—— bibntocber deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V SEdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ℳ den angenommen.. 4 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſ wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Mongt: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Heimath und Fremde Siebentes Capitel. Neue Phiſiognomien Achtes Capitel. Antipoden— Ueuntes Capitel. Licht und Schatten Zehntes Capitel. Hoch oben Elftes Capitel. Eine Gruppe Der beſeelte Schatten. Zweiter Theil. Erſtes Capitel. Laura. Iſt Froſt wirklich da geweſen? Die Lüfte ſpielen un⸗ gehindert mit den Fenſtervorhängen in ſeinem Zimmer. Ein Sonnenſtrahl zieht ſich wie eine Säule durch den ſtillen Raum und wie ein Mückenheer umgaukeln Millionen Staubtheilchen den lichten Streifen. Die vier Koffer ſtarren todtenſtill aus der Zimmerecke; ihre Decken ſpringen nicht auf— in dem willenloſen Schweigen lebloſer Gegen⸗ ſtände liegt eine für das wallende Blut des Menſchen be⸗ unruhigende Zuverläſſigkeit. Keine lebendige Spur von. Froſt— keine, bis auf dieſe Blätter, in denen wir leſen: Ich habe meine Eltern frühzeitig verloren und ſtehe ganz allein in der Welt. Sie haben mich nie geſtraft, nie gezwungen, enttäuſchten nie meine Hoffnungen, ließen mich nie entbehren. Ich lernte nie anders gegen mich 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 1 10 ſelbſt oder Andere zu ſein und bin daher ein guter Menſch geworden. Mein Vater war eine ſehr poetiſche Natur. Tüchtig in ſeinem nüchternen, ſchweren Berufe war er fromm wie ein Kind und des Sonntags, wo er zu meiner großen Freude bei uns zu Hauſe blieb, ſcholl das trauliche Zimmer von ſeinen Liedern. Unter den Mährchen von der ſchönen Meluſine, vom Vogel Rock, von Rieſen und Zwergen, nnter heitern und ſchauerlichen Erzählungen aus der Kriegszeit, in der mein Vater ſeine Jugend verlebt hatte, unter dem beſtändigen Wechſel unſres Aufenthalts, der bald hierhin bald dorthin verlegt wurde und mich fort⸗ während mit neuen Straßen, neuen Spaziergängen, neuen Hausgenoſſen und als ich älter wurde, auch mit neuen Lehrern und Mitſchülern in Berührung brachte— unter dieſen vielfachen Eindrücken wuchs ich auf. Nach dem Tode meiner Eltern nahm ſich ein ſehr wohlhabender weitläufiger Verwandter meiner an. Er beſaß in einer großen ſüd⸗ deutſchen Stadt ein Colonialwaarengeſchäft und dort er⸗ lernte ich die Handlung: das heißt am Tage ſtand ich hin⸗ term Ladentiſche und des Nachts ſchlief ich in einer Dach⸗ kammer. Wenn ich ſagen wollte, es hätte oben herein geregnet oder geſchneit oder der Wind wäre durch morſche Stellen hereingedrungen, ſo müßte ich lügen. Mein Vetter war ſtreng, er war auch geizig, ohne eine dieſer beiden Eigen⸗ ſchaften vor mir zu verhehlen. Ich hatt viele Arbeit, keine 11 Freude und bald ein Paar erfrorne Hände— mehr braucht es nicht zu einem Jünger Mercurs, der im Colonial⸗ waarengeſchäft Carrière machen will. Bei alledem aber blieb ich das, was ich unter den obengeſchilderten Ein⸗ drücken meiner Kindheit geworden war— vielleicht hatte werden müſſen— ein Phantaſt, wie man ſagt. In meiner Dachkammer träumte ich von Märchen, von Schlachten und Belagerungen, von großen Städten und weiten Seereiſen. Am Tage übte ich mich am grün um⸗ bauten Pulte hinter dem Ladentiſche heimlich in der edlen Dichtkunſt und oft mitten im größten Tumult, unter ſchwatzenden Bauerweibern und Dienſtmägden hatte ich die fruchtbarſten Gedanken, die mir gewöhnlich gleich in einer Art muſikaliſcher Form beikamen und zu Gedichten wurden. Die Stimmung, die in ihnen vorherrſchte, war eine ernſte und oft wehmühtige, wie ich auch ſelbſt am liebſten ernſt war. Das hinderte mich aber nicht, meinem Collegen heimlich die Rocktaſche zuzunähen, in die er den Haus⸗ ſchlüſſel geſteckt hatte, oder die Aepfel, die er ſich verſtohlen auf dem Ofen briet, mit Sägeſpänen zu füllen, denn ſo oft ich einen guten Gedanken gehabt und ihn glücklich zu Pa⸗ pier gebracht hatte, wandelte mich eine Heiterkeit, ein Ueber⸗ muth an, der mich den tollſten Schabernack erſinnen und an dem Erſten Beſten, mochte es mein Prinzipal oder nur ſein Pudel ſein, ausführen ließ. Ich hatte bereits drei Jahre 1* 12 meiner Lehrzeit zurückgelegt, als in unſrer Stadt eine Handelsſchule errichtet wurde. Mein Vetter ließ mich am Unterrichte theilnehmen und war ſehr erfreut, mich— nach vorhergegangner Prüfung— in die oberſte Claſſe aufge⸗ nommen zu ſeh'n. Daß ich dies weniger meinen Fach⸗ kenntniſſen verdankte, als vielmehr meiner kosmiſchen Bildung, die ich vor ihm verheimlichen mußte, daran dachte mein Vetter nicht. Ich ſchrieb einen geläufigen Styl, be⸗ ſaß gute Kenntniſſe in der Geographie, war in der Welt⸗ geſchichte heimiſch und hatte meine Sprachkenntniſſe durch die heimliche Lectüre engliſcher und franzöſiſcher Romane im Original nicht nur von der Schule her friſch erhalten, ſondern noch bedeutend vermehrt. Das kam mir beim Examen trefflich zu ſtatten, denn nach dieſem Maßſtabe wurden die Mercursjünger beurtheilt und rangirt, und viele junge Herren, die im letzten Jahre ihrer Lehre ſtanden und die ich mit Hut und Stock, im ſchwarzen Frack und die Cigarre im Munde oft durch die Straßen hatte para⸗ diren ſehen, konnten nur mit ihren Begriffen von Debet und Credit und mit etwas arithmetiſcher Praxis aufwarten und wurden in niedere Klaſſen geſteckt. Ich traf unter ihnen einige frühere Schulkameraden; ſie hatten ihren Kenntniſſen nach einſt weit über mir geſtanden und waren mir oft als Muſter des Fleißes und der Aufmerkſamkeit vorgeſtellt worden, zwei Tugenden, die ich während meiner 13 Schulzeit nie ausgeübt habe. Und jetzt ſtand ich vor ihnen und— ich finde wahrhaftig keinen beſcheidenern Ausdruck, wenn ich bei der Wahrheit bleiben ſoll— überſtrahlte ſie Alle mit dem Lichte meines Geiſtes. Es leidet faſt jeder Beruf an Einſeitigkeit, der ſtolze Kaufmann aber pflegt dieſe Einſeitigkeit, und ich hatte Gelegenheit, das ſchnelle Gedeihen der aus dieſer Pflege hervorgehenden Früchte an meinen Mitſchülern zu bewundern. Die Handelsſchule war mir willkommen; obgleich ich mir auf der Schulbank nicht recht gefallen wollte, ſo zog ich ſie doch bei weitem dem Ladentiſche vor, von dem ich mich nun täglich auf einige Stunden trennen durfte. Mein Vetter enthob mich endlich meiner Funktionen hinter dem Ladentiſche und übertrug mir die Comptoir⸗ arbeiten, die zeither ein Commis beſorgt hatte. Als Aner⸗ kennung für meine erhöhten Leiſtungen erhielt ich am nächſten Weihnachtsfeſte zwei Friedrichsd'or und die Er⸗ laubniß, einen Sonntag um den andern ausgehen zu dürfen. So kam es, daß ich eines Sonntags das Theater beſuchte. Ich war als Knabe von meinem Vater oft in das Theater geführt worden, daher war es mir nichts Neues. Niemals aber hatte ich mich dafür begeiſtern können; der größte Aufwand in Coſtümen und Decorationen, die überraſchend⸗ ſten Wirkungen der Maſchinerie blieben weit hinter meiner Fantaſie zurück. Hier konnte man auf keiner Gondel die 14 Wellen durchſchiffen und zu beiden Seiten die Ufer vor⸗ überziehen ſehen, hier gab es keine Felſen, die den höchſten Thurm überragten, keine haushohen Meereswogen, zwiſchen denen ein rieſiger Schiffskoloß verſank, um nach einer un⸗ ermeßlichen ſchaurigen Tiefe, wo die wunderbarſten Ge⸗ ſchöpfe ſpielten, hinabzuſteuern hier war der feurige Mond kein Weltkörper, zu dem die Gedanken emporſchweifen konnten, und die Menſchen die hier auftraten, konnten nicht verſchwinden und erſcheinen, wie die Elfen und Feen. In⸗ zwiſchen war doch mein Intereſſe für die gegenſtändliche Welt nach und nach erkaltet und hatte ſich dem Ebenbilde Gottes zugewendet, an dem ich bald andre wunderbare Seiten herausfand, als die Macht, ſich unſichtbar zu machen oder die Kunſt zu zaubern. So war ich, als ich den rothen Vorhang vor mir ſah, ſchon hinlänglich von dem Publikum eingenommen, das ſich auf Bänken, in den Logen und in den Gängen drängte; ich intereſſirte mich für die Geſichter, für die Kleider und dachte darüber nach, was der und jene ſchöne kleine Mund dort oben in der entfernten Loge wol eben zu dem ſchwarzen Barte ſagen mochte. Ich ſtellte meine Betrachtungen an über die Muſiker im Orcheſter und ſchuf mir aus dem alten Orcheſterdiener, der die Noten auf die Pulte vertheilte und jedem der Muſiker unter einem gewinnenden Lächeln eine Priſe anbot, im Geiſte den Helden zu einer drolligen Geſchichte. Man gab Mac⸗ 15 beth und ich nahm mit meiner ganzen Seele Theil an dem Guten und Böſen, an den entſtehenden Widerſprüchen und ihrer Löſung und nur mit dem größten Widerwillen ver⸗ ließ ich nach Schluß der Vorſtellung die klaſſiſchen Räume, um in das Altagsleben zurückzukehren. Ich nahm einen gewaltigen Eindruck, einen neuen Geiſt mit nach Hauſe— und noch Etwas: zwei ſchwarze Augen, die mich aus dem idealſten Geſicht angeglüht hatten. Sie wichen nicht wieder von mir dieſe Augen, ſie verließ mich nie wieder, dieſe edle Geſtalt, dieſer weiße Schnee, der ſich über die elaſtiſchen Formen ausbreitete, das nachtſchwarze Haar, von dem der weiße Schleier auf die Erde floß, Geſtalt und Glieder in ein durchſichtiges Geheimniß hüllend— der weiße Schleier der Kammerfrau der Lady Macbeth. Aus dieſer Er⸗ ſcheinung ſprach ein reiches innres Leben, ſie war nicht nur ſchön, ſondern ſie war auch eine Fee: Entſetzen malte ſich in ihrem Auge, das nach der ſchlafwandelnden Lady Macbeth blickte, und mehr als die Erſcheinung der Letzteren ſelbſt, machten die Worte der jugendlichen Kammerfrau ſchaudern: „Seht! ſeht! da kommt ſie.“ In der bebenden Stimme verbarg ſich die Kraft und Fülle einer männlichen Bruſt, und doch auch der Schmelz weicher Laute, wie ſie nur dem Weibe zu Gebote ſtehen. Was hätte dieſe Fräulein Braag, wie ſie auf dem 16 Theaterzettel genannt wurde, als Lady Macbeth ſelbſt ſein müſſen!. 1 Ich hatte als Knabe den Marryat'ſchen Roman„der fliegende Holländer“ geleſen und mir von der jugendlichen Gattin Vanderdeken's, der mit glühenden Farben gemalten ſchwarzäugigen Amine, ein Bild abgenommen, das mich von der Zeit an als Ideal begleitet hat; wenn ich Abends hinter meinen Büchern ſaß, im ſtillen Comptoir, allein beim Scheine der Lampe, da ſaß Amine neben mir, und ich arbeitete für unſer beider Erhaltung; manchmal ſchaute ſie mir über die Achſel in die Bücher hinein, um zu ſehen, was mich eben beſchäftigte, manchmal flog ihr ſchwarzes Auge mit dem meinigen zugleich über die Zeilen eines eben eingetroffenen Briefes, da wandte ich mich um und ſagte ſcherzend zu ihr:„liebes Kind, das verſtehſt du nicht, du kannſt ja nur lieben,“ und im Geiſte fühlte ich mich von Amine umfaßt und ihre Stirne die meinige berühren und ihre kleinen Lippen ſich auf die meinigen preſſen— Amine war meine Geliebte, meine junge reizende Gattin; in meiner ſtillen Kammer wartete ſie auf mich, wenn ich ſpät Abends ſchlafen ging, und am Morgen erwachte ich an ihrer Seite, ſie ſchlief noch— und ich ſchlich mich leiſe hinunter.. Dieſe Amine war mir entriſſen, ſie war von mir ge⸗ flohen, denn ſie ſtand jetzt weit weg von mir, auf der Bühne, 17 ja das war Amine, wie ich ſie mir nach Marryat's Be⸗ ſchreibung geſchaffen hatte, ſie war wirklich da, ſie lebte— Fleiſch und Blut— aber ſie ſaß nicht mehr an meinem Schreibtiſche neben mir, ſie theilte nicht mehr mein einſa⸗ mes Lager— ſie wohnte in irgend einem ſtillen Hauſe, in einem Landhauſe der Vorſtadt, unter Blumen, ſie ſaß bei einem Stickrahmen, ſie ſtudirte ihre Rollen und in müſſigen Augenblicken ſaß ein zahmer Canarienvogel auf ihrem Nacken und pickte von einem Stückchen Zucker, den ihre ſüßen Lippen feſthielten. Aus meinem geträumten Eheleben war jetzt eine poſi⸗ tive Sehnſucht geworden, die mich in einen Zuſtand der Hoffnungsloſigkeit verſetzte, weil ich mir bewußt war, daß die junge Künſtlerin von meinem Daſein ſo wenig ahnte als von meiner Leidenſchaft für ſie. Als ich an der nächſten Straßenecke ihren Namen wieder auf dem Zettel las— wieder eine untergeord⸗ nete Rolle— da beſchloß ich auf alle Fälle wieder in's Theater zu gehen. Daß heute mein Sonntag nicht war, daß überhaupt heute Donnerſtag war, konnte mich wenig rühren. Ich verübte die erſte frevelhafte That in meinem Leben und verübte ſie, als hätte ich überhaupt nie andre Thaten begangen: ich ging unter dem Vorſchützen, unwohl zu ſein, hinauf in meine Kammer, kleidete mich um und eilte fort, nachdem ich für ein und alle Male mir den Haus⸗ 18 ſchlüſſel zueignete. Er war und blieb weg, auf wen die Schuld fiel— mir war es gleichgültig. Und ſo ſetzte ich es fort, ſo ſchlich ich mich von meinen Büchern weg, und kehrte— da das Theater von dem Hauſe meines Vetters nicht weit entfernt lag, während der Zwiſchenakte zu ihnen zurück, um meine Abweſenheit zu mildern, ſo erfand ich tauſend Lügen und Ausreden, ſo ſchloß ich nach dem Theater die Hausthür leiſe, leiſe auf und wieder zu und ſchlich mich in mein Kämmerlein, wo man kurz vorher engliſche und franzöſiſche Handelscorrespondenzen ausgekramt und auch das brennende Licht, nur mich nicht gefunden haben würde. Es war mein heißeſter Wunſch, die ſeltſame Bühnen⸗ erſcheinung ein Mal außerhalb der Bühne zu ſehn; wenn ich durch die Straßen ging, glaubte ich ſie überall zu er⸗ blicken, es war ihre Geſtalt, ihr Gang, ich eilte ihr nach, überholte ſie, blickte ihr im Vorübergehen ſchüchtern in's Antlitz— es war eine Fremde. Kein Fenſter, hinter dem ich die junge Schauſpielerin irgend zu vermuthen glaubte, öffnete ſich, ohne daß ich ſtehen geblieben wäre und hinauf geſehn hätte— ſie war es niemals, niemals! Eines Tages durchwanderte ich wieder die Straßen. Die Winterſonne ſchien freundlich und wärmend auf die Schneedächer herab. Ich ging eben durch eine ſchöne, breite, mit Bäumen bepflanzte Straße der Vorſtadt, immer an der einen Häuſerreihe hin. Nicht der jungen Penſio⸗ 19 närinnen wegen, die ich in der Mitte der Straße inner⸗ halb der Allee paarweiſe in einem langen Zuge von weitem kommen ſah, nicht dieſer, von einer durch blaue Brillen⸗ gläſer in die Welt ſchauenden Erzieherin oder Lehrerin ausgetriebenen, noch in der Ausrechnung begriffenen Er⸗ ziehungsexempel wegen, ſondern auf Grund einiger ſchnell aufeinander folgenden dumpfer Schläge, mit welchen ſich die von den Dächern thauenden Tropfen auf meinem Hute meldeten, daß es in meinem Sinne für Erhaltung und Pflege des Eigenthum's ein mahnendes Echo gab— ver⸗ ließ ich die Trottoirs und lenkte in die Allee ein, wo bald die Spitzen des Erziehungsinſtitut's an mir vorüberpaſ⸗ ſirten. Ich weiß nicht, ob es bereits ein Erziehungsreſultat wa, daß die weißblühenden Jungfrauen vor meinen un⸗ befangenen Blicken die Augen ſchüchtern und ſittig zu Boden ſchlugen, oder ob es mehr das Bewußſein war, einen Theil der Kette zu bilden, die ſich eben an mir vorüber⸗ ſchlängelte und deren letzte Glieder ſich im Schnee zu ver⸗ lieren ſchienen, ohne daß es auf einer perſpektiviſchen Täu⸗ ſchung beruht hätte— ich weiß nur, daß in einer der vor⸗ derſten Reihen ein Amazonenhut mit einem weißen Schleier ſchritt, unter dem zwei ſchwarze Augen mit eigenthümlichem Feuer offenherzig in die meinigen hineinblickten und daß— Amine, die jugendliche Kammerfrau der Lady Macbeth, Fräuleln Braag, jetzt an mir vorübergegangen war. 20 Ich blieb verdonnert ſtehen und blickte ihr nach, wäh⸗ rend ſich die bunte Schlange vollends an mir vorüberwand. Trotz eines mißbilligenden Blicks, der unter der blauen Brille zu mir herüberſchoß, kehrte ich um, und folgte in einiger Entfernung der Karawane. Ich mußte lange wandern, bis ſich die ſchimmernden Hüte und die wehenden Schleier endlich in dem Thorwege eines großen Gebäudes verloren, aus deſſen geöffneten Fenſtern Muſik und Geſang her⸗ abtönte. Welch unbegreiflicher Zuſammenhang! Eine junge Schauſpielerin in den Reihen eines Penſionats? Eine ſtrenggehaltene Penſionärin auf den Brettern einer öffent⸗ lichen Bühne? Es war ein Penſionat, das ſtand mit großen eingemeißelten Buchſtaben über der Thür des Hauſes, keine Muſikſchule, kein dramatiſches Kunſtinſtitut — eine Erziehungsanſtalt mit allen ihren klöſterlichen Reizen, eine Anſtalt für die Heranbildung des muſter⸗ gültigen Weibes. Ich ſtand am nächſten Tage wieder in der Nähe des Thores und ſah die Penſionärinnen und unter ihnen meine geträumte Gattin, meine Bühnenheldin an mir vorüber⸗ ſchreiten und am ſelben Abend ſah ich ſie Theater ſpielen. Es war daſſelbe große, ſchwarze Auge, dieſelbe edle Stirne, über der ſich die ſchwarze Nacht der Haare ausbreitete, dieſelbe ätheriſche Geſtalt. Ich hatte mir einen Platz dicht 21 an der Bühne genommen, ſie konnte mich, wenn der Zu⸗ fall ihr Auge irgend auf mich lenkte, deutlich erkennen; ein kleines, wenn noch ſo winziges Merkmal der Wieder⸗ erkennung mußte in ihrem Auge zucken, wenn ſie mich anſah. Jetzt trat ſie auf, ſie hatte ausgeſprochen, ſie hat eine längere Pauſe, flüchtig gleitet ihr ſchöner Blick über das Auditorium, ſie wandelt auf und ab und kommt mir ſo nah, daß ſie mein leiſeſtes Flüſtern hören könnte. Ich nehme die ganze Schärfe meiner Sehkraft zuſammen, mein Auge haftet an dem ihrigen, ſie wendet den Blick auf mich — ich bin ihr fremd, ſo fremd wie mein Taſchenmeſſer; ſie ſah mich an wie einen Punkt, auf dem das Auge weilt, weil es irgend wohin doch ſehen muß, ſo lange es ſich nicht ſchließt. Das kann die Penſionärin nicht ſein— oder geht die Bühnenkunſt ſo weit? Ich gab mich, nachdem ich alle Möglichkeiten der Welt zuſammencombinirt hatte, der Vermuthung hin, daß die Penſionärin nur eine Doppel⸗ gängerin der jungen Darſtellerin, vielleicht ihre leibliche Schweſter ſei. Da meine Sehnſucht aber, der angebeteten Künſtlerin ein Mal im Sonnenlichte, auf der Bühne des Alltagslebens zu begegnen, vom Zufall nicht begünſtigt wurde, ſo ſuchte ich bei der Penſionärin Erſatz dafür und lauerte ihr, ſo oft es meine Zeit erlaubte, in der Nähe des Inſtituts auf, wo ſie ſich denn auch immer unfehlbar 22 unter den Reihen der vom Spaziergang heimkehrenden Mitſchweſtern einſtellte. Bald aber wurde mir auch dieſes Glück geraubt; das ganze Inſtitut mochte in mir nur zu ſchnell den Mann auf der Lauer erkannt haben, man mochte ſogar auch über die Perſon, für die ich mich ſpeciell inter⸗ eſſirte, nicht mehr in Zweifel ſein, denn meine ſchwarz⸗ äugige Amine ſchlug bei meinem Anblick ſeit einiger Zeit ſchon von weitem das Auge zu Boden, und ſchwebte fremd und verſchloſſen an mir vorüber— und ſo entſagte ich und nahm mir vor, nicht wieder nach ihr auszugehen, was ich auch treulich gehalten habe. Oft ſchon hatte ich den Entſchluß gefaßt, im Theater⸗ bureau die Wohnung Fräulein Braag's zu erfragen und ihr meinen Beſuch zu machen. Aber was wollte ich dort? Ihr ſagen, daß ich mich in ſie verliebt habe? Trotz meiner Phantaſie beſaß ich doch ſo viel praktiſchen Sinn, um einzuſehen, daß ſich ein Mädchenherz durch einen ſolchen Sturm nicht mehr erobern läßt, eben ſo wenig als man eine Feſtung von heute nicht mehr durch fahrende Thürme und andre Mittel, deren ſich die früheren Jahrhunderte bedienten, einnehmen kann. Heutzutage wühlt man ſich ſtill unter der Erde hin und gräbt Minen und ſprengt den trotzigen Bau mit Pulver in die Luft. Das beſchloß auch ich zu thun. Den Pulvervorrath trug ich in mir. Es war meine Begeiſterung für die junge Darſtellerin und die mir ͤſͤ⁄ͤ⁄ͤ⁄ 23 vom Himmel verliehene Gabe, meine Gedanken, meine Anſichten und Beobachtungen in glatter Form zu Papier zu bringen. Nach einer der nächſten Theatervorſtellungen ſaß ich in meiner einſamen Kammer und ſchrieb beim düſter flackernden Lichte— eine Kritik, eine Recenſion, die ich Tags darauf einſiegelte und an die Redaction eines auch im weitern Umkreiſe der Stadt verbreiteten Lokal⸗ blattes einſandte. Mit Begierde erwartete ich jeden Morgen den Zeitungsmann, der das Blatt zu bringen pflegte. Meine Recenſion erſchien nicht; ſtatt ihrer aber fand ich in dem Briefkaſten, der in dem Blatte ſelbſt ent⸗ halten war, eine kurze Notiz, worin dem Einſender der mit X unterzeichneten Recenſion bedeutet wurde, daß man anonyme Beiträge nicht aufnähme. Das war wenigſtens beſſer als„abgelehnt.“ Meinen Namen und meine Adreſſe anzugeben, mich als den Lehrling meines Vetters zu legi⸗ timiren, das ſchien mir freilich bedenklich. Ich kam daher auf die Idee, dem Redacteur meinen perſönlichen Beſuch zu machen und auf dieſe Weiſe ſeine Bedenklichkeiten zu löſen. Der Redacteur freilich, ſagte ich mir in einem längern Selbſtgeſpräche, iſt ſelbſt Dichter und verſteht als ſolcher die Kunſt, die Menſchen nach gewiſſen Geſetzen zu beurtheilen. Ich dachte plötzlich an den kritiſchen Scharf⸗ blick eines Dichters, ich dachte an die Typenſammlung, die ein ſolcher zu beſitzen pflegt, um mit ihrer Hülfe ſeine 24 Charaktere zu gießen, wie er ſie braucht. Wenn ich auch in ſo eine Type paſſen ſollte? Wenn auf dem Typenſimſe unter andern auch die Form eines ſchriftſtellernden und dichtenden Handlungslehrlings ſtehen ſollte, die der ſcharf⸗ blickende Mann auf einmal herunterholte und mir aufſetzte, M um mich dann mit beißendem Spotte zum Redactions⸗ bureau hinaus zu jagen?! Ich beſchloß wenigſtens eine Täuſchung zu verſuchen. Mein Aeußeres begünſtigte mich hierzu. Ich hatte bereits die vollſtändige mittlere Mannesgröße, mein Geſicht hatte etwas von Genialität— wie man mir zwei Mal verſichert hatte; ſeit längerer Zeit hatte ich mir die Haare nicht ſchneiden laſſen und ſo floſſen ſie— zum Aergerniß meines Vetters— in üppiger Fülle auf meinen Rockkragen herab. Mit dieſen natürlichen Vorzügen ausgeſtattet, dazu noch im ſchwarzen Sonntagsfrack meines Vetters, auf der Naſe deſſelben goldne Brille, ein Geſchenk, das nur des Abends zum Zeitungsleſen in Gebrauch genommen wurde, und die breiten Vatermörder genial über die Halsbinde herab⸗ geſchlagen— genial überhaupt vom Wirbel bis zur Sohle— erſchien ich eines Morgens vor dem Redacteur. Ich mußte vorher angemeldet werden und wartete in einem Vorzimmer. Endlich trat der Redacteur heraus und begrüßte mich auf das Froſtigſte, denn ein Dichter iſt 25 im wirklichen Leben kalt wie Schmiedeeiſen, wenn es aus⸗ gekühlt iſt. „Ich war ſo frei,“ begann ich und legte die eine Hand auf den Rücken, während ich mir mit der andern das Kinn ſtrich,„ich war ſo frei, Herr Redacteur, Ihnen eine Theaterrecenſion einzuſenden.“ Der Redacteur konnte ſich in der That nicht mehr entſinnen, wirklich nicht mehr mit einer Silbe. Glücklicher⸗ weiſe hatte ich das Blatt mit dem Briefkaſten bei mir, wodurch es mir gelang, ihm aus dem Chaos ſeiner Thä⸗ tigkeit den kleinen Punkt, den ich mir mit hineinzuwerfen erlaubt hatte, wieder heraus zu fiſchen „Richtig, ich entſinne mich jetzt,“ ſagte der Redacteur, „mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Mein Name iſt— ich nenne mich— Krach,“ platzte ich heraus. „Ah! Krach— Doctor Krach, ohne Zweifel?“ „Wenn Sie wünſchen, ja,“ erwiederte ich,„obwohl ich auf den Titel wenig Gewicht lege.“ „Der Doctortitel,“ bemerkte der Redacteur, die Stirne in Falten legend,„iſt in der heutigen Welt des literariſchen Humbug, wo ſich Unreife und Dilettantismus ſo hervordrängen, ein Confirmationsſchein.“ „Ein Confirmationsſchein“— ſagte ich ntzäat— 1859. VII. Der befeelte Schatten. II. 26 „jawol, ein Confirmationsſchein, vortrefflich, Herr Re⸗ dacteur! Vortrefflich!“ „Alſo zu unſrer Sache,“ fuhr der Redacteur fort, über meine Anerkennung mit der Gleichgültigkeit eines Autors hinweggehend, der an Anerkennung gewöhnt iſt und ſchon viel gediegnere Ausſprüche gethan hat. Er er⸗ klärte ſich nach einigem Bedenken geneigt, meine Recenſio⸗ nen in ſeinem Blatte aufzunehmen, beſonders da ihn ſelbſt überhäufte Arbeiten hinderten, dem Theater in dem Maße wie bisher ſeine Aufmerkſamkeit zu widmen. Ich ſollte mich durchaus nicht ſcheuen, beruhigte er mich, in meinen Recenſionen den doctrinalen Standpunkt zu behaupten, den ich in meiner vorliegenden erſten Eingabe, wie es ihm ſchiene, habe verleugnen wollen, vielleicht in der Iguten Abſicht, möglichſt populär zu ſchreiben. Wir ſprachen Vielerlei über die Bühnenzuſtände mit ſpecieller Berückſichtigung der hieſigen Bühne und ihrer hervorragendſten Kräfte. Wir kamen auch auf Fräulein Braag zu reden, der ich, nicht ohne einige Befangenheit, eine bedeutende Zukunft prophezeihen zu dürfen glaubte. „Man täuſcht ſich zu leicht in der Beurtheilung eines Talents,“ wandte der Redacteur ein,„die junge Dame, von der Sie ſprachen, blendet durch die Schönheit ihrer Erſcheinung! ich habe nie eine Spur von tragiſcher Ge⸗ ſaltungskraſt an ihr entdeckt.“ ——yy 27 Ich erinnerte daran, mit welch' erſchütternder Wahr⸗ heit in Ton und Bewegung die Künſtlerin die kurze Scene der Kammerfrau im Macbeth geſpielt hatte. Der Redacteur war verhindert geweſen, den beiden letzten Akten beizuwohnen. „Kann man einer tragiſchen Heldin ein ſchöneres, geeigneteres Organ wünſchen,“ fragte ich,„als die mit faſt männlicher Kraft tönende Bruſtſtimme des Fräulein Braag?“ „Nach äſthetiſchen Begriffen iſt dieſes Organ un⸗ ſchön.“ „Das wäre es, wenn dabei die Weiblichkeit verloren ginge.“ „Hier vermag nur das Geſetz des Schönen zu entſcheiden.“ „Und das natürliche Gefühl,“ wandte ich ein,„das natürliche Gefühl, das mir z. B. gerade bei dieſer über⸗ raſchend ſchönen Erſcheinung die Illuſion geraubt haben würde, hätte ſie mit einer Stimme geſprochen, die ihr— nach Allem, auf das man bei ihrem Anblick ſchließt, nicht angeſtanden hätte.“ Der Redacteur zuckte die Achſeln. Fräulein Braag war und blieb zu nichts Größerm beſtimmt. Ich mußte ihm, für alle Eventualitäten, meine Adreſſe hinterlaſſen und bezeichnete ihm, da mir nichts anderes übrig blieb, . 5 2* 2 28 meine richtige Wohnung. Warum auch hätte Doctor Krach in dem Hauſe meines Vetters nicht ein Dachlogis be⸗ wohnen können? Ueber die Gefahr, von dem Dichter unter jene ge⸗ fürchtete Type gebracht zu werden, war ich nun zwar glücklich hinweg, doch ſollte ich ohne Beweiſe ſeines kriti⸗ ſchen Scharfblicks nicht wegkommen. Solch ein Blick findet überall etwas heraus, er fand es auch an mir, und mit all' meinem Raffinement, das ich in der Zuſtutzung meiner äußern Erſcheinung bekundet hatte, kam ich mir neben ihm doch nur wie ein Schüler vor. „Nun,“ ſagte er, als ich gehen wollte, und warf einen prüfenden Blick auf das feine Tuch meines eleganten Frackes,„es bedarf wohl eigentlich keiner Erwähnung, daß Sie—“ hier ruhte ſein Auge dicht an dem meinigen, aber etwas ſeitswärts, auf der goldnen Brille—„daß Sie die Funktion eines Kunſtrichters aus Liebhaberei, aus uneigennütziger Vorliebe für die Pflege, für das Intereſſe der dramatiſchen Kunſt einerſeits, und für die Geſchmacks⸗ bildung des Publikums andrerſeits, übernehmen und“— fügte er hinzu, als ich ihn fragend anſah—„auf Honorar für Ihre Leiſtungen Verzicht leiſten?“ Ich hatte über dieſen Punkt vorher nicht gegrübelt, ich war mir deutlich genug des Motivs bewußt, das mich zum Kunſtrichter emporgehoben hatte; ich hatte mein Re⸗ 29 cenſentenamt auch nur auf ein gewiſſes Feld beſchränken wollen, dieſes Feld waren die Vorſtellungen, in denen Fräulein Braag auftrat, und hieran ſchloß ſich noch eine weſentliche Bedingung— das war die Ausdauer meiner zwei Friedrichsd'or, mit denen bereits eine bedenkliche Metamorphoſe vorgegangen war. Indem ich alſo unter dem heftigſten Kampfe den Sturm der heranbrauſenden drei Fragen, woher Zeit, woher Geld und woher Intereſſe für die Vorſtellungen nehmen, in denen meine Angebetete nicht auftrat— abſchlug, gab ich dem Redacteur ein „Jawohl“ zur Antwort, das in allen möglichen Nüancen ſpielte. „Noch Eins, Herr Doctor,“ ſagte der Redacteur auf der Treppe beim Scheiden,„da Sie, wie ſich von ſelbſt verſteht, doch auch die Oper recenſiren, ſo will ich nicht ermangeln, Ihnen in Betreff uuſerer geſchätzten Sängerin, Frau Blei⸗Pulvermacher, die ſeit ihrer Niederkunft öfters mit kleinen Indispoſitionen zu kämpfen hat, die ſchuldige Rückſichtsnahme anzuempfehlen.“ „Frau Oper⸗Pulvermacher?“ ſtotterte ich, faſt ſprach⸗ los vor Verwirrung,„auch die Blei recenſiren?— Richtig, ich verſtehe, ich bitte um Entſchuldigung— ich habe manch⸗ mal mit kleinen Indispoſitionen zu kämpfen, es ſoll Alles prompt beſorgt werden.“ 3 Wie ich, ohne auf den Weg zu achten, meines Vetters 30 Haus wieder gefunden habe, ob die Obſthändler an den Ecken Kirſchen oder Weintrauben feilboten, ob das eine Dienſtmagd meines Vetters war, die mir unterwegs be⸗ gegnete und mit aufgeriſſenem Munde ſtaunend ſtehen blieb, oder ob es eine Fremde war— das Alles weiß ich nicht, ich weiß nur noch, daß mir des großen Dichters vielſagende Worte:„Der Menſch verſuche die Götter nicht“ fortwährend in den Ohren ſummten und ſich ſelbſt, ehe ich es hindern konnte, in Muſik ſetzten, nach deren Melodie ich durch die Stadt marſchirte, bis ich in der Nähe meiner Wohnung angelangt, meinen Vetter im Schlafrock und mit der langen Pfeife vor der Ladenthür ſtehen ſah, was mich bewog, mich einſtweilen in einer Seitengaſſe aufzuhalten, bis mein Vetter ſeinen Poſten an der Thür verlaſſen hatte. Ob es meine leidenſchaftliche Neigung zu Fräulein Braag war, ob es ein gewiſſer dunkler Begriff von Muth, Unerſchrockenheit und Selbſtvertrauen war, der mir aus den Biographien berühmter Männer vorſchwebte, oder ob mir meine Liebe wirklich dieſe drei Heldeneigenſchaften einflößte?— Ich war entſchloſſen, mich muthig in das kleine gefährliche Meer von Pflichten zu ſtürzen, Schau⸗ ſpiel und Oper regelmäßig zu beſuchen, ohne Honorar darüber zu referiren und auf Frau Blei⸗Pulvermacher die 4 nöthigen Rückſichten zu nehmen. 31 Mein Vetter war viel in der Welt herumgekommen, er hatte in ſeiner Jugend in den größten Handlungshäu⸗ ſern Nord⸗ und Südamerika's als Commis ſervirt und wünſchte, daß auch ich, wenn meine Zeit gekommen ſein werde, mein Glück in der Ferne ſuchen ſollte. Die neue Welt im Weſten war mir verhaßt, auch hatte ich mit der Zeit die Wanderluſt, die der Jugend eigen zu ſein pflegt, verloren; deutſche Zuſtände, deutſche Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft waren mir an's Herz gewachſen. Ich wollte mich nie von Deutſchland trennen und an einer glänzenden kauf⸗ männiſchen Carrière war mir nichts gelegen. Ich wider⸗ ſprach meinem Vetter und zog mir ſeine fortgeſetzte Ungnade zu. Um ſo freudiger überraſchte es ihn, als ich eines Tages mit Begeiſterung von den emporblühenden handelspoliti⸗ ſchen Zuſtänden des Weſtens ſprach, mit tiefer Beſchä⸗ mung meine frühere Verblendung eingeſtand und mich feſt entſchloſſen zeigte, nach Ablauf meiner Zeit, den Wander⸗ ſtab zu ergreifen und ſeinen Fußtapfen zu folgen. „Die wenigen Jahre freilich, Herr Vetter, die ich noch bei Ihnen bin,“ ſagte ich unter einem tiefen Seufzer, „werden nur allzuſchnell vergehen, und ich ſehe wol ein, daß ich die Zeit nutzen muß, will ich mich für meine Zu⸗ kunft würdig vorbereiten. Mit meinem Engliſch z. B. bin ich durchaus noch nicht zufrieden, ich habe mir in den Kopf⸗ geſetzt, im Engliſchen ſo ſicher zu werden, wie in meiner 32 Mutterſprache, denn ich glaube, das hilft Einem in Ame⸗ rika ungemein viel. Außerdem bin ich auch auf das Spa⸗ niſche, daß ich brenne! In Südamerika kommt man nur mit Hülfe des Spaniſchen fort, glaub ich.— Lieber Herr Better! was heißt ſeine Jugend genießen? Die freie Zeit in den Wirthshäuſern todtſchlagen?— Sich die Schwind⸗ ſucht an den Hals tanzen? Oder Romane leſen? Ich denke anders, ich will lernen, ich will Spaniſch lernen und im Engliſchen vollkommen werden, ich will alle Abende von ſechs bis neun Uhr an einem engliſchen und an einem ſpaniſchen Curſus theilnehmen und dann will ich mich gern in's Comptoir ſetzen, lieber Herr Vetter, und das Ver⸗ ſäumte nachholen.“ Mein Vetter war einigermaßen gerührt, wandte aber ein, daß ein ſolcher Unterricht zu koſtſpielig für mich ſei. „Ich will mir's abdarben, an meiner Zukunft will ich mir's abdarben,“ entgegnete ich,„Sie waren ſo gütig, lieber Herr Vetter, mir für das letzte Jahr, das ich in Ihrem Ehrenhauſe verbringen würde, ein kleines Salair zuzuſichern; geben Sie mir jetzt das nöthige Geld für meine ſpaniſchen und engliſchen Lektionen, es beträgt für den Abend wenig über einen halben Gulden, und ſpäter kürzen Sie mir's am Salair. Für jeden Schritt, Herr Vetter, der mich auf meiner zukünftigen Carrière vorwärts bringt, werde ich Ihr Andenken ſegnen!“ 33 Mein Vetter war geizig, aber weit über das Wohl⸗ thätige einer Erſparniß ging ihm ein Triumph über ju⸗ gendliche Thorheit, wie er ihn jetzt feierte, als er mich auf dem beſten Wege ſah, ſeinen Glauben an das beſſre Jen⸗ ſeits der Krämerſeelen zu theilen. Ich erreichte meinen Zweck, ich hatte Zeit und Geld für den Theaterbeſuch, wenn ich auch auf eine höchſt beſcheidne Rangſtufe im Muſentempel verwieſen war, wenn auch nach jeder be⸗ endeten Vorſtellung noch einige Stunden der Arbeit meiner warteten.— Mit dem dritten ſchwierigen Punkte, mit der Oper, hoffte ich ebenfalls fertig zu werden. Was ich früher ver⸗ lacht und verſpöttelt hatte: die hohle auf Phraſeologie und Terminologie begründete Kunſt des Recenſentenweſens— hielt ich für unumgänglich nothwendig mir jetzt ſelbſt an⸗ zueignen. Und in der That, ich hatte bald die ganze Schärfe des Kunſtrichters erlangt, der von den ältern und aner⸗ kannten Werken vorausſetzt,„daß ſie bekannt ſind,“ und an den neuern Schöpfungen„die Originalität, die Friſche der Empfindung vermißt,“ der be⸗ richtet, daß„ſich namentlich die Damen A. und B. und die Herren C. und D. in den Hauptpartie'n auszeichneten und dieſelben durch ihre bekann⸗ ten glänzenden Leiſtungen im Spiel und Geſang zur vollſten Geltung brachten,“ der hervorragende 34 Einzelnleiſtungen am ſchlagendſten dadurch beurtheilt, daß er ſich an den„donnernden Hervorruf“ hält,„wel⸗ cher am Schluſſe des Stücks die brave Leiſtung des Fräulein E. oder des Herrn F. lohnte,“ der von„den übrigen Darſtellern“ ſagt, daß ſie„Ge⸗ nügendes leiſteten,“ das Enſemble als„ein im Ganzen gelungenes“ bezeichnet, wenn auch die Chöre „zu wünſchen übrig ließen.“ Gewöhnlich am Morgen nach jeder Vorſtellung ſchrieb ich meine Recenſion. Dazwiſchen öffnete ſich die Comp⸗ toirthüre und der Lehrling rief mir zu:„eine Rechnung für Madame Schuberle über— 10 Pfund Melis und 2 Pfund Roſinen,“ und von den„ſchon längſt anerkann⸗ ten Leiſtungen“ der Frau Blei⸗Pulvermacher machte ich ſchnell einen Abſtecher auf das Conto der Madame Schu⸗ berle. Der Fluß meiner Diction erlitt oft noch unange⸗ nehmere Störungen. Ich ſchrieb ſoeben:„Möchte man doch endlich erkennen, daß Fräulein Braag den Funken höherer Begabung in ſich trägt und berufen iſt, ſich zur Höhe einer erſten Tragödie emporzuſchwingen, möchte man doch nicht vergeſſen, daß nicht der Name die Größe, ſon⸗ dern die Größe erſt den Namen macht und das Verdienſt, der jungen Künſtlerin durch wohlverdiente Anerkennung zu dem erſten Schritte in eine bedeutende Zukunft ver⸗ holfen zu haben, nicht gering anſchlagen. Die Erfahrung, 35 daß nicht Alles Gold iſt, was glänzt, daß ſich unter der äußern blendenden Erſcheinung leider nur zu oft die ſchale Mittelmäßigkeit verſteckt, dieſe Erfahrung ſcheint unſer Publikum in der Beurtheilung befangen gemacht zu haben. Wie unrecht es jedoch daran thut, die Möglichkeit einer Doppelwirkung von Natur und Geiſt ein und für alle Mal in Zweifel zu ziehen, bewies wieder auf das Schlagendſte die geſtrige Vorſtellung“— Hier trat mein Vetter, der mich eben mit einer mir aufgetragenen Correſpondenz be⸗ ſchäftigt glaubte, bedenklich nahe an mein Pult heran, und ſagte, während ein halbbeſchriebener Briefbogen ſchnell mein Publicat bedeckte,„ſchreib ihm auch, daß das Publi⸗ kum vielfach über ranzige Bohnen geklagt habe, und daß wir, wenn das künftig nicht wegfällt, unſern Kaffeebedarf von einem andern Hauſe entnehmen müßten.“ Gewöhnlich begann es ſchon zu dunkeln, ehe ſich die ausführlicheren„tiefer eingehenden“ Beſprechungen durch die lange Reiheder Unterbrechungen, der verſtohlenen Wie⸗ deraufnahmen, des von Schrecken begleiteten Wiederzu⸗ ſammenklappens, wenn mir plötzlich beikam, mein Vetter ſtände hinter mir und ſähe mir heimlich über die Achſel, und durch hundert andere Gefahren hindurchgearbeitet hatten, und mit den Initialen Doctor K. unterzeichnet, auf meinem Wege nach dem Theater in den Briefkaſten des Redactionsbureau's wanderten. 36 Wenn ſich der größte Theil meiner Recenſionen nicht über die gewöhnliche handwerksmäßige Phraſeologie er⸗ hob, die nur dann und wann einmal mit kleinen ſatyriſchen Ausfällen abwechſelte, ſo waren meine Auslaſſungen über Fräulein Braag deſto mehr Eigenthum meines Geiſtes. Ich war klug genug, die kleinen Fehler der Künſtlerin ohne Erbarmen zu rügen, beleuchtete aber ihre Vorzüge mit dem ganzen magiſchen Lichte meiner Inſpiration und lenkte die Aufmerkſamkeit des Publikums von der Dar⸗ ſtellerin der Hauptrollen ab auf die kleinen, aber mit war⸗ mer Hingebung durchgeführten Partie'n meiner Künſtlerin. Fräulein Braag wurde öfter als zuvor mit reichem Bei⸗ fall belohnt, auch andre Federn wagten jetzt in ihr hohes Talent zu erblicken, und als die Primadonna des Drama's eine längere Gaſtſpielreiſe unternahm und Fräulein Braag nun in mehreren Hauptrollen, unter andern auch als Lady Macbeth auftrat, da war die Eisrinde um das Herz des Publikums vollends aufgebrochen, und ich, der ich alle meine Erwartungen übertroffen fand und während der Vorſtellung, von der Gewalt dieſer Seele fortgeriſſen, einige wenige Thränen vergoß— das erſte Mal ſeit meiner Kindheit wieder— ich kam mir recht klein, recht unwürdig vor, zu dieſem großen Thatbeſtand mein Schärf⸗ lein beigetragen zu haben.— Das Dämmerlicht des hei⸗ terſten Junihimmels brach durch die das Theatergebäude 37 umgebenden Baumgänge der Promenade, als die Vor⸗ ſtellung des Macbeth zu Ende war und die Menſchen⸗ menge ſchweigend aus allen Portalen herausſtrömte. An einer von mir bisher nicht beachteten Eingangsthüre auf einer andern Seite des Theaters hatte ſich ein kleines Häuflein Menſchen verſammelt, die neugierig die Heraus⸗ tretenden betrachteten. Da kam ja einer der Mörder Banquo's die Stufen herab und lenkte dem nahen Caffee⸗ hauſe zu, da kam auch Macbeth und beſtieg einen der Fiacker, die in der Nähe hielten, auch Banquo trat heraus, mit dem Zuknöpfen ſeiner ſchwarzen Handſchuh beſchäftigt — zuletzt zeigte ſich auch ein galonnirter Theaterdiener auf den Treppenſtufen und winkte einem zweiten Fiacker. Der Theaterdiener öffnete den Schlag des Wagens und blieb in ehrerbietiger Haltung, die Thüre herumgelehnt, ſtehen, die Menge drängte ſich näher an den Wagen heran und ſpannte nach dem Eingange. Mein Herz begann unter einer plötzlich aufſteigenden Ahnung heftig zu ſchlagen. Eine alte Dame kam vorſichtig die Stufen herab und ſtieg in den Wagen, der Theaterdiener hielt noch immer den Schlag geöffnet. Oben auf der Treppe erſchien die Heldin des Abends. Unter einem netzartig das Haar bedeckenden Käppchen, fanden ſich alle die theuern Züge wieder, die ich einſt unter dem Amazonenhute erkannte— die hohe Ge⸗ ſtalt war in einen großen Shawl verhüllt, behend eilte 38 ſie die Treppe herab, die blutige Lady Macbeth; ich drängte mich vor, ihr Shawl ſtreifte mich, ſie verſchwand in den Wagen— ich ſah nur noch die beiden vergoldeten Kuppen der Nadel, mit welcher die Kopfbedeckung nebſt zwei langen ſchwarzen, über den Nacken herabflatternden Bändern kunſtreich an das Haar befeſtigt war—. Der galonnirte Diener warf die Thüre zu und der Gaul trabte davon. Da ſtanden die Leute und ſahen dem Wagen nach, da ſtand auch ich und hätte weinen mögen— ich weiß nicht warum; aber ich lachte— ich weiß auch nicht warum? Am nächſten Morgen gegen zwei Uhr erſt legte ich mich ſchlafen, bis dahin hatte ich über die Vorſtellung des Macbeth Blatt auf Blatt beſchrieben und meinem über⸗ vollen Herzen Luft gemacht. Einen Tag nach dem Erſchei⸗ nen meines Referat's hörte ich von meinem Schreibpulte aus im Laden ein lautes Sprechen. Ich ſah durch das Glasfenſter und erkannte den Briefträger, der einen Brief in der Hand hielt, und abwechſelnd auf die Adreſſe des Briefes und auf meinen Vetter ſah. „Ich kenne Niemanden in der Nachbarſchaft,“ ſagte mein Vetter, als ich in den Laden trat,„der dieſen Namen führt.“ 14 „Nummer 77, vier Treppen hoch,“ las der Brief⸗ träger,„es ſteht ganz deutlich darauf, es kann nur in Ihrem Hauſe ſein.“ 39 „Kennſt Du vielleicht einen Doctor Krach?“ fragte mich mein Vetter. „Ah! Doctor Krach, jawol, jawol, er hat mich ge⸗ beten, Briefe für ihn in Empfang zu nehmen.“ Der erfreute Briefträger händigte mir den Brief ein, auf deſſen Adreſſe ich die Hand des Redacteur's erkannte. „Wie kommſt Du dazu?“ fragte mich mein Vetter, den Brief von allen Seiten betrachtend. „Doctor Krach iſt— iſt mein ſpaniſcher Lehrer.“ Ich benutzte den nächſten günſtigen Augenblick, den Brief zu öffnen. Ein verſiegeltes Billet mit der Aufſchrift Doctor K. fiel mir entgegen. Ich las: „Geehrter Herr! Nur um mir das Beſchämende einer vorzeitigen Dank⸗ barkeit für Ihre unſchätzbaren Verdienſte um meine Car⸗ rière zu erſparen, einer Dankbarkeit freilich, die ich im Stillen ſchon längſt Ihrem guten Willen ſchuldete, der aber bisher noch die Sanction des Publikums fehlte— nur aus dieſem egoiſtiſchen Beweggrunde habe ich bisher unterlaſſen, dem Drängen meines Herzens nachzugeben und mich nach dem edlen unbekannten Lenker meines Büh⸗ nengeſchicks umzuſehen. Ihnen zu ſagen, wie tief ich mich Ihnen verpflichtet fühle, dazu fehlen mir Worte. Möchte ich nur zur Hälfte das ſein, was Sie in mir zu erkennen glaubten— und— durch die Kunſt Ihrer Feder aus mir EEEEEEEEEEE ————— 8 40 gemacht haben. Nur über Eins, von Allem was ich in mir trage, bin ich nicht in Zweifel; nicht die wärmſte Hin⸗ gebung für meine Kunſt, nicht das Bedeutendſte, was ich je leiſten werde— wird den Grad dieſes Einen erreichen ——— das Gefühl der Dankbarkeit gegen meinen un⸗ bekannten Freund. Wer Sie auch ſein mögen, Sie hatten ſich ſchon ſeit lange meine ſtille Freundſchaft erworben, und wenn Sie mein Glück vollſtändig machen wollen, ſo geben Sie mir Gelegenheit, Sie perſönlich kennen zu lernen. Meine Mutter vereint ihre Bitte mit der meinigen und wird ſich ebenſo ſehr, wie ich mir, angelegen ſein laſſen, Sie mit den ohnmächtigen Ausdrücken der Dankbarkeit zu verſchonen. Ihre ergebene Laura Braag.“ So ſtand ich endlich vor dem längſterſehnten Ziele, ſo hatte ich mich durchgegraben bis an das Herz dieſer Veſte— und jetzt ſtand ich da und zitterte vor dem Augen⸗ blicke, wo ſich der ſüße Mund meinetwegen aufthun, die kleine weiße Hand ſich meinetwegen ausſtrecken würde. Heute wollte ich nicht gehen, ich wollte erſt morgen gehen, am nächſten Tage ging ich auch nicht, ſondern den darauf folgenden Tag. In einem ſtillen Gartenhaus in der Vorſtadt war 41 ihre Wohnung. Ein Mädchen öffnete mir die verſchloſſene Vorſaalthüre und blickte mich befremdet an. 3 „Fräulein Braag nimmt keine Beſuche an.“ „Uebergeben Sie Fräulein Braag dieſes Billet,“ ant⸗ wortete ich zögernd der Dienerin, ihr den Brief einhän⸗ digend, der Laura's Einladung enthielt,„und ſagen Sie dem Fräulein, daß ſich ihr der Empfänger dieſer Zeilen höflichſt empfehlen laſſe.“ Ich nahm die Entfernung des Mädchens wahr, um vor einem Spiegel noch in aller Geſchwindigkeit mein Haar zu ordnen. Das begonnene Werk blieb aber unvol⸗ lendet, denn ſchon öffnete ſich die Thür wieder und vor mir ſtand Fräulein Braag mit dem Billet in der Hand. Mein Herz ſchlug hörhar, das Blut ſchoß mir in's Geſicht, ich war in dieſem Augenblicke über nichts Herr, als über meinen Hut, den ich in der. Hand ſchwenkte, und über eine armſelige Verbeugung, aus der ich mich kaum wieder her⸗ auswagte. Fräulein Braag war mir an Gewandheit un⸗ endlich überlegen, aber ſo graciös und natürlich zugleich die Art und Weiſe war, mit der ſie mich empfing und mir die Thür in das Wohngemach öffnete— es flog doch eine leiſe Purpurröthe über ihr himmelſchönes Antlitz— und dieſe Beobachtung gab mir einigermaßen mein Selbſtver⸗ traun und meine Unbefangenheit wieder zurück. In dem traulichſten Zimmer von der Welt, unter 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 42 Blumen und Schlingpflanzen, inmitten einer Einrichtung, in welcher harmloſer Luxus mit überraſchender Einfachheit abwechſelte— empfing mich die Mutter der Künſtlerin, eine liebenswürdige alte Dame, ſo wenig ſie auch ihrer Tochter ähnlich ſah. Ich ſah ihr, als ſie mir die Hand zum Willkommen drückte, deutlich an, wie ein Ueberein⸗ kommen ſie band, über das zu ſchweigen, was ihre Mienen bewegte. Laura nahm mir Hut und Stock ab und führte mich an das Sopha, wo ich, ehe ich mir's verſah, ſo tief einſank, daß ich im erſten Moment mein Kinn mit der Tiſchplatte eine Linie bilden ſah und mir deshalb ſehr lächerlich vorkam. Trotzdem hätte ich in dieſem Augen⸗ blicke, verſunken in den Anblick Laura's, die einen Ring an ihrem Finger drehend, in rührender Einfachheit und doch im ſtrahlenden Glanze ihrer Schönheit ſeitwärts ſtand— ein Lobgeſang auf die Schöpfung— gern ſterben wollen und wäre es der Lohn für ein hundertjähriges mühevolles Daſein geweſen. „Was habe ich mir von Ihnen für Vorſtellungen ge⸗ macht!“ ſagte die Darſtellerin der Lady Macbeth und nahm auf einem Stuhle mir gegenüber neben der Mamma Platz,„eine Zeit lang glaubte ich Sie in der Perſon eines alten ehrwürdigen Herrn mit ſilbernen Locken und mit furchtbar ernſten Zügen zu errathen, dem ich oft in der Nähe des Redaktionsbureau's begegnete. Bald aber kam 1 43 ich doch zu der Einſicht, daß der Doctor K. gar ſo alt nicht ſein, gar ſo ernſte Züge nicht haben könnte.“ Sie drohte mir ſchelmiſch mit dem Finger, und ich ſpürte, daß ich wieder roth im Geſichte geworden war. „Ihr Beurtheiler, mein Fräulein,“ ſagte ich,„war alt und jung. Sie begegneten ihm täglich, wohin Sie auch Ihren Fuß ſetzten, Sie ſahen ihn jeden Abend die Räume des Theaters füllen, Ihr Beurtheiler war das Publikum, ein launiſcher, kritiſcher Mann— aber zu kurzſichtig, daß ihm ein Knabe nicht den Weg hätte zeigen können.“ „Ich laſſe Sie bei dieſem Vergleiche, da Sie ſich nun einmal darin zu gefallen ſcheinen,“ erwiederte Laura lächelnd. „Da Sie mich gerade auf das Capitel über Täu⸗ ſchungen in den Perſönlichkeiten geführt haben,“ fuhr ich fort,„ſo will ich Ihnen geſtehen, daß auch ich hinſichtlich Ihrer Perſon auf kurze Zeit in einem Irrthum befangen war.“ „Ahl gewiß die junge Dame aus dem Penſionat,“ riefen Mutter und Tochter zugleich. „Dieſelbe,“ entgegnete ich,„Sie wiſſen alſo ſchon um Ihre Doppelgängerin? Ich habe mich ſpäter der Ver⸗ muthung hingegeben, in ihr eine Schweſter von Ihnen zu erblicken.“ 8 „Ich habe keine Geſchwiſter,“ antwortete Laura,„die 3 47 44 Aehnlichkeit zwiſchen uns Beiden iſt aber frappant, denn Mama ſelbſt hat einſt die junge Dame für ihre Tochter angeſehn.“ 8 „Laura! rief ich, als ich ſie an mir vorübergehen ſah,“ unterbrach Madame Braag ihre Tochter,„ſie wandte ſich nach mir um und nickte mir freundlich zu, da ſie ſich wahrſcheinlich von den übrigen Penſionärinnen nicht trennen durfte. Ich entſann mich, daß meine Tochter in der Thea⸗ terprobe war, und dies, ſowie die Kleidung und die Umgebungen der Penſionärin verhinderten ein größeres Mißverſtändniß.“— „Sonderbar,“ ſagte ich und wagte einen Blick auf Laura zu werfen. Ich hätte ihr noch mehr Geſchichten von täuſchender Aehnlichkeit erzählen, ich hätte ihr ſagen mögen, daß ſie früher Amine geheißen habe, und hätte ſie von ihrem Stuhle, auf den die reizenden Formen ihrer Geſtalt wie hingegoſſen ſchienen, an mein Herz reißen und ihren Mund mit tauſend Küſſen bedecken mögen. Es wurde mir zu Muthe, als wäre ich von einem glücklich erreichten Ziele plötzlich zurückgeſchleudert worden und ſtände jetzt erſt wieder auf dem Anfangspunkte meines Strebens. Ich verwünſchte meine Phantaſie, ich verwünſchte die Wirk⸗ lichkeit, und die Einrichtung der Welt kam mir vor wie eine Laune, eine Grille. 45 Auf mein Bitten ſetzte ſich Laura an's Clavier und ſpielte und ſang— beides mit einer gewiſſen ſoliden Voll⸗ kommenheit. Ihre Anſpielung, daß der Recenſent der Oper den muſikaliſchen Leiſtungen einer Dilettantin un⸗ möglich Geſchmack abgewinnen könne, war mir peinigend. Ich ſollte mich nun ebenfalls an's Clavier ſetzen, und kannte keine Note. Meine muſikaliſche Bildung beſchränkte ſich auf die Gabe, alles Gehörte nachzuſpielen, die ich auf dem Inſtrumente eines Freundes allmählich gebildet hatte. Ich war daher aus einer großen Verlegenheit befreit, als mich die Mamma, die auf einige Zeit das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, einlud, an einem einfachen Abendeſſen unten in der Gartenlaube Theil zu nehmen. Laura's Mutter, die ich— in allen Kammern meines Herzens allmälich aufgethaut— friſchweg„Mama Braag“ titulirte, ſaß neben mir auf der Bank, Laura ſaß uns ge⸗ genüber, durch den weißgedeckten Tiſch von uns getrennt, auf einem Gartenſtuhle. Es war mir eine Seligkeit, in das ſchöne Antlitz zu blicken, deſſen Züge jeder leiſe Ge⸗ danke zu bewegen vermochte. Ich machte von dem Rechte, Denjenigen, mit dem man ſpricht, in's Auge zu faſſen, den umfangreichſten Gebrauch, war aber verſchämt genug, in den Momenten, wo die Unterhaltung ſtockte, nur ver⸗ ſtohlene Blicke zu ihr zu werfen. Ob ſie, wenn unſre Blicke ſich dann häufig begegneten, erröthend die Augen nieder⸗ 46 ſchlug, weiß ich nicht, denn ich kehrte von meinem Streif⸗ zuge ſtets ſo haſtig zurück, daß ich nicht beobachten konnte, was im jenſeitigen Lager vorging. Es begann bereits zu dunkeln. Ein gelinder Abend⸗ wind ſtrich durch das Blätterwerk der Bäume und Sträu⸗ cher und trug die Wohlgerüche der Blumen durch die Lüfte. In den Fenſtern nach dem Garten zu glühten die letzten Strahlen der Sonne. Es war heute im Theater keine Vorſtellung. Ich hörte vorn die Hausthür gehen; nicht lange, ſo öffnete ſich die Thüre nach dem Garten und ein Herr in ſchwarzem ſpaniſchen Mantel, mit gelblichem Teint und ſchwarzem krauſen Haar näherte ſich unſerer Laube. Laura war aufgeſtandeu und ihre Mutter erhob ſich eben⸗ falls. Der neue Ankömmling war mir durchaus nicht un⸗ bekannt, ich hatte ihn wenige Tage vorher die Treppen am Theater herunterkommen ſehen. Es war der Darſteller des Macbeth, der talentvolle Intriguant und Charakter⸗ ſpieler unſerer Bühne. Man ſtellte mich vor; vorläuſig ſchlechtweg als Doctor Krach. Herr Bollhorn brachte Laura die Nachricht, daß die Primadonna des Theaters bei der Direction um Auflö⸗ ſung ihres Contracts angetragen habe.„Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach hat ſie in der Ferne von Ihren Triumphen gehört,“ ſagte Bollhorn,„und wird Ihnen jetzt das Feld überlaſſen wollen.“ 47 „Ich würde es mir nie verzeihen, ſie verdrängt zu haben,“ entgegnete Laura. „Sie weicht freiwillig, ſie iſt ſogar im Begriff, ein ſehr günſtiges Engagement mit einer andern Bühne abzu⸗ ſchließen. Es handelt ſich nur noch darum, daß unſere Direction ſie ihres Contracts entbindet.“ „Und was gedenkt die Direction zu thun?“ fragte Laura nach längerem Schweigen. „Man wird dem Wunſche dieſer Dame willfahren, unter der Vorausſetzung, daß Sie, wie nicht zu bezweifeln iſt, ihren Platz einnehmen wollen.“ „Nun, Sie ſchweigen?“ unterbrach Bollhorn eine längere Pauſe, während welcher Laura mit meinem Stocke Figuren in den Sand gemalt hatte. „Das bedarf der Ueberlegung,“ antwortete Laura. „Sie wollen überlegen, ob es nicht beſſer iſt, bei Ihren zweiten Rollen zu bleiben?“ fragte Bollhorn erſtaunt. Laura verneinte und ſchlug vor, von etwas Anderem zu ſprechen. Mir aber ging eine Ahnung auf, eine trau⸗ rige Ahnung, die meinen kurzen Glücksrauſch zu zerſtören drohte. Ich war von Laura's Mutter faſt den ganzen Abend in Anſpruch genommen; ſie erzählte mir von den Schick⸗ ſalen ihrer Urgroßeltern und Eltern. Auf dieſem hiſtoriſchen 48 Grunde entwarf ſie mir endlich das treue Bild ihres eignen Lebens. An die Bekanntſchaft mit ihrem ſeit vielen Jahren ſchon verſtorbenen Gemahl, der Offizier geweſen war, knüpfte ſie einen nichts weniger als gedrängten Ueberblick über deſſen Vorgeſchichte, der bis zu den Großeltern reichte. Und jetzt endlich wurde Laura geboren, entfaltete ſich zu einem wilden, ausgelaſſenen Mädchen, das einſt, als die Eltern die Vorſtellung einer wandernden Schauſpieler⸗ truppe beſuchten, plötzlich auf der Bühne erſchien und vor den Augen der ernſtaunten Eltern in der kurzen Rolle eines Knaben mit der größten Unbefangenheit auftrat. Sie hat ſeit der Zeit, trotz des ſtrengen Einſchreitens des Vaters, nicht wieder aufgehört, Theater zu ſpielen, und als dieſer endlich ſtarb und Laura älter und älter wurde, und Mama Brag wol einſah, wie die gute, alte Zeit, wo die Menſchen noch Treue und Liebe kannten, wo es noch keine„jungen Herren“ mit glänzenden Ausſichten gab, ſondern treuherzige Burſchen, die in der Zufriedenheit ihr Lebensglück ſuchten und einem armen Mädchen gar bald ihre Hand reichten, als Mama Braag alſo einſah, daß dieſe Zeiten vorüber waren, und daß die Tochter unbe⸗ mittelter Eltern ſich heutzutage durch die Welt ſchlagen muß, wie ein Mann, und etwas erlernen muß, wie ein Mann, und arbeiten und Brod verdienen muß, wie ein Mann— da entſchied ſie ſich endlich, daß Laura ihr Glück 49 auf der Bühne ſuchen ſollte— und ſo war ſie Schau⸗ ſpielerin geworden. Der Abend war verſtrichen und ſchon glänzten die Sandwege des Gartens und der weiße Anſtrich des Hauſes im Mondenſchein. Ich ſtand auf, um zu gehen. Und da Laura ihr Nähetui ordnete und die Arbeit, mit der ſie ſich beſchäftigt hatte, zuſammenlegte und über den Arm nahm, ſo blieb Bollhorn nichts anderes übrig, als meinem Bei⸗ ſpiele zu folgen und ſich ebenfalls zu entfernen. Er ging voraus. Laura begleitete mich bis vor die Thür. Ich reichte ihr die Hand, um ihr gute Nacht zu wünſchen und gewann es nicht über mich, ihre kleine, warme Hand los zu laſſen, ſo lange ich noch mit ihr ſprach. Sie bat mich, bald wieder zu kommen— ja recht bald— und recht oft. „Fräulein Laura,“ ſagte ich, ehe ich ging, und wagte es, ihre Hand etwas feſter zu drücken,„Sie wollen fort von hier? Ich weiß es, Sie wollen unſre Bühne, unſre Stadt verlaſſen, um irgend einem ehrenvollen Rufe in die Ferne zu folgen.“ Sie ſchwieg und ihre Augen ſchweiften träumeriſch zur Seite. „Ihr Schweigen ſagt mir, daß es ſo iſt, wie ich fürchte. Sie wollen fort!— Warum wollen Sie uns verlaſſen?“ 50 „Ich muß fort, ich kann nicht bleiben,“ antwortete Laura mit leiſem Kopfſchütteln, und mit dieſer traurigen Gewißheit verließ ich ſie. Hatte ſie den Druck meiner Hand nicht ganz leiſe erwiedert? Ich hatte einen Gegen⸗ druck gefühlt, aber ich wagte nicht daran zu glauben, denn getäuſchte Hoffnungen umgaben mich, wohin ich blickte. Warum in einem Drucke der Hand die Regungen des Herzens erkennen wollen? Eine Mücke kann eine Bewe⸗ gung der Hand hervorbringen, ein einziger Schauer vor der kühlen Nachtluft! Ich war wenige Schritte gegangen, als ich plötzlich einen dunkeln Gegenſtand zu meiner Seite bemerkte und heftig erſchrak. Es war Bollhorn, der an einem Baume lehnte, welcher dicht am Hauſe ſtand. „Sie noch hier?“ fragte ich erſtaunt. „Ich wollte Sie erwarten, um in Ihrer Geſellſchaft nach der Stadt zu gehen.“ Bollhorn hatte mich während des ganzen Abends ignorirt, nichts war unwahrſcheinlicher, als daß er ſich nach meiner Geſellſchaft ſehnte. Er hatte mein Geſpräch mit Laura belauſcht, darüber war kein Zweifel. Ich war nicht geſtimmt, mit einem Dritten über eine Perſon zu ſprechen, die mir ſo theuer war und ging ſchweigend neben ihm. Auch er ſprach nicht. Er ſummte allerhand Melodien vor ſich hin und wenn ich ihn von Zeit zu Zeit von der *₰ 51 Seite anſah, da glaubte ich im Mondenlichte um ſeinen Mund ein Lächeln zu bemerken. Ich ſehe dieſes Lächeln jetzt noch!— Wir befanden uns in der Stadt. „Nun, Ihr Weg führt Sie hier ab,“ ſagte er, an einer Ecke plötzlich ſtehen bleibend,„gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ rief ich im höchſten Grade überraſcht. Er hatte recht; es war die Straße, in der ſich meines Vetters Haus befand; ich hatte vorübergehen und auf einem Umwege meine Wohnung erreichen wollen. Sie bat mich, recht bald wieder zu kommen— ja recht bald— und recht oft! Was konnte ich anderes thun, als ihren Wunſch erfüllen? War ſie nicht der Endpunkt meines ganzen Strebens geweſen? Alles erinnerte mich ja an ſie, mit Allem, was mich umgab und was mein Inneres bewegte, war ſie ja verflochten. Mein treuer, täglicher Gefährte, meine Feder— konnte ich ſie denn an⸗ rühren, ohne an Laura zu denken? Konnte ich meine be⸗ ſcheidene Kammer denn betreten, ohne an Laura zu denken, für die ich hier oben in mancher ſtillen Nacht gedacht, gearbeitet— von der ich hier geträumt hatte? Gab es je einen Sonntag, an welchem mein Vetter ſeinen Frack trug, oder einen Abend, wo er— die goldene Brille auf der Naſe— die Zeitung las— wo ich nicht an Laura hätte 52 denken müſſen? Und gab es denn für mich überhaupt etwas anderes in der Welt, als Laura? Daher war ich bald wieder bei ihr— recht bald— und recht oft. Ich hatte ihr meine Gedichte mitbringen müſſen und war nicht wenig ſtolz, als ſie mir einige derſelben mit der, nur dieſer Künſtlerin eigenen, tiefen Empfindung vorlas. Nie hatte ich mich ſolcher Gedanken für fähig gehalten— ich hatte ihr Reime gegeben und ſie gab mir Gedanken zurück! Eins dieſer Gedichte gefiel ihr vor allen andern, ſie wußte es auswendig. Es hatte einen Refrain, den ſie oft zu citiren pflegte; und es kann keine ſchönern Augenblicke geben, als dieſe waren, wo ſie mir aus tiefſter Seele und mit dem ganzen Schmelz ihrer Stimme meine eignen Worte entgegenrief. Es war mir peinlich, ſo oft ſie mich bei der Anrede„Doctor“ nannte. Ich ſtand als Lügner vor dieſem herrlichen Geſchöpfe, und das drückte mich. Gleichwohl hielt ich es noch nicht an der Zeit, mich ihr zu offenbaren. Ueber ihren Abgang von der hieſigen Bühne hatte ich noch nicht wieder zu ſprechen gewagt und ſie hatte auch nichts wieder davon erwähnt. Eins verſtimmte mich zuweilen. Das war Bollhorn, mit dem ich häufig bei Laura zuſammentraf. Ich hatte dieſen Mann oft beneidet, wenn er in der Ausübung ſeiner Rolle Laura in ſeine Arme geſchloſſen oder ihr die Stirne geküßt hatte. Ich hatte jedoch nie vergeſſen, wo dies ge⸗ 53 ſchehen war und kein eiferſüchtiger Gedanke war mir bei⸗ gekommen. Tauſend bühnengerechte Küſſe aber hätte ich ihm eher vergeben, als einen einzigen Schritt in das häus⸗ liche Heiligthum der Künſtlerin.— Ich fing an, ihn zu haſſen. Mein verſöhnliches Gemüth war immer bereit, einen Uebergriff ſchnell wieder zurück zu nehmen, aber hier ſchwieg es ſtille, denn es entging mir nicht, daß mein Haß von Bollhorn erwiedert wurde. Nie war zwiſchen Laura und mir das Geſpräch auf Bollhorn gekommen. Zehn Jahre meines Lebens hätte ich darum gegeben, Laura mit keinem Blicke, mit keinem weichen Tone verrathen zu haben, daß ich neben der Be⸗ wunderung für die Künſtlerin auch nur die kleinſte Leiden⸗ ſchaft für das Weib hege. Denn ich war mir nur zu deutlich bewußt, daß ſelbſt die Braut ihrem Verlobten einen Theil ihrer Zärtlichkeit entzieht, wenn ſie von Zeugen umgeben iſt, die die leeren Albumblätter der Huldigungen vollends füllen könnten. Um wie viel wahrſcheinlicher war es, daß Laura während meiner Abweſenheit weniger kalt gegen Bollhorn war, als ſie es zu ſein ſchien? Ich hing oft trüben Gedanken nach. Daß Laura von Bollhorn geliebt wurde lag außer allem Zweifel. Am meiſten ſchlug mich das Bewußtſein nieder, daß ich kein Recht zu haben glaubte, neben Bollhorn um Laura's Liebe zu werben. Er war mir an Jahren bedeutend überlegen „. 1 54 und, vermöge ſeiner Stellung und Talente, Laura's viel würdiger als ich. Das empfand ich nur zu tief— und doch hätte ich lieber dem Leben als Laura entſagt. Oft überdachte ich die Wirkung, die es auf Laura hervorbringen würde, wenn ich ihr ſagte, wer ich ſei. Nein! ſie kann nicht zurückſchrecken, tröſtete ich mich, dieſes reine, liebe Weſen wird gewiß nicht aufhören, mich zu lieben. Daß ſie mich liebte, hoffte ich, wie man einſt ſelig zu werden hofft. Je düſterer Bollhorn wurde, je kälter ſein Gruß, wenn er mich ſah, deſto feſter war mein Glaube an Laura's Liebe zu mir. Ein heiteres Lächeln auf Bollhorn's Geſicht, machte meinen Glauben wieder wankend. Ein tiefer Seuf⸗ zer, der leiſe ſeiner Bruſt entfloh, ſtrömte in die meinige und gab ihrer Freude Nahrung. Die Liebe iſt die höchſte Potenz des Egoismus, aber auch die würdigſte Anwendung jenes heiligſten Geſchenkes der Allmacht, das wir Ich nennen. Ich glaubte eines Tages die Bemerkung zu machen, daß Bollhorn plötzlich freundſchaftlichere Geſinnungen gegen mich zu zeigen anfing. Er richtete ſeine Worte an mich, wo er ſonſt nur zu Laura oder deren Mutter ge⸗ ſprochen und mir kaum das Zuhören gegönnt hatte. Ich war deshalb unangenehm überraſcht. Hatte er von Laura Zugeſtändniſſe errungen? Aus dieſen ewigen Zweifeln mußte ich endlich heraus kommen, morgen wollte ich mich 3 * 5⁵ Laura entdecken und ihr meine Liebe geſtehen. Ich hatte es ſchon oft genug thun wollen, aber ich hatte noch nicht gewagt, über den wärmeren Händedruck hinauszuſchreiten. Oft hatte ich neben ihr in der Laube geſeſſen, allein und von Niemandem belauſcht. Doch ich wagte nicht, den großen liebenswürdigen Verrath an mir zu begehen. Meine Hand zuckte nach der ihrigen— wenn ich ſie ergriff, dieſe kleine weiße Hand— da war Alles verrathen— wenn ich ſie zu meinen Lippen führte, da blieb nichts mehr zu ſagen übrig! Aber Alles, was in ſolchen Stunden geſchah, war höchſtens, daß Laura mich fragte:„Warum ſind Sie ſo ſtill?“. Bollhorn war ſehr redſelig als ich Abends mit ihm nach Hauſe ging, und beim Abſchiede ſchüttelte er mir ſogar die Hand. Es ſchlief ſchon Alles im⸗Hauſe als ich die Treppen hinauf ging, ſonſt hätte mir wohl dieſen Abend noch ein ernſtes Rencontre mit meinem Vetter bevor geſtanden, denn als ich in meine Kammer trat und Licht angezündet hatte, fand ich meine gedruckten Theaterrecenſionen, meine Manuſcripte und Gedichte umhergeſtreut und meinen Schreibtiſch erbrochen. Daß meine Befürchtung, mein Vetter ſelbſt habe ſich dieſen Eingriff erlaubt, richtig war, fand ich in dem unheimlichen Schweigen, das derſelbe am nächſten Morgen gegen mich beobachtete, hinreichend be⸗ 56 ſtätigt. Ich ſah auf ſeiner Stirne ein furchtbares Gewitter zuſammengezogen und wartete auf den Ausbruch. Es war jedoch ſeine Art, die Opfer ſeines Zornes eine gute Weile den ſengenden Strahlen der drohenden Gefahr auszuſetzen, ehe er mit ihnen zu Gerichte ging. In dieſer beängſtigen⸗ den Situation verharrte ich bis Nachmittag. Da erhob ſich endlich das mir wohlbekannte langanhaltende Räu⸗ ſpern, das die Markthelfer mit einem Trompetenſignale zu vergleichen pflegten, mein Vetter ſchloß die Comptoir⸗ thüre ab, die nach dem Laden führte und während der warmen Jahreszeit gewöhnlich offen ſtand und ich ſah im Geiſte, meine Collegen im Laden bei dem Unheil verkün⸗ denden Knarren des Schloſſes die Köpfe lauſchend empor⸗ heben und ſich gegenſeitig bedeutſame Blicke zuwerfen. Mein Vetter nahm aus ſeinem Pulte einen Brief, reichte mir ihn herüber, ſchlug mit der Hand darauf und fragte mit dem ganzen Pathos der Strenge:„Iſt das wahr?“ Während der hierauf folgenden ſchwülen Stille las ich den Brief. Er lautete: „Unter die Mitarbeiter Ihres Geſchäfts zählt ein junger Mann— wenn ich nicht irre, ein Verwandter von Ihnen— welcher unter dem angenommenen Namen Doctor Krach in der hier erſcheinenden.... Zeitung Theaterkritiken veröffentlicht. Es gehörte kein allzu ſcharfer Blick dazu, um aus den Publikationen des bezeichneten 57 Verfaſſers ſeine Neigung für eine junge Schauſpielerin unſers Theaters heraus zu finden, die ſeinen eben ſo geiſt⸗ vollen als begeiſterten Lobſprüchen ſehr viel zu verdanken hat. Der Schreiber dieſer Zeilen jedoch, der die Talente Ihres jungen Anverwandten gewiß zu ſchätzen und zu ehren weiß, hält es für ſeine Pflicht, den Letzteren auf die peinliche Verlegenheit aufmerkſam zu machen, welche der erwähnten Dame bevorſteht, ſobald ihr Protektor in die unabwendbare Nothwendigkeit verſetzt wird, das Incognito des Doctor Krach abzuſtreifen und angeſichts der weiten Kluft, welche Thalia von Mercurius trennt, der ihm ver⸗ pflichteten jungen Schuſpielerin die Fortſetzung des ange⸗ knüpften Verhältniſſes zuzumuthen.— Noch mehr als das Wohl der ehrenwerthen Dame aber, liegt dem Schreiber Dieſes die Zukunft unſres jungen Freundes ſelbſt am Herzen. Moͤchte derſelbe doch dem warmen, wohlgemeinten Rathe folgen und einer ſchöngeiſtigen Thätigkeit entſagen, die ihn von dem ehrenwerthen Berufe des Kaufmanns abzieht, ohne dafür einen andern Erſatz zu bieten, als ummer und Aergerniſſe, Noth und Elend.— Der Um⸗ ſtand, daß Ihr Verwandter dem Theaterbeſuche die Opfer an Zeit und Geld bringen konnte, welche die Aufgabe eines Theaterkritikers gebietet, läßt mich mit Beſtimmtheit vorausſetzen, daß Sie, deſſen Erlaubniß hierzu nöthig war, um die außergeſchäftliche Thätigkeit Ihres Mitarbeiters 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 4 58 wiſſen und daß ich den Letzteren daher durch dieſen Schritt Ihnen gegenüber nicht in Ungelegenheiten bringe. Dieſer Punkt einerſeits und anderntheils die Vermuthung, daß Sie ſelbſt vielleicht die geiſtige Entwicklung Ihres Ver⸗ wandten nach der bezeichneten Richtung hin wohlwollend unterſtützt haben, ohne die verderblichen Folgen zu ahnen, veranlaßte mich, von einer unmittelbaren Einwirkung auf Ihren Verwandten abzuſehen und die hier ausgeſprochenen wohlgemeinten Warnungen an den einſichtsvollen Mann ſelbſt zu richten, der dem Verirrten am nächſten ſteht und auf deſſen für eine väterliche Mahnung gewiß noch em⸗ pfängliches Herz den unfehlbarſten Eindruck hervorzu⸗ bringen vermag.“ Nun hatte ich vor meinem Vetter kein Geheimniß mehr! „Es iſt ſo, wie der Briefſchreiber ſagt,“ antwortete ich, als ich zu Ende geleſen hatte,„nur möchte ich—“ „Herr Vetter!“ unterbrach ich mich, als ich ihn die Hand über mich erheben ſah,„Sie vergeſſen, daß Sie vor einiger Zeit meinen Lehrbrief unterſchrieben haben. Ziehen Sie Ihre Hand zurück— ich bin kein unmündiger Knabe.“ 9 Mein Vetter ſchrak vor meiner Entſchiedenheit zur c. Er war ſchon längſt nicht mehr an Widerſprüche gewöhnt, ſeine Welt war ſein Geſchäft, wo ihm Niemand zu wider⸗ ſprechen wagte, und mit der großen Welt, über die er keine . 59 Macht beſaß, machte er ſich, wenigſtens perſönlich, Nichts zu ſchaffen. Er zitterte und wurde bleich im Geſicht, aber er ſchwieg und ließ mich reden. „Die Thatſachen, die dieſer Brief enthält,“ ſagte ich,„erkenne ich als wahr an. Die Abſicht aber, in der ſie ausgeſprochen ſind, iſt eine gemeine. Ich glaube den Verfaſſer des Briefes zu errathen. Es iſt ein Verehrer jener jungen Schauſpielerin ſelbſt, ich bin ihm im Wege, er will mich beſeitigen und glaubt dieſen Zweck durch ſeinen verrätheriſchen Brief am ſicherſten zu erreichen, denn er rechnet darauf, in Ihnen weniger einen einſichtsvollen Mann zu erblicken, als vielmehr einen vorurtheilsvollen Deſpoten. Ich weiß, daß er ſich in Ihnen getäuſcht hat.“ „Es handelt ſich jetzt darum, daß Du mich hinter⸗ gangen, daß Du mich belogen— betrogen haſt,“ warf mein Vetter kurz und haſtig ein. „Ich habe Sie nie betrogen!“ rief ich,„ich bin durch Verſchweigung meiner Privatangelegenheiten nur Ihren Widerſprüchen ausgewichen.“ „Weil Du ein böſes Gewiſſen hatteſt, Undankbarer,“ entgegnete mein Vetter in überſtürzender Rede;„weil Du wußteſt, daß ich in meinem Hauſe, bei meinen Leuten, keine brotloſen Künſte dulde. Weil Du wußteſt, daß ſich ein Kaufmann von allen äſthetiſchen Dingen, die die Phan⸗ taſie erhitzen, fern zu halten hat und zu ernſteren Sachen 2⸗ 60 da iſt, als zu allen dieſen Kindereien, die mit der Zeit ein Mal ganz aufhören werden, denn die Menſchen nehmen, Gott ſei Dank, mit jedem Tage mehr Vernunft an. Du biſt auf dem beſten Wege ein Taugenichts zu werden. Ich glaubte, ich hätte Dir das unpraktiſche Zeug ausgetrieben, „Gefühl und Sinn für das Schöne nennen Sie un⸗ praktiſches Zeug?“ unterbrach ich meinen Vetter,„nie läßt ſich dieſer Sinn ganz austreiben, Herr Vetter, es wäre auch Sünde ihn auszutreiben. Kein Menſch kann ihn ganz verleugnen, auch Sie nicht, Herr Vetter. Bei dem Einen iſt er mehr, bei dem Andern weniger ausgebildet. Sie verſchmähen es nicht, eine goldne Brille zu tragen, warum machen Sie das Gold daran nicht zu Gelde und nehmen mit Stahl vorlieb? Dieſe Comptoirlampe hier iſt ſchön und koſtbar, eine beſcheidnere und wohlfeilere würde daſſelbe Licht verbreiten. Warum haben Sie dieſes Zimmer mit Tapeten überziehen laſſen? Die weißen Wände wären ohne dieſe dem Auge wohlthätige Bekleidung gewiß nicht eingefallen. Warum haben Sie es geduldet, daß mian dieſen Ofen mit Arabesken zierte und oben d'rauf einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen ſetzte? Sehen Sie, Herr Vetter, daß Sie auch Gefühl und Sinn für das Schöne haben?— Ich habe dieſen Sinn nur in aus⸗ gebreiteterem Maße als Sie, ich bin nur weiter gegangen 61 als Sie, ich bin über Gold, Tapete und Arabesken hinaus⸗ geſchritten und ſuche das Schöne im Leben ſelbſt und in dem menſchlichen Herzen. Das trieb mich zum Dichten und zum Theater.“ „Junger Menſch! junger, junger Menſch,“ ſchrie mein Vetter, der mit ſchwer unterdrücktem Zorne meiner Rede zugehört hatte,„Du vergißt, wen Du vor Dir haſt! Ich könnte Dich auf der Stelle aus dem Hauſe jagen, weißt Du das?— Und nur unter der Bedingung, daß Du mich mit Deiner Naſeweisheit verſchonſt und mir von jetzt an in allen Stücken unbedingten Gehorſam leiſteſt, ſollſt Du bleiben, junger Menſch. Die Träumereien hören auf. Das Theater betrittſt Du nie wieder. Ueber jeden Deiner Ausgänge legſt Du mir ſtrenge Rechenſchaft ab. Ich geſtatte Dir gern, zu einem Glaſe Bier die Zeitung zu leſen und eine Partie Billard zu ſpielen. Aber wehe Dir, wenn ich bei Dir einen Roman finde, oder Dich über Reimſchmiedereien oder äſthetiſchen Aufſätzen ertappe! Wehe Dir!“. „ Ich habe Ihnen jederzeit treu gedient,“ entgegnete ich,„nie haben meine Berufspflichten unter meinen Privat⸗ neigungen gelitten. Was können Sie mehr von mir ver⸗ langen?“ „Ich verlange Gehorſam— oder wer iſt Herr im Hauſe? Oder biſt Du mir den Gehorſam nicht ſchuldig? 62 Hab' ich Dich nicht als eine Waiſe in mein Haus ge⸗ nommen? Verdankſt Du mir nicht Alles, was Du biſt? Und mit dieſem Anrechte auf Dich in der Hand, fordere ich von Dir— noch ein Mal— Gehorſam! Wenn ich ſage, ich dulde unter meinem Dache ſolche Dinge nicht, wie Du getrieben haſt, ſo hat man ſich danach zu richten. Und von dieſem Geſichtspunkte aus, fordere ich Dich auf, jetzt mit mir hinauf zu gehen und Deine Gedichte und Kritiken vor meinen Augen zu verbrennen.“ „Fordern Sie die Dankbarkeit, an die Sie mich mahnen, von dem Schickſale, das mich in Ihre Hände lieferte,“ rief ich empört,„oder verlangen Sie von mir Entſchädigung für die Unkoſten, die Ihnen die Aufnahme einer Waiſe in Ihr Haus bereitet hat, ich will den Pflich⸗ ten der Dankbarkeit zu Liebe in der Stadt von Thür zu Thür betteln gehen und mit Freudenthränen das Zuſam⸗ mengebrachte vor Ihnen niederlegen— aber mit der Freiheit meines Willens, mit meinen Ueberzeugungen kann ich Sie nicht bezahlen.“ „Ich beſtehe darauf, daß Du jetzt Alles verbrennſt,“ ſchrie mein Vetter außer ſich. „Das geſchieht nicht, meine geiſtigen Erzeugniſſe ſind mein geiſtiges Eigenthum, über das außer mir Nie⸗ mandem eine Macht zuſteht.“ „Ich beſtehe darauf,“ ſchrie mein Vetter, mit dem 63 Fuße ſtampfend,„in meinem Hauſe dulde ich keinen Wider⸗ ſpruch, ich dringe auf Gehorſam, ſonſt muß Alles zu Grunde gehen.“ Ich beharrte bei meinem Rechte. Er drohte, mich aus dem Hauſe zu jagen. Ich blieb unerſchütterlich feſt. Mein Vetter wollte, wie er mit triumphirendem Zorne ausrief, ein Exempel ſtatuiren. Er rief das Per⸗ ſonal zuſammen, ſchilderte dieſem und dem gerade im Laden anweſenden Publikum, das ſich neugierig bis an die Comptoirthüre herangedrängt hatte, meine Widerſetzlichkeit und entließ mich meines Amtes mit dem Bedeuten, daß ich noch dieſen Abend ſein Haus verlaſſen ſollte und daß es Jedem, der ſich eines ähnlichen Ungehorſams ſchuldig mache, ebenſo ergehen werde. Als mein Vetter geendigt hatte, nahm er den ver⸗ hängnißvollen Brief, zerknitterte ihn und warf ihn mir vor die Füße. Meine Mitarbeiter ſtanden noch betroffen im Halbkreiſe; ſie wagten nicht, an ihre Arbeit zurück zu kehren, bis mein Vetter ſie entließ. Dann wurden die Kunden im Laden wieder flott bedient, und mein Vetter verließ das Comptoir und ſchlug heftig die Thüre hinter ſich zu. Ich aber hob den zerknitterten Brief vom Erdboden auf, glättete ihn ſorgfältig und ſteckte ihn zu mir. Dann ging ich hinauf und packte meine Habſeligkeiten zuſammen. 64 Ob wol wieder eine beſſere Zeit kommen wird? fragte ich mich, als ich am nämlichen Abend, mein Bündel unter dem Arme, dahinwanderte. Was für ein Leben liegt jetzt vor mir? Habe ich mir Vorwürfe zu machen? War das die jugendliche Thorheit, von der alte Leute ſprechen? Bei Gott! es war nichts Thörichtes in mir! Und wenn ich thö⸗ richt war, ſo iſt der goldne Purpur, mit dem die ſinkende Sonne die bläuliche Ferne umſäumet, eine Thorheit! Du haſt uns zu unſerm Tagewerke geleuchtet, Sonne! Und da du doch untergehen mußt, ſo erliſch und unterlaß dein flimmerndes Spiel an den Bergen. Es nützt uns nichts mehr... Ob wol beſſre Zeiten für mich wieder kommen? Ar⸗ mer Bettler am Wege, du bitteſt mich um Geld? Ich habe ſelbſt Nichts, ich beneide dich um die Kleinheit deiner Bitte, deines Wunſches. Gewiß würdeſt Du mit tauſend Freuden meinem Vetter Gehorſam geleiſtet haben um Eſſen und Trinken und ein weiches Bett. Ich that es nicht! Ob eine Zeit kommen wird, wo ich es thun werde? Ob mein ſtolzer freier Wille einſt gebeugt werden wird, ob ich meine Ueberzengung einſt für ein weiches Bett dahingeben werde?. Das Leben iſt hart, ſagt die Welt, und ich weiß nicht, ob ich morgen zu Eſſen haben werde! Von ſolchen Gedanken erfüllt, wanderte ich, ohne Ziel, die Landſtraße entlang. Hinter mir lag die Stadt, 65 die mich ausgeſtoßen hatte, vor mir dehnte ſich die Straße eine Anhöhe hinauf. Die letztere war mit einem mächtigen Tannenwald gekrönt, in dem das Licht der ſinkenden Sonne langſam und majeſtätiſch einherwandelte. Ich ſchritt dem Walde zu, und ſetzte mich, auf der Höhe angekommen, auf einem kleine Abhange am Waldesſaume nieder. Dort lag die Stadt mit ihren Thürmen vor mir. Da zogen ſich die Vorſtädte hin und endeten in zerſtreuten Landhäuſern. Jetzt erſt bemerkte ich, welche Richtung ich, durch das Ge⸗ wühl meiner Gedanken von der Außenwelt abgezogen, ein⸗ geſchlagen hatte: da lag auch ein Haus— eine Art Gartenhaus— ich ſah die Fenſter flimmern— da drinnen waltete Laura!— Laura— wenn du wüßteſt, daß ein Bettler dich liebt, daß der dir heute Herz und Hand an⸗ bieten wollte, der jetzt hieroben ſitzt, als Bettler! Wo ſoll ich nun mit meiner Liebe hin? In Verlegenheit wird es die junge Dame bringen, wenn ich mein Incognito abſtreife, ſagte Bollhorn in ſeinem Briefe. Konnte er nicht Recht haben? Ich entſann mich jetzt, daß Bollhorn einſt zu mir geſagt hatre: Ihr Weg führt Sie hier ab. Woher wußte er meine Wohnung? Kein Andrer, als Bollhorn hatte den Brief geſchrieben. Sollte er aber Laura nicht ſchon längſt über mich und meine Verhältniſſe aufgeklärt und darin eine Gelegenheit erblickt haben, mich in ihren Augen herab⸗ zuſetzen? Und Laura hatte mir Nichts geſagt? Wenn ſie 66 den Brief diktirt hätte, wenn die Dame, die jener pein⸗ lichen Verlegenheit entgegenging, ſich ſelbſt davor zu ſchützen geſucht hätte?! Nein, Laura— nein! Meine Liebe iſt mein Glaube an dich. Die Harmonie der Sphären müßte aufhören, wenn du falſch wärſt, und ich müßte ein fremdes Weſen ſein, das einem beſſern Stoffe entſprang als dieſer Erde!— Ich ſtarrte hinab und träumte, bis die Fenſter da unten nicht mehr flimmerten und die weißen Mauern immer matter und matter werdend, in die Schatten der hereinbrechenden Nacht zurücktraten. Gute Nacht Laura! Ich glaube an dich und an dein reines Herz! rief ich hinab und dann ging ich tiefer in den Wald, auf einem Fußpfade geräuſchlos und weich auf den herabgefallenen Nadeln ſchrei⸗ tend. Die Nachtluft wehete mild. Der Mond war auf⸗ gegangen und in ſeinem Silberlichte glänzten die Bäume und Gebüſche wie in einem Zaubermärchen. Es war Alles ſo ſtill um mich her, mir war, als träumte ich. Friede und Ruhe war in mein Herz eingezogen. Ein ſüßes Weh, das ich nicht mit dem größten Triumphe eines rauſchenden Glückes vertauſcht hätte, durchſtrömte mich, als ich mich unter einer alten, mächtigen Eiche niederließ. Ich hörte leiſe die Blätter über mir rauſchen, ſah in die magiſch er⸗ leuchtete Waldnacht um mich her, und über vielerlei Ge⸗ ſchichten und Märchen, an die ich hier erinnert wurde, ſchlummerte ich ein. 67 „Wo iſt unſre Königin?“ fragte eine Stimme aus der alten Eiche heraus und der Zwerg trat hervor und ſchritt, ohne daß ich es fühlte, über mich hinweg. „Sie klagt und weint im Walde,“ ſagte der andre Zwerg, der jenem plötzlich über die Schulter ſah. „Schicke zu ihr und laß ihr ſagen, daß er da ſei.“ „Aber er ſchläft noch.“ „Die Sonne iſt aufgegangen, ihr erſter Schein ſpielt auf ſeinem Geſicht, er wird das Auge aufſchlagen.“ „Die Königin iſt in der Nähe,“ ſagte der andre Zwerg,„ſie weiß noch nicht, daß er da iſt. Sie klagt und jammert noch.“ Ich hörte ihre Stimme, es waren rührende Töne der Wehmuth und der Sehnſucht— ich konnte die Worte nicht genau unterſcheiden, auch als die Stimme näher kam. „Der erſte Schein der Sonne ſpielt auf meinem Ge⸗ ſicht, meint ihr?“ fragte ich den Zwerg. Er nickte bejahend und gebot mir mit dem Finger Schweigen, denn die Stimme tönte jetzt ganz nahe. Ich fühlte mein Bündel unter meinem Haupte— das war der Morgenhimmel, der im klarſten Blau durch das Blätterwerk der Eiche hermmterſchaute. Waren nicht eben noch die beiden Zwerge hiex? „ 68 „Eilende Wolken, Segler der Lüfte! Wer mit euch wanderte, mit euch ſchiffte!“ Das war die Königin! Ich rieb mir die Augen. „Grüßet mir freundlich mein Jugendland!“ Dieſe Stimme kenne ich! Und in dem Augenblicke rauſchte es dicht neben mir, vor meinen Augen bewegte ſich ein leichtes Gewand, in zarten Wellenlinien ſtiegen die Um⸗ riſſe aufwärts bis zu einem lieben Mädchenantlitz empor, das ſich zu mir herabbeugte. Ich träumte nicht mehr— im hellen Glanze des Morgens ſtanden Bäume und Gebüſche noch in denſelben Gruppen um mich, wie geſtern Abend, und Laura hatte ihr üppiges ſchwarzes Haar loſe und legére an beiden Schläfen aufgeſteckt und ſtand in ſo anſpruchsloſer und doch reizender Morgentoilette vor mir— nein, es war kein Traum mehr! Ich war aufgeſprungen.— „Mein Freund,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſich von ihrer Ueberraſchung etwas erholt hatte, und in ihrem Tone lag eine, ach! ſo innige Zärtlichkeit,„mein Freund, was iſt mit Ihnen vorgegangen?“ „Wie kamen Sie hierher— in dieſes tiefe, ſichre Verſteck? Grüßet mir freundlich mein Jugend⸗ land! Das ſagt Maria Stuart.“ „Ich pflege in den Frühſtunden, wenn der Morgen 69 ſchön iſt, meine Rollen hier zu ſtudiren,“ antwortete Laura vaber Sie haben dieſe Nacht hier zugebracht, dort liegt ein Bündel, das Ihnen als Kopfkiſſen gedient hat. Sie waren geſtern nicht bei uns.“ 8 „So hören Sie denn, liebe Laura,“ antwortete ich und wagte es zum erſten Male, ihre Hand zu ergreifen. Sie ließ ſie in der meinen ruhen und ſchlug das Auge nieder.„Ein armer Junge,“ erzählte ich,„der Vater und Mutter verloren hatte, wurde von einem entfernten Ver⸗ wandten aufgenommen und in deſſen Hauſe zum Kauf⸗ mann ausgebildet. Er beſaß aber viel Herz und auch etwas Phantaſie und dieſe beiden machten ihn zum Dichter. Als eines Tages der Verwandte erfuhr, daß der Merkursjünger ſich mit Poeſie beſchäftigte, kam es zwiſchen beiden zum Streite, der damit endete, daß der Poet das Haus verließ. Hier hat er vor der Hand ſein erſtes Nachtlager abge⸗ halten.“ z „Und hatte der Poet keine Freunde, die ihn aufge⸗ nommen haben würden?“ fragte Laura mit einem leiſen Unwillen. „Unter ſeines Gleichen nicht,“ antwortete ich,„er hatte ſich von allen Bekanntſchaften zurückgezogen und ver⸗ kehrte nur mit einer Familie.“ Und dieſe Familie?“ 70 „Hatte er hintergangen, belogen, in dieſe Familie hatte er ſich unter falſchem Namen eingeſchlichen.—“ „Und dieſem falſchen Namen glaub' ich, verdankte dieſe Familie ſehr viel. Und ich weiß es,“ rief Laura mit Thränen in den Augen,„Niemand Andres trägt die Schuld an Ihrem trüben Geſchick, als ich!“ „Nicht Sie, Laura,“ ſagte ich bewegt,„es blieb Alles im alten Gleiſe, wenn der Verräther nicht war, der meinem Verwandten Alles entdeckte.“ „Man hat Sie verrathen?“ fragte Laura und ihre Geſtalt richtete ſich empor.„Ein Verrath? Kein Zufall?“ „Kein Zufall— ein Brief ohne Unterſchrift.“ „Ein Brief?“ fragte Laura und fügte haſtig hinzu: „Haben Sie den Brief?“ „Ich kann Ihnen den Brief nicht zeigen.. „Geben Sie mir den Brief, ich beſchwöre Sie, er enthalte was er wolle. Oder haben Sie noch mehr Ge⸗ heimniſſe vor mir?“ Ich weigerte mich, aber Laura wurde dringender; ich mußte ihr den Brief geben. Ich ging auf und ab, während ſie las. Bleich im Geſicht und mit zitternder Hand gab ſie ihn mir zurück. 4 „Dieſe Zeilen werfen ein trübes Licht auf mich,“ ſagte ich,„aber ich ſtehe rein vor Ihnen, Laura, ſo rein—“ „Ich weiß es,“ unterbrach ſie mich,„und reichte mir * 71 die Hand.„Sein Streich ſoll ihm ſ chlecht gelungen ſein. Bollhorn iſt ein boshafter Menſch. Ich habe ihn ſtets verabſcheut. Aus Hochachtung vor dem Künſtler und auf Zureden meiner Mutter habe ich ihm einſt meine Thüre geöffnet. Ich durfte ſie ihm nicht wieder verſchließen, wollte ich mich nicht ſeinen Kabalen ausſetzen. Das iſt der Grund, weshalb ich eine Stadt verlaſſe, der ich ſo viel Dank ſchul⸗ dig bin. Ich wußte, die Zeit würde kommen, wo ich Ihnen dies geſtehen durfte.— Ich betrachte Sie als unſern Gaſt“, fuhr Laura fort und hob mein Bündel vom Boden auf, „kommen ſie jetzt zu meiner Mutter, wir haben ein nied⸗ liches Zimmer für Sie, nach dem Garten heraus, dort werden Sie wohnen. Kommen Sie.“ 5 Ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte, ich vermochte nur ihren Namen auszuſprechen. „Wann hätte ich Sie wieder geſehen, wenn mich dieſer glückliche Zufall jetzt nicht zu Ihnen führte?“ fragte Laura, „was wollten Sie thun?“ „Sie ſehen mich im Begriffe eine Reiſe in die Welt anzutreten, ich wollte keinen Abſchied von Ihnen nehmen, ich wollte Ihnen ſchreiben, wie Alles ſo gekommen ſei— und daß ich Sie nicht wiederſehen wollte, bis beſſ're Zeiten für mich gekommen ſein würden. Ja! beſſ're Zeiten, wo ich Ihrer würdiger ſein wollte—“ „Wo wollten Sie hin?“ unterbrach mich Laura. 72 „Unſtät die Welt durchziehen?“ fragte ſie lächelnd und blickte mir in's Auge. Was wollte ſie damit ſagen? Lag in dem Blicke nicht eine Stätte für mich? War das nicht, als böte mir der Blick eine Heimath an? Ich konnte nicht antworten und ſah ſie ſchweigend an. Es iſt eine alte Geſchichte mit dem Erröthen eines liebenden Mädchens, in einem Augenblické der Weihe, wie der jetzige war. Aber auch Laura erröthete, als ich ihr ſtumm in's Auge blickte, auch Laura ſchlug die Augen zu Boden und entzog mir leiſe ihre kleine Hand. Ewig jung und ewig ſchön bleibt dieſe alte Sprache, die ohne Worte, ohne Laute Alles plaudert, was in dem tiefſten Herzen der Jung⸗ frau vorgeht, und nichts verſchweigt. Es iſt eine alte Geſchichte, die ich erzähle von dem Jünglinge, der die geliebte Geſtalt als ſein ewiges Eigen⸗ thum an ſein klopfendes Herz reißt und Wange an Wange gelehnt, ſein einziges und letztes Geheimniß ausplaudert, ohne ein Wort zu ſagen!— 3 ⸗ So war ich aus dem Hauſe meines Vetters für immer geſchieden. Ich hatte manche trübe, gedrückte Stunde darin verlebt. Jetzt weiß ich, daß mein Aufenthalt dort der Vorabend zu einer Reihe ſüßer, glücklicher Tage war 73 und jetzt kommt mir die Zeit der kleinen Aergerniſſe und Kümmerniſſe im Hauſe meines Vetters wie ein traulicher Weihnachtsabend vor, der in freudiger Erwartung auf den Chriſtmorgen hingebracht wird. Ach! wie oft ſehnen wir uns zurück nach manchem trüben Nebelmorgen, der uns ſo hoffnungslos erſchien, an dem wir uns ſo unglücklich fühlten— nachdem wir jetzt wiſſen, welche unerwarteten Freuden uns der Abend brachte! Wie gern, wie gern, möchten wir den trüben Morgen noch ein Mal verleben! Wie gern möchte ich die Zeit in meines Vetters Hauſe noch ein Mal durchmachen, wie lieb iſt mir jetzt, wo ich im fer⸗ nen Italien dies niederſchreibe, Alles darin, das ich haßte, wie gern verſetzte ich mich noch ein Mal zurück in jeden Winkel des alten, lieben Hauſes, in deſſen Mauern ich zungf und ſchlafend meine ſchönſteu Träume geträumt abe! Meines Vetters Haus, in ſeinen tauſendfältigen Be⸗ ziehungen zu mir, ſchwebt mir jetzt ſo deutlich vor, daß ich meine, ich trete eben, von der Straße kommend, in die mit rothen Ziegelſteinen gepflaſterte Hausflur und ein Kaffee⸗ geruch und ein undurchdringlicher Dampf vom Kaffee⸗ brennen, ſteigt mir entgegen und aus einer dunkeln kleinen Kammer, nicht weit von der Treppe, ſchallt das luſtige Raſſeln der Kaffeetrommel, die ein kleiner Lehrburſche mit einer kaffeebraunen Schürze, die durch eine gelbe meſſingene 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 5 74 Kettel zuſammengehalten wird, in ſchräger Richtung in die Luft ſtößt und wieder an ſich zieht, als kämpfte er gegen einen Mann zu Pferde.— Dann ſehe ich die Kellerthüre offen ſtehen und höre Jemanden unten mit Flaſchen klap⸗ pern und ſehe plötzlich einen lichten Schein die rabenſchwarze Kelleröffnung erhellen und Jemanden, eine Lampe in der Hand, aus der Tiefe die ſteinernen Stufen heraufkommen. Unter der Treppe ſteht ein Kinderwagen von braunem Korbgeflecht und mit einem grünen Verdeck, an welchem Meſſingknöpfe funkeln. Er gehört den Miethsleuten der erſten Etage und eben höre ich meinen Vetter im heftigen Wortwechſel mit dem Dienſtmädchen, das vergeſſen hat, die Deichſel des Wagens emporzurichten, ſodaß ſich die Leute daran geſtoßen haben. Ich öffne die Hofthür und fühle deutlich die Anſtrengung, die dazu gehört, denn ein ſchweres Bleigewicht an einem ſtarken Bindfaden übt einen Gegendruck aus, damit ſich die Thür nach dem Oeffnen ſofort von ſelbſt wieder ſchließt und dies letztere geſchieht mit einer ſolchen Energie, daß ich in Gefahr komme, von der Thür zerquetſcht zu werden und auf der oberſten Stufe der kleinen Steintreppe, die in den gepflaſterten Hof hin⸗ abführt, ſtehen bleibend, von den Druck der hinter mir zu⸗ ſchlagenden Thür die Stufe hinabgedrängt werde. Ich ſtehe im Hofe und höre im Holzſtalle rechts Jemanden Holz hacken und daneben eine Ziege meckern, auf der andern 75 Seite plätſchert das Röhrwaſſer in den großen Holzbottich in dem neben dem Flaſchen ausſpülenden Markthelfer ein kleiner Junge ein papiernes Schiff ſchwimmen läßt, bis es ganz naß iſt und unterſinkt. Gerade aus ſehe ich in den kleinen verwilderten Grasgarten, auf deſſen Stacketen ein⸗ zelne Stücken Wäſche aufgehangen ſind, Ich dränge mich wieder durch die Thür und ſteige die Wendeltreppe hinauf. Ueberall auf den Vorſälen der drei Etagen die ich paſſiren muß, ſind große weiße Thüren mit Schildern, oder Karten und Klingelzügen und kleine ſchwarze Thüren, die zu dem Schornſtein führen und des Sonnabends ſind auf den Vor⸗ ſälen die Dienſtmädchen beſchäftigt, in Waſſerwannen die Fenſter abzuwaſchen, überall lehnen Fenſter an der Wand und mißtrauiſch blicken die Mädchen von ihrer Wanne auf, daß ich im Vorüberſtreifen ein Fenſter umreißen könnte. Mit dem zweiten Stockwerk hört die runde Anhaltsſtange auf, die an der Wand hinläuft und an der ich beim Auf⸗ und Abſteigen der Treppe mit der Hand hinzugleiten ge⸗ wöhnt bin, wovon des Sonnabens meine Hand gewöhnlich ganz naß wurde. Mit dem dritten Stockwerk hören die ſteinernen Stufen auf, und mit lautem Getrappel geht es die Holztreppe hinan nach meiner Kammer. Da ſitze ich auf dem Stuhle vor meinem Bette, ſchaue durch das kleine, zwiſchen den zwei ſchrägen Wänden blinkende Fenſter nach der Glocke auf dem nahen Thurme, und werde plötzlich 3 34 76 durch ein unheimliches, geſpenſtiſches Geräuſch aus meinen Träumereien geſchreckt. Es kratzt dicht an meiner Wand, als wäre es in meiner Kammer ſelbſt. Ich lauſche und lauſche, und beſinne mich endlich, daß es der Schornſtein⸗ feger iſt, der die mit meiner Kammer grenzende Eſſe reinigt. Und jetzt ſehe ich mich unten in dem blautapezirten kleinen Comptoir mit dem großen Kachelofen, auf dem der Adler ſeine Schwingen ausbreitet. Vor dem Fenſter nach dem Hofe hinaus, ranken ſich aus einem mit fruchtbarer Erde gefüllten Cigarrenkaſten Schlingpflanzen an dünnen Fäden empor. In der Nähe der Thür, die in den Laden führt, ſteht der Briefſchrank und eben bin ich an dieſem Schranke beſchäftigt und fühle, wie ich ſo harmlos daran⸗ ſtehe, plötzlich einen tüchtigen Stoß auf den Rücken. So geht es Jedem, der an dem Briefſchranke ſteht und nicht zur Seite tritt, ſobald ſich die Ladenthüre öffnet, die beim Herumbiegen faſt an den Schrank ſtößt. Und ich ſelbſt habe meinem Vetter auf dieſe Art manchen Stoß verſetzt und freute mich im ſtillen, daß er mir deshalb nichts ſagen durfte, als höchſtens:„Nimm dich doch in Acht!“ Ich ſehe die Käufer im Laden, und ſehe, wie die Bauerfrauen ihre Tragkörbe abgeſetzt haben und auf einer Bank ſitzend, warten, bis man ihnen die Zuckerhüte und Kaffeepackete hineingepackt hat, und dann hilft man ihnen den ſchweren Korb auf den Rücken heben und ſogar mein 77 Vetter faßt kräftig mit an. Ich ſehe den Straßenkehrer mit ſeiner rothen Kupfernaſe, der allabendlich im Laden vorſpricht und durch verſchwenderiſches Branntweintrinken den Wohlſtand meines Vetters vermehren hilft, wofür er das Recht zu haben glaubt, mit meinem Vetter wie mit ſeines Gleichen reden und ſich gegen dieſen die vertraulich⸗ ſten Witze erlauben zu dürfen. Ich höre, wie ihn mein Vetter zur Ruhe verweiſt, wie beide mit einander in hef tigen Wortwechſel kommen und der Gaſſenkehrer darin ſogar ſoweit geht, die Vermögensverhältniſſe meines Vet⸗ ters zu erörtern und ihm in's Geſicht zu ſagen, daß er ein ſteinreicher Mann ſei, und daß dies alle Welt wüßte, wenn er ſich's auch nicht merken laſſen wollte. Ich bin längſt nicht mehr fähig, gegen meinen Vetter noch irgend einen Groll zu hegen. Wenn ich an das Leid denke, das er mir zugefügt hat, ſo erſcheint mir's, als hätte er es thun müſſen, damit Alles ſo kam, wie es gekommen iſt, als wäre ihm in dem Drama meines Lebens nur die Rolle eines deutſchen Spießbürgers, eines Philiſters zuertheilt worden und als müßte ich ihm Beifall zu klatſchen, wie meiſterhaft und wie gemüthlich er ſie geſpielt hat! Wenn er jetzt hereinträte in ſeinem langen, grünen Kalmuckrocke, auf ſeinen hohen Pantoffeln einherſchreitend, wenn er jetzt hereinträte der alte Mann mit ſeinem knochigen Geſicht und dem rauhen, ſtachligen grauen Bart um Backen und Kinn, 78 und die lange Pfeife aus dem Munde nähme, mit dem Rohre gebieteriſch auf mich deutete und, ſeine grauen Augen ſtreng auf mich gerichtet, mir zuriefe:„Verbrenne auf der Stelle deine Gedichte!“— ich würde nichts antworten, ſondern ihm um den Hals fallen und Thränen wehmü⸗ thiger Erinnerung weinen! Sie kehrt niemals wieder, die Zeit, wo ich Laura noch nicht kannte, die Zeit des Vorabends unſrer Bekannt⸗ ſchaft und unſrer Liebe, die Zeit, wo ich in dem kleinen, traulichen Comptoir am Pulte ſaß und es anfing zu dun⸗ keln, daß ſich die Kohlen im Kachelofen, durch die Oeffnung der Ofenthür glühend, immer feuriger und feuriger von der zunehmenden Dunkelheit abhoben. Um dieſe Stunde ging mein Vetter auf und ab. Es war ihm peinlich, Licht zu brennen, während es draußen noch leidlich hell war. Er ließ mich lieber eine halbe Stunde feiern und wartete ab, bis völlige Dunkelheit herrſchte, dann wurde die Lampe an⸗ gebrannt. Und da ſitzt er mir gegenüber und lieſt die eben angekommene Zeitung und ſchiebt mir, wenn er gerade gute Laune hat, die Beilage herüber und ich wage, eine Ecke davon zu erfaſſen und ein klein wenig darin zu leſen. Jetzt ſchüttelt er den Kopf und ſtößt ein kritiſches Hm, Hm! heraus. Und dann wendet er die Zeitung um und breitet ſie ganz auseinander, und kann die nächſtfolgende Seite nicht finden. Zuletzt faltet er ſie zuſammen, legt die Bei⸗ 79 lagen hinein und fragt mich regelmäßig, ob nicht noch eine Beilage dabei geweſen ſei. Dann geht er zu Biere und ich bin allein. Sie kehren niemals wieder, dieſe ſtillen Abende, wo in geweiheten Augenblicken meine glühende Phantaſie die tiefe Sehnſucht meines Herzens erfüllteund mir in Amine eine liebende Gefährtin gab, dieſe Augenblicke, in denen hinter mir ein Blatt Papier von einem Tiſche raſchelte, und ich mir ſagte, es ſei Amine, die Tapete kniſterte und ich mir ſagte, es ſei Amine, bis ich mich umſah und ſie wirklich zu er⸗ blicken glaubte im dunkeln Hintergrunde des Gemachs, bis die Umriſſe ihrer Geſtalt immer beſtimmter wurden, bis ich im Dunkel ihr weißes Antlitz unterſcheiden konnte, bis ſie näher und näher kam und in lebenswarmer Geſtalt vor mir ſtand, ihr ſchwarzes Auge tief in das meinige ſenkte, bis ſie ſich zu mir herabneigte— bis ich die Arme ausſtreckte, um ſie zu umfaſſen! Sie kehrt nie wieder, die Zeit, wo Amine ihren Namen ablegte und Laura hieß, wo das Bild der Phantaſie verſchwunden und ich allein war, bewegt von ſüßem Liebesleid und nur der Aufgabe lebend, das ſchöne Ziel zu erreichen, das mir als Fata margana in Amine ſchon in greifbarer Nähe vorgeſchwebt hatte. Sie kehrt nie wieder dieſe traumhafte, ſtille Zeit, dieſe Zeit ahnungsreichen Hoffens— ſie iſt auf ewig dahin und auch die Zeit iſt dahin, die mein Hoffen erfüllte. Die Erfüllung iſt vorüber. In eine Einöde bin ich hinausgeſchleudert 80 und ſchon längſt hätte ich meinem Leben ein Ende gemacht, wenn ich mich von den Bildern meiner Vergangenheit, die mit meinem Tode in Nichts zergehen, zu trennen vermöchte! Ich wohnte bei der Familie Braag. Mein Zimmer war ſaſt überputzt von jenem kleinen Luxus, den Laura's kunſtgeübte Hand mit der' Zeit geſchaffen und deſſen ſie ihr eignes Zimmer beraubt hatte, um das meinige damit zu ſchmücken. Ihre ausgewählte Bibliothek füllte eine Ecke aus und über den gedrängten Bücherreihen ſchimmerte eine Studirlampe, die für mich eigends angekauft war, ſo ein⸗ ladend, daß man nur ihr zu Gefallen ſchon die Nacht in geiſtiger Thätigkeit hätte verbringen mögen. Wohin ich mich auch ſetzte— überall hing ein niedliches Kiſſen an der Wand, an das ich mein Haupt lehnen konnte. Ich wandelte buchſtäblich auf Blumen, die mir von einem die ganze Diele bedeckenden Fußteppich entgegen prangten, und des Nachts ſchlief ich unter einem Thronhimmel, den Mama Braag von ſchneeweißer Gaze mit Lebensgefahr über dem Schauplatz meiner Träume aufgeſpannt hatte. Sogar das Theuerſte, was dieſe lieben Leute beſaßen, das Portrait des verſtorbenen Familienhaupt's, hatten ſie in meinem Zimmer aufgehangen. Ja, das konnte nur Laura's Vater ſein, ſo mußte er ausgeſehen haben. Aus dem 81 ſchwarzen Auge leuchtete Laura's Blick, dieſe Stirn und dieſes Antlitz hatte die Natur ſelbſt für ihren Liebling für gut befunden und nur den Stempel der Weiblichkeit darauf gedrückt. Laura trug an einem ihrer zarten Finger einen Ring aus der Hinterlaſſenſchaft meiner verſtorbenen Mutter, und die leere Stelle an meinem Finger war durch einen Ring Laura's ausgefüllt, der ihr als das Taufgeſchenk einer Pathin das theuerſte geweſen war. Es war ein ziemlich einfacher goldner Ring mit einem blauen Steine, auf welchem die Anfangsbuchſtaben B. St. eingegraben waren. Mit dieſem Tauſche hatten wir uns verlobt. Wir hatten unſre Verlobung durch die Blätter öffentlich bekannt ge⸗ macht und den Hauptzweck dieſer Maßnahme erreicht: Bollhorn, der ſich ſeit meiner Aufnahme in die Familie durch wiederholte Abweiſungen nicht hatte abſchrecken laſſen, bemühte ſich nun nicht mehr nach dem ſtillen Gartenhauſe heraus. Lauras Entſchluß, die hieſige Bühne zu verlaſſen, erlitt durch dieſe Neugeſtaltung keine Aenderung. Sie hatte ein glänzendes Engagement mit einer Hofbühne ab⸗ geſchloſſen und in meiner Vaterſtadt, die wir auf der Reiſe nach dieſem neuen Beſtimmungsorte mit berühren mußten, wollten wir uns in aller Stille trauen laſſen. Während Laura ſich mit den Rollen beſchäftigte, in denen ſie vom hieſigen Publikum Abſchied zu nehmen gedachte, entwarf 82 ich Pläne für meine zukünftige Thätigkeit. Meine produc⸗ tive Kraft war von dem Uebermaße meines Glückes mo⸗ mentan gelähmt. Die Macht der ſchönen Wirklichkeit war ſo wahr und gewaltig, daß ich mich in einen andern Zu⸗ ſtand, in andre Verhältniſſe nicht hineinzulügen vermochte. Ich gab mich mit großem Ernſte eine zeitlang dramatur⸗ giſchen Studien hin, bis Laura, die mich darüber ertappte, mir das Geſtändniß machte, daß ſie es gern ſehen würde, wenn ſich ihr zukünftiger Gemahl mit der Bühne ſo wenig als möglich zu ſchaffen machte. In den Stunden des Glücks und der Erhebung iſt der Menſch am meiſten geneigt, ſich mit ſeinen Feinden auszuſöhnen. Ein König begnadigt Staatsverbrecher, wenn ihm ein Prinz geboren worden iſt; Verwandte, die mit ein⸗ anander gegrollt haben, ſprechen wieder das erſte freund⸗ liche Wort zuſammen, wenn ſie die Nachricht von dem längſt erwarteten Tode eines reichen Erblaſſers erhalten; und ich hatte es ſelbſt erlebt, daß zwei Bauern, die gegen⸗ ſeitig einen Proceß wegen Grenzſtreitigkeiten mit der größten Erbitterung führten, ſich die Hände ſchüttelten und Friede ſchloſſen, als nach einer anhaltenden, bangen Trok⸗ kenheit ein erquickender Landregen die ſchon aufgegebene Hoffnung auf eine reiche Ernte wieder herſtellte. Was mich betrifft, ſo ſöhnte ich mich unter dem Eindruck meiner neuen Verhältniſſe mit einem Feinde wieder aus, den ich, 21 83³ jemehr ich einſt meine Abhängigkeit von ihm empfinden mußte, deſto erbitterter haßte— mit dem Gott Mercur. Sein Reich, das in Vogelperſpektive jetzt tief unter mir lag, kam mir nicht mehr ſo trübſelig vor, als ehemals, wo ich mich da unten ſelbſt noch in engen Grenzen einher⸗ krümmte und ſo reifte der Entſchluß in mir, von meinem neuen Standpunkte aus mit jener Welt, die mir plötzlich eine freundliche Miene zeigte, zu verkehren und hierauf theilweiſe meine künftige Thätigkeit zu begründen. Ich wollte als mercantiler Journaliſt wirken, und warf mich, um meinen praktiſchen kaufmänniſchen Anſchauungen einen höhern Schwung zu geben, mit großem Eifer und ſchönem Erfolge auf die Nationalökonomie. Dieſes Studium hielt meinen erregten Gefühlen ein maßvolles Gleichgewicht und verlieh meinem Geiſte den Ernſt und die Ruhe, welche das überwältigende Gefühl unſäglicher Wonne in die Grenzen zurückdrängte, die das Leben ſo gut wie den wilden Strom des Genius zu einem harmoniſchen, ruhigen Kunſtwerk formen. Es war mein größter Stolz, wenn ich Laura an meinem Arme führte und im traulichen Geplauder mit ihr manchen alten bekannten Weg ging, den ich ſonſt allein, unbeachtet und im Gefühle meiner Einſamkeit oft zurückge⸗ legt hatte. Die Welt verjüngte ſich vor meinen Augen; ich mied nicht mehr die Geſellſchaft andrer Menſchen; gern 84 plauderte ich mit Jedem, der Luſt zeigte, mit mir zu plau⸗ dern; oft ergötzte ich mich an öffentlichen Orten daran, wenn ein Fremder ein Geſpräch mit mir anknüpfte, um die ſchöne junge Dame, die neben mir ſaß und zu mir gehören mußte, allmälich auch mit in's Intereſſe zu ziehen und dann die Untherhaltung mit ihr allein zu führen. Ich ließ ihn gern im Vollbeſitze ſeines ſchlau erbeuteten Glückes und kniff dann oft mit muthwilliger Schadenfreude Laura in die Hand, wenn ihr entzückter Geſellſchafter in ſeiner Unter⸗ haltung Wärme und Begeiſterung zu zeigen anfing.— Nichts ging mir über Muſik; wenn ich an Laura’s Seite, ihre Hand in der meinigen, die Akkorde daherrauſchen hörte, dann ſchienen mir aus Laura's Auge alle Melodien emporzuſteigen, ſie ſelbſt ſchien die Muſik zu ſein.— Jeder Menſch war mein Freund, wo ich Jemandem gefällig ſein konnte, da geſchah es beſtimmt, kein Bettler, der mir begeg⸗ nete, blieb unbeſchenkt, in die kleinen Intereſſen des Lebens, über die ich ſonſt geſpöttelt hatte, verſenkte ich mich jetzt mit großer Behaglichkeit; aufmerkſam betrachtete ich die in den Schaufenſtern der Modemagazine ausgelegten Stoffe und bald urtheilte ich darüber mit großem Sachverſtand. Auf einem unſ'rer Spaziergänge kam uns einſt ein langer Zug junger Damen entgegen. Es war das Pen⸗ ſionat. Laura's Doppelgängerin ging an uns vorüber, ſie ſah uns und eine hohe Röthe flog über ihr liebes Geſicht; 8⁵ ſie ſchien verwirrt, erſchrocken, ich weiß nicht weshalb, aber es that mir in der Seele leid. Obwol die Penſionärin etwas jünger zu ſein ſchien, als Laura, ſo war die Aehnlich⸗ keit Beider doch ſo über alle Begriffe täuſchend, daß ich auch jetzt noch die Fremde mit meiner Braut verwechſelt haben würde. Eine gewiſſe Scheu hielt mich zurück, über die Penſionärin ein Wort zu ſagen. Als ich Laura an⸗ blickte, ſah ich ſie lächeln. „Sieh mein Lieber,“ ſagte ſie,„wie die Vorſehung für die Bedürfniſſe Deines Herzens vorgeſorgt hat, ſie hat Dir ſchon im voraus einen Erſatz gegeben, wenn ich ein Mal— ich hielt ihr den Mund zu und drohte ihr mit dem Finger.“ Ein kleiner Vorfall, der ſich um dieſe Zeit zutrug und Laura und mir viel Stoff zum Lachen gab, verdient wol in dieſen Blättern der Erinnerung mit aufgehoben zu wer⸗ den. Eines Tages nämtlich fand ſich zu meinem Erſtaunen de Lehrling meines Vetters ein und überbrachte mir einen rief. Mein Vetter ſchrieb: Geehrter Herr! „Da Sie, wie man mir ſagt, und wie ich Ihnen von Herzen gönne, ſich neuerdings in Verhältniſſen befinden, die Sie in den Stand ſetzen, ältere Verbindlichkeiten zu 86 erfüllen, ſo richte ich die ganz ergebenſte Bitte an Sie, mir den Ihnen ſeiner Zeit als Honorar für engliſchen und ſpaniſchen Unterricht vorgeſchoſſ'nen Betrag durch Ueberbringer Dieſes der Ihnen Quittung darüber ein⸗ händigen wird, geneigteſt zukommen zu laſſen.“ Ich konnte nicht hindern, daß Laura, die, gerade wie ihr Urbild Amine, den Kopf über meine Schulter ſteckte, und mit mir zugleich den Brief las, den Wunſch meines Vetters auf der Stelle erfüllte.— Mein Vetter hatte allerdings richtig proͤſumirt. Ich befand mich in günſtigen Verhältniſſen, wie nie vorher. Laura ſorgte für mich wie eine Mutter und ſchalt mich auch wie eine Mutter, obwol ſie dabei lächelte, wenn ich, um die neuen Kleider zu ſchonen, mich dann und wann einmal, wenn wir ausgehen wollten, an einem alten Kleidungsſtück der früheren Periode vergriff. Meine Liebe zu ihr ließ ein demüthigendes Gefühl über meine materielle Schwäche nicht aufkommen, auch übte ich bereits die Schwingen, die mich in Zukunft über dieſen Punkt hinaustragen ſollten. So kam die Zeit heran, wo Laura, die ſeit längrer Zeit die Bretter nicht wieder betreten hatte, in ihren letzten Rollen auftrat. Eines Tages wurde unſ'rer beſcheidenen Gartenwohnnng eine große Ehre zu Theil: der Beſuch eines Fürſten von auswärts, der, eben auf ſeiner Durch⸗ reiſe begriffen, Laura in der Rolle der Jungfrau von Or⸗ 87 leans geſehen und bewundert hatte. Als Zeichen ſeiner Huld überſandte er ihr ſpäter eine goldne Brillantuhr. Ich ſaß während der Vorſtellungen ſtill iu meiner Loge und hätte in mich ſelbſt zuſammenkriechen mögen, wenn ein donnernder Beifallsſturm die junge Künſtlerin empfing. Dieſe Erſcheinung da unten in der Fülle ihrer Jugend, mit dem Stempel des Geiſtes auf ihrem idealen Antlitz, dieſe Erſcheinung nach der ſich aller Blicke richte⸗ ten— iſt meine Braut! Dieſe Stimme vom tiefſten Leid erfüllt, deren Töne manchem fremden Auge Thränen ent⸗ locken— hat oft zärtlich meinen Namen genannt und wird ihn heute wieder nennen! Und wenn ſie dann ihr Diadem oder ihren blutigen Dolch abgelegt hatte, dann fuhren wir unbekümmert um die ſtrömende Menge, die ihr Bild im Herzen mit ſich forttrug, hinaus nach unſerm ſtillen Gar⸗ tenhauſe und an meiner Bruſt ruhte bis ſpät in die Nacht hinein das kleine aufgeregte Haupt, und ich blickte, die ſchnurrigſten Streiche aus meiner Knabenzeit erzählend, tief in die ſchwarzen, liebenden Augen hinein, die na ſolchen Abenden der geiſtigen Thätigkeit der Schlaf floh. Dieſe Liebe, getragen von den höchſten Verdienſten des Geiſtes, erhoben von der ewig neu geſtaltenden Gewalt des Genius— mußte ewig friſch und jung bleiben. Nie konnte dieſes edle Weib, das ich ſo vielgeſtaltig bald er⸗ haben, bald gedemüthigt, bald voll Liebe und in Thränen, 88 bald voll Haß oder voll Verzweiflung vor mir ſah, nie konnte dieſes Weib, ſelbſt in Erfüllung ihrer kleinen häus⸗ lichen Pflichten, für mich in das Niveau der erkaltenden Gewohnheit zurücktreten! „In unſerer Nachbarſchaft muß Jemand geſtorben ſein,“ ſagte ich eines Morgens, als ich eben aufgeſtanden war, zas inmt Braag,„haben Sie Nichts gehört?“ „Nein!“— „Gegen Anbruch des Morgens wurde ich durch einen mehrſtimmigen feierlichen Geſang geweckt. Wo iſt Laura?“ „Sie hat noch mit ihrer Desdemona zu thun.“ „Die arme Desdemona! Rufen Sie mich, wenn ich zu ihr kommen kann.“ Der Grabgeſang, der mich geweckt, hatte mich ver⸗ ſtimmt. Die ſchöne Sopranſtimme mußte einem Knaben angehört haben, ſie tönte ſo rein, ſo hell— nur um zu trauern, der tiefe Baß trauerte auch, wie ein Greis, der an der Hand eines Knaben hinter einem Sarge geht. Kein Ton der Hoffnung ſtieg aus dem Liede empor, es mahnte an die Vergänglichkeit alles Irdiſchen, an weiße Leichen⸗ tücher, an ſchwarz behangene Trauerpferde, und mir war es, als ginge ein Blumengeruch durch mein Zimmer—— kein Duften wie im Garten— ein Chaos von Blumen⸗ 89 gerüchen, in einen engen Raum zuſammengedrängt. Trüb⸗ ſelig blickte ich auf alle die kleinen Zeichen der Liebe, die mich umgaben.— Es muß Alles vergehen! Das Lächeln der Sonne, das zu meinem Fenſter hereindrang, kam mir ſo grell vor! Ich nahm ein Buch zur Hand, ich betrachtete die blinkende Lampe, die Bibliothek. Ob Der wohl glück⸗ lich zu preiſen iſt, der ſein Herz an nichts Liebes hängt? Der nur das liebt, das ſich erſetzen läßt und kein anderes eben kennt und ſchätzt als das ſeine und das, was ſein Geiſt hervorbringt? Der keinen Bruder, keine Schweſter hat, den kein Trauerklang, kein Leichenzug verſtimmen und erſchrecken kann?— Ob Der wohl glücklich zu preiſen iſt? Mitten in dieſen trüben Gedanken wurde ich von Laura überraſcht. Ich habe ſie nie ſo zärtlich an meine Bruſt gedrückt, noch nie wurde es meinen Lippen ſo ſchwer, ſich von den ihrigen wieder zu trennen. Sie ſchien von der Rolle der Desdemona, die ſie heute ſpielen ſollte, etwas angegriffen, ſie wußte, daß ich ihr das anſah und wunderte ſich deshalb nicht, daß ich lange ſchwieg. „Heute endlich zum letzten Male,“ unterbrach ich das chweigen. „Zum letzten Male,“ wiederholte Laura und ihr Blick ruhte auf Shakeſpeare's Büſte an der Wand. Ein 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 90 lichter Sonnenſtrahl fiel auf des großen Britten ruhige Züge. „Darf ich Dich nicht in die Probe begleiten, lieber Engel?“ fragte ich Laura. „Laß mich lieber allein gehen,“ entgegnete ſie ſanft. „Du weißt, es iſt mir Bedürfniß, meinen Verkehr mit Allem, was mir die Wirklichkeit lieb macht, an ſolchen Tagen bei Zeiten abzubrechen. Es iſt eine Schwäche meines Geiſtes, daß er ſich nicht ſchneller ſammeln kann.“ „Die Kunſt iſt ſchwer!“ warf ich ſeufzend hin. Einige Zeit ſpäter trat Laura, zum Ausgehen ange⸗ kleidet zu mir, um mir Adieu zu ſagen. Es kam mir ſo hart an, die theure Geſtalt, das liebe Geſicht unter Hut und Schleier von mir zu laſſen. Und als erriethe ſie, was in meinem Innern vorging, fragte ſie mich lächelnd: „Willſt Du mitgehen?“ Schneller als der Blitz ſtand ich in Hut, Stock und Ueberrock vor ihr und bald gingen wir Arm in Arm durch die Straßen. An allen Ecken prangten rothe Zettel. An allen Ecken, wo wir vorübergingen, ſtanden die Leute und laſen: Letztes Auftreten des Fräulein Braag. Othello. Ich begleitete Laura bis an den Eingang vor dem 91 Theater und ging hierauf in das benachbarte Kaffeehaus, um dort bis zur Beendigung der Probe zu warten. Ich las in den Zeitungen, aber jedes Wort, das ich las, war von der Trauermuſik begleitet, die mir nicht aus dem Sinne wich. Immer wieder der ſchöne melancholiſche Sopran und der klagende, beſtätigende Baß! Es war ſo leer in dem ſonſt ſo belebten Kaffeehauſe, ich war, bis auf einen alten Herrn, der auf einem Sopha ſchlief, der einzige Gaſt. Es war ſo dumpf im Zimmer! 3 „Wo iſt Jacques?“ fragte ich den Kellner, der mir den Kaffee brachte und den ich noch nie hier geſehen hatte. „Er iſt krank,“ antwortete der fremde Menſch. Er wird ſterben! rief es in mir. Er war krank, es war gewiß, er mußte ſterben! Ich ſah durch's Fenſter. Zwei Männer trugen eine Sänfte vorüber, ſchlecht gebaut und ohne Fenſter, nur mit einem Luftloche. Sie war ſchwer dieſe Sänfte, ſie war nicht leer. Eine ſtille, fürch⸗ terliche Geſtalt war darin. Mich ſchauerte. Ich verließ das Café und ſchritt dem Theater zu, ängſtlich die Fährte vermeidend, auf der die Sänfte dahin getragen worden war.— Ruhelos ging ich vor dem Theater eine volle Stunde lang auf und ab. Da trat ſie endlich heraus, da wehte mein weißer Schleier! Ich eilte ihr entgegen. ... 6* 92 „Schade um dieſe Vorſtellung,“ ſagte Laura etwas verſtimmt. „Warum?“ 3 .„Nach der Probe zu ſchließen, wird Bollhorn einen ſehr ſteifen Othello geben.“ Ich war hierüber durchaus nicht betrübt und äußerte die Anſicht, daß er ſeine Kräfte wohlweislich für den Abend ſparen würde. „Er ſpielte kalt und zerſtreut,“ entgegnete Laura, „was ich ſelbſt in der Probe nicht von ihm gewohnt bin, ja! es ſcheint ihm die Begeiſterung für die Rolle zu fehlen, die ſich ſelbſt bei der nachläſſigſten Haltung während der Probe nicht ganz verläugnen läßt.“ Mein kleines, niedliches Zimmer kam mir heute den ganzen Tag unbehaglich vor. Der Trauergeſang war hier hereingedrungen, und Alles, was mein Herz, mein Auge hier entzückt hatte, auf Tiſch und Wänden war angehaucht von jenen Tönen und erinnerte mich an die Vergäng⸗ lichkeit! Armer Zurückbleibender, vor deſſen Thüre die Sän⸗ ger ſangen— Du wachteſt wohl mit thränenvollem Auge an dem Todtenbette eines theuren Entſchlafenen und hörteſt und erkannteſt die Stimmen der Freunde, die jetzt Deinem Todten ein Schlummerlied ſangen, mit denſelben Lippen, die ſich ihm ſonſt zu freudigeren Dingen öffneten! Wenn 93 man einmal auch vor meiner Thüre ſänge und es wäre Nacht— und am nächſten Tage müßte ſie begraben— Fort! mit dieſen Gedanken! Himmel vergieb mir, daß ich ſo zufrieden, ſo glücklich war— ich will zu ihr, ich will zu meiner Laura! Ich ſtürzte aus dem Zimmer und lag in Laura's Armen. Ich drückte ſie ſo innig, ſo ſtürmiſch an mich und ſo rein, ſo himmliſch rein war meine Liebe; nicht die irdiſche Schöpfung der Erde lag an meinem Herzen, nein— das heilige Geſchenk des Himmels! Laura war ſehr ernſt und in ſich gekehrt; ſie geſtand mir auf meine dringenden Fragen, daß ſie ſich nicht ganz wohl fühle. Ich wollte fort, um die Vorſtellung abzuſagen, ſie ließ mich nicht. Es ſei nur eine kleine Aufregung, meinte ſie, wie ſie häufig vorkäme. Die Darſtellung ſelbſt würde ſie am ſicherſten davon heilen. „Ja, ja!“ ſagte ſie ſcherzhaft,„Du hätteſt Dir keine Künſtlerin wählen ſollen, Du wirſt noch manche Noth haben. Das wirſt Du erſt noch kennen lernen, mein Lieber! Aber ich habe ein Vierteljahr Urlaub,“ fuhr ſie fort und ergriff meine beiden Hände und ſchwenkte ſie auf und nieder,„da reiſen wir zuſammen in der Welt herum 7 und Mama begleitet uns, nicht wahr, Mama? Und das ganze Vierteljahr ſpiele ich nicht Comödie, da bin ich ganz Dein, mein kleiner, lieber Mann.— Das wird ein himm⸗ liſches Leben!“. 94 Laura blieb heiter bis zum Abend, wo ſie mit mir nach dem Theater fuhr. Mama Braag blieb zu Hauſe, ſie konnte ſeit der Vorſtellung des Macbeth ihre Tochter in erſchütternden Rollen nicht mehr ſehen. „Leb' wohl, meine Liebe,“ rief ich Laura zu, als wir uns auf dem Gange, der zur Garderobe führte, trennten, „leb' wohl, bis nachher.“ „Bis nachher,“ antwortete ſie und hüpfte davon, ich ſah mich noch ein Mal um, gerade als ſie ſich auch nach mir umwandte, ſie nickte—„leb' wohl“— dann war ſie verſchwunden. Ich ſaß in der Loge. Alle Räume des Theaters waren gefüllt, ſelbſt das Orcheſter war geräumt, zu mei⸗ nem Leidweſen— denn ich hätte ſo gern Muſik gehört, lebensfriſche Akkorde, welche die Trauerklänge der letzten Nacht übertönten und ertödteten! Der Kronleuchter be⸗ wegte ſich, er ſchien ſich zu drehen. Ob nicht die Röhre, an der er hing, reißen konnte? Wenn dieſe ſchwere Maſſe mit ihrem Lichtmeer donnernd herabſtürzte in das Parquet! Welche Zerſtörung, welches Morden! Ich werde mich nie unter den Kronleuchter ſetzen, wenigſtens ſoll Laura, wenn ſie als Zuſchauerin ein Theater beſucht, nie unter dem Kronleuchter ſitzen. Niemals! Laura hatte Recht, Bollhorn ſpielte ſteif. Die Er⸗ zählung vor den Senatoren verfehlte ſihre Wirkung. Er 95 war kalt gegen Desdemona. Er durfte doch nicht vergeſſen, daß er mit Desdemona, nicht mit Laura zu thun hatte. Der ſonſt ſo treffliche Darſteller ſchien zerſtreut, die Rolle lag wohl auch ſeinem Naturell etwas fern. Wer mochte wohl der Unglückliche geweſen ſein, den man heute in der Sänfte am Café vorübertrug? Der Himmel behüte Jeden vor ſolch einem jähen Unglück. Es iſt ſchrecklich! Von der Zeit an, wo das Mißtrauen des Mohren gegen Desdemona geweckt iſt, gewann Bollhorn's Dar⸗ ſtellung an Wärme; ſie ſtieg bis zur Leidenſchaft. Er war ein gefeſſelter Tiger! Er riß mich zur Begeiſterung hin; ich verlachte das trockne Studium der Nationalökonomie, denn wie ein Blitz durchfuhr mich der Gedanke, ſ elbſt zur Bühne über zu gehen, mit Laura ein Doppelleben zu führen, ihren begeiſternden Geſtaltungen würdig zur Seite zu ſtehen, wie dieſer Othellodarſteller. Doch ich zweifelte bald wieder an der Möglichkeit. Nein! dieſe Macht beſaß ich nicht— die geheimnißvolle Kraft, durch welche dieſer Othello ſich mit dem brütenden Dunſtkreis umgab, in dem man den Gedanken des Mordes entſtehen und groß wachſen ſieht— hat mir die Natur verſagt. Das iſt der höchſte Triumph der Kunſt!. Die Handlung ſchreitet vorwärts. Desdemona läßt ſich entkleiden, um zu Bett zu gehen— zum Tode! Eine — 96 bange Vorahnung durchſchauert ſie, es ſpricht aus jedem ihrer Worte, es ſpricht aus jedem Tone, als ſie das Lied ſingt: „Das Mägdlein ſaß ſingend am Feigenbaum früh Singt Weide, grüne Weide!“ Das Haus iſt todtenſtill, Niemand wagt eine Hand zum Beifall zu rühren. Es wird einen furchtbaren Sturm am Schluſſe des Stückes geben, man will ihr Kränze werfen, ich habe ſchon davon gehört.— Aber ſie ſollte ihre Leidenſchaft etwas bemeiſtern, ſie ſpielt allzu wahr; ich glaube ſogar, der Angſtſchweiß des nahen Todes ſteht ihr wirklich auf der Stirne! Sie wird wieder nicht ſchlafen können; ich werde ihr bis zum Morgen erzählen müſſen. Die Hitze iſt unerträglich; iſt es doch, als loderte eine Feuersgluth rings um das Haus. Wenn ich mit Laura nur erſt wieder im Freien wäre; ſo erhaben dieſer Genuß iſt, ſo erſchütternd iſt doch ſeine Wirkung auf mein aufgeregtes Gemüth. Desdemona liegt im Bett, der Mohr erſcheint an der Thür. Wie die Hand zittert, die das Licht hält!— Ach! dieſe Maſſe ſieht mit ſolcher Schauluſt d'rein und vergißt die Höhe des Raumes, in dem ſie ſchwebt, von dünnen Säulen getragen! Der Baumeiſter, der dieſe Gallerien aufführte, war doch auch nur ein Menſch. Knarrte dort oben nicht etwas? Verlaßt mich, ihr gräuli⸗ 97 chen Bilder, ich verfluche euch, auf meinem Gewiſſen laſtet kein Verbrechen! Es wird mir doch wohl gelingen, euch zu verdrängen, wenn ich meine Kraft zuſammennehme und den Darſteller des Mohren in's Auge faſſe, ſeinen Be⸗ wegungen folge, dem Tone ſeiner Sprache genau aufpaſſe und keinen Fehler, auch nicht das geringſte Verſehen, das der Künſtler begeht, durchſchlüpfen laſſe. Das iſt nicht der überlegte Entſchluß, Desdemona zu morden, das iſt ein furchtbares, fieberhaftes Wanken! Wie kann dieſer zitternde Mohr, dem die Stimme faſt verſagt, den angſtvollen, rührenden Bitten Desdemona's widerſtehen? Und doch erſtickt er ſie. Laura ſoll aber nicht wieder die Desdemona ſpielen und ſollte ich ſie auf meinen Knieen bitten müſſen. Wenn ich mit Laura nur erſt im Freien wäre! Wenn er ſie wirklich erſtickt— wieder die unſeligen Phantaſien! Sie regt ſich noch ein Mal— Emilie klopft draußen— er zuckt den Dolch nach ihr— halt ein! halt ein! die ganze Comödie iſt ein Frevel!— Was war das für ein Schrei?— Bollhorn taumelt zurück, Leute in Civil kommen auf die Bühne; eigenthümlich rauſcht es unten im Parquet— der Vorhang fällt.— Ich ſtürzte fort! Jal da lag ſie noch in Desdemona's Bett— das war der Theaterarzt, der ſich über ſie beugte. Der Stahl war ihr in die Bruſt gedrungen. Ihr bleiches Antlitz ſelbſt 98 hatte ſich weggewendet von der Seite des Bettes, die das Blut roth färbte. Sie ſchlug matt ihr Auge auf zu mir, der ich faſt ohne Bewußtſein vor ihrem Lager kniete und ihre Hand hielt. Sinne! verlaßt mich nicht! Bleibt mir nur noch ſo lange, als dieſes Herz ſchlägt; es wird ja bald ausgeſchlagen haben, ſagen die ernſten Mienen der herbei⸗ gerufenen Aerzte— dann gebe ich euch frei für immer, dann brauche ich eure Wohlthaten nicht mehr! „Um eine Haarbreite zu tief,“ hörte ich einen Arzt flüſtern. Ach! hätteſt Du mich damals mit unerwiederter Liebe im Herzen ziehen laſſen, weit in die Welt hinaus, hätteſt Du von Deinem Mörder Liebe angenommen und wäreſt ſein eigen geworden, dann konnte ich die Erde küſſen, auf der Dein Fußnoch einherwandelte, dann ſchlug Dein Herz noch und meins ſchlug auch und jeder Schlag war ſüße Sympathie des Lebens, des Seins!— Sie athmet noch an ihrer Gnadenfriſt— und klam⸗ mert ſich mit ihrer ganzen ſchwachen Macht an die letzte Aufgabe ihres Lebens: meine Hand zu drücken! Hoch und weit ſind die Umriſſe des Raumes, in dem ich mich be⸗ finde, dort hinter dem grauen, herabfließenden Nebel verlor ſich ein Summen und Einherſchreiten— wer iſt der krauſe ſchwarze Kopf dort, der, die Stirne auf die Arme gelegt, unter dem Tiſche ſchluchzt? 99 So ſchön, ſo jung ſoll ſie ſterben? Ich wollte Dir gern das Feuer ihrer ſchwarzen Augen zurückgeben, Natur! Du ſollteſt Alles wieder haben, Alles was Du ihr an Jugend und Schönheit gegeben hatteſt, das Roth der Lippen, die Weichheit der Formen, die ganze Weihe, die Du über ſie ausgegoſſen hatteſt! Wenn Du ihr nur den dürftigſten Organismus ließeſt, durch den ihre ſchöne Seele mit mir auf Erden verkehren kann! Bleiche ihr Haar, wirf Falten über ihre Stirn, laß ihre Lippen welken— ich werde ſie an mein Herz drücken und ſie meine ſüße Laura nennen! Aber hier liegt ſie, ſchöner als ein Engel, von Jugend und Anmuth übergoſſen, ein Triumph der Natur! Und ſie iſt todt! Wenn man ſich durch die Menge auf dem großen Markte des Lebens dahindrängt, gebeugt vielleicht von hundert kleinen Leiden und Beſchwerden, unter dem ge⸗ wohnten Joche des täglichen Daſeins, wenn man arbeitet und ſich müht, oder wenn man feiert und ſich freut, wenn man eine Unternehmung fehlgeſchlagen ſieht, und ſich grämt— wer denkt da an ein Leben nach dem Tode, wer denkt da an ein Wiederſehen?— Wenn man aber den letzten Kuß drückt auf zwei er⸗ 100 bleichte ſtumme Lippen, wenn man das höchſte Glück, das man beſaß, ſo kalt, ſo ſtill im engen Sarge ſieht, den das ſchwarze Geſpann im langen, düſtern Leichenzuge hinaus⸗ fährt unter die grünen Hügel, wenn man dann an dem Grabe ſitzt und tief unten die Geliebte weiß, die nun neben Todten wohnen wird, hier unter den Todten, ganz allein, Tag und Nacht, für immer— ach! da denkt man an ein Leben nach dem Tode, da denkt man an ein Wiederſehen! Wiederſehen! Wiederſehen! tönte es in mir; ich weinte bitterlich, als ſie draußen ruhte, ich weinte fort⸗ während, ſo freundlich auch alle Menſchen mit mir waren. Und die Religion lebte in mir auf, die heilige Religion, die Chriſtus gelehrt hatte und die uns mit dem Himmel verbindet.. Alte, gute Mutter Braag! Ich wußte, daß Du ihr folgen würdeſt. So ruhe an ihrer Seite. Grüße ſie von mir und ſage ihr, daß ich nur noch ſie und die Religion im Herzen trage, kein Leid und keine Freude weiter. Ich geehe allein durch meine Spanne Leben, und lebe nur— dem Wiederſehen! Und nun will ich zu dieſen Blättern die letzten Zeilen fügen, und dann will ich ſie zu Laura's Briefe legen, in dem ſie mich einſt einlud, ſie zu beſuchen und zu den vielen gedruckten Theaterrecenſionen, die ich mir aufgehoben habe. Bollhorn's Geſchick hing an dem Ausſpruche, den ich 101 über den Charakter ſeines Verhältniſſes zu meiner Braut und zu mir— thun würde und woraus man Symptome für das Abſichtliche oder das Unabſichtliche ſeiner Hand⸗ lung herleiten wollte. Der unglückliche, verzweifelnde Mann hatte— wie er im Verhör betheuerte— nur in der Leidenſchaft ſeiner Darſtellung den tödtlichen Stoß gegen Laura geführt, und ich vermied natürlich Alles, was den geringſten Verdacht eines abſichtlichen Mordes auf ihn hätte wälzen können. Laura hätte gewiß eben ſo ge⸗ handelt, und meine Religion, durch die Laura zu mir ſprach, rief mir zu: Verſöhnung! Bollhorn wurde zu einer gelinden Gefängnißſtrafe verurtheilt, nach deren Ablauf er die Stadt für immer verlaſſen wollte. Das ſchmerzliche Ereigniß hatte die Theilnahme der ganzen Stadt erregt. Laura's Portrait war überall aus⸗ gehangen, von Land zu Land flog der Ruhm der heim⸗ gegangenen Tragödin, die eines Platzes in der Kunſt⸗ geſchichte würdig war. Ueberall in der Stadt begegnete man mir mit wohlthuender, herzlicher Theilnahme und Zuvorkommenheit. Jeder kannte meine traurige Geſchichte und ſtrebte danach, mir einen Dienſt zu erweiſen, ehe ich— bis ich meine und Laura's, meiner Erblaſſerin, Angelegenheiten geordnet hatte— den unter meinen Füßen brennenden Boden dieſer Stadt verließ. 10² Es war früh am Morgen. Noch eine Stunde— dann ſaß ich im Dampfwagen, um in die weite Welt hinaus zu brauſen. Ich ging, um von Laura's und der Mutter Grab Abſchied zu nehmen. Ein Gebüſch trennte mich noch von dem grünen Hügel, für den die Direction des Theaters einen Denkſtein fertigen ließ. Von einem Geräuſch hinter dem Gebüſch aufmerkſam gemacht, blieb ich ſtehen und ſchaute durch die Blätter. Auf ihrem Grabe ſtand Laura, Thränen glänzten in ihren Augen und ſie legte einen duftenden Blumenkranz auf das grüne Moos. Ich ſtürzte auf die theure Geſtalt mit dem lieben Geſicht zu. Sie ſchrak bei meinem Anblick zuſammen und wollte fliehen. In dieſem Augenblicke entſann ich mich— der Penſionärin.„Ich danke Ihnen für den Kranz,“ rief ich, während ſie ihr bewegtes Antlitz nach mir umwandte und meine dargebotene Hand leiſe berührte,„ich will nicht fragen, wer Sie ſind und wohin Sie gehen, aber ein Blümchen will ich mir aus Ihrem Kranze pflücken und es aufheben zur Erinnerung an Sie.“ Sie ſchritt langſam durch die Reihen der Gräber, warf noch einen wehmüthigen Blick zurück und war ver⸗ ſchwunden. Leb' wohl, liebliches Spiegelbild! Lebt wohl, ihr Beiden da unten— auf Wiederſehen! Zweites Capitel. Eindrücke. Wir wiſſen nicht, was in Mahlmann vorging, wäh⸗ rend Froſt's Vergangenheit vor ſeinen Augen ſich aufthat, aber es wird uns nicht verborgen bleiben, welche Gedanken ihn beſchäftigten, als er aufgeregt durch alle Gemächer ſeiner Villa ſchritt, und vor dem Roſenſtocke plötzlich ſtehen blieb; es wird uns nicht verborgen bleiben, weshalb ſeine umwölkte Stirn ſich allmälich aufheiterte, und was für ein Entſchluß das war, der wie in leuchtendem Wie⸗ derſchein von ſeinem Antlitz ſtrahlte. Er ſandte durch Troll das Manuſcript an Laura und fügte einige Zeilen hinzu, worin er ihr mit kurzen Worten mittheilte, daß Froſt aus ihm unbekannten Gründen eine Reiſe angetreten und dieſe Blätter zurückgelaſſen habe. Laura wußte wohl manches verſteckte Plätzchen in 104 Haus und Gärtchen, wo ſie ungeſtört und ungeſehen von der Mutter Froſt's Blätter leſen konnte, aber die rothge⸗ weinten Augen ließen ſich nicht verbergen, die Zerſtreut⸗ heit ihres ganzen Weſens, die Abweſenheit, die aus jedem ihrer Blicke ſprach, wenn die Mutter mit ihr verkehrte, mußten zum Verräther werden. Und als der Abend kam, war Froſt's Handſchrift in den Händen der Mutter. Laura ſaß am Fenſter, hatte das Haupt auf die weiße Hand ge⸗ ſtützt und blickte gedankenvoll in den Garten hinab. Dort ſtanden die Bäume in weißer Blüthe, kaum ſah man etwas von dem Grün der Blätter und faſt ſchien es, als wollte der Frühling auf die Alles weiß überziehenden Schnee⸗ flocken des Winters anſpielen, um den feſtgebundenen Ge⸗ ſellen damit zu necken. 4 Madame Marinelli hatte Froſt's Blätter vor ſich ausgebreitet und den Strickſtrumpf zur Hand genommen. Gemächlich verſenkte ſie ſich in ihre Lectüre, welche ſich mit dem Strickſtrumpfe in die Aufmerkſamkeit der Leſenden zu theilen hatte. Von Zeit zu Zeit hörte man ein beifäl⸗ liges Hm! das der humoriſtiſche Theil der Lectüre ihr entlockte, dann blickte ſie von den Blättern auf, um einige verlorne Maſchen wieder aufzufangen. Als ſie an die Stelle kam, wo Froſt zum erſten Male das Theater be⸗ ſucht, machte ſie eine Pauſe und bemerkte ihrer Tochter: „Recht nett geſchrieben, wirklich recht nett. Aber 105 glaubſt Du denn, Laura, daß Alles ſo wahr iſt, wie es hier ſteht? Der junge Mann beſitzt die Gabe, ſeine Er⸗ lebniſſe durch allerlei glücklich gewählte Ausſchmückungen intereſſant darzuſtellen und macht ſich dadurch ſelbſt intereſſant. Der traurige Ausgang, der ſich, nach dem Eindrucke zu urtheilen, den dieſe Erzählung auf Dich hervorgebracht hat, an dieſe kleinen Erlebniſſe knüpft, mag wohl auf Wahrheit beruhen; man kann auch an dem Schick⸗ ſale eines Fremden herzlichen Antheil nehmen,— aber die maaßloſen Empfindungen, denen Du Dich überläßt, begreife ich nicht.“ Da Laura nicht antwortete, ſo las die Mutter weiter. „Komm ein Mal her, Laura,“ unterbrach ſie ſich, als ſie kaum wenige Zeilen geleſen haben konnte,„wie heißt dieſer Name, er iſt etwas unleſerlich geſchrieben.“ „Braag,“ lautete Laura's Auskunft. Madame Marinelli ſetzte ihre Lectüre fort. In der Unterſchrift des Billets, das Froſt von der jungen Schau⸗ ſpielerin empfängt, kommt zum erſten Male der Vorname Laura vor. Dieſe Stelle war es, wo Madame Mari⸗ nelli ihren Strickſtrumpf von ſich legte, um mit geſteigerter Aufmerkſamkeit weiter zu leſen. Kaum bemerkte ſie, daß es dunkel wurde; ſie nahm nicht wahr, daß Laura auf⸗ ſtand, die Lampe anzündete und ſie der Mutter hinrückte. Die Veränderung des Lichts ſchien ihrem Auge nicht auf⸗ 7 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 106 zufallen, aber Laura's Auge entging es nicht, daß das Geſicht der Mutter todtenbleich war und daß ſich, während ihr Blick raſch über die Zeilen flog, in ihren Zügen eine furchtbare Spannung ausdrückte. Die trüben Ahnungen, die am Todestage der Tra⸗ gödin Froſt's Seele bewegen und ihn nicht wieder verlaſſen bis ſie ſich erfüllt haben, ſchnürten der Leſenden die Bruſt zu. Sie fah plötzlich auf und rief ihrer Tochter zu:„Theile mir mit wenig Worten den Ausgang mit.“ Als Laura aber den Mund öffnete, um den Wunſch der Mutter zu erfüllen, winkte dieſe haſtig mit der Hand und ſagte:„Ich will es leſen.“ Ihr Auge folgte wieder den Zeilen, kalter Angſtſchweiß trat auf ihre Stirne, Laura, die es bemerkte, wurde beſorgt und wollte eben ihre Mutter bitten, die Blätter wegzulegen und morgen zu Ende zu leſen, aber in demſelben Augenblicke ſchrie Madame Marinelli laut auf und ſank ohnmächtig in das Sopha zurück. „Mutter! Mutter!“ rief Laura, auf die Bewußtloſe zuſtürzend,„was iſt Dir?“ Unter den ſorgſamen Händen der entſchloſſenen Tochter kam Madame Marinelli ſchnell wieder zu ſich. Sie erholte ſich bald. Laura hatte ihren Arm um den Hals der Mutter geſchlungen und ſagte mit zärtlicher Beſorgniß: „Es hat Dich hart angegriffen, Mutter.“ Dieſe blickte ſtarr und ſchweigend auf das noch vor 107 ihr liegende Manuſcript. Als Laura daſſelbe weglegen wollte, wehrte ihr die Mutter haſtig mit den Worten: „Ich will es ausleſen.“ „Morgen, liebſte Mutter, laß es heute ſein,“ bat Laura.— „Heute noch, Laura!“ war die entſchloſſene Antwort. „Mutter, ich bitte Dich, thue mir's zu Liebe, rege Dich nicht noch mehr auf.“ Die Mutter ſchüttelte langſam den Kopf und ſagte: „Sie iſt ja todt, was kann noch Schlimmeres folgen?“ Bei dieſen Worten brach ein Thränenſtrom aus ihren Augen, ſie bedeckte das Geſicht mit dem Taſchentuche. Auch in Laura's Auge kehrten die Thränen zurück, die ſie kaum getrocknet hatte. In unzähligen Strahlen ſchoß vor Mariannen's ſchwimmenden Augen die Flamme der Lampe auseinander. Nach jeder Zeile, die ſie las, mußte ſie ihre Augen trocknen. Aber ſie las zu Ende. Mutter und Tochter ſaßen noch bis ſpät in die Nacht beiſammen auf dem Sopha. Kein Wort wurde zwiſchen beiden gewechſelt. Als Laura ihr gute Nacht wünſchte, drückte die Mutter ſie feſt an ſich und küßte ihr Kind mit rührender Zärtlichkeit. Laura hörte noch lange das ſchwer unterdrückte Schluchzen ihrer Mutter, als beide längſt auf ihren weichen Lagern ruhten. 7* / 108 Der andere Morgen! der andere Tag! Welche überraſchenden Wandelungen des Gemüths bringt er oft mit ſich! Ein vorüberbrauſender Sturm war das Geſtern, der an allen Bäumen und Zweigen rüttelte und eine Wind⸗ ſtille iſt der andere Tag, und bewegungslos ſteht Alles, was ſich geſten beugte. Am andern Morgen bringt die aufgehende Sonne Manches nicht wieder zurück, was die ſinkende mitnahm, am andern Morgen bedeckt eine Narbe manche Stelle, wo geſtern eine Wunde blutete— am andern Morgen waren die Augen Mariannen's wieder trocken und blickten klar und verſtändig in die Welt. Auf ihrem Antlitz lag eine ruhige Faſſung, obwohl ſie ernſter war, als gewöhnlich. Sie hatte ſchon Allerlei mit Laura geſprochen, aber kein Wort, das auf den geſtrigen Vor⸗ gang, das auf die Blätter von Froſt Bezug gehabt hätte. Der größte Theil des Vormittags war bereits vergangen, als ſie ihre Tochter an der Hand nahm und zu ihr ſagte: „Laura, die Penſionärin, die der unglücklichen Braut Froſt's ſo täuſchend ähnlich ſah, warſt Du!“ Laura ſchwieg. Die Mutter fuhr fort:. „Glaubſt Du, daß auch Mahlmann Dich wieder⸗ erkannt hat?“ „Aus dieſen Zeilen, die er mir ſchrieb, geht es nicht hervor, auch kennt er, wie er mir gelegentlich ſagte, den 109 frühern Aufenthaltsort Froſt's nicht mit Namen. Aber auch Du kannteſt ihn nicht, Mutter, und dennoch—“ Die Mutter kam Laura zuvor, indem ſie erwiederte: „Ich erkannte mein Kind.“ Laura bemerkte es nicht, daß die Mutter die Lippen zuſammenbiß, als hätten die Worte, die ihr Mund eben ausgeſprochen, ihr eine Wunde zurückgelaſſen. Das Geſpräch ſtockte eine Weile. Laura's Augen ſchweiften unruhig überall umher, bis ſie dem Blicke der Mutter begegneten. Ihre Mutter feſt anſehend und den Kopf ein wenig zurückwerfend, fragte Laura: „Und wenn Herr Mahlmann meine Spur entdeckt hätte, was thut es? Er ſoll es ſogar wiſſen, es ſoll ihm nicht verſchwiegen bleiben.“ „Ueberlaß das Deiner Mutter, liebes Kind,“ ent⸗ gegnete Madame Marinelli ſanft, der Tochter die Wangen ſtreichend,„wenn er es noch nicht weiß, ſo iſt es beſſer, er erfährt es nicht.“ „Er wird es durch Froſt erfahren.“ „Es ſteht allerdings in Herrn Froſt's Belieben, es zu enthüllen oder zu verſchweigen: aber Herr Froſt beſitzt Takt, das beweißt ſein Fremdthun gegen Dich, als er Dich bei Mahlmann wiederſah, noch mehr aber ſpricht dafür ſeine plötzliche Abreiſe.“ Nach einer Weile fügte die Mutter hinzu:„Ich glaube, Froſt iſt ohne Vermögen. In Florenz lebt, wie Du weißt, ein Bruder Deines ſeligen 110 Vaters, er iſt reich und beſitzt ein großes Geſchäft. Ich würde dafür ſorgen, daß Froſt dort liebevolle Aufnahme und eine angenehme, auf Lebenszeit geſicherte Exiſtenz fände. Mache Dich mit dem Gedanken vertraut, liebe Laura, daß Froſt nicht wieder hierher zurückkehrt. Dein Anblick würde ſeinen Schmerz friſch erhalten.“ „Mutter!“ rief Laura,„nein! nein! Mein Anblick würde ihn tröſten, und ich würde Alles thun, um ihn zu erheitern und ihm das Leben wieder lieb zu machen. Er kommt wieder, er muß wiederkommen!“ Madame Marinelli ſah ihre Tochter groß und fremd an. Der Blick ſchnitt Laura durch's Herz und erſchütterte ihren Glauben an die mütterliche Liebe bis in's tiefſte Mark. Von dieſem Augenblicke an nahm ſie die Zügel ihres Geſchicks ſelbſt in die Hand. Das Herz, das im Begriff geweſen war, ſich der Mutter zu öffnen, verſchloß ſich vor jenem Blicke. Im Heiligthum des Herzens war ja ein Werk entſtanden, in geheimnißvoller Stille hatte die Zeit daran gearbeitet, es war ein zartes, zartes Gewebe. Es lag vollendet, reif für die Außenwelt, aber Laura zit⸗ terte vor dem Sonnenlichte, ſie zauderte, es preiszugeben; ängſtlich forſchend prüfte ſie die Empfänglichkeit ihrer Um⸗ gebungen. Dieſer Blick hatte ihr Alles geſagt— das Werk des Herzens war für Laura allein, tief verhüllte ſie es wieder, und kein Blick, keine Miene, kein Wort ſollte 111 ſein Daſein ahnen laſſen. So war es in Laura beſchloſſen, vor einer Secunde war dieſer Beſchluß noch nicht da und jezt ſtand er groß und unerſchütterlich feſt in ihr, wie das eltgebäude, das aus dem Nichts hervorging. Das Befremden, das Madame Marinelli zeigte, war nich erheuchelt, ſie war in der That einen Augenblick über⸗ raſcht. Wenn ſie jetzt auch ſchnell wieder in den frühern, unbeaangenen Ton zurückfiel, ſo war das Geſchehene doch geſchchen, und von der Wirkung deſſelben hatte ſie wohl keine Ahnung, als ſie das Geſpräch wieder aufnahm und zu Larra ſagte: „Weißt Du ſo genau, wie es in Froſt's Herzen aus⸗ ſehen mag?“ „Nein,“ antwortete Laura tonlos. „Wenn Deine Mutter ſtürbe, liebe Laura, würde eine andere Mutter ihren Platz in Deinem Herzen aus⸗ füllen önnen? Deine Mutter wird noch lange leben,“ ſetzte die Sprecherin hinzu, als ſie ſah, daß ihre Worte den Augen der Tochter einen Thränenſtrom entlockt hatten, nes war fern von mir, Dich auf trübe Gedanken zu lenken. Ich meine es ja gut mit Dir, wie ſonſt kein Menſch in der Welt, und wenn ich Dir jetzt Schmerz bereite, ſo thue ich es, um Dich vor noch größerem Leid zu ſchützen. Wenn Du nun ſo feſt auf Froſt bauteſt, Dich dem Gedanken, 112 ihn glücklich zu machen, ganz hingäbeſt und darin viel⸗ leicht Dein eignes höchſtes Glück fändeſt— welche grar⸗ ſame Enttäuſchung ſtände Dir bevor, wenn Du dief, Deine Lieblingsidee ſcheitern ſäheſt— ſcheitern an der Treue, die Froſt ſeiner verſtorbenen Braut bewalrt? Muß ich Dich nicht darauf aufmerkſam machen, iſt es richt meine Pflicht, Dich vor einer Gefahr zu warnen, dit ich mit hellem Blicke faſt vor mir ſehe? Dort liegen noc die Blätter, in denen es ſchwarz auf weiß aufgezeichnet ſteht, mit welchem Entſchluſſe Froſt vom Grabe ſeiner Braut ſchied; daß er dieſem Entſchluſſe treu geblieben iſ und treu bleiben will, ſcheint mir aus ſeiner ſchleunigen Ab⸗ reiſe deutlich genug hervorzugehen. Laura,— er will Dich meiden; ich ſage es noch ein Mal, er kehr: nicht wieder zurück!“ 4 Vielleicht hätte das liebevolle Zuſprechen der Mutter die Tochter wieder mit ihr ausgeſöhnt, aber was die Mut⸗ ter da ſagte, ſtand in zu grellem Widerſpruch nmit dem, was Laura's Seele erfüllte. Und Madame Marinelli hatte keine Ahnung von dem, was im Herzen der Tochter vor⸗ ging, ſie hatte der innern Entwickelung ihres Kindes nicht folgen können, denn Laura war viele Jahre lang ebweſend geweſen. Die Mutter hatte ihr Kind fremder Pflege an⸗ vertraut, in fremder Erde, dem Blicke der Mutter unzu⸗ gänglich, hatten die Keime Wurzeln geſchlagen und ſich 113 entfaltet— ſchön, herrlich— aber zu einem fremden Gewächs! Laura ſah ihre Mutter ſtarr an und ſagte: „Warum ſoll Herrn Mahlmann mein Verhältniß zu Froſt verſchwiegen bleiben?“ „Auch darüber müſſen wir ſprechen,“ erwiederte die Mutter, der äußern Ruhe vertrauend, die Laura zeigte, „ſetze Dich zu mir, Laura, und höre mich an. Du biſt kein Kind mehr. Berückſichtige wohl: wir ſprechen jetzt nicht mehr von Froſt. Wir ſprechen von Mahlmann, der Deinem Herzen näher ſtehen muß als Froſt.“ Ein wehmüthiges Lächeln zuckte über Laura's Ant⸗ litz. Die Mutter bemerkte es nicht und fuhr fort: „Glaubſt Du nicht, Laura, daß Du ihm durch die Liebe und Aufopferung, die Du ihm während ſeiner Krank⸗ heit bezeigteſt, über Alles theuer geworden biſt?“ „So ſoll es auch ſein,“ entgegnete Laura harmlos, gunſere Liebe ſoll ja nie ſtehen bleiben, die gegenſeitigen Beziehungen der Menſchen zu einander ſollen immer in⸗ niger werden, hier, wie in Allem, muß es einen Fort⸗ ſchritt geben.“ „Und jeder Fortſchritt muß auf ein Ziel gerichtet ſein. Das höchſte Ziel, das der Liebe und Freundſchaft zweier Menſchen geſetzt iſt, erreichen ſie, wenn ſie ihre edeln Beziehungen zu einem einzigen, untrennharen Bunde 114 verflechten.— Wenn Du nicht aufhörteſt, Mahlmann zu pflegen, wenn Du, wie in den vergangenen harten Tagen, nun auch in ſchönen Tagen um ihn wärſt und, wie Du ihm einſt ſeine Leiden tragen halfeſt, jetzt ſein Glück mit ihm theilteſt—“ „Ich weiß nicht was Du ſagen willſt,“ unterbrach Laura etwas ungeduldig ihre Mutter, denn eigentlich ver⸗ ſteht ſich doch dies Alles von ſelbſt. Ich werde ihn nach wie vor beſuchen und Alles thun, was ihm Freude machen kann, ich werde—“ „Ich will deutlicher ſprechen,“ ergriff die Mutter mit großer Herzlichkeit des Tons wieder das Wort,„wenn Du alle Wünſche Deines Herzens, alle Pläne für Deine Zukunft nun allein auf Mahlmann richteteſt, wenn er allein Dein ganzes Leben ausfüllte, und wenn Du zu Dir ſprächeſt: ich ſetze das Weſen und die Tugenden dieſes Frenndes weit über Jugend und Schönheit und reiche ihm meine Hand, gebe mich ihm ganz hin, wie ich bin— werde ſeine Gattin.“ Bebend ſprach Laura das Wort:„Gattin“ nach. Sie hatte, mit halbem Körper der Mutter abgewandt, den einen Arm neben ſich auf das Sopha geſtemmt, die weiße Hand tief in das nachgebende Polſter vergraben, und füllte dadurch den Platz aus, der auf dem Sopha zwiſchen ihr Mutter blieb. Sie faßte ſich ſchnell wieder und — — 115 entgegnete in einem ruhigen, vertrauensvollen Tone, der mit dem lauernden Blicke ihrer Augen ſeltſam contraſtirte: „Aber Herr Mahlmann hat mir noch nicht geſagt, daß er mich zu ſeiner— ſeiner Gattin zu haben wünſcht.“ Mit dem Ausdruck eines ſchonenden Zweifels fügte ſie hinzu:„Es iſt wohl nur eine Idee von Dir, liebe Mutter.“ „Keine Idee, kein Luftſchloß iſt es,“ entgegnete die Mutter,„nichts fehlt zur künftigen Herrin der reizenden Villa als Dein Jawort.“ Marianne fand nichts Auffallendes darin, daß das Antlitz ihrer Tochter ſich verfärbte und plötzlich in dunkler Röthe erglühete, und daß Laura's Buſen ſich ungeſtüm hob und ſenkte. Ruhig ſetzte ſie hinzu: „Ich ſprach mit Dir in Mahlmann's Einverſtänd⸗ niß, in ſeinem Auftrage. Mein Wunſch— iſt Mahl— mann's Wunſch.“ „Das alſo iſt das Ziel aller Liebe, aller edeln Be⸗ ziehungen!“ rief Laura, ſich vom Sopha emporrichtend, und ihre Augen ſprühten Blitze,„wenn zwei Menſchen einander achten und lieben, ſo müſſen ſie ſich heirathen! Hal ha! ha! Der Gedanke mag ſchön ſein, aber ich weiß nicht, was das iſt, ich verachte, ich haſſe den Gedanken, und mich ſchaudert plötzlich vor Mahlmann, mich ſchau⸗ dert, als wären Mörder mit Dolchen auf ihn eingedrungen 116 und hätten ihm zahlloſe Stiche beigebracht und ich ſtände vor ſeinem blutigen Leichnam. Hul man hat mir meinen Freund umgebracht und ſo jämmerlich entſtellt, daß ich ihn nicht wieder erkenne und ihm nicht einmal eine Thräne nachweinen kann!“ „Um Gottes Willen, Laura!“ rief die Mutter er⸗ ſchrocken,„wie kannſt Du ſo etwas ausſprechen, wie kannſt Du den ſchönſten Gedanken ſo entwürdigen, ſo ver⸗ kennen—“ „Dieſer ſchöne Gedanke,“ rief Laura mit großer Lei⸗ denſchaft,„iſt ein Blitz, den Du— auf dem Gipfel eines hohen Berges ſtehend— aus den das Thal verhüllenden Wolken unter Dir leuchten ſahſt. Schön, erhaben war der Anblick für Dich, Mutter, aber Du ſaheſt nicht, welches blühende Leben tief unter Dir der Strahl vernichtete!“ Laura verließ das Zimmer und ſchon unter der Thür ſenkte ſie das Haupt auf die Bruſt herab und lange unter⸗ drückte Thränen brachen aus ihren Augen. 5 Drittes Capitel. Geneſen. Laura ſitzt in der Laube des kleinen Gärtchens, den Kopf auf die Hand geſtützt und den Blick feſt auf den Boden gerichtet. Der Blumenflor, der ſich rings um ſie her entfaltet, erfreut ihr Auge nicht, vergebens ſingen und zwitſchern die Vögel auf den Bäumen— ſie hört es nicht, in ihrem Herzen tobt und ſtürmt es, ſie hat keinen Sinn für die friedliche Ruhe, die ſie umgiebt, in ihrem Herzen fallen die Blätter— was iſt dann der Frühling der Natur mit ſeinen Blüthen und ſeinem friſchen Grün und ſeinem Vogelſang?— Da knirſcht der Sand unter ſchweren Tritten und eine Geſtalt verdunkelt die Laube, ſo hoch ſie iſt. In ſeinem langen, ſchwarzen Rocke ſteht Mahlmann vor Laura. „Da bin ich, Laura!“ ruft er ihr entgegen,„der 118 Weg und die Luft haben mich müde gemacht. Und Du haſt Dich noch nicht wieder um mich gekümmert! Nicht einmal an's Fenſter biſt Du gekommen, um nachzuſehen, ob mir mein erſter Ausgang bekommen iſt. Nun ich vom Tode gerettet bin, denkſt Du, mag ich ſehen, wie ich mir allein forthelfe? Ei, ei! Du kleiner, böſer— gieb mir aber ein Händchen. Seit wann giebſt Du denn nur zwei Finger für die ganze Hand? Iſt das Fleiſch aufgeſchlagen? Willſt Du am Maße herunterdrücken? Warte, warte— ich werde Dich anzeigen. Die ganze Hand will ich haben, die ganze Hand und hübſch ordentlich, hübſch feſt— das iſt ja gerade als ſchlüpfte mir ein Aal durch die Finger! Ich bin müde! todtmüde, Du erlaubſt doch, daß ich mich neben Dich ſetze? Ja! die Luft! die Luft! Willſt Du nicht zu mir rücken, Laura? Sitzt ja ſo weit von mir weg, als hätten wir uns gezankt. Komm, rücke näher zu Deinem alten Freunde, bin ich nicht Dein alter Freund?“ „Sie ſind es,“ entgegnete Laura näher rückend,„und ich hoffe, Sie werden es bleiben.“ „Siehſt mich ja an, als glaubteſt Du's nicht recht, und ſo ernſt, und ſo böſe. Freilich werde ich Dein alter Freund bleiben. Aber wie ſiehſt Du mich an! Wo iſt meine kleine, freundliche Laura hin? Biſt Du mir nicht mehr gut? 4 Wie?“ 4„Nein!“ ſagte Laura und wandte den Kopf weg, um 119 die Gluth zu verbergen, die ſie heiß ihr Antlitz über⸗ rieſeln fühlte. „Was iſt denn das?“ entgegnete Mahlmann erſtaunt, aber ohne ſeine gute Laune zu verlieren,„fängſt Du auch Grillen, wie die andern Frauenzimmer?— Nein, das kann meine Laura nicht, ſie, die mit Centnergeduld an meinem Krankenlager aushielt, ſie kann das nicht. Oder willſt Du ſpaßen?“ Mahlmann kniff Laura bei den letzten Worten zärtlich in die Wange. Sie ſprang auf und ſah ihn mit blitzenden Augen an. Mahlmann ſaß eine Weile ſprachlos ihr gegenüber. Endlich ſagte er, etwas ernſt: „Ich weiß nicht, was Du haſt, Laura! Ich hatte etwas auf dem Herzen, ich wollte etwas mit Dir ſprechen, aber wenn Du ſo biſt— faſt wie eine Furie— da kann ich Dir's nicht ſagen. Da will ich gar nicht erſt davon anfangen.“ „Es iſt eben ſo gut,“ erwiederte Laura heftig,„als hätten Sie mir bereits Alles geſagt, nehmen Sie das, was Sie vorhin an mir Grille nannten, als Antwort. Gott weiß es, ich kann nicht anders.“ Zwei helle Thränen brachen aus Laura's Augen und löſchten das unheimliche Feuer, das ſo eben noch darin geglüht hatte. „Dieſe Thräne,“ ſagte Laura mit erſtickter Stimme, „weine ich meinem zweiten Vater nach, der mir in Ihnen geſtorben iſt.“ 120 „Laura!“ rief Mahlmann, ſich mühſam von der Bank erhebend,„ſo habe ich Dich noch nicht geſehen! Was für ein Geiſt iſt in Dich gefahren? Hat Dich Froſt's traurige Geſchichte ſo umgewandelt? Deshalb kam ich eben zu Dir, um von dieſer Geſchichte mit Dir zu ſprechen, aber Du biſt mir jetzt zu—“ „Von Froſt wollten Sie mit mir ſprechen?“ unter⸗ brach Laura ihn haſtig und trocknete mit dem Taſchentuche ſchnell ihre Thränen ab. „Von nichts Anderem, als von Froſt,“ ſagte Mahl⸗ mann und ſetzte ſich wieder auf die Bank, da er ſah, daß Laura wieder näher zu ihm herantrat. „Es iſt eine traurige Geſchichte,“ fuhr Mahlmann fort und ergriff Laura's Hand, die ſie nicht ohne Wider⸗ ſtreben in der ſeinigen ließ,„ſie iſt mir ſehr zu Herzen gegangen. Weißt Du nicht, wie wir dem armen Froſt helfen können?“ Laura ſchwieg und blickte zu Boden, während Mahl⸗ mann, der ſie eine Weile prüfend betrachtete, fortfuhr: „Vielleicht iſt ihm geholfen, wenn er die andre Laura, die noch lebend iſt, ich meine die Penſionärin, wieder findet?“ „Und wenn er ſie wieder findet?“ „So müßte er ſie heirathen.“ Laura erröthete über das ganze Geſicht. 121 „Du wirſt ja roth,“ ſagte Mahlmann lächelnd,„als hätteſt Du Froſten ſelbſt gern gehabt und gönnteſt ihn keiner Andern?“ Laura entzog Mahlmann ihre Hand und wandte ſich von ihm ab. „Na, Scherz bei Seite,“ fuhr Mahlmann fort,„das habe ich bald gemerkt, daß Du die andre Laura biſt, aber das hättet ihr Beide mir ſchon längſt ſagen können, Du und Froſt,— brauchtet kein Geheimniß daraus zu machen. Ich hätte Euch nichts in den Weg gelegt. Haſt ihn lieb gehabt, nicht wahr? Und, natürlich— er hat Dich auch lieb. Deshalb ſchlage ich vor, daß Ihr Euch heirathet.“ Laura war immer näher zu Mahlmann herangetreten, heller und heller ſtrahlte ihr ſchönes Antlitz, jetzt lag ſie, Freudenthränen weinend, in Mahlmann's Armen, kaum fähig, das eine Wort hervorzubringen:„Verzeihung!“ Wie er ſie ſo in ſeinen Armen hielt, war es ihm, als wäre ſie wieder das Kind. Dieſer Augenblick küßte ihm den Schweiß der Entſagung von der Stirne, dieſer Augenblick hob ihn zu einer Erhabenheit empor, die alle Wonnen der Liebe zwiſchen Mann und Weib tief unter ſicch zurückläßt, dieſer Augenblick krönte ſein Haupt mit dem Lorbeer, nach dem er Zeit ſeines Lebens geſtrebt hatte, und ein Schatten aus früheren Zeiten, ein alter, bitterer Vorwurf ſchied aus ſeinem Herzen— für immer. 4 11899. VII. Der beſeelte Schatten. II. 8 122 „Können Sie mir verzeihen? Können Sie das Un⸗ recht vergeſſen, daß ich Ihnen gethan habe?“ fragte Laura ſich emporrichtend und mit beiden Händen ſeine Freundes⸗ hand umſchließend. „Du haſt mir nichts gethan, Laura— aber nun müſſen wir ſehen, daß wir den Froſt zurückholen. Ich habe mir ſchon den Kopf zerbrochen, wo er ſtecken mag. Aber ich glaube, er iſt nirgends anders, als dort, wo er ſeine erſte Laura verlor und ſeine zweite fand. Und da ſoll denn Liebezeit gleich aufbrechen und ihn zurückholen. Ich werde ihm Alles ſchreiben. Ich würde ſelbſt fahren, aber die Reiſe iſt lang und ich möchte es nicht wagen. Iſt Dir's ſo recht, Laura?“ Laura nickte ſtumm. Mahlmann ging, um mit der Mutter zu reden und Liebezeit's Abreiſe zu betreiben. Sie ſah ihm nach und wie er langſam die Windungen des Weges zwiſchen Blumen und Gebüſchen dahin ſchritt und ſich immer weiter entfernte— da war es Laura, als wüchſe ſeine Geſtalt höher und höher empor, bis ſie endlich, Alles überragend, vor Laura's Blicken verſchwand. 3 Diertes Capitel. Ob er wiederkehrt? War es möglich, daß dieſe flüchtigen Minuten ihrem ſchweren Herzen alles Leid entrückt hatten? In ihrem Herzen jubelten tauſend Stimmen. Die Sänger in den Zweigen ſchienen den Namen Mahlmann zu rufen, als hätten ſie nie vorher mit ihren Rythmen etwas anderes gemeint— es war ein Jubellied, innen und außen, das dem Freunde, dem Vater erklang. Und doch fibrirte erſt leiſe und dann immer mehr anſchwellend eine Diſſonanz durch die reinen Stimmen, und doch hob ſich die Bruſt unter einem tiefen, ſchweren Athemzuge. Zur Mutter war Mahlmann jetzt gegangen, zu ihr, die geſagt hatte:„Froſt wird nicht wiederkehren.“ Das war es, was noch übrig geblieben war, das war es, was ſie nicht geglaubt hatte und woran ſie jetzt zu glauben anfing, 8* 124 nachdem dieſe Stunde das Chaos ihrer Empſindumgen entwirrt hatte. Dieſes Eine, daß ſie vorher kaum beachtet hatte, war jetzt allein zurückgeblieben und ſchien ſich mäͤchtig, über den freigewordenen Grund des Herzens auszubreiten. Das Schlimmſte verſchweigen wir uns immer, und je leichter es die Außenwelt entdeckt, je rückſichtsloſer ſie mit dem Finger darauf zeigt, deſto feſter verſchließen wir unſer Ohr und tauſend Gründe finden wir, uns zu beruhigen, und wir halten ſie für die gewichtigſten, weil unſer eignes Weſen ihre Schwere trägt. Aber es kommt die Stunde, wo das Schlimmſte hervorbricht, auferſteht von dem Scheintode der Beſchwichtigung, wo es die leichte Decke zerbricht, mit der es, im Bewußtſein ſeiner Uebermacht, ſich geduldig umhüllen ließ. Die Mutter kann Recht gehabt haben, rief es in Laura. Jetzt ſpricht ſie gegen Mahlmann vielleicht das furchtbare Wort aus, jetzt eben nickt Mahlmann, von der Anſicht der Mutter überzeugt, traurig mit dem Haupte und ſagt ſich:„Arme Laura, Du lebſt in einem Schein⸗ glücke!“ Dort die fernen Wölkchen am blauen Himmel, flüſtert es in Laura, können mir es vielleicht ſagen, daß Froſt nicht wieder kommt, die Sonne, die mich beſcheint, ſie ſcheint jetzt eben vielleicht auf die furchtbare Gewißheit, daß Froſt nicht wieder kommt, jeden Augenblick kann die Mutter aus der Thür treten und mit ernſtem Geſicht und 125 4 ſchwer erhobenem Finger noch ein Mal ſagen, daß Froſt nicht wieder kommt. Heller Sonnenſchein zieht durch die Hausflur, wann wird ein ſchwarzer Schatten auf der lichten Wand erſcheinen? Wann wird die Mutter heraus⸗ treten und näher kommen, und endlich dicht vor Laura ſtehen um ihr zu ſagen, daß alle Freude vergebens war, daß Froſt nicht wieder kommt? Laura ſah unverwandt nach der Hausthüre, ſie hörte ihr Herz laut klopfen, eine angſtvolle Spannung bannte ihr Auge an den Punkt, wo die Mutter erſcheinen mußte. Und ſie trat wirklich heraus und nähert ſich langſam der Laube. Warum bricht ſie heute keine Roſe von den Büſchen, an denen ſie vorüber⸗ geht? Sie thut es doch ſonſt. Warum hat ſie kein Auge für die Farbenpracht der Blüthen, die ſich während der Nacht neu erſchloſſen haben? Nur dieſen allein gilt ja ſonſt des Morgens ihr erſter Gang in den Garten! Gewiß! gewiß! hinter dieſer Gleichgültigkeit gegen Alles, woran ſie ſich ſonſt erfreut, lauert ein ernſter Gedanke! Die Mutter ſtand jetzt vor Laura und redete ſie an: „Mahlmann hat mir Alles mitgetheilt. Du wirſt nicht vergeſſen haben, was ich Dir ſagte. Eben iſt dieſer Brief an Dich gekommen. Er ſcheint von Froſt zu ſein und wenn er nichts Gutes enthält, ſo hoffe ich, wird meine Tochter ſich zu tröſten wiſſen.— Lies ihn.“ Damit reichte Madame Marinelli ihrer Tochter den Brief hin. Als 126 Laura den Brief in der Hand hielt, fühlte ſie ihre ganze . Kraft wieder in ſich. Es war gewiß, er enthielt eine un⸗ günſtige Nachricht, aber in dieſem Augenblicke hätte ſie das Schlimmſte faſſen können. Langſam löſte ſie das Siegel, und ruhig begann ſie zu leſen: „Wenn dieſe Zeilen in Ihre Hände kommen, werden Sie einen tiefern Blick in die Lebensverhältniſſe geworfen haben, an denen Sie ſo dicht vorüberſtreiften.— Ach! welch ein Daſein habe ich hingeſchleppt, ſeit Sie den Kranz auf meiner Laura Grab legten. Mit dem Glauben an ein Wiederſehn nach dem Tode zog ich fort, ich klammerte mich an Gott und an die Religion und brachte dem Himmel ein großes, ſchweres Opfer, indem ich beſchloß, mir nicht den Tod zu geben, ſondern die Laſt des Lebens zu tragen, bis Er ſelbſt mich rufen würde. Kennen Sie jene feindliche Macht, die an einem ein⸗ zigen, winzigen Gedanken unſre ganze Seele zu ſich heran⸗ zieht— die Macht des Zweifels? Dieſe finſtre Wärterin, deren Fuß raſtlos ſchaukelnd unſre Himmelswiege bewegt, bis wir, glaubensmüde, die Augen ſchließen und zu irdiſchen Träumen entſchlummern? Möge er nie in Ihre Bruſt einziehen, der kalte, höhniſche Zweifel, der den goldnen Schmuck des Glaubens einſchmilzt, um ihn als den rohen Klumpen der Ueberzeugung zurückzugeben! Ich wurde zum Zweifler. Die Verhältniſſe, unter denen ich lebte, 127 waren traurige. Ich wurde umhergeſchleudert, bald hier⸗ hin, bald dorthin, ich litt Mangel oft bis zum hungern, aber das hat mich erhalten, das gab meinem zerrütteten Geiſte Lebensnahrung, das war mir recht, wie ein Ver⸗ zweifelnder ſich an einem Unwetter weidet und heraus⸗ fordernd in die grellen Blitze blickt. Drei wüſte, elende Jahre liegen hinter mir. Nur zuweilen erhellte ein lichter Sonnenſtrahl mein dunkles Leben:— wann der Glaube ſchmeichelnd zu mir kam, um vor dem böſen Geiſte, mit dem ich rang und kämpfte, ſchnell wieder zu entfliehen. In einer furchtbaren Ferne, die der Abgrund der Vernichtung von mir trennte, ſchwebte meine Laura und verzweifelnd ſtreckte ich meine Hände nach ihr aus! Da trat oft— ach! in mancher troſtloſen Stunde— ein holdes Bild zu mir heran, und winkte mir tröſtend und beruhigend zu— und das waren Sie. Jal ich habe viel an Sie gedacht, ich war auf dem Wege, Sie aufzuſuchen, um mich in Ihre Arme zu werfen; aber ich ſchloß die Augen vor Ihrem Bilde und hielt mich gewaltſam zurück. Ich bekenne es offen, ich habe darnach geſtrebt Sie zu vergeſſen, Sie aus meinem Herzen zu bannen, daß jeder Schlag der Todten gehöre.— Ich hatte es endlich über mich vermocht, die Hoffnung auf dieſes Leben in mir zu vernichten, die geheimen ſüßen Schauer, die mich überkamen, wenn ich an das holde Spie⸗ gelbild meiner Laura dachte, das noch unter den Lebenden 128 weilt, zurückzudrängen. Mein Unglücksſtern trieb mich in Ihren Geburtsort, wo ſich Alles vereinte, mein tiefes Leid von neuem emporzuwühlen. Die Liebe und Aufopferung, die mir der edle Mahlmann bezeigte, ſchmerzte mich, wie es einen ſchwer Erkrankten ſchmerzt, wenn eine pflegende Hand, um ſein zerwühltes Lager zu ordnen, ihn empor⸗ richtet. Die Verhältniſſe, die mich umgaben, ſtimmten nicht zu meinem ſchwermüthigen Herzen. Die Sonne ſchien zu hell, der Himmel war zu rein. Ich war unglücklicher als je. Da traten Sie zu mir heran, Gedanken und Träume, die ich mir nie eingeſtehen wollte, tauchten in lebendiger Wirklichkeit vor mir auf, ich ſtand erſchüttert, erſtarrt— und wie ein Blitz durchfuhr es mich, als ich hörte, daß mein armſeliges verlorengegebnes Ich der Ge⸗ genſtand ihrer Hoffnungen geweſen war! Mein Herz kämpfte mit meinem Verhängniſſe. Ihre Erſcheinung riß meine tiefe Wunde wieder auf. Es war, als wäre die Todte auf⸗ erſtanden und doch war ſie es nicht. Ach! wie zog es mich, Ihnen entgegen zu fliegen und mich an Ihrem Herzen aus⸗ zuweinen, aber ich habe gelernt, allen Gefühlen Trotz zu bieten, ich habe mich feſt gebunden an das Grab meiner Braut, der ich, wenn es ein Wiederſehen giebt, mein ganzes Herz, ſo wie es ihr einſt gehört hat, entgegenbringen will. Ich bat Sie, mir Adelaide zu ſingen. In dieſen Accord ſtrömten alle meine Empfindungen über und wenn er den 129 Kampf in mir auch nicht entſchied, ſo drängte er mich doch zu einem Schritte, der entſcheiden mußte. Es trieb mich fort, es trieb mich hierher; hier an der Wiege und am Grabe meiner Liebe, wollte ich meine Stimmung fragen, was ich thun ſolle und ſie hat mir geantwortet. Sie hat mir geantwortet durch eine namenloſe Wehmuth, die ich nicht mehr tragen kann. Im Augenblicke, wo ich dieſe Zeilen niederſchreibe, blicken mich dieſelben Wände an, zwiſchen denen Laura einſt waltete: Ich wohne in dem Gartenhauſe;— wohin mein Fuß auch tritt, er tritt in Laura's Spuren, wohin ich auch blicke, überall hat Laura's Auge geweilt. Unten im Garten ſteht noch die Laube, in der ich Hand in Hand mit Laura ſo oft geſeſſen habe, geſtern beſuchte ich die Eiche auf der waldbe⸗ kränzten Anhöhe, unter der ich einſt erwachte und meine Laura mir zur Seite fand und dann eilte ich nach dem Schauſpielhauſe, um die Luft zu athmen, durch welche Lau⸗ ra’s Stimme einſt ertönte, den Schauplatz wiederzuſehen, auf dem ſie lebte und ſtarb. Stundenlang ſtand ich in der Nähe des Penſionats, bis der Zug Ihrer früheren Mit⸗ ſchweſtern an mir vorüber kam— ach! das Ebenbild meiner Laura war nicht mehr unter ihnen. Auch an dem Hauſe meines Vetters habe ich angeklopft; von allen Erinnerungen lebt nur noch eine darin— meine Dachkammer, in der eine arme Wittwe wohnt. Mein Vetter ruht auf dem Kirchhofe, ſein Vermögen iſt in die Hände eines Neffen . 130 übergegangen. Wo ſonſt der Laden war, öffnet ſich jetzt ein weites Thor, aus welchem die ſtolze Equipage des jun⸗ gen Erben donnernd an mir vorüberbrauſte. Er hat eine Tänzerin vom Theater geheirathet und genießt mit ihr in raſchen, durſtigen Zügen die Früchte, die mein Vetter einſt ſäete.— So ſtand ich endlich auch am Grabe meiner Laura. Ach! es war ſo ſchön, ſo ſtill um mich her. Ruhe, tiefe Ruhe umgab mich. Da ruhete Alles und wie Siegesbogen wölbten ſich die grünen Hügel über den Schlummerden. Schrecklich iſt der Tod, aber ſüß iſt das Grab. Alſo hier unten ſchläfſt Du noch, meine Laura? Dieſer kleine Zau⸗ berkreis ſchließt den Inhalt Deines Lebens und meines Lebens in ſich? Von hier ging der Strahl aus, der mir in das Labyrinth des Lebens folgte, und hierher führte er mich wieder, als ich umkehrend ihm nachging bis zu ſeiner Quelle. Und hier iſt's ſo ſchön, hier grüßen mich unbekannte Men⸗ ſchen in Trauerkleidern, weil ſie ſehen, daß auch ich Thrä⸗ nen im Auge habe.— Ein herrlicher Blumenflor prangte auf Laura's Grabe,— ich habe Alles erfahren, Sie waren die Gärtnerin bis zur letzten Stunde, die Sie hier verleb⸗ ten und Sie ſind es noch durch die Hände, denen Sie es beim Scheiden anvertrauten. Laura, ich danke Ihnen! Ein ſchöner Gedenkſtein ziert Laura's Grab, die Kunſtge⸗ noſſen haben ihr Wort gehalten. So wandle ich umher und grüße jeden Ort, der mir aus jenen Tagen heilig iſt. 131 Aber ich bin nicht allein, es ſchleicht mir Jemand nach, geſtern— als ich an Laura's Grabe ſtand, ging er eben an mir vorüber. Ueberall— wenn ich mich umſehe, kommt er hinter mir. Er hat ſich furchtbar umgewandelt, drei kurze Jahre haben ſein Haar gebleicht, ſchmerzliche Furchen bedecken ſeine Stirn, ſeine Augen ſtarren geſpenſtig aus ihren tiefen Höhlen heraus. Er kehrt alle Jahre hieher zurück und giebt am Todestage Laura's— heute— eine Vorſtellung im Theater zum Beſten der Armen— der unglückliche Bollhorn! Ich entſetze mich vor ihm, ich wage nicht, ihn anzureden, der Klang ſeiner Stimme wäre mir fürchterlich! Mein Herz hat ſich in die tiefſte Wehmuth verſenkt, in ſeliger Verklärung ſtehen vergangene Tage vor mir, aber die Zeit hat ihr Erz darüber gegoſſen und vergebens rüttle ich an der ſtarren Maſſe, von der ich ausgeſchloſſen bin. Nimm mich auf ſchöne Gruppe früherer Tage! rufe ich— zeige mir den Weg, der hinaufführt auf den Piede⸗ ſtal, von dem ich Laura die verſteinten Arme nach mir aus⸗ breiten ſehe. Spiegelbild meiner Laura, lebe wohl! Wenn Dein liebes Auge über dieſe Schriftzüge gleitet, wenn Dein Auge vom Ufer des Lebens aus nach mir ſucht, hat die Vergänglichkeit das Ankertau zerſchnitten, das mich an dieſes Leben kettete. Hinaus auf den Ocean der Unendlich⸗ 132 keit fliegt mein Schiff und längſt iſt am fernen Horizonte mein Segel untergetaucht! 1 Wehmuth! tiefe Wehmuth hat mein Daſein vergiftet, ich konnte es nicht mehr tragen, es gab einen Augenblick, wo ich mich krampfhaft an Dich klammerte, aber mit Ueber⸗ macht zog es mich hinab— ich mußte Dich loslaſſen. Laura, der Weg, auf welchem ich dieſen Brief zur Poſt gebe, iſt mein letzter. Ich gehe auf den Kirchhof, an Lau⸗ ra's Grab und kehre nicht wieder zurück. Und wenn mein Herz, auf das Sie Ihre ſchönſten Hoffnungen bauten, auch nicht mehr ſchlägt— ein edles Herz iſt Ihnen geblieben: weinen Sie an Mahlmann's Bruſt Ihre Thränen aus. Und damit Ade! Ade! In meinem Zimmer ſtehen vier Koffer. Sie enthal⸗ ten Laura's Garderobe, ihre Bibliothek und Alles was ſie einſt beſeſſen und mir hinterlaſſen hat. Von dieſer Stunde an gehört es Ihnen.—. 8 Die ohnmächtigen Ausdrücke der Dankbarkeit reichen nicht zu Mahlmann's Höhe hinan, er mag ſich mit Ihnen in das letzte Lebewohl theilen, das ich aus tiefſter Seele jetzt hier niederlege. Ihr 1 Paul Froſt. Fünftes Capitel. Iſt es wahr? Die arme, arme Laura Marinelli! Sie hat dieſen Brief nicht zu Ende geleſen! Es giebt eine Inſolvenz, ein Falliment der Kraft, wenn der nie zu befriedigende Cre⸗ ditor des Menſchen— der Schmerz— allzu gewaltig über uns hereinbricht! Etti Dunkel iſt das Zimmer, nichts Helles iſt darin, nichts— als das bleiche Angeſicht der Kranken, die noch auf ihrem Lager liegt, wie die Mutter ſie hingelegt hat. Sie iſt krank, aber ſie hat keine Schmerzen, ſie ſieht, ſie hört, ſie ſpricht, aber ſie denkt nicht mehr. Mechaniſch lieſt ſie Alles ab aus dem Buche ihres Lebens, deſſen Blätter bunt und wild durcheinander geworfen ſind— ſo lieſt ſie laut, am Tage, oder bei Nacht, und fragt nicht danach, wie die Seiten aufeinander folgen. Sie kennt 134 weder ihre Mutter, noch ihren Freund, die Beide abwech⸗ ſelnd an ihrem Lager wachen, ſie kennt nur das, was auf den verworrenen Blättern ſteht. Da lieſt ſie laut— ſie fragt nicht nach dem Neueſten, nach dem Jüngſten— wie ihr die Blätter vor die Augen kommen, ſo iſt der Gang, auf dieſer Seite ſteht eine ganz alte Geſchichte von einer Puppe, die Iſabella genannt wurde, und da fällt ihr gleich darauf ein Blatt in die Hand, das handelt von einem ſchönen Gedenkſteine auf einem Grabe.— Auch Madame Marinelli lieſt in einem Buche. Als ſie dem bewußtloſen Kinde das Kleid aufriß, fiel ihr das kleine Buch aus Laura's Buſen entgegen— das:„Tagebuch von Laura Marinelli.“ Achl wäre es Niemandem verborgen geblieben, was darin ſtand, hätten die Sterne am Himmel ſich zu Buchſtaben zuſammengeſetzt und der ganzen Welt die Geheimniſſe eines Mädchenherzens verrathen— vielleicht hätte ſie dann auch Froſt geleſen. Je öfter die Mutter die ſchlich⸗ ten Zeilen las und immer wieder las, deſto tiefer wurzelte in ihr die Ueberzeugung, daß dieſes bleiche Geſicht nie wieder lächeln werde. Das hatte ſie nicht geahnt, was darin ſtand. Nur einen Tag früher dieſes Tagebuch in der Mutter Hand, nur einen Tag früher dieſen tiefen Blick in das Herz des Kindes! Die Aerzte gaben Laura verloren, nur Einer konnte helfen. Auf ihren Knieen, in mancher Stunde der Verzweiflung, flehete die Mutter. 13⁵ zum Himmel um die Rettung ihres Kindes, aber der Himmel ſchwieg wie das Grab, noch wirkte und webte die Zukunft geheimnißvoll an der Antwort. Mahlmann war gefaßt. Kaum fühlte er noch irgend eine Schwäche von der überſtandenen Krankheit. Wie auf einen Zauberſchlag war ihm die alte Kraft wiedergekehrt. In ſeiner Villa war er jetzt nur ein Gaſt. Er aß und ſchlief in Mari⸗ nelli's Hauſe und wenn er nicht im Geſchäfte arbeitete, ſo war er im Krankenzimmer. Im Comptoir von Johannes Mahlmann ſah es kläglich aus, denn kein Menſch war darin. Liebezeit hatte ſofort abreiſen müſſen, um ſich von der Lage der Dinge an Ort und Stelle zu überzeugen. Nur in den Werkſtätten war Alles beim Alten geblieben. Wenn Mahlmann von Laura's Krankenbett kam, aus dem todtenſtillen, hoffnungsleeren Hauſe, in deſſen Räumen, wohin man auch kam, überall die Vorboten des Todes, wie lauernde Hüter, leiſe auf⸗ und abzuſchreiten ſchienen, wenn er aus dieſem Hauſe kam, um einen Gang durch die Fabrik zu machen und dort die Dampfkeſſel brummen hörte, und das luſtige, gellende, unverwüſtliche Hämmern, und wenn er die Leute ſah, wie ſie nur ihre Arbeit im Sinne und vor Augen hatten und im Gebrauche ihrer herkuliſchen Kräfte ihre Luſt und ihre Freude fanden— da kamen ihm oft merkwürdige Gedanken über das Neben⸗ einander im irdiſchen Leben. Welcher Widerſpruch, welch 136 greller Contraſt! Und er ſelbſt war es doch, auf deſſen Wink die Hände arbeiteten! Warum gebot er nicht Ruhe? Warum ließ er dieſe Menſchen nicht feiern und trauern? Der freie Wille gleicht einem Uhrwerke, das gleich von Anbeginn in uns aufgezogen war— wir wagen nicht, in die Räder einzugreifen, wir laſſen den Dingen ihren Lauf. Weil wir wiſſen, daß wir ſie aufhalten können, ſo thun wir es nicht— und ſtatt der klingenden, metallenen That geben wir den Wechſelbrief, das Papiergeld des Be⸗ wußtſeins. Eines Morgens erwachte Laura aus einem langen, tiefen Schlafe. Sie ſchlug die Augen auf und ihr erſter Blick begegnete der Mutter, die kummervoll am Lager des Kindes ſaß. Mahlmann ſtand in eine Fenſterecke gelehnt. Laura richtete ſich empor, ſah die an ihrem Bett Sitzende lange an und ſagte, faſt im Tone einer Frage:„Mutter?“ Ob dieſes Wort und dieſer Blick nur eine Larve der wilden Fieberphantaſien war? Die Mutter zitterte, ſie wußte nicht, ob vor Freuden oder vor Bangen. Sie wagte kein Wort zu ſprechen, aus Furcht, den flackernden Geiſtesfunken, wenn es einer war, wieder auszulöſchen. Laura blickte ſich um und richtete ſich jetzt noch höher empor. Sie ſah Mahlmann in der Fenſterecke und rief ihn beim Namen. Er kam kaum hörbar zu ihr geſchlichen. Sie ſtreckte ihm die kleine Hand entgegen und er ergriff ſie. Die Mutter 137 anſehend ſagte jetzt Laura:„und Du auch, Mutter“ und reichte ihr die andere Hand. „Das iſt herrlich,“ ſagte Laura zu Mahlmann in langſamer Rede,„daß Sie wieder geſund ſind. Fühlen Sie ſich nun wieder ganz wohl, ſo recht wohl?“ „Ja, liebe Laura.“ Bei dieſem Namen ſchrack Laura zuſammen. Sie dachte nach. „Haben Sie die Geſchichte ſchon ganz ausgeleſen?“ fragte Laura weiter, den zu einem verworrenen Knäul verſchlungenen Faden der Erinnerung langſam und mühe⸗ voll abwickelnd. „Ja. „Ach freilich, freilich— Sie haben ſie ja vor mir geleſen“— Laura ſann und ſann und hatte ihrer Mutter die Hand wieder entzogen, um ſie an die bleiche Stirne zu halten, als wollte ſie dadurch den Gedanken nachhelfen. Plötzlich zuckte ſie, als beſänne ſie ſich auf Etwas und ſagte, Mahlmann leuchtend anſehend und mit dem Zeigefinger auf ihn hindeutend. „Sie kamen zu mir in die Laube— es war Ihr erſter Ausgang— Sie wollten mit der Mutter reden— aber Sie kamen nicht wieder zurück— ich blieb allein— und— und— was wollten Sie mit der Mutter reden?“ Es ging raſcher und raſcher mit dem Abwickeln, bald 9 1859. VII. Der beſeelte Schatten II. 138 wird der Knoten kommen— der entſetzliche Knoten, über den ſie nicht hinauskommen kann. Die Mutter theilte mit Mahlmann ein Gefühl. 1 Eile! Eile! Du Bote im bunten Rocke, von dem die Knöpfe golden im Sonnenſtrahle blitzen. Eile ſchnell durch die Straßen! Schunelligkeit iſt die erſte Pflicht Deines Amtes! Du darfſt nicht ſtehen bleiben und ſchwätzen, ſonſt zeigen die Gaſſenbuben mit den Fingern auf das Symbol an Deiner Mütze— die geflügelten Räder. Eile, eile! Laura hielt noch immer den Zeigefinger gegen Mahl⸗ mann und fuhr in kurzathmigen Sätzen fort: „Ich blieb allein im Garten— nein! Du kamſt, Mutter, und ſagteſt— ſagteſt— er käme niemals wieder.“ Die Ruhe, mit welcher Laura dies ausſprach! Das mitleidige Lächeln, mit welchem ſie, das Haupt, wie be⸗ dauernd zur Seite neigend, die Mutter dabei anſah, als wäre dies doch ein recht großer Irrthum von der Mutter geweſen!— Es war ein fürchterlicher Augenblick! „Nein, liebe Laura,“ ſagte Mahlmann, all ſeine Faſſung zuſammennehmend,„die Mutter kam nicht, Du warſt in der Laube eingeſchlafen und wir wollten Dich nicht wecken— Du ſchliefſt ſo ſchön, ſo ſanft.“ „Nein, nein,“ rief Laura,„ich hatte ſchreckliche 139 Träume; wenn ich geſchlafen habe, ich kann nicht ſanft geſchlummert haben. Es träumte mich, er kam nicht wieder — oder ſchrieb er mir's, daß—.“ Ein herzzerſchneidender Schrei drang aus Laura's Bruſt. Flehend blickte ſie die Beiden, die bei ihr ſtanden, an— und endlich rief ſie verzweiflungsvoll:„Iſt es denn wahr?“ Der Mann mit den blitzenden Knöpfen hatte es Troll gegeben, der im Comptoir ſaß, und Troll hatte es ſchnell herübergetragen und hatte es dem Mädchen gegeben und das Mädchen trat jetzt herein und gab es Mahlmann— eine Depeſche. Sie wurde aufgeriſſen, 28 Worte gab es zu leſen, und Mahlmann trat zu Laura zurück und ſagte: „So wahr mir Gott helfe, Laura, es iſt ni cht wahr!“ 1 Sie ſah ihn ſtarr an und dann ſchüttelte ſie das ſchöne Haupt. Aber Mahlmann legte das Blatt auf ihr Bette, ihr gerade vor die Augen und wies mit dem Finger auf die 28 Worte und was half Alles? Da ſtand es ja: „Froſt iſt nicht todt. Ein gewiſſer Bollhorn hat ihm das Piſtol aus der Hand geſchlagen. Froſt hat ſich in den Arm geſchoſſen. Die Wunde iſt nicht gefährlich. Liebezeit.“ Sechstes Capitel. Heimath und Fremde. Mahlmann macht jetzt allein den Krankenwärter. Die Aerzte haben erklärt, daß Laura außer aller Gefahr ſei, wenn der äußere Zuſammenhang, in welchem die Krankheit wurzle, ihr Gemüth nicht von Neuem erſchüttre. Nicht nur auf Laura's dringenden Wunſch, daß der kranke Froſt von liebenden Händen gepflegt werden möge, ſondern auch, um eine neue Gemüthserſchütterung von ihrem Kinde abzuwenden— hat ſich Madame Marinelli auf den weiten Weg zu Froſt gemacht. Als ſie von Laura Abſchied nahm, ſagte ſie zu ihr: „Ich bringe Dir Froſt zurück. Baue auf Deine Mutter, Laura— ſie verſpricht Dir nicht mehr, als ſie zu erfüllen vermag.“ Daher macht Mahlmann jetzt ganz allein den 141 Krankenwärter und Laura lacht ihn aus, daß er jede Stunde, die ſie während ſeiner Krankheit bei ihm verbracht und jede Handreichung, die ſie ihm gethan habe, jetzt wieder abbüßen müſſe. Früh, wenn ſie ihm guten Morgen wünſcht, giebt ſie ihm unter ſchwer verhaltenem ſchelmiſchen Lächeln nur zwei Finger ihrer rechten Hand, und wenn dann Mahlmann mit dem Ausrufe:„Ach! dummes Zeug!“ ſie auf die Finger ſchlägt, ſo freut ſie ſich wie ein Kind. Er hat eine Art Comptoir in der Krankenſtube errichtet und correſpondirt und zeichnet und rechnet, ſo gut es gehen mag. Mitunter ſchaut er auf und ſpricht von einer neuen Einrichtung des oberſten Stockwerks ſeiner Villa. Dort ſoll künftig Froſt wohnen und— noch Jemand. Aber Laura wird, ſo oft Froſt erwähnt wird, ſehr ernſt und ſchüttelt traurig ihr Haupt und gar oft auch treten ihr Thränen in die großen Augen. „Ich weiß wohl,“ ſagte ſie zu Mahlmann,„Sie und die Mutter denken, ich werde wieder krank, wenn ich Froſt nicht habe, und deshalb malen Sie mir Alles ſo ſchön aus. Ach! ich glaube es nicht. Nur Eins bitte ich, nur Eins hoffe ich von ihm: daß er nicht wieder Hand an ſein Leben legt, und ich weiß es, daß er mir das zu Liebe thun wird und wenn er lebt, ſo werde ich auch leben— das wird mein ganzes Glück ſein.“ 1 Mahlmann ſuchte ihr die Zweifel auszureden und 142 zuweilen gelang es ihm. Aber ſtets kehrten ſie zurück, bald in dieſer bald in jener Form. „Ich könnte auch ſtolz ſein,“ ſagte Laura ein Mal, „und wenn er wieder zurüh käme und ſich mir zu Füßen würfe, zu ihm ſagen: nein, es iſt zu ſpät; Du haſt mich einſt verſchmäht, jetzt verſchmähe ich Dich!“ Bei dieſen Worten flammte eine tiefe Röthe über das Antlitz der Sprechenden, ſie ſah mit ſtrengem Blicke vor ſich hin, als hätte ſie wirklich Jemanden ſo angeredet, von dem ſie ſich ſtolz und mit abwehrender Hand wegwenden wollte. Plötzlich aber fing ſie an bitterlich zu weinen und rief: „Nein, nein! Wenn ich mir ihn denke, wie unglücklich er iſt und wie weh ich ihm thäte! Ob es wohl ſolche ſtolze Menſchen giebt? Iſt das wohl möglich? Sagen Sie keinem Menſchen etwas, daß ich dieſen Gedanken hatte. Es war auch nicht mein Gebanke, ich weiß nicht, wie ich mir's erklären foll— es war— „Ich will Dir's ſagen,“ unterbrach ſie Mahlmann, „Du haſt Etwas von der ſeligen Laura in Dir, Du hätteſt auch Schauſpielerin werden können. Was Du da eben ſagteſt kam nicht aus Deinem Herzen, ich weiß es wohl, es kam aus Deiner Phantaſie.“ Laura lächelte und gab zur Antwort: „Ich bleibe lieber bei meinem Herzen. Die Phantaſie 143 iſt doch etwas Unheimliches. Ich glaube, wo ſie ſich zu ſehr ausbreitet, kann ſie leicht den Charakter des Menſchen erfaſſen und ihn vernichten.“ Als wieder ein Mal die Rede von Froſt geweſen war, äußerte Laura: „Meine Krankheit hat mich gewiß ſo verändert, daß er mich kaum wieder erkennen wird. Ich bin zurückgekom⸗ men und wer weiß, ob ich es je wieder einholen kann.“ „Soll ich Dir den Spiegel bringen?“ fragte Mahl⸗ mann lachend. Laura verneinte, dann beſann ſie ſich aber und bat ihren Freund dennoch, den Spiegel zu bringen. Trotzdem zögerte ſie, hinein zu ſehen. Endlich that ſie es und ſchaute ſich lange an. 5 „Ich ſehe doch ſehr blaß!“ ſagte ſie ſeufzend. „Dummes Zeugl!“ kentgegnete Mahlmann,„quäle Dich nicht ſo oft mit Zweifeln, freue Dich und hoffe, und Deine Wangen werden wieder roth und rund werden.“ Sehen wir uns nach Madame Marinelli um. Sie hat die Depeſche bei ſich und hält das Papier oft vor die Augen, und lieſ't oft die Zeilen durch und alle Mal ſteht darunter: Liebezeit. Er war es, der auf die Gebete, die ſie für die Rettung ihres Kindes zum Himmel geſandt hatte, die Antwort brachte! Mögen wir manchen unſerer Mitmenſchen noch ſo verächtlich über die Achſel anſehen, 144 die Allmacht über uns hat ihn nicht übergangen, als ſie ihre Geſchöpfe zählte. Die Allmacht über uns hat Jedem eine Anſtellung gegeben im Cultus der Geſchicke und wir wiſſen nicht, von welcher geringen Hand wir uns ein Mal eine Unterſchrift zu erbitten haben! Madame Marinelli las oft die Zeilen der Depeſche durch und alle Mal ſtand darunter: Liebezeit. Als ſie ankam, drückte ſie Herrn Liebezeit gerührt die Hand. Wie viele Jahre ſind es, ſeit ſie ihm zuletzt die Hand gedrückt hatte? Liebezeit, der noch nie eine ſo weite Reiſe gemacht hatte, ging in ſeinen beſten Kleidern einher. Er hatte ſchwarze Beinkleider und fortwährend einen ſchwarzen Frack an, der immer zugeknöpft war und nur unten ein Stück von der blendend weißen Weſte ſehen ließ. Die neuen fremden Umgebungen hatten einen mächtigen Eindruck auf ihn gemacht. Einige ſeiner bisherigen Anſichten und Grundſätze hatte er ganz fallen laſſen, ſo z. B. ſeine Ab⸗ neigung gegen das Tragen einer goldenen Uhrkette und eines Hutes. Beides hatte er ſich ſofort in der fremden Stadt gekauft. Eine andere Idee, welche die Fremde lebhaft in ihm rege machte, hatte er aber nach einigem Kampfe wieder unterdrückt: es betraf die Vervollkommnung ſeines Hauptes durch eine Perrücke. Er hatte dieſen Ge⸗ danken aus mancherlei Rückſichten wieder aufgegeben, doch 145 nicht ohne ein Reugeld zahlen zu müſſen. Das Haupt⸗ argument, daß die Leute daheim doch an den freien Bau⸗ platz auf ſeinem Kopfe gewöhnt waren und vielleicht Anlaß nehmen könnten, zu behaupten, das neue Haus habe keine Keller, weil es keinen Grund habe, oder Grundſtück und Gebäude gehöre, wie häufig in England, urſprünglich zwei verſchiedenen Beſitzern, dieſes Hauptargument fiel leider Herrn Liebezeit erſt ein, als er auf dem ſpiegelglatten Parquet des Cabinet à coiffure ſtand und die Glasthüre bereits hinter ſich in's Schloß geworfen hatte. Es war ein peinlicher Moment, es war ihm, als ſäße er auf einem Baume und irgend Jemand hätte unterdeſſen die Leiter unter ihm weggezogen. Er wußte ſich in ſeiner Verwirrung nicht anders zu helfen, als daß er einem der ſechs lebendi⸗ gen Modelle, die ihm entgegenſtürzten, den beſcheidenen Wunſch zu erkennen gab: Er wünſche, die Haare um etwas verſchnitten zu haben. Man ſuchte ihn aber mit Gewalt von dieſem Entſchluſſe abzubringen, und das verdient An⸗ erkennung, denn ſicherlich war Herr Liebezeit ſich in dieſem Augenblicke nicht bewußt, daß er eben die ganze Vegetation ſeines Kopfes auf's Spiel geſetzt hatte. Man rieth ihm vielmehr, den Kopf täglich mit dieſem„Lau Athénienne“ (es wurde ihm ein Flacon überreicht) zu waſchen, das ſchütze die Kopfhaut vor den ſchädlichen Einflüſſen der Luft, außerdem händigte man ihm noch einen zweiten 146 Flacon ein:„Extrait d'huile de noisette,“ das den Haarwuchs befördere— und nachdem Herr Liebezeit außer den beiden Flacons noch zwei Büchſen Pomade:„China“ und„Docteur Dupuytren,“ ſo wie ein Stück Seife „Savon onctueux“ in Empfang genommen und dafür ſechs Gulden bezahlt hatte, ging er— alle Taſchen wohl⸗ gefüllt— mit der gehörigen Vorſicht und Behutſamkeit wieder ſeiner Wege. Getreu den Inſtructionen Mahlmann's war Liebezeit in einem der erſten Hotels abgeſtiegen. Die Höflichkeiten der Kellner, die ſich in ihrer äußern Erſcheinung von den Gäſten faſt gar nicht unterſcheiden ließen, überwältigten Herrn Liebezeit. Geheime ahnungsvolle Schauer vor ſeiner eigenen bisher von ihm ſelbſt nicht erkannten Bedeutung durchrieſelten ihn. 4 Man ſah ihm hier Alles an den Augen ab. Wenn er in die Hausflur trat, empfing ihn der betreßte Portier mit einer Verneigung, welche unverkennbar die Eingebung einer faſt maßloſen Hochachtung war; kaum hatte Herr Liebezeit Zeit gehabt, für dieſe Huldigung zu danken, da tönte ſchon der Ruf:„Nr. 99“ durch die Halle und ein Kellner ſtürzte ihm entgegen und überreichte ihm den Schlüſſel zu ſeinem Zimmer. Kam Herr Liebezeit Abends ſpät, und die Gasflammen in den Corridors waren bereits gelöſcht, ſo trug man einen zweiarmigen Leuchter vor ihm 147 her die Treppen hinauf bis in das Zimmer Nr. 99. Das Alles geſchah mit einer Präciſion, mit einer Schnelligkeit, die Herr Liebezeit kaum durch die Aeußerung eines Wun⸗ ſches zu unterbrechen wagte. Als ihm, während der zweiarmige Leuchter auch ein Mal vor ihm die vier Treppen hinauf ſchwebte, unterwegs einfiel, daß er im untern Gaſtzimmer etwas ihm Unent⸗ behrliches vergeſſen habe, zog er vor, nach der Entfernung des Kellners, die Treppe im Finſtern wieder hinabzutappen, um— ohne zu incommodiren— das Vergeſſene insgeheim herauf zu holen. Leider war das Gaſtzimmer bereits ver⸗ ſchloſſen als er herab kam und er mußte unverrichteter Sache wieder die vier Treppen hinaufkriechen. Während Herr Liebezeit ſich auf dem am Bette ſte⸗ henden Stuhle im Finſtern entkleidete, kam es ihm vor, als hätten ſich die Fenſter ſeines Zimmers um eins ver⸗ mehrt. Es kam ihm überhaupt allmählich vor, als wären allerlei Veränderungen vorgegangen, und als er, dadurch etwas argwöhniſch gemacht, ſein Bett unterſuchte, gellte ihm der jämmerliche Schrei einer Sopranſtimme entgegen, worauf von der andern Seite des Zimmers her von einer Baßſtimme ein entſetzlicher Fluch ausgeſtoßen wurde. Herr Liebezeit hatte ſo viel Geiſtesgegenwart, daß er ſchnell die Beinkleider wieder anzog. Er erreichte dieſen Zweck aber nur halb, denn die Perſon mit der Baßſtimme war in⸗ 148 zwiſchen aus dem Bette geſprungen. Daher begnügte ſich Herr Liebezeit mit einer Hoſe und fuhr ſchnell in den Frack. Die Perſon mit der Baßſtimme, die unterdeſſen Licht angezündet hatte, wäre vielleicht Herrn Liebezeit ſehr gefährlich geworden, wenn ein entſetzlicher Lachkrampf, der ſie ſowol, als auch die andere aus dem andern Bette her⸗ vorlugende Perſon befiel, nicht eine vollſtändige Entner⸗ vung jeglicher Kraft herbeigeführt hätte, denn Herr Liebezeit hatte ſich in der Haſt die eine Hoſe, in die das Bein nicht ſchnell genug hatte hineinfahren können, über den Arm geworfen, hielt die übrigen Kleidungsſtücke in den Händen und den neuen Hut, den er der Höflichkeit wegen nicht hatte aufſetzen wollen, zwiſchen den Zähnen. So trug er zwar alle Kleidungsſtücke bei ſich, aber er er⸗ innerte mehr an einen Spartaner„auf dem Schilde,“ als an einen„mit dem Schilde,“ oder vielmehr: er ſah einem hölzernen Pferde nicht unähnlich, das ein kleiner unge⸗ ſchickter Knabe, der mit Kummet und Riemenzeug noch nicht umzugehen weiß, verkehrt angeſchirrt hat. Der An⸗ blick mochte die bärtige Perſon mit der Baßſtimme etwas zur Verſöhnung ſtimmen, denn ſie fragte ſo mitleidsvoll als es die immer wiederkehrenden Lachausbrüche geſtatten wollten, Herrn Liebezeit: ob er ſich verlaufen habe? Liebezeit konnte auf dieſe Frage nur tüchtig mit dem Kopfe nicken und— auf ähnliche Weiſe wie Papageno 149 am Gebrauch ſeiner Sprache verhindert— ein kurzes, angſtvolles„Hum“ ausſtoßen. Die Perſon mit der Baßſtimme leuchtete ihm wan⸗ kend zur Thür hinaus und fragte, ihm den Hut aus dem Munde nehmend, in welcher Nummer er wohne. Herr Liebezeit erwiederte darauf in einem Athem: „Nr. 99, ich bitte recht ſehr um Verz—“ Da ihm die Perſon mit der Baßſtimme aber ſoeben den Hut wieder in den Mund gab, ſv vermochte er den Satz nicht zu vollenden und ging, nachdem er ſich verneigt hatte, in ſein Zimmer, das eben glücklich erreicht war. Am nächſten Tage ſaß Herr Liebezeit während der Table d'hôte einem Herrn und einer Dame gegenüber — die fortwährend lachten und es nicht übel aufnahmen, daß Herr Liebezeit, ohne die Veranlaſſung zu kennen aber aus Höflichkeit, an dem Gelächter Theil nahm. Eine alte Dame, Liebezeit's Tiſchnachbarin, der er ſchon zwei Mal das Taſchentuch aufgehoben hatte, miſchte ſich nun eben⸗ falls unter die Lachenden. In Folge deſſen platzten die Kellner, die hinter den Stühlen der Betreffenden ſtanden, auch los. Wie eine Windhoſe verbreitete ſich das Ge⸗ lächter über die ganze Tafel. Der Portier in der Haus⸗ flur, der durch die ſich öffnende Thür das Alles ſah und hörte, fing nun auch an zu lachen, und reizte dadurch meh⸗ rere Vorübergehende, die ihn lachen ſahen, ſowie einen 150 Droſchkenkutſcher, der vor dem Hötel hielt, ebenfalls zum Gelächter. Es würde uns Vergnügen machen, wenn ſich dieſe Lachepidemie auch bis zum Leſer verpflanzt haben ſollte, denn das Lachen iſt wohlthätig und geſund, wenn auch das Wackeln und Schütteln im Unterleibe, ſowie das ſpannende Gruſeln der Haut an den Schläfen etwas angreift. Der ernſthafteſte Menſch lacht gern, er will ſich's nur nicht geſtehn. Oft, wenn man denkt, nun iſt's gut mit dem Lachen, jetzt wieder ein ernſthaftes Geſicht ge⸗ zogen, wenn man dann förmlich den Lachfaden abgeſchnitten und ſich bis über die Ohren wieder zugedeckt hat— da geht das Lachen mit einem Male wieder von Neuem los, denn man lacht jetzt darüber, daß man überhaupt vor einem Weilchen gelacht hat; man wendet das Zwergfell um und lacht nun erſt die andere Seite deſſelben herunter, man ſchüttelt die in Winkeln und Spalten hängen gebliebenen Krümchen des Lachreizes vollends heraus. Wir nehmen an, daß das Letztere von Seiten der⸗ jenigen Leſer, die von der Lachepidemie vorhin nicht ver⸗ ſchont geblieben ſind, nun geſchehen iſt und kehren wieder zu ernſteren Dingen zurück. Siebentes Capitel. Neue Phiſiognomien. Madame Marinelli war in Begleitung Liebezeit's vor Froſt's Krankenlager erſchienen. Die Verletzung am Arme war nicht erheblich, aber in Froſt's Gemüthe blutete eine tiefe Wunde, davon legten die verſtörten Geſichtszüge und der trübe Blick ſeiner Augen nur zu deutlich Zeugniß ab. Die Gegenwart der Madame Marinelli ſchien ihm weh zu thun. Als Madame Marinelli nach ſeinem Befinden frug, antwortete er mit einem bittern Lächeln: „Es geht mit jeder Stunde beſſer. Es hat gar nichts zu bedeuten.“ Er ſah die Dame mit keinem Blicke an. „Obwol es nicht Ihr Wille geweſen zu ſein ſcheint,“ ſagte Madame Marinelli, nachdem ſich Liebezeit in ein 152 Seeitenzimmer zurückgezogen hatte,„mich zur Mitwiſſerin Ihrer Schickſalsverhältniſſe zu machen, ſo habe ich dennoch die Blätter, in denen Ihre Erinnerungen aufgezeichnet ſind, in der Hand gehabt und geleſen. Der Zuſammen⸗ hang, in welchem mein Kind, meine Laura, mit Ihrem Schickſale ſteht, führt mich zu Ihnen.“ „Ich ahnte es.“ „Der Mann, der Sie dem Leben wiedergab, hat eine ſchwere Schuld geſühnt. Vergebens habe ich mich nach ihm umgethan, um ihm für ſeine That auf den Knien zu danken und ſeine Hand zu küſſen— er hat ſpurlos die Stadt verlaſſen.“ „Möge ſeine Seele Ruhe haben; wo ſein Fuß auch ſchreitet, Gottes Frieden begleite ihn,“ ſagte Froſt er⸗ griffen,„ſeine That iſt groß— ſie entſprang keiner zu⸗ fälligen Begegnung. Eine innere Nothwendigkeit nur konnte es ſein, die ihn jedem meiner Schritte folgen ließ und ihn mit mir zuſammenführte, als ich meinen letzten Schritt thun wollte.— Ich habe ihm noch nicht gedankt. Was er that, hat er für ſich gethan, ohne es zu wiſſen. Glauben Sie nicht, Madame, daß Sie einen reuerfüllten Selbſt⸗ mörder vor ſich ſehen, der— indem er dem Leben zurück⸗ gegeben wurde— auch ſich ſelbſt zurückgegeben ward. Ich wußte, warum ich den Faden zerſchnitt— und wenn 153 eine fremde Hand ihn wieder anknüpfte, ſo iſt das für mich noch nicht Grund, ihn auszuſpinnen.“ „Hören Sie mich an,“ bat Madame Marinelli, „Mahlmann hat ſein Wort zurückgenommen. Er ver⸗ zichtet mit freudigem Herzen auf den Beſitz meiner Tochter.“ „Bei Gott! Das war es nicht, was mich forttrieb,“ antwortete Froſt unter einem wehmüthigen Lächeln,„die Treue war es, die mich an eine Verſtorbene band und an die es mich mächtig mahnte, als die Verſuchung, ſie zu brechen, an mich herantrat.“ „Meine Laura! mein unglückliches Kind!“ rief Ma⸗ dame Marinelli, die Hände ringend,„eine Verſuchung biſt Du, vor der man flieht!— Ol könnten Sie ſie ſehen, hätten Sie mit mir an ihrem Krankenlager die bangen Nächte durchwacht. Wenn Sie nicht umkehren, ſo iſt ſie verloren!“ „Verloren?“ rief Froſt, ſich emporrichtend, und jetzt vernahm er zu ſeinem Erſtaunen aus dem Munde der Mutter den ganzen Hergang, den wir bereits kennen. Froſt ſchwieg tiefbewegt eine Weile ſtill. „Alles hat ſich verbunden, mir zu opfern,“ rief er, gund doch bin ich ſelbſt nur ein Opfer! Warum ſo viel Liebe für mich? Tauſend Andere könnte ſie glücklich machen und doch kann ſie mir nicht erſetzen, was ich ver⸗ lor! Nein! nein! es iſt nicht zwei Mal geſchaffen. Den 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 10 154 Augenblick, in dem ſich der Prometheusfunken entzündete, der in meiner Laura glühte, kann kein Gott zurückrufen! Er glühte fort in meinem Schmerze, meine Leiden waren die Manen der Todten, nie durfte ich die offene Wunde in meinem Herzen heilen laſſen— zerſchnitten wäre dann der einzige Zuſammenhang, der mich mit Ihr verknüpfte!“ „Noch ehe Laura Braag Ihren Namen kannte, noch ehe ſie Ihr Daſein ahnte— hat Laura Marinelli Sie geliebt. Leſen Sie, was ihre Hand hier niederſchrieb.“ Mit dieſen Worten übergab Madame Marinelli Froſt Laura's Tagebuch, das ſie in ihrem Buſen verborgen hatte. „Ich verlaſſe Sie jetzt,“ ſetzte ſie hinzu, als Froſt unſchlüſſig das kleine Buch in der Hand hielt,„wann Sie geleſen haben, ſprechen wir uns wieder.“ Sie wollte gehen; noch ehe ſie die Thüre erreicht hatte, blieb ſie aber ſtehen, eilte raſch zu Froſt zurück und riß ihm das Buch aus der Hand. „Nein!“ rief ſie,„wehe der Mutter, die die verbor⸗ genſten Gedanken ihres Kindes verrathen wollte, um ihr eigenes Geheimniß zu ſchonen. Wer weiß, ob das innigſte Zuſammenleben zwiſchen Mann und Weib ſelbſt den Schleier lüften darf, der die geheimſten Ergüſſe eines Mädchenherzens bedeckt. Nehmen Sie mein Geheimniß hin, ſtatt das meines Kindes,“ ſchloß Madame Marinelli und reichte dem Kranken einen Brief,„und wenn der 155 Zuſammenhang, den dieſe Zeilen Ihnen enthüllen werden, Ihnen nicht genügt, ſo habe ich meine Ehre an einen Starrkopf dahingegeben. Leſen Sie.“ Das vergilbte Papier des Briefes, den Froſt jetzt ſchweigend entfaltete, und die halbverblichenen Schriftzüge, verliehen der todten Jahreszahl des Datums ein gewiſſes Leben. Froſt las: „Liebe Marianne! Jetzt, wo Deine Mutter im Einverſtändniſſe mit Dir die Auflöſung unſeres Verhältniſſes wünſcht, darf ich Dir ſagen, daß eine edle, hochherzige Dame dieſer Stadt nach meiner Hand geſtrebt hat. Ich habe es Dir verſchwiegen, weil ich nie daran dachte, mich von den Banden frei zu machen, die mich mit Dir verknüpfen. Du wirſt die Frau eines reichen Mannes, wohlan— mögeſt Du glücklich mit ihm ſein. Ich bin offen gegen Dich, Marianne: Er ſchätzt an Dir das, was er kennt, und keine Täuſchuug wird Euer Verhältniß ſtören. Daß ich mich in Dir täuſchte, haſt Du mir in jedem Briefe geſchrieben— vielleicht, vielleicht lag in dieſer Offenheit, aus der ich erkenne, daß Du beſſer biſt, als Du ſelbſt glaubſt— der Keim zu einer engern Annäherung unſerer Herzen— vielleicht! 10* 156 Louiſe wird mein Weib. Sie iſt nicht mehr jung, ſie iſt nicht ſchön, aber ihr Herz iſt ein Damm gegen den flüchtig vorüberrauſchenden Strom des Liebesglückes. Ich habe ihr nichts verſchwiegen, ſie kennt mein Verhältniß zu Dir, ſie weiß um unſer Kind. Von dem Augenblicke an, wo ſie meine Offenheit höher anſchlug, als meinen Fehltritt— hat unſere Liebe die höchſte Weihe empfangen. Nun weißt Du Alles, Marianne, nun giebt es Nieman⸗ den mehr, vor dem ich ein Geheimniß zu verbergen habe. Mein Herz iſt leicht, möchte es auch das Deinige werden können! Louiſe will unſerer kleinen Laura Mutter ſein. Damit ſind die Beſorgniſſe Deiner Mutter gehoben, nie ſoll ihr künftiger Schwiegerſohn, Dein Gemahl, erfahren, daß Du bereits geliebt haſt, ehe Du ihn kannteſt. Am 28. nächſten Monats werde ich mit meiner Louiſe durch die kirchliche Trauung verbunden. Unſere Hochzeits⸗ reiſe führt uns in Eure Gegend. Louiſe wird nach Zier⸗ fels kommen, um Laura zu holen. Du wirſt ſie ſehen und wirſt ſie lieben lernen. Für Dich und mich iſt es beſſer, wenn wir uns nicht wieder ſehen.— Das Andenken an Dich wird in unſerm Kinde fortleben, und wenn Du einſt wieder Mutter wirſt, Marianne, und willſt mein An⸗ denken ehren, ſo lenke Dein Kind auf die Bahn, die Dir ſelbſt eine unwürdige Mutter verſchloß— ſo mache Dein Kind zu dem, was Du gewiß geworden wärſt, 157 wenn die Bildung Deines Herzens andern Händen anver⸗ traut war. Lebe wohl, lebe glücklich. Ich bleibe Dein 3 treueſter Freund Hugo Braag.“ Froſt war auf ſein Kiſſen zurückgeſunken; er konnte ihn nicht faſſen dieſen Augenblick, der die ganze Phyſiog⸗ nomie ſeiner früheren Vergangenheit umgeſtaltete. Geiſter⸗ hände ſchienen über das Antlitz der vor ihm Stehenden feine Linien zu ziehen und verborgen geweſene Spuren zu enthüllen, da ſtand ſie vor ihm— die früher todt für ihn geweſen war, wie ein unverſtandnes Gedicht, deſſen In⸗ halt erſt jetzt Bedeutung gewinnt, da Froſt ein Akroſtichon darin erkennt auf den theuren Namen: Laura Braagl! Froſt erhob ſich und die Dame mit den Augen ver⸗ ſchlingend, rief er: „Laura Braag war die leibliche Schweſter Laura Ma⸗ rinelli's?“ „Einſt hatte ich zwei Kinder!“ antwortete die Mut⸗ ter,„ſeit wenig Tagen erſt weiß ich um den Tod des Einen.“ Thränen hinderten ſie am Weiterſprechen. „Die Wittwe Braag war Laura's rechte Mutter * 158 nicht?“ frug Froſt, außer Stande, ſeine Erregung zu be⸗ meiſtern? „Ihr Gemahl war mein Geliebter.“ Froſt entſann ſich jetzt der Erzählung Liebezeit's und rief ſich alle einzelne Umſtände derſelben in's Gedächtniß zurück. Er hatte einſt dieſe Frau, von der nach ſeiner Ueber⸗ zeugung ein harmloſer Menſch hintergangen worden war, im Stillen verdammt und verachtet, und doch zog es ihn jetzt zu ihr hin. Sie war ſchuldig und doch wäre Froſt ohne dieſe ihre Schuld vielleicht der unglücklichſte Menſch geweſen. Wie aus dem Kohlenſtoff der Demant, ſo cryſtal⸗ liſiren ſich aus dem Schoße der Sünde oft die reinſten und edelſten Beziehungen! Faſt möchte man alles Gute und Böſe, das in der Welt geſchieht, von einer Prädeſti⸗ nation herleiten und in dieſem Glauben die Schuld als ein Opfer bemitleiden, die Unſchuld als eine unverdiente Gunſt beneiden. Aber dennoch— unleugbar entſpringen unſre Handlungen dem freien Willen, wir konnten ſie be⸗ gehen und vermeiden— in beiden Fällen fängt die ge⸗ heimnißvolle, ewig ordnende Hand die Folgen auf und fügt ſie im Fallen zu den Schickſalswendungen zuſammen, für welche ſie, indem ſie aus einem falſchen Gebrauche der Willensfreiheit hervorgingen, verloren ſchienen. 159 Froſt konnte nicht anders, er mußte ſie lieben, die ſein höchſtes Glück und ſeinen tiefſten Schmerz unter dem Herzen getragen hatte, und mit dem Ausrufe„Mutter!“ fiel er ihr um den Hals. Als er ſich, ſeine Stirne an ihre Wange gelehnt, ſeinen Empfindungen überließ, fiel ſein Blick auf das kleine Tagebuch, das die Mutter Laura's nicht ſorgfältig genug verborgen hatte. Ein Gedanke kam ihm an; ſein Herz klopfte ungeſtüm als er heimlich die Hand ausſtreckte. Er zog das Buch heraus und verbarg es. Die Dame war es nicht gewahr geworden. Ihr Ge⸗ ſicht leuchtete in freudiger Hoffnung und ſie berichtete uun Froſten folgendes: „Wie es in dieſem Briefe ſtand, ſo geſchah es. Louiſe holte Laura ab und ſo unendlich ſchwer es mir wurde, mich von meinem Kinde zu trennen, ſo erforderte es doch die Nothwendigkeit. Meine Zukunft ſtand auf dem Spiele, denn Marinelli durfte Nichts erfahren. Meine Mutter trug ein brennendes Verlangen, ihre und meine äußere Lage durch meine Heirath mit Marinelli verbeſſert zu ſehn. Sie hatte eine grenzenloſe Abneigung gegen Alles, was an Dürftigkeit und Armuth erinnert und frühzeitig ſchon lernte ich ihre Geſinnung theilen. Ich ſtrebte nach äußerm Glücke und habe es erreicht, um einzuſehen, wie wenig es glücklich macht, denn meine Ehe mit Marinelli war arm an frohen Stunden. Er war mißtrauiſch und eiferſüchtig und um 160 mein Geheimniß vor ihm zu bewahren, mußte ich meinen Briefwechſel mit Louiſe Braag abbrechen. Sein Auge folgte jedem meiner Schritte, kaum habe ich ein Mal mit meiner vertrauten Freundin, Bertha Steinwald, in deren Hauſe Laura Braag geboren wurde, ein geheimes Wort ſprechen können. Bertha Steinwald vertrat Pathenſtelle bei der Taufe in Zierfels, von ihr iſt der Ring den Sie jetzt am Finger tragen und den ſie bereits wiedererkannt zu haben glaubt, obwol ich ſelbſt Zweifel hegte. Die letzte Nachricht über Laura erhielt ich, als Louiſe mir den Tod ihres Mannes meldete, ſeitdem habe ich Nichts wieder über mein Kind gehört, bis ich in den Blättern Ihrer Erinne⸗ rung Laura's und ihrer zweiten Mutter trauriges Ende erfuhr. Laſſen Sie mich ſchweigen von den Qualen und Foltern! Aber auch das letzte Geheimniß ſollen Sie er⸗ fahren, das ich vor Ihnen habe. Als die Thränen, die in dieſem Augenblicke wieder in meinem Auge brennen— die⸗ ſelben Thränen— getrocknet waren, dachte ich noch nicht an eine Verbindung zwiſchen Ihnen und meiner Tochter, in der ich bald die Doppelgängerin meines erſten Kindes erkannt hatte. Ich wollte das Verhältniß zwiſchen Mahl⸗ mann und Laura— obwol dieſe noch nicht davon wußte— aufrecht erhalten, denn ich ahnte nicht, daß Laura von ihrer erſten Begegnung mit Ihnen an Sie geliebt hat. Sie hat mir ihr Herz verſchloſſen, aber deutlicher noch, als der 161 Schmerz, der ſie niederwarf, als ſie Ihren Brief empfing, ſprachen die Blätter ihres Tagebuchs. Jetzt noch ein Frage: Hat Louiſe Braag bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens wirklich keine Sylbe ver⸗ rathen, daß ſie nicht Laura's natürliche Mutter war?“ „Mit keiner Sylbe,“ entgegnete Froſt nachdenkend. „SIch erinnere mich,“ ſetzte er, haſtig mit der Hand empor⸗ fahrend, hinzu und ſeine Augen leuchteten,„daß ſie, wenige Stunden vor ihrem Tode ſich in ihrem Bette aufrichtete, mir einen Ort bezeichnete, wo verſchiedene zuſammenge⸗ bundene Papiere und Briefe lagen, und mich bat, dieſelben vor ihren Augen zu verbrennen. Ich that es und ein glückliches Lächeln ſchien ihre bleichen Züge zu verklären.“ „Sie lebte und ſtarb als Laura's Mutter,“ rief Ma⸗ dame Marinelli.„Sie hat ihr Wort treu gehalten, das ſie mir gab, als ich ſie zum erſten und zum letzen Male ſah. Sie umarmte und küßte mich damals, als ſei ſie meine Schweſter und es war mir, als habe ich aus ihrer reinen, harmloſen Seele getrunken! Friede Deiner Aſche, gute, treue Mutter Braag!“ Im Nebenzimmer zog Jemand ſein Ohr von der Verbindungsthür und ſchlich unhörbar über die Diele nach einem Canapée, auf das er ſich in großer Aufregung nie⸗ derwarf. „Wer hätte das gedacht!“ rief er,„wie iſt man mit mir 162 umgegangen!“ Denn wir errathen wol leicht, daß auch die ganze Vergangenheit, in die Herr Liebezeit zurückblickte, eine neue Phyſigonomie angenommen hatte, als er— neu⸗ gierig, den Zuſammenhang kennen zu lernen, der ſeine frü⸗ here Geliebte hierher führte— das Ohr an die Thür gelegt, Alles mit anhörte, was drüben geſprochen wurde. Wenn die Gedanken, denen ſich Herr Liebezeit auf dem Canapse eben hingiebt, von einer wirklich vorhandenen Thatkraft bewegt werden und nicht nur auf dem abſchüſſi⸗ gen Gleiſe einer augenblicklichen Erregung bergab rollen, um auf ebnem Wege wieder ſtehen zu bleiben, ſo haben wir keine Urſache, dieſes Mal das Auftreten unſres bisherigen Spaßmachers mit einem ahnungsreichen Lächeln zu begrü⸗ ßen. Wir finden ihn bei einer Laune, in der er leicht unſre ſchönſten Hoffnungen durchkreuzen könnte. Er geht mit keinem geringeren Plane um, als die Hintergehung, die an ihm verübt worden iſt, ſtadtkundig zu machen. Er fühlt einen unbegrenzten Haß in ſich gegen das ganze falſche Frauengeſchlecht und will auf alle Fälle die projectirte Heirath zwiſchen Froſt und Laura Marinelli hintertreiben. Im Geiſte ſieht er ſich infolge dieſes Schrittes ſeiner Stellung im Hauſe Mahlmann's entſetzt, aber nicht, ohne durch ſeinen Sturz ſeine Feinde mit ſich zu begraben. Die Frauenbilder, die ſein Zimmer zu Hauſe zieren, will er zertrümmern. Kein freundſchaftliches Wort, ja keinen Blick 163 hat je ein weibliches Weſen von ihm wieder zu erwarten, verabſcheut will er von Allen ſein und zur Erreichung dieſes Zwecks hat er bereits ein Mittel gefunden, das wir gern nennen würden, wenn wir nicht hofften, daß Herr Liebezeit, nachdem ſich der erſte Sturm in ihm gelegt haben wird, wieder davon abkommen dürfte. Es liegt im Naturell vieler Menſchen, von den in⸗ neren Urſachen ſchnell auf die äußern Wirkungen überzu⸗ ſpringen und über den Farbenglanz der letzteren, die ſchwarze Grundzeichnung der erſteren zu vergeſſen. Bald hatte auch Liebezeit— ähnlich den Leuten, die nach einem Todesfalle gleich an die Trauerkleidung denken, welche nun ihre Geſtalt ſchmücken wird— den eigentlichen Kern ſeiner Entrüſtung verloren und weidete ſich nur noch an den zertrümmerten Bildern und an dem Geflüſter im Munde der Leute, die in ihm einen Weiberfeind be⸗ ſtaunen würden. In dieſer reducirten Stimmung wurde er abgerufen, um Madame Marinelli nach ihrem Hötel zurückzubegleiten. Ein feiner Regen fiel von dem mit leichtem Gewölk bedeckten Frühlingshimmel herab und Liebezeit ſpannte den Schirm auf, den er— mißtrauiſcher gegen den Him⸗ mel als gegen die Erdbewohner— faſt beſtändig bei ſich führte. Da zwiſchen zwei Perſonen, die ein Regendach mit einander theilen ſollen, ein engeres Anſchließen uner⸗ 164 läßlich nothwendig iſt, ſo reichte Madame Marinelli Herrn Liebezeit ihren Arm. Ein Zagen und Zittern durchrieſelte den mit Rachegedanken Erfüllten. Dieſer Augenblick war zu groß, zu ſchwer für ihn. Als er den Arm der Dame unter dem ſeinigen fühlte und ihn bald zu feſt zudrücken, bald zu verlieren fürchtete und mit äußerſter Zartheit und Behutſamkeit das rechte Maß zu halten bemüht war, als er an der Seite der ſtolzen Dame dahinſchritt und ſich mit huldvoller Freundlichkeit von ihr angeredet ſah— als er ſo plötzlich dicht vor der flammenden Sonne ſtand, nach der er ſonſt aus weiter Ferne emporgeſchaut hatte— da fielen alle Gedanken und Pläne wie ein Kartenhaus zu⸗ ſammen, da erblaßte ſeine ganze Individualität. So machen ein gutes Herz und Mangel an Selbſt⸗ gefühl, das vielleicht durch einen einzigen Fehler in der Erziehung untergraben wurde— den beſten Menſchen leicht zum Prahler. Denn alle Entſchlüſſe, die in Liebezeit entſtanden, waren jetzt todtgeborne Kinder. Die Dame imponirte ihm. Er hatte ihr(und ihrem ganzen Geſchlecht), noch ehe Beide das Hötel erreicht hatten, Alles verziehen. Es war ein Glück für ihn, daß dieſe Dame Madame Marinelli und nicht Madame Liebezeit geworden war; ſie wäre dieſem Namen über den Kopf gewachſen; wo ſie im Schritt ging, hätte Liebezeit, deſſen Ausſchreiten nach einem 165 andern Maße gemeſſen war, Trab laufen müſſen— ſie paßten nicht zuſammen. Dies fühlte Liebezeit ohne es ſich zu geſtehen, und weil er ferner fühlte, daß das Vergehen, deſſen ſich Madame Marinelli gegen ihn ſchuldig gemacht hatte, zu ſeinen Gunſten ausgeſchlagen war— ob wol er ſich das auch nicht geſtand— ſo vergab und vergaß er. Achtes Capitel. Antipoden. Froſt war allein mit dem Tagebuche Laura's. Noch war es Zeit, die Blätter ungeleſen zurückzugeben. War es Neugierde, die ihn verleitet hatte, der Mutter die Geheimniſſe der Tochter abzuſtehlen? Konnte ſich ſolch ein unlautres Motiv wirklich unter die tiefe Bewegung ſchleichen, in der Froſt der Mutter Laura's in die Arme geſunken war? Nein! Er mußte dieſe geheimſten Gedanken durch⸗ blicken. Er mußte in das Herz ſchauen, das unter der äu⸗ ßern Hülle der Blutsverwandſchaft ſchlug. Sein Gewiſſen trieb ihn, nach einem Punkte zu ſuchen, wo die Seelen zweier Schweſtern mit einander verknüpft waren. Das ſollte entſcheiden. 167 Er ſchlug das Buch auf und las— was auf die Rückſeite ſeiner eigenen Vergangenheit geſchrieben war: „Kaum konnte ich heute den Augenblick erwarten, wo ich, vom Spaziergange zurückgekehrt, mich in dem Spiegel beſehen konnte. Zwei Leute blieben unterwegs vor mir ſtehen und ſtaunten mich an. Es mußte Etwas in meinem Geſicht ſein und doch bemerkte ich nichts darin, als ich vor dem Spiegel ſtand. Von meiner Schönheit waren ſie ſicherlich nicht überraſcht, die andern Mädchen ſind viel hübſcher von Geſicht als ich. Ich bin froh und glücklich, warum noch Schönheit hinzu? Die erſte Perſon, die mich anſtaunte, war eine alte, liebe Dame und dieſe wäre der Schönheit wegen ſicher nicht vor mir ſtehen geblieben. Sie rief mich bei meinem Na⸗ men: Laura. Woher ſie mich nur kennen mag? Ich merke mir doch Jeden gut, den ich einmal kennen gelernt habe und doch entſinne ich mich nicht, die alte Dame je geſehen zu haben. Wer ſie wohl ſein mag? Die zweite Perſon, die mich anſtaunte, war ein junger Herr. Er hatte ein ſchönes, ſchwärmeriſches Geſicht, dem die Nachläſſigkeit der lockigen Haare und des Anzugs über⸗ aus wohl anſtand. Ich habe mir ihn ordentlich angeſehen und bin froh darüber, denn er war des Sehens werth, wie noch kein Andrer. Es war kein gewöhnlicher Menſch, ich möchte ihn ein Mal mit Andern ſprechen hören. Was er 168 ſpricht iſt gewiß recht verſtändig. Ich glaubte aus ſeinem ganzen Weſen herauszufinden, daß er Macht über Andre beſitzt, recht luſtig ſein kann, wenn er will— und Andre in trüben Stimmungen aufzuheitern verſteht. Ich ſah ihm dies an und mußte lachen. Er wird mich doch nicht für albern gehalten haben?“ „Heute ſtand er wieder da und geſtern und vorgeſtern auch: Es iſt mir ein wahres Räthſel! Die Andern ſagten, er wolle ſich einen Spaß mit mir machen, und ich würde das auch glauben, wenn ſeine verſtändigen Augen nicht gar ſo ernſt und aufmerkſam auf mich gerichtet wären. Ich möchte doch wiſſen, was in ihm vorgeht, wenn er mich ſo anſieht— was er bei ſich denkt? Ich möchte wiſſen, wie ſeine Stimme klingt, und wie er ausſieht, wenn er Haupt und Stirne von dem garſtigen Hut befreit? Ich glaube, er iſt ein Maler. Sollte er an mir Etwas gefunden— Wenn nur dieſe Einbildung nicht wäre! Ich habe mir wegen ihm ſchon ſo Vielerlei eingebildet und vorfantaſirt, daß ich mich vor mir ſelbſt und auch vor ihm ſchäme und ihn nicht mehr anſehen kann!“ „Entweder bin ich ſehr thöricht oder ich habe eine ganz beſondre, unglückliche Natur! Bei der leiſeſten Veran⸗ 169 laſſung bekomme ich Herzklopfen und ſchneller als ich denken kann iſt das Blut im Geſicht. Das iſt ein Unglück! Jeder Gedanke, der mich bewegt, ſteht mir gleich frei und offen auf die Stirne geſchrieben, daß es die ganze Welt leſen kann. Ich könnte zornig darüber werden! Ich kann ihn nicht mehr anſehen und blicke zu Boden, ſo oft ich ihn von Weitem bemerke. Wenn ich dann aber an den Punkt komme, wo er ſteht und an dem dunkeln Schatten zu meiner Seite vorübergehe, da fühle ich, daß mir wieder ein Ge⸗ danke auf die Stirn geſchrieben ſteht und gewiß, er hat ihn geleſen— deutlicher als ich ihn gedacht habe, denn ich weiß nicht, was ich denke.“ „Er bleibt weg. Tage und Wochen ſind vergangen, daß ich ihn nicht wiederſah. Es iſt unrecht von ihm, daß er nicht wiedergekommen iſt, daß er ſich ſo leicht von mir trennen konnte! Es liegt ja in ſeiner Macht, mich zu finden!“ „Auf allen Eiſenbahnſtationen während meiner Fe⸗ rienreiſe zur Mutter, glaubte ich ihn wiederzuſehn. Als es Nacht wurde und neue Paſſagiere ſtiegen in das Coupé, 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 11 170 glaubte ich, er könne darunter ſein und müßte mir früh, wenn es hell würde, unverhofft gegenüber ſitzen. So oft ich eine ſchön klingende männliche Stimme mit einer ge⸗ bildeten Ausſprache hörte, gleich wandte ich mich um— ob er es nicht ſein könnte. In meiner Heimath gab ich noch immer die Hoffnung nicht auf, ihm zu begegnen. Es geht Alles um mich her natürlich zu, wie es von jeher war; nur wenn ich an ihn denke ſchwinden die Unmöglichkeiten, dann pflege ich mit Vorliebe das Unwahrſcheinlichſte und denke, es kann für meinen Glauben die Belohnung nicht ausbleiben.“— Hiin 1 „Ich war immer ſo glücklich, wenn ich in meiner Hei⸗ math bei meiner Mutter war. Auch auf meinen Freund, den guten Herrn Mahlmann, habe ich mich jederzeit herz⸗ lich gefreut. Dies Mal iſt er wieder verreiſt und kaum kann ich darüber betrübt ſein, daß ich ihn nicht ſehe. Er würde mir von den Puppen erzählen und ich würde mir vorſtellen, daß der fremde junge Herr hinter einem Buſche ſtünde und Alles mit anhörte. Ich ſehe immer ſeinen ver⸗ ſtändigen, ernſten Blick und bin ſeit der Zeit auch ernſt ge⸗ worden. Scherz und Luſt ſtoßen mich ab. Ich ſehne mich nach dem Inſtitut zurück, denn ich glaube doch, nirgends bin ich ihm ſo nahe, als dort.“ 171 „Sonderbar! ſonderbar! Gleich am erſten Tage meiner Zurückkunft habe ich ihn wiedergeſehen. Ich ſchaute zum Fenſter heraus. Es war Abend. Viele Spaziergänger wanderten unten in den Straßen. Schon von Weitem ſah ich Einen kommen, auf dem mein Blick unwillkürlich ruhen blieb. Er ging ſo langſam und es gewährte mir Unterhal⸗ tung, zu beobachten, wie weit er hinter den an ihm Vorüber⸗ eilenden zurückblieb und wie er von andern Spaziergän⸗ gern, die anfangs weit hinter ihm waren, endlich erreicht und überholt wurde. Und als er endlich näher und näher kam, da erkannte ich ihn. Er trug ein Bündel unter dem Arme. Was hätte ich darum gegeben, wenn er als Bettler heraufgekommen wäre und um eine Gabe gebeten hätte! Waschätte ich ihm wol geben können, was hätte ich zu ihm geſagt? Er ging langſam am Hauſe vorüber. Kein Zu⸗ fall lenkte ſeinen Blick herauf zu mir, kein Geräuſch an meinem Fenſter gab es, das ſeine Aufmerkſamkeit rege machen konnte, ſelbſt mein Canarienvogel geizte mit ſeinem Schlage. Und ſo ging er unaufhaltſam vorüber, mein Auge begleitet ihn, bis er verſchwand. Wer weiß, ob ich ihn jemals wiederſehe! Iſt der Menſch doch ein hülfloſes Geſchöpf! Einen Schritt weit hat er bis zu ſeinem Glück— aber Blei hängt an ſeinen Füßen und er kann nicht fort.“ 11* 172 „Liebe! Liebe! Was iſt Liebe? Meine Mitſchweſtern ſprechen heimlich ſo viel von Liebe, von Braut und Bräu⸗ tigam und vom Heirathen und ich muß darüber lachen! Viele von ihnen ſind bedeutend jünger als ich, und ſprechen ſchon von ſolchen Dingen. Mein Herz iſt ſo beſchäftigt, ſo voll, daß es ſich mit der Liebe ſchwerlich jemals befaſſen wird. Habe ich nicht meine Mutter, habe ich nicht den guten Herrn Mahlmann?— und nimmt ſeit einiger Zeit nicht auch noch mein junger Freund— ſo nenne ich ihn im Stillen— fortwährend meine Gedanken in Anſpruch, daß ich mich faſt zwingen muß, an die Mutter und an Herrn Mahlmann zu denken und mir förmlich gewiſſe Stunden dazu feſtſetzen muß? Wenn man drei liebe Menſchen ſchon ſo lieb hat und einen ſo lieb wie den an⸗ dern, wie kann man dann noch ans Heirathen und an die Liebe denken? Und meine Mitſchweſtern ſprechen immer von Liebe! Sie müſſen doch keinen Menſchen lieb haben, da ſie in ihren Herzen noch ſo viel Raum für fremde Triebe finden!“ „Ich ſah ihn— wie ſchmuck und ſtolz! An ſeinem Arme hing eine junge Dame; ſie ſah mir ähnlich, aber ſie war viel ſchöner als ich. Er muß ihr von mir geſagt haben, denn ſie blickte freundlich zu mir herüber. 173 Ich weiß gar nicht, weshalb ich ſo furchtbar erſchrocken bin, als ich Beide ſah? Es iſt manchmal gerade, als wäre in mir noch ein zweites Weſen, das nach Belieben ſchaltet und waltet, ohne mich zu fragen— das lacht, wo ich gern ernſt bin— und traurig iſt, wo ich heiter ſein möchte! Dieſes Weſen in mir war es auch, das ſo erſchrack und mich auch mit erſchrecken machte. Es macht mich noch konfus, denn es widerſpricht mir in Allem— ich ſagte, die ſchöne Dame iſt ſeine Schweſter und in mir ſagte es, ſie wäre ſeine Braut. Das aber glaube ich ganz gewiß, ſie haben ſich Beide recht herzlich lieb, ich ſah es beim erſten Blick, ſie machten den Eindruck auf mich, als könnte das Eine ohne das Andere nicht leben.. Ach! wenn ſie wüßten, wie lieb auch ich ſie Beide habe— würden ſie dann wol ohne mich leben können? Wir ſollten drei Geſchwiſter ſein! Jedes hätte ſeine kleinen Fehler— es giebt ſo allerlei kleine Fehler, welche die Menſchen nur noch inniger mit einander verbinden können. Er hätte den Fehler, ſeine Sachen, ſeine Bücher nie aufzuräumen und Alles ſtehn und liegen zu laſſen und dann ſeiner Wege zu gehen. Sie würde darüber ärgerlich und hielte ihm, wenn er wiederkäme, eine lange Rede. Er hörte ruhig zu und finge dann an zu lächeln, und ich könnte 174 mir das Lachen nicht verhalten. Wir lachten alle zwei laut auf und dann lachte ſie auch mit, gäbe ihm einen Schlag, ich räumte ſeine Sachen auf und es wäre Alles wieder gut. Warum hat es der Himmel nicht ſo gemacht, daß wir drei Geſchwiſter ſind? Es giebt ſo viele Geſchwiſter, die ſich gegenſeitig haſſen und zanken und wir, die wir uns ſo herzinnig lieben und vertragen würden— wir ſollen nicht zu einander gehören! Alle Geſetze ſind lieblos, ſollten es auch die Weltge⸗ ſetze ſein?—“ „Das war ein Pispern und ein Flüſtern unter dem Penſionat, als die Beiden Arm in Arm an uns vorüber⸗ gingen! Es iſt wol kein einziges Mädchen unter uns, das ihn nicht ſchon früher geſehen hätte, und jetzt auf ein⸗ mal möchten ſie um Alles in der Welt wiſſen, wer er iſt. Warum weil er eine Dame führte. Und wer iſt die Dame?— Haben ſie doch Alle im erſten Augenblicke geglaubt, ich wäre es und Madame Gängelband hat ſich gleich mit ihrer blauen Brille nach mir umgeſehen, ob ich auch noch da ſei! Es ſchmerzt mich, daß die beiden mir ſo theuern Per⸗ ſonen in Aller Munde ſind. Es iſt mir oft, als riſſe man 17⁵ mir die Gedanken aus dem Heiligthum des Herzens und zeige ſie überall herum. Was ich kaum in Gedanken be⸗ rührt habe, ſpricht man laut aus! Sein ſchönes Geſicht, ſeine braunen Locken, ſeine Augen— Alles wird beſprochen, als wäre er für ſie Alle da. Ich ſage, nein!l er iſt nicht für ſie da, ſie haben kein Recht auf ihn, nicht das geringſte! Ich habe ſo oft an ihn gedacht, mich ſo oft mit ihm be⸗ ſchäftigt und bin ſeinetwegen ſo ernſt und nachdenkend ge⸗ worden. Ich habe ihn mir gezogen und gepflegt, wie eine Blume und jetzt wollen die Andern kommen und ſie lachend abpflücken? Sie haben zu zwei und drei von ihm geſpro⸗ chen und geſcherzt, die Eine hat ſogar geſagt, ſie möchte ihn zum Manne haben. Da bin ich hinausgegangen und habe geweint. Ich grolle mit Allen, ich haſſe ſie Alle, die von ihm geſprochen haben, und mit ihr, die ihn zum Manne begehrte, rede ich kein Wort mehr.“ „Was die Neugierde doch Alles vermag! Geſtern ſahen ſie die Beiden und heute ſchon weiß man, wer ſie ſind. Sie heißt Braag und iſt Schauſpielerin und er heißt Froſt und iſt ihr Verlobter. Die Folge davon iſt, daß man nicht mehr von ihnen ſpricht. Das ganze Penſionat ſchaudert vor dem Worte: Schauſpielerin! Deshalb ſchweigt man über ſie, und von ihm ſpricht man nicht mehr, weil 176 er erſtens verlobt iſt und zweitens mit einer Komö⸗ diantin verlobt iſt. Dieſe Mädchen haben Herzen wie Schiefertafeln. Alles läßt ſich gleich wieder weglöſchen. Und dann wird wieder Neues darüber geſchrieben, bis ſie den Platz anderweit wieder brauchen, oder bis ſie das Neue ſatt haben, dann wird auch das wieder weggelöſcht. Das Neueſte iſt der Inhalt der Schiefertafel, und wird das ausgelöſcht, ſo iſt ſie leer, unbeſchrieben. So ſieht es in ihren Herzen aus! Keine Sylbe ſpricht man von den Bei⸗ den mehr und das beruhigt mich ſehr, ich bin herzlich froh darüber, obwol ich die Urſache verachten muß. „Eine Schauſpielerin!“ riefen ſie und ſchlugen die Hände über dem Kopfe zuſammen, und hatten eben einen Vortrag über Literatur gehört. Da war Schillers Maria Stuart geleſen worden und kaum hatten die kleinen Ge⸗ hirnchen Etwas davon verſtanden. Gehet hin und laßt es euch von der Schauſpielerin erklären und Madame Gän⸗ gelband darf getroſt mitgehen. Da leſen ſie im Schiller und im Göthe, da ſollen ihre Herzen geläutert werden, da wird die Poeſie das Erhabenſte genannt, was es nächſt der Religion gäbe— und eine Schauſpielerin, die dieſem Er⸗ habenen am nächſten ſteht, die ſo davon durchdrungen iſt, daß ſie ſich ſelbſt in die ſchönſten Gebilde der Poeſie zu verwandeln vermag— die wird verachtet! Alſo Froſt heißt er— Froſt ſoll ich ihn nun nennen. 177 Ich wollte, ich hätte ſeinen Namen gar nicht gehört. Es i*ſt ein eignes Ding, wenn man Jemanden ſchon ſo lange gekannt hat und hört auf einmal ſeinen Namen, in den man die ganze Erſcheinung zuſammendrängen ſoll— es iſt, als ſchliche ſich ein fremdes Element mit herein.“ „Geſchwiſter könnten wir Drei nun ſchon nicht ſein, aber Fräulein Braag könnte doch noch meine Schweſter ſein. Ich wäre dann Froſt's Schwägerin. Zur Hochzeit würde er zu mir ſagen: nun, dächte ich, könnten wir uns auch Du nennen, und wir würden bald wie Bruder und Schweſter leben. Ach! wie weit ich oft meine Träume ausſpinne. In der Einbildung lebe ich mit den Beiden im innigſten Ver⸗ hältniß und doch bin ich ihnen ſo fremd!“ „Ja, ich bin ihnen fremd!— Sie haben nicht wieder nach mir gefragt— es wird ihnen nicht in den Sinn kommen, mich zu ſuchen, ich bin ausgeſchloſſen von ihrem Glücke und von ihrer Liebe und fühle mich wie verwaiſt! Ich wünſchte, ich hätte auch ſo ein Herz wie die An⸗ dern und könnte Alles wieder weglöſchen. 178 Ich bin ausgeſchloſſen— und wieder ſage ich— ich bin ausgeſchloſſen— und warum? Warum hat er mich aufgeſucht und angeblickt? Die Aehnlichkeit zwiſchen mir und ſeiner Braut hat ihn gefeſſelt. Und ſelbſt Das glaube ich nicht mehr, denn ſie war reizend ſchön und ich bin es nicht, ich gefalle mir nicht mehr— ich bin traurig, verſtimmt, unglücklich— und Niemand kann mir helfen, ſelbſt die Mutter kann mir nicht helfen. Ich fühle mich unſäglich unglücklich und wünſchte, ich wäre todt!“ „Welch entſetzliches Ereigniß liegt zwiſchen dieſen und den vorhergehenden Zeilen! Ich bin nicht mehr unglücklich, aber traurig— traurig, bis in's tiefſte Herz hinein! Lange habe ich Nichts in mein Tagebuch geſchrieben, denn der Schmerz, der mich bewegte, läßt ſich nur fühlen.— Heute endlich, wo eine gewiſſe weh⸗ mühtige Ruhe meine Seele umgiebt, greife ich wieder zur Feder, um meine Gedanken niederzuſchreiben und das wird mir wohlthun. Seit Monaten ſchon weilt Froſt nicht mehr hier, er i*ſt in die weite Ferne gewandert und auf ihrem Grabe nahm er Abſchied von mir. Es war das erſte Mal, daß er mit mir ſprach— daß ich ſeine Stimme hörte— um 179 „Lebewohl“ zu hören. Nun bin ich nicht mehr ausge⸗ ſchloſſen, ein Blümchen, ein kleines Blümchen aus einem Kranze, den ich weinend wand, verbindet uns alle Drei. Liebe Schweſter Laura, denn Schweſter nenne ich Dich, gewiß, Du umſchwebſt unſichtbar Dein Grab, ſo oft ich komme, um die Blumen darauf zu pflegen, und reichſt mir liebend Deine Geiſterhand! Denn warum weine ich an Deinem Grabe, als hätten wir uns im Leben gekannt, als wären wir täglich mit einander umgegangen? Es iſt nicht wahr, daß uns der Tod trennt, er vereinigt unſere Seelen, wie im Leben ſie kein Band vereinigen kann. Ach! wenn ich immer hier bleiben könnte, das Grgb zu pflegen. Wenn nach vielen, vielen Jahren er dann wiederkäme, um das Grab zu ſuchen, mit ſilbernen Locken und gebeugtem Rücken— und würde fragen, welche Hand die Blumen auf das Grab gepflanzt, da würde man ihm ein anderes Grab zeigen, nicht weit davon und würde ſagen: ein altes Mütterchen hat das Grab gepflegt, vor drei Tagen begoß ſie die Blumen zum letzten Male. Jetzt liegt ſie da unten! Nein! nein! ich will nicht ſterben, ehe er wiederkommt. Er wird wiederkommen im braunen Haare und ich werde ihr noch ähnlicher geworden ſein und werde ihm ſagen, wie ſehr ich ſie geliebt habe. Es haben ja ſo viele Menſchen hier auf Erden ſich *½ 180 wiedergefunden. Ich werde ihn auch wiederfinden und ihn nicht wieder ziehen laſſen. Ich will ſeine Schweſter ſein, das habe ich ihr am Grabe heilig gelobt. Und mir war es, als hätte ſie durch zitternde Blumen und Gräſer mir zugeliſpelt: Ich werde ihn zu Dir führen!“ „Arme Laura,“ rief Froſt,„ob Du je erfahren darfſt, daß ſie wirklich Deine Schweſter war?— Eine geheimniß⸗ volle ewige Kette ſchlingt ſich durch unſer Seelenleben, ein Licht ſtrahlt unſterblich über uns Allen, nur die Schatten mondeln Du biſt eingegangen, theurer Schatten meiner Laura, ſchlafe ſanft Deinen ewigen Schlaf! Ich will mein armes Herz in dem Lichte baden, daß dich einſt beſchien, und es wird wieder geſunden. Ich will ſie hinnehmen Deine ebenbürtige Schweſter als Dein heiligſtes Vermächt⸗ niß, das Du mir ſendeſt durch die Hand des Schickſals!“ Neuntes Capitel. Licht und Schatten. Ungefähr ein Jahr iſt vergangen. Der Frühling iſt wieder dem Winter gefolgt und breitet ſeine lieblichen Schönheiten wieder aus und entzückt und überraſcht das Auge des Menſchen wieder, als wäre es der erſte Früh⸗ ling, den es ſchaut. Wie eine Waldkapelle tritt die Villa mit ihrer Kuppel und den weißen Säulen und Stufen in das Grün der Bäume zurück. Luſtig drängen die Wellen des majeſtäti⸗ ſchen Stroms vorüber— wir beneiden ſie nicht um ihr unaufhaltſames Wandern, hier, wo ſie nur flüchtig grüßen können, dürfen wir zurück bleiben,— hier iſt der ſchönſte Punkt ihrer Reiſe, aber ſie müſſen weiter. In wolken⸗ loſem Blau wölbt ſich der Himmel und wie ein Orden ſtrahlt die Sonne herab. Die Oberfläche des gewaltigen 182 Stroms dient als Spiegel, nur zuweilen wird das Wieder⸗ ſpiel des ſtrahlenden Ordens auf der Wellenfläche ver⸗ kümmert, wenn rückſichtslos ein mächtiger Kahn darüber hinweg gleitet. Dann tritt es wieder hervor und als wollten die Wellen die erlittene Störung wieder gut machen, reißen ſie ſich jetzt um das blitzende Geſtirn und ſchießen, mit den Lichtſtellen deſſelben beladen, in wildem Tanze herüber und hinüber, herauf und hinunter und dehnen und zerren die Strahlen zu einem unendlichen, blendenden Gewebe auseinander. Wie ruhig, wie geſetzt dagegen tragen die weißen Stufen und Säulen der Villa den lichten Sonnenſchein! Aber keine Ruhe ohne Schatten. Da wirft die Mauer ihren Schatten auf die Säulen und die Säulen und die großen Vaſen mit den exotiſchen Ge⸗ wächſen werfen ihre Schatten auf die Stufen und ein Stück weiter hin auf dem Erdboden dehnt ſich der Schatten der Stufen und es ſieht aus, als hätte die Villa einen Fuß vorgeſetzt zum Ausſchreiten. Aber es bleibt bei der drohenden Geberde. Nichts regt ſich, als die Blätter der exotiſchen Gewächſe und die graue Leinwand der Marqui⸗ ſen, hinter denen ſich die Fenſter verſtecken. Wird das immer ſo fortdauern? Wenn man lange hinſieht auf die weißen Stufen und auf die dunkeln Schatten und nach dem offenen Por⸗ tale, über welchem der luftige Balkon ſchwebt, und auf den 183 gewürfelten, glänzenden Boden der Flur, auf welchen die farbigen Glasfenſter in der Wölbung des Portals, von der Sonne durchſchienen, eine bunte, ungreifbare Figur werfen,— wenn man lange hin ſieht, ſo hält man dieſe Ruhe, dieſe Stille nur für ein Warten und Harren und denkt, es muß Jemand kommen. Und es kam Jemand. Laura trat heraus, im luftigen Sommerkleide, und ein zartes Roſenroth lag auf ihren weichen Wangen. Und Froſt trat an ihrer Seite heraus und von ſeinem ſchwarz bekleideten Arme hob ſich wunderlieblich ihre kleine, weiße Hand ab. Nur an dieſen einen Arm kann ſie ſich hängen, der linke Arm büßt für ein Vergehen der rechten Hand. Er wird noch lange büßen müſſen, ehe er die Kraft der freien Bewegung wieder gewinnt, ehe es ihm vergönnt ſein wird, die liebliche Braut ſeines Herrn zu umfaſſen und dem andern Arme dabei zu begegnen. So ſchreiten ſie langſam die Stufen herab. Wir waren nicht Zeuge von dem erſchütternden Augenblicke des Wiederſehens, wir haben viele, viele ſchöne Stunden verſäumt, die innerhalb des Zeitraums liegen, den wir übergingen— aber wenn wir den Beiden in's Antlitz ſchauen, ihr in die feurig ſtrahlenden, ſchwarzen Augen und nach dem lächelnden Munde und auf das Roth der Wangen, und wenn wir ſeinem klaren, leuchtenden 184 Blicke begegnen und auf ſeiner wolkenloſen Stirne leſen und ihm jetzt, mit Laura übereinſtimmend, anſehen, daß er Macht über Andere beſitzt und recht luſtig ſein kann, wenn er will,— da haben wir in einem Augenblicke das Ver⸗ ſäumte nachgeholt, da ſehen wir das Glück, an welchem die rinnenden Stunden arbeiteten, in geſchloſſener Voll⸗ endung vor uns. „Meine Laura hat mich lange warten laſſen!“ ſagte Froſt, während Beide die Stufen herab ſtiegen. „Ich wußte ja nicht, daß Du kommen würdeſt,“ ent⸗ gegnete Laura. „Sieh’ Laura, Du ſollſt jetzt wiſſen, warum ich kam. Ich ſaß an meinem Pulte und freute mich auf den Augen⸗ blick, wo Du Dich an Deinem Fenſter zeigen und mir Deinen Morgengruß zunicken würdeſt. Der Augenblick erſchien nicht, der größte Theil des Vormittags verging, meine Laura zeigte ſich nicht. Da trieb mich die Unruhe hinüber. Ich fand nur Deine Mutter und hörte von ihr, daß Du ausgegangen ſeieſt— nach der Villa. Ich konnte Dich nicht ſehen und daher wollte ich Dich ſehen. Und ſo ging ich, meine Braut zu ſuchen und durchſuchte den Park und fand ſie nicht, bis ſie mir endlich im Corridor oben entgegen kam.— Es iſt heute nicht das erſte Mal, Laura, daß ich Dich ſtundenlang an Deinem Fenſter ver⸗ 185 mißt habe. Biſt Du zu ſolchen Zeiten,“ frug Froſt lächelnd,„immer hier zu treffen?“ Laura zuckte die Achſeln. Froſt blieb ſtehen und wandte ſich nach der Villa um, von der ſich Beide ſchon eine Strecke Weges entfernt hatten. Er blickte nach den Fenſtern eines Eckzimmers in der erſten Etage; ſie waren auf das Seltſamſte mit hellen und dunkeln Stoffen verhangen. „Nächſter Tage wird es ein Jahr,“ ſagte Froſt, mit der Hand nach den bezeichneten Fenſtern weiſend,„daß der Profeſſor Corvinus in dieſem Zimmer ſein Atelier auf⸗ geſchlagen hat. Er läßt, außer Mahlmann, Niemanden zu ſich herein. Es muß ein weihevolles Werk ſein, an dem er ſchafft, da er es ſo ängſtlich den Blicken ſeiner Freunde verbirgt. Auch mein Auge ſcheint ihm profan, — und doch habe ich mich ſo eng und innig an ihn ange⸗ ſchloſſen, daß es mir leid ſein wird, wenn er nach beendeter Arbeit uns wieder verläßt. Doch zurück zu dem, was ich eigentlich ſagen wollte. Mahlmann iſt der Einzige, dem der Profeſſor den Zutritt in ſein Atelier geſtattet, und dennoch, Laura, hätte ich wetten wollen, Du ſeieſt vorhin, als ich Dir auf dem Corridor begegnete, eben aus dem Atelier getreten.— Laura! ich bitte Dich, warum er⸗ rötheſt Du?“ „Ich bin Dein Eigen, Paul,“ antwortete Laura 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 12 4 186 verwirrt,„Du kannſt mit mir thun, was Du willſt; Du darfſt Alles wiſſen, was ich weiß. Aber ſieh dieſen Baum an, ſieh, wie ein gelinder Lufthauch die Blätter in den Zweigen bewegt. Der Stamm ſteht feſt und ruhig und fragt nicht nach der Bewegung der Blätter da oben, und doch gehören ſie zu ihm, wie ich zu Dir gehöre, und doch theilt er die Bewegung nicht, wie Du das nicht mit mir theileſt, was mich jetzt erröthen machte. Aber den Stamm, lieber Paul, traf derſelbe Windhauch, der die Blätter be⸗ wegte, wenn er es auch nicht wiſſen Pennte Paul! es war ein reines, harmloſes Lüftchen. Verlangſt Du, daß ich Dir noch mehr ſage?“ „Kein Wort mehr, meine Laura!“ entgegnete Froſt, die Wange ſeiner Braut zärtlich an die ſeinige drückend, „nur ein Wort der Rechtfertigung geſtatte mir. Der Pro⸗ feſſor iſt mein Freund. Er iſt mir lieb und theuer ge⸗ worden und ich weiß, ich bin's ihm auch. Und doch hat es Momente gegeben, wo ſein Blick mit einem eigenthümlich fremden Ausdrucke auf mir geruht hat. Es war, als hätte ſich ſein Herz von mir losgeriſſen und als wäre ich nur noch für ſein Auge da— als wolle er verſuchen, mich mit dem Auge zu lieben, damit ſeine Seele von allen Banden frei ſei. Und um die Seele eines großen Künſtlers iſt es ein eigen Ding. Sie iſt frei, wie keine andere,— groß wie keine andere, und mächtiger— als ſein Gewiſſen. 187 1 Ein großer Künſtler kann ein Unrecht begehen und verwebt zuletzt die Splitter ſeiner Schuld in ſeine Schöpfungen. Eine heilige Flamme iſt ſeine Kunſt; ſie zehrt an ſeiner Individualität, und was an dieſer unlauter war, verwan⸗ delt ſie doch zu derſelben reinen Aſche, zu der ſie das Gute verwandelte.— Haſt Du mich ganz verſtanden, Laura?“ Ein freimüthiges Kopfſchütteln war die Antwort. „Es iſt auch nicht nöthig,“ entgegnete Froſt heiter und beruhigend,„ſieh, Laura, wenn ſich zwei Menſchen, nach längerer Feindſchaft, auch wieder ausgeſöhnt haben, ſo können ſie einander doch nicht gleich mit dem frühern Vertrauen, das beide vor dem Ausbruche der Feindſelig⸗ keiten verband, wieder entgegen kommen.— Wenn Feld und Flur unter einer anhaltenden Trockenheit ſchmachteten, ſo können die erſten erquickenden Regentropfen doch nicht gleich Alles wieder gut machen, und tagelang muß der Regen ſtrömen, ehe er in alle Tiefen hineindringt, die ſeiner Erfriſchung bedürfen. So geht es mir mit meinem Schickſal. Freilich— dieſer Blick aus Deinem Auge dringt in alle Tiefen, in alle Spalten meines Herzens, und wenn ich ſo Deinem treuen Auge begegne, da weiß ich eigentlich nicht, was in mir noch zu verſöhnen iſt.“ Nach einer Weile ſagte Froſt:„Wird es mir ein Geheimniß bleiben, was für ein Lufthauch das war, der 12* 188 vorhin meine grünen Blätter bewegte und auch mich zu⸗ gleich mit getroffen haben ſoll?“ „Du wirſt darüber aufgeklärt werden,“ antwortete Laura. „Bald?“ „Sehr bald.— Doch jetzt ſage mir: wird es mir ein Geheimniß bleiben, warum unſere Trauung in der Dorfkirche zu Zierfels vollzogen werden ſoll?“ „Und wenn es Dir ein Geheimniß bleiben müßte, würdeſt Du mir dann im Stillen— aber ganz im Stillen — den Vorwurf machen, daß in meinem Vertrauen zu Dir eine Lücke ſei?“ „Gewiß nicht, Paul. Ich werde jede in mir auf⸗ ſteigende Frage unterdrücken, bis es mir gelungen iſt, zu vergeſſen, daß Du mir etwas zu verſchweigen haſt— das wird der höchſte Triumph meiner Liebe, meines Vertrauens zu Dir ſein.“ „Du beſchämſt mich,“ rief Froſt und es trieb ihn unwiderſtehlich, die Hand ſeiner Braut zu ſeinem Munde zu führen und einen Kuß darauf zu drücken. „Siehſt Du dort— die dicke Dampfwolke?“ frug Laura, nach der Ferne zeigend. „Es iſt ein Dampfboot.“ „Hier fließt der Rhein und dort hinten zieht es daher 189 in einer ganz verkehrten Richtung. Sieht es nicht aus, als käme es querfeldein?“ „Das machen die Windungen des Sttoms. 44 „Weiß wohl⸗ aber die Täuſchung, als habe dieſes ſchwerfällige Ungethüm ſeine Waſſerſtraße verlaſſen und brauſte über das Land heran, macht mir Vergnügen.“ „Jetzt hat das Dampfboot ſchon wieder die Richtung verändert.“ „Wahrhaftig! wollen wir warten, bis es ankommt? Ich ſehe die Paſſagiere gern in die anlegenden Boote ſteigen und von oben bis unten von dem Wellenſchlag der Schaufelräder naß werden.“ „Wir wollen warten,“ bejahete Froſt,„und jetzt will ich Dir etwas zeigen, ſieh, das iſt die erſte Kirſchblüthe, die ich in dieſem Jahre ſehe, nun bricht es mit Gewalt auf, in wenig Tagen iſt Alles weiß.“ „Und wie lange wird es dauern,“ äußerte Laura, „da hängen die rothen Früchte oben und die Zeit iſt da, wo— „Unſre Hochzeit ſein ſoll,“ entgegnete Froſt lächelnd. Sie ſah ihm liebend in's Geſicht. Das Dampfboot brauſte jetzt heran. Eine Signal⸗ flagge wurde an Bord aufgezogen, die Schaufelräder ſtan⸗ den ſtill und während der Koloß in der Mitte des Stroms 190 langſam vorwärts trieb, ſtieß ein Nachen vom Lande ab und glitt ſchnell hinüber. Laura und Froſt unterſchieden, daß ein einziger Paſ⸗ ſagier das Dampfboot verließ und den Nachen beſtieg. Sie kehrten nun um und blickten dem Dampfboote nach, deſſen Räder ſich wieder in Bewegung ſetzten. Einige junge Herren an Bord hatten Operngläſer herausgenom⸗ men und richteten ſie auf das am Ufer luſtwandelnde Paar, und Einer, ſo recht erfüllt von der Luſt und Freiheit des Wanderns und im Gefühle der Sicherheit, die ihm der vom tiefen Waſſer rings umgebene Boden, auf dem er ſtand, gewährte— winkte der ihm ganz fremden, jungen Dame mit dem Taſchentuche luſtig zu. Der Schiffer ruderte ſeinen Paſſagier ſchnell dem Ufer zu. Der Letztere ſchien nicht mehr jung zu ſein. Mit ſeinem ſchwarzen Haare miſchten ſich überall bereits die weißen Flocken des Winters. Nur die Brauen über den tiefliegenden, dem Boden des Fahrzeugs ſtarr zugewendeten Augen hatten ihre urſprüngliche dunkle Färbung unver⸗ kümmert beibehalten und bildeten mit ihrer ſchwarzen, buſchigen Fülle einen unbehaglichen Contraſt zu dem gelben, eingefallenen Geſicht. Der Fremde ſaß in ſich zuſammen⸗ geſunken auf einer Bank. Der Schiffer glaubte ſich mehrere Male von ihm angeredet und blickte ſich nach ihm um, bis er merkte, daß der Fremde, der den Blick nicht vom 191 Boden aufſchlug, mit ſich ſelbſt ſprach. Es waren kurz ausgeſtoßene, heiſere Worte, die häufig von einem krampf⸗ haften Kopfnicken begleitet waren. Plötzlich klammerte er ſich zitternd an die Wände des Nachens an und rief ent⸗ ſetzt:„er ſinkt!“ Der erſchrockene Fährmann beſchwichtigte ihn und verdoppelte ſeine Anſtrengung, das Ufer zu erreichen. Der Fremde ſah ſich nach allen Richtungen um und fragte, noch immer mit beiden Händen ſich feſthaltend: „es geht bergab,— nicht wahr, es geht bergab?“ Der Fährmann ſchüttelte den Kopf. Der Fremde blickte ihn an und athmete tief auf. Dann frug er: „Wie heißt dieſer Ort?“ Der Schiffer nannte den Namen. „Ich will einen Ausflug landeinwärts machen,“ fuhr der Fremde in ruhigerem Tone fort,„wo finde ich hier eine Reiſegelegenheit?“ Der Schiffer, deſſen Furcht vor dem Fremden wieder verſchwand, bezeichnete ihm einen Lohnkutſcher in der Stadt. „s iſt eine ſchöne Einrichtung,“ ſagte der Andere, „daß man auf ein und daſſelbe Fahrbillet, jedes Dampf⸗ ſchiff beliebig benutzen kann.“ Der Schiffer, dem die vernünftige Sprache, die ſein 192 Paſſagier jetzt wieder führte, wohl that, wurde ſehr geſprächig. „Ich habe ſeit den zwei Tagen, daß ich die Gegenden des Stromes bereiſe, wohl drei verſchiedene Dampfboote benutzt,“ äußerte der Fremde, dem ein feinerer Beobachter hätte anſehen können, wie er ſich zwang, von gleichgültigen Dingen zu reden,„wo mich die Gegend lockte ſtieg ich ab, und am nächſten beſten Stationsplatz, zu dem mich meine Wanderung führte, erwartete ich das nächſte Dampfboot.“ Der Schiffer freute ſich ungemein über die erfreuliche Umwandlung des Fremden und war im Innern faſt ſtolz, mit ihm über Allerlei reden zu können. Als der Nachen am Ufer angekommen war und der Paſſagier ausſtieg, um nach der Stadt zu gehen, ſchien es, als trennten ſich zwei alte Bekante von einander. Der Fremde blickte ſich nach dem Fährmann im Gehen öfters um, nickte ihm zu und dann wieder nach den Bergen ausſchauend ſummte er vor ſich hin ein Lied. Aber das Herz wollte nicht mit in die Melodie einſtimmen und das Auge wollte ſich nicht an dem Sonnenglanze erfreuen, der über Berg und Thal ſich ausbreitete, nicht an den grünen Wieſen, den dunkeln Aeckern und den hellſchim⸗ mernden Weinbergen, die— abwechſelnd mit einſam ſtehenden Villen und bunt hingeſtreuten Dörfern— zu beiden Seiten des majeſtätiſchen Stromes emporſtiegen. 193 Und da das Herz nicht mit einſtimmte, ſo ſchwieg er wieder ſtill und wandte den Blick ab von den ſonnigen Höhen und wanderte gebeugten Hauptes dahin. Er hatte das vor ihm hergehende Brautpaar erreicht und ging, ohne es anzuſehen, an ihm vorüber. Ein vom Winde bewegtes Blatt hätte hingereicht, den Mann, deſſen Seele unter einem ewigen Wetterdräuen ſtand und bebend den vernichtenden Strahl von oben erwartete, auf's Höchſte zu erſchrecken,— um wie viel mehr der laute Ausruf, den Froſt, als er den Fremden erblickte, plötzlich ausſtieß! Wie vom Blitze getroffen zuckte dieſer zuſammen, mit ſcheuem Blicke ſah er Froſt an. Er erkannte ihn und wollte fliehen, — aber ſeine Füße verſagten, Centnerſchwere hing ſich an ſeine Sohlen und ein gewaltiges Beben ſchüttelte ſeinen ganzen Körper, als ſein Blick auf Laura fiel! „Was ſoll ich thun!“ rief er zähneklappernd und ſeine Augen traten aus ihren Höhlen, während ein ſchmerzlicher Zug um ſeinen Mund in den Ausdruck des Entſetzens überging,„was ſoll ich thun, daß Du mich nicht mehr verfolgſt?! Iſt das Winken Deines Schattens nicht fürch⸗ terlich genug? Jetzt iſt Dein Fleiſch und Blut aus dem Grabe geſtiegen, um mich zu richten. Das iſt der letzte Tag, den ich geſehen habe. Ich fürchte mich nun nicht mehr vor dem Schaffot, denn Du biſt ſchrecklicher! Aber Du ſollſt mich nicht haben, das Geheimniß, das mich an 194 Dich ſchmiedet, zerreiße ich jetzt. Laut rufe ich es in die Welt hinein; hört mich ihr Menſchen und tragt es ſchnell zu den Richtern: Ich habe ſie vorſätzlich gemordet, ſo wahr ich ſie einſt liebte. Hört ihr's— ihr mit dem Richt⸗ ſchwerte— die Gnade, die ich vor euch fand, war nur ein Aufſchub— der Termin iſt gekommen. Aber ich gehe nicht mit ihr— zu euren Ketten, zu euren düſtern Mauern will ich fliehen und wenn ihr mich richtet— dann bin ich gerettet. Nehmt mich auf! Nehmt mich auf!“ Bollhorn ſtreckte ſeine Arme aus und wollte fliehen. Aber es war nur ein letztes Aufflackern der Kräfte, nur wenige Schritte vermochte er fortzutaumeln, dann ſtürzte er beſinnungslos zuſammen. Zehntes Capitel. Hoch oben. Hoch über den Dörfern und Städten, hoch über dem wie eine Silberader ſich dahinwindenden Strome ſchim⸗ mern die hellen Mauern eines ſchloßartigen Gebäudes. Durch welches der mit Eiſengittern verſehenen Fenſter man auch herausblicken mag, überall wird das Auge über⸗ raſcht und entzückt. Hinter einer hohen Felſenkette, deren abenteuerlich geformte Glieder in weiter Ferne mit dem Horizonte zuſammengrenzen, ſieht man von hier aus die Sonne aufgehen und gen Sonnenuntergang windet ſich die Fahrſtraße nach den untern Landen herab und mit einem Blicke überſieht man die ausgedehnten Waldungen, die Dörfer und Flecken, die Pappelreihen und Aecker, welche den Wanderer, der jene Straße zieht, auf ſtundenlanger Reiſe zur Seite bleiben. Im Norden ſtreben nahe Fel⸗ 196 ſenwände nach der Höhe des einſamen Gebäudes empor, und aus unſichtbarer Tiefe herauf dringt das Rauſchen des Stroms, und nach Süden breitet ſich ein weiter Park aus, von hohen Mauern eingeſchloſſen. In dieſem Parke luſtwandeln ſonderbare Herrſchaften, in den Baumgängen und Wegen dieſes Parkes begegnet der tiefſte Schmerz der luſtigſten Ausgelaſſenheit und Keins fragt das Andere: Warum? Das leitende Warum iſt hinabgeſtoßen in die Nacht der Vergeſſenheit. Dieſer iſt traurig, Jener iſt luſtig, immer dieſelbe Melodie klingt aus der Spieldoſe, der Schlüſſel iſt verloren, auf den letzten Accord folgt immer wieder der erſte, ſo ſpielt ſie fort und fort. Nie⸗ mand kann ſie öffnen, um den alten Melodienreichthum wieder herzuſtellen. Da iſt auch ein ältlich ausſehender Herr unter den luſtwandelnden Herrſchaften, der bei der Melodie ſtehen geblieben iſt:„Laßt ſie nur kommen; dieſe Mauern ſchützen mich. An dieſer goldenen Kette am Halſe trage ich ein Beil, das halte ich ihr hin. Wann iſt die Hinrichtung?“ Und dann lächelte er gewöhnlich, blickte heiter in die Um⸗ gebungen und ſummte ein Lied von der friſchen, fröhlichen Wanderluſt und von dem leichten Herzen des Wanderers. Aus den unteren Landen herauf war oft ein junger Herr gekommen, der einen ſteifen Arm hatte. Er war ge⸗ kommen, um den ältlich ausſehenden Herrn zu beſuchen, 197 aber dieſer kannte ihn nicht und der Herr mit dem ſteifen Arme war daher auf die Unterhaltung des Arztes ange⸗ wieſen, unter deſſen Aufſicht die Bewohner dieſes Ortes ſtanden. „Wir müſſen das Letzte wagen,“ hatte eines Tages der Arzt zu Froſt geſagt,„der Erfolg mag ſein, welcher er wolle, die ſchlimmſte Folge kann ja ohnehin nur die ſein, daß der Arme bleibt was er iſt, ein Verlorner.“ So wandelte der Verlorne auch eines Tags durch den Garten, und eben rief er triumphirend:„Laßt ſie nur kommen!“ Da klopfte ihm eine Hand leiſe auf die Achſel und als er ſich umwandte, ſtand ſie wirklich vor ihm. Er bebte am ganzen Körper, von ſeiner Stirn floß kalter Schweiß, die wirkliche, nicht mehr hinwegzuleugnende Ge⸗ genwart der Angerufenen ließ ihn den eingebildeten Ta⸗ lisman, das Beil an der goldenen Kette und die ſchützenden Mauern, vergeſſen. In dieſem Augenblicke, wo ſie ihm die Hand entgegenſtreckte, um ihn, wie er glaubte, mit ſich zu nehmen, erwachten alte, in Schlummer gewiegte Kräfte in ihm. Er öffnete den Mund zum Sprechen und in ſeinen Augen, die feſt auf einen Punkt in der Luft gerichtet wa⸗ ren, drückte ſich ein haſtiges Suchen, ein ängſtliches Her⸗ beiziehen aus. Jetzt hatte er gefunden, was er ſuchte: die letzten Worte Othellos: 198 „Gemach!“ rief er.„Nur noch zwei Worte, eh' ihr geht. Ich that Venedig manchen Dienſt, man weiß es: Nichts mehr davon.— In euern Briefen, bitt ich, Wenn ihr von dieſem Unheil Kunde gebt, Sprecht von mir, wie ich bin— verkleinert nichts, Noch ſetzt in Bosheit zu. Dann müßt ihr melden Von Einem, der nicht klug, doch zu ſehr liebte; Nicht leicht argwöhnte, doch einmal erregt, Unendlich raſ'te: von Einem, deſſen Hand, Dem niedern Juden gleich, die Perle wegwarf, Mehr werth, als all' ſein Volk; deß überwundnes Auge, Sonſt nicht gewöhnt zu ſchmelzen, ſich ergeußt In Thränen, wie Arabiens Bäume thaun Von heilungskräft'gem Balſam— ſchreibt das Alles; Und fügt hinzu: daß in Aleppo, wo Ein gift'ger Türk in hohem Turban einſt „Nen Venetianer ſchlug und ſchalt den Staat,— Ich den beſchnittnen Hund am Hals ergriff Und traf ihn— ſo!“ Die Angeredete ſchwieg eine Weile. Die Erinnerung an ein wirkliches Verdienſt des Unglücklichen, das er mit dieſem künſtlichen Lichte zu beleuchten ſuchte, weil ihm der Sonnenſchein des vollen Bewußtſein abging— dieſe Erinnerung trat ihr jetzt mit ihrer ganzen folgeſchweren Wucht vor die Seele, und indem ſie die Bewegung nach⸗ ahmte, welcher Froſt ſein Leben und zugleich ſeinen ver⸗ krüppelten Arm zu danken hatte, rief ſie dem Irren zu: „Und einen Andern trafſt Du— ſo—“ 199 „Als ich hinter ihm ſtand,“ beſtätigte der Irre und ſein Blick grub ſich halb fragend, halb forſchend in Laura's Augen,„er wollte zu Dir, aber Dein Grab war leer.“ „Er dankt Dir für Deine That,“ antwortete Laura, „und hat Dir Alles verziehen.“ „Und was willſt Du von mir, blutige Erſcheinung? Du willſt mich holen?“ „Nein.“. „Dann ſtrecke Deine Hand nicht nach mir aus, laß ſie ſinken, ſo gerade herabſinken— ſie ſcheint eiſig kalt.“ „Sie iſt nicht kalt, warmes Leben durchfließt ſie, ich wollte ſie Dir zur Verſöhnung reichen.“ „Zur Verſöhnung? Ein Geſpenſt will meinen kleinen Menſchengeiſt überliſten. Ich weiß es, wenn ich die kalte Hand anfaſſe, bin ich verloren.“ „Sie iſt nicht kalt— nimm ſie an, glaube an meine Verzeihung und Du wirſt wieder Ruhe finden.“ „Dein Auge glänzt hell und klar,“ ſagte Bollhorn, Laura lange betrachtend,„Du ſcheinſt zu athmen und Dein Athem iſt warm. Du willſt nicht wieder ſterben?“ „Nein,“ entgegnete Laura. „So will ich Deine Hand erfaſſen.“ Zitternd er⸗ griff Bollhorn die dargebotene Hand. Sie war ſo warm, er ſchien ihr pulfirendes Leben zu wiegen und zu belauſchen, er ſah die kleine Hand lange an, ſie war ſo ſchön, ſo weiß! 200 „Nein,“ rief er,„da iſt kein Tod,“ und führte die Hand zitternd an ſeine Lippen, küßte ſie und weinte heiße Thrä⸗ nen darauf. Als er dann Laura wieder anblickte, ſtrahlte ein neues, verjüngtes Leben von ſeinem Antlitze. Seine Augen glänzten in Rührung und Freude.„Die Schuld iſt ein Felſen,“ rief er aus, der uns den Weg verſperrt, und die Verſöhnung, die Verzeihung iſt eine Spalte darin, durch die ſich uns ein neues, reiches Leben öffnet. So werde ich noch leben dürfen?“ „Noch recht lange.“ „Werde ich Dich ſehen dürfen, und wo finde ich Dich? Und darf ich mit Dir reden, wie ich ſonſt mit Dir redete? denn dieſe Sprache erinnert an den Tod.“ „Ich bin ein Menſch, wie jeder andere,“ entgegnete Laura mit einem heitern Lächeln,„ich kleide mich gern in ſchöne Stoffe, ich ſchaue mich im Spiegel, bewohne ſchöne Zimmer, ſchlafe und träume in der Nacht, und wenn ich dieſe Roſe abpflücken will, die hier ſo ſchön blüht, und dabei nicht vorſichtig bin, ſo ritze ich mir die Finger blutig.“ Bei dieſen Worten beugte ſich Laura uieder und pflückte die Roſe, vielleicht geſchah es abſichtlich, daß ſie ſich in die Dornen ſtach; lächelnd hielt ſie dem freude⸗ trunkenen Bollhorn ihre weiße von dunkeln Bluttropfen geröthete Hand hin.. „Welch köſtliches Leben!“ rief Bollhorn außer ſich. 201 „Und dieſe Roſe ſchenke ich Ihnen, mein Freund,“ ſagte Laura und ſteckte ihm mit eigener Hand die Roſe in's Knopfloch, und er ſah mit ſtummem Entzücken zu, faltete die Hände und blickte gerührt zum Himmel.„In einigen Wochen,“ fuhr Laura fort,„werde ich Froſt's Ge⸗ mahlin, und Sie müſſen bei der Hochzeit ſein. Ueberhaupt müſſen Sie herabziehen zu uns, und bei uns bleiben als unſer Freund.“ Bollhorn konnte nicht ſprechen, unter Thränen lä⸗ chelnd, nickte er ſtumm mit dem Kopfe und ſah oft nach der Roſe in ſeinem Knopfloch.— Eine Stunde ſpäter rollte ein Wagen den Berg hinab, den untern Landen zu. Bollhorn hatte ſich nach einem der höchſten Fenſter führen laſſen, von wo aus er die Straße ſehen konnte. Dort fuhr der Wagen hin. Bollhorn blickte nach. Jetzt verſchwand er in einem Gehölz, nach einer halben Stunde ſah ihn Bollhorn am andern Ende des Waldes herauskommen, und ſo verfolgte er das Fahrzeug bis es in weiter Ferne als ein winziger ſchwarzer Punkt verſchwand. Da erſt verließ Bollhorn ſeinen Platz am Fenſter und rief triumphirend:„So langſam läßt kein Geiſt ſich von Pferden dahinziehen!“ Dann ſah er die Roſe an und verlangte ein Gefäß mit Waſſer, um ſie hineinzuſtellen. 1859. VII. Der beſeelte Schatten. II. 13 202 Als ſie nach einigen Tagen verwelkt war, freute er ſich und hob die trockne Blume ſorgfältig auf. Dieſe verwelkte Roſe iſt Bollhorn's Liebe zu Laura Braag, eine Liebe, die der Blüthenpracht der Sinne ent⸗ ſagt hat und von ihrem Gegenſtande nichts begehrt, als — Daſein. „Wann kann ich auch des Wegs hinunterziehen, den ſie zog?“ fragte er täglich den Arzt, und ſtundenlang lehnte er an dem Fenſter und blickte ſehnſuchtsvoll nach der Straße hinab, die zu ihr führte.„Nie will ich wieder von ihr gehen,“ hörte man ihn oft ſagen,„wenn ich ihr Antlitz ſehe, werde ich glücklich ſein und ich ſoll es nun immer ſehen!“ 2 Bollhorn unterſchied ſich ſeit jener glücklichen Wen⸗ dung, die alle Erwartungen des Arztes übertroffen hatte, durch nichts von andern Menſchen, die im Vollbeſitze ihrer geiſtigen Kräfte waren. Er aß und trank, ging im Parke ſpazieren, arbeitete im Garten, ſtellte vernünftige Fragen, gab vernünftige Antworten, unterhielt ſich mit dem Arzte und den Aufſehern über Allerlei und bedauerte häufig die Unglücklichen, die— ohne daß er es wußte, ſeine Leidens⸗ genoſſen waren. Er ließ ſich von Froſt, der ihn in Be⸗ gleitung Mahlmann's öfters beſuchte, mit allen äußerlichen Verhältniſſen, unter denen dieſer mit Laura in den untern Landen lebte, bekannt machen, ſchloß ſich enger an dieſen — — 203 und auch an Mahlmann an, ſpielte gegen Madame Ma⸗ rinelli, die auch zuweilen kam, vorzugsweiſe gern den Ca⸗ valier— aber Laura war und blieb vor ſeinem Geiſte keine andere, als die Schauſpielerin Laura Braag, die er ermordet hatte. Er würde ſtaunen, wenn bei heiterm Him⸗ mel plötzlich ein Blitzſtrahl über die Gegend zuckte, er würde Jeden, der am Sarge eines geliebten Todten auf deſſen Wiedererweckung harrte, belehren, daß die Todten nicht wieder auferſtehen, aber nach dem Wunder, daß Laura unter den Lebenden wandelt, als wäre ſie nie geſtorben, — nach dieſem Wunder fragt er nicht. Er wird nie dar⸗ nach fragen, nie in dieſem Leben und ſo nehme er das Glück des Wahns ſtatt der Wahrheit, und gute Menſchen werden ihn ſchützen.. Elftes Capitel. Eine Gruppe. In den untern Landen reifen die Kirſchen. Der Profeſ⸗ ſor muß ſeine Arbeit vollendet haben, denn er geht den ganzen Tag über müſſig und unternimmt daher Ausflüge in die Umgegend, wobei ihn bald Mahlmann, bald Froſt begleitet. Die erſte Etage der Villa iſt zu Wohngemächern für das künftige Ehepaar eingerichtet und auf das Prachtvoll le ausgeſtattet. Froſt's Lederkoffer ſind leer. In einem eigens dazu beſtimmten Schrein, der in Laura's künftigem Boudoir ſteht, iſt die Garderobe der Tragödin aufbewahrt. Die Brillantuhr wird fortan Laura tragen. Laura Braag's Bibliothek nimmt eine Ecke in Froſt's Zimmer ein. Oben darauf ſteht die Studirlampe und von der Wand leuchtet Shakespeare's Büſte; ſo hat es Laura Marinelli mit eig⸗ ner Hand angeordnet. Das Portrait des Officier's iſt das 205 einzige Stück aus der Hinterlaſſenſchaft der Tragödin, das von den übrigen getrennt iſt. Es hängt in der Wohnung der Madame Marinelli. Noch fehlt das Portrait von Laura Braag ſelbſt, ein Stahlſtich, der nach ihrem Tode in den Kunſthandlungen erſchien. Froſt hat ihn von der Mutter ſeiner Braut noch nicht zurück erhalten, er will nicht drängen, vielleicht trennt ſie ſich nicht gern davon. Im Comptoir von Johannes Mahlmann liegen mäch⸗ tige Stöße gedruckter Rundſchreiben; ſie enthalten die Mittheilung, daß Froſt als Theilhaber in das Geſchäft aufgenommen worden iſt. Die Arbeiter in der Fabrik haben in aller Stille für das Brautpaar ein koſtbares Hochzeitsgeſchenk angekauft und Hunderte von Frauen⸗ und Mädchenhänden winden Kränze und Guirlanden— kaum weiß man, wo ſie alle Platz finden ſollen. Und dennoch haben ſie alle Platz gefunden. Verwun⸗ dert blickt heute mancher Touriſt vom Bord der vorüber eilenden Dampfer nach der Villa am Ufer, die mit ihren bekränzten Säulen, Fenſtern und Balkons einem Feenpa⸗ laſte gleicht. Alle Gänge und Thüren im Innern ſind mit Kränzen und Guirlanden geſchmückt. Im Salon, wo der Flügel ſteht, hört man ein Klingen von Gläfern. Unter der kleinen Geſellſchaft feſtlich geſchmückter Herren und 206 Damen vermiſſen wir Herrn Liebezeit. Er hatte ſich ent⸗ ſchuldigt, daß er etwas ſpäter kommen werde. Endlich öffnete ſich die Thür und man gewahrte den Erwarteten, von Fuß bis zu Kopf ganz in Schwarz geklei⸗ det, bis auf den ſchmalen Weſtenſtreifen, der unter dem Fracke hervorſah; ihm zur Seite ging Troll, ein ſilbernes Service tragend, und mit ſichtlicher Anſtrengung die Ba⸗ lance des darauf herumklappernden feinen Porzellangeſchirrs überwachend; eine Deputation, aus den Spitzen der Werk⸗ ſtätten beſtehend, folgte beiden auf dem Fuße. Herr Liebezeit hatte die ſchwierige Aufgabe übernom⸗ men, das Hochzeitsgeſchenk im Namen des ganzen Fabrik⸗ perſonals zu überreichen und eine kleine Anrede an das Brautpaar zu halten. Sein weingeröthetes Geſicht(er hatte ſich vorher auf ſeinem Zimmer Muth zu getrunken) glich einer Feuersbrunſt und ſein Herz klopfte ſo gewaltig, daß ſeine Schläge die Knöpfe, die den Frack über der betreffen⸗ den Stelle zuſammenzuhalten hatten, zu zerſprengen drohten. In dieſem großen Augenblicke war es ihm wol zu verzeihen, wenn er vergaß, daß er die Spitze einer hinter ihm ſtehen⸗ den Deputation bildete, und— ſchon an der Thürſchwelle ſeine Rede begann, ſo daß die Uebrigen draußen bleiben mußten. Ein entſchloſſener, bärtiger Schmidt jedoch, ſchob den Redner auf die zartmöglichſte Weiſe vor und nun traten die Uebrigen ebenfalls ein, und Herr Liebezeit begann ſeine 207 Anſprache noch ein Mal von vorn. Der Eindruck der Letz⸗ teren wurde vielleicht dadurch etwas geſchmälert, daß das Gedächtniß des Redners ſich, wie ein ſcheues Roß, einige Male aufbäumte und den Wagen des Gedankenganges rückwärts ſchob, dann wieder plötzlich anzog und im hals⸗ brecheriſchen Galopp dem Ziele um ein großes Stück Wegs näher kam, dieſen Vortheil bald durch Ablenken auf unge⸗ bahnte Umwege jählings wieder aufgab, bald durch ver⸗ zweifelte Sätze über Gräben wieder einholte, um endlich doch noch lebendig das Ziel zu erreichen. Indeſſen— einen gewiſſen Eindruck hatte die Rede unleugbar hervorgebracht, das bewieß, als Liebezeit geſchloſſen hatte, das Stuhlrücken, das Rauſchen der Kleider, das Räuſpern und vielerlei an⸗ dere Laute und Bewegungen, durch welche ſich das Ver⸗ halten der Anweſenden nach der Rede von ihrem Verhalten während der Rede unterſchied.. Herr Liebezeit ahnte nicht, als er an der Tafel Platz genommen hatte, daß ihm eine kleine Ueberraſchung bevor⸗ ſtand. Mahlmann überreichte ihm nämlich eine Art Dip⸗ lom, einen Contrat, nach welchem dem Buchhalter und Caſſirer ſeine Stellung auf Lebensdauer geſichert wurde. Damit war die einzige Sorge gehoben, die ſein genügſames Herz bisher noch gedrückt hatte und Liebezeit war nun voll⸗ ſtändig glücklich, wenn ſchon er momentan bis hinter die Ohren erröthete und in Verlegenheit kam, ob er das mit dem 208 Handlungsſiegel verſehene, ſaubere Document zuſammen⸗ brechen und einſtecken dürfe, oder ob er es einſtweilen hier irgendwo aufbewahren ſolle, oder ob es nicht ein Beweis ſei, wie ſehr er die Urkunde ſchätze, wenn er ſie auf der Stelle nach Hauſe trüge. Laura, die ihm die Verlegenheit anmerkte, nahm ihm das Document ab und bewahrte es auf. „So würden denn,“ redete Mahlmann mit lauter Stimme Herrn Liebezeit an,„an dieſem Tage zwei Con⸗ tracte auf Lebenszeit geſchloſſen. Ein dritter ſtünde in Ausſicht, wenn Sie Froſt's Beiſpiele folgten.“ Liebezeit bemerkte, daß ſeine Nachbarin, Fräulein Steinwald, erröthete. Es ging ihm ein helles Verſtändniß auf. Dieſes Roth auf ihrem jungfräulichen Antlitz— war das nicht eine Art Siegellackprobe für die Vollzichung eines Contracts? Liebezeit—— Gutsbeſitzer in Zierfels——! Was aber würde dann aus dem Hauptbuche und dem feuerfeſten Geldſchrank,— was würde aus dem zierlich geſchriebenen Contract, der ihn heute mit Beiden nur inniger verknüpfte? Und jetzt fuhr ihm noch ein anderer Gedanke durch den Kopf:— Marianne war unſchuldig, ſie hatte ihn, bei Lichte betrachtet, eigentlich wohl nicht betrogen, aber Bertha 209 Steinwald war es, ſie trug an Allem die Schuld, ihr mußte er zürnen, und jetzt war der Augenblick der Ver⸗ geltung gekommen, jetzt war Liebezeit in der rechten Stim⸗ mung und mit blitzenden Augen antwortete er Herrn Mahlmann mit lauter Stimme: „Sie meinen, ich verſpüre Luſt, mich zu verheirathen? Ich denke von den Frauen wie von den Vöglein im Walde. Gern ſehe ich ſie von Zweig zu Zweig hüpfen, gern höre ich ſie ſingen. Aber fangen und nach Hauſe nehmen mag ich keins von ihnen. Im Bauer nehmen ſie ſich doch ganz anders aus, als in der Freiheit— entweder ſingen ſie gar nicht mehr, oder ſie ſchmettern Einem die Ohren voll.“ 3 Vielleicht hätte Liebezeit noch weiter geſprochen, wenn das ſchallende Gelächter der Anweſenden, in das er mit einſtimmte, ihn nicht gehindert hätte. Jetzt mußte Fräulein Steinwald dem Weinen nahe ſein und die Qualen ihres Innern mußten ſich auf ihrem Geſichte abſpiegeln. Triumphirend wandte Liebezeit den Kopf ein wenig ſeitwärts, um der Gedemüthigten einen verſtohlenen Blick zuzuwerfen. Wenn Liebezeit mit der ganzen Gewalt ſeines Kör⸗ pers ſtundenlang ſich gegen eine Thüre gelehnt hätte, um Eindringlingen Widerſtand zu leiſten, und endlich beim 210 behutſamen Oeffnen derſelben die Entdeckung machte, daß Niemand draußen ſteht— er würde genau daſſelbe Geſicht gezogen haben wie jetzt, wo er Fräulein Steinwald mit größter Unbefangenheit lachen ſah. Da der Haß nicht anſchlug, ſo griff er ſchnell zur Liebe und kehrte wemüthig zum Siegellackroth zurück. „Was ich da eben ſprach,“ ſagte er laut,„war na⸗ türlich nur im Scherz gemeint. Im Grunde genommen denke ich ganz anders von den Frauen und was einen Ehe⸗ contract anlangt, ſo ließe ſich das doch überlegen.— Ja, ja! ich werde mir's überlegen!“ 1 Alle freuten ſich, Herrn Liebezeit ſo heiter und beherzt zu ſehen. Draußen fahren die Wagen vor. Man macht ſich bereit, ſie zu beſteigen. Eine überaus zierliche, leichte V Karoſſe mit zwei feurigen Rappen beſpannt, iſt für die Braut beſtimmt.— Laura, obwol es ihr ſo bang um das Herz, ſo ſon⸗ derbar zu Muthe iſt, als träte ſie heute in eine fremde, ihr unbekannte Welt, kann ſich doch nicht enthalten, die Equi⸗ page eine Minute lang mit Wohlgefallen zu betrachten, worüber Mahlmann lächeln muß, denn er hat ſeiner kleinen V Laura dieſes Geſpann als Hochzeitsgeſchenk beſtimmt. Eine neugierige Volksmenge füllt die kleine Kirche zu Zierfels, und manchem jungen Mädchen entfährt ein 211 lautes Ach! beim Anblick der jugendlichen Braut. Kein Blick bleibt an dem langen, ihre zarten Formen umſchlie⸗ ßenden ſeidenen Brautgewande haften, nur das blendend ſchöne Antlitz will man ſehen— und was für ein Auge mag das ſein, das unter den langen Wimpern zu Boden blickt! In einem entfernten Winkel der Kirche ſtand ein ge⸗ beugter, ältlich ausſehender Mann, der keinen Blick von der Braut wegwandte. Seine Augen waren feucht. Als der Pfarrer den Namen Laura Marinelli nannte, ſchüttelte er mißbilligend den Kopf und verbeſſerte, leiſe murmelnd: „Laura Braag.“ Welch ein Augenblick, als Froſt an dieſem Tage, mit ſeiner jungen Gemahlin durch die Gemächer wandelnd, die Beide von heute an nicht wieder verlaſſen werden, ange⸗ ſichts der hier aufbewahrten heiligen Erinnerungen aus einer früheren ſchönen Zeit,— die Gefährtin an ſein Herz drückte und, Wange an Wange gelehnt, nichts zu ſagen vermochte, als:„Du biſt mein Weib!“ Lange Zeit ſtanden Beide in inniger Umarmung, da richtete ſich Froſt empor und blickte ſeiner Laura ernſt in das ſchöne Auge.. „Was haſt Du, Paul?“ frug ſie. „Ich denke daran, daß ich Dich einſt verſchmäht habe, daß ich dieſes Auge, das mich ſo liebend anblickt, einſt 212 trübte, und das ſchönſte Bild des Glückes, das die Vor⸗ ſehung je entwarf, zu vernichten im Begriffe war. Ich faſſe es nicht— ich ſchaudere vor mir ſelbſt zurück!“ „Guter, herzenslieber Paul,“ rief Laura, ſein Haupt auf ihre Achſel legend,„an einem Faden hängt oft das ganze Geſchick des Menſchen, aber ich glaube, der Himmel hat es erſt abgewogen und an dem dünnen Faden hängt es ſo ſicher, wie die Geſchicke Anderer an den ſtärkſten Banden. Blicke nicht mehr zurück. Blicke vor Dich und liebe mich.“ Es klopfte Jemand an die Thüre. Mahlmann trat herein und Laura und Froſt fielen ihm um den Hals, und Mahlmann, den ein weiches Gefühl beſchlich, zwang ſich zum Lachen. Und es gelang ihm, denn er lachte zuletzt aus vollem Herzen. 4 Mahlmann winkte der jungen Frau mit den Augen. „Jetzt?“ frug ſie leiſe und mit ſichtbarer Bewegung. „Jetzt,“ antwortete Mahlmann und gab Froſt ein Zeichen mit der Hand, ihm zu folgen. Die drei durch⸗ ſchritten mehrere Gemächer. Froſt ſah im Vorübergehen durch die geöffneten Fenſter im Parke unten Herrn Liebe⸗ zeit mit Fräulein Steinwald luſtwandeln, und nicht weit davon ſaß der Profeſſor auf einer Bank und malte mit dem Stocke plumpe Figuren in den Sand. In einem der Gemächer ſtieß Froſt auf ſeine Schwiegermutter, die 213 Laura's, der Schauſpielerin, in Stahl geſtochenes Portrait betrachtete. „So zieht auch dieſes Bild heute wieder hier ein,“ ſagte Froſt. „Es iſt ſtets hier geweſen,“ entgegnete die Mutter lächelnd,„der Profeſſor hat es kurz nach ſeiner Ankunft mir abverlangt und erſt heute wieder zurückgegeben.“ „Der Profeſſor?“ frug Froſt erſtaunt. Aber Mahl⸗ mann drängte ihn vorwärts und Froſt mußte den Wunſch nach Aufklärung unbefriedigt mit ſich fortnehmen bis in das Zimmer, das bisher dem Profeſſor als Atelier ge⸗ dient hatte. 3 Da ſtand Froſt am Ziele der Wanderung und ſah ſich vor einem Oelgemälde, das die halbe Wand einnahm. Im Anſchauen verloren, vergaß er Alles um ſich her. Er ſtand vor ſich ſelbſt, wie er unter einer alten ehr⸗ würdigen Eiche ſaß. Eine zarte Hand ruhte auf ſeiner linken Schulter— es war ihm, als fühlte er ſie wirklich. Es war die Hand ſeines Weibes, das ihm zur Linken ſaß in demſelben Brautgewande, welches ſie heute trug. Der Myrthenkranz zierte ihr ſchwarzes Haar— das war Laura Marinelli, wie nur eine Meiſterhand, die mit der Natur ſelbſt um den Lorbeer ringt, ſie nachbilden konnte! Auf der rechten Schulter Froſt's liegt eine andere Hand, denn ihm zur Rechten ruht noch eine Frauengeſtalt,— 214 wieder ſcheint es Froſt's Weib zu ſein und doch iſt ſie es nicht: dieſelben ſchwarzen, ſeelenvollen Augen und doch ein anderer Blick, dieſelbe gedankenvolle Stirne und doch ein anderer Gedanke— dieſelben leicht aufgeworfenen Purpurlippen und doch ein anderer Athem, der ihnen ent⸗ ſtrömt. Ihr Haupt ſchmückt keine Myrthe, aber der goldene Schein des Abendroths, das durch die Bäume glüht, verklärt ihr Antlitz und zieht ſich herab bis auf das maleriſche Gewand, das Froſt auf der Stelle wieder erkennt. Dieſe Frauengeſtalt, zur Rechten Froſt's, iſt Laura Braag — ſo war ſie und nicht anders! Ueber Froſt's Bruſt ſchlingen die beiden Schweſtern die Hände unzertrennlich in einander und dieſe Gruppe und der Bund, der ſie vereinigt, iſt die Löſung dreier Schickſale— und unſerer Erzählung. 5 Froſt ſtand und blickte nach dem Gemälde, bis ein Thränenquell ihm daſſelbe verdeckte. Er wandte ſich um und ſah ſeine Laura in einer entfernten Ecke ſtehen, als wage ſie nicht zu dem Bilde heranzutreten und neben Froſt zu ſtehen, wo Laura Braag auf ihn herabſchaute. Er ging auf ſie zu und weinte lange an ihrer Bruſt. Endlich ſah er ſich nach Mahlmann um— und fand ſich mit Laura allein. 3 Denn Mahlmann ſtand um dieſe Zeit mit dem ältlich ausſehenden Herrn, der heute früh ein Verſprechen des 215 Pfarrers verbeſſerte und in dem wir Bollhorn erkannt haben, in einem kleinen, traulichen Zimmer und ſagter dieſem, daß er von heute an hier wohnen werde. An milden Sommertagen ſitzt oft ein ältlicher, ſtiller Mann ganz allein in der Kirche zu Zierfels und ſchaut nach dem Altar und ſieht vor ſeinen träumenden Blicken dort eine Trauung vollziehen. Geſtalten, die dem Tauf⸗ becken entſteigen, verdecken plötzlich das Bild. Helden ſind es, die das Schwert zu führen wiſſen, Herrſcher mit Kro⸗ nen auf dem Haupte, Männer ſind es, die bald wild und trotzig, bald groß und edel einſt tauſend Menſchenherzen überwältigt haben und jede der Geſtalten hat einen ver⸗ wandten Zug von dem Träumenden. Dieſes Taufbecken iſt das Grab ſeines Genius. Was von Unſterblichkeit noch übrig blieb, widmet ſich den zwei lieblichen Kindern, die draußen vor der Kirchthüre ſchweigend warten, bis der 4 alte Freund aus ſeinen Träumen erwacht und mit ihnen Hand in Hand den Heimweg antritt. 8 Ende des zweiten und letzten Theils. 8 — — 5 — Druck von Gieſecke& Devrient. —ſ“ “ ArxunxauaxEEEE ffffffffßf ffffffff S 16 17 18 19 9 10 11 12 13 14 1