Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.„ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſ ſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. uches, eine dem Werthe deſſelben entſprech 4 1 Wo e ende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe v on mir zurückerſtattet 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines B wird. n 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —u cher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ Z 2 4 „„ 2„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ un der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2—„ d Zurückſendung ſelbſt zu ſorgen. „ verlorene und —— nee Eine Erzählung aus älterer Zeit von Edmund Hoefer. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1862. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Seinem lieben alten Freunde, dem Prof. Franz Pfeiffer in Wien gewidmet. Inhalt. Seite T. Alt⸗Ruhne........... 1 II. Vor der Chronik.......... 21 III. Auf nentralem Boden.......... 38 IV. Knospen.......... 57 V. La sainte Barbe..........„ 80 VI. Streitende Gewalten........... 102 VII. Der Schreil noch einmal........ 118 VIII. Des Träumens Ende........... 141 IX. Conferenzen.............163 X. Der Alte von Ruhneck.......... 182 Xl. Bis auf die Spitze........... 204 XII. Die Kriſis............ 222 XIII. Alt⸗Ruhnecks Ende........... 236 I. Alt-Ruhneck. Bis zu der uralten Stadt, welche jetzt den Hauptort des Bezirks und den Sitz der Behörden bildet, ſeht ihr nur in ziemlicher Ferne die Bergzüge zu eurer Linken den Hori⸗ zont begrenzen. In der Nähe eures Wegs zeigt ſich nichts als mäßige Hügel eines fruchtbaren, ſorgfältig angebauten Landes, die Straße geht an ihnen bequem auf und ab, und wenn ſie auch ſtets etwas höher emporſteigt, ſo geſchieht das ſo allmälig und unmerklich, daß ihr zuletzt nicht wenig über⸗ raſcht ſeid, wenn ſie von ihrem höchſten Punkte ſich plötzlich jäh abfallend in ein tiefes Thal hinunterſtürzt, wie ihr es hier, zumal bei dem angedeuteten Charakter des durchzo⸗ genen Landes gar nicht vermuthen konntet. Die Stadt— wir heißen ſie Thalingen— liegt, vom höchſten Punkt der „Steige“ betrachtet, wie in einem Keſſel vor euch; wirkliche, gar reſpektable Berge bilden die Seitenwände, und die ſchlanken Thürme der Kirchen reichen nicht zu einem Vier⸗ theil der Höhe hinan. Selbſt die Ruinen des Schloſſes, welche ſich auf einem Vorſprunge, hoch über der Stadt, Hoefer, Ruhneck. 1 Alt⸗Ruhneck. zeigen, liegen noch tief unter den höheren, waldbedeckten Kämmen. Ihr ſteigt hinab und findet die Stadt auf einem rauhen und zerriſſenen Boden erbaut, die Straßen ſteigen wunder⸗ lich auf und ab. Bald ſeht ihr in eine hinunter, deren Dächer kaum zum Niveau der Gaſſe emporſteigen, in der ihr für den Augenblick ſpaziert; bald ſchaut ihr die Funda⸗ mente einer andern Häuſerzeile dem Fels, hoch über euren Köpfen, entſteigen. Ringsum ragen aber und ſchatten die Berge und ſchneiden jede Ausſicht ab und trennen den ſtillen Ort gleichſam von allem Regen und Bewegen des Lebens. Denn ſtill trefft ihr die Stadt mit Ausnahme weniger Tage im Jahr faſt immerdar, unheimlich ſtill, ſo daß ihr euch ſicher nicht länger in ihrem Schatten aufhaltet, als ihr durchaus müßt. Ihr eilt hindurch und athmet auf, wenn ihr aus dem ſüdweſtlichen Thore in's Freie gelangt und dort wenigſtens einen ziemlich breiten Fluß mit raſchem Geflute lebhaft vorüberrauſchen ſeht. Die Straße geht neben ihm hin, nur ſchließt ſich in der Entfernung von zehn Mi⸗ nuten das Thal auch hier anſcheinend felſenfeſt. Es zieht ſich kein ſichtbarer breiterer Pfad die Berge hinan, und wo der Fluß herein kommt, ſcheint ebenfalls kein Raum für einen ſolchen zu ſein. Iſt denn hier der Welt Ende? fragt ihr euch kopfſchüttelnd. Geht indeſſen nur getroſt weiter. Die Waſſer haben ihr Bett im weiten Bogen um den Fuß der ſchließenden Höhe gegraben, und zwiſchen ihnen und den anſteigenden Wänden gewann man grade noch ſo viel Raum, wie eine * Alt⸗Ruhneck. 3 Straße braucht, ſo daß ihr leicht und bequem aus der Enge hinausgelangt. In die„Weite“ kommt ihr damit freilich nicht, es liegt ein noch engeres und dunkleres Thal vor euch, die Berge ſtreben immer höher empor und ſchließen ſich dort hinten noch feſter an einander. Am Fluß ziehn ſich Wieſen entlang, ein paar kleine Matten reichen die we⸗ niger ſteilen Höhen hinauf, Obſtbäume zeigen ſich an der Straße, aber es ſcheint ihnen hier gar nicht wohl zu ſein. Sonſt finden ſich keine Spuren des Menſchenwirkens und der Menſchenpflege, und über die Berge hin breitet ſich wie ein weites, leiſe bewegtes Meer der dunkle, ungeſtörte Wald. So folgt Thal auf Thal in gleicher, einförmiger Weiſe. Zuweilen ſtoßt ihr vielleicht auf ein einzelnes Haus oder einen einſamen Hof, dabei finden ſich dann einige kleine Felder, und im Garten neben den Gebäuden zeigen ſich ein paar Blumen, welche draußen in der großen weiten Welt längſt nicht mehr modiſch und beliebt ſind. Oder es liegt einmal eine Mühle am Fluß, grau und ſchattig unter alten Bäumen, und das Toſen des Waſſers in ihren Rädern ſchallt weithin durch die Stille. Das alles iſt jedoch nur eine Ausnahme, die Menſchen hauſen, wie man euch ſagt, größtentheils auf den Höhen droben, und die Thäler ſind und bleiben einſam. Ihr ſteht in einem der großen Wald⸗ gebirge unſeres Vaterlandes. Ihr ſeid ſchon lange fortgewandert, da zweigt ſich neben euch ein kleines und enges, ſo wunderbar grünes und ſtilles Thal ab, daß ihr dem Reize nicht widerſtehn könnt und dem ſchmalen Wege folgt, der auf der Thalſohle ſich 4 Alt⸗Ruhneck. hinſchlängelnd euch in den tiefſten und geheimſten Schooß des Waldlandes zu führen verſpricht. Jetzt ſtoßet ihr auf kein Haus mehr und begegnet vielleicht nicht einem einzigen Menſchen; allein das Blätterrauſchen in den dichtgedrängten uralten Waldbäumen und das Murmeln einnees kriſtallhellen Flüßchens, das euch entgegen kommt, unterbricht noch die rings herr⸗ ſchende tiefe Stille und Ruhe. Es iſt etwas Erhabenes, Ergreifendes in dieſer Einſamkeit, in dieſem Frieden, aber auch etwas grenzenlos Monotones, und mit einer Art von dumpfer Reſignation ſeht ihr das alte Spiel ſich immer wiederholen, ſeht ihr das Thal vor euch wieder durch eine dunkle, ſteile Höhe geſperrt, macht mit Flüßchen und Straße„ wiederum einen großen Bogen um den Fuß des Berges und— findet euch auf das erfreulichſte in eurer bangen Er⸗ wartung getäuſcht. Die Kuppen freilich ragen ringsum womöglich noch höher empor, als bisher, aber ſie treten doch allerwärts ſo weit zurück, daß ſich vor euch wirklich etwas einer Ebene Aehnliches auszubreiten vermag. Und was die Hauptſache iſt— im Hintergrunde erſchaut ihr am Fuß des dunkelgrünen Berges die zackigen Giebel und hohen Thürme einer kleinen Stadt. Der Ort iſt alt, und ſeinetwegen könnten die Fehden längſt vergangener Zeiten immerhin noch einmal anfangen ſo zeigt er ſich gerüſtet und gewappnet, ſo feſt. und trotzig umſpannt die Ringmauer alle ſeine Bewohner. Das alte 4 Thor, die feſten Mauerthürme, die enge dunkle Straße, die Häuſer mit ihren überhängenden Giebeln, die Menſchen ſogar, in beſonderer, veralteter Tracht, hohe und hagere — — 2— Alt⸗Ruhneck. Geſtalten mit trotzigen, finſteren Geſichtern, die euch unwill⸗ kürlich an die wilden Banden der Bauern erinnern, welche zur Zeit ihres großen Krieges in dieſen Landſtrichen ihre Hauptrekrutirungsplätze beſaßen— alles und alles gemahnt euch an längſt entſchwundene Tage. Man bedarf hier gar keiner beſonders lebhaften Phantaſie, um ſich plötzlich in's tiefſte Mittelalter zurückverſetzt zu wähnen. 3 Der Gaſthof liegt an einem der höchſten Punkte des hier wiederum ſehr unebenen Terrains, und aus den Fenſtern der Gaſtſtube, welche im erſten Stock iſt, hat man eine Ausſicht über die Stadtmauern und auf die Berge rings, wie man ſie, durch die engen Straßen wandelnd, kaum erwartet hat. Grade im Mittelpunkt ſteigt die waldüberrauſchte Höhe, an deren Fuß das Städtchen liegt, ſteil und dunkel hinauf, rechts und links nähern ſich die Seitenberge des Thals ihr ſo ſehr, daß man zur Rechten gar keinen Zwiſchenraum wahrnimmt, obſchon derſelbe vor⸗ handen iſt. Zur Linken ſieht man dagegen eine, freilich nur ſchmale, Oeffnung, und aus ihr kommt der Fluß hervor. Alles iſt mit Wald bedeckt und dadurch noch ſchattiger und dunkler; die wenigen Felder und Matten des Städtchens liegen rückwärts das Thal hinab. Vor euch, an den Bergen, ſeht ihr keine Spur von Leben, und ſelbſt nach einer, ſicher hier erwarteten Ruine ſchaut ihr vergeblich aus. „Wie heißt der Ort?“ fragt ihr den Wirth, der doch einigermaßen umgänglich und wenigſtens der Sprache mächtig zu ſein ſcheint, was bei den übrigen Stadtbewohnern einem Fremden gegenüber keineswegs ſogleich außer Frage geſtellt 6 Alt⸗Ruhneck. iſt. Dazu kommt, daß der eigentliche Dialekt dieſer Gegend euch vermuthlich faſt ganz unverſtändlich bleibt. Alſo:„wie heißt der Ort?“ fragt ihr, und erhaltet die Antwort: „Ruhneck.“ „Wie heißt das Thal?“ fragt ihr weiter. „Das Ruhthal.“ „Und die andern Thäler?“ „Rechts heißt's„im Moos“, links„die Mulde.“ „Und der Fluß?“ „Weiß nicht. Heißen ihn nur„den Bach.“ So ſtockt das Geſpräch für's erſte, bis ihr nach einem neuen Blick auf die Berge wieder anfangt:„gibt's denn da keine Alterthümer? Gar nichts zu ſehen, zu beſuchen?“ „Daß ich nicht wüßte,“ lautet die lakoniſche Erwiderung. „Habt ihr denn gar keine Ruine hier? Die Gegend ſieht doch ganz darnach aus, als müßten hier alte Adels⸗ burgen gelegen haben.“ „Ruinen? Burgen? Nein, wir haben nur das eine Schloß, wo vordem unſere Grafen hausten, Alt⸗Ruhneck. Jetzt freilich iſt's arg zerfallen.“ „Ja, darnach frage ich grade! Wo iſt es denn?“ „Ha, wo wird's ſein, als dort drüben? Wenn der Herr genau zuſchaut, kann er ja dort das unterſte alte Mauerwerk zwiſchen den Büſchen ſehn.“ Und richtig, jetzt, wo ihr darauf aufmerkſam gemacht ſeid, entdeckt ihr an der Höhe vor euch, ein paar hundert Fuß über der Thalſohle, altes Gemäuer zwiſchen den Bäu⸗ —— —*. — —2 Alt⸗Ruhneck. 7 men. Ihr brecht raſch auf.„Darf man frei hinaufgehen?“ fragt ihr noch zurück. „Ja, den Schlüſſel kann der Herr im letzten Hauſe vor dem Thor erhalten,“ ſagt der Wirth. Beim letzten Hauſe in der Vorſtadt erhaltet ihr den Schlüſſel und die Ermahnung, in dem Gebäude ein wenig vorſichtig zu ſein, damit euch hie und da nicht ein Stück Mauer⸗ auf den Kopf falle, oder ihr ſonſt zu Schaden kommet. Denn einen Führer lehntet ihr ab. Man braucht nicht grade ſentimental zu ſein und auch nicht großen Re⸗ ſpekt vor den„Schauern der Vergangenheit“ zu empfinden, und mag dennoch bei ſolchen Partieen am liebſten allein bleiben und nicht abhängig ſein von dem Treiben oder Zö⸗ gern, von dem Dareinreden eines müßigen Begleiters. Kaum hundert Schritt hinter dem Häuschen erhebt ſich der Weg ſeitwärts den Berg hinauf, in die Büſche hinein und zwiſchen die Bäume, ein nicht breiter und ein wenig vernachläßigter Pfad, dem man es aber trotzdem noch an⸗ ſehn kann, daß er vor Zeiten keineswegs beſonders mühſam, ſondern auch zum Reiten ganz wohl zu benützen war. Jetzt haben ihn hie und da die Wurzeln der Bäume arg zerriſ⸗ ſen und ſtürzende Schnee⸗ oder Regenfluten mit Geröll be⸗ deckt, im Uebrigen aber windet er ſich ziemlich bequem, immer im Schatten des jungen Waldes am Berge hinauf. Er iſt überhaupt noch gar nicht lange ſo vernachläßigt, denn bis vor hundert Jahren— ja es iſt noch nicht einmal ſo lange her— war Alt⸗Ruhneck bewohnt, und dies war, nach Ausſage der Bewohner des Fleckens, der einzige Pfad, Alt⸗Ruhneck. welcher zu der Höhe emporführte. Die Burg oder das Schloß, wie man's heißen will, war daher auch eine ſo⸗ genannte„jungfräuliche Feſtung“ und niemals einem Feinde unterlegen. Nach einer Weile ſtoßt ihr in der That auf die Reſte eines kleinen Befeſtigungswerks— das Getrümmer, welches ihr von unten erblicken konntet. Die Pforte im Gemäuer öffnet euer Schlüſſel, und wieder geht es bergan auf dem mählig anſteigenden Wege. Rechts und links ſcheint der Berg allerdings auch dem gewandteſten Kletterer große Schwierigkeiten bereiten zu müſſen, ſo rauh, ſo zerriſſen, ſo ſchroff ſteigt das Geſtein empor und tritt hie und da zwi⸗ ſchen den Bäumen in ungeheuren Brocken, Wänden und Zacken zu Tage. Dann gelangt ihr zu einem zweiten Werk, und nachdem ihr die Höhe endlich erreicht, zum dritten, ei⸗ nem wirklichen und regelrechten, noch wohl erhaltenen Ra⸗ velin. Darauf dehnt ſich vor euch ein kleiner freier Platz aus, ein tiefer, in den lebendigen Fels gehauener Graben ſchneidet von hüben nach drüben durch das ganze Plateau, und wenn ihr die Nothbrücke paſſirtet, die jetzt den Ueber⸗ gang bildet, ſteht ihr vor, oder vielmehr ſchon in den erſten Theilen der Burg. Aus einer hohen und maſſiven, den Graben deckenden Mauer ragen zwei Thürme wohlerhalten empor, zwiſchen ihnen öffnet ſich das Thor, wie der Ein⸗ gang einer Höhle, und ſein Gang zieht ſich in mehreren ſcharfen Winkeln unter einer langen Wölbung hin, bis er endlich auf einem kleinen, von hohen Mauern begrenzten drüben durch einen dritten Thurm geſchloſſenen Hofe mün⸗ 9 Alt⸗Ruhneck. det. Neben dieſem letzteren Thurm iſt das zweite nicht zu⸗ gänglichere Thor. Von dem Hofe gelangt man rechts und links in ein paar zwingerähnliche Räume, nach innen und außen durch Mauern und flankirende Thürmchen, ſeitwärts durch den Rand des Plateaus begrenzt. Man erkennt hier die ſelt⸗ ſame und für eine feſte große Burg wie geſchaffene Con⸗ ſtruction des Schloßberges. Gänzlich iſolirt und nur von vorne zugänglich, erhebt er ſich auf den andern Seiten ſchroff und kahl aus den umliegenden Thälern, ſo ſchroff, daß man droben hier überall keines weiteren Befeſtigungswerkes be⸗ durfte als einer einfachen Bruſtwehr, welche noch obendrein vermuthlich die Schloßbewohner mehr gegen ein zufälliges Hinabſtürzen, als gegen feindliche Angriffe ſchützen ſollte. Mit grobem Geſchütz iſt das Schloß von den gegenüber liegenden Höhen allerdings zu beſtreichen, allein einerſeits ſind ſie nicht nur für dergleichen, ſondern überhaupt ſchwer zugänglich, und andrerſeits hatte der Beſitz der Burg zur Zeit, wo Kanonen zu einem gewöhnlichen Angriffsmittel wurden, kaum noch ſo viel Werth, daß ein Feind deßwegen ſolche Anſtrengungen hätte machen ſollen. Die beiden Seitenthäler verdienen wohl einen Blick. Rechts, wo es alſo„im Moos“ heißt, iſt's mehr eine Schlucht als ein Thal, auf deſſen Grunde Erlen und Wei⸗ den den Lauf eines kleinen Baches dicht einfaſſen und über⸗ ſchatten, während ſich gleich dahinter die Wände der jenſei⸗ tigen Höhe ſchroff und nur theilweiſe mit Wald bedeckt emporheben. Ihr ſeht aber dort Waſſer und Waſſeradern 10 Alt⸗Ruhneck. überall aus dem Geſtein brechen, das ſich durch die ewige Feuchtigkeit mit Flechten und Mooſen bedeckt hat, ſo daß das Thal ſeinen Namen mit Recht führt.—„Die Mulde“ auf der linken Seite entſpricht gleichfalls dieſer Bezeichnung. Es iſt ein mäßig breites, grünes Thal, und die ſchließenden Höhen drüben ſteigen ſanft hinan, mit friſchen, üppigen Matten, die erſt in ziemlicher Höhe dem Walde Platz machen. Hier fließt der Fluß, den der Wirth vorhin den„Bach“ benannte, und an ſeinem Ufer liegen weiterhin einige dunkle alte Gebäude, die einzigen, die man erblickt. Von dem Städtchen iſt nichts zu ſehen. Und was man auch von den Bewohnern ſolcher alten Schlöſſer denken und ſagen mag, Anſprüche machten ſie nicht, weder auf eine lebhafte, noch auf eine freundliche Umgebung. Denn einſamer und me⸗ lancholiſcher als die beiden, Alt⸗Ruhneck begrenzenden Thäler kann nicht wohl eine Gegend gedacht werden. Wir gehn leiſe— es hallt ſo wunderbar— durch das zweite, winkelvolle Thor und finden uns wieder getäuſcht, da wir auch hier noch nicht vor dem eigentlichen Schloſſe ſtehn. Es iſt ein freier Platz, der die ganze Breite der kleinen Hochebene einnimmt und vordem wahrſcheinlich zu Waffenübungen und Kampfſpielen benützt wurde. Er wird durch einen zweiten, mächtigen Graben und dahinter durch gewaltige Mauern begrenzt. Hier führt noch die alte Brücke, aber kaum paſſirbar, zum dritten Thor, welches diesmal nur eine einfache Wölbung in der dicken Mauer iſt. Doch wird der enge Gang durch ein paar nicht große, ſichtbar aber ſehr maſſive Gebäude verlängert, welche ſich Alt⸗Ruhneck. 11 rechts und links mit noch verſchloſſenen Thüren und Fenſter⸗ laden erheben. Und wenn ihr zwiſchen ihnen heraustretet, ſeht ihr endlich die Ruinen des eigentlichen großen und weitläufigen Schloſſes vor euch. Denn während ihr bisher an dem felſenfeſten Mauerwerk nur wenig oder gar keine Spuren des Verfalls entdecktet, iſt dort kein Fenſter mehr in den zum Theil noch trotzig ragenden Mauern, und kein Dach darüber. Was Stein, das ſteht, das Holzwerk aber wurde durch das Feuer verzehrt, welches der Blitz in den ſechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den mächtigen Bau warf. Seit der Zeit blieb die Burg unbewohnt. Was Stein, das ſteht, wiederholen wir, und wenn wir uns in das Getrümmer hinein wagen, finden wir noch ſo viel erhalten, daß wir ziemlich mühelos die Räumlichkeiten und ihren frühern Zweck unterſcheiden und beſtimmen kön⸗ nen. Vor allem unterſcheiden wir an der Mauer entlang, hinter den Thorgebäuden rechts und links bis zum Berg⸗ rande lange Gebäude, deren Dächer noch erhalten ſind, und die ſichtbar die Ställe, Magazine, Speicher und dergleichen bildeten. Die ſteinernen Krippen ſind noch da, auf den Reſten der alten Raufen hängen Spinngewebe und einzelne Heuhalme, Faßdauben und Bretterwerk liegen noch in man⸗ chem Winkel. Sodann zeichnet ſich der Bau der urſprüng⸗ lichen Burg aus— zwei große maſſive Gebäude, in der Mitte durch ein ſchmäleres, ähnliches verbunden, durch einen niedrigen überwölbten Gang an den gewaltigen Thurm ge⸗ ſchloſſen, den Bergfried, der hier auf der höchſten Stelle des ſanft anſteigenden Plateaus und faſt än ſeiner äußerſten, 12 Alt⸗Ruhneck. rückwärts gelegenen Kante, unerſchüttert und rieſenhaft in die Luft ragt. Im Innern der alten Burg ſind noch manche Treppen paſſirbar, die meiſten Hallen und Gemächer noch mit Decken und feſten Wänden begrenzt, mit Reſten des Täfelwerks verſehn, da hier meiſtens alles gewölbt iſt und daher den Angriffen der Verlaſſenheit und des Wetters beſſer Trotz bieten konnte. In die oben gelegenen Räume ſchaut freilich der blaue Himmel herein, und auch der große Saal, der den ganzen Raum des einen der erwähnten beiden Gebäude füllte, iſt deckenlos und voll Schutt und Getrümmer. In dem zweiten der beiden Gebäude geht es noch treppauf und ab zu einer nicht geringen Zahl kleiner, ziem⸗ lich dunkler Gemächer. Von einem der größten und am höchſten gelegenen tritt man aus einer ſchmalen Thür auf eine nicht mehr paſſirbare Brücke hinaus, welche hier, in ſchwindelnder Höhe, in den Bergfried hinüberführte. Dieſer letztere iſt von allem am beſten erhalten und bis in die äußerſte Dachſpitze zu erſteigen, und man braucht nur Fenſter und Thüren einzuhängen, um ſeine Gemächer wie⸗ der bewohnbar zu machen; da wich kein Stein aus ſeinen Fugen, und die Elemente verſuchten ſich vergeblich an den ungeheuern Mauern. An ſeinem Fuße und im äußerſten rechten Winkel des Plateaus, halb ſchon über den Abgrund hinausragend, ſo daß man die Fundamente durch an den Fels geſchloſſenes Mauerwerk ſtützen mußte, liegt ein kleines Gebäude, deſſen Zweck man, da es gänzlich ausgebrannt iſt, nicht mehr erkennen kann. Dem verhältnißmäßig ſchwachen Gemäuer nach war es ein Bauwerk viel ſpäterer Jahre. —— —— Alt⸗Ruhneck. 13 Ebenſo neu oder noch neuer waren die großen Gebäude, welche ſich vom Saalbau links fortzogen. Man erkennt aus einigen noch beſſer erhaltenen Partieen und ihren Ornamen⸗ ten, daß ihr Urſprung ſchwerlich über die Mitte des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts zurückzudatiren iſt. Hier gibt's ſo gut wie keine Gemächer mehr, auch aus der Höhe iſt alles heruntergeſtürzt, und ſelbſt die Außenmauern haben zum Theil nicht Stand gehalten. Vermuthlich waren hier die Wohn⸗ und Familienzimmer der letzten Beſitzer, und es mag in dieſen gleichfalls nur leicht gebauten Räumen das Feuer ſeinen Anfang, ſeine Nahrung und Verbreitung gefunden haben.— Der Bau erſtreckte ſich links bis an den Rand des Plateaus und endete, nachdem er im rechten Winkel gebrochen, an einem Thurm, der nicht ſo groß wie der Berg⸗ fried, die äußerſte linke Ecke einnimmt und, wenn im Innern auch arg durch das Feuer verwüſtet, doch noch deutlich ge⸗ nug zeigt, daß er zu einer Kapelle eingerichtet war. Be⸗ ſteigbar iſt er nicht. 3 Zwiſchen dieſen zuletzt erwähnten Gebäuden und einem weiteren, gleichfalls zerfallenen Seitenflügel der alten Burg, auf der Rückſeite durch die Bruſtwehr begrenzt, zieht ſich ein Raum hin, der vielleicht ſechzig Schritt in der Länge und dreißig in der Breite haben mag. Da hatten die genüg⸗ ſamen Burgbewohner vordem ihren Garten, den einzigen wirklich freien und heitern, ſonnigen Fleck in dem großen Gebäude⸗Chaos. Von einem Blick in die Ferne iſt keine Rede, da rückwärts der Schloßberg wieder durch ein enges ſchluchtartiges Thal von den jenſeitigen, ihn weit über⸗ Alt⸗Ruhneck. ragenden Waldhöhen getrennt wird. Allein es iſt noch jetzt eine Stelle voll Licht und Luft, voll Frieden und Ruhe. Ein paar uralte Bäume ſchatten noch, die Reſte verwilder⸗ ter Heckengänge zeigen noch jetzt manchen traulichen Platz zum Plaudern oder Träumen; hie und da blühen ſogar noch einzelne Blumen ſchüchtern und einſam zwiſchen den Trümmern hervor, die einen großen Theil des Platzes überſchütteten. Haltet an und ſeht euch um! Die Sonne grüßt von den Waldbergen herüber mit goldenem Licht, ſie umkost die einſamen Blumen, ſie ſchlüpft durch das dichte Laub der Linden auf die heimlichen, moosbedeckten Plätzchen an ihren Wurzeln, ſie dringt leiſe, leiſe durch die verwilderten Hecken und ſtreift mit langen, ſcheuen Lichtern durch die regungs⸗ loſen Wipfel, welche die Schlucht dort unten mit Schatten füllen und ſchweigend zu euch emporſchauen. Welch ein Frieden rings, welche Stille, welche Einſamkeit! Wie mancher und wie manche mag dort geſäumt haben, wo in einem Vorſprung der Bruſtwehr die Steinbank iſt, voreinſt gleichfalls von einer Linde beſchattet, die ſeitdem aber vom Sturm faſt ganz entzweigt wurde. Mühſam treibend hat die Alte an den Reſten ihres Stammes neue Zweiglein und friſches Laub hervorgebracht und aus ihren Wurzeln eine Menge ſchon ſtarker Schößlinge aufſchlagen laſſen, allein die Krone iſt dahin, die ſicher ſo viel des Guten und Traurigen unter ihrem grünen Dache erblickt hat. Wie manches Auge mag hier gelächelt haben im ſeligſten Glück, wie manches hat hier vielleicht die bitterſten Thränen des Alt⸗Ruhneck. 15 Lebens geweint, wie mancher Traum wurde hier geträumt, wie viel geſonnen und gedacht, hier am einſamſten Platze der Höh', über der tief ſtillen, einſamen Schlucht, vor den ſchweigenden Bergen rings! Ja, das Plätzchen iſt unbe⸗ ſchreiblich einſam und abgeſchloſſen, und wer mit ſich ſelbſt zu reden hat in Luſt oder Schmerz, findet kein beſſeres als dieſes. Den Eindruck der Abgeſchloſſenheit und Einſamkeit macht übrigens, wenn auch nicht in ſo hohem Grade wie der Garten und die Steinbank an ſeinem Ende, die ganze weitläufige Burg. Es kommt das nicht allein durch die iſolirte Lage des Schloßberges, ſondern auch und faſt noch mehr durch die menſchenleere, geräuſchloſe Umgebung. Selbſt von der höchſten Spitze des Bergfrieds ſeht ihr nichts als die beiden kleinen Seitenthäler und über ihnen hinaus Höhen an Höhen, die überall von den dunklen unermeß⸗ lichen Wäldern bedeckt ſind. Außer den oben erwähnten Gebäuden am Fluß in„der Mulde“, wo die Fluten einen Kupferhammer treiben, ſeht ihr nichts, was an die Nähe menſchlicher Wohnungen erinnerte, keine Hütte, keinen Thurm, nicht einmal eine andere Ruine, und nur ſelten verräth der aus einem Waldtheile emporſteigende dunkle Rauch einmal die Stelle, wo ein Köhler ſein einſames Geſchäft betreibt. Kurz, die Sproſſen des alten Geſchlechts, welches hier hauste, müſſen unendlich reichen und ſtarken Herzens ge⸗ weſen ſein oder überhaupt nie ein ſolches in ſich ſchlagen gefühlt haben. Sonſt hätten ſie's nicht aushalten können und wären, wie die meiſten Ihresgleichen, ſchon längſt 16 Alt⸗Ruhneck.„⸗ hinuntergezogen zu den Menſchen, zu dem Geräuſch und Leben der Ebene. Aber dieſe hier, die„Alten von Ruhneck“, wie man ſie hieß, blieben ihrem Neſte getreu, ſo lange ſie's vermochten. Nur die Gewalt des furchtbaren Elements vertrieb ſie endlich für immer. Die Grafen Alt von und zu Ruhneck— dieſen Namen führten die Beſitzer der Burg und des angrenzenden Landes, und den Beinamen Alt, oder wie man ſie kurz hieß: die Alten von Ruhneck, gaben ſie ſich zur Unterſcheidung von der Nebenlinie, welche als Grafen von Ruhneck auf andern Beſitzungen ſaßen— waren ein uraltes Dynaſten⸗Geſchlecht, und ſo weit man von ihnen Kunde hatte, waren die Mit⸗ glieder dieſer Familie geweſen, wie wir es oben von ihnen annahmen— ſtolzen, reichen und ſtarken Herzens. Bereits der Erſte, der ſich unter Kaiſer Lothar auf dieſer Stelle anſiedelte und der Burg und ſich ſelbſt den Namen gab, mußte ein ſolcher Mann geweſen ſein. Es war in jener traurigen und ſchrecklichen Zeit ſicher ſchon nichts Ge⸗ ringes, die Reize und den Charakter eines Platzes zu er⸗ kennen und ihm den richtigen Namen zu geben; es war aber etwas wirklich Großes, kann man dreiſt ſagen, daß ein ritterlicher Mann dieſer Zeit den Begriff der Ruhe und das Gefühl für ſie überhaupt nur in ſich hatte und dies Gefühl auch im Worte ausdrückte. Wer die Lage des alten Schloſſes anſieht, muß es zugeſtehn, daß nie ein Name paſſender gewählt wurde; der Charakter des ganzen Landſtrichs iſt— wir können das nicht oft genug wiederholen— der dern tiefſten Stille, — „ „* Alt⸗Ruhneck. 17 der ſicherſten Ruhe. Ueberdies zeigt dieſe Lage auch noch unwiderleglich, daß das Geſchlecht der Ruhneck in dieſer Burg nur eine ſichere, friedliche Heimat beſaß; zum„Raub⸗ ſchloß“, zum Sitz ächter und gerechter ritterlicher Schnapp⸗ hähne eignete ſie ſich nicht im entfernteſten, da das Land umher weder reich, noch von einer lebhaften Straße durch⸗ ſchnitten war. Der Verkehr blieb damals dieſen Gegenden noch viel ferner als jetzt, und es war viele Stunden weit nicht eine einzige gewerbthätige, wohlhabende Stadt zu finden. Daher trefft ihr auch ſo wenig Ruinen in dieſem Landſtriche, das Raubritterthum brauchte andere Oertlichkeit und Gelegenheit. Und in der That, ſo weit man von den Ruhneck weiß, niemals erſcheint einer von ihnen bei den gewöhnlichen Raub⸗ und Diebszügen, niemals wird der Burg als eines Raubſchloſſes erwähnt. Auch in den vielen kleinen Rauf⸗ händeln und Fehden findet man den Namen nur ein paar⸗ mal angeführt, und es iſt ſehr zweifelhaft, ob ſie über⸗ haupt jemals Mitglieder einer der großen Adelsgeſellſchaften des ſpäteren Mittelalters geweſen ſind. Dagegen leſen wir von einigen ernſten und blutigen, aber für ſie auch glücklichen Fehden, welche ſie auf eigene Fauſt mit benach⸗ barten großen Dynaſten führten; vor allem aber erſcheinen ſie in der Kriegsgeſchichte anderer Länder und größerer Fürſten. Ein Ruhneck war mit dem erſten Hohenzollern ſchon 1412 nach der Mark Brandenburg gezogen und in Noth und Glück der treue Gefährte des Churfürſten ge⸗ blieben. Eine Ueberſiedlung in die Marken fand jedoch 2 Hoefer, Ruhneck. Alt⸗Ruhneck. nicht ſtatt; zwiſchen den Zügen kehrte er immer wieder in die Heimat zurück und blieb, nachdem der Fürſt geſtorben, ganz daheim. Von der Zeit an finden ſich aber ſeine Nach⸗ kommen faſt in ununterbrochener Reihe gleichfalls unter den Kriegsſchaaren der Brandenburger, und beinah in allen Kämpfen wird irgend ein Ruhneck ehrenvoll genannt. Hohe Poſten erreichten ſie nicht, da ſie gewöhnlich nicht lange im Dienſt zu bleiben pflegten. Sie liebten ihre Heimat und blieben ihr treu. Mit vielen Nachkommen ſcheint der Stamm niemals geſegnet geweſen zu ſein, oder wenn einmal in einer Gene⸗ ration mehrere Söhne da waren, ſorgten die vielen Kriege dafür, daß ſie den großen Beſitz bald wieder ungetheilt dem Einen von ihnen hinterließen. Kriegsleute waren alle, auf vielen Schlachtfeldern hat man unter den andern Ge⸗ fallenen auch einen oder einige Ruhneck in die Erde gelegt, und von Wunden wußten alle zu ſagen. In dieſer Be⸗ ziehung hatten ſie kein Glück, aber ſie ſehnten ſich freilich auch nicht darnach, ſondern waren mit dem Geſchick, welches man ein Erbtheil des Stammes heißen konnte,— mit der Ehre und den Wunden oder dem frühzeitigen Kriegertode — wohl zufrieden. Noch weniger als die Hauptlinie, welche wenigſtens in ununterbrochener Reihe auf der Ruhneck hauste und herrſchte, kam die Nebenlinie zur Blüthe und Verzweigung. Es gingen ſelten zwei Generationen hin, ohne daß ein jüngerer Sohn von Alt⸗Ruhneck in den Beſitz dieſer Neben⸗ linie eintreten und ſie neu eröffnen mußte. Die Wiege ☛-— 2 Alt⸗Ruhneck. 19 wurde in Neu⸗Ruhneck— ſo hieß man den Sitz des zwei⸗ ten Stammes— noch ſeltener geſchaukelt, die Gruft in ihrer Kapelle aber öffnete ſich noch viel häufiger als die des alten Stammes. Das war einmal nicht anders, und dagegen ließ ſich nichts thun. Die Ruhneck nahmen ſich ihrer Zeit dies Geſchick auch nicht beſonders zu Herzen und waren zwar als ernſte, wenig ſcherzhafte und noch weniger luſtige Leute, im Allgemeinen aber auch keineswegs als ‚finſtere“ Geſellen bekannt, welche den Freuden des Lebens abgeſagt und ſich gegen den Ver⸗ kehr mit der Welt gewehrt hätten. Sie ſtanden im Gegen⸗ theil überall und zu jeder Zeit im beſten Anſehn, ſie waren ſogar beliebt im Lande umher, bei Hoch und Gering, und Alt⸗Ruhneck wurde als eins der wenigen Schlöſſer gerühmt, wo man zwar dem hohen Range der Familie angemeſſen, im Uebrigen jedoch ziemlich zwanglos und behaglich zu leben pflegte und den Menſchen hin und wider als Menſchen zu würdigen und gelten zu laſſen verſtand. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurden die beiden Linien von Zwillingsbrüdern fortgeführt; Graf Rüdiger Wolfram herrſchte zu Alt⸗Ruhneck, Graf Eckhard Rüdiger, oder wie man ihn in der Familie hieß: der Gene⸗ ral, auf Neu⸗Ruhneck. Dieſen Rang hatte der Letztere in der preußiſchen Armee erreicht, der er auch jetzt noch an⸗ gehörte. Er war niemals verheirathet geweſen, weil er weder Zeit gefunden, noch Luſt verſpürt hatte, nach einer Frau auszuſchauen. Graf Rüdiger dagegen, der mit ſeinem Bruder zur ſelben Stunde in den Dienſt getreten war, 20 Alt⸗Ruhneck. hatte denſelben auf den Wunſch des Vaters ſchon jung wieder verlaſſen, weil der älteſte Bruder gleichfalls eine entſchiedene Abneigung gegen die Ehe zeigte und— er war 8 auch Soͤldat und fiel wenige Jahre ſpäter bei Mollwitz— nur von Treue gegen die Fahne wiſſen wollte. Rüdiger allein hatte eine Frau heimgeführt und war dem Vater endlich in der Herrſchaft über den großen Beſitz gefolgt. Er ſah vier Kinder geboren werden, drei Söhne und eine 1 Tochter; doch trat auch hier wieder das alte Geſchick auf: die beiden älteren Knaben fielen in derſelben Stunde in dem Gemetzel der Kunersdorfer Schlacht, und der Dritte — nach ſeinem Oheim Eckhard getauft— war wieder der einzige Träger aller Hoffnungen in beiden Linien. Er war der erſte Ruhneck, welcher über zwanzig Jahre alt geworden, ohne Soldat geweſen zu ſein. Außer den Genannten lebte als einzige Verwandte des* Hauſes nur noch eine viel ältere Stiefſchweſter der Zwil⸗ lingsbrüder, Hedwig Beatrix, Baronin von Bergen, die aber ſchon ſeit langer Zeit verwittwet und kinderlos war. Und dieſe fünf Menſchen waren es, welche zur Zeit die reiche und mächtige alte Familie zu vertreten hatten. Vor der Chronik. 21 II. Vor der Chronik. „Lies weiter,“ ſagte er kurz und ging mit über die Bruſt gekreuzten Armen, mit nachdenkensvoller Stirn und ernſtem Blick gegen die Fenſter des ſaalähnlichen Gemachs hin, welches ſo weit und hoch war, daß die Kerzen der zwei großen ſilbernen Armleuchter auf dem Tiſch am Kamin und die lebhafte Glut in dieſem letzteren nur den nächſten Raum umher erleuchten konnten und alles Uebrige in einer nach und nach ſich ſtets vertiefenden Dämmerung ließen. Doch wurde das Zimmer dadurch nicht unbehaglich, ſondern nur um ſo traulicher in ſeiner Wärme und Stille, in der gedämpften milden Beleuchtung, zumal das dumpfe Heulen und Brauſen im Rauchfang und die ſchweren Stöße gegen die erbebenden, mit ſchimmernden Eiskriſtallen überzogenen Fenſter, auf das nachdrücklichſte den Werth eines ſo ſicheren und behaglichen Ports zur Empfindung brachten. Die vier Menſchen freilich, welche jetzt im Gemache anweſend waren, ſchienen weder auf die Sicherheit ihres Aufenthaltsorts, noch auf den Schneeſturm zu achten, der draußen mit unerhörter Gewalt tobte, als wollte er das mächtige Schloß nicht länger dulden auf dem Felſengrunde. Ihnen war der Raum ja die bekannte und gewohnte Heimat, das Ungeſtüm des Wetters, zumal zu dieſer Jahrs⸗ zeit, nichts Neues, und der nachdenkliche Ernſt, der ſich in 22 Vor der Chronik. den Zügen eines jeden zeigte, mußte andere, innere Gründe haben. Sie hatten freilich auch nichts Heiteres vor ſich. Der eine junge Mann ſaß vom Tiſch abgewandt vor dem Kamin und ſtörte von Zeit zu Zeit mit einem eiſernen Schürhaken in der Glut der großen Eichenklötze— eine Beſchäftigung, welche nur den Traum herbeiruft, aber nicht die Luſt und Freude. Das Fräulein am Tiſch hatte die Augen auf die Leinwand⸗Läppchen geſenkt, welche die ſchlan⸗ ken Finger zu Charpie auseinander zupften— ſah ſie dabei die Wunden und gedachte ſie der Schmerzen der armen Menſchen in den Hospitälern, für welche ſie ſorgte?— Der Dritte endlich, wieder ein junger Mann, hatte den Kopf in die linke Hand gelegt und ſchaute mit dem einzigen ihm übrigen Auge— das linke wurde durch eine Binde verdeckt, und die furchtbare, vom Scheitel darauf zulaufende Narbe zeigte deutlich genug, daß unter der ſchwarzen Seide kein Augenſtern mehr zu finden ſein werde— in ein großes, zierlich geſchriebenes und mit hübſchen Initialien verziertes Buch. Er that jetzt, was der im Zimmer auf und ab ſchrei⸗ tende Herr vorhin von ihm gewünſcht hatte— er las weiter. „Als aber der von Mehrenheim ſo geredet und ſich wieder niedergeſetzt auf die Bank, da ſtand Herr Wolfram auf, und man hieß ihn nun mit Recht den„Alten“, dieweil er derzeit ſchon hoch an Jahren. Aber er war auch hoch an Weisheit und reich an Ehren, und was er ſagte, darauf hörte man weit und breit, wie auf die Worte eines Vaters. Der ſtand auf und ſtieß das Schwert nieder, daß es klang, und ſprach zornig:„ſo hab' ich nun gelebt an die achtzig Vor der Chronik. 23 Jahr', und was unſer Herrgott ſeinen Kreaturen gibt, ich hab's alles erfahren, ſo Luſt wie Leid, Sieg und Gefahr, Hitz' und Kälte. Und mein lieber Herr Vater hat vor mir gelebt vierzig Jahr und hat mir nie verhehlt, wie es zuge⸗ gangen zu ſeiner Zeit, ſo daß ich wohl glauben und meinen durft', es ſei nichts in der Welt, davon ich nicht gehört und geſehn, es gäbe für mich alten Mann nichts Neues mehr zu erleben. Aber bei Chriſti heiligem Blut, ſolche Worte hab' ich nie vernommen wie heute, wie du ſie gere⸗ det vor unſerer Ritterſchaft, Thomas von Mehrenheim, und ich hab' auch niemals gemeint, daß ſolche Untreue dahehn ſei in einem deutſchen Mann, und daß vierzig umher ſitzen, und hat nicht Einer das Herz, dem falſchen Kläffer zu widerreden und ihm zu ſagen, daß wir nicht feile Knechte ſind, ſondern Ehrliche von Adel.“ „Da ward ein groß Geſchrei und Aufſtand, und ſie „drängten ſich um Herrn Wolfram und fuhren ihn an mit trutzigen Worten und ſchmäheten ihn, und Thomas von Mehrenheim ſprang herbei und hatte ſich arg verfärbt und die Wehr gezückt. Andere aber traten zu Herrn Wolfram und ſagten:„du haſt recht geredet und aus unſerm Herzen. Solch' Untreue iſt nie erhört worden in deutſchen Landen!“ — Und Herr Wolfram ſelber ſtand feſt und ſtolz und ſprach laut:„mein Haar iſt weiß geworden in Ehren, ſollt' ich's nun legen mit Unehren in die Gruft, daß ſich meine Väter von mir abkehren müßten in ihren Särgen?— Wahre dich, Thomas, ich kenne dich wohl, du falſcher Mann! Prahle nicht mit deinem Degen, er ſchreckt mich nicht, iſt auch nicht 24 Vor der Chronik. rein, wie dein ehrlicher Vater ihn dir gegeben, ſondern voll treulos vergoſſenen Bluts. Wie war's mit Ulrich von Hattſtein, den hat ſein Knecht meuchlings erſchlagen, ſagſt du, und haſt ſein Weib genommen für dich und ſitzeſt auf ſeiner Väter Erbe? Wahre dich, Thomas, ich kenne dich! — Und nun genug, ich hab' euch geſagt, wie ich zu denken gelernt und zu handeln ſeit achtzig Jahren. Wer wlll, bleibe hier, wer will, folge mir nach. Die Ruhnecker ſtehn zum Markgrafen.“ Und nahm ſein Schwert auf und ging durch den Saale, feſten Schritts, als wär er ein junger Mann, und wagt es keiner ihn zu hindern oder ihm zu antworten auf ſeine ſtolze Rede. Sein Sohn aber, Herr Eckhard, und ſeine Freunde gingen ihm nach und ließen die Andern den ſchlechten Handel weiter berathen. „Herr Wolfram ging davon eiligen Schritts, und in ſeiner Herberge— die war„zum Ritter“ beim Dom,— wandte er ſich um zu ſeinem Sohn und ſprach:„friſch, Eckhard, zu Pferd, nimm die Knechte mit und reite auf Onolzbach und ſage meinem gnädigen Herrn dem Mark⸗ grafen an, wie ſie's mit ihm im Sinn haben. Es ſoll nicht acht Tage anſtehn, da reit' ich ihm zu mit allem, was ich zuſammenbringen kann.“— Aber Herr Eckhard ſchüttelte den Kopf und meinte:„ſo wollet Ihr doch nicht allein reiten, Herr Vater, und habt heut mehr als einen Feind gewonnen, und Thomas von Mehrenheim kennt Weg und Steg? Mirr iſt, ich ſehe Euch niemals wieder.“— Da lächelte Herr Wolfram ein weniges und ſagte gütig:„ſorge dich nicht, Sohn, meine Zeit iſt noch nicht kommen, und Vor der Chronik. 25 die edlen Herren, die ich hier um uns ſehe, laſſen mich auch nicht allein auf meinen Wegen. Habe du nur guten Muth und reite friſch zu.“ Und wandte ſich, ließ ſich wappnen und ſaß auf und ritt dem Thore zu, und ſie grüßten ihn in den Gaſſen und riefen ihm laut zu, denn ſie hatten ſchon davon gehört, wie mannlich der treue Mann geredet. Und kam noch am Abend desſelbigen Tags nach Ruhneck, denn er ritt ſcharf und ſparte die Sporen nicht. Da hat er noch weniger gefeiert und Knechte angenommen, ihnen Waffen geben laſſen und Pferde, und die Burg ward voll von ihnen und man mußte ſie auch in die Stadt drunten legen. Denn es ging wie ein Blitz durch's Land:„der Ruhnecker reitet dem Markgrafen zu Hülfe!“ und da mochtens viele mit ihm wagen. „Nun haben wir aber ſchon berichtet, daß Herr Wolf⸗ ram nach Kunigundens Ableben das dritte Weib genommen, das hieß Edeltrud Antonia und war eine Tochter Conrads von Hausberg. Die hatte Herrn Wolfram nur einen Sohn getragen, der hieß Rüdiger, wie ſein Bruder ſeliger, und wurde ein Rittersmann, der ſeiner Ahnen werth, wie her⸗ nach zu leſen; dazumal zählte er aber erſt fünfzehn Jahr' und war ein feiner ſchmächtiger Knab', der bisher noch keinen Feind geſehn, noch Wiſſenſchaft von Kampf und Schlacht empfangen, und wollte Herr Wolfram ihn erſt am St. Matthäitage ſelbigen Jahrs zu ſeinem Schwäher, dem Grafen von Elz, thun, daß er von ihm als ein Bub' gebraucht würde, und der Knabe freute ſich ſehr, wie ich hernach oftmals von ihm ſelber gehört, denn er hatte ein 26 Vor der Chronik. fröhlich Herz und einen guten Muth und grämte ſich ſchier, wenn er den Vater ausziehn ſah und die Brüder, und mußte ſelber daheim ſitzen. „Und als nun Rüdiger das alles erſah, die Knechte, die im Schloß lagen und in der Stadt, und die Hengſte ritt man zu auf dem Rain, und Meiſter Peter, der Rüſt⸗ meiſter, mit ſeinen Knechten hämmerte Nacht und Tag in dem kleinen Thurm, den man den„Buckel“ heißt, und Herr Wolfram ging umher ſtrengen Augs und ſah alles, war aber fröhlich und ſchier jugendfriſch, da hielt das Herrlein es nicht länger, trat ſeinen Vater an und ſprach kecklich: „aber Herr Vater, ich ſeh', Ihr wollt ausreiten, wie Ihr's lange nicht gethan. Allein wo meine Waffen ſind und mein Hengſt, das ſeh' ich nicht, und habt mir doch ver⸗ heißen, Herr Vater, dazumal, daß ich auf das nächſte hinter Euch reiten ſollte.“ „Herr Wolfram lächelte, denn ihm gefiel des Knaben kecker Muth, legte ihm jedoch die Hand auf das Haupt und ſagte milde:„Kind, das iſt kein Ritt zu Luſt und Schimpf. Da braucht's feſter Platten und ſtarker Hauben, und wird mancher ſtreitbare Mann darniederliegen und nicht heimkeh⸗ ren zu den Seinen.“— Und Herrn Wolframs Sohn, Herr Reinhard, der war ſelbigen Tags herübergekommen von der Hinterburg, wo er dazumal hauste mit ſeinem jungen Weibe, Jutta von Bernſee, der fuhr den Knaben an und ſchalt ihn, daß die Buben ſchweigen ſollten, wo die Männer zu reden hätten; Herr Wolfram aber lächelte wieder und meinte: „laß ihn! Er iſt wie er iſt, und die Ruhnecker ſind allzeit Vor der Chronik. 27 nicht anders geweſen, wie ich wohl vernommen. Diesmal aber bleibſt du daheim, Kind, und horchſt fleißig auf die Worte Vater Auguſtins und reiteſt aus mit Meiſter Peter und magſt lernen die Platten tragen und das Schwert führen und die Lanze, daß du beſtehſt, wenn du alsbald mit meinem lieben Schwäher, Herrn Sigmund, reiteſt, wie du wohl magſt, wenn die Zeit da.“— „Da ging Herr Wolfram fort mit ſeinem Sohn und den Herren, und das Herrlein hing den Kopf, denn es war traurig, und klagt' es Meiſter Petern. Aber der wußt' ihm auch keinen Troſt, denn Herr Wolfram ſprach nicht zweimal von demſelben Ding. Und mittlerweile war's der ſiebte Tag, wie der Herr Graf verheißen, und er befahl ſein Haus, Weib und Kind in die Hände Herrn Sebalds, von dem wir oben gemeldet, nahm einen fröhlichen Abſchied und ritt aus von der Ruhneck, und war's an St. Marci Abend, des heiligen Evangeliſten, da man ſchrieb nach unſeres Herrn Geburt 1471 Jahr'. „Nun ſollſt du aber wiſſen, der du nach hundert und wieder hundert Jahren dieſes lieſeſt, und ſollſt es aufbe⸗ wahren in getreuem Herzen, was ich dir ſagen will von dem Rüdiger, der war ein Knab' und noch nicht fünf⸗ zehn Jahr'. Sein junges Herz war ihm ſchwer, da er den Vater reiten ſah und die Brüder und all die Herren, und er ſollte daheim bleiben! Und ſein Blut ſprang und ließ ihm nicht Ruh', und er ward ſchellig, und andern Morgens da es noch zeitig war und die Sonne noch nicht auf, ſo kam er und ſagt' zu Meiſter Petern:„ich kann nicht ſchlafen, Vor der Chronik. ich will mir mein Pferd ſatteln und als in den Forſt, ob ich eine Sau treffe. Du ſollſt mir keinen Knecht mitgeben, dieweil ich lernen will mir ſelber helfen.“— Und Meiſter Peter, der hatte eine Freud' an des Herrleins friſchem Ge⸗ müth, der ſagte:„reitet, Junker, und haltet Euch wohl, der Herr Graf hat Euch mir hart anbefohlen. Und will ich Euch treffen vor Mittag bei der Königstanne.“ „Das Herrlein ſpricht:„wohl!“ und auf, reitet durch das Städtlein und immer weiter, eilend Berg auf und ab und durch Thalingen, die Stadt, und ſie ſehen ihn an und ſagen:„das iſt ein Bot', den ſchicken ſie von der Ruhneck unſerm gnädigen Herrn dem Grafen nach,“ und verrathen dem Knaben wohl Straße und Weg, ſo der Alte geritten. Und der Knabe ſäumet nicht und denkt an nichts, als wie er ſeinen Herrn Vater erreiche, und als es gegen Abend iſt und er iſt müd', denn als geſagt, war es ein feines Herrlein und zart, aber ſtarken Herzens, reitet er an Wenningen vorüber, das iſt ein Städtlein unten am Wald. Da ſieht er hinter der Höhe einen reiſi⸗ gen Zug hervorkommen und ſchaut gut zu, denn das Land war voll Unruhe und Fehden, und erkennt ſeinen Herrn Vater, der reitet voran mit Herrn Philipp von Heßberg. „Da erhebt das Herrlein ein großes Freudengeſchrei und ſprengt heran und ſie erkennen ihn nicht, dieweil er ſo ſtreng geritten und voll vom Staub des langen Wegs. Aber Herr Wolfram ſchaut ihn an und fragt ihn mit Ernſt: „was bringſt du?“—„Mich ſelbſt, Herr Vater,“ ſagt der Knabe unverzagt. Und da hebt Herr Wolfram die Hände Vor der Chronik. 29 gen Himmel und die Augen und ſpricht einfältiglich:„ſo dank' ich dir, heiliger Gott, daß du mir alten Mann noch ein ſolches Zeichen gibſt, wie du es meinſt mit denen von Ruhneck, und daß du mich ſolche Freude erleben läßeſt an meinem Kinde und iſt doch noch ſo jung! Ich ſeh's wohl und freu mich deß— Ruhneck iſt noch oben!“ Und als er ſo geredet, winkt er den Knaben an ſeine Seite, ſpricht mildiglich mit ihm, zeigt ihn auch den Herren und Freun⸗ den, ſo mit ihm, als ſeinen liebſten Sohn. Und zogen alſo fürder bis auf einen Ort, der heißt Schrozberg und iſt Hohenlohiſch. Da hielten ſie an und harrten des Markgrafen.“—— Der Vorleſer ſchwieg und erhob das glänzende Auge von den Blättern der Chronik mit einem fragenden Blick. Der ältere Herr hatte inzwiſchen ſchon ſeit einer ganzen Weile ſeinen Gang durch das Gemach beendet und lehnte nun, dem Jüngling gegenüber, am Tiſch, während ſeine dunklen ſtolzen Augen gedankenvoll auf dem andern jungen Manne ruhten, welcher noch immer von Zeit zu Zeit die Blöcke im Kamin hin und her und zuſammenſchob, daß helle Funkengarben bis in den Rauchfang emporſtäubten. „„Nun ſollſt du es aber wiſſen?““ ſprach der Herr jetzt plötzlich im ernſten, recitirenden Ton, wie er zu den alten Worten paßte, die er wiederholte,„„der du nach hundert und wieder hundert Jahren dieſes lieſeſt, und ſollſt es aufbewahren in getreuem Herzen, was ich dir ſagen will von dem Rüdiger, der war ein Knab' und noch nicht fünfzehn Jahr'.““— Ja, Ulrich, ja, es iſt genug,“ unter⸗ 30 Vor der Chronik. brach er ſich dann, als bemerke er erſt jetzt den fragenden Blick des Jünglings.„Ich danke dir, mein Kind, daß du mich die lieben alten Worte und die unvergeßliche That des wackern Knaben wieder einmal vernehmen ließeſt. Wollte Gott— nun, was gibt's denn zum Kukuk?“ unter⸗ brach er ſich nochmals und ſchaute zürnend auf und ſich um, denn in dieſem Augenblick flog das Schüreiſen klirrend in die Ecke, der Stuhl wurde heftig zurückgeſtoßen, und der junge Mann ſtürzte mit einem dumpfen Laut an den Andern vorüber, der Thür zu und warf ſie hinter ſich ins Schloß. Das war ſo ſchnell, ſchneller als man's zu ſchildern vermag, geſchehn, daß es ſchon durch dieſe Schnelle und Plötzlichkeit die Anweſenden erſchreckt hatte. Die junge Dame war von ihrer Arbeit, Ulrich von der Chronik auf⸗ gefahren, und beide warfen nun bald einander, bald dem älteren Manne ſcheue Blicke zu. Der letztere aber faltete jetzt die Arme wieder über die Bruſt, und indem er das Haupt den Andern langſam zuwandte, ſprach er mit einem leiſen Zucken um den Mund:„nicht einmal vor Worten hält er Stand!— Aber ich ſeh's ſchon, ich muß demnächſt einmal ernſter mit ihm reden, denn dies iſt nicht länger zu dulden. Mein Vater war über neunzig Jahr', da er ſtarb, und wir Kinder ſchon alle bejahrte Leute, aber hätt' es einer von uns noch am letzten Tage ſeines Lebens gewagt, eine ſolche Scene vor ſeinen Augen aufzuführen, ich glaube, aaamm letzten Tage ſeines Lebens hätt' er ihn von der Ruhneck 8 hinausgeſtoßen ins wohlverdiente Elend.“ So redete er Vor der Chronik. 31 heftiger und heftiger werdend und ſchritt dabei mit ſchweren Tritten das Gemach hinauf und hinab. Dann, wie von einem plötzlichen Entſchluß erfaßt, brach er ſeinen Gang kurz ab und verließ gleichfalls das Zimmer. Die beiden jungen Leute blieben allein, beide mit geſenkten Blicken. „Ich weiß nicht mehr, wohin das führen ſoll,“ be⸗ merkte Ulrich nach einer langen Pauſe mit gedämpfter Stimme und ließ die Blätter der Chronik durch die Finger gleiten, daß ſie leiſe rauſchten;„wenn es in dieſer Weiſe ſchlimmer von Tag zu Tage wird und beide ſo fortfahren wollen—“ „Du vertheidigſt Eckhard?“ fiel ſie ihm ins Wort, ohne von der Arbeit aufzuſehn. „Gewiß, Beatrix!“ erwiderte er lebhaft.„Jeder Menſch hat am Ende das Recht, ſeinen Stand zu wählen und ſeinem Beruf zu folgen. Es iſt zwar ganz ſchön mit dem Familien⸗Herkommen und ſolchen alten Ueberlieferungen, wie ſie bei euch gang und gebe ſind, allein zum baren un⸗ verſtändigen Zwang müſſen ſie nicht werden und am wenig⸗ ſten bei einem Menſchen, in welchem nichts für ſie ſpricht. Weßhalb ſollte Eckhard nicht ebenſogut ſein Glück daheim ſuchen als im Felde? Ich verſtehe deinen Vater nicht, Beatrix. Es iſt ſein letzter Sohn, und der Tod kennt die Ruhneck und bevorzugt ſie, wie es ſcheint, ganz beſonders.“ Sie ſah noch immer nicht auf, aber ihre feinen Finger zupften mit einer gewiſſen Heftigkeit die Fäden aus dem dünnen Gewebe, und mit einer Härte, die ſicher niemand in dieſer, wenn auch ernſten und hohen, doch noch jugend⸗ 32 Vor der Chronik. lich zarten und ſchlanken Geſtalt, hinter der ſtolzen, ruhigen Schönheit ihrer klaſſiſch rein geſchnittenen Züge geſucht hätte, verſetzte ſie nur kurz:„beſſer todt mit Ehren, als am Leben mit Unehre.“ „Beatrix!“ rief er faſt heftig, und die Braue über dem geſunden Auge zog ſich finſter herab, und die ſchwarze Binde über dem andern bewegte ſich,„Beatrix, verſündige dich nicht! Es iſt dein einziger Bruder, der letzte ſeines Stammes und die einzige Hoffnung deſſelben! Er hat keine Neigung Soldat zu werden, wie es die Seinen ſonſt pflegen, und will lieber den Künſten des Friedens, ſeinem großen Beſitz und ſeinen Unterthanen leben, und du Eedeſt von Unehre? Dein eigener Vater—“ „Der Vater wäre nie daheim geblieben, wenn er es aushalten könnte, längere Zeit zu Pferd zu ſitzen,“ fiel ſie ihm herb ins Wort. „Das glaubſt du jetzt, das meint und ſagt er ſelbſt vielleicht,“ ſprach er wieder ruhiger.„Allein es fragte ſich noch, was er gethan, wenn er den ſchweren Schaden nicht hätte. Die Ueberlegung iſt wenigſtens leicht anzuſtellen, daß ein ſolcher Beſitz kaum des Herrn, ein Heer aber gar wohl eines einzelnen, auch noch ſo tüchtigen Mannes ent⸗ behren kann. Der Einzelne nützt da wenig, auf den kommt's nicht an.“ Sie arbeitete haſtig fort und ſah noch immer nicht auf.„Das wäre ſchlimm, wenn alle ſo denken wollten,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„da würden aus dem Einzelnen viele und ſie fehlten. Aber Gottlob, ſo habt ihr alle auch Vor der Chronik. 33 nicht gedacht, nicht mein Onkel, nicht meine Brüder, nicht du, nicht dein Bruder Eberhard— nur allein Eckhard, er, den ich meinen—“ „Beatrix!“ unterbrach er ſie wiederum heftig und dies⸗ mal klang aus ſeiner Stimme ein ernſtliches Zürnen.„Halt ein, ſag' ich dir, und denke daran, es iſt dein einziger Bruder! Schäme dich! Ich gebe zu, er nimmt ſich in dieſer Sache nicht recht, dieſe Gereiztheit und Empfindlichkeit muß ihm, dem Vater gegenüber, nur ſchaden und läßt ihn auch ſeiner Stellung vergeſſen. Alkein wie euer Vater nun ein⸗ mal iſt, find' ich auch viel, was Eckhard entſchuldigt. Dies ewige Mäkeln und Andeuten, dies ewige Anzapfen, deutſch heraus geſagt, muß ihn zur Verzweiflung bringen. Und beim Zeus, hätt' ich gewußt, was kommen würde, dein Vater hätte mich nicht zum Vorleſen dieſer dummen alten Geſchichten gebracht. Ich kenne Eckhard,“ ſetzte er hinzu und ſtand erregt auf,„ich kenne ihn faſt ſeit fünfzehn Jah⸗ ren, wie ihn keiner von euch kennt. Es war von jeher ein fröhlicher Burſch', der vor nichts zurückſchrack, waghalſiger und tollkühner als ich und hundert Andere. Er hatte das Herz auf dem rechten Fleck, wenn er auch nicht Soldat iſt und nun einmal keiner werden mag. Und ſo etwas verliert ſich in ein paar Jahren nicht, kann ich dir ſagen, Beatrix. 3 Das ſoll mir keiner einbilden. Laßt mich nur erſt wieder mehr mit ihm zuſammen ſein und quält ihn nicht ſo unmenſchlich, da wird er euch ſchon beweiſen, daß er auch daheim ein Ruhnecker iſt, ſo gut wie einer.“ Jetzt hatte ſie ihre Hände ſinken laſſen und ihre Augen 3 Hoefer, Ruhneck. 3 34 Vor der Chronik. zu ihm erhoben, wie er ſo heftig ſprach und ſo überzeugt, und ſie folgte ihm mit dem Blick, als er bei den letzten Worten von ſeinem Platz um den Tiſch herumkam und vor ihr ſtand und ſie ernſt anſchaute. Ihre Wange wurde ein wenig roth, ſie ſchlug auch die Augen wieder nieder, aber es ſtahl ſich dennoch ein leiſes, leiſes Lächeln in ihr Geſicht und umſpielte den kleinen Mund, und plötzlich ſtand ſie auf, ging zu ſeinem frühern Platz, ſetzte ſich und begann, nachdem ſie eine kurze Weile in dem ſchweren Bande hin⸗ und hergeblättert, mit ruhiger, aber heller Stimme zu leſen: „So wurde der löbliche Bund des bäueriſchen Auf⸗ ruhrs Meiſter, und der Herr Truchſeß hielt Land und Leute unter ſeiner gewaltigen Fauſt und machte das Wort der heiligen Schrift wahr, das da lautet:„ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen.“ Und war es ſo ſtill im Land, als wär' all die Unruh' ſchon hundert Jahr' lang voräber, und ſah und hörte man nichts mehr, außer man kam ins Land hinaus, da erſchaute man wohl das Ge⸗ trümmer der feſten Häuſer, ſo das unſinnige Geſindlein gebrochen, und die Elenden, die Blinden und Krüppel ſchlichen auf den Straßen ſcheu und jammervoll und baten um Gotteswillen, ſich ihrer Noth zu erbarmen. Mein gnädiger Herr, der Graf, war aber ſelbigen ganzen Som⸗ mer daheim, denn er mocht' nicht hinaus, dieweil er das Elend der armen Leute nicht ſehn wollt', und auch nicht den Uebermuth derer, die jetzt wieder oben waren.“ Beatrix machte eine Pauſe und horchte auf den Ton einer ſcharf angezogenen Glocke, der durch das Windgebrauſe Vor der Chronik. 35 hell zum Hauſe herüber kam. Auch Ulrich blickte gegen das Fenſter, da aber draußen alles ſtill blieb, wandte er ſich zu der Gefährtin zurück, und auch ſie ſenkte ihr Haupt wieder rauf's Buch, um fortzufahren. „Da kommt eines Morgens—'s war am Tag vor St. Egidien, wie ich's nie vergeſſe, mein gnädiger Herr, guckt zu mir in den Thurm und ſagt:„laß die Schriften liegen, Hartmuth, und geh' als mit mir. Ich habe Bot⸗ ſchaft von meinem lieben Herrn Georg von Frondsberg, mein Wolfram iſt ihm gar werth, hält ſich wie ein ächter Ruhneck und hat Ehre bei Hoch und Nieder. Wir wollen ein wenig in den Forſt gehn und reden, denn ich hab' was im Sinn, das ich nur dir allein ſagen mag.“ So nahm ich mein Barettlein, und wir gingen. Der Herr aber redete mit mir, was ich auch hier nicht ſagen darf, außer daß es von den armen Leuten, deren ihn jammerte, und wir kamen die Mulde hinauf, immer am Bach entlang und bis zu der Stelle, wo es links zur Königstanne hingeht. „Da rauſcht' es in den Büſchen, und da wir aufblick⸗ ten, ſtand ein Aegyptiſch Weib vor uns, ſchier ſchwarzbraun, und mit ſtruppigem grauem Haar, und Augen ſo ſcharf, daß mir darob grauete, und fuhr ich zurück. Aber mein Herr Graf ſtand ruhig da und ſchaute die Vettel ernſthaft an und fragte:„was willſt du, Weiblein?“—„Ich? Nichts, Goldſohn,“ ſagte ſie;„komme von der Hinterburg und will als wieder zu meinen Kindern, die lagern drüben bei Schar⸗ fenberg, und wir wollen morgen weiter.“—„Das rath' ich dir auch, Weiblein,“ meint der Herr Graf,„der Vogt dort 36 Vor der Chronik. liebt eure Art nicht. Und ſo geh' mit Gott.“— Aber ſie ging nicht, ſah ihn vielmehr ſo ſcharf an, daß mir wiederum ganz bange ward um den edlen Herrn, haſchte auch nach⸗ ſeiner Hand und ſprach:„ich ſeh' was in deinem Geſicht Goldſohn, das iſt was Großes. Reich' mir deine Hand, daß ich dir ſage von dir und deinem Stamm.“— Ich zupfte den Herrn am Wamms, daß er ihr einen Tritt gebe und ein Kreuz ſchlage, aber er lächelte nur und bot ihr die Hand dar und ſagte:„ſo ſprich, Weiblein.“ „Da ſchaut' ſie hinein eine lange Zeit und beachtete alle Lineamente, und endlich ſah ſie auf und den Grafen an, wie ehrfürchtig, und redete ſchnell:„ich hab's gewußt, du biſt ein großer Herr, der Graf droben aus dem ſtolzen Haus, man heißt dich den Alten von Ruhneck, das Land gehört dir weit umher, und der böſe Vogt zu Scharfenberg iſt dein Diener. Er iſt böſe, aber du haſt Erbarmen mit den armen Leuten, und ſie danken's dir und keiner hat dich geſchädigt. Du biſt ein Kriegsmann von jungauf, ſchon als Knab biſt du mit deinem Vater geritten und haſt ihm Freude gemacht. Und Freude und Glück haſt du ſelbſt viel gehabt und ſollſt es haben, und dein Stamm nach dir. So lange die Ruhnecker des Schwerts nicht vergeſſen, werden ſie ge— waltig ſein unter den Menſchen, und ihr Haus wird unge⸗ brochen ſtehn.“ „Und wie ſie das geſagt, wiſchte ſie davon und war fort, ich weiß nicht wie. Herr Rüdiger aber ſchüttelte den Kopf und lachte und ſprach:„das iſt mir eine wohlfeile Kunſt, den Leuten zu ſagen, was das ganze Land von ihnen Vor der Chronik. 37 weiß. Doch von meinem Stamm, das nehm' ich an, kann's mir auch wohl gefallen laſſen. Denn daß ein Ruhnecker des Schwerts vergißt, das kommt nur, wenn die Welt zu Ende. Deß mag ich mich wohl getröſten.— Ruhneck oben!“ Sie hielt inne und erhob das ſchöne, durch die gebeugte Haltung leicht geröthete Geſicht zu ihm, der, wie vorhin der Alte, ihr gegenüber an den Tiſch getreten war, ſich jedoch auch behaglich auf die Ecke deſſelben geſetzt hatte. „Siehſt du es nun, Ulrich,“ ſagte ſie,„daß der Vater nicht ſo unrecht hat, außer ſich über Eckhards Treiben zu ſein? Es iſt ja nicht allein, daß er nicht Soldat werden will, nein, dies iſt um vieles drohender und ſchlimmer in des Vaters Auge als je ein noch ſo bitterer Vorwurf über ſein Daheimbleiben ſein könnte! Den hat er nur ſelber zu tragen, hier aber muß ſein ganzer Stamm mit ihm und durch ihn leiden.“— Er ſah ſie lächelnd und zugleich kopfſchüttelnd an.„Ich verſtehe dich nicht, Mädchen,“ meinte er. „Nun, bei Gott, die Prophezeiung iſt doch deutlich genug! So lange die Ruhnecker des Schwerts nicht ver⸗ geſſen, werden ſie—“ „Nun, bei Gott,“ unterbrach er ſie wieder mit ſchel⸗ miſchem Lächeln,„ich weiß nur, daß die Prophezeiung falſch iſt. Denn die Ruhnecker ſind ja meiſtens durch's Schwert umgekommen, wie dir wohl bekannt. Euer Haus ſteht freilich noch.“ „Spotte nicht!“ rief ſie erregt.„Bei uns kommſt du 38 Auf neutralem Boden. mit deinem Unglauben nicht weit! Der Vater glaubt ſo feſt an dieſe Worte, wie alle ſeine Vorfahren—“ „Und du, Beatrix? Glaubſt du auch, daß ein dummes altes Weib mehr von der Zukunft zu ſagen vermag, als die klügſten Köpfe aller Völker und Zeiten— das heißt: mehr als nichts?“ In dieſem Augenblick wurde die Thür ziemlich raſch geöffnet, der Graf kam in ungewohnter Eile herein und zu den beiden jungen Leuten an den Tiſch. Er hielt Papiere in der Hand. „Das iſt eine Nachricht,“ rief er,„von der ich nicht weiß, ſoll man ſich mehr über ſie freuen oder ärgern! Mein Bruder ſchreibt, daß er kommt, ſobald er Urlaub erhalten. — Kinder, Friedrich iſt Sieger, aber der Sieg iſt mir nicht groß genug nach all dieſen Opfern, für einen ſolchen Mann, deſſen Name heller ſtrahlt als alle Geſtirne des Himmels. Die Friedensnachricht von neulich zeigt ſich wirklich als wahr. Der Friede iſt am Fünfzehnten des Februarmonats zu Hubertsburg abgeſchloſſen worden.“ III. Auf neutralem Boden.. „Das iſt übrigens eine ſchöne Geſchichte!“ ſprach Ulrich am folgenden Morgen halb ärgerlich, halb lachend zu Bea⸗ Auf neutralem Boden. 39 trix, mit der er wieder in dem ſchon beſchriebenen großen Zimmer, diesmal aber an einem der hohen Fenſter weilte. „Zwei volle Tage, einen Abend und einen Morgen in Ruhneck und noch nicht im ‚Steinhauſet geweſen, ja der Wahrheit gemäß, noch nicht einmal an das alte warme Neſt gedacht— das iſt mehr als zu begreifen, und verdient wirklich Strafe! Die beiden Alten werden es mir aber auch nicht ſchenken, weiß ich.“ „Aber in der That, Ulrich, auch ich verſteh' es nicht,“ entgegnete ſie und ſchaute von ihrer Arbeit, einer großen Stickerei, auf.„Sonſt ſteckteſt du doch ſchier Tag und Nacht dort, und jetzt— haſt du denn ein ſo treuloſes Herz?“ „Treuloſes Herz?“ wiederholte er im neckenden Ton und erwiderte ihren freundlichen Blick mit einem gar glän⸗ zenden und heiteren.„Und das wagſt du mich zu fragen? Fünf Jahre, faſt auf Tag und Stunde, bin ich fern von euch geweſen und habe ſo gut wie nichts von euch geſehn oder gehört, und da ich zurückkomme— ſchwebt und taumelt der arme Schmetterling gleich wieder in der alten Weiſe um das verlockende Licht! Was war's denn anders, was mich die zwei Tage im Schloß hielt und an nichts außer⸗ dem denken ließ, als deine verführeriſchen, tief glänzenden Augen, Couſine?“— Sie wandte dieſe geprieſenen und in der That wunder⸗ voll großen und tiefen blauen Augen langſam zur Arbeit zurück und erröthete flüchtig, aber bis in den Nacken.„Rede keinen ſolchen Unſinn, Ulrich,“ ſagte ſie, die Nadel weiter 40 Auf neutralem Boden. führend.„Du biſt wirklich lange fortgeweſen, ſonſt würdeſt du wiſſen, daß ich dergleichen gar nicht liebe.“ „Unſinn?“ fragte er zurück und lehnte ſich leicht auf das Tiſchchen vor ihr in der Fenſterniſche.„Seit wann heißt die Wahrheit Unſinn, Beatrixr? Was ihr hier für neu⸗— oder iſt's eine altmodiſche?— Phraſeologie habt! Aber es hilft nicht— wahr bleibt wahr, deine Augen ver⸗ zaubern mich, um ſo mehr, da ich nur noch eins habe, ihrem gefährlichen Blick Trotz zu bieten! Und mein werther Herr Bruder iſt ein Glückskind erſten Ranges— fünfundzwanzig Jahre alt, Stammherr von Hohenengen, reich, wohlgebildet, kreuzgeſund und glatt wie ein Fiſch, Rittmeiſter im Regi⸗ ment Lentulus, Liebling Sr. Majeſtät und der Grafen von Alt⸗ und Neu⸗Ruhneck, und alleiniger Herr und Beſitzer der zwei ſchönſten—“ „Nun gehſt du aber den Augenblick, Narr!“ rief ſie und warf das Köpfchen auf. Das Geſicht glühte, und die Augen blitzten, allein es war kein Lächeln darin und keine Heiterkeit über ſeinen Scherz, ſondern ein ſichtbarer, leb⸗ hafter Verdruß. 3 „Couſine!“ bat er dennoch in neckendem Ton. „Geh!“ rief ſie wieder faſt heftig. 1 „Ich gehe ja ſchon, Grauſame, Hartherzige!“ verſetzte er lachend.„Ich muß mich nur zur Mama Rudhard flüch⸗ ten. Denn wenn ſie mich auch tüchtig auszankt, meint ſie's doch gut mit mir und wird mich ſchon vor dir ſchützen, du böſe, gefährliche Fee!“ Er eilte munter lachend davon und hinaus und ſah Auf neutralem Boden. 41 den Blick nicht, den das Mädchen ihm folgen und noch lange Zeit auf der Thür haften ließ, hinter der er verſchwunden. Er war ſeltſam, dieſer Blick— ſo tief, ſo träumeriſch, ſo ſchwermüthig, und doch auch wieder leidenſchaftlich und hin⸗ gebungsvoll, wie er nur aus einem vollen, heißen Herzen emporſteigt, und wie er den, dem er gilt, wieder bis ins volle Herz hinein trifft und beſeligt. Allein Ulrich ſah den Blick nicht, der doch auch wohl nur dem Fernen gehörte, deſſen Bild ſein Scherz heraufbeſchworen, und Beatrix— wußte ſie überhaupt von dem, was in ihren Augen träumte? Er eilte indeſſen fröhlich und ſorglos den Corridor entlang, die Treppe hinab und drunten auf den Hof, wo mit Ausnahme der durch Kommende und Gehende getretenen Fußwege der Schnee in wellenförmigen, blendend weißen Maſſen lag. Der Sturm hatte ſich gegen Morgen gelegt, nun blitzte die Sonne vom ſcharf blauen Himmel, und der leichte Wind, der von Südoſt her über die ‚Muldet daher kam, brachte eine ſchneidende Kälte. Ulrich ſchüttelte ſich und trabte händereibend über den weiten Hof dem würfelförmigen Gebäude zu, welches am Thore liegend, den Eingang be⸗ herrſchte und, wie wir ſchon zu Anfang dieſer Geſchichte berichteten, zwiſchen ſich und dem gegenüber liegenden ähn⸗ lichen Hauſe nur einen Pfad offen ließ, der nicht breiter war als das durch die dicke Mauer gewölbte Thor ſelbſt. Es war ein ſehr feſter Bau und hieß darum auch ‚das Steinhause. Da öffnete er die ſchwere, mit großen Nägeln beſchlagene Thür, trat in den faſt dunklen kleinen Flur und dann in das gleichfalls nur dämmerhelle Zimmer rechts, 42 Auf neutralem Boden. deſſen behagliche Wärme dem jungen Manne ein höchſt zu⸗ frieden klingendes lautes„Ah!“ entlockte. „Na, das geſteh' ich, das iſt ein Beſuch, den wir nicht erhofft, nicht wahr, Alte?“ ſprach der bejahrte Mann, der ſich aus dem eichenen Lehnſtuhl zu ſeiner vollen, noch unge⸗ beugten Größe erhob, zu der anſcheinend noch älteren Frau, welche in einem ähnlichen, mit Kiſſen ausgelegten Stuhl nicht fern vom Fenſter ſaß und ein dunkelbraunes Spinnrad in Bewegung erhielt, daſſelbe aber nun zurückſchob und ſich jetzt gleichfalls, wenn auch nur halb und mühſam, aufrichtete. „Herr Graf Ulrich—!“ Aber weiter brachte er ſeine einigermaßen empfindlich betonte Rede nicht, denn der Graf war ſchon neben ihm, ſchüttelte ſeine Hand, ſprang dann zur Alten, um deren Rechte herzlich in beide Hände zu faſſen und rief heiter: „da bin ich, ihr alten Freunde! Und nun zankt, wie ihr Luſt habt, aber ſpielt mir nicht die Empfindlichen! Ihr könnt's euch ſelber ſagen, daß ich bisher drüben im Schloß genug zu erzählen und noch mehr zu hören hatte.“ „Das iſt leider Gott's richtig,“ ſprach der ſchnell ver⸗ ſöhnte Alte.„Es iſt ein Kreuz da drüben! Na, gebt mir die Hand, Graf Ulrich, und ſeid von Herzen willkom⸗ men auf der Ruhneck!“ Und die Frau, die den jungen Mann bisher ſchweigend angeſehn, erhob jetzt die kleine runzlige Hand zu den Augen, um eine aufſteigende Thräne wegzuwiſchen, und ſagte tief bewegt und zärtlich:„ach das liebe, arme Herz, wie haben Auf neutralem Boden. 43 die böſen Menſchen ihm draußen mitgeſpielt! Ich werde dich nie anſehn können, ohne zu weinen, du armes Kind!“ „Na, Mutter, zum Dutzen iſt er nun doch wohl zu alt,“ meinte der Mann leiſe lächelnd. Aber Ulrich unterbrach ihn raſch und ſprach, indem er beide Arme um die kleine alte Frau legte:„hört, Herr Benedictus Rudhard, wenn Ihr ſolche Worte redet, kommt das Erzürntſein an mich und ich verſteh's gründlich, kann ich Euch verſichern. Was habt Ihr Euch überhaupt in meines Mütterleins und meine Angelegenheiten zu miſchen, Ihr großer alter Menſch?“ Und indem er die Frau feſt an ſich drückte, ſenkte er den Kopf zu ihr nieder und küßte zärtlich ihre Stirn, und ſetzte heiter hinzu:„ſo, Herr Bene⸗ diet, ſo ſtehn wir; werdet eiferſüchtig, wenn Ihr wollt, wir fragen wenig darnach. Und nun, ihr alten Lieben, laßt uns ſitzen und plaudern. Gott ſegne euch beide, daß ihr den wilden Burſchen ſo treu im Herzen behalten.“ „Wenn ich nur nicht immer die ſchwarze Binde ſehn müßte!“ ſagte die Frau und ſchüttelte wehmüthig den Kopf. „Ich muß ſtets an das arme todte Aug' dahinter denken! Gott im Himmel, wie gehn deine Menſchen mit einan⸗ der um!“ „Laßt es nur gut ſein, Mütterchen,“ erwiderte er heiter und zog ſich einen Stuhl heran;„ich hab' auch aus⸗ getheilt, könnt Ihr glauben. Und im Uebrigen iſt's nun, da ich die lange Krankheit überſtanden, gar nicht ſo arg. Ich ſehe mit dem einen Aug' nur um ſo beſſer, ſo gut wie mit drei.“ 44 Auf neutralem Boden. „Ja, und krank biſt du ja auch geweſen, ſo lange Zeit, in dem armſeligen Neſt, wie der Herr Graf uns erzählte,“ klagte ſie wieder, ohne ihre Augen von ſeinem Geſicht zu wenden, während ihr Fuß ſchon unwillkürlich nach dem Trittbrett des Rades austrat.„Du ſiehſt auch noch küm⸗ merlich genug aus.“ „ Das bildeſt du dir nur ein, Alte,“ ſchob der Mann dazwiſchen, der ſich inzwiſchen gleichfalls geſetzt.„Ich ſehe nichts, als daß er nicht mehr der dicke Junge iſt, der uns vor fünf Jahren verließ.“ „Und ich ſelbſt fühle nichts davon,“ ſetzte Ulrich fröhlich hinzu.„Die Reiſe und die Heimatsluft haben mich völlig geſund gemacht, und was noch fehlt, werdet ihr beide wieder herauspflegen, denn ich bleibe für's erſte hier.“ So redeten ſie noch eine ganze Weile fort, und die alte Frau war ſchier unerſättlich von den einzelnen Erleb⸗ niſſen ihres Lieblings zu hören, der als Mündel des Grafen auf Ruhneck erwachſen war, bis er im ſiebzehnten Jahre zur Armee des großen Friedrich ging und die letzten blu⸗ tigen Zeiten des ſiebenjährigen Krieges tapfer mitkämpfte. Er hatte ſich unter den Augen des Königs ſelber mehr als einmal rühmlich hervorgethan, war bereits Lieutenant ge⸗ worden, was damals nicht ſo ſchnell ging, wie zu unſerer Zeit, und hatte die brillanteſte Carriere vor ſich, als er in der letzten Schlacht des Krieges, bei Friedberg, die furcht⸗ bare Wunde erhielt, die ihn das Auge koſtete und für ein paar Monate auf's Krankenlager warf. „Ja,“ ſprach die Frau endlich kopfſchüttelnd,„du haſt Auf neutralem Boden. 45 es wohl ſchon weit gebrächt, Ulrich, und eigentlich will ſich's, wie ich jetzt meinem Alten nachfühle, kaum noch ſchicken, daß ich dich Du—“ „Fangt Ihr nun auch noch an, Mütterchen?“ fiel er ihr mit komiſchem Zürnen ins Wort.„Was, beim Zeus, ſpuken in euch Beiden für Thorheiten? Bin ich nicht von meinem ſiebten Jahre an bei euch daheim und mehr unter euren Augen groß geworden, als unter denen meines ge⸗ ſtrengen Herrn Vormundes? Wie ſolltet ihr denn da zu ſo hochvornehmen Anreden kommen, zumal ich gerade der⸗ ſelbe Ulrich bin, der ich ſtets geweſen?“ „Ja, Gott weiß, daß du noch daſſelbe liebe Herz biſt,“ meinte ſie, innig zu ihm hinübernickend.„Aber was ich ſagen wollte— ſolcher Ruhm iſt ſchon recht und mag ſchön ſein und verlockend, aber für jedermann iſt er nicht. Es iſt zu viel Blut und Unmenſchlichkeit dabei. Und was auch die Andern ſagen mögen— ich verdenk' es unſerm Eckhard nicht, daß er mit dem wilden Handwerk nichts zu thun haben mag. Schüttle nur den Kopf, Alter,“ fügte ſie gegen den mißbilligend dreinſchauenden Gatten gewendet hinzu,„ich ſprech' es hier ſo gut aus, wie immer und wie vor dem Herrn ſelber: grade Graf Rüdiger ſelbſt beweist's uns, daß man auch daheim was vor ſich bringen kann und ſich auch mit dem Friedenswerk einen Ruhm und guten Namen macht. Man kennt weit und breit keinen beſſern Herrn als den unſern, und den Ruf hat er ſich nicht von ſeinen paar Soldatenjahren heimgebracht, ſondern durch ſein langes friedliches Leben und Treiben auf der Ruhneck erlangt.“ 46 Auf neutralem Boden. „Na, Gott ſei Dank, iſt's nun wieder einmal heraus?“ fragte Herr Benedict mit grämlichem Spott.„Ihr müßt nämlich wiſſen, Graf Ulrich,“ ſetzte er hinzu,„es iſt mit der Alten noch grade wie vordem— ſie gibt keine Ruhe, bis ſie heraus hat, was ſo nach und nach ſich in ihr zu⸗ ſammengebraut, mag's paſſen oder nicht.“ „Laßt mir mein Mütterchen zufrieden,“ meinte Ulrich gutgelaunt.„Sie weiß ſchon, was ſie zu thun hat und zu ſprechen. Und was ſie eben ſagte— darin ſtimm' ich ganz und gar mit ihr überein.“ „Na, Gott ſei Dank,“ ſagte Benedict wieder im frü⸗ heren Ton,„nun iſt's vollends recht, Alte, da du ſolche Hülfe kriegſt! Nun kann ich wohl aufpacken und muß mich ſalviren! Möchte einzig nur noch wiſſen, was denn neuer⸗ dings dein Herz ſo voll gemacht hat, daß es partout über⸗ laufen mußte?“ „Ei, was wird's ſein!“ rief der Graf dazwiſchen.„Da bin ich nun gekommen und habe ſie weich gemacht, und natürlich redet ſie mir zuerſt von dem, was uns allen ſo nahe liegt und mir doch im Ganzen noch durchaus unklar iſt. Das iſt begreiflich, mein' ich.“ Die Frau ſchüttelte den Kopf.„Halb iſt's richtig,“ ſagte ſie,„halb aber auch nicht. Du weißt, wie ich an dem jungen Herrn hänge, den ich ebenſogut aufgezogen habe wie dich, wie ſeine Brüder, ſeinen Vater und Onkel, ja mehr, denn der arme Schelm war ja noch nicht fünf Jahre alt, wie unſere liebe Gräfin ſtarb. Der liebe Gott hat mir nie eigene Kinder gegeben,“ ſprach ſie weiter;„aber Auf neutralem Boden. 47 ich habe ſie auch nie entbehrt, die jungen Herrſchaften traten für ſie ein, und auch du, Herzenskind. So muß ich denn wohl an euch theil nehmen, und nun gar an dem Eckhard, der ja ſchier täglich bei mir aus und ein geht, den ich noch ſehe als Kind, wie er ſo jauchzend glücklich war, und her⸗ nach, da er heranwuchs, ein ſo ſchöner, ſtolzer, warmer Junge, wie das Herz eines Vaters ihn nur wünſchen kann! Dann ging er fort zur Univerſität und auf die Reiſe, aber als er vor einem Jahr zurückkehrte, war es noch ganz das alte Herz und Gemüth; aber nun— wie iſt's ſo anders! Sie quälen mir das Kind— ſündlich quälen ſie's, nicht wie einen verſtändigen, freien Menſchen! Dem letzten Hö⸗ rigen läßt der Rüdiger mehr freien Willen, als dem eigenen Sohn. Und wenn ich ihn anſehe, wie er ſo bleich ausſieht und ſo hager, mit ſo ſcharfen finſteren Zügen, ſo thut mir das Herz weh, und ich kann's nicht verwinden.“ „So denke ich mir denn, daß er auch heut Morgen hier war,“ bemerkte Benedict nach einer Pauſe, da auch ihn die ernſten warmen Worte ſeiner Frau keineswegs kalt gelaſſen.„Mir war's vorhin, als ſähe ich ihn über den Waffenhof ſtreichen. Hat's was Neues gegeben?“ „Das weiß ich nicht,“ entgegnete ſie traurig:„er redet ja zu mir nie von dieſen Dingen, obſchon es ihm recht gut bekannt, daß ich die Einzige bin, die es wirklich mit ihm hält, und daß ich bei Gelegenheit ihm doch nützen kann und will. Der Rüdiger hört ſchon noch auf mich, wenn ich ihm etwas ſage. Und der arme Junge muß ſich 48 Auf neutralem Boden. ſo gern ausſprechen wollen, mein' ich, mehr als je.— Hat er mit dir nicht geredet, Ulrich?“ „Nein, leider nein, Mütterchen!“ antwortete dieſer ach⸗ ſelzuckend.„Ihr könnt wohl denken, daß mich mein Vor⸗ mund und Beatrix in den zwei Tagen wenig frei gelaſſen, und Ihr ſagt ja ſelber, daß Eckhard ſchweigſam iſt— ich möcht' es verbittert heißen. Wo wir uns einmal allein trafen, wich er mir aus. Doch, hoffe ich, wird ſich das nun wohl finden, wo ich zur Ruhe komme, und es ſoll an mir nicht fehlen, denn ich denke im Ganzen genau wie Ihr und habe ſchon geſtern Abend der Beatrix meine Mei⸗ nung geſagt über dieſe unſeligen Zwiſtigkeiten. Ich fürchte nur, wenn der General kommt und mein Bruder, wird's nicht beſſer, ſondern ſchlimmer werden. Die kennen in der⸗ gleichen ſchwerlich irgend eine Schonung und verſtehn ſicher Eckhards Weiſe noch weniger als Vater und Schweſter.“ „Die kommen?“ fragte die Frau gedankenvoll. „Ja, Mütterchen,“ verſetzte Ulrich.„Es iſt ja geſtern Abend noch ein Bote angelangt, der einen Brief des Ge⸗ nerals gebracht hat. Er ſchreibt, daß der Friede wirklich abgeſchloſſen iſt—“ „Nicht möglich!“ unterbrach ſie ihn verwundert.„Sollten die Menſchen doch noch einmal wieder zur Vernunft ge⸗ kommen ſein?“ 1 „Es iſt richtig,“ erwiderte der junge Mann lächelnd; „wer nicht dabei war, konnte allerdings nachgrade glauben, daß es nie wieder Ruhe geben würde, aber in der Armee — Auf neutralem Boden. 49 ſind ſicher wenige, die mit dieſem Friedensſchluß zufrieden ſind. Mein Bruder freilich—“ „Ja, Graf Eberhard wird ſchon mit Freuden den bunten Rock ausziehn,“ ſagte ſie raſch, indem ſie ihre Au⸗ gen mit einem ernſten Blick zu Ulrichs offenem Geſicht er⸗ hob.„Es iſt ja beſtimmt, daß die Hochzeit werden ſoll, ſowie wieder Ruhe iſt und er ſeinen Abſchied hat. Nun hat's alſo keinen Anſtand mehr. Nahm die Beatrix ſeinen Brief fröhlich auf?“ Ulrich ſchüttelte leiſe den Kopf.„Es war kein Brief von ihm dabei,“ entgegnete er befangen.„Erfuhr er von des Generals Schreiben nicht, oder hatte er eine Sendung, die ihn entfernt hielt, oder hat er etwas Anderes vor— ich weiß es nicht. Geſchrieben hat er ſchon ſeit ſechs Wochen nicht, höre ich, und von ſeinem baldigen Kommen noch gar nichts erwähnt. Ich kann es mir wirklich nicht anders denken,“ ſchloß er,„als daß er Beatrix überraſchen will und mit dem General anlangen wird.“ Die alte Frau ſah ihn eine Weile nachdenklich an, aber ſie ſagte nichts. „Der Graf redete auch mir heut Morgen davon,“ be⸗ merkte Benedict jetzt.„Und ich ſage, ich freue mich auf die Herrſchaften, auch für den Eckhard. Denn er iſt zum Teufel doch ein Mann und wird auch was Anderes ver⸗ ſtehn als den Kopf zu hängen. Den Beiden gegenüber gilt's, er kann ſeine Anſichten ausſprechen und verfechten lernen und muß ſich ſeiner Haut wehren. Das iſt auch was werth.“ Hoefer, Ruhneck. 4 50 Auf neutralem Boden. „Ich freue mich auch für ihn,“ meinte die Frau wieder in der vorigen gedankenvollen Weiſe.„Es ſchiebt wenig⸗ ſtens die alten Gedanken und Pläne auf die Seite, wenn die Beiden da ſind, mit denen man für's erſte genug zu reden und zu verhandeln haben wird. Und wenn der Eck⸗ hard— ich meine den General— noch iſt wie früher, ſo haben wir den für uns. Er hat ſich ſein Leben lang ſelbſtſtändiger gehalten als ſein Bruder. Denkſt du noch daran, Benedict, als er damals— war's nicht anno 39 oder 402— hier zu uns ſagte: ihn hätte der Wille des Vaters nicht aus ſeiner Carriere und zur Heirath ge⸗ bracht— 2“ Die beiden Männer ſchwiegen, die Frau ſpann eifrig, und erſt nach einer Weile bemerkte Ulrich:„Ihr deutetet ein paarmal darauf hin, daß Eckhard grade jetzt noch etwas Beſonderes hätte, Mütterchen. Was iſt das? Ich muß vor allen Dingen klar ſehen, wenn ich irgendwie mich in dieſe Dinge hineinmiſchen ſoll. Nichts iſt ſchlimmer bei Erörterungen, wie ſie vielleicht zwiſchen meinem Vormund und mir vorkommen werden, als menn man vom Andern mit irgend etwas Beſonderem überrumpelt wird.“ „Da haſt du ſehr recht, Herzenskind,“ verſetzte ſie und ließ den Fuß ruhen;„ich kann dir aber nur Andeutungen geben; Beſtimmtes weiß ich ſelbſt nicht. Es ſcheint, der Rüdiger denkt auf eine Heirath für den Sohn—“ „Agnes!“ rief Benedict mahnend dazwiſchen. „Laß mich ausreden, Alter,“ ſprach ſie lebhaft und wandte ſich wieder gegen den geſpannt lauſchenden Ulrich. Auf neutralem Boden. 51 „Bei der Baronin in Greiffenſee iſt ſeit einigen Monaten eine Verwandte, Antoinette heißt ſie und iſt eine Geborene von Neuſtädt, alſo aus gutem Hauſe und ſehr reich, eine hübſche und luſtige junge Dame. Die iſt's.“ „Hat dir der Graf etwa davon geſagt?“ fragte Bene⸗ dict ziemlich heftig.„Solch Schwatzen, Rathen und Spio⸗ niren—“ „Laß du mich nur gehn, ich will ſchon vertreten, was ich thue und ſage,“ unterbrach ſie ihn.„Rüdiger hat mir nichts geſagt, aber die Baronin deutete auf einen ſolchen Plan hin, wie ſie vor Weihnachten hier war, und deren Pläne, wißt ihr, bleiben nicht bei ihr, ſondern kommen bald an den Mann, den ſie betreffen. Ich weiß es aber auch von der Beatrix und ſonſt. Kurz und gut, ſo iſt's, und das macht dem armen Jungen das Herz noch ſchwerer, denn er will nicht und— glaub' ich—“ ſetzte ſie zögernd hinzu,—„er kann jetzt auch nicht.“ „Dein Kopf iſt heut wie eine Kaninchenhecke, Alte,“ meinte Benedict ärgerlich lachend,„es reißt nicht ab mit Jungen— Einfällen, wollt' ich ſagen, und einer iſt immer bunter als der andere. Was um Gotteswillen haſt du nun wieder herausgebracht?“ Frau Agnes zog die Brauen zuſammen.„Hör',“ ſagte ſie wirklich heftig,„wenn du deine ſchlechten Späße machen willſt, wo es mir todesernſt zu Muth, da magſt du dich lieber davon machen in deine Ställe oder auf die Bahn, oder wohin du begehrſt, aber mich laß aus, Alter.“ „Aergert Euch nicht, Mütterchen, ſondern fahrt fort,“ 5² 4 Auf neutralem Boden. ſchob Ulrich halb ungeduldig, halb ergötzt durch den Zank der alten Leute ein. „Ei wie werd' ich denn vor dem— Heiden da noch viel reden!“ meinte ſie verdrießlich und ſpann ſo haſtig, daß der Faden riß. „Thut ſo, als wär' er nicht da, der Heide,“ ſagte der Graf lachend.„Was geht er uns beide an?“ „Haſt recht, Herzenskind. Ich kümmere mich auch nicht um ihn und ſein Gerede. Ja, ich ſage, ſo iſt's, und Eckhard will und kann nicht darauf eingehn, weil— weil er— verliebt iſt.“ „Verliebt!“ Ulrich ſchüttelte lachend den Kopf. Benedict aber ſprang auf, und nach der Pudelmütze langend, rief er:„nun wird's mir zu bunt und ich ſalvire mich! Viel Vergnügen, Graf Ulrich, und glaubt nicht zu viel!“ Damit verließ er das Gemach und ging gleich dar⸗ auf draußen am Fenſter vorüber, den Ställen zu. „Mütterchen,“ fing der Graf nach einer Weile wieder ernſter an,„Ihr müßt mir meines Zweifelns wegen nicht zürnen, denn die Idee, daß Eckhard, grade Eckhard ver⸗ liebt, und zwar ſo verliebt ſei, um deßwegen eine andere Heirath auszuſchlagen, iſt wirklich poſſirlich!“ Frau Rudhard ſchüttelte, ſelbſt lächelnd, den Kopf. „Ich zürne dir nicht,“ ſprach ſie wieder freundlich.„Hab' ich doch ſelber, als ich zuerſt darauf kam, mich ausgelacht und nachher, da es nicht zu leugnen, kaum meinen eigenen Sinnen trauen wollen. Es iſt jedoch richtig, ſage ich dir.“ „Aber um Gotteswillen, wer iſt denn dieſe Zauberin?“ Auf neutralem Boden. 53 rief er luſtig.„Hat er ſie auf der Reiſe kennen lernen? Hier herum weiß ich doch keine Seele, die einen ſolchen Eindruck machen könnte! Oder—“ und er wurde plötzlich ernſt, faſt finſter—„hat er ſich— vergeſſen, Mutter? Das wäre allerdings—“ „Nicht doch, das nicht,“ unterbrach ſie ihn leiſe redend, „wenigſtens nicht, wie du es meinſt. Aber ſagen kann ich dir nichts mehr,“ fuhr ſie ernſthaft fort.„Es iſt nicht mein Geheimniß und, was mein Alter auch ſagen mag, ich habe in meinen Reden ſtets noch einen Unterſchied zu machen gewußt, ſelbſt gegen jemand, den ich ſo lieb habe wie dich.“ „Aber Mütterchen!“ bat er gleichfalls völlig ernſt. „Traut Ihr mir nicht?“ „Trauen? O ja, Herzenskind, aber dies kann ich dir nicht ſagen. Ich irre mich auch vielleicht. Thue deine Augen und Ohren ſelber auf. Vielleicht redet auch Eckhard dir davon, wenn ihr wieder mehr zuſammen. Ich wünſchte es für den armen Jungen.“ Er ſtand auf und ging nachdenklich im Zimmer umher. „Ihr könnt mir doch wenigſtens ſagen, ob ſie von Stande,“ ſagte er nach einer Weile, vor ihr ſtehen bleibend. „Sie iſt von gutem Stande, höre ich,“ antwortete ſie ausweichend. „Und wo lernte er ſie kennen? Hattet ihr denn Be⸗ ſuch? War er kürzlich verreist? Denn kürzlich, ſagtet Ihr, ſei dies doch erſt gekommen.“ „Ja, Kind, ſo ſagte ich. Und verreist war er nur Auf neutralem Boden. auf kurze Zeit nach Greiffenſee, weil die Tante ihn einlud und der Vater es wollte. Nun aber kein Wort mehr. Ich habe ſchon zu viel geſagt, fürcht' ich. Sei vorſichtig⸗ Ulrich, und rede zu keinem Menſchen hiervon, bevor du Eckhard darüber gehört. Es könnte für den armen Jungen ein ernſtes Unglück werden.“ Sie hatte ſo ernſt und faſt traurig geſprochen, daß der junge Mann immer nachdenk⸗ licher wurde und kein Auge von dem faltenreichen, gut⸗ müthigen Geſicht der Frau verwendete. Erſt da ſie ſchon eine Weile geſchwiegen hatte und wieder eifrig ſpann, drehte er ſich um und ging im Zimmer hin und wider. Sie ließ ihn und unterbrach das Schweigen nicht. „Kommt denn die Baronin Bergen jetzt häufiger hie⸗ her?“ fragte er endlich.„Vordem wißt Ihr wohl, Mütter— chen, haben wir jahrelang ſo gut wie keinen Verkehr mit Greiffenſee gehabt, und ich erinnere mich noch ſehr gut, daß ich ſchon eine lange Zeit hier war, bevor ich überhaupt nur von der Tante etwas erfuhr.“ Die Alte nickte.„Freilich,“ ſagte ſie,„ſo war's. Seit dem Unglück bei Kunersdorf aber, als die Nachricht von dem Tode der beiden armen Jungen kam und der Herr furchtbar betrübt war, ließ ſie ſich wieder ſehn. Es mochte ſich dabei doch wohl ihr Herz regen und ſie einmal an die eigenen Kinder erinnern.“— Ulrich blieb überraſcht ſtehn.„Eigene Kinder?“ fragte er haſtig.„Was ſagt Ihr, Mütterchen? Hat denn die Baronin jemals Kinder gehabt? Davon hab' ich nie eine Silbe gehört. Im Gegentheil haben wir früher den Grafen Auf neutralem Boden. 5⁵ Rüdiger mehr als einmal beklagen hören, daß der pracht⸗ volle Beſitz der Schweſter dereinſt faſt ganz aus der Familie kommen müſſe.“ Frau Rudhard nickte wieder ſtill vor ſich hin.„So iſt's auch,“ verſetzte ſie gedämpft,„und ihr Jüngeren könnt nicht wiſſen, daß Kinder dageweſen, da zu eurer Zeit längſt nicht mehr von ihnen die Rede. Sie ſind wohl ſchon lange todt. Aber genug, mein Sohn,“ brach ſie ab,„das iſt eine ſo traurige Geſchichte, daß ich davon nicht reden kann. Es iſt am beſten für alle Theile, daß ſie noch vergeſſen bleibt.“ Die Alte ſchwieg auf's neue, und Ulrich begann nach einigen gleichgültigen Worten, auf welche er nur kurze Ant⸗ wort erhielt, an den Aufbruch zu denken, als der Klang einer Glocke laut durch den klaren Morgen daherkam und ſein Adieu zurückhielt.„Schon Mittag?“ rief er.„Un⸗ möglich!“ „Nicht doch, das iſt nicht die Mittagsglocke, ſondern zeigt die Ankunft von Gäſten an, Kind,“ verſetzte ſie, ſchob das Spinnrad zurück und trat, ſich mühſam erhebend, voll⸗ ends an's Fenſter.„Sieh, der Melchior drüben ſteht ja ſchon im großen Rock am Thor. Wer mag das ſein, der ſo zeitig aufgebrochen iſt und die Wege paſſirt?“ Sie öffnete das Fenſter und fragte den Kaſtellan nach den Kommen⸗ den, erhielt aber von dem Manne nur ein Achſelzucken zur Antwort, und zog den Kopf wieder ins Zimmer zurück. Wenige Augenblicke nachher kam aus dem Thore eine Sänfte hervor, welche von zwei Pferden getragen wurde, 56 Auf neutralem Boden. eine zweite und dritte folgten ihr.„Bei Gott— Damen!“ rief die Frau, neugierig durch die ziemlich abgethauten Schei⸗ ben blickend.„Es ſind ja unſere Gaſtſänften aus dem Ort. Wer um Gotteswillen kann das ſein, frage ich!“ Und gleich darauf fuhr ſie auf, als wolle ſie raſch vom Fenſter zurück⸗ weichen, allein es war zu ſpät. Denn eine alte Dame, die ſich aus der Fenſteröffnung der Sänfte etwas hervorbeugte, hatte ſie ſchon erblickt, und Ulrich vernahm ihren lauten freundlichen Zuruf:„grüß Gott, Agnes, wie geht's?“— Frau Rudhard neigte leiſe das Haupt, und ſchaute dem vorbeieilenden Zuge ſtarr nach.„Wenn man vom Wolfe ſpricht, kommt er,“ murmelte ſie. „War das die Baronin Bergen— die Tante?“ fragte Ulrich lebhaft.„Das Geſicht erinnerte mich—“ „Ja ja, ſie iſt's!“ unterbrach ihn Frau Rudhard und ſetzte ſich ſchwer in den Stuhl zurück.„Geh hinein, mein Kind, ſie würd' es dir übelnehmen, wenn du daheim und nicht beim Empfange biſt. Achte auf alles, Ulrich, beſonders auf den armen Eckhard! Das iſt ein Ueberfall nach alter Art und bedeutet etwas, verlaß dich darauf! Wär's nur erſt morgen!“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu,„daß ich weiß, ob's was Gutes gibt oder was Böſes— Hedwig ſieht ſicher heut oder morgen bei mir ein, ſie hätte mich ſonſt nicht ange⸗ rufen. Aber was Gutes— ach lieber Gott, wo ſollte das hier bei uns noch herkommen!“ Knospen. 57 IV. Knospen. „Richtig, richtig, mein Theurer! Wir ſind auch ſchon geſtern Abend arriviret und haben uns miſerabel behelfen müſſen,“ ſagte die Baronin, welche mitten auf dem Flur neben ihrem Bruder ſtand, und ſchüttelte dabei ſeine Hand ſo kräftig, wie es ſonſt nur ein Mann zu thun pflegt. „Das iſt ein deteſtables Neſt, dies Ruhneck, und dieſer Hotelier mit ſeinem„ſtolzen ſchwarzen Bären“ wäre gradezu inſupportable, wenn er nicht ſo— tout à fait ridicule wäre. Aber was thun, mein Theurer? Der Schloßweg iſt ja kaum bei Tage zu paſſiren, geſchweige denn bei— wer iſt denn der?“ unterbrach ſie ſich, da in dieſem Augenblick Ulrich in die Thür trat und ſich mit einer Verbeugung gegen die Gruppe junger Mädchen, welche plaudernd ſeit⸗ wärts ſtanden, raſch näherte. Der Graf winkte dem jungen Manne freundlich zu. „Komm her, Ulrich,“ ſprach er.„Zeige meiner lieben Schweſter einen jener Helden, die unter Friedrichs Führung. den Angriffen der ganzen Welt Trotz boten, und wenn er⸗ es geheißen, den Erdball für ihn erobert hätten. Mein Mündel, liebe Hedwig, Graf Ulrich von Hohenengen, den du übrigens ja noch kennen mußt. Verließ er doch erſt vor fünf Jahren unſer Ruhneck.“ „Natürlich, ich kenne ihn noch,“ verſetzte ſie, die ange⸗ 58 Knospen. nehme Erſcheinung des Jünglings mit ſcharfem Blicke mu⸗ ſternd,„aber ich glaube nicht, daß ich Sie erkannt hätte, mein lieber Graf, aus Kindern werden Leute und noch dazu oft hinter unſerm Rücken,“ ſetzte ſie mit einem leichten Lä⸗ cheln hinzu, welches ſonſt in den ſtrengen und harten Zügen ihres Geſichts nicht häufig daheim zu ſein ſchien.„Ich er⸗ kenne den Heroismus an, von dem mein Bruder redet,“ fuhr ſie, ſtets in der gleichen Weiſe ſprechend, fort— lang⸗ ſam beinah und gemeſſen und dennoch in ſo unaufhörlichem Fluß, daß an eine Unterbrechung gar nicht zu denken— „ich achte dieſe Armee, die ſo Großes geleiſtet, ich bewun⸗ dere das Genie des Fürſten an ihrer Spitze, aber ich für meine Perſon ziehe die Künſte und die Helden des Friedens — es gibt auch ſolche— vor, die liebe ich.“ Der Graf wandte ſich, ſichtbar unangenehm berührt, halb zur Seite und ſchaute nach der noch immer geöffneten Thür und auf den Hof, wo mehrere Diener mit dem Ausräumen eines eben angelangten, nur mit Gepäck beladenen Schlittens beſchäftigt waren.„Aber es i*ſt abſcheulich kalt hier unten, Hedwig,“ bemerkte er.„Laſſe uns doch endlich hinaufgehn. Du kannſt ruhig ſein, daß alles beſorgt wird. Zum Ueber⸗ fluß kann ja auch die Jungfer dableiben— oder, wenn du willſt, Beatrix—“ „Mein Theurer, was fällt dir ein?“ fiel ſie ihm ins Wort.„Du weißt, ich achte gern ſelber auf mein Reiſe⸗ gepäck. Und kalt ſagſt du? Ich fürchte doch nicht, Rü⸗ diger, daß du dich jetzt noch zu verweichlichen beginnſt, nach⸗ dem ich dich ſo hart erzogen? He, Juſtine, iſt das der letzte Knospen. 59 Carton? Gut alſo, achte darauf, daß alles richtig hinauf⸗ kommt! Und nun laßt uns gehn, meine Kinder!“ Und indem ſie ihren Arm in die Rechte des Bruders ſtützte, ging ſie mit großen Schritten der Treppe zu und ſtieg hinauf, von den Uebrigen gefolgt. Wär' ſie jünger, ſo würde ſie entſchieden immer zwei Stufen ſtatt einer nehmen, dachte Ulrich, innerlich beluſtigt. Es war ihm, als hätte er die alte Dame eben zum erſten⸗ mal im Leben erblickt, wenigſtens waren ihm die Beſonder⸗ heiten dieſer Erſcheinung früher entweder niemals aufge⸗ fallen oder ſeitdem ſeinem Gedächtniß gänzlich entſchwunden. Er erinnerte ſich nicht einmal mehr, ob ſie ſich früher auch ſchon ſo grade und ſtraff gehalten, und noch weniger war ihm dieſe Größe erinnerlich, welche der des Bruders an ihrer Seite faſt völlig gleickkam. Sie muß damals gebück⸗ ter geweſen ſein, dachte er. Den Begleiterinnen der Ba⸗ ronin hatte er bisher noch kaum einen Blick und keinen Gedanken geſchenkt, obgleich eine von ihnen ſicher jene An⸗ toinette war, von der ihm Frau Rudhard erzählte, und die ihn Eckhards wegen auf das lebhafteſte intereſſiren mußte. Jetzt war es auch zu ſpät, ſie kennen zu lernen, denn man hatte oben einen langen, nur dämmerhellen Corridor durch⸗ meſſen und ſtand vor der Thür zu den Zimmern der Gäſte. Die alte Dame ging nach einem kurzen Nicken gegen die Zurückbleibenden mit den Ihren hinein. „Dieſer Beſuch iſt überraſchend,“ bemerkte Ulrich, indem er mit dem Grafen Rüdiger den Corridor zurückſchritt.„Ich Knospen. meine wenigſtens nichts davon gehört zu haben, daß Sie die Frau Baronin erwarteten.“ „Meine Schweſter liebt ſolche Ueberfälle,“ erwiderte der Graf verſtimmt,„obſchon ſie weiß, daß ſie mir ſtets unbehaglich. Gewiſſermaßen aber kommt ſie mir diesmal doch nicht unerwartet. Es ließ ſich denken, daß der General auch an ſie geſchrieben, und da mußte ſie freilich herüber zu uns. Solche Eile hätt' es allerdings nicht gehabt.— Wo der Eckhard ſich nur wieder herumtreibt!“ ſetzte er abbrechend und noch verdrießlicher hinzu.„Weiß Gott, der Junge iſt ohne alles Geſchick und läßt es überall an ſich fehlen!“ „Lieber Vormund,“ ſagte Ulrich, und ſein Ton war wohl ſchärfer, als er es beabſichtigte und vermuthlich ſelber merkte,„hier muß ich Eckhard doch in Schutz nehmen. Er konnte noch weniger als Sie von dieſem Beſuch wiſſen und iſt eben, wie wir alle morgens, ſeinem Gefallen nach⸗ gegangen.“ „Nur daß dies Gefallen ſo weit von dem meinen ab⸗ weicht,“ verſetzte Graf Rüdiger finſter.„Doch genug, mein Freund, wir müſſen uns noch auf eine halbe Stunde tren⸗ nen. Auf Wiederſehn beim Mittagseſſen! Sei pünktlich, meine Schweſter hält auf dergleichen.“ Und mit einer leichten Handbewegung wandte er ſich ſeinem nahegelegenen Kabinet zu.— 3 Als Ulrich einige Zeit nachher in den Speiſeſaal trat, ſchritt durch eine Thür auf der andern Seite grade auch die Baronin herein, gefolgt von zwei jungen Damen. „Ha, pünktlich wie ein Soldat! So lieb ich's!“ rief Knospen. 61 ſie ihm ſogleich entgegen.„Kommen Sie her, Graf Ulrich, Sie müſſen uns doch alle kennen lernen.“ Und indem ſie die ihr zunächſt ſtehende Dame an die Hand faßte, fuhr ſie launig fort:„Freifräulein Antoinett' von Neuſtädt, eine Dame von Meriten, wie Sie bald entdecken werden, die vor allem nachzuholen verſucht, was ſie in der Kloſterſtille ver⸗ loren zu haben meint. Und hier Fräulein von Heydeck, ein liebes Kind, das die Freundlichkeit hat, uns beiden wilden Menſchenkindern ſeine Zeit zu widmen und Frieden zwiſchen uns zu ſtiften.“ Wie ſie ſo ſprach, glitt aus ihrem dunklen ſtolzen Auge ein faſt milder Blick über die ſchlanke, weiche Mädchengeſtalt an ihrer Seite.„Und nun, mein lieber Graf,“ ſchloß ſie,„nun leben Sie mit uns, wie Sie können.“ „Womit es freilich übel genug ausſehen wird— mit dem Können nämlich,“ bemerkte luſtig das ſchöne Mädchen, welches als Fräulein von Neuſtädt genannt worden war. „Zwei von uns wenigſtens—“ „Haben, deutſch geſprochen, eine Art Teufel im Leibe,“ ſetzte plötzlich eine andere Stimme ihre Rede fort, und als ſie ſich lachenden Augs umſchaute, nahte ſich Eckhard, der ohne von den Anweſenden bemerkt zu werden, das Gemach betreten hatte und ſo heiter daher kam, daß Ulrich überraſcht, und Graf Rüdiger mit finſterem Erſtaunen zu ihm hinüberblickte. „Seien Sie gegrüßt, Tantchen, ſeien Sie gegrüßt, meine Damen!“ ſprach er munter weiter und küßte die Hand der Baronin, wie es ſchien, faſt zärtlich, ſein Geſicht ſtrahlte, ſo zu ſagen, von Luſt und Geſundheit.„Verzeihen Sie mir mein Zuſpätkommen, Tantchen! Ich habe mich aber Knospen. in der Mulde umhergetrieben und keine Ahnung von dem Beſuch gehabt.“ „Ich möchte aber zuerſt die Fortſetzung Ihrer Rede hören,“ unterbrach ihn jetzt Antoinette, während die Baronin — mit ihrer großen, aber noch jetzt glatten und weißen Hand die Wange Eckhards leicht berührte und ihm ein:„immer der alte Träumer!“ zurief.—„Zwei von uns haben alſo— nach Ihrem Ausdruck— den Teufel im Leibe, und die dritte, mein galanter Herr?“ fragte Antoinette weiter. Er ſah mit lächelndem Blick auf Fräulein von Heydeck, welche mit geſenkten Augen und leiſe ſich röthenden Wangen ein wenig zurückſtand.„Ich weiß ſelbſt nicht recht,“ ſagte er zu Antoinetten zurückſchauend.„Das Gegentheil, mein' ich faſt—“ „Alſo einen Engel!“ rief ſie luſtig.„Nun, Regine, bedanke dich! Wenn das nicht ein Kompliment iſt, gibt es gar keins!— Aber Tante,“ fuhr ſie gegen die Baronin ge⸗ wendet fort,„wollen wir uns unſer Theil gefallen laſſen?“ „Du biſt eine wilde Hummel,“ antwortete die Baronin gutgelaunt.„Nun aber zu Tiſch! Rüdiger iſt ungeduldig, merk' ich. Setze dich zu mir, Eckhard.“ Der Graf ſah die Schweſter, welche den Einfällen und dem Plaudern der jungen Leute in einer ihm wenig bekannten Gelaſſenheit und ſogar Theilnahme nachgab, mit ſtets wachſendem Erſtaunen an und blickte ein paarmal auch zu dem auflebenden Sohne mit der gleichen Empfindung hinüber. Einſtweilen jedoch mußte er auf jede Erklärung verzichten und ſich damit begnügen, der Baronin die Hand Knospen. 63 zu bieten, um ſie zur Tafel zu führen. Die Andern folgten, und ſo glücklich hatte Eckhards, zum mindeſten geſagt, ſelt⸗ ſamer Eintritt gewirkt, daß die Stimmung aller belebter und heiterer war, als Ulrich nach den Erfahrungen der vergangenen Tage ſie in dem alten Schloſſe für möglich ge⸗ halten. Nachdem die Baronin über Eckhard beſtimmt, hatte Ulrich Antoinettens Hand erbeten, und ſie hatte dieſelbe mit der Bemerkung in die ſeine gelegt:„ja, aber nur, wenn wir ganz unten am Tiſch ſitzen.“ „Weßhalb?“ fragte er halb erſtaunt, halb ergötzt durch den fröhlichen Uebermuth, der aus jeder Bewegung, jeder Miene und jedem Wort des lebhaften Kindes brach. „Weßhalb?“ wiederholte ſie,„ei, daß Madame la baronne uns nicht bei jedem Worte hört und ſtört! Kann ich einmal plaudern, mag ich's gründlich. Und es iſt ſchrecklich, wenn ein Dritter, Unbetheiligter, jedes Wort be⸗ achtet, bei Gelegenheit endlos hineinredet oder gar Erklä⸗ rungen will.“ „Und ſo macht's die Baronin?“ fragte er neckend, während ſie wirklich am untern Ende der für die wenigen Perſonen großen Tafel Platz nahmen. „Sehr, mein Herr!“ erwiderte ſie.„Aber ich ſeh's, Sie haben trefflich manöverirt. Schade um den Frieden! Ich wette, Sie wären ein großer General geworden.“— Ulrich lehnte ſich lachend an ſeinen Stuhl zurück und überſchaute die Tafel, überall war eine lebhafte Unterhaltung im Gange, und ſelbſt Beatrix ſcherzte mit dem alten Rent⸗ meiſter, der nach vielfachen Komplimenten und Umſchweifen 64 Knospen. ſeinen Platz zu dem ihren hinaufgerückt hatte. Droben redete die Baronin mit ihrem Bruder, der jetzt gleichfalls heiterer dreinſchaute, während die Augen ſeiner Nachbarin von Zeit zu Zeit mit launigem Blick die kleine Runde über⸗ flogen und zuweilen freundlich auf dem Paare weilten, wel⸗ ches rechts von ihr die Seite des großen runden Tiſches einnahm— auf Eckhard und Fräulein von Heydeck. Eck⸗ hard hatte ſich vorübergebeugt und ſchnitzelte an ſeinem Brod, wobei er jedoch die Unterhaltung mit dem Mädchen anſcheinend munter genug— ſein Geſicht war in dieſer Stellung vor Ulrich faſt verborgen— fortführte. Die ein⸗ zelnen Worte, welche von den Beiden hie und da hörbar wurden, waren wenigſtens ſicher nicht die Bruchſtücke eines ernſten oder nur ſtockend geführten Geſprächs. „Sie haben recht, der General könnte mir nicht gefehlt haben,“ beantwortete Ulrich nun die Scherzrede der heiteren Nachbarin,„ich bin dazu gemacht, wie ich glaube, und will Ihnen gleich noch einen Beweis geben. Ein rechter Ge⸗ neral legt ſich vor allem auf Kundſchaft, wie's ihm gegen⸗ über und um ihn her ſteht. Er läßt ſich beſonders über das inſtruiren, was er noch nicht kennt und verſteht, und ſo mach' ich's auch. Alſo, Fräulein von Neuſtädt, iſt Fräu⸗ lein von Heydeck auch eine Verwandte von Ihnen und der Baronin?“ „Lieber Gott, Herr Graf, betrachten Sie meine arme kleine Regine etwa gar als Feindin?“ fragte ſie lachend zurück. „Weder als Feindin noch als Freundin, nur als eine Knospen. 65 Erſcheinung, die es uns wünſchenswerth machen muß, mehr von ihr zu wiſſen.“ „Richtig, Excellenz! Aber Sie fragen mich leider mehr als ich weiß. Es kann möglich ſein, es iſt mir ſogar wahrſcheinlich, daß Regine mit meiner Tante Neuſtädt ſo oder ſo verwandt geweſen, dann alſo auch mit mir. Allein es mag ſehr weitläufig ſein, und mit mir hat die Tante nie darüber geredet, weil ſie gut genug wußte, daß ich weder Sinn, noch Gedächtniß für ſolche Dinge habe. Ich weiß nur Eins,“ fuhr ſie fort, und das braune helle Auge ſtreifte zu der, über welche ſie redete, mit einem plötzlich faſt innigen Blick hinüber, und auch ihre leiſe Stimme kam gleichſam grade aus dem Herzen,—„Regine iſt Waiſe ſeit früher Jugend, und von den Schätzen dieſer Welt iſt ihr nichts zu Theil geworden, aber ſie iſt ein ‚königliche Kind, wie ihr Name es ſagt, Herr Graf, und muß in jedem herrſchen, der ſich ihr nähert. O, Sie glauben nicht, wie neidiſch ich oft auf ſie bin und wie zornig, daß man ihr nie und nirgends ähnlich werden kann, wie gern man's auch möchte.“ Er fühlte ſich um ſo bewegter, je weniger er eine ſolche Innigkeit bei dem fröhlichen Kinde hatte vermuthen können, und ſein Auge ruhte freundlich auf ihrem erregten Geſicht, aus dem für den Moment jede Spur des köſtlichen Uebermuths, der blitzenden Jugendluſt verſchwunden war. Doch bezwang er ſich und ſagte abbrechend und neckend: „ſo demüthig, Fräulein von Neuſtädt? Hat das die Klo⸗ ſtererziehung verſchuldet? Davon habe ich nun Jar keinen Hoefer, Ruhneck. 66 Knospen. Begriff, und der Examinator kommt wieder und ſpricht: von dieſem Kloſterleben müſſen Sie mir viel erzählen!“ „Wollen Sie etwa ſelber dieſe Carriere einſchlagen, um die Feld⸗ und Lagerſünden abzubüßen?“ fragte ſie ſchnell erheitert zurück.„Nöthig dürfte es ſein!“ „Man muß nichts verſchwören, gnädiges Fräulein, und das Wort ‚unmöglich’ kenn' ich nicht. Einem Andern aber zum Werk der Buße behülflich zu ſein, iſt chriſtlich, ſo viel ich weiß.“ „Sicher, ſicher, Sie frommer Mann! An mir ſoll es auch nicht fehlen; es iſt nur ſchade, daß ich nichts zu be⸗ richten weiß. Denn es iſt dort ſtill, nur ſtill, ſo ſtill, daß ſelbſt jetzt noch jedes Wort in mir ſtockt. Doch halt— langweilig iſt's auch, außerordentlich langweilig, anſteckend, ſag' ich Ihnen. Und um das zu vermeiden— erzählen Sie mir lieber vom Feld⸗ und Kriegsleben, von dem ich ſchon längſt gern etwas erfahren—“ „Um Soldat zu werden?“ fragte er wieder neckend. „Man muß nichts verſchwören, wie Sie ſagen! Für jetzt aber wünſche ich nur etwas zu erfahren, das mich gegen den Stand einnimmt, den ich im Grunde zu ſehr liebe.“ Er lachte.„Hören Sie,“ meinte er,„ich komme auf den Verdacht, daß der Eckhard dort vorhin doch nicht ſo unrecht gehabt, und daß—“ „Daß ich jemand in mir habe, der nicht dahin gehört?“ fiel ſie ihm launig ins Wort.„Möglich, Herr Eraminator, möglich! Alle meine Verwandten und Bekannten haben mir wenigſtens Andeutungen gemacht, die zwar nicht ganz Knospen. 67 ſo offen waren, wie die heutige, aber doch nahe daran hin⸗ ſtreiften, und alle Welt iſt ſtets ſo reſpektvoll mir fern ge⸗ blieben, als fürchtete man in mir wirklich eine ganz beſon⸗ ders hohe und gefährliche Perſon. Ich gräme mich aber nicht darüber,“ fügte ſie luſtig hinzu.„Es iſt wenigſtens in meinem Sinn für alle Theile amuſanter, als wenn man nur die Fee Etikette im Leibe hat, oder— ich weiß nicht genau, welchen von beiden— den alten grämlichen Geiſt Anſtand, wie meine hochzuverehrende ſteife, kühle und doch ſo ſchöne Beatrix.— Sagen Sie, Herr Graf, iſt Ihr Bruder auch ſo wie Sie?“ „Mein Bruder? Wie ich?“ fragte er überraſcht durch den plötzlichen Abſprung.„Ich verſtehe nicht recht—“ „Nun mein Gott, es iſt doch klar genug!“ ſprach ſie ein wenig ungeduldig.„Sie ſind ein Menſchenkind, wie ich mir einen jungen Soldaten ſtets gedacht— friſch, frei, fröhlich und unbekümmert, und ich frage, ob Ihr Bruder Eberhard auch ſo iſt, weil ich dann— ihre Stimme flü⸗ ſterte nur noch— nicht recht begreifen würde, wie die Zwei ſich zuſammenfanden.“— Ulrich ſchüttelte wieder einmal halb verwundert, halb beluſtigt den Kopf. Vom Zürnen war dem ſchönen Geſchöpf und ſeiner heiteren Weiſe gegenüber keine Rede.„Ich kenne meinen Bruder wenig,“ ſagte er dann jedoch ziemlich ernſt; „wir ſind ſelten zuſammengetroffen, ſeit er Soldat geworden. Er iſt ein paar Jahre älter als ich und ſchon ſeit Jahr und Tag in einer Stellung, wo er viel zu verantworten hat, ſo daß er wohl ernſter ſein muß. Steif und kalt aber, glaube 68 Knospen. ich, ward er darum nicht, und— das iſt Beatrix auch nicht, Gnädigſte; Sie thun ihr darin unrecht. Beatrix iſt allerdings nicht ſo heiter und leichtherzig wie Sie, aber was wollen Sie auch? Man wächst eben nicht ungeſtraft und unberührt in ſolchen Verhältniſſen heran, wie ſie— ich rede ja zu einer Verwandten des Hauſes und einer Ein⸗ geweihten— leider ſeit Jahren ſchon hier die herrſchenden waren. Die Luſt iſt auf der Ruhneck nicht mehr daheim, wenn Sie ſie nicht wieder hereinbringen.“ Sie ſchaute ſchon während ſeiner ganzen Rede ernſter darein und bemerkte nun gedämpft und mit einem flüchtigen Blick auf Eckhard, welcher grade mit Tante und Vater leb⸗ haft ſprach:„Sie deuten auf das Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn hin, merke ich wohl. Sagen Sie mir, Graf Ulrich, was hat der alte Herr von dieſer Quälerei, die den anderwärts ſo heitern und friſchen jungen Mann auf der Ruhneck zu einem wahren Duckmäuſer macht? Ich kannte ihn gar nicht wieder, als er bei uns in Greiffenſee weilte — er war wirklich aufgethaut. Steht es jetzt beſſer? Seine Einführungsworte, und wie er nun dort redet und lacht, laſſen mich das hoffen.“ Ihr Zuhörer zuckte die Achſeln.„Ich weiß doch nicht, Fräulein. Aber freilich, ich fand ihn bisher auch nicht ſo munter.“ „Ich will hoffen, daß Sie nicht auch gegen ihn ſind,“ redete ſie nach einem augenblicklichen Schweigen auf's neue. „Er hat es ſchon hart genug, und am meiſten verdrießt mich, daß ſelbſt die Schweſter in ſolchen— Marotten be⸗ Knospen. 69 fangen iſt. Beklagen kann ich Eckhard freilich nicht, nicht einmal Mitleid mit ihm haben. Iſt er doch ein Mann, der ſich Platz und Luft machen könnte, wenn er nur wollte. Mir, das weiß ich wohl, ſollte das nicht paſſiren. Ich ließe mich nicht unterdrücken, weder an Körper, noch an Geiſt. Frei iſt der Menſch!“ „Sie denken wie ich,“ verſetzte Ulrich, den das am heutigen Morgen wiederholt beſprochene Thema auf's neue ernſt machte. Allein von einem weiteren Eingehen auf daſſelbe wurde er und ſeine Nachbarin durch eine Frage abgehalten, welche der ſichtbar erheiterte Graf Rüdiger ihnen über ihre angelegentliche Unterhaltung ſcherzend hin⸗ überwarf. Antoinette antwortete luſtig, die Baronin miſchte ſich hinein, und nach und nach nahm die ganze Geſellſchaft theil, ſo daß beide nicht mehr zu einem beſondern Geſpräch kamen. Man ſtand auf und trieb ſich munter durch einander, der einmal angeſchlagene Ton klang fort und fort, und Antoinette wußte alle in der beſten Laune zu erhalten. Wild allerdings, aber auch entzückend hübſch in ihrer glän⸗ zenden Lebhaftigkeit, ſchwärmte ſie umher und hatte für jeden einen Scherz und wußte für alles eine luſtige Wen⸗ dung. Und endlich hing ſie ſich an den Arm des Rent⸗ meiſters, den ſie bisher nicht fortgelaſſen, und rief, ihn fort⸗ ziehend, den Andern zu:„wer mich liebt, folge mir nach!“ „Wohin ſoll's gehn?“ fragte Graf Rüdiger lächelnd. „Iſt euer Blut zu heiß und wollt ihr's im Garten kühlen? 70 Knospen. 4 Laßt mir nur meinen alten Breuning am Leben und ohne Rheumatismus!“ „In den Garten? O, das iſt auch ein guter Gedanke!“ rief das ausgelaſſene Kind.„Jetzt aber will ich nur in den Ahnenſaal, wo, wie der alte Herr hier erzählt, ein Bild hängen ſoll, das mir frappant ähnlich. Ich möchte mich doch gern einmal doppelt ſehn!“ „Viel Vergnügen!“ rief der Graf den Davoneilenden nach.„Kalt genug iſt's auch dort.— Es wird wohl deine Mutter ſein, Hedwig,“ ſetzte er gegen die Baronin gewendet hinzu.„Der ſieht ſie allerdings gleich. Und wollte Gott, die Kleine würde eine Herrin auf Alt⸗Ruhneck, wie jene es geweſen! Ja ja, Hedwig, du haſt recht, ſie wäre eine Frau, wie man ſie nicht beſſer und hübſcher ſich wünſchen könnte, und ich verſtehe nicht, was Eckhard noch von ihr fern hält. Aber er iſt eben ein Stock,“ ſchloß er ſeufzend und wieder finſter.„Da iſt kein Blut darin, und ich— ich bin ein geſchlagener Mann.“— „Bah, bah, mein Theurer!“ ſprach die Baronin ein wenig wegwerfend.„Ein Hypochonder biſt du und ein un⸗ geduldiger Menſch. Kümmere dich nicht um Dinge, die du nicht verſtehſt. Es iſt meine Sache, um bei deinem Bilde zu bleiben, Eckhards Blut in Bewegung zu bringen und in die richtigen Kanäle zu leiten, wenn das nicht durch An⸗ toinett' ſelber bewirkt werden ſollte. Aber ich ſorge nicht, ich kenne das Kind und traue ihm nicht zu viel zu. Es iſt Leben in ihr und auch, was zum Leben ruft. Ich glaube, es würde ihr niemand widerſtehn. Haſt du's be⸗ Knospen. 71 merkt, wie ſie den jungen Hohenengen feſſelte? Ein ſchmucker Junge, mein Theurer! Hat er auch Vermögen?“ „Beinah' ſo viel wie ſein Bruder,“ entgegnete der Graf im Aufundabgehn,„ſeine Mutter hinterließ ihm bedeutende Beſitzungen. Weßhalb fragſt du, Hedwig?“ „Ei, mein Theurer, ich frage nur ſo. Vielleicht ließe ſich auch daran denken, ob nicht zwiſchen ihm und Regine etwas zu arrangiren wäre; ich würd' es der Kleinen gönnen, ſie iſt blutarm und doch ein Kind, das ein ‚Sorte verdient. Ein Mann würde beſſer mit ihr fahren, als euer Geſchlecht deſſen im Allgemeinen werth iſt.“ Rüdiger blieb vor ihr ſtehn und ſah ſie mit einer ge⸗ wiſſen Erregung an.„Die Heydeck?“ fragte er.„Wo denkſt du hin!“ Sie ſtand von dem ſchmalen und ſteifen, mit blaß⸗ gelbem Damaſt überzogenen Kanapee auf, welches den Hauptſchmuck des Kabinets bildete, in das ſie ſich nach der Mahlzeit zurückgezogen hatten, trat an ſeine Seite, die Hände wie er auf den Rücken gelegt, und begleitete ihn mit großen Schritten auf der wieder aufgenommenen Pro⸗ menade. Die Portieren gegen den Speiſeſaal waren geöff⸗ net geblieben und boten ihnen einen freien Weg in den großen, jetzt ganz einſamen Raum. Da gingen ſie auf und ab. „Die Heydeck, ja ja, die Heydeck,“ ſagte ſie.„Weß⸗ halb fällt dir das ſo beſonders auf, mein Theurer?“ „Du haſt mir eigentlich noch keine Silbe von ihr ge⸗ 72 Knospen. ſagt,“ verſetzte er ausweichend.„Heydeck— iſt mir doch, als wüßt' ich den Namen im Fränkiſchen daheim.“ „Richtig, mein Theurer! Die Heydeck ſind von frän⸗ kiſchem gutem, turnier⸗ und ſtiftsfähigem Adel— es inter⸗ eſſirte mich ſelber, da ich gern weiß, mit wem ich zu ver⸗ kehren habe. Uebrigens iſt die Kleine die Letzte ihres Stammes, vielleicht auch des Namens und, wie geſagt, blutarm.“ „Weiter!“ ſprach der Graf nach einem kurzen Schweigen. „Weiter? Du biſt recht ſonderbar, mein Theurer, was weiter?“ „Sie war auch bei der alten Neuſtädt im St. Lucien⸗ Stift? Mit ihr verwandt, Hedwig?“ „Ich glaube ſo, Herr Bruder; ihrer Großmutter Schwe⸗ ſter⸗Tochter war, meine ich, mit dem Oheim der alten Mar⸗ garethe verheirathet. Ich kann mich aber irren. Die Fa⸗ milienpapiere der Kleinen liegen noch mit dem Nachlaß der Alten in den Händen der Teſtaments⸗Executoren, und ſie ſelbſt, mein Theurer, weiß von dieſen Dingen nichts, wie das unter ſo jungem Volk Mode. Ihre Mutter aber— ſie weiß nicht einmal, was ihre Mutter für eine Geborene war, wohl weil ſie dieſelbe ſo früh verloren,— war eine Ju⸗ gendfreundin der Neuſtädt, wurde nach dem Tode ihres Mannes und bei ihrer gänzlichen Verarmung von ihr unter⸗ ſtützt und vertraute ihr ſterbend das Kind. Regine iſt mit der Antoinett' im Stift aufgewachſen, und nun wollen ſie ſich nicht trennen— Mädchenfreundſchaft, mein Theurer!— Und das iſt alles.“ Knospen. 73 „Das heißt— nichts,“ ſprach der Graf kopfſchüttelnd. „Nichts?“ Sie blieb ſo vor ihm ſtehn— denn ſie war ſtets einen halben Schritt voraus— daß ſie auch ihn zum Anhalten zwang, und maß ihn mit einem ſtarren Blick ihrer mächtigen dunkelblauen Augen von unten bis oben. „Nichts? Du überraſcheſt mich heut mit mir unverſtänd⸗ lichen Einfällen, mein Theurer,“ ſagte ſie herb.„Was, wenn ich fragen darf, haſt du gegen meine Mittheilung ein⸗ zuwenden?“ „Nun Hedwig,“ verſetzte er, ſich ſichtbar zuſammen⸗ nehmend, obſchon die Stirn ſich dennoch flüchtig runzelte, „deine Phantaſie mit meinem Mündel Ulrich verdiente doch eine Antwort, zumal du in dergleichen ſo raſch vorzugehn pflegſt.“ „So, mein Theurer? Ich ſoll dies alſo für einen Abſchlag nehmen?“ bemerkte ſie, ihren Gang wieder fort⸗ ſetzend. „Es iſt wohl kaum daran zu denken, Schweſter,“ ſagte er, das Haupt neigend.„Hohenengen und— Heydeck“ Sie blieb auf's neue ſtehn.„Klingt, glaub' ich, min⸗ deſtens ebenſo gut, wie Ruhneck und Hohenengen, mein Theurer, vielleicht auch beſſer. So viel ich weiß, ſind die Hohenengen Brief⸗Adel— womit ich übrigens dir keinen Vorwurf machen will,“ ſetzte ſie hinzu;„es iſt wenigſtens ein alter, ich meine von Kaiſer Friedrich III. her. Und da ſie reich ſind und Beatrix kein Vermögen hat, ſo mag es paſſiren.“ 74 Knospen. „Und deine Heydeck?“ fragte er, wie es klang, nicht ohne Hohn. Sie ließ die Finger der auf dem Rücken ineinander geſchlungenen Hände knacken und ſpazierte mit großen Schrit⸗ ten weiter.„Bah, bah, mein Theurer,“ ſprach ſie in einem Ton, als fühle ſie ſich nach und nach etwas gelangweilt durch ſeine Einwürfe ſo gut, wie durch das ganze Geſpräch, „du biſt— ich muß es dir, wenn auch auf die zarteſte Weiſe von der Welt, ſagen:— du biſt ein Narr. Eine Comteſſe Ruhneck kann, wenn ſie kein Vermögen hat, nicht als alte Jungfer ſterben. Sie hätte, ſelbſt als ſolche, ihren Stand und Rang zu vertreten und der Welt gegenüber eine Stel⸗ lung, der ſie nichts vergeben darf. Es wäre lächerlich, mein Theurer, anzunehmen, daß ſie, wie eine Andere in gleicher Lage, bei ihren Brüdern oder Schweſtern ſich herumſtoßen laſſen oder in einem Stift mit ihren dortigen Einkünften verhungern könnte. Sie muß heirathen, mein Theurer.— Eine Heydeck dagegen thut, was ſie mag, ſie heirathet oder bleibt ledig, darnach fragt niemand, und Regine hat über⸗ dies eine kleine Rente von der Neuſtädt geerbt, die ſie ſo oder ſo ſicher ſtellt. Ueberdies hat ſie nicht nur das Haus, der Antoinett', ſondern auch Greiffenſee, mein Theurer, und ſo viel man abſehn kann, wird ſie das eine oder andere nur nach ihrem eigenen Willen verlaſſen. Sie vergibt ſich, Beatrix wird vergeben. Das iſt einleuchtend, meine ich, und dein Mündel kann Gott danken, wenn Regine ihm die Ehre erweist, ſeinetwegen ihre Unabhängigkeit aufzugeben und ihm ihre Hand anzuvertrauen. Sie iſt ein fürtreffliches Knospen. 75 Kind, ſage ich dir. Ein wenig mehr Selbſtgefühl könnte ſie haben, aber wo findet man das noch in dem jungen Volk?“ Er ging neben ihr hin, ohne ſie zu unterbrechen, und ſelbſt, da ſie geendet hatte und ſchwieg, zuckte er nur für's erſte ein paarmal raſch hinter einander die Achſeln. Erſt nachdem ſie die ganze Länge des Saals durchmeſſen, ſagte er anſcheinend gleichgültig:„ich glaube, wir ſtreiten um des Kaiſers Bart, Hedwig. Wie es heut Mittag ſchien, möchte Ulrich nicht grade nach deiner Protegée ausſehn, ſondern etwas höher, und wie er und wie dieſe junge Dame nun einmal ſind, könnte ſie leicht an ihm mehr Geſchmack finden als an— meinem Sohn. Einerſeits könnte ich ihr das gar nicht übelnehmen— Ulrich iſt ein Menſch auch nach meinem Herzen—“ „Andrerſeits, mein Theurer, kannſt du mich mit deinen Erörterungen verſchonen,“ unterbrach ſie ihn rückſichtslos. „Kümmere dich um deine Angelegenheiten, wiederhole ich, und laß mir die meinen. Antoinett' iſt wild und hat, wie Eckhard ganz verſtändig bemerkte, den Teufel im Leibe, da⸗ neben aber auch viel geſunden Verſtand und verſteht ihre Stellung beſſer als du denkſt. Sie weiß ganz gut, wo ſie tändeln darf und wo ſie pariren muß. Nun aber, Rüdiger, hab' ich meine tauſend Schritte gemacht und will mich ein wenig zurückziehn,“ ſchloß ſie milder und bot ihm die Hand. „Wir ſind trotz alledem Freunde, Alter, und wollen uns zu gut halten— ich dir, daß du ein Hypochonder biſt; du mir, daß ich dich erzogen habe und mir mein Ziehkind nicht über den Kopf wachſen laſſen darf.“ 76. Knospen. Er drückte ihr ſchwach lächelnd die Hand.„Du biſt eine wunderliche und doch liebe alte Schweſter,“ meinte er, indem er ſie zur Thür geleitete;„wir müſſen die übrige kurze Weile eben Geduld mit einander haben.“ Um dieſelbe Zeit etwa lag der unermeßliche Saal,. welcher an ſeinen Wänden die lange Reihe von Ahnenbil⸗ dern, unterbrochen von großen, wunderſchön geſchriebenen Stammbäumen, von Bannern und alten Waffen, zeigte, wieder in tiefer Ruhe, da die fröhlichen jungen Menſchen, welche ihn heimgeſucht hatten, bereits davongeflattert waren. Allein das war ſo eben erſt geſchehn, ihr luſtiges Lachen hörte man noch aus dem langen Corridor durch die feſte geſchnitzte Eichenthür hereinſchallen, und hätte der Sonnen⸗ ſtrahl, der wie zum Abſchiede draußen über den ſchneebe⸗ deckten Hof ſtreifte, in den tiefſchattigen Raum eindringen können, ſo würde er eine lange feine Staubwolke beleuchtet, haben, welche das unbändige junge Volk aufgeſcheucht hatte. Draußen ſtreifte, wie geſagt, die Sonne noch mit langen Strahlen durch die Zwiſchenräume der Gebäude herüber auf den Hof und übergoß die Ställe gegenüber und die Mauer und das ‚Steinhaus am Thor mit vollem, ſcharf röthlichem Licht; das Geſtirn entſchwindet dieſer Höhe ſpät, und es mochte noch nicht voll ſechs Uhr ſein. Im Saale aber, deſſen Fenſter gegen Nordoſt blickten, war die Däm⸗ merung ſchon im raſchen Zunehmen, und im Hintergrunde des faſt quadratiſchen weiten und ſehr hohen Raumes ſo dicht, daß man, aus der Helle dahinſchauend, dort kaum noch etwas zu erkennen vermochte. An den Fenſtern war Knospen. 77 es freilich noch ziemlich hell, aber auch nur in ihrer nächſten Nähe. Denn ſie waren in Niſchen, die ſich in den zehn Fuß dicken Mauern wie kleine Kabinette öffneten, und vor ihnen ſanken dunkle ſchwerſeidene Vorhänge herab und be⸗ ſchränkten das Tageslicht noch mehr. Im Saal wurde es immer ſtiller, möchte man ſagen; das Lachen der ſich entfernenden Geſellſchaft war längſt verſtummt, und die zwei Menſchen, welche dort in der Fenſterniſche ſtanden, faſt ganz verdeckt von dem dichten Vorhang, ſchwiegen gleichfalls. Sie ſtand an einen der großen alten Stühle gelehnt in ſich verſunken da, das an⸗ muthige kleine Haupt auf die Hand gelegt, und das milde Auge mit träumeriſchem Blick dem Fenſter zugewandt und dem Sonnenlicht, das am„Steinhauſe“ drüben leiſe höher und höher hinauf den herandringenden Schatten weichen mußte. Er ſtand ebenſo verſunken vor ihr, ſein Blick war ebenſo träumend, ebenſo milde, aber er ruhte nur auf dem lieblichen Profil des zauberhaft ſchönen Geſichtes, auf dieſer ſammetweichen, leiſe gerundeten Wange und den zierlichen Ohr, hinter welchem eine lange Locke weich zum Halſe hinabſank; auf dem unbeſchreiblich ſüßen, kindlichzarten, taubenſanften Zug unter dem Auge, auf dieſem ſelbſt mit ſeinem feuchten Glanz, mit dem weichen Blick unter der reingezogenen dunklen Braue und der traumſtillen Stirn, von welcher ſich das blonde, nur leicht gepuderte Haar ſo zierlich und anmuthig abhob. Gott weiß— er hatte wohl ein Recht, andächtig zu ſchauen, träumend zu verſinken in dieſem Anblick des lieblichen Menſchenkindes! Und endlich 78 Knospen. erhob er die beiden ineinander geſchlungenen Hände und flüſterte mit weicher, bebender Innigkeit:„Regine!“ Sie wandte langſam das Geſichtchen ihm zu und ihr Auge haftete auf ihm mit dem ſüßträumenden, weichen und innigen Blick, der, wie er meinte, nur aus dieſem einzigen Stern und ſeinem reinen Himmelblau ihm entgegenlächeln konnte. „Regine!“ wiederholte er, tief bewegt, tief ſehnſuchts⸗ voll, und ſein Auge umfaßte die ſchlanke Geſtalt mit einem ſo leidenſchaftlich zärtlichen Blick, und ſeine Stimme ſchmiegte ſich an ihr Herz mit ſo ergreifendem, verzauberndem Ton, daß ſie nur leiſe und wie träumend zurückflüſtern konnte: „Eckhard!“ Dann lag wieder die Stille und das Schweigen über Beiden, die Augen ruhten in einander, und nun erhoben ſich auch Reginens Hände und legten ſich leiſe und zögernd in die Eckhards zu einem innigen Druck. Gleich darauf aber zog ſie dieſelben wieder zurück, und das Auge von ihm ab und gegen den Saal wendend, flüſterte ſie mit noch tiefer erglühenden Wangen und leicht bebender Stimme: „um Gotteswillen, Graf Eckhard, wir ſind ganz allein, und es iſt ſchon dunkell O Gott, was wird man von mir denken!“ „Denken?“ fragte er leiſe zurück und ergriff nochmals ihre Hände.„Wer weiß denn, daß Sie hier und mit mir? Es hat niemand auf uns geachtet.— Aber, Regine, ſagen Sie mir nicht ein Wort über das, was ich zu Ihnen geredet?“ Knospen. 79 „Bitte, bitte, laſſen Sie mich fort!“ ſprach ſie ängſt⸗ lich, und ihr Auge durchirrte ſcheu den dunkelnden Saal. „Antoinette wird mich ſuchen, und die Baronin—“ „Das Schloß iſt groß genug, um darin zu verſchwin⸗ den,“ unterbrach er ſie lächelnd und doch zugleich auch be⸗ ruhigend.„Aber Regine— ſagen Sie, wollen Sie auch mir verſchwinden?“ ſetzte er wieder innig hinzu. Da erhob ſie ihr Auge flüchtig zu ihm und ein melancholiſches Lächeln flog durch ihr Geſicht.„Fragen Sie das noch, und ich bin ſo ſchwach geweſen, Sie zu hören, und ſtehe hier mit Ihnen?“ flüſterte ſie.„Aber, o Eck⸗ hard „Mein!“ rief er faſt jubelnd,„mein! Was hab' ich an Weiteres zu denken! In dem Gefühl, Regine, ſiege ich über alles!“ Er zog ungeſtüm ihre Hände an ſeine Lip⸗ pen, ſie ſah ihn an mit dem zärtlichen und doch wehmüthi⸗ gen Lächeln, und im nächſten Augenblick flog ſie davon durch den Saal, aus der hohen Thür. Er folgte ihr langſam, wie im Traum. Draußen im Corridor brannten ſchon die Lampen, allein es war nichts mehr von ihr zu ſehn. An der nächſten Ecke begegnete ihm Ulrich und ſchaute ihn prüfend an.„Nun, du Traummenſch,“ ſprach er ne⸗ ckend,„die Luſt ſchon wieder vorbei? Wo biſt du, Eckhard?“ Dieſer ſah lächelnd zu dem Freunde auf.„Im Traume, mein' ich faſt,“ ſagte er munter.„Aber laß mich nur, er iſt ſchön, der Traum. Mir iſt, als ſei der 80 La sainte Barbe. Winter zu Ende, und es knospe rings unter dem vollen Segen des Lenzes!“ V. La sainte Barbe. Die Witterung während der erſten Monate des Jahrs 1763 war eine ſehr ungewöhnliche. Obſchon im Allge⸗ meinen die Kälte, und zwar in faſt unerträglichem Maß und bis in den Mai hinein, vorherrſchte, kamen doch nach Wochen der niedrigſten Temperatur wieder ſo milde, ja ſo unnatürlich warme und ſonnige Tage, daß das Eis zum plötzlichen heftigen Thauen kam, der Schnee ſich gänzlich auflöste und überall gefährliche Ueberſchwemmungen das Land heimſuchten. Die Menſchen ſchauten erſtaunt zu dem tiefblauen, lächelnden Himmel hinauf, zu dem Wald umher und den Bäumen, wo die Knospen raſch zu ſchwellen be⸗ gannen, und hofften, daß der kaum erwartete, faſt zur Fabel gewordene endliche Friede nun auch ein ungewöhnlich ge⸗ ſegnetes Jahr über Deutſchlands zum Theil furchtbar ver⸗ heerte Fluren aufgehen laſſen werde. Allein, wenn auch der politiſche Horizont fortan rein blieb, an dem natürlichen erhoben ſich leider bald genug wieder dunkle Schleier und finſtere Wolken. Heftige Gewitter mit folgenden furchtbaren Schneeſtürmen machten der Wärme ein ſchnelles Ende, und La sainte Barbe. 81 die Kälte umfing mit tödtender Gewalt die armen vor⸗ witzigen Knospen, die leiſe ſich färbenden Saaten. So hatte ſich auch nach dem geſchilderten Tage die Kälte auf den Höhen und in den Thälern um Alt⸗Ruhneck her raſch gebrochen, ein ſchwerer, faſt lauer Regen nahm den Schnee ſpurlos mit ſich fort, dann wurde der Himmel blau, die Sonne lachte und wärmte, und es war, als ob Eckhards Traum, daß der Lenz mit ſeinem vollen Segen heraufſchwebe, zur Wirklichkeit werden ſollte. In dem kleinen Garten des Schloſſes, der gegen die ſchlimmſten Winde durch die hohen Gebäude geſchützt wurde, war es wunder⸗ bar ſchön und milde; die Schneeglöckchen brachen mit Macht aus dem feuchtwarmen Boden und die Leberblümchen kamen in unzähligen Knospen aus den Laubreſten hervor. Es war kein Wunder, daß die Menſchen den freundlichen Platz oft und gern heimſuchten und mit langen Athemzügen die köſtliche Luft und das helle, lächelnde Sonnenlicht einſogen, welche ſie ſo lange in den dunklen Zimmern des Schloſſes hatten entbehren müſſen. Und es war auch kein Wunder, daß ſie heiterer darein ſchauten und leichter lebten als ſeit⸗ her, denn man mag ſagen, was man will, jedermann iſt abhängig von der Luft, die ihn umweht, von dem Himmel, der ſich über ihm ausſpannt. „Du biſt ein geſegneter Menſch!“ ſagte Ulrich in dieſen Tagen einmal zu Eckhard.„Ich möchte auch ſo gut träu⸗ men können und meine Träume verwirklicht ſehn, wie du! — Wie haſt du's nur angefangen, ſeltſamer Geſell?“ „Weiß ich's, Schatz?“ entgegnete er heiter— denn ſo Hoefer, Ruhneck. 6 La sainte Barbe. 82 war er in dieſen Tagen, und ſelbſt die gelegentlichen, auch jetzt nicht geſparten Bemerkungen des Vaters vermochten ihn weder zu reizen, noch zu verſtimmen.„Mir ſcheint's: träume mit dem ganzen Herzen und glaube daran mit dem ganzen Kopf, da wirſt du zuweilen ſolch Wunder hervor⸗ rufen und erleben können.“ Alrich ſchaute ihn lächelnd an.„Ich verſtehe dich nicht,“ ſprach er kopfſchüttelnd. „Verſtehe ich es denn ſelber, Freund?“ lautete die Ant⸗ wort.„Aber mich kümmert das wenig! Das beſte in der Welt bleibt doch immer das, was wir glauben, ohne es zu verſtehn, ja ohne es nur verſtehn zu wollen. Wir ſind völlig damit zufrieden, daß es da iſt und uns wohl— un⸗ ſäglich wohl thut.“ Sie gingen in der Mulde hin, die ſich weit genug öffnete, um der Luft und dem Licht den freiſten Zutritt zu geſtatten. Der Schnee war bis auf die kleinſten Reſte ver⸗ ſchwunden, die Matten zeigten bereits einen grüneren Schimmer, der ‚Bach“ rauſchte mächtig einher, aber er hatte ſich ſchon in ſeine Ufer zurückgezogen, und nur die Sand⸗ und Kiesſtreifen zu beiden Seiten und die feuchten Grund⸗ mauern der Hammer⸗Gebäude zeigten, wie hoch er vor kurzem noch ſeine Fluten getrieben. Auf Eckhards letzte Rede blieb Ulrich ſtehn und ſchaute dem Freunde mit prüfendem Blick in die munteren Augen. „Ich weiß nicht, wie mir iſt,“ ſagte er;„faſt könnte ich an dir irre werden, Eckhard. Iſt's denn möglich, daß der Friede, den ſie in Hubertsburg geſchloſſen, einen ſolchen * La sainte Barbe. 83 Eindruck auf dich macht— denn ſeit dem folgenden Morgen ſehe ich dich ſo verändert. Hatteſt du denn einen ſolchen Abſcheu gegen den Krieg und— 2 Eckhard ſchüttelte lachend den Kopf.„Lieber, das iſt Eins,“ erwiderte er heiter.„Weßhalb leugnete ich, daß mir dieſe Soldatennarrheit zuwider, daß mir der Gedanke, in einen Rock von zweifarbenem Tuch gepreßt zu ſein, kaum denkbar, geſchweige denn erträglich? Natürlich denke ich dann auch weiter, daß die unleidliche Weiſe meines Vaters jetzt ein Ende nehmen muß, da er mich doch wohl nicht zum Friedensſoldaten machen will. Aber das iſt nur Eins, ſage ich! Es lebt und träumt in mir noch Anderes genug, das mich erfriſcht und beglückt.“ Ein neuer prüfender Blick Ulrichs begleitete ſeine Worte:„iſt dir das wilde Kind denn ſo nahe getreten? Das wird deinen Vater allerdings noch am leichteſten zu⸗ friedenſtellen.“ Und wie der Frager es faſt gefürchtet, ſchüttelte Eck⸗ hard wieder den Kopf und entgegnete faſt heftig:„ach laß wenigſtens du mich mit dieſen Thorheiten zufrieden, Ulrich! Mich necken mit Antoinetten— o ja! Aber leben mit ihr — lieber in den bunten Rock und den Krieg! Aber ſie denkt Gottlob auch ſelbſt an jeden Andern eher als an mich.“ Er ging mit großen Schritten weiter auf dem ſchmalen Wege, der ſich am Fuß des Schloßberges hinzog; Ulrich folgte ihm gedankenvoll. Wieder und wieder ſtieg der Ge⸗ danke in ihm auf, der ſich nach Reginens Anblick in ihm geregt hatte— war ſie es denn, auf welche Frau Rudhard * 84 La sainte Barbe. an jenem Morgen hindeutete? Doch wie lieblich ihm auch das Mädchen erſchien und wie begreiflich er ein warmes Gefühl für ſie im Herzen eines Mannes gefunden haben würde, er verwarf den Gedanken an ein Einverſtändniß zwiſchen ihr und Eckhard, ja auch nur den an eine wärmere Regung dieſes Letzteren allein, ſtets von neuem, da er in dem Verkehr Beider nicht das Geringſte fand, das einen ſolchen Verdacht beſtätigt hätte. Sie war anmuthig und ſchüchtern gegen ihn, er heiter und zutraulich gegen ſie, wie Beide es gegen alle Uebrigen waren; mit einander allein hatte Ulrich ſie nie geſehn. Und immer von neuem regte ſich in dem wackern jungen Mann die Sorge, welche ihm Frau Rudhards Worte nicht genommen, Eckhard möge ſich irgend wohin gewendet haben, wo ihm, bei den Anſichten der Seinen, nur die traurigſten und erbittertſten Kämpfe und niemals ein freudiger Sieg in Ausſicht geſtellt war. Dies alles hat in den letzten Tagen und beim Anblick des ſo gründlich veränderten Freundes Ulrich ernſtlicher be⸗ rührt und erfüllt als je zuvor, lebhafter als ihm, wenn er darüber nachgedacht hätte, vermuthlich ſelbſt begreiflich ge⸗ weſen wäre. Er fühlte ſich überhaupt in dieſer Zeit leichter erregt und bewegt als früher; es war faſt, als bereitete ſich auch in ihm etwas vor. Aber, wie es zuweilen geht, er ſelbſt merkte das kaum und dachte noch weniger an das, was es etwa ſein könnte. Nur das Eine fühlte er, daß er ſich zu Eckhard lebhafter hingezogen fühlte und grade für das, was deſſen Herz bewegen ſollte, die wärmſte Theil⸗ nahme hatte. Er wollte und mußte dem Freunde auch hier Ea sainte Barbe. 85 nahe ſtehn, näher als überall anderwärts. Und doch bot ihm erſt dieſer Spaziergang Gelegenheit, das Vertrauen des Andern zu ſuchen; der Verkehr mit den Gäſten hatte den der Einzelnen unter einander gar ſehr beſchränkt. Seine verſuchte Annäherung führte ihn nur nicht weit, denn kaum hatte er ernſten Tones geſagt:„hätt' ich's doch nie gedacht, Eckhard, daß ein paar Jahre Trennung zwei Menſchen wie uns auch innerlich ſo weit auseinander bringen könnten! Du haſt kein Vertrauen mehr zu mir!“ — da blieb der Angeredete ſtehn, ſah den Freund mit großen, gleichſam verwunderten Augen an und verſetzte: „ich zu dir? Das iſt ſeltſam, Ulrich! Mir ſcheint das Gegentheil da zu ſein, und hätt' ich nur Gelegenheit gehabt, würd' ich mich ſchon einmal über dich beklagt haben. Was mit mir iſt,“ fuhr er fort und zog den Arm des Freundes in den ſeinen und ihn mit ſich fort,„das ſiehſt du ſo gut, wie jedermann, der auf Alt⸗Ruhneck mit uns lebt. Mein Vater iſt nicht der Mann, ſein Wünſchen und Fühlen zu verſtecken. Was ſoll ich darüber reden? Du verſtehſt das Ganze ohne Worte. Und was ſonſt in mir, iſt, wie ich ſage, allerlei Träumerei, über die ich gleichfalls nicht ſpre⸗ chen kann, weil ſie noch viel zu geſtalt- und haltlos. Nur alte Weiber plaudern gern von ihren Träumen. Du aber, Ulrich,“ ſprach er mit gedämpfter Stimme weiter,„du haſt etwas in dir, das nicht ſpaßhaft und nicht gleichgültig, und nach meiner Ueberzeugung ſollteſt du darüber mit mir reden. Wie lange, meinſt du, daß es noch ſo bleiben kann?“ „Was, beim Zeus, was meinſt du?“ rief Ulrich halb La sainte Barbe. 86 beſtürzt, halb ärgerlich aus. Bei dem Ernſt ſeiner Worte und bei dem ganzen Weſen des Freundes konnte dieſer mit ſeinen Andeutungen keinen Scherz, nicht einmal ein Aus⸗ weichen aus der von Ulrich vorhin aufgenommenen Bahn beabſichtigen; und andrerſeits fühlte Ulrich auch, daß in ihm, wie ſchon erwähnt, allerdings etwas ſein möchte, was die Bemerkung des Andern rechtfertigen könnte. Standet ihr einmal in einer Gebirgslandſchaft auf einem erhabenen Punkt, am früheſten Morgen, und ſchautet hinaus auf die Thäler und Höhen? Da wißt ihr wohl, wie ſtill alles umher iſt, wie alles noch faſt ununterſcheid⸗ bar im tiefſten Dämmer ruht und nur der lichtere Oſthim⸗ mel euch ahnen läßt, daß die Nacht ein Ende nimmt. Und plötzlich tritt dann aus dem Dunkel eine Bergſpitze hell leuchtend hervor und ſchwebt wie ein glänzender Punkt über den Schatten der Tiefe, und es folgt ihr noch eine und wieder eine, und der Tag iſt da, ſchneller als ihr's gedacht. So war's im Herzen des jungen Mannes; aber noch brei⸗ tete ſich der Schatten aus, allüberall, und nur hier und da begann ein einzelner Punkt ſich heller von dem Dunkel ab⸗ zuheben.— „Was, beim Zeus, was meinſt du?“ fragte er noch einmal, als Eckhard ihn zur Antwort auf die erſte Frage nur kopfſchüttelnd betrachtete, und nun verſetzte der Letztere mit ſichtbar großem Ernſt:„Hältſt du mich für blind, Ulrich, oder biſt du's in der That ſelbſt, daß du mich ſo fragſt? Wie ſoll es werden, wenn dein Bruder— 2“— Aber er brach ſeine Rede in dieſem Augenblick jäh ab und La sainte Barbe. 87 rief gegen den Ausgang des Thals deutend:„he, was iſt denn das? Sind unſere Damen denn hinaus, und wir wiſſen nichts davon?““ „Beim Zeus, ſo ſcheint's!“ verſetzte Ulrich eifrig, als fühle er ſich durch die Wendung des Geſprächs gewiſſer⸗ maßen erleichtert. Er war bei Eckhards letzten Worten plötzlich dunkelroth geworden und dankte nun in der That innerlich ſeinem Gott, daß der Begleiter vor dem neuen Anblick drüben nicht darauf geachtet zu haben ſchien. Er hätte in dieſem Augenblick um alles in der Welt nicht er— klären, nicht über das frühere Thema weiterreden können. Es lag wie mit einem Schlage alles in ihm im vollen, ſcharfen, blendenden Licht. Da drüben aber kam um die Wald⸗ und Thalecke ein kleiner Reiterzug hervor und näherte ſich im leichten Ga⸗ lopp der Pferde raſch den beiden Freunden— zwei Damen voraus, ihnen faſt zur Seite ein ältlicher Mann und hin⸗ terdrein zwei Diener. Fremde waren hier nicht wohl zu erwarten, und nun ließen ſich die Perſonen auch ſchon er⸗ kennen, Antoinette und Beatrirx und der alte Rentmeiſter, wel⸗ chen das zuerſt genannte wilde und fröhliche Kind mit luſtiger Koketterie in dieſen Tagen ganz an ſich gefeſſelt hatte und überall mit ſich zog. Auf der Fahrſtraße, zu der die jungen Männer raſch hinabeilten, ſtießen beide Parteien zuſammen. „Das heiß' ich ein Attentat auf uns!“ rief Eckhard lebhaft ihnen entgegen.„So ſich fortzuſtehlen, ſo ſich uns zu entziehn— niemals ſind zwei Menſchen, wie wir, ſo grauſam behandelt worden! Was meinſt du, Ulrich?“ 88 La sainte Barbe. „Ja, es ſoll auch ein Angriff auf euch ſein!“ ver⸗ ſetzte Antoinette fröhlich und warf mit einer leichten Kopf⸗ bewegung die lange weiße Feder zurück, welche beim ſcharfen Ritt ihr ums Geſicht geſpielt hatte, und zügelte ihr unge⸗ duldiges Pferd. Sie ſah köſtlich aus mit den friſch roſigen Wangen und den blitzenden hellbraunen Augen, die ganze ſchlanke Geſtalt gehoben und durchbebt von Lebensluſt und Jugendübermuth.„Es ſoll euch ſtrafen für eure Bequem⸗ lichkeit und eure geringe Galanterie! Da hätten wir lange warten können, bis ihr uns einmal einen luſtigen Ritt vor⸗ geſchlagen hättet!— Hier, Papa Breuning, das iſt ein anderer Mann und beſchämt euch!“ „Weßhalb ſtehlt ihr euch fort?“ rief Eckhard lachend. „Weßhalb entflieht ihr vor uns?“ warf jetzt auch Beatrix ſcherzend ein.„Wo ſollten wir euch Träumer ſuchen? Wir ſind Gott ſei Dank offen genug aus dem Thor geritten.“ „Na, beim Zeus, merkſt du was, Eckhard? Man de⸗ gradirt hier!“ lachte Ulrich.„Nun werd' auch ich ſchon Träumer genannt— eine böſe Charge in deinen Augen, Couſine— nicht?“ So ging das Geſpräch im raſchen Wechſel und in fröhlichſter Weiſe noch eine Weile weiter, die Luſt durch⸗ wogte alle, und der prachtvolle Tag durchdrang jedes Herz mit ſeinem glänzenden Licht mit ſeiner elaſtiſchen Luft. Selbſt Beatrix' ſchöne, gewöhnlich aber ſo ruhige, ja ein wenig kalte Züge zeigten ſich heiter bewegt, die meiſt blaſſen Wangen ſchimmerten roſig angehaucht und ihr Auge lächelte. Es war ſo viel Leben in ihrer ſchlanken, durch die knappe La sainte Barbe. 89 Tracht hervorgehobenen Geſtalt, ſo viel Anmuth in ihrer Haltung, ſo viel Grazie in jeder ihrer Bewegungen, daß Ulrich ſchier glücklich und ſelbſt Eckhard mit einer lange nicht empfundenen Wärme zu ihr aufſchaute. Bei Gott, ſie iſt ſchöner als alle und wirklich die Königin unſeres Kreiſes! dachte Ulrich. Weßhalb tritt ſie nicht immer hervor und auf den Platz, der ihr gebührt? Und Eckhard ſprach faſt daſſelbe aus, als er lachend ſagte:„ſieh doch meine Schweſter an, Ulrich, und gib ihr ihren Vorwurf von vorhin zurück! Wer konnt' es ahnen, daß Ihre Majeſtät heut Morgen die Gnade haben würden, den Ruhnecker Traumſchleier einſtweilen abzulegen und ihren Königspurpur umzuthun?“— Und er hatte wohl recht, Beatrix war ſeither wenig aus ſich herausgetreten, noch weniger als ſonſt, hätte man ſagen mögen, und in dieſen belebten Tagen auf der Ruhneck die Einzige geweſen, welche ſtill ihr altes Weſen bewahrt hatte. Für jetzt aber dachte niemand daran weiter als mit einem jener einzelnen ſtreifenden Gedanken, die wir in den jungen Männern bemerkten. Sie plauderten und neckten ſich und ſchritten dabei eine kleine Strecke auf dem Wege fort, bis Antoinette ausrief:„in der Weiſe geht's nicht weiter! Mein Pferd hat noch weniger Luſt als ich ſelbſt, hier ſpazieren zu gehn! Wir haben ſchon viel zu viel Ge⸗ duld mit euch gehabt, ihr Herren!“ „Mit wem habt ihr die, Mesdames?“ verſetzte Eckhard im gleichen Tone.„Nicht einmal mit euch ſelbſt und eures Gleichen! Ich vermiſſe Fräulein von Heydeck und möchte 90 La sainte Barbe. wetten, daß ihr die Arme ſündlich vergeſſen oder verlaſſen, weil ihr ſie nur nicht rufen mochtet!“ Antoinette hielt das Pferd zurück.„Sie thun uns un⸗ recht, Graf!“ ſagte ſie ernſter als bisher.„Regine iſt ein gutmüthig Ding, und Madame la Baronne hat ſich das zu Nutze gemacht; die Kleine muß zu dieſer Zeit, nach dem Frühſtück, mit ihr Gott weiß welchen armen Autor zer⸗ hacken, und ſitzt auch jetzt in der St. Barbara. Wiſſen Sie's nicht, Graf Eckhard?“ „Und Sie täuſchen ſich oder uns,“ warf Ulrich lachend hin.„Sehn Sie hinauf zur Ruhneck— wer lehnt ſich dort über die Bruſtwehr? Eine Dame iſt's— die Baronin oder Fräulein von Heydeck, oder— Mama Rudhard?“ Sie folgten ſeinem Blick und ſahen freilich, daß er recht hatte. Der Schloßberg hob ſich ſchroff hinan, Ge⸗ büſch war nur hie und da aus den Felſenwänden geſchlagen, allein es reichte nicht bis zur Höhe und beſchränkte die Ausſicht auf die Gebäude und Thürme droben, auf die alten Mauern und Bruſtwehren, laublos, wie es jetzt war, nicht im geringſten. Und dort ſahen ſie jemand über die Bruſtwehr des großen Hofes lehnen und hinabſchauen, und jetzt wehte auch ein Tuch von dort. Es war zu weit und hoch, um die Perſon wirklich erkennen zu können, allein es war kein Zweifel, daß Regine die Schauende ſein mußte, und Antoinette ſchwang zur Antwort ihr Tuch in die Luft und rief haſtig:„um Gott, iſt's ſchon ſo ſpät? Da müſſen wir eilen! Aber vorher noch einen tüchtigen Galopp, Papa Breuning! Meinſt du nicht auch, Beatrix? Wir wollen La sainte Barbe. 91 einmal ſehen, wozu ſich unſere beiden Herren entſchließen,“ ſetzte ſie lachend hinzu und ließ ihr Pferd luſtig dahin fliegen.— Die beiden jungen Männer aber ſprangen auf die Pferde der Diener, welche man zum Schloß auf dem näch⸗ ſten Wege zurückkehren ließ, und folgten den Andern raſch. Es war ein fröhlicher Ritt durch den ſchönen Morgen.— Es war in der That Regine geweſen, die ſie droben erſchauten, und das junge Mädchen kam, wie Antoinette es geſagt, wirklich aus den Gemächern der Baronin, oder, wie man dieſe Räume auf der Ruhneck ſcherzend hieß, aus der St. Barbara— la sainte Barbe, wie's die Franzoſen nennen und wie der Erſte, der den Einfall gehabt, die Gemächer getauft hatte. La sainte Barbe oder St. Barbara iſt bekanntlich in franzöſiſchen und ſpaniſchen Kriegsſchiffen der verborgene dunkle Raum, in welchem man das Pulver aufbewahrt, eine Oertlichkeit, welche nur während des wirklichen ernſten Kampfes zugänglich gemacht und natürlich nur mit äußerſter Vorſicht betreten wird. Die Baronin hatte nun vor langen Jahren, da ſie noch als junge Tochter des Hauſes und un⸗ vermählt auf der Ruhneck weilte, ſich die feſten dunklen Gemächer im Bergfried von ihrem Vater zur Wohnung erbeten und ſie leicht bewilligt erhalten. Da hatte ſie denn gehaust, früh mutterlos und ſelbſtſtändig, lebhaft, ja heftig in jeder Gefühlsäußerung, und beſonders ſchier eiferſüchtig auf die Abgeſchloſſenheit ihrer Wohnräume haltend. Das hatte ein alter Freund ihres Vaters, der dazumal häufig 92 La sainte Barbe. auf der Ruhneck weilte und ſich mit dem jungen Mädchen zu necken pflegte, einmal gründlich erfahren, da er es wagte, ihr in jene Räume zu folgen und von der plötzlich Zür⸗ nenden auf das heftigſte ausgewieſen wurde.„Gottes Blitz!“ hatte er Mittags lachend zum Vater, dem alten Grafen Wolfram geſagt,„hab's gar nicht gewußt, Alter, daß du hier im Schloß auch eine ächte und gerechte Sainte Barbe haſt, und daß deine kleine Hedwig darin wie ein Pulverfaß ſteckt— aufgeſchlagen, voll bis zum Rand— brr!'s iſt lebensgefährlich, ſag' ich dir!“— Die Zuhörer, unter ihnen auch die wieder beruhigte Hedwig, lachten, und von der Zeit an blieb, wie geſagt, jenen Gemächern der erwähnte, wirklich ziemlich bezeichnende Name. Denn verhältnißmäßig beſchränkt und dämmerig, wenig zugänglich und ſicher, lagen dieſe Räume innerhalb der gewaltigen Mauern des ernſten alten Thurmes. Man hätte dort ohne Gefahr wirklich ein Pulvermagazin anlegen können.— Wenn Hedwig als verheirathet ſpäter zum Beſuch nach Ruhneck kam, bezog ſie ſtets wieder die beiden Zimmer, in denen ſie die alte Einrichtung ihrer Mädchenheimat treu erhal⸗ ten und überdies bei jedem Beſuch dies oder jenes zurückgelaſſen hatte, ſo daß ihr jetzt in den Räumen, an den Möbeln ſo gut wie an allerlei Kleinigkeiten und Spielereien ein ſelt⸗ ſames, erinnerungsvolles Bild ihres Lebensweges vor Augen ſtand. Es verrieth ſich darin mehr Gemüth und Empfin⸗ dung, als man eigentlich bei ihr anzunehmen geneigt war. Aber die Baronin wurde häufig genug nur nach ihrem ge⸗ La sainte Barbe. 93 legentlichen Weſen und Auftreten, nach einzelnen Zügen und ungewöhnlichen— Manieren, und daher vielfach falſch beurtheilt. Das war ebenſo, als wenn man aus den fran⸗ zöſiſchen Floskeln und Wörtern, die wir ſie bei ihrem erſten Auftreten in Ruhneck gebrauchen hörten, nun darauf ge⸗ ſchloſſen hätte, daß ſie wie viele ihrer Standesgenoſſen, ja wie ein großer Theil der ſogenannten gebildeten Geſellſchaft überhaupt, die fremde Sprache der eigenen vorzöge. Im Gegentheil dachte ſie ſo wenig daran wie ein anderes Glied der Familie, in der man die Mutterſprache reiner und treuer bewahrte als gewöhnlich; ſie hatte ſich dieſe Miſch⸗ ſprache nur, Gott weiß woher und weßhalb, bei Begrüßun⸗ gen und Abſchiednehmen angewöhnt und verfiel ihr zuweilen auch für ein paar Augenblicke in Momenten einer lebhaf⸗ teren Aufregung. Und ſo war ſie überhaupt voll von Ei⸗ genheiten und Seltſamkeiten aller Art. „Man thut der Tante ſehr unrecht,“ hatte Eckhard in dieſen Tagen einmal zu Ulrich geſagt, welcher einen zufällig bemerkten Zug, der ihm zu dem geglaubten eigentlichen Weſen der alten Dame wenig zu ſtimmen ſchien, gegen den Freund zur Sprache gebracht hatte;„ſie iſt nicht hart, ſie iſt nicht einmal ſtrenger, als es bei einer ſo lange ſelbſtſtän⸗ digen, einem ſehr großen Beſitz vorſtehenden und ihn mu⸗ ſterhaft führenden Frau nicht nur begreiflich und natürlich, ſondern ſogar nothwendig iſt. Du haſt's ſelbſt erlebt, daß ſie einen Scherz, und zwar einen derben, ſehr gut zu er⸗ tragen weiß, und du kannſt es glauben, daß ſie für die Ihren und ihrer Obhut Anvertrauten mütterlich, wenn auch 94 La sainte Barbe. nach ihrer Ein- und Anſicht und nach ihrem Willen beſorgt iſt. Freilich, ihre Anſichten hat ſie, ſo zu ſagen, für ſich ſelbſt und allein; auf eigenen Füßen ſteht ſie durchaus, und ihr Kopf iſt bei Gelegenheit abſolut unberechenbar und unmöglich zu brechen— von Eiſen, Ulrich, für oder wider einen Andern, wie es ſich grade trifft, wie ſie's einmal für recht hält.“ Zu ihren andern Eigenheiten gehörte auch die, daß ſie, obgleich an Anderen die Weichlichkeit verſpottend, ſchon längſt weder Winters noch Sommers das Haus leicht an⸗ ders als gegen den Zutritt der freien Luft durchaus geſchützt verließ und nur zu Wagen oder in der Sänfte hinauskam, wenn ſie ſchon bei Gelegenheit, durch ihre Lebhaftigkeit fort⸗ geriſſen, ſich keinen Augenblick beſann, ein Fenſter aufzu⸗ reißen, um mit einem draußen Befindlichen zu reden und zu verkehren. Aus dieſer Gewohnheit hatte ſich eine zweite entwickelt— die nämlich, daß ſie wenigſtens einige der langen und verhältnißmäßig ruhigen Tagesſtunden durch Lecture zu verkürzen ſuchte und ſich dann von irgend jemand etwas vorleſen ließ. Nur war ſie eine ſchlechte Zuhörerin, da an wirkliche, dauernde Ruhe und Aufmerkſamkeit bei ihr faſt nicht zu denken, und ſie überdies nichts hören konnte, ohne dadurch zu eigenen Gedanken und Einfällen jeder Art angeregt zu werden, denen ſie dann auch ungenirt und zur Verzweiflung ihrer Vorleſerinnen alsbald Worte lieh. Antoinettens Ausdruck, daß ſie mit ihrer Geſellſchaf⸗ terin einen Autor ‚zerhackee“, war daher bezeichnend und richtig genug. Niemand hatte begreiflicherweiſe einerſeits La sainte Barbe. 95 dieſe Lecture lange ertragen und es andrerſeits der Alten völlig zu Dank gemacht, bis die ‚kleine Reginee kam und den Ton traf und die Geduld zeigte, welche der Baronin genügten. Das Mädchen war ihr dadurch in Kurzem aber auch theurer geworden, als man es auf Greiffenſee ſeit langer Zeit von irgend einem andern Menſchenkinde wußte. Am heutigen Tage war man aber nicht zur Lecture gekommen, vielmehr hatte die Baronin, welche bei Reginens Eintritt in ihrem ſauberen weißen NRegligee, das ſtarke graue Haar noch ungepudert und unbedeckt, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf⸗ und niederlief, zu dem Mädchen mit einem gar freundlichen Blick geſagt:„Kind, wir wollen das dumme Buch noch ein wenig zulaſſen und dafür plau⸗ dern, was zu Zeiten ſeine Vorzüge hat, denn wir leſenden Menſchenkinder denken zuweilen viel geſcheuter als die Scri⸗ benten all der vielen Bücher, und da wär's doch ſchade, wollte man ſolche Gedanken nicht auch ausſprechen. Sie könnten uns ja wieder verloren gehn, während die der Scribler gedruckt ſind und ſchon warten können, bis man Zeit für ſie findet. Komm, ſetz' dich,“ fügte ſie hinzu;„laß das Buch zu und erzähle mir was.“ Regine lächelte.„Was ſoll ich Ihnen erzählen, liebe Tante?“ verſetzte ſie, denn die alte Dame hatte dieſen Titel von ihr gewünſcht, ‚da ich:— ſagte ſie— zjja deine ſo gut wie Antoinettens Verwandte ſein werde, wenn wir bisher auch nicht genau das Wie? wiſſen.⸗—„Hier paſſirt nichts, was Sie nicht beſſer erfahren als ich,“ ſetzte das junge Mädchen hinzu. 96 La sainte Barbe. „Ah bah— ſei doch nicht ſo ein Stock, Kind!“ ent⸗ gegnete ſie lebhaft, und ihre Schritte wurden faſt zu raſch und groß für den mäßigen, durch viele Möbeln noch be⸗ ſchränkteren Raum.„Erfahr' ich auch, was in deinem dummen kleinen Kopf vorgeht, oder— paſſirt da gar nichts? Was denkſt du? Wie ſiehſt du Schloß Ruhneck an, wie die Menſchen drin, die du ja eigentlich jetzt erſt kennen lernſt? Sprich, was du weißt, was dir einfällt, und fällt dir nichts ein, ſo rede über dies Nichts— da kommt oft das Geſcheuteſte zu Platz, das der Menſch in ſich hat.“ Regine lächelte wieder, obſchon ſie im übrigen heut Mor⸗ gen auch äußerlich noch ſtiller und ernſter erſchien als ſonſt. „Solche Künſte muß ich noch erſt lernen, Tantchen,“ ſprach ſie endlich.„Aber wenn Sie denn durchaus wiſſen wollen, was ich gedacht— weßhalb— „Ja ja— vergiß deine Rede nicht!“ unterbrach ſie die Baronin plötzlich,„aber ich muß nur mit dem heraus, was mir auf dem Herzen liegt, deine Frage kannſt du nachher ſtellen. Sag' mir einmal, Kind, was hältſt du eigentlich von der Antoinett' und dem Eckhard? Was iſt mit den Beiden? Was wird mit den Beiden? Ich ſehe ſie wenig zuſammen, wie ich's wünſchte, und ſo kreuzfidel die zwei Menſchenkinder ſind, mit einander ſcheinen ſie noch immer nicht auf dem Einen und rechten Punkt zu ſein. Ich mag die Antoinett' nicht fragen, ſie wäre im Stande und würde dann grade aus Obſtination— obſtinat; und mein Herr Neffe iſt wie ein Aal und gleitet mir durch die Finger, wenn ich einmal mit ihm reden will. Das iſt überhaupt 4 La sainte Barbe. 97 eine ganz alberne Geſchichte!“ ſetzte ſie verdrießlich hinzu. „Mein kluger Bruder hat mit ſeinen Einfällen den Jungen meilenweit von ſich gebracht, ſo daß er nun nach ſeinem eigenen Kopf läuft und keinem Menſchen vertraut. Ich hätte gute Luſt, ihn laufen und Rüdiger die Folgen tragen zu laſſen, wenn ich nicht andere Gründe und Pläne hätte! — Nun— und die Antoinett', hat ſie dir nichts darüber geſagt? Zwiſchen ſo Mädchen muß es doch einmal geplau⸗ dert ſein— vom Herzen— heißt ihr's ja wohl?“ Es war gut, daß die Baronin von ihren Gedanken zu ſehr beherrſcht wurde, um während ihrer lebhaft hinſtrömen⸗ den Rede viel auf diejenige zu achten, an welche ihre Worte gerichtet waren, es hätte ihr ſonſt das glühende Erröthen, das folgende ebenſo ſchnelle Erblaſſen, die ſichtbare Erſchüt⸗ terung Reginens unmöglich entgehn können, obſchon das Mädchen halb mechaniſch das Geſicht ſo viel wie möglich dem Fenſter zugewandt hatte, und es wäre kein Zweifel ge⸗ weſen, daß ſie in ſolchem Fall augenblicklich dem Grunde dieſer Erſcheinung nachgeforſcht haben würde. Eine ſolche Möglichkeit erſchien Reginen aber faſt als das Schrecklichſte, was ihr jetzt begegnen konnte. Es war ja noch ſo neu und ſcheu, ſo zart und weich, was ſich in ihrem Herzen regte, ſie ſelbſt war ſich noch ſo gar unklar über das Recht dieſer Liebe und über die Ausſichten derſelben, wenn ſie ans Licht des Tages treten würde, daß ſie ihr jetzt noch nicht Worte leihen, geſchweige denn wirklich für dieſelbe in den Kampf gehn konnte, wie er ihr, zumal mit der Baronin, unzweifelhaft bevorſtand. Nun aber ließen ihr d Worte Hoefer, Ruhneck. La sainte Barbe. dieſer Letzteren Zeit, ſich zu faſſen, und obgleich es ihr ſehr peinlich war, der wahrhaft verehrten Frau grade jetzt und grade in dieſem, derſelben ſo wichtigen Falle nicht die ganze Wahrheit ſagen zu können, fühlte Regine doch, was ſie ſich ſelber und Eckhard ſchuldig war, und erwiderte daher ſo unbefangen wie möglich und der Wahrheit gemäß:„nein, Tante, wir haben nichts darüber geſprochen, aber ich glaube auch nicht, daß Antoinette an ihn denkt.“ Die alte Frau blieb plötzlich ſtehn, und der Blick ihrer dunkelblauen Augen heftete ſich durchdringend auf das Mäd⸗ chen, als ſie raſch fragte:„woher ſchließeſt du das?“ Regine ſenkte das Auge und erröthete auf's neue, wenn auch nur leicht.„Ich weiß ſelbſt nicht recht,“ verſetzte ſie befangen.„Ich bemerke nie einen Blick an ihr, nie eine Bewegung, nie ein Wort, das auf ein ernſteres Gefühl für den Herrn Grafen hindeutete; ſie verkehrt ganz unbefangen mit ihm, liebe Tante, und er— Graf Eckhard, meine ich, — iſt grade ſo. Sie ſind, möcht' ich ſagen,“ fügte ſie bei und ſchaute jetzt lächelnd auf und die Baronin an,„zu gut Freund mit einander, um— um ſich zu lieben.“ „Hm, hm, hm, hm!“ machte die Dame im ſingenden Tone, drehte ſich kurz ab und ſpazierte wie vorhin durch das Gemach.„Möglich, möglich, daß du recht haſt! Sie hat alſo wirklich nicht mit dir darüber geredet?— So, ſo! Nun, muß einmal wieder darnach ſehn, und— doch, um darauf zu kommen,“ unterbrach ſie ſich und blieb, wie vollkommen gleichgültig, in ihrem Gange,„wie gefällt euch La sainte Barbe. 99 Beiden denn dieſer junge Hohenengen? Ein ſchmucker Junge und ein liebenswürdiger Menſch, ſcheint's mir.“ „Gewiß, liebe Tante,“ erwiderte ſie unbefangen. „Du ſagſt das ja verzweifelt ruhig, Kindchen,“ be⸗ merkte die Alte, das Geſicht zum Lachen verziehend.„Ich meinte ſonſt, er könne dir noch ein wenig ſchmucker und liebenswürdiger erſcheinen als mir alten Perſon.“ Regine ſah unendlich reizend aus in der Miſchung von leiſem Schreck und ebenſo leiſer Schalkhaftigkeit, welche ſich in dem feinen Geſicht abſpiegelte, da ſie dieſe Worte der alten Planmacherin vernahm und nun ſcherzend darauf ant⸗ wortete:„o um Gotteswillen, Tantchen, das wäre ja wider allen Reſpekt, wenn ich Ihnen in den Weg treten wollte! Aber ich kann wirklich nichts dafür, Tantchen— ich liebe ſolche wilde Soldaten gar nicht.“. „Ei, Kindchen, er iſt ja nicht mehr Soldat und wird's auch ſchwerlich wieder werden,“ entgegnete die Baronin. „Rede alſo keinen ſolchen Unſinn, ſondern überlege dir ein⸗ mal, ob du ihn dir nicht näher denken kannſt. Es wäre doch der Mühe werth, mein' ich.“ „O Tantchen, was hülfe mir das?“ verſetzte Regine mit leiſem Lächeln den Kopf ſchüttelnd.„Graf Hohenengen würde mir darum doch nie näher kommen, glaube ich, er geht ſeine eigenen Wege.“ „Und wohin führen die, Kind?“ Sie ſah zu der Klei⸗ nen wieder forſchend hinüber und hielt ihren Schritt an. „Weiß ich's, Tantchen? Ich meine faſt, er weiß es noch ſelber nicht. Nur zu mir führen ſie ihn in keinem 100 La sainte Barbe. Falle.“— Iſt's, wie ich fürchtete, oder auch wieder nichts? dachte die Baronin und nahm ihren Gang von neuem auf. Weiß der Himmel, was jetzt in die jungen Leute gefahren, daß keiner mehr von dem etwas wiſſen mag, der ſich für ihn ſchickt! Muß es auf andere Weiſe anfangen; gönnte dem Kinde— und ihr Blick ſtreifte freundlich zu Reginen hinüber— ſolch ein Sort!— Und nach einer Weile ſprach ſie laut:„nun alſo, Kindchen— was haſt du mich vorhin fragen wollen? Bin ſelber neugierig, was in deinem Köpf⸗ lein ſtecken mag, an dem die Männer und die Intereſſen des Lebens noch ſo gar keinen Theil haben.“ Regine lächelte melancholiſch.„Ich weiß doch nicht,“ ſprach ſie kopfſchüttelnd.„Mir iſt zuweilen, als drängten ſich dieſe Intereſſen grade mir oft mehr auf, als Anderen. Ich habe wenigſtens ſchon ſo viel zu erleben gehabt, daß ich nun Gott um ſo inniger anflehe, mir doch die Ruhe bei Ihnen zu gönnen.“ Und da ſie die Baronin eine ab⸗ lehnende Handbewegung machen ſah, fuhr ſie abbrechend fort:„was ich Sie vorhin fragen wollte, Tantchen, iſt nur. — weßhalb Sie das liebe kleine Bild mit den Engelsköpfen dort ſo hinter die Vaſe verſteckt haben? Es ſind ſo reizende Köpfchen!“ Die Baronin blieb ſtehn und ſchaute ſie an.„Welches Bild?“ fragte ſie, und Regine eilte aufſpringend zu einer alterthümlich geſchnitzten und ausgelegten Kommode neben der Thür und rückte eine ziemlich große Vaſe von japani⸗ ſchem Porzellan zur Seite, ſo daß dahinter ein Bildchen an La sainte Barbe. 101 der Wand hängend ſichtbar wurde— zwei blonde Kinder⸗ oder Engelsköpfe auf himmelblauem Hintergrund. „Dies meine ich,“ ſagte ſie und lehnte ſich auf das Möbel, um das in der That liebliche kleine Bild beſſer an⸗ ſehn zu können. Sie richtete ſich endlich wieder auf und ſchaute ſich ein wenig verwundert über das beharrliche Schweigen der Ba⸗ ronin zu dieſer um, aber ſie ſtieß auch zugleich einen Schreckensruf aus und ſprang zu der alten Frau, um dieſe mit ihren Armen zu umfaſſen. Denn die Baronin ſtand, die Hände wie zur Abwehr von etwas Furchtbarem erho⸗ ben, die großen Augen noch größer als ſonſt und mit einem unheimlichen, entſetzten Blick auf das Bild geheftet, wie er⸗ ſtarrt, ohne Bewegung und Leben, und aus ihrem Geſichte ſchien alles Blut entwichen zu ſein, ſo leichenbleich waren die Züge, deren Härte und Schärfe jetzt ſichtbarer hevortrat als jemals in anderen, ruhigeren Momenten. „Tante, um Gotteswillen, was iſt Ihnen?“ rief die entſetzte Regine. Da kam wieder Leben in die ſtarren Glieder und eine faſt wilde Bewegung in die eiſernen Züge des Geſichts. Sie drängte das Mädchen zurück und trat der Kommode näher, als wolle ſie das Bild noch beſſer ſehn.„Wer hat mir das gethan?“ ſprach ſie, und es grollte in ihrer tiefen Stimme ein finſterer, drohender Zorn, und die Augen hef⸗ teten ſich mit einem noch unheimlicheren, tief glühenden Blick auf die beiden lächelnden Köpfchen.„Wer hat mir das gethan?“ fragte ſie noch einmal, noch drohender.„Wer 102 Streitende Gewalten. hat es gewußt und gewagt, mein Herz bis in ſein Innerſtes zu treffen? Aber bei dem rächenden Gott— er wahre ſich!“ Und ſich jäh umwendend, fragte ſie Regine:„ſeit wann haſt du das da geſehn?“ „Ich meine, es war ſchon am zweiten Tage unſeres Hierſeins, als ich auf Sie wartete und mich hier umſah,“ entgegnete das junge Mädchen, noch zitternd von dem plötz⸗ lichen heftigen Schreck.„Aber meine theure,— theure Tante—!“ „Laß gut ſein, laß gut ſein!“ unterbrach die alte Dame finſter die innigen Worte und fuhr mit der Hand über die Augen.„Du verſtehſt das nicht, Kind, nicht dieſen heim⸗ tückiſchen Schlag!“ Sie wandte ſich ab, dem Fenſter zu. Gleich darauf bat ſie, Regine möge ſie jetzt allein laſ⸗ ſen, des Geſchehenen aber gegen niemand erwähnen.— Das junge Mädchen ging ſchweigend hinaus, in die Einſamkeit. Und da war es geweſen, als ſie von der Bruſtwehr aus die Geſellſchaft im Thale erblickt und ſie mit dem wehenden Tuch begrüßt hatte. Streitende Gewalten. Vor dem ,Steinhauſet ſtand einer jener kurioſen Trage⸗ käſten, die man unlängſt noch zu Dresden in ihren melan⸗ Streitende Gewalten. 103 choliſch d'reinſchauenden letzten Exemplaren erblicken konnte — vielleicht gibt es ihrer ſogar heut noch— und die man Portechaiſen zu nennen pflegte, und in dem uns bereits be⸗ kannten heimlichen Zimmer des Häuschens finden wir neben Frau Rudhard die Baronin Bergen. Sie hatte ſich in den vergangenen Tagen ſchon ein paarmal zu der alten, faſt ganz gelähmten Jugendfreundin tragen laſſen, jedoch ohne auf Erörterungen zu kommen, wie Frau Rudhard ſie erwartet hatte. Heute aber hatte ſie gleich bei ihrem Eintritt zu dem anweſenden Stallmeiſter geſagt:„Benedict, Ihr dürft's nicht übelnehmen, wenn ich Euch heut von hier vertreibe. Ich muß mit Agnes reden, viel und lange, und ich kann keine Zeugen gebrauchen. Nicht wahr, Ihr thut dem Ruhnecker Kinde ſchon den Ge⸗ fallen zu gehn und hinterher auch nicht nach unſerm Ge⸗ ſpräch zu forſchen? Was mittheilbar iſt, wird Eure Alte Euch ſchon von ſelbſt ſagen.“ „Na na,“ war die Antwort des lächelnden Mannes geweſen, während er nach ſeiner Mütze langte,„darauf hin ſagen Euer Gnaden nur, was Sie wollen. Gegen mich iſt die Alte wie ein Buch in Ketten und Siegeln. Ich höre nur ſo einmal bei Gelegenheit etwas von dem, was darin ſteht.“ „Mache dich fort, Brummbär!“ rief Agnes ihm nach. „Bin ſchon dabei,“ entgegnete er hinauseilend. Die Baronin ging nach ihrer Gewohnheit auch hier eine geraume Weile haſtig auf und ab, bis ſie vor dem Rade und Stuhl der Alten ſtehen bleibend plötzlich aus⸗ 104 Streitende Gewalten. brach:„was meinſt du dazu, Agnes, daß man gewagt hat, mir das alte Paſtellbild von— von— ihnen ins Zim⸗ mer zu hängen? Und zwar ſo verſteckt, daß ich's ſchwerlich jemals bemerkt hätte, wäre ich nicht durch die Regine dar⸗ auf aufmerkſam gemacht worden!— Sag' mir, was hat man davon? Was bezweckt man mit dieſer— Perfidie zugleich und Feigheit? Wer kann der Thäter ſein? Wer weiß außer meinem Bruder und euch beiden Alten und Breuning von dieſen Dingen? Aber ſei es, wer es ſei— Hedwig Ruhneck iſt nicht umſonſt mit einem Pulverfaß ver⸗ glichen worden! Er wahre ſich!“ ſetzte ſie leidenſchaftlich hinzu und ihre Augen flammten. Agnes Rudhard war an ſolche Ausbrüche zu ſehr und zu lange gewöhnt, um ſich dadurch noch erſchrecken zu laſſen. Sie blieb im Gegentheil völlig ruhig, und der Ausdruck ihrer Mienen war faſt ein kalter, als ſie der zornigen Frau antwortete:„das kleine Bild mit den beiden Engelsköpfen, meinen Euer Gnaden? Das Sie einmal nach dem Tode des Herrn Barons mitbrachten? Aber iſt denn das hier geblieben?“ „Damals— ja!“ verſetzte die Baronin noch heftiger. „Ich habe in der Sainte Barbe geſammelt, was mir theuer war, weißt du, was mich an irgend einen guten Tag er⸗ innerte. Aber ſpäter, als auch“— ihre Stimme zitterte und wurde leiſer—„als auch Margarethe mich verlaſſen, hab' ich das Bild in den ſchwarzen Kaſten geſchloſſen, wie alles, was auf die Beiden Bezug hatte. Da lag's und ich ver⸗ gaß es. Ich bin nie mehr dazu gekommen. Und das Schloß Streitende Gewalten. 105 iſt unverletzt, und der Schlüſſel liegt in Greiffenſee. Ver⸗ ſtehſt du's, Agnes?“ „Vielleicht nicht, vielleicht auch doch,“ erwiderte Frau Rudhard womöglich noch kälter als vorhin.„Man hat etwa Euner Gnaden—“ Die Baronin trat mit dem Fuß nieder.„Dies ver⸗ dammte Geſchwätz!“ rief ſie zornig.„Sprich zu mir wie ſonſt und immer. Ich denke, wir kennen uns lange genug, um zwiſchen uns keine ſolchen Alfanzereien zu brauchen. Rede heraus, ſage ich.“ Die Augen der Frau Rudhard erhoben ſich zu denen der Andern mit feſtem Blick und ſie ſprach ernſt:„ſchon recht, Hedwig, es iſt mir ſo auch lieber; ich rede gern grad' heraus, grader, als es ſich vielleicht gegen die Baronin Bergen ſchickt. Man weiß nur nicht immer, wann du's vertragen kannſt. Zanken mag ich mich nicht—“ „Du reizeſt mich zum Zank!“ „Ja, gereizt biſt du, merke ich.“ „Und ſollt' ich es nicht ſein? Sollte mich dieſer feige geführte Schlag nicht außer mir bringen? Dieſer Schlag, deſſen Möglichkeit ſogar ich nicht zu fürchten, zu ahnen vermochte, deſſen Grund—“ „Ich, wie geſagt, vielleicht verſtehe,“ unterbrach Agnes die Zornige ruhig.„Ich weiß nicht, wer der Thäter iſt und kümmere mich auch gewiſſermaßen wenig darum. Aber — deutſch heraus denn, Hedwig— es wäre nicht unmög— lich, meine ich, daß man dich damit ernſt und eindringlich erinnern wollte, wie dein Kopf, dein Wille zuweilen zu 106 Streitende Gewalten. hart, zu eigenmächtig, wie deine Pläne nicht immer die beſten, vielmehr hin und wider zum Unglück aller dabei Be⸗ theiligten führen können.“ „Und dieſe Einſicht will man bei mir auf ſolche Weiſe erzwingen?“ fragte die Baronin bitter. „Weßhalb nicht?“ entgegnete die Rudhard ſchärfer als bisher.„Weßhalb ſollte man dir nicht grade das ſchwerſte Unglück vor Augen bringen, das dich und Andere durch deine Schuld getroffen? Mich täuſcheſt du nicht, Hedwig, und haſt mich nie getäuſcht! Mich kümmert dieſer wahn⸗ ſinnige Zorn und Haß gegen deine verſtoßenen armen Kin⸗ der ſehr wenig, dieſer thörichte Zorn und Haß, der nicht einmal ihre Namen hören, niemals wieder ſie erwähnt haben wollte: Du belügſt dich ſelbſt, Hedwig! Sage, was du willſt, ich kenne dich und weiß, daß du dennoch, trotz deines unſinnigen Weſens, keine Menſchenſeele auch nur halb ſo lieb haſt wie deine Kinder— heut noch, Hedwig, heut noch! — und daß du ſeit damals in mancher Stunde bei Tag und Nacht deine Härte bitter bereuteſt.— Vor mir brauchſt du dich nicht zu ſchämen,“ ſetzte ſie milder hinzu, als die Baronin die von jähen Thränen ganz verhüllten Augen mit der Hand bedeckte und ſich raſch abwandte.„Ich kenne dich ſchon noch und habe dich nur um ſo lieber, wenn ich dich einmal menſchlich bewegt ſehe.“ 1 Sie ſchwieg und beugte ſich zu dem Rade nieder, wel⸗ ches ſchon ſeit dem Eintritt der Dame ſtill geſtanden, nun aber vor dem Fuß der Alten alsbald ſich zu drehen und das Zimmer mit ſeinem eintönigen Geräuſch zu füllen be⸗ Streitende Gewalten. 107 gann. Die Baronin ging ſchweigend auf und ab und blieb endlich nicht weit von Agnes am Fenſter ſtehn und ſchaute regungslos und wie in tiefen Gedanken in den ſchmalen Gang zwiſchen den Gebäuden und in den rückwärts ſich aus⸗ breitenden Hof hinaus. Das Rad ſummte, und eine Fliege, welche die Wintergefahren überſtanden zu haben hoffte, fuhr mit ganz beſonderem Lärm umher und ſtieß den Kopf an die kleinen Scheiben. Und daneben hörte man nur noch zuweilen einen der ſchweren Athemzüge, welche ſich der Bruſt der Frau von Bergen entrangen. Nach einer geraumen Weile drehte ſich die Baronin um und ſchaute einen Augenblick ſchweigend zu der Andern nieder, welche aber ungeſtört weiter ſpann. Ihre Hände lagen auf dem Rücken, wie faſt immer, ihre Haltung war feſt und ungebeugt, nur ihr Geſicht zeigte ſich ein wenig bleicher als ſonſt und die Augen blickten ungewöhnlich milde, obſchon die Brauen über ihnen leiſe zuſammengezogen waren. „Du biſt ein ſcharfer Bußprediger,“ ſagte ſie endlich,„und ich muß wohl nachgeben, denn ich weiß nur zu gut, daß mit dir nicht zu ſtreiten iſt, Alte. Du haſt mir, wenn wir's nach⸗ rechnen, ſchon ſeit ſechzig Jahren zu Zeiten die Leviten geleſen.“ Agnes erhob ihre Augen zu denen der Andern und lächelte ihr zu.„Es iſt vielleicht gar länger her,“ ſprach ſie mit einem Anflug von Laune,„denn ich erinnere mich ſehr wohl, daß du ſchon grade ſo gut deine Lection verdienteſt und kriegteſt, als wir noch draußen im Sande umherkrochen und die Agnes Meiſter ſchon bei der Comteſſe Hedwig zum Recht ſehn mußte.“ 108 Streitende Gewalten. „Ja ja, Agnes, du haſt mich dein Lebenlang ſcharf ge⸗ halten,“ verſetzte die Baronin gleichfalls lächelnd. „Wie du's verdienteſt, Hedwig, anders nicht. Du haſt einen Kopf, der von Zeit zu Zeit zurechtgeſetzt werden muß. Im Uebrigen aber, wahr muß wahr bleiben— du biſt von jeher ein braves Kind geweſen. Es mag außer dir nicht ein Fräulein im Lande ſein, das mit der Tochter von ihres Vaters Stallmeiſter von jung auf ſo zuſammengehalten und ſich von ihr das hat ſagen laſſen, was du alles von mir gehört. Du haſt wenigſtens die Gabe, zu unterſchei⸗ den, wer's ehrlich mit dir meint, und wer nicht.“ Frau von Bergen lächelte gedankenvoll und ſchritt wie⸗ der ein paarmal auf und ab. Sie ſagte nur:„rede du mir noch einmal von meinem Kopf! Der deine wiegt ihn auf, ſcheint mir!“— und ließ dann eine längere Pauſe vergehn, bevor ſie endlich ſtehn blieb und anfing:„nun laſſe uns wieder vernünftig reden, Agnes. Wir wollen— das alte Unheil, das man mir ſo herb vorgerückt, ruhen laſſen und—“ „Das iſt nicht recht,“ unterbrach ſie Frau Rudhard. „Grade ausſprechen ſollteſt du dich darüber, damit es end⸗ lich in dir zu ſeinem Recht kommt und du den thörichten Zorn und Haß auf immer los wirſt und ihn auch nicht mehr vor der Welt zur Schau trägſt, nachdem er in deinem Herzen längſt chriſtlicheren Gefühlen gewichen.“— Die Baronin wandte ihren Blick wieder gegen das Fenſter und ſtarrte lange finſter und tief ſinnend hinaus, be⸗ vor ſie gedämpft erwiderte:„laß es ruhen, bitt' ich dich! Streitende Gewalten. 109 Du haſt heut mehr von mir geſehn, als je ein anderer Menſch, mehr als ich ſelber vorhanden wähnte. Ich geſteh' es dir zu, Agnes— der jähe Anblick des Bildes, deine Worte vorhin haben mich getroffen, wie zwei Stöße, welche einen Riegel zurückſchieben und eine Thür aufſpringen laſ⸗ ſen, die man bisher feſt verſchloſſen gehalten.— Es ſind dreißig Jahre her, ſeit mein Knabe mich verließ und gleich darauf auch Margarethe ging. Dreißig Jahre, Agnes! Dreißig Jahre des Zorns, der Verzweiflung,“ fuhr ſie er⸗ regt fort und preßte krampfhaft die Hände ineinander,„der Verlaſſenheit und der Reue. Denn ja, ich habe bereut! Ich habe wohl oft und oft gedacht, daß ich ihnen zu viel ge⸗ than; aber dazwiſchen ſteigt noch immer wieder das empor, was ſie ihrer Mutter zu tragen gaben, ihrer Mutter, die“ — und ſie ſchüttelte heftig den Kopf—„der Herrgott weiß das, in ihrem Leben bis dahin wenig anderes als Schweres auf ihre Schultern zu nehmen und von ihrer Ehe nichts hatte als Schmach, Entwürdigung und bitteren Schmerz. Die paar guten und freundlichen Erinnerungen knüpften ſich alle an meine Kinder,“ fuhr ſie fort, und zum zweiten⸗ mal zitterte ihre Stimme und wurde ihr Auge durch Thrä⸗ nen verſchleiert.„Gott weiß, wie ich ſie geliebt, ſie waren mein einziger Erſatz! Sie konnten's und ſollten's gut machen, was— und— laß mir Zeit, Agnes!“ brach ſie ab und wandte ſich ins Zimmer zurück. Frau Rudhard nickte ein paarmal leiſe vor ſich hin, aber ſie erwiderte nichts. Nach einer Weile kam die alte Dame zurück und hatte 110 Streitende Gewalten. die heftige Bewegung ſichtbar überwunden. Sie zog jetzt einen Stuhl heran und ſetzte ſich, gleich als fühle ſie ſich müde, und dann bot ſie der Spinnerin die Hand über das Rad hin und ſagte, da dieſelbe einſchlug, faſt im herzlichen Ton:„nun wollen wir das ruhen und wirken laſſen, wie es kann. Jetzt aber müſſen wir zu dem kommen, was ich eigentlich bezweckte. Du deuteteſt vorhin auf meine Pläne hin, Alte. Grade über die möchte ich mit dir reden und mir Licht in dem Dunkel holen. Es iſt kurios genug,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„du kommſt ſeit Jahr und Tag nicht aus deiner Stube und weißt doch auf Ruhneck beſſer Beſcheid als irgend ein Anderer. Du biſt wie der Mag⸗ netenberg im Märchen, von dem mir die Regine neulich was vorlas. Dir fliegt alles zu. Wie fängſt du's an, Alte?“— Agnes zuckte ebenfalls lächelnd die Achſeln.„Weiß ich's?“ fragte ſie.„Sie haben eben Vertrauen zu der Al⸗ ten, die ſie alle freilich auch groß gezogen.“ Und indem ſich das Lächeln aus dem faltenreichen Geſichte wieder verlor, fuhr ſie auch im ernſteren Tone fort:„aber du nannteſt da eben die kleine Heydeck, Hedwig, und die bringt mich noch einmal auf das Frühere zurück. Siehſt du, an der ſpürt' ich's am deutlichſten, wie lieb dir noch deine Kinder ſeien. Leugne es, wenn du kannſt, daß dir die Kleine hauptſäch⸗ lich darum ſo ſchnell lieb geworden, weil ſie dich an deine Margarethe erinnerte.“ „Findeſt du das?“ fragte die alte Dame nachdenklich. „Findeſt du's nicht? Es iſt richtig, ähnlich iſt ſie ihr Streitende Gewalten. 111 eigentlich gar nicht, und doch, ſchau' ihre Geſtalt an, ihre Haltung, ihre Bewegungen, und vor allem dieſen Zug unter den treuen Augen— ich habe dieſen Ausdruck nie anders als bei Margarethen geſehn und bei ihr.“ „Du magſt recht haben,“ bemerkte die Baronin nach einer Pauſe, vor ſich hinſtarrend. „Aber nochmals, nun genug davon, und laſſe uns weiter kommen,“ fing ſie endlich wieder an und fuhr mit der Hand über die Augen.„Sage mir einmal, Agnes, haſt du eine Ahnung von dem, was in den jungen Leuten hier ſteckt und vorgeht? Der Eckhard iſt nun zweiundzwanzig Jahre alt und hat Luſt, daheim zu bleiben und ſeinen Kohl zu bauen; mit der Soldatenſpielerei wird ihn Rüdiger jetzt wohl zufrieden laſſen, zumal mein Bruder ſich am Ende doch auch darnach ſehnt, die Ruhnecked nicht immer nur auf zwei Augen ſtehn zu ſehn. Nun bring' ich ein Mädchen, wie er's nicht beſſer wünſchen kann; es iſt alles da, worauf man ſieht— gute Familie, ein hübſches Aeußere, heiterer Sinn, Jugend, gute Manieren, Reichthum, alles! Und doch— Beide ſtoßen ſich nicht ab, aber ſie fliegen um ein— ander herum und kommen ſich nicht näher und denken nicht an einander.— Das iſt eins. Dann gucke dir einmal die Beatrix an— ſieht die aus, wie eine zufriedene Braut, deren Verlobter jeden Tag eintreffen kann, und deren Hoch⸗ zeit vor der Thür ſteht?— Und endlich— ich habe mir gedacht, daß der junge Hohenengen, der Ulrich, ein ganz ſchmucker Mann für die Regine wäre, und daß ſich das im Zuſammenſein ſchon von ſelber arrangiren werde. Aber 112 Streitende Gewalten. auch wieder nichts! Die Regine will nichts davon hören. Und doch ſind's alle ſchmucke juuge Leute und paſſen zu einander und verkehren ſo frei, wie ſie mögen, es ſtört ſie niemand in ihrem Treiben— haben ſie denn kein Fleiſch und Blut oder— ſteckt was Anderes dahinter, Agnes?“ Frau Rudhard hatte längſt den Fuß und das Rad ruhen laſſen, ſich in ihren Stuhl zurück gelehnt und lächeln⸗ den Blicks auf die alte eifrige Freundin geſehn.„Wo ich mir das nicht gedacht habe,“ ſagte ſie nun, da die Dame ſchwieg, ziemlich heiter.„Den Ulrich konnteſt du nicht aus⸗ laſſen, Hedwig, und ich muß mich für den Jungen bedan⸗ ken, daß du ihm grade dieſe Partie ausgeſucht haſt. Beide wären einander werth, denn er iſt ein Junge, Hedwig, wie du ihn nicht ehrlicher, herziger, beſſer findeſt. Allein— ich kann's mir wohl denken, daß es mit ihnen nichts iſt. Und es wird auch nichts,“ ſetzte ſie hinzu und ihr Auge ver⸗ düſterte ſich ſchnell und der Ton ihrer Rede klang ernſt; „verlaß dich auf mich, Hedwig.“ Die Baronin ſchaute ſie betroffen und doch zugleich auch forſchend an.„Was meinſt du?“ fragte ſie langſam und wie gedankenvoll. „Haſt du das nicht ſelber gemerkt?“ lautete die Ant⸗ wort.„Das ſollte mich wundern. Du ſiehſt doch ſonſt gut genug, was um dich her vorgeht, und wär's noch ſo verſteckt. Und ich ſehe die jungen Leute faſt immer nur einzeln und kurze Zeit und doch—“ Die Dame lachte.„Das iſt ja eben das Wunder!“ ſprach ſie.„Du biſt aber, weiß ich wohl, ſo eine Art Streitende Gewalten. 113 General-Beichtiger, Agnes, dem man aus nichts ein Ge⸗ heimniß macht, vor dem man ſich gibt, wie man iſt, und wenigſtens die geſellſchaftlichen Faxen ausläßt, die Unſer⸗ einen oft ſo ſehr ſtören und blenden. Aber nur heraus damit! Ich verſichere dich, die Regine liegt mir wahrhaft am Herzen, ich gönnte dem Kinde gern das freundlichſte Sort von der Welt. Und der Ulrich Hohenengen—“ Agnes hatte freundlich und ein paarmal nickend der Rede zugehört. Nun aber wurden ihre Züge auf's neue ernſt, ja faſt traurig, und ſie ſagte plötzlich gedämpft:„ja der Ulrich, der liegt mir am Herzen, Hedwig, du glaubſt nicht wie ſehr, und ich ſehe doch leider viel Trübes und Schweres für das arme Kind voraus. Es iſt ein Unglück, daß er jetzt hergekommen und hier geblieben, und doch viel⸗ leicht noch kein ſo großes, als wenn er ihr ſpäter zuerſt wieder begegnet wäre, wo alles vorbei geweſen. Ich will's dir erklären,“ fuhr ſie fort, dem neugierigen Blick der An⸗ dern begegnend.„Aber, Hedwig,— darum traf dich das Bild deiner Kinder zur rechten Stunde,“ ſetzte ſie finſter hinzu,„und mahnt dich zur Vorſicht und Barmherzigkeit! — Siehſt du— ich muß dich zuerſt fragen: kennſt du Ul⸗ richs Bruder, den Grafen Eberhard? Weißt du, wie die Verlobung zwiſchen ihm und Beatrix ſich gemacht?“ Frau von Bergen ſchüttelte den Kopf.„Ich hörte nur das Allgemeine,“ erwiderte ſie,„und fand nichts Beſonderes dabei, da er der Erbgraf, jung, wohlgebildet, glücklicher Soldat, und mein Bruder ſo gut wie meine Nichte ja für Hoefer, Ruhneck. 8 114 Streitende Gewalten. den Stand enragirt ſind. Ich ſah ihn ein⸗ oder zweimal hier, aber früher, vor dem Kriege.“ „Nun wohl, Hedwig, das iſt alles ſo richtig. Du er⸗ innerſt dich aber wohl nicht,— du kamſt damals ja wenig her— daß als der Vater der beiden jungen Grafen ſtarb und unſer Rüdiger die Vormundſchaft erhielt, Eberhard einſt⸗ weilen noch bei ſeinem mütterlichen Oheim blieb und nach einiger Zeit zu den Jeſuiten in Freiburg kam— der Onkel war bekanntlich katholiſch geworden— und trotz alles Pro⸗ teſtirens des Vormundes bis zum Tode des Onkels nicht frei wurde. Nachher war er dann ungefähr ein Jahr bei⸗ uns und ging mit dem General— der ſagte mir, das werde ihm die katholiſche Erziehung vollends aus dem Sinn bringen — in preußiſche Dienſte. Nun iſt er ſeitdem ein paarmal hier geweſen, ein ſchöner Menſch, Hedwig, ſtattlich und artig, aber kalt, wie mir ſcheint, fein und ſchlau, kurz ein Menſch, dem man anmerkt, daß er nicht zwiſchen uns aufgewachſen, wie ſein Bruder Ulrich. Unrecht thun will ich ihm nicht, ich kenne ihn auch nicht viel. Aber ein Herz zu ihm faſſe ich nicht, und als er vor zwei Jahren vor Weihnacht in Urlaub hier war und es kund ward, daß die Beatrix ſeine Braut ſei, ſah ich zwar gut genug, wie das gekommen,— es war eigentlich ſehr natürlich, wie du ſagſt— aber ich erſchrak doch ſehr, als Rüdiger mir zuerſt davon ſagte. „Ich hatte mir ſo ganz etwas Anderes gedacht,“ redete ſie weiter;„allein wie die Sachen nun einmal ſtanden, konnte. und mochte ſelbſt ich nicht zu Rüdiger reden. Was hätt's geholfen? Du weißt ja, wie dein Bunder iſt. Dir ſag' Streitende Gewalten. 115 ich es jetzt aber, obgleich ich davon wenig mehr hoffen kann. Ulrich war hier aufgewachſen, und er und Beatrix waren ſchon damals ſchier wie ein Ehepärchen. Sie haben ſchwerlich an die Zukunft gedacht, Hedwig,“ ſetzte die alte Frau im wahrhaft bekümmerten Ton hinzu,„ſie waren ja nur Kinder und wußten's nicht, daß ſie einander lieb hätten, damals nicht und auch nachher noch nicht. Nun jedoch, da ſie ſich wieder trafen—“ ſie ſchüttelte den Kopf und brach ab. Die Baronin hatte ihr immer geſpannter, immer ernſter zugehört und ihre hohe Stirn furchte ſich immer tiefer. „Sollte das möglich ſein?“ ſprach ſie jetzt gedämpft.„Wie du es hinſtellſt, finde ich es leider ſehr begreiflich, aber dennoch, Agnes— täuſcheſt du dich nicht etwa? Es wäre ja wirklich ein erſchreckliches Unglück, denn ich ſehe gar keine Ausſicht für ſie!— Eine Verlobung zurückgehn!— Ein Bruder der Nebenbuhler des andern, und das Mädchen ſchwankend zwiſchen ihnen— es wäre ja entſetzlich, ſage ich, mein Bruder würde außer ſich ſein! Und doch, wenn ich mich erinnere, wie Beatrix—“ ſie brach gleichfalls ab und richtete in Gedanken verſunken den Blick zu dem Fenſter, hinter dem der Abend ſchon ſeine erſte leichte Dämmerung auszubreiten begann. „Es iſt nicht anders,“ ſprach Frau Rudhard nach einer Pauſe.„Ich täuſche mich nicht. Ob ſie Beide ſchon klar ſehn, weiß ich nicht, obſchon ich es von Beatrix faſt glaube. Laß aber Eberhard hier ſein— da iſt's vorbei; ſie wiſſen's dann Beide, wie es mit ihnen ſteht.“⸗ Es war ein langes Schweigen, bis die Baronin den 2 116 Streitende Gewalten. Kopf erhob und plötzlich ziemlich barſch ſprach:„das iſt ſo oder ſo aber nichts als dummes Zeug. Es haben ſich hun⸗ derte gefügt und hunderte müſſen ſich fügen, die in ähnlicher, oder noch nicht ſo ſchlimmer äußerer Lage. Hier iſt gar keine Ausſicht. Es muß gehn, wiederhole ich, und es wird gehn, wie immer.“ „Wie immer?“ fragte Agnes mit ſcharfer Betonung und ſichtbar gar unangenehm berührt.„Das ſagſt du und haſt doch grade das Gegentheil erfahren?“ „Ich bitte dich, laß das ruhn, Agnes!“ verſetzte die Andere raſch und mit kaum verhehlter Heftigkeit.„Streiten und Reden iſt hier ganz umſonſt, die Sache iſt ausſichtslos, wie du ſelber einſiehſt—“ „Das ſehe ich nicht ein. Eberhard ſieht auf Rang und Vermögen, weiß ich. Rang hat er hier bei der Ruhn⸗ eckerin allerdings, aber Vermögen— du weißt ſelbſt, Hedwig, daß die Comteſſen nur das Erbe der Mutter haben. Was meinſt du, wenn man ihm deine Neuſtädt in den Weg ſchöbe — er findet Geſchmack am Wechſel und an hübſchen Ge— ſichtern, ſagte Ulrich mir neulich einmal.“ Die Baronin ſah die Sprecherin mit einem gedanken⸗ vollen Blick ſchweigend an.„Unſinn!“ ſagte ſie aber endlich und ſtand auf und ſchritt raſch auf und ab. Agnes lächelte vor ſich hin. Es zündet! dachte ſie, und laut und wieder ernſten Augs ſprach ſie dann:„ich begreife überhaupt deinen Widerſtand nicht, Hedwig. Da du einmal Pläne zu machen liebſt, ſollteſt du doch den aus⸗ führbaren vorziehn, zumal der eigentliche ganz in die Brüche Streitende Gewalten. 117 geht. Den Ulrich mußt du aufgeben, und noch mehr die Heydeck— da iſt's gar nichts.“ „Regine?“ Die Bergen blieb ſtehn und warf das Haupt auf und einen finſtern Blick zu der alten Frau hinüber. „Wird ſich die auch einer alten Liebe klar?“ „Einer alten? Nein, aber doch, daß ſie ein Herz hat, meine ich, und zwar nur für den Einen.“ „Für wen?“ „Und das fragſt du noch, Hedwig?“ Die Baronin ſtarrte ſie an; dann zuckte ſie zuſammen und fragte haſtig:„du meinſt doch nicht Eckhard?“ „Wen denn ſonſt?“ lautete die ruhige Entgegnung. Und da warf die Baronin das Haupt noch höher auf und ſtreckte beide Hände empor und rief mit bitterem, grollen⸗ dem Lachen:„die Regine den Eckhard? Sind deine Men⸗ ſchen denn alle toll geworden, Herr Gott im Himmel?“ „Verſündige dich nicht, ſondern übe Erbarmen, wie du Res ſelbſt erwarteſt,“ redete Frau Rudhard nachdrücklich. Sie wurde jedoch von der Andern mit den heftigen Wor⸗ ten unterbrochen:„genug, Alte! Ich will kein Wort mehr davon hören. Gute Nacht für jetzt, und merke dir— es hat alles ſeine Grenzen, ſelbſt deine Herrſchaft über mich und meine Geduld.“ Da erhob ſich Agnes kräftiger als ſonſt aus ihrem Stuhl und ſtand.„So nimm noch ein Wort mit auf den Weg,“ ſprach ſie mit gleichfalls gefurchter Stirn.„Du haſt ge— fragt, wer dir das Bild hingeſetzt habe— das habe ich thun laſſen, Hedwig, weil ich dich daran erinnern wollte, 118 Der Schreck noch einmal. daß es Zeit für dich ſei, Erbarmen zu haben, menſchlich zu fühlen. Ich bin nur eine Dienerin deines väterlichen Hauſes, aber du und die Deinen haben mir mehr am Herzen gelegen als dir, der Tochter, Schweſter, Tante und Mutter. Du machſt deine Pläne und kämpfſt für ſie, und ich thue das gegenwärtig auch. Gehe hin und kämpfe nun auch mit mir, wenn du willſt; es iſt unnatürlich, meine ich faſt, aber ich nehme es an, Hedwig. Vergiß dabei jedoch nicht, daß— Regine deiner Tochter Tochter üi. Margare⸗ thens Kind und deine Enkelin.“ Die Frau von Bergen ſtarrte die alte ſo bitter ernſt ſprechende Freundin an, wie man ein Geſpenſt anſehn mag — leichenbleich und wortlos. VII. Der Schreck noch einmal. „Auf den Bewohnern der Ruhneck lag es wieder einmal wie ein ſchwerer quälender und beengender Druck, ohne daß, mit Ausnahme der beiden alten Frauen, irgend einer von ihnen recht gewußt hätte, woher er gekommen, ja worin er nur überhaupt beſtände. Es war ſo gar nichts geſchehn, es war im Grunde ſo gar nichts verändert, konnte man ſagen; der Himmel war noch blau und die Luft friſch und Der Schreck noch einmal. 119 rein, die Menſchen verkehrten mit einander, wie bisher und ſtanden ſich gelegentlich heiter und neckend, freundlich und zutraulich gegenüber, und dennoch empfand jeder, daß etwas geſchehn ſein müßte, und es war mit einem Wort, als liege etwa ein ſchwer Kranker im Hauſe, dem zu Liebe jeder leiſer geht und gedämpfter redet, deſſen man unwillkürlich bei allem Thun und Reden gedenkt, ſo daß die Erinnerung an ihn ſich wie ein Schleier über jede Miene legt und jeden unbefangenen Genuß der Gegenwart verhindert, ja faſt wie ein Unrecht erſcheinen läßt. Antoinette war die Einzige, die ſich noch friſch und aufrecht hielt und zu Zeiten wenigſtens der alten Luſt und Heiterkeit Bahn zu brechen ſuchte; allein auch ſie blieb nicht unberührt und fragte mit ſehr geſetzter, komiſch⸗trauriger Miene Eckhard zuweilen:„ſagen Sie mir auf's Gewiſſen, lieber Graf, was hat Ihr geſtrenger Herr Vater mit uns vor? Will er die Ruhneck nach alter frommer ritterlicher Sitte mit all ihren Bewohnern dem Himmel weihen und eine Art von St. Lucienſtift aus ihr machen? Wird am Ende ſchon die Kapelle drüben im Thurm neu hergerichtet, und müſſen wir nun bald im langen Zuge den Corridor zu ihr dahinziehen? Ach lieber Graf, die Vorzeichen ſind wirklich da und recht traurig! Ihr ſeid ja alle ſchon todtenſtill, und mir iſt wahrhaftig zu Muth, als brauchten wir nur noch die Kleidung, um alsbald ganz fertig und regelrechte Mönche und Nonnen zu ſein! Bitte, bitte, Graf Eckhard, avertiren Sie mich rechtzeitig! Ich fühle ſo wenig Beruf in mir zu ſolchem heiligen Leben und gehe auf und 120 Der Schreck noch einmal. davon, und wär's in die weite, weite Welt. Es muß dort immer noch amuſanter ſein als bei euch, ihr langweiligen Menſchenkinder!“ Mit ſolchen Worten und Neckereien brachte ſie dann freilich Eckhard ſo gut wie die Andern zum herzlichen Lachen, und man hörte eine kurze Zeit lang wieder die fröhlichen Stimmen und ſchaute die heiteren Mienen. Aber es hielt nur nicht vor, und um ſo weniger, da jeder, mit Ausnahme Antoinettens, einen Theil des Drucks wenigſtens aus ſich ſelbſt, aus den eigenen ernſten Gedanken und Gefühlen ab⸗ zuleiten geneigt war und, was ihn ſelbſt betraf, auch wirk⸗ lich ableiten mußte. Denn es hatte ſich auch hier nichts verändert. Ulrich und Beatrix gingen ſtill neben einander hin, ringend mit ihrem Innern, Beide täglich ſicherer dar⸗ über, daß ſie einander verloren, ſie, die ſich nie hätten verlieren ſollen; Beatrix faſt unterliegend dem Bewußtſein, daß ſie ſich auf das furchtbarſte getäuſcht und ihr ganzes Daſein durch dieſe Täuſchung zu einem qualvollen gemacht habe; Ulrich in dem traurigſten und ſchwerſten Conflict zwiſchen dem ſo warm und voll aufwallenden Gefühl und der kalten und ſtarren Pflicht und Ehre, zwiſchen Glück und Unglück aus eigener Hand. Kaum ſtiller war Regine, welche, wenn auch nicht an dem Recht ihrer Liebe, doch deſto ernſtlicher an der Aner⸗ kennung deſſelben und an dem Beſtande ihres Glücks zwei⸗ felte, je länger ſie mit den Menſchen, welche ſie umgaben, zuſammenlebte, und je tiefere Blicke ſelbſt ſie in dieſelben thun konnte. Sie hätte die Nähe des Geliebten froh ge⸗ 7 —— Der Schreck noch einmal. 121 nießen, und dem Verkehr mit ihm faſt ohne Zwang ſich hingeben können, da weder von Störung, noch beſonderer Beobachtung etwas zu merken war. Allein ſie wurde nie— mals der Scheu und Schüchternheit vollſtändig Meiſter, welche einen Grundzug ihres Weſens bildeten und vielleicht in ihrem bisherigen Lebenswege begründet waren, und die Liebe in ihrem Herzen und dies Herz ſelbſt waren noch ſo knospenhaft, daß ihnen die Heimlichkeit und Stille wohl that und ſie ſich, ſelbſt vor den Augen des Geliebten allein, nur ſelten und ſchüchtern zu enthüllen wagten. Regine wäre auch in der freiſten Stellung und in der glücklichſten Lage ſicher eine glückliche und liebreizende, ſchwerlich aber jemals eine fröhliche Braut geweſen. An niemand zeigte ſich's wie an ihr, daß die erſte Liebe eines jungen Mädchens eins der ſchamhafteſten Gefühle iſt und dennoch, vielleicht aber grade deßhalb, ſie mit jenem unſagbar ſüßen und un⸗ widerſtehlichen Reiz umkleidet, welcher ſie in allen Augen heiligt und ſie hoch über alle irdiſchen Geſchöpfe erhebt. Niemand ſtörte, niemand beobachtete ſie, wie es ſchien — es war äußerlich auch ſo wenig an ihr zu bemerken, was ſich gegen früher verändert zeigte, es müßte denn zu Zeiten ein noch tieferes Träumen, oder ein andermal eine noch ſichtbarere Befangenheit ſie beherrſcht haben. Die Schloßbewohner hatten aber anderes und zu viel mit ſich ſelbſt zu thun, um auf ſolche Zeichen zu achten, und ſelt— ſamerweiſe mußte es die einzige fröhliche Antoinette ſein, welche einmal die Freundin innig umfaßte und ihr lächelnd zugleich und bewegt in die ſanften Augen ſchauend leiſe 122 Der Schreck noch einmal. und neckend fragte:„Regine, iſt's denn wahr, daß wir armen Menſchenkinder zuweilen doch wieder im Paradieſe leben dürfen? Wie gefällt dir's darin, Herzchen?“— Es war ein leiſer Schreck in den blauen Augen, in den flüchtig erröthenden Zügen des Geſichts, aber nur um alsbald einem unendlich ſüßen, leiſen Lächeln, dem ganzen Ausdruck eines ſcheuen und träumenden, doch tiefinnig be⸗ wußten Glücks Platz zu machen, als die Kleine die neckende Freundin kaum anzublicken wagte und dann leiſe ihre Arme um ſie legte und das Köpfchen an ihre Schulter ſchmiegte und flüſterte:„o ſei ſtill, Antoinette!“ Es lag in dieſen einfachen Bewegungen, in dieſen we⸗ nigen Worten etwas, das ſelbſt Antoinette fortriß. Sie ſchlang den Arm feſt um Reginens weiche Geſtalt und hob mit der andern Hand den Kopf derſelben auf, ſo daß die treuen Augen den ihren nicht mehr ausweichen konnten, und ſie küßte dieſe Augen und rief enthuſiaſtiſch:„o Kind, wenn dich je ein Mann ſo hält und dich ſo ſieht, und wird nicht— ſchier toll vor Liebe,“ ſetzte ſie lachend hinzu,„und ſtreitet nicht um deinen Beſitz mit allen himmliſchen und irdiſchen Heerſchaaren, ſo iſt er nicht werth zu athmen, und ich ſelbſt werde mich als Engel mit dem Flammenſchwert vor das Paradies ſtellen und ihn nie wieder dir nahen laſſen. Denn deiner und deines Beſitzes iſt eigentlich gar kein Menſch werth— als ich!“ ſchloß ſie luſtig und zog die lächelnde Freundin ungeſtüm ans Herz und bedeckte das feine, glühende Geſicht mit ihren Küſſen. Eckhard ſchien freilich aber auch zu nichts weniger ge⸗ Der Schreck noch einmal. 123 neigt, als zu einem Aufgeben ſeines Glücks, ſei's mit oder ohne Kampf, wenn er auch nicht grade, nach Antoinettens Ausdruck,„toll vor Liebe“ erſchien. Im Gegentheil ſpürte man auch aus ſeinem äußern Weſen und Treiben kaum jemals, daß es etwas in ihm gab, was ihn vollſtändig durchdrang und beherrſchte. Neben der tiefen Seligkeit, mit der ihn das Bewußtſein erfüllte, daß ihm in Reginens Liebe das höchſte Glück der Erde zu Theil geworden, fühlte und wußte er leider ebenſo gut und ſah es täglich klarer, was ſich dieſem Glück alles entgegenſtellen könne, und mit aller Kraft, deren er fähig, zügelte und beherrſchte er ſein Gefühl und hielt es drinnen im Herzen, feſt überzeugt, daß je ſchneller dieſe Liebe von den Seinen entdeckt würde, deſto weniger Ausſicht auf die Zuſtimmung derſelben, deſto härter der Kampf ſein müßte. Wie ſein Vater nun einmal war und über dergleichen dachte, ſah Eckhard die einzige Möglichkeit eines Nach⸗ gebens und Zuſtimmens darin, daß derſelbe mit Reginen ſo lange und ſo unbefangen vertraulich wie irgend thunlich zuſammen weilte und durch die Liebenswürdigkeit und den unwiderſtehlichen Liebreiz des holdſeligen Kindes ſo weit ſelbſt eingenommen und hingeriſſen würde, um ſeinen Vor⸗ urtheilen um ihretwillen zu entſagen. Und er glaubte ein ſolches Endergebniß um ſo mehr hoffen zu dürfen, da Graf Rüdiger ſichtbar ſchon jetzt durch die Kleine eingenommen war. Der ſtille und meiſt grämliche oder finſtere Mann ließ ſich augenſcheinlich durch ihre Gegenwart erheitern, ſuchte ſogar ihre Nähe und hatte ſo herzliche Worte und 124 Der Schreck noch einmal. Blicke für ſie, wie ſie den Andern ſelten oder nie zu Theil wurden.— Bei der Tante, die in dieſen Angelegenheiten eine Hauptſtimme beſaß und überdies einen Einfluß auf Meinen und Handeln des Vaters hatte, dem dieſer, wenn auch unbewußt, faſt immer nachgab, hoffte Eckhard ein faſt noch leichteres Spiel zu haben. Sie kannte Regine länger und viel beſſer als Graf Rüdiger und war dem Mädchen ſichtbar auf's freundlichſte geſonnen. So blieb er vorſichtig und gehalten, obgleich ihm dies Zurückhalten und Verheimlichen deſſen, was ihn mit ſolcher Seligkeit, mit ſolcher leidenſchaftlichen Zärtlichkeit erfüllte, oft zur ſchier unerträglichen Qual wurde. Allein er mußte ſich auch um Reginens ſelber willen zügeln, denn das ſchüchterne Kind wich bange zurück vor jedem Ausbruch ſeiner Leidenſchaft und ließ ihn nur ſelten aus einem träu⸗ meriſchen innigen Blick, aus einem leiſen, flüchtigen Wort errathen, daß ihr Herz für ihn ſchlage und daß ſie innerlich ihm nahe ſei. Allein mit ihr war er wenig, und ſie ſuchte ein ſolches Zuſammenſein auch noch ſtets ſo viel wie möglich abzukür⸗ zen, ſo daß er oft traurig, zuweilen faſt zürnend der Ent⸗ weichenden nachſchaute. Hätte man dem lieben Geſchöpf nur wirklich zürnen können! Eckhard wenigſtens vermochte es nicht, und ſelbſt wenn er ſich einmal im erſten Moment nach ihrem Entfliehen ſagte: o Regine, gibt dir deine Liebe nur Scheu gegen mich? Iſt es ſo kühl in dir, daß Rück⸗ ſicht und Bedenken immerdar dein Gefühl beherrſchen— und iſt das noch Liebe— Liebe, wie ich ſie dir gebe, wie Der Schreck noch einmal. 125 ich ſie von dir erſehne?— ſo wich das alles doch gleich wieder der Erinnerung an eine der ſeltenen Begegnungen, wo ſie ihm nicht entflohen, wo die Knospe ſich leiſe, leiſe vor ihm erſchloſſen und ihn berauſcht hatte durch die Fülle des ſüßeſten Dufts und des köſtlichſten Glanzes, die er in ihrem Innern gewahren durfte. Denn ſolche Begegnungen waren doch auch gekommen. Die Liebe und die Sehnſucht überwältigten einmal Reginens junges Herz und ließen es dem Geliebten offener und heiß entgegen ſchlagen. Es wäre freilich auch unnatürlich, ja noch mehr, es wäre gefährlich und thöricht geweſen, hätten Beide ſich ſtets ausweichen und jedes Alleinſein vermeiden wollen. Bei dem durchaus zwangloſen Leben auf Ruhneck und dem durch nichts beſchränkten Verkehr der Bewohner unter und mit einander, hätte es grade auffallen müſſen, wenn man Eck⸗ hard und Regine nie zuſammen oder ſtets ſchnell von ein⸗ ander gehend erblickt haben würde, während der Eine wie die Andere doch mit allen Uebrigen unbefangen verweilten, wo Abſicht oder Zufall ſie grade vereint hatten. Es war kein Menſch auf der Ruhneck, der eine Gelegenheit, einige Zeit an des Mädchens Seite zu verweilen, nicht mit Freu⸗ den benützt hätte. So hatte ſie es allen angethan. Und heut war einmal ein Tag, wo Regine nicht die Kraft gehabt hatte, vor Eckhard zu entfliehen. Nach dem Mittagseſſen war ſie, da man dann jetzt meiſtens auseinan⸗ der ging, in den kleinen Garten gekommen und hatte ſich auf der Bank im Vorſprunge der Bruſtwehr niedergelaſſen. Unter ihr zog ſich die Waldſchlucht ſchweigend hin mit ihren 126 Der Schreck noch einmal. dunklen Tannenwipfeln, in denen die erſten Vögel zu weilen und zu rufen begannen; links, wo ſie gegen die Mulde hin auslief, gewann man einen Blick auf die Matten des Thals, die ſich bereits friſch und grün zu färben anfingen, gegen⸗ über aber ſtiegen die Waldhöhen womöglich noch ſtiller empor und begrenzten die Ausſicht mit den alten regungs⸗ loſen Stämmen und den Felsmaſſen, die hie und da zwi⸗ ſchen den Bäumen ſichtbar wurden. Vom Thal herauf klangen hin und wider die ſchweren Hammerſchläge des Kupferwerks bald langſamer, bald raſcher zu dem ruhenden Mädchen empor, das einzige Zeichen von der Nähe und der Thätigkeit der Menſchen. Der Garten war verlaſſen, und der Kapellenthurm links und die langen Fronten der um⸗ gebenden Schloßgebäude ſchauten mit ihren ſtarren Mauern und verödeten Fenſtern ſchweigſam darein und erhöhten nur die Einſamkeit des Plätzchens. Da weilte Regine und legte das Haupt in die Hand und ſchaute träumend hinaus; und ſo fand ſie Eckhard. Sie hatte ihn nicht fortgewieſen und auch nicht Miene ge⸗ macht, ſelbſt ſich zurückzuziehen. Die Welt mit ihren Sor⸗ gen, ihrem Unfrieden, ihren Kämpfen war ihnen ſo fern an dieſer Stelle und in dieſer Stunde. Sie redeten auch nicht von ihrer Liebe, noch ließen ſie ſich durch die Einſam— keit rings zu einer Aeußerung ihres Fühlens hinreißen, die vor den Augen Anderer hätte unterdrückt werden müſſen. Da er ſich zu ihr ſetzte, nahm er ihre Hand und zog ſie an ſeine Lippen; ſie ließ ſie ihm noch eine kleine Weile, und ihre Augen begegneten im tief innigen Verſtehn, in Der Schreck noch einmal. 127 hingebender Zärtlichkeit dem ebenſo innigen, weichen und beglückten Blick des Geliebten. Dann aber zog ſie die Hand, ſüß ihm zulächelnd, zurück, und Eckhard ſprach hei⸗ ter:„Und nun, Regine, Königin meines Lebens und meiner Seele, nun, da uns das Glück ſo ſchön vereinte, nun müſſen Sie mir einmal von ſich ſelbſt erzählen, von Ihrem Daſein und Ihrem Werden, wovon ich ja noch gar nichts weiß. Ich kenne nur die Regine, die mich verzaubert hat. Sagen Sie mir, wie haben Sie dieſen Zauber gewonnen?“ Ein flüchtiges, ſchämiges Lächeln durchflog das errö⸗ thende Geſichtchen und ſpielte um die geſenkten Augen, welche ſie erſt nach einer Pauſe wieder zu ihm zu erheben wagte.„Was reden Sie nur!“ flüſterte ſie, und der Klang ihrer Stimme, und der Blick des Augs, und die Lieblichkeit ihres ſanften Lächelns übermannte ihn ſo, daß ſein Herz bebte und er mit leidenſchaftlicher und doch ſcheuer Zärtlichkeit ſeine Hand leiſe auf die ihre legte, die auf der Brüſtung neben ihm ruhte.„O ſtellen Sie mich nicht zu hoch,“ redete ſie weiter, innig zugleich und demüthig.„Ich habe und bin ſo wenig, Eckhard, und möchte doch ſo gern alles haben und ſein, was dem Menſchen beſcheert iſt, um Ihnen ganz zu genügen, um Ihnen Ihre Liebe zu danken und zu lohnen! Aber die Regine hat nichts als ihre Liebe und Treue, Eckhard!“ „Mit der du mich zum König der Welt krönſt, du holdſeliges, liebliches, einzig ſüßes Kind!“ flüſterte er lei⸗ denſchaftlich bewegt zurück.— Das ſüße Lächeln ſtreifte ihn noch einmal, einen kurzen 128 Der Schreck noch einmal. Moment ruhte ihr Blick auf ihm mit warmer Zärtlichkeit, dann aber drehte ſie den Kopf langſam ab, wandte das Auge der grünen Schlucht zu und ſchaute ſinnend hinaus. „Was ſoll ich Ihnen von mir erzählen?“ ſagte ſie nach einer Pauſe, in der auch er ſie nur ſchweigend ange⸗ ſehn.„Mein Leben iſt ſo einfach, daß ſich davon kaum etwas melden läßt. Was es mir an Trauer brachte, theil' ich wohl mit vielen Andern. Ich bin nicht mehr hochmü⸗ thig wie ſonſt, wo ich oft meinte, nur mich träfe ſo Schweres. Jetzt bin ich nur noch dankbar gegen den lieben Gott für all ſeine Güte und Gnade gegen mich.— Sehn Sie, Eck⸗ hard,“ ſprach ſie weiter,„ich weiß wenig von meiner Ju⸗ gend zu ſagen und noch weniger von meinen Eltern. Mein Vater hatte nach ſeiner Verabſchiedung wegen ſchwerer Wunden die Poſtmeiſterſtelle in A. erhalten, einer kleinen Stadt, die nicht weit vom St. Lucien⸗Stift liegt. Dort lebte und ſtarb er und hat den Ruhm eines wackern freund⸗ lichen Mannes hinterlaſſen. Ich ſelbſt erinnere mich ſeiner nur ſehr dunkel, da ich bei ſeinem Tode kaum vier Jahre zählte; doch weiß ich noch, wie er mich auf den Knieen geſchaukelt und mich geküßt und mich wehmüthig ſein armes kleines Mädchen genannt. Er hat wohl ſeinen baldigen Tod geahnt und wußte nur zu gut, wie traurig dann die Lage meiner Mutter ſein werde. „Wir waren ſehr arm, lieber Eckhard, ſo arm, daß mir jetzt, wo ich dergleichen beſſer verſtehen und berechnen kann, zuweilen die heißen Thränen in die Augen kommen, wenn ich mir vorſtelle, wie meine Mutter geſorgt und ge⸗ Der Schreck noch einmal. 129 rungen haben mag, um wenigſtens ihr Kind vor dem nackten Mangel zu bewahren. Vermögen hatten wir gar nicht, und die Penſion meiner Mutter, die ſie aus beſonderem Wohlwollen des Churfürſten für meinen ſeligen Vater erhielt, war ſo gering, daß ſie nirgends zureichte. Ich weiß nicht, was aus uns geworden wäre, hätte nicht Fräulein von Neu⸗ ſtädt, die damals ſchon Pröpſtin zu St. Lucien war, uns auf jede ihr mögliche Weiſe unterſtützt. Nun war auch das Stift nicht reich, und meine Mutter ſehr ſcheu in der Annahme von Unterſtützungen, ſelbſt von dieſer, ihrer ein⸗ zigen Freundin und— ich glaube— Verwandten. Denn obſchon ich ſie Tante hieß, weiß ich doch nicht genau, ob ſie es auch wirklich war; meine Mutter hat mit mir noch weniger über ſolche Dinge geſprochen, als ſpäter die Pröp⸗ ſtin ſelbſt. „Meine Mutter war leidend, ſo lange ich ſie gekannt, und ſehr ſtill und traurig. Lachen hab' ich ſie nie geſehn, gelächelt hat ſie nur zuweilen über mich, bei meinen Spielen und Liebkoſungen. Sie hat, glaub' ich, eine ſehr trübe Ju⸗ gend erlebt; wenigſtens deuteten ſpäter gelegentliche Worte der Tante auf ſo etwas hin. Sie ſelbſt hat mir darüber nicht geredet, nicht von ihren Eltern und ihrer Heimat ge⸗ ſprochen, und auch die Tante hat mich nachher mit meinen Fragen ſtets auf eine ſpätere Zeit verwieſen, bis ſie im November ſo plötzlich ſtarb. So weiß ich denn nichts von meiner Mutter, als was ich ſelbſt erlebt habe, und das iſt nur ihr Leiden, ihr Trauern, ihre unbegrenzte Zärtlichkeit für mich und ihr ganzes engelhaftes Leben und Weſen. Hoefer, Nuhneck, 130 Der Schreck noch einmal. Denn ja, Eckhard,“ ſetzte das Mädchen hinzu, und die feuchten Augen bekundeten ihre tiefe Bewegung,„meine Mutter ſteht vor mir wie ein Menſch gewordener Engel, wie ein Weſen, das wegen Gott weiß welcher Schuld aus den höheren, lichteren und reineren Regionen auf die Erde verbannt war und an deren Staube krankte und zu Grunde ging. Ach Eckhard, ſie war ſo unbeſchreiblich gut, meine arme Mutter, ſo ſanft und ſo ſchön, daß es meine heißeſte Sehnſucht iſt, einmal von jemand, der ſie gekannt, zu hören, daß ich ihr nicht ganz unähnlich, ihrer nicht ganz unwürdig ſei!“ „Regine!“ unterbrach er innig das bewegte Kind und umfaßte ſie, da es ſein Arm nicht durfte, wenigſtens mit ſeinem treuen zärtlichen Blick. Sie ſchaute ihn wehmüthig lächelnd an.„Sie ſind ſo gut, Eckhard,“ verſetzte ſie,„Sie ſtellen mich ſo hoch— zu hoch, lieber Eckhard! Was würden Sie erſt, Sie mit Ihrem warmen innigen Herzen, von meiner Mutter gehalten haben, der nie ein anderes Weſen gleichkommen kann, die, ich wiederhole es, ein Engel in Menſchengeſtalt war! Sie blieb auch nicht mehr lange in der drückend ſchweren Erdenluft, mein Freund,“ fuhr ſie alsbald gefaßter fort;„ſie lag, als ich kaum neun Jahre alt war, eines Morgens entſchlummert auf ihrem Bett.— An demſelben Tage kam Fräulein von Neuſtädt, um einmal nach uns zu ſehn, von denen ſie ſeit mehreren Tagen nichts erfahren, und traf die Todte und mich neben mir in meinem rath⸗ und wortloſen Jammer. Sie beſorgte das Nothwendige und nahm mich mit nach —.,— —,.——— Der Schreck noch einmal. 131 St. Lucien, und ſeitdem bin ich im Stift geblieben bei ihr und Antoinetten, welche ein oder zwei Jahre ſpäter gleich⸗ falls verwaist zu uns kam. Das iſt mein Leben, lieber Eckhard. Ich kann nur noch hinzuſetzen, daß mir die theure alte Frau ein kleines Vermächtniß hinterließ, um mich auch nach ihrem Tode noch zu unterſtützen. Die Damen wollten mich im Stift behalten, ich ſollte als Geſellſchafterin der neuen Pröpſtin gelten; Antoinette wollte mich jedoch nicht von ſich laſſen, und da ich ſie ſehr lieb habe und auch die Baronin mich herzlich zu ſich einlud, bin ich ihr hieher gefolgt.“ „Hierher— zu meinem Segen, zu meinem Glück, Regine!“ ſagte er gedämpft, aber es kam tief aus dem Herzen.„Aber, Sie böſes Kind, von Ihnen erfahre ich ja nichts! Von meiner einzigen, himmliſch lieben Regine ſagten Sie mir kein Wort!“ Sie ſchüttelte leiſe lächelnd den Kopf.„Ach, lieber Eckhard, von der weiß ich auch nichts,“ verſetzte ſie.„Die Regine iſt ein ſehr wildes, lautes Kind geweſen, das ſeinem Mütterlein viel weniger Freude machte, als es jetzt oft ſchmerzlich erſehnt! Nachher, im Stift, bin ich nach und nach geſetzter geworden, ja ſogar zuweilen zu ſtill und zu träumeriſch, ſo daß mich Tante Neuſtädt wohl einmal dar⸗ über ſchelten und ernſtlich auszanken konnte. Und nun— bin ich eben, wie Sie mich kennen,“ ſchloß ſie wiederum lächelnd. Seine Entgegnung, worin ſie nun auch beſtanden haben möchte, wurde durch eine ſo außergewöhnliche Erſcheinung 132 Der Schreck noch einmal. verhindert, daß Beide faſt erſchrocken von ihrem Sitze auf⸗ fuhren. In einem der jetzt noch kahlen Heckengänge, welcher im Sommer einen ſchattigen Pfad von dem Thor eines Seitenflügels bis in die Mitte des Gartens bildete, ſahen ſie auf einmal die Geſtalt der Baronin mit ihren großen energiſchen Schritten ſchnell daherkommen, den Kopf hoch, die Geſtalt grade, die Arme in lebhafter Bewegung, als ſollten ſie die Eile noch befördern, und das ſchwere braune Seiden⸗ kleid, das ſie heut wie immer trug, wogte und ſchlug, möchte man ſagen, Wellen gegen die Hagebuchenſtämme und Zweige der Hecken. „Bei Gott, Tante Bergen!“ ſagte Eckhard ganz beſtürzt und ſtarrte der ſich raſch Nähernden entgegen, als möge er noch immer nicht ſeinen Augen trauen.„Was heißt denn das? Gibt's ein großes Unglück oder ein großes Glück? So lange ich denken kann, hab' ich das nicht geſehn!“ „Es gilt Ihnen und mir,“ murmelte Regine erregt. „Unmöglich! Und wäre es— ſeien Sie guten Muths!“ flüſterte er zurück, und Beide wandten ſich raſch der Na⸗ henden entgegen. Da ſtand ſie vor ihnen und maß ſie mit einem ernſten, jedoch nicht ſtrengen Blick von unten bis oben.„So, ſo, ihr ſeid's?“ ſagte ſie;„ſo allein und ſo einſam auf dem ‚Söller“, wie man's zu meiner Zeit hieß?“ „Freilich, Tantchen,“ verſetzte Eckhard unbefangen, aber ſein Auge ließ keinen Zug und keine Regung in dem Ge⸗ ſichte der Dame unbeachtet;„Fräulein von Heydeck und ich zogen Beide das Wachen dem Schlafen und die friſche Luft Der Schreck noch einmal. 133 dem dumpfen Zimmer vor und freuten uns, mit einander plaudern zu können. Aber was um Gotteswillen bringt Sie aus Ihrer Clauſur und in die Luft? Ich habe ſchon zu dem Fräulein geſagt, daß ich dies noch nie von Ihnen erlebt.“ „Bah, mon ami,;“ gab ſie zurück,„ich bin kein Kind und kein Schwächling. Ich kann alles, was ich muß. Ich ſah dich hier, droben vom Thurm aus,—⸗ Eckhard erhob unwillkürlich ſeine Augen und ſah allerdings das höchſte Geſchoß des Bergfried den davorſtehenden Schloßhügel überragen—„ich hatte mit dir zu reden und niemand zu ſchicken. Ich beſorge meine eigenen Affaires auch am lieb⸗ ſten ſelber, mon neveu; et après tout,“ ſetzte ſie mit einer unbehaglichen Miene gleichfalls aufblickend in ihrem etwas ſeltſamen Stile hinzu,„dieſe extraordinairen menaces du ciel derangiren mich in meinen Gewohnheiten.“ Peſt! dachte Eckhard, als er dieſen Redefluß und all die fremden Ausdrücke hörte, das ſieht bös aus! Hätte Regine doch am Ende recht gehabt?— Sein Auge ſtreifte das ſchweigend daſtehende Mädchen und folgte dann dem Blick der Tante, welcher noch immer auf den dunklen, un⸗ heilvollen Wolken haftete, die über das Waldgebirge in immer dichteren Maſſen emporzuſchweben begannen und wenigſtens einen Theil der Aufregung in der alten Dame erklärten. Denn die kräftige und geiſtesſtarke Frau wurde durch ein aufſteigendes Gewitter, das ſie früher ſpürte und erkannte als irgend ein anderer, ſtets in die unbehaglichſte Stimmung verſetzt und vermochte dann um alles in der Der Schreck noch einmal. Welt nicht im engen Raum eines Zimmers auszuhalten. Trotz ihrer Scheu vor der Luft ſuchte ſie in ſolchem Fall zuweilen das Freie, immer wenigſtens größere Räume und womöglich Geſellſchaft auf, in deren Kreiſe ſie dann ſelt⸗ ſamerweiſe beim wirklichen Ausbruch des Wetters gewöhn⸗ lich die Gleichgültigſte und Kälteſte von allen war. Und heute ſchien ſie allerdings gleichfalls richtig das Kommende geahnt zu haben. Es konnte kaum mehr ein Zweifel ſein, daß in jenen Maſſen ſich Blitz und Donner verbargen; der weiße Dunſt flog ihnen voraus über den bisher ſo tief blauen Himmel, und die Luft, wie Eckhard erſt jetzt ſpürte, drückte ſchwül und erſchlaffend. Mit einem Wort, es breitete ſich eins jener Gewitter vor, durch welche die erſten Monate dieſes Friedensjahres, wie ſchon oben berichtet wurde, ſo eigenthümlich ausgezeichnet wurden. „Wahrhaftig,“ ſprach er,„das kommt ſchnell und ſicher genug. Aber laſſen Sie uns hineingehn, Tantchen; wir können ja im großen Saal bleiben. Die Andern werden ſich bald zu uns finden.“ „Ah bah!“ ſagte ſie, verdrießlich den Kopf ſchüttelnd. „Man ſieht ja von dort nichts! Ich muß dieſem ennuyan⸗ ten Feinde in's Geſicht ſehn, ſo widerwärtig er mir auch iſt. Auch habe ich mit dir zu reden, mon ami, und wünſche dazu keine Zuhörer. Wir haben Zeit genug hineinzugehn, wenn's los geht, und werden uns auch noch lange genug im Saale langweilen müſſen, denn es wird ſchwer, ſehe ich. Gehe hinein, meine Kleine,“ fuhr ſie gegen Regine gewendet fort, und ihr Blick weilte freundlicher auf dem Der Schreck noch einmal. 135 Mädchen, und es war auffallend, um wie viel ruhiger und einfacher plötzlich auch ihre Rede wieder geworden.„Suche die Uebrigen auf und bleibe mit ihnen im Saal und laſſe ein paar Lichter anzünden— es iſt dort ſonſt ſo unbehag⸗ lich dunkel!— Wir kommen dir bald nach.“ Wieder war es ein milder Blick, welcher dem ſich ent⸗ fernenden Mädchen folgte und es bis an die Thür des Schloſſes begleitete, ja Eckhard meinte darin zu ſeinem Er⸗ ſtaunen einen Ausdruck zu finden, den er, ſo hoch er die Tante im Uebrigen auch ſtellte, noch niemals in ihrem Auge wahrgenommen hatte— war's warme, innige Theilnahme, oder Wehmuth, oder Beides vereint?— Er fühlte ſich neu⸗ gieriger und immer neugieriger werden und durchſpähte das Geſicht der Dame noch aufmerkſamer, während ſie ihre Augen von der hinter der Thür Verſchwundenen zu den Wolken erhob und deren Fortrücken beobachtete. Und im nächſten Momente wandte ſie ihm plötzlich das Auge zu und maß ihn mit einem durchdringenden Blick und ſprach:„alſo mein Herr Träumer, man hat ſeine Partie genommen und Fräulein von Heydeck zu lieben beſchloſſen? Hm? Iſt die Liebe groß, Herr Neffe?“ Und wäre der erſte Blitz, der eben dem Gewölk drüben entzuckte, zu ſeinen Füßen in den Boden gefahren, und hätte der dumpfe Donner tönend über ſeinem Haupte ge⸗ rollt, Eckhard wäre vermuthlich weniger zuſammen⸗ und zurückgefahren als vor dieſen Worten und vor dieſem Ton der Baronin. Er ſtarrte ſie auch an, wie jemand, der aus dem Schlaf erweckt, plötzlich etwas ganz Unerwartetes vor 136 Der Schreck noch einmal. ſich ſchaut und nicht weiß, ob er wacht oder träumt; er ſtrich ſich auch mit beiden Händen über die Stirn— allein er träumte nicht, er ſah die Dame vor ſich, wie ſie leibte und lebte, aufrecht und ſteif, die Hände auf dem Rücken⸗ das Auge feſt auf ihm ruhend, dies Auge, das dunkel und ſcharf bis ins Herz deſſen drang, den es einmal mit der vollen Gewalt ſeines Blicks erfaßt hatte. Und die Worte tönten ſo laut, ſo erſchreckend in ſeinen Ohren, daß er ſie ſchier noch einmal zu hören glaubte. Er rang nach Faſſung — der Kampf war ja da und wurde vielleicht der ſchwerſte, den er jemals zu beſtehn hatte— alle möglichen Einzelhei⸗ ten und Momente des Angriffs, alle Phaſen und Wen⸗ dungen ſeines Widerſtandes ſchoſſen im Nu durch ſeinen Kopf, und er wußte kein Wort hervorzubringen als:„aber Tante!“— „Aber Tante, wie kamſt du mir auf die Spur, die ich ſo ganz verborgen wähnte? willſt du fragen, Herr Narr, nicht wahr?“ unterbrach ſie ihn, und ihre Stimme ſchwankte zwiſchen Ernſt und Laune.„En verité, mon ami, du biſt ebenſo ridicule, wie jeder verliebte Mann! Ihr denkt immer, keine Menſchenſeele ahne etwas von eurem Treiben, während au contraire doch keine Menſchenſeele auch nur einen Augen⸗ blick darüber im Zweifel iſt.“— 3 Die Dame bedachte bei dieſen Worten nicht, daß ſie ſelber vor einigen Tagen, in welchen ſich noch obendrein nichts im Weſen des jungen Paars geändert hatte, durch Frau Rudhards Mittheilung noch heftiger erſchreckt war als jetzt ihr Neffe durch ihre Worte, und es war eigentlich Der Schreck noch einmal. 137 ſchade, daß der junge Mann von jenem Vorfall keine Kunde haben konnte, die er ſo gut hätte verwerthen können. Nun mußte er ſich freilich ſelbſt zu helfen ſuchen, und er half ſich auch, indem er, dem Blick der Baronin ernſt und feſt begegnend, nicht laut, aber mit klarer und deutlicher Stimme entgegnete:„Sie haben nicht unrecht, Tante, ich dachte un⸗ gefähr ſo, allein ich hatte auch ein Recht, ſo zu denken. Denn mögen Sie's erfahren haben, wie und von wem Sie wollen— aus des Fräuleins und meinem Benehmen haben Sie es nicht abnehmen können, das weiß ich. Aber das iſt jetzt ſehr gleichgültig,“ fügte er entſchloſſen hinzu.„Sie wiſſen's und mögen es wiſſen— ja, ich liebe Regine, und die Liebe iſt groß, um Ihre Worte von vorhin zu gebrau⸗ chen. Ich ſpotte aber nicht.“ Die alte Frau ſah ihn einen Augenblick ſchweigend und faſt zürnend an, bevor ſie ſagte:„dies Bekenntniß iſt ent⸗ weder ein ſchamloſes und ſetzt bei dir und mir einen merk⸗ würdigen Grad von Nichtswürdigkeit voraus, oder ich muß wohl daraus ſchließen, daß du wirklich— thöricht genug biſt, Knabe, die Sache ernſt zu nehmen.“ Seine Brauen waren zuſammengezogen und ſeine Au⸗ gen begegneten mit finſterem und ſtolzem Blick den ihren, als er raſch erwiderte:„entweder verſtehe ich Ihre Worte falſch, Tante, oder thue— Ihnen gegenüber— wohl am beſten daran, ſie nicht zu verſtehn. Ich weiß nur, daß es ein auserkorener Schuft ſein müßte, der mit Fräulein von Heydeck anders als im tiefſten Herzensernſt verkehren zu 138 Der Schreck noch einmal. können gedächte.— Für jeden Andern als für Sie hätte ich eine andere Antwort gehabt, Tante.“— „Sieh, ſieh!“ ſprach ſie, und ihr Ton war ſpöttiſch, aus dem dunklen Auge blickte aber etwas wie Wohlgefallen, „Ruhneck oben, merk ich! Wachſt du auf, Knabe? Am liebſten, glaub' ich, gingſt du mir direkt zu Kleide, Herr Narr! Brauchſt dich übrigens nicht zu geniren,“ ſetzte ſie in der beſten Laune hinzu und ihr Aug' blitzte faſt luſtig. „Ich ſtehe meinen Mann ſo gut wie irgend ein Ruhneck, und habe ſchon mehr als einmal ein Piſtol in der Hand ge⸗ habt und mein Fleuret geführt. Beliebt's?“ „Tante,“ bat er, denn er konnte der ſeltſamen Frau in dieſem Augenblick nicht länger zürnen,„ſcherzen Sie nicht, wo mir ſo todtesernſt zu Muth, und ſetzen Sie die nicht durch Worte, wie Ihre vorherigen, herunter, welche doch auch Ihnen ſo lieb zu ſein, ſo hoch zu ſtehn ſcheint—“ „Wie dir, meinſt du?“ unterbrach ſie ihn mit ſich wieder faltender Stirn.„Bezweifelſt du etwa, Knabe, daß ich jene Worte eben deßwegen ſprach, weil das Mädchen mir vielleicht ſogar höher ſteht als dir?“ „O Tante!“ rief er lebhaft bewegt und ergriff ihre Hand und zog ſie mit Ungeſtüm an die Lippen;„ſeien Sie hundertfältig geſegnet! Solch' ein Glück, ſolch' eine Ueber⸗ einſtimmung hab' ich kaum zu hoffen gewagt!! Ueber die dunkelgrünen Waldberge drüben fuhr ein greller Blitz hin, der Donner folgte ihm laut grollend durch den Wiederhall lang hinausgezogen, und ein Wind⸗ ſtoß brauste an den Schloßgebäuden vorüber und durch den Der Schreck noch einmal. 139 Garten, daß die damals ſchon alten Bäume erbebten und die jüngeren ſich gleich Rohren beugten.„Hab' ich's nicht geſagt?“ ſprach die Baronin, mit ſichtbarer, wenn auch nur augenblicklicher Unbehaglichkeit zu dem immer drohender ſich geſtaltenden Wetter hinüberſchauend.„Wir kriegen's voll und ganz und— müſſen nun auch hinein. Mir wird's zu kühl.“ Und ſie wandte ſich haſtig dem Schloſſe zu. Sie ſchritten durch den langen, einem Corridor ähn⸗ lichen Flur des neueren Flügels und betraten die unteren, faſt dunklen, feſtgewölbten Räume des alten Schloſſes, ohne ein Wort zu wechſeln, die Baronin ſichtbar verſtimmt und mehr als einmal, wenn ein Blitz durch die engen Fenſter⸗ öffnungen leuchtete, unwillkürlich zuſammenzuckend und irgend einen dumpfen unwilligen Laut vor ſich hin murrend; Eck⸗ hard tief, ja finſter nachdenklich und daneben gleichfalls das Gewitter verwünſchend, das jeder weitern Unterhaltung für den Augenblick ein Ende gemacht zu haben ſchien. Er hatte ſich aber getäuſcht, denn am Fuß der ſchweren Treppe, welche hier zu dem großen Saale hinaufführte, machte die Baronin plötzlich halt. „Horch auf,“ ſprach ſie gedämpft und ſtützte den Ell⸗ bogen leicht auf die Endſäule des Geländers und ließ den Blick wieder mit ſeiner vollen Gewalt auf Eckhards Geſicht ruhen,„ich will dir ſagen, was keine Menſchenſeele weiß außer mir und— dem, von dem ich's ſelbſt erſt kürzlich erfahren, und ich nehme dein Wort als das eines Ruhneck und eines Cayaliers, daß du die Sache für dich behältſt, bis ich dich zu reden autoriſire— Regine iſt meine Enkelin.“ — Der Schreck noch einmal. Er fuhr zurück und ſtarrte ſie erſchrocken an.„Tante!“ ſtammelte er.— „Ja, ſie iſt meine Enkelin,“ fuhr ſie aber fort,„die Tochter meiner Margarethe und eines Herrn von Heydeck, eines penſionirten Offiziers, den ſie— genug, die Sache iſt ſicher, die Zeugniſſe unwiderleglich. Und— mag ich gegen meine Tochter gehabt haben, was ich will— ich bin nicht unſinnig genug, das auch auf ihr unſchuldiges Kind zu übertragen, auf die Einzige und Letzte von meinem Fleiſch und Blut. Du ſiehſt alſo wohl, daß mir an dem Kinde etwas gelegen iſt,“ ſetzte ſie hinzu, und diesmal ach⸗ tete ſie weder auf den grellen Blitz, noch auf den harten, ſogleich folgenden Donner, der das Schloß ſchüttern ließ, „und daß ich die Kleine vielleicht dennoch höher ſtelle als ſelbſt du.“ Sie ſtieg die Treppe aufwärts. Er holte tief Luft.„Aber, Tante,“ ſagte er gepreßt, „wenn ich Sie recht verſtehe, ſo erkennen Sie Regine aber 4 an, und es ſteht beſſer für uns alle, als ich irgend ahnen konnte. Selbſt mein Vater—“ Sie blieb jäh auf dem kleinen Abſatz, den ſie erreicht hatten, ſtehn und unterbrach ihn durch eine lebhafte Hand⸗ bewegung.„Was ich thue oder nicht, muß die Zeit leh⸗ ren,“ verſetzte ſie.„Aber ſo oder ſo, mein Freund— die Ruhneck ſind die Ruhneck und die Heydeck die Heydeck. Das iſt wie es iſt, und ſelbſt wenn— genug,“ brach ſie ab und ſtieg weiter,„wärſt du nicht ein Alt von Ruhneck, wie man 1 uns einmal heißt, ſondern einer von den Neu⸗Ruhneckern, oder lebte noch einer deiner Brüder, ſo ſagte ich nicht nein Des Träumens Ende. 141 und unmöglich. So aber— du biſt der Erbherr auf Alt⸗ Ruhneck, Eckhard, und daher bereite dich immer darauf vor — es wird nichts daraus.— Selbſt meine Hülfe, auch wenn ich ſie mit freiem Herzen bieten könnte, nützte dir nichts.“ Ihre Hand fiel auf den Drücker der großen Saalthür und ließ dieſelbe aufſpringen. Einige Lichter beleuchteten nothdürftig den Mittelraum und den dort verſammelten kleinen Kreis der Geſellſchaft. Graf Rüdiger kam ihnen entgegen. „Wo bleibſt du denn?“ rief er der Schweſter lachend zu.„Erſt läßeſt du uns durch die Kleine da zuſammen⸗ trommeln, Lichter anzünden, alles vorbereiten, und dann müſſen wir auf dich warten und finden, daß du dich einſt⸗ weilen lieber mit meinem Sohn zuſammen gefürchtet, als mit uns die Unbehaglichkeit verplaudert haſt!“ Das Auge der Baronin blitzte ihn ſeltſam an.„Ge⸗ duld, mein Theurer,“ ſagte ſie gutgelaunt;„ich habe auch für dich noch ein wenig Furcht übrig.“ VIII. Des Tränmens Ende. Der Frühling, der mit ſo lächelnden, glänzenden Blicken auf die Höhen und Thäler des Waldgebirges herabgeſchaut, 142 Des Träumens Ende. hatte erſchrocken wiederum den Angriffen des Winters Platz machen müſſen, welcher rauh und finſter zurückgekehrt war und ſeine traurige Herrſchaft auf das ſchwerſte empfinden ließ. Es ſchneite draußen, und die feinen dicht fallenden Flocken webten ſich wie Schleier um die feſten Mauern der Schloßgebäude und Thürme, ſo daß man aus den Fenſtern des einen faſt nicht mehr das Gemäuer des zunächſtliegen⸗ den erblicken konnte. Im Garten und auf den Höhen, auf den Dächern und Vorſprüngen lag der Schnee ſchon wieder gehäuft; der Wind trieb ihn zuſammen und rüttelte daneben an den Fenſtern und Thüren, ob ſie auch gut verſchloſſen ſeien, und beſtand mit dem Feuer in den Kaminen und Oefen einen heftigen Kampf. Das ging auf und ab; oft und oft beugten die züngelnden Flammen ihre Spitzen, und Rauch und Funken flogen in die Gemächer, zuletzt aber ge⸗ wannen ſie's doch und ſchlugen glänzend und muthig empor und ließen die Räume warm und behaglich werden, daß die Menſchen ſich wieder leidlich hinein gewöhnten. Die Baronin Bergen hatte heut gleich nach dem Kaffee, welchen ſie ſtets allein trank, die beiden zum gewöhnlichen Morgengruß erſcheinenden Mädchen alsbald wieder entlaſſen und Regine auch von der ſpätern Lectüre entbunden. Ernſt, aber freundlich waren Blick und Worte geweſen und ihre Hand hatte wie liebkoſend die Wange des Mädchens flüch⸗ tig berührt, ſo daß das junge Herz wieder freier und leich⸗ ter zu ſchlagen begann, welches ſeit dem vergangenen Nach⸗ mittage ſo bange und ſchwer geweſen. Was die Baronin mit dem Neffen zu reden hatte, mußte ſo oder ſo auch das Des Träumens Ende. 143 liebende Kind berühren; das Weſen der alten Dame und Eckhards, als Beide zu den Uebrigen in den Saal gekom⸗ men, ließ auf ein ernſtes und wichtiges Geſpräch ſchließen, und Regine hatte ſeitdem, ſo ſehr ſie es jetzt auch, und zum erſtenmale, erſehnte, den Geliebten noch nicht allein geſehn. Es hatte ihr nicht entgehn können, daß die Baronin ſchon ſeit einigen Tagen anders gegen ſie geweſen als bis⸗ her— freundlich freilich und faſt milde, aber daneben weder ſo heiter noch ſo unbefangen wie ſonſt in ihren guten Stun⸗ den. Sie ſah die ſtolzen Augen jetzt oftmals ſinnend oder zerſtreut auf ſich gerichtet, und auf der hohen ſtrengen Stirn ein tiefes, zuweilen finſteres Nachdenken. Regine war aber eine Natur, die der Freundlichkeit und Zärtlichkeit bedurfte; Kälte oder gar Zürnen der Ihren hätten die Kleine er⸗ drückt, zumal ihr geringes Selbſtvertrauen ſie die Gründe einer ſolchen Zurückweiſung und überhaupt jeder Verände⸗ rung im Verkehr mit ihr faſt nur in ſich ſelbſt und nie im Anderen ſuchen ließ. Bisher freilich hatte ſie eine ſolche Sorge wenig kennen gelernt, die Menſchen waren, nach ihrem Ausdruck, alle ſtets ſo gar zu gut gegen ſie geweſen, und wie die Baronin, welche ſie, ohne zu wiſſen weßhalb, trotz aller Eigenheiten vom erſten Begegnen an mit warmer Verehrung umfaßte, ſich in ihrem Weſen gegen ſie verän⸗ dert, hatte ihr darum eine deſto größere Qual bereitet, ob⸗ ſchon ſie ſich geſtehn mußte, daß die Dame, wie ſchon ge⸗ ſagt, nur ernſter und nicht unfreundlicher ihr entgegentrat. Zu dem allen war nun auch die junge Liebe gekommen, welche ja ſchon an und für ſich ein Herz ſehnſüchtig nach Des Träumens Ende. Freundlichkeit und Theilnahme der Seinen verlangen läßt, und zwar um ſo ſehnſuchtsvoller, je geheimer ſie ſich regen darf, je ſicherer ſie noch Kämpfen und Sorgen entgegenſehn muß. Wie ging daher die Kleine heut ſo leicht von hinnen, und ſie hatte nicht einmal den Blick geſehn, der aus den Augen der Dame ihr mit voller warmer Zärtlichkeit folgte! Die alte ſtolze Frau ſchritt— es war noch eine frühe Stunde— nach gewohnter Weiſe in der Sainte Barbe auf und ab, und jetzt hatte ſich die Stirn wieder gefurcht und die Augen ſtreiften mit finſteren oder zerſtreuten Blicken in die draußen vorbeiwehenden Schneeſchleier hinaus oder an den Wänden entlang, an den zahlloſen Andenken der ent⸗ ſchwundenen Jahre vorüber, die in dieſen Momenten ſich zugleich dunkel eins nach dem andern vor ihr erhoben und leiſe vorüberglitten. Das Leben der Baronin war ſeit lan⸗ ger Zeit ſchon ein gleichmäßiges, ruhiges geweſen, früher aber von ein paar Stürmen heimgeſucht worden, welche zwar leider nicht zu den ſeltenſten gehören, immer aber, und ſo auch hier, das ganze ſpätere Leben und Weſen des Menſchen zu beeinfluſſen pflegen. Sie hatten die ſelbſtbe⸗ wußte und eigenmächtige Natur der Herrin von Greiffenſee ſo furchtbar erſchüttert, daß ſie die Folgen bis auf den heu⸗ tigen Tag noch ſpürte. Den Gatten hatte ſie von des Vaters Hand empfan⸗ gen und, trotz ihres Eigenwillens, angenommen, da man zu ihrer Zeit und dem alten Wolfram Rüdiger gegenüber in ſolchen Dingen einen Widerſtand nicht kannte. Die Ehe wurde aber ſchnell eine der unglücklichſten, die jemals ge⸗ Des Träumens Ende. 145 ſchloſſen, denn die Herrſchſucht und Gewaltthätigkeit des Barons Bergen ſtießen mit den gleichen Eigenſchaften ſeiner Gattin bald überall auf das härteſte zuſammen, und dazu kam, daß der Baron ſich nach den erſten Jahren ſchon einem Lebenswandel ergab, der die ſtolze und hochmüthige, der Ehre, Pflicht und Sitte ſtarr und rein ergebene Frau in jedem Gefühl auf das tödtlichſte verletzte, und ſie endlich durch den finſterſten Haß zur grenzenloſeſten Verachtung des Gatten führte. Mit rückſichtsloſer Energie und, zum erſtenmal in ihrem Leben, ſelbſt dem Vater trotzend, betrieb ſie die Löſung des Bundes, in welchem ſie des Glückes und Friedens wenig, der Schmach und Entwürdigung aber viel gefunden hatte. Die Scheidung erfolgte, und kurze Zeit darauf fiel der Baron in einem Duell, deſſen bekannt ge⸗ wordene Veranlaſſung ſo ſchmachvoll war, daß dadurch das entſchiedene Handeln der Baronin ſelbſt in den Augen des Vaters und ihrer bisherigen Gegner und Tadler gerechtfer⸗ tigt wurde. Nun dachte ſie, wo nicht Glück, doch Ruhe und in ihren heranwachſenden Kindern Erſatz für die verlorenen Jahre zu finden. Allein die böſe Zeit war leider nicht ſpur⸗ los an ihr vorüber geglitten. In den vielen innern Käm⸗ pfen, in dem kurzen, aber furchtbaren wirklichen und öffent⸗ lichen Kampf um ihre Freiheit war ſie noch heftiger und eigenmächtiger, noch ſtarrer und rückſichtsloſer geworden, und wie leidenſchaftlich ſie die Kinder liebte, welche ſie daran erinnerten, daß ſie eine kurze Zeit wenigſtens verhält⸗ nißmäßig glücklich und zufrieden gelebt, und ihr, wie geſagt, Hoefer, Ruhneck. 10 Des Träumens Ende. eine noch beſſere Zukunft heraufführen ſollten,— ſie wußte dieſe Liebe nicht rechtzeitig zu äußern, ſie wußte ſie nicht richtig und ſo walten zu laſſen, wie Kinder es ſehn und fühlen wollen, um an ſie zu glauben. Die Kleinen lernten in ihr nur die harte und ſtrenge, nachſichtsloſe Mutter kennen, welche unerbittlich herrſchte und vor jedem Hingeben an das tiefe, wahre Gefühl, vor jeder Aeußerung der Zärtlichkeit zurückſcheute, weil ſie in ſolcher Zurückhaltung allein die Möglichkeit ſah, die Kinder nicht dem Vater nacharten zu laſſen. Sie erlangte aber nur, daß Sohn und Tochter ihr gänzlich entfremdet wurden und ihr nichts von der Liebe zeigten, nach der ſie innerlich ſich ſo leiden⸗ ſchaftlich ſehnte; und als beide zu dem Alter gelangt waren, wo das eigene Gefühl und der eigene Wille des Menſchen ſich zu regen beginnen, fand ſie, daß ſie in ihnen nur einen, ihrem eigenen gleichen Stolz und Starrſinn herangepflegt hatte, und ſah ſich zuerſt vom Sohne und nicht lange nachher auch von der Tochter plötzlich verlaſſen. „ Die Stürmo, welche dieſen Trennungen vorausgingen, die Umſtände, welche ſie begleiteten, waren ſo furchtbar ge⸗ weſen, daß ſelbſt die Baronin ihren Nachwirkungen faſt erlag und Jahr und Tag ihres Verſtandes nur ſo weit mächtig zu ſein ſchien, um ſich von den Entflohenen und der Erinnerung an ſie ganz loszuſagen und ſich von jedem Umgang mit den Ihren, welche auch hier entſchieden gegen ſie waren, finſter zurückzuziehn. Aber ſie erreichte damit nichts als Einſamkeit und äußerliches Schweigen. Und die Jahre gingen hin, und Ruhe und Klarheit Des Träumens Ende. 147 zogen leiſe, leiſe wieder ein in die furchtbar durchſchütterte Frau; es kamen die Stunden der unwillkürlichen Selbſt⸗ prüfung und Selbſterkenntniß, es läuterte, kühlte und glät⸗ tete ſich das bis dahin glühende und oft rauhe und formloſe Erz dieſer Natur; die leidenſchaftliche Aufregung, der unſin⸗ nige, jedes Maß überſchreitende Haß und Zorn hielten nicht Stand vor der unüberwindlichen, aus den geheimſten, ber⸗ genden Tiefen des Innern aufſtrebenden Liebe der Mutter. Gegen die Welt verſchloß ſie ſich, aber gegen ihr eigen Herz konnte ſie das nicht im ſelben Grade, ſo zornig ſie es zuweilen auch noch erſtrebte, ſo wenig ſie es ſich auch zuge⸗ ſtehn wollte, daß ſie den größten Theil der Schuld bei jenem Bruche längſt auf ſich genommen. Sie hatte niemals einen Schritt gethan, ihre Kinder wieder heranzuziehen, ſie hatte nicht einmal ihnen auch nur im Geheimen nachge⸗ forſcht; das ließ ſie auch jetzt und immerdar und wußte nichts von ihrem Leben oder Sterben. Aber es gab Stunden — und ſie kamen je ſpäter, deſto häufiger, wo ihre ſtolzen Augen ſich mit gramvollen Thränen füllten, wo all ihre Strenge, alle letzten Reſte des alten Zorns dahinſchmolzen in der Erinnerung an die Verſtoßenen, Verlorenen. Die offenen, ſchonungsloſen Worte der alten Jugend⸗ freundin hatten ſie gewaltig ergriffen, und wie ſehr ſie ſich auch noch gegen ihre Wirkung ſträubte,— was ihr die letzte Mittheilung Agneſens entdeckte, hatte jeden Widerſtand gebrochen. Als ſie den erſten furchtbaren Schreck über⸗ wunden, als ſie ſich nicht mehr ſcheute, die Beſchämung ſich ſelbſt und der Freundin zuzugeſtehn, dieſe tiefe Beſchämung, Des Träumens Ende. die ihr ganzes Innere erfüllte, und die Liebe zu ihren Kin⸗ dern nicht mehr zu verhehlen, welche alles Andere in ihr beſiegte, da war ſie zu Agnes zurückgekehrt und hatte wei⸗ tere Aufklärung verlangt. Von ihrem Sohne erfuhr ſie nichts, er war in all den unruhigen Jahren verſchollen. Die Tochter aber hatte Frau Rudhard nie ganz aus den Augen verloren und ihr durch ihren Gatten ſtets wieder nachforſchen laſſen. Margarethe hatte nach ihrer Flucht ein Aſil bei den Eltern des armen Vikars gefunden, mit dem ſie niemals in einem Verhältniß geſtanden, wie die von Grimm verblendete Mutter es ihr vorgeworfen, und es, außer ſich gerathen, an beiden zu beſtrafen verſucht hatte. Als das Mädchen aus der erſten Betäubung erwachte, ſah ſie ſich nach einer Stellung um, in der ſie den armen Leuten nicht länger zur Laſt fiel, und fand ſie in einem adeligen Hauſe, wo ſie der kränklichen Frau Geſellſchaft leiſtete. Dort wurde ſie, trotz des fremden Namens, den ſie angenommen, von der Neu⸗ ſtädt erkannt, wußte dieſelbe jedoch durch eine offene Erzäh⸗ lung des Geſchehenen leicht zur Verbergung ihres Aufent⸗ haltsorts zu bewegen und gewann auch die volle Freundſchaft und Theilnahme des alternden Fräuleins. Dort lernte ſie auch den Herrn von Heydeck kennen und hochſchätzen und nahm zuletzt, nach dem Tode ihrer bisherigen Herrin, ſeine dargebotene Hand an, um damit endlich den heiß erſehnten Frieden eines ſtillen und unabhängigen Daſeins zu gewinnen. Von ihrem ſpäteren trauervollen Leben wiſſen die Leſer ſchon durch Reginens Mittheilungen. Des Träumens Ende. 149 Die Baronin war durch dieſe Enthüllungen um ſo mehr erſchüttert, da ſie nicht nur entdeckte, daß der Haupt⸗ vorwurf, den ſie der Tochter noch immer gemacht, in nichts zerfiel, ſondern auch einſehn mußte, daß ihr Kind niemals die Grundſätze verläugnet hatte, welche ihm noch dazu auf verkehrte Weiſe anerzogen wurden. Der Umgang mit Mar⸗ garethe Neuſtädt und dieſer Letzteren feſte Freundſchaft für die Arme, bewies der Alten unwiderleglich, daß ihr Kind niemals dem Namen und der Ehre ſeines Stammes unge⸗ treu gelebt hatte. Wie die Baronin die Pröpſtin kannte, hätte dieſe einer nicht völlig makelloſen Frau nie ein Wort, geſchweige denn eine wirkliche warme Theilnahme und Freund⸗ ſchaft gegönnt. Und nun mußte ſie zugleich mit der ver⸗ lorenen Tochter auch die Enkelin wiederfinden, und zwar in derjenigen, welche ihrem Herzen von der erſten Begegnung an näher getreten war als jemals vor ihr ein anderes Men⸗ ſchenkind. Es war wie ein Fingerzeig des Himmels. Die Unmöglichkeit gut zu machen, war verſchwunden, und ſie hatte am Abend ihres Lebens noch einmal das weiteſte Feld vor ſich, glücklich zu machen und glücklich zu werden, denn ſie ſtand ja nicht mehr allein. Glücklich zu machen und glücklich zu werden! An dem Letzteren war kein Zweifel, denn ſie ſah und fand in Re⸗ ginen alle Eigenſchaften, welche dazu dienen, einen Menſchen dem andern theuer zu machen; ſie fand ſie in einem Maße, wie ſelbſt ſie, die in ihren Anſichten noch immer ſtrenge und ſtarre Frau, es nicht beſſer wünſchen konnte.— Aber glücklich zu machen— wie ſollte ihr das gelingen, wenn Des Träumens Ende. das Mädchen nur ein Glück kannte und wollte, und grade das, von dem die Baronin nicht abſah, wie ſie es für die Enkelin erringen könnte und dürfte? Denn wie die Ba⸗ ronin auch war, wie frei ſie nach mancher Seite hin ins Leben ſchaute und über daſſelbe dachte, der Rang ihres Ge⸗ ſchlechts und das Familien⸗Herkommen, oder vielmehr das Familien⸗Geſetz, ſtanden ihr zu hoch und zu feſt, als daß ſie es für möglich hielt, ein Fräulein von Heydeck könne jemals regierende Gräfin auf Alt-Ruhneck werden. Sie dachte in der That und genau ſo, wie ſie es gegen Eckhard ausgeſprochen hatte; ſie ſah keine Möglichkeit zu einer Ord⸗ nung dieſer Angelegenheit, die den Wünſchen ihres Neffen entſprochen, und ſie wußte leider nur zu gewiß, daß, wollte auch ſie ſelber nachgeben, die Zuſtimmung ihres Bruders niemals zu erlangen ſein würde. Und doch war es ihr— beſonders in der Stimmung, die ſie jetzt beherrſchte— furchtbar, denken zu müſſen, daß die erſte Gabe der Groß⸗ mutter an die geliebte Enkelin die Entſagung ſein, daß ſie das Herz, welches ſie kaum gefunden, nun auch brechen ſollte. Das alles hatte ſie in den vergangenen Tagen ſchon ohne Aufhören erfüllt und ſo ſehr gepeinigt, daß davor alles Uebrige zurücktrat, was ſie von Agnes über die ſonſtigen Zuſtände in der Familie erfahren. Und da ſie die Frau nicht war, welche eine ſolche innere Unruhe lange geduldig und unentſchloſſen mit ſich herumzutragen vermocht hätte, ſo hatte ſie alsbald verſucht ſie loszuwerden, indem ſie die Des Träumens Ende. 15¹1 Entſcheidung herbeiführte und Eckhard, wie ſie es hieß, offen zu Leibe ging. Das Reſultat war freilich ein anderes geweſen, als ſie gehofft; ſie fand den Neffen um vieles klarer, entſchiedener und entſchloſſener als ſie gewähnt, ja als ſie irgend ver⸗ muthet, da ſie ſo gut, wie Vater und Schweſter, in ihm wohl Hartnäckigkeit und Eigenſinn, aber keinen eigentlichen, fertigen Charakter geſucht hatte. Sie meinte ihn einſchüch⸗ tern, vielleicht überreden zu können, und mußte ſelbſt in dem kurzen Geſpräch des vergangenen Abends die Ent⸗ deckung machen, daß ſie jemand vor ſich habe, der nach ihrem Ausdruck„ein Ruhneck“ war. Das hatte der ſtolzen Tochter des alten Geſchlechts mehr gefallen und ſie mehr beſtochen, als ſie ſich ſelbſt zugeſtehn mochte, obſchon ſie zugleich mit dieſer Erkenntniß auch die Ueberzeugung gewann, daß ſie und alle einem ſchweren und gar zweifelhaften Kampfe entgegengingen. Denn ſie kannte die Ruhnecker und wußte, daß das Aufgeben einmal gefaßter ernſtlicher Entſchlüſſe und Ueberzeugungen nicht zu den Charakter⸗ zügen des Geſchlechtes gehörte.— Und Regine?— Das Middchen hatte ſo oder ſo einen Theil des gleichen Bluts in ſich, und die Baronin kannte Welt und Menſchen und ſelbſt die Enkelin genau genug, um zu wiſſen, daß grade eine ſolche Natur der Liebe nur einmal, dann aber auch für immer und mit ihrer ganzen Weſenheit zu eigen und durch den Kampf für dieſelbe zu einer unbeſieglichen Energie angeregt werden mußte. Das alles ging der alten Dame auch jetzt durch Herz 152 Des Träumens Ende. und Kopf und ließ ſie immer ſinnender und immer ernſter dareinſchauen, indem ſie nach wie vor mit großen Schritten das Zimmer durchmaß. Was ſollte und was konnte ſie thun, um ſo viel wie möglich nach allen Seiten hin ihrer Pflicht, ihren Anſichten und Grundſätzen und ihrer Liebe zu der Enkelin, ihrer Neigung zu dem Neffen gerecht zu werden?— Und als ſei ſie endlich zu einem Entſchluß ge⸗ kommen, blieb ſie plötzlich ſtehn, nickte mit dem Haupt ein paarmal wie zufrieden vor ſich hin, wandte ſich dann raſch und ging mit ihrem gewöhnlichen weitausgreifenden Schritt aus der Thür, die Treppe hinab, den Corridor entlang in den alten Schloßbau hinüber. Es war ihr willkommen, daß das Schloß wie ausge⸗ ſtorben erſchien, denn es brauchte in der That noch nie⸗ mand von dieſem Gange zu wiſſen. Und ohne einen Men⸗ ſchen auf ihrem Wege zu treffen, gelangte ſie eine andere Treppe hinauf, durch einen neuen Corridor zu den Zim⸗ mern, welche ihr Bruder, allein von ſeiner Familie in dieſem Schloßtheile hauſend, von Jugend auf bewohnte. Um dieſe Tageszeit pflegte er ſtets in dieſen Räumen zu finden und allein zu ſein, und nachdem die Baronin geklopft und faſt zugleich die Thür geöffnet hatte, ſah ſie, daß ſie nicht vergebens gekommen war. Graf Rüdiger ſchritt, wie vor Kurzem ſie ſelbſt, nachdenklich im Zimmer auf und ab. Auf das Klopfen an der Thür war er ſtehn geblieben, ſchaute dem Kommenden mit einem außerordentlich ver⸗ drießlichen Geſichtsausdruck entgegen und hatte ſchon die Lippen geöffnet, um der Störung auf's ſchärfſte zu begegnen. Des Träumens Ende. 153 Als er aber ſeine Schweſter erkannte, glättete ſich die ge⸗ runzelte Stirn und das finſtere Auge erhellte ſich faſt zu einem freundlichen Lächeln. Ebenſo freundlich war auch die Bewegung, die er ihr entgegenmachte, und ihr die Hand bietend, ſagte er:„ah, Hedwig! Der Tag ſollte in Zu⸗ kunft im Kalender roth gedruckt werden! Seit wann iſt mir die Ehre nicht mehr widerfahren, Schweſter?“ Sie warf einen langen Blick im Zimmer umher, bevor ſie ihre Augen wieder auf ihn heftete und antwortete:„das iſt richtig, mein Theurer; es mögen immerhin an die zwanzig Jahre ſein, ſeit ich dich hier nicht mehr aufgeſucht. Und es wäre auch vielleicht heute nicht geſchehn, hätte ich dir nicht etwas mitzutheilen gehabt, was mich überaus lebhaft berührt und keinen Aufſchub leidet, Alter.“ Der Graf lächelte gezwungen.„So treffen wir uns gewiſſermaßen auf dem gleichen Felde,“ ſprach er.„Auch ich könnte dir allerlei ſagen, was in dieſen Tagen in mir zur Reife gekommen, und ich ſchwankte eben, ob ich dir die Mittheilung machen oder ſie lieber noch unterdrücken ſollte. Sie geht auch dich an. Wir hätten uns unterwegs faſt begegnen können, Hedwig. Nun freilich,“ ſetzte er hinzu und fuhr ſich über die hohe Stirn,„iſt es entſchieden, und es mag geredet ſein.“ Sie hatte ihn während ſeiner Worte halb überraſcht, halb forſchend betrachtet, denn ſie war es zu wenig gewohnt, ihren Bruder ſich mit Plänen und Erwägungen tragen zu ſehen, die nicht, gegen ſie wenigſtens, auch alsbald und leicht zu Worten und noch leichter zu Thaten wurden. Und nun Des Träumens Ende. erfuhr ſie im gleichen Athem, daß er nicht nur ſchon länger über irgend etwas zu Rath gegangen, ſondern auch noch im Zweifel geweſen ſei, ob er ihr davon ſagen ſolle.„Ei ei, mein Theurer,“ verſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe leb⸗ haft,„wie kommſt du mir vor? Was heißt dies Schwanken und Zweifeln? Natürlich ſagſt du mir alles, wie immer; haſt du eine Menſchenſeele, der du mehr vertrauen kannſt als mir? Du haſt mich neugierig gemacht, Rüdiger; alſo heraus damit.“ Er rieb und wand die Hände unſchlüſſig in einander und ſchaute vor ſich hin.„Aber du ſelbſt, Hedwig,“ ſagte er ausweichend und ſah zu ihr auf.„Ich habe Zeit und bin auf deine Nachrichten begierig. Wollen wir uns nicht ſetzen?“ Sie ſchüttelte verwundert den Kopf.„Mein Theurer, biſt du müde?“ fragte ſie nicht ohne Spott.„Ich ſitze bei meinen Unterhaltungen nicht gern, weißt du; thue du aber, was du willſt, ich werde dich ſchon noch hören. Und nun keine Komplimente mehr, ſchieß' los!“ Sie begann, die Hände auf den Rücken legend, ihren Marſch, zu dem ſie hier allerdings etwas mehr Platz hatte als in der Sainte Barbe, denn das Gemach war das größte dieſes ganzen Schloßtheils.„Neugierde, dein Name iſt Weib! wirſt du ſagen, mein Theurer,“ ſetzte ſie nach einigen Schritten hinzu, „allein ich möchte Den oder Die ſehn, die in meiner Lage nicht neugierig würden, wenn ſie nämlich plötzlich einen Menſchen— und noch dazu einen Bruder, mein Theurer! — bei dem ſonſt alles immer in rechter Huſarenmanier d'rauf Des Träumens Ende. 155 und d'ran geht, hinter dem Berge halten, zögern, überlegen, rechnen ſehn. Den Kukuk auch, mein Theurer, da muß ich ja neugierig ſein!“ Er begleitete ſie noch immer ſchweigend und ſichtbar unſchlüſſig mehreremal' auf und ab, bevor er endlich anfing. „Du weißt, Hedwig,“ redete er,„daß Beatrix' Hochzeit auf die nächſte Zeit feſtgeſetzt iſt. Eberhard meinte in ſeinem letzten Briefe, man werde ihm den Urlaub und im Mai den Abſchied nicht verweigern können. Er wollte nicht mehr in das Standquartier zurückkehren, und ich verſtehe den Grund der jetzigen Zögerung nicht recht, da der König in Anbetracht, daß Eberhard majorenn geworden und die Herr⸗ ſchaft anzutreten hat, ſchwerlich ſeinen Wünſchen entgegen ſein wird.“ Sie zuckte als einzige Antwort die Achſeln. „Du biſt doch meiner Anſicht, Schweſter?“ fragte er lebhaft. „Weßhalb nicht, mein Theurer? Der Soldatenſtand iſt— im Frieden wenigſtens— eine Art glänzender Skla⸗ verei, für den unabhängigen, freien Mann etwas Miſerables.“ Seine Stirn runzelte ſich flüchtig, aber er ſagte nur: „nun alſo, die Zögerung muß ein Ende nehmen, Eberhard wird kommen und Beatrix nach Hohenengen führen. Zu⸗ gleich wird auch mein werther Herr Sohn wohl Ruhneck verlaſſen, ſei es um zu heirathen und in Scharfenberg zu wohnen— denn hier behalte ich das Paar nicht— oder um vorher wieder einige Zeit zu reiſen. Beide ſind ja noch jung genug.“ 156 Des Träumens Ende. Sie ſpazierte gemächlich neben ihm, langſamer als ge⸗ wöhnlich, ohne zu ihm aufzuſehn, ohne ihn durch ein Wort wieder zu unterbrechen, und da er jetzt eine längere Zeit ſchwieg, ſprach ſie endlich nur in einigermaßen ungeduldigem Tone:„du machſt Umſchweife, mein Theurer.“ „Doch kaum,“ entgegnete er ernſt.„Der Fortgang Beider gehört zum Ganzen, es iſt die Einleitung dazu.— Seit meine Frau ſtarb und unſer Vater, ſeit meine Knaben davonzogen und Eberhard und Ulrich ihnen folgten, wurde es immer einſamer um mich— innerlich und auch äußerlich, Schweſter,“ fuhr er mit ſinkendem Ton fort,„und wenn die Beiden fort ſind, bin ich ganz allein.“ In die entſtehende Pauſe hinein ſagte ſie wieder nur: „flankire nur fort, mein Theurer. Bin doch kurios zu er⸗ fahren, wo du endlich einbrechen wirſt.“— Er ſchien aber von dieſen Worten nichts gehört zu haben, denn er ſetzte ſeine vorige Rede im gleichen Tone fort:„mir grauet davor, Hedwig, obgleich ich es auch bisher wenig anders gehabt. Beatrix iſt kalt, und Eckhard— nun, grade wie der Bube iſt und häufig meinen ganzen Unwillen hervorruft und mir— Gott weiß das!— ſeit ſeinen Kinder⸗ jahren keine frohe Stunde mehr gemacht hat, grade das läßt mich mein Alleinſein noch ernſtlicher und faſt wie ein Unrecht empfinden. Ich kann mir Fälle denken, die mich zu entſchiedenen Schritten zwingen würden; und doch, Hed⸗ wig— ich habe keinen andern Sohn, und Eckhard iſt der letzte Ruhneck.“ In ihrem Geſicht rang, je länger er ſprach, immer Des Träumens Ende. 157 ſichtbarer Hohn und Zorn mit einander, aber ſie ſagte kein Wort mehr als:„fahr' fort.“ Er folgte ihrer Aufforderung, allein es geſchah unbe⸗ wußt, möchte man ſagen, denn ſeine Gedanken beherrſchten ihn ſichtbar viel zu ſehr, um ihn auf ſeine Begleiterin achten zu laſſen.„Ich bin kein alter Mann,“ redete er, und es klang faſt, als werde er ruhiger und freier, je mehr er ſich dem Ende ſeines Gedankenganges und der Hauptmittheilung näherte;„wenigſtens fühle ich mich noch nicht alt. Ich kann noch Herr des Hauſes und Haupt der Familie ſein und bin ein Menſch, der ein Herz hat, deſſen Gefühl tief und warm ſein kann, wenn man es richtig zu berühren und anzuregen verſteht. Ich bin in den zwölf Jahren meiner Ehe ſehr glücklich geweſen, und Emma hat es mir nie ver⸗ hehlt, daß auch ſie ſich an meiner Seite glücklich fühlte. Wie ich ſie betrauert habe, wie mich ihr Tod auf Jahre hinaus faſt vernichtet hat, weißt du, Hedwig. Ich habe nie daran gedacht, ihr eine Nachfolgerin zu geben, zuerſt und viele Jahre lang, weil meine Trauer zu tief war, nachher und da ſie ſich milderte, weil ich niemals hoffen konnte, je⸗ mand zu finden, die mich nicht immer und überall das Weib meiner Jugend nur noch ſchmerzlicher vermiſſen laſſen würde, der ich mit Freuden und in Wahrheit auch den Platz in meinem Herzen einräumen dürfte, den jene ſo ganz und ſchön ausgefüllt. Eine Ehe, nur mit den Händen und nicht auch mit den Herzen geſchloſſen, iſt mir undenkbar und unmöglich.“ Sie ging noch immer im gleichen Schritte vorwärts, Des Träumens Ende. drehte um, ſpazierte zurück, aber auf ihrem jetzt kalten und feſten Geſicht ließ ſich nicht mehr leſen, was in ihrem In⸗ nern vorgehn mochte.„Du willſt alſo heirathen, mein Theurer?“ warf ſie nach einer Weile ſchier gleichgültig hin. „Mein Herz treibt mich dazu,“ erwiderte er wieder ge⸗ preßt.„Und wenn ich an die Zuſtände und Verhältniſſe denke, über die ich nicht immer wieder auf's neue reden und mich ärgern mag, halte ich es ſogar für meine Pflicht.“ „Allen Reſpekt!“ ſagte ſie.„Und wenn ich dich recht verſtanden habe, mein Theurer—“ und jetzt blieb ſie plötzlich ſtehn und ihre Augen trafen ihn mit ihrem durchdringend⸗ ſten Blick—„ſo haſt du die ſchon gefunden, der du ‚mit Freuden und in Wahrheit den Platz in deinem Herzen:— klang es nicht ſo?— anzuvertrauen geneigt ſein dürfteſt?“ „So iſt's!“ tönte es von ihm zurück, entſchieden und ruhig, trotz ihres Hohns. „Und dürfte ich mir erlauben zu fragen— wie benennt ſich dieſe wunderbare, eines Feenmärchens würdige Erſchei⸗ nung?“ ſprach ſie mit unverändertem Blick und Ton. Er ſchaute finſter vor ſich hin und holte ſo tief Luft, daß die breite Bruſt ſich mächtig hob.„Es iſt Regine Heydeck, ſagte er gedämpft.— Es zuckte wie ein Schlag durch ihr Geſicht, ihre ganze Geſtalt.„Wie beliebt?“ fragte ſie ſcharf und raſch. „Regine Heydeck,“ wiederholte er und hob das Auge auf und begegnete nun entſchloſſen und feſt ihrem Blick. Sie ſtand und ſtarrte ihn im wörtlichſten Sinne des Worts mit geöffneten Lippen an, als ſei ſie wie gelähmt Des Träumens Ende. 159 durch eine Kunde, die ihr aus dem Munde des Bruders abſolut unglaublich und unmöglich erſcheinen mußte. Das währte aber nur einen Moment, im nächſten Augenblick glitt ein finſteres, bitteres Lächeln durch ihre Züge, und ihr Mund öffnete ſich nun auch zu Worten.„Einer von uns Beiden muß wohl— verrückt ſein,“ ſprach ſie hart, und wie ſie vor dem böſen Worte gleichſam ſuchend inne hielt und wie ſie es dann betonte, zeigte deutlich genug, daß ſie abſichtlich das härteſte gewählt hatte,„ich, weil ich ſolche Worte von dir zu vernehmen glauben kann, oder du, weil du ſie über⸗ haupt nur auszuſprechen vermagſt.“ Nach einem nicht minder finſteren, hochmüthigen Blick kreuzte er die Arme über die Bruſt und ſagte anſcheinend kalt:„wir ſind, glaub' ich, fertig mit einander, Frau Ba⸗ ronin. Fräulein von Heydeck hängt meines Wiſſens und Gott ſei Dank nicht von Ihnen ab, und ich noch weniger.“ Er wandte ſich kurz ab und dem Fenſter zu. Die Baronin ſchaute ihm düſter lächelnd nach.„So entgehſt du mir nicht,“ ſagte ſie endlich.„Grade deine al⸗ berne Entrüſtung beweist mir, wie wenig klar du in dir ſelbſt biſt, wie dich mein Wort traf und die Reſte deines Verſtandes in Bewegung und zum Wachen brachte. Glaubſt du mich, Hedwig, mit deiner Antwort, mit dieſer Weiſe zu ſchrecken und zu ſchlagen, Thor? Ich habe noch ganz an⸗ dern ungebärdigen Geſchöpfen ſtandgehalten, mein Kind,“ fuhr ſie heftiger und heftiger fort,„und ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich dir weichen könnte! Herr Gott im Himmel, es iſt nicht möglich! Der Menſch dort iſt Des Träumens Ende. ſechs⸗, ſiebenundfünfzig Jahre alt und hat ſein Lebenlang in Ehren gelebt und gehandelt, und will nun, in ſeinem Alter noch zum Narren und Gecken werden und ein Kind von achtzehn Jahren an ſein Greiſenalter feſſeln, ſie, die Heydeck, zur Dame von Ruhneck machen, zur Frau des regierenden Grafen, zur Mutter von Kindern am Ende, die ſeine rechten Kinder verdrängen von ihrer Stelle— nicht aus deinem Herzen, Menſch, denn du haſt deine Kinder nie im Herzen getragen, weil du niemals eins gehabt, merk' ich!“ Hatte er ſich nur wieder gefaßt, oder traf ihn ſelt⸗ ſamerweiſe die jetzige Rede der ſchonungsloſen Schweſter weniger als vorhin das erſte und eine Wort— er ſtand ihr nicht nur zugewendet, ſondern hörte ſie anſcheinend auch ruhig an und ſagte, da ſie ſchwieg, vollkommen kalt:„ich bin nicht von dir abhängig, Schweſter.“ „Du könnteſt dich täuſchen,“ verſetzte ſie hart und mit drohendem, hochmüthigem Blick.„Ich bin auch eine Ruhneck und dein Bruder Eckhard iſt gleichfalls einer. Wo es Ehre oder Unehre des Hauſes gilt, werden wir ein Wort mitzu⸗ ſprechen haben und— verlaß' dich darauf!— laſſen es uns nicht nehmen. Eine Heydeck kann nicht Gebieterin auf Alt⸗Ruhneck werden.“ Er ſchaute ſie eine Weile düſter ſinnend an, bevor er zwar lebhaft, aber keineswegs zornig entgegnete:„ich ver⸗ ſtehe das nicht. Die Heydeck ſind ein reichsfreies, ſtifts⸗ und turnierfähiges Geſchlecht, blühend noch in mehreren Stämmen und verſchwägert und verbunden mit den ange⸗ Des Träumens Ende. 161 ſehenſten Familien. Ich bin nicht der Thor, für den du mich hältſt, und habe meinen Kopf nicht verloren, obgleich die Anmuth, die Innigkeit, der Liebreiz des Kindes mich bis ins Herz ergriffen haben,“ fuhr er wärmer fort.„Ich habe mich erkundigen laſſen nach ihrer Familie, deren Letzte ſie iſt. Ihr Vater war ein wackerer Mann und Cavalier, der nach allen Nachrichten ſtets auf Ehre hielt. Das beweist ſchon das Wohlwollen ſeines Fürſten, der wie aller Welt bekannt, bei ſeinen Offizieren ſtreng auf einen reinen Stamm⸗ baum ſieht. Wer ſeine Gattin war, wußte man mir nicht anzugeben, doch wie der Mann ſich überall ſonſt gezeigt, läßt ſich mit Gewißheit annehmen—“ „Wer ſeine Gattin war, fragſt du?“ unterbrach ſie ihn, und ihre Stimme war langſam, kalt, ſcharf und klar, und ihr Blick ruhte bohrend auf ihm.„Das kann ich dir ſagen, Rüdiger. Wie ſie ſich ſonſt genannt hat, weiß ich nicht, obſchon ich auch das erfahren könnte; urſprünglich aber hieß ſie mit Rang und Namen: Freifräulein Margarethe von Bergen, Tochter der Baronin Bergen auf Greiffenſee. — Und ſo ſiehſt du wohl,“ ſetzte ſie bitter auflachend hin⸗ zu,„daß ich in dieſer ſchönen Sache nicht allein als eine Ruhneck mitzureden habe. Ich denke, die Großmutter wird doch auch wohl die Erlaubniß erhalten oder ſich nehmen, ein Wort darüber zu ſprechen und ihrem Willen Geltung zu verſchaffen.“ Sie ſchaute den Bruder, der Bruder ſchaute ſie an; von ihrem Geſicht war das Lachen, aus ſeinem Auge die gezwungene Kälte und der düſtere Hochmuth verſchwunden, Hoefer, Ruhneck. 11 1628 Des Träumens Ende. und Beide redeten kein Wort. Nach einer ganzen Weile erſt fragte der Graf gedämpft, faſt mit Wehmuth:„Hed⸗ wig, von wem haſt du das erfahren? Und weiß ſie es, die Kleine ſelbſt, ſchon?“ Sie ſchüttelte leiſe den Kopf.„Du haſt recht, Rüdi⸗ ger,“ ſprach ſie und ihre Stimme bebte.„Die Sache ſollte uns ja eigentlich nur glücklich machen, aber— ich weiß nicht, wie es kommt— es geht mir wie dir, und ich könnte zuweilen weinen bei dem Gedanken an dies alles, weinen wie ein Kind!— Agnes hat mir die Mittheilung gemacht,“ brach ſie ab.„Regine weiß noch nichts davon, und ich kam eben deßhalb vorhin hieher, um mit dir darüber zu reden. Nun haſt du's ja auch erfahren,“ ſchloß ſie wieder düſter werdend,„wenn auch auf andere Weiſe als ich gedacht.“— Die Thür wurde aufgeriſſen und ein großer, ſtattlicher Mann in preußiſcher Generalsuniform eilte ins Zimmer, den Geſchwiſtern zu.„Da ſind ſie ja alle Beide,“ rief er laut und lachend,„und ſehn aus als hätten ſie—“ „Eckhard! Bruder! Bruder!“ unterbrachen ihn Rüdiger und Hedwig gleichzeitig und zugleich, ungeſtüm, ſeine dar— gebotenen Hände ergreifend. „Wo kommſt du her?“ fragte die Eine. „Wo iſt Eberhard?“ rief der Andere.„Aber was frage ich?“ ſetzte Graf Rüdiger lächelnd hinzu.„Natürlich bei der Braut!“— Es glitt ein dunkler Schatten flüchtig durch die mar⸗ tialiſch ſchönen und offenen Züge des Generals.„Er kam nicht mit,“ ſagte er.„Urlaub iſt ſparſam, glaub' ich. Aber Conferenzen. 163 — wir wollen uns jetzt dadurch nicht ſtören laſſen. Grüß euch Gott, ihr lieben Alten!“ IX. Conferenzen. Eine Stunde ſpäter ſaß Beatrix vor dem großen Stick⸗ rahmen in dem weiten, behaglichen Gemache, in dem wir ihr und den Ihren zuerſt begegneten. Es war niemand außer ihr da, und hätte das lebhafte Feuer im Kamin nicht gekniſtert und gebraust, ſo wäre kein Laut hörbar geweſen. Das Mädchen ſah nicht auf von ihrer Arbeit, als wenn ſie von Zeit zu Zeit nach dem Korbe langte, in dem der Vorrath von bunter Seide, von Gold⸗ und Silberfäden ihr zur Seite ſtand; allein ihr Blick war dann kalt und ſtill und durchflog gleichgültig das einſame Gemach oder den, von den noch immer wehenden Schneeſchleiern faſt ver⸗ hüllten Hof vor dem Fenſter. Seit wir ihr weniger begeg⸗ neten, war ſie noch bläſſer und ſtiller geworden als je, und die gleichmäßige kalte Schönheit dieſer feinen Züge, die ruhigen, faſt ſtarren Bewegungen dieſer ſchlanken Formen mußten beinah drückend werden für den, der dahinter doch ein junges, friſches Leben, ein warmes Blut, ein bewegtes Herz, eine Menſchenſeele wußte, und das alles ſo tief ver⸗ graben und verſteckt, ſo todtenſtill ſah, als werde es nie er⸗ 164 Conferenzen. wachen, nie ans Licht des Tages und des Glücks treten. Aber auf der Ruhneck— wer achtete auf ſie?— Die Thür im Hintergrunde des Saals ging auf. Bea⸗ trix ſchaute nicht empor, und dennoch zog ſich eine feine Röthe über die Wangen und Schläfen und glitt leiſe, leiſe bis auf den ſtolzen Nacken hinüber, der aus den Spitzen, welche den Ausſchnitt des farbig ſeidenen Kleides umgaben, rein und edel geformt ſich hervorneigte. Es kam ein Schritt heran, nicht leicht und ſchnell, wie der der Jugend, ſondern langſam, und wenn auch feſt auftretend, doch wieder wie zögernd; allein ſie ſah noch immer nicht auf, und das Er⸗ röthen wurde ſtets dunkler, bis die Schritte unmittelbar neben ihr endeten, und Ulrichs Stimme leiſe fragte:„biſt du ſehr traurig, Couſine?“ Da erhob ſie die Augen zu dem ernſten Geſicht des jungen Mannes, aber es war nur ein flüchtiger, halb nach⸗ denklicher, halb ſcheuer Blick, und dann ſenkte ſie den Kopf wieder, ſie zog den Faden vollends durch und ſagte eintö— nig:„laß es nur gut ſein, Ulrich.“ Er ſtützte ſich auf den kleinen Tiſch vor ihr, als ſei er müde, und ſah eine Weile ſchweigend in das Schneetreiben hinaus. Dann kehrte ſein Auge wieder zu dem geſenkten Kopfe da neben ihm zurück und ruhte auf demſelben mit einem ſtillen, faſt traurigen Ausdruck.„Ich verſtehe das alles nicht,“ ſprach er endlich gedämpft und langſam,„nicht wie der General uns die Nachricht brachte, nicht daß Eber⸗ hard überhaupt ausblieb. Kein Urlaub? Aber wenn er ſeinen Abſchied nehmen will—“ Conferenzen. 165 „Will er das?“ warf ſie tonlos ein. Er ſah überraſcht, faſt beſtürzt zu ihr nieder, allein er erblickte nur Kopf und Nacken, denn ſie war eifriger als je bei ihrer Arbeit.„Nun verſtehe ich aber auch dich nicht, Beatrix,“ ſprach er endlich lebhaft;„komm', ſieh' auf und ſage mir, wie du das meinſt. Iſt denn etwas vorgefallen zwiſchen euch? Haſt du irgend etwas erfahren, was dich zu ſolcher Vermuthung berechtigt? Es iſt ja doch ganz un⸗ denkbar, daß Eberhard dich mit ſich in ſein Regimentsquar⸗ tier führen könnte.“ „Ich weiß nichts davon,“ ſprach ſie wie vorhin, und während ſie mit der Nadel die Fäden des eben vollendeten Stichs zuſammenſchob, ſetzte ſie hinzu:„aber das iſt ja auch alles gleichgültig, und auch wir wollen darüber ſchwei⸗ gen, Couſin.“ Es mußte in dieſen Worten und dem eintönigen Klang ihrer Stimme doch etwas liegen, was den jungen Mann ergriff, denn er beugte ſich tiefer zu ihr nieder, ſo daß ſeine Lippen faſt das weich von der Stirn ſich abhebende Haar berührten, und flüſterte innig und bittend:„Beatrix, ſei gut, ſei offen! Sag' mir, was dich drückt! Ich kann dieſen Ton nicht hören und nicht dies Weſen ſehn, ohne daß ſich mir das Herz zuſammenſchnürt.“ Da erhob ſie langſam den Kopf, die Nadel entſank ihrer Hand, ſie lehnte ſich zurück und ließ das Auge auf ſeinen bewegten Zügen ruhen, ſo ſtill, ſo träumend, ſo ſchwermüthig, daß er unwillkürlich ſich noch näher beugte und ihre ſchlaff auf der Stickerei liegende Rechte auf und 83 166 Conferenzen. zwiſchen ſeine Hände nahm.—„Beatrix!“ bat er wieder leiſe und gepreßt. Aber ihr Auge änderte den Ausdruck nicht, ihr Geſicht blieb ſtill und bleich, und ſie erwiderte keine Silbe. Es war, als ſei ſie mit ihren Gedanken weit ab von ihm und von aller Gegenwart, ſei es draußen in der Ferne, ſei es drinnen im eigenen Herzen. Endlich zog ſie leiſe die Hand aus der ſeinen, erhob ſie langſam zu ihrem Geſicht und deckte ſie über die ſich ſchließenden Augen. Und dann ſagte ſie in einem Tone, daß er davor erbleichte, ſo ergreifend war er:„ich kann deines Bruders Frau nicht werden, Ulrich, oder ich muß ſterben.“ Und daß ſie die Augen verhüllt hatte, half ihr nichts, denn die Thränen fanden doch ihren Weg unter den Lidern hervor und unter den Fingern über die bleichen Wangen. „Beatrix!“ murmelte er nochmals, und es wußte keiner von den Beiden, wie das gekommen, aber im nächſten Au⸗ genblick ſtand ſie von ſeinen Armen umſchlungen neben ihm und lehnte den Kopf an ſeine Schulter, das Geſicht ver⸗ bergend, und weinte, als ob ihr das Herz brechen ſollte, und die ganze Geſtalt bebte und zitterte vor der nicht länger bezähmten Gewalt eines unendlichen Schmerzes. Selbſt er hatte das Auge voll Thränen, und ſein ſonſt ſo freund⸗ liches und fröhliches Geſicht zeigte in jedem Zuge eine Trau⸗ rigkeit und einen Gram, wie ſie jeden, der ſich der offenen und heiteren Natur des jungen Mannes jemals erfreut Conferenzen. 167. hatte, auf das tiefſte hätte ergreifen müſſen. Sie hatten beide keine Worte. Es verging eine lange, lange Zeit, bis der erſte heftige Ausbruch endete, bis ihre Geſtalt ruhiger wurde und ihre Thränen milder floſſen. Sie regte ſich noch immer nicht, auch ihr Haupt blieb ſtill an ſeiner Bruſt, aber ſie flüſterte nun traurig:„o Ulrich, Ulrich, wie ſind wir unglücklich!“ Er drückte ſie zur Erwiderung nur feſter an ſich und dann ließ er ſie ſanft aus ſeinen Armen auf den Stuhl zurückgleiten, wandte ſich und ſchritt geſenkten Hauptes und mit trauerſchwezer Stirn das Gemach hinab. Es gibt der Augenblicke im Leben, wo man ſich zugleich reicher als der ſtolzeſte König und ärmer als der elendeſte Bettler fühlen kann. Das fühlte und verſtand er in dieſer ſchweren Stunde. Er kam zu ihr zurück und ſtand wieder neben ihr, die ſchlaff an den Stuhl zurückgeſunken ſaß und mechaniſch die Nadel zwiſchen den Fingern wirbelte. Und als ſie gar nicht aufſah, ſagte er traurig:„ſieh mich einmal an, mein Liebſtes! Der Moment, wo du mich ſo unendlich glücklich gemacht, geht ja ſchon hin und kehrt niemals wieder; er iſt ſo kurz und ſoll mir doch eine ſo lange, lange Reiſezeh⸗ rung ſein. Gib mir einen Blick mit, Beatrixy! Ich habe ebenſo wenig Licht vor mir wie du.“ Da ſchaute ſie auf und ihn an mit ſcheuer und doch gramvoller Zärtlichkeit, und während die Thränen ſich wieder über ihre Wangen zu ſtehlen begannen, ſprach ſie:„ſiehſt du, Ulrich, das iſt ja das allertraurigſte, daß ich in jedem Blick, den ich auf dich richte, in jeder Bewegung, jedem 168 Conferenzen. Wort zu dir etwas wie ein Unrecht fühle, wie eine Sünde! Gott weiß, ich habe ehrlich gerungen mit mir ſelbſt, ich habe mich und mein Herz zurückgehalten, wie ich's wußte und vermochte! Und nun— und nun,“ ſetzte ſie hinzu, indem die Thränen ſtärker floſſen, aber es verzog ſich dabei nicht ein Zug ihres bleichen Geſichts und die reine und klare Schönheit deſſelben blieb gänzlich unverändert,—„nun mußte es dennoch ſo kommen! Aber mag Gott mir ver⸗ geben, ich konnte nicht anders!“ Er ſchaute ſie eine Weile trübe ſinnend an.„Wie es werden ſoll, weiß auch ich nicht,“ redete er endlich:„ich muß mit mir zu Rath gehn. Nur zweierlei iſt mir klar — ſo bleiben kann es nicht, und mit meinem Bruder zu ringen, im Kampf um dich, oder auch nur mit ihm zuſam⸗ menzutreffen, vielleicht ſehn zu müſſen, daß er dich nicht verſteht, nicht des Opfers werth iſt, das du und ich ihm bringen— das vermag ich auch nicht. Er muß nun ſo oder ſo bald kommen, und daher— laß mich gehn, du mein Liebſtes! Ich muß mich doch einmal auf den Gütern um⸗ ſehn. Und unterdeſſen werden wir vielleicht die Faſſung wiederfinden, deren wir bedürfen.— Je mehr ich's über⸗ lege,“ ſetzte er nach kurzem Schweigen hinzu,„deſto beſſer ſcheint es mir ſo.— Ich denke, ich reiſe ſchon morgen in der Frühe.“ „Du haſt recht,“ murmelte ſie nach einer langen Pauſe. „Ich ſehe dich ſo nicht wieder,“ ſagte er, gleichfalls erſt nach einiger Zeit und in traurigem Ton.„Ich ſehe dich niemals ſo wieder, du mein ganzes, mein einziges Glück,“ Conferenzen. 169 fuhr er fort, indem ſein Blick durch eine aufſteigende Thräne verdunkelt wurde, und ergriff ihre Hand mit feſtem Druck und beugte ſich zu ihr und ſchaute ſie an mit ſeinem tiefen feuchten Auge.„Zucke nicht zuſammen, Liebſte!“ bat er. „Ich ſage dir ja Lebewohl auf immerdar, und ſelbſt meine Gedanken ſollen nie wieder deinen Kampf mit dem Schmerz, dein Ringen nach Frieden ſtören! Ich bin ein Mann und werde des Elends wohl Herr werden müſſen, denn ich ſeh's, für uns gibt es nirgends Hülfe. Gott ſegne und ſtärke dich, du armer Engel!“ flüſterte er und beugte ſich ganz zu ihr und ſeine Lippen ſtreifte ihr Auge.„Leb' wohl, und mögeſt du bald ſiegen!“ Er richtete ſich langſam auf, wandte ſich nach einem langen Blick ab und ſchritt feſten Schrittes der Thür zu und hinaus. Sie ſchaute nicht auf und ſaß wie leblos. Aber als die Thür ins Schloß fiel, deckte ſie beide Hände über die Augen, und die Thränen floſſen noch einmal unaufhaltſam durch die Finger und glitten über die Wangen, und ſie achtete nicht darauf und wußte nichts davon.— Um dieſelbe Zeit, als Ulrich vorhin zu ihr ins Zimmer getreten und ſeine erſten Worte an ſie gerichtet hatte, waren die drei alten Geſchwiſter wieder, diesmal aber in der Sainte Barbe bei einander. Der General hatte ſich nach dem Frühſtück, das man gemeinſchaftlich mit allen Uebrigen ge⸗ noſſen, und bei dem dann auch Eberhards Ausbleiben flüchtig zur Sprache gekommen, für eine kurze Zeit in ſeine Zimmer zurückgezogen, die Baronin inzwiſchen ihre gewöhnliche Toi⸗ lette zum Diner gemacht, auch hierin pünktlich und ſtreng, 170 Conferenzen. wie in allem, und nun waren die beiden Brüder, auf des Generals Anſtiften, in der noch übrigen freien halben Stunde zu ihr gekommen—„wie wir's als junge Burſche gewohnt waren, Rüdiger,“ ſetzte der General lachend hinzu.„Es war unſere beſte Zeit, Alter, dieſe halbe Stunde bei der Hedwig und ihrem Krimskrams!— Blitz noch einmal, was ſind wir da oft fidel geweſen, und wie hat ſie uns zu andern Zeiten dort die Leviten geleſen!“— „Da ſetzt euch hin— ich ſpaziere,“ ſagte die Dame, als die Brüder nun Erlaubniß zum Eintritt erhalten, und deutete auf das Kanapee und ließ auch für ſich ſelbſt die That den Worten folgen.„Meinetwegen kannſt du dich auch da am Fenſter ſetzen, General,“ fuhr ſie fort, als der Genannte ſich in dem alten Lehnſtuhl niederließ, welcher vor Reginens Leſetiſchchen ſtand.„Sitzen müßt ihr aber, denn drei Umherlaufende ſind hier zu viel. Und nun,“ fügte ſie ſtehen bleibend hinzu und ihr Auge flog von einem Bruder zum andern,„habt ihr ſchon weiter geredet?“ „Worüber?“ fragte der General, die Beine über ein⸗ ander ſchlagend. „Nun, ſei nicht ſo dumm, großer Menſch,“ verſetzte ſie;„worüber denn ſonſt als über den jungen Hohenengen? Dein Geſicht war ja vorhin voll von Gedanken über dieſen Punkt, die du dir abgefragt wünſchteſt.“ „Du nimmſt mir dies von den Lippen,“ bemerkte Graf Rüdiger.„Ich habe vorhin die gleiche Bemerkung gemacht, wie du, Hedwig, und meine Frage nur verſchoben, bis wir wieder allein und ruhiger wären.“ Conferenzen. 171 Der General ſah eine Weile gedankenvoll aus dem Fenſter.„Wie das ſchneit!“ bemerkte er dann anſcheinend vollkommen gleichgültig.„Das iſt ein verwünſchtes Wetter hier in den Bergen, und zumal nach ſolchen Tagen! Ich bin heut Morgen von Thalingen her halb erfroren, ſag' ich euch.“ „In der That— merkwürdig!“ ſagte die Baronin in einem faſt gleichen Tone.„Beſonders ſcheint dein Gehör gelitten zu haben, oder willſt du uns nicht hören und antworten?“ „Ich?— Ja ſo, ihr wollt etwas von dem Burſchen, dem Eberhard, wiſſen,“ verſetzte er, und die dichten, aber ſchneeweißen Brauen über den Augen zogen ſich bedeutend zuſammen und die hohe kahle Stirn zeigte bis an die Haare hinauf Falten an Falten, und er brachte die Beine mit einer gewiſſen Heftigkeit in eine andere Lage.„Kinder— Zögern und Zagen iſt nie meine Art geweſen und jemand tropfenweis etwas beizubringen, hab' ich nie verſtanden, ich bin kein Krankenwärter. Und doch iſt mir das Reden dies⸗ mal ſchier ſo zuwider, wie das Schweigen, da ich nicht gern etwas ſage, was ich nicht beſtimmt weiß. Aber ich glaube— merkt das wohl, weiter nichts!— du und Beatrix, ihr habt den Burſchen verloren, Bruder Rüdiger.“ Die Baronin machte Halt und ſtieß ein verwundertes oder verdrießliches„He?“ aus. Rüdiger fuhr halb vom Sopha auf, ſank aber alsbald wieder in ſeine bequeme Stellung zurück und ſagte, ge⸗ zwungen lächelnd:„das war ein hartes Wort für Eberhard, 172 Conferenzen. Bruder, allein es iſt hoffentlich nicht ſo ſchlimm, wie es ſich anhört. Wir wiſſen ja, daß du von jeher, noch von der Erziehung im Collegium, etwas haſt gegen den jungen Mann.— Sage uns grade heraus, was es iſt, damit wir gleichfalls urtheilen und dir vielleicht einen ungerechten Ver⸗ dacht ausreden können.“ „Ich dächte denn doch auch,“ ſetzte Hedwig ein wenig wegwerfend hinzu,„das Aufgeben einer Comteſſe Ruhneck dürfte nicht ſo gar leicht und ſchnell ſtatt finden, zumal nicht bei ſo einem kleinen Grafen von Hohenengen.— Du täuſcheſt dich eben, mon cher Général!“ Der General lachte halb verdrießlich, halb launig. „Hör' Alte,“ ſprach er,„wenn du anfangen willſt zu wäl⸗ ſchen, ſo nehm' ich Reißaus,— das weißt du wohl noch! Uebrigens ſprachſt du aus, was auch ich gedacht habe und halb und halb noch denke— das mit der Ruhneck, mein' ich, und dem Hohenengen. Aber ſo oder ſo—'s hilft nicht, die Sache iſt wie ich ſage— vorbei. Und ich brauche, glaub' ich, nicht erſt beſonders zu exponiren, weßhalb ich kein Unglück darin ſehe, wenn man dem Narrn ſeinen Lauf⸗ paß gibt. Ruhe im Glied!“ ſetzte er in einem gewiſſen Kommandotone hinzu, da Rüdiger ihn mit einem„Aber Bruder!“ unterbrechen wollte.„Geduld, ſag' ich, laßt mich ausreden!— Geliebt hab' ich den Burſchen allerdings nie; ſeine Erziehung klebte ihm an, und er hat in ſeinem Leben nicht ein freies munteres grades Soldatenherz gehabt, wie zum Exempel ſein Bruder Ulrich oder wie unſere Knaben, Rüdiger. Brav iſt er bei Gelegenheit auch geweſen, das Conferenzen. 173 geb' ich zu, aber das iſt weiter kein Vorzug— er hat darin hunderttauſend ſeines Gleichen— ſondern ſeine verfluchte Schuldigkeit, und er konnte bei uns nicht wohl anders. Im Uebrigen hat er's aber ſtets mehr mit den Miſſionen und Commiſſionen, mit Adjutanten⸗, Parlamentair⸗ und Diplo⸗ maten⸗Geſchäften gehalten; es geht ihm vom Munde wie geſchmiert, den Kopf hat er voll Fineſſen, an die nur er allein denkt, und dabei iſt er glatt und geſchmeidig wie ein Aal und ſtößt nirgends an. Kurz, er iſt kein Mann für uns alten und jungen Ruhnecker; deine Tochter haſt du ihm verheißen, Herr Bruder, nicht ich! Und ich wiederhol's— ich ſehe kein Unglück in dem Laufpaß.“ „Das iſt eine lange Rede geweſen, eine ächte Rede vor der Front, General,“ meinte die Baronin ziemlich ſpöttiſch; „ich entdecke mit Verehrung neue Vorzüge und wachſende Bildung an dir. Die Rede war jedoch wirklich nicht übel! Sie enthält Fingerzeige—“ „Die ich nicht verſtehe, alſo auch nicht benützen kann,“ fiel ihr Graf Rüdiger verdrießlich ins Wort und ſtand auf. „Sage heraus, was es gibt,“ fuhr er mit finſterer Stirn fort.„Wäre Eberhard ſeiner Braut und unſeres Vertrauens unwerth geworden, wollte er gar den Schimpf einer ge⸗ brochenen Verlobung auf ſich und auf uns werfen— ſo wär' es mit deinem: ‚kein Unglück!“ nicht abgethan. Darin denkſt du, hoffe ich, wie Hedwig und ich.“ „Regiment— halt!“ rief der General ärgerlich lachend und ſprang auf.„Ihr ſeid mir wirklich eine Geſellſchaft, daß die Engel im Himmel vor euch Chamade ſchlagen müß⸗ 174 Conferenzen. ten! Donner noch einmal! Zuerſt fragen ſie mich, und ich antworte das Nöthige— da ſchreien ſie, die Eine ſo, der Andere ſo, daß man's ſchier übelnehmen könnte. Dann komme ich nochmals zum Wort und exponire den Menſchen meine Meinung auf das ſanfteſte von der Welt, um ſie ſo allmälig auf's Richtige hinüberzukriegen—“ „Tropfenweis, mein Theurer!“ fiel die Baronin ſpöt⸗ tiſch ein.„Das thut weh!“ Aber er beachtete die Unterbrechung nicht und fuhr im frühern Tone fort:„und dann ſchreien ſie wieder wie be⸗ ſeſſen und rufen: ich möge fort machen! Donner noch ein⸗ mal, ſo laßt mir freie Bahn und kapriolt da nicht fort⸗ während vor mir herum! Der Rittmeiſter, Graf Hohen⸗ engen, hat nicht nur keinen Urlaub erhalten, ſondern iſt ſogar als Major und Flügeladjutant von der Majeſtät nach Potsdam befohlen worden. Das iſt Eins. Sein Chef aber, der General Lentulus, mein alter Freund und Ka⸗ merad, hat mir auf eine gelegentliche Anfrage mitgetheilt, daß er nichts von einem Urlaubsgeſuch des jungen Herrn vernommen habe und auch gar nicht an ſein Verlangen nach einem ſolchen glaube. Man würd's ihm, zumal unter ſeinen perſönlichen Verhältniſſen, nicht abgeſchlagen haben. — Nun alſo: Nummer 1— er will keinen Urlaub; Num⸗ mer 2— er will keinen Abſchied und bleibt im Dienſt, und zwar in einer Stellung, wo er ans Heirathen nicht denken kann. Majeſtät liebt die Heirathen in ſeiner näch⸗ ſten Umgebung nicht. Nummer 3 endlich— er theilt euch das alles nicht einmal mit, ſo wenig wie mir, ſondern be⸗ 175 Conferenzen. gnügt ſich, bei unſerer letzten Begegnung zu ſagen: er könne jetzt nicht nach Ruhneck und wiſſe auch noch nicht, wann er zu kommen vermöge. Das heißt, Kinder, dies war der langen Rede Sinn. Es hing noch genug daran und darum, was ich vergaß.“ Die Baronin hatte, ſeitdem ſie dieſe Mittheilung unter⸗ brochen, ihre Promenade ſtets fortgeſetzt und nur zuweilen einen ſcharfen Blick zu dem Bruder hinübergeworfen. Graf Rüdiger ſtützte, zur Ruhe verwieſen, anfangs das Haupt in die Hand und hörte mit gefalteter Stirn zu. Nach und nach aber erhob er den Kopf, richtete ſich überhaupt aus der bequemen Stellung auf, ſein Blick ruhte immer finſterer auf dem General, von dieſem mit ruhiger Unbefangenheit erwidert, und ſein Geſicht zeigte eine langſam aufſteigende, bald jedoch dunkler und dunkler werdende Röthe. Endlich, da der General ſchon ein paar Sekunden geſchwiegen hatte, ſagte er grollend:„und das haſt du ihm ruhig paſſiren laſſen, Eckhard?“ „Ich?“ verſetzte dieſer gleichſam verwundert.„Sollte ich etwa gegen den Specialbefehl Sr. Majeſtät kämpfen? Danke, danke, Herr Bruder! Im Gegentheil, ich habe ihm Glück auf den Weg gewünſcht und mir nur die Frage er⸗ laubt, ob er vielleicht, ſtatt nach Ruhneck, demnächſt einmal nach Franken reiſen würde.“ „Nach Franken?“ rief Rüdiger gleichfalls verwundert, und auch die Baronin blieb ſtehn und ſchaute den Erzähler fragend an. „Ja, nach Franken. Man munkelte, der Burſche habe 176 Conferenzen. ſich dort, als er vorm Jahre den Zug mit dem Kleiſt machte, in ein paar luſtige Augen vergafft, deren Beſitzerin zugleich eine vornehme und reiche Erbin ſei.“ „Und Eberhard— wie nahm er die Frage auf?“ fragte die Baronin raſch. „Wie ein ſchmachtender Seladon, Hedwig. Er ward roth, er ſtammelte, faſelte von dem Conflikt zwiſchen dem Recht des Menſchen und der Pflicht des Cavaliers, verdrehte die Augen und ſeufzte wie ein Gaul in den letzten Zügen. — Darauf wünſchte ich ihm noch einmal Glück auf die Reiſe und bemerkte ihm, der Weg durch Franken führe nicht mehr in unſere Berge.— Da habt ihr's.“— Es war eine lange Stille im Zimmer, die nur durch das leiſe Klirren der Fenſterſcheiben unterbrochen wurde, wenn von Zeit zu Zeit der Wind den ſcharfen Schnee gegen ſie trieb. Nach einer geraumen Weile ſtand Rüdiger end⸗ lich auf, mit finſteren Augen und drohender Stirn.„Das iſt ſchändlich!“ ſprach er mit vor Zorn bebender, dumpfer Stimme.„Das iſt unſerm Hauſe nie geboten worden! Und ich muß es dulden! Ich habe keinen Sohn mehr! Arme Beatrix!“ „Keinen Sohn mehr?“ warf der General mit gefalteter Stirn hin und ſtand gleichfalls auf.„Biſt du noch immer der alte Thor, Rüdiger, der das Kind mit dem Bade aus⸗ chüttet und dem Knaben, weil er einmal keine Luſt hat, ſeinen Ruhm im Dienſt und auf dem Schlachtfelde zu ſuchen, die Ehre abſpricht, das Herz und den Muth? Ich kenne meinen Neffen wenig,“ fuhr er lebhafter fort,„aber Conferenzen. 177 was ich von früher weiß, und wie er ſich dir gegenüber in dieſer thörichten Sache nahm, gefällt mir und zeigt, daß er ein Ruhnecker. Keiner von uns hat ſich jemals zwingen laſſen. Und ich ſetze meinen Kopf zum Pfande— wenn er von dieſer neuen Affaire hört, brauchſt du ihm nicht die Sporen einzuſetzen, um ihn in Gang zu bringen. Contrair, es wird ein Zügel nöthig ſein, um ihn zu halten!“— Und als er Rüdigers Blick mit finſterem Erſtaunen auf ſich ruhen ſah, ſetzte er hinzu:„mit meinem Willen geſchieht in dieſer Sache nichts weiter, am wenigſten aber ein Verſuch, den Patron zu etwas zu zwingen, was im beſten Falle der Beatrix nur Unglück und uns ſicher nicht Reparation der verletzten Ehre ſchaffen würde, zumal eine ſolche nicht nöthig iſt. Ich denke doch, beim Teufel,“ ſchloß er mit einer ſtol⸗ zen Bewegung des Hauptes, und in ſeinen Augen blitzte es hell,„die Ehre derer von Ruhneck ſteht zu hoch, um durch einen Narrn oder Schuft verletzt zu werden, der eine Ver⸗ bindung mit uns nicht zu erhalten verſteht. Deſto ſchlimmer für ihn, mein' ich!“ Die Baronin nickte dem Bruder lebhaft zu, Graf Rü⸗ diger ging ein paarmal ſchweigend und geſenkten Hauptes im Zimmer auf und nieder, wandte ſich dann plötzlich der Thür zu und entfernte ſich durch dieſelbe, ohne noch ein Wort laut werden zu laſſen.— Die beiden Zurückbleibenden ſchauten einander kopfſchüttelnd an. „Das iſt ja ſchlimmer als je,“ meinte der General. „Was doch aus dem Menſchen werden kann! Beim Teufel, wenn ich den Rüdiger anſehe, beneide ich irgend jemand Hoefer, Nuhneck. 12 178 Conferenzen. noch weniger um ſein ſogenanntes häusliches Glück, um Weib und Kind. Wenn ihr Verluſt und die Erinnerung an ſie ſo im Menſchen wirken— 1a Er brach ab, der Klang einer ſtark angezogenen Glocke hallte durch die weit⸗ läufigen Räume des Schloſſes.„Aha, Eſſenszeit!“ ſagte er. „Na, das wird eine heitere Mahlzeit werden!“ „Ah bah!“ verſetzte die Schweſter achſelzuckend.„Haſt du die Ruhnecker Zuſtände vergeſſen, daß du von deinen Nachrichten noch beſondere Eindrücke erwarteſt? Geh' doch, mein Theurer! Wir ſind durch andere Dinge abſtrahirt genug, um dies Neue noch extra zu empfinden. Und dazu kommt,“ ſetzte ſie zögernd hinzu,—„der Rüdiger ſagte: arme Beatrix!— ich meine aber, ſie ſelbſt wird ſich glück⸗ liche Beatrix!“ heißen.“ „Glaubſt du das, Hedwig?“ fragte er aufmerkſam. „War ſie nicht zufrieden mit der Brautſchaft? Aber wie, beim Kukuk, kam's denn? Rüdiger ſchrieb damals doch von großer Liebe und dergleichen?“ „Geduld!“ ſagte ſie abwehrend.„Ich habe viel mit dir zu reden, aber genug für jetzt! Da kommen meine Kleinen. Zu Tiſch, General!“ Die Baronin hatte nicht recht vermuthet, wenn ſie die Stimmung des Kreiſes nicht anders erwartete, als ſie bis⸗ her geweſen. Die Finſterkeit und das faſt gänzliche Schwei⸗ gen des Hausherrn und Ulrichs ungewöhnliche Gedrücktheit wirkten mehr als je auf alle Uebrigen zurück, zumal auch der General und die Baronin ſelbſt durch das Vorausge⸗ gangene doch zu ſehr beherrſcht wurden, um irgend etwas Conferenzen. 179 einer allgemeinen Unterhaltung Aehnliches im Gang zu er⸗ halten. Selbſt Antoinette erlahmte an Ulrichs Einſilbigkeit, und der General, dem dies aufgefallen ſein mochte, nahm nach Aufhebung des unerfreulichen Mahls davon Veran⸗ laſſung, den jungen Mann in ſcherzhaften Unwillen bei den Schultern zu faſſen, ihn zu ſchütteln und ihm dann zu ſagen: „ei Junge, ſchäme dich! Wer wird ſo grämlich darein ſchauen, wenn eine ſolche Nachbarin ihm alle möglichen guten Worte gibt? Was hängſt du denn den Kopf, Burſche? Iſt dir mit dem Auge auch Uebermuth und Frohſinn ab⸗ handen gekommen?“ Ein ſchwaches Lächeln erhellte momentan die ernſten Züge Ulrichs, während er entgegnete:„das nun wohl nicht, Onkel; aber in der That— ich weiß ſelbſt nicht, woher mir grade heute ſo viele und ernſte Gedanken kommen.“ „Gedanken? Was zum Henker haſt du mit Gedanken zu thun, Junge?“ fiel ihm der Alte ins Wort, den Arm in den des Andern ſchiebend und ihn mit ſich fortziehend. „Da ſie nun jedoch einmal da waren, ſo laß auch mich davon profitiren. Was dachteſt du?“ 1 „Weßhalb Eberhard ausgeblieben, Onkel.“ „Dummes Zeug! Haſt du etwa Knall und Fall ſolche Sehnſucht nach ihm, da ihr ſonſt doch am beſten ohne einander auskamt? Laß ihn laufen, Kleiner! Und nun— was weiter?“ „Es fiel mir nur ein, daß ich nachgrade lange genug müßig gegangen und einmal an meine Pflichten denken müſſe. Ich habe mich daher kurz reſolvirt, will morgen b 180 Conferenzen. früh auf die Güter und dann zum Regiment, obſchon mein Urlaub noch fortläuft. Der Abſchied von hier geht mir aber auch im Kopf herum, ich bin des Scheidens gar wenig gewohnt. Aber was ſein muß, muß ſein.“ Der Blick des Alten ruhte mit warmem Wohlwollen auf ſeinem jungen Begleiter. Wollte Gott, der Eberhard hätte nur eine Ader von dem hier! dachte er, und laut ſagte er herzlich:„ich denke, lieber Junge, das alles hat noch keine ſolche Eile. Du mußt dich ausruhen, Ulrich, und kommſt, wenn du mich in vier Wochen begleiteſt, reich— lich zeitig. Es wird ſchon langweilig werden in den Gar⸗ niſonen, beim Teufel! Wir ſprechen noch weiter darüber,“ ſetzte er hinzu und machte ſeinen Arm frei.„Jetzt habe ich dir die Leviten geleſen, Junge, und hoffe, daß du dich beſſerſt. Ich muß damit ſchon wieder bei einem andern Kopfhänger anfangen, merke ich, wo der Erfolg noch zwei⸗ felhafter!“ Und er wandte ſich von ihm dem Grafen Rü⸗ diger zu, welcher einſam und düſter ſinnend in einer Fen⸗ ſterniſche lehnte. Man verweilte, wie immer während dieſer Stunde, noch im Speiſeſaal, wo die Tafel von den Dienern unbe⸗ rührt blieb, bis die Geſellſchaft ſich ſpäter zurückgezogen hatte. Die Jüngeren waren in der Nähe des Ofens um Antoinette vereint, welcher es endlich gelungen ſchien, die Andern in eine muntere Stimmung zu verſetzen; Ulrich hörte von dort ein zwar gedämpftes, aber doch luſtiges Lachen und ein raſches Geſpräch zu ſich herüberſchallen. Die Baronin fügte den vielen täglichen Schritten ein neues Conferenzen. 181 Tauſend hinzu, indem ſie, wie üblich, unaufhaltſam auf⸗ und abpromenirte. Sie war mehr als einmal an dem Ge⸗ neral und Ulrich auf ihrem Wege vorüber gekommen und rief nun, da ſie wieder in der Nähe des jungen Mannes war und ihn ſich ab- und den Andern zuwenden ſah, ihm gedämpft zu:„auf ein Wort, mein lieber Graf!“ Er folgte gehorſam ihrem Ruf und ging neben ihr einige Schritte hin bis ans Ende des Saals. „Wenn ich recht gehört habe,“ ſprach ſie und ihr Auge ruhte ſo milde auf ihm, wie er es kaum jemals geſehn zu haben meinte,„redeten Sie mit meinem Bruder eben von Abſchiednehmen und Reiſen, mein lieber Graf. Ich kann mir den Grund dieſes plötzlichen Aufbruchs ungefähr den⸗ ken, aber derſelbe fällt, wie ich glaube, fortan zum Theil wenigſtens fort. Warten Sie noch ein wenig, mein Kind,“ ſetzte ſie faſt weich hinzu;„Sie dürften bald Neues erfah⸗ ren. Ich möchte beinah glauben, daß Ihnen— Ihr größter und geheimſter Schmerz noch in Freude verwandelt werden kann. Beatrix iſt vielleicht noch frei.“ Sie nickte ihm freundlich zu und ging, nachdenklich das Haupt beugend, von ihm. Er ſtand und ſah ihr nach wie gelähmt und geblendet, und wußte nicht, ob er wachte oder träumte, ſo unglaublich erſchien ihm, was er eben ver⸗ nommen, und ſo bis in die Tiefen ſeines Weſens hatte es ihn getroffen und erſchüttert. 182 Der Alte von Ruhneck. X Der Alte von Ruhneck. Der General war drüben im Steinhauſe geweſen und kehrte nach einer langen Unterredung, die er mit ſeiner alten Erzieherin und ihrem Gatten gehabt, jetzt nachdenklich und gleichfalls beinah finſter in den Schloßbau zurück. Er durchmaß die alten großen, dunkeln Hallen, ſchritt über einen kleinen Lichthof, welcher von zum Theil neueren Ge⸗ bäuden begrenzt, den Bergfried umgab, und wandte ſich endlich dem Ausbau zu, der im äußerſten rechten Winkel des Plateaus, durch Mauerwerk geſtützt, halb über dem „Moos“ hing. Dort hatte ſich ſein Neffe Eckhard angeſie⸗ delt, der in den letzten Jahren nur nach Einſamkeit und Abgeſchloſſenheit getrachtet hatte, um den kalten und theil⸗ nahmloſen Mienen der Schweſter und den ewigen Quäle⸗ reien des verſtimmten Vaters ſo weit wie möglich auszu⸗ weichen. Da fand ihn der alte Herr, hatte gleichfalls eine Un⸗ terredung mit ihm, und als er ſpät zurückkehrend vom Licht⸗ hof aus auch das Fenſter der Sainte Barbe erhellt ſah, wandte er ſich nach kurzem Nachdenken dieſer zu, durchmaß wieder die hallenden Räume des Schloſſes und klopfte end⸗ lich ſtark an die ſchwere Thür. Die Antwort erfolgte von drinnen in einem nichts weniger als einladenden Tone, aber der Soldat zuckte nur die Achſeln, öffnete und trat mit Der Alte von Ruhneck. 183 einem gutgelaunten:„drücke die Lunte nur aus, Alte, es bedarf keiner Exploſion, ſie nützt dir nichts!“ ins Gemach. „Hoho, der Bruder General!“ ſagte ſie, als ſie ihn erkannte und ſetzte ſich auf das Kanapee zurück, auf dem ſie vielleicht zum erſtenmal ſeit dem frühen Morgen geruht zu haben ſchien, denn ihr Taſchentuch lag dort und der Bezug des Seitenkiſſens war ſo zerdrückt, als hätte ſie ihre ſchwere Geſtalt feſt und lange dagegen gelehnt.„Wo kommſt du her, mein Theurer, und was treibt dich ſo ſehr aus deiner Bequemlichkeit auf?“ „Bequemlichkeit?'s hat ſich was mit Bequemlichkeit!“ verſetzte er und ließ ſich neben ihr in die andere Ecke fallen. „Ihr treibt's hier nicht darnach, um es Einem, der ſeit ſieben Jahren ſich wie ein Gaul hat abhetzen laſſen müſſen, kommode zu machen. Was treibt ihr für Teufelszeug, ſage ich! Davor kann's einem vernünftigen Menſchenkinde ja grün und gelb vor den Augen werden!“ Sie hatte ſich ganz in die Ecke ſinken laſſen und den Arm auf das Polſter geſtützt, daß es unter dem ſchweren Druck ſich zuſammenbog. Ihr Auge ruhte feſt auf dem Bruder, als wolle ſie aus ſeinen Zügen ſeine Abſicht bei dieſem Beſuche leſen. Aber es gelang ihr nicht recht, der alte Herr ſchaute ihr gar kaltblütig entgegen, und endlich fragte ſie in einem gewiſſen, ziemlich verdrießlichen Ton: „woher kommſt du, wiederhole ich? Oder ſoll ich einmal wieder deine Räthſel rathen, wie vor fünfzig Jahren, Kleiner?“ „Woher ich komme?“ entgegnete er bedächtig.„Hm, Schweſter— woher denn ſonſt, wenn nicht von Rudhards?“ 184 Der Alte von Ruhneck. Sie ließ eine kleine Weile vergehn, bevor ſie antwor⸗ tete:„na, wenn ich mir das nicht gedacht habe! Du biſt ſchnell, merke ich, General. Nun aber, Schatz, brenne auch los und laß mich all deine Gedanken mit einemmale hören. Du ſagſt zwar,“ ſetzte ſie ſpottend hinzu,„daß du das tropfenweis Geben nicht verſtändeſt und dich nicht zum Krankenwärter eigneteſt, allein das iſt eine gar zu beſcheidene Anſicht von deinen Fähigkeiten, mein Theurer. Du haſt heut Morgen das Gegentheil glänzend bewieſen— zu glän⸗ zend, General, und ich möchte dich erſuchen, mir deine Mixturen womöglich wenigſtens löffelweiſe beizubringen.“ „Du biſt ein ſeltſam Geſchöpf, Alte,“ erwiderte er kopf⸗ ſchüttelnd,„halb ſchlau und halb thöricht! Du weißt ſo gut wie ich, daß ich am liebſten gradeaus und kurzweg vor⸗ gehe, aber habe'mal ſo eine verfluchte Commiſſion, wie ich heut Morgen, und noch dazu zwei Menſchenkindern gegen⸗ über, wie du und Rüdiger,— und dann mach' es beſſer als ich und; ‚verheddere“ dich nicht, wie ſie in Berlin ſagen!“ Sie hatte ihn ſchweigend ausreden laſſen, und ihr Ge⸗ ſicht war nach und nach ſo ſtill und ernſt geworden, als waltete in ihr etwas ganz Anderes als die Aufmerkſamkeit auf ſeine Worte. Und nun, da er geendigt, ſtreckte ſie mit einemmal die Hand aus, ergriff die ſeine, umſpannte und drückte ſie feſt mit den langen Fingern und ſprach tief Luft holend und aus der innerſten Bruſt heraus:„laß uns zu⸗ ſammenhalten, Bruder, feſt zuſammenhalten! Es kann ſonſt nicht gut gehn!“ Er ſah die Schweſter ſchier erſtaunt an, eine ſolche Der Alte von Ruhneck. 185 Wehmuth und ſolche, faſt bekümmert klingende Töne hatte er noch nie an ihr bemerkt, nie von ihr vernommen; aber er wurde nun auch wirklich dadurch bewegt, und den Druck ihrer Hand feſt erwidernd, ſagte er voller Theilnahme:„nun nun, Hedwig, du wirſt doch nicht noch auf deine alten Tage die Contenance und Courage verlieren? Es muß dich tüch⸗ tig angepackt haben, das was Agnes dir über deine arme Margarethe ſagte!“ Und da ſie den Kopf leiſe ſchüttelte, fuhr er fort:„ich geb's zu, auch das Uebrige iſt kraus und bunt genug, und dieſe Neigung Eckhards zu deiner Enkelin — muß mir das Mädchen doch näher anſehn!— hat auch nach meiner Meinung, wie Rüdiger nun einmal iſt und denkt, verzweifelt wenig Ausſichten. Und das iſt bös, bös, Hedwig! Ich bin auch drüben bei Eckhard geweſen, habe ihn in's Gebet genommen und fand's, wie ich es leider fürchtete, wie es auch kaum anders ſein konnte, wenn er der brave Junge, für den ich ihn ſtets und ſeinem Vater zum Trotz hielt. Da iſt von Auf⸗ und Nachgeben keine Rede, und er müßte kein Ruhnecker ſein, wenn ihn aller Widerſtand nicht nur immer hartnäckiger machen würde. Er gefällt mir, Hedwig, bei Gott, er gefällt mir! Er ſieht klar, was ihm mit ſeinem Vater bevorſteht, und geht dem Kampf mannhaft entgegen.“ Sie wiegte das Haupt mit einem trüben Lächeln. „Und von mir nimmt er dabei gar keine Notiz, ſcheint es?“ bemerkte ſie. „Von dir? Doch, Hedwig!“ war ſeine ernſte Antwort. „Aber er fürchtet dich am Ende nicht, ſondern rechnet im 186 Der Alte von Ruhneck. Nothfall ſogar auf deinen Beiſtand. Er ſagt, deine Worte neulich hätten ihm zwar keine Hoffnung laſſen wollen, aber dein Weſen dabei hätte in anderen Weiſen geredet— ver⸗ wettert ſublim ausgedrückt, Hedwig, nicht? Hab's mir darum auch gemerkt!— Er meinte, am Ende würdeſt du der Kleinen nicht widerſtehn, wenn du ſäheſt, daß ſie ihm ganz und für immer zu eigen. Und endlich— ich habe ihm meine Hülfe und mein Fürwort bei dir verſprochen. Wenn die Sachen ſich wirklich verhalten, wie es ſcheint, wenn— verzeihe mir, Alte,“ unterbrach er ſich, indem er auf's neue ihre Hand nahm und drückte, und als er weiter redete, klangen die Worte weich und herzlich—„du haſt ja ſo lange ſelbſt unter dem Glauben an das Gegentheil gelitten!— wenn dein Gretchen ſtets ein braves Kind blieb, eingedenk ihrer und unſerer Ehre und ihres Stammes, ſo ſehe ich wahrhaftig nicht ein, was du dich gegen eine ſolche Verbindung ſträubſt. Eine Heydeck kann uns am Ende noch wohl recht ſein, und nach ihrem Beibringen wird man jetzt ſo wenig fragen, wie es ſonſt geſchehen iſt. Meine Mutter war gleichfalls ein armes Fräulein. Kurz, Schweſter, wenn du alles recht überlegſt, mußt und wirſt du nachgeben, aus vielen Gründen. Und Bruder Rüdiger? Nun lieber Gott, was will er am Ende thun? Ruhneck ſteht ja nur noch auf Eckhards Augen, und der eigenſinnige Kopf wird ſchon nachgeben müſſen, mag er dabei fluchen und toben, wie er will. Mir däucht,“ ſchloß er,„wir ſind dem Knaben unſere Hülfe ſchuldig, denn ſo lange er lebt, weich wurde ihm in ſeinem Vaterhauſe nie gebettet.“ Der Alte von Ruhneck. 187 „Da haſt du recht,“ verſetzte ſie, ernſten Blicks und gedankenvoll vor ſich hinnickend.„Es ſpricht viel für deine Anſicht, mehr, als ich noch heut Morgen ſelber wähnte und wußte.“ „Ja, ja,“ bemerkte er und lehnte ſich ganz zurück und ſchlug die Beine bequem über einander.„Die Sache iſt daher im Grunde auch gar nicht ſo bös, den Zank abge⸗ rechnet, der nicht ausbleiben wird. Was mir dagegen die Agnes von der andern Affaire— von Beatrix und Ulrich — andeutete, find' auch ich mißlicher. Grade wie ſie wieder frei wurde, ſchneidet in meinen Augen dem armen Teufel für's erſte jede Ausſicht ab. Und das jammert mich; von der Beatrix weiß ich wenig, aber den Knaben habe ich lieb, wie kaum einen Andern außer ihm.“ „Darüber läßt ſich weiter reden,“ ſagte ſie und fuhr mit der Hand über die Stirn;„auch dieſe Sache ſehe ich jetzt anders an und verzweifle keineswegs. Ein Aufſchub muß natürlich ſtattfinden, ein langer vielleicht, aber beide ſind ja auch noch jung genug. Das Schlimmſte jedoch, oder vielmehr das Dummſte, weißt du noch nicht, General,“ fuhr ſie fort, und ihr Blick war dunkel und die Stirn tief gefurcht.„Du ſagteſt vorhin, Ruhneck ſtehe auf zwei Augen. Das weiß Rüdiger auch und findet es unerträglich und will einem ſolchen Zuſtande, ſo gut er vermag, ein Ende machen. Er denkt daran, ſich wieder zu verheirathen, General.“ „Rüdiger? Sei nicht thöricht, Schweſter,“ rief er und ſprang auf und ſtand kerzengrade vor ihr.„Er, ſeit achtzehn 188 Der Alte von Ruhneck. Jahren Wittwer— oder ſind's noch mehr?— er, der durch die Trauer um ſeine Frau zu dem finſtern und ſchwer⸗ müthigen Kopfhänger geworden—?“ „Er denkt, um Eckhards und um ſeinetwillen, an eine neue Heirath, wiederhole ich dir,“ verſetzte ſie nachdrücklich, ohne den Kopf aus der ſtützenden Hand zu erheben, wäh⸗ rend ihr Blick jedoch ſtill und feſt dem ſeinen begegnete. „Und, Bruder, wen meinſt du, daß der Unglückliche ſich dazu auserſehn?— Regine Heydeck.“— Der General ſtarrte ſie einen Augenblick wie betäubt an. Dann wandte er ſich auf dem Abſatz um, ging das Zimmer hinauf und hinab und ſagte nichts als:„Nal⸗ „Ja,“ meinte die Baronin bitter,„wir Ruhnecker ſind ſtets Querköpfe geweſen und haben Freude an allerlei extra⸗ ordinären Einfällen gehabt, aber bis zu einem ſo unglück⸗ lichen, glaub' ich, hat ſich bisher noch keiner von allen erhoben.“ „Siehſt du,“ fing ſie nach einer Pauſe wieder an,„bei dieſer intereſſanten Mittheilung überraſchteſt du uns heut Morgen, und ich hatte mich eben erſt zur Erwiderung er⸗ mannt, denn ich war zuerſt noch konſternirter als du, mein Theurer.“ „Alſo du haſt ihm ſchon deine Meinung geſagt? Und Rüdiger?“ „Er iſt ein Ruhneck, General.“ „Leider Gotts, Hedwig! Na!“ Und er trat mit dem ſchweren Steifſtiefel zornig, hart auf den Fußboden nieder. Der Alte von Ruhneck. 189 „Zur Abkühlung theilte ich ihm dagegen mit, daß Re⸗ gine meine Enkelin.“ „Und er?“ „Es bewegte ihn, General, allein weiter weiß ich nichts, da du uns grade dabei unterbracheſt.“ „Es iſt der verdammteſte Unſinn, den ich in meinem ganzen Leben gehört habe!“ grollte der Soldat nach einer Weile, und ſich gleich darauf jäh der Schweſter zuwendend, fragte er raſch:„haſt du ihm denn nicht das von Eckhard geſagt? Mir däucht, das wäre der rechte Trumpf geweſen!“ „Hör' mich an,“ ſprach ſie nach einer Weile des ernſten Anſchauens,„du berührſt da den Punkt, der uns allen der wichtigſte ſein muß. Ich will kurz ſagen, wie ich's anſehe. Was Eckhard mir neulich abgehört, kann nur der vollſte Ernſt geweſen ſein; ſchloß er, wie du andeuteteſt, auf An— deres, ſo täuſchte er ſich. Ich habe dieſe Verbindung noch heut Morgen für abſolut unmöglich gehalten. Seitdem hat mich, was Rüdiger mir von ſich mittheilte und von der Familie des Hauptmanns Heydeck in Erfahrung ge⸗ bracht— er erkundigte ſich!— in meinem Entſchluſſe wan⸗ kend gemacht. Die Familie iſt anſehnlicher, als ich wähnte, und meine Margarethe ſcheint allerdings in dieſen Dingen vorwurfsfrei geblieben zu ſein. Die Hauptſache aber iſt Rüdigers eigener Wahnſinn. Dem müſſen wir begegnen, und zwar bei Zeiten, General. Und kann's nicht anders ſein, ſo muß der Vater eben dem Sohne weichen. Denn es muß etwas ſein, was ihm jeden Gedanken an dieſe Thor⸗ heit ein⸗ für allemal verleidet. Nur die direkte Mittheilung 190 Der Alte von Ruhneck. ſelbſt möchte ich uns allen erſparen. Beſſer, er erfährt es durch ſeine eigenen Augen, als durch das Wort irgend eines Dritten. Das iſt meine Anſicht von der Sache.“ „Und die meine,“ bemerkte der General, indem er be⸗ kräftigend das ſchmuck friſirte und gepuderte Haupt neigte. „Im Uebrigen iſt die Sache nur widerwärtig, Bedenkliches find' ich nichts an ihr. Das kann nur eine Caprice ſein, die unſern Vorſtellungen und einer ihm beigebrachten ver⸗ nünftigen Anſicht von Eckhards Weſen und ſeinen reellen Vorzügen weichen muß. Reſpekt vor deiner Enkelin, Hedwig, allein das Dämchen erſchien mir heut Mittag wenig ver⸗ führeriſch— ein wenig blaß, ein wenig zart, ein wenig ſanft, ein wenig ſchwach— ˙s iſt nicht mein Geſchmack, Schweſter, kann ich ſagen! Die Andere, die Neuſtädt, wäre eher für mich, da iſt doch Race d'rin! Aber trotz alledem —,“ ſetzte er jetzt lachend hinzu,—„es muß doch eine ganz gefährliche kleine Hexe ſein! Vater und Sohn— beim Zeus! Muß ſie doch einmal beſſer auf's Korn nehmen!“ „Thu's und nimm dich in acht,“ verſetzte die Dame gleichfalls heiterer.„Meine Regine iſt in der That ein Weſen, wie ich noch keins ſah. Der kann niemand zürnen und niemand feind ſein. Sie nimmt jedermann ein, viel⸗ leicht grade darum, weil ſie ſo gar nicht an dergleichen denkt, ſo gar keine Ahnung davon hat, welche Macht ihr verliehen. Nimm dich in acht, General, wiederhole ich! 's wäre doch poſſirlich, wenn der Zwillingsbruder plötzlich ſpürte, daß er auch ein Zwillingsherz hätte.“ Er lachte gutgelaunt und gab eine neckende Antwort. Der Alte von Ruhneck. 191 Allein die Munterkeit hielt doch nicht vor, es war zu viel des tiefſten Ernſtes um ſie her, als daß ſie ſich demſelben lange hätten entziehen können. Sie redeten noch lange und eingehend mit einander, bevor ſie in das Familienzimmer hinüber gingen. Die Verſtörung, welche den ganzen Kreis erfaßt hatte, zeigte ſich jedoch grade hier und in dieſer Stunde einer ruhigen Unterhaltung am ſichtbarſten. Alle blieben mehr oder minder einſilbig, Antoinette beſah die Initalien der Chronik, der Schloßherr fehlte noch ganz.— Graf Rüdiger ſaß in ſeinem uns bekannten Zimmer, tief in die Sophaecke zurückgelehnt, das Haupt in die Hand geſtützt, die ſorgenſchwere Stirn geſenkt und die Augen niedergeſchlagen. So hatte er ſtundenlang geſeſſen, ſchier ohne ſich zu rühren und ohne einen andern Laut von ſich zu geben, als die paar Worte, welche dem mit Licht ein⸗ tretenden Diener befahlen, die Kerzen des einen Armleuchters ganz zu löſchen und die des andern durch einen Lichtſchirm den Augen des Herrn zu entziehen. Es war dämmerig, faſt dunkel in dem weitläufigen Gemach, von der Decke wurden nur die vergoldeten Roſetten ſichtbar, welche an den Kreuzungen des meiſterhaften alten Schnitzwerks angebracht waren, und die Möbel, die hier und da an den ebenſo ge⸗ täfelten Wänden ſtanden, ließen ſich von dem Platze des Grafen aus kaum unterſcheiden. Er hatte es ſo gewollt, wiederholen wir, und ebenſo wollte er die Stille um ſich her. Licht und Bewegung hätten nicht zu dem gepaßt, was ſein Inneres ſchwer und ernſt erfüllte, ſchwerer und ernſter, 192 Der Alte von Ruhneck. als er es die Schweſter hatte ſehn laſſen, und als es irgend Einer der Seinen zu ahnen im Stande war. Rüdiger war wie ſeine beiden Brüder in früher Jugend Soldat geworden und mit Leib und Seele dem Stande er⸗ geben geblieben, bis ihn ſeines älteren Bruders entſchiedene Weigerung, ſich zu verheirathen, und der Befehl des Vaters nach Ruhneck und in den Civilſtand zurückführte. Er war eine Viertelſtunde älter als der Zwillingsbruder, doch dieſe wenigen Minuten genügten um ſo mehr, ſeinen ganzen Le⸗ bensweg zu beſtimmen, da er auch der entſchiedene Liebling des ſtrengen alten Vaters war, welcher ſich daher ziemlich gleichgültig gegen den Widerſtand des eigentlichen Erbherrn verhalten hatte. Brachte er dadurch ſeinen„beſten Sohn“, wie er Rüdiger zuweilen hieß, doch an den Platz, für wel⸗ chen ihm keiner der beiden anderen in gleichem Maße be— fähigt ſchien. Der damals noch junge Mann fand ſich gehorſam in den Willen des Vaters und widmete ſich den Pflichten ſeines neuen Berufs, der Verwaltung der ausgedehnten Herrſchaft, welche ihm der Alte ſogleich und faſt ohne Vor⸗ behalt überließ, in der ernſtlichſten, tadelloſen Weiſe. Denn er war ein braver, liebevoller Sohn und, damals wenigſtens noch, ein ruhiger, feſter und klarer Mann, der es nicht anders wußte, als daß er auch zu leiſten oder zu tragen im Stande ſein würde, was ſeine beiden Oberherren— das Geſchick und der bejahrte Vater— ihm auferlegen möchten. Er hatte es ſich aber leichter gedacht, als es war. Seitdem er den Dienſt aufgegeben und ſeinen neuen Lebens⸗ Der Alte von Ruhneck. 193 weg betreten, blieb ihm ein zwar leiſer und heimlicher, aber ſtets empfundener Druck, es entſtand in ihm ein niemals ausgeglichener Zwieſpalt zwiſchen ſeinen neuen Pflichten und ſeiner tiefinnerſten Neigung, er überwand niemals eine gewiſſe Sehnſucht nach der verlaſſenen Carriere, noch das heimliche Gefühl, daß er nicht an der richtigen Stelle, und obſchon er muſterhaft regierte und als der beſte und tüchtigſte Herr bekannt und beliebt wurde— es war nur zu natürlich, daß dies alles nicht ohne die ernſteſte Wir⸗ kung auf ſeinen Charakter, ſein Weſen, ſeine Stimmung blieb. Heiterkeit und Gleichmuth wenigſtens ſuchte man bald vergeblich in ihm, und da ihm ſelber ſo hart gebettet worden, verſtand er es in Kurzem nicht mehr, den Seinen das Leben leichter werden zu laſſen. Es war bei alledem das größte, von den Seinen gar nicht genug zu ſegnende Glück, daß der zweite Befehl des alten Vaters beſſere Folgen gehabt und Rüdiger zu einem wahrhaft zufriedenen und beglückten Ehemann gemacht hatte. Ein Jahr nach ſeiner Rückkehr auf die Ruhneck hatte der Alte, der bis dahin ihn in all ſeinem Thun und Laſſen auf das aufmerkſamſte beobachtet, ihn eines ſchönen Tags mit der Erklärung überraſcht, daß er mit ihm zufrieden ſei und ihn für würdig halte, die Dame heimzuführen, die er ihm ausgeſucht habe. Rüdiger gehorchte auch hier, da er jeden Widerſtand nutzlos wußte und überdies ſein Herz frei fühlte, ſchweigend und ohne Zögerung und führte in möglichſt kurzer Friſt das blutjunge Mädchen als Gattin in das Schloß ſeiner Väter, die Tochter eines verarmten, aber bis Hoefer, Nuhneck. 13 194 Der Alte von Ruhneck. zu ſeiner letzten Stunde ſtreng ehrenwerthen, vornehmen Geſchlechts; auf Geld und Gut brauchten die von Ruhneck allerdings nicht zu ſehn und thaten es auch nicht. Emma Melanie, Comteſſe von Althain war eine treff⸗ liche Tochter geweſen und wurde eine ebenſo vortreffliche Gattin und Mutter. Ihrem beſänftigenden und mildernden Einfluß, ihrer ſanften Heiterkeit gelang es auch, den Gatten milder zu erhalten und ihn freier und nachſichtsvoller um ſich ſchauen zu laſſen, als es ſonſt der Fall geweſen ſein dürfte. Vor allem hatte er es ihr zu danken, daß die Härte und der Starrſinn, welche als Grundzüge ſeines Charakters mit dem zunehmenden Alter immer ſichtbarer wurden, nie⸗ mals zum vollen Durchbruch gelangten und er billigen Vorſtellungen und vernünftigen Einwürfen nur ſelten gänz⸗ lich unzugänglich blieb. Doch war ſie freilich neben der viel älteren Stiefſchweſter, der Baronin Bergen, die Einzige, der Rüdiger überhaupt irgend einen Einfluß, eine Einrede ge⸗ ſtattete. Allen Uebrigen gegenüber fühlte er als Hausherr und Familienhaupt ſich in einer abſolut unnahbaren Höhe und wußte es nicht anders, als daß dort ſein Wille Geſetz, ſein Meinen und Denken unantaſtbar und unwiderleglich bleiben mußten. So war und wurde es ihm von ſeinem Vater gelehrt. 5 Er ehrte ſeine Frau auf das höchſte und liebte ſie un⸗ begrenzt, und da ſie nach zwölfjähriger Ehe ſtarb, war ihm zu Muth, als ſei ihm die Erde unter den Füßen fortgenommen und der Himmel über ſeinem Haupt zuſammengebrochen, ſo einſam, ſo halt⸗ und ausſichtslos fühlte ſich der ſtarke, aber Der Alte von Ruhneck. 195 allerdings, wie die meiſten ſeiner Standes⸗ und Zeitge⸗ noſſen, nichts weniger als religiöſe Mann. Dazu kam, daß es ihm an einer erwünſchten, die Trauer übertäubenden Thätigkeit fehlte. Da die Verwaltung der Herrſchaft an der Schnur ging und ſehr wohl den Händen treuer Unter⸗ gebenen anvertraut werden konnte, da ſeine Kinder bei Frau Rudhard, ſeiner eigenen alten Jugendpflegerin und Erzie⸗ herin, in einer ſchier mütterlich liebevollen Hut waren, hätte er damals auf's neue und unbekümmert der alten, nie ver⸗ geſſenen Neigung nachgeben können, um ſich in einem be⸗ wegteren, friſcheren Leben ſelbſt wieder Friſche zu holen und die faſt verlorene Elaſticität ſeiner Natur einigermaßen wieder herzuſtellen. Und wer weiß, was Rüdiger, zumal bald nachher der Tod des greiſen Vaters ihn aller Rückſichten enthob, endlich beſchloſſen hätte, wäre er nicht durch einen ſchweren inner⸗ lichen Schaden, welchen er ſich durh einen Sturz mit dem Pferde zugezogen, für immer zu eieer verhältnißmäßig ge⸗ ordneten und ruhigen Lebensweiſe dezwungen worden. Nicht einmal größere Reiſen durfte er wagen, und es war nicht die geringſte Qual der nun folgenden traurigen Jahre, daß er ſich trotz ſeiner Sehnſucht nach einem bewegten Leben und lebhafter Thätigkeit, trotz der gänzlichen Unabhängigkeit zu dem ſtillſten und einförmigſten Daſein auf der alten Burg verdammt ſehn mußte. So hatte er manche Jahre hingelebt, finſter und nie— dergedrückt, durch nichts mehr angeregt, aber auch nach keiner Anregung verlangend, in ſeinem eigenen Hauſe zumal 196 Der Alte von Ruhneck. weder Freude verbreitend, noch ſie empfangend. Wenn er zu ſeiner Schweſter geſagt hatte: Eckhard, ſein Sohn, habe ihm ſeit ſeinen Kinderjahren keine frohe Stunde mehr ge⸗ macht— ſo war das eine Selbſttäuſchung und zugleich ein ſchweres Unrecht gegen den Jüngling geweſen, wie wir ihnen aber bei ſo verſtimmten und, man möchte ſagen, ver⸗ dunkelten Charakteren, wie Graf Rüdiger, häufig genug begegnen. Agnes Rudhard hatte es gegen Ulrich ausge⸗ ſprochen, und alle, die mit dem jungen Manne in Berüh⸗ rung kamen, wußten es ſo gut wie ſie— Eckhard war ein tüchtiger, liebenswürdiger Menſch und wäre der Stolz eines jeden anderen Vaters geweſen. Der Schloßherr von der Ruhneck wollte aber eine frohe Stunde weder haben, noch ſehen, er glaubte gar nicht mehr an eine ſolche und fand ſie daher auch nirgends und durch niemand. Und dazu kam ſeine, mit dem perſönlichen Unvermögen faſt ſtets noch wachſende Vorliebe für den Soldatenſtand und ſeine, ſeit dem Tode der beiden älteren Söhne endlich ſchier krank⸗ haft werdende Gereiztheit über Eckhards friedliche Neigungen, oder, wie er es hieß, ‚feige Entartung.“ Es miſchte ſich viel⸗ leicht wirklich auch etwas von dem Aberglauben hinein, deſſen wir Beatrix einmal erwähnen hörten. Graf Rüdiger hatte wenigſtens einen ungemeſſenen Stolz auf Alter, Rang und makelloſe Ehre ſeines Geſchlechts, und ſo übertrieben das erſcheinen mag— von den ihm wirklich Naheſtehenden konnte nicht einer daran zweifeln, daß der Gedanke an ein mögliches dereinſtiges Ausſterben der Alten von Ruhneck für ihn vollkommen identiſch ſei mit dem an das Ende der Welt. Der Alte von Ruhneck. 197 Daß in dieſem ſtillen und dunklen Daſein jemals eine Aenderung eintreten, daß dieſes verſchloſſene und, wie es ſchien, faſt abgeſtorbene Innere ſich noch einmal wieder öffnen und zum Leben erwachen könne, hatte von den Sei⸗ nen niemand und am wenigſten Graf Rüdiger ſelber für möglich gehalten. Und doch war das alles jetzt geſchehn, und es war keine Caprice oder Laune, wie der General gemeint, noch war es die kühle Ueberlegung und die Ab⸗ neigung gegen den widerſpenſtigen Sohn, wie die Baronin halb und halb glaubte, die ihn dann von einem Entſchluß zum andern trieben, ſondern es war leider die zwingende Gewalt des unwiderſtehlichen Gefühls, welches durch den Anblick der jungen Begleiterin ſeiner Schweſter, durch den Umgang mit ihr, durch den unſagbaren Liebreiz des jungen Weſens und all ſeine, ſtets beſſer erkannten und gewür⸗ digten, inneren und äußeren Vorzüge hervorgerufen wurde und das Herz des alternden Mannes bis in ſeine tiefſten Tiefen erfüllte. Es gibt noch immer Narren genug, welche ſentimen⸗ talerweiſe glauben, das Herz ſei nur einmal einer wirklichen tiefen Bewegung, der ſogenannten rechten und wahren Liebe, fähig, und andere Narren gibt's, die da meinen, die Liebe ſei nur an ein, und zwar an ein jugendliches Alter gebunden. Alles, was ſpäter erſcheint oder ſich regt, ſoll nur ein matter Widerhall jenes erſten erhebenden, berau⸗ ſchenden, beſeligenden oder erſchütternden Klanges ſein oder gar den Menſchen, den es betrifft, entwürdigen oder lächer⸗ lich machen. Es iſt nicht unſere Sache, unſere Leſer über 198 Der Alte von Ruhneck. die Thorheit und Schmählichkeit ſolcher Anſichten aufzuklären. Ein jeder, der die Menſchen als Menſchen und nicht als armſelige Geſchöpfe phantaſtiſcher Dichterköpfe betrachtet und erkannt hat, ein jeder, der noch Herz und Gemüth und Theilnahme hat für ſeine Mitmenſchen, wird uns ohne weitere Ausführung zuſtimmen, wenn wir ruhig behaupten: die Liebe iſt nichts weniger als eine Regung, deren das Menſchenherz niemals zum zweitenmale in gleicher Friſche und Stärke fähig wäre. Obſchon Schwärmerei und Ekſtaſe in der Jugend größer ſein mögen, iſt bei einem gleich wahren und reinen Empfinden dasſelbe grade im alten Herzen klarer, ſtärker und nachhaltiger. Die Jugend überwindet es, das Alter geht daran zu Grunde. So iſt die Liebe an kein Alter gebunden, und anſtatt den Alten, der noch einmal ſein Herz tief, treu und wahr bewegt fühlt, lächerlich zu finden, muß man grade ihn am tiefſten beklagen. Dem Laufe der Natur und der Dinge gemäß, wird freilich für ihn daraus kaum jemals etwas Anderes als Entſagung erwachſen, eine der traurigſten Bürden, welche dem Menſchen zuertheilt werden können. Grade in ſolchen Herzen und in ſolchen Kämpfen entſtehn und ſpielen die erſchütterndſten Tragödien des Le⸗ bens, ganz andere, als unſere Phantaſie ſie erträumt und die Bühne ſie uns vorzuführen liebt. Graf Rüdiger hatte ſich ſeinem Gefühl nicht ohne Widerſtand überlaſſen, wie es ihn denn auch nicht mit einemmale in ſeiner ganzen Stärke ergriffen hatte. Schon bei der erſten Anweſenheit ſeiner Schweſter und der beiden b b Der Alte von Ruhneck. 199 Mädchen war ihm Reginens Erſcheinung angenehm aufge⸗ fallen und hatte ihr Liebreiz ihn zu ihr gezogen. In den folgenden ſtillen Wochen der Trennung hatte das unmerk⸗ lich fortgewirkt, zumal grade in dieſer Zeit des Sohnes Widerſtand gegen ſeine Wünſche ihn immer mehr gereizt hatte und er zuerſt zu dem extremen Entſchluſſe gekommen war, Eckhards harten ungehorſamen Kopf, koſte es, was es wolle, zu brechen oder ihn wenigſtens die Folgen dieſes Ungehorſams auf das empfindlichſte fühlen zu laſſen. Der Graf hätte es ſelber nicht anzugeben vermocht, ob der Gedanke an eine neue Ehe der erſte und der an Regine und ihre Würdigkeit zu der ihr beſtimmten Stellung erſt der zweite geweſen, oder ob dieſe beiden Punkte ſich in umgekehrter Folge feſtgeſtellt haben möchten. Es war nur ſicher, daß Auge und Herz des bejahrten Mannes bei Re⸗ ginens jetzigem Erſcheinen ſich ihr ſogleich auf das freund⸗ lichſte zugewendet hatten, daß er ſchon am erſten Tage die Schweſter auszuholen verſuchte und den Gedanken einer andern Verbindung der Kleinen nicht allein darum ſo weit verwarf, weil er ſie wirklich nicht für Ulrichs Familie und Lebensſtellung geeignet gefunden hätte. Im Gegentheil hatte er grade bei dieſem Plane ſeiner Schweſter zuerſt klar empfunden, daß Regine ihm ſelber theuer ſei und ſich zur Gräfin Ruhneck vielleicht beſſer eigne als zur Gräfin von Hohenengen. Er dachte dabei nicht allein an die Armuth des Mäd⸗ chens, die bei einer Wahl Ulrichs doch von einem gewiſſen Gewicht ſein mußte, während ſie ihm, dem Grafen von 200 Der Alte von Ruhneck. Ruhneck, jetzt ſo gleichgültig war, wie ſie es ſeinem Vater bei der Erwählung der erſten Gattin für ihn geweſen. Ihm erſchien es von faſt noch größerer Wichtigkeit, daß die Erwählte eines Alt von Ruhneck faſt ſchon durch dieſe Wahl für ebenbürtig erklärt wurde, was bei der Braut eines Hohenengen keineswegs von vornherein feſt ſtand. Bei ſei⸗ nem ungemeſſenen Familienſtolz nahm er an, daß alles, was Einer ſeines Stammes, und zumal was das Familienhaupt ſelber that, damit in aller Augen ſanctionirt ſei. Ein Ruhneck konnte nicht unrecht handeln. Seitdem war ſein Gefühl gewachſen und gewachſen. Er hatte mannhaft noch immer dagegen geſtritten und ſich alles vorgehalten, was bei den Seinen und der Welt, was bei ihm ſelber dagegen ſprach. Es war eben umſonſt ge⸗ blieben. Er ließ die Nachforſchungen nach ihrer Familie anſtellen, von denen er der Schweſter geſagt, in der reſigni⸗ renden Erwartung, dadurch etwas zu erfahren, was ihm jeden weiteren Schritt verbieten werde, und doch— wollte er ehrlich gegen ſich ſein— niemals der heimlichen Hoff⸗ nung bar, daß er grade daraus vielleicht die letzte und vollſte Berechtigung zu ſeinem Empfinden nicht nur, ſondern auch zu ſeinem Handeln ſchöpfen dürfte. Wir wiſſen ſchon, daß es wirklich ſo geſchah. Inzwiſchen ſchlug ſein Herz voller und voller, wärmer und wärmer. Obgleich er das Mädchen meiſtens nur aus der Ferne ſtill beobachtete, erkannte und empfand er doch ihr Weſen, ihre Anmuth und Liebenswürdigkeit nur deſto reiner und voller, deſto unbefangener und unwiderſtehlicher, Der Alte von Ruhneck. 201 und die flüchtigen Momente, wo er ihr wirklich nahe war und ſie vertrauens⸗ und liebevoll neben ſich ſah, konnten nur die Wirkung des Zaubers vollenden. Grade weil der Graf ſo lange Zeit und ſo entſchieden ſich jedermann fern gehalten hatte, trat die Erſte, gegen die er ſich nicht mehr verſchloß, ihm nicht nur näher als alle Uebrigen, ſondern ſo⸗ gleich bis mitten in ſein bisher ſo ſtilles, tief ruhendes Herz. Und ein ſolches Herz iſt wie der jungfräuliche Boden des Ur⸗ waldes; ihr kläret ihn und ſäet darauf, und es geht auf und grünt, treibt und blüht, hundertfältig, und es gibt kaum eine Macht, die es zurückhalten, die es vernichten kann. So gewaltig regen ſich die lange ſchlummernden, nun voller und voller erwachenden ewigen Kräfte der Natur und des Lebens. Trotz alledem gab er aber den Kampf gegen ſein Herz und Gefühl noch immer nicht auf. Zugleich mit dieſen neuen, unerwarteten Empfindungen war auch ein Zagen und Bangen in ihm erwacht, von dem er bisher in keiner Lebenslage gewußt, und eine geheime Stimme in ſeinem Innern ließ ſich niemals und durch nichts übertäuben, wenn ſie ernſt flüſterte: kann es dir gelingen, dieſe friſche Blüthe mit deinem herbſtlich ſich entblätternden Lebensbaum zu vereinen?— Und wenn es dir gelingt,— iſt es nicht viel⸗ leicht eine ſchwere Sünde, ihr erſt erwachendes Leben an dein abnehmendes zu feſſeln und daſſelbe gegen ſeine Natur und vor ſeiner Zeit mit dem deinen zugleich erſtarren zu laſſen? Allein wenn es auch alſo klang und mahnte, der Graf 202 Der Alte von Ruhneck. konnte je länger deſto weniger darauf hören. Die Liebe wuchs und wuchs und beherrſchte ihn ganz und gar, und daß er ſich der Schweſter endeckte, war ſein letzter Verſuch des Widerſtandes geweſen. Wie ſie ihm entgegentreten und ſeinen Enſchluß bekämpfen würde, das, meinte er, konnte und ſollte ihm die Entſcheidung bringen, es mußte ihn wenigſtens zur vollen und ſicheren Klarheit und Ueberzeu⸗ gung gelangen laſſen. Mit dieſer Mittheilung begann er den offenen Kampf, der ihm, wie er ſehr wohl wußte, mit den Seinen bevorſtand. Daß die Schweſter ihm mit allen möglichen Gründen, auf jede Weiſe entgegentreten werde, verſtand ſich von ſelbſt; und er achtete ihren Verſtand und ihre Einſicht zu hoch, um es nicht für ſehr möglich zu hal⸗ ten, daß grade ihre Gründe die entſcheidenden ſein und die Sache jetzt, wo es noch Zeit war, auch in ſeinem Gefühl für immer beendigen würden. Was ſie ihm erwidert und entdeckt, wiſſen die Leſer; Graf Rüdiger aber hatte, nach der erſten Ueberraſchung, daraus nur die Beſtätigung alles deſſen geſchöpft, was er glaubte und hoffte, und darin eine Rechtfertigung ſeines Entſchluſſes gefunden, an die er bisher nicht denken konnte. Eine glänzendere Ehrenerklärung hätte Margarethen weder im Leben noch im Tode werden können, als wenn der Oheim das hinterlaſſene Kind derſelben als ſeine Gattin in die Welt führte. Dieſe Vorſtellung mußte auch die alte ſtarre Schweſter endlich beſiegen und zum Nachgeben zwingen, meinte er. Und ſo ſaß er nun einſam in dem ſtillen, dämmerigen Der Alte von Ruhneck. 203 Gemach, träumend, ſinnend und Pläne bildend, hinaus⸗ ſchauend in eine ſchöne, glückliche und— ſtolze Zukunft. Der eigentliche Kampf war in ſeinen Augen ſchon zu Ende. Es fragte ſich für ihn nur noch, wie ſollte er es anfangen, alles Uebrige mit einem Schlage gleichfalls zu dieſem Ende zu führen? An das, was im Grunde doch das Nächſte geweſen wäre, an Reginens eigenes Verhalten, dachte er wenig oder gar nicht. Die ſchüchterne, aber innige Herz⸗ lichkeit, mit der ſie ihm ſtets und neuerdings mehr als je begegnet war, wurde ſo leicht und ſchön zur erſten Stufe einer treuen, verehrenden Liebe! Daß ſie, das arme, aus⸗ ſichtsloſe Fräulein, das, ſelbſt als Enkelin der Baronin, Margarethens Tochter und damit in einer prekairen Stel⸗ lung blieb, einen Grafen von Ruhneck ausſchlagen, ſeine Hand nicht als das höchſte Glück in demüthiger Freude annehmen könne, kam ihm wenig in den Sinn. Er em⸗ pfand ſeine volle warme Liebe nicht nur als eine Seligkeit für ſich ſelbſt, ſondern auch als daſſelbe und als eine hohe Ehre für diejenige, welche dies Gefühl hervorgerufen, und der es ſich nun ſo treu weihte. Ja, er liebte hingebend, warm und innig, das Mädchen herrſchte in ihm mit ſeinem vollſten Zauber, aber er ge⸗ dachte des Glücks an ihrer Seite dennoch nicht mit der Heiterkeit und dem Jubel der Jugend, ſondern mit der vollen Schwermuth, welche den Menſchen im Alter beim Rückblick auf die Vergänglichkeit alles Beſtehenden und beim Blick in die unſichere Zukunft nur zu leicht zu umfangen pflegt. Aber nun raffte er ſich auf. 204 Bis auf die Spitze. Er erhob ſich von ſeinem Sitz und durchmaß mit ge⸗ kreuzten Armen tief nachdenkend ein paarmal das Gemach. Dann blieb er ſtehn, und das Auge feſt und ſtolz auf die Thür richtend, durch welche es zu den Seinen und zum letzten Kampfe ging, ſprach er entſchloſſen vor ſich hin: „genug geträumt! Ich muß handeln, und raſch!“ e 11 Bis auf die Spite. Beim Eintritt in das Familienzimmer fand er die Seinen, wie wir wiſſen, dort verſammelt, und es hatte ſich auch ſeit der Ankunft der beiden alten Geſchwiſter des kleinen Kreiſes noch keine fröhlichere und lebhaftere Stim⸗ mung bemächtigt. Beatrix und Regine arbeiteten an der Stickerei der erſteren, Antoinette blätterte noch im Buch und gähnte dabei von Zeit zu Zeit und in immer kürzeren Pauſen, und dazwiſchen zeigte das Geſichtchen den Ausdruck der tödtlichſten Langeweile oder einer nervöſen Aufregung, welche es ſehr zweifelhaft ließen, ob ſie demnächſt in den Schlaf der Gerechten verſinken oder in Verzweiflung davon⸗ laufen würde. Die Baronin promenirte, wie üblich, nahm jetzt ſicht⸗ bar aber gar keinen Theil an den gedämpften Unterhal⸗ Bis auf die Spitze. 205 tungsverſuchen der Anderen oder an den, einzig noch frei und ungezwungen bleibenden, hie und da eingemiſchten Be⸗ merkungen und Anekdötchen des Generals oder Eckhards. Sie wurde erſt aufmerkſamer, da der erſtere, nachdem er den beiden jungen Männern einen luſtigen Streich bei einem Ueberfall der Reichstruppen erzählt, jetzt lebhaft fort⸗ fuhr:„ja der Kleiſt, das iſt überhaupt ein Staatskerl— ſchade, daß du nicht unter ſeinem Kommando geſtanden, Ulrich!— und wie er's vorm Jahre in Franken getrieben, kann ihm kein Orden oder Avancement lohnen! Aber beim Blitz, da fällt mir ein,“ ſetzte er hinzu und wandte ſich gegen die junge Dame,„St. Lucien liegt ja in Franken, wenn ich nicht irre; und wenn ich mir das Ding recht überlege, muß das Neſtlein ja grade auf meines kecken Kameraden Pfaden geweſen ſein. Habt ihr am Ende auch einen kleinen Beſuch von ihm und ſeinen grünen Huſaren empfangen, Kinderchen?“ In dieſem Augenblick war's, daß der Schloßherr in das Gemach trat, er hörte noch die Frage des Bruders und ſah ſeine Schweſter, welche faſt mitten im Raum halt gemacht hatte, neugierigen Blicks die Gefragten beobachten. Es ging, wie auch der Graf erkannte, in den beiden Mäd⸗ chen entſchieden etwas Beſonderes vor, denn Regine ſenkte, nach einem flüchtigen Blick auf die Freundin, das leiſe lächelnde Geſicht tief auf die Arbeit, und in Antoinettens Zügen zeigte ſich, da ſie bei der Frage das Köpfchen gleich⸗ ſam beſtürzt vom Buche aufgerichtet, nicht nur eine jähe Röthe, ſondern auch ein Ausdruck von Verwirrung und 206 Bis auf die Spitze. Verdruß, der niemand entgehn konnte. Sie mochte wohl ahnen, was ihr bevorſtand. Denn da ſie faſt gegen alle Glieder des Kreiſes ſo oder ſo einmal unbarmherzig als neckender Quälgeiſt aufgetreten war, konnte ſie kaum auf Schonung rechnen, nachdem ſie ſelbſt ſich eine Blöße ge⸗ geben und wenigſtens etwas einem tieferen Intereſſe Aehn⸗ liches verrathen hatte. Ihre Ahnung war auch richtig genug geweſen, denn ſchon im nächſten Augenblick brach der General lachend aus:„ha beim Blitz, da bin ich, ſcheint's, auf eine noch warme Fährte gerathen! Aha, Kinderchen, Geheimniſſe gelten nicht und Abſprünge nützen euch nicht! Alſo heraus mit der Sprache! Waren's die Grünen, Fräulein von Neuſtädt? Heraus damit, ſage ich! Ich kenne ſie alle, brave Jungen, luſtige Kameraden, helle Teufel vor dem Feind, lachend in den Tod und lachend ins Leben! Wer hat Euer Herzlein gerührt, Kleine? Beim Zeus, Ihr braucht Euch deſſen nicht zu ſchämen!“ Und Ulrich ſetzte heiter, wie ſeit vielen Tagen nicht, neckend hinzu:„nun weiß ich doch, weßhalb die Dame neu⸗ lich faſt d'rauf und d'ran war, ſelber Soldat zu werden! O mein Fräulein von Neuſtädt!“ Inzwiſchen hatte das fröhliche Mädchen ſich aber ſchon längſt wieder gefaßt; ihr Auge blitzte keck über den Kreis hin und begegnete herausfordernd den neckiſchen, ernſten und fragenden Blicken, die von allen Seiten auf ſie ge⸗ richtet waren. Dann verneigte ſie ſich graziös in die Runde und ſprach mit hellklingender Stimme:„Ihr trefft es in Bis auf die Spitze. Wahrheit wunderbar, Meſſieurs! Wir haben in der That das Glück gehabt, Herrn von Kleiſt zwei Tage lang in unſerer Nähe verweilen zu ſehn und von ihm und einigen der Seinen auch ein paar Beſuche im Stift zu erhalten, wenige Wochen, bevor meine Tante ſtarb. Aber ganz trefft ihr's doch nicht, denn zur beſonders amuſanten Erinnerung gereicht mir dieſer Beſuch grade nicht, und noch weniger ging dabei ein Herz verloren, wie ihr zu hoffen ſcheint,“ ſetzte ſie ſchelmiſch lächelnd hinzu;„das meine, wenn ich überhaupt ſo ein Ding habe, nun wenigſtens gewiß nicht, obgleich ich nicht leugnen kann, daß man ſich anſcheinend nicht wenig Mühe darum gegeben und ſich durch alle Ton⸗ arten durchgeſeufzt hat.“ „Beim Zeus, eine ſchlimme kleine Hexe!“ rief der Ge⸗ neral lachend und mit dem Finger drohend.„Iſt's nicht unchriſtlich, Kindchen, zum Schaden auch noch ſolchen Spott zu fügen? Und an dem Schaden iſt nicht zu zweifeln, wenn man in dieſe blanken Augen ſchaut! Wer war der arme Teufel?“ „Kann Euch leider nicht dienen, Herr General!“ gab ſie luſtig zur Antwort.„Er war zu ſchmachtend und zu unglücklich, um mir ſeinen Namen zu nennen, und ich zu erſchrocken über mein Glück, um ſogleich nach demſelben zu fragen. Ein Grüner war es aber nicht, ſondern ein— Weißer, glaube ich, und zwar ſchien er ſo etwas wie ein Adjutant des Generals zu ſein. Er trat wenigſtens zuerſt mit der Anmeldung und dem Compliment des Chefs an meine Tante bei uns auf.“ 208 Bis auf die Spitze. Der General guckte ſie einen Augenblick wie völlig konſternirt und mit hochgezogenen Brauen an, dann warf er einen blitzgleichen Blick nach rechts und links, auf Schwe⸗ ſter und Bruder, und begegnete ihren ebenſo ſchnellen und heimlichen Blicken, und darauf endlich— das alles währte freilich keine drei Sekunden— brach er gleichſam luſtig aus:„den Teufel auch, Kleine, da erzählt Ihr uns ja ganz koſtbare Geſchichten! Seh' ein Menſchenkind an, was man nicht alles erleben kann! Alſo das war's!“ Die Aufmerkſamkeit des Kreiſes hatte ſich begreiflicher⸗ weiſe jetzt völlig dem General zugewendet, und Antoinette bemerkte, nachdem ſie ihre Verwunderung über den plötz⸗ lichen Ausbruch verwunden, luſtig:„ſollte man doch glauben, Herr General, es handle ſich um eine Dame, und Ihr wäret eiferſüchtig auf mich!“ Er nickte ihr auf das jovialſte zu.„Ha Kindchen, Ihr ſeid ein wahres Kabinetsſtück von einer Dame und würdet mir, wär' ich nicht ſo ein alter Bär', ſchier gefährlich werden mit Eurem guten Humor!“ verſetzte er offen.„Seht, ich kenne ja auch Euren ſchmachtenden Seladon, und bin ent⸗ zückt über dieſe Mittheilung. Armer Teufel, alſo wieder nicht reuſſirt!'s iſt doch wahr— Glück im Spiel, Unglück in der Liebe!“ Er ſtand auf und machte ein paar Gänge durch das Zimmer, die Hände unter den Schößen der Uniform ge⸗ kreuzt, während er dazu leiſe einen alten originellen und ſchönen Marſch vor ſich hinpfiff, der damals unter dem Titel:„die Nachtigall“ noch weit genug bekannt und beliebt Bis auf die Spitze. 209 war und in der preußiſchen Armee, beſonders bei dem„erſten Bataillon Garde,“ dem Reſt der Rieſengarde Friedrich Wilhelms I., geſpielt wurde. Natürlich regelte er ſeine Schritte nach dem Takt des Muſikſtücks, und man kann daraus auf das Tempo ſeiner Bewegungen ſchließen, die man ſich bei dem alten General ſo wenig wie bei andern Leuten ſeines Standes und ſeiner Zeit um alles in der Welt nicht wie unſere jetzigen denken darf. Selbſt im Affect lief dazumal kein wohlerzogener und auf Anſtand hal⸗ tender Menſch, und das Tempo, in dem man unſere Truppen jetzt auf den Paradeplätzen marſchiren und defiliren ſieht, wird zu jener Zeit beinahe das des Sturmmarſches ge⸗ weſen ſein. Der General ſpazierte alſo, ſo raſch es ihm der Takt erlaubte, im Gemach auf und ab, und wenn auch die Augen der andern beiden Alten noch immer ernſt, faſt finſter dar⸗ einſchauten, die Jüngeren waren doch durch dies wohlthä⸗ tige Intermezzo alle mehr oder minder erheitert worden, und Antoinette fing nach einer kleinen Pauſe wieder an:„alſo Ihr kennt meinen ‚ſchmachtenden Seladon, General? Nun, ich hoffe, Ihr werdet nicht ungalant genug ſein, mich ver⸗ gebens nach dem Namen fragen zu laſſen. „Der Name, ja der Name,“ ſprach der General mit ſichtbarem Zögern und ſein Auge flog fragend zu ſeinem Bruder hinüber, welcher in der Nähe des Kamins ſtand. „Ich weiß nicht, ob er ſich die Nennung deſſelben nicht ſelber—“ Laſſen wir dies ruhen,“ unterbrach ihn in dieſem Au⸗ „ hen, h Hoefer, Nuhneck. 14 210 Bis auf die Spitze. genblick Graf Rüdiger ernſt und näherte ſich zugleich mehr dem Tiſch.„Es wird ſich noch Zeit genug zu eurem heiteren Geſpräch finden, meine ich, für das ich euch Beiden übrigens dankbar bin. Ihr habt damit unſern Kreis nicht nur er⸗ götzt, wie es ſcheint, ſondern auch uns alle für den Ernſt geſtärkt, mit dem ich jetzt hinterd'rein kommen muß. Es thut mir leid,“ fuhr er fort, die ſtattliche Geſtalt grade aufgerichtet und das Haupt mit den jetzt nur ernſten, aber nicht finſtern Zügen ſtolz erhoben, ſo daß er wirklich als Schloßherr vor dem kleinen Kreiſe ſtand,„aber es iſt nicht zu ändern, ich habe euch, die ihr ja alle unſerem Hauſe angehört, eine nicht länger aufzuſchiebende Mittheilung zu machen. Nachrichten, die ich neuerdings erſt erhielt, veran⸗ laſſen mich, das Wort, das ich dem Herrn Grafen Eber⸗ hard von Hohenengen für meine Tochter und mich gab, zu⸗ rückzunehmen und die Verbindung zwiſchen Beatrix und ihm für aufgehoben zu erklären. Du wirſt mir ſeinen Ring zuſtellen, mein Kind.— Was dich betrifft, Ulrich,“ ſetzte er freundlicher hinzu und wandte ſich an den jungen Mann, der ſich langſam von ſeinem Sitz erhoben hatte und ihn leichenblaß anſtarrte,„ſo ändert dies hoffentlich nichts in unſern Beziehungen. Im Gegentheil, ich wünſche dir be⸗ weiſen zu können, daß ich nur gegen deinen Bruder, aber im entfernteſten nicht gegen die Hohenengen, zumal nicht gegen dich etwas habe, mein lieber Junge.“ Es war eine Todtenſtille im Gemach, bis nach einer Pauſe Ulrich, deſſen Geſicht ſich jetzt mit einem dunklen Roth gefärbt hatte, gepreßt ſagte:„Sie werden aber be⸗ Bis auf die Spitze. 211 greifen, Herr Graf, daß Ihre Worte für mich unmöglich genügend ſein können. Ich muß Sie bitten—“ „Du willſt weitere Erklärungen haben,“ fiel der Schloß⸗ her ihm ernſt, aber wohlwollend ins Wort.„Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich dir nichts vorenthalte. Komme morgen früh zu mir und du ſollſt alles erfahren und ſelbſt urtheilen, ob ich— was iſt mit Beatrix?“ unterbrach er ſich haſtig, denn das junge Mädchen, das die Mittheilung des Vaters ſtarr und wie träumend angehört hatte, ohne nach dem kurzen Aufblick des erſten Schrecks die Augen wieder zu erheben, ohne eine Bewegung zu machen, ja ohne nur die Farbe zu wechſeln, ſank in dieſem Moment mit ge⸗ ſchloſſenen Lidern langſam an die Lehne ihres Stuhles zurück. Das Leben ſchien ſie verlaſſen zu haben. Mit einem leiſen Schreckensruf war im nächſten Au⸗ genblick Ulrich an ihrer Seite und hielt ſie in den Armen und nannte ihren Namen mit der leidenſchaftlichſten Zärt⸗ lichkeit ſeines Herzens. Doch achtete jetzt niemand darauf, die beiden jungen Mädchen waren gleichfalls um die Ohn⸗ mächtige beſchäftigt, und alsbald ſchlug dieſe auch ſchon die Augen wieder auf und richtete ſich an Ulrichs Arm langſam auf. „Sie erlauben mir, daß ich mich zurückziehe, Vater,“ ſprach ſie leiſe und mit geſenktem Blick. Zugleich wandte ſie ſich, noch immer von dem jungen Manne geſtützt, auch ſchon der Thüre zu und verließ, von den Freundinnen ge⸗ folgt, das Zimmer. „Ich werde ſogleich bei euch ſein, Kinder!“ rief ihnen 212 Bis auf die Spitze. die Baronin nach, welche die bisherigen Vorgänge ſtumm und mit finſterem Blick beobachtet hatte. Eckhard war allein von den jüngeren zurückgeblieben und ſetzte ſich, nachdem er die andern drei Anweſenden flüchtig überſchaut, ſchweigend in einen der Seſſel am Ka⸗ min, wo er den Schürhaken ergriff und in der Glut zu ſtöbern begann, während ſein Ohr dem Geſpräch hinter ihm lauſchte, um den Moment nicht zu verpaſſen, in wel⸗ chem ſeine Einmiſchung nothwendig werden könnte. Das Mitgetheilte hatte ihn ernſtlich erfaßt, denn er hatte mehr Herz für den Rang und die Ehre ſeiner Familie, als ihm der Vater wenigſtens zutrauen mochte, und die für Beatrix und Ulrich wenig ſchonende Weiſe, in welcher der Graf ge⸗ redet, ſchien ihm darauf hinzudeuten, daß hier etwas vor⸗ liegen dürfte, das ſein Einſchreiten verlangte. Die drei Alten bemerkten zwar ſeine Anweſenheit, aber ſie achteten einſtweilen nicht weiter auf ihn. „Gratuliren kann ich dir zwar nicht,“ ſprach die Ba⸗ ronin hart und bitter;„deine Manier die Sachen abzu⸗ machen, mein Theurer, iſt häufig eine beſondere und war in dieſem Falle zum mindeſten kurios. Du hätteſt deinem Kinde den Eclat dieſer öffentlichen Ankündigung erſparen und ihm unter vier Augen davon ſagen können. Du wireſ damit eben ſo weit gekommen.“ Der Graf machte eine leichte, etwas verächtliche Be⸗ wegung mit dem Haupt und begann auf⸗ und abzuſchreiten. „Ich bin längſt gewohnt, auf deinen Beifall zu verzichten,“ Bis auf die Spitze. 213 verſetzte er nach einer Weile.„Uebrigens, denke ich, waren wir unter uns.“ „Für eine Dame iſt in ſolcher Angelegenheit jeder⸗ mann ein Fremder, mit Ausnahme deſſen, der ihr die Mit⸗ theilung zu machen hat,“ erwiderte die Baronin im li heren Tone.„Aber wie dem auch ſei,“ fuhr ſie fort,„d Sache iſt jetzt abgemacht und es iſt nutzlos über das Wics zu zanken. Dagegen möchte ich dir anzudeuten verſuchen, wie ſich, nach meiner Meinung, dieſe dumme Geſchichte am beſten und vernünftigſten ordnen läßt.— Verzeihe mir, mein Kind,“ wandte ſie ſich plötzlich an Eckhard,„aber ich möchte dich bitten, uns Drei für eine kurze Zeit allein zu laſſen.“ Der junge Mann ſtand auf und näherte ſich der Dame. „Erlauben Sie, Tante, daß ich diesmal Ihrem Wunſche ungehorſam bin,“ ſagte er ernſt;„mir däucht, dieſe Ange⸗ legenheit betrifft auch mich zu ſehr—“ „Laß ihn da,“ unterbrach Graf Rüdiger, zur Schwe⸗ ſter gewendet, finſterblickend den Sohn.„Ein Geheimniß wirſt du nicht zu ſagen haben, und ich ſelbſt möchte meinen Herrn Sohn nachher zu einer kurzen, auch ihn betreffenden Beſprechung gegenwärtig ſehen.“ „Das halte, wie du willſt,“ antwortete die Baronin kalt und gemeſſen,„mich aber läßeſt du wohl von dieſer Con⸗ ferenz aus. Es iſt dringender für mich, nach meiner Nichte zu ſehn. Uebrigens hat Eckhard recht,“ fügte ſie ſcharf be⸗ tonend hinzu.„Er iſt intereſſirt bei dieſer Affaire, und auch bei dem, was ich ſagen will, als ſpäteres Familien⸗ 214 Bis auf die Spitze. haupt und Erbherr auf Alt⸗Ruhneck.— Du wünſchteſt vorhin dem Grafen Ulrich beweiſen zu können, daß du nur dem Bruder und nicht ihm zu zürnen haſt. Ich finde das billig, und der Beweis liegt in deiner Hand. Wie ſich die Verlobung meiner Nichte mit Eberhard gemacht, ob frei⸗ willig, ob durch dich, mein Theurer, weiß ich nicht,“ fuhr ſie fort.„Jedenfalls war dieſe Vereinigung ſchon in der Geburt eine mißlungene, denn Beatrix hat den Menſchen niemals geliebt, und Zwang in ſolchen Angelegenheiten ſchlägt zuweilen, wie ich weiß, nicht gut aus. Sie trägt dagegen von Jugend auf den Bruder, ich meine den Ulrich, im Herzen, ſo gut wie er ſie. Laſſe ſie einander gehören, nach einer vernünftigen Zeit natürlich. Deine Einwürfe,“ ſchloß ſie, als der Graf das Haupt aufwarf und die Lippen wie zur Entgegnung öffnete,„mache mir ein andermal. Wir werden Zeit genug dazu finden. Jetzt vernimm und überlege nur Eins. Ich meine, Hohenengen iſt Hohen⸗ engen, kontrair— nach dem Urtheile aller, die beide kennen, bietet dir Ulrich eine wirkliche Garantie für das Glück deines Kindes, während der Andere ſchon jetzt auf dem Wege war, daſſelbe für immer zu ruiniren. Endlich iſt das auch vor der Welt gleichgültig. Außerhalb dieſes Schloſſes wiſſen, meine ich, noch nicht zehn von dieſer Verbindung, der Herr müßte denn in ſeinen Feldlagern ſelbſt darüber geſchwatzt haben. Ich denke aber, das wäre ſeine Sache, und nicht die unſere.— Gute Nacht. Kommſt du mit, General?“ Sie wandte ſich mit einem nachläßigen kurzen Neigen Bis auf die Spitze. 215 des Kopfes der Thüre zu und ſchritt hinaus. Der General folgte ihr. 3 „Willſt du auch ſchon gehn?“ fragte Rüdiger düſter. „Ich möchte dich noch hier behalten, Bruder, um dir und meinem Herrn Sohn mitzutheilen, was ich nicht länger verſchieben mag.“ Der alte Soldat wandte ſich um und ſchaute den Grafen finſter und mit gefalteter Stirn an.„Danke!“ entgegnete er barſch.„Habe durchaus kein Verlangen nach deinen Einfällen, Herr Bruder, zumal ich bereits einen Vogel davon habe pfeifen hören. Uebrigens kann ich dir ſchon jetzt ſagen,— wenn es das iſt, was ich denke, ſo erhältſt du meine Zuſtimmung nicht, und wenn die Engel im Him⸗ mel mich d'rum angingen, denn es iſt— deutſch heraus — der gottverdammlichſte Unſinn, den je ein Ruhneck aus⸗ geheckt.“ Er machte Kehrt, ging der Thür zu und mur⸗ melte ſehr vernehmlich dazu vor ſich hin:„daß mich auch der Teufel grade zu dieſer Zeit, zu all den verwünſchten Querköpfen in dies alte Neſt reiten mußte!“ Vor der Thür trat ihm die Baronin entgegen, welche ſeines Kommens ſicher, hier auf ihn gewartet hatte. Seine letzten Worte vernahm ſie ſo gut wie die beiden im Gemach Zurückbleibenden, und während ſie mit ihm den Corridor entlang ſchritt, ſagte ſie jetzt verhältnißmäßig gedämpft: „du biſt ein Narr, dich fortzuwünſchen, General. Sollten dieſe thörichten und ärgerlichen Affairen etwa hinter deinem Rücken und ohne dich abgemacht werden?“ „Mir gleich!“ erwiderte er grollend.„Ich will Ruhe 216 Bis auf die Spitze. haben! Ich frage den Teufel nach all dieſen dummen Zän⸗ kereien, die zu nichts führen, als uns bei den Leuten herab⸗ zuſetzen. Und ich ärgere mich über dich und mich, daß wir davonliefen, während es jetzt Zeit geweſen, mit der ganzen Proſtemahlzeit herauszukommen. Nun hat's der arme Teufel, der Eckhard, allein auszubaden, und wer weiß, was daraus entſteht! Bruder Rüdiger ſpielt den ſouverainen Herrn wie— ein Narr! Er thut wenigſtens, als ob er nicht ein Gräflein, ſondern ſo eine Art von Kaiſer wäre auf ſeiner alten Ruhneck.“ „Und iſt er das nicht? Hat es einer unſerer Ahnen, unſer eigener Vater anders angeſehn, General?“ fragte ſie ſtehen bleibend. Er ſchüttelte verdrießlich den Kopf.„Werde nicht auch du thöricht,“ erwiderte er.„Verblende dich nicht ſelber, Hedwig. Es ändert ſich alles, und was früher, ſelbſt zu unſeres Vaters Zeiten, mit dem ich aber meinen Bruder nicht vergleichen kann, noch einigermaßen Sinn und Gel⸗ tung hatte, iſt jetzt barer Unſinn. Sieh dich um— wo gilt noch einer unſerer Duodezfürſten etwas, geſchweige denn einer von uns Gräflein? Darum haſſe ich auch dieſe alten Stammſchlöſſer! Steigt hinab und wohnt bei euren Mitmenſchen, da wird's euch ſchon aufgehn, was ihr jetzt allein noch ſeid, ſein könnt und ſein müßt. Und Elenderes oder Lächerlicheres weiß ich nichts, als die Oberherrlichkeit, die in der Welt längſt zu einem leeren Wort geworden, nun noch tyranniſch in der Familie feſthalten zu wollen. Ich bin doch beim Zeus auch ein Ruhneck und halte auf . Bis auf die Spitze. 217 Anſehn, Ehre und Reinheit meines Stammes. Allein, ich wiederhol's, dieſe Tyrannenſpielerei, dieſe Oberherrlichkeit gegen die Familie und dieſe Schranken⸗ und Rückſichtsloſig⸗ keit in Anſehung ſeiner ſelbſt und ſeines eigenen Handelns iſt mir— grade heraus— zum Ekel. Ich habe nicht um⸗ ſonſt ſeit dreiundzwanzig Jahren neben einem Fürſten ge⸗ lebt, der ein wirklicher Fürſt und Herr iſt und das Zeug hat ſich als einen ſolchen zu beweiſen. In ſolchem Licht lernt man Unſereinen für ein Staubkörnchen erkennen.“— Sie gingen ſchweigend neben einander hin, und erſt nach einer Weile bemerkte ſie, wieder ſtehen bleibend:„ſei das, wie es wolle— jetzt nützt uns Rücdigers ſtarre An⸗ ſicht von ſeiner Stellung. Verlaß dich darauf— er iſt viel zu hochmüthig, um mit dem Eckhard wirklich über ſeine Entſchlüſſe zu reden. Es kommt heut Abend zu nichts, General. Und käme es— er findet an Eckhard ſeinen Mann. Doch das wollen wir ſchon erfahren,“ brach ſie ab, und ihrer vorübergehenden Kammerfrau zuwinkend, be⸗ fahl ſie derſelben, darauf zu achten, wann Graf Rüdiger das Familienzimmer verlaſſe. Dann trat ſie zur nächſten Thür und ſprach:„ich bleibe bei Beatrix, General. Adieu für heute.“ „Adieu!“ ſagte er kurz.„Ich gehe zu Ulrich.“ Und ſie trennten ſich.— Als die Thür vorhin ins Schloß geflogen war, ſtanden Vater und Sohn einander allein gegenüber, etwas, das nie⸗ mals oft geſchehn war, ſeit Wochen aber ſchon gar nicht mehr ſtattgefunden. Eckhard hatte ſich leicht an den Tiſch gelehnt 218 Bis auf die Spitze. und ſchaute ernſt vor ſich hin, Graf Rüdiger hielt ſich frei und aufrecht vor ihm, und ſein Blick ruhte halb im fin⸗ ſteren Sinnen, halb in einer gewiſſen herben Verdroſſenheit auf dem jungen Menſchen, der ihm zugleich ſo nah und doch ſo fern war. Wie die beiden Geſchwiſter ſich entſchieden und barſch von ihm abgewandt, wie er aus den bloß andeu⸗ tenden Worten derſelben ſogar auf einen entſchiedenen Wider⸗ ſtand Beider ſchließen mußte, wie ihm Beatrix' Angelegenheit immer unbehaglicher wurde— denn allerdings war er ſelbſt der Hauptbeförderer der unglücklichen Verbindung geweſen, und andrerſeits war Ulrich ihm ſo lieb, wie überhaupt ein Menſch— das alles verſtimmte ihn tief, ohne ihn jedoch in ſeinen Entſchlüſſen wankend zu machen. Im Gegentheil trieb es ihn nur zu deſto raſcherem und ſelbſtſtändigerem Handeln. Sein auf dem ſchweigenden Sohne ruhendes Auge wurde immer düſterer, die Stirn faltete ſich immer tiefer, und die Brauen zogen ſich nach und nach ſo drohend zu⸗ ſammen, daß ihre dichten grauen Haare ſich faſt berührten. Endlich ſagte er herb und bitter:„man möchte in der That kein beſſeres Bild des Trotzes und der Verſtocktheit oder des böſen Gewiſſens finden können als dich, Burſche! Weß⸗ halb ſiehſt du nicht auf?“ Eckhard erhob langſam die ſchönen und ernſten, dunkel⸗ blauen Augen zum Vater und blickte ihn ruhig an.„Ich erwarte Ihre Befehle,“ verſetzte er gehalten und in voll⸗ kommen reſpektvollem Ton. „In der That? Wie gnädig!“ ſprach Graf Rüdiger Bis auf die Spitze. 219 wieder bitter.„Ich will dir die Qual, mit deinem Vater reden zu müſſen, nicht lang machen,“ fuhr er fort und kreuzte die Arme über die Bruſt.„Was ich im Sinn hatte, hier vor meinen Geſchwiſtern und auch vor dir als meinen Willen auszuſprechen, iſt jetzt überflüſſig. Genug, dieſer mein Wille wird dir ſeiner Zeit kund werden und dich ge⸗ horſam finden, wie ich hoffen will. Jetzt kann ich mich auf zwei Fragen beſchränken. Beſinne dich bei deinen Antworten wohl, mein Sohn. Mein Handeln und deine Zukunft könnten durch dieſelben beſtimmter und unabänderlicher ent⸗ ſchieden werden, als du denkſt.“ „Ich erwarte Ihre Befehle, Vater,“ wiederholte Eckhard mit einem neuen kurzen Aufblick und im vorigen Tone. „Gut,“ ſagte der Graf kurz.„Du weißt alſo, daß deine Tante und ich deine Verbindung mit der Baroneſſe Antoinette wünſchen— wie ſtehſt du, wie weit biſt du mit der jungen Dame?“ Eckhard ſchüttelte leiſe den Kopf.„Sie wiſſen, lieber Vater,“ verſetzte er, und jetzt blieb ſein Blick ruhig und ernſt auf dem Geſicht des Alten ruhen,„daß ich nie die geringſte Neigung zu dieſer Verbindung fühlte, und wie Sie die Dame kennen, müſſen Sie ſo gut, wie wir alle, davon überzeugt ſein, daß ſie ſelbſt nicht einen Gedanken, geſchweige denn ein Gefühl für mich hat, das Ihren Wünſchen ent⸗ ſpräche. Dazu kommt,“ fuhr er aufathmend fort,„daß ich mich—“ „Genug!“ unterbrach ihn der Vater kalt.„Das iſt alſo nichts; ich habe es freilich auch kaum anders erwartet. 220 Bis auf die Spitze. Nun denn, wie denkſt du über deine nächſte Zukunft? Wirſt du geneigt ſein, hier meinem Wunſch nicht nur, ſondern— ich darf wohl ſagen, unſerm Familiengeſetz genug zu thun, dem Beiſpiel deiner Ahnen und der Deinen zu folgen und für einige Zeit wenigſtens in Dienſt zu gehn?“ „Lieber Vater,“ entgegnete er gepreßt,„erſparen Sie uns beiden dieſe ſtets erneuerte Qual. Sie wiſſen, wie ich darüber denke und daß ich nicht anders kann. Und ich vermag nicht zu glauben, daß Sie im Ernſt wünſchen ſollten, mich jetzt noch, im Frieden, an dieſer Soldatenſpielerei theil nehmen zu ſehn, die mir ſogar da, wo ſie in meinen Augen den einzigen Werth haben könnte, im Kriege, zuwider und für mich undenkbar war.“ „Was ich wünſchen kann und ſoll oder nicht, iſt meine Sache,“ antwortete der Graf ſcharf;„wenigſtens ſtreite ich mit dir nicht darüber. Ich frage einfach, trittſt du ein oder nicht?“ „Nein, das kann ich nicht,“ lautete die ruhige und feſte Entgegnung Eckhards. „So ſind wir fertig mit einander,“ ſagte der Vater kalt und kurz.„Es ſcheint, daß dir die Ausſicht, mir und auch meinem Bruder in unſerem Beſitz zu folgen, dieſe große Sicherheit gibt. Mein Bruder handelt, wie er es für gut befindet, und ich thue das gleichfalls. Es dürften hier baldigſt Veränderungen eintreten, die auch auf deine Ausſichten zurückwirken müſſen. Aber genug, du haſt ge⸗ wählt, und wir ſind fertig.“— Er wandte ſich ab. „Vater, lieber Vater!“ ſprach Eckhard haſtig und trat Bis auf die Spitze. 221 einen Schritt näher.„Ich flehe Sie an, ſchenken Sie mir noch einige Augenblicke Gehör! Laſſen Sie mich Ihnen mein Herz erſchließen und Ihnen mittheilen, was ich allein von der Zukunft erſehne! Seien Sie gütig, Vater!“ ſetzte er weich und flehend hinzu.„Sehn Sie nur einmal in mir den—“ „Ich habe weder Zeit noch Luſt, die unreifen Wünſche und Einfälle eines Knaben kennen zu lernen oder die heuch⸗ leriſchen Reden eines ungehorſamen Sohnes anzuhören,“ fiel ihm Graf Rüdiger finſter und hart ins Wort.„Wir ſind fertig, wiederhole ich. Meine Beſchlüſſe wirſt du er⸗ fahren, und auf die Weiſe, wie du dich darin fügſt, wird es ankommen, ob wir fernerhin überall noch eine Stellung zu einander haben.“— Er wandte ſich wiederum der Thür zu, ging und verließ in ſtarrer, ſtolzer Haltung das Gemach. 4 Eckhard folgte ihm nach einer Weile ſtumm und ver⸗ düſtert und ſuchte gleichfalls ſeine einſamen Zimmer auf. Er mochte niemand ſehn. Die Geſellſchaft fand ſich heute Abend nicht einmal zum Nachteſſen wieder zuſammen. Der General hatte, wie er geſagt, Ulrich aufgeſucht und blieb mit ihm auf ſeinem Zimmer im halb ernſten, halb traulichen Geſpräch; die beiden jungen Mädchen hatten ſich gleichfalls zurückgezogen, und ſelbſt Antoinettens Stimme ließ ſich nicht wie ſonſt durch die verſchloſſene Thür hell und fröhlich auf dem Corridor vernehmen. Die Baronin endlich verweilte bei Beatrix und brachte der Nichte, zwar offen und unumwunden wie immer, 222 Die Kriſis. aber mit wahrer und warmer Theilnahme alle Aufklärung, allen Troſt, deſſen das arme Kind ſo ſehr benöthigt war. Sie gewann das Vertrauen des Mädchens in einer ſie ſelbſt überraſchenden Weiſe, ſie durfte Blicke in dies verhüllte In⸗ nere thun, wie niemand vor ihr, und ſie ſah zuletzt auch den geheimſten und tiefſten Schmerz an ihrem Herzen ſich in heißen Thränen erſchließen. Es war ſchon nach Mitternacht, als ſie in ihre Thurm⸗ wohnung zurückkehrte. Sie hatte auf dem Wege geſchwankt, ob ſie ſchon jetzt Rüdiger wieder aufſuchen und alles zur Entſcheidung führen ſollte. Aber ſie drängte die Weichheit, die ſie mehr als je in dieſen letzten Tagen erfüllte, zurück und ſagte ſich entſchloſſen: nein, morgen iſt der Tag der Entſcheidung, ich muß erſt feſt und ſicher werden! Ich will zuerſt nochmals mit Agnes reden— auch ſie muß heran! — und dann mit Reginen. Wir werden keine Hülfe ent⸗ behren können! XII. Die Kriſis. Die Nacht verging der Baronin faſt ſchlaflos in ſchweren raſtloſen Gedanken. Pläne für die Zukunft wechſelten mit Plänen zum Angriff und mit Vorwürfen gegen ſich ſelbſt ab. Sie war jetzt auf dem Punkte, ihr Zögern und Zurück⸗ Die Kriſis. 223 halten ſelber unbegreiflich zu finden, wie es denn auch wenig oder gar nicht in ihrer Natur lag und nur durch die ihr bevorſtehende endliche Entſcheidung über Reginens Geſchick zu erklären ſein mochte. Alles, was für oder wider die Verbindung der Enkelin mit dem Neffen ſtritt, regte ſich auf's neue in ihr und erfüllte die kräftige Frau auch von neuem wieder mit Unſicherheit und Schwanken. Regine dem Neffen überlaſſen— durfte ſie das? Und ſie ihm verſagen, ſie— beide!— unglücklich machen für lange, lange Zeit,— konnte ſie das?— Und hier empfand ſie auch ſehr wohl den Grund, daß ſie bisher gegen Rüdiger mit der letzten, vernichtenden Mittheilung zurückgehalten. Wie der Graf geſtimmt und erregt war, ließ es ſich nicht vorausbeſtimmen, von welcher Wirkung eine ſolche Mit⸗ theilung ſein würde— er konnte gänzlich dadurch gebrochen oder auch zu den allerextremſten Entſchlüſſen, gegen den Sohn gebracht werden. Und ſie traute ſich ſelbſt nicht. Sie wußte, daß ſie durch den ‚Unverſtand“ des Bruders zu einer jähen Entſcheidung fortgeriſſen werden könnte, die nach⸗ her weder ihr ſelbſt, noch einem Andern genügte. Daß es bisher aber zwiſchen Vater und Sohn nicht zum vollen Ausſprechen gekommen, hatte ſie ſchon erfahren, wie ſie es bekanntlich auch nicht erwartet. Die Kammer⸗ frau hatte ihr beim Auskleiden mitgetheilt— die Baronin hörte heut, ganz gegen ihre Gewohnheit, nicht allein darauf, ſondern fragte ſogar darnach— daß der Graf und Eckhard ſich nur kurze Zeit mit einander allein befunden und dann wohl finſter, keineswegs aber in beſonders ſichtbarer Auf⸗ 224 Die Kriſis. regung auseinander gegangen ſeien. Das genügte ihr voll⸗ kommen. Es war noch nicht zu ſpät für ſie. So dachte und überlegte ſie in der langen Nacht und hörte darüber nicht, wie wild der Sturm ihre hoch und frei gelegene Wohnung umtobte und den ſchweren, dem Schneetreiben gefolgten Regen brauſend gegen die Mauern und Fenſter warf. Sie hatte diesmal ſelbſt nach dem Auf⸗ ſtehn am Morgen keinen Blick für das Wetter. Sie trank haſtig ihren Kaffee und trieb die Kammerfrau ungeduldig zur Beendigung ihrer Toilette. Sie wollte fertig ſein, wenn die beiden Mädchen erſchienen, denn ſie war zu dem Ent⸗ ſchluß gekommen, jetzt vor allem und ſogleich gegen Regine mit der Entdeckung ihrer Abſtammung vorzugehn, und ſie war daher nicht wenig überraſcht, als, kaum da ſie fertig geworden, Antoinette allein im Gemach zum Morgengruß erſchien. „Was gibt's?“ fragte ſie ſchier beſtürzt und ſprang vom Kanapee auf, denn Regine war noch niemals ausge⸗ blieben;„was kommſt du allein? Regine iſt doch nicht krank?“ „Nicht doch, Tante,“ lautete jedoch Antoinettens Ant⸗ wort.„Sie wiſſen ja, wie das Kind iſt. Sie hat die ganze Nacht vor Theilnahme an dem, was geſtern über Beatrix gekommen, nicht ſchlafen können. Sie wäre ſchon geſtern Abend hin, wenn wir Sie nicht dort gewußt hätten. Heut morgen war ſie aber nicht zu halten und iſt noch nicht wieder zurück. Ich bin daher allein gekommen.“ Die Baronin wandte das Geſicht von der Sprecherin Die Kriſis. ab und ging nachdenklich auf und ab. Auch recht! dachte ſie. So kann ich noch einmal vorher mit Agnes reden. Vielleicht werde ich da aller Skrupel los und kann freien Herzens endlich alles arrangiren. Und nach einigen wei⸗ teren Schritten wandte ſie ſich jäh zu dem Mädchen zurück, das inzwiſchen ungenirt auf dem Kanapee Platz genommen hatte, blieb ſtehn und ſagte, mit ſcharfem Blick das auch jetzt muntere Geſicht beobachtend, in der geradeſten und un⸗ umwundenſten Weiſe:„ſo ſo, die Regine alſo zur Beatrix? Nun, ma nièce, du für deine Perſon haſt dich wohl ge⸗ ſchämt, daß du nicht auch mitgegangen? Hätteſt ſonſt mehr Grund gehabt, ſcheint's mir, als die kleine Heydeck.“ Das hübſche Mädchen ſchaute die alte Dame ſo un⸗ befangen wie möglich an.„Ich verſtehe nicht recht,“ ver⸗ ſetzte ſie.„Ich eigne mich nicht zur Tröſterin und Kranken⸗ pflegerin, meine Tante, das iſt richtig, und für dieſe kühle und keuſche weiße Lilie, die Beatrix, paſſe ich nun gar nicht, ebenſowenig wie ſie für mich, das iſt auch wieder richtig. Alſo— was meinen Sie?“ Die Baronin ſchaute ſie ernſthaft an.„Und gibt dir das keinen Druck, was dir ſo gut wie uns geſtern Abend klar geworden ſein muß?“ fragte ſie.„Ueberhaupt, ma nièce, wie ſtehſt oder— ſtandeſt du vielmehr— mit dieſem leichtſinnigen Burſchen von Eckhard?“ Antoinette fuhr lachend vom Kanapee auf und machte in ihrem Uebermuth eine völlige Rundſchwenkung auf der Spitze des kleinen Schuhs von goldgepreßtem Leder. Dann aber ſprang ſie zur alten Dame, und ſich an die hohe derbe Hoefer, Ruhneck. 15 226 Die Kriſis. Geſtalt derſelben wie ein Kätzchen anſchmiegend, die Händ⸗ chen auf ihre Schultern legend und mit den braunen, klaren und in ihrer Weiſe ebenſo unwiderſtehlichen Augen zu denen der Alten aufſchauend, ſagte ſie fröhlich:„Tante, nehmen Sie keinen ſo tragiſchen Ton an, ich ſehe wenigſtens wahrhaftig nicht, was hier zu bejſammern wäre! Daß die Beatrix nie für den Herrn Eberhard eingenommen, wiſſen Sie wohl ſo gut wie ich, und daß ihr Graf Ulrich hun⸗ dertmal beſſer gefällt als der Andere— iſt's nicht ganz natürlich? So freuen Sie ſich doch der Löſung, zu der auch ich, unfreiwillig, beigetragen haben ſoll.— Iſt's aber auch gewiß?“ ſetzte ſie ernſter hinzu.„Mir däucht wenigſtens, eure plötzliche Annahme ſteht noch auf ſehr ſchwachen Füßen.“— Die Frau von Bergen ſtrich ihr leiſe über die reine, jetzt leicht geröthete Stirn.„Doch nicht,“ erwiderte ſie kopfſchüttelnd.„Graf Eberhard war Adjutant des Gene⸗ rals auf ſeinem Zuge, trägt die weiße Uniform ſeines Re⸗ giments, rühmt ſich ſelber, daß er in Franken eine Erobe⸗ rung gemacht—“ „Ah bah!“ unterbrach ſie Antoinette, zurücktretend und mit blitzenden Augen.„Das iſt er alſo nicht, Tante, denn deſſen kann mein Seladon ſich nicht rühmen! Schmachtend, zart, zudringlich und ſelbſtvertrauend, wie er war, muß er doch gemerkt haben, daß er bei mir nichts erreichte, es müßte denn das tolle Lachen ſein, zu dem er mich mit ſei⸗ nen Redensarten und ſeinem Weſen reizte.“ „Das iſt er alſo doch, ma nisce!“ bemerkte die Ba⸗ Die Kriſis. ronin ſchwach lächelnd.„So, grade ſo ſchildert ihn der General, ſo zeichnet ihn Agnes— und das iſt eine ſcharfe Beobachterin, mein Kind! Aber gleichviel,“ brach ſie ab; „zu dieſer Angelegenheit wird ſich ſchon noch Zeit und auch Rath finden. Die Hauptſache iſt, daß du ſo— un⸗ berührt geblieben. Denn für dich fände ſich im anderen Fall, meiner Meinung nach, keinerlei Ausſicht. Dem würde ich dich niemals geben.“— Und da legte Antoinette wieder beide Hände auf die Schulter der Tante und ſah ihr halb lächelnd, halb ernſt⸗ haft in die nachdenklichen Augen und ſagte gedämpft und ſchmeichelnd:„ja, Tante, zu dem allen werden Sie Rath finden, und für mich brauchen Sie nicht zu ſorgen. Ich helfe und rathe mir ſchon ſelber. Aber Eins, Tante— da ſorgen Sie— herzlich! Regine und Eckhard, Tante?“ Und nach einem langen, glänzenden, bittenden, innigen und fragenden Blick wandte ſie ſich raſch ab und ſprang aus der Thür hinaus. Die Baronin ſah ihr halb überraſcht, halb theilneh⸗ mend nach und machte ein paar raſche Gänge durch das Zimmer. Aber als ihr Blick zufällig auf die Uhr fiel, zuckte ſie gleichſam erſchrocken zuſammen; ſie klingelte und befahl der Kammerfrau die Portechaiſe zu beſtellen, und dann ging ſie ſelber zum General in den zunächſt liegenden Schloßflügel hinüber. „Die Uhr iſt jetzt neun,“ ſagte ſie, nachdem ſie dem Bruder ihren endlichen Entſchluß mitgetheilt.„Ich gehe zu Agnes, um noch einmal mit ihr zu reden. Ich muß klar 228 Die Kriſis. werden über Regine und Eckhard, und werde es nur durch die Rudhard. Sie muß auch Beſcheid wiſſen, wenn Rü⸗ diger zu ihr kommen ſollte. Um zehn Uhr bin ich hier und hole dich zu ihm ab. Und dann— Sturm, General!“ Der General ſchüttelte düſter den Kopf.„Ich haſſe dieſen Aufſchub,“ verſetzte er.„Laß uns gleich hinüber, wenn ich einmal dabei ſein muß.“ „Nicht doch,“ entgegnete ſie lebhaft.„Er redet jetzt mit den Verwaltern und Beamten. Wir verſäumen nichts, verſichere ich dich. Ich kann auch die Kleine erſt ſpäter ſprechen, um ihr gleichfalls zu ſagen, was ſie wiſſen muß. Jetzt ſitzt ſie bei Beatrix, von der ich ſie nicht abrufen mag. Es ſoll alles heut geordnet werden, ſei ſicher, aber laſſe mir dabei meinen Weg und meine Weiſe.“ „Wie du willſt,“ bemerkte er nicht heiterer.„Aber ich haſſe dieſen Aufſchub, ſag' ich.“ Und ſich abwendend ſetzte er wieder energiſch hinzu:„daß mich auch der Teufel grade jetzt hieher führen muß! Für uns ſoll der Krieg nicht endigen, ſcheint's!“ Sie machte nur eine beſchwichtigende Handbewegung und eilte die Treppe zur Sänfte hinab, um ſich zum Stein⸗ hauſe hinüber tragen zu laſſen.— Es wäre beſſer geweſen, die Baronin hätte dem Wunſche des Generals— ſogleich zu Rüdiger zu gehen— nachge⸗ geben, denn ihre Berechnungen trafen, ſo richtig ſie ſonſt waren, heut nicht zu. Um dieſelbe Zeit, als ſie das Schloß verließ, hatte der Graf ſchon den Letzten der Beamten ent⸗ laſſen und ſchritt nachdenklich in ſeinem einſamen Zimmer Die Kriſis. 229 auf und ab. Auch er hatte die Nacht ſchlaflos verbracht; die Gedanken an ſeine häuslichen und Familienzuſtände hatte er, ſo zu ſagen, auf die Seite geſchoben und ſich nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, noch einmal ſein Gefühl zu prüfen verſucht, alle möglichen Einwürfe ſeiner Geſchwiſter, ſeiner eigenen Familie, ſeiner Freunde und der großen Welt er⸗ wogen und, wie er glaubte, ſiegreich widerlegt. Dann erſt dachte er auch an die Seinen und die Mittheilung ſeiner Schweſter von der Liebe zwiſchen Beatrix und Ulrich. Sein eigenes Glück erhoffend und durch die Gedanken an daſſelbe, ſowie an alles, was ſich in kurzem entſcheiden mußte, beherrſcht, durch alle Vorſtellungen und Bilder von einer freundlichen Zukunft lebhaft bewegt, dachte er, wo nicht milder, doch gleichgültiger über eine ſolche Verbindung, als es ſonſt der Fall geweſen ſein möchte. Er erwartete ja Ulrich und beſchloß freundlich mit ihm auch hierüber zu ſprechen. Aber der junge Mann, der nicht wiſſen konnte, daß der Schloßherr ſchon ſo früh allein und zugänglich, erſchien nicht, und der Graf machte ſich endlich ungeduldig auf, ihn in ſeinem Zimmer aufzuſuchen. Er fühlte ſich auf⸗ geregt, ſeine Adern klopften, ſein Herz ſchlug hart und ſchnell. Er wollte die Entſcheidung und fühlte ſie nahe. Das Schloß war ſtill, wie immer um dieſe Zeit, als er die langen Corridore zu dem ziemlich entlegenen Gemach des Mündels durchſchritt. Aber er verſuchte umſonſt die Thür zu öffnen, und auch ſein Klopfen blieb vergeblich, Ulrich war nicht daheim; und mißmuthig und ungeduldig machte er ſeinen Weg zurück, dem Familienzimmer zu, ob 230 Die Kriſis. er ihn dort vielleicht finde. Ihn, was das Natürlichſte geweſen, bei ſeinem Sohn oder bei dem General zu ſuchen, daran dachte er nicht, da die barſch ablehnende Weiſe des Bruders am vorigen Abend ihn ernſtlich verletzt, ja erbittert hatte, und jeder Gedanke an Eckhard ihn ſeit dem darauf folgenden herben und traurigen Geſpräch mit finſterem Zürnen und faſt mit Haß erfüllte, ohne daß er ſich über den Grund eines ſo unnatürlichen Gefühls und über ſeine Berechtigung zu demſelben, zumal jetzt, Rechenſchaft zu geben verſuchte. So eröffnete er ungeduldig und erregt die Thür des ſchönen Gemachs und— blieb unwillkürlich und wie ge⸗ bannt auf der Schwelle deſſelben ſtehn. Den Geſuchten fand er auch hier nicht, aber am Fenſter vor Beatrix' Stickrahmen ſaß Regine, welche vor Kurzem die Tochter des Hauſes verlaſſen hatte. Sein Zögern währte nur einen Augenblick. Im näch⸗ ſten durchklang ein feſtes Wohlan! ſein Inneres, er ſchloß die Thür leiſe und näherte ſich dem jungen Mädchen mit ſeinem gewöhnlichen, gemeſſenen Schritt. Sie war, nach⸗ dem ſie aufſchauend, den Schloßherrn erkannt hatte, aufge⸗ ſtanden und verneigte ſich bei ſeinem Nahen mit geſenktem Blick und leiſem Erröthen. Als er vollends heran war, nahm er ihre Hand.„So häuslich beſchäftigt, mein theures Kind?“ fragte er mit ſanfter Stimme, und es klang ihr ſo warm und freundlich zu Herzen, daß ſie faſt dankbar bewegt zu dem ſtrengen Manne aufſah, der ja, ſo viel ſie wußte, ihr ganzes Ge⸗ Die Kriſis. 231 ſchick in den Händen hatte.„Laſſen Sie ſich aber durch mich nicht ſtören,“ fuhr er fort, indem er ſie galant die paar Schritte an ihren früheren Platz zurückführte, welche ſie zu ſeiner Begrüßung vorhin vorwärts gethan. Da zog er ihre Hand an die Lippen, und als er ſie dann leiſe ſinken ließ, ſprach er:„nun bitte, ſetzen Sie ſich, mein Kind, und ich will neben Ihnen bleiben. Ich ſehe Sie gern hier ſo häuslich beſchäftigt, wiederhole ich. Es läßt mich bemerken, daß es Ihnen auf Alt⸗Ruhneck gefällt, und ich kann mir dabei denken, daß Sie dieſen Platz mit Recht einnehmen, als eine Ruhneckerin, mein theures Kind. Es iſt der Platz meiner Frau, Regine. Die Selige hat in den zwölf Jahren, die ſie mich beglückte, wenig Tage erlebt, wo ſie nicht mindeſtens einige Stunden hier gleichfalls vor ihrem Rahmen zubrachte. Ich liebe dieſe Beſchäftigung. Man kann dabei ſo angenehm plaudern, aber auch ſo ernſt reden— wie das Herz es verlangt.“ Sie hatte ſeinem Wunſche gemäß, und auch weil ſie ein leiſes Zittern ihre ganze Geſtalt durchdringen fühlte, den früheren Platz eingenommen und die Nadel wieder er⸗ griffen. Sie wagte nicht auf und zu ihm hinüber zu ſehn, der ſich einen Stuhl herangezogen hatte und ſich nun auf demſelben niederließ. Er war bei den ſeltenen Gelegenhei⸗ ten, wo ſie allein mit einander verweilt, ſtets herzlich, faſt zärtlich ihr entgegengekommen, allein heut ſchien ihr aus ſeinem ganzen Weſen, aus ſeinem Aug' und ſeiner Stimme, aus den Worten ſogar, die er zu ihr redete, etwas ſo In⸗ niges, ſo— väterlich Sanftes und Liebevolles hervorzu⸗ 232 Die Kriſis. klingen, daß ſie ſich unbeſchreiblich bewegt, in ſüßer Angſt und Befangenheit kaum zu faſſen wußte. Es drängte das ſo zärtliche und hingebende, von Liebe erfüllte Kind ihm mit dem jubelnden Ausruf„Vater!“ zu Füßen zu ſinken und ihm mit der Liebe ihres ganzen Lebens das Glück zu danken, das er ihr ſo herzlich entgegen zu bringen ſchien. So hatte denn Eckhard alſo nicht nur geſprochen, ſon⸗ dern ſich auch mit dem Vater völlig verſöhnt und ſeine Einwilligung erhalten—?— Regine konnte das nicht aus⸗ denken. Sie ward glühend oth und vermochte kaum auf das zu achten, was der Vater des Geliebten— o fortan auch ihr eigener Vater!— weiter redete. Und es klang doch neben aller Innigkeit ſo ernſt! Und es war ihr, als ob ihr Glück näher und näher glänze— das nächſte Wort konnte es ihr verkünden! „Ich ſegne dieſen Zufall, der mich Sie allein finden ließ, Regine,“ ſagte er.„Ich mußte ſo viel, ſo innig, ſo von ganzem Herzen zu Ihnen reden, mein geliebtes Kind, und ſah es nur ungern, nur mit Qual noch verſchoben.— Sagen Sie mir zuerſt— wollen Sie mir recht offen, recht frei antworten, aus Ihrem ganzen lieben Herzen heraus?“ — Sie ſah auf und ihn an, es war der unbeſchreiblich innige, träumeriſch ſüße Blick aus dem tiefen, kindlich ſanf⸗ ten und frommen Auge, der in jener Stunde im großen Saal auch Eckhards erſte Frage beantwortet hatte. Und er genügte dem Grafen Rüdiger gleichfalls.„Hat Ihnen meine Schweſter ſchon ein Geheimniß geſagt, mein Kind?“ fragte er ſanft und beugte ſich leicht vorüber, ihr näher. Die Kriſis. 233 „Hat ſie Ihnen noch nicht mitgetheilt, daß— Sie ein Heimatsrecht in der Ruhneck haben, durch Ihre ſelige Mutter ein Kind unſeres Stammes ſind?“ Sie zuckte zuſammen und auf.„Herr Graf,“ rief ſie erregt und ſtreckte ihm die gefalteten Hände entgegen,„was ſagen Sie? O laſſen Sie mich alles— alles wiſſen! Sie ahnen nicht, wie ich meine Mutter liebe, von der ich doch ſo wenig erfahren konnte! Alles, was mir an Glück und Segen wird, möchte ich nur ihr allein danken, ihrer ver⸗ klärten Liebe, ihrem Aug', das noch immer ſegnend ihr ver⸗ waistes Kind behütet! Und nun— o Herr Graf, könnte ſie mir denn— von hier oder von dort— etwas Schöneres gewähren, als dieſe neue ſichere Heimat in einer Familie, in derjenigen, die mir in kurzer Zeit ſo theuer geworden, in der Ihrigen, Herr Graf? O reden Sie—!“— Er war aufgeſtandeu und lehnte ſich an das Tiſchchen vor ihr, und ſeine Augen ruhten mit mildem, lächelndem, bewegtem Blick auf dem holdſeligen, glühenden, ſchwärmeri⸗ ſchen Kinde.„Nein, nein,“ unterbrach er ſie,„das darf ich meiner guten alten Schweſter nicht zu Leide thun, die alſo, wie es ſcheint, noch nicht geredet hat. Sie iſt lange genug unglücklich geweſen, um dies Glück zu verdienen und ſelbſt zuerſt gegen Sie auszuſprechen. Ich ſehe freilich nicht ein, weßhalb ſie ſo lange damit zögert. Aber wenn Ihnen mein Haus eine ſo liebe Heimat, wenn Ihnen meine Familie ſo theuer iſt und ſo willkommen—“ fuhr er leiſer fort und holte tief Luft, ſein Geſicht röthete ſich, und durch die reichgeſtickte Atlasweſte ſah man ſein Herz klopfen, denn da — 234 Die Kriſis. er das Mädchen wahrhaft liebte, verließ ihn in dieſem Moment der Entſcheidung, die doch nur in Reginens Hand lag, der falſche Stolz und die falſche Sicherheit, und er ſah in banger Bewegung dem nächſten Augenblick und ihren Worten entgegen.„Wenn Ihnen mein Haus eine ſo liebe Heimat iſt, Regine,“ redete er noch einmal und ſein Auge ruhte feſt und doch zärtlich auf ihr,„ſo bleiben Sie darin als ſeine geliebte, hochgeehrte Gebieterin, als Gräfin Alt von Ruhneck,— als meine Gattin, Regine.“ „Herr Graf!“— Es war ein leiſer, halb erſtickter Schrei, ſie zuckte empor, wie eine Stahlfeder, ihr Auge blickte entſetzt auf den alten, ſichtbar tief und leidenſchaftlich bewegten Mann, von dem ſie ſo ganz, ganz andere Worte zu vernehmen gehofft, ſtatt dieſer furchtbaren! Und ihre Wange war ſo bleich wie das Tuch, das die fertigen Par⸗ tieen der Stickerei vor ihr verhüllte. Aber er achtete nicht auf dieſe Zeichen des tödtlichen Schrecks, er ergriff ihre Hand, die ſie nicht die Kraft, nicht die Ueberlegung hatte, ihm zu entziehn, und er ſprach dringend, innig, leidenſchaftlich weiter:„Ich bin nicht jung mehr an Jahren, Regine, mein geliebtes Kind, aber mein Herz iſt jung, ich habe ſeine Gefühle nie vergeudet. Ich habe ſie niemals einem andern Weſen geweiht als der Ver⸗ ſtorbenen und glaubte, niemand würde ſie noch einmal er⸗ wecken können. Da hab' ich Sie kennen gelernt, Regine, und wie Sie nun ſind, blieb mir keine andere Wahl, als vor Ihnen zu fliehen oder Sie zu lieben, wie es ein Mann vermag. Der Luſt kann ich Ihnen nicht viel bieten— ich Die Kriſis. bin am Ende immer ein alter Mann; aber Ihr ernſter, frommer, ſchöner Sinn ſteht ja auch nicht auf dergleichen, wie ich zu meiner unſagbaren Freude täglich beſſer erkannte. Allein ein Leben voll Liebe und Ehre, voll reinen Glücks, voll reichen Segens—“ Reginens Herz zog ſich immer krampfhafter zuſammen, ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe, ſo erſchütterten und entſetzten ſie dieſe Worte des alten, hoch und wahrhaft von ihr verehrten Mannes. Sie wußte ſich keinen Rath und keine Hülfe. Sie konnte das nicht länger hören und ver⸗ mochte doch keinen Laut von ſich zu geben, und er hielt ihre Hand ſo heiß umfaßt!— Da ging, zugleich mit ſeinem letzten Wort, die Thür auf, und Eckhard trat ins Gemach. Und Regine riß ſich los von der Hand des Grafen, ſie flog mit einem lauten, verzweiflungsvollen Schrei dem Eintretenden entgegen, in ſeine Arme, an ſein Herz, und verbarg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt und rief, wie in Todesangſt flehend:„rette mich vor dieſen furchtbaren Worten, Eckhard, mein einziger Geliebter!“ Der junge Mann erhob ſeine Augen, in deren Blick ſich die Beſtürzung über Reginens ſichtbares Entſetzen mit einem finſteren zürnenden Drohen zu miſchen begann, von der bebenden, zitternden Geliebten zu dem Vater, der wie eine Bildſäule noch auf ſeinem Platze ſtand und ſtarren Blicks die Flucht Reginens, ihr Hinſtürzen an die Bruſt des Sohnes beobachtet, ihren letzten Ruf vernommen hatte. Im nächſten Augenblick machte er eine raſche, ſtolze Be⸗ 236 Alt⸗Ruhnecks Ende. wegung vorwärts, aber als er kaum zwei Schritte gethan, zuckte es durch ſein dunkel geröthetes Geſicht wie ein jäher wilder Krampf, und er ſtürzte plötzlich, ohne Laut, in ſich zuſammen. XIII. Alt⸗-Ruhnecks Ende. Es war ſelbſt auf der Ruhneck noch niemals ſo un⸗ heimlich, ſo lautlos ſtill geweſen, wie in den Tagen, die Graf Rüdigers Unfall folgten. Auch in den entfernteſten Theilen des weitläufigen Schloſſes flüſterte man nur und trat ſo leiſe auf wie möglich; auf den Höfen, in den Ställen und Speichern gingen die Menſchen ernſt und ſchweigend ihren Geſchäften nach, und in den Corridoren und Ge⸗ mächern, welche zunächſt an die Wohnräume des Schloß⸗ herrn ſtießen, wurde auf den ausgebreiteten dichten Teppichen und Matten kein Schritt vernehmbar, und man redete dort mehr mit Zeichen und Mienen, als mit wirklichen, auch noch ſo leiſen Worten.. Der Schlagfluß, der den Grafen zu Boden geworfen, war nicht augenblicklich tödtlich geweſen. Als man ihn aufgehoben und ins Bett gebracht hatte, kehrte wenigſtens eine Art von Leben in die zuerſt regungsloſen Glieder und Geſichtszüge zurück, aber das Bewußtſein fehlte anſcheinend Alt⸗Ruhnecks Ende. gänzlich und in den unſtäten, bald ſtarren, bald matten Blicken zeigte ſich nichts, was auch nur im entfernteſten darauf hindeutete, daß er irgend eine Ahnung davon hatte, wer an ſeinem Lager weilen möchte, was um daſſelbe her ge⸗ ſchah. Der Arzt des Fleckens, der ſogleich erſchienen war, hatte nur ſehr wenig Hoffnung auf Beſſerung zu geben vermocht, ebenſo ſprach ſich ſein berühmterer College aus, der aus Thalingen geholt, noch am ſpäten Abend eintraf. Die verſuchten Mittel hatten keinen ſichtbaren Erfolg, der Zuſtand blieb von Tag zu Tag der gleiche, da die ein paarmal auftauchenden leiſen Spuren eines aufdämmernden Bewußtſeins jedesmal faſt ſchon nach einigen Minuten wieder verſchwanden, und die Aerzte verhehlten es der Familie bald nicht mehr, daß ihr anfängliches Urtheil leider das richtige geweſen und an eine Rettung nicht mehr zu denken ſei. Das Leben möchte noch eine Zeitlang zu erhalten ſein, lau⸗ tete ihr endlicher Ausſpruch; das volle Bewußtſein werde aber nie wieder zurückkehren und der Geiſt vielleicht bis ans Ende geſtört bleiben. Sie verſuchten, was möglich war, dem Kranken ſeine ſichtbar großen Leiden zu erleich⸗ tern, und verordneten im Uebrigen die tiefſte Ruhe und Stille. Er ſollte, wenn ja noch einmal das Bewußtſein aufdämmere, durch nichts geſtört und erregt werden. Agnes Rudhard und ein alter Diener theilten ſich in die Bewachung des Unglücklichen und in die wenige wirk⸗ liche Pflege, die man anzuwenden vermochte. Die alte Frau hatte ſich auf die erſte Nachricht von dem Unfall augen⸗ blicklich herüber tragen laſſen und war ſeitdem nicht von 238 Alt⸗Ruhnecks Ende. ſeinem Lager gewichen, als wenn ſie ſich hie und da ins Vorzimmer führen ließ, um den nachfragenden Familien⸗ gliedern Nachricht von dem Zuſtande des Grafen zu geben und, zumal mit der Baronin, dies und jenes zu bereden. „Seit ſechzig Jahren iſt auf der Ruhneck kein Sterbe⸗ lager geweſen und keine Wiege geſchaukelt worden, an denen ich nicht geſeſſen,“ ſagte ſie ernſt, als die Baronin und der General ſie ſich zu ſchonen baten.„Meine Hand hat Rü⸗ diger und Euch, Herr General, zugleich und zuerſt in eure Wiege gelegt, ich habe euren erſten Schlaf bewacht, und nun ſollt ich von dem hier fern bleiben, der jetzt ſeinem letzten entgegengeht? Das iſt euer Ernſt nicht, und ſelbſt dann — ich ließe mir mein Recht ſelbſt von euch nicht nehmen. Laßt mich meine Pflicht thun, ſo gut ich alter Stümper es kann, und geht euren Sorgen und Geſchäften nach, Kin⸗ der,“ hatte ſie bewegt hinzugeſetzt.„Nur Eins leg' ich euch ans Herz— ordnet's menſchlich und chriſtlich liebevoll. Wenn der Rüdiger noch von ſich wüßte— all die Strenge und der Stolz und die Eigenmacht wären ihm kein weiches Sterbekiſſen.“— Die Geſchwiſter drückten ihr ſcheidend warm die Hand und ließen ſie fortan gewähren. Von auswärts, von den zur Herrſchaft gehörenden Ortſchaften und Weilern, von Neu⸗Ruhneck herüber, deſſen Verwaltung Graf Rüdiger während des Bruders langer Abweſenheit ſtets geleitet, zeigte ſich die Theilnahme, ja die wahrhafte Trauer der Untergebenen über den drohenden Verluſt des Gebieters unverhohlen und im hohen Maße. Alt⸗Ruhnecks Ende. 239 Von weither kamen die Boten, über ſein Befinden Kunde einzuholen, und die Höfe und die Hallen des Schloſſes wurden tagelang nicht leer von den Bewohnern des Fleckens, von den Dienern des befreundeten Adels der Umgegend. Graf Rüdiger war, wie wir ſchon hörten, ſein Lebenlang ein ſtrenger, aber ſtets ein gerechter, nie ein harter Herr geweſen und hatte immerdar ein ſcharfes Auge auf das Wohl⸗ ergehn ſeiner Unterthanen gehabt. Von all den Quälereien, denen die Angehörigen ähnlicher Herrſchaften damals noch häufig unterliegen mußten, war während ſeiner Regierung nie die Rede geweſen, und es war überall Schonung und Nachſicht geübt worden, wo ſie verdient wurde, wo ſie möglich war, ohne wilrkliche Beeinträchtigung der Herr⸗ ſchaftsrechte. Und wie bei den Bewohnern der Grafſchaft war es auch bei den Dienern des Hauſes, alle ſahen mit ernſter tiefer Trauer ſeinem Verluſte entgegen. In der Familie war es leider anders. Der Herr, der denen da draußen genügte und ſie beglückte, hatté hier ſtets den Vater vermiſſen laſſen, und wie trüb und ernſt ſie auch dem Kommenden entgegenſchauten, der tiefe, nie⸗ mals wieder ganz überwundene Schmerz, der Kinder und Geſchwiſter am Sterbelager des Vaters und Bruders er⸗ greift, beherrſchte in ſeinem vollen Maße nicht einen von den Angehörigen des Grafen. Der Einzige, der hin und wider ſichtbar mit der finſteren Trauer zu ringen hatte, war der Zwillingsbruder, der General; aber er war auch wieder, möchte man ſagen, mit dem Tode zu vertraut und gegen den Anblick des Leidens und Sterbens zu abgehärtet, 240 Alt⸗Ruhnecks Ende. um ſich nicht ſtets bald wieder aus ſeinem Schmerze auf⸗ zuraffen und den Geſchäften und Sorgen zu widmen, die hier noch mehr und ſchneller, als in andern ähnlichen Fällen, auf die Hinterbleibenden einſtürmten. Nach der erſten Betäubung durch die jäh ſich folgenden Schrecken, die wir am Schluß des vorigen Kapitels zu ſchildern verſucht, hatte Eckhard ſich mit voller Kraft auf⸗ gerafft, um auf's ernſteſte und vollſtändigſte den ihm ploͤtz⸗ lich auferlegten Pflichten ſeiner neuen Stellung zu genügen und daneben auch das zu erfüllen, was Herz und Gefühl unabweislich von ihm verlangten. Da in der Familie der Ruhneck die Söhne mit dem einundzwanzigſten Jahre groß⸗ jährig wurden, ſah der junge Mann durch den Unfall des Vaters ſich mit einemmale aus der beſchränkteſten Lage auf die höchſte Stelle, zum Haupt ſeiner Familie erhoben und in einen Kreis von Pflichten und Geſchäften verſetzt, denen er vom Vater bisher auf das peinlichſte fern gehalten war, deren ganzen Umfang er erſt nach und nach überblicken zu können hoffen durfte, während doch vieles vorlag, was keinen Aufſchub vertrug. Er ſollte im Lande und in der Familie ordnen, beſtim⸗ men, entſcheiden, und wußte ſo häufig nicht, wie er es im Sinne deſſen thun ſollte, der noch athmend dalag, und fühlte ſich auf das tiefſte durch den Gedanken ergriffen, daß man den ſterbenden Gebieter auch um deſſentwillen und am ſchmerzlichſten betrauern werde, weil etwa ſein Erbe ſich unfähig erwies, die Herrſchaft in alter, ſchlichter, ernſter und gerechter Weiſe fortzuführen— wie leicht auch an⸗ Alt⸗Ruhnecks Ende. 241 ſcheinend unwürdig der alten Liebe und Verehrung, welche die Unterthanen für die Familie bisher immer bewahrt hatten! Und er fand ſo wenig guten Rath, ſo wenig wirk⸗ liche Unterſtützung! Graf Rüdiger war Autokrat geweſen im ſtrengſten Sinne des Worts, und die alten Diener und Beamten der Herrſchaft hatten ſich faſt immer darauf be⸗ ſchränken müſſen, den Willen des Herrn zu erfahren und auszuführen, ohne die Gründe desſelben und die Trieb⸗ federn ſeines Handelns jemals kennen zu lernen. Der Stallmeiſter Rudhard, der dieſen Dingen eigentlich am allerfernſten ſtand, war dennoch und in der That der ein⸗ zige, gegen den der Sterbende zuweilen ſich offener hatte gehn laſſen, mit dem und deſſen Gattin er hie und da einge⸗ hend über ſein Denken und Handeln, über ſeine Abſichten und Pläne geredet. Und beide, wiſſen wir, waren dem jungen Gebieter treulich ergeben und überall bereit, ihm nach beſten Kräften zu dienen. Er bedurfte aber auch der Unterſtützung der alten Frau in vollem Maße, und es war hauptſächlich ihrem ernſt und verſtändig, liebevoll und unabweislich vermittelnden Einfluß auf alle wirklichen Familienglieder nicht nur, ſondern auch auf die, welche noch nicht völlig zum Hauſe gehörten, und ihrer ganz eigenthümlichen Stellung beizumeſſen, welche ſie ſeit vielen Jahren zur Vertrauten faſt aller Bewohner der Ruhneck und aller noch ſo geheimen Seelen⸗ und Herzens⸗ regungen derſelben gemacht hatte, daß jetzt die traurige Zerriſſenheit in der Familie mehr und mehr verſchwand, daß alle nachſichtiger und milder als je, mit vollem Ernſt be⸗ Hoefer, Ruhneck. 16 1 242 Alt⸗Ruhnecks Ende. ſtrebt waren, alle noch vorliegenden mißlichen und zweifel⸗ haften Zuſtände ſo ſchnell und ſo friedlich zu ordnen, wie es möglich war. „Es iſt Frieden überall, laßt ihn auch uns haben!“ ſprach der General trübe.„Der Einzige, der ſich ſein er⸗ wehrte, obſchon auch er ſein Lebenlang darnach verlangt, ſtört ihn ja nicht mehr.“ Und die Baronin verſetzte faſt traurig:„an mir ſoll's nicht fehlen, mein Theurer! Ich weiß es ſelber am beſten, wie bedürftig der Menſch des Glücks und des Friedens und wie ſchmerzlich es iſt, wenn man immer vergebens darnach ausſieht.“ Doch ſo, daß der Bruder es nur allein hörte, ſetzte ſie hinzu: „das alles iſt freilich anders als es vordem geweſen und geſchehn wäre. Aber was thut's? Wir Alten müſſen den Jungen Platz machen, und unſere Sitten und Anſichten den ihren. Vielleicht geht's ihnen beſſer mit der Milde und Liebe, als uns mit unſerer Strenge und Starrheit.'s ſoll mich nur wundern, ob auch die alte Ruhneck ſelber heiterer darein ſchaut, wenn erſt junges und friſches Glück in ihr haust!“ „Wir müſſen zur Erklärung dieſer Worte hinzuſetzen, daß in der alten Dame, als in dem Bruder ihr Haupt⸗ gegner ihr weggenommen war, zuerſt die ſchon beſiegten Skrupel gegen Eckhards Verbindung mit Reginen und dazu noch neue gegen den Bund des andern Paars wieder wach geworden und erſt nach langen Verhandlungen mit Agnes gewichen waren. Im Sinn der alten Ruhnecker wären beide Verbindungen, zumal nachfgnn Vorausgegan⸗ Alt⸗Ruhnecks Ende. 243 genen, unmöglich geweſen, dabei blieb die Baronin. Aber es gäbe ja außer ihr ſelbſt auch keine alten Ruhnecker mehr, ſetzte ſie hinzu; der General ſei in all ſeinen Kriegsjahren der Heimat und Familie entfremdet worden und ganz und gar ein Kind der neuen philoſophiſchen Zeit, die ſein Ab⸗ gott, Friedrich der Große, heraufgeführt habe. Regine ging umher wie eine Träumende, ſie fühlte ſich ſo reich, als ſtehe ſie mitten in einem jener geheimnißvollen Räume, von denen uns die Märchen berichten— von einem magiſchen Licht erhellt, erfüllt mit den edelſten und präch⸗ tigſten Schätzen aller Länder der Erde, und das alles ſei das ihre, und die hütenden Geiſter beugen ſich vor ihr als ihrer Gebieterin! Aber durch dieſen Traum, durch all den Glanz und die Pracht zog ein bald wilder, bald ſchwer⸗ müthiger Klang, der ihr das Herz zuſammenſchnürte, und eine Geſtalt ſchwebte finſter und mahnend vorüber und ſtörte ſie auf aus der Ruhe und dem Frieden ihres jungen Glücks. Das, was ſie mit Graf Rüdiger erlebt hatte, war dem Kinde wie ein Wehen des Todes ans Herz getreten; nicht Stunden, ſondern mehrerer Tage hatte ſie bedurft, um ſich in den ſchirmenden treuen Armen der Ihren, in der belebenden, erwärmenden Kraft ihrer Liebe ſo weit zu erholen, daß ſie der neuen Zuſtände, ihrer ganz veränderten Stellung ſich klar und innig bewußt wurde und das Glück und den Segen demüthig als ein Wirkliches, als ihr Eigenes anzunehmen und zu glauben wagte. Die Baronin, welche faſt im gleichen Augenblick mit dem Zuſammenbrechen des Bruders das Familienzimmer 244 Alt⸗Ruhnecks Ende. betreten und auf den erſten Blick begriffen hatte, was hier vorgefallen, ließ ſich kaum Zeit, auf des beſtürzten Eckhard fliegende Worte zu hören. Sie nahm das ohnmächtig ge⸗ wordene Kind in ihre Arme, ließ es hinübertragen in die Sainte Barbe, auf ihr eigen Bett, und wich nicht von ſeiner Seite, bis Regine wieder zum Bewußtſein kam und das Köpfchen feſt an die ſtarke, treue Bruſt der Alten geſchmiegt, umfaßt und beſchirmt von den Armen derſelben, allen Schmerz, alle Qual, alles Entſetzen, alles, was die ver⸗ gangene ſchwere Stunde über ſie gebracht, in heißen Thränen ausweinen konnte. Da hatte die Baronin ihr von ſich ſelbſt und Reginens Mutter erzählt und darin ihr den beſten Troſt gegeben, den ſie jetzt für ſie finden konnte. „Und ſo, mein Liebling,“ ſchloß ſie ihre lange Mit⸗ theilung,„nimm, was dich eben erſchüttert, als die letzte Scene deines bisherigen ſchutzloſen, verwaisten Daſeins. Jetzt iſt alles anders, und du beginnſt wahrhaft ein neues Leben, nicht mehr verwaist, nicht mehr heimatlos, nicht mehr ſchutzlos allein in der Welt. Was geſchah, wird dich fortan nicht mehr ängſtigen, ich bin dir gut dafür. Verzeihe du meinem alten thörichten Bruder, und ich will ihm, ſo⸗ bald man wieder mit ihm reden kann, den Kopf einmal ordentlich zurechtſetzen. Er muß dich, er muß auch Eckhard, ſeinen Sohn, mit anderen Augen anſchauen lernen und be⸗ greifen, daß die Jugend uns Alten gegenüber auch Rechte hat, denen wir endlich doch weichen und nachgeben müſſen. Ich kenne deine Liebe, Kindchen,“ ſetzte ſie freundlich hinzu und hob das erglühende Geſicht Reginens von ihrer Bruſt und 9 —, b . 4 V Alt⸗Ruhnecks Ende. 245 ſchaute lächelnd in die ſchüchternen Augen,„und ich glaube faſt— ſie billigen zu dürfen. Eckhard gefällt mir. Ich fange an, ihn für würdig zu halten, mein eben wieder er⸗ langtes Kleinod zu bewahren und zu ehren.“— „Aber darf er denn an mich, darf ich an ihn jemals wie⸗ der denken, o— Großmutter?“ brach das Mädchen aus und preßte im erneuerten Schmerze die Hände vor die Augen. „Kann er, kann ich es je vergeſſen, je überwinden, daß es ſein Vater iſt, der ſo zu mir geredet? Können wir jemals glücklich zu ſein wagen vor den Augen, die ſo auf mich ſahen?“ Die Baronin ſah ſie kopfſchüttelnd an und ſtrich lieb⸗ koſend über ihr weiches Haar, bevor ſie endlich, halb vor ſich hin, ſagte:„ja, der Rüdiger iſt ein grauſamer Thor geweſen, und ich war auch nicht klug, als ich dem General nicht folgen wollte!— Genug,“ brach ſie dann ab,„für ihn wird's eine heilſame Abkühlung ſein, und für mich iſt's eine gute Lehre. Und nun wirf die Schwächlichkeit ab und hebe den Kopf auf, mein Mädchen, wie ſich's für meine Enkelin geziemt. Wir Ruhnecker dürfen nicht ſchwach ſein, Kleine. Ich ſehe es aber ein, hier bleiben dürfen wir nicht und wollen es auch nicht, und auch für Eckhard wird eine längere Entfernung das beſte ſein. Mein Bruder muß ſich. in der Stille faſſen und wird's, ich kenne ihn, er iſt ſchon noch ſtark genug. Und verlaß dich auf das Wort deiner Großmutter, mein Liebling— wenn er ruhig und ver⸗ nünftig geworden, ſieht er ſeinen Sohn und dich mit an⸗ deren Augen an und ſegnet eure Liebe, wie ich es ſchon 246 Alt⸗Ruhnecks Ende. jetzt und von Herzen thue.— Nun will ich aber nach ihm ſehn, wir hören ja gar nichts von drüben.“ Wir wiſſen ſchon, daß ſie anderes erfuhr, als ſie er— wartet hatte, und daß ihre Abreiſe durch des Grafen Zu⸗ ſtand unmöglich gemacht wurde. Noch mehr als ſie ſelbſt wurde Regine dadurch erſchüttert, die in ihrer jetzigen be⸗ wegten, noch bebenden Stimmung alles Geſchehene faſt wie eine eigene ſchwere Schuld empfand. Es gingen Tage hin, wiederholen wir, wo ſie Eckhard kaum anzuſchauen, kaum ein Wort ihm zu erwidern wagte und ſich ſcheu und angſt⸗ voll jeder Aeußerung ſeiner Liebe entzog. Es kam dazu, daß grade in dieſen Tagen auch Eckhard ſelbſt, der erſt durch die Tante von den Vorgängen jener Morgenſtunde und des Vaters Abſichten vollſtändig unterrichtet wurde, ihr befangener und trüber begegnete als bisher; konnte doch auch er ſich nicht frei fühlen von den Gedanken an das, was ihnen gedroht hatte und auf ſolche Weiſe von ihnen genommen werden mußte! Und endlich herrſchten, gleichfalls in dieſen Tagen, jene neuen, von uns erwähnten Skrupel gegen die Verbindung in der Baronin und ließen dieſelbe der Scheu und Zurückhaltung ihrer Enkelin nicht begegnen, bis— wir haben auch das ſchon erwähnt— Angnes hier wie überall das Beſte that und Klarheit und Frieden in aller Herzen wach zu rufen wußte. Wie ſie es erreicht, wußte niemand außer den Bethei⸗ ligten, und vielleicht wurden auch dieſe ſelbſt ſich nicht klar darüber; aber die Baronin konnte endlich zum General ſagen:„an mir ſoll's nicht fehlen!“ und zu Reginen:„richte „„.„ Alt⸗Ruhnecks Ende. 247 den Kopf auf, Kleine! ‚Ruhneck oben!“ iſt unſer Wahl⸗ ſpruch, dem auch du fortan nachleben mußt. Es wird alles gut werden, ihr dürft glücklich ſein. Die Agnes iſt glorios, ſie redet mit— ſind's Engel- oder Schlangenzungen?— und kann Steine erweichen!“ Und Regine ſelbſt, die, wie ſich das von dieſen beiden Naturen begreifen läßt, der alten Frau aus dem Stein⸗ hauſe ganz zu eigen geworden war und dieſelbe auf gleiche Weiſe ſich zu eigen wußte, erhob endlich wieder ihr Köpf⸗ chen und ſchlug ihre Augen immer weniger ſcheu, immer weniger bangend, innig und vertrauend nicht mehr nieder vor Eckhards aufleuchtendem, leidenſchaftlich zärtlichem Blick. Nichts und niemand wider die Liebe!— Und es war am zwölften Tage nach jenem furchtbaren Morgen, am ſechsten April, und in der Stunde, die der Mittagsmahlzeit folgte,— Antoinette hatte ſich nach einem ſchelmiſchen Blick auf die Uebrigen an den Arm der Baronin gehängt und die alte Dame mit ſich in den großen Saal entführt, wo ſie über eine der Ahnfrauen des Hauſes Aus⸗ kunft haben wollte, deren Bild ihr ganz beſonders gefiel, und der General hatte ſich dem Paare angeſchloſſen— da ſtanden auf dem kleinen Balkon, der vor der Fenſterthür angebracht war und faſt über die jetzt wirklich grünende „Mulde“ hinaushing, Regine und Eckhard zum erſtenmale, im vollſten, innigſten Verſtehen, Hand in Hand und Aug' in Aug', und wußten’'s und ſprachen's aus, daß ſie ſich ge⸗ hörten und einander gehören müßten und wollten für alle Erdenzeit. Und ihre Worte waren voll Glück und Segen, 248 Alt⸗Ruhnecks Ende. und der Himmel glänzte blau über ihnen, und die Sonne ſtrahlte golden, es war alles Frieden umher und Ruhe und feiernde Stille. Vom Thal drunten ſchallten die ſchweren Schläge des Kupferhammers dumpf und vernehmbar durch die ruhenden Lüfte herauf. Hinter ihnen, in einer Fenſterniſche des Saals ſtand noch ein Paar, das hatte ſich, obſchon Beide in den letzten Tagen nicht mehr die inneren Kämpfe zu beſtehn hatten, wie Eckhard und Regine, gleichfalls heute zum vollen, in⸗ nigen Verſtehn zuſammengefunden. Beatrix' und Ulrichs Stellung war eine klare und, da von allen dazu Berech⸗ tigten niemand Einſpruch that, auch eine feſte und ſichere. Wie Eberhard ſich benommen, war Beatrix äußerlich noch freier als in ihrem Herzen, in welchem, was ſie bisher für ihre träurige Pflicht gehalten, ſo ſchnell nicht verklingen konnte. Aber auch in ihm gewann die Liebe bald den Sieg, um ſo mehr, da niemand, wie geſagt, auch nur einen mißbilligenden Blick dagegen hatte, und Ulrich in den Augen aller ſo hoch ſtand, wie kein anderer Mann. Eckhard hatte auf ſeines Vaters Schreibtiſch einen vollendeten Brief an den Treuloſen gefunden, der mit ru⸗ higem, feſtem Ernſt demſelben die Entſcheidung ausſprach. „Es iſt möglich,“ hatte der Graf geſchrieben,„daß die ganze Sache ſich anders verhält, und daß Ihr, ſchwankend für jetzt, Euch noch ermannen und den wirklichen Bruch vermeiden wolltet. Aber derjenige, dem ein Ruhneck ſein Kind anvertrauen ſoll, darf weder ſchwanken, noch darf der Alt⸗Ruhnecks Ende. 249 Vater an ihm zweifeln. Ich ſpreche hiermit meine Tochter von ihrem Euch gegebenen Worte frei.“ Das Schreiben war nach einer Berathung Eckhards mit den älteren Verwandten abgeſendet worden, und der Erſtere hatte darauf auch mit der Schweſter und dem Freunde auf das eingehendſte und herzlichſte geredet. „Du weißt es längſt,“ hatte er ſchließlich zu Ulrich mit einem warmen Händedruck geſagt,„wir haben von Jugend auf niemals Grund gehabt, an einander zu zwei⸗ feln, und wenn meine Schweſter das Glück von meiner Hand annehmen will— ich biete es ihr von ganzem Her⸗ zen dar.“— Einige Jahre Aufſchub mußte ſich das junge Paar, der ‚Welte wegen, freilich noch gefallen laſſen, aber beide waren jung und einander treu zu eigen. Beatrix lebte auf in dem neuen Glück, dem vollen Herzensfrieden, ſie war nie ſo ſchön geweſen wie jetzt, wo die Liebe die Kälte aus ihren Mienen, die Bläſſe von ihren Wangen ſcheuchte. Ulrich freilich litt noch immer unter dem Druck, den ihm ſeines Bruders ſchwaches und charakterloſes Benehmen ge⸗ geben hatte. Aber auch in ſeinen Augen zeigten ſich, zumal beim Anblick der Geliebten, zuweilen ſchon wieder Spuren der alten ſchönen Jugendluſt.— Die Trauer um den ſter⸗ benden Vater umhüllte freilich alle mit einem leiſe däm⸗ pfenden, ernſten Schleier, aber ſie diente dazu, ſie das be⸗ ginnende Glück auch für dieſen Schmerz als Erſatz und nur um ſo reiner, ſchöner und voller empfinden zu laſſen. So ſtanden die draußen und die drinnen, in einander 250 Alt⸗Ruhnecks Ende. verſunken, als die Thür raſch geöffnet wurde und ein Diener mit einer Botſchaft des Arztes an Eckhard eintrat. Es bereite ſich bei dem Grafen etwas Entſcheidendes vor, ließ der Arzt melden, das Bewußtſein ſei anſcheinend völlig zu⸗ rückgekehrt, obſchon Sprache und Bewegung fehle. Er zweifle aber, daß dieſer Zuſtand von Dauer ſein werde und meine— ſetzte der alte Diener ſtockend hinzu— das Ende werde hiernach raſch kommen. Die jungen Leute brachen erſchüttert ſchnell auf und trafen unterwegs mit den Anderen zuſammen, welche im Saal die gleiche Nachricht erhalten hatten. Vereint betraten ſie das Sterbezimmer. Sie fanden es, wie der Arzt ver⸗ kündigt— der Kranke wachte und erkannte ſie alle. Sein Auge ging ſtill und klar von einem zum anderen. Der General trat zu ihm und küßte, ſich über ihn beugend, die bleiche Stirn.„Der Herrgott ſtärke und be⸗ hüte dich, Alter!“ ſagte er, indem er ſich erſchüttert wieder aufrichtete. Ein Blick des Sterbenden dankte ihm, dann aber wandte ſich das Auge langſam, aber unverkennbar zu Eck⸗ hard und Beatrix, zu Reginen und Ulrich und blieb endlich auf dem ſtarren Geſicht ſeiner Schweſter haften, als wolle er ſie auffordern zu reden. Und ſie verſtand ihn und ſprach, und die alte ſtarke 3 Frau war ſo ergriffen, daß ihre Worte kaum vernehmbar wurden:„ich wußte es ja, Bruder, du würdeſt nur in Frieden von uns gehn wollen und uns allen auch Frieden —— Alt⸗Ruhnecks Ende. 251 hinterlaſſen. Segne deine Kinder, wie ſie und wir dich ſegnen.“— Die beiden Paare hatten ſich leiſe und unwillkürlich zuſammengefunden und ſtanden Hand in Hand vor dem Lager. Das Auge des Grafen ging wieder langſam und ernſt von einem zum andern, aber als es auf Reginens Geſicht weilte, war es faſt, als wolle ein leiſes, leiſes, mildes Lächeln in ihnen aufleuchten. Das währte aber nur einen Augenblick, dann ſchloſſen ſich die Lider, durch die bis dahin noch immer gleichſam erſtarrten Züge zog eine leichte Bewegung, vor der ſich ſichtbar ihr ruhiger Ernſt milderte, und als Eckhard ſich bald darauf zum Vater niederbeugte, um ſeine Hand zu küſſen, glaubte er's an den Athemzügen zu ſpüren, daß der Kranke ſchlief. Der Arzt trat auf ſeinen Wink heran und beobachtete ernſt und lange den Zuſtand des Grafen. Dann winkte er ſich aufrichtend die Anweſenden ins Vorzimmer hinaus und ſagte dort zu ihnen:„der Herr Graf wird nicht wie⸗ der erwachen. Bleiben die Herrſchaften hier, denn es geht ſchnell zu Ende, und zwar, durch Gottes Gnade, leicht und friedlich.“ Er trat ins Krankenzimmer und ans Bett zu Agnes zurück. Die Uebrigen hielten ſich ſchweigend im Vorzimmer, deſſen Thür geöffnet blieb. Es war niemand unter ihnen, deſſen Augen und Gedanken ein anderes Ziel hatten als den, deſſen Athemzüge nach und nach immer hörbarer und röchelnder zu ihnen herüberklangen. Es wurde dämmerig in den Zimmern, und aus der 25² Alt⸗Ruhnecks Ende. Luft draußen verſchwand der Sonnenglanz, allein es achtete keiner darauf. Nur die Baronin trat einmal ans Fenſter und ſchaute flüchtig nach den dunklen ſchweren Wolken, welche wie neulich, nach mehreren wundervoll ſchönen, faſt ſommerlich warmen Tagen ein jähes Ende derſelben drohten und immer höher und höher über die das ‚Moos' begren⸗ zenden Berghöhen emporquollen. Dann kehrte die alte Dame aber ſtill und leiſe zu ihrem Platze zurück und ſtützte ſchwermüthig das Haupt feſt in die Hand. Die Athemzüge wurden röchelnder und kehrten in immer längeren Pauſen wieder, mehrfach übertäubt vom bereits nahe rollenden Donner. Die Uhr auf dem Eck⸗ tiſchchen ſchlug hellklingend Fünf, da ſah Eckhard des Arztes haſtigen Wink und eilte mit den andern wieder an das Lager. Der General ſchritt zur Thür, öffnete ſie und ließ die dort harrenden alten Diener und Beamten des Hauſes eintreten. Darauf erſt folgte er den Seinen. Eckhard ergriff die Hand des Sterbenden, der General beugte ſich nochmals auf die bleiche, kalte Stirn; beide fühl⸗ ten ein leichtes Zittern in dem ſonſt regungsloſen Körper, und als ſie ſich langſam aufrichteten, war das Leben aus der Hülle für immer entflohen. Die Züge des Generals zogen ſich düſter zuſammen und man bemerkte ohne Mühe, daß er erſt nach einem kurzen Zögern einen Schritt gegen Eckhard vortrat, ihm die Hand bot und ſprach:„ſo ſei uns denn willkommen als Herr und Graf Alt von Ruhneck, mein Sohn. Sei du —,—— Alt⸗Ruhnecks Ende. 253 uns getreu, ſo wollen wir auch dir getreu ſein. Ruhneck oben!“ Laut klang das kecke Wort im bisher todtenſtillen Ge⸗ mache wieder, aber auf den Mienen der Beamten und Diener zeigte ſich dabei dennoch eine Art von Unbehaglich⸗ keit oder gar Beſtürzung, denn der General hatte, wie ſie alle wußten, die alten Begrüßungs⸗ oder Einſetzungsworte für den neuen Gebieter gar ſehr verändert. Sie ſahen ein⸗ ander an, der Rentmeiſter trat vor— Die Baronin und alle zuckten mit der Hand nach den Augen, ſo grell war der Blitz, der herabſchoß und das Gemach mit blendendem Licht erfüllte, und der Donner rollte mit betäubendem Schlage hinterdrein, ſo daß für eine Weile keiner der Anweſenden eines Lautes mächtig war. Im nächſten Augenblick hörten ſie jedoch ſtürzende Schritte den Corridor entlang kommen, ein Diener zeigte ſein leichen⸗ blaſſes Geſicht an der noch offen ſtehenden Thür und flü⸗ ſterte dem zunächſt Stehenden etwas zu, was ſich raſch bis zum Kreiſe der Familie fortpflanzte. Und ſtatt der Worte, die er etwa im Sinne gehabt, redete der Rentmeiſter zu Eckhard:„gnädiger Herr, der Blitz hat am Kapellenthurm gezündet, und das Feuer durchfliegt bereits den ganzen neuen Bau.“. Er hatte noch nicht ausgeſprochen, als ein anderer Diener herbeieilte.„Es brennt auch hier nebenan, im Mittelbau,“ meldete er haſtig.„Die gnädige Herrſchaft kann nicht mehr durch den großen Saal.“ 254 Alt⸗Ruhnecks Ende. Eine Bewegung des Schreckens ging durch die Reihe der Anweſenden; ſelbſt die Baronin ſah bleich aus. Da richtete Eckhard ſich auf und ſah feſten Blicks umher.„Onkel,“ ſagte er dann kurz,„Sie übernehmen die Leitung der Löſchanſtalten. Ich will die Leiche des Vaters und unſere arme Agnes in den Thurm am Waffen⸗ hof hinüberbringen laſſen, wo keine Gefahr für ſie ſein wird. Die Damen folgen mir. Ihr, Breuning und Rudhard, ſorgt dafür, daß die Familien⸗Urkunden und Kleinodien gerettet werden. Sie ſind hier nebenan, im Kreuzzimmer. Schlagt die Thür ein. Ich bin ſogleich wieder bei euch, Kinder.“ Und wie er befohlen, geſchah es in Ordnung und Ruhe, und ſie brauchten auch nicht ſo ſehr zu ſorgen und zu eilen, denn dieſer alte Bau war zu feſt, um ihren Weg hinaus abzuſperren oder zu einem gefährlichen zu machen. An ein wirkliches Löſchen, an die Erhaltung des Schloſſes war freilich, wie ſich ſogleich zeigte, nicht zu denken. Trotz der maſſiven Mauern fraß das Feuer in dem vielen uralten Gebälk und zumal in den neueren, leich⸗ ter gebauten Theilen furchtbar ſchnell und unbeſieglich vor⸗ wärts, und da auch das Waſſer nicht im Ueberfluß vor⸗ handen war, vermochten die Löſchenden bald nirgends mehr nachhaltigen Widerſtand zu leiſten, und man mußte nur: noch darauf Bedacht nehmen, die Außenthürme und die übrigen Gebäude vor der gewaltigen Glut zu ſchützen. Deſſenungeachtet war es ſchon längſt Nacht geworden, als der General mit Eckhard und Ulrich zuerſt wieder bei den Alt⸗Ruhnecks Ende. 255 Damen erſchien, die ſich, ſo gut es gehn wollte, im obern Raum des alten Thurms, den man auf der Ruhneck eigent⸗ lich den„Buckel“ hieß, eingerichtet hatten. Er warf ſich müde in einen der herbeigeſchafften Seſſel und ſtreckte die Beine in den hohen Steifſtiefeln weit von ſich, und nachdem er der auch hier Promenade Verſuche machenden Schweſter die Hand geboten, ſprach er faſt im alten jovialen Ton:„laßt den Bettel brennen, Kinder, und grämt euch nicht darum. Das alte Neſt hatte ausgedient, es war nicht mehr für die Neuzeit, da half kein Putzen, Flicken und Künſteln. Ich habe mich ſchon vor vielen Jahren jedesmal über die verwünſchte, halsbrechende Steige geärgert, die uns hier oben iſolirte. Nun iſt's vorbei, wir ziehn hinab, Neu⸗Ruhneck iſt frei und parat für uns alle. Was uns werth iſt, nehmen wir mit— es iſt viel gerettet worden— und bleiben bei den Menſchen in der Welt. Und droben oder drunten, Kinder,“ ſetzte er hinzu und ſtand auf, und ſein Auge blitzte,—„Ruhneck oben! heißt's dort wie hier, wenn wir darnach zu leben verſtehn. Bisher hat mancher dabei nur an die Höhe gedacht, auf der das alte Gemäuer lag.“ Die Baronin ſchüttelte düſter das Haupt.„Richtig, mein Theurer!“ ſagte ſie.„Erinnerſt du dich an das, was ich neulich ausſprach? Das Alte muß dem Neuen weichen, das alte Neſt folgt ſeinen alten Inſaſſen— aber wird uns drunten Beſtand und Dauer werden, wie's uns hier oben geworden?— Der erſte Ruhneck, der herunterzieht, iſt ein todter Mann.“ 256 Alt⸗Ruhnecks Ende. „Bah doch!“ entgegnete der General kräftig, aber auch er ſchaute jetzt ernſt darein;„du weißt es wohl, Schwe⸗ ſter, Bruder Rüdiger hat vorhin noch Frieden gemacht mit den Seinen— ſag ſelbſt, hätte das ein Anderer der Alten gethan?— So ſoll er denn auch im Tode hinfort von jenen und als der Erſte des neuen Stammes und der neuen Zeit drunten im Ort, in der alten Kreuzkirche ruh'n. Im Kapellenthurm iſt kein Platz mehr für uns.“ Und indem er Eckhard die Rechte hinbot und ſeinen ſich erhei⸗ ternden Blick von ihm und Reginen zu Ulrich hinüber⸗ gleiten ließ, der den Arm leicht auf die Lehne von Beatrix' Seſſel geſtützt hatte, fuhr er fort:„und ſchau dir dieſe hier an, Schweſter Hedwig, ſchau dies Fleiſch und Blut, — ſehen ſie dir darnach aus, als ob mit ihnen die neuen Ruhneck keinen Beſtand in der Welt haben könnten? Ruhneck oben! ſag' ich.“— „Mit Gott!“ ſagte Agnes Rudhard von ihrem Lehn⸗ ſtuhl aus, während die Baronin und die Andern den alten Wahlſpruch des Geſchlechts dem General bewegt nach⸗ ſprachen. Und da ſetzte der Letztere kräftig hinzu:„ja, mit dem Herrgott und mit uns ſelbſt! Die Chronik iſt verbrannt; wir müſſen uns fortan nicht auf alte Ueberlieferungen ſtützen, ſondern auf uns ſelbſt und auf das Leben.“— Als ſie nach einigen Tagen Rüdigers Leiche in der neuen Gruft, in der Kreuzkirche drunten, zur Ruhe gelegt, zogen ſie von dannen, der General mit Eckhard, Beatrix und Ulrich nach Neu⸗Ruhneck, die Baronin mit den Ihren, Alt⸗Ruhnecks Ende. 257 denen ſich auch die alten Rudhards angeſchloſſen hatten, nach Greiffenſee. Im erſteren Orte wollten ſich alle bald wieder zuſammenfinden, um in der Stille Eckhards Verbin⸗ dung mit Reginen zu feiern. Das alte Schloß auf der nun einſamen Höhe blieb ſeitdem verlaſſen und verfiel bald mehr und mehr.— Wir haben wenig hinzuzuſetzen, was die Leſer ſich nicht ſelber und beſſer ſagen könnten, als wir es mitzu⸗ theilen vermögen. Nach wenigen Monaten wurden Eckhard und Regine ein Paar, und noch im Anfange unſeres Jahr⸗ hunderts lebten ſie bejahrt und hochgeehrt bald auf Neu⸗ Ruhneck, bald auf Greiffenſee, froh, innig und einig, in einem Glück und Frieden, ſo reich ſie dem Menſchen nur zu Theil werden können. Bis an ihr Lebensende machten ſie wahr, was vordem, in den erſten Jahren ihrer Ehe, die Baronin Bergen wohl hie und da zu dem General— er hatte ſeinen Abſchied genommen und lebte bei der Schweſter in Greiffenſee— geſagt hatte, wenn ſie Beide das junge glückliche Paar einmal beobachteten:„es muß wahr ſein, mein Theurer, die Jungen verſtehn's doch froh und glücklich zu ſein, ſie ſind heiterer und menſchlicher als wir Alten, und geehrt, General! Alt⸗Ruhnecks Ruin ſcheint mir kein Verluſt mehr. Gott ſegne die Kinder!“ Und Gott ſegnete ſie auch, wie ſchon bemerkt, mit Liebe, Einigkeit und Zufriedenheit, mit allem, was er ſeinen Geliebteſten gönnt. Ein unbegrenztes Glück gewährt er freilich niemand, Hoefer, Ruhneck. 3 17 258 Alt⸗Ruhnecks Ende. denn er weiß es wohl, daß niemand ein ſolches zu ertragen im Stande iſt. So ging denn auch durch Eckhards und Reginens Leben ein zwar leiſer, dennoch aber niemals über⸗ wundener Schmerz. Sie mußten ihr Lebenlang einander allein genug ſein und waren es auch mit dem ganzen Her⸗ zen, aber manche Jahre hindurch konnten ſie nur mit Weh⸗ muth die ſchönen Kinder Ulrichs und Beatrix' oder Antoi⸗ nettens anblicken, da ſie ſelber niemals ein eigen Kind an ihrem Herzen wiegen durften. Antoinette hatte einige Zeit nach den geſchilderten Vorgängen gleichfalls einen wackeren Gatten gefunden und war neben ihm und durch ihn eine ſehr liebenswürdige Frau geworden, die niemals ihre Heiterkeit verlor und ſtets mit den Familien Eckhards und Ulrichs im freundlichſten Verkehr blieb. Den Grafen Eberhard ſah ſie ſo wenig wieder wie die Uebrigen. Er ſtarb in noch jungen Jahren und unvermählt, und die weiten Beſitzungen und der große Reichthum der Hohenengen fielen insgeſammt an Ulrich, der ſie bei ſeiner ſtarken Familie, und obgleich der älteſte ſeiner Söhne Namen und Beſitz der Ruhnecker erbte, wohl ge⸗ brauchen konnte.— Das Schloß auf der einſamen Höhe zerfällt, der Name: „Alt von Ruhneck“ iſt nach und nach abgekommen, das Geſchlecht heißt ſich jetzt einfach Grafen von Ruhneck, aber es hat bisher Beſtand und Dauer gehabt, wie nur jemals. zu einer früheren Zeit, und wenn nicht alle Zeichen trügen, werden ſie auch im Thal Jahrhunderte lang leben und Alt⸗Ruhnecks Ende. 259 geehrt werden, wie vordem die Alten auf der Höhe. Die Chronik iſt freilich verbrannt, aber was gut an den Alten war, ward darum weder von ihren Nachkommen noch von den Bewohnern jener Landſtriche vergeſſen. Und wenn die Letzteren jemand recht loben und preiſen wollen, haben ſie noch heut, wie vor hundert und aberhundert Jahren kein beſſer Wort für ihn als:„das iſt ein Mann, wie einer der Alten von Ruhneck.“ ffffnffff 15 16 17 18 19 — 4 s. 88 ₰ 1