deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von. 8* Eduard Okltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens J jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————V—.— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mr.— Ff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Windſtille..... 73 Jünfies Gapitel. Berichte........ 77 Fechſtes Capitel. Blindeknh........ 92 Siebentes Capitel. Geknickte Roſen........ 121 Achtes Capitel. Erfolge.......... 1936 Neuntes Cupitel. Pfänder........ 142 Iehntes Capitel. Reiſecapitel......„ 154 Elftes Gapitel. gaura........ 164 Zwölfies Capitel. Adelarde.......... 189 Der beſeelte Schatten. Erſter Theil. Erſtes Capitel. Abſchied. In einer Seeſtadt Siciliens, in einer Vorſtadtſtraße, die nach dem Hafen führt, ſtand ein kleines Häuschen, das ſich vor den andern durch ſeine eigenthümliche Bauart auszeichnete. Die Räumlichkeiten deſſelben beſtanden nur aus einem Parterre und aus einer Dachwohnung. Das Dach nahm ſich faſt aus wie ein dreieckiger Hut und hatte ein Fenſter nach der Straße zu und eins nach dem Hof⸗ raum hinaus. Im Parterre dieſes Hauſes wohnte ein Schiffsführer mit ſeiner Frau und einer erwachſenen Tochter. Er war Kapitän eines Seglers, der ſüditalie⸗ niſche Produkte nach Trieſt führte und befand ſich fort⸗ während auf See. Frau und Tochter betrieben einen kleinen Handel mit unächten Schmuckſachen, Perlen und jenen phantaſtiſchen Muſchelkäſtchen, die man auch in 1 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 10 Deutſchland auf Meſſen und Märkten von italieniſchen Hauſirern feilbieten ſieht. Wenn der Lärm auf der belebten Straße ſchwieg, um die Zeit, wo die Sonne längſt in's Meer geſunken war und die vor ihren Thüren auf offener Straße arbeitenden Handwerker endlich die Ruhe aufgeſucht hatten; wenn die ſpäte Nachtſtunde eintrat, wo die Schritte eines auf der Straße Gehenden durch die tiefe Stille bis in die oberſten Stockwerke der höchſten Gebäude gehört werden konnten— da vernahm man in der Nähe jenes Häuschens eigenthüm⸗ liche, wunderbare Töne. Am Tage gingen ſie in dem Toben und Schreien der Menſchenmenge unter und Nie⸗ mand hörte ſie. Aber in der Nacht war ſchon Mancher überraſcht ſtehen geblieben und hatte den klagenden Accorden gelauſcht, die wie Sphärenklänge leiſe einherrauſchten und von der Nachtluft gebracht und, allmählich ferner und fer⸗ ner tönend, davongeführt zu werden ſchienen. Dieſe Töne kamen von einer Aeolsharfe, die vor dem Dachfenſter des erwähnten Häuschens hing. Bea⸗ trice, die ſechszehnjährige Tochter des Kapitäns, lag oft ſchlummerlos auf ihrem Lager und lauſchte den Klängen, und wenn ſie entſchlief, ſo ſchlichen ſie ſich in ihre Träume ein, und dann träumte ſie von ihm, der dort oben wohnte und die Aeolsharfe vor ſein Fenſter gehangen hatte. Wie jene ſüßen, klagenden Accorde, ſo erſchien er ihr ſelbſt. 11 Wie jene Aeolsharfe in einem geheimnißvollen Zuſammen⸗ hange ſtand mit den unſichtbaren durch ihre Saiten ziehen⸗ den Lüften, ſo ſchien auch der Fremdling aus dem fernen Norden von einem Elemente beeinflußt zu werden, das aus dem ſchwermüthigen Blicke ſeiner blauen Augen, aus dem Ernſte ſeiner ſchönen Geſichtszüge ſprach, wie ein Accord der Aeolsharfe. Es war noch kein Jahr her, ſeit er von Beatricens Eltern das Stübchen oben gemiethet hatte. Er hieß Froſt und gab ſich für einen Deutſchen aus. Nie hatte er von ſeiner deutſchen Heimath erzählt, wohl aber hatte Kapitän Bonaventura ſich ſagen laſſen, daß„Froſt“ eben ſo gut auch ein engliſcher Name ſein könne, und da er den Frem⸗ den in flüchtigem Verkehr mit Engländern beobachtet hatte und bemerkt zu haben glaubte, daß er deren Sprache redete, als wäre es ſeine Mutterſprache, ſo hielt er ihn für einen Engländer. Er hatte dazu noch andere, gewichtigere Gründe, auf die wir ſpäter zu ſprechen kommen. Froſt war ſeines Metiers ein Kaufmann und arbei⸗ tete den ganzen Tag auf einem Comptoir in der Stadt. Die ganze Nachbarſchaft kannte ihn als den Beſitzer der Aeolsharfe und hörte nicht auf, ihn deshalb mit neu⸗ gierigen Blicken zu betrachten. Beatrice's Intereſſe wurde durch noch tiefergreifende Wahrnehmungen wach gehalten: Beatrice— das ſchön 1* 12 entfaltete Mädchen mit dem dunklen, ſüdlichen Teint, den flammenden, ſchwarzen Augen und dem dunklen Haar— konnte ſich nicht erinnern, nur einen einzigen Blick aus den blauen Augen des Fremdlings erhalten zu haben, ſo lange ſie ihn kannte. Er ſah ſie nie an, wenn er, was ſelten geſchah, mit ihr ſprach.— Sie hatte ihm einſt eine Vaſe mit Roſen und Narziſſen in ſein Zimmer geſtellt. Als die Blumen nach mehreren Tagen verwelkt waren und Beatrice einen friſchen Strauß brachte, ſagte er zu ihr: „Ich habe die Blumen begoſſen, weil ich Ihnen nicht un⸗ dankbar erſcheinen wollte; ich haſſe die Blumen nicht, aber ihr Anblick macht mir keine Freude; ich kann den Blumen⸗ duft nicht vertragen. Behalten Sie dieſen Strauß oder ſchenken Sie ihn Jemandem, den Sie glücklicher damit machen, als mich.“ Seit Froſt in das Häuschen eingezogen war, hatte Beatrice kein Herz und keine Augen mehr für ihre feurigen, ſonnengebräunten jungen Landsleute. Mutter und Tochter ſaßen des Abends gewöhnlich vor der Thür, mit kleinen Handarbeiten beſchäftigt, und zuweilen geſchah es, daß Froſt, wenn er nach Hauſe kam, ihnen Geſellſchaft leiſtete. Er ſprach wenig und erzählte nur von ſeinen Wanderungen durch Italien, das er genauer kannte, als die beiden eingeborenen Italienerinnen ſelbſt. An ſolchen Abenden ließ ſich Beatrice die Gelegenheit 13 nicht entgehen, die Nähe des ſchönen Fremdlings zu genie⸗ ßen. Sie hing ununterbrochen an ſeinen tiefblauen Augen, die ſich ewig von ihr abwandten, bis er den auf ſich ge⸗ richteten flammenden Blick Beatricens fühlte und mit einem„felice notte“ aufſtand und hinauf nach ſeinem Zimmer ging. Beatrice hörte dann des Nachts im Schlafe die Accorde der Aeolsharfe und ſah, wie die Harfe ſich in eine Jungfrau verwandelte, mit blauen Augen wie die ſeinigen, mit braunen Locken, wie er ſie hatte; ſie ſah, wie Froſt an das Fenſter kam und mit ſeinen Armen das blonde Mädchen zärtlich umſchlang; ſie ſah, wie beide heiße Küſſe tauſchten und hörte ſie in Tönen wie die Harfen⸗ accorde mit einander ſprechen. Mit einem wilden Schrei fuhr Beatrice empor und erwachte.— Dieſer Traum wiederholte ſich oft. Er entſprang ihren geheimſten Ge⸗ danken über den räthſelhaften Nordländer, er war der Ausdruck einer Ahnung, die Beatrice ſich nicht ganz ein⸗ zugeſtehen wagte. Sie hatte einſt den Traum ihrer Mutter erzählt, mit anſcheinender Gleichgültigkeit, ohne im Leiſeſten zu verrathen, daß ihr Herz irgend einen An⸗ theil daran habe. Den Abend darauf ſaß Froſt mit Mutter und Tochter vor der Thür. Er ſtarrte eine lange Zeit vor ſich hin. Beide beobachteten ihn.„Woran denken Sie?“ fragte die Mutter lächelnd,„an die blonde Geliebte in der Heimath?“ Wie er erröthen würde, wie 14 er dadurch verrathen würde, daß er wirklich eine Neigung in ſich trägt, die ihn für Beatrice blind macht— Beatrice wollte nicht Zeuge dieſer Entdeckung ſein! Während die Mutter ihre Frage noch nicht vollendet hatte, war ſie auf⸗ geſprungen und davon geeilt. Sie fühlte ihre Wangen brennen, ſie hörte ihr Herz klopfen; ein Gefühl maßloſer Bitterkeit war über ſie gekommen; ſie haßte ihre Mutter, die jene Frage ausgeſprochen hatte, ſie haßte den Deutſchen und ſeine Aeolsharfe und ſeine blonde Geliebte und zuletzt haßte ſie ſich ſelbſt. In dieſer qualvollen Stimmung irrte ſie am Strande umher, bis die milden Meereslüfte ihr glühendes Antlitz gekühlt hatten. Spät erſt kam ſie zu der geängſtigten Mutter zurück, deren„gute Nacht“ beim Schlafengehen ſie unerwiedert ließ. Hätte ſie Froſt's Antwort auf die verhängnißvolle Frage abgewartet, hätte ſie ihn ruhig und feſt beobachtet, ſo würde ſie Zeuge ge⸗ weſen ſein, wie ein finſterer Schatten über ſeine Geſichts⸗ züge ſchlich und wie er unter leiſem Kopfſchütteln erwiederte: „Ich habe keine Geliebte!“ In dieſer Nacht kehrte Beatricens Traum wieder. Sie erwachte darüber und konnte nicht wieder einſchlafen. Den Kopf auf die Hand geſtützt, ſaß ſie auf ihrem Lager, im Kampfe mit ihrer glühenden Leidenſchaft für den Fremdling oben. Die junge Sicilianerin kannte Alles, nur nicht die Kunſt des Entſagens. Sie dachte nicht 15⁵ „ daran, wenigſtens einen Verſuch zu machen, ihre unerwie⸗ derte heimliche Liebe in ſich zu erſticken, jeden aufſteigenden Gedanken an Froſt durch irgend einen andern zurückzu⸗ drängen, den Jüngling nicht mehr anzublicken, ſeine Nähe zu meiden. Sie zog vielmehr mit Gewalt ſeine Erſchei⸗ nung zu ſich heran; es ſtand feſt in ihr, ſie wollte, ſie konnte nicht von ihm laſſen; ſie mußte ihrer Leidenſchaft genügen, dadurch, daß ſie Froſt mit ihrem Leben eng ver⸗ knüpfte und wäre es durch den— Tod! Beatrice verließ ihr Lager und ging ruhelos in ihrem Schlafgemach auf und ab. Dann trat ſie an's Fenſter und blickte auf die Straße hinaus. Es war dunkel drau⸗ ßen, aber wenige Schritte vom Fenſter ſpielte ein matter Lichtſchein auf dem Erdboden. Beatrice unterſchied bei längerem Hinſehen mitten in der lichten Stelle den ſchwa⸗ chen Schatten eines Fenſterkreuzes. Das konnte nur von Froſt's Fenſter kommen, er mußte Licht in ſeinem Zimmer brennen. Mitternacht war längſt vorüber. Beatrice ſchlich leiſe hinaus auf die Straße und blickte zu Froſt's Fenſter hinauf. In der That, es war erleuchtet. Bea⸗ trice erbebte, halb freudig, halb in ängſtlicher Spannung vor dem Entſchluſſe, zu Froſt hinauf zu ſchleichen, ſein nächtliches Treiben zu belauſchen und vor dem Gedanken, vielleicht ein Geheimniß entſchleiert zu ſehen. Sie führte ihren Entſchluß auf der Stelle aus und befand ſich bald 16 vor Froſt's Thür, die ſie leiſe öffnete, gleichviel ob er es bemerkte oder nicht. Aber er wurde von Beatricens Ein⸗ treten nichts gewahr. Er ſaß vor ſeinem Tiſche und ſchrieb. Von ſeinem Antlitz war der Lauſcherin nur ein kleiner Theil zugewandt, doch reichte dies für ſie hin, die fieberhafte Aufregung zu beobachten, die ſeine Geſichtszüge beherrſchte und ſich auch der Hand mitzutheilen ſchien, welche mit eilender Haſt die Feder führte. Beatrice blieb eine volle Viertelſtunde an der Thür ſtehen. Je⸗ länger ſie ihn betrachtete, deſto mehr begann ſie ſich vor dem Gedanken zu fürchten, von ihm doch noch bemerkt zu werden. Sie hielt den Athem an und horchte dem ein⸗ ſamen Geräuſch der über das Papier raſchelnden Feder, die keinen Augenblick raſtete. Beatrice blieb, bis vor dem Fenſter plötzlich die Saiten der Aeolsharfe erklangen, ſie klangen lange fort, Froſt hörte auf zu ſchreiben und blickte, den Kopf auf die Hand geſtützt, in die dunkle Nacht hinaus. Beatrice ſtahl ſich aus dem Zimmer. 4 Ob Froſt an die ferne Geliebte ſchrieb? Dieſe in Beatricens Gedanken aufſteigende, von ihr halb unterdrückte Frage fand allmählich ihre Beantwortung. Seit jener Nacht erwachte Beatrice regelmäßig um dieſelbe Stunde aus ihrem Schlummer; ſie trat an das Fenſter und be⸗ merkte jede Nacht den Lichtſchein auf der Straße, der von Froſt's nächtlicher Thätigkeit Zeugniß ablegte. Beatrice 17 überzeugte ſich mehrere Male, daß er, wie damals, an ſei⸗ nem Tiſche ſaß und ſchrieb. So war es mehrere Wochen fortgegangen und Beatrice war zu der Einſicht gekommen, daß Froſt's Nachtarbeiten die Natur eines Briefwechſels mit einer Geliebten nicht an ſich trugen. Kapitän Bonaventura ſtand im Begriff, eine neue Fahrt nach Trieſt anzutreten. Sein Schiff nahm eine Ladung Orangen ein. Er war nach langem Tagewerke eben vom Hafen gekommen und ſaß mit Frau und Tochter vor ſeinem Hauſe. Der etwas unterſetzte, ziemlich beleibte Seemann, deſſen braunes Geſicht von dem ſchwarzen Haupt⸗ und Barthaar wie von einem Kranze eingefaßt war, vereinte mit der ſeiner Nation eigenen Lebhaftigkeit ein bewegliches, ruheloſes Weſen, das ihm von ſeinem Berufe zur zweiten Natur geworden war. Er lebte mit ſeiner Frau im beſten Einvernehmen und dennoch konnte man glauben, ſein Verkehr mit ihr beſtehe in einem fort⸗ währenden heftigen Wortwechſel. So lange er daheim war, dröhnte das ganze Haus von ſeiner lauten Stimme, die niemals ſchwieg. Auch jetzt, wo er vor der Thür ſaß, erregte er in Jedem, der ihn von weitem beobachtete, den Verdacht, daß er mit ſeiner Umgebung eben einen hitzigen Streit führte. Er fachirte mit beiden Händen in der Luft, ſchlug mitunter mit der Fauſt heftig auf den Tiſch und genoß ſo wenig die Ruhe des Sitzens, daß ſein Stuhl * 18 fortwährend unter ihm tanzte. Dabei blies er ſtarke Rauchwolken aus ſeiner Cigarre in die klare Abendluft und nahm nach jedem Zuge die Cigarre aus dem Munde, um ſie, je nachdem er die eine oder die andere Hand zu einer Bewegung oder zu einem dröhnenden Schlage auf den Tiſch brauchte, aus der Linken in die Rechte und aus der Rechten in die Linke wandern zu laſſen. Und all dieſe drohenden Gebehrden, all dieſer Kraftaufwand der Stimme — galt einer höchſt gemüthlichen Beſchreibung, die er ſeiner Frau und Tochter von den glänzenden Läden und Schau⸗ fenſtern Trieſts entwarf. Sein lebhaftes Geſpräch gerieth plötzlich in's Stocken; er ſah Jemand von Weitem kommen, der ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von dem bisherigen Gegenſtande ſeiner Unterhal⸗ tung abzog. Der Ankommende war Froſt, der um dieſe ſpäte Abendſtunde vom Comptoir nach Hauſe zurück zu kehren pflegte. Der Kapitän nahm jederzeit ein ganz be⸗ ſonderes Intereſſe an Froſt. Auch jetzt falteten ſich ſeine markirten Geſichtszüge zu einem Lächeln, in welchem eine aufmerkſame Beobachtung und zugleich ein gewiſſes Be⸗ fremden lag; ſeine kleinen ſchwarzen Augen blickten ſchlau und bewundernd auf Froſt, der eben heran trat und die kleine Geſellſchaft höflich grüßte. „Sie gehen wieder unter Segel?“ fragte Froſt den Kapitän. 19 „Ja, Signor Froſt.“ „Nach Trieſt?“ Der Kapitän bejahte abermals. Froſt ſtand eine Weile unſchlüſſig. Beatrice und ihr Vater merkten ihm an, daß ſich an dieſe einfache Frage ein größeres Intereſſe knüpfte, als die bloße Artigkeit, den Angelegenheiten des Hausherren einige Theilnahme zu widmen. Beide waren in gleicher Spannung, wenn dieſe auch ganz ungleichen Motiven entſprang.— Nach einigem Zögern ſagte Froſt zum Kapitän:„Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen ſprechen.“ Froſt lud während dieſer Rede den Kapitän durch eine beſcheidene Handbewegung ein, ihn hinauf zu begleiten und folgte ihm in's Haus. Sie ſtiegen beide die Treppe zu Froſt's Wohnung hinauf. Die Hausfrau ſah ihnen neugierig nach, Beatrice ſtarrte finſter vor ſich hin. Bonaventura kam bald wieder herab und ſetzte ſich ſchweigend in ſeinen Stuhl. Er ſchien jetzt das gerade Gegentheil von vorhin zu ſein. Die beiden nackten Elbogen(er hatte ſtets die Hemdärmel empor⸗ geſtreift) auf die Stuhllehne aufgeſtemmt, ſaß er in zurück⸗ gelehnter Haltung lange da. Und dieſe veränderte er ſelbſt dann nicht, wenn er die Cigarre aus dem Munde nehmen oder wieder zum Munde führen wollte; in beiden Fällen neigte er ſich mit dem Kopfe ſo weit zu der emporgeſtreckten Hand herab, daß er mit dem Munde die Cigarre erfaſſen „ 4 20 konnte. Beatrice ſchien ſich damit zu unterhalten, daß ſie beobachtete, wie die Quaſte auf der Mütze ihres Vaters den Bewegungen des Letzteren folgte, und, je nachdem dieſer ſich vor⸗ oder rückwärts beugte, auf deſſen Stirn oder nach dem Nacken herabfiel. Die Mutter brach endlich das lange Schweigen und fragte nach dem Anliegen Froſt's. „Hm,“ brummte Bonaventura und ſah vorſichtig zu Froſt's Fenſter hinauf,„Ihr wißt doch— die drei Leder⸗ koffer— die oben in Signor Froſt's Zimmer ſtehen?“ „Was iſt mit ihnen?“. „Die ſoll ich ihm mit nach Trieſt nehmen.“ „Und das iſt Alles?“ „Habt Ihr jemals die Koffer offen ſtehen ſehen?“ fragte Bonaventura ſehr geheimnißvoll. „Nein, ſie waren ſtets verſchloſſen.“ „Ich ſoll ſie mitnehmen, in Orangenkiſten verpackt, ſie ſollen als Orangen deklarirt werden, um auf dieſe Weiſe vor jeder ſpeciellen Zollreviſion bewahrt zu bleiben. Es liegt ihm ungeheuer viel daran, er hat mich dringend darum gebeten; aber ich weiß noch nicht, was ich thue.“ „Signor Froſt ſcheint arm zu ſein,“ ſagte Bonaven⸗ tura's Frau,„er wird den hohen Zoll erſparen wollen.“ Bonaventura rückte näher zu ſeiner Frau heran und ſprach mit ſehr leiſer Stimme:„Ich glaube, die Koffer enthalten Dinge, für die es gar keinen Zollſatz giebt, 21 Dinge, die um keinen Preis der Welt von der Dogana durchgelaſſen werden würden.— Hört mich an! Bei mei⸗ nem letzten Hierſein traf ich in dem Straßengewühl der Stadt eines Tages zufällig mit Signor Froſt zuſammen. Wir waren mit einander eine gute Strecke gegangen, als plötzlich ein Mann auf Froſt zuſtürzte, mit einer Freude, ſo wild— wie der Kerl ſelbſt. Er ſah aus, wie ein Räuber, benahm ſich, als wäre der Signor ſeit lange ſein beſter Freund und zog ihn endlich mit ſich in ein Wein⸗ haus, wo er auf Froſt's Geſundheit eine Botiglia nach der andern leerte.— Zuletzt preßte er ihm noch alles Geld ab, das er bei ſich hatte, und nur durch eine Liſt kamen Signor Froſt und ich wieder von ihm los. Sind Sie mit dieſem Menſchen wirklich bekannt? fragte ich den Signor, obwohl ich davon durch die verſteckten Winke und Reden des Kerls ſchon überzeugt war. Sie werden er⸗ ſtaunt ſein, antwortete er, wie ich in ſolche Geſellſchaft gerathen konnte; im Vertrauen geſagt, dieſer Mann hat mir meine Koffer von Rom nach Neapel gepaſcht, wie ich denn überhaupt dieſe ganze Reiſe in ſeiner und ähnlicher Geſellſchaft zurückgelegt habe. Ich wollte mich von den Koffern nicht trennen und habe die unwegſamſten und ge⸗ fährlichſten Gegenden durchwandert, wie gewiß ſelten ein europäiſcher Reiſender. Ich bin überzeugt, ſagte Signor Froſt, jener Abenteurer und ſeines Gleichen wären fähig 22 geweſen, dieſer Koffer wegen einen Poſtwagen anzufallen und nöthigenfalls die Paſſagiere zu erdolchen. Ich über⸗ lieferte mich ſammt meinen Koffern freiwillig ſeiner Groß⸗ muth, ſagte ihm, um was es ſich handele, und verſprach ihm eine gute Belohnung. Und er hat den eingegangenen Pakt ehrlich erfülllt. „Ich wollte den Signor Froſt nicht fragen, welchen Grund er habe, die Dogana zu umgehen und ſich jenen Gefahren auszuſetzen. Er aber kam mir zuvor. Was die Koffer Wichtiges enthalten?— werden Sie fragen, ſagte er lächelnd. Nichts, gar nichts, an dem die Dogana Anſtoß nehmen würde; es iſt nur eine Grille von mir, die Koffer nicht öffnen und fremde Hände darin herumwühlen zu laſſen. Ich ſelbſt öffne ſie nie. Es iſt nur eine Grille.“— Bonaventura ſchwieg eine Weile ſtill, als wollte er den Frauen Muße gönnen, über ſeine Erzählung reiflich nachzudenken. Dann endlich begann er wieder: Wollt Ihr aber wiſſen, was die Koffer enthalten?“ Er hatte den Anfang dieſer Frage ganz leiſe und langſam geſprochen, war aber mit jedem neuen Worte immer lauter und heftiger geworden, ſo daß er das letzte Wort gewaltig herausſchrie und dazu von ſeinem Stuhle aufgeſprun⸗ gen war. Seine Frau wies erſchrocken zu dem Fenſter des⸗ 23 jenigen hinauf, von dem die Rede war, und beſchwor ihren Mann bei allen Heiligen, leiſe zu ſprechen. Er beugte ſich weit über den Tiſch zu ihr herüber und ſagte in gedämpftem, feierlichem Tone: „Staatsgefährliche Schriften ſind darin, Flugblätter, Aufrufe zur Revolution, wenn nicht gar auch Mord⸗ maſchinen!— Ich habe den ſtillen, in ſich gekehrten Lockenkopf herzlich lieb gewonnen, aber ich halte ihn für einen— einen engliſchen Emiſſär, der in unſerm Lande heimliche politiſche Zwecke verfolgt.“ Die Kapitänsfrau ſchüttelte ungläubig den Kopf. Beatrice aber war in ein Meer von Gedanken und Vor⸗ ſtellungen verſunken, die ſie endlich zu dem Reſultate führten, daß Froſt's Nachtarbeiten mit jener gefährlichen Miſſion in dem naturgemäßeſten Zuſammenhange ſtänden, und daß jener Kaltſinn gegen Beatrice nicht dem Einfluſſe einer Nebenbuhlerin, ſondern der Hingebung an die ſchwie⸗ rigen Lebensaufgaben zuzuſchreiben ſei, die Froſt ſich ge⸗ ſtellt habe. In Beatrice erwachte eine freudige Hoffnung, durch welche die Flammen ihrer Leidenſchaft von Neuem geſchürt wurden. Sie faßte den Entſchluß, ſich in ſeine Arme zu werfen, ihm ihre Liebe zu geſtehen, ihn auf den Knieen zu bitten, ſeine gefährliche Laufbahn aufzugeben und in ihren Armen ein ſtilles, harmloſes Leben zu führen.— Er wird 24 ihr folgen, nichts iſt ſo mächtig als die Liebe, ſein Herz iſt noch von keinem andern Mädchen eingenommen, ſo kann es Beatrice noch beſiegen.— Gewiß, er wird ihr folgen! Aus dieſen Gedanken wurde Beatrice geweckt, indem ſie die Mutter fragen hörte: „Und was ſollen Signor Froſt's Koffer in Trieſt?“ „Von da gehen ſie weiter, nach Deutſchland, wie er ſagt,“ antwortete Bonaventura,„am beſtimmten Orte wird er ſie dann ſchon wiederfinden.“ „Wiederfinden!?“ fragte die Kapitänsfrau. „Wiederfinden,“ wiederholte Bonaventura,„ſobald er nachkommt.“ Beatrice erſtarrte. Ihr dunkles Antlitz wurde mar⸗ morbleich. „Faſt hätte ich's zu ſagen vergeſſen,“ fuhr Bonaven⸗ tura fort,„das war ja die Hauptſache, Signor Froſt ſehnt ſich, wie er ſagt, nach ſeinem Vaterlande zurück, und will uns in einigen Wochen verlaſſen. Bis er dann nach Trieſt kommt, würden ſeine Koffer auch dort ſein.“ In dieſem Augenblicke ſprang Beatrice von ihrem Stuhle auf und rief, während ihre Augen wild funkelten und ihre Hand ſich befehlend gegen den Vater ausſtreckte, mit lauter Stimme:„Du nimmſt die Koffer nicht mit!“ Vater und Mutter waren hierüber für den Augen⸗ blick zwar befremdet, aber beide kannten das innerſte Weſen 25 ihrer Tochter zu wenig, um ſie zu verſtehen, hatte doch die Mutter nicht die leiſeſte Ahnung von Beatrice's Liebe zu Froſt. „Du denkſt, Beatrice, ich fürchte mich, die Koffer unter ſolchen Umſtänden mitzunehmen?“ entgegnete Bo⸗ naventura,„Du kennſt Deinen Vater ſchlecht. Mein Muth iſt größer als die Gefahr, ich werde ſie nun doch mit⸗ nehmen; habe keine Angſt um mich.“ Beatrice hörte die letzten Worte nicht.— Sie war davon geeilt. Von dieſer Stunde an ſchien Beatrice ein anderes Weſen zu ſein. Sie kümmerte ſich um Nichts, was im Hauſe vorging. In ihren dunkeln Augen brannte ein verzehrendes Feuer, ihre aufgerichtete, ſchlanke Geſtalt hatte den Halt verloren, Beatrice ſchien kleiner geworden zu ſein; ſie ſchlich ſtill im Hauſe umher, und wo ſie einen Stuhl oder eine Bank fand, da ſetzte ſie ſich nieder und ſtarrte vor ſich hin. Sie wußte jetzt, was ihr bisher Kraft gegeben hatte, das Gefühl unerwiederter Liebe zu ertragen: ſie hatte ſich auf die Zeit verlaſſen; die Zeit würde ihre heißeſten Wiunſche erfüllen, die Zeit würde Froſt's Blicke auf ſie richten, und ſein Herz für ſie erwärmen, die Zeit würde günſtige Gelegenheiten mit ſich bringen zu einer gegen⸗ ſeitigen Annäherung. Hatte ſich doch Beatrice in ihrer glühenden Phantaſie ſchon ein Bild gemalt, wo ſie den 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 2 26 ſeltſamen Jüngling mit Gefahr ihres eigenen Lebens vom Tode rettete, und mit ſeiner Dankbarkeit ſeine Liebe als Lohn empfing! Die Zeit würde dem Geliebten Alles entdecken, was Beatrice ihm zu enthüllen zu ſtolz war. Die Zeit würde Alles thun! Aber dieſe Hoffnung auf die Zeit war ein Wechſel mit unausgefülltem Verfalltage. Ein boshaftes Geſchick füllte die leere Stelle plötzlich aus und rückte den Termin in furchtbare Nähe. Und die Zeit konnte ihn nicht mehr einlöſen! Auch Beatricen's Stolz war aufs Tiefſte verletzt. Sie hatte dennoch im Stillen an eine Neigung Froſt's zu ihr geglaubt; ſie hatte nicht im Entfernteſten geahnt, daß er mit eigner Hand willkürlich die ganze Zukunft ſeiner Bekanntſchaft mit Beatrice zerreißen würde. Aber trotz dieſer ſchreienden Zurückſetzung klammer⸗ ten ſich Beatricen's Gedanken nur noch feſter an Froſt. Um die Stunde, wo er Morgens das Haus verließ, um die Stunde, wo er Abends wiederkehrte, lehnte ihr geiſterbleiches Geſicht am Fenſter, und mit gierigen Blicken hing ſie an ihm, wenn er erſchien— bis er aus dem Bereich ihres Geſichtskreiſes war. 1 In der Nacht vor Bonaventura's Abfahrt nach Trieſt hörte Beatrice auf Froſt's Treppe die Schritte von mehreren Männern. Sie wußte, daß man die Koffer ab⸗ holte, um ſie zum Schiff zu bringen. Das war der An⸗ fang zur Trennung— zur ewigen Trennung! Sie hörte die Männer wieder herabkommen, die Schritte klangen jetzt ſchwerer, man trug die Koffer herab. Sie hörte, wie ſie draußen auf einen Wagen geſtellt wurden und wie der Wagen fortfuhr, und lange noch hörte ſie in der Ferne durch die ſtille Nacht die Räder kreiſchen. Das war der Anfang zur ewigen Trennung! An andern Tage ging ſie hinauf, als Froſt nicht da war, in ſein Zimmer und betrachtete lange, lange die leere Stelle, wo ſeine Koffer geſtanden hatten.— Die Tage entſchwanden wie Stunden, und immer näher rückte der Abgangstag des Dampfers, mit welchem Froſt reiſen wollte. In Beatrice dämmerte ein dunkler Entſchluß; ſie wollte Froſt mit ſich verbinden, an ſich feſſeln für immer— durch den Tod! Aber es war ein Geſpenſt ihrer Leidenſchaft, es gab ein Wiſſen in Beatrice, welches ihr ſagte, daß ſie es nie zu thun vermöge; trotzdem glaubte ſie daran, der ſchwarze Plan war ihre einzige Stütze.— Der Tag der Abreiſe rückte näher und näher. Eines Abends lehnte ihr bleiches Geſicht wieder am Fenſter. Sie wartete auf Froſt's Heimkehr. Er kam, und trug unterm Arme eine Schreibmappe und mehrere Bücher. Sie 42⸗ 28 bemerkte, daß die Mutter die Stube verließ, und hörte, wie Froſt ſie in der Hausflur grüßte. „Wie ſchwer Sie zu tragen haben!“ ſagte die Mutter draußen zu Froſt, während Beatrice an der Thür horchte. „Ja,“ war die Antwort,„ich habe meinen Platz heute im Comptoir geräumt, und meine Habſeligkeiten mitgenommen, um ſie einzupacken.“ „Sie gehen nicht wieder hin?“ „Nein, ich bin jetzt frei.“ „Es thut uns Allen herzlich leid, daß Sie uns ver⸗ laſſen, wir werden nicht nur Sie, ſondern auch die Aeols⸗ harfe ſehr vermiſſen.“ „Die Aeolsharfe laſſe ich zurück für Signora Beatrice zur Erinnerung an mich.“ „Ahl wie die ſich freuen wird!“ Beatrice hätte in Thränen zerfließen mögen, aber ſie konnte nicht weinen. Eine einzige gedrückte Thräne kam aus ihrem Auge, ſie fühlte ſie erſt, als ſie ihr auf die Hand herabtropfte. Eine Empfindung wie die des Erſtickens ſchnürte ihr den Hals zuſammen. Dieſer ahnungsloſe Gleichmuth ihrer Mutter! dieſe Aufmerkſamkeit Froſt's, der Beatrice die Harfe zurück⸗ laſſen will, und dafür Alles mitnimmt, was ſie beſaß— ihre Ruhe, ihren Frieden! 29 . Und nun kam die letzte Nacht, in der Froſt unter dieſem Dache ſchlief. Beatrice hörte die Aeolsharfe klingen, ſie ſtand auf und ſah auf der Straße draußen den alten bekannten Lichtſchein von Froſt's Fenſter. Leiſe ſchlich ſie ſich die Treppe hinauf und ſah zur Thüre herein. Er ſaß vor ſeinem Tiſche und ſchrieb. Von ſeinem Antlitz war der Lauſcherin nur ein kleiner Theil zugewandt, genug für ſie, um die fieberhafte Aufregung zu beobachten, die ſeine Geſichtszüge beherrſchte, und ſich auch der Hand mitzu⸗ theilen ſchien, welche mit eilender Haſt die Feder führte. „Soll ich nachher wieder kommen?“ fragte Beatrice den Schreibenden.„Ja,“ antwortete er freundlich und Beatrice ging wieder hinaus. Sie wußte nicht, wohin ſie ging, ſie entſann ſich nicht, wo ſie ſich inzwiſchen aufgehalten hatte, ſie ſah ſich plötzlich in Froſt's Zimmer wieder, und fand es finſter und ſtill. Schnell zündete ſie Licht. Es war leer. Sie ſtürzte hinab auf die Straße und hörte die Nachbarn ſagen, daß Froſt fort ſei. Sie eilte nach dem Hafen. Es war lichter Tag geworden. Im ganzen Hafen war kein einziges Schiff zu erblicken. Das Meer warf hohe Wellen, ſo weit ſie ſehen konnte; ſie rührten von dem Rieſendampfer, mit dem Froſt abgereiſt war. Er war nirgends mehr zu ſehen.— Die Unruhe des ſchäumenden Meeres war die einzige Spur, die er hinterlaſſen hatte. 30 Beatrice blickte ängſtlich hinaus, ſie ſah nichts, als den blauen Himmel und den weißen Schaum des Oceans. Sie ſuchte und ſuchte in der weiteſten Ferne, bis ihr die Sinne vergingen. Schwarze Nacht verbreitete ſich um ſie her, ihre ganze Seele hatte nur noch einen einzigen Ge⸗ danken,— den Gedanken:„Froſt iſt fort!“ Sie fühlte, daß ſie umſank, ſie ſank erſt langſam, und dann immer ſchneller, und plötzlich berührte ſie die Erde. Da ſchrak ſie heftig zuſammen und ſchlug die Augen auf. Sie lag in ihrem Bette. Es war heller Morgen rings um ſie her.— Ihr erſter Gedanke war: Froſt iſt fort! Dann wurde ihr bewußt, daß das Bild des bewegten Meeres nur ein Traum geweſen ſei,— aber Froſt iſt nicht mehr da. War ſie wirklich in ſeinem Zimmer geweſen und hatte ihn ſchreiben ſehen, und mit ihm geſprochen?— Nein, ſie hatte es ge⸗ träumt. Und Froſt war noch da, und um ſie her der lichte Morgen, und un ſie her der angebrochene Tag, an welchem Froſt abreiſen will. Aber das fürchterliche Bewußtſein ſeiner Abweſenheit bleibt aus dem Traume in ihrer Seele zurück. Was noch nicht geſchehen iſt, werden die nächſten Stunden erfüllen. Beatrice ſteht auf und legt ihre beſten Kleider an, ſie ordnet ihr Haar ſo ſorgfältig wie noch nie. Wie ihr heute Alles anders vorkommt!— Ihre Kleider, der Spiegel, das Sonnenlicht, die Stühle, Tiſche und Wände, auf denen 31 es glänzt, das Fenſter, und die Häuſer gegenüber. Es war, als hätte ſich ihr Auge geſchärft, ſo rein, ſo klar und beſtimmt ſtand jeder Gegenſtand vor ihr. Ein roſenfarbiger Schleier ſchien von ihrem Geſicht weggezogen, eine alte, gewohnte Muſik, die von Ewigkeit an in hoffnungsreichen Melodien in ihren Ohren geklungen, und ſie auf jedem Schritte begleitet hatte, ſchien plotzlich verſtummt. Froſt war für Beatrice nicht mehr da! Wie es ihr wohl ſein würde, wenn es jetzt Nacht wäre, und ſie ſähe draußen auf der Straße den Lichtſchein von ſeinem Fenſter, und ginge hinauf und ſähe ihn daſitzen und ſchrei⸗ ben? Wie es ihr wohl ſein würde, wenn ſie ihm Roſen und Narciſſen hinaufbrächte, und ihn ſagen hörte, daß er die Blumen nicht haſſe, aber ihren Duft nicht ertragen könne? Wie es ihr wohl ſein würde, wenn er überhaupt noch hier wäre, und ſie hörte ſeine Schritte die Treppe herabkommen, und ſähe ihn mit ſeinem Lockenhaupt und ſeinem blauen Augenpaare in das Zimmer treten? Ach! ſchon iſt das Alles zerronnen in das Reich der Unmög⸗ lichkeiten! Wie ein unbeſtimmtes Traumbild ſchwebt es ſchon vor ihr, und ſie ſucht alle ſeine Züge zuſammen, um ihn im Geiſte noch ein Mal zu ſehen. Aber ſie findet ſie nicht Alle, es fehlen ſo viele, ſie kann ſich den Jüngling nicht mehr vorſtellen. Da plöͤtzlich tönen Schritte auf der Treppe, es kommt 32 Jemand herunter, es öffnet Jemand die Thür, und da⸗ ſteht Froſt im Zimmer, in lebenswarmer Geſtalt, wie er war, und noch iſt. Er hat die Reiſetaſche in der Hand, und übergiebt der Mutter die Schlüſſel, mit denen er nie wieder ſchließen wird. Er ſpricht jetzt. Die Worte kommen wirklich aus Froſt's Munde, und es iſt wirklich Froſt's Stimme. Er nimmt Abſchied von der Mutter und bittet ſie, ihm ein gutes Andenken zu bewahren. Er ergreift jetzt auch Bea⸗ tricen's Hand, und ſie hört ihn ſagen, ſie möchte ſeiner zuweilen gedenken, wenn ſie die Aeolsharfe klingen höre. Und ſie hat keine Worte für ihn, ſeine Hand brennt wie Feuer. Sie ſtarrt ihm in die blauen Augen, in denen ihr jetzt etwas Unerbittliches zu liegen ſcheint. Froſt läßt ihre Hand los, er geht zur Thür. Sie ſieht ihm nach und in ſeiner Geſtalt liegt etwas Unerbitt⸗ liches, er wendet ſich noch ein Mal um, und nickt mit dem Kopfe, und in dem Nicken prägt ſich etwas Unerbittliches aus. Er ſchließt die Thür und iſt verſchwunden.— Ein Traumbild!— Keine Spur mehr von ihm? Wird er nun auch von Beatrice keine Spur mehr ſehen, fühlen? Ach! noch eine letzte Spur, noch eine einzige, letzte Spur von Beatrice für den Unerbittlichen! Daß ſie ewig in ſeinen Ohren ſummen möge! Mit dieſen Gedanken ſtürzt Beatrice hinaus. 33 Froſt ſchreitet die Straße entlang. Er iſt noch nicht weit von ſeiner bisherigen Wohnung entfernt, da hört er hinter ſich ein Klingen und einen leichten Schlag auf den Erdboden, als würde ein Fenſter zerbrochen. Er ſieht ſich deshalb nicht um, und ſetzt ſeinen Weg zum Hafen fort. Beatricen's Mutter hörte das Klingen dicht vor ihrem Fenſter. Sie ging hin und ſah die Aeolsharfe zer⸗ trümmert auf dem Erdboden liegen. Als ſie hinaufkam, fand ſie in Froſt's Zimmer ihre Tochter umgeſunken. Sie rief laut Beatricen's Namen, aber dieſe hörte nicht. Sie war bewußtlos, nichts regte ſich an ihr, nichts als der leiſe Schlag des Herzens und das rinnende Blut, das die Hand roth färbte, welche die Aeolsharfe zertrüm⸗ mert hatte! Zweites Capitel. Die Verlaſſene. .„Erwarten Sie von dieſen Zeilen nicht, verehrter Freund, daß ſie den ewigen Frühlingsduft des geſegneten Landes ausathmen, unter deſſen Himmel ſie geſchrieben ſind. Der tiefblaue Aether über mir, die Mandel⸗ und Lorbeerbäume vor den Fenſtern, der Anblick des weiten Meeres, die fremden Laute, in denen der Kellner, auf mein Klingeln eben hereintretend, nach meinen Befehlen fragt, das Alles thut nichts zur Sache. Und wo giebt es übri⸗ gens ein Bild von irgend einem Punkte Italiens, das Sie nicht aus eigner Anſchauung kennten? Auch werde ich mich wohl hüten, Ihnen von meiner Reiſe zu erzählen. Ich kann überhaupt den beliebten Reiſebeſchreibungston in freundſchaftlichen Briefen nicht ausſtehen! Jene Art, die für alle Reiſeeindrücke, für alle Beobachtungen an Land 3⁵ und Volk in dem Typenkaſten der Beleſenheit ſchnell das entſprechende Bild findet und daraus Briefe formt, als gälte es, einen Correſpondenzartikel für ein Journal zu ſchreiben. Alſo nichts von Orangenwäldern, Vetturini, nichts von balſamiſchen Lüften und von Trümmern einer großen Vorzeit. Nur Eins: Italien iſt wirklich ſchön, es iſt wirklich ein Paradies, und wer ſich dort niederlaſſen kann und thut es nicht, der verfehlt einen guten Theil ſeiner irdiſchen Beſtimmung. Ein Mann, wie Sie, mit Reichthümern geſegnet, für alles Große und Schöne be⸗ geiſtert, ſollte ſich nicht an Deutſchland feſtbinden und ſein Leben unter brummenden Dampfkeſſeln und hämmernden Cyclopen verbringen. Ich geſtehe, Sie haben ſich zu Ihrem Aufenthalte die ſchlechteſte Gegend unſres gemeinſchaft⸗ lichen Vaterlands nicht gewählt, aber was iſt der deutſche Strom, der an Ihrer Villa vorüberrauſcht, gegen einen Comer⸗See, oder was ſind die Felſen und Weinberge Ihrer Heimath gegen die gigantiſchen Alpen! Faſt hätte ich Luſt, Sie durch meine Kunſt zu rühren, mit Mappe und Pinſel verſehen, das ſchönſte Fleckchen Italiens für Sie auszuſuchen und dort Ihre Villa hinzumalen. Aber ich weiß es, der Sieg über Ihr Herz würde durch Ihren — Ehrgeiz zweifelhaft gemacht werden. Iſt es nicht Ehr⸗ geiz, was Sie an Ihre Scholle kettet? Erſchrecken Sie nicht über das Wort Ehrgeiz. Aus dieſem Miſtbeete iſt 36 ſtets das Größte hervorgewachſen. Was wären wir, wenn der uns angeborne Hang zum Müßiggang, zur Bequem⸗ lichkeit, zur Sinnlichkeit— im Ehrgeize nicht den eigenen Todeskeim in ſich trüge? Die Fürſten würden ihre Throne verlaſſen und nach Arkadien wandern, das Genie würde gar bald der Lorbeeren genug zu haben glauben, um darauf auszuruhen, und Sie, verehrter Freund— nun ich denke, auch Sie würden das Scepter, das Sie über einigen hun⸗ dert Menſchen ſchwingen, endlich weglegen und dem Be⸗ wußtſein Ihrer kleinen ſouveränen Macht das dolce far niente unter italieniſchem Himmel vorziehen! Ihre Ent⸗ ſagung wächſt aus dem Boden der reinſten Menſchenliebe, der edelſten Humanität hervor, aber ſo ganz ohne den Dünger des Ehrgeizes geht es doch nicht. „Doch jetzt zu Ihrem lieben Briefe, der mich nicht mehr auf Sicilien angetroffen hätte, wenn er nur um zwei Tage ſpäter kam. Er trug auf der Adreſſe wieder den unvermeidlichen blauen Stempel Ihrer Firma:„Johannes Mahlmann.“ Ich glaube, Ihr Liebezeit könnte nicht ruhig ſchlafen, wenn er ein Mal unterlaſſen hätte, irgend einem Briefe, den Sie ſeinen Händen zur Beſorgung anvertrauen, jenen kaufmänniſchen Charakter aufzuprägen. Er iſt ein wunderlicher Kauz, und wenn ich nur den blauen Stempel erblicke, da ſteht auch ſchon das ganze Genrebild mit dem glatten Kopfe lebendig vor mir. 37 „Aber nun endlich zur Sache! „Ich wundere mich ſelbſt, wo ich zu den müßigen Plaudereien, welche die Einleitung meines Briefes bilden, die Ruhe und Faſſung hergenommen habe, nachdem ich geſtern Abend ein ſo ſeltſames Abenteuer erlebte, ein Abenteuer, das mit dem Inhalte Ihres Briefes im engſten uſammenhange ſteht, und den meinigen eigentlich hätte eröffnen müſſen. Als Motto hätte ich Ihre eigenen Worte vorausſchicken ſollen: „Ich verkehre nur mit ſolchen Menſchen gern, die ich genau kenne, und ertrage lieber ihre erklärlichen Schwächen und Fehltritte, als ihre unmotivirten Tugenden. Verbindet man mit ſolchem Drange nach Menſchenkenntniß keinen egoiſtiſchen Zweck, ſo iſt es kein Unrecht, den Menſchen, den man kennen lernen will, da zu belauſchen, wo er ſich allein glaubt.“ „Von dieſem Standpunkte ausgehend, haben Sie mir an's Herz gelegt, mich hier nach dem Privatleben eines gewiſſen Herrn Froſt zu erkundigen, den Sie für Ihr Comptor engagirt haben, ohne ihn anders wie als durch ſeine mit vielem Geiſt geſchriebenen Briefe zu kennen. „ch lenkte daher geſtern Nachmittag meine Schritte nach der Wohnung des jungen Mannes. Eine ältliche Frau und ein junges Mädchen empfingen mich. Ich fragte nach Signor Froſt. Noch ehe mir die ältere Dame eine 38 Antwort geben konnte, war ihre Tochter, die ſtill und faſt theilnahmlos in einer Fenſterecke geſeſſen hatte, wie elee⸗ triſirt aufgeſprungen und dicht zu mir herangetreten. Sie maß mich mit ihren flammenden Blicken von oben bis unten; ich bemerkte, daß ſie am ganzen Körper heftig zit⸗ terte.— „Signor Froſt?“ ſprach ſie mit bebenden Lippen nach,„ohl er kann noch nicht ſo gar weit ſein, gewiß, Sie können ihn noch einholen.“ „Die ältere Dame ergriff ihre Tochter am Arme und führte ſie mit Gewalt zu ihrem Platze am Fenſter zurück.. „Signor Froſt hat ſich vor einigen Tagen nach Genua eingeſchifft,“ ſagte die Mutter zu mir, während die Toch⸗ ter, die von ihrem Stuhle wieder aufgeſtanden war, vom Fenſter herüberlauſchte. „Meine Abſicht war, mich mit Froſt zunächſt ſelbſt bekannt zu machen, und da ich in Folge ſeiner bereits erfolgten Abreiſe meinen vorläufig entworfenen Opera⸗ tionsplan zerſtört ſah, ſo entfernte ich mich nach kurzem Ueberlegen wieder. Ich hörte, als ich auf die Straße ge⸗ treten war, daß im Hauſe die Thüre aufgeriſſen wurde und erblickte, als ich mich umſah, die ältliche Frau, wie ſie ihre Tochter, die mir nacheilen zu wollen ſchien, mit aller Kraft feſthielt.„Wahnſinnige!“ rief die Mutter, 39 „Du wirſt Deinen Vater in's Unglück ſtürzen!“ Die Tochter ſchüttelte abwehrend den zurückgebogenen ſchwarzen Lockenkopf und verſuchte, ſich loszumachen. Ich wollte nicht ſtehen bleiben und ging langſam und unſchlüſſig weiter. Als ich mich nach einiger Zeit umſah, waren Beide ver⸗ ſchwunden. „Ich dachte vielfach über den ſonderbaren Vorfall nach und mußte unwillkürlich lächeln, als ich die Abſicht, in der ich jenes Haus betreten hatte, mit dem Reſultate verglich, das ich mit mir nahm und das die Sache, anſtatt ſie zu beleuchten, nur noch mehr verwirrte. Nach allerlei Kreuz⸗ und Querzügen in den Straßen der Stadt, machte ich mich ziemlich ſpät am Abend auf den Nachhauſeweg. Der Mond ſtand in ſilberner Klarheit am Himmel und ſtreute auf Straßen und Gebäude einen blaſſen, zaube⸗ riſchen Glanz, in dem die Menſchen wie bleiche Kranke er⸗ ſcheinen, denen die nahe Verklärung ſchon auf das Antlitz geſchrieben ſteht. Ich würde der ſchlanken Frauengeſtalt, die leichtfüßig hinter mir herkam, wenig oder gar keine Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt haben, wenn es mir nicht aufgefallen wäre, daß ſie mir ſchon durch mehrere Straßen gefolgt war. Nach langer Wanderung ſah ich endlich mein Hotel vor mir. Das weibliche Weſen heftete ſich noch immer an meine Sohlen. Es war offenbar, daß ſie mich ver⸗ folgte. Ich blieb ſtehn, um ſie zu erwarten. Sie kam 40 zögernd näher und ſah mir, als ſie mich erreicht hatte, ſcharf in das Geſicht.„Sie ſind es!“ rief ſie aus und ich er⸗ kannte das junge Mädchen wieder, deſſen räthſelhaftes Benehmen den ganzen Nachmittag der Gegenſtand meines Nachdenkens geweſen war. „Ich habe Sie geſucht in allen Straßen,“ ſagte ſie mit einer heftig bewegten Stimme,„und ich wußte, daß ich Sie finden würde. Kennen Sie Signor Froſt ſchon?“ „ Ich hielt es für angemeſſen, dieſe Frage zu ver⸗ neinen. „Mögen Sie ſein Freund oder ſein Verfolger ſein, mag die Flamme, die ich jetzt in Ihr Wiſſen und Wollen werfe, nutzlos verlöſchen oder zu Froſt's Verderben ſich ausbreiten. Ich ſage es dennoch,“ rief ſie, mit einer hef⸗ tigen Bewegung die Hand emporſtreckend,„Froſt iſt ein Verräther, ein geheimer Revolutionär! Er iſt mit dem letzten Dampfer fort. Seine Koffer aber, deren Inhalt wider ihn zeugen wird, befinden ſich als Contrebande auf einem Schiffe auf dem Wege nach Trieſt. Wenn Sie eilen, ſo können Sie es im Hafen von Trieſt empfangen, ehe es ausladet. Der Kapitän heißt Bonaventura!“ „Es bedurfte mehrerer Secunden, ehe ich mich von meinem Erſtaunen über die junge Sicilianerin, die wäh⸗ rend ihrer Rede mühſam nach Athem gerungen hatte, erholte. 41 „Hat Signor Froſt Sie beleidigt?“ frug ich endlich. „Beleidigt!“ rief ſie unter wildem Lachen,„belei⸗ digt! Welch ein kindiſches Wort! Vielleicht wäre ich glücklich, wenn er mich jemals hätte beleidigen können. Aber ich haſſe ihn, haſſe ihn aus dem tiefſten Grunde meiner Seele und ich hoffe, man iſt ſeinen heimlichen Um⸗ trieben auf der Spur, und ich habe dazu beigetragen, ihn ſeinem Verderben näher zu bringen.“ „Nach dieſen Worten wandte ſie ſich von mir ab und ging. Verwundert ſah ich ihr nach. „Sie entfernte ſich ſchnell und als ich ſie in der Dunkelheit verſchwinden ſah, verfolgte ich meinen Weg nach dem Hotel weiter. „Ich habe mich, als ich heute Morgen erwachte, lange beſonnen, ob es nicht ein Traum war, der mich geneckt hat, ob Ihr einfacher Auftrag, mich nach einem gewiſſen Froſt zu erkundigen, wirklich dieſes romantiſche Abenteuer in ſeinem Gefolge hatte, oder ob meine Phantaſie während meines Nachtſchlummers die Abweſenheit meiner Vernunft benutzte, um mit dem Bewußtſein meines Vorhabens zu ſpielen und das Ungeſchehene zur abenteuerlichſten Er⸗ füllung auseinander zu zerren— aber eine ernſte Frage an mein Gedächtniß: womit ich nämlich den geſtrigen Nachmittag ausgefüllt habe, wenn mein Gang nach Froſt's 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 42 Wohnung der Anfang zu einem Traume geweſen ſei?— gab mir das Bewußtſein des Erlebten wieder zurück.— „Morgen gedenke ich mich nach Civita⸗Vecchia ein⸗ zuſchiffen, wo ich einen Freund beſuchen will, um von da nach der deutſchen Heimath und an meine Staffelei zurück zu kehren. Ich freue mich auf die Zeit, wo es mir ver⸗ gönnt ſein wird, mit Ihnen, verehrter Freund, wieder zuſammen zu treffen. Ich habe in dem ſchönen Lande, das ich nun verlaſſen ſoll, tauſend neue Eindrücke in mir auf⸗ genommen, die nur das raſche, fließende Wort, nicht meine arme Feder zu ſchildern vermag. Bis dahin freilich kann ein Jahr und noch längere Zeit vergehen, denn es wartet der Arbeit zu viel auf mich! „Ich habe bis Mittag geſchrieben und will dieſen Brief, der mein Reiſegefährte ſein wird, nun zur Poſt beſorgen.— Wenn ich Ihnen wieder ſchreibe, ſitze ich viele hundert Meilen von hier, vor meinem alten, ehrwürdigen Schreibſecretaire— daheim. Bis dahin leben Sie wohl. Auch auf dem Meere bin ich 8 Ihr Corvinus.“ Brittes Capitel. Sturm. „Der Poſtſtempel dieſes Briefes ſchon wird Ihnen geſagt haben, daß ich wieder in meiner Heimath angelangt bin. Faſt hätte ich das alte Erbſtück, meinen hohen, dun⸗ keln Schreibſecretair, vor dem ich jetzt eben ſitze, dieſes gemüthvolle kleine Zimmer, auf deſſen weichem Teppich an Winterabenden der Schein des Feuers aus dem Ofen ſo traulich wiederglüht, mein Atelier mit allen mehr oder minder ausgeführten Entwürfen— faſt hätte ich das Alles und noch viel mehr nicht wiedergeſehen! Vorläufig iſt es bei mir Grundſatz geworden, mich nie wieder dem Meere anzuvertrauen! „Ich fand, als ich nach Civita⸗Vecchia kam, eine ſehr zahlreiche, bunte Reiſegeſellſchaft. Man wartete ſchon ſeit mehreren Tagen auf den Dampfer von Genua, der dem 3* * 44 ſicilianiſchen Boote, das ſeine Fahrten nur bis hierher ausdehnt, die Hand reichen ſollte. Der Genueſer war durch ungünſtiges Wetter unterwegens aufgehalten wor⸗ den und traf in Folge deſſen um mehrere Tage zu ſpät ein. Indeſſen er kam und nahm uns an Bord. So weit mein Auge ſehen konnte, lächelte der Himmel im heiterſten Son⸗ nenglanze auf Land und Meer herab. Es war nicht anders, als wären wir Alle auf einer fröhlichen Sonntagspartie begriffen, und auch als die Küſte verſchwand und der Ho⸗ rizont zum einzigen Ufer des weiten Oceans wurde, verließ mich dieſe Sonntagsſtimmung nicht, dieſes Gefühl der ſorgloſeſten Sicherheit, das man unter einem wolkenloſen Himmel, im hellen Sonnenſcheine und umgeben von heitern Menſchen in ſich ſpürt. Ein leichter Südweſtwind ſpielte am vierten Tage unſerer Fahrt mit der mächtigen Flagge wie ein Kind etwa mit dem Vorhange der großen Oper iin Paris ſpielen würde. Als dieſer Südweſtwind merkte, daß weder die Flagge noch ſonſt Jemand Notiz von ihm nahm, verdoppelte er aus Bosheit ſeine Anſtrengungen. Einem Cavaliere, der ſich mit einer jungen Engländerin gerade ſehr angenehm unterhielt, wehete er die glattge⸗ bürſteten Haare über das Geſicht, und vielleicht kam es der Dame bei dieſem lächerlichen Anblicke ſehr gelegen, daß mir faſt zu gleicher Zeit mein Calabreſer⸗Hut von eben demſelben Südweſt über Bord geführt wurde, denn 45 ſie durfte jetzt beide Vorfälle mit einem Gelächter ab⸗ machen, ohne daß der Cavalier ſeine eigene Betheiligung daran ahnte.— Alles lachte über den Südweſtwind, der hier eine Mütze verrückte, dort einen Sonnenſchirm um⸗ ſchlug, oder dem und jenem weiblichen Touriſten Kleider und Locken nach Nordoſt trieb, als wollten dieſe dem Schiffe vorauseilen. Wo der Südweſtwind nur ſich zeigte, er⸗ regte er Gelächter. Er ward der Komiker des Tages und Sie können ſich vorſtellen, welchem Spotte ſich einzelne Leute ausſetzten, die dem Spaßmacher auch tragiſche Ge⸗ ſtaltungskraft zutrauen wollten. Ich ſelbſt ergrimmte gegen die Wenigen, die trotz des ſonnenfunkelnden Him⸗ mels ernſte Geſichter machten, und hielt ſie für Leute, welche zum erſten Male in ihrem Leben die See erblicken und auch gleich einen Sturm erleben zu müſſen wähnen, wie ich mir als Kind einen Schulmeiſter nie anders, als mit der Ruthe in der Hand vorſtellen konnte. Der Süd⸗ weſtwind nahm ſtark zu, er war natürlich ungefährlich nach wie vor, aber er genirte, und Viele zogen ſich daher in die Cajüten zurück.— Die Tändeleien mit der Flagge, welche von dieſer bisher ignorirt worden waren, nahmen bald eine ſo ernſthafte Wendung, der Südweſt wurde in ſeinen Bewerbungen bald ſo ſtürmiſch, daß der Gegenſtand derſelben entfernt werden mußte. Unverändert blickte in ſeinem reinſten Blau der Himmel herab, aber das Meer 7 * Das Schiff ſtieg jetzt hinauf und herab, und ich mußte 46 begann Wellen zu werfen, und die Wellen ſchäumten, und das Meer„zeigte,“ wie ein an mir vorüberjagender Schiffs⸗ junge bemerkte,„die Zähne.“ In dem weißen Schaume der Wellen ſpiegelte ſich die Sonne wieder, das Auge wurde geblendet, das Meer ſah aus wie ein flatterndes Gewand von blitzenden Perlen gewebt. Aber bald war es kein Gewand mehr, denn ſchon glich es einem unabſehbaren Kirchhofe voll Millionen von Hügeln, die ſich, als wäre die Verklärung des Himmels in die Unterwelt verlegt wor⸗ den, zu tiefen, Glanz ausſtrahlenden Gräbern aufthaten. mich anhalten. Einer nach dem Andern verließ das Deck und ſuchte Schutz in der Cajüte, und es war nun erwieſen, daß der Südweſt nicht die äußerſte Anſtrengung eines tän⸗ delnden Kindes, ſondern die Tändelei eines ſtarken Mannes geweſen war, der aus der afrikaniſchen Wüſte jetzt heran⸗ nahte und— Sirocco hieß! Mit jeder Minute nahm der Orkan zu, mit jeder Minute veränderte ſich der An⸗ blick des Meeres, Wogen auf Wogen ſtürzten in goldne Abgründe hinab, um in immer gigantiſcheren Geſtaltungen wieder emporzutauchen. Ich weiß nicht, wie viele tauſend Mal der Schatten des Schiffes, der auf Augenblicke auf emporſchnellenden Wellengebirgen erſchien, zerriſſen wurde; ich wagte zuletzt nicht mehr hinzublicken, ſo grauſenhaft ver⸗ ſtümmelt gaben die empörten Wogen das ihnen von der 47 Sonne aufgezwungene Bild des Fahrzeugs wieder, dem mein Leben anvertraut war! Da fuhr der Schlot blitz⸗ ſchnell in die Tiefe hinab, während zu gleicher Zeit Hinter⸗ und Vorderdeck in ein einziges Stück zuſammenſchoſſen! Ich vermochte den Anblick nicht mehr zu ertragen und konnte ihn doch nicht meiden, denn, wie von einem Dämon gelenkt, wandte ſich mein Auge immer wieder unaufhaltſam dem fürchterlichen Schattenſpiele zu! Daher ſuchte ich die Cajüte zu erreichen und ſtieg, mich an beiden Treppen⸗ wänden anhaltend, hinab. Das erſte, was ich unten er⸗ blickte, waren— ſo lächerlich Ihnen dies vorkommen mag, doch mir zuckte damals keine einzige Lachmuskel— aber es waren ein Paar Stiefelſohlen mit Sporen. Es war dies der Anfang zu einem öſterreichiſchen Huſarenlieute⸗ nant, der ehedem ſeinen Säbel klirrend auf dem Deck umhergeſchleift und herausfordernd ſeinen Schnauzbart geſtrichen hatte. Jetzt lag er in ſeiner ganzen Länge in der Cajüte auf dem Rücken. Von der erſten Stufe, auf welcher die beſagten Sporenſtiefel Poſto gefaßt hatten, bis zur erſten Cajütenſäule ausgeſtreckt, bildete er für den Hereintretenden gleichſam eine Art Proſpectus zu dem ganzen Schauſpiel, das die Cajüte darbot. Daran hatte ich bis jetzt noch nicht gedacht, an dieſe hülfreiche Schweſter aller Seeſtürme, an die— Seekrankheit!— „Ohne Unterſchied des Geſchlechts lehnten, ſaßen, „ — 48 lagen hier unten die Menſchen überall herum. War das die erſte Cajüte, in der ich mich befand? Ja, ſie war es, aber die golddurchwirkten Sammettapeten und die Spiegel waren die einzige Spur davon. Tiſche, Stühle und Parketboden waren nicht wieder zu erkennenn, noch we⸗ niger die leichenblaſſen Paſſagiere. O! wie höhniſch hatte das Seeungeheuer hier unter den ausgleitenden Füßen der armen Reiſenden den Boden des Anſtands und der feinen Sitte weggezogen! Wie hatte da Schaam und Eitelkeit die Flinte in's Korn werfen müſſen! Ich bin gewiß, zu dieſer Stunde gab es hier keinen Gecken mehr! Ich war eben im Begriff, dieſen Schreckensort wieder zu verlaſſen und die Treppe hinauf zu ſteigen, als ein junger Burſche von vielleicht ſechzehn Jahren, eine Botaniſirtrommel auf dem Rücken und die Mitze keck in die Stirn gedrückt, herabkam. Er ſuchte ſich das Anſehn zu geben, als machte ihm der Sirocco Vergnügen und als müßte die Jugend ſolcher Gefahr trotzig und kühn in das Auge ſchauen. Den Anblick des Schlachtfelds, den die Cajüte darbot, faßte er entſchieden humoriſtiſch auf.„Da unten aber iſt's fürchterlich,“ rief der junge Deutſche aus. Er wollte noch hinzufügen:„kann man hier mit Schiller ſagen,“ aber in demſelben Augenblicke packte ihn die Seekrankheit, er ver⸗ mochte nur die Worte:„Kann man hier,“ herauszubringen und taumelte, das letzte Wort unter dem Einfluſſe der 49 plötzlichen unangenehmen Unterbrechung im haſtigen Fra⸗ geton herausſtoßend, ein gutes Stück in das Innere der Cajüte hinein. Ich ſehe jetzt noch die grüne Botaniſſir⸗ trommel auf ſeinem Rücken umherholpern und ſammt Mann und Mütze unter lautem Klappern zwiſchen zwei andern hingeſtreckten Seekranken verſchwinden. Dies ab⸗ ſchreckende Beiſpiel veranlaßte mich, mit verdoppelter Eile dieſem Orte zu entrinnen. Ich eilte wieder auf das Ver⸗ deck hinauf. Da waren wieder rings um mich her die brüllenden, goldſtrahlenden und weißſchäumenden Wogen⸗ gebirge und überall, wohin ich trat, packte mich wie mit ſchwerer, eiſerner Fauſt der tobende Orkan! Es gab keinen Ort der Ruhe, ich war wie von Furien verfolgt. Die dem Schlot entſteigenden Rauchwolken wurden ſchon auf ihrem erſten Schritte in die Arena des Kampfes vom Orkan gepackt und zerriſſen. Ich blickte hinab in die Tiefe und ſah das Schiff am Rande gähnender Abgründe, über die man auf dem Feſtlande viele hundert Fuß lange Ket⸗ tenbrücken gebaut haben würde. Und wenn es in eine unermeßliche Tiefe hinabzuſchießen drohete, da fing ein ſchnell empordonnernder Wellenfelſen das gebrechliche Fahr⸗ zeug auf, um es zu einer ebenſo gefährlichen Höhe empor⸗ zuſchleudern. Und oben der friedliche blaue Himmel und das ſtrahlende Tagesgeſtirn! Und tief in meinem Herzen die Luſt zum Leben, die Sehnſucht nach meinem trauten 50 Stübchen in der Heimath, und unter meinen Füßen das krachende Schiff, ein Werk von Menſchenhand! Jal auch des Kapitäns Vertrauen zu dieſem Bau von Menſchen⸗ hand ſchien jetzt erſchüttert, ich glaubte zu bemerken, daß ſeine Geſichtszüge nicht mehr die geſpannte Aufmerkſamkeit eines lenkenden und rettenden Befehlshabers an ſich trugen, ſie ſchien einer fürchterlichen Ergebung Platz gemacht zu ha⸗ ben, und wie er ſo daſtand, an eine Planke gelehnt, die Arme über der Bruſt gekreuzt, und mit einer ahnungsſchweren Gleichgültigkeit ſeine Befehle austheilte, da kam es mir vor, als bliebe er nur zum Scheine noch auf ſeinem Poſten, wie ein Arzt an einem Sterbebette. Und je gleichgültiger mir der Kapitän erſchien, deſto ungebändiger wurde die Bemannung, deſto lauter ſchrieen ſie ſich einander zu, deſto wilder rannten ſie durcheinander. Das Unheimlichſte von Allem war das Krachen des Schiffes, das aus allen Fugen gehen zu wollen ſchien und in jedem Augenblicke in Trüm⸗ mer zu berſten drohete, wie eine ſchwache Thüre unter den mächtigen Schlägen einer Axt! Dazu der brüllende Orkan und, wohin immer das Auge reichte, in grauenhafter Weite Nichts als die drohenden Goldgebirge des endloſen, em— pörten Meeres! Ich dachte an mein liebes, ſtilles Häuschen daheim, ich ſetzte im Geiſte den Fuß die erſte Treppenſtiege hinauf und fühlte im Geiſte das Treppengeländer in meiner Hand und dachte, daß ich bald in meinem traulichen Cabinet 51 oben ſein und von dem ſchweren Traume erwachen würde! Aber es war nicht ſo! Ich war auf dem Schiffe, auf dem empörten Meere und ſtand am Rande meines Grabes, und meine Kunſt und meine Freunde und Alles was mir lieb war, gehörten einer Welt an, aus der ich ſchon ge⸗ ſchieden ſchien. „Als ich mich zufällig umblickte, ſah ich hinter mir einen jungen Mann. Er ſtand auf einer Kiſte, hatte die Armgelenke in irgend ein hervorragendes Querholz ge⸗ hangen und die Hände über der Bruſt zuſammengefaltet. Für ſein auffallend ſchönes, intereſſantes Geſicht, das im Sturme die braunen Locken umflatterten, hatte ich jetzt keinen Sinn.— Im gemeinſchaftlichen Unglück erkennt man in Jedem einen Bruder, im Unglück geizt man nicht mit Worten, und ohne Bedenken erfüllt man das Ver⸗ langen ſich auszuſprechen, weil man ſicher iſt, eine gleich⸗ geſtimmte Seele zu finden. Ich näherte mich dem Fremden, der mit einem noch gleichgültigeren Blicke, als der Kapi⸗ tän, auf mich herabſchaute. „Ich wage kaum nach dem Geſchick zu fragen, das uns vorbehalten iſt,“ redete ich ihn an. „Vielleicht der Untergang,“ antwortete er und zuckte über dem Querholze, in welchem ſeine Arme hingen, leicht die Achſeln. 52 „Es iſt möglich,“ antwortete ich ſchaudernd,„aber ich hätte nicht vermocht, dieſes Wort auszuſprechen.“ „Warum ſoll man das Loos, das allen Menſchen beſtimmt iſt, nicht mit Namen bezeichnen?“ fragte er, und es kam mir vor, als zuckte aus ſeinem Auge ein ver⸗ ächtlicher Blick auf mich. „In ſolch' einer Stunde, wie dieſe, ſoll man es nicht thun,“ entgegnete ich in aufſteigender Entrüſtung,„Sie ſind ein Frevler!“ „Wer ſich, auf dem Wege zum Abgrunde der Vergänglichkeit, auf dem wir Alle dahintaumeln, an dem wankenden Strauche des Glückes feſthält und im Wahne ſeiner Sicherheit das Auge von der Tiefe wegwendet,“ rief er zu mir herab,„der mag ein Frevler ſein. Schwer⸗ lich aber der, welcher auch in den Stunden des Untergangs nicht bereut, daß er das Leben oft erbärmlich fand. Eine Memme Jeder, der vor dem Geiſte— die letzte Stunde genannt— den er wohl oft ſchon citirte, zurückbebt, wenn er ein Mal wirklich erſcheint.“ „Mein Herr!“ rief ich ihm zu,„Sie haben in dieſer Welt wohl Nichts zu verlieren?“ Er ſah mich eine lange Zeit an. Meine Worte ſchienen ihn tiefer getroffen zu haben, als ich ahnen konnte, endlich ſchüttelte er, mit einem bittern Lächeln um den Mund, langſam den Kopf. So 53 auf der Kiſte ſtehend, die Armgelenke in das Querholz ge⸗ hangen, die Hände über der Bruſt zuſammengefaltet, ver⸗ ließ ich ihn.— „Sonderbar! Schon wieder eine neue Erſcheinung, aber nicht draußen auf den Wogen, keine neuen Geſtal⸗ tungen, kein neues Farbenſpiel— ſondern dies Mal auf dem Schiſſe ſelbſt! Es kam mir nämlich vor, als finge der Boden, auf dem ich ſtand, zu laufen an. In der That, der Boden ſchoß unter meinen Füßen pfeilſchnell dahin, und immer neuer Boden kam, und immer neuer, ſo oft ich auch dachte, er müſſe nun zu Ende ſein. Ich begreiſe jetzt noch nicht, woher er kam und wohin er ging, aber ich ſehe ihn noch unter mir mit ſchwindelnder Schnelligkeit dahinziehen— dahin— und immer dahin! Um nicht mit fortgeriſſen zu werden, trat ich mitunter einige Schritte zurück und dann hatte ich Mühe, mit dem aufgehobenen Fuße den wirbelnden Boden wieder zu gewinnen. Ich bewegte mich nicht von der Stelle, hielt mich auch mit der Hand feſt an eine Barrière an, und doch fühlte ich, daß ich wankte. Ich ſah plötzlich den jungen Mann mit den braunen Locken neben mir. Er ergriff mich beim Arme — mir ſchien, als hätte er das Querholz mitgebracht und hinge noch immer mit den Armgelenken darin, aber ich konnte es nicht deutlich erkennen, trotzdem, daß er dicht neben mir ſtand. Er ſagte mir, ich möchte die Barridre, 54 an die ich mich mit der andern Hand feſthielt, loslaſſen, weil er mich führen wollte. „Wohin wollen Sie mich führen?“ fragte ich. „In die Cajüte.“ „Auf keinen Fall in die Cajüte, wenn ich bitten darf, ſie wimmelt von Seekranken.“ „So werde ich Sie an einen Ort führen,“ gab er zur Antwort,„wo Sie gegen Sturzwellen geſichert ſind, dort können Sie ſich niederſetzen.“ „Ich ließ die Barrière los und, auf ſeinen Arm ge⸗ ſtützt, verſuchte ich zu gehen. Haben Sie ein Mal einen gymnaſtiſchen Künſtler auf einer Tonne laufen ſehen, und vielleicht verſucht, es nachzumachen? Wie eine Tonne rollte jetzt unter mir der Boden, ich konnte die Beine nicht ſchnell genug heben, ich mußte ſo Achtung geben, daß mir der Schweiß auf die Stirn trat und trotzdem konnte ich der Tonne unter mir nicht nachkommen. Ich ſpürte, daß ich dem Boden mit dem Geſicht oft ſehr nahe kam, ich ſah bald die linke, bald die rechte Schiffswand dicht neben mir und konnte mir nicht verhehlen, daß ich am Arme meines Begleiters taumelte wie ein ſchwer Betrunkener, und daß dieſe Bewegungen an den lachenden Geſichtern Schuld waren, denen mein Auge rings umher begegnete. Plötz⸗ lich ſchlug ich mit der einen Hand heftig auf den, meinem Geſicht in dichte Nähe gerückten Boden, ich ſah das Antlitz meines Begleiters hoch, hoch über mir, und aus meiner Bruſttaſche hüpfte Etwas heraus. Es war mein Notiz⸗ buch, das der Sturm von der erſten bis zur letzten Seite in einem Hui durchblätterte; die Briefe, welche darin lagen, warf er heraus, als gehörten ſie nicht hinein, mein Be⸗ gleiter ſetzte ſchnell den Fuß darauf und legte ſie in das Notizbuch, das er aufgehoben hatte und mir wieder in die Taſche ſteckte. Bei dieſer Gelegenheit bemerkte ich erſt, daß er mich losgelaſſen hatte, und wahrſcheinlich war dies der Ort, nach dem er mich hatte führen wollen und wo ich mich hatte nieder ſetzen ſollen, wenigſtens ſah ich, daß ich auf dem Boden ſaß. „Bin ich hier vor Sturzwellen ſicher?“ fragte ich ihn. Er bejahete und ſagte, daß ich hier ruhig liegen bleiben ſollte. Dieſem Rathe folgte ich gern, denn der Boden ſchoß jetzt ſo blitzſchnell an mir vorüber, daß ich meine Füße unmöglich hätte gebrauchen können. Ich ſelbſt wurde mit fortgeriſſen und wunderte mich nur, daß ich ewig nicht den Kapitän erreichte, den ich in einiger Entfernung vor mir ſtehen ſah, und dem die Dielen des Verdecks unter den Füßen hinglitten. Ich ſah mich nach meinem Führer um; er ſtand wieder auf der Kiſte, die Arme in's Querholz ge⸗ hangen; ich hatte das Gefühl, als läge zwiſchen ihm und mir eine rieſige Entfernung! Meine ganze Aufmerkſam⸗ keit wurde jetzt von einem kurzen, dicken, vornehm gekleideten 56 Italiener in Anſpruch genommen, der an mir vorüber⸗ tanzte und mich anſah. Das Geſicht kam mir ſehr bekannt vor, nur wußte ich nicht gleich, wo und wann ich ihm einſt begegnet war. Es konnte keine flüchtige Begegnung ge⸗ weſen ſein, es mußte ſogar ein kleiner Verkehr zwiſchen uns beſtanden haben. Jetzt entſann ich mich. Sonder⸗ bares Zuſammentreffen in dieſer weiten Welt! Es war der Delikateſſenhändler Marinelli aus Ihrer Stadt, in deſſen Weinſtube ich mit Ihnen, geliebter Freund, als Sie mich einen ganzen Sommer lang in Ihrer Villa beher⸗ bergten, gar manche Flaſche Rüdesheimer geleert habe. „Signor Marinelli!“ rief ich ihm laut zu.—„Ken⸗ nen Sie mich nicht mehr?“ fragte ich, als er auf mein Rufen zu mir herantrat, in deutſcher Sprache. „Non parlo tedesco, Signor,“ war ſeine Antwort. „Sie ſprechen nicht Deutſch?“ rief ich auf Italieniſch verwundert aus,„dünkt mich doch, als hätten Sie ehemals fertig Deutſch geſprochen! Sie ſcherzen wohl?“ Er ſchüttelte ſehr entſchieden den Kopf und ſah mich etwas mißtrauiſch an. „Kennen Sie mich nicht mehr, Signor Marinelli?“ „Nein.“ „So ſollen Sie, zur Strafe, auch ſelbſt errathen müſſen, wer ich bin.— Was macht Ihre Frau Gemahlin?“ „Danke, ſie iſt bei beſter Geſundheit.“ „Und Ihr Töchterchen, das inzwiſchen groß gewachſen ſein muß?“ „Ich habe nie eine Tochter gehabt, ich habe nur einen Sohn.“ „Sollte es wirklich ein Sohn geweſen ſein? Mir iſt, als wäre es eine Tochter geweſen?“ Er ſchüttelte wieder ſehr entſchieden den Kopf. „Ich hörte einſt, daß Sie gefährlich erkrankt ſeien,“ fuhr ich fort,„ich freue mich, Sie wohl und munter wie⸗ derzuſehen.“ „So iſt es,“ entgegnete er,„ich habe lange gelitten.“ „A propos,“ fuhr ich plötzlich auf,„mein Freund Mahlmann ſchrieb mir doch, Sie wären geſtorben—“ ich mußte mich hier unterbrechen, denn ich ſah, wie ſeine ſchwarzen Augen plötzlich furchtbar groß wurden, ſo groß wie die Oeffnungen zweier Ofenröhren, es kam auch wirk⸗ lich Dampf heraus und ich fragte ihn entſetzt, ob ihm die Augen nicht weh thäten. Ich fand dieſe Frage, als ich ſie kaum ausgeſprochen hatte, unpaſſend, weil er ſich doch wohl der Metamorphoſe, die mit ſeinen Augen vorgegangen, bewußt war und vielleicht unangenehm berührt wurde, wenn man ihn daran erinnerte. Um ſchnell zu etwas An⸗ derm überzugehen, fragte ich:„Hat Ihre Frau Gemahlin nicht wieder geheirathet? Sie war noch ſehr liebens⸗ würdig, als ſie Wittwe wurde.“ 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 4 58 Der heulende Orkan nahm das Wort Wittwe auf und brüllte mit Donnerſtimme über die ganze wogende See hin:„Wittwe! Wittwe!“ Ich ſah den Signor Ma⸗ rinelli nicht mehr, ich ſah nur den empörten Ocean, wie er ſeine goldgelben, funkelnden Wogen nach dem Schiffe ſchleuderte. Ich wußte, daß dieſe Wogen Rüdesheimer waren. Mich ekelte entſetzlich vor dem Weine, ich ſchloß den Mund feſt zu und ſah, da mir der Anblick immer wi⸗ derlicher wurde, und ich ſchon einen Weingeſchmack im Munde ſpürte, gen Himmel. Da ſchoß in unermeßlichen Kreiſen mit raſender Schnelle die Sonne umher, immer weiter wurden die Kreiſe, zuletzt war das Meer verſchwun⸗ den, und Alles, Alles war zum Horizonte geworden, in welchem der entfeſſelte Sonnenball, als wollte er das Fir⸗ mament in Stücke zerreißen, umherwüthete. Der Himmel wurde dann ſchwarz, die Sonne wurde immer kleiner, jetzt war ſie wie eine Erbſe und endlich wie ein Staubkorn. Ich ſah das einzige goldne Pünktchen über mir in der finſtern Nacht kreiſen und mir ſchienen darüber Stunden zu vergehen!. Ich hatte ein dunkles Bewußtſein, daß ich nie wieder die Welt, die Sonne und alle übrigen Dinge in ihrer früheren Geſtalt erblicken würde, und daß mir dies ſehr gleichgültig war. Mein Todeskampf hatte be⸗ gonnen und— ſobald das goldne Pünktchen verſchwand, war wohl Alles vorüber. Aber es verſchwand nicht, es machte immer kleinere Kreiſe und wurde immer größer. Es ſtrahlte von ſich einen bläulichen Glanz aus, der ſich langſam weiter verbreitete. Der bläuliche Glanz wurde zum weiten Himmel, von welchem gerade über mir das ehemalige Goldpünktchen als ſtrahlende Sonne ruhig wie⸗ der herabſchien, ich fühlte einen ſtechenden Schmerz in meinen Augen, auf einige Secunden wurde die Sonne über mir wieder unruhig, ich fuhr mit der Hand nach den thränenden Augen und rieb das Waſſer heraus. Nüchtern und ernſt ragten hüben und drüben die Schiffsplanken empor, feſt und unbeweglich breitete ſich, ſoweit ich ſah, der Boden des Verdecks vor mir aus, und mit ſichern Tritten gingen Menſchen darauf einher. Ich fühlte mich noch zu ſchwach, um aufzuſtehen und das Gehen zu ver⸗ ſuchen, auch war mir im Kopfe etwas dumm zu Muthe, doch vermochte ich den Gedanken zu faſſen, daß ich die Seekrankheit gehabt, und daß ſich inzwiſchen der Sirocco ausgetobt habe. Allmälich beſann ich mich auf all die ſonderbaren Dinge, die mit mir vorgegangen waren. Signor Mari⸗ nelli war mir die räthſelhafteſte Erſcheinung von Allen, denn während ich mich einerſeits ſehr wohl erinnerte, daß er nicht nur das Geſicht, die Geſtalt und auch die Stimme des Delikateſſenhändlers gehabt, und ſogar auch auf den Namen Marinelli gehört hatte, war mir auf der andern 8 44 60 Seite— jetzt, nachdem ich meine vollſtändige Beſinnung wieder erlangt hatte, doch auch bewußt, daß der Delika⸗ teſſenhändler längſt geſtorben war. Ich grübelte hierüber noch nach, als ich den Italiener ſelbſt kommen ſah. Er trat zu mir heran und ſah mich mit blinzelnden Augen und mit einem Lächeln um den Mund an, als wollte er prüfen, ob ich auch wieder recht bei Sinnen ſei. Wir verſtän⸗ digten uns bald und ich trug noch immer die Genugthuung davon, den Scharfblick des Malers auch unter den un⸗ günſtigſten Umſtänden bewährt zu haben: der Herr war aus Florenz und war der Bruder des verſtorbenen De⸗ likateſſenhändlers Marinelli. „Ich habe die Ehre, in Ihnen den Herrn Profeſſor Corvinus zu ſehen?“ fragte eine wohlklingende Stimme neben mir. Die Worte kamen aus dem Munde des jungen, braunlockigen Mannes, der zuletzt mein Führer geweſen war. Nachdem ich, nicht ohne Erſtaunen darüber, daß er mich plötzlich kenne, ſeine Frage bejaht hatte, fuhr er fort: „Ohne es zu wollen, habe ich mich einer Indiscre⸗ tion ſchuldig gemacht. Der Zufall lenkte, als ich die Ihrem Portefeuille entfallenen Briefe aufhob, mein Auge auf die Adreſſe eines derſelben. Daher weiß ich Ihren Namen. Wenn mein Blick nun länger auf den Schriftzügen ver⸗ weilte, als es ſich eigentlich gehörte, ſo war es die mir 61 wohlbekannte Handſchrift, die ihn feſſelte, und vor Allem der aufgedrückte Stempel: Johannes Mahlmann. Ich habe mit dieſem Herrn vielfach in Correſpondenz geſtanden und bin jetzt auf dem Wege zu ihm. Dürfte ich nicht annehmen, in Ihnen einen ſeiner Freunde zu begrüßen, ſo hätte ich natürlich nicht gewagt—“ „Sie ſind doch nicht—“ fiel ich ihm, von einer Ahnung ergriffen, ſchnell in's Wort,„Sie ſind doch nicht —“ Ich ſuchte nach dem Namen und konnte ihn nicht finden. Er kam mir zuvor, indem er hinwarf:„Ich heiße Froſt und bin Ihnen jedenfalls unbekannt.“ Ich reichte ihm ſehr erfreut die Hand und ſagte, daß er mir nicht ſo unbekannt wäre, als er vielleicht glaube, habe aber über mein Zuſammentreffen mit der jungen Sicilianerin ein unverbrüchliches Stillſchweigen bewahrt. Er erzählte mir ſpäter, daß er ſich unter den Reiſenden befunden habe, die in Civita⸗Vecchia auf die Ankunft des Genueſiſchen Dampfers warten mußten, und dort um einen Poſttag früher von Sicilien angekommen ſei, als ich. Der in ſicherer Ausſicht ſtehende Friedensſchluß der Elemente, das wohlthuende Bewußtſein, den Todesgefahren glücklich entronnen zu ſein, die zu neuer Kraft in mir ſich ſammelnden Lebensgeiſter, der lachende Himmel oben und das Gefühl der wiedergewonnenen Sicherheit unten, das 62 allen Menſchen, die ich um mich her auf dem Verdeck gehen und ſtehen ſah, auf das Antlitz geſchrieben war und den Kapitän ſogar verleitet hatte, eine Cigarre anzuzünden— Dies Alles ſtimmte mich ſo fröhlich, ſo heiter, daß ich un⸗ willkürlich Froſt's Hand ergriff, ſie tüchtig ſchüttelte und ihn wiederholt auf's Herzlichſte willkommen hieß. Er, nahm an meinem Glücke Theil und lächelte. So lächelt ein neidloſes Kind, das frierend die winterlichen Straßen durchirrt, zu den hellerleuchteten Fenſtern empor, hinter denen andere, glücklichere Kinder den Weihnachtsabend feiern! Dieſer Eindruck blieb in mir zurück und befeſtigte ſich im Verlaufe unſerer gemeinſchaftlichen Reiſe noch mehr, denn ich fand oft Gelegenheit, jenes neidloſe Lächeln zu beobachten, wo ich heiter und vergnügt war. Welche geheime Macht er auf mich ausübte, daß ich nicht wagte, mit einer, wenn noch ſo zart geſtellten Frage, in ihn zu dringen, und ebenſo wenig den Muth beſaß, auf meine erſte Unterhaltung mit ihm— als er auf der Kiſte ſtand und die Arme in das Querholz gehangen hatte— zurück⸗ zukommen, und ihn um Verzeihung zu bitten— welche geheime, imponirende Macht in ſeinem Weſen ihn mir ſo unnahbar erſcheinen ließ,— ich vermag es mir nicht zu erklären! Am nächſten Morgen war die See ziemlich beruhigt; ſicher und leicht, wie ein Heimkehrender, der von einem 63 Todesurtheil freigeſprochen worden iſt, durchſchnitt unſer Schiff die Wellen, die ohnmächtig jetzt an dem Rieſenbau zerſchellten. Mit der Zeit füllte ſich wieder das Deck mit den Paſſagieren, die in den Cajüten an der Seekrankheit darnieder gelegen hatten. Der Huſarenlieutenant ſchritt wieder mit klirrenden Sporen umher und ſchleifte den raſſelnden Säbel nach, und bald tauchte auch wieder die grüne Botaniſirtrommel auf, wie ein Laubfroſch, der im Winterſchlaf gelegen hat. Als ich in Genua an's Land geſtiegen war, verließ ich den Hafen nicht, ohne noch einen Scheideblick nach dem Schauplatze meines kleinen Romans zu werfen. In majeſtätiſcher Ruhe lag der verlaſſene Dampfer weit hinter mir, neben andern Schiffen. Viel⸗ leicht ſteht ihm noch manche Gefahr bevor, wie die, welcher er eben entronnen, dachte ich bei mir, ich aber erlebe keinen Sirocco wieder. In Begleitung Froſt's verfolgte ich ohne Aufenthalt mein Reiſeziel. In Trieſt trennten wir uns, da Froſt einer dringenden Angelegenheit wegen, wie er ſagte, ſich einige Tage hier aufhalten mußte. Ich blieb dort über Nacht, um von der langen Reiſe ein wenig auszuruhen und am nächſten Morgen meine Fahrt wieder anzutreten. Das Hotel, in welchem ich neben Froſt ein Zimmer inne hatte, wimmelte von reiſenden Franzoſen, Engländern und Ruſſen. Unten befand ſich ein Leſe⸗ und ein Spielzimmer. 64 Ich trat vor dem Nachteſſen, in Begleitung Froſt's, in das Leſekabinet. Es war leer. Eine Gasflamme in einer Glaskugel warf ihr einſames Licht auf eine Maſſe von Zeitungen, die auf einem großen, runden Tiſche wild durcheinander lagen. „Endlich wieder ein deutſches Blatt!“ rief ich aus, als ich obenauf eine Zeitung erblickte, deren Spalten mit den wohlbekannten heimathlichen Lettern bedruckt waren. Ich ergriff das Journal und wollte eben zu leſen beginnen, als Froſt, der auf meinen Ruf hin zu mir heran getreten war und über meine Achſel hinweg einen Blick auf das Blatt geworfen zu haben ſchien, es mir haſtig aus der Hand riß. Als ich ihn verwundert anſah, war ſein Geſicht kreideweiß und ſeine Züge drückten eine fieberhafte Span⸗ nung aus. Er gab mir, ohne zu leſen, das Blatt, das in ſeiner Hand zitterte, als beſäße es Leben, wieder zurück und bat um Entſchuldigung. „Ich hoffe nicht,“ fragte ich,„daß man von irgend einem Unglücks⸗ oder Todesfalle berichtet, der Sie näher berührt?“ 3— Er verneinte.„Es iſt Nichts,“ fügte er hinzu,„es war ein Irrthum, ich habe falſch geſehen, leſen Sie ruhig weiter.“ Indeſſen es ſchien, als verleugnete Froſt die Wahr⸗ heit. Ich legte das Blatt auf den Tiſch, nahm ein anderes 65 Journal und ſetzte mich in eine entfernte Ecke. Von dort aus beobachtete ich ihn, indem ich mir den Anſchein gab, als wäre ich in meine Lectüre vertieft. Er blieb eine lange Zeit in Gedanken verſunken am Tiſche ſtehen, dann ließ er ſich auf einen Seſſel nieder und ſtarrte, den Kopf auf die Hand geſtützt, vor ſich hin. Ich ſah dann, wie er nach dem verhängnißvollen Blatte, das vor ihm lag, langſam die Hand ausſtreckte und, es mit zwei Fingern feſthaltend, eine gute Weile mit ſich zu kämpfen ſchien, ob er es heranziehen und leſen ſolle oder nicht. Plötzlich riß er es haſtig an ſich und las. Ich konnte dabei ſein Geſicht nicht beobachten, weil es von dem Blatte verdeckt wurde. Er ſtützte dann den Kopf wieder auf die Hand und ließ die andere Hand, welche das Blatt hielt, herabſinken. So ſaß er noch da, als ich nach einer Viertelſtunde ihn aus ſeinem Brüten weckte, da ich die Glocke zur Abendtafel läuten hörte. Er ſagte zerſtreut, daß er mir gleich folgen würde. Ich ging in das Gaſtzimmer und nahm an der reich beſetzten Tafel Platz. Aber Froſt's Stuhl neben mir blieb leer. Ich kämpfte bei Tiſche mit mir, ob ich zu gelegener Stunde in dem Blatte nach dem Artikel ſuchen ſolle, der meinen Reiſegefährten ſo erſchüttert haben könnte. Ich glaubte kein Recht dazu zu haben. Jedoch ich durfte mir ſagen, daß nicht müßige Neugier, ſondern die innigſte Theilnahme für den jungen Mann mein Motiv war, und ich beſchloß 66 endgültig, mich mit dem Inhalt der Zeitung bekannt zu machen. Als ich nach beendeter Tafel in das Leſekabinet trat, fand ich Froſt noch in derſelben Stellung da ſitzen, in der ich ihn zurückgelaſſen hatte. Er ſchien zu glauben, ich wollte ihn wiederholt auffordern, zum Souper zu kommen, und ſagte, daß er keinen Appetit habe. Daß das Nacht⸗ eſſen ſchon vorüber war, ſetzte ihn etwas in Erſtaunen. Er ſchien, in ſein Hinbrüten verſunken, Zeit und Raum vergeſſen zu haben. Um ihn zu zerſtreuen, forderte ich ihn auf, mich nach dem Spielzimmer zu begleiten, wo ein Roulet aufgeſtellt war. Wir traten ein und fanden dort eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt. Ich machte meinen Begleiter auf einen jungen Franzoſen aufmerkſam, der am Roulet betheiligt war. Er hatte einen Haufen Gold⸗ ſtücke vor ſich liegen, die er, wie wir hörten, in kurzer Zeit gewonnen. Jetzt waren wir Zeuge, wie der Gewinn mit reißender Schnelle wieder zuſammenſchmolz. Der Fran⸗ zoſe verlor jeden Einſatz und mit den anwachſenden Ver⸗ luſten ſtieg die Höhe der Summen, die er wagte. Froſt nahm Anfangs wenig Antheil, er war abweſend und zerſtreut. Ich ſtahl mich auf einen Augenblick von ſeiner Seite weg und ging in's Leſekabinet, um einen Blick in jene Zeitung zu werfen. Mein Gang war vergebens, das Blatt befand ſich eben in den Händen eines alten Herrn, 67 der mich ſehr unfreundlich anſah, als ich ihm ſagte, daß ich in der Lectüre dieſer Zeitung ſein Nachfolger zu werden wünſchte. Er gab mir keine Antwort. Ich habe die Beobachtung ſchon oft gemacht, daß in Kaffeehäuſern und an andern öffentlichen Orten ſich nicht ſelten die Zeitungs⸗ leſer in ihrem Behagen ſehr unangenehm geſtört fühlen, wenn ein Anderer, und geſchieht es auch in der höflichſten Form, ihren Anſprüchen auf die gerade vorliegende Lectüre ein gewiſſes Ziel ſetzt. Die Antwort iſt gewöhnlich ein kurz ausgeſtoßenes, verdrießliches„Ja,“ oder ein langer, fragender Blick, der den Bittſteller erſtaunt von oben bis unten muſtert. Als ich in das Spielzimmer zurückkehrte, bemerkte ich, daß Froſt's Theilnahmloſigkeit einer ſichtlichen Span⸗ nung gewichen war, mit welcher er den Franzoſen am Roulet betrachtete. Und in der That, der Spieler verdiente dieſe Aufmerkſamkeit! Sein Geſicht war bleich geworden, ſeine glühenden Augen rollten der verhängnißvollen Kugel nach, ſeine Geſichtsmuskeln zuckten unter der Regung von Milliontheilchen ungeborner Hoffnungen und Befürchtun⸗ gen während des raſchen, kurzen Laufes der Kugel. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, er wußte es nicht. Eine unheimliche, todtenähnliche Stille herrſchte in dem ſonſt ſo geräuſchvollen Zimmer, er wußte es nicht. Leiſe ſchlichen ſich einzelne Perſonen fort und leiſe kehrten ſie mit Andern, 68 die ſie herbeigeholt hatten, zurück und deuteten mit den Fingern auf ihn, er wußte es nicht. Zögernd nahete ſich ihm ein ſchönes, junges Weib; ſie legte ihre weiße Hand auf ſeine Schulter, aber er fühlte es nicht; ſie blickte, Ver⸗ zweiflung in den thränenfeuchten Augen, an ihm empor, aber er ſah es nicht. Seine Augen rollten der Kugel nach, ſeine Arme hingen herab und alle Finger ſeiner beiden Hände waren ausgeſtreckt und gaben in unzähligen Zuckun⸗ gen den Lauf der Kugel wieder. Man hörte plöͤtzlich einen ſchweren Fall im Zimmer und ſah die Menſchen, die das Roulet umſtanden, auf einen Punkt eilen, wo das junge Weib ohnmächtig zuſammengeſtürzt war. Er hörte den Fall nicht, er bemerkte nicht die Bewegung.— Er fühlte es nicht, daß man ihn heftig am Arme zerrte, er verſtand die Geſchichte nicht, die man ihm in's Ohr ſchrie, er kannte den Namen ſeines Weibes nicht mehr, er hatte ihn ver⸗ geſſen! Von den zahlreichen Anweſenden verließ Einer nach dem Andern den unheimlichen Schauplatz. Entſetzen malte ſich auf den Geſichtern der Wenigen, welche noch zurückgeblieben waren, nur Froſt's Mund war von einem — Lächeln umſpielt! Er bebte nicht zurück vor der entſetz⸗ lichen Leidenſchaft, er hatte nachdenkend das Kinn auf die feſtgeſchloſſene Hand gelegt und wenn ich nach alledem und aus ſeinen Geſichtszügen etwas ſchließen ſollte, ſo hatte er Luſt, ſelbſt an das Roulet zu treten. 69 Ich ging hinaus nach dem Leſekabinet. Der alte Herr las noch immer in derſelben Zeitung. Es war un⸗ erhört! Ich ſtellte mich ihm gegenüber und ſuchte ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Er ſah mich, und, als fürchtete er ſich vor mir, vergrub er ſeine Augen nur noch tiefer in die Spalten. Als ich wieder das Spielzimmer betrat, war der Franzoſe verſchwunden. Die noch anweſenden Herren ſtanden in einzelnen Gruppen beiſammen und unterhielten ſich über den Spieler, ſeine Gemahlin, ſeinen Reiſewagen, ſeine Pferde und ſeine Bedienten. Froſt ſtand allein und ging, die Hände auf dem Rücken, auf und ab. „Lieben Sie das Spiel?“ fragte ich ihn, der Beob⸗ achtung eingedenk, die ich gemacht zu haben glaubte. „Ich habe das Spiel bisher nicht gekannt,“ gab er mir zur Antwort. „Was meinen Sie zu ſolcher Leidenſchaft?“ fragte ich, nach dem leeren Roulet deutend. „Es war mir neu. Noch ſtehe ich erſchüttert über dieſe Macht, über dieſe Wunderkraft, die Tod im Leben iſt. Wahrlich! wenn ich Zeuge wäre, wie ein Todter wieder zum Leben erweckt wird, ich würde darüber nicht viel mehr erſtaunt ſein.“ Wir gingen hinauf nach unſern Zimmern.„Ich glaube,“ ſagte er unterwegs halb zu mir, halb zu ſich ſelbſt, 70 „ich glaube, ein Spieler kann Alles, Alles vergeſſen, Alles was er beſitzt und auch Alles— was er einſt beſaß.“ Er holte bei dieſen Worten tief und ſchmerzlich Athem und ſagte mir dann Gute Nacht. Ich war ſchon im Begriffe, mich zu entkleiden, als mir plötzlich die Zeitung wieder einfiel. Daher ging ich noch ein Mal in das Leſezimmer hinunter. Da ſaß noch immer derſelbe alte Herr und las noch immer in derſelben Zeitung. Ich murmelte Einiges von„Auswendiglernen“ und entfernte mich wieder.— Am andern Morgen klopfte Froſt frühzeitig an meine Thüre. Er war bereits zum Ausgehen angekleidet und ſagte mir, daß es ihm nicht möglich ſein würde, vor der nahen Stunde meiner Abreiſe zurück zu ſein. Wir nahmen herzlich Abſchied von einander in der Hoffnung, uns bei Ihnen wieder zu ſehen. Als er fort war ging ich hinab in das Leſezimmier. Ich erinnerte mich, daß das Blatt, als Froſt über meine Schulter hinweg jenen folgenſchweren Blickhineingeworfen, ſich zur Hälfte umgeſchlagen hatte. Das, was ihn be⸗ rührte, konnte nur auf der unteren, kleineren Hälfte ſtehen. Ich fand nichts, als trockne, gleichgültige politiſche Notizen. Wie ein Blitz ſchoß mir die Anſchuldigung der jungen Sicilianerin durch's Hirn, nach welcher Froſt ein geheimer politiſcher Agent ſein ſollte. Wäre es wirklich Wahrheit? Hätte irgend eine dieſer gewöhnlichen Zeitungsnachrichten 71 für Froſt einen bedeutenden Hintergrund, der ſich nur ihm erſchließen konnte? Es war nicht denkbar! da fiel mein Auge auf einen Artikel, den ich bis jetzt überſehen hatte. Dieſer und kein anderer konnte es ſein und ich gebe Ihnen hiermit den Inhalt wieder. „In*§ mußte die Vorſtellung von Shakeſpeare's Richard III., infolge eines betrübenden Ereigniſſes plötz⸗ lich geſchloſſen werden. Der ehemals ſehr gefeierte Schau⸗ ſpieler Bollhorn, welcher jedem Hoftheater zur Zierde gereicht haben würde und jetzt leider an kleinen Bühnen verkümmert, brach in ſeiner erſchütternden Darſtellung der Scene, wo Richard, von Gewiſſensqualen gefoltert, im Traume die Geiſter ſeiner Ermordeten an ſeinem Lager vorüberwandeln ſieht, in Wahnſinn aus. Der Zuſtand des Geiſteskranken hat ſich ſeit einigen Tagen inſoweit gebeſſert, daß man zuverſichtlich auf gänzliche Wieder⸗ herſtellung hoffen darf.“ In welcher Beziehung dieſer Vorfall zu Froſt ſteht— ich vermag es nicht zu ſagen.— Sie ſehen aber, daß ich mein Möglichſtes gethan habe, zu Ihrer Kenntniß des jungen Mannes, den Sie in Ihr Haus aufnehmen, beizu⸗ tragen. Dank verdiene ich dafür nicht; derſelbe iſt auf meiner Seite, denn ich verdanke Ihnen eine Reihe inter⸗ eſſanter, wenn auch räthſelhafter Beobachtungen, und die Bekanntſchaft eines Menſchen, an deſſen künftigen wie 72² vergangenen Schickſalen, ſo wenig ich ſie auch kenne, ich den innigſten Antheil nehme. Schon iſt die Poſtſtunde in gefährlicher Nähe und ſo bleibt mir nur noch ſo viel Zeit übrig, um Ihnen an Froſt, der nun bei Ihnen eingetroffen ſein wird, einen freundlichen Gruß aufzutragen und mich Ihnen auf's Herzlichſte zu empfehlen. Ihr Corvinus. Viertes Capitel. Windſtille. Wir müſſen, ehe wir zu unſerer eigentlichen Erzäh⸗ lung übergehen, noch ein Mal nach dem Schauplatze zurückkehren, den unſre beiden deutſchen Freunde verlaſſen haben— nach Sicilien zu Beatrice. Von der Zeit an, wo Froſt ihrem irdiſchen Auge entrückt war, von der Zeit an, wo der Gluth ihres Herzens der ſinnliche Brennſtoff fehlte, ſchwand Beatricen's Liebe und Rachſucht. Es kam ein Tag, wo ſie über den Schritt, den ſie zu Froſt's Verderben einſt unternommen hatte, die bitterſte Reue empfand und, in Wehmuth zerfloſſen, ſich dem Geliebten, wäre er gegenwärtig geweſen, an die Bruſt geworfen und ſeine Verzeihung erfleht hätte. Es kam ein Tag, wo ſie den Muth in ſich fühlte, ihm ihre Liebe zu geſtehen, wenn er nur noch anweſend wäre, wie 11859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 5 8 74 damals, als ſie nur wenige Schritte zu gehen hatte, um ihn ſprechen zu können. Es kam ein Tag, wo ſie an ihn ſchreiben wollte, und darauf vergingen Wochen, während deren ſie über Inhalt und Faſſung des Briefes nachdachte, — jetzt wollte ſie ihn mit der ganzen Gluth ihrer Liebe ein Geſtändniß ablegen und mit ſeinem Mitleid ſeine Liebe rege machen,— dann glaubte ſie gewiß zu ſein, daß ſie ihm nicht gleichgültig geweſen wäre, daß er ſie ver⸗ miſſen, ſich zurück nach ihr ſehnen würde, und hierauf geſtützt, entwarf ſie im Geiſte einen andern Brief, einen klugen, nüchternen Brief, in welchem ſie ihm nur halb entgegen zu kommen ſchien. Dann kam eine Zeit, wo ein junger Fiſchhändler ſie ſah und ſprach und lieben lernte und ihr überall nachſchlich,— wo ſie dies Alles bemerkte und ſtolz darauf war, daß Jemand ſie liebte, für den ſie Nichts fühlte,— eine Zeit, wo ſie ſich an den Qualen ihres Liebhabers weidete, wo allerlei Neckereien und Spötte⸗ leien, deren Zielſcheibe er war, ihr die Zeit vertrieben, wo ſie wieder lachen lernte und nachſann und rieth, welcher Art wohl das nächſte Geſchenk ſein möchte, das der ver⸗ liebte Fiſchhändler ihr bringen würde. Dann kam eine Zeit, wo ſie die Schweſter des Fiſchhändlers kennen lernte und mit ihr Freundſchaft ſchloß. Es wurde ein inniges Verhältniß, ſie liebten ſich wie zwei Schweſtern, und Beatrice hatte eines Tages ihre Launen gegen den Bruder 75 der Freundin vergeſſen. Sie erzählte ihnen von dem Fremden, der einſt bei ihren Eltern gewohnt und zeigte ihnen das Zimmer, das er inne gehabt hatte; ſie ſprach mit Wärme und Begeiſterung von ihm und bemerkte, daß der Fiſchhändler eiferſüchtig wurde. Dieſer Gedanke machte ſie glücklich, es war ihr höchſter Triumph! Es kamen dann Zeiten, wo der Fiſchhändler ſich den Anſchein gab, als würde er nicht mehr eiferſüchtig und darüber wurde nun Beatrice eiferſüchtig und der Fiſchhändler fing an, ihr Kummer zu machen, ſolchen Kummer, ſolche Schmerzen, daß ſie froh war, als ihre Verheirathung mit dem Fiſchhändler all' den Qualen ein Ende machte. Und wenn wir unſrer Erzählung um einige Jahre vorauseilen wollen, ſo ſehen wir den Kapitän Bonaventura auf ſeinen Knien einen niedlichen, zarten Knaben ſchaukeln. Es iſt ſein Enkel, Beatricen's Kind. Sie wohnt mit ihrem Manne in dem Häuschen ihrer Eltern. Wo einſt Froſt's Koffer ſtanden, ſteht jetzt die Wiege des Kleinen. Es wäre kein Wunder, wenn aus dem Kinde einſt ein Mann würde, deſſen Name im Munde jedes Italieners lebt, von deſſen Melodieen die Opernhäuſer und die Straßen wiedertönen. Denn wenn, wie Einige behaupten wollen, kein Genie geboren wird, wenn der Funken der Unſterblichkeit im Leben ſelbſt, in den erſten poetiſchen Jugendeindrücken ſchlummert, ſo berechtigt des Kapitäns Enkel, deſſen kleine 5* 76 Seele im Wachen und Träumen von ſüßen, muſikaliſchen Tönen umgaukelt wird, zu den ſchönſten Hoffnungen. Denn vor dem Fenſter hängt die Aeolsharfe und ſchon lauſcht das Ohr des Kleinen den wunderbaren Klängen. Sein Vater hat die Trümmer wieder geſchickt zuſammengefügt und die junge Mutter, die anfangs dagegen war, hat ſich endlich ſo an die Muſik wieder gewöhnt, daß ſich der Ge⸗ danke an Froſt längſt davon losgelöſt hat. Sie denkt an den Fiſchhandel ihres Mannes, an die Bedürfniſſe ihres Kindes, an die Kleider ihrer Nachbarinnen, an Allerlei— nur nicht an Froſt, während die klagenden Accorde wie Sphärenklänge leiſe einherrauſchen und von den Lüften gebracht und, allmählich ferner und ferner tönend, davon⸗ geführt zu werden ſcheinen. Fünftes Capitel. Berichte. „ X ſtadt liegt dicht am breiten von Segelkähnen und Dampf⸗ booten befahrenen Strome eine Villa. Vom andern Ufer aus geſehen, gleicht ſie mit ihrer Kuppel und den weißen Säulen und Stufen einer Waldkapelle, ſo tief ſcheint der weiße Bau in das Grün der aeegrae Bäume in e nächſten Umgebung einer deutſchen Mittel⸗ den zur Villa gehörenden Parkanlagen zurück zu treten. Heute freilich liegt das nde und farblos am Boden und nur einige Tanner und Fichten haben ihren dunkeln, grünen Schmuck behalten und umgeben die Villa wie die düſtern Schatten nächtlicher Wächter. Der Spät⸗ herbſt mit ſeinen feuchten Nebeln iſt über das kommen. Schon lodern in dem Kamin eine im Parterre der Villa heleinuma D 78 breiten ſich auf dem Fußboden aus, die Fenſter haben Vorhänge von dunkelblauem Damaſt, Sopha und Stühle tragen ſchwarze Polſter und alles Holzwerk des Ameuble⸗ ments funkelt in tiefbrauner Politur. Der Eigenthümer der Villa und— außer der geringen männlichen Diener⸗ ſchaft— zugleich der einzige Bewohner, ſitzt auf einem Seſſel vor dem Kamin und lieſt in einem Buche. Es iſt einer reichhaltigen Bibliothek entnommen, die in ſchmuck⸗ loſen Einbänden die eine Wand vollſtändig einnimmt. Es iſt noch ſehr früh am Morgen. Die Flammen im Kamin verbreiten über die Zeilen hinreichendes Licht und be⸗ leuchten zugleich das Antlitz des Leſers. Er hat eine hohe, gedankenvolle Stirn; die großen, blauen Augen fliegen mit kritiſcher Aufmerkſamkeit über die Zeilen; von dem Mienenſpiele eines vierzigjährigen Lebens iſt ein Zug um den Mund dauernd zurückgeblieben, gewiß die Lieblings⸗ miene der vierzig Jahre: ein verſteinertes Lächeln, ein Janusgeſicht— bitter und wohlwollend zugleich. Die etwas breite Naſe, das kurze, dunkle, einfach nach vorn geſtrichene, über der S Stirn ſich aufbäumende Haar, der röthliche, nach engliſcher Manier verkürzte Backenbart, vollenden unſer Portrait. An der Thür klopft es und auf das kräftige, kurz ausgeſtoß„Herein⸗ erſcheint ein Mann in einer blauen Blouſe.* 8 7 79 „Guten Morgen, Herr Mahlmann,“ grüßt der Ein⸗ getretene und bleibt ehrerbietig an der Thür ſtehen. Herr Mahlmann dankt mechaniſch und lieſt weiter. Der Blouſenmann, mit verwettertem Geſicht und ſtruppigem, rabenſchwarzen Haar, betrachtet aufmerkſam den Leſenden. Er kann dies thun, ohne Gefahr zu laufen, durch ein plötzliches Aufblicken des Andern bei ſeiner Betrachtung ertappt zu werden, denn die Richtung ſeiner Augen iſt eine getheilte: er ſchielt. „Nun, was bringſt Du mir, Troll?“ fragte Mahl⸗ mann endlich, das Buch zuſchlagend. „Die beiden Schmiede, die ſeit voriger Woche in unſrer Fabrik arbeiten, vertragen ſich nicht.“ Troll iſt während dieſer Worte dicht zu ſeinem Herrn herangetreten und in ſeiner Miene iſt eine rege Antheilnahme an dem, was er ſpricht, deutlich zu erkennen.„Sie ſind Schwäger,“ fährt er fort,„haben ſich wegen Familienangelegenheiten vor Jahren ſchon überworfen, haben ſich ſeitdem gemieden, haben ſich gegenſeitig nicht mehr gekannt und treten jetzt auf ein Mal zu gleicher Zeit bei uns in Arbeit, kommen nebeneinander zu ſtehen, ſchlagen auf einen Amboß— da können Sie ſich denken—“ 4 „Ich werde ein Wort mit ihnen reden,“ unterbricht Mahlmann den Bericht,„was giebt es weiter?“ „Dem Schloſſer Niegel im Saal D iſt eine Tochter 80 geſtorben. Der Mann hat ſein Auskommen, aber die Begräbnißkoſten würden ihn zurückbringen—“ „Er iſt ein fleißiger, ordentlicher Mann,“ unterbrach Mahlmann wieder den Berichterſtatter und ſtand auf, um nach einem Secretaire zu gehen. Und jetzt erſt überraſcht uns die rieſige Höhe ſeiner Geſtalt, die ſich vorhin unter der ſitzenden Stellung und unter dem langen über die Knie zuſammengeſchlagenen ſchwarzen Rocke verbarg. „Wie alt war die Tochter?“ frug Mahlmann. „Achtzehn Jahre.“. „Das iſt ſchmerzlich! Bezahle den Sarg, ſorge für alles Uebrige—“ „Es iſt nicht nöthig,“ fiel Troll ein, als Herr Mahl⸗ mann mit einer Schatulle in der Hand zu ihm trat und ihm eben Geld geben wollte,„das war es eigentlich nicht, was ich Ihnen erzählen wollte, ſondern ich wollte vielmehr ſagen, daß die ganze Werkſtatt D die Koſten für das Be⸗ gräbniß zuſammengeſchoſſen hat.“ 1 Mahlmann ſtand faſt betroffen.„So braucht man mein Geld nicht,“ ſagte er unter einem rauhen Lachen,„ſo kann ich dem Manne nicht helfen, ich müßte denn ſeine Tochter wieder in's Leben zurückrufen. Das vermag ich freilich nicht. Da ſiehſt Du, Troll, wie wenig ich für die Leute thun kann.— Geld— und wieder Geld— ein 81 Griff in die volle Börſe— das iſt Alles.“ Er warf die Schatulle wieder in den Secretair. „Es iſt ſchön und edel von den Leuten, daß ſie zu⸗ ſammengeſchoſſen haben,“ fuhr er fort,„ſie haben mehr gethan als ich hätte thun können und wenn ich das Mäd⸗ chen mit Muſik und Kanonendonner hätte begraben laſſen.“ Mahlmann dachte eine Weile nach, holte die Schatulle wieder zurück und ſagte zu Troll:„Nimm das Geld und ſpiele es den Leuten in die Hände, ſie ſollen Erſatz für—“ hier ſtockte er plötzlich.„Pfui!“ rief er,„das hieße ihre gute That vernichten; nein! ſie ſollen die Folgen ihrer Aufopferung in ihren Taſchen fühlen, ſie ſollen entbehren, aber ſie ſollen das Gute, was ſie thäten, ganz gethan haben.— Gutes thun iſt ſchwer, Troll. Das Geben allein macht es nicht— man muß auch dabei etwas neh⸗ men: ein Kreuz, das man auf den Achſeln ſpürt. Ich habe noch keins geſpürt.“ Faſt ärgerlich fügte er dann noch hinzu:„Und daher unterdrücke Deine häufigen, gerührten Lobpreiſungen!“ Er hatte ſich wieder auf den Seſſel niedergelaſſen und ſah in die Flammen des Kamins. „Der neue Herr Correſpondent vom Comptoir,“ begann Troll wieder nach längerm Schweigen— „Du meinſt Herrn Froſt,“ unterbrach Mahlmann ſeinen Vertrauten und blickte ſchnell auf,„was iſt mit ihm?“ 82„ „Er iſt, um mich deutſch auszudrücken, wieder ſo ab⸗ geriſſen, wie er war, als er zu Ihnen kam. Alle neuen Kleider, die er ſich hier angeſchafft hatte, hab' ich ihm ver⸗ ſetzen müſſen. Geſtern vollends hat er mir ſeine Uhr gegeben, die ich ebenfalls zum Pfandleiher tragen ſoll. Es ſcheint ihm Alles ganz gleichgültig zu ſein.“ „Was ſagſt Du mir da?“ frug Mahlmann erſtaunt. „Ich weiß auch, wohin das Geld kommt,“ fuhr Troll unter bedenklichem Kopfnicken fort.„Als ich letzthin Nachts den engliſchen Techniker, der mit Ihnen Geſchäfte hatte und im rothen Adler wohnte, in Ihrem Auftrage zur Poſt begleiten ſollte, mußte ich, da ich ihn noch nicht ganz reiſe⸗ fertig fand, ein gutes Viertelſtündchen unten warten. Es war im Hauſe Alles ſtill, kein Gaſt war mehr im Zimmer. Da begegnete mir ein Kellner, ein Verwandter von mir. Nun, was machſt Du denn noch auf? fragte ich ihn, es geht ja ſchon auf Drei! Er aber nahm mich geheimnißvoll am Arme und ſagte mir heimlich in's Ohr: Wenn Du etwas ſehen willſt, ſo komm mit, aber leiſe aufgetreten! Er nahm mich mit ſich, führte mich durch mehrere finſtere Zimmer, bis wir an eine Glasthür mit einem rothen Vorhange kamen, hinter welchem Licht war. Der Vor⸗ hang war ein wenig zurückgeſchoben und mein Verwandter hieß mich hinein ſehen. Da ſaßen an zwei Tiſchen ver⸗ 83³ ſchiedene Herren; der Wirth vom Adler ſelbſt ſaß mit da und Herr Froſt ſaß neben ihm.“ „Und was hatten dieſe Herren vor?“ fragte Mahl⸗ mann ungeduldig, als Troll inne hielt. „Sie ſpielten Karte,“ antwortete dieſer,„und ſo geht es faſt alle Nächte, erzählte mir der Kellner.“ „Nimmt Herr Froſt oft Theil, oder war es vielleicht nur dieſes einzige Mal?“ 4 „So lange als er hier iſt, ſoll er, nach den Verſiche⸗ rungen meines Verwandten, dieſer Spielgeſellſchaft an⸗ gehören. Sie hätten ſehen ſollen, wie er daſaß! Kaum gönnte er ſich Zeit, ein Mal von ſeinem Weine zu nippen. Das ſchöne Geſicht war bleich wie der Tod, die blauen, großen Augen, mit denen er Einen immer ſo ernſt, ſo melancholiſch anſieht, funkelten und blitzten, die dunkel⸗ braunen Locken waren zerwühlt! Er ſaß da, als hätte er ſich ſelbſt vergeſſen und ich laſſe mir den Kopf abſchlagen, wenn er von ſich oder von den übrigen Spielern eine Sylbe wußte! Nicht ein Mal das Geld, das er ſtrich, zählte er nach; Nichts gab es für ihn in der Welt, als die Karten!“ 4 Mahlmann war aufgeſtanden und den Seſſel an der Lehne faſſend und auf die Erde ſtauchend, rief er:„Es iſt, als ruhete ein Fluch auf allen geiſtvollen Menſchen! Jeder muß irgend eine Leidenſchaft üben, an der er zu 84 Grunde geht! Und dieſer Froſt, den ich ſo achte und liebe, wie keinen ſeiner Vorgänger, dieſer reich begabte, junge Mann, unterwühlt ſein Glück auf ſolche Weiſe, damit er die Früchte ſeiner glücklichen Geiſtesgaben ja nicht genieße!“. „Es iſt jammerſchade!“ ſagte Troll,„Herr Liebezeit äußerte ein Mal gegen mich, Herr Froſt ſchreibe Briefe wie in gedruckten Büchern und correſpondirte engliſch, italieniſch und franzöſiſch, als wäre es deutſch. An ihm wäre ein Gelehrter verloren gegangen, ſagte Herr Liebezeit.“ Mahlmann hatte wieder auf dem Seſſel Platz ge⸗ nommen, ohne auf Troll zu hören.„Und er ſpielt un⸗ glücklich?“ fragte er nach längerm Sinnen. „Jawohl, er verliert. Und nicht genug, daß er ſeine Sachen verſetzen muß, ſondern er iſt auch faſt all' den Herren, mit denen er ſpielt, ſchuldig. Und ſie ſpielen hoch! Der Kellner erzählte mir, die Herren würden immer kälter und kälter gegen Herrn Froſt, benähmen ſich ſehr vornehm und anmaßend gegen ihn, ließen ihre Launen gegen ihn aus,— betrachteten ihn, mit einem Worte, wie ihr leben⸗ diges Pfand!“ „Und läßt Herr Froſt ſich das ruhig gefallen?“ „Er hat ſie, erzählte mir mein Verwandter, früher häufig mit ſpitzen Worten zurückgewieſen, jetzt ſagt er 8⁵ ſchon längſt nichts mehr dazu; es iſt ihm Alles gleich⸗ gültig, wenn er nur ſpielen kann.“ „Und dabei iſt er immer nüchtern? Er trinkt nicht?“ „Nur ſehr mäßig. Der Wirth verdient nichts an ihm, wenn er es nicht beim Spielen verdient. Ueberhaupt ſcheint Herr Froſt, bis auf das leidige Spielen, ſonſt gar keine Leidenſchaften zu haben. Er ſieht zum Beiſpiel kein Mädchen an; darin iſt er das gerade Gegentheil von Herrn Liebezeit. Die Auguſte, die den beiden Herren aufwartet, ſagte mir neulich, Herr Froſt hätte ſie noch nie angeſehen, und als ſie ihm einſt auf der Straße begegnet ſei, habe er ſie gar nicht gekannt. Und ſie iſt doch ein hübſches Mäd⸗ chen, und ich weiß doch, daß ſolche junge Herren gern ihren Spaß machen!“ Mahlmann hörte ſchweigend zu. Die kleinen Züge, die Troll von Froſt erzählte, ſchienen ihm gleichgültig zu ſein, nach Allem blieb doch der Spieler übrig. „Als Herr Froſt mir geſtern die Uhr gab,“ fuhr Troll wieder fort,„ſagte er mir, das wäre das Letzte, was er verpfänden könne. Ich wundere mich darüber, denn es ſtehen vier große Lederkoffer in ſeinem Zimmer, die er noch gar nicht ausgepackt hat. Ohne Werth können die Sachen, die ſie enthalten, nicht ſein, denn ſonſt hätte er die theure Fracht von Italien bis hierher gewiß nicht daran gewendet.“ 86 „Warum hat er ſie noch nicht ausgepackt?“ fragte Herr Mahlmann aufmerkſam werdend,„ſorge dafür, daß man einen geräumigen Kleiderſchrank in ſeine Wohnung ſtelle, auch ein Bücherregal, falls er Bücher im Koffer haben ſollte.“ „Es ſteht ſchon Alles in ſeiner Wohnung, aber der Schrank und das Bücherregal ſind faſt leer. Sie haben ſo ein ſchönes Zimmer, ſagte ich zu ihm, Herr Mahlmann hat Alles ſo hübſch einrichten laſſen; wollen Sie denn die vielen und gewiß recht ſchönen Sachen, die in den Kof⸗ fern verborgen ſein mögen, nicht auspacken und aufhängen oder aufſtellen und damit das Zimmer ſchön aufputzen? Er antwortete mir: Viele ſchöne Sachen ſind darin, aber ich packe ſie nie aus— nie! Dabei ſah er recht traurig die Koffer an. Wenn ich ein Mal nicht hier ſein ſollte, ſagte er dann plötzlich, und es bräche Feuer aus, da vergeſſen Sie meine Koffer nicht, Troll! Retten Sie von Allem, was mein gehört, nur dieſe Koffer. Ich werde Ihnen⸗ dankbar ſein.“ 3 „Sonderbar,“ warf Mahlmann kopfſchüttelnd ein. „Weiß Herr Liebezeit nichts Näheres?“ „Außer im Geſchäft kommen die Beiden wenig zu⸗ ſammen, denn wenn Herr Froſt nicht bei ſeinen Spiel⸗ genoſſen iſt, ſo bleibt er für ſich allein und giebt ſich mit Niemandem ab. Herr Liebezeit ſagt, Herr Froſt ſei melancholiſch. Letzthin gab es eine kleine Streitigkeit zwi⸗ ſchen Beiden. Herr Liebezeit hat nämlich die Gewohnheit, Abends und Morgens im Bette zu ſingen oder zu pfeifen. Herr Froſt, der dies natürlich in ſeinem Zimmer deutlich hört, ſcheint das nicht leiden zu können und darüber ge⸗ riethen die Herren zuſammen, aber nicht heftig.“ Mahlmann ſchwieg und Troll wollte ſich entfernen. An der Thür kehrte er aber wieder um, griff in die Weſten⸗ taſche und nahm einen kleinen Zettel heraus.„Dieſes Papier,“ ſagte er,„fiel mir heute, als ich Herrn Froſt's Kleider reinigte, in die Hände.“ „Troll!“ rief Mahlmann mit Donnerſtimme und ſah ſeinen Diener mit ſtrengem Blicke an.„Soweit reicht mein Auftrag nicht, das grenzt ja an die niedrigſte Spio⸗ nirerei! Was man dem Menſchen anſehen kann, was man Andere von ihm ſagen hört, das darf man wiſſen; nie aber dürfen wir ein todtes Blatt mißbrauchen, das weder für Dich, noch für mich geſchrieben ward. Ich mag nicht wiſſen, was auf dem Zettel ſteht, und enthielte er die wich⸗ tigſten Aufklärungen.“ „Ich hatte— ich wollte—“ ſtammelte Troll er⸗ ſchrocken,„ich hatte auch nicht darauf ſehen wollen, es fiel mir ja in die Hand und als ich es wieder in die Taſche ſtecken wollte, da ſah ich zufällig, daß Verſe auf das Blatt geſchrieben waren. Verſe ſind niemals Geheimniſſe, 88 dachte ich bei mir, und deshalb nahm ich es an mich, um es Ihnen zu zeigen.“ „Verſe ſagſt Du? Haſt Du ſie geleſen?“ „Bei Gott! keine Sylbe; ich habe es nur an den großen Anfangsbuchſtaben der Zeilen gemerkt.“ „Gieb das Blatt her.“ Troll reichte es ſeinem Herrn und dieſer las folgende Strophen: „An die Lebende. Niemals weicht Dein holdes Bild mir aus meinem Sinn, Hoch zieht's über meinem Himmel wie ein Stern dahin. Sehnſucht iſt ein jeder Blick, den ich zu Dir ſende— Und Du ſtrahlſt auf meinen Pfad Wehmuth— bis an's Ende.“ Mahlmann erkannte Froſt's Handſchrift, und die kleinen Correcturen, die zwiſchen den Zeilen vorgenommen worden waren, zeugten davon, daß das Gedicht auf dieſem Blatte entſtanden war. Mahlmann las es wiederholt durch, dann gab er es Troll zurück, mit dem Bedeuten, daß er es wieder in Froſt's Taſche ſtecken ſolle, wo er es gefunden habe.„Haſt Du Froſt's Uhr bei Dir?“ fragte er. „Hier iſt ſie.“ „Gieb ihm dafür dieſes Geld, rede ihm vor, der Pfandleiher habe ſie für eine goldne gehalten.“ „Es iſt nur Tomback. Aber das wird ihm lieb ſein.“ 89 „Beſtelle mir jetzt mein Pferd, der Morgen iſt ſchön, ich will ausreiten.“ Wenn, wie heute, undurchdringliche Nebel die Berge verhüllten und Baum und Feld, und Mauerwerk und die Kleider der Wanderer in homöopathiſchen Doſen mit Tropfen überzogen, wenn auf dem Deck der vorüber⸗ brauſenden Dampfboote Niemand zu ſehen war als Kapi⸗ tän und Steuermann,— da pflegte Mahlmann zu ſagen: „Der Morgen iſt ſchön,“ und ritt ſpazieren. Er nahm dann ſtets eine gefüllte Börſe mit für Diejenigen, die in ſölchem Wetter ſpazieren gingen, und er traf deren iele. Als er heute— auf ſeinem hochgebauten Pferde einer koloſſalen Reiterſtatue nicht unähnlich— durch den Nebel trabte, bemerkte er eine kleine, abenteuerliche Ge⸗ ſtalt, die ſich ihm mehr kriechend als gehend langſam näherte. Es war ein ältliches, dürftig gekleidetes Männ⸗ chen— winzig klein, mit verwachſenem Rücken und furcht⸗ bar verkrüppelten Füßen, die ihn, ohne die Unterſtützung der beiden Stöcke in ſeinen rothgefrornen Händen, unmög⸗ lich hätten tragen können. An dem einen Arme hing ein Korb. Der Kleine wand ſich mühſam auf dem ſchlüpfrigen Wege hin. Mahlmann hielt ſein Pferd an und fragte: „Wohin ſo zeitig?“ 3 „Nach Zierfels,“ antwortete der Mann in den hei⸗ 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 6 90 ſern Tönen, die Buckligen eigen ſind.— Mahlmann zog ſeine Börſe und warf ihm ein Geldſtück zu. Da aber entgegnete der Andere höhniſch:„Iſt es nicht Unglücks genug für mich, daß ich ein Krüppel bin?— Wollen Sie mich auch noch zum Bettler machen?— Ich habe mehr Geld und Beſitzthum als mancher geradbeiniger Hallunke und brauche keine Hülfe.— Im Gegentheil, mein hoher, vornehmer Herr! ich werde Ihnen jetzt einen kleinen Dienſt erzeigen.“ Mit dieſen Worten ließ der Krüppel die beiden Stöcke und den Korb fallen und ſenkte ſich ſelbſt auf dieſe Weiſe auf den nahen Erdboden herab, um das Geldſtück, das er vorhin nicht aufgefangen hatte, aufzu⸗ heben.„So— hier haben Sie Ihren Bettel zurück,“ ſagte er grinzend und trat dicht zu Mahlmann an das Pferd heran. Dieſer beugte ſich herab, nahm das Geldſtück an ſich und ritt, ohne ein Wort zu ſagen, weiter.— Der Krüppel verfolgte in der entgegengeſetzten Richtung ſeinen Weg. Nach einer Weile glaubte er das Getrappel des Pferdes, das hinter ihm immer entfernter geklungen hatte, ſich plötzlich wieder nähern zu hören. Er blickte ſich um und ſah den Reiter ſchnell auf ſich zu kommen. Ein kleines Bangen vor der Abſicht, in welcher der Beleidigte jetzt zurückkehren mochte, erfaßte ihn. Es wuchs, als er den Reiter, der jetzt neben ihm hielt, vom Pferde ſteigen ſah. Dieſer faßte den Krüppel lächelnd an den Schultern, 91 daß der Korb und die beiden Stöcke zu Boden fielen, hob ihn auf das Pferd und ſchwang ſich hinter ihm dann ſelbſt hinauf, nachdem er die Stöcke und den Korb aufgeleſen hatte. Schweigend trabte er mit ſeinem Raube dem Dorfe Zierfels zu, wo er den beſchämten Kleinen, ohne ein Wort zu ſagen, abſetzte.—. Sechstes Capitel. Blindekuh. Um die Zeit, wo in der ſtillen Villa das eben Er⸗ zählte vorging, begannen in der Maſchinenbaufabrik von Johannes Mahlmann die Dampfkeſſel zu brauſen; dicke Dampfwolken ſtiegen in Windungen ſchwerfällig in die Luft und miſchten ſich über den Dächern der Stadt mit dem Herbſtnebel; viele hundert Hämmer machten die trüben Fenſter der Werkſtätten erzittern; im breiten Hofraume wurden Eiſenſtäbe abgeladen und, der Zartheit des menſch⸗ lichen Gehörorgans zum Hohne, klirrend auf andere Eiſen⸗ ſtäbe geworfen; aus kleinen Gebäuden ſtrahlten Flammen⸗ meere, groß genug, um den Feuerlöſchanſtalten der ganzen Stadt auf Stunden Trotz zu bieten, aber gefeſſelt und ge⸗ bändigt von menſchlicher Klugheit, wie der Stier— der * 93 in den blinden Aeußerungen ſeiner furchtbaren Gewalt doch nichtsthut, als den Pflug zieht. Von den Maſchinengebäuden und Werkſtätten durch den Hofraum getrennt, ſtehtein kleines, artiges Gebäude, deſſen Vorderfronte einer belebten Straße zugekehrt iſt und neben den vielen eleganten Häuſern derſel⸗ ben—als die vorgebundne Larve der Fabrik— würdig einen Platz ausfüllt. Die eiſernen Läden im Parterre des nied⸗ lichen Gebäudes deuten darauf hin, daß in dieſen Räumen der zarteſte und wichtigſte Theil des großen Etabliſſements wohnt,— die Seele des Ganzen. Eben werden die Läden geöffnet. Zwei Herren kommen die Treppe im Innern 8 des Hauſes herab und treten durch die herumgeſchobne eiſerne Thür in das Comptoir. Ein Mädchen iſt noch mit dem Abſtäuben der Pulte, Spinde und Landkarten beſchäf⸗ tigt. Der eine der Herren geht einſtweilen pfeifend im Comptoir umher, kneift das Mädchen in die Wangen und klimpert mit Schlüſſeln in der Taſche. Endlich ſchließt er einen feuerfeſten, eiſernen Geldſchrank auf, nimmt das große, mit Meſſing beſchlagene Hauptbuch heraus und 1 3 ſchleppt es unter gewaltiger Anſtrengung auf ſein Pult am Fenſter.„Ich hätte wahrlich nicht nöthig,“ ſagt er, „mich mit dieſer vermaledeiten Schwarte zu plagen, es iſt nichts als Formſache, daß ſie an's Tageslicht gezogen wird, denn ich habe die Conti ſämmtlich im Kopfe und das Hauptbuch iſt nur— 94 „Eine Reinſchrift Ihres Gedächtniſſes,“ ergänzt der Andere,„wie oft ſoll ich das noch hören?“ „Iſt es nicht ein gelungner Ausſpruch?“ „So lange er neu iſt,“ antwortet Froſt. Aber neu iſt er nicht, denn Herr Liebezeit, Buchhalter und Caſſirer bei Johannes Mahlmann, und ſeit länger als zehn Jahren die Comptoirſtereotype in dieſem ehrbaren Hauſe,— hat vor all den Herren, die, als Froſt's Vor⸗ gänger, im Laufe der Zeit Herrn Liebezeit am Pulte ge⸗ genüberſaßen, obigen Ausſpruch wiederholt citirt. Es war der erſte geiſtreiche Einfall, den der Buchhalter je gehabt,— und der letzte gleichzeitig, weil Herr Liebezeit auf den Lorbeern dieſes Einfalls ausruht. Wenn Göthe Nichts geſchrieben hätte, als den Fauſt, ſo wäre er deshalb doch der Göthe geweſen, den wir heute in ihm bewundern. So läßt Herr Liebezeit jenen einzigen geiſtreichen Ausſpruch für alle unausgeſprochnen reden und ſchweigt von der erklommenen Höhe herab. Herr Liebezeit iſt ein Mann in den vierziger Jahren. Jeder der ihn zum erſten Male ſieht, glaubt gewiß, Herr Liebezeit lächelt über irgend etwas. Mancher ſchon, der mit ihm in Berührung trat, iſt deshalb ärgerlich geworden, oder hat ſich ſchnell im Spiegel beſehen, weil er glaubte, Herr Liebezeit lächle über einen ſchwarzen Fleck auf Naſe oder Stirn— vergebens: Das Lächeln bleibt, wie jene mit großer Naturwahrheit 2 ⸗ 95 auf die Leinwand gemalte Fliege, und dieſer letztern iſt ebenſowenig beizukommen, wie dem Lächeln auf dem Ge⸗ ſicht des Herrn Liebezeit. Das Lächeln um den Mund bleibt als Podium zu Luſt⸗ und Trauerſpielen.— Auf dem Kopfe trägt Herr Liebezeit einen großen kahlen Fleck, um den ſich ein ſpärlicher Kranz kleiner dunkler Löckchen grup⸗ pirt, gleichſam wie ein ſchöner Rahmen, aus dem das Bild herausgehoben wurde. Als Caſſirer iſt Herr Liebezeit ein Virtuos: Er zählt die blanken Thalerſtücke aus einer Hand in die andere, daß ſie— wie ein Silberſtrom— nur ſo fließen und ſtellt ſie auf in einer langen Reihe, um ſie in ein Papier zu rollen, als wären ſie eine Eiſenſtange. Schneller als man ſehn kann zählt er Papiergeld ab, ohne den Finger dabei naß zu machen, und falſche Scheine findet er trotz aller Geſchwindigkeit heraus, als hätten ſie ihn in 8 die Finger geſtochen. Mit einem Packet neuer Caſſenbillets ſchlägt er die Volte wie ein Taſchenſpieler mit der Karte und eine Luſt iſt es, ihm zuzuſehn, wenn er Gold wiegt, und die flimmernden Stücke über die kleine Wagſchale hüpfen läßt, um ſie als Schafe nach rechts, oder als Böcke nach links herunter zu ſchnippen.— Als Menſch hat er noch Niemanden böswillig beleidigt und ſeine alte Mutter unterſtützt bis zu ihrem Tode. Sie wohnte nur zehn Stunden von hier und zehn Jahre lang trug ſich Herr Liebezeit mit dem Project, ſie ein Mal zu beſuchen, bis er 96 im elften Jahre endlich den Reiſeplan ausführte— um ſie zu begraben.— Auch Kunſt⸗ und Literaturfreund iſt Herr Liebezeit. In ſeinem Zimmer oben an den Wänden hängt die Venus in allen Auffaſſungen der italieniſchen Meiſter, und in herrlichen Einbänden prangt neben Caſa⸗ nova Paul de Kock und Boccaccio's Dekameron. Die deutſchen Claſſiker hat Herr Liebezeit zum größten Theile geleſen, als Nachleſe ergötzt er ſich jetzt an den beſten Tra⸗ veſtien derſelben. Seine Welt iſt nun einmal die Sinnen⸗ welt, in der er ſich nicht ohne eine gewiſſe Intelligenz und mit vielem Takte bewegt. Noch wollen wir erwähnen, daß Herr Liebezeit auch ein fleißiger Sammler von Briefmarken aus aller Herren Länder iſt und bereits eine reichhaltige Muſterkarte unter Glas und Rahmen in ſeinem Zimmer hängen hat. Soeben iſt er beſchäftigt, von dem Couvert eines aus Liſſabon eingelaufnen Briefes mit viel Geſchick⸗ lichkeit und wenig Speichel die Freimarken herunter zu ſchälen, um ſie ſeiner Sammlung einzuverleiben, während. Froſt in das an das Comptoir ſtoßende Kabinet des Chefs gegangen iſt und eine von Mahlmann's Hand entworfne Zeichnung betrachtet. Das Kabinet gleicht mehr einem Atelier als dem Schreibzimmer eines Kaufmanns. Eine Glasthür führt nach dem Hofe hinaus auf eine kleine von Säulen getragene Vorhalle, von welcher einige Stufen auf das Pflaſter des Hofes herabgehen.— 97 „Wie klar und überſichtlich ſtellt dieſe Zeichnung ein ganzes, complicirtes, Wunder wirkendes Räderwerk dar,“ äußert Froſt zu Liebezeit, der eben das Kabinet betritt, „jeder Strich iſt eine Nothwendigkeit! Nur ein Kopf, der mit ſolcher Klarheit die verwickeltſten Combinationen durchſchaut, vermochte das furchtbare Material, das aus dieſem großen Etabliſſement dem Comptoire zufließen muß, auf ein ſo kleines Maß zurückzuführen, daß wir Zwei es ſpielend bewältigen, wo in andern Häuſern zehn Arbeitskräfte nicht fertig werden könnten. Wie jeder Strich auf dieſer Zeich⸗ nung, ſo iſt jeder Strich, den wir ſchreiben, eine Nothwen⸗ digkeit.“ „Es iſt wahr,“ entgegnet Liebezeit,„Mahlmann iſt ein feiner Kopf, und doch iſt er von ſo rauhem Weſen. Wie Sie jetzt ſprechen, ſo hat ſchon mancher Ihrer Vor⸗ gänger geſprochen. Aber Sie werden es bald anders lernen.“ „ Ich werde nie anders ſprechen. In dieſem ganzen großen Etabliſſement ſind Sie der einzige Arbeiter, der mit dem Herrn unzufrieden iſt. Gehen Sie doch durch die Werkſtätten und hören Sie die Leute an. Mit Liebe hängt Jeder an Mahlmann. Sie befinden ſich Alle wohl, Nie⸗ mand macht etwas Schlechtes oder Oberflächliches, weil Jeder mit Luſt arbeitet; man thut eher zu viel als zu wenig und Keiner dürfte wagen, einen Nagel mit nach Hauſe zu nehmen und ſich damit zu tröſten:„unſer Herr hat ge⸗ 1 98 nug, der braucht den Nagel nicht“—— er würde von den Andern in Stücke zerriſſen.“ Liebezeit zuckte die Achſeln und erwiederte:„Herr Mahlmann iſt für die Maſſe ein Wohlthäter, dem Ein⸗ zelnen iſt er aber gefährlich. Ich diene ihm ſeit zehn Jahren, war täglich um ihn— und doch bin ich aus ihm noch nicht klug geworden. In der kurzen Zeit, die Sie hier ſind, haben Sie freilich ſeine Schattenſeiten noch nicht kennen gelernt. Auch ſcheint zwiſchen Ihnen und ſeinen pedan⸗ tiſchen Neigungen— ich will Sie damit durchaus nicht beleidigen— eine glückliche Uebereinſtimmung zu herrſchen: Kein fremdes Wort in einem deutſchen Briefe— ängſtliche Correctheit des Styls— das liebe Fürwort Ich überall hingeſetzt, wo es andere Corrſepondenten im Sinne der kaufmänniſchen Etiquette weglaſſen u. ſ. w. Sie ſind bis jetzt der Erſte, der ihm Etwas recht macht, der Erſte von Ihren vielen Vorgängern, der noch keinen Brief mit Correc⸗ turen zurückerhalten hat. Herr Mahlmann wird aber mit der Zeit an Ihnen ſchon eine Stelle herausfinden, wo er Ihnen Etwas am Zeuge flicken kann. Er kümmert ſich,“ fügte Liebezeit mit verſchmitzter Miene hinzu,„auch um Privatverhältniſſe.“ Eben trat Troll herein und Liebezeit raunte Froſt in's Ohr:„Fragen Sie nur Den— der macht den Spion des Herrn, vor dem nehmen Sie ſich in Acht!“ 99 Obwohl man glauben ſollte, daß dieſe Andeutung Herrn Froſt auf unangenehme Weiſe hätte berühren müſſen, ſo blieb er doch gleichgültig dabei.' „Ich bin zehn Jahre im Hauſe,“ fuhr Liebezeit fort, „und glaube mir das Lob ertheilen zu dürfen, daß ich mich ſehr gut eingerichtet habe und dem Geſchäfte von großem Nutzen bin. Und doch muß ich täglich gewärtig ſein, daß mich Herr Mahlmann plötzlich entläßt. Seine Stirne iſt eine ewige Gewitterwolke die über mir ſchwebt, ſtündlich muß man erwarten, daß die blaue Ader im Zorne aufblitzt. 1 Es kann leicht ein Mal einſchlagen! Der Gedanke läßt mir Tag und Nacht keine Ruhe.— Haben Sie ein Stammbuch?“ „Nein.“ 4„Sie wundern ſich über dieſe Frage und doch ſteht ſie mit dem, was ich vorher ſagte, im genauſten Zuſam⸗ menhange. Ewig hebt in dieſem Hauſe die Glocke aus, 8 um die Trennungsſtunde zu ſchlagen. Jedem meiner Herren Collegen habe ich daher gleich nach ſeinem Eintritt ein Stammbuchblatt geſchrieben. Eine freundliche Erinnerung an mich durch ein Stammbuchblatt iſt mein Vermächtniß, und ich ſorge dafür, daß mein Teſtament immer gemacht iſt.— Ich für meinen Theil halte ebenfalls ein Stamm⸗ buch, in welchem keiner meiner Herren Collegen fehlen darf. Ich bitte Sie gleich jetzt um einen freundlichen Beitrag. 4 100 3 In meinem Pulte liegt das Buch; kommen Sie heraus, es wird mir ohnedies bange hier, Herr Mahlmann kann uns jeden Augenblick überraſchen.“. Als brenne der Boden unter ſeinen Füßen, ſo ſchnell machte ſich Herr Liebezeit plötzlich davon. Froſt murmelte zwiſchen den Zähnen:„knechtiſche Furcht!“ und folgte langſam. 3 Herr Liebezeit brachte ihm ein weißes Blatt mit Gold⸗ ſchnitt entgegen und bat, einige Zeilen der Erinnerung darauf zu ſchreiben. Froſt hielt das Blatt in der Hand, ſah den Caſſirer eine Weile ſcharf an und ſagte dann: „Wenn Sie mir's nicht übelnehmen, Herr Liebezeit, ſo will ich Ihnen genau auseinanderſetzen, weshalb Herr Mahlmann einen unheimlichen Eindruck auf Sie macht. Sie ſelbſt tragen die Schuld.“ „Sprechen Sie frei. Ich bin ſehr geſpannt.“ „Obwohl Sie behaupten wollen, daß Herr Mahl⸗ mann ſich eines Spions bediene, ſo iſt er dennoch ein ganz gerader Character, wie ich glaube, und als ſolcher ein Feind aller Krümmungen.“ „Wie meinen Sie das?“ „ ch meine ſolche Krümmungen, wie Sie ſich ange⸗ wöhnt haben. Hören Sie: Oft ſchon habe ich beobachtet, daß Herr Mahlmann, wenn er Ihnen auf dem Hofe be⸗ gegnet iſt und mit Ihnen ſprach, Sie vergebens gebeten 101 hat, Ihr Haupt zu bedecken. Kaum ſehen Sie ihn von weitem, ſo reißen Sie die Mütze herunter und ſetzen Sie nicht eher wieder auf, bis Herr Mahlmann ſich auf zehn Schritt Weite wieder von Ihnen entfernt hat. Das kann er nicht leiden und ich habe ſchon bemerkt, daß er Ihnen deshalb ausgewichen iſt. Das iſt Eins.“ Liebezeit horchte, mit dem Rücken an den Caſſaſchrank gelehnt, ſchweigend zu, ſtocherte mit dem Finger im Munde und feixte. „Wenn Herr Mahlmann von ſeinem Kabinet aus eine Frage an Sie richtet,“ fuhr Froſt fort,„ſo rutſchen Sie wie ein Eichhörnchen von Ihrem Seſſel herunter, fahren wie eine Ratte hinaus in ſein Kabinet, ſtellen ſich mit der dienſtfertigen Parole:„mein Herr Mahlmann?“ vor ihm auf und nöthigen ihn, ſeine Frage zu wiederholen, auf die ie von Ihrem Pulte aus einfach mit Ja oder Nein antworten konnten.“ Liebezeit hatte nur den Kopf etwas erhoben, im Uebrigen lehnte er noch wie vorhin am Schranke, ſtocherte im Munde und feixte. „Sie ſelbſt ſagen,“ ſprach Froſt weiter,„daß Sie ſeit zehn Jahren täglich mit Herrn Mahlmann umgehn, und trotzdem werden Sie noch heute feuerroth im Geſicht, ſo oft er mit Ihnen ſpricht und lächeln ihn dabei ſo ſonderbar ſelig an, als wäre er Ihre Geliebte!— Sie beleidigen 102 Herrn Mahlmann gewiß nicht, wenn Sie einen Auftrag, den er Ihnen giebt, oder eine Frage, die er an Sie richtet, ein Mal nicht verſtanden haben und ihm das durch zwei Worte einfach zu erkennen geben. Statt deſſen aber werden Sie verwirrt, zittern am ganzen Leibe und ſtottern— wie ein geängſteter Verbrecher vor einem Schwurgericht— confuſes Zeug. Durch alle dieſe läſtigen Angewohnheiten, die Sie vielleicht für Höflichkeit halten, müſſen Sie ſich im Laufe der zehn Jahre ngtürlich bei Herrn Mahlmann ver⸗ haßt gemacht haben, wenn Sie gleich ein Virtuos von einem Caſſirer ſind und das Hauptbuch mit vollem Rechte eine Reinſchrift Ihres Gedächtniſſes nennen dürfen.“ Froſt ſchwieg ſtill und Liebezeit lehnte am Schranke, ſtocherte im Munde und feixte. Endlich erhob er den Kopf noch höher, bremſte ſein Lächeln bis auf die typiſchen Züge und ſagte etwas gereizt: „Sie übertreiben die Sache und wenn man das wieder davon wegnimmt, was Sie hinzugethan haben, ſo bleibt nichts übrig, als der Reſpect, den ich Herrn Mahlmann ſchulde und ihm in nicht höherm Maße bezeige, als Siees thun.“ „Nein, nein!“ wandte Froſt ein,„Ihre Höflichkeit iſt von ganz beſondrer Race; Sie haben ſie mit der Muttermilch eingeſaugt. Ich glaube, wenn Sie auf eine wüſte, unbe⸗ wohnte Inſel verſchlagen würden, ſo würden Sie auch da Ihre Höflichkeiten nicht laſſen können. Sie würden vor 103 ſich ſelbſt die Mütze in der Hand behalten, vor ſich ſelbſt erröthen und freundlich lächeln—“ „Fahren Sie in Ihrer Schilderung fort, ſobald ich zur Thür hinaus bin,“ rief Liebezeit erzürnt dazwiſchen, indem er von ſeinem Seſſel herunterrutſchte. „Und bei dem Gedanken an Sich,“ ergriff Froſt wieder das Wort,„würden Sie vor ſich ſelbſt empor⸗ ſchnellen—“ „Papperlapapp!—. „Mit einem Sprunge vor ſich ſelbſt ſtehen—“ „Papperlapapp!“— „Und ſich ſelbſt Ihre Aufwartung machen.“ „Papperl— wünſche Ihnen ganz gehorſamſt guten Morgen, Herr Mahlmann!“ rief elaſtiſch emporſchnellend Liebezeit, welcher im Begriffe war, das Comptoir zu ver⸗ laſſen und unter der Thür mit ſeinem Chef zuſammentraf. Er machte eine tiefe Verbeugung, lächelte in Wirklichkeit und war feuerroth bis hinter die Ohren. Da er ſich nicht von der Stelle zu rühren wagte, ſo verſperrte er Herrn Mahlmann den Eingang, und als der Letztere die Thür hinter ſich zumachen wollte, glaubte Liebezeit ſeinem Chef darin zuvorkommen zu müſſen, fuhr mit der Hand ſchnell nach der Klinke, ergriff aber ſtatt derſelben in der Eile Mahlmann's Hand, die bereits die Klinke erfaßt hatte. Da infolge deſſen Mahlmann glaubte, Liebezeit wolle zur 104 Thür hinaus, ſo ſtieß er die Thür wieder zurück, worauf Liebezeit mittelſt eines Seitenſprunges, bei welchem er ſeinem Chef auf den Fuß trat, die Thürklinke nun ſeiner⸗ ſeits erfaßte und die Thür zumachte. Während Herr Mahlmann mit verbiſſenem Lachen nach ſeinem Kabinet ging, blieb Liebezeit noch ein Weilchen an der Thür ſtehen, dann erſt öffnete er ſie wieder für ſeine eigene Perſon und ging endlich hinaus.— 1 Die Ausſicht von dem Fenſter aus, an welchem Froſt und Liebezeit gemeinſchaftlich an einem Doppelpulte ar⸗ beiteten, ging auf die Straße. Gerade gegenüber ſtand ein ſchmuckes einſtockiges Gebäude, in deſſen Parterre ſich die Weinſtube und Delicateſſenhandlung von Baptiſta Marinelli befand. Eben trat aus der Hausthür eine ſtattliche Dame in einem mit Pelz verbrämten Sammet⸗ mantel. Der Schleier, den ſie eben vorzog, bedeckte ein volles rundes Geſicht, einen ſtolzen Mund und ein Paar große, dunkle Augen. Zwiſchen Hut und Stirn und an den Schläfen blickte glänzend ſchwarzes Haar hervor. Die 1 Dame mochte vor zwanzig Jahren eine überraſchende Schönheit geweſen ſein— Glückes genug für ſie, daß man ihr dies heute noch anſehen konnte. Froſt bemerkte, daß Liebezeit, der inzwiſchen wieder eingetreten war, von ſeinem Fenſter aus eine Verbeugung nach der Dame machte, die von ihr durch ein gemſſenes Kopfnicken erwiedert wurde. . 105 „Eine ſtattliche Dame!“ flüſterte Liebezeit, der, wie es ſchien, durch dieſen Zwiſchenvorfall mit ſeinem Re⸗ eenſenten wieder ausgeſöhnt war, dem Collegen zu,„ſie muß lange verreiſt geweſen ſein.“ „Ich habe ſie noch nie bemerkt,“ äußerte Froſt.— „Sie iſt die Wittwe des Delikateſſenhändlers Mari⸗ nelli.“— „Sie ſcheinen mit ihr auf freundſchaftlichem Fuße zu ſtehen?“ Liebezeit ſchwieg auf dieſe Frage eine Zeit lang, ſtrich ſich den dünnen Schnurrbart und lächelte ſtill vor ſich hin. Endlich ſagte er: „Auf dieſe Frage kann ich mit Ja und Nein ant⸗ worten.“ Damit ſchien die Unterhaltung über die ſtolze Nachbarin geſchloſſen. Beide Herren ſchwiegen und Froſt war in ſeine Arbeit vertieft. Liebezeit dagegen blickte von ſeinem Hauptbuche öfters auf; jetzt ſetzte er an, um zu ſchreiben und dann hörte er wieder auf und ſtützte das Kinn auf den Stahlfedergriffel. „Jal ja!“ ſeufzte er lächelnd und ſah ſeinen Collegen an, der ſich aber in ſeiner Arbeit nicht ſtören ließ. „Es giebt Dinge in der Welt,“ fügte er nach einiger Zeit hinzu,„über die man ſich ausſprechen könnte— wenn man ſonſt wollte.“ 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 7 106 Unverkennbar beabſichtigte er durch dieſe ſchüchternen Aeußerungen Froſt's Neugierde rege zu machen. Er hatte etwas auf dem Herzen, das mit der Erſcheinung jener Dame in Zuſammenhang ſtand, es drängte ihn, etwas zu erzählen, und doch wollte er dazu aufgefordert ſein. Er ſchüttelte lächelnd den Kopf und beugte ſich wieder auf ſein Hauptbuch, dann ſah er wieder auf, ſtrich ſich den Schnurr⸗ bart und ſagte: „Es gehen in der Welt Sachen vor, die Einen toll machen könnten, wenn man nicht zu vernüuftig wäre.“ Als er ſah, daß Froſt theilnahmlos blieb, ſchwieg er wieder und ſchrieb in ſeinem Hauptbuche. Er hatte nicht zwei Worte geſchrieben, da erhob er den Kopf wieder, nahm ein kleines Lineal zur Hand, beſah es von allen Seiten, warf einige verſtohlne Blicke auf den emſig arbei⸗ tenden Froſt und trommelte dann mit dem Lineal takt⸗ mäßig auf das Hauptbuch. Während dieſer Beſchäftigung ſchien ein kühner Entſchluß in ihm zu reifen, denn er fragte plötzlich ſeinen Nachbar entſ ſchloſſ en: „Haben Sie ein Mal ein Liebesverhältniß gehabt?“ Dieſer blickte den Frageſteller Anfangs verwundert an; dann ſchien eine trübe Wolke ſeine Stirn zu umziehen und mit einem kurzen, unwilligen Kopfſchütteln verneinte er die Frage des Buchhalters. „Es iſt ſchon lange her,“ wagte dieſer nach einiger 107 Zeit wieder das Wort zu nehmen,„ſehr lange iſt es ſchon her!“ 1 „Was iſt ſchon lange her?“ fragte Froſt verſtimmt. „Daß ich zwanzig Jahre alt war.“ „Das glaube ich gern.“ „Nein, ohne Spaß— damals beſtand die Weinſtube des reichen Baptiſta Marinelli auch ſchon, aber Herr Mahlmann war noch nicht hier. Ich ſervirte damals als Commis in einem andern Geſchäft. Ich war fremd in die Stadt gekommen.“ Liebezeit hat während dieſer frag⸗ mentariſchen Aeußerungen Feder und Lineal weggelegt, beide Ellbogen auf das Pult geſtützt und dreht mit den Fingern die beiden Spitzen ſeines Schnurrbarts. Dabei blickt er unverwandt auf das Hauptbuch, als läſe er daraus die Worte ab, die er ſpricht: „Die Dame, die vorhin aus der Hausthür trat, war Marinelli's zweite Frau. Er lebte, als ich zwanzig Jahre zählte, noch in erſter Ehe. Ich beſuchte ſeine Wein⸗ ſtube täglich wegen der ſchönen Marianne— ein junges Mädchen, das den Gäſten aufwartete. Sie hatte ſchwarze Augen, pechſchwarzes Haar, ein blaſſes, vornehmes Geſicht und war von hoher, aber überaus zarter Geſtalt. War ſie nicht ſchön? Ach! ſie war ſo ſchön, daß ich den Ent⸗ ſchluß faßte, ſie zu heirathen!“ 7* 108 Froſt blickte von ſeinem blauen Briefbogen auf, und hielt die Feder ſchwebend über den Zeilen. „Iſt die Thür zu Herrn Mahlmann's Kabinet offen?“ fragte Liebezeit. „ Sie iſt verſchloſſen.“ „Meine Bekannten,“ fuhr Liebezeit fort,„hatten immer viel Spaß mit ihr, denn ſie wußte auf Alles treffende Antworten zu geben. Mir aber verging das Spaßen, mir war es in ihrer Nähe zu ernſt zu Muthe. Es war ja meine erſte Liebe und deshalb nahm ich's ſehr genau. Ich hielt es nicht lange aus, ſie mußte wiſſen, was mein Herz drückte, und bald wußte ſie, daß ſie meine Frau werden ſollte. Ihr Vater war ſeit Jahren todt, nur die Mutter lebte noch und Marianne, das einzige Kind, ernährte die gute Alte.— Meine Freunde riethen mir von meinem Vorhaben ab. Natürlich, es wäre ihnen lieber geweſen, penn ich mich in jede Andre verliebt hätte, denn von der Zeit an, wo ich mich Mariannen erklärt hatte, wurde ſie gegen die Gäſte ſehr zurückhaltend und die Letzteren, unter ihnen meine Bekannten, waren damit nicht recht einverſtanden. Um mich von Marianne abzu⸗ bringen, ſcheute man ſogar die niedrigſten Mittel nicht. Der Eine ſagte, ſie wäre ein launiſches Geſchöpf, das mich dereinſt unglücklich machen würde. Der Andere be⸗ hauptete, ihre Mutter wäre ein kuppleriſches, habgieriges 109 Weib und der Vater ſei nur durch Mariannen's und der Mutter Schuld, welche ſich bei Lebzeiten deſſelben gleich den erſten Damen der Stadt geputzt hätten und überhaupt ſo anſpruchsvoll aufgetreten wären, daß der arme Mann in die tiefſten Schulden gerathen ſei— unter die Erde gebracht worden, und ich lüde mir eine ſchwere Laſt auf, wenn ich Marianne zur Frau nähme. Von ihrer Liebe zu mir ſei gar keine Rede, ſagten meine Bekannten, der erſte Beſte, der es mit ihr ſo ernſt hätte nehmen wollen wie ich, hätte ſie auf dem Halſe gehabt! Ich ließ die Leute ſchwatzen, denn ich war von Mariannen's Liebe zu mir hinlänglich überzeugt, ganz abgeſehen davon, daß ich damals eine ſtattliche Figur ſpielte u. ſ. w. Mariannen's Mutter, Gott habe ſie ſelig, war eine ſtille, freundliche Frau; ſie hatte in ihrem Aeußern nichts Anziehendes und deshalb ſagten ihr die Leute, die nach dem Schein urtheilen, eher Schlechtes, als Gutes nach.— Ich kann ſagen, das waren damals die ſchönſten Tage meines Lebens. Zwar war Marianne fortwährend an ihre Stellung gebunden und konnte mir daher nur wenig Stunden widmen, auch war doch, da mir meine Umſtände nicht geſtatteten, vor Ablauf eines Jahres meinen häuslichen Herd zu gründen— unſer Verhältniß noch kein öffentliches und Marianne mußte es vor ihrer Prinzipalität geheim halten, denn Marinelli duldete nicht, daß ſeine Leute Liebesverhältniſſe unterhielten. 110 Aber die verſtohlnen Blicke, die mir Marianne zuwarf, wenn ich mitten unter den Gäſten ſaß, reichten hin, mich die ganze Woche in freudige Geduld zu faſſen, bis der Sonntag erſchien, wo ſie zu Hauſe bei ihrer Mutter zu Mittag aß. Da fand ich mich regelmäßig auch ein und plauderte und koſte mit Mariannen auf dem Tritt unter dem Fenſter, während die Mutter auf dem Sopha ihr Mittagsſchläfchen hielt. Es waren ſchöne Zeiten! Und nie habe ich ſeitdem wieder die Wonne gefühlt, ein ehr⸗ bares Bürgermädchen mit ganzer Hingebung in meinen Armen zu halten.— Knarrte nicht die Thür zu Herrn Mahlmann's Kabinet?“ Froſt verneinte. Liebezeit fuhr fort: „Es trat ein Ereigniß ein, daß eigentlich weder mich noch Marianne Etwas anging, für unſer Verhältniß aber doch nicht ohne Folgen bleiben ſollte. Die Gemahlin des Herrn Marinelli nämlich ſtarb plötzlich,— nach einer kurzen kinderloſen Ehe. Das war aber den Leuten, die mir Mariannen's Gunſt mißgönnten, ein höchſt erwünſchter Umſtand, denn kaum war Madame Marinelli begraben, ſo flüſterte man ſchon, der Wittwer habe ein Auge auf ſein Ladenmädchen geworfen und werde Marianne heira⸗ then. Das Erſtere ſtellte ich durchaus nicht in Abrede, denn Marianne ſtrahlte von Schönheit und Liebenswür⸗ digkeit! Aber vom Heirathen konnte keine Rede ſein, denn 111 Marianne hatte mir oft genug erzählt, daß ſie ihren Prinzipal nicht leiden könne; ſie nannte ihn nicht anders, 1 als einen alten Brummbär und machte ihn bei jeder Ge⸗ legenheit lächerlich. Da ich mich nun von dem Gerede der Leute nicht irre leiten ließ, ſo erfand man ein eigenes Geſchichtchen. Unter dem Vorwande, daß man ungemeine Theilnahme für mein Schickſal hege und jetzt, da man einſähe, daß es mir mit Marianne wirklich Ernſt wäre, über eine Sache, mit der man mich bisher gern verſchont habe, nicht mehr ſchweigen könnte,— theile man mir im Vertrauen mit, daß Marianne früher, noch ehe ich die Stadt betreten habe, viel ſchöner und blühender geweſen ſei. Ich beruhigte die Leute durch die Verſicherung, daß ich das Mädchen jetzt noch ſchön und liebenswürdig genug fände, um ſie zu lieben und durch ihren Beſitz glücklich zu werden. Darauf aber ſagten die Leute geheimnißvoll, es hätte einſt ein junger Offizier aus dem öſtlichen Theile unſres Vaterlandes bei Mariannen's Eltern einen Winter lang im Quartier gelegen und mit ihr ein Verhältniß unterhalten. Einige Monate nach der Abreiſe des Offiziers habe auch Marianne die Stadt verlaſſen und ſei zu einer Freundin nach dem Dorfe Zierfels gezogen.— Waren Sie noch nicht in Zierfels?“ unterbrach ſich Liebezeit. „Nein.“— „Seit Jahren ſchon pflege ich faſt jeden Sountag 112 hinaus zu gehen. Es ſind nur zwei kleine Stunden nach dem freundlichen Dorfe. Auf dem Tanzſaale des Wirths⸗ hauſes findet man die ſchönſten Bauernmädchen. Nächſten Sonntag müſſen Sie mich begleiten.“ „Ich tanze nicht.“ „In Zierfels alſo, ſagten die Leute, habe Marianne mehrere Monate zugebracht, Niemand habe ſie während der Zeit geſehen und nach ihrer Rückkehr in die Stadt habe man ſie kaum wieder erkannt, ſo verändert ſei ihr Geſicht, ſo hager ſei ſie am Körper geweſen. Ich wandte lachend dagegen ein, daß Marianne, wie ſie mir einſt ſelbſt erzählt hatte, an einer Bruſtkrankheit gelitten und in Zierfels eine Molkenkur gebraucht habe. Da aber wollten ſie wiſſen, daß in Zierfels in aller Stille ein neugebornes Mädchen getauft worden ſei, das ſpäter der bewußte Offizier zu ſich genommen habe, da wollten ſie noch wiſſen, daß— mit einem Worte, die Leute machten mir den Kopf verdreht und ich beſchloß, mir vor dem Gerede auf immer Ruhe zu verſchaffen. Ich hatte einen Plan; ein Zufall ſchien die Ausführung begünſtigen zu wollen: Marianne erhielt eines Tags von ihrer Zierfelſer Freundin— einem gewiſſen Fräulein Bertha Steinwald— eine Einladung zur Kirchweih! Dieſe Freundin eben wollte ich kennen lernen, um mit ihr über die Sache ein vertrauliches Wort zu ſprechen. Freilich, es ſchien mir faſt eine Sünde, und 113 wenn ich meiner Marianne in das große, unſchuldige Auge blickte, da war ich kaum fähig, an die Verleumdungen zu denken, durch die man dieſes reine Geſchöpf zu beflecken trachtete! Trotzdem wollte ich mit Fräulein Bertha ſprechen, um— auf ihre Ausſage geſtützt— gegen die Verleumder meiner Geliebten wo möglich gerichtliche Schritte thun zu können. Ich bat Marianne um die Erlaubniß, ſie auf die Kirchweih begleiten zu dürfen. Sie ſchlug mir's Anfangs rund ab, weil Bertha mich nicht ausdrücklich mit eingeladen habe. Oh! ſie beſaß einen edeln Stolz, ſie hatte dieſe Vernachläſſigung meiner Perſon ihrer Freundin ſehr übel, genommen und war beinahe entſchloſſen, die ganze Ein⸗ ladung abzulehnen. Nur auf mein dringendes Bitten brachte ich ſie dahin, mit mir zur Kirchweih zu gehen und ſie war faſt böſe darüber, daß ich mich nicht abhalten ließ, ſie zu begleiten. Sie meinte, man würde mich„aufdring⸗ lich“ nennen, und ich wünſchte allerdings auch, ich wäre zu Hauſe geblieben. Mariannen's Freundin war ein hübſches, lebhaftes Mädchen und wir verlebten im Hauſe ihrer Eltern einen recht vergnügten Sonntag. Erſt kurze Be vor unſerm Aufbruche fand ich Gelegenheit, Bertha Vess Augen zu ſprechen.„Friäulein Bertha,“ ſagte ich,„Sie kennen mein Verhältniß zu Marianne. In Kurzem hoffe ich, ſie mein Weib nennen zu können, und ich bin gewiß, Sie werden ihr eine treue Freundin bleiben 114 und wir werden alle Drei noch viele angenehme Stunden theilen. Nicht wahr? Ich bitte Sie ſchon heute um einen Beweis Ihrer Freundſchaft: Marianne fand während einer langen Krankheit unter Ihrem Dache einſt liebevolle Pflege.“ Bertha ſah mich bei dieſen Worten mit ſo großen Augen an, daß ich all' meinen Muth zuſammenraffen mußte, um das Folgende auszuſprechen.„Man deutet,“ fuhr ich etwas befangen fort,„in der Stadt Mariannen'’s damaligen Aufenthalt bei Ihnen in der ſchwärzeſten Weiſe, man ſpricht von einem jungen Offizier, der bei Marian⸗ nen's Eltern im Quartier gelegen—“ Ich konnte nicht weiter ſprechen, denn Bertha, die ihre braunen Augen immer weiter und weiter aufriß und mich mit unheim⸗ lichem Erſtaunen von Kopf bis zu Fuß anſah, rauſchte bei den letzten Worten mit leidenſchaftlichen Schritten aus dem Zimmer und ſchlug die Thür heftig hinter ſich zu. Da ſtand ich allein, und jetzt erſt fiel mir's ſchwer auf die Seele, welch' barbariſche Zumuthung ich Fräulein Bertha geſtellt hatte. Ich Thor!— ließ mich von dem argliſtigen Geſchwätz der Leute ſo weit hinreißen! Ich wagte jetzt nicht, das Zimmer zu verlaſſen und gab mich den weh⸗ müthigſten Empfindungen hin. Der Mond Nnie ann ßen über der lieblichen Landſchaft und warf ſein mildes Licht und die Schatten der Fenſterkreuze auf den Fuß⸗ boden des Zimmersz; ich ſehe es noch jetzt vor mir. Unten 115 an der Thür ſchien ein Wagen vorzufahren, ich hörte weibliche Stimmen leiſe ſprechen, dann rollte der Wagen fort. Es währte mir zu lange; ich verließ das Zimmer. Es war ſtockfinſter im ganzen Hauſe, ich tappte umher und fühlte endlich einen Thürdrücker. Gleichzeitig wurde von innen die Thür geöffnet und Bertha ſtand vor mir, die Lampe in der Hand. Wo iſt Marianne? fragte ich. Mit eiſiger Kälte gab ſie mir zur Antwort: Sie iſt in unſerm Wagen nach der Stadt zurückgekehrt. Dann rief ſie einer Magd zu: Johanne, leuchte dieſem Herrn die Treppe hinab. Mein Gute Nacht blieb unerwiedert. Einſam wanderte ich im Mondenſcheine den weiten Weg zur Stadt zurück, den ich vor wenig Stunden Arm in Arm mit Marianne dahergekommen war! Ich konnte die Nacht nicht ſchlafen. Am nächſten Morgen war Marianne nicht im Geſchäft; ſie war krank und hatte ſich entſchuldigen laſſen. Ich ſtürzte zu ihrer Mutter und fand Marianne bleich und leidend auf dem Sopha ſitzen. Es gab einen furchtbaren Auftritt. Nie habe ich Marianne's Mutter, dieſe ſtille, freundliche Frau, ſo furchtbar umgewandelt geſehen! Ich hätte, warf ſie mir vor, die Ehre ihrer Tochter, ihrer ganzen Familie angegriffen, ich wäre von oben bis unten voll Mißtrauen durch und durch und ein ſolcher Mann könne ihr Kind nicht lieben, geſchweige denn glücklich machen! Und ſo löſe ſie hiermit mein Verhältniß 116 zu ihrer Tochter auf und bäte mich dringend, ſie(die Mutter) und ihr Kind für immer aus dem Buche meiner Erinnerung zu ſtreichen! Dann gab ſie mir all die kleinen Geſchenke zurück, die Marianne von mir angenommen hatte, und ich verließ das Zimmer, während Marianne ihr Angeſicht ſchluchzend in den Kiſſen des Sophas vergrub.“ „Da man Ihnen nun ohnehin den Vorwurf des Mißtrauens gemacht hatte,“ warf Froſt ein und betrachtete ſeinen Nachbar mit prüfendem Blicke,„ſo konnten Sie auf Koſten deſſelben an der Vorſaalthür noch einmal umkehren und plötzlich die Stubenthür öffnen, um Mutter und Tochter in einem Augenblicke zu überraſchen, wo beide ſich allein glaubten.“ „Was hätte mir das helfen können?“ „Sie hätten dadurch vielleicht die Beruhigung ge⸗ wonnen, daß der Zorn der Mutter und der Schmerz der Tochter einer milderen Stimmung gewichen waren.“ „Das ſtand wohl nicht zu erwarten.“ „Aber ich ſetze nur den Fall, Sie hätten noch einen unverhofften Blick zurückgeworfen und da zu Ihrem Er⸗ ſtaunen die Bemerkung machen müſſen, daß die Tochter, ſtatt in Thränen zu ſchwimmen, ein heiteres Geſicht macht und die Mutter, ſtatt die Hände zu ringen, ſich dieſelben reibt.“ 1 W 117 Liebezeit ſah ſeinen Collegen verwundert an und ſchüttelte den Kopf. „Ich ſetze den Fall,“ erklärte dieſer,„daß Marinelli Ihrer Geliebten ſeine Hand angetragen hätte und daß Marianne, einer ſolchen Partie den Vorzug gebend und vielleicht auch durch ihre Mutter überredet, nun eine Ge⸗ legenheit, Ihrer los zu werden, geſucht und dieſelbe in Ihrer gewagten Aeußerung gegen Fräulein Steinwald gefunden hätte?“ „Sie ſetzen dieſen Fall,“ ſagte Liebezeit,„ja der Fall läßt ſich ſetzen, wie man den Fall ſetzen kann, daß Sie z. B. nicht Herr Froſt, ſondern ein verkleidetes Mädchen wären.“ „Nun, erzählen Sie nur weiter,“ bat Froſt lächelnd. „Sie waren da ſtehen geblieben, wo die arme Marianne ihr Angeſicht ſchluchzend in den Sophakiſſen vergrub.“ „Vergebens waren alle Briefe, die ich ihr ſchrieb,“ fuhr Liebezeit fort,„vergebens ſuchte ich von Marianne, wenn ich ihr zufällig ein Mal begegnete, nur einen einzigen Blick zu erhaſchen. Sie kannte mich nicht mehr!“ „Wie mag ſie unter dieſer ſcheinbaren Kälte gelitten haben?“ „Ich war nahe daran, mir das Leben zu nehmen, aober ich beſann mich eines Beſſern und beſchloß, Marianne 8 — 118 und meine Liebe zu vergeſſen. Nicht lange nach jenem Vorfalle wurde Marianne—“ „Marinelli's Gemahlin,“ vollendete Froſt. „Sie genoß das Glück der Ehe nicht lange,“ fuhr Liebezeit nach einem beſtätigenden Kopfnicken fort,„denn ſchon nach einigen Jahren ſtarb Marinelli. Seine Wittwe, die Beſitzerin dieſes Hauſes, die ſtattliche Dame, die Sie mich vorhin grüßen ſahen, iſt meine frühere Geliebte!“ Liebezeit hielt noch immer die Ellbogen auf das Pult ge⸗ lehnt und drehte lächelnd die Spitzen ſeines Schnurrbarts. „Was halten Sie davon, daß ſie alſo dennoch Herrn Marinelli ihre Hand gereicht und damit das Geflüſter der Leute wahr gemacht hat?“. „Sie hat ihn aus Verzweiflung geheirathet.“ „Die Heirath ſcheint ihr gut bekommen zu ſein.“ „Der Menſch muß Alles verſchmerzen lernen,“ wandte Liebezeit ein,„auf dem Grabe einer vernichteten ſchönen Vorzeit— um poetiſch zu ſprechen— habe ich noch tau⸗ ſend luſtige Stunden gefeiert und Madame Marinelli gewiß ebenfalls. Jetzt iſt es mir ganz recht, daß Ma⸗ rianne nicht meine Frau geworden iſt, und wenn ſie heute zu mir käme und mir ihre Hand und ihre Schätze anböte, ſo würde ich ſagen: Nein! es gefällt mir ſo, wie es jetzt iſt, am beſten.“ 119 „Wie hat ſich im Laufe der Zeit Ihr Verhältniß zu dieſer Dame geſtaltet?“ frug Froſt. „Bald nach ihrer Verheirathung grüßten wir uns wieder. Dabei iſt es geblieben. Im Uebrigen hat ſie ſich in ihre neuen Verhältniſſe ſehr gut zu ſchicken gewußt. Sie verſteht es ausgezeichnet, die vornehme Dame zu ſpielen, bewegt ſich in den auserleſenſten Kreiſen unſrer Stadt und wohl Niemand entſinnt ſich mehr ihrer niedern Herkunft. Siee hat eine einzige Tochter, die ſie auswärts ſehr vor⸗ 1 naehm erziehen läßt. Das wird eine Frau, welcher ſich 3 kein Graf zu ſchämen braucht, und nach dem Beſitz dieſes Miädchens werden die reichſten Fabrikantenſöhne unſrer Stadt die Hände. ausſtrecken.“ 5 „Haben Sie über Mariannen's angebliches Ver⸗ hältniß zu dem Offizier, ſowie über ihren Aufenthalt in Zierfels ſpäter nicht das Nähere erfahren?“ „Ich denke doch, die Empörung Mariannen's und ihrer Mutter wider mein Mißtrauen war Beſcheid ge⸗ nug,“ gab Liebezeit, faſt entrüſtet über Froſt's Frage, zur Antwort.. Eben öffnete ſich die Thür des Kabinets und Herr Mahlmann richtete eine Frage an Herrn Liebezeit. Wäh⸗ rend dieſer von ſeinem Seſſel herunterglitt, um die ſchwarze Comptoirtafel herum in das Kabinet rannte und mit der Parole:„Mein Herr Mahlmann?“ ſich 120 vor ſeinem Chef aufſtellte, beſchrieb Froſt das Stamm⸗ buchblatt, das ihm Liebezeit heute überreicht hatte, folgenden Zeilen: „Man ſpielte mit Dir Blindekuh Und band Dir beide Augen zu; Du konnteſt keinen Menſchen fangen. Sie waren ſtill davon gegangen. Doch haſt Du die Binde nicht abgenommen Und warteſt, bis ſie wieder kommen.“ mit Fiebentes Capitel. Geknickte Noſen. Einer Einladung Mahlmann's zufolge machte Froſt an einem Sonntage in der Villa einen Beſuch. Er wurde von ſeinem Chef mit einer Zuvorkommenheit empfangen, die das Verhältniß zwiſchen Herr und Diener vollſtändig aufhob. Der Angelegenheiten des Geſchäfts geſch chah mit keiner Silbe Erwähnung, es ſchien, als hätten die Biiden nie in anderen Umgebungen als in dieſen traulichen Räu⸗ men des Privatlebens mit einander verkehrt, als hätte es nie eine Maſchinenfabrik von Johannes Mahlmann ge⸗ öben. Mahlmann führte ſeinen Gaſt in allen Gemächern geräumigen Villa umher und zeigte ihm die ſeltenſten wenaerüa Unter den Werken ſeiner reichen Bibliothek befand ſich kein einziger Band, den der Beſitzer nicht ge⸗ leſen hatte.„Ehe ich die Werke, welche ich ankauſe, meiner 1859. VI. Der beſeelte Schatten. 1. 122 Sammlung einreihe,“ äußerte Mahlmann zu Froſt,„be⸗ nutze ich ſie ihrem Hauptzwecke nach, und dann erſt ver⸗ dienen ſie ihren Platz hinter den grünen Vorhängen. Und dort ſtehen ſie nicht als Quellen der Weisheit, ſondern als Monumente. Leider giebt es viele Büchernarren, die ſich Werke nur anſchaffen, um ihre Spinde zu füllen und ihre Zimmer zu putzen, und die den Inhalt der reich⸗ vergoldeten Bände lebendig begraben!“ „Dieſe Leute,“ ſagte Froſt,„leiſten der Literatur einen Dienſt und lehnen— uneigennützig genug— den Dank dafür ab.“ Faſt jedes Zimmer der Villa war mit einem großen Oelgemälde geſchmückt: ſämmtlich Originale berühmter lebender Meiſter, von denen Mahlmann ſie angekauft hatte. Er war des Beſitzes ſolcher Meiſterwerke würdig, denn er verſtand ſie und fand in ihnen eine lebende Welt, wo Andere nur das todte Kunſtwerk erblicken. Unter den verſchiedenartigen kleinen Sammlungen, die er Froſt zeigte, befand ſich kein Stück, von dem man hätte ſagen können: Sehen und Vergeſſen. Es hatte ein jedes, wenigſtens für Mahlmann, ein tieferes Intereſſe, das ſich in imm friſchem Fortleben erhalten hatte, wie die Erinnerung an irgend einen wichtigen Lebensmoment. „Ich ſelbſt ſehne mich nicht nach Reichthum,“ äußerte 123 Froſt gelegentlich,„und dennoch möchte ich Sie um das Glück, das Sie um ſich her geſchaffen haben, beneiden.“ „Ich wußte im Voraus,“ entgegnete Mahlmann lächelnd,„daß Sie dieſe Bemerkung nicht würden ver⸗ meiden können. Jeder Reiche muß Aehnliches hören, und es iſt eine alte Gewohnheit, daß er widerſpricht. Auch ich befinde mich in dieſem Falle. Es gab eine Zeit, wo ich arm war, wo ich mich nach Allem, was ich jetzt beſitze, geſehnt habe und wo der Beſitz mich in der That glücklich gemacht haben würde. Aber das Schickſal gleicht in der Erfüllung unſerer Wünſche einem bengaliſchen Feuer, das ſich zu ſpät entzündet und ſeine Wirkung erſt dann übt, wenn die Stimmung, die es heben ſollte, vorüber iſt. All' mein Reichthum iſt nichts, als eine Ironie des Schick⸗ ſals!“ „Auch für Diejenigen, die Sie durch Ihren Reich⸗ thum glücklich gemacht haben?“ fragte Froſt. „Solcher Samen, wie ich ihn jetzt ausſtreue, geht zu jeder Zeit, in jedem Boden auf; da iſt es nie zu früh und nie zu ſpät. Ich ſäe Gras und wieder Gras; als es aber galt, eine Roſe zu pflanzen, fehlte mir der Son⸗ wmfrahl des Reichthums. All mein Beſitz mit allen Lonſequenzen, die zum Vortheil armer, hülfsbedürftiger ſchen daraus entſpringen mögen— was iſt es gegen das Glück, das ich einſt einem einzigen Menſhen ent⸗ * 8 124 zogen habe? Ich will Ihnen den Zuſammenhang mit⸗ theilen— je jünger mein Zuhörer deſto beſſer. Ich wünſchte, es ſtände ſtatt Ihrer die ganze junge Generation vor mir und hörte mir zu— Gewiß, ich würde manches lauernde zu Spät untergraben.— Ich hatte einen Vater, einen lieben, braven Mann. Meine Mutter ſtarb, ehe ich ihrer bewußt war. Mein Vater war faſt ein Greis, als ich im Zünglingsalter ſtand. Er liebte mich, wie noch kein Vater ſein Kind geliebt hat und auch mein Herz war von der aufopferndſten Liebe für ihn erfüllt. Bis in ſein ſpätes Alter hatte mein Vater ſich unter fremden Menſchen her⸗ umgeplagt und das Schickſal trieb ihn bald hier⸗ bald dorthin. So ſehnte er ſich endlich nach einem Aſyle, wo er das Ende ſeiner Tage in Unabhängigkeit erwarten und zugleich den Grund zu meiner eigenen künftigen Exiſtenz legen wollte. Er errichtete mit einem kleinen, mühſam er⸗ ſparten Capitale ein Geſchäft, deſſen kaufmänniſche Füh⸗ rung ich übernehmen ſollte, nachdem ich die Handlung erlernt haben würde. Die gehoffte Ruhe war ihm nicht beſchieden, denn die Sorgen um das Geſchäft ließen ihn kaum ſchlafen; aber täglich bat er den Himmel um ein noch recht langes Leben— nur noch ſo lange, bis meine Zu⸗ kunft geſichert ſei. Ich war etwas phantaſtiſcher Natur und ſchwärmte für die ſchönen Künſte. Mit großer Vor⸗ liebe betrieb ich die Malerei. Durch Umſtände begünſtigt, —— 125 hatte ich bereits in meinem achtzehnten Jahre meine Lehre beendet und jetzt übernahm ich die kaufmänniſche Führung des väterlichen Geſchäfts. Mein Vater hatte mir zu viel zugetraut: ich war zu jung, zu unerfahren, und dabei ver⸗ nachläſſigte ich das Geſchäft, je mehr ich mich der Malerei hingab. Mein Vater wehrte dieſer Neigung nicht, er war ſelbſt ein warmer Freund des Schönen und freute ſich über die kleinen Reſultate meiner künſtleriſchen Thätigkeit. Mit der techniſchen Leitung der kleinen Fabrik beſchäftigt und mit dem kaufmänniſchen Theile derſelben nur wenig ver⸗ traut, hatte er keine Ahnung, daß durch viele verkehrte Manipulationen, die ich in meiner Unerfahrenheit vor⸗ nahm, das Geſchäft ſeinem Ruin entgegengeführt wurde. Ich wagte nicht, ihm dies zu geſtehen, ich wollte ihm keinen Kummer machen und glaubte durch kluges, überlegtes Ein⸗ ſchreiten der Gefahr noch vorbeugen zu können. Verge⸗ bens!— nach wenig Jahren der Selbſtſtändigkeit war mein Vater banquerott und hatte ſein kleines Vermögen und ſeine Ehre verloren. Ich hatte ihn ruinirt!— Kein Wort des Vorwurfs kam über ſeine Lippen, als er— ge⸗ ächtet von ſeinen Mitbürgern— mit mir die Stadt ver⸗ ließ, um unter fremden Menſchen wieder ſein tägliches Brot zu ſuchen.— Mit Mißtrauen betrachtete man den ſilberhaarigen Greis überall, wo er ſeine Kräfte zur Arbeit anbot; aber es gelang ihm, eine kleine Stellung zu erhalten. 126 Auch ich fand ein beſcheidnes Unterkommen— in einem Handlungshauſe, aber eine weite Entfernung trennte den Sohn von ſeinem Vater. Schmerzlich war mir der Ge⸗ danke an meinen Vater; an ſein Unglück, das ich ver⸗ ſchuldet hatte; an ſein einſames, freudenloſes Alter draußen in der Fremde, wo keine liebende Hand ihn pflegte, kein theilnehmendes Herz für ihn ſchlug! Aber ſchmerzlich auch empfand ich jetzt den Druck einer Abhängigkeit, der ich ſeit meinen Lehrjahren entwöhnt geweſen war, der mir innewohnende Stolz erlitt die bitterſten Kränkungen, meine Muße für die Malerei war auf wenige Stunden der Woche beſchränkt, ſogar der freie Sonntag war mir verkümmert. Jal ich mußte mit ängſtlicher Vorſicht mein Lieblings⸗ ſtudium vor meiner Prinzipalität geheim halten! Ich wechſelte zu wiederholten Malen die Stellung und traf es nirgends beſſer. Mein ſehnſüchtigſtes Streben ging dahin, meinen alten Vater zu mir nehmen zu können, damit er unter meiner Pflege, und befreit von ſeinen täglichen harten Pflichten, einen ſtillen, freundlichen Lebensabend feiern könne. Aber ich wollte mich zunächſt von dem tyranniſchen Joche meiner Exiſtenz befreien und meinen andern Lieb⸗ lingsplan, die Malerei zu meinem Lebensberufe zu machen, zur Ausführung bringen. Ich vertraute meinem Genie und der Hülfe des Himmels. Während ich auf der einen Seite mit mehr Verzweiflung als Energie mein Project 127 zu verwirklichen ſtrebte, vernachläſſigte ich auf der andern Seite den Beruf, der mich vorläufig noch ernährte und mich, hätte ich ihm meinen ungetheilten Eifer zugewandt, ſchon jetzt würde in den Stand geſetzt haben, meinen Vater zu mir zu rufen. Warte nur, Vater! warte nur noch kurze Zeit, ſchrieb ich ihm faſt in jedem Briefe, ich bereite Dir einen ruhigen, heitern Lebensabend vor, an meiner Seite ſollſt Du ausruhen von Deinen wildbewegten Tagen, und es werden uns Verhältniſſe umgeben, die glücklicher und ungetrübter als alle früheren ſind. Ich arbeite— ich ſchaffe. Es muß bald beſſer werden!“ Mahlmann hielt eine Weile inne. Spott und Wehmuth miſchten ſich in ſeinen Geſichtszügen als er dann fortfuhr:„Ja! ich ar⸗ beitete— ich ſchuf— und ſchuf Nichts— als eine Reihe unvollendeter Verſuche. Was ich in mir für Eigenſinn hielt, war Talentloſigkeit. So vergingen Jahre und mein Vater wurde älter und ſeine Kräfte mußten nachlaſſen. Er ſchrieb nur heitere Briefe, beunruhigte mich hinſichtlich ſeiner Lage mit keinem Worte, machte ſich oft Vorwürfe, daß er mich nicht gleich von vornherein der Kunſt beſtimmt hatte, die ich ſo liebte und mir jetzt ſo mühſam erkämpfen müſſe, und munterte mich auf zu rüſtigem Arbeiten und Schaffen. „So begab ich mich einſt auf die Reiſe, um meinen Vater zu ſehen. Er kam mir heiter entgegen, aber er gab ſich Mühe, rüſtiger zu ſchreiten, als es ſeine Kräfte ge⸗ * 128 ſtatteten, er lachte und ſcherzte und ſuchte darunter zu verbergen, daß er des Lebens müde war; er ſprach von liebevollen Leuten, die er um ſich habe und in deren Händen er gut aufgehoben ſei, aber ich ſuchte ſie vergebens. Das matte Auge jedoch, die kahlen Stellen ſeines weißen Hauptes, die zuſammengefallenen Wangen konnte er mir nicht ver⸗ bergen. Ich erſchrak und ging in mich. Es iſt hohe Zeit! es iſt hohe Zeit! tönte es in mir, und die Stimme ließ mir keine Ruhe und ich eilte fort, zertrümmerte meine Staffelei und kehrte zu meinem früheren Berufe zurück, der mir nun die Mittel bot, die Pflichten des Kindes zu erfüllen. Da ſtarb mein alter Vater! Er war ſeiner harten Thätigkeit erlegen: das war der freundliche Lebens⸗ abend, den ich ihm vorbereitet hatte!— Seitdem hat mir das ſogenannte Glück gelächelt, es hat mich mit irdiſchen Gütern beſchenkt und zu dem gemacht, was ich heute bin. — Es liegt eine tiefe Wahrheit in den Mährchen von verzauberten Prinzeſſinnen, die auf Erlöſung warten. In einem ſolchen Zauber liegt mein Herz befangen bis die langerſehnte Stunde ſchlagen wird, wo es mit ſeinem Blute Jemanden beglücken kann. Tag und Nacht ſcheint die ge⸗ brochne Geſtalt meines Vaters durch dieſe reichen Ge⸗ mächer zu ſchleichen, und nie wollen ſeine weißen Locken, ſein lebensmüdes Geſicht aus meinen Augen weichen. Ich bin nicht glücklich!“ I 129 Froſt ſchwieg, da er keinen Verſuch wagen durfte, ſeinen Chef mit ſchönen Worten von der Schuld frei zu ſprechen, die dieſer fich aufbürdete. Auch bemerkte er, daß Mahlmann mit der Stimmung kämpfte, die ihn über⸗ wältigt hatte. Seine Geſichtszüge wurden wieder ruhiger, in ſeinem Weſen drückte ſich ein gebieteriſches Abgethan aus, und man ſah, wie es ihm gelang, der Erinnerung an das Erzählte den Rücken zu wenden.— Er führte jetzt ſeinen Gaſt in ein anderes Zimmer, in welchem ein ele⸗ ganter Flügel ſtand. „Sind Sie muſikaliſch?“ fragte er Froſt. „Leider— nein!“ entgegnete dieſer,„ich verſtand einſt, Einiges nach dem Gehör zu ſpielen, doch habe ich ſeit Jahren keine Taſte wieder berührt.“ Während der letzten Worte blickte Froſt düſter zu Boden, mit dem, was er geſagt hatte, ſchien eine ernſte Erinnerung verknüpft zu ſein. „Auch ich habe meine früheren muſikaliſchen Fertig⸗ keiten eingebüßt,“ verſetzte Mahlmann, der ſeinen Be⸗ gleiter beobachtet hatte,„und ſo ſtünde dieſer Flügel zwecklos hier, wenn er mir nicht einer Erinnerung wegen ſo werth und lieb wäre.“ „Eine Erinnerung?“ „Eine Erinnerung an ein kleines, freundliches Mäd⸗ 130 chen— das Töchterchen der Madame Marinelli, Ihrer Nachbarin— „Ich kenne ſie.“ „Das Kind war ein Engel von Gemüth und Anſehn. Es hat mir manche frohe Stunde bereitet, wenn es zu mir herauskam und mit ſeinen Puppen im Garten zu meinen Füßen ſpielte, oder die Puppen auf den Raſen warf, um einer Libelle nachzujagen, oder ſeine Freude an den Ka⸗ ninchen hatte, die ich dem Kinde zu Liebe hielt. Als das Mädchen älter wurde, erhielt es Klavierunterricht. Mit ſeltner Vorliebe betrieb das Kind die ernſten Studien, kaum war die Kleine vom Klavier wegzubringen, oft äußerte ſie ihr Bedauern, daß ſie mir nichts vorſpielen könne, weil ich kein Inſtrument beſitze; es ſei unrecht, ſagte ſie einſt 7 mir, wenn ein ſo reicher Mann nicht einmal ein Klavier kaufen wolle. An ihrem Geburtstage, wo ich ihr in der Regel eine kleine Frende machte, überraſchte ich ſie mit dieſem Flügel. Sie hat manche Stunde auf dieſem Stuhle vor dem großen Inſtrument geſeſſen und mir vorgeſpielt und die Grillen vertrieben. Die Mutter gab das Mädchen ſpäter in eine auswärtige Erziehungsanſtalt und ſeitdem habe ich meinen Engel nicht wiedergeſehn, denn der Zufall fügte es, daß ich, ſo oft das Mädchen die Venrait bei der Mutter verhn h auf Reiſen war. Sie iſt i inzwiſch hen zu einer Jungfrau herangewachſen und wird mir, wenn 131 ſie nächſtens aus dem Penſionat hierher zurückkehrt, ſehr fremd vorkommen. Auch dieſer Roſenſtock,“ fuhr Mahl⸗ mann fort und wies auf einen im Fenſter ſtehenden Blu⸗ mentopf,„iſt eine Erinnerung an das freundliche Mädchen. Sie brachte mir ihn einſt an meinem Geburtstage, und noch jetzt ſehe ich ſie vor mir, wie ſie mit dem Topfe, den ſie mit beiden Aermchen umſchlungen hielt, herangetrippelt kam— kaum konnte ſie ihn ertragen. Hinter einer großen Roſe verſteckte ſich ihr liebliches Geſicht und man ſah nichts als die ſchwarzen in der Mitte geſcheitelten Haare, die in Locken auf die kleinen Schultern herabfielen. Sehen Sie, dieſe Knospe hier war es, hinter der ſich das nied⸗ liche Geſicht verbarg. Ich freue mich jährlich auf die Zeit, wo die Roſe wieder aufblüht und glaube dann immer da⸗ hinter meine kleine Laura zu—“ „Laura!“ rief Froſt plötzlich und machte eine Hand⸗ bewegung, als wollte er dieſen Namen von ſich abwehren. „Knüpft ſich für Sie an dieſen Namen eine trübe Erinnerung?“ fragte Mahlmann mit Theilnahme. Froſt antwortete nicht gleich: er ſchien mit ſich zu kämpfen.„Die Roſe,“ ſagte er dann und wies auf die verhüllte Knospe, „hinter welcher ſich einſt das Geſicht jenes unſchuldigen Kindes verbarg, bringt Ihnen kein Frühling zurück. Nur ein Mal hat ſie geblüht, nur ein Mal ſind ihre Blätter abgefallen und verwelkt und zu Staub geworden, und die 13² Roſe, die alljährlich aufblüht, iſt eine fremde Roſe! Jene aber, die Sie liebten, hat der Tod geknickt. Auch ich pflegte einſt eine Roſe,— der Name Laura erinnerte mich an ſie.“ Mahlmann betrachtete ſeinen jungen Freund eine Weile mit prüfendem Blicke und ſagte, ihn noch immer feſt anſehend:„Blumen kommen— Blumen welken.“ Froſt ſchien betroffen.„Würden Sie,“ frug er,„dieſes kalte Wort mit gleicher Ergebung auch auf das Schickſal Ihrer kleinen Laura beziehen?“ „pLeider muß ich es,“ gab Mahlmann zur Antwort, „für mich iſt ſie ſchon verwelkt, wie jene Roſe nach Ihrer Auslegung es iſt. Nur ein Mal war Laura ein Kind, nur ein Mal hat ſie ihre Kindheit abgeſtreift und die Laura, die ich wiederſehen werde, iſt eine fremde Laura. — Sie iſt jetzt erwachſen. Ich bin ein Kinderfreund, aber kein Weiberfreund.— Freilich, darin werden Sie mit mir ſchwerlich übereinſtimmen, das würde ich Ihnen, auch ohne Ihr Geſtändniß von vorhin, angeſehen haben. Dieſe blauen Augen, ſo ernſt ſie auch blicken, haben ſich in irgend einem ſanften Augenpaare ſchon beſpiegelt,— ſie ſind noch nicht recht an den nackten Blick gewöhnt— ſie zwin⸗ kern noch vom Tragen der roſenfarhnen Brillengläſer.— So erzählen Sie mir doch jetzt gleich ein Mal friſch und rund von der Heimath Ihres Herzens, von jenen ſüßen Mondſcheinſtunden, von Roſenwangen und langen in den Abendlüften flatternden Locken. Ich werde Ihnen gern und mit Theilnahme zuhören und mich an die Zeit erinnern, wo ich auch jung war, für den Dienſt Amor's ausgehoben wurde und meine Zeit redlich abdiente.“ „Ihre Anſchauung,“ erwiederte Froſt verſtimmt, „wächſt aus einem andern Boden, als die meinige. Erlaſſen Sie mir es, vor Ihnen ein Bild aufzurollen, das Ihnen — von Ihrem Standpunkte aus— in einem getrübten Lichte erſcheinen würde.“ „Ahal ich habe zu profan geſprochen. Herzensge⸗ ſchichten ſind Flügelſtaub. Verzeihen Sie mir und faſſen Sie wieder Vertrauen. Vergebens ſuchen Sie ein inneres Leiden vor der Außenwelt zu verbergen. Mittheilung er⸗ leichtert das Herz, ſagen Sie mir, was Sie drückt, und wenn es eine unglückliche Liebe iſt, ſo brauchen Sie nicht zu fürchten, daß ich ſie als Grund zum Unglücke eines Mannes zu klein finden und verwerfen werde.“ „Ich appellire an Ihre Großmuth,“ verſetzte Froſt, „indem ich Sie bitte, mir das zu erlaſſen, was ich Ihnen, nachdem Sie mir einen Blick in Ihr innerſtes Leben er⸗ öffnet haben, ſchuldig bin. Die Heimath meines Herzens liegt in Nacht und Schweigen gehüllt. Es iſt etwas Schönes um die Grabesſtille in einer verſunkenen Stadt, ein lautes Wort zerſtört mit ſeinem Hauche die Ewigkeit 134 der ſtaubgewordenen Gruppirungen und reißt ſie aus den Armen des fürchterlichen aber weihevollen Augenblicks, der ſie zu dem machte, was ſie ſind.— Mich tröſten wol⸗ len, hieße die Schmarre meines Herzens zuheilen wollen, auf die ich ſo ſtolz bin, wie ein Krieger auf die Schmarre in ſeinem Geſicht.“— Es war finſter geworden und ein Diener zündete die Lampe an. Mahlmann berührte das bisherige Thema mit keiner Silbe wieder. Froſt wollte ſich entfernen, wurde aber von ſeinem Chef erſucht, zum Souper zu bleiben. Als das Letztere vorüber war, ſagte Mahlmann: „ Ich habe mich ſchon mit vielerlei Künſten und Wiſ⸗ ſenſchaften beſchäftigt, und dennoch iſt mir gerade die Kunſt, welche von Zweien gewiß Einer verſteht, bisher noch ein Geheimniß geblieben. Ich meine das Kartenſpiel.— Na⸗ türlich verſtehe ich unter dem Geheimniß dieſer Kunſt nicht die techniſche Seite, ſondern den unbegreiflichen Zauber, mit welchem ſie geiſtvolle Köpfe ſo zu umſtricken vermag, daß dieſe das Denken vergeſſen.“ Bei der Erwähnung des Spiels kam eine Umwand⸗ lung über Froſt; ſein niedergeſchlagenes Weſen richtete ſich empor, ſein Auge belebte ſich, ſogar ſein Geſicht ge⸗ wann eine andere Farbe.„In dieſem Vergeſſen eben be⸗ ruht der Zauber,“ rief er,„auch die Gedanken wollen ihren Sonntag haben, es muß Zeiten geben, zu denen das Feuer dieſes Herdes(er wies nach der Stirn), das Tag und Nacht brennt, ein Mal ausgelöſcht iſt, mit einem Worte, das Spiel—“ „Iſt das Chloroform des Geiſtes,“ vollendete Mahl⸗ mann mit einem ſcharfen Blicke auf Froſt, der über Mahl⸗ mann's Ausſpruch ſo entzückt war, daß er laut auflachte. „Ich habe ein Spiel Karten im Hauſe,“ fuhr Mahl⸗ mann fort,„obwohl ich ſelbſt nie geſpielt habe. Würden Sie ſich vielleicht entſchließen, mich die Kunſt zu lehren?“ Froſt bejahte. „Wenn es Ihnen beliebt, ſo machen wir gleich heute den Anfang,“ ſagte Mahlmann im Aufſtehen und die Karte holend,„Sie ſetzen Ihre Lectionen allabendlich fort und ich darf wohl hoffen, daß Sie mit Ihrem Schüler Geduld haben werden.“ Achtes Capitel. Erfolge. Mahlmann ſitzt wieder in ſeiner Villa vor dem Ka⸗ min, hat ſeine Morgenlectüre von ſich gelegt und blickt ſinnend in die Flammen. „Ich bin doch geſpannt, wie lange er es noch aus⸗ halten wird,“ ſagt Mahlmann zu ſich ſelbſt, und um ſeinen Mund zieht ſich ein feines Lächeln,„er hat mir ſchon manchen langen Abend geopfert, ohne die Geduld zu ver⸗ lieren. Eine Rieſengeduld! Kaun ſcheint er ſich zu wun⸗ dern, daß ich ſo langſam begreife, eine Regel nach der andern vergeſſe und mich ſo ungeſchickt anſtelle, wie man ſich nur anſtellen kann, ſo lange man noch die fünf Sinne hat. Es iſt nicht anders, als ſpielte er mit ſich ſelbſt, ſo wenig darf er mich als eine auf eigenen Füßen ſtehende Partei betrachten! Mit kalter Ueberlegung muß er mir — 3 137 Regeln und Kunſtgriffe unendliche Male wiederholen, langſam dreht ſich das Rad vor ſeinen Augen, und wo er ſich ſonſt an dem raſenden Wirbel geweidet hat, der das mechaniſche Triebwerk zu einem Nebelbilde vergeiſtigte— ſieht er jetzt jede Speiche langſam und ſchwer ſich herum⸗ drehen, findet er jetzt Zeit, das Ganze zu zerſetzen und das Gemachte daran zu erkennen. Es kann nicht fehlen— ſchon jetzt muß ihm das Spiel verleitet ſein, ſchon jetzt muß er den Selbſtbetrug erkannt haben— ſeine Aus⸗ dauer kann nur noch eine Rückſicht gegen mich ſeink, von der ich ihn nun auf geſchickte Art und Weiſe zu entbinden ſuchen muß.“ Mahlmann's Selbſtgeſpräch wurde durch Troll un⸗ terbrochen, der ſoeben eintrat, um ſeinen gewöhnlichen Morgenbericht zu erſtatten. „Die beiden Schmiede,“ berichtete Troll,„die Sie mit einander ausgeſöhnt hatten, haben ſich von Neuem ge⸗ zankt; ihre Weiber haben neues Oel aufgegoſſen, die können einmal ohne Krieg nicht leben. Es iſt Schade um die viele Mühe, die Sie ſich gegeben haben, denn hier ſind die Wurzeln faul.“ „So wollen wir die Beiden von einander trennen,“ ſagte Mahlmann kurz und verſtimmt,„damit wir ihnen wenigſtens die Gelegenheit nehmen, ſich zu zanken.“ „Die Natur giebt ſich auch keine Mühe, die Katze 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 9 138 mit dem Hunde auszuſöhnen,“ ſagte Troll ſchmunzelnd, „und ſolche Menſchen, wie die beiden Schmiedefamilien, betrachte ich wie zwei verſchiedene Thiergeſchlechter.“ „Ach! was weißt Du davon,“ widerſprach Mahl⸗ mann dem philoſophirenden Troll,„der Menſch gehört dem Schickſale, das ewig an ihm feilen und hobeln muß; das Thier gehört der Natur, die— triumphirend über ihre vollkommnen Werke— die Hände in den Schoß legen darf. Die Feindſchaft zwiſchen Hund und Katze gehört zur Vollkommenheit dieſer beiden Thiergeſchlechter.“ Troll hatte ſehr aufmerkſam zugehört. Endlich nahm er ein Papier aus ſeiner Taſche und übergab es ſeinem Herrn mit den Worten: „Hier iſt die Quittung von den verſchiednen jungen Herren. Der„rothe Adlerwirth“ mag nicht wenig er⸗ ſchrocken ſein über den Unbekannten, der um das Geheimniß der Spielhölle gewußt, er hat die Vertheilung der Gelder ſelbſt beſorgt und von jedem Einzelnen die Quittung an ſich behalten, weil ſich die jungen Herrlein geweigert ha⸗ ben, ihre Unterſchriften, durch die ſie ſich ja ſelbſt anklagen, in fremde Hände übergehen zu laſſen.“ „Haſt Du das Uebrige auch beſorgt?“ frug Herr Mahlmann, das Document an ſich nehmend. „ch habe alle Pfänder eingelöſt,“ antwortete Troll, — 139 „und die Sachen heimlich in Herrn Froſt's Schrank ge⸗ hangen.“ „Gut,“ ſagte Mahlmann und ging nach ſeinem Se⸗ cretaire,„hier iſt auch die tombackne Uhr zurück, hänge ſie ohne Weiteres in Froſt's Zimmer.“ „SIch weiß,“ ſagte Troll, die Uhr mit einem Seufzer an ſich nehmend,„daß Sie böſe darüber werden, wenn ich mir ein Mal nicht helfen kann und ausrufe: Wie gut, wie edel ſind Sie! Ich will Das auch jetzt nicht geſagt haben,“ fügte Troll ſchnell hinzu und trat, beide Hände erhebend, einen Schritt zurück,„ſondern ich wollte eigentlich ſagen, daß nur wenig Menſchen ſolcher Güte werth ſind. Wie lange wird's dauern, da ſitzt Herr Froſt wieder in Schulden bis über die Ohren und ſchickt mich wieder zum Pfandleiher.“ „Sei unbeſorgt, Troll,“ entgegnete Mahlmann lä⸗ chelnd. Aber Troll zog eine ſehr bedenkliche Miene und ſagte, den Zeigefinger erhebend:. „Wer ein Mal im Spielen Genuß gefunden hat, der iſt nicht wieder davon abzubringen. Herr Froſt hat den letzten Trumpf noch lange nicht ausgeſpielt!“ „Weißt Du das ſo genau?“ „Ich laſſe mich hängen, wenn er, ſeitdem die alten Spielſchulden bezahlt ſind, nicht ſchon wieder neue hinzu⸗ gemacht hat. Denn er hat noch nicht aufgehört, zu ſpielen.“ 9* 4 140 „Wo hat er noch nicht aufgehört zu ſpielen?“ raunte Mahlmann ſeinen Diener plötzlich an, daß dieſer zurück⸗ bebte. 1 1 „Im rothen Adler,“ war die zaudernde Antwort. „Nenne mir einen Abend, ſeit den letztvergangenen Wochen, wo Herr Froſt im rothen Adler am Spieltiſche geſeſſen hat!“ „Alle Abende, er hat nicht einen einzigen gefehlt.“ „Troll! Du lügſt.“ „Bei Gott! ich habe ihn ſitzen ſehen und mi in Ver⸗ wandter, der Kellner, hat mir beſtätigt, daß Herr Froſt keinen Abend gefehlt habe. Es wäre Alles beim Alten, ſagte er, nur daß Herr Froſt ſeit einiger Zeit ſpäter komme, als ſonſt, und dafür auch ſpäter wieder gehe.“ Mahlmann ſchritt lange Zeit im Zimmer auf und ab. Seine Geſichtszüge— anfangs ernſt und finſter— verwandelten ſich allmälich in ein mildes Lächeln, und halb zu ſich ſelbſt, halb zu Troll, bemerkte er:. „Es iſt Nichts mit den Experimenten, mit den Kunſt⸗ griffen— die ſich auf dem Theater ſo gut bewähren. Es iſt Nichts mit der Brütmaſchine Pſychologie! In jedem Menſchen bleibt etwas Räthſelhaftes zurück, über das er ſelbſt nicht hinauskommen kann. Aeußerungen des Men⸗ ſchen— in Worten oder Handlungen, gleichen dem Faden, 141 den der Seidenwurm aus ſich herausſpinnt. Man hat den Faden genau in ſeine Beſtandtheile zerſetzt und doch können wir keine Seide ſpinnen. In dem kleinen Wurme bleibt ein Wie? zurück und im Menſchenherzen auch.— Du kannſt gehen, Troll.“. Troll blieb unter der Thüre zaudernd ſtehen und fragte etwas ſchüchtern:„Soll ich die Uhr noch mitneh⸗ men, oder wollen Sie ſie zurückbehalten?“ „Nimm ſie mit,“ ſagte Mahlmann und Troll hörte ihn hinter ſich lachen. E Neuntes Capitel. Pfänder. Mehrere Monate ſind ſeitdem Lerpangen Die Baumgruppen um die Villa kleiden ſich in das friſche Grün des Frühlings, an den Spaliren der weißen Mauern ſtellen ſich grüne Blättchen ein, weiße Segel ſchwellen ſich auf dem Strome, und längſt ſchon iſt der erſte Dampfer wieder vorübergerauſcht, an dem ſich die Leute am Ufer— des langentbehrten Anblickes ungewohnt— kaum hatten ſatt ſehen können.— Liebezeit war einer der Erſten geweſen, die ihre weißen Beinkleider hervorgeſucht hatten, täglich rief er aus:„Wie lang die Tage ſchon ſind!“ und dabei ſprach er viel von größeren Partien und Wanderungen, die er dieſen Sommer unternehmen wollte— vorausge⸗ ſetzt, daß dieſer nicht ſo heiß werden würde, wie die letzten zehn Sommer, wo er nur bis Zierfels gegangen ſei, den 143 größten Theil der ſchwülen Sonntagsnachmittage aber zu Hauſe auf dem Canapé verlebt habe. Was Froſt betraf, ſo hatte Troll leider richtig pro⸗ phezeit. Er war wieder vollſtändig in den Händen des Wucherers. Kaum beſaß er noch das Nothwendigſte und oft mußte er darben. Der größte Theil ſeines anſehnlichen Gehaltes war von ſeinen Gläubigern mit Beſchlag belegt. Aber er fehlte keine Nacht am Spieltiſche im rothen Adler. Liebezeit zog ſich von ſeinem Collegen zurück. Es war ſonderbar, daß, während Froſt gegen ſeine eigene traurige Lage gleichgültig blieb, Liebezeit darunter litt. Er litt Tag und Nacht, denn was er am Tage fürchtete, verwirklichte in der Nacht der Gott der Träume: Da kam Froſt zu ihm, ſetzte ihm ein Piſtol auf die Bruſt und ſagte: „Ich weiß, daß Du verborgene Schätze bewahrſt, daß Du Dich von allen rauſchenden Freuden des Lebens fernge⸗ halten und trotz Deines reichlichen Einkommens nur wohl⸗ feile Genüſſe geſucht haſt. Du haſt Geld geſpart. Gieb mir davon, ich muß es haben!“ Liebezeit ſprang auf, um das Geld zu holen— und erwachte, in Angſtſchweiß gebadet. Kaum war er wieder eingeſchlafen, da ſah er ſich im Comptoir von Froſt's Armen umſchlungen und Mahlmann hatte den Vorhang von der Glasthür des Kabinets weggeſchoben und war Zeuge von⸗ der Scene.„Dieſer iſt mein Freund!“ rief Froſt dem 144 zornfunkelnden Chef zu und vergebens ſuchte ſich Liebezeit aus den ſtarken Armen des Spielers zu befreien. Mit lauter Stimme rief Liebezeit:„Glauben Sie ihm nicht, ich habe mit ihm nichts gemein, ich meide den Umgang des gefährlichen Menſchen. Er will mich in's Verderben ſtürzen!“ Es waren angſtvolle Nächte, die Liebezeit durchträumte, und mit jedem Tage ſuchte er ſich immer mehr von Froſt zurückzuziehen. Mahlmann machte keinen neuen Verſuch, der Leiden⸗ ſchaft Froſt's in die Zügel zu greifen. Er ließ ihn ſeinem Verhängniß entgegen gehn, um ihn noch einmal im ent⸗ ſcheidenden Augenblicke vom Untergange zu retten zu ſuchen. Wenn dieſe Leidenſchaft— das Spiel— nicht war, was wäre ihm Froſt geweſen!“ Ein Menſch voll tiefer Empfindung— und doch ohne Weichheit, begeiſtert für alles Schöne— und doch kein Schwärmer, umſtrickt von einer wilden Leidenſchaft— und doch im Vollbeſitz ſeiner geiſtigen Kräfte, die keine wüſt durchwachte Nacht am folgenden Tage an ihrer friſchen Wieverenifaltung hindern konnte! Mahlmann fühlte zu deutlich, daß Froſt ihn mied, um einſam und verſchloſſen ſnen Weg zu gehen. Eine Ermahnung, eine Frage hätte ihn aufgejagt, wie ein Büch⸗ ſenſchuß das ſcheue Reh. Schwerlich hatte Froſt eine Ahnung, welche tiefe Theilnahme Mahlmann für ihn 145 hegte und wie oft er der Gegenſtand ſeines Nachdenkens und ſeiner Beobachtung war. 3 Eine ſchöne Frühlingsnacht lockte die Menſchen hin⸗ aus in's Freie, nur Krankheit oder eine ſtrenge Pflicht konnte heute Jemanden im dumpfen Zimmer zurückhalten. Und doch ſaßen Mehrere in einem dumpfen Zimmer bei⸗ ſammen, die weder krank, noch durch irgend welche Rück⸗ ſicht gebunden waren. Und welche Pflicht feſſelte jenen hohen Mann dort an die finſtere Ecke, aus welcher er, durch die verhängniß⸗ volle Glasthüre hindurch, die Spieler im Zimmer beob⸗ achtete? Sein Auge ruhte auf dem verſtörten Antlitze des wildeſten der Spieler. Es ſah die blauen Augen funkeln und rollen— es ſah die weiße Hand die Locken durchwüh⸗ len— es ſah das grauſame Selbſtvergeſſen, in das alle Lebensgeiſter des Unglücklichen verſunken waren. Hui! das Rad war in voller Bewegung, die Speichen ver⸗ ſchwammen im Wirbel, Kunſtgriffe und Regeln waren Inſtinkt. So lang war dem Beobachter an der Thüre noch keine Nacht vorgekommen. Seit er draußen einen taghellen Abend und einen wolkenloſen Himmel zurückgelaſſen, hatten ſchwere Wolkenmaſſen Zeit gefunden, aus unſichtbarer Ferne herbeizueilen und die mondhelle Nacht in tiefe Finſterniß zu verſenken. Mahlmann hörte den Regen an die Fenſter⸗ 146 läden ſchlagen, bald näher bald entfernter rollte der Donner und einzelne Blitze erleuchteten auf Augenblicke grell das finſtre Zimmer, in dem er ſtand. Drinnen ließen ſich Stimmen vernehmen, dis an die rinnenden Stunden mahnten. Aber Eine Stimme brachte ſie Alle zum Schweigen und das Rad drehte ſich von Neuem. Endlich ſtanden Alle auf, bis auf Einen. Er ließ die Karten durch die Hand gleiten und wollte die Schläfrigen noch einmal zum Bleiben überreden. Er traf auf Widerſprüche und ſchalt ſeine Gegner Schlafmützen. Ein Wort gab das andere; die Herren, die dem Becher fleißig zugeſprochen hatten, wurden heftig, auf drohende Worte folgten drohende Geberden, aber Froſt blieb, von keiner Gefahr geängſtet, ruhig ſitzen und ließ die Karten durch die Hand gleiten. Mahlmann war im Begriffe, die Thüre aufzureißen und ſeinem jungen Freunde beizuſpringen, da gelang es den verzweifelten Bemühungen des Wirthes, die Ruhe wieder herzuſtellen. Die Schmähungen und Vorwürfe, die man in wildem, brüllendem Durcheinander dem gleich⸗ gültig bleibenden Froſt zugeraunt hatte, faßte der Wirth in ruhiger, aber eindringlicher Rede dahin zuſammen, daß Herr Froſt, ehe er ſeine Stimme in ſolch einer Weiſe wie vorhin, geltend machen dürfe, vorerſt als Ehrenmann ſeinen Verbindlichkeiten gegen die Herren nachkommen d 147 müſſe. Darauf zu dringen, daß die Anſprüche, welche dieſe Herren durch die Gunſt des Spielglücks auf ihn erlangt hätten, befriedigt würden, nähme man bei der heutigen Gelegenheit Veranlaſſung. Und von heute an ſei Herr Froſt bis auf Weiteres vom Spielclub ausgeſchloſſen. Die Herren gingen nach Hauſe, an dem von der Dunkelheit geſchützten Beobachter in der Thüre vorüber, der große Luſt ſpürte, jedem Einzelnen mit kräftigem Fauſt⸗ ſchlage eine gute Nacht zu wünſchen. Froſt blieb allein ſitzen und ſtarrte vor ſich hin. Plötzlich ſchoß ein Blitz aus ſeinen Augen, die Züge ſeines Geſichts wurden von einer wilden Bewegung erfaßt. Ein Entſchluß ſchien mit Rieſenſchnelle zu reifen und jetzt ſprang er auf, nahm Hut und Stock und eilte an Mahlmann vorüber, der ihm erſchrocken folgte. Welcher Entſchluß war es, der den Spieler durch die finſtern, vom ſtrömenden Regen gepeitſchten Gaſſen dahinjagte? Er eilte ſeiner Wohnung zu, trat in die Hausflur und verſchloß die Hausthüre hinter ſich. Mahlmann ſtand allein und überlegte. Man ſpielte hoch! Die Spielgenoſſen hatten Summen genannt, die Froſt aus eignen Mitteln nie bezahlen konnte. Welchen Entſchluß hatte Froſt gefaßt? Mahlmann beſann ſich nicht lange, öffnete mittelſt 148 eines Hauptſchlüſſels die Thüre und folgte dem Spieler, deſſen Schritte eben auf der Treppe verhallten. Er trat leiſe in Fro'ſts Zimmer. Es war finſter. Froſt ſchien in das anſtoßende Schlafkabinet gegangen zu ſein und Mahlmann verbarg ſich mit klopfendem Herzen hinter einen an der Thüre ſtehenden Schrank, von wo aus er das ganze Zimmer überſehen konnte. Froſt kam aus dem Kabinet zurück und zündete Licht an. Unruhig ſchritt er eine Weile im Zimmer auf und ab; endlich ſtand er ſtill, nahm einen kleinen Schlüſſel von einem Schlüſſelringe und ließ ſich neben einem der vier Lederkoffer, von denen Troll berichtet hatte, auf die Knie nieder. Er ſchloß auf und hob die Decke in die Höhe. Plötzlich ließ er ſie wieder los und ſein todtenbleiches Ge⸗ ſicht ſank auf den Koffer. Endlich richtete er ſich wieder auf, um die Decke des Koffers von Neuem emporzuheben. Mahlmann hörte ihn mit halblauter, heftigbewegter Stimme ſagen:„Drei Jahre liegt ihr hier in euern Truhen; meine Hand war noch kalt von der Berührung ihres mar⸗ morbleichen Engelantlitzes, als ich euch hineinlegte; die Weihe— die dieſe Luft euch raubt— kann ich euch nicht wiedergeben— ſoll ich jetzt das heilige Monument meines friſchen Schmerzes vernichten— ſoll ich euch ausgraben 21 Mein Gott! und weshalb!“ Froſt bedeckte mit beiden Händen das Geſicht. Plötzlich — riß er den Koffer auf, warf mehrere Lagen Papier heraus, 149 ſprang auf und blieb, in Gedanken verſunken, vor dem ge⸗ öffneten Koffer ſtehen. Dann beugte er ſich wieder nieder und hob aus dem Koffer mit bebender Hand einen weißen rauſchenden Gegenſtand empor, der ſich immer weiter aus⸗ breitete und immer länger herabfiel, bis Mahlmann darin ein weißes Kleid von ſeidenem Stoff erkannte. „Macbeth!“ rief Froſt ſchluchzend,„blutige, grau⸗ ſame, große, herrliche Lady Macbeth! Darin wohnteſt Du einſt. Jetzt ſchlägt kein Herz mehr unter dem geweihten Stoffe, den meine Thränen befeuchten.“ Froſt ſchluchzte laut und preßte das Gewand an ſeine Lippen. „Und Du, lieber Schleier, der einſt von dem ſchwarzen Haar herabwallte, die jugendliche Kammerfrau verhüllend, als ich ſie zuerſt ſoah— mein gehörſt Du nun, und ſie— auf die du herabfloſſeſt, wie Schnee auf Schnee— ſie iſt nicht mehr mein!“ Froſt entnahm dem Koffer, unter ähnlichen Aeuße⸗ rungen, die er laut weinend ausſtieß, noch mehrere Ge⸗ wänder, bald einfach und ärmlich, bald ſtrahlend von Gold⸗ und Silberbefätzen oder mit künſtlichen Blumen geziert. Endlich nahm er ein kleines Packet heraus, öffnete es und in der Hand hielt er eine kleine goldene Uhr, von der dem 150 athemlos lauſchenden Mahlmann Brillantſteine entgegen⸗ funkelten. „Laura! Laura!“ rief Froſt verzweifelnd und drückte die Uhr an den Mund,„giebt es denn ein Wiederſehn? Iſt mein Denken, mein Fühlen ein abgeſchloſſner Kreis, der mit Selbſtbewußtſein von Ewigkeit zu Ewigkeit beſteht und in jenen Regionen des Lichts ein Denken und ein Fühlen wiederfinden wird, das hier unten Laura hieß? Laura!— wenn Du noch nicht aufgehört haſt, zu denken und zu fühlen, ſo mußt Du mich jetzt unſichtbar umſchweben, gieb mir ein kleines, kleines Zeichen— nur einen Hauch durch das Saitenſpiel meines Herzens— und ich glaube wieder an ein Wiederſeh'n!“ Froſt hatte die Hände gefalten und ſtand regungslos da, den Blick ſchmerzlich nach oben gerichtet. „Laura! wie entſetzlich ſtill Du biſt,“ rief Froſt, „kein leiſes Rütteln an der Kette der Geiſter— und doch würdeſt Du lieber einen Verrath am Himmel begehen, als mich verzweifeln laſſen! Ach! es giebt kein Leben nach dem Tode, Hoffnung iſt die Seligkeit des Kindes, Erinnerung die des Mannes. Deine Gebeine ſind Erde, Deine Seele lebt in meinem Denken— ſo lange ich lebe, lebſt Du mit. Der Vergänglichkeit zum Trotze ſoll dieſe ſchönſte aller Erinnerungen noch lange leben, aber die doppelte Laſt, die ich trage, iſt zu ſchwer: Schmerz und Exinnerung! Die — 4 151 Flammen ſind zu heiß, ſie verzehren mein Herz und ſo nahm ich den Satan zu Hülfe, der mir tragen hilft— und jetzt iſt ſein Lohn verfallen— ich muß ihn bezahlen, Laura! mit Deiner Uhr, die mit Deinem Herzen ſtille ſtand, mit dieſem Kleinod muß ich ihn bezahlen! Mein Leben iſt nichts, als eine Verlängerung Deines Lebens, ſo wird es Schritt auf Schritt verlängert werden, ſo werde ich Deine Hinterlaſſenſchaft Stück für Stück daranſetzen, bis die Koffer leer ſind. Morgen ſchon muß der Anfang gemacht werden, morgen iſt die kleine, liebe Uhr in fremden Händen— die kleine— liebe— Uhr!“ Den Elbogen auf das Knie geſtützt, und das Geſicht in die Hand vergraben, ſaß Froſt eine lange Zeit bewe⸗ gungslos. „Die Wolken am Himmel zertheilten ſich, der Regen ſchwieg und einen hervorbrechenden Mondenſtrahl ſandte der Himmel als Friedensboten herab. Ein Luftzug drang gelinde zu dem geöffneten Fenſter herein und leiſe flatterten die ausgebreiteten Gewänder. Froſt blickte auf und ſein trübes Auge folgte der Bewegung, bis ſie vorüber war. Dann verſank er wieder in langes Sinnen. Allmälich klärten ſich ſeine Züge auf,“ das Auge blickte wieder hell und klar, er ſtand auf, drückte Alles, was er um ſich ausgebreitet hatte, in freudiger Be⸗ wegung an ſein Herz und legte ein Stück nach dem andern 15² wieder in den Koffer— die Uhr zuerſt. Dann ſchloß er zu, reihete den kleinen Schlüſſel wieder an, warf ſich auf das Sopha und nach dem Himmel blickend, der blau und golden zum Fenſter hereinſchimmerte, ſagte er lächelnd: „Ich weiß nicht, was es iſt— wer war es, der den Ton in meinem Herzen anſchlug— was hatte er zu be⸗ deuten?“ Mahlmann ſah einzelne Thränen über Froſt's Wangen rinnen, ſah ihn leiſe den Kopf ſchütteln und hörte ihn wie⸗ derholt die ſanftgeſprochenen Worte ſagen: 3 „Ich weiß nicht, was es iſt!“ Endlich ſchloſſen ſich Fro'ſts Augen— immer länger und tiefer wurden die Athemzüge. Froſt ſchlummerte feſt und Mahlmann löſchte das Licht und ſchlich ſich fort. Mahlmann ſchritt durch die leeren mondhellen Straßen ſeiner Villa zu. Mechaniſch trugen ihn ſeine Füße dem Ziele entgegen, er war ſo mit Gedanken erfüllt— weſen⸗ loſe Schatten ſchienen die Häuſer zu ſein— er achtete nicht auf den Weg— er wußte nicht, daß er um dieſe Ecke bog, und wußte nicht, warum er jene Gaſſe links liegen ließ. Alle Krümmungen des Weges ſchien die Gewohnheit zu einer einzigen geraden Straße ausgeglichen zu haben, die bis an das Portal der Villa führte. Aber plötzlich weckte den ſpäten Wanderer ein kalter Schauer aus ſ einem Sinnen. Er fühlte ſich am ganzen Körper wie von einer 4 153 eiſigen Hand umarmt, und als er mit der einen Hand am Aermel herauf⸗ und herunterſtrich und die durchnäßten Stoffe ſich kalt an ſeinen Arm anlegten, da erſt erinnerte er ſich wieder des Unwetters, in welchem er Froſt bis zu ſeiner Wohnung gefolgt war. Noch ein Schauer— ein Stich im Genick von innen heraus. Mahlmann verdoppelte ſeine Schritte. — 1859. VI. Der beſeelte Schatten I. Zehntes Capitel. Neiſecapitel. Am andern Morgen ſprach Liebezeit über das unge⸗ wöhnlich lange Ausbleiben des Chefs eben ſeine Verwun⸗ derung aus, als Troll in das Comptoir trat, um den Herren zu melden, daß Mahlmann durch ein Unwohlſein an's Zimmer gefeſſelt ſei und Herrn Froſt zu ſprechen wünſche. Froſt machte ſich auf den Weg. Er fand ſeinen Chef auf dem Sopha liegend und bei ſehr übler Laune. Es war Mahlmann, als er Froſt anblickte, als ſei in deſſen Antlitze irgend eine Veränderung vorgegangen, ſeine Stirn war wolkenlos, ſein Auge klar und ruhig wie nie zuvor, um ſeinen Mund ſpielte eine gewiſſe ſtille Zu⸗ friedenheit. Froſt machte auf Mahlmann den Eindruck eines Menſchen, der, ſeit er ihn kannte, in Trauerkleidung 155⁵ einherging und dieſe eines Tages plötzlich abgelegt und mit den friſchen Farben des Lebens vertauſcht hat. Die Trauerkleidung hatte ihm gut geſtanden, und doch— die neuen Farben kleideten ihn noch beſſer, ſie warfen Licht auf eine ungeahnte Liebenswürdigkeit ſeines Weſens. Froſt ſtand heute vor Mahlmann wie der Auflöſungsaccord einer ſchönen, ſchwermüthigen Diſſonanz. Das befreite Mahlmann von ſeiner üblen Laune, die aus ſeinem Unwohlſein entſprungen war. „Ich habe mich geſtern Abend auf einem Spazier⸗ gange erkältet,“ ſagte Mahlmann mit einem halb humori⸗ ſtiſchen, halb verdrießlichen Lächeln,„tauſend Mal langen nicht, daß ich ein ſchlimmes Regenwetter unter Gottes freiem Himmel abgewartet habe, und gerade das geſtrige mußte eine Achillesferſe an mir herausfinden!— Alles in der Welt will ich ertragen, nur keine Krankheit! Armuth lehrt uns entbehren, getäuſchte Hoffnungen lehren uns reſigniren, Haß und Verfolgung machen uns ſtark und muthig— alle dieſe und ähnliche Leiden ſtärken und läu⸗ tern die Seele. Aber eine langſame Krankheit, die wie ein altes, ſchwatzhaftes Weib kein Ende finden kann und zuletzt noch ein paar Mal umkehrt, weil ſie noch etwas zu ſagen vergeſſen hat— ſolch ein Uebel wäre mir ſchrecklich! Krankheiten ſind die Ballaſtgüter des Lebens und als ſolche leider nothwendig und doch werthlos! Krankheiten ſind . 10* 156 blinde Paſſagiere, die den Wagen ſchwerer machen und doch nichts zahlen! Eine Krankheit iſt ein langweiliger Menſch, der uns während der ſchönſten Arbeitsſtunde durch ſeinen Beſuch ſtört und mit leerem Geſchwätz bei uns die Zeit hinbringt! Doch jetzt zu der Sache, wegen welcher ich Sie rufen ließ.— Ich pflege nämlich alljährlich um die jetzige Zeit meinen Geſchäftsfreunden in England und Frankreich einen Beſuch zu machen, um meinen Verbin⸗ dungen einen neuen Schwung zu geben. Sie ſind mit allen Geſchäftsverhältniſſen vertraut, der Sprachen mächtig, wiſſen mit den Leuten umzugehen— mit einem Worte, ſtatt meiner ſollen Sie dies Jahr die Reiſe machen, wenn Sie Luſt dazu haben.“ Geſtern noch wäre Froſt bei dieſer Eröffnung gleich⸗ gültig geblieben, geſtern noch gab es Nichts in der Welt — und wäre es eine Königskrone geweſen— an dem ſein Herz ſich hätte freuen können, geſtern noch trug er kein Verlangen, von dem traurigen, öden Wege abgelenkt zu werden, den wir ihn bisher wandeln ſahen. Heute ſchien ſein Geiſt alte Feſſeln abgeſtreift zu haben, um ſich der Welt von Neuem anzubieten. Mahlmann kam Froſt entgegen und mit einer ſtillen Freude, in der er vielleicht die eigentliche edle Abſicht des väterlichen Freundes überſah, ergriff Froſt die ihm zuge⸗ dachte Miſſion. „ 8 7 84 157 Mahlmann trieb ihn zur ſchnellen Abreiſe, ſchärfte ihm aber ganz beſonders ein, daß er ſich mit dem Beſorgen der Geſchäfte Zeit nehmen ſolle, in Paris und London ſo lange verweilen dürfe, als es ihm beliebe, und daß er end⸗ lich auch nicht verſäumen ſolle, intereſſante Gegenden und Städte zu beſuchen, die außerhalb ſeiner Reiſeroute lägen. Froſt brachte einen ganzen Tag bei Mahlmann zu, um Inſtructionen für den geſchäftlichen Theil der Reiſe in Empfang zu nehmen, und ein zweiter Tag verging unter topographiſchen Vorträgen, die Mahlmann theils aus dem reichen Schatze ſeiner eigenen Reiſeerfahrungen entwickelte, theils aus den beſten Reiſehandbüchern ent⸗ lehnte, die in ziemlicher Anzahl nebſt einer gewaltigen Specialkarte zwei große Tiſche einnahmen. Leider verſchlimmerte ſich Mahlmann's Unwohlſein in bedenklicher Weiſe, trotzdem gab er Froſt's Vorſtellun⸗ gen— der ſeinen Chef in dieſem Zuſtande nicht verlaſſen, ſondern den Verlauf der Krankheit abwarten wollte— kein Gehör. „Wenn Sie warten wollen, bis ich wieder auf den Beinen bin,“ ſagte er lachend,„ſo könnte mich leicht eine Luſt anwandeln, die Reiſe ſelbſt zu machen. Daher rathe ich Ihnen zur ſchleunigen Flucht.“ Eines Abends ſpät reiſte Froſt ab. Liebezeit be⸗ gleitete ihn zur Poſt. 158 Der Buchhalter hatte bisher nie Sehnſucht gefühlt, die Welt über den Umkreis von zwanzig Stunden hinaus mit eignen Augen zu ſehen. Indeß— es liegt etwas ungemein Verlockendes darin, wenn man Jemanden groß⸗ artige Reiſeanſtalten treffen ſieht! Da werden große und kleine Koffer gepackt— und ſchon die Ordnung, mit wel⸗ cher die Sachen hinein gepaßt werden, übt einen eigen⸗ thümlichen Zauber und ſpiegelt uns ein erhöhtes, verein⸗ fachtes, von dem ſchweren Plunder des Alltags befreites Leben vor. Da werden allerlei anmuthige Gegenſtände, die in irgend einem vergeſſenen Kaſten verborgen waren, zu deren Wiedergebrauch aber das neue, friſche Leben, das vor uns liegt, ermuthigt, hervorgeholt und eingepackt. Da prangen auf den Koffern Zettel mit den Namen großer, berühmter Städte, von denen wir geträumt, gehört und geleſen haben und da ſtehen die Namen mit großen Buchſtaben geſchrieben, aber nicht zur Lectüre, nicht zum bloßen Klange, ſondern als plaſtiſches Ziel dieſer Reiſe⸗ koffer und Hutſchachteln und daneben brennt am hellen Tage Licht, und es giebt Allerlei zu Siegeln und der Siegellack duftet ſo angenehm, ſo anmuthend, ſo reiſeauf⸗ fordernd, und die Wäſcherin läuft ein und aus und bringt noch das und jene Stück, das in der Eile noch fertig ge⸗ worden iſt und zeigt einen Eifer, als müßte ſie die Reiſe ſelbſt mitmachen.— Und der eintönige Lauf der Tages⸗ 159 geſchäfte iſt unterbrochen, da giebt es Gänge zu beſorgen, da ſchießt man durch die Straßen und mitleidig an den Fenſtern vorüber, hinter denen Andere ſtill ſitzen und an der Feder kauen, und da iſt das Zimmer kahl und leer und gar herrlich aufgeräumt, als hätte man mit der alten eintönigen Häuslichkeit für immer gebrochen, und auf der Diele ſtehen hoch aufgethürmt die Koffer, Schachteln und NReiſetaſchen und daran lehnt ſich der Reiſeſtock, zuſammen⸗ gebunden mit dem im Lederfutteral verwahrten Regen⸗ ſchirme, und oben auf dem höͤchſten Punkte des Reiſe⸗ effectengebirges breitet ſich der Reiſeüberrock aus. Und nun endlich gar der funkelnagelneue Reiſepaß nach dem Auslande: wirklich? kaum ſollte man's glauben— da ſteht von der Polizei ſelbſt mit Tinte geſchrieben und noch klebt dick und feucht der Streuſand auf den Schriftzügen: nach Frankreich und England! Und alle Behörden— von den Orkneysinſeln an der Nordſpitze Schottlands bis zu den Pyrenäen— werden erſucht, den Inhaber unge⸗ hindert reiſen, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu laſſen! Sind das nicht geradezu Segenswünſche? Scheint es nicht, als ſtimme ſogar die Polizei mit in den Jubel ein? Und jetzt kommen die Arbeiter und faſſen die Koffer an, mit einer Rechtmäßigkeit des Eifers, als würden ſie— wie die Wäſcherin— mit den Koffern reiſen, und mit 160 ſchwerem Getrappel geht's damit die Treppen hinab und unten raſſelt der Handwagen über das Pflaſter nach dem Poſthauſe, und Froſt hängt ſich, wie ein Abenteurer, den Mantel über und trägt Stock und Regenſchirm in der einen und eine Reiſetaſche in der andern Hand und Liebe⸗ zeit hat es ſich nicht nehmen laſſen, einen kleinen Hand⸗ koffer neben ihm herzuſchleppen, um nur auch Theil an der Reiſe zu haben! Da ſteht der Poſtwagen und hinten im Gepäckkaſten ſieht man ſchon die Koffer und Reiſetaſchen, ach! ſo hei⸗ miſch, ſo lockend! Der Poſtillon wirft den vier Pferden Zügel auf Zügel über den Rücken, und ſchnallt ſie herüber und hinüber— Poſtſecretaire mit den Federn hinter den Ohren und die Aermelaufſchläge der Uniform mit Tinte bekleckſt, ſpringen aus und ein, als wartete ihrer eine beſſere Belohnung, als die des Zurückbleibens— eine ſchöne Reiſegefährtin ſchaut bereits aus dem Wagenfenſter heraus— ein alter Herr hat ſchon das Nachtkäpſel auf den Kopf geſetzt und kriecht im Wagen herum, um für ſeinen Hut einen Platz ausfindig zu machen und ſtößt mit dem Kopfe an einen Sonnenſchirm, der oben aus dem Netze an der Decke des Wagens herausragt, und mit dem Hintern an die Kniee der Dame— und dann glüht plötz⸗ lich das Innere des Wagens in hellem Feuerſcheine, den ein Zündhölzchen beim Anbrennen einer Reiſecigarre ver⸗ 161 breitet— und endlich kommt Froſt mit erhitztem Geſicht aus der Packſtube und drückt dem Kaſſirer die Hand zum Abſchiede und ſteigt auf den Tritt und windet ſich an den bereits ſitzenden Paſſagieren vorbei, die ihre Füße ſo weit als möglich zurückziehen, um ihm die Paſſage zu erleich⸗ tern— und nun fällt das Glasfenſter herab auf der Seite, woo die Luft ſtill iſt, und auf der Seite, von welcher der Wind kommt, raſſelt, auf Anſtiften des alten Herrn mit dem Nachtkäpſel, das Fenſter in die Höhe— und Thüren werden zugeworfen, aus der einen ſieht das Kleid der 1 Dame hervor, und der Secretair reißt den Schlag wieder auf und wirft ihn, während die Dame unter einem dan⸗ kenden Lächeln ſorgfältig mit der Hand ihr Kleid an die Beine drückt— von neuem krachend zu. Die Roſſe ziehen an; während der Wagen ſchon im Abfahren begriffen iſt, klimmt der Poſtillon auf ſeinen hohen Sitz— von den Paſſagieren bleibt keine Spur urück— bis auf das im Dunkel des Wagens verſchwim⸗ Nmaeende Leuchten einer Cigarre. Da fährt Froſt hin, und da fährt der Poſtwagen, als hätte er es auf London ſelbſt abgeſehen, und doch werden die Paſſagiere ihn bei Zeiten wieder verlaſſen, um ſich einem andern Fahrzeuge anzuvertrauen, und er wird leer ſein, wie ein ausgegoſſener Fleiſchtopf, und Froſt wird die Reiſe im Poſtwagen bald vergeſſen haben, wenn er auf 162 den ſchwarzlinigen Schienenwegen über die ebnen Flächen brauſt an den dunkelrothglühenden Nachtlaternen vorüber und auch das wird er vergeſſen, wenn er auf dem rieſigen Meerdampfer ſteht— von Waſſer und Himmel ein⸗ geſchloſſen, und dann erſt— wenn er auf engliſchem Boden landet, und von einer Welt umgeben iſt, in welcher der gemeinſte, ungebildetſte Mann fertig Engliſch ſpricht, wenn er durch die Straßen der gewaltigſten aller Welt⸗ ſtädte ſchreiten wird, in einen zu innerer, behaglicher Be⸗ ſchaulichkeit anreizenden Nebel gehüllt, aus dem halb ſicht⸗, halb unſichtbar ein wildes, donnerndes Leben an ſein Ohr ſchlägt— wenn er durch das Gewühl wandeln wird— auf Monate an keine Arbeit, an keine Stunde gebunden— erfriſcht von kräftigem Porterbier und blutenden Beefſteaks, vor ſich eine Reihe herrlicher Reiſeziele! Das waren die Phantaſien, die in Liebezeit's Seele dämmerten, als er vom Poſthauſe langſam heimwärts ging, und die er mit einem ſehnenden„Ach!“ beſchloß. Dann ſagte er zu ſich: „ Und ich bin an die Scholle gebannt! Ich verwalte länger als zehn Jahre treu und redlich mein Amt bei Jo⸗ hannes Mahlmann und habe auch außer dem Kreiſe meiner Berufspflichten nie Etwas gethan, das mir das Mißfallen meines Prinzipals zuziehen konnte. Das iſt der Lohn! Und dieſer junge Mann, ſeit wenig Monaten erſt im „ 163 Geſchäft und einer gräßlichen Leidenſchaft ergeben!— vor wenig Tagen noch zitterte ich für ſein Geſchick, vor wenig Tagen noch fürchtete ich, daß Mahlmann's Zorn ihn aus dem Hauſe jagen würde— und heute wird er auf Reiſen geſchickt! Ich gönne es ihm von Herzen, aber mir wäre es gewiß nicht ſo gut bekommen. Ja, ja! Glück muß der Menſch haben!“ Das waren die Klagen des Zurückbleibenden und auch wir, lieber Leſer, gehören zu den Zurückbleibenden und müſſen abwarten, ob uns für die ſchöne Reiſe, die unſern Freund Froſt von uns trennt, die Heimath ent⸗ ſchädigen wird. Weit draußen vor den Thoren der Stadt begegnet ein Poſtwagen dem andern. Die Poſtillone knallen grü⸗ ßend mit den Peitſchen, zwei Staubſäulen, wie weiße Nachtgeſpenſter, wirbeln luſtig in einander— hüben ein Gehen und drüben ein Kommen unter dem Schleier der Nacht. Zwei einſame leuchtende Augen ſehen die vom Mond⸗ licht erhellten Fenſter mit den ſchwarzen Schattenbüſten der Reiſenden vorüberſauſen. Es war nichts, als ein flüchtiger Reiſeeindruck. Elftes Capitel. Laura. Es läuft ein Gemurmel durch die Stadt, Die jungen Herren ſtecken die Köpfe zuſammen. Es iſt irgend etwas geſchehen, woran Alle Theil haben. Es ſteht irgend ein großer Gewinn in Ausſicht, der nur für Einen beſtimmt iſt, auf welchen hin aber ein Jeder ſtill in ſeinem Buſen ein Loos zieht. Die jungen Damen ſtecken die Köpfe zuſammen und ſprechen unter ſich laut und eifrig von einem Gegenſtande, über den ſie in der Geſellſchaft der jungen Herren ſchweigen. Die jungen Damen ſind neugierig, ärgern ſich, und tröſten ſich, hoffen und fürchten. Noch nie hat Liebezeit ſo viel Spaziergänger an ſei⸗ nem Comptoirfenſter vorüber gehen ſehen. Er glaubt die Urſache zu kennen und lächelt. 1 165 Man ſcheut ſich Anfangs, den Kopf nach den Fenſtern des Marinelliſchen Hauſes zu wenden und ſchielt nur mit den Augen hinauf; vielleicht liegt es an der unbequemen Halbheit dieſer Anſtrengung, daß ſie erfolglos iſt, und daher entſchließt man ſich endlich, den Fenſtern das ganze Antlitz zuzudrehen, wie man zuletzt mit dem ganzen Fuße aufzutreten wagt, wenn man bemerkt, daß das Schleichen auf den Zehen, einen Schläfer, den man aufzuwecken fürchtet, nicht in ſeiner Ruhe ſtört. Man wendet ſich alſo jetzt mit der ganzen Geſichtsfronte den Fenſtern zu und da kann man den Anblick der weißen, mit feinen Spitzen umſäumten und oben über den Goldquaſten zuſammen⸗ laufenden Vorhänge, der herabhängenden Bronzeampeln und des in einem großen, ſchönen Käfig herab⸗ und hin⸗ aufkletternden Papageis wirklich in behaglicher Ruhe, und ohne fürchten zu müſſen, von einem menſchlichen Bewohner des Hauſes geſehen zu werden, genießen. Und doch iſt man nicht befriedigt, ſondern geht getäuſcht und ärgerlich wie⸗ der fort! Liebezeit hat im Comptoir und auf ſeinem Zimmer oft Beſuch von jungen Herren, die ſich zu ſeinen Bekannten zählen und wiederum ihre Bekannten mitbringen, ſo daß Herr Liebezeit ſehr viele neue, ihm höchſt angenehme Be⸗ kanntſchaften anknüpft. Aber ſie bemühen ſich vergebens zu ihm. Nur mitunter einmal des Tages zeigt ſich, am 166 Fenſter drüben flüchtig vorüberſchwebend, ein ſchwarzer Kopf und eine ſchneeweiße Stirn darunter— und in einem Nu iſt er wieder verſchwunden, noch ehe Liebezeit Zeit gefunden haben würde, die Glocke zu läuten, die man ihm, hier anzubringen, ſcherzweiſe gerathen hat. Wie erhaben iſt Liebezeit über dieſe Narrenspoſſen: er ſitzt ſtundenlang, halbe Tage lang— in die Conti ſeines Hauptbuchs vergraben und denkt gar nicht an die gegenüber liegenden Fenſter, denen zu Liebe Mancher ſtündlich mehrere Male hierher eilen möchte! Er hat in dieſem Punkte einige Aehnlichkeit mit einem Conditor, der ſelten oder gar nicht ein Stück von dem Confekt berührt, das Andere gierig und lüſtern ihm abkaufen. Die Beſuche, die Liebezeit im Comptoir empfängt, werden durch Nichts geſtört. Auch Mahlmann wehrt ihnen nicht— er liegt krank in ſeiner fernen Villa. Ueberall hat die Krankheit ange⸗ klopft, im Halſe, im Kopfe, in der Bruſt. Ueberall iſt ſie zurückgewieſen worden, bis ſie in den verrätheriſchen Füßen Aufnahme fand und ſich dort ſo ſchwer und feſt eingeniſtet hat, daß Mahlmann keinen Fuß regen kann und von ſeinen Dienern aus dem Bett auf's Sopha und vom Sopha in's Bett getragen werden muß. Er lieſt und wirft die Bücher wieder weg; er ſinnt, und giebt die Gedanken wieder auf; er empfängt Berichte, und überwindet ſeinen Widerwillen, „ ſie bis zu Ende zu hören; er ſchlägt mit der Hand ärgerlich nach Fliegen, die über ſeine Decke kriechen, und freut ſich hinterdrein, wenn er ſie in ſeiner Anwandlung von Mord⸗ luſt nicht getroffen hat; er hält ſeinen Ingrimm über kleine Verſehen ſeiner Diener zurück, und zwingt ſich zu ſanften Worten, wo er ſie heftig anraunen möchte; er unterdrückt die aufſteigenden Seufzer, wenn die Aerzte achſelzuckend von einer langen Dauer der Krankheit ſpre⸗ chen— mit einem Worte, Mahlmann übt ſich in der Geduld und ſucht dadurch auch das langweiligſte aller Uebel, die nutzloſeſte aller Prüfungen geiſtig zu verwerthen. In ſolchen Uebungen begriffen, finden wir ihn eines Nachmittags auf dem einſamen Sopha liegend. Jal Einſamkeit iſt es, die er jetzt fühlt! Er hat den Umgang mit Menſchen verſchmäht, weil ihre kleinlichen Lebensintereſſen zu wenig die ſeinigen waren— und muß jetzt ihre Theilnahme entbehren. Er hat nicht gelernt, die kleinen Freuden des geſelligen Lebens, eben der Geſelligkeit wegen, höher anzuſchlagen, als ſie ſind— und iſt nun mit ſeinem höhern Maßſtabe allein gelaſſen. Einſam ſtehen die Bücher in ihren gedrängten Reihen, einſam iſt die reiche Decoration des Zimmers, einſam iſt der Sonnenſtrahl, der auf Mahlmann's Decke ſpielt und wie ein Stundenzeiger im Schneckengange langſam weiter rückt! 168 Einſam knarrt die Thüre und einſam klingt die Stimme des Bedienten, der einen Beſuch anmeldet. Indeſſen die Meldung ſcheint angenehm auf den Kranken zu wirken. Er richtet ſich empor, räumt, ſo gut es geht, die auf dem Tiſche umher liegenden Bücher auf und blickt erwartungsvoll nach der Thüre, durch welche der Diener verſchwand. Die angemeldeten Beſucher ſind zwei Damen. Madame Marvinelli tritt zuerſt herein und ihre Tochter folgt ihr auf dem Fuße. In dem Geſichte der Mutter drückt ſich Bedauern aus, über den beklagenswerthen Zuſtand des Herrn Nach⸗ bars und ſchon fallen die erſten von Stirnrunzeln und Kopfhängen begleiteten Worte des Mitleids— da eilt die Tochter mit freudeſtrahlendem Geſicht auf Mahlmann zu, preßt ſeine kalte Hand ungeſtüm zwiſchen ihre kleinen, warmen Hände und ſieht nur den alten Freund, nicht den Kranken, feiert mit herzlichen Worten nur ein Wiederſehen und hat keinen Sinn für Beileidsbezeugungen. Mahlmann blickte mit freudigem Erſtaunen ſeine kleine Laura an. Die kleine Laura aber war zu einer edlen, ſchlanken Geſtalt emporgeſchoſſen, die Locken waren verſchwunden und ſtatt ihrer wand ſich das rabenſchwarze Haar in kunſtvollen Flechten um die Schläfe und fiel in Zöpfen auf den Nacken herab. Auf der alabaſterweißen, 169 ſchön gewölbten Stirn lag ein Adel des Geiſtes, der die kalten Formen der Schönheit weit hinter ſich zurückließ, in dem großen Auge eine ſchwarze Nacht und eine feurige Glut zugleich— ein leiſer, roſiger Hauch ſchwebte auf den weichen Wangen— und wie ein liebenswürdiger, neckiſcher Widerſpruch warfen ſich leicht die ſchwellenden Lippen des kleinen Mundes empor. War das die kleine Laura wirklich? In neckiſchem Spiele jagte eben ein Augenblick alle Züge des einſtigen kindlichen Geſchöpfes über das Antlitz der Jungfrau— da und dort rieſelten ſie um Mund und Auge und über die Stirn— es war, als ſollte ſich das Geſicht wieder hinter die Roſe verbergen. Sieh— ſie haben ſich verlaufen, ſind verſchwunden wie Schattenbilder— Laura war das Kind nicht mehr, es war eine zu große Veränderung mit ihr vorgegangen und dieſe Veränderung fing an, dem alten Freunde zu gefallen, gefiel ihm unausſprechlich und er geſtand ſich, daß er ſich jetzt das Kind— nicht wieder zurückgewünſcht haben würde. „Sie ſind der Alte geblieben,“ rief Laura,„es iſt mir, als hätte ich Sie geſtern noch geſehen, aber ich habe mich verändert, nicht wahr?— Es muß ſo ſein, denn ſonſt würden Sie ſich nicht ſo wundern. An dieſer Ver⸗ wunderung ſind Sie ſelbſt ſchuld. Warum haben Sie 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 11 2. 170 Ihre kleine Laura ſo ganz vergeſſen? Warum ſind Sie ſtets verreiſt geweſen, ſo oft ich zu Beſuch hier war? Warum haben Sie mich nicht ein einziges Mal im Pen⸗ ſionat aufgeſucht? Nun bin ich groß geworden und alt und komme Ihnen fremd vor. Sie allein tragen alle Schuld!“ „Nun zürnen Sie deshalb nicht mit mir,“ erwiederte Mahlmann lächelnd,„ich werde Alles wieder gut machen—“ „Und begehen bei dieſem reumüthigen Verſprechen eine neue Sünde gegen mich,“ unterbrach ihn Laura mit lieblichem Unwillen,„indem Sie mich mit Sie an⸗ reden!“ Mahlmann widerſprach dem und wollte ſich die Ge⸗ nugthuung— der ſchönen, jungen Dame auch durch die Anrede ſeinen Reſpekt zu beweiſen, ohne daß dies ſeine alte Zuneigung ſchmälern ſollte— nicht nehmen laſſen. Laura aber erwiederte mit einem bedeutſam winkenden Blick auf ihre Mutter: „Ich dulde das nicht. Sie müſſen Ihren Fehler da⸗ durch gut machen, daß Sie ſich recht ſchnell wieder an mich gewöhnen. In einigen Tagen muß Ihnen das gelungen ſein, denn ich werde Sie vom Morgen bis zum Abend nicht verlaſſen, bis Sie wieder geſund ſind. Ich werde Sie pflegen und abwarten, ich werde Ihnen die Zeit ver⸗ treiben—“ 171 „Das Opfer wäre zu groß,“ wandte Mahlmann überraſcht ein. „Laura läßt ſich dies nicht nehmen,“ verſetzte Ma⸗ dame Marinelli,„es war ihr feſter Entſchluß, dies zu thun, als ſie von mir hörte, daß Sie krank ſind, und leider muß ich Ihnen ſagen, daß ſie ſich beinahe darüber gefreut hat, Sie in einer Lage zu wiſſen, in der Sie ihrer be⸗ dürfen.“ Laura warf aus einem Buche, in dem ſie blätterte, einen ſchelmiſchen Seitenblick auf Mahlmann. Während der Letztere von Madame Marinelli, die ſich mit ihm nun ausführlich über ſeine Krankheit unter⸗ hielt, in Anſpruch genommen war, beſchäftigte Laura ſich damit, nach den Titelblättern der auf dem Tiſche liegenden Bücher zu ſehen und als ſie damit fertig war, ging ſie nach dem großen Bücherregal, nahm ein Buch nach dem andern aus den Reihen, las den Titel, blätterte dann und wann darin und ſtellte es wieder an ſeinen Ort. Plötzlich war ſie aus dem Zimmer verſchwunden. Man hörte die rauſchenden Accorde des Pianos— ein kurzes, der Prü⸗ fung des Inſtruments geltendes, aber von virtuoſer Hand geſpieltes Präludium— dann war es wieder ſtill. Hüpfend durcheilte Laura den Park. Die darin beſchäftigten Ar⸗ beiter blickten auf— verwundert über das plötzliche Er⸗ 11* 172 ſcheinen eines weiblichen Weſens und erſtaunt über die Schönheit deſſelben. Als Laura wieder die Hausflur betrat, ſtieß ſie auf einen alten Bekannten— es war Troll, der eben aus der Stadt kam. Sie ſtreckte ihm die Hand entgegen und Troll legte ſchnell ſeine Pfeife auf ein Fenſter, wiſchte ſich die Hand an der Schürze und ergriff mit ſichtlicher Ueberraſchung die dargebotene weiße Hand der jungen Dame. „Ich kann gar nicht ſagen, wie Sie ſich verändert haben,“ rief er wiederholt aus,„gewachſen ſind Sie wie ein Pilz und ich habe wirklich Reſpekt vor Ihnen.“ „Dann bin ich doch ſicher,“ entgegnete Laura lachend, „daß Sie mich nicht mehr auszanken.“ „Auszanken?— ich— Sie?“ frug Troll verlegen und fuhr ſich mit der Hand über den Mund, während ihm Laura die Pfeife vom Fenſter reichte.* „Wiſſen Sie nicht mehr, damals, als ich Gras im Parke pflückte für die Kaninchen?“ „Sapperlot ja! jetzt beſinn' ich mich,“ rief Troll, mit der Pfeife in der Hand auf Laura losfahrend,„Sie pflaſterten den ganzen Kaninchenſtall mit Futter und da ſagte ich zu Ihnen—“ „Du kleiner Unverſtand! ſagten Sie.“ „Nein— hätt' ich das wirklich geſagt?— ich 173 ſagte, daß die Thiere das Futter, auf dem Sie herum⸗ gelaufen—“ 3 „Herumgetrampelt, ſagten Sie.“ „Sagte ich herumgetrampelt?— herumgelaufen wären— nicht fräßen und bei all' Ihrer Vorſorge leicht Hunger leiden—“ „Daß ich ſelbſt daran Schuld ſein würde, ſagten Sie, wenn ſie inmitten des Futtervorraths, den ich in den Stall geworfen hätte, verhungerten.“ „Ach! hätt' ich Das geſagt?— Sie haben mir doch nichts nachgetragen, liebes Fräulein?“ „Einen ganzen großen Sack voll Sünden habe ich Ihnen nachgetragen, und jetzt bin ich gekommen, ihn vor Ihnen auszuſchütten, und Ihnen jede einzelne Sünde vor⸗ zuhalten. Jetzt geht eine böſe Zeit für Sie an, darauf machen Sie ſich gefaßt.“ Laura drohte mit dem Finger und entſchwand Troll's Blicken, der ihr mit einem glücklichen Lächeln über das ganze Geſicht und unter einem beſtändigen Kopfnicken, das ſo viel bedeuten ſollte, wie„nur zu! immer auf mich los! ich fürchte mich nicht“— nachſah. Es war Abend geworden und Mahlmann war wieder allein. Er dachte über die Eindrücke dieſes Nachmit⸗ tags nach. War es wirklich wahr, daß das liebliche Bild aus 174 längſt vergangenen Tagen wieder in dieſen Räumen auf⸗ getaucht war? Es ſollte ihn— in neuer, vollendeter Geſtalt— nun wieder umſchweben? Der Roſenſtock— der Flügel— die als ſtumme Erinnerungen lange Jahre ihn anſchauten, werden jetzt leben, athmen und zu ihm ſprechen! War die Einſamkeit, die ihn ſo lange umgab, nicht auch ſchön? Wenn er nach einem Punkte an der Wand ſehen will, ſo wird Laura davor ſtehen und ſeinen Blick auf⸗ halten. Wenn er im Nachdenken begriffen iſt und angeregt von einer plötzlich kommenden Idee den Kopf wendet, ſo wird ſie es ſehen und fragen, ob er irgend einen Wunſch habe. Schritte werden die Stille dieſer Gemächer ſtören und doch werden es nicht ſeine Schritte ſein. Hier wird ein Hut und dort wird ein Shawl liegen und die Bücher in dem Regal— Was iſt das dort? Ragt dort nicht der Rücken eines Buches ungewöhn⸗ lich weit aus den engen Reihen hervor? Eine andre Hand, als die Mahlmann's, hat dieſes Buch hereingeſtellt. So wie es hervorſchaut, hat Laura es eingeſchoben. Die Unregelmäßigkeit iſt eine Spur ihrer Hand— ihrer kleinen, weißen, warmen Hand. Eben betritt ein Diener das Zimmer. Er bemerkt 17⁵ den hervorſtehenden Rücken des Bandes und iſt im Be⸗ griff, die Unebenheit auszugleichen. „Thu nichts daran,“ ruft ihm Mahlmann haſtig zu, „laß es ſo, wie es iſt.“ Mahlmann ſieht unverwandt nach dem herausragen⸗ den Buche und muß endlich lächeln. Das iſt der Anfang zu dem neuen Leben— es muß verſucht werden— mag es herankommen! „Ha! ha! ha!“ lacht Mahlmann laut und ſieht oft nach dem Buche und denkt bei ſich:„morgen früh kommt ſie wieder.“ Und als er von ſeinen Dienern zu Bett getragen wird, wirft er einen Scheideblick nach dem Buche. Anm andern Morgen wacht er zeitig auf. Eine lange Reihe Gedanken zieht an ihm vorüber und ganz zuletzt erſt kommt der Gedanke an das geſtern Erlebte. Er läßt ſich hinüber auf das Sopha tragen und da ſchaut wieder das Buch heraus, gerade wie geſtern und er ſieht oft hin und ſagt ſich: heute kommt ſie wieder.. Sie ließ nicht lange auf ſich warten. Ein leiſes Pochen an der Thür— und Mahlmann wußte, wer ſo leiſe pocht und rief laut:„Herein Laura!“ Sie trat ein und trug einen leichten runden Garten⸗ hut auf dem Kopfe, der weiße Shawl war bis zu den 176 Hüften herunter geglitten, auf ihr Antlitz hatte die friſche Morgenluft ein flüchtiges Roth gehaucht. „Ich bringe Ihnen die Briefe mit,“ ſagte Laura, ſich die Hutbänder aufbindend,„ich fragte in Ihrem Comptoir nach, ob etwas zu beſtellen ſei und da hat mir Herr Liebe⸗ zeit die Briefe mitgegeben, welche mit der heutigen Poſt gekommen ſind.“ „Unverſchämter Menſch!“ rief Mahlmann von dieſer Naivität ſeines Caſſirers für den Augenblick etwas über⸗ raſcht. 4 „Warum denn?“ fragte Laura lachend,„ich finde an dem guten Manne nichts weniger als Unverſchämtheit. Er iſt immer noch wie früher; er lacht Einem immer in's Geſicht. Er muß in ſeinem Innern ein recht zufriedener Menſch ſein. Er iſt jetzt ganz allein im Comptoir, wie es ſcheint?“. „Nein,“ entgegnete Mahlmann, mit dem Erbrechen der Briefe beſchäftigt,„ſein Mitarbeiter, ein Herr Froſt, iſt nur verreiſt.“— Laura, im Begriffe ihren Shawl abzulegen, wandte dem Kranken den Rücken. Mahlmann bemerkte, daß Laura den Shawl in der Hand behielt und, ohne ſich um⸗ zudrehen, regungslos ſtehen blieb. „Was ſuchſt Du, Laura?“ frug Mahlmann. 177 Sie wandte ſich um und ſchüttelte verneinend das ſchöne Haupt. „Du biſt blaß im Geſicht,“ ſagte Mahlmann, ſie prüfend anſehend,„iſt Dir unwohl geworden?“ Aber Laura erwiederte lachend und ihre Bläſſe ver⸗ wandelte ſich in dunkles Roth:„Es fing mich zu frieren an, als ich den Namen Froſt hörte. Ich dachte unwill⸗ kürlich an den Winter, an Schnee und Kälte, an Eiszapfen, an Sibirien. Aber Ihr Herr Froſt iſt nicht aus Sibirien, nicht wahr?“ „Nein,“ gab Mahlmann— verwundert über das ſeltſame Weſen Laura's— zur Antwort,„er hat, trotz ſeines froſtigen Namens, ſogar die milde Luft Italiens eingeathmet.“ „Er war in Italien?“ rief Laura überraſcht,„war er lange dort?“ „Nur wenige Jahre.“ „Und wo war er vorher? Mein Himmel! was ich doch neugierig bin! ich frage und weiß nicht, was ich fragel⸗ „Er hat mir nie geſagt, wo er vor dem war, nie iſt ein Wort, das ſeine Vergangenheit betrifft, über ſeine Lippen gekommen.“ Damit war die Unterhaltung über Froſt beendet. Ein Mädchen kam und brachte Laura den Stick⸗ 178 rahmen, mit welchem ſie ſich an das Fenſter ſetzte, um zu arbeiten, während Mahlmann die eingelaufenen Corre⸗ ſpondenzen durchlas. Dann machte er für Liebezeit und die Werkführer Notizen und Laura ſorgte mit bewunde⸗ rungswürdiger Aufmerkſamkeit dafür, daß ihm Alles, was er brauchte, zur Hand ſei. Es ſchien ihr Vergnügen zu machen, wenn ſie Mahlmann's Bleifeder über den Tiſch in eine für ihn ungreifbare Ferne rollen hörte und auf⸗ ſpringen konnte, um ſie aufzugreifen und an den alten Ort zu legen. Faſt ſah ſie ihm am Auge ab, wenn er mit ſich allein ſein wollte, und dann beſchäftigte ſie ſich entweder in einem andern Zimmer, oder hüpfte in den Park, wo ſie ſich überhaupt gern aufhielt. Des Mittags ſpeiſte ſie mit ihm, und oft nahm auch die Mutter am Mahle Theil. Wie gern hörte Mahlmann dem anmuthigen Ge⸗ plauder des lieben Mädchens zu, wie hing da ſein Auge an ihren Lippen, und welche Reize gewann der kleinſte, geringfügigſte Umſtand, den ſie beſprach! Wie oft ſaß ſie an ſeinem Lager und las ihm vor und wenn ſie Abends von ihm ſchied, um den Heimweg anzutreten, da ſchien dem Kranken und ſeiner ganzen Umgebung eine Sonne unter⸗ gegangen. 4 War es möglich, daß es eine Zeit gegeben hatte, wo dieſe Sonne hier nicht leuchtete? War Das wirklich erſt ſeit Kurzem ſo? 179 Wo alte Gewohnheiten aufhören und ein neues Leben beginnt, vor dem das alte wie ein Schatten zurück tritt— da knüpft ſich die Ewigkeit eines Gottes feſt, der keinen Anfang gehabt hat. 8 Ach! wie erſtand am Morgen die Sonne dem Kran⸗ ken, die am Abend unterging! Schien es nicht, als grüßte ſie eine klingende Memnonsſäule? Sanfte Accorde und lieblicher Geſang ſchleichen ſich in die Morgenträume des Kranken. Sie tönen ganz ent⸗ fernt. Er ſoll ſie nicht hören, damit er nicht im Schlummer geſtört wird. Aber er hat den Dienern im Geheimen Auftrag gegeben, alle Thüren, die das Schlafzimmer von dem Salon trennen, zu öffnen, ohne daß Laura es merkt— und ſtundenlang lauſcht er am Morgen der ſüßen Stimme. Mitunter auch ſcheinen Blitze durch die Saiten zu zucken, muthige Klänge rauſchen einher und Alles ſcheint umſtrickt von dem gewaltigen Zauber einer Mädchenhand. Da ſchämt ſich der Kranke oft ſeines hülfloſen Zu⸗ ſtandes und möchte aufſpringen und durch ſeine Werk⸗ ſtätten eilen und mit kräftiger Hand auf den Amboß ſchlagen, oder zu Pferde ſitzen und in ſauſendem Galopp durch Morgennebel dahinjagen. Dann verſtummt die Muſik und Mahlmann hört Troll's Baßſtimme und Laura's helles, gedämpftes Lachen, 180 und dann hört er ſie ſprechen und durch das ganze Haus ſchalten und walten! So vergehen die Tage. Aber je weiter ſich der Zauber ſpinnt, den Laura in der ſtillen Villa um ſich her verbreitet, je liebenswürdiger und lichter ihr Weſen ſich entfaltet— deſto kleiner und unwürdiger kommt ſich Mahlmann vor, deſto eindringlicher ſtellt ſich thm der Mangel eines Gegengewichtes dar, deſto länger haftet oft ſein Blick an ihren langen, ſchwarzen Wimpern, wenn ſie vor ihm ſitzt und die Augen in ein Buch oder in ihre Stickerei verſenkt hat— ernſt und weh⸗ müthig haftet er dort und Mahlmann ſinnt und ſinnt, wie er dieſem holden Geſchöpfe ſeine Liebe bezeigen könnte, und ſollte er ſein Herz aus dem Buſen reißen müſſen. So ſaß ſie auch einſt vor ihm und hatte den Stick⸗ rahmen auf dem Schooße und arbeitete emſig. Er hielt ſchwebend die Feder über dem Papier, das er beſchreiben wollte, und ſah ihr zu. Sie wandte jetzt den Kopf nach dem Fenſter, blickte lange in Gedanken verſunken hinaus und holte endlich tief Athem und ein wehmüthiger Gedanke zitterte über ihre Stirn. Ihr Auge begegnete Mahlmann's Blicke. Sie ſchrak ein wenig zuſammen. 3 „Laura,“ ſagte Mahlmann ſanft,„bin ich Dein Freund?“ 181 Sie nickte unter freundlichem Lächeln. „Willſt Du mich glücklich machen?“ Laura ſtand auf, ging zu ihm hin und ergriff ſeine Hand. „Wenn Du das willſt, ſo vertraue mir an, was Du auf Deinem kleinen, lieben Herzen haſt. Wenn Du mir's ſagſt, und ich finde ein Mittel, durch das ich Dir helfen kann, ſo machſt Du mich glücklich. Und wenn es keinen Todten vom Grabe zu erwecken giebt, ſo werde ich Dir helfen, ich werde Alles durchſetzen, was eine irdiſche Hand vermag.“ „Ich weiß, daß Sie das thun würden,“ antwortete Laura, die Augen zu Boden ſchlagend,„aber— es giebt da Nichts zu thun. Es drückt mich kein Kummer. Geht es nicht Jedem ſo in der Jugend, daß er ein Sehnen fühlt, er weiß nicht— wonach? Ich denke mir das ſo: das junge Herz iſt friſch und kräftig, noch hat es nicht unter trüben Erfahrungen gelitten, keine Entſagungen, keine Täuſchungen getragen, noch iſt es nicht ermüdet von der langen Arbeit des Lebens— und doch iſt es mit der Kraft für ein ganzes langes Leben ausgerüſtet und pocht und ſchlägt und ſucht ſich zu beſchäftigen und weiß nicht wo⸗ mit— und das iſt das unbeſtimmte Sehnen und das un⸗ freiwillige Seufzen.“ Ein ſchelmiſches Lächeln leuchtete auf Lauras Geſicht, 182 ſie ſc=hlug mit den Händen in die Falten ihres ſeidenen Kleides und rief mit einer raſchen Neigung des Kopfes: „Und das hat ſoviel zu bedeuten, wie das ungedul⸗ dige Stampfen eines Roſſes.“ „Wer weiß! wer weiß!“ entgegnete Mahlmann, mit dem Finger drohend,„ſingſt Du etwa auch ſchon: Niemals weicht Dein holdes Bild mir aus meinem Sinn, Hoch zieht's über meinem Himmel wie ein Stern dahin. Sehnſucht iſt ein jeder Blick, den ich zu Dir ſende— Und Du ſtrahlſt auf meinen Pfad Wehmuth bis ans Ende.“ „Wer ſingt ſo?“ fragte Laura. „Eigentlich darf ich es nicht ſagen,“ antwortete Mahlmann,„aber Dir will ich's anvertrauen, in Deinem reinen Herzen iſt das heiligſte Geheimniß gut aufgehoben. Ich habe dieſes Gedicht zufällig bei Froſt gefunden.“ In einem Nu hatte ſich Laura von Mahlmann weg⸗ gewandt. Er ſah, wie die herabfallenden ſchwarzen Haar⸗ flechten ſich bewegten, er ſah das ſchöne Haupt zittern und doch ſtand Laura bewegungslos. „Du weinſt, Laura?“ Sie antwortete lange nicht, ging nach dem Fenſter zurück und ſtützte die Stirn auf die weiße Hand. „Wer weiß,“ ſagte ſie endlich mit thränenerſtickter 183 Stimme,„wen der arme Froſt verloren hat, dem er dieſe Worte, die mich in meiner augenblicklichen weichen Stimmung wunderbar ergriffen haben, mit blutendem Herzen nachrief!“ „Einem Todten ſind dieſe Zeilen nicht gewidmet,“ gab Mahlmann nach einer Weile zur Antwort. Laura richtete das Haupt empor und fragte mit ſon⸗ derbarer Betonung: „Woraus geht das hervor?“ „Aus der leberſchrift, die das Gedicht trug.“ Laura erhob ſich und fragte, zu Mahlmann tretend, mit großer Spannung: „Und wie heißt dieſe Ueberſchrift?“ „Sie lautet:„An die Lebende.“ Mahlmann bemerkte nicht, daß Laura ihre Hand heftig an ihr Herz preßte, er ſah in der hereingebroch'nen Abenddämmerung nicht, daß eine dunkle Röthe über das Antlitz des Mädchens flammte und er konnte ihr nicht folgen, als ſie bald nachher das Zimmer verließ und in den Park eilte und an einem verſteckten Orte ſich auf eine Raſenbank warf und dem ungeſtümen Klopfen ihres Her⸗ zens lauſchte. Lange ſaß ſie da und träumte, endlich ſprang ſie auf und rief laut:„Er iſt es! Er liebt mich!“ und eilte zurück zu ihrem Freunde, der über die weichen Seelen⸗ 184 ſtimmungen eines Mädchens inzwiſchen allerlei Betrach⸗ tungen angeſtellt hatte.———— Tückiſche Krankheit! Du gleichſt den Belagerern einer Feſtung, die nach langen, grauſamen Angriffen endlich ihre Zelte abbrechen und unter weithin ſ ſchallenden Klängen mit Sack und Pach und mit allen Geſchützen abziehen und die müde gequälten Bürger ſchonend hinter ſich laſſen— um in finſt'rer Nacht wiederzukehren und durch einen Sturm, wilder als je, die Feſtung zu überfallen. Unerwartet wandte ſich Mahlmann's Krankheit, die ſchon im Schwinden begriffen ſchien, noch einmal um und raſte mit feſſelloſer Wuth durch alle Sinne ihres Opfers. Es brachen ſchlimme Tage über Mahlmann herein! Es kamen Tage, wo die Kunſt der Aerzte die Waffen hoff⸗ nungslos wegwarf und der Natur allein den Kampf mit dem Tode überließ— wo kleinmüthig alle Räder des großen Werks, deren Seele Mahlmann war, ſtillſtanden, wo in einem anmuthigen Gebäude der Stadt die ſchwarzen Läden geſchloſſen waren,— wo tauſend Hände muthlos feierten, wo Herde erkalteten, von dunſ ſonſt unbezwingbar ſcheinende Feuerſäulen emporgeſtiegen waren,— Tage, wo tauſend dankerfüllte Herzen trauerten! Von dieſen Tagen und Nächten weiß Mahlmann das wenigſte. Vor ſeinen Augen dämmerte nur zuweilen ein ſchönes bleiches Bild, zwei thränenumflorte dunkle 185 Augen— dann zerriß ein Nebel das Bild— und nach langer Finſterniß tauchte es wieder auf, am Tage oder in der Nacht. 1 Von wannen kam die Hand, die ihn über einem tiefen Abgrunde ſchwebend, mit wunderbarer Macht feſthielt, daß er nicht fallen konnte?. Und es war eine ſanfte Hand— ſie ſchlich oft leiſe über ſein Antlitz und um ſeine Stirn, ſie hob oft wiegend ſein willenloſes Haupt empor. Ein Engel wachte am Krankenlager. Die Krankheit weicht und ſchleift den widerſtrebenden, betrognen, oft ſich umſchauenden Tod hinter ſich her. Helle, freundliche Tage ziehen wieder herauf, alle Räder, die ſtehen geblieben waren, ſetzten ſich wieder in luſtige Bewe⸗ gung, die alten Feuerſäulen ſteigen wieder empor, die Hämmer ſchallen wieder und in den Gemächern der Villa lächelt die Sonne wieder und beginnt und vollendet vom klingenden Spiel und Geſang am Morgen bis zum Heim⸗ gang am Abend täglich ihren Lauf. 4 Mahlmann muß die Frühlingsluft einathmen und da er zum Gehen noch zu ſchwach iſt, ſo hat Laura einen artigen Wagen beſtellt, in welchem Mahlmann bequem ſitzen und aus dem Zimmer in den Park und aus dem Parke in das Zimmer gefahren werden kann. Tag und Nacht wird an dem Wagen gebaut und ſie ſelbſt ſieht nach 12 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. fertig iſt. 186 den Fortſchritten der Arbeit und drängt und quält bis dieſe Als der Wagen angekommen war und Mahlmann darin, wie in einem Fauteuil Platz genommen hatte, ver⸗ fügte ſich Troll an die Rückenlehne und wollte ſich als die bewegende und lenkende Kraft des Fahrzeugs geltend machen. Da kam er aber bei Laura ſchön an! Das war ja das Amt, das ſie ſich ſelbſt zugedacht hatte. Vergebens waren Mahlmann's und Troll's Vorſtel⸗ lungen, daß die Laſt für Laura's Kräfte zu ſchwer ſei. Laura trat an die Lehne und ſchob Troll bei Seite, der mit geheimer Schadenfreude nun zuſehn wollte, wie das ſchwache, zarte Mädchen gar bald von ihrem Beginnen wieder ablaſſen würde. Aber ſie bewegte den Wagen ſammt ſeiner Laſt mit kräftiger Hand leicht vorwärts durch alle Windungen des Parkes, und wenn Mahlmann ſo ſanft in ſeinen Stuhl gebettet, das kleine Vorderrad die Wege durchſchneiden ſah und den Sand knirſchen hörte und die Gebüſche links und rechts an ſich vorüber gehen ſah, da war es ihm ein eigner Reiz, zu wiſſen, daß alle dieſe Wirkungen von Laura aus⸗ gingen, von einem zarten Mädchen. Er wandte gar oft den Kopf nach der ſchlanken Geſtalt um, die er dicht hinter ſich wußte und die dann ihr freundliches Antlitz ſo zärtlich zu ihm herabbeugte. 187 Und das iſt ein Weib! Blumen kommen— Blumen welken? Aber Blumen blühen auch! Wenn er dieſe Blume in ihrer Blüthe ergriff? Wenn er dieſe warme Hand, die ſich ihm freigebig entgegenſtreckte, nicht wieder losließ,— wenn er dieſe Blicke voll Feuer und Zärtlichkeit auffing, um ſie nie wieder herauszugeben, wenn er dieſe liebenswürdige Kraft, die ihn jetzt bewegte und trug, mit der ſeinen verband, wenn er dieſen Park und dieſe Villa nun für immer mit ihr theilte, wenn dieſe Sonne hier nie wieder unterging, wenn er ſeine Dankbar⸗ keit und grenzenloſe Liebe zu Laura und die Aufopferung und Hingebung dieſes Mädchens, ſeinen ganzen innern und äußern Reichthum und ihre rührende Jugend und Schönheit in einen einzigen Begriff zuſammenwarf, ein einziges ſchönes Verhältniß daraus formte— das Ver⸗ hältniß zwiſchen Mann und Weib?! Ob ſie dadurch glücklich werden wird? Dieſe Frage legte ſich jetzt Mahlmann unaufhörlich vor. Er ſuchte die Antwort aus Laura's Auge, aus ihren Geſichtszügen zu leſen und fand ſtatt der Antwort neue Reize. Jemehr er ſich bemühte, die inn're Welt des jungen Mädchens zu durchblicken, deſto tiefer ſchien ſie ſich ihm zu verſchließen.. Und doch konnten ſeine Gedanken nicht wieder ab⸗ laſſen von der Aufgabe, unter der ſie ſich wanden und 12* 188 krümmten— und wenn dann Zweifel und Qualen in ihm aufſtiegen, ſo wußte er mit eiſernem Willen die Schwer⸗ muth ſchnell wieder von ſich zu bannen und ſo blieb er allein zurück, der feſtumklammerte Gedanke: „Laura bleibt auf ewig bei mir!“ Zwölftes Capitel. Adelaide. Es ſind viele Wochen vergangen, ſeit Froſt und Laura Marinelli vor den Thoren der Stadt ſich begegneten. Mahlmann's Kräfte kehren allmälich zurück, ſchon geht er, auf einen Stock und zuweilen auch auf Laura's Arm geſtützt, langſam durch den Park. Eines Tages ſagte er, aus einem Briefe aufblickend, zu Laura:„Morgen kommt Froſt.“ Noch nie hatte Mahlmann das junge Mädchen an ein- und demſelben Tage ſo heiter und ſo traurig zugleich geſehen, als heute. Hoffnung und Zweifel wechſelten in ihrer Bruſt. Wool denkt der Meiſter mit freudigem Herzen an die Glocke, deren Guß er vorbereitet. In der Geſtalt des vol⸗ lendeten klingenden und blinkenden Werkes, ſieht er ſeine 190 Aufgabe vor ſich ſtehen und es erfüllt ihn mit Freude und er arbeitet muthig darauf hin, bis endlich der Tag erſcheint, wo der Guß vor ſich gehen ſoll: da reißt ſich plötzlich eine weite Kluft vor ihm auf und zwiſchen Werden und Sein tritt die Bedingung des Gelingens. So ſteht er bangend vor der Gegenwart der Entſcheidung. Ein täuſchender Fernblick iſt die Hoffnung: ein Berg reiht ſich an den andern, und wenn wir näher kommen, ſehen wir erſt den Abgrund, der beide von ein⸗ ander trennt, und ſchrecken zurück. Selbſt Gewißheiten mögen uns winken, aber ſo nah' und unumſtößlich ſie ſein mögen,— die Entſcheidung drückt erſt ihr Siegel auf und ſieht uns dabei finſter an und liebt es, uns wenigſtens ein kleines Bangen einzuflößen, wenn ſie uns nicht täu⸗ ſchen darf. „Ob er es auch wirklich iſt?“ frug ſich Laura den ganzen Tag— und während der Nacht träumte ſie von einem lieben bekannteu Geſicht, das allmälich andre Züge annahm, bis es ihr endlich ganz fremd wurde. Heute kommt Froſt. Laura hatte keine Ruhe im Zimmer, ſie war faſt be⸗ ſtändig im Parke und im Betreten der Hausflur war ſie ſchon öfters wieder erſchrocken zurückgeflohn, wenn ſie Schritte hörte.. An dieſem Nachmittage konnte man im Parke des 191 Herrn Mahlmann das laute Sprechen und Lachen einer kleinen, heitern Geſellſchaft vernehmen. In einem der Villa ziemlich ferngelegenen Theile des Parkes, wo eine Anzahl hoher Fichten einen großen Kreis bildete, ſtanden ein runder Tiſch und Stühle, deren ſchneeweißer Anſtrich ſich von der tiefgelben Farbe des Sandes lieblich abhob. Wir bemerken außer Laura und ihrer Mutter noch die Anweſenheit einer dritten Dame. Dieſelbe iſt nicht mehr ganz jung; aus der phanta⸗ ſtiſchen Anordnung ihres Haares jedoch, das nicht in der Mitte, ſondern, nach Mannsart, nur auf einer Seite geſcheitelt iſt,— aus dem ganzen Beſtreben, von dem Lächeln mit geöffnetem Munde bis zu der Grazie der Be⸗ wegungen Alles mitzumachen, was dem äußern Weſen der Jugend entſpricht,— geht deutlich genug hervor, daß ſie jung erſcheinen will. Sie hat den Verſuch gemacht, die Jugend feſtzuhalten, aber die flüchtige Erſcheinung hat ſich ſträubend losgeriſſen und die Dame hat nur vom Ge⸗ wand der Flüchtigen die Fetzen in der Hand behalten und ſich damit geſchmückt. Dieſen Eindruck macht Fräulein Steinwald, denn dies iſt die dritte der anweſenden Damen. Eswird uns leicht werden, uns ihrer aus der Erzäh⸗ lung Liebezeit's zu erinnern, da ſie bis jetzt weder ihren jung⸗ fräulichen Titel noch ihren Geſchlechtsnamen gewechſelt hat. 192 Sie war ehemals jung und hübſch und iſt heute noch— reich, denn ſie iſt Herrin eines behäbigen Gutes in Zier⸗ fels. Nichts deſto weniger i*ſt ſie, wie die böſe Welt es nennt,„ſitzen geblieben.“ Das iſt der Fluch des Provinzlebens, daß es zu weit abliegt von der Heerſtraße und ungeahnte Schätze in ſich verkümmern läßt, um die man ſich auf dem Weltmarkte großer Städte zerreißen würde. Bertha Steinwald, das vierzigjährige Mädchen, wurde nicht müde, die Tochter ihrer Freundin zu betrachten, obwol ihr deren Erſcheinung nichts weniger als neu war. Es wohnt überhaupt dem Weibe inne, ſeinem eignen Geſchlechte eine Aufmerkſamkeit zu widmen, die der Mann an ſich ſelbſt nicht kennt. Er begnügt ſich mit dem Bewußt⸗ ſein, daß jener Herr, an deſſen Arme eine Dame hängt, eben ein Mann iſt, wie er, und das Intereſſe, welches er an dem vorüberſchwebenden Paare nimmt, gilt nur der Dame. Nicht ſo die Frauen: das Bewußtſein, daß jene Dame ein Weib iſt, wie ſie ſelbſt, macht ſie unruhig und läßt ſie Vergleiche anſtellen, und wenn die Erſcheinung eines Mannes ihnen noch ſo gewaltig imponirt— ſie übertragen Alles auf ſeine Begleiterin, als hätten ſie dieſelbe ihm vorher zugeſchnitten und als käme es jetzt darauf an, zu prüfen, ob ſie paßt oder nicht.. Bertha Steinwald's braune Augen ruhten fortwäh⸗ 193 rend auf Laura und ſo oft ſich beider Blicke begegneten, nickte die Erſtere der Letzteren freundlich und wohlwollend zu— buchſtäblich: ein nicht enden wollender Applaus. Mahlmann und Laura entſchwanden eben luſtwan⸗ delnd den Blicken dieſer Dame und dieſe benutzte die Ge⸗ legenheit zu Madame Marinelli zu ſagen: „Ich glaube, hinter Mahlmann's Eheloſigkeit ſteckt weniger Grundſatz als Nachläſſigkeit.“ „Ich verſtehe Dich nicht ganz,“ erwiederte Madame Marinelli. „Ich meine, es hat ihm nur an Damenbekanntſchaften gefehlt.“ „Es lag in ſeiner Macht, dieſem Mangel abzuhelfen.“ „Und doch hat er es nicht gethan, willſt Du ſagen, und ſo wären wir wieder beim Prinzip angekommen, und da er endlich dennoch eine Wahl getroffen zu haben ſcheint, ſo hat ſein Prinzip eben nur einem gewiſſen Zeitpunkte gegolten.“ „Eine Wahl getroffen?“ fragte Madame Marinelli mit einer gewiſſen geſpannten Gleichgültigkeit. „Ich müßte blind ſein, wenn ich nicht merkte, was hier vorgeht. Aber warum denn dieſe Geheimnißthuerei gegen mich? Warum muß ich das erſt errathen, Marianne? Wenn wir beide Geheimniſſe vor einander haben wollen, 194 dann iſt kein Menſch in der Welt mehr aufrichtig, dann giebt es kein Vertrauen mehr.“. „Mäßige Dich, Bertha,“ bat Marianne begütigend, „Mahlmann hat nur in dunkeln Aeußerungen mit mir über dieſe Sache geſprochen.“ „Alſo doch?!“ rief Bertha aufſpringend und mit dem über bekämpfte kleine Zweifel ſich erhebenden Triumpfe eines Rechenſchülers, der das Reſultat ſeiner Ausrechnung mit dem Product ſeines Nachbars übereinſtimmend findet. „Er hat mir nur zu verſtehen gegeben,“ ſagte Ma⸗ rianne,„daß er mit Laura ſelbſt nicht darüber zu ſprechen wage, wenn dieſe auf ſeine Abſicht nicht vorbereitet ſei. Er verſtünde ſich auf die Kenntniß des weiblichen Herzens zu wenig und lege daher das Wohl der Tochter in die Hände der Mutter.“ „Und das nennſt Du dunkle Aeußerungen?“ rief Bertha, und wandte das auf Arm und Hand geſtützte Kinn ſo haſtig und unwillig von ihrer Freundin ab, daß der El⸗ bogen, mit dem Tiſche ſich reibend, laut knackte. „ Nenne ſie, wie Du willſt, Bertha. Ich hatte die Aufgabe, Laura's Herz zu prüfen und um an Dir eine unbefangene Mitbeobachterin zu haben, veranlaßte ich Dich heute, mich hierher zu begleiten, ohne Dir zu ſagen, weshalb.— Das iſt der Grund, weshalb ich Dir's ge⸗ heim hielt.“ 195 „Das laſſe ich eher gelten,“ ſagte Bertha beruhigt und legte in ihre ganze Perſönlichkeit den Ausdruck einer Bejahung,„wie biſt Du mit dem Reſultate meiner unbe⸗ fangnen Beobachtung zufrieden?“ „Sehr gut, was Mahlmann betrifft, doch haſt Du da nur Etwas herausgefunden, was ich bereits wußte. Es handelte ſich eigentlich jetzt um Laura.“ Bertha fuhr ſich mit der Hand mehrere Male über das Kinn, blinzelte mit den braunen Augen, bedeckte die Oberlippe mit der Unterlippe, neigte den Kopf etwas zur Seite, wie man es thut, wenn man eben ein nicht ganz ab⸗ ſprechendes Urtheil fällen will, und gab endlich zur Ant⸗ wort: „ge nun— ich dächte— ſoviel ich bemerkt zu haben glaube, ſollte ich meinen, daß—“ „Du biſt unſicher,“ unterbrach Marianne ſeufzend die Freundin. La „Doch nicht, liebe Marianne!“ entgegnete Bertha, die Stirne in Querfalten legend und mit einem wichtigen Lächeln um den Mund,„Laura hängt unverkennbar mit großer Liebe an Mahlmann.“ „Auch darüber bin ich nicht im Zweifel, ich meine nur— „Du meinſt, Laura iſt zu jung?“ „Das iſt es nicht!“ rief Marianne mit einer Ueber⸗ 196 legenheit des Widerſpruchs, die Bertha wünſchen ließ, das Wort nicht ausgeſprochen zu haben.„Im Gegentheil,“ fuhr Marianne fort,„das Alter der Beiden ſteht gerade im richtigſten Verhältniß. Ein Mann in ſeiner vollen, reifen Kraft— ein Mädchen in ihrer ſchönſten Blüthe— das giebt das rechte Schritthalten. Der Mann muß ſtets einen Vorſprung haben, will er mit dem ſchneller fließen⸗ den Leben der Frau zu gleicher Zeit das Ziel erreichen. Ich bin ein Feind aller Ehen zwiſchen gleich jungen Leuten.“ Bertha war mit dieſer Anſicht nicht ganz einverſtanden. Vielleicht vergegenwärtigte ſie ſich das Ausſehen eines Gatten, der den geſetzmäßigen Vorſprung vor ihr voraus hatte. Aber ſie hätte am Ende dennoch nicht widerſprochen, ſelbſt wenn Mahlmann und Laura, welche durch ihre Rück⸗ kehr ſoeben die Unterhaltung ſtörten, noch länger ausge⸗ blieben wären. Während dem eilt ein Poſtwagen auf der von hohen Pappelreihen begrenzten Chauſſee daher. Ein einziger Paſſagier, ein Herr, ſitzt im Innern des Wagens. Beide Hände vor ſich auf den Stock geſtützt, und den Rücken weit in die Polſter zurückgelehnt, läßt er den Blick durch das Wagenfenſter ſchweifen, nach den vor⸗ überſchießenden Pappeln, den grünenden Feldern und den aufſteigenden, mit Dörfern und Landhäuſern beſäeten Höhen. Nicht den blühenden Farben der Natur ſelbſt gilt ſein 197 Blick; von allem, was das Auge ſieht, weiß die Seele des Reiſenden nichts. Froſt kehrt zurück in der alten Trauerkleidung und die Ruhe, die einſt in ſein Herz eingezogen war, iſt nichts geweſen, als ein kurzer Sonntag. Man verſpürt bei der Zurückkunft von einer langen Reiſe eigenthümliche Eindrücke. Der Wagen nähert ſich der Stadt. Hier und da grüßt ein Dorf oder ein allein⸗ ſtehendes Wirthshaus, das der Endpunkt manches Ausflugs geweſen iſt. Es ſieht heute gar ſehr alltäglich aus, nach⸗ dem man ſoweit darüber hinaus war, und faſt wundert man ſich, daß man ſonſt einen Sonntagsgenuß dort hat ſuchen können! Jetzt fährt man an einer oft beſuchten Pro⸗ menade hin und beinahe dünkt es Einem lächerlich, daß man der wenigen Schritte wegen, die nun noch zurückzu⸗ legen ſind und die man nie anders als zu Fuße durchmeſſen hat, im Wagen ſitzt, den vier Roſſe mit großem Lärme und unter aufwirbelnden Staubwolken eilig vorwärts be⸗ wegen. Jetzt ſchlagen die Hufe der Pferde auf das Pflaſter, man wird in den Polſtern auf und nieder gewiegt, zu beiden Seiten liegen die Häuſer der Straße. Hier und da gewahrt man irgend eine Veränderung. Hier iſt an einem Hauſe ein Gerüſt angebracht und die alten gewohnten grauen Mauern haben zum Theil bereits einen neuen An⸗ ſtrich erhalten,— dort ſchießt ein Bekannter vorüber, den 198 man beinahe nicht wieder erkannt hätte, weil er ſich das Haar hat ganz kahl abſchneiden laſſen und ſtatt des ſchwar⸗ zen Hutes plötzlich einen gelben Strohhut trägt. Der Gaſthof zum rothen Adler iſt abgebrannt— das hat Liebezeit unter einen Brief geſchrieben— aber die ſchnell platzgreifende Vorſtellung von Schutt und ſchwarzem verkohlten Gebälke und öden Mauern, wird ge⸗ täuſcht durch die Gerüſte, welche bereits an den Mauern emporſteigen und von hundert emſigen Arbeitern belebt ſind. Da hält nun endlich der Wagen vor dem Poſthauſe— und mit gleichgültigen Geſichtern ſtehen die Beamten vor der Thür und ſcheinen nichts von den Reiſeerlebniſſen des Paſſagiers und ſeiner Koffer und Reiſetaſchen zu wiſſen, zu denen ſie denſelben doch einſt verholfen haben. Müde führt der Poſtillon die Pferde nach dem Stallgebäude, als das letzte Glied einer langen Kette von Pflichten, die man an dem Reiſenden geübt hatte. Langſam geht Froſt durch die Straßen, er betritt das Haus. Im Comptoir iſt die Diele friſch geſcheuert, zwei Landkarten an der Wand haben die Plätze gewechſelt. Lie⸗ bezeit ſitzt hinter ſeinem Hauptbuche, ſpringt auf und heißt ſeinen Collegen überraſcht willkommen, als hätte er nicht vorher gewußt, daß er um dieſe Stunde kommen würde. Nun iſt Froſt wieder da, und Liebezeit iſt im Ge⸗ 1 199 heimen froh, daß er nicht die Reiſe gemacht hat, weil er— nun auch wieder da wäre. Froſt ſteigt die Treppe hinauf nach ſeiner Wohnung. In ſeinem Zimmer ſtehen die Fenſter offen, eine einſame Ordnung herrſcht darin, Alles ſteht und liegt noch, wie er es verließ und da ſtehen auch die vier Lederkoffer, von denen er ſich ſo ſchwer trennte; und er läßt ſich auf einen derſelben nieder, und legt beide Arme über die andern drei, als wollte er alle zu gleicher Zeit erfaſſen und jetzt fühlt er ſich in ſeiner Heimath, denn der Raum, der dieſe Koffer umſchließt, iſt ſtets und einzig ſeine Heimath. Er ſitzt lange da und blickt die Koffer lange an. Endlich trennt er ſich von ihnen und geht, Herrn Mahlmann zu beſuchen. Vor ihm liegt ſchon die Villa, vom Grün der Bäume umgeben; er ſteigt die breiten Stufen hinauf und klopft an die Thüre des Zimmers, in welchem Mahlmann ſich aufzuhalten pflegt. Niemand ruft: Herein! Er klopft wie⸗ derholt und öffnet endlich die Thür. Kein Menſch iſt im Zimmer. In zwei großen Vaſen auf einem Tiſche prangen duftende Maiblumenſträußer in ihrem friſchen Grün und Weiß. Auf einem Seſſel liegt ein Damenhut und ein weißer Shawl hängt herab. Endlich kommt ein Diener und weiſt Herrn Froſt in den hintern Park, wo er die Herrſchaften finden würde. In der Hausflur ſteht ein kleiner Wagen— eine 200 Art Fauteuil auf Rädern,— im Parke findet Froſt kaum die alten Wege wieder, ſo verſteckt winden ſie ſich jetzt unter der grünen Blätterfülle der Bäume und Gebüſche dahin, mit tiefgelbem Sande ſind ſie bedeckt und der Sand iſt von den zierlichen Furchen des Jätens durchzogen und noch zierlicher als die feinen Jätenſtriche nehmen ſich darin die Spuren eines kleinen, ſchmalen Fußes aus. Wie Froſt langſam durch die beſchatteten Wege ſchrei⸗ tet, hört er ein leiſes Rauſchen in der Ferne. Zögernden Schritts kommt ihm eine weibliche Ge⸗ ſtalt entgegen. Sein Auge blickt ſchärfer und immer ſchärfer nach ihr hin. Dieſe Geſtalt— dieſer Gang! Er hält betroffen ſeine Schritte an. Sie nähert ſich. Er erkennt die Züge ihres hochgerötheten Geſichts. Todtenbläſſe bedeckt ſein Antlitz und mit dem wilden Schrei:„Laura!“ wankt er zur Seite. Sein Auge ſtarrte auf Laura. Unglauben und Ent⸗ ſetzen lag in dieſem farblos glänzendem Blicke. Aber Laura ſagte haſtig: „Sie pflückten einſt ein Blümchen aus einem Kranze und wollten es aufbewahren zur Erinnerung an mich.“ Allmälich verſchwand der ſtarre Ausdruck aus Froſts Blicke und Laura fuhr fort: 201 „Die Hoffnung, Sie wiederzuſehen, hat mich nie ver⸗ laſſen, ſie hat mich bis hierher begleitet, wo eine wunder⸗ bare Fügung uns zuſammenführt! Verzeihen Sie mir, daß dieſer Ort, in welchen Sie das Schickſal führte, meine Heimath iſt.“ 3 Aus Froſt's Augen brachen Thränen, und auch Laura vermochte den Ausbruch einer tiefen gewaltſamen Em⸗ pfindung nicht länger zurückzuhalten— wie Morgenthau funkelten die perlenden Thränen aus ihren Augen. Froſt wandte den Blick von ihr ab und ſagte mit wieder gewonnener Faſſung:„Ich ahne, daß Sie Laura Marinelli ſind.“ Laura nickte bejahend. Dann ging ſie einige Mal auf und nieder, blieb endlich wieder vor Froſt ſtehen und agte: iig„Ich hörte Mahlmann oft Ihren Namen nennen; zufällige Aeußerungen aus ſeinem Munde ſtimmten mit Allem überein, was ich von Ihnen und Ihrem Schickſale wußte. Faſt blieb mir kein Zweifel mehr übrig. Ich wußte, daß Sie heute zurückkommen und Ihre erſten Schritte hierher lenken würden. Es ließ mir keine Ruhe — ich mußte Ihnen die erſte Ueberraſchung des Wieder⸗ erkennens abzunehmen ſuchen, ehe Leute Zeugen davon wurden, denen unſere frühern Beziehungen unbekannt ſind.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Rückſicht von ganzem 1859. VI. Der beſeelte Schatten. I. 1 202 Herzen,“ entgegnete Froſt mit ruhigem Ernſt,„wir trennen uns jetzt und finden uns bei der Geſellſchaft wieder— als Fremde.“ Damit verneigte ſich Froſt und ging fort und Laura ging der entgegengeſetzten Richtung zu. Schüchtern blickte ſie ſich nach ihm um, aber er ging ohne Umſehen ſeines Wegs; noch immer ging er ſo, als ſie ſich zum zweiten Male umwandte, und als bei einer Biegung des Wegs Laura ihm zum dritten Male nach⸗ blickte, ging er ohne Umſehen ſeines Wegs. In einer Biegung des Wegs ſtieß Froſt auf Mahl⸗ mann. 3— Es war ein rührender Augenblick des Wiederſehens. Jeder von Beiden fühlte, wie nahe er dem Herzen des Andern gerückt war und Keiner wußte es von dem An⸗ dern. Mahlmann trug ja jetzt in ſeinem Innern eine Welt, die ihm das düſter umzogne Weſen Froſt's verſtehen lernte und noch athmete Froſt unter dem Eindrucke des jüngſten Augenblickes, in welchem er die ungeahnten Be⸗ Eehungen kennen gelernt hatte, in denen Mahlmann's rrinnerungen aus frühern Tagen zu ſeinen eignen ſtanden. Ein Weſen war zwiſchen Beide getreten und bildete eine Brücke zu Beider Herzen. Nachdem die erſte Bewillkommung vorüber war, frug Mahlmann: ————— 4 203 „Sind Sie Niemandem hier begegnet?“ „Nein.“ „Ich ſuche meine kleine Laura.“ „Ich habe bereits gehört, daß Fräulein Marinelli aus dem Penſionat zurückgekehrt iſt.“ Mahlmann antwortete nicht. Er war in Nachdenken verſunken. Dann führte er Froſt ſchweigend zu den beiden älteren, in eifrigem Geſpräch begriffenen Damen und ſtellte ihn vor.. Laura blieb lange aus. Als ſie endlich, von Mahl⸗ mann vergeblich geſucht, nach längerer Zeit zurückkam, war das leiſe Roth ihrer Wangen verſchwunden. Man bemerkte das, da ſie aber ſonſt in ihrem beweglichen Weſen keine Veränderung zeigte, ſo ging man darüber hinweg und ſchrieb die Bläſſe ihres Geſichts der Zartheit des Teints zu, der für jeden Eindruck der Luft und der Be⸗ wegung eine andre Farbe hat. Als ihr Herr Froſt vorgeſtellt wurde, verneigte ſie ſich anſtandsvoll, ohne ihn anzuſchauen. Mahlmann, der jede Faſer in Froſt's Geſicht beobachtete, bemerkte nichts darin, als kalte Gleichgültigkeit. Und doch hatte er keine Ahnung von dem wilden Kampfe, der unter dieſer ſtarren Maske wüthete, als Froſt ohne Theilnahme für die von Fräulein Steinwald mit großer Lebhaftigkeit geführte Unterhaltung, ſeinen Platz 13* am Tiſche einnahm. Er fürchtete ſich, einen Blick auf Laura zu werfen, wie man ſich fürchtet, in den flammenden Blitz hineinzuſehen,— und doch zog ein Etwas, das mächtiger war, als ſein Wille, ſein Auge nach ihr.„Die Hoffnung, Sie wiederzuſehen, hat mich begleitet bis hierher, wo eine wunderbare Fügung uns zuſammenführt,“ hatte ſie zu ihm geſagt, und er gedachte der Worte fortwährend und ſah die Hoffnung leuchtenden Augen noch vor ſich, die ſeinem Blicke jetzt mit leiſem Vorwurf zu begegnen ſchienen, denn ſie gedachte daran, wie er es wol gemeint haben konnte, daß er ſie als Fremde bei der Geſellſchaft wiederfinden wollte und warum er das ſo ernſt geſprochen und warum er ſich nicht ein Mal, auch nicht ein einziges Mal nach ihr wieder umgeſehn hatte? Froſt kämpfte einen furchtbaren Kampf, es kämpften in ihm Elemente gegen Elemente, die während drei langer Jahre von mancher empfindungsreichen Stunde genährt worden waren, um in dieſer einzigen Stunde die Feſſeln zu ſprengen und loszubrechen. Wol Niemand am Tiſche hatte bemerkt, daß Fräulein Steinwald mitten im lebhafteſten Geſpräch inne hielt und einen Ring anſtarrte, den Froſt— der ihr zur Seite ſaß und die Hand nachläſſig auf den Tiſch gelegt hatte— am Finger trug. Niemand hatte dies Stocken bemerkt, denn es hatte Jeder ſeine Gedanken für ſich und achtete —— 205 auf den Redefluß der Fräulein Steinwalt ſo wenig, wie auf das Tick⸗Tack einer Wanduhr. Als die kleine Geſellſchaft, der hereinbrechenden Abendkühle wegen, aufſtand, um nach der Villa zu gehen, ſchloß ſich Fräulein Steinwald an Madame Marinelli an und blieb mit ihr hinter den Uebrigen ein Stück zurück. „Haſt Du den Ring geſehen, den Herr Froſt am Finger trägt?“ frug ſie und es war, als ſtelle ſich das erſte Erſtaunen auf ihrem Geſicht wieder ein. „Nein,“ antwortete die Freundin. „Denke Dir! Marianne,“ fuhr Fräulein Steinwald fort und legte ihre Hand beſchwörend auf Marianne's Arm— in dieſem Augenblicke hörte ſie Schritte hinter ſich. Ein Diener folgte hinter den beiden Damen und Bertha ſchwieg ſtill und ging neben ihrer Freundin die Stufen zu dem kleinen Salon herauf, in welchem der Flügel ſtand. Die ſchweren Damaſtvorhänge waren zu⸗ gezogen und der gemüthliche, ſinnig ausgeſchmückte Raum war von dem Lichte der vielarmigen Wandleuchter erhellt. Mahlmann bat Laura um den Vortrag einer Sonate. Aber ſeine Bitten waren vergebens und auch die Mutter vermochte nichts auszurichten.. Durch eine zufällige Wendung ſah Laura, wie Froſt den Flügel öffnete, den Stuhl zurecht ſetzte und dann wieder zurücktrat an ſeinen Platz am Fenſter. Da ging ſie zögernd an das Inſtrument, eine hohe Röthe flammte über ihr ſchönes Antlitz und ſie ſetzte ſich und griff in die Taſten. Alles lauſchte ſtill und in Mahlmann ging eine Welt von Empfindungen und Träumen auf, als Laura mit einer Gefühlswärme, welche der virtuoſen Technik der kleinen, weißen Hände vollkommen die Bewunderung entzog, eine Sonate von Beethoven vortrug. Froſt ſaß am Fenſter, hatte die Gardine etwas zurück geſchoben und blickte in die Abenddämmerung, die ihre Schatten über den ſtillen Park ausbreitete. Langſam vor⸗ rückend wagte ſich das Mondenlicht in die ſchwarzen Zau⸗ 3 berkreiſe der Schatten und ſchlich leuchtend darüber hinweg, aus einem in den andern, und wieder ſtanden die Schat⸗ ten da. Trotzig ſchien ſich der Zauber draußen zu ſchließen, ſo oft die Töne im Salon verſtummten, und wie im ge⸗ heimen Einverſtändniß mit der Muſik begann draußen wieder ein Wandeln, ſobald die Saiten erklangen. Froſt’s Ring blitzte golden wieder im Glanze der Lichter und Fräulein Steinwald hielt unverwandt ihren Blick darauf geheftet. Die Sprache, die bald laut, bald leiſe den Raum durchrauſchte, verſtand ſie nicht. Ge⸗ danken ahnte ſie nicht in der Muſik und ihrem Gefühle 207 dienten andre Melodien zur Folie. Nur Eins fühlte ſie heraus: daß man ſchweigen müſſe. Madame Marinelli lauſchte mit Aufmerkſamkeit. Auch ihr Ohr war an andre Melodien gewöhnt, aber die Zauberin am Flügel war ihr Kind, auf das ſie mit liebe⸗ vollem Stolze hinſchaute, und es war, als hätte die Macht der Sympathie bei der Muſe der Töne ein gutes Wort für die Mutter eingelegt und dieſer die Vergünſtigung verſchafft, das Geheimniß der Tonſchöpfung, wenn auch nicht zu verſtehen, ſo doch zu ahnen. Wenigſtens wünſchte ſich Madame Marinelli in dieſer Stunde ihre Jugend zurück, um das erlernen zu können, was Laura gelernt hatte, denn es drängte ſich ihr die Gewißheit auf, daß es in dem Leben noch ein Leben giebt, ein Leben, daß ſie ihrer Tochter nicht hatte geben können. Wer war Beethoven geweſen? Sein Name ging von Mund zu Mund und auch in Mariannen's Ohr hatte er ſich hinein geſtohlen. Irgend ein hervorragender Geiſt war er— ein Staatsmann, ein Dichter, ein Künſtler. Jetzt hörte ſie's aus Laura's Munde, daß er es war, der die eben verrauſchten Töne aus der Welt der Ahnungen herauf gelockt hatte— das war Beethoven, und Madame Marinelli ſtrich ihrer Tochter das ſchwarze, weiche Haar und ſagte mit ſinnendem Kopfſchütteln:„Solch' ein Mann!“ Der Sinn für das höhere Walten des Geiſtes, für die Schöpfungen des Genius iſt ein angeborner und weckt in vielen Herzen ſchon frühzeitig ein feineres, höher orga⸗ niſirtes Leben und Empfinden, das viele Andre nicht kennen. Aber oft im ſpätern Leben, wenn es ſtiller und ſtiller wird in der Seele, und das Herz ſeine Prozeſſe mit der Welt durchgekämpft und die Acten geſchloſſen hat, oft im ſpätern Leben, wenn es dunkelt und der Abend langſam hereinbricht, ſchlagen Laute und Stimmen an das Ohr, auf die man im langen und lauten Geräuſche des Tages nicht gehört hat. Da pickt es leiſe aus einem zweiten Leben heraus und der Menſch geſteht ſich, daß er ſich nur durch die Schale gearbeitet hat. Laura trug freiwillig noch mehrere Muſikſtücke vor, die ſich ihrem erſten Vortrage würdig anſchloſſen. Ihre Wangen glühten und vielleicht hat ſie noch nie ſo ſchön geſpielt, vielleicht den Geiſt ihrer Tondichter noch nie ſo tief er⸗ kannt und erfaßt, als heute. Auf Mahlmann's und der Mutter Bitten entſchloß ſie ſich endlich auch, ein Lied zu ſingen, und dann ſang ſie noch eins und noch eins, mit einer Stimme, die auf der Bühne und im Concertſaal entzückt haben würde, die aber hier den Reiz doppelt er⸗ höhte, weil ſie ſich Wenigen gab, wo Hunderte hätten ge⸗ nießen können... Als Laura das letzte Lied geendet hatte und leiſe an r 209 Froſt vorüber ſtreifte, erhob er ſich von ſeinem Stuhle und ſagte zu ihr: „Verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht jetzt einen unbeſcheidenen Wunſch ausſpreche. Ich möchte noch ein Lied hören.“ Mit leuchtenden Augen verſicherte Laura, daß ſie herzlich gern bereit ſei. „Dürfte ich Sie dann bitten,“ ſagte Froſt,„Beet⸗ hoven's Adelaide zu ſingen?“ Laura ſchrak ein wenig zuſammen, nickte ſtumm mit dem Kopfe und trat an den Flügel. Ach! hätte ſie das wunderſchöne Lied der Wehmuth und der Sehnſucht mit weniger Innigkeit geſungen! Es war die Krone des Abends, und ging ſelbſt Fräu⸗ lein Steinwald tief zu Herzen. Im Auge der Mutter funkelten Thränen und Mahlmann hatte die Stirn finſter zuſammengezogen— der höchſte Ausdruck ſeiner innern Bewegung. Froſt ſtand am Fenſter und blickte in den Park— eine himmliſche Maiennacht draußen— und Laura ſang: Einſam wandelt Dein Freund im Frühlingsgarten, Mild vom lieblichen Zauberlicht umfloſſen, Das durch wankende Blüthenzweige zittert: Adelaide! Abendlüftchen im zarten Laube flüſtern, Silberglöckchen des Mai's im Graſe ſäuſeln Wellen rauſchen und Nachtigallen flöten: 1 Adelaide! Es war ihm, als winkten zitternde Zweige im Garten und als ſähe er im Zauberſchein des Mondes eine lichte Geſtalt, die den einſamen Freund ſuchte, der ſie anrief. Dann wandte er ſich nach Laura um, die mit ſüßer Stimme jetzt zu ſingen begann:. 3 Einſt, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe Der Aſche meines Herzens eine Blume, Deutlich ſchimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide! Er ſah die Sängerin an und wollte auf ſie zuſtürzen, ſeine Augen rollten wild. Es zog ihn zu ihr,— es zog ihn hinaus— fort, fort von hier— es giebt einen Ort, wo wankende Blüthenzweige einen Namen zittern— dort zog es ihn hin! Als Laura das Lied geendet hatte, war Froſt ver⸗ ſchwunden. Leiſe war er zur Thüre hinausgeſchlichen und Niemand hatte ihn gehen ſehen. Er kam nicht wieder. Die Geſellſchaft ſchickte ſich zum Heimgange an. „Es liegt in ſeinem Weſen,“ ſagte Mahlmann,„er hat unergründliche Eigenheiten,“ und man ſchüttelte ver⸗ wundert die Köpfe und trat den Nachhauſeweg an. 211 Laura war beſtürzt, ihr Antlitz glich dem Marmor. Auf der Straße war es leer. Immer glaubte ſie, wenn vor ihren Augen ein dunkler Gegenſtand auftauchte, Froſt zu erblicken. Aber er war es nicht. „So iſt wieder ein Mal meine Sonne untergegan⸗ gen!“ ſagte ſich Mahlmann im Stillen, als er ſich allein ſah.„Die Einſamkeit iſt ſchön, wenn ich ſie mit Dir theilen kann, Du holdes, freundliches Bild! Noch ein Mal habe Mitleid mit mir, noch ein Mal ſchütte den Reichthum Deines Herzens auf mich herab— in einem einzigen innigen„Ja!“— Ich bin nicht weichherzig— ich fühle keine thörichte, ſich ſelbſt verzehrende Gluth in mir! Nur ein ſanftes, liebes Weſen will ich an der Hand führen und nach endlich erfüllter Pflicht will ich an einem Familienherde ausruhen!“ Ein Klopfen an der Thür ſtörte Mahlmann in ſeinen Gedanken. Er war erſtaunt, in dem Eintretenden— Froſt zu erkennen. Sein Antlitz war bleich und verſtört. Mahl⸗ mann bemerkte eine Rolle in ſeiner Hand. „Ich will nicht fragen,“ rief ihm Mahlmann zu, „was die Urſache Ihrer räthſelhaften Entfernung geweſen iſt. Aber— Froſt! Froſt!— Sie haben ſich nicht ge⸗ beſſert!“ „Ich werde mich beſſern,“ antwortete Froſt.„Ich bin gekommen, um in dem Vertrauen, das ich Ihnen ſchul⸗ dig bin, eine Lücke auszufüllen. Vor Jahren habe ich, um mein gepreßtes Herz zu erleichtern, meine Erlebniſſe nie⸗ dergeſchrieben. Noch ein Mal verſetzte ich mich in alle großen und kleinen Züge zurück, welche die Phyſiognomie meines Lebens bilden. Alle Stimmungen der vergangenen Tage lebte ich noch ein Mal durch. Ich weinte und ich lachte— wie ich damals lachte, als die Zukunft der Thrä⸗ nen noch verſchleiert vor mir lag. So übergebe ich Ihnen hiermit dieſe Blätter, und es bleibt mir nichts mehr aus⸗ zuſprechen übrig, als eine Bitte.“ „Sprechen Sie,“ erwiederte Mahlmann, die Rolle aus Froſt's Händen nehmend. „Mit den Ergebniſſen meiner Geſchäftsreiſe habe ich Sie durch meine Briefe bekannt gemacht. Ich wüßte mündlich nichts von Belang hinzuzufügen,— hier iſt die Karte eines meiner Bekannten, dem Sie die Arbeiten, welche meiner warten, einſtweilen ruhig anvertrauen können. Somit gäbe es nichts mehr, wodurch meine perſönliche Anweſenheit hier nothwendig erſchiene und gewiß werden Sie mir den Urlaub zu einer Reiſe, die ich noch dieſe Nacht antreten muß, nicht verſagen.“ 5 „In keinem Falle würde ich Ihnen meine Erlaubniß vorenthalten!“ antwortete Mahlmann und machte mit der —— ——— 213 Hand ein Zeichen der Gewährung, aber Ihr Vorhaben überraſcht mich.“ „Sie werden Alles erfahren. Bis dahin aber fragen Sie nicht nach mir. Es wäre mir ein Leichtes, Sie durch eine erlogne Auskunft zufrieden zu ſtellen.“ „Reiſen Sie mit Gott und nehmen Sie das Warum ganz und ungetheilt mit ſich. Mit einem Blick auf die Rolle, die Mahlmann noch in der Hand hielt, fügte dieſer lächelnd hinzu:„Rechnen Sie darauf, daß Sie Ihr Hei⸗ ligthum keinem Unwürdigen anvertraut haben. Ich ſprach einſt lieblos von der Liebe, lieblos von dem Weibe und von der Laura, die zu einem Weibe geworden war. Jetzt ſoll ſie mein Weib werden.“ Froſt ſtand ſprachlos. Aus ſeinen Augen, um ſeine Lippen ſchwebte eine wilde Freude. Wie ſegnend breitete er die Hände aus und rief:„Herr im Himmel, ich danke Dir!“ In gedankenvollem Schweigen ſtand er lange vor Mahlmann, der ſich dieſe Kundgebungen nicht ganz ent⸗ räthſeln konnte. „Geben Sie mir die Rolle zurück,“ ſagte Froſt, aus ſeinem Nachſinnen erwachend und die Hand nach der Rolle ausſtreckend. „Diesmal gebe ich nicht nach,“ entgegnete Wahl- mann entſchieden und die Rolle feſthaltend. „Nur um weniger Striche wegen,“ bat Froſt in gro⸗ ßer Aufregung, nur einer Lüge wegen, die darin ſteht. Ich will ſie heraustilgen und dann ſind die Blätter für immer Ihr Eigenthum.“ 5 „Ich will die Lüge leſen. Mit dieſen Blättern geben Sie mir Ihr Geheimniß. So wie Sie es mir geben, ſo will ich es kennen lernen. Kein Wort darf geſtrichen, nichts Geſchehenes darf ungeſchehen gemacht werden. Sonſt verzichte ich auf das Geſchenk Ihres Vertrauens und gebe es Ihnen noch in dieſem Augenblicke ungebraucht zurück.“ „So leſen Sie, und wenn es Folgen haben ſollte— ich ſchütze Sie und mich davor. Leben Sie wohl.“ „Reiſen Sie mit Gott, mein Freund,“ ſagte Mahl⸗ mann und ſah in Froſt's Augen eine Thräne und ſchüttelte ihm bewegt die Hand.„Noch Eins!“ rief er Froſt nach, als dieſer der Thüre zu ging,„darf meine Laura dieſe Blätter leſen?“ Froſt wandte ſich um, blieb eine Weile nachſinnend ſtehen, nickte ſtumm mit dem Haupte, und nachdem er Mahlmann noch ein Mal mit der Hand zugewinkt hatte, verließ er das Zimmer und Mahlmann war wieder allein. Ende des ersten CTheils. IIaaR ſfſffſſiniſfffnnfffnffffſſnſſſiiſſinſiſiſſiſſſ 12 13 14 15 16 17 18 19 . 86