X Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 ¹. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für öpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 4 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurück der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, ſendung ſorgen. verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 5 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſunm Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————————— 1 1 1 1 1 1 ¹ 2 Roman von Guſtav Höcker. ⅛ ———— Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Der ſeltſame Lichtſchimmer, der Arthur in der fürſt⸗ lichen Loge aufgefallen war, drang aus hohen künſtlichen Blumengebüſchen hervor, welche die geſchloſſenen Wände bedeckten. Roſen, Georginen, Tulpen, in rieſenhafter, übernatürlicher Größe aus den zarteſten Stoffen gebildet und durch brennende Lämpchen erleuchtet, die in ihren Kelchen verſteckt waren, glühten in berauſchender Farben⸗ pracht durch das Halbdunkel. Ein weicher dicker Teppich, in welchen der auftretende Fuß ſanft verſank, war über den Boden gebreitet, und auf einem grünſammtnen Divan ſaß der ſchwarze Domino, Adeline zurückhaltend, die ſich, ſo oft ſeine Hände von ihr ablaſſen, erheben zu wollen ſcheint, um aus der Loge zu fliehen, als wäre ſie her⸗ eingelockt worden. Sie weiß nicht, wo ſie iſt. Ihre Bewegungen ſind ſcheu und unſicher, ihre Verwirrung iſt Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. 1 ſo groß, daß der ſchwarze Domino ſelbſt ſich nicht genug wundern kann, wie es ihm gelungen ſei, ſie zum Eintritt in die Loge zu vermögen. Vergebens ſind ſeine Bitten, ihr Antlitz zu enthüllen, und geſchickt weiß ſie ſeinen Verſuchen, die Bänder mit eigener Hand zu löſen, aus⸗ zuweichen. Als der ſchwarze Domino ſelbſt ſich von der grünen Larve befreit und ſie in ſeine Züge blickt, ſtößt ſie einen ſchwachen Schrei aus, denn ſie erkennt die könig⸗ liche Hoheit. Jetzt iſt ſie um ſo ſchwerer zu bewegen, ihre Maske zu lüften. Sie ſpricht von einer Täuſchung, die ſeiner warte; ſie will fort. Der Fürſt hält ſie zurück, ſeine Hand erfaßt glücklich ein Band, die Schleife löſt ſich und die ſchwarze Maske flattert auf die Schulter des jugendlichen, in üppiger Schönheit prangenden Weibes. Immer und immer wieder wendet ſich ihr Antlitz, das er ſanft an den Wangen erfaßt, von ihm ab, und von den matten Strahlen umgaukelt, welche die Blumen⸗ gebüſche entſenden, ſieht er es nur auf Augenblicke, wie im Dämmerlichte ſüßer Ahnung. Nur ſchwer entſchließt ſie ſich, ſeine Zärtlichkeiten zu belohnen und ihn anzu⸗ blicken. Als läſe ſie die Ideengänge in ſeinen Augen, die ſich bewundernd und doch mit einer Beimiſchung von Nachſinnen in die ihrigen verſenkt haben, wendet ſie das Antlitz wieder von ihm ab. Aber es iſt zu ſpät. Er hat ſchon geſunden, was er ſuchte: eine Aehnlichkeit. — — 5 5 Sie ſchüttelt verneinend das Haupt, aber ein Lächeln um ihren Mund verräth ihm, daß ihr Leugnen nicht ernſt gemeint iſt. „Wir haben uns ſchon geſehen“, ſagt der Fürſt.„Sie waren bei mir zur Audienz, ſchöne Dame. Ich konnte Ihr Anliegen leider nicht erfüllen.“ „Ich bewundere das Gedächtniß Eurer Königlichen Hoheit.“ „Wer könnte Sie ſehen“, rief der Fürſt,„und Sie jemals vergeſſen? Auch des ſchönen natür rlichen Schmucks erinnere ich mich noch, der damals Ihre Schläfe zierte, an Stelle dieſer kunſtreichen Friſur aus einem Jahr⸗ hundert, in welchem wir Gott Lob! nicht mehr leben.“ Bei dieſen Worten ſtrich der Fürſt mit ſeiner Hand 1 1 funft durch Adelinens Puderfriſur und warf ihr einen innig flehenden Blick zu. „Und erinnern ſich Eure Königliche Hoheit auch noch des Anliegens“, fragte Adeline, indem ſie die Hand des Fürſten entfernte,„das mich an Ihren Thron führte?“ „Gewiß! Es betraf die Herrſchaft Arleborg. Ich mußte Ihre Frage, warum der junge Graf, der noch am Leben ſein ſoll, nicht wieder in die durch ſeinen Vater verwirkten Rechte und Beſitzthümer eingeſetzt werden könne, unbeantwortet laſſen, ſo weh es mir that!“ „Der alte Graf war der Freund Eurer königlichen 1* 4 Hoheit“, ſagte Adeline in einem unbeſchreiblichen Tone ſüßen Vorwurfs. „Er war mir mehr, er rettete mir das Leben.“ „Dafür ſegne ich ſein Andenken“, rief Adeline mit einem ſo ſchmelzenden Andachtsblicke in ihren Augen, daß der Fürſt ein Madonnenbild zu ſehen glaubte. Er ergriff ihre ſchneeweiße Hand und drückte einen heißen Kuß darauf. „Aber was hat der Sohn Ihres Retters gethan“, fragte Adeline, mit ihren Lippen faſt das Ohr des Fürſten berührend,„daß Sie den gerechten Zorn Ihres erlauchten Vaters auf ihm ruhen laſſen, auf ihm, dem Armen, Vertriebenen?“ „Schöne Grauſame“, entgegnete der Fürſt freundlich drohend,„da ſtehen wir wieder auf dem alten Punkte.“ „Königliche Hoheit“, ſagte Adeline, ihre Hand auf des Fürſten Schulter legend,„dies iſt kein Audienzſaal. Hier werden Sie mir ſagen, was Sie dort verſchweigen muß⸗ ten, nicht wahr?“ „Es iſt ein Kabinetsgeheimniß“, ſagte der Fürſt lächelnd. „Dieſes Kabinet kennt keine Geheimniſſe“, flehte Adeline, dem Fürſten ſanft wehrend, der wiederum eine Bewegung nach ihrer Friſur machte. „Wirklich?“ fragte dieſer entzückt.„Kennt keine Geheim⸗ niſſe?“ ——— —— — — Erröthend wandte ſich Adeline ab. Der Fürſt ſank ihr zu Füßen und umſchlang ihren Leib.„Kennt keine Geheimniſſe?“ Adeline beugte ſich zu ihm nieder und fragte, indem ſie ſanft durch ſein gelocktes Haar ſtrich:„Hat der Graf von Arleborg keine Hoffnung, ſein Erbe anzutreten?“ „Nein!“ ſeufzte der vor ihr Knicende. „Und warum nicht?“ „Gib mir noch tauſend ſolche Blicke, himmliſches Weib“, flüſterte der Fürſt,„neige Dein ſüßes Antlitz immer zu mir herab, aber ſprich in andern Worten zu mir, ſprich von andern Dingen, zieh dieſe Frage zurück, auf die ich Dir aus Pietät für den Stamm meines Lebensretters keine Antwort geben darf.“ „Aus Pietät für den verſtorbenen Grafen?“ fragte Adeline mit Erſtaunen in ihren ſchönen Augen. „Und aus Schonung für ſeinen Sohn“, fügte der Fürſt hinzu.„Der einzige Dank, durch den ich den Vater im Grabe noch ehren kann, die einzige Wohlthat, die ich dem Sohne erweiſen darf, beſteht eben darin, daß ich Dir auf Deine Frage nicht antworte!“ „Seltſam!“ rief Adeline. Dabei entfernte ſie ihre Hand von dem fürſtlichen Lockenhaupte, ſtrich ſich, als erwachte ſie von einem böſen Traume, mit beiden Händen über Augen und Stirn und verſchob dabei ihre Puder⸗ 6 friſur, ſodaß die weißen Flachswellen halb durch ihre un⸗ geſtüme Bewegung, halb durch die ſchnell vermittelnde Hand des Fürſten plötzlich verſchwanden und die Flechten ihres ſchwarzen Haares wie eine heranbrechende Nacht über ihrer marmorweißen Stirn hervortraten und, da ſie unter der Flachsperrücke nur loſe zuſammengeſteckt geweſen waren, bei der nächſten Bewegung, die Adeline machte, zu beiden Seiten gleich langen ſchmalen Schatten über das weiße Gewand faſt bis auf den Boden herab⸗ fielen. Es war ein Anblick, wie ihn nur die kühne Phantaſie des Malers hervorzuzaubern vermag, wenn ſie mit idealen, der Wirklichkeit kaum angehörenden Tinten die Schönheiten des Harems beſchwört. Der Fürſt bog ſich geblendet zurück, er wagte ſie nicht zu berühren, aus Furcht, das Bild könnte, wie ein Phantom, in nichts zergehen. Aber ſie beugte ſich tiefer zu ihm herab, ein Lächeln um ihren Mund verrieth, daß ſie ſich der Wir⸗ kung ihrer Reize bewußt ſei, und dies machte ſie im Auge des Fürſten noch unwiderſtehlicher, weil ſie ihn dadurch als die Urſache ihrer Machtentfaltung anerkannte und ſein Ich in den Zauberkreis ihres Willens mit hineinzog. „Warum findet Graf Arleborg keine andere Gnade vor Dir als die des Schweigens?“ Ihre Stirn an die ſeinige gedrückt, hauchte ſie ihm dieſe Frage zu. Aber nicht ihre Lippen ſprachen, es war, als hätte ihr heißer —= — 1 Athem die Worte hervorgebracht.„Sage mir's“, fügte ſie in der vorigen Weiſe hinzu,„ich beſchwöre Dich bei meiner Liebe!“ Als der bebende Fürſt dem hinſterbenden Blicke ihrer Augen begegnete, hatte er keinen Willen mehr. Wie ein zerknirſchter Beichtender murmelte er die Worte:„Weil er es ſelbſt war, der ſeinen Vater verrieth.“ „Das iſt nicht möglich“, ſchrie Adeline,„das iſt nicht wahr!“ Starr und verſagend hielt ſie beide Arme an ſich gedrückt; ihre Augen rollten zornig und drohend. Der Fürſt fühlte in dieſem Augenblicke, daß Adelinens Gegenwart in ſeiner Loge nicht das Werk ſeiner Ueber⸗ redungskunſt ſei, ſondern in ihrem eigenen Plane gelegen habe. Aber das Wort war geſprochen, und ſo ſehr ihn der Ausbruch ihrer Entrüſtung befremdet hatte, ſo wenig war er davon ernüchtert, denn auch jetzt war ſie noch ſchön und begehrenswerth. „Seine verrätheriſche Schrift liegt in meinen Archiven“, ſagte der Fürſt beſchwichtigend. „Schrift! Schrift!“ ſagte Adeline, ohne ihre Haltung zu verändern.„Seine Schrift?“ „Seine eigene Hand ſchrieb die Anklage nieder“, ant⸗ wortete der Fürſt,„und früh genug fanden ſeine Aeltern ihren Tod, um die ſchändliche Handlung ihres Kindes nie zu erfahren.“ 8 „Seine Schrift“, wiederholte Adeline noch mehrere Male, bis das Wort auf ihren Lippen erſtarb und ſie raſtlos einem Gedanken nachzujagen ſchien, während ſie außerlich zu einem Marmorbilde erſtarrt war. „Worüber denken Sie nach?“ fragte der Fürſt nach einer Pauſe. Aber er erhielt keine Antwort. Ihr Auge war auf einen und denſelben Punkt gerichtet, als wollte ſie ihn von einem Ende der Welt bis zum andern durch⸗ bohren. Plötzlich faltete ſie die Hände, und indem ſie ſich zu dem Fürſten beugte, fragte ſie in dringendem Tone: „Königliche Hoheit, gibt es keine glühenden Zangen, gibt es keine Folter mehr, durch die man Schurken zum Geſtändniß zwingen kann?“ „Keine“, rief der Fürſt, ſie mit den Armen um⸗ ſchlingend,„keine als die Folter, womit man Liebende quält, und die laß mich nicht länger erdulden!“ Die Hände in einander geſchlungen und mit halbem Antlitz dem Treiben der Masken in der Tiefe zugewandt, ſaßen Arthur und Roſa in der Loge der Majorin. Sie wußten nicht, daß ſie allein waren, denn ſie dachten nicht daran, daß es außer ihnen überhaupt noch Menſchen gäbe. Der Faden ihrer Erinnerungen war abgeſchnitten; ſie lebten unter dem Eindrucke, als wären ſie innerhalb dieſer —— 9 Tapeten, unter dieſen Gardinen und Goldquaſten geboren und als würde nie die Stunde ſchlagen, wo ſie dieſen Ort verlaſſen müßten. Alles, was beide an dieſem Abend erlebt hatten, ſchien Ewigkeiten her zu ſein, das bunte Maskengewühl war ihnen todte Moſaik, und wenn die Muſik nach einer Pauſe wieder begann, wußten ſie nicht, daß ſie kurz vorher noch geſchwiegen hatte. Seit Arthur und Roſa einander ihre Liebe geſtanden hatten, ſeitdem ſie wußten, daß ſie einander auf ewig an⸗ gehörten, kannten ſie ſich nur noch in den Beziehungen, unter deren Einfluß ſie ſich gerade erblickten. Es wäre für Roſa jetzt etwas unerhört Neues geweſen, wenn ſie ſich Arthur's Huſarenuniform hätte wegdenken und ihn unter einem grünen Jagdgewande hätte ſuchen müſſen. Ebenſo kannte Arthur Roſa's Geſicht, ihre braunen, ſtrahlenden Augen, ihre rothglühenden Wangen nicht an⸗ ders als unter der hohen, altdeutſchen, gepuderten Friſur, und er würde ſich nicht wenig die Augen gerieben haben, wenn ſie ihm plötzlich in ihrem natürlichen, dunkelbraunen Haar gegenüber geſeſſen hätte. Und eben, jene unaus⸗ geſprochenen, ungedachten Alltagsbeziehungen ſind es, die mit ihrem ahnungsreichen Hintergrunde bei einem neu geſchloſſenen Bunde die Gegenwart ſo unendlich ſüß machen. Jedes Wort, das ſie austauſchten, jeder Blick, mit dem ſie ſich anſahen, trug einen verborgenen Keim 10 von dem in ſich, was ſie einander in Zukunft ſein würden. Sie konnten nur nicht Alles überſehen, was ſie heute mit in den Kauf genommen hatten. Die ganze Kette ihrer mit Arthur verknüpften Erinnerungen an die Kindheit war Roſa anheimgefallen wie eine Herrſchaft. Manchem zag⸗ haften Gedanken, der ſie beſchlich, wenn ſie zu dem alten Hauſe hinüberblickte, konnte ſie nun Schweigen gebieten. Ihk allein gehörte nun das Recht, mit freudigem Stolze auf den ſchmucken Reiter herabzuſehen, der oft an ihrem Fenſter vorbeikam, und nur in ihrem Dienſte wird ihr Herz fernerhin ſtärker klopfen, wenn ſie von der Bühne herab ein gewiſſes Geſicht erkennt oder hinter den Cou⸗ liſſen eine gewiſſe Geſtalt ſich ihr nahen ſieht. Und wo Arthur auch immer den Namen Stuben⸗ rauch leſen wird, er iſt ſein Eigenthum, und jeder Antheil, den die Welt an dieſem Namen nimmt, iſt ein verfallenes Loos, ſeitdem er den Treffer gezogen hat. Das ſchöne blaſſe Antlitz, das ſie in ihrer Häuslichkeit ſo lieblich macht, wird er nun küſſen, und in dem ein⸗ fachen Gewande, worin er einſt ſeine Roſa wiederer⸗ kannte, wird er ſie an ſein Herz drücken. Ein betäubender Tuſch von Poſaunenſtößen und Paukenwirbeln ſchreckte beide aus ihrer ſtillen Innigkeit empor. Es war Mitternacht. Die Fanfare war das Zeichen zur Demaskirung. — — ½ 11 Sie dachten nun wieder an den rothen Domino, an ihre ungelöſten Zweifel und Vermuthungen über ſeine Perſon. Sie dachten an die Majorin und Roſa entſann ſich jetzt auch eines Zettels, der noch ungeleſen in ihrem Handſchuhe ruhte. Sie zog ihn hervor und las. Aber Arthur ließ ſie nicht zu Ende leſen, als er an der wechſelnden Farbe ihres Geſichts die Aufregung bemerkte, welche die Lectüre des Blattes auf ſie hervorbrachte. „Darf ich's wiſſen, Roſa?“ fragte er, ihr das Blatt aus der zitternden Hand nehmend. Roſa ſchwieg, aber ohne das Zeichen des Widerſtandes. Und Arthur las das Blatt. Es war eine Theaterkritik, die aus einer Zeitung herausgeſchnitten zu ſein ſchien. Es war darin eine Leiſtung Roſa's beſprochen, in der ſie ſich das Mißfallen des Publikums in ſo hohem Grade zugezogen haben ſollte, daß ihr ferneres Auftreten min⸗ deſtens ſehr in Frage geſtellt war. Sie war in einer Partie der auf Urlaub abweſenden Primadonna aufge⸗ treten, und ſchon bei ihrem erſten Erſcheinen hatte der größte Theil des Publikums, von den Prätentionen der angehenden Sängerin indignirt, unter die Empfangs⸗ ovationen ihrer Gönner laute Zeichen des Mißfallens gemiſcht. Die Kritik ging Schritt für Schritt dem äußern Erfolge nach, der mit jeder Scene immer mehr zu Roſa's Ungunſten ausfiel und zuletzt in eine totale Niederlage 12 ausartete, die in den ſchonungsloſeſten Ausdrücken näher geſchildert war. Der Referent ſprach von einer feilen Theaterkritik, die der durchaus talentloſen Novize bisher ungeſtraft Weihrauch geſtreut habe, er drückte ſein Be⸗ dauern über den Paroxysmus des Publikums aus, das ſich, von den Vorzügen einer gewinnenden Perſönlichkeit und einer beſtechenden Toilette verblendet, durch ſeine Ovationen zum Nachtreter erkaufter Lärmſchlager habe herabwürdigen laſſen, und bezeichnete das Engagement des Fräuleins Stubenrauch als eine rein kaufmänniſche, tadelnswürdige Speculation von ſeiten der Bühnen⸗ leitung. 7 „Wann iſt das geweſen, Roſa?“ fragte Arthur, ſich mit der Hand über die Stirn fahrend.„Davon weiß ich ja nichts!“ „Es ſteht mir noch bevor“, antwortete Roſa, die mit bleichem Antlitz im Seſſel ſaß;„übermorgen ſoll die Vorſtellung ſtattfinden.“ Arthur las die Kritik wiederholt durch. Dabei heiter⸗ ten ſich ſeine Züge auf, und indem er das Blatt weit von ſich hielt, als wolle er es aus der Ferne betrachten, ſagte er unter Lächeln:„Es iſt ja gar nicht möglich, daß ſich Jemand über etwas Ungeſchehenes öffentlich mit ſolcher Sicherheit ausſprechen kann. Merkſt Du nicht, Roſa, daß man ſich einen Scherz mit Dir erlaubt hat?“ —————— 13 „Einen Scherz?“ fragte Roſa ungläubig, aber ein wenig aufathmend.„Ich kenne ja Niemand, der—“ „Du kennſt Niemand“, tröſtete Arthur,„aber Viele kennen Dich. Jedenfalls geht der allerdings ſehr unfeine Spaß von einem Deiner wohlwollenden Recenſenten aus.“ „Trotzdem begreife ich nicht— es iſt ja doch ge⸗ druckt.“ „Eben deshalb. Die Herren von der Preſſe führen zuweilen gar ſeltſame Späße aus. Als ich noch ſtudirte, zählte zu Reinen nähern Bekannten auch ein Journaliſt, der im Oece eine Zeitung redigirte. Ich war gerade von einer meiner Ferienreiſen zurückgekehrt, da finde ich am nächſten Tage, als ich in mein Zimmer trete, die neueſte Nummer jener Zeitung. Ich leſe darin und ſtoße plötzlich auf meinen Namen. Und da ſteht mitten unter politiſchen und wiſſenſchaftlichen Nachrichten eine Notiz, daß der berühmte Touriſt Arthur Hofacker eben von ſeiner Reiſe nach dem ſüdlichen Europa zurückgekehrt ſei und ſich eine ſpaniſche Tänzerin mitgebracht habe, mit welcher er ſich demnächſt vermählen werde. Ich war außer mir und ſtürzte zu dem Redacteur. Auf der Straße wagte ich keinen Menſchen anzuſehen, und ich weiß nicht, wie oft ich unterwegs in die Häuſer geflüchtet bin, ſo oft ich von weitem einen Bekannten mir entgegen⸗ kommen ſah. Die Sache klärte ſich aber bald auf; an Stelle der mich betreffenden Notiz ſtand in den übrigen Exemplaren der Zeitung etwas ganz Anderes, und jenes Exemplar war mit dem eingeſchalteten Satze für mich allein gedruckt worden. Aehnlich wird es ſich auch mit dieſer Kritik verhalten, die ſich, wenn man einige Worte herausnimmt und dafür andere einfügt, ſehr leicht in eine Lobrede verwandeln läßt.“ Roſa hatte dem letzten Theile dieſer Mittheilung nur zerſtreut zugehört. Um ihren Mund ſpielte noch ein leiſes Lächeln, aber ihr Ideengang ſchien bereits bei einem neuen Gegenſtande zu verweilen. „Arthur“, ſagte ſie nachdenklich und den Blick zu Boden gewandt,„Du haſt ſehr weite Reiſen gemacht!“ „Je nun, ich kann ſagen, ich habe halb Europa ge⸗ ſehen.“ „Wo hat Dir's wohl am beſten gefallen?“ „Am beſten? Unbedingt in Italien.“ „Aber in Spanien iſt es wohl auch ſehr ſchön?“ „Gewiß! Spanien iſt ein Paradies.“ „Haſt Du während Deiner vielen Reiſen auch mit⸗ unter an mich gedacht?“ „O ja, mitunter.“ „Ich meine, ob Du immer— ob Du mir auch immer— treu geblieben biſt?“ 15 „Freilich bin ich Dir immer treu geblieben.“ „Arthur! Was hat es denn mit der Spanierin?“ Mit welcher Spanierin?“ fragte Arthur, der nur mühſam das Lachen unterdrückte. „Von der Du heute einmal ſagteſt, ſie würde Dir nicht ſo geantwortet haben wie ich.“ „Ach ſo! Das war nur eine Redensart.“ „Nur eine Redensart?“ wiederholte Roſa, ohne auf⸗ zublicken.„Und wer war denn Agathe?“ Arthur konnte ſich jetzt nicht mehr bezähmen. Er lachte laut, ſchlang ſeinen Arm um Roſa und gab ihr das Verſprechen, ihr bei nächſter Gelegenheit einmal alle dieſe Geſchichten zu erzählen. Im Saal wirbelte der Tanz. Die Willkürherrſchaft der Phyſiognomien iſt gebrochen. Auf nüchternen Geſichts⸗ zügen, regelmäßigen Naſen, lebensvollen Blicken ruht jetzt das Auge von ſeinem Umherirren auf ſtarren, lügneriſchen Formen wieder aus. Eine Menge Irrthümer und Miß⸗ verſtändniſſe werden berichtigt; Viele, die ſich, durch die Maske getäuſcht, gegenſeitig genähert hatten, thun jetzt entſetzlich fremd mit einander; Jeder, der am Tanzen keinen Geſchmack findet, hat das Gefühl, daß. die Haupt⸗ ſache vorüber ſei, wie die Ueberraſchungen einer Weih⸗ nachtsbeſcherung. Von unſern Bekannten iſt Niemand mehr anweſend 16 als der Matroſe und die Jägerin, die ſich ſchon längſt in einen Speiſeſaal zurückgezogen haben. Vom Cham⸗ pagner angeregt, verleiht Stichel der ſtillen Welt ſeiner Träume laute begeiſterte Worte. Er hat den Schrift⸗ ſetzer und Theaterkritiker gänzlich abgeſtreift und eröffnet ſeiner Verlobten überraſchende Einblicke in die geheimniß⸗ volle Werkſtätte ſeiner Künſtlerſeele. „Wozu der Lärm? Was ſteht dem Herrn zu Dienſten?“ fragt der künftige Theaterintriguant im Charakter des Mephiſto und in eigenthümlichem Naſentone den Kellner, ſo oft er eine friſche Flaſche bringt. Dann wieder ſteigt er in den ſchwarzen Abgrund der Seele eines Franz Moor hinab und redet Minna mit trefflich geheuchelter Gefühlswärme an:„Du weinſt, Amalie?“ Und im Charakter derſelben Rolle fragte er einen Herrn, der von zwei andern hinausgeführt werden mußte:„Aber iſt Euch auch wohl, Vater? Ihr ſeht ſo blaß aus!“ Obwohl er es nur der begütigenden Ver⸗ mittelung ſeiner Verlobten zu verdanken hatte, daß die Begleiter des vermeintlichen alten Moor, die ſeine geniale Intention verkannten, ihn nicht durchprügelten, ſo ließ er ſich dadurch doch nicht abſchrecken, der Geliebten noch mehrere Bruchſtücke aus andern Rollen zum Beſten zu geben. Im fernern Verlaufe ſeiner Probeleiſtungen ahmte er die Stimmen und Eigenthümlichkeiten verſchiedener Leute nach und ſtellte ſeiner Braut damit gleichzeitig die rigo⸗ roſe Aufgabe, aus ſeinen Copien die Originale zu errathen. Darüber wurde ſie verdrießlich, und als er zuletzt mit lallender Zunge einen Artikel aus einem zzukünftigen Converſationslexikon improviſirte, der ſeine Biographie enthielt und auch der Gattin des berühmten Mannes, der gefeierten Sängerin Schröter⸗Stichel, gedachte, da rief Minna zornig, er ſei betrunken, worauf er den Kopf auf den Tiſch legte und ſofort einſchlief. Fräulein Schröter löſte ihre Beſorgniſſe für den Heim⸗ weg durch das einfachſte Mittel von der Welt ſie ließ ihn ſchlafen und ging allein nach Hauſe. Höcker, Ein ſchöner Di on. III. 2 Zweites Kapitel. Der Agent Degenhaar ſaß zu Hauſe inmitten der Seinigen, mit ſchriftlichen Arbeiten beſchäftigt. Es war ein etwas räucheriges Zimmer. Den Polſtern auf Stühlen und Sopha ſah man man den vieljährigen Gebrauch an. An den Wänden hingen Heiligenbilder in unmöglichem Colorit und alten braunen Rahmen. Eine ungeheuer große ſchwarzwälder Uhr, deren Gewichte in einen langen Kaſten herabliefen, nahm ſich aus wie ein aufrechtſtehen⸗ der Kegelſchub. Auf dem Ofen waren gefüllte Cigarren⸗ kiſten bis zur Decke angehäuft, deren Inhalt hier durch die Wärme auf dem kürzeſten Wege jener Läuterung theilhaftig werden ſollte, die ſonſt nur das Werk der allmächtigen Zeit zu ſein pflegt. Die Anweſenheit ge⸗ wiſſer Gegenſtände, die von dieſen etwas ärmlichen Um⸗ — 49 gebungen auffallend abſtachen, ließ ſich nicht anders er⸗ klären, als daß Degenhaar auf irgend eine unfreiwillige Weiſe dazu gekommen war, ſie vielleicht an Zahlungs⸗ ſtatt hatte annehmen müſſen. Wir behaupten dies zum Beiſpiel von den gelbſeidenen, ſehr dünnen Fenſtervor⸗ hängen und ditto Tiſchdecken, dem Kupferſtiche in breitem, glänzendem Goldrahmen, Schiller's Vorleſung der„Räu⸗ ber“ darſtellend, und dem großen eleganten Papageikäfig, der auf einem Schranke ſtand. Gewiſſe ſtechende Blicke, die Degenhaar zuweilen nach jenen Gegenſtänden wirft, oder ein Stirnrunzeln, wenn ſein Auge ihnen zufällig be⸗ gegnet, beſtärken uns in dieſer Annahme. Madame Degenhaar, eine Frau in den Fünfzigen, mit breiter Naſe und einem länglichen Munde, der wie eine ſchlaffe Waſchleine von einem Ohre zum andern hängt, iſt beſchäftigt, für das Jüngſte ein Kleid zuzu⸗ ſchneiden. Das Jüngſte ſelbſt, ein kleines Mädchen, ſitzt zu den Füßen der Mutter und bemüht ſich, die herab⸗ fallenden Fleckchen zu einem Sonntagsanzuge für ihre Puppe zuſammenzunähen, indeß der ältere Bruder am Fenſter auf der Schiefertafel ſich ſeiner Schulaufgaben entledigt und dazwiſchen Verſuche anſtellt, das gegenüber⸗ liegende Haus abzumalen. Degenhaar ſelbſt ſitzt in Hemd⸗ ärmeln, das Haupt mit der blauen Mütze bedeckt, auf dem Sopha hinter einem Tiſche und berechnet mit Kreide 2* 20 ſeine Procentantheile an den mannichfaltigſten Geſchäften. Endlich legt er die Kreide beiſeite, ſtäubt ſich die Hände ab und lehnt ſich, die Arme übereinander kreuzend, ins Sopha zurück. Sein Blick ruht dabei auf ſeiner Frau und ſie gibt ihm den Blick zurück, was ſo viel heißt als: Die abgeſchloſſene Rechnung iſt eine Thatſache und bringt uns Gewinn. Das kleine Mädchen merkte, daß die Mutter in ihrer Beſchäftigung inne hielt, und der Knabe hörte den Vater die Kreide weglegen; beide drehten ſich um und ſahen einander gerade ſo an wie ſich die Aeltern. „Heute wird Manchem der Kopf brummen“, ſagte Degenhaar in Anſpielung auf den geſtrigen Opernball. „Manchem!“ ſagte ſeine Frau. „Was haben die Leute nun davon?“ „Nichts!“ „Geld haben ſie ausgegeben und heute ſind ſie ver⸗ drießlich und zu keiner vernünftigen Arbeit fähig.“ „Das iſt Alles!“ In dieſem Augenblicke klopfte es an die Thür. Aber ehe Degenhaar„Herein!“ rief, wechſelte er erſt jenen Blick mit ſeiner Frau; beide ſtimmten überein, es ſei eine Thatſache, daß Jemand zu ihnen komme, und dahinter ſtecke wahrſcheinlich ein Gewinn. Die Kinder ſahen ein⸗ ander ebenfalls an, und dann wurde der Klopfende zum Eintreten eingeladen. ————— 21 Der Eintretende war ein herrſchaftlicher Diener und trug einen Korb in der Hand. Da ſich die Thatſache des Gewinns dadurch feſtſtellte, ſo wechſelten Degen⸗ haar und ſeine Frau ſchnell einen zweiten Blick, ehe ſie grüßten. Als hätten die beiden Kinder ſich eben eine grobe Flegelei zu Schulden kommen laſſen, herrſchte Degenhaar ihnen zu:„Marſch hinaus!“ und ohne zu zögern, ge⸗ horchten ſie. Während der Diener eine Empfehlung von der Frau Majorin von Achtern ausrichtete, entnahm er dem Korbe einige Flaſchen Wein, mehrere Orangen und zuletzt ein Packet mit einigen Kleidern, welche nur wenig getragen waren. Die Erſcheinung des Dieners mit derartigen kleinen Geſchenken war dem Ehepaare durchaus nichts Neues. Aber es überraſchte ſie offenbar, daß derſelbe, nachdem ihm die üblichen Dankesworte an ſeine Herrin auf⸗ getragen worden waren, mit dem leeren Korbe in der Hand ſtehen blieb, alz habe er noch etwas zu ſagen. Degenhaar und ſein Frau ſahen einander an, zum Zeichen, daß irgend eine Thatſache dahinter ſtecke. „Die Gnädige läßt Sie bitten“, wandte ſich der Diener an Degenhaar,„ſie heute zu beſuchen. Sie habe dringend mit Ihnen zu ſprechen.“ 22 Als er fort war, ſagten beide kein Wort. Sie ſahen einander nur eine lange, lange Weile an, und dann machte ſich Madame Degenhaar ſchnell darüber, den grünen Rock ihres Gemahls auszubürſten und die Ge⸗ ſchenke zu verwahren. Degenhaar kleidete ſich in großer Haſt an und mußte beim Gehen ſeiner Frau verſprechen, von der Majorin aus gleich nach Hauſe zu kommen. Es war unerhört! Die Majorin wollte ihren Mann in einer dringenden Angelegenheit ſprechen! Es war etwas dabei zu gewinnen, daran ließ ſich gar nicht zwei⸗ feln. Trotzdem ſchüttelte Madame Degenhaar immer von neuem den Kopf. Die Beziehungen, in welchen Degenhaar ſeit Jahren zur Majorin ſtand, wurden nur durch die von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Geſchenke aufrecht erhalten und waren ſo einfacher Natur, daß ſich nie die Nothwendigkeit einer perſönlichen Zuſammenkunft zwiſchen Degenhaar und der Majorin herausgeſtellt hatte. Madame Degenhaar hielt oft in ihrer Beſchäftigung inne und ſtarrte nachdenkend vor ſich hin oder nach dem Dache des gegenüberliegenden Hauſes. Die Zeit verging und er hätte nun zurück ſein können. Sie öffnete zu wiederholten Malen das Fenſter und ſah die Straße entlang, aber vergebens. Es wurde dunkel, ihre Ungeduld war bis zum höchſten Grade geſtiegen, ſchon hatte ſie die Kinder wegen geringfügiger Kleinig⸗ 23 keiten ein paarmal geſtraft, da endlich trat der ſehnlich Erwartete zur Thür herein, nachdem ſie drei ſchreckliche Stunden hingebracht hatte. Sie fand ſein Benehmen auffallend. Ihr Blick, der nach der neuen Thatſache verlangte, blieb unerwidert. Auch rief er nicht wie gewöhnlich den Kindern zu, hin⸗ auszumarſchiren. Er zog ſeinen Rock aus, rieb ſich die Hände, trat aus Fenſter und ſah hinaus. „Es thaut“, ſagte er endlich. „Ich weiß es.“ „Vielleicht haben wir dann bald Auswanderer hier.“ Die Auswanderer brachten ihm Gewinn, denn er fing ſie am Bahnhofe ab und brachte ſie in das auf der andern Seite der Straße liegende Auswandererhotel zur Stadt Boſton und erhielt von dem Wirthe Pro⸗ cente dafür. Daher drehte ſich Degenhaar nach ſeiner Frau um und ſah ſie an und ſie ſah ihn wieder an, wenn auch etwas zerſtreut. „Sonſt nichts Neues?“ fragte ſie mit einem Blicke auf die noch immer anweſenden Kinder. „Eine Dame vom Theater will heimlich durchgehen. Ihre Effecten ſtehen ſchon am Bahnhofe“, berichtete Degenhaar. Ein zweites gegenſeitiges Anblicken erfolgte, woraus 24 ſich ſchließen ließ, daß auch hier auf irgend eine Weiſe Degenhaar's Intereſſe im Spiele war. „Sonſt nichts?“ „Ich wüßte nichts.“ „Warſt Du ſo lange bei der Majorin?“ „Nein.“ „Haſt Du ſie getroffen?“ „Ga.“ „Gibt's etwas zu verdienen?“ „Vielleicht.“ „Sollen die Kinder hinausgehen?“ „Nein.“ „Nun, was wollte die Majorin von Dir?“ „Laß das gut ſein, es wird ſich finden.“ „Darf ich's nicht wiſſen?“ fragte ſie im Tone ironi⸗ ſcher Herablaſſung. „Du brauchſt nicht Alles zu wiſſen“, entgegnete Degen⸗ haar unwillig.„Laß mich zufrieden!“ Madame Degenhaar machte heute zum erſten Male die herbe Erfahrung, daß ihr Mann fähig ſei, ein Ge⸗ ſchäftsgeheimniß vor ihr zu bewahren und ihren nach einer Thatſache verlangenden Blick im Stiche zu laſſen. Es entſtand zwiſchen beiden ein heftiger Wortwechſel. Sie fing laut zu weinen und zu ſchluchzen an. Die Kinder erhoben ein klägliches Geſchrei, und Degenhaar 25 zog ſeinen grünen Rock wieder an und ſuchte fluchend das Freie, nachdem er die Thür mit einem Krach hinter ſich zugeworfen hatte. Ein neuer Morgen. Die beiden Näherinnen in der Wohnung der Frau Stubenrauch machen die erſte Pauſe und nippen von dem perlenden Weine, der auf Präſentirtellern neben ihrem Frühſtück ſteht. Frau Stubenrauch ſieht, wie weit die Arbeit gediehen iſt, und wirft einen Seitenblick auf Roſa, die keinen Sinn, kein Auge für das neue prachtvolle, mit den koſtbarſten Spitzen garnirte Coſtüm zu haben ſcheint. Auf ihrem blaſſen Antlitz liegt ein Schatten von Schwermuth; ſie muß es der ſtolzen Mutter, die den heutigen Abend ſchon längſt herbeigewünſcht hat, ver⸗ ſchweigen, daß ſie keine Luſt, keine Freude am Theater mehr findet. Beſtimmter als je iſt in ihr jetzt das Ge⸗ fühl, daß ſie nicht für die Kunſt berufen iſt. An jenem Abende iſt der letzte Funken Ehrgeiz, wenn ſie je welchen beſeſſen, in ihr erloſchen. Sie kennt ein Ziel, das ihrem Herzen verwandter iſt als die Bewunderung einer glän⸗ zenden Menge. Die Unluſt an den ihr auferlegten Pflichten läßt ihr die Aufgabe, die ſie heute zu löſen hat, nur um ſo ſchwindelnder erſcheinen; dazu geſellt ſich eine zuneh⸗ mende Angſt, daß jenes Blatt, an welches ſie kaum 26 wieder gedacht hatte, doch einen gefährlichern Hinter⸗ grund als den eines Maskenſcherzes haben könne. Wenn es wahr wäre! Wenn ſie ihre bisherigen Erfolge wirk⸗ lich nur einer künſtlichen Erregung des Publikums zu verdanken hätte, wenn das Werk der Täuſchung heute mit einem Male zuſammenſtürzte, um ihre Ehre, ihre Selbſtachtung mit ſich zu begraben! Die widerſprechendſten Empfindungen ſtürmen auf ihr armes geängſtetes Herz ein, als ſie am Fenſter ſteht und die heiße Stirn gegen die Scheiben preßt. Da taucht unten auf der Straße ein Hut mit einer kleinen Feder auf, ein Reiter im grünen Rock wird ſichtbar; er ſitzt feſt und ſtolz auf dem aufbäumenden Rappen, von Eiſen ſcheint die Fauſt, welche die Zügel hält, und den⸗ noch fliegt das zärtlichſte Lächeln über ſein Antlitz, als er luſtig grüßend den Hut ſchwenkt. Er iſt vorüber. Die kämpfenden Empfindungen in Roſa's Bruſt haben Frieden geſchloſſen, eine Thräne rollt über ihre Wangen. Sie muß weinen und weiß doch nicht worüber. Aber dieſes Aufathmen unter wohlthuenden Thränen war nur ein Sonnenblick durch das Dunkel gewitter⸗ ſchwerer Wolken, die ſich bald wieder ſchloſſen. Mit dem vorrückenden Tage nahm Roſa's Unruhe zu. In dem neuen Coſtüm, das ſie am Nachmittag anprobirte, hätte man ſie getroſt auf das Paradebett legen können: 27 ähr Antlitz glich dem einer ſchönen Todten. Die Nähe⸗ rinnen ſelbſt, deren Augen anfangs bewundernd auf s Geſtalt geruht hatten, ſchienen zu fühlen, daß das Herz, welches unter dem prunkenden Gewande ſchlug, nicht beneidenswerth ſei; Roſa bemerkte die beſtürzte Theilnahme in ihren Blicken, nur an der Mutter ent⸗ deckte ſie kein Zeichen der Beſorgniß, des Mitgefühls. Sie mußte erſt von den Näherinnen auf das leidende Ausſehen ihrer Tochter aufmerkſam gemacht werden und fragte dieſe, ob ſie ſich unwohl fühle. Roſa verneinte. Es lag etwas Unentſchiedenes in ihrer Verneinung, das jede zärtliche Mutter beunruhigt haben würde. „Wenn Du Dich nicht wohl fühlſt, Roſa, ſo laſſen wir die Vorſtellung abſagen“, äußerte Frau Stubenrauch verſtimmt. „Ich bin nur ein wenig zaghaft“, antwortete Roſa mit erzwungenem Lächeln;„es wird vielleicht vorüber⸗ gehen.“— „Ganz, wie Du denkſt. Faſſe Muth, mein Kind; ſtärke Dich durch einen Schluck Wein.“ Roſa beneidete die Näherinnen, als dieſe gegen Abend nach Hauſe gingen. Es wartete ihrer heute noch viel Arbeit, wie ſie ſagten, ſie müßten die ganze Nacht hin⸗ durch nähen. Roſa wünſchte heute und alle Nächte hin⸗ durch nähen zu müſſen. 28 Es wurde dunkel. In denſelben Fenſtern gegenüber, wo einſt Arthur gewohnt hatte, beobachtete Roſa eine junge Frau. Sie konnte deutlich ſehen, wie dieſe die Lampe anzündete, ein weißes Linnen über den Tiſch breitete, wie ein lockiges Kind geſchäftig hin und her trippelte und die Teller herbeiholte, und wie die Geſti⸗ kulationen der Mutter darauf hindeuteten, daß die Kleine die unrechten Teller gebracht habe. Dann verſchwand es mit der Mutter in dem dunklern Hintergrunde des Zim⸗ mers und beide tauchten in einem hellen Scheine, der aus der geöffneten Thür des Ofens drang, wieder auf; Roſa ſah die Mutter das Feuer ſchüren und das Kind, das ſeinen Arm um ihren Hals geſchlungen hatte, mit roſigem Antlitz in die Glut hineinſchauen. Die wiederkehrende Duntkelheit verdeckte die kleine Gruppe, bis beide aufs neue in den Bereich des Lampenſchimmers traten. Jetzt hatte die Mutter das Kind auf dem Arme und ließ die weißen Fenſtergardinen herab, über welche dann noch öfter der Schatten der Glücklichen hinweg⸗ glitt. Nach einer Weile erklangen die einfach beglei⸗ tenden Accorde eines Pianos und eine Stimme ſang ein heiteres Lied mit ſo wenig Kunſt⸗ und Kehlfertigkeit, als dazu gehört, ein Kind zu erfreuen. Ueber die weiße Schneedecke der Straße kam ein Mann. Er lauſchte ein Weilchen nach den hellen Fenſtern empor und verſchwand — ——— 29 dann in der Hausthür, worauf bald das Lied mitten im Takte verſtummte.— Frau Stubenrauch, die unbemerkt von Roſa herein⸗ getreten war, ſah, wie Roſa am Fenſter beide Arme ausbreitete, wie ihre Hände ſich näherten und innig ver⸗ ſchlungen wie zum Gebet auf den ſchwer aufathmenden Buſen zurückkehrten. So plaſtiſch vollendet, ſo ſprechend wahr, ſo von ſüßer Sehnſucht durchdrungen war noch keine ihrer dra⸗ matiſchen Bewegungen geweſen, und Frau Stubenrauch riß ihre Tochter durch ein lautes„Bravo!“ aus ihren Träumen, in der Meinung, Roſa habe ſich in eine Situation ihrer heutigen Partie verſetzt. Das ſeidene Kleid der Mutter, die ſich bereits für das Theater angekleidet hatte, rauſchte grauſam in Roſa's Ohren. Auf dem Tiſche ſtand der Haubenſtock mit der Theaterhaube der Mutter, nicht weit davon lag ſauber zuſammengebrochen der Theaterzettel, darauf das Text⸗ buch und auf dieſem das Theaterperſpectiv im ſchwarzen Futterale. Dieſe kleinen Vorbereitungen waren Roſa nie ſo düſter erſchienen wie heute; das Geſicht der Mutter, in dem ſich die Ungeduld freudiger Erwartung deutlich ausſprach, war ihr noch nie ſo fremdartig vorgekommen, und noch nie war der Sängerin der Abſchied von dem traulichen Zimmer ſo ſchwer geworden wie jetzt, als ſie 5 30 ging und ſich fragte, um welchen Preis es ihr vergönnt ſein werde, dieſe Wände wiederzuſehen. Als Roſa in die Garderobe trat, erfuhr ſie, daß Dactor Arle ſein Amt als Theaterarzt niedergelegt habe. Das Publikum findet ſich ungewöhnlich zahlreich im Theater ein. Von den Damen, welche vor allen Dingen ihr Augenmerk auf Roſa's glänzende, ſtets wechſelnde Toilette zu richten pflegen, fehlt keine einzige. Die jungen und alten Herren, deren Auge ſich an plaſtiſcher Schönheit zu weiden liebt, haben ihr zahlreiches Con⸗ tingent geſtellt. Eine andere Fraction iſt erſchienen, weil ſie ſich einen Genuß davon verſpricht, eine Partie, in welcher man Frau Pichler⸗Sonnenfels ſchon bis zum Ueberdruß oft gehört hat, durch eine andere Sängerin repräſentirt zu ſehen, und auch die Skeptiker ſind nicht ausgeblieben, welche es ſchwer finden, eine Pichler⸗Sonnenfels in dieſer Rolle zu erreichen oder gar zu überteeffen. Es iſt auffallend, daß ſich auf gewiſſen Sperrſitzen im Parquet gewiſſe männliche Individuen breit machen, deren Aeußeres, ſowohl was die Geſichtsbildung als auch die Toilette betrifft, die in ihrer Nachbarſchaft ſitzenden Damen veranlaßt, ſo weit wie möglich von ihnen wegzurücken und ihre eleganten Kleider ſchützend zuſammenzunehmen. Man möchte faſt glauben, hier und da einen Parvenu zu erblicken, deſſen Glück ſo neuen Datums iſt, daß er noch — 31 keine Zeit gefunden hat, ſich ſeiner veränderten Stellung entſprechend herauszuputzen. Der Gedanke an einen Lot⸗ teriegewinn in der heutigen Ziehung liegt nahe, und es iſt gar nicht unwahrſcheinlich, daß eine Anzahl ſolcher Glücksritter an einem Looſe betheiligt iſt, denn die Er⸗ ſcheinung im Parquet wiederholt ſich auch auf den übrigen Rangſtufen des Auditoriums, welche der eleganten Welt angewieſen ſind. Die Oper hat begonnen und endlich naht ſich aus dem Hintergrunde die Heldin des Abends. Viele Hände regen ſich zum Willkommen, aber noch ehe daſſelbe zu einem donnernden Applaus anſchwellen kann, bricht ſich aus allen Theilen des Hauſes ein durchdringendes Ziſchen Bahn. Nur die ruhige Miene des Kapellmeiſters, mit welcher derſelbe ſeinen Taktirſtock gegen Roſa erhob, vermochte die bleichgewordene Sängerin zu dem ſchnellen Entſchluſſe, ihr Recitativ zu beginnen, in dem Momente, wo ſie bereits im Begriffe ſtand, ſich von der Bühne zu entfernen. Ihre namenloſe Angſt ſprach aus der zit⸗ ternden Stimme, die vergebens rang, ſich zu ihrer nor⸗ malen Kraft zu erheben. Am Schluſſe der Scene ſuchte man ſie durch Beifallſpenden zu ermuthigen, aber noch ſtärker als zuvor erhob ſich das übertäubende Geziſch, das jetzt durch ein Kratzen von Füßen auf dem Boden noch unterſtützt wurde. *½ 32 Alles blickt ſich um. Einige ſprechen ihre Entrüſtung aus, Andere lächeln, und wieder Andere, denen der Kampf der Parteien Unterhaltung gewährt, hoffen im Stillen, daß er ſich fortſetzen werde. Ein Verſuch, die Sängerin nach dem Schluſſe des Actes hervorzurufen, ſcheiterte an der todtesmuthigen Tapfer⸗ keit der Oppoſition, die minutenlang ziſchte, pfiff und kratzte. Frau Stubenrauch, in heftiger Aufregung, kreideweiß im Geſicht, und Arthur, gefaßt und ruhig, begegneten einander im Zwiſchenacte auf der Bühne. Beide waren gekommen, Roſa zu tröſten und zu ermuntern, und beide mußten unverrichteter Sache zurück, denn Roſa ließ Niemand zu ſich. Das Intereſſe an der Handlung der Oper und den Leiſtungen der Sänger war ſpurlos verſchwunden, ſo oft Roſa auf der Bühne ſtand. Der Wohllaut ihrer Stimme war gebrochen, ihre Beziehungen zu dem Ganzen auf⸗ gelöſt, der letzte Hauch dramatiſchen Lebens erſtorben, aber eine erhabene Ruhe, eine ſtolze Feſtigkeit machten ſie bewundernswerth. Man ſah ihr den unbeugſamen Entſchluß an, in ihrer Partie bis zum letzten Tone aus⸗ zuhalten, und ſtatt im Lichte bemitleidenswerther Be⸗ ſchämung zu erſcheinen, machte ſie jeden Anweſenden, der von Menſchenwürde einen Begriff hatte, zu ihrem Schuldner. ——— 1 2 35 Frau Stubenrauch ſitzt ſtarr und bewegungslos da. Sie würde zu träumen glauben, wenn ſie nicht den kalten Angſtſchweiß auf ihrer Stirn fühlte, wenn nicht das Klopfen glühender Hämmerchen in ihren Wangen ihr verriethe, daß ſie wacht. Sie könnte ſich es leicht machen, wenn ſie hinausginge, ihre Anweſenheit ändert nichts an den Vorgängen, aber ſie bleibt, als ſei es die heiligſte ihrer Mutterpflichten, alle die Qualen ihres Kindes ſelbſt mit durchzuleben. Es iſt ein ſchreckliches Gefühl, wenn man das Liebſte, was man beſitzt, für das man vielleicht ſein Leben laſſen würde, von einer rohen Menge verhöhnt und in den Staub getreten ſieht. Unſere Mörder werden einſt gerichtet; wir errathen oder kennen unſere Verleumder, und wenn wir unverſöhnlichen Ge⸗ müths ſind, beſchließen wir, uns zu rächen; für jedes Leid, das wir von der Welt erfahren, für jedes Ver⸗ brechen, das man an uns begeht, gibt es einen Anhalt, einen Abfluß für die bitterſten unſerer Gefühle. Nur da nicht, wo wir unſere ſtolzeſten Hoffnungen, unſere ſchönſten Träume von fremdem Widerſpruche zerreißen, zerfleiſchen ſehen, von Menſchen, die wir nie kannten, nie kränkten, von Menſchen, die über das Werk ihrer Zerſtörung hinweg ruhig nach Hauſe gehen werden. Frau Stubenrauch's Phantaſie ſchuf ſich Phyſiogno⸗ mien, die ſie mit den Füßen zertrat, höhniſche Augen, Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. 3 34 die ſie herausriß, und ſchloß mit einer Wolluſt, als raufe ſie Jemand die Haare aus, krampfhaft ihre Hände zu⸗ ſammen.. „Lauter!“ tönt aus dem Parterre ein Zuruf an die Sängerin auf der Bühne, und Frau Stubenrauch hört, wie in ihrer Nähe Jemand leiſe flüſtert:„Es iſt wahr, ſie ſingt ſehr leiſe.“ 3 „Iſt das ein Wunder unter ſolchen Umſtänden?“ fragt ein Anderer, der ſehr langſam ſpricht. „Ganz abgeſehen davon“, entgegnete der Erſte,„fehlt es ihrer Stimme in der That an Kraft, ich habe das von jeher gefunden. Sie ſollte ihren Wirkungskreis im Concertſaale ſuchen.“ „Sie ſoll Vermögen haben“, hört Frau Stubenrauch eine junge Dame zur Mama ſagen;„ich begreife nicht, wie ſie ſich entſchließen konnte, eine ſolche dornenvolle Laufbahn zu erwählen, da ſie es doch nicht nöthig hat.“ „Eher möchte ich Dich im Sarge ſehen“, antwortete die Mama,„als auf den Bretern, wo jeder Tagelöhner ſich für wenige Groſchen das Recht erwirbt, ſeinen Humor an Dir auszulaſſen. Bei Gott, es kann nichts Trau⸗ rigeres geben als das Theaterleben!“ „Aber“, ſagte wieder der langſam ſprechende Herr, der Roſa vorhin in Schutz nahm,„die Kritik ſpricht ſich doch ſtets übereinſtimmend günſtig über ſie aus.“ 4 * 4 4 4 † 35 „Sie dürfen auch nicht Alles glauben, was die Kritik ſagt. Dieſe Leute können zuweilen ſehr irren, und ich muß offen geſtehen, daß mir das, was ich in unſern Blättern über die junge Dame geleſen habe, mitunter doch etwas zu toll war. Es war ganz danach angethan, als ob—“ Der Herr ſprach nicht weiter, wohl aber ſah Frau Stubenrauch, daß er mit ſeiner ſchwarzbehand⸗ ſchuhten Hand die Pantomime des Geldzählens machte. „Aha!“ ſagte der andere Herr lächelnd.„Das wäre wohl möglich.“ „Da iſt mir zum Beiſpiel“, ſagte wieder der Erſte, „die andere Sängerin, Fräulein Minna Schröter, viel lieber.“ „Meinen Sie?“ „Sie beſitzt nicht dieſe Schule, darf keinen Anſpruch auf äußere Vorzüge machen, hat aber eine recht hübſche, kräftige Stimme, einen in allen Lagen gleich durchgebil⸗ deten, gerundeten Ton. Es iſt ſchade, daß man ſie ſo zurückſetzt.“ „Gott ſei Dank“, ſagte die junge Dame,„jetzt kommt ein Ballet. Ich athme ordentlich auf.“ „Du haſt Recht“, äußert die Mama;„das iſt auch heute das Einzige, woran man Genuß haben kann. Denn auch die übrigen Sänger ſind doch mehr oder weniger beängſtigt und in der Entfaltung ihrer Kräfte beengt.“ 3* 36 Dieſe letzte Anſicht ſpricht auch Minna Schröter, die mehrere Duetten mit Roſa zu ſingen hat, ganz unum⸗ wunden aus. Sie äußert in der Garderobe laut und heftig, daß ſie ſich faſt zu Tode ſchäme, daß es ihr ganz unmöglich ſei, zu ſingen, und nur mit Mühe läßt ſie ſich durch Herrn von Kamp überreden, an Roſa's Seite vor die Lampen zu treten. Die Oper iſt bis zum dritten Acte vorgerückt, als Fräulein Schröter die An⸗ weſenheit eines Herrn bemerkt, welcher hinter den Cou⸗ liſſen auf und ab geht. Seine Kleidung verrieth durch⸗ aus nichts Außergewöhnliches, aus ſeiner Bruſttaſche ſchaut ein weißer Streifen hervor, ähnlich dem Rande eines nicht unwichtigen Schriftſtücks. Fräulein Schröter’s Blicke und die des Mannes mit dem Paopierſtreifen ſind einander ſchon mehrere Male begegnet, als der letztere zu ihr herantritt und ſie fragt, ob er das Vergnügen habe, mit Fräulein Minna Schröter zu ſprechen. Seine Frage klang ſehr artig, er beugte ſogar mit einem gewiſſen An⸗ ſtrich von Galanterie ſein Ohr zu ihr herab, und den⸗ noch bemächtigte ſich der Sängerin eine namenloſe Angſt. Und das iſt leicht erklärlich, denn es wird wohl faſt ein Jeder, der eine Reiſe vorhat, ſich einer gewiſſen Unruhe nicht erwehren können, je näher die Stunde der Abfahrt heranrückt, und er wird geneigt ſein, in dem kleinſten, harmloſeſten Unſtande ein Hinderniß ſeines Vorhabens 37 zu entdecken, beſonders wenn er Urſache hat, die Reiſe geheim zu halten, und ſich bewußt iſt, daß dieſelbe ver⸗ hindert werden würde, wenn gewiſſe mehr oder weniger dabei intereſſirte Leute Wind davon bekommen hätten. Fräulein Schröter bejahte die Frage des fremden Herrn in einem kleinmüthig höflichen Tone, und obwohl jener mit einer Verbeugung hierauf wieder zurücktrat, ſo wurde ihre Unruhe dadurch doch um nichts gemildert und ſie wünſchte, es wäre erſt Alles glücklich vorüber und ſie ſäße im Dampfwagen. Sie hätte ihren Zwei⸗ feln, ihrer Ungewißheit ſeyr leicht ein Ende machen kön⸗ nen, wenn ſie Herrn von Kamp, der ſich mit dem Manne im Vorübergehen ſehr freundſchaftlich unterhielt und von ihm eine Priſe annahm, gefragt hätte, wer der Fremde ſei, aber ſie wagte die Frage nicht, weil ſie faſt fürchtete, der Oberregiſſeur, welcher jederzeit zu Neckereien auf⸗ gelegt war, könne ſich den Scherz machen, dem Manne ein recht ſchrecklich klingendes Prädicat beizulegen und Reminiscenzen an Polizei⸗ und Gerichtsbehörden zu er⸗ wecken, von denen Fräulein Schröter gerade heute auf das unangenehmſte berührt worden wäre. Wie mit magnetiſcher Gewalt zog der aus der Bruſt⸗ taſche ſchauende Papierſtreifen fortwährend Minna'’s Blicke an, und als glaubte der Fremde ihre Aufmerkſamkeit er⸗ widern zu müſſen, fragte er ſie ganz in der vorigen höflichen 38 Weiſe, ob ſie bis zum Schluſſe der Oper beſchäf⸗ tigt ſei. „Leider!“ antwortete Fräulein Schröter mit einem erzwungenen Seufzer.„Es iſt unerträglich heiß!“ „So?“ fragte der Herr mit dem Papierſtreifen, als hätte er ſeine eigene Atmoſphäre. „Es iſt ſehr voll heute“, meinte Fräulein Schröter, und da der Herr keine Miene machte, darauf etwas zu antworten, ſo fügte ſie hinzu:„Es iſt zum Brechen voll!“ Der Unbekannte ſtieß ein„Hm!“ aus, als verließe er ſich ganz auf das Urtheil des Fräuleins. Aus einem unbeſtimmten Drange ihrer Gefühle ſagte ſie nach einem Weilchen:„Die arme Stubenrauch dauert mich ſehr!“ Der Unbekannte nickte und ſah ſie mit einem ſo ab⸗ weſenden Blicke an, daß Fräulein Schröter's Gedanken unwillkürlich auf das Thema der Abweſenheit im All⸗ gemeinen und auf Bahnhöfe, die furchtbare Kraft des Dampfes und die ſchwindelnde Schnelligkeit, mit der man heutzutage reiſt, im Beſondern gelenkt wurden. Inzwiſchen ſind einige Hauptſcenen Roſa's ſtill und lautlos vorübergegangen. Keine Hand regt ſich zum Beifall und infolge deſſen iſt die Oppoſition ebenfalls zum Schweigen gezwungen. Das ſcheint einem kleinen Herrn im Parterre, der den Hut in den Nacken gerückt 39 hat und mit einem Stöckchen ſpielt, durchaus nicht zu behagen. Er benutzt die erſte günſtige Gelegenheit, der Sängerin Beifall zuzuklatſchen und ſein Beiſpiel findet zahlreiche Nachahmer. Während er mit den Händen klatſcht, entſtrömt ſeinem Munde gleichzeitig ein Ziſchen und der Kampf beginnt von neuem. Der kleine Herr hat während dieſer Doppelthätigkeit den Eindruck, als ſähe ein Geſicht auf ihn herab, und er täuſcht ſich nicht, denn neben ihm ſteht ein großer Herr in grünem Rocke, der ihn ſehr aufmerkſam beob⸗ achtet hat. „Sie gießen Waſſer ins Feuer“, ſagt der Herr im grünen Rocke und lächelt. Da Doctor Stichel dies nicht leugnen kann, ſo zuckt er die Achſeln und gibt es ſtill⸗ ſchweigend zu, indem er den Fremden ebenfalls anlächelt. Obwohl dieſer mit ihm vollkommen einverſtanden zu ſein ſcheint, weil er noch immer lächelnd auf ihn herabblickt, ſo glaubt der kleine Herr es doch für gut zu befinden, ſich der Beobachtung zu entziehen und ſich im Gedränge des Parterres einen neuen Standpunkt aufzuſuchen. Aber wohin er ſich Bahn bricht, immer wieder ſteht der grün⸗ röckige Herr neben ihm, um bei jedem neuen Klatſchen und Ziſchen ein Lächeln mit ihm auszutauſchen, als ſei ihm die raffinirte Methode des kleinen Herrn etwas ganz Neues, woran er ſich nicht ſatt ſehen könne. ——-——— 40 Der Vorhang fällt zum letzten Male. Roſa's auf⸗ richtige Bewunderer ſind feſt entſchloſſen, die mitgebrachten Kränze und Bouquets dennoch anzubringen. Es erhebt ſich ein raſendes Händeklatſchen und Bravorufen, aber während der Vorhang emporfliegt und die Kränze und Bouquets auf die leerbleibende Bühne flaattern, bricht ſich ein ſolches Ziſchen, Pfeifen, Kratzen und Miauen Bahn, daß Kinder ängſtlich zu weinen anfangen und entfernt werden müſſen. Die Polizeiwache, immer gern bereit, einen harmloſen Angetrunkenen zu packen und einzuſtecken, geht in der Vorhalle unthätig auf und ab; in ihren Inſtructionen befindet ſich kein Paragraph zum Schutze gekränkter Künſtlerehre. Der kleine Herr hat ebenfalls tapfer geziſcht und gepfiffen und der Grünrock hat nicht aufgehört zu lächeln. Beide verlaſſen zu gleicher Zeit das Theater und beide ſtehen jetzt an einer Thür, welche zu der Bühne führt. „Warten Sie auf Jemand?“ fragt der kleine Herr ſeinen neuen Bekannten. „Ja. Und Sie?“ „Ich warte auch auf Jemand.“ Der kleine Herr öffnet die Thür und tritt in einen langen, düſter erleuchteten Gang. „Haben Sie einen Bekannten bei der Bühne?“ fragt plötzlich eine Stimme, und er erblickt den Grünrock, der 41 hinter ihm ebenfalls eingetreten iſt und noch immer lächelt. Der kleine Herr bejaht und der große ſagt:„Ich habe auch einen Bekannten bei der Bühne.“ „Das trifft ſich ja merkwürdig!“ ſagt der kleine Herr etwas ſtutzig und ſieht den andern an. Dieſer lächelt noch immer, aber der kleine Herr findet das Lächeln jetzt ſo eigenthümlich, als müßte mit einem von beiden etwas ganz Merkwürdiges vorgehen. Und das trifft auch ein, denn dem kleinen Herrn kommt es plötzlich vor, als ſchlüge der Blitz in ſeine rechte Wange, und zwar ſo wuchtig, daß Zahnſchmerzen Balſam dagegen ſind und er mit der linken Wange gegen die Wand fliegt. Dann ſchlägt ein zweiter Blitz in die linke Wange, auf dem Boden beſchreibt ein ſchwarzer Hut einen Kreis und die beiden Wände des Corridors ſcheinen mit einander gewechſelt zu haben. Der kleine Herr merkt jetzt, daß ihm Jemand Ohrfeigen gegeben hat, und im Nu ſchwirrt ſein Stock gegen das Geſicht, das er über ſich erblickt, und in demſelben Nu hat der Grünrock einen Stock und der kleine Herr hat keinen. Er ſelbſt berührt mit der Naſe ſo ziemlich den Boden und fühlt ſich mit dem Körper wie zwiſchen einen eiſernen Schraubſtock geſpannt. Ein gleich darauf folgendes Gefühl auf einem gewiſſen Theile ſeines Körpers, den ſeine Hände vergeblich ſuchen, erinnert ihn lebhaft an ſeine Schulzeit. Man hört etwas, . 42 als zerſplitterte ein Stock in viele Theile, dann hört man das ſchallende Arbeiten einer ergänzenden Fauſt und zuletzt erblickt man in dem öden Corridore Niemand als den kleinen Herrn, der mit bis über die Naſe herab⸗ getriebenem Hute auf die ſonderbarſte Weiſe umher⸗ ſpringt. Inzwiſchen iſt auch die Bühne der Schauplatz eines ſeltſamen Ereigniſſes geworden, trotzdem der Vorhang ſchweigend herabhängt. Fräulein Minna Schröter hatte ſich in einer unglaublich kurzen Zeit umgekleidet und wollte eben an dem fremden Herrn, mit dem ſie ſich ſo angenehm unterhalten hatte, ohne Gruß vorüberhuſchen, als er ihr mit den Worten, daß er mit ihr zu ſprechen wünſche, höflich in den Weg trat. „Mit mir?“ fragte Fräulein Schröter ſehr erſtaunt und in richtiger Vorahnung des Unterſchieds zwiſchen dem vorangegangenen und dem bevorſtehenden Geſpräch. „Ja, mit Ihnen“, ſagte der höfliche Herr, zog das Papier aus der Taſche und entfaltete es, als wolle er über ein ſkizzirtes Thema einen freien Vortrag halten. Er nannte den Namen einer Perſon, in deren Auftrag er hier ſei, und bezeichnete eine Summe, die er von Fräulein Schröter für genannte Perſon in Empfang zu nehmen wünſche. Fräulein Schröter, deren Blut nach dem Herzen 43 drängte, räumte ſtammelnd und in herzlichem Tone ein, daß dies ſeine Richtigkeit habe, und fügte mit einem ſchmerzlichen Lächeln hinzu, daß ſie augenblicklich nicht in der Lage ſei, das Geld zu ſchaffen. Sie erwartete, der Herr, den ſie für den Rechtsanwalt ihres Gläubigers hielt, werde ihr nun einen Ort nennen, wo ſie ſich mor⸗ gen mit der betreffenden Geldſumme einzufinden habe. „Ich habe keine Vollmacht, eine Friſt zu gewähren“, ſagte der Herr.„Soll ich Ihnen einen Rath geben, ſo entledigen Sie ſich Ihrer Verpflichtung noch heute Abend.“ „Heute Abend noch?“ rief Fräulein Schröter im Schmeicheltone.„Das iſt ja gar nicht möglich, Herr Advocat!“ „Wollen Sie gefälligſt Einſicht von dieſen Papieren nehmen?“ „Ach, bitte“, entgegnete die junge Dame, höflich ab⸗ lehnend,„ich ſetze das vollkommenſte Vertrauen in Sie.“ Man ſollte meinen, dieſe Verſicherung hätte den ver⸗ meintlichen Advocaten erfreuen müſſen, aber er ſchien durchaus keinen Werth darauf zu legen, ſondern drang der Dame eins der beiden Papiere geradezu auf, als ein für ſie beſtimmtes Duplicat, deſſen Inhalt kennen zu lernen Fräulein Schröter jedoch nicht begierig zu ſein ſchien. 44 „Ja, was iſt da zu thun?“ fragte ſie rathlos. „Sind Sie im Beſitze von Werthgegenſtänden“, fragte der Herr,„wie Uhren, Zuwelen, Ringe, die Sie als Unterpfand deponiren können?“ Er warf dabei einen flüchtigen Blick auf einen ſehr ſchmalen Reif, den die junge Dame am Finger trug, als ſchlöſſe er dieſen Ring von den angeführten Werthgegenſtänden natür⸗ lich aus. „Die wenigen Schmuckſachen, die ich beſitze, ſind un⸗ echt. Sie wiſſen“, ſetzte ſie ſelbſtverleugnend hinzu, „Theaterflitter.“ Der Herr nickte mit gerunzelter Stirn, ſeufzte und ſagte: „Dann bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich Ihrer Perſon ſelbſt zu verſichern.“ „Meiner Perſon?“ ſtotterte die Dame erbleichend. „Wie ſoll ich das verſtehen, Herr Advocat?“ „Ich bin nicht Advocat, ſondern Gerichtsbote und muß Sie unter den obwaltenden Umſtänden als meinen Arreſtanten betrachten.“ Sofort ſchwamm das Geſicht der jungen Dame in Thränen. Sie kannte, mit Einſchluß der Todesſtrafe, in dieſem Augenblick kein ſchrecklicheres Loos als das des Schuldarreſtes und keinen größern Hochgenuß als eine Nachtfahrt in einem Coupé dritter Klaſſe. 45 Sie warf ſich dem Gerichtsboten zu Füßen und rief unter lautem Schluchzen:„Haben Sie Mitleid, Herr Conducteur! Haben Sie Erbarmen!“ „Ich hege das aufrichtigſte Bedauern“, ſagte der Ge⸗ richtsbote achſelzuckend,„aber ich kann Ihnen damit nichts nützen!“ Die Scene hatte einen kleinen Kreis Neugieriger herbeigelockt und ſpielte dicht vor der Thür der Damen⸗ garderobe, die ſich auf die Weherufe der unglücklichen Schuldgefangenen öffnete. Einige Damen kamen heraus und auch Roſa trat heran. Beim Anblicke der Knieenden erinnerte ſie ſich einer ſchreckensvollen Stunde, wo auch ſie ſich vor Jemand niedergeworfen hatte. Ihre damalige Lage ſchwebte ihr ſo deutlich vor, daß ſie ihr hentiges Mißgeſchick auf eine Sekunde vergaß und ſich ſagte, wie glücklich ſie doch immerhin ſei. Auf ihre Frage, was geſchehen ſei, erfuhr ſie von einem der Umſtehenden den Sachverhalt. „Ins Schuldgefängniß?“ ſagte Roſa zuſammenſchau⸗ dernd.„Wie hoch beläuft ſich denn der Betrag?“ Der Gerichtsbote ſchwieg zu dieſer Frage, weil es nicht ſeines Amtes war, einem Unbetheiligten darüber Auskunft zu geben. Fräulein Schröter, die inzwiſchen aufgeſtanden war und ſich in einen Stuhl geworfen hatte, beide Ellbogen auf den Schooß geſtützt und das 46 Geſicht in die Hände vergraben, ſah Roſa mit einem wüthenden Blick an und bezeichnete ihr in einem eigen⸗ thümlich gereizten Tone die Höhe des Betrags. Die Summe war nicht unbedeutend. Roſa zog Herrn von Kamp beiſeite und fragte ihn, ob er glaube, daß der Theaterkaſſirer das Geld aus⸗ zahlen werde, wenn ſie ſich ihm für die Summe mit ihrer Gage verbürge. Herr von Kamp zweifelte nicht daran und eilte fort, denn er war ſtets gern bereit, zu helfen, kam aber mit der Nachricht zurück, daß der Kaſ⸗ ſirer bereits nach Hauſe gegangen ſei. Er wohnte weit; der Gerichtsbote wollte nicht länger warten. „Wenn ich Ihnen nun dies Armband gebe?“ wandte ſich Roſa leiſe an den Gerichtsboten und befreite ihren ſchneeweißen Arm von einem goldenen Bracelet. Es fun⸗ kelte und blitzte im Lichte, nur übertroffen von dem Blitzen in Roſa's Augen. Der Gerichtsbote prüfte das Armband genau, gab es Roſa zurück und ſagte:„Das würde allerdings genügen.“ „Und in dieſem Falle iſt die Dame frei?“ fragte Roſa. „Dann iſt ſie frei.“ „So nehmen Sie es hin“, ſagte Roſa, dem Gerichts⸗ boten das Armband reichend. Ein leiſes Murmeln lief durch die kleine Verſamm⸗ ——— 47 lung. Der Gerichtsbote entfernte ſich, gute Nacht wün⸗ ſchend. Fräulein Schröter ſaß noch immer auf dem Stuhle, aber ihr Kopf war tiefer und tiefer auf die Bruſt herabgeſunken. Nach einer geraumen Weile erhob ſie ſich und trat zögernd in die Garderobe.„Ich danke Ihnen“, ſagte ſie zu Roſa, die rothgeweinten Augen zu Boden ſenkend und langſam deren Hand erfaſſend, ich danke Ihnen. Ich habe immer geglaubt, Sie wüßten es, aber Sie haben wohl kaum eine Ahnung davon?“ „Wovon eine Ahnung?“ fragte Roſa überraſcht. „Ich glaube“, fuhr Fräulein Schröter fort, ohne das Auge zu Roſa zu erheben,„ich glaube, wir haben uns gegenſeitig mißverſtanden, ſeit wir uns kennen. Es iſt wahr, daß Sie meine Stellung hier gefährdet haben; ich war nicht frei von Neid, nnd wer, der an der Bühne ſein Brod hat, kann ſagen, daß er von Mißgunſt immer frei geblieben ſei?“ „Laſſen wir das ruhen“, ſagte Roſa ſanft und drückte Fräulein Schröter's Hand. „Sie haben mich als Ihre Feindin betrachtet“, ſagte die letztere, und die beiden Tänzerinnen, die noch in der Garderobe anweſend waren, wurden mäuschenſtill,„und Sie haben mir damit nicht Unrecht gethan. Als meine Rivalin waren Sie mir nicht unbequemer, wie Sie jeder 48 Andern an meiner Stelle ſein würden. Aber ich war Ihnen gram, noch ehe es dahin kam, ich ſage es Ihnen offen. Als ich Ihnen einſt auf der Treppe begegnete, ſagte ich mir: Das iſt ihre Tochter, und von dieſem Augen⸗ blicke an haßte ich Sie. Ich kam von Ihrer Mutter. Sie hörten noch meine letzten Worte, die ich ihr hinauf⸗ rief, und ſahen, daß ich weinte.“ „Ich entſinne mich genau“, ſagte Roſa. „Ihre Mutter hacte mir einige Zeit vorher auf zwei meiner beſten Coſtüme Geld geliehen. Die Friſt war abgelaufen, ich kam einige Tage zu ſpät, um die Pfänder einzulöſen. An jenem Morgen ſagte mir Ihre Mutter, daß ſie die Coſtüme verkauft habe, um den zehnten Theil deſſen, was ſie mich gekoſtet hatten. Ich war außer mir!““ Es überlief Roſa eiskalt, als ihr plötzlich eine Ahnung von der Natur der Geſchäfte aufging, die den Erwerb der Mutter bildeten. Wenn ſie niemals Regungen von Stolz in ſich gefühlt hatte, ſo wallte er in dieſem Augenblicke in ihr auf. Von dem Gewerbe eines Pfandleihers hatte ſie nur einen dunkeln, verächtlichen Begriff gehabt, ſie hatte bei dieſem Namen an eine in tiefſter Erniedrigung ge⸗ borene und aufgewachſene Men ſchenklaſſe gedacht, von der ſie das Laſter und die Verworfenheit kaum zu trennen wußte. 49 „Ich berühre dieſen Punkt nur ungern“, fuhr Fräulein Schröter fort und mit einem halb verſtohlenen, halb un⸗ willigen Winke gegen die beiden Tänzerinnen, die Roſa geſpannt beobachteten,„allein ich bin Ihnen und mir dieſe Rechtfertigung ſchuldig. Ihre Mutter hatte die Coſtüme nicht verkauft; ſie hatte ſie verändern und aufs glän⸗ zendſte herrichten laſſen, und ich will Ihnen die Rollen nicht nennen, in denen Sie darin vor die Lampen traten. Sie werden mich jetzt vielleicht milder beurtheilen. Ich begehe gewiß keine Unzartheit, indem ich Ihnen dies vor Zeugen ſage, denn es iſt Niemand am Theater, dem Ihre Mutter nicht wenigſtens dem Rufe nach bekannt wäre, und ich bin nicht die Einzige, deren Thränen auf manchem Ihrer ſchönſten Kleider haften, das Ihnen vielleicht in Ihrer Harmloſigkeit Freude gemacht hat.“ Roſa ſchien erſtarrt. Sie hätte eine Bettlerin um ihre Lumpen beneiden mögen. „Und ich wünſche aufrichtig“, fuhr Fräulein Schröter fort,„daß Sie die hochherzige Handlung, durch die Sie ſich heute meine ewige Dankbarkeit erworben haben, nicht bereuen mögen. Leſen Sie ſelbſt, aus weſſen Händen Sie mich befreit haben.“ Fräulein Schröter übergab Roſa das Duplicat des Arreſtbefehls. Roſa ergriff es mechaniſch, las darin und ließ es zu Boden fallen. Höcter, Ein ſchöner Dämon. III. 4 50 Roſa's eigene Mutter war es, in deren Auftrag die Dame wegen einer Schuldforderung hatte verhaftet werden ſollen. „Ihre Mutter war in ihrem Rechte“, ſagte Fräulein Schröter.„Aber es iſt auch wahr, daß ich von ihr nur die Hälfte dieſes Betrags empfing, und daß die Summa durch den Zuſchlag der enormen Procente zu dieſer Höhe angeſchwollen iſt. Die Noth zwang mich dazu; ich habe Niemand als mir ſelbſt Vorwürfe zu machen, aber ich darf ſagen, daß Ihre Mutter einer ſolchen Tochter nicht würdig iſt.“ In der feſten Ueberzeugung, Roſa durch ihre Ent⸗ hüllungen einen Liebesdienſt erwieſen zu haben, verab⸗ ſchiedete ſich Fräulein Schröter von ihr, ſehr gedrückt und gedemüthigt von dem Bewußtſein, daß morgen ſchon ihre heimliche Abreiſe bekannt werden und ein gewiſſes Blatt in die Oeffentlichkeit flattern würde, welches aufzuhalten nicht mehr in ihrer Macht lag. Die beiden Tänzerinnen, die mit Roſa jetzt allein waren, ſtanden nicht unter dem Eindrucke dankbarer, verſöhnlicher Gefühle. „Da Ihnen das Gewerbe Ihrer Mutter kein Geheim⸗ niß mehr iſt“, ſagte die eine, ſich den Mantel umbindend und in ihre kleinen Ueberſchuhe fahrend,„ſo darf ich wohl hinzufügen, daß Ihre Frau Mutter mit einem Manne 51 Namens Degenhaar in Verbindung ſteht, der für eins der ſchlechteſten Subjecte gilt; daß ihr Magazin ein Ar⸗ ſenal für allerlei verkäufliche Gegenſtände iſt, die bös⸗ willige Bankrottirer heimlich beiſeite geſchafft haben, und daß ſie, Ihre Frau Mutter, meinen Bruder, einen armen Maler, der das Unglück hatte, in ihre Hände zu gerathen, ein Jahr lang ins Schuldgefängniß ſperren ließ, bis er wahnſinnig wurde und ins Irrenhaus kam.“ Mit den letzten Worten, die ſie mit einer Entrüſtung geſprochen hatte, als wäre die auf einem Seſſel zuſammen⸗ geſunkene Geſtalt die gehaßte Pfandleiherin ſelbſt, ging ſie zur Thür hinaus. „Und ich“, ſagte, den Schleier über ihren Hut ziehend, die andere Tänzerin, die einſt die Braut des wahn⸗ ſinnigen Malers geweſen war,„ich will Ihnen nicht verſchweigen, daß Sie Ihre Erfolge auf der Bühne Nie⸗ mand anders als Ihrer Mutter zu danken haben, und jedes Kind Ihnen ſagen kann, daß ihre Mutter ein Dutzend Claqueurs in ihrem Solde hatte und mit ſchwerem Gelde alle die Recenſenten erkaufte, deren Lob Sie ſo ſicher machte. Gute Nacht! Hahaha!“ Die gefühlvolle Tänzerin begegnete in der Thür Herrn von Kamp, der bei einem Blicke in die Garderobe Roſa in einer Haltung ſah, die dem Weinen und der Ver⸗ zweiflung ſehr nahe kam. 5² „Was haben Sie denn gehabt?“ fragte er die Tän⸗ zerin.„Was hat es denn gegeben?“ „Wir haben ihr nur geſagt“, erwiderte dieſe im Weitergehen,„wer ihre Mutter iſt.“ „Das hätten Sie nicht thun ſollen!“ rief Herr von Kamp der Tänzerin nach. Er trat in die Garderobe, in welcher Roſa jetzt allein zurückgeblieben war.„Rös⸗ chen“, ſagte er und verſuchte ihre Hände ſanft von ihrem Antlitz zu befreien,„es iſt Jemand draußen, der ſchon lange auf Sie wartet. Es iſt der ſtattliche junge Herr vom Jagdweſen.“ Roſa ſchüttelte ſtumm den Kopf, der, als der Ober⸗ regiſſenr ihm ſanft die Stütze der Arme entzogen hatte, ſchwer und haltlos auf die Bruſt ſank, während unzählige große Thränen auf den Schooß tropften. „Iſt es wahr“, fragte Roſa nach einer Weile, unter heftigem Schluchzen,„iſt es wahr, was man von meiner Mutter ſagt?“. „Machen Sie ſich darüber keinen Kummer, Röschen“, tröſtete er.„Es muß auch ſolche Leute geben wie Mutter⸗ chen; ſie hat mir ſchon manchmal aus drückenden Ver⸗ legenheiten geholfen; und erſt dieſer Tage wieder“, fügte er in der beſten Abſicht von der Welt hinzu, indem er eine humoriſtiſche Bewegung machte, als wollte er nach der Uhr ſehen, und ſeine Weſtentaſche umkehrte,„erſt 53 dieſer Tage wieder habe ich meine goldene Uhr bei ihr verſetzt.“ Arthur hatte lange gewartet, als er endlich eine Dame, die tief in einen Mantel gehüllt war und einen ſchwarzen Schleier vor das Geſicht gezogen hatte, auf ſich zukommen ſah. Plötzlich wich ſie vor ihm aus. Er rief:„Roſa!“ Aber ſie hörte nicht auf den Namen, ſie wandte ſich nicht nach ihm um, und in der Meinung, daß er ſich in der Perſon getäuſcht habe, ließ Arthur die verſchleierte Dame vorüber⸗ huſchen. Er wartete und wartete. Die Theaterarbeiter räumten Couliſſen und Verſatzſtücke zur Seite, eine Lampe nach der andern wurde ausgelöſcht, einer nach dem andern brannte ſich die Cigarre an und ging, und zuletzt war er mit einer einzigen Lampe und einem Manne mit einem mächtigen Schlüſſelbunde in ziemlicher Finſterniß allein. Es ſei Niemand mehr da, verſicherte der Mann, er ſei ſtets der letzte und eben im Begriff, zuzuſchließen. So war es doch Roſa geweſen, die ohne Zeichen der Erkennung an ihm vorübergeeilt war. Sie hatte ihn geſehen und war ihm ausgewichen. Mit dieſem quälenden Räthſel ging Arthur nach Hauſe. Drittes Kapitel. Frau Stubenrauch ſaß zu Hauſe und horchte zu⸗ weilen dem Klingen der Schellengeläute auf der Straße unten, denn ſie erwartete Roſa, die in einem Fiaker aus dem Theater zu fahren pflegte. Frau Stubenrauch hatte weder ihr ſeidenes Kleid ausgezogen, noch ihre Theaterhaube abgelegt, ſondern war beim Eintreten ſofort in das Sopha geſunken und hatte ſich ihren Gedanken überlaſſen, welche ſehr unerfreulicher Natur waren. Es regten ſich in ihr gelinde Zweifel an Roſa's Berufe zur Bühne. Sie hatte keinen Augenblick vergeſſen können, daß ſie die anerkennenden Stimmen der Preſſe und die ton⸗ angebenden Hände der Claqueurs erkauft hatte; ſie hatte ſich nie verhehlt, daß manches Bouquet, welches auf die Bühne flog, vorher durch ihre eigenen Hände gegangen 55⁵ und mehr als ein Sonett zur Verherrlichung der jungen Sängerin der bezahlte Erguß eines Gelegenheitsdichters war. Aber ſie hatte ſich nach und nach durch dieſe künſt⸗ lichen Erfolge ſo einlullen laſſen, daß ſie ihren eigenen Antheil daran vergaß und an Roſa's Unfehlbarkeit zu⸗ letzt nicht den mindeſten Zweifel mehr hegte. So ſehr ſie ſich auch jetzt einredete, daß Roſa’s heu⸗ tige Niederlage das böswillige Werk ihrer Feinde ſei, etwas Beunruhigendes war doch zurückgeblieben, ihr mütterliches Vorurtheil war doch erſchüttert. Die Ur⸗ theilskraft, die ſie ſich bisher zugetraut hatte, ließ ſie jetzt ſchmählich im Stich, und die bezahlte Reclame war ihr keine Stütze, an der ſie ſich aus ihren Zweifeln und Beſorgniſſen hätte emporrichten können. Faſt erſchrak ſie, als Roſa ganz unverhofft eintrat. „Ich habe ja keinen Schlitten gehört!“ ſagte die Muter.„Biſt Du zu Fuße gekommen?“ Roſa machte ein Zeichen der Bejahung. Sie legte Hut und Mantel ab und trat ans Fenſter. Beide ſprachen lange Zeit kein Wort. Die Mutter hörte Roſa's unter⸗ drücktes Weinen. 3 „Laß Dich durch die heutigen Vorfälle nicht ent⸗ muthigen, mein Kind“, ſagte ſie endlich;„ich könnte Dir genug Fälle erzählen von Berühmtheiten, denen es zu ihrer Zeit um kein Haar beſſer ergangen iſt.“ ———— 8 56 „Du willſt eine Berühmtheit aus mir machen“, ſagte Roſa im ſchmerzlichen Tone, nich hätte Dir ſchon längſt ſagen mögen, wie ſehr ich fühle, daß ich nicht zum Ruhme geboren bin. Ich glaubte, der Preis wäre hoch genug, um welchen ich heute Dich und Andere überzeugt habe.“ „Ich habe mir's gedacht, Roſa, daß Du wanken und den Muth verlieren würdeſt.“ „Ich habe nie Muth gehabt, weil ich kein Vertrauen zu mir hatte. Ich bin nicht wankend geworden, wohl aber feſt entſchloſſen, nie wieder die Bühne zu betreten. Niemals, niemals!“ „Wir werden beide dieſe Krämerſtadt verlaſſen“, ſagte die Mutter in beſänftigendem Tone,„ich ſtehe bereits mit der Intendanz eines Hoftheaters in Unterhandlung. Unter neuen Menſchen, neuen Umgebungen, wo Dich nichts an dieſe herbe Erfahrung erinnert, wirſt Du fri⸗ ſchen Muth gewinnen.“ „Niemals, Mutter, niemals!“ In dem Klange dieſes kleinen Wörtchens, in dem langſamen Kopfſchütteln, das ſie begleitete, lag eine ſtarre Entſchiedenheit. „Es wäre nichtswürdig“, rief die Mutter,„wenn eine Rotte boshafter Menſchen Dich ſo beeinflußt haben ſollte—, 3 „Sie hatten Recht, dieſe Menſchen“, fiel Roſa ein. 57 „Du wirſt bitter gegen Dich ſelbſt“, erwiderte die Mutter. Aber Roſa's Uebereinſtimmung mit ihren eigenen Zweifeln war es, was ſie jetzt außer Faſſung brachte. Sie ſprang vom Sopha auf und fügte mit bebender Stimme hinzu:„Ich gebe Dir zu bedenken, Roſa, daß ich einen unendlichen Ehrgeiz beſitze; ich hänge mit grenzenloſer Liebe an Dir, aber ein Stück von Dir iſt die ſtolze Glorie, in der mir bisher Deine Zukunft erſchienen iſt. Setze ſie nicht aufs Spiel, ſonſt ſtarrt Deine Mutter in eine furchtbare Leere, ſonſt weiß Deine Mutter nicht, warum ſie lebt!“ F „Laſſen wir die Zukunft jetzt“, erwiderte Roſa.„Sage mir, ob es wahr iſt, Mutter, daß Du—“ eine Thrä⸗ nenflut erſtickte ihre Worte, nur mühſam und mit ge⸗ brochener Stimme konnte ſie ergänzen:„auf Pfänder leihſt?“ Es trat eine Pauſe ein. Frau Stubenrauch, die dicht vor Roſa ſtehen geblieben war, ſchien ungewiß, ob ſie mehr über dieſe Frage oder mehr über die Thränen er⸗ ſtaunen ſollte, die ſie begleiteten. „Ich habe Dich nie angehalten“, ſagte die Mutter düſter,„Dich zu bekümmern, wovon Du Dein Brod ißt; bei Gott, dieſe Frage war das Letzte, was ich heute von Dir erwartet hätte!“ „Mutter“, rief Roſa,„ſei mir nicht böſe, ſage mir 58 nur, ob es wahr iſt.“ Sie hatte der Mutter Hand ergriffen. Dieſe aber entzog ihr die ihrige mit einer ungeſtümen Bewegung. „Und wenn es wahr wäre?“ fragte ſie, ihren zür⸗ nenden Blick feſt auf Roſa gerichtet. „O ſage, daß es nicht wahr iſt“, rief Roſa in namenloſer Angſt,„ſage, daß Du Alles, Alles redlich erworben haſt, daß Du Niemand gedrückt, Niemand eine Thräne erpreßt haſt, und ich glaube Dir!“ „Ich bereue jetzt“, ſagte die Mutter,„daß ich Dich in Sorgloſigkeit und Wohlleben erzogen habe. Ich hätte Dich ſollen ein graues Kleid tragen laſſen, wie Liddy— die arme, arme Liddy!— ich hätte Dich ſollen arbeiten laſſen, wie die beiden Schweſtern, die Näherinnen; Du hätteſt erfahren müſſen, wie weh Hunger thut, wie die Sorge um das tägliche Leben an der Seele nagt und am Leibe rüttelt; vor mir müßteſt Du jetzt ſtehen, mit Augen, nicht von exaltirten Thränen geröthet, nein, roth von angeſtrengtem Nachtarbeiten und Du würdeſt mir zu Füßen fallen, wenn ich Dir ſagte: Du biſt reich, Roſa, ich habe für Dich Schätze geſammelt, Deine Prüfungen ſind zu Ende! und Du würdeſt nicht fragen, ob Deine Thränen durch Anderer Thränen, Dein eigener Kummer durch Anderer Kummer aufgewogen iſt!“ „Mutter“, rief Roſa, ſich ihr in die Arme werfend, 59 „ich will arbeiten, ich will entbehren und alle Sorgen des Lebens tragen! Mache alles Unrecht wieder gut, was Du um meinetwillen den Menſchen thateſt, befreie mich von meinem Schmucke, von meinen reichen Klei⸗ dern, gib Alles wieder zurück und laß uns ein meues Leben anfangen!“ Das Geſicht der Mutter nahm eine ſteinerne Härte an, vor der Roſa zu grauſen begann, jeder Zug darin ſchien zu Eis erſtarrt, bis auf ein Lächeln, das eine namenloſe Verachtung ausdrückte. 1 „Hinweg, aus meinen Augen“, rief ſie, Roſa un⸗ willig zurückſtoßend,„Du romantiſches Püppchen, Du—“ ſie ſtampfte wüthend mit dem Fuße auf den Boden—„un⸗ gerathenes Kind! Fluch über mich, daß ich mein Alles auf Dich ſetzte! Gib mir Liddy zurück! Geh, geh hin und arbeite!“ Und die Pfandleiherin war allein. Es drängte ſie, dem leiſen Schritte zu folgen, der ſich auf der Treppe verlor, aber ſie hielt ſich feſt auf der Stelle, von wo aus ſie der Enteilenden nachgeſehen hatte; es drängte ſie, das Fenſter aufzureißen und ſie zurückzurufen, aber ſie hielt ſich feſt; es drängte ſie, ihr den Mantel auf die winterliche Straße hinabzuwerfen, aber ſie hielt ſich feſt. Es war eine ſchmerzhafte Ope⸗ ration, aber kein Laut kam über ihre Lippen, kein Glied regte ſich an ihr, bis ſo viel Zeit vergangen war, als ein 60 Flüchtiger braucht, um im Gewirr der Straßen die Auf⸗ findung ſeiner Spur unmöglich zu machen. Da endli war die Operation überſtanden. Roſa’s Mutter war eine Frau von großer Energie. Um ihre Zwecke zu erreichen, ſcheute ſie oft die ver⸗ wegenſten Mittel nicht. Es war ein gefährlicher Wurf, ein Kind zu verſtoßen, damit es reumüthig und den Plänen der Mutter geneigt wieder zurückkehre. Bei Nacht und Nebel war Roſa fortgegangen, mancher äußern Gefahr ausgeſetzt und, was am meiſten zu fürchten war, ſich ſelbſt in einer Stimmung überlaſſen, in der ſie leicht einen entſetzlichen Entſchluß faſſen konnte. Noch war es dahingeſtellt, ob über den erſten Bedingungen des Ge⸗ lingens die Sonne des nächſten Morgens aufgehen werde. Der anbrechende Tag fand die Pfandleiherin noch in denſelben Kleidern, die ſie geſtern vor dem Theater an⸗ gelegt hatte; der giftige Thau einer bang durchwachten Nacht lag noch auf ihrem Antlitz. Jeder Schritt, der auf der Treppe hörbar wurde, jedes Fuhrwerk, das ſich dem Hauſe näherte, machte den Schlag ihres Herzens ſtocken. Der Anblick zweier Menſchen auf der Straße, die einander eine Neuigkeit zu erzählen ſchienen, reichte hin, ihre ſchrecklichſten Befürchtungen faſt bis zur Ganniye heit zu ſteigern. 61 Mit dem Früheſten erſchien der Theaterdiener mit einer eiligen Botſchaft an Roſa. Frau Stubenrauch nahm das Billet nicht in Empfang; ſie raffte ihre ganze Gei⸗ ſtesgegenwart zuſammen, um dem Boten in unbefangenem Tone einen Ort zu bezeichnen, wo er ihre Tochter treffen werde. Frau Stubenrauch kannte nur eine Perſon, zu der Roſa ihre Zuflucht genommen haben könnte, und als Stunde auf Stunde vorüberſchlich, ohne daß die Rück⸗ kehr des Theaterdieners ihre Vermuthung entkräftet hätte, da begann ſie wieder frei zu athmen und kein Anzeichen ſchreckte ſie mehr, bis auf das Glockenzeichen, das gegen Mittag an ihrer Vorſaalthür ertönte. Als ſie beim Oeffnen der Thür Arthur erblickte mit der Anſtandsmiene eines Beſuchenden, da fühlte ſie ſich wieder hinlänglich im Voll⸗ beſitz ihrer Faſſung, um in ihrer alten Weiſe zu fragen, womit ſie dem Herrn dienen könne, und zuletzt ihr Be⸗ dauern auszudrücken, daß ihre Tochter nicht zugegen ſei. Nur Arthur ſchien nicht ganz der Alte, denn er traf keinerlei Anſtalt, ſich auf dieſen Beſcheid hin zu ent⸗ fernen.. „Es iſt nicht das erſte Mal, Madame“, erlaubte er ſich einzuwenden,„daß Sie mir dieſe Antwort geben.“ Dieſer Widerſtand mit der ſehr ſcharf ausgeſprochenen Anrede„Madame“ veranlaßte Frau Stubenrauch, den jungen Mann ein paar Sekunden lang befremdet anzu⸗ ſehen. Dann öffnete ſie ihm ſtumm die Thür des Wohngemachs und ließ ihn eintreten. „Glauben Sie, daß ich lüge?“ fragte ſie mit einem Anfluge von Hohn, als Arthur ſich von der Abweſenheit Roſa's überzeugt hatte. „Dann darf ich mir wohl erlauben, im Laufe des Tages wieder vorzukommen“, ſagte Arthur. „Dagegen läßt ſich nichts einwenden“, erwiderte Roſa's Mutter mit ironiſcher Höflichkeit,„nur fürchte ich, Sie möchten ſich vergebens herbemühen.“ „Warum vergebens? Wenn Sie die Güte haben mir eine Stunde zu bezeichnen—“ „Ich bin in dieſer Hinſicht ſo unwiſſend wie Sien, verſetzte Frau Stubenrauch achſelzuckend,„ich weiß nicht, wo Roſa ſich ſaufhält und wann ſie wiederkommt. Ich kann überhaupt nicht ſagen“, fügte ſie in ſchneller Rede hinzu,„ob ſie jemals wiederkommen wird.“ Arthur ſchien über dieſe Wendung nicht im mindeſten betroffen. „Eine neue Variation, mich abzuweiſen“, bemerkte er lächelnd,„aber Ihre Erfindungskraft ſcheint erſchöpft. Es thut mir leid, daß Sie ſich meinetwegen Verlegenheiten bereiten. Es iſt beſſer, Sie ſagen mir offen, womit ich Ihr Mißfallen verdient habe.“ „Mein Mißfallen?“ rief Frau Stubenrauch in hohem 3 63 Grade erſtaunt.„Sie wollen mir Erklärungen abnöthigen? Gut denn! Ich will Ihnen ſagen, was mir an Ihnen mißfällt: es mangelt Ihnen an Selbſtachtung.“ In der Ueberzeugung, daß Arthur ſich getroffen fühle, blickte Frau Stubenrauch dem jungen Manne feſt ins Geſicht, als wolle ſie ſich von der Wirkung ihres Vor⸗ wurfs nichts entgehen laſſen. Da Arthur’s Mienen jedoch nur ein ſehr unſchuldiges Erſtaunen ausdrückten, ſo fügte Frau Stubenrauch erläuternd hinzu: „Beſäßen Sie Selbſtachtung, ſo würden Sie ſich durch vorſichtigeres Abwägen Ihrer Anſprüche nicht der Demüthigung ausſetzen, zurückgewieſen zu werden, worüber Sie ſich eben beklagten. Sie würden einſehen, daß Sie ſowohl als meine Tochter auf einer Altersſtufe ſtehen, wo man die Kinderſchuhe, an die ſich Ihre Beziehungen zu Roſa doch einzig knüpfen, abgelegt hat, mit einem Worte, Sie würden fühlen, daß Sie uns nichts Anderes ſein können als ein Fremder.“ „Daß ich Ihnen ein Fremder geworden bin, Madame, habe ich wohl längſt gefühlt“, verſetzte Arthur ſtolz,„ſonſt hätte mich bei meinen öftern Beſuchen Ihre Gegenwart für die Abweſenheit Ihrer Fräulein Tochter entſchädigen müſſen.“ „Mein Gott“, warf Frau Stubenrauch hin,„ſparen Sie Ihre Spitzfindigkeiten, ich rede ja nicht von mir!“ „Sie wollen doch nicht ſagen, daß ich auch in Roſa's Augen ein Fremder bin?“ „Allerdings will ich das ſagen“, entgegnete Frau Stubenrauch in gebieteriſchem, faſt drohendem Tone. „Dann halte ich es für meine Schuldigkeit, Madame, Ihnen dieſen Irrthum zu benehmen.“ Sprechen Sie offen und rückhaltslos und ſeien Sie überzeugt, daß ich es Ihnen Dank wiſſen werde, wenn es Ihnen gelingt, meine falſchen Anſichten zu berichtigen.“ „Heute nicht“, verſetzte Arthur, ſich zum Gehen wen⸗ dend;„bei Ihrer gereizten Stimmung würde ich mich hart genug betten.“ „Ich bin durchaus nicht gereizt“, widerſprach Frau Stubenrauch in einem Tone, der ihre Verſicherung Lügen ſtrafte,„ich möchte vielmehr behaupten, daß Sie es ſind. Aber ehe Sie gehen, darf ich mir wohl eine Frage erlauben?“ „Nun?“ „Sch ſah Sie geſtern Abend auf der Bühne. War es das erſte Mal, daß Sie Roſa dort aufſuchten?“ „Nein.“ „Dann fange ich freilich an, meine Irrthümer ein⸗ zuſehen. Alſo hinter dem Rücken der Mutter hat Roſa mit Ihnen verkehrt! Nun weiß ich auch, wer meinem Kinde das Köpfchen verdreht hat.“ 4 65 „Darf ich fragen, was Sie darunter verſtehen?“ „O, nichts Böſes! Ich meine nur, wenn ſich Roſa zum Beiſpiel nicht immer glücklich fühlte in ihrem Wir⸗ kungskreiſe, ſo haben Sie ſie darin beſtärkt. Sie haben es gut mit ihr gemeint, haben ihr fleißig abgerathen.“ „Ich kann nicht leugnen, daß ich Roſa's Beſtimmung fürs Theater weder ihrem beſcheidenen Sinne, noch ihrem einfachen Herzen für zuſagend hielt, ebenſo habe ich für ihre zarte Geſundheit gefürchtet.“ „Das wollte ich eben hören.“ „Trotzdem habe ich bis jetzt noch mit keinem Worte den Verſuch gemacht, ſie dem Wirkungskreiſe zu entfremden, in welchem ſie Ihrer Anſicht nach ihr Glück begründen ſoll.“ „Wenn dem ſo iſt, ſo haben Sie ſehr wohlgethan, ſich nicht in Dinge zu mengen, die Sie nichts angehen. Ich bin Roſa's Mutter“, rief die Pfandleiherin mit einem hef⸗ tigen Schlage gegen die Bruſt,„und ich weiß am beſten, was meinem Kinde frommt!“ „Sie ſollten es wiſſen“, ſagte Arthur, Frau Stuben⸗ rauch mit einem durchdringenden Blicke anſehend,„aber—“ „Reden Sie aus!“ „Aber Sie wiſſen es nicht. Denn nicht das Mutter⸗ herz haben Sie über das Wohl Ihres Kindes entſcheiden laſſen, ſondern Ihren Ehrgeiz!“ Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. ensaA or Viertes Kapitel. Wenn wir behaupten wollten, daß Arthur die Pfand⸗ leiherin in Zorn und Entrüſtung zurückgelaſſen hätte, ſo würden wir ihren Zuſtand unrichtig bezeichen. Sie blieb nach ſeinem Weggehen noch eine Zeit lang mit in die Hüften geſtimmten Armen ſtehen und hatte den Blick ſtarr auf die Thür geheftet, durch die er ſich entfernt hatte, als ſähe ſie ihm nach. Dann drehte ſie ſich lang⸗ ſam um und ſah dabei mit großem Erſtaunen die vier Wände an, als wollte ſie fragen: Iſt euch je ſo etwas vorgekommen?. Sie tröſtete ſich jedoch bald mit der alten Erfahrung, daß ein Unglück ſelten allein kommtv; hatte ſie doch ſeit geſtern Abend ſo heftige Gemüthserſchütterungen erlitten, daß dieſer kleine Auftritt mit Arthur nur eine unter⸗ 67 geordnete Rolle ſpielte. Zuletzt mußte ſie ſogar über den unvorſichtigen Eifer des jungen Mannes lächeln, weil er ihr dadurch nur in die Hände gearbeitet hatte, denn ſie beſaß jetzt den triftigſten Grund, ſeine fernern Beſuche ein⸗ für allemal entſchieden abzuweiſen. Das Letztere fühlte auch Arthur, als er die Straße hinabging. Er ſah ſich plötzlich nach allen Richtungen von Roſa abgeſchnitten; er hatte mehr verdorben als er⸗ reicht, und ſeine Lage glich der eines Verirrten, der es aufgegeben hat, vorwärts zu kommen, aber auch den Rückweg nicht mehr finden kann. Daher fing er an, die Aeußerungen, zu denen er ſich hatte hinreißen laſſen, zu bereuen, und dieſe Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt im Vereine mit dem geſtrigen Fremdthun Roſa's verſetzte ihn in eine höchſt unglückliche Stimmung. Im Laufe des Nachmittags erhielt er eine Einladung von der Majorin von Achtern. Er hatte gegen dieſe Dame ſeit dem Opernballe ein nur zu begründetes Vorurtheil gefaßt und wollte Roſa bei paſſender Gelegenheit vor ihrem Umgange warnen. Die Idee jenes verhängnißvollen Coſtümwechſels war, wie Roſa auf ſein Befragen ihm an jenem Abende mit⸗ theilte, von der Majorin ausgegangen. Anfangs hatte ſie Roſa den Beſuch des Balls widerrathen. Plötzlich aber war ſie andern Sinnes geworden und Roſa ſelbſt 5* war auf die Vermuthung gekommen, als ob der Majorin erſt mit dem Gedanken, die Anzüge zu vertauſchen, Roſas Begleitung wünſchenswerth erſchienen wäre. Arthur be⸗ zweifelte nicht, daß die Majorin aus Furcht, von dem oder jenem erkannt zu werden, auf Roſa's Unkoſten ihrem Liebesabenteuer hatte nachgehen wollen. Trotzdem beſchloß er, der Einladung Folge zu leiſten, da ihm ein Zuſammenhang derſelben mit ſeinen Herzensangelegen⸗ heiten unzweifelhaft erſchien. Die Majorin empfing ihn im Vorzimmer und legte, als er ſie mit lauter Stimme begrüßen wollte, den Finger auf den Mund. „Wir müſſen leiſe ſprechen“, flüſterte ſie, indem ſie nach einer der einmündenden Thüren deutete. „Iſt Jemand krank?“ fragte Arthur.. Die Majorin nickte und fügte lächelnd hinzu!„Ge⸗ müthskrank!“ Arthur erröthete, denn er ahnte ſogleich Roſa's Gegenwart. „Und deshalb habe ich den Arzt rufen laſſen“, fuhr die Majorin in dieſer bildlichen Redeweiſe fort.„Er⸗ lauben Sie mir, daß ich Sie mit den weſentlichen Symptomen im voraus bekannt mache. Unſere Kranke trägt ſich nämlich mit der fixen Idee, ihr ſchönes Talent der Bühne zu entziehen—“ 69 „Das überraſcht mich nicht“, warf Arthur ein,„und wenn Euer Gnaden glauben, daß ich Roſa hiervon heilen ſoll, ſo fürchte ich, Sie haben den Bock zum Gärtner geſetzt.“ „Aber es ſind noch bedenklichere Anzeichen vorhan⸗ den“, entgegnete die Majorin mit einem billigenden Lächeln;„ſie phantaſirt von Unterricht ertheilen, von einer Stellung als Gouvernante, ja von Handarbeit für fremde Leute! Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt. Noch eins“, ſetzte ſie, als ſie eben im Begriff war, die Thür zu öffnen „ hinzu.„Es gibt Kranke, die den Arzt ſ ſcheuen. Zu dieſer Gattung gehört unſere Patientin, daher habe ich Sie auf die Gefahr hin, eine Indiscretion zu begehen, ohne ihr Wiſſen rufen laſſen.“ Geräuſchlos trat Arthur in das Zimmer. Roſa ſaß an einem Schreibtiſch und wandte ihm den Rücken. Sie hatte den Kopf in die Hand geſtützt und hielt zwi⸗ ſchen den Fingern eine Feder. Allem Anſchein nach war ſie in tiefes Nachſinnen verſunken, denn ſie hatte Arthur's Eintreten nicht bemerkt. Durch die weichen Teppiche begünſtigt, die ſeinen Schritt unhörbar machten, wollte Arthur zu ihr ſchleichen und über ihre Schulter hinweg einen Blick auf das Geſchriebene werfen, denn er ver⸗ muthete, daß ſie beſchäftigt ſei, ihm ſchriftliche Auf⸗ klärungen zu geben. Auf dem halben Wege jedoch knarrte 70 trotz der aufliegenden Teppiche unter Arthur's Tritt plötzlich die Diele, Roſa ſtieß einen Schrei aus, ſprang von ihrem Stuhle empor und ſuchte, als ſie Arthur er⸗ blickte, den begonnenen Brief zu verbergen. Auf ihren Zügen lag ein tiefer Ernſt, und nur leiſe berührte ſie Arthur's Hand, die dieſer ihr entgegenſtreckte, während ihr Auge ſich zu Boden ſenkte. 3 „Iſt das ein Empfang?“ fragte Arthur.„Iſt das ein Willkommen? Habe ich Dich durch etwas gekränkt, Roſa?“ Sie hielt das Köpfchen geſenkt und die Hand an das Kinn gelehnt und überflog den Geliebten mit einem ſchmerzlichen Blicke, indem ſie verneinend das Haupt be⸗ 4 wegte. „So ſage mir, was Du wider mich haſt“, bat Arthur.— „Nichts habe ich wider Dich“, antwortete Roſa ſanft,„aber viel wider mich ſelbſt. Es hat ſich ſeit vor⸗ geſtern Abend viel geändert.“ „Und Du haſt Dich, wie es ſcheint, auch geändert“, ſagte Arthur, mit dem Finger drohend,„ich habe ſchon ſo etwas gemerkt; Du haſt Dich anders beſonnen.“ „Ja.“ „Haſt gefühlt“, ſetzte Arthur hinzu, durch Roſa's Be⸗ jahung gereizt,„daß Du mich nicht ſo lieb haſt, als Du anfangs glaubteſt!“ 71 „Nein“, widerſprach Roſa,„ich habe die Gewißheit gewonnen, daß ich Deiner nicht würdig bin.“ „Das iſt die erſte Lüge, die ich in meinem Leben von Dir höre.“ „O daß es eine Lüge wäre!“ ſeufzte Roſa und ihre Augen umflorten ſich, als trüge ſie ſich mit einem geheimen, noch nicht ausgeweinten Kummer, der bei der leiſeſten Berührung, wie ein Moſesſtab, ihr Thränen entlockte.„Auf mir laſtet die Verachtung der Men⸗ ſchen und ich müßte Dich fürwahr nie geliebt haben, wenn ich von Dir forderte, daß Du ſie mit mir theilſt.“ „Das alſo iſt es!“ rief Arthur.„Du haſt mir's übel genommen, daß ich Zeuge Deiner ſchrecklichſten Stunde war! Ich ſoll dafür büßen, das ein Dutzend roher Menſchen Dich beſchimpfte! Roſa, das iſt nicht recht von Dir, Dich aus falſcher Scham vor Deinem Freunde verbergen zu wollen, anſtatt an ſeinem ehrlichen Herzen Troſt und Beruhigung zu ſuchen.“ „Solcher Empfindeleien hältſt Du mich fähig?“ fragte Roſa. Das langſame Wiegen ihres Kopfes, das dieſe Worte begleitete, als habe ſie eben eine ſchmerzliche Ueberzeugung gewonnen, der vorwurfsvolle Blick, mit dem ſie Arthur anſah, machten dieſen verblüfft. „Ich glaubte wirklich“, ſagte er nach einigem Ueber⸗ 72 legen,„ich hätte das Rechte getroffen. Was könnte es denn ſonſt ſein?“ „Es war beſſer, Du kamſt nicht hierher', ſagte Roſa, „ich war eben im Begriff, Dir zu ſchreiben. Geh wieder, Arthur; geh und erwarte meinen Brief, der Dir Alles ſagen wird.“ „Daß ich ein Thor wäre und Dich gegen einen Briefträger umtauſchte“, lachte Arthur und zwang durch das Entſchiedene ſeiner Weigerung auch Roſa zu einem flüchtigen Lächeln. „Arthur“, ſagte Roſa feierlich,„Deine Aeltern ver⸗ boten Dir einſt meinen Umgang. Seit kurzem weiß ich, warum. Deine Aeltern thaten recht daran, und willſt Du ſie im Grabe ehren, ſo ſuche mich zu vergeſſen!“ „Das wäre!“ rief Arthur zurückfahrand.„Was iſt denn nur geſchehen?“ „Nichts iſt geſchehen“, erwiderte Roſa;„ich habe mich nur getäuſcht über meine Mutter, über meinen Stand, über meine Stellung zur Welt und folglich auch zu Dir. Ich werde nicht aufhören, meine Mutter zu lieben, und dennoch darf ich denen nicht grollen, die ſie anfeinden oder verachten. Ich habe nie etwas von den Geſchäften verſtanden; es gingen bei uns Leute aus und ein, Sachen wurden gebracht und abgeholt, ich ſah oft Sorgen auf der Stirn der Mutter, ich hörte ſie oft ſich 73 mit den Menſchen herumſtreiten und dachte, wie ſauer es ihr würde, und bedauerte ſie! Und dennoch iſt ſie ſtets im Unrecht geweſen, denn das Recht anderer Men⸗ ſchen zu verkürzen, aus der hülfloſen Lage Anderer Ge⸗ winn zu ziehen, dort zu ſchaden, wo ſie helfen ſollte, ihr Herz zu verſchließen, wo Andere es öffnen, das war ihr Erwerb!“ „Das klingt ja nach Strand⸗ und Brandrecht“, ſagte Arthur nachdenklich. „Darauf gründete ſich unſer Wohlſtand“, fuhr Roſa mit Thränen in dem Auge fort,„der Wohlſtand, in dem ich groß geworden bin! Ich bin nicht mehr die harm⸗ loſe Geſpielin Deiner Jugend, ich bin das Kind einer Wuchrerin, von den Thränen und Seufzern der Be⸗ drückten getränkt und genährt. Ich bin unecht und Du biſt betrogen!“ Roſa warf ſich verzweifelnd in den Seſſel und ver⸗ barg unter Schluchzen ihr Geſicht in beiden Händen. Arthur ehrte Roſa's ſtrenge Gewiſſenhaftigkeit, aber er ſtand zu hoch über den Vorurtheilen der Welt, als daß dieſe Neuigkeit nur das Mindeſte in ſeinen Geſinnun⸗ gen zu ihr hätte ändern können. Trotzdem fühlte er wohl, daß es ſchwierig ſein werde, ſie durch Ver⸗ ſicherungen ſeiner unverminderten Liebe und Achtung zu überreden. 8 74 „Höre, Roſa“, ſagte er,„Ihr zartfühlenden Frauen geht immer zu weit! Stößt Euch eine Widerwärtigkeit zu, durch die Ihr Eure Würde gekränkt glaubt, gleich werft Ihr auch Euer Liebſtes nach. Der Auserwählte Eures Herzens— und Du erlaubſt mir, daß ich mich damit meine— ſchwebt tauſendmal in Gefahr, Euch zu ver⸗ lieren, ehe er Euch heimführt; erleiden Eure Anſchauun⸗ gen eine Erſchütterung, mit der er nicht im mindeſten Zuſammenhange ſteht, gleich wackelt er in Eurem Herzen wie ein Bild an der Wand bei einem Erdſtoße. Eure Liebe gleicht einem zarten Kinde, auf deſſen blaſſem Ant⸗ litze fortwährend eine unheimliche Verklärung ſchwebt, und die Zeit Eures Brautſtandes iſt bei Euch die ge⸗ fährliche Epoche der Kinderkrankheiten. Euer überſpanntes Zartgefühl kommt mir vor wie eine Viſitenkarte mit be⸗ ſchriebenen Ecken; bei jeder Veranlaſſung, die Ihr für eine Lebensfrage anſeht, liegt Eure Karte auf unſerm Tiſche mit der umgebogenen Ecke: pour prendre congé!“ Aber Roſa hielt noch immer die Hände vor das Antlitz und ſchüttelte den Kopf. „Roſa“, rief Arthur, indem er vergeblich verſuchte, ihre Hände in die ſeinigen zu legen,„bei Allem, was mir heilig iſt, ſchwöre ich, daß ich nie von Dir laſſen werde, und wenn Deine Mutter aus der Hölle ſelbſt ſtammte!“ 75 Aber er ſchwur vergebens. Roſa ſchüttelte noch immer den Kopf. Arthur war in Verzweiflung. Er ſah ein, daß alle Betheuerungen nichts fruchten würden. Da kam ihm ein Gedanke. „Was Du mir vorhin mitgetheilt haſt“, ſagte er in ruhigem Tone,„war mir nichts Neues.“ Roſa ließ die Hände ſinken und blickte zu ihm auf. Arthur fuhr lächelnd fort: „Ich habe das Gewerbe Deiner Mutter längſt mit Namen gekannt.“ Roſa ſah ihn mit großen Augen an. „Seit wann wußteſt Du es?“ fragte ſie, ihre Thränen trocknend. „O, es muß ziemlich lange her ſein“, antworte der Lügner,„denn wenn ich nicht irre, war es unſere alte Magd, die es mir ſagte.“ „Und warum haſt Du mir nie etwas davon mitge⸗ theilt?“ „Offen geſtanden, ich habe es immer vergeſſen“, ſagte Arthur mit der harmloſeſten Miene von der Welt,„und das iſt auch ſehr natürlich, weil der Erwerb Deiner Mutter nicht das Mindeſte mit Dir und mir zu thun hatte.“ „und Du haſt Dich nie geſchämt, in unſer Haus zu 76 treten?“ fragte Roſa.„Sage mir's, ich beſchwöre Dich, ſei einmal ganz offen.“ „So wahr ich Dich liebe, Roſa, Dich mehr als mein Leben liebe, ich habe mich nie geſchämt, Euer Haus zu betreten.“ Es ſchien etwas in Roſa vorzugehen, das Arthur zum vollſtändigen Siege verhelfen mußte, wenn er den Augenblick zu nützen verſtand. „Ich hörte, Du ſeieſt entſchloſſen“, ergriff er nach einer kurzen Pauſe das Wort,„der Bühne zu entſagen. Iſt es wahr?“ „Es iſt mein unabänderlicher Entſchluß“, entgegnete Roſa. „Dann bin ich von meinem letzten Kummer befreit“, ſagte Arthur freudig.„Ich ſah es nicht gern, daß—“ „Ich beim Theater war!“ ergänzte Roſa mit einem leiſen Lächeln. „Und hätteſt Du mir damals nicht das ſchöne Wald⸗ lied vorgeſungen und wäreſt Dir nicht ſo ähnlich ge⸗ blieben, wer weiß!“ Dieſes Thema, welches Roſu oft ſchon Stoff zum Nachdenken gegeben hatte, von Arthur ſelbſt berührt zu hören, ließ alles Uebrige vergeſſen. „Ich habe es wohl gefühlt“, ſagte ſie,„daß Du mit meiner künſtleriſchen Laufbahn nicht einverſtanden warſt.“ 77 „Weil ich Dich ganz allein beſitzen wollte“, ſagte Arthur zärtlich und ſchlang ſeinen Arm um ihren Nacken; „mir allein ſollteſt Du vorſingen und keinem Andern, meine Wald⸗Loreley ſollſt Du werden und keine Theater⸗ Loreley!“ Roſa lehnte ihr Köpfchen an Arthur's Bruſt, und daraus durfte er wohl ſchließen, daß ſie ihn nun nicht mehr aufgeben wollte, obwohl er kein Wort weiter zu ſprechen, durch keine Bewegung die Ruhe des regungs⸗ loſen Hauptes zu unterbrechen wagte, aus Furcht, in ihr neuen Widerſpruch zu wecken. Es war ihm ſüße Seligkeit, ſich glauben zu machen, Roſa ſei an ſeinem klopfenden Herzen eingeſchlummert, durch die herrſchende Stille ihren Athemzügen zu lauſchen und ſein Auge auf der geliebten Geſtalt weilen zu laſſen. Als ſie ſich nach einer geraumen Weile emporrichtete, ſchien es ihm, als kehrte mit dieſem Wechſel das Raſſeln der Wagen, das Peitſchengeknall und der ganze Lärm der Straße zurück. Roſa blickte ihn liebevoll aus ihren feuchten Augen an, und darin lag kein Widerſpruch mehr. „Weißt Du“, ergriff Arthur das Wort,„daß ich anfangs glaubte, Du wäreſt mir böſe, weil ich heute Morgen mit Deiner Mutter ein wenig zuſammengerannt bin?“* 78 „Mit meiner Mutter?“ fragte Roſa wehmüthig.„Du warſt dort? Hat ſie Dir nicht geſagt, was zwiſchen ihr und mir vorgefallen iſt?“ Arthur vernahm nun aus Roſa's Munde die Vor⸗ gänge des geſtrigen Abends. Er hörte mit wachſendem Erſtaunen zu, und als er erfuhr, daß Roſa nun ohne Mutter und ohne Heimat ſei, breitete er ſeine Arme aus und rief freudig:„Ei, ſo haſt Du ja Niemand mehr als mich, ſo biſt Du ja ganz mein eigen!“ Damit ſtürzte er auf ſie zu, umſchlang ſie innig und hob ſie zu ſich empor, um ſie zu küſſen und ihr hundert ſüße Namen zu geben. „So ganz Dein eigen bin ich nicht!“ entgegnete Roſa, als Arthur's Ungeſtum ſich gelegt hatte;„heute bereits war Herr von Kamp hier, der mich durchaus der Bühne wiedergewinnen wollte.“ „Und wo bleibt Dein Entſchluß?“ „Er ſteht feſt, obwohl er auf unerwartete Hinder⸗ niſſe ſtößt. Herr von Kamp war ſehr erſtaunt, daß mich ein Vorfall wie der geſtrige beſtimmen könnte, dem Theater Valet zu ſagen. Er lachte laut auf, nannte es eine Bagatelle, ihm ſelbſt ſei ſchon Aehnliches und Schlimmeres widerfahren, ſprach von Kabalen der Kunſt⸗ genoſſen, von Launen des Publikums, die man mit der Zeit ertragen lerne.“ 79 „O wie mich dieſe Welt der Couliſſen anwidert!“ rief Arthur empört. „Ich hatte erwartet, daß man ſich von mir abwenden würde, wie die Welt Jedem den Rücken kehrt, den das Glück verläßt, aber nein, man will mich zwingen—“ „Zwingen?“ rief Arthur mit Zornröthe im Geſicht, und es kam Roſa vor, als wäre er um einen halben Kopf größer geworden. „Die Primadonna befindet ſich auf Urlaub“, fuhr Roſa fort, ihn ſanft bei der Hand ergreifend,„eine andere Sängerin hat ſich, wie mir Herr von Kamp mit⸗ theilte, heimlich entfernt, die Oper ſtützt ſich jetzt auf mich, und ich ſoll ſingen— ſingen— ſingen!“ „Und wirſt Du wieder ſingen?“ fragte Arthur forſchend. „Eher ſterben“, betheuerte Roſa, die Hand aufs Herz drückend,„denn die Bühne iſt mir zur Hölle gge⸗ worden.“ „Dann will ich den ſehen, der Dich zwingen möchte.“. „Die Direction beruft ſich auf den Contract, den ich mit ihr abgeſchloſſen habe. Er iſt noch nicht abgelaufen und Herr von Kamp verſicherte mir, die Direction ſei feſt entſchloſſen, ihre Anſprüche bis zum Aeußerſten zu verfolgen.“ 80 „Ich kenne ein Mittel, das Dich Deines Contracts ſofort entbindet: eine ſchnelle Heirath!“ Roſa wurde blutroth.„Nun“, ſtammelte ſie mit niedergeſchlagenen Augen,„das hat noch Zeit!“ „Ich kenne Zemand“, fuhr Arthur unbekümmert fort,„der das vagabondirende Junggeſellenleben ſatt hat und Dich auf der Stelle heirathen möchte.“ „O“, wandte Roſa ein, die am Fenſter ſtand und auf die Straße hinabſah,„er wird wohl auch noch Zeit haben.“ „Es iſt wahr!“ rief Arthur.„Ich bin des vornehmen Müßiggehens müde, ich will endlich mit dem Gelernten der Welt nützen, ich will handeln, und vor allen Dingen will ich wiſſen, warum und für wen ich lebe!“ „O, das hat noch Zeit!“ Arthur nannte Roſa einen Altbart. Er ſchloß das ſich ſträubende Mädchen wiederholt in ſeine Arme und es war ihm, als könnte er nicht länger leben, ohne das geliebte Weſen endlich zu beſitzen und ſich, wo er auch ſei, des Glückes ihrer ſteten Gegenwart zu erfreuen. Er zog noch an dieſem Tage die Majorin in ſein Vertrauen. Als ſie hörte, daß Arthur mit keinem geringern als einem Heirathsgedanken umging, nahm die reizende junge Frau vollſtändig den Anſtand einer erfahrenen Matrone an. 81 Ob der junge Herr der Einwilligung ſeines Onkels gewiß ſei? Ob Roſa's Mutter, die doch auch gefragt werden müſſe, ihr Jawort geben werde? Und ein dritter, zarter Punkt— die Ausſichten des Herrn Forſtcandidaten. Arthur zupfte ſich lächelnd am Backenbarte und ſtarrte noch eine gute Weile ins Leere, als die junge mütterliche Freundin jene Erörterungen, die ſie in die Form einer halb ernſten, halb ſcherzhaften Strafrede gekleidet hatte, bereits erſchöpft hatte. „Ich will Ihnen keine Hoffnung rege machen“, fuhr die Majorin endlich in beruhigendem Tone fort,„was ich aber für Sie thun kann, ſoll geſchehen. Ich übernehme es, bei Roſa's Mutter Ihre Fürſprecherin zu ſein, und was eine geſicherte Stellung anlangt, ſo werde ich meinen Einfluß bei dem Fürſten von X. für Sie geltend machen. Mit Ihrem Herrn Oheim aber müſſen Sie ſich ſelbſt arrangiren! Dabei werden Sie gut thun, meinen Namen aus dem Spiele zu laſſen; das könnte Alles verderben!“ Arthur blickte die Majorin ſehr erſtaunt an. „Im Vertrauen“, ſagte ſie mit ſchalkhafter Verſchämt⸗ heit,„er warb einſt um meine Hand und hat mir's ſehr übel genommen, daß ich nicht Ihre Tante geworden bin!“ Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. Fünftes Kapitel. Wenn wir durch die Straßen gehen, ſo können wir trotz mancher ernſten und wichtigen Betrachtung, die viel⸗ leicht unſere Gedanken beſchäftigt, dennoch nicht unterlaſſen, uns für allerlei Kleinigkeiten zu intereſſiren. Wir leſen wieder und immer wieder die aushängenden Firmen; eine geſchriebene Anzeige hinter einem Fenſter zu ebener Erde, daß hier Glacéhandſchuhe gewaſchen werden, haben wir ſo oft betrachtet, daß wir den Charakter der großen unregel⸗ mäßigen Schriftzüge aus dem Gedächtniß treu wiederzu⸗ geben vermöchten; wir nehmen gewiſſenhaft von jedem Neubau Notiz, an dem unſer Weg vorüberführt, haben ein offenes Auge für die über eine Stelle, wo die Straße gepflaſtert wird, gezogene Schnur und ſehen uns nach der proviſoriſchen Laterne, die über einem Steinhaufen ſchwankt, 83 im Weitergehen ſogar noch einmal um. Betreten wir ein Gebäude, ſo kann uns in der Hausflur der Strich mit einer Jahreszahl, welcher an den Waſſerſtand einer Ueberſchwemmung erinnert, unmöglich entgehen; wir ſind neugierig genug, einen Blick in den Hofraum zu werfen, obwohl wir dort nichts zu ſuchen haben, ja wir gehen in unſerm Intereſſe für Kleinigkeiten ſo weit, an einer zer⸗ brochenen Fenſterſcheibe auf dem Treppenabſatze Aergerniß zu nehmen und uns einen ſchönen, farbigen Spielball hin⸗ zuzudenken, nach welchem der Beſitzer ſelbſt wahrſcheinlich nie wieder gefragt hat. Wir dürfen mit unſerer minutiöſen Anſchauung der Dinge keinen Anſpruch darauf machen, zu den wahrhaft vornehmen Leuten gezählt zu werden, welche die Welt nur im Großen und Ganzen auffaſſen. Wir würden uns ſehr irren, wenn wir glaubten, das neue Haus, an dem man unſerer Wohnung gegenüber ſchon ſeit einem halben Jahre baut, ſei für einen Vornehmen ein Anhalte⸗ punkt, uns ſchnell und ſicher zu finden; wir würden uns eine gewaltige Blöße geben, wenn wir, um ſeinem Ge⸗ dächtniſſe zu Hülfe zu kommen, ihm die Firma eines be⸗ kannten Geſchäfts nennen wollten, vor deſſen Ladenthür wir zuletzt mit ihm zuſammentrafen, und nicht minder dürfte es uns in ſeinen Augen in ein nachtheiliges Licht ſetzen, wenn wir ihm zumutheten, ſich des Umſtandes 84 zu erinnern, daß vor dem Hauſe, wo er einſt gewohnt hat, ſich die Initialen des Hausbeſitzers durch bunte Steine von dem übrigen Pflaſter abheben, obwohl er von ſeinem Fenſter aus mehr als hundertmal auf die Stelle herabgeblickt hat. Vor dem Hauſe der Pfandleiherin hält eine prächtige Carroſſe. Eine Dame mit dunkelgrünem, pelzverbrämtem Sammtüberwurf iſt ausgeſtiegen und in der Thür des alten Gebäudes verſchwunden. Der Leſer wird leicht errathen, daß dies eine vornehme Dame ſein muß, und nach der harmloſen Reflexion, die wir vorausſchickten, muß es begreiflich erſcheinen, daß die ausgeſtiegene Dame an der Wäſchmangel, die in der Hausflur ſteht, gleich⸗ gültig vorüberrauſcht, daß ſie behenden Fußes die Treppen hinaufſchlüpft, ohne einen Blick in den Hof hinabzuwerfen, den wir, unſerm kleinlichen Hange nachgebend, bei einer andern Gelegenheit ausführlicher ſchilderten, und daß ſie ohne jeden Nebengedanken die Glocke zieht und das Oeffnen der Vorſaalthür erwartet, vor der wir einſt Jemand faſt mit Andacht ſtehen ſahen. Frau Stubenrauch hatte alle Urſache, über den un⸗ erwarteten Beſuch einer Dame, der ſie mit großer Zähig⸗ keit einſt die Nennung ihres Namens verweigerte, ver⸗ blüfft zu ſein. Und wiederum war es jener, dem wahrhaft Vornehmen eigenthümliche Zug, Kleinigkeiten zu ignoriren 85 oder gar ſpurlos aus dem Gedächtniſſe zu verlieren, welcher die Pfandleiherin wohlthuend vor einer Verlegen⸗ heit bewahrte, denn die Majorin verrieth mit keinem Blicke, daß ſie die ältliche Dame wiedererkannte, die mit ihr einſt wegen eines Schmuckes im Rococogeſchmack unterhandelt hatte. Wenn Frau Stubenrauch ihren vor⸗ nehmen Beſuch bei völliger Finſterniß in ihr Zimmer eingeführt hätte, derſelbe hätte von dem Arrangement der Möbel, von der Farbe der Tapeten kaum einen unvoll⸗ ſtändigern Begriff erlangen können, ſo meiſterhaft ver⸗ ſtand er die Kunſt, mit offenen Augen nichts zu ſehen. „Ich bin gekommen, um Sie hinſichtlich Roſa's zu beruhigen“, ſagte die Majorin mit einem fortwährenden Lächeln, das wir Salonlächeln nennen möchten, und warf ſich in den Armſtuhl, den die Pfandleiherin ihr anbot;„Roſa befindet ſich bei mir.“ „Ich dachte es mir“, bemerkte Frau Stubenrauch ehrfurchtsvoll. „Sie hat ſich mit Mütterchen entzweit“, fuhr die Majorin in dem tröſtlichen Tone eines Arztes fort, der von einer leichten Erkältung ſpricht,„und wird ſich wohl bald eines Beſſern beſinnen, denn ich bin immer geneigt, mich auf die Seite der ältern Leute zu ſtellen, obwohl ich glaube“, fügte ſie hinzu, indem ſie den Finger leicht an die niedliche Naſe legte,„daß Roſa und ich ſo ziem⸗ 86 lich in einem Alter ſein dürften. Ich bin am dreizehnten März 18.. geboren.“ „Mein Gott“, rief Frau Stubenrauch, die Hände faltend,„das iſt ja auch der Geburtstag von—“ „Von Roſa?“ fragte die Majorin mit ihrem Salon⸗ lächeln und Frau Stubenrauch feſt anſehend. Letztere ſchüttelte den Kopf und blickte etwas bewegt zu Boden, als hinge ſie einer wehmüthigen Er⸗ innerung nach. „Ich muß geſtehen“, ſeufzte Frau Stubenrauch ab⸗ lenkend,„Roſa macht mir recht großen Kummer!“ „Roſa iſt gut, ſeelengut“, erwiderte die Majorin, ihren Ueberwurf, der den Teppich berührte, empornehmend, „aber ſie iſt noch unerfahren; ſie weiß noch nicht, was zu ihrem Beſten dient; Mütterchen hat ſie zu lieb ge⸗ habt, und was man in zu reichem Maße genießt, lernt man erſt dann ſchätzen, wenn man es entbehren muß.“ „Leider nur zu wahr!“ „Roſa wird gewiß zur Einſicht kommen. Und ſo⸗ weit es in meiner Macht liegt, auf ſie einzuwirken, werde ich nichts unverſucht laſſen, rechnen Sie darauf.“ „O gnädige Frau, nehmen Sie meinen Dank für ſo viel Güte!“ „Wenn man ſchon in früheſter Jugend ſo bittere Er⸗ fahrungen gemacht hat wie ich“, ſagte die Majorin mit 87 einem glühenden Blick,„ſo iſt man in meinem Alter ſchon reif genug, Andern gute Lehren zu geben.“ „Waren die gnädige Frau nicht glücklich in ihrer erſten Jugend?“ fragte Frau Stubenrauch theilnehmend. „Nein“, ſagte die Majorin mit einem ſchmerzlichen Lächeln,„ich war nicht glücklich, denn ich hatte eine Stiefmutter, die mich ſchlug und ſchalt und mich gegen eine andere Schweſter zurückſetzte.“ „Das ſind traurige Erinnerungen“, ſeufzte Frau Stubenrauch.„Es iſt immerhin etwas Mißliches um eine Stiefmutter, und die Fälle, daß eine ſolche ihre Pflichten treu erfüllt, ihre Aufgabe richtig erkennt, ſind ſelten.“ „Sie müſſen ſehr ſelten ſein“, erwiderte die Majorin, „denn mir iſt kein einziger bekannt geworden.“ „O, es gibt Ausnahmen“, ſagte Frau Stubenrauch mit ruhigem Lächeln,„es gibt rührende Ausnahmen!“ Die Majorin erhob ſich raſch von ihrem Seſſel, rauſchte an das offene Pianoforte, deſſen Taſten Frau Stubenrauch vor der Ankunft ihres vornehmen Beſuchs eben alauſüünben im B weuun geweſen war, ſetzte ſich anf Accorde an. Sie hunt es jedoch nicht auf das Inſtru⸗ ment ſelbſt, ſondern auf mehrere darüber hängende weib⸗ liche Portraits abgeſehen, die ſie von ihrem bisherigen Platze aus nicht deutlich zu erkennen vermochte. 88 „A propos“, ſagte die Majorin, während ſie in Roſa's Notenheften blätterte,„unſere kleine Widerſpenſtige will ja der er Wihne entſagen.“ eider!“ ſeufzte Frau Stubenrauch kummervoll.„Ach, we uun die gnädige Frau ihr das ausreden könnten!“ -„ Ich habe es ſchon verſucht“, antwortete Adeline, „und werde auch ferner keine Ueberredungskunſt ſparen.“ „Ach, gnädige Frau“, ſagte Frau Stubenrauch weh⸗ müthig und wies auf einen Lorbeerkranz mit verſilberten Blättern, der über dem Inſtrumente hing,„als Roſa eines Abends mit dieſem Kranze aus dem Theater kam! Welche Freude! Der Kranz war von Ihrer lieben Hand geworfen, Roſa und ich waren ſo glücklich, ſo ſtolz— und jetzt!“ „Es wäre ſchade um ihr Talent“, fuhr die Majorin lächelnd fort.„Es handelt ſich nicht nur um den Ruhm einer glänzenden künſtleriſchen Laufbahn“, ſetzte ſie hinzu mit einem Blicke auf die weiblichen Portraits, ſämmtlich ehemalige Sängerinnen darſtellend, die jetzt die Namen hochadliger Cavaliere trugen,„ſondern es muß ihr auch daran liegen, ſich wie dieſe keineswegs unerreichbaren Ideale die Chancen einer einſtigen Stellung in der höhern Geſellſchaft zu erhalten, zu der ſie wie geboren iſt.“ „e nun“, wandte Frau Stubenrauch verlegen ein, „wenn man ſich uch nicht zu ſo hochfliegenden Hoff⸗ nungen verſteigt—— 4 89 „Es iſt gut, daß wir auf dieſes Thema gekommen ſind“, unterbrach ſie die Majorin nach einigem Nachdenken und ſchlug wieder einzelne Accorde an.„Da iſt ein junger Mann, der Roſa viel Aufmerkſamkeit zu erweiſen ſcheint, ohne Zweifel werden Sie davon wiſſen.“ 3 „Ein junger Mann?“ fragte Frau Stubenrauch hoch auflauſchend und mit geſpannter Erwartung. „Ich glaube ſeinen Namen gehört zu haben“, fuhr die Majorin fort, die Hand auf die Stirn legend,„genug, es iſt ein junger Forſtcandidat.“ „Roſa's Jugendgeſpiele“, ſagte Frau Stubenrauch ent⸗ täuſcht und mit Geringſchätzung,„ſein Name iſt Hofacker.“ „Ganz recht“, verſetzte die Majorin, phlegmatiſch mit dem Kopfe nickend,„und ſoweit Roſa mich zur Vertrauten ihrer Herzensgeheimniſſe gemacht hat, glaube ich, daß die beiden jungen Leute einander nicht gleichgültig ſind.“ „Meine Ahnung“, rief Frau Stubenrauch, ſich ver⸗ geſſend, und ſchlug ſich vor die Stirn,„meine Ahnung, auf die ich nicht hören wollte!“ „Er ſoll übrigens ein großes Vermögen zu er⸗ warten haben“, fuhr die Majorin fort, die fortwährend auf dem Piano mit vornehmer Zerſtreutheit leiſe prä⸗ ludirte. „Jetzt wird mir Alles klar!“ ſagte Frau Stubenrauch, ohne die Bemerkung der Majorin zu beachten. Sie durch⸗ 90 maß das Zimmer mit ſchnellen Schritten und wiederholte ihren Ausruf mehrere Male. Die Majorin lächelte ſtill für ſich. „Gnädige Frau“, ſagte die Pfandleiherin, indem ſie vor der Majorin ſtehen blieb,„Ihre Mittheilung iſt für mich von ſo großer Wichtigkeit, daß ich Ihnen nicht genug dankbar dafür ſein kann. Es handelt ſich um nichts Geringeres als um Roſa's ganze Zukunft. Es iſt von unberechenbaren Folgen!“ „Das dachte ich auch“, verſetzte die Majorin, die Pfandleiherin ernſt und aufmerkſam anſehend,„und ich will Ihnen nun auch nicht länger verhehlen, daß dies nicht der letzte Grund war, der mich zu Ihnen geführt hat. Um nicht unbeſcheiden zu erſcheinen, habe ich die Angelegenheit nur en passant berührt. Da ich mich jedoch Roſa's Freundin nenne, ſo mußte mir natürlich daran liegen, zu wiſſen, wie Sie darüber denken.“ 3 „Ach, wenn ich Ihnen meine Gedanken mittheilen könnte, gnädige Frau“, rief die Pfandleiherin in heftiger Erregung,„aber es geht nicht, es kommen Verhältniſſe ins Spiel! Sie werden mich freilich nicht begreifen können, werden mich wunderlich finden—“ „Durchaus nicht“, verſetzte die Majorin, ſich von ihrem Stuhle erhebend,„ſeien Sie unbeſorgt. Sie haben 91 mit einer Frau zu thun, die hinlänglich Verſtändniß und Zartgefühl beſitzt, um Ihnen in einer ſo delicaten Sache jede weitere Erklärung zu erſparen. Die wenigen Worte, die wir darüber ausgetauſcht haben, ſind für mich ge⸗ nügend, um zu errathen, wie Sie darüber denken. Das Andere kümmert mich nicht. Und ſo wäre der Zweck meines Beſuchs vollkommen erfüllt.“ „Wenn Sie jemals Roſa's Freundin und Be⸗ ſchützerin waren“, ſagte die Pfandleiherin warm und dringend, indem ſie der Majorin Hand ergriff,„ſo ſeien Sie es ihr jetzt. In Ihre Hand lege ich Roſa's Geſchick.“ „Sie können es in keine beſſere Hand legen“, be⸗ ruhigte die Majorin, Frau Stubenrauch's Hand drückend. „Iſt Jemand im Stande, auf Beziehungen von ſo zarter Natur einzuwirken, ſo bin ich es. Ich ſtehe Roſa's Herzensgeheimniſſen am nächſten, vermöge unſeres gleichen Alters, und“, fügte die Majorin mit bedeutſamem Lächeln hinzu und den Zeigefinger emporhebend,„dabei bin ich eine Frau!“. Die Majorin hatte ſich entfernt, kehrte aber bald wieder zurück. Es war ihr, wie ſie leichthin bemerkte, auf der Treppe noch etwas eingefallen. „Man kann nicht wiſſen“, ſagte ſie, den Drücker der geöffneten Thür in der Hand,„wie lange ich an Roſa 92 Mutterſtelle vertreten werde.“ Ein unſchuldig muth⸗ williges Lachen begleitete dieſe Worte.„Ich könnte leicht in den Fall kommen, meine Pſeudo⸗Tochter bei der Be⸗ hörde anmelden laſſen zu müſſen, und es wird zu dieſem Zwecke gut ſein, wenn Sie mich mit irgend einem Do⸗ cumente verſehen.“ „Ganz recht!“ erwiderte Frau Stubenrauch.„Ein beſonderes Legitimationspapier hat allerdings Roſa nicht, indeſſen—“ „Der Taufſchein wird genügen“, warf die Ma⸗ jorin hin. Frau Stubenrauch eilte an ihren Secretär, durch⸗ wühlte einige Papiere und kehrte mit einem ſauber zu⸗ ſammengefalteten Documente zurück. „Es iſt der Taufſchein“, bemerkte Frau Stubenrauch; „ich werde mir erlauben, Ihnen heute noch das Papier zuzuſtellen.“. „O“, widerſprach die Majorin,„machen Sie ſich keine Umſtände, ich nehme den Schein gleich mit.“ Frau Stubenrauch wollte das aus Artigkeit nicht geſtatten, gab aber endlich nach. Kaum hatte die Majorin den Taufſchein in Händen, als ſie ihn hoch emporhielt und etwas ſagte, was ſie unmöglich im Ernſt meinen konnte: „Es iſt doch kein falſcher?“ 93 Frau Stubenrauch glaubte zu träumen. Ihr Auge begegnete dem durchdringenden Blicke der Majorin. „Es iſt doch kein falſcher?“ wiederholte dieſe, und die Pfandleiherin erblaßte. Beide ſahen ſich eine Weile ſtarr an. Da endlich umſpielte die Lippen der Majorin ein unſchuldiges Lächeln. Frau Stubenrauch athmete auf, ſie begriff das harmloſe Mißverſtändniß, das ſie ſo ernſt genommen hatte. „Sie meinen“, ſagte ſie,„ob es auch wirklich Roſa's Taufſchein und nicht ein anderes Papier iſt?“ Natürlich hatte die Majorin dies und nichts Anderes gemeint, und nun mußten beide über dieſen komiſchen Zwiſchenfall herzlich lachen. Frau Stubenrauch hegte die aufrichtigſte Bewun⸗ derung für die vornehmen Manieren der Majorin; ſie ſtellte, als ſie den Wagen der Majorin die Straße entlang raſſeln hörte, zwiſchen dieſer und Roſa Ver⸗ gleiche an, die ſehr zu Roſa's Ungunſten ausfielen und die Mutter faſt verſtimmten. Hatte Roſa je einen Satz in ſo feinen, gewählten Ausdrücken geſprochen? Welch eine Sprache! Welch eine Delicateſſe in der Behandlung eines ſo peinlichen Themas, wie eine Herzensangelegenheit! Der Enthuſiasmus der Pfandleiherin hatte jedoch viel Verwandtes mit der Wirkung eines Rührſtücks 94 Von allen deuen, die ihre naſſen Augen trocknen, wird es Niemand einfallen, die Moral des Stückes un⸗ bedingt zu ſeiner eigenen zu machen. Es iſt nur ein wohlthuender, aber rein objectiver Kunſtgenuß, unabhängig von den Intereſſen des praktiſchen Lebens. Und bei aller Sympathie, die Frau Stubenrauch für die Rede⸗ künſte der Majorin hegte, ſagte ſie zuletzt dennoch ſeuf⸗ zend:„Wenn wir uns nur nicht mißverſtanden haben!“ Sechstes Kapitel. Arthur ſetzte wenig Hoffnungen auf die Fürſprache der Majorin bei der wider ihn eingenommenen Pfand⸗ leiherin; um ſo größer war ſeine Ueberraſchung, als die Majorin ihn an dieſem Nachmittage mit verheißungs⸗ vollen Blicken empfing, als er in Roſa's Mienen las, daß ſie ſich vergeblich bemühe, eine freudige Aufregung zu verbergen. Fran Stubenrauch ſchien, wie die Ma⸗ jorin ihm mittheilte, zwar noch immer zu grollen; ſie hatte ſich nur in ſehr zurückhaltenden Aeußerungen er⸗ gangen, nichtsdeſtoweniger aber Roſa's Geſchick ganz in die Hände der Majorin gelegt. Noch mehr: ſie hatte dem jungen Paare ihren ſtummen Segen ertheilt, indem ſie Roſa den Taufſchein überſandte. Roſa behauptete zwar auch jetzt noch, es habe Alles noch Zeit, und den⸗ 96 noch mußte ihr ein unnennbares Glück in großer Nähe winken, das verriethen ihre freudeſtrahlenden Augen, die kurz vorher noch von vielem Weinen geröthet waren. Arthur wollte dem Onkel noch heute ſein Herz aufthun. Es war bereits Abend, als er von Roſa ſchied. Als er ſich der Saulapotheke näherte, fiel es ihm auf, daß die Fenſter von des Onkels Schlafzimmer von einem matten Lichtſchimmer erhellt waren, während das Wohngemach, in welchem ſich der alte Herr um dieſe Zeit aufzuhalten pflegte, in gänzlicher Dunkelheit lag. Auf dem Corridore hörte er das gedämpfte Sprechen zweier Perſonen, wie es ſchien, vor dem Schlafzimmer des Onkels. Es war Doctor Arle und der älteſte Proviſor. Der Doctor ging mit kaltem Gruß an Arthur vorüber. „Machen Sie ſich keine Sorgen“, wurde Arthur plötz⸗ lich von dem Proviſor leiſe angeredet,„der Doctor er⸗ klärt ihn außer aller Gefahr, wenn der Anfall ſich nicht wiederholt.“— „Welcher Anfall?“ fragte Arthur erſtaunt. „Sie wiſſen noch nichts?“ „Keine Silbe! Was iſt geſchehen?“ „Als Jean heute Nachmittag gegen vier Uhr zufällig in das Zimmer des Onkels trat, um ihm die Zeitungen zu überbringen, fand er ihn in einem Zuſtande, der einem Scchlaganfall ſehr ähnlich war. Der Herr Onkel war 97 vollſtändig gelähmt und unfähig, ein Wort zu ſprechen. Sein Geſicht war verzerrt und todtenbleich.“ „Mein Himmel!“ rief Arthur, der ſeinen Onkel trotz mancher Schwächen und Eigenheiten zärtlich liebte. „Wie der kranke Herr dem Doctor zu verſtehen ge⸗ geben hat, iſt der Anfall die Folge einer heftigen Al⸗ teration.“ „Und wiſſen Sie nicht, was vorgefallen iſt?“ Der Proviſor zuckte die Achſeln und fügte dann hinzu:„Ungefähr eine Stunde vorher hat Ihr Herr Onkel den Beſuch einer Dame empfangen. Was zwiſchen beiden vorgegangen iſt, weiß Niemand.“ „Einer Dame?“ fragte Arthur. „Einer ältlichen Dame“, verſetzte der Proviſor.„Wir haben den Kranken zu Bett gebracht, er muß vor allen Dingen Ruhe haben und darf nicht ſprechen.“ Der Proviſor entfernte ſich. 3 „Eine ältliche Dame?“ wiederholte Arthur kopf⸗ ſchüttelnd und trat leiſe in das Krankenzimmer.. Als er ſich über das Bett beugte, belebte ein freund⸗ liches Lächeln die bleichen Züge des Onkels. Er drückte Arthur's dargebotene Hand und flüſterte:„Es hat nichts zu bedeuten.“ „Nicht ſprechen, beſter Onkel!“ warnte Arthur, und des Alten Züge verklärten ſich abermals zu einem Lächeln, Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. 7 98 als thäte es ihm außerordentlich wohl, Jemand zu Gunſten ſeiner Geſundheit reden zu hören, den ſein Tod zu einem reichen, unabhängigen Manne machen würde. „An eine Beſprechung mit dem Onkel aber durfte Arthur unter ſo bewandten Umſtänden nicht denken. Er hatte in dieſer Nacht die ſeltſamſten Träume. Mit ſeinem Onkel hatte er einen heftigen Auftritt, worin er dem alten Herrn Ehrgeiz zum Vorwurfe machte. Mitten im größten Eifer aber mußte er ſich unterbrechen und ſeinen Gegner um Entſchuldigung bitten, weil dieſer ſich plötzlich in eine ältliche Dame verwandelte. Das Zimmer, in welchem dieſes vorging, war ein Baſtard von dem Schlafzimmer des Onkels und der Wohnung der Frau Stubenrauch. Die letztere ermahnte ihn und Roſa müt⸗ terlich, ſich zu vertragen, beide mußten ſich einen Ver⸗ ſöhnungskuß geben und Arthur erhielt von Frau Stuben⸗ rauch ein großes Stück Kuchen. Auch Roſa hatte ihm etwas zu übergeben, wie ſie ſagte. Sie zauderte jedoch noch damit. Es konnte nichts Anderes ſein als der Brief, bei welchem er ſie überraſcht und den ſie inzwiſchen zu Ende geſchrieben hatte. Sie hielt in der That das ſchwarzgeſiegelte Billet in der Hand, hielt es hoch empor und wich vor Arthur zurück, der ihr folgte. Aber er konnte ſie nicht erreichen, ſo ſehr er auch ruderte, denn die reichverzierte Gondel, in welcher Roſa ſtand, flog 99 leichter und ſchneller durch den Golf als die ſeinige. Der finſtere Gefährte in Roſa's Gondel nickte Arthur einen kalten Gruß zu; Arthur grübelte, warum der Doctor ihn ſo kalt behandelte, und verſäumte darüber, nach dem Billet zu greifen, das Roſa inzwiſchen ihm zugeworfen hatte und welches er eben im Meere ver⸗ ſinken ſah. Er ſtarrte nieder auf den Punkt, wo es ſeinen Blicken entſchwunden war; doch wunderte er ſich, wie er hatte danach greifen wollen, da ſich der Meeres⸗ ſpiegel tief, tief unter ihm befand; er hatte träumeriſch in die grüne Flut geſchaut, auf der das Schiff ſo leicht, ſo unmerklich dahinglitt, daß er gar nicht auf den Ge⸗ danken gekommen war, der Punkt müſſe jetzt ſchon mehrere Seemeilen hinter ihm liegen. Die Sonne wollte eben aufgehen und er ſtieg in die Kajüte hinab, um Roſa zu wecken. Aber die Kajüte war leer, und jetzt erſt beſann er ſich, daß er Roſa am Lande zurückgelaſſen habe. Er wollte umkehren, er warf ſich dem Kapitän zu Füßen, aber ſein Bitten und Flehen war vergebens. Jener ſchwarze Punkt am Horizonte bezeichnete die Küſte, wo Roſa weilte, und von dort erklangen die ſchwermüthigen Accorde einer Spieldoſe; mit ſchwindelnder Schnelligkeit durchſchnitt das Fahrzeug den Ocean, und er wußte es, daß ſich, wenn es ihn einſt nach Jahren zurückbrachte, Roſa's Spur unauffindbar verloren haben würde. Unter 7* 100 einem angſtvollen Seufzer ſchlug er die Augen auf. Der Morgen dämmerte zum Fenſter herein, und in der Nach⸗ barſchaft brachte man Jemand ein Frühſtändchen. Der Geſundheitszuſtand des Onkels beſſerte ſich von Tag zu Tag. Wenn ſeine Erkrankung wirklich die Folge einer heftigen Gemüthserſchütterung war, ſo gelang es ihm ſichtlich, ſich über dieſelbe hinwegzuſetzen. Nie be⸗ merkte man an ihm, daß er irgend einem ernſten Ge⸗ danken nachhing, wohl aber ſah man ihn häufig vor ſich hinlächeln und ſtets war er guter Laune. Er gewann allmälig den vollſtändigen Gebrauch der Sprache wieder und unterhielt ſich mit Arthur über Allerlei, nie aber kam ein Wort über ſeine Lippen, welches auf den ihm zugeſtoßenen Unfall oder auf eine ältliche Dame Bezug gehabt hätte. Die Thatſache ſeines leidenden Zuſtandes glich einer geſchichtlichen Ueberlieferung, deren Quellen ſpurlos verloren gegangen ſind. Zuweilen glaubte Arthur zu bemerken, daß der Onkel ihn ſehr aufmerkſam beob⸗ achte. Nie hatte der alte Herr, wenn er ſeinen Neffen Anſtalten zum Ausgehen treffen ſah, gefragt, wohin er gehe. Am zweiten Tage nach ſeiner Erkrankung über⸗ raſchte er Arthur, als dieſer ſich eben zur Majorin ver⸗ fügen wollte, mit der Frage, ob er zum Liebchen gehe? Es war ihm anzuſehen, wie er ſich mühſam bezwang, über die momentane Verblüffung Arthur's nicht laut. — 101 aufzulachen.„Biſt junges Blut“, fügte er hinzu,„war auch einmal ſo jung wie Du.“ Dabei muſterte er mit freudigem Stolz Arthur's Geſtalt von oben bis unten und rieb ſich vergnügt die zitternden Hände. Unmittelbar darauf verzerrte ſich ſein Geſicht, aus ſeinem grauen Auge ſprühte ein wüthender Blick, aber ſchnell zwang er ſich wieder zum Lächeln, als hätte er ſich bei einem Däätfehler ertappt.. 3 Der Onkel durfte endlich das Bett verlaſſen, machte durch die lange Reihe ſeiner Zimmer Spaziergänge und fing an, ſich wieder um die Geſchäfte zu bekümmern. Arthur war unentſchieden, ob er es endlich wagen dürfe, mit dem Onkel über ſeine Herzensangelegenheit zu ſprechen. Er ſchämte ſich ſeines langen Zögerns um ſo mehr, je thatkräftiger ſich die Majorin erwies, denn eines Tages überraſchte ſie ihn mit einem Schreiben vom Fürſten. Es enthielt Arthur's Beſtallung als Forſtrath. Er war ſprachlos und wollte es nicht glauben. Das Glück war zu groß und kam zu plötzlich, als daß er hätte in lauten Jubel ausbrechen können. Arthur hatte ſich mit Eifer für ſein Fach herangebildet, er war ſich ſeiner Berufs⸗ tüchtigkeit bewußt, aber es wohnt dem ſtrebenden und wahrhaft begabten Menſchen eine an Kleinmüthigkeit ſtrei⸗ fende Beſcheidenheit inne, die ihn vor leicht und mühelos erreichten Zielen zurückbeben läßt. Dazu kam das für 10² Arthur ſehr demüthigende Bewußtſein, daß er ſeine Stel⸗ lung der Protection einer Frau zu danken habe; er dachte an die myſteriöſe Loge, an Fürſtengunſt, die blind⸗ lings ihre Gaben austheilt; er dachte an die Zurück⸗ ſetzung, die oft das wahre Verdienſt erfährt, und fühlte Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, nichts Anderes zu ſein als ein neidenswerthes Schooßkind des Glücks. Arthur war erſchüttert und ſehr ernſt. Als er aber Roſa's Blicken begegnete, die mit faſt kindlichem Bangen auf ihm ge⸗ weilt hatten, als er an ſeine Forſträthin dachte, warf er alle Skrupel von ſich und ſchloß die Geſpielin ſeiner Jugend, die Gefährtin ſeiner Zukunft beglückt an ſein Herz, obwohl ſie auch jetzt mit verſchämtem Lächeln be⸗ hauptete, mit der Frau Forſträthin habe es noch Zeit. Als Arthur, mit ſeiner Beſtallung in der Taſche, heute zu ſeinem Ontkel trat, ſchien ihm deſſen Dispoſition für ein ernſtes Geſpräch zweifellos, ja, es kam ihm vor, als hätte er es ſchon geſtern oder vorgeſtern wagen kön⸗ nen und als ſei er über den Zuſtand des Recon⸗ valescenten bisher mit Blindheit geſchlagen geweſen. „Beim Liebchen geweſen?“ redete der Alte ſeinen Neffen an und blieb lächelnd vor ihm ſtehen. Obwohl Arthur ſein Befremden über dieſe Aus⸗ fälle noch immer nicht unterdrücken konnte, ſo er⸗ blickte er darin jetzt doch einen willkommenen An⸗ 103 knüpfungspunkt und antwortete auf die Frage des Onkels friſchweg mit einem Ja. Der alte Herr lachte, ließ ſich behaglich in die Sophaecke nieder und winkte ſeinem Neffen, neben ihm Platz zu nehmen.„Arthur, ich muß Dir etwas er⸗ zählen“, ſagte er mit Humor,„aber daß Du Dich nicht darüber ärgerſt, daß Du mir nicht auffährſt und be⸗ dauerſt“, fügte er hinzu und erhob freundlich drohend den Finger,„denn es iſt zum Lachen! An jenem Tage“, begann der Onkel mit leiſer Stimme und machte mit der Hand eine verächtliche Be⸗ wegung, als gälte es einer abgethanen Vergangenheit, „an jenem Tage beſuchte mich ein— ein—“ Er ſchien nach einem recht gehäſſigen Ausdrucke zu haſchen, überwand ſich aber ſchnell und geſtaltete, mit ſichtlicher Freude über den Sieg ſeiner Pietät, das „Weibsbild“, das er auf der Zunge hatte, zu einer „Dame“. „Eine ſchon etwas bejahrte Dame“ fügte er hinzu, „ſie nannte ſich Stubenrauch.“ Er ſprach dieſen Namen ohne alle Leidenſchaft aus.„Sie war ſehr höflich und theilte mir mit, daß ſie eine Tochter beſäße, die einſt Deine Geſpielin geweſen ſei. Sie kam nun des Nähern auf Deine ſeligen Aeltern zu ſprechen, die ſie ſehr gut gekannt hatte, und äußerte ſich wirklich recht freund⸗ 104 ſchaftlich über ſie.„Die Beziehungen zwiſchen meiner Tochter und Ihrem Neffen“, ſagte ſie,„haben ſich bis zu dieſem Tage erhalten, oder ſind ſeit der Rückkehr des letztern wenigſtens wieder aufgefriſcht worden, ja, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, geht die gegenſeitige Zuneigung der jungen Leute über die Grenzen der Freund⸗ ſchaft hinaus.“ Ich fühlte mich bei dieſer Eröffnung, aufrichtig ge⸗ ſtanden, etwas unbehaglich. Der Name Stubenrauch war mir fremd, eine angeſehene Familie dieſes Namens exiſtirt hier nicht. Ich konnte alſo auch nicht annehmen, daß es ſich Deinerſeits um eine ernſte Bewerbung handle, und antwortete ihr daher:„Madame, in die kleinen Liebes⸗ affairen meines Neffen menge ich mich nicht.“ „Sie geben der Sache einen falſchen Namen“, ent⸗ gegnete die Dame in ihrer bisherigen Freundlichkeit,„Ihr Neffe hat ernſtliche Abſichten auf meine Tochter. Wäre ich davon nicht feſt überzeugt, ſo würde ich Sie kaum mit meinem Beſuche beläſtigt haben, der Ihnen vorläufig allerdings etwas lächerlich erſcheinen mag, aber auch nur vorläufig. Sie nennen es eine kleine Affaire— je nun, es iſt wohl der Mühe werth, denn an dem Tage, wo meine Tochter heirathet, das heißt, mit meiner Einwilli⸗ gung heirathet, erhält ſie von mir eine anſtändige Mitgift.“ 105 Zu meinem großen Erſtaunen breitete nun die Dame eine Menge Papiere vor mir aus und muthete mir zu, mich von dem Vermögensſtand ihrer Tochter zu überzeugen. So ſehr ich mich anfangs ſträubte, dieſem kindiſchen Anſinnen Folge zu leiſten, ſo hielt ich es doch für das Beſte, ihrer Zudringlichkeit nachzugeben, um ſie nur los zu werden. Es war in der That ein recht an⸗ ſtändiges Vermögen“, verſicherte der alte Herr in einem Tone, als ſpräche er von einem allerliebſten Miniatur⸗ bilde,„ein recht anſtändiges Vermögen. Da ſich trotz⸗ dem ein Ziegenbock und ein Pferd nicht zuſammen⸗ ſpannen laſſen, ſo mag ich die Papiere allerdings etwas mitleidig angeſehen und ſie wohl auch verächtlich durch⸗ einander geworfen haben. Wenigſtens erinnere ich mich nicht, daß mir mein Lebtag Jemand einen ſo böſen, ſtechenden Blick zugeworfen hätte wie die Dame. Ich packte die Papiere ſchnell zuſammen, gab ſie ihr in die Hand und fragte etwas unwirſch:„Nun, und was ſoll das?“ „Es ſoll Ihnen nur zum Beweiſe dienen“, ant⸗ wortete ſie in der höflichſten Weiſe, aber noch immer mit dem böſen Blicke,„daß ich keine Prahlerin bin.“ „Das war ſehr überflüſſig, Madame“, ſagte ich.„Er⸗ ſtens iſt der Gegenſtand an und für ſich nicht danach, um damit zu prahlen, und ſodann kann ich Ihnen ver⸗ 106 ſichern, daß wir um keinen Schritt weiter ſein würden, ſelbſt wenn das Vermögen Ihrer Tochter das Zehnfache betrüge. Es gibt genug vermögende Mädchen in der Stadt, die aber doch deshalb keinen Anſpruch auf die Hand meines Neffen haben. War das der ernſte Hin⸗ tergrund Ihres Beſuchs, ſo bleibt des Lächerlichen noch genug zurück.“ „Ich bin noch nicht zu Ende“, erwiderte die Dame, „das Ernſte kommt jetzt erſt. Als unſere jungen Leutchen noch Kinder waren, wurde Ihrem Neffen von ſeiten ſeiner Aeltern plötzlich der Umgang mit meiner Tochter ſtreng unterſagt.“ Ich ſah die Frau mit Erſtaunen an. Sie lachte und fuhr fort:„Glauben Sie nicht, daß die guten Aeltern ihre Gründe dazu gehabt haben mögen?“ „Das ſollte ich meinen“, gab ich zur Antwort,„und gewiß triftige Gründe, denn es waren ſehr vernünf⸗ tige Leute.“ „Es freut mich, daß wir übereinſtimmen“, ſagte die wunderliche Dame.„Hören Sie weiter! Meine Tochter iſt zu Allem, nur nicht zur Häuslichkeit erzogen, ſie iſt Sängerin am Theater.“ Nun wurde mir's zu bunt.„Glauben Sieu, rief ich ärgerlich,„daß mein Neffe mit meiner Einwilligung jemals eine Theaterprinzeſſin heirathen wird?“ 107 „Nein!« ſagte ſie und ſah mich ſo höhniſch an, daß ich ſchwach genug war, mich vom Zorn übermannen zu laſſen, und lauter, als es meiner armen Bruſt gut that, ihr zurief:„Für meinen Neffen taugt ſie nicht, und wenn ſie Millionen beſäße.“ „Und wenn ſie Millionen beſäße“, ſprach mir das— die Dame nach und machte ein grinſendes Geſicht, als wollte ſie mich äffen.“ Onkel Saul mußte eine kurze Pauſe machen, denn er bekam einen kleinen Huſtenanfall, weil er während der letzten Worte von ſeiner Art, leiſe zu ſprechen, ab⸗ gewichen war. Arthur hörte mit ſtarrem Schweigen zu. Er hatte zu wiederholten Malen unwillkürlich nach ſeiner Beſtallung in der Taſche gefühlt. Onkel Saul ſchüttelte lächelnd den Kopf und fuhr fort, indem er eine Zickzackbewegung mit der Hand machte:„Und was wollen Sie denn eigentlich von mir? fragte ich die Dame. „Ihnen ſagen, daß der Neffe eines bloßen Apothe⸗ kers für meine Tochter zu ſchlecht iſt«, raunte ſie mir mit ungeheurer Bosheit zu,„Ihnen ſagen, daß ich mit meiner Tochter höher hinaus will, und Ihnen einſchärfen, dafür Sorge zu tragen, daß der ſaubere Herr Neffe künftig auf anderes Wild Jagd macht und meine Tochter für alle Zeiten ungeſchoren läßt.“ — 108 Ich war meiner nicht mehr mächtig, und das war ſchwach von mir, ſehr ſchwach. Ich wollte aufſtehen und ſie bei der Gurgel packen, aber ich konnte kein Glied bewegen. Zum Ueberfluß trat ſie auch noch dicht an meinen Seſſel— die Dame trat dicht an meinen Seſſel, ſage ich, und fragte, auf weſſen Seite jetzt das Lächer⸗ liche wäre? Haha! Und dann ſagte ſie, es wäre auf meiner Seite, und dann— hahaha!— brachte ſie— legte die Dame ihren Mund dicht an mein Ohr, flüſterte Deinem Onkel ins Ohr— es iſt zum Lachen— flüſterte ihm ins Ohr, er wäre ein alter Narr! Und—“ Hier mußte der alte Herr ſchlucken und die Stimme verſagte ihm auf einen Augenblick, wie einem ſchüch⸗ ternen Menſchen, der einem Miniſter ein Anliegen vortragen will.„Und dann— ging ſie hinaus“, er⸗ gänzte er endlich, indem er mit beiden Händen eine ho⸗ rizontale Bewegung machte, als wollte er etwas ebnen. Sein Kopf ſank auf die Bruſt herab, ſein Oberkörper beugte ſich vor. Er ſtierte die Diele an und man hätte ihn für einen hundertjährigen Greis halten können. „Onkel!“ rief Arthur, dem ſehr unheimlich zu Muthe ward. Der Alte erwachte aus ſeiner Lethargie; er richtete ſich ſchnell empor, ſah ſeinen Neffen an und zeigte das heiterſte Geſicht von der Welt. — 109 „Ich war ein Thor“, ſagte er, die Hand auf die Bruſt legend,„ein Thor, daß ich mich von dieſer— dieſer Dame ſo in Aufregung verſetzen ließ. Ich habe gegen meine eigene Geſundheit gewüthet, aber ich habe es wieder gut gemacht. Wenn ich an dieſer Geſchichte ſterbe“, fügte er hinzu und unterdrückte nur mühſam ein krampf⸗ haftes Gelächter,„ſo ſoll man mich wie einen Selbſt⸗ mörder begraben, wie einen Selbſtmörder!“ Wenn Arthur jetzt ein Wort erwidert hätte, ſo wäre der alte Herr dem letztgeäußerten Wunſche vielleicht ſehr nahe gebracht worden. Dies fühlte Arthur und daher ſchwieg er ſtill. Er ſah zur Erde. Sein Geſicht war glühend roth. Vielleicht fürchtete der Onkel in der That, auf dem Antlitze ſeines Neffen einem Merkmale des Wi⸗ derſpruchs oder mangelnder Uebereinſtimmung zu begeg⸗ nen, denn er mied ſorgfältig, ihn anzuſehen. Es trat eine lange Pauſe ein.. „Weißt Du was, Arthur“, ergriff endlich der Onkel in gemüthlichem Tone wieder das Wort,„wenn ich Dir rathen ſoll, ſo laß die Spielerei beiſeite.“ „Verzeihen Sie, Onkel“, ſagte Arthur gepreßt,„es iſt keine Spielerei.“ „Laß die Spielerei beiſeite“, wiederholte der alte Herr ganz in der vorigen Weiſe, als habe er Arthur’'s Einwendung nicht gehört.„Ich will Dir keine Vorſchriften 110 machen, tadle Dich auch nicht; Du haſt Deinen freien Willen, mach' ſie meinetwegen zu Deiner Maitreſſe, aber wenn ich Dir rathen ſoll, ſuche Dir ein anderes Abenteuer.“ Arthur erhob ſich mit zerriſſenem Herzen langſam von ſeinem Stuhle. „Sie thun dem Mädchen ſchreiendes Unrecht, Onkel“, ſagte er düſter,„Sie laſſen es entgelten, was ſeine hart⸗ herzige Mutter verdorben hat. Sie iſt die Frauenwürde ſelbſt, ſie iſt—“ „Ein Diamant“, nahm der Onkel das Wort,„eine Perle, ein Ausbund von Tugend und Schönheit. Ich glaub's gern. Aber was willſt Du denn mit ihr? Denn heirathen wirſt Du ſie ja doch nicht. Wie? Wirſt Du ſie heirathen?“ Arthur ſah zur Erde und ſchwieg. Das Patent in ſeiner Taſche hatte plötzlich ſein An⸗ ſehen verloren. Er ſah eine gefährlichere Frage aufgeworfen als die der Exiſtenz, welche im Patente ihre Löſung fand. Die Hoffnung, mit Roſa verbunden zu ſein, die ihm in dichter Nähe geleuchtet hatte, floh plötzlich in eine unge⸗ wiſſe Ferne zurück. Der ſtolze Bau ſeiner Pläne hatte einen Riß, ſein Fahrzeug ein Leck. Die Aufgabe des Augenblicks war nicht mehr die des Vorwärtsſteuerns, es galt jetzt ſtill zu ſtehen, um den Schaden zu repariren. „Wirſt Du ſie heirathen, Arthur?“ fragte der Onkel 111 lächelnd.„Wirſt Du der Tochter dieſer— dieſer Dame Deinen Namen, den Namen Deines Onkels geben wollen?“ „Und wenn ich das wollte, Onkel?“ fragte Arthur dumpf. „Wenn Du das wollteſt“, lachte der alte Herr,„ſo würdeſt Du Deinem alten Onkel nicht Dein Ehrenwort geben, daß Du dieſes Mädchen nicht zu Deiner Gemahlin machen wirſt, auch nach meinem Tode nicht.“ Arthur wandte ſich beſtürzt ab. „Komm her“, ſagte der Onkel mit kaum hörbarer Stimme und ſtreckte ſeine heftig zitternde Hand aus, „komm und gib mir die Hand darauf, als Mann von Ehre, daß Du dieſes Mädchen nicht heiratheſt, auch nicht, wenn ich todt bin.“ „Onkel“, rief Arthur, auf den alten Herrn zueilend und ſeine Hände beſchwörend auf deſſen Schultern legend, „fordern Sie Alles von mir, fordern Sie Geduld, gut! ich will warten, jahrelang warten, ich will ſie vorzeitig mein eigen genannt haben, will ſie in all die zwingenden Verhältniſſe ihres frühern Lebens zurücktreten ſehen, ich— will, aus Liebe zu Ihnen, mein Glück in Sehnſucht umſchmelzen, aber fordern Sie nicht die Sehnſucht ſelbſt!“ Der Onkel ſchüttelte Arthur ungeſtüm von ſich ab. Unerbittlich ſtreckte er wieder die zitternde Rechte aus und ſagte keuchend:„Dein Ehrenwort!“ mich wie einen Selbſtmörder begraben!“ 112 Arthur bedeckte verzweiflungsvoll ſein Geſicht mit beiden Händen und wandte ſich von dem drauſamen alten Manne weg. „Noch ein Wort“, flüſterte dieſer, und Arthur blieb ſtehen.„Glaube nicht, daß Du mein Erbe biſt, ſolange Du Dich keines Beſſern beſinnſt! Du biſt mein Neffe nicht mehr, Du kannſt gehen, wohin es Dir beliebt!“ Arthur ließ jetzt beide Hände von dem Geſichte ſinken, und dem alten Herrn gehorchend, der ihm winkte, ſich zu entfernen, verließ er das Zimmer. Der Zurückgebliebene aber erhob ſich, that einige Schritte in der Nähe des Sophas, als wollte er ſeine Kräfte erproben, und lispelte, die Hand auf die Bruſt gepreßt:„Wenn ich an dieſer Geſchichte ſterbe, ſoll man Siebentes Kapitel. Nach jahrelangem friedlichen Einvernehmen mit ſeinem Onkel hatte Arthur nun urplötzlich wieder die Bekannt⸗ ſchaft mit deſſen Nacht⸗ und Schattenſeiten erneuern müſſen. Arthur wünſchte ihm aus dem Grunde ſeines Herzens noch ein recht langes L Leben, und dennoch erſchien ihm das gierige Sichanklammern des Greiſes an Athem und Daſein in abſchreckender Häßlichkeit. Arthur zwei⸗ felte auch jetzt nicht, daß ſein Onkel ihn geliebt hatte, ihn vielleicht im Gefühle ſeiner Vereinſamung hatte lieben müſſen. Aber noch mächtiger als Liebe und Zärt⸗ lichkeit war des Onkels Egoismus, der keinen, auch nicht den leiſten Schatten im Sonnenglanze ſeines 3 Daſeins duldete, auch dann nicht, wenn in dem Schatten das ebensglit ſeines Neffen ruhte. öcker, Ein ſchöner Dämon. III. 114 Die Ausſicht, einſt des Onkels Univerſalerbe zu werden, hatte für Arthur nie beſondern Reiz gehabt. Er legte auf den Beſitz irdiſcher Glücksgüter keinen hohen Werth, weil er ſtets in Ueberfluß gelebt hatte. Eher noch hatte ihn ein gewiſſes Gefühl der Abhängigkeit von ſeinem Onkel gedrückt; er hatte einen Lebensberuf erwählt, der einen weit ausholenden Anlauf erforderte, ehe er ihn zu dem Ziele der Selbſtſtändigkeit führte. Es war ſeine eigene freie Wahl geweſen, aber er würde ſich für etwas Anderes entſchieden haben, hätte er das Com⸗ plicirte dieſer Carrière, die fortwährend des Patronats des Onkels bedurfte, noch früh genug überſehen können. Das Alles hatte ſich nun freilich mit ſeiner Ernen⸗ nung zum Forſtrath geändert, und die ihm drohende Enterbung war ſeinem Geiſte jetzt weniger etwas Chi⸗ märenhaftes, als es ihm von jeher die Erbſchaft ſelbſt geweſen war. Er mußte ſogar lächeln, daß eine gewiſſe dunkle Ahnung, er werde einſt im Punkte der Erbſchaft ſo oder ſo das Schickſal ſeiner Aeltern theilen, wirklich in Erfüllung zu gehen ſchien. Ja, er fühlte ſich frei und leicht, dem goldenen Verhängniſſe, das von ſeiner Kind⸗ heit an wie ein launiſcher Himmel über ſeinem Haupte geſchwebt hatte, entrückt zu ſein. Nur eins ſchmerzte ihn tief und ſtimmte ihn wehmüthig: mit der Entfremdung des Onkels ſchien ihm ein Glied aus der ſympathetiſchen — 115 Kette geriſſen, die ihn mit dem heiligen Andenken an ſeine bis zu ihrem letzten Athemzuge dem Onkel treu ergebenen Aeltern verband. Es verging ein Tag nach dem andern, ohne daß Onkel Saul nach ſeinem Neffen gefragt hätte. Er wußte nicht, ob er ſich noch im Hauſe befand oder ob er viel⸗ leicht in einem fernen Erdtheile weilte. Er ging an Arthur's Zimmer vorüber, aber er warf keinen Blick nach der Thür, an welcher Arthur's Karte befeſtigt war oder vielleicht auch nicht mehr war. Er hatte nur ein⸗ mal das betrübte Geſicht der alten Haushälterin geſchaut und ſie von Stund' an mit keinem Blicke wieder ange⸗ ſehen. Er ſah eine Zeit lang Arthur's Reitknecht müßig in Haus und Hof umherlungern, und dann ſah er ihn nicht mehr. Allmälig mochte wohl der älteſte Proviſor, der die Geſchäfte führte, errathen haben, welche Antwort ihm der alte Herr auf einige Fragen, die er aus Zart⸗ gefühl nicht auszuſprechen wagte, geben würde, denn als Onkel Saul ſpäter die Rechnungsbücher durchſah, fand er ein paar Poſten, die auf die Ablöhnung des Reit⸗ knechts und den Verkauf des Reitpferdes ſchließen ließen. Mit heiterer Miene empfing der alte Mann eines Tages ſeinen Rechtsanwalt und mehrere ſchwarzgekleidete Herren und mit heiterer Miene entließ er alle wieder, nachdem er eine Stunde mit ihnen bei verſchloſſener Thür zugebracht ſchloſſ 9 9 8* 116 hatte. Mit ſeinem Leibarzt ſpielte er jetzt häufiger Schach denn je, häufiger denn je fuhr er mit ihm aus, häufiger denn je lud er ihn zu Tiſche. Wenn er dieſen nicht um ſich ſah, fehlte ihm etwas, und die Stunden, wo er ihn entbehren mußte, ſchlichen ihm langſam und bleiern dahin. Arthur war in einen Gaſthof gezogen. Die Ver⸗ ſicherungen der Majorin über die Stimmung der Frau Stubenrauch und deren ſtummer Segen in Geſtalt des Taufſcheins ſtimmten zwar ſchlecht mit dem Auftritt zu⸗ ſammen, von dem ſich jenes verhängnißvolle Zerwürfniß mit ſeinem Onkel herleitete, allein Arthur war eher geneigt zu glauben, ſein Onkel habe in ſeiner Vorein⸗ genommenheit gegen Arthur's Verbindung mit Roſa deren Mutter erſt bis zum Aeußerſten gereizt, als daß er in die Mittheilung der Majorin Zweifel geſetzt hätte. Er war überhaupt nicht geneigt, ſich mit Widerſprüchen und Grübeleien zu befaſſen; auf ſeinen ernſten Entſchluß, ſein Leben mit Roſa zu verketten, konnten ſie ja doch nicht einwirken, vielmehr waren ſie geeignet, die Ausführung deſſelben zu beſchleunigen, weil er täglich fürchtete, daß Roſa's Mutter plötzlich Einſpruch erheben und dadurch Roſa von neuem wankend machen könne. Die Majorin beſtärkte ihn hierin, ſie ſagte: Roſa's Mutter ſei ſehr veränderlichen Sinnes. Er hatte noch nie ſo muthig in die Zukunft geblickt, hatte noch nie die Thatkraft in ſich 117 gefühlt wie jetzt. Das alte gewohnte Leben lag hinter ihm, er ſehnte ſich das neue anzufangen. Sein höchſtes Ziel war, Roſa zu beſitzen, und wie ein Schwimmer, wenn er ſein Ziel in dichteſter Nähe vor ſich ſieht, nun erſt recht ſeine Anſtrengungen verdoppelt, wie er die letzte Spanne, die ihn noch davon trennt, ſchneller, haſtiger durchmißt als alle übrigen, ſo zuckte auch in Arthur jetzt die Ungeduld, den letzten Schritt zu thun. Es war noch ſehr zeitig am Morgen, denn ein alter Junggeſelle, der in guter Frühe auf ſeinem Poſten ſein muß, ſtand eben noch mit eingeſeiftem Geſicht vor dem kleinen Handſpiegel, den er beim Raſiren aus Fenſter zu hängen pflegte. Von Zeit zu Zeit ſetzte er das ſcharfe Meſſer ab, um einen Blick nach der gegenüberliegenden kleinen Kirche zu werfen. Das Portal derſelben war gerade weit genug geöffnet, daß er, begünſtigt von einem ſchräg in die Kirche fallenden Sonnenſtrahl, einige leere Bänke, einen weißen Pfeiler und ein Stück des rothen⸗ ſteinernen Fußbodens ſehen konnte. Vor der Kirche hielten zwei Kutſchen. Die Kutſcher ſtanden neben ihren Pferden und ſchienen ſich bereit zu halten, ihre Thiere von den wollenen Decken zu befreien, die ſie ihnen zum Schutze gegen die Morgenfriſche über⸗ 118 gebreitet hatten. Eine Milchfrau hatte ihr zinnernes Gefäß auf die ſteinernen Stufen geſtellt und ſtand unter dem Portale, in aufmerkſames Anſchauen verloren. Zwei Knaben in ärmlicher Kleidung ſpielten mit Zahlpfennigen und ſchlugen ſie gegen eins der in die Kirchenmauer gemeißelten, grün angehauchten Reliefs, die ehedem, als hier noch ein Friedhof war, den nächſtgelegenen Grüften als Grabſteine und Brandmauer gedient hatten. Die Erſcheinung eines ſchwarz gekleideten Herrn, der eben aus der Kirchthür trat, war für den alten Jung⸗ geſellen das Zeichen, ſein Raſirmeſſer wegzulegen, beide Hände auf den Fenſterſims zu ſtemmen und die Naſe ſo dicht wie möglich an die Scheibe zu drücken. Er ſah noch einen zweiten Herrn heraustreten, ſchwarz gekleidet wie der erſte. Dann folgte ein dritter in einem Rocke, ſo grün wie der Wald zur Maienzeit; die Goldborte, die geradlinig an ſeinem Bein herablief, die Knöpfe und Beſätze des grünen Galarocks, die Goldſtickerei des Stehkragens, die blank polirte Lederſcheide an ſeiner Linken, die eine eigenthümliche Waffe zu bergen ſchien, Alles blitzte und funkelte in der Sonne. Er führte eine Dame in weißem Schleier.„Ich wette eins gegen hun⸗ dert“, murmelte der alte Junggeſelle, noch ehe ihm die Dame ihr Antlitz zuwandte,„daß das Frauenzimmer gehörig verweinte Augen hat.“ Und er hatte Recht. Die 119 Wagen mit ihren Inſaſſen fuhren davon, die Milchfrau nahm ihr Gefäß auf den Kopf und ging ihren Geſchäften nach, und als der alte Junggeſelle ſein Haus verließ, begegnete er dem Pfarrer und dem Küſter und hörte den letztern, den Blick zum Himmel gehoben, eben noch ſagen: „Wenn dieſe Witterung anhält, haben wir in acht Tagen die Schifffahrt frei.“ So waren Arthur und Roſa ein Paar. Sie begingen ihren Hochzeitstag im Hauſe der Ma⸗ jorin, wo Roſa einſtweilen blieb, ſehr ſtill. Am Abend vergnügten ſich alle drei gemeinſchaftlich bei einer Taſſe Thee, und dann erlaubte ſich Arthur als Gatte die Ver⸗ traulichkeit, ſeiner Neuvermählten in Gegenwart der Ma⸗ jorin mit einem Kuſſe gute Nacht zu wünſchen, worauf er ſich in ſeinen Gaſthof verfügte. Als er am andern Morgen wiederkam, konnte ſich Roſa kaum denken, daß ſie nun wirklich ſein Weib ſei. Sie war heute und die folgenden Tage Arthur's Lieb⸗ koſungen gegenüber gerade noch ſo ſpröde und zurück⸗ haltend wie bisher; ihre Geſichtsfarbe kam ſo zu ſagen vor vielem Erröthen gar nicht zu ſich, und beinahe hätte es den erſten ehelichen Zwiſt gegeben, als Arthur ſie er⸗ tappte, wie ſie eben im Begriffe war, in ein Taſchentuch ein St. zu ſticken. Arthur wollte in kurzem nach ſeinem Beſtimmungs⸗ orte abreiſen und ſeine junge Gattin ſpäter nachholen. Vorher beſchloß er, mit Roſa einen Beſuch bei deren Mutter zu machen. Beide gingen zum erſten Male Arm in Arm durch die Straßen. Die Majorin ſah durch ihren Fenſterſpion dem Pärchen nach, bis es um die Ecke verſchwunden war. Auf ihrer ſchönen Stirn zeigten ſich einige Falten der Bedenklichkeit, ein leichter Hohn ſpielte um ihren lächelnden Mund. Sie ſeufzte, als habe ſie einen Augenblick lang dem wechſelnden Geſchick der Menſchen nachgedacht, aber es war einer jener Seufzer, die zu ſagen ſcheinen: Mich kümmert's nicht! Die Majorin ſah zuweilen nach der Uhr, denn es war ſchon ſehr ſpät, ohne daß Roſa und ihr Gemahl zurückgekommen wären. Es wurde Abend; nach dem Abendeſſen las die Majorin in einem Buche. Sie wußte nicht, wie lange ſie geleſen hatte, als ihre Zofe eintrat. „Wie ſpät iſt es?“ fragte Adeline gähnend und ſich mit ausgebreiteten Armen in die Ottomane zurücklehnend. Es war faſt Mitternacht, und die Majorin ging zu Bett. Wir haben den Leſer mit Ausmalung der traurigen Scene, der unſer argloſes Paar entgegenging, verſchont. Frau Stubenrauch ſtieß einen gräßlichen Fluch aus, als ſie hörte, daß Roſa mit Arthur vermählt ſei. Halb ohn⸗ mächtig wurde Roſa von Arthur hinab in einen Wagen getragen. Als Arthur ebenfalls einſteigen wollte, fiel zu 121 ſeinen Füßen ein Brief nieder. Er trug den Poſtſtempel einer fernen Stadt und war an Roſa adreſſirt. Wahrſcheinlich hatte er mehrere Tage ſchon bei Roſa's Mutter gelegen, die ihn jetzt auf die Straße herabwarf und klirrend das Fenſter wieder ſchloß. Arthur ſteckte den Brief zu ſich. „Arthur“, ſagte Roſa,„ich fahre mit Dir nach Deinem Gaſthofe, nicht zur Majorin. Mir graut vor ihr. Arthur führte Roſa auf ſein Zimmer und unter ſeiner liebenden Pflege erholte ſie ſich bald wieder. „Geſtehen wir's uns offen“, ſagte Roſa,„wir ſind beide geneigt, der Majorin einen Theil der Schuld auf⸗ zubürden. Wir ſind nahe daran, ihr mit Undank zu lohnen, ich weiß es; aber ich fühle mich unfähig, ihr mit dem Bewußtſein dieſes ſchrecklichen Erlebniſſes unter die Augen zu treten. Mir iſt, als habe ſich, ſeit wir von ihr gingen, zwiſchen ihr und uns eine weite Kluft ge⸗ öffnet, als läge in der Luft, die uns von ihr trennt, eine unerhörte Beleidigung, weder von ihr noch von uns⸗ verſchuldet, durch die uns aber doch der Rückweg abge⸗ ſchnitten iſt.“ Später entſann ſich Arthur des Briefes und über⸗ gab ihn Roſa. Sie kannte weder die Handſchrift, noch hatte ſie eine Ahnung, von wem er ſein könne. Als ſie 122 ihn erbrochen hatte, ſah ſie ſogleich nach der Unterſchrift. Er war von Minna Schröter. „Das Schickſal will es ſo“, ſchrieb ſie unter Anderm, „daß meine wohlmeinende Aufrichtigkeit Sie ſtets betrüben muß. Hüten Sie ſich vor der Majorin von Achtern! Sie iſt eine Schlange und ſucht Sie zu verderben. Während ſie ſich Ihnen im Lichte einer warmen Freun⸗ din und Protectorin zeigte, nahm ſie ſich zugleich meiner, als einer Zurückgeſetzten, in der ſie ſchnell Ihre natür⸗ liche Feindin erkannt hatte, an und ſtachelte meinen Ehrgeiz bis zum Aeußerſten. Ich war lange im Unklaren, gegen wen ſie die Falſche ſpiele, bis ſie ſich mit mir zu jener Demonſtration gegen Sie verband, durch welche ſie mir, wie ſie ſagte, Genugthuung verſchaffen, im Grunde aber wohl nur ihren Haß gegen Sie befriedigen wollte. Die Billets, welche den Urhebern Ihrer Niederlage das Theater öffneten, waren mit dem Gelde der Majorin erkauft. Ein Menſch, den ich bis vor kurzem leider noch meinen Bräutigam nannte, leitete die Demonſtrationen und hat der Majorin bereits an dem vorhergegangenen Opern⸗ balle einen gedruckten Theaterbericht eingehändigt, der Ihr Mißgeſchick aufs genaueſte vorherſagte und inzwiſchen auch im„Couliſſenfreund“ erſchienen iſt.“ Die Befürchtung, welche Fräulein Schröter am Schluſſe ihres Briefes ausſprach, daß ihr Bekenntniß 123 für eine boshafte Verleumdung gehalten werden könnte, war unbegründet. Arthur und Roſa entſannen ſich zu gleicher Zeit des Matroſen, der Roſa jenes Blatt übergeben hatte, indem er ſie für die Majorin von Achtern hielt. Die jungen Eheleute ſahen einander in ſprachloſer Beſtürzung an. Arthur fielen plötzlich die Worte ein, mit denen Roſa das Gewerbe ihrer Mutter geſchildert hatte: dort zu ſchaden, wo ſie helfen ſollte, ihr Herz zu ver⸗ ſchließen, wo Andere es öffneten; vielleicht wollte die Majorin eine harte Unbill Roſa entgelten laſſen, die ſie einſt in irgend einer unglücklichen Lage von deren Mutter erfahren hatte. Er verſchwieg es Roſa, aber er zweifelte nicht daran, daß das widerſpruchsvolle Gebaren der Ma⸗ jorin ein Act der Rache an Roſa's Mutter war. „Wir ſind verkauft und verrathen!“ jammerte die junge Frau. Arthur aber entgegnete:„Nein, noch ſind wir es nicht!“ Damit zog er die Klingel und befahl dem ein⸗ tretenden Kellner, Papier und Schreibzeug zu bringen. „Was willſt Du thun?“ fragte die junge Frau. „Was ich Deiner und meiner Ehre ſchuldig bin“, entgegnete Arthur, ihr ſanft über die Stirn ſtreichend. „Wir haben Teufelsgold in unſerer Wirthſchaft. Fort damit! Es kann keinen Segen bringen!“ 124 Arthur ſetzte ſich hin und ſchrieb an die Majorin. Er dankte ihr für alles Gute, was ſie an Roſa und ihm gethan hatte. „Welcher Art die Abſichten auch waren“, ſchrieb er, „die Sie beſtimmten, in unſer Geſchick mit aufopfernder Thätigkeit einzugreifen, Sie haben unſer Glück befördert. Seit mich indeſſen der Fluch einer raſenden Mutter und eine unerwartete Aufklärung über den Urheber, der Roſa's künſtleriſches Wirken zum gewaltſamen Abſchluß brachte, die Wahl Ihrer Mittel kennen lehrte, wage ich die Freigebigkeit eines Fatums, das nur durch Täuſchungen beglückt, nicht weiter herauszufordern und lege daher die entbehrlichſte Gabe, da es noch Zeit iſt, hiermit in ſeine dunkle Hand zurück.“ Wir brauchen kaum hinzuzufügen, deß dem Briefe das Forſtrathspatent beilag. „Ich habe Muth und Selbſtvertrauen“, ſagte Arthur, als Roſa den Brief geleſen hatte,„Gott wird uns nicht verlaſſen!“ Roſa betrachtete ihn mit einem wehmüthigen Blicke, als fühle ſie, welche ungewohnten Sorgen jetzt auf Arthur's Haupte laſteten, und als werfe ſie ſich vor, allein ſchuld daran zu ſein. Arthur aber ſchloß ſie in ſeine Arme und die heilige Flamme der Liebe, die aus beider Herzen zu einem glühenden Kuſſe emporſchlug, verſchlang ſpurlos alle Kümmerniſſe. 125 Beide ſoupirten in ihrem Zimmer und ſaßen dann, einander mit den Armen umſchlungen haltend, bis ſpät in die Nacht auf dem Sopha. Sie plauderten ſo ſüß und waren ſo ſelig, als wären ſie die Glücklichſten unter den Sterblichen. Und ſie waren es auch, und grollend über ſeine verfehlte Sendung ſchied der heutige Unglücks⸗ tag von den Neuvermählten. Während der nächſten Tage hatte Arthur viele Gänge abzuthun. Eines Abends trat er mit einer beſonders freudigen Miene zu ſeiner jungen Gattin. „Einſtweilen iſt für uns geſorgt“, rief er,„ich habe eine Stelle gefunden. Einen Titel trägt ſie Dir freilich nicht ein—“ „Kein Forſtrath?“ fragte Roſa t ſchalkhafter Neu⸗ gier. Arthur ſchüttelte mit etwas ſarkaſtiſchem Lächeln den Kopf. Roſa ſchlug tappend alle übrigen Rangſtufen nach abwärts an. Infolge deſſen wurde Arthur ſehr ernſt und Roſa ſtellte ihr Examiniren ein. Sie wagte keine weitere Frage, ſah ihn aber zuweilen beſorgt und forſchend an, ſo oft ſie ſicher war, daß er es nicht bemerkte. „Auch eine Wohnung mit Möbeln habe ich gemiethet“, fügte Arthur nach einer Weile hinzu,„morgen ziehen wir ein.“ 126 Und am andern Tage bezogen ſie ihre beſcheidene, aber trauliche Wohnung, in der ſich auch ein Piano befand. Das Häuschen lag in einer entfernten Vorſtadt, inmitten eines Gartens. Man ſah auf eine große Anzahl kahler Bäume herab, unter welchen, von dem wärmern Strahle der Sonne begünſtigt, ein paar Männer beſchäftigt waren, ſchmuzige Tiſche und Gartenſtühle neu zu überfirniſſen, und Roſa rief:„Im Sommer, wenn Alles grün iſt, muß es hier herrlich ſein!“ Am Abend war die geſchäftige junge Hausfrau mit ihrer Einrichtung ſo weit vorgeſchritten, daß ſie mit eigener Hand das erſte Abendbrod zurichten konnte. Es beſtand aus gebackenen Hühnern. Seltſamerweiſe leiſteten ſie Roſa's Verſuchen, ſie zu zerlegen, Widerſtand, und als Arthur ſelbſt das Meſſer anlegte, ſprangen ſie ſogar vom Teller herab und in die Stube. Da auch Arthur's ſchärfſtes Jagdmeſſer nichts auszurichten vermochte, ſo blieb den jungen Leuten nichts übrig, als die übliche Form des Tranchirens zu umgehen und ohne weiteres von den Zähnen Gebrauch zu machen. Obwohl Arthur ſich vergeblich bemühte, von dem ſteinharten Gericht etwas loszubeißen, ſo gelang es ihm doch vortrefflich, ſich den Anſchein zu geben, als habe er fortwährend den ganzen Mund voll. Aber Roſa, die noch keine Faſer von ihrem Huhn losbekommen hatte, bemerkte es dennoch und nun 127 war es mit der Verſtellung aus. Arthur lachte, und die junge Köchin weinte. Arthur wußte ſie jedoch bald wieder aufzuheitern; ſie bediente ihn ſogar mit einer Cigarre, die ſie ſelbſt anrauchte, und noch an demſelben Abend ſetzte ſie ſich ans Piano und ſang, und ihre Stimme klang ſchöner, ſüßer, als ſie je im Theater geklungen hatte. Sie ſang: Wer hat dich, du ſchöner Wald, Aufgebaut ſo hoch da droben? Wohl den Meiſter will ich loben, Solang' noch meine Stimm' erſchallt. Lebe wohl, du ſchöner Wald! Tief die Welt verworren ſchallt, Oben einſam Rehe graſen, Und wir ziehen fort und blaſen, Daß es tauſendfach verhallt: Lebe wohl, du ſchöner Wald!. Was wir ſtill gelobt im Wald, Wollen's draußen ehrlich halten, Ewig bleiben treu die Alten, Bis das letzte Lied verhallt. Schirm' dich Gott, du deutſcher Wald! Es war gut, daß ihr Zuhörer in einer dunklen Ecke ſaß, ſonſt hätte ſie vielleicht die Thräne geſehen, die ſich während des Liedes in ſeinen Backenbart verlief. 128 Am andern Morgen trat Arthur ſeine Stellung an. Als er, zum Ausgehen angekleidet, zu Roſa kam, ſah ſie ihn erſtaunt an. Er war von Kopf bis zu Fuß ſchwarz gekleidet und hielt auch einen ſchwarzen Hut in der Hand. „Aber, Arthur“, rief die junge Frau,„was ſoll das? Warum legſt Du denn nicht Deinen Akademiker an?“ So pflegte ſie Arthur's grüne Uniform zu bezeichnen. „Ich brauche ihn vorläufig nicht“, ſagte er lächelnd, küßte ſeinen Engel und entfernte ſich raſch. Der Zurückbleibenden aber ging ein ahnendes Ver⸗ ſtändniß auf. Und ſie weinte nun wieder und diesmal weinte ſie lange! Arthur hatte eine Stelle in einer Buchhandlung als Corrector und Ueberſetzer angenommen. Achtes Kapitel. Wir haben in den vorigen Kapiteln den alten Hof⸗ acker den Kampf mit mancherlei ſeine Geſundheit ge⸗ fährdenden Widerwärtigkeiten ſiegreich beſtehen ſehen. Im heißen Gewühle der Schlacht achtet der Soldat oft der Wunde nicht, die er davonträgt, und mancher tapfere Kämpe iſt fern vom Kannonendonner ſpäter im Bett geſtorben. Auf ähnliche Weiſe täuſchen wir uns während einer weiten Fußwanderuug, ſolange unſere Kräfte noch in Thätigkeit ſind, und erſt wenn wir ausruhen wollen, fühlen wir uns todmüde. Ob in Onkel Saul eine ähnliche Reaction vorgeht, wagen wir noch nicht zu behaupten, wohl aber ſtellen ſich ſonderbare Anzeichen und Grillen bei ihm ein, die auf ein geſtörtes Gleichgewicht ſchließen kaſſen Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. Seit er den Beſuch des Rechtsanwalts und noch mehrerer Herren empfing, hat er einen gewiſſen Schlüſſel mit ängſtlicher Sorgfalt allnächtlich unter ſeinem Kopffiſſen verwahrt. Zuweilen hat ihm geträumt, ein ſchwarz⸗ bärtiger Mann ſtehe vor ſeinem Lager und ſchleiche mit dem erbeuteten Schlüſſel hinaus. Und oft iſt dann der Alte mitten in der Nacht aufgeſtanden, um ſich zu über⸗ zeugen, daß der Schrein in einem der anſtoßenden Ge⸗ mächer noch unverſehrt und verſchloſſen die ihm anver⸗ trauten Geheimniſſe berge. Eine andere ſeltſame Grille, über welche die Gehülfen der Officin verſtohlen lächeln, iſt es, daß Onkel Saul ſich die Mediein, die ihm verordnet wird, ſeit jenem Tage ſelbſt bereitet, daß er kein Glas Wein trinkt, von dem nicht ſchon ſein Diener genippt hat, keine Speiſe anrührt, die dieſer nicht vorher in ſeiner Gegenwart gekoſtet hat. Man muß einem kindiſchen Greiſe Manches zu gute halten. Das berückſichtigt auch Doctor Arle, als der alte Hofacker ihm eines Tages plötzlich im beſten Humor die Frage vorlegt:„Sagen Sie mir nur, liebes Doctor⸗ chen, wie ſind Sie denn eigentlich damals zur Majorin von Achtern gekommen?“ Der Doctor ſah ſeinen Patienten freilich etwas er⸗ ſtaunt an. „Darüber haben wir noch nie miteinander geſprochen“, 131 fuhr der Alte mit beinahe verſchämtem Lächeln fort;„es knüpfen ſich für Sie bittere Erfahrungen daran, ſehr bittere Erfahrungen“, wiederholte er unter einem tiefen, theilnahmevollen Seufzer. Arle nickte ſtumm. Onkel Saul verhüllte mit beiden Händen ſein Geſicht und rief pathetiſch:„O, o, über dieſe böſe Welt!“ Es gibt Seelenzuſtände, Gemüthsſtimmungen, die den Menſchen zuweilen aus ſeiner vielleicht mit allzu ängſt⸗ lichem Takte feſtgehaltenen Abgeſchloſſenheit Andern gegen⸗ über heraustreten laſſen. In dieſem Ausnahmezuſtande befand ſich der alte Hofacker. Es überkam ihn eine Theilnahme für Arle, er fühlte ſo unwiderſtehlich das Bedürfniß, Vertrauen zu geben und zu empfangen, daß er ihn ganz unwillkürlich fragte: „Haben Sie denn Niemand in Verdacht, der da⸗ mals— ich meine, von dem es ausgegangen ſein könnte als mein Freund— als der Major, nämlich das verdammte Geſchwätz— ich will ſagen—“ Arle half dem ſtammelnden Alten aus der Verlegen⸗ heit, indem er ein Zeichen der Verneinung machte. „Mit dem Vermögen übrigens“, plauderte der alte Herr weiter,„was der Major hinterlaſſen hat, war es gar nicht ſo weit her! Hm! Vermögen! Wo nicht gar Schulden!“ 13² „Sie ſagten vorhin“, warf Arle hin,„der Major ſei Ihr Freund geweſen?“ Den alten Hofacker berührte das Wort„Major“ aus dem Munde des Doctors eigenthümlich. Rothkäppchen, als es mit ſeiner Großmutter im Bette lag ind plötzlich deren unheimliche Aehnlichkeit mit einem Wolfe herausfand, mag unter ähnlichen Empfindun⸗ gen der Ehrfurcht mit dieſer über ihre rollenden Augen, ihren großen Mund und ihre ſcharfen Zähne geſprochen haben, wie der alte Hofacker jetzt mit ſeinem Leibarzte deſſen Beziehungen zur Majorsfamilie beſprach. Wer uns aber den dunklen Drang erklärt, der Rothkäppchen gerade dieſes gefährliche Thema berühren ließ, der würde uns vielleicht auch den Schlüſſel zu dem Gedankengange des Apothekers geben können. „Er war mein Freund“, erwiderte der Alte,„mein Jugendfreund. Wir haben manches Abenteuer zuſammen verlebt, in jungen Jahren und auch in alten Jahren. Hm, ich will Ihnen eins erzählen.“ Der Alte ſah den Doctor mit bedeutſamem Augen⸗ zwinkern an und fuhr fort: „Kennen Sie vielleicht einen Mann Namens Degen⸗ haar?“ Der Doctor kannte ihn. „Kennen Sie ihn näher?“ “ ·· 8 133 Arle kannte ihn nur oberflächlich. „Er treibt vielerlei Geſchäfte. Er verſchafft Ihnen Alles, was Sie begehren und bezahlen, auch Menſchen. Eines Tages kam er zu mir mit geheimnißvoller Miene und ſagte:„Ich habe etwas für Sie, etwas ausgezeichnet Schönes; es iſt freilich noch nicht zahm!“ Sie errathen wohl, Doctor, was es war: ein junges Mädchen, und zwar von hinreißender Schönheit! Sie war bis dahin mit einer Menagerie gereiſt und hatte ſich als Löwen⸗ bändigerin producirt. Das Thier war geſtorben, und da ſie dem Menaggeriebeſitzer nun überflüſſig war, ſo hatte Degenhaar ſie an ſich gelockt, wahrſcheinlich unter falſchen Vorſpiegelungen, denn als ihr die Augen geöffnet wurden, weinte ſie und wollte verzweifeln. Das arme Kind war hülflos und verlaſſen und ich nahm mich ihrer an, miethete ihr eine brillante Wohnung, ſtattete ſie mit Allem aus, was ihr Herz begehrte, und ſiehe da, das neue Leben, das ihr die Mittel bot, ihre grenzenloſe Eitelkeit zu befriedigen, gefiel ihr und wir lebten in beſter Eintracht. Als indeſſen einige Zeit vergangen war, wuchs mir ihre Klugheit über den Kopf. Sie hatte in ihrem neuen Boden Wurzel geſchlagen und ſteigerte ihre Anſprüche an meine Freigebigkeit in einem unerhörten Maße. So ſollte ich ihr einmal einen Halsſchmuck für mehrere tauſend Thaler kaufen, den ſie im Schaufenſter 134 eines Juweliers geſehen hatte, und zuletzt forderte ſie gar, ich ſollte ſie heirathen. Ich hättte dazu gelacht, da ich aber wußte, daß ſie die Perſon ſei, die zur Er⸗ reichung ihrer Zwecke Alles daran ſetzte, ſo war ich zuletzt froh, ſie los zu werden. Mein Freund nämlich, der Major von Achtern, ſah ſie, verliebte ſich in ſie bis über die Ohren, erfüllte alle ihre Wünſche und machte ihr zuletzt einen Heirathsantrag, den ſie annahm. Seien Sie froh, Doctor, daß Sie der lockenden Gefahr ent⸗ ronnen ſind, des Majors Nachfolger zu werden. Sie hätten bei all Ihrer damaligen Praxis den Aufwand nicht erſchwingen können, den ſie machte und wodurch ſie den Major ruinirt hat.“ Karl's Beziehungen zur Majorin gehörten zu ſehr einem überwundenen Standpunkte an, als daß dieſe neueſte Enthüllung von mächtigem Eindrucke auf ihn hätte ſein können. Nur auf einen Augenblick durchzuckte ihn ein bitteres Weh, daß die Verworfenheit im Mantel des Göttlichen einhergeht, daß weibliche Anmuth die Stirn der Unwürdigſten ſchmücken darf, daß Seele und Glut auch aus dem Auge des Laſters leuchten können! Beim alten Hofacker ſtellten ſich mit jedem neuen Tage neue Anzeichen ein, die auf ein geſtörtes Gleich⸗ gewicht hindeuteten. Er ſchien plötzlich in die bewährte Unfehlbarkeit ſeines Leibarztes Zweifel zu ſetzen, ſuchte 135 dieſem ärztliche Verordnungen abzuzwingen und ſchüttelte den Kopf, daß derſelbe ihm nicht einen Aufenthalt in Afrika oder wenigſtens eine Badereiſe anrieth. Endlich ſchlugen die Bedenken des Kranken in das unzweideutigſte Mißtrauen um, denn er nahm noch zwei andere Aerzte an, obwohl er nicht zugab, daß Arle, der über dieſe Maßregel im Stillen lächelte, ſich zurückzog. Zuweilen that er gegen Arle Aeußerungen, die jeder Andere als dieſer für offenbare Geiſtesſtörung erklärt haben würde. Er ſprach davon, daß er ſein ganzes Ver⸗ mögen den Armen vermacht habe; ein anderes Mal be⸗ hauptete er, daß man ihn allgemein für reicher halte, als er ſei; dann wieder verſicherte er dem Doctor, nur ein ſehr kleines Vermögen zu beſitzen, und zuletzt reducirte er es ſogar auf eine enorme Schuldenlaſt. Wohl hatte er eine tiefe Wunde im Kampfe davon⸗ getragen! Eines Tages— Doctor Arle und der älteſte Proviſor beſanden ſich gerade bei ihm— wies er nach der Wand, wo die Portraits von Arthur's Aeltern hingen, und fragte die Anweſenden, ob ſie nichts ſähen? Sie ſahen nichts als die beiden Bilder. „Sehen Sie nicht, wie ſie nicken?“ fragte der Alte zitternd.„Sie nicken mir zu. Und ſehen Sie das Bild, was darunter hängt?“ Es hing kein Bild darunter. 136 „Habe ich nicht das Bild meines Neffen entfernen laſſen? Wer hat es wieder aufgehängt?“ Niemand hatte es aufgehängt. „Sehen Sie das Kind im weißen Hemdchen, mit dem Apfel in der Hand?“ Niemand ſah es. Plötzlich überzog Leichenbläſſe des Alten Geſicht; er ſtammelte die Namen der beiden Aerzte, die man ſchleunig herbeirufen ſollte, und ſank leblos um. Der Schlaganfall hatte ſich wiederholt. Arle legte ihn auf ein Bett. Noch war das Leben nicht von ihm gewichen, aber ſein Tod mußte unvermeidlich folgen. Wenn die Nacht des nahen Todes uns umgibt, genügt auch ein Funken Geiſt, ſie zu erleuchten, daß wir ſie ſehen und erkennen können, die unſer Sterbe lager umſtehen. Er ſah ſie alle, alle die Aerzte mit ihren hoffnungsloſen Mienen; die alte Haushälterin mit dem Geſtändniß ihrer Anhänglichkeit, das unaufhaltſam als ehrlicher Thränenquell aus ihren rothen Augen ſtrömte, alle, alle; auch ein langentbehrtes liebes Antlitz, das theuerſte, in das er je geſchaut, beugte ſich über ihn, und hinter dem Knieenden ſteht tief erſchüttert eine fremde Frauengeſtalt, ſie ſtützt ſich auf ſeine Schulter. Sie iſt ſo jung, ſo ſchön— ja, das muß ſie ſein, in deren Beſitz er ſein höchſtes Glück erkannte! 137 Aber noch eine Geſtalt ſteht am Sterbelager, die nur allein das brechende Auge ſieht: des Sterbenden beſſeres Selbſt ſteht da; es hat die Ketten der Unterdrückung zerriſſen und blickt ihm vorwurfsvoll ins Auge und deutet auf die blutenden Wunden, die er ihm in böſen Stunden ſchlug. Ach, und es ſind der Wunden viele! Noch iſt es Zeit, die eine zu heilen, noch iſt er dieſer Welt nicht entrückt, nur noch ein letztes Wort, nur noch ein letzter Wink an die Welt von der Brücke der Ewig⸗ keit herab! Hört es denn Niemand? Sieht ihn Niemand winken? Iſt die Luft hier ſo dick wie über dem todten Meere, wo der Laut im Munde erſtirbt, wo die Be⸗ wegung Todeszuckung heißt? Mit dem ganzen Auf⸗ wande ſeines Willens vermochte er nichts, als ſeine blauen Lippen zu einem krampfhaften Beben zu bewegen, ſein Wink erſtarrte in der Hand, ſein verzweifeltes Ringen erſtarb zu einer bloßen Wendung des Kopfes, zu einem einzigen, entſetzlich drohenden Blicke ſeiner verlöſchenden Augen, der auf Arle gerichtet war. Aber dieſer ſah ihn nicht; finſter ſtarrte er auf das junge Paar, das ſich von⸗ dem grauenhaften Anblick abgewandt hatte und einander feſt umſchlungen hielt. Nur die beiden Hülfsärzte laſen die räthſelhafte Nachſchrift ſeines Lebens. Mit Onkel Saul hat ſich eine gewaltige Verände⸗ rung zugetragen. Kein noch ſo beleidigendes Wort, das 138 man ihm ins Ohr riefe, würde ſeiner Geſundheit ſchaden; ſelbſt die kühle Nachtluft, die zu den offenen Fenſtern ſeines Zimmers hereinweht, kann ihm nichts anhaben. Er ruht furchtlos in den Armen ſeines ſchreck⸗ lichſten Feindes, er hat ſein ganzes Vermögen mit Haus und Hof verloren und iſt in der Saulapotheke nur noch ein Gaſt, und zwar ein todter. Neuntes Kapitel. Die Hinterlaſſenſchaft des Verſtorbenen war keines⸗ wegs verſchuldet, ſie war auch nicht geringer, als man glaubte, wohl aber bedeutend größer. Es erregte kein geringes Staunen in der Stadt, als ſich die anfangs nur gerüchtweiſe verlautende, zuletzt aber als offen⸗ kundige Thatſache auftretende Nachricht verbreitete, der Beſitzer der Saulapotheke habe ſeinen Neffen enterbt und im Teſtamente den Doctor Arle zum Univerſal⸗ erben eingeſetzt. Eine Perſönlichkeit, die der öffentlichen Meinung mehr Stoff zu gehäſſigen Auslegungen dar⸗ geboten hätte als der Todtendoctor, konnte es gar nicht geben. Seine halb vergeſſene Vergangenheit tauchte plötzlich in Jedermanns Gedächtniß ſo friſch auf, als wäre ſie vom geſtrigen Tage. Es war noch 140 die gelindeſte Bezeichnung, die man ihm beilegte, wenn man ihn einen Erbſchleicher nannte. Das pro⸗ phetiſche Wort Einzelner, die ſeinem engen Anſchluß an den reichen Apotheker ſeiner Zeit die Abſicht unter⸗ geſchoben hatten, ein Stück ſeines Vermögens zu erben, war nicht nur in Erfüllung gegangen, ſondern noch weit übertroffen worden. Es war ſo klar wie das Sonnenlicht, daß die Enterbung des Neffen das Werk Arle's war. Er hat jenen mit dem Onkel entzweit; man war ſogar billig denkend genug, dem Verbrecher gleichſam einen Ver⸗ theidiger beizugeben, indem man Gründe hervorſuchte, die den Doctor zum offenen Haß gegen den Neffen des Apothekers gereizt hatten. Alle Welt wußte plötzlich, daß der Doctor einer Sängerin am Theater den Hof gemacht habe und vom jungen Hofacker ver⸗ drängt worden ſei. Doch war dies Alles nur ein Vorſpiel zu dem, was noch kommen ſollte. Die Erbſchaft trat bald in den Hintergrund, und plötzlich wurde der Todesfall ſelbſt, der dieſer voranging, der Brennpunkt. Man erzählte ſich ſeltſame Einzelnheiten aus den letzten Lebenstagen des Apothekers, die gar keinen Zweifel übrig ließen, daß er von der Furcht vor Vergiftung befangen war. Seine Zuflucht zu andern Aerzten war ein offenes Mißtrauensvotum gegen den 141 Doctor Arle, der gleichzeitig ſeine Ausſicht auf die Erbfolge gefährdet ſehen mußte und, um dem Alten keine Zeit zur Aenderung ſeiner Entſchlüſſe zu laſſen, um ſo mehr Urſache hatte, deſſen Tod zu beſchleunigen. Die Combination der öffentlichen Meinung war ſo gründlich motivirt, daß ſie zur öffentlichen Anklage geworden wäre, hätte es einer ſolchen bedurft. Die beiden Hülfsärzte, die mit ihren Vermuthungen am längſten zurückgehalten hatten, fanden den fürchterlichen Todeskampf des Verſtorbenen verdächtig und gingen in ihrer Gewiſſenhaftigkeit ſo weit, den drohend auf Arle gerichteten Blick des Sterbenden zur Anklage zu er⸗ heben. Bereits von früher her laſtete auf Arle der Verdacht einer Vergiftung— jetzt durften die Sicher⸗ heitsorgane nicht ruhig zuſehen. Eines Tages umwogte eine unermeßliche Menſchen⸗ menge den Kirchhof, auf welchem der Apotheker Hof⸗ acker und der Major von Achtern beigeſetzt waren. Mauern und Bäume waren von Neugierigen erklettert, innerhalb der verſchloſſenen Kirchhofspforten hielt ein ſchauerlicher Wagen, die Schaufeln der Todtengräber arbeiteten ſich in das Reich der Verweſung hinab, und bald entführte das Fuhrwerk, umdrängt von Tauſenden, zwei Särge in das brauſende Gewühl der Lebenden zurück. 142 So groß die Aufregung der Menge war, die ſich bereits im Geiſte an dem Gange eines unerhörten Vergiftungsproceſſes weidete, ſo groß war die Ent⸗ täuſchung, als die Section der beiden Leichen Arle's Unſchuld ergab. Man iſt nicht geneigt, denjenigen, der unſere kühnſten Hoffnungen vernichtete, mit gün⸗ ſtigem Auge anzuſehen. Jenen Kranken gleich, die das Dampfbad ſcheuen, ſiecht die öffentliche Meinung lieber an ihren Vorurtheilen dahin, ehe ſie ſich unter die heilkräftige Douche einer bekehrenden Ueberzeugung ſtellt. Daher war man viel eher geneigt, die Un⸗ fehlbarkeit der Sanitätscommiſſion in Zweifel zu ziehen und ſich an die überlegene Kunſt des Doctor Arle zu halten. Die große Maſſe liebt die Abrundung gewalt⸗ ſamer Ereigniſſe. Mehr noch als an der Verwegenheit des in ſchwindelnder Höhe ſchwebenden Dachdeckers weidet ſie ſich an deſſen Sturz auf das Pflaſter; ſie beſitzt Gerechtigkeitsgefühl, den Brandſtifter zu ſteinigen, der ihr den Anblick einer die Nacht in Tag verwan⸗ delnden Feuersbrunſt verſchaffte, aber ſie ſieht mit Bedauern die letzte Flamme verlöſchen. Hätte man eine ſtädtiſche Deputation das Haus des Doctors betreten ſehen, in der Abſicht, ihm eine Ehrenerklärung zu geben, und wäre vor der Saul⸗ apotheke ein Muſikchor aufgeſtellt geweſen, das ihm 143 einen Tuſch brachte, der rohe Haufen hätte begeiſtert in das Lebehoch mit eingeſtimmt; ſtatt deſſen aber flog eines Abends ein Stein gegen des Doctors Fenſter und derſelbe rohe Haufen, den um jeden Preis nach einer Demonſtration gelüſtete, zertrümmerte auf dieſes Zeichen ſämmtliche Fenſterſcheiben der Saul⸗ apotheke und brachte dem Univerſalerben ſtatt des Lebehochs eine jämmerliche Katzenmuſik. Doch trat ein unerwartetes Ereigniß ein, das die tobende Menge plötzlich verſtummen machte. Es öffnete ſich nämlich der breite Thorweg und in einer offenen Equipage, von Kutſcher und Diener begleitet, fuhr Doctor Arle heraus. Alles verſtummte bei dieſem Anblick; verdutzt ſah man dem Wagen nach, bis er verſchwand, und das Erſcheinen einer Polizeipatrouille, die jetzt eben anlangte, genügte, die Tumultuanten ohne Widerſtand in alle Winde zu zerſtreuen. Die Elite der Stadt hatte ſich an dieſem Abende an einem ihrer glänzendſten Verſammlungsorte zahl⸗ reich zuſammengefunden, wo eins jener Subſcriptions⸗ concerte ſtattfand, deren Beſuch überall zum geſellſchaft⸗ lichen guten Tone gehört. Mitten hinein in die ſtrahlende, duftende Verſammlung trat plötzlich Doctor Arle. Aller Augen ſtarrten nach ihm, wie nach einem 144 Geſpenſt. Einige Damen wären in Ohnmacht ge⸗ ſunken, hätten ſie nicht glücklicherweiſe die hinlängliche Geiſtesgegenwart beſeſſen, um zu erwägen, daß der furchtbare Ankömmling weder Ketten noch Handſchellen trug, ſondern ſalonfähig, das heißt im ſchwarzen Frack und weißer Halsbinde erſchienen war. Dazu be⸗ wegte er ſich mit einer Unbefangenheit, die alles Vor⸗ gefallene, was in dieſem Augenblicke noch die Ge⸗ müther beſchäftigte, ſo ſcharf von ſeiner Perſon ſchied, daß Jeder, der auf ſeinen Gruß Anſpruch hatte, ihm unwillkürlich mit einer Verbeugung zuvorkam. Seine Ankläger, die beiden gewiſſenhaften Aerzte, die von ſeines Erblaſſers letzten Augenblicken Zeuge geweſen waren, glaubten geradezu ihre Beſinnung ver⸗ loren zu haben, als ſie ſich von Arle in der freund⸗ ſchaftlicſſten Weiſe angeredet ſahen. Mit dem Me⸗ dicinalrath Puls unterhielt er ſich über die Section, als habe dieſelbe einem rein wiſſenſchaftlichen Zwecke gedient, und ſprach ſein Bedauern aus, daß er nicht früher Kenntniß davon gehabt habe, ſonſt würde er gewiß nicht gefehlt haben. Man wußte zuletzt nicht mehr, was man am meiſten bewundern ſollte, ob ſeine Kühnheit oder ſeine cavalisren Manieren, ſeinen edlen, ariſtokratiſchen An⸗ ſtand, das Spiel ſeiner beredten Lippen, zu dem man 145 ſich die artigſten Worte, die feinſten Wendungen hinzudachte. 1 Die ganze Verſammlung war ſo vollſtändig düpirt, daß einzelne Unbefangene geradezu lachen mußten. Als das Concert zu Ende war, wartete in der Garderobe bereits ein Diener auf des Doctors Wink, um ihm den Ueberrock anzuziehen, und gleich den vor⸗ nehmſten und reichſten der Concertgäſte beſtieg er ſeine Equipage, die ihn donnernd davonführte. Doctor Arle nahm nun von allen Gemächern Beſitz, die der verſtorbene Hofacker inne gehabt hatte. Er ließ ſich Alles, von dem Arrangement der Zimmer bis zur Livree der Bedienten, nach ſeinem Geſchmack glänzend herrichten. Mehrere Gemächer im erſten Stock wurden zu einem großen Salon verſchmolzen; der ein⸗ fache Garten, der als Aufenthalt eines einzelnen Men⸗ ſchen gerade hinreichende Annehmlichkeiten bot, erlitt eben⸗ falls Umwandlungen, die ihn zum Empfange vornehmer Gäſte geeignet machten. Die ſchon etwas betagten beiden Füchſe mußten bald einem Paar junger feuriger Rappen weichen, und auch der leere Platz im Stalle, wo einſt Arthur's Reitpferd geſtanden hatte, wurde wieder aus⸗ gefüllt. entfernt, und bald darauf erfuhr die Stadt die Neuig⸗ Höcker, Ein ſchöner Dämon. III. 10 Eines Tages wurde die Nachtklingel des Doctor Arle⸗ S 146 keit, daß er ſeine Praxis aufgegeben habe. Die Fort⸗ führung derſelben hätte ſich mit den neuen Pflichten, die er übernommen, auch nicht vereinigen laſſen, denn er fuhr oder ritt täglich mehrere Stunden ſpazieren, und mit jedem Tage mehrte ſich die Zahl der Freunde, deren Beſuche er erwidern mußte. Er fehlte an den Schmerzenslagern der Armen, aber ebenſo unerbittlich, wenn auch mit einnehmender Höflichkeit, wies er die Zumuthungen der Reichen zurück, die in gefährlichen Krankheitsfällen oft genug in ſeinem Vorzimmer warteten, wie er früher in den ihrigen gewartet hatte. Die ſichere Hand, die einſt wunderwirkende Operationen vollbracht hatte, ſpielte jetzt mit der Reitgerte oder hielt die Karten; der ſcharfe Blick, der zu den geheimſten Quellen körperlicher Leiden zu dringen vermochte, liebäugelte blaſirt mit den Schönheiten des Salons; der kühne Geiſt, welcher Wiſſenſchaft und Forſchung zu ſeinen Sklaven machte, feierte jetzt, oder klang nach in der wilden Verwegenheit des Reiters, wenn er ein un⸗ bändiges Roß tummelte, in den ſprühenden Ein⸗ fällen des Geſellſchafters, oder rief höchſtens in tändelnder Galanterie eine ohnmächtige Schöne ins Bewußtſein zurück. Der Tod hatte ſeinen gefährlichſten 147 Gegner verloren, abgeſchnitten war die letzte Zuflucht zum Todtendoctor; von jener Leiter, die zur Tiefe führt, war die unterſte Sproſſe herausgebrochen, und ſo Mancher, der auf ihr im Sonnenglanze des Da⸗ ſeins noch hätte verweilen können, ſtieg über die leere Stelle hinweg direct ins Grab! Zehntes Kapitel. Der Frühling hatte inzwiſchen ſeine ganze Pracht entfaltet; die Vornehmen der Stadt zogen ſich in die ländliche Einſamkeit ihrer Sommervillen zurück, und Beſchluß, die ſchöne Jahreszeit in Doctor Arle faßte den? Italien zu verbringen. Er traf die nöthigen Reiſevor⸗ bereitungen und machte ſeinen zahlreichen neuen Freunden Abſchiedsviſiten. Eine ſolche hatte ihn eines Tages aufs Land geführt. Als er am Abend zurückkehrte, lief von ſeinem Wagen eins der Vorderräder ab, ſodaß zur Fortſetzung der Heimfahrt die Hülfe des Schmiedes un⸗ vermeidlich war. Der kleine Unfall ereignete ſich in einer wenig belebten Vorſtadt von faſt ländlichem Cha⸗ rakter. Zu beiden Seiten des ſtaubigen, ungepflaſterten Weges ſtanden kleine, aber nicht unfreundliche Häuſer, 149 die größtentheils nur Parterrewohnungen enthielten. Zu⸗ weilen waren die ohnehin durch Gärten von einander getrennten Häuſer auf längere Strecken von Breter⸗ wänden unterbrochen, über welche hinweg man die un⸗ intereſſante Ausſicht auf Schiffſeilerwerkſtätten, Bleich⸗ pläne und in Obſtgärten hatte. So ſtill und menſchen⸗ leer die Straße noch kurz vorher geweſen war, ſo groß war die Zahl der Neugierigen, die den Wagen plötzlich umringten. Mit großer Vorſicht wurde die Equipage nach der nahen Schmiede geleitet, und obwohl der Meiſter verſicherte, die Reparatur werde bald geſchehen ſein, ſo war der Doctor doch nicht geneigt, ſich bis dahin den Blicken der gaffenden Kinder und Frauen auszuſetzen, welche dem Gefährte bis zur Schmiede gefolgt waren und durch ihre impoſante Anzahl noch mehr Neugierige herbeizogen. Arle fragte nach dem nächſten Gaſthof und wurde in Ermangelung eines ſolchen in einen Milch⸗ garten gewieſen, der ungefähr noch hundert Schritte weiter lag. Die Inſchrift eines Schildes, das über einer kleinen Pforte wie ein Heiligenſchein einen Halbkreis bildete, wurde ſein Wegweiſer. Zu beiden Seiten der Pforte ragten im Innern des Gartens zwei rieſige Silberpap⸗ peln empor. Von der Straße wurde die Wirthſchaft durch eine hohe, gelbangeſtrichene Mauer abgegrenzt, auf deren breiter Asphaltbedachung ein ſchneeweißes Kätzchen 150 promenirte, überſchattet von blühendem Hollunder, der ſeinen balſamiſchen Duft auf die Straße herunterſandte und hinter welchem die Wipfel dichtſtehender Bäume aufſtiegen, mit weißen und blaßrothen Blüten über⸗ ſchneit. Karl trat durch die Pforte ein. Das ſchattige Dunkel, das ihn plötzlich umfing, war überraſchend und von ſo tiefer Färbung, daße ſich beim Oeffnen der Thür das hereindringende Licht der Straße auf dem Boden und den Stämmen der nächſten Bäume ſcharf, wie ein zuckender Blitz, abzeichnete. Das in einander verſchlungene Laub⸗ werk der Bäume bildete über dem Garten eine vollſtän⸗ dige Decke, und der Ort würde den Eindruck einer düſtern Gewitterſchwüle gemacht haben, hätte man nicht darüber den blauen, wolkenloſen Himmel gewußt. Der Garten war, ſoweit wenigſtens ſeine Beſtimmung zum Empfang von Gäſten reichte, nicht ſo groß, als er von aäußen er⸗ ſchien. Nur wenige weißgefirnißte Tiſche und Stühle ſtanden in der Mitte deſſelben, und die Beſucher waren hauptſächlich auf die Lauben angewieſen, die in einem Halbkreiſe den nahen Hintergrund bildeten. Auch ſchien er trotz ſeiner eigenthümlichen Vorzüge nur wenig be⸗ ſucht, dafür ſprach die geringe Zahl der Anweſenden und zugleich auch der Umſtand, daß dieſelben meiſtens aus einzelnen Damen beſtanden, die ohne Begleitung waren, — 151 weil ſie ſich wahrſcheinlich hier ungeſtört wußten. Ein junger Menſch las in einem Roman, die Damen ſaßen iſolirt, höchſtens zu zweien, hinter ihren Milchgläſern, und die herrſchende Stille wurde nur durch die Stimme eines alten Herrn unterbrochen, der Jemand eine Menge Fragen vorlegte, aber keine vernehmliche Antwort darauf erhielt, denn ſein Geſellſchafter war ein Hund. Karl nahm in einer der Lauben Platz. Es erſchien Niemand, um ihn zu bedienen, und da er weder ein Wirthſchaftsgebäude noch die Spur eines Weges, der zu einem ſolchen führte, erblickte, ſo grübelte er bereits, auf welche wunderbare Weiſe die übrigen Beſucher zu ihren gefüllten Gläſern gekommen ſein könnten, als er Schritte hinter ſich vernahm. Als er ſich danach umwandte, er⸗ blickte er durch das dichte Buſchwerk ſeiner Laube ein Frauenzimmer in weißer Schürze, das einen ſchmalen, von Stachelbeerbüſchen eingeſäumten Weg daherkam, der zwiſchen Karl's und der nächſten Laube faſt unmerklich in den Garten mündete. Die herannahende Perſon war eine Frau in ſehr geſetztem Alter und erwies ſich als die Aufwärterin. Die Beſtellung des neu hinzugekom⸗ menen Gaſtes vollzog ſie mit einem ſolchen Aufwand von Zeit, daß derſelbe an ihrer Wiederkehr zu zweifeln anfing und den ſpärlichen Beſuch des Gartens ſehr er⸗ klärlich fand. Die Bewirthung von Gäſten ſchien dem 152 Beſitzer des Gartens auch nur Nebenſache zu ſein, denn Karl, der ſeine Aufmerkſamkeit jetzt dem jenſeitigen Ge⸗ biet zuwandte, das er im Rücken ſeiner Laube entdeckt hatte, bemerkte dort Obſtpflanzungen, Gemüſe⸗ und Blumenbeete und ſeitwärts auch ein ſich lang hindehnendes Treibhaus, woraus er auf einen ſchwunghaften Betrieb der Kunſt⸗ und Handelsgärtnerei ſchloß. Unweit von ſeiner Laube erhob ſich auch ein zierliches einſtöckiges Wohngebäude, weiß angeſtrichen und mit erhöhtem Parterre; der Vor⸗ platz vor der Hausthür, zu welchem links und rechts Stufen führten, war mit einem ſteineruen, durch⸗ brochenen Geländer verſehen, und der darunter befind⸗ liche Raum mit Gartengeräthen jeder Gattung voll⸗ geſtopft. Eins der Fenſter im erſten Stock war geöffnet. Von dort vernahm Karl zuweilen deutlich ein Geräuſch, als würde eine Scheere auf einen Tiſch geworfen; dann wieder ſchien Jemand Leinwand zu reißen und endlich tauchte am Feſter ſelbſt ein Stück ſchneeweißes Linnen auf, welches die vermuthete Nähe einer fleißigen weib⸗ lichen Hand unzweifelhaft erſcheinen ließ. Es zeigte ſich jetzt ſogar ein zarter Arm am Fenſter und dann der weite Aermel eines weißen luftigen Sommergewandes. Es galt etwas zu meſſen oder in eine Falte zu legen, wozu zwei Hände nicht ausreichten, die Hülfe der Zähne 153 mußte in Anſpruch genommen werden, und die hierzu unver⸗ meidliche Bewegung verſchaffte dem Doctor den Anblick eines ſchimmernden Nackens und eines ſich vorbeugenden Frauen⸗ antlitzes, das ſich bisher beharrlich hinter dem Fenſter ver⸗ borgen gehalten hatte. Ein uns unzugängliches Fenſter inmitten einer idylliſchen Einſamkeit iſt der wirkſamſte Rahmen für das flüchtig auftauchende Bild eines ſchön⸗ geſchwungenen Frauenprofils mit den Farbeneffecten dunkler Brauen und Haarwellen. Immer wird es in geheimer Ver⸗ wandtſchaft zu unſern ſchönſten Träumen ſtehen. Karl genoß den Anblick nur wenige Sekunden; was ſein Auge nur in dürftigen Umriſſen zu unterſcheiden vermochte, ergänzte ſeine Phantaſie, und Alles um ihn her, das Haus mit ſeinen Umgebungen jenſeits, der Garten mit ſeinem düſtern Dunkel dieſſeits, ſchien plötz⸗ lich Seele zu haben. Er ſah unverwandt nach dem Fenſter, aber ſie zeigte ſch nicht wieder. Nur ihre Hand erhob ſich im Dienſte do. Nadel zuweilen über den Rand des Fenſters. Eidlich ſchien ſie ihre Nähterei auf dem Schooße zuſam⸗ memulegen und bald erhob ſie ſich, aber den Rücken gegen das Fenſter gekehrt, und tauchte im Dunkel des Zimners unter. Zuweilen huſchte über die in Finſterniß liegend, Decke deſſelben ein weißer Lichtſchein, der auf das. Oefnen einer anſtoßenden Thür ſchließen ließ; ſie 154 wirthſchaftete umher, ſie kam und ging, ſeinem Auge unſichtbar, aber ſeinem Ohre vernehmlich, denn ſie ſang und trällerte, bald ferner, bald näher. Karl lauſchte mit angehaltenem Athem; es war nicht jenes kunſtloſe kurzathmige Gezwitſcher einer gewöhnlichen Frauenſtimme, es lag wirklich Kunſt in dem Trällern, wie in den Griffen einer Meiſterhand, wenn ſie auch nur in ge⸗ dankenloſem Spiel über die Saiten gleitet. Mitunter, wenn ſie ſich in dem andern Zimmer zu befinden ſchien, ſang ſie ganze Strophen in vollen, getragenen Tönen, und obwohl ſie glauben mochte, daß ſie dort kein fremder Horcher vernehmen könne, ſo drang ihr ferner Geſang doch deutlich genug zu Karl's Ohren, um den Klang einer oft gehörten, ihm nur zu gut bekannten Stimme herauszufinden, die ihn ahnen ließ, daß das Bild, welches er am Fenſter geſchaut, ſeinen Träumen mehr als ver⸗ wandt ſei. Als er ſich, nachdem er mit aufgeſtütztem Haupte eine Weile vor ſich hingeſtarrt hatte, wieder nach den weißen Hauſe umwandte, war ſie bereits die Stuen herabgeſchwebt und bog eben in Hut und Shawl um die Ecke, ohne daß er ihr Antlitz noch geſehen atte. Sie entfernte ſich in entgegengeſetzter Richtung voy ihm. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte das Grundſtüt noch einen zweiten Ausgang nach einer andern Straße. Gewiß 155 ging ſie Jemand entgegen, gewiß dem Glücklichen, der nach langem Tagewerk jetzt auf dem Heimweg begriffen war. Erſt als ſie Karl's Blicken entſchwunden war, hörte dieſer den Hufſchlag ſeiner ungeduldigen Pferde vor der Pforte. Er entſann ſich plötzlich wieder des Zufalls, der ihn hierher geführt hatte, und ohne die Aufwärterin nach dem Namen der Leute zu fragen, die in jenem weißen Häuschen wohnten, beſtieg er ſeine Equipage und fuhr davon, und es war ihm, als habe er den ganzen Tag in der Laube des dunkeln Gartens geſeſſen. Karl's Reiſebereitſchaft glich dem Eingemachten in Büchſen, ſeine Abſchiedsviſiten gewannen die Bedeutung einer tauben Nuß, als ihn einer nach dem andern, denen er Lebewohl geſagt hatte, von neuem begrüßte. Karl mußte wegen ſeiner italieniſchen Reiſe vielerlei Neckereien ertragen, und bald munkelte man, daß Gott Amor ihn in den heimatlichen Mauern zurückhalte. So ſehr man ſeinen Umgang mit den Perlen der Geſellſchaft auch überwachte, ſo gewiſſenhaft man die Wärme ſeiner Worte wog und ſeinen Blicken auflauerte, man ver⸗ mochte keine Spur aufzufinden, ſein Herz ſchlüpfte durch den Kreis der Schönen wie der wandernde Thaler, von dem Niemand weiß, in welchen Händen er weilt. Karl's Italien waren die Abende tiefer und doch 156 ſüßer Schwermuth, die er einſam in jeuem dunklen Garten verbrachte. Er war nicht allabendlich dort, wochen⸗ lang hielt er ſich mit Gewalt von dem Lieblingsgange zurück, und der Zwang, den er ſich auferlegte, verlieh ſeinem Geiſte, der von der hohlen Welt um ihn her nur zu müde war, die einzige Spannkraft. So oft er den Garten beſuchte, ſaß er immer in der⸗ ſelben Laube. Bald ging ihm die volle Wahrheit deſſen auf, was ihn an jenem erſten Abende mit den leiſen Klängen der lockenden Stimme nur als Ahnung be⸗ rührt hatte. Wie es ihr die Laune eingab, oder je nachdem der Garten mehr oder weniger beſucht war, hielt ſie ſich hinter dem Fenſter verborgen oder ſchaute zuweilen halbe Stunden lang heraus, und oft traf ihr Auge die Stelle der dicht umwachſenen Laube, durch welche Karl, von ihr ungeahnt, ſeine Blicke nach den unausſprechlich geliebten Zügen emporſandte, in welchen ihm die Welt lag, aus der er auf ewig verſtoßen war. Er ſah ſie oft genug um eine beſtimmte Stunde die Trepppe hinabhüpfen, um Jemand entgegen zu gehen. Oft wartete er, bis ſie zurückkam, zärtlich und innig ſich an den Arm des jugendlichen Gatten ſchmiegend. Zu⸗ weilen wartete er vergebens auf ihre Zurückkunft, und im Geiſte begleitete er beide auf ihrem Abendſpazier⸗ —— —— 157 gange, im Geiſte theilte er mit ihnen die kleinen Freuden der Geſelligkeit, die ſie aufgeſucht haben mochten. Es kamen auch Abende, wo Karl vergebens nach dem Fenſter blickte. Das Zimmer ſchien leer und verlaſſen, keine Hand tauchte auf, kein Laut drang herüber, höchſtens flatterte, von den Abendlüften erfaßt, ein loſer Fenſter⸗ vorhang geſpenſterhaft heraus, und Niemand erſchien, ihn wieder zu befeſtigen. Oft auch, wenn die Fleder⸗ mäuſe ſchwirrten, wenn die Leuchtkäfer wie Sterne durch die Dunkelheit zogen und außer ihm kein Gaſt mehr im Garten war, ſah er die Fenſter im traulichen Lampen⸗ licht ſchimmern und die glücklichen Schatten hin und her wandeln. Dann erklangen Accorde, dann ſang eine Stimme, und was ſie auch ſang, kein Lied war ſo traurig, keins ſo heiter, daß es ihm nicht hätte das Herz brechen wollen. So zürnen die Engel in einer andern Welt, ſo ſüß vernichtend tönen aus ihrem Munde dort die Todesurtheile! Eines Abends lauſchte er wieder dem Geſange. Eben war der letzte Ton verklungen, da vernahm er dicht in ſeiner Nähe einen klagenden Seufzer. Er hatte ſich allein im Garten geglaubt, denn es war ſchon ſehr ſpät. Der Gedanke lag nahe, daß außer ihm noch ein Lauſcher hier verborgen ſei, den der Geſang gleich ihm ſchmerzlich be⸗ rühre. Karl blieb regungslos ſitzen. Endlich bewegte 158 ſich etwas in der nächſten Laube. Eine Geſtalt trat heraus und ſchritt langſam der Pforte zu. Nur ſpärlich drang das Licht des Vollmonds durch das dichte Blätter⸗ er ſchnell auf und eilte der fremden Erſcheinung nach. Im Gaslicht der Straßenlaternen unterſchied er, daß es eine Frau war. Er ſah ihr im Vorübergehen ins Ge⸗ ſicht, aber ihre Züge waren ihm fremd. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. dach der Räume. Als er die Pforte kreiſchen hörte, ſtand — — † A 1 Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig und Wien. Neues populäres Prachtlieferungswerk. Rearia Thereſia und ihre Zeit von Dr. Karl Ramshorn. 40 Bogen feinſtes Velinpapier. Zehn prachtvolle Portraits in Doppeltondruck und zahlreiche dem Text eigedruckte Holzſchnitte. Vollſtändig in 12 Lieferungen à 30 Kr. O. W. oder 6 Sgr. Sowie wir in Kaiſer Joſeph den beſten der Herrſcher aus dem erlauchten habsburgiſchen Hauſe verehren, ſo zollen wir nicht mindere Bewunßerun der großen Mutter des großen Kaiſers, ihr, die oben anſteht unter den Frauen, welche in den Geſchichtsbüchern unſeres deutſchen Vater⸗ landes durch alle Jahrhunderte hindurch als Sterne erſter Größe leuchten werden. Des Umſtandes nicht zu ge⸗ denken, daß das erlauchte habsburgiſche Fürſtenhaus durch ſie einer herrlichen Verjüngung entgegengeführt ward, ſo gebührt ihr auch dieſe hervorragende Stellung vor dem Richterſtuhle der ernſten Geſchichte. Auf den Thron ihrer Väter in einer Zeit berufen, deren Stürme furchtbar genug waren, um ſelbſt die Thatkraft eines gewaltigen ——¾ — Mannes zu brechen, führte ſie, die erhabene Frau, das wankende Staatsſchiff ſiegreich durch alle Brandungen hindurch und wachte, nachdem ſie es im Hafen der Ruhe geborgen, über ſeine Wiedergeburt und Neugeſtaltung wie ein guter Genius mit Gerechtigkeit, Milde und Weisheit bis an's Ende ihrer Tage. Und wie ihr alſo ſchon in Rückſicht auf ihre Regententhätigkeit die Krone unver⸗ gänglicher Ehre verbleiben wird durch alle Jahrhunderte, in gleichem, ja noch erhöhtem Maße erſcheint ſie als Auserwählte ihres Geſchlechts in Bezug auf die zahl⸗ reichen Vorzüge ihres Herzens und ihres Gemüthes, unter deren ſchirmender Obhut das in ihr lebende Ge⸗ fühl für Wahrheit, Recht und Ehre zur Majeſtät ſittlicher Reife gedieh, daher ſie denn auch in der Totalität ihrer Erſcheinung ſich als ein Charakter ankündigt, der in der Geſchichte der deutſchen Frauenwelt einzig daſteht. Das Leben dieſer Edeln nun zu ſchildern, wie ſich daſſelbe offenbarte im Kampf und Frieden, im Rathe der Großen dieſer Welt, in der Lenkung der Geſchicke thatkräftiger, großer Nationen, wie im engen Kreiſe des Hauſes und der Familie, das iſt die Aufgabe, die ſich der Herr Verfaſſer dieſes neuen Geſchichtswerkes geſtellt hat, und zweifelt die unterzeichnete Verlagshandlung nicht, daß dem Buche, als einem neuen Zeugniſſe hinreichend bekannter und ebenſo ernſter gründlicher Forſchung, in allen Kreiſen die willkommenſte Aufnahme zu Theil wer⸗ den wird. 3 as Werk erſcheink in 12 Lieferungen, gr. 8. auf feinen Velinpapier, zu dem überaus billigen Preis von 30 Kr. O. W. oder 6 Sgr. Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen des In⸗ und Auslandes an. Leipzig und Wien. Verlagshandlung von Ernſt Inlins Günther. ——,— ffſffffffffſſſff nuxau f nuuununanunurwrununWn 8 9 19 11 12 14 15 16 17 18 19