——— ᷣ8 „---—— W Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe f hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Ao 2 wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt:— für oschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —— ‚— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. K. auf 1 Monat: 1 Mr.— „ 7.„„„7„—» n.—„ 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-y——-'—— —-—— u Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Achter Band. Der große Baron. Wien. Kober& Markgraf. 1861. —— Der große Varon. Eine Geſchichte von Edmund Hoefer. Arſter Theil. Wien. Kober& Markgraf. 1861. Prag. Druck von Heinr. Mercy. — — — 4 Inhalt des erſten Theils. . Bekanntſchaften . Alte Geſchichten. . Die Abtei. MV. Stilles Leben. .Bei der Staffelei . Onkel und Nichte .Zwei Brüder. . Im Belvedere... . Von der letzten Stunde. . Zwei Briefe. Der große Varon. I. Bekanntſchaften. Der Himmel ſpannte ſich wolkenlos, im leuchtenden Blau über See und Land, der Gewitterſturm der vergan⸗ genen Nacht hatte gründlich aufgeräumt, die Schwule ver⸗ jagt, die Dünſte fortgekehrt; der Blick durchdrang die Weite ungehemmt bis in ihre fernſte Ferne. Der Tag war ſo ſchön er werden konnte, und wenn“ die Juliſone auch ſchon wieder gar zu wohl meinte, ſo half die Briſe aus, welche von der dunklen Waldſpitze drüben luſtig über den Meerbuſen daher kam und die Luft friſch und elaſtiſch er⸗ hielt. Auf der See war's, ſo weit man ſehen konnte, ein fröhlich Treiben und Wimmeln; kurze Wellen deckten die. ganze Fläche und kamen heran, ungezählt und raſtlos; ſie ſpritzten an den mächtigen Steinen auf, welche ein wenig vom Lande aus der Flut hervorragten, ſie ſchlüpften hur⸗ tig und zierlich vorbei und wollten auf den Strand, mit den Kieſeln und Muſcheln klappernd, im halbdürren See⸗ gras rauſchend, und zogen ſich ebenſo hurtig zurück von 1 41861. 8. Der große Baron. 1. dem Gürtel blendend weißen Schaums, mit dem ſie ſelber die Grenze ihres luſtigen Treibens bezeichneten. Die Sonne gaukelte auf ihnen mit tauſend und aber tauſend Lichtern, und tauſend und aber tauſend Möven und Ufer⸗ ſchwalben ſchoſſen über ſie hin in halsbrechenden Wendun⸗ gen und fuhren, vom Sonnenſtrahl getroffen, fern und nah wie leuchtende Punkte durch die blauen Höhen. Die Zweige der Weiden, welche die rechts entlang ziehende Landſtraße bald dichter, bald weitläufiger einfaß⸗ ten, wiegten ſich behaglich im kühlen Winde; das feine Laub flüſterte und wiegte ſich ſo friſch und rein, als ſei es ſo eben meiſt aus den Knospen geſchlüpft. Zwiſchen den alten Stämmen trieben die Schmetterlinge ihr Weſen, der Trauermantel und der große Fuchs, die Ordensbänder und all' das kleine Geſindel, das von den jenſeits ausgebreite⸗ ten Feldern und Wieſen herüberhuſchte, um ſich hier ein⸗ mal vom Winde durchſchütteln und wiegen zu laſſen. Denn dort drüben zog er ſchon leiſer vorüber, ließ die Spitzen — der üppigen Gräſer nur gelinde ſchwanken und ſäumte ſo lange bei ihnen, daß er, endlich auf den Wald treffend, der weiter rückwärts dies Strandbild grün und dicht abſchloß, kaum noch das Geblätter der hohen Wipfel zu regen ver⸗ mochte. 3 Oh, es war herzerquickend hier am Strande, zwiſchen der luſtigen See und dem fröhlich aufathmenden Lande! Und wie ſich das alles verband— die Klarheit und die — 3 friſche Regſamkeit, der funkelnde Sonnenglanz und die vom Seeduft durchhauchte elaſtiſch reine Luft, der Wellen Murmeln und des Windes Ziehen— es ward einer jener Tage daraus, wo man ſich bis in's Herz hinein wohlig und glücklich fühlt und es kaum auf der Erde aushalten kann. Könnte man's nur, man ginge grade in die Lüfte hinauf und wiegte ſich jubelvoll, den Vögeln gleich, in der blauen Höh'. Es war wundervoll, ſag ich auch, und„Wunder⸗ voll!“ rief auch der jüngere der beiden Männer, welche im leichten Jagdwagen auf dem Strande entlang rollten. Denn das Gefährt hatte die ausgefahrene, ſchmutzige Land⸗ ſtraße zwiſchen den Weiden verlaſſen, und die Pferde trab⸗ ten nun auf dem feſten feuchten Kiesſtr eifen dahin, wel⸗ chen die Wellen nur bei ſtärkerem Winde übergoſſen und glätteten. Da ging es raſch vo wärts, wie es zu der Stimmung der beiden Reiſenden und zu der ganzen heitern Umgebung paßte. „Wundervoll!“ wiederholte der junge Mann und ließ die blitzenden Augen über See und Land hunſchieriftn und rückte ungeduldig auf ſeinem Platze hin und her.„Weiß Gott, Herr von Hohen afeld, ich halt's nicht aus! Mein Herz iſt zu voll!“ ſetzte er hinzu und brach in einen hellen Jauchzer aus, wie ihn ſonſt nur die Berge zu hören pfle⸗ gen, die weit, weit von dieſen nordiſchen Küſten empor⸗ — ſteigen. Aber es ſchallte auch hier luſtig genug, und ſo⸗ 1* 4 gar der grauköpfige Kutſcher auf dem Vorderſitz des Wa⸗ gens lächelte vergnügt und nickend vor ſich hin und trieb die Pferde zu ſchnellerem Lauf. Der alte Herr, welcher neben dem Jungen auf dem Hinterſitze ſaß, nickte dem Fröhlichen gleichfalls freundlich zu.„Genirt Euch nicht, junger Freund!“ ſagte er und ſtrich mit der Spitze der kurzen Pfeife den mächtigen grauen Bart auseinander, der von der Oberlippe zu beiden Sei⸗ ten weit hinausſtarrte.„Ich verſteh's ſchon, wie einem ehrlichen Menſchen zu Muth ſein muß, der nach all der Fremde wieder einmal ſeine Heimat vor ſich und um ſich hat. Gott ehre unſer gutes deutſches Land! Und's iſt wahr, was wir hier vor uns haben und wie heut' der Tag iſt, das iſt mir ein gut Theil lieber als all der ausländi⸗ ſche Firlefanz. Ich wet e d'rauf, ſchöner habt Ihr's drü⸗ ben in Griechenland nicht gefunden.“ „Nein, einen Tag wie den heutigen, mit einer ſo friſchen Klarheit, mit einem ſo friſchen Geiſt, Seele und Körper erquickenden Luft und Luſt erlebt' ich dort nie!“ verſetzte der Junge fröhlich.„In den Bergen, wo ich auf⸗ gewachſen, hab' ich's vordem wohl auch ähnlich getroffen; allein da findet kein Vergleich ſtatt, es iſt hier doch ganz anders. Und am liebſten blieb' ich hier, immer hier, grade auf dieſem Fleck! Warum müſſen wir im Leben immer weiter, fort von der lieben Stelle, fort aus der glücklichen Stunde?“ 5 Der Alte lachte.„Geduld, Geduld, Schatz, und keine finſteren Gedanken! Laßt die nur anderen Leuten und andern Stunden. Heut iſt's zu hell!“ meinte er und ſtieß eine große Rauchwolke aus.„Und wenn es Euch hier ſo un⸗ menſchlich gefällt— nun, ſobald Ihr einmal auf Engelsöe feſt ſeid, könnt Ihr Euch ganz nach Gefallen an ſolchem Anblick ergötzen. Von der Terraſſe, wie ſie's heißen, habt Ihr einen Blick auf See und Land, der ſelbſt mir altem Burſchen noch zu Herzen geht.“ „Sind wir bald dort?“ fragte der junge Mann, und ſein Auge blickte ernſter.“„Wären wir's erſt! Mir iſt bei dieſer Expedition doch ein wenig unbehaglich zu Muth, und— neugierig bin ich auch,“ ſetzte er wieder lachend inzu. Bin„Wo Ihr dort in der Ferne Buſch und Baum ſeht — dahinter liegt Mönkewitz, es mag noch eine ſtarke Vier⸗ telſtunde Fahrt ſein,“ lautete die Antwort.„Es iſt daher auch ganz an der Zeit, Euch zu ſagen, was ich extra für zuletzt aufgeſpart habe, damit Ihr es deſto ſicherer behal⸗ tet und beachtet, denn— im Ganzen ſcheint Ihr mir noch ein wenig windig zu ſein, was in der Abtei gar nicht am Platze wäre.“ Und da er ſeinen Begleiter lächelnd die Achſeln zucken ſah, nickte er ihm wieder freundlich zu— man konnte den jungen Mann auch nicht ſtrafend anblicken — und fuhr fort,„alſo, wenn Ihr einen Rath annehmen wollt, mein lieber Lieutenant, ſo laßt Ihr einſtweilen Eu⸗ 6 ren Titel und Rang dahinter, wie Ihr's mit der Uniform gethan, tretet nur als das auf, was Ihr jetzt ſein ſollt und wollt, und ſagt beſonders von Eurem Auftraggeber einſt⸗ weilen kein Wort, bis Ihr erſt Terrain und Menſchen kennt. Ich bin nicht ganz ſicher, wie man in der Abtei jetzt über Guſtav denkt und wie man eine Annäherung von ſeiner Seite aufnehmen möchte. Ich habe ſeinen Namen ſelbſt von ſeiner Frau ſeit vielen Jahren nicht nennen hö⸗ ren. Eines aber weiß ich beſtimmt— das Militär liebt „der große Baron,“ wie man ihn heißt, nicht; ein Künſt⸗ ler dagegen, und gar ein Maler wird ihm vermuthlich will⸗ kommen ſein, und wenn Ihr ſeine Bilder ſchön finden könnt— aber von Herzen und mit Verſtand, denn er iſt ein ſchlauer Fuchs, der Alte, und guckt Euch bis ins Herz — ſo habt Ihr gewonnenes Spiel. Ich erinnere mich ſogar, daß er vor Jahr und Tag einmal von der nothwendigen Reſtauration eines alten Gemäldes ſprach, welches ſo koſt⸗ bar ſein ſoll, daß er es nicht fortgeben will.„Beim Blitz!“ ſchloß der Alte lebhaft,„daß mir das auch nicht ſchon ge⸗ ſtern einſtel! Da haben wir ja den beſten Anknupfungs⸗ punkt von der Welt! Alſo vorſichtig, aber auch frei und offen, und es wird alles gut gehn.— Da ſind wir!— Kommen wir durch, Thomas?“ Die letzte an den Kutſcher gerichtete Frage bezog ſich auf den Straßengraben, den das Gefährt, vom Strande auf den Landweg einlenkend, hier paſſiren mußte. Statt — 7 der Antwort fuhr Thomas, ohne den Trab der Pferde zu mäßigen, durch die nur flache Vertiefung; im nächſten Au⸗ genblick kamen ſie an der auf einer kleinen Bodenerhebung liegenden Windmühle vorüber und blickten etwa fünf bis zehn Minuten vor'ſich in die Hauptſtraße eines großen Dorſs hinein. Rechts und links zeigten ſich die vorhin be⸗ merkten Büſche und Bäume als zu wohlgepflegten Gär⸗ ten gehörig. Der junge Mann hatte der vorigen Rede ſeines Be⸗ gleiters aufmerkſam zugehört. Nun warf er einen Blick den Häuſern entgegen, die ſich in langer Zeile ausdehnten und rechts von einem ziemlich hohen, maſſiven Kirchthurm überragt wurden.„Das iſt alſo Mönkewitz?“ fragte er, „und ſein Beſitzer— muß ich ihn Herrn von Absberg oder auch„den großen Baront nennen, wie Sie?“ ſetzte er munter hinzu. Der Alte lachte.„Gut ausgedacht!“ ſagte er,„aber ernſthaft— man heißt ihn hier zu Lande allgemein mit der Bezeichnung, die Euch aufgefallen iſt, und hat auch mehr als ein Recht dazu. Absberg iſt der großte Grund⸗ beſitzer in der ganzen Provinz, er iſt einer der größten Männer, die ich je geſehn— ſo eine rechte Recken⸗ und Hünengeſtalt— und ſein Geſchlecht endlich iſt das älteſte weit umher. Die Absberge ſind, ſo viel ich weiß, in Fran⸗ ken daheim geweſen, wo ſie ſchon längſt ausſtarben, be⸗ ſitzen aber auch ihre hieſigen Güter ſchon ſeit dem drei⸗ zehnten Jahrhundert und blühen nun nur noch hier fort. Laßt Euch das von ihm ſelber erzählen. Er thut's bei Ge⸗ legenheit ſchon.“ Der Hörer ſchüttelte den Kopf.„Was Sie da ſagen, macht mir meine Stellung immer weniger behaglich,“ meinte er.„Ich werde es zu allen Uebrigen alſo auch noch mit einem hochmüthigen— Menſchen zu thun— „Mit einem Hochmüthigen?“ unterbrach ihn der An⸗ dere lebhaft.„Ihr irrt, Schatz. Absberg hat nur den ſchicklichen Stolz, nichts weiter, und im Verkehr mit ande⸗ ren Ständen kann Niemand höflicher ſein. Ernſt iſt er und nicht zum Spaß auſgelegt, das iſt wahr. Aber er hat ſchon Grund dazu. Sein Bruder dagegen, mein alter Hans Adam— beim Blitz noch einmal, Lupus in fabula!“ brach er ab und deutete nach vorn, wo von einem rück⸗ wärts liegenden, unter großen alten Linden faſt verborge⸗ nen Hauſe eben ein Reiter an der Mauer des Kirchhofes entlang ihnen entgegen kam. Denn ſie hatten inzwiſchen das Dorf auf der ungewöhnlich guten Straße durchmeſſen und ſahen rechts den Kirchhof mit der alterthümlichen klei⸗ nen Kirche, das erwähnte Haus unter den Linden und ein paar andere benachbarte Gebäude neben ſich. Links öffnete ſich der Platz hinter dem letzten Hauſe auf dieſer Seite, wie. es ſchien, dem Strande zu, der hier ganz nahe ſein mußte: Thomas hatte ungeheißen die Pferde unter einer großen Kaſtanie angehalten, welche auf dem Kirchhofe ſte⸗ 9 hend, doch auch noch ein gutes Stück der Straße überſchat⸗ tete, ſo daß ſie gemüthlich des langſam Herankommenden harren konnten. Aber ſchon in der Entfernung von zehn bis fünfzehn Schritt hielt dieſer, da er zufällig aufſchaute, jäh an, muſterte das Fuhrwerk und ſeine Inſaſſen und rief mit tönender Stimme:„äfft mich der Teufel? das ſind ja die Schimmel von Siebenheiligen!— Hans Adam, wo kommſt du her?“ „Hans Adam, wo kommſt Du her?“ fragte Hohen⸗ feld vom Wagen aus luſtig entgegen, und da nun der Rei⸗ ter herankam und ihm die Hand zum kräftigen Einſchla⸗ gen hinbot, ſprach er im gleichen Tone weiter:„wie kommſt Du mir eigentlich vor, Junge? Kommſt von Deiner großen Reiſe zurück und ſiehſt nicht nach mir? Reiteſt durch Siebenheiligen und kehrſt nicht bei mir ein? Erſt hier in Mönkewitz müſſen wir Dich wie einen Buſchklepper im Schatten der Mauer heranſchleichen ſehn— oder wie der Ritter von der traurigen Geſtalt? He? Haſt du Gril⸗ len, Hans Adam?“ Der Ankömmling ſchüttelte die Hand des Sprechers, und lachte tönend. Es war eine Geſtalt von mächtiger Größe und Breite, und auch ſein Pferd zeigte ſich um eine gute Fauſt höher als die nicht kleinen Thiere, welche Tho⸗ mas lenkte. „'s iſt richtig,'s iſt alles richtig!“ ſprach der Reiter jetzt kopfnickend;„hab' mich verſündigt an Dir, Menſchen⸗ kind, und bitte alſo ab. Bin geſtern nach Hauſe gekom⸗ men und mußte heut mit dem alten Paul reden. Es iſt da in Wolden eine dumme Geſchichte paſſirt— ein an⸗ dermal davon! Nun aber,“ fuhr er luſtig fort,„wie kannſt du mich ſo anſchnauzen? Sind doch nicht mehr beim Re⸗ giment, Herr Oberſt! Was ſoll dein Begleiter da von uns denken und vom Ton, der hier zu Lande herrſcht?“ Und ein raſcher Blick ſeiner dunklen, aber gutmüthigen Augen maß den jungen Mann. „Hor, Alter,“ verſetzte Hohenfeld ernſter und nahm die Pfeife aus dem Munde und ſtrich den Bart mit einer gewiſſen nachdenklichen Weiſe,„es iſt, weiß Gott, ſchade, daß du nicht bei mir eingeſehn. Wir hätten dieſe Affaire bereden können. Denn der da,“ wandte er ſich, mit einer Handbewegung auf den Reiter deutend, zu ſeinem jungen Begleiter,„iſt für Euch der beſte Bundesgenoſſe, Schatz, ein beſſerer als ich. Hans Adam gilt viel bei ſeinem Bru⸗ der, dem großen Baron, und bei den Damen. Wen er un⸗ ter ſeine Flügel nimmt, iſt geborgen; er iſt breit genug, ſeht Ihr.“ Der junge Mann und der Reiter lachte. Dann meinte aber der Letztere:„He, was iſt los, Hans Adam? Plänkelſt ja! Sag; lieber„d'rauf!“ wie ſonſt zu Deinem Regiment, und brich durch! Heraus damit! Wollt zur Abtei? Wer iſt der Herr?“ „Habe niemals viel von der Diplomatie verſtanden 41 oder gehalten,“ gab Hohenfeld zur Antwort.„Alſo— Herr Ruprecht Münch—“ „Hoho!“ unterbrach ihn der Reiter und ſah den Vor⸗ geſtellten überraſcht an.„Das iſt kurios— Ruprecht Münch und Ruprecht Mönch—!“— „Ihr müßt wiſſen“, lachte Hohenfeld gegen Ruprecht gewandt,„der Alte da iſt ein großes Kind und treibt Spaß mit ſeinem Namen. Die Menſchenkinder heißen nämlich nicht ſchlechtweg Baron von Absberg, ſondern Mönch von Absberg— es muß eben ein Name mehr für ſie ſein!— und der älteſte Sohn wird Ruprecht getauft. Es iſt freilich kurios, wie eure Namen ſtimmen— ich hab' noch gar nicht d'ran gedacht.“ „Ich aber heiße nicht Ruprecht, ſondern Hans Adam,“ ſagte der Reiter und kniff das eine Auge zu. „Ja, leider, wie ich!“ verſetzte Hohenfeld launig. „Die Confuſion mit den beiden Hans Adams war von jeher ſein Hauptplaiſir. Und ein zweites iſt, daß er vom „Mönch“ nichts wiſſen will. „Wahr!“ lachte der Baron.„Merken Sie ſich's, Herr Ruprecht Münch, ich bin nicht der„Mönch“, ſondern nur der„Laie“ von Absberg.— Aber nun weiter im Text, Hans Adam! Können hier doch nicht ewig halten.“ „Läſſeſt Du mich denn zu Wort kommen, Du Raiſon⸗ neur? Alſo: Herr Ruprecht Münch, noch jung, aber ſchon Student, Maler, Philhellene, Offizier in Miſſolunghi und 12 da herum, kommt vor einiger Zeit aus dem wüſten Ge⸗ treibe zu uns zurück, hat Geſchmack am Soldatenleben gefunden, erlangt ſeine Anſtellung als Lieutenant bei Gu⸗ ſtav's Huſarenregiment—“ Absberg zog den Zügel ſeines ungeduldigen Pferdes ſtraff an und pfiff einen langen ſcharfen Ton.„Hoho!“ murmelte er. Sein Auge ruhte mit immer ſichtbarerem Intereſſe auf dem Fremden. 1 „Guſtav gewinnt ihn lieb,“ fuhr Hohenfeld fort, „und da der junge Herr hier in der Gegend was zu thun hat und Urlaub nimmt, adreſſirt jener ihn an mich, damit ich ihn bei Deinem Bruder einführe. Guſtav will das Bild ſeiner Tochter von ihm gemalt haben— ich weiß nicht, was Knall und Fall in ihn gefahren!— und der junge Herr nimmt dieſe Commiſſion wie den beſten Spaß von der Welt über ſich.“ „Bis Sie mich die Verhältniſſe richtiger anſehen ließen“, ſprach Ruprecht mit leiſe zuſammengezogenen Brauen. „Ich hab' ihm hauptſächlich nur geſagt, er möge den Lieutenant dahinten laſſen und nur als Maler auftreten, der von der Gallerie in der Abtei gehört. Ich weiß zu⸗ fällig, daß Dein Bruder ein Bild reſtauriren laſſen will. Zuerſt aber— wie denkt man im Schloſſe über Guſtav? Du mußt das wiſſen.“ „Kein Gedanke!“ war die kurze von einem neuen Zü⸗ gelruck begleitete Antwort Absbergs.„Canaille von einem Pferd, willſt du Ruhe geben?— Mir übrigens egal, Hans Adam! Weißt, wie ich über den Tollkopf denke; und daß er jetzt ein Bild von ſeinem Kinde haben will— armer Teu⸗ fel! Bei Gott, ich bin der Eure, Kinder! Aber aufgepaßt, Herr Münch, und vorſichtig, oder es geht ſchief! Hans Adam hat Ihnen guten Rath gegeben— nichts Lieute⸗ nant, nur Maler! Können mir bei Gelegenheit mehr von dem allen erzählen. Und nun— ſchlagen Sie ein, junger Herr!“ ſetzte er hinzu und bot an dem alten Freunde vor⸗ über Ruprecht herzlich die Hand hin.„Ihr Geſicht gefällt mir teufelmäßig, und der ganze Streich auch.“ Ruprecht nahm die dargebotene Hand und drückte ſie, allein er ſah dabei nicht heiter aus.„Mir gefällt die Geſchichte immer weniger, je weiter ich hinein komme,“ ſagte er kopfſchüttelnd.„Ich habe früher nur an den Wunſch des Vaters gedacht, der mir ſehr berechtigt er⸗ ſchien. Alles Weitere kam mir wie ein Scherz vor, durch den im Grunde niemand verletzt werden könnte. Jetzt aber—“ „Ach was, dummes Zeug!“ unterbrach ihn Absberg ein wenig verdrießlich.„Sehen wir beiden Alten darnach aus, als ob wir die Hand zu einem wirklichen Unrecht bieten würden?— Alſo halt' deinen Lügenſack parat, Hans Adam, und lüge gut, ich ſekundire!— Fahr' zu, Thomas!“— Und mit dem fortrollenden Wagen zugleich 14 ſetzte er auch ſein Pferd in Bewegung und blieb neben den Andern. Als ſie um die Ecke des vorhin erwähnten Hauſes bogen, lag in der That der Strand nahe vor ihnen. In⸗ deſſen war es nicht die offene See, die ſie erblickten, ſon⸗ dern nur ein ſchmaler Meeresarm rollte zwiſchen dem Feſt⸗ lande und einem drüben ſich rechts hin erſtreckenden grünen Gelände ſeine kleinen Wellen.„Das iſt Engelsöe,“ ſagte Hohenfeld hinüberdeutend,„und dahinten die Abtei.“ Und indem traten die Pferde auch ſchon in das Waſſer und zogen den Wagen langſam über den ebenen Grund vor⸗ waͤrts, dem andern Ufer zu. Von Gefahr war bei dieſer Fahrt keine Rede, das Waſſer war ſeicht und reichte auf der tiefſten Stelle nicht über die Naben der Räder hin⸗ aus.— Für einen höheren Waſſerſtand und für Fußgänger lagen eine rohe Fähre und ein paar Böte am Ufer bereit. Drüben nahm ſie eine dreifache Allee alter Linden auf, die zwiſchen üppig grünenden Wieſen gerade auf das Schloß zuführte. Die Männer ſprachen nicht. Die beiden Alten ſchienen mit allerlei Gedanken zu thun zu haben— Absberg ſtreifte zuweilen den Fremden mit einem flüch⸗ tigen, nachdenklichen Blick und kaute an den Spitzen des kurzen grauen Bartes, der auch ſeine Oberlippe bedeckte. Ruprecht ſah ſich die Umgebung an— die ſchon erwähn⸗ ten Wieſen, auf denss ſich einige Gruppen weidender Pferde zeigten, die prachtvoll gewölbte Allee, das immer 15 ſichtbarer werdende Schloß an ihrem Ende. Es war ein dunkler und alterthümlicher, aber gar ſtattlicher und großer Bau, der mit ſeinen verzierten Giebeln, mit ſchlanken Treppenthürmchen und vorſpringenden Erkern die Rück⸗ ſeite eines mäßigen Hofes einnahm. Auf beiden Seiten wurde der letztere, wie man es überall ähnlich findet, durch ein paar zwar maſſive, aber einfache Gebäude— Stal⸗ lungen und Remiſen— und nach vorn durch ein ſchweres eiſernes Gitter zwiſchen aus Granit gehauenen Pfeilern geſchloſſen. In ſeiner Mitte zeigte ſich ein Röhrenbrunnen von Linden umgeben, welche jedoch an Größe den Bäu⸗ men der Allee weit nachſtanden. Jetzt fuhren ſie durch das Thor, auf deſſen Pfeilern ſteinerne Wappenſchilder befeſtigt waren, umkreiſten den Brunnen und hielten vor der großen Mittelthür, aus der ein Diener hervoreilte, während zugleich auch von dem einen der Seitengebäude ein Reitknecht gelaufen kam, um das Pferd des Reiters in Empfang zu nehmen. Und in der Thür ſelbſt erſchien ein alter ſtattlicher Mann mit unbedecktem ſchneeweißen Haupte, den bordirten Hut in der Hand und den dunkelgrünen Rock über der breiten Bruſt feſt geſchloſſen. Hohenſeld und Ruprecht waren vom Wagen, Abs⸗ berg vom Pferde geſtiegen; erſt jetzt erſchien die mächtige Geſtalt des Letzteren in ihrer vollen Größe und Breite. Er trat zu dem Alten in der Thür und ſchlug ihm ver⸗ 16 traulich mit der Hand auf die Schulter.„Heda, wozu die Ceremonien, Gottlob?“ ſagte er dabei.„Du mußt ja erſticken unter deinen Knöpfen! Grüß' Dich Gott, alte Seele! Mein Bruder daheim?“ „Ja wohl, Herr Baron; der Herr iſt nach dem Kreuz⸗ gang gegangen, wo wir Bauleute haben. Soll ich ihm die Herren melden laſſen?“ „Bah, dummes Zeug! Werden ihn ſelber finden können! Nur mir nach Kinder!“ Und ohne Aufenthalt durchmaß er den Andern voran das Haus, führte ſie, wie⸗ der hinaustretend, über eine kleine Terraſſe, eine Stein⸗ treppe hinab und durch geſchmackvolle Gartenanlagen wei⸗ ter, bis ſie aus einem Gebuͤſch tretend, über einen Raſen⸗ platz hin altes dunkles, weit ſich ausbreitendes Mauer⸗ werk vor ſich ſahen. „Das ſind die Ruinen der eigentlichen Abtei,“ ſprach Hohenfeld erklärend zu dem jungen Begleiter.„Hier ſieht's freilich wüſt aus, weiter hinten findet Ihr aber auch noch ziemlich wohl erhaltene, bewohnbare Partieen.“ Indem erblickten ſie auf einem, nicht fern durch das Gebüſch hinziehenden Steige ein paar Geſtalten und als⸗ bald eilte Absberg denſelben mit dem Ruf entgegen: „Heda, Bruder Mönch!“ „Gottes Blitz, das iſt ja der„Laie,“ Diana!“ ant⸗ wortete von drübenher eine laute ſonore Stimme, welche den Worten ein heiteres Lachen folgen ließ, und um das 17 Gebuſch herum eilte die große Geſtalt dem Bruder ent⸗ gegen, bot ihm die Hand mit ſchallendem Einſchlage und rief herzlich:„Grüß Dich Gott, Hans Adam, willkommen daheim!“ Dann erſt bemerkte er die beiden Andern und trat raſch mit den Worten näher:„Sieh da! Ei, haben ſich die Hans Adams beredet? Das iſt recht, Kinder! Willkommen auf Engelsbe, meine Herren.“— Ein junges Mädchen war ihm gefolgt, hatte Absberg, wie wir den Reiter auch fernerhin der Kurze und des Unterſchieds von ſeinem Bruder, dem Baron, wegen nennen werden, herz⸗ lich begrüßt und kam unn mit ihm zu der Gruppe der Andern heran. Hohenfeld ſtellte eben vor.„Ich bringe Euch da einen jungen Mann, mein lieber Nachbar, der ſich der edlen Malerkunſt befleißt und—“ „Herr Ruprecht Münch genannt wird,“ ſetzte Abs⸗ berg lachend die Rede des Freundes fort.„Und das, jun⸗ ger Herr, iſt mein großer Bruder, der edle Herr Rup⸗ recht Mönch, Baron von Absberg, genannt der große Baron,— welchen Namen er, wie Sie ſehen, mit Recht und Ehren führt.“ Er hatte wohl recht mit dieſem Bei⸗ ſatze, denn der Genannte überragte ſogar den Bruder noch um eine gute Handbreit und zeigte ſich in der That als eine rechte Recken⸗ und Hünengeſtalt, wie Hohenfeld ihn früher bezeichnet. Er war auch womöglich noch breiter und kräftiger gebaut, als ſein Bruder, aber das Embonpoint 1861. 8. Der große Baron. 1. 2 18 desſelben fehlte ihm, und ſeine Geſtalt war trotz des ſicht⸗ bar nicht geringen Alters vom vollkommenſten Ebenmaße. „Herr Ruprecht Münch?“ fragte er jetzt in fragen⸗ dem Tone und muſterte, nach einer leichten Verbeugung den Anköinmling mit ſcharfem und doch wieder freundli⸗ chem Blick.„In der That, das iſt wunderlich. Aber wir ſind hier zu Lande durch die beiden Hans Adams ſchon an ſolche— Doppelexiſtenzen, will ich's heißen, gewöhnt. Ich biete Ihnen nochmals Willkommen, Herr Münch. Sie ſind Maler?“ Der junge Mann verbeugte ſich; bevor er jedoch etwas erwiedern konnte, nahm Hohenfeld das Wort.„Der junge Herr hat bisher in Griechenland gefochten und ge⸗ zeichnet und will ſich nun zur Veränderung unſere nordi⸗ ſchen Küſten betrachten. Er iſt durch einen alten Freund von A. an mich adreſſirt worden, Nachbar, und freute ſich ſehr, als er erfuhr, daß Ihr ſo nahe wohnt und mein gu⸗ ter Freund ſeid. Er hat von Euren Bildern gehört und brennt nach ihrem Anblick. Und mir iſt dabei eingefallen, daß Ihr vor Jahr und Tag einmal von einem ſe chadhaften Gemälde ſpracht—“ „Freilich, von meinem Cranach!“ unterbrach ihn der Baron und lebhaft ſetzte er gegen Ruprecht gewendet hinzu:„Wenn Sie ſich ſchon in dieſem Genre verſucht haben und mir ein Paar Wochen gönnen dürften, ich wüßte nicht, was mir Lieberes begegnen könnte!“ ——— 19 Ruprecht zuckte die Achſeln.„Ich habe bisher frei⸗ lich faſt nur Landſchaften und ein Paar Portraits ge⸗ malt,“ entgegnete er.„Wenn Sie mir das Bild zeigen wollen, Herr Baron, kann ich eher darüber urtheilen, ob ich Ihnen zu dienen vermag. An Zeit fehlt es mir nicht. Ich habe bei meiner Reiſe hieher keinen Zweck, der mich länger an dieſem oder jenen beſonderen Ort zu verweilen zwänge,“ ſchloß er und über die gebräunte Wange zog momentan ein dunkles Roth. Absberg blickte den jungen Mann mit einem ſchlauen Lächeln an, als ob er ſagen wollte: wie gedruckt! Statt deſſen aber rief er nur in die entſtehende Pauſe:„Na, Bruder, läßeſt Du uns hier ewig in der Sonne ſtehen und durſten? Meine, über die Bilder redet ihr beſſer, wenn ihr ſte vor Augen habt.“ „Recht, recht, Hans Adam,“ verſetzte der Baron lä⸗ chelnd;„alſo hinein, meine Herren!— Herr Muünch— meine Enkelin, Fräulein von Merlin.— Und nun, Hans Adam, ſag' mir, wann biſt Du zurückgekommen und wie ſteht's drüben? Weßhalb haſt Du Elsbeth nicht mit⸗ gebracht?“ „Während die drei älteren Männer plaudernd vor⸗ ausſchritten, blieb Ruprecht an der Seite der jungen Dame und folgte mit ihr langſam.„Sie kommen aus Griechen⸗ land,“ ſprach ſie freundlich,„da werden Sie freilich nach den prachtvollen Küſtengegenden, die Lord Byron ſo ent⸗ 2*¾ zückend ſchildert, an unſeren armen Strandpartien wenig Vergnügen finden, fürchte ich, Herr Münch.“ „Doch, doch, mein Fräulein, das Vaterland hat im⸗ mer ſeine Reize. Und wär' es nur der eine, daß ich hier ohne Säbel und Gewehr zu meinen Studien auswandern kann,“ ſetzte er lachend hinzu,„und nicht in jedem Au⸗ genblick mich nach irgend einem heranſchleichenden Buſch⸗ klepper umzuſehen habe.“ Sie lächelte gleichfalls. Indem ſie jedoch alsbald wieder ernſt wurde, ſtreifte ſie ihn mit einem flüchtigen Blick ihrer großen dunkelgrauen Augen und ſprach raſch, aber gedämpft und gleichſam befangen:„Sie kommen von A., wenn ich recht verſtanden habe, Herr Münch? Weilten Sie länger dort? Iſt Ihnen mein Vater bekannt geworden? Ich erfahre leider ſo ſelten etwas von ihm,“ fuhr ſie noch leiſer und flüchtig erröthend fort,„daß ich jede Gelegenheit ergreife, nach ihm zu fragen.“ „Wenn Ihr Herr Vater der dortige Kommandeur der Hußaren, Herr von Merlin iſt,“ antwortete Ruprecht, der ebenfalls roth geworden,„ſo habe ich allerdings die Ehre—“ „Das iſt mein Vater!“ fiel ſie ihm immer gedämpft in's Wort.„Herr von Hohenfeld hat Ihnen vielleicht von unſerer Familie erzählt. Ich bitte Sie, nennen Sie des Vaters Namen bei uns nicht, aber ſuchen Sie ein paar Tage hier zu verweilen. Ich will und muß von ihm hören.— Er iſt alſo wohl?“ ———— 21 „Wie es mir ſchien— ja, mein Fräulein, und— voll Liebe für ſein Kind.“ Ihr Auge ruhte überraſcht und fragend auf ihm. Im nächſten Moment aber ſchimmerte eine aufſteigende Thräne darin, und den Blick abwendend, flüſterte ſie: „genug! Der Onkel ſieht ſich nach uns um.— Eilt nicht ſo!“ rief ſie dann mit erzwungener Munterkeit den Vor⸗ ausſchreitenden zu.„Wir ſind nicht ſo groß wie Du, Großvater!“ Die Herren blieben am Fuß der Terraſſe wartend ſtehn, bis das Paar herangekommen. Dann gingen ſie in den alten Bau hinein, und nachdem das Mädchen ſie mit einer flüchtigen Verbeugung an der Treppe verlaſſen, welche ins obere Geſchoß fuͤhrte, traten die Viere in das große, ſaalähnliche Wohnzimmer des Schloßherrn. Nach der herkömmlichen gaſtfreundlichen Sitte dieſer Gegenden fanden ſie einen Imbiß und Flaſchen aufgeſtellt und ſprachen auf des Barons Einladung und Beiſpiel den guten Dingen tapfer zu, da die Strandluft den Appetit über die Maßen zu reizen pflegt. Nach einer Weile jedoch wagte Ruprecht eine leiſe Hindeutung auf den angegebe⸗ nen Hauptzweck ſeines Beſuchs, und der Schloßherr ging willig mit der Bemerkung darauf ein, daß die gegenwär⸗ tige Zeit die beſte ſei, die Bilder anzuſehn; die beiden Hans Adams würden ſich ſchon zu unterhalten wiſſen. Und ſich erhebend, verließ er mit Ruprecht das Gemach. 22 Absberg ſah den Gehenden mit einem gedankenvollen Blicke nach und wandte ihn dann mit dem gleichen Aus⸗ druck zu Hohenfeld, welcher inzwiſchen ſich am kleinen mit allen möglichen Rauchutenſilien ausgeſtatteten Eck⸗ tiſch ſeine Pfeife friſch gefuͤllt und angezündet hatte, dar⸗ auf ſein Glas leerte und nun, gleichfalls ſchweigend, zum Fenſter trat, um einen Blick in den Hof hinaus zu werfen. Erſt nach einer Weile wandte er ſich um und fragte, den ſtummen Freund fixirend:„na, Hans Adam, was denkſt und ſinnirſt Du? Siehſt ja verwettert tief⸗ ſinnig aus, wie ich Dich nicht geſehn, ſeit Du Dich zuerſt in Deine kleine Frau verliebteſt.“ Absberg ſchüttelte den Kopf und leerte dann ſein Glas auf einen Zug.„Komme aunch beinahe zu der Zeit zurück“, ſprach er in gedämpftem Tone.„Grüble da bei allen alten Kammeraden und Freunden herum, wer von ihnen ein Geſicht gehabt, wie unſer Herr Ruprecht Münch. Denn ich kenne dies Geſicht oder hab's doch gekannt, es könnte mir ſonſt nicht gleich ſo lieb geworden ſein, ſo vertraut, ſo— „Du biſt ein Narr, Hans Adam,“ fiel Hohenfeld ihm ins Wort, und ſein Geſicht verzog ſich zum Lachen. „Weiß der Kukuk, was Du Dir von Deiner großen Reiſe mitgebracht haſt, daß Du Dich mit ſo unnöthigen Dingen abgibſt. Denn grade heraus— er iſt keiner Menſchenſeele ähnlich, die Du oder ich gekannt. Aber 23 er hat, wie Du ſagteſt, ein teufelmäßig nettes Geſicht, das Jedermann gefallen muß.„Der brave Junge“ ſieht ihm aus den Augen, mein' ich. Das iſt's.“ Er wandte ſich ab und wieder dem Fenſter zu. „Glaub's nicht,“ verſetzte Absberg, und dem breiten rothen Geſicht ſtand der Ausdruck des Sinnens ſeltſam genug;„irre mich nicht leicht in ſolchen Dingen. Die Züge ſind vor meinem Blick nicht allein an ihm da— ſiehſt Du, und wären's nur dieſe Augen, die er mit mei⸗ nem„Großen“ gemein hat—“ „Das iſt richtig!“ rief Hohenfeld, ſich überraſcht umwendend.„Beim Blitz— das iſt wahr!“ „Siehſt Du? Aber ich bring's nicht heraus— jetzt nicht, und darum genug. Sage mir lieber, Hans Adam, was will der Junge hier und wie kömmt er grade in un⸗ ſere Gegend?'s iſt doch nichts ſo Beſonderes da, denk' ich, daß ein Offizier von dort oben ſich extra Urlaub für uns geben läßt.“ „Alter, was gibt's in Dir? frage ich wieder. Haſt Du denn keine Ohren oder biſt Du ſo vergeßlich geworden, daß Du meine Worte nicht mehr weißt? Ich habe Dir doch lang und breit erzählt, daß Guſtav—“ „Ja, ja, ja!“ ſagte Absberg ungeduldig und ſtand auf,„weiß das ſo gut wie Du, Hans Adam. Das er⸗ klärt den Beſuch bei Dir und hier im Schloß. Aber was ihn überhaupt hieher führt, frage ich. Meinſt, das 24 3 ſei nur die Luſt, Guſtav zu dienen und ein Bild zu malen?“ Hohenfeld lehnte behaglich an der Fenſterbank und hörte dem Freunde gleichmüthig zu.„Da fragſt Du mich zu viel, Alter,“ meinte er endlich.„Ich glaube von ihm gehört zu haben, daß er in Familiengeſchäften hergekom⸗ men; daß ich darnach aber nicht extra gefragt habe, be⸗ greift ſich. Möglich auch, daß er ſich des Contraſtes wegen nur dieſe nördlichen Gegenden einmal anſchauen wollte. Er hat einen feinen Blick, ſage ich Dir, und ein 1 warmes Herz.“ Absberg ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken; von den Worten des Freundes ſchien er die letzten gar nicht gehört zu haben, denn er murmelte ein paarmal und ziemlich vernehmlich:„Familiengeſchäfte?“ vor ſich hin, bis er nach einer Weile ſtehen blieb und die Augen zu Hohenfeld erhebend ſprach:„Alſo iſt er hier herum bekannt? Stammt wohl gar von hier?“ —„Das glaub' ich doch nicht. Er redete wenigſtens von einer Heimath zwiſchen den Bergen. Aber zum hun⸗ dertſten Mal— was haſt Du eigentlich, Alter?“ „Ich?— Nichts,“ lautete die kurze Antwort, und Absberg wanderte wieder ſchweigend und mit zuſammen⸗ gezogenen Brauen durch das Gemach. Doch mußte trotz alledem der ihn beherrſchende Gedanke nicht ſo gar ernſt und gewichtig ſein, denn nach wenigen Augenblicken 43 Güter aufgenommen, war uns bekannt. Aber wir wußten nicht, daß dieſe Summen den Werth der Güter endlich weit überſtiegen, daß er, wer weiß, auf welche Weiſe eine Schuldenmaſſe kontrahirt, vor der ſelbſt Unſereinem graulich werden konnte. Als daher jetzt ein neues Anle⸗ hen nicht zu Stande kam, mußte er ſich inſolvent erklären. Die Güter wurden zum Theile verkauft, das eigentliche Fideikommiß konnte nur mit Mühe erhalten werden, die Darlehenskaſſe hatte einen ziemlich großen Verluſt; daß man ihm ſo viel über den Werth vorgeſchoſſen, gab zu den widerwärtigſten Verhandlungen Veranlaſſung. Kurz, wenn ich jemals Vergnügen an Geldgeſchäften gefunden, die damalige Zeit hätte ſie mir auf immer verleidet. „Hildegarde zog mit dem Kinde zum Vater in die Abtei und blieb dort. Guſtav ging davon und wurde im preußiſchen Heere Soldat— ein armer Offizier, der nach dem bisherigen fürſtlichen Leben jetzt mit ſeiner Gage exiſtiren muß. Eine Scheidung der Gatten trat nicht ein, weil Hildegard ſowohl wie mein Bruder nichts davon hören mochten, obſchon beide nie wieder von dem armen Teufel etwas wiſſen wollten. Und darin hat mein Bru⸗ der wenigſtens unrecht— über Hildegards Gründe kann ich nicht reden— denn Guſtav Merlin mag leichtſinnig geweſen ſein, verſchwenderiſch und gedankenlos— das geb' ich alles zu; ein Kavalier blieb er aber zu jeder Stun⸗ de ſeines Lebens, und von einer Unredlichkeit, die auch nur 44 abſichtslos begangen worden, iſt ſelbſt bei ſeinen Feinden niemals die Rede geweſen. Er war jung, leichtſinnig, großer Herr und hatte Unglück. Das iſt alles. Und wie er ſein Geſchick trug und trägt, wie er die Härte der Gat⸗ tin ſchweigend hinnimmt— das iſt mehr, als man ver⸗ langen kann. Ich wenigſtens hätte längſt ſo oder ſo ein Ende gemacht.“ Absberg ſchwieg und ſtand plötzlich auf. Als er nach der Uhr geſehen, ſagte er:„'s iſt acht vorüber, ich muß fort.— Sie wiſſen nun alles, Freund Münch und werden ſich darnach zu richten wiſſen. Noch ein Glas auf gute Verrichtung in der Abtei.“— Sie ſtießen an. Als er bald darauf fortgeritten war, blieben Hohen⸗ feld und der junge Mann noch lange im ernſten Geſpräch ſitzen; das Gehörte bot ihnen Stoff genug. Am folgenden Morgen fuhr Ruprecht zum Schloße auf Engelsöe hinüber.— III. Die Abtei. 8 „Ich habe Ihnen Ihre Zimmer drüben in der wirk⸗ lichen alten Abtei herrichten laſſen,“ hatte der Baron zu dem anlangenden Maler freundlich geſagt. Sie als Land⸗ 45 ſchafter werden nicht bloß reſtauriren, ſondern auch eigene Studien machen wollen und drüben haben Sie beſſeres Licht und können ſchon aus Ihren Fenſtern ein Paar Blicke gewinnen, die, meine ich, Ihnen intereſſant ſein werden. Endlich ſind ſie von dort mit einigen Schritten am Strande und,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„vollkommen ungenirt, wie es die Herren Künſtler lieben. Sie ſuchen uns auf, wann ſie mögen; Sie bleiben für ſich, wenn es Ihnen ſo beſſer gefällt. Einſam werden Sie's freilich ſo oder ſo finden,“ hatte er dann geſchloſſen.„Meine Toch⸗ ter iſt unwohl und wird noch einige Tage lang kaum ſicht⸗ bar werden, und ich muß leider von Zeit zu Zeit nach ei⸗ nem Gut hinüber, wo der abgezogene Pächter eine gräu⸗ liche Unordnung hinterlaſſen. Sie müſſen ſich dann eben an meine Enkelin halten, Herr Münch, oder an meinen Freund Paul Bode, den Prediger in Mönkewitz, mein ich; er wird Ihnen zuſagen, ich kenne kaum einen gebildeteren, umgänglicheren Mann. Im Uebrigen wenden Sie ſich mit jedem Wunſch an den alten Gottlob, ungenirt, bitte ich; Sie werden mit ihm zufrieden ſein.“ Es lag nicht nur in dieſen Worten, ſondern auch in der ganzen Weiſe des alten ſtattlichen Herrn eine ſolche Freundlichkeit, daß Ruprecht nicht einen Augenblick an der Wahrheit und Wr ylgemeintheit dieſer Erklaͤrung zweifelte und ſogleich ſich von der Sorge frei fühlte, ein in dieſen Landſtrichen vielfach vorhandener Adelsſtolz und Hochmuth 46 dürfte ihm ſeine bedenkliche Stellung auf Engelsöe noch unbehaglich er machen und könnte ihn in Schranken zurück⸗ weiſen wollen, die für ſeinen geheimen Zweck und noch mehr für ſein perſönliches Sein und Weſen den Aufenthalt in der Abtei nutzlos und unerträglich machen würden. Zwar hatten ihn über ſolche Befürchtungen ſchon Hohen⸗ felds Mittheilungen und das erſte Begegnen mit dem Ba⸗ ron einigermaßen beruhigt, vollkommen frei füͤhlte er ſich aber erſt jetzt, wo er ſeine Stellung im Hauſe zu überſehn begann, und heiter dankte er ſeinem Wirth und ſchaute munteren Auges der nächſten Zeit entgegen. Seltſam, ſaſt beſtürzend berührte es ihn dagegen wieder, als der Baron nach einigen andern Geſprächen plötzlich ſagte:„Sie erwähnten geſtern, daß Sie ſich hin und wieder auch an Portraits verſucht haben, Herr Münch?“— und auf die bejahende Antwort fortfuhr: „wir haben die Bilder von all' unſern Familiengliedern, nur das meiner Enkelin fehlt noch, weil ich bisher keine Gelegenheit fand, ein gutes Portrait von ihr zu erhalten. Was meinen Sie, Herr Münch? Würden Sie ſich auch dazu verſtehn?“ Wie geſagt, Ruprecht fühlte ſich beſtürzt über dieſen Antrag, der ihm die gefahrloſe Errei hung ſeines eigent⸗ lichen Zwecks in immer ſicherere Aud icht ſtellte. Aber er fühlte ſich auch faſt beſchämt durch dies vertrauensvolle Entgegenkommen, und nur mühſam ſich faſſend, entgeg⸗ 47⁷ nete er:„Ihr Zutrauen drückt mich, Herr Baron. Sie wiſſen nichts von meinen Fähigkeiten und ehren mich mit ſolchen Aufträgen! An meinem Willen ſoll es nicht liegen, wenn ich Sie nicht befriedige, aber— 0 Und da hatte der Baron ihm mit wohlwollendem Lächeln die Hand hingeboten und geſagt:„ſchlagen Sie ein, mein junger Freund, Sie ſind ein Mann nach meinem Sinn. Es ſpricht mich aus Ihnen etwas an, was ich zwar noch nicht näher bezeichnen kann und zu deuten weiß, was mich aber verſichert, daß ich mich weder in Ihnen, noch in dem Glauben an Ihr Talent täuſche. Wenn Sie alſo die Zeit haben, iſt's abgemacht— Sie malen Diana's Bild.“— Ruprecht ſchied ſtill und nachdenklich von dem Haus⸗ herrn und ging in ſeine Zimmer hinüber. Still und nach⸗ denklich trat er auch nach einigen Stunden, als er ſeinen Mantelſack ausgepackt und alles vorläufig geordnet hatte, noch ans Fenſter, um einen Ueberblick über ſeine nächſte Umgebung zu gewinnen. Da aber wurde ſein Blick wie⸗ der frei und ſein Herz leicht, und erheitert eilte er hinaus zu einem Gange durch die Ruinen und den Park der klei⸗ nen Inſel. Die Abtei mußte vordem ein mächtiger und pracht⸗ voller Bau, oder vielmehr ein ganzer großer Komplex der ſtattlichſten Gebäude geweſen ſein, denn ihre Ruinen brei⸗ teten ſich über einen weiten Raum aus und ließen noch 48 jetzt in den ſchlanken Thür⸗ und Fenſterbogen, in den zier⸗ lich gegliederten Pfeilern, in den noch erhaltenen Erkern und Treppenthürmchen und unzähligen, zum Theil wun⸗ derbar ſchönen und feinen Ornamenten auf das deutlichſte erkennen, wie hoch die Kunſt geſtanden, welche dies alles vordem zu Tage gefördert. Und wenn das Geſchlecht, welches den geiſtlichen Bewohnern in der Herrſchaft über dieſen Beſitz gefolgt war, auch vielleicht nicht in all ſeinen Gliedern auf die Erhaltung der Bauwerke bedacht gewe⸗ ſen ſein mochte, jedenfalls und ſichtbar hatte es ſich doch von allen zweck⸗ und geſchmackloſen Reſtaurationsverſuchen und noch mehr von dem Mißbrauch fern gehalten, dem ſolche ehrwürdigen Reſte nur zu häufig und ſelbſt in un⸗ ſern Tagen noch zu verfallen pflegen. Ruprecht erinnerte ſich nur zu wohl, daß er auf ſeiner Reiſe hieher die ſchö⸗ nen Ruinen eines andern Kloſters zu Viehſtällen und Wirthſchaftsgebäuden eines großen Landguts wieder her⸗ geſtellt und benützt gefunden hatte. Hier ſtand es damit ganz anders. Die Ruinen lagen weit entfernt von dem Geräuſche und Getreibe der Wirth⸗ ſchaft, in ihrer ſtolzen Ruhe und Einſamkeit da. Die Kirche, welche hier ganz frei lag, ließ, wenn auch ohne Dach und nur mit wenig Reſten der Gewölbe, in den hohen Seiten⸗ mauern noch all ihre Theile, die Pfeiler und den Reich⸗ thum ihrer Verzierungen deutlich und anmuthig erkennen, ihr ſchlanker Thurm hob ſich noch weit empor und hatte 49 nur die zulaufende Spitze verloren. Von dem freien Raume umher waren die eigentlichen Gartenanlagen ver⸗ ſchwunden, nur üppiger Raſen, hie und da durch eine kleine Gebüſchpartie unterbrochen oder durch einen ſtolzen alten Baum beſchattet, deckte jetzt den Platz und ſchmiegte ſich weich um ein paar Grabſteine, welche, Gott weiß wie hieher gelangt, aus den Gräſern und Blumen die Geſtal⸗ ten eines alten ernſten Mönchs, eines geſchmückten Abtes den Beſchauer entgegentreten ließen. Die äußere Umge⸗ bung des Platzes, der Kreuzgang, zog ſich auf drei Seiten noch in ſeiner früheren unveränderten Geſtaltung hin, und wo er auf der vierten Seite fehlte, gewann das Auge jetzt einen wundervollen Blick, an der Kirche vorüber und über wohlgepflegte Raſenplätze hin in die See hinaus und auf die rechts entlang ziehende mit Wäldern und Dörfern be⸗ deckte Küſte. Der Bau, welcher ſich über den ſchattigen Hallen des Kreuzganges erhoben hatte, war zum größten Theil dach⸗ los und zerfallen; die Mauern des einen Flügels nur hat⸗ ten der Zeit und vielleicht auch den Menſchen Trotz gebo⸗ ten und bargen in ihrem Innern noch bewohnbare Räume. Bibliothek, Refectorium und Conventſaal ſchienen hier nahe bei einander gelegen und andere, nicht zu Zellen be⸗ nützte Gemächer ſich ihnen angeſchloſſen zu haben. Viel⸗ leicht auch, daß die neuen Beſitzer hier anfänglich noch eine geraume Zeit gewohnt und die Räume neu eingerichtet 1861. 8. Der große Baron. I. 4 5 50 und ausgebaut hatten. Es waren ſtattliche und für jene ferne einfache Zeit große Räume, in denen man ſich auf das freieſte bewegen, wo man ſich auf das behaglichſte ein⸗ niſten konnte. Hier wohnte, wie Ruprecht erfuhr, der Bruder des Barons, wenn er einmal mit ſeiner Frau auf mehrere Tage nach Engelsöe kam, und hier hatte auch Ruprecht ſelbſt einen ziemlich geräumigen Saal und ein daranſtoßendes Gemach zur Wohnung angewieſen erhalten. Die Treppe zu dieſen Räumen wand ſich in einem kleinen, auf das zierlichſte emporſtrebenden Eckthurme hinauf, und war die Ausſicht aus den Zimmerfenſtern— hier auf die Kirche, den Raſenplatz und den Kreuzgang, dort in die See hinaus und auf die Küſte— ſchon anmuthig genug, wahr⸗ haft prachtvoll wurde ſie, wenn man höher in das Thürm⸗ chen hinein ſtieg und endlich auf einen kleinen Balkon hin⸗ aus trat, der gegen die See zu nahe unter dem ſpitzen Dach ſich von Eiſen hinausgebaut zeigte. Dort oben weilte Ruprecht zuerſt und ſchon heute lange, lange Zeit. Er vermochte ſich kaum zu trennen von dem Anblick der glanzvollen, ſpiegelnden See, die ſo kühl und friſch zu ihm herauf rauſchte. Erſt als er endlich ein⸗ mal ſeitwärts ſchaute, durch einen der leeren Fenſterbogen, welche ſich in dem zerſtörten Theil hie und da noch über dem Kreuzgang erhoben, da riß er ſich dennoch los. Die dunklen Wipfel des Parks ragten dort ſo ſtill, ſo ge⸗ heimnißvoll hinauf in die klare Luft und verhießen ihm 51 tiefe Schatten, tiefe Ruhe unter den alten reichen Laub⸗ kronen. Rechts, in derſelben Entfernung von der See wie Kreuzgang und Kirche, ſetzten ſich andere Theile der Rui⸗ nen fort, deren Zerſtörung aber zu weit vorgeſchritten war, um den Beſchauer mehr als nur ahnen zu laſſen, welchen Zwecken dieſe Gebäude früher gedient. Doch war auch hier alles aufgeräumt und geordnet, und die ehrwürdigen Reſte waren auf das geſchickteſte zum Schmuck der Parkanlagen benützt, welche von hier an und links hinaus die ganze kleine Inſel bedeckten— einen Raum, der immerhin groß genug war, um den Park zu einem der ausgedehnteſten und mannigfaltigſten dieſer ganzen Gegend zu machen. Vom Schloß ſah Ruprecht nichts, Gruppen von ge⸗ waltigen Bäumen verdeckten nach dieſer Richtung alles; auch die Ruinen und Gebäude der Abtei traten bald hinter die Räume und Laubmaſſen zurück, und rings um den Wandelnden her breiteten ſich in einer Friſche und Ueppig⸗ keit, wie man ſie ſonſt an ähnlichen Menſchenwerken nicht grade häufig zu bewundern hat. Darin verrieth ſich hier der Einfluß der nahen See und ihrer milden, feuchten Lüfte. Das Grün des Laubes und die Farben der Blu⸗ men zeigten ſich ſo glänzend, als ob die Sonne ſie niemals gedörrt und der Staub der Erde ſie noch nie heimgeſucht, und überall ſchlangen und hoben ſich die Kletterpflanzen in 4* 52 den reichſten, dichteſten Maſſen zwiſchen den Stämmen der kleinen zerſtreuten Wäldchen und an ihnen zur Höhe empor. Von einer angebrachten Anlage, von einem beſtimm⸗ ten Plane konnte man hier nirgends etwas entdecken. Der ganze Raum der kleinen Inſel und was auf ihr an Wie⸗ ſenplätzen und Wald vorhanden, ſchien von den jedesma⸗ ligen Beſitzern nur nach Einfall und Laune, nach dem per⸗ ſönlichen Geſchmack benützt und zu die er oder jener neuen Anlage nach und nach verwendet, von dieſem und jenem vielleicht auch einmal ganz vernachläſſigt worden zu ſein. Das Beſte hatte ſicher ſtets die Natur ſelber gethan, der man nur neuerdings hie und da mit Geſchmack nachgehol⸗ fen zu haben ſchien. So zufällig und abſichtslos, hätte man ſagen mögen, traten zuweilen reizende Blumenpar⸗ tien aus den Wieſengründen, hinter dichten Gebüſchmaſ⸗ ſen plötzlich hervor; ſo wundervoll harmoniſch fand Rup⸗ recht die Gruppe hochſtämmiger, mit Blüthen bedeckter Roſen und die dichte Wand des ernſten, dunkelgrünen Taxus, welche von keiner Scheere verunſtaltet, jene im Halbkreiſe umgab. Dieſe Oeffnung in den Waldmaſſen, wo über Blumenpartieen und Wieſengründe hin der Blick auf die See hinaus fliegen konnte, ſchien die Natur ſelbſt geſchaffen zu haben. Jene prachtvolle und ſchier undurch⸗ dringliche Hecke von Geißblattranken, welche ein paar Ge⸗ wächshäuſer umſpannte und verbarg, war emporgewu⸗ 53 chert, als hätte keines Menſchen Wille ſie hier grade und ſo hervorgerufen. Die uralte Eiche, welche inmitten der anſteigenden Waldlichtung einſam ſtand und ernſt und ſtill zu dem im Wege Wandelnden herunterſchaute, hatte von jeher den Raum umher frei gehalten von Baum und Strauch, ſtolz und bewußt ihrer herrſchenden Majeſtät. Und dann der Weg hier, der plötzlich ſeitwärts ſich abzweigend, ſo geheimnißvoll hineinführte in die dichte⸗ ſten, unentweihteſten Waldpartieen, der ſich tief ſchattig und ganz einſam hinzog unter den über ihm zuſammenge⸗ wölbten Zweigen, faſt als ſie es ein großes, wunderliches und nur durch die Natur allein auf ſolche Weiſe herge⸗ ſtelltes Berceau, in dem man nichts erblickte als das in⸗ nerſte, leiſeſte Waldleben zwiſchen den alten Stämmen und ſchlanken Stauden, die dasſelbe bildeten, wo nur hie und da auf einer lichteren Stelle ein ſchüchterner Son⸗ nenſtrahl, der durch die Kronen droben ſeinen Weg hinab⸗ gefunden, das Laub der wölbenden Zweige erhellte und den Gang unter ihnen mit dem magiſch'ſten, wunderbar⸗ ſten Lichte durchſchimmerte!— Oder der Fußſteig dort, der noch enger und tiefer in den Wald hineinführte, un⸗ gepflegt und ſelten betreten, verſchwindend im Mvos und Kraut, durch die dichten Heidelbeeren mühſam ſich windend, ſich leicht um den alten Eichenſtock ſchwingend, der ſich, mooobedeckt, zum natürlichſten Sitz geſtaltete. Und ſo zu⸗ fällig er ſich dort gerade abzweigte, wo er die offneren Räume verließ, ſo zufällig und plötzlich endete er drüben auch auf dem kleinen Hügel, von dem man über einen großen und zwar wohl über den anmuthigſten Theil des Parkes hin blickte— über die weichſten Wieſen, die duftigen Blu⸗ menpartieen, die ſtattlichſten Baumgruppen, vereint zu einem Bilde des lächelndſten Friedens. Und ſo hier, und ſo dort, endlos, immer neu und mannigfaltig, faſt ohne eine einzige, wirklich ſichtbare Spur der Menſchenhand, der Menſchenkunſt, als ſei es, ſo wiederholen wir, nur die Natur allein und der Zufall geweſen, die hier vereint erſchaffen und gearbeitet und den ganzen Raum mit dem reichſten Zauber erfüllt hätten. Grade in dieſer vollſten Natürlichkeit, in der Abweſenheit oder doch Verborgenheit alles deſſen, was auf einen Plan, auf eine Abſicht hätte hindeuten müſſen, fand der Be⸗ ſchauer das unbeſchreiblich Reizende, das unſagbar Lo⸗ ckende, das träumeriſch Liebliche dieſer wunderbaren An⸗ lagen. Es ſtörte ihn auch ſonſt wenig oder nichts in dem Gefühl, daß ihn rings nur die reichſte und reinſte Natur umgebe; Baum und Strauch waren die alten treuen und ſchönen heimiſchen Arten, und die Blumen und Blüthen, die er ſah, blickten ihn alle ſo vertrant an, daß er ſie nicht als Kinder der Fremde denken konnte. Nur die paar brei⸗ teren, ſauberen Wege und eine prachtvolle Lindenallee, welche das ganze Eiland von den Ruinen bis an den ent⸗ gegengeſetzten Strand durchſchnitt, und hie und da ein 5⁵ paar Rehe, welche ihn vertraulich nahe herankommen ließen, bis ſie ſich mit munteren Sätzen gegen das Ge⸗ büſch zurückzogen, erinnerten leiſe, leiſe an die Nähe und das Wirken der Menſchen. Aber er weilte nicht bei dem Wilde, er blieb nicht auf den gebahnten Wegen, er folgte träumeriſch dem tief⸗ ſtillen Waldwege, den wir euch oben geſchildert, und der ihn immer tiefer hineinführte in die Schatten und die Ein⸗ ſamkeit. Da ging er langſam hin, da lauſchte er dem lei⸗ ſen Regen und Flüſtern umher und hätte wünſchen mögen, den Pfad lange, lange noch nicht enden zu ſehen. Und es ſchien auch nicht ſo, als ob das bald der Fall ſein werde; im Gegentheil wurde es immer ſchattiger und dämmeriger auf dem Wege, der Wald rings immer dichter; Buſch und Staude immer feſter in einander verſchränkt; man konnte glauben, die Sonne ſei ſchon eine ganze Weile hin⸗ ter den Wäldern auf dem Feſtlande drüben verſchwunden, und ſelbſt die Abendwölkchen droben empfingen nichts mehr von ihrem Licht. Aber mit einemmal ſprang der verengte Pfad im ſcharfen Winkel um ein dichtverflochte⸗ nes Gebuſch, der Tag mit ſeinem vollſten Glanze lag, noch ringsum ausgebreitet, die Sonne überſtrahlte alles im blendendſten Licht, und Ruprecht ſtieß einen Schrei des Entzückens aus. Weit auf, weit auf ſtand die Welt vor ihm, ein un⸗ ermeßlicher Horizont! Ein kleines Raſenfleckchen ließ ihn 56 nur wenige Schritte hinaustreten aus dem Waldesdunkel, dann geboten ihm die luſtigen Wellen Halt, welche vom friſchen Oſtwinde getrieben, raſtlos daher kamen und ihren weißen Schaum über den ſchmalen hellen Strand hinaus wie ein ſilbern Band in die grünen Gräſer legten. Und vor ihm lag die See, endlos und ruhlos, blau glän⸗ zend und grün und weiß, von Sonnengold durchſchimmert und punktirt, überwältigend klar, überwältigend weit, und doch ſo friedensvoll, und doch ſo erfriſchend und er⸗ quickend bis ins tiefſte Herz hinein, daß man ſich nie von ihr trennen und ſie nie vergeſſen kann. Was ſie iſt und wie ſie iſt, das ſagen keine Worte. Die See iſt eben nur die See, ihr iſt nichts gleich auf der ganzen Welt, und wer von ihr ſcheidet, dem wird ſie durch nichts erſetzt, was Erde und Leben zu bieten vermögen. Ein ſchmaler Pfad zog ſich links von dem Raſen⸗ fleckchen hart unter den überhängenden Waldbüſchen mä⸗ lig anſteigend fort. Dem folgte Ruprecht nach einer Weile, und wenige Schritte weiter mußte er um eine aufs neue vorſpringende dichte Buſchecke biegen und ſtand er wieder überraſcht auf einem höheren und etwas geräumi⸗ geren Platze vor einem aus leichtem Holzwerk zierlich er⸗ bauten Pavillon. Die See nahm auch hier wieder den größten Theil des Geſichtskreiſes ein, die Grundmauer des Pavillons, aus ſchweren Quadern zuſammengefügt, wurde ſogar auf ihrer Höhe noch von dem Staub der anrollenden Wellen er⸗ reicht, links aber ſah man, wenn auch in ziemlicher Ent⸗ fernung, einen dunkel bewaldeten Landſtreifen weit hinaus⸗ ſtreichen. Aus dem Walde dort traten ein paar helle Ge⸗ bäude deutlich ſichtbar hervor, und wenn Ruprecht ſich an die Erzählung Absbergs erinnerte, ſo konnte er nicht zwei⸗ feln, daß er hier vor dem ſogenannten Belvedere ſtehe und nach Wolden hinüberſchaue. Aber es war nur ein raſcher Blick, den er dem Land⸗ ſchaftsbilde ſchenken konnte, als er ſchon geſtört wurde und ſeit Stunden den erſten Menſchenlaut wieder vernahm. „Aha, der Herr Maler!“ ſprach eine tiefe Stimme, und wie Ruprecht aufſchaute, ſah er im Pavillon die ſich von einer Bank aufrichtende Geſtalt des alten Dieners, der die Anlangenden am vergangenen Tage an der Thüre empfangen, und an den der Baron den jungen Mann mit ſeinen Wünſchen verwieſen hatte. Mit einigen Schritten war Ruprecht die Stufen hinan, im Pavillon, beim Alten, und da er ihn mit der Mütze und Pfeife in der Hand vor ſich ſtehen ſah, ſagte er freundlich:„Ihr werdet Euch doch durch mich nicht ſtören laſſen, Gottlob? Setzt auf und raucht weiter, oder ich muß mich wieder entfernen. Ich mag niemand geniren, wie ich auch ſelber nicht gern ge⸗ nirt bin.“ Der Alte murmelte irgend etwas vor ſich hin, allein ſicher nichts Böſes, denn er ſchaute den Gaſt dabei wohl⸗ 58 wollend genug an.„Alſo mit Verlaub,“ ſagte er dann, die Mitze aufſetzend und das Pfeifenſpitzchen in den Mund ſchiebend.„Es iſt meine Freiſtunde, Herr, wo ich aus dem Hauſe hinaus kann, und die verliere ich nur ſchweren Her⸗ zens. Bin das im Hauſe ſitzen noch immer nicht recht ge⸗ wohnt.“ „Ihr ſeid nicht von jeher Kaſtellan oder— wie be⸗ titelt man Euch eigentlich?— geweſen?“ fragte Ruprecht freundlich: und ſetzte ſich neben dem Alten auf die vordere Bank, wo nichts den Ausblick in die Weite hemmte und die wundervolle elaſtiſche Luft ungehinderten Zugang fand. „Nein, Gott ſei Dank!“ lautete die Antwort.„Nennt mich nur Gottlob, Herr, wie vorhin.'s iſt mein beſter Titel, und wie man mich ſonſt tituliren müßte, weiß ich ſelber nicht recht. Der„Große“ hat mir zwar ſeit meinem Unfall den ruhigen Poſten angewieſen, mir den Staats⸗ rock und den Dreiſpitz gegeben, daß ich Herrſchaften an der Thür manierlich empfangen und hereinkomplimentiren kann; aber ich frage den Kukuk nach dem Dienſt und hielt ihn nicht aus, wenn er ſtreng ginge. So aber bin ich ſo ein wenig alles in allem— weiß ſelber nicht, was alles. Am liebſten wär' ich freilich geblieben, wozu mich der Herrgott beſtimmte.“ „Und das war?“ fragte Ruprecht, den die Weiſe des Alten anzog. „Ein grüner, fröhlicher Jägersmann, Herr! Das 59 war ich, und im Gemüthe bin ich's noch und bis zum Tode, aber die Gliedmaßen laſſen mich nicht mehr zu meinem Geſchäft hinaus. Ich fiel vor fünf Jahren einmal drüben in den Bruch,“ fuhr er fort, und die weißen Augenbrauen zogen ſich feſt zuſammen und die hohe Stirn legte ſich in tiefe Falten,„ich kam wieder hinaus, wofür ich dem Herr⸗ gott auf den Knien hätte danken ſollen— denn es iſt dort drüben nicht ſpaßhaft, Herr!— Und vernünftig hätt' ich auch ſein konnen, ich war ſchon alt genug, und in naſſen Kleidern am Froſttag umherzulaufen, thut nicht einmal einem Jungen gut. Doch ich war einmal auf den Acht⸗ zehner verſeſſen, den ich heut endlich nun einmal haben wollte, nachdem er mich oft genug geäfft, und ſo gings fort. Es war meine eigene Schuld und mein eigener Schade. Am Tage darauf ſchon lag ich gelähmt und wie ein Wickelkind im Bett— die Gicht heißt die beſtialiſche Krankheit. Und wenn ich auch wieder heraus gekommen und leidlich grade geworden bin, in den Beinen will ſich das Reißen nicht verlieren, hier in der linken Schulter auch nicht— ich kann nicht mehr mit fort, Herr, und wenn ich meinen Schuß ſicher zu haben glaube, gibt's einen Ruck und ich pudle wie ein Sonntagsjäger. Da hab' ich die Büchſe an die Wand gehängt und einen harten Schwur gethan, und der„Große“ hat mir den ruhigen Poſten gegeben. Aber, Herr, Ihr könnt's glau⸗ ben, es iſt ein ſchweres Kreuz für mich, und zu Zeiten 60 möcht' ich lieber todt ſein als ſo ein unnützes Stück von einem alten Kerl.“ Die hellen blauen Augen ſchauten finſter unter den Brauen hervor, die Fauſt lag feſt geballt auf den Ge⸗ länder des Pavillons, und in dem ganzen Aeußern des al⸗ ten Mannes ſprach ſich ein ſo tiefer und ſo grimmiger Schmerz über ſeine Untüchtigkeit aus, daß der Zuhörer ſich bis ins Herz ergriffen fühlte. Um den Alten von den traurigen Gedanken abzuzie⸗ hen, fragte Ruprecht nach einer Weile:„Ihr ſeid ſchon lange im Dienſt bei dem Herrn Baron?“ Es zuckte wieder ein Lächeln über das alte faltige Geſicht.„Ich bin in der Abtei geboren, Herr,“ ſagte er. „Mein Vater war auch Jäger, bei dem alten Baron— bei dem Großvater des„Großen,“ mein' ich, und dann bei ſeinem Vater, und ſo lange man von ſo etwas weiß, ſind die Roder, wie wir heißen, ſtets als Jäger in der Abtei geweſen. Mit mir wird's ein Ende nehmen— lei⸗ der Gottes!— hätte ich's früher und recht bedacht, hätt⸗ ich mir doch wohl ein Weib geſucht. Jetzt iſt's zu ſpäͤt. Und das ſchlimmſte iſt,“ ſetzte er wieder finſter hinzu und biß hart auf die Pfeifenſpitze,„daß ich's ſelber mit anſehen muß, wie's nach dem Ende der Roͤder in der Abtei zugeht.“ „Ihr ſeid mit Eurem Nachfolger nicht zufrieden, Gottlob?“ ſchob Ruprecht leiſe lächelnd ein. „Hm—'s hat ſich was von zufrieden ſein! Was 61 hätt' ich vom Schelten und Mäkeln? Mir kann's egal ſein, wie's dem„Großen“ iſt, wir halten's nicht mehr recht mit der Jägerei, weil wir zu alt und kein junger Trieb da.— Peter Heinze iſt ſchon recht und verſteht auch ſeine Sache, wie es jemand kann, der zu einem Ge⸗ ſchäft erzogen wird. Aber ganz recht iſt es doch nicht. Ein richtiger Jägersmann muß es nicht durch die Lehre, ſon⸗ dern im Geblüt haben, von Vater her und Großvater, das weiß ich. Es geht überhaupt zu Ende mit der Jägerei, die Alten ſterben ab und die Jungen verſtehn den Teufel davon. Der da drüben in Wolden, der Hans Adam, der iſt meines Wiſſens hier zu Lande noch der einzige richtige Jägersmann, und will's auch ſein. Der„Große“ könnt' es auch noch, aber dem macht es kein Plaiſir mehr. Er iſt überhaupt nicht, wie er ſein ſollte.“ Ruprecht ſah dem Sprecher überraſcht in die Augen, eine ſolche Bemerkung hätte er grade am wenigſten von einem ſo alten Diener des Hauſes erwartet. Es kam et⸗ was wie ein leiſes Mißtrauen über ihn— was vermochte den Mann, ſich in ſolcher Weiſe gegen den ganz Fremden 'auszuſprechen?— und ziemlich kurz bemerkte er nur: „man nennt den Herrn Baron ſonſt überall den erſten und bravſten Mann im Lande.“ „Na was denn ſonſt?“ fragte der alte Jäger raſch und ſcharf und warf den Kopf ein wenig auf und guckte den Maler ernſthaft an.„Wollt's doch auch meinen! Die 62 Barone auf Engelsöe ſind alle Zeit ſo geweſen, und mein „Großer“ erſt recht. Es iſt kein Menſchenkind auf ſeiner Herrſchaft, das nicht für ihn durch's Feuer ginge, und ich—“ Er unterbrach ſich und ſetzte mit Kopfſchütteln hinzu:„Ihr müßt mich nicht mißverſtehn, Herr. Ich plau⸗ dere da mit Euch, wie's kaum ſchicklich, allein Ihr habt ein gutes Geſicht, ſo ein Absbergiſches, und ich hab' nie⸗ mals ein Blatt vor den Mund genommen. Ich meine nichts Arges von meinem„Großen“— er iſt ein Menſch nach dem Herzen Gottes, ohne Fehl ſag' ich Euch. Und hätt' er was an ſich, das nicht recht wäre, Euch oder einem andern Fremden würd' ich's am wenigſten ſagen. Ich meinte nur: er ſollte heiterer ſein und das Leben fröhli⸗ cher hinnehmen. Bei ſeinem Körper und ſeiner Geſundheit iſt man in ſeinen Jahren noch nicht alt. Und wenn ich daran denke, wie er's beſſer hat, als tauſend und aber tauſend andere, und wie er vordem wirklich ein ſo heiterer Herr geweſen iſt und es ſo gern auch um ſich heiter hatte— da könnt' ich zuweilen ganz gramvoll werden, oder auch grimmig, wie's grade kommt.“ Ruprecht ſchüttelte den Kopf.„Der Menſch wünſcht und Gott beſtimmt,“ ſagte er ernſthaft.„Ernſt und Hei⸗ terkeit kommen uns nicht nach unſerm Willen. Ich kann auch nicht immer lachen, obſchon ich's möchte.“ Weiß nicht, Herr.'s kommt, meine ich, nur darauf an, wie man die Dinge anſieht. Was geſchehen, iſt vor⸗ 63 bei; ihm nachzuklagen und trauern, iſt eigentlich gottlos, und es immer im Herzen noch bei ſich zu tragen, Tag und Nacht darum zu grübeln, als ob es noch da— das iſt noch gottloſer. Der„Große“ iſt ſonſt ein gottesfürchti⸗ ger Herr, allein hierin iſt er's nicht. Es iſt freilich hart,“ ſetzte der Alte hinzu, indem er aufſtand,„die ganze ſtolze Herrſchaft dereinſt vermuthlich an den Staat kommen zu wiſſen. Denn es iſt kein Erbe zu ihr da. Aber das ſteht nun ſchon in Ausſicht, ſeit die gnadige Frau todt und die Frau Baronin Merlin wieder in der Abtei leben— an die zwanzig Jahr'.'s wär' lange genug, ſich zu faſſen und zu finden, mein’ ich, allein der Herr hat's nie verwunden.“ „Der Sohn des Barons iſt jung geſtorben?“ fragte Ruprecht, indem er den Alten die Stufen hinabfolgte und mit ihm auf einem ſchmalen Wege ins Gebüſch trat. „Ja,“ ſprach der frühere Jäger kurz und finſter. „Hat Euch der Hohenfeld nicht davon geſagt? Sprecht hier nicht von der Sache, Herr. Beim„Großen“ ging' es vielleicht, bei der Hildegard aber nicht.— Herr,“ ſetzte er abbrechend hinzu,„ich muß nun hinein, aber Ihr könnt immer noch hierbleiben. Die Theeſtunde wird Euch ange⸗ ſagt werden.“ „Ich möchte auch in meine Zimmer, um vollends Ordnung zu machen,“ verſetzte Ruprecht zerſtreut. „So werde ich es Euch dahin ſagen laſſen,“ bemerkte Gottlob.„Der„Große“ liebt die Stunde und ſieht es 64 gern, wenn all ſeine Hausgenoſſen dann um ihn ſind. Er iſt dann auch noch am munterſten.“. „Treffe ich noch andere als die beiden Damen?“ fragte Ruprecht. „Nein, gegenwärtig nicht.“ „Frau von Merlin iſt unwohl, ſagte mir vorhin der Baron.“ „Ja,“ lautete die kurze Antwort, aber der Alte mur⸗ melte dann noch etwas vor ſich hin, was der Gaſt nicht verſtand. Doch klang es ihm ſeltſamer Weiſe faſt, als I hätte der Alte hinzugeſetzt:„wollte Gott, ſie wär's recht”“— 6 oder—„öfter“— oder dergleichen. Und auch ſein finſte⸗ b res Geſicht ſchien dieſer Annahme nicht zu widerſprechen. IV. Stilles Leben. So wenig auch Ruprecht daran dachte, von den in⸗ nern und geheimen Zuſtänden in der Familie des Barons etwas erlauſchen zu wollen, es wäre unnatürlich geweſen, —— wenn ihn die Worte, welche er den alten Jäger hatte mur⸗ meln hören, nicht nachdenklich gemacht und längere Zeit beſchäftigt hätten. Alles, was er von der Familie erfah⸗ ren, war ziemlich ungewöhnlich und ſeltſam, und die Stel⸗ 65 lung, die er in und zu ihr einnahm, der Auftrag, den er ſo leichtſinnig über ſich genommen, mußten es ihm mehr als wünſchenswerth machen, ein freies und überſichtliches Terrain zu ſeinen Operationen vor ſich zu haben. Er glaubte es ſich immer weniger verbergen zu dürfen, daß ein Anſtoßen in dieſem Hauſe noch leichter als anderwärts zum Falle führen könnte, und je mehr er mit dem Baron ſelbſt, je mehr er mit Diana in Berührung kam, deſto peinlicher ward ihm der Gedanke, daß er grade dieſem Menſchen, wenn ſie von Guſtavs Auftrag erführen, in einem für ihn wenig angenehmen Lichte erſcheinen müſſe. Und nun erſt Diana's Mutter— von der er nur Andeu⸗ tungen erhalten, die ihn über ſie ganz im Unklaren lie⸗ ßen,— von der er nicht wußte, wie ſie ſei, welche Stel⸗ lung ſie im Hauſe einnehme, ob ſie den Vater beherrſche oder ſich ſeinen Anſichten füge, von der er aber, nach je⸗ nen Worten Gottlobs, annehmen mußte, daß ſie allein ihm vielleicht feindlich entgegentreten werde.— Wartet einmal auf jemand, der, wie ihr wißt, fuͤr euch und euer Geſchick von Bedeutung ſein wird, und von dem ihr bisher nichts kennt und nichts erfahren habt, als daß er eher wider als für euch ſein dürfte, und fühlt euch noch behaglich und gleichmüthig! Und es verging Tag auf Tag in der Abtei, und von der Baronin Hildegard Mer⸗ lin ward dem Gaſte nichts ſichtbar, und weder der Schloß⸗ herr, noch die Tochter redeten etwas von ihr, was für 1861. 8. Der große Baron. I. 5 66 Ruprecht und ſeine vermuthliche Stellung zu der Dame beſtimmend und entſcheidend geweſen wäre. Das Leben ging ſür die Schloßbewohner auf das ſtillſte fort, es war einſam in der Abtei, wie es der Baron dem Gaſte vorhergeſagt, und es wurde noch einſamer und ſtiller durch die Ungunſt der Witterung. Denn der blaue Himmel und der lichte Sonnenſchein, welche den Fremden bei ſeiner Ankunft in dieſen Landſtrichen ſo freundlich empfangen, waren nun ſchon ſeit mehreren Tagen wieder hinter den dichten Wolken verſchwunden, welche den ſchwe⸗ ren Regen nicht enden ließen. Das Jahr 1830 war, wie die älteren unter unſeren Leſern ſich noch erinnern werden, in vielen Gegenden Deutſchlands ein ſehr regneriſches, und zumal in dieſen Küſtenſtrichen wußte man nur von ein elnen, ſeltenen Tagen, daß die Sonne überhaupt noch am Himmel ſtehe. Es ſah bös aus mit den Geſchäften des Landmanns, von denen Ruprecht auf Engelsöe, bei dem großen Grund⸗ beſitz und der lebhaften Theilnahme des Barons mehr er⸗ fuhr, als je zuvor in ſeinem Leben. Alles ſtockte, alles war in Zweifel geſtellt, und von der Ernte, welche in die⸗ ſen Tagen ſonſt ſchon hätte beginnen müſſen, ließ ſich weder dieſer Beginn beſtimmen, noch der Ausfall auch nur annähernd vermuthen. Dazu kam, daß der Regen nicht nur auf die Felder wirkte, ſondern auch auf die Wege, welche in dem ſchweren Boden des Landes langer Tocken⸗ 67 heit bedürfen, um leicht und gut fahrbar zu werden, und die nun von Tag zu Tag unbrauchbarer wurden und jede Verbindung mit Nachbarn und Freunden, mit Stadt und Land erſchwerten und unbehaglich machten. Selbſt nur von einem längern Verweilen im Park war in dieſen naſſen, kühlen und windigen Tagen nicht viel die Rede, und da der Baron von den in Ausſicht geſtellten Ausflugen häufig zurückgehalten wurde, war der kleine Kreis mehr und län⸗ ger vereint, als Ruprecht und die Andern es erwartet haben mochten. Ruprecht hatte ſein Geſchäft begonnen, einen an ſeine Zimmer ſtoßenden weiteren Saal zum Atelier ein⸗ gerichtet und malte eifrig und mit wachſender Luſt an dem alten ſchönen Bilde. Mehr als einmal ſuchte der Baron ihn zu dieſen Stunden auf, und wenn der alte Herr zu⸗ meiſt auch nicht gerade ſehr geſprächig war und noch we⸗ niger zum leeren Plaudern mit dem jungen Hausgenoſſen kam, ſo ſah Ruprecht ihn doch ſtets gleich freundlich und hatte vor allen Dingen die Genugthuung zu bemerken, daß ſein Schaffen die vollſte Zufriedenheit des Schloß⸗ herrn erregte. Der Maler war freilich auch ſelber mit ſeinem Erfolge zufrieden, und um ſo mehr, je beſorgter er an die Ausführung einer Arbeit gegangen, in der er ſich bis dahin noch nie verſucht, und je mehr Sorgfalt der Zuſtand des Bildes in Anſpruch genommen hatte. Trotz der anfänglichen Schweigſamkeit des Barons 3* 68 hatte nicht nur dieſer immer ſichtbarer werdende Exfolg von Ruprechts Arbeit, ſondern auch das häufige Arhlne menſein die beiden Männer daher einander ſchneller und mehr genähert, als es ſonſt der Fall geweſen ſein dürfte. Es ſpann ſich bald manche längere, wirkliche Unterhaltung an, die Abends, in der traulichen Theeſtunde und bei dem, durch das üble Wetter veranlaßten fortgeſetzten Zuſam⸗ menſein, auf das natürlichſte wieder aufgenommen wurde und den Einen immer tiefere Blicke in Weſen und Cha⸗ rakter des Andern thun ließ. Ruprecht hatte genug zu er⸗ zählen von ſeiner einſamen, unter Fremden verlebten Ju⸗ gend— ſeine Eltern hatte er ſo früh verloren, daß er ſich des Vaters kaum, der Mutter nur wenig erinnerte— von ſeiner erwachenden Neigung zur Kunſt, die ihn in harte Conflicte mit den Wünſchen ſeines Vormundes brachte, von ſeiner Studienzeit in Bonn, wo er ſich immer mehr der Kunſt widmete, bis ihn ſo gut wie viele damals, der Griechen tapferes Ringen nach Griechenland hinüber und in den wilden Kampf zog— endlich von dieſem Kampfe ſelbſt und den Gründen, die ſeine Rückkehr veranlaßt hatten. Er erzählte lebhaft und enthuſiaſtiſch; die prächtige, phantaſtiſche Ferne that ſich auf vor ſeinen lauſchenden Zuhörern, der Zauber jener wundervollen Gegenden mit ihrem ewigen Grün, mit Berg und Thal, mit dem pracht⸗ vollen Blau des Meeres und des Himmels, umſpann ſie 69 hier an den fernen nordiſchen Küſten; die ſo fremden und verwirrten Zuſtände rückten ihnen nahe, die gewaltigen, wilden und rauhen Menſchen lebten auf vor ihnen, der blutige Kampf, das wilde, trotzige und grauſige Ringen der Streitenden umbrauſte ſie, und der Baron ſo gut, wie das junge Mädchen ſahen mit immer ernſterem Intereſſe auf den jungen Mann da vor ihnen, der ſo leichtherzig ſich mitten in dies endloſe Gewirre hineingeworfen, ſo keck ſich durchgerungen, ſo feſt ſich endlich herausgeriſſen hatte und nun von dem allen ſo einfach ſprach, als ſeien all dieſe Er⸗ lebniſſe das Natürlichſte und Unbedeutendſte von der Welt. Und wurde ihnen hierdurch der Menſch immer wer⸗ ther und vertrauter, ſo trat ihnen zugleich auch der Künſt⸗ ler näher, da Ruprecht nun ſeine Skizzenbücher herbei⸗ brachte und die Blätter ihnen wie eben ſo viele ſpannende Illuſtrationen des ſpannenden Textes vorlegte. Der Baron erkannte aus ihnen immer mehr, daß er ſich in dem jungen Manne nicht getäuſcht hatte, dem er ſo ſchnell ſein Haus geöffnet und einen, in ſeinen Augen wenigſtens, ſo großen Schatz anvertraut hatte, und er vermochte ſich nur nicht zu erklären, wie Ruprecht bei einem ſo entſchie⸗ den ausgeſprochenen Talent und bei ſchon ſo großer tech⸗ niſcher Fertigkeit neuerdings doch noch in Zweifel über die nun zu verfolgende Laufbahn ſein konnte. Es ſchien ihm ſo gar nichts Dilettantenhaftes in dem jungen Manne zu liegen. 70 „Und was nun?“ hatte der Baron freundlich ge⸗ fragt, als Ruprecht die Berichte über ſein bisheriges Leben bis zu ſeiner Rückkehr auf deutſchen Boden fortgeführt und damit geſchloſſen hatte.„Und was nun? Wollen Sie noch die Studien auf einer Akademie wieder aufneh⸗ men oder gleich Ihr Haus gründen?“ Und Ruprecht hatte lachend die Achſeln gezuckt und gemeint, er könne noch nichts ſagen, da er ſelber noch nicht wiſſe, was ihn demnächſt hauptſächlich anziehen werde. Für jetzt freilich ſei er durch all' das Treiben und Getüm⸗ mel um ihn her noch viel zu erregt, um an ein ernſtes und ſtetiges, der Kunſt allein geweihtes Leben denken zu mö⸗ gen.„Mein Vermögen iſt beſcheiden,“ hatte er munter hinzugeſetzt,„legt mir jedoch, bei vernünftiger Wirthſchaft, nicht grade peinliche Schranken auf. Ich kann immerhin einige Zeit lang meinen Einfällen nachlaufen; und offen geſtaͤnden, Herr Baron, ſtill ſitzen und ſtetig ſchaffen und ſtudiren kann ich nicht. Auf einige Wochen hält die Luſt dazu vor, auf lange Zeit, auf immer, noch nicht— ich kenne mich. Ich müßte wenigſtens etwas Anderes, Auf⸗ regendes nebenher haben— wie in Griechenland, oder etwas, das mein ganzes Weſen packte, durchdränge und — änderte. Am liebſten wäre oder würde ich Soldat — das heißt natürlich, wo ich auch einen Krieg wenigſtens in Ausſicht hätte. Und ſo drohend, wie die Verhältniſſe ſich in Frankreich zu geſtalten ſcheinen, iſt ein ſolcher gar 71 nicht unmöglich. Dann ade Atelier und Palette! Ich greife wieder zum Säbel und zum flüchtigen Crayon. Die Ausführung wird auch ſchon einmal an die Reihe kommen, wenn ich bequemer geworden und nicht mehr allein nur ſchauen und erleben mag.“ Der Baron ſchüttelte den Koof.„Ich verſtehe das nicht,“ bemerkte er, und zum erſtenmal in dieſen Tagen ſah Ruprecht ſeine Stirn gefaltet, und die dunklen Augen blickten finſter.„Reiſen in alle Welt hinein, Land auf, Land ab, durch Luſt und Gefahr, wie's kommt, das be⸗ greife ich ſchon, obgleich es meine Sache nicht wäre. Allein vom freien Mann ſich zum dienſtbaren zu machen, ſich in buntes Tuch kleiden und dreſſiren zu laſſen— frei⸗ willig, mein Herr!— das iſt mehr als ich recht zu faſſen vermag. Aber wir wollen darüber nicht ſtreiten,“ ſetzte er hinzu.„Ich weiß ſchon, wo dieſe Leidenſchaft einmal Platz gegriffen hat, kämpft man vergeblich gegen ſie.“ Eine Frage Diana's kam Ruprecht ſehr gelegen und bot Gelegenheit, die Unterhaltung auf ein anderes Feld zwanglos hinüber zu führen. Er wußte ſelbſt nicht, wie er grade auf dies unglückliche Thema gekommen war, vor dem man ihn gewarnt und das er ſich vorgenommen, ſtets zu vermeiden. Und er ſah jetzt wohl, daß man ein Recht zur Warnung gehabt hatte, denn der Baron blieb miß⸗ geſtimmt, wie er ihn noch nicht geſehn, und der Abend verging in einer gewiſſen unbehaglichen gedrückten Stim⸗ 72 mung. Erſt am andern Morgen, da der Alte in das Atelier hinüberkam, war er wieder der gleichmäßige und gleichmüthige, ruhig freundliche Mann wie bisher, und Ruprecht vermochte ſich faſt des Einblicks zu freuen, den er, wenn auch auf ſolche Weiſe, am vergangenen Abend in dieſen nicht gewöhnlichen Charakter erhalten. Denn etwas Gewöhnliches und Alltägliches war an dem alten Herrn nicht zu entdecken, ſo aufmerkſam Ruprecht auch ſein Weſen, ſein Handeln und Denken verfolgte. Erſchwert wurde dieſe Beobachtung nicht, da der Baron ſich ſtets auf das unverhüllteſte, mit der ruhigſten Nonchalance von der Welt grade ſo hingab, wie er war. Was bei einem Ungebildeteren ſich ſehr leicht als ein wenig angenehmes, ſeine Umgebung ver⸗ letzendes oder bedruckendes Selbſtgefühl offenbart haben würde, nahm der junge Mann hier als etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes hin, als etwas, das zu dieſem Menſchen da vor ihm einmal gehörte, und das, von ihm ausgehend, auch niemals drückend wurde. Und je näher er den Schloßherrn kennen lernte, deſto weniger fühlte er ſich zurückgeſchreckt, geſchweige denn abgeſtoßen. Im Ge⸗ gentheil, er fand ſich angeheimelt, es ſprach ihn etwas Verwandtes an, das ihn immer näher zog, das ihn nicht mit Bewunderung, ſondern mit einer Art kindlicher Ehr⸗ furcht zu dem alten Herrn aufſchauen ließ. Es war auch ſeltſam genug, wie häufig ſich Gedanken und Gefühle 73 des Alten und des Jungen begegneten, wie oft ſich eine Uebereinſtimmung zeigte, wie ſie bei einer ſo großen Ver⸗ ſchiedenheit des Alters, der Erfahrung und des ganzen Lebensganges nur irgend möglich war. Häufig genug ſprach der Baron nach irgend einer Bemerkung Ruprechts: „Sie nehmen mir das aus dem Munde!“ oder:„Sie reden mir aus dem Herzen!“— und eben ſo oft dachte wenigſtens der Junge daſſelbe bei Meinungsäußerungen des Schloßherrn. Ruprecht erkannte und verſtand von Tag zu Tag beſſer, was Gottlob ihm am Tage ſeiner Ankunft geſagt: der Baron ſei ein Menſch nach dem Herzen Gottes und ohne Fehl. Es war freilich eine Geſtalt und ein Cha⸗ rakter einer vergangenen Zeit, gewaltig nicht nur dem Aeußern nach, ſondern in gewiſſem Sinn auch im Innern, — mit ſtolzem Selbſtgefühl, mit feſtem Trotz auf ſein Recht, mit eiſerner Conſequenz in der für richtig erkannten Weiſe, als trüge auch er den Harniſch, in dem ſeine Vorfahren erſchienen, noch immerdar, wenn auch nur noch unter den Kleidern, welche neue Zeiten und neue Sitten ihn anzulegen zwangen. Da wich und wankte nichts, da war alles aus einem Guß. Er war der Sohn ſeines alten Geſchlechts bis in die Nagelſpitzen ſeiner Finger, und daß dies Geſchlecht noch nach ſolcher Reihe von Jahr⸗ hunderten ſolche Sproſſen getrieben, ſprach mehr als alles für ſeine Geſundheit und Tüchtigkeit. 74 Von dem ſogenannten Adelsſtolze, der, wie ſchon erwähnt, in dieſen Landſtrichen zuweilen ſich auf das Kraſſeſte zu äußern pflegt, war in dem Mönch von Abs⸗ berg ebenſo wenig eine Spur zu entdecken, als in ſeinem Bruder. Daß ſie in gewiſſem Sinn eine andere Stellung einnahmen als andere, wußten ſie wohl, und das verſtand ſich von ſelbſt,— aber auch nur in gewiſſem Sinn; denn über Manches dachten ſie freier und leichter als alle ihre Standesgenoſſen und vor allen Dingen hatten ſie's nie verkannt, daß ſie trotzdem und zuerſt Menſchen blieben und Menſchen neben ſich hatten, ohne die ſich nicht exiſti⸗ ren konnten. Der Adel war ihren Vorfahren und ihnen nicht verliehen, ſondern eingeboren— das wußte Jeder⸗ mann ſo gut wie ſie ſelbſt und hielt es, wo es darauf an⸗ kam, in Shren, Was ſollten ſie felber noch viel Weſens davon machen? Dieſe Grundzüge des Weſens und Charakters hatte ſchon ihr Ahubeur gezeigt, der Absberg aus Franken, der Deutſch⸗Ordens⸗Capitular, von deſſen früherem Stande der hieſige Stamm den Beinamen Mönch empfangen hatte. Als der Landesherr, bei dem er zufällig mit einer Botſchaft ſeines Ordens anweſend, das Kloſter auf En⸗ gelsöe erſtürmte und zerſtörte und die Mönche zur Rechen⸗ ſchaft zog, welche mit dem Dänenkönig im Bunde eine Verſchwörung gegen den Fürſten angezettelt hatten, begleitete Ruprecht Absberg in friſchem Kriegesmuthe den 7⁵ Fürſten, bewirkte durch ſeine Anordnungen hauptſächlich, daß der Feind ſchnell überwunden und das Kloſter vor Anlangen neuer Hülfe erobert wurde, und war beim Sturm der Erſte auf den Mauern. Im Herzen nichts weniger als geiſtlich geſinnt, nahm er willig und freudig den Dank des Fürſten, die Belohnung mit dem eingezo⸗ genen Beſitz der reichen Abtei hin, erlangte die Dispen⸗ ſation, herrſchte kräftig und fröhlich auf Engelsbe und verſtand die neuen Unterthanen ſich durch Ernſt und Güte bald ſo zu verbinden, daß ſie bis in den Tod und gegen alle Anfeindungen ihm getreu zur Seite ſtanden. Davon wußte die alte geſchriebene Schloßchronik, die der Maler in der Bibliothek aufgefunden, mehr als einen Zug zu erzählen. Der Baron ergötzte ſich an dieſer lebhaften Theil⸗ nahme des jungen Mannes und erzählte in den friedlichen Abendſtunden zuweilen nun auch noch andere Sagen, welche ſich an ſeinen Stamm, an die Kloſterinſel und die alten Gebäude auf ihr knüpften. „Ich bin aber ein ſchlechter Berichterſtatter,“ ſetzte er dann wohl hinzu;„habe niemals viel Zeit gehabt, an dieſe alten Sachen zu denken und noch weniger Gelegen⸗ heit, von ihnen zu erzählen. Da hättet ihr meine Groß⸗ mutter kennen ſollen— ſie ſtarb freilich ſchon vor ſechzig Jahren,“ unterbrach er ſich mit einem lächelnden Blick auf die beiden jungen Zuhörer—„die würde euch Genüge 76 gethan haben. Sie war voll von dergleichen und oben⸗ drein auch gläubig, wollte ſelber Erſcheinungen gehabt haben, und wußte das alles auf das anſchaulichſte vorzu⸗ bringen. Oder wendet euch an den alten Gottlob, der wird auch noch wiſſen. Sein Vater war wenigſtens ein Altersgenoſſe unſerer Großmutter und überdieß noch ein Schloßkind, ſo gut wie wir. Die Röder ſind nachweisbar ſeit dem Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts, vermuthlich aber noch viel länger als Reitknechte und Jäger in der Abtei geweſen, und werden darin bleiben, bis es mit Her⸗ ren und Dienern ein Ende nimmt.“ Das war das einzigemal geweſen, daß Ruprecht den alten Herrn auf den bevorſtehenden Untergang ſeines Hauſes hindeuten hörte, und eine ſolche Bemerkung mußte eine ſehr ungewöhnliche ſein, da ſelbſt Diana bei dieſen Worten ſichtlich beſtürzt auf und zu dem Großvater hin⸗ überſah. Sie hatte ſogar, innig ſich an ihn lehnend und den grauen Kopf küſſend, mit lebhafter Bewegung ge⸗ fragt:„Großvater, biſt Du nicht wohl, daß Du ſo traurig denkſt und redeſt?“— aber der Baron machte ſich mit gutmüthigem Lächeln von ihr los und antwortete nur: „was fällt Dir ein, Kleine? Fange nicht an Geſpenſter zu ſehen, wo keine ſind.“ Ruprecht mußte wieder der Worte Gottlobs geden⸗ ken, als dieſer ihm von ſeinem Herrn und der tief inneren Trauer desſelben erzählt hatte. Hier hatte er nun eine 77 Aeußerung desſelben vor ſich und fühlte ſich durch dieſelbe mehr erſchüttert, als er's je einem fremden Schmerz gegen⸗ über geweſen. Ein andermal, da ſie Abends nach Tiſch auch wieder zuſammenſaßen, erzählte Ruprecht von einer Entdeckung, die er das verfallende Gemäuer des Abteibau's durchſpä⸗ hend, gemacht habe— in einer Ecke eines wüſten Saals ſei— vordem vermuthlich durch eine jetzt verſchwundene Säule verdeckt— die Oeffnung zu einem Mauergange ſichtbar, freilich aber ſo eng, daß nur ein ſchmächtiger Menſch und zwar nur kriechend vielleicht hindurchgelangen könne. 3 „Und dieſe Oeffnung in dieſer Umgebung erinnert mich an eine Geſchichte, die mir noch mein Vater erzählt hat,“ fügte der junge Mann hinzu.„Es iſt ſeltſam, wie uns zuweilen eine ſolche Erinnerung ſo jäh überkommt! Es iſt entſchieden die einzige Geſchichte, die mein Vater mir jemals erzählte und ich muß damals noch ſehr klein geweſen ſein, denn ich hatte vom Vater gar keine Vorſtel⸗ lung mehr, ſo zeitig ſtarb er. Ich habe auch ihrer lange, lange nicht mehr gedacht, und nun, da ich vor der Oeff⸗ nung ſtand, war alles mit einemmale da— der Vater in ſeiner Bergtracht, ausruhend am großen Ofen, ich auf ſeinen Knien, die Mutter mit dem Spinnrade am Tiſch. Und ich hörte die Geſchichte, wie durch einen ſolchen Gang, in einem ſolchen Saal, vordem die Erdmännchen zum Vor⸗ 78 ſchein gekommen, die Schloßfrau zur Hülfe bei einem Weiblein ihres Geſchlechts gerufen und ihr nach dem gu⸗ ten Gelingen des Werks prächtige, wunderbare, mit ge⸗ heimnißvoller Kraft begabte Geſchenke verehrt.“ „Das iſt allerdings kurios,“ meinte der Baron lächelnd;„grade dies wird allerdings von dieſem Mauer⸗ gange erzählt, von dem wir nicht wiſſen, wohin er führt oder welchen Zweck er gehabt. Bis das Schloß in der zweiten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts erbaut wurde, wohnten unſere Vorfahren in den alten Abteigebäuden, und jener Saal ſoll das Schlaſzimmer der alten Eva Kunigunde geweſen ſein, deren ſchoͤnes, ernſt⸗freundliches Geſicht Ihnen zwiſchen den Bildern ſicherlich aufgefallen iſt, Herr Münch. Sie ſoll dort die Erſcheinung gehabt und dem Erdweiblein ihren Beiſtand gewährt haben. Die Geſchenke der Zwerge ſind wirklich, zum Theil wenigſtens, noch da. Solche Sagen meine ich freilich vielfach von 1 den Ahnen alter Geſchlechter gehört zu haben,“ fügte der Baron hinzu;„dies Zuſammentreffen iſt aber immerhin merkwürdig genug.“ Ruprecht nickte.„Ich weiß auch die Geſchenke noch, die mein Vater damals nannte— es war eine goldene Aehre, ein goldenes Ei und eine alte Goldmünze— „Iſt Ihr Vater denn jemals hier im Lande und auf Engelsbe geweſen?“ unterbrach ihn der Baron lebhaft und mit einem fragenden Blick.„Sie nennen, was wir 79 beſitzen— beſaßen, muß ich leider ſagen,“ ſetzte er mit ſich faltender Stirn hinzu;„denn das Ei iſt auf eine bis heute unerklärte Weiſe aus dem alten ſogenannten Schatz⸗ käſtlein verſchwunden. Wir wiſſen nicht ſeit wann, da die Truhe nur ſelten eröffnet wurde. Jedenfalls habe ich ſelbſt es nicht mehr beſeſſen, denn als ich nach meines Sohnes Geburt zum erſtenmal nach dieſen Dingen ſah, fand ich das Ei fehlend, während es feſt ſteht, daß mein Vater es noch beſeſſen hat.“ „Davon hab' ich nie etwas erfahren,“ ſprach Diana dazwiſchen.„Ich wußte überhaupt nichts von dieſem Be⸗ ſitz Großvater. Wie kommt das?“ „Was weiß ich!“ verſetzte der Baron.„Es iſt nie viel davon die Rede geweſen.“ Und ſich an Ruprecht wendend, fuhr er nachdenklich fort:„aber Ihr Vater, junger Freund, war er jemals in dieſer Gegend, auf dem Schloſſe?“ Ruprecht ſchüttelte den Kopf.„Davon weiß ich nichts, glaube es jedoch auch nicht,“ meinte er gleichfalls nachdenklich.„Ich meine nicht, daß mein Vater jemals ſeine Heimath auf größere Entfernungen verlaſſen, bevor er 1813 oder ſchon 1812 als Schitzenoffizier mit zu Felde zog. Aber meine Mutter ſtammte freilich aus D., wo mein Großvater Lehrer geweſen ſein ſoll, bis er, ich weiß nicht weßhalb, von hier fortzog. So könnte allerdings—“— 80 „Nicht doch,“ unterbrach ihn der Baron mit ſicht⸗ barer Erregtheit.„Dieſe Geſchenke ſind ſtets eine Art Familiengeheimniß geweſen, und wie wir zu ihnen kamen, was ſie bedeuten ſollen, ſteht nicht einmal in der alten Chronik, ſondern iſt nur durch Tradition bekannt. Ich glaube nicht, daß Jemand, außer der Familie, irgend einmal etwas davon erfahren hat.— Sie hören, meine eigene Enkelin wußte es bisher nicht— und es iſt das ſeltſamſte Zuſammentreffen, von dem ich je gehört, daß Ihr Vater Ihnen von den ganz gleichen Dingen, von der gleichen Oertlichkeit erzählt. Ich ſehe ſelber ein, daß meine Frage, ob er hier geweſen, eine thörichte war. Ich müßte mich ja ſelbſt ſeiner erinnern, zumal wenn er ſo vertraut mit meiner Familie geweſen, daß er hiervon hö⸗ ren konnte. Oder— aber laſſen wir's gut ſein,“ brach er plötzlich ab.„Es iſt ſchon ſpät, und wir wollen an die Ruhe denken. Gute Nacht.“ Und ſich erhebend, zündete er ſein Licht an und ging ohne ein weiteres Wort in ſein anſtoßendes Wohnzimmer. „Das verſtehe ich nicht,“ bemerkte Diana kopf⸗ ſchüttelnd.„Ich habe den Großvater noch nie eigentlich ſo erregt durch eine ſolche Kleinigkeit geſehn.“ „Haben Sie wirklich noch niemals von dieſem Erb⸗ theil gehört, gnädiges Fräulein?“ fragte Ruprecht und ſchaute ſie zerſtreut— oder war's träumeriſch?— an. „Nein, Herr Munch, noch nie, denken Sie!“ verſetzte 8¹ ſie beluſtigt durch ſein Weſen.„Was um Gotteswillen habt ihr aber alle— erſt der Großvater, nun Sie? Sie ſchauen ja ganz ſeltſam d'rein!“ Er blickte ſie zerſtreut an.„Es iſt auch ſeltſam,“ murmelte er mit leiſem Kopfſchütteln,„ſehr ſeltſam!“ Und nach einer leichten Verbeugung wandte er ſich ſchwei⸗ gend der Thür zu. Sie ſchaute ihm verwundert nach, allein ſeine letzten ernſten Worte hatten auch ſie ernſt und gedankenvoll ge⸗ macht, und ſie ließ ihn ſelbſt ohne den gewöhnlichen Gute⸗ nachtgruß das Zimmer verlaſſen. V. Bei der Staffelei. „Sind Sie auch ſchon mit der Copie für den Vater vorgeſchritten? Darf ich ſie nicht einmal ſehn?“ fragte Diana, als ſie in der Morgenſtunde wieder zu ihrem Bilde ſaß, das nun bereits ziemlich weit gediehen war. Die beiden jungen Leute waren heute allein, da der Baron hatte über Land fahren müſſen. Ruprecht hatte es nach einigen Tagen weder über das Gewiſſen, noch über das Herz bringen können, auch der Tochter ein Geheimniß aus dem Auftrage zu machen, 1864. 8. Der große Baron. I.. 6 82 der ſie zumeiſt betraf. Ihre Frage nach dem Vater em Tage ſeines erſten Beſuchs deutete freilich darauf hin, daß er in ihr kaum einem Widerſtand begegnen dürfe; dennoch wußte er nicht, wie ſie über einen ſolchen, den Ihren zu verheimlichenden Wunſch denken möchte, und er war zu dem Entſchluß gekommen, ohne ihre beſtimmte Einwilligung das gewünſchte Bild nicht auf Engelsöe, ſondern ſpäter und aus dem Gedächtniß zu malen. Aber ſchon nach ſeinen erſten erklärenden und entſchuldigenden Worten unterbrach Diana ihn mit einem hellen Freu⸗ denruf. „Das freut mich, das freut mich unſagbar!“ rief ſie, und das feine Geſicht leuchtete wie von einem Ab⸗ glanz des vollſten Herzensjubels.„Nun ſitze ich Ihnen noch einmal ſo gern, Herr Münch, und will keinen Augen⸗ blick ungeduldig werden. Ich moͤchte Ihnen nur faſt zür⸗ nen, daß Sie mir dies ein paar Tage lang verborgen und mir die Freude ſo lange vorenthalten haben. Denn ich liebe meinen armen Vater mehr als ich's beſchreiben kann. Das haben Sie gleich bei unſerer erſten Begegnung er⸗ fahren,“ ſetzte ſie mit geſenktem Blick hinzu.„Ich ſchämte mich nachher meiner haſtigen Frage an den Fremden, aber — hätte ich mich auch todt ſchämen müſſen, unterdrücken konnte ich ſie nicht. Und nun iſt alles gut, nun kann ich frei mit Ihnen vom Vater reden. Er muß Sie lieb haben, da er grade Sie mit einem ſolchen Auftrage hieher 83 und zu mir ſchickt. Und— er muß auch mich lieb haben!“— „Haben Sie daran jemals gezweifelt?“ fragte er und ſchaute mit warmer Theilnahme auf das ſchöne be⸗ wegte Kind. Sie ſchlug die Augen zu ihm auf und blickte ihn eine Weile ſchweigend an.„Sie wiſſen's nicht, was das für eine Lage iſt zwiſchen meinen beiden Eltern,“ ſprach ſie leiſe.„Es iſt noch nicht ſo lange her, ſeit ich ſelber darüber klar geworden, aber es iſt traurig, ſag' ich Ihnen, und furchtbar ſchwer, ſo zwiſchen Vater und Mutter zu ſteh'n, von ganzem Herzen zu wünſchen, daß man bei dieſer ſein dürfe, und doch ſtets, mit dem ganzen Herzen, zu je⸗ nem fortgezogen zu werden. Oh— ich würde gewiß nicht zu Ihnen davon reden, allein ein Geheimniß iſt es leider für niemand, der uns kennt, und Sie wiſſen ja mehr da⸗ von als alle Anderen.“ „Stehen Sie denn in gar keiner Verbindung mit Ihrem Vater?“ fragte er ernſt nach einer Pauſe.„Es iſt doch faſt undenkbar, daß man Sie beide ganz von einander halten will, und am Ende auch ganz unmoglich.“ „Und dennoch verſucht man's,“ entgegnete ſie, und aus ihren großen dunkelgrauen, ſonſt ſo träumeriſchen und taubenſanften Augen brach ein finſterer, faſt trotziger Blick, der auf das eigenthümlichſte mit den feinen und milden Zügen des roſigen Geſichtes kontraſtirte.„Als ich 6**¾ 84 einmal als zehn⸗ oder elfjähriges Kind nach dem Vater fragte, erhielt ich die niemals vergeſſene Antwort:„Dein Vater lebt für Dich nicht mehr“— warum man ihn nicht einfach todt genannt, weiß ich nicht.— Ich verſtand das Harte und Ungerechte ſchon damals und fragte niemals wieder. Ich mußte mir auf den unglaublichſten Umwegen die Kunde von ſeinem Aufenthaltsort verſchaffen, und an meinem Confirmationstage ſchrieb ich an ihn, beſorgte den Brief zur Poſt und ſagte es, als ich ſeine Antwort empfangen, meiner Mutter. Ihr Zürnen ſchreckte mich lange Zeit von der Fortſetzung des Briefwechſels ab. Endlich ſchrieb ich doch einmal wieder— aber es geſchieht ſelten. Ich muß dabei heucheln, verbergen und verſtecken, und das iſt mir zuwider. Aber hören muß ich doch zuwei⸗ len von meinem Vater. O, könnten Sie's für ihn malen, wie ich's für ihn im Herzen habe, daß er nicht zweifelte an der Liebe ſeines Kindes!“ Das war die Unterhaltung geweſen, welche die bei⸗ den jungen Leute einander mehr genähert hatte als ein wochenlanges Zuſammenſein. Seitdem war jedoch nie wieder von dem Vater zwiſchen ihnen die Rede geweſen, da beide ſich ſcheuten, das Thema zu berühren, welches zu den für die Tochter ſo gut wie für den Gaſt des Hau⸗ ſes peinlichſten Erörterungen führen mußte. Ruprecht hatte ſich aber ſeit des Mädchens Einwilligung viel freier und behaglicher gefühlt. Jetzt da ſie zugeſtimmt, fühlte 8⁵ er ſich den Uebrigen gegenüber im Recht, und ſo hatte er zugleich mit dem größeren Bilde des Mädchens auch ein kleineres für den Vater zu malen begonnen, wie geſagt, ohne weiter darüber zu reden. Diana's Frage, mit der wir dies Kapitel eröffneten, war die erſte Mahnung an die traurigen Familienverhältniſſe. Er ſchüttelte nun lächelnd zu ihrer Frage den Kopf. „Sie können ſich beruhigen, gnädiges Fräulein,“ ſagte er im Weitermalen;„ich beſtrebe mich, den Ausdruck Ihres Geſichts dort noch treuer und inniger wiederzugeben als hier— was Sie für den Vater im Herzen haben— ich vergeſſe das Wort nicht, Fräulein! Sehen ſollen Sie das Bildchen auch, natürlich! Aber erſt, wenn es fertig iſt. Wüßte ich nur erſt das Wie. Denn vor Ihrer Beglei⸗ terin— „Ah bah,“ erwiderte ſie gedämpft mit einem flüch⸗ tigen Blick zu dem Mädchen, welches in der letzten Fenſter⸗ niſche mit einer Handarbeit beſchäftigt ſaß.„Ich muß Julie am Ende mitbringen, wenn mein Großvater nicht da, aber ſie iſt ein beſcheidenes und auch leicht zu zerſtreuen⸗ des Weſen, das nicht weiter auf unſer Vornehmen achtet, und wenn wir nicht laut reden, gar nichts von unſern Worten hören kann. Sie hindert uns nicht, und im Noth⸗ fall kann ich ſie ja auch fortſchicken, wenn es Ihnen an der Zeit ſcheint, geſtrenger Meiſter. Bis dahin aber,“ fügte ſie wieder im ernſteren Tone hinzu,„müſſen Sie mir we⸗ 86 nigſtens einmal ausführlicher vom Vater erzählen. Wir haben wenig genug Gelegenheit dazu.“ „Ich habe Ihnen ja ſchon alles geſagt, Fräulein!“ „Alles geſagt, Herr Münch?“ wiederholte ſie gleich⸗ ſam verwundert!„Sie haben ja nur einen Gruß beſtellt und mir von ſeinem Auftrage erzählt. Nun denken Sie aber— Sie wiſſen Alles von meinem Vater, und ich weiß nichts, nicht ſein Ausſehen, nicht ſein Weſen, nicht ſein Thun und Treiben— nichts, Herr Münch, nichts!“ Er ſchüttelte wieder lächelnd den Kopf.„Wo ſoll ich da beginnen, gnädiges Fräulein! Ich habe die Wahrheit des alten Spruches—„aller Anfang iſt ſchwer“ niemals ſo deutlich empfunden.“ „In manchen Dingen ſcheinen die Männer doch alle unpraktiſch und unbehülflich zu ſein,“ meinte ſie neckend. „Hier liegt doch alles auf der Hand. Wie und wo haben Sie ſeine Bekanntſchaft gemacht?“ „Sehr einfach— im Gaſtzimmer des Wirthshauſes.“ „Ja, wenn Sie ſo trocken berichten wollen, werdeu wir freilich nicht weit kommen! Ordentlich, Herr Münch! Hübſch ausführlich nnd ein wenig lebhaft und anſchaulich, wie Sie von Ihren Griechenfahrten erzählten!“ Ruprecht lachte.„Alſo in ganz romantiſcher Weiſe,“ ſagte er, auf der Palette eine neue Farbe miſchend. „Wäre nur ein wenig mehr Romantik dabei!— Nun denn, ich kam Abends in A. an, fand ein Zimmer im Bä⸗ 87 ren und ging, nachdem ich mein Gepäck untergebracht, in das Gaſtzimmer hinab, um zu Abend zu eſſen. Am obern Ende der Tafel ſaßen ein paar Offiziere, und da ich erfuhr, daß der Kommandeur des Regiments, der Oberſtlieutenant Merlin, unter ihnen ſei, ließ ich ihn mir bezeichnen und ſtellte mich ihm, da er aufſtand, mit der Bitte vor, mir eine Stunde zu bezeichnen, wo ich ihm eine für ihn beſtimmte Mittheilung machen könnte.“ „Was war das für eine Mittheilung?“ unterbrach ſie ihn.„Sie hatten alſo ſchon von ihm gehört? Sie ſehn, Herr Münch, Sie haben's leicht, mich intereſſirt alles. Ruprecht malte eifrig und ſah nicht auf.„Allerdings hatte ich von ihm gehört,“ erwiderte er.„In der Reſi⸗ denz, wo ich ein paar Wochen weilte, hatte man mich an Ihren Herrn Vater adreſſirt. Ueber meine Mittheilung an ihn habe ich nicht zu reden. Genug, er nahm mich freundlich auf und nannte mir eine frühe Stunde des fol⸗ genden Morgens zu meinem Beſuch.“ Als er zu ihrem Geſichte hinüberſah, begegnete er ihrem, gedankenvoll auf ihm ruhenden Blicke.„Wie wohnt mein Vater?“ fragte ſie,„wie ſieht es bei ihm aus?“ In dieſem Augenblick, und bevor er antworten konnte, hörten ſie die Thür im Hintergrund des Saals öffnen und ſchauten ſich verwundert über die Störung darnach um. Denn es wohnte in den alten Abtei⸗Gebäu⸗ 88 den außer Ruprecht niemand als der ihm zugewieſene Diener, der nur auf das Zeichen mit der Klingel erſchien. Und da der Baron, wie bemerkt, ausgefahren war, konnte nur eine beſondere Veranlaſſung jemand herbeiführen. In der nächſten Sekunde ſtand Diana auf und rief im faſt beſtürzten Tone:„aber Mutter! Durch die kühle Luft und die feuchten Wege!“ „Wie Du ſelbſt, mein Kind,“ verſetzte die Dame, welche bisher in der geöffneten Thür ſtehend, den Raum und die Anweſenden ſcharf gemuſtert hatte, mit herber Stimme und trat vollends in den Saal und mit langſamen Schritten in die Nähe der Staffelei.„Ich wollte es nicht recht glauben, als die Kammerfrau mir meldete, daß Du in Deines Großvaters Abweſenheit in die Abtei hinübergegangen ſeieſt, und ich mußte mich ſelbſt über⸗ zeugen. Ich dächte, die Vollendung Deines Bildes wäre nicht ſo dringend—“ „Du ſtehſt, liebe Mutter, daß Herr Münch grade bei der Partie iſt, wo eine Unterbrechung am wenigſten er⸗ wünſcht,“ ſprach Diana ruhig.„Und da der Großvater nichts dawider hatte, bin ich mit Julien herübergekommen.“ Die Dame wandte ihren kalten Blick gleichgültig zu dem Mädchen im Fenſter hin, welches gleichfalls aufge⸗ ſtanden war. Dann kehrte das Auge eben ſo langſam zu der Tochter und dem jungen Manne vor der Staffelei zurück und blieb auf Ruprecht mit einem womöglich noch 89 kälteren und hochmüthigeren Ausdruck haften. Aber auch das währte wieder, ſo zu ſagen, nur einen Blick lang, und dann wechſelte Auge und Geſicht den Ausdruck ſo plötzlich und ſo auffällig, daß Ruprecht nur noch mit einer gewiſſen Neugier dem Kommenden entgegenſah, und ſich inzwiſchen mit Gemüthsruhe ſein Gegenüber betrachtete. Es war eine große, ſchlanke Geſtalt, mit dennoch vollen Formen, wie man ſich eine Fürſtin denken mag, und auch das Geſicht mit den regelmäßigen, vollkommen ſchönen Zügen widerſprach einem ſolchen Gedanken nicht. Die Frau war nicht nur wohl konſervirt, wie man das zu heißen pflegt, ſondern noch durchaus ſchön. Das Alter machte ſich nur in der erwähnten Fülle bemerklich und vielleicht auch in der geringeren Friſche der Geſichts⸗ farbe. Doch war ſie ja unwohl geweſen, und die ſchwache Röthe der Wangen mochte auch ein Zeichen der noch nicht völlig wiedererlangten Geſundheit ſein. Man ſah es ihr an, daß ſie ſich bewußt, welchen Eindruck ihre Erſcheinung zu machen pflegte, daß ſie, wenn nicht gewohnt, doch ver⸗ langend war zu herrſchen, kalt und ſtolz auf einer Höhe, wo nichts ihr gleich war, und nichts ſich ihr zu nähern wagte. Jetzt aber war die Kälte fort aus dem Blick und der Hochmuth aus den klaſſiſchen Linien des blaſſen Geſichts verſchwunden. Im Gegentheil hatte das dunkle Auge einen Ausdruck des Schreckens angenommen und dieſer 90 Schrecken bebte auch durch die ſonſt ruhigen Züge mit einer ſichtbaren, unwiderſtehlichen Bewegung. Sie ſtarrte den jungen Mann an, als ſei er ein Geſpenſt. Aber auch dies ging ſchneller vorüber, als man hätte erwarten ſollen. Dann wurde der Blick wieder ruhig, die Zige glätteten ſich, und ſie ſprach im früheren kalten Ton: „Münch?“ Ruprecht neigte leicht den Kopf.„So heiße ich,“ ſagte er einfach, ohne ſein Auge von dem ihren abzuwenden. „Ich bitte ſich nicht ſtören zu laſſen,“ ſprach ſie wieder, und nachdem ſie das Bild flüchtig durch die Lorgnette be⸗ trachtet, ging ſie gleichmäßigen Schrittes das Gemach entlang. Diana nickte dem jungen Mann mit einer ge⸗ wiſſen ungeduldigen Bewegung des Kopfes zu und nahm ihre frühere Stellung ein; Ruprecht ſetzte ſich daher gleich⸗ falls, nahm Pinſel und Palette zur Hand und begann ſein Werk auf's neue. Sein Auge erhob ſich nur von Zeit zu Zeit zu ſeinem Gegenuber und ſah nicht nach der noch im⸗ mer leiſe auf⸗ und abgehenden Dame; es war ihm jedoch, als fühle er den Blick derſelben mehr als einmal feſt auf ſich ruhen— wieder mit jenem Ausdruck des Schrecken? Was hatte denn die kalte, ſtolze Frau an ihm erſchreckt Die ganze vergangene Scene, die gegenwärtige Situa⸗- tion kam ihm, ohne daß er wußte weßhalb, nachgerade ſo lächerlich vor, daß dieſe Empfindung ſich in ſeinem offenen Geſichte ausprägte. 3 91 „Was ſinnen Sie Gutes?“ fragte Diana plötzlich. Die helle junge Stimme klang faſt erſchreckend nach all' dem Schweigen der letzten Minuten, ſo daß Ruprecht die Hand mit der Palette ſinken ließ, und auch die Dame drüben auf ihrem Gange unwillkürlich inne hielt.„Wir ſind hier durch Heiterkeit nicht ſo verwöhnt, daß wir ſie nicht dankbar aufnehmen ſollten, wenn wir ihr begegnen. Und Sie lachten ſo recht aus dem Herzen, Herr Münch,“ ſetzte das Mädchen freundlich hinzu. Ruprecht ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Ich habe Sie doch in all den Tagen nicht gerade traurig geſehen, gnädiges Fräulein,“ bemerkte er, einer direkten Antwort ausweichend.„Aber hören Sie,— wir bekommen Be⸗ ſuch! Das iſt ja ein außerordentlicher Morgen!“ Durch die tiefe Stille, welche die Abteigebäude er⸗ füllte und umgab— denn die Luft war regungslos— klang ein ſchneller feſter Schritt, der die Steinſtufen der Wendeltreppe heraufkam, deutlich in den Saal hinein, zu⸗ mal die Thur ſeit dem Eintritt von Diana's Mutter nur angelehnt geblieben war. Gleich darauf wurde ſie vol⸗ lends aufgeſtoßen und unter dem Bogen erſchien— für die jungen Leute wenigſtens ein erwünſchterer Anblick als der frühere— die mäͤchtige Geſtalt und das wohlwollende rothe Geſicht des Barons Absberg, den Ruprecht ſeit je⸗ nem Abend bei Hohenfeld nicht wieder geſehen hatte. „Na, treffe Euch ja ſchön bei einander und in voller 92 Arbeit,“ rief er den aufſpringenden jungen Leuten zu, und trat heran und küßte Diana leicht auf das reiche blonde Haar.„Wie geht's, mein Herzblatt?“ Immer munter und mobil? Der Großvater ausgeflogen, ſagt mir Gottlob? Die Mutter noch immer— ah, der Teufel auch, da biſt Du ja, Hildegard!“ unterbrach er ſich, als er erſt jetzt die rückwärts ſtehende Baronin erblickte. „Die haſt Du Dich da herübergefunden?“ Frau von Merlin zuckte die Achſeln.„Dieſe Ueber⸗ raſchung danken Sie Diana, lieber Onkel,“ ſprach ſie halb ſpoͤttiſch, halb bitter.„Es wäre mir freilich paſſen⸗ der erſchienen, wenn das Bild drüben im Schloſſe gemalt würde, allein Sie wiſſen ja, der Vater iſt in manchen Dingen ſo unendlich rückſichtsvoll—“ „Wenn es Ihr Wunſch iſt, daß die Sitzungen an⸗ derwärts ſtattfinden, ſo ſteht demſelben nichts entgegen, Frau Baronin,“ warf Ruprecht, der bei den rückſichtsloſen Worten der Dame flüchtig erröthet war, mit ſcharfem Ton und Blick dazwiſchen.„Ich habe mir nicht erlaubt, dieſen oder einen andern Raum beſonders dazu zu beſtim⸗ men, ſondern der Herr Baron ſelbſt—“ „Halt, halt, ärgern Sie ſich nicht, Freund Münch,“ unterbrach ihn Absberg lachend.„Teufel auch! Denke Euch hier in ſchönſter Freundſchaft zu finden und muß nun einen ſo ſcharfen Notenwechſel erleben! Mein Bruder hat ganz recht, Sie grade hier malen zu laſſen. Müßten 93 ja im Schloß drüben Licht anſtecken um ſehn zu koͤnnen. Und nun genug des Zanks. Bin dazu nicht heruͤbergekom⸗ men. Soll Euch auf einen der nächſten Tage zu meiner Alten nach Wolden hinüberladen, und thu's gern, voraus⸗ geſetzt, daß Ihr heitere Geſichter mitbringt. Alſo munter, Kinder, und Frieden gehalten!“ Die Baronin hatte den Shawl feſt um ihre Geſtalt gezogen und das Auge dem Fenſter zugewendet, als ob ſte nichts von den Worten des gut gelaunten Verwandten vernehme. Nun aber kehrte der Blick zu ihm zurück und ſie ſagte kalt:„ich weiß nicht, was mein Vater über die nächſten Tage beſtimmen wird, Onkel, und kann daher keine entſcheidende Antwort geben.“ „Will ihn ſchon ſelber fragen,“ verſetzte er munter; „denke doch, daß er zu Mittag zurückkommen wird. Und nun will ich Euch verlaſſen, Kinder, daß Ihr Eure Sitzung beenden könnt,“ fuhr er fort.„Gehe zu den Treibhäuſern, Freund Münch; da werden Sie mich nachher finden.“ Er wandte ſich der Thür zu. Die Baronin machte ihm ein paar ſchnelle Schritte nach.„Wenn Sie'serlauben, begleite ich Sie, Onkel“ ſprach ſte ziemlich lebhaft;„ich habe Sie noch etwas zu fragen.“ — Und da Absberg ihr mit einem einfachen„immerhin“ die Thür öffnete, ging ſie ihm, ohne auf die Zurückbleibenden zu achten, voran und hinaus, und die Pforte ſchloß ſich hin⸗ ter den Beiden. Im Saal blieb es faſt unheimlich ſtill. 94 Die beiden jungen Leute ſtanden noch neben ihren Stühlen, wie ſie den letzten Ankömmling begrüßt, ihre Blicke vermieden einander. „Sie müſſen meine Mutter nicht zu hart beurtheilen Herr Münch,“ ſagte Diana endlich gedämpft und erho ihr Auge mit einem verſchleierten Blick, möchte man ſagen, zu dem nachdenklich d'reinſchauenden Ruprecht.„Sie iſt noch nicht wieder wohl und muß obendrein durch irgend etwas gereizt ſein. Ich kenne dieſe Aufregung faſt gar nicht an ihr.“ Und da Ruprecht nur eine ablehnende Be⸗ wegung machte, fuhr ſie fort:„nein, nein, ich muß das ſagen! Es thut mir weh, daß dieſe erſte Begegnung ſo wenig freundlich war. Nochmals— meine Mutter ver⸗ kehrt wenig mit Fremden— es iſt hier auch wenig Ge⸗ legenheit dazu. Allein voll Rückſicht habe ich ſie doch ſtets gefunden. Urtheilen Sie noch nicht, lieber Herr Münch!“ ſchloß ſie und bot ihm, raſch herantretend, mit einer herzlichen Bewegung und mildem Lächeln die ſchlanke Hand hin. „Was denken Sie, Fräulein!“ entgegnete er, ihre Finger nach leichtem Druck aus den ſeinen laſſend.„Hal⸗ ten Sie mich nicht für kindiſch. Ich weiß von mir ſelber gut genug, daß unſere Stimmung nicht ſtets dieſelbe. Und nun genug davon,“ brach er im munteren Tone ab. „Wollen wir noch weiter malen, oder fahren wir erſt in einer ruhigeren Stunde ſort? Sie haben mich eben einen 95 gar anmuthigen Zug für das kleine Bild ſehn laſſen — ich will ihn feſthalten, denn er muß Ihren Vater erfreuen.“ „Und meinen Großvater nicht?“ fragte ſie ſchnell erheitert und neckend. „Ich weiß nur, daß der Ausdruck Ihres Geſichts mir mehr zum Kinde als zum Schloßfräulein zu paſſen ſchien. Zwiſchen Ihren Ahnen müſſen Sie doch als letzteres auftreten.“ „Sie ſind ein Schalk!“ ſagte ſie lachend und mit dem Finger drohend.„Was Sie nicht noch alles von ſo einem armen Geſicht verlangen werden!“ Als ſie gleich darauf mit ihrer Begleiterin das Ge⸗ mach verlaſſen hatte, ſah er ihr, mit untergeſchlagenen Armen am Fenſter ſtehend, gedankenvoll nach, wie ihre ſchlanke elaſtiſche Geſtalt ſo graziös draußen über den Kiesweg, dem Gebüſche zu hineilte. Erſt da ſie ſchon eine Weile dort verſchwunden war, wandte er ſich ab und ging in das kleine Schlafzimmer, wo er an dem andern Bilde ſchweigend weiter malte, bis es ihm an der Zeit ſchien, ſich umzukleiden und Absberg aufzuſuchen. Denn er ſehnte ſich darnach, dem gutmüthigen Freunde zu begegnen und mit ihm zu plaudern. Wo's Einem unheimlich wird, ſucht er Geſellſchaft, das hatte Ruprecht am heutigen Morgen, bei der ſeltſamen, unbehaglichen Seene mit der Baronin, an ſich ſelber erfahren. Der Eindruck, den er 96 empfangen, war ein ſehr peinlicher geweſen, und er über⸗ ſchlug ſogar unwillkürlich die Tage, die er bis zur Vollendung ſeiner Arbeit noch auf Engelsöe zuzubrin⸗ gen hatte. VI. Onkel und Nichte. Inzwiſchen waren Absberg und ſeine Nichte aus dem Treppenthürmchen in's Freie getreten und hatten ſich der Richtung zugewendet, wo die Treibhäuſer hinter der Geißblatt⸗Hecke lagen. Seit dem vorigen Nachmittage hatte es nicht mehr geregnet, und auf den Kieswegen war es daher vollkommen trocken; als ſie jedoch nach wenigen Schritten in's Gebüſch und auf einen Seitenpfad traten, fanden ſie's ſo feucht, daß die Dame mit bedenklichen Blicken den Weg anſah, und Absberg, zurücklenkend in den breiteren Pfad, halb beluſtigt, halb ärgerlich ſagte: „Na, Kind, wenn's Dir zu naß iſt, weshalb ſagſt Du's nicht? Ich kann nicht gleich an alles denken. Komm, können ja in die Allee gehn.“ Und während ſie wieder auf dem Kieſe fortgingen, fragte er weiter:„biſt Du heut' erſt herausgekommen? Was hat Dir eigentlich gefehlt, Hilda?“ 97 „Was ſollte mich hinauslocken?“ ſagte ſie kurz und herb.„Das Wetter war nicht darnach, und die Men⸗ ſchen—“ Sie brach ab, und ſetzte gleichgültiger hinzu: „Es war nur ein leichtes Katarrh⸗Fieber, aber hinter⸗ drein hat mich mein altes Kopfweh und der Geſichts⸗ ſchmerz mehr und länger gepeinigt als je.“ Absberg kaute im bequemen Hinſchleudern an einem kleinen Zweig, den er vom Buſch gebrochen.„Weiß der Kukuk, wie Du zu all' dem widerwärtigen Zeuge kommſt,“ bemerkte er, ebenfalls im gleichgültigen Tone. „Biſt doch von geſundem und gar nicht von ſo fieber⸗ haftem Blut, wie's ſich bei Dir zeigt. Was hatteſt Du in der Abtei zu thun?“ Die dunklen feingezeichneten Brauen zogen ſich über Hildegard's Augen faſt ganz zuſammen und ließen den Blick, der in den Weg vor ihnen hinausſtarrte, noch fin⸗ ſterer erſcheinen, als ſie gedämpft erwiderte:„ich habe mich fortreißen laſſen.“ „Merk's!“ ſprach er im eigenthümlichen Ton.„Haſt eben noch Fieber und hätteſt noch ein paar Tage in Dei⸗ nem Zimmer bleiben ſollen, bis Du vollends wieder in Ordnung.“ Sie erwiderte nichts, ſondern ging ſchweigend, und ohne daß ſich ihr Geſicht erhellt hätte, an ſeiner Seite fort, bis ſie in die große Allee bogen, welche den Park durchſchnitt. Da ſchaute ſie ſich mit einem ſchnellen Blick 7 1861. 8. Der große Baron. I. 3 98 um und ihn dann zum Oheim zurückwendend, blieb ſie plötzlich ſtehen und fragte heftig:„wer iſt dieſer Menſch?“— Der Oheim ſtand breit vor ihr und blies das letzte Stuck des Zweiges ſpielend von den Lippen hinaus. Ein raſcher prüfender Blick traf die Dame, unmittelbar darauf aber ſah das Auge wieder vollkommen ruhig und faſt kalt darein, und mit jenem früheren eigenthümlichen, zwiſchen Spott und Gleichgültigkeit ſchwankenden Tone entgegnete er:„na, eben Herr Münch, Student, Philhellene und Maler; was denn ſonſt?“ „Münch? Maler?“ fragte ſie wiederum heftig. „Und wie kommt er grade hieher, zu uns, nach Engelsöe? Was will er? Nur malen?“ „Na, was denn ſonſt?“ lautete die neue Antwort. „Aber laß uns nur weitergehn,“ fuhr er im gleichen Tone fort.„Das Stehnbleiben auf Deinen papiernen Sohlen iſt hier nicht rathſam, vollends, wenn Du noch ſo leicht echauffirt wirſt. Dergleichen läßt ſich ja auch im Gehen bereden.“ Und er ging, die Hände auf dem Rücken, weiter. Sie zog den Shawl heftig feſter und höher um ihre Schultern.„Soll mich das etwa kalt laſſen, wenn ich erfahren muß, daß plötzlich ein wildfremder Menſch von zweifelhaftem Weſen im Schloß auftritt, heimiſch wird, ſich an meinen Vater und an mein Kind drängt, Gott weiß was beabſichtigend,— ein Abenteurer— 99 „Brr, halt! Echauffire Dich nicht, Hilda!— Weiß der— Kukuk, was dieſe Frauenzimmer für einen phan⸗ taſtiſchen Kopf haben! Nimm doch den jungen Menſchen wie er iſt, und reime Dir keinen Unſinn zuſammen.“ „Und glauben Sie dieſe Fabel von dem Maler, der von meines Vaters Gemälden gehört und deßhalb nach Engelsöe kommt, der nur nebenher ein Bild reſtaurirt und ein Portrait malt? Tritt ein ſolcher in dieſer Weiſe auf, Onkel?“ Sie ſtand wieder ſtill, und das dunkelblaue Auge ruhte auf ihm mit einem finſteren, ſchier zorni⸗ gen Blick. „Was weiß ich das?“ ſagte er gleichgültig und weiter⸗ ſchreitend, ſo daß ſie gezwungen war, ihm zu folgen. „Sie haben ihn doch bei uns eingeführt!“ „Ich? Denke nicht daran! Hohenfeld brachte und empfahl ihn. Ich traf beide auf meinem Wege zu euch und kam natürlich mit.— Wie tritt er denn aber auf?“ „Dreiſt— unausſtehlich, als wären wir ſeines Gleichen,— ſpionirend nach unſern Familienverhältniſſen. Schon am erſten Nachmittage iſt er mit dem alten Schwäz⸗ zer, dem Gottlob, ſtundenlang im Belvedere zuſammen geweſen.“ „Kammerjungferngeſchwätz!“ ſprach er kurz und ein wenig verächtlich. Und da er ſie zornig das Haupt auf⸗ werfen ſah, fuhr er mit gerunzelter Stirn fort:„läugneſt Du etwa, daß Du den Unſinn von Deiner Mamſell Hen⸗ 100 riette— heißt die Katze nicht ſo?— Dir zutragen lie⸗ ßeſt? Aergert's das alberne Geſchöpf, daß Münch ein an⸗ ſtändiger Menſch iſt, der mit derartigen Weſen nichts zu thun hat? Was willſt Du eigentlich 2 ſprach er in ganz ungewöhnlich verdrießlichem Tone weiter.„Der junge Mann iſt ein gebildeter Menſch, hat viel erlebt und erfah⸗ ren, kommt nach Deutſchland zurück, erfährt, da er in un⸗ ſerer Gegend Geſchäfte hat—“ „Was für Geſchäfte?“ unterbrach ſie ihn mit Hohn. „Frage ihn ſelber, Kind,'s iſt ja jetzt wohl ſo Mode!“ entgegnete er gleichfalls ſcharf.„Alſo— der hier Ge⸗ ſchäfte hat, von den Bildern Deines Vaters erfährt, durch Hohenfeld eingeführt wird und freundlich auf den Wunſch des Hausherrn eingehend, ihm ein paar Wochen ſeiner Zeit opfert— was iſt dabei Ungehöriges oder nur Be⸗ ſonderes? Was mißfällt Dir daran? frage ich. Daß er mit unſerer Familie lebt und verkehrt? Was denn ſonſt? Sollte Dein Vater etwa plötzlich albern genug ſein, gegen einen ſelbſt eingeladenen Gaſt den zufälligen Standes⸗ unterſchied geltend zu machen? Das wäre in der That etwas Neues in der Familie derer von Absberg. Führ“ Du es doch ein, Hilda! Biſt ja das letzte Absbergiſche Kind.— Oder ſoll er nicht mit Gottlob plaudern, wenn er die alte treue Seele trifft? Wollte Gott, es hätten alle Bewohner der Abtei ein ſo Absbergiſch Herz, wie der Alte!“ ſetzte er hinzu und nickte bekräftigend mit dem Kopf. 101 „Von dem hört und lernt man nichts Böſes, Kind, und wer was Uebles gegen die Absberg im Sinne hätte, führe mit ihm am ſchlechteſten.“ Die Dame hatte während dieſer Worte ein paarmal flüchtig die Achſeln gezuckt, und nun ſagte ſie mit einer neuen ähnlichen Bewegung:„glauben Sie das alles im⸗ merhin, Onkel; mir aber nehmen Sie darum meinen Glauben doch nicht, der mich zu andern Reſultaten bringt.“ „Du haſt von jeher Deinen eigenen Kopf gehabt,“ warf er hin. „Ja, Gott ſei Dank, und auch meine eigenen guten Augen,“ erwiderte ſie herb. „Und was ſehen dieſe eigenen guten Augen, Kind?“ „Sie ſahen heut Morgen ein Geſicht, deſſen Beſitzer nicht umſonſt oder zufällig gerade nach Engelsöe kommt.“ „Was für ein Geſicht?“ Er blieb plötzlich ſtehen und ſchaute ſie forſchend an. „Das Geſicht nicht nur, ſondern auch den Geſichts⸗ ausdruck jenes Unſeligen, der als mein Bruder in der Abtei geboren wurde und—“ „Sieh, ſieh!“ unterbrach er ſie lebhaft;„haſt Du dieſe Aehnlichkeit auch entdeckt, Hilda? Na, wenn meine und Deine Augen einmal dasſelbe ſehen, da muß es frei⸗ lich vorhanden ſein. Ja, Du haſt recht, der junge Mann ſieht unſerem Ruprecht gleich, wie ein Ei dem andern, ſo daß es mich ſchier erſchreckte, als ich es endlich heraus 102 hatte— bekannt kam er mir gleich vor. Und ich geſteh' Dir's,“ ſetzte er die Stirne faltend hinzu,„ich ließ mich durch dieſe Aehnlichkeit zu etwas bringen, was ſonſt nicht in meiner Art— ich fragte nach ſeinen Eltern und ihrem Geburtsort. Aber es war nichts. Es iſt eine zufällige Aehnlichkeit— „Zufällig?“ unterbrach nun ſie ihn mit finſterem Blick.„Und dieſe Augen? Ich habe noch niemals dieſe reine dunkelgraue Farbe bei andern als Mitgliedern un⸗ ſerer Familie gefehen.“ Er ging wieder weiter.„Bah, dummes Zeug!“ warf er hin.„Du haſt keine grauen Augen, Dein ver⸗ ſtorbener Bruder nicht, ich auch nicht, und ſind doch alle vom reinen Blut. Wo liegt da das Beweiſende? Und — wenn auch, was hätte Ruprecht Absbergs Sohn hier nach allem, was vorgefallen, zu ſuchen, zu erwarten? Was könnte er hier wollen?“ Sie maß ihn auf's neue mit einem dunklen Blick: „Haben Sie mit meinem Vater darüber geredet, Onkel?“ „Unnöthig! Weiß gut genug, wie er gedacht hat, und er pflegt ſonſt nicht grade änderungsluſtig zu ſein, nicht in ſeinem Thun, nicht in ſeinem Denken und Meinen, mein Bruder Mönch.“ „Wiſſen Sie das auch hiervon ganz beſtimmt, On⸗ kel?“ fragte Sie wieder im gleichen Tone, der ihn unwill⸗ kürlich aufmerkſamer und nachdenklicher werden ließ, als 103 er's ſonſt bei Geſprächen mit ſeiner Nichte in der Art hatte. Er war wieder fortgegangen— ſie waren nun faſt am Ende der Allee und ſahen ſchon die ziemlich bewegten grau⸗grünen Wogen des Meeres nahe vor ſich,— die Hände auf dem Rücken, das mächtige Haupt gedankenvoll ein wenig geſenkt, und da ſie ſchwieg, und er bald darauf ſtehen blieb, ſchaute er ſie noch eine ganze Weile mit ſinnendem Blick und ohne einen Laut an, als ſeien ſeine Gedanken weit ab von dem Parke auf Engelsöe und der kalten, ſtolzen Nichte. Endlich aber erhellte ſich ſein Auge wieder und maß ſie ernſt und bewußt, und in unge⸗ wöhnlich weichem Tone ſagte er gedämpft:„ja leider glaub ich das ſehr beſtimmt zu wiſſen— leider, Hilda, denn ich habe damals und immer ganz anders über dieſe dumme Geſchichte gedacht. Dem armen Knaben iſt da⸗ zumal viel Unrecht angethan— das war zu jener Zeit überhaupt Mode in der Abtei.“ „Was, Onkel?“— War mehr erheuchelte Kälte oder mehr Indignation in der kurzen ſcharfen Frage. „Das Unrecht thun, Schatz!“ verſetzte er aber eben ſo kurz und nickte ihr dabei zu. Sie lachte bitter auf.„Man ſagt ja, alles finde einmal ſeine Ausgleichung,“ ſagte ſie.„So würde es ja auch ganz naturgemäß ſein, wenn man das Recht zu jenem Unrecht ſuchte.“ Sein Auge ruhte finſter auf ihr und die Falten der 104 hohen kahlen Stirn, von der er, die Mütze abnehmend, die grauen Haare zurückſtrich, waren tief und faſt drohend, als er jetzt erwiderte:„mein Kind, wennn Du nichts weiter mit mir zu reden wußteſt, als das, was ich bisher gehört— Unſinn, meine ich,— da hätteſt Du mich lieber zum Warmhauſe gehen laſſen follen; hätte mich da beſſer amüſirt. Ich bin leider weder ſchöngeiſtig noch philoſo⸗ phiſch gebildet genug, um Deine Redensarten zu verſtehn. Ich weiß nur, wiederhole ich, daß dem armen Knaben, Deinem Bruder Ruprecht, damals in meinem und ande⸗ rer Leute Sinn viel Unrecht geſchehn iſt, und ſehe nicht ein, wie man das noch gut machen könnte, ſelbſt wenn er noch lebte. Denn er kaſſirte ſein Recht nicht ein. Er hatte Absbergiſch Blut und kam nicht wieder, wo man ihm einmal die Thür gewieſen.— Aber ich mag darüber nicht reden, am wenigſten mit Deinem Vater. Es nützt nichts, den alten Kohl wieder aufzuruͤhren, und es würde mich jammern, meinen Bruder die Wahrheit ſagen zu müſſen. Wie ich denke, weiß er längſt.“ Er wandte ſich auf dem Abſatz des hohen Jagdſtie⸗ fels um und ging die Allee zurück. Sie blieb an ſeiner Seite, augenſcheinlich im finſteren Nachdenken und ſchwei⸗ gend. Nach mehreren Schritten erſt ſprach ſie wieder. „Sie haben ein Recht mit mir zu zanken,“ ſagte ſie in einem Ton, wie er ſo nachgebend heut' Morgen noch nicht von ihren Lippen geklungen.„Ich bin gereizt und 105 fühle das ſelber peinlich genug. Unſinn aber rede ich Ihnen nicht vor, Onkel. Es geht etwas vor im Vater, können Sie glauben— ich meine faſt, es quält ihn immer mehr, je älter er wird, daß die Güter vielleicht bald kei⸗ nen Herrn mehr haben werden; und wenn er Jemand wüßte, dem er ſie mit einem Anſchein von Recht zuzuwen⸗ den vermöchte—“ „Alſo dahinaus!“ unterbrach ſie Absberg ziemlich gleichgültig und brach ſich von einem jungen Ausſchlag einen neuen Zweig zum Spielen.„Möglich— ja. Wahr⸗ ſcheinlich— nein. Bruder Mönch müßte ſich in den acht Wochen mehr verändert haben als während ſeines ganzen frühern Lebens. Aber das werde ich bald erfahren. Es iſt nur ſchade,“ ſetzte er mit ſeinem alten gutmüthigen Lachen hinzu,„daß das in unſerem Falle mehr als gleich⸗ gültig iſt. Denn hin oder her, Aehnlichkeit oder Unähn⸗ lichkeit— Ruprecht Münch iſt nicht Ruprecht Mönch von Absberg, und ſein Vater und ſeine Mutter werden ſchwer⸗ lich jemals mit uns Absbergen etwas zu thun gehabt haben. Darauf kannſt Du— Gift nehmen!“ ſchloß er in ſeiner vollen ungenirten Weiſe. Sie zuckte die Achſeln.„Mein Glaube bleibt ein anderer, Onkel,“ meinte ſie. „Sei nicht thöricht,“ redete er wieder ernſter. „Wäre etwas daran, ſo müßte das Ding doch auch mei⸗ nem Bruder, dem alten Gottlob, vor allem, aber dem Pe⸗ 106 ter Heinze aufgefallen ſein, die unſern Ruprecht ebenſo gut und beſſer kannten als wir.“ „Von den Dienern erfahre ich nichts,“ bemerkte ſie kalt.„Vom Vater aber weiß ich, daß er niemals an ir⸗ gend etwas denkt, was wie eine Intrigue gegen ihn oder uns ausſieht.“ „Weil er es meines Wiſſens auch niemals nöthig gehabt,“ ſagte Absberg ruhig. Sie ſtreifte ihn mit einem dunklen Blick, verſetzte dann aber nur:„Uiberdies wiſſen Sie wohl, daß der Vater jetzt grade mancherlei Anderes im Kopfe hat, und wenn noch obend'rein von ſeinen Bildern die Rede iſt— „Vergäße er die Züge ſeines einzigen Sohnes dar⸗ über, während er doch, nach Deinen Worten, den Erben ſo ſchwer vermiſſen ſoll?“ fiel er ihr in die Rede.„Wie ſtimmt das, Hilda?“ „Sie haben den Vater ja lange nicht geſehn— wiſ⸗ ſen Sie, wie er über dieß alles denkt?“ „Nun gut,“ ſprach Absberg nach einigem Nachden⸗ ken, ich werde das alles ja erfahren. Für jetzt aber— da kommt Dein Feind und mein Freund, Hilda!“ ſetzte er hinzu und deutete gegen den Eingang der Allee hin, wo Ruprecht, von der Abtei kommend, aus einem Seitengange hervortrat.— Der junge Mann erblickte das Paar, ging aber nach kurzer Zögerung weiter und verſchwand auf der andern Seite, den Treibhäuſern zu. G ———————— 107 „Es wird für mich doch wohl Zeit hineinzugehn,“ ſagte ſie plötzlich und wandte ihr kaltes Auge zu dem Oheim zurück.„Alſo, bis Mittag, Onkel, denn ſie wol⸗ len doch den Vater erwarten, verſtand ich Sie?“ „So denke ich. Eins aber nimm mit auf den Weg, Hilda. Gib Dein Vorurtheil auf oder markire es we⸗ nigſtens nicht. Warte die Dinge ab; ſie gehn ſchon ih⸗ ren Weg. Und quäle die jungen Leute nicht ohne irgend einem Grund. Diana iſt ein froͤhlich Kind, Ruprecht Münch ein anſtändiger, angenehmer Menſch. Beide wollen und müſſen unter den jetzigen Umſtänden frei und unbefangen mit einander verkehren. Setze ihnen durch eine Beob⸗ achtung nicht— Narrheiten in den Kopf, an die Sie ſonſt niemals denken. Denn das iſt doch Deine Haupt⸗ ſorge, Schatz,“ fügte er lachend hinzu.„Gelt, icht raf's?“ Sie zuckte die Achſeln, wandte ſich ab und ging lang⸗ ſam und anſcheinend vollkommen unberührt ohne ein weiteres Wort die Allee hinab. Er ſchaute ihr eine Weile mit zweifelhaftem Lächeln nach, bevor auch er um⸗ drehte und in einen Seitenpfad trat.„Na,“ murmelte er kopfſchüttelnd,“ war' ich der Guſtav geweſen, ſie hätte mir nicht den Stuhl vor die Thür zu ſetzen gebraucht— hätte ihn ſchon ſelber hinausgetragen! Und wäre ich mein, Großer— hm,'s iſt eben ein Teufelskind, und wo ſie ihre Hände hineinſteckt, kommt richtig irgend eine Teufelei her⸗ aus.— Miüſſen denn doch ein wenig nach der Sache 108 ſehn und einmal beim Profeſſor anhorchen,“ ſchloß er ſeine Betrachtung und trat wenige Augenblicke darauf in die Chür des Warmhauſes, wo er Ruprecht mit dem Gärt⸗ ner vor einer bereits wundervoll blühenden Strelitzia Reginä im Geſpräch fand. „So ſo, auch ein Blumenliebhaber, Freund Münch?“ rief er, dem jungen Mann die Hand bietend, munter aus: „Das gibt Ihnen bei mir wieder einen Stein mehr im Brett. Na, wie geht's auf Engelsöe?“ „Das haben Sie wohl gemerkt— meine Arbeit geht vorwärts und befriedigt mich im Ganzen,“ entgegnete Ruprecht, herzlich den Händedruck erwiedernd. Uiberhaupt geht's mir gar wohl; Ihre Verwandten verſtehn es, das einſamſte Leben angenehm zu machen.“ „Weiß ich. Wenn mein„Großer“ will, verſteht’s kein Menſch beſſer als er, einen Andern ſich zu eigen zu machen. Und meine Nichte iſt ein gutes, munteres kleines Ding. Na, kommen Sie, Freund Münch, und laſſen Sie uns plaudern. Hans Adam läßt ſchön grüßen.“ Damit faßte er den jungen Mann vertraulich unter dem Arm und zog ihn, an den aufgeſtellten Pflanzen entlang mit ſich fort. Es war eine Freude, hier mit dem alten Herrn zu wandeln und ſich von ihm in die Geheimniſſe dieſer dem Laien ſo fremd erſcheinenden Pflanzenwelt einführen zu laſſen. Absberg kannte alles und wußte ſeinen Begleiter auf alles aufmerkſam zu machen, was der Beachtung wert ——yÿÿ— 109. ſchien; und da Ruprecht über dieſe umfaſſenden Kennt⸗ niſſe ſeine Verwunderung ausſprach, meinte er lachend: „ja, was iſt daran ſo gar Beſonderes? Etwas muß der Menſch doch zu thun haben— wenigſtens ich, denn ich bin ein unruhiger Gaſt— und immer im Buſch liegen und auf der Jagd, thut ſich nicht. Kann aber nicht daheim ſitzen, die Hände im Schooß oder ein Buch vor der Naſe, muß wenigſtens einen Zweck haben bei meiner Lecture. Und ſo habe ich mich denn auf Cultur der Treibhaus⸗ pflanzen geworfen, gebe ein unmenſchlich Geld dafür aus und amuſire mich, meine Nachbarn zu gleichen Ausgaben zu verführen. Hans Adam murrt darüber, mein„Großer“ fügt ſich gutwillig in ſein Geſchick. Es ſieht hier jetzt nicht übel aus. Aber Sie hätten's noch vor drei Jahren ſehen ſollen, als ich ſeinen alten Eſel von Gärtner fortjagte und ihm den jetzigen abtrat—'s iſt meine Zucht, Freund Münch, und der Burſche macht mir Ehre, mein' ich.— Lachen Sie immerhin über den Enthuſiasmus des alten Burſchen. Die zarten Dinger hier ſind nun einmal meine Leidenſchaft— aber es iſt doch eine gar unſchuldige.“ Ruprecht lächelte wohl, aber es war kein Spott, ſon⸗ dern eine freudige Anerkennung der friſchen und regſamen, jugendlichen Strebſamkeit in dieſer anſcheinend ſo rauhen und engbegrenzten Natur. Und je länger er mit Absberg fortplauderte, je weiter die Unterhaltung hierhin und dahin ſich hinausſtreckte, deſto lebhafter fühlte er ſich zu dem 110 alten munteren, gutgelaunten Herrn hingezogen. Es trug freilich nicht wenig dazu bei, daß er bei Absberg eine warme Theilnahme für ſich zu entdecken glaubte, deren Grund ihm nicht klar wurde, die ihn aber auf das wohl⸗ thätigſte berührte. Denn ſo heiter und gut Ruprecht auch bisher durch das Leben gelangt war, ſtets war er mehr oder minder einſam und auf ſich angewieſen geblieben, wie es ſo ziemlich allen zu ergehen pflegt, welche ſchon in früher Jugend diejenigen verlieren, in deren Herzen ſie ihre natürliche Heimat, an deren Liebe ſie ihre natürliche Stütze auf dem Lebenswege finden ſollen. Von dem Begegniß des Morgens war nicht weiter zwiſchen ihnen die Rede, als daß Absberg, nachdem ſie die Treibhäuſer verlaſſen und von einem Gange durch den Park ſich wieder dem Schloß zugewendet hatten, in ſeiner gutmüthigen Weiſe bemerkte:„na, nun wird denn die Hildegard wohl bei Euch ſein— iſt ja geſund geworden, das Dämchen. Brauchen ſich nicht vor ihr zu fürchten, Freund Münch; ſie thut wohl böſer als ſie iſt. Müſſen nur daran denken, daß ſie kränklich und ſeit zwanzig Jah⸗ ren faſt wie eine Art von alter Jungfer lebt. Da wird ſo ein Frauenzimmer ſchon etwas verſchroben. Durchge⸗ macht hat ſie allerlei, herrſchſüchtig iſt ſie auch ein wenig, gerade wie ihre Mutter war, und mein„Großer“ duldet doch für gewöhnlich keinen fremden Willen neben dem ſeinen. Da läßt ſich was zu gut halten.“ 111 „Hoho— biſt Du da, Bruder?“ rief in dieſem Augenblick die Stimme des Barons aus der Ferne den Wandelnden entgegen. „Mein„Großer“! Kommen Sie, Freund Münch, wollen ihn nicht warten laſſen,“ ſprach Absberg und ſchritt raſch weiter, dem Rufenden und dem Schloſſe zu. Bald waren ſie bei einander und begrüßten ſich heiter. VII. Zwei Brüder. „Nun alſo, Hans Adam, wie ſieht's aus in der Re⸗ ſidenz?“ begann der Baron, als er nach dem Mittagseſſen mit dem Bruder in dem kleinen Kabinet ſaß, welches ſich zwiſchen dem Wohn⸗ und Schlafzimmer in ſchlichter Ein⸗ fachheit, aber überaus behaglich eingerichtet, befand. vEs iſt eigentlich ſeltſam, alter Burſche, daß wir faſt vier⸗ zehn Tage wieder neben einander wohnen und doch erſt ein einzigmal die paar Stunden zuſammen waren. Hätte ich nicht jede regenloſe Stunde draußen zu thun gehabt und nicht immer wieder nach dieſer verdammten Wirthſchaft in Dollen ſehn müſſen, ſo wäre ich längſt hinübergekommen und hätte mir eine Erklärung ausgebeten. Nun aber er⸗ 112 zähle oder— beichte, wie Du's nöthig findeſt, Hans Adam.“ Absberg dehnte ſich breit in der Ecke des weichen Sopha's, wo er mehr lag als ſaß, und blies aus der Pfeife, die er ſich zu dieſer Stunde angezündet hatte, eine krauſe Rauchwolke vor ſich hin. Sein rothes Geſicht leuchtete von Behaglichkeit, und er antwortete:„ja ſiehſt Du, Bruder, mir ging's grade ſo, nur daß ich, was Du in Dollen haſt, in Wolden ſelbſt habe. 6 iſt weiß Gott, als könnte Unſereiner nicht mehr acht Tage von Hauſe ſein, geſchweige denn mehrere Wochen, ohne daß man daheim die dummſte Confuſion findet. Dann war meine Alte nicht ganz wohl— und endlich, zu erzählen hab' ich Dir nichts. Vom Wollmarkt haſt Du gehört und das Geld bekommen—'s läßt ſich nichts davon ſagen als das Gewöhnliche. Bei den Verwandten geht's wie immer, fidel— faſt zu fidel, mein' ich. Hab' meinem Schwager wieder einmal aushelfen müſſen— kennſt das ja. Und ſo, und ſo— iſt das alles Ein Teufel,“ ſchloß er, durch eine neue dichte Rauchwolke redend. Der Baron war augeſtanden und ging, gleichfalls das Spitzchen einer kurzen Pfeife zwiſchen den Lippen, die Hände auf dem Rücken, ſchweigend in dem kleinen Raume ein paarmal hin und her, bis er ſich auf die Ecke des Schreibtiſches ſetzte und, da Absberg ſeine Mittheilung beendete, dem Bruder zunickend ſagte:„ja, Paul hat mir 113 davon erzählt. Das iſt eine widerwärtige Geſchichte; aber was willſt Du am Ende? Es ſteckt in dieſem Men⸗ ſchen eine unvertilgbare Beſtialität, und mit Güte und Vernunft kommt man nicht durch. Selbſt Paul meinte, es werde nichts übrig bleiben, als ihn dem Gericht zu übergeben. Die arme Dirne erhält dadurch freilich keinen Erſatz für ihren Verluſt.“ „Hab' ihn auch ſchon abgeliefert,“ verſetzte Absberg mit flüchtig ſich faltender Stirn.„Vorher habe ich miraber die Freiheit genommen, ihm meine Meinung mit Mund und Hand auf das deutlichſte zu expliciren.'s iſt eigentlich ſchade, daß es nicht mehr wie vordem. Wir hätten ſolche Canaille wieder zur Ordnung gebracht. Das Zuchthaus entläßt ihn als vollendeten Taugenichts. Darüber hab' ich einen nenen großen Disput mit Georg Ehrenſtein gehabt. Dachte damals nicht, daß ich ſo bald ſchon die Praxis für mich haben würde.“ „Du biſt mehrere Tage in D. geweſen? Kommt Ehrenſtein?“ fragte der Baron. „Ja, ſobald die Ferien beginnen, rückt er bei Dir ein. Er läßt Dir auch noch für die letzte Sendung danken. Das iſt und bleibt immer die alte treue Seele und der alte Feuerkopf, mit dem man zanken, dem man aber nicht zürnen kann.“ Und da der Baron zur Antwort nur nickte, fuhr Absberg fort:„er hat mir übrigens nichts davon ge⸗ ſagt, daß er demnächſt einen Gaſt erwarte— Munch iſt ja in 1861. 8. Der große Baron. I. 4 8 114 Erbſchaftsangelegenheiten an ihn gewieſen und ſeinetwegen hergekommen, wie ich von dem jungen Mann hörte.“ „Da iſt er in guten Händen,“ bemerkte der Baron zerſtreut. „Na— revenons!“ ſprach Absberg mit einem theilnehmenden Blick zum Bruder hinüber, der das Geſicht dem Fenſter zugewandt hatte;„da wär' ich fertig mit meinen Neuigkeiten, nun zu den Deinen. Was wirſt Du mir zu erzählen haben?“ Der Baron lehnte ſich an den Aufſatz des Schreib⸗ tiſches zurück; über ſein ernſtes Geſicht glitt ein leiſes Lächeln.„Armer Teufel, wenn das Deine letzte Hoffnung iſt!“ meinte er.„Da gibt's nichts Neues, und wenn der Maler nicht ein wenig friſchen Unterhaltungsſtoff in's Haus gebracht hätte, möchteſt Du uns noch bei deu gleichen Gedanken und Worten finden, wie vor Deiner Abreiſe.“ „Der Maler gefällt mir, Alter. Es ſ cheint ein bra⸗ ver, gebildeter, heiterer junger Menſch zu ſein. Wie biſt Du mit ſeiner Thätigkeit zufrieden?“ „So viel ich davon ſah— ſehr; er verſteht ſeine Sache und iſt beſcheiden. Auch mir gefällt er täglich beſſer. Ich erinnere mich nicht, daß ich einen Fremden in ſo wenigen Tagen ſo nahe gekommen. Es heimelt mich etwas in dem jungen Manne an,“ ſprach der Baron und ſtand auf und ging wieder im Zimmer auf und ab, bis er * 115 plötzlich vor dem ſchweigend ihn beobachtenden Bruder ſtehen blieb und mit einer grwiſſen Haſt fortfuhr:„ſieh'ſt Du, Hans Adam, er gemahnt mich an meinen Knaben, als der damals von ſeinen Reiſen zurückkam und uns, be⸗ vor der traurige Zank mit ſeiner Mutter wieder anfing, ein ſo volles, warmes, kindliches Herz entgegentrug. Es war zu gut,“ ſetzte er hinzu, und in ſeiner Stimme und um die ſonſt ſo ruhig ſtolzen Augen bebte es wie eine leiſe, leiſe Wehmuth;„es konnte nicht ſo beſtehn, vollends nicht, wie die Beiden einmal waren. Ich ſehe das ein und habe mich auch darin gefunden, wie ein Mann. Aber, es war meine beſte Zeit, ich vergeſſe ſie nicht, und wenn mich einmal Etwas oder Jemand an ſie ge⸗ mahnt, wie nun der junge Mann, da thut mir das Herz weh. Warum mußte es ſo kommen! Was konnte mein Ruprecht nicht ſein und bleiben, wie dieſer hier, der ſo ganz nach meinem Sinn iſt, wie ich als Vater mir keinen liebern Sohn wünſchen könnte! Und der Knabe hatte alles dazu, um ſo zu werden! Weshalb mußten wir ihn und uns ſo blind in's Unglück jagen!“ „Bruder!“ rief Absberg erſchüttert und zugleich be⸗ ſtürzt, und ſprang auf. Er hatte den ſtolzen und ſtarken Mann niemals in dieſer Weiſe reden hören und niemals eine Bewegung, die ſich auf ſolche Erinnerungen und Gefühle grüͤndete, gerade bei ihm für möglich gehalten. War doch von dem verlorenen Sohne nie wieder zwiſchen 8* 116 den Brüdern geredet worden. Und nun, nach einem Vier⸗ teljahrhundert, mußte er einen ſolchen Blick in das Herz des alten Bruders thun!. „Sag' mir um Gotteswillen,“ redete er bebend vor Bewegung,„wie kommſt Du darauf? Was iſt vorge⸗ fallen, daß Dich dieſe zufällige äußere Aehnlichkeit ſo packen konnte?“ Der Baron ſchüttelte düſter den Kopf.„Es iſt nicht die Aehnlichkeit allein, die ſonſt in der That bemerkbar genug; es ſind kleine Züge des Weſens, im ſprechen und thun, im meinen und urtheilen, die ſich nicht angeben laſſen— man muß ſie vielmehr vor ſich haben und ſie mit dem Treiben und Weſen meines Sohns vergleichen können. Ein Unterſchied iſt natürlich da. Ich weiß es, daß ein junger Menſch im Jahre 1800 anders geweſen als einer von 1830 iſt. Mein Sohn war auch weniger gereift— er war ja damals erſt zwanzig Jahre alt— aber das alles iſt für das Ganze gleichgültig. Wenn Ruprecht jetzt lebte und jung und ein braver Menſch wäre, er könnte— nein, er müßte dem Maler gleichen.— Ich weiß leider gut genug, daß das nichts als ein thörichtes Grübeln iſt, nur geeignet, den Menſchen gründlich traurig zu machen. Aber das hilft nun einmal nicht!“ Seine Stimme klang gepreßt; er fuhr ſich mit der Hand über die hohe Stirn, wandte ſich ab und ſchritt langſam dem Fenſter zu. Absberg ſetzte ſich wieder in die Sophgecke und ſaß 2* — — wandte er den Blick wie zögernd zu den ſchweigend dane⸗ 117 ſtill; die Pfeife hatte er vorhin auf den Tiſch gelegt und ließ ſie auch jetzt noch dort ruhen. Erſt nach einer langen Pauſe nahm er die Unterhaltung wieder auf. „Wer konnte das denken!“ ſagte er ernſter als je und mit leiſem Kopfſchütteln.„Hätte eher des Himmels Einfall vermuthet! Du haſt nie wieder über den Jungen geredet, nie wieder auf ihn hingedeutet— fünfundzwanzig Jahre lang. Sein Bild haſt Du aus der Reihe fortneh⸗ men laſſen— und nun!“ Der Baron ſah den Bruder einige Sekunden lang ſchweigend und mit einem dunklen Blicke an, als erwarte er noch weitere Worte desſelben, oder als werde ihm ſel⸗ ber ein Entſchluß ſchwer. Dann ging er mit wenigen Schrit⸗ ten zu einem Wandſchrank, der in der Nähe des Sophas ſichtbar war, öffnete ihn und ſprach gedämpft:„Zerſtört iſt es nicht und auch nicht in der Polterkammer, ſondern da. Heiße es ſentimental, wenn du willſt— ich konnte nicht anders. Ich konnte den Knaben, den einzigen Sohn un⸗ ſeres Hauſes nicht ganz und für immer von mir laſſen.“ Absberg war aufgeſtanden und zum Schrank getre⸗ ten. Sein ſonſt ſo heiteres Auge haftete immer dunkler auf dem im Schatten kaum recht ſichtbar werdenden Bilde eines jungen Mannes in der ſchönen Uniform, wie ſie die Dragoner der Königin zu Anfang des Jahrhunderts ge⸗ tragen. Und als er eine Weile ſo geſtanden und geſchaut, 118 ben ſtehenden Bruder und ſagte nicht laut:„es iſt wun⸗ derbar, Bruder!“ „Das iſt's!“ verſetzte der Baron und neigte zuſtim⸗ mend den grauen Kopf.„Ich fand die Aehnlichkeit gleich heraus, und als ſie mich neulich Abend einmal gar zu ſehr traf und ich von den Lebenden da draußen direkt zu den Todten hier ging, war's mir faſt, als ſehe ich ein Ge⸗ ſpenſt, und ich erſchrack beinah. Ich war den Abend über⸗ haupt aufgeregt,“ ſetzte er düſter hinzu und verſchloß den Schrank wieder.„Denke Dir, Hans Adam, Münch er⸗ wähnte damals einer Erzählung ſeines Vaters, und ſie handelte von den gleichen Zwergengaben, die wir von der alten Ewa Kunigunde geerbt— Aehre, Ei und Münze— 's iſt ſeltſam!“ Absberg betrachtete den Bruder mit einem langen, man hätte ſagen mögen: träumeriſchen Blick, bevor er— und auch ſeine Stimme hatte einen gar beſonderen Klang — ſagte:„ſeine Mutter ſoll aus D. ſtammen.“ Der Baron zog die Brauen flüchtig zuſammen. „Nichts!“ entgegnete er.„Du weißt ſo gut wie ich, daß außer der Familie nie von dieſen Dingen die Rede ge⸗ weſen. Selbſt die Diener erfuhren nichts davon— außer Gottlob und ſeinen Vater, und die haben ſicher nicht ge⸗ plaudert.“ „Und die Vormundſchaft?“ meinte Absberg gedan⸗ kenvoll und mit dem frühern Blick. 119 „An die hab' ich nicht gedacht,“ erwiderte der Ba⸗ ron,„aber ich glaube auch das nicht. Die Großmutter war nicht die Frau, Fremde in Dinge blicken zu laſſen, die nur uns angingen.“ „'s iſt ſeltſam!“ murmelte Absberg wieder wie in tiefen Gedanken und machte ein paar Schritte dem Fenſter zu. Und erſt nach einer Pauſe, die auch ſein Bruder nicht geſtört, fuhr er mit der Hand über die Stirn, wandte ſich zu dem Andern zuruck, legte ihm beide Arme auf die Schul⸗ tern und ſprach mit einem Tone, der zumal von dem jovia⸗ len alten Mann kommend, tief zum Herzen dringen mußte: „Bruderherz, warum haſt Du mich das alles nicht früher horen laſſen? Weiß Gott, ich habe Dich immerdar recht⸗ ſchaffen lieb gehabt, allein wie Du gegen den Jungen da⸗ mals warſt und ſeither, daß Du ihn ausgeſtrichen aus Deinem Gedächtniß wie aus dem Herzen,— das hat mir oft für Dich weh gethan. Hineinmiſchen mocht, ich mich nicht; laſſe jedermann den Weg gehn, den er verantworten will, aber überwunden hab' ich das Gefühl nie— dem Jungen iſt viel Unrecht geſchehn. Du weißt das nicht ſo,“ ſchloß er noch weicher, und faſt zitterte ſeine Stimme;„ich habe nie ein Kind gehabt, aber bei Deinem Ruprecht war mir wohl, als braucht' ich auch kein anderes als ihn. So hab' ich ihn lieb gehabt.“ Er hatte im Lauf ſeiner Rede die Arme ſinken laſſen und war vom Bruder zurückgetreten. Der Baron ſtand 120 ſchweigend vor ihm, die Arme über die Bruſt gekreuzt, die mächtige Geſtalt ein wenig zuſammengeſunken, und ſtarrie düſter vor ſich hin. Erſt nach einem langen Schweigen er⸗ hob er den Kopf und ließ die Augen auf dem Andern ruhen. „Ich weiß es wohl,“ ſagte er finſter blickend,„es iſt dem Knaben Unrecht geſchehen, wenigſtens iſt er nicht richtig behandelt worden, und vieles, was damals uns un⸗ leidlich und unerträglich vorkam, erſcheint mir längſt im milderen Licht. Was willſt Du, Hans Adam! Wir ſind damals auch jünger und anders geweſen als jetzt, und wenn man obend'rein jemand neben ſich hat, wie meine Frau, ſo läßt man ſich oft unwillküͤrlich von deſſen Weſen beherrſchen und fortreißen, blickt mit ſeinen Augen, denkt mit ſeinem Kopf. Das ſage ich und ſchäme mich deſſen nicht. Sophie hat all' ihr Lebenlang gewußt, was ſie wollte, und auch nie etwas anderes gewollt, als was ſie für recht hielt. Daß ſie häufig darin zu hart geweſen, zu befangen— wir wollen nicht richten, Hans Adam. Wie hätte es anders ſein ſollen, bei ihrem Charakter, und da ſie doch einmal das Kind ihrer Zeit und ihres Standes war? Weiß Gott, ich habe der vielen und einſamen Jahre und mancher ſchweren Erfahrung bedurft, bis ich meinen Vorurtheilen mich wenigſtens freier machen konnte. „Du weißt,“ fuhr er fort,„ich hatte mich daran ge⸗ wöhnt, im Hauſe und in der Familie mit ihren Augen zu 121 ſehen, auf ihr Wort zu hören. Sie war doch Mutter und Frau, wo ich Vater und Herr, ſie hatte dasſelbe Intereſſe am Wohlergehen der Unſrigen. Ich hatte damals auch ge⸗ nug andere und nicht gleichgiltige Dinge im Kopf. Und nun endlich, wie der Junge war, wenigſtens wie er ſich gab! Ich durfte uns das damals nicht gefallen laſſen, ich würde vielleicht auch jetzt nicht viel nachgiebiger ſein, nicht um der Sache, ſondern ich muß ſagen: um des Trotzes willen. Eine Grenze für den Willen des Kindes den El⸗ tern gegenüber muß da ſein.“ Absberg hatte ſich in den Sopha zurückgeſetzt und den auf⸗und abſchreitenden Bruder mit ſeinen gedanken⸗ vollen Blicken verfolgt. Jetzt ſchüttelte er den Kopf und ſprach:„Die hätte Ruprecht auch nicht überſchritten. Aber man hat ihn hinüber gejagt, man hat ihn mit Ge⸗ walt trotzig gemacht. Mit Gewalt ging's freilich bei ihm nicht— er war der Sohn ſeiner Mutter.“ „Ich entſchuldige mich auch nicht, ſondern erkläre nur,“ verſetzte der Baron düſter.„Wir haben alle ge⸗ fehlt. Und ich ſelber ſetze noch heut meinem Kopf zum Pfande, daß man ihn, durch Vernunft und verſtändiges Nachgeben auf anderen Seiten, wenigſtens von dieſem un⸗ ſeligen Liebeshandel hätte abziehen können, der damals, ſeiner Mutter gegenüber, ganz unmöglich zum guten Ende führen konnte. Aber wie die Sache angefaßt wurde, wie man zumal gegen das am Ende doch unſchuldige und voll⸗ —— 122 kommen wackere Mädchen auftrat, ging es freilich nicht anders. Er konnte und durfte nicht zurück. Es wäre eine Feigheit geweſen, die ich, wenn ich den richtigen Sachver⸗ halt gewußt, ihm weniger verziehen hätte, als möglicher⸗ weiſe ſein wirkliches Handeln. Das iſt mir längſt klar geweſen,“ ſchloß er und dämpfte die bei den letzten Sätzen ſtärker gewordene Stimme wieder zum gewöhnlichen Ton, „ſchon ſeit Sophiens Tode. Ich fand zwiſchen ihren Pa⸗ pieren ein Paar Briefe von ihm aus der damaligen Zeit, die mir nicht nur über ihn ſelbſt, ſondern auch über die rückſichtsloſe Härte der Mutter die Augen öffnen mußten. Da war das alles freilich umſonſt.“ „Umſonſt?“ wiederholte Absberg ernſt, faſt zür⸗ nend.„So dachteſt, ſo denkſt Du, und kannſt das Wort gebrauchen? War es nicht mehr Zeit, ihn zurückzurufen?“ Der Baron ſchüttelte mit trübem Lächeln das Haupt. „Du weißt wohl, daß wir ſeine Todesanzeige ſchon im December 1806 in den Zeitungen laſen,“ ſagte er. „An die ich nie geglaubt habe, Alter,“ entgegnete Absberg lebhaft und richtete ſich aus der Ecke auf.„Es iſt nichts geweſen als ein Einfall ſeines grollenden und trotzigen Kopfes. Er wollte jede Verbindung mit uns ab⸗ brechen und jede Nachforſchung unmöglich machen.“ Der Baron ſchüttelte wieder den Kopf.„Er wußte gut genug, daß von keiner Nachforſchung die Rede, wie wir— d. h. ſeine Mutter und dadurch auch ich— wie 123 die Sachen einmal waren,“ ſprach er finſter blickend. „Wie wir uns getrennt, hätte i ch ihn auch niemals gerufen. Er mußte zu mir kommen. Jetzt— er fuhr mit der Hand über die Stirn— jetzt möchte auch das anders ſein.“ Absberg erhob ſich wiederum raſch und war mit zwei Schritten bei dem Bruder.„Wie verſtehſt Du das? Was meinſt Du, Alter?“ fragte er lebhaſt. „Was ich meine? Ich denke, das iſt einfach genug. Ich würde milder ſein, ein Auge zudrücken, und wenn Ruprecht da wäre, trotz der unglüͤcklichen Ehe dafür ſor⸗ gen, daß er nach meinem Tode die Güter übernehmen konnte. Denn ich ſage Dir, Hans Adam,“ fügte er hef⸗ tiger hinzu, und zum erſtenmal im Laufe des ganzen Ge⸗ ſpräches erſchienen auf ſeiner Stirn über den zuſammen⸗ gezogenen Brauen einige tiefe finſtere Falten, welche dem für gewöhnlich ſo wohlwollenden und edlen Geſicht den Aus⸗ druck eines drohenden, trotzigen Stolzes verliehen—„ich ſage Dir, Hans Adam, der Gedanke, daß die Absberg mit uns beiden ausſterben, daß man uns den alten Schild in die Grube nachwerfen ſollte, daß unſere Güter in die Hände des Fiskus kommen müßten oder— der Teufel weiß, in weſſen ſonſt— der iſt mir unerträglich. Ich kann und will das nicht, und um ſo weniger, je unvergeßlicher mir der Widerſtand bleibt, den ich bei meinem erſten Schritt zu einem andern Arrangement von der Regierung erfah⸗ ren mußte.“ 124 „Biſt Du in E. geweſen?“ unterbrach ihn Absberg überraſcht. „Das bin ich auch, nachdem ich das Ding zuerſt ſchriftlich verſucht. Und hatte ich ſchon zwiſchen den Zei⸗ len ihrer Antwort die Gier der armſeligen Geſellen leſen können, ſich dieſen Beſitz zu ſichern, ſo konnte ich acht Tage d'rauf, Auge in Auge noch beſſere Studien machen. Aber—“ und die Falten wurden noch tiefer und die Fin⸗ ger der Rechten zogen ſich feſt zuſammen—„ich duld's nicht, ich will's nicht. Sie ſollen mir beweiſen, daß unſere Güter jemals im Majorat geweſen, wenn wir ſie auch faſt immer als ſolches vererbten. Ich laſſe ſie ihnen nicht, zumal Engelsbe und Mönkewitz nicht, mag kommen was will, ſo wahr ich Absberg heiße, ſo wahr unſere Ahnen hundert Jahre früher in der Abtei herrſchten, als der Fürſtenſtamm über dies Land!“ „Und ſie haben Dir wirklich einen Abſchlag gegeben, die Guter auf die Kleine zu vererben?“ fragte Absberg nun gleichfalls heftig. Auch ſeine Stirn war roth ge⸗ worden und noch finſterer geſtaltet als die des Brnders, und in ſeinen dunkelblauen Augen brannte ein düſteres, drohendes Feuer. „Ja. Mit offenen Worten nicht— ſie huteten ſich. Aber mit Achſelzucken, mit ſanften Mienen; da werde nichts zu machen ſein; das Geſetz rede deutlich und die Worte der Beſtätigungsurkunde Kaiſer Heinrich's könnten 125 nicht mißverſtanden werden. Höflich, ſag' ich Dir, höf⸗ lich, daß es mir das Blut in den Kopf jagte! Du vergißt wohl nicht, daß Graf Bergheim Präſident iſt und daß man ſich jetzt— an vergangene Dinge erinnert. Bei Gott, wäre ich nicht ſiebzig Jahre alt und hätte nachgrade kälteres Blut gekriegt— ich weiß nicht, was geſchehn wäre— auch darum!“ „'s hätte nicht geſchadet,“ lachte Absberg grollend. „Hätten's immer einmal wieder ſpuren können, was die Absberg ſind und wie's mit ihnen ſteht! Anderwärts wiſſen ſie's noch. Beim Grafen Kriwitz wurde ich dem Erbprinzen vorgeſtellt— war ja damals verreiſt, als er Engelsbe und Dich heimſuchte. Er erkundigte ſich nach Dir und grüßt Dich. Dann— er iſt ein munterer Herr — meinte er mit einem ſchelmiſchen Lächeln:„es wird alles zahm, Herr Baron, und die Absberg, ſcheint es, auch. Man hört gar nichts mehr von Ihnen, ſelbſt nicht mehr den alten Schreckensruf:„Absberg iſt los!“ Wie kommt das, Herr Baron?“— Da ſagt' ich, er habe ſchon recht, man ſei zahm geworden, wenigſtens um uns her, und laſſe uns in Ruh'. Wo nicht, wären wir wohl alt, hätten aber auch noch altes Blut, und das könnte ſchon noch einmal in rechten Gang kommen, wenn man's partout wolle. Fürchtete es aber nicht. Man ſei eben zu zahm.“ Darauf nickte er mir lachend zu und meinte wieder, er wünſche dem Staat viele ſolche alte Geſchlech⸗ 126 ter, wie das unſere. Da ſei die rechte Art und ſie durf⸗ ten nicht ausgehn.“ „Und das wollen wir auch nicht,“ ſprach der Baron ſtark und blieb, nachdem er während des Bruders Mit⸗ theilung auf und abgegangen, jetzt vor ihm ſtehen.„Was geſchehn ſoll und wird, weiß ich noch nicht, aber dem Fiskus reiß ich die Güter aus den Zähnen, ſo oder ſo. Wollen doch einmal ſehn, ob mein gutes Recht gilt oder ihr erträumtes. Die Herren ſcheinen's zu vergeſſen, was ſie uns zu danken haben, aber bei Gott, ich erinnere ſie daran, und müßt' ich's dem Fürſten ſelber in die Augen ſagen. Du haſt recht— das alte Blut iſt da, und es könnte noch einmal heißen: Absberg iſt los!— Wir haben allerwärts das Recht geſchützt, ſollten wir unſer eigenes nicht vertreten können?“ Er ging wieder gegen das Fenſter. Absberg lehnte mit untergeſchlagenen Armen am Tiſch vor dem Sopha und folgte dem erregten Bruder mit einem gedankenvollen Blicke.„'s iſt kurios,“ ſprach er 4 endlich ruhiger,„heut Morgen, da mir Hilda von dieſem Gange der Dinge redete, wollte ich's ihr nicht glauben. Meinte Dich genauer zu kennen, als ſie. Nun hat ſie doch recht gehabt. Das iſt der Tag der Ueberraſchungen!“ „Hilda hat mit Dir geredet— hierüber?“ Der Ba⸗ ron blieb ſtehn und ſchaute den Andern finſter prüfend an. „Ja freilich. Sie hatte den armen Kindern, der 127 Kleinen und dem Maler, drüben eine Scene gemacht, weil die Sitzungen in der Abtei ſeien, weil Diana allein mit der Jungfrau hinübergegangen, weil ihr über Munch durch die Kammerkatzenwege allerlei zu Ohren gekommen, weil — der Teufel weiß, weßhalb noch ſonſt. Du kennſt ſie ja. Fein wird's nicht geweſen ſein. Münch war düſter und gedrückt.“ Der Baron machte eine wegwerfende Bewegung. „Und über mich und meine Pläne redete ſie auch? Wie kam das?“ Absberg lachte launig.„Na, Alter, meine doch, Du kennſt ſie— unbefriedigt wie eine alte Jungfer! Sie mochte eben herrſchen auf Engelsöe und erreicht's nicht. Da quält ſie andere und ſich ſelbſt. Hat ſich nun in den Kopf geſetzt, der Munch ſei ein— Verwandter, ein Prä⸗ tendent der Absbergiſchen Freiherrnkrone, der für jetzt nur das Terrain und die Menſchen ſondire, bei paſſender Ge⸗ legenheit aber ſchon hervortreten werde. Und Du wärſt vielleicht im Stande, derartige Anſprüche anzuerkennen, denn Du wollteſt zuerſt und vor allem einen Erben Deiner Beſitzungen.“ Der Baron, der den Worten des Bruders mit ſicht⸗ barer Spannung gefolgt war, erwiederte nichts, ſondern wandte ſich ab und ging aufs neue mit großen Schritten auf und ab. Nur einmal murmelte er etwas vor ſich hin, und dem Bruder war es faſt, als hätte es wie eine Art 128 von Zuſtimmung zu der eben mitgetheilten Anſicht Hilde⸗ gards geklungen. Absberg ſagte daher auch, nachdem er einige Augenblicke vergeblich auf eine wirkliche Antwort gewartet, mit einem gewiſſen luſtigen Spott:„Na, Alter, muß ich jetzt auch Dir Vernunſt zu predigen anfangen, wie der Hilda?— Ich— Vernunft predigen! Es iſt eigent⸗ lich luſtig genug!“ Der Baron ſetzte ſeinen Gang ohne Unterbrechung fort. Erſt nach einer Weile ſprach er:„ich weiß wohl, was Du meinſt, und bin nicht thoͤricht genug mir ſolche Illu⸗ ſionen zu machen. Denn grade heraus,“ ſetzte er hinzu und blieb abſchwenkend vor Absberg ſtehn und ſchaute ihm mit ernſtem Blick' feſt in die Augen,„käme mir die Ge⸗ wißheit, daß Ruprecht einen Sohn hinterlaſſen, fände ich ihn auf und als einen Menſchen, wie den Maler, ſo würde ich vielleicht alles daran ſetzen, ihn zu meinem rechten Er⸗ ben zum legitimen Beſitzer der Absbergiſchen Güter zu machen,— nicht aus Trotz gegen die Regierung, nicht aus Reue über das, was voreinſt meinem Knaben geſchehn, ſondern aus der feſten Ueberzeugung, daß ich ihm nur zu⸗ wende, was ihm nach göttlichem und menſchlichem Recht gebühren würde. Sieh Dich um, Hans Adam, und leugne, daß die alten Geſchlechter faules Blut haben und ein fri⸗ ſches, beſſeres brauchen, das ſie nur durch Verbindungen mit anderen Ständen erlangen können. Die Zeiten der makelloſen Stammbäume ſind dahin und nicht minder zu⸗ 129 rückzuführen. Der Adel kann nur dann ein rechter Adel bleiben, wenn er die Edelſten des Volks in ſeine gelichte⸗ ten und geſchwächten Reihen zieht. So denke ich, ſo rede ich, ſo handle ich wo möglich, und ich meine, das Votum „des großen Barons“ wird nicht ohne Gewicht ſein.“ VIII. Im Belvedere. Der Juli war mit ſeinen Regentagen und den ſelte⸗ nen heißen Sonnenblicken vorübergegangen, der Auguſt hatte mit zwei kühlen Nächten begonnen, denen ebenſo viele prachtvolle, ſtrahlend klare Tage folgten, die Men⸗ ſchen wurden wieder heiter und faßten Muth, und ſo weit die Bewohner der Abtei auf der Fahrt nach Wolden, die ſie in leidlicher Stimmung angetreten und vollendet hatten, das Land überſehen konnten, und ſo weit ſie von Engelsöe aus die Strandgegenden überſchauten, war die Ernte im vollen, fröhlichen Gange. Der Baron war jetzt noch weniger daheim als bis⸗ her und eigentlich nur Abends bei und nach dem Thee und Nachteſſen mit den Seinen vereint. Es ſtand für den Augenblick nicht nur das pächterloſe Gut, von dem früher die Rede geweſen, unter ſeiner eigenen Aufſicht, 1861. 8. Der große Baron. 1.. 9 ſondern er hatte auch, wie es in dieſen Landſtrichen üblich, ſeinen Stammſitz, das der Abtei benachbarte Monkewitz, gleichfalls dieſer eigenen Bewirthſchaftung vorbehalten, obgleich der ſogenannte Wirthſchaftshof mit ſeinen zahl⸗ reichen Gebäuden nicht auf der Inſel, ſondern jenſeits des Meerarms und noch eine gute Strecke vom Dorfe entfernt lag. Er hielt dort nur ein paar ältere und jüngere Wirth⸗ ſchafter, die von ihm die Anordnungen empfingen; das Ganze einem Pächter zu übergeben, hatte er nie über ſich gewinnen können. „Ich muß etwas zu thun haben— korperlich zu thun,“ verſetzte er auf Ruprechts Bemerkung, daß in den ſüdlicheren Landſtrichen Deutſchlands die meiſten großen Grundbeſitzer in ganz anderer Weiſe lebten und mit der Bewirthſchaftung ihrer Güter nichts zu ſchaffen hätten; „ich mag in meiner nächſten Nähe, auf meinem eigenen Grund und Boden keinen Herrn neben mir haben, in deſſen Treiben ich mich nicht hineinmiſchen darf. Und endlich— reiſeluſtig war ich nie, und die Absberg ſind ſchon ſeit Jahrhunderten ſtets am liebſten auf ihren Gü⸗ tern geblieben. Was das aber wirkt, lieber Münch, kön⸗ nen Sie am beſten an unſern Gütern, und zumal hier an Mönkewitz und drüben an Wolden ſehn. Wir ſind beide keine großen Landwirthe, mein Bruder ſo wenig wie ich, aber wir haben Liebe zur Sache und zum eigenen Beſitz, und haben für die Güter mit Verſtand geſorgt. D'rum 131 heißt man auch beide Muſtergüter und ſtreicht uns als ganz etwas Beſonderes heraus, obgleich in Wirklichkeit nichts da iſt, was nicht Jeder ähnlich erſchaffen könnte, der die Sache ſelber mit einigem Geſchick und mit wirk⸗ lichem Intereſſe betreibt.“ So war er denn faſt immer fern von der Abtei und kehrte, wie bemerkt, gewöhnlich nicht einmal zum Mittags⸗ eſſen zurück. Und da in dieſen Tagen auch Niemand von den Nachbarn ſich ſehen ließ und kein Beſuch erſchien, ſo war das Leben auf Engelsöe noch ſtiller und einſamer als bisher. Hildegard traf mit dem Maler kaum anders als bei Tiſch zuſammen und hatte noch nicht wieder mit ihm geredet. Freilich hatte ſie aber auch den Sitzungen Diana's nichts mehr in den Weg gelegt und ſich nie wieder in der Abtei gezeigt— zu Ruprechts nicht geringer Erleichterung. Denn er hatte es ſich keinen Augenblick verhehlt, daß ihn unter dieſem kalten und— ſo zu ſagen— harten Auge, in der eiſigen Atmoſphäre, welche die Perſönlichkeit der ſtol⸗ zen, unzufriedenen Frau überall um ſich verbreitete, alle Luſt und alle Fähigkeit verlaſſen würde, am Bilde fortzu⸗ malen. Und doch verbarg er ſich eben ſo wenig, daß ſein Aufenthalt in der Abtei in nicht ferner Zeit ſein Ende er⸗ reichen müßte. Inzwiſchen war ſie aber fort geblieben und nicht nur der Cranach, ſondern auch Diana's Bild fertig geworden, beide zur großen Befriedigung des Barons, der dem jun⸗ 5 9* 132 gen Meiſter ſeine Anerkennung immer wärmer und herz⸗ licher ausſprach. Auch das kleine Bild, welches Ruprecht heimlich für Diana's Vater malte, war ſo ziemlich vollen⸗ det, ſo daß wenigſtens der Maler ſelbſt und auch das Mädchen, dem es in einer ruhigen Stunde gezeigt wurde, ſich des wohlgelungenen Werkes erfreuen durften. Die Portraits trockneten nun, und Ruprecht war noch freier als bisher. Er hatte eigentlich beabſichtigt, in dieſen Tagen end⸗ lich nach D. hinuͤberzugehen, um mit dem Profeſſor Eh⸗ renſtein über ſeine Angelegenheiten zu reden. Allein er vermochte ſich bei dem prachtvollen Wetter noch nicht von der kleinen Inſel zu trennen, deren Reichthum an ſchönen Punkten und überraſchenden Ausblicken er jetzt erſt kennen lernte. Und ſo war er, mit Ausnahme einiger Morgen⸗ ſtunden, die er ſich einſam daheim beſchäftigte, faſt immer draußen, in den grünen Wald⸗ und Parkgründen oder am luftigen Seeſtrande, mit ſeinem Skizzenbuche zu finden. Nur zeichnete er weniger als er träumte. Der junge Mann war ſtill geworden, ſo ſtill, daß es ſelbſt dem alten Gottlob auffiel, der zuweilen mit ihm plauderte. Der Alte hatte ihn deswegen gefragt und faſt be⸗ ſorgt ſich nach ſeiner Geſundheit erkundigt.„Es hält nicht Jeder unſere Witterung aus, zumal ein Fremder nicht,“ hatte er geſagt.„Die Luft ſoll bald zu feucht, bald zu ſcharf für die aus dem Lande drinnen ſein, habe ich oſt 133 gehört.“— Ruprecht lachte ihn aus mit ſeiner Sorge. Er habe ſich niemals wohler gefühlt, und daß er„ſtiller“ geworden, wollte er noch weniger zugeben. Aber der Menſch iſt über nichts leichter und mehr verblendet als über ſich ſelbſt und ſeine eigenen Zuſtände, und wer den jungen Mann heut beobachtete, wie er zur fruͤhen Morgenſtunde im Belvedere ſaß, das Skizzenbuch aufgeſchlagen auf der Brüſtung der leichten Einfaſſung vor ſich, den Stift in der Hand, welche wie bereit zur Arbeit auf dem weißen Blatte lag, wo ſich aber noch nicht ein Strich zeigte,— wer ihn ſo ſitzen ſah, den Kopf auf die andere Hand geſtützt, und die ſonſt ſo beweglichen Züge des freundlichen Geſichtes ſo regungslos, und die muntern Augen nun ſo ernſt und ſinnend mit allen Blicken der Ferne zugewandt, der hätte zu der Behauptung des Malers, daß er unverändert geblieben, vielleicht noch ernſter den Kopf geſchüttelt, als es Gottlob gethan. Es iſt freilich ein eigen Ding, wenn man ſo allein vor der Weite der See ſitzt und hinausſchaut in ihr küh⸗ les Wogen. Die Träume ſteigen heimlich hervor aus den klaren Waſſern, wie verlockende Meerfrauen, und um⸗ fluſtern und umſchmeicheln den Geiſt und die Seele des Schauenden, bis ſie ſeiner vollſtändig Herr geworden, bis ihr Zauberſang den vollen Wiederhall in ſeinem Herzen gefunden und ihn immer weiter, immer feſter hineinzieht in ihre weichen Arme. Das bleibt ewig der alte Sang 134 und der alte Zauber, gegen den der edle Dulder Odyſſeus ſich ſo ſorgſam ſchützen mußte. Die See lag ſo ſtill, wie nur eine Reihe der ſonnig⸗ ſten und ruhigſten Tage es möglich macht, wo ſelbſt die Winde, leiſe athmend, einmal wirklich zu ſchlummern ſcheinen, und das Licht der Geſtirne ungehindert Tag und Nacht vom blauen Himmel herniederſinkt. Die Wellen kamen aus der Ferne— weithin ſichtbar— im ſtetigen, leiſen Gange herbei und zogen vorüber am Belvedere, dem tieferen Grunde des links neben der Inſel ſich öffnen⸗ den Buſens zu. Die Ferne war unglaublich klar, nicht die kleinſte Wolke ſchattete, nicht der leiſeſte Dunſt oder Duft ſtörte die meilenweite Ausſicht, und hätten nicht die Mö⸗ ven die Scene belebt, und wäre nicht von Zeit zu Zeit dort weit draußen ein Segel im Sonnenſtrahl aufgeleuch⸗ tet und ſanft vorbei geglitten, ſo hätte ſich hier nichts dem Auge dargeboten als Himmel und Meer, bis zum Ho⸗ rizont hinaus, der ſich bei der unendlichen Klarheit und gleichförmigen Färbung der Höhe und Tiefe nur durch einen kaum bemerkbaren blaßvioletten Streifen erkennen ließ. Die Natur hatte eine ihrer ſchönſten und frieden⸗ vollſten Stunden. Aber auch dort hinaus, wo Ruprechts Auge jetzt weilte, über die Fluten des Meerbuſens, gegen die jenſeits liegende Küſte hin, wo die dunklen Wälder von Sieben⸗ heiligen und Wolden aus dem Meere aufſtiegen, herrſchte 135 der gleiche Frieden und eine faſt noch tiefere Ruhe. Die Gebäude von Wolden lagen dort deutlich genug im Rah⸗ men des Waldes, das Schloß ließ die langen Reihen der Fenſter zwiſchen den grünen Sommerläden klar erkennen, der Glockenthurm über dem Mittelportale zeigte dem ſcharfen Auge Ruprechts ſelbſt in dieſer Entfernung ſeine geſchnörkelten Formen. Und das alles war einſam und anſcheinend ohne eine Spur vom Leben und Treiben der Menſchen, als wäre es eines jener alten verzauberten Schlöſſer, von denen uns die Märchen erzählen— der Wald umher iſt undurchdringlich emporgewachſen, kein Menſch weiß von ihrem Daſein, keines Wanderers Fuß betritt die ſchallenden Gänge und Hallen, und es ſchläft alles in ihnen. Der junge Mann war ſelbſt wie verzaubert. Die Nixen ſangen und lockten, die Waldfee träumte, und die Parkbäume, die ſo dunkel und ſchweigend das einſame Plätzchen umragten, ſchloſſen ihn ab von Leben und Welt und Gegenwart. Er hörte nicht den Tritt des leichten Fußes auf dem feinen Kies des Weges, er vernahm nicht das leiſe Rauſchen des Sommerkleides an den vorwitzig ſich hervorſtreckenden Zweigen, er ſah das junge Mäd⸗ chen nicht die Stufen— jetzt freilich vorſichtig— hin⸗ aufſchlüpfen und hinter ihm ſtehen und mit ſchelmiſchem Lächeln muſternd auf den Träumer und ſein weißes Skizzenbuch hinblicken. Es bedurfte erſt des wirklichen, 136 reinen und hellen, fröhlichen Menſchenlautes, ihn zu er⸗ wecken. „Das heiß ich mir aber einen Fleiß! Selbſt ſchlafend ſeiner Kunſt getreu!“ Er ſprang auf und ſchaute ſich beſtürzt um. Ueber ſein Geſicht flammte ein lichtes Roth.„Um Gotteswillen — Fräulein Diana!“ rief er. „um Gotteswillen— Fräulein Diana!“ wieder⸗ holte ſie lachend.„Das iſt ein ſchönes Kompliment!“ „Sie haben mich eben wirklich und ernſtlich erſchreckt,“ ſprach er, ſich zum Lächeln zwingend.„Ich hörte keinen Laut Ihres Kommens, Sie zaubernde Waldfee!“ „Ach, Sie erwachen, merke ich. Aber erſchreckt, ſa⸗ gen Sie? Konnte ich's denn um Gotteswillen verantwor⸗ ten, einem jungen geſunden Menſchen an ſolchem Morgen, bei ſolchem Tage, vor ſolcher Ausſicht ſchlafen zu ſehen? fragte ſie neckend. „Ich ſchlief gewiß nicht,“ meinte er kopfſchüttelnd. „Nicht? Was aber dann, wenn man fragen darf?“ Er hatte ſich wieder gefaßt, und ſein Auge ruhte freundlich auf ihrer anmuthigen Erſcheinung.„Ich ſtu⸗ dirte und träumte,“ verſetzte er munter. „Iſt das ein und dasſelbe, Herr Ruprecht?“ „Gewiſſermaßen— ja, Fräulein Diana, trotz Ih⸗ res ſpöttiſchen Zweifels. Wenigſtens verſenkt man ſich bei einem ſolchen Traume, wie er über mich gekommen, 137 ſo tief in die Umgebung und alle Einzelheiten, daß man ſie ſpäter trotzdem bis ins Kleinſte unvergeßlich vor ſich hat und ſie wiedergeben kann, wie und wann man will. Aber freilich, man muß mit ganzer Seele verſunken ſein in den Zauber dieſer Umgebung, man muß ihn ſich um⸗ ranken und umklingen laſſen, bis alles Fremde davor verſchwindet.“ .„Und da mußte ich fremdes unheiliges Geſchöpf nun der Engel ſein, der Sie aus dem Paradieſe jagte!“ ſagte ſie wiederum neckend.„Da iſt Ihr„um Gotteswillen“ ja noch eine gar gelinde Strafe!“ „Ouälen Sie mich nicht, Fräulein!“ bat er plötzlich mit einem gewiſſen gepreßten Ton, und auch ſein Auge blickte ſo eigenthümlich, halb ſcheu, halb weich, auf das Mädchen, daß ſich aus ihren Zügen raſch der muntere Spott verlor und gleichfalls einer leiſen Befangenheit Platz machte, welche dem feinen Geſicht einen unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Lieblichkeitund Jungfräulichkeit verlieh. Das Auge blickte ſanft hervor unter den langen Wimpern, und die Stimme klang weich, als ſie einfach. entgegnete:„Sie wiſſen wohl, daß ich Ihnen nicht wehe thun wollte, und nur von Zeit zu Zeit das Necken nicht unterlaſſen kann. Ich will mich aber beſſern, nehmen Sie meine Hand darauf,“ fuhr ſie heiterer fort und bot ihm die Rechte hin, welche er lebhaft ergriff und raſch an die Lippen zog.„Und nun ſagen Sie mir ehrlich, Sie großer 138 Träumer, was Sie hier vorhin ſo der Gegenwart ent⸗ rückte, daß Sie weder ſahen noch hörten? Denn Sie haben auch von dem nichts geſehen, was Sie vor Augen hatten.“ „Doch, doch,“ verſetzte er, träumeriſch in ihrem An⸗ blick verloren;„ich ſah und ſehe alles, aber freilich durch⸗ rankt von allerlei ſeltſamen phantaſtiſchen Arabesken aus Vergangenheit und Gegenwart. Das kommt ja zuweilen ſo. Aber ſagen kann ich nichts davon, nichts beſchreiben; ſind es doch eben nur Arabesken. Klar und deutlich hebt ſich nur ein kleines Bild hervor, und das iſt der Abſchied von der Abtei und ihren Umgebungen.“ „Der Abſchied, Herr Ruprecht?“ fragte ſie ſichtbar überraſcht.„Denken Sie denn ſchon an's Gehen?“ „Schon? Mir daucht zuweilen, ich wäre viel zu lange geblieben.“ „Oh, bei uns auf dem Lande iſt es nicht, wie viel⸗ leicht in der Stadt. Ein Beſuch, und noch dazu ein will⸗ kommener, iſt an keine Zeit gebunden. Sie wiſſen wohl, wie mein Großvater von Ihnen denkt; ich ſah ihn nie⸗ mals freundlicher gegen einen Menſchen. Warum wollen Sie fort? Sie, der Sie frei ſind wie der Vogel in der Luft?“ „Das bin ich ſo wenig wie irgend ein Anderer,“ unterbrach er ſie mit einem ſich verdunkelnden Blick. Er fühlte ſich bei ihren einfachen Worten mit einemmal 139 wieder in der ſchiefen Stellung, die er zu der Familie durch ſeinen verheimlichten eigentlichen Stand einnahm, und die er in den letzten einſamen und eintönigen Tagen mehr und mehr vergeſſen.„Abhängig ſind wir Alle. Ich muß auch nach D. hinüber und endlich an den eigentlichen Zweck meiner Reiſe denken.“ „Das können Sie näher haben,“ ſprach ſie lächelnd. „Ehrenſtein— den wollen Sie doch aufſuchen?— kommt in vierzehn Tagen ſicher hieher, wie alljährlich. Und jetzt, wo das Wetter gut wird, wo Sie erſt ſehen ſollen, daß wir nicht allein dunkle, öde Zimmer, ſondern auch eine lichte und leuchtende Natur auf Engelsöe um und vor uns haben— nun wollen Sie das verſchmähen und mit dem Eindruck der trüben Tage von uns gehen? Iſt das recht, Herr Ruprecht?“ Sein Kopf ſank in die untergeſtützte Hand, denn er ſaß neben ihr, die am Geländer lehnte; ſein Blick ruhte träumend auf ihrem erregten Geſicht und doch ſo feſt, daß ſie jäh erröthend die Augen niederſchlug.„Oh— nicht doch, nicht doch!“ ſagte er endlich ſo leiſe, als ſpräche er zu ſich ſelbſt.„Es waren lichte Tage, ſo lichte, daß ſie mich blendeten!“ „Laſſen Sie mich offen und ehrlich ſein,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort und ſtand auf und trat zu Diana an das Geländer; Stirn und Blick waren wieder frei geworden, und auch aus ſeiner Stimme klang eine 140 ernſte, aber offene Herzlichkeit.„Vielleicht finden Sie's zu offen— allein ich bin einmal ſo, und ich habe gefun⸗ den, daß man ſtets am beſten fährt, wenn man ſich ganz ſeiner Natur überläßt. Mein Leben hat mir viele Tren⸗ nungen gebracht, immer und überall hieß es ſchnell genug: nimm Abſchied!— Aber ich fühl's, kein Abſchied iſt mir ſo ſchwer geworden, keiner wird mir je wieder ſo ſchwer wer⸗ den, als der von Engelsöe, von— was zögere ich doch?— von Ihnen, Diana. Hundert Stimmen in mir rufen mir zu: bleibe noch und fühle dich glücklich!— Meine Ver⸗ nunft jedoch können ſie nicht üͤbertäuben, und die ſpricht ernſt zu mir: es muß ſein; der Abſchied iſt da. Gehe, bevor es zu ſpät geworden. Du haſt noch ein langes Leben vor dir, das du nicht verträumen und verſehnen darfſt!— Sehen Sie, ſo muß ich gehen,“ ſchloß er mit feſtem, ruhigen, ernſten Ton. Sein Auge hätte ihr freilich ſagen können, wie warm ſein Herz, und wie es mit ſeinen treueſten vollſten Schlägen nur für ſie ſchlug, von der es ſich doch ſcheiden wollte. Es iſt trotz aller ſchönen Redensarten und hohen Dichterworte nur gar wenigen Sonntagskindern gelungen, einen freien Blick in das Herz des Menſchen und beſonders in das des Weibes zu thun und in Wirklichkeit zu erlau⸗ ſchen, was und wie es darin keimt, ſproßt, ſich rankt, er⸗ blüht, und wie ſich aus dieſem allen und über dies alles endlich die Liebe erhebt— ob ſie langſam und leiſe her⸗ 141 anreift, ob ſie, wie eine Zauberblume, mit einemmale da iſt. Das weiß meiſtens der Menſch ſelbſt nicht einmal recht anzugeben. Wer beobachtet ſich und die Regungen ſeines Innern ſo genau, daß er beſtimmen könnte, dies leiſe Wohlwollen werde zur wahren Liebe werden;— daß er zu ſagen vermöchte, in dieſem und dem Augenblick ſei es zur Liebe geworden oder doch zu einer ſolchen In⸗ nigkeit gediehen, daß es jetzt nur noch der einen Stei⸗ gerung, der zur Liebe, fähig ſei? Wir zweifeln ſehr, daß Diana es gewußt hatte, wie nahe ſie in den vergangenen Tagen dem Gaſte getreten, wie theuer er ihr geworden, und wir verzichten für unſere Leſer ſo gut wie für uns ſelbſt auf den Verſuch, alle die einzelnen Phaſen ihres Fühlens und Empfindens zu ent⸗ wickeln, zu ſchildern, zumal ſie ſelber bisher ſich niemals klar geworden über das, was ſich in ihr geſtaltete und — obſchon das manche klugen Leute anzunehmen pflegen— niemals im ſtetigen, leicht verfolgbaren Gange fortge⸗ ſchritten war. Noch weniger vermögen wir das anzugeben, was jetzt bei Ruprechts Worten in ihr vorging. Alles in ihr war in Aufregung. Sie ſtand, an das Geländer des Pavillons gelehnt, regungslos und ſchaute hinaus in die meſe Weite, die ſich ſo leuchtend klar vor ihren Augen öffnete. Es verging eine lange Pauſe, ohne daß ſie ihre Stel⸗ lung änderte oder auch nur irgend eine Bewegung machte. 142 Er hatte im Anfang, wie wir geſagt, ſie aufs innigſte mit ſeinem Blicke umfaßt, dann wandte er denſelben jedoch mit ruhigem Ernſte zur See hinaus, wie ſie, und lehnte im tiefen Nachdenken, ſtumm neben ihr. Als er endlich, faſt ohne den Kopf zu wenden, noch einmal umblickte und ihr liebliches Profil ſo nahe ſah, die ein wenig blaſſe Wange, den taubenſanften Zug unter dem großen, ſchön⸗ geſchnittenen Auge, das weiche blonde Haar, welches ſich im einfachen Scheitel zum kleinen Ohr hinabzog und das⸗ ſelbe halb verdeckte, da zuckte es wie eine leiſe, leiſe Weh⸗ muth durch ſeine Augen.— Durfte er glauben, hoffen, daß er ſie jemals ſo wieder neben ſich ſehen würde? Mit einemmal— er hatte keine Bewegung gemacht und doch war's, als ob ſie gefühlt und geſehen hätte, daß er ihr eben noch einmal das ganze Innere zuwandte— mit einemmale ließ ſie die Hand ſinken, die das Haupt ſtützte, nnd ihr Auge erhob ſich zu dem ſeinen und ruhte mit einem langen, langen, tiefen und doch ſo milden Blick in demſelben. Es war nichts als dieſer Blick, es war keine Be⸗ wegung dabei, und kein Laut kam aus den Lippen des Mädchens, und dennoch richtete Ruprecht ſich plötzlich auf und erhob die in einander geſchlungenen Hände und flüſterte mit ſtrahlendem Aug', aus gepreßtem Herzen:„o das iſt zu viel Glück, zu viel! O Diana, wie machen Sie mich zugleich ſo reich und ſo arm!“ 3 143 Sie hatte ſich gleichfalls aufgerichtet, war von dem Geländer zurückgetreten und ſchaute auf ihn— der Zug unter den Augen wurde bei ſeinen Worten noch ſanfter, der Blick klärte ſich zu einem ganz leiſen, unſagbar ſüßen Lächeln. 4 Aber ob auch ihre Lippen eine Antwort für ihn hatten, erfuhr Ruprecht nicht, da in dieſem Augenblicke hinter ihnen aus dem nächſten Gebüſch der kalte und kurze Ruf:„Diana!“ erſchallte. Erſchrecken freilich rief, ihren Mienen nach, dieſer Klang weder in Ruprecht, noch in Diana hervor, vielmehr ſichtbar nur eine Art leichten Widerwillens. Der Maler wandte ſich ſeinem Skizzen⸗ buche zu, das junge Mädchen faltete langſam die Arme über die Bruſt, und zwiſchen den ſcharf aneinander ge⸗ ſchloſſenen Lippen klang die ebenſo kurze Antwort hervor: „hier Mutter.“ Sie brauchte ſich nicht nach derjenigen umzuſehen, die gerufen hatte und die nun vor dem Gebüſch am Ende des kleinen Platzes ſtand, mit einem eiskalten Blick das Belve⸗ deere und die beiden Perſonen in demſelben muſternd. Die Stimme konnte niemand anders angehören als der Mut⸗ ter, obſchon dieſelbe ſonſt niemals ihre kurzen Spazier⸗ gänge bis zu dieſem weit entlegenen Punkte auszudehnen pflegte und daher hier am wenigſten zu erwarten war. „Ich habe nicht gewußt,“ ſprach die Dame nun im ſcharfen Tone, während ſie zugleich ein paar Schritte 144 näher zum Pavillon herantrat,„daß Du auch noch Zei⸗ chenunterricht nehmen willſt. Ich möchte doch darnach gefragt ſein, mein Kind,— in Deinem eigenen Intereſſe. Es würde Dir vermuthlich angenehmer geweſen ſein, der⸗ gleichen gar nicht zu entriren, als es jetzt abbrechen zu müſſen. Denn ich wünſche dieſen Abbruch.“ Diana hatte die Mutter ausreden laſſen, ohne daß ſich in ihrem Geſichte ein Zug bewegt hätte. Erſt als die⸗ ſelbe ſchwieg, ſagte ſie vollkommen ruhig:„es kann weder von angenehm noch unangenehm die Rede ſein, liebe Mutter. Herr Münch und ich haben uns hier zufällig ge⸗ funden und geplaudert. Ich bin nie ſo kühn geweſen, ihn um Unterricht in einer Kunſt zu bitten, zu der es mir an jeder Anlage fehlt.“ „Ich ſtoͤre nicht gern ſolche Plauderſtunden,“ redete die Baronin wieder im früheren Ton.„Jetzt aber muß ich Dich leider bitten, Deine Stelle mir zu überlaſſen. Dein Großvater wird Dich bald beim Frühſtück zu ſehen wünſchen. Mich entſchuldige.“ Und ihr Auge zu Ruprecht wendend, ſetzte ſie hinzu:„Dein Begleiter kann vielleicht einige Minuten ſeiner Zeit auch mir zum Opfer bringen.“ Ueber Ruprechts Stirn zog bei dieſen feindſeligen Worten ein flüchtiger Schatten; doch blieb er gefaßt in ſeiner ruhigen Stellung und neigte einwilligend nur leicht das Haupt. Diana blieb anſcheinend noch ruhiger und gänzlich unberührt. Sie ſetzte das Hütchen auf, welches 145 ſie vorhin abgelegt, nickte dem jungen Manne zu und ging mit einem freundlichen:„alſo auf Wiederſehen, lieber Herr Münch!“ die Stufen hinab und in den Park hinein. Frau von Merlin ſah ihr nicht nach. Sie ſtieg ihrer⸗ ſeits langſam zum Belvedere hinauf, trat gleichfalls an das Geländer auf Diana's früheren Platz, und muſterte, den rechten Arm leicht aufſtützend, den jungen Mann mit kaltem, hochmüthigem Blick. Doch wenn ſie davon eine beſondere Wirkung erwartete, hatte ſie ſich getäuſcht. Ruprechts Auge begegnete dem ihren vollkommen— man hätte ſagen mögen: höflich und unbefangen. „Die Bilder ſind fertig?“ fragte ſie plötzlich. Er verneigte ſich und erwiderte einfach:„ſo iſt's, Frau Baronin.“ „Auch das dritte, das man heimlich für ſich ſelbſt zu malen beliebte?“ fragte ſie mit ſcharfem Hohn. Es zuckte ein jäher Blitz durch ſein Auge, und er rich⸗ tete ſich höher auf. War er denn von Spionen umgeben? War ſelbſt das verſchloſſene Zimmer, der verſchloſſene Wandſchrank, wo er Diana's Bild zu verbergen gewohnt war, keine Schranke für die gehaſſige Verfolgung gewe⸗ ſen, deren Grund ihm niemals klar geworden? Aber dieſe Gedanken waren nicht weniger ſchnell als jener erſte Blick, und in der nächſten Sekunde entgegnete er mit feſt auf ſeiner Gegnerin ruhendem Aug' und mit klarer Stimme: „auch das Dritte, Frau Baronin.“ 1861. 8. Der große Baron. I. 10 „Ich gratulirte gern zu dieſer eben ſo geiſtvollen wie neuen Maleridee, allein—“ „Allein es wäre zu ſchmeichelhaft,“ unterbrach er ſie,„wenigſtens für mich, da ich nicht ſo glücklich bin, ſie gehabt zu haben.“ „Allein ich bedaure, daß dieſe Idee nicht zur ganzen Vollendung kommt,“ ſprach ſie, ſeine Bemerkung ignori⸗ rend.„Ich trage ſelbſt ein zu großes Verlangen nach die⸗ ſem Bilde, als daß ich es in des Händen des— Malers zu laſſen vermöchte.“ Er zuckte leicht die Achſeln und verſetzte noch immer kalt höflich:„es betrübt mich unendlich, die Frau Baro⸗ nin auf einen neuen Irrthum aufmerkſam machen zu müſſen. Ich habe weder ſolche Ideen, noch die Abſicht ge⸗ habt, das Bild für mich behalten zu wollen. Ich habe nicht einmal die Verfügung darüber. Das Bild hat ſchon ſeinen Herrn.“ „Ach mein Gott!“ ſprach ſie mit vollem Hohn,„ſo iſt am Ende Fräulein von Merlin die Urheberin dieſer Idee und hat dem Kunſtwerke freundlich einen Herrn ge⸗ geben? Wie zart!“ Ruprecht ſchaute ſie einen Augenblick mit kaltem und durchdringendem Blick an, bevor er, jetzt nicht ohne leichte Beimiſchung von Hohn, erwiderte:„es thut mir unendlich leid, gnädige Frau, daß Sie ſich nochmals irren. Der Herr des Bildes und der Urheber dieſer Idee iſt derjenige, 147 der mich vermochte hieher zu gehen, um von Fräulein von Merlin die Erlaubniß zu dieſem Bilde zu erhalten. Und da mir dieſe Erlaubniß nicht verſagt wurde, ſo habe ich nicht nur das Bild gemalt, ſondern werde es dem Herrn bringen, der es für ſich gewünſcht, und ſo viel ich weiß, ein Recht zu dieſem Wunſche hat.“ „ und wer, wenn ich fragen darf, iſt dieſer Herr, oder, Beſitzer, oder Urheber, oder wie er ſonſt gerigent chaftet ſein mag?“ fragte die Baronin noch immer mit der frü⸗ heren hochmüthigen Sicherheit.„Der Herr Maler wird begreifen, daß der Mutter der jungen Dame am Ende nicht gleichgültig ſein kann, ob jemand und wer mit ihr die Herrſchaft über ihr Kind zu theilen beanſprucht.“ „Dieſer Jemand iſt diesmal der Baron von Merlin, Kommandeur des Huſzarenregiments in A.— mein vä⸗ terlicher Freund und Chef und vor Allem meines Wiſſens auch der Vater des gnädigen Fräuleins.“ Ruprecht ſprach das wieder in vollkommen reſpektvoller Haltung, aber auch mit ebenſo voller Sicherheit und Beſtimmtheit. Die Baronin war zuſammengezuckt— das hatte ſie nicht erwartet. Sie hatte in all' den Jahren ſeither, zu⸗ mal bei des fernen Gatten gänzlicher Zurückhaltung, ſich mehr und mehr gewöhnt an ihn nur wie an einen gar nicht mehr für ſie Exiſtirenden zu denken, und wenn ſie auch wußte, daß er mit Diana in Verkehr war, oder vielmehr, daß er es einmal eine kurze Zeit geweſen, eine Erneuerung 10* des Verkehres und noch obendrein eine ſolche Bean⸗ ſpruchung ſeiner— ſie wußte ſelber gut genug: unver⸗ jährbaren Rechte hatte ſie nicht gefürchtet. Sie war einen Augenblick wie vernichtet, aber auch nur einen Augenblick. Dann erhob Hildegard wieder die bleiche Stirn und als habe ſie ſich inzwiſchen nur für das entſchieden, was ſie mit Schweigen zu übergehen, und über was ſie zu reden habe, machte ſie eine nachläſſige, wegwerfende Handbewegung und ſagte:„Ja ſo!— Ich reſignire!— Allein der Herr Maler ſagte auch:„väterli⸗ cher Freund und— Chef.“ Habe ich recht gehört, und wie dürfte das zu verſtehen ſein?“ „Das wird die Frau Baronin ſo ganz leicht verſtehen, wenn ſie annehmen will, daß ich nicht nur Maler, ſondern auch Offizier im Regiment des Barons bin,“ verſetzte Ruprecht und blickte ihr offen und ernſt entgegen. „Als der Herr Baron erfuhr, daß ich Maler ſei und Geſchäſte in dieſen Gegenden habe,“ fuhr er fort,„ſagte er mir von ſeinem Wunſch, womöglich das Bild ſeines Kindes zu erhalten. Dies Kind ſei ihm unbekannt ſeit der frühſten Jugend desſelben, und wie die Verhältniſſe ſeien,— das war genau ſein Ausdruck, Frau Baronin, nicht mehr und nicht minder— könne er nicht darauf rech⸗ nen, dies leidenſchaftlich geliebte Kind fürs erſte kennen zu lernen. Selbſt ihr Bild werde ihm verſagt bleiben. Da erbot ich mich mit aller Bereitwilligkeit und Theil⸗ 149 nahme zur Hilfe. Der Baron Merlin mag, wie wir alle einmal gefehlt haben, jetzt aber iſt er ein Ehrenmann, und als Vater hätte er noch ganz andere Anſprüche zu machen, als die er beſcheidener Weiſe macht.— Als ich ſeinen Wunſch womöglich zu erfüllen verſprach, erklärte er mir, daß ich als ſein Bekannter und als Offizier keine Aufnahme in dieſem Hauſe finden würde. Ich lachte darüber und ſchlug ſelber vor, Komödie zu ſpielen. So wenig man ihn zu ſchonen ſchien, ſo wenig konnte man ſelbſt Schonung beanſpruchen. „Als ich aber hier war, die junge Dame und beſon⸗ ders den Herrn Baron kennen lernte, von ihm mit ſolchem Vertrauen, ſolcher Güte auſgenommen wurde, änderte ſich meine Anſicht, und ich fühlte mich von meiner Rolle gepeinigt,“ redete Ruprecht ernſt weiter.„Ich hielt es für meine Pflicht, vor allem dem gnädigen Fräulein we⸗ nigſtens die Wahrheit zu ſagen und ſie um ihre Einwilli⸗ gung zu bitten. Sie gab ſie mir und abſolvirte mich damit von dem, was mir zuerſt zum Vorwurf gemacht werden konnte. Sie weiß nun aber auch von meinem Stande, und hat mir in Anbetracht der Verhältniſſe die Maske verziehen. Seien die Frau Baronin endlich verſichert, daß ich vor meinem Abgang auch noch dem Herrn Baron die Wahrheit offen ſagen werde.“. Hildegard ſtand faſt geſenkten Hauptes. Sie hatte ihr Leben lang wenig Rückſichten für Andere geübt, aber 150 auch von Anderen, ſelbſt von den Ihren ebenſo wenig er⸗ fahren. Und wenn ſie auch hätte einſehen ſollen, daß mei⸗ ſtens ſie ſelbſt dieſen Sachverhalt verſchuldet, wenn ſie auch an Zurückſetzung, an Niederlagen im Kreiſe der Ih⸗ ren gewöhnt war, wie ſie es wohl bitter hieß, ſo herb und ſchwer war es noch nie an ſie gekommen wie eben! Wer hätte ſagen können, was in ihr vorging, wäh⸗ rrnd Ruprecht ſprach!— Der Mann, von dem ſie ſich getrennt, und die Gründe, welche das Paar geſchieden und von einander hielten— das Kind, das ſie ſich entfremdet — die Stelung zu den Ihren, die ſie nie zu einer freund⸗ lichen zu machen verſucht,— der junge, halb beargwöhnte, halb verachtete Mann da vor ihr, den ſie ſchonungslos zum Kampfe gezwungen,— das Alles war in ihr und zog wie eine Schaar finſter drohender, ſchreckensvoller Geiſter langſamen Zugs durch ihr Inneres. Allein, was ſie auch bewegte, was ſie auch fühlte und ſah, äußerlich wurde ſie dadurch nicht gebeugt, und indem ſie ſich auf⸗ richtete und zum Gehen wandte, ſprach ſie endlich düſteren Blickes und im kalten, gemeſſenen Ton:„ſolchen Anſprü⸗ chen weiche ich wie geſagt bereitwillig. Wir aberg mein Herr Lieutenant, wir werden noch weiter mit einander zu reden haben.“. Es entging ihm nicht, daß ſie zum erſtenmal ſeine Perſon der eigenen durch das„Wir“ gewiſſermaßen gleich⸗ ſtellte, und es lockte ein flüchtiges Lächeln in ſeinen Zü⸗ 151 gen. Im nächſten Augenblick jedoch ſchaute er wieder voll⸗ kommen ernſt und verbeugte ſich höflich.„Dann bitte ich aber die Frau Baronin um einen nicht zu langen Auf⸗ ſchub,“ verſetzte er.„Wie ich mir bereits dem Fräulein zu ſagen erlaubte, muß ich in den nächſten Tagen ſchon Engelsöe verlaſſen.“— Sie neigte leicht die bleiche, aber unverändert ſtolze Stirn, ging, ohne ein Wort der Erwiderung, die Stufen hinab und, da ſie nähernde Stimmen vernahm, nach kurzem Zögern in den ſchmalen Pfad hinein, der am Strande entlaug führte. Ruprecht ſchaute ihr eine kurze Weile ſinnend nach, dann nahm er ſein Skizzenbuch auf, um ihr auf dem glei⸗ chen Wege zu folgen, denn er mochte jetzt keinen der an⸗ dern Schloßbewohner begegnen. Allein es war ſchon zu ſpät. IX. Vor der letzten Stunde. Aus dem Gebüſch, auf derſelben Stelle, wo vor ei⸗ ner halben Stunde die Baronin Merlin hervorgetreten war, erſchienen jetzt der Baron und der alte Pfarrer Bode, den man ſonſt ſelten oder nie auf Engelsöe zu ſehen bekam, im ernſten, angelegentlichen Geſpräch und mit ſor⸗ 152 genvollen Mienen. Ein Diener mit einem Fernrohr unter dem Arm und einer zuſammengewickelten dunkelro⸗ then Flagge in der Hand folgte ihnen, und ſie kamen raſch über den kleinen freien Raum zu dem leichten Gebäude heran, wo Ruprecht, als er die Unmöglichkeit, ſich zu ent⸗ fernen, erkannt hatte, auf ſeinen früheren Platz zuruckge⸗ treten war. Der Pfarrer hatte ihn ſogleich bemerkt und ihm freundlich zugewinkt. „Sieh' da, Freund Münch,“ ſagte jetzt auch der Ba⸗ ron und bot ihm im Herantreten die Hand;„noch mit⸗ ten in dem Träumen und den Künſten des Friedens, merke ich! Des Friedens,“ fügte er hinzu,„der auf Gott weiß wie lange vielleicht von uns Abſchied nehmen wird!“ b „Sie beſtürzen mich, Herr Baron!“ ſprach Ruprecht lebhaft.„Drängen die unruhigen Köpfe in Frankreich wirklich einmal wieder zum Kriege gegen uns? Muß die Regierung nachgeben?“—* „Nicht doch, Freund,“ lautete die ernſte Antwort, „dazu war's zu ſpät. In Paris iſt eine Revolution aus⸗ gebrochen, die Truppen ſind beſiegt, der König iſt entflo⸗ hen. Niemand weiß, was wird, was werden kann und muß. Ehrenſtein hat mir eben eine Stafette mit der Nach⸗ richt geſchickt, und wenn ſie ſich beſtätigt, was kaum an⸗ ders ſein kann, ſo werden wir bald noch mehr darüber hören. Unter dieſen Umſtänden kann die Zuſammenberu⸗ fung der Kreiskommiſſionen nicht aufgeſchoben werden. 153 Ich bin ganz gefaßt darauf, ſchon morgen nach E. zu ge⸗ hen, und will nun meinen Bruder herüberrufen, um mit ihm das Nöthigſte abzureden. Wir dürfen uns nicht ſäu⸗ mig finden laſſen. Hinauf mit der Flagge!“ ſetzte er zum Diener gewendet hinzu, und indem er ſelbſt das Fernrohr zur Hand nahm, befeſtigte er es auf dem zu dieſem Zweck auf der Brüſtung des Belvedere angebrachten einfachen Stativ und richtete es gegen Wolden. Dann trat er zu den andern Beiden zurück und ſah ſchweigend der empor⸗ ſchwebenden Flagge nach, welche der leichte, ſeit kurzer Zeit entſtandene Wind alsbald zu entfalten begann. Der Diener trat zum Fernrohr und ſpähte aufmerk⸗ ſam hindurch. Die drei Herren ſchauten ihm ſtumm und gedankenvoll zu, denn auch Ruprecht wußte für den Au⸗ genblick nichts zu ſagen. Die Nachricht, die ihm nach allen, was er von den franzöſiſchen Zuſtänden wußte, gar nicht ſo unerwartet kam, berührte ihn dennoch gewaltig. Von einer weitern Verzögerung ſeiner Abreiſe konnte keine Rede mehr ſein. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß alle Offiziere ſich ſo ſchnell wie möglich bei ihren Regi⸗ mentern einzuſtellen hatten. „Willſt Du wirklich ſelbſt nach E. hinüber?“ fragte der Prediger nach einer Weile den Baron.„Du haſt Dich ſonſt von dieſen Kommiſſions⸗Quälereien längſt ſchon fern gehalten.“ 5 Der Baron ſchüttelte den Kopf.„Diesmal kann 154 das Ausweichen nichts nützen,“ verſetzte er.„Es wäre in meinem Sinn ſogar feig, wollte ich nun zurückſtehen, wo uns die Regierung wirklich einmal brauchen, uns zum erſtenmal mit dem Willen fragen wird, auch auf unſere Antworten zu hören, unſere Wünſche zu berückſichtigen. Verlaß Dich darauf, Paul, es kommt, wie ich ſage! Sie werden geſchmeidig ſein!“ „Und willſt Du jetzt all die alten Streitigkeiten auf⸗ rühren und ihnen vorrücken, Baron?“ fragte der Prediger wieder, und ſein mildes blaues Auge ruhte ernſt auf dem nachdenklichen Geſicht des Freundes. Der Baron begegnete dem Blicke mit voller Ruhe und Feſtigkeit, und entgegnete:„Du kennſt mich wohl genug, Alter, um zu wiſſen, daß ich von dem, was man dem Lande und uns ſchuldig iſt und uns doch ſo lange vorenthalten hat, nicht ſchweigen werde. Aber Du weißt auch ebenſo gut, daß ich daraus jetzt keine Bedingungen ableiten kann, die im gegenwärtigen Augenblicke wenig am Platze ſein würden, abgeſehen davon, daß ſie vermuth⸗ lich nicht einmal nutzten. Wer hindert ſie, jetzt alles Mög⸗ liche zu verſprechen und hinterdrein ſo viel oder ſo wenig zu halten, wie ihnen beliebt? Eb wäre nicht das erſte Mal, Alter!— Aber ich wiederhole es: es iſt keine Rede davon. Es iſt freilich möglich genug, daß dieſer und der in ſolchem Sinne doch davon anfangen könnte. Dem will ich gleichfalls begegnen. Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, 155 wird der Staat demnächſt möglicherweiſe aller ſeiner Kräfte und Mittel bedürfen, um ſeine Ehre und ſeine Unabhängigkeit zu wahren und ſeine Weltſtellung zu be⸗ haupten. Da müſſen einſtweilen alle anderen Intereſſen ſchweigen, wenn ſie dort bei der Regierung nebenher auch erfahren, daß dieſe Intereſſen unveränderlich da ſind und nur gegenwärtig aus den angegebenen Gründen von uns zurückgeſtellt werden. „Das iſt'’s, weßhalb ich dießmal nach E. hinüber will, ja, wenn man uns nicht riefe— auch das wäre mög⸗ lich— von ſelber hingehen würde,“ fuhr er lebhaft fort. „Ich wiederhol's, es ſind Hitzköpfe unter uns, welche Alles verderben, welche die Ritterſchaft blamiren könnten mit unzeitigem Trotz und ſo unzeitigem Pochen auf unſere Rechte. Wir würden den Gegnern dadurch nur neue Waffen in die Hand geben, beſſere als je! Das ſoll nicht ſein, und wenn es nach meinem Willen geht,“ ſchloß er, das Haupt mit einer ſtolzen Bewegung erhebend,„ſo wahren wir zugleich unſer Recht und thun über unſere Pflicht. Da laß ſie ſich die Zähne d'ran verbeißen.“ „Oder ſie nehmen's mit Dank an und lachen Euch hinterd'rein aus,“ warf der Prediger nun ſeinerſeits kopf⸗ ſchüttelnd ein. „Nein, mein Freund, das thun ſie alles nicht. Wäre das, was ich ſage, meine alleinige Stimme, überhaupt die eines Einzelnen, ſo möchteſt Du Recht haben. Wie die Sachen 156 aber ſtehen, ſind wir Alten einſtimmig; Städte und Land fallen uns ſicher augenblicklich zu, ſowie ſie uns nur ſeſt— auf dem Platze erblicken, und die pgar jungen Hähne un⸗ ſeres Standes, die auf den Kreistagen ſo viel Lärm ma⸗ chen, werden ſchon zur Ruhe und Einſicht kommen, wenn wir reden. Du weißt, ich und wer mit mir geht, ſpricht nicht wie jene allein von unſerem Stande, ſondern von den Rechten des Landes. Du weißt auch, ich bin der Mann nicht, der am Prahlen Vergnügen findet. Aber was iſt, das iſt. Und wenn ſie ſehen, daß ich komme, ſind ſie darüber nicht iin Unklaren, daß ich die ganze Provinz hinter mir habe.“ Und wer den alten Herrn ſah, wie er das ſo ruhig und bewußt ſprach, ſo bequem und doch ſo feſt in ſeiner ganzen Haltung, mit dem klaren ſichern Blick des Auges, der konnte keine Sekunde darüber in Zweifel ſein, daß der Baron in Wirklichkeit der Mann ſein mußte, als den er ſich hinſtellte, der Erſte des Landes. Ruprecht ſchaute mit Ehrfurcht auf ihn, obgleich er wenig von dem verſtand, was zur Sprache gekommen war, und auch der Blick des Pfarrers ruhte liebevoll und warm auf dem Jugendfreunde. Der Baron machte einen Schritt gegen den Diener zu, der noch immer durch das Fernrohr Wolden beobach⸗ tete. Eben jetzt aber richtete derſelbe ſich raſch auf und ſagte, halb zurückgewandt:„ſie ziehen die Flagge drüben auf, gnädiger Herr.“ 157 „Iſt's eine rothe oder grüne, Hans?“ fragte der Baron lebhaft. „Eine rothe, gnädiger Herr,“ entgegnete der Diener und ſetzte nach einem neuen Ausblick hinzu:„jetzt aber geht ſie herunter, und ſie ziehen eine grüne auf.“ „Dacht' ich's mir doch faſt!“ meinte der Baron ſich abwendend, mit gedankenvollem Lächeln.„Mein Bruder kommt alſo nicht nur ſogleich, ſondern weiß auch bereits, um was es ſich handelt. So ein Telegraph iſt doch ein bequemes Ding!— Laßt uns zurück ins Haus.“ Und er ſtieg die Stufen hinab, von den beiden Anderen gefolgt. Der Diener zog die Flagge ein und nahm das Fernrohr vom Geſtell, um den Herren nachzugehen. „Sie ſind ernſt, junger Freund,“ bemerkte der Pfar⸗ rer nach einigen Schritten zu Ruprecht, der ſchweigend ſich an ſeiner Seite hielt,„und Sie haben wohl ein Recht dazu. Die Künſtler werden ebenſo gut und noch mehr unter den neuen Stürmen zu leiden haben, als wir alle. Gott weiß es, wie ſehr wir, ſelbſt hier zu Lande, noch des Friedens bedürften, um die alten tiefen Wunden endlich ausheilen zu ſehen!“ „In dem täuſcheſt Du Dich ſehr,“ nahm der Baron die Rede raſch auf, bevor Ruprecht noch antworten konnte, und ſein Auge ſtreifte den jungen Mann mit einem herz⸗ lich wohlwollenden Blick.„Der da fragt weder nach ſei⸗ ner Kunſt, noch nach den alten Wunden. Im Gegentheil, —— 158 er will ſelber noch neue ſchlagen! Wir werden ihn bald im Feldlager ſehen— Sie haben ja jetzt, was Sie neu⸗ lich einmal erſehnten, lieber Münch,“ fügte er kopfſchüt⸗ telnd hinzu.„Der Krieg iſt vor der Thür, und es wird Ihnen an Auf⸗ und Anregung nicht fehlen.“ Ruprecht lächelte.„Ich werde ihrer auch bedürfen, um den Abſchied von Engelsöe und all' Ihrer Gute zu überwinden,“ erwiderte er.„Der darf jetzt keinen Augen⸗ blick aufgeſchoben werden— ich bitte Sie ſogar, Herr Baron, laſſen Sie mich heut noch reiſen. Ich bin, wie Sie wiſſen, Bürger dieſes Staats und auch daher ſchon Soldat,“ fuhr er flüchtig erröthend fort, denn ſo entſchie⸗ den er auch war, noch vor ſeinem Scheiden dem Hausherrn die volle Wahrheit mitzutheilen, in dieſem Momente fühlte er ſich noch nicht im Stande, ſich auf lange Erörterungen einzulaſſen.„Ich muß alſo ſo oder ſo nach A. zurück und gehe lieber, bevor man mich ruft.“ Pfarrer Bode ſchüttelte nun ſeinerſeits den Kopf. „Wie leicht das junge Volk den ſchwerſten Ernſt nimmt, ja mitten in ihn hineinſpringt!“ ſagte er.„Mir däucht, Sie könnten an dem wilden Treiben in Griechenland für lange von dergleichen genug bekommen haben. Ich für meine Perſon werde des Friedens nicht überdrüſſig, von dem wir während unſeres Lebens, Gott weiß es, überdies wenig genug gehabt.“ „Daher biſt Du auch nicht Maler und Soldat, ſon⸗ 159 dern Pfarrer,“ meinte der Baron gutgelaunt.„Meine Sache wäre ſolch' Leben auch nicht,“ ſprach er ernſter weiter.„Ich liebe das Militär überhaupt nicht beſonders, wißt Ihr, und verſtehe es nicht, wie ein freier Mann ſich in ſolche Banden begeben, ſich in ihnen wohl fühlen kann. Wir haben ſchon darüber geredet, junger Freund. Deſſen⸗ ungeachtet aber ſehe ich ein, daß Andere, und zumal Jün⸗ gere, auch anders denken können, denken müſſen. Und was Du vom Frieden ſagſt, Alter— darum beklage ich den Krieg nicht, wenn er kommt. Es war ein fauler Friede! Vielleicht, daß uns ein neuer Krieg einen beſſeren bringt, in dem das Leben auch wirklich friſch und gedeihlich bleiben kann!— Ich halte Sie nicht, lieber Münch,“ ſchloß er freundlich.„Der Mann muß wiſſen, was er zu thun hat, und es wäre unbillig und egoiſtiſch, ihm dabei entgegen ſein zu wollen. Müſſen Sie reiſen, ſo wiſſen Sie, daß Ihnen Pferde und Wagen zu Dienſten ſtehen. Doch reden wir darüber nach Tiſch noch weiter; Sie kommen heut immer noch bis D., wenn Sie einmal fort wollen. Und dabei fällt mir ein,“ unterbrach er ſich plötzlich,—„Ehren⸗ ſtein hat ja auch an Sie geſchrieben. Sie finden den Brief in Ihrem Zimmer; ich ſchickte ihn vorhin hinüber. Wie man ſo vergeßlich ſein kann!“ „Er wird endlich von meiner Anweſenheit gehört haben und mich auszanken,“ meinte Ruprecht lächelnd. „Und unrecht hat er nicht. Es iſt unverzeihlich, daß ich 160 ihm keine Silbe von mir meldete. Aber wer kommt hier zum Schreiben? Die Ruhe war viel zu verlockend für mich, als daß ich ſie ſelber hätte ſtören und mich ihrer be⸗ rauben ſollen.“ Sie waren bis an die Querallee gelangt und nahmen nach einigen Worten für jetzt Abſchied von einander, da der junge Mann ſich nach dem, was der heutige Morgen gebracht, was ihn ſo beſeligt und hinterdrein ihn doch ſo⸗ gleich wieder ſo tief niedergedrückt in den vollen Staub der Verhältniſſe, endlich nach Stille und Einſamkeit ſehnte und auch auf den Brief des Profeſſors geſpannter war, als er ſeine Begleiter hatte merken laſſen. Ehrenſtein konnte immerhin eine beſondere Veranlaſſung zu demſelben haben, da er ja— Ruprecht wußte ſelbſt nicht, in wie naher und intimer Beziehung zum Leben und Geſchick des jungen Mannes ſtand und ſeinen Beſuch ſo entſchieden ge⸗ wünſcht hatte. Demnach ließ er für den Augenblick den Brief, den er auf dem Tiſche ſah, noch uneröffnet und ging in das Schlafzimmer, wo er das für Diana's Vater beſtimmte kleine Bild, wie wir wiſſen, ſtets auf das ſorgfältigſte ver⸗ borgen gehalten hatte, und wo es trotzdem entdeckt worden war. In der maſſiven Wand des Gemachs war ein klei⸗ ner, aber tiefer Schrank angebracht und mit einer feſten Thür und einem guten, ja wie es nach dem Schlüſſel ſchien, auch künſtlichen Schloß gegen Eröffnung verwahrt. Und 161 wie genau Ruprecht dasſelbe jetzt unterſuchte, er fand keine Spur, daß eine unberufene Hand dabei beſchäftigt geweſen, und er mußte endlich wohl annehmen, daß man ſich eines Nachſchlüſſels bedient habe, obgleich er dann einen ſolchen auch bei der einzigen Thür voraus⸗ ſetzen mußte, die in das Zimmerchen führte. Er hatte, ſo viel er ſich erinnerte, auch dieſe ſtets verſchloſſen gehalten. Er wandte ſich endlich düſter ab und ging ins vor⸗ dere Zimmer zurück, um endlich den Brief zur Hand zu nehmen und— vorerſt das Couvert zu prüfen, ob es auch noch wohl verſchloſſen ſei. So beherrſchte ihn jetzt der Argwohn. Aber er fand Papier und Siegel unverletzt, öffnete das Schreiben jetzt langſam und ſetzte ſich, da es⸗ lang war, zum Leſen bequem zurecht. Zuerſt las er ziem⸗ lich gleichgültig, bald jedoch wurden ſeine Züge immer ernſter und dann ſogar finſter. Einmal ſchaute er völlig beſtürzt, ja faſt entſetzt auf und eine lange Weile, als ſei er keines klaren Gedankens mächtig, gegen das Fenſter. Der dunklen Röthe, die ſein Geſicht überflammte, folgte ebenſo ſchnell eine tiefe, ſchier krankhafte Bläſſe, und als er endlich das letzte Blatt geleſen hatte, legte er den Brief langſam zuſammen, ſtand auf, klingelte und ſagte zu dem eintretenden Diener mit einer Handbewegung gegen ſeinen Koffer und den Kleiderſchrank nichts als das eine Wort: „Packen!“ Dann ſteckte er den Brief in die Bruſttaſche, 1861. 8. Der große Baron. I. 11 162 ging die Treppe hinab in den Park hinaus und folgte den einſamſten Wegen.— Der Morgen war noch immer ſo ſchön und klar, und als er auf dem Plätzchen am Strande ſtand, das ihn gleich am erſten Tage ſeines Aufenthaltes ſo ſehr und ſo ſchön mit der hier ſich darbietenden wunderbaren Ausſicht über⸗ raſcht hatte, zeigte ſich Alles, in das er noch vor Kurzem vom Belvedere aus hinein geträumt,— Himmel und See,— ſo unverändert, daß es ihn mit ernſter Wehmuth ergriff. Was war in ihm ſelbſt alles vorgegangen in dem kurzen Raum dieſer beiden Stunden! Nichts in ihm war mehr auf demſelben Punkt, nichts mehr erſchien ihm, wie es ſonſt, wie es noch vorhin geweſen, als er mit ſeinem Skizzenbuch in der Frühe von der Abtei in den Park hin⸗ ausgegangen! So hatten die wenigen Stunden gewirkt! — Und wer das einmal erlebt hat,— die Schwäche und Veränderlichkeit des eigenen Innern und eigenen Weſens gegenüber der Stetigkeit und Unveränderlichkeit der Na⸗ tur,— der wird dem jungen Manne nachfühlen, wie er⸗ greifend dieſer Contraſt auf ihn wirken mußte. Ruprecht raffte ſich gewaltſam aus den Träumen und der Wehmuth auf— das Leben war ſo jäh und hart an ihn herangetreten und ſchien ſeine vollſte, ernſteſte, munterſte Kraft und Ueberlegung in Anſpruch zu nehmen. Er wandte ſich zurück, durchmaß wieder den engen, däm⸗ merigen Steig durch die dichten Büſche, trat in die Allee 163 hinaus— und ſah ſich plötzlich Diana gegenüber, welche ſoeben aus einem anderen Wege hervorkam und unſtäten Auges die weite Ausdehnung der Allee überblickte. Aber nun ſah ſie ihn, nun trat ſie raſch auf ihn zu. „Doch getroffen!“ ſagte ſie haſtig, und tief auf⸗ athmend blieb ſie vor ihn ſtehen und ſchaute ihn erregt an; ihr Geſicht glühte. „Fräulein!“ rief er und wich unwillkürlich einen Schritt zurück,— war's die Ueberraſchung allein, die ihn dazu brachte, oder beſtürzte ihn auch die ſichtbare Aufre⸗ gung, die er noch nie in dieſer Weiſe an dem ſchönen We⸗ ſen bemerkt hatte? „Ich habe Sie ſchon ſeit einer halben Stunde über⸗ all geſucht, Ruprecht,“ ſprach ſie gleich haſtig, gleich fieber⸗ haft.„Ich hörte drinnen Worte von meinem Großvater und dem Pfarrer, die anzudeuten ſchienen, daß Sie heut noch reiſen wollten. Nicht wahr— davon iſt doch keine Rede? Denn wie wäre es möglich? Was könnte Sie alſo treiben? Oder hat meine Mutter—?— Ja, rich⸗ tig!“ unterbrach ſie ſich,„was hat meine Mutter mit Ihnen zu reden gehabt? Betraf es— Sie und mich?“ Er ſchüttelte leiſe den Kopf.„Laſſen Sie mich dar⸗ über ſchweigen,“ verſetzte er gepreßt und ſchlug die Au⸗ gen nieder, um nicht durch den Anblick derjenigen, die ihn ſo über alles theuer war und dennoch unerreichbarer er⸗ ſchien als je, in ſeinem Entſchluſſe, in der mühſam errun⸗ 11* 164 genen Faſſung auf's neue wankend zu machen.„Ja Sie haben recht gehört— ich will und ich muß gehen, heute noch. Der Diener packt bereits. Ich dachte davonzukom⸗ men, ohne Sie und mich durch den Abſchied zu quälen,“ ſetzte er mit ſinkender Stimme hinzu.„Ich will an den Herrn Baron ſchreiben— 4 „Aber weshalb, wozu das alles?“ fiel ſie ihm ins Wort.„Was iſt vorgefallen, wiederhole ich? Was hat meine Mutter mit Ihnen geredet?“ „Erlaſſen Sie mir dies und— alles!“ bat er, noch immer, ohne zu ihr aufzuſehen. „Ruprecht!“ Da war es ihm unmöglich noch länger feſt und ge⸗ faßt zu bleiben. Der Name von den Lippen und in ſol⸗ chem Tone riß ihn hin und ließ ihn für den Augenblick alles vergeſſen, was geſchehn, was noch vor einer Se⸗ kunde ihm als die ſchmerzlichſte und demnach zwingendſte Nothwendigkeit erſchienen war. Er ſah auf und ſie an. Sie war wiederum vor ihm, wie vorhin, als ſie an der Brüſtung des Belvedere geſtanden; ſie trug ſogar noch den⸗ ſelben häuslichen und zierlichen Morgenanzug von roſa und weiß geſtreiftem leichten Stoff, der in ſeiner makelloſen Sauberkeit ihre ſchlanke Geſtalt weich und rein umfloß; auch die Wange war wieder bläſſer geworden, und die Augen blickten nicht mehr erregt, ſondern wieder mit wei⸗ chem, träumeriſchen Blick auf den Freund. 165 „Habe ich doch noch Gewalt über Sie?“ fragte ſie nach einer kleinen Weile leiſe. „Diana!“ „Ruprecht, was haben Sie? Sagen Sie mir doch ehrlich und offen, was geſchehn! Sprechen Sie mir das Recht ab, davon zu erfahren,— von dem, was Sie— noch heut Morgen gerade!— ſo jäh forttreibt?“ 1„Laſſen Sie mich ſchweigen!“ bat er zum drittenmal und auf's neue gepreßt, und nach einer augenblicklichen Pauſe fuhr er, mühſam ſich aufraffend fort:„Laſſen Sie uns ſcheiden, Fräulein. Es war ein flüchtiger aber wun⸗ dervoller Traum, den ich vorhin geträumtz er iſt aus, für immer aus, und da nicht Menſchen, ſondern Leben und Geſchick ihm ein Ende gemacht, kann ich niemand ankla⸗ gen.— Laſſen Sie uns ſcheiden. Was ich ſagen muß, ſoll ein Brief gegen Ihren Großvater ausſprechen, viel⸗ leicht heute noch, jedenfalls, ſobald ich ruhiger geworden. Er wird Ihnen das Nöthige ſagen. Sie werden dann hören, Diana, was zwiſchen uns ſeht. Bis dahin aber zweifeln Sie nicht an mir, Diana,“ ſetzte er hinzu.„Was Sie auch von mir hören mögen, wie ich Ihnen auch er⸗ ſcheinen mag— ich bin kein Unwürdiger!“ Die beiden jungen Menſchen ſtanden ſich eine ganze Weile lang ſchweigend gegenüber und ſchauten einander an, er befangen und niedergedrückt, ſie noch immer mit dem träumenden Ausdruck des Blicks. 166 „Thor!“ ſagte ſie endlich, indem zugleich ihr Auge heller wurde und es wie ein ſchwermüthiges Lächeln durch die Züge des Geſichts ging.„Glauben Sie wirklich, daß ich mich mit dieſen Andeutungen, mit die⸗ ſem geheimnißreichen Ausweichen beruhigen laſſen könnte? Grade jetzt muß ich noch viel entſchiedener auf eine Mittheilung alles deſſen beſtehen, was paſſirt iſt. Kom⸗ men Sie, Ruprecht, laſſen Sie uns die Allee hinunter⸗ gehen.“ Er hatte ſich inzwiſchen zu faſſen geſucht; wie am Morgen war Stirn und Blick freier geworden und ſeine Stimme klang— wir wollen ſagen: offener und ruhiger, als er, ihr folgend, entgegnete:„Und ſelbſt dies Zuſam⸗ menſein muß ich um Ihretwillen fliehen, Diana. Ich will und kann nicht mehr Verſteckens ſpielen, wie ich bis⸗ her leider gethan; und dem nachgeben, was in mir iſt, was mich zu Ihnen treibt, was mich Ihnen zu folgen heißt,— das darf ich noch weniger. Wenn man uns hier zuſammen erblickt, würde Ihre Mutter das für wahr und wirklich halten müſſen, was ſie zu argwöhnen ſchien.“ „Und was war das, Ruprecht? fragte ſie raſch, da er zögernd inne hielt. Sie blieb ſtehen und ihr großes Auge ruhte feſt und ſicher auf ihm. „Sie hat es— Gott weiß wie!— erfahren, daß ich noch ein drittes Bild— Ihr Bild, Diana!— malte, und ſetzte voraus, daß ich es für mich, vielleicht ſogar mit Ihrer Einwilligung zu malen gewagt. Da hab' ich ihr die Wahrheit geſagt, daß ich es im Auftrage Ihres Vaters und mit Ihrem Wiſſen anfertigte und ich habe ihr auch entdeckt, daß ich Offizier im Regiment Ihres Vaters bin. Wie Ihre Mutter nun einmal iſt,“ fügte er nicht ohne eine leiſe Bitterkeit bei,„gibt ihr der Stand des Menſchen eine Art von Weshalb für ſeine Ehrenhaftigkeit und Glaubwürdigkeit.“ Sie hatte ſeine letzte Bemerkung wohl überhört, we⸗ nigſtens beachtete ſie dieſelbe nicht.„Offizier— im Re⸗ giment des Vaters?“ wiederholte ſie ernſt und nachdenk⸗ lich.„Ich habe mir ſo etwas gedacht, Ruprecht, und es ſcheint mir ſo nur um ſo beſſer. Ich weiß alſo, vollends wenn der Krieg wirklich ausbricht, in ſeiner Nähe eine treue Seele, und—“ es ging ein tief zärtliches Lächeln durch ihre bewegten Züge und ihre Augen wurden feucht —„und ich weiß ihn bei Ihnen. Iſt das nicht ein gro⸗ ßes— großes— ſchönes Gluͤck?“ Sein Herz klopfte, daß man es durch die Kleidung bemerken konnte; ſein Auge blitzte hell auf. Dann aber holte er tief Luft, und mit gepreßter Stimme ſprach er: „Aber was hilſt das alles, Diana 2“ „Das fragen Sie nicht im Ernſt, Ruprecht,“ ver⸗ ſetzte ſie lebhaft.„Sie können nicht an mir oder an dem zweifeln, was es in mir gibt. Meine Mutter hat alſo angenommen, daß der arme Kunſtler ihrer Tochter, daß 168 dieſe dem Künſtler theuer geworden. Mag ſie es doch glauben, Ruprecht! Iſt es nicht wahr? Und ich, o Rup⸗ recht,“ ſetzte ſie hinzu, während ſich ihre Angen jetzt wirk⸗ lich mit Thränen füllten,„ich weiche nicht ſcheu vor dieſer Liebe zurück; ich verheimliche mir nicht, daß ſie— nicht etwa eine Verirrung oder Täuſchung— nein, daß ſie das Beſte und Schöͤnſte iſt, was ich bisher geſühlt, daß ſie alles in mir erfüllt und beherrſcht. Das alles iſt mir ſeit vorhin plötzlich, aber ſonnenhaft klar geworden. Es kommt nicht viel und nicht leicht in mir zum tiefen, inni⸗ gen Fühlen,“ ſchloß das wunderbare Kind.„Ich gehe gewöhnlich gleichgültig und heiter durch das Leben— die Meinen mögen es noch ganz anders heißen!— aber wo mich etwas wirklich traf und erfaßte, da iſt's für's Leben. So war's mit meinem Vater, ſo iſt's mit Ihnen.— Sind Sie nun zufrieden, Ruprecht? Sind Sie nun ru⸗ hig, ſicher und heiter, in und trotz aller Ferne? Er erwiederte nichts, aber ſeine Arme legten ſich um ihre ſchlanke Geſtalt und zogen ſie feſt und immer feſter an ſeine Bruſt. Und ſeine Stirn lehnte auf der ihren, und ihre Augen ruhten in einander. Nach einer Weile machte ſie ſich ſanft los und trat zurück ohne ihm jedoch die Hände zu entziehn, die feſt in den ſeinen lagen.„Jetzt wollen wir ſcheiden,“ ſprach ſie dann;„die Pflicht zieht Sie fort, wie ich nun einſehe, und nicht Ihr Wille, nicht Furcht oder Vorurtheil. 169 Sie müſſen auch darum fort, damit ich ruhiger an Sie denke, ruhiger und feſter für uns handle. Denn das Han⸗ deln hier iſt meine Sache. Ich weiß, daß ich dabei mehr als einem Kampfe entgegen gehe, aber ich weiß auch, wie ich ihn durchzuführen habe, wenn die Zeit dazu ge⸗ kommen iſt. Zuerſt muß Ihre Zukunft geſichert und feſt ſtehen. Einem Soldaten läßt mein Großvater mich nicht, und ohne deſſen Segen werd' ich keines Menſchen eigen. Ich ſehe aber ein, jetzt, wo der Krieg droht, können Sie nicht aus Ihrem Stande. Alſo Geduld für uns Beide, Ruprecht!— Sorgen Sie nur für ſich und meinen Va⸗ ter. Aber wie ich Sie und ihn kenne, müßt Ihr Freunde ſein und— der liebe Gott wird das Weitere fügen. Le⸗ ben Sie wohl, Ruprechk!“ Er raffte ſich auf, denn er hatte bisher wie im Traum geſtanden und ihren Worten gelauſcht, die ihm ein Glück zeigten und es ihm auf eine Weiſe ankündigten, wie er es weder zu hoffen, noch zu ahnen vermocht.„Ja, ich ſehe es ein,“ ſagte er,„wir ſcheiden am beſten ſo ſchnell. — Sagen kann ich Ihnen nicht, was ich noch in mir habe. Das werden ſchon Andere thun. Und dann, Diana—“ er legte nochmals die Arme um ſie—„dann— nehmen Sie zurück, was Sie eben mir geſagt,— ich werde Sie dennoch ſegnen bis zum letzten Hauch meines Lebens als den holdſeligſten Engel, der jemals einem Menſchen die ſchwerſte und trübſte Lebensſtunde zur ſchönſten und hell⸗ —— 170 ſten gemacht. Aber zweifeln Sie nie an mir!— Gott mit Ihnen immerdar!“ Und als er ihre bleich gewordene Stirn flüchtig mit den Lippen geſtreift, ließ er ſie aus ſeinen Armen, wandte ſich raſch ab und war im nächſten Augenblick ſchon im Seitenwege verſchwunden. X. Zwei Briefe. „Mein werther junger Freund,“ ſchrieb Ehrenſtein an Ruprecht,„des Himmels Einfall wäre ich mir eher vermuthen geweſen, als die Nachricht, daß Sie A. ver⸗ laſſen haben und in der Abtei bei unſerem großen Baron weilen— ſchon ſeit ſaſt drei Wochen oder gar darüber, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte. So wunderlich geht es in der Welt zu. Ein Zufall— denn weiter kann es meiner Ueberzeugung nach nichts geweſen ſein— ſtößt alles über den Haufen, was ich ſeit Jahren für die Zeit Ihrer Mündigkeit und unſerer erſten Begegnung mir vor⸗ ſichtig überlegt und ſo ernſt ausgeſonnen hatte, daß ich keinen Zwiſchenfall, am wenigſten dieſen ſeltſamſten und ſchlimmſten von allen für möglich hielt.“ 171 „Wundern Sie ſich nicht über dieſen Eingang des Briefes, mein junger Freund. Die Sache iſt ernſter als Sie denken, ernſter als Sie wiſſen können.“ „Bisher weiß ich wenig von Ihnen, lieber Ruprecht; ich ſah Sie nie und erfuhr früher nur ſelten durch einen der trockenen und wenig eingehenden Briefe Ihres Vor⸗ mundes von Ihrem äußeren Lebensgange das Allernoth⸗ dürftigſte, von dem innern, wirklichen Menſchen auch dies kaum. Seitdem Sie ſpäter, auf ſein Drängen, von der Univerſität ſelbſt an mich ſchrieben und ſeit den ſchönen Briefen, die Sie mir ein paarmal aus Griechenland und, nach Ihrer Rückkehr, von A. ſchickten, wurde die Sache zwar etwas beſſer; aber ich erkannte, daß Sie ein geiſt⸗ voller und wackerer junger Mann, ein zwar ein wenig heißes und wildes, aber doch auch wieder treues und ehr⸗ liches Herz, kurz ein Menſch ſeien, an dem Ihre Eltern Freude gehabt haben würden, falls Sie das Leben behal⸗ ten hätten. Allein manches blieb mir auch jetzt noch un⸗ klar, mehr als ein auftauchender Zug paßte mir nicht zu dem anderen. Beſonders verſtand und verſtehe ich es nicht, wie der Künſtler der Kunſt, ſo zu ſagen, entweichen und den Stand des Kriegers— zumal im Frieden— vorziehen könnte.— Nehmen Sie das alles nicht als ei⸗ nen grämlichen Tadel, junger Freund, nicht als ein phili⸗ ſtröſes Mäkeln und Quälen des alten eingeroſteten Pro⸗ feſſors. Bei Gott, das iſt es nicht! Es iſt nie in mei⸗ 472 ner Art geweſen, einem mir angehörigen Menſchen ſeinen Lebensweg beſtimmen zu wollen. Sie haben überdieß Vermögen genug, ſo viel ich weiß, um mit vernünftiger Maßnahme auf jedem Lebenswege ziemlich ſorglos fort⸗ ſchreiten zu können, und Sie ſind weder von mir, noch von ſonſt einem Menſchen irgendwie abhängig. „Nein, lieber Ruprecht, es war und iſt allein meine warme Theilnahme an dem einzigen Kinde meines theuer⸗ ſten Freundes, welche mich ſo ernſt auf Sie achten, ſo ſehnſüchtig darnach verlangen ließ, ein volles Bild von Ihnen vor mir zu haben, welche mich Ihre bisherige reiche Laufbahn ſo ernſt zu verfolgen und den jungen Menſchen zu ſtudiren zwang, der ſo keck und fröhlich und ſo glücklich auf dieſer Laufbahn fortging. Es kamen die eigenthümlichen Zuſtände hinzu, welche ſich mit ihrer Ge⸗ burt verknüpften, von denen Sie nichts wiſſen ſollten und konnten, bis ich Ihnen die von Ihren Eltern vorgeſchrie⸗ benen Mittheilungen machte. Ich wünſchte Sie zu kennen, Ihnen in's Auge zu ſehen. Meine Stellung bindet mich an meine Heimat; in den Ferien verbieten Alter und ſchwankende Geſundheit mir weitere Reiſen. Ich freute mich daher mehr, als ich es ſagen kann, wie Sie mir Ihr Hieherkommen in Ausſicht ſtellten, zumal mir die Mittheilungen, die ich Ihnen zu machen habe, wenig oder gar nicht für einen Brief geeignet ſchienen. Und nun er⸗ fahre ich, daß Sie ſchon ſeit Wochen nicht nur in meiner Nähe, nein, daß Sie gerade in der Abtei, auf Engelsöe, beim großen Baron ſind! „Lieber Ruprecht, Sie haben bisher Glück auf Ih⸗ rem Lebenswege gehabt, viel Glück! Alle Ihre Fahrten, alle Ihre— wilden kleinen Streiche ſind Ihnen zum Guten ausgeſchlagen. Es iſt möglich, daß es auch jetzt ſo geht, daß dieſer— Einbruch in die Abtei einen beſſern Einfluß auf Ihr ſpäteres Leben hat, als alle meine klugen und wohlüberlegten Pläne ihn hätten hervorbringen kön⸗ nen. Es iſt möglich, wiederhole ich, allein es kann auch Ihrer ganzen Zukunft einen nie zu verwindenden Stoß geben und— jedenfalls muß ich nun zu Ihnen reden. „Ich werde mich kurz faſſen, lieber Ruprecht— eine Unterredung zwiſchen uns wird durch dieſen Brief nicht überflüſſig gemacht, ſondern bleibt nach wie vor nothwen⸗ dig. Für eine ſolche ſpare ich Ausführliches auf. Alſo, hören Sie mich an. „Vor achtunddreißig Jahren wurde ich Erzieher in der Abtei bei dem einzigen Sohne des Barons. Er hieß, wie ſtets der Aelteſte der Familie und wie Sie— Rup⸗ recht. Es war ein wilder und zu Zeiten trotziger, aber im Grunde hochbefähigter und gutgearteter Knabe, der mir bald über Alles theuer wurde, und um ſo mehr, da ich ihn in Verhältniſſen und auf einem Wege fand, die mich für ihn nicht nur dauerten, ſondern auch ernſtlich beſorgt mach⸗ ten. Seine Mutter, eine ſehr ſtolze und entſchiedene, auch 174 heftige Dame, hatte im gänzlichen Verkennen ſeiner Natur, ihr Kind zu einem Trotz und Starrſinn herange⸗ zogen, der daſſelbe ihr faſt feindlich gegenüber ſtellte. Der Baron, im Uebrigen ein Mann, wie ich ihn kaum gedie⸗ gener und ehrenwerther kenne, hatte in jenen Jahren, bei der Verwaltung ſeiner großen Beſitzungen und bei ſeiner Stellung im ritterſchaftlichen Collegium, leider ſehr wenig Zeit für ſeine Familie und kannte ſie eigentlich nur durch die Schilderungen und Darſtellungen ſeiner Gemahlin. „Da ſollte ich nun mein Heil verſuchen, und es ge⸗ lang mir in der That, die Verhältniſſe wenigſtens freund⸗ licher zu geſtalten und den Knaben ſeinen Eltern wieder zu nähern, um ſo mehr, da Ruprecht mir bald mit größter Liebe zugethan war. Hätte die Mutter auf meine leiſen, aber flehentlichen Bitten und Vorſtellungen, deren Ge⸗ gründetheit ſie nicht ableugnen konnte, da der Erfolg mei⸗ ner Methode ſo ſichtbar war, nur mehr geben, ſich ſelbſt ein wenig mäßigen und meiner Weiſe akkommodiren wol⸗ len, ſo wäre Alles noch beſſer gegangen. So aber brachte ſie durch ihre— ich muß leider ſagen: durchaus verkehrte Weiſe ſtets wieder Rückfälle in den alten ſchlimmen und feindlichen Trotz hervor, die auf lange hinaus alle meine Bemühungen umſonſt machten. „Genug aber— es wurde dennoch nach und nach beſſer, und als ich Ruprecht zur Univerſität und dann auf Reiſen begleitete, und noch mehr, als ich ihn ſpäter nach 175 Hauſe zurückbrachte, war er ein ſo edler, wackerer Junge, wie ich je einen geſehen, und ein Menſch, auf den ſeine Eltern ſtolz ſein mußten. Sie waren auch nicht blind ge⸗ gen ſeine Vorzüge, zumal der Vater nicht, der damals ge⸗ rade etwas freier. Nur war's traurig, daß er ſeinen Kin⸗ dern früher zu fremd geblieben, um jetzt ſchnell und leicht ſte wirklich ſich nahe kommen zu ſehen. Es kann auch ſein, daß er ſelber nicht den rechten Ton getroffen hat, doch kann ich dies und alles Folgende wenig beurtheilen, da ich damals ein Amt in D. erhielt und durch daſſelbe vom häufigen Beſuch des mir ſo vertraut gewordenen Kreiſes in der Abtei zurückgehalten wurde. Dann— um das jetzt ſchon zu ſagen— kamen Jahre, wo der Verkehr zwiſchen uns gänzlich aufhörte. Erſt nach dem Tode der Baronin traf ich hier und dort wieder mit dem Baron zuſammen, kam auch in ſein Haus, allein niemals iſt das, was in⸗ zwiſchen mit Ruprecht geſchehen, zwiſchen uns beredet worden. „Laſſen Sie mich kurz ſein, junger Freund. Ruprecht iſt damals, von ſeiner Mutter beſonders, nicht nur falſch behandelt, ſondern— grade heraus— mißhandelt wor⸗ den. Man trat ſeinen billigſten und menſchlichſten Wün⸗ ſchen entgegen, man rief ſchier mit Gewalt den alten Trotz in ihm wach. Sein Vater war zu jener Zeit wieder wenig auf Engelsöe, erſuhr, zumal er das Vertrauen des Sohnes nicht beſaß, auf's neue faſt nur durch ſeine Ge⸗ 176 mahlin, was vorging, erlebte auch manches, was in dieſer Schärſe und Herbigkeit, da er ja auch die Veranlaſſung, die allmälige Steigerung nicht kennen lernte, ihn für den Sohn nicht einnehmen konnte. Genug, Ruprecht ging aus dem Hauſe und wurde Soldat, wie er längſt ge⸗ wünſcht. Als er wieder austrat, begann ein Verhältniß zwiſchen ihm und der Tochter des Wolden’'ſchen Förſters Haining, einem durch und durch braven und geſitteten Mädchen, und da man ſich in der Familie dagegen auf⸗ lehnte und dabei die allerverkehrteſten Wege einſchlug, brachte man es dahin, daß der ſtolze und heftige junge Menſch dem Mädchen ſeine ganze Exiſtenz opferte, mit den Seinen brach, ſie heirathete und mit ihr in die Ferne zog. „Das ſind Ihre Eltern, lieber Nuprecht, und Sie alſo der Enkel des Barons Absberg. „Ich habe nur noch wenig hinzuzuſetzen. Als Ihr Vater ſich damals von den Seinigen getrennt hatte, ließ er ſich hier in D. mit dem Mädchen trauen, ohne daß ich von dieſen extremen Schritten etwas früher erfuhr, als bis er mir eines Morgens ſeine junge Frau vorſtellte. Da war— ich hatte bisher dagegen geredet, ſo viel ich ver⸗ mochte— natürlich alles Reden und Tadeln umſonſt, von ei⸗ nem Frieden mit den Eltern, ſelbſt wenn er davon hätte wiſſen wollen, keine Rede, und ich mußte mich begnügen, ſeine. nächſte Zukunft mit ihm zu beſprechen. Er hatte vom 177 Vater das Legat eines Onkels ausbezahlt erhalten, ſah ſich dadurch ziemlich geſichert, und zog nun mit dem jun⸗ gen Weibe davon, um ſich eine neue Heimath zu gründen. Das gelang ihm droben in V. Er ſchrieb mir einigemale entzückt über ſeinen Aufenthaltsort und ſein Glück. Den Krieg von 1809 hat er mitgemacht und trat auch 1813 wieder ein. Bei einem der Februargefechte 1814 iſt er gefallen. Aber das werden Sie ſelbſt wiſſen.— „Um jede Nachforſchung unmöglich zu machen, ver⸗ änderte er nicht nur ſeinen Namen, ſondern auch den Ge⸗ burtsnamen ſeiner Frau. Von den Seinen wollte er nichts mehr wiſſen, machte es mir vielmehr zur heiligſten Pflicht, gänzlich über ihn und ſein Ergehen zu ſchweigen, ja im Nothfall jede Kenntniß von ſeinem Verbleiben abzuleug⸗ nen. Ich war damals ſelbſt zu ſehr gegen ſeine Familie eingenommen, um ihm nicht nachzugeben. Eine Nachwir⸗ kung dieſer erſten Erbitterung war es auch, daß er 1806, ohne mein Wiſſen, eine Anzeige ſeines Todes in die Zei⸗ tungen rücken ließ. Er wollte jede Wiederanknüpfung un⸗ möglich machen. „Später, und als Sie, ſein Kind, heranwuchſen, hat er milder gedacht, ſich nach dem Vater, dem Onkel erkun⸗ digt. Des Schweigens entband er mich nicht— ich bin freilich auch nur ein paarmal mit dem Onkel, dem Baron Hans Adam, auf dieſe traurige Geſchichte zu reden ge⸗ kommen— aber er machte mit mir aus, daß Sie, lieber 1864. 8. Der große Baron. IJ. 12 178 Ruprecht, falls Ihre Eltern ſtürben, ſobald Sie majorenn würden, von mir dies alles erfahren ſollten, damit wir dann gemeinſam prüfen und entſcheiden könnten, ob Sie der Familie Ihres Vaters auch ferner fremd bleiben, oder ob Sie einen Verſuch machen ſollten, ſich ihr zu nähern. „Mein Plan war, zuerſt Sie kennen zu lernen und Ihre Anſicht zu hören, dann, falls Sie dafür, bei meinem diesmaligen Aufenthalt in der Abtei das Terrain zu ſon⸗ diren, was ich bisher umſomehr unterließ, da ich dasſelbe bereits von Altersher als ein ſchwieriges kannte und nicht die entfernteſte Ahnung habe, wie der Baron ſelbſt über eine Verbindung mit der etwa exiſtirenden Familie ſeines Sohnes denken möchte. Erſt ſeit kurzer Zeit weiß ich, daß er ernſtlich an die Zeit denkt, wo mit ſeinem Tode die großen Familiengüter in fremde Hände kommen müſſen. Darin und in ſeinen allerdings ſehr liberalen und vorur⸗ theilsfreien Anſichten über Adelsverhältniſſe glaube ich die einzige Ausſicht auf einen möglichen Erfolg unſerer Pläne ſuchen zu müſſen. „Sie ſind nun ſelbſt dort geweſen, lieber Ruprecht; der Himmel mag wiſſen, wie das veranlaßt wurde. Wie ich Sie kenne, fürchte ich nicht, daß ein unlöbliches Motiv Sie dahin geführt! von Ihrer Abſtimmung können Sie, der ausdrücklichen Angabe Ihrer Eltern nach, bisher kaum das Richtige erfahren haben, es ſollte Ihnen wenigſtens nur durch mich bekannt werden. Daß Sie in der Abtei als Sohn 4. — — 179 Ruprechts erkannt wurden, fürchte ich faſt noch weniger. Es wäre, meiner Anſicht nach, das Schlimmſte von Allem. Der Baron würde dann vielleicht in Ihrem Beſuche eine Abſicht finden und Ihnen dies nie verzeihen. Wie ich die Perſonen in der Abtei kenne, haben Sie dort, falls Sie als Sohn Ruprechts auftreten, ohnedies und von vornherein eine erbitterte Gegnerin— die Baronin Merlin, die Ihrem Bruder ſtets abhold und ſeit dem „Eelat“ ihm von allen am feindlichſten war. Dagegen haben Sie aber auch ein paar ſichere Freunde, glaube ich, den Baron Hans Adam und den alten Gottlob Röder, den Sie wohl kennen gelernt haben werden, und den Sie, obſchon er nur ein Diener, nicht verachten dürfen. Er gilt viel. Die Hauptperſon bleibt jedoch Ihr Großvater, er iſt Herr in ſeinem Hauſe. „ Sie ſehen, mein lieber junger Freund, wie ſehr uns Beiden daran gelegen ſein muß, uns über dies Alles zu beſprechen. Ich habe Ihren Vater mehr geliebt als je einen andern Menſchen und wünſche nichts ſehnlicher als ſeinem Sohne wenigſtens in ſeinem Wohlergehen förder⸗ lich ſein zu können. Kommen Sie zu mir— ich kann Sie jetzt in der Abtei nicht aufſuchen; das werden Sie einſehen. Ich glaube auch, die Nachricht von der Revo⸗ lution in Paris, die ich dem Baron ſchicke, wird Sie zu Ihrem Regiment zurücknöthigen. Man redet ſchon da⸗ von, daß die Armee mobil gemacht werden ſolle. 12* 180 „Kommen Sie, ſobald Sie können, zu Ihrem treu und herzlich ergebenen Gearg Ehrenſtein.“ „Herr Baron! Den beiliegenden Brief erhielt ich vor einer Stunde, durch Ihre Güte, von dem Profeſſor Eghrenſtein in D., der, wie ich durch meinen Vormund wußte, ein Freund meiner früh verſtorbenen Eltern gewe⸗ ſen, und an den ich, zur Aufklärung über nicht näher an⸗ gedeutete Verhältniſſe, durch eine letzwillige Erklärung meiner Eltern gewieſen war, ſobald ich majorenn gewor⸗ den und die ſelbſtſtändige Verwaltung meines Vermögens 4 übernommen haben würde. Dieſe Beſtimmung zog mich von A. in dieſe Gegend. Einen beſonderen Werth legte ich nicht darauf, und da ich von einem älteren Freund ei⸗ nen, gleichfalls hier auszuführenden Auftrag erhielt, ließ ich dieſen der Conferenz mit dem Profeſſor vorangehen. „Ich habe Ihnen heut' Morgen wenigſtens ſchon angedeutet, daß ich Soldat bin, und zwar bin ich Offizier im Hußarenregiment zu A. Wie ich dazu kam, vorerſt 8½ nicht Künſtler, ſondern Soldat bleiben zu wollen, habe ich einmal zu erklären verſucht.— Sie wiſſen ja noch da⸗ von, Herr Baron.— Herr von Merlin, der Komman⸗ deur des Regiments, hat ſich meiner von Anfang an ſehr freundlich angenommen, und da er von mir als Maler 181. wußte und erfuhr, daß ich Urlaub zu einer Reiſe hieher wünſchte, verſchaffte er mir nicht nur dieſen Urlaub, ſon⸗ dern bat mich auch, ihm ein Bild ſeiner Tochter zu ver⸗ ſchaffen, die er ſeit ihrem erſten Lebensjahre nicht geſehen. Er ſagte mir, es müſſe ohne Wiſſen ſeiner Gemahlin und ſeines Schwiegervaters gemalt werden, da er eine Ein⸗ willigung Beider nicht zu hoffen habe. „Angenehm war mir dieſer Auftrag nicht, Herr Ba⸗ ron; ich habe nie ein verſtecktes Handeln gellebt. Aber der Wunſch des Vaters ſchien mir ein ſo berechtigter zu ſein, daß dadurch alle anderen Rückſichten weit überwo⸗ gen wurden. Ueberdieß war, unſerer Anſicht nach, nichts in der Sache, was mir und meiner Ehre hätte Schaden thun konnen. Daß ich meinen Stand verborgen und meinen Auftrag heimlich ausführen mußte, verſtand ſich von ſelbſt. Herr von Merlin wollte nicht reizen, ſondern ſchonen. „So bin ich zu Ihnen gekommen, Herr Baron. Daß ich Ihnen durch die Wiederherſtellung des Cranach und durch das Portrait Ihrer Enkelin ein paar kleine Dienſte leiſten konnte, hat das Unbehagliche meiner Stellung ver⸗ mindert. Noch freier fühlte ich mich, als die Tochter, der ich mich natürlich entdeckte, mit Freuden die Einwilligung zu dem Bilde für ihren Vater gab. So ſtand alles gut, obgleich Frau von Merlin von dem Bilde endlich auf eine mir völlig räthſelhafte Weiſe erfahren hatte und mir 182 mein Handeln vorhielt. Doch ſchien es, als genüge ihr meine offene Erklärung und ich hoffte nach allem und trotz allem von Ihnen ſo ſcheiden zu können, daß Sie nicht un⸗ freundlich an mich zu denken brauchten. „Da erhielt ich den Brief Ehrenſteins mit ſeinem mich beſtürzenden Inhalt. Ich brauche Ihnen wohl nicht erſt die Verſicherung zu geben, daß ich von dieſen Verhält⸗ niſſen niemals etwas gewußt, oder auch nur geahnt habe. Hätte ich mit ſolchem Wiſſen zu Ihnen kommen, in Ih⸗ rem Hauſe weilen können, ſo wäre ich in meinen eigenen Augen ein ehrloſer Wicht. Das muß ich ausſprechen, Herr Baron, denn der Gedanke wäre mir unerträglich, daß Sie mich auch nur einen Augenblick in Verdacht ha⸗ ben könnten, ich hätte bei meinem Aufenthalt auf En⸗ gelsöe— Gott weiß, welche Zwecke verfolgen gewollt. Und doch wäre ein ſolcher Verdacht nicht unmöglich. Wie ich von meinem früheren Vormund weiß, ſoll ich meinem ſeligen Vater ähnlich ſein. Ich erinnere mich an eine Frage von Ihnen und an eine gleiche Ihres Herrn Bru⸗ ders, auf die ich damals nicht weiter achtete, die jetzt aber eine erſchreckende Bedeutung für mich erhalten. „Wenn Sie je den Verdacht gehabt haben, Herr Baron, daß ich etwas Anderes zu ſein beabſichtigte, etwas Anderes ſein möchte als der Ruprecht Münch, ſo, ich be⸗ ſchwöre Sie, geben Sie ihn auf. Bei Gott und meiner Ehre, ich ahnte nichts von dieſer Sachlage. ☚ ‿ 183 „Was mir jetzt zu thun bleibt, kann in meinem Sinne nichts ſein, als mich offen auszuſprechen, wie ich es ge⸗ than, und abzureiſen. Ich ſcheide von Ihnen und Ih⸗ rem Hauſe mit einem tiefen Dankgefühl für all' die Gute, die mir erwieſen wurde. Begegnen kann ich Ihnen jetzt nicht mehr, Herr Baron; ich bin zu bewegt, zu erſchüttert, um ſchon den Ton treffen zu koͤnnen, der mich nach all' dieſem gegen Sie geziemen würde. Ueberdieß iſt meine ſchnelle Abreiſe auch durch die politiſchen Ereigniſſe ge⸗ boten. Mein Urlaub iſt natürlich nach dem, was ſich in Paris zugetragen, keine Minute mehr giltig. „Laſſen Sie mich hoffen, daß Sie Ihre Güte keinem Unwürdigen zugewendet zu haben glauben und Sich mei⸗ ner ohne Zürnen und Mißſtimmung erinnern. In wahrer Ehrerbietung ergeben Kuprecht Münch.“ Der Baron hatte— es war noch vor dem Mittags⸗ eſſen— dieſe beiden Briefe vor Kurzem erhalten, ſie ge⸗ leſen und ging nun, während ſie jetzt der inzwiſchen ſchon angelangte und im Zimmer gegenwärtige Bruder las, in dem geräumigen Gemache ſchweigend auf und ab. Seine hohe Stirn zeigte ſich bis zu den faſt weißen Haaren hin⸗ auf mit tiefen Querfalten bedeckt, und ſeine Augen ſchau⸗ ten mit großem Ernſt vor ſich hin, allein von einer zür⸗ 184 nenden Verſtimmung ließ ſich in ſeinem Geſicht dennoch nichts bermerken. Nach einer Weile legte Absberg die Papiere auf den Tiſch und nachdem er gedankenvoll aufſchauend, dem Bruder eine Zeit lang mit dem Blicke gefolgt war, fragte er gedämpft:„Glaubſt Du ihm, Großer?“ Der Baron blieb ſtehen und begegnete dem Auge des Anderen mit tiefem ſorgenvollem Ernſt.„Glaubſt Du ihm, Hans Adam?“ fragte er nach einer Pauſe entgegen. Absberg nickte.„Unbedingt,“ ſagte er. „Ich auch, Hans Adam,“ verſetzte der Baron, das Haupt neigend.„Was mir bei dieſer Geſchichte nicht recht gefällt, iſt die Verbergung ſeines Standes, allein wenn man das Ding im wahren Lichte beſieht, läßt ſich auch dieß erklären und entſchuldigen. Wollte er das Eine einmal, ſo mußte er auch wohl das Andere wollen. Er kann nichts dafür, daß ich bin, wie— ich bin und es iſt ganz richtig: den Offizier hätte ich nicht zu mir eingela⸗ den, nicht bei mir beherbergt. Und was hätte ich damit erreicht? Konnte ich ihn damit verhindern, bei ſeinen Be⸗ ſuchen Diana genau genug anzuſehen, um ihr Bild hinter ihrem und unſerem Rücken aus dem Gedächtniß zu malen, beſonders da er nun einmal ſo viel Fertigkeit beſitzt und ſo gut trifft? Daß er dem Kinde von ſeinem Auftrage geſagt und ſich ſeine Zuſtimmung erbeten, ſpricht ſehr für 185 ihn, und üderdieß hat er ſelbſt mir niemals verborgen, daß er mit Leib' und Seele Soldat ſei.— Und ſo, alles in allem, Hans Adam, ſetzte er hinzu,„iſt er in meinen Augen noch immer der wackere Burſch, für den ich ihn von Anfang an hielt. Das Unrechte, was man in der Sache finden könnte, haben wir ſelber, oder vielmehr, hat Hildegard verſchuldet, nicht aber Merlin und am wenig⸗ ſten Münch. Unter ſolchen Umſtänden und in ſeinen Jah⸗ ren hätte ich vermuthlich gerade ſo gehandelt, und Du auch, Hans Adam.“ Absberg war den Worten des Bruders aufmerkſam gefolgt und hatte nur ein paarmal, wie zuſtimmend, ge⸗ nickt.„Und nun haſt Du alſo die Gewißheit,“ ſagte er endlich nicht ohne Bewegung,„daß er iſt, was Du neulich für ein nicht wohl zu hoffendes Glück hielteſt, was ich— aber, ich weiß ſelber nicht weßhalb eigentlich, neuerdings immer weniger bezweifelte. Haſt Du Dir darüber ſchon etwas klar gemacht, Großer?“ Der Baron ſchüttelte den Kopf.„Das fragſt Du nicht im Ernſt, Hans Adam,“ erwiderte er.„Wie wäre das möglich? Im Allgemeinen denke ich, wie ich Dir neu⸗ lich es ausgeſprochen. Im Einzelnen aber und nun, da der Fall wirklich vorliegt, will noch gar viel bedacht und erwogen ſein. Es drängt ſich üͤberdies hiermit noch ſo manches Andere an uns heran— das Verhältniß Hilde⸗ gards und Merlins und Diana's Stellung zu den Eltern. 3 1864. 8. Der große Baron. I. 1 186 Das Alles kann jetzt noch weniger bleiben, wie es bisher von uns gelaſſen worden. Und es will ruhig und ſcho⸗ nend behandelt und gelöſt ſein; Du weißt, ich bin kein Freund des Gewaltſamen, der Ueberſtürzung. Und ver⸗ giß es nicht, Bruder, was uns augenblicklich noch ſonſt und zuerſt bevorſteht. Die Zeit, das Land, unſer Recht werden uns genug in Anſprnch nehmen und gehen für jetzt allem Anderen, jedem Privatintereſſe vor. Dieſen Fami⸗ lien⸗Angelegenheiten ſchadet ein einſtweiliges Ruhen kei⸗ nesfalls, Ehrenſtein will ja in den nächſten Tagen kom⸗ men; da können wir weiter reden.“ „Du ſollteſt dem armen Burſchen doch ein Wort der Beruhigung ſagen, bevor er abreiſt,“ meinte Absberg nach einem kurzen Schweigen. „Umſonſt, Hans Adam! Er iſt abgereiſt,“ verſetzte der Baron.„Ich ſah vorhin einen Wagen über den Hof fahren und— ich ſelber wüßte auch nicht, wie wir uns jetzt begegnen könnten. Doch wollen wir das bald erfahren.“ Und als auf ſeinen Klingelzug ein Diener erſchien, fragte er denſelben kurz:„Herr Münch ſchon abgereiſt?“ „Ja, wohl, gnädiger Herr,“ lautete die Antwort. „Paul ſagte mir eben von ihm, daß er ſich den Herrſchaf⸗ ten noch vielmal empfehlen laſſe.“ Der Baron nickte, der Diener ging.„Sieh'ſt Du wohl, Bruder?“ fragte der.Erſtere.„Es war in der That auch nicht anders möglich für einen Menſchen von feinem Gefühl. Er handelte, wie er mußte.“ Absberg ſtand auf.„Und dennoch ſetze ich mich lie⸗ ver auf und reite ihm nach,“ ſprach er, den Rock zuknö⸗ pfend.„Der arme Burſch jammert mich. Er muß wiſ⸗ ſen, wie Du, wie wir von ihm denken.“ „Das ſoll ihm Ehrenſtein ſchreiben, Hans Adam,“ verſetzte der Baron ernſt.„Ich fühle für ihn, wie Du, allein ich bitte Dich— laſſe uns nichts überſtürzen, nichts übertreiben. Wir brauchen noch manche Aufklärung von * Ehrenſtein, und nochmals— vergiß nicht, daß wir jetzt Anderes zu thun haben, Hans Adam.“ udrauaaunlubunuun ll duaaazaaazwuumurrungaaaanummuuarxauanmummmmraazaawnmmmmmanmunnn