—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 6. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 7 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 15——— bucher: auf 1 Monat: 1 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. X —— 4 „„ 5. Auswärti der Bücher au — iunn Erſatz 7. Ausleihezeit. beſonders d der Bücher „y —=————— 8———— “ 3 4 4 Ein ſchöner Dämon. Guſtav Höcker. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Vor dem Hauſe, in welchem einſt die Rendanten⸗ familie wohnte, ſind ſeitdem an Quartaltagen gar oft noch Möbel auf⸗ und abgeladen worden. Bei ſolchen Gelegenheiten hat ſich dann immer in dem hohen Hauſe gegenüber ein Fenſter geöffnet und der Kopf einer jungen Dame hat ſich gezeigt, die ſtets mit beſonderem Inter⸗ eſſe zuſchaut, wenn drüben Leute einziehen. Sie denkt dabei an längſtvergangene Tage. Wie mag es jetzt in dem Hofe ausſehen? Sie hat nur wenige Schritte bis hinüber, aber dennoch hat ſie den Hof ſeit ihrer Kindheit nie wieder betreten. Sie gibt ſich in ihren Anſichten über den Hof einem großen Irrthume hin. Wo die Blicke anderer Leute nichts ſehen als ein großes Hintergebäude, da ſchaut ſie noch immer in die grünen Baumwipfel Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 1 eines benachbarten Gartens und ſieht Thurmkuppeln, Maſt⸗ ſpitzen und die Fenſter weitentfernter Häuſer im Abend⸗ roth ſchimmern; wo andere Leute Wände mit Tapeten er⸗ blicken und erſt Thüren öffnen müſſen, da ſchreitet ſie wie ein Geiſt ungehemmt hindurch und die freien Lüfte ſpielen mit ihren Locken; was Andere ihr Wohnzimmer nennen, wo ſie in ihren beſten Kleidern ſitzen und Geſell⸗ ſchaften geben und wohin ſie leicht und bequem auf einer ſichern, breiten Treppe gelangen, das nennt ſie ein ſtau⸗ biges, aber gut geeignetes Verſteck, in dem man ſich die Kleider beſchmuzt und an Spinneweben ſtreift und das man nur durch waghalſiges Klettern erreichen kann. So lebhaft ſie ſich noch den Hof vorſtellen kann, ſo unklar iſt ihre Erinnerung an die Zimmer, welche einſt die Rendantenfamilie bewohnte. Sie kann in die Zimmer hinüberſehen, aber ſie haben ſich im Laufe der Zeit vor ihren Augen ſo oft verwandelt, ſind ſo häufig, je nach Geſchmack und Bedürfniß der Bewohner, neu tapezirt, ja ſogar durchbrochen und dann wieder durch Verſchläge in mehrere kleine Piècen abgetheilt worden, daß es ihr oft vorkommt, als müſſe ſich die Stube, in welcher ihr einſt eine Frau einen ganzen Haufen Spielzeug auf⸗ bürdete, damit ſie ginge und nie wiederkäme, an einem ganz entgegengeſetzten Ende der Welt befinden. Roſa lebt von der Welt ziemlich abgeſchloſſen; ſie 3 beſitzt nicht eine einzige Freundin, mit der ſie in inti⸗ merem Umgang ſteht. Die Mutter hat derartige Verhält⸗ niſſe nie begünſtigt und aus Liebe zu ihr hat Roſa dem innigern freundſchaftlichen Verkehr entſagt und ſich daran gewöhnt. Ihre höchſte Freude ſind die Lieder, die ſie ſingt, und ihr Piano. Sie hat ihre Geſangſtudien mit großem Eifer betrieben, und obwohl ihre Kunſtfertigkeit bereits weit über das Dilettantiſche hinausragt, genießt ſie trotz⸗ dem noch immer den täglichen Geſangsunterricht eines der anerkannteſten Meiſter der Stadt. Wenn ſie in den Abendſtunden ſich ans Klavier ſetzt und ihre Stimme ſich dann zuweilen bis zu dramatiſchem Ausdruck erhebt, da lauſcht die Mutter athemlos; aus ihren Augen ſtrahlt ein ſeltſames Feuer und eine Art fanatiſcher Begeiſterung ergreift ſie, wenn unter der Kraft der Töne die Fenſter leiſe erzittern. Oft unterbricht ſie Roſa mitten in den ſchönſten Stellen durch laute Bravorufe und ſchallendes Beifallklatſchen, und die Liebkoſungen, womit ſie Roſa nach beendetem Geſange überſchüttet, ſind ſo ungeſtüm, 4 daß Roſa oft lächelnd den Kopf dazu ſchüttelt. Ohne alle muſikaliſche Bildung, hat Frau Stuben⸗ rauch, ſeitdem ſich Roſa's geſangliches Talent entſchieden hat, ein wahrhaft wunderbares Verſtändniß für dieſe Kunſt entwickelt. Seit Jahren beſucht ſie mit ihrer Tochter jede Opernvorſtellung, ſie weiß zu jeder Opernmelodie 1* 4 den Text zu citiren, ſie kennt die Namen aller berühmten Sängerinnen und übt eine unbarmherzige Kritik, bei der Roſa, die in der Mutter Augen alle Sängerinnen über⸗ ſtrahlt, oft ganz unheimlich zu Muthe wird. Oft denkt Roſa an ihre Schweſter Liddy zurück; ſie wäre jetzt ebenfalls zur Jungfrau herangereift, und Roſa, die längſt die Bosheiten der Schweſter vergeſſen hat, malt ſich oft im Geiſte aus, wie namenlos glücklich ſie ſein würde, wenn Liddy ihr jetzt zur Seite ſtünde. Mit ſolchen unvermittelten Sprüngen malt uns im Winter die Phantaſie das Glück des plötzlichen Frühlings, malt ſie dem Armen das Glück plötzlichen Reichthums, daran aber denken wir nicht, daß wir die langſam keimende Erfüllung mit der Jugendfriſche unſerer Wünſche erkaufen müſſen. Frau Stubenrauch wendet den größten Theil ihrer Zeit noch immer ihren Geſchäften zu, ohne daß Roſa einen Begriff davon hätte, was eigentlich Geſchäfte ſeien und wie man damit Geld verdienen könne. Halbe Tage lang iſt Frau Stubenrauch in ihrem Geſchäftszimmer, welches ſich auf der andern Seite des Vorſaals befindet. Dieſes Zimmer iſt ein Bazar in verjüngtem Maßſtabe. An den Wänden hängen eine Menge Bilder der hete⸗ rogenſten Gattung und ohne alle Symmetrie im Arrange⸗ ment. Man ſieht beim erſten Anblick, daß die Bilder 5 nicht zur Ausſchmückung des Zimmers dienen, ſondern hier nur zum Verkauf ausgeſtellt ſind; viele derſelben paſſen gar nicht in die Rahmen, denn die letztern bilden zum größten Theil ebenfalls ſelbſtſtändige Verkaufsartikel. Cartons mit Handſchuhen, Bändern, Stickereien, hohe Stöße von Kattun und andern Kleiderſtoffen, Damaſte, Hüte, Bijouterien ſtehen und liegen auf Regalen, Tiſchen, Fauteuils, Gartenſtühlen und Ottomanen umher und ſind, ebenfalls zum Verkauf beſtimmt, nicht ſicher, daß ihnen, wenn wir uns dieſes bildlichen Ausdrucks bedienen dürfen, eines Tages dieſe Möbel unter den Füßen weggezogen und gleichfalls verkauft werden, denn hier iſt Alles zu verkaufen, ſogar die lange Ladentafel, auf welcher Frau Stubenrauch Geld zählt, in ihre Bücher einſchreibt und Stückwaaren mißt; und was die Wage betrifft, die ihr zum Abwägen von Wolle, Garnen und andern Artikeln dient, ſo iſt dieſelbe ſo auffallend gut und neu erhalten, daß man getroſt wagen darf, nach ihrem Preiſe zu fragen. Inmitten dieſer Vorräthe kehrt ein mächtiges Fern⸗ rohr dem hereinlächelnden Himmel den Rücken zu; neben einer Partie Reiſekoffer und Hutſchachteln, denen man die Spuren frühern Gebrauchs anmerkt, erhebt ſich eine Staffelei, die ſtatt des Oelgemäldes die verwitterte Firma eines bankrotten Handlungshauſes trägt; an einem Kleiderhaken hängt eine Cremoneſer Geige, eine Guitarre und eine echte Türkenpfeife; eine Harfe lehnt ſich friedlich an ein Comptoirpult, das ein halbes Dutzend mehr oder weniger eleganter Lampen trägt. Roſa betrat die Lokalität nur höchſt ſelten und dann geſchah es gewöhnlich, daß ſie das geſchmackloſe Arrange⸗ ment der Bilder kritiſirte und, zu der Mutter großem Aergerniß, Anſtalten traf, denſelben andere Plätze an⸗ zuweiſen, was natürlich verhindert wurde. Auch wollte Roſa dann ſtets durch das Fernrohr ſehen oder die echte Türkenpfeife dem Hausmanne unten ſchenken, zuweilen machte ſie ſogar höchſt mißlungene Verſuche, auf der Cre⸗ moneſer Geige zu ſpielen, und ſo ſchloſſen ihre Beſuche in dem Bazar gewöhnlich damit, daß die Mutter ſie am Arme ergriff und zur Thür hinausführte. Frau Stubenrauch hatte mit den Leuten, welche in Geſchäftsangelegenheiten zu ihr kamen, viel Aerger und Verdruß und Roſa hörte häufig durch die Thüren hef⸗ tigen Wortwechſel in dem Geſchäftszimmer. Als ſie einſt von einem Ausgange zurückkehrte, begegnete ihr auf der Treppe eine junge Dame in ſehr auffallender, bunter Kleidung, die unter Weinen und Schluchzen ſich in be⸗ leidigenden Ausdrücken gegen Roſa's Mutter erging, welche oben an der Saalthür ſtand. Die Wuth der jungen Dame ſchien ſich ſogar auf Roſa zu übertragen, denn ſie warf dieſer im Vorübergehen einen giftſprühenden Blick 1 — is 1 zu. Auf Roſa's Befragen ſchüttelte die Mutter lächelnd den Kopf. Die Leute verlangten Hülfe von ihr, ſagte ſie, wo ſie nicht helfen könne, und betrügen ſich hinterdrein anmaßend, wie Roſa eben geſehen habe; das ſei ſie längſt gewohnt. Ein anderes Mal erſchienen Polizeibeamte mit Pack⸗ trägern, und die Mutter mußte zuſehen, wie ſie ihr eine beträchtliche Anzahl Cartons mit Handſchuhen und Strümpfen wegnahmen, ohne daß ſie ein Wort ſagen durfte. Sie hatte, wie ſie zu Roſa äußerte, in der Ein⸗ falt ihres guten Herzens Jemand eine Gefälligkeit erwieſen, und dies ſeien die Folgen davon. Alle dieſe und ähnliche Vorfälle vermochten die Stirn der Mutter nur flüchtig zu trüben, und wenn Roſa dies bemerkte und fragte:„Haſt Du Dich wieder geärgert, Mutter?“ ſo machte dieſe kein Hehl daraus und mit ein paar Seufzern über die böſe Welt war die Sache ſab⸗ gethan. In der letzten Zeit jedoch hatte Roſa an ihrer Mutter Symptome bemerkt, die mehr auf einen tiefwurzelnden Gram als auf vorübergehenden Aerger deuteten. Und das Beunruhigendſte für Roſa war, daß die Mutter dieſe ſtarken Conflicte hartnäckig leugnete und mit einer erzwungenen Heiterkeit zu übertünchen ſuchte. Eines Nachmittags— es war ſchon ziemlich ſpät— befand ſich Roſa allein zu Hauſe, was äußerſt ſelten vorkam. Sie ſaß an ihrem Piano und ſang eins ihrer Lieblingslieder. Volltönend klangen dazu die Accorde des Klaviers und ſie hörte nicht das heiſere Geläute der Klingelthür, die Jemand leiſe und vorſichtig öffnete, und es entging ihr, daß Jemand nach kaum hörbarem Klopfen in das Zimmer getreten war. Plötzlich vernahm ſie ein leiſes Räuspern hinter ſich und erſchrocken ſprang ſie von ihrem Stuhle auf. Ein Herr ſtand vor ihr. Er trug einen makelloſen, ſehr neu ausſehenden Ueberrock, der wie ein geſpreizter Thorweg offen ſtand und unter welchem der von einem goldenen Doppelknopf zuſammengehaltene Frack, eine dunkelbraune, rothgeblumte Sammtweſte und eine ſchwere goldene Uhr⸗ kette ſichtbar waren. Auf der Diele glänzte ein Paar zierlicher Lackſtiefel, in der Hand hielt er einen weißen Seidenhut, den er verlegen ſtreichelte. 8 „Es thut mir herzlich leid“, ſagte er mit einem eigen⸗ thümlichen Schnarren,„daß Sie ſo erſchrocken ſind, Fräulein Stubenrauch— nicht wahr, ich irre mich nicht in Ihrer Perſon? Ich habe mehrere Male angeklopft und glaubte zu hören, daß man hereinrief.“ Roſa hatte ſich ſchnell wieder von ihrem Schreck er⸗ holt und ſagte:„Ich bedaure ſehr, die Mutter iſt aus⸗ gegangen.“ Sie war neben ihrem Stuhle ſtehen geblieben ——— 9 und ſtützte die reizende kleine Hand auf die Lehne, als erwartete ſie, daß der Fremde wieder gehen werde, da⸗ mit ſie in ihrem Muſiciren ungeſtört fortfahren könne. „Ich komme nämlich nicht in Geſchäften“, entgegnete dieſer.„Ich bin ein alter Freund Ihrer guten Mutter; wir haben uns viele Jahre nicht geſehen, bis vor kurzem uns der Zufall wieder zuſammenführte.“ Die Schönheit des jungen Mädchens, das wie eine Königin vor ihm ſtand, ohne ihre Haltung zu verändern, ſchien den Frem⸗ den zu verwirren. Er ſtützte das Kinn auf die Hand und mit einem merkwürdigen Gemiſch von Befangenheit und lüſterner Bewunderung irrte ſein Blick über die reizende Geſtalt Roſa's. „Die gute Frau Mutter“, ſagte er nach einer Panſe, „hatte mich halb und halb wieder vergeſſen, aber ich habe ſie nicht vergeſſen. Sie war ſo gütig, mich ſeit der Er⸗ neuerung unſerer alten Bekanntſchaft einige Male zu beſuchen und ich hielt es heute endlich an der Zeit, ihre Beſuche zu erwidern.“ „Es wird ihr leid thun“, entgegnete Roſa,„daß Sie ſie nicht angetroffen haben; aber morgen Vormittag, wenn es Ihre Zeit erlaubt—“ Roſa machte eine leichte Verneigung. Der Fremde jedoch ſchien dieſes Zeichen nicht zu verſtehen. „Es iſt heute nicht das erſto Mal, daß ich Sie ſehe, Fräulein Stubenrauch“, ſagte er, den Kopf linkiſch zu ihr erhebend;„in der Kirche, damals, bei Gelegenheit der feierlichen Trauung des jungen Fürſten mit der berühm⸗ ten Opernſängerin, ſah ich Sie zuerſt. Die Frau Mutter war mit Ihnen, ſonſt hätte ich's nicht wiſſen können. Dann führte mich mein Weg einige Male an dieſem Hauſe vorüber, wo ich Sie am Fenſter erblickte.“ Roſa öffnete ein Fenſter, ſah hinaus und bedauerte, daß die Mutter noch immer nicht käme. „Wenn es Ihnen in meiner Geſellſchaft bange wird“, ſagte der Fremde gutmüthig,„ſo will ich gehen. Es gab einmal eine Zeit, wo ich Ihnen ein willkommener Geſell⸗ ſchafter war, da konnten Sie freilich noch nicht ſprechen und noch nicht laufen; ich habe Sie oft auf meinen Armen getragen; damals war ich ein blutjunger Burſche.“ Der ſanfte Ernſt, der bisher in Roſa's Augen zu bemerken war, wich jetzt einem freundlichern Ausdruck. „Und nicht nur Sie habe ich auf meinen Armen ge⸗ tragen“, fügte der alte Bekannte der Mutter hinza,„auch Ihre Ihre— Er ſah ſich im ganzen Zimmer um, als ſuchte er etwas, und verweilte dann mit fragendem Blicke auf Roſa. „Meine Schweſter?“ rief Roſa lebhaft. Der Fremde nickte mit freundlich blinzelnden Augen und machte eine beiſtimmende Krümmung mit dem Zeigefinger. 8 — — 11 „Meine Liddy?“ Der Fremde wiederholte die vorige Geſte und fragte: „Wo iſt ſie?“ „Vor vielen Jahren iſt ſie ſpurlos verſchwunden und wir beklagen ſie als eine Todte.“ Ueberraſcht ſchlug der Fremde die Hände zuſammen, dann verſank er in tiefes Nachſinnen, worauf er Roſa mit forſchendem Blicke betrachtete. Es trat jetzt wieder eine große Pauſe ein. Roſa milderte ihr Urtheil über das widerliche Lächeln, welches ſeit dem Eintreten des Fremden nicht von deſſen Mund gewichen war; ſie fing an, es für Verlegenheit zu halten, wie ihr auch ſeine Manier, mit dem einen Fuße den Boden zu treten, als wäre der letztere ein Spinnrad, und die Hand unter das bärtige Kinn zu legen und dabei mit dem Kopfe zu wackeln, den Eindruck rathloſer Verlegenheit machte. Es that ihr leid! Er hatte Liddy auf ſeinen Armen getragen, er hatte Roſa auf ſeinen Armen getragen, als ſie kaum lallen konnte, und derſelben Roſa ſollte er jetzt wie ein ſchüch⸗ ternes Kind gegenüberſtehen, ohne daß ſie ihm ermuthi⸗ gend entgegenkäme? Sie lud ihn freundlich ein, auf dem Stuhle, der in ſeiner Nähe ſtand, Platz zu nehmen, und ſetzte ſich ſelbſt am Klavier nieder, den Ellbogen leicht auf den Notenhalter geſtemmt. Nielſen nahm Platz, räusperte ſich und ſah ſich im 12 ganzen Zimmer um, als wollte er ſehen, wie es ſich vom Stuhle aus betrachtet ausnehme. „Der lieben Mutter geht's recht gut, nicht wahr?“ fragte er. „Ich danke Ihnen, es geht ihr gut.“ „Ihr kleiner Handel nährt ſie anſtändig; ſie war immer eine raſtlos thätige Frau, und was ſie ſich er⸗ worben, das hat ſie ſich ſauer und redlich verdient. Wie reizend iſt dieſes Zimmer! Geſchmack hatte ſie immer; ich werde mir meine Zimmer ähnlich einrichten. Und Sie ſingen und ſpielen ſo ſchön— ich habe draußen ein wenig gelauſcht. Darf ich fragen, wer Ihr Lehrer war?“ Roſa nannte den Namen ihres Geſanglehrers, und obwohl ihn Nielſen nie gehört hatte, ſo nickte er dennoch, als ſei er ihm als ein tüchtiger Meiſter ſehr wohl be⸗ kannt, beiſtimmend mit dem Kopfe, nur bedauerte er, daß das Fräulein einen ſehr weiten Weg zu ihrem Lehrer zurückzulegen habe, da derſelbe, wenn er nicht irre, in der Krugſtraße wohne. „Nein“, widerſprach Roſa,„er wohnt im Fiſchpark.“ „Ein ſchöner Platz, der Fiſchpark“, meinte Nielſen, „nur etwas geräuſchvoll und des Vormittags iſt man dort wegen des Marktverkehrs ſeines Lebens nicht ſicher.“ 13 „Das iſt wahr“, gab Roſa zu,„meine Wahl iſt aber auf die Nachmittage gefallen, ſodaß ich auf dem Wege zu meinem Lehrer nicht beläſtigt werde.“ „Aha“, ſcherzte Nielſen, mit dem Finger drohend, „auf dieſe Weiſe kommen Sie von der Betſtunde los.“ „Die Betſtunde wird in den erſten Nachmittags⸗ ſtunden abgehalten“, entgegnete Roſa lächelnd,„mein Unterricht fällt in den Spätnachmittag.“ Der Fremde wußte offenbar wieder nicht, was er ſagen ſollte. Er ſchwieg, indem er, die Hand feſt unter das Kinn legend, dadurch ein Doppelkinn hervorbrachte und auf dieſe Weiſe für ſein Lächeln gleichſam zwei Tiſche an einander rückte. Dabei ſah er Roſa mit eigenthümlichem Blicke an. Sie wandte ihr Auge von ihm ab und ließ ihre Finger, ohne einen Ton anzuſchlagen, über die Taſtatur des Pianos gleiten. „Ich habe eine ſchlechte Sprache, nicht wahr?“ fragte Nielſen plötzlich. „Ich finde nichts daran auszuſetzen“, gab Roſa zur Antwort, indem ſie aufſtand und ans Fenſter ging, um nach der Mutter auszuſpähen. „O ja, ich weiß es“, ſagte Nielſen;„es klingt nicht ſchön, wenn ich ſpreche, es klingt ſo ſchnarrend!“ Der ſchüchterne Freund der Mutter machte auf Roſa jetzt faſt den Eindruck, als müſſe er wegen ſeiner mangel⸗ haften Ausſprache deshalb um Entſchuldigung bitten, weil er ſich ſchmeichle, daß ſeine übrigen Eigenſchaften in hohem Grade Roſa's bewundernden Beifall erregt hätten. „Uebrigens beſſert ſich meine Ausſprache von Tag zu Tag“, fuhr er fort,„und mit der Zeit wird ſie ganz fehlerfrei werden.“ Ohne ſich von der deutlichen Wahrnehmung ſtören zu laſſen, daß ſeine Unterhaltung bei Roſa, die ihren Platz am Piano nicht wieder eingenommen hatte, ſondern in gemeſſener Entfernung von Nielſen am Fenſter geblieben war, keinen Anklang mehr finde, fügte er hinzu: „Wenn man viele Jahre lang kein Wort geſprochen hat, ſo kommt man aus der Uebung.— Ja, ja, kein Wort!“ wiederholte Nielſen, als er bemerkte, daß dieſe ſeltſame Mittheilung Roſa's Aufmerkſamkeit erregt hatte. „Sie werden glauben, ich ſei während dieſer Zeit unter den Indianern geweſen, wo man ſich nur durch Zeichen verſtändlich machen kann?“ Roſa nickte. „Nein, ich hatte nur die Sprache verloren; ich war ſtumm.“ Er ſah das junge Mädchen in der Erwartung an, daß dieſe Eröffnung ſie in hohem Grade überraſchen werde. Aber ſie ſchien zerſtreut, denn ſie hatte nur Ohr für die nahenden Schritte, welche auf der Treppe tönten. 4 — 15 „Glauben Sie an Geiſter?“ fragte Nielſen. Roſa erkannte den Schritt der Mutter und hatte jetzt ſo viel Muth, ihm zu entgegnen, daß ſie nie an Geiſter geglaubt habe. Da öffnete ſich die Thür und Frau Stubenrauch trat ein. Sie blieb, den Thürdrücker in der einen Hand und die andere Hand als Blende über die Stirn haltend, mit zurückgebeugtem Kopfe eine Weile am Eingange ſtehen und ſchien über den Beſuch in ſo hohem Grade überraſcht, daß Roſa anfangs lächeln mußte. Nielſen hatte ſich von ſeinem Stuhle erhoben und blickte bald Roſa, bald Frau Stubenrauch mit einem lauernden Lächeln an, in welchem ſich Neugierde ausdrückte, welchen fernern Verlauf die Ueberraſchung, die er ſelbſt angerichtet hatte, nehmen würde. Anſtatt, wie Roſa erwartete, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen, erhob die Mutter plötzlich drohend ihre Hand gegen den alten Bekannten.„Wenn Sie noch ein ein⸗ ziges Mal wagen“, rief ſie mit unbeſchreiblicher Wuth und kreideweiß im Geſicht,„meine Wohnung zu betreten, ſo hört jeder Verkehr zwiſchen uns auf.“ Bebend vor Wuth, beide Arme mit krampfhaft zuſammengeballten Fäuſten emporhebend, wie zum Schlage ausholend, trat ſie dicht an Nielſen heran, ließ ihren funkelnden Blick 16 langſam an ſeiner Geſtalt herabgleiten, als wolle ſie ihn von oben bis unten langſam verſengen, und hauchte ihm mit einem Athem, der mit dem Gift tödtlichen Haſſes erfüllt zu ſein ſchien, ein Wort ins Geſicht, welches wie „Schurke!“ klang. Roſa war aufs höchſte beſtürzt. Nielſen ſah ſie mit einem verlegenen Lächeln an, welches an ihr Mitgefühl zu appelliren ſchien. Rückwärtsgehend und die langen Seidenhaare ſeines weißen Hutes ſtrei⸗ chelnd, erreichte Nielſen die Thür, durch die er verſchwand. Die Mutter folgte ihm. Roſa hatte ihre Mutter noch nie in einem ſolchen Zuſtande geſehen; ihr weiches Herz empfand das innigſte Mitleid für den armen Teufel. Aber ihr Mitgefühl glich einer ſchönen Zeichnung auf ein unwürdiges Blatt Papier. Wäre die Thür nicht geweſen, die Roſa jetzt von Niel⸗ ſen und der Mutter trennte, ſo hätte ſie Zeuge ſein können, wie die ſcheinbare Niederlage, die er eben erlitten, ſich in einen Sieg verwandelte. Als Frau Stubenrauch wieder mit Roſa allein war, gab ſie dieſer über den Vorgang Auskunft, indem ſiie lachend und mit jener erzwungenen Heiterkeit ſagte:„Es iſt nicht ſo gefährlich, wie es ausſah. Ich kenne ihn von früher und unterſtütze ihn mit kleinen Geldgeſchenken, hierher gehört er aber nicht, denn er iſt krank.“ „Krank?“ fragte Roſa geſpannt. Die Mutter nickte, 17 geheimnißvoll lächelnd, und ſagte:„Hier“, indem ſie mit der Hand auf ihre Stirn deutete. Jetzt konnte ſich Roſa das ſeltſame Benehmen des Mannes erklären. Als Roſa eines Nachmittags aus dem Hauſe ihres Geſanglehrers trat, zog ein ihr entgegenkommender Herr ſchon von weitem den Hut, der in den Strahlen der Sonne wie das Gefieder einer weißen Taube glänzte. Sie erkannte ihn ſogleich wieder an dem Lächeln und an einer Bewegung ſeiner Hand, die dem Barte galt. Sie wollte, während ſie ihm einen Gegengruß zunickte, ſchnell an ihm vorübergehen, Nielſen aber redete ſie an, indem er nach ihrem und der guten Mutter Befinden fragte. Auf dieſe Weiſe ſchloß er ſich ihr faſt unvermerkt an. Bei jeder neuen Straßenecke hoffte ſie, daß er ſich von ihr verabſchieden werde, aber ſie hoffte vergebens. So oft ſie einen ſcheuen Blick auf ihn warf, ſah ſie ihn lächeln. Beide ſprachen kein Wort. Es ſchien ihm Ehre genug, an ihrer Seite gehen zu können, und mit einer gewiſſen Genugthuung in ſeinen Mienen ließ er im Vorübergehen ſeinen Blick in den Schaufenſtern der Ver⸗ kaufsläden ruhen, ohne daß er jedoch deshalb nur einen Schritt hinter Roſa zurückgebieben wäre. Einigen ihm begegnenden Bekannten in fadenſcheinigen Röcken, die ihn, Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 2 18 wahrſcheinlich aus Hochachtung vor ſeiner ſchönen Be⸗ gleiterin, ſehr höflich grüßten, dankte er mit gering⸗ ſchätzigem Kopfnicken. Er ſchien von Roſa's Schweig⸗ ſamkeit nicht im mindeſten beleidigt, dafür ſprach der freundſchaftliche Ton, in welchem er vor dem Hauſe, wo Roſa wohnte, von dieſer Abſchied nahm. Roſa entſann ſich, während ſie die Treppe hinaufſtieg, daß Nielſen von ihrer Mutter, nach deren eigener Ausſage, zuweilen unter⸗ ſtützt werde. Vielleicht war es demnach ein gewiſſes Gefühl der Abhängigkeit, in welchem Nielſen der Tochter ſeiner Wohlthäterin ſich als Begleiter antragen zu müſſen geglaubt hatte. Als Roſa jetzt den Vorſaal betrat, hörte ſie eine ungemein laute, kräftige Männerſtimme, die ihr nicht unbekannt war. Sie hatte dieſe Stimme oft ſchon aus dem Geſellſchaftssimmer ihrer Mutter ver⸗ nommen, obwohl ſie den Herrn ſelbſt nie geſehen hatte. Diesmal ſchallten die markigen Worte aus dem Wohn⸗ zimmer und Roſa zögerte daher, einzutreten. Aber die Mutter, welcher Roſa's Gegenwart durch die Vorſaal⸗ klingel verrathen worden war, kam ihr entgegen und nöthigte ſie, herein zu kommen. Der Beſuch war ein hochgewachſener, corpulenter Herr in den vierziger Jahren. Er hatte dunkles, gekräuſeltes Haar, das ihm üppig und loſe um den Kopf hing und hoch emporſtand und des⸗ halb die Umriſſe des ohnehin großen Kopfes noch erweiterte. 19 Frau Stubenrauch ſtellte ihrer Tochter den Fremden als Herrn von Kamp vor und forderte Roſa auf, ihm etwas vorzuſingen. Anfangs war Roſa hierzu nicht zu bewegen. Die ganze Erſcheinung des Herrn von Kamp machte auf ſie den Eindruck, als ſei er ſelbſt ſo etwas Aehnliches wie ein Sänger. Der eigenthümliche Schnitt des rothgefütterten Mantels, den Herr von Kamp male⸗ riſch nachläſſig über die eine Schulter geworfen hatte, war wohl geeignet, Roſa's Vermuthung zu beſtätigen. Aber Roſa kam mit ihren verlegenen Widerſprüchen gegen die ungemein lebhaften Einwendungen des Herrn von Kamp nicht auf. Er ſchob, während er Roſa mit dröh⸗ nender Stimme zu überreden ſuchte, einige Gegenſtände, die auf dem Klavier lagen, mit ſo unglaublicher Geſchwin⸗ digkeit beiſeite, daß man kaum verfolgen konnte, wo er ſie hinthat; mit ein paar blitzſchnellen, entſchloſſenen Hand⸗ griffen hatte er das Klavier geöffnet und den Seſſel zu⸗ rechtgerückt, und jetzt wühlte er bereits in Roſa's Noten⸗ heften und nannte mit ſeiner Donnerſtimme den Titel jedes einzelnen, ohne Roſa Zeit zu laſſen, darunter eine Wahl zu treffen. Endlich ſchlug er, ſo zu ſagen, wie ein Blitz in eine Bravourarie ein, und ehe Roſa noch recht zur Beſinnung kam, fühlte ſie ſich am Arm ergriffen und mit übermächtiger, aber durchaus nicht unzarter Gewalt auf den Seſſel am Piano gebannt. 9*ℳ 20 „Sans gèue, mein Fräulein“, donnerte Herr von Kamp,„jetzt losgelaſſen! Suchen Sie ſich recht lebhaft zu vergegenwärtigen, Sie ſeien mit Mutterchen allein und ich im Pfefferlande!“ Auch die Mutter, die ſich von dem beweglichen, ent⸗ ſchloſſenen Weſen des Herrn von Kamp fortgeriſſen fühlte, ſprach Roſa Muth ein und bat ſie dringend, ſo ſchön zu ſingen, wie ſie nur könne. Roſa ſang, anfangs leiſe und ſchüchtern, bis ſie nach und nach ins Feuer kam und darüber die Anweſenheit eines Dritten ganz vergaß. Die Mutter lauſchte begei⸗ ſtert und warf Herrn von Kamp zuweilen ſprühende Blicke zu. Dieſer aber begnügte ſich nicht wie Frau Stubenrauch mit dem einfachen Genuſſe des Zuhörens. Er prüfte auch. Aehnlich, wie ein Kenner ein Gemälde von verſchiedenen Richtungen aus und in verſchiedenen Entfernungen betrachtet, hörte Herr von Kamp dem Geſange von verſchiedenen akuſtiſchen Standpunkten zu. Bald ſtand er am Fenſter, bald poſtirte er ſich an die Thür. Seine Mienen, die Frau Stubenrauch an⸗ gelegentlich zu ſtudiren ſchien, verriethen nicht die leiſeſte Spur von Begeiſterung; er nahm Roſa's Vortrage gegen⸗ über vollſtändig den Standpunkt eines Mathematikers ein, der mit einer ſchönen Gegend nichts zu thun hat, als ihren Flächeninhalt zu vermeſſen. Zuweilen warf er 21 auch einen Blick nach irgend einem Bilde an der Wand, und einmal griff er in die Uhrtaſche, zog aber die Hand leer wieder zurück und ſchien einen Seufzer zu unter⸗ drücken. Als Roſa geendet hatte, rief er:„Bravo! Bravo!“ wobei er mit zwei Fingern der rechten Hand auf die Fläche der linken ſchlug, als wolle er ſeinen Beifall nur ſkizziren, und dann fügte er hinzu:„Ich bin ſehr zufrieden, ſehr zufrieden.— Mutterchen“, wandte er ſich hierauf an Frau Stubenrauch,„meine Erwartungen ſind nicht ge⸗ täuſcht und ich ſtehe zu Ihren Dienſten!“ Er hatte da⸗ bei den Mantel feſter zuſammengezogen und den Hut ergriffen, und ehe er ging, reichte er Roſa die Hand und empfahl ſich mit den Worten:„Auf Wiederſehen, meine kleine Catalani, auf recht baldiges Wiederſehen!“ Wie er ſich dann an der Thür, von Frau Stuben⸗ rauch aufgefordert, ſeine Cigarre anbrannte, der jungen Sängerin noch eine Verbeugung machte und endlich hin⸗ ausging, ſchien es, als hätte er das Piano, die Noten und den gehörten Geſangsvortrag bereits vollkommen ver⸗ geſſen. Während die Mutter den Herrn hinausbegleitete, ordnete Roſa die arg durcheinander geworfenen Noten und ſuchte die Gegenſtände wieder zuſammen, von denen Herr von Kamp das Klavier befreit hatte. „Mutter, wer iſt dieſer Herr?“ fragte ſie, als die Mutter wieder ins Zimmer trat. 22 „Herr von Kamp iſt der Oberregiſſeur unſeres Thea⸗ ters“, antwortete dieſe lächelnd. „Der Oberregiſſeur?“ rief Roſa faſt erſchrocken.„Und vor dieſem kunſtverſtändigen Manne läßt Du mich ſingen? Er wird mich auslachen.“ „Das wird er nicht, liebes Kind. Er wird vielmehr wünſchen, eine ſolche Sängerin der Bühne zu gewinnen. Das hat er mir jetzt draußen ſelbſt geſagt.“ „Um Gotteswillen!“ rief Roſa lachend, die nichts Anderes dachte, als daß die Mutter ſcherze. „Je nun, Roſa“, entgegnete Frau Stubenrauch im Tone leichten Widerſpruchs,„das Loos einer dramatiſchen Sängerin iſt ſo übel nicht!“ Und jetzt begann die Mutter die glänzende Laufbahn einer Sängerin in den lebhafteſten Farben zu ſchildern. Sie gedachte der Triumphe und Lorbeeren, der hohen Einnahmen und wies zuletzt darauf hin, wie es jetzt faſt etwas Alltägliches ſei, daß eine Sängerin die Gemah⸗ lin eines Grafen, eines Fürſten würde.„Es iſt noch nicht lange her, Roſa“, ſchloß ſie,„daß wir einer ſolchen Trauung beiwohnten!“ Roſa vermochte ſich mit dem Gedanken nicht vertraut zu machen, daß die Mutter mit ihrer Schilderung die Abſicht gehabt haben könne, ihr ſelbſt dies Alles zur Nacheiferung zu empfehlen. Gleichzeitig aber wagte ſie auch nicht zu fragen. 23 Nach längerem Schweigen ſagte die Mutter mit etwas unſicherer Stimme:„Roſa, ich ſähe Dich gern bei der Bühne.“ Roſa wußte gar nicht, wie ihr geſchah. Wie ſie ihre Mutter kannte, hätte ſie eher geglaubt, daß dieſe einem ſolchen Wunſche, wenn er von Roſa ausgegangen wäre, den heftigſten Widerſtand entgegenſetzen würde. „Es iſt ſchon ſeit Jahren meine Lieblingsidee“, fuhr die Mutter fort.„Ich habe Dich aus dieſem Grunde in der Muſik weiter bilden laſſen und Du haſt, ohne Dir deſſen bewußt zu ſein, einen Grad der Kunſtfertigkeit er⸗ reicht, mit dem Du getroſt vor die Lampen treten kannſt.“ „Mutter“, rief Roſa, der ſchon der bloße Gedanke das Blut in die Wangen getrieben hatte,„ich würde vor Angſt keinen Ton hervorbringen können, ich würde vor Scham in den Boden ſinken!“ „Das glaubſt Du jetzt“, entgegnete Frau Stuben⸗ rauch lächelnd,„doch wird Dich dieſe Bangigkeit mit der Zeit ganz verlaſſen, und zudem würdeſt. Du nur nach der gründlichſten Vorbereitung vor die Oeffentlichkeit treten. Herr von Kamp hat ſich bereit erklärt, Dir die nöthige Bühnenroutine beizubringen. Du haſt aus ſeinem eigenen Munde ſein Urtheil gehört und er verbürgt ſich ſogar, Dir am hieſigen Theater ein höchſt annehmbares Engagement zu vermitteln. Es bedarf nur eines Wortes von Dir.“ —— 24 Roſa hielt beide Hände vor das Geſicht und ſchüttelte den Kopf. Sie konnte ſich's gar nicht denken! Das Geſpräch wurde nicht wieder aufgenommen. Es wurde dunkel und die trauliche Dämmerungsſtunde kam, wo Roſa ſſich ans Piano zu ſetzen und einige Lieder zu ſingen pflegte, die ſie auswendig konnte. „Willſt Du mir nichts vorſingen, Roſa?“ fragte Frau Stubenrauch. „Ich habe heute keine Luſt“, gab Roſa zur Antwort. Und ſie log nicht. Sie hätte bei jedem Tone an die heißen Breter der Bühne, an blendende Lampen, an drohende Operngläſer denken müſſen, und es war ihr zu Muthe, als führe ſie jede Note, die ſie ferner ſang, weiter auf dem Wege zu jenem gefürchteten Ziele. Die Mutter erwähnte des Gegenſtandes mit keiner Silbe wieder. Vielleicht barg ſie wirkſamere Hebel zur Durchſetzung ihrer Lieblingsidee im Hintergrunde. Roſa glaubte, die Sache ſei abgethan. Mit der alten Unbe⸗ fangenheit beſuchte ſie daher die Geſaugſtunde wieder. Die Begegnung mit Nielſen hatte ſie bereits vergeſſen. Sie ſollte daran erinnert werden; denn als ſie eines Tages wieder aus dem Hauſe des Lehrers trat, durch⸗ ſchnitt derſelbe weiße Hut zum Gruße die Luft und vor ihrem Blicke tauchte wieder daſſelbe lächelnde Ge⸗ ſicht auf. 25 „Wie befinden Sie ſich? Wie geht'’s der guten Mutter? Was macht der Herr Singlehrer? Ein tüchtiger Mann, dieſer Herr Singlehrer!“ Durch ſolche und ähnliche Aeußerungen unterbrach Nielſen von Zeit zu Zeit das ſtarre Schweigen, welches Roſa beobachtete. Nielſen's Begleitung, die ihr das erſte Mal nur läſtig geweſen war, wurde ihr heute geradezu unheimlich. Er blieb ihr wiederum zur Seite, bis ſie Roſa's Wohnung erreicht hatten, und empfahl ſich ihr mit demſelben freundlichen Gruße, unempfindlich gegen die Geringſchätzung, welche Roſa ihm durch ihre Einſilbigkeit fühlbar gemacht zu haben glaubte. Roſa erzählte ihr früheres und heutiges Zuſammen⸗ treffen mit Nielſen der Mutter. Frau Stubenrauch lachte über den blödſinnigen Narren, wie ſie ihn nannte, aber während ſie ſich bemühte, ruhig zu erſcheinen und den Gegenſtand als unbedeutend hinzuſtellen, bemerkte Roſa deutlich, daß die Mutter erblaßt war und daß aus ihren Augen Blitze ſchoſſen, wie damals, wo ſie ihn im Zimmer bei Roſa angetroffen hatte. Die Mutter rieth Roſa, den Geſangsunterricht auf eine andere Tagesſtunde zu ver⸗ legen, und dieſes Auskunftsmittel bewährte ſich auch einige Zeit. Zweites Kapitel. Karl Arle iſt nach kurzer Abweſenheit, mit dem Doctordiplom verſehen, von der Univerſität zurückgekehrt. Der Medicinalrath Puls hat ihn bereits unter herzlichen Glückwünſchen willkommen geheißen, ja, noch mehr: er hat ſogar für Karl vorgeſorgt. Für den Anfang iſt das alles Mögliche, was man ſich wünſchen kann, meint der wohlwollende Medicinalrath; im ſtädtiſchen Krankenhauſe nämlich iſt die Stelle eines Aſſiſtenzarztes offen, Karl ſoll die Stelle erhalten. Karl bedauert natürlich, den Antrag ſeines Gönners ablehnen zu müſſen; vor der Hand wünſcht er ſich noch keinen Poſten, ſondern zieht die ſelbſtſtändige Praxis vor, wie er ſie bereits beſeſſen, als er noch unzünftiger Pfuſcher war. 27 In der Stadt iſt es ſchnell bekannt gewor eine ſchöne vornehme Dame den jungen, ung begabten Mann habe ſtudiren laſſen, daß er jetzt? Arzt ſei, und die Stadt wünſcht ſich Glück daz Karl's ehemalige Kundſchaft hat inzwiſchen mit als Aerzten vorlieb nehmen müſſen und ſieht ſich nicht ver⸗ anlaßt, von denſelben wieder abzugehen. Arle iſt eben jetzt ein„ſtudirter“ Arzt wie die andern auch und unter⸗ liegt demſelben Vorurtheile. Nun iſt die Form erfüllt, aber das alte Vertrauen iſt nicht mehr da! Es geht hier, wie oft mit einer neu und prächtig hergeſtellten Reſtauration, die nicht halb ſo beſucht wird als diez ehe⸗ malige alte räucherige Kneipe. Der Major von Achtern wird Karl' erſter Patient, und das iſt eine verhängnißvolle Verkettung von Glück und Unglück, denn der ſcharfblickende Arzt ſieht voraus, daß Adeline bald Wittwe werden wird. Die Glücks⸗ göttin iſt ironiſch, boshaftz ſie ſetzt dem neuen Arzte den Roſenkranz ihrer Huld aufs Haupt und drückt ihn, wie ein übermüthiges Kind, bis über die Stirn herab, daß die Dornen ſeine Schläfe blutig ritzen. Aus der ernſten Zurückhaltung, welche Karl gegen Adeline beobachtet, lieſt dieſe mit dem Scharfſinn ihres Geſchlechts das Geheim⸗ niß heraus, das Karl's Mund ihr verſchweigt. Karl geräth über Adelinens Charakter mit ſich ſſelbſt in die 28 een Widerſprüche. Wenn er mit ernſter, bedenk⸗ Lene aus dem Krankenzimmer ihres Gemahls ießt ſie heiße Thränen, und gleich darauf ſieht eln. Wenn die Thränen des Schmerzes nicht 2 ſind, ſo muß Adeline ein Kind ſein, und Karl, in ſeinem noch unerſchütterten Glauben an das beſſere Selbſt des Menſchen, hält ſie für ein Kind. Der Medicinalrath bietet dem jungen Arzte die Aſſiſtentenſtelle im Krankenhauſe zum zweiten Male an, und obwohl Arle alle Urſache hätte, ſie jetzt nicht zu verſchmähen, ſo lehnt er ſie dennoch wieder ab.„Das wahre Talent“, ſagt Puls mit ironiſchem Lächeln,„bricht ſich ſelbſt Bahn“, und kümmert ſich nicht weiter um den hochfahrenden Neuling. Und das wahre Talent bricht ſich Bahn! Es geht ſeinen eigenen Weg und bricht an einer Stelle hindurch, wo man es gar nicht erwartete. In der Geſtalt eines verkrüppelten Bettelknaben, der in der Stadt allgemein bekannt war, erblickte Karl das Modell für ſein erſtes Meiſterſtück. Durch eine geſchickte Operation gab er ihm das Ebenmaß der Geſtalt wieder. Die Heilung des Knaben erregte großes Aufſehen und trug dem Arzte ſo viel Ruhm ein, daß ein reicher Banquier es nicht unter ſeiner Würde fand, auf den Nachruhm zu ſpeculiren, in⸗ dem er den Bettelknaben zu ſeinem fernern Fortkommen 29 in ſein Comptoir aufnahm, obwohl er für den ehemaligen Krüppel nie etwas gethan hatte. In allen Kreiſen ſprach man mit hoher Anerkennung von Doctor Arle. Die Aerzte ſprachen nur von einem Wageſtück, das im Falle des Mißlingens zu einer Frevel⸗ that geworden wäre. Die Welt und die Aerzte hatten dieſen Gegenſtand noch nicht erſchöpft, da ergriff Karl bereits wieder eine Gelegenheit, zu ſeiner zweiten That zu ſchreiten. Ein Apothekergehülfe war angeklagt, das Kind ſeiner Geliebten vergiftet zu haben. Die Unterſuchungen der Aerzte an dem ausgegrabenen Leichnam beſtätigten bereits den ver⸗ urtheilenden Ausſpruch der Richter, da trat plötzlich Doctor Arle auf und wies mit einer Gründlichkeit, mit einem Scharfſinne, wie Beides nur dem eingeweihteſten Chemiker möglich iſt, das Gegentheil nach. Seine Gegner griffen ihn aufs heftigſte an und bewirkten dadurch nur, daß Arle eine Broſchüre veröffentlichte, die in der ganzen mediciniſchen Welt Aufſehen erregte und ſeinem Namen auch im Auslande hohe Geltung verſchaffte. Der ange⸗ klagte Apotheker wurde freigeſprochen, und mit einem Schlage war Arle jetzt ein berühmter Mann und der geſuchteſte Arzt der Stadt. Er raubte dem Tode einen großen Theil ſeines Anſehens, und man kam ſeiner Kunſt durch die genaueſte Befolgung ſeiner Vorſchriften, die man als Orakelſprüche betrachtete, entgegen. Er wurde in die erſten Häuſer gerufen, überall behandelte man ihn mit auszeichnender Achtung; viele ſchöne Augen richteten ſich auf ihn, und mehr als ein reicher Patricier, der die Fortdauer ſeiner Firma durch Nachkommen hinlänglich geſichert ſah, hatte eine Tochter für den berühmten Arzt übrig. Nur einmal im Leben lächelt dir ſo das Glück! Das Glück iſt ehrgeizig, greif zu! Nimm Alles, was es dir bietet, wirf alle Rückſichten von dir, ſonſt ſtraft dich das verſchmähte Glück fürchterlich! Zerſtöre die Zweifel, die dich über den wahren Charakter Adelinens quälen, mit einem Schlage; bringe die leiſen Vorwürfe, die ewig in deine Liebe hineinklingen werden, weil du ein Weib liebteſt, das einem Andern gehörte, mit einem Male zum Schweigent entſcheide dich für eine der reinherzigen Patriciertöchter; in ihren Blicken lieſt du keine Räthſel, du darfſt ſie frei und vor aller Welt als deine Braut erklären; Niemand anders als du hat Anſpruch auf ſie, und von der Vereinigung am Altar trennt dich kein Leichenzug und kein Trauerjahr! Du ſprichſt von Undank? Die Welt wird dich des⸗ halb nicht tadeln; die Welt ſtaunt ehrfurchtsvoll zum ſchwarzen Undank hinan, der ſo viel Stärke des Geiſtes beſaß, um kleinere Zwecke dem größern aufzuopfern, und 31 der Dank iſt doch der kleinſte Zweck, den Jemand ver⸗ folgen kann! Solch geiſteskräftiger Ritter vom Undank gibt es heutzutage ſo viele, daß man ſie Dutzendmenſchen nennen kann; werde auch einer, und wir legen die Feder weg und erklären deine Geſchichte für beendet. Bereits iſt Adeline eiferſüchtig; aber in welcher Geſtalt tritt ſie auf, ihre glühende Eiferſucht? In der Geſtalt der hingebendſten Liebe, die ſie nicht mehr vor der Welt verbirgt! Wenn Doctor Arle aus des Majors Hauſe tritt, öffnet ſich oben ein Fenſter und Adeline blickt ihm nach, bis ſie ihn aus dem Geſicht verliert— vor aller Welt! Ihre Flammenblicke wirft ſie ihm zu vor aller Welt! „Mein gehört er!“ rufen ihre Blicke der ganzen Welt zu; ſie hält ihn feſt umſchlungen zum gemeinſchaft⸗ lichen Sturze in die toſende Brandung der öffentlichen Meinung! Und eines Morgens kam ſie ihm mit bleichem Ant⸗ litz entgegen, ihr verweintes Auge erzählte von einer durch⸗ wachten Nacht. Sie führte ihn ſchweigend vor das Todten⸗ bett ihres Gemahls und ſank als Wittwe in Karl's Arme. Eine Thräne der Wehmuth zitterte im Auge des Arztes, als er ſich über ſeinen Todten beugte, es war die letzte Thräne, die der Arzt über einem Todtenbette ge⸗ weint hat! Es ſtellten ſich nun im Hauſe der Wittwe die Menſchen 32 ein, die vom Tode leben. Die Leichenfrau, der Leichen⸗ bitter, der Tiſchler, der das Maß zum Sarge nahm, kamen ſchnell hintereinander. Jedes Glockenzeichen an der Thür galt dem Tode; ein kleiner Tiſch im Empfangs⸗ zimmer war bald mit den Karten der theilnehmenden Freunde des Verblichenen bedeckt, und das Gemach, in welchem der letztere lag, füllte ſich mit Blumen und Kränzen. Als die Majorin die Condolenzbillets durch⸗ ſah, fiel ihr eins derſelben durch das geſchäftsmäßige Format auf, in welchem es gebrochen war. Sie öffnete es und las: „Vielleicht werden Ew. Hochwohlgeboren nicht ohne Intereſſe die Mittheilung aufnehmen, daß ſich eine mir unbekannte Dame vor kurzem ſehr angelegentlich nach dem Käufer des Schmucks erkundigt hat, der ſich in Ihrem Beſitz befindet und deſſen Herkunft nicht minder Gegenſtand Ihrer Nachforſchungen iſt. Ich hoffe Ihren Wünſchen nicht zuwidergehandelt zu haben, indem ich der Fremden Ihren Namen nannte.“ Das Schreiben war vom Juwelier und wahrſcheinlich infolge eines Mißverſtändniſſes von einem der Diener unter die Condolenzbillets gelegt worden. Das Intereſſe, welches Arle an dem Schmucke haben mochte, war der Majorin im Laufe der Zeit beinahe gleichgültig geworden; mit dieſer Mittheilung des Juwe⸗ 33 liers aber erwachte in ihr eine alte Neigung, in den Geheimniſſen Anderer zu leſen und ſich daran zu er⸗ götzen, daß dieſe keine Ahnung davon haben. Adeline war das Gegentheil von andern Frauen, die ſich härmen, wenn eine geliebte Perſon vor ihnen Geheimniſſe ver⸗ birgt, und ihren Triumph darein ſetzen, vor den Augen des Beſchämten die Hülle emporzuheben. Adeline war es eine viel ſüßere Genugthuung, zu wiſſen, was unter der Hülle verborgen war, und über die Harmloſigkeit des Andern in ſtiller Bosheit zu triumphiren, wie über einen Schabernack, der hinter Jemandes Rücken aus⸗ geübt wird. Angeſichts der ſtummen Leiche ihres Gemahls, und während ſie dem Geliebten gegenüber den würdigen Ernſt ihrer jungen Wittwenſchaft nicht einen Augenblick fallen ließ, wartete Adeline mit fieberhafter Spannung, daß eines Tages Jemand kommen und nach dem Schmucke fragen werde. Die aufrichtige, von ungeheuchelten Thränen begleitete Theilnahme der Dienerſchaft an dem Trauerfalle wurde Adelinen jetzt peinlich. Man war ſorgſam bedacht, daß Niemand die Wittwe in ihrem Schmerze ſtöre, und ließ keinen Fremden zu ihr. Adeline durfte dieſer ihr läſtigen Rückſicht nicht wehren, aber ſobald ſie die Glocke tönen Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 8 3 34 hörte, ſchlüpfte ſie jetzt in großer Aufregung in ein mit ihren Zimmern in Verbindung ſtehendes Gemach, aus welchem eine Glasthür auf den Vorſaal führte, und durch den dünnen Vorhang beobachtete ſie mit ſcharfem Blicke jeden Ankommenden, der ſie zu ſprechen wünſchte und von der Dienerſchaft abgewieſen wurde. Drittes Kapitel. Eines Tages brachte ein kleiner Burſche, der das Aus⸗ ſehen eines Kellners hatte, ein Billet an Frau Stuben⸗ rauch mit einer Empfehlung von Nielſen. Es entging Roſa nicht, daß der Inhalt deſſelben die Mutter in jene Aufregung verſetzte, die von tiefern als den gewöhnlichen Geſchäftsſorgen herrührte und die ſie ſtets vor Roſa zu bemänteln bemüht war. Als Roſa ihre gewöhnliche Singübung beendet hatte und ſich umblickte, ſaß die Mutter auf dem Sopha und war in ſo tiefes Nachdenken verſunken, daß ſie weder das plötzliche Verſtummen der Muſik, noch Roſa's beobachten⸗ den Blick bemerkte. Sie hatte den Ellbogen auf die Sophalehne geſtützt und die Stirn in die Hand vergraben. Das Auge ſtarrte mit wildem Ausdruck vor ſich hin, die 3* 36 andere, herabhängende Hand war krampfhaft geſchloſſen, als hielte ſie noch immer das Billet feſt, welches arg zerknittert am Boden lag. Roſa wandte ſich ab und begann ihre Uebungen von neuem. Nach einer Weile ſtand ſie auf und ſchloß, ohne ſich umzuſehen, geräuſchvoll das Piano. Sie hörte, daß die Mutter hinter ihr ſich jetzt ebenfalls regte, dann aufſtand und hinausging. Das Billet lag noch immer am Boden. Roſa fühlte ihr Blut ſchneller durch ihre Adern wallen; ſie faltete ihre Hände über dem ungeſtüm klopfenden Herzen, denn es war ihr plötzlich der Entſchluß gekommen, das Billet aufzuheben und zu leſen. Sie hielt es bereits in der Hand und war im Begriff, es zu öffnen, als in ihrer durch Roman⸗ lectüre genährten Phantaſie eine dunkle Vorſtellung auf⸗ tauchte, als ſei die Wittwenſchaft ihrer Mutter eine Lüge und der alte Bekannte, der ſich Nielſen nannte und ſie auf ſeinen Armen getragen hatte, der Mann ihrer Mutter, ihr eigener Vater! Er hatte einſt ein Verbrechen be⸗ gangen, oder er hatte ſich dem Laſter des Trunks ergeben und die Mutter ſchlecht behandelt, ſie vielleicht gar ge⸗ ſchlagen und das, was ſie mühſam erwarb, vergeudet Sie war ihm entflohen und nach vielen Jahren hatte er ſie jetzt wiedergefunden. Und es war eine Nothlüge, wenn die Mutter behauptete, er ſei geiſteskrank. Noch war es ein haltloſes Gebilde düſterer Ahnungen, * 37 aber ſchon im nächſten Augenblicke konnte ein einziges Wort auf dieſem armſeligen Stück Papier eine ſchreck⸗ liche Gewißheit daraus machen. Roſa ließ die Hand ſinken und legte muthlos das Billet genau wieder an die Stelle unter dem Sopha, wo ſie es gefunden hatte. Roſa beobachtete heute die Mutter mit banger Unruhe und brachte Alles, was jene that, mit Nielſen in Zuſammen⸗ hang. Im Laufe des Nachmittags ſah ſie die Mutter eine große Geldſumme abzählen und ſich dann zum Aus⸗ gehen fertig machen. Als die Mutter die Treppen hinab war, erwachte in Roſa von neuem der Drang, den In⸗ halt des Briefes, der noch immer an der frühern Stelle lag, kennen zu lernen. Wieder beugte ſie ſich herab, um ihn zu ergreifen, und wieder legte ſie ihn uneröffnet hin. Sie fühlte nicht die Stärke in ſich, das Geheimniß der Mutter mit einem einzigen Blicke zu durchſchauen, ſie zog vor, ihr heimlich nachzugehen; haſtig griff ſie nach Hut und Mantel und eilte die Treppen hinunter. Noch zeitig genug erkannte ſie in der Dame, die eben um die nächſte Straßenecke bog, ihre Mutter, um ihr in ſicherer Ent⸗ fernung zu folgen. Als Frau Stubenrauch endlich die Straße überblickte, die das Ziel ihrer langen Wanderung war, bemerkte ſie ein großes Menſchengedränge, welches wie eine Mauer 38* ein Schauſpiel umgab, aber niedrig genug, daß man die emporragenden zahlloſen Flintenläufe im Scheine der Sonne glänzen ſah und auch die erhöhten Büſten der commandirenden Offiziere unterſcheiden konnte, welche zu Pferde ſaßen und die Fronte hinauf⸗ und hinabſprengten. Frau Stubenrauch brach ſich Bahn durch die Menge und ſchritt an einer langen Reihe glänzender Equipagen vorüber, vor denen ungeduldige Pferde ſich aufbäumten und in die Zügel knirſchten. Die Equipagen ſtehen bis an das Haus, welches ſie ſucht. Aber vor der Thür dieſes Hauſes ſelbſt ſteht auch ein Wagen; er iſt mit vier ſchwarzbehangenen Pferden beſpannt, die von zwei bewaff⸗ neten Kutſchern gelenkt werden, und mit einem ſchwarzen, goldbeſetzten Tuche überdeckt, unter dem die unheimlichen ſchwarzen Räder nur zur Hälfte hervorſchauen. Der Wagen iſt reich mit Guirlanden und Kränzen geſchmückt und obenauf liegt ein Tſchako, ganz ſo wie ihn die berit⸗ tenen Offiziere tragen, und auch ein Säbel liegt darauf, der in der Sonne blitzt, gerade ſo hell wie die Säbel, die an der Seite der galoppirenden Pferde klappern. Befremdet ſtarrt Frau Stubenrauch den Trauerwagen an, der ihr den Eintritt in das Haus verſperrt. Und jetzt eben bringt man aus dieſem Hauſe einen Sarg, der in den Trauerwagen gehoben wird, während die bewaff⸗ neten Kutſcher, ohne ſich nach ihrer Fracht umzuſehen, —— 39 regungslos auf ihren ſchwarzen Pferden ſitzen. Und es bleibt Frau Stubenrauch nichts Anderes übrig, als ſich ebenfalls unter die gaffende Volksmenge zu ſtellen, die theils nach den verhüllten Fenſtern des Trauerhauſes blickt, in der ungewiſſen Hoffnung, die Wittwe werde plötzlich eine Gardine emporziehen und mit rothgeweinten Augen am Fenſter erſcheinen, theils auf zwei andere, aber weitgeöffnete Fenſter deutet und ſich zuflüſtert:„Dort hat er gelegen.“ Der graubärtige Commandant, deſſen Haar auch ſchon bedenklich weiß unter dem Tſchako hervorleuchtet, ruft ſein ſchnarrendes„Achtung!“ die Fronte entlang. Durch die Reihen der mit grünen Zweigen geſchmückten Flinten⸗ läufe geht eine klirrende Bewegung, aber ſchnell iſt es wieder ſtill. Noch ein Commandoruf; eine Schwenkung in Maſſe, die eine kurze Verwirrung unter die ausweichen⸗ den Gaffer bringt, und die erſten Accorde des Trauer⸗ marſches entrauſchen den impoſanten, fünffach gegliederten Reihen der blitzenden Poſaunen und Trompeten; die Glocken der nächſten Thürme ſenden, wie auf ein Feuer⸗ zeichen, ihr melancholiſches Trauergeläute herab; zahlloſe Torniſter wackeln die Straße dahin; von den Häuſern ſchallt es in langſamen Takte„trab, trab“ zurück. Dicht vor dem Vorreiter des Leichengeſpanns ſchreiten furchtlos die Prieſter, deren ſchwarze Talare und weiße 40 Krauſen nie ſo feierlich ausſchauen als auf dem letzten Gange, dem auch der Gottesleugner verfällt; auf ſeinen dumpfdonnernden Rädern ſchwankt und nickt der Leichen⸗ wagen vorüber und ihm folgt die unabſehbare Reihe Equipagen, deren Inſaſſen ſehr gefaßt ausſehen. Die letzte Equipage iſt vorüber; der lange Zug hat ſich langſam von dem Schauplatze der Trauer abgewickelt; die dicht mit Köpfen beſetzt geweſenen Fenſter der Nachbar⸗ häuſer haben ſich wieder geſchloſſen; müßige Droſchken fahren jetzt über das Pflaſter; Fuhrleute fluchen und knallen mit den Peitſchen, und die Verkäuferinnen rufen ihre grünen Gemüſe aus, die ſie in Körben auf dem Kopfe tragen. Und aus der offenen Halle des Trauer⸗ hauſes ſelbſt iſt der Nimbus der ernſten Feierlichkeit verſchwunden wie eine ſympathetiſche Tintenſchrift. Als Frau Stubenrauch ſo die Proſa des Alltags⸗ lebens ſich wieder behaglich breit machen ſah, regte ſich in ihrem Geſchäftsgeiſte eine eingefleiſchte Abneigung gegen vergebliche Gänge, und wenn ſie ſich auch unter den ob⸗ waltenden Umſtänden von einem Beſuche in jenem Hauſe nicht viel verſprechen durfte, ſo fühlte ſie doch den Muth in ſich, wenigſtens einen Verſuch zu machen. In der That ſtand ſie bald vor der Vorſaalthür, wo noch immer eine Porzellanplatte behauptete, daß hier der Major von Achtern wohne. Sie zog die Klingel; ein Diener öffnete „ ——— ——— ☛ 41 und war der elegant gekleideten Dame gegenüber artig genug, ſie mit der abweiſenden Antwort auf den Lippen zum Eintreten auf den Vorſaal einzuladen. In dem Augenblicke jedoch, wo Frau Stubenrauch ſich unverrich⸗ teter Sache wieder entfernen wollte, öffnete ſich eine Glasthür und die Dame des Hauſes im ſchwarzen Trauerkleide, das fein geſtickte weiße Taſchentuch in der Hand, trat heraus, langſam und zögernd, wie man es bei der Haſt, mit welcher die Thür aufgeſtoßen worden war, kaum erwartet hätte. Der Diener zog ſich ehrerbietig zurück und Frau Stubenrauch pries den glücklichen Zufall, der ſie mit der oberſten Autorität des Hauſes ſo unverhofft zuſammen⸗ führte und ihr jetzt durch die Hand der Majorin ſelbſt die Thür des Empfangszimmers öffnete. „Ich bedaure, daß ich zu ſo unpaſſender Zeit komme“, ſagte Frau Stubenrauch, nachdem ſie der Majorin gegen⸗ über Platz genommen hatte,„doch habe ich das traurige Ereigniß, welches Sie ſo nahe angeht, gnädige Frau, erſt jetzt erfahren. Mein Beſuch betrifft eine Geſchäfts⸗ ſache.“ „Eine Geſchäftsſache“, wiederholte Adeline in einem matten Tone, als traue ſie ſich beim beſten Willen, der Dame zu dienen, dennoch heute nicht die Sammlung zu, die zu einer ſolchen Erörterung nöthig ſei. 42 Frau Stubenrauch aber war eine zu gewiegte Geſchäfts⸗ frau, als daß ſie jetzt, wo ſie nun einmal vorgelaſſen worden und ſo zu ſagen im Geſchirr war, noch für zartere Rückſichten zugänglich geweſen wäre.„Ich bin fremd hier“, ſagte ſie ſchnell, um die Möglichkeit eines Aufſchubs ab⸗ zuſchneiden,„und ſtehe im Begriffe abzureiſen, ſonſt würde ich zu gelegenerer Zeit wiedergekommen ſein.“ Adeline ſah die Sprechende aufmerkſam an. Sie wußte nicht, womit ſie ſich den eigenthümlichen Eindruck erklären ſollte, den die Fremde auf ſie hervorbrachte. Wir wiſſen, daß die Sterne bewohnt ſind und daß zwölf Stück ein Dutzend ausmachen, aber wer es uns einſt geſagt hat, das wiſſen wir nicht mehr. Ebenſo etwas Altbekanntes, Althergebrachtes lag in der Stimme der fremden Dame, in ihren Geſichtszügen, in ihren Bewegungen, ja in ihrem Blicke. Adeline meinte, die alte Dame habe etwas Ty⸗ piſches an ſich; der Klang dieſer Stimme und dieſe Be⸗ wegungen ſeien vielen ältern Damen eigen und auf mehr als einem dem Leben abgelauſchten Bilde habe ſie ein ſolches Geſicht und ganz denſelben Ausdruck der Augen geſehen. Aber wo zuerſt, wo zuletzt, wo überhaupt im Leben oder auf Bildern ſie die Bekanntſchaft dieſer typi⸗ ſchen alten Damen gemacht hatte, das wußte Adeline ſich ebenſo wenig zu ſagen, als wir wiſſen, wer uns das von den Sternen und dem Dutzend gelehrt hat. Und darin — — —— —— 43 lag der eigenthümliche Eindruck, den die Fremde der Majorin machte und der ſie im Laufe des Geſprächs immer mächtiger umſpann. 4 Nach einer langen Pauſe und aus ihren Zerſtreuungen erwachend ſagte Adeline:„Und darf ich fragen, Madame, welches Geſchäft Sie hierher führt?“ „Es betrifft einen Schmuck“, erwiderte die Fremde gleichgültig, nachdem ſie ſich auf das Wort Schmuck erſt hatte beſinnen müſſen.„Ich ſuche ein Collier in Rococo⸗ geſchmack zu kaufen und bin deshalb hierher gereiſt. Aber von allen hieſigen Juwelieren, die ich aufſuchte, hatte keiner das, was meinen Wünſchen entſprochen hätte; einer jedoch wies mich an Sie, gnädige Frau, mit dem Be⸗ merken, daß er Sie in dem Beſitze eines alterthümlichen Halsſchmuckes von größter Seltenheit wiſſe. Das iſt der Grund meines Hierſeins und ich weiß nicht, ob ich den unbeſcheidenen Wunſch ausſprechen darf, den Schmuck zu ſehen.“ „Ich ſtehe Ihnen gern zu Dienſten“, ſagte weich⸗ müthig die junge Wittwe, indem ſie die Glocke zog. Die Zofe erſchien und erhielt den Befehl, die Schmucktoilette und Licht zu bringen, denn es begann in dem ohnehin durch die Gardinen verdüſterten Zimmer zu dunkeln. Wie um die Pauſe des Wartens auszufüllen, fragte Adeline in der üblichen höflichen Form nach dem Namen 44 ihrer Beſucherin. Aber dieſe wich Adelinens Fragen ge⸗ ſchickt aus. Die Zofe kam mit einem Armleuchter und dem Schmuck⸗ käſtchen und entfernte ſich wieder. Adeline öffnete das Käſtchen und die alte Dame trat dicht zu ihr heran. Es befanden ſich noch andere Schmuckgegenſtände darin, aber mit einer Haſt, über welche ſelbſt Adeline einen Augen⸗ blick erſchrak, fuhr ſie mit dem Finger auf eine Kette los und rief:„Das iſt ſie!“ Schnell indeſſen gewann Frau Stubenrauch ihre Faſ⸗ ſung wieder, obwohl ſie den Schmuck fortwährend mit ihren Augen verſchlang. Adeline nahm den letztern heraus und übergab ihn der Fremden, die ihn bald durch die Finger gleiten ließ, bald, im Anſchauen verſunken, an das Licht hielt. „Ich bin geſonnen, den Schmuck zu kaufen“, unter⸗ brach Frau Stubenrauch das Schweigen. „Können Sie ſeinen Werth taxiren?“ fragte Adeline. „Darauf verſtehe ich mich; ich ſchätze ihn auf drei⸗ tauſend Thaler.“ Es iſt möglich, daß Zeit und Mode ihn entwerthet haben“, ſagte die Majorin gleichgültig,„er hat fünftauſend gekoſtet.“ Frau Stubenrauch ſeufzte tief und nickte mit dem Kopfe, als wolle ſie zugeben, daß ſie ſich in ihrer Annahme geirrt haben könne. 45 „Sie ſollen nichts daran verlieren“, ſagte ſie nach kurzer Ueberlegung. „Er iſt ein Andenken“, ſeufzte Adeline, die Stirn mit der Hand bedeckend. „Der Schmuck iſt einzig in ſeiner Art“, äußerte Frau Stubenrauch, ihn in der Hand wiegend,„und wenn er Ihnen fünftauſend gekoſtet hat— und das Wort der gnädigen Frau iſt mir genug— ſo iſt er mir ſechstauſend werth!“ Adeline fand, als ſie aufblickte, die funkelnden Augen der Frau fragend auf ſich gerichtet; dazu wog ſie noch immer den Schmuck in der Hand. Es lag jetzt etwas jüdiſch Lüſternes in ihrer Erſcheinung. Und dennoch fand Adeline in dieſem Zuge nichts Fremdes; es kam ihr vor, als wäre dieſen typiſchen ältlichen Damen zuweilen etwas jüdiſch Lüſternes eigen. „Ich gehe nicht auf Gewinn aus“, entgegnete Adeline, ohne es der Mühe werth zu achten, jenen ihrem Stande eigenen Stolz zu zeigen, der Geld geringſchätzt und den Feilſcher verachtet,„dieſer Schmuck iſt ein Andenken an meinen Gemahl. Augenblicklich kann ich mich zu nichts entſchließen; da Ihnen aber an dem Beſitz der Kette ſehr viel zu liegen ſcheint, ſo will ich Ihnen keine abſchlägige Antwort geben. Mein Schmerz über den Verluſt meines Gatten, der jetzt in die Erde geſenkt wird, iſt noch zu neu, als daß ich heute ſchon daran denken könne, mich eines Andenkens an ihn zu entäußern. Geſtatten Sie mir Zeit und laſſen Sie mir Ihre Adreſſe zurück. In einigen Wochen ſollen Sie Nachricht haben.“ „Ich werde wiederkommen“, entgegnete die Fremde, nich habe oft in der Stadt Geſchäfte.“ „Dann bitte ich wenigſtens um Ihren Namen, damit ich—“ „Mein Name thut nichts zur Sache“, ſagte Frau Stubenrauch in beſtimmtem Tone, und alle Bemühungen Adelinens, ihren Namen zu erforſchen, blieben abermals fruchtlos.— Adeline entließ die Fremde. Sie dachte nach. War es nicht möglich, daß die Dame, die ſo hartnäckig die Nennung ihres Namens verweigerte, ſich anders beſann und nicht wieder nach dem Schmucke fragte? War es nicht möglich, daß ſie inzwiſchen ſterben konnte? Dann war die Spur verloren, der Adeline jetzt mit heißer Begierde nachſchlich, vielleicht für immer verloren! Viertes Kapitel. Auf der Straße dunkelte es. Die Glocken ſchlugen und Frau Stubenrauch blieb ſtehen und zählte mit ängſt⸗ licher Aufmerkſamkeit die Schläge. Sie bemerkte nicht, daß in einiger Entfernung hinter ihr eine weibliche Geſtalt ebenfalls ſtehen blieb. Es hatte drei Viertel fünf ge⸗ ſchlagen, und wenn die ganze Stunde ſchlug, mußte ſie einen Ort erreicht haben, der noch weit entfernt war. In ſtürmiſcher Eile verfolgte ſie jetzt ihren Weg. Einmal blitzte es hinter ihr hell auf; ſie ſah ſich um. Der Laternen⸗ anzünder hatte eben die erſte Gasflamme der Straße in Brand geſteckt; eine weibliche Geſtalt, auf die der Schein zuerſt fiel, huſchte hinter ihr her und ſchien ſich ebenſo verſpätet zu haben wie die Voraneilende. Schlug es jetzt nicht? Bei dem Geraſſel der Wagen kann man es nicht deutlich unterſcheiden. Frau Stubenrauch ſieht ſich um nach einem Thurme, deſſen Zifferblatt des Abends er⸗ leuchtet iſt. Der Thurm ragt ſchwarz über die ſchwarze Kirche, und beide gleichen einer Hand mit empor⸗ gehobenem Zeigefinger, als lauſchten ſie ſelbſt in den Abend hinein und warteten auf den Glockenſchlag, denn das Zifferblatt iſt noch finſter. Nur aus den Verkaufs⸗ läden der Straße ſtrahlt Gaslichtglanz heraus und an einem derſelben ſieht Frau Stubenrauch hinter ſich eben die weibliche Geſtalt vorübereilen. Als die Glocken fünf ſchlagen, hat Frau Stubenrauch ihr Ziel beinahe erreicht. Aber ſie muß ihre Schritte hemmen, denn eben donnert der Eiſenbahnzug die mittelalterliche Straße herab und trennt ſie noch von dem Hauſe jenſeits der Bahn. Sie ſieht ſich um, und hinter ihr, noch ein gutes Stück von der geſperrten Barrière, ſteht die Frauengeſtalt auch ſtill. Der Zug iſt vorüber. Frau Stubenrauch eilt über das Schienengleis und hat den Schwedentrunk erreicht. Es iſt eine Minute nach fünf. Aus dem Gaſtzimmer ſchallt das Durcheinander rauher Stimmen; ein kleiner Burſche kommt eben aus der offenſtehenden Kellerthür herauf, in jeder Hand mehrere gefüllte Biergläſer. „Iſt Dein Herr noch zu Hauſe?“ redet ihn Frau Stubenrauch barſch an. „Er will eben ausgehen“, lautet die Antwort. ——— 49 „Schicke ihn heraus.“ Der kleine Kellner öffnet mit großer Anſtrengung mittels des Ellbogens die Thür der Wirthsſtube, und Frau Stubenrauch iſt weit entfernt, ihm beizuſtehen. Dann kommt Nielſen heraus und Frau Stubenrauch folgt ihm die zwei finſtern Treppen hinauf. „Ich wollte eben ſelbſt kommen“, ſagte Nielſen unter⸗ wegs. „Was iſt das?“ fragte Frau Stubenrauch, plötzlich ſtehen bleibend, denn ſie glaubte auf der bereits paſſirten erſten Stiege das Knarren leiſer Schritte zu vernehmen. „Was ſoll's ſein?“ entgegnete Nielſen.„Das alte morſche Holz iſt's. Ich werde bald eine neue Treppe müſſen bauen laſſen.“ „Bauen, bauen!“ ruft Frau Stubenrauch in ſchneiden⸗ dem Tone und vergißt darüber das Knarren.„Ich helfe nichts dazu, ſo wahr ich lebe!“ Nielſen ſchloß die Thür zu ſeiner Wohnung auf und beide traten in das Vorzimmer, in welchem Nielſen ſchlief. Er hatte die in das anſtoßende Wohnzimmer führende Thür ausgehoben und ſtatt deſſen einen Damaſtvorhang angebracht. Dieſes Arrangement, welches er andern gut eingerichteten Wohnungen nachgeahmt hatte, bot ihm zu⸗ gleich die Bequemlichkeit, daß ſich die Ofenwärme des Wohnzimmers ſeiner Schlafſtube mittheilte. Er 21o jetzt Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. die Gardine etwas zurück und beide traten in das Wohn⸗ gemach. Eine Gaslaterne, die auf der andern Seite der Straße brannte, warf einen Lichtſchein in die nicht hoch gelegenen Fenſter, und man ſah die Politur der neuen Möbel, den Goldrahmen eines Spiegels und mehrere Bilder glänzen. Soviel das matte Licht unterſcheiden ließ, blieb die jetzige Zimmereinrichtung hinter der, welche einſt Degenhaar's Phantaſie ſchuf, wenig oder gar nicht zurück, und die Verſicherungspolice war zum großen Theil zur Wahrheit geworden. Frau Stubenrauch, die dieſe Wohnung heute nicht zum erſten Male betrat, bemerkte ſogar einen neuen Teppich, der die ganze Diele bedeckte. „Wozu dieſer Luxus?“ herrſchte ſie den Wirth an, aber ſchnell hob ſie den Kopf empor und fragte wieder, wie ſchon vorher auf der Treppe:„Was iſt das?“ Es hatte ſſich wieder ein leiſes Knarren vernehmen laſſen, diesmal, wie es ſchien, an der äußern Thür. Nielſen ging und ſah nach. Die Thür, die er hinter ſich wieder ins Schloß geworfen zu haben glaubte, war nur angelehnt. „Iſt Jemand hier?“ rief er auf den zwiſchen der Thür und der Treppe befindlichen Vorplatz hinaus. Es blieb ſtill, und als er mit der Hand um ſich griff, traf er nur die Luft und die Mauer. „Es iſt nichts“, ſagte er zurückkommend;„die alte ihre Wuth nur noch verbiſſener.„Hier“, fuhr ſie fort ves iſt noch Jemand hier. Ihr böſes Gewiſſen iſt hier, 4* 51 morſche Thür war's, die nicht mehr ſchließen will. Ich muß ſie repariren laſſen.“ „Sie wollen mich zu Grunde richten“, ſprach Frau Stubenrauch leiſe, aber in dem gedämpften Tone erſchien und warf Nielſen mit großer Heftigkeit ein Packet vor die Füße,„hier iſt das Erpreßte.“ Nielſen hob es es auf.„Es iſt doch richtig?“ fragte er in ruhigem Tone.„Wenn Sie ja ſagen, ſo zähle ich's erſt morgen nach und wir ſparen Licht. Iſt es voll⸗ ſtändig?“ „Ja“, knirſchte die Andere. „Ich glaube es“, ſagte Nielſen, das Packet in ſeinen Secretär ſchließend,„denn Sie ſind eine ehrliche Frau und haben nie geſtohlen, ſo wahr Sie Stubenrauch heißen.“ Die Angeredete fuhr erſchrocken zuſammen, denn ſie glaubte bei Nennung ihres Namens einen ganz ſchwachen Schrei gehört zu haben.„Wir ſind nicht allein“, ſagte ſie, zu Nielſen tretend und ihn heftig am Arme ſchüttelnd, nes muß noch Jemand hier ſein. Ich habe eine Stimme gehört.“ „Ja“, ſagte Nielſen, der unter dem Geräuſch, mit welchem er das Packet einſchloß, nichts vernommen hatte, das überall Lauſcher und Aufpaſſer vermuthet. Die Angſt, die Furcht vor Verrath iſt's.“ „Mich kann nur einer verrathen, und der biſt Du, elender Tagedieb!“ ſagte Frau Stubenrauch leiſe, und ihr Auge leuchtete ſo ſtark in der Dunkelheit, daß Nielſen, der ihre körperliche Ueberlegenheit zu fürchten ſchien, mehrere Schritte zurücktrat;„aber thue es bei Zeiten, ehe ich zurückgebe, was ich nahm, ſonſt kommſt Du zu ſpät!“ „Zurückgeben!“ höhnte Nielſen.„Seit wann haben Sie ſie wiedergefunden— die kleine betrogene Liddy, die vor Jahren Ihrer ſtiefmütterlichen Hand entlief?“ Es war zu dunkel, als daß er hätte ſehen können, wie Frau Stubenrauch eine Weile ihr Auge erſtaunt auf ihm ruhen ließ und wie dann ein ſeltſam überlegenes Lächeln um ihren Mund ſpielte. „Hören Sie mich an“, ſagte Frau Stubenrauch ein⸗ lenkend,„ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Sie halten mich für vermögend. Ich bin es nicht. Ihre Erpreſſungen, Ihr Aufwand, den Sie aus meiner Taſche beſtreiten, muß mit der Zeit auch das Wenige verſchlingen, was ich noch beſitze. Ich will Ihnen eine Summe geben, mit der Sie die Ueberfahrt nach Amerika beſtreiten und dort ſich eine gewinnbringende Exiſtenz gründen können. Dann brauchen Sie keine Vorwürfe mehr zu hören und ich habe Ruhe.“ 53 Frau Stubenrauch war bei den letzten Worten zu Nielſen herangetreten und hatte ihre Hand verſöhnlich auf ſeine Schulter gelegt, während er ſein unſichtbares Spinnrad trat und den Kopf neigte, als ginge er in ſich. Mit einer Ruhe, mit einer Unempfindlichkeit aber, die viel gefährlicher und unheimlicher iſt als der wilde Widerſpruch eines jähzornigen Menſchen, erwiderte er: „Ich danke für Amerika. Es gefällt mir hier ſehr gut, beſonders ſeit ich mir ein Liebchen angeſchafft habe.“ „Fahren Sie ſo fort wie bisher“, lachte Frau Stuben⸗ rauch, ſich zum Gehen wendend,„und Sie werden mich bald zu Grunde gerichtet haben! Ich freue mich auf den Tag, wo ich Ihnen mit leeren Händen entgegentreten werde; dann gehen Sie hin und poſaunen Sie meine Schande auf den Gaſſen aus und ſuchen Sie ſich Jemand, der Ihnen dafür Geld gibt. Hahaha!“ Frau Stubenrauch verließ die Wohnung und Nielſen folgte ihr bis an die Treppe. Dann kehrte er zurück, um das Packet wieder aus dem Secretär zu nehmen. Als er durch ſein Vorzimmer ſchritt, ſah er plötzlich eine dunkle Geſtalt auftauchen. Betroffen ſtarrte er ſie an; die Geſtalt blieb ſchweigend vor ihm ſtehen und Keins ſprach ein Wort. Endlich griff Nielſen entſchloſſen nach dem Feuerzeug in ſeiner Taſche und zündete Licht an. Aber noch ehe das blaue Flämmchen ſich zur intenſiven 54 Leuchtkraft entwickeln konnte, hatte ihm die Geſtalt ſchon das Feuerzeug aus der Hand geſchlagen und ihm zu⸗ geflüſtert:„Kein Licht!“ Nielſen hatte in dem bläulichen Scheine nichts geſehen als eine weiße Stirn, über der dunkles Haar glänzte; aber das war genug für ihn, um mit freudigem Erſtaunen zu fragen:„Sind Sie es, Roſa?“ Die Geſtalt nickte lebhaft mit dem Kopfe und flüſterte: „Ich bin es.“ An dieſem Abende ſah Roſa ihre Mutter mit einem Lichte in der Hand ängſtlich das ganze Zimmer durch⸗ ſuchen. Sie ſuchte in den Taſchen ihrer Kleider und zuletzt auch am Boden. Da erdlich fand ſie ihn unter dem Sopha— den Brief. Sie hob ihn haſtig auf, glättete ihn auseinander und warf einen unſichern Blick auf Roſa. „Haſt Du ihn geleſen?“ fragte ſie lächelnd. Roſa verneinte. „Geſtehe es“, fuhr ſie in ſcherzhaftem Tone fort, „Du haſt ihn geleſen.“ „Gewiß nicht, Mutter!“ „Es hätte auch nichts auf ſich“, ſagte dieſe in der vorigen Weiſe.„Da, lies einmal.“ Der Brief, den Roſa erſtaunt aus den Händen der Mutter empfing, enthielt folgende einfache Worte: 55 „Nielſen braucht wieder Geld. Weniger als drei⸗ hundert Thaler nimmt er nicht an. Schlag fünf Uhr ſoll man ſie ihm bringen, wenn man vermeiden will, daß er ſelbſt kommt, um ſie abzuholen.“ „Da haſt Du ein Pröbchen von ſeinen Hirngeſpinn⸗ ſten“, ſagte die Mutter lachend, als Roſa ihr den Brief zaghaft zurückgab;„in ſolche wirre Worte kleidet er jedes noch ſo kleine Unterſtützungsgeſuch ein!“ Roſa antwortete nichts, aber ſie wußte, wer heute eine bedeutende Geldſumme abgezählt hatte, ſie wußte, wer Schlag fünf Uhr mit ängſtlicher Haſt in den Schweden⸗ trunk getreten war. 57 Hauſe geeilt und vorhin, knapp vor des Doctors Ankunft, erſt wieder zurückgekehrt, und es blieb kein Zweifel, daß ihr Gang dem friſchen Grabe des Gemahls gegolten habe. Als Karl nach Hauſe kam, fand er eine Depeſche vor, die ihn an das Krankenbett des Fürſten von X. rief, wohin ihn noch in derſelben Stunde ein für ihn beſtellter Extrazug führte. Als der Arzt in das Gemach des hohen Kranken trat, war dieſer eben verſchieden. Karl verweilte trotzdem noch einige Tage in der Reſidenz. Er wartete, bis der erſte ſchmerzliche Eindruck vorüber war, und bat dann um eine Audienz, die der junge Fürſt dem berühmten Arzte auch gern bewilligte. „Königliche Hoheit“, redete nach einem vorausgegan⸗ genen Geſpräch über die Krankheit des Verſtorbenen der Arzt den neuen Regenten an,„das ſchmerzliche Ereig⸗ niß hat mir in meiner Eigenſchaft als Arzt einen Weg geöffnet, der mir unter andern Verhältniſſen bisher ver⸗ ſchloſſen war, den Weg zu meinem Fürſten. Vielleicht kehrt die Gelegenheit nie wieder. Darf ich mir eine Frage an Eure königliche Hoheit erlauben, eine Frage an das noch blutende Herz?“ „Sprechen Sie“, ſagte der Fürſt mit freundlicher Aufmerkſamkeit. Fünftes Kapitel. Karl glaubte an einem Wendepunkte ſeines Lebens zu ſtehen, wo er mit ziemlicher Sicherheit ſeine nächſte Zu⸗ kunft im Sonnenſchein des Glücks vor ſich liegen ſah, und dennoch ſtand er nur am Vorabend einer Reihe bitterer Erfahrungen. Er fand Adeline am Abend des Begräbniſſes auf⸗ fallend verändert. Kalt und leblos ruhte ihre Hand in der ſeinigen und unter kaum bemerkbarem Händedruck ſagte ſie ihm gute Nacht. Karl ſchrieb dies der Ab⸗ ſpannung zu, die das Leichenbegängniß des Majors noth⸗ wendig hatte mit ſich bringen müſſen. Beim Hinunter⸗ leuchten theilte ihm der Diener mit, daß die gnädige Frau ſehr bekümmert ſein müſſe. Sie ſei an dieſem Abende im bloßen Kopfe und nur ein Tuch umwerfend aus dem 58 „Was hat der Geſpiele Ihrer Jugend, was hat der Sohn des Grafen Arleborg von der Milde ſeines neuen Fürſten zu erwarten?“ Die Antwort ſtand, noch ehe die Frage ganz aus⸗ geſprochen war, in dem finſtern Blicke des Fürſten, mit welchem dieſer den Arzt maß. „Nichts hat er zu erwarten!“ ſagte der Fürſt mit kaum verhaltenem Unwillen, und mit einer Handbewegung war Arle entlaſſen. Im Laufe dieſes Tages reiſte er zurück. Während eines kurzen Anhaltens an einer der Stationen ſauſte ein Kurierzug vorüber. In einem der Wagenfenſter glaubte Karl Adelinens Geſicht erblickt zu haben. Er hielt es für eine Täuſchung, und ſein erſter Gang nach ſeiner Zurückkunft galt der Majorin. Der alte Diener empfing ihn ſehr ceremoniös, als hätte er einen Fremden vor ſich und könne ſich nicht den mindeſten Begriff machen, welche Abſicht dieſen hierher führe. „Die gnädige Frau iſt verreiſt.“ „Verreiſt? Seit wann?“ „Seit heute.“ „Und wohin?“ Der Diener zuckte die Achſeln, zum Zeichen, daß er es ſelbſt nicht wiſſe. Tief verſtimmt trat Karl ſeine 59 gewöhnlichen Krankenbeſuche an, und überall traf er, wie ihn dünkte, auf verlegene Geſichter. Man ließ ſich nach dem Pulſe fühlen, man zeigte ihm auf ſein Verlangen die belegte Zunge, man beantwortete ſeine Fragen, hörte ſeine Verordnungen an und ließ ſich Recepte verſchreiben, aber dabei drängte ſich dem Doctor der Eindruck auf, als ſchiene ſich in der Anſicht der Kranken dieſe ganze ärztliche Methode überlebt zu haben, oder als ſei ihnen über Nacht die göttliche Offenbarung geworden, daß ſie an dieſer Krankheit nicht ſterben würden. Und in jedem Hauſe, das er betritt, wieder dieſelben verlegenen Geſichter, das gleiche ſeltſame Benehmen, dem gegenüber er ſich zu⸗ letzt wie ein Wahnwitziger erſcheint, auf deſſen fixe Idee, er ſei ein Arzt, man ſchonend eingeht. Als er in ſein gewöhnliches Kaffeehaus tritt, ſind alle Gäſte, die er noch von außen lebhaft hatte ſprechen hören, plötzlich todtenſtill. Endlich unterbrechen einzelne Stimmen das verlegene Schweigen, es fallen Worte über das Wetter, das Theater und über Geſchäfte, die Niemand aufrichtig zu meinen, auf die Niemand aufmerkſam zu hören ſcheint. Karl lieſt zerſtreut in den Zeitungen; er lieſt von einem Miſſionar unter den Wilden, aber er weiß nicht, ob man berichtet, daß der Miſſionär ſämmtliche Wilde zu Chriſten bekehrt hat, oder daß er ermordet worden iſt. Es drängt ſich ihm nur, ohne daß er ſich's erklären kann, 60 unwillkürlich der ſeltſame Wunſch auf, er möchte der Miſſionar ſelbſt ſein. Es kommt ihm vor, als ſei hier eine fürchterliche Verſchwörung entdeckt worden, und nicht nur alle Gäſte im Zimmer, ſondern auch alle Vorüber⸗ gehenden auf der Straße, nur er nicht, trügen eine Friedfertigkeit und Harmloſigkeit zur Schau, die ſie ſofort von allem Verdachte, an der Verſchwörung Theil genom⸗ men zu haben, freiſpricht, nur ihn nicht! Es liefen in den folgenden Tagen zahlreiche Briefe an ihn ein, in welchen man ihn von allen Seiten über⸗ einſtimmend, ſeines Mandats als Hausarzt enthob, in⸗ dem man unter glatten Worten des Dankes für ſeinen bisherigen ärztlichen Beiſtand reiche Honorare beifügte. Die Kaufleute rechtfertigten dies durchgehends mit dem Jahresabſchluß ihrer Bücher, und Karl war geneigt, die Entſchuldigung, die er ſelbſt für leer erkennen mußte, dennoch für wahr zu halten. Die Welt ſchien ſich lebhaft mit ihm zu beſchäftigen, aber er ſuchte ſich einzureden, daß dies immer ſo geweſen ſei. Wenn er auf der Straße ging und einen Blick rückwärts warf, bemerkte er, daß Leute, die ihm im Vorübergehen nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit gezeigt hatten, hinter ſeinem Rücken ſtehen blieben und ihm nach⸗ ſahen. In den Schaufenſtern der Buchhandlungen ſah er plötzlich wieder ſeine Broſchüre über den Vergiftungs⸗ 61 proceß auftauchen, als wäre jetzt für den Vertrieb der unabgeſetzten Exemplare ein günſtiger Zeitpunkt erſchienen. Alles dies bemerkte er, und immer größer ward die Bürde, die er auf die Schultern des Zufalls häufte. Eines Morgens trat eine alte Krankenwärterin in ſein Zimmer. Er war befremdet, die Frau zu ſehen, da er ſie an das Bett eines ſchweren Patienten geſchmiedet wußte. Deshalb fragte er, ob etwas geſchehen ſei. „Nein“, entgegnete die Alte,„ſie haben mich nur fort⸗ geſchickt und eine andere genommen.“ Sie bemühte ſich, dieſe Worte in lachendem Tone zu ſagen. Daß aber etwas Ernſtes im Hintergrunde lauerte, bemerkte Arle an der geſpannten Miene, mit der ſie ihn betrachtete. „Haben Sie ſich einen Fehler zu Schulden kommen laſſen?“ fragte Arle. Die Alte ſchüttelte mit freundlichem Geſichte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand. Offenbar war ſie in der Abſicht hier, ihm mehr mitzutheilen als das bisher Geſagte, und dennoch ſchwieg ſie jetzt beharr⸗ lich ſtill. „Nun“, ſagte der Doctor, der gerade mit einem ſeiner Operationswerkzeuge beſchäftigt war,„ich werde mich heute bei den Leuten ſelbſt erkundigen, weshalb man Sie ver⸗ abſchiedet hat.“ Sie nickte mit dem Kopfe, als bedürfe ſie Zeit, um 62 ſich auf eine Entgegnung vorzubereiten, denn nach eini⸗ gem Ueberlegen ſagte ſie, es wäre beſſer, er ginge nicht hin. Nur nach und nach, mit einer Vorſicht, als gälte es, Jemand auf eine Todesnachricht vorzubereiten, rückte ſie mit der Sprache heraus und theilte ihm mit, daß ſie auch einen andern Arzt angenommen hätten, weil— die Menſchen wären nun einmal ſo— weil dem Herrn Doctor Arle ein Patient geſtorben ſei. „Alſo unſterblich ſoll ich die Leute machen?“ rief Arle lachend. Die alte Wärterin nickte.„Wenn ich es Ihnen nicht ſage, Herr Doctor, ſo weiß ich, wird's Ihnen kein Menſch ſagen. Ich kenne die Welt.'s iſt gerade wie im Theater! Wenn da ein Schaußpieler ſtecken bleibt, oder ein Sänger falſch ſingt, oder ſonſt etwas paſſirt, was nicht mit zum Stücke gehört, das macht den Leuten allemal viel mehr Freude als die ganze Komödie. Sie jubeln, wenn der Böſe im Stücke ſeine Strafe erhält, das iſt wahr; wenn aber der Gute, der unſchuldig leiden muß und dem der Sieg wirklich auch gegönnt wird, einen Fehltritt thut und ſtolpert oder den Degen nicht gleich aus der Scheide bekommen kann, da jubeln die Leute noch viel mehr!“ „Was wollen Sie mit alledem ſagen?“ fragte der Doctor. 63 „Ich will nur ſagen, daß Sie ein ehrenhafter Mann ſind, Herr Doctor, und daß man Sie als ſolchen auch zu ſchätzen wußte. Aber wenn Sie irgendwie verleumdet würden, und die Leute könnten ſich wundern und ein⸗ ander zurufen: Nein, das iſt unerhört! Iſt jemals ſo etwas dageweſen? Hätte ihm das Jemand zugetraut? das wäre den Leuten noch viel lieber als zehn ehren⸗ hafte Doctoren Arle!“ „Und hat man mich denn verleumdet?“ fragte Karl aufmerkſam. „Es heißt, der Herr Major von Achtern wäre Ihnen im Wege geweſen und Sie hätten ihn—“ die Alte zauderte einen Augenblick und ſtieß endlich unter Thränen heraus:„beiſeite geſchafft.“ „Wer ſagt ſo etwas?“ „Brodneidiſche Leute, die Ihnen nicht wohlwollen, Leute, die Ihnen auf keine andere Weiſe beikommen kön⸗ nen, die nicht ſoviel ſtudirt haben wie Sie, die aber Ränke zu ſchmieden wiſſen, und das verſtehen immer diejenigen am beſten, die ſonſt nicht viel gelernt haben. Dieſe Leute haben ſich vorgenommen, nicht zu ſagen, aber bei ſich zu denken: Der Doctor Arle, der weiß mit Gift umzugehen, der hat den Major langſam zu Tode kurirt. Und wenn ſie nun Andere merken laſſen, was ſie bei ſich denken, und die Andern ſprechen es aus, und 64 zuletzt ſpricht die ganze Stadt davon, von wem iſt es denn nachher ausgegangen? Von Niemand iſt es aus⸗ gegangen!“ Es konnte das Geſchwätz eines alten Weibes, es konnte aber auch der fürchterliche Schlüſſel zu den beun⸗ ruhigenden Wahrnehmungen der letzten Tage ſein. Wahrſcheinlich in der Abſicht, dem finſter blickenden Doctor auch etwas Angenehmes mitzutheilen, ſagte die Alte: „Ich ſah heute die verwittwete Frau Majorin; o wie ſchön ſie iſt! Aber ſie ſah ſehr blaß aus. Gewiß fuhr ſie nach dem Kirchhofe.“ In faſt gereiztem Tone fragte Karl:„Warum glauben Sie, daß ſie gerade nach dem Kirchhofe fuhr?“ „Der ganze Wagen war voll Blumen“, erwiderte die Alte wichtig. „So?“ fragte Karl mit lauerndem Ausdruck in ſeinen dunkeln Augen.„War denn der Wagen offen, daß Sie dies ſehen konnten?“ „Ja, er war ganz offen.“ Karl lachte. Aber er ward dabei blaß im Geſicht. „Alſo ganz offen“, warf er hin,„damit die ganze Stadt den Wohlgeruch der Blumen einathmen könne.“ Die Alte nahm dies natürlich für einen Scherz und ging endlich. Sollte Adeline ihren Schmerz um den verſtorbenen — 65 Gatten mit ſolcher Oſtentation zur Schau tragen wollen? War das Lächeln während ſeiner Krankheit ein Komö⸗ dienſpiel, oder waren es die Thränen? Iſt es wahr, was die Alte von giftigen Verleumdungen ſprach; ſind ſie zu Adelinens Ohren gedrungen und wollte ſie ſich durch jene theatraliſche Blumenfahrt rein waſchen? Und was wird dann Karl's Loos ſein? In dem Briefe, den eben der Poſtbote bringt und den Karl haſtig erbricht, weil er Adelinens Handſchrift erkennt, ſteht ſein Loos: um dem Vorurtheile der Welt nicht neue Nahrung zu geben, bringt ſie ihre Liebe zum Opfer und weiht ihr Leben der Entſagung. Und unter der Laſt dieſes leichten Blattes Papier brach der überladene Zufall zuſammen, und zu den Füßen des wildauflachenden Mediciners rollten die ſcheinbaren Trümmer als ganze, unverletzte Momente eines wohl⸗ berechneten teufliſchen Menſchenwerks! Karl war zu ſtolz, um zur Abwehr jener boshaften Verleumdungen nur das Mindeſte zu unternehmen. Er dachte noch immer groß und edel von der Welt. Er zog ſich zurück, ließ ſich freiwillig aus der Liſte einiger ge⸗ ſchloſſenen Geſellſchaften, denen er angehört hatte, ſtreichen, und band ſich gleichſam ſelbſt an den Schandpfahl, von dem ihn, wie er glaubte, die Welt reuerfüllt zurückholen Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 5 werde. Dieſer Zug ſtammte aus ſeiner früheſten Kna⸗ benzeit. Wenn er damals, in geſelligem Spiele begriffen, von einem andern Kinde beleidigt ward, ſo zog er ſich auch von den übrigen Genoſſen zurück, weil er wußte, daß ſie ihm nachkamen und den Friedensſtörer, der einen voreiligen Triumph gefeiert hatte, ausſtießen. Aber die Welt glich ſeinen Spielgenoſſen nicht; ſie glich auch nicht jenem verſchleierten Weibe, das den Arzt einſt in ſeiner kloſterartigen Wohnung aufſuchte, um, wie er überzeugt war, in zartem Verſtändniß für ſein empfindſames Ge⸗ müth eine Kränkung, die von ihr ſelbſt nicht ausgegangen war, wieder gut zu machen. Die Welt ließ ihn am Schandpfahle ſtehen, ja, ſie billigte es, daß er ſich mehr und mehr zurückzog, und wer den Doctor Arle bisher noch nicht für ſchuldig gehalten hatte, der hielt ihn jetzt dafür. Dem Medicinalrathe Puls muß nachgerühmt werden, daß er an der Ehrenhaftigkeit des jungen Arztes keinen Augenblick zweifelte.„Aber“, meinte er,„wenn Arle damals die Stelle als Aſſiſtenzarzt angenommen hütte, ſo wäre es nicht ſo gekommen.“ Welcher Fachgenoſſe Karl's es auch geweſen war, der den Plan zu ſeinem Verderben erſonnen hatte, Doctor Schumann und Doctor Lehmann waren es gewiß nicht, denn ſie und viele an⸗ dere mit ihnen rühmten laut ſein hervorragendes Talent 67 und ſtimmten überein, daß es ſchade um ihn ſei. Doctor Friedemann, Doctor Bachmann und Doctor Teichmann huldigten Karl's Talent zwar nicht ſo unbedingt, ſie ſchrieben ſeine Verdienſte nur ſeinem Glücke zu, ver⸗ glichen ſeinen ſchnellerlangten ehemaligen Ruf mit einem kurzen Feuerwerk und hatten lange vorher gewußt, daß es in der Luft zerplatzen und verdampfen werde, aber nicht durch gemeine Verdächtigungen, ſondern durch ſeine eigene Unhaltbarkeit. Doctor Baumann, Doctor Hofmann und Doctor Petermann dagegen hielten es mit Karl's ſchrift⸗ ſtelleriſchem Talente, meinten, er hätte dabei bleiben ſollen, und empfahlen überall begeiſtert ſeine Werke. Alle Männer der Arzneiwiſſenſchaft aber zogen, ſo oft ſie dem heruntergekommenen Doctor begegneten, tief ihren Hut vor ihm, wie man ehrfurchtsvoll den gefeſſelten Löwen bewundert, auf den man früher, wo er noch in ſeiner Freiheit als König einherſchritt, die Feuerwaffe anlegte. Eines Tages fuhr ein Wagen an Karl vorüber. Er ſchaute zufällig auf und erblickte in dem Wagen Ade⸗ line. Sie ſah ihn nicht, denn ſie hatte den Blick ge⸗ ſenkt. Sein ſtarkes, männliches Herz war damals, als er jenen verhängnißvollen Brief in der zitternden Hand hielt, nicht gebrochen, aber es war fortan mit tiefer Bitterkeit gegen das Weib erfüllt, das ihn verlaſſen hatte. 3 Er ſah ſie jetzt wieder in ihrer blühenden Schönheit, er ſah ſie wieder mit ſeinem glühenden Herzen, und ſie gehörte nicht mehr ihm! Und das hatte doch die Welt gethan, die Welt, die ihren Hunger nach Zeitvertreib mit den Pfauenzungen des Menſchenglücks ſtillt und acht⸗ los das glänzende Gefieder unter den Füßen zertritt! Von dieſem Augenblicke an tagte es hell in ſeiner Seele, daß die Welt ihn ſtehen ließ, und alle Bitterkeit, die er bisher gegen Adeline gefühlt hatte, wandte ſich jetzt gegen die Welt. Es iſt etwas Trauriges um eine geſunkene geiſtige Größe. Unbedeutende Menſchen drängen ſich jetzt an den Mann heran, der ihnen früher unnahbar war, und glauben ihm durch ihren Umgang Ehre zu erweiſen. Wo man früher mit ehrfurchtsvollem Lauſchen an ſeinen Lippen hing, da wagt ſich jetzt ſpielend der vorlaute Wider⸗ ſpruch hervor. Wenn ſich jetzt bei ſchweren Krankheitsfällen die Weis⸗ heit der Aerzte erſchöpft hat, da greifen ſie zu einem letzten Mittel; das Mittel, unter einem bedenklichen Achſelzucken und mit einem ſonderbar verſchämten Lächeln ausgeſprochen, heißt Arle. Und Arle wird gerufen, und dort, wo man ihn früher mit der größten Aus⸗ zeichnung empfing, wartet er jetzt oft in den Zimmern. Und es macht ihm Freude, wenn er die Welt, die 69 ihn am Pranger ſtehen ließ und ihm ſein Liebſtes nahm, in den letzten Augenblicken verzweifelnd ihre Arme nach ihm ausſtrecken ſieht, wenn er den Augen, die an ſeinen Lippen hängen, ſein unerbittliches, rückſichtsloſes: Zu ſpät! zuwinken kann, wenn er kalt und unberührt am Schmerzenslager der verhaßten Welt ſtehen kann und die Welt ſterben und weinen und ſo einſam werden ſieht, wie er ſelbſt iſt. —— — —ᷣ—ꝛÿõ— — Sechstes Kapitel. Es war faſt vorauszuſehen, daß es Nielſen ein Leichtes ſein würde, ſich dem veränderten Stundenplane Roſa's mit der Zeit zu accommodiren. Der Anblick des lächelnden Dämons ſollte dem geängſtigten Mädchen nicht lange entzogen bleiben. Eines Tages empfing er Roſa wieder an der Thür ihres Geſanglehrers. Roſa ſuchte ihm durch raſches Davoneilen zu entfliehen; vergebens, er ſetzte ſeinen Fuß in ihren Schatten. Plötzlich ſagte er, ihr mit dem Finger drohend:„Ei, Röschen, was ſind Sie für ein Schalk! Aber es ſchadet nichts, ich verſtehe Spaß; heißt es doch: Was ſich neckt, das liebt ſich. Ich möchte wohl hören, wie das Wort Liebe aus Ihrem Munde klingt. Aus Ihrem Munde! Soll ich ſagen: aus Deinem Munde? Und willſt Du auch ſo 71 zu mir ſagen? Du weißt ja nun, wie wir zuſammen ſtehen!“ Nielſen bemerkte zu ſeiner Genugthuung, daß Roſa bei den letzten Worten ihre Eile mäßigte. Sie ging ſogar langſam, als hinge Blei an ihren Füßen. Ihr ſchönes Antlitz war bleich geworden. „Halte es nicht für leichtſinnigen Scherz von mir“, begann Nielſen wieder,„ich habe noch nie mit einem Herzen geſpielt; ich meine es aufrichtig, meine Abſichten ſind ehrlich. Sage ja! Röschen, ſage nur das eine Wort ja, und Du biſt meine— nun, was biſt Du, Röschen?“ „Ich weiß es nicht!“ ſtammelte Roſa mit dem er⸗ löſchenden Bewußtſein einer Verurtheilten auf dem Schaffot, die den Streich erwartet. „Meine Frau!“ rief Nielſen mit eitler Freude.„Ich heirathe Dich!“ Jetzt flog über Roſa's Antlitz eine glühende Zornes⸗ röthe. Nielſen konnte ſie athmen hören. Roſa floh davon, als hätte ſie plötzlich Flügel; Nielſen floh ihr nach. Noch einige Häuſer weiter, und ſie hatte die Wohnung einer Bekannten erreicht. Sie entwich ihm durch die Hausthür und ſtürzte die Treppe hinauf. Nielſen blieb auf dem Trottoir ſo gefaßt ſtehen, als hätte ihn Roſa erſucht, bis zu ihrer Rückkehr hier zu warten, und ihn vorher um Entſchuldigung gebeten. 8 72 Er ging langſam vor dem Hauſe auf und ab, betrachtete mit Intereſſe die vor den Parterrefenſtern aufgeſtellten Blumenſtöcke oder ſah dem Treiben der Straße zu. Roſa's Beſchützerin öffnete mehrere Male das Fenſter, um nachzuſehen, ob der Verfolger noch unten ſtehe, und ſtets ſah ſie denſelben weißen Hut unten in der Sonne glänzen, unter welchem, auf das Knarren des Fenſter⸗ flügels hin, immer wieder daſſelbe geröthete Geſicht ſich heraufbog. Zwei Stunden lang hielt Nielſen Roſa's Zufluchtsort belagert, bis eine Dienſtmagd heraustrat, um einen Fiaker zu holen. 3 Roſa ſtieg ein. Die Freundin geleitete ſie an den Wagen. Nielſen zog tief ſeinen Hut vor den beiden Damen und ging, während der Wagen mit Roſa raſch davonfuhr, lächelnd und mit gemächlichen Schritten nach Hauſe. Roſa trug ihren Kummer allein. Kein Wort von dieſer neuen Begegnung mit Nielſen kam über ihre Lip⸗ pen, ſie wollte der Mutter Leid, die ja noch unmittel⸗ barer unter dem drückenden Einfluſſe des lächelnden Teufels ſtand, unter keiner Bedingung vermehren. Eines Tages rief Frau Stubenrauch ihre Tochter zu ſich ins Geſchäftszimmer.„Ich will Dir etwas zeigen“, ſagte ſie, worüber Du Dich freuen wirſt.“ Bei dieſen 4 73 Worten öffnete ſie einen Schrein, und Roſa's Lippen ent⸗ fuhr ein ſtaunendes Ach! noch ehe ſie ſich klar war, was ſie eigentlich vor ſich ſah. Nur allmälig vermochte ſich das Auge in dem Glanze, der ihm entgegenſtrömte, zu orientiren. Da hingen Gewänder von Sammt und Seide, mit Gold und Perlen geſtickt, und aus mehreren geöffneten Cartons ſchauten die wunderlieblichſten künſt⸗ lichen Blumen hervor, wie ſie, von der Kornähre mit ſchimmernden Thauperlen bis zur glühenden Roſe, jemals das Haar eines Weibes geſchmückt haben. „Was iſt das, Mutter?“ rief Roſa, die Hände über der Bruſt faltend. Aber ſtatt zu antworten, nahm die Mutter ein Prachtkleid nach dem andern aus dem Schranke und breitete es vor Roſa aus, die immer wieder fragte: „Was iſt das, Mutter?“ während die letztere lächelnd und ſchweigend nach dem nächſten Stücke griff. „Du fragſt, was das iſt?“ brach Frau Stubenrauch endlich ihr grauſames Schweigen, nachdem ſich Roſa von ihrem Staunen einigermaßen erholt hatte.„Erräthſt Du es nicht? Es iſt eine vollſtändige Theatergarderobe.“ „Ich hätte es für die Garderobe einer Fürſtin ge⸗ halten“, meinte Roſa. „Da hätteſt Du nicht ganz Unrecht gehabt“, entgegnete die Mutter mit einem gewiſſen freudigen Stolz, denn es ſind in der That Coſtüme darunter, die Fürſtinnen getragen haben.“ 4 74 „Seit wann haſt Du dieſe herrlichen Sachen, Mutter?“ „Ich habe ſie nach und nach theils gekauft, theils an⸗ fertigen laſſen und wollte ſie Dir zeigen, ehe ſie ihrer Beſtimmung zugeführt werden.“ „Du haſt ſie ſchon veräußert?“ „Allerdings, und ohne Zweifel beneideſt Du die glückliche Beſitzerin ein wenig.“ „Ich möchte faſt“, ſagte Roſa lächelnd, indem ſie eins der Gewänder, das ihr beſonders zu gefallen ſchien, emporhob und prüfend betrachtete. „Ich glaube, es würde Dir gerade paſſen“, meinte die Mutter,„die künftige Beſitzerin dieſer Garderobe hat ganz Deine Figur. Ich möchte wohl ſehen, wie es Dich kleidet, Roſa. Probire es einmal an.“ Roſa weigerte ſich anfangs, ließ ſich aber zuletzt über⸗ reden und legte mit Hülfe der Mutter das Kleid an. Die Mutter führte ſie an einen zum Verkauf daſtehenden großen Wandſpiegel, den ſie vorher ſorgfältig geputzt, und Roſa ſelbſt erſtaunte vor der majeſtätiſchen Geſtalt, die ihr aus dem Spiegel entgegentrat, und erröthete über und über. Sie vergaß wirklich auf Augenblicke, daß ſie es ſelbſt ſei, und ſchrak jedesmal zuſammen, wenn ſie bei einer kleinen Bewegung des Spiegelbildes ihren eigenen Leib von den Seidenſtoffen umrauſcht hörte. In ihrem beſcheidenen, einfachen Sinn verſuchte Roſa die 4 75 herausfordernde Majeſtät des ſtolzen Bildes zu mildern. Sie nahm eine nachläſſige Stellung ein, aber es war vergebens; wie ſie auch in gebrochener Haltung daſtand, wie ſie auch das Haupt demüthig neigte und die Hand, gegen ſich ſelbſt proteſtirend, auf das Herz legte, gleich einem ſpielenden Lichtſchimmer, der auf die Hand, die ihn beſeitigen wollte, ſelbſt übergehen würde, blieben auch der demüthigen Roſa Hoheit und Grazie treu. Die Mutter konnte ſich ſelbſt nicht wehren, den günſtigen Augenblick zu einer kleinen Gewaltthätigkeit zu benutzen. Zwar riß Roſa das ſtrahlende Diadem, welches ſie plötzlich auf ihr dunkles Lockenhaupt gedrückt ſah, haſtig wieder herunter, aber die Mutter hatte den Anblick doch auf eine Sekunde genoſſen und aus ihren Mienen leuchteten Triumphe. Roſa machte Anſtalten, ſich des Gewandes ſchnell wieder zu entledigen. „Noch ein Wort, mein Kind“, ſagte die Mutter,„ehe Du Dich wieder in die einfache Roſa verwandelſt. Du begreifſt wohl, daß eine lange Zeit dazu gehörte, bis ſich dieſe geräumigen Fächer allmälig mit dieſen Gegenſtänden anfüllten. Ebenſo alt, nicht jünger, iſt auch mein Plan, Dich der Bühne zuzuführen, und Du wirſt daran nicht zweifeln, wirſt mein Zureden nicht länger für hingeworfene Aeußerungen oder für Scherz halten, wenn ich Dir ſage, daß ich alle dieſe Sachen für Niemand anders als für Dich erworben habe. es iſt Alles Dein!“ Roſa war ſprachlos. Sie ſtarrte an dem Gewande herab, welches noch ihren Körper umſchloß, ſie warf ſtau⸗ nende Blicke über die ganze Garderobe und ſah zuletzt die Mutter mit dem Ausdrucke wehmüthigen Schmerzes an. „Nimm dieſe Gegenſtände hin“, fuhr die Mutter fort, nals die Begleiter Deiner Zukunft. Nur für Dich habe ich geſorgt und mich gemüht, Roſa. Deine Zukunft iſt mein Stolz, mein einziges Glück. Ohne Deine Zukunft bin ich— ach wenn Du wüßteſt, was ich ohne dieſelbe bin!“ Roſa ſah die Augen ihrer Mutter ſich röthen. Sie warf ſich in ihre Arme, küßte ſie unter Thränen und rief:„Ich kann es jetzt nicht faſſen, Mutter! Ich hatte die Bühne wieder vergeſſen. Ich will mir's überlegen.“ Die Mutter drückte Roſa mit Innigkeit an ihre Bruſt und nickte mit dem Kopfe. Dann ging ſie hinaus und ließ Roſa allein. Eine lange, lange Zeit ſaß Roſa in ihrem fürſtlichen Schmucke da und vergoß Thränen. Unter tiefen, ſchweren Seufzern ſtreckte ſie zuletzt ihre Hand nach den koſtbaren Sachen aus, die ihr gehörten, und brachte ſie ſorgfältig wieder in den Fächern unter. Ja, ja, Roſa, Du träumſt nicht, 77 Nielſen ſteuerte blindlings auf ſein Ziel los. Viel hilft viel, war ſeine Loſung. Wenn Roſa ihn nur recht oft ſah und recht oft an ihn erinnert wurde, ſo mußte ihre Sprödigkeit beſiegt werden. Nielſen ſandte Roſa durch verſchiedene Boten Geſchenke und ließ ſich nicht im mindeſten durch den Umſtand entmuthigen, daß dieſe zurückgewieſen wurden. Da Roſa, um Nielſen auszuweichen, ihre Geſangs⸗ ſtunden jetzt ſehr unregelmäßig beſuchte, ſo hielt ſich Nielſen tagelang in einem nahen Café auf, um ſie zu erwarten. Roſa wagte das Haus ihres Lehrers nicht mehr allein zu verlaſſen. Letzterer begleitete ſie daher, aber noch ehe beide ſich deſſen verſahen, nahm Jemand tief ſeinen Hut vor ihnen ab. „Gewiß der Herr Singmeiſter?“ ſagte Nielſen mit einem ſo verbindlichen Lächeln, als habe ſich Roſa ſeinen Dank erworben, ihn mit dieſem vortrefflichen Mann bekannt zu machen. Vergebens floſſen Roſa's Thränen, vergebens machte der alte Lehrer Nielſen Vorſtellungen, Nielſen ſchloß ſich ihnen an, wohin ſie immer gingen, und trennte ſich nicht eher von Roſa, als bis das ſchützende Haus der Mutter erreicht war, das Nielſen allerdings nicht zu betreten für gut fand. Roſa beſuchte endlich die Geſangsſtunden gar nicht mehr und ging nur ſelten aus. Trotzdem war Nielſen 78 jetzt ihr erſter Gedanke, wenn ſie des Morgens die Augen öffnete; er war ihr letzter, wenn ſie ſie abends ſchloß. Des Nachts träumte ſie von ihm; Nielſen war ihr immer gegenwärtig, wie das Bild eines Geliebten. Man hat Bankbillets, die man auf den erſten flüch⸗ tigen Blick für echt hält, bis man entdeckt, daß die ge⸗ wöhnlichen, dem Auge geläufigen Arabesken in die End⸗ linien einer bitter enttäuſchenden Traveſtie auslaufen, ja daß die kleine Buchſtabenſchrift, die man für die übliche Warnung vor Fälſchung hielt, ſatiriſche Sentenzen aus⸗ drückt. In eine ſolche entwerthende Phyſiognomie ging jetzt vor Roſa's Blicken Alles über, was ihr früher theuer geweſen, früher echt erſchienen war, denn wie eine Tra⸗ veſtie ſchimmerte überall Nielſen's lächelndes Geſicht hin⸗ durch. Von dem Hauſe, zu dem ſie ſo gern hinüber⸗ blickte, winkte das Geſicht jetzt herauf, es verſperrte ihr die liebgewordenen Gänge zu dem freundlichen alten Lehrer, es grinſte durch das geſtörte Glück des häuslichen Friedens hindurch und ſchaute der erzwungenen Unbefangenheit der Mutter verrätheriſch über die Schulter. Mehr noch als die dunkle Aeußerung der Mutter, die ihr Alles auf Roſa's Zukunft geſetzt hatte und dieſe ein⸗ zig nur auf die Breter der Bühne verwies, mehr noch als jenes koſtſpielige Opfer, das Roſa's Dankbarkeit her⸗ ausforderte, mehr noch als eine unbeſtimmte Ahnung 79 Roſa's, daß ihre Kunſtfertigkeit der Mutter einſt eine Stütze werden und daß damit der Plan verknüpft ſein könne, dem Einfluſſe Nielſen’s zu entfliehen, mehr noch als dies Alles bewirkte das klägliche Hinſterben ihrer alten gewohnten Lebensweiſe in Roſa den Entſchluß, zur Bühne überzutreten, ſich gleichſam an ein neues Leben anzuklammern, wie an eine erwünſchte Zerſtreuung. Der hochgewachſene Mann mit der Donnerſtimme und dem rothgefütterten Mantel, den er ſo maleriſch zu tragen verſtand, wurde jetzt Roſa's Zuflucht und ihr Führer auf der neuen Bahn. Er übernahm die Auf⸗ gabe, Roſa die nöthigen dramatiſchen Bewegungen und Kunſtgriffe beizubringen. Der Ort des Unterrichts war die ſtädtiſche Bühne ſelbſt, wohin Roſa eines Morgens ihre ſchüchternen Schritte lenkte. Auf den breiten ſteiner⸗ nen Stufen des Theaters ſtanden die Kunſtjünger nach einer eben beendeten Probe in Gruppen umher, rauchten Cigarren oder ſummten Opernmelodien vor ſich hin. Roſa war noch eine gute Strecke vom Theater entfernt, da bebte bereits ihr Herz vor dem Gedanken, die Auf⸗ merkſamkeit dieſer Leute auf ſich zu ziehen. Mit purpur⸗ rothem Antlitz betrat ſie die Stufen, ſie wagte nur einen einzigen flüchtigen Blick um ſich zu werfen und dieſer traf zu ihrer großen Erleichterung die mächtige Geſtalt des Oberregiſſeurs von Kamp. Er war mit 80 einem Andern in donnerndem Geſpräch begriffen und ſah Roſa nicht. Dann ſah er ſie, ohne ſie jedoch zu keunen. Dann ſchien er ſich zu wundern, daß eine fremde Dame ihm eine Verbeugung mache, und dann hielt er die Hand als Blende über die Augen, erkannte Roſa, kam auf ſie zu und ſchüttelte ihr gönnerhaft die Hand; und obwohl er heute früh mit dem Gedanken aufgeſtanden war, daß Fräulein Stubenrauch von dieſem Tage an ſeine Schülerin ſein werde, ſo ſprach er jetzt dennoch gegen Roſa ſeine Verwunderung aus, ſie heute ſchon hier zu erblicken, und gab ſich ſogar einen Schlag vor die breite Stirn, daß er ſich in ſeiner Vergeßlichkeit um vierzehn Tage geirrt. Der Oberregiſſeur führte ſeine Schülerin in die Hallen Thalia's ein und Roſa ſagte dem großen Portal, durch welches ſie in Gemeinſchaft mit der Zuſchauermenge bis⸗ her das Theater betreten hatte, für immer Lebewohl Sie durchſchritten ein paar finſtere Gänge, und nachdem ſich die donnernde Warnung:„Nehmen Sie ſich in Acht, hier kommen Stufen!“ an einigen Wänden gebrochen hatte, ſtand Roſa, noch ehe ſie es wußte, auf der Bühne. Sie blickte überraſcht zurück und glaubte nicht eher, daß die hoch emporragenden grauen Wände, auf denen ſich ein wirres Durcheinander hölzerner Latten kreuzte, als ſollte ſich Wein und Epheu daran emporſchlingen, die Cou⸗ liſſen geweſen waren, bis ſie vor dem halb empor⸗ * 81 gerollten Vorhange ſtand und in das öde, todtenſtille, dunkle Auditorium blickte, in welches dann und wann, wie ein Blitz, ein Lichtſtrahl hineinleuchtete, wenn eine Auf⸗ wärterin durch eine Thür hereintrat, um von den gold⸗ bequaſteten Purpurvorhängen einer Loge den Staub her⸗ abzukehren. Das Auditorium kam Roſa ſo unendlich klein vor, und dennoch konnte ſie den Platz nicht finden, auf welchem ſie an der Seite der Mutter gewöhnlich geſeſſen hatte Und ſo ſtill, ſo leer war es in der amphitheatraliſchen Ordnung der Bänke und Logenreihen! Sie hielt es nicht für möglich, daß ſich noch heute die Räume füllen könnten, und dachte mit heimlichem Grauen an die Tollkühnheit des Theaterdirectors, der die Exiſtenz eines ſolchen Unter⸗ nehmens von den Launen der Menſchen abhängig machte, welche dieſe ungeheure Oede beleben ſollten und um die jetzige Stunde über die ganze Stadt zerſtreut waren und ihren Geſchäften nachgingen, ohne Ahnung von dem Da⸗ ſein eines leeren Platzes, der ihrer hier harrte. Der Eindruck, den das Theater von dieſer Seite auf Roſa hervorbrachte, war nicht der unangenehmer Ent⸗ täuſchung. Sie hatte ſchon ſo oft von der Proſa des „hinter den Couliſſen“ ſprechen hören, daß ſie ſich's über⸗ haupt eher ſchlimmer als beſſer vorgeſtellt hatte. Sie betrachtete das ſchmuzige Podium, welches abends wie Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 6 6 82 der gelbe Sand eines paradieſiſchen Gartens oder wie das ariſtokratiſche Parquet eines Prunkgemachs leuchtete, ohne Abſcheu und verzieh den Verſenkungen, daß ſie ihre Zauberwirkungen durch ehrlich klaffende Riſſe ihren Blicken bloß legten. Roſa erſchien ſich faſt wie ein bevor⸗ zugtes Weſen, inmitten einer Scenerie zu ſtehen, wo ſich rechts von ihr die Häuſer einer Straße, links die Wände eines Zimmers erhoben, während im Hintergrunde eine Wildniß halb emporgerollt war, ſodaß ſtämmige tauſend⸗ jährige Eichen ſich gleichſam um den Finger wickeln ließen. Es fiel Roſa ſehr ſchwer, die theatraliſchen Bewegungen, die ihr ſelbſt an Andern oft als Unnatur erſchienen waren, zum Gegenſtande ernſten Studiums zu machen. Sie konnte nie eine gewiſſe falſche Scham überwinden, wenn es galt, ſich in eine leidenſchaftliche Stimmung, in eine tragiſche Situation zu verſetzen, und kam daher ſelbſt nicht über jene Unnatur hinaus, die in der dramatiſchen Dar⸗ ſtellung nur die lucrativſte Verwerthung der Kehlfertigkeit erblickt. Mehr verlangte der Oberregiſſeur auch nicht, und ein heftiges Ueberſchreiten der Bühne, beide Hände auf das Herz gepreßt, war als Ausdruck für den innern Kampf der Leidenſchaft hinreichend, um dem Lehrer ein lautes„Bravo!“ zu entlocken, dem dann gewöhnlich der Ausruf folgte:„Das haben Sie ſchön gemacht, Röschen!“ Dieſe Anredeform mußte ſich Roſa gefallen laſſen, und 83 ſie gewöhnte ſich bald daran, denn ſſie klang aus dem Munde des Oberregiſſeurs nicht wie eine unartige, an⸗ maßende Vertraulichkeit, ſondern ſtand vielmehr der un⸗ gezwungenen Leichtigkeit, die Herr von Kamp im Umgange mit Menſchen bekundete, ebenſo wohl an wie die Anrede: „Mein Kind“, oder:„Meine Tochter“, die er gleichfalls häufig gebrauchte. Roſa machte an ihrem Lehrer die Be⸗ obachtung, daß er den Titel„Herr Oberregiſſeur“ nicht liebte, ſondern, wie er ſich ausdrückte, die einfache An⸗ rede„Herr von Kamp“ vorzog; ſie glaubte ferner zu bemerken, daß er im Privatverkehr dem ausgeprägten Dialekte ſeiner ſüddeutſchen Heimat nur deshalb ſo treu blieb, damit man die reine Ausſprache, durch die er ſich auszeichnete, wenn er in ſeinen Heldenväterrollen auf der Bühne ſtand, um ſo mehr bewundere. Es entging Roſa ferner nicht, daß er mit ſeinem mächtigen Organ bei jeder Gelegenheit kokettirte, und daß er, wenn er nach der ſtählernen Kette griff, die in ſeiner Uhrtaſche ankerte, nie eine Uhr herauszog, ſondern die Zeit ſtets aus der hohlen Hand anſagte. Eines Tages mußte Roſa im Beiſein des Directors und des Kapellmeiſters eine Probe ihrer Geſangsfertigkeit ablegen, die ſo glänzend ausfiel, daß Roſa an der ganzen Welt irre wurde und ihr vor der Leichtigkeit der Auf⸗ gabe, die ſie ſich durch die Mutter geſtellt ſah, faſt zu 6* 84 ſchwindeln begann. Der Director beſtimmte ſofort den Tag, an welchem Roſa's erſtes Debüt ſtattfinden ſollte. Die Zeit war erſchreckend kurz gemeſſen, und Roſa's Einwendungen, daß ſie ſich auf der Bühne noch zu un⸗ ſicher fühle und vorerſt noch der Unterweiſung des Herrn von Kamp bedürfe, wurden vom Director mit Lachen zurückgewieſen. Das ſei jetzt Nebenſache, meinte er, das werde ſich ſpäter ſchon finden. Es war nur eine kleine epiſodiſche Partie, in der Roſa zunächſt auftreten ſollte, trotzdem fand die Mutter unter allen Coſtümen, die Roſa's reiche Theatergarderobe enthielt, für den Charakter der kleinen Auftrittsrolle kein einziges paſſend. Dieſes war zu elegant, jenes zu einfach. Ueberall war eine Kleinig⸗ keit auszuſetzen, und daher ließ Frau Stubenrauch zwei Näherinnen kommen, die ein neues Coſtüm anfertigen mußten. Dieſe und andere Vorbereitungen kamen Roſa höchſt ſonderbar vor. Einiger Strophen wegen, die ſie in Zeit von zehn Minuten am Piano herunterſingt, arbeiten die Näherinnen unverdroſſen vom Morgen bis zum Abend; dieſer Strophen wegen ſteht auf der Repertoire⸗ tafel, die hinter der Bühne hängt, eine ganze Oper an⸗ geſchrieben, auf die ſich die Sänger und Sängerinnen vorzubereiten haben; dieſer Strophen wegen wird ein Theaterabend mit Zettelträgern und Logenſchließern, mit herandonnernden Equipagen und glänzenden, parfüm⸗ — 85 duftenden Toiletten, mit Muſikern und Sängern ins Leben gerufen! Das Alles dieſer Strophen wegen, die Roſa ſo oft wiederholt, bis ſie ihr zuletzt geradezu widerlich werden, ſo widerlich, ſo nach nichts klingend, daß ſie den Maßſtab für die Ohren Anderer verliert, für welche nach ihrem Dafürhalten die Strophen unmöglich noch den Reiz der Neuheit haben können, und ſich der Vorberei⸗, tungen, die getroffen werden, bis zur Selbſtverachtung ſchämt. Siebentes Kapitel. Roſa dachte an den Tag ihres Auftretens, wie wir an irgend eine verhängnißvolle Entſcheidung denken, die uns bevorſteht, aber doch noch in einer ſchattenhaften Entfernung vor uns liegt und uns, während noch die Tage in alter gewohnter Weiſe wechſeln, in unſerer Sicher⸗ heit nicht berührt. Aber der Tag nahte dennoch heran, und als eines Morgens Roſa erwachte, hieß es: Heute! Es bemächtigte ſich ihrer eine namenloſe Angſt, als befände ſie ſich an⸗ geſichts heranziehender Sturmwolken auf hoher See und könnte nicht mehr zu dem ſichern Geſtade zurück. Wäh⸗ rend ihres Ganges zur Probe wagte ſie keinen Blick nach den Straßenecken zu werfen, wo auf den Theater⸗ zetteln ihr Name ſtand. Sie war weit entfernt, auf das * 87 öffentliche Intereſſe, das ſie heute in Anſpruch nahm, ſtolz zu ſein. Sie ſah in Jedem, der ihr begegnete, ihren Richter und die ganze Welt kam ihr kunſtverſtändiger vor, als ſie ſelbſt war. Als Roſa auf die dunkle Bühne kam, wurden im Dreheſter und Souffleurkaſten eben die Lampen angezün⸗ det. Die Bühne ſelbſt füllte ſich mit Geſtalten, die auf und ab gingen oder geſellige Gruppen bildeten. Einige Herren mit blitzenden Hörnern oder Trompeten unter dem Arme kletterten in das Orcheſter hinab. Aus dem Souffleurkaſten tauchte ein ſchneeweißes Haupt mit einer dunkelrothen Naſe auf. Der Alte legte bedächtig ein blaues Taſchentuch und eine mächtige Schnupftabacksdoſe vor ſich hin, welche Gegenſtände die vom Publikum un⸗ geahnten Zeugen mancher heißen Theaterſchlacht geweſen waren. Herr von Kamp machte eine Bewegung mit der Hand, als ſähe er nach der Uhr, und fand es an der Zeit, die Probe beginnen zu laſſen. Noch fehlte Frau Pichler⸗Sonnnenfels, die Primadonna, welche die Oper zu eröffnen hatte. „Pichlern“, rief der Oberregiſſeur mit ſeinem dröh⸗ nenden Organe,„Pichlern, wo ſteckt Ihr denn?“ Die gefeierte Künſtlerin kam aus einer Seitencouliſſe und die Probe nahm ihren Anfang, das heißt, die Prima⸗ 88 donna, in Hut und Schleier, begann unter Orcheſter⸗ begleitung mit gedämpfter Stimme zu trällern; dann plötzlich wandte ſich ein Herr von einer der geſprächigen Gruppen im Hintergrunde ab, begab ſich in den Vorder⸗ grund und trällerte ebenfalls mit, wobei er den Hut auf⸗ behielt und beide Hände in den Taſchen ſeines dicken Paletots ruhen ließ. Zuweilen ſchmetterte der eine oder andere mit voller Stimme ein paar Takte heraus, und dann und wann klopfte der Kapellmeiſter auf die Rampe, und mit Ausnahme einer vorlauten Clarinette oder Vio⸗ line, die der übrigen Geſellſchaft um einige Takte voraus⸗ hüpfte, ſtand dann das Ganze wie eine Maſchine ſtill und die unſichere Stelle wurde wiederholt. Die ganze Handlung der Oper ſchien im höchſten Grade verworren. Das Fatum, welches über den Ge⸗ ſchicken der romantiſchen Helden wachte, ſaß in Geſtalt des Oberregiſſeurs von Kamp im Vordergrunde der Scene an einem wackligen Tiſchchen und las im Regie⸗ buche; keine Klingel tönte, kein Vorhang fiel oder rollte empor; nichts als der trockne Ruf:„Actus!“ den Herr von Kamp mit einem Fauſtſchlage auf ſein Regiebuch begleitete, bezeichnete die Ruhepunkte der Handlung und trennte die Zwiſchenräume. Choriſten in abgegriffenen Hüten und ſchäbigen Röcken, die eben den Vorrath eines Jungen mit Fleiſchpaſteten geplündert und ihn auf ſpätere 89 Zahlung vertröſtet hatten, traten heraus und ſangen von ritterlicher Minne, indeß die Edeldamen, denen ihr Ge⸗ ſang galt, Strümpfe ſtrickend auf den morſchen Holz⸗ ſtufen ſaßen, die zu der Requiſitenkammer hinaufführten, und von den mit ſtaubigen Roſengebüſchen, Statuen und Thronſeſſeln herabkommenden Arbeitern in rauhen Tönen aufgefordert wurden, aus dem Wege zu gehen. Liebende glaubten in ungeſtörter Einſamkeit zu wandeln, und dicht neben ihnen ſtanden Maſchiniſten in Hemdärmeln, die auf den Wink des Herrn von Kamp warteten, um Decora⸗ tionen herabzulaſſen, welche dieſer mit höchſt proſaiſchen Namen bezeichnete. Die ganze Oper glich einem Transparent bei Tage, deſſen fettiges Oelpapier von der ſchimmernden Farben⸗ pracht, die darin verborgen liegt, nichts ahnen läßt. Keiner achtete auf die Leiſtung des Andern. Jeder geizte, wo es irgend möglich war, mit ſeinen Tönen. Der Tenoriſt nahm ſein vielbewundertes hohes C ſo zu ſagen gar nicht aus dem Futterale heraus und die Prima⸗ donna trug ihre Triller in Papilloten. Als Roſa's Partie an die Reihe kam, trat eine tiefe Stille ein; es war die Aufmerkſamkeit der Neugierde und für Roſa jedenfalls eine peinliche Auszeichnung. Jedes halb unterdrückte Lachen, das aus flüſternden Gruppen zu ihrem Ohre drang, bezog ſie auf ſich. Daß 90 ſich Einzelne, als Roſa ihre Partie halb zu Ende ge⸗ ſungen hatte, wieder abwandten, deutete ſie als ein un⸗ günſtiges Urtheil, und die, welche ſtehen blieben und ihr bis zu Ende zuhörten, gewannen ihr den Anſchein, als wollten ſie ihre Enttäuſchung nur vollſtändig machen. Als ſie geendet hatte, begegnete ſie überall einer apathi⸗ ſchen Theilnahmloſigkeit; einige Herren des Perſonals klatſchten in die Hände, was Roſa für bloße Galanterie hielt; eine nicht mehr junge Choriſtin mit einem ſehr gutmühigen Geſichte ſagte ihr glatte Schmeicheleien, und nur einem Augenpaare begegnete Roſa, das ſich mit tieferem Antheile auf ſie geheftet hatte, aber es war keine erfreuliche Theilnahme, es war ein hämiſcher, bos⸗ hafter Blick, der ſich pfeilſchnell, aber doch zu ſpät von Roſa abwandte. Er kam aus den Augen einer jungen Dame. Sie hatte ein gelbliches Geſicht mit verlebten Zügen und trug das Haar kurz und knabenhaft geſchei⸗ telt. Gewiſſe Grundzüge ihrer Phyſiognomie erinnerten Roſe an eine Sängerin, die auf dem Theaterzettel Fräulein Minna Schröter genannt wurde, damit man ſie nicht mit einer Namensverwandten verwechſelte, die als Choriſtin fungirte und ſchlechtweg Schröter hieß. Des Abends konnte das Geſicht des Fräulein Minna Schröter den Ver⸗ gleich mit Milch und Blut beſtehen, wozu noch die Reize eines Kirſchenmundes, ſchmachtender Augenbrauen und 91 üppiger, in den Nacken herabhängender Locken kamen. An keinem andern Orte als an dieſem hätte Roſa die Identität beider anerkannt; denn auch das andere Geſicht mit der Knabenfriſur und dem hämiſchen, der dunkeln Färbung der Augenbrauen entkleideten Blicke, ja den auf⸗ fallend bunten Anzug erinnerte ſich Roſa ſchon früher einmal geſehen zu haben. Es war dieſelbe junge Dame, die einſt unter Schluchzen und Schimpfreden daheim auf der Treppe an ihr vorübergegangen war. Die Probe erlitt jetzt eine Unterbrechung, weil der lyriſche Tenor fehlte, der im letzten Acte zu ſingen hatte. Endlich erſchien er mit rothgeweinten Augen. Einige ſtürmten auf ihn zu und fragten theilnehmend: „Wie geht es mit Ihrer Fräulein Braut?“ Er ſchüttelte den Kopf, erhob die Hand, ließ ſie wie zur Abwehr wieder ſinken und ſagte mit nur mühſam behaupteter Faſſung: „Geſtern Nachmittag drei Uhr iſt ſie geſtorben!“ Den Lippen des weiblichen Perſonals ſentfuhr ein vielſtimmiges„Ach!“ während Fräulein Minna Schröter mit einer Haſt, als wüßte ſie ein Mittel, die Verſtorbene vom Tode zu erwecken, auf den unglücklichen Bräu⸗ tigam zuſtürzte und ihn anredete:„Dann werden Sie doch heute nicht ſingen?“ „Ich würde jedenfalls um Dispenſation einkommen“ 92 entgegnete der Tenor,„wenn es nicht gälte, einen Gaſt zu unterſtützen.“ Roſa ſprach ihm dafür ihren Dank aus. „Wer war denn Ihr Arzt?“ fragte Herr von Kamp. „Wir hatten mehrere Aerzte“, entgegnete der Tenor. „Nachdem ſie ein Vierteljahr an ihr herumgedoctert hat⸗ ten, ſagten ſie mir endlich geſtern, ich ſollte mich an den Todtendoctor wenden.“ Roſa ſchauderte bei dieſem Worte zuſammen.„Wer iſt der Todtendoctor?“ wandte ſie ſich an Herrn von Kamp. „Kennen Sie den Doctor Arle nicht?“ fragte dieſer. Roſa verneinte. „Es kam ja vor einiger Zeit ein Fall vor“, ergriff der Baſſiſt das Wort,„der ſo ungeheures Auſſehen er⸗ regte! Man hatte ihn in dem Verdacht, den Gemahl einer jungen, vermögenden Frau, die er habe heirathen wollen, unter die Erde gebracht zu haben.“ „Aber warum nennt man ihn Todtendoctor?“ fragte Roſa. „Weil die meiſten ſeiner Patienten mit Tode abgehen“, erläuterte Herr von Kamp,„denn man ruft ihn ſeines berüchtigten Rufes und ſeines unfreundlichen, rückſichtsloſen Weſens halber erſt dann, wenn es zu ſpät und Hülfe 93 nicht mehr möglich iſt. Sie können leicht Gelegenheit haben, ihn kennen zu lernen, da er an unſerm Kunſt⸗ inſtitute die Stelle eines Theaterarztes einnimmt.“ „Ich wünſche Niemand“, ſagte der Tenor,„und wenn es mein größter Feind wäre, in eine Lage ver⸗ ſetzt, wo er der Hülfe des Todtendoctors bedarf.“ Auf die Bitten des um ihn herumſtehenden Theater⸗ perſonals erzählte er Folgendes:„Ich nahm geſtern in meiner Verzweiflung einen Wagen und holte Doctor Arle. Wir ſaßen uns gegenüber und unterwegs mußte ich ihm den Verlauf der Krankheit mittheilen. Anfangs hörte er mir ganz ernſt zu, dann fing er an zu lächeln, aber es war kein Lächeln, das einem Hoffnung geben konnte, es war ein beunruhigendes, verächtliches Lächeln, und als ich ihm zuletzt die ſeltſamen Anzeichen und Ver⸗ änderungen beſchreiben wollte, die ſich an dieſem Tage in dem Ausſehen meiner Braut eingeſtellt hatten, fiel er mir in die Rede und beſchrieb ſie ſelbſt ſo genau, daß ich kein Wort mehr hinzuzufügen wußte. So oft ich beiſtimmend dazu nickte, fragte er mich:„Nicht wahr, ſo iſt's?“ und fügte dann ſelbſt hinzu:„Ja, ja!“ als wäre ihm der Fall ſchon hundertmal vorgekommen und recht zuwider geworden. Dann ließ er mehrere recht froſtige ſingende Seufzer hören, von der Höhe nach der Tiefe herab, und ſagte:„Da komme ich wieder einmal zu ſpät!“ 94 Mir rollten ein paar Thränen die Backen herab, er aber hatte kein Wort des Troſtes für mich, ſondern blickte gleichgülſtig nach den Häuſern und Menſchen, an denen wir vorüberfuhren. Wie er ins Krankenzimmer trat und, von den Angehörigen meiner Braut mit Thränen willkommen geheißen, kaltblütig ſeine Handſchuhe auszog und ſich vor allem dafür zu intereſſiren ſchien, wohin man ſeinen Hut legte, den man ihm zuvorkommend aus der Hand genommen hatte, da mußte ich ihn beneiden um den Frieden eines Herzens, das auf dieſer Welt nichts zu verlieren hat. Dann trat er ans Kranken⸗ lager, beugte ſich über meine Braut, die ihn mit ſtarrem Auge anſah, und ſchien über ihren Zuſtand mit ſich zu Rathe zu gehen. Als er vom Bett zurücktrat und unſern fragenden Blicken begegnete, ſah er ſich im Zimmer um. Es hing ein Crucifix an der Wand und darunter das Vaterunſer in Glas und Rahmen, und mit einer Neigung des Kopfes nach dieſen beiden Gegenſtänden ſagte er leiſe und kalt:„Verſchreiben kann ich nichts; laſſen Sie die Kranke mit den Sterbeſacramenten verſehen.“ Dann ſah er nach ſeiner Uhr und fügte hinzu:„Um drei Uhr komme ich wieder.“« Und um drei Uhr trat er zur Thür herein und fragte:„Sie iſt todt, nicht wahr?“ Wir antworteten mit thränenerſtickter Stimme, denn ſie war eben geſtorben. Er wollte die Leiche öffnen. 95 Aber wir gaben's nicht zu, gerade weil's der Todten⸗ doctor war!“ Eine ganze Stunde vor Anfang der Vorſtellung hatte Frau Stubenrauch heute bereits ihren Platz im Audi⸗ torium eingenommen. Sie hatte zu Hauſe, ſeitdem Roſa von ihr unter Thränen und Lächeln Abſchied genommen, keine Ruhe mehr gehabt. Ihre Uhr ſchien ihr, nachdem Roſa gegangen war, nicht mehr zuverläſſig. Endlich ſchlug es vom nächſten Thurm. Sie zählte laut, und als ſie nach dem letzten Schlage noch immer lauſchend da⸗ ſtand, da klang ihr’'s im Ohre, als ſchlüge die Glocke noch einmal an, und ſie eilte haſtig nach dem Theater. Wenn man einen Wald gepflanzt hätte und dem allmä⸗ ligen Heranwachſen der Bäume bis zum ſchattigen Blätterdache mit Vogelgezwitſcher zuſehen wollte, ſo würde man einen ziemlich genauen Begriff von der Ungeduld bekommen, mit welcher Frau Stubenrauch die leeren Bänke und Logenreihen, die ganz allmälig wie Tropf⸗ ſteinhöhlen Zuſchauer anſetzten, das herrſchende Dunkel im Orcheſter, wo noch keine Lampe angezündet war und noch kein Notenpult von einem menſchlichen Weſen belebt wurde, beobachtete. Nach und nach zeigen ſich endlich Symptome, daß ſich hinter dem ſchweigſamen Vorhange etwas vorbereitet. Er bewegt ſich zuweilen langſam und 96 wirft rieſige Falten. Ein weißer Atlasſchuh ſchaut unten hervor und Frau Stubenrauch möchte darauf ſchwören, daß dies Roſa's Fuß ſei. Aus dem kleinen Loche des Vorhangs blitzt ein menſchliches Auge, und Frau Stuben⸗ rauch nickt lebhaft, um die Aufmerkſamkeit dieſes Auges auf ſich zu ziehen, weil es kein anderes als Roſa's Auge ſein kann.. Endlich hat ſich das Haus gefüllt; die Toiletten duf⸗ ten, und auch an jenen frohgelaunten Beſuchern der Gal⸗ lerie fehlt es nicht, die ſich im Lachen gütlich thun, wenn einer das anſtändige Gemurmel und Geflüſter durch lautes Sprechen oder ein ſchallendes Hatzi übertönt. Die Lampen des Kronleuchters flammen auf, die Ouver⸗ türe hebt an und endlich rollt auch der Vorhang empor. Beringte Finger greifen nach den Operngläſern, die wie Kanonenmündungen über die Bogenbrüſtungen ſehen, und die Vorſtellung beginnt und nimmt ihren gewöhnlichen Verlauf. Roſa tritt erſt zu Ende des vierten Actes auf. In⸗ zwiſchen glaubt Frau Stubenrauch eine Verpflichtung zu fühlen, ſich an jedem Beifallklatſchen zu betheiligen, ob⸗ wohl ihre innere Unruhe nicht die rechte Aufmerkſamkeit für die Geſangsleiſtungen aufkommen läßt. Sie denkt nur an die Scene, wo Roſa heraustreten wird, und ſieht ſich zerſtreut im ganzen Raume um, wo hier und da 97 zuweilen ein Theaterzettel aus einer der Logen langſam und unentſchloſſen in das Parterre hinabflattert und von gemeinen Leuten als ein willkommener Fund aufgefangen, von vornehmern dagegen, an deren Köpfen er dicht vorüber kam, gar nicht beachtet wird. Ein alter Herr, der ganz allein in einer Proſceniumsloge ſitzt, gewährt der Mutter der Debütantin ebenfalls einige Nebenunter⸗ haltung. Er wendet nämlich der Vorſtellung auf der Bühne mit vornehmer Blaſirtheit beharrlich den Rücken zu, lorgnettirt nach dem Publikum oder geht im Hinter⸗ grunde ſeiner Loge auf und ab. Bei jeder beſonders in⸗ tereſſanten Scene blickt Frau Stubenrauch zuerſt nach dem vornehmen Herrn, ob auch jetzt nicht die Vorgänge auf der Bühne ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln ver⸗ mögen, aber er bleibt von Allem unberührt und Frau Stubenrauch iſt geſpannt, ob er auch Roſa ignoriren wird. Nur ein einziges Mal, als beim Aufrollen des Vorhangs das Publikum in ein allgemeines Gelächter ausbrach, ſah Frau Stubenrauch den vornehmen Alten ſich der Scene zuwenden; es war in dem Augenblicke, wo ein Herr, deſſen moderner Ueberrock und weißer Cylinderhut dem Jahrhundert, in welchem die Oper ſpielt, um eine gute Strecke vorausgeeilt war, ſchnell von der Bühne in eine Couliſſe ſprang. Unterdeſſen ſchreiten hinter der Scene Sünger und Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 98 Sängerinnen in ihren bunten Coſtümen auf und ab, und Perſonen, die ſich im vorigen Acte gemordet haben oder ſich im nächſten erſt kennen lernen, ſtehen hier in ge⸗ müthlicher Unterhaltung beiſammen. In der Damengarderobe ſitzt Roſa mit heftig pochendem Herzen, mehr todt als lebendig, die Stirn in die Haud geſtützt; in der andern auf ihrem Schooße ruhenden Hand hält ſie ein kokettes Hütchen, von welchem eine ſchlanke weiße Feder faſt bis auf den Boden herabreicht. Die Feder zittert. Die Primadonna und die zwei erſten Tänzerinnen ſind ebenfalls in der Garderobe, alle in ihren glänzenden Coſtümen, nur Fräulein Minna Schröter bewegt ſich in ihrer bunten modernen Kleidung einher und ſpricht halblaut mit der Primadonna. „Wenn das ſo fortgeht“, äußert ſie,„daß man Leute ſich auf der Bühne herumtreiben läßt, die dort nichts zu ſuchen haben, ſo werden zuletzt die Mitwirkenden ſelbſt keinen Platz mehr finden.“ „Sie gehören heute ja ſelbſt nicht zu den Mitwir⸗ kenden“, wirft die Primadonna lächelnd hin,„und ſind doch auch hier.“ „Ich könnte aber leicht heute noch gebraucht werden“, entgegnet Minna Schröter,„falls—“ „Ich einen Anfall von Lampenfieber bekäme“, vollendet die Primadonna,„und der Regiſſeur dem Publikum ver⸗ 99 künden müßte, daß infolge einer plötzlichen Unpäßlichkeit der Frau Pichler⸗Sonnenfels Fräulein Minna Schröter ſchnell deren Partie übernommen habe?“ „Natürlich!“ lachte Minna Schröter und die Ballet⸗ tänzerinnen lachten ebenfalls und ſchoſſen Seitenblicke auf Roſa. „Aber abgeſehen von alledem“, ſagte Minna Schröter, nes betreten Leute das Heiligthum unſeres Kunſttempels, die heute auf keinen Fall gebraucht werden. Zum Bei⸗ ſpiel Liebhaber in modernem Coſtüm, die, um ihre An⸗ gebetete zu bewundern, beſſer thäten, ſich ein Billet zu kaufen, beſonders wenn ſie Lackſtiefel, goldene Uhrgehänge und feine weiße Seidenhüte tragen können.“ Als Roſa aufſchaute, ſah ſie die Tänzerinnen ſich eben mit verbiſſenen Lippen von ihr abwenden. „Wenn nun aber Liebhaber den ähnlichen Fall vor⸗ auswittern“, bemerkte die Pimadonna,„der den Regiſſeur nöthigen könnte, in ſeinen Frack zu ſchlüpfen, wie un⸗ glücklich müßten ſie ſich dann auf ihrem Parterreplatze fühlen!“ Bei den letzten Worten wandten ſich alle, mit Aus⸗ nahme der gleichmüthigen Primadonna, ſo, daß ſie Roſa den Rücken zukehrten, und fingen an zu kichern. Obwohl ſich Roſa auszureden ſuchte, daß jene Anſpielungen ihr gelten könnten, ſo war ſie doch etwas verwirrt und ver⸗ 7* 7 100 ließ langſam die Garderobe. Kaum hatte ſie die Thür hinter ſich wieder geſchloſſen, ſo hörte ſie die Damen in der Garderobe in ein lautes Gelächter ausbrechen, und es blieb ihr jetzt kein Zweifel, daß ſie die Perſon ſei, wegen der man es bisher unterdrückt hatte. Der nächſte Act ſollte bald beginnen und die Theater⸗ arbeiter waren beſchäftigt, die Scene zu verwandeln. Roſa ſah, wie die Primadonna mit dem Kapellmeiſter ſprach und wie der Baſſiſt dem Souffleur bittere Vor⸗ würfe zu machen ſchien, aber ſie ſah dies nur wie im Traume, denn gleichzeitig erblickte ſie mitten auf der Bühne, im Geſpräch mit dem Garderobier, lächelnd und mit der blitzenden Theaterklingel ſpielend, noch Jemand, an den ſie heute nicht gedacht hatte, Jemand, der, ſeit ſie ihn nicht mehr ſah, in ihrer Phantaſie zu einem Schreck⸗ gebilde angewachſen war— Nielſen! Es hatte ihm in dem Café, dem alten Singemeiſter gegenüber, wo er tagelang geſeſſen hatte, allmälig ge⸗ fallen. Die luſtige Geſellſchaft, die er traf, und ſeine ſtets gefüllte Börſe hatten ihn erinnert, daß ein Mann 4 4 wie er noch andere Obliegenheiten habe, als einem ſpröden Mädchen nachzugehen. Er hatte ſich neue Freunde er⸗ worben und mit ihnen Geſchmack an Spiel⸗ und Zech⸗ gelagen gefunden. Roſa hätte am Fenſter vorübergehen können, wo er Karte ſpielte; ſie hätte ihm auf der Straße 101 begegnen können, wo er am Arme ſeiner neuen Genoſſen wüſte Abenteuer ſuchte, er würde ſie wenig beachtet haben. Als er aber von ihrer Metamorphoſe hörte, als er ihren Namen auf dem Theaterzettel las, da rief der Reiz der Neuheit alte, verſchobene Neigungen in ihm wieder wach, und hier ſtand ſie, ſchön wie eine Fee, und blickte ihn aus zwei dunklen, ſeltſam leuchtenden Augen an. Er war täglich berauſcht und heute mehr wie ſonſt. Ein wollüſtiger Muth blitzt aus ſeinen verſchwommenen Augen; er weiß, hier ſetzt ihm das ſchützende Haus ihrer Mutter keine Schranke; unter den Tönen der beginnenden Muſik und des Geſangs folgt er ihr im Dunkel der Cou⸗ liſſenwelt überall nach, ruft er hinter ihr leiſe ihren Namen, ohne auf die Stimmen zu hören, die ihm Schweigen gebieten. Behend eilt ſie jetzt die Treppe der Requiſitenkammer hinauf, der nächſte Zufluchtsort, der ſich ihr darbietet; ſie hat die Thüre erreicht, jetzt iſt ſie ihm verloren! Nein! Muthlos läßt ſie ihre Hand ſinken— die Thür iſt verſchloſſen. Da ſteht ſie, gefangen auf dem ſchmalen Vorplatz der Thür, gefangen inmitten einer morſchen Lattenbrüſtung, und wo ihr ein⸗ ziger Ausweg wäre, da wankt ſchon Nielſen mit zitt⸗ ternden Knieen zu ihr die Stufen herauf. Und jetzt ſteht er vor der zauberiſch ſchönen Geſtalt, auf deren weiche Wangen ſich wie zum Kuſſe eine wallende Feder herabneigt, aus 102 deren dunklen Augen jetzt Blitze flammen, die ſie noch viel ſchöner machen. „Roſa“, ſtammelte er,„Niemand ſieht uns hier!“ Und er umfaßt den ſchlanken Leib mit beiden Händen und preßt ihn krampfhaft an ſein Herz. Trotz ihrer verzweifelten Gegenwehr erkämpft er ſich immer wieder den ſüßen Augenblick, ſie zu umarmen, und jetzt legt er beide Hände an ihre Wangen und ſein Mund ſtammelt wieder, indem er ſich ihren Lippen naht: „Niemand ſieht uns!“ Roſa fühlt ſich von einem widerlichen Grogdufte an⸗ geweht, ſie beißt die Lippen feſt zuſammen, dunkel wallt es in ihrem Antlitz auf, durch ihre Arme ſtrömt eine wilde Kraft— die morſche Bruſtwehr bricht krachend zu⸗ ſammen und im Auditorium hört man einen mächtig dröhnenden Schlag, die Sänger auf der Bühne ſehen ſich einen Augenblick danach um, die Statiſten ſtellen ihr ſtummes Spiel ein und flüſtern mit einander.„Es muß etwas paſſirt ſein!“ ſagt Jemand neben Frau Stuben⸗ rauch, und ſie verläßt haſtig ihren Platz, um auf die Bühne zu eilen.„Ein Mann!“ heißt es im Corridor, der zur Bühne führt, und beruhigt kehrt ſie wieder ins Auditorium zurück. 103 Es war wie mit einem Wunder zugegangen, daß Nielſen Roſa nicht mit ſich hinabgeriſſen hatte; es ging jetzt noch wie ein Wunder zu, daß ſie ohne den Schutz der zuſammengebrochenen Barrière ſich von dort oben herabbeugte, um auf den lebloſen Körper niederzuſtarren, neben welchem der kokette Hut mit der wallenden Feder lag. „Der iſt todt!“ hörte ſie unten eine ſchneidende Stimme ſagen. Es war Minna Schröter, welche die Scene heim⸗ lich beobachtet hatte. Roſa wankte die Treppe hinab, ihr Antlitz war leichen⸗ blaß, nur das friſche Roth der Schminke brannte unheim⸗ lich lügneriſch auf ihren Wangen. Sie wankte auf den ſtillen Körper zu und warf ſich über ihn. In dieſem Augenblicke fühlte ſie etwas, als hätte ſie ihn geliebt wie einen theuern Bruder.„Wache auf!“ flüſterte ſie ihm zu,„wache auf! Und ich bin auf ewig Dein!“ In ſtummer Beſtürzung und regungslos umſtanden Roſa dunkle Geſtalten und von draußen hörte man ein Bravo rauſchen. Plötzlich fühlte Roſa ſich ſanft emporgehoben und ſah in ein ſonnegebräuntes Geſicht, das der tiefſchwarze Bart noch ernſter machte, als es ſchon war. Es war ihr, als hörte ſie Jemand ſagen:„Es hing ein Crucifix an der Wand und darunter das Vaterunſer.“ Und immer wie⸗ der ſprach es in ihrem innern Ohre, wie das tönende 104 Fata⸗Morgana einer entſchwundenen Stunde, die Worte: „Es hing ein Crucifix an der Wand und darunter das Vaterunſer.“ Da plötzlich wurde es Tag vor ihrem umdunkelten Sinne, und obwohl ſie ihn nie vorher ge⸗ ſehen hatte, ſtürzte ſie dennoch zu ſeinen Füßen und umſchlang ſeine Kniee und rief ſchluchzend:„Retten Sie mich, Herr Todtendoctor, und machen Sie, daß ich keine Mörderin bin!“ Dann ſchloß ſie die Augen und er hielt die Bewußtloſe in ſeinen Armen wie ein Kind. Immer näher und näher kommen die Harfenklänge und dazu tönt immer lauter anſchwellend der Geſang: „Es hing ein Crucifix an der Wand!“ Jetzt miſchen ſich Trompetenſtöße hinein und auf donnernden Pauken kommt's heran. Jetzt iſt es da und ſtrömt auf Roſa ein, ein Etwas wie Spiegel mit brennenden Lichtern; wie ein Zimmer, in dem ſie ſchon den ganzen Abend gewartet hat; wie gedämpfte Klänge von Violinen und Trillern der Primadonna; ein Etwas wie eine Dame, die in einem ähnlichen Coſtüme, wie es Roſa trägt, am Spiegel ſteht, deren verlebtes Knabengeſicht ſich in Milch und Blut verwandelt hat und deren boshafter Blick ſich unter ſchmachtenden Augenbrauen verbirgt; ein Etwas wie die Geſtalt eines Mannes vor Roſa; mit einem Worte: ein Erwachen aus tiefer Ohnmacht. 105 „Sagen Sie mir“, fragte Roſa,„war das ein Traum?“ „Es war ein Traum“, antwortete er,„aber er iſt vorüber.“ „Waren Sie es nicht, welcher ſagte, es ſei zu ſpät?“ „Das habe ich allerdings oft geſagt, aber heute noch nicht.“ „Heute noch nicht?“ ſagte Roſa unter argloſem Lächeln. „Nicht wahr, Sie helfen gern, wenn Sie nur können“, plauderte ſie weiter;„aber ſind Sie immer ſo ernſt wie jetzt, auch wo Sie helfen können? Und warum? Iſt die Welt nicht ſchön, wenn man keinen— Mord! Mord!“ ſchrie Roſa jetzt verzweifelnd auf und ſprang von ihrem Seſſel empor. „Mein gutes Kind“, ſagte der Todtendoctor bewegt, „Sie haben keinen Mord begangen. Der Mann iſt ge⸗ rettet.“ Roſa ergriff langſam die vornehme weiße Hand, die Todte zum Leben erweckte, und blickte ſeltſam in das ſchöne edle Geſicht, das ſonſt ſo ernſt war und ihr zu Liebe jetzt noch immer lächelte. Es kam ein erſchütterndes Gefühl über ſie, daß ſie auf dieſer Welt noch Niemand ſo heilig geliebt, ſo namenlos verehrt hatte als den Todtendoctor, und im Nu ſtürzte ſie ſich in ſeine Arme und bedeckte 106 unter rollenden Thränen ſein Antlitz und ſeine Hände mit tauſend Küſſen! Und dann ging Alles wie im Rauſche an ihr vorüber. War es Wirklichkeit, daß er ihre Hand drückte und fort⸗ ging? Hatte ſie ihm gute Nacht gewünſcht und Nielſen's Wohnung bezeichnet? Warum trat Herr von Kamp, feſtlich gekleidet, im ſchwarzen Frack, den Hut unter dem Arme und die Hände in Glacéhandſchuhe gezwängt, jetzt zu ihr, und warum ſagte er zu ihr, er werde ſie beim Publikum entſchuldigen? Warum brachte ſie Herrn von Kamp's feſtliche Kleidung und ſein Erſcheinen vor dem Publikum mit einem Schreck in Verbindung, welcher der Mutter bevorſtehen müſſe? Warum ſagte ſie, ſie wolle dennoch ſingen? Und warum ſtampfte Minna Schröter mit dem Fuße und verwandelte ſich unter heftigem Um⸗ ſichwerfen von Kleidern, Locken und Schminktüchern wieder zurück in das abgelebte Knabengeſicht? Wie der Mutter Augen glühen, wie ihr Herz klopft und wie ſie auflauſcht, als Roſa auf der Bühne erſcheint! Wie eine Menge Hände und ſogar die des alten Herrn in der Proſceniumsloge ſich nach den Operngläſern aus⸗ ſtrecken und aller Augen das Theaterphänomen einſaugen, an welchem Alles echt iſt, von den ſeidenen Gewändern bis zu dem blitzenden Geſchmeide, echt die Jugend ihres Antlitzes, echt die Anmuth ihres Weſens! 107 Roſa aber findet die Strophen, die ſie anfangs mit zitternder Stimme ſingt, jetzt nicht alltäglich, ſie miſchen ſich eigenthümlich mit neuen, mächtig wirkenden Elementen: mit einem flammenden Lichtmeere, in das ſie blickt und hinter dem Hunderte von athmenden und ſich bewegenden Bruſtbildern terraſſenförmig bis zu der Decke des Raums aufgeſchichtet ſind; mit einem hölliſch angeſtrengten, ängſt⸗ lichen Aufpaſſen in den Augen und Mundwinkeln der übrigen Perſonen, die mit ihr zugleich auf der Scene ſtehen; mit auf und niedertauchenden Violinbogen; mit dem Geſicht des Kapellmeiſters, der von der Grenzſcheide zweier Welten aus ihr irgend etwas an den Augen ab⸗ leſen zu wollen ſcheint; mit der tollkühnen Verwegenheit eines blauen Taſchentuchs und einer Tabaksdoſe zu ihren Füßen und dem beirrenden Heraufflüſtern unverſtändlicher Worte, auf welche nicht zu hören ſie ſich Mühe gibt. Und mit jedem Tone erſcheinen ihr die alten Strophen ſchöner und ſchöner, bis ſie endlich den letzten Ton ge⸗ ſungen hat. Da plötzlich ſcheinen die aufgeſchichteten Bruſt⸗ bilder rührige Hände zu bekommen und es klingt, als gäben ſie ſich gegenſeitig ſchallende Ohrfeigen, während der Vorhang machtvoll herniederrauſcht und die lebhaft ſich bewegenden Bruſtbilder, das Geſicht des Kapell⸗ meiſters, Souffleur und Taſchentuch und Schnupftabaks⸗ doſe mit ſeinem Sturze verſchüttet. 108 Herr von Kamp ſagte der in eine Couliſſe Taumeln⸗ den, das Publikum riefe ſie heraus. Und ſie trat, ſich demüthig verneigend, an die Stelle des wieder ver⸗ ſchwundenen Vorhangs, von deſſen Sturze ſich der Kapellmeiſter und der Souffleur, deren Köpfe Roſa vermißte, nicht wieder erholt zu haben ſchienen. Achtes Kapitel. Die Mutter iſt über meinen geſtrigen Erfolg ſo außer ſich vor Freude und, wie mir's ſcheint, bereits ſo beſchäftigt mit ſtillen Plänen für die Zukunft, daß ſie den unglücklichen Zwiſchenfall mit Nielſen, welchen ich ihr nur mit der größten Schonung zu erzählen wagte, kaum der Beachtung werth fand. Mein erſter Gang heute früh galt dem Kranken im Schwedentrunke. Als ich an der Treppe ſtand, überfiel mich eine Angſt, daß ich kaum hinaufzugehen wagte. Ich fürchtete den Doctor Arle oben zu treffen. Vielleicht, dachte ich, könnte er heute Nielſen’s Zuſtand für gefähr⸗ licher erklären als geſtern. Auch fühlte ich, daß ich unfähig ſein würde, ihm mit Worten meine Dankbarkeit und Verehrung auszudrücken. Und dann kam noch die 110 Befürchtung dazu, daß r ſich geſtern vielleicht nur aus Rückſicht für meine augenblickliche entſetzliche Lage ſo freundlich und theilnahmevoll gezeigt habe und heute auch gegen mich das finſtere, menſchenfeindliche Weſen annehmen könnte, wie gegen Andere. Eine alte Krankenwärterin war oben. Sie ſoll ihn pflegen, bis er wieder geneſen iſt, hat Doctor Arle ver⸗ ordnet. Sie wußte nicht, daß ich ſein Leiden verſchuldet habe, und ſchilderte mir eine entſetzliche Operation, die der Doctor geſtern Abend mit ihm vorgenommen hatte — und darüber bekam ich eine Ohnmacht. Die junge Sängerin beſucht den Kranken. Ich hoffe, wir werden uns nicht treffen. Fort mit dir, du ſchönes, geiſterbleiches Antlitz, hinweg, ihr dunklen Augen mit jener ergreifenden Verzweiflung in euerm Blicke, und ihr fremden Thränen, die ihr unter Küſſen an meiner Wange herabfloſſet. Stehlt euch nicht in meine Träume, ihr galtet ja nicht mir! Daß mir die alte Wärterin ſagen mußte, ſie heiße Roſa! Seit ich den Namen weiß, hüllt ſich jeder Ge⸗ danke an die Sängerin in dieſen Klang. Und was geht ſie mich an? Sie iſt mir fremd. Ich brauche ihren Namen nicht zu wiſſen! 111 Die Mutter bleibt ſich in, hrem Gleichmuthe gegen Nielſen's Unglück treu. Ich darf ihr gar nicht ſagen, daß ich ihn beſuche. Es geht viel beſſer mit ihm, und er lächelt wieder wie vorher und ich darf an ſein Lager treten und mit ihm ſprechen. O du himmliſcher Doctor Arle! „Denkſt Du noch an jenen Abend, Röschen“, waren heute Nielſen's erſte Worte,„wo Du der Mutter nach⸗ geſchlichen warſt?“ Ich muß mich verfärbt haben, denn ich konnte es nicht leugnen, obwohl ich mir nicht erklären kann, wo⸗ her er das weiß. „Damals warſt Du freundlicher gegen mich“, fuhr er fort, und ich wußte nicht, wie er das meinen konnte, „Du wichſt mir nicht aus und ſtießeſt mich nicht zurück. Vielleicht, weil es finſter war, he? Du ſprachſt wenig und nur mit leiſer Stimme, aber Du ſagteſt, Du woll⸗ teſt Alles thun, was ich von Dir verlangen würde.“ Mir wurde ſehr bange.„Ich gab Ihnen nie ein ſolches Verſprechen“, entgegnete ich. „Denke an Frau Johanna“, rief er mir zu,„ſie war ertrunken, hahaha! Nicht wahr, ſie war ertrunken?“ Nun war ich überzeugt, daß er phantaſirte, und um ihn nicht durch Widerſpruch zu reizen, gab ich Alles zu, was er behauptete. 112 „Wenn jener Brief nicht kam“, phantaſirte er weiter, „ſo hatte ſie gewonnenes Spiel, meinſt Du nicht?“ „Gewiß!“ „Du Schelm! Warum ſchloſſeſt Du mich ein, wäh⸗ rend ich mir den Hut abbürſtete, um Dich nach Hauſe zu begleiten? Huſch, huſch, warſt Du hinaus und ich eingeſperrt!“ Ich zwang mich zu einem Lächeln, während der Angſt⸗ ſchweiß auf meiner Stirn ſtand. Die alte Wärterin will's nicht zugeſtehen, daß er phantaſire. Ich möchte gern den Doctor fragen, aber habe ich bis jetzt ein Zuſammentreffen mit ihm ver⸗ mieden, ſo wird's mir nun um ſo ſchwerer, ihm unter die Augen zu treten. Es hat mich herzlich gefreut, das Debüt der jungen Sängerin in allen hieſigen Zeitungen übereinſtimmend günſtig beſprochen zu finden. Dieſer glückliche Erfolg, der unter ſo verhängnißvollen Umſtänden errungen ward, iſt ihr gewiß zu gönnen. Ich habe mir die Blätter in den Kaffeehäuſern geſammelt, obwohl ich nicht weiß, was ich damit anfangen ſoll. Es iſt mir unmöglich, die junge Sängerin aus meinen Gedanken zu verdrängen. In jeder Straße, durch die ich gehe, frage ich mich, ob ſie wohl zufällig hier wohnen — 113 ſollte. Und bei jedem Kranken, den ich beſuche, kommt mir, wenn ich über dem Zimmer leiſe Schritte höre, unwillkürlich der Gedanke bei, ſie könne zufällig in dem⸗ ſelben Hauſe wohnen und das dort oben könne ihr Schritt ſein. Heute übergab mir die Krankenwärterin ein Bündel Zeitungen. Der Herr Doctor, ſagte ſie, habe dieſelben aus der Taſche gezogen und auf den Tiſch geworfen, ohne ein Wort zu verlieren. Wahrſcheinlich ſeien ſie für mich beſtimmt. Als ich die Zeitungen auseinander faltete, klopfte mein Herz nicht wenig, denn überall fand ich meinen Namen. Es waren Recenſionen über mein erſtes Auf⸗ treten und alle enthielten ſo glänzende Urtheile über meine Leiſtung, daß ich mit den Blättern ſchnell nach Hauſe eilte, um ſie der Mutter zu zeigen. Ich konnte mich über die Mutter nicht genug wundern! Sie las die Recenſionen mit einem Gleichmuthe, als verſtünde ſich dies Alles von ſelbſt, und warf ſogar einige verächtlich beiſeite, indem ſie äußerte, ſie ſeien nicht warm genug geſchrieben. Ich begreife nicht, wie ich die Thorheit begehen konnte, ihr jene Zeitungen einhändigen zu laſſen. Es wird ihr Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 8 gewiß nicht an Freunden und Bewunderern fehlen, die ſchnell zur Hand ſind, Ueberbringer angenehmer Nach⸗ richten zu ſein. Dieſe Recenſionen gingen mich eigent⸗ lich gar nichts an und ich finde, daß ich ſehr albern und voreilig gehandelt habe. Sie hat wieder geſungen und iſt nun am Theater engagirt. Geſtern Abend war ich, um den Director zu ſprechen, auf der Bühne. In dem matterleuchteten Gange, der dorthin führt, kam mir eine Dame entgegen. In der Mitte des Ganges iſt eine Tafel angebracht, wo die Proben angeſchrieben werden. Dort blieb die Dame ſtehen, um zu leſen. Ich erkannte Roſa, die Sängerin, und kehrte um. Als ich ſpäter zurückkam, war ſie nicht mehr da. Aber ich konnte nicht an der Tafel vorübergehen, ohne die Schrift zu leſen, auf welcher ihr Auge verweilt hatte. Und dann empfand ich eine Oede, eine Leere, als ſei für heute die Miſſion meines Daſeins vorüber und ich müſſe nach Hauſe gehen und mich ſchlafen legen. Vergangenen Abend im Zwiſchenacte ſtand ſie, die ich in jeder Straße, in jedem Hauſe vermuthe, in geringer Entfernung von mir auf der Bühne. Ich wußte, wenn ſie den ſchönen Kopf nur ein klein wenig wendete, ſo mußte ſie mich ſehen, und deshalb ſchlich ich mich fort. 3 115 Es kam mir zwar vor, als hörte ich hinter mir eine Stimme leiſe„Herr Doctor!“ rufen, aber ich ſah mich nicht um und ging weiter. Es rief zum zweiten und zum dritten Male. Ich konnte mich, ohne ſie zu kränken, nicht länger taub ſtellen und drehte mich um. Da ſtand ſie, noch ein gutes Stück hinter mir, zögernd, als hätte ſie die Hoffnung aufgegeben, daß ich auf ihren Ruf hören werde. Sie hat mich vielleicht einen Menſchen⸗ feind nennen hören, dachte ich, und da ich nicht wollte, daß auch ſie mich dafür hielte, ſo trat ich ihr freund⸗ lich entgegen. Sie preßte meine Hand zwiſchen ihre Hände und ſah mich mit einem unendlich glückſeligen Lächeln an. Ich wollte endlich meine Hand wieder zurück⸗ ziehen, aber ſie ließ nur die eine ihrer Hände ſinken und hielt mich mit der andern noch immer feſt. So ſtanden wir lange, und ich weiß kaum, worüber wir ſprachen. Endlich fühlte ich, daß ich ihr ſchuldig ſei, ihre Hand fallen zu laſſen, weil Andere es mißdeuten könnten. Da dachte ich, wie glücklich wohl derjenige ſein müſſe, dem ſich dieſe warme kleine Hand nicht nur auf flüchtige Augenblicke lieh. Nielſen hört nicht auf, von Vorfällen und Dingen zu ſprechen, die mit mir in keinem Zuſammenhange ſtehen. Ich fürchte, durch den Sturz auf den Kopf hat ſeine 3* 116 Geiſtesthätigkeit gelitten. Der Doctor beruhigt mich zwar hierüber, indem er verſichert, der Kranke ſei bei völlig klarem Verſtande, aber er wird mich wohl nur tröſten wollen, damit ich mir keine Gewiſſensbiſſe mache. Es iſt unheimlich, wie Nielſen meinen Widerwillen ignorirt. Er iſt noch immer feſt überzeugt, daß ich kein größeres Glück kenne, als ſeine Frau zu werden. Wenn er mir Vorwürfe machte, die Stube mit Klagen und Schmer⸗ zensgeſtöhn erfüllte, ich wollte es ruhig ertragen. Aber ſein altes teufliſches Lächeln und jene Sicherheit, mit der er mich als ſein Eigenthum betrachtet, haben den letzten Funken reuigen Mitleids aus meiner Bruſt geriſſen. Ich gehe nie wieder zu ihm und faſt fürchte ich den Zeitpunkt, wo er ge⸗ neſen ſein wird und das Zimmer nicht mehr zu hüten braucht. Es iſt auffallend, mit welcher Lebhaftigkeit ſich jetzt wieder meine Gedanken mit Adelinen beſchäftigen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich über vergangene Stunden und Augenblicke, mit denen ſie verflochten iſt, jetzt ſtreng zu Gericht ſitze. Ich denke an jenen Abend, wo ſie vor dem Balle plötzlich unwohl wurde, und be⸗ greife kaum, wie ich nicht ſchon früher auf die Ver⸗ muthung kam, daß ſie mich nur durch ihre ins beſte Licht geſtellten Reize hatte überraſchen und blenden wollen. Ich habe mir ſonſt oft die Stunde zurückgewünſcht, 117 wo meine ſüßeſte Ahnung in Erfüllung ging und Adeline in mein Zimmer trat, und jetzt erſcheint mir die Erinne⸗ rung daran ſo matt wie eine unechte Farbe, die jeder Spur ihres frühern Glanzes entbehrt. Ich gedenke oft jenes räthſelhaften Blickes, dem ich damals in ihren Augen begegnete; ſähe ich ihn heute wieder, er würde mir Mißtrauen einflößen. Ich zweifle nicht, daß Adeline mich geliebt hat, aber ich finde nachträglich, daß ſie, im Gegenſatz zu meiner ſich ganz hingebenden Leidenſchaft, ihrem Herzen, ihren Blicken nach einem gewiſſen Syſteme gebieten konnte. Kurz, ich finde Vieles unecht an Ade⸗ linen, was mir früher im Lichte unbezweifelter Echtheit erſchienen iſt. Bisher habe ich's vermocht, ihren Entſagungsbrief zum zweiten Male zu leſen, und heute entfaltete ich ihn furchtlos und las ihn wiederholt durch, ohne daß mich Schmerz oder Wehmuth ergriffen hätte. Aehnlich lernt wohl ein Kind mit der hohlen Larve ſpielen, vor welcher es ſich entſetzte, ſolange ſie ihm noch als das Geſicht eines Menſchen galt. Man nennt mich den Liebling des Publikums. Bei meinem jedesmaligen Auftreten ſchon rühren ſich die Hände zum Applaus. Es regnet Kränze und Bouquets und die geſammte Preſſe ſtellt mich den gefeiertſten Sängerinnen zur Seite, obwohl die Mutter nach wie vor die Kritiken zu kühl findet. Ich werde an mir ſelbſt irre. Es gibt Stunden, wo ich nicht umhin kann, an eine mir innewohnende höhere Begabung zu glauben, die ich vielleicht ſelbſt nicht zu ſchätzen verſtehe. Aber noch viel, viel öfter ſind die Stunden, wo ich an mir zweifle und die ganze Welt für verblendet halte. Ein armſeliges Blatt, der„Couliſſenfreund“, das ein⸗ zige, welches nicht in das Lob der übrigen mit ein⸗ ſtimmt, ſpricht mir alles Talent ab und ſagt, Minna Schröter werde in unverantwortlicher Weiſe gegen mich zurückgeſetzt. Und ich kann mir nicht helfen, ich glaube dieſen tadelnden Ausſprüchen mehr als allen Lobes⸗ erhebungen. Je höher ich in der Gunſt des Publikums und der Preſſe ſteige, deſto mehr wächſt die Zahl hämiſcher Blicke, die ich inmitten meines Wirkungskreiſes ſelbſt auf mich gerichtet ſehe. Dahinter ſteckt, wie ich wohl fühle, noch etwas Anderes als Neid und Mißgunſt. In der Art und Weiſe, wie man mir die neueſten, von meinem Lobe erfüllten Zeitungen in die Hand gibt, in den Blicken, die man dabei tauſcht, in den Anſpielungen, die man ſich lächelnd zuflüſtert, wenn ſich im Auditorium für mich die Hände zu Beifall und Hervorruf regen, liegt Jronie. 119 Zuweilen, wenn ich ein neues Coſtüm anlege, wechſeln meine Colleginnen Blicke, die noch etwas Anderes als Staunen und Ueberraſchung ausdrücken, und mehr als einmal habe ich bei ſolchen Gelegenheiten hinter meinem Rücken von Blut⸗ und Thränenkleidern flüſtern hören. Es kommt mir oft vor, als wäre Alles um mich her ein Mummenſchanz und ich eine Spottfigur. Auch das männliche Opernperſonal nimmt ein kühles, froſtiges Weſen gegen mich an, und ſelbſt Herr von Kamp, der mir einſt Lehrer und Führer war, zieht ſich von mir zurück, als gereichten ihm meine Erfolge mehr zur Schande als zur Ehre. Gegen eine Dame, eine gewiſſe Majorin von Achtern, die Herrn von Kamp oft in ihre Geſellſchaften zieht, ſoll er über mich die ſpöttiſche Aeuße⸗ rung gethan haben: ich ſei eine zukünftige Henriette Sontag, ein eminentes Talent mit einer glänzenden Zukunft, zuletzt angetraute Gattin eines Grafen oder Fürſten, Prinzeſſin Stubenrauch⸗Schmilinsky. Ich würde es für Verleumdung halten, wenn es nicht mit gewiſſen Illuſionen der Mutter, denen ſie gegen Herrn von Kamp wahrſcheinlich Worte geliehen hat, ſo genau überein⸗ ſtimmte. Es gibt für mich kein größeres Glück, als an Abenden, wo ich zu ſingen habe und der Doctor auf die Bühne kommt, meine Hand in die ſeinige zu legen und mit 120 ihm über Allerlei zu plaudern. Meine Liebe zu dem Manne, der in der ſchwärzeſten Stunde meines Lebens mir wie ein Himmelsbote erſchien, kennt keine Grenzen. Ich kann mir nicht denken, wie ich ſo lange ſchon habe leben können, ohne zu dem edlen Antlitz, zu den feu⸗ rigen Augen emporzublicken, aus denen eine ſo mäch⸗ tige Geiſtesüberlegenheit ſpricht, ein Etwas, deſſen Führer⸗ ſchaft ich mich in jeder Lage des Lebens anvertrauen würde. Es macht mich ſtolz, den Mann zu lieben und mich von ihm wieder geliebt zu wiſſen, den Viele fürchten, und ſo hoch über den Vorurtheilen der Menſchen zu ſtehen. Was ſie auch von ihm ſprechen, ich laſſe ſie reden. Es wäre ſeiner unwürdig, wollte ich ihn ver⸗ theidigen. Nun weiß ich, es gibt Jemand in der Welt, der für mich fühlt, der mich liebt, und die Brücke iſt geſchlagen, die mich„ieder mit den Menſchen verbindet. In jeder Jungfrau, die in der Blüte ihres Lebens dem Tode ins Antlitz ſchaut und von mir Rettung hofft, erblicke ich Roſa. Ich fühle mein Herz mit jedem andern bluten, das ein Herz verlieren ſoll, und die Tage, wo ich mich an den Thränen Anderer weiden konnte, liegen hinter mir wie ein finſterer Traum. 121 Vielleicht habe ich Herrn von Kamp dennoch Unrecht gethan. Geſtern kam er— ich ſprach gerade mit dem Doctor— mit einer eleganten ſchönen Dame auf die Bühne und ſtellte ſie mir als die Majorin von Achtern vor. Sie war äußerſt liebenswürdig und ſagte mir viel Schmeichelhaftes. Heut bereits empfing ich eine Ein⸗ ladung von ihr. —— O Adeline! Adeline! Wie biſt du in meinem Herzen ſo ſchnell dahingewelkt! Du konnteſt noch erſchrecken und erblaſſen, als du mich erkannteſt! Wenn du in deiner herausfordernden Schönheit von Marmor oder von Wachs geweſen wäreſt, mein Herz hätte nicht ruhiger ſchlagen können als geſtern, wo ich dich neben der Zaubrerin Roſa erblickte, die dein Gedächtniß in mir verwiſcht hat. Ich merke ſehr wohl, daß mein häufiger Verkehr mit der jungen Sängerin bei den Mitgliedern der Bühne, . die uns beobachten, keine unbefangene Beurtheilung mehr findet. Sie müſſen es alſo doch für möglich halten, daß mir das junge Mädchen zugethan ſein könnte! Ich ver⸗ 3 aachte die Welt und lege keinen Werth auf ihre Sanction, und doch finde ich in dieſem Falle etwas Beruhigendes darin, daß ich ſie erhalte, und das gibt mir Muth und Hoffnung. Wenn Jemand immer in uns lebt, unſerm Denken und Fühlen gleichſam allgegenwärtig iſt, wie mir Doctor Arle, ſo geht darin allmälig der äußere Organismus auf, in welchem uns der Gegenſtand unſerer Verehrung zuerſt als eine Perſönlichkeit entgegentrat. Wir verlieren die Eigenthümlichkeiten ſeines Geſichts, ſeiner Geſtalt, ſeiner Sprache aus den Augen; wir durchbrechen ſeine materielle Erſcheinung und erblicken zuletzt in ihm nur die Idee, wie in dem Dichter, den wir leſen, dem Mu⸗ ſiker, deſſen Töne wir hören. Die hundertfältigen Beziehungen, in denen mein Freund als Arzt zu andern Menſchen ſtehen muß, ſind für mich gar nicht vorhanden; ich frage nie, aus welcher finſtern Tiefe menſchlichen Elends er zu mir emporſteigt, nicht, wohin er geht, wenn er mir die Hand zum Ab⸗ ſchied reicht. Ich wußte bisher nicht einmal, wo er wohnt, und habe ihn geſtern erſt danach gefragt. Als er mir zur Antwort gab, daß er in der Saulapotheke wohne, entfuhr mir der Ausruf:„Beim Onkel Saul?“ und ich mußte hinter meinem Fächer lachen, denn ich dachte an Arthur. Ich erzählte ihm, daß ich und der Neffe des alten Herrn Hofacker Jugendgeſpielen geweſen ſeien, und erfuhr bei dieſer Gelegenheit endlich wieder etwas über den treuloſen Knaben— er wird jetzt wohl 123 ein Mann geworden ſein— der nie ein Sterbenswörtchen von ſich hören ließ. Er hat ſich wirklich dem Forſtweſen gewidmet. Daß er mich nie aufgeſucht hat, muß ich ihm jetzt eher ver⸗ zeihen, da er ſeine Ferienzeit meiſtens zu Reiſen nach Spanien, Frankreich, Italien und England benutzt haben ſoll. Nächſtens kommt er her, um den Winter hier zu verbringen, und der Doctor meint, es werde gewiß nicht ſein Letztes ſein, ſeine alte Bekanntſchaft mit mir zu er⸗ neuern. Ich bin freilich anderer Meinung. Denn erſtens wird er mich vergeſſen haben, zweitens wird er ein ſehr vornehmer junger Herr geworden ſein— denn als ſolcher ſtand er lebhaft vor meinem Geiſte, als ich von ſeinen Reiſen hörte— und drittens bin ich, o allmächtige Zeit! inzwiſchen zum Theater gegangen. Ei nun, Herr Arthur, man achtet und ſchätzt mich dennoch. Die Majorin von Achtern zieht mich in ihre Kreiſe, behandelt mich wie ihre beſte Freundin und hat mir erſt neuerlich mit eigener Hand einen ſilbernen Lorbeerkranz geworfen! Roſa's Beruf als Künſtlerin iſt für mich merkwür⸗ digerweiſe etwas rein Weſenloſes. Ich habe noch nie daran gedacht, mir ein Urtheil über die Sängerin zu bilden oder dem Stichwort nachzugehen, das ſie von meiner Seite auf die Bühne ruft und gewöhnlich das 124 Zeichen der Trennung iſt. Es ſtellte ſich geſtern ganz zufällig heraus, daß ſie mit dem Neffen des alten Hof⸗ acker ihre Kindheit verbracht hat. Sie lachte viel und ich habe ſie noch nie ſo liebenswürdig neckiſch geſehen. Näch⸗ ſtens werde ich ſie mit etwas überraſchen. Neulich abends zog der Doctor ein Bild hervor, das er in ſeinen Rock geknöpft hatte, und überreichte es mir. Es war eine Photographie in ſchönem Rahmen, und ich gerieth in die größte Verlegenheit, denn ich hielt ſie an⸗ fangs für ſein eigenes Bild. Aber bei näherer Betrach⸗ tung fand ich, daß es ein mir völlig fremdes Geſicht ſei, ein noch junger Mann mit einem wohlgepflegten Backenbarte. Er trug einen zugeknöpften Rock mit Auf⸗ ſchlägen und ſtehendem Kragen, und dennoch fehlte dieſer Kleidung das eigentliche militäriſche Gepräge. Plötzlich entdeckte ich, daß er ſich auf ein Gewehr ſtützte, und da fielen mir gleich die Haſen und die Wälder ein, und der wohlgepflegte Backenbart, der mich ſo irre geführt hatte, war weiter nichts als die neue Nachbarſchaft alter be⸗ kannter Geſichtszüge. Ja, es war Arthur! Ach, du altes Haus da drüben, zu dem ich täglich hinüberblicke, mir wurde plötzlich zu Muthe, als wären wir beide weit hinter der Zeit zurückgeblieben und als hätte jenes männliche Geſicht mit mir und dir gar nichts mehr zu thun! ——— ,—— 125 Als ich ihr das Bild des jungen Hofacker zeigte, fiel mir die Haſt auf, mit welcher ſie mir es nach längerem Betrachten zurückgab. Auch war mir's als hätte das Roth ihrer Wangen eine dunklere Färbung angenommen, und noch ſeltſamer fand ich's, daß ſie über das Portrait kein Wort laut werden ließ. Still, du klopfendes Herz! Ich ſehe, daß ich immer noch ein Bruchtheil meines frü⸗ hern Mißtrauens in mir trage und daß meine durch bittere Erfahrungen geſchärfte Beobachtungsgabe mich oft zu weit führt. Neuntes Kapitel. Onkel Saul's Haar, das ſich lange grau erhalten hat, iſt im Laufe der letzten Jahre nicht nur ſchneeweiß geworden, ſondern, als hätte es etwas Verſäumtes nach⸗ holen wollen, an vielen Stellen ſogar ausgefallen. Unter dem Deckmantel vorübergehenden Unwohlſeins haben ſich nach und nach allerlei kleine körperliche Leiden eingeſtellt; ſie kamen, um einen bildlichen Ausdruck zu gebrauchen, mit einem ganz unſcheinbaren Bündel unter dem Arme, als beanſpruchten ſie nur ein einfaches Nacht⸗ quartier. Aber das iſt Jahre her, und ſie ſind nicht wieder gegangen. Sie haben ſich an ihn geſchmiegt wie ein goldener Ring an den Finger, der mit dem Fleiſche förmlich verwachſen und nicht mehr herunterzubringen iſt. Damals, als der Onkel Saul krankhafte Zuſtände — 127 ſimulirte, hat er ſo ziemlich das Richtige getroffen. Er würde jetzt in allem Ernſte einen ſein Geſicht bedrohenden Ball zu gewiſſen Zeiten nicht mehr mit der Hand ab⸗ wehren können; er muß oft genug aus dem Wagen gehoben und geführt werden, und es iſt keine Prahlerei mehr, wenn er ſich rühmt, daß er die Tugend der Mäßigkeit übe, mit friſchem Waſſer vorlieb nehme und Wein nur als Medicin genieße. Es hat ſich außerdem auch noch manches Andere eingefunden, an das er früher nicht ge⸗ dacht hatte, zum Beiſpiel ein heftiges Zittern der Hände und ein immerwährender Reiz zum Huſten. Aus Rück⸗ ſicht für den letztern hat er ſich ein ſehr leiſes Sprechen angewöhnt. Gedämpft, ſo zu ſagen auf Socken ſchleichend und die Schuhe in der Hand, entwindet ſich jedes Wort aus ſeiner Bruſt, als wäre es Contrebande. Laut lachen darf er gar nicht mehr; ganze Abende lang, die er zu⸗ weilen noch in geſelligem Kreiſe verbringt, hängt die Möglichkeit, daß Jemand einem unwiderſtehlich komiſchen Einfalle Worte verleihen könnte, wie ein Damokles⸗ ſchwert über ſeinem Haupte, und ſeine Hände müſſen immer bereit ſein, im entſcheidenden Augenblicke die Ohren zu bedecken. Seine Briefe an Arthur ſind reich an vortrefflichen Lehren, welche die Geſundheit, das höchſte Gut des Lebens, betreffen. —yy— 128 „Die Natur iſt entſetzlich nachträglich“, ſchrieb er einſt,„unſere Schuld an ſie verjährt nie. Es müßte aber doch ein Hauptſpaß ſein, wenn wir ihr, wie ein böswilliger Bankrottirer, die Fallitmaſſe unſerer Zer⸗ rüttung hinwerfen könnten, um mit heimlich geretteten Kräften aufs neue zu beginnen!“ Er vergegenwärtigte ſich, während er dies nieder⸗ ſchrieb, die Vortheile eines ſolchen Falliments ſo lebhaft, daß er dabei ganz verſchmitzt lächelte. Vom Sterben und Teſtamentmachen ſprach er jetzt nicht mehr. Ueberhaupt vermochte er nicht zu faſſen, wie es Greiſe geben könne, die ſich nach der ewigen Ruhe ſehnen. Er war trotz ſeiner ſchlafloſen Nächte mit dem Stündchen Ruhe, das er am hohen Mittag im Armſeſſel genoß, vollauf zufrieden und fand es, wie er gelegentlich an Arthur ſchrieb, ſogar ſehr ſüß, wenn der Schimmer des ſonnenhellen Tages mit ihm einnickte, um mit ihm wieder zu erwachen. Dabei war er ſehr thätig. Sein Kabinet, das an die Officin grenzte, heimelte ihn jetzt an wie nie vor⸗ her. Dort ſaß er vor ſeinen Rechnungsbüchern und ver⸗ grub ſich in Ziffern und Zahlen, ein Grab, das friſches, fröhliches Leben iſt gegen jenes, in das man uns ſeidene Ruhekiſſen und Bänder und Blumen mit hinabgibt. Manchmal blieb er in der Hausflur der Apotheke 129 ſtehen, um ſich, durch das Schiebfenſter der Officin blinzelnd, an dem behaglichen Anblick ſeines Kabinets zu weiden, von welchem ihm, wie die Fragmente einer ge⸗ heimnißvollen Theaterperſpective, einige vergoldete Bücher⸗ rücken, darüber ein Theil des Spiegels mit orange⸗ gelben Quaſten und die vom Feuerſcheine des Ofens beleuchteten Meſſingknöpfe ſeines Rollſtuhls einladend zuwinkten. Aber auch ſonſt in Haus und Hof entwickelte er auf ſeine alten Tage eine ſtaunenerregende Umſicht und Thätigkeit. Im Stalle bei den Pferden, im Wagen⸗ ſchuppen, im Garten bei den Beeten, in jedem Winkel des Hauſes, wo etwas reparirt oder ein Neubau vor⸗ genommen wurde— und er ließ jetzt ſehr viel bauen— ja, in jedem Zimmer, wo der Ofen rauchte, griff er lobend oder tadelnd, rathend und beſichtigend, als fünftes Rad am Wagen, it ein und lief allen in den Weg. Man kann ſich nur ſchwer einen Begriff davon machen, wie neu und friſch ihm das Leben mit ſeinen kleinen Freuden und Genüſſen erſchien, wie innig ſein Herz an dem gewohnten Kreislaufe des Daſeins hing, auch wenn er daran nicht unmittelbar Theil nehmen konnte. Er freute ſich ſo recht innerlich und rieb ſich vergnügt die Hände, wenn die erſten Schneeflocken langſam träu⸗ meriſch an ſeinem Fenſter vorüberſchwebten und den weiten Marktplatz verſtohlen überſpannen, oder wenn die Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 9 130 fröhliche Weihnachtszeit mit ihrem Stollen⸗ und Kerzen⸗ duft und den neuen Feiertagskleidern herankam. Er lauſchte mit ſonſt nie gefühlter Andacht den rufenden Oſterglocken und begrüßte die erſte Roſe wie ein verliebtes Mädchen. Die wogenden goldenen Kornfelder hätte er mit beiden Armen umfaſſen und an ſein Herz drücken mögen, und wieder war er der glücklichſte Menſch an ſeinem Kamin, wenn die Blätter von den Bäumen fielen und Herbſt⸗ nebel ihm ſeine Nachbarſchaft verhüllten. Er nahm an Allem lebhaftes Intereſſe, ſogar an Vorkommniſſen, die manchem Andern gleichgültig ſind. So meldete er einſt ſeinem Neffen an der Spitze eines langen, wichtigen Schrei⸗ bens:„Geſtern hat in den hieſigen Wallanlagen ein toller Hund einen Schwan todtgebiſſen, deſſen Alter man auf zweihundert Jahre ſchätzt!“ Was nützt Geld und Reichthum, hört man Viele ſagen, wenn es mit dem Leben bergab geht? Kann man mit allen Schätzen dieſer Welt den Tod aufhalten? Dazu verhilft der Reichthum allerdings nicht, aber wir können uns durch ihn einen unſchätzbaren Vortheil, eine große Beruhigung verſchaffen: wir können uns einen Leibarzt halten. Der alte kränkelnde Hofacker hatte die ſüße Genugthuung, daß der berühmteſte Heilkünſtler weit und breit mit ihm unter einem Dache ſchlief. Er hatte, als die ganze Welt ſich von dem Doctor Arle abwendete, 131 dieſen in ſein Haus aufgenommen und würde ihm gewiß mehr als freie Wohnung gewährt haben, hätte der ſtolze Doctor ſich bewegen laſſen, mehr anzunehmen. Doctor Arle war Onkel Saul's Adminiſtrator. Wenn der Alte dann und wann eine Cigarre rauchte oder ein Glas Wein trank, ſo geſchah es nie ohne die Erlaubniß des Doctors, und während er ſich den kleinen Genüſſen hingab, warf er auf ſeinen Gebieter ſo dank⸗ bare Seitenblicke, als wäre dieſer der gütige Gott ſelbſt, der Wein und Tabak wachſen ließ. Der ſeltſame Hausgenoſſe iſt Onkel Saul's täglicher Umgang. Nach Tiſche ſpielen beide regelmäßig Schach, zuweilen ſpeiſen ſie auch zuſammen oder fahren ſpazieren. Der Alte hat noch nie gewagt, ſeinen Leibarzt zu fragen, ob ſein Uebel gefährlich ſei, ob er bald ſterben werde oder noch lange leben könne, obgleich er über⸗ zeugt iſt, daß dieſer ihm mit einem Worte, einem Stirn⸗ runzeln die genaueſte Auskunſt zu geben vermöchte. Manchmal nur, wenn ihn der Huſten befällt, beſitzt er die Kühnheit, einen verſtohlenen Blick nach dem Doctor zu werfen; aber deſſen Mienen behaupten ſich in einer unerſchütterlichen Neutralität. „Ich weiß es“, ſchrieb er ſeinem Neffen,„daß mein Hausgenoſſe eine höhere Erkenntniß von meinem künftigen Schickſale hat als ich ſelbſt, und mitunter, wenn ich ihn 1 94 anſehe und mich im Stillen frage, welche Stunde der mir zugemeſſenen Zeit er wohl jetzt in ſeiner Seele ſchlagen hört, da kommt mir's vor, als wären ſeine ruhigen Züge die falſchgeſtellten Zeiger einer Uhr, deren inneres Picken meiner Todesſtunde näher iſt, als ich glaube.“ Dieſe und ähnliche düſtere Betrachtungen ſtanden mit des Onkels wahrer Anſicht von ſeiner Lebensdauer im grellſten Widerſpruche, und er ſchrieb ſie nur deshalb nieder, weil er wußte, daß Arthur ihn in ſeinem Antworſchreiben des Gegentheils verſichern werde. An einem kalten Winterabende ging der alte Herr im Wartezimmer des Bahnhofs auf und ab. Er war, um ſich vor der Zugluft zu ſchützen, in einen mächtigen Pelz gehüllt, deſſen hoher, emporgeſchlagener Kragen dort aufhörte, wo die Pelzmütze begann, und nahm ſich in dieſer Umhüllung ſo abenteuerlich aus, daß ein kleiner furchtſamer Knabe auf den Augenblick wartete, wo das Ungethüm den Stock, auf den es ſich ſtützte, quer über die pelzigen Schultern legen und mit eingehängten Armen ſich nach Bärenart im Kreiſe drehen oder wohl gar auf einen Stuhl ſteigen und mit ſeinen zottigen Tatzen das Gas zudrehen würde, um ſich dann im Finſtern über das Zuckerwerk herzumachen, das auf dem Büffettiſche unter großen Glasglocken aufgeſchichtet war. — 133 Es gereichte dem Kleinen daher zu nicht geringer Beruhigung, als endlich der Bärenführer, der nach dem Perron hinausgegangen war, wieder zurückkehrte. Der galonirte Bärenführer meldete ſeinem Herrn, daß der erwartete Zug ſignaliſirt ſei. und in der That währte es auch nicht lange, ſo erzitterten die Fenſter des Wartezimmers und die Glasglocken mit dem Confect von dem Brauſen der Locomotive, die den Train donnernd in die Halle führte. Durch das Gewühl der hereinſtrömenden Paſſagiere brach ſich ein junger hochgewachſener Mann etwas rück⸗ ſichtslos Bahn. Es war Arthur. Kaum war er des alten Herrn im Pelze anſichtig geworden, ſo ſtürzte er ſich auf ihn und drückte mit den Ausrufe:„Theurer Onkel!“ den ſchwächlichen Greis fünf⸗ bis ſechsmal ſo kräftig an ſeine Bruſt, daß dieſer einen Huſtenanfall bekam, für den er eine ganze laute Rede hätte halten und auch mehreren humoriſtiſchen Vorleſungen hätte beiwohnen können. Es lag etwas unbändig Lebensfriſches in Arthur's herzlichen Ausrufen und in ſeinen ungeſtümen Bewegungen, worüber des Onkels Huſten eine ſehr untergeordnete Rolle ſpielte, trotzdem daß er zwiſchen je zwei Worten mit erneuerter Heftigkeit ausbrach. Erſt als die Beiden im Wagen ſaßen, bemerkte Arthur:„Potz Blitz, Onkel, ich dächte, Sie hätten einen tüchtigen Huſten!“ 134 Der glückliche Onkel gab das huſtend zu, meinte aber, das thäte nichts, und fand dieſen Umſtand neben einem ſo wichtigen Ereigniß, wie die Ankunft des Neffen, nicht der Rede werth. Mit lauter, das Rollen der Räder übertönender Stimme erzählte Arthur dem Ontkel allerlei Neuigkeiten, und damit der Neffe ſein Schweigen nicht für Theil⸗ nahmloſigkeit halte, lehnte der Onkel ſich weit vor, ſo⸗ daß Arthur im Scheine der Wagenlaternen deutlich das lebhafte Zunicken ſeines Kopfes bemerken konnte. Es war ſchon ziemlich ſpät am Abend, und Oheim und Neffe begaben ſich bald nach ihrer Ankunft in der Saulapotheke in ihre Schlafzimmer. Der alte Hofacker verbrachte, wie gewöhnlich, eine ſchlafloſe Nacht, und ſo⸗ bald die Morgendämmerung zum Fenſter hereinbrach, ſtand er auf. Arthur lag noch in feſtem Schlummer und der Onkel glaubte vorauszuſehen, daß noch manches Stündchen hinſchleichen würde, ehe er ihm guten Morgen wünſchen könne. Er nahm inzwiſchen Arthur's Photographie von der Wand und verlor ſich in langes Anſchauen. Dann griff er nach einem Oelportrait, das einſt Arthur's Aeltern gehört hatte und auf welchem dieſer als dreijähriger Knabe mit blauen Engelsaugen im bloßen Hemdchen dar⸗ geſtellt war und mit beiden Händen einen großen Apfel feſthielt. 135 Allmälig erwacht die Saulapotheke zum Leben. Die Hausmädchen ſchaffen große Teppiche in den Hof und fangen an, dieſe auszuklopfen, und infolge dieſes lange nicht gehörten Geräuſches wendet ſich Arthur im erſten Stock in ſeinem Bette um, ſchläft aber gleich wieder ein. Auf einem Gange verſammelt ſich die Dienerſchaft um den Hausknecht, welcher die Zahl der Kleidungsſtücke, die er des Morgens zu reinigen hat, unter andern um ein Paar mächtiger Kanonenſtiefel und ein ſchmuckes grünes Wams, ähnlich wie es die Jäger tragen, vermehrt ſieht. Neugierig werden dieſe Gegenſtände von allen betrachtet, beſonderes Intereſſe aber flößt das Jagdmeſſer ein, das an einem Lederriemen hängt, und in theatraliſcher Stellung zückt es der Hausknecht nach dem Herzen der Köchin, die ſo laut aufkreiſcht, daß ſich nun auch der Doctor im zweiten Stock auf das andere Ohr legt. Ziemlich um dieſelbe Zeit wickelt Onkel Saul große raſchelnde Papierrollen zuſammen; es ſind Zeichnungen, die er eben beſichtigt hat, und wie eine Schmarotzerpflanze ſchmiegt ſich an jede Landſchaft, an jeden Kopf und jedes Thierſtück der Schriftzug: Arthur Hofacker pinxit. Der Charakter der Handſchrift deutet auf die Gymnaſiaſten⸗ zeit zurück. Onkel Saul durchſtöbert heute Alles, was in Beziehung zu Arthur ſteht, und erinnert an reiſende Engländer, die das Intereſſe an einer Gegend, welche in 136 Wirklichkeit vor ihren Blicken liegt, noch dadurch zu er⸗ höhen meinen, daß ſie in ihrem Murray darüber nach⸗ leſen. Jetzt kommen Arthur's Briefe an die Reihe, die der Onkel, in der umgekehrten chronologiſchen Zeitrechnung der Weltgeſchichte vor Chriſti Geburt, rückwärts lieſt, und er hält gerade einen der älteſten Briefe in der Hand, da erſcheint Arthur ſelbſt im Schlafrocke, lieſt den Brief ebenfalls und muß darüber unbändig lachen. Faſt durch das ganze Haus kann man heute die Spur des neuen Bewohners verfolgen, man braucht nur dem angenehmen Cigarrendufte nachzugehen, der die alte Wirth⸗ ſchafterin auf dem Corridor und in verſchiedenen Zimmern zum Huſten reizt.. Die Gehülfen in der Officin unten finden ſich heute und die folgenden Tage zu Vergleichen veranlaßt, die für ſie trübſelig genug ausfallen. Es muß etwas Schönes ſein, wenn man mit ſo tiefen Bücklingen begrüßt wird und etwas ſo Imponirendes in ſeinem Weſen hat, daß einen Niemand anzureden wagt als höchſtens der erſte Proviſor. Es muß eigenthümlich ſein, wenn man im Kabinet des alten Herrn ſo laut ſprechen und lachen, wenn man dort ſogar ungeſtraft in Gegenwart des alten Herrn ſeine Cigarre rauchen darf, die man obendrein aus deſſen Kiſte nimmt. Es muß ein ganz merkwürdiges Gefühl ſein, wenn man zu jeder beliebigen Stunde der 4 4 137 Saulapotheke den Rücken kehren und in den Auſternkeller oder ins Café gehen kann, und es muß etwas Erheben⸗ des ſein, wenn man, ſtatt den Mörſer zu ſtoßen, ſich nicht weit davon, im Hofe, auf das Reitpferd ſchwingen kann, das allein ſo viel werth iſt als der Lohn, für welchen man ſich zwei Jahre lang abmüht und keine Nacht im Bett verbringt, ohne von der Nachtglocke her⸗ ausgeläutet zu werden. Arthur durchwandert fleißig die Straßen der Stadt, in der ſeit den zwei Jahren, wo er nicht hier war, ſo viel Neues entſtanden iſt, daß ihm Vieles alt vorkommt, was er während ſeiner Ferienbeſuche neu fand, und er die Eindrücke der letztern mit denen ſeiner Knabenjahre vermiſcht. Auf der andern Seite erſcheint ihm manches Großartige ſeiner Vaterſtadt, das er in andern Städten vermißte, jetzt weniger impoſant, weil er es vor ſich ſieht, und es dünkt ihm, als habe er zuweilen, wenn er Andern die Vorzüge ſeiner Heimat rühntte, den Mund etwas voll genommen. Er ſollte doch meinen, daß in frühern Zeiten viel mehr Schiffe im Hafen gelegen hätten, daß der Verkehr in dieſer und jener Straße lebhafter geweſen, die Baumgänge der Promenade früher verſchlungener waren. Die Börſe, das Theater und andere öffentliche Gebäude machen ihm, ſo gewaltig ſie immerhin vor ihm ſtehen, dennoch den Eindruck, als wären der Stufen daran jetzt 138 weniger, als wären ihre Säulen niedriger, ihre Fronten ſchmäler, ihre Fenſter enger geworden. Und was ZJugend⸗ erinnerungen betrifft, ſo haben die frühern Beſuche, die zwiſchen heute und der Knabenzeit liegen, die geheiligten Fußtapfen ſchon verwiſcht und den eigenthümlichſten Reiz weggeſchwemmt. Hier in dieſer Straße wohnte er einſt bei Lebzeiten ſeiner Aeltern, und in dem Hauſe dort drüben wohnte Roſa Stubenrauch. Er war während der Ferien ein paarmal oben, aber Roſa's Mutter behan⸗ delte ihn wie einen Fremden und wies ihn unfreundlich ab, denn Roſa ſei nicht zu Hauſe, werde auch heute nicht wiederkommen; Roſa ſei verreiſt und die Dauer ihrer Abweſenheit werde Arthur's Ferienzeit weit über⸗ ſteigen. So iſt denn auch über dieſe Jugenderinnerung Gras gewachſen und Arthur iſt in dieſer Straße ein Fremder, und wer weiß, wer jetzt da oben wohnt, wo einſt Roſa wohnte. So ändert ſich Alles, denkt Arthur bei ſich, und ſchlendert weiter. An einer Ecke lieſt er den Theater⸗ zettel. Man gibt heute eine Oper. Es fällt ihm etwas an dem Zettel auf. Unter dem mitwirkenden Perſonal iſt ein Fräulein Stubenrauch angeführt. Sollte das etwa Roſa ſein? Wenn er auch keine Sehnſucht fühlt, ſie aufzuſuchen, ſo treibt ihn ein neugieriges Intereſſe am Abend doch ins Theater. Als er die Zuſchauermenge 139 ſieht, die Inſtrumente ſtimmen hört und nach dem geheim⸗ nißvollen Vorhange blickt, kommt es ihm nicht recht wahr⸗ ſcheinlich vor, daß er hier ſeine frühere Geſpielin wieder⸗ finden werde. Der Zweifel umſpinnt ihn immer mehr und verläßt ihn auch dann nicht, als die Sängerin auf⸗ tritt, denn wer wird es wagen wollen, dieſe ideale Er⸗ ſcheinung mit den in den Nacken herabfallenden Locken und den brennenden Augen, dieſe Erſcheinung, durch ihr ſtrahlendes Coſtüm, durch die magiſche Wirkung der Be⸗ leuchtung, durch den Schmelz der Muſik, mit der ſich ihre weichen Töne miſchen, und endlich durch die poetiſchen Beziehungen ihrer Rolle gehoben und verklärt zu einem traumhaften Bilde— wer wird es wagen wollen, ſie auf jenes Kind zurückzuführen? Sie hatte unter Anderm auch einige Worte zu ſprechen. Doch war ihm weder der Klang ihrer Stimme, in der ſich Schüchternes und Zartes wunderbar vereinten, noch ihr Tonfall oder ihre Aus⸗ ſprache ein Anhaltepunkt. Als die Vorſtellung zu Ende war, wußte Arthur noch immer nicht, ob er Roſa Stubenrauch oder eine Fremde geſehen habe. Er beſuchte noch an mehreren Abenden, wo ſie ſang, das Theater, und da es einen angenehmen Reiz auf ihn ausübte, ſeine einſtige Geſpielin in den Zauber jener Erſcheinung zu kleiden, ſo ließ er ſeine Phantaſie gewähren und hielt die Verſchmelzung ſeiner Jugenderinnerungen mit der ſchönen 140 Sängerin halb für Wahrheit, halb für eine poetiſche Täuſchung. Arthur fand bald, daß weder die Wahrheit noch die Täuſchung ihm allein gehöre. Die Hände, welche ſich zur ſtürmiſchen Bewillkommnung regten, ſo oft die Sängerin auf der Bühne erſchien, hatten auch ihren Antheil daran; die Kränze und Bouquets, die ihr aus den Logen zuflatterten, hundert glühende Blicke, die Arthur auf die Sängerin gerichtet ſah, die Poſaunenſtöße der Kritik, die den Namen Stubenrauch täglich in alle Häuſer trugen, ja, begeiſterte Sonette, deren Gegenſtand die Sängerin war, hatten ihren Antheil daran und fragten nicht nach dem heiligen Vorrechte der Jugenderinnerungen. „Herr Doctor“, redete Arthur einmal ſeinen Haus⸗ genoſſen an,„Sie ſtehen in ziemlich naher Beziehung zum Theater. Kennen Sie vielleicht eine— Plötzlich aber ſtützte Arthur den Kopf in die Hand, ſchloß die Augen, rieb ſich die Stirn und fügte unter ſeltſamem Lächeln hinzu:„Nein, ich brauche es nicht zu wiſſen; es intereſſirt mich nicht.“ „Sie meinen“, erwiderte der unerbittliche Doctor,„ob ich eine Sängerin Namens Stubenrauch kenne?“ Arthur lachte. „Roſa Stubenrauch?“ fuhr Doctor Arle fort. Arthur lachte noch mehr. Aber er richtete keine Frage 141 weiter an den Doctor, war auch nicht neugierig, zu er⸗ fahren, wie ſich ſeine Beziehungen zu Roſa dem Doctor erſchloſſen hatten. Aber mit der poetiſchen Täuſchung war es jetzt vorüber, und um die Sache vollends kurz ab⸗ zuthun, beſchloß Arthur, ſeiner Jugendfreundin eine erſte und letzte Viſite zu machen. Eine letzte Viſite deshalb, weil er ſich mehr oder weniger einer praktiſchen An⸗ ſchauungsweiſe zuneigte. Er würde ſeinen eigenen Beruf verachtet haben, wenn dieſer ihm nur die Aufgabe geſtellt hätte, den Bewohnern des Waldes aufzupaſſen und die Küchen mit Wildpret zu verſorgen, und war längſt ge⸗ wohnt, ſein grünes Revier nach Klaftern zu bemeſſen und über den Laien zu lächeln, der das Schwinden der ſchattigen Waldidylle beklagte. Er konnte ſeinen Homer auswendig und war ein begeiſterter Verehrer Shakſpeare's und unſerer deutſchen Dichterheroen, aber er las nie einen modernen Roman und dachte über das Epigonenthum nicht viel beſſer als über den Müßiggang. Er ging zu ſeiner Zerſtreuung gern ins Theater, ſah und hörte gern etwas Gutes, Gediegenes, ſpendete den Darſtellern gern ſeinen Beifall, aber von der Menſchenwürde des Theater⸗ völkchens hielt er nichts. Deshalb eine erſte und letzte Viſite. Zuvörderſt wollte Arthur überhaupt dem alten Hauſe einen Beſuch machen, und wenn Roſa wirklich noch dort wohnte, ſo ſollte ſie Arthur's Beſuch in erſter Reihe ſeiner Pietät für die Lokalität zu verdanken haben. Es war fraglich, ob er ſie in einem andern, fremden Gebäude aufſuchen werde. Er iſt beinahe verſtimmt, als er das Haus betritt. Da ſteht er auf dem erſten Treppenabſatz, von welchem ein großes Fenſter nach dem Hofe hinabführt. Wenn er in ſeiner Knabenzeit mitunter zu bequem war, die übrigen Stufen vollends hinaufzuſteigen, ſo hat er von hier aus Roſa mit lauter Stimme gerufen, damit ſie herabkäme. Zuweilen ließ ſie lange auf ſich warten, und zum Zeit⸗ vertreib hat er inzwiſchen ihren Namen in die Fenſter⸗ ſcheibe gekritzelt. Die alten Fenſterſcheiben ſind natürlich nicht mehr vorhanden, aber an dem Hintergebäude, auf das er gerade herabblickt, hängt noch immer die alte Firma„Sargmagazin“ und ein Theil des Hofraums iſt noch immer mit Hobelſpänen bedeckt, aus welchen er und Roſa ſich oft die ſchönſten herauswühlten, um ſie als Locken in die Haare zu hängen. Aber blickt Roſa's Auge noch in dieſen Hof hinab? Schreitet ihr Fuß noch über dieſe Stufen? Wohnt ſie auch wirklich noch hier, oder iſt ſie dieſer Stätte jetzt ferner als Arthur ſelbſt? Iſt dieſes Zuhauſe vielleicht längſt nicht mehr Roſa's Zu⸗ hauſe, und ſind Arthur's Schritte, die an der Treppen⸗ wand jetzt wiederhallen, m Ende gar die überlebenden? aufregenden Thätigkeit; aus ihrem Auge blickt noch immer 143 Es begegnen ihm Leute auf der Treppe, aber er mag nicht fragen. Jetzt ſteht er vor der Klingelthür. Ein eigenthümlicher, nicht unangenehmer Geruch, der ihn früher ſtets an dieſer Schwelle empfing, herrſcht noch immer hier, gleichſam wie der gefangene Dunſtkreis vergangener Zeiten. Arthur zieht die Glocke. Jemand kommt und öffnet. So wenig Umſtände wie dieſer grünröckige, mit einem kurzen Schwert bewaffnete Fremde hat noch Nie⸗ mand mit Frau Stubenrauch gemacht; ein kurzes„Guten Tag!“ ein Blick in das offenſtehende Wohnzimmer, der laute Zuruf:„Ah, Fräulein Stubenrauch!“ ein paar dröhnende Schritte— und drin war er, ehe noch Frau Stubenrauch den Schlüſſel wieder umgedreht hatte. Roſa iſt nicht erſtaunt. Ihr Erröthen, ihr Lächeln und ihr Blick ſcheinen zu ſagen: Halb bin ich überraſcht, halb hatte ich's gehofft. Und die Theaterfee ſteht jetzt vor Arthur, als wäre ſie aus Liebe zu einem Sterb⸗ lichen ſelbſt eine Sterbliche geworden. Wie iſt ſie hier, wenn auch umgeben von einer Menge prangender Bou⸗ quets, die Arthur an die gefeierte Sängerin erinnern müſſen, dennoch eine ſo ganz Andere, in dem einfachen gelben Morgenkleide mit den ſchwarzen Streifen! Das Incarnat der ſammtnen Wangen iſt hier einer ungemein zarten Bläſſe gewichen, vielleicht die Folge ihrer innerlich 144 das kindliche Gemüth der Jugendgeſpielin; die feine Naſe, der rothe Mund ſind noch ſo klein wie damals, und noch heute würden dieſer niedlichen Hand die dunklen Handſchuhe paſſen, die ſie damals umſchloſſen, wo die Kinder einander auf der Straße begegneten. Nichts hat ſich an ihr verändert, nur ihr ſchlanker Wuchs erinnert an die Entfernung, die zwiſchen damals und heute liegt. Man könnte glauben, ſie ſei auserſehen zu ewiger Jugend. Und gerade der Gegenſatz der Wahrnehmungen, die wohl⸗ thuend, beſeligend auf Arthur einſtrömen, iſt es, der Roſa an ihrem Jugendfreunde freudig überraſcht. Das iſt nicht mehr der ſtammelnde, verlegene Knabe, das iſt ein blühender, beſonnener Mann, der trotz ſeiner Ueber⸗ raſchung hundert beherzte Worte findet und zu dem ſie faſt ſchüchtern emporſchaut. Daß er ſein Verſprechen, ihr öfters zu ſchreiben, nicht gehalten, ſie auch nie wieder beſucht hat, erwähnt Roſa mit keiner Silbe. Frau Stubenrauch betheiligt ſich an der Unterhaltung dann und wann durch einz höfliches Lächeln oder Kopfnicken und beſorgt im Uebrigen ihre häuslichen Angelegenheiten. Roſa erwähnt lächelnd die Verkaufsbude und ſagt, daß ſie oft habe lachen müſſen, wenn ſie ſich im Geiſte vorgeſtellt habe, wie Arthur ſich ausgenommen haben müſſe, als er mit allem Eifer ſeine Bude zerſägt habe. 145 Die Mutter fordert ſie auf, Herrn Hofacker etwas vorzuſingen. Roſa lehnt es ab; Herr Hofacker habe ſie ja ſchon, wie er ſagte, im Theater gehört. Herr Hof⸗ acker billigt im Stillen dieſen Einwand, ſieht ſich aber doch aus Höflichkeitsrückſichten veranlaßt, ſich der Auf⸗ forderung der Mutter anzuſchließen, und endlich geht Roſa ans Klavier, wo ſie ein Weilchen unſchlüſſig ſtehen bleibt. Die Mutter ſchlägt ihr verſchiedene Bravour⸗ arien aus verſchiedenen Opern vor, und endlich ſcheint Roſa ihre Wahl getroffen zu haben. Sie ſchlägt einige Accorde an, aber ſchon nach dem erſten Takte, den ſie ſingt, verläßt die Mutter das Zimmer. Wer hat dich, du ſchöner Wald, Aufgebaut ſo hoch da droben? Wohl den Meiſter will ich loben, Solang' noch meine Stimm' erſchallt. Lebe wohl, du ſchöner Wald! Tief die Welt verworren ſchallt, Oben einſam Rehe graſen, Und wir ziehen fort und blaſen, Daß es tauſendfach verhallt: Lebe wohl, du ſchöner Wald! Was wir ſtill gelobt im Wald, Wollen's draußen ehrlich halten, Ewig bleiben treu die Alten Bis das letzte Lied verhallt. Schirm' dich Gott, du deutſcher Wald! Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 1 10 146 Arthur ſteht hinter der Sängerin. Er lauſcht, den Kopf etwas geſenkt und die Hand am Kinn. Er ſagt kein Wort des Beifalls, als Roſa nach Beendigung des Liedes aufſteht. Er war blutroth im Geſicht geworden; Roſa lächelte harmlos, bis er fragte, ob ſie noch viele ſolcher Waldlieder ſänge; da ſagte ſie:„Ja“ und wurde auch roth. Als Arthur ſich endlich entfernt, begleitet ihn Roſa bis an die Treppe, und Arthur bittet um die Erlaubniß, ſeinen Beſuch wiederholen zu dürfen, die ihm auch ge⸗ währt wird. Arthur reicht ihr die Hand zum Abſchied und mit einer graziöſen Verbeugung entſchwindet ſie ſeinen Blicken. Dann ſtürmt er die Treppe hinunter, vorbei an jenem Treppenfenſter, ohne ſich dabei der Betrachtungen zu erinnern, die ihn beim Hinaufgehen beſchäftigten, und ohne einen Blick nach den Hobelſpänen zu werfen, die man als Locken in die Haare hängen kann. Zehntes Kapitel. Es war einmal eine Zeit, da beſuchte der Gymnaſiaſt fleißig einen Freund, der eine ſchöne Schweſter beſaß. Sie hieß Agathe, und an manchem Winterabende, den Arthur in dem Kreiſe der befreundeten Familie verbrachte, ſaß Agathe neben ihm. Agathens Vater hatte eine Spiel⸗ doſe, die ſtellte er des Abends zuweilen auf den Fami⸗ lientiſch, und obwohl ſie immer dieſelben Stückchen ſpielte, ſo klangen dieſe doch mit jedem neuen Abende lieblicher in Arthur's Ohren, je tiefer er in Agathens blaue Augen ſchaute, je verſtohlener beide einander heimlich die Hände drückten. Dann kamen Abende, wo die Spieldoſe ſchwieg, weil im Nebenzimmer die kranke Agathe lag, und Tage kamen, wo er an ihrem Lager ſaß und ſie ihn mit dem Ausdrucke einer unendlichen ſchmerzlichen Liebe anblickte. . 10* 148 Und bald ſchloſſen ſich die blauen Augen auf ewig, und ſie, die er ſeine Agathe nannte, war nicht mehr. Dann kam die Zeit der Sommerferien; da dachte er nicht an Roſa, da ging er unbewegt an der Stelle vor⸗ über, wo einſt der Ruf„Arthur!“ ertönt und ſein In⸗ neres noch von einem ſeltſamen Traume bewegt war. Aus einem Hauſe, an dem er damals häufig vorüber⸗ ging, klangen des Abends die leiſen Harfentöne einer Spieldoſe. Und in mancher Sommernacht legte er ſein Ohr an den verſchloſſenen Laden und lauſchte und dachte an eine andere Spieldoſe. Und wenn dieſe hier auch andere Melodien ſpielte, ſo war es doch ſo genau dieſelbe zarte Färbung der Töne, daſſelbe Zögern an gewiſſen Stellen, daſſelbe Verklingen des letzten, einſamen Accords, daß ſich unzertrennbar damit die Vorſtellung verband, es müſſe unter den Glücklichen, die hinter den Läden der ſanften Muſik zuhörten, auch eine Agathe und ein Arthur ſein. Und über ſeine Wangen floſſen heiße Thränen, und die Stelle, wo er ſie vergoß, war ihm jetzt die hei⸗ ligſte in ſeiner Vaterſtadt. Es vergingen Jahre und der Student Arthur weilte im fernen Barcelona. In einer Kirche ſah er einſt ein junges Weib von hinreißender Schönheit. Auf ihrem Antlitz, deſſen dunkle Farbe ſich mit einem eigenthüm⸗ lichen Lichte miſchte, als fiele der Strahl eines unſicht⸗ 149 baren Mondes darauf, in ihrem ſchwarzen Auge, deſſen verzehrender Blick ihn geſtreift hatte, ſchwand Arthur's Erinnerung an Alles, was jemals ſein Herz bewegt hatte. Er ſuchte und fand ſie regelmäßig in der Kirche, er folgte ihr bis an die Schwelle eines Palaſtes, er ſtand tagelang dem Balcon gegenüber, auf welchem ſie ſich zuweilen zeigte. Welch ein reicher Lohn für Arthur war das leiſe, kaum bemerkbare Neigen des Hauptes, ſo oft ſie den Jüngling erblickte; wie begann ſein Herz zu ſchlagen, wie kochte das Blut in ſeinen Wangen, wenn er das Ziel ihres glühenden Auges wurde, das mit einem unnenn⸗ baren Ausdrucke auf ihm ruhte, als fühle es ſelbſt alle Qualen und Wonnen, die ſich in Arthur's Innerem jagten. Aber ſie war nie ohne Begleitung eines finſtern Mannes. In einer Gondel glitt Arthur eines Abends über die Wellen des Hafens. Er dachte an die Sennora. Da plötzlich ſchwebte ſie in einer reich verzierten Barke dicht an ihm vorüber und beider Blicke begegneten ſich wie zwei Blitze. Der finſtere Gefährte war wieder bei ihr, und Arthur bemerkte, wie ſie jetzt nach jenem einen lauernden Blick warf und dann ängſtlich die Entfernung zu meſſen ſchien, die beide Fahrzeuge mit jedem Ruder⸗ ſchlage weiter von einander trennte. Da plötzlich reißt 150 ſie in einem unbewachten Augenblicke etwas aus ihrem Buſen; Arthur ſieht es heranfliegen und ſchon ſtreckt er die Hände danach aus, aber einen Fuß von ſeinem Ziele fällt es ins Meer und verſinkt! Es war ein weißes Papier, um einen ſchweren Gegenſtand gewickelt. Ob ſie den Untergang ihrer Botſchaft noch ſah, konnte Arthur nicht mehr unterſcheiden. Aber eine ſüße Botſchaft war es, das fühlte er, und wie viele Tage hindurch mochte ſie ſie im Buſen verborgen haben, um beharrlich den Augenblick zu erwarten, der ihr, wo immer es auch ſein möge, für die Anbringung des Billets günſtig ſchien! Arthur ruderte beſtürzt der Gondel nach, aber ſchon war ſie in dem Gewirr anderer Fahrzeuge verſchwunden. Seit⸗ dem ſuchte er vergebens nach ihr. Er ſah ſie nicht mehr in der Kirche, der Balcon blieb leer, der Palaſt war öde und verlaſſen, und keine Welle brachte ihm die ge⸗ liebte Barke zurück, ſo oft er auch nach ihr ausfuhr. Mit blutendem Herzen reiſte er endlich nach Deutſchland zurück. Und als dann die nächſte Ferienzeit kam, die er in der Heimatſtadt zubrachte, da ging er unbewegt an dem Hauſe vorüber, hinter deſſen Läden einſt die leiſe Muſik der Spieldoſe erklungen war; aber im Hafen nahm ein ſpaniſches Schiff Ladung nach Barcelona ein, und dort ſtand er halbe Tage lang und dachte an jene ferne Küſte, wo es wieder Anker werfen würde, und es 151 war ihm, als brauche er nur den Segler zu begleiten und er würde ihr von neuem in der Kirche begegnen, würde ſie wieder auf dem Balcon ihres Palaſtes, wieder in ihrer Barke erblicken. Und jetzt war ihm die Stätte, von welcher aus er nach dem Schiffe blickte, die heiligſte in ſeiner Vaterſtadt. So hat die Scholle ſeiner Heimat mit ſeinen Erleb⸗ niſſen in der weiten Ferne ſtets in einer geheimnißvollen Verbindung geſtanden, wie die gleichzeitigen Ausbrüche des Veſuvs und des Geyſers. Und jetzt, nach jahrelangem Frieden, zeigen ſich plötz⸗ lich wieder die drohenden Anzeichen einer Erruption. Mehrere Male hat er ſeinen Beſuch in dem alten Hauſe wiederholt und immer iſt er nur bis zur Vor⸗ ſaalthür gekommen, wo Roſa's Mutter ihm mit un⸗ erträglich freundlichen Worten ihr Bedauern ausgedrückt hat, daß ihre Tochter ſich eben in der Probe befinde. Seit jenem erſten Male hat er Roſa in ihrer Häus⸗ lichkeit nicht wiedergeſehen. Statt deſſen lieſt er ihren Namen an allen Straßenecken; in ſtrahlenden Gewän⸗ dern, in einer künſtlichen, ihrer rührenden Anmuth un⸗ würdigen Glorie ſieht er ſie um fremde Gunſt ringen. Es zuckt ihm durch alle Nerven, wenn er das ſchallende Beifallklatſchen hört, das ſie bei jedem Auftreten em⸗ pfängt, ſie bei jedem Abgange begleitet. Er vermag es 152 zuletzt nicht mehr mit anzuſehen, wenn ſie dankend das Haupt neigt, er wendet ſich dann ſtets ab, und wenn es ohne Aufſehen geſchehen kann, geht er hinaus, bis die Ova⸗ tionen vorüber ſind. Nie rührt er eine Hand zum Bravo für Roſa, um ſo verſchwenderiſcher aber ſpendet er An⸗ dern ſeinen Beifall. Die Lobeserhebungen der Kritik ſind ihm in tiefſter Seele zuwider und mit krampfhaft zuckender Hand zerknittert er jede Zeitung, aus deren Spalten ihm Roſa's Name entgegenblickt. Das Uner⸗ träglichſte von Allem aber iſt ihm, wenn Roſa im Zu⸗ ſchauerraume ſelbſt, in ihrer Loge erſcheint, wenn er ein Dutzend Operngläſer ſich nach ihr richten ſieht und von alten und jungen Gecken fortwährend ihren Namen flüſtern hört. Vergebens ſucht er Agathens Geiſt heraufzubeſchwö⸗ ren, vergebens iſt ſein Bemühen, ſich die ſpaniſche Sen⸗ nora zu vergegenwärtigen, ſeine Phantaſie verſagt ihm jetzt den Dienſt. Der reife Jüngling ſieht ſich wieder auf dem Standpunkte angelangt, von dem der bartloſe Knabe einſt ausging, denn an der Stelle, wo die Kinder ſich einſt begegneten, ſteigen begrabene Empfindungen, Wünſche und Träume geiſterhaft empor und folgen ihm in langem Zuge nach, wohin er auch ſeine Schritte lenkt. Um mit Roſa wenn auch nur einen Gruß aus⸗ zutauſchen, läßt ſich Arthur vom Doctor Arle eines Abends auf die verhaßte Bühne führen. Als Roſa die grüne Uniform erblickte, war ſie ſo überraſcht, daß ſie das Blut in ihre Wangen ſteigen fühlte. Sie bemerkte gleichzeitig, daß dem Doctor Arle ihre innere Bewegung nicht entgangen war, und ſie wußte ſelbſt nicht, warum es ihr ſo weh that, zu ſehen, wie er ſich gleich wieder zurückzog, als fürchtete er, hier überflüſſig zu ſein. Arthur machte eine ſehr höfliche Verbeugung vor Roſa und fragte in faſt ceremoniöſem Tone nach ihrem Befinden.„Verzeihen Sie, Fräulein“ ſagte er,„daß ich die Zudringlichkeit habe, Sie an dieſem Orte auf⸗ zaſuchen; leider iſt mir jeder andere Weg zu Ihnen ver⸗ ſchloſſen.“ Arthur triumphirte innerlich, als er gewahrte, daß dieſe kalte Anrede hingereicht hatte, in Roſa's Zügen eine leine Beſtürzung hervorzurufen. Vielleicht hätte er jetzt engelenkt und einen wärmern Ton angeſchlagen, wenn hoſa nicht ſo ſchnell ihre Faſſung wiedergewonnen hätte, dem ſie zeigte plötzlich das harmloſeſte Lächeln von der Velt. Daher fuhr er fort:„Die Prophe⸗ zeiungen Iher Frau Mutter gehen in Erfüllung. Wenig⸗ ſtens ſcheint das, was Sie einſt als kleines Mädchen andeuteten, ncht ganz außer Zuſammenhang mit Ihrer gegenwärtigen Beſtimmung zu ſtehen. Es entſtand da⸗ mals ein kleines Zerwürfniß zwiſchen uns“, lachte Arthur, „wiſſen Sie noch' Mein Gott, wir waren ja Kinder!“ 154 „Uud wiſſen Sie noch“, entgegnete Roſa ſanft, aber mit einer Niedergeſchlagenheit, in welcher ein feinfühlendes Verſtändniß lag,„wiſſen Sie noch, wie Ihre ſelige Frau Mutter jene Andeutungen auslegte?“ Arthur wollte aus Delicateſſe über dieſe Erörterung hinwegſchlüpfen, aber Roſa ſah ihn mit einem frei⸗ müthigen Blicke an, als dürfe er nicht fürchten, ſie zu kränken, und daher ſagte er: „Meine Mutter ſprach von Broderwerb. Und Sie weinten darüber.“ „Und ich möchte jetzt wieder weinen“, entgegnete Roſa, den Blick ſenkend,„nicht wie damals aus falſcher Scham vor dem Klange jenes Wortes, wohl aber, weil ich mich in meiner Sphäre höchſt unglücklich fühle.“ „Unglücklich?“ fragte Arthur, indem er ſich erſtaunt ſtellte.„Unglücklich neben ſolchen Erfolgen?“ „Haben Sie noch nie gehört“, ſagte Roſa nit einem ſchmerzlichen Lächeln,„daß der Vorhang zwei ganz ver⸗ ſchiedene Welten von einander trennt?“ „Ah, iſt es das?“ entgegnete Arthur alt, weil er ſich enttäuſcht fühlte.„Die alte Geſchichtevon Neid und Mißgunſt hinter den Couliſſen! Dieſes Schickſal theilen Sie mit allen, deren Ziel die Berühmtfit iſt.“ „Berühmtheit!“ ſagte Roſa in einen Tone, der dieſes Prädicat entſchieden ablehnte. 155 „Ja, ja, Roſa“, fuhr Arthur mit erzwungenem Humor fort,„Ihr Loos iſt der Ruhm. Wenn man das einſt dem ehrgeizigen Knaben geſagt hätte, dem allein ſchon der Gedanke unerträglich war, ſeine Geſpielin ſollte vor ihm die Kenntniß der franzöſiſchen Sprache und die Muſik voraus haben, wenn man ihm damals geſagt hätte, daß er es einſt nicht weiter bringen werde wie jeder andere gewöhnliche Menſch, während Roſa die licht⸗ volle Bahn der Berühmtheit— hahaha, haben Sie mit⸗ unter an jene Tage zurückgedacht?“ „Oft genug“, entgegnete Roſa,„vielleicht öfter als Sie; dafür glaube ich einen ſchweigenden Beweis zu haben.“ „Haben Sie etwas Böſes darin gefunden“, ſagte Arthur,„daß ich Ihnen nie eine Zeile ſchrieb, wie ich Ihnen verſprach, als ich nach dem Gymnaſium ab⸗ ging?“ „Warum etwas Böſes? Wußte ich doch, daß ſich Kinder immer allzu viel vornehmen. Das iſt ſo der Lauf der Dinge.“ „Das iſt die alte Geſchichte, die Tauſenden paſſirt iſt“, ſagte Arthur mit bitterem Lachen,„das ſind die alten Erinnerungen, wo wir als Kinder Vater und Mutter geſpielt haben, wo wir niederknieten und uns von einem dritten Kinde feierlich trauen ließen, wo es 156 ſich ganz von ſelbſt verſtand, daß wir einander ſpäter einmal in Wirklichkeit heirathen würden, und bereits darüber einig waren, daß dann die treue Magd der Aeltern zu uns ziehen müßte. Hahaha! Weltlauf! Aber man reift heran und lernt den Ernſt des Lebens begreifen und lächelt, wie Sie jetzt, über—“ In dem Augenblicke fiel das Stichwort, welches Roſa auf die Scene rief. Sie hatte nicht mehr ſo viel Zeit, um ſich bei Arthur zu entſchuldigen, und warf ihm, während ſie davoneilte, einen bittenden Blick zu, ſich nicht zu entfernen. Arthur blieb. Roſa's Scene war zu Ende, aber ſie kam nicht wieder. Er ſah ſie auf der andern Seite der Bühne ganz allein hinter einer Cou⸗ liſſe ſtehen. Tief verletzt von dieſer auffallenden Ver⸗ nachläſſigung ging er zu ihr, um ihr gute Nacht zu wünſchen. Als ſie ſich von ihm angeredet fühlte, machte ſie eine Bewegung, als wolle ſie ihm ausweichen. Da ſah Arthur in ihrem Auge flüchtig etwas ſchimmern. Von einer Ahnung erfaßt, legteé er ſeine Hand unter ihr Kinn und zwang ſie ſanft, ihn anzublicken. Roſa aber bedeckte ihr Geſicht mit dem Taſchentuch, freilich nur um darunter bitterlich zu weinen. Es dauerte lange, ehe Arthur auf ſeine Fragen, die er im Tone innigſter ängſtlicher Theilnahme an ſie richtete, Antwort erhielt. 157 „Ich habe mir's nachträglich überlegt“, ſchluchzte Roſa,„es lag in vielen Ihrer Worte eine bittere Krän⸗ kung für mich. Ich weiß jetzt Alles, ich weiß auch, wie Sie von mir denken. Aber ich habe es nur meiner Mutter zu Liebe gethan.“ „Roſa“, flüſterte Arthur überwältigt,„das waren doch ſchönere Zeiten, als wir noch Kinder waren!“ „Es waren ſchönere Zeiten“, hauchte Roſa und ein zitternder Athemzug entwand ſich ihrer Bruſt. „Roſa“, ſagte Arthur, den Mund an ihr Ohr leh⸗ nend und nach ihrer Hand ſuchend,„wenn wir ſie zurück⸗ rufen könnten!“ Jetzt hatte er die Hand gefunden, und indem er ſie ſtürmiſch drückte, beugte er ſich wieder zu ihrem Ohre herab und fuhr leiſe fort:„Wir können ſie zurückrufen.“ Sie ſah ihn noch immer nicht an, ſie ließ im Gegentheil das Köpfchen tiefer auf ihre Bruſt ſinken, aber ſie ſchien Arthur's Anſicht zu theilen, indem ſie den Druck ſeiner Hand leiſe, ganz leiſe erwiderte. Mehr wollten die Beiden für heute mit einander nicht ſprechen. Erſt als Arthur ein gutes Stück von ihr entfernt war und ſich noch einmal umſah, hatte Roſa ihr Haupt erhoben und ſah ihm nach. Und Arthur nahm das unbeſchreiblich ſüße Bild ihres verſchämt und träumeriſch ſich zu Boden ſenkenden Auges noch mit ſich fort. Elftes Kapitel. Die Welt feiert die Verlobung eines jungen Paares immer um ein gutes Stück voraus, und die bedeutungs⸗ vollen Winke, die man ſonſt hinter Arle's Rücken tauſchte, wenn man ihn mit Roſa verkehren ſah, ſind, wie ein Wechſelgiro, auf den jungen Forſtcandidaten übergegangen. Dazu bedurfte es nur einiger flüchtiger Beſuche, die man ihn der Sängerin in ihrer Loge oder während der Zwiſchenacte auf der Bühne abſtatten ſah. Herr von Kamp, der mit Leidenſchaft Bekanntſchaften ſchloß, die dem Theaterkreiſe nicht angehörten, verſäumte nicht, ſich dem jungen Forſtcandidaten zu nähern, und führte ihn bei der Majorin von Achtern ein. Arthur lehnte es anfangs ab, als aber Herr von Kamp im Vorübergehen bemerkte, er werde Fräulein Stubenrauch 159 ebenfalls dort finden, machte er von der Gefälligkeit des Oberregiſſeurs Gebrauch. Er wurde von der Majorin auf das zuvorkommendſte aufgenommen und fehlte an keinem ihrer Geſellſchaftsabende, wo er auch regelmäßig Roſa traf. Ueber AJugenderinnerungen ſprachen beide ſeit der Unterredung, die wir im vorigen Kapitel gaben, nicht wieder. Arthur fühlte eine Art heiliger Scheu, auf jene Scene nur im geringſten anzuſpielen, gleichſam als habe Roſa im Schlafe geweint und geſprochen und ihm die Hand gedrückt und werde es im wachen Zuſtande nicht Wort haben wollen. Vielleicht dachte Roſa daſſelbe von Arthur. Nicht einen Augenblick vergaß Roſa neben dem Jugend⸗ geſpielen ihren Freund Arle. Nach wie vor ruhte auf ihm ihr Auge mit der frühern ſtillen Innigkeit, nach wie vor zeigte ſie ihm die alte vertrauensvolle Unter⸗ werfung, wo Arthur nur auf ſchelmiſche Blicke trifft und dem holden übermüthigen Widerſpruche ihrer Lippen be⸗ gegnet. Roſa kannte den Doctor als eine jener empfindſamen Naturen, die errathen ſein wollen. Sie wußte, daß er nie einen Wunſch ausſprach; man mußte ihn in ſeiner Seele leſen. Was man ihm nicht freiwillig anbot, ver⸗ ſchmähte er. Er litt lieber Unrecht, weil er es unter 160 ſeiner Würde hielt, ſein Recht Andern abzuzwingen, und wie es ſchien, folgte er einer unglücklichen Neigung, in ſeinem Gemüthe Erbitterung auf Erbitterung zu häufen. Roſa trägt ihrem Freunde die zarteſten Rückſichten ent⸗ gegen. Oft, wenn ſie im Theater mit Arthur ſpricht und der Doctor hinzukommt und ſich, um beide nicht zu ſtören, unbemerkt wieder entfernen will— und er verſucht es jetzt oft, ſich unbemerkt zu entfernen— wendet ſie ſich um, als hätte ſie ſeine Nähe hinter ihrem Rücken geahnt, und in ihrem Blicke liegt ein Vorwurf, daß er ſich habe fortſtehlen wollen. Wenn ſie ihn, nachdem er zuweilen viele Abende hintereinander ausgeblieben iſt— und er bleibt jetzt oft aus — wiederſieht, da klagt ihm ein leiſer Schatten auf ihrer Stirn, daß er ihr gefehlt habe, und in dem Blicke, mit dem ſie ihn empfängt, liegt etwas von Treue, als habe ſie ihm ſeine leere Stelle in ihren Augen gewiſſenhaft aufbewahrt. Und auch Arthur, ſchon durch Roſa von der leb⸗ hafteſten Sympathie für den Doctor ergriffen, läßt es an zarten Aufmerkſamkeiten nicht fehlen. Er ſieht neid⸗ los des Doctors Hand von der Roſa's umſchlungen, wenn jener nach allzu kurzem Geſpräche ſich entfernen und Roſa ihn noch zurückhalten will. Er beſucht den Doctor oft auf ſeinem Zimmer und bringt ihm Grüße von Roſa, 161 ſogar auch dann, wenn ihm kein Gruß aufgetragen wurde, weil er Roſa gar nicht geſprochen hatte. Eines Abends ſtand Karl vor dem Bilde ſeiner Mutter und dachte an Roſa. Und er mußte immer an die Sängerin denken, ſo oft er das Bild betrachtete; denn in dem Antlitze der Mutter lag ein geheimnißvoller Zug, der ihn an Roſa erinnerte, als wäre Niemand auf der Welt als ſie allein im Stande, Jemand ſo zu beglücken, wie die Verſtorbene beglücken konnte. Der Mutter Bild war ſein Vertrauter geworden, ihr allein hat er mit an⸗ dächtigen Blicken geſagt, was Roſa ihm war, und im langen unverwandten Hinſchauen iſt es ihm oft vorge⸗ kommen, als belebte ein leiſes Winken ihrer Augen, ein glückliches Lächeln um ihren Mund ſeine Hoffnungen. Er hört nicht die klirrenden Schritte, welche die Treppe heraufkommen, und das Klopfen an ſeiner Thür beant⸗ wortet er mit keinem„Herein!“ Erſt als er hinter ſich eine männliche Stimme„Herr Doctor!“ rufen hört, wenndet er ſich um. Er erblickt eine hohe Geſtalt, die ſalutirend die Hand an den Tſchako legt, von welchem die den Huſaren kennzeichnende rothe Zunge von wollenem Stoff herabhängt. Die anſchließende Halbhoſe, die Jacke und der über die Schulter geworfene Dolman ſind von hellblauer Farbe und reich mit Silber⸗ ſtickereien geziert. Auch die blitzenden Sporen fehlten nicht 11 Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 162 an den bis an die Kniee reichenden Stiefeln und an langem Bandelier hängt der blinkende Säbel und die rothe goldgeſtickte Taſche. „Hier iſt mein Offizierspatent“, ſagt Arthur lachend und hält dem Doctor eine Larve hin. Karl ſah den Huſaren ohne Zeichen der Ueber⸗ raſchung an. „Ich hörte Schlitten fahren“, ſagte er, ſich wie auf einen Traum beſinnend;„irre ich nicht, ſo iſt heute—“ „Opernball“, ergänzte Arthur,„und ich komme in der Hoffnung zu Ihnen, daß Sie mich begleiten werden. Im letzten Augenblicke entſchließt man ſich zuweilen leichter zu etwas, worüber man ſonſt, wo man Zeit zu längerem Ueberlegen hat, nicht mit ſich einig werden känn. Hören Sie, wie die Peitſchen unten knallen? Ein Domino findet ſich im Theater, das ſeine Garderobe zur Verfügung geſtellt hat, ſchnell für Sie. Der Schlitten iſt ange⸗ ſpannt und erwartet uns. Kommen Sie, Herr Doctor!“ In dem langſamen Kopfſchütteln des Doctors aber und in dem theilnahmloſen Lächeln lag eine entſchiedene Verneinung. „Ich glaube Jemand, der ebenfalls den Ball beſuchen wird, eine Freude zu machen, wenn ich Sie mitbringe“, ſagte Arthur.„Wiſſen Sie, wen ich meine?“ 163 Doctor Arle wußte es nicht. „Ich ſage zwei Silben und Sie gehen mit“, fuhr Arthur fort. Zu Zeiten, wo man, wie Arthur, bereits von dem Vorgeſchmack einer rauſchenden Luſtbarkeit erfüllt iſt, ſchreckt man vor der ernſten Stirne eines Andern, deſſen Stimmung unſern Empfindungen völlig fremd erſcheint, am leichteſten zurück. Arthur verließ den Doctor unverrichteter Sache und fuhr allein nach dem Theater. Karl blieb im Vorübergehen wieder vor dem Portrait der Mutter ſtehen, wieder war's ihm, als winkten die Augen, als lächelte der Mund in der alten Weiſe, aber er ſchüttelte dazu nur ſchwermüthig den Kopf und ſeufzte leiſe:„Nein, nein! Es iſt vorbei!“ Milliarden fallender Schneeflocken umwirbeln die ſtrah⸗ lenden Gaslaternen der Straßen; Schellengeläute ertönt und in den dahinjagenden Schlitten ſieht man abenteuer⸗ liche Geſtalten in altmodiſchen Kleidern, als wären die Todten früherer Jahrhunderte aufgeſtanden, um ein großes Feſt zu feiern. Zuweilen auch huſcht ein eiliger Fuß⸗ gänger durch die Straßen, deſſen nüchterner Mantel mit dem Barett und der wehenden Feder auf ſeinem Kopfe oder der fußlang aus dem Geſicht hervorragenden Naſe ſeltſam contraſtirt. Mooren⸗ und Chineſengeſichter grinſen 11* 164 aus den Fenſtern lautlos über den Schnee ſchwebender Sänften heraus, und von einem großen Hotel her fliegen durch das Schneegeſtöber ſturmſchnell mehrere Fackeln, aus deren dunkelrother Glut Bruchſtücke eines Vier⸗ geſpanns hervortreten, wie man es nur in Reſidenzen zu ſehen gewohnt iſt. Das Schauſpielhaus ſteht in ſtrahlender Helle. Man hat den großen Candelabern vor dem Feſtlokale ihre Staatsmützen aufgeſetzt, und während ſonſt nur eine mäßige Anzahl von Flammen dem Platze die nöthige Beleuchtung geben, ergießt heute ein wahres Flammenmeer aus pyramidenförmig angebrachten zahlloſen Oeffnungen einen tageshellen Schein auf die langen Reihen bereit⸗ ſtehender Fiakerſchlitten und auf die zahlreiche Menſchen⸗ maſſe, die der brauſenden Muſik lauſcht oder neu an⸗ kommende Ballgäſte neugierig begafft. Die Corridore, in welche die Logen der verſchiedenen Stockwerke einmünden, erkennt man heute nicht wieder. Die Wände ſind mit grünem Tannenreiſig überdeckt, das ſich oben zu einer laubenartigen Decke wölbt. Die aus dem Grün hervorſprühenden Gasflammen bilden Arabes⸗ ken und Bouquets, und in gewiſſen Zwiſchenräumen ſind Fahnen, Trophäen und Wappen in den bunteſten Farben angebracht. Zahlreiche Masken ſchwärmen hier umher, treten plötzlich wie durch Zauberei aus der grünen Wand hervor oder verſchwinden in derſelben, denn die zu den Logen führenden Thüren ſind ebenfalls unter Tannenreiſig verſteckt und von der undurchdringlichen Wand kaum zu unterſcheiden. 3 Das Innere des Theaters ſelbſt iſt bis zur Unkennt⸗ lichkeit verwandelt. Ueber dem Parterre, dem Orcheſter und dem Podium der Bühne erhebt ſich, wie über einer verſchütteten Stadt, die ebene Fläche eines parquetirten Fußbodens, neben welchem die Parterrelogen faſt wie Kellerluken hereinſchauen. Die ganze Welt der Couliſſen iſt ſpurlos verſchwunden; nicht zu beſeitigende Maſchinen⸗ werke, kahle Wände, unanſehnliche Thüren ſind hinter gigantiſchen Draperien verborgen. Aus einem mächtigen Baſſin, täuſchend dem Marmor nachgebildet, ſchleudert eine Fontaine kühlend ihren hohen Waſterſtrahl empor, und in dem Glanze der Kronleuchter und Gasflammen verwandeln ſich die Millionen niederfallender Tropfen in einen Diamantenregen. Rings um dieſes Baſſin wandelt man in einem Haine von Orangen⸗ und Lorbeerbäumen. Mächtige Spiegel an den Seiten vervielfältigen dieſe phantaſtiſche Welt, und im Hintergrunde erheben ſich die Zelte eines Zigeunerlagers und ſcheinen in die weite Ferne einer ſüdlichen Landſchaft mit dazwiſchen geſtreuten alten Ruinen hinauszublicken, die ein Meiſterſtück per⸗ ſpectiviſcher Täuſchung iſt. 166 Die andere Hälfte des Hauſes dagegen möchte man für den Marktplatz einer italieniſchen Stadt zur Carnevals⸗ zeit halten, denn wie dort aus den Fenſtern der Gebäude, blicken hier aus den Logen ſchöne Masken auf das Ge⸗ wühl herab, und Grüße, Bonbons und Bouquets fliegen hinauf und hinunter in geheimnißvollem Verkehr. Ein blauer Huſar führt an jedem Arme eine Dame, beide in eleganten Phantaſiemasken und altdeutſchen Puder⸗ perrücken. In ihren bauſchigen Ober⸗ und Unterkleidern ſchweben ſie wie auf Wolken einher. Sie unterſcheiden ſich in ihren Coſtümen nur durch die Farben. Die eine iſt, mit Einſchluß des nur einen kleinen Theil der Puder⸗ friſur bedeckenden Hütchens, vorherrſchend in Weiß ge⸗ kleidet, die Andere ebenſo in Hellroth. Beide ſind von ſchlankem Wuchſe. Das hellrothe Hütchen nimmt ſich ungleich kecker auf dem Haupte der üppiger gebauten Dame aus, deren ſchneeweiße Arme ſich in verführe⸗ riſcher Rundung unter den weiten Spitzenärmeln ver⸗ lieren. Sollen wir entſcheiden, welche von den Begleite⸗ rinnen des ſtattlichen Huſaren den bewußten zweiſilbigen Namen trägt, ſo ſtimmen wir ohne Bedenken für die zartere der beiden Geſtalten, in deren Bewegungen etwas ungemein Anmuthiges liegt, ſie mag nun das Köpfchen drehen oder den Saum ihres langen Gewandes vor der Gefahr eines Fußtrittes ſchützen. 167 Der Huſar drängt ſich mit den Damen durch das Maskengewühl nach dem Corridore und alle drei ver⸗ ſchwinden in der Thür einer Loge im erſten Range, um ſich von der erſtickenden Hitze des Saales zu erholen. Es iſt eine rothausgeſchlagene Mittelloge von ſolcher Tiefe, daß man im Hintergrunde derſelben, wo ein Divan ſteht, ſich getroſt der läſtigen Larven entledigen kann, ohne von einer andern Loge aus erkannt zu werden. Arthur und Roſa verdanken dieſes Aſyl der Gaſtfreund⸗ ſchaft der Majorin von Achtern, deren Antlitz eben unter dem koketten hellrothen Hütchen ſichtbar wird, indem ſie die Larve abnimmt, eine Function, die dem Huſaren nicht ohne die Beihülfe Roſa's gelingen will, da er die Bänder zu einem gordiſchen Knoten verſchlungen hat. Die Majorin war an die Logenbrüſtung getreten und ſah in den Saal hinab, wo ein rother Domino ſuchende Blicke nach dem erſten Range emporwarf. Es war eine hohe Geſtalt; ſoviel man unter ſeinem Hut und der Geſichtsmaske unterſcheiden konnte, hatte er ſchwarzes krauſes Haar. Sein feuerrother Mantel hing faſt bis zur Erde herab. Die Majorin ſchien ihn beobachtet zu haben, denn als er ſeinem Blick die Richtung nach ihrer Loge gab, nahm ſie ſchnell die Larve vor das Geſicht. „Wenn ich nicht irre“, ſagte die Majorin, den Uebrigen winkend,„ſo iſt uns dieſer Domino ſchon öfters begegnet.“ 168 „So oft ich mich umgeblickt habe“, entgegnete Arthur, der mit Roſa zur Majorin getreten war und hinab⸗ geſehen hatte,„ſah ich ihn hinter uns.“ „Er könnte es ſein“, flüſterte Roſa dem Huſaren zu, nich habe es ſchon immer gedacht.“ „Wen meinen Sie?“ fragte dieſer leiſe. „Der Figur und dem Gange nach könnte er es ſein“, fuhr Roſa fort;„auch das ſchwarze Haar trägt er ſo— der Doctor!“ Arthur ſchüttelte den Kopf. „Wenn wir an ſeine heimliche Anweſenheit glauben wollten“, äußerte er,„ſo hätten wir die Wahl zwiſchen zwei Masken.“ „Inwiefern zwiſchen zweien?“ „Sehen Sie dort jenen ſchwarzen Domino mit der grünen Larve? Jetzt kommt er näher. Iſt das nicht der nämliche Gang, die nämliche Figur? Man könnte glauben, der rothe Domino habe Mantel und Larve ge⸗ wechſelt, wenn er nicht noch hier ſtände.“ „In der That“, entgegnete Roſa überraſcht, indem ſie den ſchwarzen Domino aufmerkſam betrachtete, nauch dieſer könnte der Doctor ſein.“ „Und auch dieſer iſt es ſicher nicht“, erklärte Arthur. „Warum nicht?“ fragte Roſa lebhaft.„Konnte ſich hinter ſeiner Weigerung, Sie zu begleiten, nicht eine Liſt 169 verſtecken, durch die er uns täuſchen wollte, um uns doppelt zu überraſchen?“ „Doctor Arle hätte wohl Urſache, auf Ueberraſchungen für uns zu ſinnen“, ſagte Arthur, faſt verſtimmt,„denn wir ſcheinen ihm nur zu ſehr Kinder zu ſein. Ich fange an, den Doctor für einen Menſchenfeind zu halten. Er ſcheint dem Gefühle der Freundſchaft völlig unzugänglich. Ueberall weicht er mir aus, ſeit er zu bemerken ſcheint, daß ich ſeinen nähern Umgang ſuche. Dankbarkeit hält er für ein ſo lächerliches Ding, daß man ihm gar nicht damit kommen darf. Als ich einſt darauf anſpielte, wel⸗ chen unſchätzbaren Dienſt er Ihnen geleiſtet habe, wies er mich geradezu höhniſch zurück, indem er kalt und ver⸗ ächtlich bemerkte, was er gethan habe, würde jeder andere Arzt ebenfalls gethan haben. Ich war faſt beſchämt.“ „Aber er iſt gut“, ſagte Roſa, die eine der Smaragd⸗ agraffen an ihrem Kleide zwiſchen den Fingern drehte, ner iſt herzensgut und Sie dürfen ihm nicht grollen.“ „Wie? Auch dann nicht, wenn er mir Unrecht thäte?“ „Dann noch viel weniger, denn ſonſt würden Sie ja nur die Geſinnungen derer theilen, die ſich von ihm verletzt glauben und nie ablaſſen, ihn zu verkennen. Und wenn er mir ſelbſt das größte Leid zufügte, ich würde trotzdem nicht aufhören, ihn zu—“ „Lieben?“ ergänzte Arthur, als Roſa ſtockte. 170 „Nun ja“, ſagte Roſa mit einem ſanften Lächeln, ich liebe ihn.“ „Lieben Sie ihn ſo wie mich, Roſa?“ fragte Arthur. „Noch ein klein wenig mehr“, lautete die Antwort. Arthur wollte etwas erwidern, aber Roſa machte mit ihrer kleinen Hand eine Bewegung, als wollte ſie ihm den Mund verſchließen.„Die Frau Majorin hört unſer Geſpräch“, flüſterte ſie kaum hörbar.„Während ſie auf⸗ merkſam in den Saal hinabzuſehen ſcheint, lauſcht ſie zu uns herüber. Ich habe ſie ſchon einige Male lächeln ſehen.“ „Was thut das?“ fiüſterte Arthur.„Darf ſie unſer Geſpräch nicht hören?“ „Nein!“ widerſprach Roſa entſchieden. „Sie weiß mehr, als ſie jetzt erlauſchen kann“, ſagte Arthur etwas übermüthig;„ſie weiß zum Beiſpiel, wes⸗ halb wir beide heute hier ſind; ſie weiß, weshalb ſie ſo gütig war, mir ihr Haus, ihre Geſellſchaften zu öffnen. „Und weshalb denn?“ fragte Roſa. „Damit zwei gewiſſe junge Leute einander ſehen und ſprechen können, lieber Schalk!“ „Das iſt nicht wahr!“ ſagte Roſa mit hochrothem Antlitz und ihr Auge glühte in edler Entrüſtung. „Und wenn es doch wahr wäre?“ 171 „So würde eins von den jungen Leuten künftig das Haus der Frau Majorin meiden“, ſagte Roſa verletzt. „Ach“, ſeufte Arthur,„ſo hätte die arme Agathe nie zu mir geſprochen!“ Da ſeine Abſicht, Roſa's Lippen die Frage zu entlocken, wer Agathe ſei, fehlſchlug, ſo fügte er hinzu: „Und die ſchöne Spanierin auch nicht!“ Aber Roſa fragte auch nicht, wer die ſchöne Spa⸗ nierin ſei. Die Majorin trat jetzt von der Brüſtung zurück und das Geſpräch wurde auf andere Gegenſtände gelenkt. Arthur beſorgte einige Erfriſchungen, und nachdem dieſe eingenommen waren, verſahen ſich alle drei wieder mit ihren Geſichtsmasken und ſtiegen in den Saal hinab. Dort hatte das Gedränge inzwiſchen in ſolchem Grade zugenommen, daß ſich Arthur mit ſeinen beiden Damen kaum hindurchzuwinden vermochte. In einem dichten Maskenknäuel wurde die Majorin von ſeiner Seite ge⸗ riſſen, und während er ſich eben umdrehte, um zu ſehen, wo ſie geblieben ſei, entglitt auch Roſa’s Hand ſei⸗ nem Arme. Er ſah ihren weißen Hut noch ein paar⸗ mal auftauchen, jetzt näher, dann ferner, aber ehe es ihm gelang, ſich durch die dichten Maskengruppen nach 172 der Richtung Bahn zu brechen, wo er ſie zuletzt geſehen, war ſie, wahrſcheinlich ſelbſt irre geführt, ſpurlos ver⸗ ſchwunden. Je eifriger er ſuchte, deſto zahlreicher wurden die Hinderniſſe, die ſich ihm in den Weg ſtellten. Bald ergriff ihn eine Maske am Arme, um ihm einen An⸗ fangsbuchſtaben in den Handteller zu ſchreiben; dann verwickelte ſich ein Knopf ſeiner Uniform mit dem Perlen⸗ netz einer Fiſcherin ſo umſtändlich, daß beide erſt die Handſchuhe ausziehen mußten, um die complicirte Ver⸗ wirrung zu löſen; und zuletzt gerieth er einem halben Dutzend Pierrots in die Hände, die ihn gute zehn Minuten lang in den Zauberkreis ihrer Pritſchen bannten. Er war endlich von dem Gedränge und der herrſchenden Hitze ſo erſchöpft, daß er ſich glücklich pries, in der Nähe der kühlenden Fontaine auf einer Bank noch ein freies Plätzchen zum Ausruhen zu finden. Von hier aus beob⸗ achtete Arthur unverwandt die Loge, die ihm gerade gegenüber lag, in der Erwartung, daß Roſa oder die Majorin vielleicht darin ſichtbar werden würde; aber es zeigte ſich Niemand. Neben Arthur ſaß eine Dame in geſchmackvollem Jagdcoſtüm; ihre Hand ruhte unter dem Arm eines Matroſen, der ſeinen Theerhut weit in den Nacken herunter⸗ gerückt hatte. „Wenn Du nicht warſt“, ſagte der Matroſe, die 173 Hand ſeiner Dame ſanft ſtreichelnd,„wer weiß, ob ich zur Bühne gegangen wäre. Ich habe lange zwiſchen Thalia und der Leier des Apoll geſchwank u haſt mich, möchte ich ſagen, zu Dir erhoben und auf den Bretern, welche die Welt bedeuten, iſt, das fühle ich, mein eigent⸗ liches Feld.“ „Stelle Dir's nicht allzuleicht vor“, wendete die Jä⸗ gerin ein. „Liebes Kind, Du kennſt mich noch nicht genug. Sieh, es hat für jeden, ja für den größten Mann ein⸗ mal eine Zeit gegeben, wo er weidlich ausgelacht worden wäre, wenn er anzudeuten gewagt hätte, daß ſein Name einſt mit Ehrfurcht genannt werden würde. Dieſen ſchlimmen Zeitpunkt habe ich gegenwärtig noch nicht über⸗ ſtanden.“ „Du wirſt mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deine Perſönlichkeit eignet ſich nicht für die Bühne, das habe ich ſchon oft geſagt. Und ich laſſe mir's nicht ausreden, Du haſt ſogar ſchiefe Beine.“ O, o!“ rief der Matroſe und ſtreckte ſeine Beine lang aus;„und wenn es wäre, meine Wahl iſt auf ein Rollenfach gefallen, das auf körperliche Schönheit keinen Anſpruch macht.“ Aber leicht ins Lächerliche ausarten kann“, fügte die Dame hinzu.„Wenn Du meinſt, der Intriguant brauche 174 nur einen ſpaniſchen Mantel über die Schultern zu ſchla⸗ gen, ein Me ſche Geſicht zu ſchneiden, die Zähne zu fletſchen, eine Katze über die Bühne zu ſchleichen und einige heiſere Laute von ſich zu geben, ſo wirſt Du ausgelacht werden, wie nur je ein großer Mann in jenem ſchwierigen Zeitpunkte ausgelacht worden iſt, und ich laufe davon, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Uebrigens darfſt Du nicht glauben, daß man Dir, als Anfänger, gleich große Aufgaben anvertrauen wird.“ „Wenn auch“, erwiderte der Matroſe,„mich wird das Bewußtſein tröſten, daß ich eine Zukunft vor mir habe.“ „Zukunft!“ ſagte die Jägerin unter einem ſchweren Seufzer.„Mir macht die Gegenwart noch zu ſchaffen. Wären wir nur aus der Stadt und ſäßen im Dampf⸗ wagen! Meine Gläubiger ſind ſehr wachſam und mehr noch als ſie fürchte ich den Kerl, den Degenhaar, der überall herumſpionirt. Da iſt er!“ unterbrach ſich plötz⸗ lich die Jägerin. 3 „Wer?“ rief der Matroſe.„Degenhaar?“ „Nein“, antwortete ſeine Begleiterin und eilte einer Maske nach, die eben vorübergegangen war. Der verblüffte Matroſe konnte an dieſem Vorgange kaum lebhafteres Intereſſe nehmen als Arthur ſelbſt, denn der Gegenſtand, der ſolche Anziehungskraft auf die Jägerin geäußert hatte, war Niemand anders als der ſchwarze Domino mit der grünen 1ef Nach einigen Minuten kehrte die“Jägerin zurück. „Mich intereſſirte ſein Coſtüm“, entſchuldigte ſie ſich bei dem Matroſen;„es hat eine eigene Bewandtniß damit.“ „Haha“, lachte dieſer ungläubig und nicht ohne einige Beimiſchung von Bitterkeit,„das Coſtüm!“ „Du weißt“, ſagte ſie, indem ſie wieder ihren Platz auf der Bank einnahm,„ich war heute bei ihr und half ihr beim Ankleiden.“ Der Matroſe, der beide Ellbogen auf das Knie und den Kopf in die Hände geſtützt hatte, nickte verdrießlich. Arthur erwartete eine Aufklärung über den ſchwarzen Domino zu erhaſchen und gab ſich Mühe, ſeiner Nach⸗ barſchaft zu verbergen, daß er ihrer Unterhaltung lauſche, indem er bald ſeufzte, bald einige Worte vor ſich hin⸗ murmelte, als wäre er in ein Selbſtgeſpräch vertieft. „Da kam Jemand“ fuhr die Jägerin fort;„es ſchien ein Diener zu ſein, und ſie erſuchte mich, ins anſtoßende Zimmer zu treten. Ich that es, und obwohl ich, wie Du weißt, nicht im mindeſten neugierig bin, ſo ſchloß ich doch die Thür hinter mir nicht ganz, ſondern ließ einen kleinen Zwiſchenraum, durch den ich beobachten konnte, was vorging. Beide ſprachen ſo leiſe mit ein⸗ ander, daß ich kein Wort verſtand, aber ich ſah, wie der 176 Mann ein Packet, das er unterm Arm getragen hatte, öffnete und einen ſchwarzen Mantel mit rothen Schleifen beſetzt heradon, Es war ein einfacher, aber allem Anſcheine nach ſehr koſtbarer Domino. Ein ſchwarzer Hut und eine grüne Larve lagen dabei und ſie betrachtete dieſe Gegenſtände mit großer Aufmerkſamkeit. Hierauf drückte ſie dem Manne mehrere Goldſtücke in die Hand und dieſer entfernte ſich mit den Sachen wieder. Vorhin ſah ich den Domino, ich erkannte ihn gleich wieder. Ich möchte faſt behaupten, der Todtendoctor ſteckt darin.“ Dieſe Uebereinſtimmung einer ihm völlig fremden Perſon mit ſeiner eigenen, wenn auch unterdrückten Ver⸗ muthung frappirte Arthur ſo, daß er geneigt war, ſelbſt daran zu glauben. Aber wer war ſie, welcher die Jägerin beim Ankleiden behülflich geweſen? Wer war ſie, der ſo viel daran lag, den Todtendoctor, wenn er's war, an ſeinem Coſtüm zu erkennen? Arthur grübelte noch über dieſe und eine Menge anderer Fragen, die ſich ihm aufdrängten, als die Jägerin neben ihm rief:„Da iſt ſie ſelbſt!“ Arthur folgte der Richtung, welche ſeine Nachbarin dem Matroſen mit der Hand andeutete, und verließ, zum Erſtaunen des Paares, ſo eilig ſeinen Platz, als hätte jener Fingerzeig ihm ge⸗ golten. Und in der That hatte die Jägerin nach der Mittelloge im erſten Range gewieſen, von wo eben ſeine 177 vermißten beiden Damen mit vorgebundenen Masken in den Saal herabſchauten. Und welche war es nun? War es die Maajorin, war es Roſa? Arthur blieb plötzlich unſchlüſſig ſtehen und ſah zu der eben verlaſſenen Bank zurück. Noch immer deutete die Jägerin mit dem Zeigefinger nach der Loge, als be⸗ ſchriebe ſie dem Matroſen aufs genaueſte, welche der beiden Masken ſie meine, aber in der Entfernung, die Arthur bereits von der Bank trennte, konnte er nicht herausfinden, welcher von beiden dieſe Details galten. Vorläufig war er froh, ſeine Begleiterinnen endlich wie⸗ dergefunden zu haben, und daher beeilte er ſich, die Loge zu erreichen. Als er eintrat, fand er nur die Majorin. Roſa müſſe ihm unterwegs begegnet ſein, ſagte ſie. Dann führte ſie alle Orte an, wo ſie und Roſa, die ſie bald wiedergefunden, ihn geſucht hatten, und an all den Orten war Arthur auch geweſen. „Es iſt eine entſetzliche Hitze!“ klagte die Majorin. „Kein Wunder bei dieſer Menſchenmaſſe“, erwiderte Arthur.„Uebrigens etwas gemiſcht, ich meine, ſehr bunt zuſammengeſetzt, aus den verſchiedenartigſten Elementen der Bevölkerung.“ „Meinen Sie?“ Arthur nickte mit dem Kopfe und fügte hinzu:„Ich Höcker, Ein ſchöner Dämon. II. 12 178 will Ihnen, wenn Sie es wünſchen, die Perſon zeigen, gnä⸗ dige Frau, die Ihnen heute Dienſte beim Ankleiden ge⸗ leiſtet hat.“ Die Majorin wußte von einer ſolchen Perſon nichts und verſicherte unbefangen, daß ihr Niemand beigeſtanden habe. Es hatte ſie auch im Laufe des heutigen Tages Niemand beſucht. 4 So war es die Majorin nicht! Arthur wollte ſich auf einige Augenblicke beurlauben, um ſich im Saale nach Roſa umzuſehen, die Majorin aber wünſchte ihn zu begleiten und reichte ihm den Arm. Als beide aus der Thür der Loge traten, erblickte Arthur den Matroſen, der ihnen wie zufällig entgegenkam und der Majorin im Vorübergehen unter einer kurzen Ver⸗ beugung ein kleines zuſammengefaltetes Papier in die Hand drückte. Die Majorin ſah ſich etwas überraſcht nach ihm um, warf einen flüchtigen Blick auf den Zettel und ſchob ihn einſtweilen unter ihren Handſchuh. Und die Majorin war es dennoch! Hätte Arthur ſich in dieſem Augenblicke noch in der Nähe der Fontaine bewegt, ſo hätte er ſehen können, wie eine weibliche Maske, über deren altdeutſcher Puderfriſur ein kleines weißes Hütchen ſchwebt, den ſchwarzen Do⸗ mino verfolgt, wie ſie an ihm vorübergeht und ihn mit ihrem Wolkengewand ſtreift, wie ſie am Baſſin ſtehen — —* — —* . 179 bleibt, ihren ſchneegleichen Arm auf den Rand ſtützt und träumeriſch in das kryſtallene, von fallenden Tropfen be⸗ wegte Gewäſſer blickt. Sie nahm ſich aus wie eine wunderliebliche Blume am Ufer eines Sees; etwas Aehn⸗ liches dachte auch wohl der ſchwarze Domino, denn er blieb, von dem Anblick gefeſſelt, auf der andern Seite des Baſſins ſtehen und blickte unverwandt nach ihr. Da ſah er etwas Glühendes unter ihrer dunklen Larve, etwas Glühendes, das ſich von den fallenden Tropfen langſam zu ihm erhob— es waren ihre Augen. Arthur ſah es nicht, wie ſich der ſchwarze Domino der ſchönen Maske näherte, wie er ſie anſprach und ihr den Arm anbot, den ſie zögernd annahm; aber der Domino im feuerrothen Mantel ſah es, denn er ſaß auf derſelben Stelle, wo Arthur vorher einem Geſpräche gelauſcht hatte, und als der ſchwarze Domino mit der altdeutſchen Dame ſich entfernte, erhob ſich ſchnell der rothe und ging ihnen nach. Inzwiſchen hat Arthur, der mit der Majorin den Saal durchſucht, eine ſeltſame Pein auszuſtehen. Es iſt ihm, als ſchmiege ſich der Arm ſeiner Begleiterin enger und enger an den ſeinigen. Es wird ihm ſo heiß unter der Maske, er weiß nicht, iſt es Ernſt oder Scherz, aber er wünſcht ſie unter dem Gedränge zu verlieren. Allein ſie hält feſt zu ihm; keine noch ſo wilde Ver⸗ 12* 180 wirrung unter den Maskengruppen, durch die ſie ſich drängen, reißt ihren Arm von dem ſeinigen los, auch Arthur's eigene Verwirrung und ſeine gewaltſame Be⸗ wegung nicht, als er eben Roſa am Arme des ſchwarzen Dominos erblickt, deſſen grüne Larve ſich wie in ſüßem Geſpräch zu ihr hinabneigt. Und die Majorin war's nicht, Roſa war's! Arthur ließ das Paar, hinter dem beharrlich der rothe Domino ſchritt, nicht aus den Augen; er folgte ihm überall hin und ſchien die leiſen Bewegungen, durch welche die Majorin eine andere Richtung anzuſtreben ſuchte, kaum zu bemerken. Die monotonen Polonaiſen und Marſchrhythmen des Doppelorcheſters weichen jetzt der leiſe beginnenden, aben⸗ teuexlichen Muſik einens Zigeunertanzes, der von dem Balletcorps ausgeführt werden ſoll. Alles drängt dem Schauplatz oder den Logen zu. Arthur riß die Majorin mit ſich fort, um Roſa und ihren Begleiter nicht aus den Augen zu verlieren. Er hielt es für wahrſcheinlich, daß Roſa für ihren Freund, ſei er, wer er wolle, die Gaſtfreundſchaft der Majorin in Anſpruch nehmen werde, aber er irrte ſich, denn er ſah beide, von dem rothen Domino gefolgt, in einen Corridor einbiegen, der zu den tief gelegenen Logen des Parterres und Parquets führte. Unentſchloſſen blieb Arthur auf der Treppe ſtehen. Sollte —,— —— . 181 Roſa ſich getäuſcht haben? Könnte der ſchwarze Domino nicht ein Abenteurer ſein, der die falſchen Vorausſetzungen des argloſen Mädchens ſich zu Nutze machte? Von dieſen Befürchtungen erfüllt ließ Arthur die Hand der Majorin ſinken und eilte den Beiden nach. Er erreichte ſie in dem Augenblicke, als der ſchwarze Domino hinter Roſa in eine Loge trat, die, wie Arthur flüchtig unterſcheiden konnte, von einem eigenthümlichen Lichte ſo düſter erhellt war, als hätten die Gasflammen des Saals, die ihre Strahlen unbedingt hereinwerfen mußten, hier ihre Macht und ihren Glanz verloren. Der ſchwarze Domino ſchloß hinter ſich die Thür und Arthur ſtand nun allein im Corridor, nein, nicht allein, denn als er ſich umſah, er⸗ blickte er dicht hinter ſich den rothen Domino. Dieſe Situation rief Arthur unwillkürlich das Geſpräch in die Erinnerung zurück, das er in der Loge der Majorin mit Roſa geführt hatte. Er war jetzt ſehr geneigt, gewiſſen Aeußerungen Roſa's, die er mehr für Scherz genommen hatte, eine ernſte Bedeutung beizulegen, und verſtimmt verließ er den Corridor und trat wieder in den Saal, um von hier aus einen Blick in die Loge zu werfen. Hinter ihm folgte der rothe Domino. Arthur konnte ohne Mühe das Innere der Parterre⸗ logen überblicken. Einige waren leer, weil ihre Inhaber es vorgezogen hatten, dem Ballet, von dem ſie bei der 182. tiefen Lage der Logen nur wenig ſehen konnten, in der Nähe zuzuſchauen, in andern ſtanden die Masken auf den Stühlen. Arthur ging die ganze Logenreihe ent⸗ lang, aber ſo nahe er an die Brüſtungen trat, ſo genau er ſich die Masken dahinter mit faſt zudringlichen Blicken anſah, den ſchwarzen Domino und Roſa erblickte er nir⸗ gends, denn an der Stelle, wo die Loge ſeiner Berech⸗ nung nach in den Saal münden mußte, war eine große Statue aufgeſtellt, hinter welcher eine Art Niſche einen blauen ſternbeſäeten Himmel bildete, deſſen Wölbung von Draperien und Guirlanden begrenzt ward. Genau daſ⸗ ſelbe Arrangement wiederholte ſich auf der andern Seite des Saals, ſo daß der Wegfall zweier Logen durch die Wirkung raffinirter Symmetrie unbemerkbar gemacht wurde. Vergebens umkreiſte Arthur das Poſtament, auf welchem die Statue ſtand, vergebens bemühte er ſich, in der Draperie eine Lücke zu entdecken, welche die Exiſtenz der Loge verrieth, vergebens unterſuchte er die blaue Wölbung, es war Alles feſt wie eine undurchdringliche Wand. Mit haſtigen Schritten ſtürmte er in den Cor⸗ ridor zurück. Bald hatte er die Thür gefunden. Er verſütchte zu öffnen, und da dies erfolglos war, ſo klopfte er an. Sie öffnete ſich und vor ihm ſtand der ſchwarze Domino und rief im befehlenden Tone:„Zurück!“ Er hatte dabei unwillig die Hand erhoben und unter dem 183 ſchwarzen Ueberwurfe, der infolge dieſer Bewegung ver⸗ ſchoben worden war, ſchimmerte Arthur ein glänzender Ordensſtern entgegen. Noch ehe erſterer zur Beſinnung kam, hatte der ſchwarze Domino die Thür wieder zu⸗ geſchlagen. „Wem gehört dieſe Loge?“ redete Arthur mit großer Heftigkeit einen Herrn mit einer Halbmaske an, der eilig herbeigeſtürzt kam. „Mein Herr, verhalten Sie ſich ruhig; Sie werden ſich ſonſt große Unannehmlichkeiten bereiten.“ „Ich frage, wem gehört dieſe Loge?“ rief Arthur noch heftiger.„Ich zerſchlage die Thür!“ „Dieſe Loge“, antwortete der Andere mit Ruhe,„ge⸗ hört Seiner Königlichen Hoheit, dem Fürſten von X.“ Arthur ließ die drohend geballte Hand ſinken und mit dem Ausrufe:„Zum Teufel mit dem Maskenſpuk!“ riß er ſeine Larve herab und trat ſie mit den Füßen. Dicht in ſeiner Nähe, an die Wand des Corridors gelehnt und die Falten des langen Mantels mit den gekreuzten Armen verſchlungen, ſtand unbeweglich der rothe Domino, der die Scene mit angeſehen hatte. Seine Augen leuch⸗ teten eigenthümlich durch die Einſchnitte der Larve hin⸗ durch, während ſeine Haltung etwas Gebrochenes hatte. Arthur ſtand und lauſchte, ob ein Laut, ein Geräuſch in der Loge auf Gewalt, auf Widerſtand ſchließen laſſe. —õõ—mmõÿõõõõõõõõ—— Bee— —— —— 184 Aber es blieb ſtill. Der fremde Herr in der Halbmaske ging auf und ab, und als ſei er vollkommen ſicher, daß ſeine letzte Auskunft hingereicht habe, das Ungeſtüm zu zähmen, dehnte er ſeinen Spaziergang ſo weit aus, daß er in der Rundung des Corridors die beiden andern Masken oft aus den Augen verlor. 4 Der rothe Domino fühlte mit dem unglücklichen Ar⸗ thur mehr Mitleid als mit ſich ſelbſt. Er ſah jenen von einem Standpunkte aus, um den er ihn beneidet hatte, in die Tiefe der bitterſten Enttäuſchung hinab⸗ brechen. Aus ſeinem Herzen ſchwand der Glaube an alles Edle und Reine, dem er ſich, wenn auch mit der Wehmuth des Entſagenden, hingegeben hatte. Es ging ihm eine Ahnung auf von der Allmacht des Willens, die uns, wie dieſem Fürſten, Alles gewährt, was ſtille, quälende Wünſche nie erreichen. Er wandte kein Auge von Arthur, der feſtgewurzelt an der Thür der Loge ſtand, in ſtarrer Beſtürzung, als ſtünde er an einem friſchen Grabe, das ſein Liebſtes deckte. Und in der Loge blieb es ſtill, kein Laut des Schreckens, kein Zeichen der Enttäuſchung, nicht das leiſeſte Rütteln an der Thür, das auf einen Fluchtverſuch gedeutet hätte. Der rothe Domino las in Arthur's Seele, er konnte dem Gange ſeiner Gedanken, den wilden Strömungen ſeines Schmerzes mit dem Finger folgen, wie auf einer 185 Karte. Er ſah in ihm ſein eigenes Selbſt, aber nur jenes erdgeborene, dem Schmerze verfallene Selbſt, über das ſich die Seele frei emporſchwingt. Seine eigenen Kämpfe waren überſtanden, er ſah den Proceß in jenem ſich fortſetzen, und ſeine Bruſt hatte nur noch Raum für das leidenſchaftliche Intereſſe an den ſelbſtſtändigen Zuckungen ſeines Spiegelbildes. Es war ihm jetzt gleich⸗ gültig, daß ſeine auffallende Theilnahme an dieſen ſtummen Vorgängen ihn verrathen mußte, er konnte ſich von dem Jünglinge nicht trennen, und als dieſer endlich wie ein Schlafwandelnder ſich langſam entfernte, folgte er ihm nach. Als Arthur in die Loge trat, ſah die Majorin dem Tanze zu. Unter den wildtönenden Klängen der Muſik bemerkte ſie ihn erſt, als ſie dicht hinter ſich das Geräuſch ſeines Säbels und ſeiner Schritte hörte. Sie nahm faſt gar keine Notiz von ihm. Wie es ſchien, fühlte ſie ſich von ſeinem unaufmerkſamen Benehmen verletzt. Arthur ſtellte ſich neben ſie; er hatte das Bewußtſein, daß ein einziges Wort aus ſeinem Munde mehr als hinreichend war, ihm vollſtändige Verzeihung zu erwirken. Aber er war keines Wortes fähig, er beſaß nicht einmal die Geiſtes⸗ ſammlung, um darüber zu entſcheiden, ob er die Wahr⸗ heit ſagen dürfe oder nicht. Währenddeſſen öffnete ſich die Logenthür von neuem und leiſe trat der rothe Domino 186 herein. Niemand hörte ihn kommen. Fortwährend ſein Auge auf Arthur richtend, lehnte er ſich in eine Ecke, in deren Dunkelheit ſein rothes Gewand mit der Tapete der Loge faſt in eins verſchwamm. Die Majorin mochte einen zufälligen Blick auf Arthur geworfen haben; der Anblick ſeines bleichen, verſtörten Geſichts öffnete ihre Lippen, und erſchrocken von ihrem Stuhle aufſtehend rief ſie:„Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?“ Es lag ein unergründlicher Zauber in dem Klange dieſer haſtig herausgeſtoßenen Worte. Es lag jetzt plötzlich etwas wie Himmelsglanz in dem Augenpaare, das ſich unter der ſchwarzen Geſichtsmaske der Sprechenden her⸗ vor auf Arthur gerichtet hatte. Die langen Viertel⸗ ſtunden, während deren er Roſa und die Majorin vergebens geſucht, ſchoſſen in einem Augenblicke noch einmal an ihm vorüber; er fühlte noch einmal im Geiſte den auffallen⸗ den zärtlichen Druck ihrer Hand auf ſeinem Arme, und es war nicht anders möglich, es mußte ſo ſein: die Züge, die unter der herabgeriſſenen, zu Boden fallenden Larve ſtrahlend aufgingen, waren Roſa's Züge! Arthur ſank dem beſtürzten Mädchen zu Füßen, und mit dem Ausrufe:„Roſa, meine Roſa, ich habe Dich wieder!“ umklammerte er ſie wild mit beiden Armen. Starr wie die Wand, der ſein rothes Kleid glich, — 187 ſtand der rothe Domino in der Ecke. Das Rauſchen der Muſik übertäubte die Worte, die jene austauſchten, aber er ſah, was ſie ſprachen. Er ſah, wie Arthur, von ſeinem Glücke übermannt, ſein ganzes Herz vor Roſa aus⸗ ſchüttete, wie lange verborgene Empfindungen jetzt rück⸗ haltslos über ſeine Lippen ſtrömten. Es war das Abend⸗ roth ſeiner verſinkenden Hoffnungen und Träume, das auf Roſa's Antlitz glühte. Das Geſpräch wurde ſtiller und ſtiller, nur einzelne Worte trieben auf der ruhigen Flut des innigen Einverſtändniſſes umher; über Roſa's Geſicht flogen Sonnenblicke des Entzückens; der Blick ihrer Augen flammte im Schmucke unendlicher Liebe. Der Roſenſchein auf ihrem Antlitz ſagte, daß ſie den Arm, der ſie jetzt ſanft umſchlang, zum erſten Male an ihrem Herzen fühlte, daß ſie zum erſten Male ſich willen⸗ los hinabneigte und zum erſten Male ihre Lippen auf fremde Lippen drückte, nicht in vielen, vielen Küſſen, wie ſie dem Lauſcher einſt von denſelben Lippen wurden, ſondern in einem einzigen langen Kuſſe nur. Es regte ſich etwas im Hintergrunde der Loge; es war, als bewege ſich die Wand. Arthur und Roſa flogen auseinander, und indem ſie unverwandt in die verdächtige Ecke blickten, ſchien immer deutlicher und beſtimmter eine menſchliche Geſtalt aus der rothen Tapete hervorzutreten. Die Geſtalt machte eine Wendung und ſchritt der Thür 188 zu. Roſa ſtieß einen Schreckensruf aus, Arthur aber wehrte dem rothen Domino den Ausgang und legte ſeine Hand auf deſſen Schulter. „Er iſt es, Roſa; er muß es ſein! Er war Zeuge meines Schmerzes, er hatte wohl ein Recht, auch Zeuge unſeres Glücks zu ſein!“ Arthur hatte ſeine Hand ergriffen, und halb ver⸗ ſchämt, halb vertrauensvoll näherte ſich jetzt Roſa und ergriff die andere Hand. Aber der rothe Domino litt mit ſeinem verbiſſenen Herzen, das ungehört von Andern in ſeiner Bruſt ſchlug, die Höllenqualen eines im Starr⸗ krampf liegenden Scheintodten, der mit offenen Augen ſo aufrichtige Thränen an ſeinem Sarge weinen ſieht, als der Händedruck Roſa's aufrichtig gemeint war. Mit all ihrer liebevollen Aufmerkſamkeit für den Freund warf ſie doch nur Roſen in die Gruft einer zertrümmerten ſchönen Traumwelt, und daher ſchleuderte er jetzt ihre Hand wild von ſich und ließ beide in höchſter Beſtürzung zurück. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. —y——