Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. 1 ſſen, bei Entgegennahme n entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —- Bohort auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mtk. 50 Pf. 3 1 1 1 1— u—„ 17— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleikezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Roman von Guſtav Höcker. Erſter Band. 3. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Es war Quartaltag, jener ſeltene Tag im Jahre, wo die Häuſer ihre Gedanken auszutauſchen pflegen, und zwar in der Sprache raſſelnder Möbelwagen jeder Gattung, wodurch der ohnehin geräuſchvolle Verkehr in den Straßen der ſtolzen norddeutſchen See⸗ und Handelsſtadt gleich⸗ zeitig erweitert und beengt wurde. Bei ſolchen Gelegenheiten wird das innerſte Heilig⸗ thum der Familie, wofern ſie nicht zu jenen bevorzugten gehört, die ſich eines geſchloſſenen Möbelwagens bedienen können, jeder Profanation preisgegeben. Davon gar nicht zu reden, daß die kritiſchen Blicke von einigen hundert Menſchen auf den obenaufliegenden Betten der Familie verweilen dürfen, beſchaut ſich ein Schuſterjunge mit Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 1 2 dummpfiffigem Lächeln die ehrwürdigen Oelportraits der Großältern, um dann laut ſeine Gloſſen darüber zu machen; der Roſenſtock wird von einem hinterdrein fah⸗ renden Droſchkengaule beſchnüffelt, und der Wandſpiegel ſtrahlt wohl gar das Bild eines vorüberziehenden Leichen⸗ conducts zurück. Man kann von dem wandernden Ameublement auf den Grad von Wohlhabenheit ſeines Beſitzers mit viel größerer Sicherheit ſchließen, als dies innerhalb der vier Wände der Fall ſein würde, die dem Hauswirthe gehö⸗ ren, wo freundliche Tapeten und geſchmackvolle Anord⸗ nung die Dürftigkeit verdecken.. In vielen Fällen begegnet man einer ärmlichen Halb⸗ heit: verſeſſenen Sophapolſtern neben einem neuen ele⸗ ganten Sorgenſtuhle, deſſen Knöpfe in der Sonne fun⸗ keln; ſchlecht geleimten Stuhlbeinen neben dem Mahagoni⸗ Nähtiſch der Hausfrau; ſchlecht geflicktem Bettzeug, um⸗ ſtricktem Kochgeſchirr, wurmſtichigen Rollpulten neben einem Jacaranda⸗Flügel. Noch häufiger aber hat man Urſache, ſich zu fragen, wer die ſchwellenden Ottomanen, die auf Rädern gehenden Fauteuils, die zierlichen Damen⸗ ſchreibtiſche und hundert andere prächtig gearbeitete Ge⸗ genſtände häuslichen Comforts, die wir durch die Schau⸗ fenſter der zahlreichen Möbelmagazine bewundern, eigent⸗ lich kauft. . — Ein kleines, aber ſolides Ameublement wurde eben vor einem Hauſe in einer engen, durch die Höhe ihrer Ge⸗ bäude ſehr verdüſterten Straße abgeladen. Der ſchwarzlederne tadelloſe Sorgenſtuhl des Fami⸗ lienhauptes hob ſich nicht prahleriſch von ſeinen Gefähr⸗ ten, dem Sopha und den Seſſeln, ab; einzelne ſchadhafte Stellen an den bunten Bettpfühlen waren ſo ſauber aus⸗ gebeſſert, daß die geradlinigen Nähte kaum zu erkennen waren; die Wirthſchaftsgeräthe waren ſämmtlich gut ge⸗ halten; auf dem von mehreren Arbeitsmännern geleiteten Wagen fehlte kein nothwendiges Stück, wie kein über⸗ flüſſiges Zuviel da war, und das Ganze ſtand unter ſich in einem ſo harmoniſchen Verhältniſſe, daß man mit ziemlicher Genauigkeit ſchließen konnte, wie die Wohnung beſchaffen ſein müſſe, welche dieſe Gegenſtände aufnehme, und wohin dieſes oder jenes Möbel nothwendig zu ſtehen kommen müſſe. Ein kleiner Knabe von etwa acht Jahren war neben dem Wagen hergegangen, um den ſichern Transport einer Verkaufsbude zu überwachen, deren einzelne Beſtandtheile ſich ebenfalls unter dem Hausgeräth befanden; ſie war nach dem Muſter der gewöhnlichen Marktbuden angefer⸗ tigt und ſo groß, daß der kleine Verkäufer mindeſtens bequem darin Platz hatte. In gewiſſer ſchüchterner Ent⸗ fernung ſtand ein kleines braunlockiges und braunäugiges . 1* 4 4 Mädchen, das zwei bis drei Jahre jünger ſein konnte als der Knabe und neugierig jeden einzelnen Gegenſtand be⸗ trachtete, der von den Arbeitsleuten abgeladen und ins Haus getragen wurde. Sie gehörte in das gegenüber⸗ liegende Haus und ſchien ſich nach Art der Kinder für die neue Nachbarſchaft lebhaft zu intereſſiren. So oft ſie dem Blicke des Knaben begegnete, der ſich ein kindi⸗ ſches Air gab, die Arbeitsleute zu beaufſichtigen und ſie beim Abladen der Möbel zur Vorſicht zu ermahnen, hatte ſie verſchämt die großen braunen Augen niederge⸗ ſchlagen und an einem Strohhalme gekaut, den ſie aus dem herabgefallenen Stroh der Emballage aufgeleſen hatte, in einem Augenblicke, wo ſie ſich von dem Knaben— deſſen Aeltern ja das Stroh gehörte— unbeobachtet glaubte. Als ſie die Beſtandtheile der Verkaufsbude erblickte, ließ ſie den Strohhalm fallen, richtete den Kopf empor, ſtemmte die zarten Arme in die Hüften und ſah bewundernd dem reizenden Spielzeug nach. Mit einer gewiſſen Ehrerbietung blickte ſie den glücklichen Beſitzer der Bude an, und dann war ſie plötzlich verſchwunden. Nach einiger Zeit kehrte ſie zurück, und wer beſchreibt das Erſtaunen des Knaben, als er auf ihren Armen eine große Puppe erblickte, die nicht nur in die prächtigſten Seidenſtoffe gekleidet war und wirkliche Locken von Menſchen⸗ haar trug, ſondern ſogar die Augen öffnete und ſchloß. „Iſt die Puppe Dein?“ fragte der Knabe, zu der klei⸗ nen Wärterin herantretend. Sie nickte und knüpfte hieran ſofort die Frage, ob die Bude, die ſie vorhin geſehen habe, wirklich zum Spielen ſei. Ueber die bejahende Antwort ſchien die Kleine ſo er⸗ freut, daß ſie zu dem Knaben ſagte: „Wenn Du die Puppe gern ein bischen tragen möch⸗ teſt, ſo kannſt Du ſie nehmen.“ Worauf der Knabe die Puppe etwas ungeſchickt in Empfang nahm und der neuen Nachbarin die Eröffnung machte, daß er ſeine Aeltern, die bald kommen müßten, um Erlaubniß bitten werde, heute gleich einmal die Bude aufſchlagen zu dürfen. Statt der erwarteten Aeltern kam jetzt die Dienſtmagd, auf dem Rücken einen Korb mit Küchengeſchirr, in der einen Hand eine Meſſerputze und mit der andern den Kinderwagen ziehend, dem der Knabe ſchon längſt entwachſen war und worin ſich in gegenwärtigem Augenblicke Wäſchleinen, Klammern, Bürſten, Stiefelwichſe und zwei Regenſchirme befanden. Die Dienſtzeit, welche die Magd bei der Fa⸗ milie verbracht hatte, war ſo ehrwürdigen Datums, daß 3 ihr etwaiger Tod von der Herrſchaft viel bitterer hätte beweint werden müſſen als der ihres eigenen Knaben, wenn die Liebe nichts Anderes wäre als die Gewohnheit langer Jahre. Die treue Magd wurde von dem Kleinen als diejenige Autorität betrachtet, welche gleich auf die Aeltern folgte, und als daher der Vater, einen Stoß Bü⸗ cher unter dem Arme und in jeder Taſche einen Pfeifen⸗ kopf, in Begleitung der Mutter anlangte, die in jeder Hand einen Hut, in ein Tuch eingeſchlagen, trug, fanden ſie nicht nur bereits die Bude aufgeſchlagen und mit den bunten Kattunreſten behangen, welche als Verkaufsgegen⸗ ſtände von jeher dazu gehört hatten, ſondern es war ſo⸗ gar auch eine Puppe zum Verkauf ausgeſtellt, und hinter dem Zahltiſche ſaß ein fremdes Kind, das mit ungemei⸗ nem Behagen um ſich blickte, als wäre die Bude mit Spiegelglas ausgeſchlagen, während der Knabe fabelhafte Summen auf die Tafel zählte. Der Knabe wußte bereits von dem Mädchen, daß ſie Roſa Stubenrauch hieß, keinen Vater mehr hatte und mit Mutter und Schweſter in dem Hauſe gegenüber wohnte, wogegen ſich der Knabe bereits als Arthur Hofacker legitimirt hatte. Er war das einzige Geſchwiſter, wie er ſagte, die übrigen waren geſtorben. Sein Vater war Kaſſenrendant, ein Name, den Roſa ſogleich wieder vergaß, der ihr aber eine gewiſſe Hochachtung vor Arthur einflößte, weil ſie ihn nicht verſtand und er ihn mit ſo geläufiger Zunge ausgeſprochen hatte. Es hatte Roſa intereſſirt, zu wiſſen, wo der neue Geſpiele bisher ge⸗ wohnt habe, und beide nahmen ſich vor, einmal an dem Hauſe vorbei zu gehen. —1 Die Frau Kaſſenrendantin, die dem Söhnchen nur beſchränkte Markt⸗ und Handelsfreiheit geſtattete, warf einen Blick des Mißfallens auf die Bude und dann auch einen auf das fremde Kind, ſodaß dieſes bewogen wurde, ängſtlich herauszukriechen und Arthur zu bitten, von ſei⸗ nem rechtmäßigen Eigenthum ſelbſt wieder Beſitz zu nehmen. Dadurch fand die Frau Kaſſenrendantin Gelegenheit, Roſa's Kleidung zu muſtern; ſie war einfach, ließ aber auf ſehr anſtändige Verhältniſſe ſchließen; das Kind war ſauber und rein gehalten und— worauf die Frau Kaſ⸗ ſenrendantin vor allem ſah— ſelbſt hinter den Ohren 4 kein Schmuzflecken zu entdecken. Während dieſer Exa⸗ S mination hatte Arthur's Mutter der Kleinen nicht nur alle die Fragen vorgelegt, die ſich die Kinder bereits vor⸗ her beantwortet hatten, ſondern dabei auch noch Zeit ge⸗ funden, die Puppe von allen Seiten zu betrachten und ihren Werth zu taxiren. Unter ſolchen Umſtänden ermunterte ſie die Kleine, 4 nur ruhig wieder in die Bude zurückzukehren und es ſich darin gefallen zu laſſen. In demſelben Augenblicke aber hörte man durch das geöffnete Fenſter von der an⸗ dern Seite der Straße herüber den Ruf:„Roſa!“ „Meine Mutter ruft!“ ſagte Roſa, an das Fenſter eilend.„Ich muß jetzt fort.“ — — 8———————— ——————————— Der unbedingte Gehorſam, den das enteilende Kind an den Tag legte, hob es noch mehr in der guten Mei⸗ nung der Kaſſenrendantin, die ebenfalls jetzt ans Fenſter trat und im zweiten Stock gegenüber eine Dame mit gelblichem Geſicht erblickte; ſie ſchien in ſchwarze Seide gekleidet und trug eine ſchwarze Spitzenhaube. Auf die anmuthige Verbeugung der Rendantin dankte Roſa's Mutter mit einem ſo gemeſſenen Kopfnicken, daß die Rendantin, die ihr Knie nur vor imponirenden Perſonen beugte, zu ihrem Knaben ſagte:„Du darfſt mit der klei⸗ nen Roſa Stubenrauch ſpielen.“ Es fehlte aber nicht viel, ſo hätte die Rendantin dieſe Erlaubniß ſchon am nächſten Morgen zurückge⸗ nommen. Es war noch ſehr früh, und die Familie war eben erſt aufgeſtanden, als Arthur, der am Fenſter ſtand, um zu ſehen, wie ſich die neue Umgebung im Morgenlichte ausnahm, ausrief:„Da kommt Roſa Stubenrauch mit ihrer Puppe!“ „Sie wird doch nicht ſchon zu uns kommen?“ ſagte die Mutter, welche ebenfalls ans Fenſter getreten war und das Kind wirklich über die Straße kommen ſah. „O ja, ſie kommt zu uns!“ jubelte Arthur.„Hörſt Du, da geht auch ſchon die Klingelthür!“ „Das iſt eine ſehr läſtige Nachbarſchaft“, grollte der Rendant, der eben in die Beinkleider fuhr.„Das zeigt von wenig Bildung, wenn man fremden Leuten ſchon ſo frühzeitig die Kinder über den Hals ſchickt.“ Die kleine Nachbarin trat mit der Puppe jetzt ein. Sie ging ganz in ihrem geſtrigen Anzuge, aber mit . ungewaſchenem Geſicht und ungekämmten Haaren, ſodaß ſelbſt Arthur, wie es ſchien, unangenehm berührt wurde. „Guten Morgen!“ rief der Rendant dem Kinde zu, 1 aber nur, um es dadurch an eine Pflicht der Schicklich⸗ keeit zu erinnern, denn die Kleine war ſtumm, ohne allen Gruß eingetreten und ſprach jetzt das ihr ſoufflirte „Guten Morgen“ mechaniſch nach. 4„Wenn man zu fremden Leuten ins Zimmer kommt“, 5 erläuterte die Rendantin dem Kinde,„ſo klopft man vorher hübſch an. Hat Dir das Deine Mutter nicht geſagt?“ Die Kleine ſchüttelte den Kopf, als wäre ſie damit 6 vollſtändig gerechtfertigt. Dann ſah ſie ſich überall im Zimmer um und wandte ſich endlich an Arthur mit der. Frage:„Wo iſt die Bude?“ 4 Der Rendantin fiel der ſeltſame Blick auf, mit welchem Arthur jetzt das Kind anſtarrte; plötzlich fing er laut zu lachen an und rief:„Das iſt ja gar nicht Roſa Stubenrauch, das iſt ja eine ganz Andere!“ Der Rendant mußte vorläufig darauf verzichten, ſich von der Täuſchung mit eigenen Augen zu überzeugen, denn er wuſch ſich gerade das Geſicht. Die Rendantin dagegen machte ſich ſogleich daran, das Kind mit ver⸗ wunderten Blicken zu muſtern. Sie fand allerdings, daß zwiſchen Roſa und dem fremden Mädchen nicht die min⸗ deſte Aehnlichkeit beſtand, nur der Anzug hatte die Täuſchung bewirkt, und dazu kam, daß der Vergleich durch den Einfluß von Seife und Kamm, den man ſich hier hinzudenken mußte, nicht wenig erſchwert worden war. Im Uebrigen hatten die Kinder mit einander nichts gemein als die Größe, die braunen Augen und das dunkle Haar, und dies letztere hatte bei dem fremden Mädchen eine tiefere, mehr nach Schwarz hinneigende Färbung. Der kluge Blick der Fremden unterſchied ſich himmelweit von Roſa, aus deren Auge Offenheit und Sanftmuth ſprach, und obwohl beide hübſch zu nennen waren, ſo entbehrte das runde Geſicht der Pſeudo⸗Roſa doch des edlen Ausdrucks, der in dem ſchmalen, läng⸗ lichen Antlitz der richtigen Roſa lag. „Wer biſt Du denn?“ fragte die Rendantin, während Arthur theilnahmlos auf ſeine Beſucherin herabſah. „Ich bin Liddy“, erwiderte das Kind.„Roſa iſt meine Schweſter.“ „und haſt Du wirklich genau ſolche Kleider und genau ſo eine Puppe wie Deine Schweſter Roſa?“ fragte die Rendantin weiter. 11 „Ja“, antwortete Liddy, aber es klang wie eine mit Gleichgültigkeit herausgeſtoßene Lüge. „Und biſt Du mit Erlaubniß Deiner Mutter hier?“ „Ja“, war die Antwort, und ſie trug wieder den Charakter einer gleichgültigen Lüge an ſich. „Geh hinüber“, ſagte die Rendantin,„und frage Deine Mutter noch einmal, Du haſt ſie vielleicht nur falſch verſtanden.“ Liddy verließ gleichgültig das Zimmer und man ſah ſie dann über die Straße nach Hauſe gehen. Der Rendant öffnete das Fenſter, um die friſche Morgenluft zu genießen, und es dauerte nicht lange, ſo hörte man ein lautes heftiges Geſchrei, wie es unfolg⸗ ſame Kinder bei körperlichen Züchtigungen gewöhnlich auszuſtoßen pflegen. Der Rendant wandte ſich zu ſeiner Frau und Arthur um und deutete unter einem ver⸗ ſtändnißvollen„Aha!“ mit dem Finger nach den Fenſtern der Frau Stubenrauch hinüber. Später trat aus dem Hauſe ein kleines, ſauber ge⸗ waſchenes und gekämmtes Mädchen in einem einfachen grauen Kattunkleide. Es trug ein Körbchen unter dem Arme und verſchwand damit in dem nahen Bäckerladen. In dem kleinen Mädchen erkannte die Rendanten⸗ familie Liddy. 5 Zweites Kapitel. — Arthur und Roſa beſuchten einander täglich und ver⸗. trugen ſich ſo gut, daß faſt nie ein Streit zwiſchen ihnen. vorkam. Die Bude, die viel Platz in Anſpruch nahm, durfte nur aufgeſchlagen werden, wenn Arthur ſich meh⸗ rere Tage ununterbrochen ausgezeichnet gut aufgeführt oder eine vorzügliche Cenſur aus der Schule mitgebracht hatte. Daher waren ſolche Tage für beide Kinder Feſt⸗ tage, und Roſa, die ſomit gleichſam auf Tantième ge⸗ ſtellt war, überwachte die Aufführung ihres Geſpielen, ermahnte ihn zum Guten und zupfte ihn an der Jacke, wenn er— was ſehr häufig der Fall war— Luſt be⸗ zeigte, ſeinen Aeltern zu widerſprechen. In dem geräu⸗ migen Hofe ſpielten die Kinder häufig Reiterbude. Roſa übernahm die Rolle des wohldreſſirten Pferdes, das in 13 jedem commandirten Tempo den Circus umkreiſte, über Barrièren ſprang, in die Kniee ſank, ſich hinlegte und minutenlang regungslos liegen blieb, als wäre es todt, um auf ein gegebenes Zeichen ſofort wieder aufzuſpringen. Arthur bewegte ſich in der Mitte der Rennbahn in der Eigenſchaft des Stallmeiſters, regierte das vortreff⸗ liche Thier durch die Bewegungen ſeiner Gerte und fiel nie aus einer gewiſſen ſchwerfälligen, ſteigenden Gangart, womit angedeutet werden ſollte, daß er bis an die Schenkel in Kanonen ſtecke. Auch Verſteckens ſpielte das Pärchen gern in dem an Schlupfwinkeln reichen Hofe, und während Roſa ihr Auge ſtets mit undurchdringlicher Finſterniß bedeckt, bis der verborgene Geſpiele das Zeichen gibt, während Roſa mit bewundernswürdiger Geduld und ernſtem Eifer den Knaben viertelſtundenlang ſucht, kann ſich Arthur nie⸗ mals enthalten, Roſa, durch die Lücken ſeiner Finger ſchauend, bis in ihr Verſteck zu verfolgen, um ſie nach einigen erkünſtelten Fehlgängen endlich zu finden. „Nun?“—„Nein!“—„Noch nicht!“—„Noch lange nicht!“—„Zetzt!“ An dieſe Ausrufe iſt die Nachbar⸗ ſchaft des Hofes ſo gewöhnt wie an das„ Nix zu han⸗ deln?“ des regelmäßig vorſprechenden Kleiderjuden und die bekannten Stimmen und Tonfälle der hauſirenden Gemüſe⸗ und Obſtweiber. 14 Liddy war nur äußerſt ſelten in der Geſellſchaft der Beiden. Sie hatte wenig Freiheit, denn ihre Mutter hielt ſie zu allerhand häuslichen Verrichtungen an. Sie mußte bereits Strümpfe ſtricken und kleine Gänge be⸗ ſorgen. Immer ſah man ſie in ihrem einfachen grauen Kattunkleide und man hätte, von dem Kinde auf die Mutter ſchließend, zu der Annahme kommen müſſen, die⸗ ſelbe lebe in dürftigen Verhältniſſen, wenn dies nicht durch die elegante, faſt täglich wechſelnde Kleidung Roſa's widerlegt worden wäre. Je weniger Gewicht Roſa auf die Bänder und all den bunten Flitter legte, in dem ſie ſich einherbewegte, deſto lüſterner ruhten Liddy's Augen darauf. Des Nachts, wenn Mutter und Schweſter in feſtem Schlafe lagen, ſtand Liddy zuweilen auf, ſchlich ſich in das Wohnzimmer, zündete Licht an und ſchmückte ſich mit Roſa's Kleidern, und um ihren künſtlichen Schmuck mit dem von der Natur ihr verliehenen in Harmonie zu bringen, wuſch ſie ſich dann ſorgfältig Ge⸗ ſicht und Nacken und verſuchte in der Anordnung ihres Haares die vielfachſten Varianten. Dann ſtand ſie halbe Stunden lang vor dem Spiegel, in das Anſchauen ihres eigenen Bildes verſunken; immer überwältigender, immer hinreißender erſchien ihr ihre Schönheit, bis ſie zuletzt den Kopf gegen den Spiegel lehnte, um auf das kleine Lippenpaar ihres Ebenbildes einen Kuß zu drücken. G 1 Dieſen hohen Grad von Eitelkeit ahnte Niemand in dem Mädchen, welches am Tage in ſeiner unſcheinbaren Kleidung ſo wenig Werth auf ſein Aeußeres zu legen ſchien, daß es, wenn die Einflüſſe des Straßenſtaubes oder ſeiner Beſchäftigungen ihm das Geſicht beſchmuzt oder das Haar in Unordnung gebracht hatten, dieſen ent⸗ ſtellenden Zuſtand nie unaufgefordert zu beſeitigen be⸗ dacht war. Die Leute behaupteten, die zurückgeſetzte, ſtiefmütterlich behandelte Liddy ſei nicht Roſa's rechte Schweſter, ob⸗ wohl Frau Stubenrauch ihre beiden Töchter für Zwillinge ausgab, wofür allerdings der Umſtand ſprach, daß beide offenbar in gleichem Alter waren. Sie verfolgte bei dieſer eine andere Methode in der Erziehung als bei jener. Roſa wurde mit Milde, Liddy mit Strenge behandelt. Ob der halsſtarrige, mit Bos⸗ heit gemiſchte Charakter Liddy's einen Beweggrund hierzu bildete, oder ob er erſt aus der ungleichen Behandlungs⸗ weiſe entſprungen war, das müſſen wir jetzt dahingeſtellt ſein laſſen. Jedenfalls war in Liddy ſchon frühzeitig Neid und Mißgunſt gegen ihre Schweſter Roſa erwacht; ſie kniff ſie heimlich, ſo oft ſie nur konnte, und ſchlug ſie, wenn die Mutter nicht gegenwärtig war. Und da Roſa die boshafte Schweſter nie anklagte, weil das weichherzige Mädchen unter jeder Züchtigung, die Liddy von der Mutter zu Theil wurde, am meiſten litt, ſo tyranniſirte Liddy ihre Schweſter nach Herzensluſt, als hätte ſie ſich durch ein förmliches Uebereinkommen mit Roſa dazu verpflichtet. Arthur trug ſehr viel dazu bei, Roſa's Lage weſentlich zu verbeſſern; er nahm Roſa gegen Liddy's Gewaltthätigkeiten in Schutz und ſtrafte Liddy, trotz der Bitten Roſa's, ihr nichts zu thun, mehr als einmal mit eigener Hand. Liddy war gegen Mutter und Schweſter ſo voll⸗ ſtändig gefühllos, daß ſich vorausſehen ließ, ſie werde, wenn die eine oder andere plötzlich ſtürbe, keine einzige Thräne vergießen. Beweiſe, daß ſie beide miſſen könne, hatte ſie bereits geliefert; ſie hatte ſich zu zwei ver⸗ ſchiedenen Malen heimlich entfernt und war mehrere Tage ausgeblieben, in der feſten Abſicht, nicht wiederzu⸗ kommen. Gensdarmen hatten das heimatloſe Kind, das ſich bettelnd auf den Dörfern herumtrieb, aufgegriffen, und wenn die Nachforſchungen und Ausſagen der ver⸗ zweifelten Mutter den Unterſuchungen der Behörde über die Herkunft des Flüchtlings nicht entgegengekommen wären, ſo wäre Liddy in das mütterliche Haus nie zu⸗ rückgelangt, denn das verſtockte Kind verweigerte hart⸗ näckig jede Auskunft und bot der Polizei nicht mehr Anhaltepunkte als ein neugeborener Findling. 17 Die Rendantin hatte Roſa's Mutter einen Beſuch abgeſtattet und war nicht wenig über die Eleganz des Zimmers erſtaunt, in welchem ſie empfangen wurde; doch herrſchte in dem Arrangement der Teppiche, Ge⸗ mälde, reich vergoldeten Spiegel und der vielen andern Gegenſtände des Luxus oder Comfort eine gewiſſe ge⸗ niale Unordnung. Die Ausſtattung des Zimmers war mehr eine Anhäufung; ſie erinnerte an die Vignetten der Muſter⸗ und Modezeitungen, und wenn man dem Zimmer den Rücken gewandt hatte, ſchwammen die Gegenſtände in der Erinnerung bunt durcheinander, ohne daß man ſich ihr Ausſehen oder den Ort, wo ſie hingen und ſtanden, klar hätte vergegenwärtigen können. Die Nachbarin erſchien der Rendantin kalt und froſtig, bald zeigte ſich aber, daß ſie nur zerſtreut war. Ab⸗ weſenheit des Geiſtes lag in ihrem Blicke, mit welchem ſie während der Unterhaltung ihre redſelige Beſucherin anſah, und mit derſelben Abweſenheit nickte ſie, als einem äußern Zeichen ihrer Theilnahme, mit dem Kopfe oder ſchüttelte denſelben. „Mein Mann war Geſchäftsmann“, ſagte Frau Stu⸗ benrauch.„Ich habe mich bei ſeinen Lebzeiten nie um ſeine Angelegenheiten gekümmert; ſchon der Name Geſchäft war mir verhaßt. Als er ſtarb, mußte ich in ſeine Fußtapfen treten und die Geſchäfte weiter furen, und Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 24 18 ſo lernte im Drange der Verhältniſſe die Wittwe das lieben, was die Gattin haßte. Man muß leben und es gehört viel zum Leben!“ fügte ſie mit einem ſo ſchwer⸗ müthigen Seufzer hinzu, daß die Rendantin die Augen niederſchlug— auf das ſchwere Seidenkleid der Seufzenden. „Es kommen ſo viele Leute aus allen Ständen zu mir“, fuhr Frau Stubenrauch fort, mit der Hand über das rauſchende Kleid ſtreichend;„mein Geſchäft macht mir äußere Repräſentation zur Bedingung.“ Die letzten Worte waren von einem noch ſchwerern Seufzer begleitet, da die Geſchäftsfrau annehmen durfte, daß die Nachbarin nun über alle Widerſprüche aufge⸗ klärt ſei. „Es freut mich, daß Arthur und Roſa ſich ſo gut vertragen“, äußerte Frau Stubenrauch.„Arthur iſt ein wohlerzogener, geſitteter Knabe und Roſa's erſter und einziger Geſpiele, denn ich habe ihr den Umgang mit den übrigen Kindern der Nachbarſchaft ſtreng unterſagt. gch betrachte es als eine glückliche Fügung, daß Sie gerade in unſere Nähe gezogen ſind.“ Die Rendantin verneigte ſich und ſagte Einiges zu Roſa's Lobe. Nach einiger Zeit machte Frau Stubenrauch der Rendantin ihren Gegenbeſuch. Sie war wieder ſehr zer⸗ ſtreut, blieb die ganze Zeit am Fenſter ſitzen, um die 19 Hausthür zu hüten, falls Leute kämen, mit denen ſie Geſchäfte hätte, und entfernte ſich auch ſehr bald infolge eines ſolchen Anlaſſes. Arthur's Mutter ſtattete bald darauf der Nachbarin ihren zweiten Beſuch ab. Es kam ihr vor, als ſei das ganze Zimmer verändert— andere Spiegel, andere Bil⸗ der in andern Rahmen an den Wänden, ſogar andere Möbel und Teppiche. „Ich weiß nicht, ob ich mich irre“, ſagte ſie, ſich ver⸗ wundert umblickend,„aber Ihre Wohnung kommt mir heute wie umgewandelt vor.“ Frau Stubenrauch nickte mit dem Kopfe und zeigte ein mattes Lächeln um den Mund, als ſei dieſer Um⸗ ſtand nicht der Rede werth. Frau Stubenrauch erwiderte diesmal den Beſuch nicht, und der Verkehr der beiden Frauen beſchränkte ſich fortan auf die Grüße, die ſie einander täglich aus den Fenſtern zunickten. „Wohrſcheinlich iſt ſie zu ſehr Geſchäftsfrau“, meinte der Rendant,„und wird dadurch von der Anknüpfung freundſchaftlicher oder conventioneller Verbindungen ab⸗ gezogen.“ „Ach nein“, entgegnete die Rendantin,„ich glaube eher, daß ſie das Unzulängliche ihrer Bildung einſieht, denn man kann ſich mit ihr über gar nichts unterhalten.“ 2* 20 Es war eigenthümlich, aber in der Natur der Ren⸗ dantin begründet, daß ſie von jetzt an Liddy unter ihren ganz beſondern Schutz nahm; ſei es, weil ſie ihr Herz antrieb, ſich aller Zurückgeſetzten anzunehmen, oder ſei es, daß ſie einen kleinen Triumph darein ſetzte, durch Liddy Partei gegen Frau Stubenrauch zu ergreifen. Liddy durfte mit ihrem Strickſtrumpf herüberkommen und zu den Füßen der Rendantin am Fenſter Platz nehmen. Es war auffallend, wie fleißig und ſtill ſich dann das Kind verhielt. Auch folgte Liddy der Ren⸗ dantin aufs Wort. Ein Zeichen mit dem Finger ge⸗ nügte, und Liddy ſtürzte fort, um ſich das Geſicht zu waſchen oder ihr Haar in Ordnung zu bringen. Auf⸗ richtig war es aber von der Kleinen nicht gemeint, es war ihr nur etwas Neues; ſie fand ſich in ihrer An⸗ nahme, von ihrer Mutter zurückgeſetzt zu ſein, beſtärkt; ſie gefiel ſich darin, daß eine fremde Perſon dies aner⸗ kannte, und ſuchte ſich dieſer Anerkennung werth zu machen, indem ſie ihr Weſen unter gute Eigenſchaften zwang, die ſie ihrer eigenen Mutter nie gezeigt hatte. Arthur und Roſa aber ſetzten ihren innigen Verkehr nach wie vor fort und waren längſt unzertrennliche Ge⸗ fährten geworden. Mitunter zeigte Arthur jubelnd ſeinen Aeltern ein werthvolles Buch, ein neues Schreibzeug, eine Mappe oder einen andern Gegenſtand, den ihm Roſa's 21 Mutter zum Geſchenk gemacht hatte, und noch öfter kam er mit einem großen Stück Kuchen aus dem Nachbarhauſe, nachdem er, wie er ſagte, drüben bereits eins gegeſſen hatte. Die Rendantin betrachtete dies als einen Tribut, als eine Aeußerung der Freude, welche Frau Stubenrauch empfand, daß ihr Kind der Ehre theilhaftig war, mit dem Knaben einer gebildeten Beamtenfamilie umzugehen; als einen etwas plumpen, aber gut gemeinten Erſatz für perſönliche freundſchaftliche Huldigung, welche der Mutter des Knaben darzubringen die einfache Geſchäftsfrau zu tief unter ihr ſtand. Die Rendantin nahm gnädig Notiz von dieſen klei⸗ nen Liebeszeichen, indem ſie der Nachbarin freundlich mit dem Finger drohte, ſo oft dieſe dem Knaben eine neue Ueberraſchung bereitet hatte, worauf dann die be⸗ ſcheidene Geſchäftsfrau verſchämt den Kopf ſchüttelte und mit der Hand eine demüthig abwehrende Bewegung machte. Die Rendantin beobachtete, daß vor dem Hauſe, in welchem Frau Stubenrauch wohnte, häufig Möbel auf⸗ und abgeladen wurden. Sie ſah oft Frauen mit ſchwe⸗ ren, verdeckten Tragkörben oder Männer und Kinder mit Bündeln hineingehen und erleichtert zurückkommen. Vor⸗ nehm gekleidete Herren und Damen gingen in dem Hauſe 22 aus und ein; einige ſahen ſich ſcheu um, ehe ſie in die Hausflur traten; andere zögerten an der Thür, kehrten um, wandelten unentſchloſſen vor dem Hauſe auf und ab, um zuletzt dennoch hineinzugehen; wieder andere kamen ſehr langſam aus der Hausflur heraus und ſchienen im Gehen in der Hand Geld zu zählen, und einſt glaubte die Rendantin ein junges, ärmlich gekleidetes Mädchen halb hinter der Hausthür verborgen zu be⸗ merken, das ſich, als es endlich hervortrat, mit der Schürze verſtohlen eine Thräne aus den gerötheten Augen zu trocknen ſchien. In dieſen Beobachtungen lag jedoch für die Ren⸗ dantin nichts Auffallendes, denn es wohnten in dem Hauſe ſehr viele Leute zur Miethe. Die ſchweren Bür⸗ den in den Tragkörben und Bündeln galten wohl der Wäſchmangel, die ſich in der Hausflur befand; ſchüchterne und zögernde Menſchen vor dem Bureau eines Ad⸗ vocaten, der ebenfalls im Hauſe wohnte, ſind nichts Seltenes, und die Thränen, die jenes arme Mädchen ge⸗ weint hatte, konnten leicht mit dem Sargmagazin in Verbindung ſtehen, das im Hinterhauſe ſeine düſtern Vorräthe barg. „Für wen ſind denn die Möbel“, fragte die Ren⸗ dantin einſt Roſa,„die häufig in Euer Haus geſchafft werden?“ 23 „Die ſind für meine Mutter.“ „Was thut ſie denn mit den vielen Sachen?“ Sie behält ſie nicht“, betheuerte Roſa lächelnd,„ſie verkauft ſie wieder; ſie ſtehen alle in einem großen Zim⸗ mer, aber da darf ich nicht hinein.“ „Warum denn nicht?“ „Ich ſoll mich um die Geſchäfte nicht kümmern; ich ſoll mich nie, nie darum kümmern. Ich ſoll nur in ſchöne Läden gehen und kaufen, was mir gefällt; nur immer kaufen nnd nie etwas verkaufen, höchſtens ver⸗ ſchenken.“ „Aber Du ſitzeſt ja jetzt ſchon ſo gern in der Bude und verkaufſt“, bemerkte die Rendantin. „Das iſt ja nur Spaß, und Arthur gibt mir auch kein ordentliches Geld! Wenn ich älter bin, wird das 4 ſchon aufhören.“ Arthur zog ſich die von Roſa ausgeſprochene Unzu⸗ länglichkeit der Reize ſeiner Bude ſehr zu Gemüthe; er wollte etwas einwenden, als Liddy, die auch zugegen war, ſpöttiſch das Wort ergriff: „Wenn ſie älter wird, ſoll ſie wie eine vornehme Dame gekleidet gehen; das hat ihr die Mutter geſagt, und die Mutter zeigt ihr oft Bilder aus der Mode⸗ zeitung und ſagt, ſo werde ſie einſt ausſehen. Und fahren ſoll ſie auch, in ihrem eigenen Wagen.“ 24 Arthur überkam ein dunkles Gefühl, daß die Er⸗ füllung dieſer Verheißungen ihn von Roſa trennen werde, und das hingebende Herz des Kindes verträgt den Ge⸗ danken an die Trennung nicht. Die Vorſtellung, daß Roſa's Mutter vielleicht reicher ſei als ſeine Aeltern, war ihm peinlich. Roſa ſollte nichts vor ihm voraus haben, ſie ſollte ihm ganz gleich, ganz ebenbürtig ſein. Der Groll, der ſich in ſeinem gekränkten Herzen regte, wurde vollends angefacht, als Roſa, die den Spott ihrer Schweſter als eine Huldigung aufgenommen hatte, jetzt ſagte: „Nächſtens lerne ich Muſik und Franzöſiſch.“ „Haha“, lachte Arthur bitter,„ſie kann noch nicht einmal leſen und ſchreiben.“ Roſa's Auge blitzte auf; ſie ſtampfte mit dem Fuße und ſagte ein wenig trotzig:„Aber ich lerne es dennoch!“ „Ich lerne nächſtens Lateiniſch“, ſagte Arthur mit⸗ leidig lächelnd;„das iſt viel ſchwerer als Franzöſiſch, und wer Latein kann, der kann zehnmal Franzöſiſch.“ „Laß doch Roſa lernen, was ſie Luſt hat“, ſagte die Rendantin verweiſend;„ihre Mutter iſt eine gute, ver⸗ ſtändige Frau; ſie wird Roſa Vieles lernen laſſen, damit ſie es dann wieder Andere lehren kann und ſich ihr Brod verdient.“ Liddy lachte ſchadenfroh und Arthur ſtimmte mit ein. 25 „Ich ſoll nicht Brod verdienen“, ſagte Roſa. Dabei bedeckte ſie das Geſicht mit der Hand, und nun waren die Thränen da. Leiſe weinend verließ ſie das Zimmer. Arthur lächelte, aber jetzt mehr der Conſequenz wegen als aus Schaden⸗ freude. Er ſaß ſtill in einer Ecke und ſchnellte die Unter⸗ lippe mit dem Finger. Nach einer halben Stunde ſtand er langſam auf und ging leiſe nach der Thür. „Wo willſt Du hin?“ fragte die Mutter auffahrend. Arthur blieb ſtehen, ohne zu antworten. „Zu Roſa gehſt Du heute nicht mehr!“ befahl die Mutter kurz.„Wenn Du Geſellſchaft brauchſt, ſo iſt Liddy hier; mit ihr darfſt Du ſpielen.“ Aber Arthur, den es hinterher ſchmerzte, daß Alles gegen Roſa Partei ergriffen hatte, wollte von Liddy nichts wiſſen. Er ging in den Hof und ſetzte ſich betrübt auf einen Holzbock. Roſa hat ſich im Hofe irgendwo verſteckt; in irgend einem ihrer bevorzugten Schlupfwinkel trifft er auf den Lockenkopf und auf das ſchwarze Schürzchen mit den ſchwarzen Achſelbändern über dem hellen Kleide. Er braucht nur zu ſuchen. Aber er ſchiebt es auf. Es wird ein Genuß ſein, ſie zu finden, und es liegt ja in ſeiner Macht. Aus einer Ecke flattern dunkle Locken hervor, aber Arthur wendet ſich ſo, daß er die Er⸗ 26 ſcheinung nur undeutlich ſieht, ſonſt könnte ſie ſich in ein dunkles Tuch verwandeln, das Jemand dort aufge⸗ hängt hat und das der Wind auf Augenblicke hervorweht. So ſitzt er, bis es dunkel wird. Roſa bleibt hart⸗ näckig in ihrem Verſteck, und er ſucht ſie nicht auf. Er wird zum Abendeſſen gerufen und geht und läßt die Locken flattern. Sie flattern die ganze Nacht, und Ar⸗ thur weiß es und fühlt trotzdem keine Beſorgniß. Auch Frau Stubenrauch kommt nicht herüber, um zu fragen, wo ihr Kind ſo lange bleibe. Am andern Morgen, als er die Geſpielin wieder be⸗ ſucht, ermahnt Roſa's Mutter die Kinder liebevoll zur Verträglichkeit, und Roſa gibt dem Knaben als Zeichen der Verſöhnung einen Kuß. Heute ſieht Arthur wäh⸗ rend des Verſteckenſpielens nicht durch die Finger; es iſt ihm eine Wonne, ſie recht lange ſuchen zu müſſen und doch zu wiſſen, daß ſie da iſt. Das Tuch flattert auch heute noch im Winde, aber er iſt von Roſa's Gegenwart ſo erfüllt, daß er gar nicht daran denkt, was es ihm geſtern war. Eins aber blieb als Folge des geſtrigen Auftritts dauernd zurück, eine gewiſſe Eiferſucht auf die etwaigen glänzendern Verhältniſſe Roſa's, und infolge deſſen nahm Arthur von ihrer Mutter nie mehr ein Geſchenk an. Drittes Kapitel. In einem Theile der Stadt war eben Jahrmarkt. Arthur und Roſa ſchwärmten fleißig unter den Buden umher; Liddy, die ihre Zeit zwiſchen Arbeit und kind⸗ licher Erholung zu theilen hatte, erhielt von der Mutter nur beſchränkte Erlaubniß. Das war hart für ein Kind, welches von jeher ein brennendes Verlangen trug, an öffentlichen Beluſtigungen Theil zu nehmen, und tagelang 4 ſich unter den Markt⸗ und Schaubuden umherzutreiben liebte. Daher machte ſich eines Abends Liddy die günſtige Gelegen⸗ heit, als Mutter und Schweſter ſchon in feſtem Schlafe lagen, zu Nutze, ihre Schauluſt zu befriedigen. Sie ſtand leiſe auf, wuſch ſich, wie ſie dies zur Nachtzeit ſchon oft gethan hatte, zog Roſa's beſte Kleider an, warf den nied⸗ lichen Mantel der Schweſter um ihre Schultern, ſchmückte ſich mit deren Hut und Schleier, ſchlich die Treppe hinab und durch die noch unverſchloſſene Hausthür auf die noch ſehr lebhafte Straße. Sie war bereits klug genug, um zu begreifen, daß ein Kind ihres Alters, welches zu ſo ſpäter Stunde allein durch die Straßen geht, die Auf⸗ merkſamkeit der ihm begegnenden Leute erregen muß. Geſchickt ſchloß ſie ſich daher verſchiedenen Gruppen an, die die gleiche Richtung verfolgten, ſodaß es den An⸗ ſchein hatte, als gehöre die kleine Dame entweder zu den vor oder zu den hinter ihr Gehenden. Auf dieſe Weiſe erreichte ſie das Ziel ihrer Wanderſchaft und unter der ſich drängenden Menge, unter den durcheinander muſigi⸗ renden Leierkäſten, unter wandernden Marionettentheatern und kreiſenden, luſtig belebten Carrouſſels, unter Pano⸗ ramen, Menagerien und Kunſtreiterbuden verſchwand ſie und kehrte nie wieder zurück. Alle Nachforſchungen blieben diesmal fruchtlos. Auch ſchien Frau Stubenrauch ängſtlich Alles zu vermeiden, was Aufſehen erregen konnte. Es war ihr ſchon genug, daß die Leute der Nachbarſchaft über die Mutter des ver⸗ lorenen Kindes ein ſo hartes Urtheil fällten und einander zuraunten: das komme davon, wenn man ein Kind grau⸗ ſam zurückſetze zu Gunſten eines andern, das man ver⸗ hätſchele! — nn 29 Die Thränen, welche die Mutter um das verlorene Kind weinte, hat Niemand geſehen als Roſa, und nur Roſa hörte das angſtvolle Rufen nach Liddy, das ſie lange Zeit des Nachts aus dem Schlummer ſchreckte. Roſa's Schmerz um die verſchwundene Schweſter ſollte noch vermehrt werden. Eines Tages befahl ihr die Mutter, von nun an in Liddy's grauem Kattunkleide einherzugehen, und ihr Geſicht hatte dabei einen ſo har⸗ ten, finſtern Ausdruck, daß Roſa erbebte und vor Be⸗ klemmung keine einzige Thräne weinen konnte. „Du kannſt auch gehen“, rief die Mutter mit ⸗wild⸗ rollendem Auge dem unſchuldigen Kinde zu;„lauf' auch in die Welt hinaus, wie Liddy, oder ins Waſſer! Warum gehſt Du nicht?“ Von dieſer Zeit an war Roſa für ihre Mutter faſt ſo gut wie gar nicht vorhanden; ſie durfte nicht mehr mit ihr in der Kammer ſchlafen, ſie mußte allein in der Küche eſſen; im Uebrigen fragte die Mutter nicht nach ihr, und ſie durfte thun und laſſen, was ſie wollte. Aber das Kind benutzte dieſe Freiheit zu nichts Anderem, als ängſtlich und ſcheu ſich vor der Mutter in die Ecken zu verkriechen. So ging es ein paar Wochen lang. Da ſagte eines Tages Roſa in ſanftem, flehendem Tone: „Mutter, lehre mich auch das Stricken, wie Liddy es ge⸗ konnt hat!“ ₰ Frau Stubenrauch warf einen langen Blick auf das bleiche, abgehärmte Geſicht des Kindes. „Stricken willſt Du lernen?“ fragte ſie endlich, wie aus einem Traume erwachend.„Nein, nein, Roſa“, ſetzte ſie langſam, in immer weicher werdendem Tone hinzu, und Roſa hörte zum erſten Male wieder ihren Na⸗ men,„Du darfſt nie ſtricken, nie arbeiten.“ Sie nahm Roſa auf ihren Schooß und fuhr mit be⸗ wegter Stimme fort:„Weißt Du nicht mehr, was ich Dir geſagt habe?“ In dem braunen Kindesauge, das ſich zu der ſelt⸗ ſamen Mutter auſſchlug, leuchtete eine Vinneide Aufmerk⸗ ſamkeit. „Weißt Du nicht mehr, was ich Dir gefagt habe von ſchönen Kleidern?“ Roſa nickte. „Und von Franzöſiſch und Muſik? Und von einem prächtigen Wagen?“ Roſa nickte zu allen Fragen; ſie legte auf alle dieſe Dinge ſeit jenem Zwieſpalt mit Arthur keinen Werth mehr, aber da die Mutter immer gern davon geſprochen hatte und, nachdem ſie ſo lange böſe auf Roſa gewe⸗ ſen war, heute wieder zum erſten Male liebevoll mit ihr ſprach und von dieſen Dingen zuerſt, ſo war Roſa, der verſöhnten Mutter zu gefallen, mit Allem einverſtanden, 31 und während ſie nickte, ſprach ein Zug ſtiller, ſanfter Duldung aus ihren Augen. „Ja, ja, Roſa“, fügte Frau Stubenrauch hinzu,„ſo ſoll es einſt ſein, aber Du ſollſt nie arbeiten, niemals!“ Roſa ſchüttelte, mit demſelben Zuge ſanfter Duldung in ihrem Kindesauge, das Lockenhaupt und ſprach das Wort nach:„Niemals!“ Und der Mutter gingen die Augen über, und Alles war vergeſſen, und Alles war wieder gut! — Viertes Kapitel. Vor der Wohnung des Rendanten hielt zuweilen ein leichter, eleganter Zweiſpänner. Der Kutſcher trug eine reiche Livree, und der Herr, welcher ausſtieg, hielt ſich in der Regel ein halbes Stündchen in dem Hauſe auf und fuhr dann weiter. Man hielt ihn anfangs für einen Arzt und fragte, wem ſeine Beſuche gälten. Sie galten dem Rendanten, obwohl Niemand in der Familie krank war. Der Beſuchende war kein Arzt, aber die Vermuthungen der Nachbarn hatten ſo ziemlich das Rich⸗ tige getroffen: er war ein Apotheker. Wenn man den Rendanten und den Apotheker betrachtete, ſo fand man zwiſchen beiden eine gewiſſe Aehnlichkeit heraus, die das Eigenthümliche hatte, daß man ſie nicht im Einzelnen verfolgen konnte, ſondern bald den Faden verlor. Beide 33 Männer konnten mittlere Vierziger ſein. Der Ren⸗ dant ſchien etwas verwachſen zu ſein. Die eine Achſel ſchien höher als die andere; dazu neigte ſich der Kopf, wie von einem Schlaganfalle feſtgewurzelt, fortwährend auf eine Seite. In Wahrheit aber hatte der Rendant nur einen etwas ſtarken Oberkörper, die ſchiefe Achſel und die ſteife Richtung des Kopfes waren Sache ſeiner Haltung. Kein Menſch aber konnte die Haltung nach⸗ ahmen, ohne entweder zu viel oder zu wenig zu thun. Man konnte ſie auch Niemand beſchreiben, und doch gab es ein Mittel, ſie treffend zu veranſchaulichen: man brauchte nur auf die Geſtalt des Apothekers zu deuten und man hatte gleich den Gypsabguß. Wollte man wiſſen, wie der Apotheker das Haar trug, ſo brauchte man nur das Haar des Rendanten zu betrachten und ſich hinzuzudenken, es ſei über Nacht grau geworden. Aus den Augen beider ſprach ganz ein und derſelbe Blick, worüber man vergaß, daß der Rendant blaue, der Apotheker da⸗ gegen braune Augen hatte. Auf derſelben Stelle der Stirn, wo ſich beim Apotheker eine Vertiefung bemerkbar machte, war beim Rendanten eine Erhöhung zu ſehen, als wären beide einmal tüchtig zuſammengerannt und es wäre ein Stück von der Stirn des Apothekers an der des Rendanten hängen geblieben. Der Apotheker und der Rendant waren Zwillings⸗ Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 3 34 brüder und ſtammten von armen Aeltern. Der Rendant beſaß nichts als ſein Amt, das ihn und ſeine Familie gerade nährte. Der andere Hofacker dagegen hatte die Tochter ſeines Principals geheirathet und war auf dieſe Weiſe in den Beſitz der Saulapotheke— weshalb ihn Arthur nie anders als Onkel Saul nannte— und eines bedeutenden Vermögens gelangt. Er beſaß keine Kinder; ſeine Frau war ſchon vor vielen Jahren geſtorben und hatte ihm, da ſonſt keine Verwandten da waren, Alles hinterlaſſen. Nach dem Onkel Saul war Gott der Nächſte, den das Hofacker'ſche Ehepaar verehrte.— „Kinder“, ſagte Onkel Saul,„Ihr ſeid mein einziges Glück auf dieſer Welt, und wenn ich ſterbe, ſo gehört Alles Euch!“ Eigentlich ſagte er dies nicht, denn die Rendantenfamilie hatte ihn überhaupt noch nie etwas ſagen hören; er ſprach nur in dem klagenden Tone eines Sterbenden. Was ſeinen Körper betrifft, ſo war er, einige leiſe Anzeichen von Gicht ausgenommen, ſo geſund wie ein Fiſch im Waſſer. Er hatte es aber gern, wenn ſeine Verwandten ihn wie einen Kranken behandelten. So oft er kam, fragten ſie mit großer Beſorgniß in Miene und Ton nach ſeinem Befinden.„Heute geht es wieder ſehr, ſehr ſchlecht“, war dann die klagende Antwort, die von einem hoffnungsloſen Kopfſchütteln und einem ſchmerz⸗ 35 lichen Zuge um den Mund begleitet war. Mitunter ging es anch„wieder etwas beſſer“, doch mußte man ſich dann wohl hüten, in Jubel auszubrechen, denn:„Man ſoll den Tag nicht vor dem Abend loben“, klagte er, und Bruder und Schwä⸗ gerin begnügten ſich daher, Gott im Stillen zu danken. An dieſer Grille Onkel Saul's, den Kranken zu ſpielen, waren ſeine demüthigen Verwandten mehr ſchuld als er ſelbſt, weil ſie ſie aus Unterwürfigkeit unterſtützten. So geſchah es öfter, daß er mit dem Entſchluſſe angefahren kam, ſich heute„wieder etwas beſſer“ zu befinden. Der Bruder aber, der gerade aus dem Fenſter ſah, glaubt — vielleicht infolge einer Lichttäuſchung— ſein Geſicht ungewöhnlich blaß zu finden. Er ſtürzt hinunter an den Kutſchenſchlag.„Um Gotteswillen, Bruder“, fragt er, „was iſt Dir?“ Onkel Saul, der nicht umhin kann, die Gelegenheit beim Schopfe zu faſſen, muß nun ſeinen Ent⸗ ſchluß ändern und befindet ſich heute in ſo leidendem Zuſtande, daß er ſich aus dem Wagen heben laſſen muß. Onkel Saul wird ſtets in den Armſtuhl geſetzt, denn ſogar an Tagen, wo es beſſer geht, dulden die Beſorgten nicht, daß er ſich ſelbſt ſetzt. Onkel Saul glaubte einmal dermaßen an der Gicht zu leiden, daß der rechte Arm von oben bis unten gelähmt war; er konnte nicht die geringſte Bewegung damit machen, und das Glas Waſſer, welches ihm vorgeſetzt wurde— er 9* 3* 36 trank nur Waſſer— mußte ihm die Schwägerin an den Mund halten, ſo oft er trinken wollte. Arthur ſpielte im Zimmer mit einem großen Gummiballe. Es war ihm zwar unterſagt worden, aber er ließ dennoch den Ball mitunter verſtohlen hüpfen. Durch einen unglück⸗ lichen Kraftaufwand Arthur's wurde der Ball ſo gewaltig auf die Diele geſchleudert, daß er hoch aufſprang. Onkel Saul ſah den Ball gegen ſeinen Kopf heranfliegen und fing ihn zum größten Erſtaunen aller mit der gelähmten Hand ſo geſchickt auf, daß ſelbſt Bruder und Schwägerin darüber lachen mußten und Onkel Saul zuletzt auch mit lachte, ſo gut es ihm die Schmerzen geſtatten wollten. Onkel Saul wohnte in ſeinem großen ſchönen Hauſe ganz allein, ſeine Apothekergehülfen, die Dienerſchaft und die alte Haushälterin ausgenommen. Dieſe Hanshälterin hatte ihm einmal vor mehreren Jahren in der Uebereilung eine grobe Antwort gegeben, und dieſe Antwort hatte in Onkel Saul's Gedächtniß ſo zu ſagen Eier gelegt, von denen im Durchſchnitt täglich eins auskroch. Daher führte er, ſo oft er zum Rendanten kam, über die Grobheit der alten Haushälterin bittere Klage, nannte ſie einen Nagel zu ſeinem Sarge und bezeichnete ſie, wenn er von ihr ſprach, nie anders als mit den Wor⸗ ten:„Dieſes entſetzliche Weib!“ Die Verwandten riethen ihm dringend, das Ungeheuer zu entlaſſen, aber er war 37 zu gutherzig; was ſollte aus der alten Frau werden! Und er behielt ſie bis an ſein Ende. Als Krankenpfle⸗ gerin duldete er ſie aber nie um ſich. Wenn er mitten in der Nacht einen Anfall bekam, und das geſchah jeden Monat zwei⸗ bis dreimal, ſo ſchickte er einen Böten zu ſeinen Verwandten, und ſogleich erſchien das Ehepaar, und die Schwägerin bereitete ihm Senfpflaſter, machte ihm kalte und warme Umſchläge oder wickelte ihn in Flanell und blieb die ganze Nacht an ſeinem Lager. Einſt hatte er ſich in allem Ernſte einen Katarrh zugezogen. Er ließ ſeine Verwandten rufen. Bruder und Schwägerin waren untröſtlich; der Kranke war gefaßter als ſie und ſagte, ſie ſollten nach Hauſe gehen. „Wenn etwas vorkommen ſollte“, rief er ihnen nach, als ſie an der Thür waren,„ſo iſt hier ein Schlüſſel.“ Er überreichte dem betroffenen Bruder einen kleinen Schlüſſel. „Geht nur, geht!“ rief er klagend, als beide mit be⸗ kümmerten Mienen vor ihm ſtehen blieben. Und ſie gingen wieder. „Wenn Du nicht weißt“, rief er dem Bruder nach, als dieſer eben die Thürklinke erfaßt hatte,„was Du mit dem Schlüſſel machen ſollſt, ſo— na, geht Kinder, ich bitte Euch, geht in Gottes Namen.“— — 38 Sie öffneten die Thür. „Wir ſind alle ſterblich“, flüſterte Onkel Saul, und da dieſe Worte entweder von den Verwandten überhört oder nicht in der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung aufge⸗ faßt worden waren, ſo fügte er lauter hinzu:„und ich kann noch in dieſer Nacht ſterben. Nun geht, Kinder, geht, und Gott ſei mit Euch! Ich fühle mich jetzt wohler und Ihr könnt mich ruhig allein laſſen. Gute Nacht, ſchlaft wohl!— Schickt mir aber den Ar⸗ thur noch einmal her, ſchickt ihn bald, ſchickt ihn auf der Stelle; ich möchte ihn gern noch einmal ſehen. Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, es geht beſſer mit mir. Macht Euch keine unnöthigen Sorgen und geht nach Hauſe. Noch eins, Bruder: der Schlüſſel ſchließt jenen Schrank. Verſprich mir, daß Du die Briefe, die darin ſind, verbrennen willſt. Sonſt iſt Alles in beſter Ord⸗ nung; die Notizen, die Du finden wirſt, ſind zuverläſſig, und das Teſtament iſt in rechtsgültiger Form abgefaßt. Man kann nicht wiſſen, was paſſirt!— Macht mich nicht böſe, ſondern geht nach Hauſe; morgen hoffe ich ſo weit wieder hergeſtellt zu ſein, daß ich Euch beſuchen kann. Schlaft wohl und grüßt Arthur von mir.— Verliere den Schlüſſel nicht, Bruder; es iſt beſſer, Du läßt ihn hier.— Gute Nacht!“ ken. Die Magd hatte eines Markttags eine Gans 39 Es war ein Glück, daß ſich die Thür endlich hinter den beſorgten Verwandten geſchloſſen hatte; noch einen Augenblick Zögern, und ſie hätten den kläglichſten Seufzer gehört, der ſich je der Bruſt eines Katarrhkranken ent⸗ rungen. Onkel Saul liebte es, von ſeinen Verwandten für ſehr mäßig gehalten zu werden. Wir haben ſchon er⸗ wähnt, daß er nur Waſſer trank; Wein genoß er nur als Medicin, wenn er krank war, und er war ein regel⸗ mäßiger Einnehmer, denn er nahm täglich dreimal ein, zum Frühſtück, zum Mittageſſen und des Abends. Er gehörte zu jenen ſchweren Patienten, denen die Aerzte große Bouteillen verſchreiben. Als Freund der Mäßigkeit wußte er dieſe Tugend auch an Andern zu ſchätzen, und auch dieſe Seite ſeines Weſens warf ihre Streiflichter in das Familienleben des Rendanten. Ein gutes Gericht wagte die Familie nur bei ver⸗ ſchloſſenen Thüren zu eſſen; der Kaſten unter dem Speiſe⸗ tiſche war eigens dazu eingerichtet, um für den Fall einer plötzlichen Ueberrumpelung von ſeiten des Oheims einen ganzen Schweinebraten aufzunehmen. Dem Ren⸗ danten war es zur zweiten Natur geworden, ſein Früh⸗ ſtücksſchnäpschen nur in einer verborgenen Ecke zu trin⸗ 40 eingekauft und erzählte, als ſie athemlos nach Hauſe kam, mit allen Merkmalen des Entſetzens, daß Onkel Saul ihr unterwegs begegnet ſei und die Gans geſehen habe. Onkel Saul kam auch manchmal, wenn er ſich beſon⸗ ders wohl fühlte, zu Fuße. Bei jedem Schritte, den man auf der Treppe hörte, ging es dann an ein Aufräumen von Speiſen, an ein Wegſetzen von Flaſchen und Gläſern, an ein haſtiges Hinunterſtürzen der Neigen, an ein Ver⸗ ſtecken verdächtiger Speiſereſte, ſodaß die Wohnung einer Spielhölle glich, in dem Momente aufgefaßt, wo die Polizei erſcheint. Das Daſein dieſer Familie war nichts als der Glockenzug des Onkels, an dem er immer die Hand hatte. In Allem richteten ſie ſich nach ihm. Onkel Saul's wegen wurde Arthur's Umgang ſorgfältig überwacht; Onkel Saul's wegen ging der Rendant nie in ein Bier⸗ haus, ließ er ſich in keine Reſſource, in keinen Club auf⸗ nehmen; Onkel Saul's wegen gab die Rendantin keine Kaffeegeſellſchaften; Onkel Saul's wegen ging ſie jeden Sonntag früh in die Kirche und Onkel Saul's wegen ſchickte ſie des Nachmittags die Dienſtmagd hinein. Sie erbten einſt ſein ganzes großes Vermögen, und nie war ihnen der Gedanke beigekommen, daß der grau⸗ haarige Mann ſie überleben könne, wie ſie auf der an⸗ dern Seite noch nie ernſtlich darüber, nachge achgedacht hatten, 41 wie ſie ſich nach dem Ableben Onkel Saul's einrichten und auf welche Weiſe ſie das Vermögen anlegen wollten. Er hatte ſie teſtamentariſch zu ſeinen Erben eingeſetzt, und folglich mußte der Onkel früher ſterben und dazu feſt entſchloſſen ſein.— „Kinder“, war oft Onkel Saul's Rede oder Klage, „wenn Ihr Geld braucht oder ſonſt einen Wunſch habt, ſo ſagt mir’s. Von ſelbſt biete ich Euch nichts an, denn es gehört ja doch einmal Alles Euch!“ Bei den letzten Worten ſpielte ſtets ein wehmüthiges, aber gefaßtes Lächeln um ſeinen Mund. Sie verlangten nichts und er bot ihnen nichts an.„Nehmt vorlieb, Kinder“, ſagte er, wenn er an Geburtstagen ein wohlfeiles Geſchenk überreichte. „Weshalb ſoll ich Euch viel geben, Ihr könnt Euch ſpäter ja ſelbſt jeden Wunſch erfüllen.“ Die Senatoren, der Bürgermeiſter und die Räthe und die Aerzte, denen er befreundet war, waren in ſeinem Teſtamente nicht bedacht; ihre Jubiläen, ihre Hochzeiten und Kindtaufen verherrlichte Onkel Saul durch ſilberne Pokale oder Theegeſchirre oder goldene Kinderklappern. Da war es etwas Anderes! Arthur war der Liebling des Onkels, er war in Wahr⸗ heit ſein kleiner Abgott. Aber hier war es umgekehrt. Die Verehrung der Aeltern für Onkel Saul war bei Ar⸗ thur in das gerade Gegentheil umgeſchlagen. Es ärgerte 42 ihn, daß Onkel Saul ſo oft des Nachts ſein Aeltern aus ihren Betten holen ließ; es erfüllte ihn mit Groll, daß Onkel Saul an Weihnachtsabenden und bei andern Ge⸗ legenheiten, wo die Familie froh und heiter war, regel⸗ mäßig Anfälle bekam und, als könne er kein frohes Ge⸗ ſicht ausſtehen, die Freude ſtörte; das immerwährende Aufräumen und Verſtecken, wenn man auf der Treppe den Schritt des Onkels zu vernehmen glaubte, benahm ihm einen großen Theil der Achtung vor ſeinen Aeltern, wie es ihn gegen den Onkel ſelbſt erbitterte, wenn er ſich ſeinetwegen im beſten Eſſen unterbrechen und den Biſſen aus dem Munde nehmen mußte. Er behandelte den Onkel mit einer Rückſichtsloſigkeit, die den Aeltern oft die Haare zu Berge trieb. So oft Onkel Saul kam, ſuchte ſich der Knabe zu entfernen; ließ der Onkel ihn einladen, ſo mußte er ſtets ausdrücklich mit ſagen laſſen, daß er ſich heute vollkommen wohl befinde, ſonſt war Arthur für ihn nicht zu haben; erwähnte der Onkel des Knaben einſtigen Apothekerberuf, ſo verſetzte Arthur mit triumphi⸗ render Entſchloſſenheit: Schuſter wolle er werden und kein Apotheker! Die Eigenthümlichkeiten Onkel Saul's erweckten in dem Knaben einen Hang zum Sarkasmus. Er kam häufig, wenn die Mutter Kuchen gebacken hatte oder der Vater beim Frühſtück ſaß, mit dem Schritte des Onkels die Treppe herauf und richtete die bekannten — 43 Verwüſtungen an; er ſpielte den Gichtkranken meiſterhaft, wußte das klagende:„Heute geht es ſehr, ſehr ſchlecht“ und das tröſtlichere:„Heute geht es wieder etwas beſſer“ des Onkels täuſchend nachzuahmen und ging ſogar, zum Schrecken der Aeltern, mitunter ſo weit, Proben ſeines mimiſchen Talents in Gegenwart des Onkels ſelbſt ab⸗ zulegen. Als Onkel Saul die Familie in der neuen Wohnung zum erſten Male beſuchte und ſich darüber äußerte, daß das Zimmer etwas klein ſei, entgegnete Arthur: zu einer Krankenſtube wäre es groß genug. Und dieſer Widerſtand des Knaben war es, der den Onkel an Arthur feſſelte. Er glaubte ihn wegen des regen und aufgeweckten Geiſtes zu lieben, den der Junge bekundete; er glaubte ihn wegen ſeines guten Humors, der ihm die Grillen vertrieb, unentbehrlich zu finden; die Wahrheit aber, daß ein ſchulpflichtiger Knabe einem grau⸗ haarigen Manne imponirte, hätte ihm keine Folter er⸗ preſſen können. Um die Charakteriſtik Onkel Saul's zu vervollſtän⸗ digen, müſſen wir noch unterſuchen, wie es um ſeine Moralität ſtand. Das war es, was er am meiſten am Menſchen ſchätzte. Hätte er in dem Leben ſeiner Verwandten nur einen moraliſchen Flecken entdeckt, er würde ſie ſofort enterbt haben. 44 Es beſtanden zwiſchen Onkel Saul und ſeinen Ver⸗ wandten gewiſſe öffentliche Geheimniſſe. Der Rendant kommt vom Bureau nach Hauſe und ſagt, nachdem er ſich genau überzeugt hat, daß ihn Niemand als ſeine Frau hören kann:„Er ſoll vorgeſtern Abend wieder hundert Louisdor verſpielt haben.“ Die Rendantin ſchüttelt lächelnd den Kopf; ſie iſt uneigennützig genug, dabei nicht an die Schmälerung der Erbſchaft zu denken; ebenſo der Rendant. Beide bewundern dies als einen großartigen Charakterzug des Onkels. Sie wiſſen, daß dieſe Leidenſchaft immer innerhalb gewiſſer Grenzen bleibt, daß ſie nie den Ruin ſeines enormen Vermögens her⸗ beiführen wird. Ihre Phantaſie beſchäftigt ſich mit den vornehmen Händen und den ſteifen Manſchetten, die ſich nach den hundert Goldſtücken ausgeſtreckt haben mögen; ſie ſind ſtolz darauf, infolge ihres zukünftigen Anrechts auf das Beſitzthum des Onkels in gewiſſer Beziehung zu den angeſehenſten Honoratioren der Stadt zu ſtehen, über deren heimlichen Spielclub allerlei dunkle Gerüchte in Umlauf ſind. Als an dieſem Tage Onkel Saul ſich einfindet, iſt ſein Befinden über alle Maßen ſchlecht, und nachdem der arme kranke Mann wieder in den Wagen gehoben worden und davon⸗ gefahren iſt, ſieht der Rendant ſeine Frau be⸗ deutungsvoll an und ſagt, indem er das eine Auge 45 zukneift:„s iſt richtig!“ worauf dieſe ihm lächelnd zuwinkt. „Wiſſen Sie das. Neueſte?“ ſagt einſt die Dienſt⸗ magd zur Rendantin.„Die ſchöne Louiſe iſt mit einem Schauſpieler durchgegangen!“ Die Rendantin ſchlägt die Hände über dem Kopf zuſammen; in ihren Mienen drückt ſich der höchſte Grad von oeugierigem Intereſſe aus. „Sie hat alle Kleider mitgenommen und ſämmtlichen Schmuck und auch das goldene Medaillon mit ſeinem Bilde, das er ihr erſt neulich gegeben hat.“ „Weiß er's ſchon?“ fragt die Rendantin. „Er war eben dort geweſen.“ Die Rendantin eilt in das Zimmer und theilt die Neuigkeit ihrem Manne mit, dem die Geſchichte unge⸗ heuer viel Unterhaltung gewährt. Einige Tage darauf kommt die Magd athemlos vom Markte mit der über⸗ raſchenden Neuigkeit, daß die ſchöne Louiſe bereits erſetzt ſei, und zwar durch eine Auswärtige. Er habe ihr eine noch ſchönere Wohnung gemiethet, als Louiſe hatte. „Iſt ſie hübſch, die Neue?“ „Sie ſoll eine großartige Schönheit ſein, ſchlank von Wuchs, mit etwas blaſſem Geſicht. Morgen werde ich ſie ſehen.“ Ob Onkel Saul ſich bewußt iſt, daß ſeine Ver⸗ 46 wandten um ſein Hazardſpiel und um ſeine Liebſchaften wiſſen? Gewiß iſt er ſich deſſen bewußt, denn es wiſſen viele Leute darum, die ſich weniger um ihn bekümmern als die Rendantenfamilie. Aber er würde einen Eid darauf ſchwören, daß er vor der leiſeſten Anſpielung von ihrer Seite ſicher ſei, und er ſchätzt am Menſchen und beſonders an ſeinen Verwandten dennoch vor allen Dingen die Moralität; er hat auch ſeine Zeit gehabt, wo er ein ſtreng moraliſcher Menſch war; er hat ſie jetzt nur auf⸗ gegeben wie einen Beruf oder wie ein Arzt die Praxis. Und wenn man einen Beruf, den man lange mit Ehren ausfüllte, aufgegeben hat, hat man wohl das Recht, an⸗ dern Leuten, die dieſen Beruf noch üben, Vorwürfe zu machen, wenn ſie darin einen Fehler begehen, wie der ergraute Seemann, deſſen Beine ſteif geworden ſind, vom Strande aus den Schiffsjungen ausſchilt, der nicht ſchnell genug den Maſt erklettert. — Fünftes Kapitel. Leiſe Geſpräche, von denen Arthur nichts hören durfte, waren in der Rendantenfamilie nichts Seltenes und wech⸗ ſelten zwiſchen Vater und Mutter oder der Magd und der Mutter ab. Es gibt für eine treue Magd nichts Entzückenderes, als wenn ſie mit ihrer Herrin flüſtern kann. Das ſind die Staatsaugenblicke ihres Lebens. Einem ſolchen Staatsaugenblicke hat Arthur eben bei⸗ gewohnt; er hat nichts von dem Geſpräch verſtanden, aber er ſcheint nicht ganz unbetheiligt daran zu ſein, das ſchließt er aus den Blicken der Magd, die den ſeinigen mitunter begegnen. Die Mutter hat zu der leiſen Mittheilung der bewährten Magd mehrere Male ein halb entrüſtetes, halb höhniſches:„So, ſo!“ heraus⸗ geſtoßen. Dann geht ſie lächelnd und kopfſchüttelnd zu 48 ihrem Platz am Fenſter. Frau Stubenrauch ſieht drüben heraus und grüßt herüber. Die Rendantin erwidert den Gruß ſehr ſteif, aber mit einer ganz außerordentlichen Höflichkeit. Es gibt Leute, die Andern ihre Verachtung durch Höflichkeit ausdrücken; Leute, die ihre Duzfreunde, gegen welche ſie Urſache zur Unzufriedenheit zu haben glauben, plötzlich mit Sie anreden und mit einer Wolluſt, einer Salbung dieſes Wort auszuſprechen wiſſen, die empfindlicher trifft als die bitterſten Vorwürfe. In dieſe Kategorie der Höflichkeit gehörte der Gruß, den die Rendantin ihrem Gegenüber zuſandte. Bald kam Roſa herüber, um ihren Geſpielen zu beſuchen; die Ren⸗ dantin entzog dem Kinde die Hand, die dieſes wie ge⸗ wöhnlich ergreifen wollte, und dankte durch ein herab⸗ laſſendes„Guten Tag“.. „Liebes Kind“, ſagte die Rendantin mit harter Höf⸗ lichkeit zu Roſa,„ſpiele künftig allein oder ſuche Dir einen andern Geſpielen.“ 4 Es iſt ſchwer zu ſagen, welches der beiden Kinder die Rendantin mit größerem Staunen anblickte, ob Ar⸗ thur oder Roſa. Wierſtehſt Du mich nicht, mein Kind?“ ſagte die Rendantin mit harter Nachſicht, während Arthur und Roſa einander ungläubig anſahen.„Ich meine, Arthur wird künftig Deinen Umgang entbehren müſſen und Du 49 den ſeinigen. Geh und ſage das Deiner Frau Mutter; am beſten iſt's, Du thuſt es jetzt gleich. Nimm alle Deine Sachen mit, die Du noch hier haſt“, fügte ſie hinzu, indem ſie aufſtand und verſchiedenes Spielzeug, das Roſa gehörte und Arthur's Gaſtfreundſchaft zuweilen genoß, zuſammenſuchte. Es war rührend, mit welcher ausnehmenden Zartheit ſie das Spielzeug Stück für Stück dem Mädchen überlieferte, und es war noch viel rühren⸗ der, zuzuſehen, wie das braunlockige Kind, deſſen un⸗ ſchuldiges Geſicht in Purpur erglühte, ſtumm und ſchwei⸗ gend Stück für Stück ſorgfältig in Empfang nahm, als fürchte es, daß das Geringſte, das es etwa zurückließ, Unglück über die Familie bringen könne, und als ſei es der letzte und wichtigſte Liebesdienſt, den es Arthur er⸗ weiſen könne, wenn es Stück für Stück genau ſo feſt⸗ halte, wie es des Knaben Mutter ihr in die Hand gab. Roſa war ſehr bepackt, und die Rendantin öffnete ihr daher die Thür.„Adieu, mein Kind“, rief ſie der Kleinen nach, die ſich umwandte und ſtehen blieb, um kein Wort zu überhören.„Sage Deiner Frau Mutter, ich ließe mich ihr auf das höflichſte empfehlen, auf das“— hier machte ſie eine Verbeugung—„höflichſte empfehlen!“ Arthur ſtand wie vom Donner gerührt; plötzlich wollte er aus dem Zimmer eilen. „Wohin?“ fragte die Mutter. Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 4 50 „Ich will ihr nur drüben die Thür aufmachen“, entgegnete er in flehendem Tone und dem Weinen nahe. „Du betrittſt jenes Haus nie wieder“, verſetzte die Mutter ſehr entſchieden. „Ich will zum Vater gehen“, ſagte Arthur jett etwas trotzig. „Der Vater wird bald kommen; es iſt gleich Eſſens⸗ zeit“, bemerkte die Mutter ruhig.— „Nun“, rief der Knabe noch trotziger und ballte die„ Fauſt,„ſo gehe ich zum Onkel Saul!“ worauf ihn die Mutter ſchweigend bei der Hand nahm und in das Speiſegewölbe ſperrte. Als er nach einer Stunde ſeiner Haft entlaſſen wurde, war er ſehr gefaßt und ruhig. Im Laufe des Nachmittags ging Arthur in den Hof, machte die Fährte, auf welcher die Kinder Reiterbude geſpielt hatten, der Erde gleich, zerbrach ſeine Gerte und vernichtete alle Spuren, die an Roſa erinnerten. Die Mutter ſah es 4 mit an und ſchien es zu billigen. Nun gibt es aber nichts Aufreizenderes, als wenn die mißverſtandenden Zuckungen eines verletzten Herzens mit Beifall belohnt— werden; es mag daher dahingeſtellt bleiben, ob ſich Arthur den Beifall der Mutter in noch ausgedehnterem Maße erwerben wollte oder nicht; nur ſo viel iſt gewiß, daß 51 die treue Magd gegen Abend ihrer Herrin meldete, ſie habe ein Geräuſch gehört, als würde im Hauſe Holz geſägt; es ſei vom Boden gekommen, und wenn die Madame mit hinaufgehen wolle, oben lägen die Stückchen noch.— Welche Stückchen?— Die Verkaufsbude! er Umgang mit Roſa blieb Arthur ſtreng ver⸗ boten. Den Grund hat er von ſeinen Aeltern nie erfahren, es mußte aber ein ſehr gewichtiger Grund ſein, denn jeder noch ſo ſchlau angelegte Verſuch Arthur's, die Wachſamkeit der Aeltern zu täuſchen, ſchlug fehl. Wenn zwiſchen beiden Kindern das Weltmeer geflutet hätte, die Trennung wäre nicht vollkommener geweſen. Arthur betrat nie wieder den Hof; es wurden Neubauten darin vorgenommen, aber er hat nie Verlangen getragen, den Hof in ſeiner Neugeſtaltung zu ſehen. Arthur hat nie wieder mit einem Kinde geſpielt; er gab ſich von jener Zeit an nur dem Lernen hin. Er ſah Roſa ſelten; die Kinder durften einander nicht grüßen, und als ſie ſich ſpäter, wo Roſa die Schule beſuchte, zuweilen auf der Straße begegneten, wagte keins den Anfang zu machen; ſie gingen, ohne Erkennungszeichen zu wechſeln, an ein⸗ ander vorüber, ja, Roſa wandte ſogar das Geſicht von Arthur ab. Dieſes ſtarre Feſthalten an dem Angenblicke der Trennung war dennoch ein geheimer Faden, der beide mit einander verband, und jedes von ihnen ſagte 52 ſich vielleicht in ſeinem Innern:„Dieſe Periode unſerer Bekanntſchaft iſt nun einmal verpfuſcht!“ Die Zeit brachte gewaltige Veränderungen mit ſich. Man wollte wiſſen, daß in der Stadt einzelne Cholera⸗ fälle vorgekommen ſeien. Je beharrlicher die Zeitungen und Lokalblätter darüber ſchwiegen, deſto geſchäftiger waren die Zungen. Man ſprach von nächtlichen Be⸗ gräbniſſen, bis für das Dunkel des Geheimniſſes die kürzeſte Nacht eintrat und der ſchreckliche Sonnenaufgang der Wahrheit mit ſeinen erſten ungeduldigen Strahlen noch den letzten Leichenzug dieſer Nacht einholte. Eine bisher vereinzelte Mode brach ſich mit Rieſenſchritten Bahn— der Tod; die Särge wurden Mode, und ſchnell waren die Auflagen der Sargmagazine vergriffen, wie die eines Moderomans, und es kamen Surrogate ſeltſam geformter Tragbahren auf; die vereinzelte Mode, daß die Aerzte ſich Equipage halten, wurde allgemein; es wurde Mode, kein Concert, kein Theater, keinen Ball, keine Geſellſchaften zu beſuchen; ein Jeder kehrte jetzt nur eine 4 Seite ſeines Weſens heraus, entweder Furcht oder Un⸗ 6 erſchrockenheit; arme Leute, die ſich ſehr gut zu Kranken⸗ wärter⸗ und andern Dienſten geeignet hätten, mißachteten plötzlich das Geld; unverſtändige Kinder flehten ihre Väter an, ihre Stellungen, die ſie an die Stadt ketteten, auf⸗ zugeben und mit ihnen zu entfliehen; von dem fehlenden —— 53 Tiſchgenoſſen, mit dem man geſtern im Speiſehauſe noch über die Cholera geſprochen hatte, konnte man annehmen, daß er jetzt begraben ſei; die ganze Stadt glich einem ungeheuren Fliegenpapiere. Es ſtarben junge, rüſtige Menigen, die von Geſundheit geſtrotzt hatten und zu einem langen, thätigen Leben beſtimmt geweſen ſchienen; es ſtarben rüſtige Greiſe, die ihr hohes Alter der Mäßig⸗ keit dankten und mit Stolz auf ihre Jugend zurückgeblickt hatten; es ſtarben junge Wüſtlinge und Schlemmer, von denen man prophezeit hatte, ſie würden es nur noch einige Jahre treiben; es ſtarben Kaufleute aus ihren anwachſenden Reichthümern hinweg; es ſtarben berühmte Gelehrte in ihren beſten Arbeiten. Es war, als zer⸗ trümmere ein herabſtürzender Balken der Weltordnung den natürlichen Lauf der Dinge und als hätte die Vor⸗ ſehung ſelbſt einen großen Schaden zu beklagen. Man machte kein Aufhebens von den Leuten, die ſtarben; eine Menge Todesfälle, von denen ein einzelner ſchon eine Woche lang Gegenſtand des Stadtgeſprächs geweſen wäre, häuften ſich an, und lagen auf dem Tiſche der Tagesgeſchichte wie ungeordnete Papiere durcheinander, deren Siegel zu erbrechen einer ruhigern Zeit auf⸗ behalten war. Wer hätte es gedacht— auch die alte, treue Magd der Rendantenfamilie erlag der Cholera! Die Rendantin weinte die bitterſten Thränen; und als die Rendanten⸗ familie ein Stück ihres eigenen Lebens den Händen der entſetzlichen Männer übergeben ſah, die es fort⸗ ſchafften wie ein verkauftes Möbel, da wollte allen das Herz brechen. Aber das war noch nicht Alles! Hinter der Thür ſtand eine fürchterliche Geſtalt, die nicht von der Stelle wich, und ſich mit den Thränen nicht begnügte, die der Todten nachgeweint wurden.„Seid bald wieder da“, rief ſie den Todtenknechten zu,„ich warte hier.“ Und ſie waren bald wieder da, und mit magretiſcher Gewalt zog die Magd ihre Herrin nach ſich, und mit dem friſchen Trauerflore um den Arm ſchafften ſie auch den neuen Wittwer hinaus, und das Familienhaupt, das jetzt im Sorgenſtuhl ſaß, war ein weinender Knabe, eine Waiſe. Wer hätte es gedacht! Sechstes Kapitel. Achtmal haben die Todtenhügel ſich mit friſchem Graſe geſchmückt; die glühende Lava des Schmerzes und der Thränen iſt zu Steinen erkaltet; längſt kauft man wieder beim Trödler alte Sachen, ohne daran zu denken, daß ein Cholerakranker einſt darin geſtorben ſein könnte; Wittwer haben ſchon längſt wieder geheirathet, und die aufgewachſenen Kinder aus erſter Ehe können ſich gar nicht denken, daß ſie einſt eine andere Mutter gehabt haben ſollen; die berühmten Gelehrten prangen im Con⸗ verſationslexikon, ihre Biographien ſind abgeſchloſſen; ge⸗ ſtorben im Jahre ſo und ſo viel, heißt es darin, und es fällt Niemand ein, zu fragen, woran ſie geſtorben ſind. Onkel Saul lebt noch und hat faſt gar nicht gealtert. Arthur, der künftige Univerſalerbe, wohnt bei ihm und 56 geht nächſter Tage nach einem Gymnaſium ab. Der Onkel hat ſich längſt mit dem Gedanken vertraut ge⸗ macht, daß die Apotheke zum König Saul einſt in fremde Hände übergehen muß, längſt iſt ſein Zorn über Arthur's Abneigung gegen den Apothekerſtand verraucht, ja es iſt ſogar ſtatt deſſen der Wunſch entſtanden, Arthur möge ſich nun wenigſtens zu einem recht tüchtigen Forſt⸗ manne ausbilden. Nach beendeter Gymnaſialzeit wird. Arthur nämlich ſeine Studien an einer Forſtakademie beginnen. In Arthur's Stamwbuch befindet ſich ein Blatt von ziemlich altem Datum und darauf ſteht mit recht un⸗ reifer Schulhand geſchrieben:„Wandle auf—“ Hier ſind ein paar Roſen mit Seide in das Papier geſtickt, dann folgt das Wort„und“, woran ſich wiederum ein mit Seide geſticktes Vergißmeinnicht ſchließt.„Zur Erinne⸗ rung an Deine treue Freundin 4 Roſa Stubenrauch.“ Außerdem befindet ſich unter Arthur's Papieren ein Brief, worin eine etwas reifere Hand ſchreibt: „Es freut mich, daß Du Dich wohl befindeſt; mir geht es auch immer recht erträglich. Wir haben hier viel zu lernen, aber auch viel Freude und Vergnügen. Es ſind, mich mitgerechnet, im Ganzen zwei und dreißig, und da kannſt Du Dir denken, daß es zuweilen etwas 57 laut hergeht, Mädchen nämlich!— Daß Dich meine liebe Mutter kaum noch gekannt hat, wie Du ſie beſuchteſt, und daß ſie nicht ſo freundlich war, mußt Du ihr nicht übel nehmen, denn ich habe ſie ſehr lieb. Daß Du ein Jäger werden willſt, hat mich ſehr gefreut; kannſt Du denn ſchon ſchießen, oder lernt Ihr das erſt ſpäter? Es gibt hier viele Haſen, und ich werde nun ſtets an Dich denken, wenn ich einen ſehe.— Wie ich das letzte Mal in den Ferien zu Hauſe war, wollte ich Dich einmal beſuchen, aber ich getraute mich nicht in das hinauf.— Beſuche mich einmal, wenn es Dein laubt; man fährt mit der Eiſenbahn nur einen Tag.— Biſt Du recht groß gewachſen? Nun lebe wohl und ſchreibe bald Deiner treuen Freundin Roſa St.“ Dieſer Brief war ein Jahr alt; Arthur hatte ihn damals ſofort beantworten wollen, hatte es aber immer verſchoben, bis es endlich gänzlich unterblieb. In einer der letzten Nächte, die er noch unter ſeines Onkels Dache ſchlief, wachte er auf, wie von einem Stoße. Wahrſcheinlich war das Rad der freundlichen Reiſekutſche, in der er ſaß, gegen einen Stein oder eine Baumwurzel gerannt. An Bäumen fehlte es in der That nicht, denn zu beiden Seiten der Straße breitete, 58 ſich, wie er durch die Glasfenſter des Wagens unter⸗ ſchied, ein mächtiger, dichter Wald aus. Es war für Arthur nichts Wunderbares, daß er zu einem großen ſtarken Mann geworden war und daß in den Wagen⸗ ecken zwei Kinder lehnten, die ſanft ſchlummerten. Es ſind ſeine Kinder und die ſtattliche Dame ihm gegenüber ſeine Gemahlin. Was er mit Roſa ſpricht, weiß er nicht; er hat nur das Gefühl, daß er ſie recht von Herzen lieb hat und daß er namenlos gkücklich iſt. Draußen dämmert der Morgen, der Kutſcher knallt mit der Peitſche und es ſchallt weit in den Wald hinein. Arthur wirft noch einen Blick auf das ſanfte, liebe Antlitz gegenüber, und wieder umdämmert ihn die Nacht des Schlafes. Als der Knabe von dieſem Traume erwachte, war die Erinnerung an ſeine Jugendgeſpielin plötzlich in ſei⸗ nem Herzen neu aufgefriſcht. Die Enttäuſchung, daß der ſchöne Traum nicht Wirklichkeit war, ſchmolz mit der Hoffnung auf zukünftige Zeiten zu einem ermuthigenden poetiſchen Gefühle zuſammen. Wohin er heute auch immer ging, nie wich ihm der Traum aus dem Sinne. Auch jetzt nicht, wo ihm eben eine niedliche, junge, verſchleierte Dame, faſt in ſeiner Größe, entgegenkommt, bei deren Anblick dem der Schule entwachſenen Knaben 4 5 3 plötzlich einfällt, daß jetzt gerade die Zeit der Oſterferien iſt. Bei dieſem Gedanken roth werden, den Namen Ar⸗ 43 thur rufen hören und noch röther werden, war das Werk eines Augenblicks. „Arthur!“ ruft die ſüße Stimme wieder und dicht vor Arthur's geblendeten Augen ſchlägt ſich ein Schleier zurück, zwei niedliche Händchen, von dunklen Glacéhand⸗ ſchuhen umſchloſſen, erfaſſen ſeine Hände und er blickt in ein bekanntes Geſicht, welches ſo ſchön geworden iſt, daß es ihn ganz verwirrt macht und er ſtammelnd fragt: „Roſa!— wie— geht— Dir's?“ „Ich danke, ich befinde mich wohl, und Du auch?* „Ich danke, ja, und was macht—“— es kommt ihm vor, als würde ſie immer ſchöner—„und wie geht Dir's?“ „Gut, gut, ich danke“, la⸗.„Aber wie Du ge⸗ wachſen biſt!“ 4 in die Hüften geſtemmten Armen mehrmals verlegen auf &„Haha!“ lacht Arthur und blickt, indem er ſich mit den Zehen erhebt und wieder ſenkt, von der Höhe ſeiner Augen auf ſeine Stiefelſpitzen herab,„Du biſt ja noch größer als ich!“ „Das iſt ja gar nicht wahr; ih reiche Dir ja kaum bis an die Stirn.“ „Haha!“ lacht Arthur, der durch das plötzliche un⸗ 60 ſanfte Anrennen eines vorübergehenden Packträgers nur noch verlegener gemacht wird,„haha, das ſchadet nichts!“ „Du biſt wohl eben recht gerannt, Arthur, Du ſiehſt ganz erhitzt aus!“ „Haha— nein— das war— das iſt— merkwürdig! Eben dieſe Nacht erſt hat mir von— das heißt, habt Ihr von Liddy nichts wieder vernommen?“ Ach nein! Was hat Dir dieſe Nacht? Hat Dir voon Liddy geträumt?“ „Von Liddy? Nun, das heißt— ja, mir hat von Liddy geträumt. Alſo Dir geht es immer gut?“ „Ich danke, ja“, ſagt Roſa und lacht und erwartet, daß nun wieder Arthur etwas ſagen werde, welcher aber infolge eines gewiſſen Bewußtſeins, daß ihm Roſa ſehr überlegen iſt, ſich ſeh vorkommt und die Gelegen⸗ heit benutzt, einen gehenden frühern Schulkame⸗ raden, mit dem er chaft auseinander kam, mit Wichtigkeit zuzurufen„Gütten Tag, Reichardt!“ „Ich wollte heute eben an Dich ſchreiben, Roſa“, ſagt er endlich... Roſa lacht ungläubig.. „Weiß Gott! Roſa, ich wollte Dir heute ſchreiben!“ „Ei, wo haſt Du denn das Schwören gelernt?“ „Das Schwören? Ich? Ja!“— er ſchlägt ſich vor den Kopf—„das weiß der Teufel!“ —j 61. „Haſt Du die alte Bude noch, Arthur?“ fragt Roſa mit einem milden Lächeln und einem unbeſchreiblichen Aus⸗ * druck im Geſicht, als wäre das ſchon zwanzig Jahre her. „Nein, die habe ich damals zerſägt.“ „Oh! Lügen, Lügen!“ „Weiß Gott! Roſa, ich habe ſie zerſägt.“ Das Pärchen plaudert noch lange. Arthur will ihr vom Gymnaſium aus fleißig ſchreiben, aber Roſa glaubt es ihm nicht. Endlich trennen ſie ſich und beide ſehen ſich noch mehrere Male nach einander um. Da geht ſie hin, die ihm ſo lieb iſt, und die Leute gehen an ihr vorüber, ohne ſich um ſie zu kümmern, ohne in ihr ſchönes Antlitz zu blicken. Dort— unter Fremden entſchwindet ſie ſei⸗ nen Blicken. Arthur hat die Straße aufſuchen wollen, wo er den ſchönſten Theil ſeiner Kindheit verbrachte und wo noch immer Roſa's Mutter wohnt, jetzt ändert er ſeinen Curs; das Beſte, was die Straße beſitzt, kam ihm bereits entgegen, und wer wird Grab beſuchen, wenn der erwachte Scheintodte u em Wege dahin begegnet! Wie trunken wandet hur durch die Stadt, voll froher Hoffnungen auf die Zukunft und neiderfüllt gegen alle Männer mit Bärten, von der Theerjacke bis zum Stutzer auf courbettirendem Roß. Siebentes Kapitel. Wieder liegen drei Jahre hinter uns. Wir verſetzen uns in eine mittelgroße Stadt, die eine halbe Tagereiſe von dem bisherigen Schauplatze unſerer Erzählung entfernt iſt. So lange fährt wenigſtens in der Regel der Poſtwagen, den wir eben über den Markt⸗ platz dem Poſtgebäude zurollen ſehen. Unter den ausgeſtiegenen Paſſagieren, die wie aus⸗ gekrochene Schmetterlinge in verſchiedenen Richtungen über den Platz flatterten, befa auch ein Geſchäftsreiſen⸗ der. Er ſah ſofort nach Zifferblatt der Thurmuhr unnd ging mit eiligen Schritten dem goldenen Anker zu, welcher der Poſt gegenüber lag. Der goldene Anker war das erſte Hotel der Stadt, wo nur die feinſten Herr⸗ ſchaften einkehrten und nur Wein, niemals Bier getrunken wurde. Der Beſitzer, der nicht bediente, ſondern nur die Honneurs machte, war ſo elegant gekleidet, daß er für den vornehmſten Gaſt gelten konnte, und nie ſah man dort Jemand mit einer abgegriffenen franzöſiſchen Karte ſpielen; ſie wurde, nachdem ſie ein paarmal in Ge⸗ brauch geweſen war, ſofort zurückgelegt und um einen Spottpreis an einen andern Gaſthof verkauft. Wir muß⸗ ten dies, um dem Renommee des goldenen Ankers nicht zu ſchaden, nothwendigerweiſe vorausſchicken, denn das Aeußere unſeres Reiſenden war keineswegs geeignet, einem Gaſthofe erſten Ranges Ehre zu machen. Er ging in einem grünen Rocke, der nahezu als abgetragen gelten konnte, und auch die blaue Tuchmütze, die den Kopf be⸗ deckte, würde ein des goldenen Ankers würdiger Fremder längſt einem Armen geſchenkt haben. Die Reiſetaſche, die er in der Hand trug, war unter den bereits erwähnten Antiquitäten die ehrwürdigſte. Die defecten Henkel waren mit Bindfaden umwunden, trotz des vorgelegten Schloſſes klaffte ſie oben weit auseinander, und von dem Kaninchen, welches auf die Taſche geſtickt war und bei nur flüchtigem Hinſehen ebenſo gut auch ein Lamm oder eine Katze hätte ſein können, ließ ſich unmöglich nachweiſen, wie oft es ſchon die Farbe gewechſelt haben mochte. Nichtsdeſtoweniger wurde der Fremde von dem im Thorweg ſtehenden Wirthe wie ein alter Bekannter * 64 freundlich willkommen geheißen, denn er machte Geſchäfte in Wein und Cigarren und der Ankerwirth war mit Qualität und Preiſen jederzeit zufrieden geſtellt worden. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er das Zimmer Nr. 66, drei Treppen hoch, nach dem Hofe hinaus, bewohnen werde; es verſtand ſich von ſelbſt, daß er Eile hatte und gleich einige Gänge beſorgen wollte und daß ihm daher mit einigen Bürſtenſtrichen den Reiſeſtaub von ſeinen Kleidern entfernte; es verſtand ſich von ſelbſt, daß er der Agent Degenhaar war, was der Wirth gelegentlich eigen⸗ händig ins Fremdenbuch ſchrieb. Obwohl Degenhaar mehrere Tage in der Stadt ver⸗ weilen wollte, ſo benutzte er dennoch die wenigen Viertel⸗ ſtunden, die bis zum Schluß der Comptoire noch übrig waren, um heute ſchon einige Geſchäfte abzuthun. Es war im Spätſommer, lange weiße Fäden zogen durch die milde Abendluft und Schornſteine, Dachbruchſtücke und Fenſter glühten im Golde der ſinkenden Sonne. Trotz⸗ dem kehrte Degenhaar nach Erledigung ſeiner Geſchäfts⸗ gänge in den Anker zurück und trat in das dumpfe ein⸗ ſame Gaſtzimmer. Es war mit eleganter grüner, gold⸗ durchwirkter Tapete ausgeſchlagen; die keller⸗ oder kirchen⸗ artige Deckenwölbung ruhte auf Säulen, die den daran⸗ ſtoßenden Tiſchen etwas gemüthlich Verſtecktes verliehen der Hausknecht die Reiſetaſche abnahm und im Thorwege 65 und mit Weinkarten, Poſtberichten und Placaten behangen waren, auf welchen letztern man die gekupferten Poſt⸗ dampfer, die von der Seeſtadt aus den Verkehr mit dem jenſeitigen Welttheile vermittelten, oder die ſtolzen Fron⸗ ten empfehlenswerther auswärtiger Hotels mit vorfahren⸗ den Equipagen und ſchwer beladenen Packträgern ſauber abgebildet ſah. Es fehlte nicht an Spiegeln und Gold⸗ leiſten, und rings um die Wände, an der Stelle, wo ein Menſch von gewöhnlichem Wuchſe in ſitzender Stellung ſeinen Rücken anlegen würde, war braunes, getäfeltes Eichenholz eingelegt. Degenhaar war der einzige Gaſt und benutzte die Muße des Ankerwirths, mit ihm ſeine Geſchäfte abzu⸗ ſchließen, was uns eine willkommene Gelegenheit bietet, ihn näher zu betrachten. Seinen Kopf bedeckte auch jetzt noch die blaue Tuchmütze, unter welcher nicht die geringſte Spur von Haaren zu entdecken war und die auf den großen, rothen Ohren wie auf ein paar Rädern ruhte. Unterhalb dieſes zweirädrigen Tuchkarrens war Alles kahl, auch der Bart war glatt wegraſirt, bis auf die Spuren einer leiſe über Wange und Kinn gehauchten Bleifarbe. Ueber das kahle Geſicht gingen einige rothe Striemen, und das Weiße um das blaßgraue Auge zeigte eine Menge rothe Aederchen. Anfangs machte dies auf den Beſchauer keinen guten Eindruck; man war unwillkürlich gegen den Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 5 66 Mann eingenommen, bis man nach und nach durch ſein höfliches, beſcheidenes Weſen von dem Vorurtheile zurück⸗ kam und ihn ſeiner blutig unterlaufenen Augen wegen eher bedauerte. Wir lüften das Geheimniß der blauen Tuchmütze und ſagen unſerm Leſer im Vertrauen, daß Degenhaar vollſtändig kahlköpfig war. Das war es wohl auch hauptſächlich, was ſein Alter zweifelhaft erſcheinen ließ; in der Mütze hielt man ihn für einen ausgehenden Vierziger, ohne dieſelbe ſchätzte man ihn um zehn Jahre älter. Das Letztere geſchah äußerſt ſelten, weil er die Mütze ſtets auf dem Kopfe behielt, theils aus Beſorgniß, ſich zu erkälten, theils aus zarter Rückſicht für das äſthe⸗ tiſche Gefühl Anderer. Wie Jemand, der nicht ſchreiben gelernt hat, an Stelle ſeiner Namensunterſchrift drei Kreuze ſetzt, ſo galt bei Degenhaar ſtatt des Grußes ein Lüften ſeiner Mütze. Das geſchah aber ſo decent, daß man bei dieſer Gelegen⸗ eit den Kahlkopf kaum zu unterſcheiden vermochte und 6 gewandteſte Spatz, wenn er unter dieſer Mütze ge⸗ fangen geweſen wäre, nicht Zeit gefunden hätte, auf und davon zu fliegen. In ſeiner Art zu ſprechen lag, gleichviel welchen Ge⸗ genſtand es betraf, ſtets etwas Dringendes und Begütis gendes; dabei hielt ſich ſeine Stimme, wie ein Küſten⸗ fahrer, der ſich nicht ins offene Meer wagt, immer dicht 67 aam Ufer der Hörweite deſſen, mit dem er ſprach. Bei jeder wichtigern Wendung eines noch friedlichen Geſprächs mußte er ſchlucken und ſein Blick nahm etwas Drohendes an, als wolle er auf irgend eine Beleidigung antworten; dazu wurde ſeine Stimme ganz leiſe, aber um ſo eindring⸗ licher. Kam er zu dem wichtigſten Punkte des Geſprächs, wo ſein geſchäftliches Intereſſe innig berührt wurde, ſo konnte ein aufmerkſamer Beobachter auf ſeinem Antlitz eine flüchtig vorübergehende Röthe bemerken. Nachdem Degenhaar ſein Geſchäft mit dem Anker⸗ wirth beendet, verſchiedene Weine, über welche dieſer ſein ſachkundiges Urtheil einzuholen wünſchte, gekoſtet, ebenſo⸗ viel verſchiedene Geſichter geſchnitten und die Beſtellung des Wirths in ſein Notizbuch eingetragen hatte, betrach⸗ tete er ſein Tagewerk als beendet, was er dadurch kund gab, daß er ſich, auf nur einem Beine ſtehend, einmal im Kreiſe herumdrehte und die Hände rieb. Bei dieſer Bewegung fiel ſein Blick auf das Büffet in einer Ecke des Zimmers, wo hinter Caviar⸗ und Schinkenſ emmelmh geräuchertem Lachs, Seehummern, Orangen und Flaſchen mit Sodawaſſer eine junge Dame ſichtbar war, die eine ungeheure Thätigkeit entwickelte, indem ſie fortwährend Schrankthüren öffnete und ſchloß, etwas aus der Hand legte, um nach etwas Anderm zu greifen, und ſich an der weißen Schürze die Hände trocknete. 5* 68 „Aha“, ſagte Degenhaar für ſich,„die Neue!“ Er trat näher, brannte ſich eine Cigarre an, was er nur auf Reiſen that, und fragte die blauäugige, ſchlank gewachſene Büffetdame:„Nun, wie geht's, Jettchen?“ Dieſer Name ging im goldenen Anker von einer Büffetdame auf die andere über, wie die Livree eines Be⸗ dienten. Jettchen dankte, ohne den Herrn anzuſehen, und war jetzt noch geſchäftiger als vorher. „Haben Sie ſich gut eingerichtet?“ fragte Degenhaar, indem er Geſtalt und Antlitz des Mädchens mit prüfen⸗ dem Blicke betrachtete. 2 „Wie Sie ſehen“, entgegnete ſie ſchnippiſch. Vielleicht lag es in ihrer Natur, Fremden abſtoßend zu begegnen, vielleicht war es eine unwillkürliche Voreingenommenheit gegen Degenhaar, vielleicht auch fühlte ſie ſich von deſſen fortwährend auf ſie gerichtetem Blicke, der jetzt ſogar ihr Alter und den Grad ihrer Verſtandesreife aus ihren Ge⸗ ſcchtszügen leſen zu wollen ſchien, unangenehm berührt. „Und gefällt es Ihnen hier?“ „Ich wünſche mir keine beſſere Stellung.“ „Das wollte ich meinen, daß die Stellung vortrefflich iſt“, ſagte Degenhaar,„aber meine Frage betrifft die Stadt. Sie iſt ſehr klein und ſehr todt.“ Jettchen gab hierauf keine Antwort. Sie bückte ſich 69 hinter der Büffettafel nieder, um etwas aus dem untern Schranke zu nehmen, und kletterte dann auf einer klei⸗ nen Handtreppe nach den. hochgelegenen Schrankthüren hinauf. Degenhaar wartete geduldig, bis ſie wieder herabkam. „Sie ſind jung und hübſch“, ſagte er,„Sie würden in einer großen Stadt Ihr Glück machen.“ „Zum Beiſpiel dort, wo Sie zu Hauſe ſind, nicht wahr?“ Degenhaar bejahte.„Wenn es Ihnen einmal hier nicht mehr gefallen ſollte“, fügte er ſo leiſe hinzu, daß ſeine Worte faſt feierlich klangen,„ſo weiß ich eine paſ⸗ ſende Stelle für Sie.“ Ueber Degenhaar's Geſicht zuckte nur ein flüchtiges Roth, die feurige Röthe aber, in welcher plötzlich das Antlitz des jungen Mädchens leuchtete, verging nicht wie⸗ der, während ſie mit immer ſchneller und heftiger wer⸗ denden Bewegungen ein Glas ausputzte und entgegnete: „Wollen Sie mich auch dahin bringen, wohin Sie meine Vorgängerin gebracht haben? Ich hab's wohl er⸗ fahren! Das arme Mädchen! Ich bedaure ſie, und doch würde ich vor ihr ausſpeien, wenn ich ſie ſähe. Pfui Schande! Bei mir ſind Sie an die Unrechte gerathen. Sprechen Sie einmal mit der da, vielleicht geht die mit!“ 70 Sie meinte eine junge Dame im Reitcoſtüm, welche in Begleitung mehrerer Offiziere, deren Säbel man ſchon vorher in der Hausflur hatte raſſeln hören, in dieſem Augenblicke in das Gaſtzimmer trat. In langen dicken Zöpfen, die mit blauſeidenen Schleifen durchflochten waren, was ihrem ohnehin jugendlichen Ausſehen— ſie konnte nicht mehr als ſechzehn Jahre zählen— faſt etwas Kind⸗ liches verlieh, floß das dunkle Haar über ihre Schul⸗ tern. Ihre großen Augen waren braun, ein ſchattiges Braun, wie zur Ruhe einladend und dennoch keine Ruhe gebend. Nicht weil Degenhaar glaubte, daß ſie wirklich mit⸗ gehen würde, verfolgte er die Dame aufmerkſam mit ſeinen Blicken, ſondern weil er ihre außerordentliche Schönheit, ihren ſtolzen, feſten und dabei doch leichten Gang bewundern mußte und ſich gleichzeitig mit der Frage beſchäftigte, ob die Fremde eine Baronin, eine Gräfin oder eine Fürſtin ſei, und wie ſie es wohl recht⸗ fertigen könne, in einem Gaſthofe in Begleitung ſo vieler Offiziere zu erſcheinen. Die ſchöne Amazone rückte ſich, noch ehe einer der Cavaliere ihr zuvorkommen konnte, mit kräftigem Hand⸗ griff einen Stuhl zurecht, warf ſich hinein, zog ihre Handſchuhe aus und warf ſie ſammt ihrem runden Hute auf den Tiſch, an welchem die Offiziere ebenfalls Platz 71 nahmen. Kellner erſchienen, Speiſekarten circulirten, Gas⸗ flammen ſprühten auf und das kurz vorher noch ſo ein⸗ ſame, ſtille Gaſtzimmer ſchallte jetzt von Säbelgeklirr, Stimmen und Gelächter wieder. Sei es, daß die Stunde erſchienen war, wo ſich die Abendgäſte des goldenen Ankers einzufinden pflegten, oder übte die Amazone ſolche Anziehungskraft aus, kurz, es währte nicht lange, ſo war das Zimmer mit Gäſten angefüllt, die mit Landſchaften bemalten Rouleaux herab⸗ gelaſſen und mit Hülfe der Gasbeleuchtung ein ſo geſel⸗ liger Wirthshausabend arrangirt, wie man ihn im ſtreng⸗ ſten Winter nicht beſſer wünſchen kaun. Zuletzt erſchien auch ein corpulenter Herr mit einer Dame und beide ſetzten ſich in Degenhaar's unmittelbare Nähe an den einzigen noch leer ſtehenden Tiſch, der von dem Kellner ſofort gedeckt wurde. Der Herr hatte eine Habichtsnaſe und einen martialiſchen ſchwarzen Schnurr⸗ bart. Die Hand, die aus den ungeheuer weiten Aermeln eines hellen Sommerüberziehers hervorſah, war mit großen Siegelringen förmlich bepanzert. Er zog immer ein finſteres Geſicht, das ſich nur aufhellte, als die Ama⸗ zone ſich nach ihm umwandte, um ihn mit einer leichten Neigung des Hauptes zu grüßen. Gleich darauf wurde es wieder ſo finſter wie zuvor. Seine Begleiterin hatte einen gewaltigen Federhut auf, weiße Perlen im Haare, 72 8 karmoiſinrothe, offenbar ſelbſtbereitete Wangen und eine ſtrahlende goldene Uhr an der Seite. Sie war nicht mehr jung, aber jedenfalls noch corpulenter als der Herr. Zu dem reichlichen Souper, das beide verzehrten, wurde jedem eine Flaſche hingeſtellt. „Wie ſind Sie mit den Geſchäften zufrieden, Herr van Klier?“ hörte Degenhaar den hinzutretenden Anker⸗ wirth fragen.. Ueber das Geſicht des Angeredeten verbreitete ſich eine ägyptiſche Finſterniß.„Ach, ſchlecht“, ſagte er, ſich mit der Hand über die Wange fahrend,„ſehr ſchlecht. Die Stadt iſt ein Neſt, die Leute ſcheinen kein Geld zu haben; hätte ich's ahnen können, ich wäre gar nicht—“ Hier löſte ſich ſeine Rede in ein unverſtändliches Mur⸗ meln auf, wozu er mit dem Kopfe wackelte, die Hände gefaltet auf den Tiſch legte und beide Daumen eine Mühle machen ließ. Dann ſtrich er ſich mit der Hand durch die ſchwarzen Haare, ſtemmte den Ellbogen auf und ſah zum Ankerwirth auf, als wäre er bereit, auf weitere Fragen ebenfalls Auskunft zu geben. „Sſt denn eigentlich, wenn ich mir die Frage erlauben darf, Fräulein Komalo Ihre Tochter?“ nahm der Anker⸗ wirth mit einer Bewegung ſeines Kopfes nach der fern⸗ ſitzenden Amazone das Geſpräch wieder auf. „Nein, nein“, gab Herr van Klier, nach einem Milch⸗ 73 brödchen im Korbe greifend, der noch auf dem Tiſche ſtand, in einem geſättigten Tone zur Antwort, als wäre er gefragt worden, ob er noch ein zweites Souper wünſche, ‚nein, nicht meine Tochter.“ „Gott bewahre!“ verſicherte die Dame neben ihm, obwohl die Frage des Ankerwirths als ein Compliment hätte gelten können, denn ſie war van Klier's Gemahlin. „Wir haben ſie nur erzogen“, fügte van Klier hinzu.— „Ja, erzogen“, ſagte ſeine Gattin, eine eigenthüm⸗ liche Betonung auf das letzte Wort legend und einen ſpöttiſchen Blick hinter ſich, nach Komalo werfend, der ſo viel bedeutete, daß hier jede Erziehung fruchtlos ge⸗ weſen ſei. „Sie ſpricht von mir“, ſagte Komalo, die den Blick bemerkt hatte, zu einem ihrer militäriſchen Nachbarn;„es wird ſchwerlich etwas Gutes ſein.“ „Schicken Sie ſie fort“, entgegnete dieſer;„jagen Sie ſie aus dem Dienſte!“ Dieſe Bemerkung erregte unter den Offizieren ein ungeheures Gelächter, was Frau van Klier zu der Ver⸗ muthung führte, Komalo habe eine giftige Anſpielung auf ſie gemacht. Zu van Klier trat jetzt ein Herr mit einem zarten, blaſſen Geſicht, eben ſolchen Händen und tief eingeſunkenen 74 kleinen ſchwarzen Augen; er trug einen ſchwarzen Sammt⸗ rock mit weißen Perlmutterknöpfen, aus welchem ein ſchnee⸗ weißes Taſchentuch hervorſah. Die feuerrothe Cravatte, die ſeinen Hals umſchlang, war ſo ſchmal wie möglich und wäre ohne die gigantiſche Schleife, in die ſie vorn auslief, unter dem breiten umgelegten Hemdkragen gar nicht ſichtbar geweſen. Dazu trug er langes Haar und einen Kinnbart, der bis auf die Bruſt reichte und unten ſo ſpitz zulief, als käme er eben aus dem Bade. Alle dieſe Merkmale hätten auf ein jugendliches Alter ſchließen laſſen, wären nicht Bart und Haupthaar grau und bereits mit dem ehrwürdigſten Weiß gemiſcht geweſen. „Ich höre“, ſagte er zu van Klier,„Sie wollen dieſer Tage fort. Wann wollen Sie kommen, um das Bild zu ſehen?“ Er warf bei dieſen Worten einen Blick nach Komalo, die ihn beobachtet hatte und mit ausgeſtreckten Fingern zweimal beide Hände erhob, als wolle ſie pantomimiſch die Zahl zwanzig ausdrücken. „Morgen Abend“, entgegnete van Klier ſehr verdrießlich. „Die Abendſtunde iſt für die Beſichtigung eines Ge⸗ mäldes keine günſtige Zeit“, verſetzte der Maler. „Dann komme ich übermorgen früh“, gab van Klier unwirſch zur Antwort.„Was verlangen Sie für das Bild?“ 75 „Zwanzig Louisdor.“ „Zwanzig Louisdor!“ wiederholten van Klier und ſeine Gattin wie aus einem Mundo, indem ſie gleichzeitig in ihren Stühlen emporſchnellten und bald den Maler, bald den Wirth anblickten. „Zehn wären mehr als genug“, bemerkte endlich van Klier. „Fräulein Komalo findet meine Forderung eher zu niedrig“, entgegnete der Maler, während Komalo, als wüßte ſie, was vorging, gegen van Klier drohend ihren Finger erhob. „Gut“, ſagte dieſer zum Maler,„ich werde kom⸗ men.“ „Haben Sie gehört?“ flüſterte Frau van Klier dem Wirthe zu, als der Künſtler ſich wieder entfernt hatte. „So ſpielt ſie uns mit.“ „Ich hörte von einem Bilde“, ſagte der Anker⸗ wirth. „Die Abbildung von ihr und Cäſar genügt ihr nicht mehr“, erläuterte Herr van Klier in einem faſt verbind⸗ lichen Tone, weil er ſich von Komalo beobachtet glaubte; „ſie will ein feines, künſtleriſches Bild und hat zu zeinem ſolchen dem Maler geſeſſen, ohne mir davon zu ſagen.“ „Ohne Ihre Einwilligung?“ fragte der Wirth. 76 „Was fragt ſie nach meiner Einwilligung! Ich muß, um des Geſchäftes willen. Sie weiß leider nur zu gut, daß ohne ſie der größte Theil der Anziehungskraft ver⸗ loren gehen würde. Sie ſollten ſie kennen lernen! Befehlen kann ſie wie ein König und weinen wie ein Kind. Wenn keins von Beidem hilft, ſo nimmt ſie in meiner Gegenwart von Cäſar zärtlichen Abſchied, um für immer von ihm zu ſcheiden und auf andere Weiſe ihr Brod zu verdienen, weil ſie hier zu hart behandelt werde. Die harte Behandlung aber beſteht in der Verweigerung eines Seidenſtoffs oder einer Broche mit Diamanten oder, was weiß ich! in—“ „Einer Garnitur von echten Brüſſeler Spitzen“, er⸗ gänzte Frau van Klier,„die ſie in den Verkaufsgewölben geſehen hat.“ „Und was bleibt mir übrig?“ fuhr Herr van Klier fort und ſchlug mit der Hand auf den Tiſch.„Ich muß es ihr kaufen!“ „In jeder Stadt hat ſie einen neuen Wunſch“, ſagte Frau van Klier, den Ankerwirth mit einem wehmüthigen Lächeln anſehend und den Kopf ſchüttelnd. „Ich erwarte mit Zittern den Augenblick“, fügte der Gemahl hinzu,„wo ſie ſich ein eigenes Reitpferd wünſchen wird. Geſprochen hat ſie ſchon davon.“ „Sie hat auch von einer Kaleſche geſprochen“, ergänzte 77 44 Frau van Klier, als erzählte ſie ihrem Gemahle etwas Neues.„Eine Reiſekaleſche beanſprucht ſie für ſich allein; der Wagen, in dem wir reiſen— ſie nennt ihn einen Kaſten— iſt ihr zu ſchlecht!“ „Was hat ſie einmal gethan?“ ſagte van Klier.„Den⸗ 3 ken Sie ſich, eines Morgens— wir hatten in einem Dorfe übernachtet— fehlt ſie und Cäſar!“ „Und Cäſar?“ rief der Ankerwirth ungläubig. „Und Cäſar! Nach langem Suchen finden wir beide in einem nahen Gehölze. Dort machte ſie mit Cäſar einen Morgenſpaziergang!“. 3„Gerechter Himmel!“ rief der Wirth entſetzt.„Das 3 iſt mehr als Verwegenheit! Und lief Alles glücklich ab?“ „Gott ſei Dank, ja!“ verſicherte van Klier.„Nie⸗ mand erfuhr etwas davon. Es hätte mich leicht ruiniren können.“ Als Herr van Klier einen Blick nach Komalo warf, ſah er, wie dieſe ihr Weinglas erhob und ihm zutrank. Er ergriff ſchnell das ſeinige, um ihr mit dem freund⸗ lichſten Lächeln Beſcheid zu thun. „Trinke!“ murmelte er ſeiner Frau zwiſchen den Zäh⸗ nen zu, worauf auch dieſe den Becher erhob, um ihn auf Komalo's Wohl zu leeren. Von der Offizierstafel her, wo Komalo ſaß und auf Frau van Klier’s Geſund⸗ heit trank, ließ ſich ein halblautes Gelächter vernehmen, 78 woraus die corpulente Dame ſchloß, daß Komalo einen recht hämiſchen Toaſt ausgebracht haben möge. Die Offiziere ließen jetzt Champagner kommen. Herr van Klier ſah nach ſeiner goldenen Uhr, erſchrak, daß es ſchon ſo ſpät ſei, und entfernte ſich mit ſeiner Gemahlin, nachdem ſich beide von Komalo und den Offizieren aufs höflichſte verabſchiedet hatten. Auch der Agent Degenhaar beeilte ſich bald darauf, den Reſt ſeines Weins zu leeren, da er von der Offi⸗ zierstafel her verſchiedene deutliche Anſpielungen vernahm, was er wohl unter ſeiner blauen Mütze verborgen halten möge. Er zog vor, der Nothwendigkeit, darüber Aus⸗ kunft zu geben, auszuweichen, und ſuchte in guter Zeit ſein Zimmer auf, obwohl er gern Näheres über das Verhältniß Komalo's zu dem corpulenten Ehepaare, über die Abbildung, die ihr nicht mehr gefiel, und beſonders über den geheimnißvollen Cäſar gehört hätte. Herr und Frau van Klier wohnten ebenfalls im goldenen Anker. Es war ſpät nach Mitternacht und beide waren mit ihrer Beſchäftigung, die ſie ſo lange wach erhalten hatte und die im Geldzählen und der Durchſicht von Rechnungen beſtand, eben zu Ende, da verkündete das Geräuſch kleiner, feſter Schritte und ein allerliebſtes Räuspern im Nebenzimmer, daß auch Komalo endlich ihre Nachtruhe aufſuchen wolle. 79 Van Klier öffnete die Thür, die zum Corridor führte, und rief:„Mungo!“ Darauf erſchien ein ſchwarzer Kopf mit weißen rollenden Augen und blitzenden Zähnen. „Auskleiden!“ gebot van Klier, und der Mohr begann ſeinem Herrn Rock und Weſte auszuziehen. Er war eben im Begriff, das gleiche Manöver mit den Stie⸗ feln vorzunehmen, als ſich die Thür des anſtoßenden Gemachs öffnete und Komalo halb entkleidet, ihre Reize kaum nothdürftig verhüllend, eintrat. Sie ſchien die Vorwürfe der Frau van Klier, die ſie auf das Unſchickliche eines ſolchen Beſuchs aufmerkſam machte, nicht zu hören. Sie hatte nur den Mohren im Auge, den ſie mit wildfunkelndem Blicke anſah. „Hinaus!“ ſchrie ſie ihm zu, mit der Hand gebiete⸗ riſch nach der Thür deutend. Aber der Mohr blieb ſtehen, kreuzte die Arme und grinſte das junge Mädchen zähnefletſchend an. „Hinaus!“ ſchrie ihm jetzt auch Herr van Klier zu, da Komalo es ſo wünſchte, und der Mohr entfernte ſich langſam. „Schaffe mir dieſen Mohren aus den Augen“, ſagte Komalo in gebieteriſchem Tone zu van Klier. „Er iſt zuverläſſig“, entgegnete van Klier;„warum magſt Du ihn nicht leiden, Komalo? Was hat er Dir gethan?“ 80 „Ich kann ſein grinſendes Geſicht und ſeinen Trotz nicht ausſtehen“, ſagte Komalo, die kleine geballte Fauſt langſam drehend;„Du haſt es jetzt mit angeſehen. Und tückiſch iſt er!“. „Wenn doch gewiſſe Leute nicht von Tücke ſprechen wollten!“ murmelte Frau van Klier.— „Still, Frau!“ rief Komalo, mit dem Fuße ſtampfend. „Still!“ rief auch van Klier mit vorwurfsvollem Blicke auf ſeine Gattin. „Schicke ihn heute noch fort“, ſagte Komalo;„er iſt es, der des Nachts mein und Cäſar's Bild mit Koth bewirft. Man hat es mir ſo eben hinterbracht.“ „Heute noch?“ fragte van Klier beinahe zitternd „Heute nicht, Komalo,“ fügte er in flehendem Tone hinzu. „Morgen“, befahl Komalo. „Auch morgen nicht“, bat van Klier;„ich kann ihn morgen noch nicht entbehren. Uebermorgen—“. „Gut“, ſagte Komalo, als ſetze ſie ihre Unterſchrift unter ein Urtheil,„übermorgen.“ Dann ging ſie auf van Klier zu, ſtreichelte ihm Bart und Geſicht, als wolle ſie ihn dadurch für den bewie⸗ ſenen Gehorſam belohnen, und gab ihm, mit einem bos⸗ haften Blicke nach ſeiner Gemahlin, einen Kuß auf den Mund. Van Klier begriff nicht, weshalb ſie ſich durch dieſelbe 81 Thür entfernen wollte, durch welche der Mohr ge⸗ gangen war, da dieſe nicht zu ihrem Zimmer führte. Sie ſtieß die Thür mit großer Gewalt nach außen zu auf. Draußen ertönte ein Schmerzensgeheul und es fiel Jemand polternd zu Boden. „Dachte ich's doch, daß er gehorcht!“ ſagte Komalo mit triumphirendem Lächeln, als ſie zurückkehrte. Dann trat ſie in ihr eigenes Zimmer. „O du!“ rief Frau van Klier in heiſerem Tone und mit namenloſer Wuth der Entſchwundenen nach, indem ſie die Fauſt ballte; aber ſchnell legte ihr van Klier die Hand auf den Mund. „Schweig' ſtill!“ flüſterte er;„um des Himmels willen ſchweig ſtill; ſie könnte Dich hören!“ Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. Die Stadt beſaß, wie viele andere Städte, einen jener großen, mit Gras bewachſenen Plätze, die man Anger zu nennen pflegt. Dort exercirte in der Regel die Garniſon; dort wurde an Balken zu Neubauten ge⸗ zimmert; dort übte ſich die techniſche Klaſſe der Real⸗ ſchule im Feldmeſſen; dort ſchlugen die Knaben nach der Schulſtunde ihre Schlachten oder Ball; dort ſtanden des Nachmittags Kinderwagen in ſolcher Maſſe, als wäre es eine Art Fiakerſtation, daneben ſonnten ſich die Wär⸗ terinnen und die Säuglinge wandten ſich im Grae; dort ſuchten die Aeltern ihren Jungen, wenn er ſich zum Abendeſſen nicht eingeſtellt hatte. Dort hinaus ſtrömte heute in den Nachmittagsſtunden eine zahlreiche Menſchenmenge, die Richtung nach einer 83 laugen Bude einſchlagend, welche in der Mitte des Platzes von Bretern und Leinwand errichtet war. Eigenthümlich gebaute und offenbar zur Aufnahme ganz ungewöhnlicher Laſten beſtimmte Fuhrwerke, vor deren Rädern mächtige Steine lagen, ſtanden in der Nähe, und unter ihnen zeichnete ſich beſonders ein langer, gelb angeſtrichener Wagen aus, an dem zwei Pferde ſchon hinlänglich zu ziehen hatten, wenn er leer war. Er hatte Aehnlichkeit mit einem Omnibus. Die Fenſter waren mit rothen Vorhängen verſehen; das Innere war, ſoweit man es von außen erkennen konnte, tapezirt wie ein Zimmer und durch Thüren in mehrere Pisècen abgetheilt. Aus einer blechernen, auf dem Verdeck ausmündenden Röhre ſtieg zuweilen Rauch auf. Man erkannte den gelben Wagen leicht als eine jener fahrenden Häuslichkeiten, in denen es ſich zwar ſchlecht wohnt, aber deſto bequemer reiſt, und deren ſich die Beſitzer von Panoramen, Affentheatern, Wachsfigurenkabinetten und andern Sehenswürdigkeiten zu bedienen pflegen. Die Schauſtellung wurde ſo zu ſagen auf vornehmem Fuße betrieben, denn niemals öffnete der Mann, welcher in rother Sammtweſte an der Vorder⸗ fronte der Bude auf einer Gallerie hin und her ging und ein ſpaniſches Rohr in der Hand trug, das er fort⸗ während bog, den Mund, um die verſammelte Menge durch Anpreiſungen zum Eintreten zu bewegen. Man 6* 84 vernahm nur zu gewiſſen Stunden den Klang einer Glocke, wenn die„Fütterung“ ſtattfand, oder einen Ton, als würden unter Cymbeln⸗ und Beckenbegleitung gleich⸗ zeitig ein Dutzend Fenſter eingeſchlagen, was die Kinder für das Gebrüll des Löwen erklärten; ferner vernahm man das Krächzen der Kakadus und Papageien, die ſich in langer Reihe vor der Menagerie, die Füße nach oben gekehrt, in ihren Ringen ſchaukelten, und das Wuth⸗ gekreiſch des Affen, wenn er eine Nuß aus einem Papier herauszuwickeln glaubte und nur einen Stein fand. Das Aeußere der Menagerie war für die ärmern Kinder, denen der Eintritt verſagt blieb und die ſich heute, wo die letzte Vorſtellung ſtattfand, zahlreicher als je eingefunden hatten, ſchon ein hinreichender Genuß. Da war gleich am Eingange die Kaſſe: eine mit rothem und weißem Stoffe ausgeſchlagene Niſche und durch eine ſo reichhaltige Sammlung von buntſchimmernden Seemuſcheln geſchmückt, als ſollte damit angedeutet werden, daß ein Naturalienkabinet, mit einer Menagerie verglichen, gar nicht des Eintrittsgeldes werth ſei. Da war er ſelbſt, van Klier, der Beſitzer des Ganzen, gewiß an und für ſich ſchon eine Sehenswürdigkeit, wie er das Entrée in Empfang nahm und Billets vertheilte, mit einer ſo ver⸗ droſſenen, wegwerfenden Miene, als habe er nur den dringenden Bitten der Stadt, ſich auf ſeiner„Durchreiſe 85 nach Petersburg“ hier aufzuhalten, nachgegeben; als hätte er der Stadt nicht zugetraut, daß ſie ſo wenig Einwohner und unter dieſen ſo viele unbemittelte habe; als käme es nur auf ihn an, die Stadt heute noch, am letzten Tage, zu zwingen, daß ſie die zu einer guten Einnahme feh⸗ lende Einwohnerzahl herbeiſchaffen müſſe, und als ſei Jeder, der die Menagerie betrete, ein Mitſchuldiger dieſer Stadt. Da war ferner der Doppelvorhang, der nach dem eigentlichen Schauplatz führte. So oft er ſich lüf⸗ tete, um Jemand hindurchzulaſſen, entſtand unter den gaffenden Jungen ein wildes Gedränge; ſie ſteckten die Köpfe übereinander, ſprangen ſich gegenſeitig auf den Rücken, um einen flüchtigen Einblick in das Heiligthum zu gewinnen, und regelmäßig ſahen ſie eine dunkle Maſſe, die ſich, wie es ſchien, ſchwerfällig hin und her bewegte, und es ging draußen die Sage, das ſei der Elephant. Und er war es in der That, trotzdem daß die glück⸗ lichern Kinder, die drin geweſen waren, aufs ent⸗ ſchiedenſte widerſprachen, weil ſie nicht wollten, daß die andern etwas umſonſt ſähen, auch den Elephanten nicht. Und nun die Abbildungen, die auf mächtigen Lein⸗ wandflaggen die ganze lange Front der Menagerie ein⸗ nahmen und die wilden Thiere in ihrer Freiheit dar⸗ ſtellten! Inmitten einer Sumpfgegend, wie ſie noch kein menſchlicher Fuß betrat, erblickte man das Nilpferd in 86 Geſellſchaft einiger Alligatoren und Klapperſchlangen, von denen ſich die eine um einen dicken Baum gewunden hatte und auf eine Sammlung bleicher Knochen und Schädel herabſah, die ein kleines anatomiſches Kabinet gefüllt hätten. An einem andern ſchaurigen Orte grub beim Schimmer des Mondes eine Hyäne einen Leichnam aus, der, wie die rothen Fetzen ſchließen ließen, einſt Offizier in der britiſchen Armee geweſen war. Ein Königstiger zerfleiſchte im Schatten einer Palme einen Pflanzer im gelben Strohhut und roth und weiß geſtreiften Bein⸗ kleidern und hatte nicht die mindeſte Ahnung davon, daß hinter ſeinem Rücken ein anderer Pflanzer aus einem hohen Gebüſch hervor eben die Büchſe auf ihn anlegte, aus deren Laufe auch bereits ein Feuerſtrahl heraus⸗ drang. Von vielen andern Abbildungen, wie dem Orang⸗ Utang, der mit einem tüchtigen Knüttel in der Hand in einſamer Wildniß auf Zemand zu warten ſchien, wollen wir gar nicht reden, da eine andere Darſtellung, wo der Menſch als Sieger erſcheint, unſer Intereſſe zu ſehr in Anſpruch nimmt. Wir meinen den gewaltigen Löwen, genannt Cäſar, der auf den Hinterfüßen ſteht und ſeine Vordertatzen auf die Schultern eines ſchönen jungen Mädchens gelegt hat. Das weiße Kleid, welches ſie trägt, wird über den 87 Hüften von einem ſchimmernden Gürtel zuſammengehalten. Ihr ſchwarzes, lang herabwallendes Haar umſchließt eine goldene Spange, die über Stirn und Schläfe geht; zu ihren Augen und Brauen hat ſich der Maler der ſchwär⸗ zeſten Tuſche bedient, die China jemals hervorgebracht hat. Wer in der Stadt bewunderte ſie nicht? Wer wußte nicht, daß die komödienhafte Abbildung eine freche Lüge, eine Injurie war? Welches Schulmädchen trug ſich im Stillen nicht mit dem Wunſche, Komalo zu heißen wie ſie? „Komalo!“ lief es unter der vor der Bude verſam⸗ melten Menge auch jetzt flüſternd von Mund zu Munde, als ſie im runden Hute, einen purpurrothen Shawl um die Hüften geſchlungen, anlangte, um ihre Production zu beginnen. Das Einzige, worin die Abbildung auf Aehnlichkeit Anſpruch machen konnte, als Komalo in den Käfig des majeſtätiſchen Löwen ſtieg, war das von einem Silber⸗ gürtel umſchloſſene weiße Kleid, was ihrer Erſcheinung zugleich etwas Ernſt⸗Feierliches verlieh, denn es erinnerte, in Verbindung mit dem gähnenden Rachen des Löwen gebracht, an ein Sterbekleid. Bei Komalo's Anblick ſchlug der Löwe ſeine Seiten freudig mit dem Schweife. In ſchauerlicher Umarmung verſchwand ihr Oberkörper zwiſchen ſeinen Tatzen; dann 88 plötzlich ſtellte ſie ſich, als flöhe ſie vor ihm, und es begann ein grauſiges Wettrennen, während der Löwe in Augenblicken, wo er ſie am Kleide erfaſſen wollte, Töne von ſich gab, als würde er ſie in kleine Stücke zer⸗ reißen. In dem Momente, wo das Thier am höchſten gereizt ſchien, wandte ſie ſich gegen ihn. Es entſtand ein Kampf— ſie unterlag; der Löwe warf ſie zu Boden und ſetzte ſeine Tatze auf ihre Bruſt. Ein einziges Wort aus ihrem Munde— und der Löwe wich zurück wie ein winſelnder Hund. Dann mußte ſich der Löwe auf ihren Wink niederlegen, regungslos, als wäre er todt, wieder aufſpringen, über ihren Arm ſetzen und ein Stück Brod, das ſie zwiſchen den Zähnen hielt, mit ihr theilen, indem er die Hälfte herunterbiß. Zuletzt reizte ſie ihn wieder zu grimmigem Gebrumme; von neuem begann ein wildes Verfolgen und Entweichen, und als den erſtarrten Zu⸗ ſchauern bereits die Herzen ſtill und die Haare zu Berge ſtanden, verſchwand ihr Kopf in ſeinem Rachen, ihre Hände wühlten ſich tief in ſeine Mähne, und ſo ließ ſie ſich mehrere Minuten lang im Käfig umherſchleifen. Mit geröthetem Antlitz und wogendem Buſen verneigte ſie ſich vor der ſtürmiſch applaudirenden Zuſchauermenge, und eben wollte ihre Hand nach dem Riegel greifen, als der Löwe ein entſetzliches Gebrüll ausſtieß und einen ge⸗ waltigen Satz machte. Komalo war offenbar darauf 89 nicht vorbereitet. Sie wich ihm behend aus, und die Zuſchauer bemerkten, daß plötzlich Todtenbläſſe ihr Antlitz überzogen hatte. Keiner der Anweſenden wollte von dem entſetzlichen Schauſpiele, das man für unausbleiblich hielt, Zeuge ſein. In wilder Flucht, als hätte der Löwe ſeinen Käfig geſprengt, ſtürzte Alles dem Ausgange zu, während Hyäne und Tiger, Panther und Schakal, durch das fort⸗ dauernde Gebrüll des Löwen und das Hülferufen der hinausdrängenden Zuſchauermaſſe beunruhigt, heulend und an den Eiſenſtäben rüttelnd in ihren Käfigen umher⸗ ſchoſſen. Auch die gaffende Menge vor der Bude löſte ſich in Flucht auf. In gleichem Grade wie die Men⸗ ſchenmaſſe anſchwoll, die, Alles mit ſich fortreißend, durch die Straßen der Stadt jagte und überall Schrecken und Beſtürzung hervorrief, in eben demſelben Grade wuchs die Größe der vorgeblichen Gefahr, in welcher, nach den abweichenden Ausſagen, die Stadt ſchweben ſollte. Der Elephant habe die Bude durchbrochen, hieß es hier; der Löwe ſei entſprungen, hieß es dort. Ein Theil behauptete daſſelbe vom Tiger, ein anderer von der Hyäne und Einige von ſämmtlichen Beſtien. Und die am beſten Unterrichteten ſagten, der Löwe habe Ko⸗ malo zerriſſen. Jeder ſuchte ſeine Wohnung oder die eines Freundes zu erreichen. Viele flohen in die erſten beſten Verkaufsläden. Alle Thüren wurden geſchloſſen * 90 und zuletzt waren ſämmtliche Straßen der Stadt men⸗ ſchenleer; nur aus den hochgelegenen Fenſtern wagte man herabzuſehen, in der Erwartung, daß im nächſten Augen⸗ blick der Elephant oder der Löwe oder mindeſtens der Tiger um die Ecke biegen werde; ſtatt deſſen aber erſchien eine Militärpatrouille, welche die Richtung nach der Menagerie einſchlug und nach Verlauf einer halben Stunde zurückkehrte, den Mohren als Gefangenen in ihrer Mitte. Als man die Schrecken der Wüſte, die Gefahren der Dſchungeln und des Urwaldes auf dieſes ſeltſame Re⸗ ſultat reducirt ſah, das an den Eſel in der Löwenhaut erinnerte, kehrte das allgemeine Gefühl der Sicherheit wieder zurück. Eine noch größere Menge, als vorher geflohen war, wallfahrtete jetzt der Menaggerie zu, begierig, den Zuſammenhang zu erfahren oder die Spuren irgend eines gewaltſamen Ereigniſſes zu ſchauen. Obwohl van Klier mit Hülfe der Polizei den Neu⸗ gierigen das Eindringen in das Innere der Menagerie wehrte, ſo hatte ſich doch eine ſo enorme Anzahl durch⸗ geſickert, daß der Schauplatz buchſtäblich vollgepfropft war. Komalo ſtand noch immer im Käfig, und Cäſar, ihr Freund, lag ausgeſtreckt zu ihren Füßen, wie ſchon oft, wenn er ſich auf ihren Wink todt ſtellte. Aber Komalo war bleich im Geſicht, und der Löwe ward von Zeit zu 91 Zeit von gewaltigen convulſiviſchen Zuckungen befallen, die ſeinen Kerker erzittern machten. Er hatte Niemandes Leben bedroht, kein tödtlicher Schlag war nach ihm geführt, keine Feuerwaffe auf ihn angelegt worden; eine ruchloſe Hand hatte ihm Gift bei⸗ gebracht und er war rettungslos verloren. Komalo hatte ſogleich auf den Mohren Verdacht, der ein grauſameres Mittel, ſich an ihr zu rächen, nicht hätte wählen können, und infolge deſſen war er feſtgenommen worden. Gegen Abend ſtieß der majeſtätiſche Cäſar ſeinen letzten Klagelaut aus, indem er ſeine mächtigen Tatzen weit von ſich ſtreckte, um ſie nie wieder zu erheben. Unter den Anweſenden entſtand eine tiefe Stille. Komalo ſah auf ihren todten Freund herab, und indem ſie das Schickſal zu überdenken ſchien, das ihr jetzt bevorſtand, ſpielte ein trotziges Lächeln um ihren Mund. So verblieb ſie im Käfig, bis die Menge ſich ver⸗ laufen hatte und die Menagerie geſchloſſen werden ſollte. „Tröſte Dich über den Verluſt“, hörte Komalo eine ihr ſehr bekannte Frauenſtimme ſagen;„eine große Laſt iſt von uns genommen! Du biſt doch dem alten Gecken von Maler gegenüber noch keine feſten Verbindlichkeiten eingegangen?“ „Neinu, ſagte van Klier, der ſich in einem Halb⸗ zuſtande von Lethargie und Verzweiflung befand. Er 92 blieb vor dem Käfig ſtehen, ſteckte die Hand durch das Gitter und ſtreichelte eine Weile, im Hinbrüten verloren, die Mähne des todten Thieres. „Nun, Komalo“, ſagte er höhniſch und ohne ſie an⸗ zuſehen,„nimm Abſchied von Cäſar, auf immer; ſage ihm, Du wollteſt Dir Dein Brod auf andere Weiſe verdienen, weil Du hier ſo grauſam behandelt würdeſt.“ Frau van Klier trat an das Gitter, hinter dem Ko⸗ malo ſtand, noch immer ihr trotziges Lächeln um den Mund, und gab einen kreiſchenden Ton von ſich, als wäre das junge Mädchen eine der Beſtien und ſollte zu ohnmächtiger Wuth gereizt werden. Sie ſchüttelte ihre beiden geballten Fäuſte gegen ſie, nannte ſie eine elende Dirne und überhäufte ſie mit einer Flut von Schimpf⸗ reden. Van Klier forderte Komalo in ſtrengem Tone auf, herabzukommen, obwohl der Zeitpunkt hierzu nicht gut gewählt war, denn ſein keifendes Weib ſchüttelte noch immer ihre Fäuſte und ſchien mit Begierde auf den Augenblick zu warten, wo ſie ſich auf Komalo ſtürzen konnte. Komalo kam furchtlos herab. Frau van Klier's Fäuſte zitterten auf der Stirn des jungen Mädchens. Aber in Komalo's Augen funkelte etwas von der Natur eines Löwen, und es blieb bei der drohenden Geberde. 93 Vor der Menagerie ſtand noch immer eine große Maenſchenmenge, begierig, die ſchöne Komalo heraustreten 4 zu ſehen.— Leiſe bewegte der Wind die Leinwand mit der Löwen⸗ dame. Und das Bild war eine Lüge. Ein Frauen⸗ zimmer in grober Kleidung und ein bäueriſches Tuch um den Kopf geſchlungen, ſchlüpfte durch den Vorhang an der Kaſſe heraus und drängte ſich unbemerkt durch die Menge, die noch immer begierig wartete, bis die ſchöne Komalo heraustreten werde. Aber ſie kam nicht. Nur van Klier und ſeine Frau kamen und hinter ihnen ein Wärter, der ein Bündel unter dem Arme trug und die Thür verſchloß. Am nächſten Tage hieß es: Komalo ſei fort. Der Mohr wurde, da man in ſeinen Kleidern das Gift vorfand, ſeiner That bald überführt und beſtraft. Nach einigen Tagen fuhr in einer langen Reihe von Wagen die Menagerie zum Stadtthore hinaus, und auf dem weiten grünen Anger bezeichneten nur die tiefen Räderſpuren, einige unausgefüllte Löcher und umher⸗ liegendes Stroh die Stelle, wo ſie geſtanden hatte. Komalo hatte es ruhig geſchehen laſſen, daß van Klier's Frau ſich alles deſſen bemächtigte, was ſie mit mehr oder weniger Recht ihr Eigenthum genannt hatte. Sie kannte keinen heißern Wunſch, als der Stadt, in der ſie, wie 94 X vorher ſchon in vielen andern Städten, ſo gefeiert wor⸗ den war, in aller Stille den Rücken zu wenden. Sie hätte, geſtützt auf die Dienſte, die ſie van Klier von ihrer Kindheit an geleiſtet hatte, einen Proceß anhängig machen können. Aber Niemand ſollte ſie ſehen in ihrer dürftigen Bettlerkleidung, Niemand, auch die Freunde und Bewunderer nicht, die ihr vielleicht mit Nath und That beigeſtanden hätten. Sie verbrachte die erſte Nacht in einer Scheune, und ohne zu wiſſen wohin, wanderte ſie am nächſten Morgen weiter, nur die verborgenſten Wege aufſuchend. Die wenigen Leute, die ihr begegneten, fanden nichts Auffallen⸗ des an ihr. Sie ſahen nur flüchtig eine weibliche Ge⸗ ſtalt an ſich vorüberkommen, und Niemand fiel es ein, in den unter einer groben Kleidung verborgenen Formen, in dem zur Erde gebeugten Antlitze jene liebreizende Schönheit zu ſuchen, wie ſie Komalo beſaß. Am Nachmittage betrat ſie eine Waldung, in der ſie bald näher, bald ferner dem Fahrwege, der ſich von Zeit zu Zeit durch das Kreiſchen von Rädern, den Geſang eines Handwerksburſchen oder das Schmettern eines Poſt⸗ horns verkündete, fortwanderte, bis ſie gegen Abend, als ſchon die Sonne verſank, an eine Lichtung kam, von der ſie in ein tiefes Thal hinabſchaute. Rings um dieſes Thal, gegen den Horizont terraſſenförmig emporſteigend 95 und in dunkles Blau gehüllt, zog ſich noch immer der⸗ ſelbe endloſe Wald. Komalo ſah zu ihren Füßen ein graues Gebäude mit Thürmen und einer Maſſe blitzender Fenſter, von den Wipfeln eines ſchattigen Parks umrauſcht. Allem An⸗ ſchein nach war es ein hoher, umfangreicher Bau, denn die umliegenden Häuſer eines Dorfes nahmen ſich da⸗ gegen winzig klein aus. Sie ſetzte ſich nieder in das weiche Waldmoos und überließ ſich ihren Gedanken. Aber es war kein ſchmerz⸗ liches Verweilen bei der Vergangenheit, ſie beſchäftigte ſich nur mit der Zukunft. Ihre gegenwärtige elende Lage war ihr nur ein Uebergang zu glänzendern Ver⸗ hältniſſen. Sie wußte, daß ſie in ihrer Schönheit das Zaubermittel beſaß, welches ſie vor Untergang und Ver⸗ zweiflung ſchützte. Muthig ſah ſie dem kommenden Ge⸗ ſchick entgegen, und durch die Pläne, die ſie überdachte, zuckten Rachegedanken. Sie träumte ſich, trotz Hunger und Midigkeit, in das romantiſche Schloß hinab. Dort wohnte mindeſtens ein Freiherr, dem das Dorf und die ungeheuren Wal⸗ dungen gehörten. Er war alt und grau, dieſer Freiherr, und hatte einen Sohn, vielleicht auch Töchter. Der junge Baron war ein feuriger Jüngling, der ſchon manchem Mädchen das Herz gebrochen hatte. Wie, wenn er eines 96 Abends im Parke luſtwandelte und ein ſchlafendes frem⸗ des Mädchen fände, wie eine Bettlerin gekleidet, aber ſo ſchön wie Komalo? Würde er ſie wieder von ſich laſſen? Würde nicht in ihm der Wunſch entſtehen, ſie in präch⸗ tige Kleider gehüllt zu ſehen, ſie an ſich zu feſſeln? Gewiß, er würde ſie an ſich feſſeln, würde ſie vielleicht zu ſeiner Gemahlin machen wollen. Aber die adelſtolzen Aeltern und Geſchwiſter ſind dagegen. Der junge Baron zerfällt mit ſeiner Familie. Er ſoll vielleicht enterbt werden und verſöhnt ſich zuletzt wieder mit den Seinigen. Aber von Komalo kann er nicht laſſen, ſie wird nie ſeinen Namen tragen, aber Juwelen und Ringe, die er ihr heimlich zum Geſchenk macht. Er wird ihr in einer entfernten großen Stadt ſchöne Zimmer miethen und ſie häufig beſuchen, und ſie wird unabhängiger, glücklicher und ſtolzer ſein als jemals. Der lebhafte Wunſch, den Schauplatz dieſer und hundert ähnlicher Träumereien in der Nähe kennen zu lernen, ſiegte über Komalo's körperliche Ermattung. Sie ſtand auf und ſchritt die Höhe hinab in das Thal, und nach einer mühſeligen Wanderung langte ſie bei den erſten Gehöften des weithin zerſtreuten Dorfes an. Sie fragte Niemand nach dem Wege. Die Thürme, die fort⸗ während über Häuſergiebel oder Bäume emporragten, waren ihre Führer, bis ſie vor dem majeſtätiſchen Schloſſe 9 ſelbſt ſtand. Eine niedrige, an vielen Stellen zerfallene Mauer bildete mit der Front des Schloſſes ein großes Viereck, das vorn eine breite, durch zwei Marmorvaſen bezeichnete Einfahrt offen ließ, von wo aus man in ge⸗ rader Linie nach dem Schloſſe ſelbſt ging. Innerhalb des Vierecks befanden ſich mehrere große Rondels, die aber weder den Anblick geglätteter, ſaftig grüner Raſen⸗ plätze darboten, noch durch Blumenbeete geziert waren; ſie befanden ſich im Zuſtande vollkommener Verwilderung. Wicken, Gerſte, Hafer und eine Menge Unkraut waren in hohen Halmen emporgeſchoſſen und dazwiſchen neigten ſich Korn⸗ und Mohnblumen. Das große ſteinerne Baſſin in der Mitte des Platzes war vom Grün des Verfalls überzogen und in ſeiner ganzen Tiefe ausgetrocknet, wie die offenen lechzenden Rachen der kleinen ſteinernen Un⸗ geheuer, die einſt die Beſtimmung gehabt hatten, Waſſer⸗ ſtrahlen emporzuſpeien, und deren glotzende Augen einen Ausdruck annahmen, als bereuten ſie, den letzten Tropfen von ſich gegeben zu haben, und ſähen ihm eben grim⸗ mig nach. Das Schloß war in einem Halbkreiſe erbaut und in den Hunderten von Fenſtern war kein Licht zu entdecken als der purpurne Glanz des Abendroths. Eine ſteinerne Treppe, die ganze Breite des Schloſſes einnehmend, führte zu den feſtverſchloſſenen Portalen der beiden Päge und Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 98 war von demſelben hoffnungsloſen Grün bedeckt wie der Rand des Baſſins. Laternen und Candelaber auf kunſt⸗ voll verzierten Eiſenſtangen hatten einſt ihr Licht auf die Schloßtreppe geworfen, aber die Glasſcheiben fehlten oder waren arg zerbrochen. Kopfſchüttelnd verließ Komalo dieſen unwirthlichen Ort. Sie ſchlich an der Außenſeite der niedrigen Mauer hin, die ſich von der Hinterfront des Schloſſes aus ins Endloſe fortſetzte und den düſtern Park einſchloß. Auch hier war die Mauer an vielen Stellen zerbröckelt und theilweiſe eingefallen, und an einer derſelben, wo es nur einen Stein zu überſteigen galt, der nicht höher war als eine Treppenſtufe, konnte Komalo der Verſuchung nicht widerſtehen und war mit einem Sprunge im In⸗ nern des Parks, wo ſie die Nacht zuzubringen gedachte. In den langen Baumgängen, die in der Ferne zu winzigen Luftlöchern zuſammenzuſchrumpfen ſchienen, war kein menſchliches Weſen zu ſehen, noch verriethen die Wege, über welche Schlingpflanzen und ſchwarze Schnecken um die Wette krochen, die Spur eines Fußes. Auch hier machten unter den Bäumen allerlei Säme⸗ reien ſelbſtſtändige Verſuche, ſich zu Hafer⸗, Gerſten⸗ oder Diſtelfeldern auszubilden. Komalo kam an Grotten vor⸗ über, die zu formloſen Steinhaufen zuſammengefallen waren; keine Bank lud zur Ruhe ein, es waren nur 99 verfaulte Fragmente mit weit von einander geſpreizten Beinen und gebrochenem Rückgrat; die gewöhnlichſten Feldblumen wuchſen hier in ungeheurer Größe; lange Geſpinnſte, die von den Bäumen über den Weg herab⸗ hingen, ſtreiften fortwährend Komalo's Antlitz, und auf einem Teiche, der die Ausdehnung eines kleinen Sees hatte und von einem Gequak erſchallte, als wären alle Fröſche hier zu einem großen Muſikfeſte zuſammen⸗ gekommen, hingen zwiſchen Schilf die Ueberreſte ehe⸗ maliger Gondeln und Schwanenhäuſer, von grünem Schlamm und rieſigen Waſſerpflanzen überzogen, wie das ganze Gewäſſer. Komalo fand dieſe Wildniß, in welcher die häßlichſten Thiere umherkrochen, zu einem Nachtlager nicht geeignet. Sie ging zurück und kam an die hintere Front des Schloſſes. Auch hier waren die Portale verſchloſſen. Doch befand ſich in der Mauer dicht an der Erde ein Durchbruch, als hätte man die Abſicht gehabt, ein Fenſter oder eine Thür anzubringen, dies aber während des Baues wieder aufgegeben. Es war ein viereckiges Loch, das durch einen Balken geſtützt und zur Hälfte mit Bretern vernagelt war. Komalo beugte ſich vor, um hineinzublicken, und ſah in einen Raum, der ehemals als Küche gedient zu haben ſchien. Sie ſtieg hinein und gelangte zu einer Thür. Der Drücker gab ihrer Hand . 7* —1ſſ V 100 nach. Komalo durchſtreifte ohne Hinderniß noch mehrere leere Räume und ſah ſich endlich in einer von Säulen getragenen Halle, vor und hinter ſich die Portale des Schloſſes, durch deren obere, von Glasſcheiben gebildete Rundungen das bleiche Abendlicht hereindämmerte. Zwei Freitreppen führten zu beiden Flügeln hinauf, und Ko⸗ malo, die das Gefühl der Furcht nicht kannte, ſtieg eine der Treppen empor. Sie durchwanderte große Corridore, leere Zimmer und Säle. Es waren wahrhaft fürſtliche Räume, aber von einem lebenden Weſen war, außer den von den Decken herabhängenden Spinnen und dem ver⸗ nehmlichen Picken der Mäuſe, keine Spur zu entdecken. Endlich ſetzte eine feſtverſchloſſene Thür Komalo's Wanderungen ein Ziel. Sie horchte, aber es ließ ſich von innen kein Laut vernehmen. Es war inzwiſchen dunkel geworden und Komalo ſtreckte ſich in einer Ecke nieder, und die Müdigkeit überwand die Qualen von Hunger und Durſt und wiecgte ſie endlich in tiefen Schlummer. Sie träumte in der Nacht, Mungo, der Mohr, erſchien und ſie ſtürzte auf ihn los, warf ihn zu Boden und riß ihm die Augen aus. Ein gewaltiger Donner machte das Schloß erzittern, die verſchloſſene Thür ſprang auf und heraus trat Cäſar, um ſich vor ihren Augen in einen Prinzen zu verwandeln, den der 101 Mohr in einem böſen Zauber hier gefangen gehalten hatte. Alle Gemächer ſtanden plötzlich in fürſtlicher Pracht und belebten ſich mit zahlloſen Dienern in reichen Livreen. Auf den Rondeln vor dem Schloſſe ſproßten die herr⸗ lichſten Blumen auf, in der kryſtallenen Flut des Baſ⸗ ſins ſpiegelte ſich die Sonne und die ſteinernen Gnomen ſpieen haushohe Waſſerſtrahlen. Der verwilderte Park war in ein Paradies verwandelt, Schwäne und reich⸗ vergoldete Barken ſchwammen auf dem blauen See, das Hifthorn ertönte, und an der Seite des Prinzen, von einem zahlreichen Gefolge umgeben, ritt Komalo hinauf nach den in blauem Dufte ſchwimmenden Wäldern zur Jagd. Da ertönte ein Geräuſch, von dem die Träumende erwachte. Der Morgen war angebrochen und warf ſein helles Licht in das öde Gemach, worin Komalo die Nacht verbracht hatte. Das Geräuſch kam von kräftigen Schrit⸗ ten, die ſich durch die lange Reihe von Zimmern, durch welche Komalo am geſtrigen Abend hierher gelangt war, ſchnell näherten. Ein alter Mann in grauem Barte und einem blauen bäueriſchen Rocke trat ein, und ihm folgten zwei andere in Hemdärmeln. Der Alte war über die unerwartete Erſcheinung eines menſchlichen Weſens ſo erſchrocken, daß er, wie vor einem gähnenden Abgrunde, vor Komalo ſtehen blieb und ſie⸗ mit einem lauten:„Wer da!“ anrief, als wäre es finſter und er könne nicht unterſcheiden, ob überhaupt Jemand da ſei. Komalo ſagte ihm, auf welche Weiſe ſie hierher gekommen ſei und daß ſie für die Nacht kein anderes Obdach gefunden habe. Ihr liebliches Geſicht, das aus dem Kopftuche hervorſah, und der angenehme Klang ihrer Stimme ſchienen einen ſehr guten Eindruck auf den Alten zu machen. Er fragte ſie, wo ſie herkomme, wohin ſie gehen wolle, ob ſie kein Reiſegeld habe und hungrig ſei. Sie nannte einen beliebigen weit entfernten Ort als ihre Heimat und gab vor, auf der Reiſe zu einem Ver⸗ wandten begriffen zu ſein, der ſie, da ihre Aeltern ge⸗ ſtorben, zu ſich nehmen wolle; Reiſegeld hätte ſie nicht und auch ſchon lange keinen Biſſen zu ſich genommen. „Warte hier, mein Kind“, ſagte er in mildem Tone, „wenn wir fertig ſind, magſt Du mit mir gehen.“ Er öffnete die verſchloſſene Thür und gab den beiden Männern in Hemdärmeln einen Wink, ihm zu folgen. Sie ſchritten durch mehrere Ziumer, welche, wie Komalo, durch die geöffnete Thür ſehend, bemerkte, leer waren wie die übrigen, und kamen mit zwei großen Ge⸗ mälden zurück. Komalo folgte dem Alten durch das Dorf 103 in ſeine Wohnung, wohin auch die Gemälde geſchafft wurden. Es waren mehrere Leute da, die den Alten um Rath angingen, ihm Klagen vortrugen und noch in mancherlei andern Angelegenheiten mit ihm verhandelten, woraus Komalo ſchloß, daß er die Stelle eines Ortsrichters be⸗ kleide. Eine bejahrte Frau, die im Zimmer beſchäftigt und offenbar ſein Ehegemahl war, ſah Komalo mit neu⸗ gierigen Blicken an. 4 „Hier iſt ein armes Mädchen“, ſagte der Ortsrichter zu ſeiner Frau, als die verſchiedenen Leute abgefertigt waren;„ſie iſt auf dem Wege zu fernen Verwandten, ohne Reiſegeld und hat die Nacht im Schloſſe verbracht. Bring' ihr etwas zu eſſen.“ Die Ortsrichterin trug bereitwillig auf, was die Küche hergab, und Komalo ſtillte ihren Hunger, während ſie den alten Leuten gleichzeitig auf allgemeine Fragen Ant⸗ worten gab, die ſo verſtändig und gewählt gefunden wurden, daß beide einander zuweilen anſahen und ſich beifällig zunickten. „Wie heißt dieſer Ort?“ fragte Komalo. „Arleborg, nach dem Schloſſe“, antwortete der Richter mit großer Bereitwilligkeit, als gälte es, die geographi⸗ ſchen Kenntniſſe des hübſchen Kindes zu bereichern. — 104 „Und wie kommt es“, fragte Komalo weiter,„daß das Schloß ſo in Verfall gerathen iſt?“ „Das iſt eine traurige Geſchichte“, ſagte der Orts⸗ richter ſeufzend.„Sieh, mein Kind, hier ſind ſie, denen einſt Alles gehörte.“ Er ging während dieſer Worte zu den beiden Ge⸗ mälden, die umgekehrt an die Wand galchit worden waren, und drehte ſie um. Komalo erblickte eine ſchöne Dame in Lebensgröße und modern gekleidet. Sie konnte dreißig und einige Jahre alt ſein und ſah aus ihren braunen Augen ſo ſanft und mild auf Komalo herab, daß dieſe den Blick zu Boden ſchlug. Das andere Portrait ſtellte einen hoch und kräftig gewachſenen Mann dar, ebenfalls in mo⸗ derner Kleidung. Sein ſpärliches Haar war ſchneeweiß, ebenſo ſein buſchiger Schnurrbart und die noch buſchigern Brauen, unter denen zwei feurige, ſchwarze Augen blitzten. Sein Antlitz war von gelblichem Teint und zeigte nur wenige Falten. Der Ortsrichter bezeichnete den Herrn als den Grafen von Arleborg und die Dame als ſeine Gemahlin, indem er hinzufügte, derſelbe habe erſt ſpät geheirathet. „Und leben beide noch?“ fragte Komalo. „Nein, ſie ſind todt“, entgegnete der Ortsrichter. „Sind ſie ohne Erben geſtorben?“ „Ach nein, ich glaube nicht“, gab der Ortsrichter zur Antwort.„Sie hatten einen Sohn; ein ganz lieber, herzensguter junger Herr war er, aber ein wenig jäh⸗ zornig. Es ſind etwa ſechzehn Jahre her und der junge Herr zählte damals achtzehn, da beſchenkte die Gräfin ihren Gemahl mit einem Töchterchen, einer kleinen Com⸗ teſſe. Darüber ſchämte ſich der junge Herr— nun, mein Kind“, unterbrach ſich der Alte,„das verſtehſt Du na⸗ türlich noch nicht— kurz er ſchämte ſich, und der alte Herr mochte etwas davon merken, und ſo kam es zwi⸗ ſchen beiden eines Tages zu einer heftigen Scene. Der alte Herr war auch aufbrauſend, ein Wort gab dann das andere, und man ſagt, der Graf habe ſeinem Sohne in der Hitze einen Schlag verſetzt. Dieſer verließ infolge deſſen das Schloß und ging nach Algier zur Fremden⸗ legion. Kaum war er fort, da brach über den Grafen und ſeine Familie das Unglück herein. Der alte Graf war bei unſerm Fürſten ſehr beliebt. Der Fürſt beſuchte ihn ſogar öfters zur Jagd und bei einer ſolchen rettete der Graf dem jungen Kronprinzen, der von einem Eber zu Boden geworfen worden war, das Leben. Trotzdem war der Graf, was man kinen Freigeiſt nennt, und be⸗ ſchäftigte ſich viel mit Politik. Er wollte die vielen großen und kleinen Länder“— des Alten Stimme wurde hier lauter und bewegt*„die wir unſer gemeinſchaftliches 106 Vaterland nennen, zu einem einzigen einigen Reiche unter nur einem Fürſten vereinigt wiſſen— das verſtehſt Du freilich nicht— und gehörte einem geheimen Bunde an, der dieſes Ziel leider auf dem Wege der Revolution er⸗ ſtrebte. Das hatte Jemand, man weiß nicht wer, dem Fürſten verrathen. Polizeibeamte erſchienen plötzlich im Schloſſe und durchſuchten des Grafen Papiere, noch ehe er Zeit fand, ſie in Sicherheit zu bringen. Seiner Ge⸗ mahlin zu Liebe, die ihn anflehte, ſich ihr und den Kin⸗ dern zu erhalten, floh er nach England. Es wurde nun ein großer Proceß gegen ihn eingeleitet, und da man ſeiner nicht habhaft werden konnte, um die Strafe an ihm zu vollſtrecken, ſo verfielen ſeine Güter dem Staate. In England ſtürzte der Graf vom Pferde, und ſeine Ge⸗ mahlin, die auf dieſe Nachricht hin ſich ſofort auf den Weg machte, fand bei einem Sturme auf der Ueberfahrt mit ihrem Kinde den Tod in den Wellen. Vielleicht war es gut für ſie, denn inzwiſchen war der Graf an den Folgen ſeiner Verletzung geſtorben. Es war, als ſeien alle, die mit dieſer Familie in Berührung kamen, dem Unglücke geweiht. Nicht nur daß eine Dienerin und eine Frau aus dem Dorfe, welche die Amme der kleinen Comteſſe war und ihr eigenes Kind bei ſich hatte, mit der Gräfin ertranken, nein, das war nicht genug; der Schreiber des Grafen, der zur Regulirung der ver⸗ 107 ſchiedenen Angelegenheiten im Schloſſe zurückgeblieben war, verlor kurz nach jenem Ereigniſſe eines Nachts plötzlich den Gebrauch der Sprache. Auf welche Art dies zu⸗ gegangen ſein mag, hat man nicht erfahren, denn er ſelbſt hüllte es in tiefes Geheimniß. Seitdem iſt das Schloß nicht wieder bewohnt wor⸗ den und es geſchieht auch nichts zu ſeiner Erhaltung, den rechten Flügel ausgenommen, der für den Fürſten eingerichtet wird, wenn er hier aller zwei, drei Jahre einmal ſeine Jagd abhält. Es mögen etwa vier Jahre her ſein“, fuhr der alte Ortsrichter fort,„da kam ein Fremder ins Dorf, ein Mann in den Dreißigen, mit ſtark gebräuntem Geſicht und ſchwarzem Bart. Man ſah ihn durch den ver⸗ wilderten Schloßpark ſtreifen und dann wieder ſtunden⸗ lang vor dem Schloßplatze ſtehen und nach den öden Fenſtern emporſehen. So trieb er's zwei Tage lang, ohne mit einem Menſchen ein Wort zu ſprechen. Am dritten Tage fragte er Jemand, wer die Schlüſſel zum Schloſſe habe. Man wies ihn an mich, und ich führte ihn durch die leeren Gemächer. Auch mit mir ſprach er lange kein Wort und ſein finſteres Weſen ſchreckte mich ab, ihn anzureden. Endlich trat er an ein Fenſter, ſah hinaus, und indem er mir den Rücken wendete, fragte er: 108 „Die gräfliche Familie iſt nicht mehr hier?“ „Nein“, erwiderte ich. „Wo iſt ſie?“ Darauf erzählte ich ihm die Geſchichte, wie ich ſie Dir erzählt habe. Er hörte ſchweigend bis zu Ende zu. Aber er blieb am Fenſter ſtehen und wandte mir fort⸗ während den Rücken. Ich war längſt zu Ende, da ſtand er immer noch ſo unbeweglich. Mir war ganz eigen zu Muthe. Ich ging langſam durch die lange Reihe der offenen Zimmer auf und ab, bis er endlich, nach einer langen, langen Weile, als ich wieder an ihm vorüber⸗ kam, ſich umdrehte und mir winkte, daß er gehen wolle. Er drückte mir zum Abſchiede die Hand und ſagte mit gebrochener Stimme:„Ich bin weit hergekommen— aus Afrika. Dort habe ich zwölf Jahre in arabiſcher Gefangenſchaft verbracht.“ Aber in dem Augenblicke, wo ich ihn mit beiden Händen feſthalten und ausrufen wollte: Sie ſind der junge Herr Graf! wandte er ſich von mir ab, winkte mir mit der Hand wie zum Lebewohl und eilte fort. Niemand im Dorfe hat ihn wiedergeſehen. Und in der That, er war es, er muß es geweſen ſein, denn einige Zeit ſpäter erfuhr man, daß ein Graf Arleborg um eine Audienz beim Fürſten gebeten habe, aber zurück⸗ gewieſen worden ſei. Vor ein paar Tagen erhielt ich 4 109 vom Miniſterium Ordre, dieſe beiden Portraits einzu⸗ packen und an einen mir bezeichneten Spediteur in der Stadt zu ſchicken. Sie können nur für den jungen Grafen beſtimmt ſein, und das iſt, wie es ſcheint, Alles, was er innerhalb der vier Jahre erlangt hat. Und er wird wohl auch nichts weiter erlangen, bis vielleicht der Fürſt einmal ſtirbt und der Kronprinz an die Regierung kommt.“ Während Komalo die Gaſtfreundſchaft des mittheil⸗ ſamen Alten genoß, war vor dem Gaſthofe des Dorfes ein Reiſender aus einem Einſpänner geſtiegen. Er ging in die Schenkſtube und erkundigte ſich ſogleich bei den anweſenden Bauern, ab man vielleicht geſtern oder heute ein fremdes Frauenzimmer, deſſen Anzug er näher be⸗ ſchrieb, habe das Dorf paſſiren ſehen. „Unſer Dorf iſt groß“, ſagte einer der Gäſte ſpöttiſch lachend,„und es kommen viele Fremde durch.“ „Geſtern Abend hab' ich eine geſehen“, verſetzte ein anderer, die Bemerkung ſeines Nachbars durch ein Kopf⸗ ſchütteln mißbilligend,„die aber nicht in unſer Dorf zu gehören ſchien. Ich ſah ſie lange Zeit vor dem Schloſſe ſtehen.“ 1 „Aha!“ rief ein Mann in Hemdärmeln,„das war gewiß dieſelbe, die der Richter heute im Schloſſe gefunden hat. Ich war dabei. Sie hat im Schloſſe geſchlafen.“ 110 „Können Sie mir nicht ſagen, ob ſie noch hier iſt?“ fragte der Fremde. „Der Richter nahm ſie mit zu ſich; ob ſie noch bei ihm iſt, weiß ich nicht.“ Der Fremde ließ ſich die Wohnung beſchreiben und machte ſich eilig auf den Weg. Er klopfte an die Thür, und als der Alte öffnete und ſeine Frage, ob ein junges Mädchen bei ihm ſei, bejahte, bat er, ſie heraus⸗ zuſchicken. „Das freut mich, daß ich Sie dennoch gefunden habe“, redete er mit leiſer Stimme Komalo an;„ich bin Ihrer Spur bis hierher gefolgt.“ Komalo erinnerte ſich des Fremden, über deſſen blaue Mütze ſich die Offiziere im goldenen Anker luſtig ge⸗ macht hatten. Hätte er gewagt, ſie an jenem Abende anzureden, ſie würde ihn mit demſelben verächtlichen Ausdrucke gemeſſen, ſie würde gerade ſo die Lippen aufgeworfen und in demſelben herriſchen Tone gefragt haben:„Was wünſchen Sie von mir?“ wie ſie es jetzt that. „Sie ſind jung und ſchön“, entgegnete Degenhaar, leicht erröthend,„und würden in einer großen Stadt Ihr glänzendes Fortkommen finden. Wenn Sie mich begleiten wollen, ſo würde ich für Sie ſorgen.“ „Ich will nicht dienen“, verſetzte Komalo mit Ver⸗ 111 achtung und war im Begriffe, ihm den Rücken zu kehren. „Das würde auch ſchwerlich den Einſpänner lohnen“, ſagte Degenhaar,„den ich gemiethet habe, um Ihnen nachzureiſen. Es erwartet Sie, wenn Sie mir folgen, ein angenehmes Leben; ich ſelbſt kann es Ihnen nicht bieten, aber ich kenne die Gelegenheiten.“ Komalo zögerte mit ihrer Antwort. „Es kommt auf einen Verſuch an“, fuhr Degenhaar fort;„wenn es Ihnen nicht gefällt, ſteht Ihnen jederzeit die Rückkehr frei.“ Komalo ſchien noch unſchlüſſig, als der Ortsrichter in der Thür erſchien, weil er vielleicht glaubte, daß ſeinem Schützlinge etwas Unangenehmes begegnet ſein könne. „Ich habe“, ſagte Komalo raſch zum Richter,„eine Reiſegelegenheit gefunden.“ Stolz, Mißtrauen und grübelnder Ernſt waren plötzlich aus ihren Zügen verſchwunden, und ihr Blick ruhte ſo dankerfüllt auf Degenhaar, daß der Ortsrichter ihr von Herzen Glück dazu wünſchte. Komalo nahm von ihm und ſeiner Frau Abſchied und begleitete den Agenten ſchweigend nach dem Gaſthofe, wo der Einſpänner ihrer wartete. 3 Als ſie in den Wagen ſtieg, klopfte ihr das Herz; 112 ſie wußte nicht, ob in Hoffnung auf das neue Leben, oder ob in ahnendem Verſtändniß von dem Schritte, den ſie jetzt that, indem ſie einer großen Stadt entgegen⸗ reiſte, wo ihre Jugend und Schönheit ihr ein glänzen⸗ des Fortkommen ſichern ſollten. Neuntes Kapitel. Unſere Erzählung führt uns nach einem mehrjährigen Zwiſchenraume in eine düſtere, ſchmuzige Straße, in der die Häuſer größtentheils mit der Giebelſeite nach vorn gekehrt ſind. Die Fenſter erinnern an Gefängnißgitter, und den Bemittelten, der durch dieſe Straße geht, über⸗ kommt eine düſtere Ahnung von den verräucherten Stuben, in denen die freiwilligen Gefangenen wohnen, und er ſchaudert vor der Möglichkeit der Verarmung. Die Hände, die dieſe Häuſer bauten, ruhen ſchon längſt in Gräbern, die ſelbſt begraben ſind unter neuen Gräbern oder unter dem glatten Pflaſter eleganter breiter Plätze, von denen man nicht weiß, wie ſie zu dem Namen Kirchhof gekommen ſind. Es iſt eine mittelalterliche Straße, in welcher reiche Leute nichts zu lunhen haben, Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 4 114 einige Kaufleute ausgenommen, deren thurmhohe Waaren⸗ magazine die finſtern Häuſerreihen angenehm unterbrechen. Außerdem hat die Neuzeit für gut befunden, die mittel⸗ alterliche Straße mit Gaslaternen zu verſehen und einen Schienenweg hindurch zu leiten, der zwei Bahnhöfe mit einander verbindet. 4 Die große Stadt, in der wir uns wieder befinden, erſcheint in dieſer baufälligen, ſchlecht gepflaſterten Straße im Incognito; nur die Waarenmagazine, die Gaslaternen und der Schienenweg lugen wie eine leuchtende Uniform verrätheriſch unter dem ſchwarzen Mantel hervor. In dieſer mittelalterlichen Straße ſtand zwiſchen zwei dickbäuchige Gebäude eingekeilt ein neueres Haus, das nur zwei ſchmale Fenſter in der Front hatte und mit ſeinen zwei Stockwerken wie ein ſchmächtiger, ſchmal⸗ bäckiger Tertianer ausſah, der zu ſchnell gewachſen iſt. Ueber der Hausthür war die Inſchrift zu leſen: Zum Schwedentrunk. Diederich Nielſen, der jetzige Beſitzer dieſes Hauſes, hatte ſich unter dem Schwedentrunk den herzhaften Zug eines Halbverdurſteten vorgeſtellt, und in dieſem Sinne war die einladende Inſchrift zu nehmen, die außerdem noch durch das darunter gemalte Bruſtbild eines ſchwediſchen Soldaten verſinnlicht wurde, der eben beſchäftigt war, einen mächtigen Humpen Bier bis auf die Neige zu leeren. Um die ſkandinaviſche Nationalität 115 anzudeuten, hatte der Künſtler, von deſſen Pinſel dieſes Schild herrührte, ſeinem Portrait ganz einfach die Züge Guſtav Adolf's verliehen. Nielſen war knapp von mittlerer Größe und etwa vierzig Jahre alt. Sein Geſicht ſah fortwährend roth, als machte er eben eine gewaltige Kraftanſtrengung; ſein braunes Haar war ſtets glatt gebürſtet und ſorgfältig geſcheitelt. Ein ins Röthliche ſpielendes Kinnbärtchen verlieh ſeinem Geſicht etwas Spitzes. Nielſen war nicht verheirathet; ſein treueſter Lebensgefährte war ein dummſchlaues Lächeln. Mit dieſem Lächeln war er vor etwa zehn Jahnen dem Sarge ſeines Vaters gefolgt; mit dieſem Lächeln ſchnitt er dem Huhne, das er ſich ſelbſt zubereitete, den Hals durch und ließ es dann zu ſeinem Privatvergnügen eine Strecke über den Hof laufen; mit dieſem Lächeln hatte er verſchiedene Miethsleute im erſten Stock, die ihre Miethe nicht bezahlen konnten, auf die Straße ſetzen laſſen; mit dieſem Lächeln mahnte er die hochſchwangere Frau des Copiſten, der gegenwärtig den erſten Stock bewohnte, an die rückſtändige Miethe. Der arme Copiſt lebte in der geheimen Furcht, daß ſich ſein Weib an Nielſen verſehen haben könne, und malte ſich im Geiſte den Anblick eines Säuglings aus, der mit glatt gebürſteten Haaren, mit einem ins Röthliche ſpie⸗ lenden Barte und mit einem Lächeln, durch welches er 4 8* 116 ſeine Aeltern an die rückſtändige Miethe zu mahnen ſchien, zur Welt käme. Der Schriftſetzer Stichel war der vornehmſte Stamm⸗ gaſt Nielſen’s. Er war der Hauptmitarbeiter eines Theater⸗ organs, betitelt: Der Couliſſenfreund, das wöchentlich zweimal erſchien und von Stichel gratis den übrigen Zeitungen beigefügt wurde, welche im Schwedentrunk auf⸗ lagen. Er ſchrieb dramaturgiſche Aufſätze, die er, gewiß ein ſeltener Vortheil für einen Autor, gleichzeitig auch eigenhändig ſetzte, und gab darin Directoren und Künſt⸗ lern„wohlgemeinte Winke“. Beſonders ließ er ſich ange⸗ legen ſein, eine junge Sängerin Namens Minna Schröter zu protegiren, mit welcher er, wie man in gutunterrich⸗ teten Kreiſen behauptete, heimlich verlobt war. Allabend⸗ lich erſchloß ihm ein Freibillet den Zuſchauerraum des Theaters, wo ſeiner nach des Tages Mühen das ſchwie⸗ rige Amt eines Claqueurs wartete. Da er ſelbſt ent⸗ ſchiedenen Beruf zur Bühne und ſpeciell für die Dar⸗ ſtellung der Charakter⸗ und Intriguantenrollen in ſich fühlte, ſo trug er ſich mit der Abſicht, mit Winkelhaken und Setzkaſten gelegentlich ganz zu brechen. Von Zeit zu Zeit brachte er ſeine zahlreichen Freunde und Ver⸗ ehrer durch die Nachricht in Aufregung, er werde nächſtens am Stadttheater ſeinen erſten mimiſchen Verſuch machen; doch ſcheiterten die bereits„eingeleiteten Unterhandlungen“ 117 regelmäßig an den Intriguen des Charakterſpielers, der durch Stichel's Talent ſeine eigene Stellung gefährdet glaubte. Stichel's Statur hielt ſich ſtark unter Mittel⸗ größe; zu ſeinem rabenſchwarzen, gekräuſelten Haar fehlte nur noch der orientaliſche Schnitt der Naſe, und er hätte vollkommen den Eindruck eines jungen hoffnungsvollen Hebräers gemacht. Er trug ſtets, auch wenn er im Schweden⸗ trunk den Couliſſenfreund las, einen ſchwarzen Cylinderhut und rückte dieſen tief nach dem Genick hinab, damit Jeder⸗ mann Gelegenheit habe, den ihm innewohnenden Geiſt ſofort an ſeiner ſchönen Stirnbildung zu erkennen. Bei einer ſo vielſeitigen Thätigkeit im Gebiete der Intellectualität war es nicht mehr wie billig, daß Stichel von den Gäſten des Schwedentrunks„Herr Doctor“ an⸗ geredet wurde. Dieſe beſtanden aus Fuhrleuten, Matroſen und Bauern, welch letztere an Markttagen hier ein⸗ kehrten, und des Morgens trank im Vorübergehen mit einem herzlichen:„Grüß' Gott, Herr Doctor!“ dann und wann auch ein Fleiſcherburſche ſein Stehſeidel, während ſich die Fliegen der Wirthsſtube heißhungrig auf das Fleiſch in der Mulde ſtürzten. Des Abends nach dem Theater ſchaarten ſich um den Doctortiſch einige Choriſten und Garderobiers. Niemand verſtand es beſſer als Stichel, Nielſen's charakteriſtiſche, aber monotone Eigenheiten genau nach⸗ 118 zuahmen: wie er, wenn er ſich in behaglicher Stimmung befand, die obere Fläche der Hand unter den Kinnbart legte, als wollte er zeigen, wie groß er wäre, wenn ihm an dieſer Stelle der Kopf abgeſchnitten würde, und dann liebkoſend mit dem Kinn darüber hinwegfuhr, während die Hand unbeweglich blieb; wie er, ſo oft man ihm etwas Schmeichelhaftes ſagte, zwei Fingerſpitzen der rechten Hand am Munde naß machte und ſich damit den auf die Stirn fallenden Haarbüſchel zurückſtrich; wie er vor dem Kar⸗ tenmiſchen zwei Fingerſpitzen an jeder Hand naß machte, mit der Bewegung eines Taſchenſpielers, als wollte er die Feuchtigkeit beider Fingerpaare, wie zwei verſchiedene Geldſtücke, gegenſeitig changiren laſſen; und wie er end⸗ lich, wenn er von alledem nichts that, die Hände in die Hoſentaſchen ſteckte und ſtillvergnügt mit der Stiefel⸗ ſpitze ein unſichtbares Spinnrad zu drehen ſchien. Eins aber gelang der Kunſt des Schriftſetzers nie, und an dieſer undankbaren Aufgabe wäre wohl auch der berufenſte Künſtler geſcheitert: Nielſen's Stimme nachzuahmen. Man hörte die Stimme des Gaſtwirths nur bei den beſondern Gelegenheiten, wo er in eine maßloſe Freude oder Hei⸗ terkeit ausbrach. Es war ein kurzer, durchdringender Schrei, der aus ſeiner Kehle zu kommen ſchien, ein— unartikulirtes„Juhu!“, ein Eulengelächter, über das ſich Niemand Rechenſchaft ablegen konnte. Fremde, die zum * 119 erſten Male im Schwedentrunk waren und das Juhu plötzlich hinter ſich hörten, fuhren entſetzt zuſammen und ſahen ſich in der ſichern Erwartung um, das ſchreckliche Schauſpiel eines Mordes durch Erwürgung vor ſich zu haben. Aber der Mund, dem der Schrei des Entſetzens entfahren war, lächelte, und den rohen Gäſten, in deren Ohren er wie Muſik klang, war es ein wahres Feſt. Dem Fremden war es ferner ein Räthſel, warum ſein lauter, höflicher Gruß von dem Wirthe mit keinem Worte, ſondern nur durch ein Kopfnicken erwidert ward, und erſt beim Bezahlen, wo Nielſen den Betrag der Zeche durch ein Zeichen mit den Fingern andeutete, klärte es ſich auf, daß er ſtumm war. Leute, die ihn vor einer längern Reihe von Jahren ſchon gekannt hatten, wußten ſich genau zu erinnern, daß er einſt gelacht, geſungen und geſprochen hatte wie jeder andere Menſch. Ohne etwas Anderes erlernt zu haben, als ſeinen Vater in der Bedienung der Gäſte zu unter⸗ ſtützen, war er in die weite Welt gegangen, aus der er auf die Nachricht von dem erfolgten Ableben ſeines Vaters als Stummer zurückkehrte. Auf welche Weiſe, bei welcher Veranlaſſung er die Sprache verloren hatte, wußte Nie⸗ mand, und Nielſen ſelbſt gab nie Auskunft darüber, ſon⸗ dern foppte die ihn Fragenden durch allerlei ausweichende Späße. A 120 Wenn Jemand ſeine Zeichen nicht gleich verſtand, ſo hatte er ſchnell ſeine Schieferſchreibtafel bei der Hand, auf die er mit unglaublicher Geſchwindigkeit niederſchrieb, was er ausdrücken wollte. Ddie Schenkſtube ſelbſt war ein ſchmales, längliches, düſteres Zimmer mit roh gezimmerten Tiſchen und Bänken. Im Hintergrunde befand ſich eine halbrunde Tafel und dahinter ein Spind mit den Vorräthen an Branntwein, Rum und Cigarren und der nöthigen Anzahl Bier⸗ und Schnapsgläſer. In der Nähe hing ein kleiner Keſſel mit Waſſer und darunter brannte eine matte Gasflamme, die, wenn heißes Waſſer zu Grog gebraucht wurde, nur in die Höhe gedreht zu werden brauchte. Eine Fallthür in der finſtern Hausflur führte in den Bierkeller hinab, und da Nielſen hes Bequemlichkeit die Thür in der Regel offen ſtehen Kieß, ſo gab es Manchen, der in den Folgen eines Sturzes in dieſen Keller ein lebenslängliches Er⸗ innerungszeichen an den Schwedentrunk bewahrte. Die Schenkſtube war oft halbe Tage lang leer. Dann las Nielſen gedankenlos den Inſeratentheil der ſtädtiſchen Hauptzeitung fünf⸗, ſechsmal nacheinander durch, oder lehnte, das unſichtbare Spinnrad drehend, am Fenſter, um den Dampfwagenzug vorüberrollen zu ſehen, deſſen Herannahen ein fernes Geläute verkündete, ergötzte ſich an den Capriolen ſcheuender Pferde, die ſich gerade in 121 der Nähe befanden, nnd erwartete mit Spannung, daß ſie durchgehen und gerade vor ſeinem Fenſter mit dem heran⸗ brauſenden Zuge zuſammenrennen würden. Am liebſten aber ſtreckte er ſich auf den Strohſack zwiſchen dem Spind und der halbrunden Tafel und ſchloß die verſchwommenen grauen Augen zu einem ſüßen Halbſchlummer, und auch hier verließ ihn ſein treuer Gefährte, das dummſchlaue Lächeln, nicht. Seine Lieblingsbeſchäftigung beſtand im Kartenſpielen; er trieb es aber nicht leidenſchaftlich. Dabei war er ſehr mäßig, und ſo mächtig auch bei ſeiner herum⸗ lungernden Lebensweiſe und der Natur ſeines Geſchäfts die Verführung zum Trunke geweſen wäre, ſo hatte man ihn doch nie anders als im Zuſtande der unbezweifeltſten Nüchternheit geſehen. Seinem Geſchäfte widmete Nielſen wenig Aufmerk⸗ ſamkeit, was um ſo befremdender erſchien, ds man die Geldgier des Stummen kannte und ſeine Gaſtwirthſchaft doch die einzige Quelle war, aus welcher ſein Geld⸗ verdienſt floß. Wahrſcheinlich war ihm dieſe Quelle zu gering, und es ſchien nicht unmöglich, daß er, wenn man ihn zuweilen in tiefem Nachdenken für ſich lächeln ſah, auf Mittel ſann, durch die er auf ſchnelle und bequeme Weiſe zu einem anſehnlichen Vermögen gelangen könne. Daß er des Abends, zum größten Verdruſſe ſeiner wenigen Gäſte, die Gaslampe nicht früher anzündete, als bis es 122 pechfinſter geworden war, daß er ferner mit doppelter Kreide ſchrieb und das Bier mit Waſſer verdünnte, das waren, in Verbindung mit ſeinem muthmaßlichen Ideal gebracht, nur beiläufige Ceremonien, nur eine Art Tribut, um ſich die Glücksgöttin vorläufig günſtig zu ſtimmen, wie Abergläubiſche Geld in der Hand ſchütteln, wenn der Kukuk ſchreit. Niielſen hatte ein ſcharfes Auge und ein ungemein feines Gehör. Er vernahm es ſehr wohl, was ſeine wenigen Gäſte mit gedämpfter Stimme in der entfern⸗ teſten Ecke ſprachen: man werde ſich bald an eine andere Kneipe gewöhnen müſſen; eines ſchönen Tages werde der Schwedentrunk zugeſchloſſen ſein und zur gerichtlichen Subhaſtation kommen; man war neugierig, was Nielſen dann anfangen werde; man zerbrach ſich den Kopf, welche Gedanken ſich jetzt, angeſichts der unvermeidlichen Ka⸗ taſtrophe, hinter ſeinem ewigen Lächeln verbargen; ob er Pläne ſchmiede, oder ob ihm ſein bevorſtehender Ruin am Ende gar gleichgültig ſei. Keine Miene in ſeinem Geſicht verrieth, daß er Alles mit anhörte, und ſein wirk⸗ liches Lächeln, das er beibehielt, ſchien ſich ſelbſtgefällig in dem Lächeln zu beſpiegeln, von dem die Leute ſprachen. Eines Vormittags fand ſich im Schwedentrunk ein Gaſt ein, den alle Anweſenden kannten, obwohl er nicht zu den regelmäßigen Beſuchern des Schwedentrunks zählte. Seit Jahren ſah man ihn in demſelben grünen Rocke, derſelben blauen Mütze einhergehen, ſodaß ſein Anzug mit ſeiner Individualität förmlich verwachſen war. Er hatte, wie Jedermann wußte, früher eine große Cigarren⸗ fabrik beſeſſen, die, wie er oft zu bemerken pflegte, eine halbe Straße einnahm. Durch einige betrügeriſche Kauf⸗ leute jedoch war er vollſtändig zu Grunde gegangen, und jetzt trieb er, um ſich und ſeine Familie durchzuſchlagen, allerhand Geſchäfte und war häufig auf Reiſen. Uebrigens ſchien er den Verluſt ſeines Vermögens längſt verſchmerzt zu haben. Er ging oft an der halben Straße vorüber, ohne daran zu denken, daß ſie früher ihm gehört hatte. In öffentlichen Ankündigungen von Auctionen, Vermiethun⸗ gen und ſo weiter hieß es noch heute:„In Nr... der früher Degenhaar'ſchen Häuſer“; aber längſt war Degen⸗ haar gegen die Nennung ſeines Namens in dieſem Zu⸗ ſammenhange gleichgültig geworden. Man erwähnte oft in ſeiner Anweſenheit der Degenhaar'ſchen Häuſer, ohne daß es ihm eingefallen wäre, ſich zu erkennen zu geben. Er hatte ein beſcheidenes Haus gemiethet, und wie er eine Ehre dareinſetzte, dem Beſitzer pünktlich den Pacht abzutragen, ſo forderte er von ſeinen Aftermiethern die gewiſſenhafteſte Pünktlichkeit. Er ſpielte vollkommen die Rolle des Hausbeſitzers, wachte ſorgfältig darüber, daß nichts beſchädigt werde, duldete keine Kinder im Hauſe, 124 mit Ausnahme ſeiner eigenen, führte, unterſtützt von ſeiner Frau, ſtrenge Controle über den Umgang ſeiner After⸗ miether, damit nie eine Perſon von zweideutigem Rufe ſein Haus betrete, und war ſcharf dahinter her, daß die Aftermiether nach elf Uhr abends nie mehr Beſuch hatten. Er ſchickte ſeine Kinder mit ſchweren Geldopfern nach wie vor in die oberſte Bürgerſchule, benutzte das Gewicht ſeiner Stimme als Bürger einſt dazu, eine arme, dem Verhungern nahe Familie der Nachbarſchaft durch den wohlthätigen Frauenverein dem Untergange zu entreißen, und würde allſonntäglich zur Kirche gegangen ſein, wenn er nicht hätte fürchten müſſen, ſich den Kopf zu erkälten, daher er es ſeiner Frau überließ, den Namen Degenhaar in einem der vorderſten Kirchenſtühle zu vertreten. An Weihnachtsabenden zog er ſeine Nachbarn in den Kreis ſeiner Familie, was nicht wenig ſagen will, da es in der Stadt, wo unſere Geſchichte ſpielt, mit großen Schwierig⸗ keiten verknüpft iſt, in eine Bürgerfamilie eingeführt zu werden; und wenn die Lichter, die am Tannenbäumchen brannten, auch nur Wachsſtockfragmente und die auf⸗ gehangenen Figuren aus den bunten Umſchlägen aus⸗ geſchriebener Schulhefte herausgeſchnitten waren; wenn⸗ ſchon die eingeladenen Gäſte die doppelt ſchwierige Aufgabe hatten, ſich einerſeits das Lachen zu verhalten und auf der andern Seite mit allen äußern Zeichen des Wohl⸗ — 125 behagens den nach Jauche ſchmeckenden Grog hinunter⸗ zuſchlürfen, ſo war Degenhaar doch derſelbe noch, der einſt eine halbe Straße beſeſſen und deſſen Gattin in glücklichern Tagen in einem Badeorte die Einladung einer ſouveränen Fürſtin zur Soirée abgelehnt und tags darauf einen koſtbaren Stoff gekauft hatte, welcher der Fürſtin zu theuer geweſen war. Böſe Zungen ſind immer bereit, einer herabgekom⸗ menen Familie durch Verleumdungen vollends den Gnaden⸗ ſtoß zu geben. So ſagte man von Degenhaar's Frau, es ſei nicht wahr, daß ſie den Kaffeeſatz, den ihr die Aftermiether jeden Morgen zur Verfügung ſtellten, zum Reinigen des Zimmers an Stelle der Sägeſpäne ver⸗ wende; man behauptete vielmehr, ſie bereite den Ihrigen das erſte Frühſtück daraus. Ferner wollte man wiſſen, das Ehepaar benutze das Vertrauen, welches die Mieths⸗ leute der Ehre einer bürgerlichen Familie ſchuldig zu ſein glaubten und dadurch an den Tag legten, daß ſie ihre Vorräthe nicht verſchloſſen, dazu, um mit fremdem Brenn⸗ material zu heizen und zu kochen. Und auf welch nichtigen Vorfall gründete man das! Einer der Miether war einſt im Kohlenkeller geweſen, um ſeinen Korb zu füllen; da war Degenhaar's älteſter Knabe hinzugekommen und hatte in den finſtern Raum hineingefragt:„Biſt Du es, Vater?“ Von dieſem älteſten Knaben wollte man übrigens 126 behaupten, er ſtehle, und um nichts zu verſchweigen, ſei hier nur noch angeführt, daß Leute, welche mit Degen⸗ haar in Rechtshändel gerathen waren, die durch das Urtheil der Richter erwieſene Unſchuld des letztern mit der wohlfeilen, aber giftigen Behauptung beſudelten, er habe Meineide geſchworen. Degenhaar nahm jetzt an einem Tiſche im Schweden⸗ trunke Platz und Nielſen brachte ihm Bier.„Ich habe ja nichts beſtellt!“ ſagte Degenhaar ſcherzend zu dem aufmerkſamen Wirthe und ſah dabei die andern Gäſte, welche noch am Tiſche ſaßen, der Reihe nach an, wie ein ernſter Geſchäftsmann, der ſich nur höchſt ſelten herbei⸗ läßt, einen Spaß zu machen. Sein Auge ſchlich im ganzen Zimmer herum, es nahm an den Vorgängen in der Schenkſtube offenbar ein Intereſſe; es ſchien zu be⸗ rechnen, wie viel Zeit die Anweſenden noch brauchen könnten, um das vor ihnen ſtehende Bier auszutrinken, als wäre er gebunden, ſo lange zu warten. Endlich waren die Gäſte fort und Degenhaar ſah ſich mit Nielſen allein im Zimmer. Langſam drehte er ſich nach dem Wirthe um. Seine Augenbrauen waren hoch emporgezogen, ſein Geſicht war plötzlich geröthet, in ſeinem Auge lag etwas Drohendes. Kein Menſch hatte ihn gekränkt, und doch ſah er aus, als wäre er eben ſchwer beleidigt worden. „Nun, Nielſen“, begann er mit ſeiner eindringlichen, ſchleichenden Stimme und ſchluckte,„wie ſteht's?“ Es lag etwas Gereiztes in dem Tone, als hätte er dieſe Frage ſchon mehrere Male gethan, ohne Antwort zu erhalten. Der lächelnde Wirth, der, die Hände in den Taſchen, mit dem Rücken gegen das Fenſter gelehnt in ziemlicher Entfernung von ſeinem Mitbürger ſtand, zuckte die Achſeln. Mit einer heftigen Bewegung des Kopfes, als wolle er ohne das Hinzuthun der Hände eine Fliege abwehren, fuhr Degenhaar fort:„Hente über acht Tage iſt meine Geduld zu Ende.“ Hier ſchluckte er wieder etwas hinunter. Nielſen machte eine Bewegung mit der Hand, als dehne er etwas aus. „Prolongirt?“ rief Degenhaar grinſend.„Da irrt Ihr; diesmal wird nicht prolongirt.“ Damit wandte er Nielſen ſchnell den Rücken, that einen haſtigen Zug aus ſeinem Glaſe und trommelte mit den Fingern auf den Tiſch. Endlich wandte er ſich wieder um, beugte ſich mit ſeinem Stuhle in der Richtung nach Nielſen weit vor und ſagte in ſeinem eigenthümlichen dringenden Tone: „Was thue ich mit den hohen Zinſen, wenn Zinſen und Kapital immer nur auf dem Papiere ſtehen?“ 128 Nielſen ging lächelnd auf Degenhaar zu und kniff ihn ſchmeichelnd in das Kinn. „Ich bin nur Unterhändler in der Sache“, ſagte Degenhaar mit abwehrendem Kopfſchütteln,„nächſtens ſchicke ich Euch den Kapitaliſten ſelbſt über den Hals. Ihr werdet Euch wundern über dieſen Kapitaliſten“, fügte Degenhaar mit ſchadenfrohem Geſicht hinzu. Dann wandte er ſich wieder von Nielſen ab, ſchüttelte ſein Bier im Glaſe und ſagte, indem er es gegen das Licht hielt, in kurzen Sätzen, zwiſchen denen er das Glas immer wie⸗ der von neuem an den Mund brachte, ohne zu trinken: „Der verſteht mit faulen Schuldnern umzugehen. Er kennt alle Advocatenkniffe. Macht Euch diesmal nicht auf Nachſicht Hoffnung. Heute über acht Tage zahlen oder Wechſelarreſt bis in die graue Ewigkeit.“ Nielſen blieb gegen dieſe Drohungen theilnahmlos und ſo ſchien das Geſpräch beendet. „Könnt Ihr die Summe wirklich nicht beſchaffen?“ fragte Degenhaar nach einer langen Pauſe, indem er ſeine Hände über der Bruſt zuſammenfaltete und den Wechſelſchuldner mit ſpähendem Blicke von der Seite anſah. Der Stumme rieb ſich die Stirn an der flachen Hand, was in Verbindung mit ſeinem ſchmollenden Ge⸗ ſicht ein etwas bekümmertes Nein ausdrückte. Degenhaar winkte den Schuldner zu ſich, und als dieſer dicht an ihn herangetreten war, fragte er in ſeinem leiſeſten und begütigendſten Tone:„Habt Ihr gut ver⸗ ſichert?“ Dabei ſah er den Gaſtwirth mit ſtarrem Blicke an, und das rothe Geäder imn Weiß ſeiner Augen leuchtete förmlich.„Ich meine gegen Feuersgefahr“, fügte er hinzu. Nielſen gab den Blick mit einem Aufleuchten ſeiner Augen zurück, in welchem ein ſchurkiſches Verſtändniß lag. Hierauf deutete er auf die Wände des Zimmers und zuckte dabei die Achſeln. „Nur die leeren Wände?“ ſagte Degenhaar leiſe. „Kommt und laßt mich einmal Euer Haus ſehen.“ Nielſen führte ſeinen Gaſt zuerſt in ſein Wohnzimmer hinauf.. „Seht hier dieſes altmodiſche, wurmſtichige Rollpult“, ſagte Degenhaar;„warum ſollte es nicht ebenſo gut ein Mahagoniſecretär geweſen ſein, der für ein Meiſterſtück galt? Ein Strich auf dem Papier und Euer zerſeſſenes Kanapee ſchwillt zu einer Ottomane auf. Gebt dieſen Stühlen den Ritterſchlag und erhebt ſie in den Fauteuil⸗ ſtand. Was dieſe alten Oelgemälde betrifft, mit den verwiſchten Farben, ſo gebe ich Euch mein Wort, daß ſie von der Hand eines berühmten niederländiſchen Malers herrühren, und es gibt Engländer, die Euch viele hundert Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 9 3 130 Thaler dafür bieten würden. Dieſe leere Stelle neben der Thür nimmt ſich ſchlecht aus; das wäre ein ge⸗ eigneter Platz für einen Glasſchrank, in dem Ihr Euer koſtbares Porzellan aufbewahrt.“ In dieſer Weiſe fortfahrend, verwandelte Degenhaar mit der Phantaſie einer Frau von Paalzow Nielſen's ärmliche Stube in ein Prunkgemach. Nielſen rieb ſich, als das Inventar feſtgeſtellt war, mit großem Behagen den Kinnbart auf der Handoberfläche und machte beim Hinausgehen unter ſeinem gewöhnlichen Freudenſchrei einen komiſchen ausweichenden Seitenſprung, als fürchtete er, in eine der Spiegelſcheiben des neuen Glasſchrankes zu rennen. Von hier verfügten ſich beide noch eine Treppe höher, unter das Dach. Unter morſchen, mit zahlloſen Spinn⸗ weben bedecktem Gebälk, das vielfach von alten Wäſch⸗ leinen durchkreuzt wurde, krochen ſie umher, ſtießen mit den Füßen an zerbrochene Flaſchen, traten auf umher⸗ liegende Reifen, die gekränkt emporſchnellten, und blieben endlich vor einem beträchtlichen Haufen längſt vergeſſener Bohnenſtangen, die Nielſen's Vater für das Gärtchen am Hofe beſtimmt gehabt hatte, ſtehen. Sie waren trocken und dürr, eine wahre Delicateſſe für eine Flamme, wie Degenhaar bemerkte, die von hier aus unmittelbar nach einem Conglomerat zerfallener Kiſten griff und dann eine 131 hohe Schicht kleingehacktes Brennholz erfaſſen mußte. Es war unausbleiblich, daß der ganze Dachſtuhl in Flammen ſtand, ehe eine Spritze bei der Hand ſein konnte. „Wir haben jetzt immer ſtürmiſche Nächte“, murmelte Degenhaar,„die dürft Ihr nicht verſäumen. Führt Ihr's geſchickt hinaus, dann verhelfe ich Euch zu neuem Credit.“ Im Hinabgehen gab Nielſen dem Schaukelpferde mit verblichenen Farben und klaffenden Riſſen, das noch aus ſeiner Kindheit ſtammte, einen Schwung, und nachdem beide Männer in die Schenkſtube zurückgekehrt waren, ſetzten ſie ſich zu einer Partie Sechsundſechzig nieder, ohne daß zwiſchen ihnen ein Blick gewechſelt worden wäre, der auf das Vorhergegangene nur im mindeſten Bezug gehabt hätte. Als das Spiel beendet war, entfernte ſich Degenhaar, wie ſich jeder harmloſe Gaſt entfernt haben würde, ohne jedes Zeichen geheimen Einverſtändniſſes. Nielſen war wieder allein, aber kein Blitz aus ſeinem Auge, keine Bewegung ſeines Körpers, die über die ge⸗ wöhnliche Norm hinausgegangen wäre, verkündete einen innern Triumph. Wie er, die Hände in den Taſchen, lächelnd und ſpinnend daſtand, hätte ihn Jeder belauſchen können, ohne zu ahnen, daß ſich unter dieſer ruhigen Oberfläche die Wehen einer Flammengeburt verbargen. . 4 9* Die Frage, ob es nicht möglich ſei, daß der Agen der Verſicherungsbank ſelbſt kommen könne, um ſich von der Wahrheit jener Angaben zu überzeugen, beſchäftigte Nielſen nur kurze Zeit. Er rechnete auf das Vertrauen, welches bei vielbeſchäftigten Leuten öfter, als Viele glau⸗ ben, die Stelle der fehlenden Zeit zu gründlichen Er⸗ örterungen vertreten muß. Und der Agent kam nicht. Ueberhaupt war Nielſen nicht der Mann, der ſich mit Rückſichten und Bedenken plagte. Er ſteuerte ſtets ge⸗ raden Wegs auf ſein Ziel los, ohne Klugheit, ohne Vor⸗ ſicht, und würde oft als ein naiver, einfältiger Menſch verlacht worden ſein, wenn ihm nicht Glück und Un⸗ verſchämtheit zur Seite geſtanden hätten. Er dachte gar nicht darau, daß man es auffallend finden könne, wenn ſo kurze Zeit nach ſeinem Eintritt in die Verſicherungs⸗ bank in ſeinem Hauſe Feuer ausbrach. Noch weniger kümmerten ihn die Miethsleute im erſten Stock, die, wenn das Unternehmen vollſtändig glückte, ihre unver⸗ ſicherte Habe verlieren mußten oder gar ſelbſt dem ent⸗ ſetzlihen Flammentode überliefert wurden. Und am wenigſten fragte er nach der armen, der Schonung be⸗ dürftigen Frau, die ein junges zukünftiges Leben, das ſchon jetzt dem Verderben geweiht werden ſollte, unter ihrem Herzen trug! Ihn kümmerte nichts, ſelbſt der dringende Verdacht, der auf ihm ruhen würde, kümmerte ihn nicht. Beweiſe, daß er die That verübt hat, Beweiſe! Nielſen nahm ſich Zeit mit der Ausführung ſeines Vorhabens; er wartete bis einen Tag vor dem Verfall tage der Wechſel, um den Unterhändler, den die Spannung zu einem regelmäßigen Abendgaſte des Schwedentrunks machte, zu necken; übermüthig ließ er gleichſam die Ge⸗ fahr bis in ſeine dichteſte Nähe heranrollen, wie einen heranbrauſenden Wagen, angeſichts deſſen mancher über⸗ müthige Pflaſtertreter langſam die Straße überſchreitet, um dem Kutſcher zu zeigen, wie genau er die Kürze ſeines Weges mit der Schnelligkeit der Pferde abzu⸗ Schafft wägen weiß. Fällt euch während dieſer Woche gar nichts an Nielſen auf, das zu einem rechtsgültigen Beweiſe gegen ihn werden könnte? Wenn ihr die Augen offen hättet, ihr würdet wenigſtens die Factoren einer unbekannten Größe wirken ſehen. Wenn die Gäſte im Schwedentrunk die Augen offen und nicht noch an andere Sachen zu denken hätten, ſo würden ſie einſtimmig ausſagen: Nielſen ließ ſeinem Hange zur Nachläſſigkeit in der Woche vor dem Feuer mehr als je die Zügel ſchießen; zum Beiſpiel verbreitete der Ofen in der Wirthsſtube ſeit einiger Zeit ſchon einen Rauch, der den Aufenthalt im Schwedentrunk mit jedem Tage unerträglicher machte, aber es geſchah 134 nichts zur Abhülfe. Die Nachbarn würden ausſagen: „Von dem Fenſterladen des Gaſtzimmers hatte ſich eine Angel losgelöſt, der Laden ſchloß nicht mehr, hing herab wie ein lahmer Flügel und drohte auf das Pflaſter zu ſtürzen, aber Nielſen ließ ihn nicht repariren.“ Der Künſtler, der das Schwedenportrait gemalt hatte, würde ausſagen:„Ich machte ihm in jener Woche den Antrag, das Schild unentgeltlich aufzufriſchen, aber er fand es nicht der Mühe werth, das Schild erſt herab⸗ zunehmen.“ Der Schriftſetzer Stichel würde ausſagen:„Ich bin Nielſen’s früheſter Gaſt und habe ihn beobachtet, wie er des Morgens beim Einheizen ſinnend dem allmäligen Umſichgreifen der kleinen Flamme zuſah, wie ihn ein Zündhölzchen, das nicht Feuer fing, verſtimmte, dagegen das plötzliche Aufpraſſeln des Feuers im Ofen, das er ſich ſelbſt überlaſſen hatte, einmal ſo heiter und auf⸗ geräumt machte, daß er mir, ganz gegen ſeine Gewohn⸗ heit, das Glas bis über den Rand vollſchenkte!“ Ein anderer Gaſt würde ausſagen:„Als ich ihm eines Morgens die Neuigkeit erzählte, daß vergangene Nacht in einem entfernten Stadttheile Feuer ausgebrochen, durch das Herabſtürzen des brennenden Dachſtuhls aber ſchnell wieder bewältigt worden ſei, da verließ ihn auf einen Augenblick ſein treues Lächeln.“ 135 Andere würden ausſagen:„Wenn man in der letzten Zeit auf unſere Löſchanſtalten zu ſprechen kam, ſo ſchlug ſich Nielſen ſtets auf die Seite derjenigen, die ſie tadel⸗ ten; dagegen ergriff Nielſen ſehr lebhaft Partei wider einen Tiſchlermeiſter, von dem man wußte, daß er ſein Haus angezündet hatte. Als Nielſen hörte, daß man ihm wegen mangelnder Beweiſe nichts hatte anhaben können, ſchlug er mit der Fauſt ſo heftig und entrüſtet auf den Tiſch, als hätte er ſelbſt durch die Freiſprechung des Tiſchlers den größten Schaden erlitten.“ Eines Morgens endlich erwachte Nielſen mit dem Bewußtſein, daß dies der letzte Morgen ſei, den er in ſeinem Hauſe begrüße. Er trat ans Fenſter, blickte auf die Straße und malte ſich das Bild des nächſten Mor⸗ gens aus. Da ſtand bereits eine gaffende Menge unten und betrachtete die Brandſtätte, und immer Neue kamen, über Spritzenſchläuche ſtolpernd, hinzugelaufen; Soldaten hielten Wache und drängten die Neugierigen zurück, die bis in den Bereich verkohlter und rauchender Balken vordringen wollten, wo noch immer eine Spritze in dumpfdröhnendem Takte arbeitete. Der Schwedentrunk iſt abgebrannt, wird es morgen in der ganzen Stadt heißen, und gleichſam als wolle er probiren, wie dieſe Worte die Stadtchronik und die Weltgeſchichte kleideten, wiederholte er im Laufe dieſes Tages in 136 Gedanken noch unzählige Male: Der Schwedentrunk iſt abgebrannt! Vor Nielſen war gleichſam der Schleier der Zukunft gelüftet, und er kam ſich neben dem engen Geſichtskreiſe der Welt wahrhaft groß vor. Das leere Lächeln, welches ewig um ſeinen Mund ſchwebte und ſein Kinn ſpitzer machte, gewann heute einen bedeutſamen Inhalt. Die Nachbarn gingen harmlos ihren Geſchäften nach und Nielſen lächelte ihnen zu, daß ſie dieſe Nacht aus ihrem Schlafe geweckt werden würden. Die Thurmglocke des Stadtviertels, die harmlos ihre Stunden anzeigte, kam ihm vor wie eine Weckuhr, die er heimlich aufgezogen hatte zum Sturmgeläute; das lag in ſeinem Lächeln. Der Dampfwagenzug rollte in mäßiger Eile vorüber, und Nielſen dachte lächelnd an den nächſten Zug, der zwei Uhr des Nachts kommt und an dieſer Stelle wird Halt machen und zurückrollen müſſen. Nielſen dankte in der Regel dem Gruße des Co⸗ piſten, der in ſeinem Hauſe wohnte, nur mit dem gewöhnlichen Lächeln, als wollte er damit ſagen:„Wenn Du auch noch ſo höflich grüßeſt, Du biſt mir den⸗ noch die Miethe ſchuldig, und ich weiß ſchon, wenn es an der Zeit iſt, Dich auspfänden zu laſſen.“ Der Schreiber war daher ſehr angenehm überraſcht, als heute der Hauswirth ſeinen Gruß nicht nur herab⸗ 1 137 laſſend erwiderte, ſondern ſogar durch eine Hand⸗ bewegung gegen den Himmel ndemht⸗ daß das Wetter ſehr ſchön ſei. Aus Höflichkeit ſah der Copſſ nach den Wolken, ob⸗ wohl er ſich ſchon vorher danach umgeſehen hatte, und entgegnete, als mache er erſt auf Nielſen's Anregung hin die Entdeckung:„Der Wind kommt aus Nordoſt; ich glaube, es gibt eine ſtürmiſche Nacht.“ Die Prophezeiung klang in Nielſen's Ohren wie eine Schmeichelei, und als müßte er dieſelbe umgehen und durch eine andere erwidern, ſpielte er durch Ge⸗ berden ſcherzhaft auf die künftige kleine Familie an und fragte mittels ſeiner Schreibtafel, ob er bald einen Ge⸗ vatterbrief zu erwarten habe. Es dunkelte, und heute ſtieg Nielſen unaufgefordert auf den Tiſch und zündete zeitiger als ſonſt die Gas⸗ lampe an. Als er damit fertig war, that er, als wolle er vom Tiſche herab eine Rede halten. Da dies aber natürlich nicht in ſeiner Macht lag, ſo ſuchte er die An⸗ weſenden dadurch zu entſchädigen, daß er vom Tiſche aus einen ungeheuren Luftſprung machte und einem eben ein⸗ tretenden Gaſte in die Arme taumelte, als könne er ſich nicht mehr halten. Der Schwedentrunk war heute ungewöhnlich zahl⸗ reich beſucht und Nielſen ungewöhnlich aufgeregt. Er 138 ging von einem Tiſche zum andern, ſchien mit großer Aufmerkſamkeit den verſchiedenen Geſprächen zuzuhören und miſchte ſich mit eifrigen Geberden ſelbſt mit hinein, obwohl man meiſtens Gegenſtände verhandelte, für die er nicht das mindeſte Intereſſe hatte. An dem Tiſche, wo Nielſen ſaß, hob Jemand den Zeigefinger empor und rief:„Hui, wie das pfeift!“ Von der Straße herein tönte wirklich das Sauſen des Sturms in jenen hohen Tönen, in denen erboſte Weiber keifend einer namenloſen Entrüſtung Luft zu machen pflegen. Alle Wetterfahnen, Blechſchilder, offenen oder ſchlecht⸗ verſchloſſenen Fenſter hatten unter der üblen Laune des Sturms zu leiden. Hausthüren wurden unter dem Geläute der Klingeln fortwährend auf⸗ und zugeworfen, als wäre Jemand ſchwer erkrankt und ſämmtliche Hausbewohner ſtürzten nacheinander hinaus, um Aerzte herbeizurufen, und dazwiſchen klirrten Fenſterſcheiben auf das Pflaſter herab, und das war ſo unheimlich anzuhören, daß man dabei an den Glaſer gewiß zu allerletzt dachte. —„Hat nichts zu ſagen“, lachte ein Steuermann am Tiſche,„iſt noch lange kein Sturm!“ „Aber entſetzlich wär' es doch“, meinte ein Anderer, „wenn bei ſolch einem Wetter Feuer ausbräche!“ Dabei ſah er alle am Tiſche der Reihe nach an und zuletzt auch Nielſen. Das Loſungswort ſo plötzlich von den —— 139 Lippen eines Andern zu hören, brachte dieſen in große Verwirrung, aus der er ſich nur dadurch rettete, daß er ſich den Anſchein gab, als habe er der Bemerkung des Tiſchnachbars nur zerſtreut zugehört und dem eben⸗ falls anweſenden Schriftſetzer zugeſehen, der die Geſell⸗ ſchaft ſo eben dadurch erheiterte, daß er, wie gewöhnlich, Nielſen's Eigenthümlichkeiten nachahmte. Aber es kam dem Stummen vor, als wären die Blicke ſeiner Tiſch⸗ genoſſen noch immer auf ihn gerichtet, als wollten ſie zuſehen, wie er ſich aus ſeiner Verwirrung helfen werde, und aus dieſer Lage half ſich Nielſen nur, indem er, die Stümpereien des Schriftſetzers in den Schatten ſtel⸗ lend, in einer Anwandlung von Selbſtironie, als wolle er ſeine irdiſche Hülle abſtreifen und den Leuten Luſt machen, ihm dieſelbe um ein Billiges mit allen ihren Eigenthümlichkeiten abzukaufen, ſich unzählige Male den Kinnbart kraute, die Fingerſpitzen naß machte, ſich den Haarbüſchel von der Stirn ſtrich, die bekannte Bewegung beim Kartenmiſchen machte und das Spinnrad trat, als wäre es lange nicht eingeſchmiert worden. Die Gäſte ergötzten ſich darüber, aber noch ſchien es dem böſen Gewiſſen des Stummen, als wären die Tiſch⸗ genoſſen noch immer nicht ganz überzeugt, daßger ſeine Verlegenheit überwunden habe, und nun machte er die letzte Anſtrengung und gab der Verſammlung ſeinen Freuden⸗ 140 ſchrei, ſein Juhu! zum Beſten, daß alle in ein ſchallen⸗ des Gelächter ausbrachen. Aber auf der Straße draußen, dicht vor dem Fenſter⸗ laden ſchauderte eine tief verhüllte Frauengeſtalt vor dem Freudenſchrei entſetzt zuſammen. „Was war das?“ fragte mit angſterfüllter Stimme die Frau, die den Kragen eines bis auf die Erde herab⸗ reichenden ſchwarzen Mantels über den Kopf geſchlagen hatte, ihren Begleiter, einen Knaben von zehn bis zwölf Jahren. „Ich weiß es nicht“, gab dieſer zur Antwort. Nach⸗ dem ſie das Ohr eine Zeit lang lauſchend an den Laden gelegt hatte, ſagte ſie zu dem Knaben:„Rufe Deinen Vater heraus.“ Der Knabe ging in die Schenkſtube nnd kehrte mit Degenhaar zurück, der während des folgenden Geſprächs nicht aufhörte, ſeine Mütze mit beiden Händen feſtzuhalten. „Ich war bei Ihnen“, ſagte die Frau,„und erfuhr, daß ich Sie hier finden würde. Es läßt mir keine Ruhe. Morgen verfallen die Wechſel. Die Summe, um die es ſich handelt, iſt, wie Sie wiſſen, ſehr bedeutend. Ich glaube nicht, daß er zahlen wird, nachdem er uns ſchon öfters ſo lange hingehalten hat. Ich will daher—“ „Marſch! Nach Hauſe!“ unterbrach Degenhaar die Frau, indem er ſich nach ſeinem Knaben umwandte. 141 Während man den Jungen die Straße entlang traben hörte, fuhr ſie fort:„Ich will endlich einmal den Mann ſelber ſprechen.“ „Wenn mich nicht alle Anzeichen trügen“, entgegnete Degenhaar,„ſo hat er die beſten Ausſichten, wenn nicht morgen, ſo doch binnen kurzer Zeit über eine namhafte Summe zu verfügen, die mehr als unſere Forderung deckt.“ „Anzeichen! Ausſichten!“ rief die Frau höhnend.„Ich will Thatſachen! Sie ſind doch ſonſt nicht der Mann, der auf ſolche Vertröſtungen etwas gibt! Was ſind es für Anzeichen? Was ſind es für Ausſichten?“ Degenhaar ſchwieg.„Ich ſehe“, ſagte die Frau,„daß Sie anfangen, mit meinen Geldern leichtſinnig umzugehen. Auf dieſe Art können wir keine Geſchäfte mehr zuſammen machen.“ „Wagen gewinnt, wagen verliert“, verſetzte Degen⸗ haar in ſeinem beſänftigendſten Tone.„Wir ſind ſchon mit manchem Wageſtück gut hinausgekommen; läuft eins einmal übel ab, was ich hier aber nicht befürchte, ſo müſſen wir uns tröſten. Bedenken Sie die fünfzig Pro⸗ cent, Madame!“ 3 1 „Kurz und gut, ich will den Mann ſelbſt ſprechen“, entgegnete die Frau entſchieden,„will ſelbſt hören, was das für verlockende Ausſichten ſind, zu denen Sie ſo 142 großes Zutrauen haben. Sind noch viele Gäſte im Zimmer?“ „Nein!“ „Halt, noch ein Wort“, ſagte die Frau, als Degen⸗ haar im Begriff ſtand, ſeinen Nachhauſeweg anzutreten. „Ich hörte vorhin einen eigenthümlichen Schrei im Gaſt⸗ zimmer. Wer war es, der ſo ſchrie?“ „Das war er ſelbſt“, antwortete Degenhaar. „Der Wirth vom Schwedentrunk?“ „Nielſen“, beſtätigte der Agent. „Nielſen“, wiederholte im Tone des Nachdenkens die Frau,„hm, Nielſen, Nielſen! Mich dünkt, es gibt hier Mehrere dieſes Namens.“ „O!“ lachte Degenhaar,„wir haben in unſerer Stadt wohl hundert, die ſo heißen.“ „Wenn Sie glauben“, ſagte die Frau zögernd,„daß er morgen dennoch zahlen wird, ſo gehe ich nach Hauſe, das Wetter iſt mir ohnedies zu ſtürmiſch, und wer weiß, wie lange ich hier noch warten muß, bis der letzte Gaſt fort iſt.“ „Das nimmt mich wunder!“ verſetzte der Andere, durch dieſe plötzliche Sinnesänderung übermüthig gemacht. „Sie gehen doch ſonſt durch Dick und Dünn, wenn es ſich nur um wenig Geld handelt, und hier, wo eine ſo bedeutende Summe auf dem Spiele ſteht, wollen Sie wieder umkehren!“ 143 „Kennen Sie Nielſen ſchon längere Zeit?“ fragte die Frau, ohne Degenhaar's Einwendung zu beachten.„Wiſſen Sie nichts von ſeinen frühern Lebensverhältniſſen?“ „Ich kenne ihn erſt ſeit ein paar Jahren.“ „Wie ſieht er aus?“ „Er iſt nicht ſehr groß, hat eine röthliche Geſichts⸗ farbe, braunes Haar und, wenn ich nicht irre, graue Augen.“ Die Frau ſtand nachdenkend und unentſchloſſen da. „Ich werde noch den morgenden Tag abwarten“, ſagte ſie nach einer Pauſe,„und jetzt nach Hauſe gehen. Doch noch eins, lieber Degenhaar: wie alt kann er wohl ſein?“ „Er mag ſeine vierzig Jahre auf dem Rücken haben.“ Die Unſchlüſſigkeit der Frau im Mantel nahm zu; ſie verſuchte, durch die Spalte des Ladens in die Wirths⸗ ſtube zu ſehen, aber ſie konnte Niemand erkennen. „Sie kümmern ſich doch ſonſt nicht um das Aeußere Ihrer Schuldner“, lachte der Unterhändler verwundert. „Uebrigens da fällt mir zur Vervollſtändigung meiner Beſchreibung eben noch etwas ein: Nielſen iſt ſtumm.“ „Stumm iſt er?“ rief die Frau in einem Tone, als wäre ſie eben von einem Irrthume überzeugt und da⸗ durch von einer großen Sorge befreit worden.„Warum haben Sie das nicht zuerſt geſagt? Stumm— ſtumm — ſtumm! Das iſt etwas Anderes.“ 144 Der Unterhändler machte Anſtalten zum Gehen; er fragte, ob ſie ſich endlich beſonnen hätte, und da ſie jetzt entſchloſſen war zu bleiben, ſo entfernte er ſich allein, mit beiden Händen ſeine Mütze feſthaltend. Es war bewundernswerth, mit welcher Ausdauer das Weib dem Sturme trotzte, der ihr die Enden ihres alten ſchwarzen Mantels wie Windmühlenflügel ums Geſicht ſchlug. Inzwiſchen leerte ſich der Schwedentrunk all⸗ mälig, und ſo oft einer der Gäſte herauskam, gab ſich die Frau den Anſchein, als ginge ſie eben zufällig am Hauſe vorüber. Endlich war Nielſen mit einem einzigen Gaſte allein gelaſſen. Auf den Tiſchen lagen zerſtreute Kartenblätter umher; ein paar Würfel, die ſonſt immer wie Geſellſchafts⸗ vögel zuſammenhielten, ſchmachteten an den beiden ent⸗ gegengeſetzten Enden eines länglichen Tiſches nach ihrer Wiedervereinigung in dem Becher, der auf den Fenſter⸗ ſims verſchlagen war. Auf den Tiſchen breitete ſich breit⸗ gedrückte Cigarrenaſche aus, und daneben lagen Zünd⸗ hölzchen mit verkohlten Spitzen, mit denen müßige Hände hier und da ein Fenſterkreuz oder den Anfangsbuchſtaben ihres Namens in die Cigarrenaſche gemalt hatten. Die Biergläſer ſchwammen in vergoſſenem Bier, und Nielſen, der ſich auf einen Stuhl geſetzt hatte, unterhielt ſich eben mit einem ſolchen Glaſe, indem er zuſah, wie es von 145 einem beſtimmten Punkte aus, auf den er es ſtellte, von ſelbſt weiterrutſchte. Dabei hatte er das Kinn auf das Schlüſſelbein geſtemmt, daß ſein ſpitzer Bart faſt gar nicht zu ſehen war und ſein Kinn ein Doppellinn bildete, welches— wie die Wirkung eines ins Waſſer geworfenen Steins— die Kreiſe ſeines Lächelns noch weiter zog. Er dachte an das alte Schaukelpferd, an das aufgeſchich⸗ tete Brennholz und an die Bohnenſtangen. Endlich entfernte ſich der letzte Gaſt und Nielſen wollte eben hinter ihm die Hausthür ſchließen, als ſich die ver⸗ hüllte Frauengeſtalt hereindrängte. Sie ſchritt mit großer Entſchiedenheit nach der offenen Thür der Gaſtſtube, trat ein und überſah das Zimmer mit feſtem, berechnendem Blick, denn ſie beſchäftigte ſich ſogleich damit, den Werth der im Zimmer befindlichen Gegenſtände zu taxiren. In hohem Grade unzufrieden mit dem gewonnenen Reſultate, wandte ſie ſich an Nielſen, der hinter ihr eingetreten war. Sie warf ihm einen finſtern Blick zu und fand, daß der Blick des Stummen ſich ſtarr auf ihre Züge heftete. Sie wußte ſich ſelbſt keine Rechenſchaft darüber abzulegen, warum ihr unter ſeinem Blicke ſo unheimlich zu Muthe ward. Der Zweck ihres Hierſeins trat mehr und mehr in den Hintergrund; ſie glaubte plötzlich nicht mehr die alte Energie in ſich zu fühlen, deren ſie ſonſt in Geld⸗ ſachen fähig war und die ſie in Sturm und Wetter hier⸗ Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 3 10 146 her getrieben hatte. Nur um die peinliche Pauſe auszu⸗ füllen, fragte ſie:„Werden Sie morgen zahlen?“ Nielſen blieb regnungslos und ſtarrte die Fremde da⸗ bei noch immer an. Ihre Kunſt, mit bedrängten Schuldnern umzugehen, hatte ſie jetzt ganz verlaſſen; vergebens ſuchte ſie ihrem Geſicht den Ausdruck der Härte zu geben, ſie fühlte, daß es ihr diesmal nicht gelang; die Hausapotheke ihrer ge⸗ wandten Redensarten, Wendungen und Drohungen, die ſie ſtets bei ſich trug, war ihr jetzt unzugänglich, als hätte ſie den Schlüſſel vergeſſen; ſie fühlte nicht einmal Kummer oder Verdruß bei dem Gedanken, daß er morgen nicht, ja vielleicht nie zahlen werde. Sie überredete ſich, es ſei Mitleid mit ſeinem Unglück, was ſich in ihr rege; ſie wußte es aber ſelbſt nicht genau, und gleichſam als wolle ſie einen Verſuch machen, ob es Mitleid ſei, fragte ſie:„Sind Sie ſtumm geboren?“ Nielſen ſtarrte ſie noch immer unverwandt an, er gab nicht das mindeſte Zeichen von ſich, aber Hände und Kniee zitterten heftig und die Frau glaubte zu bemerken, daß die Falten ſeines Lächelns zu einem bloßen Trans⸗ parent würden, durch welches jetzt der Ausdruck einer wilden, ſataniſchen Freude hindurchbrach. Aber ſie ſuchte dieſe Wahrnehmung zu leugnen, ſie affectirte die Ueber⸗ legenheit eines Wechſelgläubigers dem Schuldner gegen⸗ 147 über, und ihre Lage erinnerte daher an jenen Krieger in der Schlacht, der ſich in der Hitze des Gefechts von den Seinigen abgeſchnitten ſieht und den feindlichen Haufen, die ihn umringen, zuruft:„Ergebt Euch!“ Immer mehr Lichter wurden hinter dem Transparent angeſteckt, immer intenſiver glühte der Ausdruck der wilden, teufliſchen Freude hindurch! Die Verwirrung der Frau ſtieg, ſie ſah ſich nach der Thür um; dieſe ſtand offen, und während gerade laut heulend der Sturm durch das Haus fegte, ſtürzte das Weib dahin, um zu entfliehen. In dieſem Augenblicke entwand ſich Nielſen's Kehle das entſetzliche Zuhu! und gleichzeitig mit dieſem Schrei war er der Fliehenden durch einen verzweifelten Sprung zuvorgekommen und hatte vor ihr die Thür verſchloſſen. Das ganze Transparent teufliſcher Freude war in lichten Flammen aufgegangen; ſtürmiſch hob ſich des Stummen Bruſt, auf die er die Hand preßte, er gab eigenthümliche gurgelnde Töne von ſich, jeder dieſer Laute kitzete ihn in der Kehle, ſodaß er oft in das fürchter⸗ lichſte Gelächter ausbrach. Die Frau war unter einem lauten Schrei in einen Stuhl geſunken und hatte ihr Geſicht mit den Händen bedeckt, aber plötzlich richtete ſie ſich auf und ſah ſich ent⸗ ſetzt um; es ſchien ihr nicht anders möglich, als daß noch 10* & 148 ein Dritter anweſend ſein müßte, denn ſie hörte Jemand die Worte ſtammeln: „In einer ſolchen— Nacht— war— es!“ Aber ſie träumte nicht, es war auch kein Dritter hin⸗ zugekommen, der Stumme war es, der dies halb lachend, halb weinend ſprach, wobei er ſich liebkoſend die Kehle ſtrich. Die Frau raffte all ihre Faſſung zuſammen und ſagte in haſtigem Tone:„Ich will Sie nicht drängen, Sie ſind ein unglücklicher Menſch. Bitte, öffnen Sie die Thür.“ Nielſen aber war weit entfernt, darauf zu achten, er erhob Hand und Finger wie zu einem Schwur und fuhr ſtammelnd fort:„Ich— halte— meinen— Eid— nur— den— Todten!“ Es war vergebens, daß ſie verſicherte, ihn nicht zu verſtehen, vergebens, daß ſie bedauerte, ihn noch zu kurze Zeit zu kennen, um ſich in ſeine Ausdrücke und Andeu⸗ tungen hineinzufinden, er fuhr ſtammelnd fort:„In— meiner— Gewalt!— Polizei— Gericht— Criminal — Gefängniß!“ „Ich kenne Sie nicht!“ ſchrie die Frau unter drohen⸗ der Geberde. Aber Nielſen achtete nicht darauf, ſein Gedankengang war, wie ein plötzlich aufleuchtendes Entzücken auf ſeinem Geſicht andeutete, ſchon bei einer neuen Wendung ange⸗ 149 langt, der er dadurch Ausdruck verlieh, daß er das Wort „Kapitaliſt“ jubelnd ausſprach und dabei auf die Frau deutete. 5 „Ich will Ihnen zum Zahlen Friſt gönnen“, ſagte die letztere ablenkend,„ſolange Sie wollen; jetzt laſſen Sie mich hinaus.“ „Brauche keine Friſt“, ſtammelte Nielſen lachend, „habe einen Banquier.“ „Einen Banquier?“ fragte die Frau lauernd und ahnungsvoll.„Und wo iſt er?“ „Hier!“ lachte Nielſen und zeigte auf ſie. Aus den Augen der Frau ſchoſſen wüthende Blicke, ſie warf, wie es ſchien, die Verſtellung von ſich und ſagte hämiſch: „Bauen Sie ſich keine Luftſchlöſſer, thörichter Menſch! Wenn ich wirklich die bin, für die Sie mich halten, wo haben Sie Zeugen, wo ſind Beweiſe?“ „Alle Gäſte“, ſtammelte Nielſen, vor Freude zitternd, „alle kennen mich, wundern ſich, daß ich ſprechen kann, wundern ſich morgen ſchon. Steckt etwas dahinter— Unerhörtes— Schreck, Freude, Sprache— das iſt Beweis!“. Triumphirend hob er die Hand empor, in welcher ſich noch der Schlüſſel befand, womit er vorhin die Thür verſchloſſen hatte. Mit der Gewandtheit eines Tigers 150 ſtürzte ſich die Frau in dieſem Augenblicke auf Nielſen und entwand ihm den Schlüſſel. Es entſtand zwiſchen beiden jetzt ein wilder Kampf, in welchem das ver⸗ zweifelnd ringende Weib die Oberhand behielt und ſo viel Zeit gewann, um mit Blitzesſchnelle die Thür auf⸗ zuſchließen, durch die ſie enteilte. Durch die Hausthür, die Nielſen zu verſchließen unter⸗ laſſen hatte, ſtürmte ſie auf die Straße; der Sturm heulte ihr ins Geſicht, und um ihre Schultern flatterte wie ein düſterer Fittig der ſchwarze Mantel, und hinter ihr klang es: trab, trab, und immer näher kam es, bis ihre Kräfte ſie verließen. Dem Erſticken nahe, ſetzte ſie ſich auf einen Eckſtein; mochte er herankommen, es war ihr jetzt gleichgültig; die Fortſetzung der Flucht wäre ihr Tod geweſen! Nielſen kam heran und wartete in geringer Entfernung von ihr, bis ſie ſich erholt hatte und lang⸗ ſam weiter ging. Nielſen folgte dicht hinter ihr. 1 Nach einer langen Wanderung gelangten ſie in eine ſchmale Straße. Die Frau ſchloß die Thür eines Hauſes auf und verſchwand darin, während Nielſen auf die andere Seite der Straße ſchlüpfte, um abzuwarten, in welchem der drei Stockwerke ſich Licht zeigen werde. In der zweiten Etage war ein Fenſter erleuchtet; er bemerkte einen Kopf, der ſich an die Scheiben drückte, es ſchien ein weiblicher Kopf zu ſein. Nielſen lauſchte athemlos. Eine Klingel 151 ertönte leiſe im Innern des Hauſes und zu gleicher Zeit ſah er den Frauenkopf vom Fenſter verſchwinden, und unmittelbar darauf verſchwand auch das Licht, als würde es einem Ankommenden entgegengetragen. Endlich ging er, nachdem er Haus und Straße ſeinem Gedächtniſſe genau eingeprägt hatte, mit ſchnellen Schritten durch Sturm und Wetter nach Hauſe. Die Weckuhr, die Nielſen aufgezogen hatte, war nicht zuverläſſig; wirkungslos rückte ihr Zeiger über die ver⸗ hängnißvolle Stunde hinaus, nnd kein Sturmgeläute weckte dieſe Nacht die harmloſen Schläfer. Ungehemmt raſſelte der Nachtzug durch die mittelalterliche Straße; der arme Lohnſchreiber und ſeine Frau ſchlummerten ſanft dem Morgen entgegen, und der Geiſt der Chronik und der Weltgeſchichte wendete eine neue Seite um, ohne daß auf der alten der Satz zu leſen war: „Der Schwedentrunk iſt abgebrannt.“ 24 Zehntes Kapitel. Wir wiſſen nicht, ob die Majorin von Achtern beſon⸗ ders ſtolz auf dieſen Titel iſt, denn ſie verdankt ihn der Penſionirung ihres Gemahls, der es im activen Dienſte bis zum Hauptmannsgrade gebracht hatte. Wenn man den ehrwürdigen ſechzigjährigen Greis mit dem Schnee auf ſeinem Haupte, der ſtellenweiſe ſchon weggethaut war als ſollte ein neuer Frühling kommen, ſah und davon auf die Majorin ſchloß, ſo zog man ſicher einen Trug⸗ ſchluß. Die Majorin ſchien nicht älter als höchſtens vier⸗ undzwanzig Jahre zu ſein; ſie brachte der Sitte ein Opfer, indem ſie die Flechten ihres üppigen Haares wie ein zuſammengelegtes Schiffstauwerk um Stirn und Kopf wand, anſtatt ſie in ihrer ganzen wunderbaren Länge als Zöpfe herabhängen zu laſſen; wenn die Zofe beim Friſiren 153 ihrer Herrin mitunter ein einzelnes Haar in der Hand behielt und es gegen das Licht hielt, ſo ſah es braun aus, als hätte es, von ſeinen Parteigenoſſen getrennt, nicht den Muth, ſeine wahre Farbe zu zeigen, denn die Maſſenwirkung der Haare auf dem ſchönen Haupte der Majorin gab eine tiefſchwarze Färbung. Das Antlitz der jungen Frau war von einer verlockenden Weichheit der Formen und der Blick aus ihrem braunen Auge übte die Wirkung eines dunklen anheimelnden Schattens, aus dem nur auf kurze Augenblicke zuweilen brennende Sonnen⸗ lichter hervorgaukelten. In dieſem Auge und auf den friſchen Lippen lag noch eine Jugendlichkeit, die mit der obigen Altersannahme in Widerſpruch ſtand, denn in der That war die Majorin erſt zwanzig Jahr alt, und nur eine gewiſſe üppige Reife ihrer Körperformen machte, daß man ihr Alter für den Anfang überſchätzte. Der Major lebte ſehr glücklich mit ſeiner jungen Gemahlin; er ſuchte nicht nach Art alter Gecken ſein Alter und ſein Gebrechen vor ihr zu verleugnen; er nannte ſie ſein liebes Kind, wenn er ſie nicht bei ihrem Namen Adeline rief, verglich ſich ſelbſt lachend mit einem alten, morſchen Gerüſt; freute ſich, wenn er des Morgens beim Italiener Wein und Auſtern ſchlürfte, oder abends in ſeinem Club ſaß, daß er zu Hauſe ein ſüßes Weibchen habe, und hätte im Stillen darauf ſchwören mögen, daß ſie ſich nach ſeinem Tode wieder verheirathen werde. Der Major galt als ſehr vermögend und wußte ganz genau, daß ſie ihn nicht genommen hätte, wenn er ein armer Teufel geweſen wäre; er ſelbſt hätte ſie ſonſt eine Närrin geſcholten. Es waren ſeine ſchönſten Stunden, wenn er mit ihr über allerlei Vorkommniſſe plaudern und die klugen oder unklugen Urtheile, welche ihren jugendlichen Lippen entſtrömten, gleichſam auf den Knieen ſeiner gereiften Lebensanſchauung ſchaukeln konnte. Die Majorin war eben von einem langen ſchweren Krankenlager geneſen; die Aerzte, und unter dieſen der Medicinalrath Puls, ein perſönlicher Freund ihres Gatten, hatten das junge Weib bereits aufgegeben. Die Kranken⸗ wärterin hatte einen jungen Arzt Namens Arle empfohlen, mit dem es nicht ganz geheuer ſein ſollte, der aber wahre Wunderkuren vollführt habe. Sie hatte vor allem darauf aufmerkſam gemacht, daß er nie Bezahlung in Geld annehme, bei ſehr bemittelten Kranken indeſſen ein Präſent, wie zum Beiſpiel einige Flaſchen Wein, nicht ablehne. Wenn die letzte Hoffnung verſchwunden iſt, dann greift der Menſch auch nach dem wunderlichſten Mittel; der Major ließ den ſeltſamen Arzt rufen und nach einigen Wochen war ſeine junge Gemahlin dem Leben wieder zurückgegeben. 155 Es iſt eine eigenthümliche Sache um einen geſchickten Arzt, der, gleich dem Lootſen, mit feſter Hand in das Steuer unſeres Lebens greift und uns triumphirend über die Abgründe unſerer Natur hinwegführt. Bei einem Weibe bleibt es nicht bei den Gefühlen der Dankbarkeit und Ehrfurcht, wenn dieſer Arzt, wie Adelinens Retter, menſchliches Intereſſe erweckt. Er konnte kaum die Dreißig überſchritten haben; ſein ſonnegebräuntes Geſicht, dem der ſchwarze Backen⸗ und Kinnbart eine orientaliſche Färbung verlieh, trug den Stempel edler Männlichkeit; er ſprach wenig und dann ſtets zurückhaltend und ſelbſtbewußt; Haltung und Bewegungen hatten etwas Ariſtokratiſches; ſeine Kleidung, die immer dieſelbe blieb, ließ auf keine ſehr günſtigen Vermögensverhältniſſe ſchließen; aus ſeinem dunkelbraunen Auge blitzte eine feurige Natur, aber die Hand, welche nach dem Pulſe der Kranken fühlte, blieb kalt und unbeweglich. Es muß dahingeſtellt bleiben, ob gerade Adeline eine tiefere Neigung zu dem Arzte gefaßt hatte. Gewiß iſt, daß ſie ihr Auge zuweilen länger auf ihm ruhen ließ, als unbedingt nöthig war, daß ſie ihn aber auch zu Zeiten kaum eines Blicks würdigte. Der Arzt hielt ſie für eine gefährliche Kokette, und zu ſtolz, um als Spielball launenhafter Verliebtheit zu dienen, beobachtete er ſtets daſſelbe kalte Benehmen gegen ſie. „Gnädige Frau“, ſagte er eines Morgens, indem er 156 in einem der Bücher blätterte, die auf ihrem Tiſche lagen, „ich muß Sie bitten, in der Wahl Ihrer Lectüre jetzt noch vorſichtig zu ſein. Dieſer Schriftſteller zum Beiſpiel regt die Phantaſie auf, er kennt keinen beſſern Zweck, als den Leſer in Spannung zu verſetzen.“ „Sie meinen Hiob?“ fragte die Majorin, einen Blick nach dem Buche werfend. Der Arzt nickte, indem er das Buch faſt verächtlich wieder hinwarf. „Ich leſe ſeine Schriften gern“, ſagte Adeline, dem Verweiſe ein faſt kindliches Lächeln entgegenſetzend,„und wenn Sie behaupten, er verfolge keinen andern Zweck als den athemloſer Spannung, ſo thun Sie ihm Unrecht, denn mit der Erzählung ſeiner Abenteuer in Arabien ver⸗ bindet er eine farbenreiche und unzweifelhaft wahre Schil⸗ derung dieſes Landes.“ „Die Glut der afrikaniſchen Sonne kann Ihrer Gene⸗ ſung nicht förderlich ſein“, ſagte der Arzt lächelud.„Leſen Sie unſere deutſchen einfachen, ſinnigen Dorfgeſchichten, die athmen einen geſunden Geiſt, ihr Zweck greift tief ins Leben, es ſind nicht jene Kartenhäuſer der Phantaſie, ſie heben das ſittliche Gefühl. Einen praktiſchen Zweck, womit der Welt genützt wird, muß Jeder verfolgen, auch der Schriftſteller, und ich achte den Schriftſteller nicht, der, wie Hiob, nur ſchreibt, um auf Stunden zu 157 unterhalten, ohne in der Seele des Leſers nur den gering⸗ ſten nachhaltigen Eindruck zurückzulaſſen.“ „Ich hörte, Herr Doctor“, ſagte Adeline lächelnd,„Sier ſeien ſelbſt Schriftſteller. Wenn nicht der Brodneid aus Ihnen ſpricht, ſo erweiſen Sie wenigſtens Ihrem Collegen einen ſchlechten Dienſt.“ „Ich verweiſe ihn nur dahin, wohin er gehört.“ „Und wohin gehört er?“ fragte Adeline, ſich beleidigt aufrichtend, denn ſie befürchtete, nichts Schmeichelhaftes zu vernehmen. „Er gehört in die Kreiſe der Geſchmackloſigkeit, wo er zu ſpät kommt, um noch zu ſchaden.“ „Sehr gütig von Ihnen“, ſagte Adeline ernſt;„ich muß geſtehen, Sie verfahren mit mir nicht beſſer wie mit dem verurtheilten Autor ſelbſt. Uebrigens werde ich Ihrer Vorſchrift gehorchen, Herr Doctor, ſolange ich noch Ihre Patientin bin.“ Die Majorin machte eine Bewegung mit der Hand, zum Zeichen, daß ſie für heute ſeine Patientin geweſen zu ſein wünſche. „Ich habe Sie beleidigt, gnädige Frau“, ſagte Doctor Arle, indem er mit einem ſchwermüthigen Lächeln nach ſeinem Hute griff.„Ich bereue das und bitte um Ihre Verzeihung.“ Die Majorin wiederholte unerbittlich das frühere Zeichen. Er wollte gehen; ſie hielt ihn zurück, indem ſie 158 fragte:„Was können Sie zu Ihrer Rechtfertigung an⸗ führen?“ „Mein Eifer hat mich fortgeriſſen.“ „Ihr Eifer gegen den verdorbenen Geſchmack, den Sie mir vindiciren?“ „Nein, mein Intereſſe an dem Autor, den Sie leſen.“ „Sie widerſprechen ſich. Ihr Urtheil hebt von ſelbſt jedes Intereſſe auf, das Sie an ihm haben können; und übrigens muß ich mich als ſeine Schickſalsgenoſſin be⸗ trachten.“ Dann werden Sie mir Ihre Verzeihung um ſo weniger verſagen können, denn—“ „Denn?“ fragte Adeline ungläubig. ‚Denn Sie ſehen Ihren Schickſalsgenoſſen in Perſon vor ſich.“ „Wie? Sie wären—“ „Derſelbe Hiob, deſſen Schriften ich verurtheile“, ſagte der Arzt in gleichmüthigem Tone.. Ein Ausruf des Erſtaunens entfuhr Adelinens Lippen. Sie ſchüttelte eine Weile lächelnd den Kopf. Dann fragte ſie:„So waren Sie wirklich in Algier?“ „Ich diente kurze Zeit in der Fremdenlegion.“ „Und Sie erlebten alle die wunderbaren Aben⸗ teuer?“ „Mit Ausnahme derjenigen, welche ich erfand.“ 159 „Und inwieweit enthalten Ihre Bücher Ihre eigenen Erlebniſſe?“ „Meine vieljährige Gefangenſchaft iſt leider keine Er⸗ findung“, entgegnete der Arzt;„es iſt wahr, daß ich die Fieberkranken pflegen mußte, daß man mich von dieſer Zeit an für einen Arzt hielt und daß ich mir in dieſem mir aufgezwungenen Berufe einen gewiſſen Grad von Geſchicklichkeit aneignete. Ebenſo iſt die Geſchichte von dem Emir wahr, den ich von einer gefährlichen Krankheit heilte. Aus Dankbarkeit ſchenkte er mir, wie Sie wohl geleſen haben, die Freiheit.“ „Das Urtheil, welches Sie vorhin über ſich ſelbſt fällten, war doch nur Jronie?“ fragte Adeline, auf einen andern Geſichtspunkt übergehend. „Es war mein völliger Ernſt“, widerſprach Arle. „Und Sie betrachten ſich als einen geſchmackloſen Schriftſteller?“ „a.“ „Der nur Kartenhäuſer aufbaut?“ „Gewiß!“ „Und keine Achtung verdient?“ „Keine!“ „Und warum ſchrieben Sie?“ „Ich ſchreibe jetzt noch“, ſagte der Arzt. „Und werden es fortſetzen?“ 160 „Leider!“ gab er unter leichtem Achſelzucken zur Ant⸗ wort.. „Sie ſind gleichgültig gegen Ihre ſchriftſtelleriſchen Verdienſte, Herr Doctor?“ „Ich würde es vielleicht nicht ſein⸗ wenn ich wirklich Verdienſte hätte.“ „Sie ſind nicht ehrgeizig? 2„ „Nein.“ „Und wenn Sie der Ehrgeiz nicht zum Schreiben treibt, was treibt Sie—“ Adeline brach erröthend ab. Arle bemerkte ihre Ver⸗ legenheit und ſah nach ſeiner Uhr. „Und beſtehen Sie nach wie vor darauf, daß ich Ihre Schriften nicht leſen ſoll?“ „Ich rathe Ihnen ab, gnädige Frau; wollen Sie ſich hin und wieder einmal mit mir beſchäftigen, ſo will ich Ihnen einige Werke aufzeichnen, die ich aus dem Spani⸗ ſchen überſetzt habe; ſie ſind gut gewählt, das iſt mein einziges Verdienſt. Ich würde mir auch erlauben, Ihnen einige meiner Ueberſetzungen aus dem Franzöſiſchen zu empfehlen, wenn—“ „Wenn Sie nicht annehmen müßten“, unterbrach ihn Adeline ſchelmiſch lächelnd,„daß ich die Producte der franzöſiſchen Literatur im Originale leſe?“ „Das wollte ich ſagen.“ 161 „Ich freue mich, dem widerſprechen zu können.“ Doctor Arle verabſchiedete ſich.„Leben Sie wohl“, ſagte die Majorin, ihm die Hand reichend,„Sie räthſel⸗ hafter Mann!“ Sie hielt ſeine Hand feſt und warf ihm bei dieſen Worten einen ſonderbar glühenden Blick zu. Adeline, die ſchon mit manchem geiſtreichen Schrift⸗ ſteller zuſammengekommen war, zählte nicht zu denjenigen, welche die Perſon eines Autors mit naiver Pietät be⸗ trachten. In den Kreiſen, denen die Majorin angehörte, iſt ein Vertreter der Literatur um wenig mehr geachtet als ein Virtuoſe, den man einladet, damit er der Geſell⸗ ſchaft aufſpiele. Um ſo räthſelhafter erſchien es, daß ihr bisheriges launenhaftes Kokettiren mit dem Arzte ſeit jenem Tage zu einer Hingebung wurde, die dem Doctor viele Kämpfe koſtete. Adeline ſah ſchöner aus als je. Ihr Antlitz war blaß, die weichen Formen um Wange und Kinn waren gewichen, ihr Geſicht war jetzt gleichſam der feine Extract ihres frühern Ausſehens, und Zazu erſchien jetzt ihr braunes Auge größer als je. Sie grub minutenlang ihren liebe⸗ flehenden Blick in den des Arztes, ihr höchſter Lohn war dann und wann ein ſchwer unterdrückter Seufzer, der, nur ihrem ſcharfen Auge bemerkbar, nur ihrem lauſchen⸗ den Ohr hörbar, die Bruſt des ernſten Mannes hob. Doctor Arle's Beſuche richteten ſich ſtreng nach dem Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 11 162 8 Befinden ſeiner verführeriſchen Patientin und wurden mit deren Beſſerung immer ſeltener. Bald mußte ſeine Zeit abgelaufen ſein. Aber Adeline ſann auf Mittel, ihn an ihr Haus zu feſſeln. Zuletzt entſchloß ſie ſich zu einem Verſuche, in Arle Eiferſucht zu erwecken. Sie ſprach von dem bevorſtehen⸗ den Unionsballe und fragte, ob er ihr ſeine ärztliche Er⸗ laubniß geben werde, daran Theil zu nehmen. Adeline erhielt die Erlaubniß, ſie war bis dahin vollſtändig geneſen. Aber ſie hatte nichts erreicht. Sie hatte ſich bereits in ihren Ballſtaat geworfen, als ſie ſich plötzlich unwohl fühlte. Doctor Arle wurde ſchleunig herbeigeholt; das Unwohlſein war inzwiſchen vor⸗ übergegangen, ſie trat leicht und friſch aus ihrem Boudoir in das Empfangszimmer, wo Doctor Arle ſie erwartete. Aus ihrem dunklen Haar ſchimmerten bleiche Roſen, der weiße Shawl war, als ſie die Thür geöffnet hatte, auf ihre Hüften herabgeglitten und hatte den blendenden Nacken enthüllt; weich gebettet hob und ſenkte ſich über dem wogen⸗ den Buſen eine goldfunkelnde Halskette, deren Brillanten im Schimmer der Kerzen blitzten. So trat ſie herein, und den Lippen des Arztes entfuhr der laute Ausruf: „Mein Himmel!“ Adeline erröthete bis auf den Buſen hinab; ſie war verwirrt, ſie zitterte, und mit dem gelispelten Worte: 163 „Karl“ brach ſie den ſtarr auf ihr ruhenden Blick des Mannes und ſank an ſeine Bruſt. Schäferſtunden werden nach dem Decimalſyſtem zu⸗ gemeſſen; nur wenige Minuten waren beiden vergönnt. Sie ſaßen neben einander auf dem Divan und ſprachen kein Wort als höchſtens zuweilen ihre Namen, Adeline ſah öfter Karl's Blick auf ihrem ſchneeweißen Nacken ruhen. Der Wagen fuhr unten donnernd vor, beide ſprangen auf. Adeline ſagte, es werde ein kläglicher Ball, aber ein ſchöner Abend für ſie ſein. Sie trennten ſich und die Majorin fuhr mit ihrem Gemahl nach der Union. Sie iſt auf dem Balle ſehr zerſtreut und muß ſich das Geſchehene oft vergegenwärtigen, um es für Wirk⸗ lichkeit zu halten. Der Sieg einer Minute, eines Augen⸗ blicks! Sie ruft ſich oft den Ausruf:„Mein Himmel!“ in ihr Ohr zurück und immer deutlicher wird ihr be⸗ wußt, daß in dem Rufe ein leiſer Anklang von Schmerz gelegen. Dann denkt ſie an den ſtarren Blick, den er auf ſie gerichtet. Wie lange würde er ſie wohl ſo ſtarr angeſehen haben, wenn ſie in der Ueberwallung ihres pochenden Herzens ihn nicht bei ſeinem Namen gerufen hätte? Adeline iſt auffallend zerſtreut; dem Major ſelbſt fällt es auf; er fürchtet, ſie ſei unwohl, und fährt zeitig mit ihr nach Hauſe. . 11* 164 Beim Entkleiden denkt ſie noch immer über ihren ſchnellen Sieg nach, und wieder vergegenwärtigt ſie ſich die Scene bis in die kleinſten Momente. Sie ertappte ſeinen Blick oft, als er auf ihrem Nacken ruhte, und eben jetzt, wo ſie darüber nachdenkt, löſt ihr die Zofe das Schloß des Brillantſchmucks und die Hälfte der Kette gleitet wie eine Schlange über ihren Buſen. Sie ſtößt einen Schrei aus und die Zofe hinter ihr erſchrickt. „Gold iſt kalt!“ ſagt die Majorin und beide lachen über den Schreck. Als ſie allein iſt, ſtützt ſie das Haupt in die Hand und denkt nach. Wenn ſein Blick auf ihren Nacken nur dem Brillantſchmucke gegolten hätte? Warum nicht? War der errungene Sieg nicht überhaupt das Werk ihrer Toilette? Und dennoch glaubte ſie ihn als einen Mann zu kennen, der darauf kein Gewicht legt! Dieſer Brillantſchmuck iſt etwas altmodiſch, aber er koſtete mehrere tauſend Thaler. Er könnte ihn geblendet, be⸗ ſtochen haben! Ihm galt der ſtarre Blick, ihm galt der Ausruf:„Mein Himmel!“ Aber warum der ſchmerzliche Anklang? Ein Anklang, als würden alte Erinnerungen in ihm wach? „Erinnerungen!“ wiederholt ſich Adeline halblaut und richtet ſich plötzlich empor. Und ſie combinirt weiter, daß dieſer alte Brillantſchmuck wie mancher andere ſeine Ge⸗ ſchichte haben könne, daß Karl in dieſe Geſchichte ver⸗ 165 flochten ſei und daß ihr vermeintlicher Sieg nur auf einem Mißverſtändniſſe beruhe, über das er ſie aufzu⸗ klären nicht für gut befunden habe. Die Vermuthung, daß der Brillantſchmuck und nichts Anderes Karl's plötz⸗ liche Umwandlung bewirkt habe, wird in Adelinen zur Gewißheit, von der ſie nicht wieder zurückkommen kann. Wer Adelinens Vorgeſchichte kennte, der würde ihr Mißtrauen gerechtfertigt finden. Wer oft ſchon Andere betrog, wird immer fürchten, ſelbſt betrogen zu werden. Ein Weib, das niemals Liebe erwiderte und daran ge⸗ wöhnt war, alle Huldigungen mit lächelnder Gleichgültig⸗ keit entgegenzunehmen; ein Weib, das ſchon ſo oft der Gegenſtand von Eiferſucht war wie Adeline, ein ſolches Weib lernt den Brand der Leidenſchaften, den es in An⸗ derer Herzen warf, in der Regel einmal am ſchmerzlichſten an ſich ſelbſt kennen und hat davon eine dunkle Ahnung. Adeline wollte nicht eher ruhen, als bis ſie Karl's Beziehungen zu dem Schmucke kennen gelernt. Der Brillantſchmuck war das Hochzeitsgeſchenk ihres Gemahls. Sie ſuchte den Juwelier auf, zeigte ihm den Schmuck und fragte, ob er ihn ſelbſt verfertigt habe. Der Juwe⸗ lier verneinte. Er hatte ihn von Jemand gekauft. Ein alter Geſchäftsführer wurde herbeigerufen, der ſich mit Mühe entſann, daß dieſer Schmuck ihm einſt von einer Dame zum Kauf angeboten worden war. Seitdem hatte 166 „ nun freilich die Halskette eine lange Reihe von Jahren auf einen Käufer gewartet, der ſich, wie der betagte Geſchäftsführer ſich noch genau zu erinnern wußte, in der Perſon des Majors fand. Mehr vermochte er nicht zu berichten, und wenn er überhaupt noch wußte, daß er den Schmuck vor ſo langer Zeit gekauft habe und daß der Verkäufer eine Dame geweſen ſei, ſo knüpfte ſich die ſpecielle Erinnerung an dieſen gewöhnlichen Geſchäftsfall an ein ungewöhnliches Ereigniß, das im Beiſein der Ver⸗ käuferin ſtattgefunden hatte: ein paar Pferde waren durch⸗ gegangen und mit der Deichſel in das Schaufenſter des Juweliers gerannt, ſodaß ein beträchtlicher Schaden an⸗ gerichtet worden war. Das war die ganze Auskunft, doch bat ſich der Juwelier die Adreſſe der Majorin aus, um ihr, wenn ihn der Zufall ſpäter auf nähere Daten führen ſollte, die gewünſchten Mittheilungen machen zu können. Sehr unzufrieden mit dieſem Erfolge verließ Adeline den Juwelierladen; doch ſollte ſich ihr der junge Arzt bald in einem neuen Lichte zeigen, das ihren Forſcher⸗ eifer auf längere Zeit in Schatten ſtellte. Elftes Kapitel. Der Medicinalrath Puls war ein hoher, breitſchultriger Mann mit einem weingerötheten Geſicht und einem Doppelkinn, das er ſein drittes Ohrläppchen zu nennen pflegte. Seine Equipage war, nach damaliger Mode, ſehr niedrig, wurde aber von zwei rieſigen Braunen gezogen, die den Wagen ſelbſt um ein gutes Stück überragten, wodurch das Geſpann an ähnliche Größendifferenzen beim Kinderſpielzeug erinnerte. Der Kutſcher gab ſeinen Pferden wie ſeinem Herrn an Größe nichts nach und hielt auf dem luftigen Bock dem Inſaſſen das Gleichgewicht. Dieſer Kutſcher war im Winter in einen ungeheuren Pelz ge⸗ hüllt, der mit zu der Kutſcherſtelle gehörte und ſeine In⸗ haber wie eine Wohnung wechſelte. Der Medicinalrath trug ſtets einen dunkelblauen Frack mit ſchwarzem Sammtkragen und goldenen Knöpfen und 168 hätte nach Maßgabe ſeiner ariſtokratiſch zurückgebeugten Haltung, ſeiner wichtigen Art zu ſprechen und ſeiner Manier, die Hand in den Buſen zu ſtecken, für einen Diplomaten oder Miniſter gelten können; auch der ſtrah⸗ lende Orden fehlte nicht, und als menſchlich rührender Zug, in welchem ſich Wohlwollen und Gönnerſchaft aus⸗ drückten, durfte eine fortwährende Bewegung der Zunge gelten, die, während der Mund feſt geſchloſſen war, wie ein lebendiger, in ein Taſchentuch geknüpfter Spatz an den innern Wänden der aufgeblaſenen Backen arbeitete. Der Medicinalrath beſaß unter den Honoratioren der Stadt ſo viele intime Freunde, daß zu jeder Zeit eine ge⸗ wiſſe Anzahl derſelben ſeiner Erinnerung gar nicht gegen⸗ wärtig, ſo zu ſagen aus ſeinem Gedächtniſſe beurlaubt war, bis das Stadtviertel, wo ſie wohnten, im Laufe ſeiner Rundviſiten wieder an die Reihe kam. Unter ſo bewandten Umſtänden war es kein Wunder, wenn der Medicinalrath faſt mit der ganzen männlichen Ariſto⸗ kratie der Stadt auf Du und Du ſtand, wodurch es ihm ſo zur unveräußerlichen Gewohnheit geworden war, elegant gekleidete Leute mit Du anzureden, daß ein durchreiſender Prinz einſt den triftigſten perſönlichen Grund hatte, den Medicinalrath zu fragen, ob er ein Quüäker ſei. Zu den intimen Freunden des Medicinalraths gehörte auch, wie wir bereits wiſſen, der Major von Achtern. 169 Puls hatte den alten Burſchen, wie er ihn nannte, nicht wieder beſucht, ſeitdem der Major den Doctor Arle angenommen und keine Veranlaſſung gehabt hatte, den Medicinalrath rufen zu laſſen. Der letztere hatte er⸗ fahren, daß der Major eine kleine Erholungsreiſe gemacht habe, und da er ſich leidenſchaftlich gern von ſeinen Freunden die neueſten Reiſeerlebniſſe erzählen ließ, wes⸗ halb er faſt alle ſeine Patienten im Sommer in die ver⸗ ſchiedenſten Badeorte ſprengte, ſo machte er heute dem Major außer der Reihe einen Beſuch, bei welcher Gelegen⸗ heit er die angenehme Nachricht erfuhr, daß die Majorin den oben angedeuteten Gedächtnißurlaub benutzt habe, von ihrer Krankheit zu geneſen.— Man ſprach viel von Doctor Arle, und der Medicinal⸗ rath lobte ihn ebenfalls, denn er hatte ſchon viel Gutes von dem„jungen Mann“ gehört. Der Zufall wollte es, daß ſich der junge Mann ſogar ſelbſt einfand, um ſich zu erkundigen, wie der Majorin die Reiſe bekommen ſei. Im erſten Augenblicke ſchien der Medicinalrath im Unklaren, ob der Eintretende ein Duzfreund von ihm ſei, doch wußte er bald, woran er war, nachdem er die Kleidung des jungen Arztes ſorgfältig gemuſtert hatte. „Ich habe wohl nicht nöthig“, ſagte der Major,„die beiden Herren einander vorzuſtellen.“ Der Medicinalrath faltete die Hände hinter dem Rücken 170 und ſah den jungen Arzt lächelnd und ſtirnrunzelnd an, als wollte er ſagen:„Je nun, man kann nicht wiſſen. Was meinen Sie dazu, junger Mann?“ Adeline glaubte an Arle Spuren von Verlegenheit zu bemerken, die er jedoch ſchnell durch eine leichte Ver⸗ beugung vor dem Medicinalrathe unterdrückte. Der Medicinalrath ſprach mit dem jungen Arzte über den Verlauf der Krankheit, von welcher die Majorin durch ſeine Hülfe geneſen war, lobte ſein Heilverfahren und legte ein glänzendes Zeugniß ſeiner Gedächtnißſchwäche ab, indem er Karl's Verfahren als das einfachſte, natür⸗ lichſte und unfehlbarſte hinſtellte, welches er an ſeiner Stelle ebenfalls eingeſchlagen hätte, wobei er nur zu ver⸗ geſſen ſchien, daß er ſelbſt die Kranke als unheilbar auf⸗ gegeben hatte. Doctor Arle wollte ſich eben empfehlen, als der Medicinalrath ihn von der Thür wieder zurückrief. „A propos, Herr— äh— Herr Arle“, ſagte er, während die Zunge gönnerhaft an den innern Wänden in die Höhe lief, als wollte ſie heraus,„da fällt mir eben ein— es iſt mir lieb, daß ich Sie hier treffe— ich wollte es Ihnen ſchon längſt ſagen—“ Der junge Doctor ſtand erwartuͤngsvoll, und der Medicinalrath ſtellte ſich vor ihn hin, faltete die Hände hinter dem Rücken und ſagte, die Stirn runzelnd: 171 „Es muß aufhören!“ „Was muß aufhören?“ riefen erſtaunt der Major und ſeine Gemahlin wie aus einem Munde. „Es geht nicht mehr länger“, ſagte der Medicinalrath in der vorigen Weiſe, indem er ſich halb an den jungen Arzt und halb an das Ehepaar wandte, als wüßte dieſes trotz ſeiner verwunderten Frage, um was es ſich handle. „Ich meinerſeits“, fuhr der Medicinalrath fort,„habe nichts dagegen, aber meine Collegen ſind ſcharf hinter Ihnen her, Herr— äh— Arle.“ Als der Medicinalrath zu bemerken glaubte, daß der junge Mann in richtiger Vorahnung deſſen, was ihm auf der Gönnerzunge ſchwebte, verlegen und ſchuldbewußt vor ihm ſtand, hielt er den Moment für geeignet, das Gros ſeiner Armee vorrücken zu laſſen, und ſagte in kurzen Abſätzen, indem er ſich wiederum halb an den Arzt, halb an das Ehepaar wandte und, als wäre das nun Folgende nicht das Unglück des jungen Mannes allein, ſondern das ſämmtlicher Perſonen im Zimmer, den Arzt mit„wir“ anredete:„Wir ſind nicht Doctor medicinae! Wir ſind nicht Arzt von Fach! Wir ſind, ſo zu ſagen, ein mediciniſcher Dilettant und pfuſchen, wie die böſe Welt zu ſagen pflegt, den Aerzten ins Handwerk!“ Der Medicinalrath hatte während dieſer Sätze eine gebeugte Haltung angenommen, die Stirn in unzählige 172 Falten gelegt und den Zeigefinger erhoben. So blieb er vor Karl ſtehen. „Herr Medicinalrath“, ſagte Karl leicht,„man ſollte nach Ihrer erſchöpfenden Ausführlichkeit faſt glauben, Sie ſagten mir etwas ganz Neues, das ich bisher ſelbſt noch nicht gewußt hätte. Indeß geſchah es wohl nur in der wohlwollenden Abſicht, dritte Perſonen von den an mir gerühmten Eigenſchaften in Kenntniß zu ſetzen. Ich ſelbſt habe allerdings nie ein Hehl daraus gemacht, ſondern ſtets vorausgeſetzt, daß den Kranken, welche mich rufen ließen, wohl bewußt war, wem ſie ſich anvertrauten!“ „Ich ſage Ihnen das nur, junger Freund“, ſagte der Medicinalrath in einem freundlichen Tone, der um ſo widerwärtiger war, als darin das Bewußtſein der Ueber⸗ legenheit lag,„ich ſage Ihnen das nur, junger Freund, um Sie auf das Gefährliche Ihrer Lage aufmerkſam zu machen. Ich habe Ihnen nie ein Hinderniß in den Weg gelegt, trotzdem ich Ihr Wirken ſeit Jahren beobachtete. Aber die Collegen dulden es nicht länger, und obwohl Sie klug genug ſind, Herr Arle, für Ihre ärztlichen Leiſtungen nie Honorar anzunehmen, ſo rathe ich Ihnen dennoch dringend, das Kuriren künftig zu unterlaſſen. Laſſen Sie ſich das jetzt von mir, als von Ihrem Freunde Puls, geſagt ſein, damit Sie nächſtens nicht mit der Sanitätspolizei in unangenehme Berührung kommen.“ 173 „Und mit der Zunft der Todtengräber und Sarg⸗ tiſchler“, ſagte Adeline in ſcharfem Tone,„denen Sie, Herr Doctor Arle, ebenfalls das Brod nehmen!“ „Ich beſtreite Ihre Anſicht durchaus nicht, gnädige Frau“, wandte ſich der Medicinalrath mit beiſtimmendem Lächeln an die Majorin.„Es iſt nicht unmöglich, daß unſer ungelehrter Freund— wenn ich mich des Ausdrucks be⸗ dienen darf— viel beſſer zum Arzte paßt als alle hieſigen Doctoren— invita Minerva— zuſammengenommen. Aber er hat nicht promovirt, die Form iſt nicht erfüllt, die leere, windige Form, und daran ſtößt ſich Alles, und ſeine Feinde halten ſich daran, und er hat viele Feinde, ſehr viele Feinde!“ „Ließe ſich denn dieſer Form nicht auf irgend eine Weiſe genügen?“ fragte der Major theilnehmend. „Darüber wollte ich eben mit unſerm Freunde ſprechen“, rief der Medicinalrath;„ja, mit Ihnen“, wandte er ſich mit Humor an Karl.„Beziehen Sie eine Univerſität, und wenn Sie ein, höchſtens zwei Semeſter gehört haben, ſo können Sie Ihr Doctorexamen machen.“ Karl lächelte ſeltſam, während er den Blick zerſtreut auf dem breiten Platze vor dem Hauſe umherſchweifen ließ. „Der Rath iſt gut“, ſagte lachend der Major, der Karl's Lächeln beobachtet hatte,„aber koſtſpielig in ſeiner Ausführung!“ 174 Der Medicinalrath fand es für gut, als Einleitung zu dem, was er ſagen wollte, Karl's Kleider wiederum einer genauen Muſterung zu unterwerfen, und ergriff dann das Wort. „Wiſſen Sie, Herr Arle, was ich Ihnen wünſchte? Einen Protector. Ihr Talent verdient es, bei Gott! Wir haben genug Millionäre in der Stadt.“ „Ich mag mein Glück oder meine Stellung keiner Protection verdanken“, unterbrach Karl den Medicinalrath; „man erbaut dann ſein Haus immer auf einem fremden Grundſtücke. Und überdies, da wir einmal von Protection ſprechen, das wahre Talent bricht ſich ſtets aus eigener Kraft Bahn. Das haben die Millionäre hieſiger Stadt längſt eingeſehen—“ „Weiß Gott, Sie haben Recht“, ſagte der Medicinal⸗ rath unter einem tiefen Seufzer;„leider iſt's ſo mit unſern Millionären!“ „Und auch mit unſern Nichtmillionären“, fügte Karl trocken hinzu. „Und auch mit unſern Nichtmillionären“, ſtimmte laut lachend der Medicinalrath bei.„Aber Scherz beiſeite, Sie müſſen ſich nach einem Gönner umſehen, ich meine nach einem thatkräftigen, freigebigen Gönner.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, was ich von Gönner⸗ ſchaft halte“, ſagte Arle lachend. „Larifari!“ rief der Medicinalrath mit edlem Un⸗ willen.„Es handelt ſich hier um Ihre ganze Zukunft, die Sie einer extravaganten Anſicht wegen nicht aufs Spiel ſetzen dürfen. Es iſt Ihnen auch nicht Ernſt damit.“ „Sie könnten vielleicht Recht haben“, gab Karl zu. „Es gibt allerdings einen Menſchen, aber auch nur dieſen einzigen in der Welt, deſſen Protection ich annehmen würde.“ „Und wer iſt das?“ „Das ſind Sie ſelbſt, Herr Medicinalrath.“ Die Geſellſchaft lachte, und der Medicinalrath über⸗ bot darin alle Uebrigen. „Da aber das Mäcenen⸗ und Protectorthum ſtets Sache der Potentaten oder der reichen Kaufleute iſt“, fuhr Karl fort,„ſo würden Sie als Gelehrter jenen ins Handwerk pfuſchen, wie die böſe Welt es zu nennen pflegt, und kämen in eine ähnliche Lage, wie die meinige iſt.“ Karl benutzte dieſen humoriſtiſchen Abſchluß, um ſich der erheiterten Geſellſchaft zu empfehlen, und der Medi⸗ cinalrath ſah ihn bald darauf mit geſchäftsmäßiger Eile über den Platz ſchreiten, als habe er dieſen Vormittag noch viele Kranke zu beſuchen. Zwölftes Kapitel. Das Privilegium häuslichen Comforts beſitzt in den norddeutſchen Städten nicht nur der reiche Kaufmann, ſondern auch der Gelehrte, der Arzt, der Advocat. Ihre Kanzleien und Sprechzimmer ſind Salons; ge⸗ wichſte Fußböden, ſchwellende Polſter, Vergoldungen und Draperien ſchwimmen vor dem verwirrten Auge des ſchüchtern eintretenden Patienten oder Clienten bunt durch⸗ einander. Was man an ſolchen Orten am wenigſten zu finden glaubt, das findet man unverhofft. Die Büſten Schiller's und Goethe's blicken auf das halbe Dutzend Schreiber herab, deren Federn unverdroſſen über die Acten raſcheln; eine ſchlafende Venus ruht als Briefbeſchwerer auf proſaiſchen Stempelbogen, und in ſeinem Privatſprech⸗ zimmer droht dir der Rechtsanwalt deines Gläubigers 177 unter den nickenden Zweigen exotiſcher Gewächſe oder in einer idylliſchen, von Epheu überſchatteten Fenſterniſche mit Pfändung. Im Vorzimmer des Arztes verbringſt du angenehm die Zeit mit dem Studiren der goldenen Inſchriften, welche von den Bücherrücken einer reichen Bibliothek herabſchimmern und von denen, nach dem Grundſatze, daß man einem wahrhaft Gebildeten ſeinen Beruf nicht anmerken darf, alle Werke mediciniſchen In⸗ halts ausgeſchloſſen ſind. Im Vorzimmer des Medicinal⸗ raths Puls kann man ſich ſogar die Zeit mit optiſchen Beluſtigungen vertreiben: eine Camera obscura gibt den Verkehr der Straße in liliputaniſchem Maßſtabe zurück und die reizendſte Stereoſkopenſammlung bringt den Hülfe⸗ ſuchenden in Gefahr, den Zweck ſeines Hierſeins zu ver⸗ geſſen. Nach dieſer allgemeinen Wohnungsſchau verſetzen wir uns in die Häuslichkeit eines Gelehrten, den das Schick⸗ ſal weniger günſtig ſituirt hat. Das Zimmer iſt nicht ärmlich, aber öde. Der Miether hat ein altes zerbrech⸗ liches Kanapee und noch einige andere ehrwürdige Möbel, die urſprünglich den Raum füllten, hinausſchaffen laſſen und ſich auf die unentbehrlichſten Stücke beſchränkt. Gleiches Schickſal widerfuhr den Familienportraits, mit denen die Vermiether das Zimmer ausgeſtattet hatte und den rothen Gardinen von verblichenem Damaſt. Höcker, Ein ſchöner Dämon. I. 12 178 ziert außer den zwei lebensgroßen Portraits, die einen vornehm ausſehenden alten Herrn und eine noch ziem⸗ lich jugendliche Dame darſtellen und das Eigenthum des Bewohners ſind, kein Bild die Wand; in unverſchleierter Klarheit brechen die Sonnen⸗ oder Mondſtrahlen durch die hohen, tiefe Niſchen bildenden Bogenfenſter; das Zimmer hat etwas Kloſterartiges und man nimmt von den einfachen Bänden, die ein kunſtloſes Repoſitorium füllen, unwillkürlich an, daß ſie Legenden enthalten. Man kann ſpät nach Mitternacht die Fenſter dieſes Zimmers erleuchtet ſehen, und der darunter Wohnende hört oft, wenn er des Nachts aus dem Schlafe erwacht, über ſeinem Haupte die dumpfen Schritte eines auf und ab Gehenden. Das iſt Karl Arle, der nach den Mühen des Tags die Nächte in ſchriftſtelleriſcher Thätigkeit ver⸗ bringt. Nur eine Natur wie die ſeinige vermochte dieſer aufreibenden Lebensweiſe viele Jahre hindurch Trotz zu bieten. Karl's verbotswidrige ärztliche Wirkſamkeit iſt in der Stadt ein öffentliches Geheimniß geworden; der Kreis der 5 Hülfeſuchenden, die ſich an ihn wenden, hat eine Aus⸗ dehnung gewonnen, die er kaum noch überſehen kann. Von Haus zu Haus, von Straße zu Straße durcheilt er die weitläufige Stadt in heiligem, glühendem Eifer für Erkenntniß, die ihm die höchſte iſt: die Bedingungen 179 unſeres phyſiſchen Daſeins. Aber ihm blüht kein Lohn als die Thränenperlen der Armen, denen er Hülfe und Rettung brachte. So weit iſt es gekommen, daß die edlen Grundeigenſchaften ſeines Weſens, Uneigennützigkeit und Begeiſterung für ſein Studium, ſich verderbenbringend gegen ſein eigenes Selbſt wenden. Die körperliche Er⸗ müdung, die er von der anwachſenden Aufgabe des Tages mit nach Hauſe bringt, raubt ihm bereits die geiſtige Sammlung und Friſche für die Nachtarbeiten, durch die er bisher ſeine Exiſtenz friſtete. Hierzu kommen die ern⸗ ſten Verfolgungen der graduirten Aerzte, denen der wild⸗ wachſende Heilkünſtler Kundſchaft und Einnahme entzieht. Jene Unterredung mit dem Medicinalrath hatte einen ernſtern Hintergrund, als die ſcherzhafte Wendung, die ihr Karl abſichtlich gab, ahnen ließ. Die vollſtändige Geneſung Adelinens war) nicht der einzige Grund, wes⸗ halb er ſeine Beſuche im Hauſe des Majors abgebrochen hatte; er fühlte ſich aufs empfindlichſte verletzt, vielleicht auch beſchämt, daß ſein männliches, ernſtes Streben, ſeine Kunſt, auf die er im edelſten Sinne des Wortes ſtolz war, der Gegenſtand eines peinlichen Geſprächs geworden war vor Zeugen, die ihn ſelbſt nach jener Richtung hin verehren mußten. Als er das letzte Mal von der Majorin ſchied, ging er mit dem Bewußtſein fort, daß nur ein Wort aus ihrem Munde den ſchneidenden Miß⸗ 3 9 G 12* 180 klang auflöſen könne, der ihn umſchwirrte, ſo oft er ihrer gedachte. Und deshalb gedachte er ihrer zu jeder Stunde. Er fühlte außerdem ein prickelndes Intereſſe, ob ſie überhaupt ſein Wegbleiben mit Reſignation ertragen werde, er hielt es nicht für unmöglich, daß ſie ihm eines Tages ein Billet ſchreiben werde. Während er bei ſeinen Aus⸗ gängen die Nähe ihrer Wohnung ängſtlich vermied, ge⸗ wannen die Briefboten in ſeinem Auge eine verheißungs⸗ volle Bedeutung. Als er eines Morgens aus ſeinem Fenſter herabſah, kam ein galonirter Diener die Straße daher. Er erkannte in ihm einen Bedienten der Majorin, und wirklich trat dieſer in das Haus, wo Karl wohnte. Aber er kam nicht herauf. Er war nur, wie Karl ſpäter erfuhr, beim Wirthe geweſen, ohne nach ihm zu fragen. Je länger die erſehnte Botſchaft auf ſich warten ließ, deſto größer wurde die Sicherheit, daß ſie kommen müſſe, ja, der Wunſch wurde zur Forderung. Karl's Gedanken wurden immer verwegener: vielleicht wagte die Majorin nicht, ſich dem Papier anzuvertrauen, vielleicht wartete ſie eine Gelegenheit ab, um ſelbſt zu ihm zu kommen. Aber er fing bald an, ſie mit Beſtimmtheit zu er⸗ warten; er ließ ſich von ſeinem Wirth die Perſonen, die während ſeiner Abweſenheit am Tage nach ihm gefragt hatten, genau beſchreiben; des Abends, wenn er brütend an ſeinem Pulte ſaß, verſetzte ihn ein leiſer Schritt auf 4 ——.—— 181 der Treppe in fieberhafte Aufregung; zuletzt gönnte er ſich nicht mehr die kurze Erholung im Kaffeehauſe, mit der er ſein Tagewerk zu beſchließen pflegte, ehe er die Nacht⸗ arbeiten begann, er fürchtete, daß ſie gerade um dieſe Zeit kommen könnte. Er ſaß allabendlich in ſeinem öden Zimmer und wartete— wartete mit pochendem Herzen! Karl beſaß keinen Freund, er hatte mit Niemand Umgang; unter dem eiſigen Hauche eines tragiſchen Ge⸗ ſchicks war die Welt ſeines innern Daſeins erſtarrt, wie die vorzeitliche Vegetation des Nordpols; die milden Sonnenſtrahlen der Liebe fanden nicht den Weg in ſein zerriſſenes Herz— da ging ihm in Geſtalt jenes verlocken⸗ den Weibes, das an ſeiner Bruſt geruht hatte, das Nord⸗ licht dämoniſcher Leidenſchaft auf! Es gibt wohl keinen Menſchen, dem in ſeinem Leben nicht ſchon einmal eine kühne ſüße Ahnung ſchlagend in Erfüllung gegangen wäre, die Ankunft einer freudigen Nachricht, die man kaum zu erwarten gewagt, der plötz⸗ liche Beſuch eines fernen Verwandten, nach dem man ſich noch einen Augenblick vorher geſehnt. Unzählige Male hatte ſich Karl den Moment aus⸗ gemalt, wo ſie ins Zimmer hereintreten und den dichten Schleier zurückſchlagen werde; mit jedem neuen Abende erweiterte er das Bild. Eben jetzt— die Glocke ſchlägt neun— führt er es auf das Geraſſel einer Miethdroſchke 3 2 182 zurück; ſie hält in einiger Entfernung, denn die Majorin will, um jedes Aufſehen zu vermeiden, nicht vor dem Hauſe ſelbſt ausſteigen, dem ihr Beſuch gilt. Jetzt be⸗ rechnet er die Entfernung, die ſie zu Fuße zurückzulegen hat, er zählt die Schritte; er zählt zu raſch, ſie kann ihm nicht folgen und er geht wieder zurück, er geht mehrere Male zurück; er iſt endlich ein zu großes Stück zurückgegangen, denn eben ertönt in Wirklichkeit die Klingel der Hausthür. Neben ihrem leichtfüßigen Tritte ſchreitet er im Geiſte die Treppe herauf. Es iſt eine finſtere, laby⸗ rinthartige Treppe mit mehreren einmündenden Gängen und Thüren, die den Hinaufſteigenden beirren. Nur wer in dem Hauſe aufs genaueſte bekannt iſt, vermag ſich im Finſtern zurecht zu finden. Karl ſpringt auf, ergreift die Lampe und geht nach der Thür, um hinunterzuleuchten, da tritt ihm bereits Jemand entgegen, da hört er den wogenden Athem einer vom ſchnellen Lauf erregten Bruſt — Apdeline ſteht vor ihm. Eine Weile bleibt ſie ſtehen, dann ſchlägt ſie den dunkeln Schleier zurück. Er ſchwankt auf ſie zu, reicht ihr die zitternde Hand, und bebend ruhen ihre Hände in einander und er verflucht den Augenblick, wo er ihre ſchwellenden Lippen, ihre leuchtenden Augen zu einem in⸗ nigern Gruße winken ſah, verflucht ihn deshalb, weil er ihn ungenutzt vorübergehen ließ. — — —— 183 Den Vorfall mit dem Medicinalrath berühren beide mit keiner Silbe; Adelinens Hierſein iſt bereits eine ſtumme, aber glänzende Genugthuung. Apdeline verliert kein Wort über Karl's Wegbleiben; in ſeinen Augen, in ſeinem Empfange las ſie, daß er ſo kühn war, ſie zu erwarten, und ſo kühn iſt nur die Liebe! Beide ſitzen ſchweigend neben einander. Endlich erhebt ſich Adeline und muſtert mit einem den Mediciner ſüß anheimelnden Intereſſe deſſen Zimmer. Es liegt ein eigener Zauber darin, wenn das Auge der Geliebten ſich an die Gegenſtände hängt, die ſie ſonſt nie kümmern und an denen ſie nur Antheil nimmt, weil ſie uns gehören. Die Majorin war gegen ihre prächtig in Goldſchnitt gebundenen Bücher unempfindlich, aber Adeline blätterte in den einfachen Bänden, die dem Geliebten gehörten. Die Majorin warf kaum einen Blick auf den vergoldeten Kronleuchter ihres Geſellſchaftszimmers, aber Adeline ſchraubte jetzt mit eigener Hand den Docht der alten un⸗ ſcheinbaren Studirlampe in die Höhe, daß ſie heller brenne. Die Majorin war gleichgültig gegen die Kunſt⸗ werke der Malerei, welche ihre Gemächer ſchmückten, aber Adeline verlor ſich in dem Anſchauen der beiden Portraits, des alten Herrn, unter deſſen weißen buſchigen Brauen die ſchwarzen Augen blitzten, und der ſchönen Dame, die auf Jeden ſo mild herabblickte. 184 „Meine Aeltern“, erklärte Karl, als er Adelinens fragendem Blicke begegnete. Adeline ſchien während dieſer harmloſen Umſchau im Zimmer ihre Gedanken zu ſammeln; ihr Schweigen ver⸗ rieth einen ernſtern Hintergrund. Endlich fragte ſie wie im Tone leiſen Vorwurfs: „Haben Sie ſchon an die Zukunft gedacht? Ich meine, an Ihre eigene Zukunft, Karl.“ 3 „Welcher Mann dächte nicht an die Zukunft!“ gab Karl ſanft zur Antwort. „Wollen Sie Ihre Zukunft unter den gleichen Ver⸗ hältniſſen, die Sie gegenwärtig umgeben, ſeit Jahren umgeben, ruhig erwarten? Wollen Sie fortfahren, Ihr Wirken in Dunkel zu hüllen, Ihr edles, von hoher Begabung unterſtütztes Streben ohne die Sanction des Geſetzes zu laſſen? Wollen Sie immer mit Ihrer Kunſt gleichſam in wilder Ehe leben und ſie den Eingriffen der profanen Behörde, der Bosheit neidiſcher Nebenbuhler preisgeben?“ „Nein“, antwortete Karl, und um ſeinen Mund war ein überlegenes Lächeln zu bemerken. „Haben Sie einen beſtimmten Plan entworfen?“ „Der Plan iſt fertig; es iſt ein Reiſeplan.“ Adeline ſchien angenehm überraſcht.„Ein Reiſeplan in dem Sinne Ihres aufopfernden Freundes, des Medicinal⸗ raths?“ fragte ſie. — ͤſͤſͤ — 185 „Vielleicht nicht ganz.“ „Eine Reiſe nach einer Hochſchule?“ „Nach der Hochſchule der Freiheit, wo man keine Zünfte und Privilegien kennt, wo Jeder der Welt mit ſeinen beſten Kräften dient, wo ſich der Beruf des Menſchen auf etwas Beſſeres als auf ein Schulzeugniß gründet! Ich gehe nach Amerika!“ Adeline trat beſtürzt einen Schritt zurück. „Und gibt es Niemand“, fragte ſie, ohne ihren Blick zu Karl zu erheben,„der Ihren Plan durchkreuzen könnte?“ „Es gibt Jemand, der ihn durchkreuzen könnte“, ſagte Karl düſter;„es gibt Jemand, der mein Herz, meine Seele, mein Streben, mein ganzes Sein durchkreuzt. Adeline“, rief er mit einem wilden leidenſchaftlichen Blicke auf die vor ihm Stehende,„Du biſt's!“ Stürmiſch riß er ſie an ſeine Bruſt. Mit Fieber⸗ blicken ſah er auf das ſchöne Haupt herab, fieberiſch ſchlug ſein Herz an ihre Wange, fieberiſch hielten ſeine beiden Hände die andere Wange umſchloſſen.— „Du bleibſt, Karl?“ fragte Adeline, als ſie wieder zu ihm emporſchaute. Er nickte, die leidenſchaftlichen Züge ſeines Geſichts waren plötzlich in eine tiefe Wehmuth übergegangen. „Und dennoch, Karl“, flüſterte Adeline,„bin ich ge⸗ kommen, um Dir zu ſagen, daß wir uns trennen müſſen.“ 186 Bei dieſen Worten lag ein Gemiſch von freudigem Entzücken und Schelmerei über Adelinens Antlitz aus⸗ gebreitet. Daher erſchrak Karl nicht über die anſcheinend bittere Nachricht, ſondern fragte mit heiterer Spannung: „Trennen? Für immer?“ „Nicht für immer, auf einige Zeit.“ „Wohin gehſt Du?“ „Ich bleibe. Wenn Du mich liebſt, ſo laß kein Wort des Widerſpruchs laut werden. Ich bleibe, nur Du gehſt.“ Karl, dem ein ahnendes Verſtändniß aufging, ſchüttelte ernſt den Kopf. „Ich habe mit dem Major geſprochen“ fuhr Adeline fort,„wir hatten den gleichen Gedanken; wir haben einen Entſchluß gefaßt und hoffen, Du wirſt ſeine Ausführung unterſtützen.“ 1 „Du kennſt meine Anſichten, Adeline. Ich kann es nicht annehmen, es komme, von wem es wolle, um wie viel weniger, wenn es von dem Manne kommt, den ich betrog, deſſen Ehre ich in dieſer Stunde mit Füßen trete. Eher will ich bettelnd mein Ziel verfolgen!“ „Karl“, flehte Adeline,„was Du ſprichſt, ſprichſt Du aus Unkenntniß. Er hat keinen Antheil daran als den der Mitwiſſenſchaft. Was Du von der Gunſt verſchmähſt, das nimm wenigſtens von der Liebe hin!“ „Aber nicht von der hoffnungsloſen Liebe“, ſeufzte Karl. — —— — — 187 „Nicht von der hoffnungsloſen Liebe“, widerſprach Adeline mit Flammenblicken;„ich gebe Dir ſpäter noch mehr, nimm hin, was ich Dir jetzt biete, und ich werfe Dir meine ganze Zukunft nach!“ „Und wenn das Geſchick uns dennoch trennend aus⸗ einander halten ſollte?“ wandte Karl bewegt ein.„Bedenke, Adeline, das Symbol unſerer Liebe iſt eine Trauerweide! Unſere Hoffnungen ſind Mord! Wir dürfen nur rechnen und die Liebe ſoll nicht rechnen! „Wenn meine Zukunft wirklich nicht mein gehören ſollte“, ſagte Adeline ſchmeichelnd und lächelnd,„dann nimm Deinen hohen, herrlichen Beruf als ein Andenken aus meiner Hand; die Freudenzähren des Bräutigams, dem Du die Braut, des Kindes, dem Du die Mutter, des Bruders, dem Du die Schweſter zurückgabſt, die mögen Dich bis an das Ende Deines Wirkens an die erinnern, die Dich ſo unendlich liebt! Deine Hand hält jetzt die meinige umſchloſſen, ein Druck genügt als Zeichen, daß keine kalte Ueberlegung mir die Errungenſchaft dieſer Stunde rauben wird!“ Adelinens warm geſprochene Worte hatten Karl's Empfindungen in Schwung geſetzt; unaufhaltſam, ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig, brauſten ſie dahin, wie man einen ſteilen Berg hinabbrauſt, an den ſich ohne unſer Vorwiſſen ein tiefer Graben ſchließt. Wir müſſen den 188 Sprung über den Graben mit in den Kauf nehmen, und dieſem Sprunge glich der Händedruck, mit dem Karl in der Ueberwältigung des Augenblicks ſein Wort verpfändete. Adeline bereitete ſich zum Gehen. Karl drückte den erſten heißen Kuß auf ihre Lippen, die ſie ihm entgegen⸗ brachte. 4 „Adeline“, ſagte er feierlich,„dieſes erſte Liebeszeichen ſei auch das letzte, ſolange Du den Namen Achtern trägſt. Du ſtehſt zu hoch, zu herrlich vor mir; nie, nie darfſt Du durch die Flecken des Verraths, der Untreue entſtellt werden. Dies ſei mein Troſt in meiner Hoffnungsloſig⸗ keit, dies mache mich des Geſchenkes werth, das ich heute von Dir annehme.“ Er konnte es nicht entziffern, das Geheimniß, welches während ſeiner tugendhaften Worte in dem braunen Auge lag, das ſich zu ihm aufſchlug. Vielleicht war es das zer⸗ ſtreute Nicken auf eine unverſtandene Frage; vielleicht war es die Andacht einer ſchönen Sünderin, wenn ſie betet— einer ſchönen, aber einer Sünderin! Er wußte es nicht, aber es quälte und beunruhigte ihn, und als ſie fort war, empfand er nicht die ſelige Ruhe, welche das ſüße Be⸗ wußtſein, von einem Weibe geliebt zu werden, zurückläßt. Er lehnte die heiße Stirn an das Fenſter und ſah noch lange nach der leuchtenden Mondſcheibe, die durch düſteres Gewölk herabblickte wie durch ein zerriſſenes ſchwarzes Gewand. — Ach daß wir mißtrauiſcher wären gegen räthſelhafte Augenblicke, denen wir einen wichtigen Auftrag an die Zukunft mitgeben! Adeline hatte Karl's Begleitung abgelehnt und, als er mit der Lampe ihr leuchten wollte, ſchnell die Thür zugedrückt. Trotz der herrſchenden Finſterniß eilte ſie leichten Fußes die Treppen hinab, als wäre es ihr ein alter gewohnter Weg. Sie hatte nur noch wenige Stufen vor ſich, da hörte ſie in der Hausflur eine Thür öffnen und Jemand„Gute Nacht!“ rufen. Adeline verbarg ſich ſchnell hinter einem Pfeiler, um nicht geſehen zu werden. „Was ich Euch fragen wollte“, ſagte eine ſeltſam ſchnarrende Männerſtimme,„Eure Frau brauchte es ja nicht zu hören—“ „O, die darf Alles hören“, erwiderte der Angeredete in einem gedämpften, eindringlichen Tone;„was ich weiß, weiß ſie auch, denn ſie iſt eine ſehr verſchwiegene Frau, wie es wenige gibt.“ „Was ich Euch fragen wollte“, wiederholte der Andere „und deshalb bin ich eigentlich gekommen: hat Eure Geſchäftsfreundin Töchter? Ihr wißt, wen ich meine?“ „Ob ich es weiß! Allerdings hat ſie eine Tochter.“ „Eine Tochter von etwa zwanzig Jahren, nicht war?“ „So alt mag ſie wohl ſein.“ 190 „Und hat ſie nicht noch ein Mädchen von gleichem Alter bei ſich?“ fragte die ſchnarrende Stimme wieder. „Nein, ſie⸗ hat nur dieſe einzige Tochter. Iſt das Alles, was Ihr wiſſen wollt?“ „Alles.“ „Nun, laßt Euch bald wieder einmal ſehen. Wir werden uns’ſtets über Euern Beſuch freuen. „Habe keine Zeit zu Beſuchen.“. „Keine Zeit?“ lachte der Andere gedämpft.„Ihr habt ja nun einen Kellnerburſchen, der Eure Sache ver⸗ ſorgt! Wahrhaftig, es gibt jetzt keine gemüthlichere Kneipe als Euern Schwedentrunk. Da iſt Alles ſo nett und ſchmuck, man erkennt's gar nicht wieder!“ „Und dennoch ſtünde er nicht mehr, wenn ich damals — wißt Ihr— Euern guten Rath befolgt hätte.“ „Ich weiß wohl, wo Alles herkommt“, ſagte der Andere, dieſe Bemerkung ignorirend;„von ihr kommt's, die Ihr meine Geſchäftsfreundin nennt. Nur die Freude über das Wiederfinden einer geliebten Perſon, die Ihr vielleicht längſt für todt gehalten habt, konnte Euch ſo urplötzlich die Sprache wiedergeben, wenn Ihr's auch nicht geſtehen wollt. Neun weiß ich auch, warum ſie ſich an jenem Abend—, „Wo Ihr dachtet ich würde— hm, umt „Bſt! Ich wollte ſagen: warum ſie ſich an jenem 191 Abende bei mir ſo genau nach Euerm Ausſehen, Euerm Alter und dergleichen erkundigte. Genug,'s iſt eine alte Flamme von Euch.“. „Daß Ihr Euch doch immer mit Flammen beſchäftigt. Hört einmal, das war, ſtraf' mich Gott, ein ſchurkiſcher Rath, den Ihr mir damals ertheiltet. Und habt Ihr denn wirklich—“ „Eine ſehr vermögende Frau iſt ſie, die Wittwe, das kann ich Euch verbürgen, eine ſehr—“ „Habt Ihr denn wirklich geglaubt, ich würde es aus⸗ führen?“.. „Ausführen? Was denn? Ich habe vielleicht ein⸗ mal etwas im Spaße zu Euch geſagt.“ „Mit Feuer iſt gefährlich ſpaßen!“ „Bſt! Sprecht nicht ſo laut. Wenn das meine Frau hört!“— „Ich denke, ſie weiß Alles, was Ihr wißt? Hahaha!“ „Ihr ſeid heute in roſiger Laune, hahaha! Recht ſo! Immer fidel! Gute Nacht, Nielſen.“ „Gute Nacht!“ ſagte die ſchnarrende Stimme unter Lachen und Adeline hörte die Hausthür gehen. „Du hölliſches Schwefelſtachelſchwein“, murmelte der Zurückbleibende vernehmlich, als ſein Beſucher hinter ſich die Thüre ins Schloß geworfen hatte,„du rothbärtiger . Schurke, du niederträchtiger Katzenhalunke! Kommſt 192 du einmal in meine Klauen, dann haſt du dein letztes Vaterunſer gebetet!“ Nuaachdem er ſeinem Unwillen Luft gemacht, trat er in ſein Wohnzimmer und Adeline ſchlüpfte durch die Flur auf die Straße hinaus. Acht Tage ſpäter hüllten wieder die verblichenen Damaſt⸗ gardinen die hohen Fenſterbogen ein und das zerbrechliche Kanapee wurde mit noch vielen andern zerbrechlichen Möbeln aus der Rumpelkammer geholt, um die Oede des Zimmers auszufüllen. An den Wänden behaupteten, ſtatt der beiden lebensgroßen Portraits, wieder die emigrirten Familien⸗ bilder ihren alten Platz und es ſchien, als rieben ſie ſich außerhalb des Rahmens vergnügt die ungemalten Hände darüber, daß er fort war, der ihre Geſellſchaft verſchmäht hatte. Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig.