deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Igeſebedingungen. aah lkendein d oh lorheh Die Billir ek ſteht Iur Em⸗ vfänmndhme unde 8 8 doſeen. icher leden Eag vin Morgeus 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 8 ibliothek jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4 dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 4 f für uübchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: . e kücher(Bücher: ₰ auf 1 Monat: 1 Mr. Ff. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Ff. 1 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 f der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 7 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſl der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejeni en, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen Hagen. ——— — —— —— 4 äͤͤͤſͤͤͤͤſſſ 6. 3 Das indiſche Serail oder Mußeſtunden eines Nuwab. . TXꝓꝓ 3 Dritter Band. 4. Im Verlage dieſes Werkes erſchien Folgendes: Cunningham, Allan, Paul Jones. Ein Roman. A. d. Engl. 3 Bde. gr. 12. Hauff, W. Der Wanderex. Novellen, 1r Bd. gr. 12. br. — Mittheilungen aus d. Memoiren des Satan. 2 Thl. —— Lichtenſtein. Sage aus der Wuͤrtemb. Seſchichte. 3 Thle. 12. —— Controverspredigt uͤber den Mann im Mond, von H. Clauren. Gehalten von Wilhelm Hauff. — Maͤhrchenalmanach auf das Jahr 1827. —————— 1828.— 4 —— Phantaſien im Bremer Nathskeller, ein Herbſt⸗ geſchenk fuͤr Freunde des Weines. gr. 8. geh. Ju⸗Kiao⸗Li, oder die beiden Baſen; ein chineſ. Roman überſ. von Abel Remuſat. A. d. Fr. a Thle. gr. 12. br. Jouy, M. E., Cecilie oder die Leidenſchaften. 5 Theile. A. d. Franz. gr. 12. broſch⸗ Jeſuitenſpiegel, der, Auszuͤge der gefährlichſten und laſterhafteſten Stellen der dogmatiſchen Werke der Jeſuiten. A. d. Franz. gr. 12 br. ock, C. P. v., Der Barbier von Paris, Roman in 4 Thln. A. d. Franz. 8. Kriegsgefangene, der. Ein am Ufer des Meeres nach einem Schiffbruch gefundenes Manuſcript. A. d. Franz. 2 Bde. gr. 12. Menzel, Dr. Wolfgang. Die deutſche Literatur. Bde. gr. 12. elegant broſchirt. Mortonval, die Dame von Saint⸗Bris. Chronik aus den Zeiten der Ligue(1587). 4 Thle. 3. A. d. Franz. Nada. Eine ſpaniſche Novelle. A. d. Franz. 2 Thle. Napoleon vor dem Richterſtuhle Alexanders, Caͤ⸗ ſars und Friedrichs des Großen. 4 Bände. gr. 12. Napoleon in der andern Welt. Eine von ihm ſelbſt geſchriebene Erzaͤhlung; gefunden zu St. Helena am Fuße ſeines Grabes. Von Pongo⸗Tee⸗Foh⸗ Tche, Wandarin der 3ten Klaſſe. Aus dem Engl⸗ gr. 12. br. Oetavia, oder Leben und Abenteuer einer fuͤrſtlichen Maitreſſe. Eine wahre Geſchichte neueſter Zeit, aus den Papieren e. verſtorb. Diplomaten. 2 Thle. 8. br. Oleſia, od. Polen, 4 Thle. + 3— 1„— // 4/* 4„„ 4 4 4 Vhld a. 6V0GN* Uloe indiſche Serail oder Mußeſtunden eines Nuwab. Vom Verfaſſer des Pandurang Hari, oder Denkwürdigkeiten eines Hindu. —yͤ=— In drei Baͤnden. Aus dem Engliſchen. Dritter Ban d. TTTTTTTTTTXTTTTXTXTTXTXTTTXTTXTTXTXTTTTT Stuttgart. Bei Gebrüder Franckh. — 1828. —,— Das indiſche Serail, oder Mußeſtunden eines Nuwab. Erſtes Kapitel. Fortſetzung der Erzählung Tambadaß's, des Kupferſchmieds. Fruͤh Morgens erhoben ſich die Reiſenden, um ihren Weg fortzuſetzen. Als aber der Jude ſah, daß ſein Gefaͤhrte ein woblgeſtalteter, ruͤ⸗ ſtiger junger Mahomedaner war, wandelte ihn die Luſt an, die Urſache ſeines Kummers zu erfahren, den er in der verfloſſenen Nacht durch Seufzer und Wehklagen hatte laut werden laſ⸗ ſen. Ehe ſie ſich alſo trennten, fragte Ismael mit der Miene der Theilnahme und des Mit⸗ Zefuͤhles, was die Urſache ſeines Leidweſens ſey, und erklaͤrte, um ſeinen Gefaͤhrten geſpraͤchiger zu machen, ſeine Bereitwilligkeit und den Wunſch, 6 ihn ſo gut als moͤglich zu unterſtuͤtzen. Jezt be⸗ gann der junge Mann ohne laͤngeres Zoͤgern, folgendermaßen ſeine Geſchichte: „Mein Name iſt Alnuſur. Mein Vater war ein angeſehener Kaufmann in Cambay, ich ſein einziger Sohn, und was ich wuͤnſchen mochte, wurde mir gewaͤhrt. Der große Plan meines Vaters war, ich ſollte heirathen, und ein wacke⸗ rer Handelsmann werden. Dagegen hatte ich keine Einwendung zu machen, beſtand aber dar⸗ auf, die Frau muͤße in jeder Hinſicht meinen Beifall haben, und waͤrve ſie nicht von hoher Schoͤnheit, ſo wuͤrde ich mich nie dazu verſte⸗ ben, ſie heimzufuͤhren. Vergebens predigte mir mein Vater, wie ſehr geiſtige Schoͤnheit den Vorzug vor der koͤrperlichen verdiene,— ich ſchuͤttelte den Kopf, und beharrte feſt auf mei⸗ nem Entſchluſſe. Der Grund, warum ich dar⸗ auf beſtand, war der, weil ich ſtarken Verdacht hegte, mein Vater habe Abſichten auf die Toch⸗ ter eines vertrauten Freundes von ihm, gegen die ich, ſowohl wegen ihrer auffallenden Haͤß⸗ lichkeit, als auch wegen ihrer Unanſtaͤndigkeit, gerade eine beſondere Abneigung hatte. Eben dachte ich an den Eheſtand, als ein Palankin, mit dicht zuſammengezogenen Vorhaͤngen, und von mehreren Selaven begleitet, an mir vor⸗ uͤbergetragen wurde. Von den Umſtehenden er⸗ fuhr ich, in der Saͤnfte ſitze die ſchoͤne Zaide, Tochter des Deewan und erſten Miniſters Sr. Hoheit des Nuwab.„Was wollte ich geben,“ dachte ich,„koͤnnte ich dieſes reizende Geſchopf 7 ſehen, deſſen Schoͤnheit ſo hoch geprieſen wird!“ Kaum war mir dieſer Gedanke in den Sinn ge⸗ kommen, als die Saͤnfte, der ich unverwandt nachſah, zufaͤllig brach; ich eilte dem Maͤdchen zu Huͤlfe, und ſchob geſchaͤftig die dienſtferti⸗ gen, neugierigen Zuſchauer bei Seite. Eben ſo eifrig waren die Diener in ihren Verſuchen, von dem zerbrochenen Palankin mich wegzu⸗ draͤngen; da ich aber beharrlich blieb, und große Beſorgniſſe aͤußerte, das Maͤdchen moͤchte Scha⸗ den genommen haben, ſo durfte ich ſie beim Aufſtehen unterſtuͤtzen, und zum Lohne ward mir ein holdes Laͤcheln von der uͤberaus reizenden Zaide. Ich ſchlug vor, ſie ſollte in ein Haus treten, bis ich einen andern Palankin herbeige⸗ ſchafft, da der zerbrochene voͤllig unbrauchbar geworden ſey, und ſie eben ſo wenig den Weg durch die Straßen zu Fuße machen koͤnne. Zaide nahm den Vorſchlag an, und nachdem ich ſie in dem Hauſe eines angeſehenen Kaufmanns un⸗ tergebracht hatte, eilte ich an den naͤchſten Ort, wo ich einen Palankin hoffen durfte. Die Traͤ⸗ ger folgten mir, nahmen die Saͤnfte auf, und ich begleitete ſie an des Kaufmanns Haus. Zaide dankte mir fuͤr meine Bemuͤhung und fragte, wer es ſey, dem ſie fuͤr dieſe Aufmerkſamkeit verbunden waͤre. Ich ſagte ihr meinen Namen, und erklaͤrte, daß ich von nun an ihr Sclave ſey. Der dichte Schleier, der jezt uͤber ihr Ge⸗ ſicht gezogen war, raubte mir das Gluͤck, ihre himmliſche Schoͤnheit noch einmal zu ſchauen, 8 aber der Wohllaͤut ihrer Stimme entſchaͤdigte mich zum Theile fuͤr meinen Verluſt. u Entzuͤckt kehrte ich nach Hauſe zuruͤck, eilte zu meinem Vater, der in ſeinem Waarenlager Geſchaͤfte hatte, und rief:„Ach, Vater! jezt habe ich das Maͤdchen geſehen, das allein, und kein anderes, meine Frau werden ſoll.“ Ehe er zum Wort kommen konnte, fuhr ich fort, eine Menge Beiwoͤrter zum Lobe ihrer Schoͤn⸗ heit ſo gelaͤufig auf einander folgen zu laſſen, daß mein guter Vater mich fuͤr verruͤckt hielt. Als ich endlich aufhoͤrte, vernahm ich die er⸗ wartete Frage:„Wer iſt das Maͤdchen 2⸗— „Wer? nun, wer kann es anders ſeyn, als Zaide, die Tochter Haraks, des Deewans,“ war meine Antwort. Wie angewurzelt ſtand mein Vater, in furchtbarem Schweigen, das er endlich durch die Worte brach:„O mein Sohn, was faͤllt Dir ein? Bedenke den Hochmuth des Deewan, ſeinen Golddurſt, ſeine hochfliegenden Plane; meinſt Du, je ſeine Einwilligung zu einer Verbindung mit ſeiner Tochter zu erhal⸗ ten? Ich bitte Dich, verbanne alle Gedanken der Art aus Deinem verwirrten Kopfe.“ Allein je mehr mein Vater bat und flehte, und je mehr Schwierigkeiten er vor mir aufdeckte, deſto feſter wurde mein Entſchluß, bis endlich mein Vater, durch meine dringenden Bitten geruͤhrt, zu dem ſtolzen Harak zu gehen verſprach: ich fiel ihm zu Fuͤßen, bezeugte ihm meinen heiße⸗ ſten Dank, und ſuchte ihn durch die Verſiche⸗ rung des Gelingens zu ermuthigen. Mein gu⸗ 9 ter Vater verſprach, meine Wuͤnſche zu erfuͤl⸗ len, aͤußerte aber ſeine Beſorgniß, daß Alles vergebens ſeyn werde. Am folgenden Tage erbat ſich mein Vater eine Audienz beim Deewan, und in unbeſchreib⸗ licher Angſt wegen des Erfolges dieſes Beſuches harrte ich ſeiner zu Hauſe. Nicht lange durfte ich warten, denn bald kam mein Vater, in Thraͤnen zerfließend, zuruͤck, und brachte mir die Nachricht, daß wir gaͤnzlich zu Grunde ge⸗ richtet ſeyen, denn der Deewan habe nicht ſo bald ſeinen vermeſſenen Antrag vernommen, als er in furchtbaren Zorn gerathen, in die Gemaͤcher ſeiner Tochter geſtuͤrzt, und wuͤthend von da zuruͤckgekommen ſey. Er habe gedroht, uns gaͤnzlich zu verderben, wenn wir nicht binnen acht und vierzig Stunden Cambay verließen: wozu er wahrſcheinlich dadurch veranlaßt wurde, daß Zaide ihn ihrer Neigung zu mir verſichert haben mochte. Was meinen Vater am tiefſten ſchmerzte, waren die Schmaͤhungen gegen uns; er nannte uns Ladenhuͤter, Troͤdler, betruͤgliche Kraͤmer, und bezeigte ſein Erſtaunen uͤber un⸗ ſere Frechheit, daß wir uns haͤtten traͤumen laſſen, er wuͤrde in eine Verbindung mit ſeiner Tochter, dem Sproͤßling eines Veziers, einwilligen, der dem Throne ſo nahe ſtuͤnde. Als der Schmerz meines Vaters etwas nachgelaſſen hatte, ſandte er eine Bittſchrift an den Deewan, er moͤchte das harte Verbaunungs⸗Urtheil zuruͤcknehmen; allein dieſes erbitterte den Tyrannen nur noch mehr, und er wiederholte ſeinen Befehl ſo ent⸗ 10 ſcheidend, daß uns keine Hoffnung mehr auf Begnadigung blieo. Mit ſchwerem Herzen ſagte mein Vater ſeiner Geburtsſtadt Lebewohl, und nahm ſeine Wohnung in Thannah, auf dieſer Inſel; allein hier wurde er von den uͤbrigen Kaufleuten der Stadt mit mißguͤnſtigen Blicken angeſehen, dieß richtete ihn zu Grunde, und aus Gram dar⸗ uͤber ſtarb er. Jezt bin ich ein Bettler. Der Verluſt meines Vaters, meiner Geliebten, und der Mittel zu meinem Unterhalte war es, was ich beklagte, als Deine Stimme meine Aufmerk⸗ ſamkeit ablenkte, und auf einen Augenblick die duͤſtere Gedankenreihe unterbrach, die in meinem Gebirne fluthet.“ Der Jude bezeugte dem ungluͤcklichen jun⸗ gen Manne ſein Mitleiden, ſo wie die Hoffnung, naͤher mit ihm bekannt zu werden, um ihn un⸗ terſtuͤtzen zu koͤnnen: er beſchrieb ihm daher die Lage ſeines Hauſes in Bombay, ſagte ihm, er ſolle in zwei Tagen bei ihm einſprechen, und ſchenkte ihm zum Beweis, daß er es gut mit ihm meine, eine Summe Geld zu Beſtreitung des Nothwendigſten. Freudig dankte Alnuſur ſeinem guͤtigen Reiſegefaͤhrten, verſprach ihm auf die beſtimmte Zeit einen Beſuch, und nahm ſeinen Abſchied. Ismael, deſſen Gedanken nur mit einem Gegenſtande ſich beſchaͤftigten, hatte. die Nacht durch wenig oder gar nicht geſchla⸗ fen, und beſchloſſen, ſeinen Reiſegefaͤhrten uͤber ſeine Umſtaͤnde zu befragen, in der Hoffnung, 4 ein neues Ungluͤck koͤnne ihn ſo gebeugt haben, —,— 11 daß er ein taugliches Werkzeug zu Ausfuͤhrung ſeiner Plaͤne wuͤrde. Alnuſurs traurige Ge⸗ ſchichte war daher fuͤr den Juden mehr erfreu⸗ lich als betruͤbend, und er beſchloß, den Juͤng- ling in ſeine Dienſte zu ziehen, und ihn bei dem ſchwierigen Geſchaͤft,— dem Braminen das gewuͤnſchte Buch der Er kenntniß zu ent⸗ wenden— zu gebrauchen: aus dieſem Grunde nahm er ihm das Verſprechen ab, daß er ihn in ſeinem Hauſe in Bombay heimſuchen ſollte. Nachdem er ſeine Geſchaͤfte in Thannah been⸗ digt, und das Geld fuͤr den Gouverneur zuſam⸗ mengebracht hatte, kehrte Ismael nach Bombay zuruͤck, und wartete hier, der Abrede gemaͤß, auf Alnuſur, der, weil ihm eben ſo viel an der Sache lag, puͤnktlich auf die beſtimmte Zeit ein⸗ traf. Ismael nahm ihn bei Seite, und redete ihn alſo an:„Junger Mann, das Schickſal hat Dich grauſam mißhandelt, jezt aber bietet ſich Dir Gelegenheit dar, Dein Gluͤck zu ma⸗ chen; ich will Dir Deine Boͤrſe auf anſtaͤndige Weiſe fuͤllen helfen, und Dir den Weg zeigen, wie Du Dir ein huͤbſches Vermoͤgen erwerben kannſt, wenn Du Dich eifrig dem Handel wid⸗ men, und Geld und Zeit zu Rathe halten willſt.“ Alnuſur wollte eben den guͤtigen Juden mit Dankbezeigungen uͤberſchuͤtten, als Ismael ihm ins Wort fiel und ſagte:„Halt, junger Mann, bevor Du in den Genuß dieſer Vortheile kommſt, mußt Du ſie verdienen: ich habe ein Geſchaͤft zu verrichten, aber Altersſchwaͤche geſtattet mir nicht, es perſoͤnlich zu vollbringen: Du biſt ein 12 ruͤſtiger Junge, und kannſt Dich auf Deine Kraͤfte verlaſſen: willſt Du es auf Dich neh⸗ men?“. „Es kommt,“ entgegnete Alnuſur,„nur darauf an, von welcher Art es iſt; ich muß Dir offen geſtehen, wenn es ein Mord, oder...“ „Nein, nein, nein!“ unterbrach ihn Ismael, „es iſt nichts der Art; hoͤre: Auf dieſer Inſel lebt ein Mann, der im Beſitze eines Buches iſt, welches blos eine Geſchichte der juͤdiſchen Ge⸗ braͤuche und Ceremonien enthaͤlt, und fuͤr mich von großer Wichtigkeit, fuͤr ihn aber ganz un⸗ brauchbar iſt: vergebens habe ich ihm das Buͤch⸗ lein abzukaufen geſucht; je ſtaͤrker mein Ver⸗ langen hervortritt, es zu erhalten, deſto hart⸗ naͤckiger zeigte ſich der eigenſinnige Beſitzer.“e „In der That ſehr ſeltſam,“ bemerkte Al⸗ nuſur:„ich denke, ich mache mich keines Ver⸗ brechens ſchuldig, wenn ich es Dir verſchaffe, ſage mir nur, wie ich es anzugreifen habe.“ Mit freudetrunkenen Blicken erwiederte der Jude:„Ich kann Dich zu dem Haus fuͤhren, wo das Buch aufbewahrt iſt, aber die Entwen⸗ dung deſſelben iſt mit Schwierigkeiten verbun⸗ den, die Du Dir gar nicht vorſtellen kannſt. Der Mann, der das Buch in Haͤnden hat, heißt Donga⸗Sette, es iſt ein Bramine, und ſeine Wohnung in dem kleinen Dorfe Geergaum; nur ſelten verlaͤßt er ſein Haus, und thut er dieß je, ſo hinterlaͤßt er ſeinem Weibe ſo ge⸗ meſſene Befehle, weder Bekannte noch Fremde waͤhrend ſeiner kurzen Abweſenheit aufzunehmen, 13 daß es beinahe unmoͤglich iſt, nur auf eine Mi⸗ nute in das Haus zu kommen.“ 4 „Sey verſichert,“ ſagte Alnuſur,„ob ich gleich Mahomedaner bin, ſo will ich mir doch Zugang in des Braminen Haus verſchaffen, verlaß Dich drauf.“ „Und wenn auch,“ fuhr der Jude fort,„ſo iſt damit das Buch noch lange nicht in Deiner Gewalt; er hat es in ein eiſernes Kaͤſtchen ein⸗ geſchloſſen, das an den Fuß eines großen haͤß⸗ lichen Goͤtzen, mitten in ſeinem Hauſe, befeſtigt iſt. Gewalt darf man hier nicht gebrauchen, denn der Bramine iſt zwar bei der Regierung uͤbel angeſchrieben, aber ſein Geld kann ihm Gerechtigkeit verſchaffen.“ „Liſt,“ erwiederte Alnuſur,„bewirkt oft, was Gewalt nicht ausrichtet.“ „Wohl, junger Mann,“ ſagte Ismael,„aber im vorliegenden Falle kann nur die feinſte Liſt zum Ziele fuͤhren; denn der Bramine traͤgt den Schluͤſſel zu der ſtaͤhlernen Kette, durch welche das Kaͤſtchen an ſeinen Goͤtzen gefeſſelt iſt, ſo wie den Schluͤſſel zu dem Kaͤſtchen ſelbſt, immer bei ſich, und ebenſo den zu ſeinem Hauſe, wenn er und ſein Weib zugleich es verlaſſen, was jedoch, meine ich, nur einmal des Jahrs vorkommt.“ „Wenn ich nur einmal im Hauſe waͤre,“ ſagte Alnuſur;„eine Feile wuͤrde hier gute Dienſte thun.“ „Ganz und gar nicht,“ erwiederte Ismael, „keine Feile, auch die ſchaͤrfſte nicht, kann den 14 geglaͤtteten Stahl durchſchneiden, Du mußt alſo auf etwas Anderes denken. Es mag wohl ein Jabr hingehen, ehe Du nur im Geringſten hoffen darfſt, zu Deinem Zweck zu gelangen; weil ich aber uͤberzeugt bin, daß Du taͤglich Deinen Scharfſinn in meinem Dienſte anſtrengſt, ſo will ich Dir ein Monatgeld ausſetzen, das zu Deinem Unterhalte ausreicht; Du beſuchſt mich jedoch ſo ſelten als möglich.“ Alnuſur verſprach zu gehorchen, und ſchwur, ſein Moͤglichſtes in der Sache zu thun, ließ aber den Juden merken, er koͤnnte auch, im Falle daß ſeine Bemuͤhungen Erfolg haͤtten, ſein Verſprechen, ihn zu bereichern, nicht halten wollen. „Wuͤrde ich dieß thun, koͤnnte ich ſo nie⸗ dertraͤchtig handeln,“ entgegnete Ismael,„ſo ſteht es immerhin in Deiner Macht, Rache zu nehmen, indem Du mich dem Braminen ver⸗ rathen kannſt, der mich unfehlbar gerichtlich be⸗ 3 langen wuͤrde.“ 4 „Wohl wahr,“ meinte Alnuſur,„aber be⸗ denke, da wuͤrde ich mich zugleich ſelbſt ankla⸗ gen. 3 „Nun, wie Du willſt, junger Mann,“ ſagte Ismael;„ich kann Dir bloß mein Verſprechen geben: willſt Du ſo 2* „Wie viel erhalte ich 2 „Tauſend Dollar, und eine Bude auf dem Bazaar, vollig eingerichtet, ſo daß Du ſogleich einen Handel beginnen kannſt.“ „Nun denn,“ erwiederte Alnuſur,„ſobald 15 Du mir das Geld gibſt, liefre ich Dir das Kaͤſt⸗ chen aus.“ „Topp,“ entgegnete der Jude,„bringſt Du mir das Kaͤſtchen, und das Buch iſt darin, ſo erhaͤltſt Du das Geld und die Bude.“ Nachdem beide ſich gegenſeitig verſtaͤndigt, trennten ſie ſich. Ran kann ſich denken, daß Alnuſur vor Al⸗ lem die Wohnung des Braminen aufzufinden ſuchte. Er that dieß nicht ohne Neugierde, was wohl in dem Buche ſtehen moͤchte, fuͤr das der Jude eine ſo anſehnliche Summe bot, und was den Braminen bewegen köoͤnnte, es nicht her⸗ zugeben.„Doch,“ dachte er,„das iſt nicht meine Sache; ich ſuche nun einmal auf jede Art in den Beſitz des Buches zu kommen.“ In verſchiedenen Verkleidungen verſuchte er in das Haus des Braminen zu kommen, konnte aber nicht zu ſeinem Zwecke gelangen. Kam er als Fakir oder heiliger Bettler, ſo wurde ihm nie ein Almoſen verweigert, ſondern von Donga Sette oder ſeinem Weibe aus dem Verandab des Hauſes freigebig gereicht. Kam er nur auf Beſuch, ſo hieß man ihn ſeiner Wege gehen. An dem Dache auf des Braminen Haus wa⸗ ren einige Ausbeſſerungen noͤthig geworden; ſo⸗ gleich verkleidete ſich Alnuſur als Maurergeſelle, um auf dieſe Weiſe ſich im Hauſe umſehen zu koͤnnen, und erblickte wirklich das eiſerne Kaͤſt⸗ chen, wie der Jude ihm geſagt hatte, an dem Fuß des Götzen angeſchloſſen. Aber er war noch weit von ſeinem Ziele entfernt. Vergebens zer⸗ ——— 16 brach er ſich den Kopf, einen Plan zu erſinnen, wie er zu ſeinem Zwecke gelangen konnte, und fing ſchon an, an dem Gelingen zu verzweifeln. Auch der Jude wurde ungeduldig und zahlte ungern das Monatgeld ſeinem willigen, aber ungluͤcklichen Diener, denn bereits war, wie Ismael vorausgeſagt, ein Jahr verfloſſen, ohne daß Alnuſur dem Ziele ſeiner Wuͤnſche auch nur einen Schritt naͤher gekommen waͤre. Indeſſen lebte der Bramine, ohne die ſchlim⸗ men Abſichten Alnuſurs und des Juden zu ab⸗ nen, wie vorher, hatte ein wachſames Auge auf das Kaͤſichen, und trug die Schluͤſſel, die mittelſt eines Rings an ſeinem ſilbernen Kur⸗ doorah, oder Guͤrtel, hingen, Tag und Nacht bei ſich. Das ganze Jahr uͤber waren Donga Sette und ſein Weib nie zu gleicher Zeit von Haus abweſend geweſen; doch endlich daͤmmerte ein Strahl der Hoffnung fuͤr Alnuſur: ein Ja⸗ tra, das nur alle ſieben Jahre einfiel, und bei dem jeder eifrige Hindu ſich einſtellte, um Abſo⸗ lution und Reinigung von ſeinen Suͤnden zu erhalten, ſollte naͤchſtens ſtattfinden. Die Art, wie das abgottiſche Volk dieſe Entſuͤndigung zu erbalten ſuchte, iſt ſo ſonderbar, daß es hier einer umſtaͤndlichen Erklaͤrung bedarf. Dieſes Gottesurtheil, dem jeder ſich unterwerfen muß⸗ te, war es, worauf Alnuſur die Moͤglichkeit baute, endlich zu ſeinem Zweck zu kommen. Auf der Inſel Bombay erhebt ſich, unge⸗ faͤhr zwei Meilen vor der Stadt, ein bedeu⸗ tender Berg, der in das Meer auslaͤuft, und 17 eine Art Vorgebirge bildet. An dem aͤußerſten Punkte dieſes Berges, da wo er ſich gegen das Seegeſtade abſlacht, iſt ein Felſen, auf deſſen Vorderſeite eine von der Natur gebildete Spalte ſich befindet, welche mit einer Hoͤhle in Ver⸗ bindung ſteht, die ſich unten oͤffnet, und am Meeresufer endet. An dieſem Orte pflegen ſich die Hindu's von ihren Suͤnden zu reinigen, was, wie ſie waͤhnen, dadurch bewirkt wird, daß ſie oben in die Oeffnung ſteigen und unten aus der Hoͤhle hervorkommen. Zur Feier die⸗ ſes Jatra finden ſich immer Leute von allen Staͤn⸗ den und Kaſten ein; unter der Oeffnung ſtellen ſich mehrere auf, um den gereinigten Hindu in ihren Armen aufzufangen, und zu verhuͤten, daß er nicht auf den unebenen Boden ſtuͤrzt. Auf einem ſteinigen Pfade ſteigt man von oben an das Seegeſtade, und an dieſem wichtigen Tage gehen hier immer Leute auf und nieder. Fruͤhe am Morgen des heiligen Jatra⸗Fe⸗ ſtes ſtellte ſich Alnuſur nahe an die Oeffnung im Felſen; er ſah zu, wie die Reinigung vor ſich ging, und ergoͤzte ſich an der Aengſtlichkeit der Einen und der zuverſichtlichen Keckheit der Andern. Maͤnner und Weiber unterzogen ſich der Entſuͤndigung, Manche aus bloßer Neu⸗ gierde, Andere bloß um das Vergnuͤgen zu ha⸗ ben, durch ein Loch zu ſchluͤpfen. Gegen Mit⸗ tag kamen die von Alnuſur ſehnlich erwarteten Perſonen, naͤmlich der Bramine Donga Sette und ſein Weib. Alnuſur wartete den Augen⸗ blick ab, wo der Bramine ſich der Ceremonie 18 unterziehen wuͤrde, und eilte dann den ſteini⸗ gen Weg hinab zu dem Volkshaufen, der mit ausgeſtreckten Armen die friſchen Ankommlinge aus der wunderſamen Spalte erwartete. Bei ſcheinbarem Eifer, ſein Opfer nicht auf den felſigen Boden gleiten zu laſſen, wollte Alnuſur dem Braminen die Schluͤſſel abnehmen; zu dieſem Bebhufe ſtellte er ſich zuvorderſt unter die Menge unten, und wartete aͤngſtlich auf den wuͤrdigen Braminen. Donga Sette war das leztemal bei dieſer Ceremonie ohne alle Schwierigkeit durch das Loch geſchluͤpft; allein zum Ungluͤck vergaß er jezt, wie feiſt und dick er in der Zwiſchenzeit geworden war; zu nicht geringer Beluſtigung der Zuſchauer blieb er da⸗ her mitten in der Spalte ſtecken und ſchrie laut um Huͤlfe. Als die Untenſtehenden das ſchal⸗ lende Gelaͤchter von oben vernahmen, und einen Mann in der Oeffnung ſtecken ſaben, liefen alle, außer Alnuſur, den Weg bhinauf, und waren bald oben an der Oeffnung. Zu ſeiner großen Freude ſah Alnuſur, daß ſein Opfer beinahe in ſeiner Gewalt ſey; ein Blick in die Spalte zeigte ibm den funkelnden ſilbernen Kurdoorah des Bra⸗ minen, und an dieſem die gewuͤnſchten Schluͤſ⸗ ſel; allein zum Ungluͤck konnte er ſie nicht er⸗ reichen. Damit der Arme von den Obenſtehen⸗ den nicht ſo leicht herausgezogen werden koͤnnte, zog ihn Alnuſur kraͤftig an den Beinen, ſo daß der arme Donga Sette noch feſter in ſeinen en⸗ gen Kerker geſperrt wurde. Der Bramine bruͤllte vor Schmerz, und klagte, daß er von 19 Einem unten mißhandelt wuͤrde, aber das laͤr⸗ mende Geſchrei der Obenſtehenden uͤbertaͤubte ſeine Stimme. Noch immer neckten Alnuſur die Schluͤſſel, die an dem Kurdoorah baumelten, ohne daß er ſie erreichen konnte. Der ſilberne Leibguͤrtel wurde vorne durch eine Spange zu⸗ ſammengehalten, er konnte alſo nur mit den Fingern abgeloͤst werden; aber wie dieß be⸗ werkſtelligen?— und doch war keine Zeit zu verlieren, denn jeden Augenblick erwartete er, den feiſten Braminen durch die Leute oben hinaufgezogen zu ſehen. Ungeduldig zappelte Donga Sette, und ſchlug mit den Beinen um ſich, ob er ſich gleich nichts von dem Raub traͤumen ließ, den ein Feind unten an ihm veruͤben wollte; waͤre ihm ein ſolcher Gedanke eingekommen, ſo waͤre er gewiß ganz raſend geworden. Alnuſur warf ſeine Augen umher, und erblickte zu ſeiner Freude zwei Ruder von einem Fiſcherboote; dieſe ergriff er auf der Stelle, nahm ſeinen Turban ab und bildete eine Art Leiter, auf der er den Guͤrtel des Braminen erreichen konnte. Sobald Donga Sette ſeinen geweihten Guͤrtel von einer menſchlichen Hand beruͤhrt fuͤhlte, ſchrie er und ſchlug ſo gewaltig um ſich, daß Alnuſur auf ſeiner ſchwachen Lei⸗ ter in großer Angſt war, er moͤchte herabſtuͤr⸗ zen. Mit aller ihm zu Gebot ſtehenden Kraft faßte er mit dem einen Arm den Braminen an den Beinen, und ſo gelang es ihm, den ſilber⸗ nen Guͤrtel ſammt den Schluͤſſeln davon abzulb⸗ ſen; ſchnell ſtieg er nun herab, band den Tur⸗ ban, der ihm als Sproſſe auf ſeiner Leiter ge⸗ 20 dient hatte, wieder ab, und warf die Ruder weg; den filbernen Guͤrtel ließ er auf dem Bo⸗ den liegen, und eilte auf einem ſchmalen Fuß⸗ pfade der Stadt Bombay zu. Nachdem er ziem⸗ lich weit gelaufen und vor Verfolgung ſicher war, unterſuchte er die Schluͤſſel; es war ein großer darunter, ohne Zweifel der Hausſchluͤſ⸗ ſel, ein zweiter, kleinerer, der wahrſcheiulich in das Schloß an der ſtaͤhlernen Kette paßte, und ein dritter, noch kleiner als der vorige, ſeltſam gearbeitet, der, wie er nicht zweifelte, das eiſerne Kaͤſtchen oͤffnete. Dieſen lezten be⸗ ſchloß Alnuſur dem Juden nicht auszuliefern, in der Hoffnung, wenn er ihn unter dem Vor⸗ wand, der Bramine habe ihn nicht bei ſich getragen, zuruͤckbehielte, wuͤrde dieſer eine wei⸗ tere Belohnung dafuͤr ausſetzen; ſollte ſich aber der Jude weigern, ihm den bedungenen Lohn auszubezahlen, und auf Herbeiſchaffung des Schluͤſſels dringen, ſo wollte er ſich hiezu ei⸗ nige Tage Friſt erbitten, und ihn dann Is⸗ mael uͤberreichen, und von großen dabei beſtan⸗ denen Gefahren erzaͤhlen. Mit dieſen Plaͤnen eilte Alnuſur der Wohnung des Braminen zu. Weil Alles bei dem Jatra war, ſo kam ihm nie⸗ mand in den Weg, und ungeſtört ſchloß er die Hausthuͤre auf; ins Innere tretend, ſah er zu“ ſeiner großen Freude das eiſerne Kaͤſtchen an ſei⸗ nem gewohnlichen Platze, ſteckte den Schluͤſſel in das Schloß, drehte, und ſchnell war das Kaͤſtchen unter ſeinem Mantel verborgen. Eilends verließ er das Haus und rannte der Wohnung des alten Is⸗ mael zu, den er gluͤcklicher Weiſe zu Hauſe antraf. 21 In Alnuſur's leuchtenden Blicken las der Israelite gute Nachrichten, und fragte ihn ha⸗ ſtig; wie aber der Juͤngling ſtark auf den De⸗ ckel des Kaͤſtchens unter ſeinem Mantel ſchlug, uͤberließ ſich der Jude dem freudigſten Entzuͤ⸗ cken, umarmte ſeinen treuen Geſchaͤftstraͤger, und forderte das Kaͤſtchen. Alnuſur erinnerte ihn an die Belohnung, worauf Ismael eine wohlverwahrte Kiſte aufſchloß, und vie Dollare berausnahm, die er ihm einhaͤndigte, und da⸗ fuͤr das eiſerne Kaͤſtchen erhielt, das er in ſei⸗ ner Freude an'’s Herz druͤckte. Als er an's Fenſter trat, um es zu unterſuchen, nahm Alnuſur ſeine Dollare, und eilte aus dem Hauſe; allein kaum war er zwanzig Schritte vom Vor⸗ derthore entfernt, als er die Stimme des Ju⸗ den hoͤrte, der ihm laut nachrief. Alnuſur wandte ſich um, und gab durch Nicken und Winken dem beſorgten Juden zu verſtehen, daß er ſogleich wieder kommen wollte. Nachdem er ſeine Dollare an einem ſichern Orte unterge⸗ bracht, kehrte Alnuſur in Ismaels Wohnung zuruͤck, und fragte mit unbefangener Miene, was er zu befehlen habe.„Den Schluͤſſel, Jun⸗ ge, den Schluͤſſel!— Thor, der ich war, Dir das Geld zu geben, ohne vorher den Schluͤſſel zu fordern!“ „Den Schluͤſſel!“ rief Alnuſur:„Du ſag⸗ teſt mir nichts von dem Schluͤſſel; der Vertrag lautete nur auf Beibringung des Kaͤſtchens. „Dummkopf!“ entgegnete der Jude,„was nuͤzt mich denn das Kaͤſtchen ohne den Schluͤſ⸗ 22 ſel? uͤberdieß ſind wir uͤbereingekommen, daß Du, wenn das Buch nicht im Kaͤſtchen liegt, keinen Anſpruch auf Belohnung zu machen ha⸗ beſt, wie kann ich mich nun uͤberzeugen, ob dieß der Fall iſt, oder nicht 2 „Brich das Kaͤſtchen auf, ſo kannſt Du's erfahren,“ erwiederte Alnuſur gleichguͤltig. „Du weißt nicht, was Du ſprichſt, junger Mann: aber ſage mir, ſahſt Du an dem Schluͤſ⸗ ſel zu dem Schloſſe der ſtaͤhlernen Kette nicht noch einen kleineren haͤngen? „Nein; bei Mahomet, es war nur der Hausſchluͤſſel, durch den ich mir Eintritt ver⸗ ſchaffte.“. 3 „Und wie kamſt Du in den Beſitz dieſer Schluͤſſel?“ „Dieß thut nichts zur Sache, werther Mei⸗ ſter Ismael; ich kann Dir ſagen, ich habe Muͤ⸗ be genug gehabt, um die Schluͤſſel und das Kaͤſtchen zu bekommen, und ich bin ſehr er⸗ ſtaunt uͤber Dein Mißvergnuͤgen, daß Du den Schluͤſſel zu dem eiſernen Kaͤſtchen nicht erhal⸗ ten haſt. Beim Allah! ich glaube, es iſt ein Gluͤck, daß ich meine Belohnung ſchon in Si⸗ cherheit habe, Du wuͤrdeſt ſie mir, glaube ich, vorenthalten.“ „Ja freilich!“ entgegnete der Jude,„Dein Werk iſt nur halb vollbracht; doch— ich ver⸗ ſpreche Dir noch 500 weitere Dollar's, wenn Du mir den Schluͤſſel beiſchaffſt.“ „Ich fuͤrchte, es wird unmoͤglich ſeyn,“ ver⸗ ſezte Alnuſur;„eine ſolche Gelegenheit, wie 2³ heute, findet ſich nicht wieder: doch— ich wills verſuchen, verlaß Dich drauf; aber wenn es Dir nur um das Buch zu thun iſt, warum brichſt Du das Kaͤſtchen nicht auf? was liegt denn an dem Schluͤſſel?“ „Das darf nicht ſeyn, Junge: verlaß mich jezt, und gehe wieder an Dein Geſchaͤft; beden⸗ ke, daß ich die verſprochene Bude noch zu ver⸗ geben habe.“ „Ja, ja, Meiſter Ismael,“ ſagte Alnuſur, „und waͤreſt Du ein ehrlicher Mann, ſo koͤnnte ich dieſe, Deinem Verſprechen zufolge, nun auch mein nennen.“ Hierauf erwiederte der Jude blos:„Den Schluͤſſel, den Schluͤſſel, Jun⸗ ge; fort, an's Geſchaͤft.“ Alnuſur wuͤnſchte ſich Gluͤck zu ſeiner Liſt, verließ den vergnuͤgten Inden, und kehrte in ſeine Wohnung zuruͤck. Ismael war, wie man ſich erinnern wird, im Beſitze des einen Schluͤſſels, da er aber bei⸗ de zu bekommen wuͤnſchte, ließ er Alnuſur auf dem Glauben, das Kaͤſtchen werde nur durch Gewalt zu oͤffnen ſeyn. Bei ſeinem erſten Ver⸗ trag mit dem jungen Mann, war er ſo ſehr uͤberzeugt, er wuͤrde, wenn es gelinge, das Kaͤſtchen zu entwenden, mit dieſem natuͤrlich auch den Schluͤſſel erhalten, daß er nicht daran dachte, es werde eine zweite Uebereinkunft we⸗ gen Herbeiſchaffung des leztern noͤthig ſeyn, wie er daher Alnuſur mit dem Kaͤſtchen eintreten ſah, war er ſo entzüͤckt, daß er die verſpro⸗ chene Belohnung ohne Bedenken ausbezahlte. Daß Alnuſur den Schluͤſſel wirklich hatte, und 24 ihn mit Fleiß nicht hergab, ließ ſich Ismael gar nicht einfallen, denn er konnte unmoͤglich glau⸗ ben, daß der Junge, da er ihm das Kaͤſtchen uͤberlieferte, irgend einen Grund haben koͤnne, ihm den Schluͤſſel, wenn er ihn haͤtte, vorzu⸗ enthalten. Als Alnuſur auf den Ruf des Ju⸗ den nicht ſogleich zuruͤckkehrte, begnuͤgte ſich Is⸗ mael, einen Blick in das Kaͤſtchen zu werfen, und da er das wundervolle Buch richtig darin liegen ſah, ſchloß er es wieder, und wartete auf die Ruͤckkehr ſeines Geſchaͤftstraͤgers. So kam endlich Jsmael nach langer Geduld durch Liſt in den Beſitz des Buches der Erkennt⸗ ni ß. 21 —— Zweites Kapitel. Mit vieler Muͤhe hatte ſich endlich der un⸗ gluͤckliche Donga Sette aus der Felſenſpalte her⸗ ausgearbeitet, und griff ſogleich mit der Hand an die Huͤften, um zu ſehen, ob Alles wohl behalten ſey. Aber ach! das Kurdoorah war fort; doch dieſer Verluſt kuͤmmerte ihn wenig, daß aber auch die Schluͤſſel, die heiligen Schluͤſ⸗ ſel fehlten, das machte ihm große Angſt. Er klagte ſein Seelenleid ſeinem Weibe, machte der Menge laut bekannt, welcher furchtbare Raub an ihm begangen worden ſey, und bejammerte den Verluſt ſeines ſilbernen Guͤrtels auf ſo ruͤh⸗ rende — 25⁵ rende Weiſe, daß ſich Viele erboten, ihm ſu⸗ chen zu helfen. Einige troͤſteten ihn mit der Hoffnung, wenn man unten genaue Nach⸗ ſuchungen anſtelle, ſo wuͤrde er ſich finden, da er dem Braminen wahrſcheinlich vom Leibe gefallen ſey. Donga Sette's Weib ging mit Mehreren an die Kuͤſte, und fand hier wirklich den Guͤrtel, aber die Schluͤſſel waren fort. Zum Erſtaunen der Umſtehenden gab der Bramine keine Zeichen der Freude uͤber den wiedergefun⸗ denen Guͤrtel von ſich, deſſen Verluſt er ſo laut bejammert hatte: ſie kannten die wahre Urſache ſeines Kummers nicht. Er hatte ſich der Hoff⸗ nung hingegeben, der Guͤrtel habe die Aufmerk⸗ ſamkeit eines Diebes auf ſich gezogen, und die⸗ ſer habe vielleicht, nachdem er ſich ihn zuge⸗ eignet, die Schluͤſſel daran nicht beachtet; der Erfolg des Suchens aber erwies gerade das Ge⸗ gentheil, und eine Wolke der Verzweiflung la⸗ gerte ſich uͤber das Geſicht des Ungluͤcklichen, die der ſtaunenden Menge unbegreiflich war. Schon lange war das Jatra zu Ende, und die Menge hatte ſich verlaufen, und noch tappte der Bramine und ſein Weib unter der Spalte umher, aber die Dunkelheit brach ein, und mit traurigen Mienen gaben ſie das Suchen auf, und giengen nach Hauſe. Hier fand der Bra⸗ mine ſeine Beſorgniſſe gerechtfertigt, denn er ſah das aͤuſſere Thor offen, und den Schluͤſſel ſtecken. Jezt ging er zu ſeinem Goͤtzen;— ſein eiſernes, ſo ſorgfaͤltig bewahrtes Kaͤſtchen, Ind. Serail. II-. 4 2 26 war fort, und in aͤußerſter Verzweiflung warf er ſich auf den Boden nieder. Die erſte Seite des Buches hatte ihn be⸗ lehrt, daß zwei Schluͤſſel Jorhanden ſeyen; nachdem er es daher durchleſen hatte, kehrte er ſogleich in die Hoͤhle auf dem Gharipoori zuruͤck, um den zweiten zu ſuchen, das Finden aber hatte der Beſuch des Juden an dem naͤmlichen Orte un⸗ moͤglich gemacht. Weil er alſo den zweiten Schluͤſſel nicht beſaß, ſo hielt es Donga Sette fuͤr nothwendig, das Buch mit außerordentli⸗ cher Sorgſamkeit zu bewachen, und wuͤrde, waͤre das ungluͤckliche Jatra nicht geweſen, noch viele Jahre im Beſitz deſſelben geblieben ſeyn. Wer mochte wohl jezt das Gluͤck haben, das Buch der Erkenntniß zu beſitzen? welcher Feind hatte ihm dieſes unſchaͤtzbare Kleinod geraubt? und wie ſollte er jezt ohne Geld ſein Leben friſten? Dieſe duͤſtern Gedanken ließen den Braminen die ganze Nacht durch nicht ſchla⸗ fen, und am Morgen lag er in einem Fieber, das ſein Weib mit all ihrer Geſchicklichkeit nicht bewaͤltigen konnte. Man darf nicht glauben, der Bramine haͤtte, ob er gleich wußte, wo die Reichthuͤmer ver⸗ borgen lagen, ohne ſeinen Fuͤhrer(das Buch der Erkenntniß) den angenehmen Ort beſuchen koͤnnen. Er haͤtte zwar leicht zu dem aufge⸗ haͤuften Schatze gelangen koͤnnen, aber umzu⸗ kehren und ſicher wieder herauszukommen, war ohne den Fuͤhrer, das goldene Buch unmdoglich. Die Mittel zum Ausgang aus der Hoͤhle zu 27 finden, war an ſich eine ſchwierige Sache; denn fuͤr jeden Tag war eine andere Art herauszu⸗ gehen vorgeſchrieben, die Regeln und Vorſchrif⸗ ten daruͤber waren ſo verwickelt, und die Tage, an denen die Hoͤhle beſucht werden durfte, ſo ſehr an Sonne, Mond und Sterne gebunden, daß es, wie er wußte, lebensgefaͤhrlich war, ohne das Buch der Erkenntniß den Ort zu be⸗ ſuchen. Der Bramine bereute es, von dem wundervollen Buche keine Abſchrift genommen zu haben, doch troͤſtete er ſich wieder daruͤber, weil er feſt uͤberzeugt war, daß ohne die Ur⸗ ſchrift der Erfolg ungewiß und von kurzer Dauer geweſen ſeyn wuͤrde. 8 Beim Durchleſen des Buches wurde der liſtige Ismael beſtuͤrzt, als er ſah, mit welchen Schwierigkeiten die Beſitznahme des erſehnten Goldes verknuͤpft ſey. Er hatte gemeint, das Buch wuͤrde ihm einen Schatz zeigen, den er alle Tage, wenn es ihm gefiele, beſuchen, und nach Belieben von dem koͤſtlichen Metalle holen koͤnnte; daß Vorſicht oder Kenntniß nothig ſey, um ſich die Ruͤckkehr aus der Hohle zu ſichern, war ihm nie eingefallen. Wie groß war daher ſeine Beſtuͤrzung, als er die verwickelten Vor⸗ ſchriften, die feierlichen Warnungen, und die Mahnung las, kein gutes Werk zu unterlaſſen, ja, daß mit Verderben und Tod gedroht wur⸗ de, wenn er die vielen vortrefflichen Sitten⸗ ſpruͤche zu befolgen vergaͤße, welche in beſon⸗ deren Kapiteln im Buche der Erkenntniß nieder⸗ gelegt waren. 2 2* 28 Auf der erſten Seite ſtand mit großen Buch⸗ ſtaben geſchrieben:—„Wer dieſes Buch be⸗ ſizt, der muß es in einem eiſernen Kaͤſtchen aufbewahren, und beide Schluͤſſel haben.“ Zu⸗ naͤchſt folgte die Angabe der fuͤr den Beſuch der Schatzkammer feſtgeſezten Tage, der Ort des Eintritts und der damit verknuͤpften Schwier ig⸗ keiten, ohne genaue Aufmerkſamkeit auf das Buch den Ruͤckweg anzutreten. Fuͤr jeden Tag war die Summe beſtimmt, welche mitgenom⸗ men werden durfte, mit ſchweren Drohungen gegen den Uebertreter dieſer Vorſchrift. Hier⸗ auf kamen Kapitel uͤber jede einzelne Tugend, welche der Beſitzer dieſes Buches uͤben mußte, um auf dauernden Erfolg rechnen zu koͤnnen. Das erſte Kapitel handelte uͤber die Mild⸗ thaͤtigkeit, eine Tugend, die dem Juden voͤllig fremd war: am Anfange dieſes Kapitels ſtand mit großen Buchſtaben:„Einen Bettler von der Thuͤre zu weiſen, iſt Todſuͤnde.“ Das zweite Kapitelbehandelte die Menſchlichkeit, und ſieng mit den Worten an:„Erbarme dich des Ungluͤcklichen, heile den Verwundeten, tro⸗ ſte die Wittwen, oder dein Gold wird gleich gluͤhenden Kohlen unter deinen Haͤnden werden.“ Das dritte Kapitel handelte uͤber die Ge⸗ duld; das vierte uͤber die Keuſchheit; das fuͤnfte uͤber die Maͤßigkeit; das ſechste uͤber die Redlichkeit; das ſiebente uber die Ehre; und das achte uͤber die Ge⸗ nuͤgſamkeit; alle fiengen mit einem Spruch an, der den Inhalt andeutete. Ismael ſchau⸗ 29 derte beim Durchleſen dieſer Blaͤtter; doch be⸗ ſchloß er, ſein Leben nach dieſen goldenen Re⸗ geln einzurichten, was, meinte er, eine Be⸗ ſchaͤftigung fuͤr die Nebenſtunden abgeben koͤnn⸗ te, und ſeine Aufmerkſamkeit darauf zu rich⸗ ten, wie er in die Hdhle hinein und heraus kaͤme, und an welchem Tage er ſeinen erſten Beſuch machen koͤnnte. Er fand, daß er noth⸗ wendig drei Tage warten muͤßte, legte alſo das Buch in das eiſerne Behaͤltniß, und beſchloß dieſes in eine wohlverwahrte Kiſte. Kaum war er damit fertig, als Alnuſur ihn beſuchte, um ihm zu berichten, wie weit er mit ſeinen an⸗ geblichen Verſuchen wegen des zweiten Schluͤſ⸗ ſels ſey. In der thorichten Meinung, wohl mit einem Schluͤſſel ausreichen zu koͤnnen, bezeugte der Jude kein großes Verlangen nach dem zweiten, und wiederholte ſein Anerbieten einer Belohnung fuͤr ſeine Herbeiſchaffung nicht, woraus Alnuſur ſchloß, er werde ein anderes Mittel gefunden haben, das Kaͤſtchen zu oͤff⸗ nen, und er duͤrfte nun auf keine weitere Be⸗ lohnung hoſſen, Um jedoch ſeinen Verdruß nicht merken zu laſſen, fragte er nachlaͤßig, in wel⸗ cher Sprache das Buch geſchrieben ſey. Eben wollte ihm der Jude daruͤber Auskunft geben, als er ſich mit den Worten unterbrach:„Wie ſollte ich das wiſſen, ehe ich das eiſerne Kaͤſt⸗ chen gedffnet habe?“ „Wohl,“' ſagte Alnuſur;„aber da Du mir geſagt haſt, das Buch enthalte eine Geſchichte der juͤdiſchen Gebraͤuche und Ceremonien, ſo 30 dachte ich, Du wuͤrdeſt vielleicht wiſſen, in wel⸗ cher Sprache es geſchrieben iſt.“ „Was geht das Dich an?“ fragte der Ju⸗ de;„es iſt ſehr wahrſcheinlich in einer Sprache geſchrieben, die Du nicht verſtehſt und nie ler— nen wirſt, und damit Lebewohl, junger Mann.“ „Halt,“ ſagte Alnuſur,„wo iſt die Bude, die Du mir verſprochen haſt?e „Wo iſt der Schluͤſſel?“F entgegnete der Jude. „Schon gut, Meiſter Ismael, Du wirſt es noch bereuen, daß Du Dein Verſprechen nicht haͤltſt: Leb wohl, biedder Ismael!“ Der Jude gab ihm mit der Hand veraͤchtlich ein Zeichen, und Alnuſur verließ das Haus. 3 Jezt ſtieg in ihm der Verdacht auf, das Buch enthalte etwas mehr, als eine Geſchichte der juͤdiſchen Gebraͤuche und Ceremonien, und er fing an, ſich mit Plaͤnen zu tragen, wie er es in ſeine Gewalt bekommen koͤnnte; er wuͤnſchte ſich Gluͤck, daß er einen von den Schluͤſſeln hatte, und beſchloß, den Juden genau zu be⸗ obachten. Der erſte Ort, wohin Ismael ging, war die Wohnung ſeines alten Braminen, bei dem er die Sanscrit⸗Sprache erlernt hatte, und deſſen weitere Belehrung er jezt nachſuchte, um die Vorſchriften im Buche der Erkenntniß zu verſtehen. Auch etwas Aſtronomie war, wie er fand, noͤthig, und von ſeinem wuͤrdigen Leh⸗ rer erwartete er jegliche Unterweiſung darin. Alnuſur ſah den Juden ins Haus des gelehr⸗ ten Braminen gehen, und merkte ſich, wie lange er hier blieb, und als dieſe Beſuche haͤu⸗ 31 figer wurden, beſchloß er, den Grund davon zu erfahren; er ſchlich ſich daher leiſe unter das Fenſter des Hauſes, hoͤrte hier deutlich den Braminen und den Juden ganze Verſe Sans⸗ crit ſingen und herſagen, und vernahm zulezt, wie die Nacht zum Unterricht in der Aſtronomie beſtimmt wurde. Jezt war Alnuſur uͤberzeugt, das Buch der Erkenntniß ſey in der Sanscerit⸗ Sprache geſchrieben, nnd zu ſeinem Verſtaͤnd⸗ niß das Studium des Himmelskoͤrpers unum⸗ gaͤnglich nothwendig, und er beſchloß daher⸗ unter Anleitung eines Braminen, ſich im Sans⸗ crit und in der Aſtronomie zu vervollkommnen. Der Jude, der ein ganzes Jahr ſeinem Studium ſich gewidmet, und nun blos die Ster⸗ ne zu beobachten, und einige veraltete Worte der Sanscrit⸗Sprache zu erlernen hatte, war natuͤrlich im Vortheile gegen Ainäſur, der eine ihm voͤllig unbekannte Sprache und Wiſſfenſchaft zu lernen anfing. Und doch machte der uner⸗ muͤdete junge Mann durch beharrlichen Fleiß ſo⸗ ſtarke Fortſchritte, daß er in weniger als ſechs Monaten ziemlich richtig leſen konnte, und ſo groß war ſein Eifer, daß er keine Zeit zu Be⸗ obachtung des Juden eruͤbrigen konnte, der den Vorſchriften des Buches gemaͤß, die Hoͤhle auf Gharipoori an den beſtimmten Tagen beſuchte, und ſich bedeutende Schaͤtze holte. Unterdeſſen ſuchte Donga Sette ausfindig zu machen, wer ihm ſein eiſernes Kaͤſtchen geraubt habe, deſſen Verluſt ihm ſo ſehr zu Herzen gieng. Man wundert ſich vielleicht, daß er nicht in der Hohle 32 lauerte, um zu ſehen, in weſſen Haͤnden gegen⸗ waͤrtig das Buch ſich befinde; allein Donga Sette ging wirklich einigemale nach Gharipoori, und hielt ſich mit wahrer Braminen⸗Geduld Stunden lang hinter einer jener gigantiſchen Figuren verborgen, die ſich hiezu vortrefflich eigneten, aber waͤhrend dieſer ganzen Zeit lag der Jude ſeinem Sanscrit und der Aſtronomie ob, weil er dieſe vollkommen erlernen wollte, ehe er einen Beſuch in der Schatzkammer wagte, und ſo wurde Donga Sette des langen fruchtloſen Wartens muͤde, und vergrub ſich in dumpfem Schweigen in ſeinem Hauſe. Weil der Verluſt des Buchs der Erkenntniß Tag und Nacht ſeine Gedanken beſchaͤftigte, ſo iſt es nicht zu ver⸗ wundern, daß er eines Nachts davon traͤumte. Er ſah Bhavanee, die Gattin des Gotts Ma⸗ hadeo*) am Juße ſeines Lagers ſtehen; drei⸗ 7 mal rief ihn die Goͤttin beim Namen, befahl ihm, in den großen Tempel von Jaggernaut zu Oriſſa zu wallfahrten, und belehrte ihn, wel⸗ che Opfer er dem Goͤtzen vor dem Ablauf eines Monats zu bringen habe, nach deſſen Verfluß er nicht nur erfahren ſollte, wer gegenwaͤrtig im Beſitz des Buchs der Erkenntniß ſey, ſon⸗ dern auch, wie er es wieder bekommen koͤnnte. Als dieſes Traumgeſicht ihm drei Naͤchte hin⸗ ter einander erſchien, theilte Donga Sette ſei⸗ nem Weibe ſeinen Entſchluß mit, den Befehlen der Goͤttin Bhavanee zu folgen, und die lange *) Der Jupiter Genitor der Hindu's. 5⁵ Reiſe underzuͤglich anzutreten. Vergebens ſtellter ihm das arme Weib die große Entfernung und die Gefahren einer ſolchen Reiſe vor, um ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen;— ihr Gatte war entſchloſſen, der Goͤttin, die ihn einer dreimaligen Erſcheinung gewuͤrdigt hatte, zu gehorchen, und trat wirklich die Wallfahrt an. Ismael, der immer von dem Braminen belauſcht zu werden befuͤrchtet hatte, wenn er die Hoͤhle beſuchte, erfuhr mit Vergnuͤgen, daß⸗ Donga Sette eine lange Reiſe angetreten ha⸗ be, auf der er einige Zeit zubringen werde, ſo daß er nun im ungeſtoͤrten Beſitze des gro⸗ ßen Schatzes auf Gharipoori waͤre. Der Jude gebrauchte die Liſt, nie daſſelbe Boot zweimal⸗ zu miethen, auch nahm er nur einen Boots⸗ mann, der in Verbindnng mit ihm ſelbſt, hin⸗ reichte, ihn ſicher auf die Inſel uͤberzuſetzen. Da Ismael das Buch der Erkenntniß und die Mittel, in der Hohle ein⸗ und auszukom⸗ men jezt vollig verſtand, ſo beſuchte er ohne Bedenken den Ort, wo der Schatz verwahrt lag, und ließ ſich nicht traͤumen, daß ſeine Schritte genau von Alnuſur beobachtet wurden, der, des Sanscrit nun vollig kundig, ſeine Plaͤne in Aus⸗ fuͤhrung zu bringen begann. Stunden und Tage lang lauerte Alnuſur, die Blicke auf die Thuͤre des Juden gerichtet, und⸗ folgte oft dem alten Israeliten von einem Winkel der Inſel Bombay zum andern. Endlich ſah er ihn⸗ am Meeresufer, in der Naͤhe des Derfes Ma⸗ zagaum, wo der Inde einem Bootsmann winkte., 34 mit dem er Einiges ſprach; bald ſtieß ein Boot an's Land, der Bootsmann druͤckte durch Zei⸗ chen ſeine Bereitwilligkeit aus, und vorſichtig ſtieg der Jude an Bord. Nachdem Ismael ſich im Boote geſezt hatte, ergriff er ein Ru⸗ der, und fuͤhrte dieß mit einer Geſchicklichkeit, welche Alnuſur uͤberzeugte, daß dieß nicht ſein erſter Verſuch ſey. Der Himmel war hell, und geſtattete eine freie Ausſicht auf alle Inſeln im Hafen. In aͤngſtlicher Erwartung verfolgte Alnuſur das Boot mit den Augen bis an die Inſel Deva Devi, und glaubte, er wolle hier „ landen, aber bei genauerem Hinſehen bemerkte er, wie das Fahrzeug um eine Landſpitze bog, und gegen Gharipoori ſteuerte, wo es anzulegen. ſchien. Alnuſur hatte viel von der beruͤhmten Hoͤhle auf Elephanta— wie die Portugieſen die Inſel nennen— gehdrt, und es wurde ihm jezt wahr⸗ ſcheinlich, daß hier ein Schatz verborgen liege, zu dem der Jude durch das Buch der Erkennt⸗ niß den Weg gefunden habe. Er hielt es in⸗ deſſen nicht fuͤr klug, die Ruͤckkehr des Juden abzuwarten, und gieng alſo nach Hauſe. Nach⸗ dem er viele Plane, den Juden in der Hohle zu belauſchen, entworfen hatte, beſchloß er zu⸗ lezt, weil er nicht wußte, wenn dieſer ſeinen naͤchſten Beſuch machen wuͤrde, am folgenden Morgen in der Fruͤhe nach Gharipoori uͤber⸗ zuſetzen, und die Hohle in Augenſchein zu neh⸗ men; er wollte dann ſeine Wohnung in dem kleinen Dorfe am Fuße des Berges aufſchlagen, 3⁵ ein wachſames Auge auf die Ankunft des Is⸗ raeliten haben, und wenn dieſer den Berg be⸗ ſtiege, ſich in einer Niſche in der Hohle ver⸗ bergen, von der aus er jede Bewegung des vor⸗ ſichtigen Juden beobachten koͤnnte. Sobald der Morgen daͤmmerte, wurde dieſer Plan ausge⸗ fuͤhrt, und die Sonne ſtand noch nicht hoch, als Alnuſur ſchon die Inſel erreicht hatte, und den Bootsmann entließ. Schnell ſtieg er den Berg hinan, die merkwuͤrdige Hoͤhle zeigte ſich ſeinen erſtaunten Blicken, und er ſtand in Schauen und Bewunderung verloren. Mit unbeſchreib⸗ licher Freude, weil er ſich in der Naͤhe des Or⸗ tes ſah, der, wie ſeine Einbildung ihm vor⸗ ſpiegelte, unermeßliche Schaͤtze enthielt, eilte Alnuſur in die Hohle, als haͤtte er geglaubt, ſeine Gegenwart werde wie ein Zauberſchlag die Thore des Reichthums oͤffnen— ſiehe! da ent⸗ eilte eine große Schlange von furchtbarem Um⸗ fange ihrem dunkeln Verſtecke, hob ziſchend den ſcheußlichen Kopf, und ſchluͤpfte uͤber den Weg in eine finſtere Hohle auf der entgegengeſezten Seite. Der beſtuͤrzte Alnuſur, dem kalter Schweiß von der Stirne traͤufelte, eilte ſchnell zuruͤck, und dankte Allah fuͤr ſeinen Schutz in dieſer gefaͤhrlichen Lage. Der Aberglaube uͤbte in dieſen Zeiten noch großen Einfluß auf Leute aller Klaſſen, jedes Standes und Glaubens; deßwegen betrachtete Alnuſur das Erſcheinen. der grauenerregenden Schlange als Vorbedeutung einer ihm drohendim Gefahr, und gab einige 36 Zeit alle Plaͤne auf, ſeine Unterſuchung weiter zu verfolgen. Allein nachdem er in ſein Dorf zuruͤckgekehrt war, erwachten ſeine fruͤheren Begierden und ſein heißer Gelddurſt in voller Staͤrke wieder, und er ſuchte jeden Gedanken an Gefahr ſich aus dem Sinne zu ſchlagen.„Dem Juden,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„hat die Schlange nichts zu Leide gethan, warum ſollte denn ich mich fuͤrchten? Morgen will ich die Hoͤhle noch ein⸗ mal unterſuchen.“ Nicht ohne inneres Grauen, noch etwas Furchtbareres zu erblicken, als er Tags zuvor geſehen hatte, beſtieg Alnuſur lang⸗ ſam den Berg mit einem tuͤchtigen Knittel ver⸗ ſehen, mit dem er ſich gegen Schlangen und andere Ungeheuer vertheidigen wollte. Dießmal jedoch konnte er ungeſtoͤrt eintre⸗ ten. Er war in die Mitte der Hoͤhle gekom⸗ men, er war die einzige einzige lebende Seele an dieſem Orte; ringsum tiefe Stille, von allen Seiten erhoben ſich zahlreiche Bildſaͤulen von coloſſaler Groͤße, deren furchtbare Zuͤge, von geſchickten Kuͤnſtlern gebildet, zuͤrnend auf ihn herabzublicken ſchienen. Da wandelte Alnuſurn wieder ein Grauen an, er ſtand zitternd, und wagte es nicht, die Augen aufzuſchlagen. Doch zulezt uͤberzeugte er ſich, daß bier keine Ge⸗ fahr mehr ſey, nahm ſeinen Stock auf, und trat gegen den dreigeſtaltigen Gott vor, der dem Eingang gegenuͤber ſtand. Er ſuchte oben und unten, aber keine Oeffnung oder Thuͤre war zu finden. Das Einzige, was er jezt thun 37 konnte, war— die Ankunft des Juden abzu⸗ warten, und um ihm nicht in den Weg zu kom⸗ men, beſchloß er, ins Dorf zuruͤckzugehen, und geduldig ſeiner zu harren. Er kehrte um, und ging an der furchtba⸗ ren Reihe der rieſenhaften Bildſaͤulen voruͤber, die er ſich jezt genau beſah. Einige trugen Hel⸗ me, andere reich verzierte Kronen, und vielen wanden ſich Schlangen um die Arme, die aus ihren ungeheuern Koͤrpern wuchſen. Die Ge⸗ ſichter dieſer Geſtalten in ſchreckliche, grauen⸗ hafte Formen verzerrt, floͤßten dem jungen Man⸗ ne eine unbeſchreibliche Furcht ein, und ſchnell enteilte er der Staͤtte. Viele Tage harrte Alnuſur vergebens des alten Ismael, kein Boot naͤherte ſich der In⸗ ſel, ſeit er hier ſeine Wohnung genommen hatte. Endlich erſpaͤhete er eines Morgens ein Fi⸗ ſcherboot mit zwei Maͤnnern, in deren einem er deutlich den erſehnten Juden erkannte.— Nachdem er ſich uͤberzeugt hatte, daß es wirk⸗ lich Ismael war, eilte er mit ſeinem furchtha⸗ ren Pruͤgel bewaffnet, den Berg hinan in die Hoͤble, und erſah ſich einen Schlupfwinkel, von wo aus er ungeſehen die Bewegungen des Is⸗ raeliten beobachten konnte. In dieſer Abſicht veebarg er ſich hinter die koloſſale Bildſaͤule des dreigeſtaltigen Gottes, dem Eingang der Hoͤhle gegenuͤber. Von hier aus konnte er den gan⸗ zen Platz uͤberſehen, und zweifelte nicht an einem gluͤcklichen Erfolge. 3³ Noch nicht lange hatte er in ſeiner Niſche geſtanden, als ſich langſame, vorſichtige Fuß⸗ tritte naͤherten. Es war der behutſame Gang des Juden Ismael, der ſich eines von den ko⸗ loſſalen Bildſaͤulen naͤherte, welche, von der Felſenwand der Hoͤhle entfernt, auf einer run⸗ den ſteinernen Platte ſtand, die ſechs Fuß im Umfang haben mochte. Der Jude ſtand ſeit⸗ waͤrts gegen Alnuſur, ſo daß dieſer alles ſehen konnte, was der Jude vernahm. Dieſer holte unter ſeinem Mantel ein kleines rundes Stuͤck⸗ Holz hervor, ungefaͤhr einen Fuß lang, und druͤckte es gegen den Nagel der Zehe am rech⸗ ten Fuße der Bildſaͤule. Dieſe gab dem Drucke nach, und Alnuſur ſah die Bildſaͤule mit ihrem Fußgeſtell langſam zuruͤckweichen, ſo daß eine Oeffnung ſichtbar wurde, in welche der Jude hinabſtiege Sobald er verſchwunden war, ſprang das Bild durch einen ploͤtzlichen Ruck wieder an ſeinen vorigen Platz, ohne daß von der Verruͤ⸗ ckung etwas zu bemerken geweſen waͤre. Geduldig wartete Alnuſur in ſeinem Verſte⸗ cke, bis er die Bildſaͤule ſich wieder bewegen ſah und der Jude mit einem wohlgefuͤllten Beu⸗ tel zum Vorſchein kam. Durch einen Druck auf die Zehe des linken Fußes trat das Bild wieder uͤber die Oeffnung, und Alles war wie⸗ der wie zuvor. Der Jude befuͤhlte ſeinen Beu⸗ tel und ſagte laut:„der waͤre in Sicherheit, morgen will ich auch ſeinen Kameraden holen. Bis dahin lebe wohl, liebe Bildſaͤule! Nachdem er ziemlich lange gewartet und nun a. 39 gewiß ſeyn konnte, daß der Jude nicht mehr zuruͤckkaͤme, trat Alnuſur hinter dem dreige⸗ ſtaltigen Goͤtterbilde hervor, ergriff ſeinen Stock, den er an einem paſſenden Ort verſteckt hatte, und druͤckte, wie er es von dem Juden geſehen hatte, gegen die Zehe des Bildes. Zu ſeiner Freude wich die Platte zuruͤck, und der junge Mann erblickte eine ſchmale ſteinerne Treppe, die er ſchnell hinabſtieg— zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen ſchloß ſich die Platte wieder von ſelbſt, und zwar mit einem ſo heftigen, ploͤtzlichen Sto⸗ ße, daß die Stufen unter ihm erſchuͤttert wurden. Nachdem er die Treppe hinabgekommen, trat Alnuſur, bei dem Scheine eines Lichtes, von dem er nicht wußte, woher es kam, auf einen unebenen Boden, der mit dreieckigen Stei⸗ nen belegt war, an welchen er ſeine Fuͤße wund ſtieß, und daher nach einem bequemen Stand⸗ orte ſich umſah. Nach und nach befreundete er ſich mit dem Lichte der Hoͤhle, und ſah, daß der unebene, ſteinigte Boden ſich noch viele Ellen weit hinziehe, jenſeits aber war ein wohl gepflaſterter Platz, auf welchem Silber⸗Barren, alte Muͤnzen, goldene Ringe und Kleinodien in Haufen lagen, aber die Mengeder Kupfermuͤnzen, welche zahlreich umher⸗ lagen, machten dem entzuͤckten Alnuſur Erſtaunen. Es waren auch Beutel mit Edelſteinen und goldenen Muͤnzen zu ſehen, deren Anblick das Auge blendte. Als Alnuſur einen Haufen kleiner Goldrupien entdeckte, zaͤhlte er uͤber zehntauſend davon ab, und ſteckte dieſe in einen 40 langen ſchmalen Beutel, den er um den Leib trug, und ſchickte ſich an, den Ort zu ver⸗ laſſen. Er ſtieg die ſchmalen Stufen mit Muͤhe hinan, da dieſe uneben waren und kein Gelaͤn⸗ der hatten, welches den Sturz auf dem Bo⸗ den ſichern konnte. Auf der oberſten Stufe angelangt, wartete er geduldig, ob es dem Bil⸗ de nicht gefaͤllig waͤre, ihn hinaustreten zu laſſen; allein die Oeffnung blieb verſchloſſen, und alle ſeine Verſuche, hinaus zu kommen, waren vergeblich. Er unterſuchte den untern Theil der Platte, die, wie er fand, mit ehrnen. Knaͤufen von verſchiedener Groͤße geziert war. In der Mitte befand ſich eine Platte von El⸗ fenbein, und auf dieſe war folgender Vers in⸗ der Sanscritſprache eingegraben: Wenn Du Dir nicht zu helfen weißt, So ſuch⸗das Buch bes Wiſſens zu ergründen, Ob es zur Flucht Dir einen Ausweg weist, Lies nur das Buch, gewiß Du wirſt ihn finden. „Es iſt alſo das Buch der Erkenntniß, durch das es dem Juden gelingt“— rief Alnuſur, „waͤhrend ich Ungluͤcklicher ſo unklug war, ohne ſolchen Fuͤhrer dieſen Ort zu beſuchen, und jezt mich eingeſchloſſen ſehe.“ Gluͤcklicher Weiſe hatte er den Juden ſagen gehoͤrt, er wolle am folgenden Tage wieder kommen. Seine Gefangenſchaft konnte alſo nicht lange dauern, doch war der Gedanke, daß ihn der Jude hier finden und erfahren ſollte, daß er um das Geheimniß wiſſe, ſehr aͤrgerlich fuͤr Alnuſur, der ſich geſchmeichelt hatte, mit einer 41 Vorſicht und Liſt zu Werke gegangen zu ſeyn, welche ſelbſt die des Juden uͤbertraͤfe. Alnuſur hielt es fuͤr rathſam, ſich ſtill zu verhalten, bis Ismael die Bildſaͤule wegruͤcken wuͤrde, dann wollte er ſich ſo ſchnell davon ma⸗ chen, daß der Jude nicht erfahren ſollte, wer es geweſen, der ſein Gebeimniß entdeckt habe. Traͤge ſchlich die Zeit hin, ſchrecklich war die, wie es ſchien, endloſe Nacht, und Alnu⸗ ſur muͤde, ehe die Zeit gekommen war, wo er den Juden erwarten durfte. Alles war ſtill, wie das Grab, kein Laut begruͤßte das Ohr des aͤngſtlich Harrenden. Kam der Jude nicht, blieb er wochenlang aus, ſo wartete ſeiner ein ſchrecklicher Tod, denn ohne Ismaels Huͤlfe konnte er, wie er wohl ſah, unmbglich aus der Hoͤhle kommen.— Endlich ſah Alnuſur, deſſen Blicke beſtaͤndig auf die mekallene Platte uͤber ihm, welche das Eingangsthor zu der Hoͤhle bildete, gerichtet waren, dieſe langſam zuruͤckweichen und zwei hagere Beine, die er fuͤr die des alten Ismael erkannte, vorſichtig nach der erſten Stufe ſu⸗ chen. Jezt war es Zeit, zu verhuͤten, daß das fatale Thor ſich nicht uͤber ihm ſchloͤße, und ihn dem Juden in die Haͤnde lieferte. Alnuſur ergriff daber ſeinen Pruͤgel, rannte die Treppe hinauf, ehe der Jude auf die dritte Stufe gekommen war, und warf in der Haſt, ſeinen Knittel zwiſchen die Platte und die Oeff⸗ nung einzuſchieben, die ſich ſelbſt wieder ge⸗ ſchloſſen haͤtte, den beſtuͤrzten Juden uͤber den 42 Haufen, der ausglitt, und in die Tiefe hinab⸗ ſtuͤrzte, waͤhrend zu Alnuſurs Schrecken der Stock(den er geſchickt eingeſteckt zu haben glaub⸗ te, um das Schließen des Thores zu verhin⸗ dern) von dem Gewicht der koloſſalen Bildſaͤule uͤber der Platte und der ungeheuern Kraft der hier angebrachten Feder zerknickt wurde, ſo daß er wieder eingeſchloſſen war, wenn gleich nicht mehr allein. Alnuſurs Aufmerkſamkeit wandte ſich jezt auf den hinabgeſtuͤrzten Juden, der jaͤmmerliche Klagetoͤne hoͤren ließ und um Huͤlfe rief. „Wer biſt Du?“ fragte er,„der Du den Weg hieher fandeſt, und einen Argloſen mor⸗ veſt, dem allein dieſer Platz zugehoͤrt.“ „Morden!“ rief Alnuſur,„das moͤge Allah verhuͤten! Stehe auf Meiſter Ismael, ich bitte Dich. „Ha!“ rief erſtaunt der Jude,„dieſe Stimme ſollte ich kennen. Sage mir, iſt es Alnuſur, der hier ſpricht?“ „Ja, guter Ismael.“ „Ach! haͤtteſt Du mich lieber in dem Reis⸗ feld erſticen laſſen, als mich hier hinabzuſuͤr⸗ zen und zu morden.“ „Morden! Ismael! wie meinſt Du das 2˙ ⸗Ich meine, junger Mann, daß Du an meinem Tode ſchuldig biſt. Ich bin auf einen ſpitzen Stein gefallen, meine Hirnſchale iſt ver⸗ lezt, komm und ſiehe.“ Alnuſur that dieß, und ſah zu ſeinem Schre⸗ cken den Kopf des Ungluͤcklichen mit Blut be⸗ 45 deckt, das er nicht zu ſtillen vermochte. Aus Schmerz daruͤber, Ismael in dieſem beklagens⸗ werthen Zuſtande zu ſehen, der ſein Werk war, ſtand er einige Zeit regungslos, bis es ihm einfiel, wenn der Jude ſtuͤrbe, ehe er von ihm erfahren haͤtte, wie er aus der Hoͤhle entkom⸗ men koͤnnte, ſo waͤre ihm ſelbſt der Tod ge⸗ wiß; immer kuͤrzer und kuͤrzer hoͤrte er den Athem des Juden gehen, er bat ihn daher, ihm zu verzeihen, da er unſchuldiger Weiſe die Urſache ſeines Todes ſey, und erklaͤrte ihm, wie er durch ſeine Eile, den Schluß der Thuͤre zu ver⸗ hindern, an ihn gerathen ſey, ohne etwas Boͤ⸗ ſes gegen ihn im Sinne zu haben. Zum Zeichen der Vergebung reichte ihm Is⸗ mael die Hand und ſagte:„Junger Mann, es war meine eigene Schuld, mein Ungehorſam gegen die Vorſchriften des Buchs der Erkennt⸗ niß, was dieſes Ende uͤber mich gebracht hat, Du biſt nur das Werkzeug in der Hand des Schickſals, und nicht vergebens hat es Dich dazu auserſehen. Fliehe dieſen Ort, und be⸗ tritt ihn nie wieder, ohne das Buch der Er⸗ kenntniß zu beſitzen, leicht iſt der Eingang, aber ſchwierig der Ruͤckweg.“ „Sage mir, mein lieber Ismael,“ verſezte Alnuſur,„wie ich aus der Hohle entkommen mag, ſage mirs um Deiner ſelbſt willen; die friſche Luft kann Dich wieder beleben, Du wirſt Dich wieder erholen.“ „Wie Du willſt,“ ſagte gelaſſen Ismael, „„richte mich dann auf, und wenn Du auf die 44 oberſte Stufe gelangt biſt, ſo druͤcke gegen den ſiebenten Knauf an der Metallplatte. Dreizehn⸗ mal mußt Du dieß thun, ſo wird er los wer⸗ den und Dir in die Hand fallen; nimm den kleinen runden Stab hier und ſtecke ihn in das Loch, das der eherne Knauf einnahm; er wird genau paſſen; druͤcke ſtark aufwaͤrts, faſſe den erſten, den vierten und den zehnten Knauf; drehe ſie einmal rechts, und die große Platte von Ebenholz zu Deiner Linken zweimal links; druͤcke ſtark mit dem runden Stab und— ˙ wei⸗ ter konnte er nicht mehr ſprechen; ſein Leben war beinahe erloſchen, und durch das Sprechen ermuͤdet, ſank er zuruͤck. Alnuſur nahm den beinahe lebloſen Koͤrper auf, und ſtieg die Treppe hinan. Er brauchte ſo lange Zeit, die Knaͤufe los zu machen, und war ſo in Furcht, der Jude moͤchte ſterben, oder es ihm nicht gelingen, die Platte wegzuſchieben, daß er nur mit vieler Muͤhe den bewußtloſen Ismael auf der gefaͤhr⸗ lichen Treppe erhalten konnte, und alle Augen⸗ plige erwartete, ihn wieder in die Tiefe hinab⸗ gleiten zu ſeben. Endlich wich zu großer Freude Alnuſurs die gewichtige Bildſaͤule ſeinem Drucke, er ſezte den metallenen Knauf wieder ein und kam, den armen Juden in ſeinen Armen, gluͤcklich aus der Hoͤhle. Um die Oeffnung zu ſchließen, that er daſſelbe, was Tags zuvor Ismael, er druͤckte naͤmlich gegen den linken Zehen des Fußes der Bildſaͤule, und Alles ging nach Wunſch. Die 45 Sorge um den Juden war jezt ſein einziger Gedanke. Er nahm ihn auf ſeine Arme und trug ihn an die feiſche Luft. Gerade wehte ein erfriſchender Wind von der See her, und dieſer ſollte, wie er hoffte, den Verwundeten wie⸗ der ins Leben rufen. Allein das Blut floß immer noch ſtark, und beſinnungslos lag der Jude. Alnuſur faͤchelte ihm Kuͤhlung zu und oͤffnete ſein Kleid, daß der Wind ihn erfriſchen konnte, aber Alles vergebens— der Jude wand ſich convulſiviſch, verdrehte graͤßlich die einſt liſti⸗ gen, blitzenden Augen, die jezt die kalte Hand des Todes umnachtete, verſuchte zu ſprechen, roͤchelte, und war nicht mehr. Mit Schrecken blickte Alnuſur auf den Leichnam vor ihm, er nannte ſich ſeinen Moͤrder und verfluchte ſein unſeliges Geſchick, das ihn zu dem Schatze ge⸗ fuͤhrt hatte. Da fiel ihm die Erſcheinung der Schlange wieder ein. „O Thor, der ich war,“ ſagte er,„daß ich durch den furchtbaren Anblick mich nicht war⸗ nen ließ, o! waͤre ich auf immer von der Inſel geflohen, ſo wuͤrden jezt nicht ſolche quaͤlende Gedanken mich beſtuͤrmen!“ Aber es waren nicht nur Vorwuͤrfe des Ge⸗ wiſſens, welche Alnuſur peinigten, er fuͤrchtete, als der Morder des Juden angeklagt zu wer⸗ den, Flucht ſchien ihm alſo das einzige Mit⸗ tel, dieſer Beſchuldigung zu entgehen, doch war es nicht moͤglich, zu jeder Stunde des Tages Gharipoori zu verlaſſen. Das Boot, in wel⸗ chem Ismael gekommen war, war das einzige, 46 das man haben konnte, aber dem Bootsmann ſich zu zeigen und von ihm die Ueberfahrt nach Bombay zu verlangen, waͤre Wahnſinn geweſen. Denn fuͤrs Erſte wuͤrde es der Mann abgeſchla⸗ gen haben, weil er von dem Juden gedungen war und auf dieſen wartete, und fuͤrs Zweite wuͤrde dieß nur als Beweis gegen ihn gedient haben, wenn er als Moͤrder des Juden ange⸗ klagt wurde. uUnſchluͤſſig, was zu thun waͤre, uͤber den Leichnam hingebeugt zu bleiben, war ſehr un⸗ klug, und Alnuſur trat daher auf die Seite; indem glaubte er etwas Glaͤnzendes aͤn dem Halſe des Todten zu bemerken, er kehrte alſo wieder zuruͤck und fand bei naͤherer Unterſu⸗ chung das vollkommene Seitenſtuͤck zu dem Schluͤſ⸗ ſel zum eiſernen Kaͤſtchen, das er ſo vorſichtig dem Juden vorenthalten hatte. Er glaubte nun auch das Kaͤſtchen leicht in ſeine Haͤnde bekommen zu koͤnnen, und nahm dem Juden den Schluͤſſel ab, damit Niemand ſonſt ihn ſich aneignen und benuͤtzen koͤnnte, und. weil es ihm gut duͤnkte, zwei Schluͤſſel zu beſitzen, auf den Fall, daß er einen verlieren oder verlegte. Sonſt trug der Jude wenig von Werth an ſich, und waͤre dieß auch der Fall geweſen, ſo haͤtte ſich Alnuſur ein Gewiſſen daraus gemacht, es zu beruͤhren. Jezt, im Beſitze des Schluͤſſels, war Alnuſur damit beſchaͤftigt, wie er entfliehen, und allen Verdacht, daß er am Tode des Ju⸗ den Schuld ſey, entfernen moͤchte. Er ſtieg den Berg hinab, Niemand kam ihm in den 47 Weg; in der Ferne erblickte er den Boots⸗ mann, der, unbekannt mit den Ereigniſſen in der Hoͤhle, im Hintertheile ſeines Fahrzeugs ſchlummerte, und geduldig die Zeit verſchlief, bis ſein Mann zuruͤckkaͤme. Alnuſur, der glaubte, der Mann ſey nicht ſo ſchlaftrunken oder ſo weit entfernt, daß er ſeine Stimme nicht ho⸗ ren koͤnnte, rief ihm die Worte zu:„Um Al⸗ lah's Willen, komm in die Hoͤhle herauf, es wollte ein Mord begangen werden. Zu Huͤlfe! zu Huͤlfe, Schiffer! eile, ich bitte Dich, oder er ſtirbt.“ So angerufen richtete der Bootsmann ſich auf, blickte wild um ſich, ſprang aus dem Fahr⸗ zeug, und eilte auf Alnuſur zu, der ſchnell auf einem andern Weg an das Geſtade hinab⸗ ſtieg, in das Boot ſprang, die Ruder ergriff und vom Lande ſtieß. Drittes Kapitel. Lange konnte Alnuſur nicht mit ſich einig werden, wohin er ſteuern ſollte. Fuhr er nach Bombay, ſo wuͤrde er dort von den Schiffern angehalten, und zur Rechenſchaft gezogen wor⸗ den ſeyn, wie er zu dem Boote ihres Kamera⸗ den komme, und dieß haͤtte Veranlaſſung gege⸗ ben, ihn feſt zu nehmen. Nach langem Sin⸗ 46 nen wandte er ſein Boot gegen die Kuͤſten des Marattenlandes; Panwell, wo er viele Boote erblickte, vermied er, und ſteuerte gegen Sal⸗ ſette, bis das Waſſer ſeicht wurde, dann ſprang er aus dem Schiff, uͤberließ dieſes den Wellen und ſchwamm ans Ufer. Auf Umwegen erreichte er Panwell zu Fuße, und gab ſich fuͤr einen Reiſenden vom Dekan aus. Es waren gerade keine Fahrzeuge da, die nach Bombay giengen, weil damals die Verbin⸗ dung zwiſchen dieſer Inſel und dem Maratten⸗ Land geſtoͤrt war. Nachdem er zwei Tage ge⸗ wartet, gieng ein Schiff mit Brennholz nach Bombay, und auf dieſem erhielt Alnuſur einen Platz. Als ſie an der Inſel Gharigoori voruͤber⸗ kamen, ſah der Tindal des Schiffes zu ſeinem Erſtaunen am Landungsplatze auf der Inſel eine Menge Leute verſammelt, welche das Schiff laut begruͤßten und zugleich mit weißen und rothen Tuͤchern winkten, um dadurch die Auf⸗ merkſamkeit rege zu machen, wenn man ihr Ru⸗ fen nicht hoͤren ſollte. Der Tindal war neu⸗ gierig, die Urſache zu erfahren, warum man ſo ſehr einen Platz auf ſeinem Schiffe wuͤnſche; er ſteuerte daher dem Landungsplatze zu, ſprang in einen Kahn, und miſchte ſich unter die Menge am Ufer. Alnuſur wußte die Urſache des Ru⸗ fens wohl, beobachtete aber natuͤrlich ein tiefes Schweigen. „Allah ſey gelobt!“ ſagte ein bejahrter Mu⸗ hamedaner zu dem Tindal,„Allah ſey gelobt, daß 49 daß Du hier poruͤber kommſt. Ein armer Jude iſt ſchaͤndlicher Weiſe von dieſem ſchurkiſchen Schiffer aus Bombay ermordet worden, der in dieſer verruchten Abſicht ſein Boot verließ, aber die Fluth hat es weggeſchwemmt, und ſo iſt er uns zum Gluͤcke in die Haͤnde gerathen. Du mußt ihn ſammt dem Leichnam nach Bombay bringen, wo der Schurke, wie ich hoffe, un⸗ verzuͤglich aufgeknuͤpft werden wird. Der Tin⸗ dal feilſchte um den Preis fuͤr die Ueberfahrt des Gefangenen, und als dieß im Reinen war, for⸗ derte er das Doppelte fuͤr den Leichnam des ungluͤcklichen Ismael, wozu ſich auch die Inſel⸗ Bewohner verſtanden, froh genug, um jeden Preis deſſelben los zu werden. 0 Alnuſur, der hinlaͤnglich ſicher zu ſeyn und den Leichnam des armen Ismael nie wieder ſe⸗ hen zu duͤrfen geglaubt hatte, war nun in nicht geringer Verlegenheit, als er ſah, daß der Tin⸗ dal ihn auf das Schiff brachte, und neben ihm niederlegte. Mehrere der Reiſenden beſchwerten ſich hieruͤber, allein der Tindal hatte nun ein⸗ mal mit den Maͤnnern auf Gharipdori abge⸗ ſchloſſen, und konnte ſein Wort nicht brechen. Wenn errfreilich gewußt haͤtte, daß der Leich⸗ nam bereits in Faͤulniß uͤbergegangen war, ſo haͤtte er ihn wohl nicht an Bord genommen. Nun kam der Gefangene in ſchweren Ketten, die man ihm ſogleiich angelegt hatte, ais man ihn feſtnahm. Alnuſur harte großes Bedauern mit dem Angluͤcklichen, den er an dem ihm zur Laſt gelegten Verbrechen voll ig unſchuldig wußte; Ind. Serail. III. 50 kaum wagte er es, ihm ins Geſicht zu blicken, und war nicht weit davon entfernt, ſeine Un⸗ ſchuld oͤffentlich darzulegen. Indeſſen bemuͤhte er ſich, den Armen zu tröſten, der mit Thraͤ⸗ nen in den Augen nichts von dem Morde zu wiſſen, und den Leichnam vor der Hͤble gefun⸗ den zu haben verſicherte Alnuſur war der einzige, der ibm Glauben beimaß, die uͤbrigen von der Reiſegeſellſchaft verlachten oder ſchmaͤlten ihn, und alle legten Hand an die Ruder, um ſo bald als moͤglich des unangenehmen Geruches, der von dem Leich⸗ nam aufſtieg, los zu werden. Sie ſangen und ſcherzten, bis das Schiff in Bombay anlangte, wo der Gefangene der Polizei uͤbergeben, und Ismaels Gattin von dem traurigen Ereigniß in Kenntniß geſezt wurde. Aufrichtig beweinte das gute Weib den Tod ihres Mannesn, ließ ihn beerdigen, und ſchloß ſich drei Tage ein, waͤhrend deren ſie ſich Niemanden zeigte. Es war Alnuſurn ſehr unangenehm, daß er den ungluͤcklichen Schiffer ins Gefaͤngniß abfuͤhren ſehen mußte, wo er bleiben ſollte, bis eine Art Unterſuchung angeſtellt wuͤrde, was aber nicht ſelten Monate lang aufgeſchoben wurde, bis es den portugieſiſchen Obern gelegen war. In⸗ deſſen beſchloß er, den armen Gefangenen mit Geld zu unterſtuͤtzen, wodurch er, wie er nicht zweifelte, leicht ſeine Losſprechung erkaufen koͤnnt e, und fuͤr jezt beſchaͤftigte er ſich mit an⸗ dern Gegenſtaͤnden.“ Er hoͤrte, die Wittwe des Juden bleibe in ihrem Kummer ver ien zu chanſe⸗ n 51 und wagte es, unter dem Vorwande, ſie zu troͤſten, ſie zu beſuchen. Nachdem der raͤthſel⸗ hafte Mord ihres Gatten beſprochen war, fragte Alnuſur, ob ſie im Sinn habe, in dieſem Hauſe zu bleiben, worauf ſie erwiederte, ſie ſey ge⸗ ſonnen, die Effekten ihres verſtorbenen Gatten zu verkaufen, und dann zu ihrer Schweſter nach Surat zu ziehen. Alnuſur bemerkte, ſie mochte ihm den Tag beſtimmen, an welchem die Ver⸗ ſteigerung Statt faͤnde, weil er einiges Geraͤthe zu kaufen wuͤnſche, das er ſich ſchon lange ge⸗ wuͤnſcht habe. Die Juͤdin nannte ihm den Tag, den ſie oͤffentlich bekannt machen laſſen wollte, damit Jedermann kominen und ſich waͤhlen koͤnn⸗ te, was ihm gefiele. Dann verabſchiedete ſich Alnuſur von der ungluͤcklichen Wittwe und ver⸗ ſprach, bei der Verſteigerung ſich einzufinden. Es war damals Sitte, wenn man irgend etwas verkaufen wollte, ſeine Nachbarn einzu⸗ laden. Derjenige, welcher bei dem Verkaufe am meiſten Intereſſe hatte, leitete das Ganze, und uͤberlieferte den Kaͤufern die Artikel, ſorgte auch dafuͤr, daß kein eiliger Handel abgeſchloſ⸗ ſen wurde, ſondern ſuchte es ſo lang als moͤg⸗ lich in die Laͤnge zu ziehen, in der Hoffnung, ein anderer Liebhaber mochte noch mehr bie⸗ ten. So ſah, man an dem Tag, wo Ismaels Hinterlaſſenſchaft verſteigert wurde, die Juͤdin ſchon fruͤh am Morgen die zu verkaufenden Ar⸗ tikel in Ordnung ſtellen, und ſie ſo vortheil⸗ haft als moͤglich zur Schau bringen. Bald war das Haus voll von Kraͤmern, Taͤndlern und 3*4 52 Muͤſſiggaͤngern. Alnuſur war am meiſten bei dem Verkaufe betheiligt: er wartete ungeduldig, bis das eiſerne Kaͤſtchen ausgeboten wuͤrde, das er um eine Kleinigkeit erſtehen zu koͤnnen hoffte. Nachdem mancherlei Artikel losgeſchlagen wa⸗ ren, brachte die Juͤdin das eiſerne Kaͤſtchen zum Vorſchein, welches ſie bedauerte, nicht oͤffnen zu konnen, da ihr theurer Gatte ſie den Schluͤſ⸗ ſel dazu nie habe ſehen laſſen.„Das Kaͤſtchen, Nachbarn,“ ſagte ſie,„iſt wohl nicht viel werth, doch als altes Eiſen mag es wohl fuͤnf Rupien gelten.“ „Was iſt denn darin?“ rief eine Stimme. „Blos ein altes Buch, Herr,“„gegnete die Wittwe, vuͤber unſere Religion, wie mir mein Mann zu. ſagen pflegte.« Alnuſur draͤngte ſich vorwaͤrts und erklaͤrte ſich bereit, fuͤnf Rupien fuͤr das Kaͤhchen zu geben. „Will Niemand weiter geben? 2c⸗ rief die I Jä⸗ din, gibt Niemand weiter als fuͤnf NRupien 24 In dieſem Augenblicke erſchienen neue Gaͤſte, aus Neugierde oder Kaufluſt, und dieß beſtimmte die Wittwe, das Kaͤſtchen noch nicht an Alnu⸗ ſur abzulaſſen, weil ſie hoffte, einer oder der andere der Neuangekommenen moͤchte Luſt dazu haben, und mehr dafuͤr bieten, als dieſe ge⸗ ringe Summe. Als ſie die Fremden mitten im Saale ſah, hielt ſie das Kaͤſtchen hoch em⸗ por und rief:„Fuͤnf Rupien fuͤr dieſes Kaͤſt⸗ chen? gibt Niemand weiter als fuͤnf Rupien? 25 Eine Stimme aus dem Haufen rief:„ich biete zehn.“ 53 Alnuſur wandte ſich um, um zu ſehen, wer ſein Gegner waͤre, und erblickte zu ſeinem Schre⸗ cken den Braminen Donga Sette, der nur mit Muͤhe ſeine Freude und ſein Entzuͤcken uͤber das unerwartete Wiederfinden ſeines lange ver⸗ mißten Kaͤſtchens verbergen konnte.— Alnuſur bot fuͤnf Rupien weiter, worauf der Bramine mit lauter Stimme rief:„ich gebe zwanzig.“ Allein Alnuſur blieb nicht zu⸗ ruͤck, und da er nun reich war, ſo bot er zum Erſtaunen der Umſtehenden 100 Rupien. Entzuͤckt daruͤber und ohne daran zu denken, daß Jemand ſo wahnſinnig ſeyn wuͤrde, dieſe Summe zu uͤberbieten, wollte die Juͤdin eben das Kaͤſtchen an Alnuſur abgeben, als der Bra⸗ mine ploͤtzlich die Summe verdoppelte. Die Juͤ⸗ din war außer ſich vor Freude, und wollte nun dem Braminen, wie vorhin Alnuſurn, das Kaͤſtchen reichen, als der Leztere zum allgemei⸗ nen Erſtaunen 500 Rupien bot. Die Menge jauchzte laut und die Juͤdin vergaß ganz ihres Ismaels und tanzte beinahe vor Freude. Das Geruͤcht, daß ein Bramine und ein Muhamedaner ſo viel Geld fuͤr ein eiſernes Kaͤſt⸗ cen boͤten, verbreitete ſich ſchnell in der gan⸗ zen Stadt, und das Haus des Juden wurde zum Erſticken voll, da Jedermann die zwei Raſenden, wofuͤr man ſie hielt, ſehen wollte. Die Zwei wurden nun wuͤthend, ſie kamen von Hunderten zu Tauſenden, und die Juͤdin begleitete ihre Anerbietungen mit einem Freu⸗ dengeſchrei, das ſie jezt nicht mehr unrerdrucken konnte. Der Bramine hatte 5000 Rupien ge⸗ boten. Sogleich bot Alnuſur 6000, als Donga Sette den jungen Muhamedaner bat, einige Worte ins Geheim mit ihm ſprechen zu duͤrfen. Alnuſur ſagte dieß zu und trat auf die Seite, nachdem er die Juͤdin gebeten, ſie moͤchte war⸗ ten, bis ſie zuruͤck kaͤmen. Die Frau nickte Beifall und ſchien erfreut, auf einige Augen⸗ blicke von der Anſtrengung ausruhen zu duͤrfen, welche durch ihre Trauer noch erhoͤht wurde. Donga Sette trat zu Alnuſur und redete ihn alſo an:„Ich ſehe wohl, mein Freund, daß Du nur zu gut weiſt, was in dem Kaͤſt⸗ chen iſt, kann aber nicht begreifen, was Dir das Buch nuͤtzen mag, da Du die Sprache, in der es geſchrieben iſt, nicht verſtehſt, wie magſt Du mich alſo ſo ſehr ſteigern?“ Alnuſur erwiederte:„Mein werther Freund! was Dir das Buch nuͤtzen kann, da Du den Schluͤſſel dazu nicht beſitzſt, ſehe ich eben ſo wenig ein, warum machſt Du mir alſo dieſe Muͤhe und dieſen unndthigen Aufwand 2* „Ob ich den Schluͤſſel habe, oder nicht, kannſt Du unmoͤglich wiſſen,“ entgegnete der Bramine. Und ob ich die Sprache des Buches verſtehe oder nicht, kannſt Du eben ſo wenig wiſſen,“ verſezte Alnuſur. „Ich ſehe ſchon,“ fuhr Donga Sette fort, „Du willſt mir das Kaͤſtchen nicht gutwillig uͤberlaſſen, kehren wir alſo zu der Frau zuruͤck, und fahren mit unſern Anbietungen fort; weſ⸗ ſen Borſe am ſtaͤrkſten iſt, der muß es erhalten.“ 55 Mit angenommener unbefangenheit, welche mit der Unruhe in ſeinem Innern, die die lez⸗ ten nur zu wohl berechneten Worte des Bra⸗ minen verurſacht hatten, ganz im Widerſpruch ſtand, entgegnete Alnuſurz„e ſey ſo, mein werther Bramine, und ging in das auͤberfuͤllte Zimmer zuruͤck. Mit Beifallsbezeugungen und lautem Jubel wurden ſie empfangen, waren aber niemand willkommener als der Juͤdin, die, mit Muͤhe das Lachen unterdruͤckend, das Kaͤſt⸗ chen wieder empor hob und ausrief:„nur 6000 Rupien fuͤr dieſes koſtbare Kaͤſtchen!“ Bei dieſen Worten brach die ganze Menge in ein lautes Gelaͤchter aus, und es vergiengen mehrere Minuten, ehe es wieder ſtill wurde. Der Bramine hatte nun 6,500 Rupien ge⸗ boten, welche Alnuſur ſogleich mit 9000 ſtei⸗ gerte. Wie der Bramine dieß hoͤrte, warf er einen wuͤthenden Blick auf ſeinen Gegner, ſtampfte mit dem Fuß und rannte aus dem Hauſe. So blieb Alnuſur Sieger. Auf der Stelle uͤberreichte ihm die entzuͤckte Juͤdin das Kaͤſtchen und be⸗ deutete ihm, ſie wolle mit ihm in ſeine Woh⸗ nung geben, um das Geld zu holen. Alnuſur war dioß zufrieden, bat ſie, ihm zu folgen, und zahlte ihr in ſeinem Hauſe die Summe aus, wofuͤr ſie ihm außerordentlich dankte, und ihm zundem gemachten Kaufe alles Gluͤck wuͤnſchte. Donga Sette war, wie ſchon erzaͤhlt wurde, durch einen Traum zu einer Reiſe nach Jag⸗ gernaut veranlaßt worden. Nachdem er in den Tempel gekommen, brachte er dem Gotte puͤnkt⸗ 56 lich die Opfer, aber Alles vergebens— die Gottheit gab ihm keinen Aufſchluß uͤber das Kaͤſtchen, oder ſonſt etwas, und mißvergnuͤgt ſchickte ſich der Bramine zur ſchleunigen Ruͤck⸗ reiſe an. Er erreichte Pauwoll einen Tag ſpa⸗ ter, als Alnuſur auf dem mit Brennholz bela⸗ denen Schiff von da abgeſegelt war, und als er an der Inſel Gharipoori voruͤberkam, wurde ihm die Ermordung eines Juden,”eelche kuͤrz⸗ lich in der Hoͤhle vorgefallen ſey, voͤn dem Schiffs⸗ volke erzaͤhlt. Dieß ſchien ihm etwas verdaͤch⸗ tig, doch konnte es nicht gerade auf Entdeckung des Kaͤſtchens fuͤhren: Der Umſtand indeſſen, daß ein Jude die Hoble beſucht hatte, uͤberzeugte 3 den Braminen, daß ihn weder Neugierde noch das Verlangen, mit der Götterlehre der Hin⸗ du's bekannt zu werden, hieher gefuͤhrt habe! Als er daher hoͤrte, daß Ismaels Effekten ver⸗ ſteigert werden ſollten, dachte er, er wolle hin⸗ gehen, vielleicht konnte doch unter Auderem auch das Kaͤſtchen vorkommen, und ſollte dieß der Fall ſeyn, ſo wuͤrde er wenig oder gar keine Schwierigkeiten finden, daſſelben zu bekommen. Wie ſehr er ſich aber hierin getaͤuſcht fand, iſt bereits erzaͤhlt worden. Gerne haͤtte er noch weiter geboten, aber ein wichtiger Grund hielt ihn ab— er wußto, daß er nicht weiter Geld beſitze. Als ihm das Kaͤſtchen entwendet wurde, hatte er noch 10,000 Rupien, welche durch ſeine Beduͤrfniſſe und die Reiſe nach Oriſſa bis auf die Summe geſchmolzen waren, die er in der vergeblichen Hoffnung, ſein Gegner wuͤrde ihn 57 nicht weiter treiben koͤnnen, geboten hatte. Aeußerſt mißvergnuͤgt ſtand er zuruͤck und eilte in ſeine Wohnung unter den Baͤumen, wo er in der Stille ſeinem Kummer nachhing. Sobald die Juͤdin ihn verlaſſen hatte, oͤffnete Al⸗ nuſur im Entzuͤcken haſtig das Kaͤſtchen, und wollte nun ohne Verzug das Studium des Buchs der Erkenntniß beginnen. Dem aͤußeren Anſcheine nach zeigte das Buch nichts Beſonderes; es hatte eine unſcheinbare rothe Decke, trug deut⸗ liche Spuren ſeines hohen Alters, und war mit einem ſchmutzigen Riemen, der viele verwickelte Knoten hatte, ſo feſt umwunden, daß es kein leichtes Geſchaͤft war, dieſen abzuldſen. Alnu⸗ ſurs Ungeduld erhoͤhte noch ſeinen Aerger, und gerne hätte er ein Meſſer zu Huͤlfe genommen, wenn er nicht gefuͤrchtet haͤtte, hiedurch einen Zauber zu zerſtoͤren, der ihm feindſelig werden moͤchte. Er zerarbeitete ſich daher gegen eine Stunde lang mit Naͤgeln und Zaͤhnen, bis es ihm endlich gelang, den lezten Knoten, den ver⸗ wickeltſten von allen, zu loͤſen. Sorgfaͤltig wickelte er den Riemen ab, ſuchte alle ſeine Sanſcritbuͤcher zuſammen, und ſezte ſich, als wollte er nun eifrig das Studium beginnen, in eine Ecke ſeines Zimmers: mit ehrerbietiger Schene ſchlug er das gelehrte Buch auf, fagte dabei mehrere Verſe aus dem Coran her, und ſprach ein innbruͤnſtiges Gebet fuͤr das Gelingen ſei⸗ nes Vorhabens. Die erſte Seite war zu ſei⸗ nem groͤßten Erſtaunen nicht im Sanſerit ge⸗ ſchrieben, ſondern mit den gemeinen ind iſchen. 58 Schriftzeichen, wie ſie in Guzrath uͤblich ſind. Dieß war ihm angenehm, weil er mit dieſer Sprache ganz vertraut war. Allein wie groß war ſeine Beſtuͤrzung, als er anfing die Worte zu entziffern, und ein regelmaͤßig gefuͤhrtes Schuldenregiſter fand. Der geizige Jude, meinte er, habe, in die Berechnung ſeines Gewinnes vertieft, das gelehrte Buch mit ſeinen Berech⸗ nungen zu entweihen gewagt. Wie er aber das zweite Blatt umſchlug, erblickte er eine gleiche Rechnung, das dritte, vierte und uͤber⸗ haupt das ganze Buch enthielt nichts als Schuld⸗ berechnungen, und knirſchend vor Unmuth warf Alnuſur das ſchmutzige Buch weg unter Ver⸗ wuͤnſchungen gegen den Israeliten, gegen die alte Juͤdin und gegen ſich ſelbſt, daß er ein Koͤſtchen gekauft, ohne zu wiſſen, was darin waͤre. Ach, wie ſehr mußte es ihn verdrießen, wie hitter mußte ihm der Gedanke ſeyn, daß er 9000 Rupien fuͤr ein kahles, eiſernes Kaͤſt⸗ chen und ein altes ſchmutziges Rechenbuch weg⸗ gegeben, die er beide nicht im geringſten ge⸗ brauchen konnte. Im Unmuth rieß er ſeinen Turban ab, und ſchwor, ihn nicht wieder auf⸗ zuſetzen, bis das erſehnte Buch der Erkennt⸗ niß in ſeinen Haͤnden waͤre. Jezt kam ihm der Gedanke, das ſo heiß erſehnte Buch moͤchte ſich vielleicht unter den Handſchriften und andern Papieren des Juden befinden. In dieſer Hoffnung huͤllte er ſich in ſeinen Shawl und rannte ohne ſeinen Turban ins Haus der Juͤdin, wo die Verſteigerung zur 59 Zufriedenheit der Alten weiter vor ſich ging. Eben wollte die Juͤdin einige von Ismaels Klei⸗ dern losſchlagen; ſobald ſie aber den willkomme⸗ nen Gaſt wieder in ihr Haus treten ſah, hielt ſie inne und bat die mſtehenden, Platz zu machen, zugleich winkte ſie freundlich laͤchelnd dem niedergeſchlagenen Alnuſur zu, druͤckte ihre Hoffnung aus, daß er gekommen ſey, um noch mehr von ihres theuren Ismaels Hinterlaſſen⸗ ſchaft zu kaufen, und fragte, was er etwa zu erſtehen gedenke. Auf Alnuſurs Verlangen, die Buͤcher und Manuſcripte ſollten jezt ausgeſtellt werden, rief die Juͤdin einen kleinen wollhaa⸗ rigen Afrikanern und befahl ihm, aus einer Dachkammer einen großen Korb mit Papieren zu holen, damit ſie der Herr beſehen koͤnnte. Der Junge ging und ſchleppte mit Muͤhe eine Menge beſtaͤubter Rechnungsbuͤcher die ſchmale Treppe herab in das Zimmer, wo die Verſtei⸗ gerung abgehalten wurde. Es war ein Still⸗ ſtand eingetreten, da Alles neugierig harrte, was wohl Alnuſur ſuchen moͤchte. Dieſer kehrte den Korb um, und unterſuchte jedes Buch, fand aber nichts als die verwuͤnſchten Schuldbuͤcher. „Haſt Du ſonſt keine Buͤcher im Hauſe? liebe Frau, fragte er die gefaͤllige Juͤdin. „Nein,ſ erwiederte ſie, ſezte aber leiſe hinzu,„wenn Du warten willſt, bis die Ver⸗ ſteigerung voruͤber iſt, ſo kannſt Du jeden Win⸗ kel durchſuchen, und findeſt Du, was Du wuͤn⸗ ſcheſt, ſo mache Deine Bedingungen— ſie ſol⸗ len mir angenehm ſeyn.“ 60 Alnuſur nickke Beifall, und wartete geduldig das Ende der Verſteigerung Kab. 1 11663 . Dje bedeutenderen Stuͤcke waren aüh er. kauft, und jezt fuͤllten Leute: gdm niebtigſten Pobel das Zimmer, und boten ganz getinge Summen fuͤr die abgekragenen Kleider des un⸗ gluͤcklichen Ismael. Allein die Juͤdin wollte dieſe Lumpen eben ſo gut anbringen, als die beſſeren Stuͤcke, und pries die zerriſſenen Kleider, als ob ſie eben erſt vom Schneider kaͤmen. Waͤhrend dieſer langweiligen Verhandlung ſaß Alnuſur ungeduldig im Zimmer, und hoffte bei jedem Paar Beinkleider, dieß werde das letzke ſeyn, ſah ſich aber immer getaͤuſcht, denn als das kezte Paar verkauft war, brachte die Juͤdin ein großes Buͤndel abgetragener ſchwarzer Muͤtzen und Binden, die zu ihrer Zeit roth geweſen zwaren. Unmdglich konnte er abwarten, bis dieſe Stuͤck fuͤr Stuͤck verkauft waͤren, er bot daher zwanzig Rupien fuͤr das Ganze, erhielt es wirklich, und hoffte, die Verſteigerung waͤre nun zu Ende. 1 Allein er hatte die alten Papiere und Ma⸗ nuſcripte vergeſſen, von denen die Juͤdin zur Bequemlichkeit der Kaͤufer eines nach dem an⸗ dern ausbieten wollte. Alnuſur bot fuͤr alles zuſammen zehn Rupien, und erhielt es auf der Stelle. Jezt dachte er, waͤre beſtimmt alles verkauft: zu ſeinem Schrecken aber rief die Juͤ⸗ vin:„Jakob! komm hieher Jakob!“ Der kleine Afrikaner erſchien und erhielt Befehl, das Kochgeſchirr herbeizubringen, damit 51 die Kaͤufer es beſehen könnten, und den Ku⸗ pferſchmied zu bitten, eine Wage zu bringen, um die kupfernen Gefaͤſſe zu waͤgen, damit dee Leute auch wuͤßten, was ſie werth waͤren. Ja⸗ kob gehorchte, und das Kochgeſchirre und der Kupferſchmied erſchien. Alnuſur hatte zwar fein Geld zu ſparen, wuͤrde aber, um dem Ganzen ein Ende zu machen, wie zuvor alles zuſam⸗ men gekauft haben, allein da er den Schluͤſſel zum Reichthum nicht beſaß, und kaum noch etwas uͤber 1000 Rupien hatte, ſo⸗ mußte er ſchweigend dem langweiligen Geſchaͤfte zuſehen, wie ein Stuͤck um das andere gewogen und ver⸗ kauft wurde. Schon neigte ſich der Tag und Alnuſur hoffte, die Verſteigerung wuͤrde, wenn noch mehr zu verkaufen waͤre, bis auf den fol⸗ genden Tag verſchoben werden, allein die Juͤ⸗ din rief abermals ihrem Jakob:„komm her Junge, Du ſollſt jezt verkauft werden. Seht eihn einmal an, ihr Herrn,“ fuhr ſie fort,„erſt vierzehn Jahre alt, geſund, ruͤſtig und wacker, hat erſt vor zwei Jahren meinen Mann 200 Dollars gekoſtet, um 250 iſt er feil.“ Jakob verzog ſein Geſicht, zeigte ſeine weißen Zaͤhne, und warf einen ſehnſuͤchtigen Blick auf Alnuſur, deſſen Boͤrſe, wie er geſehen hatte, Probe bielt. Allein dieſer ſchlug im Bewußtſeyn ſeiner Armuth die Augen nicht auf, und blos 100 Ru⸗ pien bot ein hagerer, graͤmlicher Muhamedaner am untern Ende des Zimmers. Mehr, um ihn zu uͤberbieten, als um den Knaben zu erhalten, wagte es Alnuſur, noch 50 darauf zu ſchlagen. 52 Jakobs Augen glaͤnzten vor Freude, und er knief ſeine Gebieterin in den Arm, als wollte der ſie bitten, dieſe Bedingung anzunehmen, und weil niemand auch nur Eine Kupie weiter bot, ſo wurde Jakob Alnuſurn uͤbergeben, und nun einmal war die Verſteigerung zu Ende. Nachdem das Volk ſich verlaufen hatte, erin⸗ nerte Alnuſur die Juͤdin an ihr Verſprechen, der alten Buͤcher wegen ihn ihr Haus durch⸗ ſuchen zu laſſen.„Das Haus durchſuchen 2 ſo!“ rief ſie;„das dulde ich nimmer mehr, wenn Du mich nicht dafuͤr bezahlſt, mach, daß Du fort kommſt und mir meinen Sclaven, meine Pa⸗ piere und Sammtmuͤtzen bezahlſt!“ unt Dergebens machte Alnuſur dem ſchmutzigen Weibe Vorſtellungen, deren Abſicht, wie er deutlich ſah, nur die geweſen war, ihn durch falſche Verſprechungen hinzuhalten. Sie hatte ſeine Ungeduld wohl bemerkt, und abſichtlich die Verſteigerung hinausgezogen, in der Hoff⸗ nung, er wuͤrde, um dieſe abzukuͤrzen, das Ganze kaufen. Dieß gelang ihr, wie ſchon erzaͤhlt wurde, und ſie trug jezt kein Bedenken, ihr Wort zu brechen; aber Alnuſur, der aͤußerſt aufgebracht war, ſchwor, er wuͤrde fuͤr das Er⸗ ſtandene keine Rupie bezahlen, wenn ſie ihn nicht, ihrem Verſprechen gemaͤß, das Haus durchſuchen ließe. Fuͤr ein Handgeld von fuͤnf Rupien willigte die Juͤdin endlich nacha dangem Widerſtande ein, und von Jakob, der ein Licht trug, begleitet, durchſuchte Alnuſur jeden Win⸗ kel des Hauſes, ohne jedoch etwas von Bedeu⸗ 63 tung zu finden. Ploͤtzlich fiel ihm ein, der Jude habe das Buch wahrſcheinlich, um es beſſer zu verwahren, in ſeinen Kaſten eingeſchloſſen. Er verlangte daher von der Juͤdin, ſie ſollte ihm dieſen oͤffnen, und nach langem Widerſpruch zog endlich dieſe den Schluͤſſel hervor. Haſtig rieß ihn ihr Alnuſur aus der Hand und ſtuͤrzte auf die eiſerne Kiſte zu. Erſchreckt durch ſeine Eile und Haſt, und in der Meinung, er wolle ihr ihr Geld rauben, erhob die Juͤdin ein gewalti⸗ ges Geſchrei und rief:„Moͤrder, Naͤuber, Feuer, zu Huͤlfe Nachbarn! zu Huͤlfe!“ Ehe dieſer Ruf Wirkung that, ſchloß Alnuſur die Kiſte auf, ſchlug aber, nachdem er ſich uͤber⸗ zeugt, daß gar kein Buch darin ſey, die Thuͤre wieder zu, warf den Schluͤſſel auf den Boden und bat die Juͤdin, ihre Nachbarn, deren Fuß⸗ tritte er h deutlich vernahm, wieder fort⸗ zuſchicken. Weil ſie den Schluͤſſel wieder hatte, beruhigte ſie ſich, bat ihre Nachbarn um Ent⸗ ſchuldigung, daß ſie ſie unndthiger Weiſe her⸗ bemuͤht habe, und bald herrſchte wieder die vo⸗ rige Stille. Ueberzeugt, daß das Buch der Er⸗ kenntniß nicht im Hauſe ſey, ging Alnuſur mit Jakob, der das Buͤndel Nachtmuͤtzen auf dem Kopfe trug, nach Hauſe; die Juͤdin folgte, um ihr Geld abzuholen. Vergebens bemuͤhte ſich Alnuſur, der Papiere und der alten Muͤtzen wie⸗ der los zu werden; die Juͤdin beſchrieb ein Lan⸗ ges und Breites, welchen Verluſt 8 dabei lei⸗ den wuͤrde, und wie viel groͤßer ihr Vortheil geweſen waͤre, wenn ſie ein Stuck um das an⸗ 64 dere feil geboten; nur ſeinetwegen habe ſie Alles zuſammen verkauft, und wolle bezahlt ſeyn. Weil er ſah, daß alle Vorſtellungen vergebens ſeyen, ſo bezahlte Alnuſur den erſkandenen Scka⸗ ven und die beiden unbrauchbaren Buͤndel, und druͤckte ſeine Hoffnung aus, daß er nie wieder das Ungluͤck haben moͤchte, die alte Hexe zu Geſicht zu bekommen. 6 Die Wittwe Ismaels fuͤhlte ſich jezt aͤuf⸗ ſerſt gluͤcklich. So kange ihr Gatte noch lebte, wußte ſie kaum, wie eine Rupie oder ein Dok⸗ lar ausſehe, und jezt glaubte fie ſich im Beſitze unermeßlicher Reichthuͤmer. Deſto ungluͤcklicher war dagegen der arme Alnuſur; er hatte ge⸗ wiß geglaubt, das Buch der Erkenntniß, den Schluͤſſel zum Reichthum in Haͤnden zu haben, und fand nichts, als ein ſchmutziges Rechnungs⸗ Buch, das er nur als altes Papier brauchen konnte— das war zu viell er ſchritt ſein Veran⸗ dah auf und ab, ſchlug ſich vor die Stirne, ballte die Fauſt, ſtieß Verwuͤnſchungen gegen den Juden aus, daß er ihm nicht geſagt, wo das Buch zu finden ſey, und verfluchte ſeine Wittwe, daß ſie ihn durch ihren Troͤdelkram um Geld und Zeit gebracht hatte. „Was hab' ich nun von dem Allem 2« fuhr der fort,„ein eiſernes Kaͤſtchen, das nichts werth iſt, und einen Sclaven, der mehr verzehren wird, als ich auftreiben kann: ich Thor, daß ich ihn gekauft habe! doch kann ich ihn nicht unterbalten, ſo muß er wieder fort— aber was⸗ ſoll aus mir werden**⸗ 65 So fuhr Alnuſur fort, uͤber dieſen trauri⸗ gen Ausſichten zu bruͤten, bis die Nacht herein⸗ brach. Da erſchien Jakob mit einer Lampe, ſezte dieſe in ehrerbietiger Entfernung Rkeder. und wollte ſich wieder entfernen. „Konun her, Junge,“ rief ſein neuer Ge⸗ bieter:„ſage mir aufrichtig, ſahſt Du, ſo lange Du im Dienſte des Juden ſtandeſt, dieſen nie mit Leſen beſchaͤftigt?“ „O ja, Herr, alle Tage: beſonders ieate er in einem Buche zu leſen, 8. iöm die Augen zuftelen.⸗ „Was war das fuͤr ein Luh und wo be⸗ wahrte er es auf 2— „In dem eiſernen äſchen, wofuͤr du 9000 Rupien gegeben haſt.“ „Pah!’ ſagte Alnuſur, aͤrgerlich daruͤber, daß er auf dieſe Weiſe an ſeinen ſchlechten Han⸗ del erinnert wurde,„das weiß ich, aber ſage mir, was es fuͤr ein Buch war;“ 3 Js. war ein kleines dickes Buch. 2e ufs „Wie ließ es ſich aufſchlagen— wie die⸗ ſes,*(er zeigte bier das Rechnungsbuch). 3 „Ach nein, Herr, nicht ſo; wie der Koran.“ „ Was hatte es fuͤr eine Decke? „O, eine ſehr ſchoͤne, ganz vergoldet, aber nur einmal pabe ich ſie geſehen, denn ſobald ich miw meinem Herrn naͤherte, delfte er ſei⸗ nen Shawl daruͤber!* „Wo meinſt Du, daf das Vuch 16 ſ. dc⸗ fragte Mhuſu⸗ I I ee 66 441„Ah, ich weiß es,“ ſagte der Knabe mit einem liſtigen Blicke. „Wirklich, mein lieber Jakob? Sage mir, wo iſt es, ich befehle es Dir.⸗ „Ich denke, ich weiß es,“ erwiederte Jakob mit lauernder Miene, indem er ſeine derlweißen Zaͤhne wies. „So ſage mir, Kerl,⸗ rief Amnuſur, wa iſt das Buch? „In dem kleinen eiſernen Kaͤſtchen meines Herrn, um das er 9000 Rupien gegeben hat,« entgegnete der Knabe, und wartete auf eine wei⸗ tere Frage ſeines Herrn. Anuſur verlor alle Geduld, daß er, wie es ſchien, ſeinem Sclaven zum Gelaͤchter wer⸗ den ſollte. Er ergriff das eiſerne Kaͤſtchen, und wollte es gerade dem armen Jakob an den Kopf werfen, als an die Thuͤre geklopft wurde, und er den aufgehobenen Arm wieder ſinken ließ. Jakob, der auf das Entkommen bedacht wax, zfnete die Thuͤre und rannte an einem, in ein grobes Kleid gehuͤllten Manne voruͤber, der nach Alnuſur fragte. Der Knabe. wies guf das Zim⸗ mer ſeines Herrn und ſprang fort. Alnuſur fragte, wer nach ihm verlange, und der uüner⸗ wartete Gaſt trat ein. „Ich komme, Herr,⸗ ſagte ein armer Mann, halb Hindu, halb Portugieſe,„wegen meines Küneofehen Bruders. dem du Hulfe zugeſagt aſt 6. „Bei Allah le⸗ rief Alnufar.„die ganze, Welt hat ſich gegen mich verſchworen, wer biſt Du 67 denn? um Himmels willen! und wer iſt Dein unglüͤcklicher Bruder? „Ja freilich, Herr, iſt er ungluͤcklich, und ich fuͤrchte, ſein Leben iſt in Gefahr.“ „Was geht das mich an? Kerl! Laß ihn ſterben, ſo bat dieſes elende Leben ein Ende. 6 „Er hat Familie, Herr⸗ und ſtirbt nicht gerne, zumal da er das 2 Verbrechen, das man ihm zur Laſt legt, gar nicht begangen hat.« „Verbrechen? was fuͤr ein Verbrechen?⁶ „Einen Mord, Herr— den Mord eines Juden.“ 1 „Ach Lec rief Alnuſur, dem jezt Alles wieder einßel⸗„wahr! l ich habe dem armen Mann Huͤlfe verſprochen, aher damals hatten ich Geld, iezt nimmer— ſandte er Dich hieher 2⸗ 4⁴ .„Ja Herr, denn in wenigen Tagen wird bi Unterſuchung Statt finden, und nur mit Muͤhe erhielt ich Zutritt in ſein Gefaͤngniß.“« „Nun, Freund, ich will ihn beſuchen und ihm meinen Rath anbieten, allein, was das Geld anbetrifft, ſo fuͤrchte ich— „Ach Herr, ſprich nicht ſo, Dein Rath nag vortrefflich ſeyn, wenn Du aber kein Geld her⸗ beiſchaffen kannſt, ſo wird mein Bruder ſicher⸗ lich gehangen.“ „Haſt Du den Richtern ſchon einen Antrag gemacht?. fragte Alnnſur. „ Ja Herr, und ich bin uͤberzeugt, fuͤr 1009 Rupien—* „Tauſend Rupien! wo die her nehmen, mein lieber Mann, bedenke, eine ſolche Summe— Straße ſah. 56 „Wobl, Herr, aber das Leben meines Bru⸗ ders und das Leben von fuͤnf unmuͤndigen Kin⸗ dern— bedenke das.“ Hier vergoß der Un⸗ e Als Alnufur wieder allein war, uͤberdachte er ſein raſches Verſprechen, wodurch er, wenn er es hielt, ſich geradezu an den Bettelſtab brachte, denn die 950 Rupien waren alles, was er noch beſaß, und doch— konnte er, um ſich dieſe Summe zu retten, einen Unſchuldigen we⸗ gen eines Verbrechens haͤngen ſehen, das er ſelbſt, freilich unabſichtlich, begangen hatte? „Nein!es rief der Jungling,„ich bin jung und ſtark, und habe weder fuͤr eine Familie noch fuͤr Freunde zu ſorgen, verliere ich auch mein Geld, mein Leben kommt doch dabei nicht in Gefahr— der Schiffer ſoll die Rupien haben!“ Mit dieſem guten Vorſatze legte Alnuſur ſich 69 nieder und ſchlief, trotz der verlittenen unfaͤle recht geſund. Niicht ſo der arme Jakob, der den ganzen Tag bei der Verſteigerung der Juͤdin ſich ab⸗ gemuͤht hatte, ohne weder dort noch bei ſeinem neuen Herrn auch nur ein Koͤrnchen Reis zu bekommen. Hungrig und ermattet warf Lr. ſich auf ſeinem Lager umher, und erwartete mit Ungeduld den Morgen, wo er ttwas an eſſen bekaͤme. Am folgenden T Tage rief. Alnuſur ſeinen dienſt⸗ baren Sclaven, gab ihm etwas Geld, und be⸗ fahl ihm, Reis und Zwiebel zu kaufen, die er auf eine beſondere Art zubereiten ſollte. Ent⸗ zuͤckt fiog Jakob auf den Bazaar, kaufte Reis und Zwiebel, und bereitete ein Gericht, womit ſein Herr zufrieden war. Dieſer aß, ſo viel ihm beliebte, und die Ueberbleibſel erhielt der hungrige Seclave. 33 Zur beſtimmten Stunde nahm Alnuſur den Reſt ſeines kleinen Vermoͤgens, und wanderte damit zu dem Ge efaͤngniß, wo er ſich von dem Kerkermeiſter Zutritt. zu dem ungluͤcklichen Schif⸗ fer erkaufte. Der Gefangene ging in ſeinem engen Zimmer auf und ab; der Gram hatte Spuren in ſein Geſicht gegraben⸗ deren Anblick tiefes Mitleid rege machen mußte. Beim Ein⸗ tritte Alnuſurs glaͤnzten die Augen des Armen vor Freude, als er ſeine tiefe Verbeugung machte. In der Ho öffnung, vielleicht durch bloße Verwendung dem Ungluͤcklichen ſeine Freiheit verſchaffen zu koͤnnen, beſchloß Alnuſur, nicht 70 ſogleich die Borſe zu ziehen; er winkte da⸗ her dem Gefangenen, ſich zu ſetzen, und bat ihn, ihm den wahren Hergang der Sache un⸗ verholen und ausfuͤhrlich zu erzaͤhlen, worauf der Fiſcher Alles berichtete, was Alnuſur be⸗ reits nur zu gut wußte.— „Es ſcheint mir,“ ſagte Alnuſur,„daß gar kein Beweis gegen Dich iſt, haͤtteſt Du den Leichnam ausgezogen und gepluͤndert, und haͤtte man etwas von ſeinen Habſeligkeiten bei Dir gefunden, dann waͤre Deine Sache freilich ret⸗ tungslos verloren..13 „Freilich, Herr, habe ich nichts genommen — das heißt, nichts von Werth.“. „Was nahmſt Du denn?« fragte Alnuſur. „Blos ein altes Buch, Herr, mit einer vergoldeten Decke, weil es ſo ſchoͤn ausſah. „Was ſagſt Du? Ein Buch mit einer ver⸗ goldeten Decke! Wo iſt es? hat man es bei Dir gefunden? wer hat es? ſage mirs ſchnell — Dein Leben haͤngt davon ab.”“ 4 Alnuſur war ſo aufgeregt, daß er kaum wußte, was er ſagte, oder welche Frage er zuerſt beantwortst wuͤnſchte. So bald der Ge⸗ fangene ſeinen Gaſt etwas ruhiger ſah, erzaͤhlte er ihm, daß er, als er den Leichnam des Ju⸗ den gefunden habe, ſehr erſchrocken ſey, und ihn in der Hoͤhle zu verſcharren gedacht habe. In dieſer Abſicht habe er ihn aufgerichtet, und da ſey ihm ein ſchoͤn ausſehendes Buch entfallen, in der Meinung, as ſey ein Coran, habe er es in ſeinen Guͤrtel geſchoben, der, als man ihn feſt 7¹1 nahm, nicht durchſucht worden ſey. Zum Gluͤcke ſey an Bord des Schiffes, das ihn von Panwell nach Bombay brachte, ſein Bruder, ebenfalls ein Schiffsmann, in Dienſt geweſen. Weil er in der Naͤhe des Leichnams, den Jedermann mied, geſeſſen ſey, ſo habe er ſeinem Bruder gewinkt⸗ zu ihm zu treten, und dieſen, weil er gedacht, das Buch moͤchte bei⸗ ſeiner Ankunft in Bombay gegen ihn zeugen, wenn es von den Freunden des Juden erkannt wurde, leiſe ge⸗ beten, es aus ſeinem Guͤrtel zu nehmen und zu behalten, bis die Unterſuchung voruͤber waͤre. „Und hat er es noch Tet fragte haſtig Al⸗ nuſur. „Ja, Gert und wenn Du es wauͤnſcheſt, ſo wird er Dir es mit Vergnuͤgen uͤberlaſſen, im Augenblicke wird er bier⸗ ſeynz 6) will ihn dann ditten, es zu bolen. 44 Alnuſur's Entzuͤcken laͤßt ſich nicht beſchred ben, indeſſen ſuchte er ſeine Freude zu verber⸗ gen, und ließ den Schiffer auf dem Glauben, das Buch ſey, wie er vermuthet, eine ſchaͤtz⸗ bare Abſchrift des Coran, die er ſich ſchon lange gewuͤnſcht habe. Bald darauf erſchien der Bru⸗ der des Gefangenen, mit der Nachricht, die Richter haben verſprochen, gegen ein Geſchenk von 1000 Rupien den Schuldigen frei zu ge⸗ ben. Jezt fragte Alnuſur und der Gefangene nach dem Buche, und zu ſeiner groͤßten Freude erfuhr der erſtere, daß es wohl behalten im Hauſe des Bruders ſey. Sogleich wurde der Mann abgeſchickt, das erſehnte Buch zu holen, 72 er kam bald wieder, und uͤbergab es Alnuſurn, der gerne die 950 Rupien erlegte, ſich verab⸗ ſchisdete und nach Hauſe Eiltea d dE Len 241 So Hc war Alnuſur tnoch nie fur eine gute That belohnt worden; haͤtte er ſein Ver⸗ ſprechen, dem unſchuldigen Schiffsmann zu hel⸗ fen nicht gehalten, ſo waͤre⸗ len Wahrſ ſchein⸗ lichkeit nach das Buch nie in ſeine Haͤnde ge⸗ kommen. Jezt widmete ſich der Gluͤckliche wie⸗ der dem Studium des Buchs der Erkenntniß. Er fand, daß das Geſtell der Bildſaͤule auf zwoͤlf verſchiedenen Federn ruhe, welche mit der, wodurch man ſich Eingang verſchaffte, nicht in Verbindung ſtanden, daß, waͤhrend man, vermittelſt der metallenen Knaͤufe, auf. die eine druͤcke, eine zweite füͤr den folgenden Tag vor⸗ ſprang, und daß alſo ein Uneingeweihter, wenn er auch in die Hdhle kam, den Ruͤckweg un⸗ moglich fand und den Hungertod ſterben mußte. Emſig ſtudirte Alnuſur die Sittenlehren, die das Buch enthielt, und beſchloß, ſeine Vor⸗ ſchriften gewiſſenhaft zu befolgen. Zuerſt jedoch ſuchte er das eiſerne Kaͤſtchen wohl zu verwah⸗ ren, weil der Bramine ihn im Beſitze deſſelben wußte, und alſo zu erwarten ſtand, daß er keine Muͤhe ſcheuen wuͤrde, es ihm zu entwen⸗ den. Zu dieſem Zweck ließ er ſich eine eiſerne Kiſte machen, innen mit einem eiſernen Ringe, woran er das Kaͤſtchen mit dem Buche feſſelte, und zu noch groͤßerer, Sicherbeite befeſtigte er die eiſerne Kiſte auf dieſelbe Weiſe zu den Haͤup⸗ 73 Haͤupten ſeines Bettes; die Schluͤſſel trug er bei ſich und huͤtete ſie aͤußerſt ſorgfaͤltig. ———— Viertes Kapitel. Mit gutem Erfolg beſuchte Alnuſur die Hoͤhle und befolgte gewiſſenhaft die Regeln und Vor⸗ ſchriften des Buchs der Erkenntniß. So kam er in den Beſitz unermeßlicher Reichthuͤmer, und wagte es jezt, um ſeine geliebte Zaide, die noch unverheirathet war, zu freien. In dieſer Abſicht reiste er nach Cambay, und erbat ſich eine Audienz bei Harak, deſſen Stolz jezt ziem⸗ lich gedemuͤthigt war, da er, weil er den Nu⸗ wab beleidigt, ſeine Stelle als Deewan verlo⸗ ren hatte. Sobald der Ex⸗Deewan hoͤrte, durch welche Summe Alnuſur ſeine Einwilligung er⸗ kaufen wollte, nahm er ſogleich den Vorſchlag an, und Zaide, die reizende Zaide, wurde Al⸗ nuſur's Braut. Das gluͤckliche Paar kehrte nach Bombay zuruͤck, wo Alnuſur ein praͤchti⸗ ges Haus gekauft hatte, das der Schoͤnheit ſeiner Gattin angemeſſen war, und woruͤber dieſe in den ſuͤßeſten Schmeichelworten ihre Zu⸗ friedenheit bezeugte. Aber der gluͤckliche Alnu⸗ ſur vergaß die Vorſchriften des Buchs der Er⸗ kenntniß nicht, ja, er befolgte ſie nur noch ge⸗ wiſſenhafter, und bemuͤhte ſich, ſeine geliebte Ind. Serail. III.. 4 74 Gattin von der Nothwendigkeit zu uͤberzeugen, daß auch ſie dieſelben beobachten muͤßte. Nie ward der Bettler von ſeiner Thuͤre gewieſen, nie umſonſt wandte ſich an ihn die Wittwe und der Ungluͤckliche durfte gewiß ſeyn, bier Troſt und Unterſtuͤtzung zu finden. Zaide war Alnu⸗ ſurn, was die Sonne der Erde, taͤglich wuchs ſeine Liebe zu ihr, und er fuͤhlte, daß ohne ſie, trotz ſeiner unermeßlichen Reichthuͤmer, das Leben ihm eine Buͤrde ſeyn wuͤrde. Ebenſo feurig liebte Zaide Alnuſurn, und das Gluͤck hatte ſeinen Wohnſitz in ihrem Hauſe aufge⸗ ſchlagen. 4 Der Bramine Donga Sette hatte zwar die Mittel nicht mehr, ſo viel Gutes zu thun, als ſein wohlwollendes Herz ihm befahl, fuhr aber demungeachtet fort, dem Ungluͤcklichen ſein Schaͤrflein zu reichen, den Traurigen zu troͤ⸗ ſten, und die Kinder ſeiner Nachbarn zu erzie⸗ hen. Sein Weib dagegen hoͤrte nicht auf, nach dem Buche der Erkenntniß zu ſeufzen, wodurch man, wie ſie von ihrem Gatten, doch ohne das Wie zu erfahren, gehoͤrt hatte, reich wer⸗ den konnte; auch wußte ſie, daß Alnuſur im Beſitze des Buches war, und machte den wuͤr⸗ digen Braminen oft darauf aufmerkſam, daß es vielleicht doch moͤglich ſey, es jenem zu ent⸗ wenden. Aber Donga Sette verwarf dieſen Ge⸗ danken;„nein,“ pflegte er zu ſagen,„wuͤrde ich Liſt oder Gewalt gebrauchen, ſo moͤchte mirs nicht frommen; ſollte es dem maͤchtigen Bro⸗ ma gefallen, mich in den Beſitz des Buches — 3 kommen zu laſſen, ſo werde ich es freudig an⸗ nehmen, und ſein demuͤthiges Werkzeug wer⸗ den, Erkenutniß zu verbreiten und den Verlaſ⸗ ſenen aufzurichten.“ Da ſein Weib fand, daß der Bramine nicht zu bewegen war, ſo beruͤhrte ſie dieſen Gegenſtand nicht wieder. Reichthum erzeugt oft Stolz, und ſo iſt es nicht zu verwundern, daß Zaide durch die Hul⸗ digungen, die ſie empfing, berauſcht, ein ſo uͤbermuͤthiges Betragen annahm, daß ſie ihre und ihres Gatten Freunde dadurch beleidigte. Im Vertrauen auf den Reichthum ihres Alnu⸗ ſur’s ward ſie es muͤde, die Sittenlehren, die ihr gewiſſenhafter Gatte ihr predigte, ſo genau zu befolgen, und vernachlaͤßigte allmaͤhlig eine nach der andern. Zum Ungluͤck folgte Alnuſur ihrem Beiſpiel und band ſich, weil ſeine Be⸗ ſuche in der Hoͤhle immer puͤnktlich ausfielen, von Tag zu Tag weniger an die goldenen Vor⸗ ſchriften des Buches der Erkenntniß. Kalt ſpen⸗ dete das unbeſonnene Paar ſeine Gaben dem Bittenden, ſie ſuchten nicht mehr, wie ſonſt, den Verlaſſenen und Bekuͤmmerten auf, und endlich wurde ihnen der Bettler an ihrer Thuͤre zur Laſt. Nur Feſte und Tanz, Muſik und Luſtbarkeiten zogen ſie an. Zaidens Stolz ver⸗ langte, daß ſie ſich ſehen ließ, ihre Juwelen und Diamanten zur Schau trug, und andern Frauen es zuvor that; nur darauf war ſie bedacht, alle Naͤchte ihre glaͤnzend beleuchteten Zimmer zu oͤffnen, nur hierin fand ſie ihr Gluͤck. Ging es nur im geringſten nicht nach ihrem Wunſche, ſo kam 44* . 76 ſüe ſo außer ſich, daß ſie, weil ſie ſich nicht maͤ⸗ ßigen konnte, ganz unausſtehlich wurde. Bei ſeiner großen Liebe zu Zaide ließ ſich Alnuſur von ihr anſtecken. Er wurde hochmuͤthig und tyranniſch, unvorſichtig und unmaͤßig. Selbſt die Geſetze des heiligen Propheten vergaß er und ergab ſich ſo ſehr dem Weine, daß er oft Tage lang in einem Zuſtande thieriſcher Be⸗ rauſchung lag. Ohne uUmſtaͤnde wurde jezt der Goſayn und der Fakir von ſeiner Thuͤre gewieſen, und von der wuͤthenden Zaide mit Schmaͤhworten uͤberhaͤuft. Ein großes Feſt ſollte gefeiert werden. Zai⸗ de forderte, um dabei prunken zu koͤnnen, 10,000⸗ Nupien, um dieſe, wenn ſie in den Eadgar ³) getragen wuͤrde, von ihrer praͤchtigen Saͤnfte aus unter das Volk werfen zu koͤnnen. Aber Alnuſur, der ſich eben erſt von den Folgen eines Gelages erholt hatte, ſchlug dieß geradezu ab, und verließ die Wuͤthende. Von dieſem Au⸗ genblicke an ſchwand das Vertrauen zwiſchen beiden Gatten, und das Gluͤck, ſelbſt das, was ſie unter dieſem Worte verſtanden, floh aus Alnuſur's Hauſe. Doch liebte er noch immer Zaiden, und ſie hatte nicht den geringſten Grund, daran zu zweifeln. Er blieb ihr treu⸗ und keine andere Schoͤnbeit machte Eindruck auf ihn; er fuͤhlte, ohne Zaide waͤre ihm das Leben nichts.— Eines Tages, als Alnuſur von einem Spa⸗ ) Das Mauſoleum, wo der Kutba verleſen wird. 6 4 — 8 77 zierritte nach Hauſe kam, erblickte er an der aͤußerſten Mauer, von wo aus er auf ſeinem Pfer⸗ de den ganzen Hof uͤberſehen konnte, zu ſeinem Er⸗ ſtaunen ſeine Gattin im Geſpraͤch mit einem Fakir, oder frommen Bettler. Er glauble, ſie laͤchle; wuͤ⸗ thende Eiferſucht faßte ihn, er ſtieg ab, rannte an das Thor, und ſtuͤrzte mit gezuͤcktem Dolch auf den Bettler zu. Zaide ſtieß einen lauten Schrei aus, aber der Fakir ſtand unbeweglich, und erwartete kaltbluͤtig den Wuͤthenden, und dieß rettete ihm das Leben: denn als Alnuſur dem Fakir die toͤdtliche Waffe in die Bruſt ſtoßen wollte, machte der Bettler einen Sei⸗ tenſprung, und der Dolch mit teufliſcher Wuth gezuͤckt, ſtieß an die Mauer und zerſplitterte. „Ach! Alnufur, was wollteſt Du thun?“ rief beſtuͤrzt Zaide,„einen heiligen Mann an⸗ fallen— Du mußt raſend ſeyn.“ Alnuſur freute ſich jezt, daß der arme Mann ihm entgangen war, und wandte ſich, um den Fakir fortgehen zu heißen, aber dieſer war zu ſeinem Erſtaunen ſchon verſchwunden. „Zaide,“ rief er,„bis jezt glaubte ich Dich kreu lee „Und was,“ rief ſie,„was hat Dich ver⸗ anlaßt, jezt anders von mir zu denken!“ „O Weib, Weib!“ entgegnete er,„warſt nicht Du es, welche zuerſt den Bettler abwies, und jezt ſeh' ich Dich in angelegenem Geſpraͤ⸗ che mit dem Mann, den ich meiner Wuth opfern wollte.“— „Ach Alnuſur! ſo niedrigen Verdacht wirfſt 73 Du auf mich? Dann iſt alles Gluͤck dahin— laß uns ſcheiden auf immer!“— „Ach nein, nein, geliebte Zaide, vergieb mir! ich habe Dir Unrecht gethan, ſehr Un⸗ recht; laß uns einander leben, vergieb mir, theuerſte Zaide!“ „Hoͤre mich, Alnuſur; nie habe ich daran gedacht, Dir untreu zu ſeyn, Du. kannſt Dir alſo vorſtellen, wie tief mich Dein ungerechter Verdacht kraͤnkt. Der heilige Mann, dem Du das Leben rauben wollteſt, iſt der Freund mei⸗ nes Vaters, in frommer Abſicht wandert er um⸗ her, und ſammelt Beitraͤge zur Erbauung einer Moſchee in Cambay. Wir ſprachen von fruͤhe⸗ ren Zeiten, von vergangenen Fagen; iſt es ein Verbrechen, wenn ich da erfreut war* „Ach nein, nein, Zaide, meine Geliebte, ich will den beiligen Mann aufſuchen— ja, ich will die Moſchee bauen, um ihn zu beſaͤnftigen und ſeine Verzeihung zu gewinnen. Vergib mir, und ich bin wieder ruhig.“ Zaide reichte ihm die Hand, und ſagte: „es ſey! aber huͤte Dich, wieder ſo kraͤnkenden Verdacht zu hegen.“ Sie lebten wieder, wie zuvor; vergebens ſuchte Alnuſur den beleidigten Fakir aufzufin⸗ den, und glaubte endlich, er ſey fort, als er eines Morgens, wie er ausreiten wollte, den Fakir mit dem Ausrufe:„wehe, wehe dem Hauſe Alnuſur's!“ an ſeiner Wohnung vorüͤbergehen ſah. Zaide, die gerade in einem obern Zimmer war, ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, — 79 und Alnuſur ließ ſein Pferd ſtehen, eilte dem Bettler nach, und bat ihn, zuruͤckzukehren, und eine Gabe anzunehmen. Allein der Fakir machte ein veraͤchtliches Zeichen mit der Hand und ging weiter. Auch den naͤchſten und ſo alle folgenden Tage ging der Fakir an dem aͤußeren Thore voruͤber und rief:„wehe, wehe dem Hauſe Alnuſur's!“ Zaide gerieth in große Angſt und Alnuſur'n entſank der Muth. Nachts verfolgten ihn ſchreckliche Traumgeſichter, er glaubte, ſeine Zaide als Leichnam zu ſehen— von ſeiner eigenen Hand gemordet. Dann pflegte er aufzufahren, um den Arm ſenner ſchlafenden Gattin zu ergreifen, die vergebens nach der Ur⸗ ſache ſeines Erſchreckens fragte. Mehr als einmal ſchreckte ihn dieſer Traum, aber er verhehlte ſeine furchtbare Bedeutung ſei⸗ ner Zaide, und ſuchte ſich ihn aus dem Sinne zu ſchlagen, aber vergebens. Etwas Schreckliches, fuͤhlte er, muͤſſe uͤber ſeinem Haupte ſchweben, aber was, konnte er ſich nicht erklaͤren. Zaide erhielt von Cambay die traurige Nach⸗ richt von dem Tode ihres Vaters, vielleicht war dies das einzige Ungluͤck, das ihn treffen ſollte, und mit dieſem Gedanken ſuchte Alnuſur ſich zu beruhigen. Zaide ſchloß ſich in ihre Zimmer ein, und gab ſich ihrem Kummer hin. Der Fakir ermangelte nicht, taͤglich ſeine Wehe uͤber das Haus Alnuſur's auszurufen, und die Traͤume hoͤrten nicht auf, das Lager des Ungluͤcklichen heimzuſuchen. Ungefaͤhr einen Monat nach dem Empfang 80 der Trauerbotſchaft von Cambay aͤußerte Zaide den Wunſch, eine Muhme, die erſt kuͤrzlich in Tbhanah oder Salſette angelangt ſey, zu be⸗ ſuchen. Alnuſur, der glaubte, eine Veraͤnde⸗ rung werde den Kummer ſeiner Gattin lindern, gab ihr hiezu die Erlaubniß und verſprach, ſie in zehn Tagen ſelbſt abzuholen. Sollte er nicht puͤnktlich eintreffen, ſo moͤchte ſie ſich keine Sorge daruͤber machen, denn er werde auf keinen Fall laͤnger als drei Tage uͤber dieſe Zeit ausblei⸗ ben. Er hatte hiezu ſeine Gruͤnde, welche ſo⸗ gleich dargelegt werden ſollen. Zaide reiste alſo blos von einer Sklavin begleitet, nach Salſet⸗ te ab. Alnuſur wußte, daß er in 13 Tagen die Hoͤhle beſuchen konnte, und wollte auf dem Ruͤck⸗ weg in Salſette einſprechen, wohin er zu Waſ⸗ ſer gehen und eine huͤbſche Summe Geldes zum Geſchenk fuͤr die Muhme ſeiner geliebten Zaide mitnehmen wollte. Er wußte, daß er damit ſeiner Gattin eine ſehr große Freude machen wuͤrde, und ſchickte ſich alſo zur Reiſe an. Ge⸗ rade als er aus dem Hauſe trat, ging der Fa⸗ kir voruͤber und rief:„Wehe, wehe dem Hauſe Ulnuſur's!“ An dieſen Schreckensruf ſchon gewoͤhnt, ließ ſich Alnuſur dadurch nicht aus der Faſſung brin⸗ gen, und nur an die Freude denkend, ſeine theure Zaide wieder zu ſehen, eilte er ſchnell an die See, wo ein Schiff ſegelfertig lag, be⸗ ſtieg dieſes, und kam wohl behalten auf der Inſel Gharipoori an. Ehe er ſein Haus ver⸗ — 81 ließ, hatte er einen ſorgfaͤltigen Auszug aus dem Buch der Erkenntniß gemacht, um ohne Schwierigkeit den Ruͤckweg aus der Hoͤhle zu finden. Im Vertrauen auf das gewoͤhnliche Gluͤck, druͤckte er gegen den Zehen der koloſſalen Bild⸗ ſaͤule, und dieſe wich zuruͤck. Als er die Treppe hinab ging, kam ihm ein widerlicher Geruch entgegen; anfangs glaubte er, dieſer ruͤhre von der eingeſchloſſenen Luft her, entdeckte aber zu ſeinem Schrecken am Fuß der Treppe einen menſch⸗ I lichen Leichnam. Wenn er an dem bloßen An⸗ blicke erſchrack, wie entſezte er ſich erſt, als er bei naͤherer Unterſuchung fand, daß es der Leich⸗ nam ſeiner geliebten Zaide war! Das Wehe war uͤber den ungluͤcklichen Alnuſur gekommen, er zerraufte ſich das Haar, zerſchlug ſich die Bruſt, ſein Jammergeſchrei ſcholl durch die Ge⸗ woͤlbe der Hoͤhle, er warf ſich uͤber den Leich⸗ nam ſeiner Geliebten, und weinte Thraͤnen der Verzweiflung. Jezt ſiel ihm ein, ſie muͤſſe ihn bei ſeinen Beſuchen in der Hoͤhle belauſcht und gewagt haben, ſelbſt dahin zu gehen. So war es auch. Man wird ſich erinnern, daß Zaide einmal bei einer beſondern Gelegenheit 10,000 Ru⸗ pirn von ihm verlangte, und da er ihr dieſe, unter dem Vorwand daß er ſie nicht beſaͤße, abſchlug, ſo beſchloß ſie ſich zu uͤberzeugen, woher ſein Reichthum komme. Sie that dieß, und dachte darauf, wie ſie den Schatz heimlich beſuchen koͤnnte. Die erhaltene Erlaubniß, nach Sal⸗ ſette zu gehen, ſchien ihr eine guͤnſtige Gele⸗ geuheit, ihr Vorhaben auszufuͤhren. Zwei Ta⸗ 4 82 ge nach ihrer Ankunft bei ihrer Tante aͤußerte ſie den Wunſch, einen Peer oder heiligen Ort auf den Inſeln in der Naͤhe zu beſuchen; ſie wuͤrde von da aus wahrſcheinlich nach Bombay zuruͤckkehren, und dann ihren Gatten mit nach Thannah bringen. Ihre Muhme wagte es nicht, eine Einwendung dagegen zu machen, und die unvorſichtige Zaide fuhr, blos von einem Schif⸗ fer geleitet, nach Gharipoori. Dieſen ließ ſie wieder zuruͤckfahren, in der Hoffnung, leicht ein anderes Boot finden zu koͤnnen, wenn ſie die Inſel wieder verlaſſen wollte. Sie hatte Mannskleider angezogen, und ſich in einen großen Shawl gehuͤllt, den ihr Al⸗ nuſur vor kurzem geſchenkt hatte. Sie trat in die Hoͤhle, und ohne daran zu denken, daß ſie hier ihr Grab finden ſollte, ergoͤzte ſie ſich an den aufgehaͤuften Reichthuͤmern, und die Freude ſtruhlte aus ihrem Auge. Sie raffte zuſammen, ſo viel ſie tragen und unter ihren Shawl verbergen konnte, und wollte nun die Hoͤhle wieder verlaſſen. Aber der Eingang war verſchloſſen, und alle ihre Verſuche, ihn zu offnen, vergebens. In unausſprechlicher Ver⸗ zweiflung ſank die Ungluͤckliche nieder. Bald fuhlte ſie die Qualen des Hungers; ihre Lip⸗ pen braannten und Wahnſinn faßte ſie beinahe. Einen Tag lang ertrug ſie dieſe Pein, in der Hoffnung, Alnuſur werde die Hoͤhle beſuchen und ſie dem Tode entreißen. Aber ach! er kam nicht, noch ein Tag— und keine rettende Hand arſchien der ſterbenden Zaide. Endlich war ihre — 83 Natur erſchoͤpft, ſie ſank nieder und ſtarb den Hungertod. 5 3 Lange weinte der ungluͤckliche Alnuſur, ſei⸗ nem tiefen Kummer ſich hingebend, dann dachte er darauf, den Leichnam ſeiner Gattin zu be⸗ graben. Sie hier zu laſſen, fiel! ihm keinen Augenblick ein. Endlich beſchloß er, ſie aus der Hoͤhle zu tragen, und in einer der dunklen Niſchen zu begraben. Mit Muͤhe trug er ſie die Treppe binauf, oͤffnete den Eingang und zog den Leichnam nach ſich. Zunaͤchſt ſuchte er nun ein Werkzeug, um, ein Grab zu machen. Auf einem Felde unten am Berg, fand er gluͤck⸗ licherweiſe ein Ackergeraͤth, mit dieſem kehrte er in die Hdhle zuruͤck, wo er erſt nach lan⸗ gem Suchen weichen Boden fand, und das Grab ſeiner einſt ſchoͤnen Zaide grub, und als er die lezten Haͤnde voll Erde auf ihre Ueberreſte ge⸗ worfen, war es ihm, als ſey der lezte Hoff⸗ nungsſtrahl von ihm gewichen. Er kehrte nach Bombay zuruͤck, wo er ſich in ſeine Zimmer einſchloß, und niemanden ſichtbar wurde. Es ging das Geruͤcht, ſeine Frau ſey mit einem angeſehenen Muhammedaner entlaufen, und wenn Alnuſur in der Stadt erſchien, deutete man ſpoͤttelnd mit Fingern auf ihn. Mißver⸗ gnaͤgt und traurig beſchloß er deswegen, ein gutes Werk zu thun, und den Reſt ſeiner Tage. in der Einſamkeit zu verleben. Es war Abend, der Bramine Donga Sette hatte ſeine kleinen Zoͤglinge entlaſſen, und ge⸗ noß die friſche Luft in ſeinem Verandah, als⸗ 84 ein? Fremder, in ein grobes Kleid gehuͤllt, vor ihm erſchien, und ihn um Gehoͤr bat. Der Bramine winkte ihm, er ſolle eintreten, und bat ihn, ſich zu ſetzen.„Bramine,“ ſagte eine tiefe hohle Stimme,„Du beſaßeſt einſt einen Schatz.“ In ſtummer Verwunderunz blickte ihn Donga Sette an, und nickte blos mit dem Kopfe. 3 „Du haſt,“ fuhr der Fremde fort,„einen guten Gebrauch von Deinem Reichthume gemacht, Du ſpeisteſt den Hungrigen, Du wieſeſt den Ir⸗ renden zurecht.“ „Ich that, was ich vermochte,“ erwiederte der wuüͤrdige Bramine. „Ja, das thateſt Du. Ein Schurke hat Dir dieſen Schluͤſſel zum Reichthum geraubt. Weißt Du, wer es war?“ „Der Jude Ismael, wie ich vermuthe,“ ſagte der Bramine.— „Fuͤr ihn habe ich Dir ſchaͤndlicher Weiſe am Jatrafeſte Deine Schluͤſſel geraubt, und mich in den Beſitz des eiſernen Kaͤſtchens geſezt; ohne ſeinen Inhalt zu kennen, gab ich es dem Juden.“ „Himmel!“ ſagte der Bramine, viſt es der reiche, maͤchtige Alnuſur, der mit mir ſpricht?* „Ja, es iſt Alnuſur,“ entgegnete der Frem⸗ de;„der einſt reiche, einſt gluͤckliche Alnuſur, aer jezt der bejammernswuͤrdigſte unter den Sterblichen. Er erzaͤhlte nun dem Braminen ſeine ganze Geſchichte, und uͤberreichte ihm am Schluſſe derſelben das eiſerne Kaͤſtchen nebſt den —— 85 beiden Schkuͤſſeln mit den Worten:„Hier, wuͤr⸗ diger Bramine; Du allein weißt einen richti⸗ gen Gebrauch davon zu machen, Dein ſoll es ſeyn, mir iſt es von keinem Nutzen. Ich ver⸗ diene mein Ungluͤck, denn ich habe die Vor⸗ ſchriften des Buches der Erkenntniß nicht be⸗ folgt. Als Fakir, als frommer Bettler, will ich durch Hindoſtan wandern, und der Welt mit allen ihren Freuden entſagen, denn Zaide iſt nicht mehr, und ach! ich bin Schuld an ih⸗ rem Tode, denn haͤtte ich die Vorſchriften des Buches befolgt, und die Bettler geſpeist, ſtatt ſie abzuweiſen und zu mißhandeln, ſo waͤre das Ungluͤck nicht uͤber Alnuſur's Haus hereinge⸗ brochen.“ Donga Sette verſuchte Alnuſur von ſeinem Vorhaben, ein Fakir zu werden, abzubringen, aber vergebens. Er legte das eiſerne Kaͤſtchen mit den Schluͤſſeln zu den Fuͤßen des Brami⸗ nen nieder, verbeugte ſich, und verließ das Haus. Der Bramine, j ezt wieder im Beſitz des Buchs der Erkenntniß, lebte, geliebt und geachtet von allen, die ihn kannten, fuhr fort, die Armen zu unterſtuͤtzen, die Ungluͤcklichen zu troͤſten, die Unwiſſenden zu belehren, und uͤbte jegliche Tugend.— 1 Der Nuwab machte keine Bemerkungen uͤber dieſe Geſchichte des Kupferſchmidts, ſondern ſtand auf, und bezeugte den Wunſch, am folgenden Tage eine andere Erzaͤhlung zu hoͤren; Moye⸗ ed⸗din berief alſo die Uebrigen in ſeinen Palaſt; das Loos fiel auf Kuzl⸗bashee, den Faͤrber, der 66 am folgenden Tage erſchien, und ſeine Erzaͤh⸗ lung Begana⸗ wie falgter 113n. 5390—n him SFäͤnftes Kapiteel. Im Zabr der Hegira 1070*) herrſchte der maͤchtige Aurungzebe uͤber Delhi, und ungeach⸗ tet des Krieges mit ſeinem Bruder Brothor Suja, der an den Graͤnzen des Reichs ge⸗ fuͤhrt wurde, ließ dieſer unermuͤdete Kaiſer die inneren Angelegenheiten ſeines Staates ſei⸗ ner Aufmerkſamkeit nicht entgehen. Von Ju⸗ gend auf an Thaͤtigkeit gewoͤhnt, widmete er ſelbſt den unbedeutendſten Dingen ſeine Beach⸗ tung. Beſonders war er auf Handhabung der Gerechtigkeit bedacht, und um gewiß zu ſeyn⸗ daß ſeine Geſetze befolgt, und ſeine Verordnungen oollzogen wuͤrden, ging er oft Nachts mit ſei⸗ nem Vezier verkleidet durch die Stadt. Auf dieſe Weiſe erfuhr er nicht ſelten Dinge, die ihm ſonſt nie wuͤrden zu Obhren gekommen ſeyn. Als ſie einmal in einer mondhellen Nacht durch ein ab⸗ gelegenes Gaͤßchen giengen, begegneten ihnen drei Bettler in aͤrmlichem Aufzuge; der eine davon war, wie ſie ſahen, lahm. Die Ungluͤck⸗ lichen ſprachen ſie um eine Gabe an, und der *) Im Jahr 1660 chriſtl. Zeitrechnung. 4 . 87 Kaiſer hielt es an dieſem abgelegenen Orte fuͤr gut, ihnen einige Rupien zu ſpenden, worauf alle drei ſich auf die Erde niederwarfen, und einer von ihnen ausrief:„Großmaͤchtige Unbe⸗ kannte, laßt uns zu dreimalen vor Euch uns niederwerfen.“ Der Kaiſer, der nach Hauſe wollte, haͤtte ihnen gerne dieſe laͤſtige Bezeu⸗ gung ihrer Dankbarkeit erlaſſen, allein die Bett⸗ ler erklaͤrten, wenn ſie ihren Gebern nicht auf dieſe Weiſe danken duͤrften, ſo muͤßten ſie das Geld wieder zuruͤckgeben, worauf der Kaiſer zu ihnen ſagte:„Es iſt mir jezt ungelegen, hier Eure demuͤthigen Dankbezeugungen anzuneh⸗ men. Doch wollen wir Euch in Eure Wohnung begleiten, damit wir wiſſen, wo Ihr zu fin⸗ den ſeyd. Ich gebe Euch die Verſicherung, Euch morgen Fruͤh holen zu laſſen, wo Ihr mir dann danken moͤget, auf welche Art es Euch gut duͤnkt, und uͤberdies verſpreche ich Euch noch einmal ſo viel, als Ihr ſo eben erhalten habt.“ Die Bettler waren dies zufrieden, be⸗ ſtanden aber darauf, daß der Kaiſer, was er auch Morgen zu thun Willens ſey, das Geld wieder nehmen moͤchte, denn ſie haben es ſich zum unverbruͤchlichen Geſetze gemacht, keinen Pice*), der ihnen als milde Gabe gereicht werde, anzunehmen, wenn nicht der Geber geſtatte, daß ſie ſich dreimal vor ihm nie⸗ derwerfen. 3 Aurungzebe mußte alſo das Geld wieder *) Eine kleine Kupfermuͤnze. 88 nehmen, und den Bettlern in einen abgelegenen Theil der Stadt folgen, wo, wie er erfuhr, eine armſelige Huͤtte ihre einzige Wohnung war. Nachdem der Kaiſer dieſe ſonderbaren⸗ Menſchen verlaſſen hatte, ſprach er mit ſeinem Vezier, uͤber ihr auffallendes Benehmen, wor⸗ uͤber er ſehnlich Auskunft. wuͤnſchte und daher ſeinem Vezier befahl, die Bettler am folgenden Tage in ſeinen Palaſt rufen zu laſſen, ohne daß ſie jedoch erfuͤhren, vor wem ſie erſcheinen ſollten. Der Vezier warf ſich zur Erde nieder, ſchwur ſeine Befehle zu vollziehen, und nahm, als ſie an dem Palaſt angekommen waren, fuͤr dieſe Nacht von ſeinem Gebieter Abſchied. In der Fruͤhe des folgenden Tages ſahen die Bettler, welche abſichtlich zu Hauſe geblie⸗ ben waren, einen Boten auf ſich zukommen, und ſtellten ſich, um von ihm zu erfahren, zu wem er ſie bringen ſollte, unter die Thuͤre ihrer aͤrmlichen Wohnung. Der Bote entledigte ſich ſeines Auftrags und ſie folgten ihm. Aber wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie in dem mildthaͤtigen Geber von geſtern, den Kaiſer er⸗ kannten! Aurungzebe gewahrte ihre Ueberra⸗ raſchung und redete ſie folgendermaßen an: „Perſer, denn ich ſehe, daß Ihr aus die⸗ ſem Lande ſeyd— ich habe euch meinem Ver⸗ ſprechen gemaͤß, Euch die geſtrigen Summen zu verdoppeln, rufen laſſen, damit ihr mir aufrichtig die Gruͤnde mittheilt, die euch be⸗ ſtimmen, euch dreimal vor denen niederzu⸗ werfen, welche euch eine milde Gabe reichen. 89 Wie ich ſehe, iſt einer von Euch lahm, und der andere hat ein Auge verloren, dem drit⸗ ten darf ich Gluͤck wuͤnſchen, daß er ſich voll⸗ kommen wohl befindet. Auf dieſes machten die Bettler ihre Begruͤßung, der dritte aber that dieß mit der linken Hand, was dem Kaiſer nicht entging. Er fragte nach dem Grunde, worauf der Lahme erwiederte, unſer Freund kann nicht anders; er hat die rechte Hand verloren. Er zog hierauf, um dies zu bekraͤftigen, unter dem langen Aermel des dritten einen verſchrumpften Stummel hervor, den er ſogleich wieder ver⸗ barg. Ums Himmels Willen, ſagte der Kai⸗ ſer, wie kommt es, daß ihr alle drei ſo uͤbel zugerichtet ſeyd?“ Die Bettler ſchwiegen, und waren, wie es ſchien, nicht Willens, die ge⸗ wuͤnſchte Aufklaͤrung zu geben. Da aber Au⸗ rungzebe darauf beſtand, genau uͤber die Sache belehrt zu werden, erwiederte der Lahme: „maͤchtigſter Kaiſer, wenn das Schickſal dreier elenden Bettler Dein koͤnigliches Herz ruͤhren mag, ſo find wir bereit, es Dir zu erzaͤhlen. Aurungzebe erklaͤrte, er ſey ſehr neugierig, zu erfahren, auf welche Art ſie in dieſen Zu⸗ ſtand gerathen ſeyen, worauf der Lahme fol⸗ gendermaßen ſeine Geſchichte begann: Geſchichte des erſten Bettlers. „Ich bin ein Perſer, aus Yezd und heiße Yasmin. Mein Vater war ein Kornhaͤndler und beſaß ein betraͤchtliches Vermogen, war 90 aber wie viele andere Leute in Yezd ein Sufi*) in welchem Glauben auch ich auferzogen wurde. Yezd war als der Sitz vieler gelehrten Suffis beruͤhmt, und ſo wurde ich bald von meinem Lehrer Syud Mahomed Ali eingefuͤhrt, mit meh⸗ reren der gelehrteſten Maͤnner unſerer Sekte bekannt. Durch die Wohlhabenheit meines Va⸗ ters wurde ich in den Stand geſezt, meiner Ausbildung als Sufi hinlaͤngliche Zeit zu wid⸗ men, und ich glaube, daß ich in Yezd wohl der *) Das arabiſche Wort Sufi bedeutet weiſe, fromm. Es iſt wohl von dem Worte Saaf,„rein, lauter“ ab⸗ zuleiten. den .8 Andere glauben, dieſe Sekte habe ihren Namen von dem Worte„Soof, welches Wolle,“ bedeutet, weil ihre Anhaͤnger immer grobe, wollene Kleider trugen. Aus verſchiedenen Werken muhamedaniſcher Schriftſteller geht hervor, daß eine Sekte„Sufis“ geheißen, gleichzeitig mit ihrer Religion auftam, jezt aber gilt ſie fuͤr ihre gefaͤhrlichſten Gegner. Die Suft verwerſen die Formen des wahren Glaubens, und haben ſehr freie Anſichten uͤber ihre Lehren. Weil ſie in beſonderer Verbindung mit der Gottheit zu ſtehen vorgeben, ſo haben ſie ſich von jenen den Vorwurf zugezogen, daß ſie nicht glauben, was ſie aͤußerlich bekennen, und die Muhamedaner betrachten ſie deß⸗ wegen fuͤr Unglaͤubige. Die Lehrer dieſer Sekte drangen ihren Schuͤlern ihre ungereimten, abweichenden Glau⸗ bensmeinungen auf, ſtatt ſie in den Formen und Ge⸗ braͤuchen der Muhamedaniſchen Religion zu unterrich⸗ ten. Die lezteren muſſen ihre Lehrer uͤber alle an⸗ dere Menſchen erhaben glauben, ſie mit einem Worte Lanherehe— Malcolm's Geſchichte von Perſien eter and. 91 eifrigſte Anhaͤnger meiner Sekte war. Mit dem groͤßten Eifer widmete ich mich dieſer Lehre und fuͤgte mich folgſam den ſtrengſten Vorſchrif⸗ ten, um als einer der Gelehrteſten der Itaͤhedeab⸗ Sekte**) zu gelten, zu welchem mein Vater und Syud Mahomed Ali gehoͤrten. In der Poeſie beſteht das wahre Leben des Suſiismus, weswegen ich mich unermuͤdet damit beſchaͤf⸗ tigte. Taͤglich ſchwazte mir Syud Mahomed Ali von dem Ruhme vor, mit dem ich mich bedecken wuͤrde, wenn ich der Sekte neue An⸗ haͤnger zufuͤhrte, und ich arbeitete mit unermuͤ⸗ deter Beharrlichkeit daran, junge Leute meines Alters zu bekehren, und ſie auf den Weg des Sufiismus zu leiten. Was den Syud beſtimm⸗ te, daß er ſo eifrig Anhaͤnger zu gewinnen ſuchte, war, glaube ich, mehr der Wunſch, die Zahl ſeiner Verehrer zu vergroͤßern, als ein wahrhaft frommer Antheil an dem Heil ih⸗ rer Seelen. Weil ich jedoch dem Dienſt mei⸗ nes erleuchteten Lehrers blindlings ergeben und damals feſt uͤberzeugt war, daß der Syud nur *) Die Sufi's theilen ſich in zwei Hauptſekten, le lich die Hulooleah und die Itähedeah. Jenes ſind die Inſpirirten, welche glauben, Gott ſey zu ihnen her⸗ abgeſtiegen und habe ſich in ihm geoffenbart; dieſe, Gott ſey eins mit jedem erleuchteten Weſen, kurz wegen ihrer Verbindung mit der Gottheit, halten ſie ſich ſelbſt fuͤr Gott. Einer ihrer Glaubensfuͤhrer, welcher den lezten Grad des Sufiismus erlangt ha⸗ ben wollte, behauptete, er ſey Gott.“— Malkolm's Geſchichte von Perſien, zter Band. 92 durch fromme Gefuͤhle ſich leiten laſſe, ſo gab ich mich ihm mit vollem Vertrauen hin, und ſah zu ihm auf, wie zu einer Gottheit. Ich wurde mit zwei Juͤnglingen bekannt, welche ich von ihrer ſtarren Anhaͤnglichkeit an die Lehre des Islam zu bekehren beſchloß, wobei ich mir den Beifall meines Lehrers verſprechen durfte, und wodurch ich den zweiten Grad des Sufiis⸗ mus*) zu erlangen hoffte, wo ich meinem Leh⸗ rer nicht laͤnger folgen durfte, aller aͤußeren Andachtsuͤbungen uͤberhoben war, und eine geiſt⸗ liche Wuͤrde erlangte. Mein Gott war Eitel⸗ keit und Stolz, und ſo war es mir ſehr er⸗ wuͤnſcht, der Leitung des Syud Mahomed Ali los zu werden. Hundert Mahomedaner zu opfern, um mich unabhaͤngig und ſelbſtſtaͤndig zu machen, ſchien mir daher zu meinem Gluͤcke ſo nothwendig, daß ich nicht anſtand, meinen *) Es ſind vier Grade, durch welche man gehen muß, ehe man zur Vollkommenheit und Seligkeit gelangt. Der erſte heißt Mentchlichkeit oder Gehorſam gegen das heilige Geſetz, und ſtrenge Befolgung aller Vor⸗ ſchriften, Gebraͤuche und Lehren der angenommenen Religion. Der zweite Grad iſt der Weg oder Pfad; wer dieſen erlangt, bedarf keines Lehrers mehr und tritt in den eigentlichen Suſtismus ein, wo er das Sinnlihe mit dem Geiſtlichen vertauſcht, und von allen religioͤſen Formen entbunden iſt. Der dritte Grad heißt Erkenntniß; wer dieſen erlangt, gilt fuͤr inſpirirt. Der vierte endlich Wahrheit, das heißt: Verbindung mit der Gottheit. 1 Malcolm's Geſchichte v. Perſien. 5 93 zwei Freunden Yuſoof und Mohabed Ali hart zuzuſetzen. Es waren die Soͤhne angeſebener Kaufleute in Yezd und dieſelben, welche jezt vor Deiner Majeſtaͤt ſtehen. Dieſe, meine Un⸗ gluͤcks⸗Gefaͤhrten, werden Dir erzaͤhlen, wie unermuͤdet ich an ihrer Bekehrung, oder mit andern Worten an ihrem Verderben arbeitete. Die Natur hatte mich mit einem einneh⸗ menden Aeußern und einer ſehr gelaͤufigen Zunge begadt; ſo wirkte ich nach und nach auf ihre Gemuͤther, indem ich ihnen die Vortheile des Suffismus in dieſer und der andern Welt vor⸗ ſtellte, mich in Lobeserhebungen ſeiner verſchie⸗ denen Grade ergoß, und unſere alles uͤbertref⸗ fende Gelehrſamkeit hervorhob— ein Vorzug, welchen ſelbſt unſere ſchlimmſten Feinde uns ein⸗ raͤumen mußten. Die Juͤnglinge hoͤrten miir zu und giengen in die Schlinge; ich brachte ſie zu Syud Mahomed Ali, und in ſeinen Au⸗ gen war die Freude zu leſen, welche er empfand. So wurden Yuſoof und Mahomed Ali Su⸗ fi's, und verließen den wahren Glauben, hat⸗ ten jedoch bald die Folgen ihres Abfalls zu fuͤhlen, denn ihre Eltern und Freunde ſagten ſich von ihnen los, und die Juͤnglinge ſchwaͤrm⸗ ten umher, eine Lebensart, wozu ich mich ſelbſt auch bequemen mußte, aus Furcht, ſie moͤchten uns ſonſt verlaſſen. Wurden ſie von ihren Freun⸗ den hintangeſezt und verachtet, ſo war, meinte ich, die Achtung, die ſie bei den Sufi's geno⸗ ßen, ihnen ein hinlaͤnglicher Erſatz für ihren Verluſt, und bald gelang es mir, ſie zu uͤber⸗ 94 reden, daß ſie ſich uͤber die ſchlimme Behand⸗ lung von Seiten ihrer Freunde ganz und gar wegſezten. Jezt war die Zeit gekommen, wo ich fuͤr wuͤrdig gehalten wurde, den zweiten Grad des Sufiismus zu erlangen, und freudig begruͤßte ich den Tag, an dem ich von Syud Mahomed Ali, unter deſſen Leitung ich von mei⸗ ner Kindheit an geſtanden war, frei werden ſollte. Ich ſprach jezt in der Verſammlung und gab vollkommene Proben von meiner gewaltigen Redekunſt, ſo daß ich fuͤr ein Wunder galt, weil ich mit ſchnelleren Schritten, als alle vor mir der Vollkommenheit mich nahe. Mein Vater war beſonders erfreut uͤber meine Befoͤrderung, weil er ſelbſt erſt kurz zuvor den Grad der Er⸗ kenntniß erlangt hatte. Fuͤr mich war es zwar ſehr ſchmeichelhaft, Yuſoofs und Mahomed Ali'8 Fortſchritte zu bemerken, deſto unangenehmer aber, fuͤr ihren Unterhalt ſorgen zu muͤſſen, denn fuͤr ſo heilig und rein wir uns auch hielten, ſo war es doch ſchlechterdings unmdglich, ohne leibliche Speiſe das Leben zu friſten. Mein Va⸗ ter hatte einen ſeiner Schreiber durch einen ſchnellen Tod verloren, und auf meine Fuͤrſprache erhielt Yuſoof die erledigte Stelle. Der junge Mann war ſehr erfreut, daß ich ihm auf dieſe Weiſe Unterhalt verſchafft hatte, waͤhrend Mo⸗ habed Ali ſich tief daruͤber graͤmte, daß er noch laͤnger von meiner Guͤteleben mußte. Mit dem zweiten Grade des Suftismus war mein Ehr⸗ geiz auf s Hochſte geſtiegen, und weil noch mehrere Jahre hingehen mußten, ehe ich mir 95 auf den dritten Grad der Erkenntniß Hoffnung machen durfte, beſchloß ich, mein jetziges An⸗ ſehen ſo viel als moͤglich zu benuͤtzen. Meine anerkannte uͤberlegene Gelehrſamkeit und Beredt⸗ ſamkeit berechtigten mich, wie ich glaubte, ein hochtrabendes Weſen gegen die von meiner Sekte anzunehmen, und die, welche eines andern Glau⸗ bens waren, tief zu verachten, ſo daß ich, wie ich bald ſah, bei niemanden beliebt war. Allein ich dachte, was kuͤmmert es mich, ob man mich liebt oder nicht. Ich bin reich und auf dem Wege, ich bin beinahe der erſte von allen, die auf der zweiten Stufe ſtehen, und meine Be⸗ redtſamkeit und Geſchicklichkeit wird allgemein anerkannt. Freundſchaft kann weder mein Gluͤck erhoͤhen, noch meine Beforderung beſchleunigen. Als ich eines Tages durch eine der Haupt⸗ ſtraßen ging, ſprach mich ein Bettler um eine Gabe an. Mit einem Blick, in dem Unwillen und Verachtung ſich paarten, trat ich vor ihm zuruͤck, und huͤllte mich dichter in meine Ge⸗ waͤnder, um nicht durch ſeine Beruͤhrung ver⸗ unreinigt zu werden.„Hoͤre mich, Suſ,“ rief der Bettler,„wenn Du den, der im Namen Gottes Deine Huͤlfe anſpricht, ſo von Dir ſtd⸗ ßeſt, ſo iſt die Zeit nicht ferne, wo dieſer Gott, der wie Du glaubſt, immer mit Dir iſt, Dich verlaſſen und eben ſo ungluͤcklich machen wird, als ich es bin; doch— moͤge Allah Dich be⸗ ſchuͤtzen!’ Die Worte des alten Bettlers mach⸗ ten einen Augenblick tiefen Eindruck auf mich, da mir aber bald darauf einige von meiner Sekte 96 begegneten, und mir mit Lobeserhebungen we⸗ gen meiner Gelehrſamkeit, meines Reichthums und meines Anſehens ſchmeichelten, ſo ſchlug ich mir den Bettler und ſeine draͤuende Weis⸗ ſagung aus dem Sinn, und behandelte auf gleiche Weiſe jeden Ungluͤcklichen, der ſich Huͤlfe ſuchend mir nahte. Meine Verſchwendung hielt gleichen Schritt mit meinem Stolz und Ueber⸗ muth, und obgleich das, was mein Vater mir ausgeſezt hatte, verbunden mit dem Antheil an dem Gewinn, den ſein Handel abwarf, ſpar⸗ ſam und klug angewandt, mehr als genug ge⸗ weſen waͤre, um anſtaͤndig zu leben, ſo war es mir doch bei meiner Gemuͤthsart laͤſtig, mich auf ein beſtimmtes Einkommen beſchraͤnkt zu ſehen, und ich ging daber ernſtlich mit dem Gedanken um, meinen eigenen Vater zu be⸗ ſtehlen, wovon mich nur die Ueberzeugung ab⸗ hielt, daß ich dadurch eigentlich ſelbſt mich be⸗ ſtehlen wuͤrde, weil wir unſere Geſchaͤfte ge⸗ meinſchaftlich hatten. In einer Verſammlung der Sekte erbot ich mich, nach Afghaniſtan zu gehen, um zu ſe⸗ hen, wie es mit den dortigen Sufi's ſtehe, und um noch mehrere fuͤr unſere Sache zu gewin⸗ nen; und um unſer Anſehen aufrecht erhalten zu koͤnnen, beſtand ich darauf, daß ich ſo glaͤn⸗ zend als moͤglich auftreten muͤßte, wobei ich die Abſicht hatte, das Geld, womit ich verſehen wuͤrde, ganz zu meinem Vergnuͤgen zu verwen⸗ den. Es wurde eine bedeutende Summe zuſam⸗ mengeſchoſſen, und alles war zu meiner Abreiſe ge⸗ 7 . geruͤſtet, als ein Ereigniß eintrat, welches alle meine Plane gaͤnzlich zerſtoͤrte. Es war dieß der Tod meines Vaters; er hatte Kunde erhal⸗ ten, daß eine bedeutende Unternehmung, in welche er ſich mit meiner Zuſtimmung eingelaſ⸗ ſen hatte, fehlgeſchlagen war. Dieſer Stoß warf ihn aufs Krankenbett, und ach! er erſtand nicht wieder. In ſeiner Sterbeſtunde redete er mich alſo an: „Mein Sohn, bald werde ich Dich auf ewig verlaſſen; bleibe Deinem Glauben treu, befolge die Vorſchriften des Suſiismus, und Du wirſt immer gluͤcklich ſeyn. Ich habe Dir wenig hin⸗ terlaſſen. Hier ſind die Schluͤſſel zu meinem Kaſten; was darin iſt, gehoͤrt, nebſt mehreren Papieren und Wechſeln, nach meiner lezten Willensverordnung Dein, das Haus dagegen Deinem Vetter; ſey, wenn er kommt, freund⸗ lich gegen ihn; bekraͤftige Andere in der wahren Religion, und ſey gluͤcklich. So ſtarb mein Va⸗ ter, und ich, der ich gehofft hatte, nach ſei⸗ nem Tode unermeßlich reich zu werden, erbte beinahe nichts. Bei dem Durchſuchen des Kaſtens fand ich nichts als einen Beutel mit 1000 Toomauns, und einige Wechſel. Ich konnte und wollte nicht glauben, daß blos dieſe Summe im Hauſe waͤre. „Da geht etwas vor,“ rief ich;„mein Vetter, der das Haus bekommen ſoll, weiß gewiß, wo das Geld verſcharrt wird. Sobald die Ueber⸗ reſte meines Vaters beſtattet waren, machte ich mich an das Werk, den Schatz zu ſuchen. Hun⸗ Ind. Serail. III. 5 98 dert Arbeiter wurden im Hauſe vertheilt, und erhielten Befehl, die Mauern, ungeachtet ih⸗ rer Dicke von ſechs Fuß, zu durchbrechen. Ich ſelbſt half dabei, bis ich, der ungewohnten Ar⸗ beit muͤde, aufhoͤren mußte. Doch durchſuchte ich mit brennenden Fackeln alle Winkel und Ecken des Hauſes. Ploͤtzlich wurde ich durch den Ruf Feuer! Feuer! der von der Straße herkam, aufgeſchreckt. Ich wollte von dem Ort, wo ich war, an die Kaſſe eilen, um das we⸗ nige darin enthaltene Geld zu retten; allein die vielen Werkleute und die Rauchwolken, welche die enge Treppe heraufdrangen, machten es unmoͤglich, ſchnell zuruͤckzukehren. Endlich ge⸗ langte ich an das kleine Kabinet, wo das Geld lag, und wollte gerade durch das dahin fuͤh⸗ rende Zimmer ſchreiten, als der Boden wich, und eine Feuerſaͤule, furchtbar auzuſehen, mir das weitere Vordringen unmoͤglich machte. Noch geluͤſtete mich nach den Toomauns, und ich be⸗ hauptete den Platz, bis mehrere Stimmen, die mich baten, umzukehren, mich aufſchreckten, und ich auf die Straße eilte, die ich kaum erreicht hatte, als unter dem Geſchrei des entſetten Pobels das ganze Gebaͤude mit furchtbarem Kra⸗ chen zuſammenſtuͤrzte. Niemand half, und haͤt⸗ ten ſie es auch gewollt, ſo ſah ich nicht ein, wozu es genuͤzt haͤtte, denn ohne Zweifel war ich ſelbſt an dem Ausbruche des Feuers ſchuld, weil ich mit der brennenden Fackel unvorſichtig im Hauſe umhergelaufen war, und den ploͤtzli⸗ chen Einſturz des Gebaͤudes hatte ich der Ar⸗ 99 beit der Werkleute zuzuſchreiben, die ſeine Grund⸗ mauern untergraben hatten. In einer Lage, wie die meinige, iſt es immer wohlthaͤtig, andere bemuͤht zu ſehen, Huͤlfe zu ſchaffen; wie konnte ich aber dieſe von Leuten erwarten, die ich mit Verachtung behandelt hatte. Ich war erbit⸗ tert daruͤber, die Menge ſo theilnahmlos zu ſe⸗ hen; aber. unertraͤglich war der Anblick, wie die Guebres ³*) niederfielen und die Flammen an⸗ beteten, die meine Habe zerſtopten, und als waͤre dieß nicht genuͤg, ein ungluͤch mir fuͤhlbar zu machen, ſah ich, als ich mich umwandte, den alten Bettler, der meinen Sturz vorausgeſagt hatte. Er ſtreckte ſein Kinn, das ſein ſchmutzi⸗ ger Bart bedeckte, in die Hdhe, und ſagte mit einem ſchadenfrohen Blicke:„Ich habe Dirs ge⸗ ſagt, Sufi; aber es iſt noch baͤlder eingetroffen, als ich dachte: Gott behuͤte Dich, Sufi!e dann wandte er ſich und ging⸗ Starr blickte ich der Zerſtoͤrung zu. Warum ich ſtehen blieb, weiß ich nicht; ich dachte, glaube ich, wenn das Feuer das Gebaͤude vollends verzehrt haͤtte, wuͤrde die Kaſſe und der Beutel mit den Too⸗ mauns aus der Aſche erſtehen. Jezt fielen Bett⸗ ler uͤber die brennenden Balken her und ſuch⸗ ten, was moͤglich waͤre, aus dem Brande zu retten. „Was willſt Du mit dieſem halbverbrann⸗ 3 ten Holze 2 fragte ich einen zerlumpten Alten, *) Feueranbeter. &☛ 100 der mit einem ſchwarzgehrannten Balken davon ging.. „Was man aus einem beengenden Hauſe rettet, muß als Gewinn betrachtet werden ue ſagte der alte Muͤhamedan„und gewiß, Sufi. mußt Du dieſes Sprichwait irgendwo gehoͤrt oder geleſen haben.“. Aergerlich uͤber die Underſchaͤmtheir des Al⸗ ten, rief ich:„Der Balken gehoͤrt mein; Kerl) laß ihn liegem. 4 „Da haſt Du ihn„ fagte u, 5 ihn. min auf die Zehen werfend, daß ich vor Schmerz auf. ſchrie. „Was haſt Du nun, Sufi d ſagte ein aa 3 derer hagerer Kerl, der ſuchend um die glim. mende Aſche herumging. Ein Lachen von hinten machte,„ daß ich mich umwandte, als der Auſcheiniche alte Bettler mir wieder ins Auge ſiel. Wuͤthend daruͤber, daß ich dem Auswurf der Skadt zum Geſpoͤtt ſehn. ſollte, gab ich dem unberſchaͤmten Alten eine Ohrfeige, und hieß ihn gehen; aber ſtatt unge⸗ halten zu ſeyn, lachte der Alte nur lauter und immer lauter, und ging, ſich den eingeſchrumpf⸗ ten Bauch haltend, und auf ſeinen Mund deu⸗ tend, davon; was ſo viel ſagen ſollte:„ſo weit wird es auch mit Dir kommen, und ich fea9, mich daruͤber. 8 — 101 Se etee Ka p it t4 2Jje. einzigen. die mir e thr Mitleid ſchenk⸗ ten, waren meine zwei Proſeliten, die ich viel⸗ 6 ſchicklicher Trahanten, aber nicht eines glaͤnzenden, ſondern eines geſunkenen Stammes — genannt haͤtte. In der Ueberzeugung, daß ihr Mitgefuͤhl aus unreinen Triebfedern fließe, nahm ich den Ausdruck ihres Schmerzes mit einer muͤrriſchen Miene auf, wodurch. ich ihrer Ge⸗ ſellſchaft los zu werden hoffte; allein ich hatte mich geirrt; ſie folgten mir, wohin ich ging; blieb ich ſtehen, ſo thaten ſie das Gleiche, lief. ich ſchnell, ſo hielten ſie gleichen Schritt mit mir. Schon wollte ich ſie in meinem Unmuth entlaſſen, als die Klugheit mir zufluͤſterte:„ein ruinirter Mann muß mit Bettlern Freundſchaft ſchließen, 4. Wix gingen alſo durch die Straßen, wo ich zu meinem nicht geringen Verdruß, aus den Mienen der Fakir's und Bettler abnehmen konnte, wie ſchnell ſich das Geruͤcht von mei⸗ nem Ungluͤck in der Stadt verbreitet hatte. Von den lezteren pflegten einige, wenn ſie an mir voruͤber gingen, was ich in den Tagen des Gluͤcks gethan hatte, nachzuaͤffen, und ihre zerlumpten Kleider feſter an den abgehungerten Leib zu druͤcken, als wuͤrden ſie durch meine Beruͤhrung vernnreinigt: und all. dieſes mußte ich ſchweigend dulden; ein boͤſes Wort haͤtte einen Schwarm uͤhermuͤthiger Straßenraͤuber um 102 mich verſammelt, wie um ein Aas die Adler in Arabiens Wuͤſten. Himmel! wie brannte da verlezter Stolz auf meinen Wangen! haͤtte ich in dieſen ugeneden, ein Mittel gewußt, wieder in meinet ſüüheren Wohlſtand zu kom⸗ men, ich glaube, ich Häͤtte nicht ingeſtanden, ein Verbrechen zu begehen, wenn dieſes dazu gefuͤhrt haͤtte. 2112 Wir waren an das Haus des Syud Ma⸗ hommed Ali gekommen.„Hier, meine Freun⸗ de,“ rief ich aus, zu meinen Gefaͤhrten mich wendend,„hier endlich iſt ein Zufluchtzort fuͤr den Verlaſſenen.“e Wir traten ein: der heilige Mann hatte ſeine Buͤcher vor ſich und war ſehr ins Leſen ver⸗ tieft; es ſtand eine geraume Zeit an, ebhe er die Augen aufzuſchlagen geruhte und ſchuͤttelte dann den Kopf, zum Zeichen, daß er ungeſtoͤrt zu ſehn wuͤnſche. So zogen wir uns zuruͤck, warteten eine Stunde lang in ſeinem Veran⸗ dah, und wagten es dann wieder, dem gelehr⸗ ten Syud uns zu naͤhern. Um ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf mich zu lenken, rief ich mit lau⸗ ter Stimme:„Syud, ich bin ein Bettler.“ Der ehrwuͤrdige Lehrer, von welchem ich Mitleid und Troſt erwartete, antwortete mir mit den Worten des Propheten, und ſagte: »„Jasmin⸗ Armuth iſt mein Rahm! 4) *) Ein armer r Mann kam einſt zu Mahommed, der in einer Verſammlung Gelehrter ſaß, und rief: „o Prophet, ich bin arm!“ worauf Mahommed er⸗ 103 Dem Syud mochte die Armuth zum Ruhme gereichen, allein mit mir und meinen zwei Ge⸗ faͤhrten war es ein ganz anderes. Unmittelbar nach dieſer guͤtigen Antwort fuhr Syud Mahommed Ali wieder fort, zu le⸗ ſen, und ich glaube, wenn wir auch Thraͤnen der Verzweiflung geweint haͤtten, wir haͤtten ihn nicht bewegen koͤnnen, noch einen Blick auf uns zu werfen. „Laßt uns gehen,“ ſagte Yuſoof,„der Syud iſt vielleicht mit einer ſchwierigen Unterſuchung beſchaͤftigt, und es waͤre unbeſcheiden von uns, ihn dabei zu ſtoͤren, wahrſcheinlich kommen wir ihm zu einer andern Zeit gelegener.“ An dieſer Wahrſcheinlichkeit zweifelnd, ſchuͤt⸗ stelte ich den Kopf, und als wir auf der Straße waren, wurde ich vollends uͤberzeugt, wie ſehr mein Freund ſich geirrt hatte, denn wir hoͤrten die Hausthuͤre ſo heftig hinter uns zuwerfen, daß wir daraus ſeine Geſinnung deutlich abneh⸗ men konnten. „Nun Freunde,“ ſagte ich,„was meint Ihr jezt?““ erwiederte:„Armuth iſt mein Ruhm!“ Einen Au⸗ genblick ſpaͤter erſchien ein anderer mit derſelben Aeu⸗ ßerung, und Mahommed entgegnete:„Armuth macht in dieſer und in der andern Welt Erroͤthen. Ihr wundert Euch, Freunde,“ fuhr er zu dieſen ſich wen⸗ dend fort,„daß ich dieſen zwei Bettlern ſo widerſpre⸗ chende Antworten gegeben habe, allein der erſte iſt ein frommer Mann, der um der Religion willen die Welt verlaſſen hat, der andere dagegen hat die Welt verlaſſen. 104 „Ach,« erwiederte Mohabed Ali,„ich den⸗ ke, es war der Donner der Verzweiflung, denn wenn der Syud ſo veraͤchtlich und abweist, was haben wir dann von der Welt zu erwar⸗ ten!“ „»Meine theuern Freunde,“ verſezte ich, noch iſt nicht alle Hoffnung fuͤr uns verloren verlaßt mich einen Augenblick, begebt Euch in das verfallene Grabmahl außerhalb der Stadt⸗ mauern und erwartet mich dort.“ Meinen Freunden wollte der Gedanke an eint, wenn auch nur kurze Trennung durchaus 9 einleuchten; da ich aber darauf beſtand, daß es unumgaͤnglich, nothwendig ſey, und ih⸗ nen die Gewißheit vorſtellte, daß mein Berſuch, Geld herbei zu ſchaffen, gaͤnzlich mißlingen wuͤr⸗ de, wenn ſie mich denſelben nicht allein ma⸗ chen ließen, gingen ſie endlich, und ich muß geſtehen, ich wuͤnſchte, daß die Trennung ewig ſeyn moͤchte. Ich hatte im Sinne, zu mehreren Kaufleu⸗ ten zu gehen, die, wie ich wußte, die Schuld⸗ ner meines Vaters waren, in der Hoffnt ung, daß nicht alle ſo niedertraͤchtig ſeyn wuͤrden, ihre Schuld abzulaͤugnen, und wenn ich meine Gefaͤhrten fortſchickte, ſo geſchah dies, um ſie nicht wiſſen zu laſſen, wie weit mir die Sache gelaͤnge. Zuerſt ging ich zu einem Kornhaͤndler. „Du wirſt wiſſen,“ ſagte ich,„daß Du mir eine kleine Summe ſchuldeſt, indem Du vor ungefaͤhr ſechs Monaten von meinem Vater Wai⸗ 105, zen gekauft baſt; 9) bin hier, um ſie zu for⸗ dern. Ohne ein Wort us ſagen, hielt mir der Haͤndler blos die Hand hin: ich wußte nicht, was er damit wollte, und wiederholte die Ur⸗ ſache meines Beſuches, worauf er, immer noch die Hand ausgeſtreckt, erwiederte:„den Schuld⸗ ſchein, die Rechnung: Heraus, heraus damit.“ 1132„Ach, verſezte ich,„durch den ungluͤck⸗ ſeligen Brand habe ich alle meine Papiere ver⸗ loren; doch bin ich uͤberzeugt, daß Du Dich des Kaufs, den ich meine, erinnern wirſt.“ Auf dieſes ſchlug der Haͤndler ein lautes Geloͤchter auf, das mir unertraͤglich war, und weil ich bei meiner ungeduldigen reizbaren Ge⸗ muͤthsart ſchlimme Folgen fuͤrchtete, eilte ich ſchnell von dannen. Ein zweiter Schuldner in dieſer Straße, den ich an mein Guthaben er⸗ innerte, rief mir zu:„mach, daß Du fort kommſt, Kerl, oder ich laſſe Dich feſt nehmen le⸗ und trat ſchnell auf mich zu, mit den Wor⸗ ten:„Unverſchaͤmter Schuft! Wuld al haram“*) und andere Titel, die mein Ohr ſehr belei⸗ digten. 5*. Eine gleiche Behandlung erfuhr ich von al⸗ len Schuldnern meines Vaters in Yezd. Die einen lachten mich aus, andere uͤberhaͤuften mich mit Schmaͤhworten, noch andere ſchlugen. große gewichtige Rechenbuͤcher auf, um darin, wie ſie ſagten, die Schuld nachzuſehen, warfen dann, ⸗) Baſtard. ſollte ich fliehen?“ 106 wenn ſie mich lange hingeahlten hatten, die Blaͤt⸗ ter wieder um, und ſagten:„ſieh, es ſteht nichts davon in meinen Buͤchern, gehe Deines Weges.“ So haͤufte ſich ungluͦd auf Ungluͤck, Schma⸗ hung auf Schmaͤhung, und die bitterſte Ar⸗ muth trat ſchrecklich vor mich hin.„Iſt es moͤglich,“ ſprach ich zu mir ſelbſt,„daß ich der vor kurzem noch von reichen, angeſehenen Maͤnnern Auszeichnung genoß, ſo ploͤtzlich in eine Klaſſe mit Unwiſſenden und Verworfenen geſezt werden?“ Ich bereute es jezt, der Ge⸗ ſellſchaft meiner zwei unzertrennlichen Freunde mich entledigt zu haben, denn es monde, dachte ich, viele Schwierigkeiten haben, ſie zu uͤber⸗ zeugen, daß ich eben ſo arm zuruͤckkehre, als ſie. Gerade ging ich durch eine enge Straße, die zu einem der Stadtthore fuͤhrte, um mich mit meinen Ungluͤcksgefäͤhrten zu vereinigen, als der unverſchaͤmte alte Bettler vor mir ſtand: er winkte mich zu ſich, und da ich unterdeſſen manche bittere Erfahrung gemacht hatte, weil ich ſelbſt vor dem Auswurf des Poͤbels mich zu demuͤthigen hatte, folgte ich dieſem Zeichen. Wie er ſagte, wollte er mich uͤber mein Un⸗ gluͤck nicht verſpotten, ſondern mir nur den Rath geben, Yezd ſogleich zu verlaſſen. „Yezd verlaſſen 2 rief ich,„und warum —— 107 zu nehmen, und ſchon ſuchen Diener der Ge⸗ rechtigkeit nach Dir, denn Du ſollſt Dich da⸗ fuͤr verantworten, daß Du Feuer angelegt und ſein Eigenthum zerſtoͤrt haſt.“ „Himmel!“ rief ich aus,„ſoll ich denn nimmer Ruhe finden? Nicht mit Abſicht habe ich das Haus in Aſche gelegt.“ „Das mag ſeyn,“ ſagte der Bettler:„allein Du wirſt einmal deſſen angeklagt, und dieß iſt mehr als halb genug, um Dich zu uͤberfuͤh⸗ ren, beſonders da Du ein Suſi biſt und der Statthalter, wie Du weißt.“— „Freilich, E verſezte ich;„habe Dank Freund, ich wollte, ich koͤnnte Dich fuͤr dieſe Warnung belohnen!“ „Sprich nicht von Belohnung,“ entgegnete er,„erinnere Dich, ſieh hieher.“ Mit dieſen Worten ſchuͤrzte er die Enden ſeines Kleides auf, und eilte an mir voruͤber, wie ich gethan hatte, als ich ihn das erſtemal traf; doch ſagte er:„Gott beſchuͤtze Dich, Sufi.“ Ich eilte zu meinen Gefaͤhrten, die in dem verfallenen Grabmahl meiner harrten, und bei⸗ de riefen mir zugleich entgegen⸗„nun Yasmin, warſt Du gluͤcklich* „Erwartet das nicht von Yasmin,“ ſagte ich,„die ganze Stadt iſt, wie Syud Ma⸗ hommed Ali, alle haben mich veraͤchtlich und hoͤhniſch behandelt, und man hat mich gewarnt, ich ſolle Yezd auf der Stelle verlaſſen.“ „Yezd verlaſſen 2« riefen ſie. „Ja wohl, meine Freunde! mein Vetter 103 iſt angekommen, und wuͤthend daruͤber, daß er kein Haus zu erben findet, will er ſeine Rache an mir kuͤhlen; deßhalb bin ich entſchloſ⸗ ſen, durch ſchleunige Flucht der drohenden Ge⸗ fahr zu entfliehen. Sagt Freunde, wollt Ihr mich begleiten, oder Euch noch einmal dem Hohn des Poͤbels in Yezd ausſetzen?“ „Wir folgen Dir,“ riefen beide in einem Athem,“ wir leben und ſterben mit ein⸗ ander. „Nicht ſo, meine Freunde,“ verſezte ich, „einzeln wollen wir durch die Welt ziehen, und nach Verfluß von zehn Jahren uns wieder hier in Yezd treffen. Einer von uns wird doch end⸗ lich auf irgend eine Art zu Reichthum gelan⸗ gen und dann ſeine ungluͤcklichen Gefaͤyrten un⸗ terſtuͤtzen.“ „Topp,“ riefen Yuſoof und Mahobed Ali, „ſegleich wollen wir uns trennen, denn wir ſind uͤberzeugt, daß wir zuſammen nicht gluͤck⸗ kich werden koͤnnen, und bei unſerer gegenwaͤr⸗ tigen Lage iſt keine Zeit zu verlieren.“ In⸗ deſſen kamen wir uͤberein, wir wollten zuſam⸗ mengehen, bis Yezd unſern Blicken entſchwun⸗ den waͤre, und erſt dann uns trennen. So gelangten wir an einen Platz, wo drei Wege zuſammen liefen, theilten das Wenige, was unſere Boͤrſen enthielten, und ſchwuren uns, wenn wir noch am Leben waͤren, in zehn Jah⸗ ren in Yezd wieder zuſammenzutreffen und wie jezt einer des andern Armuth theile, ſo ſollte, wer vyn uns reich wuͤrde, die andern unter⸗ 109 ſtuͤten. Nachdem wir uns noch gelobt, den Lehren des Suſtismus treu zu bleiben, bis wir uns wieder traͤfen, umarmten wir uns und ſagten uns ein herzliches Lebewohl. Allein in der weiten Welt bereute ich beinahe den Schritt, den wir gethan hatten, denn ich ſehnte mich jezt aufrichtig nach den Juͤnglingen, deren⸗Ge⸗ ſellſchaft mir fruͤher laͤſtig geweſen war. Es ſind treue Freunde, ſprach ich zu mir ſelbſt, und wird einer von ihnen reich, ſo wird er gewiß den ungluͤcklichen Yasmin unterſtuͤtzen.— „Aber,“ ſagte das Gewiſſen,„wird auch Yas⸗ min daſſelbe thun?— O Gluͤck, Gluͤck, gieße nur einmal noch dein Fuͤllhorn uͤber mich aus, und wenn ich Yuſoof und Mohabed Ali nicht Huͤlfe werden laſſe, ſo magſt Du mich, wenn es moͤglich iſt, noch tiefer ſtuͤrzen, als ich ge⸗ genwaͤrtig es bin.“ So dachte ich, als ich noch keine Hoffnung hatte, der Reichſte unter uns dreien zu werden; wie ich mein Geluͤbde gehalten, als das Gluͤck mir laͤchelte, ſoll Deine Majeſtaͤt jezt erfahren. Ich fand, daß ich den geraden Weg nach Ispahan eingeſchlagen hatte.„Es iſt hart,“ rief ich,„wenn ein Mann von meinen Talenten in dieſer großen, volkreichen Stadt kein Unter⸗ kommen finden kann,“ und doch ſeufzte ich, als ich mein geliebtes Yezd verließ.„Gewiß, dachte ich,„haͤtte ich beſſer daran gethan, zu bleiben, und der Wuth meines Vetters und der Rache des Statthalters mich entgegen zu ſtellen; denn haͤtte man mich ins Gefaͤngniß geworfen, 110 ſo haͤtten Yſoof und Mohabed Ali mein Schick⸗ ſal getheilt, und weislich ſagt der Dichter: „Pae dur zornjeer peeshi- dorstan, beh ki ba begaͤnägàn dur Bostan.“*) In einem kleinen Dorfe durfte ich in einem Verandah mich nie⸗ derſetzen und erhielt einige Erfriſchungen, die ich ganz allein zu mir nahm. Niemand ſprach mit mir. Niemand beachtete mich. Welcher Ge⸗ genſatz gegen mein fruͤheres Leben, wo ich, wenn das Mahl voruͤber war, ein gelehrtes Geſpraͤch begann, oder ein Lied von einem ge⸗ feierten Dichter vorlas— und hier war ich unter Bauern, die nicht einmal das Alphabet kannten, und kaum meine hochtrabende Sprache verſtanden. Die Nacht war ſchrecklich; eine Matte war mein Bett, ein Kiſſen bekam ich nicht, und die ſcharfe Luft, die mich anwehte, verbannte den Schlaf von meinem harten Lager— waͤh⸗ rend die rohen Hausbewohner rings um mich her ſchnarchten. Morgens, als ich mich zum Aufbruch anſchickte, kam ein Reiter durch das Dorf geſprengt: er ſchien ein Mann von Rang, obgleich kein Diener ihn begleitete. Ich ſah, daß das Pferd wild geworden war, und Roß und Reiter in große Gefahr kaͤmen, wenn nicht das erſtere angehalten wuͤrde, ehe ſie an den tiefen breiten Strom kaͤmen. Allein den Zuͤgel eines unbaͤndigen Thieres, das mit Blitzes⸗ ſchnelle davon eilte, zu faſſen, konnte ich nicht *) Es iſt beſſer, mit Freunden in Ketten zu liegen, als mit Fremden in einem Garten zu luſtwandeln. X 141 wagen. Ich rief daher, als der Reiter an mir vorüber kam, ſo laut ich konnte:„der Fluß, der Fluß⸗ wende Dein Pferd, wenn es moͤg⸗ lich iſt.“ Der Reiter boͤrte mich, konnte ſich aber nicht helfen; er ſchwang ſich alſo, ols er die nahe Gefahr ſah, berab und ſtuͤrzte weit hinausgeſchleudert zu Boden. Ich eilte ihm zu Huͤlfe, fand ihn aber nicht ſo ſehr verlezt, als ich zu glauben Grund hatte. Schnell holte ich Waſſer, und wuſch damit ſeine blutenden Schlaͤfe, und da ich lad⸗ daß er den Arm gebrochen hat⸗ te, ſo legte ich dieſen ſorgfaͤltig in eine Binde, und verſuchte, den Ungluͤcklichen, der ſchon ziem⸗ lich bei Jahren war, ins Dorf zu fuͤhren; er konnte aber nicht aufſtehen, weßwegen ich zwei handfeſte Burſche holte, die mir den Verwun⸗ deten forttragen halfen. So brachten wir ihn in das Dorf, und legten ihn auf ein hartes Lager, das der Vorſteher des Ortes hergab; bald darauf hatten wir das Vergnuͤgen, ihn zu ſprechen und fuͤr unſere Bemuͤhungen dan⸗ ken zu hoͤren. Ich bat ihn, ruhig zu bleiben, ich wuͤrde bald weitere Huͤlfe ſchaffen. Jezt fieng ich zu uͤberlegen an, ob ich in den Tagen meines Gluͤckes es mir wohl eben ſo zur Pflicht gemacht haͤtte, meinen Nebenmenſchen vom Ver⸗ derben zu retten. Ich glaube, nein: baͤtte ich ihn durch das Dorf ſpringen ſehen, und auch gewiß gewußt, er wuͤrde an einen gaͤhnenden Abgrund ſtuͤrzen, meine ſtolzen Lippen haͤtten ſich nicht eroͤffnet, ihn vor dem nahen Tode zu warnen. Aber jezt— o Armuth, welche Leh⸗ ren gibſt Du uns!— kaum konnte ich glau⸗ ben, daß es Yasmin, der ſtolze Sufi ſey, der uͤber das Lager des verwundeten Reiters ſich hinbeugte. Eben war ich mit meinen Betrach⸗ tungen zu Ende, als Stimmen von außen mich an die Thuͤre riefen;„wo iſt der Statthalter 2* ſchrieen mehrere Maͤnner, deren Ausſehen, ſo wie das ihrer Pferde mich uͤberzeugten, daß ſie bedeutend weit herkamen, ihren verlorenen Herrn zu ſuchen.„Er lebt,« rief ich,„euer Herr lebt, hat aber Schaden genommen. Einer der Maͤnner ſtieg ab, und ich fuͤhrte ihn zu dem Verwundeten, der, wie ich erfuhr, der Statthalter von Tebriz war, und in Geſchaͤften nach Jopahan wollte, wohin wir ihn auf der Stellezu ſchaffen fuͤr gut hielten, da im Dorfe kein geſchickter Wund⸗ arzt war, der das gebrochene Glied haͤtte ein⸗ richten koͤnnen. Auf das Verlangen des Statt⸗ halters von Tebriz, derjenige, der das Werk⸗ zeug ſeiner Rettung geworden ſey, ſollte ſogleich vor ihn gebracht werden, trat ich ſogleich ins Zimmer und machte meine Verbeugung; dieſe fiel aber ſehr linkiſch aus, weil mein ſtolzer Kopf wenig daran gewoͤhnt war. In den waͤrm⸗ ſten Ausdruͤcken bezeugte er mir ſeinen Dank, und erkundigte ſich nach meinen Umſtaͤnden. Zu ſtolz, ihm meine Armuth zu geſtehen, und doch zu vorſichtig, ihn glauben zu laſſen, daß ich keiner Unterſtuͤtzung beduͤrfte, ſtellte ich mich ihm als den Sohn eines Kaufmanns vor, der ſehr ungluͤcklich geweſen ſey, weil ich geſeben, daß fuͤr mich im Kaufmanns fache, gegen das ich 113 immer eine Abneigung gehabt, wenig oder gar keine Ausſicht ſey, ſo habe ich im Sinne, nach Ispahan zu gehen, in der Hoffnung, dort in eine Lage zu kommen, welche meinem Sinne mehr zuſage. Der Statthalter, der aus mei⸗ nem Benehmen ſah, daß ich eine gute Erzie⸗ hung genoſſen hatte, bot mir eine Stelle un⸗ ter ſeinem Sekretaͤr an, der ihm an den kaiſer⸗ lichen Hof vorangegangen war; dieſe nahm ich an, worauf er mich bat, ich ſollte mich als ei⸗ nen ſeines Gefolges anſehen, und mir ein Pferd geben ließ, damit ich ihn nach Ispahan beglei⸗ ten koͤnnte.„Ich wuͤrde Dir mein eigenes an⸗ bieten,“ ſagte der Greis freundlich laͤchelnd, „wenn mich nicht zwei Gruͤnde davon abhiel⸗ ten; der erſte iſt, daß Du, wie ich denke, be⸗ reits eine Probe ſeiner Wildheit geſehen haſt, und der zweite die Wahrſcheinlichkeit, daß das Thier ſich die Glieder zerſchmettert hat, da, wie ich weiß, das Ufer des Stroms ſehr hoch und abſchuͤſſig iſt.“ Langſam zogen wir gen Ispahan, und bei unſerer Ankunft wurde ich dem Sekretaͤr, deſ⸗ ſen Aeußeres nichts weniger als einnehmend war, vorgeſtellt; es war ein langer, hagerer, verbraucht ausſehender Mann, mit plumpen Zuͤgen und ſtie⸗ ren Augen, und das ganze Geſicht war mit Haaren bewachſen. Wie er auch gegen mich geſtimmt ſeyn mochte, er empfing mich mit wah⸗ rer perſiſcher Feinheit, die ich aber fuͤr gar kein guͤnſtiges Zeichen hielt, da die Perſer immer die Maske der Artigkeit vornehmen, wenn ſie 114 auf Boͤſes ſinnen. Ich hatte ihm gewiß keinen Anlaß zum Zuͤrnen gegeben, außer daß ich die Stelle eines Gehuͤlfen bei ihm angenommen hatte. Allein ich erfuhr bald, daß ihm dieſes ſehr ungelegen gekommen ſey, weil er dieſen Platz ſchon lange ſeinem Neffen beſtimmt ge⸗ habt hatte. Ich ſah wohl, daß bei dieſen Umſtaͤnden alle Verſuche, ſeine Zufriedenheit zu gewinnen, fruchtlos ſeyn wuͤrden, Fleiß wurde Vorwitz genannt, und Traͤgheit oder Unthaͤtig⸗ keit ſogleich als Grund zu meiner Entlaſſung geltend gemacht werden. Der Statthalter war gewohnt, einen großen Theil ſelbſt zu ſchreiben; daran hinderte ihn aber jezt der Unfall, der ihm begegnet war, und ich mußte alſo ſchrei⸗ ben, was er dictirte. Wie es ſchien, arbeitete er an einem Bericht uͤber den Zuſtand des Vol⸗ kes, uͤber das er herrſchte, welchen er Seiner Majeſtaͤt vor ſeiner Ruͤckreiſe nach Tebriz zu uͤberreichen wuͤnſchte. Nachdem der Arzt, der ſeinen gebrochenen Arm behandelte, ihn verlaſſen hatte, verlangte er meine Arbeit durchzuſehen; aufmerkſam las er jedes Wort, und lobte meinen Styl und meine ſchoͤne Handſchrift. Ismael, ſo hieß der Sekretaͤr, brannte, wie ich deutlich ſah, vor Neid uͤber die ſichtbaren Fortſchritte, die ich in der Gunſt des Statthalters machte, und ſuchte es zu veranſtalten, daß ich allemal zu der Stunde, wo der Statthalter nach mir ſandte, nicht zu Hauſe war. Da er alle ſeine Verſuche mißlingen ſah, ſchickte er mich eines 115 Tages zu dem Schatzmeiſter, um mehrere Pa⸗ piere unterzeichnen zu laſſen, natuͤrlich mußte ich gehorchen, und ſo wurde Ismael ſtatt mei⸗ ner zu dem Statthalter gerufen, und ſchrieb einen Theil des Berichts. Am folgenden Tage ſah der Statthalter unſer Werk durch und aͤußerte ſich ſehr mißfaͤllig uͤber Ismaels Ar⸗ beit.„Haͤtte,“ ſagte er,„der Menſch nur meine eigenen Worte gebraucht, mehr verlangte ich nicht von ihm, da hat er aber ſo ſchwuͤl⸗ ſtige Worte einfließen laſſen, welche nicht nur Abbas, ſondern jeden andern Koͤnig irre ma⸗ chen muͤßten. Wo warſt Du, Yasmin? „Deine Herrlichkeit moͤge verzeihen,“ er⸗ wiederte ich,„Ismael hat mich zu dem Schatz⸗ meiſter geſchickt.⸗ „Alle Welt! da waͤre er lieber ſelbſt hinge⸗ gangen! Jezt muͤſſen wir das Ganze noch ein⸗ mal uͤberarbeiten; lege nur dieſe Bogen weg und ſchreibe ſie noch einmal; aber in einer beſ⸗ ſern Sprache.“ „Ich fuͤrchte, Ismael wird ſehr daruͤber aufgebracht werden,“ ſagte ich. „Es iſt mein Bericht, nicht der ſeinige,“ verſezte der Statthalter ziemlich ſpitz; ich durfte keine weitere Einwendung machen, und ſezte mich an meine Arbeit. Zufaͤllig kam die Schrift dem Sekretaͤr in die Haͤnde, waͤhrend ich ge⸗ rade zugegen war; er ſchlug die Blaͤtter um, um ſeine Handſchrift zu ſuchen; aber welch ei⸗ nen teufliſchen Blick warf er auf mich, als er fand, daß ſeine ganze Arbeit ausgemerzt und 116 keine Spur mehr davon zu ſehen war. Natuͤr⸗ lich wurde dieſes abſcheuliche Verbrechen mir allein zugeſchrieben, und nicht ohne Grund fuͤrch⸗ tete ich die Folgen davon. Ich genoß einen anſtaͤndigen Gehalt, und meine Lage waͤre, war nicht Ismael, ſehr angenehm geweſen. Seit unſerer Anweſenheit bei Hof war nichts vorge⸗ fallen, das mich unruhig haͤtte machen koͤnnen. Ismael war ſo artig wie immer, und lud mich ſogar zu einem großen Gaſtmahl ein, das er mehreren der angeſehenſten Hofleute gab. Hier kam das Geſpraͤch auf Religion, obgleich, wie es mir vorkam, kein einziger von dieſen Pin⸗ ſeln etwas davon verſtand.„Ha!Ä dachte ich, „wie wollte ich Euch erſtaunen machen, wenn ich duͤrfte; aber unter den Sheahs in Ispahan mich zum Suftismus zu bekennen, waͤre Wahn⸗ ſinn geweſen, und von einem andern Glauben wußte ich wenig; ich beobachtete daher ein tie⸗ fes Schweigen. Doch einer von der Geſellſchaft loste mir beinahe die Zunge durch die Worte: „Ismael, wie geht es mit den Kafirs, e) ſind ſie noch ſo zahlreich wie fruͤher.⸗ „Ich weiß es wirklich nicht,“ verſezte Is⸗ mael;„aber einer der Reichſten und Berachtigt ſten iſt kuͤrzlich geſtorben.“ „Und natuͤrlich verdammt n fages der erſte Sprecher. „Na daui kich 2 antwortete Ismael, als haͤtte *) Unglaͤubige. 117 er dem Gexicht uͤber meinen armen Vater an⸗ gewohnt, auf den ſie ohne Zweifel anſpielten. Ob, ich gleich. nicht ſprechen durfte, fuͤhlte ich 3 doch 16. nfäars9t, daf ich ſobald als nne geyr und 1 bei Ismael und ſeinen lu fren ſtarken Verdacht fregen. Am folgenden Tage glaubt e ich, daß mehrere von der Geſell⸗ ſchaft, die ich bei Hofe traf, eigene Blicke auf mich warfen, und fuͤylte mich daher ſehr un⸗ behaglich; doͤch die Artigkeit und Guͤte des Starthalters beſchwichtigte meine Furcht⸗ eini⸗ ger Maßen, und die Zeit ging mir ziemlich angenehm hin. Weil die Abreiſe des Statthalters feſtgeſezt war, ſo⸗ wurde der Bericht mit einem ganz von mir geſchriebenen und vom Statthalter gebillig⸗ ten Briefe an den Koͤnig eingeſchickt, der den Leztern mit. Lobeserhebungen und Geſchenken uͤberhaͤufte. Jezt waren unſere Geſchaͤfte ab⸗ gethan⸗ und wir ruͤſteten uns zum Aufbruch. In meiner und des Statthalters Gegenwart unterſuchte Ismael die koniglichen Geſchenke. Es befand ſich darunter ein Smaragd von hohem Werthe, den er mit andern ſorgfaͤltig in eine Kiſte packen ließ. Mit dieſer ſollte er, einen Tag nach der Abreiſe des Statthalters und ſei⸗ nes Gefolges, mit einer Bedeckung nachkommen. Ismael hatte das Ganze anzuordnen; er uͤber⸗ trug es daher mir, die Kleinodien zu beſorgen, übergab mir. das Jumelen⸗Kaͤſtchen, und wieß 118 mir Sindar Khan mit zwanzig Mann zur Be⸗ deckung an. Lieber haͤtte ich mich hievon ent⸗ bunden geſehen, durfte aber die Ehre nicht ab⸗ lehnen. Von Ismael begleitet, machte ſich der Statthalter auf d den Weg, und ich folgte am andern Tage. Nach vier Tagreiſen erreichten wir Tebriz, wo ich das Kaͤſtchen unver zuͤglicht dem Statthalter zuſtellte. Ismael oͤffnete es, und breitete den Inhalt aus, wobei er ſich ſehr g eſchaͤftig zeigte. Auf die Frage des Statthal⸗ ters, was er ſuche, erwiederte er;„Deine Herr⸗ lichkeit erinnert ſich wohl des Smaragdringes⸗ den wir ſo ſehr bewunderten. „Freilich,“ verſezte der Statthalter, viſt er nicht da?“ „Das will ich nicht hoffen,“ ſagte Ismael, „aber, beim Propheten! ich kann ihn nicht fin⸗ den. Yasmin, wo iſt der Ring?“ „Das Kaͤſtchen,“ erwiederte ich,„iſt noch in demſelben Zuſtand, wie Du mir es uͤberge⸗ ben haſt, und ich rufe Sirdar Khan zum Zeu⸗ gen auf, daß ich es nicht gebffnet habe.“ Sar⸗ dar Khan trat hervor und ſagte:„Ich habe freilich Yasmin das Kaͤſtchen nicht oͤffnen ſehen, da er es aber beſtaͤndig bei ſich trug, und ich natuͤrlich nicht immer um ihn ſeyn konnte— „Was ſchwaßeſt Due ſagte ich, dußerſt 842 ſtuͤrzt. 2 12 , Ich ſchwatze nichts,“« erwiederte er,„ſon⸗ dern will nur offen ſagen, daß der Statthal⸗ ter von Dir ſeinen Ring zu fordern hat.“ Das war zu viel; ſchon hob ich den Arm, um den — 119 Unverſchaͤmten zu zuͤchtigen, als der Sekretaͤr ſich ins Mittel legte und ſagte:„Wenigſtens ſollte die Achtung vor Seiner Herrlichkeit Dich von Gewaltthoten abhalten.“ „Muß ich,“ ſagte ich,„ſklaviſch mir es ge⸗ fallen laſſen, daß man mich einen Dieb ſchilt? Jezt miſchte ſich auch der Statthalter ein mit den Worten:„Junger Mann, ich muß ge⸗ ſtehen, der Schein iſt wider Dich, da Du aber ſagſt, Du ſeyſt unſchuldig, ſo kannſt Du nichts dawider haben, daß eine Unterſuchung angeſtellt wird.“ „Durchaus nicht,“ ſagte ich, mein Kleid aufknuͤpfend und meinen Turban abnehmend. Im erſteren fand ſich nichts, im Futter meines Turbans dagegen entdeckte der Sekretoͤr den Smaragdring, oder wollte ihn wenigſtens ent⸗ deckt haben, und ließ ihn geſchickt vor dem Statt⸗ halter niederfallen. Schaam und Beſtuͤrzung ergriff mich bei dieſem Klange. „Bei meinen Augen, rief ich aus,„das hat ein Feind gethan; ich bin unſchuldig an dieſem Diebſtahl, weiß auch nicht, wie der Ring in meinen Turban gekommen iſt, und meine Bereitwilligkeit, mich der Unterſuchung zu unterwerfen, ſollte Dich, meine ich, uͤber⸗ zeugt haben, daß ich die Wahrheit rede.“ Der Sekretaͤr ſchwieg und Sirdar Kyan folgte kluͤg⸗ lich ſeinem Beiſpiel. Der Statthalter entgegnete mir:„Was ich auch bei mir ſelbſt uͤber die Sache denken mag, junger Mann, ſo gilt dieß nichts, ſo lange die 120 uͤbrigen meiner Umgebungen von Deiner Schuld uͤberzeugt ſind. In meiner Lage kann ich Dich alſo unmöglich laͤnger um mich haben, und Du darfſt Dich daher nicht wieder in der Stadt blicken laſſen.“— 4 „In der Stadt?“ rief ich aus,„ich ſoll alſo wirklich verbannt werden? Iſt es nicht genug, daß ich meine Stelle verliere; ſoll ich auch noch wie ein Miſſethaͤter verbannt wer⸗ den 2 ⁰ 3 „Nein, dieß bleibt Deiner Wahl uͤberlaſſen; ich rathe blos, ich befehle es Dir nicht.“ „Wie, mein Gebieter 24. „Tritt her zu mir,“« verſezte der Statt⸗ 3 halter,„ich will Dir meine Gruͤnde ins Ohr ſagen.“ Ich trat zu ihm, beugte mich zu ihm her⸗ ab, und er fuͤſterte mir leiſe zu:„Du biſt ein Sufi.“ Ich hatte nichts zu antworten, ergriff mei⸗ nen Turban und mein Kleid, und eilte aus dem Pallaſt. Ohne Zweifel war ich das Opfer der Eifer⸗ ſucht des Sekretaͤrs Ismael geworden, deſſen Werkzeug augenſcheinlich Sirdar Khan war: dieſer hatte, wie ich vermuthe, in unſerem zwei⸗ ten Nachtlager, waͤhrend ich ſchlief, den Ring in meinen Turban geſteckt, und dem liſtigen Ismael war es, ob er gleich ſcheinbar die Ju⸗ welen aͤußerſt ſorgfaͤltig zuſammengepackt hatte, gegluͤckt, den Ring zu ſeinem abſcheulichen Vor⸗ haben, das ihm ſo wohl gelang, auf die Seite zu 4 121 zu ſchaffen. Wie der Gouverneur entdeckte, daß ich ein Sufi war, weiß ich heute noch nicht, glaube aber, es war aufgefallen, daß ich mich in Ispahan von Ismaels Geſellſchaft zuruͤckzog, und wahrſcheinlich zwiſchen dieſem argliſtigen Manne und ſeinen rechtglaͤubigen Gaͤſten be⸗ ſprochen worden. Dieß wuͤrde, dachte ich, ein binlaͤnglicher Grund zu meiner Entfernung aus den Umgebungen des Statthalters geweſen ſeyn; aber ohne Zweifel wollte Ismael, weil er ſei⸗ ner Sache nicht ganz gewiß war, zwei Seh⸗ nen an ſeinen Bogen legen, damit, wenn eine zerriſſe, die andere um ſo gewiſſer den vergif⸗ teten Pfeil ſeines toͤdtlichen Haſſes fortſchleu⸗ derte. 4 Huͤlfe war unmoͤglich, ich unterwarf mich meinem harten Schickſal und hoffte auf beſſere Zeiten. Dem Rath des Statthalters folgend, ver⸗ ließ ich die Stadt. Es war Abend und die Gegend umher prangte in höchſt maleriſchem Schmucke. Ein ſanfter Wind wehte uͤber die wallenden Kornfelder hin, die Natur ſchien ſich an ihrer eigenen Schoöͤnheit zu ergoͤtzen— alles war Harmonie und Einheit. Nur Yasmin war niedergeſchlagen und traurig, und mußte ſeine bedruͤckte Lage ſeiner Religion und ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit zuſchreiben. Die erſtere will, die keztere kann ich nicht vergeſſen. In dieſem Augenblick kam ein Bauer auf mich zu, und da er mich emſig beſchaͤftigt ſah, meinen Anzug zu ordnen, fragte er, ob ich an⸗ Ind. Serail. III. 6 122 gefallen worden ſey.„Ja,“ erwiederte ich,„von einem Hund von Sheah.“ Der Landmann wandte ſich, als ſey er ge⸗ biſſen, und eilte von einem Menſchen weg, den er ſeinen Worten nach fuͤr einen Suni oder Sufi halten mußte. Ohne zu wiſſen, wohin, zog ich weiter, bis mich die Nacht uͤberfiel; dann ſank ich ermuͤdet nieder und ſchlief unter dem Laub⸗ dache eines hohen Baumes. Am Morgen be⸗ gegneten mir niebiede Landleute, welche mir ſagten, daß ihr Dorf nicht ferne liege, und daß ich zwar eine Herberge, aber wohl ſchwer⸗ lich etwas zu eſſen bekommen wuͤrde, weil be⸗ deutende Ankaͤufe fuͤr den Sufi Ilm Ali Khan gemacht worden ſeyen, der mit einem zahlrei⸗ chen Gefolge von Shiray her durch den Ort komme. „Wenn das der Fall iſt,“ ſagte ich,„ſo darf ich unbeſorgt ſeyn.“ Nachdem ich ihnen fuͤr die gegebene Aus⸗ kunft gedankt, ging ich weiter. Wie ich in das Dorf kam, bemerkte ich eine Anzahl Rei⸗ ter, die, wie es ſchien, eben erſt angelangt, zum Gefolge des beruͤhmten Sufi gehoͤrten, deſ⸗ ſen Namen ich oft gehoͤrt hatte, ohne ihn je⸗ doch perſoͤnlich zu kennen. „Iſt der heilige Mann angelangt? fragte ich, und erhielt zu meiner Freude eine bejahende Antwort. Bald wurde ich vor Ilm Ali Khan gefuͤhrt, und uͤberzeugte dieſen, daß ich ein Sufi ſey, den zweiten Grad erlangt habe, und, ungeach tet meines Mißgeſchicks, nach dem dritten ſtrebe. 123 Ilm Ali Khan war ein kraͤftiger, ſtark ge bauter Mann mit breiten Schultern und eine: Fauſt, die einen Stier zu Boden ſchlagen konn⸗ te; er hatte ein breites, rundes Geſicht, einen dicken, buſchigen Bart, und ſtiere, hervorliegende Augen, die auch einen Muthigen bewegen konn⸗ ten, auf ſeine Sicherheit bedacht zu ſeyn, wenn er einen ſolchen Mann ſich zum Feinde gemacht hatte. Ob mir gleich mein Stolz nicht er⸗ laubte, mich vor einem Reichen zu demuͤthi⸗ gen, ſo ſtand ich doch nicht an, vor einem Hd⸗ heren meines Glaubens mich zu beugen. Ich warf mich alſo vor ihm nieder und bemerkte bald, daß er ein großes Wohlgefallen an mir hatte. Er zog, wie ich erfuyr, nach Buſſo⸗ rah, wo er ſich nach Indien einſchiffen wolklte, um die dortigen Suni's zum Sufiismus zu be⸗ kehren. Nach erhaltener Erlaubniß miſchte ich mich unter ſein Gefolge, und wurde ſelbſt an die Tafel des Sufi gezogen. In den Staͤdten und Doͤrfern, durch die wir kamen, eilten die Sufi's herbei und drangen Ilm Ali Khan Ge⸗ ſchenke an Reis, Geld und Shawls auf. Ich fuͤhlte mich ſehr behaglich in dieſer Lage. Ich konnte mir nichts ſo Angenehmes denken, als ſo umher zu ziehen ohne Nahrungsſorgen, und die Huldigung der Sekte zu empfangen, wohin ich mich wenden mochte.„Gewiß,“ dachte ich, „kann ich, wenn ich dieſen gelehrten Sufi be⸗ gleite, der doch im Grunde nicht viel mehr weiß, als ich ſelbſt, meine Kenntniſſe zur Schau legen, und es ſo dahin bringen, daß ich ſein 8 6* 124 Nachfolger werde; dann kann ich von den eifri⸗ gen Sufi's der Gegend ebenfalls brandſchatzen.“ Dieß waren ſehr angenehme T Traͤume, aber wie wollte ich Ilm Ali Khan los werden und ſeine Anhaͤnger ſo fuͤr mich gewinnen, daß das Volk uͤberzeugt wurde, ich ſey wirklich ſein beſtaͤtig⸗ ter Nachfolger?„Ich will,“ dachte ich,„die naͤchſte Gelegenheit, meine Beredtſamkeit und meine Kenntniſſe zu zeigen, ergreifen, vielleicht kann ich dadurch die Menge von Ilm Ali Khau abziehen, und YNasmin von Yezd zuwenden. Dieſe Gelegenheit zeigte ſich erſt, nachdem wir Buſſorah erreicht hatten, wo Ilm Ali ein gro⸗ ßes Gaſtmahl gab. Nachdem das Eſſen und⸗ Trinken voruͤber war, gramte jeder ſeine Kennt⸗ niſſe aus. Ilm Ali erhob die Vorzuͤge des Sufiismus, ſo ſehr er es vermohte; ſeine Spra⸗ che war aber, wie mir es vorkam, ſehr man⸗ gelhaft und gedehnt, und, weil ich vor Unge⸗ duld brannte, mein Wiſſen zu zeigen, ſtand ich auf, ehe er ganz geendet hatte, und feſſelte in einer zierlichen zwei Stunden langen Rede die Aufmerkſamkeit meiner Zuhdrer, deren wieder⸗ holtes„Wah! Wah!“ fuͤr meinen Stolz aͤußerſt ſchmeichelhaft war. Als ich ßertig war, draͤngte ſich wieder eine Geſellſchaft um mich und kuͤßte den Saum meines Kleides. Ueber dieſe Wir⸗ kung meiner Beredtſamkeit war ich ſo erfreut, daß ich Ilm Ali Khan, den jezt ſeine bisher getreuen Anbeter vernachlaͤſſigten, beinahe ganz uͤberſah. Am folgenden Tage ſollte das Schiff, auf dem Ilm Ali mit ſeinem Gefolge Perſien —— 125 verlaſſen wollte, mit Sonnen⸗Aufgang die An⸗ ker lichten, und die Geſellſchaft ging daher, da⸗ mit der fromme Sufi hinlaͤnglich ruhen koͤnnte, fruͤhzeitig aus einander. Ilm Ali und ich wa⸗ ren allein noch im Saale, keiner von uns ſprach ein Wort: es war eine ſchoͤne, mondhelle Nacht; mein Gebieter druͤckte den Wunſch aus, den herrlichen Abend zu genießen, und lud mich ein, mit ihm zu gehen, und ſeine Unterhaltung zu theilen. Immer bereit, dem Manne, nach deſſen Stelle ich mich ſehnte, zu gehorchen und mich ihm gefaͤllig zu machen, folgte ich ihm ſogleich: er war ſehr freundlich, geſpraͤchig und artig. Unſere Unterhaltung wandte ſich auf kuͤnftige Strafen und Belohnungen, und Ilm Ali ſchien meine Anſicht uͤber die Sache zu thei⸗ len. Als wir von der Stadt ſchon ziemlich weit entfernt waren, fragte mein Gebieter mich um meine Meinung uͤber Gutes und Boͤſes, und ob ich glaube, daß das Leztere wirklich in der Welt ſey. „Gewiß nicht,“ ſagte ich,„alles kommt von Gott und muß alſo gut ſeyn.“ „So ſey's denn,“ ſagte Ilm Ali, und ſtieß mir den Dolch in die Seite und eilte davon. Ich waͤlzte mich in meinem Blute und bereute jezt zu ſpaͤt das prahleriſche Auskramen mei⸗ ner Gelehrſamkeit, was ohne Zweifel die Eifer⸗ ſucht und Erbitterung Ilm Ali Khans in noch viel hoͤherem Grade rege machte, als meine ſchoͤne Handſchrift bei Ismael. 8 Jezt wurde ich gewahr, daß die Ausſichten 126 auf Reichthum ſehr truͤb waren, und ich kaum Leib und Seele wuͤrde retten koͤnnen. Auf der einen Seite von den Gegnern des Sufiismus gemieden, auf der andern von einem ſeiner eif⸗ rigſten Verfechter erdolcht, fing ich an, jeden Gedanken an beſſere Tage aufzugeben, und legte mich nieder, um zu ſterben, ohne daß ich ver⸗ ſuchte, die Wunde zu ſtillen, aus der das Blut in Stroͤmen floß.„Ach armer Yuſoof und Mo⸗ habed Ali,“ ſagte ich,„wenn ihr nicht gluͤck⸗ licher ſeyd, als ich, ſo fuͤrchte ich, wir wer⸗ den, wenn wir zuſammen kommen, uns in Lum⸗ pen und als Bettler wieder finden.“ Einige Araber, die mit Laſtpferden voruͤber kamen, wel⸗ che Datteln trugen, fan en mich bald nach Son⸗ nen⸗Aufgang, luden mich menſchenfreundlich auf eines ihrer Thiere und brachten mich in die Stadt. Hier waren keine Wundaͤrzte, ich mußte mich alſo ganz den Arabern uͤberlaſſen, welche dieſelbe Heilart bei mir anwandten, wie bei ihren Pferden, doch genas ich allmaͤhlig. Die Araber nahmen mich fuͤr ſich ein und ich ſuchte ihr Wohlwollen zu gewinnen. Dieß gelang mir⸗ und als ich wieder hergeſtellt war, leiſtete ich ihnen ſehr weſentliche Dienſte, indem ich ihre Rechnungen ſchrieb, denn es waren ungebildete Kraͤmer aus der Wuͤſte. Gegen drei Jahre blieb ich bei ihnen; ich war immer noch ein Bettler und es zeigte ſich keine Hoffnung, daß es anders werden wuͤrde. Als die Araber in die Naͤhe von Ispahan kamen, dachte ich ernſt⸗ lich darauf, ſie zu verlaſſen, und in dieſer gro⸗ ——— 127 ßen Stadt mein Gluͤck zu verſuchen. Jemehr ich uͤber die Sache nachdaͤchte, deſto feſter wurde mein Entſchluß, und eines Nachts verließ ich, ohne den Arabern mein Vorhaben zu entdecken, ſtill ihr Lager, und war bald in Ispahan. Der erſte, der mir begegnete, war einer von den Gaͤſten bei dem von Ismael gegebenen Schmauſe. Er ſah mich ſcharf an, und dieß mit Grund. Ich war ſchmutzig, abgemagert und zerlumpt, kurz den Arabern, die ich ſo eben verlaſſen hat⸗ te, vollkommen gleich. Ich ging weiter, um ſeiner los zu werden, denn er war ein angeſe⸗ hener Beamter; allein er folgte mir und ſagte, als er mich erreicht hatte:„wahrhaftig, dieſes Geſicht ſollte ich kennen.“ Ich antwortete ihm arabiſch, und dieß that die gewuͤnſchte Wirkung. Er bat um Verzeihung und ging; ſah ſich aber ofters nach mir um. Ohne Zeitverluſt ging ich in eine Barbiersbude, um meinen Bart zuſtu⸗ ben zu laſſen; dieß war bald geſchehen, aber nicht ſo bald bezahlt, denn ich hatte kein Geld bei mir. Verwundert ſtarrte mich der Barbier an und ich ſtand mit einem Schaafsgeſicht vor ihm.„Sey ruhig, Freund,“ ſagte ich,„mor⸗ gen ſollſt Du bezahlt werden.“ „Morgen,« erwiederte er,„mit Deiner Er⸗ laubniß, ich muß heute bezahlt ſeyn, und das auf der Stelle, oder Du kommſt nicht aus dem Hauſe, und uͤberdieß zeige ich Dich bei Allah meinen Kunden und erzaͤhle ihnen Dein nieder⸗ traͤchtiges Benehmen.“ „Mein lieber Manu, ſagte ich, Du m zgft 125 mich zeigen wem Du willſt, ich denke, es wird Dir niemand etwas fuͤr den Anblick eines Man⸗ nes zahlen, deſſen Aeußeres keine auffallende Eigenthuͤmlichkeit an ſich traͤgt.“ „Wah! Wah! Deine Sprache iſt zu fein fuͤr einen Bettler; beim Allah, Du liſtiger Vogel, wenn es mir auch kein Geld eintraͤgt, daß ich 3 Dich den Leuten zeige, ſo wird es mich, denke 2n ich, doch etwas abwerfen, wenn ſie Dich ſpre⸗ chen hoͤren.“ „Vielleicht, ſagte ich,„aber bedenke, daß es in meiner Willkuͤhr ſteht, ob ich den Mund offnen mag oder nicht.“. „Bedenke Du, mein lieber werther Kunde, daß ich Dich dann derb durchpruͤgle; das ſoll. meine ich, Dir die Zunge bald loͤſen.“ „Mag ſeyn, aber was haſt Du dann da⸗ von? Glaube mir, ehrſamer Barbier, ich be⸗ zahle Dich ganz beſtimmt fuͤr Deine Muͤhe. „Wer biſt Du 2 fragte der Barbier. „Ich bin der Sohn des Ungluͤcks; einſt war ich reich, jezt bin ich arm; aber wenn nicht der Stern meines Geſchickes auf immer in eine feindſelige Wolke ſich gehuͤllt hat, wenn nicht Menſchen und Engel ſich wider mich verſchwo⸗ ren haben, ſo wird der Tag kommen, wo ich in meinen fruͤheren Glanz wieder eintrete, dann will ich— „ Dann 2% unterbrach mich der Barbier, „willſt Du mich dafuͤr bezahlen, daß ich Dir „ den Bart zugeſtuzt habe! Hore Kerl, ich kann nicht darauf warten, bis Deine Sterne und ———— 129 Wolken, und Engel und Teufel kommen oder verſchwinden; zahle mich auf der Stelle, oder es ſoll Dir ſchlimm ergehen.“ „Barbier,“ rief ich,„ich ſehe, Du haſt ein weiches Herz.“ „Du mußt den Teufel haben und ſehr tief ſehen, denn ich habe bis jezt mich nicht ſehr weichherzig gezeigt.“ „Das weiß ich,« ſagte ich,„Deine Erzie⸗ hung hat Dein Herz verſchlechtert, das Anlage hatte zu jeglicher Tugend.“ „Nein, nein, Freund,“ erwiederte der Bar⸗ bier,„dem iſt nicht ſo. Ich bin nicht ſo dumm, als Du mich gerne machen moͤchteſt, und mit Deiner Erlaubniß moͤchte ich ſagen, daß Deine Erziehung zwar Deinen Mund mit leeren Wor⸗ ten gefuͤllt, aber nicht die gleiche Wirkung auf Deinen Beutel hervorgebracht. Dieß konnte ich nicht laͤugnen, wollte aber verſuchen, ob er ein dummer Menſch ſey oder nicht, und fuhr deßwegen fort:„Freund, ich ſehe, Du biſt ein lieber, ehrſamer, rechtſchaf⸗ fener Mann; ich habe zwar Geld, gewiſſe Um⸗ ſtaͤnde aber verbieten mir, Dich heute zu be⸗ zahlen. Ich bin ein Zauberer— erſchrick nicht, bleibe ſtehen und ſieh aufmerkſam auf die Mauer dort, dort wird etwas zu leſen ſeyn, durch deſten Beachtung Du ein reicher Mann werden kannſt.“ Mit dieſen Worten drehte ich ihn gegen die Mauer, ſo daß er mir den Ruͤcken zuwandte und ſagte:„Du darfſt Dich nicht umſehen, bis ich es befehle.“ Geduldig blieh 130 der Barbier ſtehen, und ich ſchlich mich unter d'ſſen aus der Bude; doch hatte ich im Sinne, ihn ſo lbald als moͤglich zu bezahlen. An dieſem Tage war es, wo mir das erſte gluͤckliche Ereigniß zuſtieß. Zwei Perſer ſchlu⸗ gen ſich auf der Straße; ſchon war viel Blut gefloſſen und mit Muͤhe trennte man die Kaͤm⸗ pfenden; eine Menge Leute folgte ihnen, und ich blieb in der Ferne ſtehen. Auf dem Bo⸗ den, wo der hitzige Streit Statt gefunden hatte, bemerkte ich einen kleinen Beutel, der voll Too⸗ mauns war.*)„Hier beginnt mein Gluͤck,“ ſprach ich.„In dieſer Stadt habe ich mich un⸗ ter dem Statthalter von Tebritz ausgezeichner, und ohne Zweifel bin ich beſtimmt, hier zu bleiben.⸗ Der erſte Gebrauch, den ich von mei⸗ nem Schatze machte, war, daß ich den armen Barbier bezahlte. Als er mich erblickte, ergoß er ſich in einen Strom von Schmaͤhworten, der aber bald verſiegte, als er ein Stuͤck Geld zwi⸗ ſchen meinen Fingern ſah.„Ich komme, mei⸗ nem Verſprechen gemaͤß,“ ſagte ich,„um Dich zu bezahlen und Dir einen Rath zu geben. Ruͤhme Dich nicht wieder, daß Du kein Narr ſeyeſt. Alle Menſchen ſind Narren, wenn ſie ſich gleich fuͤr uͤberaus klug halten.“ Hier ſagte ich einige Verſe her zum großen Erſtaunen des beſaͤnftigten Barbiers. *) Eine in dieſer Gegend gangbare Goldmuͤnze. —x,— 131 „Bei meiner Treu,“ ſagte er,„Du waͤreſt wohl Gazub, dem Kdoͤniglichen Dichter, ſehr willkommen.“ „Braucht er einen Gehuͤlfen?“ fragte ich. „Ja,“ verſezte der Barbier.„Moͤchteſt Du gerne Dich in der Dichtkunſt verſuchen 2 „Ich wollte ohne Anſtand ſein Gehuͤlfe wer⸗ den,“ ſagte ich,„wenn es ſich der Muͤhe ver⸗ lohnte.“ „Was gibſt Du mir, wenn ich Dir die Stelle verſchaffe 2 fragte der Bartkuͤnſtler. „Den vierten Theil meines erſten Monat⸗ gehalts,“ ſagte ich. „So ſetze Dich nieder,“ entgegnete er,„und ſchreibe aus dem Stegreif eine Probe Deiner Dichtkunſt, dieſe trage ich dann morgen zu Ga⸗ zub, und wenn ich Dich belobe, ſo nimmt er Dich beſtimmt in ſeine Dienſte.“ Ich that nach ſeinem Wunſche, fragte aber zuvor, zu welcher Religion ſich Gazub bekenne. „Ja,“ ſagte der Barbier etwas leiſer,„er gibt ſich fuͤr einen Sheah aus, aber viele ha⸗ ben ſtarken Verdacht, er ſey ein Sufi, und dann moͤge er verdammt ſeyn.“ Nachdem ich dieß gehoͤrt, ſchrieb ich einige Zeilen nieder, die vermoͤge ihrer Eigenthuͤmlich⸗ keit Gazub darauf fuͤhren mußten, daß der Ver⸗ faſſer ein aͤchter Sufi ſey, und ſo machte ich mir auf eine vortheilhafte Lage in Ispahan Hoffnung. Ich uͤbergab das Geſchriebene dem Barbier, und verließ ihn mit dem Verſpre⸗ chen, am folgenden Tage wieder anzufragen. —.,‚— 132 Siebentes Kap itel. Als ich des andern Tags den Barbier be⸗ ſuchte, erfuhr ich zu meinem Vergnuͤgen, daß der Dichter ein großes Verlangen bezeugt habe, mich zu ſehen, ich eilte daher in Gazubs Haus, ſah hier im Verandah ein kleines, ungeſtalte⸗ tes, hoͤckriges Geſchoͤpf und fragte nach Gazub, dem Dichter.— „Der bin ich,“ ſagte zu meinem nicht ge⸗ ringen Erſtaunen der Bucklige. Ich⸗ verbeugte mich und erinnerte ihn an den Barbier, dem ich meine Verſe uͤbergeben hatte. Das Dichterlein bat mich, einzutreten, und Platz zu nehmen, worauf wir ein Geſpraͤch anknuͤpften. Es erforderte wenig Scharfſinn, zu entdecken, daß Gazub wirklich ein Sufi war, und er wußte, glaube ich, eben ſo bald⸗ daß ich denſelben Glauben hatte. Obgleich mißge⸗ ſtaltet und haͤßlich, war Gazub noch gar nicht alt; er ſchien ungefaͤhr 40 Jahre zu haben; ſo viel man von ſeinem Geſichte ſah, war dieß ſehr geiſtreich, denn das ganze Antlitz war in ſtruppiges fuchsrothes Haar ſo eingehuͤllt, daß nur zwei feurige Augen und die Spitze einer wohlgebildeten Naſe daraus hervorſah; auf dem Kopf trug er eine Nachtmuͤtze von rothem Sam⸗ met, die auf der einen Seite etwas aufgeſchla⸗ gen war, was das ſelbſt genuͤgſame Ausſehen des kleinen Maͤnnchens um ein Bedeutendes 135 8... hob. Sein Kleid war von dunklem Zitz, durch⸗ aus mit feinem Wollenzeug ausgeſchlagen; ein Paar zierliche Keem⸗cab⸗Hoſen ²) bedeckten ſeine uͤbelgewachſenen Beine, waͤhrend in einem brei⸗ ten ledernen Guͤrtel ein gewichtiger Boogdah*) ſtak, deſſen Heft mit Loſtbaren Steinen 10,9 3 legt war. Nachdem das Geſpraͤch einige Zeit gedauert hatte, wagte ich die Frage, ob meine Dienſte ihm angenehm waͤren, da ich gehoͤrt habe, daß er einen Gehuͤlfen brauche. „Ja,“ ſagte er,„es iſt etwas fuͤr einen Gehuͤlfen ausgeſezt, was ich bisher ſelbſt bezo⸗ gen habe; allein ich habe mich mit dem Schatz⸗ meiſter entzweit, und dieſer hat einen Befehl ausgewirkt, daß es nicht wieder ausbezahlt wird, bis ich wirklich einen Gehuͤlfen annehme. Wenn Du den Gehalt beziehen willſt, ſo iſt es rathſam, Du ziehſt in mein Haus, beſon⸗ ders, da ich Dich ofters brauchen werde.“ Mit Versnuͤgen willigte ich ein und er fragte nach meinem Namen. „Ich heiße YNasmin,“ erwiederte ich. „Iſt das alles,“ fragte er. „Alles,“ verſezte ich. Das Maͤnnchen ergriff eine Feder und ſchrieb das Wort„Suſi« auf ein Stuͤck Papier. *) Gold⸗Brocade. **) Ein langer perſiſcher Dolch, woͤrtlich ein lel ſchers⸗Meſſer. 4 ih ein 134 Ich bejahte es durch Nicken. „Gut, gut,“ ſagte er,„man braucht die⸗ ſes Wort nicht beizuſetzen;— Du ſollſt ange⸗ ſtellt werden, verlaß Dich darouf.“ Wenige Tage darauf war ich wohlbeſtellter Gehuͤlfe des Koͤniglichen Dichters. Mein erſtes Geſchaͤft war, auf den erſten des naͤchſten Mo⸗ nats ein Gedicht an Se. Majeſtaͤt zu machen, — eine Gewohnheit, welcher Gazub ſtrenge ge⸗ treu blieb. Ich verwandte viele Muͤhe und Sorgfalt auf dieſe meine erſte Arbeit, und darf ohne Eitelkeit ſagen, daß ſie werth war, von einem Monarchen geleſen zu werden. Nur das war verdruͤßlich an der Sache, daß die Verſe als aus Gazubs ſtatt aus Yasmins Gehirn hervorgegangen uͤberreicht wurden. Als mein Herr von Hofe zuruͤck kam, ſagte er mir, der Köͤnig habe ſie, ohne eine Bemerkung daruͤber zu machen, geleſen, allein bald nachher erfuhr ich, daß Se. Majeſtaͤt Gazub fuͤr das zierliche, dießmal uͤberreichte Gedicht ſehr belobt habe. Doch ſagte ich nichts, in der Hoffnung, einſt Gazub's Stelle zu erhalten, welche ſehr ein⸗ traͤglich war, denn außer einem anſehnlichen Gehalt bekam er oft praͤchtige Geſchenke von dem Koͤnig, und mußte fuͤr viele Leute Bitt⸗ ſchriften und Briefe aufſetzen, wobei ich viel zu arbeiten hatte, doch ohne an dem Gewinn theilnehmen zu duͤrfen. Gazub's Wohnung gegenuͤber lag ein großes altes Haus von ſeltſamer Bauart, das aber, wie es ſchien, nicht bewohnt wurde. Eines 13⁵ Tages fragte ich den Dichter, was dieß fuͤr ein ſonderbares Gebaͤude ſey. „Es gehoͤrt,“ ſagte er,„einem reichen Kaufmann, der keine Miethsleute bekommen kann, weil es in dem Hauſe ſpucken ſoll, ſeit ein ſchrecklicher Mord darin begangen worden. Aber ich hoͤre,“ fuhr er fort,„daß die Tochter des Kaufmanns, waͤhrend ihr Vater in Han⸗ delsgeſchaͤften nach Buſſorah verreist, das Haus beziehen will; es ſoll ein liebenswuͤrdiges Ge⸗ ſchoͤpf, eine vollendete Houri ſeyn.“« Ich war um dieſe Zeit ungefaͤhr ein Jahr bei dem Dichter, dem ich ſeine Eigenheiten ge⸗ ſchickt abgeſehen hatte, ſo daß er mich ſehr wohl leiden mochte, und waͤre nicht die Kaufmanns⸗ Tochter und das verwuͤnſchte Haus geweſen, ſo waͤre wohl meine Lage noch jezt ſehr ange⸗ nehm, und ich aller Wahrſcheinlichkeit nach Koͤniglicher Dichter geworden. Die Tochter des Kaufmanns kam, und be⸗ zog ungluͤcklicher Weiſe gerade das Zimmer, deſſen Fenſter auf das Kaͤmmerchen ſahen, in dem ich meine Verſe ſchmiedete und Briefe ko⸗ pirte. Das Maͤdchen ſah durch ihre Vorhaͤge oͤfter zu mir heruͤber, und, o Himmel! wie ſchmachtete ich an meinem Fenſter nach einem Blicke ihres ſchoͤnen Auges! Eines Tages glaubte ich ſie laͤcheln zu ſehen, ich legte die Hand auf mein Herz, und ſie verſchwand. Einen Monat lang fuhren wir fort, uns Blicke zuzuwerfen: mein einziger Gedanke war das ſchoͤne Maͤd⸗ chen in dem verwuͤnſchten Hauſe,— meine Poe⸗ 136 ſien athmeten daher die feurigſte Liebe, und da ich viele Muͤhe darauf verwandte, und ſie fuͤr das Beſte hielt, was man in Perſien treffen konnte, ſo fuͤhlte ich großes Verlangen, ſie an das ſchoͤne Maͤdchen gelangen zu laſſen, deren Bild ſich ſo tief meinem Innern eingepraͤgt hatte. Gerade um dieſe Zeit kam Gazub auf mein Zimmer und ſagte: er habe von einer angeſehenen Perſon den Auftrag erhalten, ein Liebesgedicht zu verfertigen, und da er wiſſe, daß ich in dieſem Fach eine beſondere Geſchick⸗ lichkeit beſitze, ſo wollte er mich gebeten haben, ihm dabei behuͤlflich zu ſeyn. Ich ſagte zu und ſezte mich an die Arbeit, da aber meine Gedanken und Augen immer nur an das gegenuͤberliegende Fenſter flogen, ſo wurde es Abend, ohne daß eine Zeile fuͤr meinen Herrn gefertigt war; doch wollte ich nicht bei ihm anſtoßen, und gab ihm daher eine Abſchrift von meinem, fuͤr die ſchoͤne Be⸗ wohnerin des verwuͤnſchten Hauſes beſtimmten Liede, womit er ſehr zufrieden ſchien. Ich kann mich der Verſe gegenwaͤrtig nicht mehr entſin⸗ nen, der Anfang lautete ſo: „Sag' reizende Houri, willſt eines Blicks Du mich würdi⸗ gen“ u. ſ. w. und das Ganze athmete ſo viel Schmeichelei und Liebe, daß das Maͤdchen von der Leidenſchaft des Verfaſſers uͤberzeugt werden mußte. Die einzige Schwierigkeit war jest, wie ich mein Lied uͤberreichen ſollte, und gelang dieß⸗ auch, ſo war es noch ſehr ungewiß, ob das 137 Maͤdchen es auch leſen koͤnnte, doch weil ich wußte, daß die perſiſchen Frauen groͤßtentheils leſen und ſchreiben koͤnnen, beſchloß ich, ihr meine Zeilen wo moͤglich zuzuſtellen. Eines Abends, ungefaͤhr eine Woche nach Abfaſſung meines Lieds, ſah ich meinen Freund, den Bar⸗ bier, mit Parfuͤmerien auf das verwuͤnſchte Haus zugehen, ſchnell eilte ich auf die Straße, ließ mein Papier in ſeinen Korb gleiten, ſteckte ihm einige Toomaun's zu, und ſagte:„uͤberreiche dies dem Maͤdchen, und Du ſollſt einmal ſo viel zum Lohne erhalten;“ er winkte mir zu, und ich verließ ihn. Am folgenden Tag ging ich in ſeine Bude, wo mein Freund gerade mit dem Bart eines Kunden beſchaͤftigt war; er legte den Finger auf den Mund, und ſchwei⸗ gend ſezte ich mich in eine Ecke des Zimmers, und erwartete ſehnlich auf den Abgang des Man⸗ nes, deſſen Gegenwart meine Zunge feſſelte. Endlich war das Schneiden und Kraͤuſeln vor⸗ uͤber, der Mann ging, und ungeduldig fragte ich den Barbier, ob er mein Briefchen uͤberge⸗ ben habe. „Ja,“ ſagte er,„und ich denke, es geht gut. Das Maͤdchen las Dein Gedicht und er⸗ roͤthete, aber,“ fuhr der Barbier fort,„um ihre Gunſt zu gewinnen, mußt Du ihr einen laͤſtigen Nebenbuhler entfernen belfen.“ „Ein Nebenbuhler,“ rief ich, dem breche ich den Hals!“ „Nein, nein,“ verſezte der Barbier,„das mue 138 iſt nicht noͤthig, mit einer guten Tracht Schlaͤge iſt Alles abgethan.“ 3 „Gut,“ rief ich,„und wer iſt es, der es wagt, zwiſchen mich und mein Gluͤck ſich ein⸗ zudraͤngen?“ 3 „Wer es iſt,“ ſagte der Barbier, daran liegt wenig; Du ſollſt es einſt erfahren, fuͤr jezt aber darf ich es Dir noch nicht ſagen, ich habe blos zu fragen, ob Du ihn fuͤr ſeine Ver⸗ meſſenheit beſtrafen belfen willſt 2 „Ja,“ ſagte ich,„bei Allah! wenn es no⸗ thig iſt, pruͤgle ich ihn ſelbſt durch.“ „Nein,“ verſezte der Barbier,„Du darfſt Dich nicht ſo herabwuͤrdigen; beſorge drei hand⸗ feſte Kerl, und einen Eſel, und halte Dich mit dieſem morgen Nachts zwolf Uhr bereit.”“ „Iſt das Maͤdchen reich 2“ fragte ich. „Ihr Vater iſt ſehr wohlhabend, und traͤgt den Kopf ſo hoch, als irgend ein Khan unſerer Gegend.“— „Genug, Freund,“ ſagte ich.„Hier haſt Du noch mehr Geld, beſtelle dafuͤr die Purſche, die meinen Nebenbuhler mit dem Rattan bear⸗ beiten ſollen.“ 4 Der Barbier nahm das Geld, und ich ging entzuͤckt nach Hauſe.„Jezt,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, nachdem ich meine Zimmer abge⸗ ſchloſſen hatte,„jezt, Yasmin, iſt Dein Gluͤck gemacht! Ich zweifle, ob meine zwei Freunde ſo gluͤcklich ſind, als ich— das Alles habe ich meiner Dichtkunſt, meinen Talenten, meinem Sufiismus zu danken. Soll ich, wenn ich zu 139 Reichthum und Anſehen gelangt bin, meine Braut nach Yezd fuͤhren, und meine Guͤter mit zwei Lumpenkerls, wie Yſuvof und Mo⸗ habed Ali theilen? Nein, nein, ich habe Muͤhe genug gehabt, und will nun auch allein ernten, uͤberdieß— was wuͤrde meine Frau denken, wenn ſie mich mit ein Paar halbverhungerten Bettlern in Geſellſchaft ſaͤhe? nein, nein, das geht nicht! ich bleibe hier in Ispahan, in dir, geliebte Stadt, in der mein Gluͤcksſtern mir aufgehen ſollte.“— Ja, Freunde, das wollte ich— euch verlaſſen, denen ich ewige Freund⸗ ſchaft geſchworen, mit denen ich die Guͤter des Gluͤcks zu theilen verſprochen hatte! Die Stunde ſchlug, und ſtattlich aufgepuzt ging ich dem Hauſe meiner Geliebten zu. Der Barbier hatte auf mich gewartet, und der Ver⸗ abredung gemaͤß wurde das aͤußere Thor ſachte ven einem Verſchnittenen geoffnet, der uns zu ſchweigen bedeutete. Drei ruͤſtige Burſche be⸗ gleiteten den Barbier, ſie wurden ebenfalls ein⸗ gelaſſen, und fragten, wo man den Eſel anbin⸗ den ſolle. Der Barbier und der Verſchnittene wechſelten einige Worte, worauf man uͤberein kam, das Thier in den aͤußeren Hof zu fuͤh⸗ ren, wo Gras wuchs, und es dort weiden zu laſſen, bis man ſeiner beduͤrfte. Unter freund⸗ lichen Buͤcklingen gegen mich fuͤhrte uns der Verſchnittene in das Innere des Gebaͤudes. Er oͤffnete eine verſchloſſene Thuͤre und hieß mich eintreten, mit der Aeußerung, er wolle wieder zu mir kommen, ſo bald er ſich meines Neben⸗ 140 buhlers bemaͤchtigt habe. Ich wartete einige Zeit und hoͤrte endlich, wie die von mir Gedungenen den Ruͤcken meines ungluͤcklichen Nebenbuhlers bearbeiteten; bei jedem Schrei, den der Arme ausſtieß, kicherte ich vor Freude. Das Stoͤh⸗ nen wurde ſchwaͤcher, ich hoͤrte Thuͤren zuwer⸗ fen, und lautes Gelaͤchter. Bald darauf er⸗ ſchien der Verſchnittene, legte den Finger auf ſeine dicken, ſchwuͤlſtigen Lippen, und fuͤhrte mich in ein praͤchtiges Zimmer, welches ſilberne, von der Decke herabhaͤngende Lampen erleuch⸗ teten, und in deſſen oberer Ecke ein verſchleier⸗ tes Frauenzimmer ſaß. Der Verſchnittene fuͤhr⸗ te mich zu dem bezaubernden Engel, ich ſtuͤrzte ihr zu Fuͤßen, und wollte in meinem Liede meine Bewunderung ausdruͤcken, als die Maͤnner, die ich zur Zuͤchtigung meines Nebenbuhlers ge⸗ dungen hatte, durch eine Seitenthuͤre eintra⸗ ten, an ihrer Spitze ein ſchlanker, wohlgebil⸗ deter Mann, der ausrief:„ergreift den Kafir, und thut ihm, wie dem andern Schurken!“ Das Maͤdchen brach in ein lautes Gelaͤchter aus⸗ und der Barbier und der Verſchnittene fletſch⸗ ten grinſend die Zaͤhne. Die Maͤnner traten auf mich zu, ich leiſtete Widerſtand; da faßte ihr Fuͤhrer ſelbſt mich beim Arme, ich ſchlug ihm ins Geſicht, ploplich fielen die Maͤnner, der Verſchnittene und der Barbier uͤber mich her, und handen mir mit einem ſtarken Seil die Arme.„Gebt ihm die Baſtonade,„ſagte der raͤthſelbafte Anfuͤhrer,„und ſchlagt wacker zu!«—„und das bindet ihm auf den Ruͤ⸗ 141 cken,“ ſagte das Maͤdchen, meine zierlichen Berſe, von denen ich mir eine ganz andere Wirkung verſprochen hatte, auf den Boden wer⸗ fend.„Und hoͤrt,“ rief der Mann, den ich geſchlagen hatte,„dindet ihn mit dem Andern auf den Eſel, und fuͤhrt ſie, wenn es Tag ge⸗ worden, durch die Stadt.“ Niedergeſchlagen und gedemuͤthigt, meine Arme gebunden, mein Kopf verwirrt— was ſollte ich beginnen? Ach! welch unerwartetes Ende meiner Liebesangelegenheit!— Ich wurde eine ſchmale Treppe hinab in ein finſteres Loch gefuͤhrt, wo meine Fußſohlen die Baſtonade ſchmerzlich empfinden mußten, und jezt war das Heulen, Schreien und um Gnade flehen an mich gekommen. Nachdem meine Peiniger ihr grauſames Werk vollbracht hatten, wurde ich mir ſelbſt uͤberlaſſen und die Thuͤre meines Ker⸗ kers geſchloſſen. Ich glaubte, das Wimmern des Ungluͤcklichen zu hoͤren, der, wie ich, in die Schlinge gefallen war, und ſich jezt unter den Qualen wand, die ich ihm hatte angedei⸗ hen laſſen wollen. Am Morgen wurde die Thuͤ⸗ re meines Gefaͤngniſſes geoͤffnet, und herein trat der treuloſe Barbier, den ich mit bittern Vor⸗ wuͤrfen zu uͤberhaͤufen begann. „Alle Maͤnner,“ ſiel er mir ins Wort,„ſind Narren, wenn ſie ſich auch noch ſo weiſe duͤn⸗ ken, aber Du biſt der groͤßte Narr, den ich je geſehen habe. Wie kamſt Du denn dazu, den Prinzen zu ſchlagen 2* 142 „Den Prinzen?“ rief ich, wie konnt' ich wiſſen, daß der es war.“ „Ob Du es wußteſt, oder nicht,“ verſezte der Barbier,„es war Wahnſinn, um Dich zu ſchlagen, da Du Dich von ſo Vielen umringt ſahſt, und Du haſt fuͤr Deine Thorheit gebuͤßt. Mache mir keine Vorwuͤrfe,“ fuhr er fort,„der Prinz hatte mich lange gedungen, ehe Du Dich an mich wandteſt.“ „Warum haſt Du mich denn aber nicht da⸗ von in Kenntniß geſezt 2“ „Narr, der Du biſt! weil er ſelbſt Dein Gedicht empfing, und mir befahl, zu thun, wie ich gethan habe.“ „Himmel!“ rief ich,„warſt nicht Du es, dem ich meine Verſe gab?““ „Ach nein, es war der Prinz, der ſich in meine Kleider vermummt hatte. Aber man ſollte doch meinen, Du, als ein ſo kluger Kopf, haͤt⸗ teſt mehr Vorſicht gezeigt, als wirkeich der Fall war. Es thut mir leid, daß Du die Baſtonade erhalten haſt, da ich gebeten hatte, man ſolle Dir nichts zu leide thun; man war uͤberein gekommen, ein Ritt auf dem Eſel mit Deinem noch einfaͤltigeren Nebenbuhler, den Du ſo gerne zuͤchtigen wollteſt, wuͤrde Dir fuͤr die Zukunft eine hinlaͤngliche Warnung ſeyn.“ „Wer iſt denn mein Leidensgefaͤhrte?“ frag⸗ te ich. „Du wirſt es ſehen. Hier kommt der Ver⸗ ſchnittene, Dein Zelter iſt geſattelt, und das 145 Maͤdchen ſteht am Fenſter, um drei Eſel bei⸗ ſammen zu ſehen.“ Hier fletſchte der Schurke wieder die Zaͤbne, und trat auf die Seite, um dem Verſchnitte⸗ nen Platz zu machen, der mich auf ſeine Schul⸗ tern lud, weil meine Fuͤße blutig zerfleiſcht wa⸗ ren. Aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich im Hof auf einen Eſel gepackt, mit dem Ge⸗ ſicht dem Schwanze zugekehrt— meinen Herrn, Gazub erkannte! Wie mir, waren auch ihm die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, und ſeine Fuͤße, die nichts gelitten hatten, unter dem Bauche des Thiers zuſammengeknuͤpft. Auch er war uͤberraſcht, als er ſah, daß ich ſein Gefaͤhrte werden ſollte, und nie haben woyl zwei Dich⸗ ter ein ſolches Schafsgeſicht gemacht, als wir damals. Auf ein langes Stuͤck Holz geklebt, baumelten meine Verſe auf Gazubs Ruͤcken, und ſchnell wurde mir das Original aufgehef⸗ tet; um unſern klaͤglichen Zuſtand noch zu er⸗ hoͤhen, wurde ich ſo aufgeſezt, daß mein Ge⸗ ſicht das meines Gefaͤhrten beinahe beruͤhrte, und ſo wurden wir aus dem Hofe gefuͤhrt, waͤh⸗ rend das Maͤdchen uͤber uns unmaͤßig lachte, und einige Zeilen meines Liedes ſang. Bald hatte ſich eine Menge Leute in den Straßen verſammelt, ob es gleich noch ſehr fruͤhe war, und unter dem Geſchrei und Hohn⸗ gelaͤchter des Poͤbeis gelangten wir an das Haus des Dichters. Der Barbier, der den Wundarzt machte, 144 verband meine wunden Fuͤße, und die Strie⸗ men auf dem Hoͤcker meines Herrn. „Um Gottes Willen!“ rief ich,„heile mir meine Wunden!“ „Das will ich,“ verſezte der Barbier⸗„wenn ich kann.“„Allein einer Deiner Fuͤße befindet ſich in einem ſo ſchlimmen Zuſtande, daß ich fuͤrchte, Du werdeſt ihn nicht wieder gebrauchen koͤnnen.“. Das war eine betruͤbte Nachricht, in die ich mich kaum ergeben konnte.„Aber ſage mir,“ fuhr ich fort,„wie iſt es denn zugegangen⸗ daß meine Verſe alle in das verwuͤnſchte Haus gelangten? und wer iſt ums Himmels Willen der weibliche Teufel, der darin wohnt 2** „Hore!’ ſagte der Barbier,„das Maͤdchen iſt wirklich die Tochter eines Kaufmanns, und der Prinz, der ſie zufaͤllig erblickte, beſchloß, ſie zu beſitzen. Um ſich Eingang zu verſchaffen, ließ er ſich von Gazub ein Liebeslied fertigen⸗ und wurde, weil er ein Prinz und kein Dich⸗ ter iſt, nachdem er durch neue Spenden den Verſchnittenen, den Waͤchter des Maͤdchens, gewonnen hatte, in meine Kleider vermummt eingelaſſen. Wie er eines Abends mit ſeiner Ge⸗ liebten koste, trat der Verſchnittene mit einem Papiere ein, das ihm der Dichter in dem Hauſe druͤben Gazub ſelbſt, gegeben habe. Des Scher⸗ zes willen bat der Prinz, der Inhalt moͤchte laut vorgeleſen werden, wie groß war aber ihr Erſtaunen, als ſie die erſte Zeile Sag reizende Houri ꝛc. Ge⸗ 145 gerade die Abſchrift von des Prinzen Verſen las, durch die er ſich Eintritt in das Haus verſchafft hatte. Der Prinz geſtand, er habe ſi ſich an ei⸗ nen Dichter gewendet, weil er unfaͤhig geweſen, ſeine Leidenſchaft auszudruͤcken, oder die Reize eines ſo liebenswuͤrdigen Weſens zu ſchildern: Das Maͤdchen lachte uͤber die Dreiſtigkeit des Dichters, beſonders als ſie erfuhr, was fuͤr ein 4 ungeſtaltetes haͤßliches Geſchoͤpf er ſey, und beide beſchloſſen, Gazub einen Streich zu ſpielen, und ihn fuͤr ſeine Vermeſſenheit zu zuͤchtigen, weil ſie aber nichts ausfindig machen konnten, ſcho⸗ ben ſie das Weitere bis auf ihre naͤchſte Zuſam⸗ menkunft auf. Einige Naͤchte nach dieſer ſpaß⸗ haften Begebenheit wurde der Prinz verkleidet, wie er es immer war, wenn er ſeine Geliebte beſuchte, von Dir angeredet und gebeten, dem Maͤdchen in dem verwuͤnſchten Hauſe einen Brief zu uͤbergeben. Er nickte bejahend, und Du, Toͤlpel glaubteſt einen Freund gewonnen zu ha⸗ ben, durch den Du Dein Gluͤck machen koͤnnteſt. Vor ſeiner Geliebten zog er das Papier hervor und ſagte, da ſind noch mehr Verſe fuͤr die rei⸗ zende Houri. Um ihn zu uͤberzeugen, daß die⸗ ſer Briefwechſel gegen ihren Willen ſtatt finde, oͤffnete ſie das Schreiben und brach, nachdem ſie einen Blick auf die erſte Zeile geworfen, 4 ein unmaͤßiges Gelaͤchter aus, denn ſie ſah wieder. die Worte: 1 „Sag reizende Houri ꝛc.“ „Bei Allah! das iſt zum. todt lachen⸗“ ſagte Ind. Serail. III. 7 146 der Prinz, nachdem er einen Blick in das Pa⸗ pier geworfen hatte,„wir muͤſſen auf eine Liſt denken, dieſe zwei unverſchaͤmten Dichter fuͤr ihre Vermeſſenheit zu zuͤchtigen.“ „Weil ſie, ohne mich zu Rathe zu ziehen, zu keinem Entſchluß kommen konnten, kam der Prinz von ſeiner Geliebten gerade zu in mein Haus, wo er gewoͤhnlich ſeine Verkleidung ab⸗ legte. Er erzaͤhlte mir, was ihm begegnet ſey und befahl mir, wenn der Dichter, das heißt, Du(denn aus ſeiner Beſchreibung errieth ich, daß es mein ſcharfſinniger Zauberer war) nach dem Erfolge ſeines Verſuchs fragen wuͤrde, ſo ſollte ich ihn nicht enttaͤuſchen, ſondern ihm Hoff⸗ nung machen und ihn bereden, Gazub zuͤchtigen zu helfen, damit ein Dichter den andern bear⸗ beite, und er und ſeine Geliebte ſich an dem An⸗ blick ergoͤtzen koöͤnnten, wie Du die Strafe lei⸗ deſt, die Du Deinem Nebenbuhler zugedacht hat⸗ teſt. Sollteſt Du aber zu großmuͤthig ſeyn, um Deinen Nebenbuhler ſo gemein zu behandeln, ſo ſollte ich es ihm wieder melden, um ſodann einen andern Plan zu verabreden. Weil Du Dich aber ſo bereitwillig zeigteſt, Gazub ſo grau⸗ ſam behandeln zu laſſen, beſchloß der Prinz, kein Mitleiden mit Dir zu haben, und befahl, Du ſollteſt die Baſtonade bekommen, waͤhrend Ga⸗ zub den Stock bloß auf ſeinem mißgeſtalteten Ruͤcken fuͤhlen durfte. „Doch wie die Zeit gekommen war, gelang es mir, dem Prinzen die Baſtonade wieder aus⸗ zureden, indem ich vorſtellte, wenn man Dich mit 147 Deinen Verſen auf dem Ruͤcken auf einen Eſe! binde, ſo ſey dieſe Straͤfe hart genug. Allein Deine Unvorſichtigkeit und Hitze, die Dich ver⸗ leiteten, den Prinzen zu ſchlagen, hatte ihn ge⸗ gen Dich aufgebracht, und Du wirſt die Fol⸗ gen ſeiner Erbitterung Dein Lebenlang zu fuͤh⸗ len haben.“ Hier ſchloß der Barbier ſeine Erzaͤhlung, worin er uͤber die ſeltſamen Ereigniſſe, die ſich im Laufe dieſer Woche zugetragen hatten, Auf⸗ ſchluß gab. Ich hatte mir blos wegen meiner eigenen Unvorſichtigkeit und Eitelkeit Vorwuͤrfe zu machen, die ſo lang ich lebe, mein Verder⸗ ben waren. 28 Gazub beſuchte mich, und ſeine erſten Worte waren:„Deine verdammten Verſe!«— „Und Deine verdammte Narrheit,“ verſezte ich,„daß Du glauben konnteſt, dadurch bei dem Maͤdchen Dein Gluͤck zu machen. Es iſt Dir Dein Recht dafuͤr wiederfahren, daß Du meine Arbeiten fuͤr die Deinigen ausgibſt.“ Darauf hatte Gazub nichts zu erwiedern und zu meinem Gluͤcke wußte er nichts davon, daß ich mich ſo bereitwillig gezeigt hatte, ihn durchpruͤgeln zu helfen, ſonſt wuͤrde er mich keinen Augenblick laͤnger in ſeinem Hauſe geduldet haben.„Kon⸗ nen wir,“ fragte ich,„fuͤr dieſe Mißhandlung keine Genugthuung erhalten 2⸗ 3 „Ach Bruder lee ſagte er,„Du ſcheinſt nicht zu wiſſen, welchen Einfluß Prinz Humza hat. Wir muͤſſen uns zufrieden geben, und ich geſtehe Dir, ich ſchaͤme mich ſo ſehr, daß ich meine 7 Stelle aufzugeben im Sinne habe; ich denke, Du werdeſt nicht ſo unverſchaͤmt ſeyn, vor ſeine Ma⸗ jeſtaͤt zu humpeln, die wahrſcheinlich von Dei⸗ nem dummen Streiche gehoͤrt hat; uͤberdieß iſt die Stelle, wenn ich ſie niederlege, einem Andern verſprochen, der gelehrten iſt, als wir beide, und natuͤrlich ſeinen Gehuͤlfen ſich unter: rfeinen Freunden aufſucht.“onne. „Gelehrteri⸗ wirklich gelehuter! 1ee ſagte ich, und weil meine Eitelkeit dies nicht zugeben konnte,„ich moͤchte doch den ſehen, der es magte„ſich mir gegenuͤber zu ſtellen!“ „Es freut michef erwiederte Gazub,„daß Du ine ſo hohe Meinung von Deinen Talenten haſt, allein waͤrſt Du auch ſoweiſe wie Lokhman, und ein ſo gewandter Dichter, als Hafiz, ſo⸗ wird doch der Koͤnig nimmermehr einen Kerl um ſich dulden, deſſen verſchrumpfter Stummel mehr auf einen Sch urben, als⸗ auf einen Sichite ſchlie⸗ ßen ließe.“ 31 Dieſe Bemerkung war richtig und mit einem⸗ male ſchwanden meine goldenen Traͤume. Gazub erlaubte mir, zu bleiben„bis meine Wunden geheilt waͤren. Allein wie der Barbier voraus⸗ geſagt hatte, wurde mein rechter Fuß lahm, wie Deine Majeſtaͤt ſich davon uͤberzeugt haben wird. Ich verließ Ispahan und kam mit Kameeltrei⸗ bern nach Buſſorah, wo ich zu meinem Verdruſſen erfuhr, daß Ilm Ali Khauſmit doppelt ſo viel Anhaͤngern, als ich fruͤher geſehen hattae aus: Indien zuruͤckgekommen fe9...* Mein Leben in Perſien war ſo erende daß— 7 149 —— 150 Achtes Kapitel. Geſchichte N ufoo p 6* des Bettlers mit einem Auge. 4 — Sobald ich meine Freunde Jasmin und Mo⸗ habed Ali verlaſſen hatte, fuͤhlte ich, daß alle Verſuche, reich zu werden ohne ihre Unterſtuͤ⸗ zung fehlſchlagen muͤßten, und mein gegenwaͤr⸗ tiger Zuſtand beweist, wie gegruͤndet meine Be⸗ ſorgniſſe waren. Zuerſt ging ich nach Schiraz, wo ich unter den Einnehmern des Statthalters eine Stelle zu erhalten hoffte. Allein vergebens verſuchte ich durch ſchoͤngeſchriebene Bittſchriften dem De⸗ wan oder Vezier, dann wieder dem Sekretaͤr, dem Schatzmeiſter und den untergeordneten Schreibern bei Hofe mich bemerklich zu machen. Es war, wie ich bald fand, blos Papier und Zeit ver⸗ ſchwendet, ohne daß ſich die geringſte Ausſicht fuͤr mich zeigte, ſo daß ich endlich beſchloß, mich perſonlich an den Sekretaͤr zu wenden, ob ich gleich wußte, wie ſchwierig es war, Zutritt bei ihm zu erhalten und wohl einſah, wie wenig Anſpruͤche ich an ſeine Beguͤnſtigung hatte. Ich glaube, ich haͤtte bis auf dieſen Augenblick an ſeiner Thuͤre warten koͤnnen. Grob zuruͤckge⸗ ſtoßen von den Wachen und Gluͤcklichen, welche freien Zutritt in ſein Haus hatten, verlor ich alle Geduld, erkannte meine Vermeſſenheit, von 151 den ſtolzen Vornehmen Unterſtuͤtzung zu erwar⸗ ten, verließ den Hof und nahm als gemein er Soldat Dienſte. Als ſolcher hatte ich keine uͤbrige Zeit, denn den ganzen Tag vor der Schatzkam⸗ mer Wache zu ſtehen und Abends mein Pferd fuͤr den andern Tag zu putzen, entleidete mir meinen Stand ſehr, und ſchon wollte ich aus⸗ reißen, ob ich mich gleich zu Ljaͤhrigem Dienſt anheiſchig gemacht hatte, als der Buckshee, der Zahlmeiſter der Truppen, uns den monat⸗ lichen Sold ausbezahlte. Er brauchte Jeman⸗ den, um, weil ſein Schreiber abweſend war, die Rechnung zu fuͤhren und fragte, ob einer unter uns ſchreiben koͤnnte; ſogleich trat ich vor, erbot mich dazu, und meine Dienſte wurden an⸗ genommen. Ich zeigte dabei eine ſolche Fertigkeit, daß der Buckshee mir eine Stelle als Schreiber bei ihm anbot, und freudig ſagte ich zu. Ich folgte ihm in die Provinzen, benahm mich, wie die aus den hoͤheren Staͤnden, und behandelte die armen Soldaten nachlaͤfſig und veraͤchtlich, ſo daß ich nicht ſehr bei ihnen beliebt war, beſon⸗ ders da ich mich darauf legte, ihren Sold zu beſchneiden, und in meine Taſche zu ſtecken. Auch der Buckshee hatte dieſe Methode, ſich zu bereichern, angenommen, und da wir mit den Offizieren und Muſterern, die ein beſonderes, von dem wahren Stand des Heeres ganz ver⸗ ſchiedenes Regiſter fuͤhrten, in gutem Vernehmen ſtanden, ſo hatten wir vom Erſten bis zum Lez⸗ ten, eine ertraͤgliche Ausbeute. Der Schreiber, 152 deſſen Stelle ich unterdeſſen verſehen hatte, kam zuruͤck, wurde aber von dem Buckshee, der ge⸗ funden hatte, daß ich bei weitem verſchlagener war, ſeines Dienſtes entlaſſen, mit der Weiſung, er koͤnne bis zu ſeiner Ruͤckkunft im Hauptquar⸗ tier bleiben. Ich glaube, ich habe triumphi⸗ rend gelaͤchelt, als der Schreiber niedergeſchla⸗ gen an mir voruͤber ging, denn er legte die Hand an den Griff ſeines Dolches und blieb ei⸗ nige Zeit mir gegenuͤber ſtehen. Doch ſagte er nichts, ſondern ging. Indeſſen bemerkte ich ei⸗ nen teufliſchen Ausdruck in ſeinem Geſichte, was ſehr unbehagliche Gefuͤhle in mir erregte, die ſein geheimnißvolles Fluͤſtern mit den nur halb bezahlten Soldaten keineswegs beſchwichtigte. Ich ſah wohl, es war ein Gewitter im An⸗ zug, doch fuhr der Buckshee mit gewohnter Frech⸗ heit und Unverſchaͤmtheit fort, zu zwacken, zu beſchneiden und einzuſtecken, was er an Too⸗ maun's erhalten konnte.„Unſer aller Ver⸗ derben iſt gewiß,“ ſprach ich bei mir ſelbſt, der wuͤthende Schreiber wird dem Statthalter unſer ſchaͤndliches Gewerbe und den Geldunterſchleif zu wiſſen thun, und ich bin zu tief in die Sache verwickelt, als daß ich mich herauswinden koͤnnte.“ Ueberdieß wußte ich wohl, daß der Statthalter den Grundſatz feſthielt, alle Schuld auf ſeine ungluͤcklichen Abgeſandten zu waͤlzen, ſo daß ich gewiß ſeyn durfte, daß mir die Augen ausge⸗ ſtochen wuͤrden, oder ich ſonſt eine harte Strafe erleiden muͤßte. Sobald ich daher wieder Gele⸗ genheit hatte, einen Griff in die Kaſſe zu thun⸗ 15³ ſteckte ich ſo Hiele Toomauns zu mir, als ich tragen konnte, ging davdn und uͤberließ meinem Herrn die Verantwortung fuͤr ſeine und meine Suͤnden. Ich kam in eine kleine Stadt, wo ich mir eine Salbe kaufte, die meinem Bart eine lichtbraune Farbe gab, warf meinen Turban weg und ſezte eine Arabermuͤtze auf, ſo daß ich nicht wohl entdeckt werden konnte. Von Schi⸗ raz ſuchte ich auf die eine oder die andere Weiſe nach Buſſoraß zu kommen, da ich mich aber noch nicht fern genug von dem Statthalter glaubte, wanderte ich nach Bagdad, wo ich bald nach meiner Ankunft in eine Krankheit verfiel, von einem lraber in ſeinen Stall gefuͤhrt, und neben ſeine Pferde gelegt wurde. Als ich wie⸗ der geneſen war, fand ich zu meiner großen Beſtuͤrzung, daß mein großmuͤthiger Wirth mir meine mit Unrecht erworbene Toomaͤun's abge⸗ nommen hatte, davon gegangen und ich wieder ein Bettler war. Dies war eine ſchoͤne Probe arabiſcher Gaſtfreundſchaft und ich beſchloß, ſie mir fuͤr die Zukunftizur Warnung dienen zu laſſen. Um mir meinen Unterhalt zu erwerben, trat ich bei einem Kaufmann in Dienſte, wo ich den gan⸗ zen Tag Datteln, die or taͤglich ins Innere ver⸗ ſandte, in Saͤrke fuͤllen mußte. In Bagdad konnte ich keine Stelle finden, wo meine Feder mir getwas eingetragen haͤtte, und meine Arbeit war ſde ſchwor und anhaltend, daß ich beſtaͤndig in ziden Worrathshaͤnſern des Kanfmanns ſeyn mußtch uadi oigen Augenblick eruͤbrigen konnte, mich in zdor Stadt umöuſehen. Doch hielt irh 154 mich fuͤr gluͤcklich genug, dem Statthalter von Schiraz entkommen zu ſeyn, und ließ mir da⸗ her die Arbeit und die Gefangenſchaft gerne ge⸗ fallen. Eines Tags wurde mein Herr krank, und in der Haſt, aͤrztliche Huͤlfe herbei zu ſchaffen, eilte ich in die Stadt und fragte nach einem Doktor. Ein zerlumpt⸗ ausſehender Menſch er⸗ bot ſich, mich an das Haus eines geſchickten Arz⸗ tes zu fuͤhren; ich folgte ihm durch enge Gaſſen und Nebenſtraßen bis wir an ein abgelegenes Haus kamen, welches ein Hof umgab, deſſen Mauer aus grauem Granit gebaut war, und eine ſtarke eiſerne Thuͤre hatte.„Rufe ſtark,“ ſagte mein Fuͤhrer,„ſo erhaͤltſt Du gewiß Ant⸗ wort.“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich. Ich rief laut und bald hoͤrte ich Ketten und Riegeln raſſeln, und das eiſerne Thor knarrte in ſeinen ſchweren Angeln. Aber wie ſoll ich das Weſen beſchreiben, das es oͤffnete? Ein ſol⸗ cher haͤßlicher Zwerg iſt mir, glaube ich, noch nie vor die Augen gekommen: er war ungefaͤhr 3 Fuß hoch und hatte einen Kopf, der fuͤr den groͤßten Rieſen nicht zu dick geweſen waͤre; wild und unordentlich hing ſein Haar um ſeine Schul⸗ tern, waͤhrend ſein Bart ſorgfaͤltig gepflegt und zugeſtuzt war. Er hatte zwei Augen, die aber, wie maun haͤtte glauben ſollen, einem anderen angehorten, und von ihrem gegenwaͤrtigen Be⸗ ſiter nur geborgt waren— ſie waren aͤußerſt glaͤnzend und klein, dagegen die andern Theile ſeines Geſichtes im Verhaͤltniß zu dem Rieſenkople 155 ſehr groß. Der eine Arm dieſes Ungeheuers war eingeſchrumpft, der andere dagegen, der rechte, ſtark und muskulbs; ſeine Naſe war platt, ſein Mund reichte von einem Ohr bis zum andern und zeigte, wenn er ihn oͤffnete, eine Reihe breiter, aber regelmaͤßiger Zaͤhne, deren Weiße einen auffallenden Gegenſatz gegen das ſchwarzbraune Geſicht des eckelhaften Ungethuͤms bil dete... „Ich bin doch,“ dachte ich,„bei all meinem Ungluͤck nicht dazu verurtheilt, mit dieſem haͤß⸗ lichen Geſchoͤpfe unter einem Dache zu wohnen.« Ich unterrichtete ihn von der Krankheit des Kauf⸗ manns und bat ihn, wenn hier ein Arzt wohne, dieſen unvorzuͤglich zu rufen. Der Zwerg ver⸗ beugte ſich, lief ins Haus und kam bald wieder, hinter ihm ein ehrwuͤrdiger Greis mit einem ſil⸗ berweißen Barte, der ihm beinahe bis an den Guͤrtel reichte: in ſeinem Geſicht war Milde und Guͤte zu leſen, ſeine edle, wuͤrdige Miene floͤste mir ſogleich Ehrfurcht ein. Der Arzt umarmte mich freundlich und bat mich, ihn zu dem Kran⸗ ken zu fuͤhren: ich that es, und eilte freudig in ſein Zimmer, um die Ankunft des Doktors zu melden. Um das Bett des Kranken her ſtan⸗ den: ſeine Mutter, ſeine Frau und ſeine ſchoͤne Tochter, mit der ich ſchon dfters geſprochen hatte und deren Anblick ungewoͤhnliche Gefuͤble in mir rege machte. Umbah, ſo hieß das Maͤd⸗ chen, warf mir, als ich in das Zimmer trat, einen finſteren Blick zu, und hieß mich gehen, da. ihr Vater ſchlafe. Ich mildete dem Arzt, daß 156 der Kranke ſchlummere, er verſicherte mich aber, daß er den Kranken gerade in dieſem Zuſtand zu ſehen wuͤnſchte, worauf ich, ohne Umbah, oder die Uebrigen im Zimmer zu fragen, die Thuͤre offnete, den Arzt bei der Hand ergriff und ihn ins Zimmer fuͤhrte. Die traurigen Verwandten hatten den ehrwuͤrdigen Mann nicht ſo bald erblickt, als ſie ein gewaltiges Geſchrei anhuben, mit den Haͤnden das Geſicht bedeckten, mich mit Schmaͤhworten uͤberhaͤuften, und uns beide fortgehen hießen. Hiedurch geſtoͤrt, erwachte der Kranke, ſezte ſich in ſeinem Bette aufrecht, fing ebenfalls, wie er den Arzt erblickte, zu ſchreien und zu heulen an und fiel wie es ſchien todt zuruͤk. Umbah eilte aus dem Zimmer und der Arzt fluͤſterte mir zu:„wir haͤtten beſſer daran gethan, zu gehen.“ Dieß ließ ich mir geſagt ſeyn, und als wir auf der Straße wa⸗ ren, fuhr mein Begleiter in leiſerem Tone fort: „Folge meinem Rath, und gehe nicht wieder in das Haus des Kaufmanns, Du wuͤrdeſt es ſonſt zu bereuen haben!“ Dieß alles kam mir unerklaͤrlich vor. Was hatte ich gethan? Hatte ich denn ein Verbre⸗ chen begangen? Mein Herr war krank— ich polte einen Arzt und einen Mann, ſo liebreich, ſo hoͤflich, ſo einnehmend, wie ich noch keinen geſehen hatte. So ſehr aber ich mit dem gelehr⸗ ten Hukeem zufrieden war, ſchienen doch die Uebrigen anderer Meinung zu ſeyn: Sein Aeu⸗ ßeres, das mich ſo eingenommen hatte, war den Andern widrig. Mit dieſen Gedanken ging 457 ich wie ich glaube dem Doktor zur(Seite, allein wie ich die Augen aufſchlug, um uͤber das eben ſtattgehabte Ereigniß einige Fragen an ihn zu machen, war er zu mienem Erſtau⸗ nen verſchwunden und ich mitten in Bagdad allein, ohne zu wiſſen wohin oder was zu thun. „Vielleicht,“ dachte ich, noch uͤber das raͤthſel⸗ hafte Benehmen der Kaufmanns ⸗Familie nach⸗ denkend,„vielleicht liegen ſie mit dem Arzte in Streit, und ſein Anblick hat ſie ſo verwirrt;— doch— das iſt nicht moglich, ſonſt haͤtte mich der Doktor nicht begleitet, weil er dann wiſſen mußte, daß ſein bloßes Erſcheinen ſo ſchreckliche Folgen haben wuͤrde.“ 1AA Nns So blieb mir das Ganze unerklaͤrlich, und ich beſchloß, den Arzt zu beſuchen, von ihm nach der Urſache und Beſtuͤrzung zu fragen, de⸗ ren Zeuge ich geweſen war, und die ich gewiſ⸗ ſermaßen veranlaßt hatte. Nach einer langen, ſchlafloſen Nacht, die ich unter einem Schuppen zubrachte, machte ich mich Morgens auf den Weg zu der finſteren Wohnung des Arztesß: der ganze Platz war mit hochgewachſenen, ſchoͤnen Cypreſſen umgeben, die ein feierliches, grauen⸗ erregendes Dunkel verbreiteten, und erſt nach langem, innern Kampfe wagte ich es, auf die eiſerne Thuͤre zuzugehen. Endlich nahm ich einen Stein auf, pochte damit an, und rief laut. Der Zwerg erſchien wieder, ſich verbeu⸗ gend und die Zaͤhne fletſchend. Nachdem ich den Wunſch gegen ihn geaͤußert, in einer beſondern Angelegenheit ſeinen Herrn zu ſprechen, winkte 156 er mie, ich ſollte eintreten, und ich folgte. Mit einer Heftigkeit, daß durch das Geraͤuſch ein Rabe von außerordentlicher Groͤße aus ſeinem Neſt auf einer der hohe Copreſſen aufgeſchreckt wurde, warf der Zwerg die Thuͤre zu, und als der Vogel uͤber meinem Haupte hinſlog, kraͤchzte er dreimal in vernehmlicher, und, wie mich duͤnkte, deutungsvoller Weiſe. Ohne auf mich oder den Vogel zu achten, wackelte der Zwerg auf ſeinen kleinen, gebogenen Beinen eilends in das Haus, und bedeutete mich, ich ſollte ſtehen bleiben. Jezt fing ich an, meine Unvorſichtig⸗ keit herzlich zu bereuen, und verſuchte, die ei⸗ ſerne Thuͤre zu oͤffnen, allein dieſe widerſtand allen meinsn Anſtrengungen, und blieb feſt wie Felſen. Der Zwerg erſchien wieder, und winkte mir ihm zu folgen: zitternd gehorchte ich, und ge⸗ rade, wie ich den Fuß auf die Schwelle ſezte, ſchwang der ungluͤck⸗ weiſſagende Rabe ſeine ſchwarzen Fluͤgel uͤber meinem Haupte, und wiederholte ſein Kraͤchzen. Ich zoͤgerte daher, und ſagte zu dem Zwerge:„Ich will morgen wieder kommen, es waͤre beſſer geweſen, ich waͤre jezt nicht bereingegangen.“ Ein Papagei, der in einer großen, mit ſchwarzem Marmor ausgelegten Halle, in einem Kaͤfig uͤber mir hing, ſchrie:„Herein! herein!“ und ſchien durch ein widriges Gelaͤchter, das auf dieſe Worte folgte, ſich an meiner Verlegenheit zu weiden. Jezt durchzogen ploͤtzlich ſo ausgeſuchte Wohlge⸗ 159 ruͤche das Haus, daß meine Sinne verwirrt wur⸗ den— ich trat ein. Aichimt nrree Mein Eintritt in dieſes ſeltſame Haus ſchien die Bewohner in allgemeine Freude zu verſetzen: Der Zwerg rieb ſich die Haͤnde, und lachte grin⸗ ſend, der Papagei ſchrie noch gellender als zu⸗ vor, und eine große, ſchwarze Katze kam auf mich zu, rieb ihre weichen, glaͤnzenden Seiten an meinem Fuße, miaute, und ſtraͤubte ihren graͤulich⸗langenden Schweif in die Hoͤhe. Auch ein Affe kam herbeigeſprungen, und ſchien es darauf anzulegen, den Zwerg in Verzerrungen zu uͤbertreffen, was mir aber am raͤthſelhafte⸗ ſten vorkam, war: daß der Papagei, die Katze und der Affe nur ein Auge hatten. Nachdem ich durch die Marmorhalle gegangen war, kam ich an eine ſteinerne Treppe. Der Zwerg ſezte den Fuß auf die erſte Stufe, als die Katze und der Affe in die Wette zu rennen anfingen, wer zuerſt hinaufkaͤme. Nicht ſo ſchnell ſtieg ich die Treppe hinan, und wandte mich einmal um, halb entſchloſſen, nicht weiter zu gehen. Allein der Zwerg warf mir einen muͤrriſchen Blick zu und ich ſezte langſam meinen Weg fort. Als wir oben angekommen waren blieben der Zwerg, der Affe und die Katze an einer ſchwarzen Thuͤre mit eiſernen Knaͤufen ſtehen; die Katze war ganz außer ſich, und der Affe ſprang dem Zwerg auf den Kopf, wo er quikte und deutlich ſeine Un⸗ geduld zu verſtehen gab. Der Zwerg ſchlug mit ſeiner ſchweren Fauſt dreimal vernehmlich an die ſchwarze Thuͤre, worauf dieß, wie es ſchien, 60 von ſelbſt, langſam aufging Jest ergriff der Zwerg mich bei der Hand und fuͤhrte mich uͤber die Schwelle, waͤhrend die Katze und der Affe ſich begnuͤgten, mit ihrem einen Auge in das halb dunkle Zimmer zu ſehen.„Der Arzt ſaß auf einem hHohen Block Holzz ſo baldner mich ſah, ſtand er auf und umarmte mich„nlalt er⸗ wiederte ich ſeine Begräßung. dein in Pimt „Was ſtebt Dir zu Dienſten 2 rief der weiß⸗ baͤrtige Doktor.„Ich ſagte ihm kurz;, daß das Benehmen der Kaufmanns⸗Familie meine Neu⸗ gierde rege gemacht habe, und ich hier ſey, ihn um Aufſchluß daruͤber zu bitten.„Junger Mann⸗ erwiederte er,„der Kaufmann und ſei ne Familie ſind unwiſſende Leute, allein um die Gruͤnde, warum ſie mich guf dieſe Weiſe empfingen, haͤt⸗ teſt Du lieber ſie ſelbſt gefragt. Darh er ich ſehe, Du haſt Erziehnng genoſſen, und moͤchteſt wohl durch Deine Kenntniſſe Dich emporbringen.“ „Wie das 2* rief ich.. Bau. „Tritt in meine Dienſte, Du ſollſt ahier jede Bequemlichteit haben, und neinen anſtaͤndigen Gehalt beziehen⸗iin Hatin Iit n t 224 u„Und welche Gaſchaͤfte. haͤtte ich hier su fragte ich. Ba n 8 md? aim am ttedaens 1 war ſeine Autwort,„die fuͤr 6 ausſtopfſt und Skeletbeine abſchabſt.” i anin 161 der geheimnißvolle Mann die mir zukommenden Dienſte aufzaͤhlte, doch ſchwieg ich und der Alte fuhr fort:„nach und nach ſollſt Du in die Ge⸗ heimniſſe meiner Profeſſion eingeweiht werden und ich ſehe, Du wirſt es weit bringen. „ Aber,“ ſagte ich,„wenn ich in Deine Pro⸗ feſſion eintrete, und dann meine Kranken von meinem Anblick den Tod haben, wie von dem Deinigen, ſo ſehe ich nicht ein, welchen Vor⸗ theil ich daraus ziehen ſoll.“ „Deine Neugierde,“ verſezte er, iſ ſehr ungeduldig, allein Du mußt wiſſen, daß ich nur von beſonderen Perſonen gerufen werde, wenn es mit ihnen aufs Aeußerſte gekommen iſt. Nie⸗ mand ſendet⸗ nach mir, außer wenn der Tod ihn ſchon mit einer Hand gefaßt hat; der Kauf⸗ mann war noch nicht ſo gefaͤhrlich krank, Dein Verſehen, daß Du mich zu ihm fubhrteſt. wird em einen klaͤglichen Tod zuziehen.“ Ich ward mehr und mehr. erſtaunt⸗ bui⸗b aber Kſtill. „Willſt Du in meine Dienſt teeten ee fragt⸗ der Doktor. 8 Ich zoͤgerte, denn augenſſcheinlich mieden die Leute in der Stadt den gelehrten Mann, der ohne Zweifel ein ubelberuͤchtigter Zauberer war, Er wiederholte ſeine Frage, mit dem Zuſatz, daß ich taͤglich 5 Toomaun's erhalten ſolle, und wuͤrde er dieſe einmal nicht morgens ausbezah⸗ len, ſo ſtehe es mir frei⸗ aus leinen Dienſten zu treten. 8, On ſtuͤnde mir ſeesze ſagte fch S 162 denke, du magſt mich bezahlen oder nicht, ſo ſollte ich nicht gezwungen werden koͤnnen, in ei⸗ nem Dienſte zu bleiben, der mir nicht gefaͤllt.“ „Da biſt Du im Irrthum, Du mußt Dich auf 5 Jahre anheiſchig machen oder gar nicht.“ „Dann,“ entgegnete ich,„iſt mein Entſchluß ſchon gefaßt: Ich bitte um Erlaubniß gehen zu duͤrfen, und werde Dich nie wieder mit meiner Gegenwart behelligen.“ „O Thor!“ verſezte er,„doch wenn Du ein⸗ mal fort willſt, ſo muß ich Dich als Gaſt be⸗ handeln.“ Mit dieſen Worten nahm er ein Gefaͤß mit Roſenwaſſer, beſprengte damit mein Geſicht, und umarmte mich, dann oͤffnete er die Zimmerthuͤre und ſagte:„Lebe wohl, doch glaube 4, wirſt Du bald finden, daß von nun an mein hor das einzige iſt, das Dir offen ſteht, und wenn Du kommſt, ſo ſoll es mich freuen, Dich zu ſehen.“ Dies war ſeltſam, aͤußerſt ſeltſam, da ich doch beſtimmt verſichert hatte, ich werde ſein Haus nicht wieder betreten. Ich ſah dem Alchymiſten ins Geſicht, er hatte aber noch denſelben ernſten Blick und rief laut„Budnuzer!“ Auf dieſes kam der ſchreckliche Zwerg in Begleitung der Katze und des Affen. Der Doktor befahl ihm, die eiſerne Hoftbuͤre zu oͤffnen, und ſeinen Gaſt hin⸗ aus zu laſſen, und ſezte hinzu:„ſey aber bei der Hand, er wird bald wiederkommen.“ Ich drehte mich um, um eine Erklaͤrung hieruͤber zu erlangen, allein die Thuͤre des Zim⸗ mers wurde zugeworfen und der Doktor ver⸗ 163 ſchwand. Ich folgte dem Zwerg die Treppe hinab: die Katze miaute zum Erbarmen, der Affe wimmerte, wie ein Kind und der Papagei ſchrie ganz klaͤglich. Budnuzer, der Zwerg, war, glaube ich, ſtumm, ſonſt haͤtte er wahrſchein lich in das allgemeine Wehklagen mit eingeſtimmt, das meine Entfernung veranlaßte. Im Hofe angelangt, fuͤhlte ich mich ſehr erleichtert, und als der Zwerg mit trauriger Miene das eiſerne Thor aufſchloß, rannte ich außer mir eine betraͤcht⸗ liche Strecke weit, ſo erfreut war ich daruͤber, aus dem grauenvollen, dunkeln Hauſe entkommen zu ſeyn.„Der Doktor,“ ſprach ich bei mir,„mag ein ſehr gelehrter Mann ſeyn, aber bei Allah! dießmal ſoll er ſich geirrt haben, ich will ihm zeigen, daß er ſich auch manchmal in ſeinen Weiſ⸗ ſagungen taͤuſchen kann, denn ich bin entſchloſ⸗ ſen, die Straße, die zu ſeinem Hauſe fuͤhrt, nie wieder zu betreten; nein, nein ich bin davon ge⸗ kommen, und denke, weg zu bleiben.“ Der erſte, der mir begegnete, war ein Ara- ber, der mich nicht ſo bald erblickte, als er jaͤm⸗ merlich heulend niederſank.„Himmel!“ rief ich, „woher dieſes ſeltſame Benehmen 2“ ich verſuchte den armen Menſchen aufzuheben, da er aber nur noch ſtaͤrker heulte und ſchrie, ſo uͤberließ ich ihn ſeinem Schickſal. Wie ich mich in einiger Entfernung umwandte, ſah ich den Mann ſo haſtig davon eilen, wie, glaube ich, noch kein Araber gelaufen iſt. „Es iſt,“ ſprach ich,„auffallend, daß mein Au⸗ elic ſolche ſonderbare Wirkung haben ſoll, doch— 164 ich will zu einem Barbier gehen, vielleicht hat mein Barte Scheeren nbthige Ich trat in ein Haus, um zu fragen, woein Barbier nzu finden fey; allein nicht ſo bald erblicktän mich die Leute darin, als ſie, wie der Araber auf der Straße, ſich aufs Geſicht niederwarfen, und heulend um Gnade ſchrieen. Schnell eilte ich wieder hinaus und war ſehe verdruͤßlich daruͤber, daß ich allen Einwohnern von Bagdad ein Gegen⸗ ſtand des Schrackens ſeyn ſollte. Zufaͤllig kam ich an einer Barbierbude voruͤber, ſiewar vol⸗ ler Kunden, die bedient ſeyn wollten. Ich trat ein: alle Koͤpfe wandten ſich gegen mich, und jeder Mund ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, waͤhrend Einige bewußtlos niederſanken, Andere bruͤllend aus der Bude ſtuͤrzten und Ge⸗ bete und Stellen aus dem Eoran vor ſich hin murmelten. Um die Urſache des Entſetzens zu erfahren, das mein Anblick verurſachte, ergriff ich den Spiegel des Barbiers und bald idste ſich mir das Raͤthſel, als ich mich in dieſem erblickte— mein Geſicht war ganz mit bluti⸗ gen Streifen bedeckt, und dies gab⸗ mir ein ſo ſchauerliches Anſehen, daß ich als ein Weſen aus der andern Welt erſcheinen mußte. Ich hatte dies, wie ich wohl ſah, dem wohlriechen⸗ den Roſenwaſſer des Doktors zuzuſchreiben, wo⸗ mit zer mich, wie ich glaubte, aus Hoͤflichkeit beſprengt. hatte. Ich eilte an das Waſſergefaͤß, das in einer Ecke der Bude ſtand und verſuchte die Flecken abzureiben, allein ſie waren unver⸗ tilgbar. Von Herzen verwuͤnſchte nich jest den 165 Doktor, da ich mich gegen meinen Entſchluß ge⸗ noͤthigt ſah, noch einmaͤl an ſeiner Thuͤre anzu⸗ klopfen und ihn zu bitten, mir die blu⸗ tigen Flecken aus dem Geſichte zu waſchen. Die harte Nothwendigkeit zwang mich, noch einmal ſeiner grauenhaften Wohnung zu zu wandern, denn zentſezt flohen mich die Leute, wie haͤtte ich da ein Unterkommen finden koͤnnen 2„Ach Un⸗ gluͤck e rief ich„„der Alchymiſt hat ſich meiner verſichert, ich muß ſein Sklaven wenden.”“ Mit ſchwerem Herzen pochte ich an die eiſerne Thuͤre, und ſogleich ward dieſe vom Zwerg geoffnet, der, wie es ſchien, auf meine Raͤckkunft gewartet hatte. „Fuͤhre mich zu Deinem Herrn,“ rief ich. (Er verbeugte ſich, und ich folgte ihm in die Halle; der Papagei vief wieder:„herein! herein!“ und lachte unmaͤßig, auch die Kaͤtze und der Affe legten durch tauſend Spruͤnge und Geber⸗ den ihre Freude an den Tag. Viederum ſtand ich an dem Studierzimmer des verwuͤnſchten Ook⸗ tors; er empfing mich hoͤflich mit den Worten: „ſagte ich Dirs doch, wir werden Dich bald wie⸗ derſehen und meine Thuͤre ſey die einzige, die ſich Dir öffne.“ 2 „Wiſche mir dieſe verwuͤnſchten Flecken ab,“ rief ich, auf mein Geſicht deutend,„damit ich irgend wo ein Unterkommen finden kann.“ „Uumoͤglich!’ ſagte der Doktor,„erſt muß ich auf 5 Jahre Deine Dienſte haben; ſey ver⸗ nuͤnftig, bleibe hier und nach Verfluß dieſer Zeit ſoll es Dir, wenn Du mir in Allem ge⸗ horcheſt, frei ſtehen, mich zu verlaſſen, und un⸗ 166 abhaͤngig zu leben— Du kannſt meinen Antrag verwerfen, und wieder gebhen, wie vorhin, aber bedenke, daß dann meine Thuͤre ſich Dir uicht wieder oͤffnet.“ „O grauſames Schickſal, mußteſt Du mich hbieher fuͤhren! lcrief ich,„Fluch dem Schurken, der mich in dieſe hoͤlli ſche Behauſung wies!— was ſoll ich thun? 28*⁵ „Gehorche mir und ehre mich,; ſagte der Doktor,„verrichteſt Du getreu Deine Dienſte, ſo werden jedes Jahr zwei von den zehn Flecken in Deinem Geſichte verſchwinden, auf andere Weiſe kann ich ſie nicht degtiſchen wenn ich auch wollte.“ 8 „Verſprichſt Du mir. rief ich,„daß ich nach 5 Jahren reich werden ſoll und ohne Flecken Dich verlaſſen darf 2* „Das haͤngt von Dir ſelbſt ab,« entgegnete der Doktor;„wenn Du mir folgſt, nicht ſtarr⸗ köpfig oder unvorſichtig biſt, ſo ſollſt Du reich und mit reinem Geſichte von mir ziehen.“ Ich willigte ein, zu bleiben, und verſprach Gehorſam. In dieſem Angenblick ſtießen der Affe und die Katze einen Freudenſchrei aus, und eilten die Treppe hinab, um, wie ich glaube, dem Papagei die gute Nachricht mitzutheilen, denn bald darauf hoͤrte ich ſein durch dringendes Ge⸗ ſchrei. Budnuzer, der Zwerg, trat ins Zimmer und der Doktor zog ein Pergament hervor, auf welches er unſern Vertrag ſchrieb: er machte ſich verbindlich, mir außer Koſt und Herberze auf 5 Jahre, toͤglich 5 Toomauns auszubezah⸗ 167 len; nach Verfluß dieſer Zeit ſollte er keine Anſpruͤche mehr an mich haben, vorausgeſezt, daß ich ſeinen Befehlen folge, waͤre dieß aber nicht der Fall, ſo muͤßte ich die empfangenen Too⸗ mauns wieder erſtatten, oder noch 10 weitere Jahre in ſeinem Dienſt bleiben. Ich dagegen verband mich ihm zu dienen und zu gehoechen, und unterzeichnete meinen Namen; der Zwerg war Zeuge. Aus dieſem Kontrakt erſah ich, daß mein Herr Tabnag hieß und ach! verflucht ſey der Tag, der mich in Tabnags und Budnuzers Naͤhe brachte! —— Neuntes Kapitel. — Weil ich jezt ganz in Tabnags Dienſten ſtand, ſo wuͤnſchte ich auch ſeine finſtere Woh⸗ nung zu unterſachen, und aͤußerte dies gegen meinen Herrn, der ſich willig zeigte, mich im Hauſe umher zu fuͤhren. Das erſte Zimmer, in das wir traten, war ein Laboratorium mit chi⸗ rurgiſchen Inſtrumenten, ausgeſtopften Voͤgeln und Skeleten. Im zweiten Zimmer im erſten Geſchoſſe war eine ſchaͤtzbare Muſchelſammlung mit mehreren ſeltſamen Schwertern, Dolchen und Luntenſchloͤſſern; was mir aber am meiſten auf⸗ fiel, war ein ungeheurer Bogen, der aus zwei großen, in der Mitte kuͤnſtlich zuſammengefuͤgten 168 Ochſenhoͤrnern gefertigt, und auf dem allerlei ſeltſa⸗ me Figuren eingegraben waren. Als der Doktor mich den Bogen aufmerkſam betrachten ſah, fragte er:„Willſt Du inicht verſuchen⸗ den Bogen hier zu ſpannen kee.n 11 120 10 t „Ich denke, es wird nicht gehen ſezte ich ann 4 chitt uhe 9Verſuche es,“ erwiederte er,„ich glaube, Du biſt ſtark, und dies iſt ein Hauptgrund⸗ warum ich Dich in meine Dienſte zu bekommen ſuchte.En enn 8. inn 82 ☛ 24 Der Bogen wurde herabgenommen, ich fezt e alle meine Kraft an, aber vergebeuns. Tabnag verſicherte mich, unter allen Dienern, die er ge⸗ habt, habe keiner ſo viele Staͤrke gezeigt, als ich und ſezte hinzu,„und es freut mich, dies zu ſehen, da Du ſie noͤthig haben wirſt, ich ver⸗ ſichere Dich.“ Dieſe Worte machten mich etwas unruhig, und ich fragte, ob es denn gar nicht moͤglich ſey, den Bogen zu ſpannen.„Nur ein Ein⸗ ziger,“ erwiederte er,„vermag es, und das iſt, Budnuzer; Du ſollſt es ſogleich ſehen.“ Nach⸗ dem er dies geſagt hatte, zog er eine Pfeife aus ſeinem Guͤrtel, ſezte ſie an den Mund, und brachte einen Ton hervor, der von unten beant⸗ wortet wurde, aber nicht von dem Zwerg, ſon⸗ dern von dem Papagei, und bald darauf ſtand Budnuzer vor uns. Tabnag deutete auf den⸗ Bogen; der Zwerg ſtemmte ſeinen Fuß darauf, und ſpannte ihn mit ſeinen ſtarken kraͤftigen Arme auf einen Zug. Noch gingen wir durch viele andere Zimmer in dieſem Stocke; einige wa⸗ Lrver⸗ 169 waren leer, in andern ſtunden Arzueyen, Fla⸗ ſchen und Geraͤthe jeder Art. Die Fenſter wa⸗ ren alle ſorgfaͤltig verſchloſſen, an den Laͤden dagegen nagte der Zahn der Zeit, wie aus deutli⸗ chen Spuren zu erſehen war. Jezt gingen wir die Dreppe hinab und traten in die Halle, wo der Papagey uns mit ſeinem gewoͤhnlichen Rufe:„„‚herein, herein!« bewillkommte, und als der Doktor mir ſagte, die Halle ſey mit Mar⸗ mor aus einem Bruch in der Naͤhe des Ber⸗ ges Chaſagiri n) ausgelegt, rief der Papagey: „Dur een che schuck 2uur.) 1 „Dein Vogel,“ ſagte ich,„ſcheint ſehr ge⸗ ſpraͤchig.“ aui ua „O nein,“ verſezte Tabnag,„er weiß bloß zu ſagen:„herein!le'e und„ey freilich! Ich habe ihn von einem Fakir aus Hindoſtan ge⸗ kauft, der ſich ungern von ihm trennte.“ Zur Rechten der Halle öffnete jezt Tabnag eine Thuͤre, die ich vorher nicht bemerkt hatte, und doch war daneben eine andere,— beide ſchwarz angeſtrichen. Das Zimmer, in das wir traten, war geraͤumig; in der Mitte ſtand ein ungeheures Rad, mit ledernen Riemen, die in das anſtoßende Gemach gingen: neben dem gro⸗ ßen Rade ſtand ein kleineres, horizontal liegen⸗ des, mit Zaͤbnen, wie ſie an manchen Orten gewoͤhnlich ſind, um Waſſer aus den Brunnen herauf zu zieben. Dieß wurde, wie. ich dachte, à *) Kaukaſus. *) Ey freilich. un 1 Ind. Serail. III..127e S 3 ——,— 170 durch einen Ochſen verrichtet, obgleich ein ſelt⸗ ſam geſtaltetes Joch auf dem Boden lag. „„Du ſollſt bald mehr von dieſem Zimmer erfahren,“ fagtender Doktor,„ich habe Dir jezt genug gezeigt— mehr darfſt⸗ Du nicht wiſſen.“ „Gehen wir hſcht in das anſtoßendes Bim⸗ mer? fragte ich,, im eͤnn „Junger Mann venſszkei Tabnag in heier lichem Tone,„hoͤre mich wohl— wage es nie, der Thuͤre dieſes Zimmers zu nahe zu kommen, die Folgen Deines Ungehorſams wuͤrden fuͤr Dich ſchrecklich ſ ſeyn. Morgen mit Sonnen⸗Auf⸗ gang halte Dich bereit, da beginnen wir unſere Arbeit. Budnuzer, fuͤhre den jungen Mann auf ſein Zimmer⸗*? Mit dieſen Worten überließ er mich dem Zwerge, der mich in einen niedrigen, feuchten Keller fuͤhrte⸗ wo ein ſchlechtes Bett ſtand, und außerdem eine eiſerne Kiſte, die offen war. Der Zwerg ſchloß dieſe und uͤbergab mir den Schluͤſ⸗ ſel, woraus ich erſab, daß ich darin meine Habſeligkeiten aufbewahren ſollte. Abends durfte ich in dem geraͤumigen Hofe auf und ab gehen; der Doktor trat zu mir, er war ſehr gefaͤllig und munter, machte aber manche ernſte Bemer⸗ kung uͤber die allgemeine Unwiſſenheit d der Men⸗ ſchen, und verwarf alle aͤußeren Formen der Religion. Dieſen Mann zu ergruͤnden, war unmoͤglich, auch konnte ich nicht entdecken⸗ ob er ein Suni, Sheeah, ein Tuͤrke, oder ein unglaͤubiger ſey; es war ein ſehr verſtaͤndiger und erfahrner Mann, ſtand aber gewiß im Bunde mit dem Boͤſen. 171 Ich begleitete meinen Herrn zu Tiſche; Bud⸗ nuzer bediente uns und fuͤtterte dann ſich ſelbſt, den Affen, die Katze und den Papagey. „Sage mir doch,“ ſprach ich,„warum wa⸗ ren dieſe Thiere ſo vergnuͤgt, als ſie mich ins Haus treten ſahen 2 „Sie haben,“ verſezte Tabnag,„wenig oder gar kein Futter bekommen, ſeit mein lezter Die⸗ ner fort iſt, und da ſie nun einen andern kom⸗ men ſahen, haben die klugen Thiere gewittert, daß ſie jezt wieder ihre Nahrung bekommen werden, wie zuvor. „Aber wie? fragte ich,„haſt Du ſie denn nicht gefuͤttert, bis Du einen andern Diener bekamſt 2“ „Ich aß ſelbſt nur wenig,“ erwiederte der Doktor,„ich konnte nicht— aber laß das Fra⸗ gen. 3 „Nur noch eine Frage,“ ſagte ich,„wie kommt es, daß alle Deine Thiere nur ein Auge haben?. „Weil ſie,“ war ſeine Antwort,„unvor⸗ ſichtig und ungehorſam waren.“ Dieß war freilich eine unbefriedigende Ant⸗ wort, allein ich mußte ſchweigen. Die Nacht durch ſchlief ich ruhig; am Morgen bedeutete mir Budnuzer, ich ſollte in die Halle kommen, wo Tabnag meiner wartete. Der Zwerg fuͤhrte mich in das Zimmer mit den zwei Raͤdern, waͤhrend der Doktor in das mir verbotene Ge⸗ mach trat. Wie groß war mein Verdruß, als ich ſah, daß das horizontale Rad, woran, wie * 6* — 172 ich geglaubt hatte, ein Ochſe geſpannt wuͤrde, fuͤr mich ſelbſt beſtimmt war! Ehe ich von mei⸗ nem Erſtaunen mich erholen konnte, hatte der gewandte Zwerg das ſonderbare Joch mir uͤber den Nacken geworfen, meine Augen waren da⸗ durch verdeckt, wahrſcheinlich, um Betaͤubung zu vermeiden, waͤhrend die Haͤnde an ein Quer⸗ holz gebunden waren; ſo ſtand ich da wie der geduldige Ochſe, und erwartete das Zeichen, mich in Bewegzung zu ſetzen. Dieſes wurde bald gegeben, indem mir der Zwerg mit ei⸗ ner Peitſche, die ich vorher nicht bei ihm ge⸗ ſehen hatte, einen ſchmerzhaften Schlag auf den Ruͤcken gab. Die Arbeit war ſehr anſtren⸗ gend, und meine Kniee wankten unter mir. Eine halbe Stunde hatte ich dieſe Handar⸗ beit fortgeſezt, als ich ein durchdringendes Pfei⸗ fen von dem verbotenen Gemache her vernahm; ſtatt daß dieß aber das Zeichen zum Aufhdren war, erhielt ich von dem Zwerg einen zweiten Schlag auf den Ruͤcken; mit gellender Stimme ſchrie der alte Tabnag:„Geſchwind, geſchwind!“ und ſo mußte ich alle meine Kraft aufbieten, um den Herrn und den Treiber zufrieden zu ſtellen. Endlich ließ ſich ein lautes, anhalten⸗ des Pfeifen vernehmen, und dieß war, wie ich ſah, das Zeichen zum Aufhdren, denn der Zwerg zog mich zuruͤck und band mich los. Erſchoͤpft und mit Schweiß bedeckt, ſank ich zu Boden; in dieſem Augenblick ſtuͤrzte auch der Doktor, halb nackt, triefend von Schweiß, herein, und fiel neben mir nieder, er keuchte, ſchnaubte und 173 rief nach Waſſer, welches der Zwerg ſogleich brachte. Ich hatte geglaubt, viel ausgeſtanden zu haben, allein Tabnag's Erſchoͤpfung uͤbertraf alle Beſchreibung, waͤhrend der Zwerg das ein⸗ zige, ruhige Weſen im Hauſe zu ſeyn ſchien: denn das Miauen der Katze und das Schreien des Papageyen und des Affen ließ ſich auf eine widerliche Weiſe vernehmen. Nach einiger Zeit ſtand der Dokter auf und Budnuzer fuͤhrte ihn aus dem Zimmer. Ich hatte jezt hinlaͤnglich erfahren, welche Dienſte ich zu verrichten haͤtte, um lebhaft den Wunſch zu hegen, ein Haus zu verlaſſen, wo ich huͤndiſche Arbeit verrichten mußte, um meinen Herrn bei ſeinem holliſchen Geſchaͤfte zu unterſtuͤtzen. Aber was konnte ich thun? der Teufel von Doktor hatte mit ſei⸗ nen verwuͤnſchten Stempel aufgedruͤckt, ſo daß man mich als ein Ungeheuer floh, das Niemand anblicken mochte. Mit dieſem wirkſamen Mit⸗ tel, mein Entkommen zu verhuͤten, erlaubte mir der Doktor, ſein hoͤlliſches Loch zu verklaſ⸗ ſen, wenn es mir gefiele! Ich beſchloß, ihm Vorſtellungen zu machen, ehe die Arbeit wie⸗ der begaͤnne. Der Zwerg kam wieder, fuͤhrte mich aus dem Zimmer und verſchloß die Thuͤre. Ich hatte großes Verlangen, zu erfahren, was alles in dem anſtoßenden Gemache vorgegangen ſey, da aber der Zwerg ſtumm und ich gewarnt worden war, ich ſollte meine Neugierde nicht zu befriedigen ſuchen, ſo folgte ich Budnuzein ſtill in meinen Keller, wo ich gaͤnzlich ermattet mich niederlegte und ein chlummenrte. 174 Abends holte mich der Zwerg in das Stu⸗ dierzimmer meines Herrn, den ich eben ſo hei⸗ ter und freundlich fand, als das erſte mal; vor ihm ſtanden Schuͤſſeln mit Reis und Confekt, mit Sorbet und kuͤhlem Waſſer, und er lud mich hoflich ein, zuzugreifen. 3 „Nein,“ entgegnete ich,„wer wie ein Vieh behandelt wurde, kann ſich jezt nicht wie ein menſchliches Weſen niederſetzen und Reis und Pilau eſſen. Ohne ein Wort zu erwiedern, aß der Dok⸗ tor ſich ſatt und ging dann zu Bette. Weil ich ſehr hungrig war, folgte ich dem Zwerg, als er die Schuͤſſeln hinaustrug, um etwas Reis zu erhaſchen, aber ſiehe! die Katze und der Affe ſprangen dem Zwerg auf die Schul⸗ tern, und bald waren die Schuͤſſeln von ihnen geleert, bis auf einiges Zuckerwerk, welches Budnuzer fuͤr den Papagey aufſparte. „Gut,“ dachte ich,„morgen will ich kluͤger ſeyn, und eſſen, ſo lange die Speiſen vor mir ſtehen.“ Der folgende Tag rief mich zu demſelben harten Geſchaͤfte. Ich wurde an das Rad ge⸗ ſpannt, und als ich es drehte, lief in der an⸗ ſtoßenden Kammer etwas ziſchend auf und ab, ich hoͤrte Hammerſchlaͤge und Metall klirren. Ermattet ließ ich in meiner Arbeit nach, allein der Zwerg hinter mir peitſchte mir ſogleich mit ſchmerzhaften Schlaͤgen meinen Ruͤcken. Aeuſ⸗ ſerſt aufgebracht verließ ich das Rad, und naͤ⸗ verte mich dem Zwerg, um ihn zu pruͤgeln, 175 allein dieſer hob ſeinen Arm und G3 mir ei⸗ nen ſolchen Stoß auf den Magen, daß ich in die andere Ecke des Zimmers taumelte und hier niederſank. Dadurch wurde das Geſchaͤft unter⸗ brochen, und Tabnag kam heraus, um nach der Urſache zu fragen. Ich ſagte ihm, wie un⸗ barmherzig der Zwerg mit mir umgehen „Unbarmherzig,“ verſezte Tabnag,„durch⸗ aus nicht, es iſt ſeine Pflicht, das Rad im Gang zu e erhalten, bis er meine Pfeife hdrt; wenn Du traͤge biſt, ſo muß er Dich natuͤr⸗ lich deitſehene und ich rathe Dir'“, 5 Du nicht wagſt, ihn zu ſchlagen, Du biſt ihm nicht ge⸗ wachſen— komm wieder ans Radl ich bin noch nicht fertig.“ Ich verſicherte ihn, daß ich vor Hunger halb todt ſey, und heute das Rad nicht mehrrtrei⸗ ben koͤnne.. „Das iſt Deine eigene Schuld, ſagte er, dich habe Dir Speiſe angeboten, wenn Du ſie ausſchlugſt, ſo ſehe ich nicht ein, warum deß⸗ wegen mein Geſchaͤft ſtillſtehen ſoll.“ Mit die⸗ ſen Worten winkte er dem Zwerg, und dieſer brachte mich mit ſeiner Peitſche bald wieder aus meiner Ecke an das verwuͤnſchte Rad, wo ich nach einer Stunde harter Arbeit endlich das erſehnte Pfeifen aus dem naͤchſten Zimmer ver⸗ nahm. Freundlich trat der Doktor ins Zimmer, ſchattelte mir die Hand und ſagte, er hoffe mich deim Eſſen zu ſehen. Dießmal nahm ich an dem Mahle heile und es mundete mir vor⸗ trefflich! mmisſt. 4 Bae i 10 1. So ging ein Tag um den andern hin. Bald wurde ich an das eine, bald an das andere Rad geſpannt, und der Doktor zeigte beim Schluſſe der Arbeit ſich immer ſo ermattet, wie ich ihn am erſten Tage geſehen hatte. Dem Vertrage gemaͤß wurde mir mein Lohn regelmaͤßig aus⸗ bezahlt, und das Eſſen war vorzuͤglich. So war ich ein Jahr bei dem Doktor, waͤhrend wel⸗ cher Zeit ich fuͤr meine Toomaͤun!s wacker ge⸗ arbeitet hatte, ſo daß mein Herr, wie es ſchien, ſehr mit mir zufrieden war. Wie der Doktor mich verſichert hatte, verſchwanden zwei von den Flecken in meinem Geſichte, und ich hoffte, wenn meine Zeit um waͤre, ihrer ganz los zu werden. Mit Aufzaͤhlung der Beſchwerden, die ich in fuͤnfthalb Jahren erduldete, will ich mich nicht aufhalten, ſondern eile zur Erzaͤhlußg der folgenden Ereigniſſe. Der Doktor war an das Krankenhett eines arabiſchen Schiffkapitaͤns gerufen worden, der von Buſſorah nach Bagdad gekommen war, um hier ſeine Familie zu beſuchen. Der Zwerg war auf dem Soͤller des Hauſes, um Kraͤuter fuͤr den Doktor zu trocknen, und ich allein und unbeſchaͤftigt. Ich fuͤhlte mich ſtark verſucht, in das verbotene Zimmer zu ſehen, und ſtand mehr als einmal vor der Thuͤre, allein die Klugheit fluͤſterte mir ins Ohr, ich ſollte weg⸗ bleiben, und ich ging wieder, denn da das Ende meiner Dienſtiahre ſo nahe war, ſo wollte ich den Alchymiſten nicht gegen mich aufbrin⸗ gen, ob ich gleich, wie ich meinte, unmoͤglich 277 entdeckt werden koͤnnte. Eines Tages kam der Doktor wieder und ſagte mir, der arabiſche Ka⸗ pitaͤn ſey obllig geneſen.„Ja,“ fuhr er fort, „Maghroobia(ſo hieß der Kranke) wird ſtets den Tag ſegnen, wo er nach mir geſandt hat.“ Ungefaͤhr einen Monat darauf hoͤrte ich, als ich dem Zwerg bei ſeinen Geſchaͤften auf dem Soller half, den Ausrufer bekannt machen, daß ein Maͤdchen, Namens Zenna, die Tochter Maghroobia's, eines Schiffskapitaͤns, ploͤtzlich verſchwunden ſey, und wer ſie ausfindig mache, eine unermeßliche Belohnung erhalten ſolle. Dieß war mir auffallend, ich erwaͤhnte aber nichts davon gegen meinen Herrn, der ohne Zweifel den Ausrufer ſo gut als ich gehort hatte. Ei⸗ nige Tage darauf war ich wieder unbeſchaͤftigt, und glaubte ein Schluchzen und Weinen aus dem verbotenen Zimmer zu vernehmen; es war, wie ſich deutlich unterſcheiden ließ, eine weib⸗ liche Stimme.„Himmol!“« dachte ich,„es muß die Tochter des arabiſchen Kapitaͤns ſeyn. Wuͤßte ich gewiß, daß ſie es waͤre, ich wollte, wenn meine Zeit um iſt, dem betruͤbten Vater Nach⸗ richt davon geben, und ſo die ausgeſezte Be⸗ lohnung gewinnen, dann haͤtte ich mit meinem Lohne eine huͤbſche Summe Geldes, ginge da⸗ mit nach Yezd, und theilte es mit meinen zwei Freunden Yasmin und Mohabed Ali, wenn ſie beide noch in duͤrftigen Umſtaͤnden ſeyn ſoll⸗ ten!** Niemand war in der Naͤhe, und ich beſchloß, einen Blick in das geheimnißvolle Zimmer zu — 3. ——— ——— 178 wagen. Kein Laut war im ganzen Hauſe zu vernehmen: der Papagey, deſſen Kaͤfig der ver⸗ haͤngnißvollen Thuͤre gegenuͤber hing, ſchlief ge⸗ rade, und die Katze und der Affe lagen ruhig unten. Vorſichtig ſchliech ich auf den Zehen an die Thuͤre: ich hoͤrte das Weinen wieder, und gerne haͤtte ich dem Maͤdchen zugerufen, wenn nicht der Papagey geweſen waͤre, der je⸗ desmal, ſo oft er reden hoͤrte, gewaltig zu ſchreien anfing, und ſo den Zwerg herbeigeru⸗ fen haͤtte. Ich unterſuchte die Thuͤre, ſie war geſchloſſen. Ich legte ein Auge an das Schluͤſ⸗ ſelloch, da war es, als zucke ein Feuerſtrahl durch wein Gehirn, und mein rechtes Auge war geblendet, waͤhrend ich im linken große Schmerzen fuͤhlte, und kaum das Licht ertra⸗ gen konnte; nicht ſo bald war dieß geſchehen, als der Papagey ein anhaltendes Geſchreiner⸗ hub und unruhig in dem Kaͤfig umherhuͤpfte. „Welch ein Thor ich war le oof ich. „Ey freilich! kreiſchte der Papagey, waͤh⸗ rend der Zwerg die Treppe herabgehumpelt kam.— Ich wollte ihm den Ruͤcken kehren, damit er meine Blindheit nicht bemerken ſollte, aber vergebens; er ſchien geahnt zu haben, was vor⸗ gegangen war, denn er band mich mit einem ſtarken Seile ſo feſt an einen Pfeiler in der Halle, daß der Umlauf meines Blutes gehemmt war, meine Augen, beſonders das linke, ſchmerz⸗ ten mich heftig, und ich fand, daß ich von Mi⸗ nute zu Minute weniger ſah. Endlich trat. 179 ihn hinaus.⸗ 8. Dergebens bat ich um einige Tovmaun's, Tabnag reichte mir keinen einzigen, meine bei⸗ nahe fuͤnfjaͤhrige Muͤhe und Arbeit vergaß er uͤber dieſer einzigen Handlung des Ungehorſams, und doch war ich ſo hart dafuͤr beſtraft! So verließ ich Tabnass Haus beinahe geblendet, mein rechtes Auge war unbrauchbar geworden, und noch bis auf den heutigen Tag trage ich zwei von den Flecken in meinem Geſichte, doch ſind ſie gluͤcklicher Weiſe an meinem Kinn, ſo daß mein Barr, den ich ſtark wachſen laſſe, ſie voͤllig bedeckt. Deine Majeſtaͤt wird eurſchul⸗ digen, wenn ich ſie Dir nicht zeige, denn Du wuͤrdeſt einen großen Schrecken davon haben. Ich bettelte mich bis Buſſorah und ging von da zu Schiff nach Mocha, wohin der hoͤlliſche Doktor mir gerathen hatte, zu gehen, warum, wußte ich nicht, erfuhr aber bald die Urſache. Niachdem ich in Mocha angelangt war, ge⸗ nas mein linkes Auge nach und nach, und ich ſah ſo viel, daß ich umhergehen konnte. Wie ich eines Tags auf der Straße bettelte, faßte ein ſtarker Mann mich an und forderte ſeine Tochter von mir.. * 4⁸⁰ o⸗Himmel! rief ich„was willſt Du? wer biſt Ou 2 ich weiß pon keinem Mäͤdchen.. „ Ich bin,“ ſagte jener,„Maghroobia, und komme, meine Tochter Zenna von Dir zu ver⸗ langen; wie mir der gute Tabnag ſagte, iſt ſie bei Dir? Du haſt ſie verſteckt.“ „»Ach Herr lee rief ich,„nenne den nicht gut, das iſt, glaube ich, der Teufel ſelbſt; nicht zufrieden damit, mich Muͤhe und Arbeit erdul⸗ den zu laſſen, und dann zu blenden, hat er Dich jezt hintergangen, wahrſcheinlich in der Mei⸗ nung, Du werdeſt mich Deiner Wuth opfern, aber dem Himmel ſey's gedankt, Du biſt ein verſtaͤndiger Mann, und nicht ſo raſch zu Werke gegangen. Wie ich wenigſtens Grund habe zu vermuthen, iſt Deine Tochter im Hauſe des Doktors, und es war der Wunſch, hieruͤber Gewißheit zu erhalten, was mich mein rechtes Auge gekoſtet und die Sehkraft des andern ge⸗ ſchwaͤcht hat.“ „ Allah!« rief der Kapitaͤn,„iſt es moͤg⸗ lich? iſt der Doktor wirklich ein ſolcher Mann? Jezt bereue ichs, ihn in meiner Krankheit be⸗ rufen zu haben.“ „Gehe,“ ſagte ich,„eile unverzuͤglich nach. Bagdad, um Dein Kind zuruͤck zu verlangen, Du wirſt es im zweiten Zimmer, rechter Hand von der Marmorhalle, finden; ſey aber ums Himmels Willen vorſichtig, Dein Leben koͤnnte ſonſt gefaͤhrdet ſeyn.“ „Ich wende mich an den Statthalter,“ ver⸗ ſezte der Kapitaͤn,„und laſſe ſein Haus nie⸗ derreißen, willſt Du mich begleiten?* 161 nins„Berzejhe ſagte ich,„nicht Welten ver⸗ moͤchten mich, dieſen verwuͤnſchten Mauern wie⸗ der nahe zu kommen. Lebe wohl und Pſeys gluͤck⸗ lich, edler Kapitaͤn.“ Daß ich es ablehnte, ihn zu begleiten, wun⸗ derte den Kapitaͤn durchaus nicht mehr, nach⸗ dem ich ihm meine Leiden erzaͤhlt hatte. Bald nach ſeiner Abreiſe trat ich bei einem Kauf⸗ mann in Dienſte, wo ich Kaffee zum verſenden verpacken mußte. Meine Geſchaͤfte riefen mich auf ein ungefaͤhr vier Meilen von Mocha ent⸗ ferntes Landgut; eines Tages ritt ich dahin auf einem arabiſchen Pferde, verirrte und ge⸗ rieth in eine wilde, unwegſame Gegend. End⸗ lich konnte mein Pferd auf dem felſigen unebe⸗ nen Boden nicht weiter gehen; ich band es gn einen Baumſtamm und ſtieg einen Huͤgel hinan, um meinen verlorenen Weg wieder zu finden. Ploͤtlich erſchien ein ehrwuͤrdiger Greis; ich begruͤßte ihn und fragte nach dem Wege; er gab mir die noͤthige Auskunft und lud mich in ſeine nah gelegene Hoͤhle ein, wo er, wie er ſagte, ſchon Jahre lang von der Welt zuruͤck⸗ gezogen lebte. Ich zoͤgerte, mich zum zwei⸗ tenmale durch das ehrwuͤrdige Ausſehen beruͤ⸗ cken zu laſſen, folgte ihm aber doch endlich in ſeine Einſiedelei, wo er mir Milch, grobes Brod und Datteln vorſezte. Die Hitze des Tages hatte mein krankes Auge ſehr angegriffen, und ich legte oft die Hand daruͤber. „Freund,“ lagte m mein Wirth,„Du ſcheinſt 182 oiel zu leiden, wie kommt es, daß Du Dein rechtes Auge verloren, und wie es ſcheint, ſp große Schmerzen in Deinem linken haſt?« 5 „Ach Herr!“ rief ich,„ich bin das Opfer eines Schurken in Vagdad der ſich Doktor ſchel⸗ ten laͤßt.“ Der Einſiedler ſchrak zuſammen und ſchrie. „um Gottes Willen! Haßt Du bei Tabnag ge⸗ dient?n „Ha! ſagte ich,„Du kennſt ihn alfb gean „Ja,“ verſezte er„„er heilte mich, nach⸗ dem ſchon alle andern Aerzte mich aufgegeben hatten, aber theuer bezahlte ich meine Gene⸗ ſung— meine Tochter wurde mir geraube, meine Gattin ſtarb ploͤtzlich, meine Schiffe Senn ich war ein Kaufmann) gingen unter, und ich wurde ein Wanderer. Wie ich darauf drang, Tabnag holen zu laſſen, erſchracken meine Freun⸗ de und wollten mich von meinem Vorhaben ab⸗ bringen, indem ſie ſagten, er koͤnne mich zwar heilen, werde mir aber meine uͤbrigen Tage ſehr erbittern. Allein ich hielt dieß fuͤr Aber⸗ glauben, und achtete nicht darauf; er kam und heilte meinen Leib, aber der Friede ſeiner Seele war auf ewig dahin. Jezt ſindtes ungefaͤhr fuͤnf Jahre, daß ich mit einem Manne zuſam⸗ mentraf, der wie Du, auf einem Auge blind war und im andern eine große Schwaͤche fuͤhlte; er erzaͤhlte mir, wie viel er in Tabnags Hauſe gelitten, und Du warſt, wie ich vermuthe, eben ſo unvorſichtig, in⸗ das t derbosane Ben mer zu ſehen. K.„(irit ula 2e SFer 1 18³ „„Ja, ſagte ich, und erzaͤhlte ihm alles, was ſich mit mir zugetragen hatte. „Du biſt ungluͤcklich,“ erwiederte er,„aber in meiner inneren Hohle liegt ein noch bedauerns⸗ wuͤrdigerer Menſch, der, wie ich fuͤrchte, ſter⸗ ben wird, und ebenfalls nicht nur Tabnag, ſon⸗ dern dem Satan ſelbſt gedient hat.“ Der Einſiedler fuͤhrte mich in eine enge Hoͤhle, wo auf einer Streue ein ausgemerkeltes Weſen lag, das, wie es ſchien, mit dem Tode rang; ich trat naͤher und ſah ihm deutlicher ins Ge⸗ ſicht, als ich zu meinem großen Erſtaunen den⸗ jenigen erkannte, der mich zuerſt zu des Dok⸗ tors holliſcher Behauſung gefuͤhrt hatte. Ich theilte dem Einſiedler dieſen Umſtand mit, und dieſer ſagte:„es iſt ſehr wahrſchein⸗ lich, denn er hatte, ſo lange er es vermochte, Tabnag Opfer zugefuͤhrt, ſeit Deiner Entlaſſung aber ſind alle ſeine Verſuche fehlgeſchlagen, und jezt buͤßt er fuͤr ſeine unkluge Vertraulichkeit mitadem Alchymiſten. Aus den unzuſammen⸗ haͤngen den Worten, die er in der Fieberhitze fallen ließ, habe ich folgende Umſtaͤnde entnom⸗ men: er wurde, wie es ſchien, in das Haus des Doktors gelockt, und trat, da er arm und verlaſſen war, in ſeine Dienſte, zu ſeinem Un⸗ gluͤck hat er nicht in das verbotene Zimmer ge⸗ ſeben. „Ich wollte, ich waͤre auch ſo unglücklich geweſen,“ verſezte ich. „Nicht ſo, mein Sohn,“ ſagte der Einſted⸗ ler,„Du haſt mehr Brund⸗ Dich zu freuen, 164 als zu betruͤben, daß Du ungehorſam warſt. Hoͤre weiter: nach Verfluß ſeiner Dienſtzeit erbot ſich der Doktor, wie er ſagte, zum Lohn fuͤr ſeine Enthaltſamkeit und ſeiner Folgſamkeit gegen ſeinen Befehl, daß er ſich nicht in ſeine Geheimniſſe miſchen ſollte, ihn in die verbotene Kammer zu fuͤhren. Neugierig folgte er ſeinem Herrn: kaum war er uͤber die Schwelle getre⸗ ten, als eine rieſenhafte Geſtalt mit großen ſchwarzen Fluͤgeln ſeine Schulter beruͤhrte und mit dem Ausruf:„mein, mein auf ewig lie plöͤtzlich verſchwand. Entſezt ſank der Ungluͤck⸗ liche zu Boden und bat, als er wieder zur Be⸗ ſinnung kam, den Alchymiſten um Aufſchluß, der ihm froſtig zur Antwort gab, er ſey jezt der Diener des Satans, koͤnnte er ihm aber alle fuͤnf Jahre, oder uͤberhaupt, wenn er es noͤthig haͤtte, einen ruͤſtigen Diener zufuͤhren, ſo ſollte er herrlich und in Freuden leben, und zu dieſem Zweck frei in der Stadt herumgehen duͤrfen, wuͤrde ihm aber dieß nicht gelingen, dann ſey ſeine Schreckensſtunde gekommen und der Satan werde ihn holen. Zwei Diener fuͤhrte er ihm zu, welche ihre Neugierde die Augen koſtete, die aber ihre Seelen retteten. Nach Dir gelang es dem Ungluͤcklichen nicht, wieder einmal zu koͤdern, er floh und waͤhnte Satans Krallen entgehen zu koͤnnen— vergebens, in dieſer wilden, furchtbaren Gegend hat ihn ſein Feind gefaßt, und ich fuͤrchte, die Stunde ſei⸗ ner Aufloͤſung iſt nahe. Auch hat er mir ge⸗ ſagt, er glaube, durch das Treiben der Raͤder 185 im Hauſe des Alchpmiſten werde theils der Teu⸗ fel mit Gold und Silber beladen heraufgezo⸗ gen, theils eine Maſchinerie zum Geldpraͤgen in Bewegung geſezt. Ich glaube, daß Tabnag, weil er keinen andern Diener bekommen konnte, den Teufel durch eine Jungfrau zufrieden ſtel⸗ len wollte, und hieraus erklaͤre ich es mir, daß er die Tochter des Kaufmanns verſteckte.“ „Aber,“ ſagte ich,„kannſt Du das Ent⸗ ſetzen erklaͤren, welches der Anblick meines be⸗ fleckten Geſichtes in der Stadt erregte 2⸗ „Ja,“ verſezte der Einſiedler,„es jſt dieß eine von den Betruͤgereien des Alten— man ſagt, ein junger Mann, den er behandelte, ſey ſo aus der andern Welt gekommen und zum Entſetzen der Einwohner durch die Straßen ge⸗ gangen, Wie Du daber erſchieneſt, glaubten ſie ohne Zweifel, das Geſpenſt ſuche ſie wieder heim.“ 11 103 1r 6 War dieß alles richtig, ſo durfte ich mich freuen, mit dem bloßen Verluſt eines Auges davon gekommen zu ſeyn.„Was meinſt Du,“ ſagte ich,„ſey aus dem alten Tabnag gewor⸗ den, ſeit er keinen andern Diener bekommen konnte.“ „Ich weiß blos ſoviel,“ entgegnete der Ein⸗ ſiedler,„daß der Satan ihn fuͤr die Kaufmanns⸗ Tochter verſchont hat, allein ich zweifle, ob er ſeine unermeßlichen Reichthuͤmer hat behalten duͤrfen.“ Waͤhrend wir ſprachen, ſtoͤhnte der Kranke, wand ſich konvulſipiſch und ſchrie mit ſchwacher 8 186 Stimme:„er kommt, er kommt!“ Entſezt ſtuͤrz⸗ ten wir aus der Hoͤhle und wagten es lange nicht, wieder einzutreten. Endlich faßte ſich der Einſiedler ein Herz, in die innere Hoͤhle zu ſehen, und kam mit der Nachricht zuruͤck, ein ſchwarzer Rauch fuͤlle den ganzen Raum, ſo daß man nichts unterſcheiden koͤnne. Bald darauf ging er, von mir begleitet, wieder in die Hoͤhle: der Rauch war verflogen, aber auch der dnlattliche u ls verſchwunden. .— Zehntes Kapitel. Der gute Einſiedler bemitleidete mich wegen meines Ungluͤcks, er ſprach ein Gebet fuͤr den armen Verſchwundenen, und fuͤhrte mich auf die Straße. Ich fand denn meinen Weg wie⸗ der, machte meine Geſchaͤfte ziemlich bald ab, und kehrte zu meinem Herrn zuruͤck, der meine Entſchuldigung annahm. Lange Zeit hegte ich den Wunſch, zu erfahren, ob Maghroobia, der arabiſche Kapitaͤn, ſeine Tochter in dem Hauſe des verwuͤnſchten Alchymiſten gefunden habe oder nicht, und war oft ſtark verſucht, meinen Dienſt zu verlaſſen und nach Bagdad gehen, blos um meine Neugier zu befriedigen, ſo we⸗ nig hatte die bittere Erfahrung, die ich ge⸗ macht, von dieſer Krankheit, wenn ich 5 l nennen darf, mich heilen koͤnnen. 187 Mocha's uͤbeedruͤſſig, verließ ich meinen Dienſt, und ging nach Bombay mit Pferdehaͤndlern, de⸗ nen ich meine Dienſte angeboten hatte. Nach unſerer Ankunft wurden die Pferde zu Markt gebracht, und ſchon am erſten Tage bis auf wenige verkauft. Mein Herr war ſehr erfreut uͤber dieſen guten Fortgang ſeiner Unterneh⸗ mung, beſonders, da er in Baͤlde einen zwei⸗ ten Zug Pferde erwartete. Allein wegen der Stuͤrme auf der See kam dieſer erſt drei Mo⸗ nate ſpaͤter. Ich wurde beauftragt, die Aus⸗ ſchiffung der Pferde zu beſorgen, und begab mich an Bord eines der Schiffe, um mit dem Ka⸗ pitaͤn abzureden, wann und wie die Pferde am beſten ans Land geſchafft werden koͤnnten, ohne daß ein Ungluͤck geſchaͤhe. Wie groß war mein Erſtaunen, als ich in der Perſon des Kapitaͤns Maghroobia, den Vater der verlornen Zenna, erkannte! Anfangs konnte er ſich meiner nicht mehr entſinnen, wie ich ihn aber an gewiſſe Um⸗ ſtaͤnde erinnerte, ergriff er meine Hand und druͤckte ſeine Freude aus, mich zu ſehen. Ha⸗ ſtig fragte ich ihn, ob er ſo gluͤcklich geweſen ſey, ſein verlornes Kind wieder zu finden. „Ach nein,“ ſagte er,„der verwuͤnſchte Schurke hat ſie mir auf ewig entriſſen. Von Mocha nach Bagdad gekommen, wandte ich mich an den Statthalter, und dieſer ließ durch eine Truppe Bewaffneter das Haus des Alchymiſten umzingeln. Zu meinem nicht geringen Erſtau⸗ nen ſtand das eiſerne Hofthor weit offen, und wir traten ins Innere des Gebaͤudes. Das 188 erſte, was wir erblickten, war ein todter Pa⸗ pagey in ſeinem Kaͤfig, auf der Treppe lag eine Katze und ein Affe, ebenfalls todt. Ich oͤffnete die erſte Thuͤre rechts von der Marmor⸗ halle, allein es drang ein ſolcher Qualm ſchwar⸗ zen Rauchs hervor, daß das Haus in einem Augenblick davon erfuͤllt wurde, und alles Su⸗ chen vergebens war, denn der Rauch, der ei⸗ nen abſcheulichen Geruch hatte, war ſo blen⸗ dend und erſtickend, daß wir weder ſehen noch athmen konnten. Noch einmal wandte ich mich an den Statthalter, und dieſer befahl, das Haus ſollte niedergeriſſen werden, da man aber Niemand bewegen konnte, Hand ans Werk zu legen, wurden mehrere große Kanonen und Moͤr⸗ ſer aufgefahren, und bald begann ein lebhaftes Feuer. Allein unſer Schießen hatte nicht den geringſten Erfolg, ungeachtet aller Sorgfalt und Geſchicklichkeit der Stuͤckmeiſter; endlich ka⸗ men mehrere Leute gelaufen, und baten uns, aufzuhoͤren, denn unſere Kugeln waren in die Stadt gefallen und hatten mehrere Perſonen ge⸗ toͤdtet. Die Beſtuͤrzung hatte uns die Sprache geraubt, und ſogleich hoͤrten wir mit dem Feuern auf. Der Statthalter war eben ſo erſtaunt als wir, und befahl, das Gebaͤude mit Pulver in die Luft zu ſprengen. Erfahrne Minirer wur⸗ den hiezu angeſtellt, und ſo viel Zuͤndſtoff her⸗ beigeſchafft, daß dabei die ſtaͤrkſte Feſtung auf⸗ geflogen waͤre. Allein ein unbedeutendes Ziſchen und ein unſchaͤdlicher Dampf waren die ganze Wirkung; ſo mußten wir unſere Verſuche aufge⸗ ben und das Haus ſteht noch ſo feſt als vorher.« 189 Nachdem ich dem Kapitaͤn geſagt hatte, daß hier Iblis hauſe, dem ich ſelbſt ohne mein Wiſſen gedient habe, ſchwand ſein Erſtaunen und er ſagte:„wenn dieß der Fall iſt, ſo iſt es kein Wunder, daß wir die Grundfeſten nicht erſchuͤttern konnten; wenn man ſich mit dem Teufel ſchlagen will, braucht man ſtarkes Pul⸗ ver und große Kanonen.” Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ein Schauer uͤber ſein ganzes Weſen kam; er ſank auf dem Verdecke nieder, roͤchelte, rollte graͤßlich die Augen und war in fuͤnf Minuten ein Leichnam. Welch ſchrecklicher Anbkick! mein Freund! vor wenigen Augenblicken noch ein ge⸗ ſunder, kraͤftiger Mann; war jezt ein lebloſer Erdenklos: Tabnags Rache war uͤber ihn ge⸗ kommen. 1sG gi „Ungluͤcklicher Mann,“ ſprach ich,„daß Du gerade dieſem Betruͤger in die Haͤnde fallen mußteſt?“ 12I S Nachdem ich Befehl gegeben, den ungluͤck⸗ lichen Maghroobia zu beſtatten, ſchiffte ich die Pferde aus, worauf 20— 30 von dieſen aus⸗ geſucht wurden, ins Innere von Hyderabad und Nagpore verſchickt zu werden; ich erhielt den Befehl, ſie zu begleiten, und ſollte das erloͤste Geld an Mahommed Alikhan, einem arabiſchen Kaufmann in Hyderabad bezahlen. Dreißig Waͤrter, theils Eingeborne aus Bom⸗ bay, theils Araber ſollten mich begleiten, ſo daß kein Betrug von mir zu befuͤrchten war; uͤber⸗ dieß war der Preis eines jeden Pferdes ſo ge⸗ 490— nau beſtimmt, und mir eingeſchaͤrft, keine Ru⸗ pien nachzulaſſen, daß Betrug, wenn ich auch gewollt haͤtte, unmoͤglich geweſen waͤre. Alles war geruͤſtet, und ich zog durch Poona, Se⸗ roor und Aurungabad nach Hyderabad. Eines 4 Tages, als wir uns eine Tagreiſe von Hyderabad gelagert hatten, kam ein Mann auf mich zu, und ſagte, ſein Herr reite ein ſchlechtes Thier, und wuͤnſche ein arabiſches Pferd von mir zu kaufen, wenn ich ihm eines empfehlen koͤnnte.“ „Wer iſt Dein Herr? fragte ich. „Sein Zelt iſt nicht weit von hier bei ei⸗ nem Waͤldchen aufgeſchlagen; er erwartet Dich: 8 3„Iſt er reich?“ fuhr ich fort. „Ja,“ erhielt ich zur Antwort. „Gut,“ verſezte ich,„ſogleich ſoll ein Pferd an ſein Zelt gefuͤhrt werden.“ Mit dieſen Worten ging ich zu dem Pfer⸗ dezuge, uns las das beſte und theuerſte aus. Es war wirklich ein edles Thier, und wuͤrdig, einen Monarchen zu tragen.„Da es mir frei ſteht,“ dachte ich,„mehr Geld zu nehmen, als mir angeſezt wurde, ſo will ich tauſend Ru⸗ pien mehr von dieſem reichen Manne fordern, und das Uebrige in meine Taſche ſtecken.“ Mit dieſem Vorhaben fuͤhrte ich das Pferd unter die Baͤume, und blieb damit der Zeltthuͤre des reichen Fremden gegenuͤber ſtehen. Der Diener, der mich hergerufen hatte, ſagte mir, ſein Herr wuͤnſche, das Pferd zu verſuchen, wenn ich nichts dagegen habe. „Durchaus nicht,“ erwiederte ich,„der Bo⸗ 2491 den hier iſt eben, erzkann mit demſelben galop⸗ piren, oder, reiten ⸗1aje er mag: e8 iſt fromm und fehlerfrgj.. 34 e„ Luͤnft. es. ſchnell keagte eine Seimme aus dem Zelte her. 3sJa, Herr,⸗ verſezte ich, war Schneuig⸗ keit dem Borak des Propheten gleich. Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, als mein Kunde, den Kopf in einen Shawl gehuͤllt, in den Sattel ſprang, und wie er feſt ſaß, mir ſein Geſicht zeigte.—— Zu meinem Entſe⸗ ben erkannte ich den verwuͤnſchten Alchymiſten aus Bagdad, der, wie ich gehofft, zu viel mit dem Teufel zu ſchaffen haͤtte, als daß er mir in den Weg kommen koͤnnte. Er gab dem Pfer⸗ de die Spoxen und jagte uͤber Berg und Thal von dannen. Seit dem habe ich nie wieder etwas von ihm gehoͤrt, und Allah moͤge mich davor behuͤten! Was war jezt zu thun, ich ergriff ſeinen ungluͤcklichen Diener, der ein Mann aus der Gegend⸗ und wahrſcheinlich unſchuldig war, ollein in meinem Unmuth verlangte ich von ihm das Geld fuͤr mein Pferd. „In der That,“ ſagte er,„ich weiß nicht, wer der Mann iſt, den ich bedient habe, al⸗ lein Du kannſt ſein Pferd dafuͤr eintauſchen,“ Ich beſah das Thier, das mir der Doktor gelaſſen hatte, und gewiß, eine ſo elende Maͤbre hat die Erde noch nie getragen. Es war eines von den ſchlechteſten bengaliſchen Pferden mit einer bohen Naſe, ſpitzigem, ſchmalem Vorder⸗ kopfe und ſtieren uͤbelſichtigen Augen, die Ob⸗ 192 ren waren üͤbel geformt, der Kopf viereckig, der Hals duͤnn,„die Bruſt ſchmal, der Bauch ſchmaͤch⸗ tig, die Kniee eingebogen, eben ſo das Kreuz, und an den Beinen der Spath. Das jalſs⸗ follte ich fuͤr meinen ſchoͤnen Araber bekommen. Was ſollte ich thun? Wie vor den Waͤrtern⸗ erſchei nen? Wuͤrden ſie meine Geſchichte Nauben? gewiß mißtrauten ſie mir, und ich haͤtte es als⸗ dann zu buͤßen, wenn ich nach Bombay zuruͤck⸗ kam. Ich nahm den armen Diener und das ſchlechte Pferd mit mir, nudierzaͤhlte den Waͤr⸗ tern meinen Unfall. Sie ſagten nichts, war⸗ fen aber einander Blicke zu, die mich uͤber⸗ zeugten, daß ſie mir nicht glaubten. Doch wurde das bengaliſche Pferde nach Hyderabad gebracht, und ich dort bald nach meiner Ankunft von Mahomed Ali Khan feſtgenommen, dem die Waͤrter den Verluſt des arabiſchen Pferdes hin⸗ terbracht hatten. Vergebens betheuerte ich durch Schwuͤre, ich ſey um das Thier betrogen wor⸗ den, vergebens bekraͤftigte der Diener des Al⸗ chymiſten meine Ausſagen: ich wurde ins Ge⸗ faͤngniß geworfen, und bekam beinahe ein gan⸗ zes Jahr lang ſchlechke Koſt. Endlich fand man, daß es vergeblich ſey, mich laͤnger zu behalten, ich wurde freigelaſſen und zog als Bettler von dannen. In dieſem Zuſtande⸗ bin ich ſeither geblieben und umhergewandert, bis ich in dieſe große Stadt kam, wo ich eines Tages zu mei⸗ nem Erſtaunen Yasmin, den Urheber aller meiner Leiden uͤber den Bazaar hinken ſah Zu meinem Leidſpeſſe erfuhr ich, daß er eben ſo un⸗ 195 ungluͤcklich geweſen ſey, als ich, und ſehnlich ſahen wir dem Ablauf der zehn Jahre entge⸗ gen, in der Hoffnung in Yezd unſern Freund Mohabet Ali reich und angeſehen zu finden. Allein unſere Erwartung wurde bitter getaͤuſcht, denn wir trafen ihn ungefaͤhr einen Monat nach meiner Ankunft verſtuͤmmelt und ungluͤck⸗ lich. Wie und auf welche Weiſe er es gewor⸗ den iſt, wird er Deiner Majeſtaͤt ſelbſt erzaͤhlen. Aurungzebe bemerkte, eine ſo ſonderbare Ge⸗ ſchichte hahe er noch nie gehort, und fragte Yuſoof, ob er von den Leuten in Hyderabad nichts uͤber den Alchymiſten gehoͤrt habe? „Ich habe mich oft erkundigt,“ ſagte Yuſoof, „allein Alles, was ich erfahren konnte, war: daß er öfters in dieſer Stadt geſehen worden, aber nie lange geblieben ſey, immer war er wieder auf einem andern Pferde gekommen und hatte mit niemanden geſprochen. Daſſelbe ſag⸗ ten die Leute in Aurungabad, und ich zwei⸗ felte nicht daran, daß es richtig war: er floh voor ſich ſelbſt, oder ſuchte vielleicht umſonſt den Teufel zu hintergehen, allein damit machte er ſich eine ſehr unndthige Muͤhe, denn wie ich denke, wird ihn der Satan zu ſeiner Zeit ſchon Holen.”. zuoſſanz 12131 mnezzuis an Der Kaiſer bezeugte hier ſein Verlangen, die Geſchichte Mohabed Alis, des dritten Sufi zu hoͤren. Dieſer trat vor, und begann ſeine Geſchichte, wie folgt: ar e Ind. Seraut. 111. In 9 194 Silftes Kapitel. Sie Geſnte Mohabed Ali's, des dritten Bettters, 45 126 mit der Smen- Hand. 345 9431 2113 Als die Zeit der Trennung kam, und ich mich allein auf der weiten Welt ſah, begann ich, es recht herzlich zu bereuen, daß ich mich von dem wahren Glauben losgeſagt hatte, um ein Suff zu werden. Ich beſchloß, eine Aus⸗ ſoöhnung mit meinem Vater zu verſuchen, und ſchrieb an ihn von Tehran aus, dem erſten bedeutenden Orte, in den ich kam; aͤngſtlich wartete ich auf eine Antwort von ihm, aber ich wartete vergebens; er wuͤrdigte mich einer ſolchen nicht. In Perſien fand ich keinen Freund⸗ kein Amt, ich beſchloß daher mein Heil im glück⸗ lichen Indien zu verſuchen. Ach! fuͤr mich war es kein guͤckliches. Von dem Augenblick an, in dem ich meinen Fuß in daſſelbe ſezte, begann mein Elend. Das Schiff, auf dem ich von Per⸗ ſien abfuhr, wurde von einem gewaltigen Sturm ergriffen, der allem, was am Bord war, Ver⸗ derben drohte. Zwiſchen dem Capitaͤn und ſeit nem einzigen Offizier entſtand ein heftiger Streit, ob man die Maſtbaͤume kappen ſolle oder nicht. Ich trat binzu, um auch meine Meinung zu ſagen, die zufaͤllig mit der des Offiziers uͤber⸗ einſtimmte, worauf mir der Capitaͤn drohte, mich uͤber Bord zu werfen, wenn ich je wieder ſowohl in dieſer als in einer andern, Sauf! das 195 Schiff ſich beziehenden Angelegenheit, ein Wort darein ſprechen wuͤrde. Ich ſchwieg und ent⸗ fernte mich. Zum Gluͤck hielten wir den Sturm aus, ohne daß es nöthig geweſen waͤre, die Maſtbaͤume zu kappen, und langten nach einer hoͤchſt verdruͤßlichen Reiſe in Ealcutta an. Die Ladung des Schiffes war fuͤr Saduk Beg be⸗ ſtimmt, einen Perſiſchen Kaufmann, der ſich in dieſer Stadt aufbielt, und wie es ſich ergab, ein Freund meines Vaters war. Ich ſtellte mich ihm vor, und wurde ſehr berzlich von ihm auf⸗ genommen; ich ſah, daß er von meinem Abfalle noch nichts wußte, und wandte, bei meiner da⸗ maligen Lage, alle Mittel an, ihn in ſeinem Irrthume zu erhalten. Ich ſagte ihm, ich ma⸗ che zu meinem Vergnuͤgen Reiſen, und habe bei meiner Abreiſe von Hauſe, nicht die Abſicht gehabt, Calcutta zu beſuchen, ſonſt wuͤrde ich mich mit Briefen ven meinem Vater verſehen haben, da ich ihn als ſehr geſund und wohl⸗ gemuth ſchilderte.„Ich wuͤnſchte,“ ſagte ich, „auf meinen Vater eine Summe Geldes auf⸗ zunehmen, und ich hoffe, Du wirſt kein Be⸗ denken tragen, mir daſſelbe vorzuſchießen. „Im geringſten nicht,“ ſagte der gefaͤllige Saduk Beg,„wie viel willſt Du 2 Da ich uͤberzeugt war, daß ich doch boͤrser oder ſpaͤter entdeckt werde, hielt ich 8 fuͤrs gerathenſte, eine große runde Sueme auf ein⸗ mal zu verlangen, und bat»n alſo um 4000 Rupien. Der Kaufman⸗ vemerkte, daß es eine große Summe ſeye⸗ aber er zweifelte nicht, daß 34*5½ 196 ich meine Reiſe mit Erlaubniß meines Vaters mache, und daß dieſer daber zu Bezahlung aller Unkoſten bereit ſeyn werde.. 11142 „ Natuͤrlich,“ ſagte ich in dem gleichguͤltig⸗ ſten Tone.. 1u n 11930G Die Sache war bald im Reinen, und die Summe in meinen Haͤnden. Rit dem Geld beſchloß ich, als ein Perſer von Stand aufzu⸗ treten, und nach meiner Meinung konnte ich mich wohl in dieſem Charakter behaupten, bis Saduk Beg von meinem Vater hoͤrte. So lan⸗ ge die Rupien dauerten, hatte ich meine Woh⸗ nung unter den Muhamedanern der Stadt, lebte zu Hauſe hoͤchſt karg, ganz anders aber, wenn ich ausging. Ich miethete ein Tragbett, in dem ich bei Tag Parade machte; Abends ging ich in feiner Kleidung ſpazieren, ein ge⸗ ſchmackvolles, vergoldetes Beil zwiſchen dem Fin⸗ ger und dem Daumen der rechten Hand ſchwen⸗ kend, und mit einem huͤbſchen Dolche in mei⸗ nem Guͤrtel.. 85 Ich wurde haͤufig zu den Partien Saduk Beg's eingeladen, und ſo in die beſte Geſellſchaft der Stadt eingefuͤhrt. Aber ach! meine Rupien be⸗ gannen zu ſchwinden, und ich war gezwungen, mich einzuſchraͤnken. Das Tragbett wurde weg⸗ pelaſſen, und ſtatt vier Sklaven, bediente mich jezt war eines. 791 1h71 ,11⸗ 121 1 ie drit nahte heran, wo eine Antwort von Yezd erwartet werden konnte. Es kam wirklich eine, aber nichts von dem Wechſel, den ich Saduk Beg auf meinen Vater gusge⸗ 1197 ſtellt hatte. Ich hatte dieß vorausſehen koͤn⸗ nen, aber ohne im geringſten deswegen auf meiner Hut zu ſeyn, beſuchte ich Saduk Beg, der mich ganz gleichguͤlt ig fr agte, wann ich Yezd verlaſſen habe. Ich ſagte es ihm. „Und Du verlieſſeſt Deinen Vater ganz geſund? 2 „Ja. „Und ſeit dieſer Zeit biñ Du in Perſien geweſen— in Tehran, glaube ich ſagteſt Du? 2 1„Ja-, entgegnete ich. „ Dann iſt es aber doch befremdend, 5 fagke Saduk Beg,„daß Du nichts von ſeinem Tode gehoͤrt haben ſollſt.“ „Von ſeinem Tode!“ rief ich.„Iſt es moͤg⸗ lich— keiner meiner Verwandten wollte mir ſchrei⸗ ben; ich habe mit allen Verdruß gehabt.“ „Wirklich!’ ſagte Saduk Beg.„Das muß ein gewaltiger Zwiſt geweſen ſeyn, wenn ſie Dich nicht einmal von Deines Baters Tod benach⸗ richtigen wollten.“ „Ja,« ſagte ich,„es iſt eine verdruͤßliche Sache; ich waͤre bereit, ſie beizulegen, aber ſte ſind entſchloſſen, ſich nie wieder mit mir auszuſoͤhnen.“ „Junger Mann,“ ſagte Saduk,„laß das nur. Ich weiß die Urſache Deines unſeligen Handels, wie Du es nennſt, ſehr gut; unb ich kann Dir noch eine Neuigkeit ſagen, d die Dir ſehr unwillkommen ſeyn wirdz⸗ naͤmlich, daß Du heute noch ins Gefaͤngniß gehen wirſt, wofern Du mir nicht mein Geld bezahlſt, das Du mir 198 mit Liſt abgeſchwazt haſt. Dein Vetter iſt in Deines Vaters Stelle getreten, und hat mich von allem Geſchehenen benachrichtigt. Es iſt ſehr unwahrſcheinlich, daß er Deine Wechſel honoriren wird, der, wenn auch Dein Vater am Leben geweſen waͤre, als Du ihn ausſtell⸗ teſt, doch, wie Du wohl gewußt haben mußt, nie von ihm bezahlt worden waͤre. Ich werde Dich daher auf die Summe in Arreſt legen laſſen.“ „Ich wußte kein Wort zu ſagen. Man brachte mich vor die Richter der Stadt, wo eine Un⸗ terſuchung gegen mich eingeleitet wurde. Durch ein Wunder ward ich losgeſprochen; man koͤnne mich, bieß es, auf die einzige Vermuthung hin, daß mein Wechſel unbezahlt zuruͤckkommen wer⸗ de, nicht in gefaͤngliche Haft ſetzen. Saduk Beg be⸗ reute nun ſeine Voreiligkeit, indem er nicht mit Unrecht muthmaßte, daß ich, ehe mein Urtpeil ankommen koͤnne, uͤber alle Berge ſeyn werde. Er warf einen Blick auf mich, den ich nie vergeſſen werde, wandte ſich um, nund ließ mich auf der Straße ſtehen; ſeitdem habe ichithh nie wieder geſehen. So bald es mir moͤglich war, miethete ich ein Tragbett, und verließ Calcutta, mit dem Vorſatz, mich nach Chittagong zu wenden, ohne recht zu wiſſen, warum ich gerade dahin wollte, es muͤßte nur ſeyn, weil dieſer Ort am entfern⸗ teſten lag. Da ich meinen Traͤgern bei der Ab⸗ reiſe ihren Lohn zur Haͤlfte bezahlt hatte, ſo reichte meine Baarſchaft kaum ſo weit, daß ich auf dem Wege davon leben konnte, und als wir — 3 199 uns Chittagong naͤherten, war mein Geldman⸗ gel ſo auffallend, daß die Traͤger nahe bei ei⸗ nem dicken hohen Graſe Halt machten, und den Reſt ihres Lohnes forderten, den ich natuͤr⸗ lich nicht bezahlen konnte. Wuͤthend warfen mich die Maͤnner aus dem bequemen Wragbeßte hinaus, fielen uͤber mich her, zogen mich aus und uͤberließen mich, mit Schlaͤgen und allen mög⸗ lichen Schmaͤhworten beladen, meinem Schick⸗ ſal. Der Charakter eines feinen Edelmannes hatte bei mir ein trauriges Ende genommen, und wie ich damals glaubte, auch meine Exi⸗ ſtenz. Allein, in einem fremden Lande, wo niemand meine Sprache verſtand, was ſollte ich anfangen? Ich ſah einen Haufen Bewaffneter ſich mir naͤhern; ich trat hinzu, und bat um Brod. Zufaͤllig war einer von ihnen ein Mu⸗ hammedaner, der Perſiſch verſtand, und dem ich meine ungluͤckliche Lage erzaͤhlte. Ich ſey ein Reiſender, ſagte ich ihm, ſey beraubt und ausgepluͤndert und grauſam geſchlagen worden, und ſey nun gaͤnzlich verlaſſen. 81 „Komm mit uns,“ ſagte der Muſelmann, „es ſoll fuͤr Dich geſorgt werden.“ 1918 Ich entſchloß mich dazu, machte mit dieſen Leuten einen langen Marſch, und fand mich endlich auf den, nordoͤſelich von Chittagong ge⸗ legenen Bergen, die ein ſeltſamer Menſchenſchlag — die Kookier— bewohnt, von denen ſich viele bei der Bande befanden, auf die ich geſtoßen war. Dieſe Leute haben ein ganz ſonderbares Ausſehen: platte Naſen, kleine Augen, breite 200 runde Geſichter, kleine Statur und ſchwarze Farbe. Ich hatte bis dahin nie Gelegenheit gehabt, mehr uͤber dieſes Volk zu erfahren; ich drang alſo in meinen Freund, den Muham⸗ medaner, mir noch weitere Auskunft daruͤber zu geben. Es gehöoͤrt nicht viel Scharffinn da⸗ zu, aus ſeiner Erzaͤhlung zu ſehen, daß die Bande, bei der ich mich befand, Raͤuber wa⸗ ren, doch beunrubigte mich dieſe Entdeckung im geringſten nicht, denn was konnte ich in der Lage, in der ich mich befand, anders thun, als das mit Gewalt nehmen, was mir, wie ich gewiß war, niemand zum Geſchenk gemacht haͤtte?„Ja, nrief ich,“ ich habe begonnen mit dem Abfall veon meiner Religion, bin dann ein Wechſelritter geworden, und will nun als Naͤuber meine Laufbahn beſchließen.“ Wir kamen jezt auf den Gipfel eines Ber⸗ ges, wo einer von der Bande, der, wie ich deutlich ſah, der Hauptmann ſeyn mußte, mit dem Fuß auf ein glattes eckiges Felsſtuͤck ſtampfte, das ſich langſam bewegte, und weggehoben wur⸗ de. Ich entdeckte einen Gang mit ſteinernen Stufen, und wir alle ſchickten uns an, hin⸗ abzuſteigen. Als ich unten angekommen war, zeigte ſich meinem Auge eine geraͤumige Hoͤhle, ganz in das Innere des Berges gehauen. Zwanzig Maͤnner begleiteten mich in dieſe Diebshoͤhle, zu dem bald darauf noch ungefaͤhr 12 andere kamen. Man rief nach Speiſe, und bald brei⸗ tete ſich ein Mahl vor uns aus, das mir ge⸗ wiß am willkommenſten war. Mein Freund, der 201 Muhammedaner, ſagte mir, daß der Haupt⸗ mann Mitleiden mit mir habe, und daß ich daher, wenn ich wolle, Mitglied der Bande werden koͤnne; wo nicht, ſo ſolle mir geſtattet ſeyn, mich wieder zu entfernen. Ich nahm das Anerbieten an; man warnte mich aber, mich ja vor Verratb oder Entweichung zu huͤten. Ich ſagte frei heraus, daß ein dringendes Ge⸗ ſchaͤft mich noͤthige, nach ſieben Jahren wieder in Yezd zu erſcheinen, und daß ich mich daher nichs auf laͤngere Zeit verpflichten koͤnne. Der Hauptmann, vor den ich jezt gebracht wurde, ging in die Bedingung ein, und verſprach mir, wenn meine Zeit abgelaufen ſey mir einen ſchoͤ⸗ nen Antheil an ihrer Beute mitzugeben. Er ſagte mir, daß unter der ganzen Bande die vollkommenſte Eintracht herrſche, und daß ſie das groͤßte Vertrauen auf einander haben. Er zeigte mir das Schatbehaͤltniß, das ſich auf einer Seite der Hoͤhle befand; es gliech einem großen Keſſel, der oben geſchloſſen war, an deſſen Boden ſich aber eine kleine Oeffnung be⸗ fand, gerade ſo weit, daß ein Mann mit dem Arme durchgreifen konnte; es wurde vorausge⸗ ſezt, daß nur fuͤr den allgemeinen Verbrauch der ganzen Bande Geld herausgenommen wer⸗ de, und darum befand ſich auch kein Schloß oder eine eſenſfise Vorrichtung daran.„Das iſt der Weg zu der Schatzkammer,« ſagte der Hauptmann,„ſieh zu, daß Du ihren Inhalt nicht mißbrauchſt.“ Ich hatte ſchon von Ehre unter Raͤubern gehoͤrt, daß ſie aber in einer 2⁰² ſolchen Ausdehnung ſtatt finden koͤnne, habe ich mir nie traͤumen laſſen. Ich verſprach, ja ich ſchwur, nie auch nicht das Unbedeutendſte herauszunehmen, außer fuͤr das allgemeine Be⸗ ſte der Geſellſchaft— und gehoͤrte nun zu den Raͤubern auf den Bergen der Kookier. Ich bedachte, daß⸗ wenn die Schatzkam⸗ mer wohl gefuͤllt waͤre, ich nach ſieben Jah⸗ ren auf einen bedeutenden Antheil Anſpruch. machen koͤnnte, und beſchloß daher weislich, mich durch ſtrenge Ehrlichkeit auszuzeichnen, indem ich wohl einſah, daß dieß hier die beſte Politik ſey. Der Muhammedaniſche Raͤuber belehr⸗ te mich auf meine Bitte, mir naͤhere Aus⸗ kunft uͤber die Bewohner dieſer Berge zu ge⸗ ben, die Kookier und die Mug's ſeyen Abkomm⸗ linge eines und deſſelben Stammvaters, der zwei Soͤhne von verſchiedenen Muͤttern hatte⸗„die Mug; 3, erzaͤhite er, ſind die Nachkommen des aͤltern, und die Kookier die des juͤngern Soh⸗ nes. Die Kookier ſind alle Jaͤger und Krieger⸗ tbeilen ſich in Geſchlechter, und ſind gaͤnzlich unabhaͤngig von einander, doch erkennen ſie alle mehr oder weniger drei Rajah's, deren Wuͤrde erblich iſt, als ihre Oberhaͤupter an. Das Ein⸗ zige, wodurch ſich die Rajah's unterſcheiden, iſt die von der gewoͤhnlichen verſchiedene Art, ihr Haar zu tragen; ſie laſſen es in einen Schopf gebunden, vorwaͤrts liegen, ſo daß es uͤber die Stirne herabhaͤngt, waͤhrend die uͤbri⸗ gen Kookier das ihrige uͤber die Schultern her⸗ göhaͤngen laſſen. Die Kookier ſind bewaffnet mit 20³ Pfeil und Bogen, mit Speer, Keulen und gro⸗ en Meſſern; der erfahrenſte und geſchickteſte Dieb gilt bei ihnen fuͤr den beſten Soldaten. „Der Hauptmann unſerer Bande,“ fuhr der Muhamedaner fort,„iſt ein Kookier, Namens Halcha, der zu ſtolz iſt, daß er die Oberge⸗ walt eines der drei Rajah's anerkennen wuͤrde; er hat ſich ein eigenes kleiues Reich geſchaffen, und lebt in offener, erklaͤrter Fehde mit jenen, und ihren Anhaͤngern. Schon oft verſuchte man, ſeiner habhaft zu werden; aber ſeine Liſt und unglaubliche Tapferkeit, verbunden mit dem warmen Beiſtand ſeiner braven Bande, haben bisher alle dieſe Verſuche vereitelt, und noch immer vermag er, durch ſeine Erſcheinung ſei⸗ nen Feinden Ehrfurcht und Schrecken einzufld⸗ ßen. Rauben und Pluͤndern iſt der Zweck der Bande, doch Blut vergießen ſie, wenn ſie es vermeiden koͤnnen, ſelten oder nie.⸗ Bereits war ich fuͤnf Jahre bei dieſen Leu⸗ ten, und man hielt mich fuͤr einen braven Mann. Ich war meines Handwerks herzlich muͤde, doch konnte ich mich nicht entſchließen, vor meiner Zeit es niederzulegen, und mit leeren Haͤnden abzuziehen. Um dieſe Zeit wurden vier Mu⸗ hamedaner in unſere Dienſte genommen, mit denen ich mich bald auf ſehr vertrauten Fuß ſtellte. Eines Tages kamen meine neuen Be⸗ kannten von irgend einer gefahrvollen Unterneh⸗ mung, auf die ſie ausgeſchickt worden waren, unverrichteter Sache zuruck. Der Hauptmaunn außerte ſein Mißfallen in allzu harten Aus⸗ 204 Paga zu verdammen. Der ldae zog ſich zuerſt zuruͤck, indem er beim Weggehen in den Bart murmelte, daß er kuͤnftig feige Memmen zu Hauſe laſſen werde. Meine Freunde waren aAußerſt gekraͤnkt durch dieſe unverdiente Be⸗ ſchuldigung von Feigheit, und ſtanden einige Zeit nach der Entfernung des Hauptmanns un⸗ beweglich da, ihr Mißfallen nur durch ein tie⸗ fes dumpfes Murmeln an den Tag legend. Ich ſchwieg geraume Zeit und beſchaͤftigte mich mit der Beobachtung der teufliſchen Ausdruͤcke von Wuth und Rachgier, die ſich auf dem Geſichte meiner Kameraden malte, und die rollenden Au⸗ gen und die zitternden Lippen ſagten mir, daß ſie uͤber einen Rachedlan bruͤteten. Begierig, ihre Abſichten zu entdecken, ſagte ich, anſtatt zu verſuchen, den reißenden Strom zu hemmen:„Es verſteht ſich, Kameraden, daß ihr dieſe Beſchimpfung nicht nur ſo hinneh⸗ met 2* „Nein!“ rief Peerbukſh, der alteſte von iü⸗ nen,„ich ſchwoöre— „Still!“ riefen ſeine Freunde,„wir ſind nicht allein.“ Peerbukſh biß ſich in die zittern⸗ den Lippen und beohachtete ein tiefes Still⸗ ſchweigen. „Ich habe einen Plan e fagte ich leiſe, durch den ihr euch volle Rache und noch ohen⸗ drein Vortheil verſchaffen koönnt.⸗.“ X 2⁰⁵ „Wie!“ rief der eine. 2 29 „Nenn' ihn,“ ſagte ein anderer. „Sind wir allein 24 14 m. nnn „Es iſt kein Menſch in der Naͤhe; aber aus was Urſache biſt denn Du unzufrieden?2⸗ „Ich ſehne mich nach Freiheit,“ ſagte ich, „ich verabſcheue die Bande und ihren Anfuͤh⸗ rer. Warum ſollen wir unſer Leben in dieſer Hoͤhle mit Aufhaͤufung von Schaͤtzen zubringen, die nie redlich vertheilt werden, trotz der ſchoͤ⸗ nen Verſprechungen dieſer treuloſen Kookier? „Was!’ rief Peerbukſh,„ſollen wir ſo arm wieder gehen, als wir kamen? Sollen die vie⸗ len Tage, die wir hier aushielten, uns gar nichts einbringen? Beſſer, wir nehmen Opium und verſchlafen unſer Leben in dem hohen Graſe.“ „»Kameraden,“ ſagte ich,„ihr habt nur ei⸗ nen Theil meines Planes gehoͤrt. Denkt an die Worte des Hauptmanns:„feige Memmen muß man zu Hauſe laſſen;“ iſt das ſchoͤn, iſt das edel gedacht, brave Kerls auf ſo ungerechte Art zu beſchimpfen? Und auf was geht es end⸗ lich hinaus? Augenſcheinlich auf nichts anderes, als daß ſie, wenn die Zeit der Vertheilung, der Beute kommt, einen Vorwand haben, euch eu⸗ ren gebuͤhrenden Antheil zu entziehen.“ »Kann dieß moͤglich ſeyn?ec riefen alle. „So gut, als was,“ ſagte ich.„Sollen ſich nicht die, welche ſich draußen den groͤßten Gefahren ausgeſezt haben, gegen eine gleiche BVertheilung ihrer Beute mit faulen Memmen Lwie ſie euch zu nennen beliebten) erklaͤren, mit Memmen, die jhre Zeit zu Hauſe verſchlafen ⸗ he 2⁰⁶ Meine Kameraden ſchienen uͤberzeugt, daß mein Verdacht gegruͤndet ſey, und verlangten ungeſtuͤmm die Eroͤffnung meines Planes. Ich deutete auf die Schatkammer, und ſtellte ihnen vor, wie leicht es waͤre, uns ihres Inhalts zu bemaͤchtigen, und ihn zu unſern Zwecken zu verwenden. „Ja,“ ſagte einer,„aber Du ergißſt⸗ da wir keine Gelegenheit finden werden, ihn ef die Seite zu ſchaffen.“ „Gegenwaͤrtig,“ bemerkte eich,„zeigt ſich allerdings keine; aber ihr muͤßt ſuchen, durch Demuth und ſcheinbare Zerknirſchung den Zorn des Hauptmanns zu beſaͤnftigen, und—«œ „Demuth und Zerknirſchung lec rief Peer⸗ bukſb; Blieber⸗ wollte ich ſterben wie ein Hund, als vor einem ſolchen Schurken von Kookier ikriechen.“. 3 „Verzeih⸗ mir,“. ſügte ich,„das iſt unklug, es iſt das einzige Mittel, durch das wir zum Ziele gelangen koͤnnen. Offene Gewalt, bedenk⸗ es wohl, waͤre tollkuͤhn, und die Maske der Demuth werder, ihr ech, nicht gar lange zu fragen haben.“ „Gut, zut, vür eiter ⸗ ſagte Peerbukſh; 4 „laß hoͤren.“ „Ich ſchlage alſo vor ⸗ ſagte ich,„zum Hauptmann zu gehen und ihm vorzuſtellen, wie weh euch ſeine ungerechte Beſchuldigung thue, und ihn zu bitten, euch wieder zu erlauben, ihn bei ſeinen Unternehmungen begleiten zu duͤr⸗ fen. Hat er es einmal erlaubt⸗ ſo werdet ihr 207 alle, wenn es etwas gibt, ſo gut wie vorher mitgehen. Ihr wißt, es iſt Sitte, daß immer zwei von der Bande zu Hauſe bleiben. Wenn das Loos auf einen von uns faͤllt, ſo wollen wir die Gelegenheit benuͤtzen, die uns die Oeff⸗ nung am Fuße des Schatbehaͤltniſſes darbietet, was wir dann herausbringen, geben wir einem oder zwei von uns, die gerade fort muͤſſen; dann graͤbt man ein Loch an einem paſſenden Platz; und wenn wir genug aufgehaͤuft haben, machen wir uns damit auf und davon.“ „Vortrefflich!« riefen meine Kameraden; „ſo machen wir's. Laßt uns ſchwoͤren, uns treu zu bleiben, und die Sache muß uns gluͤcken.« 4 Alle ſchwuren, treu und redlich einander zu helfen; ich ging zum Hauptmann, dem ich die Niedergeſchlagenheit und den Schmerz meiner Freunde vorſtellte, indem ich ihm erklaͤrte, ſie ſeyen brave, treue Kerle, die nach einer Gele⸗ genheit duͤrſten, die Schande abzuwaſchen, wo⸗ mit er ſie durch ſeine Vorwuͤrfe bedeckt habe. Der Hauptmann, der jezt abgekuͤhlt war, und bis⸗ her Zeit gehabt hatte, uͤber ſein unkluges Be⸗ — nehmen, durch das er ſich die Dienſte treuer, ruͤſtiger, tuͤchtiger Maͤnner entzogen habe, nach⸗ zudenken, befahl mir, zu ihnen zuruͤckzukehren mit der Verſicherung, daß er ihnen verzeihe, und den vier Muhamedanern zu ſagen, daß ſie ſich zu einer Unternehmung bereit halten ſollen. Als ich ihnen die Nachricht brachte, bemerkte ich, wie Peerbukſb, als er das Wont„Ver⸗ eihunge hoͤrte, ſeine Stirne runzelte, und ſich in die Lippen biß. 2⁰⁸ Wir hatten jezt weiter nichts mehr zu thün, als die Ausfuͤhrung unſeres Planes zu begin⸗ enen. Es traf ſich, daß ich am folgenden Tage, von meinen vier Freunden begleitet, fort mußte. Dieß gab uns Gelegenheit, unter einem Teek⸗ Baume den Ort zu beſtimmen, wo das Geld von der Schatzkammer ſicher verborgen werden konnte. Nachdem wir uͤber dieſen wichtigen Punkt im Reinen waren, warteten wir die Zeit ab, wo wir unter ſeinen Wurzeln unſere gol⸗ dene Erndte aufſpeichern konnten. Die Bande trennte ſich, und wir gruben nun ſofort un⸗ 3 bemerkt ein weites, tiefes Loch unter dem Baume, ſo daß lange vorher, ehe die Reihe an uns kam, zu Hauſe zu bleiben, unſere Schatzkam⸗ mer vollendet war. Der erſte, der von uns in Abweſenheit der Bande zu Hauſe blieb, war Peerbukſh: aber ungluͤcklicher Weiſe war ſein Gefaͤhrte ein Kookier, ſo daß wir ſehr befuͤrch⸗ teten, es moͤchte ihm unmoͤglich ſeyn, ſich an den Schatz zu machen. Doch bei unſerer Ruͤck⸗ kehr gab uns die Miene unſeres wuͤrdigen Ka⸗ meraden Hoffnung, und bei der erſten Gelegen⸗ heit ſagte er uns, daß er einiges geholt habe, aber nur wenig, aus Furcht, entdeckt zu wer⸗ den. Das Geld trug er bei ſich, und war ge⸗ ſonnen, am andern Tage, wenn er hinaus muͤßte, es unter dem Teek⸗Baum zu vergraben. Es kam wirklich ſo; er begleitete die Bande, waͤh⸗ rend ich in der Hohle zuruͤck blieb, nebſt ei⸗ nem finſtern Kookier, der ſich mit der Zuberei⸗ tung des Reiſes fuͤr die Bande beſchftigte, 12 1 2⁰09„ waͤhrend ich, nicht weniger thaͤtig, gewaltig aus der Schatzkammer ſtahl. Es haͤtte mit un⸗ ſerem Plane nicht beſſer gehen können. Zulezt wurden zwei von meinen Freunden zu Hauſe gelaſſen, und ihre vereinte Bemuhung, die Schatzkammer auszuleeren, gab eine ſo reiche Ausbeute, daß ich ernſtliche Beſorgniſſe begte, entdeckt zu werden; aber zum Gluͤck ging alles gut— nicht der geringſte Verdacht zeigte ſich gegen uns. Geiz war nun meine herrſchende Leidenſchaft; ich begann, zu uͤberlegen, wie ich mir das Geld, das ich und meine Kameraden geſammelt hatten, allein zueignen koͤnnte.„Ja,“« ſagte ich,„ich will alles nehmen, und meine Kameraden ihrem Schickſale uͤberlaſſen.“ Als wieder die Reihe an mich kam, zu Hauſe zu bleiben, dachte ich, waͤhrend ich einen guten Zug aus der Schatzkammer that, uͤber die Maßregeln zu meiner Flucht nach. Peerbukſy war bei mir zuruͤckgelaſſen worden, und kaum war die Bande die ſteinernen Treppen hinauf, als er ſich mir auf eine geheimnißvolle Art naͤ⸗ herte und ſagte:„Freund, ich habe einen Plan erdacht, bei dem Du und ich reicher werden koͤnnen, als wir uns je traͤumen ließen.“ „Nun ja,“ ſagte ich,„und der iſt 2⸗⁸. „Wir wollen das Geld, das wir unter dem Baume vergraben haben, unter uns vertheilen, und unſere drei Kameraden ihrem Schickſale uͤberlaſſen.“. 12 „Abſcheulicher Kerl!“ rief ich,„Du eckelſt mich an: ſah man je eine ſolche Schurkerei! ich werd' es Deinen Kameraden ſagen; wie konnte ein ſo undankbarer Gedanke Dir in den Kopf kommen? Doch, Allah ſey Dank! Du haſt Dei⸗ nen wahren Charakter noch zu rechter Zeit ent⸗ huͤllt, und wir konnen uns jezt vor Deinen verraͤtheriſchen Planen in Acht nehmen. Meine Freunde ſollen von Deinen Abſichten unterrich⸗ ttet werden, verlaß Dich darauf.“ 3 2 Peerbukſh, der offenbar erwartet hatte, daß ich mit Freuden in ſeine Plane eingehen werde, zeigte nun die tiefſte Schaam uͤber ſeinen Ver⸗ ſuch, fiel mir zu Fuͤßen, und bat mich, ſeinen Freunden nichts zu ſagen. Ich verſprach es ihm, wiewohl, wie ich mir den Anſchein gab, höchſt ungerne, indem ich zugleich nicht unter⸗ ließ, ihm wegen ſeiner Charakterloſigkeit tuͤch⸗ tig den Text zu leſen.„Die Zeit iſt nahe,““ ſagte ich,„wo es fuͤr uns gerathen ſeyn wird, uns davon zu machen; wir wollen daher heute ſo viel wie moͤglich Vortheil aus unſerer gegen⸗ waͤrtigen Lage ziehen; lad' ohne Bedenken auf, ſo viel Du tragen kannſt; ich will daſſelbe thun.“ Mit dieſen Worten entbloͤßte ich meinen rech⸗ ten Arm, und langte in die Oeffnung; aber ſtatt der angenehmen Beruͤhrung von Gold und Silber, merkte ich, daß meine Hand von ei⸗ ner Falle gepackt war, deren ſcharfe Zaͤhne mir ein ſchreckliches Angſtgeſchrei auspreßten. Ich verſuchte es, meine Hand herauszuziehen, in⸗ dem ich hoffte, mit ihr die Falle herauszu⸗ bringen, von deren unbarmherzigen Griffen ich natuͤrlich ſehnlichſt befreit zu ſeyn wuͤnſchte; 3141 aber ach! die Falle war innerhalb der Oeffnung angekettet, und alle meine Verſuche, mich los⸗ zumachen, blieben fruchtlos. Peerbukſh rannte in Todesangſt und in der doͤchſten Beſorgniß wegen ſeiner eigenen Perſon in der Hohle um⸗ her, da er ſich von der Ruckkunft der Raͤuber nichts Gutes verſprechen durfte.„Ich will flie⸗ ben, ſagte er;„lebe wohl! mein Freund; Du baͤtteſt beſſer daran gethan, wenn Du meinem Rathe gefolgt waͤreſt, und Dich deſſen, was wir bereits unter dem Baume hatten, verſichert haͤt⸗ teſt, denn nun gehe ich hin, und nehm' es alles fuͤr mich ſelbſt; lebe wohl!« Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er die Treppe hinauf gegen die Fall⸗ thuͤre; aber zu ſeinem großen Schmerz fand er, daß dieſe allen ſeinen Verſuchen, ſie zu oͤff⸗ nen, widerſtand,— ſie war von oben verſchloſ⸗ ſen. Der Schurke, der ſo ſeinen Freund in der Klemme hatte verlaſſen wollen, war nun gezwungen, wieder berabzuſteigen, und ver⸗ ſuchte, auf meine dringende Bitten, mich von meiner Qual zu befreien. Aber je mehr er ar⸗ beitete, und an der Falle zerrte, deſto ſchreck⸗ licher waren die Schmerzen, die ich ausbielt; vergeblich verſuchte ich es mit vereinter An⸗ ſtrengung, die Oeffnung zu erweitern, und es blieb uns nichts uͤbrig, als geduldig die Schre⸗ cken zu erwarten, die uͤber uns kommen ſollten. Der Tod ſchien uns unpermeidlich; ich legte mich nieder, ſtöhnend unter meinen Qualen, und es bitterlich bereuend, mich nun um das Vertrauen, das man auf mich ſezte, gebracht 212 zu haben. Da endeten meine goldenen Traͤume! Ich hatte den gerechten Lohn fuͤr den vorgehab⸗ ten Verrath an meinen Freunden erhalten. Peer⸗ bukſh, als wenn ich nicht bereits genug zu lei⸗ den gehabt haͤtte, machte mir noch Vorwuͤrfe, und ſagte, ich ſey an allem dem Ungluͤck ſchuld, das ihn erwarte.„Du, ſagte er,„haſt den Plan zu der ganzen Sache gemacht; wenn Du. nicht geweſen waͤreſt, waͤren wir entkommen, zwar arm, ich geſtehe es, aber nicht mit Shamd⸗ bedeckt. 8612 „Elender!“ rief ich,„haſt Du nicht auf eine moch ſchrecklichere und gefaͤhrlichere Rache ge⸗ ſonnen? Schweig, ich ſag' es Dir, und ver⸗ groͤßere nicht die Qualen, die ich leide.“ So war eine Stunde vergangen; da ließen ſich oben Fußtritte boͤren—„ſie kommen! ſie kommen!“ rief ich:„was ſollen wir aufangen 2c* Ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich von meinem Kameraden erhielt. Die Fallthuͤre dffnete ſich, und die Bande ſtieg, ei⸗ ner nach dem andern, herab. Der Hauptmann war der erſte, der meine traurige Lage ent⸗ deckte.„A ha,“ ſagte er,„da haben wir ja den Dieb gefangen; unſer edler Perſer iſt es, der uns um unſern ſauer erworbenen Gewinn beraubte. Die Falle hat ihre Pflicht gethan, wie ich ſehe. Mach ihn los,“ rief er einem von den Raͤubern zu; dieſer oͤffnete ſogleich das Schatzbehaͤltniß von oben, ſtieg hinab und machte die Kette los, an welche die Falle befeſtigt war. Ich zog meinen Aim heraus, und ſtand wie 2¹5 ein ungluͤcklicher Narr mit der Falle an meiner blutenden Hand, vor der Verſammlung.„Er⸗ greift die zwei,“ rief der Hauptmann,„und bringt ſie in Verwahrung.« „O, ſey barmherzig le ſchrie Peerbukſb; „ſchone mein Leben, ſo will ich Dir ſagen, wo das Geld verborgen liegt.“ „uünter dieſer Bedingung, und wenn Du mir Deine Gefaͤhrten nennſt, will ich Dir das Le⸗ ben ſchenken,“ ſagte der Hauptmann.. Peerbukſh, war eben im Begriff, alles zu bekennen, als ein Saͤbelbieb in ſeinen Nacken, von einem unſerer muhamedaniſchen Freunde gefuͤhrt, ihn auf ewig ſchweigen machte, Die ganze Hoͤhle gerieth nun in Verwirrung, und der Moͤrder Peerbukſh's wurde ergriffen und an deſſen Stelle eingeſperrt; ich wurde ſein Mit⸗ gefangener. Mein Gefaͤhrte ſtieß die aͤrgſten Schmaͤhungen gegen Peerbukſy aus, hauptſaͤch⸗ lich als er von mir ſeine vorgehabte Verraͤthe⸗ tei efh.. ih „Wie wird es uns geben?e ſagte ich. „Der Tod iſt uns gewiß,“ entgegnete mein Freund, aber eher will ich tauſendmal ſterben, als daß ich geſtaͤnde, wo der Schatz verborgen liegt.„. 12 e ig le ie „Dann gewinnen unſere zwei. andern Freunde gen gebracht, haͤtten wir, außer ihm, alle d'ran muͤßen, und die Bande waͤre wieder in den 114 Beſitz des Geldes gekommen.„Aber ums Him⸗ mels Willen! wie. konnten ſie denn auf uns Verdacht habene— „Ja, das weiß ich nicht he ente egnete ich „ſehr wahrſcheinlich haben wir es, als wir das leztemal zu Hauſe bleiben mußten, zu bunt ge⸗ macht, und auf das wurde die Falle gelegt, um den Dieb Au entdetken; ach! es iſt nur zu gut Zelungen.n In meiner Hand litt ich die ſchrecklichſten Schmerzen; aber da ich gewiß war, daß ich fuͤr mein Verbrechen ſterben rüſſe, ſo acPtelt ich nicht viel dar auf.* 6 Am folgenden Tag wurden wir vor die Bande gefuͤhrt; der Hauptmann hatte den Vorſitz; ohne uns vorher zu verhoren, ſprach er das Urtheil, daß ich mit Pfeilen erſchoſſen werden ſollte; meinem Mitgefangenen bot er das Leben an, wenn er ihm den Ort nennen wuͤrde, wo das Geld verborgen ſey. Mein Gefaͤhrte weigerte ſich, und wir wurden zur Hinrichtung fortge⸗ fuͤhrt; der dazu beſtimmte Ort war in dem hoben Graſe. Ich war der erſte, der die ſtei⸗ nernen Treppen hinaufgefuͤhrt wurde; die Fall⸗ thuͤre wurde weggeſchoben und ich athmete noch einmal die friſche Himmelsluft. Es war ein ſchoͤner Morgen; die Sonne war eben aufgegan⸗ gen und ein erfriſchender Wind wehre durch den Wald. Zwei der blutgierigen K Kookier fuͤhr⸗ ten mich zu dem Baume, wo ich angebunden werden ſollte, um die toͤdtlichen Pfeile der da⸗ zu aufgeſtellten Mannſchaft zu empfangen. Nur 115 ein Wunder haͤtte mich in diefer Lage retten koͤnnen. Schon war ich dem fatalen Baume nahe, als ein ungeheurer Tiger aus dem Di⸗ ckicht hervorſtuͤrzte und auf einen meiner Fuͤh⸗ rer losrannte; der andere floh, als er den ganzen Haufen das Aehnliche thun ſab, der nicht mit Feuergewehren und Kugeln verſehen war, womit er mit einem ſo furchtbaren Gegner es haͤtte aufnehmen konnen. Man wird ſich den⸗ ken koͤnnen, wie geſchwind ich ihrem Beiſpiel folgte; ich flog beinahe durch den Wald, indem ich nicht hinter mich zu blicken wagte, aus Furcht, den wuͤthenden Tiger oder die blutduͤrſtigen Koo⸗ kier mich verfolgen zu ſehen. Ich denke, der Schrecken, den die Beſtie den tapfern Kookiern einfloͤßte, war zu groß, als daß ſie auch nur einen Augenblick noch an mich haͤtten denken können; denn als ich es endlich wagte, mich umzüſehen, fand ich, daß alles ruhig war— kein menſchliches Weſen war zu ſehen. So entging ich der Wuth der Raͤuber; was aus meinem ungluͤcklichen Gefaͤhrten wurde, der mir auf den Richtplatz haͤtte folgen ſollen, weiß ich nicht; aber es fragt ſich, ob er ſo gluͤcklich war, wie ich. Da ich nun mein Leben. gerettet ſab⸗ war das erſte, was ich that, daß ich meine Hand unterſuchte, die ſich bereits ſtark entzuͤn⸗ det hattez meine erſte Sorge war, ſie in ei⸗ nem kleinen: Fluſſe zu baden; an dem ich mich niedergeſezt hatte, um mich zu erholen. Nach vollen zwei Tagen, waͤhrend welcher ich in Wildniſſen und in hohem Graſe umberirrte, ge⸗ 2¹6 langte ich nach Chittagong, wo ich mich zu ei⸗ nem, portugieſiſchen Arzte verfuͤgte, und ihn bat, mir meine verwundete Hand zu heilen. Aber leider verſicherte er mir, daß die Sache lebensgefaͤhrlich, und ich nur dann zu petten ſey, wenn ich ſie mir abnehmen laſſe. Ich un⸗ terzog mich der Operation, und ich und meine rechte Hand trennten uns auf immer. Die we⸗ nigen Rupien, die ich noch hatte, waren bald fort, und auf einmal ſah ich mirh. als Bettler in einem fremden Lande. 1„ 5 —— Zwoͤlftes Kapitel. Verſtuͤmmelt und in den duͤrftigſten Umſtaͤn⸗ den. wandelte ich von einem Orte zum andern, indem ich mich wegen der Mittel zu meiner Exiſtenz ganz auf den Zufall und auf die Barm⸗ berzigkeit. anderer Leute verließz und ſo habe ich manche Gelegenheit gehabt, die ſonderbaren Sitten und Gewohnheiten der Indier kennen zu lernen. In Benares ſah ich viele ihrer an⸗ ſtoͤßigen Opfer und ihrer ſelbſtaufgelegten Buͤ⸗ ßungen; in Juggernaut ſah ich den ſchweren Wagen, deſſen Naͤder beinahe dreißig Fuß im Durchmeſſer haben, von der tohenden Menge uͤber die Koͤrper ihrer bethoͤrten Bruͤder gezo⸗ gen, die ſo ihr Leben zur Ehre ihrer Gott⸗ heit hinopfern, in der Hoffnung, dadurch im kuͤnf⸗ 10 17 kuͤnftigen Leben ſelig zu werden. In einigen Doͤrfern traf ich auf religidſe Bettler, die ganz nackt und mit rother Farbe und Aſche beſchmuzt waren, und die ſich die Naͤgel ihrer Finger durch die flache Hand wachſen laſſen; andere, einen Arm unbeweglich ausgeſtreckt; andere, ei⸗ nes ihrer Beine zuſammengezogen, und noch viele andere ſchreckliche Geſtalten, die mir meine Landsleute nur mit vieler Muͤhe glauben wuͤr⸗ den. Als ich eines Tages durch eine ziemlich große Stadt ging, ſah ich ein Gedraͤnge von einer Menge Leute, die ſich um einen Ungluͤck⸗ lichen ſammelten und ſchrien:„Ein Churku! ein Churku!“ Andere waren eifrig damit be⸗ ſchaͤftigt, ihn auszuziehen, waͤhrend noch An⸗ dere wieder forteilten, ohne Zweifel um Anſtal⸗ ten zu einer ſchrecklichen Ceremonie zu treffen. Ich fragte einen alten Mann, der neben mir ſtand, was denn wohl dieſe Ausrufungen und dieſe Scene hier zu bedeuten haben. „„Komm mit mir!e ſagte er,„Du wirſt es ſchon ſehen.⸗ Ich folgte ihm und erblickte einen Ungluͤck⸗ lichen, den man aus der Stadt zu dem Ufer eines kleinen Baches fuͤhrte, wo ein 15 Fuß ho⸗ her Pfoſten errichtet war, an deſſen Spitze ein Balken in wagrechter Richtung ſchwebte, mit ei⸗ nem Seil an dem einen Ende, und einem ſchar⸗ fen, eiſernen Haken an dem andern; zu mei⸗ nem Erſtaunen ſtellte ſich das Schlachtopfer un⸗ mittelbar unter dasjenige Ende, an welchem der Haken befeſtigt war, und rief:„ich bin Ind. Serail. 111. 4 10 218 bereit! Der Balken wurde bheruntergelaſſen, und ein Mann trat herzu, der den Haken mit Gewalt in den Ruͤcken des armen Schlachtopfers hineintrieb, worauf ein anderer das Seil am entgegengeſezten Ende ergriff, und das leidende Geſchoͤpf von der Erde aufhoh; und ſo haͤngend wurde der Ungluͤckliche, ohne auch nur den ge⸗ ringſten Schmerzenslaut hoͤren zu laſſen, wenig⸗ ſtens eine halbe Stunde in einem Kreiſe von wenigſtens 40 Fuß im Durchmeſſer herumge⸗ ſchwungen.„Was ſoll denn das bedeuten 2* fragte ich. Der alte Mann, der mich zu dem Pfoſten gefuͤhrt hatte, erzaͤhlte mir, daß der Mann, den ich hier in der Luft ſchwingen ſehe, die ſtrengen Gebraͤuche ſeiner Kaſte uͤbertreten habe, und daher aus derſelben geſtoßen worden ſey, und daß er auf dieſe Art die Wiederauf⸗ nahme erlangen wolle, indem er nur auf ſolche Weiſe zu ſeinem Zwecke gelangen koͤnne.„Ja,“ dachte ich,„da moͤchte ich lieber auf immer ausgeſtoßen bleiben, als mich ſolchen Qualen ausſetzen.“ Die Ceremonie ging zu Ende; der Mann wurde unter dem Geſchrei des Poͤbels und den raſenden Taͤnzen mißleiteter Weiber, die Bhang*⁴) zu ſich genommen hatten, nach und nach heruntergelaſſen, und der Haken aus ſeinem zerfleiſchten Ruͤcken herausgezogen; zuckend fiel er zu Boden: es wurde ihm Waſſer gereicht und ſein Ruͤcken mit einer ſchmutzigausſehenden *) Zubereitung von Opium. 219 Materie eingerieben; worauf er aufſtand und nach Hauſe ging, als waͤre nichts vorgegangen. An den Ufern der Fluͤſſe Jumna und Gan⸗ ges ſah ich, wie die Kranken von ihren Ver⸗ wandten herbeigetragen wurden, und hier lie⸗ gen blieben, wo ſie dann von Alligatoren(Kro⸗ kodilen) aufgefreſſen, oder von den Wellen die⸗ ſer heiligen Stroͤme weggeſchwemmt werden. Kicht ſelten iſt der Mund des Kranken mit Schlamm angefuͤllt, und es wird fuͤr eine hohe Wohlthat gehalten, mit einem ſolchen Maul voll zu ſterben; natuͤrlich toͤdtet das die armen Leute vollends, indem es ſie erſtickt, waͤhrend ſonſt vielleicht ſchon mancher wieder geneſen waͤre. Als ich mich auf meinen Reiſen nahe bei Alle⸗ habad befand, erfuhr ich von einem Sutter, das bald vor ſich gehen ſollte. Auf meine Frage, was dieß ſey, belehrte man mich, daß die Frau eines Braminen ihren Ehegatten verloren habe, und daß ſie ſich, nach der Sitte ihrer Kaſte, fuͤr verpflichtet halte, ihrem Gatten auf den Scheiterhaufen zu folgen. Ich bekam das au⸗ ßerordentliche Weib zu ſehen; ſie war jung und ſchon, von Braminen und Verwandten umge⸗ ben. Ihr Gong war feſt und entſchloſſen; ſie war nicht mehr weit vom Scheiterhaufen ent⸗ fernt; das Heulen der Wehklagenden, die„Ru⸗ goonath, Rugoonath!“(der Name des Verſtor⸗ benen) ſchrien, vermehrte noch das Schreckliche der Scene. Ich hielt mein Auge beſtaͤndig auf das ungfü bljihe Weib gerichtet, das, mit Mo⸗ 15 ½ 220 gree⸗Blumen*) geſchmuͤckt, damit beſchaͤftigt war, ihren Schmuck ſich langſam abzunehmen, und ihn Stuͤck fuͤr Stuͤck ihren weiblichen Ver⸗ wandten zu uͤbergeben. Einigen von ihnen war, wie es ſchien, eifrig daran gelegen, ſie von ih⸗ rem ſchrecklichen Vorſatze abzubringen; und wirk⸗ lich ſchien ſie, je naͤher ſie dem Scheiterhaufen kam, ſchwankender zu werden; aber die verſchla⸗ genen Braminen, welche ſie umgaben, trugen Sorge, daß ihr Schlachtopfer nicht entkam. Sie ſangen Hymnen, ſchrien und predigten; und ehe die Ungluͤckliche vorbereitet war, ſtießen ſie ſie in den Holzſtoß, der bald in Flammen ſtand. Ein ſchwacher Ruf— und ich ſah nichts mehr von ihr. Man ſah nichts als Flammen und Rauch. die, nachdem noch Oel zugegoſſen worden, fuͤrch⸗ terlich wuͤtheten, und ihren Schimmer auf die kalten, auch nicht das geringſte Gefuͤhl aus⸗ druͤckende Geſichter der mordenden Braminen warfen, die ganz gleichguͤltig dem furchtbaren Schauſpiel zuſahen, das mich ſchaudern machte. So endete eine Ceremonie, die ich, wenn ich nicht Zeuge davon geweſen waͤre, nie ge⸗ glaubt haͤtte. Ich habe noch viele andere Sce⸗ nen mit angeſehen, aber eine ſo ſchreckliche, wie dieſe, nie. Ein Zufall fuͤhrte mich in dieſe Stadt, und ich dachte eben an Yezd, als ich auf einer der oͤffentlichen Straßen zu meinem Erſtaunen Yasmin und Yuſoof erblickte, die nicht 9) Eine Gattung wohlriechender Jasmin. r. 221 weniger verwundert waren, mich hier zu treffen. Sie erzaͤhlten mir ihre Abenteuer, und auch ich machte ſie mit allem bekannt, was ich ſeit unſerer Trennung ausgeſtanden hatte. Wir alle ſtimmten darin uͤberein, daß wir unſer Un⸗ gluͤck unſerer Thorheit zuzuſchreiben haben, und da wir nun doch einmal von der Barmherzigkeit anderer Menſchen leben mußten, ſo wurde be⸗ ſchloſſen, uns, wenn wir Almoſen bekaͤmen, der laͤſtigen Ceremonie, uns dreißigmal zu den Fuͤ⸗ ßen des Gebers zu werfen, zu unterziehen. Un⸗ ſer hoͤchſter Wunſch war, Geld zuſammen zu bringen, ſo viel unſer Ruͤcken nach Yezd tra⸗ gen konnte, wo ich und Yuſoof dem Suftismus auf immer zu entſagen geſonnen ſind.“ So ſchloß der dritte Bettler ſeine Erzaͤh⸗ lung; Aurungzebe gab den ungluͤcklichen Maͤn⸗ nern ſo viel Geld, als ſie auf dem Ruͤcken nach Yesd tragen konnten, und forderte ſie auf, ihn ſchriftlich zu benachrichtigen, wie es ihnen auf ihrer Reiſe ergangen, und wie ſie von ihren Freunden aufgenommen worden ſeyen. Sie ver⸗ ſprachen es ihm, nahmen ihr Geld in Empfang, und warfen ſich alle vor dem maͤchtigen Kaiſer dreißigmal nieder. Als die Bettler die Stadt verlaſſen hatten, unterhielt ſich der Kaiſer mit ſeinem Vezier uͤber die Abenteuer dieſer ſon⸗ derbaren Menſchen; er lachte uͤber den Stolz Yasmins und die Unannehmlichkeiten, in die ihn dieſer verwickelt hatte, und aͤußerte, daß die Erzaͤhlung dieſes Mannes das Gepraͤge der ſtrengſten Wabhrheit an ſich trage. Aber wenn er auf die Geſchichte des blinden Bettlers kam, pflegte er zu ſagen,„ich glaube⸗ alles von Anfang bis zu Ende iſt eine Luͤge, aber der Kerl verdient einiges Lob wegen ſeiner Erfindungs⸗ gabe.“ „Gewiß,⸗ bemerkte der Vezier; obgleich es mich wundert, daß ihn ſeine Erfahrung nicht belehrt hat, wie gefaͤhrlich es ſey, einen ſol⸗ chen Verſuch vor Deiner Majeſtaͤt zu machen. Aber wenn ſeine Erzaͤhlung in der Meinung Deiner Majeſtaͤt durchgehends ein Maͤhrchen iſt, ſo iſt es gewiß nicht weniger auch die des dritten Bettlers?“ „Nein, wahrhaftig nicht!’ entgegnete der Kaiſer;„es iſt zuverlaͤſſig alles Thatſache, was er erzaͤhlt hat; es iſt klar, daß der Kerl ſich unter den Kookiern aufhielt, ſonſt haͤtte er keine ſo genaue Schilderung von dieſem ſonderbaren Volksſtamme geben koͤnnen; eben ſo iſt es als gewiß anzunehmen, daß er den groͤßten Theil von Hindoſtan durchreiste. Doch dem ſey, wie ihm wolle, ich habe ſie aufgefordert, ihre Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen, und ich muß zufrieden ſeyn mit dem, was ſie mir geben; aber ich geſtehe, ich bin ſehr begierig, zu erfahren, wie die Kerls in Yezd ankommen.“ Ungefaͤhr ein Jahr nach der Abreiſe der Perſer von Delhi erhielt der Kaiſer einen Brief von Yuſoof, dem einaͤugigen Bettler, worin er ihm ſehrieh. daß er mit ſeinem Freunde Mohabed Ali Yezd erreicht habe; auf dem Wege haben ſie große Drangſale gehabt wegen der Treulo⸗ 225 ſigkeit Jasmins, der ſie in den Ebenen von Belochiſtan des Geſchenks, das ſie vom Kaiſer erhalten haben, beraubt und ſich davon gemacht habe, ohne daß ſie ſeitdem wieder etwas von ihm erfahren haͤtten. Yuſoof war es gelungen, ſich mit ſeinem Pater wieder auszuſoͤhnen, und er wurde von dieſem, nachdem er dem Sufiis⸗ mus entſagt habe, zum Theilnehmer an ſeinen Handelsgeſchaͤften angenommen. Mohabed Ali fand ſeinen Vater nicht mehr am Leben; bei ſeinem Vetter und ſeinen andern Verwandten vermochte er nichts, ob er gleich den falſchen Glauben, der ſo viel Ungluͤck uͤber ihn gebracht hatte, abſchwur. Der Brief ſchloß mit den Aeußerungen des berzlichſten Dankes fuͤr des Kaiſers Wohlthat, die ihnen ohne die Habſucht und die Schurkerei Yasmins ihre Reiſe nach ihrem theuren Yezd ſehr erleichtert haben wuͤrde; als ſie endlich in dieſer Stadt angekommen ſeyen, haben ſie beſchloſſen, ruhig und friedlich hier zu leben. „Hier,“ ſagte Kuzl Bashee, der Faͤrber, zenden meine Geſchichten, durch die ich mir ſchmeichle, meinen erhabenen Zuhoͤrern eine an⸗ genehme Unterhaltung verſchafft zu haben.“ Der Nuwab geſtand, daß der Faͤrber die Erwartungen von ihm weit uͤbertroffen habe, und entließ ihn mit den Aeußerungen der hoͤch⸗ ſten Zufriedenheit. 4 5 ——n 1343 982 1992 224 Dreizehntes Kapitel. Mit Gluͤckwuͤnſchen wurde der Faͤrber von ſeinen Freunden empfangen, in der Bruſt des Fleiſchers dagegen regte ſich der Neid gewal⸗ tig, als er ſah, wie weit er hinter jenem zu⸗ ruͤckkgeblieben war, obgleich die gebeimnißvolle alte Frau, ſeine Verwandte, ihm an die Hand gegangen war. Die Reihe der Erzaͤhlungen wurde jezt unterbrochen, weil ein großes Feſt herannahte, dem der Nuwab anzuwohnen pflegte. Zu ſeinem Mißvergnuͤgen bemerkte er, daß er dieſes Jahr nicht ſo herzlich empfangen wur⸗ de, als gewoͤhnlich. In ſeinem praͤchtigen Howdah, auf dem Ruͤcken eines ſtattlichen Ele⸗ phanten erblickte er unter der Volksmenge einen BPerſer: da regten die alten Beſorgniſſe ſich wie⸗ der in ſeinem Innern, und er befahl, daß der Zug halten ſollte. Wegen des Gelaͤrms der Trommeln und Trompeten wurde dieſer Befehl nur langſam in Vollziehung geſezt, und ehe der Nuwab gebieten konnte, man ſolle den Per⸗ ſer feſtnehmen, war dieſer verſchwunden. Dieß war dem Nuwab ſehr unangenehm, und er blieb den ganzen Tag uͤber nachdenklich und uͤbler Laune. Moye⸗ed⸗ din wagte es, den Vorſchlag zu machen, daß die Erzaͤhlungen am folgen⸗ den Tage wieder beginnen ſollten, und finſter gab der Nuwab ſeine Zuſtimmung. Die uͤbri⸗ gen Erzaͤhler erſchienen alſo, um das Loos zu 225 zieben, und dieſes traf Lalldaß, den Kaufmann, der ſich drei Tage Friſt erbat und dieſe auch erbielt. Zur beſtimmten Zeit erſchien Lalldaß im Palaſte, und war eben im Begriffe, ſeine Erzaͤhlung zu beginnen, als ein ungewoͤhnlicher Laͤrm im Hofe des Palaſtes die Aufmerkſamkeit des Nuwab und ſeines Miniſters rege machte. Bei naͤherer Unterſuchung ergab ſich, daß ein edler Perſer, obgleich von den Wachen zuruͤck⸗ gewieſen, darauf beſtand, vor den Nuwab ge⸗ fuͤhrt zu werden. Jelal⸗ ed⸗ din kam eine Furcht an, die er ſich ſelbſt nicht zu erklaͤren wußte, er ſaß regungslos und ſtumm, und gab endlich Moye⸗ed⸗din einen Wink, daß der Perſer ſo⸗ gleich vorgelaſſen werden ſollte. Bald darauf trat ein langer, trotzigblickender Mann in per⸗ ſiſcher Tracht, mit dreiſtem Schritte in den Saal, und als er an den Musnud des Nuwab gekommen war, ließ ſich hinter dem Vorhang ein durchdringender Schrei hören, worauf Jelal⸗ ed⸗ din ſich erhob, um die Urſache zu erfah⸗ ren. Er fand die ſchoͤne Mheitab in Ohnmacht, und die uͤbrigen Frauen bemuͤht, ſie wieder ins Leben zu rufen. Als ſie wieder etwas zu ſich gekommen war, ſchlug ſie langſam die Augen auf, und rief:„Schuͤtzet mich vor dieſem Man⸗ ne— ach!— ſchuͤtzet mich!“ Hieruͤber ſehr erſtaunt, verſprach ihr der Nuwab ſeinen Schutz, uͤberließ ſie den Haͤnden der Frauen, und gab Befehl, der Perſer ſollte auf der Stelle in ein beſonderes Zimmer vor ihn gebracht werden. Dieſer erſchien, und uͤber⸗ 226 reichte einen Firman von Nadir Shah, König von Perſien, uͤber deſſen Inhalt der Nuwab ſehr beſtuͤrzt wurde, und beinahe in Verzweif⸗ lung gerieth. Um dieſe raͤthſelhafte Erklaͤrung des Perſers zu erklaͤren, wird es, udthig ſeyn, dem Leſer folgende naͤhere Umſtaͤnde mitzu⸗ theilen. In Tehran, einer Stadt j in Perſten, herrſch⸗ te ein Statthalter, Namens Ghalib Khan, ein Vetter des maͤchtigen Koͤnigs des Landes, Nadir Shah, der ſich gegen ſeinen Berwandten ſo huldreich erzeigte, daß ſich leicht daraus er⸗ meſſen ließ, wie ſehr er ihn achte und liebe. Der Statthalter von Tehran galt daher fuͤr den Beneidenswertheſten und Angeſehenſten im Lande, und man naͤherte ſich ihm mit eben ſo großer Unterwuͤrfigkeit und Ehrerbietung, als dem Fuͤrſten ſelbſt. Bei dieſen Umſtaͤnden ſollte man meinen, habe ſich Ghalib eben ſo gluͤck⸗ lich gefuͤhlt, als er ſich geehrt ſah, allein dieß war nicht der Fall; denn, wie andere Sterb⸗ liche mag ein glaͤnzendes Diadem ſich um ihre Stirne ſchlingen, oder das rauhe Gewand des Derwiiſch ſie bedecken, hatte auch Ghalib noch einen Wunſch, drſſen Erfuͤllung erſt ſein Gluͤck vollendet haͤtte. Aber dieſen zu gewaͤhren, ſtand nicht in eines Koͤnigs Macht: er wuͤnſchte ei⸗ nen Sohn, auf den er ſeine Wuͤrden vererben koͤnnte. Zwar beſaß er Frauen genug, aber keine hatte ihm einen Sohn geſchenkt; doch hatte ſeine Gemahlin, gleichſam zum Erſatze da⸗ fuͤr⸗ ihm eine Tochter geboren, deren Schoͤn⸗ 227 heit unerreichbar, deren Anmuth und Liebens⸗ wuͤrdigkeit jede Schilderung weit hinter ſich zu⸗ ruͤckließ. Sie war Zeefa geheißen. Bald nach ihrer Geburt berief ihr Vater die Sterndeuter und Weiſen von nah und ferne, um das einſtige Schickſal, des Kindes zu erfahren. Der Aus⸗ ſpruche den dieſe Gelehrten thaten, wurde nicht „genauer bekannt, doch ſchien er dem Statthal⸗ ater keineswegs zuzuſagen, denn er fuhr fort, ſein Geſchick zu beklagen, daß ihm kein Sohn geſchenkt worden, und beneidete ſeine Schwe⸗ ſter, die an einen Mann von Rang in Ispahan verheirathet war, und dieſem zwei ſchoͤne Kna⸗ ben geboren hatte. Ob dieſe ungeſtuͤme Sehn⸗ ſucht nach einem maͤnnlichen Erben, oder der Drang der Geſchaͤfte ihn aufs Krankenbett warf, laſſen wir dabingeſtellt, ſo viel iſt gewiß, daß, als Zeefa ihr vierzehntes Jabr erreicht hatte, ihr Vater ſtarb, und die trauernde Mutter ihm bald nachfolgte. Jezt wurde Zeefa nach Jspahan gebracht, wo ihre Muhme ihrer war⸗ tete. Zookma, Ghalib Khan's Schweſter war Hein liſtiges, in allen Raͤnken erfahrnes Weib, ſie hatte daber nicht ſo bald von dem Tode ih⸗ ares Bruders Nachricht erhalten, als ſie ſogleich in ihren Gatten Samil Beg drang, er ſollte ſich um die erledigte Statthalterſchaft in Tehran bewerben; er that dieß, aber ohne Erfolg. Allein Zookma gab ihre Abſichten noch nicht auf, afondern trug ſich nach dem Tode von Zeefa's⸗ Mutter mit dem Plane einer Verbindung zwi⸗ ſſchen den ungluͤcklichen Waiſe und ihrem aͤlteren 228 Sohne Zekey Khan, in der Hoffnung, ſo dieſen ihren Liebling einſt als Statthalter von Tehran zu ſehen. Zekey Khan war um dieſe Zeit ungefaͤhr achtzehn Jahr alt, ſein Bruder Humza war um ein Jahr juͤnger; der erſtere hatte ein ver⸗ dorbnes Herz, und war grauſam, rachſuͤchtig und ſchlecht, waͤhrend der leztere mit Guͤte Offenheit und Biederkeit verband. Allein ihre Eltern waren ſo verblendet, daß ſie an Zekey Khan die guten Eigenſchaften Humza's zu be⸗ merken glaubten, und die Schlechtigkeit des Erſtern ungerechter Weiſe auf ſeinen Bruder uͤbertrugen. Die Liſt und Verſchlagenheit Ze⸗ key Khan’s hatte nicht wenig dazu beigetragen, die Eltern auf dieſe irrige Meinung zu leiten, Humza ſah und fuͤhlte die entſchiedene Vorliebe ſeines Vaters und ſeiner Mutter fuͤr ſeinen un⸗ gerathenen Bruder, und ſuchte vergebens durch Folgſamkeit gegen ihre Befehle einen Theil der Gunſt ſich zuzuwenden, welche jener genoß. Als die ſchoͤne Baſe Zeefa ankam, widmete ihr Zekey Khan eine ausgezeichnete Aufmerk⸗ ſamkeit, waͤhrend Humza ſie nur in der Stille bewundern durfte. Es gehoͤrte wenig Scharf⸗ ſinn dazu, zu bemerken, daß Zeefa nur un⸗ gern Zekey Khan's eckelhaften Schmeicheleien ihr Ohr lieh, aber nur ein in die tiefen Ge⸗ heimniſſe der Liebe eingeweihtes Auge konnte ihre Neigung zu dem beſcheidnen, aber bezau⸗ bernden Humza entdecken. Die Sprache der Zunge iſt ſchwach im Vergleich mit der der Au⸗ gen, denn obgleich Zeefa nur ſelten mit Humza 7 229 ſorechen durfte, ſah ſte doch oft ſein ſanftes, ausdrucksvolles Auge bedeutſam auf fich tuhen, und wenn ſie das ihrige aufſchlug, ſo lag in dem Sinken der ſeinigen das beſcheidne Bekenntniß ſeiner Kuͤhnheit. Zeefa fuͤhlte ihre Wangen er⸗ roͤthen, was ihrer Muhme nicht entging, die dieß, ohne die wahre Urſache zu ahnen, den ſchwuͤlſtigen Schmeicheleien ihres aͤltern Sohnes Zekey Khan zuſchrieb. Dieſe ihr unverſtaͤndli⸗ che Sprache, beſonders wenn ihre Gedaͤnken auf einen andern Gegenſtand gerichtet waren, ver⸗ anlaßte die ſchoͤne Zeefa oft, ihre Gleichguͤltig⸗ keit gegen Zekey Khan's Aufmerkſamkeit zu ver⸗ rathen, und erregten bei ihr einen Unwillen, den ſie unmoͤglich verbergen konnte. Eines Tags beſonders kam Zekey Khan, der auf einige Ta⸗ ge Geſchaͤfte halber verreiſen wollte, vor ſeinem Abgange zu Zeefa, und ſagte ihr, nachdem er einige abgedroſchene Gleichniſſe, und aus Ha⸗ fiz entlehnte Schmeicheleien vorgebracht, daß er im Begriff ſey, nach Schiraz zu gehen, daß jede Minute, da er fern von ihr ſey, ihm ein Jahr duͤnken wuͤrde, und er zu hoffen! wage, auch ſie ſehe mit derſelben Sehnſucht ſeiner Ruͤckehr 1 entgegen. „Ja, reizende Zeefa, ich verlaſſe Dich aufkurze Zeit; aber ſaͤge mir, wirſt Du nicht trauern, wenn ich ferne bin 2 In dieſem Augenblicke trat Humza ins Zim⸗ mer; ſeine Augen ſuchten Zeefa, die in der Ver⸗ wirrung Zekey Khan's Frage verneinte. Der beleidigte Stolz des Ehrgeizigen fing Feuer, 230 und er wollte ſich zuͤrnend gegen ſeinen Bruder wenden, deſſen ungelegener Dazwiſchenkunſt er Zeefa's kalte Antwort zuſchrieb, allein Humza hatte ſich wieder entfernt, und Zeefa hatte al⸗ lein die Folgen ihrer unbedachten Antwort zu aentgälten..„ t de „Das harte Wort,“ rief er,„das Deine ſchoͤnen Lippen ſo eben ſprachen, wollte ich dem Eintreten meines Bruders Humza beimeſſen, und die Vorſicht loben, die es Dir in Gegen⸗ wart eines Dritten eingab, wenn ich mich des Gedankens entſchlagen konnte, daß voͤllige Gleich⸗ guͤltigkeit gegen mich Dich treibt, Deine wah⸗ ren Geſinnungen auszuſprechen, denn ich be⸗ merke ſeit Kurzem, daß meine Beſuche Dir we⸗ nig oder gar kein Vergnuͤgen machten 2 „,Herr,“ erwiederte Zeefa,„es wundert mich in der That ſehr, daß ein Mann von Deinem Scharfſinn dieſe Entdeckung nicht fruͤher gemacht hat, denn— „Genug!“ ſchrie außer ſich Zekey Khan; „ſtolze Baſe, Du ſollſt dieſen Tag noch zu he⸗ reuen haben! und ſollten meine kuͤnftigen Be⸗ ſuche Dir noch weniger willkommen ſeyn, als bis⸗ her, ſo vergiß nicht, daß Du die Schuld Dir ſelbſt zuzuſchreiben haſt.“. Mit dieſen Worten ſtuͤrzte er hinaus, warf ſich auf's Pferd, und kam ihr bald aus dem Geſichte. Zekey Khan war noch nicht weit gekommen, als er bemerkte, daß er in der Eile⸗ eine Ur⸗ kunde vergeſſen habe, die ihm ſein Vater, der in Schirgz war, mitzubringen befohlen hatte; 251 er warf daher ſein Pferd herum, band es, als er an den Garten ſeines Vaters gekommen war, an einen Baum, und trat auf einem abgelege⸗ nen Wege ein, in der Abſicht, durch den Gar⸗ ten ungeſehen auf ſein Zimmer zu gehen. Als er durch eine Allee von Cypreſſen kam, glaubte er, Stimmen zu hoͤren; er lauſchte aufmerkſam, und uͤberzeugte ſich, daß er ſich nicht geirrt hatte: welche Gefuͤhle ihn durchwogten, als er Zeefa und ſeinen Bruder Humza entdeckte, laͤßt ſich beſſer denken als beſchreiben. Jezt war es ihm klar— um Humza's Willen hatte ſie ſeine Liebe verſchmaͤht; das war der Liſtige, der ſeine Plane untergraben hatte, der es insgeheim wagte, ſeine ehrgeizigen Abſichten zu durchkreu⸗ zen! Zekey Khan fuͤhlte ſich ſtark verſucht, beide ſeiner Wuth zu opfern: ſchon hatte ſeine Hand das Heft ſeines Schwerdts gefaßt, als ihm ein⸗ fiel, daß Zeefa mit dem Koͤnige verwandt ſey, deſſen Zorn zu reizen er fuͤr unklug hielt. Doch beſchloß er, ſich auf andere Weiſe zu raͤchen, und ging auf ſein Zimmer, um die vergeſſene Urkunden zu holen. Dann vertraute er ſeiner Mutter ſeine Entdeckung, und theilte ihr das Geſpraͤch mit, wie er ſich von Zeefa verabſchi⸗ det habe. Die Wuth ſeiner Mutter war„ wo moͤglich, noch groͤßer, als die ſeinige, und ſie verſprach ihm, Humza von ſeiner ſchoͤnen Baſe zu entfernen, mit der Bitte, Zekey Khan ſollte keine Gewalt gebrauchen, und uͤberhaupt nichts ohne ihr Mitwiſſen unternehmen. Er gelobte dieß, und wollte ſich entfernen, als Zeefa ſelbſt —— —— 232 ins Zimmer trat. Sie war ſehr ſberraſcht, ih⸗ ren ergrimmten Vetter hier zu ſehen, und der ſonderbare Ausdruck in ſeinem und ſeiner Mut⸗ ter Geſicht ſezten ſie in große Unruhe. In ſtolzem, gebieteriſchem Tone befahl ihr Zookma, ſich zu entfernen, und nachdem das Maͤdchen zitternd dieß gethan, beſprachen Zekey Khan und ſeine Mutter die wichtige Angelegenheit, wobei endlich beſchloſſen wurde, Humza ſollte ſogleich eine Stelle im Heere erhalten, und alle Verbindung zwiſchen ihm und Zeefa unmdg⸗ lich gemacht werden. Nur die Furcht vor Nadir Shah hielt ſie ab, ſtrenge Maaßregeln gegen Zeefa zu gebrauchen, und im Vertrauen auf die Klugheit ſeiner Mutter machte ſich Ze⸗ key Khan wieder auf den Weg, und langte zur rechten Zeit in Schiraz an. Sobald es ſchicklich war, wurde Zeefa in das Zimmer ihrer Muhme gerufen, welche ſo⸗ gleich ein Verhoͤr begann, wie und auf welche Weiſe das liebenswuͤrdige Maͤdchen ihre Zeit ugebchf haͤtte. Ganz unbefangen verſicherte ſie ihre Muhme, ſie ſey mit Humza im Garten geweſen, worauf Zookmar ſich in ſtarken Aus⸗ druͤcken uͤber die Unſchicklichkeit dieſes Schrittes aͤußerte, die Sache uͤbertrieb, und mit dem Be⸗ fehle ſchloß, daß das Geſchehene nicht wieder⸗ bolt werden duͤrfte. Zeefa erwiederte, ſie ſehe nicht ein, warum es unſchicklicher ſeyn ſollte, mit Humza zu reden, als mit ſeinem Bruder. „ GuUnd doch iſt es ſo,“ ſagte Zookma;„denn wiſſe, daß Du mit Zekey Khan verlobt biſt.“ 23⁵ „Verlobt rief Zeefa;„und wer hat ihm das Recht gegeben, ſo zu verfahren 2 88 „Die, welche wiſſen, was zu Deinem Beſten dient,“ verſezte Zookma. „Du Lergißſt, was die Sterndeuter bei mei⸗ ner Geburt—“ „Der Befehl des Koͤnigs,“ erwiederte jene, „hebt das Gerede der Sterndeuter und Wahr⸗, ſager auf; mache Dich alſo gefaßt, Zeefa, Ze⸗ key Khans Gattin zu werden.“ „lnmoͤglich! ich glaube nicht, daß der Koͤnig einen Befehl deswegen erlaſſen hat.“ 1 „Dieſe Schrift mag Dich uͤberzeugen;“ ſagte Zookma, und zog ein Papier mit dem koͤnigli⸗ chen Siegel hervor, welches das Maͤdchen in der Beſtuͤrzung nicht zu leſen vermochte, ſon⸗ dern ohnmaͤchtig zu den Fuͤßen ihrer argliſtigen Muhme niederſank. Als ſie wieder zur Beſin⸗ nung kam, fand ſie ſich auf ihrem Zimmer al⸗ lein, und wurde dieſen Tag nicht weiter belaͤ⸗ ſtigt. 82 Des andern Morgens fruͤbe, als ſie an ih⸗ rem Fenſter ſaß, um die erfriſchende Luft ein⸗ zuathmen, ſah ſie Humza mit uͤbereinanderge⸗ ſchlagenen Armen ſinnend im Garten wandeln. Er wandte ſich um, und ſchlug die Augen ge⸗ gen ihr Fenſter auf, und als er ſie erblickte, die in ſeinen Gedanken lebte, legte er die Hand auf das Herz, und wollte naͤher treten, um mit ihr ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen, allein Zeefa gab ihm einen Wink, er ſollte ſich zuruͤckziehen, woraus der Juͤngling erſah, daß ihre Zuſammen⸗ 254 kunft vom vorigen Tage ſeiner Mutter hinter⸗ bracht worden war; er ſeufzte und ging, um einen Plan zu erdenken, wie er ſeine angebetete Zeefa vor der Ruͤckkunft ſeines Bruders noch einmal ſprechen koͤnnte. In Gegenwart ſeiner Mutter ſah Humza ſeine ſchoͤne Baſe, aber von ihrem ſcharfen Au⸗ ge bewacht, konnten die Liebenden ſich nur ver⸗ ſtohlene Blicke zuwerfen, die nur die Liebe ver⸗ ſteht. Blos wer es erfahren hat, was es heißt, durch unvermeidliches Mißgeſchick ſich die Zunge gefeſſelt ſehen zu muͤſſen, welche ſo gerne die Gefuͤhle des Herzens laut werden laſſen moͤchte, und zugleich bei der Ueberzeugung von der Un⸗ moͤglichkeit einer Vereinigung mit dem gelieb⸗ ten Gegenſtande, Trennung von ihm unertraͤg⸗ lich zu finden— nur der kann ſich eine Vor⸗ ſtellung von der Qual machen, unter welcher Humza litt. Er ſah vor ſich ein Weſen von ſeltner, vollendeter Schoͤnheit, das, er wußte es, wenn er ihm ſeine Leidenſchaft geſtand, nicht gleichguͤltig geblieben waͤre, und doch mußten zwei kindliche Herzen, von eiſerner Nothwen⸗ digkeit gedraͤngt, ewiger Trennung entgegen ſe⸗ hben! Humza eilte unter das ſchattige Laubdach der Cypreſſen, wo er bis Mitternacht, in tie⸗ fes Sinnen verloren ſaß, und ein Seufzer die klagende Nachtigall begleitete. Als er endlich von ſeinem Traume erwachte, rief er: „uUnd follte es möͤglich ſeyn? ſollte der Koͤ⸗ nig wirklich meinem Bruder geboten haben, Zeefa’s Gatte zu werden? wenn das iſt, ſo 2³⁵ muß ich zuruͤcktreten. Ohne Guͤter des Gluͤcks — von Andern abhaͤngig— Uebermaas des Ungluͤcks! Daß ich ihr mich entdecken, von ihr, die mein Herz anbetet, das Geſtäͤndniß ihrer Gegenliebe empfangen, und mit einem Seufzer von hinnen ſcheiden duͤrfte! Doch— weg mit dieſem Gedanken! lieber will ich ſie glauben laſſen, daß ſie mir gleichguͤltig ſey, daß ihre Reize dieſes trauernde, aber treue Herz nicht geruͤhrt haben, lieber glaube ſie, ich ver⸗ abſcheue ſie, als daß ich Hoffnungen wecke, die nie in Erfuͤllung gehen koͤnnen— der Gedanke waͤre thoͤricht! Ich will ſie verlaſſen— will fliehen die Staͤtte, welche die Herrliche in ſich ſchließt, und an einem abgelegenen Orte mein Leben hinſchleppen!— Sie verlaſſen, ſagte ich? — nicht einmal ſie ſehen, weil ich mit ihr mich nicht vereinigen kann?— Unmdoͤglich! das Le⸗ ben waͤre mir unertraͤglich, wenn ich nicht im Lichtglanze ihres reizenden Geſichts mich ſon⸗ nen duͤrfte. O Zeefa! Zeefa! mit Dir darf ich nicht leben— ohne Dich kann ich's nicht!“— Lichte Streifen in Oſten verkuͤndeten den Tag, und die Sonne in majeſtaͤtiſchem Glanze aufgehend, traf Humza noch unter den Cypreſ⸗ ſen, und in frommer Andacht warf ſich der Juͤng⸗ ling nieder vor der ſtrahlenden Scheibe, und ſandte ein heißes Gebet gen Himmel fuͤrs Wohl⸗ ergehen ſeiner geliebten Zeefae.. Noch ein Tag verfloß, und Humza ſah Zeefa nur in Gegenwart ſeiner Mutter: mit Schmerz bemerkte das ſchoͤne Maͤdchen ſeine bleichen Wan⸗ 136 gen, und ſein zerſtreutes Weſen; ſie wußte, daß er ſie liebte, und ſah, daß nur der Drang der Umſtaͤnde ihn abhielt, ihr dieß zu geſtehen. Was ſollte er, der juͤngere Bruder, ohne Ver⸗ moͤgen, ohne Ausſicht? Die Tage der Feenwelt waren voruͤber, und wenn auch Leila und Mej⸗ noon**) von der mit dem Hauche ihrer Liebe gewuͤrzten Luft lebten, ſo kamen doch jezt Rang, Amt uns Ausſichten in Betracht, ehe Eltern und Vormuͤnder liebekranke Juͤnglinge eben ſo guͤnſtig beurtheilten, als ihre Toͤchter und Muͤn⸗ del. Zeefa huͤtete das Auge des Koͤnigs, und das noch wachſamere ihrer Muhme, welche nicht Humza, ſondern Zekey Khan beguͤnſtigte: ſie ſah daber ein, daß es thoͤricht ſeyn wuͤrde, den Gedanken an eine Verbindung mit Humza nach⸗ zuhaͤngen, und doch hoffte ſie, daß es ihr frei ſtehen wuͤrde, den, zu dem ſie ſich hingezogen fuͤhlte, zum Gatten zu waͤhlen, oder keinen. „Ich will,“ rief ſie,„von der Welt mich zuruͤck ziehen, und nicht von Gluͤck traͤumen, kann ich es nicht mit Humza theilen, der, wie ich nicht zweifeln kann, mich liebt, denn wenn auch ſeine Lippen mir's nicht bekannten, ſo ha⸗ ben mir doch ſeine Blicke ſeine Gefuͤhle und Empfindungen deutlicher ausgedruͤckt, als Worte es vermocht haͤtten.“ Daß er unter ihrem Fen⸗ ſter die Hand auf's Herz gelegt hatte, war nicht vergeſſen, ſondern das Andenken daran praͤgte ſich mit jedem Pulsſchlag tiefer in das *) Romeo und Julie der Morgenlaͤnder. . 2⁵⁷ liebende Herz des ſchoͤnen Maͤdchens. Hin und wieder troͤſtete ſie die Hoffnung in ihrer Ver⸗ zweiflung, und fluͤſterte ihr zu, Humza wuͤrde ſich auszeichnen, und ihre Hand ſich verdienen. In ſolchen Augenblicken fuͤhlte ſich das liebe⸗ gluͤhende Maͤdchen von Thraͤnen ſeliger Wonne umgaukelt, und durch den Glauben geſtaͤrkt, daß Alles noch nach ihrem Wunſche gehen wuͤrde. Er war am Abende eines ſchwuͤlen Tages, als Zookma, welche Grund hatte, zu glauben, Humza ſey nicht zu Hauſe, Zeefa einen Gang in den Garten vorſchlug. Sie folgte, und die argliſtige Muhme fieng an, ſich in Lobeserhe⸗ bungen ihres aͤlteren Sohnes zu ergießen, und Humza'’s gute Eigenſchaften ſo ſehr herabzuſe⸗ tzen, daß Zeefa ſie bat, ſie moͤchte dieſes Ge⸗ ſpraͤch abbrechen. „Gut, gut, mein Kind! ich will ſchweigen, nur das habe ich Dir noch zu ſagen, daß Humza einen Ehrenpoſten bei dem Heere erhalten, und heute ſich von mir verabſchiedet hat.“ „Humza fort!’“ rief Zeefa,„fort, ohne mir Lebewohl zu ſagen! 3 „Ich dachte, meine Liebe, es wuͤrde Dir unangenehm ſeyn, wenn Du ſo fruͤhe geſtoͤrt wuͤrdeſt, und ſeine Verhaltungsbefehle geſtatte⸗ ten ihm keine Verzoͤgerung.“ „Nichts mehr davon, ich bitte Dich,“ ſagte Zeefa, uͤber Humza's Benehmen aufgebracht, und bereute zugleich, daß ſie verrathen hatte, wie ſchmerzlich ihr die Sache ſey. Ihre Mubh⸗ me dagegen verſicherte ihr, ihr theurer Sohn 256 Zekey Khan, den ſie am folgenden Tage zuruͤck erwarte, werde ihr Humza's Stelle erſetzen. Unterdeſſen waren ſie an das Haus zuruͤck ge⸗ kommen, und wollten eintreten, als Zeefa, durch ein Geraͤuſch in der Naͤhe aufmerkſam gemacht, ſich umwandte, und Humza erblickte, der eine bittende Stellung angenommen hatte, und dadurch ſeinen Wunſch, daß ſie ihm eine Unterredung mit ihr geſtatten moͤchte, auszu⸗ druͤcken ſchien. Sogleich ſchwand ihr Unmuth, und ſie beſchloß, ihm ſein Verlangen zu ge⸗ waͤhren. Sie wandte ſich deßwegen gegen ihre Kuhme, und ſagte:„wenn Du es erlaubſt, ſo will ich noch einige Zeit mich ergehen, ich fuͤhle mich ſehr matt, die friſche Luft wird mich erquicken.“ „ Gehe nur,“ verſezte Zookma, in der Mei⸗ nung, Humza ſey ferne,„aber bleibe nicht zu lange aus.“ Mit gefluͤgelten Schritten eilte Zeefa den Cypreſſen zu, wo bald darauf auch Humza ſich einfand, der ihr in den waͤrmſten Ausdruͤcken dafuͤr dankte, daß ſie ihm Gelegenheit verſchafft habe, ihr Lebewohl zu ſagen. Dann eroͤffnete er ihr, daß er bei der von dem Prinzen befeh⸗ ligten Reiterei eingereiht worden ſey, und ſeine Mutter auf die ſchleunige Abreiſe gedrun⸗ gen, unter dem Vorgeben, daß er ſich unver⸗ zuͤglich in Schiraz einzufinden habe, weil der Koͤnig gegenwaͤrtig dort ſey. „Du warſt alſo ungehorſam,“ ſagte Zeefa, 2⁵9 „dieß laͤßt, denke ich, faͤr Deine kuͤnftige Folg⸗ ſamkeit wenig hoffen.“ „Konnt ich— vielleicht auf immer— ſchei⸗ den, ohne ein Lebewohl von Deinen ſchoͤnen Lippen,“ verſezte der Juͤngling.„Nur, wenn ich aus Deinem ſchoͤnen Munde den Wunſch, daß mir's wohl moͤge gehen, vernommen, fuͤhle ich mich zur Tapferkeit entflammt, wenn ich weiß, daß Du an meinem Gluͤcke Theil nimmſt, wird meines Armes Staͤrke verdoppelt, werd ich wie ein Loͤwe ſtreiten im Dienſte meines Fuͤrſten.“. „Genug, Humza,“ ſagte das Maͤdchen: „Du weißt, daß ich an Deinem Wohle An⸗ theil nehme, vielleicht mehr, als ich ſollte.“ „Nein, ſprich nicht ſo, theuerſte Zeefa, jede meiner Handlungen ſoll beweiſen, daß ich Dei⸗ ner Achtung wuͤrdig bin.“ So fuhren die Beiden noch eine Zeitlang zu ſprechen fort, bis ſie endlich einander ge⸗ genſeitig ihre Leidenſchaft geſtanden, und ſich ewige Treue ſchwuren, und als endlich die Ab⸗ ſchieds⸗Stunde ſchlug, trennten ſie ſich mit ſchwe⸗ rem Herzen. 4. Beim Nachhauſegehen glaubte Zeefa Fuß⸗ tritte zu hoͤren.„Himmel l dachte ſie,„ſoll⸗ ten wir belauſcht worden ſeyn? wie unvorſich⸗ tig, daß wir dieſer Gefahr uns ausſezten l⸗ Indeſſen traf ſie ihre Muhme in ihrem Ge⸗ mache, mit freundlicher Miene, was ihre Be⸗ ſorgniſſe um Vieles verminderte. Es wurde Kaffee gebracht, und da das Geſpraͤch auf Ge⸗ 240 genſtaͤnde kam, welche mit Zeefa's Gedanken nicht zuſammenſtimmten, ſo begab ſie ſich bald zur Ruhe.— So baͤld Zeefa ihre Muhme verlaſſen hatte, bat Sheik Abdoolah, der Gaͤrtner, vorgelaſſen zu werden, und wurde ſogleich von Zookma angenommen. Nachdem er ſich verbeugt hatte, theilte er ſeiner Gebieterin das im Garten von ihm belauſchte Geſpraͤch zwiſchen Zeefa und Humza mit. Zookma gerieth außer ſich vor Wuth, und fuͤhlte ſich im erſten Augenblicke ſtark ver⸗ ſucht, auf das Zimmer ihrer Nichte zu eilen, und dieſer ihre Falſchheit und Hinterliſt vor⸗ zuwerfen; doch bei naͤherem Erwaͤgen beſchloß ſie, ſich zu ſtellen, als wuͤßte ſie nichts von dem Vorgefallenen, damit Zeefa keinen Verdacht wegen der zu ergreifenden Maaßregeln ſchöpfen ſollte. Dieſe beſtanden in nichts Geringerem, als daß Zeefa ſogleich entfernt, und Zekey Khan ganz in die Haͤnde geliefert werden ſollte, der ſie dann, wie zu erwarten ſtund, endlich be⸗ wegen wuͤrde, ihm die Hand zu reichen. Die⸗ ſen Plan theilte ſie am folgenden Tage ihrem Lieblingsſohne nebſt demjenigen mit, was ihr von dem Gaͤrtner hinterbracht worden war. Zekey Khan wuͤthete vor Zorn und Eiferſucht, als er hoͤrte, wie gluͤcklich ſein Bruder Humza geweſen, und ging freudig in die Plane ſeiner Muftter ein. Die groͤßte Schwierigkeit beſtand, jedoch darin, daß aller Verdacht vermieden wuͤr⸗ de, es mußte daher das Vorhaben zu einer Zeit ausgefuͤhrt werden, wo man wußte, daß Zekey Khan Khan abweſend ſey. Nadir Shab's Unterneh⸗ mung gegen Indien bot jeden Edlen des Lan⸗ des Gelegenheit dar, ſich auszuzeichnen, und ſeine Anhaͤnglichkeit an den König zu beweiſen. Shamil Beg und Zekey Khan waren unter den Erſten, welche ihre Dienſte anboten, die auch ſogleich angenommen wurden, und Humza, als Offizier bei der Reiterei, folgte natuͤrlich ſeinem Generale ins Feld. So blieb Zeefa ganz unter Aufſicht ihrer Muhme Zookma— eine erwuͤnſchte Gelegenheit fuͤr dieſe, das Maͤdchen an einen bequemen Platz in Sicherheit zu bringen. Hum⸗ za beſchloß, vor ſeinem Abgang ſeine geliebte Zeefa noch einmal zu ſehen; zu ſeinem Erſtau⸗ nen machte ſeine Mutter gar keine Einwendung dagegen, daß er ſie ſprechen ſollte, und ließ die Liebenden mehr als einmal allein. Er ahnte nicht, was ſeine Mutter im Sinne fuͤhrte. Die Argliſtige hatte lange ſchon beſchloſſen, Humza anzuklagen, daß er ſeine ſchdne Baſe mit Ge⸗ walt entfuͤhrt habe: ſie beguͤnſtigte deßwegen dieſe Beſuche, um ihrer Beſchuldigung einen Schein zu geben. Die Liebenden ſagten ſich Lebewohl, es ſchien eine Treunung auf ewig, ſie durften nicht hof⸗ fen, einander wieder zu ſehen. Zeit, Entfer⸗ nung, Gefahren machten Zeefa zittern, und mit Tbraͤnen in den Augen und gepreßtem Hexr⸗ zen ſah ſie ihren Geliebten ſcheiden. Zekey Khan nahm kalt Abſchied, ihr Oheim Shamil „Beg dagegen war ſo ſehr beſchaͤftigt, daß er ſich nicht perſonlich von ihr verabſchieden konnte, Ind. Serail. III. 11 242 ſondern ſie in einem Briefe von ſeiner Abreiſe in Kenntniß ſezte, und ſte bat, ſich dem Willen ſeiner Gattin Zookma zu fuͤgen, welche ſein ganzes Vertrauen beſitze. Mehrere Tage lang ſchloß ſich Zeefa in ihr Zimmer ein, und gab ſich dem tief⸗ ſten Schmerze hin. Ungefaͤhr einen Monat nach dem Abzuge des perſiſchen Heeres, erging ſie ſich im Garten auf dem Wege, wo ihr Humza ſeine Lie⸗ be bekannt hatte, als ſie aus der Ferne mehrere Stimmen hoͤrte. Der Ton derſelben war ſo un⸗ gewoͤhnlich, daß ſie ſehr in Angſt gerieth, und dem Hauſe zugehen wollte, als ſie ſich ploͤtzlich von vier Maͤnnern ergeiffen ſah, welche ſie, ohne auf ihr Ge⸗ ſchrei zu achten, durch eine kleine, abgelegene Thuͤ⸗ re in ein nahes Gehoͤlz ſchleppten, wo einer von den Maͤnnern ſie auf ein Pferd hob, ſich hinter ſie aufſchwang, und mit ſeinen gutberittenen Beglei⸗ tern davon ſprengte. Vergebens beſchwor ſie die Maͤnner, ſie in Freiheit zu ſetzen, ſie jagten ihre Pferde durch Wald und uͤber ſteinigen Boden, und machten nicht Halt, bis die Dunkelheit das Wei⸗ terziehen unmoͤglich machte. Zeefa, die ganz er⸗ mattet war, wurde Speiſe angeboten, ſie konnte aber nur einen Becher kaltes Waſſer genießen. Man entdeckte eine Huͤtte, in welcher fuͤr das er⸗ muͤdete Maͤdchen aus Pferdedecken ein Lager be⸗ reitet wurde, waͤhrend die Maͤnner außen als Wa⸗ che ſtehen blieben. Was konnten dieſe Maͤnner im Sinne haben? Wer hatte ſie für dieſe Gewaltthat beſoldet? Zekey Khan nicht, der war ferne. Doch — als ſie der Worte gedachte, die er in der Wuth geſprochen, und des furchtharen Ausdrucks ſeines — 24³ Geſichtes dabei, ſo faßte ſie ſtarken Verdacht, daß er es ſey, der ſie ſeiner Mutter entfuͤhren laſſe. Rettung war unmoͤglich, und traurig er⸗ gab ſich Zeefa in ihr Schickſal. Sobald der Tag graute, erhoben ſich die Maͤnner, um weiter zu ziehen; ſo ging es meh⸗ rere Tage, bis ſie Busrah erreichten, wo ſie ihre ſchoͤne Gefangene in ein abgelegenes finſte⸗ res Haus brachten.— Vierzehntes Kapitel. Die blutigen Thaten Nadir Shah's in Hin⸗ doſtan ſind zu bekannt, als daß ſie einer Wie⸗ derbolung beduͤrften; wir brauchen nur zu ſagen, daß Humza ſich in einer Schlacht ſo ſehr aus⸗ gezeichnet hat, daß der Koͤnig ſich veranlaßt fand, ihm eine Bitte an ihn um die Erfuͤllung irgend eines Wunſches zu erlauben. Der Juͤng⸗ ling bat mit gebeugtem Knie um des Fuͤrſten feierliche Beſtaͤtigung ſeiner Verbindung mit der liebenswuͤrdigen Zeefa.— „Deine Bitte iſt erfuͤllt,“ rief der Koͤnig, „vorausgeſezt, daß Zeefa ſelbſt darein willigt. Aber ihr Oheim hat mir zu wiederholtenmalen von ihrer Liebe zu Deinem Bruder, Zekey⸗Khan geſagt, zu deſſen Gunſten ich beinahe entſchie⸗ den haͤtte; doch, da nur Tapferkeit die Schoͤne verdient, ſo ſey der Preis Dein, wenn Du ihn gewinnen kannſt.. Der entzuͤckte Humza erhob ſich unter den 11** 244 Gluͤckwuͤnſchen der ihn umgebenden Hoͤflinge. Die Neuigkeit gelang bald zu den Ohren Sha⸗ mil Begs und Zekey Khans. Der leztere ſchwur einen ſchrecklichen Eid, nie es zuzulaſſen, daß Zeefa Humza's Weib werde, oder ſo viel moͤg⸗ lich dazu beizutragen, ſie auf immer ſeinen Au⸗ gen zu entziehen. Daß ſeine Mutter den Plan der Entfernung ausgefuͤhrt habe, daran zwei⸗ felte er nicht; aber vor der Ruͤckkehr des Kb⸗ 2 1 nigs war ihm bange, der ohne Zweifel, wenn Hnunmza ihn darum baͤte, nicht allein Zeefa ent⸗ decken, ſondern auch den Anſtifter der ganzen Gewaltthaͤtigkeit erfahren wuͤrde. Zu rechter Zeit kehrte der Koͤnig, ſtolz auf ſeine Siege, und ſatt des Blutvergießens und der Grauſamkeiten, nach Perſien zuruͤck. Humza eilte auf den Fluͤgeln der Liebe zu ſeiner gelieb⸗ ten Zeefa; aber er fand ſie nicht. Seine Mut⸗ ter erzaͤhlte ihm mit geheucheltem Schmerz ihr raͤthſelhaftes Verſchwinden. Ihrem Manne ſo⸗ gar wagte ſie nicht, die Wahrheit zu entdecken, ſo ſchaͤndlich war ihr Betragen in dieſer Sache, und vor Zekey Khan bereute ſie es, an der Sache Theil genommen zu haben, beſonders als ſie von den ausgezeichneten Gunſtbezeugun⸗ gen hoͤrte, die Humza von dem Kdonige erhielt. Zekey Khan wandte ſeine ganze Beredt⸗ ſamkeit auf und bat ſeine Mutter, ruhig zu ſeyn; denn was auch immer ſein Schickſal ſeyn moͤge, ihren Namen werde er immer gebeim halten. Humza bat ſeinen Fuͤrſten um Mit⸗ wirkung zur Entdeckung ſeiner ſchoͤnen Baſe, und — 245 der Koͤnig erließ die betreffenden Befehle durch ſein ganzes weites Reich. Zekey Khan ging, um allen Verdacht von ſich abzuwenden, mit einem Haufen Maͤnner aus, und nahm abſichtlich ſei⸗ nen Weg nach Busrah, wo er nach ſeiner Ankunft von ſeinen treuen Miethlingen erfuhr, daß Zeefa ſicher und wohlbehalten ſich an dem verborgenen Orte, an den ſie ſie gleich anfangs gebracht ha⸗ ben, befinde. Zekey Khan, der bei den ſtren⸗ gen Nachforſchungen, die der Koͤnig anſtellen ließ, ſehr auf ſeiner Huth ſeyn mußte, war in Verlegenheit, wie er ſeine ſchöne Baſe in Si⸗ cherheit bringen, und doch zugleich jeden Ver⸗ dacht von ſich entfernen koͤnnte. Ueberzeugt, daß in Perſien kein Ort ſicher ſey, machte er mit einem arabiſchen Kapitaͤn eines Kauffarthei⸗ ſchiffes, um eine Fahrt nach Indien einen Han⸗ del, indem er ihm berichtete, daß ſeine Schwe⸗ ſter eine Mißheirath eingehen wolle, und daß er ſie daher gerne auf einige Zeit von dem Gegenſtand ihrer Leidenſchaft entfernen moͤchte, mit dem Verſprechen, ihr in kurzer Zeit nach⸗ zufolgen. Der Kapitaͤn ging die Sache ein, und die huͤlfloſe Zeefa wurde in der ſtillen Stunde der Mitternacht an Bord ſeines Schiffes ge⸗ bracht. Der Kapitaͤn war angewieſen worden, ſie nach Calcutta zu bringen, und einem angeſe⸗ henen, reichen Kaufmann in dieſer Stadt zu uͤbergeben, an den ihm Zekey Khan einen hof⸗ lichen Brief mitgab. 1 Kaum hatte das Schiff die Anker gelichtet, als Zekey Khan erfuhr, daß ſein Bruder Humza 246 mit einem zahlreichen Haufen in Busrah an⸗ gekommen ſey, nachdem ſeine Nachforſchungen in einer entgegengeſezten Richtung fruchtlos ge⸗ veſen waren. Der liſtige Zekey Khan begab ſich ſogleich zu ſeinem bekuͤmmerten Bruder, und ſagte ihm, er habe beſtimmte Nachricht erhalten, daß Zeefa, oder wenigſtens ein Frauen⸗ zimmer, deren Beſchreibung ganz mit ihrer Per⸗ ſon uͤbereinſtimme, nach Bagdad entfuͤhrt wor⸗ den ſey.„Wir wollen nun eilen,“ ſagte er, „ſie zu befreien.“. Humza, entzuͤckt uͤber die zwar ferne Aus⸗ ſicht, ſeine geliebte Zeefa wieder zu ſehen, trat ſogleich die Reiſe nach Bagdad an, in Beglei⸗ tung des liſtigen Zekey Khan, der ſich das An⸗ ſehen gab, als nehme er nicht weniger eifrige Theilnahme an der Sache. Er war jedoch weit entfernt, ſeinen Bruder, von deſſen fruchtloſen Bemuͤhungen er nur zu ſehr uͤberzeugt war, durch die Wildniſſe Ara⸗ biens zu begleiten, und nach einem Marſche von zwei Tagen ſchuͤzte er eine Krankheit vor, bebielt nur einen einzigen treuen Begleiter bei ſich, und gab den uͤb igen ſeiner Leute die An⸗ weiſung, Humza zu folgen, dem er ſein Un⸗ germoͤgen, weiter zu gehen, klagte, jedoch ver⸗ ſprach, ſeine Nachforſchungen nach einer andern Richtung hin fortzuſetzen, ſobald es ihm ſeine Geſundheitsumſtaͤnde erlauben wuͤrden. Nichts argwoͤhnend, nahm Humza zaͤrtlichen Abſchied von ſeinem Bruder, und ſezte ſeinen Weg nach Bagdad fort.. 8 —. —— 247 Die Krankheit Zekey Khans war von kur⸗ zer Dauer; er kehrte mit ſeinem Begleiter nach Schiraz zuruͤck, wo er die Ankunft des Koͤnigs vernahm. Er benachrichtigte ſeinen Fuͤrſten von dem ſchlimmen Erfolg ſeiner Bemuͤhungen, aͤu⸗ ßerte aber die zuverſichtlichſte Hoffnung, daß ſein Bruder Humza auf jeden Fall ſeine ge⸗ liebte Baſe wieder finden werde; zugleich erbot er ſich, nach Hindoſtan zu reiſen, wenn ſein koͤniglicher Herr ihn mit ſeinem koͤniglichen Fir⸗ man an den Kaiſer von Delhi verſehen wollte. Nadir Shah, der nichts unverſucht laſſen wollte, ließ einen Firman ausfertigen, der den Befehl an die Statthalter in ganz Indien ent⸗ hielt, aus allen Kraͤften zu Zeefa's Entdeckung mitzuwirken, mit dem Beifuͤgen, daß der Ue⸗ berbringer befaͤbigt ſey, ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen, und an ſeinen Hof in Perſien zu bringen. Zekey Khan licß ſich nicht traumen, daß er je in die Nothwendigkeit verſezt wer⸗ den koͤnne, von dieſer Urkunde Gebrauch zu machen. Er kam in Begleitung ſeiner Diener, die, wie er wohl wußte, mit den meiſten ſei⸗ ner liſtigen Anſchlaͤge bekannt waren, und die er daher nicht ohne Gefahr zuruͤcklaſſen konnte, in Calcutta an, wo er mit der hoͤchſten Unge⸗ duld die Wohnung des Kaufmanns aufſuchte, unter deſſen Aufſicht er, wie er glaubte, die lie⸗ benswuͤrdige Zeefa finden wuͤrde. Aber wie groß war ſein Verdruß, als er von dem Kaufmann vernahm, daß eine ſolche Perſon ihm nicht uͤber⸗ geben worden, und daß auch der Kapitaͤn des 248 grabiſchen Schiffes nie zu ihm gekommen ſey. Zekey Khan war nun in der groͤßten Verlegen⸗ beit, was er thun, oder wohin er ſich wenden ſollte. Er verfluchte den arabiſchen Kapitaͤn, rannte durch die Stadt, in der Hoffnung, ihn noch zu treffen, erfuhr aber, daß er ſchon vor einigen Tagen nach Mocha abgeſegelt ſey. Jezt ſchien ihm nichts mehr uͤbrig zu blei⸗ ben, als auf dem naͤmlichen Schiffe, auf dem er gekommen war, wieder nach Perſien zuruͤck⸗ zukehren; er kam zu dieſem Ende mit dem Be⸗ fehlshaber des Schiffes uͤberein, der ihm ver⸗ ſprach, abzuſegeln, ſo bald er ſeine Geſchaͤfte beendigt haben wuͤrde. Jeder Tag war fuͤr den ungeduldigen raſt⸗ loſen Zekey Khan ein Jahr; endlich kam der fuͤr die Abfahrt beſtimmte Tag, und ſie ſchie⸗ den mit einem guͤnſtigen Winde von den Ge⸗ natei Hindeſtans. Dech Zekey Khan war be⸗ ſtimmt, nich einmal einen Theil dieſer Gegend zu befuchen; denn ein furchtbarer Sturm zwang den Kapitaͤn, in den Hafen von Surat, in der Provinz Guzrat, einzulaufen, wo einige Wo⸗ chen erforderlich waren, um das leck gewordene Schiff auszubeſſern. Da Zekey Khan fand, daß die Einwohner mit Abſcheu auf einen Sheah blickten, ſo nahm er vorſichtshalber ſeine Woh⸗ nung in einem abgelegenen Theil der Stadt, nahe bei der Behauſung Mhadeo Guru’s, des ſternkundigen Braminen. Von dieſem Mann, mit dem er zufaͤllig zuſammentraf, hoͤrte er von einer perſiſchen Dame, die ſich in des Nuwabs . — 249 Palaſt befinde, und als dieſer die Zeit genau angab, zu welcher ſie von dem arabiſchen Ka⸗ pitaͤn verkauft worden war, zweifelte er nicht, daß es Zeefa ſey, die er ſuchte. Jezt, dachte er, wird mein Firman hoͤchſt nothwendig ſeyn; dieſer Nuwab ſoll ſich nur widerſetzen, wenn er es wagt! Zekey Khans Vermuthung war wirk⸗ lich gegruͤndet; es war Zeefa, die in dem Pa⸗ laſte wohnte. Der Kapitaͤn, der ſich verbind⸗ lich gemacht hatte, ſie zu dem Kaufmann in Cäleutta zu bringen, hatte gelegenheitlich Su⸗ rat beſucht, und konnte den reizenden Anerbie⸗ tungen, die ihm von dem Cotwall gemacht wur⸗ den, und den noch groͤßern des Deewan nicht widerſtehen, ſondern ließ das ſchöne, ſeiner Auf⸗ ſicht auvertraute, Maͤdchen hier zuruͤck, und ſe⸗ gelre ohne ſie nach Calcutta. 4* Zekey Khan ſuchte vergebens die ſchoͤne Per⸗ ſerin zu Geſicht zu bekommen. Eines Morgens ſtellte er ſich unmittelbar vor den Palaſt hin, zund war eben eifrig damit beſchaͤftigt, zu uͤber⸗ legen, auf welche Art er ſich Gewißbeit ver⸗ ſchaffen konnte, ob die Perſerin wirklich ſein jaͤschen Zeefa ſey, als er, wie ſich unſere Le⸗ ſer noch erinnern werden, von dem hoͤflichen, gutaktigen Buxoo, dem Barbier, angeredet wur⸗ de: eine Gefaͤlligkeit, fuͤr die er von Zekey Khan gepruͤgelt wurde, der in Folge dieſer unbeſon⸗ „nenen Beleidigung gendthigt war, ſich mehr als 3ie zuruͤckzuziehen, und nur ſelten bei Tag aus⸗ ugehen konnte. Seinem Diener hatte er bereits ſſeine Entdeckung und ſeine Vermuthungen mit⸗ 250 getheilt; ſie entwarfen daher mit einander ei⸗ nen Plan, durch den alle Zweifel über die Sache beſeitigt werden mußten. Der Sclave wurde bekannt mit einer der Matronen des Zenana; dieſer gab er ein Schrei⸗ ben, das ſie, als kaͤme es von Humza, Zeefa uͤberreichen ſollte. Die gewandte Matrone brachte bald eine Antwort, die Zekey Khan ſogleich uͤberzeugte, daß ſeine Vermuthungen gegruͤndet waren. Durch das Vorgeben, ſie aus ihrem Gefaͤngniß zu befreien, hatte Zeefa ſich beſtim⸗ men laſſen, die Bitte ihres Humza(denn von ihm, glaubte ſie ja, ſey das Schreiben), zu gewaͤhren, naͤmlich die Bitte, ihre entſchei⸗ dende Antwort fuͤr den Nuwab hinaus zu ſchie⸗ ben; und ſo hielt ſie, auf Zekey Khans Antrieb, um die Erlaubniß an, den Mohamed⸗a⸗baugh⸗- Palaſt beſuchen zu duͤrfen, wo, nach dem im Voraus entworfenen Plane, ihr Traghette von einem Haufen bedungener Burſche aufgeriſſen wurde. Zekey Khan hatte Gruͤnde, ſeine Baſe nicht ſogleich zu fordern; er mußte vorher ge⸗ naue Nachrichten von dem Stand der Dinge in Perſien erhalten haben, da es nicht in ſei⸗ nem Plane lag, Zeefa vor den Thron des Ko⸗ nigs zu fuͤhren, und ſie dann vielleicht als Gat⸗ tin ſeines verhaßten Bruders Humza zu ſehen. Er wartete daher geduldig, in der Hoffnung, waͤhrend der Zeit, in welcher der Nuwab die Geſchichten ſeiner Leute anhorte, von dieſer Seite naͤhere Kunde zu erhalten. Endlich kam ein Schiff von Busrah an, durch deſſen Kapitaͤn —. — 251 er Nachrichten erhielt, die von der Art waren, daß er ohne Aufſchub ſeine ſchoͤne Baſe offen zuruͤckzuverlangen beſchloß, was er auch auf die oben erzaͤhlte Weiſe that. Kaum hatte der in⸗ diſche Kaufmann ſeine Geſchichte begonnen„ als Zekey Khan ungeſtuͤmm bei dem Nuwab eine Audienz verlangte. Der Eindruck, den ſeine Erſcheinung auf Zeefa machte, iſt bereits er⸗ waͤhnt worden; ſchwer iſt es, den Aerger und Verdruß des Nuwab zu beſchreiben. Der Fir⸗ man, daran zweifelte er nicht, war aͤcht, aber den Abſcheu, mit dem die ſchoͤne Perſerin ſei⸗ nen Ueberbringer empfing, wußte er ſich nicht zu erklaͤren. Er ſchob es daher auf, eine ent⸗ ſcheidende Antwort zu geben, bis er ſich mit ſeiner angebeteten Mheitab uͤber die Sache be⸗ ſprochen haben wuͤrde. Von ihr erfuhr er die oben angefuͤhrten Umſtaͤnde, und begriff nun ihre Abneigung gegen ihren Vetter Zekey Khan; er war nun entſchloſſen, ihm die Jungfrau nicht zu uͤbergeben. Gerade dachte er auf einen Vor⸗ wand, den gebieteriſchen Befehl Nadir Shah's zu umgehen, als man ihm meldete, Moye⸗ed⸗ din wuͤnſche eine Audienz. Der Nuwab ließ ihn ſogleich vor, und der eifrige Deewan bat, nachdem er ſeine Verbeugung gemacht hatte, Seine Ho⸗ heit um geneigtes Gehor, da er ihm etwas mit⸗ zutheilen haͤtte. Es wurde ihm gewaͤhrt, und er begann alſo: „Mag es Deiner Hobeit gefallen, ich nehme großen Antheil an der Geſchichte mit der Per⸗ ſerin in dieſem Palaſt, und alſo auch an Dei⸗ 1⁵2 ner Abneigung, die Befehle des maͤchtigen Na⸗ dir Shahls zu erfuͤllen. Ich habe eine Nach⸗ richt eingezogen„die Dich, denke ich, ob ſie nun wahr iſt oder nicht, berechtigen kann, die Her⸗ ausgabe der ſchoͤnen Jungfrau zu verweigern.“ „Ach, wirklich! und das iſt? Sey kurz, Moye⸗ed⸗din.“ „Mein Herr, als ich eben gegen Anbruch der Nacht mich entfernen wollte, wurde mir gemeldet, daß ein Perſer im Augenblick vorge⸗ laſſen werden wolle; da ich glaubte, es ſey der naͤmliche Mann, den Deine Hoheit am naͤm⸗ lichen Tage ſchon einmal vorgelaſſen hatte, ſo wieß ich ihn ab; doch die dringenden Bitten des Mannes vermochten mich endlich zu dem Befehl, ihn vorzulaſſen; der Perſer war, wie ich bald entdeckte, nicht der, der Deiner Ho⸗ heit den Firman uͤbergeben hatte, ſondern ein kurzer, ſtarker, uͤbel ausſehender Kerl, der ſich Ghuzzub Ali nannte.“ „Ich bin gekommen, Herr,“ ſagte er,„um eine Handlung der Gerechtigkeit und der Rache zu vollbringen.“ „Ich ſtuzte, aber er fuhr fort, und gab mir vollen Aufſchluß uͤber das geheimnißvolle Dunkel, das uͤber der Perſon der ſchoͤnen Jung⸗ frau ſchwebt, die Dich ſo ſehr gefeſſelt hat.“ „Ich weiß laͤngſt alles,“ unterbrach ihn der Nuwab;„ſie hat es mir ſelbſt geſagt.“ „Dann, mein Herr, habe ich nicht noͤthig, die Geſchichte zu wiederholen; nur denke ich, iſt pier nach etwas⸗ was die Jungfrau ſelbſt 2⁵⁵ nicht weiß, etwas, was ſie ſich gewiß nicht traͤumen ließ, und der iſt, daß Zekey Khan ſchaͤnd⸗ licher Weiſe ſeinen Bruder Humza ermordet hat.“— ☛ 1 5 „Wie, iſt es moͤglich, Moye⸗ed⸗din?— dieſe Nachricht wag' ich nicht ihr zu bringen.“ „Ja gewiß, mein Herr; aber es gibt dieß einen guten Vorwand für Dich, dem Firman vom perſiſchen Hofe nicht zu gehorchen.“ „Aber, Moye⸗ed⸗din, koͤnnen wir uns auch auf die Aechtheit dieſer Nachricht verlaſſen 2 „Ich denke, wohl; der Mann, der ſie mir brachte, iſt der vertrauteſte Diener Zekey Khans, der ſehr unvorſichtiger Weiſe den Mann in's Geſicht ſchlug, ſo daß dieſer nun nach einer Gelegenheit, ſich zu raͤchen, durſtet; er ſchwoͤrt, gehoͤrt zu haben, wie ſein Herr einem Kerl, Namens Kummil Khan, ehe er ſeinen Bruder auf dem Weg nach Bagdad verließ, den Befehl gab, dieſen zu ermorden; dieſer Kummil Khan wuͤrde, wenn er an dem Hof des perſiſchen Mo⸗ narchen heimlich verhoͤrt wuͤrde, die ganze Sache eingeſtehen.“ 1— „Genug, Moype⸗ed⸗din, ergreife dieſen Ze⸗ key Khan in dem Augenblick, wo er vor mir erſcheint, um meine Antwort zu vernehmen: merke Dir wohl mein Zeichen, das ich Dir ge⸗ ben werde, wenn Du ihn feſtnehmen ſollſt; er bleibt mein Gefangener, bis ich mich mit Na⸗ dir Shah weiter uͤber die Sache werde verſtaͤn⸗ digt haben. Being dieſen Ghuzzub Ali hieher, daß ich ihn perſoͤnlich ſprechen kann, und ſorge 254 dafuͤr⸗ daß auch er unter ſtrengen Verwahrſam kommt.“ ai. Moye⸗ed⸗din machte ſeine Verbeugung und entfernte ſich, um die Befehle ſeines Herrn zu vollziehen. Er kehrte bald mit dem perſiſchen Selaven zuruͤck, der dem Nuwab die ganze Ge⸗ ſchichte erzaͤhlte, und mit den Verhaltungsmaß⸗ regeln ſchloß, die Zekey Khan dem Kummil Khan, einem beruͤchtigten Moͤrder, zur Ermordung Humzazs gegeben hatte; die Nachricht von Hum⸗ za's Tod ſey Zekey Khan durch ein Schiff von Busrah vor einigen Tagen zugekommen, worauf dieſer kein Bedenken mehr getragen habe, die ſchoͤne Zeefa von dem Nuwab offen zu ver⸗ langen. Ghuzzub Ali gab genaue Auskunft uͤber die Mißhandlungen, die er von ſeinem Herrn erduldete, an dem er ſich zu raͤchen be⸗ ſchloß, und der gegenwaͤrtige Augenblick daͤuchte ihm zur Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens am geeig⸗ netſten.— Der Nuwab entließ den Mann mit der Bitte, ſich eine Zeit lang unter Aufſicht in ſeinem Hauſe zu gedulden, bis er von Nadir Shah genauere Kunde eingezogen haͤtte. Am folgenden Tag erſchien der uͤbermuͤthige Zekey Khan vor dem Nuwab und forderte un⸗ verzuͤglich die Herausgabe ſeiner ſchoͤnen Baſe. Aber zu ſeinem groͤßten Verdruß ſah er ſich, anſtatt einer ſchnellen Vollziehung ſeines Be⸗ fehls, umringt und zum Gefangenen gemacht. Der Nuwab ließ ſich nicht einmal ſo. weit her⸗ ab, ihm die Gruͤnde fuͤr ſein Verfahren ausein⸗ ander zu ſetzen. 4 5255⁵ Das Erſte, was der Nuwab nun that, war, daß er nach einem der reichſten und angeſehen⸗ ſten Perſonen in der Stadt ſchickte, um ihn mit Depeſchen, die mit der groͤßten Sorgfalt und Genauigkeit ausgefertigt wurden, an den perſiſchen Hof zu ſchicken, woher er ſo ſchnell als moͤglich zuruͤckkehren ſollte. In der Zwi⸗ ſchenzeit brachte der Nuwab der armen Zeefa allmaͤhlig die Nachricht von dem Tode Hum⸗ za's beiz wobei er jedoch die Art ſeines Todes, wie man ſie vermuthete, verſchwieg. Zeefa wußte ſich zuerſt nicht zu faſſen, und als die Macht ihres Schmerzes ſich ein wenig gelegt hatte, ver⸗ ſank ſie in eine Schwermuth, aus der ſie nichts wieder aufzurichten vermochte.. Indeß blieb zu Surat alles ruhig. Der Nuwab war niedergeſchlagen, aber nicht finſter, waͤhrend Zeefa, Nachrichten aus Perſien erwar⸗ tend, ſich gaͤnzlich zuruͤckzog und abgeſchloſſen lebte, bald Beſorgniſſen ſich hingebend, bald der freudigen Hoffnung auf die Ankunft eines gluͤck⸗ lichen Boten, der ihr die Nachricht bringen werde, daß ihr Geliebter noch lebe, ja viel⸗ leicht, daß er auf dem Wege ſey, ſie abzuho⸗ len. Sie unterlag dieſem beſtaͤndigen Wechſel von Verzweiflung und Hoffnung, ihre Geſund⸗ heit wankte, und mit tiefem Schmerz ſah der Nuwab die Roſen auf ihren ſchoͤnen Wangen nach und nach verwelken. Der ganze Palaſt hatte ein trauriges, duͤſteres Ausſehen; man haͤtte glauben moͤge, es gelte jeder, der lache, als Verraͤther, ſo feierlich waren alle Geſichter ſei⸗ 256 ner Bewohner; nicht als ob alle uͤber den Kum⸗ mer ihres Herrn oder uͤber die welkende Ge⸗ ſundheit der ſchoͤnen Zeefa wirklich getrauert haͤtten, ſondern es war eine alte Gewohnheit unter dem Geſinde in des Nuwabs Palaſt, ſich das Geſicht ihres Herrn bei ſeinem erſten Er⸗ ſcheinen wohl zu merken, und ihrem eigenen den Tag uͤber den entſprechenden Aus druck von Freude oder Trauer zu geben. Ein Tag nach dem andern verg ing⸗ und noch immer waren keine Nachrichten aus Per⸗ ſien angekommen. Der Nuwab, von der äu⸗ ßerſten Ungeduld gepeinigt, vernachlaͤßigte alle ſeine Geſchaͤfte, und ſchloß ſich in ſeinem An⸗ derun ein. Moye⸗ed⸗din dachte eines Morgens daruͤber nach, wie er ſeinen Herrn aufheitern koͤnnte; da kam ihm der Gedanke, ihm eine Fahrt auf dem breiten Taptee vorzuſchlagenz ter trat an ſein Fenſter, von dem aus man den Fluß uͤber⸗ ſchauen konnte, um nach dem Stand des Waſ⸗ ſers zu ſehen; da bemerkte er ein ſtattliches Schiff, das eben den zweiten Schlagbaum paſ⸗ ſirte, und eben im Begriff war, anzulegen, als Bupoo, dieſe nie verſiegende Quelle von Neuig⸗ keiten, in das Zimmer trat, und ſchrie: Her iſt da Herr, er iſt endlich da.“ ¹ „Wer iſt da!“ rief ungeduldig der Deewan. „Wer? mein Herr, wer anders als Humza; ſo iſt denn die ganze Mordgeſchichte eine Luͤge; er iſt gekommen, verlaß Dich darauf, um die ſchoͤne Perſerin zu holen, und ſo iſt auf ein⸗ 1 —— 257 mal allem Deinem Kummer und Deinen Sor⸗ gen ein Ende gemacht.” 178 „Wenn das wahr iſt, Buyxoo, ſo fuͤrchte ich, ſie werden noch groͤßer werden, denn wenn den Nuwab ſchon der Gedanke, die Jungfrau herausgeben zu muͤſſen, zur Verzweiflung bringt, was haben wir zu erwarten, wenn ſie wirklich geht?“ 1 „Ja Herr, da mußt Du ihm eben eine an⸗ dere Schone ſuchen, die nicht zuvor ſchon durch Liebesbande und Liebesſchwuͤre gefeſſelt iſt. „Nein, nein, Bupoo, mich ſoll nichts mehr dahin bringen, dem Nuwab fuͤr Maͤdchen zu ſorgen; ich habe mit dieſer einzigen genug Sorge und Kummer gehabt. Denk nur an meinen Bart, der noch Merkmale von der verwuͤnſch⸗ ten Farbe an ſich traͤgt; und denk an— ach! Du weißt ſchon.“ „Ohl Herr, das war ein hoͤchſt unſeliger um⸗ ſtand; aber gewiß, es war alles ein Irrthum.“ „Gut, gut, Buxoo, ſprich nicht mehr davon; aber biſt Du's gewiß, daß Humza wirklich ange⸗ kommen iſt? 1 „Ganz gewiß, Herr; ich verſichere Dich, ich ſah ihn ſelbſt, ſo ein fein ausſebender, ſchoͤner, großer, blaubaͤrtiger Perſer; der iſt weit anders, als ſein Bruder, der garſtige Betruͤger, deſſen wuͤſte Manieren und unhofliches Betragen ich nimmer vergeſſen kann; denn er iſt's, der mich pruͤgelte fuͤr nichts, blos weil ich auf die aller⸗ hoͤflichſte Art—* „Gut, gut, ich weiß alles, Buxoo; bring 2 58⁸ mir das nicht wieder.“ Ein Diener trat jezt in das Zimmer, und meldete, daß der Dewan in des Nuwabs Palaſt kommen moͤchte. Moye⸗ed⸗din, als er in des Nuwab's Zim⸗ mer trat, ſah einen edlen Perſer, der, wie er hoͤrte, von Nadir Shah hergeſandt wurde, um die ſchoͤne Zeefa zu holen, wenn ſie ſich naͤm⸗ lich entſchließen wollte, in ihr Geburtsland zu⸗ ruͤckzukehren. Er beſtaͤtigte die Ausſage Ghuz⸗ zub Ali's, des Bedienten von Zekey Khan. Humza war wirklich nicht mehr; der von Zekey Khan gedungene Morder hatte Alles eingeſtan⸗ den, und der Konig ſchickte daher an den Nu⸗ wab von Surat den Befehl, den Verbrecher Zekey Khan in Feſſeln an ſeinen Hof zu ſenden. Der Nuwab zeigte ſich bereitwillig, dem koͤnig⸗ lichen Befehle zu gehorchen, und verordnete, daß der Geſandte waͤhrend ſeines Aufenthalts in der Stadt, koͤſtlich bewirthet werden ſollte. Der Nuwab uͤbernahm nun das Geſchäft, Zeefa die traurige Nachricht zu bringen, und nur mit Muͤhe gelang es ihm, es zu vollbringen. Zeefa ſaß da, das Bild des Schmerzens und der Ver⸗ zweiflung, und verſchmaͤhte mehrere Tage lang jede Nahrung. Doch jeder Schmerz hat ſein Ende, oder er wird wenigſtens gelindert durch die beilende Hand der Zeit: als Zeefa erfuhr, daß der Trauerbote vordem ein vertrauter Freund ihres Vaters geweſen ſey, bat ſie ihn um eine Unterre⸗ dung; er erſchien und erzaͤhlte ihr auf ihre Bitte, wie Humza auf.ewig ſeine Augen geſchloſſen habe. Als ſie einige Zeit in traurigem Schweigen da⸗ 259 geſeſſen war, ſagte ihr der Geſandte, daß er beauftragt ſey, ſie nach Perſien zu geleiten, wenn ſie entſchloſſen ſey, dahin zuruͤckzukehren. „Ich bin bereit,“ ſagte die arme Zeefa, „und werde meinen Entſchluß dem Nuwab mit⸗ theilen.“. „Ach Jungfrau!“ rief der Geſandte, der von der brennenden Liebe Jelat⸗ed⸗ din's zu ihr wuß⸗ te,„willſt Du ſeiner Hoheit alle Hoffnung neh⸗ men, ihm, der Dich bis zur Raſerei liebt.“ „Laſſe das,“ ſagte Zeefa;„ſprich mir nicht von Liebe; mein Herz gehoͤrt auf ewig— ⸗ „O, Jungfrau! ſprich nicht ſo; erlaube ſei⸗ ner Hoheit, Dich nur noch einmal beſuchen zu duͤrſen,— nur noch einmal hoͤre die wiederhol⸗ ten Verſicherungen ſeiner ewigen Treue. „Ich will ihn ſehen,“ ſagte Zeefa;„es iſt meine Pflicht, ihm fuͤr ſeine Aufmerkſamkeit, die er mir ununterbrochen bewies, zu danken; zugleich will ich ihn bitten, ſo ſchnell als moͤg⸗ lich Anſtalten zu meiner Abreiſe zu treffen; ſag ihm, ich hoffe von ihm, mit einem Beſuche be⸗ ehrt zu werden.“. 1 „Der Geſandte verbeugte ſich und trat ab; — und bald darauf erſchien der Nuwab in Zeefa's Zimmer.„Ich vermag,“ begann die ſchoͤne Trau⸗ ernde,„Deiner Hoheit nicht genug zu danken fuͤr die liebreiche Behandlung, die ich von Dir zu genießen hatte. Ich bin nun im Begriff, in mein Vaterland zuruͤckzukehren, wo ich Sei⸗ ner Majeſtaͤt, dem Nadir Shah Deine wohlwol⸗ lende und liebreiche Geſinnung ſchildern werde. 260 Und nun bitte ich Dich noch, ſo ſchnell als moͤglich ein Schiff zu meiner Abreiſe ausruͤſten zu laſſen unn inn t Der Nuwab ſprach wieder von ſeiner feuri⸗ gen Liebe zu ihr, und verſuchte es, ſie von ihrem Vorſatze abzubringen, ſie machte eine Be⸗ wegung mit der Hand und ſchien ſehr angegrif⸗ fen zu ſeyn. Der Nuwab entfernte ſich, in der Hoffnung, daß ſich ihm kuͤnftig wieder eine Ge⸗ legenheit darbieten werde, ſeine Liebe zu ſchil⸗ dern, und ging mit dem Verſprechen, den Be⸗ fehl zur eiligen Ausruͤſtung eines Schiffes zu geben. Man kann ſich denken, daß hier die Eile nicht gar groß ſeyn mochte, und in der Zwi⸗ ſchenzeit verdoppelte der Nuwab ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit fuͤr die liebenswuͤrdige Zeefa, die, wie er zu ſeiner Freude bemerkte, ihn mit immer wachſendem Wohlwollen bei ſeinen Beſuchen em⸗ pfing, und von Tag zu Tag ſich weniger unge⸗ duldig zeigte, Surat zu verlaſſen, ob ſie es gleich nie unterließ, zu fragen, wenn das Schiff bereit ſeyn wuͤrde, ſie aufzunehmen. iii „Das Schiff iſt bereit, ſchoͤnſte Zeefa,“ ſagte der Nuwab,„aber auch meine Arme ſind be⸗ reit, Dich aufzunehmen; biſt Du denn ent⸗ ſchloſſen, mich unausſprechlich ungluͤcklich zu ma⸗ chen! Mein ganzes Leben und Handeln foll Dir und Deinem Dienſt gewiedmet ſeyn; ſag nur, willſt Du jeden Gedanken an eine Ruͤck⸗ kehr nach Perſien aufgeben? Verachte nicht, mei⸗ ne Geliebte, einer ewigen Liebe, und mache mich durch ein Wort unausſprechlich gluͤcklich.“ — — 261 3 Zeefa konnte bei einem ſolchen Grade von beißer Liebe nicht ungeruͤhrt bleiben, ſie ſchwieg; als aber der Nuwab immer dringender und herzli⸗ cher bat, da verſprach ſie endlich, zu Surat zu bleiben, und ſeine Braut zu werden, unter der Bedingung, daß er ihr eine Zeit von ſechs Monaten bewillige, nur um ihren Ge⸗ liebten Humza zu trauern. Es iſt unmdglich, das Entzuͤcken des Nuwabs zu ſchildern, mit freu⸗ deſtrahlen dem Auge willigte er in die verlangte eit. Jezt blieb nichts mehr zu thun uͤbrig, als den Geſandten den Entſchluß Zeefa's aus ih⸗ rem eigenen Munde vernehmen zu laſſen. An einem feſtgeſezten Tage fuͤhrte ihn der Nuwab zu der Jungfrau, die mit reizender Beſchei⸗ denheit erklaͤrte, daß ihr die Aufmerkſamkeit des Nuwab unvergeßlich ſey, und daß ſie, ſeit das Schickſal zwiſchen ihre Verbindung mit ihrem er⸗ ſten Geliebten getreten ſey, ein ſolches Zutrauen zu dem Nuwab habe, daß ſie kein Bedenken trage, ſich unter ſeine Leitung und ſeinen Schutz zu begeben. Der Geſandte benuzte jezt die Ge⸗ legenheit, ſeine Freude uͤber das Ereigniß aus⸗ zudruͤcken, und die Vorzuͤge des Mannes, in deſ⸗ ſen Hand ſie ihr Schickſal legen wollte, zu er⸗ heben. Hierauf nahm der Geſandte Abſchied, nachdem er von Zeefa den Auftrag erhalten hatte, dem Nadir Shah in ihrem Namen fuͤr den thaͤ⸗ tigen Antheil, den er an ihrer Wobhlfahrt ge⸗ nommen habe, zu danken. Das Schiff lag be⸗ reit, und der einſt uͤbermuͤthige, jezt demuͤtbige Zekey Khan, folgte gefeſſelt dem Geſandten, be⸗ 262 gleitet von Ghazzub Ali, ſeinem Diener, der nun volle Rache an ihm genommen hatte. Moye⸗ed⸗din war, ob er gleich der ſchoͤnen Perſerim nicht los werden konnte, doch nicht weniger als ſein Herr erfreut uͤber den gluͤckli⸗ chen Ausgang, den die Sache genommen hatte, und wagte es, dem Nuwab vorzuſtellen, er habe es dem Buxpoo zu verdanken, daß er mit Zeefa bekannt worden ſey, worauf der Nuwab dem geſchwaͤtzigen Barbier eine lebenslaͤngliche Pen⸗ ſton ausſezte, und Moye⸗ed⸗din er ein reiches Khilaat oder Shredeſeft ſchenkten Die ſechs Monate, die ſich Zeefa ausbedun⸗ gen hatte, um um Humza zu trauern, waren vor⸗ uͤber, und der Tag der Vermaͤhlung wurde feſt⸗ geſezt. Da dieſe noch ziemlich ferne war, und große Zubereitungen erfordert wurden, ſo wagte es Moye⸗ed⸗din, den Nuwab zu fragen, ob die Erzaͤhlung der Geſchichten fortgeſezt werden ſollte. „Nein, nein!“ ſagte der Nuwab,„entlaß nur die Schwaͤtzer; ſag ihnen, ich ſey ſehr zu⸗ frieden, und gieb jedem 400 Rupien, als Lohn fuͤr ihre Muͤhe und ihren Zeitverluſt.“ Die Vorbereitungen zur Vermaͤhlung nahmen iezt ihren Anfang, und ſelbſt der Kaiſer haͤtte den Nuwab nicht an Glanz und Pracht uͤber⸗ treffen koͤnnen. Bettler wurden geſpeist und gekleidet, Gefangene freigelaſſen, Ehrenſtellen ertheilt und Beleidigungen verziehen. Feuer⸗ werke und Raketen und Salven koͤnten durch die Luft, waͤhrend Pauken und Trommeln und Eymbeln alle Sorgen aus der Stadt verſcheuch⸗ 26³ ten. Das Beilace ſelbſt wurde mit der groͤß⸗ ten Feierlichkeit und Pracht vollzogen, und das gluͤckliche Paar kehrte in den Mohamed⸗a⸗baugh⸗ Palaſt zuruͤck, um hier bei Silberquellen und in ſchattigen Hainen ſich ihrer Liebe zu freuen. Bupoo erſchien jeden Monat vor dem Nu⸗ wab, ihm ſeinen unterthaͤnigſten Dank fuͤr ſeine Penſion zu ſagen, und bisweilen wollte der Nu⸗ wab von ihm eine unterhaltende Geſchichte ver⸗ langen, aber die liebliche Stimme und die aus⸗ gezeichnete Schoͤnheit Zeefas ließ ihm nun we⸗ nig mehr von ſeinen Mußeſtunden uͤbrig. (Ende des dritten und lezten Bandes.) 43