1 1 1 1 1 —,— 1 „u—-—W Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich—2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verp flichtet.—— 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —·· 1————⸗ℳꝛꝛꝛꝛyyy——— 4 4 3 1 4 — Ein ſchöner Dämon. Romaun Guſtav Höcker. Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Im Laufe weniger Monate war in den Augen der Welt Arle's Vergangenheit in eine graue Vorzeit zurück⸗ geflohen, aus welcher nur der Doctortitel wie ein Foſſil zurückgeblieben war. Um ſeine Spieltiſche gruppirten ſich die erſten Patricier der ſtolzen Stadt, ihre Frauen und Töchter waren die Zierde der Soiréen, die er gab. In ſeinem Salon begegneten ſich alle Aerzte, die ehemals ſeine erbittertſten Feinde geweſen waren. Unter der vornehmen Welt, mit welcher der reiche Doctor verkehrte, befand ſich auch die Majorin von Achtern, die ſich wie eine Fremde durch den Medicinal⸗ rath Puls bei ihm hatte einführen laſſen. Es war dem Doctor, der ihr die gleichen Höflichkeiten wie den Uebrigen Höcker, Ein ſchöner Dämen. IV. 1 2 erwies, von beſonderem Intereſſe, die Wandlung der Welt an dieſer Specialität im geheimen zu ver⸗ folgen. Es lag nichts näher als die Vermuthung, daß ſie, nachdem Arle die Vorurtheile der Geſellſchaft ſo glänzend beſiegt hatte, eine Annäherung verſuchen, das früher ab⸗ gebrochene Verhältniß wieder anknüpfen wolle. Aber Karl irrte ſich. Sie mied Alles, was auf eine ſolche Abſicht nur im entfernteſten hätte hindeuten können, ja der ſtets verlockende Blick ihrer Augen ruhte kälter, gleichgültiger auf Arle als auf jedem Andern. Die Majorin ſchien unter allen, mit denen Arle verkehrte, das einzige Weſen zu ſein, welches die Um⸗ wandlung des Doctors vollſtändig durchſchaute. „Ich verſtehe Sie“, ſagte ſie einſt zu ihm;„ich ſehe die weite Kluft zwiſchen Ihrer wahren Geſinnung und Ihren Handlungen, aber Sie haben recht daran gethan!“ „Und dennoch haben auch Sie ſich fangen laſſen?“ erwiderte der Doctor. „Ich benutzte nur eine willkommene Gelegenheit, wieder Ihre Nähe zu genießen, die mir wohlthuend iſt.“ „Ich habe noch keinen Augenblick an Ihrer Auf⸗ richtigkeit gezweifelt“, ſagte der Doctor. „Deſto öfter ich an der Ihrigen“, entgegnete Adeline, die Ironie fühlend. — 3 „Und was that ich“, fragte Karl gleichgültig,„wo⸗ durch ich mir Ihr Vertrauen verſcherzte?“ „Sie machten mich einſt glauben“, ſagte ſie lächelnd, „daß ich ihr Herz beſäße.“ „Ich erinnere mich in der That, es eine Zeit lang vermißt zu haben.“ „Es hing an meinem Halsſchmucke“ verſetzte Adeline, über den betroffenen Gegner triumphirend. „Und das konnten Sie vergeſſen? Auf dieſem be⸗ denklichen Grunde bauten Sie weiter?“ „Wenn es gefährlich war, ſo würden Sie mich daran verhindert haben“, warf Adeline ein;„ich verſchmerzte meine Zweifel, um ſie als Tröſter wieder hervorzuſuchen, als ein rauher Sturm unſern Bund zerriß.“ Karl hatte kein Intereſſe daran, das Schickſal zu erfahren, welches er in der Erinnerung Adelinens ſeit ihrer Trennung gehabt habe. Ein ander Mal ſuchte ſie ihn auszuforſchen, inwie⸗ weit er bei dem Vertrauen, das ihm der alte Hofacker geſchenkt hatte, von ihrer Vorgeſchichte Kenntniß erlangt haben könnte; aber in ſeiner Apathie ließ er die Gelegen⸗ heit vorübergehen, ohne durch eine boshafte Anſpielung die Majorin zu beunruhigen. Er bewunderte nur die Ausdauer und Selbſtver⸗ leugnung, mit welcher Adeline über dem Grabe er⸗ 3 1* ſtorbener Gefühle ſeine Nähe ſuchte, ſeinen Umgang pflegte; eine Aeußerung des alten Hofacker über die zer⸗ rütteten Vermögensverhältniſſe der Majorin kam ihm plötzlich wieder ins Gedächtniß, und wie er die Men⸗ ſchen kannte, mußte er vermuthen, daß Adeline mit der Abſicht umging, eines Tages ſeine Hochherzigkeit auf eine harte Probe zu ſtellen. Unter den Gemälden, welche Arle's Gemächer ſchmückten, ſuchte Adeline ſchon lange vergebens nach den beiden lebensgroßen Portraits, die ſie einſt bei ihrem Abend⸗ beſuche in jenem beſcheidenen kloſterartigen Zimmer bei ihm erblickt hatte. So oft ſie auf die fehlenden Portraits anſpielte, ſchien Karl ſie nicht zu verſtehen oder ſich derſelben nicht zu erinnern. Adeline, die an den beiden Portraits ein neugieriges Intereſſe zu haben ſchien, wandte ſich endlich an die alte Haushälterin um Auskunft. Mit Hülfe der Beſchreibung, die Adeline von den Bildern gab, entſann ſich die Alte, daß dieſelben einſt in dem Zimmer gehangen hätten, welches der Doctor zu Lebzeiten des alten Hofacker be⸗ wohnt habe und wo ſie ſich wahrſcheinlich auch jetzt noch befinden würden. Adeline verlangte in das Zimmer ge⸗ führt zu werden. Die alte Frau wurde verlegen. Niemand habe den 5 Schlüſſel dazu, entſchuldigte ſie ſich. Seit der Herr Doctor die untern Gemächer bezogen habe, wäre der Schlüſſel ſpurlos verſchwunden, und gewiß ſei, daß Niemand ſeitdem jenes Zimmer wieder betreten habe. Die Majorin erſuchte die Alte, ihr wenigſtens die Thür dieſes Zimmers zu zeigen. Nicht ohne ſichtliche Befangenheit entſprach die Frau dieſem Begehren, indem ſie die Majorin nach dem Corridor führte, in welchem das Gemach mündete. Es war bereits dunkel und der Corridor nicht erleuchtet. Die Haushälterin trug ein Licht in der Hand, übergab es der Majorin, bezeichnete ihr die letzte Thür rechts und blieb an der Treppe zurück. Obwohl Adeline das Benehmen der Alten ſelt⸗ ſam, mindeſtens unhöflich fand, ſo nahm ſie, da ihre Ge⸗ danken bereits ſich mit dem Zimmer beſchäftigten, davon keine Notiz, ſondern ſchritt allein und das Licht ſelbſt tragend den Corridor entlang und verſuchte durch das Schlüſſelloch der ihr bezeichneten Thür zu ſehen. Wenn auch der Corridor, der nur von der Treppe her einen ſpärlichen Lichtſchimmer empfing, ſelbſt ziemlich in Finſter⸗ niß gehüllt war, ſo war es doch auf der Straße noch hell genug, daß Adeline durch das Schlüſſelloch ein Fenſter des Zimmers genau unterſcheiden konnte. Dieſes und der rothe Schein der Abendſonne, der in den Glasſcheiben purpurn flimmerte, war jedoch Alles, was ihr ſpähendes Auge zu erreichen vermochte. Sie überzeugte ſich, daß die Thür wirklich verſchloſſen ſei, und kehrte dann an die Treppe zurück, wo die alte Haushälterin ihrer wartete. Adeline hatte, ſei es aus Vergeßlichkeit oder um die Alte für ihre Bequemlichkeit zu beſtrafen, das brennende Licht an der Thür jenes Zimmers ſtehen laſſen. Die Haushälterin erſchrak darüber und weigerte ſich, das Licht zu holen. Als die Majorin ſie ihres ſonderbaren Be⸗ nehmens wegen zur Rede ſtellte, gab ſie ſehr zerknirrſcht zur Antwort, daß ſie ſich unfähig fühle, ein heimliches Grauen vor dieſem Zimmer zu überwinden. „Und wovor graut Ihnen denn?“ fragte die Majorin erheitert. „Es befindet ſich in der einen Wand dieſes Zimmers eine Niſche“, berichtete die Alte,„ein grüner Vorhang verdeckt ſie, und dahinter ſteht aufrecht ein Skelett.“ „Und wiſſen Sie nicht“, verſetzte die Majorin lachend, „daß dieſes Skelett Ihrem Herrn, der ja Arzt war, einfach zum Studium gedient hat?“ „Ich weiß es“, entgegnete die Alte zitternd,„und auch die Todtenſchädel, die in einer Reihe über ſeinem Bücherbret ſtehen, aber—“ „Aber, aber!“ wiederholte die Majorin verächtlich und gebieteriſch.„Sie werden ſich doch wohl zu dem Gange entſchließen müſſen. Uebrigens ſollte ich meinen, — 7 daß Ihnen das Amt, welches Sie in dieſem Hauſe be⸗ kleiden, das Betreten jenes Zimmers oft genug zur Pflicht gemacht haben muß, um ſich an die Gegenwart jener Inwohner zu gewöhnen.“ „Das ſtelle ich auch gar nicht in Abrede“, betheuerte die Alte in klagendem Tone. „Nun, ſo thun Sie Ihre Schuldigkeit“, gab Adeline kurz zur Antwort und ſchickte ſich an, die Treppe hinab⸗ zueilen. Die Alte aber rief mit lauter Stimme die Namen mehrerer Diener, und Adeline, die durchaus nicht wünſchte, daß ihre Entdeckungsreiſe bekannt werde, kehrte daher ſchnell wieder zurück und drohte der furchtſamen Frau, die aber trotzdem nicht zu bewegen war, ſich dem Zimmer zu nähern. „Ich will Ihnen Alles bekennen!“ flehte ſie ſtammelnd. „Es hat mit dem Gemache noch eine andere Bewandtniß.“ „Und welche denn?“ fragte die Majorin. „Der Geiſt unſeres ſeligen alten Herrn geht darin um“, ſagte die Alte mit bebender Stimme. Die Majorin lachte und ſprach von eingebildeter Furcht. „Es iſt keine Einbildung“, verſicherte die Haus⸗ hälterin.„Gerade über dieſem Zimmer ſchlafen zwei Diener, und ſchon manche Nacht, ſeit der Herr Doctor ins eeſte Stockwerk herabgezogen iſt, haben ſie in dem unbewohnten Gemach deutlich Schritte und Seufzer ver⸗ nommen. Der eine wie der andere iſt bereit, das heilige Abendmahl darauf zu nehmen, daß ſie weder ge⸗ träumt, noch ſich irgendwie getäuſcht haben.“ Zitternd umfaßte die Alte der Majorin beide Hände. „Wenn Sie darauf beſtehen, daß ich das Licht hole, gnädige Frau“, jammerte ſie,„ſo wollen Sie meinen Tod!“ Adeline blieb mehrere Sekunden unbeweglich und verharrte in Schweigen. Endlich wandte ſie ſich ent⸗ ſchloſſen um, ging feſten Schrittes den langen Corridor zurück und brachte das Licht, welches ſie der furchtſamen Frau mit einem verzeihenden Lächeln in die Hand gab. Eines Abends— es war ſeit dieſem Vorgange vielleicht eine Woche verſtrichen— hatte der Doctor eine große Ge⸗ ſellſchaft geladen. Der Garten ſtrahlte in feenhafter Be⸗ leuchtung. Arle's Gäſte bewegten ſich bunt durcheinander. Sie ſaßen in geſelligem Geſpräch in den Lauben oder promenirten in den verſchlungenen Gängen. Einige, die das Zimmer vorzogen, hielten ſich in den Spielzimmern auf und andere vergnügten ſich im Salon mit Muſik und Geſang. Es mochte gegen zehn Uhr ſein, und der Doctor applaudirte eben dem virtuoſen Vortrage einer Klavier⸗ —— —y dilettantin, als einer ſeiner Diener zu ihm trar und ihm etwas ins Ohr flüſterte. Er erhob ſich ſchnell von ſeinem Seſſel und verließ den Salon. Im Vorzimmer ſtand der größte Theil der Dienerſchaft beiſammen. „Haſt Du denn auch recht geſehen?“ fragte der Doctor jenen, der ihm die geheime Meldung gemacht hatte.„Iſt es nicht Täuſchung geweſen? Vielleicht daß der Mond in die Fenſter ſcheint?“ „Nein“, verſetzte der Diener etwas kleinlaut,„der Mond kann es nicht ſein. Es war, als wenn Jemand mit einem Lichte im Zimmer hin und her ginge. Mitunter wurde es ganz hell, als wenn es ſich dem Fenſter näherte, und dann wieder düſter, als bewegte es ſich nach der Thür. Zuletzt verweilte es nur in der einen Hälfte des Zimmers, die vom Platze aus geſehen linkz liegt, während die andere Seite finſter blieb, und dort ſtand es ſtill, und dort haben’s auch die Andern geſehen, die ich darauf aufmerkſam gemacht habe.“ „Ahr habt es auch geſehen?“ wandte ſich der Doctor an die, übrigen Diener, welche mit langen Geſichtern umherſunden und die Frage im Chor bejahten. „Und warum kam keiner von Euch auf den Einfall, die Sache an Ort und Stelle zu unterſuchen, ſtatt von unten hinaufzugaffen?“ Dieſer Verweis brachte eine ganz andere Wirkung hervor, als ſich erwarten ließ. Als hätte der Doctor die Diener wegen ihres müßigen Umherſtehens getadelt, griff der eine nach einem Theebret, der andere nach ein paar Weinflaſchen, ein dritter nach einem Pfropfen⸗ zieher, und mit einer erſtaunlichen Geſchwindigkeit flogen alle auseinander. Da der Doctor überhaupt nicht die Abſicht ge⸗ habt hatte, Jemand hinaufzuſchicken, ſo hatte für ihn das plötzliche Verſchwinden der Diener nichts Auffallendes. Mit einem Lichte verſehen, trat er den Weg allein an. Drei Diener, die an der Treppe ſtanden und flüſternd die Köpfe zuſammenſteckten, retirirten ſich vor der Er⸗ ſcheinung ihres Herrn ſchnell hinter einen Mauervor⸗ ſprung. „Ich möchte wiſſen“, murmelte der eine, als der Doctor vorüber war,„ob er ein Piſtol zu ſich gſſteckt hat.“ „Er trägt jederzeit ein geladenes Piſtol bei ſich“, behauptete der zweite.„Tag und Nacht, darauf könnt Ihr fluchen.“ „Der braucht kein Piſtol“, widerſprach der dritte; „die Lebendigen können ihm nichts anhaben, das haben wir geſehen, und die Todten ſind ihm weiter nichts als Knochenmehl.“ 11 Inzwiſchen ſtieg Karl die Treppe nach dem zweiten Stockwerk hinauf. Je höher er kam, deſto mehr dämpfte er ſeine Schritte, und als er den Corridor erreicht hatte, ſchlich er ſich leiſe und unhörbar bis an die Thür, denn es galt auf alle Fälle, einen unberufenen Eindringling zu überraſchen. Durch das Schlüſſelloch vermochte Karl nichts zu entdecken; daſſelbe war entweder verſtopft oder es ſtak von innen ein Schlüſſel. Im letztern Falle konnte es nur ein Nachſchlüſſel ſein, denn den richtigen trug Karl bei ſich. Er hielt das Ohr an die Thür ge⸗ lehnt und lauſchte eine Weile. Nichts ließ ſich vernehmen als von Zeit zu Zeit ein leiſes Knacken, ähnlich dem Seufzen eines hölzernen Tiſches unter einer Laſt, aber auch an das ſchläfrige Aufpraſſeln einer Flamme ge⸗ mahnend, die in ihrer erſten Entwicklung begriffen iſt. Leiſe öffnete Karl die Thür und unhörbar überſchritt er die Schwelle. Der Lichtſtrahl, der von der zur Rechten liegenden Wand ihm entgegendrang und mit dem Reflex ſeines eigenen Lichtes verſchwamm, blendete anfangs ſein Auge ſo vollſtändig, daß er nichts zu unterſcheiden ver⸗ mochte. Der Gegenſtand, welcher endlich aus den Licht⸗ wellen deutlich und beſtimmt hervortrat, war ein menſch⸗ liches Weſen, deſſen Situation ihn zur größten Vorſicht mahnte, wenn ein Unfall vermieden werden ſollte. Karl erblickte die Majorin von Achtern, auf einem Stuhle ſtehend. Sie ſtand dicht vor dem Bildniß ſeiner Mutter und war ſo tief in das Anſchauen der Geſichtszüge des Portraits verloren, daß ſie weder Karl's Eintreten, noch die Wirkung von deſſen Licht bemerkt hatte. Sie hielt in jeder Hand einen Leuchter und hatte, um das Bild von der vortheilhafteſten Stellung aus betrachten zu können, den Oberkörper ſo weit zurückgebogen, daß ſie bei dem leiſeſten Erſchrecken unfehlbar rücklings vom Stuhle ſtürzen mußte. Der Unwille, den Kärl im erſten Augenblicke empfunden hatte, wich daher ſehr bald einer ernſten Verlegenheit. Er durfte weder vorwärts, noch zurück. Jeden Augenblick konnte ihn die Majorin be⸗ merken. Entſchloſſen, im entſcheidenden Moment das Licht fallen zu laſſen, und die Entfernung, die ihn von ihr trennte, mit einem ſchnellen Sprunge zu durchmeſſen, um ſie aufzufangen, ſtand er da, jedes Zucken ihrer Mienen mit lauerndem Auge beobachtend. So verſtrichen mehrere Minuten, ohne daß Adeline ſich bewegte. Immer ſtarrer ſchien ſich der Blick ihres Auges auf das Portrait zu heften. Plötzlich entwand ſich ihrer Bruſt ein tiefer Athemzug.„Ja, Du biſt's“, redete ſie halblaut das Ge⸗ mälde an,„Du mußt es ſein, die mir das Leben—“ Sie unterbrach plötzlich ihre Worte durch einen Schrei, denn ſie hatte jetzt das fremde Licht und einen dunklen Schatten bemerkt. Im nächſten Augenblicke erloſchen 13 ſämmtliche Lichter am Boden und Adeline taumelte in die Arme des Doctors. „Wer iſt da?“ ſchrie ſie entſetzt. An der Stimme des Antwortgebenden erkannte ſie ſofort den Doctor. Sie ſchien ſchnell ihre Geiſtesgegen⸗ wart wiedergewonnen zu haben und richtete ſich empor. Sobald Karl ſeine Hände frei fühlte, ſchlug er Licht an. „Seit wann ſind Sie hier?“ fragte Adeline, die Hand auf ihr Herz preſſend, als wollte ſie den vom Schreck erregten Schlag deſſelben mit Gewalt in ſeine normalen Rhythmen zurückdrängen. „Eine gute Weile“, antwortete Karl mit trockenem Ernſt,„lange genug, um Ihre ſtarre Ausdauer für Mondſucht zu halten. Und wirklich habe ich auch etwas von der Angſt gefühlt, mit der man der gefährlichen Wanderung eines Nachtwandlers folgt.“ „O daß ich den Gedanken nicht ſelbſt hatte!“ rief Adeline, ſich vor die Stirn ſchlagend.„Ich hätte die Somnambule ſo vortrefflich ſpielen, hätte ſo natur⸗ wahr aus dem geheimnißvollſten aller Zuſtände er⸗ wachen wollen, daß es Niemand eingefallen wäre, mir Rechenſchaft über meine einſame Wanderung abzu⸗ fordern.“ „Sie ſehen, ich war Ihr einziger Zeuge“, erwiderte Karl,„und wenn Sie ſich mir verſchuldet fühlen, ich ſtreiche meine Forderung.“ „Ich bin in der glücklichen Lage, Ihrer Großmuth nicht zu bedürfen“, ſagte Adeline mit einem gefaßten Lächeln. Entſchloſſen nahm ſie ihm das Licht aus der Hand, und indem ſie damit über das Zimmer ſchwebte, leuchtete ſie mit einer Art begeiſterter Pietät überall umher. In einem der Fenſter hob ſich eine ſchwarze vieleckige Stelle ab, durch welche der Hauch der Nachtluft hereindrang; auf dem Fußboden lag ein Stein; die Zeiger einer verſtummten Uhr auf dem Tiſche wieſen auf eine ab⸗ gelaufene Stunde; ein aufgeſchlagenes Buch lag daneben; das einfache Bücherbret beherbergte in der alten Ord⸗ nung noch die alten ſchmuckloſen Bände; einzelne Klei⸗ dungsſtücke lagen und hingen umher. Hier war eine alte Ordnung mit der durch das Bewohntſein ſie durch⸗ kreuzenden Unordnung heilig aufbewahrt; ein dicker Staub bedeckte Alles, gleich dem vergilbenden Hauche der Zeit. „Es geht die Sage“, ſprach Adeline,„dieſes Gemach ſei der Aufenthalt eines Geiſtes, und mich verlangte, dieſen Geiſt kennen zu lernen. Ich fand einen alten Bekannten. Es iſt Ihr alter Geiſt, der in dieſen Räumen fortlebt, wie Barbaroſſa im Kyffhäuſer.“ — 15 „Wer gab Ihnen das Recht, dieſen Geiſt zu be⸗ ſchwören?“ fragte Karl mit finſterem Stolz. „Meine Ahnung, daß über dem reichen Erben noch immer ſein edleres Menſchenthum thront, daſſelbe, in dem er mir einſt ſo lieb und theuer war. Ich ſuchte überall nach dem Ehrenplatze, den ein ſtolzer Sohn den Portraits ſeiner Aeltern anweiſen mußte, und ich fand ihn hier oben. Wie Sie auch über mich denken, wie Sie auch die Heiligkeit dieſes Aſyls für entweiht halten mögen, ich habe von jeher in Ihnen den Menſchen gerehrt, nicht den glücklichen, ſondern den geſchmähten, verkannten, und Sie können, Sie dürfen mich nicht verdammen, daß ich im Buche ſeines Lebens zurück⸗ blätterte, um auf dieſer letzten Seite ſeiner Prüfungen wieder und wieder zu leſen.“ Adeline hatte Karl's Hand ergriffen. Er ver⸗ mochte ſie nicht zurückzuſtoßen. Sie hatte die Wahr⸗ heit geſprochen, ſie verſtand in ſeinem Herzen zu leſen, ohne daß flammende Leidenſchaft ſie zur Hell⸗ ſeherin gemacht hätte. Der ſanfte, ruhige Druck ihrer Hand, die milde Wärme ihres Blutes, der klare, leiden⸗ ſchaftsloſe Blick ihrer Augen— ein uneigennütziges Geben ohne Begehren— in Allem ſpiegelte ſich das feine Verſtändniß eines ſinnigen Gemüths, und auf einen Augenblick vermochte Karl Alles zu ver⸗ 16 ſcheinen ließ. „Sie ſind eine gefährliche Schönrednerin“, ſagte er nach längerem Schweigen, indem er ſich anſchickte, ſie hinabzubegleiten,„und dennoch möchte ich meinem Herzen die Verblendung zurückwünſchen, in der ich Sie einſt leidenſchaftlich lieben konnte. Mein Unglück wäre kleiner.“ Wünſchen Sie ſich dies nicht“, entgegnete Adeline, das Verletzende ſeiner Worte ruhig hinnehmend;„ich bin nicht mehr dieſelbe, die ich einſt war, und unſere Liebe würde tragiſch enden!“ geſſen, was ihm die Majorin verachtenswerth er⸗ — Zweites Kapitel. In der Regel beſtellte Karl, wenn er zuweilen abends den Milchgarten beſuchte, um eine beſtimmte Stunde ſeinen Wagen, der in der Nähe auf ihn warten mußte. Als er eines Abends aus der Pforte trat, um nach ſeinem Wagen zu gehen, erinnerte er ſich plötzlich, daß er ſeine Börſe in der Laube liegen gelaſſen. In einiger Entfernung glaubte er den Bedienten zu erkennen, der den Wagen zu begleiten pflegte und eben auf und ab zu promeniren ſchien. Er rief ihn zu ſich und ſchickte ihn in den Garten, um die Börſe zu holen. Als er ſich ſeinem Wagen näherte, hörte er, daß der Kutſcher mit Jemand im Geſpräch begriffen war. „Holen Sie ihn heute zum erſten Male von hier ab?“ fragte eine männliche Stimme, die dem Doctor bekannt vorkam. Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 2 18 „Nein“, entgegnete der Kutſcher.„Er muß hier in der Nähe ſeinen Lieblingsſpaziergang haben; vor einiger Zeit hatten wir hier einmal einen kleinen Unfall mit dem Wagen. Er wartete in der Wirthſchaft dort, wo die hohe Mauer iſt, bis der Schaden reparirt war, und ſeitdem iſt faſt keine Woche vergangen, wo ich ihn nicht hier abgeholt hätte.“ „Wie lange iſt das her?“ fragte jener wieder. „Mehrere Monate.“ Allem Anſchein nach hatten die Sprechenden Arle's Schritt für den des Bedienten gehalten und ſich daher durch ſeine Dazwiſchenkunft nicht ſtören laſſen. Als er den Fuß auf den Wagentritt ſetzte, fuhr der Kutſcher, der ſich von ſeinem Bocke zu dem Frager herabgeneigt hatte, erſchrocken in die Höhe. Nur der Fremde blieb wie angewurzelt ſtehen und ſah dem Doctor feſt ins Antlitz. Im Scheine der Wagenlaternen erkannte dieſer Arthur. Er ſah ihn zum erſten Male wieder in dichter Nähe und erſchrak über das Ausſehen des jungen Mannes. Wäh⸗ rend ſein Wagen ihn raſch davonführte, ſah er noch lange das geiſterbleiche Antlitz mit den krampfhaft zu⸗ ſammengebiſſenen Lippen und den in fieberiſcher Glut rollenden Augen vor ſich. 19 Faſt regelmäßig fand ſich in der angrenzenden Laube auch die fremde Frau ein. Sie theilte mit dem Doctor das gleiche Intereſſe, aber nicht die gleiche Scheu vor dem geſprochenen Wort, denn er hörte ſie oft ſich mit der Aufwärterin des Gartens über das junge Ehepaar unter⸗ halten. Oft auch war ſie im murmelnden Selbſtgeſpräch begriffen, und wenn es ſich traf, daß Roſa an Arthur's Arme an der Treppe erſchien, ſtieß ſie Drohungen und Verwünſchungen aus. In ihren Unterhaltungen mit der Aufwärterin war es offenbar darauf abgeſehen, dieſelbe über die äußern Verhältniſſe des jungen Paares aus⸗ zuforſchen. Sie ſeien nicht ſo beneidenswerth, hieß es da, wie es von unten ausſehe. Es ginge bei ihnen ſehr knapp zu; der junge Herr ſcheine viel Kummer und Sorgen zu haben; er ſei den ganzen Tag über im Ge⸗ ſchäft und arbeite zu Hauſe oft Nächte hindurch, ohne daß es die junge Frau zu wiſſen ſcheine. Als ſie hier eingezogen, ſei er ein geſundheitſtrahlender, fröhlicher Mann geweſen, jetzt ſei er nur der Schatten von früher. Im Sommer möge es noch ſo hingehen, wie es aber werden ſolle, wenn der Winter käme mit ſeinen erhöhten Bedürfniſſen, das wiſſe Gott allein. Die Fremde war mit der Aufwärterin vollkommen darin einverſtanden, daß ſich die beiden jungen Leute leichtſingnig ins Unglück eſtürzt hätten, und wurde nicht 2* müde, die bedenklichen Verhältniſſe derſelben erſchöpfend zu beſprechen, ja es waltete kein Zweifel, daß ſie ſich nicht ohne Behagen hinein verſenkte. Karl würde die ſtörende Nachbarſchaft geflohen und ſich einen andern Platz ausgewählt haben, hätten nicht gewiſſe eigenthümliche Widerſprüche au dieſer Frau ſein neugieriges Intereſſe erregt, denn er hörte ſie nach wie vor ſchmerzlich ſtöhnen, wenn von oben Geſang ertönte, und zuweilen deutete ein halbunterdrücktes Schluchzen darauf hin, daß ſie weinte. Eines Abends ſah er die ſonderbare Fremde aus ihrer Laube heraustreten und, ſtatt nach der Pforte, ihre Schritte in entgegengeſetzter Richtung dem ſtillen Hauſe zu lenken, in deſſen Thür ſie verſchwand. Roſa ſaß beim Lampenlicht am Tiſche. Die Arbeit, mit der ſie beſchäftigt geweſen, lag unberührt vor ihr. Sie hatte die Hände über dem Knie gefaltet und blickte gedankenvoll vor ſich hin. So ernſt der Gegenſtand viel⸗ leicht auch war, der ihren Geiſt beſchäftigte, um ihren Mund, in ihrem Auge ſpielte Milde und Freundlichkeit. Auf ihrer Stirn ſtanden keine Wolken, ſie zogen unter ihr dahin, wie unter dem Gipfel eines hohen Gebirgs. Da klopfte es an die Thür. Roſa erblickte eine Frau. Einen Augenblick lang verharrte ſie in furchtſamem Zögern, 21 als jene aber beide Arme ausbreitete, warf Roſa ſich mit dem Rufe:„Mutter, Mutter!“ an das langentbehrte Herz. „Ich wußte, daß Du allein biſt“, ſagte die Mutter, als beide ſich wieder etwas gefaßt hatten,„ich ſah Deinen Mann ausgehen. Biſt Du ſicher, daß er nicht gleich wiederkommt?“ „Und wenn er käme“, fragte Roſa mit Freuden⸗ thränen im Auge,„iſt Deine Gegenwart nicht ein Zeichen, daß Du uns beiden verziehen haſt?“ „Ich kann Dir nicht ewig zürnen, meine Roſa“, ent⸗ gegnete die Mutter ernſt,„aber täuſche Dich deshalb nicht über mein Hierſein. Was ich mit Dir zu ſprechen habe, taugt nicht für die Ohren eines Dritten. Kann ich mich darauf verlaſſen, daß wir nicht geſtört werden?“ „Arthur iſt in Geſellſchaft gegangen. Er wollte um zehn Uhr nach Hauſe kommen, wie er ſagte. Bis dahin haben wir noch lange Zeit, aber—“ Roſa ſchien plötzlich ſehr verlegen. Sie blickte nach der Thür, dann auf die Uhr und ſenkte zuletzt verwirrt und erröthend das Auge zu Boden. Die Mutter erwartete ſchweigend, daß Roſa den Satz vollenden werde, da dies aber nicht geſchah, ſo entſtand eine befremdliche Pauſe. „Es ſcheint, Du biſt Deiner Sache nicht gewiß, liebes Kind“, unterbrach endlich die Mutter die Stille. „Es iſt nur das: Arthur überraſcht mich gern“, gab Roſa lächelnd zur Antwort.„Mitten in ſeiner Geſchäfts⸗ zeit tritt er oft plötzlich zur Thür herein. Zuweilen gibt er abends vor, in Geſellſchaft zu gehen, und kaum iſt er eine Viertelſtunde fort, ſo kommt er unvermuthet wieder und ſagt, er habe mich nur necken wollen. Letzthin nahm er den zärtlichſten Abſchied von mir, weil er in Geſchäften auf einen Tag verreiſen müſſe. Und als ich ihn meilen⸗ weit weg glaubte und zufällig einmal zum Fenſter hin⸗ ausſah, wer ſtand unten? Mein Arthur!“ „Hat er das von jeher ſo getrieben?“ fragte die Mutter mit anſcheinender Gleichgültigkeit. „Nein, erſt ſeit ein paar Wochen“, erwiderte Roſa lachend;„er hat immer etwas Neues.“ „Nun, ſo müſſen wir's heute wohl auf gut Glück ankommen laſſen“, ſagte die Mutter, indem ſie ſich's in der Sophaecke bequem machte. Sie betrachtete Roſa's Arbeit, und während ſie das Material derſelben prüfte und ihre Tochter fragte, wo ſie es gekauft und welchen Preis ſie dafür gezahlt habe, ließ ſie zuweilen forſchend ihren Blick auf Roſa's Antlitz ruhen, als wolle ſie er⸗ mitteln, ob ſie ſich ſeit ihrer Trennung verändert habe. Auf dieſes gleichgültige Geſpräch trat bald jene Pauſe ein, in welcher man das Vorgefühl hat, daß das nächſte Wort ein ernſtes ſein wird. Auch Roſa empfand das, 23 während beide ſchwiegen. Sie blickte auf ihre Hand herab und drehte den Trauring am Finger. „Roſa“, begann jetzt die Mutter,„biſt Du glücklich?“ „Ja, ich bin's“, antwortete Roſa, indem ſie ihr ſanftes braunes Auge groß und voll zu der Fragenden aufſchlug. Aber als wäre es nur ein geringfügiger Umſtand, ob ſie glücklich ſei oder nicht, ſenkte ſie ſogleich den Blick wieder. „Ihr ſein arm, Roſa“, fuhr Frau Stubenrauch fort, ich weiß, ihr müßt Euch kümmerlich behelfen.“ Roſa's leiſes Kopfſchütteln war eher Bejahung als Verneinung. „Und dennoch könntet Ihr Euch recht wohl befinden“, ſagte die Mutter,„wenn Ihr wolltet, oder vielmehr wenn Du wollteſt.“ „Wenn ich wollte?“ fragte Roſa langſam. „Ein Wort von Dir genügt“, ſagte die Mutter,„und Alles, was ich habe, gehört Euch.“ Roſa's beſtürzte Miene verrieth, daß ihr dieſe Worte eine ſchmerzliche Erinnerung zurückriefen. „Haſt Du Deinen Sinn noch nicht geändert?“ fragte die Mutter, die es darauf ankommen ließ, ob Roſa das feine Lächeln, welches dieſe Frage begleitete, bemerkte oder nicht. „Mein Glück iſt vollſtändig, wenn ich Dich wieder Mutter nennen darf“, flüſterte Roſa und umſchlang ſie innig mit beiden Armen,„aber beſtehe nicht darauf, mir auch Wohlthäterin ſein zu wollen. Deine Wohlthaten würden mich ſchmerzen, würden mir den Frieden meines Herzens rauben. Du ſelbſt haſt mich nicht dazu erzogen, die Welt mit Deinem Blicke zu betrachten. Das Mitgefühl, das Dir für das Wohl Fremder fehlt, haſt Du in meine Bruſt gepflanzt, und dort haſt Du keinen Mißgriff wie⸗ der gut zu machen!“ „Ich bin nicht gekommen, um einen alten Streit zu erneuern, der ſchon einmal traurig zwiſchen uns endete; auch iſt es nicht meine Abſicht, Dir etwas anzubieten oder gar aufzudringen. Ich bin nur als Deine Mutter, als Deine Freundin hier, und will mit Dir über Dein und Deines Gatten Wohl ſprechen, als könnte ich Dir keine andere Hülfe als meine Erfahrungen und meinen Rath anbieten. Ich fragte Dich vorhin, ob Du Dich glücklich fühlteſt, und Du haſt mir mit einer Unwahrheit geantwortet, denn zu Deinem Glücke fehlt etwas— das Glück Deines Gatten!“ Die Mutter hatte dies mit ſchonender Milde geſprochen. „Er iſt gut“, antwortete Roſa mit gebrochener Stimme, er iſt mein Engel, mein Gott!“ „Aber unglücklich!“ fügte die Mutter mit erhobenem Finger hinzu. 3 2 8 Roſa ſchüttelte ſtumm das Haupt und dennoch warf ſie ſich unter lautem Schluchzen an der Mutter Bruſt. „Fühlſt Du das jetzt ſchon?“ ſagte dieſe.„Wohin ſoll das führen? Was ſoll aus Euch werden?“ „Gott wird uns nicht verlaſſen!“ „Meinſt Du, Euer Leichtſinn werde ungeſtraft bleiben?“ „Wir waren nicht leichtſinnig, indem wir in unſerm gegenſeitigen Beſitz unſer höchſtes Glück erkannten. Und wenn auch mitunter trübe Stunden kommen, unſere Freude mögen ſie trüben, aber unſerer Liebe können ſie nichts anhaben!“ „Die Liebe iſt eine Flamme, die ohne Oel verlöſchen muß. Flammen, die deſſen nicht bedürfen, brennen nur am Himmel, nicht hier auf Erden! Die Sorgen um das tägliche Leben werden Euch mit der Zeit einander gleichgültig machen. In Eurer Armuth werdet Ihr Euch gegenſeitig zur Laſt fallen und es iſt unvermeidlich, daß im Leben Deines Gatten, der einſt mit ſtolzen Hoff⸗ nungen in die Zukunft blicken durfte, oft Stunden kommen werden, wo er ſich ſagt: Ich könnte glücklicher ſein, dätte ich mich nicht gebunden!“ „Mutter, Du zerſtörſt Arthur's mühſamſtes Werk, Di weckſt Gedanken und Befürchtungen in mir, die er mich täglich vergeſſen macht.“ 26 „Sage lieber, über die Du Dich einer ſchönen, aber gefährlichen Täuſchung hingibſt! Daß er Deinetwegen von ſeinem Onkel enterbt worden iſt, das mögt Ihr immerhin vergeſſen, denn daran läßt ſich nichts mehr ändern. Das aber iſt nicht das Schlimmſte, damit hat er nur einem Glücke entſagt, welches er nie in Wirklich⸗ keit beſaß. Das eigentliche Unglück Deines Mannes liegt in ſeinem verfehlten Berufe. Seine Kenntniſſe, ſeine Tüchtigkeit, die er ſich nach jahrelangem Studium er⸗ rungen, dieſen Bauplatz für das Gebäude ſeiner Zukunft, ſeiner Beſtimmung muß er brach liegen laſſen, um ſtatt deſſen in einem dumpfen Bureau zu verſauern. Ich weiß, was Du ſagen willſt: er hofft auf eine andere, ſeinen Fähigkeiten entſprechende Anſtellung und betrachtet ſeine gegenwärtige Beſchäftigung nur als einen vorüber⸗ gehenden Nothbehelf, nicht wahr? Wenn er aber auf⸗ richtig gegen ſich ſelbſt ſein will, ſo muß er einſehen, daß es ihm ohne den Beiſtand des Glücks ſchwer werden wird, in die einmal aufgegebene Bahn ſeines Berufs wieder einzulenken. Ich ſage aber, es iſt unmöglich, denn ein mittelloſer Forſtcandidat mit Famillie iſt ein Unding, wie ein Haus, das man beim Dache zu bauen anfangen will. Ihr werdet Euch von einer Hoffnung zur andeen friſten, bis Euch zu ſpät die Wahrheit aufgehen wid, daß Ihr auf Lebenszeit ſchmählich in die engſten Grenzen —— άꝓcy 0344—— 1 27 eingeklemmt ſeid. Deinem Manne wird es mit all ſeinen Hoffnungen ergehen wie jenem Gefangenen, der im Be⸗ wußtſein ſeiner Unſchuld das kleine Bündel, welches er in ſeine Zelle mitbrachte, nicht erſt auspacken wollte, weil ihm die Zeit bis zu ſeiner Erlöſung zu kurz dünkte. Und der Jüngling ſtarb in ſeiner Zelle als Greis, wie Dein Mann als Schreiber ſterben wird. Du, als Frau, wirſt Dein Schickſal ertragen, Deine Beſtimmung iſt erfüllt, aber an Arthur wird die Unzufriedenheit rüt⸗ teln, denn das Glück, ein geliebtes Weib zu beſitzen, ſteht beim Manne ſtets unter dem Patronate ſeiner Lebens⸗ ſtellung, ſeines Berufs. Euch aber droht noch größere Gefahr— ich meine Arthur's hinſiechende Geſundheit.“ „Hinſiechende Geſundheit?“ rief Roſa entſetzt. „Konnte Dir bisher entgehen, was fremden Augen auffällt? Weißt Du nicht, daß er ſeine beſten Kräfte durch nächtliches Arbeiten hinopfert?“ „O Arthur, Arthur! Warum mich betrügen?“ „Und wenn Du das auch verhindern kannſt und wirſt, von ſeinem Pulte, an das er vom Morgen bis zum Abend geſchmiedet iſt, kannſt Du ihn nicht befreien. Seine bewegliche Natur, die ihn vielleicht einſt gerade jenen Beruf wählen ließ, den er Deinetwegen preisgeben mußte, muß ſich gegen die zwingende Herrſchaft des Pultes und der Feder empören. Du bemerkſt nicht den 14 28 langſamen Verfall ſeiner einſt blühenden Wangen, wie man die Keime nicht treiben, den Stundenweiſer der Uhr nicht weiterrücken ſieht, wenn das Auge fortwährend darauf verweilt. Ich habe ihn geſehen, er hat ſich bereits erſchreckend verändert, und ich bin zu Dir ge⸗ kommen, um, wenn es möglich iſt, zu verhindern, daß ſich ein Menſchenleben aus Liebe zu Dir langſam abzehrt! Du ſiehſt, mein Gefühl für Anderer Wohl iſt nicht ſo abgeſtumpft, als Du glaubteſt.“ „Iſt es denn möglich“, rief Roſa unter ſtrömenden Thränen,„daß ſich der Menſch über ſein Glück ſo täuſchen kann? Blüht uns das Liebſte nur zum Schauen? Dürfen wir unſere Bruſt nicht damit ſchmücken, ohne daß es den Blumen gleich dahinwelkt? Mutter, Mutter, was ſoll ich thun?“ „Frage Deinen Stolz, der ſich empört, aus meinen Händen Hülfe anzunehmen“, ſagte die Mutter düſter. „Das iſt nicht Dein Ernſt, Mutter!“ flehte Roſa, die Hände ringend.„Du ſagteſt, Du wäreſt gekommen, als wüßteſt Du keine andere Hülfe als Deinen Rath, Deine Erfahrungen.“ „Wohlan! Du willſt das Brod nicht eſſen, das Kleid nicht tragen, an welchem Anderer Thränen kleben. Iſt der Adel Deines Herzens echt, ſo gib Deinem Mann die Freiheit zurück, laß Dich von ihm ſcheiden.“ 29 „Ach, Mutter“, ſchluchzte Roſa,„Du haſt uns nicht verziehen! Ich höre aus Dir dieſelbe Stimme reden, die mich einſt verfluchte!“ „Ich habe Dich in mancher ſchmerzlichen Stunde, ſeitdem tauſendmal geſegnet“, ſagte die Mutter, ihre harte Hand auf Roſa's Haupt legend,„ich thue es jetzt wieder. Daß Du meine ſtolzeſten Hoffnungen zerſtörteſt, kann ich Dir verzeihen. Du biſt aber auf dem Wege, ein ganzes Daſein zu zerſtören, über das ich keine Ge⸗ walt habe, und darüber mußt Du mit Deinem eigenen Herzen Abrechnung halten.“ „Ich höre Schritte unten!“ ſagte Roſa, angſtvoll den Finger emporhebend.„Arthur kommt!“ Frau Stubenrauch nahm Hut und Mantel um und war zum Gehen bereit. Während Roſa ſie bis an die Thür begleitete, entfernten ſich die Schritte wieder. „Die Liebe macht ſelten glücklich“, ſagte die Mutter, die es trotzdem an der Zeit hielt, den Heimweg anzu⸗ treten,„die reinſte, heiligſte Liebe iſt die, welche entſagen kann. Beſſer iſt es, Du ſiehſt Dein Theuerſtes gar nicht als auf der Bahre. Dein künftiges Leben liegt freudlos vor Dir, ſo oder ſo. Rette wenigſtens die Ruhe Deines Gewiſſens. Machſt Du Anſpruch darauf, tugendhaft zu ſein, ſo ſei es ganz. Und der höchſte Triumph der Tugend iſt der, mit unſerm eigenen Glücke 30 Anderer Glück zu erkaufen. Bete ihn an, liebe ihn bis an Dein Grab, aber liebe ihn mit dem Geiſte, ſo nur machſt Du Deine Liebe zur Himmelsflamme! Gute Nacht, mein Kind, meine Roſa! Biſt Du geſonnen, Dich ferner nicht von den ſüßen Beſchwichtigungen Deines Gatten täuſchen zu laſſen, ſo weißt Du, wo Deine ver⸗ ſöhnte Mutter zu finden iſt.“ Drittes Kapitel. Die ſchmerzgebeugte junge Frau verſuchte vergebens nach der Entfernung der Mutter ihren Thränen Einhalt zu thun. Arthur ſollte ihr nicht anſehen, daß ſie ge⸗ weint habe. Sie wuſch ſich von neuem die Augen mit kaltem Waſſer, und von neuem ergoß ſich eine Thränen⸗ flut über ihre Wangen. Erſt als tönende Schritte auf der Treppe Arthur's Ankunft unzweifelhaft machten, wich Roſa's Zerfloſſenheit einer gewiſſen ſchwülen Spannung, die ihre Thränen erſtickte. Sie nahm von neuem nnd diesmal mit Erfolg ihre Zuflucht zum kalten Waſſer und trat ihrem Gatten mit einer Friſche um Augen und Wangen entgegen, die bei Tage auffallend geweſen wäre. Die jungen Eheleute küßten einander, doch verhielt ſich Arthur dabei mehr abwartend und überließ ſeiner Gattin 32 das Zuvorkommen. Dieſe Beobachtung machte Roſa in⸗ deſſen heute nicht zum erſten Male, ſchon ſeit Wochen härmte ſie ſich im Stillen, daß Arthur bei aller Zärt⸗ lichkeit dennoch eine gewiſſe Zurückhaltung beobachtete. Die Einſilbigkeit, die Roſa an ihm in der letzten Zeit bemerkt hatte, trat heute ſchärfer hervor als ſonſt, wo Roſa's entgegenkommendes Geplauder ſie zu verdecken und endlich ganz zu verſcheuchen pflegte. Der Eindruck des vorhergegangenen Geſprächs mit ihrer Mutter, die Gegenwart deſſen, den es betraf, Beides laſtete zu ſchwer auf ihr, als daß ſie über ihre alte Unbefangen⸗ heit hätte gebieten können. Dazu kam, daß ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit darauf verwenden mußte, Arthur forſchend zu betrachten, ohne daß dieſer es gewahr wurde. Sie machte ſich im Zimmer überall zu ſchaffen, rückte an den Stühlen, kramte in Fächern, verbeſſerte den Faltenwurf der Fenſtervorhänge, ordnete hier und ordnete dort, nur um ihr Auge verſtohlen auf Arthur's Antlitz heften zu können, das ihr in der That bleicher als je erſchien. Infolge deſſen bewendete es bei einem tiefen Schwei⸗ gen, welches ſchon an und für ſich für beide Theile zu einer ſtummen Anklage wurde. Arthur nahm endlich ein Buch, ſetzte ſich an den Tiſch, ſtemmte den Arm unter den Kopf und fing zu leſen an, zwiſchen jungen CEheleuten die unzweideutigſte Kriegserklärung. Nachdem er in voll⸗ ſtändiger Bewußtloſigkeit des Geleſenen mehrere Seiten umgeblättert hatte, blickte er auf und ſagte:„Du haſt Beſuch gehabt, Roſa?“ Dabei umſpielte ſeinen Mund ein überlegenes Lächeln, als wollte er mit Mephiſto ſagen: „Allwiſſend bin ich nicht, doch viel iſt mir bewußt.“ „Meine Mutter war hier“, antwortete Roſa ſanft. „Und da wollteſt Du mir ein Geheimniß daraus machen?“ fragte Arthur gereizt. „Nein, lieber Arthur.“ „Warum ſagteſt Du mir's nicht von ſelbſt? Warum mußte ich Dich erſt fragen?“ „Weil ich nicht wußte, woran ich mit Dir war. Du ſprachſt ja kein Wort.“ „Im Gegentheil“, erwiderte Arthur,„Du ſprachſt nicht! Und was wollte Deine Mutter hier?“ „Sie wollte mir ſagen, daß ſie uns nicht mehr grollt“, entgegnete Roſa, Arthur ſanft über die Wange ſtreichend. „Sie hat uns verziehen.“ „Verziehen!“ rief Arthur mit einem leiſen Anflug von Hohn.„Was hat ſie zu verzeihen? Ich meinestheils bin mir keines Unrechts gegen ſie bewußt! Daß Du die Kränkung, die ſie Dir angethan hat, ſo leicht vergeſſen kannſt, iſt ſchön von Dir; wenn aber ein verſöhnen⸗ des Wort Dich ſo überwältigt, daß Du Dich zuletzt 3 Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 34 ſelbſt für den ſchuldigen Theil hältſt, ſo iſt das eine Schwäche! Sieh, Roſa, in dieſem Punkte bin ich ſtärker als Du!“ Bei den letzten Worten, die er in einer unheimlichen Aufregung ſprach, zog er einen zerknitterten Brief aus der Taſche, faltete ihn auseinander, warf ihn auf den Tiſch und ſchlug triumphirend mit der Fauſt darauf. Roſa ſah ihn mit fragendem Erſtaunen an. „Ich trage ihn ſchon mehrere Tage mit mir herum“, ſagte Arthur,„heute endlich hab' ich's über mich gewonnen, ihn zu beantworten. Das Schwerſte iſt nun überwun⸗ den. Lies den Brief.“ Roſa rückte ſich einen Stuhl an den Tiſch und be⸗ gann zu leſen. Arthur gab ſich den Anſchein, als ſei er wieder in die Lectüre ſeines Buchs vertieft, warf aber forſchende Blicke auf Roſa. Je tiefer die Röthe brannte, die während des Leſens ihr Antlitz überzog, je freudiger ihr Auge ſtrahlte, je ſtürmiſcher ſich ihre Bruſt hob, deſto düſterer wurde Arthur's Miene, deſto unheimlicher leuchtete die Glut ſeiner Augen. Der Inhalt des Briefes aber war folgender: „Seit meinen erſten Jünglingsjahren glaubte ich mich von einem boshaften Geſchick verfolgt. Ueberall, wo ich ging und ſtand, fand ich einen Boden, auf dem der Un⸗ glücksſame, den ich, wie jeder irrende Menſch, ausſtreute, in 35 tauſendfältiger Frucht aufging; überall, wo ich ein unbe⸗ dachtes Wort ausſprach, befand ſich zufällig ein Echo, das es mir donnernd zurückgab. Noch bis heute habe ich nicht gewagt, von einer dunkeln Stelle meines Schick⸗ ſals den Schleier zu heben, aus Furcht, meine eigene Unglückshand im Spiel zu ſehen. Nichts von dem, was ich ſchon in der Wiege beſaß, iſt mir geblieben, und meine theuerſten Erinnerungen ſind von einer ſchneidenden Diſſonanz durchrauſcht, die nur das Grab auflöſen kann. Lange habe ich mein Schickſal angeklagt, bis ich, von ſeiner Tücke zum Aeußerſten getrieben, ſeine Ketten brach, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß wir es uns unterwerfen, daß wir ſelbſt der Schöpfer unſeres Geſchicks werden können. Man ſagt, die Weltgeſchichte ſei das Weltgericht, aber wer drang je zu den unterirdiſchen Kerkern dieſes Gerichts, wo die unerkannte Unſchuld, in Ketten geſchla⸗ gen, ihre geſtorbenen Anwälte überlebt? Ich war der Märtyrerſchaft müde, die ſich wieder und immer wieder ſchweigend, duldend ans Kreuz nageln läßt. Viele ſind ſo untergegangen, wo aber ſtand für ſie der Tempel, deſſen Vorhang zerriß; wo waren die Gräber, die ſich aufthaten, wo der Himmel, der ſich zürnend verfinſterte? 3* 36 Als mit dem verhängnißvollen Tode Ihres Onkels meine Leiden auf Golgatha angekommen waren, als man Hausſuchung in dem reinen Heiligthume meines Gewiſ⸗ ſens hielt, als ſchnöder Verdacht zur unauslöſchbaren That wurde, als ich mich auf gleicher Höhe mit dem ruchloſeſten Verbrecher ſah, da gedachte ich des Zurufs: „Biſt Du Gottes Sohn, ſo hilf Dir ſelbſt!“ Und beſaß ich nicht gerade eine wunderwirkende Kraft? War ich nicht ein reicher Mann, ſobald ich meine Hand ausſtrecken wollte? Und ich vollbrachte das Wunder! Dieſelben Hände, die Steine nach mir geworfen hatten, ſah ich nun meine Zimmer malen, meine Möbel polſtern, meine Dielen poliren, meine Bauten ausführen. Dieſelben, die mich mieden und verabſcheuten, lernten ſich wohl und behaglich fühlen in den Umgebungen, die ich mit dem Gelde meines vermeintlichen Opfers ſchuf. Dieſelben, die den ehemaligen Arzt als ihren unterwürfigen Sklaven betrachtet hatten, krümmten ſich vor mir im Staube, und für hundertfachen Mord, deſſen ich mich nun durch Verweigerung meines Beiſtandes in Wirklichkeit ſchuldig machte, ſtieg mein Anſehen nur um ſo höher. Einſt habe ich die Menſchen gehaßt, jetzt ekelt mich ihre Erbärmlichkeit an. Ich habe mich überzeugt, daß die Welt ſich dem beugt, der ſie mit ihrer eigenen Waffe höhniſch ins Geſicht ſchlägt! 37 Ich habe ſie überwunden, ja, meine Gegner ſind unvermerkt in meine Reihen übergetreten. Da aber ſehe ich plötzlich, daß die Rotte der Ueberläufer, welche an meiner Tafel praßt und mein Ohr mit Schmeichelreden erfüllt, mit mir eine Schlachtlinie bildet gegen zwei einzelne Menſchen. Das können nur ehrliche Gegner ſein, die, wie das Gold vom Blei, ſich von dem gemeinen Troß abgelöſt haben, und nur Verblendung konnte mich einſt dahin bringen, ſie unter die Uebrigen zu werfen. Sie, Arthur, ſind es und Ihre Roſa, die Einzigen, die ich aus Liebe haßte. Sie wollten mir einſt Freund, Roſa wollte mir Schweſter ſein. O entzieht mir jetzt nicht, was ich vormals in meiner Bitterkeit verſchmähte ſtoßt nicht grauſam die Hand von Euch, die ſich, um Verzeihung bittend, Euch verſöhnend entgegenſtreckt! Nehmen Sie, Arthur, das Kleinſte, was ich Ihnen bieten kann, nehmen Sie das Vermächtniß Ihres Onkels aus meinen Händen! Im guten Glauben an meine Gleichgültigkeit für äußern Beſitz erkannte das Schickſal in mir nur den zuverläſſigſten Boten, der jenes Erbe an die Adreſſe aushändigen ſollte, auf die es lautete. Be⸗ trachten Sie dieſe Zeilen als einen Rechenſchaftsbericht über den kleinen Bruchtheil, den ich zum Einſatz in ein Spiel verwendete, durch welches ich unterwegs über Gebühr aufgehalten wurde, und kommen Sie bald, um 38 mich von einer Bürde zu befreien, unter welcher ich erliegen zu müſſen fürchte. Ihr Karl Arle.“ Ueber dem Inhalt dieſes Briefes hatte Roſa Arthur's einleitende Worte und die Beziehungen, an welche dieſe anknüpften, vollſtändig vergeſſen. Mit ſtiller Innigkeit drückte ſie den Brief an ihr Herz, in ihrem Auge lag ein wunderbarer Glanz.„Ich habe nie an ſeinem edlen Charakter gezweifelt“, ſagte ſie, nauch damals nicht, als wir das Unglaubliche erfuhren, daß er es über ſich gewonnen habe, von den Rechten, in welche ihn die Hartherzigkeit Deines Oheims eingeſetzt hatte, den ausgedehnteſten Gebrauch zu machen. Habe ich nicht immer geſagt, man dürfe ihm nicht zürnen, auch wenn es den Anſchein hätte, als thue er einem Unrecht? Siehſt Du nun, daß ich mich in meinem Freunde nicht getäuſcht habe?“ „Nein, Du haſt Dich nicht getäuſcht“, ſagte Arthur finſter und gedankenvoll. Vergebens wartete Roſa, daß Arthur ſich nun ein⸗ gehender äußern werde. Er ſchwieg, den Blick ſtarr auf eine und dieſelbe Stelle des aufgeſchlagenen Buchs ge⸗ heftet. Roſa wagte keine directe Frage, was er dem Doctor geantwortet habe. Nach einer geraumen Weile erſt redete ſie ihn ſchüchtern und mit geſenktem Blicke 39 an:„Du ſagteſt vorhin, das Schwerſte ſei nun über⸗ wunden?“ „Ich meinte den Kampf, den mich die Antwort ge⸗ koſtet hat“, entgegnete Arthur.„Sprich, Roſa, was würdeſt Du wohl an meiner Stelle gethan haben?“ „Ich weiß es nicht“, ſagte Roſa in bekümmertem Tone, da ihr nichts Gutes ahnte. „Das heißt, Du hätteſt die Erbſchaft angenommen!“ ſagte Arthur. Da Roſa nicht widerſprach, ſo fuhr er fort: „Ich glaub's gern, daß Du dies erbärmliche Leben ſatt haſt; biſt nicht daran gewöhnt, haſt Dir's doch etwas anders vorgeſtellt. Liebe, ja Liebe! Geſtehe, daß Du den Reichthum der Liebe überſchätzt haſt. Du glaubteſt, ſie habe noch verborgene Taſchen, die ſie ganz unverhofft auf einmal ausſchütten werde.“ „Daß ich das nicht für die Sprache Deines eigenen Selbſt nehme“, ſagte Roſa, indem ſie ihren Blick ernſt und forſchend auf Arthur richtete,„daß Dir da nicht Deine geheimſten Gedanken entſchlüpft ſind! Denn was wir nicht in unſerm eigenen Herzen erlebt haben, können wir in Anderer Herzen nicht leſen.“ „Dieſen Troſt muß ich Dir rauben“, verſetzte Arthur bitter.„Ich leſe in Deinem Herzen noch ganz andere Dinge, die mit dem meinigen nichts gemein haben.“ 40 Mit der nur dem Weibe eigenen Duldung ging Roſa über Arthur's dunkle Anklage hinweg. „Sage mir jetzt“, fragte ſie ſanft,„haſt Du die Erb⸗ ſchaft abgelehnt?“ Arthur antwortete nicht. Das Fallenlaſſen einer Er⸗ örterung, um die es ihm am meiſten zu thun zu ſein ſchien, reizte ihn nur noch mehr. „Haſt Du die Erbſchaft abgelehnt?“ wiederholte Roſa ihre Frage in ſüß ſchmeichelndem Tone. „Ja!“ antwortete Arthur, unmuthig auffahrend. „O, dann haſt Du gefehlt, lieber Arthur“, ſagte Roſa flehend,„Du haſt Dich übereilt, nimm Dein Wort zurück. Warum haſt Du ſie abgelehnt?“ „Würdeſt Du das Vermögen Deiner Mutter anneh⸗ men, wenn ſie es Dir anböte?“ fragte Arthur mit ſcheinbarer Ruhe. „Den Vergleich kann ich nicht billigen. Hältſt Du Dich zum Antritt der Erbſchaft deshalb nicht für be⸗ rechtigt, weil das Teſtament Deines Onkels ſie Dir ent⸗ zog? O, ich ſah den Blick des Sterbenden verſöhnt auf uns ruhen! Gewiß hat er in ſeiner letzten Stunde bittere Reue empfunden. Sein Teſtament war nicht ſein letzter Wille.“ „Ich theile Deine Ueberzeugung“, erwiderte Arthur, naber in der Hand eines Zweiten iſt mir die Hinter⸗ See 41 laſſenſchaft meines Onkels entweiht. Ich will nicht reich werden, wenn ich dadurch einen Andern arm mache.“ „Wenn Du aber nun wirklich nur eine Bürde von ihm nähmeſt, Arthur, die ihn unglücklicher macht, als der Reichthum ihn zu beglücken vermag?“ „Hat er ſie ſich nicht ſelbſt auferlegt? Er hat der Welt ein Schauſpiel gegeben und dazu das Vermögen, welches nach ſeiner beſſern Ueberzeugung uns gehörte, mit ins Treffen geführt. Als ich noch auf der Akademie war, wies ich einſt die Zumuthung eines Schauſpielers, dem ich zu einer Rolle meinen Galarock borgen ſollte, entſchieden zurück. Hätte ich, ohne lächerlich zu erſcheinen, den Rock jemals wieder auf der Straße tragen können, den die halbe Stadt auf der Bühne geſehen hatte? Und ich ſoll mich jetzt vor den Augen der Welt zu dem Beſitze eines Vermögens, eines Hauſes bekennen, welches vorher zu einem Komödienſpiel gedient hat? Sinken dann wir ſeide ſelbſt nicht zu unfreiwilligen Statiſten herab? Dem Loctor mag's ſein Lebtag traurig genug gegangen ſein, des⸗ heb bedaure ich ihn herzlich, aber zur Komödie laſſe ich mih nicht gebrauchen, eine Schachfigur mag ich nicht abggeben haben. Dazu bin ich zu ſtolz!“ Unterdrücke Deinen Stolz“, flehte Roſa,„um mei⸗ netwien unterdrücke ihn, ſonſt muß ich an Deiner Liebe zweifen!“ 42 „So weit alſo iſt es ſchon gekommen!“ ſagte Arthur mit gedämpfter, aber bebender Stimme.„Reich muß ich Dich machen, wenn ich Dich lieben ſoll! Und das ſagſt Du mir offen ins Geſicht?“ „Verlange keine Gründe von mir zu hören“, bat Roſa faſt mit Ungeſtüm,„ſchelte mich, verkenne mich, wie Du willſt, aber nimm die Erbſchaft an, Arthur, ſonſt muß ich wieder zum Theater, oder—“ „Oder?“ „Wir müſſen uns trennen!“ fügte Roſa mit ſtarrer Entſchloſſenheit hinzu. Um Arthur's Mund ſpielte ein wildes Lächeln; ein flammender Blick aus ſeinem Auge machte Roſa er⸗ ſchrecken, denn er verrieth eine Leidenſchaft, die Roſa in ihm bisher nicht geahnt hatte. „So unvorbereitet führſt Du mich vor das Todten⸗ antlitz Deiner ſchnell erſtorbenen Gefühle, grauſamer als Dein ganzes Geſchlecht, das für den Erbärmlichſte wenigſtens noch einen Tropfen Schminke übrig haf Verrätherin!“ „Verrätherin?“ fragte Roſa erbleichend. „Iſt nicht jedes Wort, durch welches Du mich zur zur Annahme der Erbſchaft zu überreden verſuchſt ein Verrath, ein Treubruch an mir?“ rief Arthur, den Loſa's wachſendes Erſtaunen immer weiter fortriß.„Es ſt dem 43 Doctor Arle doch wahrlich nicht darum zu thun, ein Unrecht an mir wieder gut zu machen; das angebotene Opfer gilt nicht mir, es gilt Dir, nur Dir allein. Es iſt nicht die Gabe eines philoſophirenden Menſchenfreundes, es iſt das beſtechende Geſchenk eines Anbeters!“ „Arthur!“. „Was mich meine Kurzſichtigkeit einſt nicht ahnen ließ, das ſchrie die Welt auf der Gaſſe aus: Doctor Arle habe Dich geliebt! Nicht wie ein Bruder, nicht wie ein väterlicher Freund, nein, mit der Leidenſchaft, mit der man nur ein Weib liebt, weil es ein Weib iſt. Sein finſteres Weſen gegen mich war Eiferſucht, meine Enterbung zu ſeinen Gunſten war ihm eine willkommene Rache, und die ungelöſchte Glut ſeiner Leidenſchaft für Dich nennt er jetzt Reue!“ „Arthur“, rief Roſa entſetzt,„Du biſt verblendet!“ „Noch habe ich Augen und Ohren. Die Aufwär⸗ terin des Gartens hat mich längſt ſchon auf einen Mann aufmerkſam gemacht, der von einem verſteckten Plätzchen aus ſüße Blicke mit meiner Frau austauſcht; zum Ueber⸗ fluß verrieth ihn mir ſeine Equipage, und oft genug bin ich zu ihm herangeſchlichen und habe ihn mit meinen Augen geſehen. Wenn ich jetzt eine Kugel in das Dickicht jener Laube ſenden wollte, ſo würde ich ihn tödten!“ „Arthur!“ rief eine fremde Stimme, und Arthur blickte erſchrocken auf und glaubte in ein fremdes Geſicht zu ſehen, denn fremd war ihm der zürnende Blick in Roſa's Augen, fremd die Todtenbläſſe, die über ihren verſtörten Zügen ausgebreitet lag, fremd berührte ihn das Bewußtſein, daß er ſelbſt der Urheber der unerhörten Kränkung war, welche dieſes verwandelte Antlitz ihm ſtumm vorwarf.„Sage noch ein Wort“, forderte ihn die fremde Stimme auf,„ſage noch, daß ich von dem Allem gewußt habe!“ Arthur fühlte bei dieſem Anblick etwas von der ſchmerzlichen Genugthuung eines Duellanten, der ſeinen Gegner tödtlich verwundet ſieht. Der tiefe Gram, der ſeit Monaten an ſeinem Herzen nagte, war plötzlich ge⸗ wichen; das Gefühl der Bitterkeit gegen Roſa hatte ſich vollſtändig erſchöpft. Arthur war beſchämt zerknirſcht, er wußte kein Wort zu ſagen. Jetzt zitterten ein paar Thränen in Roſa's Augen, vielleicht die bitterſten, die ſie je geweint.„Armer Arthur“, ſagte ſie weich,„Du biſt krank. Was meine Mutter ſagte, iſt mir jetzt als furchtbare Wahrheit aufgegangen. Dein Lebensmuth iſt von ernſten Sorgen gebrochen; Du fühlſt Dich unglücklich in Deiner Stellung; die zuneh⸗ mende Hoffnungsloſigkeit, jemals Deinem Berufe zurück⸗ gegeben zu werden, umflort Deinen Blick. Dein offener, 45 gerader Sinn iſt vom ſchwarzen Brande des Mißtrauens ergriffen. Geſtehe, daß Du krank biſt, körperlich krank, nur unter dieſer Bedingung kann ich verzeihen und ver⸗ geſſen!“ Arthur fühlte, daß Roſa die Wahrheit geſagt hatte. Er fuhr ſich durch die Haare und ſchwieg beſtürzt ſtill. Wie von einem Traume erwachend fragte er endlich: „Warum aber ſprachſt Du von Trennung?“ „Weil Du vollſtändig frei und ſorgenlos werden mußt, wenn Du von Deiner Krankheit geneſen ſollſt. Sonſt, ſagte die Mutter, würde ich Dich bald—“ Roſa ſank, in Schmerz aufgelöſt, vor ihm auf die Kniee, preßte ſeine Hand an ihre Stirn und vollendete ſchluchzend: „auf der Bahre ſehen!“ Nach einer Weile ſchaute ſie zu ihm auf und fragte in angſtvoll dringendem Tone: „Nicht wahr, Arthur, Du fühlſt Dich krank?“ Er ſchüttelte, unter Thränen lächelnd, den Kopf. „Nur um den Preis der Wahrheit verzeihe ich Dir“, ſagte Roſa mit unerbittlichem Ernſt,„ſonſt vergeſſe ich nie, nie die Kränkung, die Du mir angethan haſt.“ „Nun jau, ſagte Arthur,„ich war krank.“ „Und Du biſt es noch und wirſt es immer mehr werden“, fuhr Roſa fort,„geſtehe mir auch das.“ „Biſt Du mir treu?“ fragte Arthur ausweichend und mit tiefer Zärtlichkeit. 46 „Bis in den Tod“, antwortete Roſa,„auch wenn Du mir meine Treue mit Unaufrichtigkeit lohnſt. Gibſt Du etwas auf meine Treue?“ „Alles, Alles!“ „Wagſt Du es, mir bei meiner Treue zu ſchwören, daß Dich keine Sorgen drücken?“ Arthur ſchwieg ſtill. „Daß Dein Beruf und Deine Hoffnungsloſigkeit Dich nicht verbittern? Daß Du Dich hinter Deinem Pulte ſo wohl und leicht fühlſt wie früher?“ „Du gehſt mir hart aufs Gewiſſen.“ „Sieh, jetzt will ich's glauben, daß ich Dein Herz wiedergefunden habe. Laß mich von nun an Deinen Kummer theilen, anſtatt mir durch das Surrogat der Täuſchung das Leben zu verſüßen. Willſt Du mir das verſprechen?“ „Ja!“. „Mit Hand und Mund!“ forderte Roſa, und der neue Bund wurde beſiegelt. Obwohl es ſchon ſehr ſpät war, ſo beſchloſſen beide dennoch, einen Gang ins Freie zu thun. Die Stube war ihnen zu eng. Ein müchtiger Drang, ein Nach⸗ brauſen in ihren ſtürmiſch erregten Herzen trieb ſie hin⸗ aus in die weite, ſchweigende Natur, die einen milden verlockenden Nachthauch zum Fenſter hereinſandte. 47 Beide wandelten durch die todtenſtille Vorſtadt und hatten bald das Freie erreicht. Es war eine helle Nacht, als ſtrömte die Erde ſelbſt ein klares Licht aus bis hinauf in die bleiche Unendlich⸗ keit, die mit ihren Myriaden funkelnder Augen herab⸗ blinzelte. Ein glänzender Komet zog, das unbewegliche Bild ewiger Eile, auf ſeiner ſchwindelnden Bahn dahin. Die Häuſermaſſe der Stadt mit ihren Thürmen machte in ihrer einförmig grauen, ſcharfen Abzeichnung den Ein⸗ druck, als ſei ſie, ohne jede plaſtiſche Wirklichkeit, nur aus Papier geſchnitten. In unbekannter Ferne irrten verworrene Muſikklänge umher. Der mächtige Strom, der neben den ſpäten Spaziergängern rauſchte, ſchien rückwärts zu fließen, der Pfiff einer Locomotive tönte in einer unerklärlichen Nähe. Es war, als hätten die neckiſchen Geiſter der Nacht in Abweſenheit des nüchter⸗ nen Tages das Gefüge der Wirklichkeit auseinander⸗ genommen und die Bruchſtücke zu den abenteuerlichſten Widerſprüchen zuſammengeſetzt. Roſa ſchlang ihren Arm um Arthur's Schulter und theilte mit ihm zärtlich ihren weiten Mantel. So wan⸗ delten beide durch die Nacht und ſprachen kein Wort. Viertes Kapitel. Seit jenem Abende wurde zwiſchen den jungen Ehe⸗ euten die Erbſchaft mit keiner Silbe wieder erwähnt. Ein eiferſüchtiger Argwohn gegen Arle, der die Reinheit ſeiner Abſicht trübte, blieb untilgbar in Arthur zurück. Der unantaſtbare Beſitz Roſa's ging ihm über Alles, er würde eher ein Königreich abgelehnt haben. Auch Roſa konnte ſeit Arthur's Eröffnung nicht mehr mit der frühern Unbefangenheit an ihren alten Freund zurück⸗ denken. Oft, wenn ſie allein war, verfiel ſie in Nach⸗ ſinnen und ſchüttelte dann wie über etwas Unglaubliches betrübt den Kopf. Sie wagte nie einen Blick nach dem Milchgarten zu werfen, und ſtatt an freundlichen Tagen bei offenem Fenſter zu arbeiten, trug ſie ſich einen Stuhl hinab auf den Vorplatz des Hauſes, welcher dem öffent⸗ lichen Garten entgegengeſetzt war. Gegen die ver⸗ 49 leumderiſche Aufwärterin hegte ſie keinen Groll, aber ſo oft ſie dieſelbe erblickte, überſchlich ſie ein banges Ge⸗ fühl und ihr Herz ſchlug hörbar ſtärker. Arthur hatte ihr feierlich verſprechen müſſen, des Nachts nicht mehr zu arbeiten. Sie hielt mit nachſichts⸗ loſer Strenge darauf, daß er ſich fleißig im Freien er⸗ ging, und begleitete ihn im Sonnenſchein und Regen auf ſeinen Ausflügen. Dabei ſchien ſie ſich vorläufig zu be⸗ ruhigen. Sie beſuchte häufig ihre Mutter und war glücklich, die alte liebe Schwelle nun wieder in Frieden und Eintracht überſchreiten zu dürfen. Aber auch hier wurde das Geſpräch jenes Abends mit keiner Silbe erneuert. Die Mutter fragte nach Arthur's Befinden, nach ſeinen Ausſichten, ohne daß nur ein Blick oder ein Stirnrunzeln an die troſtloſe Zukunft gemahnt hätte, die ſie dem jungen Paare prophezeit. Hatte Frau Stubenrauch ihre Anſichten nicht vollſtändig geändert, ſo beſaß ſie wenigſtens eine bewunderungswürdige Pietät für die Irrthümer Anderer. Von einer ähnlichen Seite zeigte ſie ſich auch der Majorin von Achtern, bei der ſie eines Tages ſehr un⸗ erwartet eintrat. Adeline, die nichts Anderes erwartete, als wegen der geſtifteten Heirath nachträglich zur Rede geſtellt zu werden, entſchuldigte ſich wegen des bedauer⸗ Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 4 50 lichen Mißverſtändniſſes. Frau Stubenrauch aber ging gleichgültig darüber hinweg, wie über eine unbedeutende Sache, über welche zu ſprechen nicht der Mühe lohnt, und lenkte bald das Geſpräch auf den Schmuck, als ſei zwiſchen ihr und der Majorin nie von etwas Anderm die Rede geweſen. Als die Majorin ihren Entſchluß äußerte, den Schmuck als ein Andenken zu behalten, ſtimmte ihr Frau Stubenrauch mit froſtigem Lächeln und Kopfnicken bei, ja ſie erklärte, daß die früher dafür ge⸗ botene Summe ihr jetzt ohnehin zu hoch ſei. Sie trug kein Verlangen, den Schmuck noch einmal zu ſehen, und ging unverrichteter Sache, aber mit einer gewiſſen Faſ⸗ ſung, als würden nächſtens Gold und Brillanten im Preiſe ſinken und die Majorin ihr dann den Schmuck von ſelbſt anbieten. Ueber Doctor Arle ging inzwiſchen das Gerücht, er ſei von Gewiſſensbiſſen gequält; Andere behaupteten, es ſei in ſeinem Kopfe nicht richtig; die Meiſten aber, deren Urtheil ſich in dem Glanze, mit dem er⸗ ſich eine Zeit lang umgeben, abgeklärt hatte, nannten ihn einen Sonder⸗ ling. Neben dem Hausthore der Saulapotheke nämlich hing wieder an ihrer alten Stelle die Nachtklingel, und der reiche Erbe ging zu Fuße ſeinem ärztlichem Berufe nach, wie in frühern Tagen. Pferdeſtall und Wagen⸗ ſchuppen ſtanden leer. Faſt ſämmtliche Fenſter der Saul⸗ 51 apotheke waren von Jalouſien verſchloſſen und kaum ſtahl ſich ein Sonnenſtrahl in die dunklen Zimmerreihen, wo es in der That auch öde genug ausſah. Denn die herrlichen Möbel waren mit Leinwand umkleidet und ihrer Beſtimmung nach aus dem rohen Umriß kaum zu erkennen; die Gemälde verbargen ſich unter ärgern Um⸗ hüllungen noch als das verſchleierte Bild zu Sais, und die Kronleuchter erinnerten an das unglückliche Schickſal türkiſcher Frauen, die, zum Tode verurtheilt, in Säcke genäht wurden. Doctor Arle ſelbſt bewohnte, wie zu Lebzeiten des alten Hofacker, ſein beſcheidenes Zimmer im obern Stock und legte den Miethszins dafür gewiſſen⸗ haft beiſeite. Die Saulapotheke mit ihren unbewohnten Räumen ſchien der Tempel einer Gottheit geworden, die ſtatt der ewigen Lampe den Nichtgenuß des Beſitzes als Opfer fordert und in deren Cultus Mäuſe und Spinnen als heilige Thiere gelten. Es war die Gottheit der Miß⸗ verſtändniſſe, welcher ſchon Menſchenleben als Sühnopfer gebracht wurden und deren ehernes Bild kein Moſes je zertrümmern wird! Der Winter nahte mit unaufhaltſamen Schritten. Das dichte Blätterdach des Milchgartens fiel allgemach zu Boden, den es als welkes, raſchelndes Laub kniehoch überflutete, bis es in unzähligen Schubkarrenladungen davongefahren wurde. Wie ein fleiſchloſes Gerippe lag der Garten unter Roſa's Fenſter, und auch die Stelle konnte ſie nun ſehen, wo einſt verborgen ein Herz ge⸗ ſchlagen hatte. Rauhe Stürme heulten um das friedliche Haus, ſchnell gewöhnte man ſich an das praſſelnde Feuer im Ofen und an die neue, vom Lampenſchimmer dominirte Tageseintheilung, als wäre es von jeher nicht anders ge⸗ weſen. Eines Tages wurde dem Sonnenlichte, ähnlich wie in der Saulapotheke, in der kleinen Wohnung der Zu⸗ gang gänzlich abgeſchnitten, Arthur ſchlich unhörbar über die Dielen und ſtand oft in ſtummem Entzücken vor dem in Dämmerung gehüllten Lager, wo an der Seite ſeiner bleichen Gattin ein wunderlieblicher Knabe ſchlummerte, der ſo lange Roſa's vollkommenes Ebenbild zu ſein ſchien, bis er aufwachte und mit Arthur's blauen Augen in die Welt ſchaute. Die Geburt eines Kindes wird unter den drückendſten Lebensſorgen, unter dem Bewußtſein, daß das Verhältniß der Ehe nun in ein ernſteres Stadium tritt, ſtets als ein freudiges Ereigniß begrüßt. Arthur befand ſich fortwährend wie in einem Rauſche. Es machte ihm Alles Freude, was ihm ſonſt Kummer gemacht haben würde. Mit Vergnügen ſah er die alte häusliche Ord⸗ nung über den Haufen geworfen, in der er ſich ſonſt glücklich gefühlt hatte. Nicht einen Augenblick trübte die 53 neue ſchwere Sorgenlaſt ſeine Stirn; leichten Muthes nahm er, als er ſeine Kaſſe gelehrt ſah, ſeine Zuflucht zum Leihhaus und ohne Seufzer trennte er ſich endlich auch von ſeiner Bibliothek, die zu einem Antiquar wanderte. Frau Stubenrauch verbrachte den größten Theil ihrer Zeit bei Enkel und Tochter. Sie hatte daheim nichts zu verſäumen, denn allem Anſcheine nach trieb ſie ihre Geſchäfte nicht mehr, obwohl auch hierüber zwiſchen ihr und Roſa nie ein Wort gefallen war. Roſa hatte ſeit ihrer vollſtändigen Wiedergeneſung eine eigenthümliche Grille. Sie behauptete nämlich gegen Arthur und die Mutter, ſie habe ihre Stimme eingebüßt, obwohl beide ihr wiederholt das Gegentheil verſicherten. Als ſie einſt mit der Mutter allein war und eben wieder geſungen hatte, fragte ſie, vom Piano aufſtehend: „Nicht wahr, Mutter, es iſt nicht mehr derelbe Ton wie früher?“ „Auf mein Wort, Roſa“, entgegnete die Mutter,„Deine Stimme hat ſich nicht geändert. Ich begreife nur nicht, weshalb Du jetzt ſo großen Werth darauf legſt.“ „Wenn ich Dir's ſage, willſt Du mir nicht böſe ſeyn?“ „Warum böſe?“ „Weil Du mich einſt vergebens bateſt, etwas zu 54 thun, was ich nun freiwillig thun werde. Denn ich bin entſchloſſen, Deinen Lieblingswunſch zu erfüllen, aber nicht um Deinetwillen, ſondern aus andern Rückſichten und zu ſpät, als daß es Dir noch Freude machen könnte. Ich habe die Abſicht, wieder zur Bühne zu gehen.“ Frau Stubenrauch ſah ihre Tochter mit großen Augen an. „Und nun Du es weißt“, fuhr Roſa mit ängſtlich forſchendem Blick fort,„kannſt Du mit Deinem aufrich⸗ tigen Urtheil nicht länger zurückhalten. Darf ich's wa⸗ gen, mit meiner Stimme, wie ſie jetzt iſt, wieder vor die Oeffentlichkeit zu treten? Habe ich dem Schöpfer nicht vorzeitig für die Himmelsgabe der Töne gedankt, die er mir in die Bruſt gelegt hat?“ „Weiß Arthur um Deinen Entſchluß und billigt er ihn?“ „Er weiß es noch nicht, aber ich ruhe nicht eher, bis er mich gewähren läßt. Er muß es, ſein Leben hängt davon ab und ſein Leben iſt das meinige.“ „Und haſt Du ſchon bedacht, daß Ihr dann wahr⸗ ſcheinlich werdet getrennt leben müſſen?“ „Ich werde es ſtandhaft ertragen; der Gedanke an unſere Wiedervereinigung unter glücklichern Verhältniſſen wird mir Kraft verleihen. Aber antworte mir: darf ich's wagen?“ „Wie aber wirſt Du das mit Deinen Mutterpflichten vereinigen?“ „Daran habe ich allerdings auch ſchon gedacht“, ſagte Roſa lächelnd.„Was meinſt Du“, wandte ſie ſich an den Säugling,„glaubſt Du nicht, daß Großmütterchen ſich bewegen laſſen würde, uns zu begleiten? Die Trennung von uns würde ihr ohnehin ſchwer genug werden.“ Frau Stubenrauch nahm die Anſpielung freundlich auf.„Gewiß würde ich Euch begleiten,“ ſagte ſie,„wenn es nöthig wäre. Dein Entſchluß, Roſa, iſt edel. Ich will ferner nicht mehr an dem Glücke rütteln, das Du in Arthur's Liebe findeſt. Der Stolz, den ich einſt darein ſetzte, Dich auf der Bühne zu ſehen, iſt mir ver⸗ leidet, weil die Zukunft, die ſich daran knüpfte, im Schooße Eures häuslichen Glücks für immer begraben liegt. Du biſt Gattin und Mutter, ſei es ganz. Und Du kannſt und ſollſt es ganz ſein, denn es liegt in meiner Macht, Eure Lage zu ändern und Euch von allen Sorgen zu befreien.“ „O Mutter“, ſagte Roſa beklommen,„tritt nicht wieder mit dieſer ſchrecklichen Verſuchung an mich heran!“ „Du irrſt diesmal. Was ich Dir jetzt biete, iſt rein und fleckenlos wie Morgenthau. Es iſt Zeit, daß Du 56 Alles erfährſt, das Letzte, das Schlimmſte— ein neues Glück, wenn auch ein altes dadurch in Trümmer fällt.“ Der Mutter Augen hatten ſich während dieſer dun⸗ keln Worte mit Thränen gefüllt. Sie kürzte ihren Be⸗ ſuch ab und beim Gehen ſagte ſie der betroffenen jungen Mutter: „Frage nicht mehr, bis ich Dir's bringe.“ Fünftes Kapitel. Eines Tages wurde der Majorin von Achtern durch ihren Bedienten gemeldet, daß ein Mann draußen ſtehe, der ſie zu ſprechen wünſche. Als der Diener den Na⸗ men Degenhaar ausſprach, ſchien die Majorin wie elek⸗ triſirt, es war ungewiß, ob von jähem Schreck oder von einer aufleuchtenden Hoffnung. Erſt als Degenhaar vor ihr ſtand und die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, gab ſich in ihren Mienen unverhohlen eine freudige Spannung kund. „Was bringen Sie mir?“ fragte ſie haſtig, ſeinen Gruß überhörend. Degenhaar hatte ſein ehrwürdiges Haupt entblößt und gab Adelinens vertraulicher Ein⸗ ladung, ſich neben ihr auf dem Sopha niederzulaſſen, mit Beſcheidenheit Folge, wobei er ſich mit der Hand über 4— 58 den kahlen Kopf fuhr, als gälte es, zu beiden Seiten das Haar zu glätten. „Gnädige Frau, ich bringe Gutes und Schlimmes“, ſagte Degenhaar in bewegtem Tone und ſchluckte zu Ende des Satzes ſo heftig, daß ſeine Vatermörder ſich empor⸗ ſträubten. „Auch Schlimmes?“ fragte die Majorin. „Das Gute iſt erſt halb reif, das Schlimme ganz“, fuhr Degenhaar fort,„doch hat das eine nichts mit dem andern zu thun.“ „Laſſen Sie das Gute zuerſt hören.“ Degenhaar bereitete ſich zum Sprechen, indem er ein paarmal den Hals verdrehte, als wolle er ſich erſt überzeugen, ob ſeine Kehle innerhalb der ſie umſchließen⸗ den Binde auch den nöthigen Spielraum habe. Dann begann er: „Er iſt in Geldnoth.“ Bei dem Worte„er“ warf Degenhaar der Majorin aus ſeinem rothgeäderten Auge einen Blick zu, durch welchen der Schatten des Gemeinten zu huſchen ſchien. Zum Zeichen, daß ſie er⸗ kannt habe, nickte Adeline. „Er trinkt und ſpielt“, fuhr Degenhaar fort,„und iſt ſehr herabgekommen.“ „Brauchen Sie Geld für ihn?“ fragte die Majorin „Jede Summe ſteht Ihnen zu Dienſten.“ 59 Degenhaar ſchüttelte ernſt den Kopf.„Sie haben Ihr Geld ſelbſt nöthig, gnädige Frau“, entgegnete er, indeß die Majorin falſch zu hören glaubte;„gerade auf ſeine Geldnoth ſetze ich alle meine Hoffnungen. Mehr kann ich Ihnen heute nicht ſagen.“ „O“, ſeufzte Adeline,„das iſt wenig nach ſo langem Warten!“ „Dem muß ich widerſprechen, gnädige Frau“, ſagte Degenhaar.„Ich habe bisher kaum zu hoffen gewagt, daß uns das Glück ſo günſtig ſein werde, und meine ganze Menſchenkenntniß müßte mich trügen, wenn wir ihn nicht in kurzer Zeit vollſtändig in unſerer Gewalt hätten. Dafür laſſen Sie mich ſorgen.“ „Ich vertraue Ihnen“, ſagte die Majorin beruhigt, da ſie guten Grund zu haben ſchien, ſich auf Degenhaar's Klugheit zu verlaſſen. Beide ſchwiegen eine Zeit lang. Endlich machte Degen⸗ haar mit halbem Leibe eine Wendung gegen die Majorin, ſtützte den gekrümmten Arm in das Sitzpolſter und ſagte mit einem ſtechenden Blicke und in einem Tone, als gäbe er mit mühſamer Faſſung eine gemäßigte Ant⸗ wort auf eine ihm zugefügte Beleidigung: „Gnädige Frau, ich bin Geſchäftsmann. Meine Ge⸗ ſchäfte legen mir mancherlei harte Pflichten auf, die meine perſönliche Anſchauung durchkreuzen und mit den Regun⸗ * 60 gen meines guten Herzens in ſchroffem Widerſpruch ſtehen. Wir leben in einer böſen Zeit! Ich werde Sie ſtets als die edelſte Dame dieſer Stadt verehren; wiſſen Sie noch, gnädige Frau, als ich damals jener unglücklichen Familie beiſprang? Ich allein hätte für ſie nichts thun können, wäre der Frauenverein nicht geweſen, und was hätte meine Fürbitte beim Frauenvereine ver⸗ mocht, hätten Sie nicht an ſeiner Spitze geſtanden?“ „Laſſen wir das gut ſein“, wandte Adeline ein. „Laſſen wir das gut ſein“, ſprach Degenhaar nach mit einem ſanften Schlag auf ſeine Kniee.„Ich ſelbſt und meine Familie, wir danken Ihnen zahlloſe Wohlthaten. Mein älteſter Sohn nimmt ſich noch jetzt recht ſtattlich in ſeinem Rocke aus, wozu Sie ihm voriges Jahr, bei ſeiner Comfirmation, das Tuch gaben. Mein Schlafrock, von Ihrem ſeligen Herrn Gemahl ſtammend, iſt noch ſo gut wie neu; erſt vorgeſtern hatten Sie die Güte, meine Frau wieder aus dem Reichthum Ihrer Garderobe zu beſchenken. Sie läßt Sie ergebenſt grüßen und bedankt ſich aufs herzlichſte. Trotz alledem hat mich eine ſeltſame Ver⸗ kettung von Umſtänden zu Ihrem Gläubiger gemacht.“ „Sie zu meinem Gläubiger?“ lachte die Majorin. „Dann dürfte es ſich wohl um einen ſehr beſcheidenen Poſten handeln.“ 2 „Das könnte Niemand ſehnlicher wünſchen als ich“, * 61 entgegnete Degenhaar mit einem unheimlichen Ernſt;„in⸗ deſſen wenn Sie meine Forderung zahlen, gnädige Frau, ſo haben Sie wahrſcheinlich keine Gläubiger mehr.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Adeline, nicht wenig befremdet, da ſie ſich ihrer zahlreichen Gläubiger ſehr gut bewußt war. „Sch bin jetzt Ihr einziger Gläubiger“, antwortete Degenhaar leiſe, indem er ſeine Brieftaſche herauszog und derſelben eine nicht unbeträchtliche Anzahl Papiere entnahm. Es waren Wechſel und Schuldſcheine, ſämmt⸗ lich von der Majorin ausgeſtellt und die Forderungen von Juwelieren, Kaufleuten, Handwerkern und andern Lieferanten repräſentirend, deren ein glänzend eingerichte⸗ ter Hausſtand bedarf. „Was ſollen dieſe Papiere?“ rief die Majorin, nach⸗ dem ſie dieſelben als richtig anerkannt hatte. „Können Sie mir Deckung für die Beträge geben, gnädige Frau?“ fragte Degenhaar und ſein Auge glühte in einer katzenhaften Beleuchtung, während er mit auf⸗ einander gepreßten Lippen die Antwort erwartete. 4 „Ich begreife nicht“, erwiderte die Majorin,„w dieſe Leute mich plötzlich drängen wollen? Sie wiſſen insgeſammt, daß meine eigenen Mittel nicht hinreichen und daß ich eine reiche Erbſchaft zu erwarten habe, wo⸗ bei ſie ſich bisher beruhigt haben.“ 62 „Ich zweifle nicht, daß ſie ſich auch ferner dabei be⸗ ruhigt hätten“, ſagte Degenhaar mit einem ſchlauen Lächeln,„doch haben ſie vorgezogen, ihre Forderungen los zu werden und dafür baares Geld in Empfang zu nehmen. Das, gnädige Frau“, fügte Degenhaar hinzu, indem er halb lauſchend, halb fragend den Kopf auf die eine Seite neigte,„das werden Sie den Leuten nicht verdenken können.“ „Mein Gott“, rief die Majorin,„wer gibt ihnen aber baares Geld? Ich kann ja nicht zahlen.“ „Ich, gnädige Frau“, antwortete Degenhaar,„ich habe alle dieſe Forderungen bezahlt.“ „Sie?“ fragte die Majorin gedehnt, indem ſie ſich langſam in das Sophakiſſen ſinken ließ und mit Blicken namenloſen Erſtaunens Degenhaar's mehr ls zbeſcheide⸗ nen Anzug muſterte. „ga, ich, gnädige Frau“, beſtätigte Degenhaar⸗ „Dieſe Schuldforderungen repräſentiren ja ein Ver⸗ mögen, in deſſen Beſitz ich mich glücklich ſchätzen würde! Wenn Sie über ſolche Summen verfügen können und ſich trotzdem nicht entblödeten, gleich einem verſchämten Haus⸗ armen meine kleinen Wohlthaten anzunehmen, ſo ſind Sie der ſchamloſeſte Filz auf Gottes Erdboden!“ „Wenn ich unhöflich ſein wollte“, erwiderte Degenhaar, von dieſem Vorwurfe ungerührt,„ſo könnte ich entgeg⸗ 63 nen, Sie wollten mich durch jene Geſchenke veranlaſſen, über Ihre Vergangenheit, über Ihre Herkunft zu ſchweigen. Aber ich ſage das nicht. Quälen Sie ſich nicht weiter mit Vermuthungen, gnädige Frau! Ich bin Geſchäftsmann und Geſchäftsleute müſſen ſich gefallen laſſen, daß man nicht immer gut über ſie denkt. Sie ſind mir wirklich dieſe Summe ſchuldig, Niemand anders als mir, und ich habe das vollſte Recht, zu fragen, ob Sie mich be⸗ zahlen können.“ Die Majorin, die bis auf den Buſen herab in dunkler Zornröthe brannte und deren Augen nach dem vom Ge⸗ ſchäftseifer gerötheten Geſicht ihres Gläubigers wilde Blitze ſchoſſen, ſtand auf und rief:„Nein!“ Degenhaar erhob ſich ebenfalls, aus Höflichkeit.„Iſt das Ihr letztes Wort, gnädige Frau?“ fragte er. „Ich kann's noch immer nicht glauben“, ſagte Ade⸗ line nach einigem Ueberlegen;„ich denke, Sie wollen mich myſtificiren. Wenn es aber dennoch wahr wäre, daß Sie nicht als Agent meiner Gläubiger hier ſind, was konnte Sie beſtimmen, meine Schulden an ſich zu kaufen?“ „Hm, was beſtimmt den Geſchäftsmann bei ſeinen Unternehmungen? Die Ausſicht auf Gewinn, nichts An⸗ deres. Wenn ich nun zum Beiſpiel dieſe Forderungen für das Drittel oder die Hälfte ihres Nominalwerths er⸗ worben hätte?“ 64 „Wenn Sie wirklich dabei gewinnen könnten“ knirſchte die Majorin,„aber Sie werden einen enormen Verluſt zu beklagen haben, ſo würde ich ſagen, daß Sie die größte Niederträchtigkeit begehen, gerade mich zum Gegenſtande Ihrer Speculation zu machen, ohne Rückſicht auf die vielfachen Beweiſe meines Wohlwollens, die ich Ihnen gegeben habe.“ „Führen nicht auch Fürſten vf Krieg mit einander, die ſich perſönlich ſchätzen, ſich wohl gar eng verwandt ſind? Die Politik hat mit perſönlichen Sympathien nichts gemein. Und auch der Geſchäftsmann hat ſeine Politik. Das liegt in der böſen Zeit, in der wir leben—“ „Beklagenswerther Mann!“ unterbrach ihn Adeline ſpöttiſch.„Sie ſind um hundert Jahre zu ſpät geboren; Ihr zartes Herz muß ſich in unſern materiellen Tagen recht vereinſamt und unglücklich fühlen! Sagen Sie mir jetzt, Sie letzter Sproſſe vom ausſterbenden Stamme der Gefühlsmenſchen, was werden Sie gegen mich unter⸗ nehmen? Werden Sie Nachſicht üben?“ „Ich muß trachten, mein Kapital möglichſt ſchnell um⸗ zuſetzen“, entgegnete Degenhaar achſelzuckend.„Was muß ich thun, wenn ich einen Forſt kaufe, um Brennholz dar⸗ aus zu ſchlagen? Ich muß die Bäume umſägen laſſen.“ „Das heißt“, rief Adeline angſtvoll,„Sie werden mich ruiniren!“ 65 „Ich werde meine Pflicht als Geſchäftsmann und Familienvater erfüllen“, ſagte Degenhaar gedämpft und feierlich. Adeline machte ihm Gegenvorſtellungen, aber Zorn und Sanftmuth waren verſchwendet. Sie bat, ſie flehte, aber zu all ihren verführeriſchen Künſten zuckte er nur mit den Brauen oder bewegte den Hals in der Binde und hundert hinterliſtige Gedanken tanzten und leucheteten wie Irrwiſche in ſeinen Augen. Hätte Adeline ihn über⸗ reden wollen, ſeine Familie zu ermorden, er hätte nicht ſtandhafter bleiben können. In ſeiner kalten Unerbittlich⸗ keit erſchien er ſchrecklicher als ein Marmorbild, denn er war von Fleiſch und Blut und trug einen einfachen Rock und verſchoſſene Weſte und Beinkleider und ſpielte mit der Mütze in ſeiner Hand. Als Adeline endlich gar ſeine magern, mit Bartſtacheln bedeckten Wangen ſchmeichelnd zwiſchen ihre zarten Hände nahm, fing er an zu lachen und gab der verzweifelnden jungen Wittwe zu verſtehen, daß er für ſolche Sachen um dreißig Jahre zu alt ſei. Sie ſchwamm in Thränen, ſie ſah ihren Gläubiger nur noch in den unbeſtimmten Umriſſen eines triefenden Meergottes, und als er verſchwunden war, ſchien er nicht durch die Thür gegangen, ſondern vor ihren Augen zerfloſſen zu ſein. Bald jedoch ſtellten ſich ſehr deutliche Anzeichen ſeiner fortdauernden Exiſtenz ein. Adelinens Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 5 66 Beſitzſtand erlag dem Concursverfahren, ſie mußte ihre Dienerſchaft entlaſſen und, nur mit dem Unentbehrlichſten verſehen, ihre ſchönen Gemächer mit einer beſcheidenen Wohnung vertauſchen. Aber auch in dieſem Aiyle ſollte ſie nicht unangefochten bleiben. Eines Tages erſchien in Begleitung Degenhaar's plötzlich der Executor. „Madame“, redete er die Wittwe an,„unter den Schmuckgegenſtänden, die der Concursmaſſe einverleibt wurden, vermißt man noch ein Collier. Es iſt von enormem Werthe und ich habe Befehl, Ihnen daſſelbe ab⸗ zufordern.“ Die Majorin blickte bald dem Executor, bald Degen⸗ haar ſtarr ins Geſicht. Letzterer glaubte ihrer Ge⸗ dächtnißſchwäche zuvorkommen zu müſſen und erläuterte daher: „Es iſt eine goldene Halskette, gnädige Frau, im Rococogeſchmack, mit Diamanten; ſie iſt uns genau be⸗ ſchrieben worden.“ Das Antlitz der Majorin drückte eine ſeltſame Spannung aus, als hätte ſie eben eine unerhörte Neuigkeit vernommen. Ihre beiden Gegner hielten es für Verſtellung und glaubten, ſie wolle den Beſitz des Schmuckes leugnen und Zeit zu einer Antwort gewinnen. „Sie iſt Ihnen genau beſchrieben worden?“ wandte ſich die Majorin endlich an Degenhaar und maß ihn * 67 höhniſch von oben bis unten, wie ihn einſt in jenem Dorfe vor dem Hauſe des Ortsrichters die Landſtreicherin Ko⸗ malo gemeſſen hatte.„Von wem iſt ſie Ihnen genau be⸗ ſchrieben worden? Von Jemand, in deſſen Auftrage, mit deſſen Gelde Sie meine Schulden ankauften, von Jemand, wegen deſſen Sie ſich von mir ſchmähen und verkennen ließen, von einer Frau!“ Mit heftigen Schritten trat Adeline an einen Wand⸗ ſchrank, nahm ein Käſtchen heraus, öffnete es und hob den ſtrahlenden Schmuck empor. „Stimmt dieſe Kette mit der Beſchreibung überein?“ fragte ſie die beiden Männer. Dieſe traten haſtig näher und bejahten wie aus einem Munde. Die Trennung von dem Halsbande ſchien der Majorin ſehr ſchwer zu werden, das ſchloſſen wenigſtens die beiden Männer aus dem ſtürmiſchen Wogen ihrer Bruſt, aus dem heftigen Zittern der Hand, in welcher ſie den Schmuck hielt, aus dem wilden Blick, mit welchem ſie ſich blitz⸗ ſchnell im Zimmer umſah. „Sagen Sie der Frau“, wandte ſie ſich mit vor Aufregung bebender Stimme an Degenhaar,„daß ich den Schmuck nicht verleugnet hätte, daß ſie ſich und mich aber vergebens ruinirt habe, und daß ich bereit ſei, ihr über meine Handlung Rede und Antwort zu ſtehen!“ 5* 68 Während der letzten Worte war ſie ſchnell ans offene Fenſter gegangen; beide Männer ſahen eine zuckende Be⸗ wegung ihrer Hand, und dieſe kehrte, noch ehe ſie hinzu⸗ ſpringen konnten, leer zurück. Degenhaar ſtürmte zum Zimmer hinaus. Der Exe⸗ cutor trat ans Fenſter und ſah hinab auf die vorüber⸗ tanzenden Wellen des breiten, tiefen Stroms, an deſſen ſchmalem Ufer vor dem Hauſe auch bald Degenhaar er⸗ ſchien, anfangs auf dem ſichern Erdboden ſuchend und endlich hoffnungslos den Blick nach dem Strome werfend, auf deſſen Spiegel unr das blinkende Gold der Sonne ſchwamm. Sechstes Kapitel. Es war am Nachmittag deſſelben Tages. Mit der Dämmerung hatte ſich, wie es um dieſe Zeit im Spät⸗ herbſt täglich geſchah, der Sturm erhoben. Er peitſchte die Wellen des mächtigen Stroms, der von dem trüben Gewölk eine dunkelblaue Färbung angenommen hatte, donnernd gegen die ankernden Schiffe, trieb harmloſen Straßenwanderern die Mantelkragen über die Köpfe, daß die letztern wie Piſtille unter großen Blumenkelchen verſteckt waren, kugelte Hüte und Mützen vor ſich her, färbte mit eiſigem Hauche die Hände roth und blau, die ſich danach ausſtreckten, zauſte die flatternden Haare und grollte rings um das kleine Gartenhaus, in welchem 70 das Hofacker'ſche Ehepaar wohnte, in heiſern Tönen, die um ſo unheimlicher waren, je täuſchender ſie wie rauhe, Worte klangen. Das Feuer im Ofen praſſelte zuweilen wild auf als wollte es die eiſernen Wände zerſprengen, und dann wieder verfiel es in ein erſchöpftes Glimmen und drohte zu erlöſchen. Ein Dienſtmächen war eben beſchäftigt, das Zimmer eines gewiſſen feſtlichen Anſehens zu berauben. Sie ent⸗ fernte Teller mit Kuchenüberreſten, einige halb geleerte Weinflaſchen und mehrere ſchönvergoldete Taſſen, aus denen Chocolade getrunken worden war, von dem Tiſche und entkleidete dieſen ſelbſt des ſchneeweißen Linnens, welches mit einem untergelegten rothen Teppiche eine kunſtvolle Figur gebildet hatte. Aehnlich verfuhr ſie mit einem kleinen runden Tiſchchen, das bis auf den Fuß⸗ boden in weiße Gaze gehüllt geweſen war und ein mit Waſſer gefülltes Becken getragen hatte, um welches ſich ein großer prachtvoller Blumenkranz wand. Es war, wie man aus dieſem Ueberblick ſchließen kann, an Arthur's Söhnchen eben die Taufhandlung vollzogen worden. Der Geiſtliche nebſt Küſter und Taufpathen— Roſa's Mutter hatte abgelehnt— waren zu gleicher Zeit wieder ge⸗ gangen. Für Arthur war die kurze und einfache Feier⸗ lichkeit Veranlaſſung geweſen, ſich für den Nachmittag 71 von allen Geſchäften frei zu machen, und ſo finden wir ihn zu dieſer ungewöhnlichen Stunde in ſeiner trauten Häuslichkeit, in halb liegender Stellung auf das Sopha geſtreckt, ſeine lange, bis auf den Boden reichende Pfeife rauchend und mit hoffnungsvollen Plänen für die Zu⸗ kunft beſchäftigt. Roſa hatte in der Kammer nebenan ihren kleinen blauäugigen Engel eben in ſüßen Schlummer gewiegt und betrachtete ihn mit zärtlichem Blicke, als gäbe ſie ſeinen Athemzügen auf ihrer Wanderung durch die Welt der Träume ein Stück das Geleite, als ſie Schritte die hölzerne Treppe heraufkommen hörte. Sie glaubte, es ſei ihre Mutter, da ſie keinen andern Beſuch zu erwarten hatte, und verließ den ſchlummernden Säug⸗ ling, um ihr entgegen zu gehen. Als ſie in das Zimmer trat, fand ſie Arthur in einer lauſchenden Stellung, denn dieſer ſchloß aus einem gewiſſen zögern⸗ den Tempo, daß es der Schritt eines Fremden ſei; auch Roſa blieb ſtehen und lauſchte jetzt dem fremd⸗ artigen, ungewöhnlich langedauernden Abſtreichen der Füße auf der Strohmatte draußen. Eine Ahnung erfaßte Roſa. Sie hatte ſchon längſt gefürchtet, plötzlich einmal Jemand eintreten zu ſehen, dem Arthur's ſtumme Unerbittlichkeit endlich zur uner⸗ träglichen Qual werden mußte. Mehr als einen Brief, der ihre Vermittelung anflehte, hatte ſie, ohne dem Gatten 72 davon zu ſagen, kummervoll den Flammen übergeben, und jetzt zitterte ſie, daß ſtatt eines lebloſen Blattes ein mächtigerer Fürſprecher erſcheinen könnte, dem beide Ant⸗ wort geben mußten. Faſt machte das entſchloſſene„Herein!“ ſie erbeben, mit dem Arthur dem leiſen Klopfen antwortete. Die Thür öffnete ſich. Aber in jener Höhe, wo Roſa das Antlitz des Eintretenden zu erblicken vermeinte, behauptete ſich eine unheimliche Leere, unter welcher eine unterſetzte Mannesgeſtalt hereinkroch, bei deren Anblick das Gefühl der Enttäuſchung in Roſa in eine vollſtändige Erſtarrung überging. Arthur ſah, ohne ſich vom Sopha zu erheben, etwas mißtrauiſch den Beſucher an, der einen dicken, ihm gut zu Leibe ſitzenden, in ſeinem Ausſehen aber ſehr herab⸗ gekommenen Ueberrock trug. Die beſſern, verſchont ge⸗ bliebenen Stellen deſſelben nahmen ſich in der ſchlechten Geſellſchaft fettig glänzender Flecken nur um ſo unvor⸗ theilhafter aus. Eine beim Wiederandrücken der Thür unvermeidliche Wendung gewährte einen Blick auf die Rückſeite des Ueberrocks, deſſen Rücken und Ellbogen eine gewiſſe grauweiſe Färbung zeigten, die ihre Ent⸗ ſtehung offenbar keiner blos zufälligen, dem Träger des Rocks unbewußten Berührung mit Kalkwänden zu ver⸗ danken hatten. 73 Wie man in anatomiſchen Kabinetten höchſt lehrreich die Zerſtörungen des menſchlichen Organismus in geöffneten Körpern verfolgen kann, ſo ſchien es auch der Eingetretene darauf angelegt zu haben, Andere einen klaren Einblick in den deſolaten Zuſtand ſeiner Garderobe werfen zu laſſen, denn er trug den Ueberrock vorn offen, damit der ſchäbige Frack darunter, die beiden ungleichen Hornknöpfe, die ihn zuſammenhielten, die verſchoſſene Weſte und die vergoldete, bereits ſchwarz werdende Uhrkette jedem Auge ſichtbar ſeien. Nicht minder traurig nahm ſich der Seiden⸗ hut aus, den er in der Hand hielt und deſſen vormaliges zartes Weiß einem unleugbaren Dunkelgrau gewichen war, bis auf die Stellen, welche ſchmuziggelb erſchienen. Soweit die Seidenhaare nicht ausgefallen waren, bildeten ſie ein ſolches Gewirr, daß man Hoffnung ſchöpfen konnte, ſie würden ſich demnächſt locken. Den Central⸗ punkt der ganzen Erſcheinung aber bildete ein aufge⸗ dunſenes Geſicht, deſſen koboldartiges Lächeln jenen Trophäen der Vergänglichkeit faſt den Charakter einer Satire aufprägte. Der Eingetretene ſchien ſich in ſeinen Bewegungen ſehr zuſammenzunehmen, trotzdem aber verwickelte ſich ſein Fuß in den Teppich und er rettete ſich vor einem Falle nur dadurch, daß er noch rechtzeitig einen Stuhl erwiſchte, an deſſen Lehne er ſich krampfhaft anklammerte. Ein 74 höchſt widerlicher Branntweinduft machte ſich alsbald in dem kleinen Zimmer bemerkbar. „Guten Abend, Röschen, Du treuloſes Röschen!“ ſagte der unwillkommene Beſucher, ohne von Arthur Notiz zu nehmen, mit ſchnarrender, das Ohr höchſt un⸗ angenehm berührender Stimme. Dieſe Anrede rief in Roſa die lebhafte Erinnerung an überſtandene Tage wach, die wie ein böſer Traum hinter ihr lagen. Nichts kann unſer Gemüth heftiger erbittern, als wenn wir die Anzeichen eines alten Uebels fühlen, von dem wir uns geheilt glaubten; wenn wir uns in eine troſtloſe Lage zurückverſetzt ſehen, die wir ſchon einmal überwunden hatten und an die wir nun wie an eine herbe, vom Mooſe der Zeit überwucherte Erfahrung zurückdenken, oder wenn wir eine alte Rechnung zum zweiten Male bezahlen ſollen. „Was wollen Sie hier?“ rief Roſa empört, den verhaßten Menſchen mit zornigem Blicke meſſend und ihm entſchloſſen einen Schritt entgegentretend, während Arthur zugleich vom Sopha aufſprang. Ein Zucken der Ueberraſchung flog über des Be⸗ ſuchers Geſicht, als hätten ſich ſeine lächelnden Mienen überſchlagen, er wich einen Schritt zurück und warf ſchnell einen Blick hinter ſich, als fürchtete er, durch einen Fehltritt in einen Abgrund zu ſtürzen. Dann ſah er 75 ſich im Zimmer um und verweilte mit hämiſcher Ehr⸗ erbietung auf Arthur's Geſtalt. „Iſt das der Herr Gemahl?“ wandte er ſfc an Roſa.. „Der bin ich“, antwortete ſtatt ihrer Arthur.„Was wünſchen Sie und wer ſind Sie?“ „Es iſt Nielſen“, flüſterte Roſa ihrem Gatten zu. Arthur kannte durch Roſa's Mittheilungen Alles, was zwiſchen Nielſen und ihr vorgegangen war. Er ſah daher ſeinen Gaſt mit einem ſonderbaren Gemiſch von Intereſſe und Abſcheu an. „Meine Geduld iſt zu Ende“, antwortete Nielſen, in⸗ dem er ſich fortwährend an die junge Frau wendete. „Sehen Sie mich an, wie ich einhergehe! Das iſt Men⸗ ſchendank! Die Mutter will nichts mehr für mich thun, ſo muß ich mich an die Tochter wenden, wenn Unglück verhütet werden ſoll. Denken Sie an den Abend, wo Sie der Mutter in den Schwedentrunk nachgeſchlichen waren, denken Sie an Frau Johanna und an den Brief, denken Sie an meine Gefangenſchaft, an meine Ver⸗ ſchwiegenheit und an hundert andere Dinge!“ Das waren wieder jene fixen Ideen, die Roſa ſchon ſo vielen Kummer verurſacht hatten, jene alten Bande, die das Schickſal dieſes abſcheulichen Menſchen an Roſa's Gewiſſen knüpften. 76 „Ich leugne nicht“, ſagte ſie,„daß ernſte Beforgniſſe mich einſt vermochten, meiner Mutter heimlich bis an Ihr Haus zu folgen. Sie haben während Ihres Kranken⸗ lagers von Dingen geſprochen, die ſich daran knüpfen ſollen, mir aber ebenſo räthſelhaft ſind, wie Sie ſelbſt es mir von jeher waren. Ich bin damals auf Ihre dunklen Reden eingegangen, weil ich ſie für die fieberi⸗ ſchen Phantaſien eines Kranken hielt. Jetzt iſt es ein Anderes! Berufen Sie ſich ferner noch darauf, daß ich im Finſtern eine Zuſammenkunft mit Ihnen gehabt, Sie in Ihrem Zimmer eingeſchloſſen, Ihnen das Verſprechen gegeben habe, Alles zu thun, was Sie von mir wünſchen, ſo muß ich an Ihrem Verſtande zweifeln. Ich kenne keine Frau Johanna, die ertrunken ſein ſoll, und weiß weder von einem Briefe, noch von Ihrer Gefangen⸗ ſchaft.“ „Sie winkten mir nicht, Ihnen in mein eigenes Zimmer zu folgen?“ fragte Nielſen trotzig.„Sie forderten mich nicht auf, Ihnen Liddy's Geſchichte zu erzählen? Sie ſaßen nicht in der Zimmerecke, das Geſicht in die Hände vergraben, und hörten mir ſchweigend und aufmerkſam zu? Das thaten Sie nicht?“ „Nein!“ widerſprach Roſa mit Heftigkeit. „Und Sie wollen die Geſchichte nicht gehört haben?“ fragte Nielſen mit einem lauernden Lächeln. 77 „Nein!“ „Was iſt es für eine Geſchichte“, fragte Arthur ärgerlich,„auf die Sie jetzt von neuem anſpielen? Iſt das Intereſſe meiner Frau oder einer andern Perſon, die ſie angeht, damit verknüpft, ſo reden Sie. Hier iſt ein Stuhl, nehmen Sie Platz, wenn Sie wollen, und ſagen Sie kurz und bündig, um was es ſich handelt.“ „Ich will Geld“, ſagte Nielſen, indem er ſich ſchwer in den Stuhl ſinken ließ.„Sie ſollen mir dazu ver⸗ helfen bei der reichen Frau Mutter, ſonſt gibt'’s ein Unglück.“ „Sie ſind betrunken!“ rief Arthur, dicht an Nielſen herantretend. „Sonſt gibt's ein Unglück“, wiederholte dieſer mit ſeinem gelaſſenen Lächeln. Roſa ergriff Arthur's Arm, um ihn an einer Ge⸗ waltthätigkeit zu verhindern. „Sprechen Sie vernünftig“, wandte ſie ſich in flehen⸗ dem Tone an Nielſen.„Wenn Sie glauben, ich ſei mit Ihren Geheimniſſen vertraut, aber Gott weiß, daß ich es nicht bin, ſo ſteht hier mein Mann, der ſie noch nicht kennt. Er wird Ihnen zuhören, wenn Sie vernünftig reden.“ Nielſen verharrte eine Weile in Schweigen, un⸗ 78 gläubig, daß Roſa die Mitwiſſenſchaft ſeines Geheimniſſes leugnete, und zugleich triumphirend, daß es von ihm abhing, ob er es zum zweiten Male erzählen wolle oder nicht. „Ich glaube faſt, daß er's noch nicht weiß“, ſagte Nielſen endlich, auf Roſa's Gatten deutend:„'s iſt auch nichts, was ſeiner neuen Verwandtſchaft Ehre machen könnte. Merken Sie auf, und auch Sie, junge Frau, laſſen Sie ſich kein Wort entgehen. Ich erzähle es heute zum letzten Male! Vor meinem zwanzigſten Jahre bekleidete ich beim Grafen von Arleborg die Stelle eines Secretärs. Er war ein alter Herr, die Gräfin war noch jung und ſchön. Der Graf hatte einen Sohn, der mit mir un⸗ gefähr in gleichem Alter ſtand. Das war ein wilder, aufbrauſender, ſtolzer Menſch, der mich nicht leiden mochte und mir den Aufenthalt im Schloſſe gewiß unerträglich gemacht haben würde; zum Glück für mich ſtudirte er auf einer Univerſität, und daher war er nur ſelten anweſend. Trotzdem ſchadete er mir viel. Er ſuchte mich beim alten Grafen, der mir ſein volles Vertrauen ſchenkte, zu verdächtigen, und Sie wiſſen, was er mir außerdem für einen Streich geſpielt hat.“ 3 „Ich weiß von nichts!“ ſagte Roſa. 79 „In dem Dorfe, das zur Herrſchaft gehörte, war ein älternloſes, nicht mehr ganz junges Mädchen. Sie wiſſen, wie ſie hieß.“ Roſa ſchüttelte ſchweigend den Kopf. „Haha!“ lachte Nielſen,„ſie hieß Johanna. Sie hatte lange Zeit in der Stadt gedient und ſich eine kleine Summe Geld erſpart. Wo ſie ging und ſtand, überall ſuchten ihre Augen umher, ob nicht eine Stecknadel oder ein alter Nagel zu finden ſei, und ich habe geſehen, daß ſie Knochen und zerbrochene Glasſcheiben an ſich nahm. Sie wußte Alles zu verwerthen, und ihr Wahlſpruch war: Das Geld liegt auf der Straße. War's nicht ſo? Dazu hatte ſie einen kleinen Gewinn in der Lotterie gemacht, ſodaß ſie ſich im Dorfe ein niedliches Grund⸗ ſtück kaufen konnte. Nun war, wie Sie wiſſen, ein lahmer Kerl im Dorfe, der früher herrſchaftlicher Jäger⸗ burſche geweſen war und vom jungen Grafen aus Un⸗ vorſichtigkeit einen Schuß ins Bein erkhalten hatte. Der hatte ein Auge auf Johanna geworfen und wollte ſie heirathen. Ich aber fand, daß die Beiden zuſammen nicht glücklich werden könnten und daß ich viel beſſer zu ihrem Manne und auch zu ihrer kleinen Wirthſchaft taugte. Ich ſuchte ihr daher den Lahmen auszureden, und beinahe wäre mir's auch gelungen. Der Burſche aber klagte ſein Liebesleid dem jungen Grafen, und dieſer 80 ſuchte Johanna von mir abzubringen. Ich ſei zu jung für ſie; ich hätte ſie nicht wahrhaft lieb und wollte ſie nur ihres Geldes wegen nehmen. Sie ließ ſich über⸗ reden und heirathete den Jäger, und der junge Graf war mit auf der Hochzeit.“ Die geſpannte Aufmerkſamkeit, der Nielſen beſtändig auf dem Antlitze ſeiner Zuhörer begegnete, hielt ihn ſelbſt in Athem. Und da er ſich überdies mit großer Vor⸗ liebe in die Begebenheiten, die er erzählte, zurückzuverſetzen ſchien, ſo fuhr er ohne fernere Anſpielung auf Roſa's Mitwiſſenſchaft fort: „Ungefähr ein Jahr nach jener Hochzeit gebar die Gräfin ihrem Gemahl eine Tochter. Ueber dieſes Er⸗ eigniß gerieth der junge Graf außer ſich, wahrſcheinlich, weil ihm dadurch die Erbſchaft geſchmälert wurde. Es kam zwiſchen ihm und dem Herrn Papa zu heftigen Auf⸗ tritten, und infolge eines ſolchen ſagte ſich der junge Graf vom älterlichen Hauſe gänzlich los und zog in die weite Welt hinaus, worüber die Gräfin viele Thränen vergoß. Frau Johanna war wenige Wochen vorher ebenfalls mit einem Mädchen niedergekommen, und ihre Neigung zum Sparen und Geldverdienen vermochte ſie, dem eigenen Kinde die Bruſt zu entziehen und bei der Gräfin als Amme der kleinen Comteſſe in Dienſt zu treten. Frau 81 Johanna wußte ſich dort bald in hohe Gunſt zu ſetzen und wurde in den Augen der übrigen Dienerſchaft eine ſehr reſpectirte Perſon. Mittlerweile ſtarb ihr Mann, und ſie verkaufte ihr kleines Gut. Eines Tages ſtellten ſich ganz unerwartet im Schloſſe Polizeibeamte ein, die des Grafen Papiere in Beſchlag nahmen und die Ge⸗ mächer verſiegelten. Der Graf floh nach England. Er ſollte ein großes Staatsverbrechen begangen haben; ſeine Güter verfielen dem Staate und mit ihnen auch das Schloß, über welches ſofort ein Verwalter geſetzt wurde. Die Gräfin hatte ihrem Gemahle kein Vermögen ein⸗ gebracht. Sie war eine arme Hofdame geweſen. Man ſtellte ihr einige Gemächer des Schloſſes zur Verfügung. Sie verabſchiedete den größten Theil ihrer Dienerſchaft und wollte nach einigen Monaten ihrem Gemahle nach England folgen. Aber noch ehe dieſe Zeit verſtrichen war, traf plötzlich von London eine Depeſche ein, worin ihr gemeldet wurde, daß der Graf infolge eines Sturzes vom Pferde lebensgefährlich krank liege. Die Gräfin machte ſich in großer Eile reiſefertig und ſchrieb an dem⸗ ſelben Tage an ihren Sohn, der in der Fremdenlegion in Algier diente. Sie konnte ſich nicht entſchließen, ohne ihr Kind, die Comteſſe, zu reiſen, obwohl der Arzt erklärte, das Kind könne eine Seereiſe noch nicht vertragen, und da ihr hierzu Frau Johanna unentbehrlich war, ſo wurde Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 6 82 die Reiſegeſellſchaft ziemlich zahlreich, denn Frau Johanna nahm ihr eigenes Kind natürlich ebenfalls mit auf die Reiſe, welche in Begleitung von noch einer Dienerin ſchon am nächſten Tage angetreten wurde. Ich blieb allein im Schloſſe zurück; meine Dienſtzeit war noch nicht abgelaufen, und bis dahin wollte die Gräfin in Perſon zurückkehren, um ihre Angelegenheiten, die ſie einſtweilen meiner Obhut anvertraut hatte, vollends zu ordnen. Die Gemächer lagen im linken Flügel des Schloſſes, im rechten wohnte der Verwalter, der von meiner Exiſtenz in dem weitläufigen Gebäude kaum eine Ahnung hatte. Die Gräfin mußte nach meiner Berechnung mit ihren Begleitern ſchon längſt in England eingetroffen ſein, da langte abermals eine Depeſche von London an, die auffallenderweiſe an die Gräfin adreſſirt war. Ich öffnete ſie. Man benachrichtigte die Gräfin darin von dem Tode ihres Gemahls. Wo die Gräfin geblieben war, darüber ſollte mir bald Aufklärung werden. Die Zei⸗ tungen meldeten den Untergang des Dampfbootes, dem ſich die Gräfin, wie die veröffentlichte Schiffsliſte beſagte, mit ihrem Gefolge anvertraut hatte. Es war angeſichts der engliſchen Küſte im Kampfe mit Sturm und Wellen geſcheitert.“ Arthur und ſeine junge Frau, welche, die Hände 83 gegenſeitig auf ihre Schultern gelegt, der Erzählung bis⸗ her ſtehend zugehört hatten, nahmen beide jetzt auf dem Sopha Platz. „Ich war damals noch von furchtſamer Natur“, fuhr Nielſen fort.„Mir wurde unheimlich im Schloſſe und des Nachts kamen mir allerlei Gedanken an die Er⸗ trunkenen. Ganze Nächte lang warf ich mich ſchlaflos auf meinem Lager umher. Bald kam mir's vor, als klinkte Jemand an der Thür, die zu dem Zimmer führte, wo ſich Frau Johanna gewöhnlich mit der kleinen Comteſſe aufzuhalten pflegte; bald ſchrie ich laut auf, weil ich das Gefühl hatte, als lege ſich ein kleines naſſes Händchen auf meine heiße Wange. Oder ich glaubte im Neben⸗ zimmer das leiſe Weinen des Kindes und die Stimme Johannass zu hören, wie ſie ſagte:„Sei ſtill, wecke Nielſen nicht auf, er ſchläft nebenan.- Wie Frau Johanna und ich ſeit ihrer Heirath mit einander ſtanden, hätte ſie im Leben nie ſolche Rückſichten auf mich genommen. Aber ſo geht mir's immer mit den Todten: ich mag ihnen im Leben noch ſo gleichgültig geweſen ſein, wenn ſie im Grabe liegen, muß ich immer an ſie denken, und da kommt mir's vor, als kümmerten ſie ſich um mich ganz allein! Auch die ertrunkene Gräfin begann ſich für mich zu intereſſiren: ſie ließ, mir zu Liebe des Nachts einige Saiten ihres Pianos ſpringen und neckte 6* 84 mich mit einer Perlenſtickerei, die ſie bei ihrer ſchnellen Abreiſe unvollendet hatte liegen laſſen. Jeden Morgen zog's mich mit unwiderſtehlicher Gewalt nach dem Arbeits⸗ tiſchchen, auf welchem die Stickerei lag, und mit Grauen glaubte ich zu bemerken, daß ſie ſich langſam ihrer Voll⸗ endung nähere, denn immer ſchienen in der Nacht einige Felder ausgefüllt worden zu ſein, die geſtern noch leer waren! Eines Nachts hatte ich einen ſchrecklichen Traum. Er war ſehr verworren, und ich erinnere mich nur noch, daß im Boudoir der Gräfin fünf ſchwere Trauergerüſte ſtanden, worunter zwei kleine für die beiden Kinder. Eine Menge Kerzen brannten, neben mir ſtand der Pfarrer, und ich fragte ihn, was das zu bedeuten habe.„Die Gräfin dringt darauf, daß eine Leichenfeier abgehalten wird.“—„Die Todten ſind aber noch nicht da“, ent⸗ gegnete ich. Der Pfarrer erhob lauſchend den Finger und ſagte:„Hören Sie das Rollen? Das ſind die Leichenwagen.“ Ich hörte es näher und näher kom⸗ men; mit dumpfem Poltern fuhren ſie eben auf dem Vor⸗ platze des Schloſſes vor. Da erwachte ich, über mir rollte der Donner, der ſich mit dem brauſenden Sturme miſchte, und ein greller Blitz erleuchtete mein Schlaf⸗ zimmer. Der kalte Angſtſchweiß lief mir übers Geſicht, ich ſchwur einen feierlichen Eid⸗ nicht wieder im Schloſſe 85 zu ſchlafen. Gern wäre ich aufgeſtanden, um Licht an⸗ zuzünden, allein ich wagte es nicht. Im Boudoir der Gräfin war ein Fenſter aufgegangen, der Sturm ſchleu⸗ derte es umher und drohte es zu zerſchmettern; mochte es in Trümmer gehen, ich wollte den Schaden lieber zehnfach aus meiner Taſche erſetzen, als aufſtehen und das Fenſter ſchließen. Ich hätte überhaupt Alles darum gegeben, wenn ich jetzt, anſtatt in dem ſchauerlichen Schloſſe, in einem Gefängniſſe unter Dieben gelegen hätte. Ein Glockenzug des Portals, welches in den linken Schloßflügel führte, mündete in meinem Schlafzimmer. Leiſe tönte jetzt die Glocke über meinem Bett. Es mußte der Sturm ſein, der unten an dem Griff rüttelte. In längern Zwiſchenpauſen tönte ſie von neuem und jedes⸗ mal heftiger. Es war Jemand unten, der Einlaß be⸗ gehrte.“ Roſa ſchauderte zuſammen. Der Abend war bereits weit vorgerückt, im Zimmer war es dunkel geworden, aber ſie hatte es bisher nicht bemerkt, weil ſie mit athem⸗ loſer Spannung der Erzählung lauſchte. Sie ſah jetzt allerlei unerklärbare Lichtſtreifen über das Zimmer ſchlei⸗ chen, und daher brannte ſie mit zitternder Hand die Lampe an. „Es war Jemand unten“, fuhr Nielſen fort,„und obwohl ich mir nicht denken konnte, wer es ſei, gab 86 mir doch plötzlich die Hoffnung, ein menſchliches Weſen zu finden, wieder einigen Muth. Ich hoffte, es ſei Zemand gekommen, um mir zu ſagen, daß Feuer im Schloſſe ſei, und gewann es über mich, aus dem Bette zu ſpringen und Licht anzuzünden. In einen langen Rock gehüllt, eilte ich über den Corridor, die breiten Stufen hinab, ſtellte das Licht hinter eine Säule in der Halle, damit der Sturm es beim Oeffnen der Thür nicht auslöſchen konnte, und ſchloß das Portal auf. Es trat Jemand herein, aber ich vermochte nur die Umriſſe einer tief verhüllten Geſtalt zu unterſcheiden; meine Hand ſtreifte an ein naſſes Gewand; ich zog ſie ſchaudernd zu⸗ rück, und jetzt bereute ich faſt, daß ich geöffnet hatte. „Nielſen«, fragte die Geſtalt,„biſt Du allein?“ Der Ton war mir nicht fremd, aber ich konnte vor Angſt und Grauen nicht auf die Perſon kommen, der er an⸗ gehörte. Ich antwortete:„Ja!«—„Warte hier“, ſagte die Geſtalt,„bis ich zurückkehre.“ Damit ſchritt ſie der Treppe zu, nahm das Licht mit, das hinter der Säule ſtand, ſtieg langſam die breiten Stufen hinauf und ließ mich allein im Finſtern zurück. Ich brachte den geheimnißvollen Beſuch mit den Ertrunkenen und meinem Traume in Verbindung und wollte aus dem Schloſſe fliehen, aber die Thür war verſchloſſen und der Schlüſ⸗ ſel abgezogen. Ich wollte um Hülfe rufen, allein wer 87 hätte mich unter dem Toſen des Sturms und des Donners in dem weiten Gebäude hören können? Ein ſchwacher Lichtſchein in der Halle, der ſchnell zunahm, verkündete mir jetzt die Zurückkunft des unheimlichen Gaſtes. Er ſtellte das Licht hinter dieſelbe Säule und ich konnte die Geſtalt wieder nur undeutlich erkennen. Auch als jetzt die Halle durch einen Blitzſtrahl er⸗ leuchtet wurde, ſah ich nichts, als daß ſich mir ein langer ſchwarzer Mantel näherte, der bis auf die Erde reichte; der Kopf war von demſelben Mantel verhüllt, und von dem Geſicht war nichts zu ſehen als ein ſchmaler bleicher Spalt. Die Geſtalt trat zu mir heran, legte mit eiſerner Schwere ihre Hand auf meine Schulter und nahm mir einen fürchterlichen Eid ab, daß ich über das Erlebniß dieſer Nacht gegen jeden Sterblichen das tiefſte Still⸗ ſchweigen beobachten wolle. Ich ſprach mit bebender Stimme die Eidesformel nach, und ſie drohte mir, mich bis ans Ende meiner Tage zu verfolgen, wenn ich meinen Schwur bräche.“ Roſa erhob leiſe den Kopf. Er hatte in dieſem Augenblicke ſeinen Eid gebrochen. Es war ihr, als müſſe etwas Entſetzliches geſchehen. Sie warf einen angſtvollen Blick nach Nielſen, aber ſie begegnete nur ſeinem ſichern, ruhigen Lächeln. „Dann hörte ich“, fuhr dieſer fort,„daß ſie das 88 Portal aufſchloß und den Schlüſſel wieder abzog. Ein langer bläulicher Blitz zuckte durch die Hallen, und mit ihm kam mir ein verzweifelter Entſchluß und ich riß der Geſtalt tollkühn die Umhüllung vom Haupte. Der Anblick ſchnürte mir die Bruſt zuſammen, ich ſtieß mit der ganzen Kraft meiner Kehle einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, denn ich hatte in das bläulich beleuchtete Antlitz der ertrunkenen Frau Johanna geſehen. Sie zögerte einen Augenblick und ſchritt endlich hinaus. Ich ſtürzte gegen das Portal, um hinter dem Geſpenſt ſchnell den Riegel vorzuſchieben. Mit übermächtiger Ge⸗ walt lehnte es ſich von draußen gegen die ſchwere Pforte; es iſt möglich, daß es nur der Sturm war, aber wer es auch war, ich kämpfte auf Leben und Tod, denn immer und immer fehlte noch eine Zollbreite, bis es endlich der übermenſchlichen Gewalt, die mir die Ver⸗ zweiflung verlieh, gelang, den Riegel in ſeine Fugen zu zwängen. Dann war Alles vorüber und ich wußte nichts mehr von mir ſelber!“ Nielſen ſchwieg einen Augen unter einem bangen Athmenz ge, ſelber:„Ein Traum!“ 41 „Es war kein Traum“, entgegnete Nielſen,„es war Wirklichkeit! Ein heftiger Schmerz am Hinterkopfe war das Nächſte, deſſen ich mir bewußt ward; ich lag auf d, und Roſa flüſterte als ſpräche ſie mit ſich 2 89 dem kalten Steinboden der Halle, die in lichtem Sonnen⸗ ſchein glänzte. Ich erhob mich mühſam und fand, daß ich eingeſchloſſen war. Ich hatte ein ſeltſames, beängſtigen⸗ des Gefühl; in der Kehle und in dem Gaumen reizte es mich, laut zu ſchreien, als könnte ich jenes Gefühl da⸗ durch los werden. Ich ſprach einzelne Worte, aber ich hörte nichts davon. Da ging mir die ſchreckliche Ahnung auf, daß ich mir eine heftige Erkältung zugezogen haben und taub geworden ſein möchte. Ueberall herrſchte Todten⸗ ſtille; es war mir zwar, als höre ich eine Fliege ſummen, aber ich hielt es für Täuſchung, denn dann hätte ich auch die Worte hören müſſen, mit denen ich mich fortwährend ſelbſt anredete, um mich zu überzeugen, daß ich taub ſei. Aus der Ferne glaubte ich Peitſchenknall zu hören, ich hörte Schritte am Schloßportal vorübergehen, ich hörte das Pferd des Verwalters vorführen, ich hörte ihn ſeinen Knecht ſchelten, ich hörte Alles, nur meine eigenen Worte nicht! Da wurde mein Grauen vor der Erſchei⸗ nung dieſer Nacht von einem noch ſchlimmern Grauen vodrängt; ich eilte mit einer bei der körperlichen Ermat⸗ tum, die ich noch kurz vorher gefühlt hatte, unbegreif⸗ lichen Schnelligkeit die Stufen hinauf und ſprach dabei laut ind hörte nichts. Ich ſang ein Lied und hörte nichts. Als ich oben war, riß ich ein Fenſter auf und rief dem Inechte des Verwalters hinunter:„Holla, holt 90 einen Schloſſer herbei, ich bin eingeſchloſſen!“ Aber er war taub und hörte mich nicht. Ich rief ſtärker, aber er ſah unverwandt ſeinem Herrn nach und drehte nicht einmal ſeinen Kopf nach mir um. Da ſtieß ich einen Angſtſchrei aus, und den hörte er, und ich hörte ihn auch, aber er klang anders, als ich gewollt hatte, ſodaß ich ſelbſt davor erſchrak, wie ein Trompeter, dem man ein falſches Mundſtück an ſein Inſtrument geſchraubt hat. Es war bald erwieſen: mit dem Schrei, den ich beim Anblicke Johanna's ausgeſtoßen hatte, war ich verſtummt! Es war nicht das Schreckgebild eines Traums geweſen, das mich der Sprache beraubt hatte: im Boudoir der Gräfin waren deutlich noch die Spuren naſſer Fußtapfen zu ſehen, die an die leere Wand des Zimmers und von da wieder zurückführten. Mein plöͤtzliches Verſtummen erregte Aufſehen. Aber ich wagte nicht meinen Eid zu brechen und gab den Leuten, die mit neugierigen Fragen in mich drangen, zu verſtehen, daß ich ſelbſt nicht wiſſe, wie ich die Sprache verloren habe. Viele glaubten, es ſei nur Verſtellung, hinter der ich irgend eine geheime Abſicht verborgen bilte. Keine Macht der Erde hätte mich vermocht, ir dem Schloſſe noch eine Nacht zuzubringen. Ich qartierte mich im Gaſthofe des Dorfes ein, und der läſtigen Fragen wie des neugierigen Angaffens müde verließ ich — nach ein paar Tagen den Ort und wanderte in die nahe Stadt, wo ich mich glücklich ſchätzte, ein Unterkommen als einfacher Schreiber zu finden. Etwa ein Jahr war vergangen. Die Todten blieben todt und von dem jungen Grafen hatte man auch nichts wieder vernommen. Die Furcht, daß der Geiſt Johanna's ſeine Drohung un⸗ fehlbar wahr machen würde, ließ mich mein Geheimniß bewahren. Auch gab es Stunden, wo ich den Verluſt meiner Sprache für ihr teufliſches Werk ſelbſt und nicht für eine Folge des Schrecks hielt. Vielleicht hätte ich mit der Zeit meine beſtändige Furcht vor übernatürlichen Weſen beſiegen lernen, aber mein trauriger Zuſtand mußte mich immer daran erinnern. Ich gab mich den wildeſten Vergnügungen hin; da zum Spielen und Trinken mein geringes Einkommen nicht hinreichte, ſo fehlte ich wenigſtens nie auf dem Tanzboden, aber mitten in der tollſten Luſt wurde ich oft plötzlich an das gemahnt, was ich in mir betäuben wollte: ſo oft ich in glücklicher Selbſt⸗ vergeſſenheit ein fröhliches Juchhei herausjauchzen wollte, entfuhr meiner Kehle ſtatt deſſen, einer Mißgeburt gleich, ein Schrei, wie jener, durch welchen ich die Aufmerkſamkeit des Knechtes auf mich gelenkt, derſelbe Schrei, den ich beim Anblicke Johanna's ausgeſtoßen hatte. Man ſah mich entſetzt an, die Mädchen flohen vor mir, und mit der Freude war's vorbei! 92 Eines Tages trat ein Gensdarm in meine Wohnung und führte mich auf das Polizeigericht, wo man von mir über alle Umſtände während meines Aufenthalts im gräflichen Schloſſe die genaueſte Auskunft verlangte. Als ich alle Fragen, ſoweit ſich dies mit dem Eide vertrug, der mir Schweigen auferlegte, beantwortet hatte, wurde ich als Arreſtant erklärt und ins Gefängniß geführt. In meinem zweiten Verhöre, das man einige Tage ſpäter mit mir anſtellte, erfuhr ich endlich, weſſen man mich anklagte. Man legte mir einen Brief vor, der ſeiner mit vielen Poſtſtempeln und andern Poſtzeichen bedeckten Adreſſe nach weite Reiſen gemacht haben mußte. Ich erkannte denſelben Brief, den die Gräfin am Tage ihrer Abreiſe an ihren Sohn geſchrieben und mir zur Beſorgung übergeben hatte. Das Schreiben hatte ihn in Algier nicht mehr angetroffen und war einige Tage vor meiner Verhaftung zurückgekommen. Da es den Bemerkungen nach, mit welchen man in Algier den un⸗ beſtellbaren Brief verſehen hatte, ſehr wahrſcheinlich war, daß der junge Graf in einem Treffen geblieben ſei, ſo hatte ſich die heimatliche Behörde des Schreibens ange⸗ nommen. Eine Stelle darin ſchien den Herren von eigenthümlichem Intereſſe zu ſein. Die Gräfin ſchrieb ihrem Sohne, ſie habe ihm für den Fall, daß ihr ein Unglück begegnen ſollte und er allein in der Welt zurück⸗ 93 bliebe, einen Schmuck im Schloſſe zurückgelaſſen, der von großem Werthe ſei, das ihm bekannte goldene Collier mit Brillanten, das einzige Erbſtück ihrer Mutter. Die Stelle, wo ſich in der Mauer ihres Boudoirs ein Ge⸗ heimfach befand, in welchem der Schmuck verborgen ſei, war in dem Briefe genau beſchrieben, und ebenſo die Manipulation, mittels welcher das Fach zu öffnen ſei. Nun war einer der Herren auf den Einfall gekom⸗ men, ſich zu überzeugen, ob der Schmuck noch vorhanden ſei, wie in dem Briefe angegeben. Die Unterſuchung an Ort und Stelle ergab, daß allerdings das Geheimfach exiſtirte, der Schmuck aber war ſpurlos verſchwunden. Und ich als der Einzige, der das Boudoir der Gräfin betreten hatte, war verdächtig, den Schmuck geſtohlen zu haben. Als ich dies hörte, war's mit meiner Furcht vor Geſpenſtern für immer vorbei! Die Spuren der Fuß⸗ tritte, die Frau Johanna hinterlaſſen hatte, führten an die bezeichnete Stelle der Wand. Sie hatte von dem Geheimfache und dem Schmucke Kenntniß gehabt; ſie war auf irgend eine Weiſe dem Tode in den Wellen ent⸗ gangen und hatte dieſen Umſtand benutzt, den Schmuck auf jenem ſchlau erdachten Wege an ſich zu bringen. Ich konnte mich nicht bezähmen, ich ſtieß ein lautes Juchhei heraus. Es war luſtig gemeint, aber die 94 Richter hielten es für einen Angſtſchrei. Ich überſtürzte mich nun in Geſten und Pantomimen, um den Herren den Zuſammenhang klar zu machen, aber ſie konnten mich nicht verſtehen. Dadurch gewann ich Zeit, mich eines Beſſern zu beſtimmen, und noch heute preiſe ich's als ein Glück, daß mir die verrätheriſche Zunge gelähmt war. Ich verrieth Frau Johanna nicht; ich ließ mich wieder ins Gefängniß ſperren. Mein Verſtummen hielt man nun um ſo mehr für Verſtellung, weil man glaubte, ich habe es dadurch den Richtern erſchweren wollen, ein Geſtändniß aus mir herauszubringen. Ich wurde noch öfters vernommen und wieder in meine Haft zurückge⸗ führt, aber ich leugnete Alles, und zuletzt gab man mir den Laufpaß, da man mich der That nicht überführen konnte. Von nun an kannte ich nur einen einzigen Wunſch, ein einziges Ziel: die gute Johanna aufzu⸗ finden. Der Schmuck hatte ſie zu einer vermögenden Frau gemacht, und ich wollte nicht umſonſt die Sprache verloren, nicht umſonſt im Gefängniſſe geſeſſen und das Geheimniß in meiner Bruſt verſchloſſen haben, daß ſie einen großen Diebſtahl begangen hatte und fürs Zuchthaus reif war! Jahrelang bin ich durch die Welt gewandert, ohne ſie zu finden, bis mich der Tod meines Vaters in die Heimat zurückrief, um mein Erbe anzutreten. Trotz⸗ dem blieb ich ſtets mit Plänen beſchäftigt, wie ich es an⸗ 95 zuſtellen habe, ſie zu finden— da führte der Zufall die erſehnte Johanna ſelbſt zu mir, in mein eigenes Haus, in Geſtalt einer Wuchrerin, von der ich durch einen Dritten oft ſchon Geld zu hohen Zinſen geliehen hatte.“ Roſa durfte nicht zweifeln, daß Frau Johanna ihre Mutter ſei. Alle Berührungspunkte, die ſich zwiſchen dem eben Gehörten und ihren frühern eigenen Wahr⸗ nehmungen darboten, ſtiegen in klarem Zuſammenhange vor ihr auf. Nielſen's Andeutungen, daß er Roſa und Liddy als Kinder gekannt habe, der geheime tiefe Gram ihrer Mutter, deſſen Urheber Niemand anders als Niel⸗ ſen war, ſeine dreiſten Geldforderungen, denen die Mutter ſo bereitwillig nachkam, ſeine Anmaßungen gegen Roſa ſelbſt, als das Kind einer Verbrecherin, deren Schickſal in ſeiner Hand ruhte, die Habſucht und Geldgier der Knochen ſammelnden Johanna, die er als eine Wuchrerin, wie ihre Mutter es war, wiederfand— Alles, Alles erklärte ſich aus ſeiner Erzählung, und dennoch ſchmei⸗ chelte ſie ſich mit einer ſchwachen Hoffnung, daß die Uebereinſtimmung zwiſchen Frau Johanna und ihrer Mutter eine blos zufällige ſei, und ſie hing unverwandt an Nielſen's Lippen und glaubte, ſeine Erzählung ſei noch nicht zu Ende und er werde nun enthüllen, in wel⸗ chen unerwarteten Zuſammenhang ihre Mutter zu dem Ganzen trat. 96 In Arthur ging etwas Anderes vor. Die Mutter und ihr begangenes Verbrechen waren für ihn in den Hin⸗ tergrund getreten. Er beſchäftigte ſich nur mit den beiden Kindern, und während Roſa nicht daran zu denken wagte, was ſie ihm, als die Tochter einer Verbrecherin, ſein müſſe, trotzdem er fortwährend zärtlich ihre Hand drückte, zitterte Arthur vor der Möglichkeit, daß Roſa die Comteſſe von Arleborg ſein könne. „Als ich ſie ſo unverhofft vor mir ſah“, begann Nielſen nach einer Pauſe abermals,„gaben Schreck und Freude mir die Sprache wieder. Aber ſie war undank⸗ bar gegen mich. Sie fertigte mich mit kleinen Unter⸗ ſtützungen ab, machte mir bittere Vorwürfe, verbot mir ihr Haus und gab ihre Tochter, durch die ſie ihr Ver⸗ mögen auf mich hätte übertragen können, einem Andern. Mit Ihrer Heirath“, wandte ſich Nielſen an Roſa,„zog die Mutter ihre Hand ganz von mir zurück. Es ſei ihr nun Alles gleichgültig, ſagte ſie, ich könne hingehen und ihre Schande auspoſaunen in alle Welt. Ich that es nicht, weil ich hoffte, ſie würde ſich anders beſinnen; aber ſie iſt ſich gleich geblieben. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie lieben Ihre Mutter, Sie wollen viel⸗ leicht nicht, daß ich ſie ins Unglück ſtürze. Sie hat mir einſt eine Summe angeboten, mit der ich mir in Ame⸗ rika eine Exiſtenz gründen könnte; ſagen Sie ihr, ich 97 wollte die Summe jetzt annehmen und dafür ſchweigen. Denn ich halte meinen Eid nur den Todten, wenn die Lebenden nicht dankbar gegen mich ſind.“ Obwohl Arthur längſt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er einen vollendeten Schurken vor ſich habe, ſo bemeiſterte er dennoch den aufwallenden Zorn, weil er das Geſchick ſeiner Schwiegermutter ganz in Nielſen's Händen wußte. Mit ſo viel Mäßigung, als ihm nur irgend möglich war, fragte er, auf welche Weiſe Frau Johanna beim Untergange des Schiffes dem Tode ent⸗ gangen ſei. „Das hat ſie mir nie geſagt“, gab Nielſen zur Ant⸗ wort. „Und glauben Sien, forſchte Arthur weiter,„daß die beiden Kinder ebenfalls gerettet wurden?“ „Natürlich“, entgegnete Nielſen.„Das Alter der Mädchen, die Frau Stubenrauch beide für ihre Töchter ausgegeben hat, ſtimmt genau damit zuſammen.“ „Und welche von beiden war—“ „Die Comteſſe?“ ergänzte Nielſen lachend Arthur's Frage.„Ihr Stiefkind war die Comteſſe.“ „Dann bleibt noch immer die Frage offen“, ver⸗ ſetzte Arthur,„welches der beiden Kinder das Stiefkind war.“ „Ein Stiefkind läßt man nicht in prächtigen Kleidern Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 7 98 einhergehen“, verſetzte Nielſen,„ein Stiefkind läßt man nicht in Muſik und Geſang unterrichten, für ein Stief⸗ kind plagt man ſich nicht vom Morgen bis in die Nacht, um Geld zuſammen zu ſcharren, das es einſt erben ſoll, einem Stiefkinde zieht man ein graues Kleid an, ein Stiefkind behandelt man ſtreng und hart, bis es davon⸗ läuft und nicht wiederkommt.“ Arthur antwortete mchts. Er war ſehr geneigt, Nielſen's Ueberzeugung zu theilen. „Natürlich hatte ſie die Abſicht“, fuhr Nielſen fort, „das bevorzugte Kind, das jetzt neben Ihnen ſitzt, für die Comteſſe auszugeben. Sie ſprach einſt davon, ihr Unrecht wieder gut zu machen, ſie wollte Roſa den Brillant⸗ ſchmuck zurückgeben, um den ſie Liddy gebracht hat. Ich habe nichts dagegen, mag Roſa für die Comteſſe gelten, aber dann beanſpruche ich den Schmuck. Verſtanden?“ „Sie ſind ein Schuft!“ rief Arthur aufſpringend.„Sie ſind ſchlechter als ein Dieb, der zehn goldene Ketten mit Brillanten aus einem Geheimfache nimmt!“ Arthur hatte ſeinen Gegner bereits mit beiden Fäu⸗ ſten gepackt. Roſa warf ſich verzweiflungsvoll zwiſchen beide, da wurde die Thür aufgeriſſen und Frau Stuben⸗ rauch, die man während der lauten heftigen Scene nicht hatte kommen hören, trat herein mit bleichem, verſtörtem Antlitz. 99 „Roſa, mein armes Kind“, rief ſie, in Weinen und Schluchzen ausbrechend, nich bin nun ſo arm faſt wie Du! Ich habe mein Vermögen an ein fehlgeſchlagenes Unternehmen geſetzt und Tauſende, Dein rechtmäßiges Erbtheil, ſind in den Fluten begraben!“ Sie ſank neben einem Stuhle in die Kniee, ſtützte die Ellbogen auf das Kiſſen und fugr mit dem Ausrufe: „O mein Gott!“ in wilder Verzweiflung durch ihr graues Haar, daß es aufgelöſt auf ihre Schultern fiel. Arthur hob die alte Frau empor und ſuchte ſie zu tröſten. Er war ſo liebreich und mild gegen die Ver⸗ brecherin, daß Roſa heiße, wohlthuende Thränen der Rührung vergoß. Jetzt erſt bemerkte Frau Stubenrauch Nielſen's Ge⸗ genwart. Aber er ſchien ihr gleichgültig zu ſein.„Ich kann nun nicht mehr zurückgeben, was ich nahm“, ſagte ſie erſchöpft.„Erbarmen Sie ſich meiner und gehen Sie, Ihre Drohungen wahr zu machen, daß ich bald da⸗ hin komme, wo mein Platz iſt!“ „Das werde ich“, ſchrie Nielſen, der ſeine letzten Hoffnungen geſcheitert ſah.„Iſt kein Geld mehr im Topfe, ſo zerſchlägt man ihn, und wäre es auch nur des Krachens halber!“ Vollſtändig ernüchtert verließ er unter Verwünſchungen das Haus.„ 100 „Was er auch von mir geſagt haben mag“, wandte ſich Frau Stubenrauch an das junge Paar,„es iſt ſchreckliche Wahrheit!“ „Ach Arthur, Arthur“, weinte Roſ hüllte ihr Antlitz,„hätten wir uns nie geſehen!“ a laut und ver⸗ Siebentes Kapitel. Als Nielſen am andern Morgen aus einem tiefen, todtenähnlichen Schlafe erwachte, war ſein erſter Gedanke der, daß er in der folgenden Nacht ſein Haus anzünden wollte. Sein Auge weilte dabei an der Malerei der Zimmerdecke, die einen Kranz dunkelglühender Roſen dar⸗ ſtellte. Mit dieſem Kranze mußte es eine eigenthüm⸗ liche Bewandtniß haben; es kommt ihm vor, als habe er vergangene Nacht einen Traum gehabt, in welchem der Kranz eine hervorragende Rolle geſpielt hat. Immer⸗ hin! Wohin kommen wohl die ſchöngemalten Roſen ſammt der Farbenpracht in der heißen Umarmung lodern⸗ der Flammen? In Nielſen's Kopf arbeiten unzählige kleine Hammer. Das iſt ihm des Morgens beim Erwachen nichts Neues, und er muß ſich ſelbſt eingeſtehen, daß er faſt allabendlich 10²2 ſchwer betrunken iſt. Es ſcheint ihm, als benutzten dies ſeine Gäſte zu allerhand Späßen. Er erinnert ſich dunkel, daß ſie ihn, wenn er zuweilen, den Kopf auf den Tiſch legend, eingeſchlafen war, in der Naſe gekitzelt und ihn wohl auch, wenn er dann zornig geworden iſt, zur Thür hinausgeſteckt haben, zu ſeiner eigenen Thür hinaus! Er hat ſie auch in Verdacht, daß ſie ihn beim Kar⸗ tenſpielen übervortheilen und oft nach Hauſe gehen, ohne ihre Zeche zu bezahlen. Der kleine Kellner nimmt ſich auch unglaubliche Dinge heraus. Nielſen glaubt ſich zu erinnern, daß der Burſche ihn abends vor allen Gäſten zuweilen um den rückſtändigen Lohn gemahnt und mit der Aufkündigung des Dienſtes gedroht hat. Am andern Morgen wollte er's dann nie Wort haben. Er hat auch nie verſucht, ſeine Drohung wahr zu machen, denn er hat's gut im Schwedentrunke, der Faulenzer, und in ſei⸗ ner Verwilderung ſcheut er ſich wahrſcheinlich vor einem ſtrengern Dienſte. Aus dem wird einmal nichts Ge⸗ ſcheidtes werden! Er wäſcht kein Glas, gehorcht keinem Winke, und was den rückſtändigen Lohn betrifft, ſo ent⸗ ſchädigt er ſich dafür am Ende gar durch Betrug. Der Spitzbube! Das Alles wird aber bald aufhören. In dieſer Nacht ſchon! Hier wurde Nielſen in ſeinen Be⸗ trachtungen unterbrochen. Es ſchien Jemand die Thür —— 103 ſeines Schlafzimmers zu öffnen. Der Kellnerburſche konnte es nicht ſein, denn dieſer hätte es nicht ſo geräuſch⸗ los gethan, wäre auch nicht ſo leiſen Schrittes einher⸗ gegangen. Als Nielſen ſein Auge nach der Gegend der Thür wendete, glaubte er zu träumen. Er erblickte ein lichtes Morgengewand, einen blendend weißen Nacken, dunkle üppige Haarflechten— ein Frauenzimmer war es, welches ſich auf den Zehen erhob, um, wie es ſchien, nachzuſehen, ob Nielſen wache oder ſchlafe. Um Zeit zu gewinnen, ſich von ſeiner Ueberraſchung zu erholen, ehe die Erſcheinung ihn anreden konnte, ſchloß Nielſen blitz⸗ ſchnell die Augen und ſtellte ſich ſchlafend. Kaum hörte er, daß ſie ſich wieder entfernt und die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, da richtete er ſich ſofort in ſeinem Bette empor. Aber es war kein Bett, es war ein Sopha, auf welchem er vollſtändig angekleidet geſchlafen hatte. Und noch mehr! Er befand ſich überhaupt in einem ihm vollkommen fremden Zimmer. An den freundlichen Tapetenwänden hingen Bilder, wie er ſie nie geſehen hatte. In den beiden Fenſterniſchen rankte ſich Epheu empor; hier ein Bücherbret mit vergoldeten Säulen und einer kleinen Sammlung zierlicher Bände, dort ein Nipptiſch, mit einer Menge niedlicher Figuren, Flacons, Körbchen und künſtlicher Früchte bedeckt. Auch nach dem Kranze dunkelglühender Roſen an der Decke ſtarrte Nielſen 104 jetzt wiederholt. Ob er davon wirklich ſchon geträumt hatte, oder ob ihn im Augenblicke des Erwachens nur das Fremdartige der Malerei berührt hatte, wußte er auch jetzt noch nicht zu ſagen. In dieſem Zimmer waltete unverkennbar eine weib⸗ liche Hand; nach der Kleidung des Frauenzimmers zu ſchließen, das er vorhin erblickt hatte, war dieſe hier zu Hauſe. Wo war er? Wie war er hierher gekommen? Hätte er ſich nicht deutlich ſeines Heimwegs zum Schwedentrunk entſonnen, er würde geglaubt haben, ſich jetzt noch bei Roſa zu befinden. Und doch, die Erſchei⸗ nung vorhin, ſie hatte ganz Roſa's Geſtalt, ihr dunkles Haar. Ihr Antlitz hatte er nur flüchtig geſehen. Ein Blick durchs Fenſter wird ihn ja ſchnell belehren, ob er ſich in der Gartenwohnung befindet, die er geſtern betrat. Er ſteigt vom Sopha herab. Sein Kopf ſchwin⸗ delt. Der Weg bis zum Fenſter wird ihm ſo ſchwer, als ginge er auf einem Seile. Das Unbegreifliche ſei⸗ ner Situation macht ihn vorſichtig. Er möchte nicht, daß ſie ihn im Nebenzimmer hörte, und geräuſchlos ſtiehlt er ſich über die Diele nach dem Fenſter. Ein einziger Blick überzeugt ihn, daß er ſich unmöglich in der Gartenwohnung befinden kann, denn unter dem Fenſter hüpfen die Wellen des breiten Stroms. Leiſe öffnet er das Fenſter, um ſich über die Lage des Hauſes und deſſen Umgebungen näher zu orientiren. Er kennt dieſen Stadttheil, er kennt die Häuſerreihe an dem ſchmalen Ufer, auf welches er herabblickt, aber nie hat er gefragt, wer hier wohnt. Im offenen Fenſter liegend, hört er's von einem Thurme ſchlagen. Er zählt drei. Es iſt drei Viertel. Und wieder ſchlägt es drei, von demſelben Thurme. Es hört nicht auf, in kurzen Zwiſchenpauſen eintönig drei zu ſchlagen. Andere Glocken verkünden die zehnte Morgen⸗ ſtunde und zwiſchen ihren ruhigen Schlägen tönt jenes Drei⸗Viertel fort, wie ein Erinnerungsknoten, ins Taſchen⸗ tuch der Zeit geknüpft. Was kümmert Nielſen das Drei⸗Schlagen? Es ſtört ihn nur in ſeinem Nachdenken, und daher ſperrt er es wieder hinaus in die friſche Morgenluft und ſchließt behutſam das Fenſter. Nielſen erinnert ſich der Sage vom Venusberge, und wenn er ſich hier auch nicht im Venusberge ſelbſt be⸗ findet, ſo hat wenigſtens ſein Abenteuer mit dem des Tannhäuſer große Aehnlichkeit, und auch die verführeriſche Göttin fehlt nicht. Ueber ſeine ſchöne unbekannte Wirthin glaubt er nicht mehr im Zweifel zu ſein, nur iſt es 106 ihm unerklärlich, wie er, ohne davon zu wiſſen, hierher verſetzt worden iſt. Er muß geſtern Abend einen ſchweren Rauſch gehabt haben. Verworrene Bilder tauchen in ſeiner Erinnerung auf. Er verſetzt ſich zurück in den Schwedentrunk, wo er, iſolirt von den lärmenden Gäſten, an einem Tiſch in der Ecke ſich mit Degenhaar unterhielt. Nielſen war geſtern Abend ſehr verſtimmt; er erinnert ſich, mit ſeinem Tiſchgenoſſen über den Undank der Menſchen, über Täuſchungen und verſchmähte Liebe geſprochen zu haben. Er hat die ganze Welt verflucht und dabei dem Glaſe fleißig zugeſprochen. Dann aber gab es für ihn nur Tabaksqualm und flackerndes Gaslicht, Gelächter, aus⸗ geſpielte Trumpfe, verworrene Stimmen; es iſt ihm, als hätte er ſelbſt die Karten in der Hand gehalten und ſich von Degenhaar weggeſetzt. Dann machte ſich Jemand den Spaß, an die ſchwarze Tafel zu treten und eine angekreidete Zeche auszulöſchen, und Nielſen ſtellte dem kleinen Kellner die Aufgabe, die Zeche aus dem Gedächtniß wieder anzuſchreiben. Die Figuren auf den Karten wurden vor Nielſen's Augen immer niedriger und dehnten ſich dafür in die Breite. Kaum konnte er ſie noch unter⸗ ſcheiden. Er war der Anſicht, es habe ſie Jemand breit getreten, und da die übrigen Mitſpielenden falſch ausſpielten und allem Anſcheine nach betrunken waren, ſo raffte 107 er ſämmtliche Karten zuſammen, und es ſchwebt ihm vor, als hätte er ſie über die Geſichter der Gäſte, in die Gläſer, in alle Ecken und gegen die Fenſterſcheiben tanzen ſehen. Inzwiſchen hatte wohl der kleine Kellner ſeinen Auf⸗ trag vollzogen und aus dem Gedächtniß ein Geſicht an die ſchwarze Tafel gemalt, ganz ſo, wie Nielſen es ge⸗ wünſcht hatte. Es hatte ein ſpitzes Kinnbärtchen, um den Mund war deutlich ein Lächeln zu bemerken, und un dem Portrait einen komiſchen Anſtrich zu geben, hatte de: Burſche unter dem Rockkragen einen tüchtigen Zopf angebracht. Als Nielſen ſelbſt an die Tafel tritt und dem Bilde unter dem Beifallsgelächter der Gäſte ein paar tüchtige Eſelsohren hinzufügt, fällt hinter ihm etwas zu Loden. Was war es denn? Er entſinnt ſich, daß es ein großer Papierzopf war, ganz ähnlich dem ge⸗ malten Zopfe. Er weiß nicht, wer ſich mit ihm den groben Scherz gemacht hat, aber er erinnert ſich, einen Mann n Verdacht gehabt zu haben, der ganz allein in einer Ece ſaß, eine blaue Tuchmütze auf dem Kopfe— ein Ducknäuſer.„Schafft mir den Kerl hinaus!“ ſchrie Nielſen um ſchleuderte den Papierzopf nach ſeinem Geſicht. Aber ſchnell nahm das Geſicht des Duckmäuſers die Züge des kleinen Kellners an, die unter dem klatſchenden Wurf⸗ geſchoſſe zorng aufflammten. Und was geſchah dann? Fühlte er ſich nicht von 108 dem Burſchen gepackt und von deſſen Fäuſten geſchüttelt, und ſprach der Burſche nicht vom rückſtändigen Lohne und drohte er nicht mit gerichtlicher Klage? Sprach er nicht auch die Drohung aus, dem Wirthe das Haus über dem Kopfe anzünden zu wollen? Nein, das ſagte er nicht, aber Nielſen ſchob ihm dieſe Drohung unter, vor allen Gäſten, die er zu Zeugen anrief. Und einer ſagte, das wäre eine geeignete Nacht dazu. Und ſie war's auc, denn draußen brauſte der Sturm, Ziegel fielen von den Dächern herab und Fenſterſcheiben klirrten und Jemend ſagte:„Wenn in dieſer Nacht Feuer ausbräche, das gübe ein ſchreckliches Unglück!“ Noch jetzt ſchwimmt es vor Nielſen's Blicke, das grinſende Geſicht unter der blauen Mütze, und nock eine Menge anderer Geſichter, die ihn umgaben. Und ir hat den Geſichtern etwas zugerufen.„Ihr denkt wohl, ich fürchte mich diesmal vor Euren Geſichtern? Ment Ihr, ich werde Euch diesmal wieder etwas vornachen?“ Etwas der Art hat er lachend geſagt, und das Geicht unter der blauen Mütze ſchüttelte den Kopf und gab zur Ant⸗ wort:„Die waren damals ja nicht dabei!“ Das Wort fand Anklang bei Nielſer. Damals waren die ja nicht dabei, nur das Geſiht unter der blauen Mütze war dabei, das alte treue Geſict von damals, wo die ſchönen Zeiten begannen. 109 Hinaus mit den Geſichtern! Draußen wartet ſie ſchon in Sturm und Wetter, bis der letzte Gaſt fort iſt. Sie würde eintreten, dann entfliehen, von Nielſen eingeholt werden und von Stund' an würde er Geld in Hülle und Fülle haben und mächtigen Einfluß über das ſchönſte Mädchen, das er je geſehen! Wie Seifenblaſen waren die ſummenden Köpfe zer⸗ gangen. Es wurde Zeit, daß die Alte im ſchwarzen Mantel hereintrat. Er zählte:„Eins!— Zwei!— Drei!“ 1 Zwei Thüren nebeneinander, je zwei und zwei flackernde Gasflammen, zwei Schenktiſche, zweimal vier Wände und im Spiegel zwei Nielſen. Dieſen Zeitpunkt hatte er benutzen wollen, ſo hatte es wegbreunen ſollen, das hätte das Doppelte gegeben. Bis hierher war Nielſen der Spur ſeiner Erinnerungen gefolgt, als die Nebenthür ſich leiſe wieder öffnete. Er hatte ſich ſo tief in die ſonderbaren Erlebniſſe des geſtrigen Abends verſetzt, daß er das fremde Zimmer, in dem er ſich befand, den hellen Sonnenſchein und die Nähe jenes weiblichen Weſens ganz vergeſſen hatte. Die Eintretende glich in der That einer Venus; ein Blick auf ihre volle und doch ſchlanke Geſtalt, eine Begegnung mit ihren dunkelglühenden Augen, und Nielſen war ſich nicht mehr bewußt, worüber er eben noch nachgeſonnen hatte. Als 110 ſie ihren Kopf leiſe zum Gruße neigte, wußte Nielſen nicht, was er ſagen ſollte. Er zog ſeinen Rock zu beiden Seiten an ſich, damit er ſtraffer anſchließe, und ſtrich ſich mit der Hand den herabgefallenen Haarbüſchel von der Stirn. „Wie geht es Ihnen? Fühlen Sie ſich wohl?“ fragte die ſchöne Fremde mit ſüßtönender Stimme, indem ſie ihn durch eine Handbewegung einlud, ſich zu ſetzen, und ſelbe ihm gegenüber auf einem Stuhle Platz nahm. Nielſen dautte der freundlichen Nachfrage und ver⸗ ſicherte, daß er ſich ziemlich wohl befände. „Sie ſchwebten in großer Gefahr“, ſagte die verfüh⸗ reriſche Schöne ernſt. „Ich will verdammt ſein, wenn ich's weiß“, verſetzte Nielſen.„Wie bin ich überhaupt zu Ihnen gekommen, holdes Schätzchen? Ich weiß ſo viel wie ein neugebornes Kind. Ich habe Alles vergeſſen!“ „Hoffentlich nicht Alles. Ich will verſuchen, Ihr Gedächtniß wieder aufzufriſchen. Entſinnen Sie ſich— daß ich ein wenig weit aushole— einſt Schreiber beim Grafen von Arleborg geweſen zu ſein?“ „Teufel“, rief Nielſen, wer hat Ihnen das ge⸗ ſagt?“ „Erinnern Sie ſich ferner“, fuhr dieſe fort,„Ihres 111 Aufenhalts in dem gräflichen Schloſſe, Ihres Verſtum⸗ mens, Ihrer Verhaftung und der geheimen Entdeckung, daß Frau Johanna den Schmuck aus dem Geheimfach entwendet hatte?“ Nielſen glaubte in dieſem Augenblicke an die Mög⸗ lichkeit, daß er heute blöde Augen habe. Er war über⸗ zeugt, daß er ſie nur weit aufzureißen brauche, um aus dem Antlitz ſeiner Wirthin Roſa's Züge zu er⸗ kennen. Die Dame kam ihm zuvor. „Sie denken, ich ſei Roſa“, ſagte ſie;„für dieſe hielten Sie mich bereits an jenem Abende, als Sie mir im Finſtern Ihre Geſchichte erzählten.“, Dieſer Enthüllung gegenüber war Nielſen keines Wortes fähig. Er grinſte die Venus mit tölpelhafter Verwunderung an. „Sie erinnern ſich“, fuhr ſie fort,„daß der alte Graf fliehen mußte und ſein Vermögen verlor. Sein eigener Sohn, ſagt man, habe ſeine geheime Correſpon⸗ denz verrathen, aus Verdruß, wie es heißt, über die Schmälerung ſeiner Erbſchaft durch eine nachgeborne Schwe⸗ ſter und infolge eines heftigen Auftritts mit ſeinem Vater, an dem er ſich rächen wollte. Der junge Graf mag wohl ein Hitzkopf geweſen ſein, aber eines Vaterverraths war er nicht fähig. Und dennoch liegt die Anklage, von 8 —— 112 ſeiner eigenen Hand geſchrieben, im fürſtlichen Archive. Können Sie mir das Räthſel löſen?“ Nielſen hatte ſich inzwiſchen von ſeinem Erſtaunen erholt. Dieſes Thema behagte ihm nicht. Unzufrieden mit dem, was ihr Mund ſprach, zog er vor, ſein Auge auf ihrem zierlichen Fuß verweilen zu laſſen. Daher war er nicht bei der Sache und würdigte ihre Frage keiner Antwort. „Sie hatten damals Abſichten auf Frau Johanna“, ſagte dieſe, ihren Fuß n zurückziehend,„Sie wollten ſie heirathen, weil ſie nicht ohne Vermögen war. Der junge Graf Karl hinderte dieſe Heirath zu Gunſten eines Andern. Hatten Sie nicht Urſache, ihn zu haſſen, auf Rache zu ſinnen? Wie nun, wenn Ihnen hierzu das Zerwürfniß zwiſchen Vater und Sohn als eine will⸗ kommene Gelegenheit erſchienen wäre, wenn Sie die Geſchicklichkeit beſeſſen hätten, des Grafen Karl Hand⸗ ſchrift nachzuahmen, mit einem Worte, wenn Sie der Verräther geweſen wären, der den alten Grafen denun⸗ eirte?“ „Was ſind das für Einfälle?“ entgegnete Nielſen ſcherzhaft drohend. „Sie haben“, fuhr jene fort,„von Frau Johanna oder, wenn Sie wollen, von Frau Stubenrauch für die Wahrung Ihres Geheimniſſes Geld erpreßt; ſie gibt Ihnen 113 jetzt keins mehr. Ich will Ihnen eine neue, reichlichere Quelle für die Zukunft öffnen. Graf Karl lebt noch.“ „Meinetwegen mag er noch leben, Schätzchen! Sprechen wir von etwas Anderem!“ „Geſtehen Sie ihr Verbrechen reuig ein, klagen Sie ſich ſelbſt der Fälſchung an und verhelfen Sie ihm da⸗ durch zu ſeiner Grafſchaft und Ehre. Er würde ſeinen neu gewonnenen Einfluß gewiß zunächſt dazu verwen⸗ den, daß Ihre Strafe gemildert würde, Ihnen vielleicht gar zur Flucht aus der Strafanſtalt verhelfen und Sie reichlich mit Geld verſehen.“ Nielſen ſchien wirklich ein paar Augenblicke zu überlegen. „Geſetzt, ich hätte die Handſchrift wirklich gefälſcht“, ſagte er, zärtlich die weiße Hand ſeiner ſchönen Wirthin ergreifend,„und geſtände dies ein, wer bürgt mir denn dafür, daß der junge Graf— von wegen der Großmuth— haha!“ „Wollen Sie ſich nicht auf die Großmuth des Grafen verlaſſen, ſo dürfen Sie auf ſeine Schweſter, die Comteſſe, zählen. Denn auch dieſe iſt noch am Leben und in ihrem Auftrage ſpreche ich mit Ihnen.“ „Und wenn ich nun auf die Comteſſe auch nicht bauen möchte, mein holdes Kammerkätzchen?“ „So werden Sie zum Geſtändniß gezwungen“, ver⸗ ſetzte das Kammerkätzchen lachend. Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 8 114 „Gezwungen? Geſſetzt, ich hätte die Fälſchung be⸗ gangen, wo ſind die Beweiſe?“ rief Nielſen, in ſeiner Sicherheit frohlockend. „Dieſe werden Sie freiwillig ſelbſt liefern“, war die Antwort der Fremden. In Nielſen's Geſichtszügen miſchte ſich Erſtaunen mit Verachtung. Die Arme kreuzend, blickte er ſeiner Verſucherin feſt in die Augen. Sie er⸗ widerte den Blick ruhig und ſicher. Dabei wiegte ſie fortwährend leiſe nickend den Kopf, als wolle ſie ihre Behauptung wiederholen. „Ich kenne einen Mann“, ſagte ſie,„den Sie einſt ſchwer beleidigten. Als in mir der Verdacht rege wurde, daß Sie der Verfaſſer jener Denunciation ſein könnten, wandte ich mich ſogleich an jenen Mann. „Degenhaar“, ſagte ich zu ihm,„ſchaffen Sie Nielſen in unſere Gewalt!“ Anfangs fand Degenhaar dies nicht leicht. Als er aber beobachtete, daß zwiſchen jener Frau, von der Sie Geld erpreßten, und Ihnen ein Bruch ſtatt⸗ gefunden habe, daß Ihre Hülfsquellen verſiegt ſeien, hatte er gewonnenes Spiel.„Nielſen wird jetzt ſein Haus an⸗ zünden“, ſagte Degenhaar.“ Nielſen war frappirt, ſeinen geheimſten Plan ver⸗ rathen zu ſehen, erheitert von der Naivetät ſeiner ſchönen Gegnerin, die Degenhaar's ſchlau geſponnenes Intriguen⸗ gewebe unvorſichtig zerriß, aber auch beſtürzt, daß die 115 Ausführung ſeines Vorhabens durch die Mitwiſſenſchaft Anderer nun zur Unmöglichkeit geworden war. Dieſen verſchiedenen gleichzeitigen Empfindungen machte er da⸗ durch Luft, daß er in ein lautes höhniſches Gelächter ausbrach. „Es iſt noch nicht aller Tage Abend“, fuhr ruhig die ſchöne Wirthin fort.„Ich werde Nielſen genau beobachten“, ſagte Degenhaar;„ich werde keinen Abend im Schweden⸗ trunk fehlen und ihn jeden Abend in dem Verdachte haben, daß er heute zu ſeinem Werke ſchreiten will. Ich habe einen Schlüſſel zu ſeinen Gedanken.“ Und geſtern Abend fand Degenhaar Nielſen's Benehmen ſo auffallend, daß ihm über ſeine Abſicht kein Zweifel blieb.“ Nielſen überwand einen geheimen Schauder. Welcher Gefahr war er dadurch entgangen, daß er geſtern an ſeiner That verhindert worden war! Er verſetzt ſich zurück in die Finſterniß, die ihn umgab, wie er von Stufe zu Stufe kletterte. Es war ein gefährliches Klet⸗ tern; irrt er nicht, ſo hat er faſt auf jedem Treppen⸗ abſatze ausgeruht. Dann weiter, hinauf und höher hin⸗ auf, wohl die ganze Nacht hindurch! Wohin denn Dorthin, wo die Treppen zu Ende waren, dorthin, wo er keine Treppe mehr fand, ſo ſehr er auch ſuchte. Er hatte thürloſe Schwellen an den Füßen, Balken am Kopf und in den Händen ein Seil, an welchem er Alles 8* zu ſich heranzog: jeden Winkel, jede Ecke, auch eine ver⸗ ſchloſſene Thür, hinter welcher Jemand ſchnarchte; dann ein dämmernder Schein, ein helles Viereck, eine Art Rahmen, ſo groß und ſo klein, daß er hindurchſteigen konnte, und dennoch fand das rieſige Bild dunkler Dächer, jagender Wolken und flüchtig hervorbrechender und wieder verſchwindender Mondſtrahlen in Lebensgröße darin Platz. Noch ein einziger Ruck am Seile und— aber es war kalt in dem Bilde; brüllend ſauſte es ihn daraus an, wühlte in ſeinen Haaren, peitſchte die Enden ſeines Rockes umher und verſetzte ihm den Athem. Fort mit dem Bilde! Und dann? Was raſchelte dann am Seile heran? Was kam ihm dann zwiſchen die Füße, daß er darüber ſtrauchelte und hineinfiel? Es klapperte wie dürre Stecken. Darauf ſaß er, halb emporgerichtet, wie in einem Bette. Er war am Ziele, er griff in die Taſche und holte etwas heraus. Er ſtreute etwas umher— fehlgeſchlagene Ver⸗ ſuche— er erinnert ſich: weit und breit über die finſtere Diele rollte etwas wie vergoldete Queckſilberkügelchen, wand und krümmte ſich etwas, wie ein Heer blaß ſchim⸗ mernder Maden. Ha, endlich— der Kranz mit den dun⸗ kelglühenden Roſen! Flocht er ſich nicht ſelbſt in ſchönem feu⸗ rigen Roth um ſein Lager? Was ſagte das ſchlaftrunkene 117 Lallen auf ſeinen Lippen, als er todmüde auf den Rücken ſank? „Wenn der Kranz fertig iſt, könnt ihr mich wecken!“ Nielſen erſchreckte ſeine unbekannte Wirthin, die ihn ſeinen Gedanken überlaſſen hatte, plötzlich durch ein gräß⸗ liches Geheul. Dicker Angſtſchweiß perlte von ſeiner Stirn, in fieberiſcher Haſt griff er mit beiden Händen nach ſeinen Haaren, fuhr ſich über den Nacken und taſtete an ſeinen Kleidern hinab und hinauf. Dann ſank er erſchöpft neben ſeinem Seſſel nieder, auf deſſen Sitz er ſein Haupt ſtützte, und ſah ſich mit ſcheuem Blicke im ganzen Zimmer um, als glaubte er im Jenſeits zu ſein. Die ſchöne junge Frau gönnte ihm Friſt, ſich wieder zu ſammeln. Nach einer langen Pauſe und während noch immer dicke Schweißtropfen an Nielſen's Stirn herab⸗ rannen, ergriff ſie wieder das Wort: „Degenhaar verbarg ſich in der Hausflur, und als Sie im Finſtern die Treppen hinaufwankten, ſchlich er Ihnen nach bis unter das Dach Ihres Hauſes. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Eine auflodernde Flamme ver⸗ kündete ihm Ihre That. Aber ſie beleuchtete zugleich den Schläfer, der ſich zu ſeinem verbrecheriſchen Werke be⸗ rauſcht und ſich ſeinen eigenen Scheiterhaufen angezündet hatte. Unverletzt trug er den feſt Schlafenden aus den Flammen, durch die menſchenleeren Straßen, er klopfte 118 an meinen Laden und ich nahm den Geretteten auf. Und hier iſt er! Niemand ahnt, daß Sie noch unter den Lebenden ſind, unter rauchenden Balken glaubt man viel⸗ leicht noch Ihre Ueberreſte zu finden, wie man den ver⸗ kohlten Leichnam Ihres Kellners bereits gefunden hat.“ Bei den letzten Worten richtete Nielſen aufmerkſam den Kopf empor und lächelte. „Der entfeſſelte Sturm dieſer Nacht war Ihrem Unter⸗ nehmen nur allzu günſtig“, fuhr Adeline fort;„noch ehe Jemand zur Rettung herbeieilen konnte, ſtanden bereits mehrere Häuſer in Flammen. Man hat mir berichtet, daß Viele, die auf die Straße herabgeeilt waren, um ſich nach dem Feuer umzuſehen, nicht wieder in ihre Woh— nungen zurücklehren konnten. Andere, die ſich eben noch beſannen, was ſie von ihrem Hab und Gut zuerſt retten ſollten, waren im nächſten Augenblicke froh, mit dem nackten Leben davonzukommen. Faſt die halbe Straße liegt in Aſche, noch bis jetzt iſt man des Feuers nicht vollſtändig Herr geworden, denn das Stürmen dauert fort.“ Adeline riß das Fenſter auf und winkte Nielſen. Er ſtand auf, und indem er zu ihr ans offene Fenſter trat, hörte er wieder deutlich das alte dumpfe Dreiviertel⸗ ſchlagen. „Das iſt Ihr Werk“, ſagte die Majorin leiſe.„Sie 119 ſind ein Mordbrenner! Derſelbe Mann, dem Sie Ihr Leben verdanken, wird wider Sie zeugen, wird Sie an⸗ lagen. Und nun hören Sie die andere Verſion! Um Sie in Ihrem trunkenen Zuſtande vor etwaigen Mißhand⸗ lungen von ſeiten Ihrer rohen Gäſte zu ſchützen, hat Degenhaar ſich geſtern Abend in der Hausflur verborgen gehalten, bis der letzte gegangen war⸗ Er hat Sie zu Bette bringen wollen, aber Sie ſind auf die Straße ge⸗ taumelt und haben noch einen Spaziergang machen wollen. Degenhaar hat Sie unter den Arm genommen. So ſind Sie beide in die Nähe ſeiner Wohnung gekommen, wo er Sie, um Unglück zu verhüten, für die Nacht be⸗ herbergt hat. Was die Entſtehungsurſache des Feuers betrifft, ſo iſt nichts leichter, als den Verdacht auf den in den Flammen umgekommenen Kellner zu wälzen, und Degenhaar iſt bereit, zu bezeugen, daß der junge Böſe⸗ wicht Ihnen wegen des rückſtändigen Lohns wiederholt mit Brandſtiftung gedroht habe. Das Alles wird Degen⸗ haar zu Ihrer Entlaſtung vor Gericht beſchwören, wofür ihm die Comteſſe von Arleborg eine bedeutende Geld⸗ ſumme zahlt. Vorher aber ſchreiben Sie ein reuiges Bekenntniß Ihrer Fälſchung an den Fürſten nieder, und zwar im Charakter derſelben Handſchrift, in welcher Ihre Denunciation geſchrieben iſt. 120 Auf alle Fälle erwartet Sie das Zuchthaus. Sie haben die Wahl: ſoll es einen Mordbrenner aufnehmen, dem keine Gnade mehr winkt, oder nur den Fälſcher einer Handſchrift, den die Großmuth der Comteſſe, eine milde Strafe und baldige Befreiung erwartet.“ „Erſt die Beweiſe“, knirſchte Nielſen,„daß der Schwe⸗ dentrunk nicht mehr ſteht, erſt die Beweiſe, daß eine halbe Straße in Aſche liegt. Ich glaub's noch nicht trotz des Stürmens.“ „Die Beweiſe ſind leicht zu ſchaffen“, gab die Ma⸗ jorin zur Antwort. Nach wenigen Minuten beſtieg ſie mit Nielſen einen verſchloſſenen Fiaker. In ſcharfem Trabe ging es durch das Straßengewirr, wo die Menſchen ruhig ihren All⸗ tagsgeſchäften nachgingen; dann kamen Straßen, wo ſie zahlreicher wurden und mit ungewöhnlicher Eile hin und her rannten, dann kamen aufgehäufte Betten, Tiſche, Sophas, Küchengeräthſchaften, Kinderſpielzeug inmitten eines bunten Menſchengewühls, das der Wagen langſam durchſchnitt, und jetzt, indem der Wagen über einen Schie⸗ nenweg holperte, der Eingang in eine Straße, die von Soldaten abgeſperrt war. Nur an den Hänſern der linken Fronte, deren Fenſter zerſprungen waren, erkannte Nielſen die Straße wieder. Rechts miſchte ſich, ſoweit man ſah, der Rauch glim⸗ mender Balken mit dem emporwirbelnden Schutt zu einem ſchwärzlichen Nebel, aus welchem von Zeit zu Zeit eine blutige Lohe hindurchbrach. Als Nielſen die rauchende Straße hinabblickte, drückte ſein ewiges Lächeln unverhohlen Stolz und Bewunderung aus, daß dies Alles ſein Werk war, und ſelbſt ſeine Begleiterin konnte ſich, als ſie den Blick und den ſatani⸗ ſchen Zug um ſeinen Mund ſah, eines Schauders nicht erwehren. Achtes Kapitel. Der unerhörte Betrug, den Nielſen an dem Grafen von Arleborg verübt hatte, war aufgedeckt. Karl konnte vor dem Gedanken, in den Augen des Fürſten als der Verräther ſeines Vaters gegolten zu haben, nicht mehr zurückſchrecken, als der Fürſt es nicht verſchmerzen konnte, in der Anſchauungsweiſe des Grafen Karl ſo tief ver⸗ kannt worden zu ſein. Der Großmuth des Fürſten erſchien die Begnadigung des verſtorbenen Grafen in der Perſon ſeines Sohnes und die Wiedereinſetzung des letztern in alle Rechte und Güter, die ſein Vater verwirkt hatte, als Pflicht. Graf Karl nahm ſie als ein unverdientes Glück, wie ja der, welcher gelitten und geduldet hat, den endlichen Lohn ſtets zu groß findet. Als Karl ſein Schloß betrat, brachen alte, faſt ver⸗ narbte Wunden wieder auf. Nicht der verfallene Zu⸗ ſtand war es, der ihn traurig ſtimmte. Er konnte es ſich in ſeinem künftigen Glanze, in ſeiner neuen Wieder⸗ geburt vorſtellen, aber er blieb doch derſelbe letzte, ein⸗ ſame Sproſſe ſeines Stammes; die Theuern, die einſt hier gelebt und gewaltet hatten, blieben doch dem erbar⸗ mungsloſen Arme der Vernichtung verfallen, und er war derſelbe, als der er einſt wie ein Fremdling nach den öden Fenſtern emporgeſchaut hatte und, von fürchter⸗ lichen Ahnungen gequält, in dem verwilderten Parke umhergeirrt war, er war derſelbe noch, auch wenn hier die Blumen blühten, die Roſſe in den Ställen ſcharrten und eine Dienerſchaar ſeinen Winken gehorchte. Hier war Alles mit alten vergangenen Tagen, die wehmüthig in ihm auflebten, eng verwachſen und ſelbſt der Säugling an der Mutter Bruſt erſchien ihm wie eine Ummünzung ſeiner Erinnerungen.. Als er endlich auch jenen letzten Brief von der Hand ſeiner Mutter erhielt, der ihn in Algier verfehlt hatte und von der Behörde der nahen Stadt aufbewahrt wor⸗ den war, trat alles Vergangene mit einer ſchmerzlichen Lebendigkeit vor ſeine Seele. Auch der kleinen Comteſſe, der zarten Schweſter, ge⸗ dachte der rührende Brief, der ihm das Unglück des 124 Vaters und die Abreiſe der Mutter meldete. Wie Karl das Kind, wenn es Gott erhielt, gewiß einſt werde lieben lernen und wie der Klang„Schweſter“, ſeinem Ohre jetzt noch ſo fremd, ſich einſt in ſein Herz einſchmeicheln werde; wie die Mutter ihr, wenn ſie älter würde, von ihrem Bruder erzählen wolle, wie von dem unſichtbaren Weſen, zu dem ſie betet, und wie ſie hoffte, er werde einſt der Stolz der Schweſter und ihr Beſchützer ſein! Es war mit Karl's Glückswechſel, der ihn ſo plötzlich wieder auf ein altes, verloren gegebenes Terrain ſtellte, eine Kriſis über ihn hereingebrochen, die viel Aehnlichkeit mit der Abtragung eines Kirchhofs hatte, wo unter⸗ gegangene, von Gräbern überwucherte Exiſtenzen wieder zum Vorſchein kommen. Sogar ſeine ſpätern Erlebniſſe in Afrika traten jetzt lebendig vor ſeinen Geiſt, und was er darüber in ſeinen Schriften niedergelegt hatte, erſchien ihm nun matt und farblos. Alles dagegen, was er in den letzten Jahren erfahren und durchlebt hatte, ſeine Praxis als Arzt, die Geſtalten Adelinens und Roſa's, die ererbte Saulapotheke mit Allem, was ſich daran knüpfte, ja der letzte Tag, ehe er nach ſeinen Gütern gereiſt war, trat zurück, wie das dämmernde Bild eines Traums. Im Zuſtande innerer Zerriſſenheit, ſich ſelbſt kaum angehörig, kehrte er von ſeiner Reiſe in die Heimat in die geräuſchvolle große Stadt zurück. 125 Am nächſten Morgen wurde ihm eine Dame gemel⸗ det, die ihn zu ſprechen wünſchte. Sie hatte keinen Na⸗ men angegeben und Karl, der ſie für eine Kranke hielt, ließ ſie ſogleich vor ſich. Es war eine ältliche bleiche Frau in einem einfachen ſchwarzen Anzuge. Sie blickte den Grafen eine lange Weile ernſt an und ebenſo die beiden Portraits ſeiner Aeltern, die einen tiefen Eindruck auf ſie zu machen ſchienen. „Erlaucht haben ſich ſehr verändert“, redete die Frau den Grafen mit leiſer Stimme an.„Es iſt für mich ſchon ſchwer, im Manne den Jüngling wiederzuerkennen, um wie viel weniger darf ich hoffen, daß die Züge einer alternden Frau in Ihnen Erinnerungen wecken werden!“ Karl neigte ſich freundlich zu der Frau herab, in der er irgend eine Perſon aus ſeiner Heimat vermuthete, die ihn in ſeinen Jünglingsjahren gekannt hatte und nun gekommen war, den wiedererſtandenen Grafen zu beglück⸗ wünſchen. „Aber gewiß entſinnen Sie ſich Johanna's“ fuhr die Fremde zögernd fort,„auf deren Hochzeit ſie einſt waren?“ Die den Mannsfeld, meinen Jäger, heirathete?“ ſagte der Graf ſchnell.„Natürlich erinnere ich mich ihrer. Sie waren gewiß auch dabei?“ „Ich war die Braut. Ich bin Johanna Mannsfeld ſelbſt.“ 126 Karl warf einen ſcharfen Blick auf die Frau. Er glaubte eine Irre vor ſich zu haben. Aber ihr Auge blickte hell und klar, es war auch ſonſt kein verdächtiges Symptom an ihr zu bemerken. „Sie können Johanna Mannsfeld nicht ſein“, verſetzte er mild und nachſichtig,„denn dieſe iſt ertrunken. Niemand weiß das beſſer als ich, der ich mit ihrem Unglück zu⸗ gleich den Tod der Meinigen beklage.“ „Mannsfeld war der natürliche Sohn eines Cavaliers von Hofe und einer ſchönen Pachterstochter im Dorfe“, ſagte die ſeltſame Fremde;„der Cavalier verließ das Mädchen ſpäter. Außer Ihnen und dem ſeligen Herrn Grafen war die Herkunft meines Mannes nur dieſem ſelbſt und mir bewußt. Glauben Sie nun, daß ich Johanna bin?“ Obwohl Graf Karl einen Angenblic überraſcht war und ſein Auge forſchend in die Züge der Frau grub, ent⸗ gegnete er doch mit Feſtigkeit:„Die Todten kehren nicht„ zurück. Wäre Johanna dem Tode in den Wellen ent⸗ gangen, ſo wüßte ich von ihr, denn es iſt kein Grund⸗ vorhanden, daß ſie dies verheimlicht hätte.“ „Und wenn ich nun wirklich Grund gehabt hätte?“ ſagte die Frau, während ſich ihre Augen mit Thränen füllten. „An dem Tage, wo wir das Schloß verließen, ſah ich die Gräfin einen Brief ſchreiben. Sie wurde durch die ½ 127 Ankunft des Arztes unterbrochen, den ſie befragen wollte, ob ſie mit der Comteſſe die Seereiſe wagen dürfe. Ich war, während ſich die Gräfin in einem Nebenzimmer mit ihm beſprach, mit der Comteſſe allein zurückgeblieben und konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, einen Blick in den noch unvollendeten Brief zu werfen. Der Brief war an Sie gerichtet, Herr Graf!“ Karl beſtätigte dies durch ein Kopfnicken. Er ver⸗ wandte jetzt kein Auge von der Frau. „Die Stelle, die ich zufällig las, betraf einen Brillant⸗ ſchmuck, der in einem Geheimfache verwahrt und für Sie beſtimmt⸗ ſei. Die Gräfin wollte den Schmuck, das Einzige, was ſie ihren Kindern hinterlaſſen konnte, nicht mit auf die Reiſe nehmen. Niemand hatte von dem Geheimfache Kenntniß. Unter allen Umſtänden war er hier am ſicherſten bewahrt. In dem Briefe war das Fach und die Art und Weiſe, wie es geöffnet werden konnte, genau beſchrieben. Die Neugierde plagte mich. Ich benutzte einen günſtigen Augenblick und überzeugte mich, daß Alles ſo war, wie es in dem Briefe ſtand. Wir reiſten ab. Als wir an Bord des Schiffes waren und dieſes bereits die Anker lichten wollte, erfaßte die Gräfin eine quälende Unruhe. War es der Anblick der weiten, endloſen See, war es eine bange Vor⸗ ahnung, oder wirkte Beides zuſammen, daß ſie jetzt auf 128 die Bedenken des Arztes, der die Seereiſe mit der Com⸗ teſſe für ein Wagſtück erklärt hatte, größeres Gewicht legte, die Gräfin fühlte plötzlich wegen ihres Kindes die heftigſten Gewiſſensbiſſe. Sie glaubte es in meiner Obhut beſſer aufgehoben als an ihrem eigenen zärtlichen Mutterherzen auf dem Meere, wo es der ſichern Gefahr entgegenging, zu erkranken und vielleicht zu ſterben. Der Kapitän des Schiffes ließ ſich von ihren dringenden Bitten erweichen und winkte noch im letzten Moment ein in der Nähe liegendes Boot heran, das mich mit der Comteſſe und meinem eigenen Kinde ans Land brachte. Die Gräfin hatte mich mit Geld verſehen, damit ich bis zu ihrer Zurückkunft in einem Hotel wohnen könnte; ich aber gedachte dabei zu profitiren und miethete mich mit den Kindern bei einer ärmlichen Frau ein. Bald hörte ich von dem Untergange des Schiffes. Niemand war gerettet worden. Ich erinnerte mich, daß die wenigen Leute, die Zeuge geweſen waren, als ich mit den Kindern zurückgerudert wurde, lachten, weil ſie wahrſcheinlich glaub⸗ ten, ich habe von Jemand Abſchied nehmen wollen und mich dabei verſpätet. Von allen, die außer mir den wah⸗ ren Zuſammenhang kannten, lebte Niemand mehr, und ſo ſah ich meinen und der Kinder Namen auf der Todten⸗ liſte.“ Karl hörte mit fieberhafter Spannung zu. Das Vor⸗ 129 fahren eines Wagens, der am Thorwege unten ſtill hielt, beunruhigte ihn. Er llingelte einem Diener und gab Befehl, jetzt Niemand vorzulaſſen. „Da erinnerte ich mich des Schmuckes im Schloſſe“, fuhr die Frau fort,„und die Verſuchung trat zu mir heran, mich ſeiner zu bemächtigen. Ich empfahl beide Kinder der Fürſorge meiner Wirthin und machte mich auf den Weg nach dem Schloſſe Arleborg. In einer ſtürmiſchen Gewitternacht kam ich an. Ich hatte ſchon unterwegs einen dunkeln Plan gefaßt, den Schreiber, der noch im Schloſſe zurückgeblieben war, zu überliſten. Er mußte vom Untergange des Schiffes bereits Kenntniß haben; ich kannte ihn als einen abergläubiſchen Menſchen, und als ich die Blitze durch die finſtere Nacht zucken ſah und den Sturm um mich brauſen hörte und mir in meinem ſchwarzen naſſen Mantel faſt ſelbſt wie ein aus dem Grabe Auferſtandener vorkam, da war mein Ent⸗ ſchluß gefaßt. Ich weckte ihn aus dem Schlafe und jagte ihm durch meine Erſcheinung ſolches Entſetzen ein, daß er ſich nicht von der Stelle zu rühren wagte und ich mich ohne ſein Mitwiſſen des Schmuckes bemächtigen konnte. Später verkaufte ich den Schmuck in dieſer Stadt und verſchaffte mir dadurch die Mittel zu einem unabhängigen Leben. Ich habe Sie betrogen, beſtohlen— hier bin ich— machen Sie mit mir, was Sie wollen!“ Höcker, Ein ſchöner Dämon. IV. 9 130 Karl's Zweifel, ob die Fremde Johanna ſei, waren längſt beſiegt. Aber aus dem tiefen Wellengrabe, wo er die kleine zarte Schweſter geglaubt hatte, an der er ſich einſt verſündigt, an die er nur mit dem Schmerze bitte⸗ rer Reue zurückdachte, ſtieg vor ſeiner Phantaſie jetzt plötzlich eine Jungfrau empor, nach der er ſehnend ſeine Bruderarme ausſtreckte. „Weib“, rief er,„ich will Dir Alles verzeihen, wenn Du mir ſagſt, daß meine Schweſter noch lebt!“ „Sie lebt“, ſagte Johanna,„und iſt in Ihrer Nähe.“ In dieſem Augenblicke trat wieder der Diener herein. „Eine Dame iſt da“, meldete er,„die ſich nicht abweiſen läßt. Sie nennt ſich Comteſſe von Arleborg.“ Dem Diener auf den Ferſen folgte eine weibliche Geſtalt. Das Zimmer drehte ſich vor Karl’'s Augen. Und noch ehe er wußte, wie ihm geſchah, rief eine Stimme: „Mein Bruder!“ und Jemand lag an ſeiner Bruſt. „Seit jenem Tage“, flüſterte es zu ihm herauf,„wo der Major begraben wurde, trug ich das Geheimniß mit mir, daß Du mein Bruder ſeieſt. Verzeihe mir, daß ich den böſen Leumund der Welt damals benutzte, mit Dir zu brechen. Du mußteſt erſt die Geliebte verſchmerzen lernen, ehe ſie Dir Schweſter werden konnte!“ Karl war am Herzen Adelinens erſtarrt. 4 131 „Es kam zu plötzlich“, ſagte Adeline beſorgt, als ſie in ſein geiſterbleiches Antlitz ſah und ſeine eiskalte Hand in die ihrige nahm;„ich hätte nicht ſo ſtürmiſch ſein ſollen.“ Karl aber ſchüttelte den Kopf, und beide Augen 5 mit den gefalteten Händen bedeckend, rief er im Tone eines Verzweifelnden:„Du Rächer im Himmel, was ich an meiner Schweſter auch einſt ſündigte, dieſer Augenblick macht uns quitt!“ Sie verſtanden ihn nicht, die im Zimmer waren, und er verſtand nicht, als er wieder aufblickte, was ſie zu dieſer Stunde hier wollten und wo ſie ſo plötzlich her⸗ 8 gekommen waren, die zwei glücklichen Menſchen, die er oft in jenem Garten belauſcht hatte, der unerbittliche, ſtolze Arthur und Roſa, deſſen junge liebliche Gattin. Er verſtand die Situation nicht, in welcher Adeline und Frau Johanna einander mit Blicken voll glühenden Haſ⸗ ſes anſahen, er verſtand den warmen Händedruck Arthur's nicht, und obwohl er noch viel weniger verſtand, was es 5 zu bedeuten habe, daß Roſa mit rollenden Thränen auf den Wangen ſich ihm näherte und mit der ſanften Hin⸗ gebung eines Kindes ihr Köpfchen auf ſeine Schulter legte, ſo that es ihm doch unendlich wohl, wie die Gegenwart eines Engels in einer verhängnißvollen Stunde. 9* —— — —— —— 13² „Ich bin zur rechten Zeit gekommen“, unterbrach Adeline mit bebender Stimme die athemloſe Stille,„um einen unerhörten Betrug zu verhindern.“ Heftig ſchritt ſie auf Roſa zu und riß ſie gewaltſam von des Grafen Seite.„Das iſt die Tochter der alten Betrügerin, ſchon von Kindheit an für die Rolle der Comteſſe von Arleborg erzogen. In prächtigen Wagen ſollte ſie einſt fahren, haha! in rauſchenden Kleidern ſollte ſie einhergehen, ſich nie um Broderwerb kümmern, haha! War's nicht ſo, Alte?“ Die Alte antwortete nicht, ihr Blick ruhte ſtarr und unverwandt auf der Majorin. „Warſt Du nicht raſtlos bemüht, das unredlich ge⸗ wonnene Vermögen durch Wanaher zu vergrößern, um ſie reich zu machen?“ Die Alte nickte, wie im Traume. „Sie zu verheirathen wie eine geborene Comteſſe— dahin ging Dein Plan, Alte, nicht wahr?“ Die Alte nickte wieder. „Weil berühmte Künſtlerinnen ſich oft mit Männern von hoher Geburt vermählt haben“, fuhr Adeline mit erhobener Stimme fort,„und um die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſie zu lenken, brachteſt Du ſie ans Theater, und kein Opfer war Dir zu groß, um ſie zu einer Berühmtheit zu machen. Habe ich Recht?“ 133 Wieder nickte die Alte. „Du wollteſt einen günſtigen Zeitpunkt erwarten“, fügte Adeline hinzu und ihre Augen flammten in wilder Glut,„wo es galt, die leichten Tändeleien irgend eines hohen Cavaliers in ein ernſtes Verhältniß umzuwandeln, und dann mit Aufopferung Deiner ſelbſt Dein Kind für die Comteſſe von Arleborg erklären, wie Du es jetzt thun willſt. Aber—“ Adeline hielt einen Augenblick inne, und aus dem wilden Blicke, den ſie auf ihre Gegnerin geheftet hatte, leuchtete jetzt ein Triumph—„aber kennſt Du Liddy— die Waiſe, die Deine harte Hand erzog, bis ſie Dir eines Nachts entfloh?“ „Liddy!“ ſtammelten Frau Johanna und Roſa zu⸗ gleich, und beide traten der Sprecherin haſtig näher. „Was ſoll dieſe Frage?“ ſagte Johanna, während ihre Augen unſtät über die Geſtalt der Majorin irrten. „Wer weiß von Liddy? Wer kann mir Nachricht über ſie geben und mir ſagen, daß ſie noch lebt?“ „Sie lebt“, rief Adeline, die Alte mit ihren Blicken durchbohrend,„ſie iſt hier! Ich ſelbſt bin Liddy!“ Adeline wich vor der Frau zurück wie vor einem Geſpenſt. Sie ſah etwas, auf das ſie nicht gefaßt war. Sie ſah Thränen in den ſtarr auf ſich gerichteten Augen der Betrügerin, die ſie zu entlarven und zu zerſchmettern 24 134 gedacht hatte, und ſah ihre Arme ſich nach ihr ausbreiten wie die Arme einer Mutter. „Mein Kind, meine Tochter!“ rief die Alte erſchüt⸗ tert und warf ſich an Liddy's Bruſt. Dieſe aber ſtieß ſie von ſich.„Nenne mich nicht Tochter!“ ſagte ſie ſo kalt, als ihr kochendes Blut es geſtattete.„Schon dem Kinde hat Dein ſteinernes Herz verrathen, was Du mir warſt. Frevle nicht und nenne die nicht Dein Kind, die jetzt frohlockt, Deinen Plänen entgegengearbeitet und ſie zu nichte gemacht zu haben.— Du haſt keine Schweſter als mich“, wandte ſich Ade⸗ line beſchwörend an den Grafen;„was ſie auch ſagen mag, es iſt erlogen. Nur ein Schweſterherz konnte ſich für Dich ſo aufopfern, wie ich es that. Ich bin den geheimen Spuren Deiner Feinde nachgeſchlichen, ich bin's, die den Verräther unſeres Vaters entdeckte und ihn zwang, ſeine Schuld zu bekennen. Alles, was Du biſt, verdankſt Du mir!“ „Du biſt nicht ſeine Schweſter“, betheuerte Johanna mit thränenerſtickter Stimme,„und was Du für ſtief⸗ mütterliche Härte an mir hielteſt, war die Reue. Es iſt wahr, ich brannte ſchon in meiner Jugend nach Geld und Beſitz, aber ich war dabei ſtets ehrlich geweſen. Das Bewußtſein“, wandte ſie ſich an den Grafen,„das Bewußtſein, mich an fremdem Eigenthume vergriffen zu ——— 8* 3 haben, laſtete ſchwer auf mir. Ich beſaß nicht die Selbſtüberwindung, dem aus dem Schmucke gelöſten Vermögen zu entſagen, und dennoch fühlte ich die hef⸗ tigſten Gewiſſensbiſſe. Ich ſah nur einen Ausweg offen, indem ich mir gelobte, das an der Comteſſe be⸗ gangene Unrecht wieder gut zu machen. Während ich gegen mein eigenes Kind ſtreng war und es früh ſchon zur Arbeit und Häuslichkeit anhielt, wie ſich's für die Tochter einer Perſon meines niedern Standes geziemt, erzog ich, ſoweit meine Kräfte reichten, die Comteſſe ihrem Range gemäß, und allmälig gewann ich ſie lieb wie mein eigenes Kind. Ich habe nichts hinzuzufügen. Liddy ſelbſt hat mich der Nothwendigkeit überhoben, die Pläne darzulegen, die ich verfolgte, um Roſa, die einzig wahre und echte Comteſſe, nach meiner An⸗ ſchauung glücklich zu machen und mein Gewiſſen von einer drückenden Schuld zu befreien, die mir das Leben allmälig zur Laſt machte und mich vor der ſchließlichen Gefahr, mein Verbrechen enthüllen zu müſſen, nicht zurückbeben ließ.“ Karl brauchte jetzt nicht zu zweifeln, er brauchte die alte Frau nicht noch einmal nach ſeiner Schweſter zu fragen, er durfte nur den reinen heiligen Schweſter⸗ kuß fühlen, den Roſa auf ſeine Lippen hauchte, um zu wiſſen, daß es keine Täuſchung ſei. 136 Die Geſchwiſter hielten ſich feſt umſchlungen und weinten ſtille ſelige Thränen. Und wenn Arthur, der krampfhaft die Lippen zuſammenbiß, um einen ähnlichen Erguß zurückzudrängen, jetzt etwas fühlte, ſo war es die Ungeduld, ſein verſöhntes reuiges Herz an das ſeines Verwandten drücken zu können. Er brauchte nicht lange zu warten, da hörte er von einer bewegten Stimme ſeinen Namen nennen und lag in den Armen des gräflichen Schwagers. „Es kann nicht ſein!“ ſchrie plötzlich Adeline, die ſtummen Vorgänge unterbrechend.„Es iſt ein unſeliges Mißverſtändniß, ein Betrug! Sie iſt meine Stiefmutter!“ „So wahr der Himmel über uns iſt“, betheuerte Jo⸗ hanna,„Du biſt mein Kind, Liddy, mein einziges, theures, rechtmäßiges Kind, und ich habe Dich nicht weniger ge⸗ liebt als Roſa!“ „Sage, daß ich nicht Dein Kind bin“, flehte Adeline verzweiflungsvoll;„Du biſt dem Grabe nicht mehr fern, tritt nicht mit einem neuen Verbrechen vor den ewigen Richter. Habe Erbarmen mit mir“, weinte ſie, indem ſie ſich vor ihrer Mutter niederwarf und deren Kniee umfaßte,„ein Wort, ein einziges wahres, ehrliches Wort aus Deinem Munde, und mein Leben iſt nicht verfehlt, und Du machſt mich glücklich!“ „Meine Liddy, mein Kind“, rief Frau Johanna angſt⸗ 137 voll,„ich würde Dich nicht um den Preis der Welt wieder von mir laſſen, und Du willſt Deine Mutter um eine Grafſchaft verleugnen?“ „Du biſt meine Mutter nicht“, kreiſchte Adeline auf⸗ ſpringend,„Du kannſt's nicht ſein, denn ich verfluche Dich, Du verworfenes, diebiſches Geſchöpf, Du größte aller Betrügerinnen unter der Sonne!“ Es war zu ſpät! Es war zu ſpät, als Arthur und Karl herbeiſprangen, um die alte Frau den Händen ihres raſenden Kindes zu entreißen. Roſa hörte das wilde, gellende Gelächter, das Liddy, indem ſie zur Thür hin⸗ ausſtürzte, ausſtieß, aber ſie ſah nicht den Blutſtrom, der über das Antlitz der alten Frau rieſelte, die ſie Mutter genannt hatte und welche Karl und Arthur raſch hinausführten. Durch die Corridore tönte das wilde Gelächter. Es tönte entfernter aus der Hausflur herauf, es tönte noch einmal auf der Straße, das wilde Gelächter. ——— — ie — — ————— Neuntes Kapitel. Am folgenden Tage begegneten ſich in der hellen Flur des Hauſes, wo die Majorin von Achtern ihre beſcheidenen Zimmer bewohnte, zwei Männer. Der eine war Graf Karl, welcher eben hereintrat und in dem ihm Entgegen⸗ tretenden ſeinen frühern Wirth, den Agenten Degenhaar erkannte. Letzterer lüftete demüthig grüßend die Mütze. Seine Mienen drückten große Unruhe aus, in ſeinem Gange lag etwas Zögerndes. Als er den Grafen an ſich vorübergehen und ſich der Thür nähern ſah, die zu der Wohnung der Majorin führte, ſchien er unentſchloſſen, ob er ſich entfernen oder noch einmal umkehren ſollte. „Ich will doch ſehen“, murmelte er,„ob ſie ſich gegen ihn auch ſo benimmt wie gegen mich.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich um und drängte ſich hinter dem 139 Grafen durch die Vorſaalthür. Karl klopfte an die Thür des Wohnzimmers. Da keine Antwort erfolgte, ſo klopfte er zum zweiten und dritten Male. Es war ein ſchlechter Troſt für den Agenten, daß es dem Grafen ganz ſo erging, wie es ihm ergangen war, aber es war doch ein Troſt, und ſeine beſtürzten Mienen heiterten ſich für einen Augenblick auf. Karl öffnete leiſe die Thür und trat in das Zimmer. Hinter ihm trat auch Degenhaar hinein. Auf einer Fußbank, die Ellbogen in den Schooß und den Kopf in beide Hände geſtützt, ſaß Adeline. Ihr üppiges Haar hing in wilder Verwirrung um ihre Schultern und auf den Boden herab. Sie hatte ein Nachtkleid an, einen Shawl umgeſchlungen und die nackten Füße in zwei ungleichen Pantoffeln. Ohne die Eintreten⸗ den zu beachten oder zu bemerken, blickte ſie vor ſich hin auf den Fußboden. Karl redete ſie an, aber ſie antwortete nicht und ſah nicht auf. Als er ſich nach dem Agenten umwandte, preßte dieſer die Lippen auf einander, zuckte die Achſeln und ſtreckte die Hand gegen die Majorin aus, als wollte er ſagen:„So hab' auch ich ſie bereits gefunden, ſo iſt es und ſo bleibt es!“ Karl beugte ſich zur Majorin nieder, nahm ihr die Hände vom Antlitz und zwang ſie, ihn anzuſehen. Sie 140 kannte ihn nicht und blickte ihn fremd an, wenn das Stillſtehen zweier ſtarr geöffneten Augen ein Blick ge⸗ nannt werden darf. Eine finſtere, ſternenloſe Nacht hatte ſich auf die Seele herabgeſenkt, deren Spiegel dieſe Augen waren! „Ich komme gleich“, ſagte die Majorin jetzt, indem ſie langſam aufſtand und mit ſchlürfenden Schritten durch das Zimmer ging. Sie wollte ihr Haar ordnen und verwirrte es noch mehr; ſie ſtand in dem Wahne, ſich anzukleiden, und zerrte nur an ihrem Shawle. Dann öffnete ſie ein Fenſter.„Hören Sie, wie es ſtürmt?“ redete ſie den Grafen in ſchauerlich klagendem Tone an, „Das iſt Ihr Werk. Sie ſind ein Mordbrenner! Aber es wäre Alles noch gut gegangen, hätte ich ihn vorher mit ſeiner Schweſter verheirathet!“ Als wollte ſie hier⸗ über weiter nachdenken, ließ ſie ſich ſtöhnend auf die Fuß⸗ bank nieder und blieb regungslos ſitzen, die Ellbogen in den Schooß und den Kopf in die Hände geſtützt, und ſtarrte vor ſich hin auf den Fußboden. Wenn Graf Karl die Worte, die er an die Majorin hatte richten wollen, der ſteinernen Säule in der Vor⸗ halle draußen zugeraunt hätte, wenn er die Säule gefragt hätte, was ſie für ihn gethan habe und inwieweit er ihr für ſeinen Glückswechſel zu Danke verpflichtet ſei, wenn er der Säule mitgetheilt hätte daß Johanna, ihre Mutter, 4 141 das Augenlicht verloren habe, ohne der zu grollen, die es ihr geraubt, die Säule hätte ſo viel davon verſtanden wie Adeline, die einſt ſo ſchöne, kluge, durchtriebene Adeline. Degenhaar ſchloß ſich beim Gehen dem Grafen an und richtete unterwegs mehrere Fragen an dieſen, deren Beantwortung keineswegs zu ſeiner Zufriedenheit aus⸗ zufallen ſchien, denn er ſchlich, als ſie ſich getrennt hatten, tief gebeugt nach Hauſe. Als er zu ſeiner Familie ins Zimmer trat, ſah er ſeine Frau lange an, und ſie ſah ihn an und fand, daß die rothen Aederchen im Auge des Lebensgefährten eine unheimliche Thatſache beleuchteten. „Marſch hinaus!“ brüllte er den beiden im Zimmer ſpielenden Kindern zu. Als das Ehepaar allein war und einen zweiten langen Blick gewechſelt hatte, ſagte Degenhaar in bitterem Humor: „Der Graf weiß nichts von meinen Bemühungen. Sie iſt nicht die Comteſſe, wie ſie mir glauben machte, und kann ſich auch nicht für mich verwenden, denn ſie iſt verrückt geworden! Hahaha!“ Um die Zeit war es, wo auf der ehemaligen Brand⸗ ſtätte in jener mittelalterlichen Straße ſich bereits eine 142 Reihe neuer ſtolzer Gebäude erhob, gleichſam den Fuß auf den Nacken der Vergänglichkeit ſetzend, wo glänzende Firmen und hohe, von wohlhabenden Familien bevölkerte Stockwerke nach den alten Häuſern der andern Straßen⸗ ſeite hinüberſchauten, wie eine ernſte Mahnung, daß auch ihre Stunde endlich ſchlagen müſſe, um dieſe Zeit war es, als der ehemalige Wirth vom Schwedentrunk ſeine Strafe für die begangene Fälſchung abgebüßt und den Vollbeſitz perſönlicher Freiheit wiedererlangt hatte, um ſich die traurige Ueberzeugung zu holen, daß ſeine Hoff⸗ nungen und Erwartungen für die neue Zukunft mit der unglücklichen Majorin von Achtern dem Irrenhauſe ver⸗ fallen waren. Johanna war durch ihr Geſtändniß ſeiner Gewalt entrückt und von den übrigen Perſonen, welche durch Selbſtanklage gewonnen hatten, konnte er keinen Lohn für ſeine Verworfenheit hoffen. Ohne Plan, ohne Lebenszweck, und wäre es auch ein nichtswürdiger geweſen, ergab ſich Nielſen bald wieder ſeinem alten Laſter, dem Trunke. Wie wüſt es auch in ſeinem Kopfe ausſehen mochte, wenn er am Morgen nach einer durchzechten Nacht er⸗ wachte, wie verworren auch die Erinnerungen an finſtere Straßen, Rinnſteine, nächtliche Abenteuer in ſeinem Hirne durcheinander wirbelten, eins war ihm dennoch klar: ein gewiſſes Geſicht unter einer blauen Mütze war immer 4 EEE — ffffffffffffffffi 15 16 17 18 19 20