ich hab nichts mehr dagegen.“ Gertrud beugte ſich vom Kopfende des Betts über das bleiche Geſicht des Alten und küßte ſeine Stirn, ſie hielt mit Gewalt die Thränen zurück. Detlof war gleich⸗ falls herangetreten und hatte Rolof's Hand gefaßt. Der Alte hielt ſie feſt und ſah den Sohn feſt an. „Gib ihm auch die Hand, Alte,“ ſprach er zu ſeiner Frau.„Ich hab' dem Jungen Unrecht gethan. Er hat Herz und Kopf auf dem rechten Fleck, und die Hand hier hat heut' feſt zugeſchlagen, der Kopf da hat dem Feinde den Sieg abgewonnen. Ich hab' Dir das nicht zugetraut, Junge, Du ſchienſt mir zu weich und feig zu einem frechten Buſchbauern— es braucht Männer da!— und von einem Ehemann warſt Du in meinen Augen weit ab. Nun, es iſt gut, daß es anders iſt!— Ich hab' auch ſonſt noch gegen die Gertrud gehabt, daß ſie„am Born“ nichts Rechtes gelernt— wie wollte die auf dem gro⸗ ßen Hof haushalten!— Aber das iſt auch nichts— ſie weiß Beſcheid, merkt' ich. Und Geld braucht ſie nicht mehr— nun thut's der Buſchhof ſchon allein.“ „Er thut's auch, daß der da—“ und Rolof zeigte uf Hans, der ſeinem ausdrücklichen Wunſch gemäß in's Zimmer gerufen war und beſcheiden neben der Thür ſaß— „ſein Recht erhält, und Du mußt mir verſprechen, Det⸗ lof, daß Du als ein Bruder gegen ihn ſein willſt. Er iſt der Sohn meines todten Bruders Arnold— er iſt nun faſt fünfundzwanzig Jahr' auf dem Hof und iſt immer ein braver Menſch geweſen. In meinen Augen iſt das die Hauptſach', auf die Geburt kommt es weiter nicht an; und wenn er ſich mit der Regine zuſammen⸗ findet, ſoll's mir recht ſein. Mögen ſie mit einander hau⸗ ſen, wie's und wo's ihnen recht iſt.— Das mußte ich euch noch ſagen. Nun bin ich mit euch fertig.“ Er hatte das Bisherige in langen Pauſen geredet und ſeine Stimme war nach und nach immer ſchwächer 4 geworden. Nun ſtreckt' er ſich lang aus und legte den Kopf noch tiefer in's Kiſſen zur ſtillen Ruhe. Der Geiſtliche redete zu den Anweſenden in milden, tröſtenden Worten von der Armuth und dem Reichthum des Menſchenle⸗ bens— von dem Segen hier und dem Lohn dort und von der allerbarmenden Vatergüte des Allmächtigen, die da anders wäge und anders richte als die irrenden Menſchen. Die Kinder und Freunde, der Sterbende horch⸗ ten lautlos.— Die Bäurin hatte den Kopf in die Hand gelegt und hielt die Augen mit ſtarrem Blick auf den Gatten gerichtet. Sie hatte an der Seite deſſen, der nun von ihr ſcheiden wollte, wenig von dem Glück gefunden, welches Frauen anderer Stände in der Ehe und an der Seite eines tüchtigen, geachteten und geliebten Mannes ſuchen und finden, und dennoch meinte ſie, ſein Tod ſei auch das Ende ihres Lebens und ihr Daſein ſei fortan umſonſt und aus. Es war eine tiefe Stille im Zimmer. Der Prediger ſtand auf und näherte ſich, wie um Abſchied zu nehmen, dem Lager. Da erhob Rolof noch einmal leicht und frei den alten müden Kopf. Er ſchaute mit klarem, feſtem Blick auf Alle, ſo auffordernd, möchte man ſagen, daß ſich ihm die Augen wohl zuwenden mußten, und dann ſprach er faſt mit dem kraftvollen, tiefen Ton ſeiner geſunden Ta⸗ ge:„Das hab' ich noch auf dem Herzen— das leg' ich euch an die euren! Ich hab' unſer Land und unſern Herrn geliebt von jeher, mit aller Kraft. Ich hab' den Feind gehaßt, wie es ein deutſches Herz ſoll, und all⸗ mein Denken darauf gerichtet, ihn davon zu jagen. Laßt nicht ab von dem Werk— das verſprecht mir! Was auch kommt— haltet aus! Setzt Gut und Blut daran, daß wir wieder frei ſind in unſerm Lande! Haltet zuſammen immerdar— ſo weit man deutſch redet! Dann braucht ihr euch vor keiner Erdenmacht zu fürchten!— Haltet aus und zeigt's dem Wälſchen ſo, daß er das Wieder⸗ kommen vergißt!“ Sein Kopf fiel in die Kiſſen zurück, ſein Auge ging aber wiederum hell und klar von Einem zum Andern.— „Der Herr ſegne und behüte Dich und ſei Dir gnädig!“ ſagte der erſchütterte Prediger und drückte die Hand des Bauern. Rolof ſprach nicht mehr. Gegen Morgen iſt er ge⸗ ſtorben. Bei Stepnitz in der Waldlichtung erhebt ſich noch immer der grüne Raſenwall, und über demſelben ſieht man die Dächer und hochragenden Bäume des Buſch⸗ hofes. Das iſt heut' wie damals ein einſames, geheimniß⸗ volles Gehöft, ſtill im abgeſchloſſenen Raum. Die Herzen jedoch, die dort ſchlagen, ſind leichter und froher gewor⸗ den und nie wieder voll ſolcher Noth und ſolcher Sorge wie damals. Aber treu ſchlagen ſie nach wie vor, treu ihrem Lande und treu ihrem Fürſten. Das iſt nicht allein Rolof's Erbe, ſondern Gott hat es ihnen mitgegeben, 3 und ſein Segen bewahrt's ihnen für alle Zeit. Iſffſfſffffffiff uddlsaaazwauwmruuraaauwmumuuarzauaamummumumraaawumnran 12 13 14 15 16 17 18 „ 45. 54* e 4 3 4“ 1