Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Bießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, wele che bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für woͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— 2 r auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 3 5. Auswaärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 Album. Bibliothek deutſcher Driginalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Neunter Band. Der große Baron. Wien. Kober& Markgraf. 1861. 4* 4 7 Der große Baron. — Eine Geſchichte von Edmund Hoefer. Zweiter Theil. Wien. Kober& Markgraf. 1861f. 8 5 8 — = 8 8 — — Q S S — —— Inhalt des zweiten Theils. Hildegard............. 1 Peter Heinze............ 7 „Schlag auf Schlag......... 55 .Der Ball der Ritterſchaft........ 81 . Der Ball der Riterſchaſt Gorſebung).... 101 ⸗Auf Wolden...... 121 Der große Baron........... 140 „ Frühlingsanfang............ 167 „Der alte Zwiſt........... 190 - Es wird nicht Allen ſo gut........ 212 J. Hildegard. „Gnädige Frau können glauben, daß ich mich nicht täuſchte,“ ſagte ſie und legte das Kleid von goldbraunem Sammet, an deſſen ſchwarzem Spitzenbeſatz ſie arbeitete auf der Stuhllehne vor ihr, wo es lag, anders hin, um den Effert ihrer Arbeit beſſer prüfen zu können.„Der Herr Vater hielten einen Brief in der Hand und ſprachen mit dem Magiſter bis an die Thür ſo lebhaft, wie ich's noch gar niemals gehört. Ich mußte ja raſch vorüber, aber die Schrift erkannte ich doch; ich habe ſie ja im Sommer oft genug drüben in ſeinem Zimmer liegen ge⸗ ſehn. Und gnädige Frau können's glauben, der Magiſter hat auch ſeinen Namen genannt.“ Die Baronin hatte die Rechte mit einer kleinen Stickerei in den Schooß ſinken laſſen. Der Elbogen des andern Armes ruhte auf dem Fenſterbrett. Ihr Haupt war leicht auf die weiße, volle Hand geſtützt, und die Augen blickten mit einem finſteren Ausdruck über den 1861. 9. Der große Baron. II. 1 2 leicht beſchneiten Hof hin und in die Doppelallee hinein, welche man von dieſem Fenſter aus bis zum Strande ver⸗ folgen konnte. Ja es ließen ſich jetzt, wo das Laub von den Bäumen war, am jenſeitigen Ufer des Meerarms ſo⸗ gar die vorderſten Gebäude von Mönkewitz unterſcheiden. Es war, zumal in dieſer Jahreszeit, eine ſtarre und ein⸗ förmige Ausſicht, welche ſich der Dame darbot, und es war charakteriſtiſch für die ſtolze und unbefriedigte Frau, daß ſie, während alle Wohn⸗ und auch alle kleineren Ge⸗ ſellſchaftszimmer der Familie heut wie von jeher nach dem Park zu gelegen waren, allein ihre Wohnung auf der Vorderſeite gewählt hatte. Nur das Vorzimmer des Vaters lag gleichfalls in dieſer Richtung, aber der Baron behauptete es, nicht wie die Tochter aus Geſchmack, ſon⸗ dern aus Wirthſchaftsrückſichten. Die Dame erwiderte einſtweilen nichts auf die Worte der Kammerfrau, welche— eine anſcheinend wenig paſſende Staffage für das große und hohe, prachtvoll ein⸗ gerichtete Gemach— mit der erwähnten Arbeit an dem in der Mitte des Raums ſtehenden runden Tiſche ſaß und jetzt eifrig nähte. Nach einer Weile aber erhob das Mädchen leiſe den kleinen Kopf, warf einen vorſichtigen, lauſchenden Blick zu der Gebieterin hinüber und ſagte, das Auge wieder ſenkend, anſcheinend vollkommen harmlos: „Es muß eine große Briefſendung geweſen ſein. Das gnädige Fräulein hat auch ein paar erhalten.“ Und als 3 die Baronin auch hierauf weder etwas erwiderte noch durch eine Veränderung in den ſtarren Geſichtszügen irgend eine Theilnahme daran verrieth, ſetzte ſie hinzu:„Das gnädige Fräulein wird doch wohl ſchon einige Tage früher in dis Stadt müſſen, der Proben und der Toilette we⸗ gen?“ Die Baronin legte die Stickerei auf das Tiſchchen, welches vor ihr in der Fenſterniſche ſtand, nahm ihr Ta⸗ ſchentuch auf, um ſich damit über die Lippen zu fahren, und als ſie es wieder hinlegte, ruhten ihre Augen einen Moment auf der oben befindlichen Ecke, in der ihr reich⸗ geſtickter verſchlungener Namenszug unter der Freiherrn⸗ Krone zu ſehen war. Aber der Blick währte nur eine Se⸗ kunde, dann wandte ſie die Augen flüchtig auf die Kam⸗ merfrau und ihre Arbeit, erhob ſich und durchmaß mit langſamen Schritten das Gemach. Von dieſer Bewe⸗ gung vernahm man aber vor dem dichten, bunten Teppich nichts; der blaßgraue weiche Wollenſtoff, aus dem das Morgenkleid der Dame beſtand, machte keinerlei Geräuſch beim Gehen, und der Ton, welcher durch das Durchziehn des Fadens hervorgebracht wurde, war das Einzige, was die Stille leiſe unterbrach. „Setze Dich mit dem Kleide in die Garderobe, Hen⸗ riette; ich will allein ſein,“ ſprach die Baronin nach einer geraumen Weile kurz und ſcharf. Sie hielt dabei ihren Schritt nicht an, ſie ſah nicht nach der Angeredeten hin, 1*¾ ob dieſelbe ihren Worten auch folge. Aber ſie mochte daran wohl nicht weifeln, wie das Mädchen denn auch, faſt noch bevor die Worte völlig ausgeſpochen waren, au⸗ genblicklich aufſtand, das Kleid über den Arm nahm, die beiden Stühle an den Tiſch ſchob und mit geſetzter Miene raſch und unhörbar das Gemach nach der Seite hin verließ. Ton und Ausdruck der Gebieterin waren für die vieljährige gewiſſermaßen verzogene Dienerin ſogleich be⸗ ſtimmend geweſen. In ſolchen Momenten konnte von nichts als ſtummen Gehorchen die Rede ſein. So ſelten Hildegard von Merlin überhaupt ſchmerz⸗ haft oder auch nur nachſichtig war,— eine Laune, wie die gegenwärtige, wurde von ihrer Umgebung am meiſten ge⸗ fürchtet, und wie man in ſolchen großen und doch geſchloſ⸗ ſenen Hauskreiſen ſtets Stich⸗ und Scherzwörter für alles hat, ſagte man von dieſem Weſen der Baronin: Sie könne jetzt mit kaltem Blut zur Mörderin werden. Ganz un⸗ recht war dieſe Bezeichnung aber nicht. Einer oder der Andere, der ihr einmal zu trotzen gewagt, wußte wohl von dem kalten und dennoch drohenden Blick zu ſagen, der ihn in ähnlichen Momenten aus dem Auge der zürnenden Frau geſtreift, und Paul, der Diener, welcher in den Sommer⸗ wochen dem Maler zugewieſen war, ſagte nach einem ſol⸗ chen Fall einmal zu dem alten Gottlob halb lachend, halb ſich ſchüttelnd:„Wißt Ihr, es war mir dabei grade zu Muth, wie vor dieſem, als ich noch Soldat war— wenn 5 man was verbrochen hatte, und der Feldwebel guckte Ei⸗ nen ſo von der Seite an und notirte ihn in ſeiner Brief⸗ taſche. Da konnte man Giſt d'rauf nehmen, bei der näch⸗ ſten Gelegenheit packte er Einen dann an. So iſt's mir grade bei der Gnädigen— ſie ſchenkt's uns auch nicht, denke ich faſt.“— Und der alte Jäger nickte mit dem eisgrauen Kopf und verſetzte:„Haſt recht, richte Dich im⸗ merhin auf etwas ein, da trifft's Dich denn hernach nicht gar zu ſchwer.“ Hildegrad von Absberg war vordem, wie wir aus den Mittheilungen des Barons Hans Adam wiſſen, ein munteres und wildes Mädchen geweſen, das aber daneben auch einen guten Theil des Starrſinns und der Entſchie⸗ denheit geerbt hatte, durch welche Eigenſchaften in Ver⸗ bindung mit ihrem ſonſtigen Weſen ihre Mutter zur Her⸗ ſchaft in ihrer Familie gelangt war. Sie hatte überdies aber auch noch, wie wir es in ſolchen alten Geſchlechtern grade bei den Töchtern gar nicht ſelten finden, eine weit übertriebene Meinung von dem Rang und dem Anſehn ihres Hauſes, und was bei dem Vater und Oheim ein ru⸗ hig ſtolzes Bewußtſein und ſelbſt bei der Mutter meiſtens nur ein wohlbegründeter Stolz war, prägte ſich in ihr von Jugend auf als ein ſtarrer und maßloſer Hochmuth aus, der zeitenweiſe wohl einmal vor den übrigen vortrefflichen Eigenſchaften des jungen Mädchens, und beſonders ſo lange die ſanfte Zwillingsſchweſter lebte, zurücktrat und 6 weniger ſichtbar wurde, zu keiner Zeit ihres Lebens aber gänzlich ſchwieg und bei keiner Gelegenheit, in keiner Lage von ihr ganz beſiegt wurde.„Denen von Absberg“ war niemand im Lande gleich, ihres Umgangs, ihrer Freund⸗ ſchaft eigentlich kein Menſch würdig, und hätte nicht der Wille der von Hildegard blind verehrten und für unfehl⸗ bar gehaltenen Mutter ihr den Neffen derſelben zum Gat⸗ ten beſtimmt; hätte nicht ihre wirkliche, gleichviel wodurch erregte Liebe zu dem Vetter für den Augenblick wenigſtens alle andern Gefühle des Mädchens übertäubt, ſo würde Guſtav Merlin noch weniger Ausſicht auf ihre Hand ge⸗ habt haben, als einer der andern altadeligen Cavaliere ihrer Heimat. Was Hildegard erſtrebt haben würde, läßt ſich von ihr ſo wenig ſagen, wie von einem andern Menſchen, bei dem gleichfalls der angenommene Fall niemals eintrat. Vielleicht wäre ihr nur ein Fürſt gut genug geweſen, viel⸗ leicht auch der nicht einmal, und ſie wäre lieber als„alte Jungfer“ geſtorben. Das einzige Weſen, das ſie wahrhaft und unbegränzt mit aller Kraft ihrer Natur und ihres Weſens geliebt, war ihre Schweſter Hedwig geweſen, und als ſie ſtarb, brach Hildegard auf Jahr und Tag ſörmlich zuſammen. Ihr Stolz und Hochmuth, ihr Trotz und Starrſinn, ihr Eigen⸗ wille und ihre Energie— alles verſchwand vor der Trauer um die Schweſter, während ihr Körper— und ſomit na⸗ 7 kürlich auch der ganze innere Menſch— zugleich noch an den Folgen der böſen Krankheit litt, die ſie kaum beſiegt hatte. In dieſer Zeit entſchied ſich ihr Verhältniß zu dem Vetter erſt vollſtändig und die bisher noch immer verſcho⸗ bene Heirath kam zum wirklichen Abſchluß. Niemand, ſelbſt die Mutter und der Gatte nicht, er⸗ fuhr jemals, ob Hildegard ſich über die Stellung dieſes Letzteren zu ihrer verſtorbenen Schweſter und über die Nei⸗ gung Beider zu einander klar geworden. Wie ſie aber einmal war,hatte man allen Grund anzunehmen, daß eine ſolche Erkenntniß ſie keineswegs von dem Bunde zurückge⸗ halten, vielmehr ſie noch entſchiedener zu demſelben hinge⸗ drängt haben würde. Es war immerhin genug Schwär⸗ merei in dem blutjungen Mädchen, um ſie wünſchen und wollen zu laſſen, dem Manne ſeinen Verluſt ſo viel wie möglich durch alle ihr inwohnende Liebe zu erſetzen. Und wer weiß, ob in Augenblicken des Träumens und Schwär⸗ mens, wie ſie denn doch auch für die trauernde Hildegard wohl gekommen ſein mußten, ſich in ihr nicht der Gedanke geregt hatte, daß ein Menſch, den ein ſo vollkommenes Weſen, wie die Verſtorbene, ſo ſehr geliebt, auch ſelber ganz beſonders vollkommen und liebenswerth ſein müßte. Das alles währte und wirkte jedoch leider nur kurze Zeit. Hildegards Weſen kam bald wieder zum völligen Durchbruch oder vielmehr erſt zur rechten Entfaltung, und um ſo mehr, da die Gatten die erſten Jahre lang ganz 8 auf ſich ſelbſt angewieſen blieben; Diana, ihr erſtes und einziges Kind, wurde, wie wir erfahren haben, erſt nach ſechs Jahren geboren. Uiberhaupt hatte die Trauer um die Schweſter auf Hildegard mildernd nur in Bezug auf ihre eigenen Gefühle für, auf ihre perſönliche Stellung zu Guſtav Merlin gewirkt. Nach andern Seiten hin hatte ſie ſelbſt in dieſer Zeit keineswegs Nachſicht gezeigt und war nirgends von ihren Grundſätzen und Anſichten gewichen. Ihr Bruder wenigſtens, deſſen Leidenſchaft für die För⸗ ſterstochter gerade damals bekannt geworden war und bald darauf zur wirklichen Vereinigung mit derſelben führte, hatte in der Abtei keine erbittertere und unverſöhnlichere Gegnerin als die einzige Schweſter. In ihre Ehe hatte niemand, ſelbſt die Mutter nicht, jemals hinein geblickt. Hildegard war zu ſtolz dazu, um dies zu geſtatten. Ihre Angehörigen ſpürten es aber aus gelegentlichen Anzeichen und auch aus dem Leben der Gat⸗ ten mit einander, daß es Stürme gegeben hatte oder noch gabund daß von einer wirklichen Zufriedenheit, von einer leidlichen Einträchtigkeit, ſo wohl ſich beide vor der Welt auch zu benehmen wußten, ſtets nur ſelten und zeitenweiſe die Rede war. Nur in einem Leben auf dem größten Fuß, in der Entfaltung eines anſcheinend unverſieglichen Reich⸗ thums zeigten ſich Beide gewiſſermaſſen übereinſtimmend, doch freilich auch wieder mit dem unendlichen Unterſchied, daß Guſtav Merlin als luſtiger und leichtſinniger Cavalier, 9 Hildegard dagegen als— wie ſie annahm— vornehmſte Frau des Landes lebte und verſchwendete. Der erſtere folgte dabei allein ſeinen Neigungen und Einfällen, die andere hatte nur ihre Stellung und das, was dieſe erhei⸗ ſchen ſollte, im Auge. An den nervus rerum, an Geld und Gut, an den Stand und die Fähigkeit ihres Vermö⸗ gens, eine ſolche Lebensweiſe durchzuführen, dachte weder der Gatte noch die Gattin. Man kann ſich daher denken, einen wie furchtbaren und unauslöſchlichen Eindruck die hereinbrechende Vernich⸗ tung ihrer äußeren Stellung auf ein Weſen wie Hildegard machen mußte. Daß eine Absberg in eine ſolche Lage kommen und auf ſolche Weiſe zum Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs in Stadt und Land werden, zu hundert und aber hundert nichts weniger als freundlichen und theilnehmen⸗ den Bemerkungen Veranlaſſung geben könne, war etwas ſo Unglaubliches für die hochmüthige Frau, daß ſie an⸗ fänglich wie betäubt und ſchier vernichtet war. Daß ſie für das Handeln, für den Leichtſinn ihres Gatten nach einer Erklärung oder Entſchuldigung geſucht, daß ſie ihm gar Verzeihung gewährt hätte, das lag ihr ferner als ſern, es kam ihr dergleichen gar nicht in den Sinn, und ebenſo⸗ wenig, daß ſie ſelber einen großen Theil der Schuld tragen möge, durch welche das Unglück endlich herbeigeführt wurde. Dieſe Schuld fand man jedoch überall in näheren und ferneren Kreiſen, und fand ſie um ſo eher und betonte 10 ſie um ſo ſtärker, je weniger Freunde ſich Hildegard von jeher zu machen verſtanden. Sie hatte weder eine Freun⸗ din, noch einen Freund, da ſie, die ſehr ſchöne Frau, ſelbſt die meiſten Männer durch ihren Hochmuth von ſich entfernt und mehr und minder verletzt hatte. Sie erfuhr von der⸗ artigen Anſchuldigungen freilich nichts oder verachtete ſie, und am wenigſten vermochten dieſelben ſie gegen den Gat⸗ ten milder zu ſtimmen. Guſtav Merlin hatte in ihrem Sinn ſich einer Absberg in jeder Weiſe unwerth erwieſen, und ſie war ſehr geneigt, ihm ſchon zum Verbrechen anzu⸗ rechnen, daß er dieſe Verbindung mit einem Vermögen ein⸗ gegangen war, welches erwieſenermaßen zu einem gezie⸗ menden, ſtandesmäßigen Leben nicht genügte. Was noch neben der Schuld beider Gatten den Ruin veranlaßt und beſchleunigt, wirkliche Unglücksfälle und ſchwere Jahre, berechnete ſie nicht. Das Reſultat blieb für ſie das gleiche— ſie war ruinirt und beſchimpft auf die unerhörteſte Weiſe; der Gatte hatte ſich— ganz abgeſehen von dem, was ſie etwa auch innerlich getrennt haben mochte— als unwerth und unwürdig erwieſen und ein ferneres Zuſammenleben mit ihm ihr unmöglich gemacht. Selbſt daß er ſich freiwillig exilirt, dankte ſie ihm nicht,— ihrer Meinung nach wäre es gar nicht anders möglich geweſen— und wenn ſie den Bund, den ſeine Entfernung faktiſch getrennt, nicht wirk⸗ lich und vollſtändig löſte, ſo hing das mit ihrer und ihres ¹ 11 Vaters Anſicht von der Ehe zuſammen, die beiden als ein wahres Sakrament und für unlösbar galt. Von einem er⸗ neuten Verkehr zwiſchen ihnen wollte ſie trotzdem niemals etwas wiſſen, geſchweige denn von einem neuen Zuſammen⸗ leben. Guſtav— und wir bitten den Leſer, in dieſer Aus⸗ einanderſetzung nichts Uebertriebenes oder Karrikirtes zu finden; derartiges würde wenigſtens nicht in unſerer Dar⸗ ſtellung, ſondern nur in Hildegards Charakter liegen— Guſtav exiſtirte für ſie nur noch durch den Haß, den ſie ihm bewahrte. In ihrer eigenen und eigentlichen Familie, d. h. in der Abtei und in Wolden, hatte man beim hereinbrechen⸗ den Unglück zuerſt alles Unrecht auf Seiten ihres Man⸗ nes geſucht, obgleich Hildegard niemals ein beſonderer Liebling ihres Vaters und noch weniger des Onkels ge⸗ weſen war. Es fiel damals aber Einiges vor, was den Reſt der väterlichen Neigung vollends von ihm ablenkte, und als nach dem Kriege— denn während dieſer Jahre lag auch in dieſen Gegenden alles darnieder und wo et⸗ was geordnet wurde, geſchah es ſtets nur proviſoriſch und in der Abſicht, nach erlangter Ruhe noch einmal und voll⸗ ſtändig darauf zurückzukommen— die Angelegenheiten des Barons Merlin wiederum vorgenommen und ſo viel wie möglich in Ordnung gebracht wurden, und der Alte dabei einen beſſeren Einblick in die Verhältniſſe des ge⸗ trennten Paares gewann und nun gar erkannte, wie das 12 große Vermögen zu Grunde gerichtet worden war, konnte er ſich nicht länger verbergen, daß die Schuld ſeiner Toch⸗ ter überall eine kaum geringere geweſen als die ſeines Schwiegerſohnes. Die unermeßliche Verſchwendung im häuslichen und geſellſchaftlichen Leben ſiel größtentheils ihr allein anheim. Nach dieſer Erkenntniß hatte der große Baron auch pekuniär zur Ordnung der Verhältniſſe alles beigetragen, was in ſeinen Kräften ſtand und es war dadurch wenig⸗ ſtens möglich geworden, die eigentlichen Fideikommißgüter Merlins und ſomit die Ausſicht zu erhalten, daß alle Schulden nach einer Reihe von Jahren durch den Ertrag dieſer Güter getilgt ſein würden und die Letzteren wieder in die Hand ihres Beſitzers zurückgelangen könnten. Sei⸗ nem Schwiegerſohn wurde der alte Herr durch dieſe Sach⸗ lage freilich nicht gerade freundlicher geſtimmt. Im Ge⸗ gentheil fand er Guſtav's Nachgiebigkeit gegen die Launen ſeiner Frau faſt noch weniger verzeihlich als die Schwäche gegen ſich ſelbſt und ſeine eigene Liebhabereien. Geredet hatte er aber über alle dieſe Angelegenheiten mit keinem Menſchen; ſelbſt ſein Bruder erfuhr davon bekanntlich nichts. Nur ſeiner Tochter hatte er, als alles geordnet geweſen, den Sachverhalt und ſein eigenes Handeln kurz und kalt vorgelegt und der finſter Erſtaunten und Ungläu⸗ bigen dabei nichts als die Worte geſagt:„Menagire Dich und buße, Hildegard.“ Und es war in ſeinem Auge wie —õÿ— 13 in ſeiner Stimme auch noch jenes Andere geweſen, was, wie geſagt, damals eine Zeit lang zwiſchen ihr und dem Vater geſtanden und wohl beendet aber nicht ausgeglichen war. Das hatte ſie vollends verſtummen laſſen. Seitdem war nie wieder ein irgendwie herzliches Verhältniß zwiſchen ihnen entſtanden. Er blieb kalt ge⸗ gen ſie, ſie— obſchon ſie ſich hütete es zu zeigen— ver⸗ bittert gegen ihn, der nach ihrer Anſicht ihr Recht und ihre Stellung gleichfalls verkannte. Und was in dieſem Verhältniß zwiſchen den ſo nahen Verwandten und beſon⸗ ders bei Hildegards Charakter das Allerübelſte war,— der Baron, der im häuslichen Leben niemals nach einer Herrſchaft geſtrebt, vielmehr ſeiner verſtorbenen Frau, wie wir wiſſen, hier eine ſchier unbegrenzte Freiheit und daneben auch in manchen anderen Dingen einen ſehr gro⸗ ßen Einfluß auf ſein eigenes Meinen und Handeln einge⸗ räumt hatte, beſchränkte nach dieſen Richtungen hin die Stellung der Tochter auf das alleräußerſte. Er berieth ſich nicht mit ihr, er fragte ſie nicht, er ließ nichts von ihr abhängen, und ſie hatte kein Wort mitzureden, ſei es wobei es ſei. Es konnte der hochmüthigen, verbitterten Frau keinen Erſatz gewähren, daß der Vater ſie natürlich in anderen äußerlichen Beziehungen ſtellte, wie es ſich für den großen Baron und ſeine einzige Tochter geziemte. Und dies war noch nicht einmal das Schlimmſte, was ſie von den Ihren zu erfahren und zu tragen hatte. 14 Eine herzliche und innige Natur war Hildegard nie⸗ mals geweſen und hatte auch niemals Sinn für häusliche Freuden gehabt. In den erſten, wirklich ſchweren Jahren nach dem Unglück ihres Mannes, als ſie in ihrem Hoch⸗ muth auf das tiefſte verletzt, daneben noch zu ihrer höch⸗ ſten Qual die Aufmerkſamkeit von Stadt und Land auf ſich gerichtet wußte, hatte ſie kaum für ein Weſen außer ſich eine beſondere Theilnahme gehabt und ſelbſt ihrem Kinde wenig oder gar keine Sorgfalt, geſchweige denn Liebe zugewendet. Von einer warmen, ſonnigen Zärtlich⸗ keit wäre ſicher niemals die Rede geweſen, jetzt aber ſand das Kind in der Mutter niemals etwas Anderes als eine finſtere, verſtimmte und verbitterte Frau, ohne Theilnahme und Verſtändniß für ihr kindliches Weſen und Trei⸗ ben; es fand ſich nicht angezogen, ſondern zurückgewieſen und verſchüchtert und wandte ſich begreiflicherweiſe immer mehr von der Mutter ab und dahin, wo es das traf, was es begehrte, d. h. in dieſem Falle zu al len übrigen Ver⸗ wandten, zu allen Dienern ſogar eher als zu derjenigen, die ihm die Nächſte hätte ſein ſollen. Damit war die Stellung von Mutter und Tochter ein für allemal entſchieden; Diana kam jener innerlich niemals wieder nahe und ſeitdem die Mutter dem einmal angeknüpften Verkehr mit dem fernen Vater des Kindes, wie wir erfuhren, herb und bitter entgegen getreten war, lebten beide kalt und fremd neben einander hin, beide die 15 Unnatürlichkeit eines ſolchen Verhältniſſes tief empfin⸗ dend und dennoch unvermögend, dasſelbe zum Beſſern ſich wenden zu laſſen. Hildegard liebte das Kind des bitter gehaßten Mannes nicht, allein ſie war doch verſtändig genug zu begreifen, daß ſie in dieſem Kinde die naturge⸗ mäße Freundin, Vertraute und Verbündete ſich hätte her⸗ anbilden ſollen und können, während ſie jetzt nur ein jun⸗ ges Mädchen neben ſich hatte, das ihr fremder war als die gemiethete Dienerin, das ihr zwar ſtets den ſchickli⸗ chen Reſpekt bewies, aber ohne jemals auch nur eine Art warmen Gefühls zu verrathen, und daß ſie endlich in mehr als einer Beziehung ſich vorgezogen ſah. Denn auf Groß⸗ vater und Oheim hatte Diana einen Einfluß, den beide Brüder weder ableugneten noch ablehnten. Und was für Hildegarde peinlicher als alles Andere war— ſie wußte nur zu wohl, daß dieſer Einfluß mehr als ein⸗ mal zu ihrem Gunſten ausgeübt worden. Bei Hilde⸗ gards Verbitterheit und Rückſichtsloſigkeit waren gerade neuerdings mehrfach Differenzen entſtanden, welche ohne die Vermittelung ihres Kindes vielleicht zum unheilbaren Bruche mit dem alten Vater geführt haben würden. Und nun lag wiederum eine ſolche Differenz, und zwar eine ſchlimmere als je, vor ihr, nicht ausgeſprochen und dennoch ihr ſo gut wie den Uebrigen nur zu tief be⸗ wußt; nicht von heut und geſtern, ſondern ſchon ſeit man⸗ chen Wochen, ja Monaten, ſeit Ruprechts Abreiſe, ſeit 16 den Briefen von ihm und Ehrenſtein, die den jungen Mann dem Hauſe des großen Barons, in menſchlichem Sinne wenigſtens, plötzlich ſo nahe geſtellt und ihn— ſo wünſchte und wollte es Hildegard— grade für immer von demſelben entfernen ſollten. Hildegards Stellung hatte ſich in der letzten Zeit mehr als je verſchlechtert; mit dem Vater traf ſie, wenn er in der Abtei verweilte, nur noch Mittags und Abends beim Speiſen zuſammen, wo beide überdies gewöhnlich nur ſelten zur Unterhaltung mit einander kamen. Diana war der Mutter ganz fern getreten und hatte, wie es ſchien, ihr auch die letzten Reſte ihres Vertrauens entzo⸗ gen; auch ſie ſahen ſich wenig mehr und gelangten noch weniger zu eingehenderen Geſprächen, zu einem Zuſam⸗ menleben, wie es vor dem Auftreten des Malers doch zu Zeiten noch ſtattgefunden. Was zwiſchen dem Mädchen und Ruprecht vorgegangen, wußte ſie nicht; ja, ſie hatte nicht einmal in Erfahrung gebracht, ob überhaupt etwas vorgegangen war, wie ſie es heimlich fürchtete und es in jener Unterredung mit dem Fremdling am letzten Morgen unkluger Weiſe zu Worten werden ließ. Aber wäre es auch nur das geweſen, was ſie ja durch Ruprechts eigene Geſtändniſſe wußte,— Dianas Verbindung mit dem ver⸗ bannten Vater, des Malers oder Offiziers— Hildegard lächelte jedesmal verächtlich, wenn ſie in ihrem Gedanken⸗ gange hierauf kam— Freundſchaft mit demſelben und ein ——— 17 auf ſolche Weiſe vermitteltes Einverſtändniß der beiden jungen Leute, ſo war ſchon dies allein hinreichend, die Dame aufs äußerſte zu verſtimmen und mit neuer Bitter⸗ keit zu erfüllen. Allein auch hierüber redete Diana zur Mutter nicht, und als dieſe bald nach Ruprechts Abreiſe das Mädchen einmal in ihrer ſcharfen und höhniſchen Weiſe darüber zur Rede geſtellt, hatte ſie endlich nur die ebenſo ſcharfe Antwort erhalten:„ja Mutter, ich weiß, daß Herr Münch mein Bild für meinen Vater gemalt und hauptſächlich deswegen bei uns Eingang geſucht hat. Die Weiſe hat mir nicht ganz gefallen, aber nur deswegen, weil mein Vater doch wohl ein Recht hatte, das Bild ſeines Kin⸗ des zu fordern. Ich wenigſtens gab und gebe es ihm mit tauſend Freuden und habe ihm auch das ſelber aus⸗ geſprochen.“ Das Mädchen war überhaupt in ſeinem ganzen We⸗ ſen, im Sprechen und Thun feſter und entſchiedener ge⸗ worden und zwar nicht gegen die Mutter allein, ſondern auch, wie dieſe beobachtet haben wollte, gegen Großvater und Onkel und Jedermann. Hildegard ſann und rech⸗ nete nun, ſeit wann und wodurch dieſe Veränderung ent⸗ ſtanden ſei. Der härteſte Schlag aber, den die ſtolze Frau em⸗ pfangen hatte, war die Mittheilung der beiden Briefe geweſen, welche ihr der Vater nicht ſogleich nach Rup⸗ 2 1861. 9. Der große Baron. II. rechts Abreiſe, nicht während Ehrenſtein’s Anweſenheit, ſondern nach ſeiner Rückkehr von den Kommiſſionsſitzun⸗ gen in E. und noch obendrein erſt dann, als ſie ſelber ihm durch eine Bemerkung über des frühern Gaſtes zweideu⸗ tige Stellung dazu Gelegenheit gegeben hatte, mit kaltem Ernſt vorlegte. Schon dieſe Weiſe verletzte die Baronin tief und nahm ſie noch mehr gegen den Fremdling ein. Sie mußte daraus wieder erkennen, wie fern ſie dem Vater ſtand, der ihr, welche doch zunächſt durch dieſe Entdeckun⸗ gen intereſſirt war, dieſelben wie es ſchien zu allerletzt mit⸗ theilte. Und nun erſt, wie er dies gethan, was er dabei geſagt! Sie waren— Hildegard wußte nicht mehr, wie das gekommen— in ſeinem Zimmer geweſen, und auf ihre Bemerkung über Ruprecht hatte er ſich nach einem langen feſten Blick von ihr ab und zu ſeinem Schreibtiſch gewen⸗ det, die Papiere herausgelangt und ihr mit einem kurzen: „lies— Du haſt Unglück, mein Kind!“ hingereicht. Dann hatte er ſich, während ſie las, ans Fenſter geſtellt, und erſt als ſie nach Beendigung der Lecture aufſtand, und, ihre Beſtürzung verbergend, bitter ſagte:„das iſt zugleich Märchen und Intrigue, wie—“— hatte er ſich langſam wieder ihr zugekehrt und ihr ins Wort fallend, entgegnet: „wie es Dir erſcheint, darauf kommt es nicht an, mein Kind. Wir wiſſen ſchon, was zu thun. Ich wollte Dir nur zeigen, daß Du mit Deinem Wiſſen hinter dem un⸗ 19 ſeren etwas zurückgeblieben biſt.“ Und eiskalt und den⸗ noch mit ſo vernichtendem Spott, daß Hildegard noch jetzt, wenn ſie daran dachte, jedesmal aufs neue vor Zorn und Scham erbleichte, hatte er hinzugefügt:„Mamſell Henriette ſcheint auch nicht allwiſſend zu ſein, mein Kind, oder war ihr mein Zimmer nur nicht ſo zugänglich, wie — andere Räume?“ Die Baronin hatte damals keine Erwiderung ver⸗ ſucht, ſondern ſich alsbald zurückgezogen, und von dem Augenblick an war, in ihrer Gegenwart wenigſtens, nie⸗ mals wieder von dieſen Dingen geredet worden. Sie wußte aber— freilich nur durch Mittheilungen der Kam⸗ merjungfer— daß die Ihren den Maler keineswegs ver⸗ geſſen hatten, ſondern ſich viel mit ihm beſchäftigten, ohne daß ſie Näheres erfahren konnte; denn der, ſonſt ziemlich zugängliche und ſehr offene Oheim wich ihr bei einem Ver⸗ ſuch, mit ihm ein Geſpräch anzuknüpfen, ſichtbar aus und hatte ſich ſelbſt durch abſichtlich hingeworfene ſcharfe und bittere Bemerkungen nicht zu einer unumwundenen Ent⸗ gegnung reizen laſſen, zuletzt ſogar ungewöhnlich barſch geſagt:„kümmere Dich um Deinen Kram, Hilda, und laß mich und den Münch zufrieden. Weiß nicht, in wel⸗ chem Sattel er ſich ſetzen wird. Sitzt er aber einmal— Du hebſt ihn nicht heraus.“ Es bedarf wohl nicht erſt einer beſonderen Ausfüh⸗ rung, um es den Leſern klar zu machen, daß Hildegards 25 der Urheber dieſes Angriffes, jedenfalls doch dabei bethei⸗ ligt war, in ihr keineswegs zu kurz kam. Daß ſich etwas gegen die Familie des großen Barons oder wenigſtens gegen ſie perſönlich vorbereitete, glaubte oder argwöhnte ſie doch,— nur über das Was und Wie war ſie noch un⸗ ſicher und durch dieſe Unſicherheit nur um ſo mehr gepei⸗ nigt und erbittert. Sie fühlte die Kraft in ſich, einen Angriff, ſelbſt den ſchwerſten und ernſtlichſten, zu begeg⸗ nen— wäre er nur erſt da, ihr ſichtbar und fühlbar ge⸗ weſen! Früher hatte ſie an eine Intrigue gedacht, wie ſie eine ſolche nur zu leicht und bald überall erblickte und ſie in ihrer— Verfeindung mit aller Welt auch von Jeder⸗ mann faſt erwartete. Sie meinte, ihr Gatte wolle etwa einen Wiederanknüpfungsverſuch machen und habe ſich da⸗ her in der Tochter eine Verbündete zu ſchaffen geſucht. Da⸗ bei habe er ſich auch Ruprecht vielleicht zu einer Waffe ge⸗ gen die Familie erwählt, und es erſchien ihr nicht unmög⸗ lich, daß man ſowohl von Seite des Gatten als auch Ruprechts und Ehrenſteins im Nothfall nur nach einer erklecklichen Abfindungsſumme ſtrebe. Edlere Motive ſetzte ſie längſt bei keinem Manne und am wenigſten bei Merlin und Ehrenſtein, der ihr von jeher zuwider gewe⸗ ſen, mehr voraus, und der Maler galt ihr, um dies zu Haß gegen den jungen Mann durch dies alles eher wuchs als abnahm und daß auch ihr Gatte, der, wo nicht ——— ——— 21 wiederholen, nur für ein Werkzeug in der Hand der Beiden. Daß die Anſprüche des jungen Mannes weiter ge⸗ hen könnten, war der hochmüthigen Frau nicht in den Sinn gekommen, noch weniger die Möglichkeit, daß die Ihren dieſelben berückſichtigten und den„hergelaufenen Menſchen“ als ein Glied ihrer Familie anzuerkennen ver⸗ möchten. Ebenſo glaubte ſie den Einflüſterungen der Kammerjungfer, daß er„die Augen zu ihrer Tochter zu erheben“ gewagt und daß dieſe ſentimental genug ſein mochte, ſich für einige Zeit wenigſtens ſolchen Blicken nicht zu entziehen und Geſchmack an einer kleinen Liebelei zu finden. Das erſchien ihr mehr lächerlich und albern als gefährlich, ja an eine wirkliche Gefahr dachte ſie auch hierbei nicht. In beiden Punkten, was Ruprechts Stellung ſowohl zu ihrer Familie als auch zu ihrer Tochter betraf, war ihre Anſicht neuerdings eine bei weitem andere geworden. Seit ſie damals die beiden Briefe geleſen und die Worte des Vaters vernommen hatte, noch mehr ſeit in der neuern und neueſten Zeit manches geſchehen war oder doch ge⸗ ſchehen ſein ſollte, was auf des Barons eigentliche Meinung von Ruprecht ein eigenthümliches Licht zu werfen geeignet ſchien,— hatte es ſich vor der Baronin wie ein furchtba⸗ res und immer furchtbareres Geſpenſt erhoben. Ruprecht, der Baſtard, wenn er überhaupt nur das war!— aner⸗ 22 kannt als Erbe„des großen Barons!“ Ruprecht, der tief unter ihr ſtehende, verachtete und gehaßte Menſch, ihr Neffe! Ruprecht, der Maler und Vagabund, protegirt durch den, in den Momenten ſolcher Träume tödtlich ge⸗ haßten, unwürdigen und charakterloſen Gatten, durch den Mann, der— ſie wußte nicht auf welchen Wegen und durch welche Mittel— über ſein Kind neuerdings eine Gewalt erlangt zu haben ſchien, deren Umfang ſie nicht kannte und daher auch nicht berechnen konnte! Ruprecht endlich, um Alles zuſammenzufaſſen, durch die Verblen⸗ dung der Ihren, durch die Machinationen Merlins viel⸗ leicht der Gebieter auf Engelsöbe und der Gatte ihres entarteten Kindes.— Die ſchlanken Finger ihrer weißen und weichen Hand zogen ſich krampfhaft zuſammen, und in ihren blauen Augen glühte ein furchtbarer Zorn, ein tödlicher Haß und verbreitete ſich von dort aus in nur zu ſichtbaren Spuren durch die Züge ihres bleichen Geſichtes.„Nie!“ preßte ſie durch die feſt aneinander gepreßten Zähne, aus den ſchmalen blaſſen Lippen.„Nie, und müßte ich dar⸗ über zu Grunde gehen und ſelber Alles. zu Grunde richten!“— Sie ging noch immer langſam auf und ab, die Arme leicht über die Bruſt zuſammengelegt, den Kopf im finſte⸗ ren Sinnen ein wenig geſenkt, die Augen, mit Ausnahme eines gelegentlichen kurzen drohenden Aufblickens ſtarr 23 auf den Teppich geheftet, in dem ihr Fuß faſt verſank. Jetzt aber richtete ſie ihre Schritte dem zweiten Fenſter zu, von deſſem Geſimſe eine Fülle blühender Hyaeinthen das ganze große Gemach mit Duft durchwürzten; ſie blieb vor den Blumen ſtehen, beugte ſich langſam zu einer der⸗ ſelben nieder und ließ ihr Geſicht eine ganze Weile nahe über den ſchwarzblauen Glocken ſäumen. Und als ſie ſich endlich wieder aufrichtete, zog es wie eine Art finſterm Triumphes durch ihre Züge und ſie murmelte vor ſich hin: „wohlan, nun auch kein Zaudern und Zagen mehr! Ihr habt es nicht anders gewollt! Nun mögt ihr's ſpüren, daß auch ich eine Absberg bin und das alte Wort wieder zur Geltung bringen kann— Absberg iſt los!“ Sie wandte ſich raſch und entſchloſſen um und der Thür zu, durch welche vorhin die Dienerin verſchwunden war. Im ſelben Augenblick vernahm ſie jedoch ein leiſes Klopfen an der Thür zum Vorzimmer, blieb ſtehen und ſagte ziemlich ungeduldig und laut:„herein!“ Die Thür ging auf. Der Diener des Vaters brachte auf ſilbernem Teller einen Brief für die Baronin, welcher in der Poſttaſche von der Station mitgekommen ſei. Frau von Merlin betrachtete Couvert und Siegel genau und finſteren Blickes„Wie kommt's,“ fragte ſie herb,„daß ich den Brief ſo ſpät erhalte? Ich weiß doch, daß die Poſttaſche ſchon längſt im Hauſe iſt, und möchte in Zukunft um ſchnellere Bedienung bitten, mein Freund.“ Der Diener zuckte leicht die Achſeln.„Die gnädige Frau können ſich darauf verlaſſen,“ erwiderte er reſpekt⸗ voll,„daß der Herr Baron mir das Schreiben ſoeben erſt gab und nichts weiter hinzufügte. Der Herr Baron iſt erſt vor einem Augenblick zurück in ſein Zimmer ge⸗ kommen. Er hat den Herrn Magiſter bis an den Strand begleitet.“ „Es iſt gut,“ ſagte ſie kurz und wandte ſich ihrem Platz am Fenſter zu, und als der Diener das Gemach leiſe verlaſſen hatte, ſetzte ſie ſich, ſah noch einmal nach Cou⸗ vert und Siegel, als müſſe ſie ſich faſt von der Unver⸗ letztheit des Schreibens überzeugen, erbrach den Brief und verſenkte ſich in die Lecture deſſelben. Sie zuckte ein paarmal die Achſeln, ſie ſchüttelte auch einmal den Kopf; ihr Geſicht verlor nach und nach den bisherigen Ausdruck, als ſie mit der letzten Seite des langen Schreibens fertig war, legte ſie die Bogen in ihre Falten und ins Couvert und ſchaute, an die Lehne des Seſſels znrückſinkend, lange Zeit ſtumm und regungslos im tiefen Sinnen auf den Hof hinaus. Die Stille umher war tief und ungeſtört, wie nur jemand ſie wünſchen konnte, der ſich den ernſteſten Gedan⸗ ken überlaſſen will. Aber Frau von Merlin nützte ſie auch, denn es verging eine lange Zeit, ohne daß ſie die geringſte Bewegung machte. Dann endlich richtete ſie ſich langſam auf und ſagte ebenſo langſam leiſe vor ſich hin:„ich ſehe 25 am Ende nicht ein, was mich zurückhalten ſollte, zuerſt noch dies zu probiren. Rückſichten?— Bah? Wer hat ſie gegen mich gehabt? Wer hat mich geſchont?— Und es iſt ja auch zu ihrem Beſten— unzweifelhaft! Sie müſſen mir es dereinſt danken!“ Sie machte nochmals eine Pauſe und ſchaute wieder ſinnend auf den Hof. Diesmal aber währte es damit nicht lange. Nach einigen Augen⸗ blicken ſchon erhob ſie ſich raſch und energiſch, trat vom Tritt hinab in's Zimmer, zum Tiſch, ergriff die kleine ſil⸗ berne Glocke und klingelte heftig. In ihrem Auge brannte es hell, ihr Geſicht zeigte einen leichten Anflug faſt jugend⸗ licher Röthe. Sie ſchaute ſichtbar ungeduldig dem herbei⸗ eilenden Mädchen entgegen. „Henriette,“ ſprach ſie dann kurz und beſtimmt,„lege das braune Sammetkleid fort und nimm das ſchwarze dafür und ſuche Dir meine beſten Spitzen aus. Ich habe mich beſonnen, es iſt doch beſſer, daß ich mit nach E. fahre. Wann iſt der Ball? Morgen über acht Tage?“ Das Mädchen, das zuerſt augenſcheinlich ſehr über⸗ raſcht geweſen, nahm ſich jetzt zuſammen.„Ja wohl, gnä⸗ dige Frau,“ verſetzte ſie.„Aber fühlen ſich denn gnädige Frau auch wohl genug—“ Die Baronin unterbrach ſie, ungeduldig mit der Hand winkend.„Genug,“ ſagte ſie.„Richte Dich darnach ein. Uebermorgen in Wolden iſt das ſchwarz Seidene gut genug.“ 26 allen und in Wolden—!“ bat das Mädchen. „Aber gnädige Frau! Gerade dies einfachſte von „Unterbrich mich nicht fortwährend, ſondern thue, wie ich Dich heiße,“ lautete die ſcharfe Antwort. Dann aber fuhr ſie mit der Hand über die Stirn und ſprach in ganz verändertem, faſt zutraulichem Ton:„nicht wahr, Kind, Du haſt mir einmal geſagt, daß der— Menſch, der— Jäger, der— wie heißt er denn?— Heinze, meine ich, ſich vor Zeiten angelegentlich um Dich bemüht habe?“ Ueber das Geſicht des Mädchens, welches noch jetzt Spuren einer früheren ungewöhnlichen Schönheit zeigte, zuckte ein verſchmitztes Lächeln.„Ja wohl, gnädige Frau,”“ erwiderte ſie.„Der alte Thor folgte mir auf Schritt und Tritt und wollte mich partout zu ſeiner Frau.“ „Und wie ſteht Ihr jetzt, Henriette?“ „Ich habe ihn ausgelacht, gnädige Frau, und er ſchmollt nun mit mir. Aber wenn ich ihm nur ein gutes Wort geben möchte, ſo— er iſt eben noch immer der alte Narr, gnädige Frau,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu. Auch Frau von Merlin lächelte, nur mit etwas an⸗ derem Ausdruck.„So gib ihm dies gute Wort, Kind,“ ſhracß ſie gedämpft.„Verſuch's, wozu Du ihn bringen annſt. „O, ich wickle ihn um den Finger, gnädige Frau!“ „Verſuch's, ob er traitabel iſt, ſage ich. Und wenn er es iſt, ſo laſſe mich ihn einmal Abends nach dem Thee 27 in Deinem Zimmer finden. Vergiß nicht, Henriette,“ fügte ſie plötzlich finſter blickend hinzu,„er war der Leibdiener meines Bruders und kannte denſelben und alle ſeine Tho⸗ renſtreiche beſſer als irgend ein anderer Menſch. Ueber⸗ dies ſteht er mit dem alten Gottlob erträglich und wird von ihm mit einiger Vorſicht manches erfahren können.— Verſtehſt Du mich?“ „Ich glaube,“ entgegnete das Mädchen leiſe und mit geſenktem Blick. „Nun gut, ſo gib Dir Mühe,“ ſagte die Dame und wandte ſich wieder gegen das Fenſter.„Du weißt, ich kann dankbar ſein. Und nun an Deine Arbeit. Ich habe noch einen Brief zu ſchreiben.“— Sie ging zu dem zier⸗ lichen Schreibtiſch, welcher unfern des Hyacinthenfenſters ſeinen Platz im beſten Licht erhalten hatte. Henriette warf verſtohlen einen langen ſuchenden Blick ihr nach und durch das ganze Gemach. Erſt dann ging ſie zogernd wieder hinaus. II. Peter Heinze. Der alte Gottlob ſaß allein in dem Stübchen, welches er dem Wohnzimmer des Barons gegenüber, links von 28 der großen Eingangsthür des Schloſſes bewohnte. Er hatte es ſich in einem alten abgetragenen Rock bequem ge⸗ macht, den er aber auch jetzt bis zum Halſe feſt zugeknöpft hielt, und ſich dazu in einen großen alterthümlich ausge⸗ ſchnitzten Lehnſtuhl geſetzt, welcher jedoch weder durch Pol⸗ ſter noch durch Kiſſen weich und bequem gemacht wurde. Dem Alten ſchien jedoch der harte hölzerne Sitz weich genug für ſeine des Ruhens wenig gewohnten Glieder, und er würde in ſeinem ſtarren und treuen Sinn es ernſtlich empfunden haben, hätte jemand dies alte Möbel oder ir⸗ gend ein ander Stück der Einrichtung in ſeiner Wohnung mißachten oder ihm entziehen wollen. Denn der Stuhl, auf dem er ſaß, der Tiſch, deſſen Platte durch jetzt viel⸗ fach zerſprungene Porzellanplatten gebildet wurde, Kom⸗ mode und Schränkchen mit den blitzenden Meſſingbeſchlä⸗ gen, die übrigen ſchweren Brettſtühle— alles ſtammte aus der frühern Förſterwohnung ſeiner Ahnen und hatte meiſtens ſchon Großvater und Urgroßvater gedient.„Was Röder heißt und was den Röder gehört,“ ſagte der Alte wohl einmal in guter Laune,„iſt jetzt nur noch ein ein⸗ ziger alter Menſch und ein einzig Zimmer voll. Aber es bleibt bei einander, ſo lange ich aushalte, und neuer Kram paßt zu uns Alterthümern nicht. Wenn ich todt bin, könnt ihr den Plunder verbrennen. Nur die drei Gehörne ſollt ihr in der Abtei aufbewahren, zum Zeichen, daß hier vor⸗ einſt Jägersleute gehauſt.“ 29 Und die Gehörne waren des Aufbewahrens allerdings werth, denn es waren ein Vierundzwanziger und zwei Achtzehner. Den Erſteren hatte des alten Gottlob Vater geſchoſſen, die beiden Anderen der Sohn ſelber, und es waren wahre Kabinetsſtücke. Gottlob ſelbſt war mit den Stücken zufrieden und ſah ſie mit einem gewiſſen Stolz an, obgleich er ſonſt ein großer Verehrer und Lobredner der vergangenen Zeit war und es hundert und hundertmal bedauert hatte, daß er nicht ein paar Menſchenalter früher gelebt habe.„Denn ich weiß es noch,“ erzählte er wohl, „als mein Vater da den Vierundzwanziger geſchoſſen hatte und ſtolz darauf war, da lachte mein Großvater, der da⸗ zumal ſchon ein alter Mann, ihn luſtig aus und meinte: zu ſeiner Zeit ſei das nichts Beſonderes geweſen; drüben bei Wolden hätten ſich vordem noch ſtärkere gefunden, aber man habe damals nicht viel daraus gemacht.— Was iſt das für eine Zeit geweſen!“ ſetzte der Alte wohl hinzu. „Jetzt, wenn der Peter Heinze einmal einen Zwölfender er⸗ wiſcht, ſchreit und prahlt er vier Wochen lang. Und als mein„Großer“ und der Hans Adam und ich noch jung waren, ſahen wir nach ſolchem Bettel gar nicht hin. So geht alles bergab, und wir hier dürfen noch nicht einmal klagen, wir haben doch noch Jagd!“ Der Alte war überhaupt, und wie wir von ihm ſchon wiſſen, ein großer Anhänger der Vergangenheit und der alten Lebensweiſe. So hatte er auch heut Abend nicht am Abendeſſen der übrigen Dienerſchaft theilgenommen, ſondern ſich ſeine kräftige Bierſuppe und ſein Stuück Brod aus der Küche ſelber ins Zimmer geholt und mit Appetit in ſeiner Einſamkeit verzehrt, auch eine gute Stunde früher als die Uebrigen. Napf und Teller ſtanden geleert auf dem Tiſch, dieſer war ſauber abgewiſcht, und der Alte machte nun, während ſeine Pfeife das Zimmerchen mit Dampf erfüllte, über einer Spirituslampe Waſſer zu ſei⸗ nem Abendtrunk, einem Glas Grog, heiß. Dieſe Lampe war die einzige neumodiſche Bequemlichkeit, die er angenom⸗ men, weil er, wie er ſagte, in der herrſchaftlichen Küche niemals paſſendes Waſſer erhalten könne. Sie ſeien da viel zu vornehm, um noch zu wiſſen, wie man Waſſer zum Sieden bringen müſſe, oder was überhaupt ſiedendes Waſſer bedeute,— etwas, worin beiläufig Herr Gottlob Roder, wie traurige Erfahrungen beweiſen, leider gar nicht ſo ganz Unrecht hatte. Jetzt war das Waſſer auf dem rechten Punkt, der Dampf ſtrömte aus allen Oeffnungen des Gefäßes lebhaft hervor; Gottlob hob den Deckel ab, wärmte vorſichtig ſein Glas und begann dann ſein Lieblingsgetränk zu mi⸗ ſchen. Da klopfte es leiſe an die Thür; der Alte aber, der ſich bei ſeinem Abendvergnügen höchſt ungern geſtört und aufgehalten ſah, warf nur einen verdrießlichen Blick dahin, antwortete nicht und biß mit einer Art von ſtum⸗ mer Wuth auf dem Spitzchen ſeiner Pfeife herum, als 31 wolle er ſich ſo deſto beſſer gegen jede laute Aeußerung ſchützen und den Beſucher vielleicht durch ſein Schweigen ſern halten. Es half ihm aber nichts, denn das Klopfen wiederholte ſich ebenſo reſpektvoll, und als auch jetzt keine Antwort laut wurde, öffnete ſich die Thür und es zeigte ſich in ihrer Oeffnung ein mittelgroßer, ziemlich hagerer Mann im grünen Jagdrock mit gelben Knopfen, die Pelz⸗ mütze in der Hand. „Iſt's erlaubt?“ fragte er von ſeinem Platze aus und ohne die Thür zu ſchließen, mit gedämpfter Stimme. „Na mache wenigſtens die Thür zu, Du Taps,“ lautete die wenig höfliche Entgegnung des alten Jägers. „Denkſt Du, daß mir der Herr mein Zimmer heizen läßt, damit Du's lüften kannſt?“ Der Ankömmling machte die Thür ſachte zu und kam gegen den Tiſch heran.„Seid doch nicht ſo läſterlich grob, Vater Gottlob,“ ſagte er noch immer gedämpft,„zumal wenn man mit ſolchem Reſpekt bei Euch eintritt, als wä⸗ ret Ihr der Herr Baron ſelber.“ „Na ſo ſchwatze Du und der—!“ verſetzte Gottlob verdrießlich, und erſt nachdem er einen tüchtigen Schluck aus ſeinem Glaſe genommen und ſich durch eine gewaltige Rauchwolke überzeugt hatte, daß ſeine Pfeife noch im vol⸗ len Brande ſei, ſetzte er milder hinzu!„was ſoll's, Peter?“ Der Genannte kratzte ſich hinter dem Ohr und zog die Schultern hoch auf, bevor er antwortete:„je nun, 32 Vater, ich möchte mir Euren Rath holen in einer ganz kurioſen Angelegenheit. Aber wir müſſen dazu Ruhe ha⸗ ben, und ein Glas müßt Ihr mir auch geben. Das was mir paſſirt iſt— „Was denn, Burſch?“ fiel ihm der Alte ein wenig ſpöttiſch in die Rede. ‚Haſt Du den Bock, ſtatt in die Küche, zu Holz geſchoſſen? Das iſt Dir ja wohl ſchon öfters paſſirt, und da weiß ich keine Hülfe.“ Peter runzelte ein wenig die Stirn.„Ei,'s hat ſich was mit zu Holz ſchießen,“ meinte er.„Nein, Vater, ſo was iſt's nicht. Ich weiß mir da ſchon ſelber zu helfen. Rathet, wo ich eben her komme.“ „Daß ich ein Narr wäre, Peter!“ ſagte Gottlob. „Wie zum Teufel ſoll ich Deine Gänge kennen, und was gehen ſie mich an? Alſo heraus mit der Sprache, oder verzieh' Dich und laſſe mich in Ruhe.“ Der Andere kratzte ſich wieder hinter dem Ohr und kniff das eine Auge zu, während er das andere weit auf⸗ riß, was ſeinem im Verhältniß zu ſeinem Alter noch hüb⸗ ſchen Geſicht einen ganz ſonderbaren Ausdruck verlieh. „Ja—'s iſt auch kaum zum Rathen, Gottlob,“ bemerkte er dann.„Was meint Ihr wohl— eben hat ſie mit mir geredet— Der alte Jäger richtete ſich haſtig auf und ſah den Sprecher faſt beſtürzt an.„Wer denn— ſie?“ fragte er; „die Hildegard?“ 33 „Ja freilich, die Gnädige ſelbſt, Vater, nnd lang und breit, ſage ich Euch.“ „Aber wo denn da und worüber, Peter? So rede doch nur endlich los!“ „Ei, über unſern Junker, Vater! Wäre mir auch eher des Himmels Einfall vermuthen geweſen, als daß dieſe alten begrabenen Geſchichten—“ „Ueber Junker Ruprecht? Na, was heckt ſie denn nun für eine neue Teufelei aus?“ „Darauf rathe auch ich herum, Vater Gottlob, und komme deswegen zu Euch.“ Der Alte ſtand auf und ſchuttelte ſich.„Geh' hin und hole Dir'n Glas, Peter,“ ſagte er,„ich habe nur dies eine; und bringe Dir auch die Pfeife mit, denn das will wohl beredet ſein.— Na, was ſäumſt Bu? ſetzte er hinzu, da Peter Heinze keine Miene machte, dem Wun⸗ ſche des Alten zu entſprechen.„Kannſt auch den Napf und Teller mit zur Küche nehmen, die mich hier nur inkom⸗ modiren.“ Der Jäger ließ ſeine Augen das Mannöver von vorhin wiederholen und verſetzte nach einer kleinen Pauſe: „ſeht, Vater Gottlob, meine Pfeife hab' ich natürlicher⸗ weiſe bei mir, und hinausgehen möͤchte ich jetzt nicht wie⸗ der. Es hat mich Niemand zu Euch hereinkommen ſehen, und das iſt auch ganz und gar nicht nöthig, von wegen—“ Haſt recht, haſt recht!“ unterbrach Gottlob hn ei⸗ 1861. 9. Der große Baron. II. 34 frig und nickte ihm zu.„Du beſſerſt Dich in Deinem Geiſte, Petersmenſch, merke ich, und es kann noch etwas aus Dir werden. Alſo hole Dir einen Stuhl heran und bringe die Pfeife in Gang, ich bin den Augenblick wieder da.“ Und Napf und Teller nehmend, verließ er ungewöhn⸗ lich raſch das Gemach und kam ſo bald zurück, daß der Jäger inzwiſchen kaum zur Ruhe gekommen war. Der Alte betrieb jetzt alle Vorbereitungen zu einer ungeſtörten Plauderſtunde auf das haſtigſte, und um ganz ſicher zu gehen, rief er den alten Hühnerhund, der inzwiſchen re⸗ gungslos neben dem Ofen gelegen, von ſeinem Lager auf und wies ihm mit einem ernſten:„Attention, Caro!“ einen Platz bei der Thür an, wo ſich dann das alte ver⸗ ſtändige Thier auch gehorſam niederließ und den Kopf auf die gekreuzten Vorderbeine zum Horchen hinlegte. Dann füllte der Alte beide Gläſer, ſchob das eine ſeinem Nach⸗ folger im Dienſt hin, ſetzte ſich in den Lehnſtuhl und ſagte: „nun ſchieß ab! Bin gewiß und wahrhaftig nicht wenig kurios zu hören, was da herauskommen wird.“ Peter Heinze hatte ſeinen Rock aufgeknöpft, nippte nun ein paarmal von ſeinem Glaſe, rauchte ſehr ſtark, räuſperte ſich ziemlich heftig und fing erſt, da er den Alten ungeduldig hin⸗ und herrücken ſah, mit ſichtbarer Befan⸗ genheit an zu reden.„Ihr habt wohl gehört, Vater,“ ſprach er und ſeine braune Wange wurde ſichtbar ſogar ein wenig roth,„daß ich vor einigen Jahren ein Auge 35 auf die Mamſell Henriette geworfen hatte und mich ihr ganz und gar zu eigen geben wollte, wenn ſie—“ „Laß das gut ſein, Peter, ich habe davon gehört und kann mir denken, daß Niemand, ſelbſt Du nicht, gern von einer alten Thorheit redet,“ unterbrach Gottlob ihn un⸗ gewöhnlich wohlwollend.„Gehört das übrigens hieher?“ „Ja leider Gott's, es gehört dazu,“ erwiderte Peter achſelzuckend.„Denn ich will Ench ſagen, ich hab's dazu⸗ mal ſehr ernſtlich in mir verſpürt, daß ich dem kecken Dinge gut ſei und daß mir, als ſie mir ſo ſchnöde begeg⸗ nete, trotz allen Aergers innerlich doch wind und weh war. Na kurz und gut, Vater, ich hab's verbiſſen, bin ihr aus dem Wege gegangen— oft treffen wir ja ſo nicht zuſam⸗ men, wenn wir uns nicht ſuchen— und es iſt ſeither keine Rede mehr davon geweſen. Wozu ſollt's auch ſein? Ich höre Gott ſei Dank noch gut genug, um nicht zwei Ant⸗ worten auf eine Frage zu brauchen, und ihre Spitzen und Neckereien ließen mich allgemach kalt. „Alſo ſtand's, bis— ja, laßt mich rechnen— bis zum Dienſtag,“ fuhr er mit einer großen Rauchwolke und einem eben ſo großen Seufzer fort.„Da hatte ich mich ver⸗ ſpätet und mußte draußen mein Mittagseſſen allein ein⸗ nehmen, und als ich ſo drüben einſam in der Stube ſitze, guckt die Henriette zur Thür hinein, ſucht die Wirthſchaf⸗ terin, wie ſie ſagt, kommt aber doch herein und knüpft ei⸗ nen Diskurs mit mir an, ſo von dem, was der Tag ge⸗ 3*⅔ rade bringt, aber gar nicht ſpitz, ſondern freundlich und zuthunlich, wie ich ſie gar nicht kenne. Nun genug, Va⸗ ter, ich bin ein Menſch und das quicke Ding iſt, wenn es will, wie eine Hexe, die einen Chriſtenmenſchen zu allem Möglichen und Unmöglichen bringen kann. Es ging uns beiden aus dem Munde wie geſchmiert, und als ſie davon war und ich meine Büchſe putzte, dachte ich dabei:'s iſt doch ſchade, daß es mit uns Beiden nichts geworden, noch wird, ſo paſſen wir für einander.“ „Narr!“ brummte Gottlob, einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe nehmend. „Ja was Narr, Ihr habt gut reden, der Ihr nie⸗ mals vor einer Frauensperſon Herzensbeklemmungen ver⸗ ſpürt habt,“ meinte Peter Heinze kopfſchüttelnd.„Für mich gilt der Spruch: es thut nicht gut, daß der Menſch allein!— und übrigens bin ich ſelbſt jetzt knapp fünfzig Jahre alt und friſch und geſund wie ein Vogel. Alſo was wollt Ihr? Aber das ſind alles überflüſſige Redens⸗ arten— „Meine ich auch,“ bemerkte Gottlob kaltblutig da⸗ zwiſchen. „Und wir müſſen weiter kommen, denn wie es mir nachgerade ſcheint, war dies alles von ihr weiter nichts, als ſo eine Art Suche— ſie wollte mich beſtätigen, um dann die Jagd wirklich zu beginnen.“ Gottlob lächelte.„Sieh, ſieh, Peter,“ ſagte er,„Du 37 wirſt am Ende doch noch ein Jägersmann und wächſt nach, merke ich, an Geiſt und Körper! Hm, nun, warum nicht? Bei Einem trifft's früh, bei dem Andern ſpäter. Aber fort im Text!“ „Nun ja, das war am Dienſtag,“ ſprach Peter ſeuf⸗ zend weiter.„Am Abend traf ſie mich wieder— Gott weiß, wie's kam, aber wir liefen jetzt allerwärts an ein⸗ ander— am Mittwoch und geſtern ging es gerade ſo. Sie kam auf die alten Geſchichten zu reden und meinte, ſie habe mir doch wohl unrecht gethan, ich ſcheine es ernſt gemeint zu haben, ſie möge am Ende auch nicht ihr Leben⸗ lang ſich herumkujoniren laſſen, ein eigener Hausſtand ſei doch auch was Schönes, wir ſeien eigentlich Thoren, daß wir ſo lange Zeit uns mißverſtanden, ſagte ſie, und was dergleichen mehr iſt. Na kurz, ich war zuerſt wohl ſcheu, Vater Gottlob, aber der Teufel bleibe es gegen ſolche Kareſſen, und das Ende vom Liede war, daß ſie heut' Mittag meinte: wir ſollten einmal Alles zwiſchen uns klar und offenbar machen, alle Lappen fallen laſſen, und ich möge zu dem Zweck heut' Abend, wenn die Herr⸗ ſchaften ihren Thee tränken, zu ihr auf's Zimmer kom⸗ men. Da ſei ſie am ungeſtörteſten, und wir ſeien ja auch alle Beide ein paar reputirliche Leute, denen kein Menſch eine ſolche— ſolche weiß nicht mehr, wie ſie's hieß— mißdeuten könne.“ Gottlob Roder ſchüttelte den Kopf.„Courage haſt 38 Du, muß ich ſagen,“ bemerkte er.„Ich wäre lieber ei⸗ nem Capitalſchwein ohne Büchſe mit der bloßen Feder entgegen gegangen als dem Weibsbild. Alſo Du ging'ſt?“ „Ja ich ging, warum auch nicht?“ verſetzte Peter geſchmeichelt.„Alſo bald nach Sechſe ſpazierte ich dann ſachte die Lauftreppe hinauf und trat bei ihr ein— ſeid Ihr'nmal da geweſen, Vater?— ˙s iſt verwettert ange⸗ nehm und kommode in dem kleinen Gemach, ſo was ver⸗ ſteht ſie, muß ich ſagen!— und als ich auf dem Kanapee ſaß und ſie mir eine Taſſe Thee mit Rum bereitete, war's mir gar häuslich und mir fehlte nichts als meine Pfeiſe. Rauchen durft' ich nicht. Die Gnädige käme doch zuwei⸗ ler hieher, meinte ſie, und möchte dann Lärm machen.“— Er hielt inne. „Alſo auch Thee getrunken?“ fragte der Alte ſpöt⸗ tiſch:„Na, Peter, das moͤcht' ich mit angeſehen haben— 's muß kurios geweſen ſein! Du und ein ſo labberiges Getränke!“ Peter Heinze ſchüttelte den Kopf und rauchte ſehr ſtark und that einen tiefen Zug aus dem Glaſe.„Na, es kommt auf den Rum an,“ meinte er mit einer gewiſſen belehrenden Betonung;„das andere iſt ja auch nur Waſ⸗ ſer, ob klar oder braun, was thut's? Genug, es ſchmeckte ſchon ſo ziemlich, nur etwas zu ſüß hatte ſie's gemacht, aber dem ließ ſich abhelfen, denn ich miſchte mir die zweite Taſſe ſelber. Und ſo hatten wir unſern Diskurs; ſie 39 ſprach von ſich und ich von mir, und es ließ ſich vorausſe⸗ hen, daß wir demnächſt von uns Beiden reden würden. Da that ſich die Thür auf und ſie trat herein und ſagte ſehr hoch:„was gibt's denn da? Was heißt das, Henriette?“ „Wir waren natürlich wie ein Donnerwetter von unſern Sitzen in die Höhe, die Henriette ſtammelte und ſchluchzte und ich redete gar nichts, dieweil ich nichts wußte, und was die Beiden in den nächſten paar Minuten hin und herſprachen, weiß ich nicht, ſo beſtürzt war ich. Meine Gedanken fangen erſt wieder von da aus an, als die Gnädige ſehr freundlich ſagte:„ſo, der Peter Heinze iſt's, meines Bruders Leibdiener? Ich habe Ihn lange nicht geſehen, Heinze. Er iſt jetzt unſer Förſter und des alten wackern Gottlob Nachfolger? Nicht wahr?“ „Halt da!“ unterbrach ihn der Alte, ſich von der Stuhllehne aufrichtend. Seine Stirn war gefaltet, und ſeine ſcharfen hellblauen Augen blickten ungewöhn⸗ lich finſter.„Sage das noch einmal—„alter wackerer Gottlob“ hieß ſie mich, ſie, die Hildegard?“ Peter nickte.„Ja, ſo war's; ſie war überhaupt ſehr human.“ „Da muß ich ernſtlich nachforſchen, was ich für einen Fehler an mir haben möchte,“ ſprach der Greis mit bitte⸗ rem Hohn,„und ich will meinen Herrgott bitten, daß er mich vor Anfechtung bewahre. Denn wenn die Hildegard ſo etwas von mir ſagt— denken thut ſie's nicht, es iſt 40 ſchier nicht möglich!— Da erleben wir etwas! Aber genug,“ brach er ab, und nachdem er getrunken, ſetzte er hinzu:„fahre fort, Peter.“ „Ja, da iſt bös fortfahren,“ verſetzte dieſer.„Wer kann all' die ſauberen Worte behalten und wiedergeben! Sie ſprach von unſerem Junker, daß ſie ihn ſo ſehr lieb gehabt, obſchon er ſo ſchwach geweſen und ſich von der Dirne— ſo hieß ſie die arme Marie Haining— habe verführen laſſen. Aber ſie wiſſe wohl, daß er nachher bald wieder zur Beſinnung gekommen, ſich losgeriſſen und in der Verzweiflung und der großen Scham in den Krieg gezogen ſei, wo er dann blieb. Ich müßte mich ja auch noch daran erinnern, als wir damals die Nachricht bekom⸗ men.— Das thue ich freilich, meinte ich dazwiſchen, aber es ſei ſchon damals die Sage unter uns geweſen, daß der Junker nur ſo vorgegeben, um ſich ganz von den Seinen loszumachen, und jetzt heiße es ja auch, als ſei er erſt manche Jahre ſpäter geſtorben, anno Dreizehn oder Vierzehn, als es gegen die Franzoſen auf die Klapperjagd ging.— Das wiſſe ſie wohl, ſo ſage man jetzt, meinte ſie — ich kann's Euch gar nicht ausſprechen, Vater Gottlob,“ unterbrach ſich der Erzähler kofſchüttelnd,„wie menſchlich und human die Gnädige bei dem allen war. Ich kenne ſie doch, ſeit ſie in den Windeln lag, aber ſo viel und ſo ſanft hat ſie mit Unſereinem ſelbſt als Kind nicht geredet und nachher nun erſt gar nicht! 41 „Alſo kurz, ſo ſagte ſte,“ fuhr er fort, während der Alte ſchweigend und unbeweglich, aber mit ſtarrem Blick den Erzähler fixirend, zuhörte.„Man gehe ja ſo weit, zu behaupten, daß der Herr Münch, der im Sommer hier war, Junker Ruprechts Sohn ſei und daher ein Recht auf die Baronin habe, obſchon er doch keinenfalls etwas Anderes ſein könne, als das Kind einer ungeſetzlichen Ehe. Sie wiſſe überhaupt nicht, ob ihr Bruder mit der Dirne wirklich einen richtigen Ehebund eingegangen; es heiße vielleicht nur ſo, vielleicht habe man auch nur eine ſolche Komödie aufgeführt, hinter der nichts geweſen. Dazu ſchüttelte ich den Kopf und meinte: das glaube ich nicht, ich ſei doch dazumal ſelber mit unſerem Hauswirth, dem Bäcker Bering, bei der Handlung Zeuge geweſen, denn ich war ja damals noch bei meinem Junker und wäre im Leben nicht von ihm gegangen, wenn er nicht plötzlich bei Nacht und Nebel abgreiſt und mich zurückgelaſſen hätte. Nun, ſie fuhr gut auf, wie ich das ſagte, und ſchnauzte mich an:„als wenn's eine Kunſt wäre, ſolches Volk hin⸗ ter's Licht zu führen! Ob ich etwa den ſogenannten Pre⸗ diger gekannt habe?— Das war nun freilich richtig, ich war in der Stadt wenig bekannt, in die Kirchen ging ich nicht recht, und mein Junker beſorgte damals das alles auch ſelbſt. Und ſo zuckt' ich die Achſeln und ſchwieg dazu. „Da wurde ſie wieder freundlicher und ſagte: das alles ſei aber ſehr gleichgültig. Nun ſolle ich aber ein⸗ 42 mal daran denken, was man früher von der Dirne und dem Jägerburſchen ihres Vaters geſprochen, der dann knall und fall davon gekommen.— Dabei hatte ich nur wieder Luſt, mich in's Zeug zu legen, denn ich wußte ja vom alten Haining ſelber und auch von meinem Junker, daß das alles nichts als erlogenes Geſchwätz geweſen, vermuthlich nur, um unſern Ruprecht von der Kleinen ab⸗ zubringen. Aber ich biß mir auf die Lippen und hielt das Maul, denn die Gnädige war jetzt in ſcharfer Laune, merkte ich, und überdies wurde ich auch nach und nach neu⸗ gierig, was ſie bei dem allen wohl mit mir vorhaben möge. Denn umſonſt war das nicht, ſpürte ich, ſie taxirte mich doch für gar zu dumm; und obend'rein ſah ich auch bei einem Seitenblick auf die Kammerkatze, daß die ihr ſpitziges Geſicht ſchnitt. So paßt' ich denn auf ſie und mich. Und da kam dann auch erſt des Rechte. „Nun ſolle ich alſo einmal bedenken, ſprach ſie wei⸗ ter, daß die Dirne ein leichtſinniges ſchlechtes Weibsbild geweſen. Nachher, in D., als ſie den Junker erſt feſt ge⸗ habt, habe ſie's nicht anders getrieben, ſei ihr, der Gnä⸗ digen, zu Ohren gekommen, und beſonders ſei ja der Menſch, der Ehrenſtein, immer bei ihr geweſen— mir wurde heiß und kalt, Vater, aber ich ſagte nichts— und habe mit ihr ſchön gethan, unter dem Vorgeben, als wolle er ſie zur Raiſon bringen und von unſerm Junker ab. Und der Profeſſor ſei überhaupt ein Duckmäuſer und 43 ſcheinheiliger Menſch; ihr Vater, der Herr Baron, wolle das zwar leider nicht glauben, aber es ſei doch ſo. Sie und die gnädige Frau Mama hätten ihm nie viel zuge⸗ traut und ſeit der Affaire mit dem Junker und deſſen Lieb⸗ ſchaft nun gar nichts mehr. Er ſei ja auch ſeit dem und ſo lange die Frau Mama gelebt, nicht mehr in die Abtei gekommen. Und zu allem möoge ich nicht vergeſſen, daß er ſchon vordem immer ſein Laufen beim Förſter Haining gehabt. Und ſo ſei es doch fadengerade, daß der Herr Münch, wenn er überhaupt Mariens Sohn, wenigſtens nicht das Kind ihres Bruders Ruprecht, ſondern des Pro⸗ feſſors ſein müſſe. Darum gebe ſich der auch ſo viel Mühe um ihn, und ähnlich ſeien ſie einander auch,— bis auf die Augen.— Das heißt, Vater,“ ſchloß der Erzähler, tief Luft holend, dies Letztere mußte ich aus ihren Worten mehr rathen, als daß ſie's deutlich ſagte. Es mochte ihr doch wohl einigermaßen deſpectirlich ſein.“ „Weiter, weiter, Peter!“ ſprach Gottlob dumpf und grollend. „Nun ſei es doch wiederum fadengerade, redete die Gnädige,“ fuhr Peter dann auch fort,„was man wolle. Der Herr Baron ſei gut und ein Mann wie ein Kind, er traue keinem Menſchen Uebles zu. Man ſpekulire alſo für den fremden Menſchen, den Münch, auf ein großes Glück. Daß er wirklich die Baronin erbe, das werde am Ende weder der Herr Baron, noch ſonſt Jemand wollen, 44 und die Regierung gebe es nicht zu. Aber ein groß Stück Geld wolle man herausſchlagen nnd werde es am Ende auch erhalten, und es werde unſerem Fräulein entzogen werden, die ja ſonſt nichts habe, als das Privatvermögen des Herrn. Dagegen müßte man zuſammenſtehen und die Betrüger entlarven. Und das konne Niemand beſſer als ich, der ich den Junker und all' ſein Treiben ſo genau ge⸗ kannt und ja auch wiſſe, was in D. paſſirt ſei.— Und mag ſie es nun wiſſen, woher ſie will, Vater,— aber wahr iſt's, wie der Herr Profeſſor damals bei uns aus⸗ und einging, gefiel mir gar nicht, und daß der Junker da⸗ bei ſo ruhig war, verſtand ich nicht. Er kam ſtets, wenn der Ruprecht nicht daheim, und ſaß lange und hatte Heim⸗ lichkeiten, und einmal—'s iſt, Gott weiß es, wahr!— kam ich drüber zu, wie er und die Marie ſich bei den Hän⸗ den hielten, und ſie weinte bitterlich—“ „Eſel!“ unterbrach ihn der alte Jäger energiſch. „Haſt Du all' dieſe Dummheiten auch der Hildegard ver⸗ klatſcht?“ Peter Heinze ſchaute den unbarmherzigen Tadler ganz beſtürzt an und ließ die Pfeife ſo lange aus dem Munde, daß ſie erloſch und Gottlob wieder ſagte:„na, wird's bald? Oder ſchämſt Du Dich, Burſch, weil Du ſolchen Unſinn zuſammengefaſelt?“ Da ſchüttelte der Mann den Kopf auf eine ganz ſchwermüthige Weiſe und erwiderte:„ſo weiß ich doch ge⸗ 45 wiß und wahrhaftig nicht, Vater, weßhalb Ihr mich ſchel⸗ tet, da ich nur die Wahrheit geſagt.“ „Das brauchſt Du auch gar nicht zu wiſſen, Burſch',“ lautete die ſchon wieder launige Antwort.„Laſſe Dich nur ſchelten, glaube, daß Du's verdient haſt, und beſſere Dich. Und nun ſtopf' Dir noch'ne Pfeife und mache Dir noch ein halbes Glas— mehr nicht!— und dann er⸗ zähle aus und zu Ende.“ Und er ſchob ihm ſeinen Tabaks⸗ beutel hin und die Rumflaſche, und nickte ihm zu. Peter Heinze that, wie der Alte wünſchte, wenn auch unter häufigem Kopfſchütteln. Er war einer von den Men⸗ ſchen, die man in dieſem alten— man möͤchte ſagen: Haus⸗ dienerſtande gar nicht ſelten findet,— deren Kopf eine höchſt beſondere Miſchung von Beſchränktheit und Schlau⸗ heit beherbergt, daneben auch, trotz aller Störrigkeit nach der einen Seite, andererſeits einen gar anerkennenswerthen Reſpekt gegen Vorgeſetzte und überhaupt Aeltere. Vor allen Dingen aber darf man ſolche Leute bei einer gele⸗ gentlichen Mittheilung nicht unterbrechen und einſchuchtern, ſie kommen gar zu leicht aus dem Text und nur ſchwer wieder hinein; und Gottlob Röder hatte Mühe genug, bis er ſeinen Dienſtnachfolger zum fortgeſetzten Erzählen brachte. Ganz zu der bisherigen behaglichen und breiten, zu⸗ gleich aber auch ſehr inſtructiven Weiſe kehrte Peter jedoch noch lange nicht zurück. Der Bericht über die folgende 46 Unterhaltung, wie die Baronin ihn einen braven Menſchen und treuen Diener des Hauſes geheißen, wie ſie ihm ſeine Zukunft ausgemalt und ihm gezeigt hatte, daß dieſelbe ganz in ſeine Hand gelegt ſei; wie ſie auf ihre Vorliebe für ihre Kammerfrau hingedeutet, daß ſie dieſelbe ſchwer entbehren, aber, wenn ſie dadurch ihr Glück und ihre Zu⸗ friedenheit begründen und zugleich einen alten treuen Die⸗ ner belohnen könne, auch dies zu ertragen wiſſen werde; wie ſie nochmals und nochmals auf die Ereigniſſe zurück⸗ gekommen war, die ihres Bruders Trennung vom väter⸗ lichen Hauſe gefolgt waren und bei denen Peter ja überall betheiligt geweſen, über die er allein entſcheidende Aus⸗ kunft geben könne,— das alles kam ſehr zerriſſen, ſtockend und faſt widerwillig aus dem Munde des Erzählers her⸗ aus. Zum Theil freilich ſchien er dieſe Partien des abend⸗ lichen Erlebniſſes auch nicht ſo ganz zu beherrſchen; die Baronin mochte wohl etwas zu dunkel oder zu hoch ge⸗ ſprochen haben. Der alte Jäger hatte dies alles mit einem gewiſſen ungeduldigen Intereſſe angehört,— halb war es ihm zu viel, halb wollte er doch kein Wort dieſer im Schloſſe un⸗ erhörten Unterredung verlieren. Man konnte ja nicht wiſſen, ob nicht zwiſchen dem für das Ganze Gleichgültigen doch noch etwas Wichtiges zu Platz kommen möchte. Indeſſen Peter gelangte an's Ende, ohne daß dem Alten irgend et⸗ was beſonders aufgefallen ware, und Beide verharrten nun 47 eine ziemliche Weile im nachdenklichen oder verdrießlichen Schweigen. Denn Peter war ſichtbar keineswegs in guter Laune; Gottlob nahm aber keine Notiz davon. „Und wie lief die Sache nun aus?“ fragte er end⸗ lich und erhob ſeine Augen mit einem ſcharf beobachtenden Blick zu denen des Andern. Peter ſchüttelte einigermaſſen verwundert den Kopf. „ Das hab'ich ja ſchon geſagt,“ verſetzte er;„ſie ſpazierte davon und ich— machte mich denn auf die Beiue.“ „Bald, Peter? Was that die Kammerkatze? Hielt ſie Dich nicht feſt?“ „Ne, ſie mußte ihrer Dame nach. Ich hätte mich auch nicht halten laſſen. Mein Kopf brummte von all' den Reden, und mir war graulich zu Muth, Vater, als könne aus dem allen nichts als Unglück entſtehen. Und ſo gab es nur einen haſtigen Diskurs und dann machte ich mich davon, ſammelte meine fünf Sinne und ſchlich mich hieher.“ Der Alte nickte.„'s war brav von Dir, Peter, bra⸗ ver oder vielmehr klüger, als ich Dir zugetraut. Ihr jun⸗ ges Volk ſeid ſo leichtſinnig!“ meinte er gutgelaunt.„Nun laſſe uns aber einmal recht verſtändig reden und ſage mir: hat ſie und die Kammerkatze Dir denn das Alles ſo ohne Weiteres, auf bloße Treu' und Glauben anvertraut, daß Du nun hingehen ſollteſt und es austrompeten, wo Du Luſt haben möchteſt?“ 48 Herr Heinze wurde wieder theilnehmender.„Das nicht, Vater Gottlob, ſagte er.„Die Gnädige ließ es mich merken, daß meine Zeit zum Reden ſchon kommen und daß ich mir ſelber im Licht ſtehen würde, wenn ich bis da⸗ hin von dieſen Dingen plaudere; ſie ſelber wolle über⸗ haupt nichts damit zu thun haben. Da ſie mich aber ein⸗ mal gefunden und wiſſe, daß ich ein treuer Menſch, ſo habe ſie mir ihre Gedanken ſagen wollen, daß auch ich uns Alle vor Schaden bewahre. Sie ſelber könne ja wenig dazu thun, ſie erfahre nichts Genaues von dem Stande der Sachen. Darüber rede der Herr Baron zu Niemand, vielleicht nur zum alten Vater Gottlob, der aber verſchloſſen bleibe—“ Der Alte ſtieß einen leiſen verächtlichen Ton aus. „Fahr' fort,“ ſprach er aber gefaßt. „Und als ſie ſort war, meinte die Henriette und weinte dabei ein wenig: das ſei eine ſo liebe, brave, arme Frau, habe es ſo ſchwer im Leben und verdiene es ſo gut. Wir wollten zeigen, daß, wenn auch die Herrſchaften es an ſich fehlen ließen, wir Diener noch das Herz auf dem rechten Fleck hätten. Das ſei ja eine wahre Schandge⸗ ſchichte, die man da einrühre, aber ſie habe ſich im Som⸗ mer, da ſie den Herrn Munch herumſpioniren und hanti⸗ ren geſehen, gleich nichts Gutes gedacht, und der Profeſſor ſei ihr von jeher wie ein rechter Schleicher erſchienen. Ueber unſere Angelegenheiten wollten wir ein andermal 49 reden, jetzt müſſe ſie fort. Ich ſolle vernünftig und ſtill ſein und acht geben. Sie würde mich bald wieder herauf⸗ beſtellen, die Gnädige erlaubt's ſchon. Und dabei— dabei drückte ſie mir die Hand, Vater, und äugelte nach mir— aber es ſchlug nicht recht an, denn ich war zu beklommen in meinem Gemüth und machte mich fort.“ „Alſo direkt verboten haben ſie Dir das Reden nicht, Peter?“ fragte der Alte nach einer Pauſe. „Ne,*§ iſt mir ſelber kurios geweſen.“ „Mir gar nicht, Peter; verſteh's ſchon. Sie haben eben gemeint, Du ſeieſt eine zu ehrliche Haut und jetzt obendrein durch Liebesnarrheit windelweich. Nun moͤchte ich denn aber doch wiſſen— weßhalb kommſt Du zum Reden und gerade mit mir? Denn das mußt Du aller⸗ dings einſehen,“ ſetzte Gottlob mit einem beſonderen Blinzeln hinzu, als habe er bei dieſen Worten noch eine geheime Abſicht,„erfahren ſie was von dieſem Gange, ſo haſt Du bei ihnen verſpielt. Sie verzeihen Dir's im Leben nicht.“ Peter ſchüttelte melancholiſch den Kopf und rauchte wieder ſehr ſtark.„Seht, Vater,“ ſprach er nach einer Weile,„das wäre mir nun egal, denn was gehen mich die Gnädige und das andere Frauenzimmer an? Ich bin nicht ihr Diener, ſondern unſeres Herrn Barons, und wenn ich Euch die Wahrheit ſagen ſoll, ſo habe ich zu den Kareſſen der Perſon doch kein rechtes Herz faſſen können. Sie will 1861. 9. Der große Baron. II. 4 50 etwas von dir, von ſich ſelber kommt ſie nicht, habe ich mir heimlich gedacht, wenn es mir dazwiſchen hin und wi⸗ der auch beweglicher zu Muthe wurde. Und daß nun heute Abend die Gnädige kam und ſo lang und breit auf mich einredete, ſie, die ſeit dreißig Jahren nicht aufgeſehen nach mir— das iſt nicht nur ſo umſonſt geſchehen und nicht durch Zufall. So dumm bin ich nicht; ſie will auch was von mir. Und ich will Euch nur ſagen,“ ſetzte er hinzu und ſah dabei finſter aus,„mit ſolchen, die mit mir ſpielen möchten und mir um den Bart gehen, während ſie drinnen mich nur einen dummen Teufel ſchelten, mit ſol⸗ chen mag ich nichts zu thun haben. Und wenn ich's mir recht überlege— zu ſolchen Capriolen, und für eine ſolche Kammerjungfer bin ich am Ende doch auch wohl zu alt und hartmäulig. Ich werde dann ſchon ledig bleibe müſſen.“ Gottlob neigte beiſtimmend ſein Haupt.„Du biſt ein ſchlauer Geſell,“ verſetzte er,„und verſtehſt es, die Leute ſich in Dir täuſchen zu laſſen. Alſo das iſt nun nichts für Dich, aber—“ „Ja, Vater,“ ſagte Heinze mit einem ernſtlichen Seufzer,„das iſt's nicht; allein das Andere,— das be⸗ drückt mein Gemüth. Seht, wie die Gnädige es hin⸗ ſtellt; ſcheint es mir doch verwettert anſchaulich zu ſein. Und wenn ich an die alten Geſchichten denke und an das, was ich ſelber erlebt und geſehen—“ 51 „Narr, noch einmal!“ ſprach Gottlob barſch.„Haſt Du noch nicht genug an dem von vorhin? Aber— nur weiter im Text!“ „Je nun, beſtehlen und betrügen ſollen ſie unſeren Baron nicht, was ich dazu thun kann, und unſer Fräulein nun gar nicht. Lieber knallte ich dem Menſchen, den Münch, wenn er ſich hier wieder ſehen läßt, eins vor den Kopf und mir ſelbſt hinterdrein, daß die ganze Proſte⸗ mahlzeit mit einemmal ein Ende hätte. Fräulein Diana ſoll von meinetwegen nicht leiden.“ Der alte Jäger nickte.„Hab's ja gleich gedacht,“ murrte er ingrimmig vor ſich hin,„daß ſie eine rechte Teufelei anrühren werde! Und den dummen Teufel da hat ſie auch richtig gefaßt, wo er weich iſt!“ Und indem er ſich an ſeinen Gaſt wandte, fuhr er grollend und mit gerunzelter Stirn fort:„Du ſollteſt Dich ſchämen, Peter, daß Dich ein Weibsbild— weiter iſt die Gnädige doch auch nichts— ſo übertölpeln und um Sinn und Ver⸗ ſtand ſchwatzen konnte. Du biſt nun doch auch fünfzig Jahre alt und zwar nicht in der Abtei, aber doch nebenan, in Möonkewitz geboren und kennſt Haus und Menſchen, weißt wie ſie Deinem Junker Unrecht gethan und ihn von ſeinem Erbe gejagt; weißt, wie die Hildegard zu ihm und allen geweſen und noch iſt, daß keine Menſchenſeele, ſelbſt ihr Vater und ihr eigen Kind nicht ein rechtes Herz zu ihr hat. Und Du kennſt unſeren Großen— ſag ſel⸗ 4* 52 ber, iſt er Dir jemals als ein Herr erſchienen, der ſich über's Ohr hauen ließe oder unrecht handelte oder nicht wüßte, was er zu thun hätte?“ „Nein, das könnte ich grade nicht ſagen! Konträr!“ lautete Peters Antwort. „Na alſo, Du Dummbart! Und meinſt Du, daß der ſich in Schreck jagen, Geld und Gut abtrotzen ließe, wie man Dir vorgeredet? Du ſiehſt nicht ſo viel von den Herrſchaften wie ich, allein daß unſer Großer ſein En⸗ kelkind, die Diana, lieb hat wie ſeinen Augapfel, und ihr nichts zu nah kommen läßt, das könnteſt Du auch ſchon wiſſen!“ „'s iſt richtig!“ bemerkte Peter Heinzen und kratzte ſich wieder einmal hinter dem Ohr.„Aber der Herr Münch, Vater Gottlob? Und der Profeſſor, den ich doch dazumal—?“ „Narr, ſtetiger Gaul!“ fuhr der Alte ihn an und ſprang auf.„Wie oft ſoll ich Dir denn wiederholen, daß — das der bare Unſinn iſt? Ich weiß, was ſie wollen. Du ſollſt mich ausholen, ob ich was weiß, was ſie nicht wiſſen. Ich will ihnen den Gefallen thun und reden. Du darfſt es alles melden— es kommt dort ganz recht.— Haſt Du den Herrn Poofeſſor jemals, als er hier bei uns und nachher in D. war, anders kennen lernen als einen humanen Herrn und Ehrenmann, als einen treuen Freund unſeres Junkers und des ganzen Hauſes, der es mit allen 53 wohlgemeint und ſtets zum beſten gerathen? Kannſt Du denn in Deinem dicken Kopf nicht begreifen, was er dazu⸗ mal mit dem Junker und der Marie verhandelte? Daß er ihnen beiden zu Gemüth führte und klar machte, was ſie vorhatten und ihnen abrieth, ſo lange es noch ging? Freilich half es nicht, denn der Ruprecht hatte was von ſeiner Mutter und ließ ſich, wenn er ſich einmal worauf geſetzt, weder hetzen noch locken—“ „Das weiß Gott!“ ſchob Peter Heinzen ein. „Halt's Maul und hör' zu!“ fuhr ihn aber der Alte an.„Mit Dir muß man deutſch reden. Alſo wars nicht ſo, und iſt er trotzdem nicht dem Profeſſor treu ge⸗ blieben und hat ihn werth gehalten? Haſt Du ſchärfer geſehn als Dein Junker?— Und von dem Herrn Münch,“ fuhr er luftſchöpfend fort,„von dem iſt einſtweilen noch gar keine Rede. Du weißt nur ſo gut wie ich, daß er nicht dem Profeſſor, ſondern unſerem Junker aus den Augen geſchnitten iſt, und daß er ein freundlicher Herr, der keinem Menſchen was zu Leide gethan. Frage den Paul— der geht noch heut für ihn durch's Feuer! Und nun endlich— Du willſt doch niemand zu kurz kommen laſſen— nun paß' auf: geſetzt, der Münch wäre unſeres Junkers Sohn und unſer Großer wollte ihm wohl und möchte ihm zuwenden— viel oder wenig, gleichviel, ge⸗ nug, alles, was er könnte— mochteſt Du's grade nicht gon⸗ nen und falſchen Weibsleuten helfen es ihm zu entziehen?“ 54 Peter ſtand auf; ſein braunes Geſicht glühte, in ſeinem ſonſt ſo gutmüthigen Augen brannte ein bedenk⸗ liches Feuer. Er ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und grollte:„Soll mich der Donner in die Erde ſchlagen, wenn ich mir die Sache ſo betrachtet habe! Aber— hier iſt meine Hand, Vater Gottlob!— ich will es der Kammerkatze ſagen! Ich, Peter Heinze, meines Jun⸗ kers Kind um ſein Erbe ſchwatzen! Na, ich werde es ihr ſagen!“ „Das läſſeſt Du hübſch bleiben, Peter!“ ſprach der Alte unwillkürlich lächelnd über den Eifer des Andern. „Jetzt gehſt Du nach Hausund ſchläfſt den Thee und den Grog aus, ſchmeichelſt Dich dann an die Kreatur, thuſt ſchön, lügſt ihr von mir vor, ſo viel Du willſt, und ſtreifſt ſie aus wie einen vollgeſogenen Blutegel, daß Du alles weißt, was in ihr und in der—— na, Du verſtehſt mich!“ Peter, in dem der Thee und Grog und die Wärme des Zimmers allerdings zu einiger Wirkung gelangt ſein mochten, ſtarrte den alten Jäger eine Weile lang an, bevor er ſeine Pelzmütze aufſetzte und entgegnete:„Ver⸗ fluchte Commiſſion, die Ihr mir da gebt, Vater; aber verdient hat ſie's. Und ſomit geht's denn morgen los. Ich werde rapportiren und neue Inſtruktionen von Euch einholen! Gute Nacht, Vater Gottlob!“ Und nachdem er des Alten Hand geſchüttelt, ging er zur Thür, ſah vor⸗ ſichtig hinaus und entfernte ſich leiſe. 55 Gottlob Röder ſchaute ihm ein paar Sekunden ge⸗ dankenvoll nach.„Das war ein Glück!“ murmelte er dann, indem er zu ſeinem Platze zurücktrat und ſein Glas vollends leerte.„Nun wollen wir vorbeugen. Könnte ich nur den Hans Adam ſprechen! Ich habe mich ſeither ſünd⸗ lich wenig um dieſe Dinge gekümmert, und mein Großer denkt jetzt nur an's Große— an Land und Stand, und nicht an ſein Haus. Na, mußt ihn wieder zurückbringen, alter Gottlob!“ III. Schlag auf Schlag. Sie ſchob den kleinen lehnenloſen Seſſel zurück, auf dem ſie geſeſſen, ſie nahm ihre Arbeit zuſammen, langte nach einem der Leuchter, welche für die Zubettgehenden ſchon parat geſtellt waren, ließ ein Schwefelhölzchen über dem Cylinder der großen Lampe aufflammen und zündete die Kerze an, und dann trat ſie zum Baron, welcher ſeinen Lehnſtuhl ſo an den Tiſch geſchoben hatte, daß das Lam⸗ penlicht voll auf das Zeitungsblatt in ſeiner Hand fiel. Sie beugte ihren ſchönen Kopf zu dem ſeinen nieder, küßte ihn zärtlich auf die Stirn und ſagte innig:„gute Nacht, Großpapa!“ 56 Er ſah zu ihr auf und lächelte ſie freundlich an.„Iſt's denn ſchon ſo ſpät, daß Du aufbrichſt, Kind?“ fragte er und ſchob die Brille auf die Stirn hinauf.„Wie kommt das? Du biſt doch ſonſt nicht ſo müde.“ Sie lächelte gleichfalls.„Ei Großpapa,“ verſetzte ſie,„wir ſind heut Nacht erſt um zwei Uhr von Wolden gekommen, und morgen ſoll ich ſchon um ſieben Uhr wieder in den Wagen und zur Stadt, wo man auch nicht zur Ruhe kommt. Ich bin ein ſolches Treiben nicht gewohnt, weißt Du, und fuhle mich gründlich ſchläfrig, kannſt Du mir glauben— nachträglich und im Voraus,“ ſetzte ſie nun wirklich lachend hinzu. „Nun ſo geh' und Gott behüte Deinen Schlaf,“ ſprach er, ihr die Hand drückend, und der Blick, welcher der ſich Abwendenden folgte, war warm und zäͤrtlich und ließ nicht von ihr, wie ſie jetzt die Arbeit aufnahm und den Leuchter, der Mutter ein kühles:„gute Nacht, Mutter!“ hinüberbot, auf welches nur ein kaltes, von einem kurzen Nicken begleitetes„Gute Nacht“ zurückklang, und dann mit ihrem leichten elaſtiſchen Schritt der Thür zuging und das Zimmer verließ. Ja, ſeine Augen blieben noch ein paar Sekunden lang dort ruhen, wo ſie verſchwunden war. Dann ſchob er die Brille wieder vor die Augen, erhob die Hand mit der Zeitung und las weiter. Es war ſtill im Gemach. Frau von Merlin ſtrickte mit farbiger Wolle etwas, das wie ein werdender Shawl ausſah, und ſchaute dabei in das vor ihr auf dem Tiſch liegende Buch. Allein es mochte mit dieſer Lecture nicht weit her ſein, denn es währte ſtets eine unverhältnißmäßig lange Zeit, bis ſie wieder einmal ein Blatt umwandte, und hin und wider ſchaute ſie auch mit einem ſo beſon⸗ deren Blick zu ihrem Vater hinüber, daß man wohl mit Recht ſchließen durfte, ihre Gedanken beſchäftigten ſich mit ganz anderen Dingen als mit den„Verlobten“ von Manzon:, die in der deutſchen Ueberſetzung vor ihr lagen. Der Baron, wie ſchon geſagt, las gleichfalls, aber auch er war nicht ganz bei ſeiner Lectüre, denn ſeine Blicke gingen häufig genug gedankenvoll über das Blatt hinaus in den vor ihm liegenden, nur wenig erhellten Zimmer⸗ raum. Er rauchte aus einer kurzen Pfeife, wie ſie ihm noch von ſeinen frühern Jägerzeiten die liebſten waren, aber er that nur ſelten einen Zug, und von Rauch war in dem großen Gemache kaum etwas zu ſpüren. Auf Hilde⸗ gard ſchien er gar nicht zu achten, wie er denn auch ganz abgewendet von ihr ſaß und ihr faſt den Rücken zu⸗ drehte. Es war ſchon eine lange Weile ſeit Diana's Fort⸗ gange verfloſſen, als er endlich das Zeitungsblatt zuſam⸗ menfaltete, auf den Tiſch legte und dann mit einem ſilber⸗ nen Stopfer den Tabak im Pfeifenkopf zuſammendrückte. Dabei fiel ſein Blick ſeitwaͤrts auf ſeine Tochter, und indem er den Kopf gleichſam überraſcht erhob, ſagte er: 58 „biſt Du noch da, Hilda? Ich meinte, Du wär'ſt längſt hinauf.“ Sie machte ein Zeichen im Buch und klappte es zu. „Nicht doch, Vater,“ erwiderte ſie mit einem anſcheinend gleichgültigen Blick zu ihm hinüber.„Ich bin nicht mehr ſo jung und auch nicht ſo leicht müde, wie meine Tochter. Ich fahre freilich morgen auch nicht in die Stadt.“ Er nahm die Brille ab, legte ſie gleichfalls auf den Tiſch und ſtand auf.„Haſt Du noch etwas?“ fragte er, im Auf⸗ und Abgehen flüchtig zu ihr hinſchauend, die ſich zurückgelehnt hatte und ruhig weiterſtrickte. „Allerdings, Vater,“ verſetzte ſie— es war auch in ihrem Tone etwas Bequemes, wie in ihrer Haltung. „Wenn Du noch einige Augenblicke Zeit haſt, möchte ich Dir von einer Mittheilung ſagen, die ich heute von Leo⸗ noren erhalten habe.“ „Von der Gräfin Herzfeld?“ Er blieb ſtehen und ſchaute ſie wieder an.„Ich wußte nicht, daß Du mit ihr noch im Verkehr; aber es freut mich. Angenehme Leute das! Bin mit ihrem Mann neuerdings in E. ziemlich viel zuſammengekommen und kann nicht anders ſagen, als: er gefällt mir gut, beſſey als ſein Vater, der ſeine Abſtam⸗ mung und die Remitiiſcenzen ſeiner Jugend noch wenig verleugnete.“ Bei ſeinen erſten Worten war ein Schatten über ihr Geſicht geglitten, der ſich jedoch alsbald wieder verloren 59 hatte. Dann blickte ſie mit ihrem gewöhnlichen kühlen Ausdruck auf ihre Strickarbeit oder vor ſich über den Tiſch hin, und da er ſchwieg, ſagte ſie:„ja wir ſchreiben uns noch zuweilen, obwohl wir ſonſt ſeit ihrer Heirath eigent⸗ lich etwas zwiſchen uns fühlten. Du erinnerſt Dich wohl, daß man in unſern Kreiſen damals ihren Eltern und ihr dieſe Verbindung einigermaßen verdachte. Seit dem iſt man freilich milder geworden, und mit Recht. Der Graf gilt, ſo viel ich weiß, überall für einen anſtändigen und angeneh⸗ men Mann und weiß ſeinem Stande gemäß und als Cava⸗ lier zu leben. Es freut mich, dies von Dir beſtätigt zu hören und daß Du ihn in Deinem Kreiſe ſehen mochteſt. Leo⸗ norens Pläne werden daher auch Dir vielleicht nicht ganz unausführbar erſcheinen, denke ich.“ Er ging noch immer auf und ab, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt und zwiſchen ihnen die erloſchene Pfeife haltend, die hohe Geſtalt, in bequemer Haltung, ein wenig geneigt.„Da bin ich doch neugierig,“ bemerkte er ſo gleichgültig hin, wie man bei ſolchen Unterhaltungen wohl zu ſprechen pflegt.„Denn was ich mit den Plänen der Gräfin Herzfeld zu thun habe, weiß ich trotz alledem nicht recht.“ „Es wird am kürzeſten ſein, ich leſe Dir die betref⸗ fende Stelle aus ihrem Briefe vor,“ entgegnete Hildegard in ihrer frühern Weiſe.„Auseinanderſetzen und erklären iſt meine Sache nicht und ich bin auch nur ein ſchlechter 60 Advokat. Sie mag für ſich ſelber reden— ich habe den Brief da.“ Und als ſie denſelben aus dem Strickkorbe genommen und vor ſich auf den Tiſch ausgebreitet, ſetzte ſie, während ihr Auge die feinen Schriftzüge ſuchend über⸗ flog, hinzu:„erlaubſt Du alſo 2 1 Er war zum Tiſch getreten und zündete ſich die Pfeife wieder an.„Lies nur,“ ſagte er, ſich abwendend und ſeinen Gang aufs neue aufnehmend. „Der Eingang iſt gleichgültig, ich will ihn über⸗ gehen,“ meinte ſie und begann nach einer kleinen Pauſe auf der zweiten Seite zu leſen: „Ich hatte gehofft, liebe Hilda, daß ich diesmal auch Dich wiederſehen werde, und war wirklich hauptſächlich deßhalb gern hineingefahren. Aber Du warſt wieder nicht wohl, wie ich hörte. Deinen Vater ſprach ich leider nicht, ich ſah ihn nur einen Augenblick im Saal und da war er von Anderen ſo in Anſpruch genommen, daß ich ihn nicht ſtören mochte. Dafür habe ich aber Deine Tochter kennen gelernt, welche beim Tanz mit Hugo nahe bei meinem Sitze ſtand und ſich durch ihn mir vorſtellen ließ, und ich muß Dir über ſie mein Compliment machen. Sie hat viel Beifall gefunden und auch mir ſehr gut gefallen: Es iſt wirklich eine höchſt anziehende Erſcheinung, ihre Toilette ſtand ihr reizend, und wie ſie ſich gab und benahm, hat mich geradezu entzückt. Ich ſehe ſonſt wenig von der jun⸗ gen Welt, was ich aber ſehe, gefällt mir keineswegs und 61 der jetzt herrſchende Ton entſpricht meinen Anſichten von dergleichen nicht. Deine Diana zeichnete ſich gerade hierin auf das vortheilhafteſte aus. Es war etwas in und an ihr, was mich, ich möchte ſagen, ganz heimiſch anmuthete und mich an die Zeiten erinnerte, da wir Aelteren noch jung waren und zuerſt in der Geſellſchaft erſchienen. Und dennoch iſt nichts Steifes oder Prüdes, nichts Veraltetes an ihr, ſondern alles ſo anmuthig, lieblich und duftig— entzückend, wiederhole ich, und daneben ſo durchaus würdig und gehalten, wie es ſich für Deine Tochter und die En⸗ kelin unſeres erſten Cavaliers ſchickt, in Wahrheit comme il faut!“ „Gehorſamer Diener!“ bemerkte der Baron in die Pauſe hinein nicht ohne Spott.„Das iſt ja ein wahres Prachtſtück von Mädchen! Muß ſie mir doch einmal recht darauf anſehen.“ „Du weißt wohl, wir nannten Eleonore ſchon frü⸗ her immer nur die Excentriſche,“ ſagte Frau von Merlin ruhig.„Sie übertrieb gern ein wenig. Doch ich will nur weiter leſen.“ Hugo—ℳ Wer iſt dieſer Hugo?“ unterbrach der Baron die Lecture wieder, ohne in ſeinem Gange anzuhalten. „E iſt ihr älteſter Sohn, Vater.“ „So, ſo!— Doch ja, ich erinnere mich— ein großer, blonder, junger Menſch, hübſch, aber ziemlich 7 62 nichtsſagend, Offizier beim Regiment.— Doch lies nur fort.“ „Hugo, der ziemlich viel mit ihr tanzte und ſich leb⸗ haft mit ihr unterhielt, war gleichfalls voll ihres Lobes, meinte, die anderen jungen Damen verſchwänden gänz⸗ lich neben ihr, und es ſei unter der Herrenwelt eine wirk⸗ liche Verzweiflung darüber, daß ſie ſo ſelten in der Ge⸗ ſellſchaft erſcheine, zumal ſie alle wüßten, daß mit dem großen Baron nichts anzufangen ſei, wenn er einmal ſei⸗ nen Kopf auf etwas geſetzt.— Hugo iſt lebhaft und ein wenig excentriſch, liebe Hilda, wie früher, nach Eurer neckenden Behauptung, ich ſelber geweſen ſein ſoll. Es mußte mir daher um ſo mehr auffallen, als ich ihn ſchon im Feſte bei uns in Merkendorf ſo ſehr ſtill und gedrückt ſah; aber ich mußte lange in ihn dringen, bis er mir ge⸗ ſtand, er könne den Gedanken an Deine Diana nicht los werden. Er fühle, daß er ſie über alles liebe und niemals eine andere als Gattin heimführen könne. Hildegard machte eine neue Pauſe und ſah ſchnell und lauſchend zu dem Vater hinüber. Da dieſer jedoch ruhig bei ſeinem Gange blieb und kein Zeichen lebhafte⸗ rer Theilnahme gab, ſenkte ſie das Auge wieder auf das Papier und las weiter: „Nun, liebes Herz, ich ſage offen, daß mich dieſe Mittheilung zuerſt etwas erſchreckte und ich Hugo bat, ſich die Sache lieber nicht gar zu feſt in den Kopf zu ſez⸗ 63 zen. Er meinte jedoch, ſie ſäße da leider ſchon feſt ge⸗ nug, und er wiſſe nicht, was aus ihm werden ſolle, wenn ſeine Wünſche nicht erfüllt würden.— Liebe Hilda, ich bin Mutter, das heißt, wie Du von Dir ſelbſt wiſſen wirſt, ſchwach. Er hat mir geſagt, daß er die Hoffnung habe, Deine Diana auf dem großen Ritterſchaftsballe in E. wiederzuſehen, der am zwanzigſten dieſes ſtattfinden ſoll, vielleicht ſchon in den Tagen vorher, bei Polterabend und Hochzeit der kleinen Haller, und daß er dann verſu⸗ chen werde, ihr näher zu kommen. Ich hatte nichts da⸗ für oder dawider. Das iſt am Ende Sache der jungen Leute. Ich für meine Perſon wende mich aber an Dich, und durch Dich an Deinen verehrten Vater, theile Euch die Sache mit und lege ſie Euch ans Herz. „Ich bin Mutter, wiederhole ich, und ſehe Hugo daher vielleicht mit zu günſtigen Augen an. Allein ich glaube ſagen zu dürfen: er hat ein anſprechendes Aeu⸗ ßere— er gleicht ſeinem Vater in dieſem Alter auffal⸗ lend, der ja damals ein ſchöner Mann genannt wurde— er iſt ein guter und liebenswürdiger Menſch, der uns Eltern ſtets Freude gemacht hat und, ich darf wohl ſagen, unſer Stolz iſt. Er iſt beliebt bei ſeinen Kameraden, und in der Geſellſchaft von ſeinen Vorgeſetzten geachtet und mit ungewöhnlichem Vertrauen beehrt. Noch neu⸗ lich ſagte mir Oberſt German, Hugo ſei einer der beſten Offiziere des Regiments und er habe ihn ſtets untadel⸗ 64 haft gefunden. Er iſt jetzt bald vierundzwanzig Jahre alt, ſeit faſt fünf Jahren Offizier und hat bei den jetzigen Ausſichten eine brillante Carriere vor ſich. Er iſt mit Schwärmerei Soldat— Die Vorleſerin hielt wieder inne und ſchaute zum Vater hinüber.„Sagteſt Du etwas?“ fragte ſie. „Ich? Nichts!“ verſetzte er faſt pflegmatiſch.„Ich fbeune mich nur über dieſen jungen Schwärmer. Fahre ort!“ „— Wie ſehr ihn aber ſeine Liebe beherrſcht,“ fuhr Hildegard zu leſen fort,„ſiehſt Du daraus, daß er, als ich ihm ſagte, die Soldaten ſeien in der Abtei nicht be⸗ liebt,— keinen Augenblick zögerte zu erklären: es ver⸗ ſtände ſich von ſelbſt, daß er dann den Dienſt quittire. Er ſähe überhaupt ein, daß die Stellung als Frau eines Lieutenants ſich nicht für Diana Merlin ſchicke.— Du ſiehſt alſo, er iſt wirklich verſtändig, und die Wahrheit zu geſtehen, hat er dieſen Verſtand überall und auch da bewieſen, wo man ihn bei jungen Leuten ſeines Standes und ſeiner Geburt ſonſt leider nur zu häufig vermißt. Hugo hat natürlich als Cavalier und als junger Menſch gelebt, niemals aber ein vernünftiges Maß überſchritten und ſeinem Vater und mir nie ernſtliche Veranlaſſung zum Tadel oder zur Sorge gegeben.“ „Exemplariſch! Muß auch ihn mir einmal genauer anſehen!“ ſagte der Baron, indem er über der dazu be⸗ 65 ſtimmten Schale neben dem Ofen ſeine Pfeife ausklopfte. „Eine Zeit mit ſolchen Menſchen, wie dieſe Diana und dieſer Hugo, verſpricht ja eine goldene zu werden.“ Er ging wieder auf und ab. Hildegard las nach einem dunk⸗ len Blick auf ihn noch einmal weiter: „Nun alſo, liebe Hilda, zum Schluß dieſes Brief⸗ theils. Mein Mann und ich wären wohl damit zufrie⸗ den, wenn Hugo den Dienſt verließe. Herzfeld hat ſchon längſt im Sinn, ihm die Bügersdorfer Güter, die er da⸗ mals nach dem Kriege kaufte, abzutreten und ihn darauf ſelbſtſtändig wirthſchaften zu laſſen. Dein Vater kennt ſie und weiß beſſer als irgend einer, daß ſie den werth⸗ vollſten Theil unſerer Beſitzungen bilden. Mein Mann hat viel auf ſie verwandt, und wenn ſie in einer feſten Hand ſind, der auch die nöthigen Mittel zu Gebot ſtehen,. müſſen ſie in einigen Jahren einen Beſitz bilden, der den Grafen Herzfeld auf Bugersdorf zu einem der erſten Ca⸗ valiere des ganzen Landes macht. Das Schloß in Bü⸗ gersdorf wird zum Herbſt fertig und kann der verwöhn⸗ teſten Dame genügen. Es liegt nur zehn Stunden von der Abtei. Was meinſt Du, Hilda, was meint Dein verehrter Vater— könnte bei der Einweihung des Hau⸗ ſes die Herrin desſelben nicht Gräfin Diana Herz⸗ feld ſein? „Du ſiehſt, liebes Herz, ich frage nur nach Eurer Anſicht und Einwilligung. Diana's Herz zu gewinnen, 1861. 9. Der große Baron. II. 5 66 iſt Hugv's Sache und wie er einmal iſt, zweifle ich nicht daran, daß ihm dies gelingen wird, vorausgeſetzt, daß Deine Tochter noch frei iſt. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich mache mir darüber keine Sorge.— Herzfeld will ich erſt jetzt von dieſem allen ſagen, weiß jedoch im Voraus, wie beglückt er durch die Aus⸗ ſicht auf eine ſolche Verbindung ſein wird. Er hat ſich damals auf dem Balle mit mir über die Erſcheinung Dei⸗ nes Kindes auf das lebhafteſte gefreut.— Ich ſehe Dei⸗ ner Antwort mit mehr als Spannung entgegen. Schreibe mir auch, ob Du nicht vielleicht zum Zwanzigſten mit nach E. kommſt. Wir hätten dann ja die beſte Gelegen⸗ heit, uns auszuſprechen und, falls Ihr unſeren Wünſchen nicht entgegen wäret, alles auf das angenehmſte in Ord⸗ nung zu bringen.“ „Und ſo weiter,“ ſagte Frau von Merlin, die Blät⸗ ter zuſammenlegend und wieder in den Strickkorb ſchie⸗ bend. Sie lehnte ſich an ihren Stuhl zurück, nahm ihre Arbeit von neuem auf, und da der Baron unverändert und ſchweigend ſeine Promenade fortſetzte, fügte ſie nach einer Pauſe hinzu:„Was denkſt Du davon, Vater?“ Der Baron ließ noch eine neue Pauſe vergehen, be⸗ vor er ruhig, faſt kalt erwiderte:„Von meinen Gedan⸗ ken iſt dabei, glaub' ich, hochſtens nur nebenbei die Rede. Die Hauptperſon bleibt doch Diana ſelbſt, wenigſtens in meinem Sinne. Du erinnerſt Dich wohl, daß bei Dei⸗ 67 ner eigenen Wahl von m ir nur nach Deiner Neigung ge⸗ fragt wurde, weil dieſe für mich das Entſcheidende war. Und derſelben Anſicht bin ich auch noch heute. Alſo wenn Diana frei iſt und nichts wider den jungen Mann hat— „Diana iſt noch frei,“ ſprach die Dame entſchieden dazwiſchen. „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ verſetzte er im unveränderten Tone.„Doch möchte ich Dich bitten, ſie lieber erſt darnach zu fragen. Es ſoll überhaupt nicht leicht ſein, im Herzen eines jungen Mädchens zu leſen, und ob es Dir, Deiner Tochter gegenüber leichter wird als an⸗ deren, weiß ich nicht. Genug, wenn das Kind den Mann mag, ſo würden zunächſt die Eltrrn, Du und Merlin, zu entſcheiden haben, ob derſelbe ihnen die nöthigen Ga⸗ rantien für das Glück ihrer Tochter wirklich darbietet, über die ihr hoffentlich noch andere Stimmen hören wer⸗ det als die ſeiner Mutter.“ Bei der Erwähnung ihres Gatten hatte ſich über Hildegards Geſicht ein finſterer Ausdruck gelagert und ſich noch nicht wieder verloren, als ſie jetzt ziemlich ſcharf antwortete:„Du wirſt zugeben, daß der Graf von an⸗ genehmem Aeußern iſt— Leonore kann darin keine Un⸗ wahrheit ſagen, da ja der erſte Anblick des jungen Man⸗ nes die Wahrheit zeigen muß— daß er als Beſitzer der Bügersdorfer Güter zu den reichſten im Lande gehört—“ 5* 68 „Wenn er zu wirthſchaften verſteht, noch hundert⸗ tauſend Thaler hineinſtecken kann und der Friede und gute Jahre ihm zu Hülfe kommen,— ja, ſonſt nicht,“ warf der Baron ruhig ein. „— und endlich aus guter Familie iſt,“ fuhr ſie fort, ohne ſeine Unterbrechung zu beachten. Der alte Herr blieb ſtehen und ſah die Tochter über⸗ raſcht an. „Das ſagſt Du?“ fragte er in einem einigermaßen verwundert klingendem Tone.„Daß Du über ſolche Dinge freier denkſt als ich, iſt mir wirklich neu.“ „Seine Mutter und Großmutter ſind beide aus den beſten Familien,“ ſagte ſie lebhafter als bisher,„und auch väterlicherſeits ſind nun doch wenigſtens ſchon drei Gene⸗ rationen adelig.“ „Das heißt, der Vater ſeines Großvaters war ein Armee⸗Lieferant und ließ ſich nobilitiren. Sein Großvater erwarb den Grafentitel und verheirathete ſich mit einer Dame aus gutem Hauſe. Du weißt wohl, wie ich über dergleichen denke, daß ich im Ganzen weniger Werth auf die Abſtammung als auf den Menſchen ſelber lege, daß aber ein neuer Adel, ein gemachter oder gekaufter, in mei⸗ nen Augen gar nichts gilt und mir ein Bürger, aus braver Familie und ſelbſt ein ehrenwerther Mann, zehnmal höher ſteht. Ich liebe es, wenn man bleibt, was die Vorfahren geweſen. Du weißt ſehr wohl,“ ſetzte er hinzu und es 69 prägte ſich wieder einmal nicht nur in ſeinem Geſicht, ſon⸗ dern auch in ſeiner Haltung und ſeiner Stimme ein voller, ernſter, bewußter Mannesſtolz ab,„die Absberg könnten, wenn ſie möchten, längſt Grafen oder gar Fürſten, ich weiß nicht, was alles ſein; aber ſie blieben lieber die alten einfachen Barone. Und wenn ein Glied meines Hauſes in eine neuadelige Famillie heirathet, ſo iſt — ich wiederhole es— das in meinen Augen eine größere Mesalliance, als die Verbindung mit Bürger⸗ lichen. Ich lege aber überhaupt keinen beſonderen Werth auf dergleichen. Strenge Anſichten laſſen ſich heutigen Tags nicht mehr durchführen oder würden wenigſtens den Ruin der alten Häuſer nur ſchneller und unheilbarer mit ſich bringen.— Und kurz, wenn Diana will, und Du und Merlin auch für dieſe Verbindung entſcheidet— mir kann ſie am Ende gleichgültig ſein, obſchon ſich meiner Anſicht nach für das Kind genug beſſere finden ließen.“ Sie ſtrickte eifrig.„Du nennſt den Namen des— Unwürdigen ſchon zum zweitenmal,“ bemerkte ſie bitter. „Das war ſonſt ſeit vielen Jahren nicht der Fall, und ich weiß in der That nicht, was Du ihn jetzt und hierbei her⸗ vorrufſt. Das haben wir, wie mir ſcheint, alles jenem Menſchen zu danken—“ „Wem?“ fragte er und blieb ihr gegenüber ſtehen. „Dem Menſchen, der ſich heuchleriſch in Dein und des Onkels Vertrauen zu ſtehlen wußte, der für meinen 70 ehrenwerthen Herrn Gemahl ſpionirte, für ſich ſelbſt in⸗ triguirte—“ „Ach ſo, Du redeſt von Ruprecht Münch!“ unter⸗ brach er ſie, ſich wieder abwendend und ſeinen Gang auf⸗ nehmend.„Ich habe Dir ſchon vor Monaten, damals als ich Dir Ehrenſteins und Münchs Brieſe zeigte, offen geſagt, daß Du an fixen Ideen zu leiden ſcheinſt. Aber fahre ſort, Du warſt noch nicht fertig, und in ſolchen Fäl⸗ len kann einzig ein volles Ausſprechen helfen.“ „Ja, wenn es mir hälfe!“ entgegnete ſie gereizt und bitter.„Aber Du willſt ja nicht ſehen! Nicht ſehen, daß jene Briefe abgekartet ſind! Nicht ſehen, daß mein Herr Gemahl ſich mit hineingeſteckt hat, nur um ſeine Rache an uns auszulaſſen für die gänzliche Nichtbeachtung, die er bisher bei uns gefunden— o ich kenne ihn!“ ſetzte ſie leidenſchaftlich hinzu und legte die Arbeit heftig auf den Tiſch und fuhr ſort:„aber Du willſt ja nicht ſehen! Sonſt müßte ſchon die Weiſe, wie der Menſch ſich bei uns einſchlich, ihn Dir im rechten Lichte zeigen, ganz abgeſehn von ſeinem hieſigen Treiben.“ „Was hat er getrieben, Hilda?“— „Er hat alle Welt auszuholen verſucht über uns und unſere Verhältniſſe,“ ſagte ſie noch erbitterter durch den Gleichmuth ſeiner Frage,„den Gottlob, den alten ſchwachköpfigen Schwätzer, ſchon am erſten Tage. Aber ich habe Dir das ja alles ſchon geſagt. Doch was ich Dir 71 noch nicht geſagt habe— er hat auch gewagt, ſeine Augen zu meiner Tochter, zu Deiner Enkelin, zu erheben und als Freund des Vaters die Theilnahme des thörichten Ge⸗ ſchöpfes zu erringen verſucht,— er der Vagabund und Bettler, der Betrüger, der nicht einmal der Sprößling einer Ehe iſt, welche ſeinem ſogenannten Vater aus dem elterlichen Hauſe trieb und demſelben den Fluch ſeiner Mutter, die Verachtung der Seinen—“ Sie hielt inne, denn der Vater ſtand nahe vor ihr und ſein Auge ruhte ſo drohend auf ihr, daß ſie den Blick desſelben nicht ertragen konnte. Sie war in der Leiden⸗ ſchaft aufgeſtanden. Nun ſetzte ſie ſich langſam auf ihren Stuhl zurück und ſprach leiſer:„aber Du willſt das nicht ſehen! Du willſt Dich nicht daran erinnern!“ Einen Augenblick blieb der alte Herr noch vor ihr ſtehen und ſchaute ſie feſt und durchdringend an, jedoch ſchon nicht mehr mit dem drohenden Blick, der ſie an ihm nicht wenig erſchreckt hatte, weil ſie ihn ſo gar nicht an dem Vater kannte. Dann zuckte er ziemlich verächtlich die Achſeln, wandte ſich ab und ging das Zimmer hinab, erſt nach einer Weile ſprechend:„wollte Gott, Du hätteſt recht, und ich erinnerte mich nicht daran! Nicht an all die Thorheit, nicht an all die Unnatur und an all die Schwäche, die dazumal hier bei uns Haus hielten!“ Sie hatte ſich inzwiſchen längſt wieder beruhigt und ſchalt ſich ſelber thöricht, daß ſie von dem Vater einen 72 Ausbruch gefürchtet, obgleich ſie eigentlich in ihrem ganzen Leben derartiges noch nicht von ihm erlebt hatte. Und nun ſagte ſie ſchon wieder im gereizten Tone:„wenn Du ſo uns anklagſt, Vater, da klage ich auch jene an, von denen all das Unheil ausging, und klage diejenigen an, welche die Wege jener wandeln zu wollen ſcheinen— zu unſerem Verderben. Wenn Du nur ſehen willſt, kannſt Du nicht überſehen, was— Merlin, was dieſer freche Eindringling—“ Er machte, ohne auf ſeinem Gange anzuhalten, mit der Hand eine raſche, ablehnende Bewegung.„Mein Kind,“ redete er dann mit womöglich noch größerer Ruhe als bisher, Du biſt eine Frau und ich bin ein Mann— da haſt Du die ganze Verſchiedenheit unſerer Anſichten, und zwar eine unausgleichbare. Du haſſeſt und liebſt auf Deine Weiſe, ich— haſſe und liebe überhaupt nicht mehr leicht, weil ich allgemach zu alt werde für dergleichen Uebertreibungen; wenn ich aber für oder wider einen Menſchen bin, ſo iſt's jedenfalls auf meine Weiſe. Ich habe Dein Verhältniß zu Merlin ſchon längſt anders an⸗ geſehen als Du, wenn ich es begreiflicherweiſe auch laſſe, wie es iſt, da ihr beide alt genug ſeid, Eure Angelegen⸗ heiten ſelber zu ordnen. Ich habe längſt erwartet, daß er ſich einmal um ſein einziges Kind bekümmern werde,“ fuhr er fort und blieb ihr gegenüber am Tiſch ſtehen, legte die Pfeife hin und zündete ſich jetzt eine Cigarre an;„ich hab's 73 ihm verdacht, daß er ſo lange damit gezögert, und freute mich, als ich erfuhr, daß die Natur in ſeinem und Diana's Herzen hinter unſerm Rücken ſchon längſt geſprochen. Daß er ſo heimlich verfährt, nenne ich nicht ſchlecht, ſondern thöricht und uͤbertrieben ſchonend.“— „Ich würde und werde ihm niemals ein Recht auf das Kind zugeſtehen, das er ſo gut wie mich verlaſſen und entehrt hat,“ warf ſie heftig ein und zog die ſchwarzſeidene Mantille feſt um die Schultern.„Diana iſt ohne ihn groß geworden, ohne ſeine Liebe und—“ „Und ohne die Deine, denke ich!“ unterbrach er ſie hart und mit gefalteter Stirn.„Du willſt hoffentlich nicht Komödie vor mir ſpielen, Hilda, und als zaͤrtliche Mutter agiren. Laſſe das gut ſein, wir kennen uns ja. Und was Du vom Zugeſtehen oder Nichtzugeſtehen ſeiner Rechte redeſt, ſo— nimm Vernunft an und ſage Dir ſelbſt, ob er, wenn er dieſe Rechte jemals in Anſpruch nimmt, Dich um Erlaubniß fragen, auf Deine Einreden hören wird. Er iſt Diana's Vater, er iſt Dein Gatte, er hat das Recht, ſein Kind zu ſehen, die Erziehung und Bildung desſelben zu überwachen, mit einem Wort— über das⸗ ſelbe zu beſtimmen nach ſeinem beſten Wiſſen und Ge⸗ wiſſen. Er hat das Recht—“ ſeine Stirn faltete ſich noch tiefer und ſein Auge ruhte feſt und gleichſam bannend auf der aufgeregten Frau, ſo daß ſie weder den finſteren zornigen Blick von ihm verwenden, noch zu einer Unterbre⸗ 74 chung und Entgegnung kommen konnte.—„Er hat das Recht— merke wohl auf, mein Kind!— nicht nur Diana's, ſondern auch Deine Gegenwart zu verlangen, nöthigenfalls zu erzwingen. Denn Ihr ſeid nicht geſchieden und wer⸗ det nicht geſchieden werden, ſo lange mein Wort noch etwas gilt. Und wenn er an dergleichen extremen Schritte nicht denkt, ſo danke ihm das, mein Kind, danke ihm das ernſtlich und erkenne daraus, daß Merlin nicht ganz ſo ſchwarz iſt, wie Du ihn Dir zuſammengehaßt haſt.“ Er wandte ſich langſam ab und ſchritt gedankenvoll das Zimmer entlang. Bei ſeinen letzten Worten hatte ſie die Augen niedergeſchlagen und ſaß ſtumm zuruͤckgelehnt und wirbelte eine der großen Nadeln gleichfalls wie tief in Gedanken zwiſchen den Fingern hin und her. „Das iſt Eins,“ fing er nach einiger Zeit wieder an,„und wenn Du vernünftig biſt, mußt Du einſehen, daß Du allen Grund haſt, Dich ruhig zu halten, um nicht nutz⸗ los zu reizen und Merlin zu etwas zu bringen, woran er bisher— ich ſelbſt ſage Gottlob!— nicht gedacht.— Zweitens das mit Ruprecht Münch. Ich verſtehe Dei⸗ nen— wahnſinnigen Haß gegen den jungen Mann nicht, mein Kind.“ „Und ich nicht Deine Verblendung, Vater,“ ſagte ſie, den Kopf erhebend, im früheren ſcharfen Ton.„Ent⸗ ſchuldige das Wort, ich rede aber, wie ich denke.“ „Schon recht,“ erwiderte er ruhig,„und unſer Den⸗ 75 ken iſt grundverſchieden, wie ich ſchon vorhin bemerkte. Die Verblendung finde iſt auf Deiner Seite und zwar eine Selbſtverblendung aus unmotivirtem Haß, wie ich ſie bisher ſelten oder nie bei einem Menſchenkinde gefunden. Laſſe mich nur ausreden,“ fuhr er fort, als er ſie raſch den Kopf erheben ſah.„Du biſt ſo ſelbſt verblendet durch Haß, daß Du, wie es mir vorhin ſchien, vielleicht gar annimmſt, Ruprecht ſei nicht einmal Deines Bru⸗ ders Kind.“ „Glaubſt Du das wirklich und beſtimmt?“ fragte ſie mit einem dunklen Blick. „Ja!“ verſetzte er ernſt. Er ſtand wieder am Tiſch ihr gegenüber. „Ich— niemals!“ ſagte ſie heftig. „Und weſſen denn? Vielleicht Merlins? Und er wollte jetzt auf dieſe Weiſe ſeine Rache an uns nehmen — ſagteſt Du nicht ſo?— daß er ſeinen Baſtard bei uns feſtzuſtellen ſuchte,— neben ſeiner rechten Tochter? — Im Stande dazu wär'ſt Du ſchon, obgleich ich bisher nicht gewußt, daß Dein Gatte in dieſer Weiſe je Dein Mißfallen erregt hat.“ Sie ſah ihn einen Augenblick ſichtbar überraſcht aber finſter an.„Du irrſt,“ ſprach ſie dann und zog die Man⸗ tille wieder feſter, ſo ſich auch äußerlich zuſammenneh⸗ mend.„Daran dachte ich nicht, obſchon auch dies gar nicht unmöglich wäre. Ich habe nie jemand in meine 76 Ehe hineinblicken laſſen,“ redete ſie weiter und in ihrem Auge war etwas von einem düſteren Stolz, der ihr einen Anſchein von Hoheit und Wahrheit verlieh, ſo daß ſelbſt der Alte ſie theilnehmender anſchaute, obſchon er unwill⸗ kührlich und leiſe zugleich die Achſeln zuckte.„Die Erin⸗ nerung daran iſt mein, wie vordem auch die Wirklich⸗ keit mein allein war. Aber wir reden nicht davon. Nein — ich denke an Ehrenſtein. Er iſt damals bei dem Va⸗ ter der— des Mädchens ebenſo häufig aus und einge⸗ gangen, wie Ruprecht. Er hat mit dem ſchlechten Ge⸗ ſchöpf verkehrt— intim, ich weiß es. Er hat dies in D. fortgeſetzt, hinter Ruprechts Rücken. Ich habe die Be⸗ weiſe hiefür— und für noch mehr. Frage Ruprechts Diener, Peter Heinze, der ja damals noch ſtets bei dem Bruder war.“ Das ernſte Geſicht des Barons erhellte ſich immer mehr und nach ihren letzten Worten zeigte ſich darin ein wirkliches launiges Lächeln.„Na,“ ſagte er aufgehei⸗ tert,„ich habe freilich etwas Seltſames erwartet, aber dies allerdings nicht. Daß Du unſeren armen jungfräu⸗ lichen Profeſſor, der ſtets ſchon einen Anlauf nehmen mußte, wenn er einmal einem Frauenzimmer in die Au⸗ gen ſehen ſollte, zum ſchlauen Verführer des Mädchens, das ſein Zögling liebte, zum ebenſo ſchlauen Intriguan⸗ ten und weiß der Himmel wozu noch ſonſt, gegen uns machſt— iſt ſtark, Hilda und obendrein halb lächerlich, 77 halb ſchlecht. Daß Du aber gar meinen guten alten Pe⸗ ter, der in Wald und Feld und als Jäger dem Wilde gegenüber ſtets vortrefflich, als Menſch und mit Men⸗ ſchen jedoch ſein Lebenlang der gutmüthigſte und zugleich radikalſte Dummkopf,— daß Du den zum Beobachter ſtempeln willſt und als Zeugen aufrufſt,— das, Hilda, iſt der kurioſeſte Einfall, den Du jemals gehabt.— Mit einem Wort,“ ſetzte er wieder ernſter hinzu und ſchnellte die Aſche von ſeiner Cigarre,„laſſe den Profeſſor, den Peter und den Ruprecht Muünch zufrieden und beſonders den letzteren. Der junge Mann hat ſich, alles wohler⸗ wogen, aus der kitzlichen Lage, in die ihn theils Verhält⸗ niſſe, theils ſein junges und warmes, freilich auch leichtes Blut verſetzt, wie der Ehrenmann herausgezogen, als den er ſich auch ſonſt und überall gezeigt zu haben ſcheint. Für das, was Du von ihm in Beziehung auf Diana ſag⸗ teſt, erwarte ich erſt Beweiſe, aber beſſere, mein Kind, als Deine bisherigen Anführungen. Sie ſtand auf und nahm ihre Arbeit zuſammen. „Unſere Anſichten gehen ſo weit aus einander,“ ſprach ſie,„daß ich wohl auf den Verſuch verzichten muß, ſie in Einklang zu bringen. Ich will nur wünſchen, daß Du nicht zu ſchwer an Deiner Täuſchung zu tragen haſt. Die Welt urtheilt anders über den Menſchen als Du und der Onkel.“ „Die Welt!“ ſagte er ein wenig wegwerfend,„die 78 Welt! Was weißt Du von der Welt und was weiß ſie von uns und Münch!— Ich denk, wir endigen und gehen zu Bett.“ Sie nahm noch einmal den Brief aus dem Strick⸗ korb, ſchlug ihn um und auseinander, bis ſie die geſuchte Stelle gefunden, und verſetzte aufſchauend wieder einmal eiſig kalt:„Willſt Du die Güte haben, noch einen Au⸗ genblick zu verweilen. Ich habe vorhin eine Stelle nicht vorgeleſen; jetzt mochte es nöthig ſein, ſie nachzuholen.“ Und da er nun ſchweigend herantrat, ſetzte ſie noch hinzu: „Es iſt da, wo Eleonore eben über den Eindruck von Diana's Erſcheinung auf ſie geredet,“— und las wie folgt: b z„Ich mußte daher auch ſtill vor mich hin lächeln über die thörichten Gerüchte, die mir im Herbſt zu Oh⸗ ren kamen— ich weiß nicht mehr von wem— daß dies Mäaͤdchen, Deine Tochter, liebe Hilda, mit einem Herrn, der ſich im Sommer bei Euch in der Abtei aufhielt, in — in einem gewiſſen Verhältniß geſtanden, und noch dazu mit einem— Herrn, der nach allem, was ich von ihm hörte, eine halb myſteriöſe, halb gefährliche Perſönlich⸗ keit ſein muß. Er ſoll ſich ja als Maler bei Euch ein⸗ geführt haben, obgleich er eigentlich Offizier bei den Hu⸗ ſaren in A. iſt. Man munkelte auch über ſeine Abſtam⸗ mung und Vergangenheit mancherlei, was mir darauf hinzudeuten ſchien, daß er ein Abenteurer erſten Ranges; 79 und was ich neulich über ihn erfahren, ſprach noch weni⸗ ger für ihn. Es gingen in A. und ſeinem Regiment allerlei Gerüchte über ihn um, hieß es, die ich nicht wie⸗ derholen mag, die aber darauf hinausliefen, daß er ſehr iſolirt und im Regiment nichts weniger als gut angeſe⸗ hen ſei. Doch wozu rede ich ſoviel darüber? Genug, liebe Hilda, daß ich jetzt, wo ich Deine Diana kennen gelernt, noch weniger Gewicht auf jene thörichten Ge⸗ rüchte lege, als früher. Freundlich, wie ſie gegen jeder⸗ mann zu ſein ſcheint, wird man ihr Benehmen gegen den Menſchen eben falſch oder lieblos ausgelegt haben! Wer ſie kennt, muß über ſolche Gerüchte lachen. Sie ſteht hoch und rein wie ein Engel da.„Es liebt die Welt, das Strahlende zu ſchwärzen!“— ſagt der Dichter mit Recht!“— Frau von Merlin legte den Brief zuſammen und in den Korb zurück. Dann erhob ſie die Augen und begeg⸗ nete denen ihres Vaters, welche mit finſterem, nachdenk⸗ lichem Blick auf ihr ruhten.„Du ſiehſt,“ ſagte ſie, in⸗ dem ſie nach ihrem Leuchter langte und das Licht anzün⸗ dete,„es denkt nicht alle Welt wie Du. Solche Geruͤchte entſtehen ſicher nicht aus nichts.“ „Nein,“ erwiderte er, und ſeine Stirn faltete ſich bei ſeinen Worten noch tiefer,„aber ſie werden zuweilen aus nichts gemacht, mein Kind. Und wenn ich arg⸗ wöhniſch ſein wollte, wie Du zum Beiſpiel, ſo könnte ich 80 hinzufügen, ſie machen zuweilen auch ganz ſeltſame Wege und kommen plötzlich von hier und da an ihren Entſte⸗ hungsort zurück und erſcheinen dort ganz neu und uner⸗ hört. Glaube mir nur, mein Kind,“ fügte er im gleichen halb bitteren, halb ſpöttiſchen Tone hinzu,„ich bin ſo viel älter als Du und habe auch ſo viel mehr erlebt und erfahren. Aber ich bin dennoch nicht argwöhniſch, ſon⸗ dern nehme die Dinge wie ſie ſind, lege Gewicht darauf oder nicht, je nachdem ſie es in meinen Augen verdienen. Und ſomit gute Nacht,“ brach er ab.„leberlege Dir und beſchlafe, was zur Sprache gekommen. Es iſt mei⸗ ner Anſicht nach mancherlei dazwiſchen, was ſich ſogleich weder verwerfen noch zugeben läßt.“ Er wandte ſich, mit der Hand grüßend ab und ging auf und ab. „Gute Nacht, Vater,“ ſprach ſie nach einem kur⸗ zen nachdenklichen Schweigen und verließ langſam das Zimmer. Der Baron ſetzte ſeine Promenade noch eine Weile fort, bis ſeine Cigarre ausgeraucht war. Dann zündete auch er ein Licht an, ſchraubte die Lampe herunter, daß ſie erloſch und indem er den Blick erhob und ihn gedan⸗ kenvoll auf der Bronceuhr ruhen ließ, deren Zeiger faſt auf Elf deuteten, ſagte er gedämpft vor ſich hin:„Das geht nicht und darf nicht vorkommen. Es muß alles klar und rein ſein, makellos, ſür den Strengſten! Muß mich doch weiter erkundigen, was man denn eigentlich 81 ſchwatzt. Und dann muß Hohenfeld heran. Er hat noch Verbindungen— dort ſo gut wie allerwärts.“ Er nahm den Leuchter auf, ſah noch einmal in dem großen Gemach umher, trat dann zu einer kleinen Bü⸗ cherſchwebe, aus der er einen Band herauszog, und ver⸗ ließ dann gleichfalls das Zimmer durch die Thür zu ſei⸗ ner Schlafſtube. IV. Der Ball der Nitterſchaft. „Den ſollt' ich auch kennen und die Dame gleich⸗ falls,“ ſagte der große ſchöne Mann, der mit Hohenſeld nicht weit von der Eingangsthür des Saales ſtand und die Eintretenden muſterte. Und er neigte das kleine Haupt mit dem kurzgehaltenen, bereits ergrauten Haar unmerklich gegen den Herrn, der eben mit zwei Damen in der Saalthür erſchienen war. „Den? Natürlich kennen Sie ihn,“ verſetzte Ho⸗ henfeld lächelnd.„In all' dem Frieden und der Ruhe haben ſich die Leute hierzulande weniger verändert als Sie, Baron. Es iſt der Graf Herzfeld mit Frau und Tochter. Ich ſehe das kleine Ding aber ſelbſt zum er⸗ 1861. 9. Der große Baron. II. 6 82² ſtenmale. Sehen Sie— ein wenig zart, ein wenig blaß, ein wenig ſchwärmeriſch und— ſehr viel himmel⸗ blauer Flor und Bandagen— kurz, die Mutter vor fünfundzwanzig Jahren! Die müſſen Sie ja auch ge⸗ kannt haben.“ „Wenig, mehr dem Namen nach. Sie hieß Leonore, däucht mir und war eine Freiin von Selow. Geht's ihnen gut? Herzfeld war ein wenig Philiſter, aber ſonſt ein guter und manierlicher Geſell, was man ſeinem Vater nicht nachrühmen konnte. Der iſt todt? „Längſt! Schon bevor ich quittirte.— Der Alte hat was Ehrliches zuſammengeſchlagen und dieſer hier hat's nicht vermindert. Sie ſind reich, aber ſie können's auch brauchen, denn es ſind, glaub'ich, ſechs oder ſieben Söhne da und— das iſt der Aelteſte, da der lange Geſell in Adjutanten⸗Uniform. Der hat auch etwas von der Mutter. Sehen Sie, wie er die Augen verdreht, wie eine verliebte Katze! Und ich habe neulich munkeln hören— ah!“ unterbrach er ſich,„nun kommt's in Haufen.“ Es wurde plötzlich in den Vorſälen lebhaft und Gäſte auf Gäſte kamen durch die Thür und an den beiden Beobachtern vorüber, ſo daß Hohenfeld Mühe hatte, ſei⸗ nem Begleiter die Namen zu nennen und nach ſeiner Art einige Notizen einfließen zu laſſen.„Das ſind die Hal⸗ ler,“ erklärte er,„die Neuburger und die Rolofshöfer; 83 die kleine Schneeweiße da hat ſich geſtern mit dem Aſſeſ⸗ ſor Dornek verheirathet—“ „Ein Sohn des Majors, Hohenfeld?“ unterbrach ihn der Baron.„Und der durfte die Civilcarriere ma⸗ chen? Darnach ſah's damals nicht aus.“ „Es macht ſich Alles, Freund, auch dieſe Heirath! Die Leutchen ſollen ſeit Jahren nach einander geſchmach⸗ tet haben, hat mir neulich meine Nichte Seebach mit Thränen des Mitgefühls erzählt.— Ha, das ſind die Gronitz, die Lieben, die— die kenne ich nicht!— Das iſt die alte Roſen mit Kind und Kindeskind!— Beim Blitz, hätte es nicht geglaubt, daß es diesmal ſo lebhaft werden würde. Sonſt iſt's gewöhnlich ein mageres Ver⸗ gnügen, Baron, und wenn ich aus dem Spielzimmer zu⸗ weilen in den Saal blickte, ſchien's mir immer ſo, als ſtellten die einzelnen Paare und die armen einſamen Müt⸗ ter ebenſoviele Eremiten vor.“ Der Baron ſchien von den letzten Worten des hei⸗ teren Alten wenig gehört zu haben. Er hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt, und ſein tiefes, dunkelblaues Auge ruhte feſt und wachſam auf den Eingang, durch den ſich von Minute zu Minute immer mehr Ankoͤmm⸗ linge drängten. Er achtete nicht darauf, daß ſich die Blicke faſt aller wenigſtens flüchtig auf ihn zu richten ſchienen, daß die Vorübergehenden dann die Köpfe zuſam⸗ menneigten und noch einmal zurückſchauten, und nur ein⸗ 6* 84 mal, als jetzt ein Stabsoffizier an ihm vorüberging, Ho⸗ henfeld zunickte und ihn ſelber, gleichſam verwundert, muſterte, unterbrach er die Mittheilungen ſeines Gefähr⸗ ten und ſagte:„Das iſt widerwärtig. Hätt ich's ge⸗ wußt, daß meine Uniſorm hier ſolches Aufſehen macht, hätt' ichs doch riskirt, in Civil zu kommen. Ich meinte, die Herren von den Küraſſieren kämen zu ſolchen Bällen hin und wieder von S. herüber, oder überhaupt fremde Offiziere aus den nächſten Garniſonen?“ „Selten, ſelten, Baron!“ lautete die Antwort Ho⸗ henfelds, während er zugleich mit dem Andern ein paar Schritte zurücktrat, denn es hatte ſich nach und nach vor ihnen eine ganze Schaar Herren zuſammengefunden, welche gleichfalls die Neuanlangenden beobachteten.„Ihr Vorgänger in S. ſah das nicht gern, und Stabsoffiziere kommen noch ſeltener, von dort, wie von anderwärts. Aber man ſieht auch weniger Ihre Uniform an als Sie ſelbſt, den Niemand kennt. Das mit dem Civil wäre barer Unſinn geweſen. Jedermann hätte Sie dennoch angeſehen und natürlich viel leichter erkannt.“ Der Baron ſchüttelte mit ſchwachem Lächeln den Kopf. „Und Sie glauben beſtimmt, daß weder der General noch Absberg vor— den Andern in den Saal kommt? Sonſt laſſen Sie uns lieber gehen, Oberſt. Ich habe mich fort⸗ reißen laſſen. Es könnte eine höchſt widerwärtige Ge⸗ ſchichte werden, die ich ſelber mir nie vergeben würde.“ 85⁵. Hohenfeld warf den Kopf auf und ſchaute jenen mit lachendem Zürnen von unten bis oben an.„Seit wann bauen Sie nicht mehr auf das Wort Ihres alten Kom⸗ mandeurs?“ fragte er.„Hans Adam, der General und der Oberſt— alſo alle, die Ihr Inkognito gefährden könnten, ſitzen, wie ich Ihnen geſagt, drunten beim L'Hom⸗ bre, und da ich dieſe Seſſionen kenne, weiß ich, daß kei⸗ ner von den Dreien vor neun Uhr von ſeinem Stuhl— halt, da iſt der große Baron!“ Der Fremde trat unwillkürlich noch einen Schritt weiter zurück und zwar hinter einen großen jungen Mann, ſo daß er durch denſelben den Blicken der Eintretenden faſt gänzlich entzogen wurde und dieſelben ungeſtört be⸗ trachten konnte. Es war in der That der große Baron, der dort, die Umſtehenden ſaſt um Kopfes Länge überra⸗ gend, ſeine Tochter am Arm, eben aus der Thür in den Saal trat und freundlich nach allen Seiten grüßend, wei⸗ ter ſchritt. Doch machte er alsbald halt und ſchaute, nach einem Blick in die Runde, lächelnd zu Diana zurück, welche von Engagirenden ſo umlagert war, daß ſie zwi⸗ ſchen all' den Uniformen und dunklen Fracks kaum noch ſichtbar blieb.— „Wen führt er denn?“ fragte der Fremde jetzt ge⸗ dämpft.„Wär's möglich—“ „Natürlich, Baron! Kennen ſie wirklich Hildegard nicht mehr?“ 86 „Sie hat ſich bis zur Unkenntlichkeit verändert, Oberſt. Sie können das wohl nicht wiſſen,— Sie ha⸗ ben ſie ja erſt ſo viel ſpäter wiedergeſehen,— aber ſie war damals blaß und zart, faſt mager und— vergeſſen Sie das nicht!— kaum fünfundzwanzig Jahre alt, wäh⸗ rend ſie jetzt beinahe vierundvierzig zählt. Dazu kam, daß Diana's Geburt und der Tod der Mutter ſie ſehr angegriffen hatte. Genug, ſie hat ſich mehr als verän⸗ dert, ſie iſt eine Andere geworden,“ ſetzte er düſter hinzu, „und wäre ich ihr auf der Straße begegnet, ich hätte ſie nicht erkannt.“ „Aber der Alte, Baron?“ „Unverändert, Oberſt!— Aber wie lange es mit Diana währt. Sie drücken mir das Kind noch todt. Sie ſcheint Beifall zu finden, Oberſt?“ „Viel, Freund, viel! Die Geſellſchaft iſt voll von ihr, ſagt mir meine Nichte.— Aber da— man läßt ſie endlich los.“ „Ja, ſie iſt's— die kenne ich doch!“ murmelte der Fremde und ſah ernſten, faſt ſchwermüthigen Blicks dem jungen Mädchen nach, welches eben aus dem Kreiſe der Herren hervortrat und ſich den weitergehenden Seinen anſchloß. Der Adjutant, den Hohenfeld vorhin als Gra⸗ fen Herzfeld bezeichnet, war an ihrer Seite. „Ich gäbe einen Arm darum, wenn ich jetzt an des Burſchen Stelle ſein könnte,“ ſagte der Baron, indem er 87 ſich nach einem langen Blick auf die Davonſchreitenden wieder zu Hohenfeld wandte, und über ſein Geſicht flog ein melancholiſches Lächeln.„Ich war ein Thor, mei⸗ nem Gefühl nachzugeben und hierherzukommen! Man hat nur Schmerz und Quälerei davon. Laſſen Sie uns ge⸗ hen, Oberſt.“ Hohenfeld ſtreifte ihn mit einem warm theilnehmen⸗ den Blick und zog dann den Bart mit einer gewiſſen Hef⸗ tigkeit durch die Finger. Und nach einer Pauſe ſprach er:„Ich ſehe nicht ein, weßhalb Sie ſo forteilen, Freund! Bleiben wir ruhig da, es beachtet uns jetzt niemand. Der Tanz fängt an, wie Sie hören, und dem erſten ſieht ſelbſt der Alte zu.“ „Sie tanzt aber nicht mit dem Herzfeld,— ſehen Sie, er ſteht und ſchaut ihr zu,— wie ich!“ bemerkte der Andere, der noch einmal einen langen Blick zu den antre⸗ tenden Paaren hinüberwarf.„Wie lieblich das Kind aus⸗ ſieht— man moͤchte ſie freilich immerfort anſehen! Gott ſegne ſie!— Aber jetzt fort, es iſt genug!“ brach er raſch ab, und indem er mit ſeinem Begleiter ſich dem Eingange zuwandte, fügte er hinzu:„ſind denn die Herzfeld jetzt auf einmal gute Freunde?“ „Daß ich nicht wüßte,“ antwortete Hohenfeld und fuhr ſich mit der Hand über die Stirn;„wenigſtens habe ich ſie noch nie in der Abtei geſehen. Der junge Burſch ſoll ſich aber angelegentlich um die Kleine bemühen, ſagt 88 mir meine Nichte. Ich nenne meine Quelle, mein Lieber,“ ſetzte er lachend hinzu.„Sie ſollen mich nicht für ſolche Gerüchte verantwortlich machen, von denen ich nur er⸗ fahre, wenn ich einmal in die Stadt komme. Da kommt's dann aber hageldick. Meine Nichte denkt mir damit ein ganz beſonderes Bene zu thun, und ich mag ihr den Spaß nicht verderben. Das arme Ding ſitzt nun ſchon ſeit drei Jahren gichtlahm daheim und hat wenig andere Freude als ſolche Geſellſchafts⸗ und Stadtgeſchichten ihrem ge⸗ duldigen Onkel aufzuheben und vorzuplaudern.— Nun aber kommen Sie— hier herein, Baron! Ein Glas Wein und dann zu Ihrem Zimmer— ah, den Teufel auch, da iſt Hans Adam doch ſchon!“ „Haſt's getroffen, Hans Adam, akkurat! Bin da und ſchon lange! Hat's Dir der Lump von geſchniegeltem Kellner nicht beſtellt?“ ſchallte ihnen die Stimme Abs⸗ bergs entgegen, und als der Fremde jetzt langſam Hohen⸗ feld nach in die Thür trat, die ſich von ſelber wieder hinter ihnen ſchloß, ſah er den alten jovialen Herrn bequem in die Sophaecke zurückgelehnt, die Cigarre zwiſchen den Lippen, auf dem runden Tiſch vor ſich ein paar Burgunder⸗ flaſchen und mehrere Gläſer, von denen aber nur das zu⸗ nächſt vor ihm ſtehende halbgefüllt war. „Wo hat Dich denn der Teufel?“ ſagte er jetzt, und ſein Blick und ſein Geſicht und ſeine Stimme verriethen, daß er ſich in dieſem Winkel überaus behaglich fühlte. 89 „Was haſt Du im Saal zu ſchaffen— oho, Du kommſt nicht allein!“ brach er ab und erhob ſich langſam aus der Ecke zur Begrüßung, den Fremdling mit ſcharfem Blicke muſternd. „Ja ja, ich bringe da einen frühern Kameraden mit,“ verſetzte Hohenfeld und zog ſeinen Begleiter an der Hand vorwärts ins volle Licht der Kerzen.„Es iſt der neu⸗ ernannte Kommandeur der Küraſſiere in S., der mich, ſeinen eigenen alten Kommandeur, gehorſam aufgeſucht hat. Könnteſt ihn auch noch kennen, Hans Adam. Sieh ihn Dir einmal an.“ Absberg ſchaute den Fremdling eine Weile ernſt muſternd an, ſchüttelte dann jedoch den Kopf und meinte: „nicht die Ehre! Aber's thut nichts, Herr Oberſt. Wen der Hans Adam da einführt, iſt auch mir lieb und will⸗ kommen. Und ſomit— nehmt Platz, ihr Herren, laßt mich den Namen hören, und wir wollen anſtoßen auf alle alte Kameraden.“ Und er ſetzte ſich in ſeine Ecke zurück und füllte ein paar weitere Gläſer. „Was habe ich Ihnen geſagt, Baron?“ fragte Hohen⸗ feld lachend und ſchlug dem Andern, der noch immer ſicht⸗ lich erregt zu Absberg hinüberſchaute, auf die Schulter. „Hab' ich Sie doch kaum wieder erkannt, und ich habe Sie oft genug— eigentlich nur— in Uniform geſehen, während die Uebrigen Sie nur in Civil kannten!“ Und indem er ſich wieder gegen den alten Freund wandte, redete 90 er weiter:„Denke einmal nach, Hans Adam— wenn es nun der bisherige Chef eines Huſarenregiments am—“ „Donnerwetter!— Guſtav, wär's möglich!“ fuhr Absberg heraus und ſprang auf und ſtand neben den An⸗ dern und packte des Neffen Hand.„Junge, Menſchenkind, lieber Junge, biſt Du's wirklich? Und kommſt her und ſuchſt uns auf? Donnerwetter— was biſt Du für ein breitſchultriger Kerl geworden! Wie hätt' ich Dich wieder erkennen ſollen! Deine leibliche Mutter, wenn ſie noch lebte, wär's nicht capabel!— Junge, wie mich das freut!“ Und er umfaßte den ſichtbar tief bewegten Mann und preßte ihn feſt an ſich. „Was habe ich Ihnen geſagt, Baron?“ fragte Hohen⸗ feld wiederum lachend, aber man hörte ſeiner Stimme an, daß auch er voll Theilnahme war.„Hans Adam ver⸗ leugnet Sie nicht.“ „Verleugnen? Ich?“ rief Absberg faſt heftig und trat zurück, und ſein Auge flog ſchier zürnend von Einem zum Andern.„Wer hat ſich ſolchen verwünſchten Unſinn in den Kopf geſetzt? Du oder der— Guſtav da? Wollt's Euch beiden nicht rathen!“ „Onkel, Onkel!“ ſagte jetzt endlich Guſtav Merlin, denn er war's, wie auch die Leſer längſt verſtanden haben, „ſeien ſie billig und ſagen ſie ſelbſt, ob ich nicht trotz Ho⸗ henfelds und Münchs Nachrichten doch noch immer zwei⸗ ſeln durfte, wie eine perſönliche Begegnung ablaufen 91 würde. Glauben Sie mir,“ fuhr er mit tiefem Gefühl fort und faßte des Alten Hand,„ich könnte es niemand von Euch verdenken, wenn er nach all den traurigen und thörichten alten Geſchichten zum mindeſten ſcheu gegen mich ſein wollte. Ich verſichere Sie, die Vergangenheit drückt keinen ſchwerer als— „Eskadron halt! Schwatze Du und der Tenfel!“ unterbrach ihn Absberg barſch, aber ohne dadurch ganz ver⸗ bergen zu können, daß ihn des Verwandten Worte ergrif⸗ fen hatten.„Nun kein Wort mehr davon! Setzt Euch her, nehmt Eure Gläſer, ſtoßt an! Willkommen daheim! — Und dann rapportire!“ Guſtav Merlin lachte.„Das iſt eine umfaſſende Ordre,“ ſagte er,„und wenn ich ſie ausführen wollte, könnten wir hier doch etwas zu lange ſitzen müſſen, wo es nicht ein⸗ mal recht ſicher ſcheint. Ums Erkanntwerden iſt es mir gar nicht zu thun, Onkel, und hier— ſcheint mir freier Platz und offene Straße.“ Absberg ſtreckte ſeinen Arm aus, packte den Neffen wieder an der Hand, zog ihn heran und mit einem un⸗ widerſtehlichen Ruck auf den nächſten Stuhl nieder, alles ſchweigend. Dann füllte er ſein Glas und ſchob es ihm hin, dann reichte er ihm ſeine Cigarrentaſche und holte das Licht heran zum Anzünden, und darnach erſt verſetzte er:„ſo, Junge, nun will ich Dir antworten. Kannſt ruhig ſein, viel Leute kommen nicht hieher, es iſt ſo eine 92 Art Privatzimmer des Hans Adam Absberg, und wenn irgend ein Ueberflüſſiger käme, ſo läßt man ihn eben äberflüſſig bleiben.— Trinkt aus, Kinder!— Du biſt alſo verſetzt und nach S., höre ich?“ „So iſt's, Onkel,“ erwiderte er.„Es ſollte ſchon im Herbſt ſein. Bei den Kriegsausſichten, die wir droben hatten, lehnte ich aber ab. Es war mir auch ſonſt nicht um dieſe Gegend zu thun, können Sie denken. Münch brachte keineswegs gute Nachrichten von ſeiner Expedition mit, auf die ich ihn, übermannt von meinem Gefühl, ent⸗ laſſen hatte—“ „Ja, Baron, eine Huſaren⸗Expedition war's,“ ſchob Hohenfeld gut gelaunt ein,—„verflucht unvorſichtig und windig unternommen, und nur ein unverſchämtes— ein ächtes Huſarenglück— ließ Euch Beide ſo mit einem blauen Auge herauskommen. Es ſteht feſt, wär' ich Kriegs⸗ miniſter und wüßte von dieſem Streich, ich machte Sie vielleicht zum General aller Huſaren, aber nicht einmal zum Rittmeiſter bei den Küraſſieren.“ „'s iſt richtig, Hans Adam,“ meinte Absberg, und ſein munteres Auge flog vom Freund zum Neffen, deſſen Hand er noch immer feſthielt,„aber das Glück hatte er, und darauf kommt's doch an.— Und nun haſt Du's an⸗ genommen, Junge?“ „Ja, Onkel, wie Sie ſehen.— Die Sachlage än⸗ derte ſich. Münch erhielt nicht lange darauf ſehr freund⸗ 93 liche Briefe aus der Abtei, in denen auch für mich Grüße und Andeutungen waren, die mich plötzlich meinem— Ihrem Bruder wieder näher ſtellten, als ich je gehofft. Ich wußte ſchon längſt, wie großmüthig er damals in die Ordnung meiner Verhältniſſe eingegriffen und wie ſchonend er manches arrangirt, was— am beſten vergeſſen bleibt. Nun erkannte ich aber auch, daß er über mich perſönlich milder und, ich darf wohl ſagen: gerechter dachte, als ich geglaubt. Denn ihr Herren—“ und der Blick des Spre⸗ chers war ernſt, ſaſt finſter—„ich leugne nicht, daß ich ein heillos leichtſinniger Geſell geweſen, aber— es gab auch manches in mir, und es waren Motive für meine Lebensart da, die vieles erklären würden, wenn ſie zur Sprache kämen. Sie gehen aber niemand etwas an.— Genug,“ fuhr er fort und ſtrich mit der Hand über die Stirn,„ich ſah mich im Herzen des Barons reſti⸗ tuirt, ich wußte, daß Sie Beide mir längſt verziehen hätten, ich hatte eine unmenſchliche Sehnſucht nach mei⸗ nem Kinde—“ „Armer Teufel!“ murmelte Absberg vernehmbar, während er das Geſicht über ſein Glas neigte. „Ja ja, Onkel, ich könnte mich ſelber bedauern,“ ſagte Guſtav finſter.„Es iſt ein bitteres, bitteres Ding um ſolche Sehnſucht, ſie zerbricht alle Kraft, wie man da⸗ gegen auch ringt, wie man ſich auch vorredet, daß es ei⸗ gentlich etwas Unwürdiges, Kindiſches ſei, ſo zu unterlie⸗ 94 gen. Sie wiſſen das nicht! Sie haben nie Kinder ge⸗ habt—“. „Eben darum Schatz!“ murmelte der Alte wieder und ſtürzte ſein Glas vollends aus.„Aber fahr' fort! Da kamſt Du?“ „Ja, da kam ich,“ verſetzte er nach einem langen halb verwunderten, halb theilnehmenden Blick auf den alten Mann;„und ich kam wiederum um ſo eher, da Seine Majeſtät, wie man mir mittheilte, ausdrücklich wünſchte, daß ich die Küraſſiere übernehmen möge, weil er mit meiner Führung des Huſarenregiments ſo beſon⸗ ders wohl zufrieden geweſen ſei. Da konnte und wollte ich nicht mehr zurückweichen. Ich mußte Knall und Fall fort, und weil ich hoffte, hier in E. einen oder den andern Bekannten zu treffen, bin ich Courier gereiſt, um zwei Tage zu gewinnen. Ich kam heut Nachmittag an, und als ich zum Eſſen hinabgehen wollte, traf ich Hohenfeld und erfuhr, was es heut hier gäbe. Wir ſind in den Saal gegangen und haben die— Familie einpaſſiren ſehen. Und darauf, Onkel, ſind wir hieher gekommen. Das iſt alles.— „Und nun?“ fragte Absberg nach einer Pauſe? „Er will morgen früh fort— was meinſt Du dazu?“ ſchob Hohenfeld, den Bart ſtreichend, ein. „Bah, Unſinn!“ Merlin zuckte die Achſeln,„was ſoll ich hier noch, 95⁵ ihr Herren?“ meinte er.„Ich habe mehr erlangt als ich gehofft; ich habe Alle wiedergeſehen, um die es mir zu thun war, und Sie Beide geſprochen.“ „Und Deine Tochter willſt Du nicht ſprechen, Gu⸗ ſtav?“ fragte Absberg ungewöhnlich ernſt. „Onkel, es wäre mein ganzes Glück— aber wie ließe ſich's machen? Eine offene Annäherung iſt unmöglich, um Hildegard's und meiner ſelbſt willen. Was an mir liegt, ſoll man nicht einmal erfahren, daß ich hier geweſen. Man hat vermuthlich vordem genug über uns geredet,— ich mag keine Gelegenheit zum erneuten Geſchwätz geben. Wäre es möglich, Diana zu ſprechen—“ er ſtand auf und ing ein paarmal auf und ab, und erſt nach einer Weile ſeie er, vor Absberg ſtehen bleibend, hinzu?„iſt Ihre Frau hier, Onkel?“ Absberg ſchüttelte lachend den Kopf.„Man ſieht's, biſt lange weg geweſen und haſt uns und unſer Treiben vergeſſen,“ ſprach er.„Gottes Blitz,— meine alte Els⸗ beth auf ein paar Tage und ſo weit fort von Wolden und und noch gar auf einem Balle! Kennſt ſie ſchlecht, Junge! Nicht zehn Pferde zögen ſie daher! Aber was hat das mit Deinem Kinde zu thun? Das müßte doch kurios zugehen, wenn ſie Dich nicht ſehen ſollte!'s iſt meine Sache, wir reden weiter davon. Auch davon, daß Du meinen„Gro⸗ ßen“, Deinen Schwiegervater ſehen mußt—“ „Onkel!“ Er ſchüttelte den Kopf. 96 „Neffe— ſchüttle Du nur! Meinſt Du, daß er einen Küraſſieroberſten mit Haut und Haaren verſpeiſt? Und ſagteſt doch ſelbſt, daß Du ihn jetzt ganz anders anſäheſt als früher?— Genug,'s findet ſich Alles.— Einſtweilen aber— wo iſt, was treibt der Münch?“ Und der alte Herr ſchaute ernſten und aufmerkſamen Blickes zu dem Neffen hinüber. Merlin's Geſicht zeigte einen trüben Zug, als er ent⸗ gegnete:„er ſteht in den Cantonnirungen, Onkel, und thut ſeinen Dienſt. Ich kann ſagen, der Abſchied iſt uns Bei⸗ den ſchwer geworden, ich glaube, er hängt ſehr an mir, und ich— ich habe ihn wirklich lieb gewonnen. Es iſt ein wackerer, treuer, warmherziger junger Mann, ein Ehren⸗ mann, Onkel, und ich weiß nicht, was ich darum gegeben, hätte ich ihn mit mir hieher nehmen können. Allein dazu ſind, wie die Sachen einmal liegen, allerdings keine Aus⸗ ſichten.“ „Wie denkt man im Regiment über ihn? Wie ſteht er mit den Kameraden?“ fragte Absberg von Neuem und mit dem früheren prüfenden Blicke. Merlin ſah raſch und verwundert auf.„Gut, na⸗ türlich! Wie ſolllt' es anders ſein?“ erwiderte er. „Hm, man ſoll hier anders darüber geſprochen ha⸗ ben, ſagte mir mein„Großer“. Es wären Gerüchte über ſeine Vergangenheit und ſeine Stellung zu den Kamera⸗ den—“ 97 „Was für Gerüchte?“ unterbrach ihn Merlin ſcharf und mit ſtolzem finſterem Blick.„Das muß ich wiſſen! Wer hat über meinen bisherigen Adjutanten geredet, und was iſt geredet worden?“ „Ereifere Dich nicht, Junge,“ lautete die ruhige Ant⸗ wort des Alten.—„Kannſt ſicher ſein— wir ſind auch nicht von Stroh! Halten den Knaben gleichfalls für einen braven Kerl und wollen ihm wohl wie Du vielleicht er⸗ fahren— „Nein, das habe ich nicht, höchſtens nur im Allge⸗ meinen. Münch hat niemals eingehend über ſeine perſoͤn⸗ lichen Angelegenheiten mit mir geredet,“ verſetzte Merlin noch immer ſtolz und mit gefalteter Stirn. „Gefällt mir von dem Jungen, bei Gott!“ rief Abs⸗ berg lebhaft.„Gefällt mir ſehr, ſag' ich!— Denn Du weißt doch wenigſtens, wie er zu meines Bruders Familie ſteht?“ ſetzte er angelegentlich hinzu. Merlin nickte.„Hohenfeld hier hat mir davon im Allgemeinen geſchrieben, und als ich mit Münch ſelbſt dar⸗ über herzlich ſprach— denn ihr Herren, ich liebe den jungen Mann, wie ich ſeinen Vater, meinen Schwager geliebt habe; es iſt ein wackeres Blut, wiederhole ich!— hat er mir kurz von des Profeſſors Mittheilungen und ſeinem folgenden eigenen Handeln geſagt und mich gebe⸗ ten, dieſe Angelegenheit ruhen zu laſſen, da ſie ihm pein⸗ lich ſei, wie freundlich man hier auch über ihren bisheri⸗ 1861. 9. Der große Baron. II. 7 3 98 gen Verlauf denken moge.— Aber das alles iſt jetzt gleich⸗ gültig. Ich muß wiſſen, wer über ihn geredet hat und was das geweſen iſt. Ich bin ſein natürlicher Vertreter in ſei⸗ ner Abweſenheit,“ ſchloß er lebhaft und entſchieden;„und ich werde es nicht an mir fehlen laſſen.“ „Recht, Baron, recht!“ bemerkte Hohenfeld ebenſo lebhaſt.„Ich ſtimme Ihnen vollkommen bei. Und gerade—“ „Ereifert Euch nicht, wiederhole ich!“ unterbrach Absberg des Freundes Rede.„Wir ſind auch nicht von Stroh, und wie die Sachen ſind, meine ich, kann Keinem mehr an voller Aufklärung gelegen ſein, als meinem Gro⸗ ßen und mir. Wie's ſcheint, iſt dieſer Gerüchte im Allge⸗ meinen, ohne etwas Genaues oder einen Verbreiter zu nennen, zuerſt in einem Briefe der Gräfin Herzfeld an— Deine Frau, Guſtav, erwähnt worden.“ „Und hat meine— hat Hildegard ihrem Vater dieſe Nachricht ſelber mitgetheilt?“ fragte Merlin finſter. „So iſt's, doch davon nachher. Siehſt wohl ein, wir müſſen in unſern Nachforſchungen vorſichtig ſein. 's iſt nicht nöthig, daß alle Welt unſer Intereſſe ſür Münch bemerkt, zumal da ſich— der Teufel weiß wie— ein Gerücht von ſeiner Abſtammung aus der Abtei ſchon in die Welt verbreitet hat.“ „Na, der Teufel bin ich nicht, aber das Wie? weiß ich doch?“ murmelte Hohenfeld. 99 „Still, Hans Adam! Vielleicht rathen wir auf die gleiche Perſon,“ ſagte Absberg lebhaft und dem Freunde mit der Hand zum Schweigen winkend.„Alſo wir müſſen vorſichtig ſein, und ich habe mir bisher nur einmal den jungen Herzfeld, den Hugo, vorgenommen, der hier beim Regiment ſteht. Der wußte aber von nichts, erinnerte ſich nur, daß ſeine Mutter wohl einmal Münchs Namen und ſeinen Aufenthalt in der Abtei erwähnt, worauf er ſelber aber kein Gewicht gelegt und kaum darnach hinge⸗ hört habe.— Glaub' ihm das, von großen Geiſtesgaben iſt das Herrlein nicht, denkt meiſtens wohl an ſich ſelber. — Habe mit meinem„Großen“ noch nicht weiter geredet, konnte ihm heut Morgen nur flüchtig hiervon ſagen; denke mir aber, er wird ſich wohl jetzt drinnen die Alte ſelbſt vornehmen. Iſt, wenn er will, ganz der Mann dazu, Kinder.“ „Nun gut,“ ſagte Merlin ernſt nach einer Weile, „ich ſehe den wackern Jungen alſo in guten Händen und will einſtweilen zurückſtehen. Nur Eins will ich Ihnen an's Herz legen, Onkel:— falls Sie etwas Malhonnetes oder gar etwas Ehrenrühriges über ihn verbreitet fänden, ſo erklären Sie, daß ich, der Oberſt Merlin, das im Vor⸗ aus eine Lüge genannt habe, gleichviel, von wem es aus⸗ geht und wie es auch lauten mag.“ Es war ſo ſtill im Zimmer, daß man vom entfern⸗ ten Saal herüber die Muſik ziemlich laut vernahm. Abs⸗ 7 ½ 100 berg und Hohenfeld nickten zu den Worten Merlins zu⸗ ſtimmend vor ſich hin, und der Erſtere richtete ſich auf, um die Gläſer zu füllen. Da hörte man vor der Thür eine laute Stimme fragen:„mein Bruder drinnen?“ und bevor noch einer der drei Anweſenden eine Bemerkung laut werden laſſen konnte, erſchien in der geöffneten Thür der große Baron, ſah muſternd auf die Trinker und ſtand mit ein paar Schritten bei den ſich gleichzeitig und raſch Erhebenden. „Platz behalten, ich ſetze mich zu Euch,“ ſagte er, und nachdem er den Schwiegerſohn mit einem langen, ernſten, prüfenden Blick gemeſſen, bot er ihm die Hand hin und fuhr fort:„Willkommen daheim, Merlin. Ich erkannte Sie halb und halb ſchon vorhin, als ich Sie neben Hohenfeld ſtehen ſah. Und da mir eben der Gene⸗ ral friſch aus ſeinem Bureau die Nachricht brachte, wie der neue Kommandeur der Küraſſiere heiße, wußte ich, daß ich mich nicht getäuſcht. Ich habe ihn einſtweilen um Schweigen gebeten, um jedes Aufſehen zu vermeiden, und bin raſch hergekommen. Denn ich dachte mir wohl, daß ihr bei einander ſitzen und mich vergeſſen würdet. Noch⸗ mals, willkommen daheim! Ich bin weniger unverſöhnlich als Sie denken, mein Sohn.“ Und er umarmte feſt, wie vorhin ſein Bruder, den erſchütterten, wortloſen Mann. 101 V. Der Ball der Nitterſchaft. Fortſetzung. Es ſind freilich dreißig Jahre her, und die junge Welt, welche damals noch nicht einmal geboren war, denkt zuweilen wohl, es habe zu jener Zeit vielleicht Menſchen — ihre Eltern exiſtirten doch ſchon— aber höchſtens nur eine Art Leben gegeben, welches mit dem jetzigen gar nicht zu vergleichen ſei. Und wie viel Uebertreibung in derglei⸗ chen liegen mag, in gewiſſem Sinne iſt es dennoch richtig. Denn wie heiter und munter man dazumal auch ſein mochte, man war es mit viel weniger Umſtänden, viel einfacher— könnte man das nennen— und auch Glanz und Luxus jener Tage waren, gegen das gehalten, was man heut ſo nennt, nichts als die allerſimpelſte Ein⸗ fachheit. In manchen Beziehungen iſt das— von einer Ge⸗ neration auf die folgende— nicht immer ebenſo geweſen. Unſere Großeltern, welche zur Zeit der großen franzöſi⸗ ſchen Revolution jung waren, haben gewiſſermaßen und nach den damaligen Verhältniſſen einen viel größeren Luxus, ein viel— wilderes und üppigeres Leben erlebt, als die ihnen folgende Generation, die Vorgängerin der 10²2 jetzigen. Es war damals nicht allein am alten franzöſi⸗ ſchen Hofe, nein, es ging durch die ganze ſogenannte gute Geſellſchaft aller Länder der thörichte, bacchantiſche Ruf: nach uns der Welt Ende!— und ſie nahmen vom Leben mit, ſo viel ſie vermochten. Das war bei ihren Kindern anders; die lernten in den folgenden fünfundzwanzigjähri⸗ gen Stürmen Haus und Maß halten und ihre Exiſtenz in den engſten Grenzen entwickeln. Und man darf ſagen— gerade erſt vom Jahre 1830 an wehte wieder eine friſchere und friſchere Luft, wuchs der Werth des Grundbeſitzes, nahmen Handel und Induſtrie einen unbegrenzten Auf⸗ ſchwung, begründete ſich ein immer größerer Reichthum, wurden, ſo zu ſagen, die Fundamente gelegt, auf denen das Leben von anno 1860 ſich heranbauen ließ. Aber wir wiederholen es, fröhlich und heiter zu ſein in Luſt und Glanz, verſtand man vor dreißig Jahren auch ſchon, und wenn man in der großen Eingangsthür des Saals ſtand, oder noch beſſer— in der Mitte desſelben unter dem gro⸗ ßen Kronleuchter mit ſeinen ſechzig oder achtzig Wachsker⸗ zen, und ſich nicht als Hypochonder umſah, ſondern als theilnehmender Menſch, ſo konnte man geblendet ſein von Licht, Glanz und Pracht und entzückt und bezaubert von all' der Anmuth und Lieblichkeit, von der Fröhlichkeit und Grazie, die den weiten Raum hingegeben an Glück und unſchuldige Luſt erfüllten. Die Kerzen ſtrahlten, und ſie ſtrahlten anders als das geprieſene Gaslicht, wel⸗ 103 ches jetzt zur allgemeinen Ausgleichung beiträgt und den Saal im Fürſtenſchloß wenig anders erſcheinen läßt als den mit Flitterſtaat aufgeputzten Tanzboden einer Spe⸗ lunke. Und die Augen glänzten, die Wangen glühten, die Spitzen zitterten um den ſchlanken Hals, über dem wo⸗ genden Buſen, und die Muſik brauſte lockend darein, und alles ſchwärmte und ſummte durch einander, plaudernd und ſcherzend, lachend und neckend, ſich ſuchend und ſchel⸗ miſch ſich ausweichend— denn die Jugend iſt am Ende immer die gleiche.. Es war der letzte Tanz vor der großen Pauſe, in der man den Saal ein wenig lüften laſſen und ſoupiren wollte, aber es war der erſte, den der arme Graf Hugo von Diana hatte erobern können, obgleich er ſich, wie er vor Gott und ſeinem Gewiſſen verantworten zu dürfen glaubte, die unendlichſte Mühe gegeben, der gefeierten Königin des Balles und ſeines Herzens rechtzeitig nahe zu kommen. Es war alles umſonſt geweſen, und er hatte mit Neid und Zornauf die Glücklicheren geſehen, die ihm voran⸗ gingen, und hatte mit Wehmuth die unbefangene Heiterkeit des Mädchens beobachtet. Er hatte ſich von mehr als einer ſeiner früheren Tänzerinen einen ernſtlichen Tadel wegen ſeiner Zerſtreutheit und Einſilbigkeit zugezogen, und ſeine Mutter hatte ſogar leiſe zu ihm geſagt:„Hugo, nimm Dich zuſammen, Du machſt keinen vortheilhaften Ein⸗ druck!“— Er fühlte das leider ſelbſt nur zu tief, aber 104 er vermochte nichts dagegen zu thun, und das, was er vor⸗ hatte, erfüllte ihn, ſo leicht es ihm früher erſchienen war, mit immer größerer Unruhe, mit immer größerem Zagen. Es war nichts wie ſonſt und er ſelber am allerwe⸗ nigſten. Er hatte kein Glück. Mit den Verwandten der Geliebten war er kaum zuſammengetroffen; der Landjun⸗ ker von Oheim, wie er Absberg hieß, war zu keiner rechten Unterhaltung zu bringen geweſen und ließ ſich auf dem Balle auch nicht einmal ſehen. Der Großvater, der „große Baron,“ war ihm auch alsbald und nach einem ſehr kurzen und oberflächlichen Geſpräch entſchlüpft, um mit dem General zu reden. Neben Hildegard hatte er freilich eine ganze Weile ſitzen dürfen, einen ganzen Tanz lang, den er überſchlug, und die ſchöne ſtolze Frau war ge⸗ gen ihn liebenswürdig geweſen, wie ſie's irgend vermochte, allein Hugo fühlte ſich in Erinnerung an dieſe Unterhal⸗ tung nichts weniger als ſtolz, ſondern ſehr unzufrieden mit ſich ſelbſt, da er ſich bewußt war, auch hier keinen gu⸗ ten Eindruck gemacht zu haben. Und Diana ſelbſt end⸗ lich—! Lieber Gott, ſie war ſeit faſt acht Tagen in der Stadt, und er hatte ſie kaum einmal wirklich geſpro⸗ chen, und auch heut Abend, in den Pauſen, hatte ſie ihm nie recht Stand gehalten, war davon geflattert oder hatte ihn gar geneckt mit ſeiner„Leidensmiene“ und ihm bei ſeinem doch wirklich hübſchen, gefühlvollen Begrüßungs⸗ kompliment luſtig in's Geſicht gelacht!— 105 Aber nun war alles überſtanden und gut, nun war ſie endlich neben ihm, und er hatte ſich für die Ruhepauſen während des Tanzes den hübſcheſten und behaglichſten Platz im Saale erobert— den kleinen Sopha dort ganz hinten neben dem— heut kalten— Ofen, wo man ſo un⸗ geſtört ruhen, plaudern und reden konnte, ganz nach Be⸗ lieben, unbeläſtigt durch horchende Nachbarn, vom Saal vorn abgeſchnitten durch die Colonne der übrigen Paare, welche keine Luſt oder keinen Platz zum Sitzen gefunden hatten. Und über ihnen war das Orcheſter und iſolirte ſie und ihr Geſpräch noch mehr, und der Kamerad, der die Dauer der Tänze zu beſtimmen hatte, war zu dieſem allen noch höchſt bereitwillig auf Hugo's Wunſch einge⸗ gangen, den Tanz ſo lange wie möglich währen zu laſſen. Der vortreffliche Kamerad tanzte gleichfalls mit einer Dame, in deren glänzende Augen er länger und tiefer zu ſchauen wünſchte, als es ihm ſonſt erlaubt war. Sie ſaß nun neben ihm, und das zierliche Füßchen, nicht bedeckt von dem einfachen und glatten weißen Sei⸗ denkleide, bewegte ſich nach dem Takte der brauſenden Muſik des Galopps leiſe auf und nieder. Sie hatte die ſchlanke anmuthige Geſtalt leicht zurückgelehnt und ſpielte mit dem Fächer, und das prachtvolle Bouquet, welches Hugo vorhin Veranlaſſung zu jenem ſo wenig gewürdig⸗ ten Compliment gegeben hatte, war jetzt gnädig ſeiner Hand überlaſſen worden und erlaubte ſeinen Augen ſich 106 auf den Blüthen auszuruhen, wenn er ſie einmal von der holdſeligen Erſcheinung da neben ihm abwandte. Sie erſchien ihm ſchöner als je, und gerade die leichte Abſpan⸗ nung nach der Luſt der vergangenen Stunden, die ſüße Müͤdigkeit und die ebenſo füße weiche Milde, die ſie wie ein leiſer Duft umfing, verliehen ihr einen noch größeren und für Hugo's Faſſung gefährlicheren Reiz. Sein Blut wirbelte und ſein Herz ſchlug ſtark. „Sie wollten es vorhin nicht hören, Fräulein,“ ſagte er jetzt gedämpft, und ſein Auge ruhte wie bezaubert auf ihr,„aber ich wiederhole es auf die Gefahr hin, noch ein⸗ mal Ihren Spott hervorzurufen— Ihre Abtei muß ein wahrer Feenaufenthalt ſein; alles was mir von dort vor Augen kommt, iſt wie— nichts anderes! So einfach und doch ſo gehaltvoll, ſo lieblich und anmuthig,— wie dieſe Blumen!“ Sie lachte munter.„Schelten Sie mich nicht, Herr Graf,“ ſprach ſie,„aber ich kann nicht ernſt bleiben, wenn ich Sie dieſen— poetiſchen Irrthum wiederholen höre. Die Blumen ſind nicht aus der Abtei; mein Onkel hat ſie mir geſtern mit von Wolden gebracht. Der verſteht und liebt dieſe Cultur mehr, als es leider bei uns der Fall.“ „Wie konnte ich das glauben!“ bemerkte er.„Ihr Herr Onkel läßt es niemals merken, daß er ſich für ſolche Dinge intereſſire.“ 107 „Da thun Sie ihm ſehr unrecht, Herr Graf, wenig⸗ ſtens in dem, was und wie Onkel Absberg wirklich iſt. Mit Fremden ſehe ich ihn freilich ſelten zuſammen und weiß daher nicht, wie weit er dann mit ſeinen Liebhaberin⸗ nen herausgeht. Was wir von Blumen und Treibhäuſern auf Engelsöe haben, danken wir nur ihm.“ „Sie ſelbſt aber lieben ſicher die Blumen, Fräulein? Es wäre mir unmöglich, es anders zu denken!“ „Und weßhalb, Herr Graf?“ fragte ſie und ihr Auge lachte ihn ſchelmiſch an. Sein Geſicht glühte, die Augen, die heut Abend faſt immer ſo finſter geblickt, ſchauten ſie flüchtig aber innig an, und indem er ſich näher zu ihr beugte, flüſterte er: „weil Sie ſelbſt eine Blume ſind, Fräulein!“ Sie erröthete leicht und ſchlug fuͤr eine Sekunde die Augen nieder; dann aber lächelte ſie wieder und verſetzte mit einer gewiſſen Treuherzigkeit, die in ſolchen Momen⸗ ten aber oft dämpfender wirkt, als alles Andere—:„Irr⸗ thum über Irrthum, Herr Graf, ich bin ein leider nur zu ſubſtantielles Menſchenkind! Aber darin haben Sie recht— ich liebe die Blumen wirklich und zwar leiden⸗ ſchaftlich.“ „Und das iſt reizend!“ nahm er eifrig die Wendung auf.„Es entzückt mich mehr als ich es ſagen kann, daß Sie und ich doch etwas Gemeinſames haben, und hierin gleich fühlen. Blumen, ja Blumen! Ich weiß nicht, ha⸗ 108 ben Sie gehört— meine gute Mutter erzählt das ja Je⸗ dermann!— ich ſoll im nächſten Herbſt den Dienſt auf⸗ geben und von meinem Vater mehrere Güter übernehmen. Man baut in Bügersdorf ein neues Haus, deſſen Lage in der That reizend iſt, und da man nun einmal, wie ge⸗ ſagt, ſo über mich beſtimmt hat, ſorge ich dafür, daß es auch ganz nach meinem Geſchmack eingerichtet wird. Die Treibhäuſer ſchließen ſich unmittelbar an den kleinen Sa⸗ lon im erſten Stock. Es kann allerliebſt werden, zumal wenn— ich ein wenig freundliche Hilfe bei der Einrich⸗ tung hätte. Aber wo die finden!“ ſetzte er nach dieſen kühnen Worten raſch hinzu.„Meine Mutter hat keine Zeit, und meine Schweſter— lieber Gott, junge Mäd⸗ chen haben keine Theilnahme für ihre Brüder!“ „Oh, oh!“ machte ſie lächelnd;„Sie ſind ja in einer ganz erſchrecklichen, halb eifrigen und überſchwänglichen, halb verzagenden Laune! Was giebt's, Herr Graf?— Aber ſehen Sie, unſere Nachbarn tanzen, wir werden gleichfalls an die Reihe kommen.“ Das Paar machte wie die Uebrigen einige Runden, allein wenn Diana gehofft hatte, auf dieſe Weiſe das ihr nicht gerade intereſſante Geſpräch zu unterbrechen, ſo war dies umſonſt geweſen. Denn als ſie zu ihrem Platze zurück⸗ kehrten, ſagte er gedämpft und doch mit bewegt klingen⸗ der Stimme:„Sie ſagen von meiner Laune, gnädiges Fräulein. Wie könnte dieſelbe eine reine ſein! Rechnen 109 Sie gar nicht, was ich in dieſen Tagen und heut Abend zu tragen gehabt?“ Sie ſchaute freundlich zu ihm auf, denn ſie ſtanden noch vor ihrem Platze, und erwiderte unbefangen:„oh, Herr Graf, ich bitte wirklich um Verzeihung! Ich habe nicht bedacht, daß der Dienſt für die Herren oft manches Unangenehme mit ſich bringen mag. Ich habe aber auch freilich nicht geglaubt, daß Sie dergleichen ſchwer neh⸗ men und ſich ſchwer machen würden. Im Gegentheil!“ Graf Hugo fühlte ſich durch dieſe Entgegnung eini⸗ germaßen beſtürzt, andererſeits aber— es klingt ſeltſam genug, iſt aber durchaus wahr— nicht nur in ſeinem Vorſatz, auch in ſeiner Hoffnung auf einen günſtigen Er⸗ folg beſtärkt.„Ahnungsloſes Kind!“ dachte er mit der ganzen, von der Mutter ererbten Emphaſe ſeines Weſens. Und als Diana noch immer ſtehen blieb, faltete er die Arme über die Bruſt, und ſich leicht zu ihr neigend, wäh⸗ rend er ſein Auge jedoch anſcheinend unbefangen und gleich⸗ gültig den Paaren vor ihnen zuwandte, redete er:„ach Fräulein, wie mißverſtehen Sie mich! Wie grauſam ſind Sie gegen mich! Wie könnte ich in Ihrer Nähe von dem proſaiſchen Dienſt reden oder gar ſeine Behaglichkeiten und Unbehaglichkeiten berechnen, mich durch ſie beherr⸗ ſchen laſſen! Denken Sie doch— Sie ſind nach zwei vollen Monaten zum erſtenmal wieder in der Stadt, ſind ſchon faſt volle acht Tage hier, wir bewegen uns in den 110 gleichen Kreiſen, wir begegnen einander auch hie und da, und dennoch war in dieſer ganzen Zeit etwas zwiſchen Ihnen und mir, wie Wall und Mauer, ich habe Sie kaum ein paarmal grüßen können, kaum ein Wort mit Ihnen gewech elt und heut Abend— ich hatte ſo viel von die⸗ ſem Abend gehofft!— heut Abend—“ er wandte ſich jetzt gegen ſie, ſeine Arme ſanken herab, ſeine Hände blie⸗ ben aber in einander geſchlungen, und ſein Blick ſuchte den ihren—„heut Abend,“ wiederholte er zum dritten Mal—“ „Dieſer Abend muß ſchwarz angeſtrichen werden!“ unterbrach ſie ihn noch immer unbefangen und neckend. „Sie thun ja wahrhaftig, als wäre es der traurigſe Ihres Lebens! Oh, oh, Herr Graf, wie ungalant! Ich bin nicht empfindlich, mir dürfen ſie das ſchon ſagen und ich werde darüber ſchweigen wie ein Beichtiger. Allein, wenn Andere das erführen—!“ Sie drohte lächelnd mit dem Fächer. „Fräulein, Sie haben ein grauſames Herz! Wie weh thut mir dieſer Spott!“ ſagte er mit Emphaſe.„Ja, dieſer Abend iſt der ſchwerſte meines bisherigen Lebens! Sollte es mich nicht ganz unglücklich machen,— aus allen Himmeln ſtürzen— daß ich nur dieſen einen, ſpäten, farbloſen Tanz von Ihnen erhalten konnte? Während ich gehofft hatte, Ihnen gerade heute— Er ſuhr zuſammen und brach ab. Ein lautes Klat⸗ 111 ſchen vom andern Ende des Saals her zeigte das Ende des Tanzes an, die Muſtik ſchwieg plötzlich, die vor ihnen dicht zuſammengedrängten Paare kamen in Bewegung und traten auseinander. „Das iſt nichtswürdig!“ rief Hugo entrüſtet.„Ich werde darüber Erklärung verlangen! Der Tanz hat ja kaum ſünf Minuten gedauert!“ „Oh, bitte, Herr Graf— mein Onkel erwartet mich, ſprach ſie, vorwärts tretend; ſie hatte ſchon während der letzten lebhaften Rede des jungen Mannes unverwandt nach einem der Seitenfenſter hingeſchaut, wo ſie über den Tänzern die große Geſtalt Absbergs erblickt hatte, der augenſcheinlich nach ihr ſuchend, die Tänzer muſterte und, als er ſie entdeckt, ihr freundlich zugewinkt hatte. Und was es auch in ihrem Innern geben mochte, von den ne⸗ ben ihr geredeten Worten hatte ſie ſicher ſo gut wie nichts vernommen. Hugo hatte ſich nothdürftig gefaßt und bot ihr mit einem leiſen Seufzer den Arm.„Der Herr Baron wird Sie zum Souper abholen wollen,“ meinte er.„Darf ich mich dabei in Ihre Nähe ſetzen, Fräulein?“ „Aber wie kann ich das verbieten oder erlauben, Herr Graf?“ verſetzte ſie ein wenig ungeduldig, denn der Onkel winkte wieder.„Weiß ich doch nicht, wo die Her⸗ ren unſere Plätze gewählt haben.“ Und indem traten ſie auch ſchon dem alten Herrn 112 entgegen, der ſich langſam herandrängte, dem Grafen freundlich zunickte, Diana's kleine Hand ſtreichelte und munter ſagte:„nun, hattet Euch da gründlich verſchanzt! Bin ſchon eine geraume Zeit auf der Suche geweſen, ohne Dich finden zu koͤnnen, Kindchen. Und der Tanz war wie ein Bandwurm, unendlich!— Zu Tiſch! Mein Großer iſt mit Deiner Mutter ſchon voraus. Schönen Dank, mein lieber Graf! Bis nach Tiſch!“ Und er ging mit dem Mädchen, das ſich an ſeinen Arm gehängt hatte, dem Ausgange zu, während Hugo ſich nach der Abſchiedsver⸗ beugung finſter und niedergeſchlagen dem Platze zuwandte, wo er ſeine Mutter zu finden hoffte. „Der ſchaut ja verwettert grämlich darein,“ meinte Absberg im Weitergehen.„Was haſt Du denn gethan, mein Herzensblatt?“ „Ich ihm? Frage lieber, was er mir gethan!“ ver⸗ ſetzte ſie lachend.„Er iſt ſchlechter Laune und hat ſich und mich gelangweilt. O, was biſt Du glücklich, Onkel, daß Du kein Mädchen biſt und keine Ballunterhaltungen zu hören oder zu führen brauchſt! Das iſt ärger als arg, ſage ich Dir.“ „Kann's mir lebhaft vorſtellen und ſchätze mich ſel⸗ ber glücklich über meine Großonkelſchaft, Kindchen,“ er⸗ widerte er launig.„Würde aber dennoch ſicher nicht ſo ganz erbarmungswürdig darein ſchauen, wie das lange Gräflein. Hab' ihn am Ende in ganz beſonderen Expli⸗ 113 kationen geſtört?“ ſetzte er mit einem forſchenden Blick hinzu. „Die ſind's ſtets bei ihm,“ entgegnete ſie ſpottend und die Achſeln zuckend.„Es klingt immer, als ver⸗ handle er über ſeine Seligkeit. Zuletzt behauptete er, es habe ihn unglücklich gemacht, daß er nur den einen Tanz von mir erhalten— ich danke, unter uns geſagt, Gott, daß er vorüber!— und wünſchte bei Tiſch neben mir zu ſitzen, was ich natürlich weder bejahen noch verneinen konnte; ich weiß ja nichts davon. Wie iſt's, Onkel— ſitzen die Herzfeld in der Nähe?“. „Du ſcheinſt das nicht zu wüͤnſchen, Kindchen?“ Sein Blick war wieder forſchend. „Nun, ich wüßte ſchon amuſantere Nachbarn,“ er⸗ widerte ſie unbefangen und heiter.„Der beſte aber bleibſt Du; mit Dir plaudere ich am liebſten.“. „Danke ſchön, mein Herzblatt!“ ſagte er gedämpft, denn ſie waren inzwiſchen bereits dem Tiſch nahe gekom⸗ men, wo der Baron mit Hildegard und Hohenfeld Platz genommen hatte und auch ihre Stühle neben einander ſtanden.„Dafür ſollſt Du belohnt werden, ich habe allerlei Gutes für Dich.“ „Was denn Onkelchen? Geſchwind!“ Ihr Auge er⸗ hob ſich geſpannt und glänzend zu den ſeinen, und ihre Wangen wurden noch ein wenig röther. „Geduld, Geduld, Kindchen, ich laufe Dir nicht weg! 4861. 9. Der große Baron. II. 8 114 Bei Tiſch!“ antwortete er lächelnd, und ſie traten vollends zu den Andern heran und ſetzten ſich neben dem Baron, der ſie heiter willkommen hieß, der Enkelin vorſorglich den leichten Shawl um die Schultern legte, dem Bruder den Wein hinſchob und ſcherzend über ihr ſpätes Kommen ſchalt. Sie ſpeiſten und plauderten. Selbſt Hildegard war lebhaft und unterhielt ſich mit den Ihren, mit Ho⸗ henfeld, mit anderen nahe ſitzenden Bekannten, und winkte der ziemlich entfernten Gräfin Herzfeld freundlich zu. Diana ſah mit einer gewiſſen Befriedigung auf den Raum, der ſie von ihrem letzten Tänzer trennte, und wenn ſie bei einem gelegentlichen Auf⸗ und Umblick ſeinem ſinſteren Auge begegnete, dachte ſie halb beluſtigt, halb erſchrocken an die Unterhaltung, die ihr geworden ſein möchte, wenn er wirklich an ihrer Seite geſeſſen hätte. Da war's doch ſo viel beſſer, zwiſchen den heitern Geſichtern, bei den ungeſuchten Reden ihrer Umgebung, neben dem Oheim, der jovialer als je, mit ſeinem Bruder, mit dem gegenüberſitzenden Hohenfeld, mit Hildegard ſogar und mit aller Welt neckend und ſcherzend anband. Was er vorhin zu ihr von beſonderen Mittheilungen geſagt, ſchien er ganz vergeſſen zu haben. Jetzt aber nahm er den Champagner aus dem Eis⸗ kübel, löſte gewandt und unhörbar den Propf und füllte die Gläſer umher, und dann ſtieß er an das Diana's an und ſagte dabei mit einem zärtlichen Blick auf ſie;„nun, mein Herzblatt, was wir lieben! Trink' aus darauf und thu's von Herzen!“ Sie folgte erröthend und erſt nach einigem Zögern ſeinem Wunſch, und während ſie das Glas wieder hin⸗ ſetzte, erwiderte ſie gedämpft:„aber Onkel, ich bin ſo neugierig!“ Er ſpielte anſcheinend gleichgültig mit einer Brod⸗ rinde. Nun ſah er ſich aber raſch und vorſichtig um— rings lachten ſie und plauderten und niemand achtete auf ihn und das Mädchen,— und da beugte er ſich noch ein wenig näher zu ihr und murmelte: paß auf und laſſe nie⸗ mand merken, was ich Dir ſage— rathe, wer gekom⸗ men iſt.“ „Wie kann ich das rathen!“ flüſterte ſie tief er⸗ röthend. „Narr— wen haſt Du am liebſten auf der Welt?“ Sie zuckte zuſammen.„Wär's möglich— mein Vater?“ fragte ſie gepreßt, haſtig; ihr Auge hing mit Angſt an dem unveränderten Geſicht des Alten. „Vorſichtig, beim Blitz, vorſichtig!“ murmelte er wieder.„Es braucht niemand weiter zu wiſſen als wir, Kindchen!— Ja, Dein Vater iſt da, iſt als Regiments⸗ kommandeur nach S. verſetzt, hat Dich bei Deinem Ein⸗ tritt in den Saal geſehen und nachher mit Hohenfeld, mir und Deinem Großvater lange zuſammengeſeſſen. Er läßt ſein Kind auf das zärtlichſte grüßen.“ „ 8* 116 Sie war an die Lehne ihres Stuhls zurückgeſunken und lauſchte, bald erglühend, bald erblaſſend, athemlos ſeinen Worten. Nun, da er ſchwieg, ſagte ſie nach einer Weile im vorwurfsvollen Ton:„und das habt Ihr mir ſo lange verheimlichen können? Er iſt da, er hat mich ge⸗ ſehen und ich nicht ihn— oh, Onkel!“ Sie zerdrückte mu⸗ thig die Thränen, die ſich in ihre Augen gedrängt hatten, und ſich aufrichtend, ſprach ſie entſchloſſen:„wo iſt er, Onkel? Denn ich will ihn ſehen. Da ſchweigen alle Rückſichten.“ „Potz Narr und kein Ende!“ verſetzte er ein wenig verdrießlich.„Am Ende liefſt Du, glaub' ich, womöglich gleich zu ihm hinüber und ſchrieeſt aller Welt ins Geſicht: der Merlin iſt da!“ „Onkel, es iſt mein Vater! Das verſteht Ihr alle nicht! murmelte ſie erregt. „Kindchen, es iſt der Mann Deiner Mutter— das verſtehen wir alle, nur Du nicht,“ verſetzte er gutgelaunt. „Onkel, wie ich fühle, gibt es für mich hierbei keine Rückſichten.“. 1 „Auch dieſe nicht, Dianchen?“ Und da ſie ſtumm vor ſich hinblickte, fuhr er immer gedämpft redend, fort:„ſei nicht thöricht, Kindchen, und lerne Dich beherrſchen. Du kannſt Dir doch ſelbſt ſagen, daß Ihr Euch natürlich ſehen werdet. Er bleibt morgen bis Mittag noch hier, und auch ihr fahrt erſt nach dem Fruhſtück. Da wird denn der alte 117 Onkel vorher doch wohl noch Gelegenheit finden, Euch in ſeinem Zimmer zuſammenzubringen. Iſt's recht ſo?“ „Der Großvater hat freundlich mit ihm geſprochen?“ fragte ſie nach einer Weile. „Sehr freundlich, Kindchen. Du ſiehſt alſo, alles ſteht gut. Und nun den Kopf in die Höh' und heiter, zum Kukuk, heiter Kindchen!'s iſt doch bei Gott keine Trauer⸗ nachricht, mein'—“ „He Hans Adam, was haſt Du da mit Diana zu flüſtern?“ unterbrach ihn in dieſem Augenblick der Baron lachend von ſeinem Platze aus.„Ich glanbe gar, Du machſt Deiner Großnichte eine Liebeserklärung, treuloſer Menſch, ihr ſeht wenigſtens ſchmachtend genug dazu aus. Trink' aus, wir wollen aufſtehen.“ Absberg lachte und nahm ſein Glas, und nachdem er es geleert, antwortete er:„ja ja, Bruder Mönch, junge Damen müſſen Herzensbeklemmungen und alte Onkels Geduld ſie zu hören haben, außer der nöthigen Quantität Vernunft und Kaltblütigkeit. Das iſt nicht anders, nicht wahr, mein Herzblatt?“ Und während ſie aufſtanden, legte er ſeine große Hand einen Augenblick leiſe und liebkoſend an die glühende Wange des wieder hell und glücklich lächelnden ſchönen Kindes. Der Ball nahm ſeinen Verlauf, und war Diana ſchon vorhin von allen Seiten mit bewundernden Blicken verfolgt worden, jetzt mußten ſelbſt die Gleichgültigſten 118 erklären, daß ſie die Königin des Feſtes und der Schönheit ſei. Die Heiterkeit, die ſo ſtrahlend, ſo ſelig durch die leiſe, ſüße Träumerei brach, und dies Träumeriſche, das ſo weich und ſanft ihr ganzes Weſen umſchwebte, ließen vereint ſie in zauberhafter Lieblichkeit, in unwiderſtehlicher Holdſeligkeit erſcheinen. Sie beglückte und bezauberte alle Welt, der Großvater lächelte ihr einmal über das an⸗ dere zu, wenn er einmal ein paar Minuten im Saal verweilte, und ſtreichelte der Herbeieilenden die Wange und nannte ſie ſcherzend:„kleine Holde!“— Selbſt die kalte Mutter hatte einen freundlichen Blick für ſie und ſchüttelte lächelnd den Kopf, als die Gräfin Herzfeld faſt leidenſchaftlich immer von neuem wiederholte: das Kind ſei eine leibhaftige Fee, und ihr Hugo ſei eigentlich viel zu irdiſch für ſie und eines ſolchen Glückes ſo wenig werth wie ein anderer Mann;— und nur dieſer Hugo ſelbſt war noch unglücklicher als vorhin. Er konnte dem„Feen⸗ kinde“ ſo ſelten nahen, und es ſtand ihm ſo gar keine Rede! Sein einziger Troſt war, daß ſie gegen alle gleich war, und ſo eiferſüchtig er ſie auch beobachtete— ſte war wohl heiter, aber auch ſichtbar zerſtreut und achtete wenig auf ihre Umgebung.—— Tief in der Nacht, als die Muſik verſtummt und der Saal verödet war, trafen Hildegard und ihr Kind ſich in dem gemeinſamen Schlafzimmer, etwas, das ſeit Diana zu denken vermochte, nur zwei⸗ oder dreimal bei ähnlichen 119 Gelegenheiten ſtatt gefunden hatte. Hildegard war wieder kalt und ſtill, Diana nachdenklich und gleichfalls ſchweig⸗ ſam, und Beide fühlten ſich nichts weniger als behaglich in dem ungewohnten Zuſammenſein. Und ſie waren ganz allein, denn Frau von Merlin hatte die beiden Jungfern ſchon früher zu Bett gehen laſſen. Hildegard hatte ſich noch einen Augenblick auf den kleinen harten Sopha des Gaſthofszimmers geſetzt und beobachtete die Tochter, welche vor dem Spiegel eben den Kranz aus den Haaren nahm, ein paar loſe angeheftete Schleifen von Bruſt und Achſel löſte und die breite weiße Schärpe abband.„Du wareſt heut Abend ungewöhnlich heiter,“ ſagte ſie endlich im ziemlich freundlichen Tone. „Darf ich daraus ſchließen, daß Dich des jungen Grafen Herzfeld Mittheilungen angeſprochen und daß Du ihm eine angemeſſene Antwort gegeben?“ Diana hatte ſich der Mutter zugewandt und ſah ſie überraſcht an.„Graf Herzfelds Mittheilungen 2“ wieder⸗ holte ſie.„Ich verſtehe Dich nicht, liebe Mutter. Graf Herzfeld hat mir keine beſonderen Mittheilungen gema cht.” „Er hat ſich mehrmals Dir genähert und doch auch einen Tanz— Du hatteſt ja leider nur den einen für den jungen angenehmen Mann— mit Dir getanzt. Hat er ſich nicht über ſeine Wünſche gegen Dich ausgeſprochen?“ „Ich wüßte nicht, wie ich zu der Ehre eines ſolchen Vertrauens käme,“ erwiderte Diana kühler als vorhin, 120 und der ſchöne blonde Kopf richtete ſich unwillkürlich ein wenig höher auf. „Nun, mein Kind, ein Cavalier erweiſt einer Dame dieſe Ehre, wenn er ſie um ihre Hand bittet, und ſo viel ich weiß, war das der Vorſatz des Grafen Hugo am heu⸗ tigen Abend Dir gegenüber.“ Hildegard ſprach wieder kalt und ſcharf wie gewöhnlich. Diana ſchaute die Mutter ein paar Sekunden lang ganz beſtürzt an, als faſſe ſie kaum den Sinn des eben Gehörten. Dann aber zuckte ein leiſe verächtliches Lächeln um ihre feinen Lippen und ſie verſetzte:„da muß dieſer Vorſatz— glücklicherweiſe, möcht ich ſagen!— in ſeinen Fadaiſen zu Grunde gegangen ſein, denn nur ſolche habe ich gehört und nur auf ſolche geantwortet. Es würde mir leid thun, wenn ich jemals ſolche ernſt und wirklich aus⸗ geſprochenen Wünſche des Herrn Grafen zu vernehmen hätte. Meine Antwort könnte keine andere als eine ab⸗ lehnende ſein.“ „Du biſt ſehr entſchieden, mein Kind,“ bemerkte Frau von Merlin kalt, aber mit einem feſten Blick auf die Tochter. „Hierin— ja, liebe Mutter,“ lautete die ernſte Antwort. „Und ich moͤchte Dich dennoch bitten, mein Kind, Dich mit dem Gedanken an die Möglichkeit einer ſolchen Verbindung ein wenig vertraut zu machen,“ ſprach Hilde⸗ 121 gard wieder.„Sie ſagt mir wenigſtens zu und auch Dei⸗ nem Großvater— mehr als jede andere— und daher dürfteſt auch Du anders darüber denken lernen.“ „Niemals, Mutter,“ ſagte Diana ruhig und ent⸗ ſchieden. „Genug, überlege Dir's, wiederhole ich,“ redete Frau von Merlin kalt und ſtand auf.„Wir werden weiter darüber ſprechen. Und jetzt— gute Nacht, mein Kind.“ VI. Auf Wolden. „Bleibe heut' daheim, Alter,“ ſprach die ſchöne, freundlich blickende Matrone und trat zu ihm ans Fenſter und legte ihm die Hand auf die Schulter.„Der Wind wird immer heftiger, und wenn ich überhaupt noch etwas von dem Wetter hierzulande verſtehe, haben wir in ein paar Stunden ſchweres Schneetreiben oder gar Sturm und Thauwetter. Dabei habe ich aber jedesmal Angſt, Dich draußen zu wiſſen,“ ſetzte ſie herzlich hinzu. Bleibe da, Hans, und laſſe den Jäger allein gehen.“ „Schmeichelkatze!“ verſetzte er und legte den linken Arm um die Frau, während er aber unverwandt aus dem 122 Fenſter blickte und die Finger der Rechten leiſe einen al⸗ ten Marſch an den am Rande leicht gefrorenen Scheiben trommelten.„Sollte man's glauben, daß Du fünfund⸗ dreißig Jahre mit mir gelebt und noch immer nicht genug von mir haſt? Noch immer zärtlich wie eine Taube— brr! Na, Alte, was gibt's? Heraus damit! Umſonſt habe ich die Ehre Deiner Zärtlichkeit nicht, weiß ich wohl. Alſo— was ſoll ich?“ Sie ſuchte ſich gleichſam zürnend aus ſeinem Arm los zu machen, aber es gelang ihr nicht. Der Arm legte ſich noch feſter um ſie, zog ſie noch näher an ſeine große und breite Geſtalt, und ſein treuherziges Auge wandte ſich für einen Moment mit einem flüchtigen, aber innig lächelnden Blick ihr zu. Und gleichfalls lächelnd ſagte ſie:„Schäme Dich, Hans Adam. Habe ich meine Liebe und Zärtlichkeit zur Dir wildem Menſchen jemals ver⸗ werthet? Daheim bleiben ſollſt Du, um deinet⸗ und mei⸗ netwillen, ſollſt Dir eine Pfeife anzünden— „Erſt eine haben!“ ſchob er launig ein.. „Ich hole Dir eine, Hans. Und dann bleibſt Du hier oben— ein Glas Wein ſollſt Du auch haben— und erzählſt Deiner alten einſamen Frau endlich ausführ⸗ licher vom Ball, von unſerer Kleinen, von Merlin—“ Er ſah wieder ſtarr aus dem Fenſter.„Sieh, ſieh,“ unterbrach er ſie trotzdem,„von Merlin. Ei, Hoho! Daß ich ein Narr wäre und das kaum erloſchene Feuer im 123 Köpflein meiner verehrten Frau Gemahlin noch einmal für den ſchmucken Neffen an— in— auf— na, zum Kukuk, wie ſagen Eure Poeten— auflodern ließe?“ „Den Spaß liebe ich nun nicht gerade beſonders,“ ſagte ſie ernſter und als wäre ſie wirklich einigermaßen verletzt.„Mit ſo etwas muß man ſelbſt nicht ſcherzen, Hans Adam.“ Und indem ſie wieder in den früͤheren, leichteren Ton überging, fuhr ſie fort:„alſo Alter, kommſt Du?— Gib raſch und liebenswürdig nach oder Du mußt mit mir Kaffee trinken.“ „Den Teufel auch!“ verſetzte er, aber man hört es wohl, daß er nur ſo hinſprach und ſeine rechte Aufmerk⸗ ſamkeit nicht bei den Worten der Frau war.„Da wollen wir's doch lieber beim Wein laſſen, Elsbeth!“ „So komm' endlich. Wonach guckſt Du denn eigent⸗ lich?“ meinte ſie und ſchaute nun auch ihrerſeits aus dem Fenſter auf die weit ausgedehnte Fläche der See hinaus, welche ſich von hier aus völlig überſehbar bis zum Bel⸗ vedere auf Engelsöe erſtreckte. „Ja, wonach guck' ich eigentlich?“ wiederholte er, ohne ſein Auge von der bisherigen Richtung abzuwenden. „Ich ſehe mir da etwas an, was ich ſelber noch nicht recht unterſcheiden kann— ſind's ein paar Menſchen, iſt's der Pony⸗Schlitten? Ich weiß nur, ſündlich leichtſinnige Krea⸗ turen müſſen's ſein, die jetzt noch über's Eis kommen. 8 kann kaum halten.— Eile müſſen ſie haben,'s geht raſch, 124 — ſind ſchon über halbwegs. Gib mir den kleinen Gucker her, Elsbeth.“ Sie eilte, ſelbſt intereſſirt, zu der nahen Kommode, nahm ein kleines Fernrohr aus ſeinem Futteral, zog es aus, wiſchte vorſorglich vom obern und untern Glaſe den etwaigen Staub ab und bot es dem Gatten dar, welcher es ihr aus der Hand nehmend, ſagte:„Der Pony⸗Schlit⸗ ten iſt es nicht, ſehe ich ſchon. Es muß ein gewöhnlicher Pik⸗Schlitten ſein und vorn ein Frauenzimmer ſitzen.“ Und als er nun das Glas an's Auge gehoben, es gerichtet und ein wenig umhergeſucht hatte, ließ er es ſchon in der nächſten Sekunde wieder ſinken und ſich raſch umdrehend, rief er aus:„Elsbeth, es iſt die Kleine und Peter Heinze fährt ſie! Sag' mir um Gotteswillen—“ „Du irrſt Dich, Hans!“ entgegnete ſie gleichfalls lebhaft erregt.„Wie käme Diana zu ſolcher Fahrt? Gib her, laſſe auch mich ſehen.“ Und ſie nahm ihm das Glas aus der Hand und ſchaute eifrig hinaus. „Da iſt kein Irren,“ meinte er kopfſchüttelnd und indem er über ihre Schulter hin einen neuen Blick auf das Eis hinauswarf.„Ich ſeh's jetzt ſchon mit bloßen Augen— das iſt der Kleinen roth und ſchwarzer Mantel. Na— der und dem Peter will ich's einmal ſagen! Da über das morſche Eis her! Verſteh' nicht, wie der „Große“— „Sie ſind's wirklich, Hans,“ unterbrach ihn ſeine 125 Frau und ließ den Arm ſinken und ſchaute den Gatten er⸗ ſtaunt an.„Das verſtehe ich nicht. Die Bahn zu Lande iſt doch gut genug.“ „Der Teufel verſteh's!“ murmelte er grollend. „Werden's aber bald genug erfahren.“ Und in's Zimmer zurückſchreitend, griff er nach der Pelzmütze, die auf dem Clavier neben der Thür lag, und eilte aus dem Gemach. Elsbeth Absberg blieb am Fenſter ſtehen und beob⸗ achtete bald durch das Glas den immer näher kommen⸗ den Schlitten, bald ſah ſie mit den Augen allein auf den Platz vor dem Schloſſe hinab, wo eben ihr Gatte ſichtbar wurde. Er hob jetzt die kleine ſilberne Jagdpfeife, die er ſtets bei ſich führte, an die Lippen und ließ einen langen grellen Ton über den weiten Raum des Hofes fahren, wor⸗ auf denn auch faſt augenblicklich aus den Thüren der ſeit⸗ wärts liegenden Stallgebäude ein paar Männer hervor und zum Herrn ſtürzten, während zugleich auch aus dem Schloſſe ein Diener herauseilte, zu dem Absberg ſich jetzt barſch herumwandte. Elsbeth lächelte leiſe. Sie hörte des Gatten Worte nicht, aber ſie wußte dennoch, daß er eben den Menſchen anfuhr:„na, wo ſteckt Ihr, Geſindel?“ Denn Absbergs beharrlicher Wille, daß immer jemand im kleinen, ſogenannten Portierſtübchen ſein ſolle, ſtieß auf einen ebenſo beharrlichen, von Elsbeth ſtets lachend entſchuldigten Ungehorſam der Diener. Dreihundert ſechzig Tage des Jahrs hätten ſie dort ganz umſonſt ge⸗ 126 ſeſſen und kein Menſch, ſelbſt Absberg nicht, hätte ſie dort geſucht. Das paſſirte dem alten Herrn nur bei ganz be⸗ ſonderen Gelegenheiten, und ihre Abweſenheit erregte dann jedesmal ſeinen großen Zorn. Jetzt eilten ſie drunten dem Strande zu, dem ſich von der andern Seite der Schlitten nun auch ſo genähert hatte, daß ſelbſt die keineswegs weitſichtigen Augen der Frau von Absberg die Kommenden erkennen konnten. Und indem waren die Männer am Eiſe und ſchritten hinauf, denn es war nahe am Lande von den rollenden Wellen ſchollig und uneben und für den Schlitten nicht wohl zu paſſiren, der eben durch Peters letzten Stoß vollends her⸗ flog. Jetzt waren ſie zuſammen. Absberg ſchüttelte dro⸗ hend die Fauſt, ließ ſich dann jedoch von der herbeiſprin⸗ genden lachenden Diana umarmen und küſſen. Und nun ſchlang er den Arm um das Mädchen und hob es über das ſchollige Eis und ging mit großen Schritten neben ihr dem Hauſe zu; die Anderen folgten langſamer mit Peter und dem Schlitten. Frau von Absberg trat vom Fenſter zurück, ſteckte das kleine Fernrohr wieder in's Futteral und klingelte um den Kaffee zu beſtellen. Es währte nicht lange, da hörte ſie draußen des Gat⸗ ten und der Nichte muntere Stimmen, und gleich darauf öffnete ſich auch ſchon die Thür. Diana flog herein, auf die alte Dame zu, umſchlang und küßte ſie, lachte und neckte ſich mit ihr und dem Oheim wegen des plotzlichen 127 Ueberfalls, und es währte eine geraume Zeit, bis ſie von der hereingerufenen Dienerin ſich Mantel, Hut und Pelz⸗ kragen abnehmen und ſich von der Tante endlich mit freund⸗ licher Gewalt auf den Stuhl am Tiſch und vor dem heißen Kaffee niederdrücken ließ. Ein in ein ſauberes Tuch geknüpftes Bündelchen legte ſie neben ſich auf den Boden. „Na, was haſt Du denn da, Du Unband?“ fragte Absberg, der noch neben ihr ſtand.„Wechſeln wir ein⸗ mal die Rollen und ſchickt diesmal die Abtei nach Wol⸗ den Bleſonders Gottesgaben“, wie Eure alte Mamſell ſagt? „Oh, das wärmt! Dein Kaffee iſt doch immer der beſte, Tantchen!“ plauderte Diana, die Taſſe nieder⸗ ſetzend; und indem ſie ſich dann zum Onkel wendete und auf das Bündelchen deutete, ſprach ſie ſcherzend weiter: „Du fragſt, was das ſei? Das iſt all mein Hab und Gut, allergütigſter Herr und Beſchützer!“ „Unſinn! Rede deutſch!“ ſagte Absberg und füllte ſein Glas— ſeine Frau hatte den verheißenen Wein nicht vergeſſen— und leerte es.„Sage uns lieber, was dieſer Ueberfall und dieſe thörichte Fahrt über's Eis be⸗ deutet. Oder haſt Du neuerdings öfters ſo beſondere Einfälle?“ „Ueberfall? Unſinnige Fahrt über's Eis?“ wieder⸗ holte ſie und ſtand auf und legte, zur Tante tretend, ſchmeichelnd den Arm um die alte Frau, und das große 128 dunkelgraue Auge blitzte ſchelmiſch.„Wie ſollt' ich denn anders fortkommen von Engelsoe— ſo heimlich und ſchnell, wie die Umſtände mich zu fliehen zwangen? Ich könnte doch nicht mit Pferden und Schlitten, Kutſchern und Dienern vom Hofe fahren!“ „Haſt Du gewußt, Alte, daß ſie ſo eine wilde kleine Hexe ſei?“ fragte Absberg und blickte kopfſchüttelnd von Diana auf ſeine Frau hinab.„Was zum Kukuk willſt und haſt Du, Kind?“ „Nun das iſt doch ganz einfach,“ verſetzte ſie ſchel⸗ miſch lächelnd.„Ich bin eben auf der Flucht.“ Flucht? Vor wem? Mache keinen Unſinn!“ rief er verdrießlich werdend aus. „Kein Unſinn, ſondern pure Wahrheit, auf Ehre, Onkelchen!“ ſprach ſie im frühern Tone.„Ich bin auf der Flucht vor meinem Herrn Großpava, der mich geſtern Abend und heut Mittag weidlich gequält hat und dem ich ſchon gleich Anfangs ſagte: wenn er noch einmal anfinge, machte ich mich auf und davon. Das iſt nun geſchehen.“ Das Lächeln war nach und nach aus ihrem Aug' ver⸗ ſchwunden, und auch das ganze Geſichtchen zeigte ſich we⸗ niger heiter als bisher.. Frau von Absberg, die ihres Mannes Stirn ſich falten ſah, zog das Mädchen jetzt zu ſich auf den Sopha herab und meinte freundlich und doch ernſt:„nun aber genug des Scherzes, liebes Kind. Sage uns endlich 129 ehrlich und offen, was es gegeben hat. Denn trotz all Deiner Schelmerei merke ich doch recht gut, daß Du dies⸗ mal nicht aus einem reinen Einfall und zum luſtigen Be⸗ ſuch zu uns gekommen biſt. Schütte alſo Dein Herz aus“ fuhr ſie noch herzlicher redend fort und ſtrich mit der Hand leiſe über den blonden Scheitel der Nichte, welche wäh⸗ rend ihrer Worte wirklich noch immer ernſter und ernſter geworden war und nun mit geſenkten Augen ſtill vor ſich hinſah.„Du weißt wohl, daß Du uns vertrauen kannſt.“ Diana ſchaute auf; ſie lächelte die Tante und den Onkel innig an, welcher Letztere eben wiederholt kopfſchüt⸗ telnd ſein zweites Glas Wein leerte. Dann kußte ſie die Hand der alten Frau und redete:„ja gewiß, ich ver⸗ traue Euch, mehr als irgend einem andern Menſchen, und komme darum in meiner Herzensangſt heute zu Euch. Denn wenn ich auch bisher über das Ganze lachte, im Grunde iſt mir dabei gar nicht gut zu Muth. Zürnt mir nicht und haltet mich nicht für thöricht— ich bin wiirklich auf einer Art von Flucht, weil ich mir gar nicht anders zu helfen wußte, als daß ich ihnen drüben aus dem Wege ging. Bitte— laßt es mich Euch erklären. Du wenigſtens wirſt davon gehört haben— Du neckteſt mich ja neulich auf dem Balle,“ ſprach ſie weiter, das Auge dem Onkel zugewandt, und ihre Wange röthete ſich lebhafter,—„der Graf Hugo Herzfeld, der Offizier, hat ſich allerlei Thorheiten in den Kopf geſetzt, daß er 9 1861. 9. Der große Baron. II. 130 ohne mich nicht leben könne, daß er mich liebe— ich weiß ſelbſt nicht, was alles. Er ſoll mir ſogar auf dem Ball davon geſagt haben— ich habe es aber wahrhaftig nicht verſtanden, und als die Mutter mich noch am ſelben Abend darnach fragte, war ich ganz konſternirt. Meine Mutter wollte meine Entſcheidung wiſſen— ich brauche wohl nicht erſt zu ſagen, daß dieſelbe ſehr— entſchieden war,“ ſetzte ſie hinzu, und obgleich ſich in ihrem Geſicht eine ge⸗ wiſſe innere Erregung verrieth, war ſie äußerlich ſonſt doch anſcheinend ganz ruhig, die Stimme klar und rein, und ihre Hand hielt feſt und ſtill die Rechte der Tante umfaßt.„Ich kenne den Grafen wenig, er gefällt mir ſchon als Geſellſchafter nicht beſonders, und er würde ſicher der Letzte ſein, den ich mir als meinen Gatten vor⸗ ſtellen könnte, wenn ich überhaupt mich mit ſolchen Vor⸗ ſtellungen von dieſem oder jenem beſchäftigte.“ Sie machte eine Pauſe. Frau von Absberg warf ihrem Manne einen ernſten Blick zu und ſchüttelte leiſe den Kopf. Der Baron nickte, denn er verſtand die langjährige treue Gefährtin augen⸗ blicklich, und ſagte nach einem kurzen Schweigen:„Deine Mutter wird bei ihrem Plane ſchwerlich an Deine Geſühle, ſondern nur an Deine Stellung gedacht haben. Aber frei⸗ lich— hätte bedenken ſollen, daß Dianchen ſogut ein OQuerkopf iſt wie ſie ſelbſt, und ihren eigenen Willen hat.“ „Onkel, könnteſt Du es billigen, wenn ich ihn hier⸗ 131 bei nicht gehabt hätte?“ fragte Diana lebhaft.„Und überdies— Du ſprichſt es aus, was ich ſelber augenblick⸗ lich fürchtete— daß es nämlich eigentlich nur ein Plan meiner Mutter und vielleicht auch der Gräfin Herzfeld i*ſt, zu dem man den Grafen Hugo, weil es ſich gerade ſo paßt, ſo gut wie möglich benützt, ein Plan, bei dem meine Mutter wenigſtens ſicher nicht mein Glück und meine zu⸗ künftige Stellung allein im Auge hat, ſondern noch ganz andere, beſondere Zwecke verfolgt. Die Mutter hat mich nicht verwöhnt mit Liebe,“ fuhr ſie fort, und aus der Thräne in ihrem Auge ſprach etwas wie ein zürnender Schmerz.„Ich habe ihr niemals nahe kommen dürfen und— Tante, ich möchte mir die Augen ausweinen, daß es ſo iſt,“ unterbrach ſie ſich und preßte die Hand der Dame feſter zwiſchen ihre Finger und erhob und drückte ſie eine Sekunde lang gegen ihre Augen—„und, Onkel, Tante, wenn ſie etwas von mir wollte, wenn ſie mir et⸗ was erwies, habe ich leider nie— niemals Liebe darin entdecken können, ſondern ſtets nur irgend einen andern Zweck, Sorge vielleicht für mein materielles—“ „Kind, Kind, es iſt doch Deine Mutter!“ fiel ihr die Tante bewegt und mahnend ins Wort.„Es iſt ja ganz furchtbar, was Du da ausſprichſt! Eine Mutter hat zuerſt immer Liebe für ihr Kind, mögen die Verhältniſſe auch noch ſo ſchwer auf ihr und ihrem Herzen ruhen.“— „Laß gut ſein,“ meinte Absberg, und ſein Auge ruhte 9* 132 mit warmer Theilnahme auf dem Mädchen, das jetzt ſtumm vor ſich niederblickte und nur von Zeit zu Zeit das Tuch erhob, um die rinnenden Thränen abzutrocknen. „Laß gut ſein, Alte. Wir ändern nichts daran.'s iſt ſchlimm genug, daß es iſt, wie— es iſt. Und Du, mein Herzblatt,“ redete er weiter und beugte ſich gegen die Nichte und nahm ihre Hand in die ſeine,„rapple Dich wie⸗ der auf! Wiſche die Thränen ab und erzähle weiter. Deine Mutter alſo wollte, und Du wollteſt nicht. Da⸗ mit wär's aus, dächt' ich. Absbergiſch Blut iſt meines Wiſſens nie gezwungen worden.“ Seine Frau warf ihm einen mißbilligenden Blick zu, er achtete aber nicht darauf, ſondern lächelte die aufblickende bewegte Diana voll warmer zärtlicher Theilnahme an und nahm ihre dargebotene Hand auf's neue zwiſchen ſeine Finger. Dem Mädchen thaten dieſe Zeichen ſeiner Liebe ſichtbar wohl, allein es währte doch noch eine ziem⸗ liche Zeit, bis ſie weiter berichtete. Die Mutter hatte ſeitdem geſchwiegen und Diana die Sache ſchon erledigt gehofft. Da war aber vorgeſtern Nachmittag plötzlich Hugo mit einem Kameraden in der Abtei erſchienen— auf der Fahrt zu ſeinen Gütern habe er den kleinen Umweg gemacht, um der Familie ſeine Verehrung zu zeigen und den„Feenſitz“ kennen zu lernen, hatte er ſeinen Beſuch entſchuldigt. Da Diana über ſeine Abſicht nicht zweifelhaft ſein konnte, hatte ſie es leicht zu 133 machen gewußt, daß er zu keinem Ausſprechen gegen ſie kam. Und nicht dies Ausweichen allein, ſondern auch wie ſie an der Unterhaltung theilnahm, ſeine gelegentli⸗ chen Andeutungen überhörte,— ihr ganzes Weſen hätte ihm zeigen müſſen, wie ſie über ſeine Wünſche dachte. Die Herren waren denn auch am nächſten Tage bald nach dem Mittagseſſen wieder abgefahren, und das Mädchen hatte ſich in einer neuen kurzen Unterredung mit der Mut⸗ ter noch entſchiedener geäußert als während jener uns be⸗ kannten in der Nacht nach dem Balle. Am Abend, da ſie mit dem Großvater allein geweſen, hatte aber auch dieſer von der Sache angefangen. Diana, die an ſeinen Ernſt noch nicht glaubte— ſie wußte, daß der„große Baron“ die Herzfeld ſogut wie alle ähnliche neue Familien keineswegs mit beſonders günſtigen Augen anſah und ihr aus Sorge für ihre Zukunft ſicher nicht etwas aufdrängen werde— was ihr nicht willkommen ſein konnte— ant⸗ wortete ihm, wenn auch beſtimmt ablehnend, doch auch in guter Laune und mit jener ſcherzhaften Drohung, deren wir ſie oben erwähnen hörten. Sie waren dann geſtört worden und das Geſpräch ward abgebrochen. Am folgenden Nachmittag jedoch— heut— hatte der Großvater ſie in ſein Zimmer kommen laſſen und nochmals ernſtlich mit ihr geſprochen.„Mein Kind,“ hatte er endlich geſagt,„Graf Herzfeld hat die Wünſche ſeines Sohns bei mir befürwortet und ſich bei dieſer ganzen An⸗ 134 gelegenheit benommen, wie ich es nach den erſten Mit⸗ theilungen ſeiner Frau, nicht recht erwartete, wie es mir aber durchaus gefällt. Auch der junge Mann ſagt mir im Ganzen zu; er wird ſich machen, glaube ich. Er iſt nicht nur nicht ſchlimmer, ſondern nach allem, was ich ge⸗ hört, wirklich beſſer als die meiſten Seinesgleichen und zeigt in der That mehr als eine anerkennenswerthe Eigen⸗ ſchaft. Es iſt daher immerhin für das Mädchen eine Ehre, welchem er mit einem Antrage naht, und Du biſt zu ver⸗ ſtändig, mein Kind,“ hatte er hinzugeſetzt,„um nicht zu begreifen, daß eine Dame einen ſolchen Antrag nicht mit einem einfachen:„ich mag oder kann nicht!“ ablehnen darf. Es fällt mir nicht ein, Dich zwingen zu wollen; überdies würde ich endlich weniger dabei zu ſagen haben als Dein Vater, von dem ich Dir aber bemerken muß, daß er ſich neulich in E. am Tag nach dem Balle mit dem jungen Manne flüchtig unterhielt— wenn er ſich ihm auch nicht als Dein Vater nannte— und, wie mir Hoßmne ſagte, gleichfalls das Benehmen desſelben rühmte. „Alſo, mein liebes Kind, Du mußt einen Grund zur Abweiſung haben und denſelben angeben können. Und da ich Dich zu vernünftig weiß, als daß Du Dich durch Träumereien und phantaſtiſche Ideale beherrſchen und beſtimmen laſſen könnteſt, und vorausſetze—“ er maß die Erröthende mit einem zwar liebevollen, aber durch⸗ 13⁵ dringenden Blick—„daß Du noch frei biſt, ſo vermag ich mir keinen ſolchen ernſtlichen und gültigen Grund zu denken, den ich dem Grafen mittheilen könnte, ohne ihn zu verletzen, ja zu beleidigen. Du kennſt den jungen Mann wenig und beurtheilſt ihn vielleicht falſch, jedenfalls nicht richtig und billig. Deiner Mutter Wünſche haſt Du we⸗ nigſtens auch zu berückſichtigen. Ich ſchlage Dir daher vor— gewähre ihm Zeit und Gelegenheit ſich Dir zu zeigen, lerne ihn kennen und dann ſprich, wie es ſich für Dich und die Deinen geziemt, ruhig und ernſt Deine Ent⸗ ſcheidung aus, in der mit meinem Willen Dich kein Menſch beeinflußen ſoll. Und nun, mein liebes Kind, geh' hin und überlege. Entweder artige Aufnahme und ruhiges Kennenlernen— bürge Dir, daß er inzwiſchen ſeine Ge⸗ fühle in Zaum halten wird, ich würde das als Bedingung ſtellen— oder ein wirklicher, plauſibler, mittheilbarer Grund der Ablehnung.“— „Und da habe ich mir den alten Peter aufgegriffen, habe ihm geſagt, es gelte mein Wohl und habe mich von ihm zu Euch herüberflüchten laſſen“, ſchloß Diana durch Thränen lächelnd ihren Bericht.„Des Großvaters Al⸗ ternative treibt mich ſort. Ich kann weder das Eine, noch das Andere.“ „Und doch hat Dein Großvater ſehr verſtändig ge⸗ redet, liebes Kind,“ ſagte Frau von Absberg nach einem langen Schweigen mit mild⸗ernſtem Blick.„Ich ſehe 136 nicht das Geringſte, was man dagegen einwenden, wie Du dieſer Alternative ausweichen könnteſt. Deinen Wi⸗ derſtand verſtehe iſt nicht. Du machſt Dich ja zu nichts verbindlich, wenn Du die Bewerbung des jungen Man⸗ nes einſtweilen duldeſt; und vermagſt Du ihn wirklich nicht zu lieben, ſo iſt das— natürlich nach einiger Zeit— ja ein ganz guter Grund ihn abzuweiſen. Jetzt würde Dir freilich bei einer ähnlichen Antwort niemand eine wirkliche Ueberzeugung, ſondern nur eine Caprice zutrauen, etwas, das ſich allerdings weder für Dich perſönlich, noch für Deine Familie ſchickt.“ Und da Diana leiſe den Kopſ ſchüttelte, ſetzte ſie hinzu:„Anders vermag ich die Sache nicht anzuſehen, liebes Herz, und ich glaube, Absberg denkt ich ſo.“ Der Genannte war vorhin aufgeſtanden und ging, was ſonſt nicht gerade ſeine Art war— denn im Zimmer liebte er die Bequemlichkeit— gemächlich und zugleich nachdenklich auf und ab, ohne weder die Mittheilungen Diana's noch die Antwort ſeiner Frau zu unterbrechen. Jetzt glitt zum erſtenmal wieder ein launiges Lächeln über ſein Geſicht und indem er vor dem Tiſche halt machte und die beiden Damen ſichtbar ſehr gut aufgelegt, ab⸗ wechſelnd betrachtete, ſprach er:„'s iſt kurios, bin der Laie von Absberg und leider Gotts in manchen Dingen und gegen all' die klugen Leute auch ſonſt ein rechter Laie. Habe mich nie für den Klügſten in meiner Familie ge⸗ halten— viel Klügeln und Beobachten und Spintiſiren iſt nicht meine Art— und nun bin ich mit einemmal klü⸗ ger und ſehe beſſer als all' die ſcharfſinnigen Leute!'s iſt kurios’ ſage ich, kurios! Weiß die Ehre aber auch zu ſchätzen,“ fügte er hinzu, und ſein Ton war ſo ſpöttiſch, daß ſeine Frau halb verwundert, halb unbehaglich zu ihm aufſchaute. Und indme er ihr darauf wie zur Antwort zunickte fuhr er in gleicher Weiſe fort:„Da ſchwatzt Ihr von Grund angeben, von ſich gefallen laſſen, von nicht andern können und wundert Euch über den Widerſtand der Kleinen und kapirt nicht, was doch das Einfachſte von der Welt— daß das Kind nicht temporiſiren mag und keinen Grund angeben will, daß ſie entſchieden iſt, weil— weil— weil—“er hielt neckend inne—„weil ſie nicht mehr frei iſt.— Gelt, kleine Herxe, der alte Onkel hat Dich ſchmuck gefangen?“ Er drehte ſich lachend auf dem Ab⸗ ſatz um und ſchritt gegen das Fenſter zu. „Hans, was redeſt Du für Unſinn!“ ſagte Frau von Absberg ziemlich lebhaft.„Verzeih's ihm, mein Herz! Du kennſt ja ſeine Art.“ „Ja, das hat ſich was zu kennen und zu verzeihen,“ warf Absberg lachend ein.„Sieh ſie Dir lieber an, das böſe Gewiſſen— na, nun iſt's richtig!“ unterbrach er ſich lachend, als Diana, die nach ſeinen früheren Worten die Hände raſch vor das erglühende Geſicht gelegt, jetzt plötzlich beide Arme um die alte Dame ſchlang und das 138 Köpfchen an ihre Bruſt ſchmiegte. Und ernſter redete er weiter:„Es iſt keine Hexerei, daß ich's weiß. Ich tadle nicht und billige nicht;'s iſt nicht meine Sache, ſondern Deine. Und das Einzige, was mir nicht gefällt, iſt, daß Du mit der Sache, da es nun einmal mit ihr an der Zeit, ſo hinter dem Berge hältſt und nicht keck ſür ſie auftrittſt. Kennſt meinen Großen, doch— s iſt meine ich, kein Kin⸗ derfreſſer, ſondern ein billiger, umſichtiger alter Menſch und nicht verſeſſen auf Vorurthe le. Und endlich— was eine rechte Liebe zu einem rechten Menſchen iſt, deren hat man ſich nicht zu ſchämen, oder's iſt eben nicht die rechte. Das iſt mein Glaubensbekenntniß.“ Er wandte ſich wieder ab und das Gemach entlang gehend, pfiff er jetzt den Marſch, den er vorhin auf den Fenſterſcheiben ge⸗ trommelt. Diana hatte ſich längſt von der Bruſt der Tante erhoben, und ihre ſchönen, noch feuchten Augen begegne⸗ ten ſeinem Blick immer feſter und leuchtender. Nun ſtand auch ſie auf und die ſchlanke Geſtalt frei aufgerich⸗ tet, die Wangen glühend und das Auge glänzend, ſprach ſie erregt:„Oh nein, Onkel, ich ſchäme mich meiner Liebe nicht, das glaube mir, und ich will mein Leben auf ſie bauen. Davon aber zu reden, ſie zu entdecken— das vermochte und vermag ich drüben in der Abtei nicht, ſelbſt nicht gegen den Großvater. Meinem Vater hab' ich's neulich frei bekannt, als er darauf hindeutete, und 139 Euch Onkel und Tante, laſſe ich gleichfalls frei in mein Herz ſehen. Drüben aber— ich kann es nicht!“ „Flauſen, Kind, Flauſen!“ ſagte er und blieb vor ihr ſtehen und ſchaute ſie forſchend an.„Die Sache iſt jetzt, wie Du ſiehſt, reif und muß zu Ende kommen. Mei⸗ nem Bruder biſt Du Wahrheit ſchuldig, mehr als uns, und ich ſtehe Dir dafür ein, Du haſt ihn nicht zu fürchten. Leicht möglich, daß er günſtiger von Ruprecht denkt, als Du glaudſt. Und ſomit,“ fuhr er mit voller und feſter Entſchiedenheit fort,„geh' jetzt mit meiner Alten und er⸗ leichtere Dein Herz. Ich will anſpannen laſſen, in einer halben Stunde fahre ich mit Dir nach der Abtei. Ab⸗ gemacht!“ Seine Frau war noch immer ſtumm vor Ueberra⸗ ſchung, auch Diana ließ jetzt verſtummend das Haupt ſinken, und er ſelbſt ging, ſeine Mütze aufnehmend, der Thur zu, als dieſe geöffnet wurde und der eintretende Diener dem Herrn ein Billet überreichte.„Es iſt ein Bote von der Abtei gekommen,“ meldete er,„er wartet auf Antwort.“ „Schon gut. Warten!“ verſetzte Absberg, und nach⸗ dem der Diener wieder hinausgegangen, kehrte er zu den beiden Damen zurück, bot den Brief ſeiner Frau hin und redete:„Lies vor, Alte! Ich habe meine Brille nicht hier. Seh's aber, er iſt vom Großen. Werden alſo wohl Neues hören; für nichts ſchreibt der nicht.“ 140 Es war inzwiſchen bereits dämmerig geworden, weßhalb Frau von Absberg zum Fenſter trat und dort folgendes las: „Lieber Hans Adam! „Das dumme Mädchen, das ich erſt verſtanden zu haben glaube, als es ſchon fort war, wird hoffentlich wohl genug ſein, um ſogleich zurückzukehren. Sage der ſtör⸗ rigen kleinen Kreatur, ſie ſolle vernünftig ſein und nicht Unſinn machen. Wenn's Dir möglich, komme mit ihr her und richte Dich zum Nachtbleiben ein. Deiner Frau meinen brüderlichen Gruß. Sie ſoll's verzeihen. Ich habe un⸗ aufſchiebbare Neuigkeiten für Dich. . Dein treuer Bruder Mänch.“ „Sagt' es ja!“ bemerkte Absberg, indem er das Schreiben an ſich nahm.„Alſo in einer halben Stunde, Kinder.“ Und er ſchritt der Thür zu und hinaus. VII. Der große Baron. „Das hat ſie Dir alles geſagt?“ fragte er halb be⸗ luſtigt, halb ein wenig verdrießlich. 1 141 „Das hat ſie mir alles geſagt— ausführlich!“ be⸗ ſtätigte der Andere lachend,„und es war, glaub' ich, noch viel mehr. Der Kukuk kann's alles behalten. Genug, ſtandeſt vor mir, wie gemalt, und hätte wohl zufrieden ſein mögen, Herr Bruder Mönch von Absberg,“ ſetzte er launig hinzu, wenn Du nicht in der Hauptſache ſo grim⸗ mig irre geweſen wäreſt.“ „Und ſie hatte wirklich im Sinn— bei Euch zu bleiben?“ „Na ob, bei Gott! Hatte ja im Bündel ihr Nacht⸗ und Putzzeug bei ſich, als ſei ſie eine Dirne, die zu einer neuen Herrſchaft kommt. Frage ſie nur ſelber.“ „Weßhalb ſie aber gegen mich ſo ſcheu iſt, wenn ſie gegen Euch herausgeht und ſo feſt, ſo tapfer für dies Ge⸗ fühl entſchieden bleiben will?“ „Weßhalb, Großer? Du haſt ſie eben niemals er⸗ kennen laſſen, wie Du über den Ruprecht denkſt. Und das iſt unrecht, Alter. Sie hatte doch auch dabei ein Inter⸗ eſſe, mein' ich, bei Gott. Und überdies mußt Du dies und jenes über Stand und Rang geſagt haben, was ſie vollends irre gemacht.— Frage ſie aber ſelbſt, wieder⸗ hole ich.“ „Das wird auch kommen, Hans Adam, und den Herrn Peter Heinze werd' ich mir auch einmal vornehmen, wenn auch nicht wegen dieſer— dieſer Entführung,“ ſetzte der Baron launig hinzu, wie er denn überhaupt hei⸗ 142 terer war und vor kurzer Zeit die Anlangenden auch hei⸗ terer in Empfang genommen hatte, als Absberg ſelber irgend gehofft hatte.„Kannſt Du es Dir vorſtellen,“ fuhr er nun fort und blieb vor dem gemächlich rauchen⸗ den Bruder ſtehen,„daß der alte alberne Kerl noch Hei⸗ rathsgedanken hat und der Mamſell Henriette nachgeht, obgleich er längſt begriffen haben könnte, daß ihn die ſchlaue Perſon nur um anderer Zwecke willen an der Naſe herumführt.“ „Na, warum nicht?“ bemerkte Absberg ziemlich phlegmatiſch.„Menſch iſt Menſch, alt pder jung, und Dame Henriette iſt grade klug genug für den alten Eſel und auch vielleicht verlockend genug. Der Geſchmack iſt verſchieden.“ Der Baron ging gedankenvoll auf und ab und er⸗ widerte nichts. Erſt nach einer ziemlichen Weile kam auch er zum Sopha, wählte eine der kurzen Pfeifen, die hier zum augenblicklichen Gebrauch bereit an der Wand hin⸗ gen, zündete ſie an und ließ ſich neben dem Bruder nieder. „Nun alſo zu meinen Mittheilungen,“ ſagte er,„derent⸗ wegen ich Dich hier zu haben wünſchte. Aber ich muß nach der Ordnung verfahren und zuerſt von uns hier in der Abtei berichten. Du biſt eben gar kein guter Bruder mehr, Hans Adam,“ ſchob er ein und legte ſeine Hand auf die des Andern;„ſonſt hätteſt Du in dieſen vierzehn Tagen wohl einmal ofter bei uns eingeſehen.“ 5 143 „Haſt Recht, haſt Recht Alter!“ verſetzte Absberg und drückte des Bruders Hand.„Weiß der Henker, wo die Zeit geblieben iſt! Iſt mir unter den Fingern verſchwun⸗ den, möcht' ich ſagen. Denk's, meine Alte forderte mich heut Nachmittag auf, ihr endlich ausführlich vom Ball, von Merlin u. ſ. w. zu erzählen. Siehſt daraus, wie ich bisher d'ran war. Aber davon ein andermal—'s iſt nicht viel Beſonderes dabei; kennſt ja mein Treiben und meine Art. Alſo nun heraus mit Deinen Affairen.“ Der Baron berichtete. Als er bald nach Tiſch jene und bekannte Unter⸗ redung mit Diana gehabt und das Mädchen zum ſtillen Ueberlegen und zur Selbſtprüfung entlaſſen hatte, ſetzte er ſich, wie gewöhnlich zu dieſer Stunde, mit einer Lektüre zum gemächlichen Ausruhen in ſeinen Lehnſtuhl am Fen⸗ ſter, kam heute wenig zur Ruhe und noch weniger zum Leſen, denn die Unterhaltung mit der Enkelin und alles was ſich daran knüpfte, die ungewohnte Befangenheit des Kindes, Diana's ganzes ihm auffälliges Weſen ging dem Alten im Kopf herum und ließ ihn mehr aus dem Fenſter und auf den einſamen Hof, als in ſein Buch ſehen. Er ſah nach einiger Zeit den Boten vorüberreiten, der jeden Morgen nach der nächſten Poſtſtation geſchickt wurde, um Briefe und Zeitungen zu holen und heut unge⸗ wöhnlich lange ausgeblieben war; und damit eröffnete ſich für den Baron eine gewiſſermaßen neue Gedanken⸗ 144 reihe, obgleich ſie freilich auch mit dem, was ihm bisher durch den Kopf gegangen, mehr als einen Berührungs⸗ punkt hatte. Er erwartete Nachrichten aus der Ferne, die länger ausblieben als er erwartet und als ihm für ihren Inhalt gut ſchien. Es währte heut lange, bis man ihm die Poſttaſche hereinbrachte, zu welcher er allein den Schlüſſel beſaß und deren Inhalt er ſtets ſelber an die Hausgenoſſen vertheilte, und er war bereits aufgeſtanden um zu klingeln, als er das Klopfen an der Thür vernahm, herein rief und gleich darauf, überraſchend genug, den alten Gottlob ſelbſt mit der Taſche eintreten ſah. Der langjährige Diener be⸗ faßte ſich ſonſt nicht mit ſolchen Geſchäften und kam, wenn er bei ſeinem Herrn erſchien, ſtets ohne Weiteres ins Zimmer. Der Baron ſah ihn daher auch ganz ver⸗ wundert an und fragte lächelnd:„wie kommt denn das?“ „Hab's ſo in der Zerſtreuung gethan, Herr,“ lautete die Antwort Gottlobs, während er zugleich die Taſche übergab. Und da er nicht weiter redete, ſetzte der Baron voraus, daß der Alte eine ſeiner neuerdings ziemlich häu⸗ figen grämlichen oder nur ſchweigſamen Launen habe, nickte ihm daher freundlich dankend zu— er achtete, ehrte und liebte den wackern greiſen Mann, der ſeit der frühe⸗ ſten Jugendzeit ihm nahe und vertrant geweſen— und ging mit der Mappe zum Schreibtiſch, um den Schlüſſel zu holen. Da aber räuſperte der Alte ſich hinter ihm und 145⁵ fragte plötzlich:„wißt Ihr denn Herr, daß unſere Kleine eben über das Eis nach Wolden iſt, und habt Ihr's er⸗ laubt? Das Eis iſt doch ſehr ſchwach.“ Der Baron wandte ſich raſch um.„Wie ſagſt Du?“ rief er beſtürzt,„Diana über das Eis nach Wolden? Eben? Zu Schlitten? Wer fährt ſie?“ Und als er die Antwort erhalten, ſetzte er halb lachend, halb beſorgt hinzu:„Das iſt ja ein donnermäßiges Stück von dem Wildfang! Man muß ſie augenblicklich zurückholen. Flink, Gottlob, laufe und rufe den— Paul, der iſt der Schnellſte.“ „Zu ſpät,“ erwiderte Gottlob ruhig und achſel⸗ zuckend.„Die Kleine hat das ganz ſchmuck arrangirt, und wenn ich nicht ganz zufällig im Belvedere drunten ſaß, um mich ein wenig auszulüften, ſo merkte kein Menſch was davon. Ihre Jungfer hat nichts gewußt, wie ſie mir eben ſagte. Wüßte ich nur, wo ſie den Peter aufgegabelt hat und wie der ſich zu der Fahrt entſchloſſen. Er iſt doch ſonſt ängſtlich genug auf dem Waſſer. Aber freilich— wer kann unſerer Kleinen widerſtehen? Ihr könnt's auch nicht,“ ſetzte er unumwunden hinzu:„Ihr ſolltet es wenig⸗ ſtens nicht, Herr!“. „Wie verſtehſt Du das?“ fragte der Baron lächelnd. „Ihr ſolltet ſie nicht quälen mit dem langen und, mit allem Reſpekt vor ſeiner Gräflichkeit, widerlichen jun⸗ gen Menſchen, dem Herzfeld. Iſt's einer von der Lie⸗ 1861. 9. Der große Baron. II. 10 146 feranten⸗Geſellſchaft?“ fügte Gottlob, der in manchen Punkten ariſtokratiſcher als ſein Herr war, verächtlich hiezu.„Man ſieht's ihm an,“ redete er derb und ungenirt weiter,„daß er von einem Ochſenhändler abſtammt, ſeine Augen ſtehen ihm ja aus dem Kopf heraus und blicken ſo weichlich darein, wie die die eines Kalbes. Ich wollt's unſerer Kleinen verdenken, wenn ſie, mit dem Andern im Kopf, nach dieſem nur aufgeſehen. Aber nun gar, da man ihn, ihr und Euch, Herr, nur in den Weg geſchoben, damit Ihr Euch an ſeiner Grafenkrone verſeht und nun Eurerſeits als Großvater mit ihm der Kleinen zu Leibe rückt— iſt zu arg! Es iſt nur gut, daß ſie auch ein wenig Abs⸗ bergiſch Blut hat und lieber davongeht als ſich zwingen läßt.“ 3„Was ſchwatzeſt Du eigentlich alles zuſammen, Gott⸗ lob!“ meinte der Baron verdrießlich und doch auch wieder nicht wenig aufmerkſam.„Wer iſt der„Andere“, was meinſt Du mit dem„in den Weg ſchieben“? Ich kann's dem jungen Mann, der mir übrigens nicht ſo übel gefällt und ſolid und anſtändig zu ſein ſcheint, nicht verwehren, nach dem Kinde auszuſehen und dasſelbe lieb zu gewinnen. Meine Tochter hat mir den Brief ſeiner Mutter vorgeleſen, worin dieſelbe ihres Sohnes Neigung mittheilt und für ihn ſpricht. Und wie neuerdings ſein Vater darüber an mich geſchrieben, kann nicht offener und anſtändiger ge⸗ dacht werden.“ 147 Gottlob ſchüͤttelte den alten greiſen Kopf.„Herr,“ fagte er,„habt Ihr den Brief der Dame ſelber geſehen? Schreibt ſie auch gewiß ſo, wie man Euch vorgeleſen? Ich weiß wenigſtens, daß der erſte Plan zu dieſer Verbin⸗ dung hier bei uns entſtanden und vermuthlich auch jener von hier aus zumeiſt eingegeben wurde.“ Und auf das weitere Forſchen des Barons, berichtete der Alte nicht allein das, was wir aus ſeiner Unterredung mit Peter erfahren haben, ſondern auch, was jenem Abend gefolgt war. Peter hatte trotz ſeines erwachten Mißtrauens und trotz Gottlobs üͤberzeugenden Worten mehr als einen Rück⸗ fall erlitten und ſeine zärtlichen Gefühle fuͤr die Kammer⸗ jungfer in großer Stärke wieder erwachen ſehen. Ja er war ſogar mißtrauiſch gegen Gottlob geworden, und nur weil dieſer ihn ſo genau und ſo lange kannte und zu be⸗ handeln wußte, war es dem alten Jäger möglich gewor⸗ den, dem Anderen, anſtatt, wie man wünſchte, ſelbſt Mit⸗ theilungen zu machen, vielmehr ſeine Geheimniſſe zu entlocken und auf dem Laufenden zu bleiben. Da erfuhr er denn auch die prahlende unvorſichtige Eröffnung Hen⸗ riettens über die Weiſe, wie ihre Gebieterin die Bewer⸗ bung des jungen Grafen hervorgerufen, ſeine Augen auf Diana gelenkt habe und in ihm nicht nur den Gatten der Tochter, ſondern womöglich auch den Erben der Baronin ihres Vaters erſtehen laſſen wolle, um ſo ein für allemal und nach allen Seiten hin Ruprechts Anſprüchen oder 10* 148 vielmehr der Schwäche des großen Barons für ihn“, ent⸗ gegenzutreten und ſich zugleich an ihrem Gatten zu rächen, den ſie, wie wir wiſſen, mehr als alle in dieſe Angelegen⸗ heit verwickelt glaubte. Der alte Jäger hatte dies alles erſt kürzlich aus Peter herausgelockt und bisher noch keine Gelegenheit ge⸗ funden, ſeinem Herrn oder dem Bruder desſelben darüber Mittheilungen zu machen. Halb und halb traute er der Sache auch nicht,— es war ſo manches darin, was ſei⸗ nem ſchlichten und geraden Sinn widerſtand, und erſt, als er den Bewerber ſelbſt in der Abtei anlangen ſah und zufällig Gelegenheit fand, das Benehmen desſelben gegen das Mädchen zu beobachten, nahm er ſich vor, mit dem Baron zu reden. Er bemerkte die freundliche Höflichkeit dieſes Letzteren gegen den Bewerber; er ſah es, daß der Großvater die Enkelin heut mit ſich in ſein Zimmer führte. Er ſah wiederum, wie Diana von dem kleinen Bootshafen aus ſcheu und heimlich, wie auf der Flucht, mit Peter gen Wolden eilte, und es konnte dem klugen Mann nicht ſchwer fallen auf das zu ſchließen, was ge⸗ ſchehen ſein mochte. Daß das Kind nach Wolden fuhr, war ihm ganz recht; er wußte ſie dort wohl aufgehoben und gewiß der energiſchen Unterſtützung Absbergs. Er zögerte daher auch länger im Belvedere, um Diana einen genügenden Vorſprung zu laſſen. Erſt als er dies geſche⸗ hen ſah, ging er zum Herrn. 4 149 Der Baron war entrüſteter über das Gehörte, als der langjährige Diener ihn je geſehen. Gerade weil er wirklich, wie Hildegard es mehrmals vor uns ausgeſpro⸗ chen, in ſeiner ſchlichten, ruhig offenen Weiſe eine Intrigue weder fürchtete noch ſie leicht irgendwo ſuchte, erbitterten ihn dieſe hinter ſeinem Rücken angeſponnenen, an ſeinem Willen und an ſeiner Autorität rüttelnden Pläne und Ränke deſto mehr, und er hatte Mühe ſich von einem augenblicklichen entſchiedenen Auftreten zurückzuhalten. Die Entdeckung, die er in Bezug auf Dianas eigentliche Neigung machte, während er bisher nur von einer ſolchen Ruprechts erfahren, welche der junge Mann aber nicht geäußert zu haben, vielmehr beſtegen zu wollen ſchien,— überraſchte ihn weniger als ſie ihn mit tiefem Nachdenken erfüllte. Er hatte ſeit dem vergangenen Herbſt im Stillen Ruprechts Angelegenheiten fortwährend im Auge behalten und an der Ordnung derſelben in ſeinem Sinne neuerdings ſogar weiter gebaut. Er hatte nach Hildegards Mitthei⸗ lungen an jenem Abend ſeinen Vorſatz ausgeführt und ſich ſogleich an Hohenfeld gewandt und inzwiſchen, was ihm noch lieber ſein mußte, mit Merlin über den jungen Mann reden können. Schon ſeit dem vorigen Herbſt war es nach den Mittheilungen Ehrenſteins zweifellos, daß Ruprecht des Barons wirklicher Enkel; ſeit dem hatte der Letztere aber auch alle nöthigen Papiere erhalten und er wußte längſt, daß die Gerüchte, deren Hildegard gedacht, 150 vermuthlich in nichts zerfielen, wenn ſie nicht überhaupt bloß böslich erfunden und verbreitet waren. Jeden Tag konnte er jetzt Nachrichten erwarten über Ruprecht perſönlich nicht nur, ſondern auch über ſeine Pläne mit demſelben; es konnte ſich vielleicht alles ſchneller ordnen, als er ſelber berechnet, ſelbſt das, was allein bis⸗ her noch für ihn ein Stein des Anſtoßes geblieben— die zukünftige Stellung ſeiner Enkelin, der er bis vor wenig Monaten ſeinen ganzen Beſitz zuzuwenden gedacht, und die nun ſo ganz anders werden mußte. Ihre Heirath, ſei es, mit wem es ſei, ordnete dies alles am leichteſten, und von dieſem Geſichtspunkte aus hatte er die Bewer⸗ bung des Grafen Hugo angeſehen und ſie gewiſſermaſſen befürwortet. Er hatte ſogar bei Hildegards damaliger Mittheilung zuerſt gedacht, ob Diana ſelbſt vielleicht nicht ſfür den Grafen eingenommen ſei; denn da er aus manchem ſchloß, daß das Mädchen ſich nicht mehr frei ſühle und den Gegenſtand ihrer Neigung, wie wir wiſſen, nicht in Ruprecht ſah, ſo mußte er denſelben wohl in den Kreiſen der Stadt ſuchen, wo die Enkelin ſeither häufiger erſchie⸗ nen war und länger ſich bewegt hatte als früher. Es iſt uns ſchon bekannt, daß die Bewohner der Abtei für ge⸗ wöhnlich nicht häufig dahin kommen. Nun war alles anders, alles ſtimmte beſſer zuſammen und zu ſeinen Plänen als er irgend hatte annehmen dürfen. Wie er über die Heirath einer vornehm geborenen Frau 151 mit einem Mann ihres oder eines andern Standes dachte, erfuhren wir bereits, und da er, um es kurz zu ſagen, auf Ruprechts Anerkennung als Erbe des Absbergiſchen Be⸗ ſitzes hinarbeitete, ſo war, wenn ſeine Pläne zur Ausfüh⸗ rung kamen, dem jungen Mann damit eine Stellung ge⸗ boten, die ihm erlaubte, ſeine Hand nach der am höchſten Stehenden auszuſtrecken, ohne daß er einen Abſchlag hätte befürchten müſſen.— Merlins Nähe und die Ausſöhnung mit ihm war dem Baron jetzt noch willkommener als bisher. Trotz Hildegards Widerſtand hatte der Vater die entſchei⸗ dende Stimme, und der Baron zweifelte nicht an dieſer Entſcheidung. Wäre das„dumme kleine Mädchen“ nur da geweſen, daß er von ihr die volle Gewißheit hätte er⸗ halten können! „ Sie muß augenblicklich geholt werden,“ ſagte er zu Gottlob— ſeine Ueberlegung hatte nicht halb ſo lange gewährt als unſere Ausführung, und in Wirklichkeit war zwiſchen dem letzten Wort des alten Dieners und dem nächſten des Barons wenig mehr als eine Minute ver⸗ gangen.„Schicke Paul an meinen Bruder; er iſt der ſchnellſte und zuverläſſigſte von allen.“ Und da der Alte ſich der Thuͤr zuwandte, ſetzte er raſch nach der Taſche greifend hinzu:„warte noch, Gottlob! Laß' mich ſehen— vielleicht habe ich dem Hans Adam noch mehr mitzuthei⸗ len— es müſſen jetzt faſt Nachrichten uüber den Jungen kommen!“ 152 Er öffnete das Schloß und nahm mehrere Briefe heraus, welche er aber nach flüchtiger Anſicht bis auf zwei zur Seite legte. Er öffnete den erſten und las mit ſicht⸗ barer Beſriedigung.„Siehſt Du wohl,“ ſagte er, da er ihn wieder zuſammenlegte,„es iſt, wie ich mir gedacht. Wir nähern uns dem Schluß. Wie geſchmeidig man wird, und noch dazu perſönlich!— Und der hier—“ und er nahm und erbrach den anderen—„oh, zum Teufel, was iſt denn das?“ unterbrach er ſich und las dann ſchnell, mit ſich ſteigernder Ueberraſchung und immer tiefer ſich furchen⸗ den Stirn weiter, bis er das Blatt zuſammenfaltete, es auf den Tiſch, und die große, aber noch immer ſchöne Hand darauflegte und die finſteren Augen zu dem Diener erhe⸗ bend ſprach:„verſtehſt Du das, Gottlob? Ich habe Dir doch geſagt, was ich im vergangenen Frühling vorhatte, daß ich wegen der Uebertragung der Güter auf das Kind bei der Regierung verhandelte, und was für eine kaltſin⸗ nige Antwort ich erhielt. Nun ſchreibt mir der Chefpräſident mit einemmal— gleich nachher kam damals ja die Münch⸗ ſche Geſchichte und ich habe über das Frühere kein Wort mehr verloren— daß er über dieſe Angelegenheit weiter nachgedacht und ſich Raths erholt habe und mir die Ver⸗ ſicherung geben konne, daß ſich alles nach meinen und Hans Adams Wünſchen ordnen laſſen werde. Was heißt das, frage ich?— Hans Adam muß augenblicklich her! Ich will ſchreiben!“ Und er ſprang, ſaſt jugendlich lebhaft, auf. 153 Ueber Gottlob Röders Geſicht war, ſobald er die Sache begriffen, ein aus Pfiffigkeit, Verdruß und Befan⸗ genheit gemiſchtes Lächeln gezuckt, und nun verſetzte er, gedämpft:„Geduld, Herr, darüber könnte ich, glaub' ich, auch noch etwas ſagen, obgleich ich's nicht gern thue, denn es iſt nicht angenehm.— Der Chefpräſident— iſt's der Graf Bergheim, der vordem—? Er hielt zögernd inne.— Der Baron zog die Braunen noch finſterer zuſam⸗ men,„Du haſt recht, der iſt's,“ erwiederte er grollend. „Und eben deßhalb, weil er meine Anſichten über ihn kennt und weiß, daß ihr nur nothgedrungen und wo der Geſchäftsgang es unvermeidlich machte, mit ihm in Be⸗ rührung kam, iſt mir dieß plötzliche Nachgeben und ſeine perſönliche Betheiligung noch unerklärlicher. Ich weiß es ſehr wohl,“ fügte er hinzu,„daß ich die damalige Ant⸗ wort auch unſern perſönlichen Verhältniſſen zu verdanken hatte. Aber, wo willſt Du hinaus, Gottlob?“ Der Diener ſchüttelte ſich unbehaglich und ſah ſo verdrießlich aus, als ſei ihn gar widerwärtig zu Muth. „Hm,“ ſprach er endlich,„der Peter hat nämlich auf all⸗ die Erörterungen endlich vernünftiger als ſonſt die Ein⸗ wendung gemacht:„Ich würdet am Ende doch dem Kinde nicht unrecht thun— das hat er doch von mir begriffen, Herr— und übrigens nütze auch alles Reden und Han⸗ deln nicht, wenn Ihr einmal Euren Kopf auf etwas ge⸗ 3 154 ſetzt hättet. Ihr würdet ſchon alles in Ordnung haben. Es tanze Hoch und Gering, wenn der große Baron pfeife. — Und da hat die Gans von Kammerkatze geantwortet, es wüßten auch noch andere Leute ebenſo mächtig zu pfei⸗ fen. Ihre Gnädige wiſſe auch was durchzuführen. Sie ſei ja darum eigentlich in der Stadt geweſen und habe mit dem verhandelt, der die Sache in Händen halte. Und wenn eine ſchöne Dame, wie die Gnädige, die Mittel nicht anſehen und noch dazu mit jemand verhandle, der für ihre Gunſt alles thue, da laſſe ſich in ein paar Stunden von einem Mann alles erringen, was ſie wolle. Das Kind ſolle nun einmal erben— für ſeinen zukünfti⸗ gen Mann, und der ſei niemand anders als der gute Graf Herzfeld, mit dem man dann ſchon fertig werden könne. Die Sache ſei abgemacht.— So iſt's, Herr,“ ſchloß der Alte. „Ich habe mir gleich meine Gedanken gemacht, und nun — nun kommt es richtig ſo heraus. Es thut mir grimmig leid, kann ich ſagen. Aber— was hilft's!“ Der Baron war während dieſer ſeltſamen Mitthei⸗ lung ein paarmal dunkelroth und wieder ſehr blaß ge⸗. worden und in dem grauen Auge brannte ein immer dro⸗ hender aufſteigender Zorn.„Es iſt richtig,“ murmelte er nach einem langen düſteren Schweigen,„ſie war aus⸗ gegangen, als ich Nachmittags nach ihr fragte, und kam erſt kurz vor dem Ballanfange zurück!— Und während ihr Mann in der Stadt war— der Mann, der— ahl 15⁵ bei Gott!“ Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging er zum Schreibtiſch, ſchrieb raſch an ſeinen Bruder und redete erſt, da er das Billet dem lautlos harrenden Alten übergab, mit faſt ſchwermüthigem Ton:„Laß es gleich beſorgen. Und daß dies alles unter uns bleibt, Gottlob— brauche ich Dir das noch zu ſagen?“ Der Diener drückte die dargebotene Hand ſeines erſchütterten Herrn ebenſo erſchüttert feſt zwiſchen ſeine beiden harten Fäuſte.„Herr,“ ſprach er,„Gott weiß, ich habe dies ungern geſagt, aber es mußte ſein, ich war's Euch ſchuldig. Es mag ja auch anders ſein, als wir fürchten. Die Gnädige iſt doch am Ende immer eine ſtolze Dame und ihre Mutter und Eure Tochter.“ Der Baron ſchüttelte finſter lächelnd das greiſe Haupt.„Laß es gut ſein, alter Freund,“ entgegnete er faſt traurig.„Ich erinnere mich nun zu wohl an das Damals. Ich kenne ſie und kenne ihn. Ich weiß, für welchen Preis ihm auch dies feil geweſen ſein dürfte— ſchon des erträumten Triumphes über die Absberg we⸗ gen!“ ſetzte er mit zürnender Stimme und drohend erho⸗ bener Hand hinzu;—„und ich weiß, daß ihr jetzt für ihren Zweck wie früher aus— anderen Gründen ihres Hauſes und ihre eigene Ehre nicht ſoviel gegolten hat!“ Er ſchnellte zornig die Finger in die Luft.„Beim all⸗ mächtigen Gott,“ ſagte er,„wäre ich nicht der Mönch von Absberg und muͤßte die Menſchen an die makelloſe 156 Ehre meines Hauſes wenigſtens glauben laſſen, es liefe ein elendes Weib mehr in der Welt herum!“ „Herr— Herr!“ unterbrach ihn Gottlob beſtürzt, „Du haſt recht— die Geſchichte iſt zu ſchmählich, als daß ich mich darüber ſo ärgern müßte!“ brach er auf⸗ und niederſchreitend ab.„Beſorge das Billet und ſchärfe dem Paul ein, daß er ſeine Beine braucht. Er ſoll über's Eis und kann in einer halben Stunde drüben ſein, vor Dunkelwerden.— Gott befohlen, Gottlob.— Reinen Mund, alter Freund!“ Und er wandte ſich den Brie⸗ fen zu.— Der alte Diener verließ tief bekümmert, zugleich aber auch zornig das Gemach. Er hatte es wohl vor⸗ hergewußt, daß ſeine Nachricht dem Herrn an's Leben greifen würde, und darum auch damit zurückgehalten. Jetzt aber, da er die Wirkung erlebt, fühlte er ſelber erſt deut⸗ lich, was an dem Hauſe, das er faſt wie ſein eigenes be⸗ trachtete, geſündigt worden war. Dies alles erzählte nun der Baron dem immer fin⸗ ſterer aufhorchenden Bruder, und er konnte es um ſo leichter und ausführlicher, da ſich die Reden von vorhin jetzt faſt wiederholten. Gottlobs Einwürfe und Be⸗ ſchwichtigungen waren, wenn auch in anderer Faſſung, die Absbergs geworden und der Zorn des Barons äußerte ſich vielleicht nicht in der ganzen erſten Heſtigkeit, aber drohender und nachhaltiger. Die Heiterkeit, die er beim 157 Empfang der Anlangenden und noch im Anfange des Ge⸗ ſprächs mit ſeinem Bruder gezeigt hatte, war längſt ver⸗ ſchwunden, und Absberg wunderte ſich nur, daß er über⸗ haupt zu ihr ſich aufgerafft habe.— Denn er fühlte tief und ganz mit dem alten, theueren, hochgehaltenen Bruder. „Brächt' es nicht übers Herz— hielte Gericht über ſie,“ ſagte er jetzt, nachdem ſein Bruder ſchon eine Weile geſchwiegen.„Biſt das uns allen ſchuldig.— Wußte zwar, daß der Umgang damals nicht abgebrochen ward; ſeit Jahren aber war alles ſtill. Ließ es alſo gehen, da man den Anſtand wahrte— ein andermal davon, nach⸗ her!“ ſetzte er auf den finſter fragenden Blick des Bru⸗ ders hinzu.„Sage Dir—'s war längſt alles ſtill. Mögen ſich wohl gezankt und nun erſt wieder vertragen haben.— Jetzt aber, keine Schonung bei dem Eclat.— Und die Kammerkatze hetzte ich mit den Hunden vom Hofe!“— Der Baron hing ſeine Pfeife an die Wand und nahm eine andere, die er nun anzündete. Man merkte wohl, er wollte ſich auf ſolche Weiſe zur Faſſung und Ruhe zwingen.„Geduld, Geduld!“ erwiderte er nach einigen Sekunden in der That kälter,„das kommt auch. Zuerſt will ich alles Uebrige in Ordnung haben und wenn ich ihr darüber meinen Willen mittheile, wird die Zeit auch für ſie ſelbſt gekommen ſein. Sei ſicher, ich ſchenke 158 ihr nichts. Und es wird ſchon eine bittere Strafe für ſie und ihn ſein, wenn ſie alles nicht allein gegen ihren Willen fertig werden ſehen, ſondern auch noch ſelber zu dieſem Fertigwerden mit beizutragen gezwungen ſind, denn ich zwinge ſie. Es iſt alles im Gange; ſowie vor⸗ hin das Nichtswürdige, traf gleich darauf auch das Gute zuſammen.“ „Ja, biſt mir noch Auskunft über den andern Brief ſchuldig,“ meinte Absberg geſpannt.„Des Elenden war genug, nun auch mit dem Guten heraus.“ Der Baron erzählte wieder, aber diesmal kürzer und ſichtbar auch heiterer. Er hatte ſich direkt und ohne jemand davon zu ſagen, an den alten Fürſten ſelber ge⸗ wandt, die Sachlage kurz ausgeſprochen, angedeutet, daß zwiſchen der Provinzialregierung, welche er nicht einmal für kompetent halten könne, und ihm Differenzen vorhan⸗ den ſeien, die ihm auch deßhalb die anderweitige raſche Verhandlung dieſer Angelegenheit erwünſcht machen müß⸗ ten und endlich ſeine Wünſche dahin kurz zuſammengefaßt — daß ſein Enkel, Ruprecht Münch, als legitimer Erbe ſeines Beſitzes, der von jeher frei und niemals Majorat geweſen, anerkannt werden möge. 3 Die eingetroffene Antwort aus dem Kabinet, die nun auch Absberg las, war die wohlwollendſte und beru⸗ higendſte. Man forderte ungeſäumte Einſendung der Legitimations⸗Papiere des jungen Mannes und verhi 159 mit der ſchmeichelhafteſten Anerkennung der Verdienſte und der Stellung des Barons die größte Beſchleunigung der Sache. Der Erbprinz ſelber hatte einige Zeilen hin⸗ zugefügt, in denen er die Sache als abgemacht bezeichnete und launig ſeine Freude darüber ausſprach, daß ſeine Familie der des großen Barons einmal einen Dienſt er⸗ weiſen könne. Endlich hieß es, der Kriegsminiſter habe bereits den Urlaub für Ruprecht in deſſen Cantonnirungs⸗ quartier abgeſendet. „Und das iſt noch nicht alles,“ fuhr der Baron, nach⸗ dem Absberg das Schreiben zu Ende geleſen, fort.„Gleich nach dem Abgange des Boten zu Euch, ſchickte mir Ho⸗ henfeld die Antwort auf die Nachforſchungen, die er auf meine Bitte in Betreff jener Gerüchte angeſtellt. Es iſt, wie ich's hoffte, wie es aber auch nothwendig war. Sie zerfallen in nichts. Es iſt nur einmal ziemlich miß⸗ wollend auf jene Expedition zu uns hingedeutet, der Ver⸗ dächtiger aber durch Ruprecht ſelbſt mannhaft zur Ruhe gebracht worden. Der junge Mann ſei überall beliebt, genieße des allerbeſten Rufs und Anſehens. So ſtehen die Sachen.“ „Hätten wir ihn nur erſt hier!“ ſagte Absberg er⸗ muntert, und ein fideles Lächeln zog über das breite rothe Geſicht.„Was Teufel, Großer, ſind Beide nicht mehr jung! Kommt mir da zum erſtenmale die Angſt vor einem ſchleunigen Abfahren— und dann— na Proſtemahlzeit!“ 160 „Der Baron ſchüttelte gleichfalls lächelnd den Kopf und maß den Bruder mit liebevollem Blick.„Hans Adam, ſei kein Narr,“ erwiederte er.„Was fällt Dir plötzlich ein? Ich hoffe, wir werden's Beide noch ein Dutzend Jahre mitmachen; alte Eichen werden, wenn ſie geſund, nur immer härter. Aber ich habe auch dies ſchon erwo⸗ gen und gleich an den Jungen geſchrieben. Der Bote iſt längſt fort, und da die Courierpoſt erſt um ſieben Uhr zur Station kommt, muß er vor ihr eingetroffen ſein. Wenn alles recht geht, kennen wir ihn in zehn, zwölf Ta⸗ gen hier haben. Bis dahin muß auch in der Reſidenz die Sache in Ordnung ſein. Ich habe zugleich ein Paar Worte an Merlin und an Ehrenſtein wegen der Papiere geſchrieben.“ Absberg guckte den Bruder verwundert an.„Hoho,“ meinte er dann;„zeig' mir einmal Deine Finger, ob ſie nicht ſteif geworden. So viel haſt Du im ganzen vergan⸗ genen Jahre nicht geſchrieben, glaub' ich.“ Der Bruder nickte ganz heiter.„Du haſt recht, es wurde mir auch ſauer genug,“ verſetzte er.„Schämte ich mich nicht vor der Welt mit meiner kleinen Korreſpon⸗ denz, ſo ſchaffte ich mir gleich morgen noch einen Sekre⸗ tair an. Nun aber laß uns wieder zur Sache kommen, Hans Adam. Wir haben uns ſeither wenig geſehen und ſelbſt über Merlins Wiedererſcheinen kaum geredet; und bei Ruprechts Angelegenheit bin ich bisher— ich geſtehe 161 das zu— meinen Weg allein gegangen. Ich konnte mir nicht darein reden laſſen, und Paul Bode iſt der Einzige, mit dem ich darüber konferirt. Nun aber— was ſagſt Du dazu, Bruder?“ Absberg rauchte eine Weile ſtumm und ungewöhn⸗ lich gedankenvoll vor ſich hin und ſprach nur ein paarmal dem Glaſe zu, denn er war noch aus einer Generation, die in dieſen Landſtrichen mit ſeltenen Ausnahmen den leichten franzöſiſchen Rothwein faſt als einzig vorhande⸗ nes und einzig trinkbares Getränk zu betrachten gewöhnt worden war. Endlich wandte er das Auge dem Andern zu und ſprach:„Hör', Großer,'s iſt an Dir ein Huſar verdorben, würde Hohenfeld ſagen. Haſt geduldig im Hin⸗ terhalt gelegen, bis Deine Zeit da, brichſt nun aber auch wie ein Wirbelwind hervor und reißeſt alles um und nie⸗ der.'s iſt aber recht ſo, und ich— ich hab's gemerkt und bin nicht empfindlich geworden. So was muß der Mann allein beſorgen, zumal wenn er von ſeinem Recht überzeugt iſt und noch obendrein weiß, daß die Seinen in der Hauptſache ihm beiſtimmen. Du biſt alſo feſt entſchloſſen, den Knaben als Deinen vollen, richtigen Erben anzuerkennen und dereinſt in Beſitz treten zu laſ⸗ ſen?“— Der Baron legte die Pfeife fort und faltete die Arme über der Bruſt.„So bin ich,“ entgegnete er nach einer Weile und wandte das große, ernſte, graue Auge 1861. 9. Der große Baron. II. 11 162 dem Bruder zu.„Nachdem ich mich ſchon im Herbſt bei Ehrenſteins Anweſenheit durchaus davon überzeugt hatte, daß Ruprecht der wirkliche und eheliche Sohn meines Knaben ſei, daß ſein Vater in jeder Weiſe und bis an ſeinen Tod als Ehrenmann gelebt, und daß ſeine Mutter weder als Mädchen noch als Frau und Witwe von dem leiſeſten Vorwurf getroffen werde; daß endlich der junge Mann ſelbſt ein Menſch von Geiſt und Herz und von Ju⸗ gend auf in allen Lagen des beſten Rufs genoſſen, konnte ich bei meinen ſonſtigen Anſichten nicht länger in Zweifel ſein, was ich zu thun haben werde.“ „Du weißt, ich bin kein Anhänger jener— ſeltſa⸗ men Anſicht, daß ſich ein altes Geſchlecht in ſeinen Sproſ⸗ ſen nach und nach zu immer reinerer und ſchönerer Blüthe erhebe; wir Menſchen ſind keine Blumen!— Im Ge⸗ gentheil, die alten Geſchlechter, die ſo ziemlich auf ihre reine Fortentwickelung halten, gehen nach und nach kör⸗ perlich und geiſtig aus, wie ein Licht, das zu lange ge⸗ brannt und ſich bis auf den letzten Reſt verzehrt hat. Und ſo wenig ich die engliſchen Krämerſeelen liebe und ſo un⸗ ſinnig ich es finde, wenn man ihre Inſtitutionen, wie neuer⸗ dings von allerlei Profeſſorenköpfen ausgeheckt wurde, als das Nonplusultra uns anpreiſt und in Bauſch und Bogen auch auf unſere Verhältniſſe und Zuſtände anwenden und dieſe nach jenen regeln will— ſo geſtehe ich ihnen doch bereitwillig zu, was ſie haben— das iſt: praktiſcher Verſtand und 163 Lebensweisheit. Und daß ihr Adel ſich ſtets aus dem edel⸗ ſten und geſundeſten Blut des Volkes aufs neue zu ver⸗ jüngen ſucht und auf dieſe Weiſe im Zuſammenhang mit ſeinem Volke bleibt und in ihm wurzelt, während wir noch immer ſind, was wir— hier zu Lande wenigſtens— ihm gegenüber urſprünglich waren: ein fremder Stamm und eine beſondere Kaſte— das finde ich ſo einzig richtig und erſprießlich und nothwendig, Hans Adam, daß ich ſel⸗ ber darnach handle und jeden bedauexe, der mir bei Gele⸗ genheit nicht nachfolgt.— Ich ſehe ſeines Geſchlechtes unabwendbaren früheren oder ſpäteren Ruin vor mir.“ „Weiter,“ fragte Absberg nach einer Pauſe. Der Baron lächelte.„Was weiter?“ entgegnete er. „Uebertrage dieſe Gedanken und Anſichten auf unſern Fall, und wir ſind fertig. Du weißt es ſelbſt am beſten, daß der alte Haining ſo gut, wie ſeine Vorfahren, ein ehrenwerther Mann war, der ſeiner Zeit mit uns Beiden eigentlich auf freundſchaftlichem Fuße ſtand. Lebte er oder ſeine Tochter noch, ſo koͤnnten aus dieſer Ver⸗ wandtſchaft, wie unſere Zuſtände einmal ſind, allerdings Inkonvenienzen entſtehen, die nicht angenehm. Aber die Familie iſt ausgeſtorben bis auf Ruprecht, und es kann daher auch von dieſer Seite niemand Anſtoß an ſeiner demnächſtigen Stellung nehmen. „Mein einziges Bedenken, nachdem alle Vorbedin⸗ gungen ſo günſtig erſchienen, war Diana's zukünftige 11* 5 164 Stellung,“ fuhr er fort.„Du weißt, was ich früher, be⸗ vor Ruprecht auftauchte, ihr zuzuwenden entſchloſſen war, und obſchon das außer mir niemand angeht, empfand ich dies Aufgeben meiner alten Pläne doch faſt wie ein dem Kinde angethanenes Unrecht. Nun habe ich aber vor eini⸗ gen Wochen die Rechnungsabſchlüſſe über Merlins Ver⸗ mögensſtand erhalten. Die Verwaltung hat über alles Erwarten verdient, und wenn wir noch zwei gute Jahre haben, ſind die Schulden bis auf ein Minimum bezahlt und er tritt wieder einen Beſitz an, der dem urſprünglichen kaum nachſteht und Diana zum reichen Mädchen macht. Mein Privatvermögen, das ſeither gleichfalls ziemlich anwuchs, bleibt ihr ſelbſtverſtändlich bis auf den letzten Heller und endlich habe ich vorgeſtern mit dem alten Kam⸗ merherrn auf Hagen über den Kauf ſeines Guts abge⸗ ſchloſſen—“ „Sapperment, gehſt vor wie ein Huſar, ſag' ich!“ lachte der Bruder.„Aber haſt Recht,'s iſt ein Staats⸗ gut! Theuer?“„ „Davon ein andermal, Hans Adam. Genug, es iſt angekauft, wird auf Diana's Namen eingetragen, und ich werde die Beſtimmung treffen, daß die Kaufsſumme von den Revenuen der Baronin bezahlt wird. So war es be⸗ ſchloſſen, bevor ich wußte, daß das Kind vielleicht den⸗ noch als Herrin in der Abtei bleiben wird, und ſo ſoll es auch jetzt bleiben. Ich will ihre Zukunft unter allen 165 Umſtänden ſo geſichert ſehen, wie es einem Menſchen möglich iſt.“ Es herrſchte ein ziemlich langes Schweigen zwiſchen den Beiden, bis Absberg endlich, den Bruder launig an⸗ blickend, bemerkte:„Mich ſcheinſt Du bei Deiner Berech⸗ nung vergeſſen zu haben, Großer?“ Der Baron lächelte ihn innig an.„Das hab' ich nicht, Hans Adam,“ gab er zur Antwort.„Ich weiß, daß Du das Kind liebſt wie ich. Aber ich weiß auch, daß Els⸗ beths Verwandte Anſprüche auf Deine— „Anſprüche? Daß ich nicht wuͤßte!“ fiel ihm Abs⸗ berg lebhaft in die Rede.„Können reichlich mit dem zu⸗ frieden ſein, was ſie bereits erhielten und dereinſt nach meiner Alten Ableben von ihr erben werden. Zurückfor⸗ dern werd' ich nichts, habe quittirt. Aber Wolden und was ich ſonſt habe, bleibt der Kleinen.“ „Hans Adam!“ „Ja was Hans Adam! Es bleibt ſo, habe auch mei⸗ nen Kopf, Herr Bruder Mönch! Sagte noch heut Nach⸗ mittag, als die Diana ſo vor mir aus dem Zimmer ging, zu meiner Alten:„Elsbeth, wenn wir auch ſo ein Kind hätten!“— Sie ſchalt mich dann zwar, daß ich die alte Noth niemals vergeſſen wolle, aber ich ſagt' es ihr und ſag' es Dir: kann das nicht!'s iſt ein unüberwindlich Gefühl, kein Kind zu haben und mag nur damit fertig wer⸗ den, wenn ich mich feſt an das herzige Kleinod, die Diana, ſchließe, und ſie halb und halb auch als mein anſehe.“ Er fuhr mit der Hand über die Stirn.„Vorbei!“ Er ſtand auf und ging langſam durchs Zimmer. „Und dieſe Heirath— wenn die beiden Leute wirklich zu⸗ ſammenkommen?“ fragte er nach einer Weile. „Mir däucht, daruber kann kein Zweifel ſein,“ lau⸗ tete des Barons Antwort.„Da ich einmal über den an⸗ dern, den Hauptpunkt, denke, wie ich's ausgeſprochen, ſchließt ſich in meiner Anſicht dies genau und leicht daran, und ich habe keine Sorge, daß Merlin anders denken könnte. Das werden wir aber bald erfahren, denn wie geſagt, ich ſchrieb ihm und auch hierüber. Vor allen Din⸗ gen muß ich mir aber jetzt einmal das ſcheue Kind vor⸗ nehmen.“ „Es iſt alles recht und gut,“ ſagte Absberg wieder nach einer Pauſe,„aber darauf mache ich Dich gefaßt— die Geſchichte wird einen furchtbaren Lärm machen und— den Adel haſt Du von A bis 3 gegen Dich.“ Der Baron ſtand gleichfalls auf und ſtand frei und zu ſeiner vollen Größe aufgerichtet vor dem Bruder. „Das mag ſein,“ redete er mit ruhigem Stolz,„aber es hindert mich nicht. Auf ſolches Aufſehen, auf ſolchen Widerſtand muß jeder gefaßt ſein, der etwas Neues auf⸗ bringt, mag's recht ſein oder nicht. Ich weiß aber, daß mein Wille und mein Handeln die rechten ſind. So mag kommen, was will,— und im Uebrigen,“ ſchloß er be⸗ 167 wußt und feſt,„glaub' ich an Deine Prophezeiung noch nicht einmal. Ich hab's erſt kürzlich wieder erlebt— der große Baron ſteht nicht allein. Sie ſehen und hören noch auf ihn.“ VIII. Frühlingsanfang. Die Tage gingen einmal wieder ganz ſtill über die Abtei und ihre Bewohner hin; von Ausflügen oder Be⸗ ſuchen war noch weniger die Rede als ſonſt, denn die Wege waren größtentheils grundlos! jetzt kam ſelbſt Hans Adam nicht herüber und der Baron ging nur ſelten ins Dorf und zu dem Wirthſchaftshofe; er ließ ſich daheim rapportiren und beſtimmte von da aus. Die Kälte hatte für dieſe Küſtengegend ſo hart und anhaltend geherrſcht, wie man es ſeit manchen Jahren nicht erlebt hatte. Sie ſteigt hier ſelten oder nie zu Gra⸗ den, wie ſie ſchon ein paar Stunden tiefer im Lande für die Wintermonate die gewöhnlichen ſind, und noch ſeltener gehen Wochen hin, ohne daß ein jäher Wechſel ihr das mildeſte Wetter folgen läßt. Im Winter von 1830 auf 1831 hatten aber Januar und Februar und ſelbſt noch * 168 der Anfang des März nichts als Froſt gebracht, und der weite Meerbuſen, in dem Engelsöͤe liegt, hatte ſich, wie wir wiſſen, an den Küſten wenigſtens nach und nach mit Eis überſpannt, ſo daß Diana es wagen konnte, den kür⸗ zeſten Weg nach Wolden über dieſe temporäre Brücke zu nehmen. An jenem Abend war, nachdem der Wind vom Nachmittage ſich gelegt, die Kälte am grimmigſten gewe⸗ ſen, nach dem Abendeſſen hatte ein prachtvolles Nordlicht die Geſellſchaft noch hinausgelockt, allein ſie waren als⸗ bald wieder zurückgeeilt, und ſelbſt Absberg hatte ge⸗ meint: einer ſolchen Kälte erinnere er ſich aus den erſten Märztagen nicht. Sie müſſe nun aber auch brechen. Und er hatte recht gehabt. Noch in derſelben Nacht wurden alle Bewohner durch die furchtbaren Stöße er⸗ weckt, mit denen der plötzlich umgeſprungene Wind die feſten Mauern des alten Hauſes prüfte; als der Morgen kam, ſahen ſie durch die ſchweren Regenſchauer die See draußen jenſeits des Eisfeldes in der wildeſten Aufregung, und durch den Meeresarm, welcher Engelsöe vom feſten Lande trennt, ſchoß ein hoher brauſender Strom, der die weiße Decke ſtöhnen und krachen und gefährlich ſich heben ließ, ſo daß Absberg nur mit aller Vorſicht und gegen den Willen ſeines Bruders hinüberfahren konnte.„'s hilft nicht und muß ſein!“ hatte er geſagt.„Kann meine Alte nicht ſo allein laſſen, würde ſich zu ſehr ängſtigen. Mor⸗ gen ſitzt Ihr hier vielleicht ganz feſt— auf Wochen.“ 169 So arg war es freilich nicht geworden. Der Wechſel war zu gewaltſam und der Südwind brauſte zu furchtbar, um dem Eiſe viel Zeit zu laſſen. Einer jener Stürme, deren Gewalt uns ſchon tief im Lande zwiſchen all' den Schutzwällen der Hügel und Wälder und Städte erſchreckt, brauſte mit ſeinem vollen Ungeſtüm über die Küſte und das Meer dahin, und als am vierten Tage die Sonne klar aufging und ein luſtiger kecker Wind die letzten Dünſte und Wolken verjagte, rollte die See zum erſtenmal wie⸗ der mit blauen, kühlen, friſchen Wogen, als ſeien auch ſie aus der Winterruhe erwacht; das Eis war bis auf wenig Reſte am Strande verſchwunden, das Land lag ſchwarz, und der Saft begann ſich in den Bäumen zu regen. Es ging trotz allen noch eintretenden Pauſen auch gleich raſch vorwärts, und acht Tage ſpäter blühten Schneeglöck⸗ chen und Leberblumen, die Croeus hoben ſich fröhlich aus dem ſchwarzen Boden, an den Raſenhängen des Parks, wo die Sonne kräftig wärmte, ließ ſich ſchon ein vor⸗ witzig Veilchen finden, und die Geißblattranken, welche die Gewächshäuſer umwoben, bekleideten ſich mit leuch⸗ tend grünen Blätterbüſcheln. Es war, als wolle die Na⸗ tur den Menſchen den harten langen Winter auf das Hei⸗ terſte und Liebevollſte vergüten, ſo regte und rührte ſich alles, ſo ſonnige Tage, ſo milde Nächte zogen über Land und Meer herauf und hinunter. Und ſo oft die Bewohner der Abtei es auch ſchon ähnlich erlebt— ein ſolcher Vor⸗ 170 frühling iſt nicht ſo gar ungewöhnlich in dieſen feuchten und milden Küſtenſtrichen, welche gegen die landeinwärts gelegenen Gegenden, wie ſchon angedeutet, nicht nur im Erwachen, ſondern auch im Abſterben der Vegetation gar ſehr bevorzugt ſind— ſelbſt die Alten wußten nicht von vielen gleich ſchönen Jahren zu ſagen, und Diana zumal war's, als hätte ſie noch nie ein ähnliches erlebt. Das hatte ſie auch noch nicht. Noch niemals hatte ſie mit ſo leuchtenden, lächelnden Blicken das erwachende Le⸗ ben der Natur beobachtet, noch niemals war das rege fröhliche Treiben, Knospen und Grünen, das ſonnige Blau der Höhe, das frohe Wehen ſpielender Lüfte, das Rau⸗ ſchen der weiten leuchtenden See zuſammengetroffen mit dem immer kräftiger, immer beſeligender erwachenden Le⸗ ben ihres Innern, mit all dem Ahnungs⸗ und Sehnſuchts⸗ vollen, mit all dem Scheuen und Süßen einer jungen hof⸗ fenden Liebe. Keine Zeit des Jahrs iſt der jungen Liebe ſo hold, keine erfüllt das hoffende Herz mit ſolchem ſehn⸗ ſüchtigen Glück wie der erwachende Frühling, und wem es ſo wohl geworden, der hat— von Uranfang der Menſchheit her— das ewige Lied ſich durchklingen hören, dem Heine nur einmal Worte gegeben: „Es liebt ſich ſo lieblich im Lenze!“ Das Gepreßte und Starre, das ſie damals beherrſcht, als ſie ſich zuerſt darüber klar geworden, was ſie für Rup⸗ recht füͤhle, und das dem jungen Manne aus jedem Worte 171 des Abſchieds traurig entgegenklang und in ihr ſelbſt während des langen Winters immer noch nachwirkte,— es war nun von ihr abgefallen, wie ein dunkles winterli⸗ ches Kleid, und der ſchwere Druck, die ſtumme ernſte Faſ⸗ ſung, das reſignirte Harren und Warten waren ver⸗ ſchwunden, die ſie ſeitdem niemals verlaſſen und ſie kühl und ſchweigſam hingehen und die Tage hatten durchleben laſſen, wie eine Pflicht, der man ſich nicht entziehen konnte. Es war eine ſchwere Zeit für ſie geweſen und dennoch auch wieder eine gute heilſame Zeit. Denn der rechten Liebe ſchaden Druck und Noth und Stürme nicht, ſie erſtarkt vielmehr erſt darin zu ihrer vollen, für das ganze Men⸗ ſchenleben ausreichenden Kraft und regt, wenn ſie endlich freie Luft und freie Bahn findet, nur deſto fröhlicher, kräftiger und leichter ihre Flügel. Das Mädchen war in dieſer Zeit unendlich anders geworden. Es war nicht mehr das ſchöne heitere Kind von vordem, ſondern ein vollendeter Menſch, voll Innigkeit und Kraft, fähig das Glück des Lebens zu ertragen und ſiegreich auch ſeine Noth zu beſtehen, wie es ihm geboten werden mochte. Und ſeit der Ankunft des Lenzes war nun auch Frieden, Hoff⸗ nung und Glück in ihr erwacht! Sie vergaß es im Leben nicht, wie ihr die Kraft und der Muth, die ſie Ruprecht damals verheißen und die ſie ſich ſelber zugetraut, nun da der Kampf begann, dem Groß⸗ vater gegenüber entwichen waren. Der alte Mann war 172 ihr, zumal im Vertreten jenes unwillkommenen Antrags, ſo fremd geweſen!— Sie vergaß es im Leben nicht, wie ſie dann ſo zweifelnd und ſchwankend zwiſchen neuer⸗ wecktem Vertrauen und Bangen mit dem Onkel nach der Abtei zurückgefahren war, getröſtet durch das Ausſprechen gegen die Verwandten und deren beruhigende und ſtär⸗ kende Worte, und doch voll Scheu vor dem, was ihr da⸗ heim aufs neue mit dem Großvater bevorſtehen möchte! Wie es ſie durchſchauerte, als ſie ſich ſo heiter von ihm empfangen ſah! Wie ſie den ganzen Abend geharrt, in Angſt zugleich und in Hoffnung, daß ſie gerufen werde und Rede ſtehen müſſe! Wie ſie— es erklang ja kein Ruf und der Tag verging ohne ein Wort, ſelbſt ohne die leiſeſte Anſpielung— unter dem gewaltigen Sturmes⸗ brauſen der Nacht den neuen Morgen herangewacht und aufs neue die Stunden vergehen ſah in der gewohnten ſtillen Weiſe.— Wie endlich, als der Onkel abgefahren war und ſie wieder einſam und träumend in ihrem Zim⸗ mer weilte, die Thür plötzlich aufging und der Großvater eintrat, ſich lächelnd in dem ihm faſt unbekannten Raume umſah, die Blumen muſterte und die Vögel in ihren Kä⸗ figen zwiſchen den Rankenguirlanden, welche üppig grünend das Fenſter umſponnen hielten. „Iſt's erlaubt?“ hatte er wieder lächelnd gefragt und dann Platz genommen in der Sophaecke und die En⸗ kelin herangewinkt und ihre Hand ergreifend und in die 173 geſenkten Augen ſchauend geſagt:„nun, kleiner Starr⸗ kopf, was wird's jetzt mit uns Beiden?“ Sie vergaß es im Leben nicht!— „Großvater!“ ſtammelte ſie noch immer geſenkten Blicks und mit glühenden Wangen, befangen und doch voll zagenden Gluͤcks, denn wie er war und redete, konnte ihr das Uebles deuten? „Ja, Dein Großvater,“ verſetzte er launig,„der Dich geliebt, ſeit Du auf der Welt, und Dich verzogen und ge⸗ hätſchelt und ſich eingebildet, das Kind liebe keinen Men⸗ ſchen auf der Welt mehr als ihn und habe zu keinem mehr Vertrauen, und wiſſe von keinem beſſer, weſſen es ſich zu ihm zu verſehen habe,— und der nun—“ „O Großvater, quäle mich nicht!“ flehte ſie halb lachend, halb weinend und ſetzte ſich ihm auf die Knie und legte die ſchlanken Arme feſt um ſeinen Hals und das blonde Köpfchen an ſeine breite Bruſt. „Laß mich gehen, Du Schlange!“ ſprach er mit kaum unterdrücktem Lächeln und that, als wolle er ſie abwehren. „Singe Deine ſchmeichleriſchen Zauberworte anderen Oh⸗ ren vor, meine ſind gefei't!— So ſeid Ihr Frauen! Zu⸗ erſt machet Ihr Unſinn und reizt uns zum Zürnen, und dann hinterdrein bethört Ihr uns wieder mit einer lieblichen Unſchuldsmiene, oder thut gar, als ſei kein Menſch ſo frei von Sünde, ſo ſehr im Recht wie Ihr!“ 174 „O Großvater, was hab' ich Dir denn aber auch gethan, Dir, den ich ſo unmenſchlich lieb habe?“ Sag' ich es nicht? Fängſt Du nicht gerade ſo an, wie all' Deine Schweſtern? Gott weiß, wer es Ench lehrt, Ihr kleinen Hexen;— Was Du gethan, fragſt Du mich? Iſt das nichts— hinter meinem und der Deinen Rücken ſolche Geſchichten anzufangen, Dein Herz zu verlieren an einen Fremdling, einen Gaſt von wenig Tagen,— Dir etwas in den Kopf zu ſetzen, was vermuthlich gar nicht vorhanden—“ Sie erhob raſch den Kopf, ſie ſah ihn feſt und ernſt, treu und offen an.„Du irrſt, Großvater,“ ſagte ſie;„ich weiß mich frei von Träumen und Einbildungen, ich „Laß mich ausreden, Trotzkopf!“ unterbrach er ſie, und je weiter er nun redete, deſto ernſter wurde er, wenn auch ſein Auge milde auf ſie blickte und ſeine Stimme warm und freundlich klang.„Iſt das nichts, ſage ich, ſich etwas in den Kopf und ſo feſt in den Kopf zu ſetzen, daß Du an nichts Anderes mehr denken, daß Du von nichts Anderem mehr hören willſt, daß Du des Fremdlings wegen mit allem brichſt, was Dir bisher für etwas gegolten, mit den Anſichten Deines Standes und der Deinen, mit Dei⸗ ner ganzen Stellung, ja ſogar mit den Deinen ſelber? Daß Du kein Vertrauen haſt zu mir, Deinem Großvater, mich auf Dich einreden läſſeſt, ohne mir zu ſagen, daß ich umſonſt rede, und endlich ſtarrſinnig davonläufſt, als drohe 175 Dir hier Gott weiß was für ein Unglück, als müß⸗ teſt Du in der Abtei dem eiſernſten Zwange unterlie⸗ gen? Iſt das nichts? Iſt das recht, Diana, mein liebes Kind?“— Sie ſaß geſenkten Hauptes und wagte erſt nach einer langen Pauſe aufzublicken, demüthig und innig zu dem milden Auge des Alten. Dann legte ſie aufs neue und feſter den Arm um ſeinen Hals und ſagte:„Ja Groß⸗ vater, das alles war unrecht. Aber, ſo wahr mir Gott helfe, ich konnte nicht anders, ich mußte Ruprecht lieben, und an Dir war ich irre geworden— verzeih' es mir! Als ich Dich des Grafen Werbung ſo ernſt befürworten hörte, ſchnürte ſich mir das Herz zuſammen, ich vermochte Dir die Wahrheit nicht zu ſagen. Für meine Liebe konnte und kann ich kämpfen; aber daß ich dabei mich einer an⸗ dern, daß ich mich Deiner erwehren müſſe, hatte ich nicht gefürchtet. Das lähmte mich. Ich wußte ja auch nicht, wie Du über Ruprecht dächteſt, Du haſt niemals mehr von ihm vor mir geredet.“ Der Baron nickte mehr vor ſich hin als daß es ihr gegolten hätte.„Es mag etwas Wahres daran ſein,“ bemerkte er dann.„Es iſt von dem jungen Manne aller⸗ dings niemals die Rede geweſen zwiſchen uns, ohne daß ich dies zu erklären vermöchte. Denn Dir gegenüber, mein liebes Kind, hätte ich ſicher nicht über ihn geſchwie⸗ gen. Aber wir wollen das jetzt alles ruhen laſſen,“ fuhr 176 er fort und nahm ihre Hand und ſchaute ſie mit ſeinem durchdringendſten Blicke an;„ſage mir die volle Wahr⸗ heit, mein Kind, denn nur dann vermag ich mein Thun und Handeln vielleicht mit Deinen Wünſchen in Einklang zu bringen— Du liebſt den jungen Mann, der ſich Ruprecht Münch heißt?“ „Ja, Großvater,“ verſetzte ſie einfach. „Du weißt, daß auch er Dich liebt, Diana?“ fragte er weiter, mit dem gleichen Blick, demſelben Ton. „Ja, Großvater, das weiß ich; Ruprecht liebt mich,“ ſagte ſie wieder. „Hat er das damals, als er hier war, gegen Dich ausgeſprochen, mein Kind?“ „Wie Du es nimmſt, Großvater,“ entgegnete ſie mit melancholiſchem Lächeln, denn jener Morgen mit all' ſeinen Einzelheiten trat ſo klar vor ihre Augen.„Im Grunde muß ich Deine Frage mit nein beantworten, und dennoch ließ er mich's merken, was er für mich fühlte. Allein es geſchah gegen ſeinen Willen, und wie er dann ſo mannhaft zu mir redete, ſein Gefühl nicht entſchuldigte, aber mir verhieß, es werde mir nie zu nahe treten, er werde es überwinden in der Ferne— wie er das ſagte, ſo ruhig, ſo ſchlicht, ſo ernſt und feſt— das hat mich mehr für ihn gewonnen als meine eigene Liebe, die ich wohl fühlte. Es zeigt mir, daß meine Liebe nicht irre gegan⸗ gen, daß ſie berechtigt ſei, daß ich Ruprecht mein Geſchick, * 477 mein Herz ruhig anvertrauen dürfe. Er iſt der Mann mich zu tragen, zu ſtützen, zu ſchirmen, mich glücklich zu machen, Großvater, und durch mich glücklich zu werden. und weil ich vorausſah, daß uns möglicherweiſe eine lange Trennung und mir vielleicht ein ernſter Kampf bevorſtehen könne, hab' ich ihn und mich dafür ſtählen wollen und ihm zum Abſchied— denn das alles war am letzten Mor⸗ gen— geſagt, daß ich ihn nicht verwürfe, ſondern die Seine ſei und bleibe, möge kommen, was wolle. Und,“ ſetzte ſie mit eben ſolcher ruhigen und, man möchte ſagen: freundlichen Entſchloſſenheit hinzu„man hat mir geſagt: „Absbergiſch Wort gilt hier und dort“— Großvater, und ich bin auch eine Absberg.“— Der alte Herr ließ eine geraume Zeit vergehen, be⸗ vor er, nachdenklich ſie anſchauend, fragte:„Seid Ihr im Briefwechſel?“ „Das ſind wir nicht,“ entgegnete ſie offen.„Er wollte mir nicht ſchreiben und hat's gehalten. Wir wiſ⸗ ſen ſeit damals nichts von einander, als was mein Vater mir in ſeinen drei Briefen von ihm geſagt und aus mei⸗ nen Antworten ihm vielleicht mitgetheilt hat,— Grüße, lieber Großvater, nichts weiter. Doch das iſt ganz ge⸗ nug, ſehe ich jetzt ſelber ein. Wir müſſen auf eine allmä⸗ lige Entwickelung warten und können das. Sicher ſind wir einander. Als wir neulich in der Stadt waren und ich meinen Vater ſah, hab' ich dem bekannt, wie es mit 1816. 9 Der große Baron. II. 8 1² 178 uns ſteht. Er ſchien ſo etwas aus meinen Briefen geahnt zu haben und deutete darauf hin.“ „Und wie nahm er dieſe Mittheilung auf, Diana?“ „Freundlich, Großvater; er fand es wenigſtens nicht ausſichtslos und meinte: er ſelber werde um ſo weniger dagegen haben, da er Ruprecht höher achte als irgend ei⸗ nen andern jungen Mann ſeines Alters. Die Haupt⸗ ſtimme hätteſt aber Du, und wie Du Dich ausſprechen werdeſt, wolle er nicht zu entſcheiden verſuchen.“ „Hat er Dir nicht geſagt, wie ich über Ruprecht dächte?“ „Nein, Großvater. Er ſagte nur, es gäbe da noch manches Andere, was bei unſerer Angelegenheit in Be⸗ tracht kommen würde. Er durfte Dir nicht vorgreifen.“ Der Baron nickte.„Er hatte Recht,“ meinte er und fragte erſt nach einem augenblicklichen Nachdenken weiter:„Und er hatte Dir auch nichts davon mitgetheilt, daß und wie Ruprechts Stellung ſich demnächſt vollſtän⸗ dig verändern möge?“ „Nein, Großvater.“ „Biſt Du gar nicht neugierig, Kindchen?“ fragte er und ſchaute ſie mit dem woͤhlwollendſten, faſt zärtlichen Lächeln ſeines großen milden Auges an. Sie erwiderte innig den Blick.„Nein,“ ſprach ſie kopfſchüttelnd.„Wozu, lieber Großvater? Unſere Stel⸗ lung zu einander kann dadurch nicht verändert werden.“ 179 Er lächelte noch launiger und recht eigentlich ſchmun⸗ zelnd, indem er bemerkte:„Aber Du weißt doch, was er über ſeine Neigung zu ſeinem Stande ſagte, einem Sol⸗ daten gebe ich Dich nicht, Diana!“ Sie ſchüttelte heiter den Kopf.„Ich weiß, Groß⸗ vater,“ antwortete ſie.„Aber ich weiß auch, was er hin⸗ zuſetzte— nur etwas Gewaltiges, Zwingendes könne ihn jemals davon abbringen. Und das iſt da! Die Liebe zu mir zwingt ihn! Er liebt mich mehr als ſeinen Stand, als alles, Großvater.“ „Und noch Eins, Diana,“ ſprach er— es war doch Ernſt in ſeinem Lächeln—„er iſt Künſtler, er iſt an ein freies, umherſchweifendes Leben gewöhnt.— Glaubſt Du im Stande zu ſein, ihn auch das vergeſſen zu laſſen?“ „Ja, Großvater, auch das. Mein Vertrauen zu ihm und mir und unſerer Liebe iſt unerſchütterlich. Und was ich im Herzen habe,— es täuſcht und betrügt mich nicht!“. „Warte,“ hatte er da nach einem langen innigen Blick geſagt, war aufgeſtanden, durchs Gemach ein paar⸗ mal hin und her gegangen, dann zur Thür des Seiten⸗ zimmers geſchritten, welches Diana als Garderobe und zuweilen als Arbeitszimmer für ihr Mädchen benützte, und als er ſie ziemlich raſch geöffnet hatte, ſah Diana ein ſpottiſch Lächeln über ſein Geſicht gleiten und hörte ihn ſagen:„Ei, ei, Mamſell, bedient ſie jetzt meine Enkelin 12*½ 180 auch und hat doch ſchon bei meiner Tochter ſo viel zu thun?“— Und Henriettens Stimme antwortete:„Ich ſollte das Fräulein nach etwas von der Frau Mutter fra⸗ gen, gnädiger Herr.“ Diana war halb erſchrocken, halb entrüſtet aufge⸗ ſprungen, aber ſie wagte nicht den Großvater zu unterbre⸗ chen, der noch immer in der Thür ſtehend, jetzt mit gefal⸗ teter Stirn weiterſprach:„Da zog ſie es aber vor, einſt⸗ weilen ein wenig zu horchen? Nun, damit das alte Sprichwort an ihr nicht zur Unwahrheit werde, will ich ihr doch ſagen, daß ich Spione auf Engelsbe nicht dulde. Richte ſie ſich darnach ein und— da iſt die Thür.“ Dann war er zurückgekommen, hatte, als wäre nichts Beſonderes vorgefallen, wieder Platz genommen, Diana herangewinkt und ihr darauf in gedrängten Worten die Hauptpunkte deſſen mitgetheilt, was er über ihre und Ruprechts Zukunft beſchloſſen hatte. Das Geſpräch hatte trotzdem ziemlich lange gewährt. „Was aus Dir und ihm wird, mein Kind,“ ſchloß der alte Herr endlich,„weiß ich natürlich nicht zu ſagen. Es iſt Eure Sache und nicht meine, zu einer endlichen fe⸗ ſten Entſcheidung zu kommen. Nur ſo viel weißt Du jetzt— Ihr habt mich ebenſowenig wie Deinen Vater gegen Euch, und wenn daher ihr ſelber Euch findet, ſo wird es aller Wahrſcheinlichkeit nach nur an Dir liegen, ob Du als Schloßfrau in der Abtei dereinſt gebieten willſt. Was 181 die Sache mit dem Hugo Herzfeld betrifft, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß nicht mehr davon die Rede, um ſo mehr, da nach dem, was ich ſonſt darüber erfahren, auch mir an dieſer Verbindung nicht gelegen ſein kann. Deine Mutter wird Dich vermuthlich bald nach Deiner Anſicht fragen. Rede Dich dann offen aus und verweiſe ſie im Uebrigen an mich. Ich brauche Dir aber wohl nicht zu empfehlen, daß Du über meine Pläne mit Ruprecht fürs erſte noch ſchweigſt. Man ſoll das Fell nicht eher ver⸗ kaufen, als man den Bären hat,“— ſetzte er lächelnd hinzu.— Diana ſchaute lange ſinnend vor ſich hin, bevor ſie endlich die Augen aufſchlagend, zögernd und hörbar ge⸗ drückt, ſagte:„Aber meine Mutter, Großvater? Sieh, freuen kann ich mich nicht, im Gegentheil, mir iſt banger als bisher. Ich hätte, glaub' ich, eher den Unwillen von Euch allen ertragen und Eurem Widerſtande getrotzt, als jetzt dieſem einzelnen allein. Sie wird niemals einwilli⸗ gen, Großvater!“ Da war er aufgeſtanden, hatte ihr die Hand auf das Köpfchen gelegt und lächelnd geantwortet:„Geduld, Ver⸗ nunft und Zeit, das ſind drei edle Sachen!— Ueberlaſſe das uns, mein liebes Kind. Leicht möglich, daß auch Deine Mutter ſich von der Unvermeidlichkeit des Nach⸗ gebens überzeugen läßt. Jetzt kleide Dich an, es muß gleich Eſſenszeit ſein— und ſei heiter und— mache keine 182 Streiche wie geſtern!“ Er beugte ſich zu ihr nieder, küßte ihre Stirn, und verließ das Zimmer. Das war auch der Morgen geweſen, der auch in ihr den Lenz wach gerufen hatte und den ſie im Leben nicht vergeſſen zu können meinte, und ſie war ſeitdem geworden wie wir es oben geſagt— friedvoll, hoffnungsreich und glücklich bis ins Herz hinein.—— Wie war der Tag ſo ſchön, wie ſpannte ſich der Himmel ſo blau über dem ſchweigenden Park mit ſeinen noch dunklen und ſtillen Bäumen und den fröhlich und üppig knospenden Büſchen, wie golden lag der Sonnen⸗ ſchein auf dem grüner und grüner werdenden Raſen, wie lächelte und blitzte, wogte und murmelte die See heran und hinaus, wie mild wehten die Lüfte, als ſei's nicht ein Tag des März, ſondern einer des Mai in ſeiner voll⸗ ſten Schönheit! Der Großvater, der das Mädchen vor⸗ hin ein Stückchen in den Park begleitet, aber bald wieder umgekehrt war, um noch nach Moͤnkewitz hinüberzureiten, hatte zu alledem zwar den Kopf geſchüttelt und gemeint, es könne übel genug werden, wenn nach dieſem gewaltſa⸗ men und unnatürlichen Treiben der Winter noch einmal auch nur flüchtig hereinſchaue, daran könnten die Hoffnun⸗ gen des ganzen Jahres zu Grunde gehen.— Aber Diana ließ ſich dadurch nicht beirren. Sie nahm dankbar und innerlich jubelnd alles hin, wie es war, erquickt und be⸗ ſeligt von dem Frühling draußen und von dem Lenz im — 183 Herzen. Und ſie wußte ja ſicher— dem letzteren konnte kein Winter mehr kommen und kein Froſt konnte ihn fortan erſtarren laſſen. Sie hatte Veilchen gepflückt am Hügel und war dann weiter und weiter hineingeſchritten in den Park, glücklich träumend,— die Alleen kreuzend und dann in den Steig hinein, der zu jenen einſamen Plätzchen am Strande führte, deſſen ſich die Leſer noch von Rnprechts erſtem Gange her erinnern. Es war rings ſo ſtill, und ſie war nur dem alten Gottlob begegnet, der von ſeiner„Auslüf⸗ tung“ kam, und hatte freundlich ſeinen Gruß erwidert. Und dann hatte ſie dort am Strande geraſtet und war nun endlich im Belvedere angelangt, wo ſie an die Brü⸗ ſtung gelehnt, jetzt ſo recht friedensvoll, ſo recht ſelig und innig hinausträumte. Die Fläche, über die ſie vor wenig mehr als vierzehn Tagen auf dem leichten Schlitten da⸗ hin geglitten, lag nun heiter bewegt, im blauen, golddurch⸗ ſchimmerten Gewoge vor ihr. Die Schloßgebäude von Wolden, die neulich kaum erkennbar geweſen in der trü⸗ ben Luft des winterlichen Tags, erſchienen heut' weiß und freundlich im vollen Sonnenglanz und zeigten die Rei⸗ Pen der bald wieder in ihre Rechte tretenden Sommer⸗ äden.— Der gute Onkell die liebe alte Tante! dachte das Mäd⸗ chen zärtlich. Heut' wäre es Zeit, ſie wieder einmal zu überraſchen.— Eine Bootsfahrt müßte himmliſch ſein! 184 Es legten ſich zwei Hände vor ihre Augen, zwei wei⸗ che und doch feſte Hände. Sie erſchrack wohl, denn ſie hatte in ihrem Schauen und Träumen ja niemand kom⸗ men hören. Aber ſie lächelte dennoch— wer konnte das ſein? Es gab ſo wenige, die einen ſolchen Scherz mit ihr machen durften! War's der Großvater? Onkel? Ho⸗ henfeld? Denn ein Mann mußte es ſein. „Ich rath' es nicht,“ ſagte ſie lächelnd. Die Hände ſanken herab, ſie fühlte ſich feſtgehalten und leiſe herumgedreht. Sie ſchaute auf, ſie ſtarrte ihn an, der ſie hielt, ſie ward roth und blaß, ſie ſtarrte ihn an, ungläubig, wie betäubt.—„Ruprecht,“ ſagte ſie ſo gedämpft, gepreßt, als ob ihr Herz ſtocke und der Athem ſie verlaſſe. 1 „Hab' ich Sie ſo erſchreckt?“— fragte er leiſe, faſt traurig, aber ohne ſie aus ſeinen Armen zu laſſen. Und da brach ein Strahl von Glück und Seligkeit aus ihren Augen, ſie ſchlang beide Arme um ſeinen Hals und küßte ihn mit einem langen, heißen, feſten Kuß auf den Mund, und als ſie dann das Köpfchen zurückbeugte, ſprach ſie mit ſüßem, wonnigem Lächeln:„Da haſt Du meine Antwort, böſer Menſch!“ Er nahm ihren kleinen blonden Kopf zwiſchen ſeine Hände, er lehnte die Stirn an die ihre und ſchaute tief und lange, leidenſchaftlich und wehmüthig in die großen treuen Augen, und dann küßte er dieſe Augen und die 185 Stirn, und indem er nun erſt ſein Haupt wieder erhob, brach es jubelnd aus ſeinem Herzen:„Mein Glück, mein Segen, mein Hoffen, mein Leben, meine einzige— eigene Diana!“ Unter ſeinem Kuß hatten ſich ihre Augen mit Thrä⸗ nen gefüllt, aber ſie lächelten ihn nur inniger und ſeliger durch dieſelben an, und während ſie die Hand liebkoſend über ſeine gebräunte Wange gleiten ließ, ſagte ſie tiefbe⸗ wegt:„Haben Sie mich denn wirklich ſo lieb, Ruprecht, und haben Sie ſich ſo nach mir geſehnt?“ Er ſchüttelte leiſe den Kopf und auch ſein Auge war feucht.„Nein, ich habe Sie nicht lieb, Diana,— ich liebe Sie ſo, daß ſich mein ganzes Weſen, Sein und Leben in dies eine allmächtige Gefühl verloren hat,“ re⸗ dete er, und die Bewegung dämpfte ſeine Stimme.„Und die Sehnſucht?— O Kind, Sie wiſſen wohl— ich ver⸗ maß mich damals, alles zu beſiegen und zu verwinden. Und obſchon Sie das nicht wollten, obſchon Sie mir die ſüßeſte Gewißheit mitgaben, rang ich doch darnach, denn nach dem, was ich zuletzt an jenem Morgen erfuhr, hatte ich keine Ausſicht, keine Hoffnung. Allein ich verwand es nicht und ſchelten Sie mich immerhin einen Schwäch⸗ ling, ich ſchäme mich dieſes Gefühls nicht— und mein Herz war krank nach Ihnen.— Oh,“ fuhr er fort und zog ſie feſter an ſich und ſchaute ihr mit leuchtendem Blick, mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit in die Augen,„und nun 186 dieſe Nachrichten— Schlag auf Schlag— dieſer unver⸗ muthete, ungeſuchte Urlaub, und dann Ihres Vaters freundlicher Brief, der von Ihrem Bekenntniß ſprach, und das Beſte verhieß! Und dann des Barons Schreiben mit der Aufforderung, ſogleich herzukommen— und dann dieſe Reiſe, Diana, ſtürzend, bei Tag und Nacht,— das Herz erfüllt von qualvoller Ungeduld und von jubeln⸗ dem, endloſem Glück— denn das alles konnte ja zu nichts Traurigem führen!— Und nun hier, mit Ih⸗ rem Großvater— hinaus in den Park— durch die altbekannten Wege— und hier—!— Oh, Diana, mein Glück, mein Segen, mein Hoffen und Leben, meine—“ er beugte ſich nahe zu ihr und flüſterte es nur—„meine Braut!“ Es verging eine lange Zeit, bis ſie ſich aus ſeinen Armen aufrichtete, aber ihre Hände blieben auch jetzt noch feſt zuſammen geſchloſſen und die Augen ruhten tief in einander mit allen Blicken. Und wie er ſo unerſätt⸗ lich und bewegt die geliebten Züge fort und fort durch⸗ ſpähte, die glühenden Wangen, die lächelnden Lippen, das gaanze holdſelige, glückdurchſtrahlte Geſicht, da ſagte ſie endlich mit dem träumeriſchen, kindlich ſanften Blick: „Ich faſſe es noch kaum, Ruprecht! Ich habe gerade heut Morgen ſo viel an Sie gedacht, und nun ſind Sie da, als hätten meine Gedanken Sie herbei getragen! Es iſt wie ein Märchen!“ 187 „Ja, wie ein Märchen!“ wiederholte er gleichfalls im träumeriſchen Ton.„Ich, Diana, ich faſſe es noch weniger als Sie! Alle Schatten verkörpern ſich vor mir und alle Träume gewinnen Leben!“ Sie legte noch einmal ihre Hand an ſeine Wange, dann aber trat ſie vollends von ihm zurück und ſprach lächelnd:„So dürfen auch wir nicht länger träumen, mein einziger Freund. Sagen Sie mir— hat mein Großvater Ihre Ankunft gewußt?“ „Nein,“ erwiderte er und lachte mit ſeiner vollen früheren Heiterkeit,„nein, einzige Diana! Und da ich in Monkewitz vom Wagen ſtieg, die Fähre gebrauchte, hinter der Allee herum und durch das Souterrain hereinſchlüpfte, ſo kam ich wie ein Dieb ins Haus und zu ihm in ſein Zimmer. Er erſchrack— aber es beglückte mich ſehr zu ſehen, daß es ein froher und zufriedener Schreck war. Und wie er mich empfing, es beglückte mich wieder und über alles!„Ruprecht— Du?“ ſagte er.„Dich hätte ich ſo ſchnell nicht erwartet, mein Kind! Aber es iſt nur um ſo beſſer; ſo geht alles in Einem hin.“ Und dann umarmte und küßte er mich— väterlich, oh Diana! Und als ich ihn wie vordem anredete, meinte er, ich ſolle ihn nur Groß⸗ vater und Du heißen; das Eine ſei er und wolle es ſein, und das Andere ſei die alte Sitte bei den Absberg, der auch ich mich fügen müſſe.“ „Der gute alte Großvater!“ ſagte ſie mit tiefem — 3 — ů— 188 Gefühl und feuchten Augen.„Oh, Ruprecht, Sie glau⸗ ben nicht, was das für ein Mann iſt! Auch ich habe ihn ja erſt in dieſer Zeit kennen lernen.— Aber genug da⸗ von,“ brach ſie ab.„Es hat Sie alſo niemand geſehen, Ruprecht?“ Er ſchüttelte den Kopf.„Ich verſtehe Sie, Diana,“ verſetzte er mit ernſterem Blick.„Nein, es ſah mich nie⸗ mand als mein alter Paul und dem band ich Vorſicht und Schweigen auf die Seele. Er parirt, weiß ich.“ Sie legte einen Augenblick die Hand an die Stirn, bevor ſie gedämpft bemerkte:„Wir wollen uns dieſe Stunde nicht traurig machen, lieber Ruprecht. Sagen Sie mir lieber noch mehr vom Großvater und Ihnen. Hat er Ihnen ſchon mitgetheilt—“ „Angedeutet, Geliebte!“ unterbrach er ſie.„Mehr als ich bis jetzt zu faſſen vermag! Ich war aber zerſtreut, bekenne ich, doch ich vermochte mich nicht zu beherrſchen. Und als er das ſpürte, ſagte er lächelnd:„Nun, nachdem, was es zwiſchen Dir und jemand in dieſem Hauſe ſonſt noch gibt, brauche ich doch wohl nicht zu fragen, wie ich eigentlich wollte. Sie hat ſich, ſcheint's, nicht mehr in den Kopf geſetzt als Du ſelbſt. So geh' nur hin, Du Ungeduld, und ſuche ſie Dir auf. Sie iſt draußen, im Park. Dein Herz,“ ſchloß er lachend,„wird Dich ſchon auf den kürzeſten Wegen führen.“ Und da eilte ich hin⸗ aus, Diana, durch den kleinen Gartenſaal, die Terraſſe 189 hinab— und da traf ich Gottlob und erfuhr von ihm, daß Sie in dieſer Richtung an ihm vorübergegangen. Ich eilte— ich ſah Sie— ich ſtand und ſchaute Sie an, ich weiß nicht, wie lange.— Und endlich— oh Diana!“— Er zog ihre mit raſcher Herzlichkeit dargebotenen Hände leidenſchaftlich bewegt an die Lippen. Es verging wieder eine lange Zeit, ohne daß ſie ſich aus dieſem träumenden, ſeligen Anſchauen aufraffen und Aug' von Auge, Hand aus Hand laſſen mochten. Endlich aber zog Diana die Hände dennoch zurück und ſagte, in⸗ dem ſie ſich dem durchs Gebüſch ziehenden Wege zuwandte, leiſe:„Es kommt jemand— ich glaube, es iſt Gottlob. Er wird uns hineinrufen ſollen. Der Großvater geht ſchnell, Ruprecht!“. Sie hatte ſich nicht getäuſcht, denn bevor Ruprecht noch antworten konnte, erſchien der alte Jäger allerdings ſchon in der Gebüſchöffnung und brachte, wie das Mäd⸗ chen auch das vorausgeſehen, die Aufforderung des Ba⸗ rons an ſie, hinein zu kommen. Sie mochten durch den Gartenſaal und über den kleinen Flur gehen, und in der Bibliothek auf ſeinen Ruf warten, wünſche der Herr, ſetzte der Alte hinzu. „Was gibt es, Gottlob? Du ſiehſt ſo ſeltſam aus!“— bemerkte Diana erregt—„voll von Neuig⸗ keiten.“ „Na, beim Blitz, deren gibt's doch auch genug, 190 meine ich,“ gab der alte Jäger mit launigem Lächeln zur Antwort.„Aber ich darf's nicht ſagen und will's auch nicht.— Gehen die Herrſchaften nur hinein und— mit Muth!“ ſetzte er hinzu.—„Absberg iſt los, und das hat noch niemals einer gerechten Sache Schaden gebracht.“ Und als ſie, das Köpfchen ſchüttelnd und dennoch lächelnd mit Ruprecht an ihm vorüber ging und im Ge⸗ büſch verſchwand, ſchaute der alte Mann dem Paare mit theilnehmendem Blicke nach und murmelte:„Gott ſegne die Kinder, Absbergs beſtes Blut! Muß aber nur auch hinein und bei der Hand ſein! Der Teufel iſt geſchäftig!“ Und er folgte ihnen langſam. IX. Der alte Zwiſt. „Du haſt mich rufen laſſen— entſchuldige, daß ich ſo ſpät komme,“ ſagte Frau von Merlin, indem ſie in das Wohnzimmer des Vaters trat, der nun— er war auf und abgegangen— in der Mitte des Raums ſtehen blieb und ſich, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt, der Tochter zuwandte.„Ich war mit meinem Anzuge noch nicht ganz fertig.“ 8 191 Er nickte ihr kurz und ohne daß ſich die ernſten Li⸗ nien ſeines Geſichtes milderten, zu und erwiderte:„Es thut nichts, mein Kind. Ob ein wenig länger oder kür⸗ zer— zu dem, was wir zu verhandeln haben, muß ſich die Zeit finden.— Nimm Platz.“ Er deutete mit einer gewiſſen verbindlichen Handbewegung zugleich auf Sopha und Lehnſeſſel. „Erlaube, daß ich noch ſtehen bleibe,“ ſprach ſie ebenſo kalt und höflich, während ihr Auge flüchtig und heimlich des Vaters Geſicht muſterte;„ich ſaß den ganzen Morgen.“ Und indem ſie die weiße, feſte Hand leicht auf den Tiſch ſtützte, neben dem ſie ſtand, fuhr ſie fort: „Dein Ruf kam meinem Wunſche zuvor. Ich wollte heut' Mittag von ſelbſt zu Dir kommen.— Ich habe vorhin zwiſchen meinen Briefen auch einen von Eleonora gefunden, der mich beſtürzt hat. Sie ſchreibt mir ſehr betrübt, daß Hugo durch den plotzlichen Abbruch des Ver⸗ hältniſſes gränzenlos niedergeſchlagen ſei; er habe nach ſeinem Beſuch bei uns das Beſte zu hoffen gewagt und ihr damals in dieſem Sinne voll Jubels geſchrieben. Du wirſt mir zugeben, Vater, daß dies auch mich beſtürzen, ja mir abſolut unverſtändlich, unbegreiflich ſein mußte. Du ſprachſt Dich gegen mich gleichfalls auf ſolche Weiſe aus, daß ich ganz etwas Anderes anzunehmen berechtigt war.“ Sie ſchaute ihn feſt an, und die zuſammengepreß⸗ ten ſchmalen Lippen und all' die kalten, gleichſam erſtarr⸗ ten Züge verliehen ihrem ſonſt ſo ſchönen und ſtolzen Geſicht den Ausdruck einer faſt erſchreckenden Härte. Seine Züge bewahrten dagegen den vollen ruhigen Ernſt, als er langſam ſprechend antwortete:„unſere Ab⸗ ſichten bei dieſer Zuſammenkunſt begegnen ſich, Hildegard. Auch ich wollte mit Dir wenigſtens über etwas ſich hier⸗ auf Beziehendes reden. Vorerſt muß ich freilich fragen: Du haſt mit Diana ſelber noch nicht über dieſen Punkt und ihre Anſicht geſprochen?“ Es ging etwas wie Hohn und zugleich Mißachtung durch ihr Geſicht und klang auch aus der Stimme hervor, mit der ſie ihm entgegnete:„ich habe leider nicht das Glück, Diana's Vertraute zu ſein oder von ihr zu Rath gezogen zu werden, Vater. Im Gegentheil, ſie hat mich von jeher an die allerſpärlichſten Mittheilungen gewöhnt.“ Der Baron zuckte fluchtig und gleichſam unwillkürlich die Achſeln.„Ich glaube, Du kannſt es dem Kinde nicht übel nehmen, wenn es hierin nicht die Initiative zu er⸗ greifen vermochte,“ ſagte er einigermaßen ungeduldig. „Es erwartete eben Deine freundliche Frage und würde dieſe ſicher offen und vertrauensvoll erwidert haben.“ „Ich bekam auf meine erſte Frage nach dem Balle neulich eine ſo entſchiedene— ſeltſame Antwort, daß mich nach einer zweiten ähnlichen nicht gerade gelüſten konnte,“ meinte ſie eiskalt und fuhr dann im gleichen Tone fort: „und da ich Dich meiner Anſicht glaubte, hielt ich mich 193 dieſer Frage umſomehr für überhoben. Dieſe Ueberein⸗ ſtimmung vorausgeſetzt, meinte ich Eure Mittheilungen ruhig abwarten zu können. Es ſchien mir nur ein Aus⸗ gang möglich— der einzig anſtändige für die Werbung des allen Anſprüchen genügenden Cavaliers um die Hand eines Fräuleins aus unſerem Hauſe. Ich habe mich aber, ſcheint es, geirrt.“ „Allerdings und zwar zwiefach,“ verſetzte der Baron nun auch ſeinerſeits kalt.„Zuerſt darin, daß ein Fräulein unſeres Hauſes ſolcher Werbung gegenüber keinen Willen habe, während Du ſelbſt doch, muß ich Dir ſtets von neuem wiederholen, meines Wiſſens, vollkommen frei wählteſt. Zweitens darin, daß Dein Kind dieſe Angele⸗ genheit mit Deinen Augen betrachten und ſich daher, ob⸗ gleich ohne Neigung— ich täuſche mich! Ich muß ſagen: gegen ſeine Neigung— gehorſam darin fügen müſſe.— Doch genug dieſer unerquicklichen Zänkereien,“ brach er immer verſtimmter und mit ſich faltender Stirn ab.„Ob⸗ gleich der junge Mann nicht meine Wahl geweſen, und obgleich mir die Verbindung mit dieſer Familie nicht die angenehmſte war, ich wenigſtens darin ſicher keine beſon⸗ dere Ehre für Diana ſah— ich habe Dir das alles ſchon geſagt, mein Kind,— ſo überlegte ich doch, daß das nicht gerade wohlhabende Mädchen durch dieſe Heirath zum mindeſten in eine äußerlich geſicherte und glänzende Stel⸗ lung kommen würde— die Herzfeld haben das Zuſam⸗ 1816. 9 Der große Baron. II. 13 194 menhalten bisher gar gut verſtanden.— Und da ich dachte, daß ihr die Verbindung, wenn auch nicht vollkommen recht, doch wenigſtens gleichgültig ſein möchte, weil ſie etwa noch frei,— ſo habe ich die Sache gehen laſſen und ihr endlich ernſtlicher zugeredet, als ich über mich vermocht haben würde, wenn ich damals ſchon gewußt hätte, daß die Hauptbedingung für ihre mögliche Zuſtimmung fehlte — daß Diana nämlich nicht mehr frei iſt.“ Ueber das hochmüthige Geſicht der Frau von Mer⸗ lin zuckte ein jähes, verachtungsvolles Lächeln; im näch⸗ ſten Augenblick ſprach ſie jedoch ſchon wieder vollkommen gleichmüthig:„ich wüßte nicht, wie das möglich wäre. Meine Tochter iſt, ſo viel mir bekannt, ſelten von hier fort geweſen und hat wenig genug Bekanntſchaften ge⸗ macht.“ „Es gehört für ein junges Mädchen nicht viel dazu, meine ich, um von einer flüchtigen Bekanntſchaft ſogleich zu tieferen Gefühlen überzugehen,“ bemerkte der Baron wieder gleichmüthiger. „Zu Phantaſieen— ja! Wer legt denen aber ein be⸗ ſonderes Gewicht bei oder berückſichtigt ſie?“ fragte ſie. „Phantaſieen?“ Er zuckte die Achſeln.„Nun, mein Kind, der Herr Ruprecht Mönch, Baron von Absberg, Erbherr auf Engelsöe, Monkewitz und wie die Güter unſeres Hauſes ſonſt heißen, ſcheint mir etwas mehr als eine Phantaſie, vielmehr eine ſehr ernſtliche und recht ge⸗ 195 wichtige Realität zu ſein, die mindeſtens einen Grafen Herzfeld aufwiegt,“ ſagte er langſam und deutlich und mit einem feſten, kalten Blick auf Hildegard. Sie begegnete ſeinem Auge mit dem Ausdruck eines unverhehlten Schrecks, der ſich erſt nach und nach zu einem verächtlichen, finſteren Lächeln umwandelte.„Wie be⸗ liebt?“ fragte ſie endlich, nach einer langen Pauſe. Da verdüſterte ſich auch ſein Aug' und ſeine Stirn zum erſtenmal zu einem finſteren, zürnenden Stolz und er verſetzte gedämpft, aber ſo hart und entſchieden, daß es die Dame bei dieſen Tönen unwillkürlich fröſtelnd über⸗ rieſelte—:„wenn ich, der große Baron, rede, horcht das Land. Ich hoffe, meine Tochter wird nicht weniger auf⸗ merkſam ſein.— Du haſt gehört, was ich geſagt habe. Nuprecht Anton, der Sohn von Hans Anton Ruprecht, Deinem Bruder, und der Marie, Tochter des Förſters Haining, iſt von mir mit Zuſtimmung meines Bruders zum Erben meiner Güter berufen und als ſolcher von der zuſtändigen Behörde durch dieſe Dokumente anerkannt.“ Er legte die Hand ſchwer auf die Papiere, welche ſich auf dem Schreibtiſch, neben dem er ſtand, ausgebreitet zeigten. „So hab' ich's gewollt, ſo hab' ich's ausgeführt,“ ſetzte er hinzu.„Und ich meine, wenn der alte ſtrenge Herr auf dem Throne und ich, der große Baron, in der Verbindung meines Sohnes mit der Tochter eines ehrbaren bürgerli⸗ chen Geſchlechts keinen Makel für meinen Stammbaum . 13*¾ 196 finden, ſo kann ſich meine Familie und wen es ſonſt was angeht, dabei beruhigen.“ Sie war roth geworden und in ihrem Auge blitzte es von einem finſteren Zorn. Aber ſie bezwang ſich wie⸗ derum und ſagte nun ziemlich lebhaft:„Du möchteſt Dich bitter täuſchen, Vater! Ich weiß es mit Beſtimmtheit, daß man bei der Regierung anders über die Erbſolge denkt und Dich vielleicht nur aus ganz beſonderer Rückſicht über Engelsöe und Mönkewitz zu Gunſten Dianas verfügen laſſen wird—“ „Bah, bah!“ unterbrach er ſie ein wenig verächtlich, aber im Uebrigen hatte er bereits ſichtbar ſeine volle Gleichmüthigkeit wieder gefunden.„Was gehen mich die Narren von unſerer Regierung an? Ich erkenne keinen Herrn über mir und keine Behörde für mich an, als den Fürſten ſelber, und ich verhandle auch mit keinem Ande⸗ ren. Dumm genug, daß ich das einmal vergaß und hier anfragte. Doch genug,“ brach er ab;„die Sache iſt ab⸗ gemacht; ich theile ſie Dir mit, da Du als Tochter des Hauſes allerdings das Recht haſt, ſie zu erfahren. Die Baronin hat alſo wieder einen— und zwar einen völlig legitimen Erben. Deine Tochter liebt dieſen Mann, der, wie ich erkläre, ſeines Ranges und ſeiner Stellung als erſter Cavalier dieſer ganzen Gegend würdig iſt und Diana ſo gut, wie Dir und uns, alle Garantien für das Gluck ihrer Zukunft bietet. Betrachte die Sache von die⸗ 197 ſem Geſichtspunkt, Hildegard,“ redete er ſichtbar freundli⸗ cher weiter.„Gib Deine Vorurtheile auf und Deinen gänzlich unmotivirten Haß, nimm den jungen Mann als Deinen Verwandten, als denjenigen auf, den Dein einzi⸗ ges, gutes, liebes und ſchönes Kind von Herzen liebt, und gib Deinen Segen zu dieſer Verbindung.“ Sie hatte laut⸗ und regungslos zugehört; ihr Auge begegnete dem ſeinen um nichts milder, die hochmüthigen ſtarren Züge ihres Geſichts zeigten nicht eine Spur von Nachgiebigkeit oder Weichheit, und ihre Stimme war eiſig und zugleich hart, als ſie jetzt erwiderte:„nie, ſo lange ich lebe!“ Einen Augenblick ſchaute er ſie düſter an und ſagte halb vor ſich hin:„Das ſieht Dir gleich!“ Dann jedoch fuhr er mit der Hand über die hohe Stirn und redete ver⸗ hältnißmäßig milde:„Hildegard, Du weißt, daß in ſol⸗ chen Fällen bei uns niemals von einem Zwange die Rede geweſen, und daß Du am wenigſten im Stande, nicht ein⸗ mal berufen biſt, dieſen Zwang in Anwendung zu bringen. Die Entſcheidung ſteht noch einem Anderen zu, weißt Du, und ich bin entſchloſſen, dieſem Andern ſein Recht nicht verkümmern zu laſſen, ſelbſt wenn er perſönlich es nicht beanſpruchen wollte. Ich, als Haupt meines Hauſes, würde für ihn eintreten. Er gibt aber ſein Recht nicht auf, weiß ich.— Ich bitte Dich, mein Kind!“ ſchloß er wahrhaft herzlich und trat ihr einen Schritt näͤher.„Mache 198 Frieden mit den Deinen! Diana iſt Dein einzig Kind, und ſie ſteht Dir doch ſo fern! Laſſe es beſſer werden, Hildegard! laſſe ſie einmal, ein einzigmal die Mutter ſehen! Glaube mir, Du wirſt Dich nicht zu beklagen haben!“ „Um den Preis der Anerkennung jenes— Menſchen — niemals!“ entgegnete ſie ſtarr und hart. Der Baron wandte ſich nach einem langen finſte⸗ ren Blick von ihr ab, ſchritt zur Thür ſeines kleinen uns bekannten Kabinets, öffnete dieſelbe und ſagte laut:„wie Sie hörten, es iſt umſonſt. Kommen Sie herein, Merlin.“ Hildegard zuckte wie vom Schlage getroffen zuſam⸗ men und ſtarrte dem Eintretenden entgegen, als ſei der hohe, hagere Mann nicht ein lebendes Weſen, ſondern das Geſpenſt deſſen, der, obſchon ihr Gatte, ſo viele Jahre er von ihr entfernt geweſen war, daß ihr auch ſein Aeußeres faſt fremd geworden. Aber im nächſten Augenblick, da ſie ihn nun wirklich erkannt als ein Weſen von Fleiſch und Blut, als den, welchen ſie auf der Welt, wenn auch nur aus ihr allein bekannten Gründen, am bitterſten haßte, warf ſie ihm einen Blick voll vernichtender Verachtung zu und wandte ſich, ohne auf ſein bewegtes„Hildegard!“ zu hören, ſtolz und ſchroff gegen die Außenthür. Und als ſie plotzlich den Vater neben ſich erblickte, ſprach ſie mit erhobenem Haupt:„ich hoffe, man wird den Zwang, 199 dem die Absberg nicht unterworfen ſein ſollen, heute und hier nicht gegen mich in Anwendung bringen wollen.“ „Du irrſt, nicht Merlin, nicht ich zwingen Dich, ſon⸗ dern das Geſetz,“ erwiderte der Baron ſtark und mit ge⸗ falteter Stirn.„Dieſer Mann, der Oberſt, Freiherr von Merlin, Dein rechtmäßiger Gatte beanſprucht das, was ſein Recht iſt, eine Unterredung mit ſeiner von ihm ſeit Jahren getrennten, aber nicht geſchiedenen Gattin über die Zukunft ſeines Kindes. Und ich, Dein Vater, befehle Dir als Vater und als Haupt der Familie, daß Du ihn anhörſt.“— Er drehte den Schlüſſel im Thürſchloß um, ließ ihn jedoch ſtecken, wandte ſich dann zurück, und nach⸗ dem er im Vorbeigehen zu Merlin geſagt:„ich laſſe Sie allein, verſuchen Sie's!“ zog er ſich ins Kabinet zurück, deſſen Thür er halb geöffnet ließ.— Hildegard ſtand wieder am Tiſch, auf den ſie die Rechte geſtützt hatte; ihr Geſicht war bleich und kalt, die Lippen feſt geſchloſſen, ihre ganze Geſtalt unbeweglich. Merlin ſtand ihr nahe gegenüber, die Arme gekreuzt, die Figur leicht gebeugt, die tiefliegenden blauen Augen mit einem faſt wehmüthigen Blick auf die feindſelige Frau ge⸗ richtet. Sie erwiderte aber dieſen Blick nicht, ſondern ſchaute ſtarr und düſter vor ſich hin.— Es war eine lange, tiefe Stille im Zimmer.. „Hildegard,“ redete er endlich im mildeſten Tone, „iſt es gar nicht möglich, daß wir einander wieder näher 200 kommen? Habe ich in Deinen Augen nicht genug gebüßt, daß ich damals im— Leichtſinn auch Deine äußere Stel⸗ lung ruinirte und—“ Sie warf den Kopf auf und ſchaute ihn verächtlich an.„Sie irren, mein Herr,“ ſagte ſie eiskalt;„zwiſchen Ihnen und mir gibt es keine Vereinigung, und in mir kein Vergeſſen. Es iſt Ihre Sache, mich nicht an das Damals noch ausdrücklich zu erinnern.— Ich habe noch heut kein anderes Wort für Sie als das von jenem letzten Abend.“ Er ſchüttelte leiſe den Kopf.„Hildegard, ich bitte Dich, laß Dich nicht durch den alten Zorn verblenden, der durch die lange, lange Buße ſchon längſt beſchwichtigt ſein muß!“ ſprach er wieder im früheren Tone.„Laß Dich nicht verblenden durch ihn gegen Dein eigenes war⸗ mes und edles Gefühl, gegen Deine beſſere Einſicht.“ Sie ſagte nichts, aber die ablehnende, raſche Be⸗ wegung ihrer erhobenen Hand ſprach ſo deutlich wie der finſtere, noch immer verächtliche Blick von dem, was ſich in ihrem Innern regte. Er ließ ſich dadurch jedoch nicht ſtören. Haſt Du in der ganzen langen Zeit nicht ein einzigmal Deine Ver⸗ einigung mit mir in der Liebe zu unſerem Kinde empfun⸗ den? Haſt Du nicht einmal Dich bewegt gefühlt in dem Gedanken, wie furchtbar ich mich ſelbſt ſtrafte durch die Trennung von dieſem— unmenſchlich geliebten Kinde? 201 Haſt Du Dich, wenn Du Diana anſchauteſt, nicht ein einzigmal an jene Zeit erinnert, der ſie ihr Daſein ver⸗ dankt, jener Zeit, welche nach manchen Jahren des Su⸗ chens, des Zweifelns und Mißverſtehens ſo ſchön für uns aufging mit wirklicher Liebe, mit ſchönem, wahrem Glück? — Sei gut, ſei freundlich, ſei menſchlich, Hildegard!“ redete er innig, drängend weiter und trat ihr einen Schritt näher.„Ich biete Dir die Hand mit vollem, warmem Herzen zum gegenſeitigen Vergeben und Vergeſſen. Und wenn Du glaubſt, daß wir Beide einander zu ſehr ent⸗ fremdet worden, um uns jemals wirklich wieder Eins zu fühlen,— ſo gedenke jener guten Zeit wenigſtens um un⸗ ſeres Kindes Willen und laſſe Dich durch die Erinnerung an unſer Glück bewegen, Diana jetzt das ihre zu gründen und es ihr mütterlich zu gönnen.“ „Sparen Sie Ihre Worte, ſie bewegen und beſte⸗ chen mich nicht, mein Herr,“ verſetzte ſie mit unveränderter verächtlicher Kälte.„Entſagen Sie jeder Annäherung, jedem Verſuch einer Einwirkung auf meine Entſchlüſſe und Gefühle. Ich weiſe ihn heut wie immer zurück. Ich weiß, was ich zu thun, wie ich zu handeln habe, und ich weiß, daß es zwiſchen mir und dem— Manne niemals eine Vereinigung gibt, der noch eben— nach der ſoge⸗ nannten langen Buße— auch von ſeinem Vergeben und Vergeſſen, mir gegenüber, zu ſprechen vermochte!— Wir ſind wohl fertig, mein Herr?“ 202 In der nächſten Sekunde ſchlug ſie die Augen, die bisher feſt und hochmüthig auf ihm geruht, plötzlich nieder, die flüchtig auftauchende und wieder verſchwindende Röthe ihrer Wangen deutete mindeſtens auf eine momentane Erſchütterung ihrer— Siegesgewißheit, und die Finger der auf den Tiſch geſtützten Hand bewegten ſich und zer⸗ knitterten das Taſchentuch, welches ſie umfaßt hielten. Was dieſen Eindruck auf die ſo— wir wiederholen es— ſiegesgewiſſe Frau zu machen vermocht, wäre ſelbſt für den aufmerkſamſten Zuſchauer ſchwer zu entſcheiden geweſen. Es hatte ſich im Zimmer nichts verändert, die beiden feindlichen Gatten waren noch allein, wie bis⸗ her, ſie am Tiſch, er zwei Schritte vor ihr, und vom Va⸗ ter im Kabinet hatte man keine Bewegung und keinen Laut vernommen. Auch in Merlins Aeußerem zeigte ſich nur eine ganz leiſe Aenderung— er hatte ſich ein wenig ſtraffer aufgerichtet und ſtand in mehr ſoldatiſcher Hal⸗ tung; das Blau ſeiner Augen ſchien intenſiver geworden zu ſein, und ſie ruhten mit einem feſten durchdringenden Blick, wie wir ihn bei alten des Kommandos gewohnten Militärs faſt immer finden, auf der Frau. War dieſer Blick wirklich ſo bannend und beherrſchend, oder war ihr bei ihren Worten irgend ein Gedanke durch den Kopf gefahren, der ſie ſchwach werden ließ? „Doch nicht, Madame,“ beantwortete er jetzt erſt, nach einer ziemlich langen Pauſe, in der er ſie ernſt beob⸗ 203 achtet, ihre letzten Worte, und Milde und Weichheit hatten in ſeiner Stimme einem ernſt⸗ruhigen, markigen und doch ſonoren Klange Platz gemacht.„Doch nicht, Madame! Sie wollen weder Nachſicht und Vergebung üben, noch die Schonung annehmen, die ich bisher geübt. Sei es denn, wie Sie es fordern. Sie werfen mir vor, daß ich gleichfalls von Vergeben und Vergeſſen geredet. Erinnern Sie ſich nicht mehr, daß vom Auguſt 1811 an jemand in unſer Haus kam und einen Einfluß auf Sie gewann, welchen ich nur mit Trauer, endlich mit Zorn täglich und mehr zunehmen ſah, als ſich mit unſerer Stel⸗ lung zu einander vertrug?— Erinnern Sie ſich nicht mehr daran, daß dieſe Beſuche damals zwar raſch auf⸗ hörten, aber im Herbſt in E. wieder anfingen und einen Fortgang nahmen, der mich endlich dazu zwang, im Fe⸗ bruar ſchon die Stadt zu verlaſſen, während die Geſell⸗ ſchaft allerdings glaubte, daß dieſe Abreiſe nur durch die Krankheit Ihrer Mutter veranlaßt würde?“ Da er zu reden begann und zuerſt die Beſuche eines Anderen erwähnte, war eine flüchtige Bewegung durch ihr Aeußeres gegangen. Sie hatte dieſelbe aber alsbald beſtegt, erhob die Augen mit einem faſt trotzigen Blick zu den ſeinen, und begegnete ihnen fortan, ohne nur einmal mit der Wimper zu zucken, und da er ſchwieg, öffnete ſie die ſchmalen Lippen und entgegnete mit ver⸗ ächtlichem Ton:„Es iſt ein wohlfeiles und veraltetes 204 Kunſtſtück, den Krieg auf das fremde Terrain zu ſpielen und allerlei alten Kram ſtets von neuem außzurühren, deſſen Grundloſigkeit und Unwahrheit längſt bewieſen— eigentlich niemals in Zweifel geweſen.— Es iſt umſonſt, mein Herr, mich berührt weder die heuchleriſche Milde, noch die jetzige armſelige Verdächtigung. Sie wiſſen ſehr gut, daß ich nicht anders gelebt, als es ſich für meine Stellung ſchickte.“ „Ja, ich weiß, daß über das, was für eine Dame vom Stande ſchicklich, damals bei manchen dieſer Damen noch ſeltſam freie Anſichten herrſchten,“ ſagte er bitter. „Sie wiſſen aber Madame, daß dieſe Anſichten in der Familie der Absberg ſtets verdammt wurden, und daß auch Sie und ich in den erſten ſechs Jahren unſerer Ehe — bis zu Diana's Taufe,“ ſetzte er noch bitterer lächelnd hinzu,—„darüber nicht minder entſchieden urtheilten. Sie wiſſen, wie unglücklich mich die Entdeckung machte, daß Sie anfingen, leichter zu denken. Sie wiſſen vielleicht noch, was Sie mir damals, nach jenem Balle in Edels⸗ heim verſprachen.— Nachher in E., freilich war das Verſprechen vergeſſen,— und es ging dann weiter, wie es——. „Da Sie ein ſo vortreffliches Gedächtniß haben,“ unterbrach ſie ihn mit Hohn,„ſo werden Sie ſich auch wohl noch an das erinnern, was ich Ihnen zur Erklärung mittheilte— daß ich mit Bergheim nur deswegen in 205 Verkehr blieb, weil ich wußte, welchen Einfluß er auf die Vorſtände der Darlehenskaſſe, und eine wie gewichtige Stimme er ſchon damals bei der Regierung hatte. Wie es mit Ihren Angelegenheiten ſtand, war mir damals lei⸗ der kein Geheimniß mehr, wenn ich auch ebenſo wenig wie Graf Bergheim ein ſo ſchnelles Ende fürchtete.— Er wollte Ihnen wohl, mein Herr! Er hat ſich redlich bemüht, einen ehrenvollen Ausweg für Sie zu finden— bis auf den letzten Augenblick!—— Aber was rede ich darüber?“ brach ſie mit einer ſtolzen Bewegung ab. —„Laſſen Sie uns enden, mein Herr, ich bitte darum.“ Er ſah ſie eine Weile finſter ſchweigend an, bevor er kopfſchüttelnd antwortete:„Hildegard— ſei nur dies einemal wahr und offen! Gib die alten traurigen und armſeligen Ausflüchte auf! Du vermagſt mich über den wahren Sachverhalt nicht zu täuſchen. Meinſt Du, ich hätte mich von hier, von Dir und meinem Kinde ſo vollſtändig geſchieden, daß ich fortan nichts mehr von Euch erfah⸗ ren? Kam er nicht auch hieher, bis—“ Sie erhob den Kopf noch höher, und die Stirn leicht gefaltet, die Augen trotzig, verſetzte ſie heſtig:„Ja, Graf Bergheim kam auch hieher und man verdächtigte ihn auch hier. Aber, mein Herr, er hatte ſich damals eben verlobt, was doch wohl eine ſeltſame Zugabe zu einem Verhältniß mit mir geweſen wäre. Er kam her, um noch⸗ mals und immer von neuem bei der Ordnung Ihrer und 206 meiner Angelegenheiten zu helfen. Man lohnte ihm ſeine Freundſchaſt ſchlecht, und ich habe das tief empfunden und mich mit Schmerz darin ergeben, auch dieſen Freund zu verlieren. Seitdem ſind er und ich ohne Verkehr geblieben. Das—“ „Das iſt eine Lüge, Verſtockte!“ ſprach die tiefe zürnende Stimme des Barons, der zugleich in der Thür des Kabinets erſchien.„Du ſcheinſt vergeſſen zu haben, Sünderin, daß ich noch hier nebenan weilte, in der, wie ich jetzt erkenne, richtigen Vorausſicht, es möchten Dinge zur Sprache kommen, welche einiger Erläuterung oder Be⸗ richtigung bedürfen würden. Das haſt Du vergeſſen bei Deiner Behauptung,“ wiederholte er,„wie Du denn in der letzten Zeit bei Deinen Plänen und Intriguen überhaupt vergeſſen zu haben ſcheinſt, daß wir Anderen am Ende doch auch noch Menſchen von Verſtand und Ein⸗ ſicht. Sonſt hätteſt Du zum Theil wenigſtens nicht ſogar kindiſch machiniren koͤnnen.“ Sie ſchaute ihn mit ſichtbar nur mühſam unterdrück⸗ tem Zorn an, während ſie ſagte:„Dürfte ich mir die Frage erlauben— welche meiner Pläne und Intriguen animiren Dich zu ſolchen Ausdrücken?“ Er gab ihren Blick drohend zurück.„Mäßige Dich Hildegard,“ verſetzte er.„Ich meine die kindiſche In⸗ trigue mit dem Grafen Herzfeld, deſſen Bewerbung man als eine freiwillige erſcheinen ließ, während ſie den Sei⸗ * 207 nen von hier aus als willkommen bezeichnet worden, be⸗ vor er an dergleichen dachte. Ich meine den kindiſchen Verſuch, ein Zeugniß des albernen Menſchen, des Heinze, gegen Ruprechts legitime Geburt, gegen die Unbeſchol⸗ tenheit ſeiner Mutter, gegen den makelloſen Ruf unſeres alten Freundes Ehrenſtein zu Wege zu bringen. Ich meine noch mehreres,“ fuhr er gegen die im finſteren Trotz ihn anſtarrende Tochter fort.„Aber es iſt davon keine Rede— dieſe Thorheiten zerfallen in ſich ſelbſt. Jetzt will ich über Deine Behauptung reden, daß Du mit dem Grafen Berg⸗ heim nicht mehr in Verkehr geweſen, ſeit ich mir ſeine Beſuche verbat.“ „Wer kann mir das Gegentheil beweiſen?“ fragte ſie, die bleiche Stirn erhoben, die Augen voll finſteren Trotzes. „Ich bitte Sie, Herr Baron, laſſen Sie es gut ſein!“ ſprach Merlin erregt und faßte die Hand des alten Herrn.„Ich will davon nichts mehr wiſſen. Laſſen Sie Ihre Tochter das mit ihrem Gewiſſen ausmachen. Es bedarf nur eines einzigen nachgebenden Worts von Dir, Hildegard, eines Worts, welches unſeren Wünſchen zu⸗ ſtimmt und das Glück unſeres Kindes begründet. Mag es dann zwiſchen uns beiden werden, wie es kann. Ich— das verſichere ich— beanſpruche kein Recht. Ich wünſchte nur, daß wir fortan, obſchon getrennt, wenigſtens als Begründer von Diana's Glück innerlich vereint und als Freunde weiterlebten.“ 4 208 Sie ließ nichts vernehmen als einen verächtlichen leiſen Laut und wandte ſich von ihm ab. „Wohlan,“ ſagte da der Baron, der bisher das Paar finſter beobachtet,„Sie ſehen Merlin, die Freund⸗ lichkeit iſt bei ihr nichts als Verſchwendung. So will ich denn als Familienhaupt reden. Du fragſt nach Beweiſen für Euren fortgeſetzten Verkehr,“ redete er weiter.„Du ſollſt ſie haben.— Wer war die Dame, welche drei Jahre auf einander mehrere Wochen lang einſam und geheim⸗ nißvoll mit einem Herrn in dem Jagdſchloſſe Parnitz lebte, zu Zeiten aber ſo ſentimal⸗zärtliche Spaziergänge in den Waldungen und über die Grenzen hinaus riskirte, daß ſie und ihr Begleiter beobachtet und erkannt werden mußten? Wer war die Dame, Hildegard, wer war der Mann, die ſo lebten, während ihre Angehörigen den Ei⸗ nen und die Andere auf weiten Reiſen wähnten? Rede nicht, Deine Rede wäre Lüge!“ fuhr er immer drohender fort;„ich ſehe Dein Zugeſtändniß an Deinen bleichen zitternden Lippen!— Und willſt Du wiſſen, von wem ich das weiß— denn ich, danke es Deinem Gott, habe Dich nicht ſo geſehen!— frage Deinen Onkel, meinen alten ehrlichen Bruder, wie er Euch geſehen hat, das erſte Jahr, das zweite, das dritte!“ Sie ſtand wie vernichtet. Erſt nach einer Pauſe ſtammelte ſie mühſam:„ich leugne es!“ „So leugne auch,“ redete er tief gedämpft— er 209 flüſterte eigentlich, aber es war in dieſer leiſen, dumpfen Stimme, in dem finſter drohenden Auge, in jedem Zuge des Geſichts etwas, das Hildegard mit Entſetzen und ſelbſt Merlin mit Schrecken erfüllte,—„ſo leugne auch, was meine eigenen Augen an jenem Tage im Berceau erblicken mußten, an dem ich eine Stunde ſpäter den Herrn Grafen um Einſtellung ſeiner Beſuche bat. So leugne auch, Weib,“ ſprach er immer grimmiger weiter,„daß Du neulich, vor fünf Wochen, am Balltage— an demſelben Tage, an dem Sie in E. eintrafen, Merlin,“ unterbrach er ſich mit dumpfem, bitterem Lachen,— Nachmittags ein paar Stunden mit ihm zuſammenwarſt, weil Du, nach dem zarten Ausdruck Deiner Kammerjungfer, wußteſt, „daß eine Dame wie Du, welche die Mittel nicht anſieht und mit Jemand verhandelt, dem an ihrer Gunſt gelegen, von dieſem jemand in ſolchen Stunden alles herausſchlägt, was ſie will? Leugneſt Du?“ Sie zitterte ſo heftig und war ſo blaß geworden, daß Merlin trotz ſeiner eigenen furchtbaren Erſchütterung zu ihr trat und ſie mit ſanfter Gewalt auf den Sopha hinter ihr niederſitzen ließ. Da ſtützte ſie ſchwer das Haupt auf die Lehne und ſaß regungslos.— „Danke es nicht meiner Liebe— ich liebe Dich nicht!“ redete der Baron, der dieſem Vorgange wieder finſteren Blicks gefolgt war, ſeinen Zorn aber während dem ſichtbar bezwungen hatte, nun noch immer gedämpft, 1861. 9. Der große Baron. II. 14 210 aber ruhiger von Neuem fort.„Danke es der, trotz allen damaligen Zürnens noch immer hohen Achtung, die ich vor der Ehre Deines Mannes hatte,— ich habe Sie nur einen kurzen Augenblick für mehr als einen halb leichtſin⸗ nigen, halb unglücklichen Menſchen gehalten, Merlin, und bitte Ihnen das heute mündlich ab, wie ich's im Her⸗ zen längſt gethan,— danke es meinem Stolz auf den makelloſen Ruf der Absberg, daß ich nach jenem Anblick im Berceau Dich nicht für immer von mir wies,— daß ich nicht, nachdem ich die letzten Neuigkeiten erfahren, Ge⸗ richt über Dich hielt, wie es meine Pflicht geweſen wäre. Ich hoffte immer noch, Du würdeſt und müßteſt zur Be⸗ ſinnung, zum Gefühl Deiner Schande, zur ernſten Reue und Buße kommen. Du hatteſt Gelegenheit genug, Ver⸗ ſöhnung zu ſuchen und dadurch auch Verſöhnung mit den Deinen, mit Dir ſelbſt zu finden. Du haſt es nicht ge⸗ wollt, Hildegard. Schreibe Dir daher ſelbſt zu, wie es ge⸗ kommen.“ Er ging ein paarmal ſchweigend auf und ab, und als er endlich ſtehen blieb und fortfuhr, hatteer ſichtbar die ganze alte ernſte Ruhe wiedergefunden.„Wie es weiter zwiſchen uns wird, können wir demnächſt. überlegen,“ ſagte er.„Ich will Dich in der Abtei nicht zurückhalten, — es kann hier nicht angenehm für Dich ſein. Gehe hin, wohin es Dich zieht, und lebe, wie es Dir zuſagt. Daß von einer ferneren Verbindung mit— jenem Menſchen 211 keine Rede ſein darf, brauche ich wohl nicht erſt zu ſagen. Sein Name ſoll, ſoviel an mir liegt, niemals mit dem der Merlin oder Absberg zuſammen genannt werden. Jetzt, Hildegard— Ruprecht und Diana warten in der Biblio⸗ thek. Ich hole ſie jetzt. Wozu entſchließeſt Du Dich, Hildegard?“ „Hole ſie, verſetzte ſie nach einer Weile tonlos und ohne ihre Stellung zu ändern. Auch während der folgenden Minuten, da der Ba⸗ ron hinausgegangen, regte ſie ſich nicht, ſchaute nicht auf, nicht umher, und erſt als der Alte mit dem jungen Paar zurückkehrte, als Diana mit hellem Freudenruf zum Vater und in ſeine ausgebreiteten Arme flog, warf ſie einen flüchtigen, finſteren Blick zu den jungen Leuten hinüber, erhob dann die Linke mit dem Tuch und druͤckte es vor das bleiche, ſtarre Geſicht.“ „Segne Dich Gott, Diana, mein Kind! Segne Sie Gott, lieber Ruprecht! Machen Sie mein Kind glücklich — das wir mit vollem Vertrauen und dennoch traurig an Ihr Herz legen!“ ſprach Merlin tief bewegt, indem er ſeiner Tochter weichen blonden Scheitel küßte und ihre und Ruprechts Hände in ſeiner Rechten vereinigt hielt. „Ich gebe Dich fort, ehe ich Dich gehabt, Diana! Aber fortan laſſe ich Dich doch nicht aus den Augen und werde hier dem jungen Herrn auf die Finger ſehen, ob er mein Kleinod gut bewahrt!— Und nun,“ ſetzte er abbrechend 14*½ 212 hinzu,„nun geht und dankt auch der Mutter, die unſeren Wuͤnſchen nachgegeben hat und auch nicht länger entge⸗ gen iſt.“ Den zu ihr Eilenden ſtreckte Hildegard langſam die kalte Hand entgegen und ihr Auge ruhte auf ihnen mit einem matten und müden Blick.„Seid glücklich,“ ſagte ſie eintönig.— X. Es wird nicht Allen ſo gut. Es war ein lieblicher Platz, auf dem der Baron weilte, und der alte Herr ſah ſich auch heut wieder, wie ſchon oft, lächelnd und kopfſchüttelnd zugleich um und meinte, gegen Gottlob gewendet, der nicht fern von ihm auf einem Gartenſtuhl ſaß:„hör' Du, wir ſind doch rechte Narren geweſen, daß wir uns nun in unſerem Alter erſt von dem jungen Volk zeigen laſſen, wie man auf Engelsöe leben kann!“ Der Jäger— er war in den vergangenen Jahren anſcheinend ebenſowenig älter geworden, wie ſein Herr— ſchaute ſich gleichfalls lächelnd um und nickte dann ſeinem Gebieter mit aller Unbefangenheit des alten Dieners und Vertrauten zu.„Ja, ja, ſie verſtehn's,“ verſetzte er dann. — 213 „Der Ruprecht hat einen feinen Blick, und unſere Kleine iſt nichts als Herz. Da müſſen ſie ſchon etwas ganz ab⸗ ſonderlich Gutes herausfinden, mehr als wir. Wir,“ ſetzte er hinzu, und das noch immer ſcharfe blaue Auge lachte munter unter der überhängenden Braue hervor und ſpottete gleichſam des langen ſchneeweißen Haares, das nur noch einen Theil des ehrwürdigen Hauptes um⸗ kränzte,—„wir hatten vor fünfzig Jahren freilich ande⸗ res zu thun als im Park zu promeniren und neue Bänke und Tiſche aufzuſtellen. Unſer Hans Adam hat darum ja auch ſein Leben lang mit Euch gezankt, daß Ihr nicht halb ſo viel für Engelsöe gethan als für die Güter. Nun iſt er dafür aber auch deſto zufriedener mit dem Jungen, die es ihm ſo recht zu Dank machen.“ „Wem thun ſie das nicht?“ bemerkte der Baron mit einem neuen Lächeln, und ſchaute ſich heiteren Blicks um, in ſeiner anmuthigen, behaglichen Umgebung.„Es iſt ſchön auf Engelsbe— fröhlich und voll Leben. Aber wir konnten's auch brauchen, Gottlob.“ Der alte Herr hatte wohl ein Recht, ſich froh und zufrieden umzuſchauen und den Platz zu rühmen, auf dem er weilte, denn wenn auch nicht zum Träumen, wie jene einſame Stelle dort hinten am Strande, oder wie das Belvedere,— zum vollen, ſchönen Lebensgenuß gab es keinen reizenderen und zugleich, wie wir wiederholen, be⸗ haglicheren, auf der geſegneten kleinen Inſel. “ 214 Da, wo die Lindenallee, die alle Anlagen des Eilands von den Ruinen der Abtei her durchſchnitt, wie der auf den entgegengeſetzten Strand traf, endete ſie in einem mäßig großen Rondel von uralten, prachtvoll aufragenden Lär⸗ chenbäumen gebildet. Der Platz war ſonſt ſelten beſucht worden, denn er war vom Schloß ein wenig entfernt und lag abſeits von den gewöhnlichen Spazierwegen ſeiner Bewohner. Es iſt ſeltſam, aber unleugbar, daß der Menſch auch in ſolchem, anſcheinend nur von der Laune des Augenblicks abhängenden Treiben und Thun gar leicht der Gewohnheit und Regel ſich ergibt und ſich von ihnen beſchränken läßt. Und dazu kam hier nun noch die— wir wiſſen nicht genau, ob auch in anderen Gegenden un⸗ ſeres Vaterlandes herrſchende— in dieſen nordlichen Landſtrichen ſtark hervortretende Eigenthümlichkeit, daß auf dem Lande gemeiniglich unendlich wenig von einem Leben oder gar Ruhen in der freien Natur zu ſagen iſt. Und wer überhaupt und wirklich einmal im Freien weilt, ruht und lebt, ſucht ſich dazu ſicher eine Stelle in der näch⸗ ſten Nähe des Hauſes aus, als dürfe er dasſelbe nicht einen Augenblick aus dem Geſichte verlieren. So, wiederholen wir, war es auch auf Engelsöe ge⸗ weſen; der Park wurde wenig begangen und exiſtirte ei⸗ gentlich nur als eine freilich nothwendige, aber immerhin zufällige Zugabe zu den übrigen Ländereien, der man nur nach Laune und Geſchmack, nicht aber aus Intereſſe Pflege 215 und Sorgfalt angedeihen ließ. Der Platz unter den Lär⸗ chen war früher ſogar den mit der Reinigung der Anlagen beauftragten Arbeitern oft zu entlegen geweſen, und häu⸗ fig hatten wochenlang die feinen dürren Nadeln hier den Boden ungeſtört bedeckt. Das war nun ſchon ſeit Jahr und Tag anders geworden, ſeit das junge Paar mit kun⸗ digem Blick die Stelle als eine der anmuthigſten des gan⸗ zen Eilands herausgefunden und ihr dauernde Neigung und Pflege zugewendet hatte. Der Strand war durch eine niedrige, aber feſte Mauer begrenzt; hinter den alten Stämmen waren rechts und links Gebüſch⸗ und Blumen⸗ partieen entſtanden, und in dem Schatten des Platzes ſelbſt luden Bänke und Stühle um einen Steintiſch grup⸗ pirt zum Weilen und— Schauen ein. Die Allee rechts mit dem Schlußbild der Ruinen, der meiſt bewaldete Strand und die See bis nach Wolden hinüber links— es war ein weites, ſtets neues, ſtets anziehendes Bild. Es war aber im Frühling des Jahles 1834, die Linden waren noch nicht lange grün geworden, und wenn man die Allee entlang ſchaute, erſchien die Wölbung dro⸗ ben, welche das volle Morgenſonnenlicht überflutete, wie aus leuchtendem Smaragd gebildet. Es war ein herzer⸗ quickendes, friſches, üppiges Treiben und Duften rings⸗ umher, und wohin man ſchaute, war die gleiche Fülle des Friedens und Segens und Glanzes— die See mit ihren kecken, ſpiegelnden Wellen, die weiten, reich grünenden 216 Gelände am Strande bis zu den friſch prangenden Wäl⸗ dern, das alte friedliche und gemüthliche Wolden drüben, das ſo hell herüberſchaute, als wolle es der Abtei einen treuherzigen Gruß zu ihrem neuen, ſchönen, jungen Leben ſchicken!— Die beiden alten Männer, welche jetzt auf dem Platze weilten, hatten wohl ein Recht heiter und zufrieden dar⸗ ein zu ſehen! Und als jetzt aus einem der, von den Wald⸗ partieen des Parks herbeiführenden Seitenwege ein klei⸗ nes Mädchen hervorſprang, den eine Dienerin mit einem noch kleineren Kinde auf dem Arm folgte, wurden die Au⸗ gen der Alten ſo leuchtend, als ſeien ſie noch einmal jung geworden in ſolchem Glück der Gegenwart, und der Ba⸗ ron beugte ſich, die Pfeife aus dem Munde nehmend, zu dem glühenden, bildſchönen Kinde nieder und ſagte, das blonde weiche Haar ſtreichelnd mit einem leuchtenden Lie⸗ besblick:„nun Blanka, willſt Du auch einmal den Groß⸗ vater beſuchen?“ „Ja, Großpapa Blumen bringen,“ ſprach ſie mit der lieblichen Stimme ſolcher ſchönſten Jugend und wandte ſich zu ihrem kleinen mit Laub und Blumen gefüllten Wa⸗ gen und raffte mit den Händchen daraus hervor, es dem Alten jauchzend hinzubieten und auf ſeine Kniee zu legen. „Viel, Großpapa, viel— Blanka allein gepflückt!“ er⸗ zählte ſie wichtig und eifrig. „Du biſt auch ein ganz braves Kind ¹“ ſagte er lä⸗ ————õ⅞; y— — —,— ——— — ——— — —— — — chelnd und bewegt und ſtrich wiederum über ihr Köpfchen. „Nun bringe auch dem alten Gottlob etwas, ſieh— er ſchaut mich und Dich ganz traurig an.“ Und als die Kleine beſtürzt zu dem Jäger hinüberſah und dann ihm in die entgegengebreiteten Arme eilte, richtete ſich der Baron auf, blickte das andere Kindchen freundlich an und fragte ſcherzend:„nun Herr Erbprinz, wie ſind denn wir heut gelaunt?“ Der Kleine, er mochte nur erſt wenig Monate zäh⸗ len, ſtreckte dem Urgroßvater die Aermchen entgegen und das Geſichtchen verzog ſich zu einem hellen Lächeln, ſo daß der Baron ihm wieder freundlich zunickte und liebkoſend die kleine dargebotene Hand küßte.„Siehſt Du wohl, Gottlob, nun lacht er wirklich, bisher haben's ſeine ver⸗ narrten Eltern nur geglaubt,“ ſprach er dabei.„Und ſchau Dir dieſe Augen an— Schnitt, Farbe, Blick— das wird wieder ein ächter und gerechter Ruprecht Mönch von Absberg.“ „Hm, mir däucht, an einem ſolchen hat's noch niemals gefehlt,“ verſetzte Gottlob Röder, von dem Blanka mit ihrem Wagen wieder fort⸗ und dem Gebüſch zugeeilt war, mit einem ſchier ſtolzen Blick. Der Baron ſchüttelte den gleichfalls weißen Kopf und nahm ſeine Pfeife wieder auf, um ſie anzuzünden. Das Mädchen mit dem Knaben war der Kleinen nachge⸗ gangen.„Nun, es ſah lange genug ſo aus, als ob's mit 4☛— 218 den großen Baronen zu Ende,“ bemerkte er;„und ſo gut es mir auch im Leben ging— mein beſtes Glück war doch, daß ich mir den Ruprecht wieder einfangen und ihn hier einſetzen konnte, und,“ ſetzte er ernſter hinzu,„daß er ſo gut einſchlug.“ „Ja Herr— es iſt ein ächter, er zeigt's täglich,“ ſprach Gottlob wiederum ſtolz;„er zeigt's in Haus und Hof, bei Frau und Kind, gegen jedermann. Und ſeit mir unſer Hans Adam vergangenen Herbſt das Jägerſtückchen von ihm erzählt— möͤcht' ich am liebſten noch einmal jung ſein, um das Leben von neuem mit ihm durchzuma⸗ chen. Der große Baron iſt ſchon da, aber mit den Röder iſt's zu Ende.“ Der Baron ſchaute mit ſeinem wohlwollendſten Blick zu dem alten Diener hinüber. Dann ſtand er auf und bot dem Jäger, zu ihm tretend, die Hand.„Nun, Gott⸗ lob,“ redete er herzlich,„wann unſer Herrgott Dich und mich auch abruft, das kannſt Du als mein letztes Wort mit hinübernehmen: der Herrgott gebe, daß man von den Absberg ſtets ſagen kann, was von den Röder galt und gilt— vom Erſten bis zum Letzten, Ehrenmänner wa⸗ ren alle.“ „Schon recht, Herr,“ antwortete Gottlob, der ſich unn gleichfalls, wenn auch ſichtbar mühſam erhob, hart⸗ näckig.„Aber zu Ende ſind die Röder doch, und eigent⸗ lich iſt's ſchade. Denn ich weiß nicht wie's werden ſoll. 219 — Jäger wenigſtens kriegt die Abtei nicht mehr zu ſe⸗ hen.— Der Peter wird von Jahr zu Jahr ein größerer Schwachkopf.“ Der Baron lachte, ſeine Erwiderung wurde aber durch einen Diener verhindert, der eben mit der Poſttaſche aus dem Seitenwege hervorkam und ſie dem alten Herrn, der ſich ihre Eröffnung noch immer nicht nehmen ließ, re⸗ ſpektvoll überreichte.„Eben kam auch ein Wagen mit ein paar Herren von der Fähre her,“ meldete er.„Ich glaube, es waren der gnädige Herr Bruder und der Herr von Hohenfeld.“ Der alte Herr nickte für den Augenblick nur zerſtreut und warf ein:„Weiſe ſie her, Friedrich!“ hin. Er hatte aus der Mappe einen Brief genommen, der ihn ſehr zu intereſſiren ſchien, denn er erbrach ihn, noch während er zu ſeinem Platze zurückging und ſich niederließ, und als Gott⸗ lob nach einer Weile ſagte:„Da kommen ſie ſchon— ich meine, weiß Gott, es iſt auch der Herr Oberſt dabei,“ — ſah er nun flüchtig auf und den Kommenden entgegen und ſenkte die Augen ſogleich wieder auf das Blatt, um auch noch die letzte Seite zu durchleſen. Erſt dann legte er das Schreiben langſam und kopfſchüttelnd auf den Tiſch und als wolle er's ſichern, die Pfeife darauf, erhob ſich, ſah den ſchon nahe Gekommenen entgegen und rief nun gleichfalls überraſcht:„Bei Gott— es iſt Merlin! Gott willkommen, ihr Herrn, auf Engelsöe!“ „Hoho, biſt da, Bruder Mönch? Dachte bei Gott ſchon, Du ſchliefſt da auf Deinem Stuhl!“ klang ihm die mächtige Stimme des jovialen Bruders entgegen, der zugleich vollends heraneilte und ſchallend in die Hand des Barons einſchlug.„Schau, wie wir kommen, der Mer⸗ lin hat uns zuſammengeholt, wollen uns alle einmal nach Euch umſehen— Großvater, Urgroßvater, Kind, Enkel und Kegel, wie Ihr Euch nennt!“ „So iſt's, mein theurer Vater,“ ſprach Merlin, der mit Hohenfeld inzwiſchen gleichfalls herangekommen war und ſich mit dem Baron auf das liebevollſte begrüßt hatte.— „Ich mußte Euch alle einmal wiederſehen— 1 „Dieſe alle heißen Diana!“— ſchob Hohenfeld la⸗ chend ein. „Nicht ſo ganz,“ meinte Merlin aber heiter.„Sonſt hätte ich Euch beiden Alten nicht abgeholt! Aber freilich ja, die Hauptperſon iſt mein Kind freilich!— Wo ſteckt ſie aber?“ „Schau Dich um Junge— da kommt das Tauben⸗ paar!“ ſagte Absberg fröhlich und deutete die Allee ent⸗ lang, in deren lichtem, grünen Schatten jetzt in der That Ruprecht und Diana, Arm in Arm langſam umherſchrei⸗ tend und plaudernd, ſichtbar wurden.„Hoho! Schick⸗ ſalszug— Herzensſtimme— gelt, Herr Oberſt, ſagt Ihr Poeten nicht ſo?“ Und ſeine Stimme erhebend, rief er 221 mit gewaltiger, klingender Cadenz dem Paare zu:„Di⸗ — a— na!“ Da die Beiden aufſahen und Grüße rufend vorwärts eilten, hielt Merlin ſich nicht länger und ging ihnen raſch entgegen und nach wenig Schritten ſchon flog ihm die ſchoͤne Tochter jubelnd in die Arme und umſchlang ihn mit zärtlichem Ungeſtüm und die drei zurückgebliebenen Alten hörten ſchon ihre helle Stimme froͤhlich dem dabeiſtehen⸗ den Gatten zurufen:„Geh fort, Ruprecht, geh fort;— Heut' behalte ich den Vater allein und gönne Dir nicht eine Hand von ihm!“— Und zugleich, als wär's ſo be⸗ ſtellt worden, ſprang aus einem Nebenwege Blanka zu den Eltern heran, und der kleine Mönch auf dem Arm ſeiner Wärterin kreiſchte ihr grell und vergnügt nach. „Kinder!“ ſagte Absberg, gutmüthig lachend. „Ja— Kinder, glückliche Kinder!“ verſetzte der Ba⸗ ron, er hatte ſich zur vollen Höhe ſeiner Geſtalt aufge⸗ richtet, ſein Auge blickte ſeucht hinüber zu der Gruppe der Seinen, und doch war auf der hohen Stirn ein fro⸗ her Stolz zu leſen.„Ja— ſchaut hin, ſeht ſie an, ihr Alten!— Kann man ſich's beſſer und ſchöner wünſchen, als ich es ſeit drei Jahren vor mir habe— dies fröh⸗ liche junge geſunde Leben, dieß nie verſiegende Glück, dieſen reichen, vollen Segen bei Groß und Klein?— Ich habe ein langes Leben gehabt und ein gutes,“ fügte er hinzu.„Ich dürfte ſchon zufrieden ſein. Aber wenn “ 222 ich die Beiden und ihren jungen Nachwuchs anſehe, meine ich oft, es müßte noch ſchöner ſein, wenn man noch ein⸗ mal ſiebzig Jahre leben und Andere ſo froh und glücklich ſehen könnte.“ „Wer weiß!“ meinte Hohenfeld luſtig.„Ihr habt immer ein unverſchämtes Glück gehabt, Nachbar, und wenn man Eure Hünengeſtalt anſieht—“ Der Baron ſchüttelte den Kopf.„Ich bin ſo wie ſo zufrieden,“ redete er heiter.„Mir fehlt nur Eins— weßhalb kann die Hildegard nicht mit uns all' den Segen genießen, der ihr ſo gut wie uns beſtimmt war! Ich habe eben einen Brief von ihr gehabt,“ fuhr er verdüſtert fort. „Sie bereut, ſie ſieht ein, ſie bittet um Verzeihung,— ſie büßt ſo ſehr, daß ſie ſich noch nicht für werth hält, den Ihren zu begegnen. Sie iſt nicht nur fromm, ihr Herren, ſondern bigott.— Kein Wort davon zu den Andern. Wir wollen uns nicht ſelbſt muthwillig einen Schatten in all' das Sonnenlicht zeichnen.“ Absberg nickte ihm munter zu.„Haſt recht, Mönch von Absberg,“ ſagte er.„Darum aber auch der Schatten aus Deinem eigenen Geſicht!“ Und ſich umſchauend, fuhr er fort:„es ſieht hier aber verwettert nüchtern aus für einen Frühſtückstiſch!— Sie kommen bei Gott ſchon! — Hineingehumpelt, Freund Gottlob, und beſtellt: Spei⸗ ſen, Pfeifen, Tabak, und vor allem Wein— viel Wein — unmenſchlich viel Wein! Denn ich bin auch unmenſch⸗ — A 3— fffffffffffffffſi 16 17