— 8 8 8 Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Mor⸗ ens 7 Uhr 3 Abends 8 11 r offen. he 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für mhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: eſetzt und wird Weiterverleihen igen, welche die⸗ afür zu ſtehen haben. 3 3 — ——yy— Das indiſche Serail oder Mußeſtunden eines Nuwab. H Zweiter Banſd. Im Verlage der Gebruͤder Franckh in Stutt⸗ gart erſchienen folgende ſehr empfehlens⸗ werthe Schriften: Aus dem Leben und den Memoiren einer weiblichen Caſanova, wie ſie es ſelbſt in Paris im Jahr 1827 niedergeſchrieben, oder Bekenntniſſe einer ſchönen Frau, Erinnerungen, Anekdoten und ge⸗ heime Liebesgeſchichten von den ausgezeichnetſten Perſonen, welche zur Zeit der franzöſiſchen Repu⸗ blik, des Conſulats und des Kaiſerreichs in Europa geglänzt haben. 2 Bände. Gü he unne Papiere des Teufels. 2 Bände. Enthalten: Napoleon in der andern Welt. Eine von ihm ſelbſt geſchriebene Erzählung; gefunden zu St. Helena am Fuße ſeines Grabes. Von Xongo⸗ Tee⸗Foh⸗Tche, Mandarin der dritten Claſſe. Hauff, Wilhelm. Maͤbrchen⸗Almanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1828. Mit Kupfern. —— Noyvellen. Erſter Band. Inhalt: Die Bettlerin von Pontdes Arts.— Othello.. —— Phantaſien im Bremer Rathskeller. Lin Herbſtgeſchenk für Freunde des Weins. 8. geheftet. Jouy, Cecilie, oder de Leidenſchaften. Aus dem Franzöſiſchen. gr. 12. 3 Baͤnde. Ju⸗Kiao⸗Li, oder die beiden Baſen. Ein Gineſitäher Roman, überſetzt von Abel⸗Remuſat. Nit einer Vergleichung der chineſiſchen und euro⸗ päiſchen Romane als Vorrede. 4 Bände. gr. 42. Dleſia, oder Polen. Von Frau Lattimore⸗Clarke. Aus dem Engliſchen. 4 Bände. 8. Paul Jones, der Seeräuber für Ameri⸗ ka's Freiheit. Ein Roman von Allan Cunning⸗ ham. Aus dem Engliſchen. 8. 3 Bände. Scott, Walter, Eliſabethe von Bruce. Ein Roman. Aus dem Engliſchen. gr. 12. 3 Bände. — — — Das indiſche Serail Mußeſtunden eines Nuwab. Vom Verfaſſer des Pandurang Hari, oder Denkwuͤrdigkeiten eines Hindu. ——— In drei Baͤnden. Aus dem Engkiſchen. 0080 7 Z w eht er Ban d. rÆÆρ☛χνά☛φ☛¶☛ T‚ ꝓ XÆ&ꝙ&ꝙσσσÆρφꝙκ᷑₰φςκρꝓκάν KQ᷑Qρν:π&ꝙνσ/i2νꝓνφꝓνμρνννρ Srutrgart, dei Gebruder Franſckh. 1828. — Franckh'ſche Buchdruckerei zu Stuttgart. nn ran Das indiſche Serail.. i mn⸗ Geſchichte des B ar bierss. Erſtes Kapitel. „Merket auf, ihr Einwohner! und vernehmt den Befehl und die Verordnung des mächtigen Cazee!“ ſprach der Ausrufer der Stadt Agra, indem er durch die breiten Straßen ſchritt, und eine kleine Trommel ſchlug, deren einförmige, wohlbekannte Tone eine Menge Leute um ihn verſammelt hatten:—, Die⸗ weilen eine Jungfrau, Sooria geheißen, die Tochter Mohammed Istukbul's, des Kaufmanns; wie zu ver⸗ muthen ſteht, von einem oder mehrern Unbekannren geraubt worden, ſo wird hiemit bekannt gemacht, daß, wer Anzeigen macht, ſo auf ihre Entdeckung führen mögen, tauſend Rupien Belohnung erhalten ſoll; und ſo der Thäter oder die Thäter entdeckt und überwie⸗ ſen werden ſollten, erhält eine weitere Belohnung von fünfhundert Rupien von der Regierung, wer zu ihrer Beibringung behülflich. Ferner, ſo erwieſen würde, daß der Ort, wohin Sooria gebracht worden, jemand bekannt ſey, und ſolcher weigert ſich, Auskunft zu geben, ſoll er beſtraft werden, wie Cazee Ahmak es verordnen wird. So ſagt der Befehl.“ na Unmittelbar hinter dem Ausrufer gieng nieder⸗ geſchlagen und traurig ein junger Mann, welcher an der Bekanntmachung beſondern Antheil zu nehmen ſchien, und der, wie die gaffende Menge erſah, Azum war, ein junger Offizier in des Nuwab's Leibgarde, dem die vermißte Sooria verlobt war, und deſſen Hochzeit in Kurzem hatte gefeiert werden ſollen. Je⸗ dermann bemitleidete ſeine Lage, und theilte ſeinen Schmerz. Drei Tage waren ſeit dem geheimnißvollen Verſchwinden der Braut verfloſſen, während welcher Zeit der bekümmerte Azum ſelbſt Tag und Nacht Nachforſchungen nach ſeiner Geliebten angeſtellt hatte. Der Vater und die weinende Mutter Soorig's waren gleichfalls unermüdet in Verſuchen, ihr verlornes Kind zu entdecken; aber Alles umſonſt,— ſie konnte nicht gefunden werden. Als das letzte Mittel wand⸗ ten ſich die betrübten Eltern an den Cazee, der ih⸗ nen auch ſogleich ſeinen Beiſtand angedeihen ließ, und da der Kaufmann ſelbſt ſich bereitwillig erklärte, eine Summe Geldes zu erlegen, wenn er dadurch ſein Kind wieder bekäme, ſo ſchlug der Kadi vor, es ſollte eine öffentliche Bekanntmachung erlaſſen werden, wodurch die Einwohner von dem Vorfalle unterrichtet und kau⸗ ſend Rupien von dem Kaufmanne, und fünfhundert von Seiten der Regierung verſprochen werden ſollten, für Beibringung der Thäter oder Angaben, welche auf Entdeckung des Mädchens führen könnten. Der Kaufmann hatte ſich hiezu verſtanden, und der Aus⸗ rufer ließ ſich mit dieſer Bekanntmachung, wie ſchon bemerkt wurde, in allen Winkeln der Stadt ver⸗ nehmen. 3 Cazee Ahmak hatte erſt ſeit Kurzem ſein Amt angetreten, nachdem ſein verehrter Vater, Cazee Ma⸗ hommed Kabil geſtorben, ein erfahrner, gelehrter 7 Mann, deſſen Tod von der ganzen Stadt betrauert wurde. Als ein rechtſchaffner unbeſtechlicher Mann, that er durch ſein Richteramt der Tyrannei der Rei⸗ chen Einhalt, während er die Rechte der Armen ſchützte und ſchirmte. Seine Gerechtigkeit verbreitete ringsum Segen, gleich den Wellen des Noorshervan. Leider war ſein Sohn und Nachfolger ſehr von ihm verſchieden. Er begann ſein Amt damit, daß er Feſte und große Gaſtereien gab; dieſe wurden oft wiederholt, und bei ſeinem angebornen Hange zur Schlemmerei, ſtieg ſeine Unwiſſenheit, und ſein Ver⸗ ſtand nahm ab, je mehr ſein Koͤrper zulegte. Dieſe immerwährenden Gaſtmahle gaben zwar ſeiner Perſon einen weiten Umfang, trugen aber nicht wenig dazu bei, ſein Erbgut, welches ohnedieß nicht groß war, zu ſchmälern; doch hatte der Cazee klüglich dafür ge⸗ ſorgt, ſich ein ſeinem Amte angemeſſnes Einkommen zu ſichern. Sein Vorrath an baarem Gelde wäre gänzlich darauf gegangen, hätte er nicht einen klugen Schatzmeiſter gehabt, welchem er auch nicht eine Ru⸗ pie über die feſtgeſetzte monatliche Ausgabe abzudingen vermochte. Dieſer Schatzmeiſter war ſeine Frau, die ihrem Manne bei deſſen zunehmender Verſchwendung Vor⸗ ſtellungen wegen der Thorheit gemacht hatte, daß er ſich ſelbſt an den Bettelſtab brächte, indem er für eine Bande undankbarer Schmarotzer offne Tafel hielte, die, wenn ſie einmal ihren Magen nicht mehr auf ſeine Koſten füͤllen könnten, für immer wegblei⸗ ben würden. Es gelang ihr in einem günſtigen Au⸗ genblicke, wo der Cazee ſich gerade weniger überladen hatte, und mehr als gewöhnlich für Überzeugungs⸗ gründe zugänglich war, den Schlüſſel zum wohlver⸗ wahrten Geldkaſten zu erhalten, und nachdem ſie ein⸗ 8 mal in deſſen Beſitz gelangt war, gab ſie ihn nicht mehr zurück. Sobald ſie den Cazee ſoweit zahm ge⸗ macht fand, daß er, wenn auch ungern, ihren Wün⸗ ſchen ſich fügte, legte ſie ihm nach und nach engere Feſſeln an, bis er zuletzt voͤllig in ihrer Gewalt war, und ſie nach Gefallen mit ihm ſchaltete. Der Cazee fühlte den Einfluß, den ſie auf ihn gewonnen hatte, und verſuchte öfters, ſich dagegen aufzulehnen; allein ſein Weib Lama gab bei ihrer Klugheit und Vorſicht ſowohl in öffentlichen als häuslichen Angelegenhei⸗ ten, ſo wenig eine Blöße, daß er genöthigt war ſich unter ihren Willen zu beugen. Nachdem ſie ſich der läſtigen, gierigen Beſucher entledigt, richtete Lama ihre Aufmerkſamkeit zunächſt auf die häusliche Einrichtung des Cazee, und war auf ernſtliche Einſchränkungen bedacht, als ihr Ge⸗ mahl mit freundlichem Blicke ſich ihr näherte, der, wie ſie wohl wußte, einen Sturm auf die Börſe an⸗ deutete. Sie beſchloß ſeine Forderungen nur dann zu bewilligen, wenn er ſie von der wirklichen Nothwen⸗ digkeit ſeiner Ausgabe überzeugen könnte. „Lama,“ begann er,„ich brauche dreihundert Rupien.“ „Dreihundert Rupien, Cazee Ahmak! Um's Him⸗ melswillen, wozu dieſe ungeheure Summe?“ „Werde nur nicht böſe,“ fuhr der Cazee fort, „aber ich habe vor einiger Zeit meiner Lieblingsblume in meinem Harem einen Shawl und ein paar ſeidne Hoſen verſprochen; eben erinnert ſie mich daran, und hiezu verlange ich dieſe Summe.“ „Wirklich?“ ſagte Lama;„ganz gut, warte nur einen Augenblick, bis ich wieder zurückkomme.“ Mit dieſen Worten verließ ſie den erfreuten Kadi, und ging nicht an den Goldkaſten, ſondern nach dem von ihrem einfältigen Manne ſogennnnten Harem, ei⸗ nem alten Zimmer, worin drei ärmliche Frauen ſaßen. An die Thüre gelangt, ſprang Lama in das Gemach, und die unglücklichen Frauen eingeſchuͤchtert durch ihr ſteigendes Anſehen, kauerten ſich in einen Winkel nie⸗ der, nicht wagend, die zürnende Lama gerade anzu⸗ blicken. 3 „Kommt, kommt,“ ſagte dieſe,„enre Zeit iſt aus: du Maimonn(ſagte ſie zu einem Sclaven) gib mir deinen Stock.“ Nachdem der Rattan ihr gebracht worden, ſäumte dir entſchloſſne Lama nicht, ihn zu handhaben, und wie Maimonn Luſt bezeugte, ſie aus dem Hauſe zu werfen, trieb ſie geradezu die armen Geſchöpfe auf die Straße, und drohte ihnen mit ihrer Rache, wenn ſie ſich einfallen ließen, zurückzukommen, oder ſich je wieder im Haufe blicken zu laſſen. Mit einigen Stockſtreichen war dies geſchehen, und ſo einer ihrer Einſchränkungspläne ausgeführt; dann kehrte ſie zu ihrem Manne zurürk. „Schön! meine liebe Lama, wo iſt das Geld?“ fragte angſtlich der Cazee. „O, mein theurer Cazee, ich glaube, du wirſt jetzt das Geld nicht mehr brauchen, und wenn du in deinen Harem gehen willſt, ſo wirſt du, deuk ich dere ſelben Meinung ſeyn.“ Er wußte nicht, was ſein Weib damit ſngen wollte, erhob ſich aber, ſichtbar erſchrocken, und ver⸗ fügte ſich nach dem Heiligthume, das er völlig ver⸗ laſſen fand. Hierüber gexteth er in heftigen Zorn, und kehrte zu ſeiner Frau zurück, entſchloſſen, ſein Anſehen zu behaupten. „Schwatz' mir davon nicht;“ ſagte Lamn beharr⸗ lich,„ich ſage dir, daß es von nun an keine Shawl'’s und ſeidne Hoſen mehr in dieſem Haufe gibt, als 10 meine eignen. Du hältſt einen Harem, wahrhaftig! mich wundert, wie du nur an ſo was denken kannſt, oder daß ich ſo thöricht war, es zu dulden. Siehſt du?“ fuhr ſie fort, indem ſie einen Rattan ſchwang, verblicke ich je wieder ein Weib in dieſem Hauſe, verlaß' dich drauf, ſie ſoll das Gewicht dieſes Stockes derb genug fühlen. Soll ich durch deine Schuld an⸗ den Bettelſtab kommen 2 Pfui, ſchäme dich! bedenk dein Amt, und ſieh zu, daß du deine Würde ſicherſt. Während du deine Zeit in deinem ſogenannten Harem zubringſt, wachſen Andere dir über den Kopf, und ſtechen dich bei Hofe aus.“ „Nein, Frau, das glaube ich nicht fürchten zu dürfen.“ „Nein, du ſiehſt das Unglück nie, bis es einge⸗ troffen iſt. Aber erinnere dich doch, wie albern du dich voriges Jahr betrugſt, als Syud Wukoof deine Stelle zur Rechten des Moolah einnahm, wie man am Eadgar nach dem Ramazan die Gebete verlas, an dieſem wichtigen Tage, wo jedermann ſo ſehr auf ſeinen Rang und ſeine Würde hält. Nun kommt der Ramazan wieder, und du wirſt ruhig die Stelle, die dein Vater immer einnahm, und vor ihm alle Cazee's von dem verſchlagenen Syud dir entriſſen ſe⸗ hen; ſo daß er mit der Zeit ſeine Anſprüche darauf befeſtigt. Schäme dich, Schlingel! geh, und mache, daß du dein Recht behaupteſt, und ſchwatze mir nicht wieder von Harem's und ſeidenen Hoſen. Du Pinſel! wenn ich nicht wäre, würdeſt du zuletzt kein Geld mehr haben, für dich ſelbſt ein Paar zu kaufen. Geh, Schlingel, und mache das geſtohlne Frauenzimmer ausfindig; es iſt deine Pflicht, bekümmerten Eltern beizuſtehen. Was nützt dein Ausrufer, wenn er ſei⸗ nen verworrenen Bericht von der Sache abbrüllt? 11 Zeige dich einmal ſelbſt, und erwirb dir den Beifall der Stadt.“ So ſprechend zeg ſie ſich zurück, und ließ den Cazee in ſtummem Erſtaunen über die Entſchloſſen⸗ heit und unvergleichliche Beredtſamkeit ſeines Weibes. Als er das Zimmer verließ, begegnete ihm ſein Geheimſchreiber, der mit einem Bündel Akten auf ihn wartete, welche die Zeugenausſage über einige vorge⸗ fallne Unruhen enthielten... „Was iſt der Anfang und das Ende der Sache?“ fragte der Cazee;„dieß iſt Alles, was ich zu wiſſen brauche, dann iſt mir das Ganze klar, und dann komm' ich zu einer Entſcheidung, und dann zur Be⸗ ſtrafung; mittlerweile habe ich Zeit, eine Erfriſchung einzunehmen.“ Der Schreiber bat ihn, er möchte ſich in den Gerichtsſaal hinabbemühen, wo er ihn ſchnell mit den Aktenſtücken bekannt machen würde. „Ja, ja, ich komme; aber während wir hinabge⸗ hen, könnteſt du mich recht wohl über die Sache un⸗ terrichten.“ „Sie betrifft einen Liebeshandel, Herr, und Schläge, die der Verfübrer von dem beleidigten Ehmann bekom⸗ men hat:— der eine Theil beklagt ſich, und der andere Theil beklagt ſich.“ „Ja, das iſt eine kitzliche Sache; aber du weißt, wie ſtrenge ich in ſolchen Fällen bin; ich laſſe den Schuldigen nie durch: nein, nein! ehrlichen Leuten muß man beiſtehen.“ 3 „Wahr, Herr: aber man läugnet den Liebes⸗ handel.“ „Wen ſoll ich denn ſtrafen? Ich mag das nicht gerne. Geh, mein Lieber, und ſieh, ob du nicht ei⸗ nen gütlichen Vergleich zwiſchen den Parteien zu 12² Stande bringen kannſt: es iſt erſtaunlich, wie vielen Verdruß man dadurch erſparen kann.“ Der Schreiber that nach ſeinem Wunſche; kam aber bald wieder, und ſagte mit traurigem Kopfſchüt⸗ teln:„es geht nicht Herr, du mußt den Fall ent⸗ 4 b ſcheiden.“ 4 „Hat man je ſo etwas Argerliches geſehen? Ich wünſchte, ich koͤnnte mein Weib mit in den Gerichts⸗ hof nehmen,“ dachte der Cazee;„die würde bald die Wahrheit herausgefunden haben. Nun, ich will auf 1 jeden Fall hinuntergehen; vielleicht mache ich doch die rechte Perſon ausfindig, die geſtraft werden muß; iſt die Sache zweifelhaft, nun, dann will ich nicht ſtrenge ſeyn: wenn aber Alles klar iſt, dann ſoll der Schurke es tüchtig fühlen!“ Mit dieſem klugen Entſchluſſe nahm der gelehrte Cazee im Saale ſeinen Sitz auf ſeinem Teppiche, und nachdem er ſich ſeinen Bart ge⸗ ſtrichen, und eine gewaltig böſe Miene angenommen hatte, rief er:„Wer iſt der Kläger?“ „Ich,“ rief eine Stimme, und„Ich“ eine andere. „Was! zwei Kläger? wer iſt denn der Beklagte?“ Hierauf erfolgte keine Artwort, worüber der Cazee ganz außer Faſſung kam, weil er nicht begreifen konnte, wie zwei Kläger mit einander im Streite liegen können. Endlich ſtand der Schreiber auf, und ſagte: „Wenn es meinem Herrn gefällt, ſo will ich die Sache erklären—“ „Du mir erklären, Schlingel! Was glaubſt du denn? Meinſt du, ich begreife das Ganze nicht? Die⸗ ſer Kerl hier(auf den beleidigten Ehmann deutend) hat die Schuld, ich weiß, er hat ſie: ich ſehe es ihm an den Augen an. O du abſcheulicher Mann!“ „Herr,“ ſagte erſchrocken der Kläger,„ich komme, 1³ mich über dieſen Mann zu beklagen,“(er wies auf einen derben, trotzig blickenden Fleiſcher)„er hat mit meinem Weibe einen Liebes⸗Handel gehabt.“ „So! als ob ich das nicht wüßte!“ erwiederte der Cazee;„ich wußt's lange, ehe du ſprachſt; und wer hat dir die Erlaubniß gegeben, den Mund auf⸗ zuthun? Du biſt der Beklagte, und ſollſt dich nicht vermeſſen, ein Wort zu reden, bis der Kläger ſeine Sach ergerrazen hat.* „Nein, Herr,“ ſagte der Schreiber,„der Magere hier iſt der Kläger, und dort der Feiſte der Be⸗ klagte.“ „Freilich iſt er es! hab' ich nicht ſo geſagt? Sol⸗ che magere, dürre Kerls haben immer etwas zu kla⸗ gen. Ich wußte, daß er der Kläger war, ſo bald ich nur einen Blick auf ihn warf.“ „Aber ich, Herr,“ ſagte der Fleiſcher,„bin der Kläger.* 7 „Nein, nein,“ entgegnete der Cazee,„das iſt un⸗ möglich. Ich will, ihr ſollt mich nicht in Verwir⸗ rung bringen.“ 1 „Herr,“ ſprach der Schreiber, der die Sache ſo klar als möglich ins Licht ſetzen wollte,„beide ſind Kläger.“ „Kommſt du wieder auf das! Wie iſt es denn möglich, daß beide Kläger ſeyn können?“ „Sie klagen, Herr, über Verſchiednes, obſchon der Hauptgrund des Streites bei beiden gleich iſt, und du, Herr, haſt nun zu entſcheiden, welcher von beiden das Recht auf ſeiner Seite hat.“ „Ah! das iſt's,“ verſetzte der Cazee, um nichts klüger, als zuvor;„gut denn, laß den Dicken anfan⸗ gen, und hab' Acht, daß nicht beide auf einmal ſpre⸗ chen.“ 14 „err,“ entgegnete der Schreiber, der von der andern Partei bezahlt war,„der Dürre ſollte an⸗ fangen, indem—— „Still, ſag' ich! Der Dicke ſoll anfangen: ich will es ſo haben.“ Der Fleiſcher ſagte nun aus, ein Bedürfniß habe ihn am vorigen Abend in eine Schneider⸗Bude ge⸗ führt—„Der Mann da, Herr, iſt eben dieſer Schnei⸗ der ſelbſt.“ „Gut, gut, nur weiter,“ ſagte der Cazeen„ich wußte wohl, daß er ein Schneider war; wollte es auf ſein Geſicht geſchworen haben.— Weiter, lieber Mann.“ „Ganz wohl, Herr. Die Bude war geſchloſſen, und weil ich ihm ein Stück Zeug bringen wollte, um daraus Hoſen zu fertigen——“ „Schweig von den Hoſen, und komm auf die Hauptſache,“ ſiel der Cazee ein. „Gut, Herr; ich lief alſo an die Hinterſeite des Hauſes, und es war ſchon dunkel; und wie ich nie⸗ mand ſah, rief ich: He! Simpee*)!— keine Aut⸗ wort. Ich rief wieder, da öffnete ſein Weib das un⸗ tere Fenſter, glaube ich. Ich ſagte ihr, was ich wolle, und wir ſchwatzten ein wenig mit einander.“ „Ah! ſo, ſo! Nur weiter.“ 3 „Ja, Herr. Ich ſehe nichts Unrechtes darin, wenn man ein oder zwei Worte ſpricht.“ „Nein, nein! ich darf wohl ſagen, ich auch nicht.“ „Ich verlangte einen Trunk Waſſer; das Weib goß mir welches in meine hohle Hand, und ich wollte eben trinken, als ich von dieſem Mann, dem Schnei⸗ der, und drei andern von ſeiner Zunft, Leuten von —.— *) Schneider. 15 ben Hindu's, einen heftigen Schlag auf mein Hinter⸗ haupt erhielt; er ſchlug gegen eine halbe Stunde auf mich los, und lief fort, nachdem er mich ſehr miß⸗ handelt hatte. Deswegen klage ich.“ „Gut! halt' jetzt dein Maul,“ ſagte der Cazee, nund ruf' den Schneider her, den Beklagten.“ „Herr,“ ſagte der Schneider,„ich bin nicht der Beklagte, ſondern der Kläger, und hätteſt du mir er⸗ laubt, zuerſt zu ſprechen——“ „Schweig', Schlingel! oder du darfſt gar nicht reden; denn, weil ich dich nicht zuerſt habe ſprechen laſſen, mußt du nothwendig der Beklagte ſeyn, und du ſollſt es ſeyn, das iſt mein Wille. Ich möchte wiſſen, wie du dich unterſtehen kannſt, mir vorſagen zu wollen, wer der Kläger und wer der Beklagte ſeyn ſoll?“ 3. Der arme Schneider begann nun ſeine Erzählung mit den Worten: „Herr, der Fleiſcher hier war ſeit ſechs Monaten hinter meinem Weih, und brachte immer Stücke Zeug, zu⸗ erſt unter dieſem, dann unter einem andern Vorwand, und beſonders wenn ich nicht zu Hauſe war, kam er immer Abends, im Dunkeln. Nun frage ich, würde ein rechter Mann——“ „Bleibe mit deinen unverſchämten Fragen weg, Schlingel!“ fiel der Cazee ein;—„fortgefahren!“ „Ganz wohl, Herr; ich war feſt überzeugt, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugienge,—“ „Was, Kerl? Nadeln und Fingerhut?“ „Nein, Herr; ich meinte,— das heißt— ich vermuthete—“ „Aha, du vermutheteſt, und weil du vermutheteſt, glaubteſt du dich berechtigt, dieſen achtbaren Mann anzufallen. Beim Allah! das iſt ganz unerhört, 16 muthwilliger Weiſe einen Unſchuldigen anzugreifen! Ich wußte, daß deine Erzählung hinken würde. Jetzt, unverſchämter Kerl! will ich dich lehren, mir unnö⸗ thige Mühe machen. Straf ihn um fünfzig Rupien, und wirf ihn auf zehn 10 Tage ins Gefängniß!“ „Herr,“ ſagte der Schreiber,„wenn du ihm erlauben wollteſt, in ſeiner Erzählung fortzufahren——„ „Das ſoll ich erlauben, wirklich! da müßte ich ſo ſchlecht ſeyn, wie er ſelbſt! Nein, nein! meine Zeit iſt zu koſtbar, als daß ich ſie damit vergeuden ſollte, ſolch abſcheuliche Lügen anzuhbren. Fort mit ihm, ſag ich!“ 3 So ward die Sache abgethan und der Unrechte geſtraft, da der Fleiſcher wirklich der Schuldige war, und der Cazee gieng nun zu ſeiner Frau, Lama, wel⸗ che er damit beſchäftigt fand, die Dienerſchaft auszu⸗ ſchelten, und überall Fehler aufzufinden. n „Um Allah's willen!“ ſprach er,„gieb das Schmäh⸗ len auf, und mache, daß ich etwas zu eſſen bekomme. Ich bin zum Sterben müde und abgemattet. Ich habe eine ſo ſchwierige Sache entſcheiden müſſen! Der Kopf iſt mir ganz verwirrt worden!“ „Ja,“ ſagte Lama,„und ich ſtehe dafür, du haſt am Ende falſch entſchieden.“ 4 „Dießmal, Lama, biſt du im Jrrthum, wie noch nie in deinem ganzen Leben. Ich habe die Sache ſehr genau unterſucht.“ „Dann, Cazee, weiß ich gewiß, daß du verkehrt gerichtet haſt; denn wenn du anfängſt zu überlegen, ſo ſcheint es, als wollteſt du verſuchen, wie weit es möglich ſey vom Richtigen dich zu entfernen; denn das Ergebniß iſt im Allgemeinen, das Gegentheil von dem, was die Klugheit gebietet.“. 17 „Nein, Weib; wie ich dich heirathete, habe ich reiflich nachgedacht.“ Da thateſt du recht, Cazee.— Aber es iſt doch eine ſehr auffallende Sache um das Verſchwinden der Kaufmanns⸗Tochter. Ich hoffe, du wirſt ſelbſt dabei thätig ſeyn wollen, Cazee?“ „Mein theures Weib, was willſt du denn von mir haben? Hab' ich nicht Kundſchafter auf Kund⸗ ſchafter, Boten auf Boten ausgeſandt, und Alles ver⸗ gebens? Was nützen Verſuche, finden zu wollen, was unwiederbringlich verloren iſt?“ „Ja, ſo machſt du es immer: gieb es auf, wenn du daran verzweifelſt;— das iſt immer dein Wahl⸗ ſpruch.“— „Ich habe gethan, was in meiner Macht ſtund,“ entgegnete der Cazee;„und mein Selave, der alte Perbhae, ſagt mir, es ſey nicht üblich, daß ich mich weiter mit der Sache beläſtige: und jetzt kommt der Ramazan; da würde ich ſogleich den Tod davon ha⸗ ben, wenn ich bei dieſer heißen Jahrszeit mich ab⸗ mühte: es iſt ſo, ich bin wirklich ſchon mager gewor⸗ den!“ 4 „Wie, du Vielfraß, du biſt zweimal dicker als ei⸗ ner in der Stadt! was verlangſt du weiter?“ „Ich wünſche, daß Vieles nicht geweſen wäre;— laß uns einen Nautſch*) halten, Weib.“ „Hier wird nicht getanzt, ſage ich dir,“ erwiederte Lama:„laß Andere, welche es beſſer vermögen, ihr Haus hiezu hergeben; überdieß iſt es kein Vergnügen für dich, da du immer einen ſo geſunden Schlaf haſt.“ *) Tanz. 18 „Das iſt wohl wahr, Weib; aber dann iſt es ein Vergnügen bis ich ſchlafen gehe, weißt du.“ „Und eines, das dich 500 Rupien koſtet!“ „Das iſt wieder wahr, aber man darf auch nicht erwarten, umſonſt ein Vergnügen zu haben.“ „Geh, und ſtudiere deine Geſetzbücher, und lies den Koran:— dieſe Unterhaltung ſchickt ſich für ei⸗ nen Cazee!“ 3 „O Weib! ich wollte, ich wäre kein Cazee!“ „Es gibt manche,“ entgegnete Lama,„die daſſelbe wünſchen; denn, Gott weiß! du taugſt wenig dazu.“ „Es iſt ein Troſt, daß nicht alle dieſer Meinung ſind,“ ſagte Ahmak, und rief Perbhae, er ſolle ſeinen Hookah bringen. In dieſem Augenblicke wurde Nachricht gebracht, daß Azum eine Spur zu Eutdeckung Soorig's gefun⸗ den zu haben glaube, und weitere Beihülfe vom Ca⸗ zee verlange. „Ich bin ſehr erfreut, zu hören, daß er ſo glück⸗ lich geweſen iſt, und ich keine weitere Mühe mit der Sache haben darf. Er ſoll heraufkommen; ich will ihm zuerſt mit meinem Rathe beiſtehen, und dann mit meinen Leuten und Polizeibedienten.“ „Das Erſte erläßt er dir,“ ſagte Lama;„fůr das Zweite wird er dir dankbar ſeyn.“ „Gut, er ſoll hieher zu mir kommen.“ Der junge Mann wurde alſo eingeführt, und nachdem er eine tiefe Verbeugung gemacht, dankte er dem Cazee für den bisher von ihm erhaltenen Bei⸗ — ſtand, hoffte aber nicht beſchwerlich zu fallen, wenn er ſich ſeine fernere Unterſtützung erbitte. „Setz dich, junger Mann, ſetz dich,“ ſagte der Cazee;„du haſt da ein ſehr kißliches Geſchäft; ich habe tief über die Sache nachgedacht, und ich muß ſa⸗ 19 gen(laß es dich nicht kränken), daß es ein ſehr ſchwe⸗ res Geſchäft iſt, ein verloren gegangenes Frauenzim⸗ mer wiederzufinden.“ „In der That, Herr, ich finde es ſo.“ „Du ſiehſt, ich habe Recht.“ „Aber, Herr, ein Weib ausfindig zu machen, wel⸗ ches mit einem Manne davon gelaufen, iſt ein noch viel ſchwierigers Unternehmen.“ „Das wollte ich eben ſagen, junger Mann.“ „Aber Beharrlichkeit, Herr, und dein gütiger Bei⸗ ſtand vermag vieles.“ 1 „Junger Mann, du biſt ſehr verſtändig. Biſt du verſichert, daß das Mädchen dich liebt?“ „So gewiß, als die Sonne ſcheint, Herr.“ „Bei deinem gegenwärtigen verwirrten Gemüths⸗ zuſtande könnteſt du wohl darüber im Irrthume ſeyn, ob ſie ſcheint oder nicht; indeſſen habe ich meinem Weibe,— das heißt, mir ſelbſt verſprochen, dir mit meinem Rathe beizuſtehen, und ſo will ich. Meine unmaßgebliche Meinung iſt, du ſollſt nicht mehr au das Mädchen denken; laß ſie es darauf wagen und durch die weite Welt ziehen,— ſo bekommt ſie Er⸗ fahrung; und unter uns geſagt, ich denke, du darfſt dich glücklich ſchätzen; denn ein Weib iſt das beſchwer⸗ lichſte, läſtigſte Möbel, das du dir anſchaffen kannſt.“ „Du magſt es ſo gefunden haben, Herr; ich bitte aber um Verzeihung, wenn ich deinem Rathe nicht folge, der mich, ich muß ſagen, etwas überraſcht.“ „So geh' denn, junger Mann, und verſuche dein Heil; aber ich weiß, daß du eine Spur ihres Aufent⸗ haltsortes gefunden zu haben glaubſt; iſt dem ſo, ſo ſtehen dir alle meine Leute zu Dienſten.“ Nach dieſen Worten rief er einem Diener, und befahl ihm, alle anweſenden, unbeſchäftigten Leibwachen 20 mit Azum fort zu ſenden. Der junge Mann dankte und ging. Mg 7194288 Ks 12 11 Jetzt trat Lama in's Zimmer und fragte nach dem Vorhaben des jungen Azum. „Ach!“ ſagte der Cazee,„er iſt, wie alle jungen Leute, hitzig und ungeſtüm: er meint, er ſey nahe daran, ſeine Verlobte zu finden und ohne viel Ge⸗ ränſch aufzuheben; aber kluge Köpfe, wie ich, wiſſen das beſſer: das Ding iſt unmöglich, ſonſt würde ſie ſchon lange entdeckt worden ſeyn.“ ilt 4. „Es iſt freilich ſeltſam, daß ſie noch nicht gefun⸗ den wurde,“ ſagte Lama;„aber jetzt laſſe dir die Mahlzeit wohl ſchmecken, denn morgen fängt der Ra⸗ 3 mazan an.“ 1— Beim Cazee bedurfte es in dieſem Punkte keiner zweiten Mahnung; er machte ſich über das Pilau und Curry her, bis er nicht mehr konnte, und ſank dann in einen geſunden Schlaf, aus welchem er nicht erwachte, bis das Rufen des Mowuzzin*) ihn auf⸗ ſtörte. 1 5 1113 illi: „Hole der Henker den Eſel mit ſeinem Gebrüll!“ ſagte der Cazee;„er hat meinen ſüßen, geſunden Schlaf geſtört, wie ich ſchon lange keinen mehr genoſ⸗ ſen habe.“ m 1etI ef 2Et 4 „Schweig! ruchloſer Mann,“ rief Lama;„auf! zum Gebet! es iſt ein heiliger Tag, und deine Pflicht, in der Moſchee zu erſcheinen.“) Der Cazee ſtand auf, und ging, nachdem er ſich gewaſchen, mit feierlicher Miene zum Gebet; der übrige Theil des Tages wurde unter Gähnen und ſehnſüchti⸗ *) Diejenige Perſon, welche Lon der Moſchee herab das Volk zum Gebet ruft. 1 21 gem Verlangen nach dem Abende hingebracht, wo die Geſetze des Ramazan ihm geſtatteten, ſich wieder ſatt zu eſſen. Ungeduldig beobachtete er den Lauf der Sonne und zählte die langſam ſchleichenden Stunden; er legte ſich nieder, ſtand wieder auf, lief auf und ab, drückte ſeinen leeren Magen zuſammen, und fragte ſein Weib tauſendmal, wie lange es noch währe, bis die Sonne unterginge, indem er ausrief:„Ach Allah! wie ſehr hungert mich!“ Auf dieſe Weiſe brachte er den ganzen Monat zu, ſo lange der Ramazan dauerte. Am Schluſſe der Faſten beſuchte der unglückliche Azum den Cazee, ohne glücklicher geweſen zu ſeyn, als vorher, und berichtete dieſem mit Thränen in den Au⸗ gen ſein Mißgeſchick. „Traurig, ſehr traurig,“ erwiederte der Cazee. „Aber ich bitte dich, komm nicht wieder, ehe der Ra⸗ mazan ganz vorüber iſt.“ Niedergeſchlagen und traurig ging der unglückliche Azum. An dieſem Tage gab der Cazee, mit Zuſtimmung ſeiner Frau, ein großes Gaſtmahl, wozu er den Mufti, den Mouleve, den Sheriſtadar des Nuwab, den Dee⸗ wan und viele andere angeſehene Perſonen eingeladen hatte. Die Geſellſchaft verſammelte ſich bald nach Sonnenuntergang, und der Cazee empfing ſie mit ſei⸗ ner gewohnten Höflichkeit. Lama war unermüdet ge⸗ weſen in ihrem Beſtreben, ein Mahl außzuſtellen, wie es eine ſolche Verſammlung gelehrter, mächtiger Män⸗ ner heiſchte; und ihr Gatte Ahmak ließ den Speiſen volle Gerechtigkeit wiederfahren, indem er jeder Schüſ⸗ ſel, die aufgetragen wurde, gewaltig zuſprach. Als Hookah's folgten, wurde die Unterhaltung allgemein, und Ahmak nahm, weil er in der Nähe des Deewan ſaß, hievon Gelegenheit, zu ſagen— 22 „Sage mir, Herr, habe ich nicht ein Recht, mor⸗ gen, wenn das Kutbah verleſen wird, zur Rechten des Moolah zu ſtehen?“. „Freilich, Cazee, iſt dieß dein Platz; wer will das beſtreiten?“ „Synd Wukoof, Herr, macht mir ihn nicht nur ſtreitig, ſondern nimmt mir ihn ſogar.“ 3 „Wenn dieß der Fall iſt, Cazee,“ ſagte der Dee⸗ wan,„ſo ſey morgen zeitig im Durbar, ehe der Zug vor ſich geht, dann will ich die Sache dem Nuwab vorlegen und ſeine Zuſtimmung gewinnen, daß der Syud von ſeinem— das heißt deinem Platze, ent⸗ fernt wird; auch will ich ſelbſt dich zum Moolah hin⸗ führen, ehe das Gebet anfäugt.“ 4 Der erfreute Cazee dankte vielmal für die ange⸗ botne Güte, und verſprach, ſich zu rechter Zeit im Durbar einzufinden. Hierauf wurde Kaffee gebracht, man rauchte noch mehrere Hookah's und die Geſell⸗ ſchaft ging frühe auseinander. Lama war ſehr wohl mit ihrem Manne zufrieden, wegen deſſen Bitte an den Deewan, rückſichtlich ſeines Ranges bei dem bevorſtehenden Feſte, und ſchärfte ihm ein, zeitig auf dem Platze zu ſeyn. Perbhae ward gerufen, und beordert, des Cazee beſte Kemcaub⸗Hoſen und Rock bereit zu halten. Dieſer gehorchte; ent⸗ deckte aber, nachdem er einen Kaſten geöffnet, daß, eine neidiſche Maus ein Loch in die beſagten Kem⸗ caub's genagt hatte, ſo daß ſie unmöglich getragen werden konnten. Lama und der Cazee waren Beide ſehr aͤrgerlich uͤber dieſen Vorfall.„Du mußt jetzt,“ ſagte die er⸗ ſtere,„die, welche du wirklich trägſt, anziehen; es ſind deine nächſt⸗beſten und von der feinſten Seide.“ „Nun, was machſt du Cazee Ahmak,“ ſagte Lama, 33 als ſie dieſen emſig bemüht ſah, ſich mit ſeinem Rock zu bedecken. „Weib,“ erwiederte dieſer,„werde nur nicht böſe, aber es iſt einmal geſchehen, ich habe unglücklicher⸗ weiſe eine große Schüſſel Pilaun über mich hinabge⸗ ſchüttet, und meine ſeidnen Hoſen ſind, wie ich fürchte, verdorben.“ „Hat man je einen ſo ſchmutzigen Geſellen geſe⸗ hen!“ ſagte ſie.„Ich ſtehe dir dafür, der Mufti be⸗ ſchmutzt ſeine Kleider nicht und der Deewan auch nicht; aber du, in deiner Haſt, zum Eſſen zu kommen, mußt ſchlechterdings deine Hoſen beflecken. Jetzt in's Bett, Menſch; ziehe deine Kleider aus, dann wollen wir ſehen, was zu machen iſt.“ Nachdem die beſorgte Frau die Hoſen unterſucht, fand ſie dieſe bei weitem über ihre Reinigungs⸗Kunſt, ſie legte ſie daher bei Seite, rief Perbhae, und befahl dieſem, die Hoſen zu den Wäſchern zu tragen, und ſie beſtimmt auf den andern Tag bis 12 Uhr bereit zu halten. Perbhae wollte die ſpäte Stunde und andre Schwierigkeiten vorbringen, allein Lama befahl ihm Schweigen und unbedingten Gehorſam, und entließ ihn. Frühe am andern Morgen kam der alte Perbhae zum Dobee, wo er, nach beinahe zweiſtündigem War⸗ ten, die Hoſen erhielt, gereinigt und zum Anziehen zugerichtet. Der alte Diener war beſonders für die ihm anvertrauten Hoſen beſorgt, und ſchlug ſie, um ſie mit ſeinen inſern nicht zu beſchmutzen, in ſein Taſchentuch. Der Wäſcher wohnte eine Strecke von der Stadt entfernt; und ſo kam Perbhae auf ſeinem⸗ Wege an manchem herrlichen Garten vorüber. Auf dem Rückwege kam ihm der Gedanke, von den locken⸗ den Früchten, die dicht über die Mauer oder den Zaun hingen, welche zu beſitzen, daher er ſein Bündel ab⸗ 24 legte und gierig nach den Früchten griff, welche er unter dem Schatten eines Mangobaumes ruhig ver⸗ zehrte. Als er aber die Augen aufſchlug, und ſah, daß die Sonne ſchon hoch ſtand, erſchrack er, raffte das Bündel auf, und lief, ſo ſchnell er konnte, bis er das Haus ſeines Herrn erreichte. Die erſte Perſon, welche er ſah, war Lama. 3 „Wo biſt du geweſen, fauler Tagedieb?“ ſagte dieſe;„es iſt zwölf Uhr vorüber und dein Herr noch nicht in den Durbar gegangen.“ Perbhae ſchob alle Schuld auf die Dobees, und reichte die Hoſen ſeiner zornigen Gebieterin, welche haſtig damit auf des Cazee Zimmer eilte, der ſie ſchnell anzog.. 3 Sobald der Palankin gerüſtet war, machte er ſich auf den Weg, fand aber zum Unglück bei ſeiner An⸗ kunft im Saale bereits Alles verſammelt; er ſtotterte linkiſch eine Entſchuldigung und ſetzte ſich. Verwirrr und verlegen, wie er war, fühlte er ſich überdieß ſehr unbehaglich dabei, daß er ein ſehr unangenehmes, ſchar⸗ fes Beißen an ſeinen Beinen verſpürte. Einige Zeit ertrug er die Qual, ohne äußere Zeichen von Ver⸗ druß blicken zu laſſen, da aber die Pein mehr zu⸗ als abnahm, machte er ganz ſeltſame Geberden, ſo daß Alles auf ihn ſah, und die Worte:„Seht nur den Cazee!“„Seht nur Ahmak!“ von Mund zu Mund durch den Saal liefen. Verlegen gemacht durch dieſe Spöttereien, flüſterte der Deewan dem Cazee in's Ohr, daß der Nuwab ihn bemerkt habe, und bat ihn, um Allah's willen, ruhig zu bleiben! Der Cazee, dem der Schweiß aus allen Poren drang, konnte bloß antworten:„Ach, ich kann fürwahr nicht anders!“ Dann kratzte er ſich gewaltig, ſprang zuletzt, da er die Marter nicht laͤnger aushalten konnte, von ſeinem » 25 Sitze auf und ſtieß einen kläglichen Jammerlaut aus. Der Nuwab, aufgebracht über das, was er Man⸗ gel an Anſtand nannte, befahl ihm, den Durbar zu verlaſſen, oder, wenn er krauk wäre, unverzüglich zum Arzte zu gehen. Der arme Ahmak beſtand darauf, daß ihm wohl ſey, wurde aber, weil er nicht angeben konnte, was ihm eigentlich fehle, aus dem Durbar ge⸗ führt, in ſeine Sänfte geſetzt und nach Hauſe getra⸗ gen. Als er glücklich in ſeiner Sänfte ſaß, ſuchte er ſich über die Urſache der erduldeten Pein zu verge⸗ wiſſern, zog daher ſeine Hoſen ab, und fand dieſe voll rother Ameiſen, welche ihm die ausgeſtandene Marter hinreichend erklärten. Bei ſeiner Zuhauſekunft ſtand ſeine Fran unter der Thüre, und wie dieſe ihn ohne Hoſen ausſteigen ſah, rief ſie:„Schäme dich, Cazee! was ſoll das heißen? Biſt du gepeitſcht worden, oder was iſt ſonſt geſchehen; und warum kommſt du ſchon wieder, ehe das Gebet verleſen worden?“ „Ach, Lama, Lama! Ich bin der unglücklichſte Mann. Von Myriaden⸗Ameiſen, welche der nach⸗ läſſige Perbhae in meine Hoſen muß haben kriechen laſſen, bin ich angefallen worden, und mußte deshalb den Saal verlaſſen. Ich bin krank, ſehr krank! laß mich zu Bette gehen. Wo iſt der alte Perbhae?“ „Er iſt ohne Zweifel beim Edgar, wo dnu ſeyn ſollteſt, du, der ſeinem Titel Cazee ſolche Schande macht.“ Mit dieſen Worten gab ſie ihm zornig einen Stoß, und ließ ihn gehen, wohin es ihm gefiel. Man muß geſtehen, der unglückliche Cazee hatte guten Grund, am Ende des Tages ſich gekränkt und gequält zu fühlen. Durch die Saumſeligkeit ſeines Dieners war er erſtlich zu ſpät in den Saal gekom⸗ men, und dann wurde er zum Spotte der ganzen Verſammlung, und mußte nach Hauſe zurück, und Ind. Serail. 2 26 ſeinen langerſehnten Platz zur Rechten des Moolah aufgeben. Aber dies Alles war eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem Seelenkampfe, welchen er nach ſei⸗ ner Zuhauſekunft zu beſtehen hatte; denn wenn er gleich aufgeregt und verſtimmt war, ſo war er den⸗ noch im Stande, ſein Weib, wie ſchon bemerkt wurde, unter der Thüre ſtehen zu ſehen. Nicht, daß dieſe die Urſache ſeiner Angſt geweſen wäre, ſondern dieſe hatte einen andern wichtigen Grund,— bei ihr ſtand der arme Schneider, der mit ſo unglücklichem Erfolge gegen den Fleiſcher Klage geführt. Deine Hoheit glaube nicht, daß die Furcht, dieſer möͤchte ſich bei Lama über ſeinen ungerechten Spruch beklagt haben, den Cazee in ſolchen Schrecken verſetzt habe. Nein, es war ein anderer Grund, aus welchem allein er den Beſuch des Schneiders bei ſeinem Weibe, erklären konnte.— Ob der Schneider bereits Lama'n entdeckt hatte, was in ſeiner Macht ſtünde, zu thun oder ob er glücklicherweiſe noch zu rechter Zeit gekommen war, um dieſer Entdeckung zuvorzukommen, wußte er nicht zu entſcheiden. Im letzten Fall würde er, wie er glaubte, Urſache haben, über die Vorfälle dieſes Ta⸗ ges eher erfreut als betrübt zu ſeyn, und die Dumm⸗ heit ſeines Dieners Perbhae eher zu ſegnen als zu ver⸗ wünſchen; war aber die Entdeckung bereits gemacht, „ſo iſt meine Heimkunft,“ dachte der Cazee,„verge⸗ bens und ich habe noch immer Grund, auf meinen Diener böſe zu ſeyn.“ Auf ſeinem Lager ſich herumwerfend, ſuchte der Cazee ſich zu überzeugen, daß der verwünſchte Schnei⸗ der ſeinem Weibe nichts könne mitgetheilt haben. „Zwar,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſtanden beide an der Thüre, allein vielleicht war er gerade in dieſem Angenblicke vorgelaſſen worden, vielleicht auch hatte „ 27 er gerade ſeine Erzaͤhlung geendigt, und war im Be⸗ griff zu gehen.“ Dieß zu entſcheiden ging weit über das Vermögen des Cazee, oder vielmehr eines jeden in dieſer Lage.„Laß ſehen!“ ſprach er weiter zu ſich ſelbſt,„wie ich ſie zuerſt ſah, ſtand der Schneider hinter meinem Weibe; nein halt, er ſtand vielmehr, denk' ich, neben ihr. Dann müſſen ſie die Plätze ge⸗ wechſelt haben; denn als ich zum zweitenmal hinſah, ſtand er beſtimmt vorne, auf der Thürſchwelle. Hätte ich ihn nur in dieſer Stellung zuerſt geſehen, ſo wür⸗ de ich nicht daran gezweifelt haben, daß er gerade gekommen ſey; da ich ihn aber beſtimmt entweder hin⸗ ten oder auf der Seite ſtehen ſah, ſo fürchte ich ſehr, daß er aus dem Hauſe kam.“ Nach tiefem Sinnen entſchloß er ſich die Diener auszufragen, es fiel ihm aber ein, daß alle zum Eadgar gegangen waren, und, ſo fand er ſich, nachdem er lange Zeit Vermuthungen ſich hingegeben was geſchehen oder nicht geſchehen ſey, am Ende nicht klüger, als da, wo er anſieng ſich Aufklärung über die Sache verſchaffen zu wollen. Erfreut darüber, daß der Ramazan zu Ende gehe, begab ſich der Cazee in ſein Speiſezimmer, wo er ſeine Frau traf, deren Benehmen ihn beſtimmte, ſehr genau aufzupaſſen, und von welcher er jeden Blick zu durchforſchen ſuchte. Hier konnte er indeſſen keine Veränderung wahrnehmen. Über dieſe Entdeckung war er ſo erfreut, daß er die im Durbar erlittnen Qua⸗ len ganz aus ſeinem Gedächtniſſe verbannte.„Viel⸗ leicht,“ dachte er,„mag ſich der Schneider wegen mei⸗ nes über ihn gefällten Urtheiles beklagt haben; ich will den Gegenſtand berühren, und mein Weib ein wenig ausforſchen.“ Nach beendigtem Eſſen, als dem Cazee ſein Hookah gebracht war, begann er, nach ei⸗ nigen Zügen während welcher er überlegte, wie und 2*₰ auf welche Weiſe er die Sache am beſten angreifen könnte, in nachläſſigem Tone:„ſah ich nicht den Schneider Doghabhae hier, wie ich zurück kam?“ „Ja, Cazee Ahmak, er iſt da geweſen.“ „Dachte ich doch, der würde es ſeyn, kam er in Geſchäften?“. „Ja, in Geſchäften, Cazee.“ „In welchen?“ würde er gerne gefragt haben, durfte aber nicht. So ſchwieg er, und die Stille ward nur durch die eintbuigen Laute ſeines Hookah unterbrochen. Da er jedoch die Sache nicht fallen laſſen mochte, ſo ſagte er;„Ein ſonderbarer Kerl, der Schneider!“ „Iſt er das, Cazee?“ „Ja wohl; Meinſt du nicht auch?“ „Nein! Ich kann nicht ſagen, daß ich etwas Auf⸗ fallendes an ihm fände; er iſt hager und arm.“ „Ja, das mein' ich eben.“ „Das iſt aber doch gewiß nicht ſonderbar, Cazee; da gibt es in der Stadt genug, die ſo dürr und arm ſind wie er.“ „Genug Weib! freilich genug! Aber dieſer da iſt berüchtigt, daß er alte Neuigkeiten herumträgt. Hat er dir eine zugetragen?“ „Du ſeyeſt ein ungerechter, unwiſſender Mann.* „Ha, ha!“ ſagte der Cazee lachend,„er mag wohl dieſer Meinung ſeyn; ſo macht es jeder unbefriedigte Kläger, verlaß dich darauf.“ So ſprechend legte er ſein Hookah weg, und war jetzt völlig überzeugt, daß der Mann über den Aus⸗ gang ſeines Prozeſſes ſich beſchwert hatte. 29 Zweites Kapitel. Es wird nöthig ſeyn, meinen hohen Zuhörern mitzutheilen, welches der Inhalt des Geſprächs war, das der Schneider mit der Frau des Cazee hatte. In der Meinung, der Cazee würde aus Veran⸗ laſſung, des feierlichen Schluſſes des Ramazan, dem Eadgar beiwohnen, wollte Daghabhae, der Schneider, an dieſem Tage fein Weib Lama um eine Unterre⸗ dung bitten, indem er ihr ein wichtiges Geheimniß mitzutheilen habe, wobei ihr Mann beſonders bethei⸗ ligt ſey. Was der Schuneider dabei erreichen wollte, war nur das Vergnügen, der Rache an Ahmak wegen der Ungerechtigkeit, welche er von dieſem erlitten; auch hatte er nicht die geringſte Abſicht, dem unge⸗ rechten Cazee mehr zuzuziehen, als eine tüchtige Schelte von ſeinem Weibe. Nachdem ſich alſo der Cazee in den Durbar be⸗ geben, gieng Daghabhae der auf ſeinen Palankin ge⸗ lauert hatte, ſeinem Hauſe zu, wo er Lama ganz al⸗ lein traf, da alle Diener zum Eadgar gegangen waren. Weil Daghabhae eine wohlbekannte Perſon war, rief Lama, ſobald ſie ihn ſah,„Was ſoll das, Dag⸗ habhae? du gehſt heute nicht zum Eadgar?“ „Nein, Frau, ich benütze die Gelegenheit, dir meine Ehrerbietung zu bezeigen.“ „Ah, ich verſtehe, du haſt ein Anliegen; allein du weißt, ich menge mich nie in Geſchäfte.“ „Wahrhaftig Frau, du biſt im Jerthum, ich hatte einen Prozeß, und einen ſehr rechtlichen, habe aber demungeachtet nicht Recht erhalten.“ „Nun, Freund wie gieng das zu?“ 3⁰ „Da mußt du den Cazee fragen, der kann dir am beſten Auskunft geben.“ „Komm, laß deine Geſchichte hören,“ ſagte Lama. Der Schneider erzählte nun ſeinen ganzen, trau⸗ rigen Prozeß, wobei er die Ungerechtigkeit ihres Man⸗ —nes, des Cazee Ahmak, nicht vergaß. Lama bedauerte ihn, verſicherte aber, ihm keineswegs helfen zu koͤn⸗ nen, weil der Beſchluß ſchon in Vollziehung geſetzt worden ſey. „Wegen der an mir begangenen Ungerechtigkeit, Frau, kümmere ich mich nicht,“ ſagte der Schneider; „wenn ich aber Andern von derſelben Hand wehe ge⸗ than ſehe, ſo iſt es, denk' ich meine Pflicht, ſolchem Thun, wo möglich, ein Ende zu machen.“ „Wie ſo, Daghabhae? iſt etwa einem Freund von dir Unrecht geſchehen?“ „Ja, Frau, einem gutem Freunde von mir, der, wie ich hoffe, dieß immer bleiben wird.“ „Wer mag das wohl ſeyn?“ „Du ſelbſt, Frau.“ 3 3 „Ich!“ rief Lama;„über welches Unrecht hab' ich mich zu beklagen?“ „Über keines, bis ich dir darüber Auſſchluß gebe; allein ich fürchte, du möchteſt mir wegen meiner Dienſt⸗ fertigkeit zuͤrnen.“ „Das ſoll nicht geſchehen, ich verſpreche dir's; fahre nur fort; heraus damit, was du weißt.“ „Hörſt du nicht, ſeit vier Nächten ungefähr, ein Geräuſch in deinem Zimmer; Frau?“ „Ein Geränſch! nein!— was meinſt du, Diebe oder Feuer? ich weiß beſtimmt, ich habe nichts ge⸗ hört, und der Cazee auch nicht; der hat aber einen ſo geſunden Schlaf, daß es kein Wunder iſt, wenn er nichts hört.“ — 31 „Da biſt du im Irrthum, Frau; ich ſehe ſchon dein Schlaf iſt ſo geſund, nicht der deines Mannes.“ „Was meinſt du damit? „Vier Nächte her, ungefähr um 12 Uhr, als ich meinen Laden ſchloß,(ich hatte nemlich Tag und Nacht auf das gegenwärtige Feſt gearbeitet) trug jemand ei⸗ nen Korb an mir vorbei, und ſtieß damit an mich an; der Deckel des Korb's fiel herab, und mit ihm Brod, Kuchen, Reis, Zucker und Confect. Die Perſon, welche dieſe ſüße Bürde trug, blieb ſtehen und drehte ſich um, die hinabgefallenen Eßwaaren wieder aufzu⸗ leſen; da,— die Nacht war nicht ſehr dunkel,— glaubte ich zu meinem Erſtaunen die Geſichtszüge des Cazee Ahmak zu erkennen. „Biſt du gewiß, Schneider, daß er es war?“ „Ich will es beim Koran beſchwören.“ „Nur weiter!“ „Gut, Frau! Er lief ſo ſchnell, daß ich beinahe zu zweifeln anſieng, ob es wirklich der Cazee wäre. Ich beſchloß alſo ihm nachzugehen; ich that es, und folgte ſeiner Spur.“ „Wo? wohin? Sag' es mir ſogleich, wo er hin⸗ gieng!“ ſchrie ungeduldig Lama.. „Ja, Frau, das iſt eben, was ich nicht weiß; ich fürchtete mich, ihm allzu nahe zu kommen.“ „Wie? du verlorſt ihn aus dem Geſicht, ſagſt du, du Tölpel?“ a Geduld, Frau;— wo blieb ich? — ah! ich folgte, ſeiner Spur bis zu der Jummah Musjid*) und von da zu dem Piniereh Phool**) und hier verlor ich ihn aus den Augen.“ —— *) Die erſte Moſchee. **) Hospital für krankes oder verbrauchtes Vieh. 5² „Ja, da weißt du gerade das nicht, was ich am meiſten zu erfahren wünſchte.“ „Nur ruhig, Frau, ich bitte dich: bei meiner Heim⸗ kehr dachte ich über die Sache nach, und beſchloß, die folgende Nacht aufzulauern, wo ich mir einen heſſern Erfolg verſprach. Ich ſtellte mich um 11 Uhr nahe an deinem Hauſe auf; aber ich glaube, ich wäre hier die ganze Nacht geſtanden, ohne daß ein Cazee kam, ob ich gleich 12 Uhr, eins und zwei zählte; und ſo, Frau, gieng ich wieder nach Hauſe.“ „Giengſt wieder nach Hauſe, ohne etwas ausge⸗ richtet zu haben! Gab es je einen ſolchen Eſel?“ „Was konnte ich auch, Frau, wenn der Cazee deine Seite nicht verlaſſen wollte? Aber in der fol⸗ genden Nacht ſtellte ich mich zu derſelbigen Stunde, wie früher, nahe an deinem Hauſe auf; um 12 Uhr wurde das Thor von innen leiſe geöffnet, und der Cazee ſtand auf der Straße, ängſtlich ſich umſehend. Ich war auſſer Gefahr, von ihm bemerkt zu werden, da ich mich hinter eine kleine Mauer verborgen hatte. Er wandte ſich rechts, und ich bemerkte, daß er dieß⸗ mal keinen Korb trug. Nun, Frau, das Ding iſt gut, dein Mann nahm den Weg gegen die Jummah Musjid, doch kam er nicht ganz bis zu dieſem heili⸗ gen Platze, ſondern lenkte in ein enges Gäßchen ein, und verſchwand hier in die dritte Thüre rechter Hand. Ich glaubte natuͤrlich, er würde ſich einige Stunden darin aufhalten, und war eben im Begriff, heimzu⸗ gehen, als die Thüre des Hauſes leiſe geöffnet wurde, und der Cazee mit demſelben Korb, den ich in der erſten Nacht wahrgenommen hatte, heraustrat. Ich ſolgte ihm in einiger Entfernung und ſah ihn in den 55 Kubri⸗iſtan) gehen— und hier verlor ich ihn wie⸗ der. „Verlorſt ihn, du Tölpel! wie konnteſt du aber ſo dumm ſeyn?“ „Frau ich gab mir gewiß alle Mühe, zu ſehen, wo er hingienge, aber es war mir nicht möglich. Er blieb ungefähr eine Stunde aus, und kam dann wie⸗ der mit dem Korbe zum Vorſchein. Ich beſchloß, ihn ſehen zu laſſen, wie er in meiner Gewalt ſey, trat vor ihn hin, und rief, Salaam, Cazee Sahib! Er erſchrack heftig, und meinte, glaub' ich, ich ſey aus dem Grabe entſprungen: Indeß ſammelte er ſich doch wieder, und fragte, wer ich ſey; ich ſagte ihm ſogleich meinen Namen und wünſchte ihm gute Nacht; zugleich nahm ich mir vor, ſo bald ſich nur eine günſtige Ge⸗ legenheit darböte, dich davon zu benachrichtigen.“ „Daghabhae, du ſollſt dafür belohnt werden,“ ſagte Lama,„aber ſchweigen mußt du, das ſag' ich dir; und heute Nacht um eilf Uhr begleiteſt du mich; ich will mich gewiß vor dem Einſchlafen hüten, darauf verlaß dich. Ich bin entſchloſſen, dem Cazee zu fol⸗ gen und die Sache genauer zu unterſuchen; und daß mich kein Schloß oder Riegel hindert, ihm zu folgen, zu dem Auſenthalt ſeiner Geliebten,— denn daß er eine ſolche, ja vielleicht mehrere hat, iſt kein Zwei⸗ fel,— ſo halte du einige Männer mit Brecheiſen und aundern Werkzeugen an dem Begräͤbnißplatze be⸗ reit.“ Der Schneider verſprach zu gehorchen, und wollte ſich eben entfernen, als er zu ſeinem Schrecken den Cazee aus dem Durbar zurüctkehren ſah. Das Bewußtſeyn ſeiner That trieb ihn, ſich hinter Lama *) Begräbnißplatz. 54 zu verſtecken, indem er dieſe als Schutzwehr gegen den erwarteten Zorn ihres Mannes betrachtete; da er aber fand, daß er nicht bemerkt wurde, ſo trat er ruhig auf die Straße und lief nach Hauſe. Es muß hier noch erzählt werden, daß der Cazee, als er in der Nacht nahe bei dem Begräbnißplatze dem Schneider begegnet war, ſogleich nach ihrer Tren⸗ nung beſchloß, eine Ausſöhnung mit dem beleidigten Manne zu verſuchen, und die Ungerechtigkeit, die er an ihm begangen hatte, wieder völlig gut zu machen. Am folgenden Tag rief er alſo den Schneider zu ſich, brachte einige linkiſche Entſchuldigungen vor, wegen des Irrthums, in den er geführt worden ſen, ver⸗ ſprach, den Fleiſcher ernſtlich zu ſtrafen, und ſchimpfte in den derbſten Ausdrücken auf das Betragen deſ⸗ ſelben. Der Schneider fragte ihn kalt, ob er dadurch, daß er den Fleiſcher ſtrafe, das Andenken an ſeine Geldbuße und an ſeine Haft vertilgen könne. „Was das erſte anbelangt,“ antwortete der Cazee, nſo will ich dich entſchädigen, indem ich dir die fünf⸗ zig Rupien zurück erſtatte, und da es unmöglich iſt, die Einſperrung ungeſchehen zu machen, ſo will ich für dieſe noch andere fünfzig hinzufügen; und das macht gerade hundert Rupien für dich. Das bedenke, Daghabhae, und halte reinen Mund.“ „Mein Herr,“ entgegnete der Schneider,„ich will damit zufrieden ſeyn, mit der Bedingung, daß du dem Fleiſcher für ſeinen Verſuch, mich zu entehren, noch ein Dutzend Rattan, in dem Bazaar, auf ſeinen Hintern geben läßt.“ „Er ſoll gepeitſcht werden, verlaß dich darauf,“ ſagte Cazee, der ſich jetzt entfernte, in der Hoffnung, dem Schneider in Hinſicht ſeiner näͤchtlichen, geheimen * 55 Wanderungen, die er nicht nur vor ſeinem Weibe, ſondern auch vor noch einigen andern Perſonen ängſt⸗ lich zu verbergen ſuchte, den Mund ſchließen zu kön⸗ nen. Cazee Ahmak hatte aber mehr verſprochen, als er halten konnte. Denn als er mit ſeinem Schreiber über die Sache zu Rath gieng, fand er ſehr beträcht⸗ liche Hinderniſſe, die eine ſo gänzliche Umſtoßung ſeines eigenen, vor kaum einem Monat gefällten Urtheils, zu verbieten ſchienen; und fürwahr, der Gedanke war ſo ungereimt, daß ſelbſt der Cazee Einſicht ge⸗ nug hatte, ihn ganz und gar zu verbannen. Der Schneider verſuchte es mehr als einmal, Andienz bei dem Cazee zu erhalten, in der Hoffnung, ſeine hun⸗ dert Rupien einſtreichen zu dürfen, und die Anspeit⸗ ſchung des Fleiſchers zu bewirken. Aber der arme Cazee vermied beſtändig eine Zuſammenkunft mit ihm, und die Sache blieb beim Alten. Da beſchloß der Schneider, aufgebracht über des Cazee's Betragen, ſeinem Weib deſſen nächtliche Geheimniſſe zu verra⸗ then, und begab ſich, wie wir oben geſehen haben, am letzten Tage des Ramazan zu ihr. Lama zweifelte nicht, daß ſie dieſe Nacht den ver⸗ borgenen Schatz des Cazee entdecken würde, da ſie überzeugt war, daß er dießmal wieder aufſtehen und zu ihm gehen werde, weil er, wie ſie gewiß wußte, in der vergangenen Nacht ruhig im Bett geblieben war, was ſie der ungewöhnlichen Quantität von Pi⸗ lan und Curry zuſchrieb, die er bei ſeinem Feſt⸗ ſchmauß genoſſen hatte. Damit er keinen Verdacht ſchöpfen möchte, begab ſie ſich zur gewöhnlichen Stunde zur Ruhe, und ihr Mann folgte ihr. Bald nach eilf Uhr begann ſie laut zu ſchnarchen, dann tiefer, und immer leiſer, und zuletzt ſchien ſie in einen tiefen Schlaf verſunken. Bald vernahm ſie, daß ſich der 56 Cazee bewegte, und merkte, daß er ihre Augen un⸗ terſuchte, um zu ſehen, ob auch alles ſicher ſey; er bließ ſanft an ihr Geſicht, und berührte dann ihre Augen und ihren Mund; aber ſie regte ſich nicht, ob es ſie gleich die größte Anſtrengung koſtete, das La⸗ chen zu halten, daß der alte Kerl ſich für ſo liſtig denke. Er kehrte in ſein Bett zurück, ächzte und huſtete, aber noch immer bewegte ſeine Ehehälfte keine Muskel. Da ſtand er leiſe auf, ging mit einer Lampe die in einer Ecke brannte, zu einer großen Küſte, öffnete dieſe, und nahm einen Shawl heraus; dieſen wickelte er um ſich herum, ſchloß bedächtlich und leiſe die Kammerthüre auf, und ſchlich die Treppe hinab. Es läßt ſich denken, daß Lama nicht zögerte, ihm zu folgen. Sie ſetzte einen Turban auf und band einen Shawl um, um als Mann zu erſcheinen und etwaigen beleidigenden Angriſſen von nächtlichen Gaſſenſtreichern zu entgehen. Sie hörte die Hausthüre bedächtig öff⸗ nen, und eben ſo leiſe wieder ſchließen; ſie ſtieg hinab und war ſchnell auf der Straße, und ſah den Cazee, wie der Schneider es ihr beſchrieben hatte, außeror⸗ dentlich ſchnell davon laufen. An der kleinen Mauer fand ſie ihren geſchickten Kundſchafter, Daghabhae, der, auf eine höchſt bezeichnende Art auf den ſchnell hintrabenden Cazee hinweiſend, ihr winkte, ihm zu folgen. Sie gingen ihrem Manne nach bis an das dritte Haus in der engen Gaſſe. Bald trat er wie⸗ der heraus, und trug den ihr vom Schneider bezeich⸗ neten Korb. Lama, nach der Beſchreibung, die ihr der Schneider von dem plöͤtzlichen Verſchwinden des Cazee zwiſchen den Gräbern gemacht hatte, begann die Vereitlung ihres Vorhabens zu befürchten; um ſich alſo eine völlige Gewißheit über den Ort zu ver⸗ ſchaffen, beſchloß ſie, in das Haus, in der engen ₰ — 37 Gaſſe hineinzugehen, und entweder durch Drohungen oder durch gute Worte von den Bewohnern deſſelben den Platz genau zu erfahren, wo ſie ihr Geſchütz, das heißt, ihre Spitzhämmer und Brecheiſen anbrin⸗ gen ſollte. Sie klopfte alſo an die Thüre, während ſie dem Schneider befahl, dem Cazee nachzuſpüren, und wenn es möglich ſey, zu entdecken, wohin er gieng; wo nicht, ſie an dem Eingang des Begräbniß⸗ platzes zu erwarten. Die Thüre wurde von einem alten Weibe geöffnet, die glaubte es ſey der Cazee, der wahrſcheinlich etwas vergeſſen habe, und deßwegen wieder umgekehrt ſey.„Was gibt's, Cazee Sahib?“ rief ſie;„habe ich etwas vergeſſen?“ Lama antwortete nicht, ſondern trat hinein, ſchloß die Thüre, packte die alte Here am Nacken, ſchwur, daß dieß ihre letzte Stunde ſeyn werde, wenn ſie nicht Alles ſage, was ſie von dem Cazee wiſſe, und wem er den Korb mit den Eßwaaren bringe. Die Alte flehte zitternd um Erbarmen, und erklärte, ſie wolle alles bekennen, was ſie wiſſe. „Es mag ungefähr ein Monat ſeyn,“ ſagte ſie, „als der Cazee zu mir kam, nach Sonnenuntergang, und ſich nach meinen Umſtänden erkundigte, wo er denn hörte, daß ich arm und hülflos ſey. Er ſagte, es ſolle für mich geſorgt werden, und er wolle mir die Stelle einer Ayah oder einer Aufwärterin bei ei⸗ nem jungen Frauenzimmer, das unter ſeinem Schutze ſtehe, geben. Ich ließ mich ſogleich bereitwillig dazu finden, und er befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in den Begräbnißplatz, wo das Grab ſeines Va⸗ ters, ſeeligen Andenkens, und ein geräumiges Ge⸗ bäude über demſelben ſich befindet. Ich hatte keinen, gar großen Gefallen an dem Ort, doch wollte ich den Dienſt nicht ablehnen, bis ich den Platz, wo die 38 Jungfrau wohnte, genau eingeſehen hatte. Er nahm mich zu ſeines Vaters Grab, öffnete eine ſchmale Thüre, und bat mich, ihm zu folgen. Als ich ſah, daß er die Stufen einer ſteinernen Treppe hinabſtieg, da ſchrie ich:„Allah behüte mich, daß ich mich leben⸗ dig begraben ließe!“ lief fort, und ließ ihn zornig und aufgebracht in ſeiner Verlegenheit zurück. Nach ungefähr einer Stunde rief er wieder vor meinem Hauſe, ſchalt mich aus, daß ich ihn im Stich gelaſſen habe, warf mir vor, wie blind ich gegen meinen eige⸗ nen Vortheil ſey, wenn ich eine ſo ſichere Verſorgung von mir ſtoße. Ich ſagte ihm, daß alle Schätze der Welt mich nie bewegen würden, zu gehen, und un⸗ ter den Todten zu leben. Als er ſah, daß ich feſt entſchloſſen ſey, drang er mir das Verſprechen ab, von der Sache zu ſchweigen, und für ihn zu kochen; er wolle, ſagte er, je in der andern Nacht das Eſſen abholen. Ich that alſo nach ſeinem Befehl, und er kam jedesmal richtig und trug das Eſſen in einem kleinen Korbe fort.“ Als Lama dies gehört hatte, that ſie noch fernere Fragen, durch die ſie erfuhr, daß dieſes Grab-Harem nur ein einziges Frauenzimmer enthalte, das ſie hin⸗ auszuwerſen beſchloß.„Folge mir,“ ſchrie ſie das alte Weib an,„und zeige mir die rechte Thüre zu dem Grabe.“ Die Alte hätte zwar gerne Entſchul⸗ digungen vorgebracht, aber Lama war entſchloſſen, und ſte mußte gehorchen. Als ſie an die Gräber ge⸗ langte, traf ſie auf den Schneider, der ihr ſagte, daß er, wie früher verſchwunden, und daß er nicht wiſſe, wo er hingegangen ſey. „Ich habe einen beſſern Wegweiſer,“ ſagte Lama, und ſtieß das widerſtrebende alte Müͤtterchen vor⸗ waͤrts. 59 Die bejahrte Führerin nahte ſich einer kleinen Thure auf der Seite des Gebäudes, das über dem Grab von des Cazee Vater ſtand, und verſuchte, ſie zu öffnen; aber ſie war von innen verſchloſſen. Der Schneider brachte ſeine Arbeitsleute herbei, die ſich alſobald vermittelſt ihrer Eiſen an die Erbrechung der Thüre machten; die verroſteten Angeln gaben nach; man ſuchte jedes Geräuſch zu vermeiden, und alles ging ſo ſtill vor ſich, daß der Cazee, wenn er nicht gerade ganz nahe an der Thüre ſtand, auch nicht den geringſten Laut gehört haben konnte. Lama ſtieg, in Begleitung des Schneiders und der Handwerkslente, die ſteinerne Treppe hinab, und durchlief einen langen, dunkeln Gang; alles war ſtill. Zuletzt— eine Lampe flimmerte in einem Gang zur Rechten; und Lama wendete ſich um die Ecke,— ließen ſich deutlich Stim⸗ men vernehmen; und eine weibliche Stimme, ſchluch⸗ zend, und wie es ſchien, bittend, drang zu den Ohren der ängſtlich horchenden Lama. Alles war wieder ſtill, bis ſie die wohlbekannte, kreiſchende Stimme ihres Mannes deutlich unterſchied. „Das iſt unnütz, ſchönes Mädchen,“ ſagte er; „Flucht iſt unmöglich. Schon lange war ich thöricht genug, deinen Unſinn anzuhören; und dieſe Nacht,. ich ſchwöre es, ſoll aller Streit und aller Wortwechſel enden— Widerſtand hilft nichts.“ Jetzt bewegte ſich die Lampe und warf einen Strahl auf das Geſicht des Cazee, der außen an ei⸗ nem großen eiſernen Gitter⸗Thore ſtand, deſſen Stäbe in beträchtlicher Entfernung von einander angebracht waren. Jetzt ließ ſich das Frauenzimmer wieder hö⸗ ren, und rief:„Komm nur herein; aber du ſollſt ſe⸗ hen, wie es dir geht. Ich habe eine Waffe, und ſie — 40 ſoll ſchwer auf dein verruchtes Haupt fallen und mein Elend enden.“ Finfältiges Mädchen,“ ſagte der Cazee,„dann mußt du verhungern, weißt du. Wer wird dir Speiſe bringen, wenn du mich tödteſt? Ich will es verſu⸗ chen.“ Indem er dieß ſagte, ſchüttelte er einen Bund Schlüſſel, und rief:„Du biſt in meiner Gewalt, wer wird dich retten, oder mein Vorhaben hindern?“ „Ich!“ ſchrie eine Stimme, in der er ſogleich die ſeines Weibes Lama erkannte. Ehe er Zeit hatte, ſich zu ſammeln, hatten ihn ſchon der Schneider und die Handwerksleute umringt, und banden ihm die Hände auf den Rücken, während Lama im höchſten Zorne vor ihn hintrat und ſchrie:„Ich will dich hindern, Cazee! Ich, Lama, dein Weib. Du ruchloſe Beſtie! So deines Vaters heiliges Grab zu einem ſo teufli⸗ ſchen Beginnen zu mißbrauchen!“— „Da dieſer verfluchte Schneider hat alles geſagt!“ rief heulend der Cazee. „Erlöſet mich, ich bitte euch um Allah's willen, ihr lieben Leute!“ rief das gefangene Frauenzimmer. Lama erbarmte ſich der Unglücklichen, die oſſenbar nicht mit ihrem Willen hier eingekerkert war; ſie griff nach den Schlüſſeln, die der Eazee, als er ihre Stimme hoͤrte, auf den Boden hatte fallen laſſen, und ſohloß die Thüre auf; aber wer beſchreibt hier ihr Enrſetzen und itzren Schmerz, als ſie beim Schimmer der Lampe die Geſichtszüge Svoria's entdeckte, der lang verloren gegebenen Sooria, der Tochter des Kaufmanns. Sie war ſo erſchrocken, daß unwillkührlich ihr Name ihren Lippen entſchlüpfte, den der Schneider mit ſeinen Leu⸗ ten und das Echo in den Gewölben wiederholte. „Ja gewiß,“ rief nun frendig Svoria,„ich bin das verlorne Mädchen, und hätte euch der Himmel 41 nicht hieher geführt, ich wäͤre es auf ewig geweſen; aber ſage mir liebe Frau, lebt mein Vater noch und auch meine Mutter? und wo iſt Azum?“ „Alle leben noch, gute Sooria,“ ſagte Lama theil⸗ nehmend.„O, Cazee Ahmak! welche Schande haſt du auf dein Haupt geladen! Wie konnteſt du das thun, Ahmak?“ Hier brach Lama, deren einziges Bemühen es im⸗ mer geweſen war, die Achtung und Ehre ihres Man⸗ nes zu erhalten, im Drange ihrer ſchmerzlichen Ge⸗ fühle, die ſie nicht mehr bewältigen konnte, in einen Strom von Thränen aus, die ſelbſt den Cazee nicht ungerührt ließen. Endlich begann ſie, in der Hoff⸗ nung, daß die Sache vielleicht geheim gehalten werden könnte, dem Schneider und ſeinen Leuten Belohnun⸗ gen zu verſprechen; aber der liſtige Spitzbube hatte ſich, als er ſah, wie ſich die Sachen geſtaltet hatten, leiſe weggeſchlichen, um des Mädchens Vater Nachricht zu geben, und die bekannt gemachte Belohnung von tauſend Rupien zu fordern. Der Cazee ſtand da als das Bild der Verzweiflung, des Schreckens und der Schande; während Lama mit Sooria den Männern befahl, vorwärts zu gehen und dieſen ſchrecklichen Ort zu verlaſſen. Als man auf den Begräbnißplatz trat, ſah man von allen Richtun⸗ gen her Lichter kommen, und die ganze Stadt ſchien ſich hieher zu drängen. Der erſte unter der eilenden, begierigen Menge war Azum, und nach ihm Mahom⸗ med Iſtukbul, der Vater des verlornen Mädchens, und beide ſchrieen:„wo, wo iſt ſie?“ Sooria flog in ihre Arme, und machte ihrer Freude durch einen Strom von Thränen Luft. Alle waren über die Maßen erfreut, keiner aber egte ſein Entzücken ſo deutlich an den Tag, als Dag⸗ 42 habhae, der Schneider, der herumtanzte und vor lauter Wonne ſich die Hände rieb. Und als der Cazee ſich näherte, machte er ihm eine ſpöttiſche Verbeugung, und ſagte:„Ich habe den Schuldigen herausgefunden, wenn es auch der Herr Cazee nicht konnte.“ Lama warf einen eigenen Blick auf den Schnei⸗ der; aber es war jetzt die Feſſel der Gewalt zerbro⸗ chen, er achtete nicht auf ſie. Ich glaube, es wird nun nöthig ſeyn, das Be⸗ kenntniß des Cazee zu erzählen, der vor den Richter⸗ ſtuhl des Nuwab gebracht wurde. Da jedoch ſeine Verlegenheit ſo groß war, ſo wird es vielleicht beſſer für mich ſeyn, wenn ich die Sache mit meinen eigenen Worten darſtelle. Die Hochzeit der Sooria mit Azum ſollte vor ſich gehen, wenn der Vater des erſtern ſich bereit finden würde, eine Summe Geldes für die Braut feſtzuſetzen, und dem jungen Azum in Form Rechtens ein Haus, das er in der Stadt beſaß, zu übergeben. Weil die ſchriftlichen Urkunden über dieſen Gegenſtand das Sie⸗ gel und die Unterſchrift des Cazee erforderten, ſo ſandte Mahommed Iſtukbul zu Ahmak, und ließ ihn um ſeine Gegenwart bei einem wichtigen Geſchäfte bitten. Der Cazee erſchien ſogleich, ließ ſich im Beiſeyn Sooria's und Azum's von der Sache unterrichten, und zeigte ſich zur Unterſchrift bereit. Aber beim Anblick der liebenswürdigen Sooria, hatte er beinahe alle Kraft dazu verloren, und er faßte insgeheim den Entſchluß, ſie, wenn es möglich wäre, vor der Hochzeit, welche unmittelbar nach dem Ramazan gehalten werden ſollte, in ſeine Gewalt zu bringen. Um ſeinen Vorſatz auszuführen, befürchtete er, wuürde Gewalt nöthig ſeyn, und oft lauerte er ſpät Adends an dem Begräbnißplatze, in deſſen Nähe Ma⸗ 4³ hommed Iſtukbul mit ſeiner ſchoͤnen Tochter wohnte. Eines Abends, als er von dem Grabe ſeines Vaters herauskam, ſah er die liebenswürdige Sooria zu dem Brunnen in der Nähe des Platzes kommen, um Waſ⸗ ſer zu holen. Niemand war ſonſt gegenwärtig; doch getraute er ſich nicht, das Mädchen mit Gewalt an⸗ zufallen, da ihr Geſchrei Hülfe herbeirufen und über ihn ſelbſt eine unauslöſchliche Schande bringen konnte. Was Gewalt nicht vermöge, dachte er, könne durch Liſt bewerkſtelligt werden; er begann alſo erbärmlich zu ſchreien und mit einer Hand ſeinen Fuß zu halten. Die mitleidige Sooria flog zu ſeiner Hülfe herbei, und als ſie ſah, daß der Cazee wirklich Schmerzen leiden müſſe, bat ſie ihn, ihr zu ſagen, was ihm be⸗ gegnet ſey. „Eine Schlange, o! eine Schlange hat mich ge⸗ biſſen!“ rief er,„und ich muß gewiß ſterben.“ „Himmel! was ſoll ich thun? wie kann ich dir helfen, Herr?“ ſagte Sooria beſorgt. „O! ſchönes Mädchen, führe mich in den Begräb⸗ nißplatz hinein, gutes Kind; da iſt ein Ruhebette, leg mich darauf und laß mich ſterben.“ Das arme Mädchen richtete mit Muͤhe den Heuch⸗ ler auf, er hinkte an ihrem Arm die Stufen hinab bis zu der Kammer mit der eiſernen Thüre, wo ſich eine rauhe hölzerne Lagerſtätte, mit einigen Kleidungs⸗ ſtücken darauf, befand. Das beſorgte und aufmerkſame Mädchen eilte ſogleich, das Bett zu ordnen; während ſie damit beſchäftigt war, drehte ſich, zu ihrem Er⸗ ſtaunen, der Cazee um, und ſchloß ſie ein, mit den Worten:„Verzeihung, ſchöner Engel! daß ich dieſe Liſt gebraucht habe; ſchreibe es meiner heißen Liebe zu dir, du reizendes Geſchöpf, zu; bleibe hier für den Augenblick, bis die Nachforſchungen nach dir vorüber 44 ſind, und laß uns die Zeit in Liebe und Seligkeit hinbringen.“ Der Schrecken der Jungfrau war ſo groß, daß ſie lange Zeit kein Wort hervorbringen konnte; als ſie aber der Sprache wieder mächtig wurde, machte ſie ihm die bitterſten Vorwürfe, und ſchwur, eher zu ſter⸗ ben, als ſich zu ſeinen ſträflichen Abſichten herzugeben, und bat ihn im feierlichen Tone, ſie freizulaſſen und ihren betrübten Eltern und ihrem Verlobten zurück⸗ zugeben.— Der Cazee war taub gegen die Stimme der Bit⸗ tenden, wie gegen die Vorwürfe der gekränkten Un⸗ ſchuld, und verließ ſie, bis ſie ſich eines Beſſern be⸗ ſönne. Ihr Kerkermeiſter brachte ihr Speiſe, von der Alten im Gäßchen gekocht, ſah aber einen Tag nach dem andern hingehen, ohne daß er ſeinem Ziele nur im geringſten näher gekommen wäre. Um jeden Ver⸗ dacht zu entfernen, wenn er um ſeinen Beiſtand zu Sooria's Entdeckung angegangen würde, nahm er an den Gefühlen der trauernden Eltern ſo hohen Antheil und mit ſo anſcheinender Aufrichtigkeit, daß jenes voll⸗ kommen gelang. An Azum überließ er ſeine Diener und Polizei⸗ Soldaten, und ſchien mehr als je dafür beſorgt, daß ihre Bemühungen Erfolg hätten. Der Umſtand, daß er dieſe hohe Schönheit in der Gruft verborgen hielt, entſchädigte ihn dafür, daß ſein Harem zu Hauſe von der unermüdeten, preiswürdigen Lama geſprengt wor⸗ den, von der er jede Urſache zum Verdacht zu ent⸗ fernen ängſtlich bemüht war. Die Liſt des Cazee ge⸗ lang bis auf den Beſitz Sooria's, kam aber, wie je⸗ der Betrug früher oder ſpäter ſich enthüllt, auf die 4 ſchon angegebne Art und Weiſe an den Tag. 45 Der Nuwab war höchlich erzürnt und in Verle⸗ genheit, welche Strafe er dem ſchuldigen Ahmak zuer⸗ kennen ſollte. Um ſeines Vaters und deſſen Verdienſte willen, mochte er ihn nicht auf offnem Bazaar ſtäu⸗ pen laſſen; nach gehöriger Üüberlegung aber fällte er das Urtheil, daß er ſeines Amtes als Cazee für im⸗ mer entſetzt, ſein Haus gänzlich niedergeriſſen, er ein Jahr lang in die Gruft ſeines Vaters eingeſperrt und dann aus der Stadt verbannt werdek„ſollte. Der arme Ahmak warf ſich auf ſein Angeſicht nie⸗ der und wimmerte um Milderung des Urtheils, aber Alles vergebens. Auch die Thränen ſeines treuen Weibes Lama vermochten nichts weiter auszuwirken, als die Erlaubniß, ihren betrübten Gatten in ſeinem düſteren Gefängniſſe beſuchen zu dürfen. Der Schnei⸗ der erhielt ſeine Belohnung, und freute ſich, eines Ca⸗ zee los zu ſeyn, der der jammervollen Klage des be⸗ kümmerten Ehmanns ſo wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte, und ihm ſeinen Schutz gegen die Tücken des hinterli⸗ ſtigen Fleiſchers verſagte. Der Pöbel höhnte und ſchmähte den unglücklichen Cazee bis an ſein Gefängnis, deſſen Mauern ſein ge⸗ priesnes Serail gebildet hatten; Azum's und Sooria's Verbindung aber wurde ſogleich darauf unter dem freu⸗ digen Zuruf der ganzen Stadt gefeiert. Hier endigte der Barbier ſeine Erzählung, ver⸗ beugte ſich, und erhielt Erlaubniß, abzugehen. Der Nuwab fragte ſeinen Miniſter und die übrigen Zuhod⸗ rer um ihre Meinung über die ſo eben angehörle Ge⸗ ſchichte, und alle erklärten, ſie hätten ſchon manche weniger unterhaltende gehört, und glauben, Buroo ver⸗ diene Lob für ſeine Erfindung. Wie zuvor erſchienen die Übrigen im Palaſte des D Deewan, und das Loos 46 ſtel auf Rajeram Kevul Ram, Hauptmann der Raj⸗ poot⸗Wache, der daher Befehl erhielt, ſich für den folgenden Tag bereit zu halten. Drittes Kapitel. Geſchichte des Hauptmanns der Leibwache. „Legt Feuer an, und bringt die Mörderin her!“ befahl ſchrecklich Bayezid der Stifter und das Ober⸗ haupt der Rosheniah Sekte,„daß meine Augen am Anblick ihrer Qualen ſich weiden, die meinen einzi⸗ gen Sohn mir entriſſen. O Jelal, Jelal! mein ge⸗ liebter Sohn! wie biſt du gefallen! Eilet, ſage ich, bereitet den Scheiterhaufen, und bringt die blutige Aika her.“ Die Wachen eilten, ſeine Befehle zu voll⸗ ziehen, und in wenigen Augenblicken ſtand die trotzige Aika vor dem gebieteriſchen Bayezid.„Sprich, Mör⸗ derin! ſagte der Häuptling,„haſt du nicht meinen heißgeliebten Sohn, deinen treuen Gatten vergiftet?“ „Herr,“ entgegnete das unerſchrockene Weib;„ich bin in deiner Gewalt; ſtrafe mich, wenn du willſt, aber auf deine Fragen werde ich nicht antworten.“ „Teufel!— auf denn, an's Werk.“ Die Wachen ergriffen ihr Schlachtopfer, und ſchleppten es an den Scheiterhaufen, um deſſen furcht⸗ bare Flammen ein unermeßlicher Volkshaufen ſich ver⸗ ſammelt hatte. Bayezid gab das Zeichen, und mit feſter Entſchloſſenheit bat Aika bloß um die Vergün⸗ ſtigung, ihre Freunde und Verwandten noch einmal nmarmen zu dürfen, ehe ſie auf ewig die Augen ſchlöſſe. 47 Ihre Bitte wurde gewährt, und zuerſt trat ihre betagte Mutter heran, das letzte Lebewohl ihr zu ſa⸗ gen; dann kam ihre kleine Schweſter, in Thränen ge⸗ badet, und gefolgt von männlichen und weiblichen Ver⸗ wandten, Freunden und Bekannten. Zuletzt näherte ſich ihr der junge, ſchöne Mirza Khalil, ein Afghane von Tirah, der, obgleich die Lehren der Rosheniah⸗ Sekte theilweiſe annehmend, doch ein treuer Freund der Moghul's war, und insgeheim noch den Vorſchrif⸗ ten des Islam anhieng. Mirza war ein tapferer Krieger, und hatte unter dem ermordeten Jelal, Baye⸗ zid's Sohn, und der verworfenen Aika Gatten, ge⸗ dient. Nicht aus Neugierde, noch aus Luſt, Zeuge ſolcher Scenen zu ſeyn, wohnte der Jüngling der trau⸗ rigen. Hinrichtung der Gattin ſeines Gebieters bei, ſondern auf Verlangen der Schuldigen, die aus ihrem Gefängniſſe ihm ihren ſehnlichen Wunſch hatte hinter⸗ bringen laſſen, Abſchied von ihm zu nehmen, ehe ſie vom Leben ſchiede. Mirza trat auf den Holzſtoß zu, neben dem furchtlos und gefaßt Aika ſtand. Sie brei⸗ tete die Arme nach ihm aus— er näherte ſich; aber ſtatt ſanfter Umarmung der Freundſchaft, ſah er ſich von einer Furie, mit übermenſchlicher Kraft umſchlun⸗ gen, während durchbohrende Blitze, furchtbar anzu⸗ ſchauen, aus ihren Augen ſchoſſen. Ehe er Zeit hatte, das raſende Weib zu beſänftigen zu ſuchen, faßte ſie ihn an der Kehle, ſchleuderte ihn in die Flamme, und ſtürzte ſich ſelbſt in dieſe, mit durchdringenden Ge⸗ ſchrei die Lüfte erfüllend.. 3 Mirza, rüſtig und behend, wand ſich unter den verzehrenden Flammen und ſprang auf, entkam durch einen Sprung dem Feuer, warf, was ſich ihm in den Weg ſtellte, nieder, und entfloh. * Bayezid's Erſtaunen über das, was er ſah, ſchloß * 48 ihm die Lippen, und er ſtand einige Minuten ſchwei⸗ gend, ungewiß, was die That ſeiner zum Tode ver⸗ urtheilten Gefangenen zu bedeuten hätte. Da er in⸗ deſſen glaubte, die blutgierige Aika habe ihre Schuld noch durch ein Verbrechen vergroͤßern wollen, ſo war er mehr erfreut als betrübt, daß der junge Mirza entkommen, zu dem er immer eine ansgezeichnete Vor⸗ liebe gezeigt hatte. Allein ſeine Freude war von kur⸗ zer Dauer; denn als die raſende Aika ſah, daß ihr Opfer ſich gerettet hatte, ſtand ſie, obgleich die Flam⸗ men an ihr leckten auf, und rief mit lauter Stimme: „ergreift das Ungehener! er entwarf den Plan meinen Gatten zu morden, und ſo willigte ich darein.“ Nach dieſen Worten ſtürzte ſie ſich unter dem Zuruf der ſtaunenden Menge, wieder in die Flammen. Bayezid ertheilte Befehl, den ſchuldigen Mirza zu verfolgen, und nach allen Richtungen zerſtreuten ſich die Wachen; aber der Abend kam, und Mirza war nicht gefunden. Da that der ergimmte Bayezid einen furchtbaren Schwur, nimmer zu raſten bis der ſchuldige Verbrecher vor ihm gebracht würde und wie⸗ derholte ſeinen Befehl, auf ihn zu fahnden, eine un⸗ ermeßliche Belohnung für ſeine Verhaftung ausſetzend. Weit entfernt, einen Anſchlag gegen den Sohn ſeines Herrn zu hegen, hieng der junge Mirza Khalil mit treuer Ergebung an ihm, und hatte ihn immer nicht allein als Gebieter, ſondern als ſeinen Retter geehrt, denn der unglückliche Jüngling war als Kind „von JIelal ſelbſt gerettet worden, der, in ſeinem ach⸗ ten Jahre im Walde mit Bogen und Pfeil ſpielend, einen kleinen Korb an einen Baume hängen ſah, den er von ſeinen Dienern abnehmen ließ, und darin zu ſeinem Erſtaunen ein neugebornes Kind erblickte. Je⸗ lal trug die theure Bürde nach Hauſe, und hiert 49 mit Erlaubniß ſeines Vaters eine eigene Amme für das Kind, das unter dem Schutze des Sohns des Oberhaupts blieb, und treu an dieſem hieng. Frühzeitig lernte Mirza Khalil das Schwerdt füh⸗ ren, und begleitete, als er gehörig herangewachſen war, Jelal'n, ſeinen Beſchützer, auf ſeinen Zügen gegen die Moghul's. Im erſten Treffen verleitete ihn ſein unerſchrockner Muth, zu weit vorzudringen, ſo daß er gefangen wurde, und zwei Jahre bei den Moghul's blieb, während welcher Zeit er mit den Lehren des Islam ſich vertraut machte. Nach Ab⸗ ſchluß des Friedens erhielt Mirza ſeine Freiheit, und kehrte ſchleunig zu ſeinem Beſchützer zurück, deſſen Vermählung mit einer Frau, Aika geheißen, gerade gefeiert wurde.— Mirza wurde mit Freude von ſeinem liebreichen Gebieter aufgenommen, und nahm Theil an den Fe⸗ ſten, die eben gefeiert wurden. Die Braut warf ei⸗ gene Blicke auf den ſchönen Jüngling, welche ihn ſehr verlegen machten, doch ſchrieb er ſie bloß der Neu⸗ gierde zu, und beſchloß nicht mehr daran zu denken: allein ein Tag um den andern vergieng, Aika's Be⸗ nehmen wurde mehr und mehr nnſchicklich, und ſie erklärte zuletzt, daß ſie ihn, und nur ihn liebe. Mit Thränen in den Augen bat ſie der beſturzte Juͤngling, ſie ſollte dieſen Gedanken aufgeben, der ſie herabwürdige, und ihn in's Verderben? ſtürzen würde, indem er ihr vorſtellte, welche Verpflichtungen ſie gegen ihren Gatten Jelal hätte. In der Mei⸗ nung dieß ſey der einzige Einwand, das einzige Hin⸗ derniß ihres vermeinten Glückes, beſchloß die verruchte Aika, ihrer unerlaubten Leidenſchaft ſich hingebend, ihren unglücklichen Gatten auf die Seite zu ſchaffen, und gab ihm Gift, das ſie künſtlich in die Speiſe Ind. Serail. 3 * 50 gemiſcht hatte. Leider hatte das Gift die gewünſchte Wirkung, und Jelal ſchloß die Augen für immer. Aika ſpielte ihre Rolle gut; ſie zerraufte ſich das Haar, zerſchlug ſich die Bruſt, und ſtellte andere änſ⸗ ſere Zeichen untröſtlichen Kummers zur Schau; auch ahnte niemand die Urſache von dem Tode des jungen Häuptlings, noch vielweniger deu Thäter. Nach ei⸗ niger Zeit erſchien die abſcheuliche Aika wieder vor ihrem geliebten Mirza, der jetzt, wie ſie hoffte, kei⸗ nen Grund mehr haben würde, ihre Liebe nicht zu erwiedern; ſie hatte ſich aber ſehr getäuſcht. Er ge⸗ ſtand, ſein Herz ſchlage für eine Andere, der er vor ſeiner Gefangenſchaft unter den Moghul's ergebey ge⸗ weſen ſey. Mehr wollte Aika nicht hören, verließ 6 ihn, und ſann auf Rache für die gegen ſie bewiesne Geringſchätzung. Bayezid, des gemordeten Jelal's Vater, ſchien zwar überzeugt zu ſeyn, daß ſein Sohn eines natür⸗ lichen Todes geſtorben ſey, ſann aber insgeheim über ſein plötzliches Verſcheiden nach, und hegte oft Muth⸗ maßungen, welche für die unter ſeinem Dache Woh⸗ nenden nichts weniger als günſtig ausfielen.„Könnte Mirza,“ dachte er,„ſo undankbar ſeyn? Nein, das iſt unmöglich; überdieß, welchen Zweck konnte er durch ſolches Verbrechen zu erreichen hoffen?“ Zuletzt be⸗ ſchloß er, alle Spezereihändler zu vernehmen, um ſich zu vergewiſſern, an wen ſie ſolche Artikel heimlich abgegeben hätten. Er ging alſo in der Abenddämme⸗ rung, in einer paſſenden Verkleidung in alle Buden, und erfuhr auf dieſe Weiſe, daß die Frau ſeines Sohns heimlich Gift von der tödlichſten Art gekauft habe. Sogleich gab er Befehl, Aika feſtzunehmen, die von Mirza zurückkommend, unter teufliſchen Racheplänen ſich umringt und vor den erzürnten Bayezid geſchleppt — 54 ſah, der ihr offen ihr Verbrechen vorwarf. Sie ſchwieg, und es wurde hierauf ein Gottesurtheil angeordnet, wobei die Schuldige zwiſchen der Waa⸗ ge⸗, Feuer⸗, Waſſer⸗, Gift⸗, Reis⸗, Ol⸗, glü⸗ hende Eiſen⸗ oder Bilderprobe*) zu wählen hatte. **) 1) Die Waageprobe iſt folgende. Der Angeklagte wird zuerſt gewogen, und muß alsdann beten und ſich baden, worauf ein Papier, welches das ihm zur Laſt gelegte Verbrechen enthält, ihm auf den Kopf gelegt und er wieder gewogen wird: ergibt ſich's nun unglück⸗ licherweiſe, daß er eine Unze weiter wiegt, als vor dem Abwaſchen, ſo wird er für ſchuldig erklärt, wiegt er weniger, für unſchuldig. Geſchieht es, daß der Angeklagte beide Male gleich viel wiegt, ſo wird er wieder und immer wieder gewogen, bis die Richter zu einer Entſcheidung kommen. 2) Die Feuerprobe. Es wird ein Loch in den Boden gegraben und Holz darin angezündet, durch die⸗ ſes muß der Angeklagte barfuß gehen; kommt er un⸗ verletzt heraus, ſo wird er für unſchuldig erklärt; iſt er aber verſengt, für ſchuldig.. 3) Die Waſſerprobe. Hier gibt es zwei Ar⸗ ten, über die Schuld oder Unſchuld des Beklagten zu entſcheiden. Bei der erſten muß der Angeklagte bis an den Hals in einen Teich ſtehen, an deͤſſen Ufer ein Bogenſchütze iſt, der einen Pfeil abſchießt, worauf der Angeklagte ſeinen Kopf untertauchen muß: kann er ſo lange unter dem Waſſer bleiben, bis der Schütze ſeinen Pfeil zurückbringt, ſo gilt er für unſchuldig, erhebt er aber den Kopf bälder, für ſchuldig. Die zweite Waſſerprobe iſt folgende: Gewiſſe Götzenbilder werden in Waſſer abgewaſchen, wovon der Angeklagte krinken muß: befällt ihn binnen vierzehn Tagen eine Krankheit, ſo wird er für ſchuldig, wo nicht, fur unſchuldig erklärt. 4) Die Giftprobc. Von Pundit's beobachtet, dadet ſich der Angeklagte. Sieben Körner von Visha⸗ 3 4 5² Die ſchuldige Aika beharrte in finſterem Schwei⸗ gen, daher Bayezid befahl, es ſollte die Probe mit glühenden Eiſen gemacht werden; dieſes wurde ge⸗ bracht, fie weigerte ſich aber, die Hand zu öffnen, um das Eiſen zu faſſen. Ein Richter bei dem Got⸗ naga, einer vergifteten Wurzel(weißer Arſenik) mit acht Mashas Ghee(abgeklärter Butter) vermiſcht, wer⸗ den dem Angeklagten gegeben, und er muß ſie aus der Hand eines Braminen eſſen. Hat es keine Wirkung ſo iſt er frei, im andern Falle ſchuldig.— Eine zweite Art iſt die: Die giftige Kaubenſchlange(Naga) wird in einen tiefen irdenen Topf geworfen; dann läßt man einen Ring, oder ein Stück Geld hineinfallen, welches⸗ der Angeklagte herausholen unuß. Beißt ihn die Schlan⸗ ge, ſo wird er für ſchuldig, wo nicht, für unſchul⸗ dig erklärt. 5) Die Reisprobe. Einige Körner ungekochten Reiſes werden dem Angeklagten in den Mund geſcho⸗ ben; hat er Speichel genug, um den Reis zu kauen und zu verſchlucken, ſo wird er für unſchuldig, wo nicht, für ſchuldig angenommen. 3 6) Probe mit ſiedendem Ol. Die Hand des Angeklagten wird in ſiedendes Ör getaucht; verbrennt er ſie, ſo iſt er ſchuldig, im andern Fall unſchuldig. 7) Probe mit stühenden Eiſen. Auf die⸗ ſelbe Weiſe. 8) Bilderprobe. Ein Bild genannt D, harma, oder Geiſt der Gerechtigkeit, aus Silber, und ein anderes, Adharma, aus Thon oder Eiſen, werden in einen weiten Krug geworfen, in welchen der Ange⸗ klagte ſeine Hand tauchen muß. Zieht er das ſilberne Bild heraus, ſo iſt er frei u. ſ. w. Eine zweite Art iſt die, daß das Bild einer Gottheit auf ein weißes oder ſchwar zes Stück Leinwand gemalt, in Kuhmiſt eingewickelt, und in den Krug geworfen wird. Zieht der Ungluͤckliche die ſchwarze Leinewand heraus, ſo iſt er ſchuldig, u. ſ. w. 55 tesurtheile berührte daher die Ruͤckſeite ihrer Hand damit, welche ſtark gebrannt wurde, und ſo ward das „Schuldig“ über ſie ausgeſprochen, und ſie verurtheilt, lebendig verbrannt zu werden. Was die wüthende Aika allein ſchmerzte, war, daß ſie ſterben ſollte, ohne an Mirza Rache genom⸗ men zu haben, und ſchon hatte ſie jeden Gedanken daran aufgegeben, als ſie, an das Feuer tretend, ihn unter der Menge erblickte. Sogleich bat ſie um Er⸗ laubniß, ehe ſie ſtürbe, ihre Freunde noch umarmen zu dürfen, in der gewiſſen Hoffnung, Mirza würde mit den Übrigen herbeigedrängt werden, ſollte dies aber nicht geſchehen, ſo wollte ſie ihn zu ſich rufen. Wie weit ihr dies gelang, habe ich ſchon erzählt, und muß nun auf die Begebenheiten übergehen, welche ſtatt fanden, nachdem das Feuer die Raſende verzehrt hatte..— Sobald Mirza die Menge durchbrochen hatte, eilte er einer kleinen Hütte außerhalb der Stadt zu, wo ſein Theuerſtes auf der Welt, ſeine geliebte Noor Mihr wohnte, ein junges, ſchönes Mädchen, die bei einem armen Bauer und ſeinem Weibe ſich aufhielt, unter deſſen Dach ſie auf ſehr geheimnißvolle Weiſe gekommen war, indem der Bauer nie erfahren konnte, wem ſie gehörte, oder wer ihre eigentlichen Eltern waren. Auf Mirza's öftere Fragen konnten ſie nur ſoviel antworten, daß in einer regnichten Nacht beim Monſoon*), ungefähr vor 14 Jahren, wo ſie in den Wäldern von Tirah wohnten, ein Fremder an ihre Thüre geklopft, und Aufnahme begehrt habe: dieſe haben ſie ihm abſchlagen wollen, ſeyen aber, weil fie ) Paſſatwind. 34 ein Kind wimmern hörten, aufgeſtanden, und haben die Thüre geöffnet. Der Fremde legte das Kind der Frau in den Arm, und eilte plötzlich davon, und ſeit⸗ dem hatten ſie nichts mehr von ihm gehört. Weil der Wald von Räubern unſicher gemacht wurde, ſo waren ſie genöthigt worden, ihren Wohnplatz zu ver⸗ ändern, und dem Häuptling der Rosheniah näher zu rücken, von dem ſie Schutz und Beiſtand zu erhalten hofften. Zufällig hatte Mirza das reizende Mädchen er⸗ blickt, ehe er in der Schlacht mit den Moghul's in Gefangenſchaſt gerieth. Damals war ſie noch zu jung um ſeine Gefühle zu erwiedern, aber bei ſeiner Rück⸗ kehr fand er ſie zu ſeinem Vergnügen noch liebens⸗ würdiger, als er ſie ſich gedacht, und bemerkte auch mit Wonne, daß ſie ihn nicht vergeſſen habe. Gerne ſahen der alte Landmann und ſein Weib die wach⸗ ſende Neigung des Jünglings zu ihrer theuren Noor Mihr, und verſprachen ſich viele perſönlichen Vortheile, wenn eine Verbindung zu Stande käme, da Mirza bei Bayezid ſowohl als bei ſeinem Sohne in hoher Gunſt ſtand. Beſtürzung und Schrecken ergriff ſie daher, als ſie Mirza, von Angſt getrieben, athemlos auf ihre Hütte zurennen ſahen, wo er niederſtürzte, unter den Wunden ſich windend, die er durch die Flammen erhalten, in welche die rachedürſtende Aika ihn geworfen hatte. Es währte lange bis er ſeine traurige Lage auseinanderſetzen konnte, und als er zuletzt eine Schilderung ſeiner geiſtigen und köͤrper⸗ lichen Leiden verſuchte, ſchwammen die ſchönen Augen Noor Mihr's in Tbränen, die ſich in laute Klage auflösten, als ſie vernahm, daß er aus der Gegend flüchten müſſe, weil ſein Leben in Gefahr ſey. Er verſuchte das erſchütterte Mädchen zu beruhigen, und 5⁵ nahm ihr das Verſprechen ab, ihn in Tirah aufzu⸗ ſuchen, wohin er fliehen wollte, da dort niemand von der wüthendeu Sekte der Rosheniah lebte. Noor Mihr verſprach, ihm nach Tirah zu folgen, und da jetzt beide in die kurze Trennung ſich ergeben hatten, rüſtete ſich Mirza zum Aufbruch, mit dem Schwure, daß nur die Hoffnung mit ſeiner geliebten Noor Mihr bald in der beſtimmten Stadt wieder vereinigt zu werden, ſein Leben friſte. Eben wollte er aus der Hütte treten, als er einen Trupp Männer auf dieſe zukommen ah. 1 „Verbirg mich, guter Koombie!“*) rief er; „ſchütze mich um Noor Mihr's willen!“ „Himmel!“ rief der Alte,„was iſt hier zu thun? Ich habe keinen Platz, wo ich dich verſtecken könnte, und wirſt du entdeckt, ſo koſtet's mich das Leben.“ Jetzt trat die alte Frau hinzu, und ſchlug vor, in einen irdenen Krug zum Aufbewahren von Korn, ihn zu ſtecken. Im Augenblicke ward der erſchrockne Mirza in das Gefäß gebracht, und ſchon hörte er die Männer an der Thüre der Hütte. „Kein Flüchtling hier Freund?“ fragte eine rauhe Stimme den Landmann. „Nein, Bruder,“ erwiederte dieſer kalt;„wen ſucht ihr?2 „Ol den blutgierigſten Schurken, den je die Erde trug den undankbaren Mirza Khalil; haſt du nichts von ſeinem Verbrechen gehört?“ „Gar nichts,“ ſagte der Landmann,„was mag es wohl ſeyn 2 ²⁷4 ⸗ „Ein Mord!“ entgegnete dieſelbe Stimme, die *) Landmann. 56 nun die ganze Geſchichte nicht ohne mancherlei Aus⸗ ſchmückungen und Übertreibungen erzählte, und mit der Bitte an den Landmann ſchloß, er ſolle nach dem Schuldigen ſich umſehen, der nicht ferne ſeyn könne. „Ich für meinen Theil,“ ſagte einer von der Truppe, halte es für unnöthig, weiter zu gehen, denn ich weiß, daß er ſicher kommt, ehe er dieſen Theil der Gegend verläßt: hier iſt ein Magnet, der ihn uns in die Klauen führt; ich denke alſo, wir warten eine Stunde, oder länger. Und du, guter Freund,“ ſo wandte er ſich zum Eigenthümer der Hütte,„gib uns etwas zu eſſen, willſt du?“ „Ja, ja,“ ſagten mehrere Stimmen,„etwas Gu⸗ tes, Alter, oder wir ſtuͤrmen dir deinen Korn⸗ boden.“ 4 „Ach!“ entgegnete das erſchrockene Weib des Land⸗ manns,„wir haben auf der Welt nichts, ich verſi⸗ chere euch; kein Brod, keinen Reis, kein Gemüſe, nichts von allem.“ „Auf, auf, alte Hexe! Du willſt nichts hergeben 2 Was! in allen dieſen großen Krügen in deinem Hauſe, ſagſt du, habeſt du kein Körnchen? Wir wollen ſehen.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich, und deckte einen Krug nahe bei dem, in welchem der unglückliche Mirza verborgen war, auf.„Ah!“ rief er,„ich glaube, ich finde hier ſchon in dem erſten Kruge, in den ich hineinſehe, Reis.“ So ſprechend brachte er eine Handvoll feinen Reis hervor, und ſchüttete dann den Inhalt des Gefäßes auf den Boden.„Jetzt Koch⸗ häfen her, alte Hexe!“ ſchrieen die Männer. Die Alte ſah, daß hier nicht zu helfen ſey, und gehorchte alſp, von Noor Mihr unterſtützt, die äͤngſt⸗ lich darauf bedacht war, die Männer ſo bald als möglich fortzubringen. Die ganze Zeit über, in wel⸗ 57 cher der Reis gekocht wurde, befand ſich der arme Mirza in der ſchrecklichſten. Todesangſt, und Noor Mihr, die ſeine Lage fühlte, flüſterte dem Landmann zu, er ſollte unter irgend einem Vorwand die Krüge in den Hof hinaus zu ſchaffen ſuchen. Die Hütte war eng, er entſchuldigte ſich alſo wegen des Man⸗ gels an Raum, und ſagte, er wolle die Krüge fort⸗ ſchaffen, damit ſich's ſeine Gäſte bequem machen könnten. „Das iſt recht,“ ſagte einer von den Männern, „komm, ich will dir helfen.“ Mit dieſen Worten legte der Kerl Hand an den Krug, in dem ſich der arme Mirza befand, und rief,„da iſt einer ziemlich voll, mein werther Wirth— kein Körnchen habt ihr in eurem Hauſe, he? Ja, der iſt voll. Meiner Leb⸗ tage hab' ich noch keinen ſo ſchweren Krug gefunden.“ So ſprechend wälzte er den Krug auf den Hof, wäh⸗ rend ſeine Kameraden mit den übrigen ein Gleiches thaten. Mirzals Lage war jetzt ſo peinlich, daß er ſich entſchloß, den ſchützenden Krug zu verlaſſen, und ſein Heil auf der Flucht zu ſuchen. Die troſtloſe Noor Mihr ſtand in der Nähe, er ſchloß ſie raſch in ſeine Arme, gab ihr den Abſchiedskuß, ſprang über eine kleine Mauer, rief ihr zu:„Vergiß mein nicht.!“ und war aus ihren Augen verſchwunden. Noor Mihr trat wieder zu den Männern der Hütte, die, da ſie genug gegeſſen hatten, eben im Begriff waren, ſich zu entfernen, als⸗einer von ihnen bemerkre, daß ſie verbunden ſeyen, die Krüge wieder an ihre vorige Stelle zu bringen; ehe ſie ihren werthen Gaſtwirth verließen.„Kommt Kameraden,“ ſagte er,„wir wol⸗ len die Krüge hereintragen helfen.“ Die Männer ſtanden alle auf; aber der Bauer verſicherte, es ſey 58 nicht noͤthig, daß ſie ſich ſo viele Mühe machen; er wolle die Krüge laſſen, wo ſie ſeyen; denn man müſſe ſie, ehe ſie wieder angefüllt werden, auswaſchen. „Ja, ja, lieber Mann,“ ſagte einer von ihnen; „aber einer iſt, ſo viel ich weiß, bereits voll; er braucht alſo weder ausgewaſchen noch gefüllt zu wer⸗ den; ich und meine Kameraden wollen dir ihn hinein⸗ tragen helfen; du mußt uns aber ein oder zwei Seer*) von ſeinem Inhalt geben, daß wir es mit uns nehmen können.“ „Ja, ja,“ ſagte ein Anderer;„wahrhaftig,“ rief ein Dritter;„kommt, wir wollen in den Hof hinaus, und die Krüge herein wälzen.“—„Ich will euch holen, ſo viel ihr verlangt,“ ſagte Noor Mihr; „ich bitte, bemüht euch nicht, die Krüge hereinzuſchaf⸗ feu.“—„Wir danken, mein ſchönes Kind,“ ſagte der Anführer des Haufens;„wir ſind gewohnt, uns unſern Proviant ſelbſt zuzumeſſen, ſeine Menge rich⸗ tet ſich ganz nach unſern Mägen und unſerem Rücken was dieſe tragen können.“ Während er dies ſagte, kamen ſie auf den Hof, und machten ſich an den Krug, in dem Mirza verborgen geweſen war.„Hier iſt der volle, Kameraden,“ ſagte einer,„kommt, helft mir!“ Mit dieſen Worten ſtemmte er ſeine Schulter gegen den obern Theil des Kruges, der aufrecht da ſtand, um ihn umzulegen, und ſo fortzuwälzen, aber der unerwartet große Unterſchied ſeines jetzigen Gewichtes vor dem früheren machte, daß er, zum allgemeinen Gelächter des übrigen Haufens, ſammt dem Kruge zu Boden fiel. „Ah, Spitzbube!“ ſagte der zu Boden Gefallene * *) Ein kleines Maß. aA 59 u dem alten Landmanne;„ich merke deinen Pfiff. Du haſt den Krug ausgeleert„ um uns um unſer Ge⸗ treide zu bringen; aber du biſt ſchnell damit geweſen; komm, zeig uns deinen Kornboden: wo haſt du den Innhalt des großen Kruges hingethan?“ Der arme, alte Bauer, der nichts von Mirza's Flucht wußte, war ſo beſtürzt, als er den leeren Krug erblickte, daß ſeine Verwunderung die der raubgierigen Wäch⸗ ter, wo nicht überſtieg, doch ihr gleich kam; er ſtand da und ſtarrte auf eine höchſt nichtsſagende und dumme Weiſe in die Welt hinein, ohne auch nur ein einzi⸗ ges Wort hervorbringen zu können. Sein Weib war eben ſo erſtaunt, und ſtand, wie ihr Mann, ſprach⸗ los da. Noor Mihr, beſorgend, das alte Paar möchte aus Furcht die Wahrheit bekennen, ſagte, „meine Freunde, ihr ſeyd im Irrthum geweſen; die⸗ ſer Krug enthielt kein Getreide ſondern Sand, das ich, wie ihr ſeht, hier in die Ecke geſchüttet habe.“ „Ich ſehe den Sand wohl,“ ſagte einer von den Männern,„aber du mußt eine harte Arbeit gehabt haben, ſchönes Kind; denn der Krug war ſehr ſchwer.“ „Ja, wahrhaftig, meine Arme ſchmerzen mich noch,“ ſagte ſie,„aber ich wußte, daß der Bauer die Krüge ausgeleert haben wollte, um ſie auszuwaſchen, ich benützte alſo euren gütigen Beiſtand, durch den ſie hieher gebracht worden ſind, und habe während ihr aſſet, meine Arbejt verrichtet.“ Die Soldaten waren genöthigt, alles dies zu glauben, und entfernten ſich, murrend, weil ſie nicht ſo viel Getreide bekommen hatten, als ihr Rücken tragen konnte. Der unglückliche Flüchtling nahm ſeinen Weg über dürre Heiden und durch dickes, hochwachſendes Gras, bis die Nacht ibn überfiel. Er beſtieg einen Banm, wo er am beſten gegen Menſchen und Thiere geſichert war. Es war noch keine Stunde verfloſſen, als er nahe Stimmen zu hören glaubte; er lauſchte, und überzeugte ſich, daß er ſich nicht getäuſcht hatte; er hörte den Hufſchlag von Pferden, und ſah bald ei⸗ nen Trupp bewaffneter Reiter, die unter ihm Halt machten. 8 3 Jetzt rief eine laute Stimme:„Ruhet hier aus, wackere Kameraden, und laßt mich die traurige Ge⸗ ſchichte noch einmal hören. Führt den Unglücksboten vor!“ „Sag mir,“ rief dieſelbe Perſon, die der Anfüh⸗ rer des Haufens zu ſeyn ſchien,„ſag', iſt Aika wirk⸗ lich todt?“ „Ihre Aſche, Herr, iſt in die Winde geſtreut worden.“ 7 „Und wer iſt dieſer Mirza, auf deſſen Veranlaſ⸗ ſung ſie, nach ihrem Bekenntniß, ihren Mann um⸗ brachte 24 „Es iſt ein fremder, junger Mann, Herr— ein Fündling, niemand weiß, wer oder was er iſt.“ „Und iſt er noch nicht entdeckt worden?“ „Als ich wegging, noch nicht, Herr; aber es iſt wahrſcheinlich, daß wir ihn bei unſerer Nücekehr ſchon in ſicherer Verwahrung finden.“ „Ja, ich hoff es; aber, wir kamen leider zu ſpät, um meine unglückliche Schweſter zu retten; dieſe That ſchreit nach Rache.“ Hier wurde das Geſpräch unvernehmbar, und bald nachher ritt der Haufe weiter, nachdem ſie Fackeln angezündet hatten. „O; grauſames Weib!“ rief Mirza, als ſich der Trupp eutfernt hatte;„welches Elend haſt du über mich gebracht! wer iſt dieſer Bruder, der ſo auf Rache — 61 finnt? Ach! armer, alter Bayezid, verehrter Feldherr, ich fürchte, dein Ende iſt nahe. O! dürfte ich es wagen, zurückzukehren, und dich vor dem hereinbre⸗ chenden Unglück zu ſchützen! aber die Worte der ſter⸗ benden Aika laſſen mich nicht hoffen, dich von meiner Unſchuld zu überzeugen.“ Sobald der Morgen graute, ſtieg Mirza von dem Baume herab, und nahm ſei⸗ nen Weg gegen Tirah hin, das er nach einer ermü⸗ denden Reiſe von zwei Tagen erreichte.„Hier,“ dachte er,„will ich die Ankunft meiner geliebten Noor Mihr erwarten, mich mit ihr in einen unbekannten Winkel zurückziehen, und durch meiner Hände Arbeit unſer Leben friſten. Der unglückliche Jüngling war⸗ tete von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, aber es kam keine Noor Mihr.—„Was kann die Urſache ihres Ausbleihens ſeyn?— iſt ſie treulos?— un⸗ möglich!— egſee vürde die Sonne ihren Lauf ver⸗ ändern, als daß ſie ihr Gelübde bräche. Es muß ihr etwas begegnet ſeyn. Ich will noch einmal heim⸗ lich zu der Hütte des Landmanns reiſen; ich habe ſonſt keine Ruhe.“ Mir a verkleidete ſich, ſo gut es ihm möglich war, und nahm ſeinen Weg wieder durch das hohe Gras; aber die Nacht war ſo ungewöhnlich finſter, daß er ſeinen Wegg verlor, und nicht wußte wo er hin wanderte. Endlich kam er vor eine ſtarke, finſter ausſehende Feſtung, die in der Mitte des Wal⸗ des liegen mußte. Er näherte ſich dem Thore, und beſchloß, nach ſeinem Weg zu fragen, oder, wenn er eingeladen würde, innerhalb den Mauern zu bleiben, bis der Tag anbräche: er rief laut, erhielt aber keine Antwort; er wiederholte ſeinen Ruf;„wer da?“ ſchrie innen eine Stimme.. „Ein Reiſender, der den Weg verloren hat, und um Zurechtweiſung bittet,„entgegnete der Jüngling. 1 62 „Wart einen Angenblick,“ ſagte die Stimme,“ ich will dir das Thor öffnen. 4 Eiine kleine Thuͤre, die an dem ungeheuren Thor angebracht war, knarrt bald in ihren Angeln, und ein Geſicht, das Jerade nicht einnehmend war, ſchaute heraus, und ſagte,„komm herein, Freund, du kannſt deinen Weg in dieſer dunkeln Nacht nicht finden; bleib hier bis morgen, und dann wollen wir dich wie⸗ der auf den rechten Weg bringen.“ Mirza nahm nach einigem Zaudern die Einkadung an. Er trat in einen geraͤumigen Hof, in dem rund herum Hütten von Bambusrohr ſtanden, mit Palmy⸗ rablättern bedeckt, unter dem ein halb Dutzend be⸗ waffneter Männer lagen, obgleich der Platz nahe an fünfhundert faſſen zu können ſchien. Der Mann, wel⸗ cher Mirza hereingelaſſen hatte, wieß ihm eine lecre Matte in einem Winkel an, hng gisdeahr ihm, hier bis morgen zu ruhen. Augſtlich ſehnte der Jüngling nach dem Anbruch des Tages, und es kam kein Schlaf in ſeine Augen. Als er die erſten Strahlen der Morgenröothe erblickte, ſtaud er auf und näherte ſich dem Thore, wo er den finſtern Pförtner feſt einn geſchlafen fand. Er bereute es innig, in die Feſtung⸗ hereingegangen zu ſeyn: Das Geſicht ihrer Bewohner ſagte ihm, daß er nicht ruhig werde wieder abziehen dürfen. Es war alles in tiefen Schlaf verſunken; er legte daher Hand an den Riegel, und verſuchte hinauszukommen, ohne den ſchkafenden Pförtner zu ſtören; aber das Geräuſch, das er bei ſeinem Verſuch machte, weckte den Mann zu ſeiner Seite auf; er ſprang in die Höhe und rief. „Ah, mein Freund! wie? du willſt dich nur ſo fort⸗ macken, ohne für unſere Nachtherberge zu danken? Das iſt ſchlecht von dir. 65 „Ich wollte dich in deinem Schlafe nicht ſtören, Freund,“ entgegnete Mirza;„aber, da du nun auf⸗ gewacht biſt, ſo ſey ſo gut und laß mich hinaus.“ „Ahl da glaub' ich, es hat dir von deinem rechten Wege geträumt, nicht wahr? Aber ich ſag' dir was, junger Mann, du darfſt nicht fort.“ „Nicht fort! wer wird mich hindern?“ „Ich werde dich hindern, und meine Kameraden werden dich hindern.“ „Was kann es euch aber nützen, wenn ihr mich hinhaltet, wie einen ganz fremden Menſchen?“ „Junger Mann, wiſſe, daß du dich in der Fe⸗ ſtung des Fuſad Khan befindeſt.“ „Himmel!“ rief Mirza,„iſt es möglich?“ „Ja wohl; und es iſt auch möglich, daß du nie wieder hinauskommſt— es iſt hier Geſetz, daß kein Menſch dieſe Wälle verlaſſen darf, ohne ein ſtrenges, perſoͤnliches Verhör.“ „Ich bin bereit dazu,“ ſagte Mirza. „Das mag ſeyn, junger Mann: aber unſer Herr iſt keineswegs bereit, denn er iſt gegenwärtig nicht da. Bei ſeiner Rückkehr wirſt du ſogleich gerufen werden, um dich vornehmen zu laſſen; fällt dein Ver⸗ hör befriedigend aus, ſo mag dir vielleicht geſtattet werden, dich zu entfernen,“— „Wann wird er zurückkehren, Freund?“ fragte Mirza angſtlich. „Ich kann es nicht ſagen,“ war die Antwort; „er hat ſich in einer wichtigen Angelegenheit entfernt. Aber, mein Freund, biſt du einer von der Sekte der Rosheniah?“ „Nein,“ entgegnete Mirza. „Verabſcheuſt du ſie?“ 84 geu ſie geſinnt wäre.“ 3„Würdeſt du gegen ſie fechten?“ „Nicht gern; aber mich dünkt, mein Freund, du haſt in der Abweſenheit deines Herrn das Geſchäft des Verhörs übernommen.“ „Gut; und vorausgeſetzt„es ſey wirklich ſo, was dann?“„Dann wäre ich geneigt, auf deine Fragen zu antworten, das iſt alles.“ „Ganz gut, Freund, wie es dir beliebt.— Aber du biſt ungeheuer hochmüthig; doch ich meine, wir werden dich noch kleinlaut machen„ehe wir uns tren⸗ nen.“ Der Pförtner ſchob nnn den Riegel an dem Thore wieder zurecht, und befahl ſeinem Gefangenen, ſich in Zukunft in gemeſſner Entfernung von dieſer Stelle zu halten, oder er werde es zu bereuen haben. Der ganze Tag verfloß, ohne daß mit dem troſtloſen Jüng⸗ ling auch nur ein Wort geſprochen wurde, und als es Nacht geworden war„legte er ſich müde und elend nieder. Die Wachen unterhielten ſich miteinander: er horchte, und vernahm folgendes Geſpräch. „Komm, Bruder, laß uns einen guten Trunk thun; unſer Herr wird dieſe Nacht nicht mehr kom⸗ men.“ „Nein, nein; er hat genug zu thun; ich ſtehe da⸗ für, er wird es den alten Bayezid bereuen laſſen, ſeine Schweſter verbrannt zu haben.“ Mirza fühlte nun das Schreckliche ſeiner Lage, und ſtrengte alle ſeine Kräfte an, das Geſpräch zu hören, das aber ſo leiſe geführt wurde, daß alle ſeine Verſuche, ferner noch einige Laute zu vernehmen, er⸗ „Nein; ich kann nicht ſagen, daß ich feindlich ge⸗ 65⁵ folglos waren. Er hatte genug gehört, um jeden Ge⸗ danken an Schlaf zu verlieren; und er hatte wieder eine hochſt ſchlechte und unangenehme Nacht. Viertes Kapitel. Der folgende Tag ging wie der vorhergehende vor⸗ uͤber: nicht ein Wort ſprachen die Wachen mit Mirza, außer als ſie ihm etwas Reis von ihrem Mittags⸗ mahl vorwarfen. Der Pförtner richtete, wie es Mirza vorkam, ganz eigene Blicke auf ihn, die voll geheimer Deutung zu ſeyn ſchienen. Es waren ungefähr vier Tage ſeit ſeiner Ankunft im Schloſſe vergangen, als er eines Morgens durch das Geſchrei ungewöhnlich vieler Stimmen aufgeweckt wurde, und, als er die Augen aufſchlug, den Schloßhof mit Bewaffneten in voller Rüſtung angefüllt ſah; zwei von ihnen führten einen Gefangenen, der an Händen und Füßen gefeſſelt war, in das Innere des Gebäudes.„Ach! du armer Menſch!“ dachte er,„du biſt gewiß zu großem Elend, vielleicht zum Tode verurtheilt!“ Er wagte es, zu fragen, wer der Gefangene ſey. „Laß du das fragen, junger Mann,“ entgegnete ihm eine rauhe Stimme,„denk du lieber an dich ſelbſt. Fuſad Khan iſt gekommen, er wird dich nächſtens ver⸗ ören.“ z„Ich bin bereit,“ antwortete Mirza,„laß mich zu ihm.“ „Nur nicht voreilig, Freund; er wird dich ſchon zur rechten Zeit vornehmen, das verſichere ich dich; indeß laß uns mit Fragen ungeſchoren, denn du findeſt doch niemand hier, der dir antworter.“. 66 Noch denſelben Tag ſah Mirza zu ſeiner Beſtür⸗ zung den Schloßhof mit Bewaffneten angefüllt, die ſich in regelmäßiger Ordnung aufſtellten. Fuſad Khan er⸗ ſchien; alles neigte ſich. Er war ein rüſtiger, großer und wohlgebauter Mann, und, wie man wohl ſah, an Strapazen und Krieg gewöhnt; eine männliche Würde, die etwas an Wildheit gränzte, lag in allen ſeinen Zügen, und beim erſten Blick bemerkte man, daß es ihm nicht an Verſtand und Scharfſinn fehlte. Er ſprach gut und fließend; war herablaſſend gegen ſeine Umgebungen, ohne jedoch dabei die Würde, Ho⸗ heit eines ſolchen, der ſtreng auf Zucht und Ordnung bielt, aus den Augen zu ſetzen.„Führt den Gefan⸗ genen vor!“ rief finſter und hart der ſchreckliche Fu⸗ ſad Khan. Mirza erwartete, daß der Befehl ihn angehen werde, und bereitete ſich alſo vor. Als er aber ſah, daß die Wachen ſich auf eine andere Seite hin wand⸗ ten, fiel ihm der unglückliche Mann wieder ein, den er vor wenigen Stunden in Feſſeln geſehen hatte. Er glaubte zuverlaͤſſig, daß der Gefangene kein anderer als Bayezid, der Rosheniah⸗Anführer, ſey; er ſann auf Mittel, ihn vom Tode zu retten,(denn er ſah deutlich, daß bereits Anſtalten zu ſeiner Hinrichtung gemacht wurden,) als ein Tumutt von der entgegen⸗ geſetzten Seite her ihm anzeigte, daß der Gefangene jetzt vorgeführt werde. Mirza lehnte ſich vorwärts, um auch nur mit einem Blick das Antlitz des verehr⸗ ten Bayezid zu ſchauen; da ſah er zu ſeinem Erſtau⸗ nen ein Geſicht, das ihm gänzlich unbekannt war. Der gefeſſelte Mann vor ihm war jung und ſchön: in ſeinen ſanften Zügen lag der Ausdruck einer rußi⸗ gen Ergebung in ſein Schickſal. welches unfehlbar in jeder Bruſt, die nicht durch gewohntes Blutvergießen 67 und Rauben verhärtet war, Gefühle des Wohlwollens gegen den Unglücklichen erweckt hätte. Aber unter allen Verſammelten war Mirza der einzige, der mit einem mitleidigen Blicke auf den Gefangenen ſah. Ach! dieß war alles, was er dem armen Jünglinge ſchenken konnte:— was konnte er mehr, da er ja ſelbſt ein Gefangener war? „Tritt vor!“ rief der Häuptling;„du mußt dich hier für dein Verbrechen verantworten.“. „Herr,“ entgegnete der Jüngling,„ich habe kein Verbrechen begangen, wegen deſſen ich mich zu ver⸗ antworten hätte. Du biſt im Irrthum, ich bin nicht der Mann, den du ſuchſt.“ „Leere Ausreden!“ ſchrie der Häuptling,„ich bin zu gut unterrichtet, als daß ich noch zweifeln könnte. Sagt, Freunde, welche Strafe verdient der, welcher eine Frau zuerſt verführt, ſie dahin bringt, daß ſie ihren Mann vergiftet, und ſie dann verläßt; der ſie nicht allein lebendig verbrennen läßt für ein Verbre⸗ chen, zu dem er ſie verleitete, ſondern auch noch hin⸗ ſteht und ſeine Augen an dem ſchrecklichen Schauſpiel weidet. Sprecht, ihr alle: welche Strafe verdient ein ſolcher Elender?“ „Den Tod! den Tod! den allerſchrecklichſten Tod!“ ſchrieen die herumſtehenden Wachen, und furchtbar hall⸗ ten die gräßlichen Worte in dem Schloßhof wieder. „Gewiß, Häuptling!“ ſagte der Gefangene;„ich behaupte auch, ſolch ein Menſch verdient den grauſam⸗ ſten Tod zu ſterben. Aber ich bin nicht der Mann, der ſich einer ſo verruchten That ſchuldig gemacht hat,— ich ſchwör' es hier feierlich, ich bin nicht Mirza Khalil; und hätteſt du mich nicht ſo plöͤtzlich fortſchleppen laſſen, ich hätte dir Zeugen ſtellen können.“ 8„Wie unverſchämt dieſer verworfene Schurke lügt, „ 68 um ſein elendes Leben zu retten,“ bemerkte Fuſad Khan.„Ich befehle, der Gefangene ſoll den Augen⸗ blick in meiner Gegenwart erſchoſſen werden.“ Die immer bereitwilligen Begleiter des Häuptlings hatten geladen; der Gefangene kniete nieder, um die todbringenden Kugeln in ſeiner Bruſt zu empfangen; da drängte ſich Mirza durch den Haufen und ſchrie: „Halt, Häuptling! der Jüngling hat wahr geſprochen; ich bin Mirza Khalil;— ſchone ihn; und wenn es mir unmöglich iſt, dir meine Unſchuld zu beweiſen, ſo übe deine Rache an mir aus, denn ich bin der Mann, den du ſuchſt.“ Beſtürzt und mit einer Art von Ehrfurcht ſtand Fuſad Khan da; er murmelte in ſich hinein, daß der Mann, der ſo keck und edel vortrete, um ein Leben zu retten, nimmermehr eines Mords ſchuldig ſeyn könne; da toͤnten ihm die letzten Worte ſeiner Schwe⸗ ſter in ſeinen Ohren, und in ſeiner Bruſt regte ſich gewaltig das ganze ſüße Verlangen, ihren Tod an ihm zu rächen.„Laßt den Gefangenen los und bringt Mirza in Verwahrung,“ befahl der ſchreckliche Fuſad Khan. Der befreite Jüngling warf einen Blick, in dem Dank und Bewunderung ſich paarten, auf den ſich ſelbſt aufopfernden, edlen Mirza, und faßte den Entſchluß, ſo viel als möglich für ſeine Begnadigung zu thun, oder wenigſtens eine ſtrenge Unterſuchung der gegen ihn vorgebrachten Anklage zu bewirken. Mirza wurde bis auf weitern Befehl in enge Ver⸗ wahrung gebracht; und der junge Mann, der mit ſo genauer Noth dem Tode entgangen war, erhielt die Erlaubniß, in der Feſtung zu bleiben, bis das Schick⸗ ſal Mirza's entſchieden wäre. Es wird jetzt nothwendig ſeyn, zu der Hütte des 69 Landmanns zuruͤckzukehren, und zu erzählen, was ſich dort nach der Flucht des unglücklichen Mirza begab. Noor Mihr beſchäftigte ſich ſeit der Flucht ihres Geliebten mit der Anordnung einer paſſenden Verklei⸗ dung für ihre Reiſe durch das hohe Gras nach Tirah, und hatte im Sinne, ſich den folgenden Tag frühzei⸗ tig auf den Weg zu machen. Ihre bekümmerten Pflegeeltern, die, in Betracht der veränderten Lage Mirza's, ſich mit der Hoffnung eines perſönlichen Vor⸗ theils von ſeiner Verbindung mit Noor Mihr nicht länger ſchmeichelten, beſchloſſen, ihre Abreiſe und ihre Verehlichung mit ihrem Geliebten zu verhindern. Wie heftig und bitter Noor Mhir's Verdruß über die Ver⸗ eitlung ihres Planes war, als ſie kam, um von jenen Abſchied zu nehmen, und der alte Mann ihr befahl, ruhig zu Hauſe zu bleiben und Mirza zu vergeſſen, kann man ſich denken. Dem erſten Befehl wollte ſie gehorchen, dem zweiten aber nimmermehr; Mirza's Bild war unzertrennlich mit ihrem ganzen Weſen ver⸗ flochten,— das Andenken an ihn aus ihrer Seele zu vertilgen, war unmöglich;„eben ſo vergeblich,“ dachte ſie,„mag mein Pflegvater verſuchen, den Wogen des Meeres oder den Winden zu gebieten: mein Korper ſteht in ſeiner Gewalt, aber mein Herz gehört Mirza; denn es ſchlägt ja nur für ihn.“ So waren mehrere Tage vergangen, als eines Abends ein junger Mann, und einer von denen, welche zuerſt gekommen waren, um Mirza aufzuſuchen, in die Hütte trat. Er hieß nach ſeiner eigenen Ausſage Hooſſein, war ein junger Offizier unter Bayezid, hatte an jenem Abend, an dem ſie Mirza ſuchten, die ſchöne Noor Mihr geſehen, und war gekommen, ihr die Ge⸗ fühle perſönlich zu geſtehen, die ſie in ihm angefacht, hatte. Nvor Mihr war gegenwärtig, und bar ihn 7⁰ inſtaändig, jeden Gedanken an ſie fuͤr immer aufzuge⸗ ben, da ihr Herz bereits einem andern angehöre. „Ach!“ rief Hooſſein, der eben nicht häßlich war, „dann ſchlägt es gewiß fur Mirza.“ „Ja, ja, Fremdling; du haſt es getroffen,“ ſchrie das alte Weib;„aber, da er fort und für immer ver⸗ loren iſt, ſo haben wir Hoffnung.“— „Hoffe nichts!“ rief Noor Mihr;„denn mag er tod ſeyn oder leben, abweſend oder gegenwärtig ſeyn, mein Herz gehört ihm— meine Gedanken ſind bei ihm und werden es immer ſeyn.“ Vergebens ſchilderte Hooſſein ſeine glühende Liebe; vergebens waren die Drohungen, Scheltworte und Bit⸗ ten des Landmanns,— Noor Mihr war taub gegen alle ihre Vorſtellungen und unempfindlich gegen ih⸗ ren Zorn. Hooſſein war von ſeiner erſten Kindheit an im Lager aufgezogen worden. Sein Vatker harte ihn frühe der Aufſicht eines erfahrnen Offiziers anvertraut; er konnte ſich deſſelben nicht mehr erinnern, nur das wußte er noch, daß er ein rauher, finſterer Mann, ohne ein Amt, und häufig längere Zeit abweſend war. Hooſſein's ausgezeichnete Eigenſchaften machten ihn bald ſeinen Obern bekannt; er wurde zum Rang eines Of⸗ fiziers erhoben, in welchem Poſten er ſich ausgezeich⸗ net zu haben hoffte; aber ſeit er die ſchöne Noor Mihr erblickt hatte, wanderten ſeine Gedauken von Krieg zu der Liebe; und der Rath eines gelehrten Spud, mit dem er in vertrauten Freundſchaftsverhält⸗ niſſen ſtand, konnte ihn nicht dahin bringen, feine Be⸗ ſuche in der Hütte des Landmanns zu unterlaſſen. „Hüte dich!“ pflegte der alte Lehrer zu ſagen, „daß du nicht ein Opfer deiner Leidenſchaft wirſt. Erinnere dich, was der Dichter ſagt: Zoolf— 1— 7¹ Khooban zunjeer— i— paee ukl ust, waw dam— i moorghi zeruk.“*) Der ſorgfältigen Aufſicht des ehrwürdigen Syud ungeachtet, ſetzte Hooſſein immer noch ſeine Beſuche bei Noor Mihr fort, die ihn jedoch ſtets mit Gleich⸗ gültigkeit behandelte.— Zu derſelben Zeit kam Fu⸗ ſad Khan mit ſeinen Leuten, dürſtend nach Rache an Bayezid und Mirza; der erſtere war, wie er bald er⸗ fuhr, zu mächtig, als daß er es für jetzt hätte mit ihm aufnehmen können: er ſandte daher Kundſchafter aus, den letztern aufzuſuchen. Die Nachbarn, die den jungen Mann, der dem Mirza nicht unähnlich war, oft in die Hütte des Landmanns hatten gehen ſehen, waren wirklich der Meinung, daß es Mirza ſelbſt ſey. Als daher die Kundſchafter des Fuſad Khan in der ganzen Umgegend nach dem unglücklichen Jüngling fragten, waren ſie von den im Irrthum befindlichen Leuten des Dorfes von einem Orte gehört, wo ſie ihn gewiß finden würden. Die Kundſchafter kehrten mit dieſer Nachricht zu ihrem Herrn zurück, der alſobald zehn Mann nach der Hütte des Landmanns mit dem Befehl abſandte, den jungen Mann zu greifen, und ihn durch das hohe Gras zu bringen, wohin er ihnen ſogleich folgen werde. So kam es, daß, während der liebeglühende Hooſ⸗ ſein ſeine heißen Gefühle ſeiner Dame ſchilderte, er ſah und fühlte, daß der Syud recht hatte: die Locken des ſchͤnen Mädchens wurden zum Fangnetz des Vo⸗ gels der Weisheit, denn er wurde umringt, aus der Hütte fortgeriſſen und in das hohe Gras geſchleppt, *⁴) Die Locken der Schönen ſind eine Feſſel fuͤr den Fuß der Vernunft, und ein Fangnetz für den Vogel der Weisheit. 17 72 4 und die Urſache dieſer plötzlichen Gefangennehmung er⸗ fuhr er erſt am folgenden Tage. Man kann ſich ſein Erſtaunen denken. Er wandte alle Künſte ſeiner Be⸗ redtſamkeit an, um zu beweiſen, daß er, Hooſſein, un⸗ möglich der ſchuldige Mirza ſeyn könne. Wie wenig er ausrichtete, haben wir allbereits geſehen. Bayezid's weitere Nachforſchungen nach Mirza wa⸗ ren erfolglos; und er erſtannte nicht wenig, als er bei der Ankunft des Fuſad Khan einen Boten von dieſem Häuptling erhielt, der ihn um eine Unterredung erſuchte. Der vorſichtige Bayezid, der ſich die Geſin⸗ nung Fuſad Khan's wohl denken konnte, und bei der feindſeligen Stellung deſſelben auf ſeiner Hut war, ließ die Thore ſchließen, verbot jeden Verkehr mit ſri⸗ nem Lager, und ließ ſich nicht einmal ſo weit herab, ihm eine Antwort auf ſein Geſuch zu geben. Fuſad Khan hatte beträchtliche Beſitzungen und war ein furcht⸗ barer Krieger; und hätte er Urſache gehabt, ſich gegen einen andern, als gegen Bayezid zu beklagen, tauſende würden ſich freudig um ſeine Banner verſammelt ha⸗ ben; aber die niedern Volks⸗Klaſſen ſahen dieſen als ihren Gott und Lehrer an, ohne den ſie zu Grunde gehen würden; alle, mit wenigen Ausnahmen, ſcheuten ſich, dem Fuſad Khan bei ſeinen gewaltſamen Verſu⸗ chen und Feindſeligkeiten gegen den verehrten Häupt⸗ ling beizuſtehen. Unter dieſen Umſtänden hielt es Fu⸗ ſad Khan für gerathen, heimzukehren, zufrieden, daß er wenigſtens eines von ſeinen beſtimmten Schlachtopfern in ſeiner Gewalt hatte, das er vor ſeinen Augen hin⸗ richten zu laſſen beſchloß. Fuſad Khan war allerdings rachgierig, aber man konnte nicht eagen, daß er blut⸗ dürſtig war; er war ſtreng und furchtbar gegen den Schuldigen, aber nie ſtrafte er keichtſinnig die Unſchul⸗ digen, obgleich nicht ſelten, bei dem großen Gewicht, 73 das er auf ſeine eigene Meinung legte, dieſe unglück⸗ licherweiſe mit den erſtern verwechſelt wurden, daher auch die kecke, auffallende Art, mit der Mirza auftrat, einen gewaltigen Eindruck auf ihn machte, und er nach dem Jüngling ſchickte, um ſich mit ihm im Ge⸗ heimen zu unterreden. Mirza erzählte ihm alle Kunſt⸗ griffe, deren ſich ſeine irre geleitete Schweſter Aika gegen ihn bedient hatte; und um Fuſad Khan von der Wahrheit ſeiner Verſicherungen, daß er ihre An⸗ träge zurückgewieſen habe, zu überzeugen, erzählte er ihm ſeine feſte Anhänglichkeit an Noor Mihr, und ſchrieb die letzten Worte ſeiner unglücklichen Schweſter der Rache zu, die ſie an ihm habe nehmen wollen. Der Häuptling begann, ſich zu überzeugen, daß die Ausſage des jungen Mannes vielleicht richtig ſeyn möchte, jedoch beſchloß er, ihn noch eine Zeit lang als Gefangenen zu behandeln, bis er ſeiner Unſchuld ge⸗ wiß wäre.— Ungefähr zwei Tage nach obiger Unterredung war es, als man einen bewaffneten Haufen erblickte, wel⸗ cher die Feſtung umringte, und bald erſchien ein He⸗ rold im Namen Bayezid's mit der Aufforderung an Fuſad Khan, einen Jüngling, Namens Mirza Khalil, der, wie man wohl wiſſe, innerhalb dieſer Mauern ſich befinde, herauszugeben. Fuſad Khan beſchloß, den Ab⸗ geſandten Bayezid's auf eben die verächtliche Weiſe zu behandeln, wie ſie der ſeinige von dieſem Häuptling erfahren hatte. Er gab daher keine Antwort; wor⸗ auf das Zeichen zum Angriff gegeben wurde; der Sturm begann, und dauerte beinahe den halben Tag, wo endlich die Feinde ſich einen Weg in die Feſtung bahnten, und durch ihre Übermacht die Beſatzung be⸗ wältigten. Der Anführer des tapfern Haufens ver⸗ langte nichts, als die Auslieferung Mirza's, und ver⸗ Ind. Serail. II. 4 . 74 ſprach, wenn dieſe ſtatt fände, jede Seele innerhalb der Wälle zu ſchonen. Es empörte zwar den Stolz Fuſad Khan's, ſo gezwungen zu ſeyn, den Jüngling auszuliefern, an deſſen Schuld er jetzt nicht mehr zwei⸗ felte, ſeit Bayezid, der die Umſtände beſſer kennen mußte, als er, ſo ernſtliche Maßregeln zu ſeiner Auf⸗ findung ergriffen hatte. Da er aber gewiß war, daß Mirza ſeine Strafe von den Händen Bayezid's erhal⸗ ten werde, anſtatt auf ſeinen Befehl und in ſeiner Feſtung zu bluten; und er ſeinen Tod unvermeidlich ſah, ſo ſtand er nicht an, ihn dem Herold zu über⸗ geben, und ertheilte ſogleich Befehl zu ſeiner Auslie⸗ ferung. Aber wie erſchracken die Wachen, die ihn ab⸗ holen ſollten, als ſie in ſein Gefängniß kamen und es leer fanden; bei näherer Unterſuchung ergab es ſich, daß beide, Mirza und Hooſſein, entflohen waren. Der Herold ſah aus, als wenn er hier eine Liſt vermuthete, allein Fuſad Khan, um ihn vom Gegen⸗ theil zu überzeugen, bat ihn, den Ort ſelbſt zu durch⸗ ſuchen, indem er ihn verſicherte, daß er nicht das ge⸗ ringſte Verlangen trage, Bayezid um die Ehre zu bringen, einen Schurken, den er eben im Begriff ge⸗ weſen ſey, hinrichten zu laſſen, durch den Kopf zu ſchießen. Der Anführer des Haufens, und der Herold Bayezid's, überzeugt von der Aufrichtigkeit Fuſad Khan's, ſchickten ſich, nach kurzer Unterſuchung des Orts, zur Rückkehr an. Fuſad Khan, um noch einen weitern Beweis zu geben, daß er von der Flucht der Gefangenen nichts wiſſe, ließ die zwei Soldaten, de⸗ ren Pflicht es geweſen wäre, mehr auf der Hut zu ſeyn, und die beſonders zu ihrer Bewachung aufgeſtellt waren, dem Herold übergeben, und ſchickte ſie als Ge⸗ fangene an Bayezid, der mit ihnen anfangen könne, was ihm beliebe. Bapezid's Krieger waren alſo ge⸗ 7³ nöthigt, mit dieſen zwei unglücklichen Männern zufrie⸗ den zu ſeyn, ſtatt deſſen, dem eigentlich ihr Hierſeyn galt. 3 Mirza und ſein Freund Hooſſein, die beide in dem nehmlichen Kerker eingeſchloſſen waren, äußerten na⸗ türlich gegenſeitig den Wunſch, ſich von den Feſſeln Fuſad Khan's zu befreien; ſie entwarfen dem gemäß einen Plan, durch den ſie, freilich mit bedeutender Ge⸗ fahr, ihren Wunſch verwirklichen wollten. Zum guten Glück war die Thüre des Gefängniſſes nicht geſchloſ⸗ ſen; im Dunkel der Nacht kletterten ſie auf die Wälle, und kamen unbemerkt an einigen ſchlafenden Soldaten der Beſatzung vorüber. Hooſſein ließ ſich von dem Wall vermittelſt eines langen Shawl's, der an eine alte, eiſerne Kanone befeſtigt war, hinab, und gelangte wohlbehalten auf dem Boden an. Mirza folgte; allein unglücklicherweiſe verrenkte er ſeinen Fuß ſo ſehr, daß er unmöglich weiter gehen konnte. Hooſſein, äußerſt betrübt über den Unfall, trug den Jüngling eine be⸗ trächtliche Strecke auf den Schultern durch das hohe Gras, und legte ihn, als er zuletzt vor Ermüdung nicht weiter konnte, unter einen Baum; er verſuchte es, eine Art von Tragbett zu verfertigen, das aber, als er es vollendet hatte, ohne Beihülfe einer andern Perſon unbrauchbar war. In der Hoffnung, jemand zu finden, verließ er ſeinen Freund, und ſchlug einen ſchmalen Fußpfad zu ſeiner Rechten ein; aber leider kehrte er unverrichteter Sache zurück; nicht eine Seele hatte er angetroffen. Er war daher genöthigt, ſich voll Verzweiflung an der Seite des hülfloſen Mirza niederzulaſſen, mitten in dem hohen Graſe, wo ſie die ganze Nacht zubrachten. Den folgenden Tag früh kam der Haufe von Bayezid's Soldaten mit den zwei nach⸗ läſſigen Wachen Fuſad Khan's. Als ſie die zwei Män⸗ 4 ₰△ 76 ner mit dem Tragbett erblickten, machten ſie Halt; eine von den verhafteten Wachen erkannte den armen Mirza und zeigte es den Soldaten an. Der Jüng⸗ ling wurde ergriffen und auch Hooſſein zum Gefange⸗ nen gemacht, da man ihn als Mitſchuldigen auſah. Der Gegenſtand, auf den ſich ihr Auftrag bezog, war ſo ganz unerwartet in ihre Klauen gekommen; die zwei Stellvertreter wurden zu ihrer großen Freude entlaſſen, und, nachdem ſie von dem Anführer von Bayezid's Soldaten ſich verabſchiedet hatten, machten ſie ſogleich Anſtalt, in die Feſtung Fuſad Khan's zu⸗ rückzukehren. Mirza gab ſich nun gänzlich verloren, ungeachtet ihm ſein Freund Hooſſein immer noch Hoffnungen ein⸗ zuflößen ſuchte. 3 „Du täuſcheſt mich nicht, Freund,“ ſagte er,„der ergrimmte Bayezid zittert nach einem, an dem er ſeine Rache auslaſſen kann; ich darf mir mit keiner Hoff⸗ nung ſchmeicheln, ſeiner Wuth zu entgehen.“ „Verlaß dich auf mich,“ entgegnete Hooſſein,„un⸗ ſer Herr iſt gerecht, und wird der Wahrheit und Ver⸗ nunft ſeine Ohren nicht verſchließen. Ich kann ihm einen überzeugenden Beweis von deiner Gleichgültig⸗ keit gegen Aika geben.“ „Und der iſt?“ rief Mirza. „Deine Liebe zu Noor Mihr.“ „Ah! mein Freund! iſt dieß ſchon ſo bekannt? Und hält man mich noch immer für ſchuldig an Je⸗ lal's Ermordung, Aika's wegen?“ „Nicht ſo bekannt, Mirza, als du glaubſt. Ich habe die Sache aus dem Munde des ſchönen Mädchens ſelbſt gehört. Ja, erſchrick nicht; ich will dir alles, was ich weiß, aufrichtig bekennen.“ Jetzt erzählte der mitleidige Hooſſein alle ſeine vergeblichen Beſuche in 77 der Hütte, und erklärte, daß er, ſeit er die glühende Liebe in ſeinem und in Noor Mihr's Buſen bemerkt habe, jeden Gedanken an den Beſitz des ſchönen Mäd⸗ chens verbannen, und, ſo viel es in ſeiner Gewalt ſtehe, ihr und dem unglücklichen Mirza helfen und bei⸗ ſtehen wolle. „O, Hooſſein!“ rief Mirza,„aber kann ich je wieder hoffen, meine Geliebte zu ſehen?“ „Hoffe alles, mein Freund: Bayezid iſt barmher⸗ zig und gerecht.“ Nach Verfluß von zwei Tagen ka⸗ men die Gefangenen in Pais⸗Hawer, der Reſidenz Bayezid's, an, und wurden ſogleich vor den ergrimm⸗ ten Häuptling gebracht. „Habe ich dich endlich gefunden, niederträchtiger, undankbarer, verſtockter Mörder?“ donnerte ihn dieſer an.„Du, den ich auferzogen habe, den mein theurer Sohn vom Verderben gerettet hat, falſche Schlange! der du die Hand, die dich pflegte und ernährte, ver⸗ nichteteſt, dafür ſollſt du ſterben— bereite dich zum Tod.“ „Herr,“ entgegnete der Jüngling,„ich habe mich eines ſo ſchwarzen Verbrechens nicht ſchuldig gemacht. Ich habe nie einen unreinen Gedanken auf die Gattin meines Beſchützers gehabt, obgleich dieſes bethörte Weib mich als eine leichte Beute für ihre gottloſe Leiden⸗ ſchaft betrachtete; aber, ſo wahr ich lebe, ich gab mir alle Mühe, ſie dahin zu bringen, ihre ruchloſen Wün⸗ ſche aufzugeben. Ich ſtellte ihr die Dankbarkeit, die ich ihrem Gemahl ſchuldig ſey, und die Verpflichtun⸗ gen, die ich gegen ihn und dich habe, vor; aber ich hatte auch noch einen andern, nicht minder ſtarken Beweggrund, ihre Anträge zurückzuweiſen; mein Herz gehörte bereits einer andern, für die ich mein Leben hingegeben hätte und noch hingäbe. Aber das raſende 78 hilft dir nichts.“ Mirza wurde in ein dunkles Gefängniß abgeführt, und Hooſſein, da nichts gegen ihn vorgebracht werden konnte, in Freiheit geſetzt. Der Tag zur Hinrichtung des Gefangenen war noch nicht feſtgeſetzt; daher beſchloß Hooſſein, ſeine Be⸗ mühungen, ſeines Freundes Begnadigung auszuwirken, unermüdet fortzuſetzen; aber es war leider vergebens⸗ Alles bemitleidete den ſchönen Jüngling; aber keiner konnte den Hülfloſen retten. Hooſſein beſuchte ſeinen Freund Mirza in ſeinem Gefängniſſe, der, als er ſah, daß alle Verſuche zu ſeiner Rettung, alle Anſtrengun⸗ gen Hooſſein's vergeblich waren, bat, Noor Mihr zu verſichern, daß ſie, nur ſie allein ſein letzter Gedanke, daß ſein letzter ſterbender Hauch ihr Name ſeyn ſolle. Hooſſein verſprach, ſeine Bitte zu erfüllen, und eilte in des Landmanns Hütte. Den Alten und ſein Weib 79 traf er an; als er aber nach Noor vhi fragte, ſchüttelte das alte Paar traurig den Kopf. „Himmel!“ rief Hooſſein,„iſt ſie todt?“ „Es mag ſeyn,“ war die Autwort. „Es mag ſeyn! was bedeutet dieſe Zweideutig⸗ keit? Sprecht, ich befehl es euch!“ „Ach, Herr!“ ſagte der alte Mann,„Räͤuber haben ſie weggeſchleppt, fortgeriſſen aus dem Hauſe und uns in der⸗ groͤßten Unruhe zurückgelaſſen.“ „Iſt dieß möglich, Alter? wer waren die Schur⸗ ken?2“ „Einige von Fuſad K han's Lenten brachen in un⸗ ſere Hütte und ergriffen die gute Noor Mihr,— weiter weiß ich nichts.“ 1 „Wie kann ich aber eine ſolche Nachricht meinem unglücklichen Freunde Mirza bringen? dieß wird ihm ſchrecklicher ſeyn als der Tod. ,— Nach einiger Über⸗ legung über die traurige Nachricht verließ Hooſſein ſchnell die Hütte und kehrte zu Mirzafs Gefängniß zurück; aber ees war der Befehl gekommen, ihm den Eintritt zu verwehren; beinahe freute er ſich über dieſe Verordnung; denn er wußte wahrlich nicht, wie er die traurige Nachricht ſeinem unglücklichen Freunde beibringen ſollte. Die Hinrichtung Mirza's wurde verzögert duxch die plotzliche und unerwartete Erſcheinung Fuſad Khan's mit einem beträchtlichen Heere. Dieſer gewaltige un⸗ abhängige Häuptling, der wegen der Verbrennung ſei⸗ ner Schweſter Urſache genng hatte, mit Bayezid un⸗ zufrieden zu ſeyn, hatte beſchloſſen, dieſen zu vernich⸗ ten. Da er ſich aber ſelbſt zu unmächtig fühlte, ſandte er einen Boten an die Afghauen Tirah's, wel⸗ che einen tödlichen Haß gegen Bayezid hegten, wegen der ſchrecklichen Grauſamkeiten, die er vor einigen⸗ — 80⁰ Jahren bei einem Einfall in ihre Provinz verübt hat⸗ te; zu dem hatte er unter dem Vorgeben, daß die Afghanen den Geſetzen des Islaam's einen Vorzug gaben, anſtatt feſt an den Lehren des Suſis zu hal⸗ ten, jenen die Hände auf den Rücken binden und ei⸗ nige hinrichten laſſen. Dieſe Leute nun forderte Fu⸗ ſad Khan auf, ſich mit ihm zu vereinigen. Aber der⸗ Zuſtand ihrer Truppen war im gegenwärtigen Augen⸗ blick nicht ſo beſchaffen, daß ſie, wie ſie gewünſcht hätten, ſogleich in ſeinen Plan hätten eingehen kön⸗ nen; ſie verſprachen aber, ſich ohne Zeitverluſt zu rüſten, und machten den Vorſchlag, Fuſad Khan ſollte in der Zwiſchenzeit die Umgegend von Paishawer aus⸗ plündern und verheeren, und ſo die Rosheniah ſchwä⸗ chen, die dann gezwungen ſeyn würden, ſich mit ihrer geſammten Macht zu ergeben. Fuſad Khan hilligte den Plan, verließ ſogleich ſein befeſtigtes Lager und rückte mit tauſend Mann vor Paishawer. Aber Bayezid, der ſchon längſt auf einen bedenklichen An⸗ griff von Seiten Fuſad Khan's, in Folge der Hinrich⸗ tung ſeiner Schweſter Aika, gefaßt war, hatte ſeine Stadt in einen ſo guten Vertheidigungsſtand geſetzt, daß die Feinde es unmöglich fanden, feſten Fuß darin zu faſſen, und ſich genöthigt ſahen, mit einem bedeu⸗ tenden Verluſt an Leuten abzuziehen. Fuſad Khan, obgleich er durch die Unbeſonnenheit, mit der er den Sieg zu erringen ſuchte, und von den Afghauen nicht unterſtützt, geſchlagen wurde, erſetzte den Verluſt, den er an Leuten erlitten hatte, durch Plünderung, und ſaugte die umliegenden Diſtriete auf eine unmenſchliche Art aus.— Sobald Bayezid wieder Zeit hatte, an den unglücklichen Mirza zu denken, ſetzte er den Tag ſeiner Hinrichtung feſt; er wollte ihn lebendig ver⸗ brennen laſſen. Der Tag erſchien; auf dem Markt⸗ 81 platze loderte die Todesflamme, und an ihr ſtand Mirza mit ruhiger Ergebung in ſein Schickſal. Ver⸗ gebens ſchaute er umher, um den letzten Blick von ſeiner geliebten Noor Mihr zu erhalten: er fragte ſeinen Freund Hooſſein, ob ſie ſich nicht unter den verſammelten Zuſchauern befinde. „Nein, mein Freund,“ antwortete dieſer,„glaubſt du denn, ſie könnte dieſen Anblick überleben? Nein! ſie weiß nichts von deinem Schickſal.“ „Ach! möchte ſie es nie erfahren!“ ſagte Mirza leiſe, wandte ſich zu den Henkern und ſprach:„ich bin bereit;“ einer von ihnen begann, ihm das Ober⸗ kleid herunterzureißen, und Bayezid war eben im Be⸗ griff, die Loſung zu geben, als ein durchdringender Schrei aus der Mitte der erſchrockenen Menge gehört wurde; ringsum herrſchte Todesſtille. „Macht Platz, macht Platz!“ ſchrie es jetzt, und ein großes, hageres, abgezehrtes Weib drang ſich zu dem Schlachtopfer durch, und umarmte den Jüngling unter dem Ausruf,„mein Sohn, mein Sohn!“ Ihr Geſicht hatte ſie mit ihrer Sarhee*) bedeckt, und keiner vor den Anweſenden kannte ſie. „Wer unterbricht hier die Hinrichtung?“ rief Bayezid. Das Weib trat gegen den Häuptling vor, enthüllte ihr Geſicht und ſagte: kennſt du dieſe Züge nicht mehr, gottloſer ungerechter Bayezid? Sind dieſe Augen einſt deine Luſt, nun ſo dunkel, daß ſie dich nicht mehr an. ihren gewohnten Glanz erinnern?“ **) Das gewöhnliche Kleidungsſtück der Frauen bei den Hindu's, beſtehend aus einem langen Stück von einem ſeidenen Stofſfe, in das ſie ſich einhüllen; das Ende hängt über den Kopf oder die linke Schulter herab. —— 8²2 Bayezid ſtarrte ſie an, und ſank zurück mit dem Ausruf,„Fatimah!“ „Ja, Herr, ich bin dieſe Fatimah, dein rechtmäßie ges Weib, die du ſo ungerecht beſchuldigt und ſo grauſam entehrt haſt; und jetzt wollteſt du das Sie⸗ gel auf deine Verbrechen drücken, und deinen eigenen Sohn ermorden!“ „Was hoͤr' ich?“ rief heftig erſchüttert der Häupt⸗ ling,—„Mirza mein Sohn? Unmöglich!“ „Ja, grauſamer Mann! ich ſage, es iſt dein eige⸗ ner Sohn, und ich bin ſeine unglückliche Mutter. Konnte dich die Erinnerung an die Unbeſonnenheit und Uebereilung, mit der du dem Verbrechen, das man mir aufbürdete, Glauben ſchenkteſt, nicht lehren, vorher genauer zu unterſuchen, ehe du auf die An⸗ klage gegen dieſen armen Jungen achteteſt, den du auf das Wort eines verworfenen Weibes hin deiner Rache zu opfern, nur zu bereit biſt. O, Bayezid! wenn die Vorſchriften deiner Seele nicht Weisheit und Gerechtigkeit lehren, ſo nenne dich nicht länger einen Rosheniah.“ „Genug, Fatimah,“ rief Bayezid;„ſchone mich;— laßt den Gefangenen frei, und bringt ihn vor mich.“ Die Menge äußerte laut ihre Freude über dieſe glückliche Rettung des armen Mirza; ſie erfüllte die Luft mit ihrem Jubel, und zerſtreute ſich bald dar⸗ auf. Fatimah und Mirza ſchloſſen ſich mit Bayezid ein, der ſich bald überzeugte, daß der Jüngling wirk⸗ lich ſein Sohn ſey; und um es meineu edlen Zuhoͤ⸗ rern eben ſo deutlich zu machen, wird es nothwendig ſeyn, die Erzählung wieder zu geben, in der Fatimah dem Häuptling das Räthſel enthüllte, und die derſelbe mit Staunen und Verwunderung vernahm. 8³ Fuͤnftes Kapitel. Auf einer Reiſe, die Bayezid in Afghaniſtan machte, um die Einwohner dieſer Gegend durch Gewalt oder überredung zu bekehren, ſah er Fatimah, die Tochter eines Afghanen von Rang. Der Vater ließ ſich be⸗ kehren, und Bayezid trug ihm eine Heirath mit ſeiner liebenswürdigen Tochter an, obgleich er bereits eine Gattin in Paishawer hatte. Der Afahaner gab ſeine Einwilligung: aber Fatimah ſah mit Schrecken der Verbindung entgegenz doch, von Jugend auf an un⸗ bedingten Gehorſam gegen ihres Vaters Willen ge⸗ wöhnt, wagte ſie es nicht, eine Einwendung zu ma⸗ chen; die Hochzeitfeierlichkeiten wurden mit der höch⸗ ſten Pracht begangen, und die junge Frau reiste mit dem entzückten. Bayezid nach Paishawer, von einem fürſtlichen Gefolge bedient. Bei ihrer Ankunft wurde ſie bei Sulima Bayezids Frau, und Mutter des er⸗ mordeten Jelal, eingeführt. Sulima war ein liſtiges, heimtückiſches und rachſüchtiges Weib, und ob ſie es gleich nicht wagte, Einwendungen gegen dieſe zweite Heirath ihres Mannes zu machen, ſo beſchloß ſie doch insgeheim das Verderben der unſchuldigen Fatimah; ſie beobachtete daher genau jeden ihrer Schritte; aber ſo rein und ehrbar war die Aufführung des durch ih⸗ ren Haß verfolgten Weibes, daß die Elende bereits an der Erfüllung ihrer Wünſche zu zweifeln begann. Um dieſe Zeit riefen Unruhen, die in Tirah ausge⸗ brochen waren, Bayezid in jene Gegenden; er zog, von ſeinen zwei Frauen und ſeinem damals ſiebenjäh⸗ rigen Sohne Jelal begleitet, gegen die Aufrührer aus. Während er ſein Lager vor Tirah hatte, hatte er eine Anzahl Afghanen gefangen genommen, und ſtrafte mehrere ohne irgend einen Grund. Die milde und 84 edle Geſinnung Fatimah's war allgemein bekannt; der Bruder eines jungen, gefangenen Afghanen ſuchte Zutritt in die Zelte von Bayezid's Frauen zu bekom⸗ men, um Fatimah's Vermittlung für die Befreiung ſeines Bruders zu erhalten. Suhlimah ſah den jun⸗ gen Mann bei ihrer Nebenbuhlerin; Zorn Rache und Eiferſucht wechſelten in ihrem Innern, und ſte glaub⸗ te, der rechte Zeitpunkt für die Ausführung ihrer ruchloſen Plane ſey gekommen. Sie ſuchte daher die Beſuche des jungen Afghanen zu befördern, und ihn ſo viel als möglich in die Geſellſchaft Fatimah's zu bringen. Eines Abends kam er zu einer beſonders ſpäten Stunde, um nach dem Erfolg von Fatimah's Fürſprache für ſeinen Bruder zu fragen, da ſie ver⸗ ſprochen hatte, dieſen Tag nicht vorbeizulaſſen, ohne bei Bayezid des Gefangenen zu erwähnen. Der Häupt⸗ ling hatte aber den ganzen Tag wichtige Geſchäfte gehabt, ſie hatte alſo ihr Verſprechen nicht halten können, und war eben damit begriffen, dieß alles dem jungen Manne zu ſagen, als Bayezid hereinſtürmte, Fatimah mit Schmähworten überhäufte, und ſie zu Boden ſchleuderte, während die Wachen draußen den unglücklichen Afghanen ergriffen und ihm auf der Stelle den Kopf abſchlugen. Wüthend ſtieß Bayezid die arme Fatimah von ſich, und befahl ihr, nie wie⸗ der vor ſeinen Angen zu erſcheinen; gebrochenen Her⸗ zeus und von allen Seiten verlaſſen wanderte ſie fort, ohne zu wiſſen wohin. Damals gerade ſchwanger, konnte ſie nur eine kurze Strecke Weges zurücklegen, und ſank ermüdet und entkräftet zu Boden; ſie fühlte, daß die Stunde ihrer Entbindung gekommen ſey, und gebar bald darauf einen Knaben. Unvermögend ſich zu rühren, erwartete ſie die Ankunft des Tages. Nach Sonnen⸗Aufgang ſah ſie nach dem Kinde; aber wie 8⁵ groß war ihr Schrecken, als ſie einen Geyer erblickte, der im Begriff war, das hülfloſe Knäbchen zu ergrei⸗ fen! Sie nahm alle ihre Kraft zuſammen, und ſuchte den Raubvogel fortzuſcheuchen, der zwar jetzt davon flog, aber mit ſeinem raubgierigen Schnabel in den Arm des zarten Kindes gehackt, und ſo ein unaus⸗ löſchliches Maal darauf zurückgelaſſen hatte. Ange⸗ griffen durch das Ereigniß und durch ihre Anſtren⸗ gung ſank ſie bewußtlos zurück, und als ſie wieder erwachte, fand ſie ſich in einer Hütte eines Hindu und ſeines Weibes, die ſie in der oben angegebenen Lage gefunden hatten. Sie rief nach ihrem Kind, und es ward ihr gebracht, aber es wollte keine Nah⸗ rung von ihrem abgezehrten Körper. Nach einigen Stunden Schlaf verlangte ſie ihr Kind wieder, aber der Hindu und ſein Weib gaben ihr zu verſtehen, ſie wären, da es die natürliche Nahrung verſchmäht habe, überzeugt, daß es von einem böſen Geiſte beſeſſen ſey, und ſie glauben, dieß ſey ein Bhoot Lageoſa; ſie ha⸗ ben es, nach ihrer Sitte, in einem Korb an den er⸗ ſten Baum in dem naßlicgenden hohen Graſe aufge⸗ hängt*). Die erſchrockene Fatimah wollte hinausſtürzen, um ihr Kind zu retten, aber ihre Schwäche hielt ſie auf ihrem Lager zuruck. Dann beſchwur ſie die granſa⸗ men Hindu's, ihr ihr Kind wieder zu bringen; aber ihre Bitten waren vergebens; die unwiſſenden und 4 Bhoot Lageoſa,„ein Daͤmon iſt in ihn gefahren.“ Die Hindu's gebrauchen in einigen Gegenden dieſen Ausdruck, wenn ein neugebornes Kind nicht ſaugen wwill; und ſie ſetzen ein ſolches in einem, an einem Baume aufgehenkten, Korbe aus, wo es von den Amei⸗ ſen verzehrt wird. 86 aberglaͤubiſchen Leute erklärten, es ſey ihre feſte Uber⸗ zeugung, daß das Kind von einem DTeufel beſeſſen ſey. So bald es ihre Kräfte zuließen, machte ſich Fatimah auf, um ihr Kind zu ſuchen, aber ach! ſie fand es nicht mehr an der beſchriebenen Stelle. Es hatte ſich ſo getroffen, daß an dem nehm⸗ lichen Tage, an dem die Hindus das Kind in dem Korbe ausgeſetzt hatten, Bayezid mit ſeinem Lager aufbrach und nahe an dem hohen Gras,(in welchem jener Baum ſtand,) Halt machte. Jelal, der mit Bogen und Pfeil ſpielte, war weiter als gewöhnlich herumgeſtreift, und gelangte in die Nähe des Bau⸗ mes, an welchem der Korb mit dem Kinde hieng; wie er es rettete und aufzog, iſt bereits erwähnt worden; ich kehre jetzt zu der unglücklichen Mutter zurück, die beſtändig verlaſſen und elend herumirrte. Ihr erſter Gang war nach Tirah, um ihrem Vater die ſchlechte Behandlung, die ſie von Bayezid erfahren hatte, zu klagen, aber ach! er war nicht mehr, und die Unglückliche hatte in der ganzen Welt keine andere Zu⸗ flucht. Wie eine ſchlimme Nachricht immer ſchneller ſich verbreitet, als eine gute, mit Sturmesſchwingen von Oſten nach Weſten fliegend, ſo war es auch hier. Die Freunde von Fatimah's verſtorbenem Vater ver⸗ ſpotteten und verhöhnten die unglückliche Frau, die, unvermögend dieſe Kränkungen und dieſen unverdien⸗ ten Schimpf zu ertragen, auf immer den Ort perließ. Sie kehrte in die Hütte der gefühlloſen Hindus zu⸗ rück, die ſie um ihr Kind gebracht hatten. Von ih⸗ nehmer Mann das Kind fortgenommen habe, es dieſer mit der groͤßten Sorgfalt und Auft keit pflege. Fatimah wunderte ſich gewaltig, wer wohl die Perſon ſeyn könne, die eine ſo menſchenfreundliche 87 Handlung verrichtet habe, und rief des Himmels Se⸗ gen auf ihn herab, ob ſie gleich ſehr an der Wahr⸗ heit der Ausſage zweifelte, und mehrmals geneigt war, das Ganze für eine Erdichtung der Hindus zu halten, zu ihrer Beruhigung erſonnen. Jetzt wußte die hülf⸗ loſe Fatimah nicht, wohin ſie ſich wenden ſollte: in Paishawer lebte Bayezid und nach Tirah hatte ſie beſchloſſen, ſich nie wieder zu begeben. Ohne Zweck und Plan herumirrend, und ſich von der Barmher⸗ zigkeit der Reiſenden und der Landleute in der Ge⸗ gend ernährend, kam ſie in einen Wald und ſetzte ſich unter einen Baum, um auszuruhen. Sie war noch nicht lange da, als ſie einen Mann mit einem Bün⸗ del erblickte, das er auf den Boden hinlegte, und ſich dann ängſtlich umſah. Fatimah verbarg ſich hinter dem Baum, um ihn zu beobachten: da erſchreckte ſie das Geſchrei eines Kindes— war es das ihrige? Sie zweifelte keinen Augenblick, ſtürzte auf den Mann zu und forderte mit dem Ungeſtüm einer Raſenden, ihr Kind. Der Mann ſtand beſtürzt da, und wies auf das Bündel, das zu ihrem Erſtaunen zwei liebliche Kinder enthielt, unter denen aber, wie ſie ſich bald überzeugte, das ihrige ſich nicht befand. Der Mann fragte nach der Urſache ihrer Unruhe, und als er ihre trau⸗ rige Geſchichte, die ſie nur theilweiſe eröffnete, gehört hatte, ſah er ſie mit einem ernſten Blicke an, und fragte ſie, ob ſie ſich wohl zur Pflege der zwei kleinen Kinder verſtehen würde, vorausgeſetzt, daß ſie die Mittel dazu an der Hand hätte. Ohne Bedenken ſagte ſie es zu, und der Mann, ſeine zarte Bürde aufhe⸗ bend, bat ſie, ihm zu folgen; ſie gehorchte, und wurde von ihm zu einer kleinen Hütte am Saume des Wal⸗ des geführt. Sie traten ein, er ſchloß die Thüre und ſagte:„du mußt mir verſprechen, hier zu bleiben, 88 bis ich die Kiuder holen werde; wache ſorgfältig über ſie. Ich werde dich jeden Monat beſuchen, und dich mit Geld und allem andern, was deine Bedürfniſſe und deine Bequemlichkeit erfordert, verſehen; aber merk' es dir, ſorge mir dafür, daß die Kinder, wenn es möglich iſt, nie jemand zu Geſicht bekommt; ihr Le⸗ ben würde in Gefahr kommen, wenn es bekannt wür⸗ de, daß ſie hier verborgen ſind.“ Fatimah verſprach unbedingten Gehorſam, und der Mann verließ die Hütte, in die er nach einem Monat, ſeinem Verſprechen gemäß, zurückkehrte; er drückte ſeine Zufriedenheit über Fatimah's Sorgfalt aus, mit der ſie die Kinder gepflegt hatte; das eine war ein Knabe, das andere ein Mädchen, und, wie man an ihrer großen Ähnlichkeit mit einander deutlich ſah, Zwillinge. Doch nicht lange blieben die Kleinen unter Fatimah's Aufſicht. Der Mann, der ihr dieſelben übergeben hatte, forderte ſie plötzlich von ihr zurück, und trug ſie in einer finſtern regnichten Nacht fort. Fatimah hülflos und in der größten Noth zurücklaſſend; ſie hatte den Mann und die Kinder nie wieder zu Geſicht bekommen. Auſſer Stande, ſich ihren Unterhalt zu verſchaffen, geſellte ſie ſich zu ei— ner herumſtreifenden Bande Gaukler und Seiltänzer, für die ſie kochte, und andere häußliche Arbeiten ver⸗ richtete; und bei dieſem Volke friſtete ſie ſich Jahre⸗ lang ihr Leben, ihnen überall hinfolgend. Zuletzt kam die Truppe nach Paishawer. Fatimah zitterte, als ſie Bayezid's Reſidenz, wo ſie einſt als Gebiete⸗ rin geherrſcht hatte, anſichtig wurde. Sie war noch nicht lange in der Stadt, als ſie hörte, daß ein jun⸗ ger Mann lebendig verbrannt werden ſolle; bei nähe⸗ rer Erkundigung erfuhr ſie, es ſey ein angenommenes Kind Jelal's, des Sohns von Bayezid, der es in 89 einem an einem Baume aufgehängten Korbe, in ei⸗ nem Wald bei Tirah gefunden und auferzogen habe. Fatimah wurde beinahe ohnmächtig, als ſie die Nach⸗ richt von dem Jünglinge, deſſen Hinrichtung nicht mehr ferne war, vernahm; aber ſie ſuchte ſich zu faf⸗ ſen, um den Kampf, der in ihrem Innern vorging, nicht merken zu laſſen, und verſuchte alle Mittel die in ihrer Macht ſtanden, in das Gefängniß des un⸗ glücklichen Jünglings zu gelangen; aber umſonſt. Das „einzige Mittel, das Schlachtopfer zu ſehen, war, daß ſie ſich auf den Marktplatz begab, wo bereits die To⸗ desflamme loderte. Hier erkundigte ſie ſich, wie lan⸗ ge es wäre, daß das Kind an dem Baume gefunden worden, und ſie gewann die feſte überzeugung, daß es wirklich ihr Sohn ſey. Da ſie jedoch bedachte, wie oft unter den Hindu's der Fall mit dem„Bhoot Lageoſa“ vorkomme, ſo wollte ſie ſich dem freudigen Gedanken, daß der Jüngling ihr Kind ſey, nicht vor⸗ eilig hingeben. Sie ſah, wie der unglückliche Mirza ſich dem lodernden Holzſtoß näherte, aber es war ihr unmöglich, zu unterſcheiden, ob es wirklich ihr Sohn ſey, oder nicht, bis der Henker ſeine Schultern ent⸗ blöste, wo das wohlbekannte Maal von dem Geier die vor Freude halbtodte Mutter überzeugte, daß wirk⸗ lich ihr Sohn vor ihr ſtand. Was weiter geſchah, iſt bereits erzählt worden. Als Bayezid ihr trauri⸗ ges Schickſal vernommen hatte, zog er befriedigende Erkundigungen ein über den Ort, wo das Kind ge⸗ funden wurde; dieſe und das Zeugniß der 2 alten Hindu's überzeugte ihn, daß er wirklich einen Sohn gefunden habe; und dieſen Sohn war er im Begriff hinrichten zu laſſen. Fatimah hörte, daß Sulima todt ſey, und daß ſie Bayezid Fatimah's Unſchuld bekannt habe. Der Häuptling bereute, aber freilich⸗ 90 zu ſpät, ſeine Grauſamkeit gegen die arme Fatimah, und hatte ſich alle Mühe gegeben ſie wieder zu finden; aber vergebens; alles was er jetzt thun konnte, war daß er ſeine an der Unſchuldigen begangene Ungerech⸗ tigkeit und Grauſamkeit, durch ein zuvorkommendes und gütiges Betragen wieder gut zu machen ſuchte. Der jetzt überglückliche Mirza, aus den Flammen errettet, um in die Arme eines Vaters und einer Mutter zu fliegen, wurde zum Anführer der Abthei⸗ lung ernannt, welche früher Jelal befehligt hatte, und ſein Eifer und ſeine Thätigkeit verſprachen die wich⸗ tigſten Dienſte. Hooſſein war, wie ſich leicht denken läßt, über die Maaßen erfreut, auf einmal ſeinen Freund Mirza wieder zu umarmen, dem er nun die unglückliche Begebenheit in des Landmanns Hütte er⸗ zählte. Mirza bat ſogleich ſeinen Vater um Erlaub⸗ niß, ſich in Fuſad Khau's Feſtung begeben zu dür⸗ fen, um ſeine Geliebte, Noor Mihr zurückzufordern. Sein Geſuch wurde ihm ohne Bedenken gewährt, um ſo mehr, da Bayezid einen Angriff auf Fuſad Kahn im Sinne hatte, deſſen Unterhandlungen mit den Af⸗ ghanen ihm zu Ohren gekommen waren, und ſich in jenen Gegenden gewaltige Bewegungen zeigten. Der Oberbefehl über die Kriegsmacht wurde Mirza über⸗ tragen, der dabei ſeinen Freund Hooſſein nicht ver⸗ gaß, und ihn in ſeine frühere Stelle wieder einſetzte, indem er ihm den Befehl über 500 Mann ertheilte. Die Truppen zogen gegen Fuſad Khan's Feſtung, und zu ſeinem großen Erſtaunen ſah Hooſſein den Mann, den er einſt für ſeinen Vater gehalten hatte; als gemeinen Soldaten; zugleich bemerkte er, daß ſein Auge beſtändig auf ihn geheftet war. Er erwartete eine günſtige Gelegenheit, ihn anzureden, und drückte 91 ſein Erſtaunen darüber aus, ihn in einer ſolchen Lage zu finden. „Warum wunderſt du dich Junge 2u ſagte finſter der Mann:„was veranlaßt dich zur Theiluabme au dieſer Unternehmung„““ „Ich will die beleidigte unſchuld retten, und die Feinde meines Herrn unterwerfen helfen.“ 4 „Das will ich auch,“ entgegnete der Mann; hie⸗ rauf entfernte er ſich, und ſuchte jede weitere Unter⸗ redung ſorgfältig zu vermeiden. „Wahrhaftig, das iſt ſeltſam,“ ſagte Hooſſein bei ſich ſelbſt;„es muß ein wichtiger Grund ſeyn, der meinen Vater beſtimmt, den Truppen in die Schlacht zu folgen.“ Am folgenden Tage machten die Truppen der Fe⸗ ſtung Fuſad Khan's gegenüber Halt; man forderte ſie zur übergabe auf. Da ſah Mirza von einem Gitter in einem achteckigen Thurme ein weißes Tuch flattern, und er zweifelte nicht, daß es ein Zeichen von der ſchönen Hand ſeiner Geliebten Noor Mihr ſey. „O Himmel!“ rief Mirza:„welch ein Anblick! das liebliche Mädchen iſt eingekerkert und leidet von dem aufrühreriſchen Fuſad Khan. Sie ſieht mich, ſie erkennt mich!“ und er erwiederte ihr Zeichen, indem er ſeine Hand auf das Herz legte. Jetzt erſchien ein Herold auf der Mauer, und fragte nach der Urſache der Aufforderung zur Überga⸗ be. Mirza trat vor und rief:„Für's erſte: wir kommen im Namen Bagyezid's, um eine Jungfrau, die gewaltſam von eurem Häuptling in dieſen Mauern gehalten wird, zurückzufordern; zweitens, ihn zu zwingen, die Waffen niederzulegen, und uns für ſein unverantwortliches Verfahren auf unſerem Grund und Boden, wobei unſere Unterthanen grauſam mißhan⸗ 92 delt und ihre Felder verwüſtet wurden, Genugthuung zu verſchaffen. In einer halben Stunde verlange ich Antwort.“ „Junger Mann,“ entgegnete der Herold,„ſoviel Zeit iſt bei weitem nicht nöthig; denn wiſſe, daß Fu⸗ u geſchworen hat, die Jungfrau, welche du , in ſeinen Beſitz zu bringen; bereits ſeine Hand angeboten, und da ſie dieſe ug ſo iſt er entſchloſſen, gelinde Mittel zu verſuchen. Und dann hat euer Häuptling Fuſad Khan's Schweſter hinrichten laſſen, und dieſer wird nicht ru⸗ hen, bis er ſich für dieſe That gerächt hat.“ „Dann rüſtet euch,“ rief Mirza. Das Zeichen zum Sturme wurde gegeben; Baye⸗ zid's Truppen ſandten einen Pfeilregen gegen die wohl⸗ befeſtigten Manern, während ein Theil, von Mirza angeführt ſie zu erſteigen verſuchte. Bereits ſchienen die Stürmenden alles gewonnen zu haben, als von den Belagerten eine Fahne ausgeſteckt wurde, welche ihr Vordringen hemmte; Todesſtille herrſchte, als man Fuſad Khan die Wälle mit der gefangenen Noor Mihr erſteigen ſah.„Junger Laffe!“ rief er, mit einem verächtlichen Blick auf Mirza,„ſchieße noch ei⸗ nen Pfeil ab, und meine Gefangene ſtirbt; wenn euere Geſchoße ihr Herz nicht treffen, ſo ſoll es das meinige.“ So ſprechend zog er ſein Schwerdt und ſchwenkte es über der Gefangenen Haupt. Dieſe ſchreck⸗ liche Drohung ſchüchterte den feurigen Jüngling ein, und er wußte nicht, was er thun ſollte; gab er Be⸗ fehl, die Erſtürmung fortzuſetzen, ſo war ſein liebſtes auf der Welt den tödtlichen Pfeilen ſeiner eigenen Soldaten ausgeſetzt, und wenn ſie auch dieſen ent⸗ ging, ſo ſtand ein Feind bereit, ihr ſein Schwerdt in die Bruſt zu ſtoßen. 9³ Während er ſich in dieſer ſchrecklichen Verlegen⸗ heit befand, näherte ſich der geheimnißvolle Vater Hooſſein's, und rief:„Was haſt du mit dem Mädchen vor, Häuptling?“ „Ich will ſie zur Gattin.“ „Das kannſt du nicht,“ entgegnete der Mann. „Ich nicht können!“ erwiederte verächtlich Fuſad Khan. „Der heutige Tag noch ſoll es entſcheiden.“ „Dieſer Augenblick, Häuptling, ſoll es entſcheiden; ich wiederhole es, du kannſt nicht.“ „Warum?“ „Weil es deine Tochter iſt.“ „Ha! ha! denkſt du, du könneſt mich ſo von mei⸗ nem Vorſatz abbringen? Ich habe keine Tochter, Dummkopf.“ 5 „Und ich ſage, das iſt nicht wahr: du haſt eine Tochter und einen Sohn; beide befinden ſich in dieſem Augenblick in deiner Nähe. Denke an Puroeen die gemißhandelte Purdeen*). „Ha!“ rief erſchrocken Fuſad Khan;„und wer biſt du?“ „Der, deſſen Dolch einmal nicht mehr weit von deinem Herzen war. Haſt du Sadik vergeſſen, den getreuen Diener Ibrahim Khan's? Wenn es ſo iſt, ſo ſeh ihn jetzt an: und ich ſage dir, die Schöne an deiner Seite iſt deine eigene Tochter; und nicht weit weg iſt ihr Bruder Hooſſein, komm her! da ſieh dei⸗ nen Vater und deine Schweſter!“ Noor Mihr that einen Schrei des Entſetzens und ſank zu den Füßen des Häuptlings nieder, der, nach⸗ *) Ein Name der Frauenzimmern, beſonders ſolchen die ſich durch ihre Schönheit auszeichnen, gegeben wird. Puroeen heißen die Plejaden, ein Geſtirn, das bei den Aſiaten für beſonders ſchön gilt. 94 dem er eine Zeitlang in tiefem Nachdenken dageſtanden war, dem geheimnißvollen Fremden erlaubte, mit Mir⸗ za und Hooſſein zu ihm hereinzukommen, mit dem Verſprechen, wenn der erſtere die Wahrheit ſeiner Behauptungen genügend erweiſen könnte, die Jung⸗ frau herauszugeben, oder es ihr anheim zu ſtellen, was ſie thun wolle; ſollte man ihn aber nicht über⸗ zeugen koͤnnen, ſo verpflichtete er ſich, ſie ungekränkt wieder abziehen zu laſſen, wo ſie dann, wenn es ih⸗ nen beliebe, den Sturm wieder fortſetzen könnten. Mirza nahm den Vorſchlag an, und begab ſich mit Hooſſein und dem geheimnißvollen Fremden in die Feſtung. Sie wurden in ein enges Zimmer ge⸗ führt, wo bald darauf Fuſad Khan mit der ſchönen Noor Mihr erſchien. Um meine Zuhörer über die räthſelhaften Ausſagen von Sadik, Hooſſein's vermeint⸗ lichem Vater zu verſtändigen, wird es nöthig ſeyn, alle die Begebenheiten zu erzählen, die ſich zutrugen, ehe Fuſad Khan zu ſeiner gegenwärtigen Macht ge⸗ langte. d 4 Fuſad Khan war von Geburt ein Afghane und im Feld auferzogen worden; von ſeiner Jugend an war er Soldat. Sein Vater hatte bedeutende Be⸗ ſitzungen an den Gränzen Cabul's. Nach ſeinem To⸗ de eilte der junge Erbe, ſich in den Beſitz ſeiner Gü⸗ ter zu ſetzen. Als er ſeinem geliebten Vater die letzte Ehre erwieſen, und ihm ein prächtiges Grab⸗ mal hatte errichten laſſen, war ſein erſtes, daß er ſich allen Arten von Vergnügungen und allen Zerſtreuun⸗ gen einer lockern Lebensart hingab. Einſt beſuchte er Ibrahim Khan, einen vornehmen Afghanen, der aber wenig Vermögen beſaß. Er hatte eine reizende Tochter, Namens Puroeen, ſeine einzige Stütze, und Freude auf Erden. Fuſad Khan ſah das Maädchen, 95 und wurde gleich beim erſten Blick in ſte verliebt. Auch ſie richtete ihr Auge mit Wohlwollen auf ihn, und zu ihrer Freude that er ihr nach kurzer Zeit, das Geſtändniß ſeiner Liebe; er war ſo glücklich, von ihren eigenen Lippen, das Bekenntniß ihrer Gegen⸗ liebe zu vernehmen. Er ſprach von einer Heirath; der Antrag machte ihr Freude, und ſie drang in ihn, bei ihrem Vater um ihre Hand zu bitten. Der Be⸗ trüger verſprach es, ſchob aber ſeine Bewerbung von Tag zu Tag hinaus, bis er zuletzt über ihre Schwä⸗ che den Sieg davon trug, und ſie grauſam verließ. Die hülfloſe Purvee wurde vor Gram krank; ihr ſie zärtlich liebender Vater, der die Urſache nicht kannte, ſaß beſtändig in ſtarrer Verzweiflung an ihrem Bette, und drang in ſie, ihm ihren Kummer zu vertrauen; aber ſie wagte es nicht, ihm die tranrige Wahrheit zu geſtehen, und antwortete ihm nur mit einem Stro⸗ me von Thränen. Die Ehre ſeines Geſchlechtes war bisher unbefleckt geblieben, und ſie fürchtete daher, er möͤchte die Schande, die ſie über ihn gebracht habe, nicht überleben, und verſchob das ſchreckliche Geſtänd⸗ niß, bis es ihre Lage unmöglich machte, die Wahr⸗ heit noch länger vor ſeinem durchdringenden und wach⸗ ſamen Auge zu verbergen. Sie rief Sadik, den ge⸗ treuen Freund und Diener ihres Vaters zu ſich, und entdeckte ihm nach vielen Thränen und Schluchzen die Urſache ihrer Schmerzen. Sprachlos vor Erſtaunen verließ dieſer die hülfloſe Jungfrau mit den Worten —„Maͤdchen, dir ſoll Gerechtigkeit widerfahren.“ Unverzüglich begab er ſich zu ſeinem Herrn, Ibra⸗ him Khan, und benachrichtigte ihn, in möglichſt ſchoe nenden Ausdrücken von der Schande, die der elende Fuſad Khan über ihn gebracht habe. Der ſtolze hoch⸗ müthige Afghane ſtand da ein lebloſes Bild der Ver⸗ * 96 zweiflung; endlich bedeckte er das Geſicht mit beiden Händen und brach in einen Strom von Thränen aus, indem er rief,—„O! unglückliche Tochter ei⸗ nes elenden Vaters, wir ſind auf immer verloren!“ „Nicht ſo, edler Herr; wir wollen den ſtolzen Fuſad Khan zwingen, uns Genugthuung zu geben; es iſt noch nicht zu ſpät; er muß und wird deine Tochter heirathen, oder er ſoll mit ſeinem Blute für ſein Verbrechen büßen.“ Es wurde nun feſtgeſetzt, man wolle ſich Fuſad Khan's bemächtigen, und ihn durch Drohungen dahin bringen, die unglückliche Puroeen zu heirathen. Ge⸗ raume Zeit verfloß, ehe ſich eine günſtige Gelegen⸗ heit zeigte. Endlich ſchickte Sadik, nachdem er ſorg⸗ fältig Fuſad Khan's Geſinnungen erforſcht hatte, ei⸗ nen Boten an ihn ab, der ihn zum Beſuch einer Hütte einladen ſollte, wo ein ſchönes Frauenzimmer wohne, in deren Beſitz er mit leichter Mühe gelan⸗ gen könne. Fuſad Khan, zu ſo etwas immer bereit, folgte, ohne nur den geringſten Verdacht zu hegen, dem Winke des Abgeſandten, und begab ſich um Mit⸗ ternacht nach der Hütte; aber zu ſeinem Schrecken ſah er ſich hier von Bewaffneten umringt, an deren Spitze Sadik ſtand, der, wie er wohl wußte, der Buſenfreund Ibrahim's war. Er fühlte das bedenk⸗ liche ſeiner Lage; aber er mußte ſich in ſein Schick⸗ ſal ergeben. Man band ihm die Arme und führte oder ſchleppte ihn vielmehr in die Wohnung des wü⸗ thenden Ibrahim Khan, wo zitternd das Schlacht⸗ opfer ſeiner Wolluſt ſtand. „Hier,“ ſchrie Sadik,„hier iſt das reizende Mäd⸗ chen, aber wahrſcheinlich, denke ich, nicht die, welche du anzutreffen glaubteſt, und hier ſteht ihr beleidigter Vater.“. 4 97 „Ja, Elender!“ rief Ibrahim;„hier bin ich, ich kaſſe dir die Wahl, heirathe das Mädchen, oder be⸗ reite dich zum Tod.“ Fuſad Khan ſchwur anfangs, eher zu ſterben, als die arme Purveen zu heirathen, worauf Sadik ſeinen Dolch zog und ihm denſelben auf die Bruſt ſetzte. Der erſchrockene Fuſad Khan, der ſich jetzt überzeugte, daß ihre Drohungen nicht blos leere Worte geweſen, verſprach, die Tochter Ibrahim Khau's zu heirathen; ein Moolah war ſchon bereit, und die Trauung gieng in der gewöhnlichen Form vor ſich. Das Paar ver⸗ ließ das Haus: aber an ſeiner Schwelle ſtieß Fuſad Khan die unglückliche Braut mit ſchrecklichen Verwün⸗ ſchungen von ſich, und mit dem Bedeuten, vor ſeiner Wuth zu zittern, wenn ſie ſich je wieder vor ihm ſehen ließe. Unter dieſen Umſtänden war Puroeen gezwungen, bei ihrem tiefgekränkten Vater, ein Ob⸗ dach zu ſuchen. Hier wurde ſie kurze Zeit darauf von Zwillingen entbunden, die man ſo bald als mög⸗ lich in die Hütte eines Landmanns ſchaffte, wo ſie unter der wachſamen Aufſicht Sadik's gepflegt wurden. Eines Abends, als er eben ſeine zarten Pfleglinge beſuchen wollte, ſah er einen fremden Mann um die Hütte lauern; er zweifelte nicht, daß es ein Abge⸗ ordneter Fuſad Khan's, und daß er in keiner guten Abſicht gekommen ſey. Er fragte den Landmann, ob ein Fremder hier geweſen wäre und die Kinder geſehen hätte; man verneinte es ihm. Er ſchärfte dem Bauer und ſeinem Weibe ein, die Kleinen niemand außer ihm ſelbſt zu ühergeben; ſie verſprachen zu gehorchen, und er verließ die Hütte, und kehrte zu dem troſtlo⸗ ſen Ibrahim Khan zurück, der über dem Gedanken an ſeine Schmach brütete; ſeine Geſundheit und ſeine Lebenskräfte ſchw anden, und er ſchien dem Grabe Ind. Serail. II. 5 98⁸ nicht mehr ferne zu ſeyn. An dieſem Abend war er ungewöhnlich düſter und traurig, und man ſah, daß er gerne mit Sadik über das, was ſeinem Herzen am nächſten lag, geſprochen hätte. Sadik ſuchte vergebens den Balſam des Troſtes in ſeine verwundete Bruſt zu gießen: der alte Mann ſchüttelte nur den Kopf und weinte. Dann rief er plötzlich, wie aus tiefem Nachdenken über ſeine Schande erwachend,„Sadik; die Kinder müſſen ſterben!”“ „Sterben! Herr?“ „Ja, ſterben! Ich will die lebenden Zeugen mei⸗ ner Schande entfernt wiſſen; darum ſchwöre mir, Sadik, ſie auf ewig aus dem Wege zu räumen.“ „Der an Gehorſam gewöhnte Sadik ſchwur, eine G That zu thun, vor der ſein Innerſtes zurück ſchau⸗ derte; wenn er ſich auch weigerte, ſo fürchtete er, würden Andere weniger gewiſſenhafte ſich bereit iinden, den Mord zu vollbringen. Zur feſtgeſetzten Zeit eilte Sadik in die Hütte, jedoch nicht um zu morden, ſon⸗ dern um zu retten. Aber zu ſeinem Erſtaunen fand er dieſe leer; er eilte hinaus und bemerkte einen Mann in einer engen Gaſſe, der einen Bündel unter ſeinem Arme trug. Mit Blitesſchnelle ſtürzte Sadik auf ihn los, und forderte ihm, als er das ſchwache Geſchrei eines Kindes vernahm, mit gezücktem Dolche die Kleinen ab. Der Mann war überraſcht, und ließ unwillkürlich die zwei Kinder fallen. Sadik war eben im Begriff, ſie aufzuheben, als der Kerl ein ſchmales Meſſer zog, ſich auf den braven Sadik ſtürzte und ihn, wiewohl nur leicht verwundete. Sadik, wüthend darüber, gab ihm den Stoß mit ſeinem Dolche zuruͤck, und ſtreckte ſeinen Gegner in den Staub. Ohne ſich lange zu uͤberzeugen, ob der Mann todt war, hob er die zarte Buͤrde auf, und gieng in 9⁸ den Wald hinein, wo er ſie unter einem Baum nie⸗ derlegte. Noch war er über ihre fernere Verſorgung ungewiß, als er zu ſeinem Befremden den Schrei ei⸗ nes Weibes hörte, und dieſe war niemand anders, als die arme Fetimah, die bald darauf erſchien, und, als ſie von allem benachrichtigt war, dem guten Sa⸗ dik in eine Hütte folgte, die, wie er wußte, unbe⸗ wohnt war. Hier hielt ſie ſich einige Monate auf, und pflegte mit aller möglichen Sorgfalt die ihrer Obhut anvertrauten Kinder. Sadik kehrte zu Ibrahim Khan zurück und mel⸗ dete ihm den Tod der Kleinen. Beſtändig auf der Huth richtete er ſein Augenmerk auf die Kundſchafter Fuſad Khan's, und aus eingezogenen Nachrichten ſchloß er, der harte Mann müſſe den Aufenthalt Fa⸗ timah's und der Kinder erfahren haben. Er eilte da⸗ her in einer finſtern Nacht,— es war am Anfang der Regenzeit,— in die Hütte und forderte Fatimah die Kinder ab;— ſie gehorchte ungerne: Sadik nahm von ihr Abſchied, entfernte ſich, und ſtieg Bergan bis er auf die Hütte des Landmanns, in der Gegend von Paiſhawer ſtieß: hier kam ihm der Gedanke, eines von den Kleinen zurückzulaſſen, indem er durch dieſe Trennung die Verſuche der von Fuſad Khan zur Entdeckung ſeiner Kinder ausgeſandten Kundſchafter eher vereiteln zu können glaubte. Er pochte an die Thüre, und als dieſe von dem Weibe des Landmanns geöͤffnet wurde, legte er das Mädchen in ihre Arme, und eilte davon, und die beſtürzten Bewohner der Hütte hatten ihres Wiſſens Sadik nie wieder zu Ge⸗ ſicht bekommen. Mit dem Knäbchen gieng der ſorg⸗ ſame Sadik nach Paiſhawer, wo er ſich in eine fin⸗ ſtere Wohnung, die einem Walker und ſeinem Weibe gehörte, begab. Da er fand, daß es friedſame Lent⸗ 5*. —— 100 chen waren, ſo vertraute er das Knaͤbchen ihrer Auf⸗ ſicht und Pflege an, und kehrte nach einem Aufenthalt von einigen Tagen zu Ibrahim Khan zurück. Bei ſeiner Ankunft traf dieſer gerade die Anſtalten zur Beerdigung ſeiner unglücklichen Tochter, die Krank⸗ heit und Seelenkummer in's Grab geſtürzt hatten. Ibrahim Khan ſchien über den frühzeitigen Tod ſeines einzig geliebten Kindes eher erfreut zu ſeyn, und das traurige Ereigniß mehr einen wohlthätigen und ſtär⸗ kenden, als einen zerſtörenden Einfluß auf ſeine Ge⸗ ſundheit auszuüben. Sadik theilte nun ſeine Zeit zwiſchen der Bedienung ſeines Herrn und der Sorge für den jungen Hooſſein, den er wegen ſeiner ausneh⸗ menden Schöoͤnheit ſo genannt hatte, ſo wie für ſeine nicht minder reizende Schweſter in des Landmanns Hütte auf die er im Geheimen ein wachſames Auge Indeß ſiel kein merkwürdiges Ereigniß mehr vor, bis die Kinder zu dem Alter gelangt waren, wo ſie, nach der Sitte jener Gegend, für mannbar angeſehen wurden. Sadik hatte genaue Nachricht von den Be⸗ ſuchen Mirzas bei der lieblichen Noor Mihr erhalten, und da er eine beſondere Achtung vor dem Jünglinge hatte, ſo wollte er ſeinen Wünſchen nichts in den Weg legen; doch machte ihn die unerhörte Beſchuldi⸗ gung gegen den jungen Mann etwas ſtutzen, und mit bitterem Schmerz bemerkte er, daß dieſelbe dennoch Noor Mihr'’s Neigung zu ihm gar keinen Abbruch that. Was ihm aber den meiſten Kummer machte, war, daß, wie er erfahren hatte, Hooſſein durch jenes Ereigniß auch in die Hütte geführt wurde, und ſich in ſeine eigene Schweſter verliebte. Er war es daher, der den Syud, den treuen Lehrer Hooſſein's bat, den Jüngling zu warnen, ſich nicht allzu feſt in die Locken V 4 01 der Schoͤnen zu verwickeln, die ein Fangnetz für den Vogel der Weisheit werden möchten. Hooſſein's Ausbleiben beunruhigte Sadik; er ſtellte genaue Nachforſchungen an, und erfuhr bald, daß er aus Verſehen von den Kundſchaftern Fuſad Khan's ergriffen worden und ſo ſeiner Vorſicht ungeachtet, zu⸗ letzt doch noch in die Hände ſeines natürlichen Vaters gefallen ſey, der, wie er nicht zweifelte, ihn in der feſten Überzeugung, daß es Mirza ſey, ſeiner Wuth aufopfern werde. Er ſann nach, wie er ihn retten könne, und erdachte ein Mittel, das am wahrſchein⸗ lichſten zu ſeiner Befreiung führen mußte: er verbrei⸗ tete nämlich das Gerücht, daß Mirza wirklich in der Gewalt Fuſad Khan's ſey, worauf Bayezid Truppen ausſandte, um ſeine Auslieferung zu ſordern. Sadik hoffte, wenn der Jüngling wirklich herausgegeben, und der Irrthum entdeckt würde, ſo werde auch Hooſſein gerettet werden. Daran dachte der ſorgſame Pflegva⸗ ter im geringſten nicht, daß der wahre Mirza zu der nämlichen Zeit wirklich als Gefangener in Fuſad Khan's Feſtung ſich befinden, oder daß ſein Eifer für die Errettung Hooſſein's noch die Veranlaſſung werden würde, daß Mirza, deſſen gänzliche Entwiſchung er herzlich gewünſcht hätte, noch in die Hände Bayezid's kommen ſollte. So ſehr es ihn daher freute, Hooſſein wieder aus der Feſtung zurückgebracht zu ſehen, ſo ſehr ſchmerzte es ihn, als er den zitternden Mirza in ſeiner Begleitung erblickte. Sadik, ſo gut als Hooſſein, ließ nichts unverſucht, Mirza zu retten, aber es war vergebens, und beide waren auf dem Marktplatze zu⸗ gegen, um Zeuge ſeiner Hinrichtung zu ſeyn, welche, auſſer der geheimnißvollen Dazwiſchenkunft der Frau, nichts hätte verhindern können. Von Neugierde ge⸗ trieben, die Geſichtszüge des ſonderbaren Weibes, 1⁰² die Mirza gerettet hatte, zu ſehen, ſuchte Sadik, als ſie ſich vor Bayezid entſchleierte, ihr gegenüber zu kommen; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er in ihr das nämliche Weib erkannte, deren Pflege er einſt die Kinder Fuſad Khau's anvertraut hatte. Er huͤtete ſich jedoch für jetzt, von ihr erkannt zu wer⸗ den, indem er ängſtlich auf den paſſenden Zeitpunkt wartete, wo er das dunkle Geheimniß, das bisher über dieſen Kindern geſchwebt hatte, enthüllen könnte. Als Sadik nun Mirza gerettet ſah, kehrte er ſchnell zu der Wohnung Ibrahim Khan's zurück; aber wie groß war ſein Schmerz, als er vernahm, daß ſein edler Gebieter ſeit zwei Tagen nicht mehr ſey. Da ſein Ende ſo ploͤtzlich und unvermuthet erfolgt war, ſo klagte ſich Sadik bitter an, ſeine Rückkehr ſo lange verzögert zu haben; denn immer war es ſein ſehnlich⸗ ſter Wunſch geweſen, ihn noch über das Schickſal ſei⸗ ner Enkel aus dem Irrthum zu ziehen, und ihn mit dieſen zu verſoͤhnen. Der Tod hatte ſeine edlen Ab⸗ ſichten vereitelt, er kehrte nach Paiſhawer zurück, wo gerade die Anſtalten zu dem Zuge gegen Fuſad Khan getroffen wurden, der, wie bereits hätte erwähnt wer⸗ den ſollen, die Gegend, in der ſeine Beſitzungen la⸗ gen, längſt ſchon verlaſſen und theilweiſe die Grund⸗ ſätze der Rosheniah⸗Secte angenommen hatte. Als Sadik Hooſſein zum Kampf gerüſtet ſah, beſchloß er, ſich an den Haufen anzuſchließen, in der Hoffnung, den Jüngling vor Fuſad Khan's Schwert ſchützen und ſo dieſen Häuptling vor der Sünde, ſein eigenes Kind ermordet zu haben, bewahren zu könneu; zu dem hörte er noch mit Schrecken, daß auch die liebenswür⸗ dige Noor Mihr die Gefangene ihres harten Vaters geworden ſey. Als daher das Maͤdchen mit Fuſad Khan auf den Wällen erſchien, glaubte er, jetzt ſey 103 der rechte Augenblick gekommen, den Haͤuptling von dem nahen Verhäͤltniß, in dem ſie zu einander ſtan⸗ den, zu benachrichtigen. Sadik hatte von ihrer erſten Kindheit bis auf die gegenwärtige Stunde über Hooſſein und ſeine Schweſter mit treuer Sorge gewacht; Fuſad Khan konnte daher an der Wahrheit alles deſſen, was er von Sadik horte, nicht im geringſten zweifeln, und erfreut über das kriegeriſche Weſen des einen, und die Schönheit der andern, war er ſtolz darauf, ihr Vater zu ſeyn;z er umarmte ſie beide, legte die Hand der ſchoͤnen Noor Mihr in die des hochentzückten Mirza und erklärte, daß dieß der ſeligſte Augenblick ſeines Lebens ſey. „Häuptling,“ rief Sadik,„da iſt aber noch etwas, was du noch nicht weißt; der Jüngling, dem du deine Tochter gegeben haſt, iſt der Sohn deines Feindes Bayezid. Aber von jetzt an, laß es uns hoffen, dei⸗ nes beſten Freundes; eile daher uns zu folgen, nicht als Gefangener, ſondern als Geuoſſe und Freund Bayezid's, der dich, wenn er die außerordentlichen Begebenheiten dieſes Tages vernommen haben wird, gewiß mit offenen Armen aufnimmt!“ Fuſad Khan war wirklich auf das Letztere nicht vor⸗ bereitet; aber indem er bedachte, wie wenig er wahr⸗ ſcheinlich gewinnen würde, wenn er ſeine feindſelige Ge⸗ ſinnung gegen Bayezid beibehielte, rief er aus:„Es ſey ſo, Sadik; ich folge: und mögen wir uns als Freunde bewillkommnen, und jede frühere Aufeindung uns verzeihen und vergeſſen! Der Häuptling zog alſo aus in Begleitung ſeines Sohnes und ſeiner Tochter, der überglücklichen Mirza, Sadik's und Hooſſein's, mit einem zahlreichen Gefolge, und erreichte in kurzer Zeit Paishawer, wo es denn Mirza auf ſich nahm, Bayezid mit dem Erfolg der Un⸗ 1⁰½ ternehmung bekannt zu machen. Fuͤr Bayezid, der ei⸗ nen blutigen Kampf erwartet, und ſich von einer Ver⸗ einigung mit der Familie ſeines Feindes nicht hatte träumen laſſen, war dieſe Nachricht wirklich überraſchend, und freudig empfieng er den gewaltigen Fuſad Khan in ſeine offenen Arme, und gab Mirza und der liebens⸗ würdigen Noor Mihr ſeinen Segen. Auch Fatimah nahm Theil an dem Glück der beiden Familien, und ſie war nicht wenig erſtaunt, als ſie hörte, Sadik ſey der Mann, den ſie vor vielen Jahren in dem Walde ange⸗ troffen habe, und der Beſchützer der Kinder Fuſad Khan's; und daß ihr Sohn Mirza nun das Mädchen als ſeine Frau heimführen ſolle, das ſie geſäugt hatte. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß Fuſad Khan in Folge ſeiner Ausſöhnung mit Bayezid, die Hülfe der Afghanen ausſchlug, und ſich für den Freund des alten Bayezid's erklärte. Mirza's Hochzeit mit Noor Mihr wurde mit all der Pracht und dem Glanze gefeiert, den ihr Stand erforderte, und nie war die Stadt Paishawer Zeuge ei⸗ nes ſchöneren Tages. Bayezid lebte noch viele Jahre glücklich mit ſeiner Gattin Fatimah; er erreichte ein hohes Alter, und ſo lange er lebte blühte die Secte, deren Oberhaupt er war. Aber nachher, erzählen die Schriftſteller, wurde ſie zerſtrent, und bis auf den heutigen Tag findet man noch viele ihrer Anhänger in den wildeſten unzugänglichſten Gegenden Afghaniſtan's und in Cabul; noch zahlreicher finden ſie ſich unter den Stämmen der Yuſufzei's; aber die Secte iſt bei den Muhamedanern ſo verachtet, daß die wenigen, die noch in Paishawer übrig waren, ſich gezwungen ſahen, ſich in ein abgelegenes altes Gebäude mit einer Kapelle zu⸗ rückziehen, das der nämliche Ort ſeyn ſoll, wo einſt Bayezid wohnte; und wenn die frommen Muſelmän⸗ 105 ner an dieſem Gebaͤude vorübergehen, ſo werfen ſie mit Steinen darnach, in Folge ihrer tiefen Verachtung ge⸗ gen den Stifter einer ſo abſcheulichen Secte. Hier endete der Hauptmann der Leibwache ſeine Er⸗ zaͤhlung; er trat ab, und die Geſellſchaft begab ſich wie gewöhnlich in den Palaſt des Deewan’s, um zu. beſtimmen, wer am folgenden Tage eine Geſchichte er⸗ zählen ſollte. Das Loos fiel auf Katil Bhae, den Flei⸗ ſcher, der den Befehl erhielt, zur gewöhnlichen Stunde zu erſcheinen. Nachdem der Nuwab und ſeine Frauen ſich verſammelt hatten, wurde der Fleiſcher vor ſeine Hoheit geführt; er machte ſeine Verbeugung, und begann die Geſchichte, die im folgenden Capitel enthal⸗ ten iſt. Sechstes Kapitel. Es iſt Deiner Hoheit wohl bekannt, daß die Stadt Ahmedabad unter der Regierung Shah Jehan's, dem ächten Stern des Glaubens, die blühendſte Stadt in der Welt war, und der erlauchte Monarch ſie wegen ihrer geſunden Lage oft mit einer langen Anweſenheit beehrte. Er war ungefähr ein Jahr nach ſeiner Thron⸗ beſteigung, die in die Hegira 1037*) fiel, daß er dieſe angeſehene Stadt zum erſtenmale beſuchte, und allem aufbot, ihren Wohlſtand und Handel zu heben, weß⸗ wegen er eine Erziehungs⸗Schule für die Jugend grün⸗ dete, und zum Unterhalt für Söhne der Kaufleute und Einwohner Ländereien anwies. Dieſes konigliche ²) p. Chr. 1628. 41⁰⁶6 Geſchenk ward als Handlung unvergleichlicher Freige⸗ bigkeit betrachtet, und als Zeichen des hohen Antheils, den der Fürſt an dem Wohle ſeiner Unterthanen nehme. Unter denen, welche den gütigen Monarchen erhoben, war keiner ſo laut mit ſeinen Lobſprüchen, als Adeeb Khan, der Schulmeiſter, der früher keinen ſichern Un⸗ terhalt gehabt hatte, jetzt aber zu ſeiner großen Freude von der Regierung einen ſichern bleibenden Gehalt be⸗ zog, den die zu der öffentlichen Erziehungs⸗Anſtalt be⸗ ſtimmten Ländereien abwarfen.. Unter den jungen Leuten, die Adeeb Khan's Schule beſuchten, war einer Namens Ashuk, deſſen Mutter die Großmuth des Kaiſers ſich zu Nutze gemacht hatte, um ihrem Sohne eine Erziehung geben zu laſſen, wie ein Kaufmann ſie nöthig hatte. Ashuk's Vater war vor einigen Jahren geſtorben; er hatte während ſeinen Leb⸗ zeiten die Stelle eines Oberjägermeiſter beim Nuwab bekleidet; auch war er ein Pylewan oder Ringer, und ein erfahrner Klopffechter, in der Falkenbaize aber be⸗ ſaß er eine ſolche Feſtigkeit, daß weit und breit es ihm keiner gleichthat. Der Nuwab, ein leidenſchaftlicher Waidmann, war tief betrübt über den Tod ſeines Leib⸗ jägers, und bewilligte in Betracht ſeiner langen treuen Wittwe, Bewah, ein kleines Jahrgeld, das ſie gegen⸗ wärtig noch bezog; allein unvermögend, die Lebens⸗ weiſe fortzuführen, an die ſie bei ihres Gatten Lebzei⸗ ten gewohnt war, mußte ſie oft wucheriſche Wechsler und Kaufleute der Stadt um Hilfe anſprechen. Ihr Sohn Ashuk hatte frühzeitig eine ſchnelle Faſſungsgabe gezeigt, die, wie ſie hoffte, durch eine zweckmäßige Erziehung unterſtützt, ſie in den Stand ſetzen würde, ihn bei ſeinem Oheim in Cambay unterzubringen, und ihn dort zum Kaufmann bilden zu laſſen. Da ſie rine alte Bürgerin, und bei Hofe wohl bekannt war, ſo 8 197 brachte ſie es ohne Schwierigkeit dahin, daß der Junge in die Schule aufgenemmen wurde, und ſo führte ſie ihn in ſeinem neunten Jahr in Adeeb Khan's Erzie⸗ hungs⸗Auſtalt. Die Schule, die in dem geräumigen Hofe gehalten wurde, war von vielen Knaben beſucht, deren lautes, lärmendes Herſagen der vom Meiſter aufgegebnen Sprüche Ashuk'’s Mutter beinahe betäubte. In der oberen Ecke des Hofes auf dem mit einer viereckigen Matte belegten Boden ſaß Adeeb Khan, mit einer klei⸗ nen Keemeab⸗Nachtmütze, einem Rock, der vorn offen war, und nicht ſehr reinlichen Beinkleidern, in ſeiner Hand hielt er einen Rattan, ohne den, glaube ich, noch keine Schule hat berühmt werden können. Die Hitze des Tages verbunden mit dem um ihren Lehrer verſammelten dichten Kreiſe der Jungen fiel dem unermüdeten Manne ſüchtlich beſchwerlich, denn er fächelte ſich von Zeit zu Zeit mit den Blättern eines Buches, und wiſchte wi⸗ derholt ſeine ſchwitzende Stirne mit ſeinen Rockſchößen ab. Wie er eine Frau mit einem ſaubergekleideten Knaben in die Schule treten ſah, rief er„Khamvosh!“*) und kein Laut ward mehr gehört; aller Augen wand⸗ ten ſich auf Ashuk und ſeine Mutter. Die Wittwe trat zu dem geſchäftigen Schulmann, und ſtellte ihm ihren Sohn vor, mit einem vom Khuzanche*r) des Nuwab erhaltnen Schreiben. Nachdem Adeeb Khan das Letztere durchleſen, erklärte er ſich bereit, den jun⸗ gen Ashuk aufzunehmen, und von Bewah belehrt, daß der Knabe ſich hauptſächlich auf's⸗Rechnen legen ſollte, weil er zum Handelsſtande beſtimmt ſey, verſprach er, »p) Stille!“ *) Schatzmeiſter. ₰ 108 2 ſein Möglichſtes zu thun, um ihn zu einem geſchickten Rechenmeiſter zu bilden, indem er zugleich Bewah's Klugheit belobte, und äußerte, der Handelsſtand ſey heutzutage unter allen Profeſſionen die einträglichſte. MNachdem Bewah ſo ihren Sohn in die Schule ein⸗ geführt, beſchenkte ſie den Meiſter mit einem kleinen Korbe mit Früchten, und einigen Rupien nebſt einem Blumenſtrauße, worüber Adeeb Khan ſehr erfreut war; er klofte den kleinen Ashuk auf die Schulter, erklärte, einen ſo ſchönen Jungen noch nie geſehen zu haben, und prophezeihte, er würde bald ein gemachter Mann wer⸗ den, denn in ſeinen funkelnden Augen leſe er großes Talent und anhaltenden Fleiß. Wie weit der gelehrte liche Mutter verabſchiedete ſich vom Meiſter, kehrte nach Hauſe, und ließ ihren Sohn Ashuk zurück, damit er 3 ſich mit ſeinen Schulkameraden bekannt machen, und ſeine Studien beginnen ſollte. Die Knaben waren nach dem Alter in Klaſſen ein⸗ getheilt, und zwiſchen den Kindern der Reichen und Armen fand kein Unterſchied ſtatt. Weil die Erziehung gerade mit dem dreizehnten Jahre ſchloß, ſo waren nur wenige von dieſem Alter in der Schule, eine große Zahl aber von demſelben Alter mit Ashuk. Adeeb Khan entdeckte bald, wie ſehr er ſich in ſeiner Prophezeihung rückſichtlich ſeines neuen Zöglings geirrt hätte; denn obgleich Ashuk großes Talent und erſtaunlichen Scharf⸗ ſinn verbunden mit einer kühnen Unerſchrockenheit hatte, gehörte Fleiß keineswegs zu ſeinen Tugenden. Er war unverbeſſerlich träge und unaufmerkſam, und achtete Ermahnungen ſeiner Mutter; in Kurzem ſchauderte der Knabe vor dem Gedanken, ein geplackter, ver⸗ ſchloßner, berechnender Kaufmann zu werden, und ſehnte Mann Recht hatte, wird ſich bald zeigen. Die glück⸗ weder auf die Scheltworte ſeines Lehrers noch auf die 4⁰9 ſich nach den Vergnügungen der Jagd, und dem Ge⸗ brauche des Speers, des Bogens und der Pfeile. Der Gedanke an dieſe Waffen beſchäftigte ſein jugendliches Gemüth ſo ſehr, daß er, wenn er den Buchſtaben Aleph ſchrieb, ſich einen Pfeil darunter dachte, dem jener etwas ähnlich ſieht, und ſchrieb er ein Be, ſo ſchuf ſeine Einbildungskraft einen Bogen daraus. War etwas im Werke, ſo drängten ſich die Knaben alle um Ashuk, und baten ihn, wegen ſeiner Verſchlagenheit, ihr Anführer zu ſeyn. Tauſend Streiche wurden dem armen Schulmeiſter geſpielt, und alle hatte Ashuk ausgedacht. Sie klebten die Blätter ſeines Koran zuſammen, goſſen Waſſer in ſeinen Turban, den er oft wegen der Hitze ablegte, oder zerbrachen ſeinen Stock, wenn er ihnen einen Augenblick den Rücken wandte. Selten wäre Ashuk bei ſeinen Streichen entdeckt worden, wäre nicht ein Knabe in ſeiner Klaſſe geweſen, Ajeez geheißen, der Sohn eines reichen Kaufmanns, Namens Saruk. Dieſer Knabe war in jeder Hinſicht von Ashuk verſchieden, einfältig, feig und bösartig, dabei aber aufmerkſam, pünktlich in ſei⸗ nen Aufgaben, und folgſam gegen ſeinen Lehrer, deſ⸗ ſen Gunſt er auf jede Weiſe zu erhalten ſtrebte. Bei ſeinen übrigen Eigenſchaften war er noch ein Zwi⸗ ſchenträger, und ſo wurde Ashuk öfters ertappt, wo, ohne jenen, Entdeckung unmöglich geweſen wäre. 3 Man kann ſich denken, daß Ajeez in der Klaſſe, zu der er gehörte, nicht ſehr beliebt war, und manche Pläne wurden angelegt, den kleinen Angeber zu züch⸗ tigen, aber alle ohne Erfolg, da Ajeez ſich ſelten außer der Schule oder ſeines Vaters Hauſe blicken ließ. Trotz ſeiner Ausgelaſſenheit blieb Ashuk vier Jahre in der Schule, und ſo träge er war, machte er doch bei der Aufmerkſamkeit und der trefflichen Lehr⸗ 1¹⁰ methode, welche Adeeb Khan anwandte, bedeutende Fortſchritte im Schreiben und Rechnen. Fehlte er bei einem einzigen Zweige des Lernens, ſo mußte er lange Sprüche aus dem Koran herſagen, womit die Knaben von dem eifrigen Schulmeiſter Adeeb Khan beſtändig geplagt wurden, während ſie ſelten frei hat⸗ ten. Doch trat ein Ereigniß ein, das ihn veranlaßte, ſeinen Zöglingen zwei Tage Erholung zu geben,— nämlich die Verbindung ſeiner einzigen Tochter mit dem Kapitän eines Kauffahrtheiſchiffes in Cambay, deſſen Name Fureeb Khash war. Die Hochzeit fand alſo ſtatt, und die Knaben hatten keine Schule. Als dieſe aber wieder begann, waren alle ſo ungewöhnlich träge, daß Adeeb Khan ſich genöthigt ſah, bei einigen den Rattan zu gebrauchen,— andern zu arbeiten zu geben, und alle bis lange nach Sonnen⸗ Untergang in der Schule zu behalten, ohne daß ein einziger zum Eſſen nach Hauſe gehen durfte. Ashuk und einige ſeiner Kameraden, die ſich ſehr gekränkt fühlten, be⸗ ſchloſſen, dem Meiſter einen Streich zu ſpielen, der ihn noch lange an ſeine Strenge denken laſſen würde. Sie verſammelten ſich alſo eines Morgens eine Stunde vor Sonnenaufgang auf der Straße, und begaben ſich in den Hof in des Meiſters Hauſe, wo die Schule gehalten wurde; an der Stelle, wo Adeeb ſeinen Tep⸗ pich gewöhnlich ausbreitete, gruben ſie ein weites diereckiges Loch, das ſie mit Waſſer füllten; hierauf enten ſie Holzſtückchen und Stroh darüber, und reiteten über das Ganze eine dünne Decke von Erde mit Kuhmiſt, damit ſie dem übrigen Theile des Bo⸗ dens gliche, und giengen dann davon, waren aber an dieſem Tage die erſten in der Schule, um Zeuge des erwarteten Spaßes zu ſeyn. Es war Adeeb's Ge⸗ wohnheit, die Arbeitsſtunden bald nach Sonnen⸗Auf⸗ 4¹⁴ gang zu beginnen, wo er dann aus dem Innern ſci⸗ nes Hauſes mit ſeinem viereckigen Teppich kam, den er einem Schüler, wenn ein ſolcher ſchon da war, übergab, um ihn über ſeinen Platz am obern Ende des Hofes auszubreiten. Dieſen Morgen erſchien er wie gewöhnlich, und gab den Teppich Ashuk, der ihn mit ungewöhnlicher Sorgfalt und Genauigkeit gerade über das fatale Loch hinlegte. Adeeb, in der einen Hand den Koran, in der andern den Rattan, gieng im Hofe auf und ab, bis die Knaben beiſammen wa⸗ ren, und als alle ſich geſetzt hatten, las er ſtehend einige Verſe aus dem heiligen Buche vor, welche die Knaben ihm nachſprachen, hierauf wollte er ſich auf ſeinen Teppich ſetzen, als er, nach dem Erwarten, in die ihm bereitete Grube ſank, zu großer Beluſtigung derer, welche bei der Sache betheiligt waren, und zu nicht geringem Erſtaunen der übrigen. Der ergrimmte Meiſter, dem die Hand mit dem Rattan noch frei geblieben war, ließ die Schwere des letztern die ihm zunächſt Sitzenden fühlen, unter denen Ajeez der Kauf⸗ manns⸗Sohn war, der einen ſolchen Streich in's Ge⸗ ſicht erhielt, daß er vor Schmerz brüllte. Beim An⸗ blick dieſes unvorhergeſehenen Erfolgs ihres Anſchlags lachte Ashuk mit ſeinen Gefährten recht herzlich. Ajeez, der ſich ganz unſchuldig wußte, konnte ſich Adeeb Khan's Verfahren nicht erklären, und eilte un⸗ ter grauſamen Stockſtreichen, aus der Schule, um bei ſeinem allvermögenden Vater Saruk zu klageu. Nach⸗ dem Adeeb Khan ſich endlich herausgewunden, und die Kleider gewechſelt hatte, tobte er mit fuürchterlicher Wuth umher, und ſuchte die Schuldigen zu entdecken. Einige von den Schülern, die wenig auf Ehrlichkeit „hielten, ſchoben alle Schuld auf Ajeez, in der Hoffe nung, ihn ſtrenge beſtraft zu ſehen. Als der Zorn 112 bes unglücklichen Lehrers ſich etwas gelegt hatte, gieng eer an ſeine Schulgeſchäfte, war aber noch nicht weit gekommen, als er Saruk, Ajeez's Vater, auf deſſen Geſicht Wuth und Erbitterung ſichtbar waren, die Straße heraufſtürmen ſah. Im Hofe angekommen, wo der arme Adeeb Khan ſaß, ergriff ihn der wüthende Kaufmann am Barte, und würde ſich noch weitere Gewaltthätigkeiten er⸗ laubt haben, wären nicht Ashuk und ſeine Freunde ihrem Lehrer zu Hilfe geeilt, den ſie in ſeiner eignen Schule nicht mißhandelt ſehen wollten; nicht, daß ſie ſich ſelbſt geſcheut hätten, ihn zu quälen, aber ſie wa⸗ entſchloſſen, einen Angriff von einem Manne, der keineswegs befugt war, ſich einzumengen oder in's Mit⸗ tel zu legen, nicht zu dulden. Ashuk ſprang zuerſt auf den Kaufmann los, der auf dieſen Angriff vor⸗ bereitet, mit Ashuk auf die Straße fiel; die übrigen Kuaben folgten, und ſchwärmten wie Bienen um den ergrimmten Saruk. Dieſe kleinen Teufel zerkratzten, kniffen und biſſen den Kaufmann ſo ſehr, daß er ſich vor Schmerz krümmte; dann riſſen ſie ihm ſeinen ſchönen, goldbeſetzten Turban ab, und warfen ihn in die Bratpfanne in der gegenüberliegenden Bude eines Garkochs, der gerade bei einem luſtigen Feuer ſeine Arbeit verrichtete. Damit nicht zufrieden, zerriſſen ſie hinten ſein Kleid, drückten ſein Geſicht in den Koth, ſtießen ihn mit Füßen, ſpuckten ihn an, und ſchickten ihn ſo nach Hanſe. Der Schulmeiſter hatte während dieſer Zeit Allem aufgeboten, um der Ver⸗ wirrung und dem Tumult Einhalt zu thun, und aus Furcht vor dem Raug, dem Reichthum und Einfluß Saruks hätte er lieber ſich ſelbſt ſchlagen laſſen wol⸗ len, als in Verdacht kommen, zu dieſem heftigen An⸗ griff aufgemuntert zu haben; er war daher wirklich 44 auf Ashuk ergrimmt, wenn er gleich eigentlich über den Eifer und Muth, den dieſer bei der Sache be⸗ wieſen, eine große Freude hatte. Ermattet und nie⸗ dergeſchlagen kehrte Saruk nach Hauſe zurück, wo ſeine Frau, nachdem ſie von der ihrem Gatten zuge⸗ fügten Beleidigung gehört, ihm rieth, ſich an den Cotwall zu wenden. Allein Saruk, der wohl wußte, er könne für die That einiger Schulknaben keine Ge⸗ nugthuung erhalten, weigerte ſich, dieſen Rath zu be⸗ folgen, ſann aber darauf, wie er ſich an Ashuk, dem Rädelsführer bei dem Tumult hinlänglich rächen könnte.— Am Abende dieſes merkwürdigen Tages wurde Bewah, Ashuk's Mutter, die von der Sache geht und ihren Sohn wegen des thätigen Antheils, den er dabei genommen, ernſtlich getadelt hatte, vor den Rich⸗ ter geladen, um eine Schuld an den Kaufmann Sa⸗ ruk zurück zu zahlen. Ashuk bereute ſeine Unklug⸗ heit; er ſah ſeine Mutter in Thränen ſchwimmen, und es ſchmerzte ihn ſehr, daß er ſie in ſolche Ver⸗ legenheit gebracht hatte. Es war nicht zu helfen, der Befehl mußte befolgt werden, und die arme Frau erſchien, von ihrem Sohne begleitet, im Gerichtsſagle, bekannte ſich zu der Schuld, und erhielt Befehl, ſie auf der Stelle zu bezahlen, da der Gläubiger keine weitere Friſt geſtattete. Nach langem Bitten und Fle⸗ hen erhielt ſie endlich eine Woche Zeit, um die Summe zuſammenzubringen, die, mit den Zinſen, 100 Rupien betrug. Allein die Woche war beinahe zu Ende, und noch hatte die arme Wittwe keine einzige Rupie zu Bezahlung der Schuld aufgebracht. Des Nuwabs Schatzmeiſter weigerte ſich, auch nur einen Pice von ihrem Jahrsgehalt vorzuſchießen, und ſie hatte keinen Freund, der ihr geholfen hätte. Sie dachte an ih⸗ 114 gen Schwager in Cambay, allein es war zu ſpaͤt, an die⸗ ſen zu ſchicken, und ſo ſchien Gefängniß unvermeidlich⸗ In der Stadt lebte ein alter Filz, Namens Hur⸗ rees Al⸗Alghar, den man, weil er nicht borgte, und immer baares Geld verlangte, gewöhnlich Nugdee*) Hurrees nannte. Diefem Manne hatte Ashuk's Va⸗ ter hie und da Geſchenke gemacht, und galt unter den meiſten Einwohnern als deſſen beſter Freund; daher Ashuk ſeiner betrübten Mutter als letztes Mittel vor⸗ ſchlug, ſich an ihn zu wenden. „Sohn,“ rief Bewah,„eben ſo gut könnten wir verſuchen, von den Steinen Geld zu erbetteln, doch— im mit mir, bei unſern vereinigten Bitten wandelt vielleicht einmal Mitleiden an bei dem Unglück ſeiner Nebeumenſchen.“ Mit ſehr ſchwacher Hoffnung eines günſtigen Erfolgs ging ſie, von Ashuk begleitet, auf die Wohnung des alten Nugdee Hurrees zu. Der Filz, an den die unglückliche Wittwe ſich wenden wollte, war ein ſchon ziemlich bejahrter Mahomeda⸗ ner, und ſo geizig, daß die Einwohner ſich wunderten, wie er ſein Leben friſten könnte, und noch viel mehr, wie er es einrichte, daß ſeine einzige Tochter, die ber ihm wohnte, nicht verhungerte. Nugdee Hurrees hatte ſich, früher bettelarm, zu Reichthum und Anſehen er⸗ hoben, viele erinnerten ſich, ihn in Lumpen gehüllt, und in Staub und Aſche die Straßen durchwühlen geſehen zu haben, in der Hoffnung, einen verlornen Kupfer⸗Pice oder ein Silberſtück zu finden, und wie er dazu gekommen, ſo ungeheure Summen aufzuhäu⸗ fen, die er jetzt, wie das Gerücht ging, beſaß, war der ganzen Stadt ein Räthſel; wie man allgemein glaubte, hatte er einen verborgnen Schatz gefunden, der durch ſeinen raſtloſen Umtrieb zu der gegenwärti⸗ *) Baar Geld. * 11⁸ geu unermeßlichen Größe angewachſen war. Er wohnte gegenwärtig in der Mitte der Stadt, in einem ſchö⸗ nen wohlgebauten Hauſe; drei Seiten deſſelben gingen in einen mit einer hohen Mauer umgebenen Hof, während die vierte, die blos ein einziges Fenſter hatte, hinten auf ein Gäßchen ſtieß. Haus und Mauer wa⸗ ren aus behauenem Granit gebaut, ſo daß keine Diebe einbrechen, und das liebe Gold, daß darin verſchont ſeyn ſollte, ſtehlen konnten. So vorſichtig war der Alte, daß er keinen Diener und keine Magd hielt; er und ſeine Tochter wohnten allein in den düſtern Mauern ſeiner Behauſung. Seine Tochter war ein junges Mädchen von ungefähr 14 Jahren und genoß kein einziges Vergnügen auf der Welt, da ſie durch⸗ aus nicht ausgehen durfte, um zu ſehen oder ſich ſe⸗ hen zu laſſen. Zu dieſer jammervollen Stätte begaben ſich die Wittwe und ihr Sohn Ashuk, und lange mußten ſie an das äußere Thor klopfen, bis ſie vom alten Nughee eingelaſſen wurden, der immer ſelbſt den Pförtner machte. Zur Rechten des Thores, im In⸗ nern des Hofes, war ein plumper Schuppen von Bambusrohr, das zum Dach über dee Stelle diente, wo ſein Zahlplatz war, und wo er ſeine Geldgeſchäfte abmachte. Man wußte keinen, der in's Innere ſeines Wohnhauſes Eintritt erhalten hätte. „Setze dich, liebe Frau, ſetze dich,“ ſagte der Gei⸗ zige, ohne ihr jedoch einen Teppich anzubieten,— eine Bequemlichkeit, die er bloß angeſehenen Shroff's*) und Kaufleuten bewilligte. Als er Bewah zögern ſah, errieth er ihren Wunſch, und ſagte:„Du ſuchſt ohne Zweifel etwas zum Sitzen, aber meine liebe *) Wechsler. 1416 Frau, ein Teppich iſt heut zu Tage ein Teppich; und ich geſtehe dir, ich kann nicht bei jeder Gelegenheit einen hergeben; magſt du aber nicht auf den platten Boden ſitzen, ſo laß deinen Jungen da ſeinen Rock ausziehen, und ſetz dich darauf. „ Ja, Nugdee,“ fiel die arme Bewah ein,„Röcke ſind heut zu Tage Röcke, wie du von den Teppichen dieß bemerkteſt, und Gott weiß es! ich kann ſie noch weniger zu Polſtern machen laſſen.“ „Dann, Nachbarin, weiß ich nur ein Mittel: du mußt ſtehen! Laß mich jetzt dein Geſuch hören.“ So ſprechend ſchlug er ſeine kleinen Augen auf, nahm ein Stück beſchmutztes Papier vom Boden, und ſchien mehr mit ſeinen Angelegenheiten als den ihrigen be⸗ ſchäftigt. Ashuk konnte ſich kaum des Lachens ent⸗ halten, als er die dürre, eingeſchrumpfte Geſtalt vor ſich erblickte, während ſeine Mutter mit ſchwerem Herzen ihre Noth zu erzählen begann. Wie ſie geen⸗ det hatte, ſchien der Geizige ganz in Gedanken ver⸗ loren, und ſchrieb haſtig einige Ziffern auf das Pa⸗ pier das vor ihm lag, ohne der Wittwe zu antwor⸗ ten, welche fortfuhr: „Ich bin verſichert, wenn du wüßteſt, wie ſehr ich deines freundlichen Beiſtandes bedürftig bin, ſo wür⸗ deſt du mir ihn nicht verweigern.“ „Keine einträgliche Spekulation!“ murmelte der Alte, ohne auf die Bittende vor ihm zu achten,„nein, nein ich weiß wohl, wie viel die Edelſteine und Kar⸗ neole in Bengalen einbringen.“ „Meiſter Nugdee,“ ſagte die Wittwe,„ich komme nicht wegen Edelſteinen und Karneolen.“ „Was, Weib! haſt du Karneole? las ſie ſehen; ich würde ſie kaufen, wenn ich ſie wohlfeil bekommen kann.“. 117 „Ach nein,“ entgegnete Bewah,„ſolche Sachen habe ich nicht, ich komme, dich zu bitten, mir 100 Ru⸗ pien zu lehnen.“ „Was, was! ſchütze mich, Allah! ſagſt du es nicht noch einmal? ich möchte eine ſo große Summe noch einmal ausſprechen hören; der Klang thut mir ſo wohl.“ „Hundert Rupien bemerke ich,“ wiederholte Be⸗ wah.“ „Wie, was ſagſt du?“ rief der Geizige;„wie kommſt du denn auf den Gedanken, um dieſe unge⸗ heure Summe mich anzuſprechen?“ „Was ich weiß, guter Herr, daß es dir nicht ſchwer fallen wird, mir das Geld zu lehnen.“ „ Nicht ſchwer fallen, ſagſt du?— und welche Bürgſchaft habe ich zu gewarten?“— „Was das betrifft, Herr, ſo habe ich einen Jahrs⸗ gehalt von der Regierung, womit ich dich wieder be⸗ zahle; auch bin ich bereit, etwas Schriftliches über die Summe auszuſtellen.“ „Nein, nein, liebe Frau, das geht nicht: mit der Sache mag ich mich nicht befaſſen.“ „Ach nein, Meiſter Nusdee, ſey nicht hartherzig; wenn ich bis morgen das Geld nicht zuſammenbringe, werde ich in's Gefängniß geworfen.“ „Ja, ſo ginge mirs auch, wenn ich dir's lehnte; es kann nicht ſeyn— geh nach Hauſe, es thut ſich nicht.“ In dieſem Augenblicke rief eine Stimme von der Straße her:„Tel, Tel!“*) „Ach! da kommt noch Einer, mich vollends zu ver⸗ derben.“ Eben wollte er ihn fortſchicken, als ſeine Tochter Kheir Neyut aus dem Hauſe trat, und ſagte: *)„Ot, Br1“—. 448 „Vater, der Olmann iſt da, wir brauchen friſchen Vorrath.“ 1 „Schon wieder Ol! was? haſt du nicht geſtern für drei Pices gekauft?“ 8 „Ja, Vater, aber dieß iſt verbraucht.“ „Verbraucht! wie?“ „In vergangner Nacht war mir unwohl, und da. ließ ich meine Lampe brennen.“. „Was das immer für ein Aufwand und eine Verſchwendung iſt! ein Licht brennen, weil du un⸗ wohl warſt! konnteſt du nicht im Finſtern krank ſeyn? Doch,“ fuhr er fort,„kaufe nur, ſoviel du für einen Pice bekommſt, und nehme dich in Acht und verſchütt' es nicht.“ So ſprechend zog er langſam einen kleinen Beutel aus ſeinem Gürtel, aus dem er das Geld nahm, das er wenigſtens eine Minute zwi⸗ ſchen den Fingern hin und her drehte, und dann erſt ſeinem verſchwenderiſchen Kinde gab, wobei er ſeine Ermahnung zur Vorſicht und Sparſamkeit wieder⸗ holte. Unterdeſſen hatte Ashuk Zeit, die ſchöne Kheir Neyut zu betrachten, welche ebenfalls Ashuk anſah. Alus Schaam über ihres Vaters Kargheit erröthete das reizende Mädchen und ſchlug die Augen nieder, während Ashuk bloß den Anblick der Verlegenheit, die ſich auf ihrem Geſichte ausdrückte, vermochte ein lautes Lachen über den Geizigen zu unterdrücken. Nachdem ſie das Ol gekanft, kam ſie zurück und zeigte das wenige ihrem Vater, der bemerkte,„wie ſie es ſpare, ſo würde ſie bis morgen damit reichen.“ Jetzt fiel ihm Bewah zu Füßen, und bat ihn um Hülfe in ihrer Noth, allein der Alte ſchien wenig ge⸗ neigt, ihr zu willfahren, bis Kheir Neyut es wagte, far die arme Frau ſich zu verwenden, was ſie auf 119 eine ſo gefällige, ehrerbietige Weiſe that, daß die ſtar⸗ ren Geſichtsmuskein des alten Nugdee ſich ein wenig verzogen, und er ſagte:„Nun, Kind, ich will ſehen was diesmal zu machen iſt: bring Federn, Dinte und.“— Hier unterbrach er ſich ſelbſt, wandte ſich zu Bewah, und ſagte:„Das Papier mußt du an⸗ ſchaffen; ſchicke deinen Sohn auf den Bazaar. Ashuk wurde alſo abgeſandt, um dieſen zur Abſchließung des Geſchäfts nöthigen Artikel zu beſorgen, und als Kheir Neyut ihm die Thüre öffnete, benutzte er dieſe Gele⸗ genheit, ihr für ihre freundliche Verwendung zu dan⸗ ken, eine Handlung, für die, wie er ſagte, ſein Herz ewig dankbar bleiben würde. Das reizende Mädchen erwiederte, der Erfolg ihrer Verwendung ſey hinläng⸗ liche Belohnung für ſie, und bat ihn, bald mit dem Papier zurück zu kommen, ehe ihr Vater ſeinen Sinn änderte. Eilends holte er dieſes, und fand bei ſeiner Rückkunft ſeine arme Mutter noch unter dem Schup⸗ pen ſtehen, wohin jetzt die Sonne drückend heiß ſchien. „Nun denn,“ rief der Geizige, der ſich in eine Ecke des Schuppens niedergekauert hatte,„gib das Papier her, ich will den Schuldſchein ſchreiben, und du unterzeichneſt ihn dann. Hundert Rupien willſt du, mußt aber für 150 unterſchreiben, und überdieß muß ich 10 Procent haben.“ „Ach, Meiſter Nugdee!“ rief die Wittwe,„das hätte ich in der That nicht erwartet.“ „Je nun,“ entgegnete Jener,„wenn es dir ſo nicht gefällt, ſo mußt du wieder gehen.“ Dieſe Forderung von einem Mahomedaner, dem ſeine Religion durchaus verbietet, Geld gegen Zinſen auszuleihen, kam Bewah ganz unerwartet; da ſie aber wußte, daß die Hindu'ſchen Kaufleute eben ſo hart gegen ſie ſeyen, und ihr wahrſcheinlich nicht einmal 1²⁰ eine Rupie auf Termine leihen wuͤrden, mußte ſie ſich zu der unbilligen Erpreſſung bequemen. „Nun gut, liebe Frau; warte, bis ich mit dem Gelde zurückkomme.“ Mit dieſen Worten humpelte der Geizige durch den Hof in ſein Wohnhaus, und brachte in einem Beutel die Rupien, die er eine nach der andern hinzählte; aber damit nicht zufrieden, und weil er fürchtete, es möchte eine zu viel ſeyn, legte er je fünf Rupien auf ein Häufchen, warf ſie dann wieder zuſammen, und überzählte ſie, wie die Wechs⸗ ler pflegen, je drei auf einmal. Zuletzt, da beide Theile überzeugt waren, daß alles richtig ſey, ſtrich der Geizige ſie in einen Beutel, beſtand aber darauf, daß dieſer ihm wieder gebracht werden müſſe, weil er keine Beutel wegſchenken könne, denn ſie koſten Geld. Jetzt kam der wichtige Akt des Unterſchrei⸗ bens. In der einen Hand feſt den Beutel haltend, reichte er ihr mit der andern die Schrift, unter welche die Wittwe ihr Zeichen ſetzte, weil ſie nicht ſchreiben konnte. Kheir Neyut wurde als Zeugin aufgerufen, und auch Ashuk unterſchrieb den Schuldſchein, worauf der Beutel mit den Rupien, richtig an die unglück⸗ liche Schuldnerin übergeben wurde, die nun mit ih⸗ rem Sohne ſich entfernte. Ashuk war ſo entzückt über Kheir Neyut's Aublick, daß er ungeachtet der unerträglichen Sonnenhitze, wünſchte, die Förmlich⸗ keit des Unterſchreibens und Zeugens möchte viel län⸗ ger dauern. Auch Kheir Neyut war es nicht lieb, daß das Geſchäft ſo ſchnell beendigt war, da ſie nur ſelten zu einer kurzen Unterhaltung, wie ſie dieſen Tag genoſſen hatte, kam. Nachdem ſie durch das äuſſere Thor getreten waren, rief der alte Nugdee Hurrees ihnen nach:„Vergeſſet den Beutel nicht!“ . 121 „Auf der Stelle ſoll er zuruckgeſchickt werden,“ entgegnete Bewah;„lebe wohl, gute Kheir Neyut! wir danken dir ſehr für deine Güte.“ „Gott ſchütze dich Mutter!“ ſagte das Mädchen, und ſchloß die Thüre hinter dem Jüngling, der auf dem ganzen Weg nach Hauſe an nichts anders dachte, als an die Schönheit und Güte der Tochter des Wucherers, während ſeine betrübte Mutter ſich allein mit dem Gedanken an den Geiz ihres verworfnen Vaters beſchäftigte. 4 Mit dem Gelde, das der unerbittliche Saruk ver⸗ langte, und das ſie mit ſo vieler Mühe zuſammen⸗ gebracht, erſchien, die Wittwe zur beſtimmten Stunde vor Gericht, und zählte es ihrem harten Gläubiger ſelbſt in die Hand, der ihr den Schuldſchein zurück⸗ gab, und ihr zugleich eine Urkunde zuſtellte, worin er allen Forderungen an ſie entſagte. Dieſe baare Zahlung kam Saruk ſehr ungelegen, da ſein rachſüch⸗ tiges Gemüth mit der Hoffnung ſich geſchmeichelt hatte, er werde die Wittwe ſammt ihrem Sohne in's Gefängniß werfen laſſen können. Bewah dagegen be⸗ ſchloß, Ashuk aus der Schule zu nehmen, um ihn zu ſeinem Oheim nach Cambay zu ſchicken, und be⸗ ſuchte in dieſer Abſicht den Schulmeiſter. Adeeb Khan hatte eine ſtarke Neigung zu Ashuk gefaßt, ſeit dieſer zu ſeiner Vertheidigung auf Saruk losgegangen war, und es that ihm daher leid, von ihm ſcheiden zu müſſen, ohne jedoch im geringſten zu bedauern, daß er einen Schüler an ihm verlor, denn ſeine Streiche und ſein widerſpenſtiger Sinn machten ihm nicht nur viele Beſchwerden, ſondern brachten hauptſächlich die Schule in üblen Ruf. „Allah behüte dich, mein Sohn!“ ſprach Adeeb; „möge das Wenige, was du gelernt, dir von Nutzen Ind. Sexail. II. 6 122 ſeyn; saber ich fürchte ſehr, deine Nichtbeachtung des Korans, möchte dir im Wege ſeyn, daß du kein tüch⸗ tiger Mann wirſt. Suche,„um deiner Mutter willen, die Zufriedenheit deines Oheims zu gewinnen, der, wenn er dich bewährt findet, dich in Stand ſetzen wird, viel Geld zu orwerben, und ein angeſehener Mann zu werden.“. Dieſer herzliche Abſchied des guten Schulmeiſters, machte wenig Eindruck auf Ashuk, deſſen Gedanken auf einem ganz andern Felde umherſchweiften, denn er ſann, wie er eine Zuſammenkunft mit Kheir Neyut halten könnte, und dachte an den Beſuch in der Wohnung des Geizigen, wenn er den Beutel zurück⸗ trüge, welchen in Acht zu nehmen ihm ſo dringend⸗ empfohlen war. Nach der Rückkunft vom Schulmei⸗ meiſter verlangte er alſo von ſeiner Mutter den Beu⸗ tel, mit dem Erbieten, ihn dem geizigen Nugdee zu bringen, und Bewah reichte ihm denſelben, mit der— Bitte, er möchte ſogleich wieder zurückkehren. Als Ashuk an einer Wechſelbude vorüber kam, ſah er den alten Geizigen ſelbſt in tiefem Geſpräch mit dem Wechsler, und zuverſichtlich glaubend, der Alte hätte ihn nicht geſehen, wandte er um, und lief in einer andern Richtung ſeiner Wohnung zu, in der Hoff⸗ nung, die ſchöne Kheir Neyut allein zu finden. Er klopfte an das Thor, erhielt aber keine Antwort; er wiederholte es“, aber Alles blieb ſtill, denn er wußte nicht, daß Nugdee's Tochter Befehl hatte, in ſeiner Abweſenheit, auf kein Pochen an die Thüre zu achten, — nicht einmal zu fragen, wer da wäre. Während der Jüngling rief und pochte, erſchien der Alte ſelbſt mit ſeinem Schlüſſel in der Hand, und wie er Ashuk erblickte, prallte er erſtaunt zurück, und ſagte:— „junger Menſch, was willſt du hier?“ 12³ „Herr,“ erwiederte Ashuk,„ich bringe den Geld⸗ beutel, den du ſo gut warſt, meiner Mutter mitzu⸗ geben.“ „ Ah, recht! du biſt ein guter Junge, ich liebe die Pünktlichkeit;— nun wo iſt er?“ Ashuk zog den Beutel hervor, den der gierige Filz haſtig ergriff, unter der halbgeöffneten Thüre ſtehend ſagte:„Lebewohl, junger Mann, gehe deines Weges, der Himmel ſchütze dich!“ und das ſchwere Thor ſchloß. So war dem armen Ashuk jede Gelegenheit geraubt, an dieſem Tage Kheir Neyut zu ſehen. Doch ließ er ſich durch dieſes Mißlingen von ſei— nem Vorhaben nicht abſchrecken, ſondern lief um das Gebäude herum, und ſah, wie er durch das enge Gäßchen an der Hinterſeite des Hauſes ging, die ſchöz ne Kheir Neyut an dem Fenſter ſtehen, das die Um⸗ gegend überſah; er machte eine Verbeugung, und das Mädchen lächelte, trat aber ſogleich zurück. Weil er es für unſchicklich hielt, zu bleiben, wo er war, ging er langſam weiter, konnte aber der jetzt ſich darbie⸗ tenden Gelegenheit nicht widerſtehen, ſich noch einmal umzuwenden, um noch einen flüchtigen Blick von dem Geſichte aufzufangen, das ſein Herz ſo ſehr eingenom⸗ men hatte; er that's, und ſah zu ſeiner Freude das Madchen am Fenſter ihm nachblicken. Spogleich eilte er zurück, legte, unter dem Fenſter angekommen, die Hand auf ſein Herz, und ſagte:„Schönes Mädchen, nur einen Augenblick ſchenke mir Gehör!“ „ZJetzt nicht,“ rief ſie;„um's Himmelswillen gehe!“ „Dieſe Nacht denn, drei Stunden nach Sonnen⸗ untergang!“ Sie nickte Beifall, und ſchnell eilte er durch das Gäßchen. Bei ſeiner Zuhauſekunft, traf er ſeine Mutter mit einem Schreiber beſchäftigi, der 6* 124 wegen ihres Sohns Ashuk einen Brief an ißren Schwa⸗ ger in Cambay aufſetzte. Sobald der Jüngling hörte, was im Werk ſey, bezeugte er ſeine Abneigung gegen das kaufmänniſche Leben, und ſeinen Widerwillen, Ahmedabad zu verlaſſen; allein die Klagen ſeiner Mutter, wie ſie von ſeiner Abneigung gegen die ihm beſtimmte Lauſbahn hörte, veranlaßten ihn, mürriſch ihren Anordnungen ſich zu fügen, und ſo ging der Brief ab. Zur beſtimmten Zeit fand Ashuk ſich in dem Gäß⸗ chen hinter des Geizigen Hauſe ein, und hatte das Glück, das Mädchen ſchon am Fenſter zu erblicken. Schon begann er ſeine Wonne auszudrücken, als ſie rief:„Ums Himmelswillen ſtille! ſprich leiſe, oder mein Vater hört dich.“ Ashuk erklärte alſo im leiſen Tone, wie er, ſeir er ſie geſehen, an nichts anders gedacht habe, als an ihr ſchönes Geſicht und ihr liebenswürdiges Herz, und wie er nicht ruhen koͤnne, bis er das Vergnügen ge⸗ noſſen, einige Augenblicke mit ihr ſich zu unterhalten, und ihr ſeinen und ſeiner Mutter Dank, für ihre Verwendung, auszudrücken. Das bezaubernde Mäd⸗ chen gab eine paſſende Antwort, und drückte mit lei⸗ ſer Stimme ihre Wünſche für Bewah's Wohl und ſein Glück aus. „Ach!“ rief der Jüngling,„kein Zeichen des Glücks mag mir erſcheinen, wenn es nicht im Sonnenglanze deiner Gunſt in's Leben tritt; kann ich in deinem Herzen, ſchöne Kheir Neynt, keine Theilnahme wek⸗ ken, ſo müſſen meine Hoffnungen in der Blüthe er⸗ — ſticken.“ „Ach! ſprich ſo nicht, Ashuk, ſondern ſey ver⸗ ſichert, daß ich an deinem Glüch oder Unglück Antheil nehmen werde.“ 125 „Dann will ich ſuchen, deine Achtung und Gunſt zu gewinnen, ſchonſte Kheir Neyut; habe tauſend Dank für dieſe Unterredung, aber ach! es wird wohl lange währen, bis eine Zweite mir werden wird, denn meine Mutter hat ſchon im Sinne, mich nach Cam bay zu ſchicken. Sage mir alſo, reizendes Mädchen, willſt du mir nicht noch einmal erlauben, unter dieſem Fen⸗ 4 ſter dir Lebewohl zu ſagen.“ „Ich kann es nicht wagen, Ashuk, dies muß das letztemal ſeyn: kommſt dn aber zurück, ſo verſpreche ich dir eine Unterredung; bedenke, daß ich ſehnlich dem Fluge der Zeit zuſehen werde.“ „So lebe wohl, anbetungswürdiges Mädchen, und vergiß nicht, daß ich nur dir lebe.“ Mit einem Seufzer wandte er ſich, und ging nach Hauſe. Seine Mutter bemerkte ſeine Niederge⸗ ſchlagenheit, und war ſehr in Unruhe, und da ſie nach der Urſache fragte, geſtand er ihr offen ſeine Liebe zu der Tochter des Geizigen. 3 „Oh, Ashuk! wieviel Kummer und Leid machſt du mir mit deiner eingebildeten Albernheit; du kannſt, darfſt nicht an Kheir Neyut denken.“. „Kann nicht! darf nicht!— und warum, Mut⸗ ter 2“¹ „Weil ſie bereits einem Andern zugefagt iſt.“ „Einem Andern zugeſagt! wem?“ „Ajeez, Saruk's Sohn.“ 3. „9, Mutter! jetzt haſt du den letzten Funken von Hoffnung in meinem Buſen erſtickt.— Es darf nicht ſeyn, du wirſt's ſehen, Mutter; ich ſage es darf nicht ſeyn. Ich verhindre es.“ „Ach, Sohn! wird denn dieſes tolle, ungeſtümme Weſen dich nie verlaſſen? Biſt du hei Sinnen, daß du ſo ſprichſt? Bedenke deine Armuth und den Reich⸗ 1²6 thum Saruk's und ſeines Sohnes; überdieß iſt der Vertrag ſchon geſchloſſen, und wenn Ajeez in drei Jahren von einer Reiſe nach Calcutta, wo er eine kaufmänniſche Spekulation macht, zurückkömmt, ſo heirathet er Nugdee's Tochter. Ich zweifle nicht, daß, wenn du noch einmal ſoviel als jene, zuſammen⸗ bringen könnteſt, der alte Nugdee kein Bedenken tra⸗ gen würde, den Vertrag mit Saruk zu brechen; auf andere Weiſe aber gewiß nicht. Gehe jetzt, ich bitte dich, nach Cambay, wende deine Gedanken auf deine Geſchäfte, und träume nicht mehr von Liebe.“ Der zerſtreute Jüngling gab keine Antwort auf die gefühlvolle Anrede, ſondern gab den ſüßen Träu⸗ men der Liebe neuen Schwung in ſich, ſtatt ſie, wie ihm gerathen war, auf immer aus ſeinem Herzen zu verbannen. Siebentes Kapitel. Der Heirathsvertrag zwiſchen Saruk's Sohn und der Tochter Hurree's-Al-Alghar's war wirklich ab⸗ geſchloſſen, ſo daß alſo der arme Ashuk wenig Hoff⸗ nung hatte, und mit ſchwerem Herzen zu ſeinem Oheim nach Cambay abging. Der junge Ajeez legte ſich indeſſen, unter der Leitung ſeines geſchickten, er⸗ fahrnen Vaters auf das, was er im Handelsweſen zu wiſſen brauchte, um ſich zu der Stelle eines Faktors bei dem Schiffe zu bilden, das ſein Vater in einem oder zwei Jahren, reich befrachten wollte, wahrſchein⸗ lich in Verbindung mit Nugdee Hurrees, den ſie ſehr zu überreden wünſchten, eine bedeutende Summe Gol⸗ 127 des dabei auf's Spiel zu ſetzen. Über dieſes Unter⸗ nehmen dachte er eben nach, wie die unglückliche Witt⸗ we wegen der Anleihe von 100 Rupien ſich an ihn wandte; allein zu Saruk's Mißvergnügen war der alte Filz nicht geneigt, Edelſteine und Carneole ſo hoch anzuſchlagen, wie ſeine Nachbarn, und weigerte ſich am Ende, einen Theil ſeines Vermögens bei die⸗ ſem Geſchäfte zu wagen. Wenn er aber gleich gegen dieſe kaufmänniſche Unternehmung war, ſo willigte der alte Nugdee doch ſogleich in den Vorſchlag einer Hei⸗ rath zwiſchen Ajeez und ſeiner Tochter, der er ein Lak Rupien verſprach, wenn Ajeez die Hälfte dieſer Summe aufzuweiſen hätte; Saruk ſchickte alſo eilends ſeinen Sohn mit einer bedeutenden Ladung nach Ben⸗ galen, in der Hoffnung, wenn der Junge zurückkäme, und einige Unterſtützung von ihm erhielte, ſo würde er im Stande ſeyn, dem Geizigen die 50,000 Ru⸗ pien zu Füßen zu legen, wofür er ein Lak und die reizende Kheir Neyut zur Braut erhalten ſollte. Ab⸗ geſehen von dieſem Gewinne, hegte Saruk die Hoff⸗ nung, daß nach des Geizigen Tode Ajeez ohne Zwei⸗ fel ſein Erbe werden würde. So machen die Sterb⸗ lichen Pläne für ihr zeitliches Glück, und werden von ihrem endlichen Gelingen ſo ſehr überzeugt, daß ſie nicht im Stande ſind, das Fehlſchlagen derſelben, mit ſtandhafter Ergebung in den Willen der Vor⸗ ſehung zu tragen. So war's bei Saruk, der die Gefahren der See nicht bedachte, nicht die wechſeln⸗ den Winde des Himmels, und den ebenſo ſchwanken⸗ den Sinn des alten Nugdee, noch, daß ein andrer Sterblicher einſchreiten, und durch ſeine Pläne die Wünſche ſeines Herzens zu nichte machen könnte.— Zwei Jahre blieb Ashuk bei ſeinem Oheim in Cam⸗ bay. Vergebens verſuchte dieſer freundliche Verwandte 128 Geſchaͤftsſinn bei dem Jüngling zu wecken; die Ver⸗ gnügungen der Jagd, der Baize u. ſ. w., mit der Er⸗ innerung an ſeine geliebte Kheir Neyut, hatten ſeine Gedanken ganz in Anſpruch genommen. Unter dieſen Umſtänden ſah ſein Oheim ſich genöthigt, ihn ſeiner— verzweifelnden Mutter zurückzuſchicken; nebſt einem Briefe, der einen Wechſel auf 400 Rupien für die arme Frau enthielt, mit dem Bedeuten, daß ſie keine fernere Unterſtützung von ihm zu gewarten habe. Er bedauerte, daß es unmöglich ſey, ſeinem Neffen Sinn für das Geſchäftsweſen beizubringen, und rieth Be⸗ wah, ihn bei dem Heere des Nuwab unterzubringen, da das Soldatenleben der Neigung des Inngen offen⸗ bar mehr zuſage. Mit Schmerzen ſah Bewah ihren ungerathenen Sohn zurückkommen, und machte ihm ernſtliche Vorwürfe. Nachdem ſie den Inhalt des Briefes erfahren, fühlte ſie ſich ſehr verpflichtet durch das denſelben begleitende Geſchenk, und ließ ſogleich eine Antwort aufſetzen, worin ſie dem gütigen Geber dankte. Der erſte Gebrauch, den ſie von dem Gelde zu machen beſchloß, war, ihre Schuld an den alten Nugdee Hurrees zu bezahlen, weßwegen ſie ſich, in Begleitung ihres Sohnes, in die Wohnung des Gei⸗ zigen verfügte. Wie ſie an das äußere Thor kamen, ſahen ſie gerade Saruk mit ſeinem Sohne Ajeez ſich von dem Alten verabſchieden, und als ſie vorüber gin⸗ ggen, warfen Bewah und Apshuk Blicke der tiefſten Verachtung auf ſie. Nugdee Hurrees ließ die Wittwe mit ihrem Sohne ein, und führte ſie, wie das letzte⸗ mal, unter den alten Schuppen. Nachdem ſie ihn von ihrem Begehr unterrichtet, legte Bewah ihre Rupien vor, ſah aber, als der Geizige die ungeheuren Zinſen berechnet hatte, daß ſie einen tiefen Griff in die 400 von ihrem gütigen Verwandten erhaltenen Rupien 4129 thun müßte. Nach Bezahlung des Geldes erinnerte Ashuk ſeine Mutter, eine Quittung zu verlangen, in der Hoffnung, die ſchöne Kheir Neyut würde gerufen werden, um Federn, Dinte u. ſ. w. zu bringen. Der Alte hatte nichts dagegen einzuwenden, und rief ſeine Tochter, Feder und Dinte zu bringen, weigerte ſich aber, wie das erſtemal, das Papier herzugeben, daß alſo durch dieſe abſcheuliche Schmutzigkeit Ashuk wahr⸗ ſcheinlich um den Anblick des reizenden Mädchens kam, die, wie ſich vorausſehen ließ, bis er mit dem Papiere zurückkam, ihr Geſchäft ausgerichtet hatte. Allein die Schöne merkte, als ſie ihn das Haus verlaſſen ſah, ſeine Abſicht, und brachte die Tinte erſt nach ſeiner Rückkunft. So hatte Ashuk das Glück, ſeiner Ge⸗ liebten wieder nahe zu ſeyn: ſie war ſchöner und be⸗ zaubernder geworden als je; allein mit ihr zu ſpre⸗ chen war unmöglich, und er ſann auf eine Gelegen⸗ heit, mit ihr zu reden, als ein Windſtoß die halbge⸗ ſchriebene Quittung von den Knieen des Geizigen weg⸗ blies, der ganz damit beſchäftigt war, einen elenden Federſtumpf auszubeſſern. Kheir Neyut eilte fort, das Papier aufzunehmen, Ashuk folgte in derſelben Ab⸗ ſicht, und beide trafen am Thore zuſammen, wo der Schuppen ſie den Blicken Bewah's und des Geizigen verdeckte. „Welches Glück, ſchöne Kheir Neyut! wie lange hab' ich dich nicht mehr geſehen! Sage, willſt du mir morgen Nacht eine Unterredung geſtatten?“ „Wir würden belauſcht, Ashuk: mein Fenſter iſt ſo weit vom Boden entfernt.“ „Dann klettre ich hinauf: ſchlage mir dies nicht ab, oder das Unglück tödtet mich.“ 4 „So ſey um's Himmelswillen vorſichtig, Ashuk; komm um Mitternacht.“ 13⁰ Weiter zu ſprechen hatten die Liebenden nicht Zeit, denn der Geizige rief nach ſeinem Papiere, und als er dieſes von ſeiner Tochter erhalten, beendigte er langſam und vorſichtig die Quittung und händigte ſie der Wittwe ein. Bewah und ihr vergnügter Sohn kehrten nun nach Hauſe zurück; die erſtere begab ſich an den Hof, um ein gutes Wort für ihren Sobn einzulegen, und ihm, wo möglich, eine niedere Stelle im Heere auszuwirken. Ashuk, deſſen Herz ganz an Kheir Neyut hieng, und der nur auf Mittel dachte, zu ihrem Fenſter zu gelangen, eilte in die Bude Huſſun al Hubul's, eines Seilers, bei dem er ein Seil von einer gewiſſen Länge und Dicke beſtellte, mit der Anweiſung, er ſollte in gleichen Zwiſchenräumen mehrere ſtarke Knoten anbrin⸗ gen, und an das eine Ende des Seils einen eiſernen Hacken von beſondrer Form und Größe befeſtigen. Der Seiler verſtand ſeine Wünſche, und wurde be⸗ auftragt, auf den folgenden Abend Alles bereit zu halten, wo er darnach fragen würde. Huſſun al Hu⸗ bul verſprach alles pünktlich zu beſorgen, und Ashuk verließ ihn. Weil Bewah noch nicht nach Hauſe ge⸗ kommen war, ſchlenderte er durch die Stadt, und un⸗ terhielt ſich hin und wieder mit Freunden und alten Schulkameraden, von denen er erfuhr, Ajeez würde in einer Woche mit ſeiner Ladung auf dem Schiffe, deſſen Kapitän Fureeb K. hash, der Schwiegerſohn des Schulmeiſters ſey, nach Caleutta abgehen. Da kam ihm der Gedanke ein, daß er durch Adeeb Khan— Fureeb Khash beſtimmen. könnte, Ajeez viel länger, als nothig war, hinzuhalten, und er ſo mehr Zeit gewänne, ſeine Wläne, zum Beſitz der ſchönen Kheir Neynt zu gelangen, auszuführen; er ſprach alſo in des Schulmeiſters Hauſe ein, und fand dieſen glück⸗ 1514 licherweiſe unbeſchäftigt. Adeeb Khan bewillkommte ihn ſehr herzlich, ſagte ihm, daß er mit Schmerzen auf ſeine Zurückkunft gewartet habe, und fragte, zu welcher Profeſſion er jetzt ſich beſtimmen wollte. „Mit deinem Meſſtend, gütiger Adeeb, bin ich ge⸗ ſonnen, nur auf eine Beſchäftigung zu denken.“ „Und dieſe iſt?“— fragte Adeeb. „Die Liebe, Adeeb Khan; denn ich fühle, daß dieſe das einzige Fach iſt dem ich mit ganzer Seele mich hingeben kann.“ „Ashuk, Ashuk! wird denn nie Verſtand in dein armes Gehirn kommen?“ „Ich bitte dich, Adeeb, predige mir nicht; ich bin wirklich nicht in der Stimmung dich anzuhören; ſey alſo um Allah's willen ſtill. Ich ſage dir, wenn du mich unterſtützſt, ſo muß ich glücklich, und noch über⸗ dieß ein reicher Mann werden.“ „Aber um'’s Himmels willen, wie kann ich dir helfen, Ashuk?“ Der Jüngling nahm dem Schulmeiſter das Ver⸗ ſprechen unverbrüchlichen Schweigens ab, und erzählte ihm dann die Geſchichte ſeiner Liebe, und die bevor⸗ ſtehende Abreiſe ſeines Nebenbuhlers auf dem Schiffe ſeines Schwiegerſohnes; hierauf bat er ihn, er ſollte Fureeb Khan überreden, Ajeez hinzuhalten, damit er Zeit gewönne, ſeine Pläne zum Beſitz der ſchönen Kheir Neyut in Ausführung zu bringen. Der Schul⸗ meiſter, der weder Saxuk noch ſeinem Sohne ſehr ge⸗ neigt war, und eine große Vorliebe für Ashuk hatte, ſeit dieſer ihn ſo muthig vertheidigt, verſprach zuletzt, ſeinen Tochtermann über die Sache auszuholen, und bat Ashuk, in einem oder zwei Tagen wieder anzu⸗ fragen; bis dorthin würde Fureeb Khan in der Stadt ſeyn, um mit den Eigenthümern des Schiffes Futteh 1³² Mobaruk— ſo hieß das von ihm befehligte Schiff—. ſeine Geſchäfte abzumachen. Dankbar für ſeine Güte drückte Ashuk ſeinem Lehrer die Hand, und verſprach in zwei Tagen wieder einzuſprechen. Beim Eintritt in's Haus ſeiner Mutter ſah der verliebte Jüngling hohe Freude aus ihren Zügen leuchten, denn es war ihr, durch Aufwendung ihrer letzten Rupie, gelungen, ihm eine Offiziersſtelle in des Nuwab's Leibwache aus⸗ zuwirken,— eine Stelle, die dem Jungen ſehr an⸗ genehm war, da er dabei ſelten etwas zu thun hatte, — auſſer wenn der Nuwab im Pomp aufzog,— und ihm dadurch eine bleibende Wohnung in der Nähe ſeiner geliebten Kheir Neyut geſichert wurde. Den übrigen Tag wandte Ashuk dazu an, daß er durch die Stadt zog, und jedem, der ihm begegnete, ſeine Beförderung meldete. Gegen Abend ermangelte er nicht, beim alten Huſſun al Hubul ſein Seil zu ho⸗ len, das eine Stunde vor Mitternacht fertig und ganz nach ſeinem Wunſche gearbeitet war. Sobald er ſeine Mutter feſt eingeſchlafen ſah, ſtand er leiſe auf, öfſ⸗ nete die Thüre, die er ſorgfältig hinter ſich verſchloß, eilte durch die Straße, und gelangte zu der Stelle, wo er ſein Seil verborgen hatte; dann eilte er in das Gäßchen hinter des Geizigen Hauſe, mit einem langen Bambusrohre verſehen, vermittelſt deſſen er richtig den Hacken am Ende des Seiles an den Fen⸗ ſterſtock über ihm befeſtigte. Der Mond, obgleich von einer Wolke verdeckt, gab hinreichend Licht, daß er zu ſeinem Vergnügen bemerken konnte, der mittlere Stock des Fenſters ſey weggenommen. 4 „Sie will mich einlaſſen,“ rief er entzückt;„ah ich ſehe ſie am Fenſter: jetzt, Liebe, begünſtige mich!“ Mit dieſen Worten kletterte er das Seil hinan. Bei⸗ nahe hatte er die Brüſtung erreicht, als der Mond, 133 hinter der Wolke hervortretend, auf das Fenſter ſchien, wo er ſtatt der reizenden Kheir Neyut das runzlige Geſicht ihres Vaters und mehrere mit Schwertern und Stöcken, bewaffnete Männer erblickte. Augen⸗ blicklich gleitete er am Seile hinab, und ſtürzte aus dem Gäßchen fort.— Was konnte das zu bedeuten haben? Hatte Kheir Neyut ihn hintergangen? So treulos konnte ſie unmöglich ſeyn: der Seiler mußte es alſo gethan haben, der wahrſcheinlich ihm auf dem Fuße nachgegangen war: zu dem alſo wollte er auf der Stelle gehen, und ihn wegen ſeiner böswilligen Dienſtfertigkeit ausſchelten. Der Seiler war ſchon zur Ruhe gegangen; das heftige Pochen an der Thüre machte ihn beſorgt, und es währte geraume Zeit, bis er ſie zu öffnen wagte. Sobald Ashuk den zitternden Huſſun al Hubul erblickte, fing er an, ihn mit Schmähungen zu überhäufen. Lange konnte der Sei⸗ ler den Sinn derſelben nicht begreifen, und als er endlich Aufſchluß erhielt, betheuerte er feierlich ſeine Unſchuld, und ſchwur, daß er dieſe Nacht gar nicht aus dem Hauſe gekommen ſey. „Dann mußt du mich an einen Andern verrathen haben,“ rief Ashuk wüthend, und begann auf den al⸗ ten Huſſun al Hubul loszuſchlagen, als ſein Weib ſich ins Mittel legte, und ſagte: „Ich fürchte, Herr, daß deine Vorwürfe mich treffen; aber ich wußte in der That nicht, daß ich dir dadurch Schaden bringe. Heute, nachdem mein Mann das Seil mit den vielen Knoten gefertigt hatte, ging er zum Schmid, um einen eiſernen Hacken, wie du befohlen, zu beſtellen, und in ſeiner Abweſenheit kam der junge Ajeez, der Kaufmann, um Seile und Schnüre zu ſeinen Waaren zu kaufen, die nach Cambay verſchickt werden ſollen. Wie er dein 134 ſeltſam geflocht'nes Seil erblickte, fragte er, wozu und für wen es beſtimmt ſey. Ich erwiederte, es ſey auf deine Beſtellung gefertigt worden, wozu, wiſſe ich nicht zu ſagen; ſonſt habe ich gegen Niemand dieſer Sache erwöhnt.“ „Es war genng hieran, mich zu verderben, Plau⸗ dertaſche,“ ſagte Ashuk erzürnt und ärgerlich. Die Alte bat tauſendmal um Verzeihung, erhielt ſie aber nicht,— ſo aufgebracht war ihr Kunde. Niedergeſchlagen und verſtimmt gieng Ashuk nach Hauſe, mit dem Gedanken, daß er am Morgen oder vielleicht dieſe Nacht noch von der Polizei würde ver⸗ haftet werden. Während der junge Mann jeden Augenblick die Strafe ſeiner Unbeſonnenheit erwartet, wird es paſ⸗ ſend ſeyn, den Verdacht zu erklären, der in Ajeez aufgeſtiegen war, welcher, nachdem er erfahren, daß dieſes ſonderbare Seil für Ashuk ſey, beſchloß, ihm dicht auf dem Fuſſe zu folgen. So ſah er ihn das Seil abholen, dies unter einen alten Schuppen tra⸗ gen, und wieder umkehren. Eine Stunde vor Mit⸗ ternacht ſah er ihn wieder zu dem Schuppen gehen, das Seil holen, und damit in das Gäßchen hinter des Geizigen Hauſe gehen. Der Gedanke, daß Ashuk ſich erdreiſte, Kheir Neyut zu lieben, kam ihm gar nicht in den Sinn, er ſchloß alſo der Verwegne habe im Sinne, den alten Nugdee Hurrees zu beſtehlen, und weil er ſelbſt ſehr dabei betheiligt war, daß dem Geizigen ſein verſcharrtes Gold erhalten würde, ſo eilte er an die Vorderthüre, wo er laut anpochte und rief. Nugdee hörte ſelten bei Nacht an ſeiner Thüre klopfen, aber Ajeez's unausgeſetztes Poltern und Schreien veranlaßte ihn, hinabzugehen und zu fragen, wer da wäre. Sobald er Ajeez's Stimmie höͤrte öff⸗ 15⁵— nete er das Thor, und war bald von der ſeinem Haus und Eigentbum drohenden Gefahr unterrichtet. Athem⸗ los vor Angſt ſtund der Grizige, und ſchien durchaus nicht zu wiſſen, was zu thun ſey; Ajeez aber erin⸗ nerte ihn, daß keine Zeit zu verlieren ſey, öffnete die Thüre, und ging in das Haus eines armen ge⸗ genüberwohnenden Schneiders, den er bat, ihm um's Himmels willen beizuſpringen, weil Räuber um ſein Haus ſeyen. Der Schneider erſchien, ſogleich in Be⸗ gleitung ſeines Sohns, und Nugdee verſprach ihnen eine Belohnung, wenn der Dieb feſtgenommen würde. Weil er nicht zweifelte, daß das von Ajeez beſchrie⸗ bene Seil an dem Fenſter vom Zimmer ſeiner Toch⸗ ter, welches auf das Gaͤßchen ſah, feſtgemacht werden ſollte, ging der Geizige, von Ajeez und den beiden Schneidern begleitet,— alle mit Schwerdtern und Knütteln verſehen,— auf ihre Zimmer, und bat ſie in ein andres Gemnach zu gehen, weil Räuber vor dem Hauſe ſeyen. Kheir Neyut zitterte für den armen Ashuk, und wußte ſich nicht zu erklären, wie ſeine Abſicht, das Haus zu erſteigen, entdeckt worden ſey; zugleich aber ſah ſie zu ihrem Vergnügen, daß ſeiner That ein falſcher Beweggrund unterlegt wurde, ob ſie gleich, man mochte nun glauben, er komme aus Liebe oder des Geldes wegen, kaum hoffen konnte, er werde entkommen. Entſchloſſen, ihren Vater oder ſeine Umgebung abzuhalten, daß ſie ihm mit ihren furchtbaren Waffen kein Leid zufügten, ging das er⸗ ſchrockne Mädchen, ſtatt ſich auf ein andres Zimmer zu begeben, nur vor die Thür, welche ſie anlehnte, ſo daß ſie Alles überſehen konnte, was im Zimmer vorging. Als ſie das Raſcheln am Fenſter⸗ hörte, ſchloß ſie, ihr Geliebter habe ihren Vater mit ſeinen Gehülfen noch zeitig genug entdeckt, um ſich retten 415⁶6 zu koͤnnen. Der Geizige drückte ſein Leidweſen aus, daß ihm ſein Opfer entgangen ſey, und war jetzt ſehr darum beſorgt, der Schneider los zu werden, die viel zu lang, als ihm lieb war, im Innern ſeines Hauſes geblieben waren, denn er fürchtete, bei dem Verſuche, eines Diebes außerhalb ſeines Hauſes habhaft zu wer⸗ den, den Kerls innerhalb derſelben eine goldne Gele⸗ genheit an die Hand gegeben zu haben. Allein die Schneider baten Meiſter Nudgee, er möchte der ver⸗ ſprochnen Belohnung gedenken. „Belohnung, ſo!“ ſchrie der Alte;„und wo iſt der Dieb. Ich verſprach eine Belohnung, wenn der Räuber ergriffen würde, aber ihr einfältige Kerls habt ihn entwiſchen laſſen, und habt jetzt die Frech⸗ heit, eine Belohnung zu fordern! Nein, nein! geht nach Hauſe, meine lieben Leute, und ſeyd ein ander⸗ mal flinker.“ „Das wollen wir, Meiſter Nugdee, wenn du uns wieder zu ſolchem Geſchäfte berufſt: aber, beim Allah! dein Haus mag geplündert und niedergebrannt werden, ehe wir wieder auf deinen Nothruf erſcheinen.“ Oghune den geringſten Lohn für ihre Muhe entfern⸗ ten ſich mißvergnügt die Schneider, während Ajeez mit dem Geizigen rathſchlagte, was am beſten zu thun wäre. 4 „Du wirſt natürlich,“ ſagte jener,„gegen den frechen Räuber Klage führen, Nugdee?“ „Ich denke, nicht,“ erwiederte der Geizige;„ich bin nicht ſo einfältig, daß ich dem Cotwall Sporteln bezahle, und hintenher zuſehen muß, daß der Schurke gar nicht geſtraft wird; und kommt er nicht durch, was habe ich davon, wenn ich ihn hängen ſehe?“ „Er kann aber auch um Geld geſtraft werden, Nudgee,“ ſagte der rachſüchtige Ajeez. 1³7 „Ja, mein Sohn, und die Strafgelder fallen in des Cotwall's Taſche— ich bekomme nichts davon;z— aber höre, Ajeez, wenn dir an meiner Gunſt etwas gelegen iſt, ſo laß die Sache nicht laut werden: es führt zu nichts, und würde nur Andere veranlaſſen, Ashuk's Beiſpiel zu folgen.“ „Aber die Schneider, Herr, werden ſicherlich das Gerücht ausbreiten.“ „Das mögen ſie; allein ſie wiſſen nicht, wer der Dieb iſt, und dies allein macht mich beſorgt; denn du weißt, Ashuk iſt jetzt Offizier unter der Leibwache, und weil wir ihn nicht wirklich feſtgenommen haben, ſo kann er die That läugnen, und mich in große Ver⸗ legenheit bringen. Ich bekäm die ganze Leibwache in mein Haus; ſie ſcharrten mein Geld auf, und gingen damit davon! aus dieſen Gründen befehle ich dir, die Sache zu verſchweigen.“ 1 Ajeez wußte, daß wenn einmal den Geizigen der Gedanke beſchäftigte, daß die Leibwache in ſein heili⸗ ges Haus einbrechen könnte, alles, was er ſagte, nichts fruchten würde, er verließ ihn alſo, nachdem er verſprochen, nicht einmal gegen ſeinen Vater des Vorfalles zu erwähnen. Nugdee Hurrees hatte zwar im Sinn, keine öffent⸗ lichen Maßregeln zu Ashuk's Verhaftung zu ergreifen, fing aber ſogleich an, bedeutende Veränderungen in ſeinem Hauſe zu treffen, um in Zukunft die Wieder⸗ holung ähnlicher Verſuche zu verhüten. Er verram⸗ melte das Fenſter im Zimmer ſeiner Tochter, und ſchickte ſie auf ein anderes, das in den Hof ſah, ſo daß ſie den Gedanken ganz aufgeben mußte, Ashuk wieder im hintern Gäßchen zu ſehen. Mit Vergnü⸗ gen vernahm indeſſen Kheir Neyunt ihres Vaters klu⸗ gen Entſchluß, ihren Geliebten nicht zu verfolgen, und 138 ſtimmte ganz darin mit ihm überein, daß es gefähr⸗ lich ſeyn würde, mit einem Offizier der Leibwache ſich in Streit zu verwickeln, und unnöthig, für Spor⸗ teln Geld an den Cotwall wegzuwerfen. Ashuk lag indeſſen auf ſeinem Bette, in Erwar⸗ tung, das Haus würde von Gerichtsdienern umringt werden, und war am Morgen angenehm überrgſcht, als er ſah, wie ſehr er ſich getäuſcht hatte. Seine Mutter bat ihn, ſich aufzuputzen, und ſich zu rüſten, damit er dem Nuwab vorgeſtellt würde, von dem er ſein Schwerdt erhalten, und in deſſen Hand er den gewöhnlichen Eid der Treue ablegen ſollte. Ashuk, über die Maaßen erfreut, rüſtete ſich, und da ſeine Mutter ihm einen neuen rothen Turban, mit einer reichen Goldborte gekauft, und einen Kaſhmireſhawl geliehen hatte, den ſie ihm um den Leib ſchlang, machte er wirklich eine impoſante Figur, denn er war ein ſchlanker hübſcher Junge. Der Jüngling wurde alſo bei Hofe vorgeſtellt, wo er und ſeine Mutter unter den verſchiednen Ge⸗ bühren beinahe erlag, welche die Chobdar's Peor's, Scepterträger und andere den heiligen Musnud be⸗ wachende Perſonen verlangten. Vorſichtig hatte Be⸗ wah ſich erkundigt, welche Anforderungen gemacht würden, und daher Geld geborgt, und was ſie beſaß, verkauft oder verſetzt. Dem Nuwab ſchien das Außere und das unbefangene Benehmen Ashuk's zu gefallen, und er äußerte, er habe ſehr viele Aehnlichkeit mit ſeinem Vater, deſſen Dienſte er nie vergeſſen werde. Ashuk empfing mit vielem Anſtand ſein Schwerdt, leiſtete den nöthigen Eid mit feſter, ſicherer Stimme, und entfernte ſich dann, durch die Aufmerkſamkeit der Höflinge geſchmeichelt, die ihn mit den Worten: Sa⸗ aam, Ashuk, Sahib! Sahib Salaam! Khodawund, 139 Salaam! und andern ſolchen Titeln begrüßten, wie ſie den Offizieren um des Nuwab's Perſon gewöhn⸗ lich gegeben wurden. Nach ſeiner Zuhauſekunft dankte er ſeiner Mutter für den Aufwand, deu ſie um ſei⸗ netwillen gemacht, und verſprach ihr ſeinen Gehalt von den erſten drei Monaten. Freudig drückte ihn die Mutter an ihr Herz, erklärte ihre völlige Zufrieden⸗ heit mit ſeinem Betragen, und äußerte ihre Hoffnun⸗ gen wegen ſeiner Beförderung. Weil Bewah nichts mehr von ſeiner thörichten Liebe zur Tochter des Geizigen gehört hatte, ſo gab ſie ſich der Hoffnung hin, er habe ſie ganz vergeſſen, irrte ſich aber in dieſer Mei⸗ nung gewaltig, denn die Flamme brannte ungeſtümmer, als je, und kein Augenblick verging, wo er nicht Kheir Neyut's gedachte. Der nächſte Schritt, Ashuk vollends zu Anſehen zu bringen, war, daß er ein Pferd erhielt, weil die ganze Leibwache beritten war. Weil dieß aber nicht unumgänglich nothwendig war, beſchloß Ashuk;, den Kauf bis nach Verfluß der erſten drei Monate zu verſchieben, wo er dann über ſeinen Gehalt zu verfü⸗ gen hatte; in der Hoffnung, ein gütiger Freund würde ſo großmüthig ſeyn, ihm unterdeſſen eines zu lehnen, wenn er bei einem Aufzuge oder einer Luſt⸗ fahrt des Nuwab's erſcheinen müßte. Mit der wichtigen Miene, welche ſein Stand er⸗ forderte, lief der junge Mann jetzt durch die Stadt, wo Alles ihn begrüßte; und ſo groß iſt der Einfluß des Rangs und Veriögens, daß ſelbſt Saruk, der reiche Kaufmann, vor dem jungen Offizier, als d·eſer an ſeinem Hauſe vorüberkam, ſich verbeugte. Nach Hauſe zurückkehrend traf Ashuk zufällig den alten Nugdee Hurrees, der ihin ebenfalls eine tiefe Verbeu⸗ gung machte.. 414⁴0 * „Es freut mich, dich zu ſehen, guter Herr,“ be⸗ gann Ashuk. „Mich auch,“ dachte der Geizige,„wenn du mir aus dem Hauſe bleibſt.“ „Ich weiß wirklich nicht, Meiſter Nugdee, wie ich dir meinen Dank dafür ausdrücken ſoll, daß du mei⸗ ner Mutter ſo gütig geholfen haſt.“ „Ein unverſchämter Schurke!“ dachte Nugdee; „will mich der Kerl erſt in verfloßner Nacht beſteh⸗ len, und wagt es jetzt, vor mich zu treten, und mich auf der Straße anzureden.“ „Es iſt lange her, ſeit wir uns geſprochen haben, Meiſter Nugdee,“ fuhr Ashuk fort; es ſollte mich freuen, wenn du mir erlaubteſt, hie und da einzuſpre⸗ chen, und nach deinem Befinden zu fragen.“ „ Herr,“ entgegnete Nugdee,„mache dir doch nicht ſo viele Mühe: ich befinde mich immer wohl, war noch nie krank in meinem Leben; du ſiehſt alſo, daß es da nichts nach mir zu fragen gibt; verlaß dich drauf, ich bin immer wohl, und wenn etwas mich beläſtigt, ſo iſt es ein Gaſt, der Unnöthiges ſchwatzt. Haſt du ein Geſchäft, ſo biſt du mir bei meiner Bank in der Stadt willkommen; mache dir aber keine Mühe, in mein Haus zu kommen.“ „Aber dein Haus, Meiſter Nugdee, liegt dem mei⸗ nigen näher, als deine Bank; es wäre mir alſo be⸗ ſchwerlicher, und gewiß unangenehmer, auch ohne Zweifel dir ſelbſt läſtiger, wenn ich dorthin käme.“ „Wegen meiner, Herr, ſey unbeſorgt; ich bin im⸗ mer bereit, wenn Geſchäfte meine Gegenwart fordern.“ „Aber warum läßt du mich denn in deine Bude kommen, und nicht in's Innere deines Hauſes?“ „In's Innere meines Hauſes, junger Mann! Da⸗ 1⁴¹ vor bewahre mich Allah! Nein, Herr, das iſt nicht meine Gewohnheit— lebe wohl!“ „Nein, Meiſter Nugdee; erlaube, daß ich hie und da anfrage, ich bitte dich.“ „Ich muß dir offen geſtehen, junger Mann, deine Beſuche ſind mir unangenehmer, als alle andre.“ „Wirklich! und warum?“ „Warum?— weil du eine ſeltſame Zeit und Ort wählſt, mir deine Beſuche abzuſtatten. Verſtehſt du mich jetzt?“ 1 „Durchaus nicht, Meiſter Nugdee; erklär dich doch deutlicher. Ich bin noch zu keiner Zeit in deinem Hauſe geweſen, deine Vorkehrungen machen es nicht wohl möglich.“ „Ja wohl,“ ſagte der Geizige,„und in Zukunft bin ich noch einmal ſo vorſichtig. Das Fenſter iſt derrammelt, junger Mann.“ „Das Fenſter verrammelt! welches Fenſter? Meinſt du denn, ich ſey ein Dieb?“ „Es ſieht,“ entgegnete der alte Nugdee,„in der That ſo ziemlich darnach aus.“ „Ich ſage dir, Meiſter Nugdee, erwiederte Ashuk, wir müſſen uns über die Sache verſtändigen.“ „Mein werther Freund,“ verſetzte der Geizige, „ich wünſche keine weitere Verſtändigung, als daß du weder bei Tag noch bei Nacht meinem Hauſe wieder nahe kommſt, dann ſind wir die beſten Freunde, ver⸗ laß dich drauf.“ 2 „Und die Verſtändigung die ich verlange, Meiſter Nugdee, iſt die— wenn du Beſchwerde gegen mich haſt, als ſey ich bei Tag oder Nacht dir durch das Fenſter geſtiegen, ſo mußt du mir ſogleich in den Ge⸗ richtshof des Cotwall folgen, und dort deine Klage anbringen, oder wenn du das. nicht willſt, ſo knieeſt 142 du nieder, bitteſt mich um Verzeihung, und erläuterſt deine zweideutigen, ehrenrührigen Ausdrücke.“ „So!“ dachte Nugdee,„ich habe ſchon von Un⸗ verſchämten gehört, aber dieſer junge Menſch übertrifft alle, von denen ich gehört und geleſen.“ Sie waren jetzt an das große Thor des Geizigen gekommen, und Nugdee wollte den Schlüſſel einſtecken, als Asbuk ihm zuvorkam, und ſagte:—„So ent⸗ kommſt du mir nicht, Freund; ich verlange Erklaͤ⸗ rung, hier oder beim Cotwall; oder, bei Allah! ich ſchleppe dich vor den Nuwab.“ „Gnade, Gnade!“ rief erſchrocken der Geizige; „du warſt es nicht; jetzt bin ich ganz überzeugt, daß du es nicht geweſen ſeyn kannſt; ich muß aber geſte⸗ hen, er war dir ſehr ähnlich.“ „Was? wer war mir ſehr ähnlich?“ Der beſtürzte Nugdee erzählte jetzt, was ſich in der vorigen Nacht zugetragen hatte, und Ashuk be⸗ zeigte ſein Erſtaunen, daß ein ſo verſtändiger Mann auf die böslichen Ausſagen Ajeez's geachtet, der ſein erklärter Feind ſey, und mit dem er von Kindheit an in Streit liege. „Bedenke, Herr, ich hatte nie Gelegenheit in dein Haus zu kommen; wie konnte ich alſo, wenn ich je die Abſicht gehabt haͤtte, hoffen, ohne Gefahr der Ent⸗ deckung an deinen verborgnen Schatz zu kommen? Ich muß geſtehen, dein ungerechter Verdacht ſchmerzt mich.“ Jetzt fing der Geizige wirklich an, zu glauben, er habe ſich, ſo wie auch Ajeez, geirrt; er bat alſo den jungen Offizier demüthig um Verzeihung, und wünſchte ſich Glück, daß er ſo vorſichtig und klug geweſen, Ashuk nicht zu belangen, wie ihm Ajeez gerathen hatte. 145 So ſchieden der Geizige und Ashuk als gute Freunde, ohne daß jedoch der Letztere Erlaubniß er⸗ halten konnte, nach dem Befinden des Alten ſich manchmal zu erkundigen, da Nugdee auf der Erklä⸗ rung beſtand, er ſey immer wohl, und werde es auch bleiben, wenn er daher an ſeine Thüre poche, um nach ihm zu fragen, ſo ſey das nur für beide⸗ Theile beunruhigend und beſchwerlich. Mit dieſen Worten ſchloß er das Thor auf, verbengte ſich, und benahm ſo dem armen Ashuk jede Hoffnung, auf freundſchaft⸗ lichem Fuße in dieſes Haus zu kommen, in das er vor allen andern als Gaſt aufgenommen zu werden wünſchte. Achtes Kapitel. Am folgenden Tage verfügte ſich Ashuk zu dem Schulmeiſter, der, wie er hoffte, mit ſeinem Schwie⸗ gerſohn Furreeb Khash, dem Kaxitain des Schiffs Futteh Mobaruk ſich beſprochen hätte. Als Adeeb Khan, Ashuk auf ſeine Schule zukommen ſah, zu einer Zeit, wo er gerade mit ſeinen Knaben beſchäf⸗ tigt war, gab er ihm ein Zeichen, er ſollte in's In⸗ nere ſeines Hauſes treten, und dies that er auf eine Weiſe, daß Ashuk daraus erſah, er habe ihm gute Nachrichten mitzutheilen. 3 „Nun, Adeeb, haſt du den Kaxitaͤn geſprochen 2ℳ fragte haſtig der Jüngling.* „Ja, Ashuk, und gegen eine Belohnung, wenn es dir gelingt, die Tochter des Geizigen zur Frau zu erhalten, will er thun, was du von ihm verlangſt.“ 144 „Ich danke dir, mein Freund,“ ſagte ſchnell der Junge;„ich verſpreche ihm eine Belohnung, und will ſie ihm ſchriftlich zuſichern.“ „Mein lieber Freund, ſey nicht ſo hurtig mit der Feder; Fureeb Khash iſt zwar mein Schwiegerſohn, hält aber wenig auf ſchriftliche Verſicherungen: um ihn zufrieden zu ſtellen, habe ich mich ſelbſt verbürgt, und das iſt genug; verlaß dich darauf, wenn er Ajeez einmal an's Ufer ſetzt, ſo läßt er ihn dort.“ „Aber wie dies bewerkſtelligen, Adeeb 2“ „Das müſſen wir meinem Schwiegerſohne über⸗ laſſen; der iſt ein verſchlagner Kopf; unter dem Vor⸗ wand ſeichten Waſſers legt er irgend wo an, bere⸗ det Ajeez, ihn zu begleiten, und läßt ihn dann den Weg nach Calcutta ſuchen, ſo gut er kann, wo er ſich wegen der dringenden Nothwendigkeit entſchuldigt, und dem Waſſer und Wind es zuſchreibt, daß er ſei⸗ nen ſcharfſinnigen Superkargo ſich ſel bſt überlaſſen mußte.“ „Herrlich!“ rief Ashuk;„nicht bloß er, ſondern auch du ſollſt eine Belohnung erhalten; ich ſehe, es muß gelingen.“ „Lebe wohl, Ashuk,“ ſagte Adeeb Khan;„aber hüte dich wohl, daß man dich nicht im Geſpräch mit dem Kapitän ſieht; in drei Tagen gehen ſie unter Segel. Ajeez iſt ſchon nach Cambay a gegangen, wo mein Tochtermann Morgen mit ihm zuſammentrifft. Lebe wohl!“ Der vergnügte Ashuk quälte jetzt ſeine Einbil⸗ dungskraft, einen Plan zu erſinnen, wie er eine Zu⸗ ſammenkunft mit Kheir Neyut einleiten könnte, und ging täglich an dem feſtverſchloſſenen Thore von ihres Vaters Hanſe vorüber, in der Hoffnung, irgend ein Zufall werde ihm Zutritt in den Hof, oder wieder ¹ 145 unter den Schuppen verſchaffen. Eines Tags ſah er, wie er an der Thüre vorüberging, ein altes Weib mit einem Korbe, worin Rauchwerk, Zuckerwerk, Scheren und dergl. waren; ſie klopfte an das Thor des Geizigen, und Ashuk beſchloß, von Weitem zu beobachten, wie ihr Geſuch ablaufen würde. Niemand kam an's Thor, bis die Alte ihr Pochen dreimal wie⸗ derholt hatte; da erſchien Nugdee ſelbſt, und rief, als er die Alte mit ihren Waaren erblickte, dieſer mit lauter, zorniger Stimme zu, ſie ſollte ſich pak⸗ ken, und am andern Tage wiederkommen, da er und ſeine Tochter gegenwärtig beſchäftigt ſeyen. Das arme Weib ging, und verſprach, morgen wieder zu kom⸗ men. Apdhuk folgte ihr, in eine kleine, entfernt lie⸗ gende Bude, denn es war ihm ein Gedanke eingefal⸗ len, wie er ſich Zutritt in das wohlverwahrte Haus des Geizigen, verſchaffen könnte.„Gute Frau,“ be⸗ gann er, eine kleine Phiole aufnehmend,„was koſtet dieſe Flaſche Eſſenz?“ „Eine Rupie, Herr,“ war die Antwort. „Du löst, denke ich, ein hübſches Stück Geld von der Tochter des Wucherers, nicht wahr?“ „Ach nein; das arme Maͤdchen bekommt nicht viel Geld unter die Hand; doch kauft ſie mir gewohnlich etwas ab, wenn ich einſpreche, und dieß geſchieht ein⸗ mal des Monats.“— „Wieviel gedenkſt du morgen von ihr zu löſen? ich habe gehört, wie ihr Vater dich morgen wieder anfragen hieß.“ „Das kann ich wahrhaftig nicht ſo beſtimmt ſa⸗ gen; vielleicht zwei Rupien.“ „ Da gebe ich dir fünf Rupien, liebe Frau, wenn du mir deine Kleider und deinen Korb überläßt, und Ind. Serail. II. 7 146 überdies gebe ich dir den Betrag von dem, was etwa von deiner Waare abgenommen wird.“ „Fünf Rupien Herr! ſoviel Geld! und ganz um⸗ ſonſt! Ich glaube gewiß, Herr, daß du ſtatt meiner willkommen biſt; aber meine Kleider ſind ſehr zer⸗ riſſen, und überdies, fürchteſt du nicht, entdeckt zu werden?“ 3 „Nein, liebe Frau, das iſt nicht zu befürchten. Du biſt zum Glücke höher gewachſen, als Andere dei⸗ nes Geſchlechts, und wenn ich mich zuſammendrücke, und deine Stimme nachahme, ſo muß es, denke ich, glücken.“ „Gut denn, Herr; komme morgen zu gehöriger Zeit zu mir, da will ich dich unterrichten, wie du dich zu benehmen haſt, wenn du eingelaſſen werden willſt; denn es kommt Vieles auf die Art an, wie du die Waaren zum Kauf anbieteſt.“ Ashuk verſprach, ſich zeitig einzufinden, und bat ſie, ſie möchte, wenn er durch irgend etwas abge⸗ halten würde, ihren Beſuch bei dem Geizigen zu ver⸗ ſchieben, bis er ſich wieder mit ihr beſprochen hätte. Es hielt ihn nichts ab, in der Bude der Alten ſich einzufinden, und ſo erſchien Ashuk zur beſtimm⸗ ten Zeit bei ihr, nachdem er zuvor die Vorſicht ge⸗ braucht, von einem Barbier ſich glatt raſteren zu laſſen; doch war ihm dies wenig oder gar nicht be⸗ ſchwerlich, da er zu jung war, um einen Bart zu beſitzen, von dem ihm die Treunung ſchwer gefallen wäre. Die Alte hatte ſeiner Ankunft geharrt, und legte ihm ſogleich ihre zerlumpten Kleider an, und hing ihm ihren Korb auf den Rücken.„Jetzt, Herr,“ ſagte ſie,„merke dir, wenn dich der Geizige einläßt, ſprichſt du kein Wort, ſondern gehſt an den Schup⸗ pen, rechts vom Thore, wo du ſtill Platz nimmſt; 147 ſo mache ich es gewöhnlich. Wahrſcheinlich mußt du einige Zeit warten, bis das Mädchen zu dir kommt; du haſt aber keine Störung von dem alten Nugdee Hurrees zu fürchten, denn er läßt ſeine Tochter ihre Waaren ſelbſt wählen, ſo daß du die Geſellſchaft des Mädchens genießen kannſt, ſo lang es dir gefällt.“ So unterrichtet ging Ashuk dem Hauſe ſeiner Geliebten zu; er pochte mehrmals an das Thor; und begann ſchon zu fürchten, der Geizige möchte nicht zu Hauſe ſeyn, als endlich die Thüre von dem alten Nugdee ſelbſt vorſichtig geöffnet wurde, der, als er die alte Frau erblickte, ungeſtümm ihr zurief;„kommſt du ſchon wieder alte Here? immer biſt du da, mir mein Geld abzunehmen.“ Nicht ohne Furcht humpelte Ashuk auf den Schup⸗ pen zu, wo er ſich niederſetzte. Der alte Nugdee rief ſeine Tochter, und befahl ihr, ihren Einkauf ſchnell abzumachen, da er ſolche Leute nicht lange innerhalb ſeiner Mauern dulde. Ohne eine Ahnung von dem Vergnügen zu haben, das ihrer wartete, kam Kheir Neyut in den Schuppen herab, und ſagte: Nun, Fa⸗ timah, welche Artikel haſt du dießmal mitgebracht, mich zu verſuchen?„Ashuk beſchenkte ſie mit einem Kamme, nach deſſen Preis ſie gefragt hatte, und als ſte zu gleicher Zeit dem Verkäufer in's Geſicht ſah, konnte dieſer ſich nicht enthalten, zu lächeln. Dieß verrieth ihn, und er wollte eben ſprechen, als bas Mädchen rief: Um's Himmelswillen ſtille! mein Va⸗ ter hat feine Ohren. Aber wie wagſt du es, in ſolcher Verkleidung zu kommen?“ „O, meine Geliebte!“ erwiederte Ashuk, mit ei⸗ nem Tone, der beinahe in's Flüſtern überging;„was würde ich nicht wagen, um einige Augenblicke mit dir ſprechen zu können? 7* 148 „Ich will dir nicht verhehlen, Ashuk, daß auch mir dieſe Zuſammenkunft Freude mact, und wir müſ⸗ ſen ſuchen, ſie ſo ſehr als möglich zu verlängern, denn vor einem Monat erhältſt du nicht wieder Zu⸗ tritt mit deinem Korbe.“ Ashuk erklärte jetzt zu wiederholten Malen, wie eng verwoben ihr Bild mit ſeinem Leben ſey, und ſchlug vor, einen Plan zu erdenken, wie ſie der Ge⸗ walt ihres Vaters entrinnen könnten. „Das iſt nicht möglich, Ashuk; in die Flucht aus meines Vaters Haus kann ich nie einwilligen. Aber bedenke, ich heirathe keinen, als dich, und ſehe mit Schrecken der Ankunft Ajeez's entgegen, der ſich ſchmei⸗ chelt, meine Hand zu erhalten.“ 3 „Fürchte nicht, daß er ſo ſchnell zurückkommt, ſchöne Kheir Neyut; ich habe dafür geſorgt, daß du einige Zeit mit ſeiner Gegenwart verſchont bleibſt.“ „Himmel! Ashuk, du machſt mich beſorgt! ich hoffe, du habeſt keine Gewaltthat begangen.“ „Nein,“ erwiederte er;„aber doch wird es länger anſtehen, als er hofft oder glaubt, bis er wieder nach Ahmedabad kommt, und ehe dieß geſchieht, hoffe ich dich die Meinige zu nennen.“ „Ach, Ashuk! ich fürchte, deine Hoffnungen werden nicht ſo leicht in Erfüllung gehen; wir müſſen gedul⸗ dig warten, und ich brauche nicht hinzuzuſetzen, daß mein Glück dem deinigen gleich käme, wenn du die Einwilligung meines Vaters erhalten könnteſt; biete alſo alle Mittel auf, die dir zu Gebot ſtehen, daß du mit ihm auf freundſchaftlichen Fuß kommſt.“ „Ach, Kheir Neyut! das habe ich gethan, aber ohne Erfolg. Er iſt gegen meine Beſuche, die er in der Nacht hatte, mehr als gegen alle andre einge⸗ nommen, wegen des Schreckens, wo ich dich auf eine 149 Stunde unter deinem Fenſter ſprechen wollte; und ich fürchte, er iſt nur halb davon überzeugt, daß nicht ich es war, der in ſein Haus ſteigen wollte.“ Hier wurden die Liebenden durch die Stimme des alten Nugdee unterbrochen, der ſeiner Tochter rief, und ſie fragte, was ſie denn ſo lange zu thun habe; „ſchnell kaufe, was du nöthig haſt,“ ſagte er,„oder ich bin bald mit euch fertig. Die alte Hexe iſt ſchon zu lange da.“ „Eben ſind wir mit unſerm Handel fertig, Vater,“ entgegnete das liſtige Mädchen, und kam, ohne auf ihres Vaters Warnung zu achten, auf den vorigen Gegenſtand zurück. Die Augenblicke, welche die Lie⸗ benden auf dieſe Art erhaſchten, waren ſo köſtlich, daß es ſchien, als hätten ſie für immer geſprochen, und ſie waren ſo vertieft, daß ſie den alten Nugdee nicht ſahen, der auf den Schuppen zukam, und Ashuk ſchon am Nacken gefaßt hatte, ehe ſie ſeine Gegen⸗ wart bemerkt hatten. „Komm, hinaus! Alte,“ ſagte der Geizige;„deine Zeit iſt bereits aus.“ Mit dieſen Worten ſchob er Ashuk an das Thor, öffnete dieſes ſchnell, und ſagte: „Fort, und laß dich vor einem Monat nicht wieder blicken.“ 2 „Frage nächſten Monat wieder an, gute Frau,“ rief Kheir Neyut,„und bringe das Verlangte mit.“ Als Ashuk die Straße gewonnen hatte, wünſchte er ſich Glück, daß er noch entſchlüpft war, und ver⸗ fügte ſich zu der eigentlichen Händlerin, wo er ſeiner Vermummung ſich entledigte, und mit dem Glͤcke dieſes Tages wohl zufrieden, nach Hauſe zurückkehrte. Wenige Tage nach dieſem Vorfalle wurde Ashuk, als er ſpät Abends durch die Stadt ſchlenderte, von einem Waffenſchmidt angeredet, der ihm einen herrli⸗ 4 15⁰ chen Bogen und Köcher zum Verkauf anbot. Der Bogen ſagte er, ſey aus Büffelhorn, die Pfeile vom feinſten Schilfrohr. Ashuk hieß ihn den Wunderbo⸗ gen mit einem oder zwei Pfeilen bringen, damit er ihn prüfen könnte, wozu es jetzt noch hell genug war. Schnell eilte der Mann in ſein Haus, und kam bald mit dem Bogen und zwei Pfeilen, worauf Ashuk ihm au ſeiner Mutter Hauſe zu warten befahl, bis er zurückkäme, denn er wollte außerhalb der Stadtmauern den Bogen probiren, ehe er ihn kaufte. Weil kein Bauer da war, der zum Ziele häͤtte dienen können, ging Ashuk einige Zeit vorwärts, bis er eine große Eule ſah, auf welche er einen Pfeil abſchoß; zu ei⸗ nem Vergnügen ſah er dieſen den Vogel treffen, und ſtecken bleiben; das Thier flog noch, aber ſehr ſchwer⸗ fällig. Ashuk, dem daran lag, eine Probe von der Güte ſeines Bogens und von ſeiner eignen Geſchicklichkeit nach Hauſe zu bringen, verfolgte die Eule, in der Erwar⸗ tung, ſie jeden Augenblick zu ſeinen Füßen niederſtür⸗ zen zu ſehen. Beinahe erſchöpft fiel endlich der Vo⸗ gel herab, und Ashuk war ſeiner Beute gewiß, als dieſe ſich wieder erholte, aufflog, und die Verſuche des Jünglings, ſie zu haſchen, vereitelte. Sein Eifer hatte ihn weiter geführt, als er wollte; aber überzeugt, er wuͤrde zuletzt doch ſeines Wildes habhaft werden, ver⸗ folgte er dieſes, bis er gewiß war, der Vogel ſey in ein Wäldchen von Mango⸗ und Neem⸗Baͤumen ge⸗ fallen, und wie er auf dieſes zuging, glaubte er jenen unter den Zweigen raſcheln zu hören. Er trat in das Gebüſch, und ſuchte überall, aber vergebens— die Eule war nirgends zu finden. Während er ſo beſchäftigt war, glaubte er in großer Entfernung je⸗ mand ſchreien zu hören, und ſah, nachdem er das Ge⸗ büſch verlaſſen, den Sohn eines armen Landmanns, 151 8 der bitterlich weinte. Wie der Knabe Ashuk erblickte, fragte er ihn, ob er ſein Zicklein nicht geſehen, das ſich verlaufen habe, und ohne das er nicht nach Hauſe zurückkehren dürfe, weil ſonſt ſein Vater zornig wer⸗ den, und ihn ſchlagen würde. „Nein, armer Schelm, ich war nicht ſo glücklich, dein Zicklein zu treffen; haſt aber du nicht eine Eule, mit einem Pfeile, in deiner Nähe niederfallen ſehen?“ „Nein,“ erwiederte der Knabe;„aber gerade, ehe du herkamſt, hoͤrte ich auf einem der Mangobäume etwas raſcheln.“. „So komm mit mir in's Gebüſch,“ ſagte Ashuk, „und hilf mir ſuchen, dann will ich dir auch dein Zieklein ſuchen helfen.“ „Ach Herr!“ entgegnete der Knabe in großer, Angſt,„verzeihe mir, wenn ich dich nicht in das Ge⸗ büſch begleite, und gewiß denkſt auch du nicht daran, um dieſe Stunde hineinzugehen.“ 4 „Worum nicht, Knabe?“ „Biſt du denn ſo fremd hier, Herr, daß du nicht weißt, daß ein bezauberter Brunnen darinnen iſt, dem zu nahen nur Einer die Vermeſſenheit hatte, und ſei⸗ nen Vorwitz theuer büßen mußte?“ Jetzt erſt fing Ashuk an, daran zu denken, in welcher Richtung er gelaufen war, und fand, daß der Knabe wirklich Recht hatte. Er wußte, daß jeder⸗ mann dieſen Ort mied, der auf einmal das Wunder und der Schrecken nah und fern geworden, und hatte ſelbſt in ſeiner Kindheit manche Warnung bekommen, er ſollte es nicht wagen, dem bezauberten Brunnen ſich zu nähern, über welchen ſonderbare Gerüchte im „Umlaufe waren. Die Hindu's glaubten, er ſey die Wohnung Parvati's, Mhadev's Weib, welches dieſer in Geſtalt eines feurigen Drachen bewachte;— eine 1⁵² Geſchichte, deren Urſprung über ein Jahrhundert hin⸗ auflief, und die von dem Umſtande herrührte, daß man einen kleinen weißen Stier, auf dem Mhadeo reitend vorgeſtellt wird, unter jenen Bäumen weidend, geſattelt, aber ohne Reiter, gefunden hatte. Die Ma⸗ homedaner dagegen glaubten, im Brunnen befinde ſich ein Peri; Einige behaupteten jedoch, es ſey die Wohnung aller böſen Geiſter, und Iblis ſelbſt halte hier ſeinen Hof. Bei dieſen abſchreckenden Vorſtellungen wagte es niemand, aus keinerlei Urſache, in's Gebüſch zu gehen, und noch viel weniger, dem Brunnen ſich zu nähern. Ashuk erinnerte ſich jetzt, daß er ſeine Mut⸗ ter hatte erzahlen höͤren, ein Hindu habe es gewagt, in den Brunnen zu ſchauen, und ſey in Folge deſſen⸗ in einen Zuſtand des Blödſinns verfallen, von dem er nicht wieder geneſen; Nachts habe er gewaltig ge⸗ ſchrien, und ſey aus dem Bette geſprungen, mit der Außerung, daß der feurige Drache des Brunnens ihn heimgeſucht habe. Dieſe unheilbringenden Folgen der Neuglerde und Unvorſichtigkeit genügten, Andere ab⸗ zuſchrecken, daß ſie ſeinem Beiſpiele nicht folgten, und Reiſende pflegten meilenweite Umwege zu machen, um den ſchreckensvollen Ort zu umgehen. Ashuk bedachte, daß hier im Grunde nichts zu fürchten ſey, indem er beim Verfolgen ſeines verwun⸗ deten Wildes ſchon eine beträchtliche Strecke unter den Bäumen zurückgelegt hatte; da er aber die Angſt des Knaben ſah, ſo beſtand er nicht darauf daß dieſer ihm folgen ſollte, ſondern bot Allem auf, das Zicklein des armen Jungen ausfindig zu machen, aber verge⸗ bens. Auf die Erklärung des Knaben, daß er ohne jenes nicht zu ſeinem Vater zurückkehren dürfte, weil er ſonſt gewiß fürchterlich Schläge bekommen würde, erbot ſich Ashuk freundlich, ihn zu begleiten, um den — 15³ Zorn des Landmanns zu beſchwichtigen, und ihm das Verſprechen abzunehmen, daß er ſeinen Sohn nicht züchtigen wolle. Sehr erfreut hierüber fiel der Knabe Ashuk zu Füſſen, und nannte ihn ſeinen Retter und Beſchützer. In dem Dorfe angelangt, wo des Knaben Vater wohnte, berichtete Ashuk dieſem, daß das Zicklein ſich verloren habe, und bat ihn, den Knaben nicht zu ſchlagen, mit dem Verſprechen, den Verluſt zu er⸗ ſetzen, wenn ſich das Thier binnen zwei Tagen nicht finden ſollte. Der Landmann verſprach, ſeinen Sohn nicht zu beſtrafen, und dankte Ashuk für die Mühe, die er bei der Sache gehabt. Ashuk äaußerte die Furcht, daß es ſpät werden möchte, bis er nach Hauſe käme, und fragte, wie weit es in die Stadt ſey. „Sechs Coß*), Herr,“ war des Landmanns Ant⸗ wort. „Sechs Coß!“ rief Ashuk;„es ſind beſtimmt bloß vier.“ „Auf dem kürzern Wege, Herr, ſind es allerdings nur vier; da du aber in wirklicher Stunde der Nacht dich nicht zu dem bezauberten Brunnen wagen wirſt, ſo haſt du, denk' ich gute ſechs Coß vor dir.“ „Nicht wagen, mein lieber Mann! Das werde ich, und wahrſcheinlich unter den Bäumen übernachten.“ e„Ach Herr!“ riefen jetzt der Landmann und ſein Weib zugleich;„bei Ishwur! ſey nicht ſo unvorſich⸗ tig; bedenke die Folgen! Erinnere dich des Unglückli⸗ chen, der den Verſtand verloren hat, und gehe doch auf dem längeren Wege nach Hauſe.“ *) Zwölf(engliſche) Meilen. 154 „Ich wahrhaftig nicht!“ entgegnete Ashuk;„ich „habe keine Furcht vor böſen Geiſtern.“ „Wenn du die nicht fürchteſt, Herr, ſo bedenke Mhadey's Zorn; alle unſre Dörfer, nah und fern, werden die Wirkungen ſeines Grimms zu fühlen haben.“ „Recht, lieben Leute!“ erwiederte Ashuk;„ich werde aber doch weder Mhadeo, noch ſein Weib Parvati ſtoren, wenn ich unter den Baäumen über⸗ nachte.“ „Ach ja, Herr! Aber auf dem Grunde des Brun⸗ nens, der tauſend Fuß tief iſt, fühlt der Gott die Nähe eines Sterblichen, und wird dich gewiß mit bri ner Rache heimſuchen! 1 „Aber bedenke,“ ſagte Ashuk,„daß ich weder an Mhadeo, noch an ſſein Weib Parvati glaube.“ „Wohl, Herr: aber du glaubſt an Peri's, und die Mahomedaner glauben feſt, daß einer in der Tiefe des Brunnens hauſe, oöder daß dieſer die Wohnung aller böſen Geiſter ſey.“ „Was iſt denn deine Meinung, Freund?“ fragte Apbhuk. „Ich, Herr, glaube feſt, daß Mhadeo in Geſtalt eines feurigen Drachen den Brunnen bewacht, und daß deſſen Tod gewiß iſt, den ſein Auge erblickt, das, wie es heißt, immer nach oben gerichtet iſt.“ „Es iſt ſpät, Freund, und es wird Mitternacht werden, bis ich an den Ort komme, ich habe aber den Gedanken noch nicht ganz aufgegeben, die Stelle zu beſuchen, wegen der du in ſo großer Furcht biſt.“ „Laß dich doch warnen, Herr!— gehe den län⸗ geren Weg nach Hauſe!“ „Vielleicht,“ erwiderte Ashuk;„leb wohl!“ 3 49 2 —— 15⁵5⁵ „Ram, Ram, Mharaj*)!“ ſagte der Landmann, und trat in ſeine Hütte. Schnell eilte Ashuk der Heimath zu, ohne einen beſtimmten Gedanken, ob er den Rath des Landmanns befolgen wollte oder nicht, und ohne ſich rechts oder links umzuſehen. Ehe er zu einem Entſchluſſe ge⸗ kommen war, befand er ſich an der Stelle, und be⸗ trat, durch Neugierde getrieben, das Gebüſch: hier hörte er etwas über ſeinem Haupte flattern, das, wie er glaubte, ſeine verwundete Eule ſeyn müßte, und ſtieg ſchnell auf den Baum, von dem das Geraäuſch zu kommen ſchien. Der Baum ſtand nicht nahe genug an dem Brunnen, daß er in dieſen hätte hineinſehen können; als er aber die Aſte erreichte, glaubte er Lichtſtrahlen zu bemerken, die aus der dunkeln Tiefe heraufkämen. So herzhaft er von Natur war, fühlte er doch jetzt eine Anwandlung von Furcht in ſeinem Innnern. Ein furchtſamer Hindu wäre in ſeiner Lage ohne Zweifel beſinnungslos auf den Boden geſtürzt. Die Dunkelheit der Nacht, die tiefe Stille an dem ſchauerlichen Ort, die ſeltſamen Lichtſtrahlen, welche den Wald auf Augenblicke erhellten, hätten auch einen Kühnern, als Ashuk, zittern gemacht, und er bereute ſeine Unbeſonnenheit. Das Licht wurde ſtärker und ſtärker, und zuletzt tauchte eine dunkle Geſtalt, mit rothen Striemen bedeckt, und einem Menſchen ähnlich, aus dem Brunnen auf. Sie ſtand, wandte ſich ge⸗ gen den Baum, auf dem der erſchrockene Ashuk ſaß, und blies einen feurlgen Strahl, ſtärker als die frü⸗ heren, aus ihrem Munde. In der Angſt ſchloß Ashuk die Augen, und als er ſie wieder aufzuſchlagen wagte, war die Geſtalt verſchwunden. Der Jüngling beſchloß, *) Gehorſamer, oder unterthänigſter Diener. 156 eine ganze Stunde zu warten, um zu ſehen, ob der Geiſt noch einmal käme, da aber die Zeit verfloß, ohne daß jener wieder erſchienen wäre, ſtieg er leiſe vom Baume. Seine Furcht hatte ſich vermindert, und Neugierde trat an ihre Stelle.„Gewiß,“ dachte er,„kann jetzt, da der Geiſt fort iſt, keine Gefahr dabei ſeyn, wenn ich über den Rand hinabſehe.“ Doch zögerte er, allein die Neugierde ſiegte zuletzt, und er ſchlich ſich behutſam an den Brunnen. Keinen Laut vernahm er, als das Rauſchen des Nachtwinds in den Bäumen; alles war dunkel und finſter, und vor dem Laubdache über ihm kein Stern zu ſehen. Um den Brunnen lief eine niedere Mauer; zitternd ſchmiegte ſich Ashuk unter dieſe, und wagte es einige Zeit nicht, über ſie wegzublicken. Endlich ſchämte er ſich ſeiner Schwäche, und ſteckte ſeinen Kopf über die Mauer, allein bald wich dieſe, und ſtürzte nach und nach in die Tieſe, und vor ſeine Augen trat der fenrige Dra⸗ che;— zwei leuchtende Meteore waren ſeine Augen, ſeine goldnen Flügel waren ausgebreitet wie zum Auf⸗ fluge, und ſein furchtbarer Rachen ſtand offen, als wollte er ſeine Beute verſchlingen. Sobald Ashuk von dem Schrecken ſich erholte, ſtürzte er aus dem Gebüſche, gewann das Feld, und hielt erſt an ſeiner Mutter Hauſe. Bewah hatte lange auf die Rückkehr ihres Sohnes gewartet, und in der Hoffnung, er würde bald kommen, ſich nicht zur Ruhe begeben. Freudig hörte ſie daher ſeine wohlbekannte Stimme um Einlaß bitten; als ſie aber die Thüre öffuete, verwandelte ſich ihre Freude in Beſtürzung, als ſie den Schrecken auf Ashuk's Geſicht las, und dieſer, nach Luft ſchnappend, zu Boden ſank. Vergebens fragte ſie ihn um die Urſache ſeiner heftigen Erſchüt⸗ terung.„Biſt du angefallen worden, Ashuk? hat 157 man dich beraubt? oder in einen Streit verwickelt? Der Bogenmacher hat vergebens auf deine Rückkehr gewartet, und—“ „Ach!“ rief Ashuk,„verflucht ſeyen Bogen und Pfeile, ſamt dem Meiſter. Laß mich, Mutter, nein, bleibe, und führe mich in mein Bett. Ich bin un⸗ wohl und ermüdet.“ Die arme Witwe konnte ſich die Urſache der Be⸗ ſtürzung ihres Sohnes nicht erklären, wollte ihn aber nicht durch Fragen ermüden, und dachte, am Morgen würde ſie das Ganze erfahren. Schweigend führte ſte alſo den Jüngling an ſein Bette, von dem er des andern Morgens erſt ſpät aufſtand, nachdem er eine ſchlimme Nacht gehabt, und von feurigen Drachen und ſchrecklichen Geiſtern geträumt hatte. Er beſchloß, vor jedermann, ſelbſt vor ſeiner Mutter die Ereigniſſe der letzten Nacht geheim zu halten, da er nicht willens war, ſeine Verwegenheit oder Furcht zu bekennen. Als daher Bewah den Grund ſeines Schreckens zu erfahren wünſchte, geſtand er, daß er ſtark aufgeregt geweſen ſey, bat ſie aber nicht weiter in ihn zu drin⸗ gen, weil er geſchworen habe, die Sache nicht aus⸗ kommen zu laſſen, und ſchloß damit, daß er ſeiner Mutter das Verſprechen abnahm, gegen den Bogen⸗ macher, ſo wie gegen Andere, ſeiner ſpäten Rückkehr und ſeiner Beſtürzung nicht zu erwähnen. Bewah ſah es zwar ſehr ungern, daß ſie nicht das ganze Ge⸗ heimniß wiſſen ſollte, verſprach aber doch gerne, die Sache zu verſchweigen. 4 Nachdem Ashuk die Ereigniſſe der letzten Nacht ſorgfältig erwogen, machte er ſich ernſte Vorwürfe wegen ſeiner Feigheit, da er jetzt überzeugt war, er würde, wenn er nicht die Schreckniſſe von dem Land⸗ manne hätte aufzählen hören, ſich keine ſo unverzeih⸗ 158 liche Schwaͤche haben zu Schulden kommen laſſen. Nachdem er ſich die Sache überlegt, reifte der Entſchluß in ihm, bei hellem Tage den Brunnen zu beſuchen, und er war ſchon dahin auf dem Wege, als ihm der Bogenmacher entgegen trat, und fragte, wie er den Bogen fände. „Er iſt gut,“ antwortete Ashuk;„und ich kaufe ihn, wenn der Preis nicht zu hoch iſt.“ „Fünfzehn Rupien, Herr, und von den Pfeilen jeder eine halbe.“ „Gut, ſo ſchicke mir ein Dutzend Pfeile, in eini⸗ ger Zeit werde ich bezahlen.“ Der Mann verbeugte ſich und ging, und Ashuk verfolgte ſeinen Weg zu dem Schreckensplatze. Er gelangte an das Gebüſch, das, obgleich die Sonne am höchſten ſtand, dunkel und nicht einladend war: keine Seele war in der Nähe, ſo ſorgfältig wurde der Ort zu jeder Stunde vermie⸗ den. Mit gezücktem Schwerdte trat er hinein, ent⸗ ſchloſſen, mit einem Mann oder Drachen ſich zu ſchla⸗ gen, und ſelbſt Mhadeo niederzuhauen, wenn er ſich ihm entgegenſtellte. Er ging auf den Brunnen zu, und wagte es, nach einigem Zögern, hineinzublicken. Er ſah den Drachen an ſeinem Platze, dieſer hatte aber jetzt nur ein feuriges Auge, und dieſes war lange nicht ſo glänzend, wie in der verfloſſenen Nacht. Aus dieſem Umſtand zog er ſtarken Verdacht wegen eines Betrugs, und entſchloſſen, das Ungeheuer drun⸗ ten genauer kennen zu lernen, forderte er es laut heraus. Keine Antwort, kein Laut kam zurück, als der Wiederhall ſeiner eignen Stimme. Weil er den Drachen ſo zahm fand, wagte er es, einen kleinen Kieſel hinabzuwerfen, dem er eine ſo gute Richtung gab, daß er ihn auf den Kopf des Thiers fallen ſah, ohne daß dieſes ſich bewegte. Jetzt nahm er einen 159 ſchwerern gröͤßeren Stein, und als dieſer dem Dra⸗ chen ebenfalls auf den Schädel fiel, wurde das eine Auge plötzlich ſo dunkel wie das andere.„Aha!“ dachte Ashuk;„wenn es ſo leicht iſt, den Glanz von des Drachen Auge erlöſchen zu machen, ſo wird es mich nur wenig Mühe koſten, ihn mit meinem Schwerdt zu vernichten; ich will auf gut Gluͤck hin⸗ abſteigen.“ An den Seiten des Brunnens ſprangen in gleichen Zwiſchenräumen breite Steine vor, die eine Treppe bildeten, und ſehr wahrſcheinlich von den Er⸗ bauern ſo eingerichtet waren; auf dieſen ſtieg Ashuk mit Vorſicht, und ohne Widerſtand zu finden, hinab: ſobald er das Thier erreichen konnte, ſchwang er ſein Schwerdt, und führte einen Schlag gegen das Unge⸗ heuer; wie groß war aber ſein Erſtaunen, als er fand, daß ſein furchtbarer Feind aus bloßem— Pa⸗ pier*) beſtand, und mehr als je ſchalt er ſich wegen ſeiner Furcht, und unterſuchte ſchnell die Geſtalt, die ſo großen Schrecken in der ganzen Gegend verbreitete. Er fand einen kunſtreich gefertigten Drachen, mit Flü⸗ geln von Goldpapier; der Kopf war ſo eingerichtet, daß man zwei kleine Lampen hinten aubringen konnte, welche die gläſernen Augen des Ungeheuers erhellten; die eine davon war, wie es ſchien, ausgegangen, und die Flamme des andern war dem Erlöſchen nahe, als durch den zweiten Stein der zitternde Docht wahr⸗ —— *) Die Eingebornen, insbeſondre die Mahomedaner, be⸗ ſitzen eine große Geſchicklichkeit darin, Vögel und vier⸗ füßige Thiere aus buntem Papier zu bilden, das über ein Gerippe von dünnen Bambusſtäben geſpannt wird. Am Mohurrum, dem größten Feſte, werden ſolche Thiere von Papier in Menge verfertigt, und in feier⸗ lichem Zuge durch die Stadt getragen. 160 ſcheinlich niedergedrückt, und ſo der Geſtalt ihr Schauer⸗ lichſtes genommen wurde.. Jetzt vöͤllig überzeugt, daß hier lange Zeit ein Betrug geſpielt worden ſey, begann er den Grund davon zu muthmaßen. Es mußte ein Gemach, ein geheimer Aufenthalt hier ſeyn, wo gewiß eine ſchöne Frau ſich aufhielt; wäre dem ſo, ſo beſchloß er, nicht zu ruhen, bis er es entdeckt hätte. Hinter dem Dra⸗ chen war ein breiter, viereckiger Flieſenſtein, ähnlich dem, mit dem der Boden des Brunnens gepflaſtert war; dieſer war völlig trocken, und deutliche Spuren zeigten, daß viele Jahre kein Waſſer darin geweſen ſey. Der Stein hinter dem Drachen ſchien unbeweg⸗ lich, und Ashuk ſah ein, daß er ohne Licht nichts würde ausrichten können; er ſtieg deßwegen wieder aufwärts, mit der Abſicht, am folgenden Tage eine Laterne oder Fackel mitzunehmen, weil ein zweiter Beſuch an demſelben Tage bemerkt werden und Ver⸗ dacht erregen konnte. Seine Mutter freute ſich, als er nach Hauſe kam, ihren Sohn wieder heiter und ſorgenfrei zu ſehen, und enthielt ſich alles Fragens über die bewußte Sache. Am folgenden Tage trat Ashuk, mit einer Lampe, einer Fackel und Feuerzeug, zwei Stunden früher, als das erſtemal, den Weg zu dem bezauberten Brunnen an. Die Augen des Dra⸗ chens fand er ſehr glänzend, denn der Wächter des Platzes hatte die Lampen ausgebeſſert, und wegen ſeines frühen Erſcheinens war das Ol noch nicht aus⸗ gebrannt. Wer konnte es ſeyn, der ſo geheimnißvoll wirkte, und zu welchem Zwecke? Das Erſtere konnte er wohl nicht leicht ausfindig machen, das Letztere aber müßte, glaubte er, bald an's Licht kommen. Ashuk ſtieg in den Brunnen hinab, zündete ſeine Lampe an den Augen des Drachen an, und fand un⸗ 161 ten an dem Flieſenſteine, der künſtlich in die Seiten⸗ wand des Brunnens eingefügt war, zwei eiſerne Keile, ſorgfältig ſchob er dieſe weg, und der Stein trat aus den Fugen, und ließ ſich leicht herausnehmen, worauf er eine dunkle Höhle erblickte, deren eingeſchloſſne Dünſte durch die Offnung drangen, und ſeine Lampe beinahe auslöſchten. Er trat hinein, und fand ſich in einem kleinen Gewölbe, in deſſen einem Winkel er beim Schimmer ſeiner Lampe, ſtatt der ſchönen Frau, die er zu finden geglaubt hatte, mehrere Beutel ent⸗ deckte, die ohne Zweifel einen Schatz enthielten. Schnell öffnete er einen, und fand ihn voll Gold⸗ barren; ebenſo einen zweiten und dritten, gleichfalls mit Goldbarren, ungefähr 6 Zoll lang, und einen halben Zoll breit. Sein Fuß ſtieß jetzt an etwas, das er für eine Waage erkannte, und in der gegenüber⸗ liegenden Ecke hieng eine größere, mit Gewichten, u. ſ. w., an einem niedrigen in die Erde eingerammten Pſoſten. Der erfreute Jüngling wußte nicht, wie er dem Verdacht des nächtlichen Brunnengaſtes ent⸗ gehen ſollte. Nahm er einen Beutel mit, ſo erregte dieß gewiſſe Furcht bei dem Eigenthümer, und er trug dann den Schatz an einen andern Ort; überdieß wur⸗ den die Beutel wahrſcheinlich jedemal genaus gezählt und gewogen. Nach langem Sinnen nahm er alſo einen Barren aus einem der Beutel, und legte ihn in die kleine Waage, um ſein Gewicht zu erfahren, dieß merkte er ſich genau, legte den Barren wieder an ſeinen Platz, und wog noch, ehe er die geöffneten Beutel wieder zuſchnürte, zwoͤlf andere, um zu ſehen, ob ſie alle gleiches Gewicht hätten, wobei er fand, daß alle an Gewicht, Größe und Form einander gleich waren. Nachdem er alle Beutel wieder gehörig zuge⸗ bunden, entfernte er ſich, und ſchloß die ſteinerne Thüre mit den zwei Keilen, ohne eine Spur zu laſſen, daß ein Fremder da geweſen. An den Rand des Brun⸗ nens gelangt, fand er alles ſtill wie das Grab, und eilte ſchnell nach Hauſe. „Mutter,“ rief Ashuk, ſobald er in's Haus trat, „ich brauche ungefähr zehn Rupien.— Kannſt du ſie mir verſchaffen?“ „Nein, Ashuk, ſoviel beſitze ich nicht, aber mor⸗ gen, wie du weißt, bekommſt dnu deinen Sold. Kannſt du nicht ſo lange warten?“ „Nein, Mutter, ich brauche das Geld ſogleich, da ich in Geſchäften nach Kaira verſendet werde.“ „Nach Kaira, Ashuk! wozu?“ „Das weiß ich nicht; wenn ich dort ankomme, werde ich meine Verhaltungsbefehle bekommen.“ „Da mußt du ja ein Pferd entlehnen, und viel⸗ leicht borgt dir derſelbe Freund auch das Geld. Geh alſo zu Doolubdas, dem Shroff, ich habe ſchon viele Geſchäfte mit ihm gemacht, und ohne Zweifel iſt er ſo gefällig, dir Pferd und Geld zu lehnen.“ Ashuk eilte alſo⸗ zu dem Shroff, den er zu Hauſe fand, und brachte ſein Anliegen vor. Doolubdas gab ihm das Geld, und befahl, ſein Pferd vorzuführen. Ashuk dankte und verſprach, in einer halben Stunde das Pferd zu holen, da er, ehe er aufſtiege, noch ein Geſchäft abzumachen habe. Dieſes beſtand darin, daß er bei dem Hauptmann der Leibwache Urlaub nachſuchte, um in Privatangelegenheiten nach Kaira zu reiſen. Nach erhaltner Erlaubniß beſtieg Ashuk das Pferd des Shroff, das ihn wohlbehalten nach Kaira trug, eine Stadt nicht weit von Ahmedabad. Abends langte er an, hielt bei einem Durhm Salleh, und ging, nachdem er ſeinem Pferd hatte Futter geben laſſen, auf den Markt, wo er einen Bleihändler ſuchte; die⸗ 163 ſer war bald gefunden, und er verlangte von ihm mehrere Stücke Blei, von beſtimmtem Gewicht und einer gewiſſen Form, die er um ſechs Rupien zu er⸗ halten, und morgen abzuholen wünſchte. Der Blei⸗ händler verſprach Alles, und Ashuk verließ ihn, um ſich eine Mahlzeit zu beſtellen. An dem Seiler hatte der vorſichtige Jüngling erfahren, wie wenig man ſich auf die Leute ſeiner Vaterſtadt verlaſſen könnte, und machte daher die Reiſe nach Kaira, um ſich das Nöthige zu holen. Nachdem er einen ſtarken Beutel gekauft, fragte er am andern Morgen frühe nach dem Blei, und fand gegen zwanzig Stücke für ihn bereit liegen; dieſe bezahlte er, und ritt ſchnell Ahmedabad zu, in der Hoffnung, ſie bald gegen anders Metall auszutauſchen. In ſeiner Vaterſtadt angekommen gab er das Pferd mit vielem Danke dem Eigenthümer zu⸗ rück, ging in ſeiner Mutter Haus, und verfügte ſich von da zum Schatzmeiſter des Nuwab, um ſeine Löh⸗ nung zu erheben. Bewah deren Neugierde bisher nicht befriedigt worden war, fragte jetzt Ashuk, welchen Auftrag er auszurichten gehabt habe. „Das iſt ein Geheimniß, Mutter, und darf nicht bekannt werden.“ Dies war genug, um die arme Bewah zum Schweigen zu bringen, die viel zu ſehr darüber ſich freute, daß ihrem Sohn wichtige Geſchäfte anvertraut wurden, als daß ſie in die Geheimniſſe der Regierung einzudringen gewünſcht hätte. Am folgenden Tage ging Ashuk, nachdem er ge⸗ wiß war, daß er nicht geſtoͤrt würde, wieder zum Brunnen, trat in die Schatzkammer, öffnete 18 Beu⸗ tel, und nahäAnuten ans jedem Beutel einen Gold⸗ barren, den er mit Bleibarren erſetzte, von denen er 164 zwei behielt, um nach dieſem Muſter andre machen laſſen zu können, weil er bald den ganzen Schatz für ſich zu holen im Sinne hatte. Mit 18 Goldbarren beladen verließ Ashuk den bezauberten Brunnen, der den abergläubiſchen Einwohnern der Gegenſtand ſo großer Furcht war. Nach Hauſe gekommen, überlegte er, wie er den Reichthum benützen ſollte, deſſen Er⸗ werb ihm ſo viel Mühe gekoſtet. Auf den Eigenthü⸗ mer konnte er durchaus nicht rathen, auch gab er ſich keine Mühe, dieſes zu enträthſeln, ſondern dachte blos darauf, das Gold in Münze umzuſetzen, nach⸗ dem er den genauen Werth jedes Barren berechnet. Nach einigem Beſinnen entſchied er, daß der ſicherſte Weg der wäre, wenn er Urlaub erhielte, ſeinen Oheim in Combay zu beſuchen, und hier das Geld einwech⸗ ſelte. Sobald er Erlanbniß erhalten, nahm er neun Barren mit ſich, und verſteckte die übrigen unter dem Fußboden ſeines Zimmers, ohne gegen ſeine Mutter ein Wort von der Sache zu erwähnen. In Combay grüßte er zuerſt ſeinen Oheim, und ging dann in eine Wechslerbude, wo er einen ſeiner Barren vorzeigte, und erfuhr daß er 15 Gold⸗ Mohurs, oder 225 Ru⸗ pien im Werth hatte. Nachdem er in verſchiednen Buden alle ſeine Barren ausgewechſelt, fand er ſich in Beſitz von ſoviel Münze, daß das Tragen ihm be⸗ ſchwerlich fiel, wo er ſich genöthigt ſah, für die halbe Summe Wechſel auf Kaira zu nehmen; auch ſetzte er ſeine Silber⸗Rupien in Mohurs um, um ſie beque⸗ mer tragen zu können. Als er daher auf dem Rück⸗ wege ſeine Wechſel in Kaira einlößte, wurde er ſo mit Gold beladen, daß er ſich ziemlich ermüdet fühlte, bis er Ahmedabad erreichte. Aber wie groß war ſein Verdruß, als er in ſein Zimmer, um ſeine Bürde unter den Fußboden in Siche seit zu bringen, 165 und die neun Goldbarren, die er hier verſteckt hatte, nicht finden konnte! In großer Angſt fragte er ſeine Mutter ob jemand in ſeinem Zimmer geweſen ſey. „Nein, mein Sohn,“ war ihre Antwort,„nie⸗ mand, als der Rattenfänger mit ſeinem Jungen, dem ich befohlen hatte, die Ratten zu vertilgen; unter dem Boden dieſes Zimmers haben ſie drei große ge⸗ fangen!“ „In der That Mutter, es waren neun.“ 8 „Nein, Ashuk, ſie zeigten mir blos drei die ſie gefangen, und die waren ſehr groß.“ Ashuk, der ſeine Mutter nicht alles wiſſen laſſen wollte, ſagte nichts mehr von der Sache, verwunſchte aber von Herzen den Rattenfänger und ſeinen Jun⸗ gen, die ſeinen theuren Schatz entdeckt hatten. Zum Glück hatte er eine Schatzkammer im Hinterhalte, die er unerſchöpflich glaubte, und tröſtete ſich alſo über dieſen unbedeutenden Verluſt. Damit der Eigenthü⸗ mer, des Goldes keinen Verdacht ſchöpfte, wenn er ihn plötzlich reich werden ſäͤhe, ſetzte er ſeine bisherige Lebensweiſe fort, und entlehnte ſogar Geld, um ein Pferd zu kaufen, das ihm jetzt zu ſeinen öftern Rei⸗ ſen in die umliegenden Städte, ſehr nöthig wurde. Unterdeſſen ließ er in Combay fünfzig Stücke Blei verfertigen, die er mit andern Artikeln durch einen Traͤger ſicher in ſein Haus nach Ahmedabad bringen ließ. Ashuk ſtattete jetzt dem Brunnen wieder einen Beſuch ab, und nahm 50 weitere Goldſtangen, deren Platz er mit Blei ausfüllte, wobei er immer einige Goldbarren oben in jedem Beutel ließ, auf den Fall, daß der Eigenthümer ſie etwa beſichtigte. So kam er nach und nach in den Beſitz von beinahe vier Lack Rupien; die Hälfte davon verwandelte er in Münze, 166 und verbarg dieſe, ſammt den Goldbarren, in dem Garten an ſeiner Mutter Hauſe, unter einem Bie⸗ nenſtocke, dieſen fleißigen Hütern die Bewachung an⸗ vertrauend. Nachdem er jetzt einen hinlänglichen Hau⸗ fen Gold weggeſchafft zu haben glaubte, richtete er ſeine Aufmerkſamkeit auf Entdeckung des Eigenthümers und Hüters des Brunnen, und legte ſich zu dieſem Zwecke in einer Nacht in Hinterhalt, mit dem Vor⸗ ſatz, die Spur des Schwarzen mit dem feurigen Munde zu verfolgen. Er ſah ihn unter dem Brun⸗ nen hervorkommen, und verfolgte ihn in einiger Ent⸗ fernung ſtille bis in die Stadt. Seine Geſtalt glich, meinte er, der des Kaufmanns Saruk.„Glück 144 ſprach er,„haſt du wirklich die Reichthümer dieſes hochmüthigen Mannes, deſſen Sohn mir meine ange⸗ betete Kheir Neyut rauben wollte, in die Hand gege⸗ ben? Iſt dem ſo, ſo dank' ich dir, und danke dir dop⸗ pelt, weil ich jetzt den goldnen Schlüſſel habe zu dem Thore der Glückſeligkeit! ich, nicht Ajeez, führe das reizende Mädchen heim.“ Um ſich jedoch zu vergewiſ⸗ ſern, daß der Mann, dem er ſo nahe auf dem Fuße folgte, wirklich Saruk war, lief er jetzt dichter hinter ihm, und ſah in der Nähe der Stadt den Geheim⸗ nißvollen ſein ſchwarzes Gewand ausziehen, und in ein Bündel zuſammenlegen. So viel ihm die Dunkel⸗ heit der Nacht zu unterſcheiden geſtattete, überzeugte er ſich, daß die Perſon kein junger Mann wäre, und doch glich ſie Saruk weniger als vorher, ehe ſie die Vermummung ablegte. Entſchloſſen, zu beobachten, wohin ſie ginge, folgte er ihr ſo leiſe und vorſichtig, daß er wußte, er könne nicht bemerkt werden, und ſah endlich den nächtlichen Beſucher des bezauberten Brun⸗ nens in das Haus Saruk's, des Kaufmanns gehen. „Er iſt's wirklich,“ ſagte der Jüngling zu ſich 167 ſelbſt;„jetzt bin ich an ſeinem übermuͤthigen Sohne gerächt, und ihm mehr als gewachſen.“ Einen oder zwei Tage nach dieſer Entdeckung ſtattete Ashuk, der es für klug hielt, mit dem Man⸗ ne, den er beraubt, ſich zu befreunden, Saruk einen Beſuch ab, und erkundigte ſich angelegentlich nach deſ⸗ ſen Sohn. „Ich bin,“ erwiederte der Kaufmann,„in Unruhe, weil ich ſeit ſeiner Abreiſe noch keine Silbe von ihm gehört habe, hoffe aber doch, daß er ſich wohl be⸗ finde.“ „Es kann unmöglich anders ſeyn,“ ſagte Ashuk; nhaben aber die Schiffseigenthümer noch keine Nachricht von ihrem Fahrzeug?“ „Gar keine; auch habe ich heute bei Adeeb Khan, dem Schwiegervater des Kapitäns, nachgefragt, der hat aber keinen Brief von ihm erhalten, und ſo müſ⸗ ſen wir geduldig warten.“ Ashuk beſuchte Saruk noch öfters, und dieſem war die Aufmerkſamkeit des jungen Offiziers angenehm, wenn er ihm gleich in ſeinem Herzen nicht geneigt war. Nach geraumer Zeit beſuchte Ashuk wieder ein⸗ mal das geheime Brunnengewölbe. In der Mitte deſſelben fand er einen großen Beutel, der offenbar erſt neuerdings hergebracht war; an dem Riemen, womit er zugeſchnürt war, hieng ein Zettel, und auf dieſem ſtanden die Worte: Saruk Sahonkar.— 5⁰00 Rupien. Jetzt bedurfte es nichts weiter, um ihn zu überzeugen, wen er geplündert hatte. Die Vorſicht gab ihm ein, den Beutel unberührt zu laſ⸗ ſen, auch keine weiteren Goldbarren aus den übrigen ſpärlich gefüllten Beuteln zu nehmen, und ſo kehrte er dießmal mit leeren Händen nach Hauſe. Jeden Monat ſpielte Ashuk die Rolle der alten 168 Spezereihändlerin, erhielt immer Zutritt bei dem al⸗ ten Nugdee Hurrees, und hatte das Glück, mit ſei⸗ uer geliebten Kheir Neyut zu ſprechen, aber alle ſeine Schwüre und heißen Betheurungen ſeiner ewigen Liebe vermochten ſie nicht zu üͤberreden, ihres Vaters Haus heimlich zu verlaſſen, und ſich unter ſeinen Schutz zu begeben. So ging ein Monat um den andern hin, ohne daß von Ajeez oder dem edeln Fureeb Khash, Kapitän des Schiffes Futteh Mobaruk Nachricht ein⸗ ging. Eines Tages erhielt Bewah die Kunde, daß ihr Schwager in Combay dem Tode nahe ſey, welche ſie und Ashuk tief betrübte. Der leztere gieng ſo⸗ gleich nach Combay ab, um ſeinem ſterbenden Ver⸗ wandten die lezte Ehr zu erweiſen; er kam an, ehe die Lebensflamme erloſchen war, und mit Vergnügen bemerkte er, daß ſein Oheim der ſchon die Sprache verloren hatte, ihn doch noch kannte. Er ſtarb ohne Teſtament, und man hielt allgemein Ashuk für den Erben; leider aber fand ſich kein Geld vor, obgleich der Kaufmann im Rufe ſtand, er beſitze große Reich⸗ thümer. Weit entfernt, dem Gerücht, daß er ſeines Oheims Eigenthum ſich angeeignet, zu widerſprechen, beſtätigte er dieß ſoviel als möglich, und kehrte nach Ahmedabad zurück, wo er ausſtreute, durch den uner⸗ warteten Tod ſeines nahen, theuren Verwanden ſey er in den Beſitz eines unermeßlichen Vermögens ge⸗ kommen. Seine Mutter, die dieß glaubte, freute ſich ſeines Wohlſtandes, und ſegnete das Andenken ihres Schwagers, der ſo edel gehandelt hätte. Ashuk konnte jezt unbeſorgt ſeinen Reichthum genießen; er kaufte ein geräumiges Haus, hielt eine Dienerſchaft, und machte großen Aufwand in der Stadt, aber nicht von der Erbſchaft von ſeinem Oheim, ſondern von den Schätzen des Zauberbrunnens. Ohne länger die Rolle 169 der alten Spezereihändlerin in ihren Kleidern zu ſpie⸗ len, um ſeine geliebte Kheir Neyut zu ſehen, beſuchte er kühn den Geitzigen, und da er ohne Schwierigkeit Einlaß faud, ſo bat er auf einmal um die Haud ſei⸗ ner liebenswürdigen Tochter. „Dein Antrag junger Mann, kommt zu ſpät,“ ſagte Nugdee;„Saruk, der täglich ſeinen Sohn er⸗ wartet, habe ich mein Wort gegeben, und darf dieß nicht brechen.“ 3 „Aber theurer Herr,“ erwiederte Ashuk,„was mag doch aus dem Jungen geworden ſeyn? warum kehrt er nicht zurück, ſeine Braut heimzuführen?“ „Das weiß ich nicht,“ entgegnete der Geizige; „ich fürchte, es iſt nicht alles richtig. Indeſſen will ich ein Jahr, von der Zeit ſeiner Abreiſe an gerechnet, warten, und kommt er dann nicht, ſo ſollſt du meine Tochter haben, wenn ſie den Tauſch eingeht.— Er⸗ laube mir nun aber, daß ich dir zu deinem jezigen Wohlſtande Glück wünſche: ich deuke es wird dir nicht ſchwer fallen, am Hochzeittage ein halbes Lack Rupien aufzuzählen, um mir zu zeigen, daß ich meine Tochter einem rechtſchaffnen Manne gebe.“ 3 „Ohne Schwierigkeit, Herr,“ erwiederte Ashuk; „das Geld ſoll bereit liegen, wenn du es verlangſt.“ „Ah! das ſieht wahrhaftig nach etwas aus,“ ſagte Nugdee;„Geld! baar Geld! ohne nach Benga⸗ len zu fahren auf einem unſichern Schiffe, und es durch deu Verkauf von Edelſteinen und Karneolen zuſammenzuſtümpern. Wäreſt du nur ſechs Monate früher ſo reich geweſen! doch, gedulde dich; ich zweifle ſehr, daß Ajeez wieder kommt.“ Ashuk war derſelben Meinung, aber ſehr darüber in Unruhe, daß der Schulmeiſter nichts von ſeinem Ind. Serail. II. 8 1 170 1 8 Schwiegerſohn gehört hatte, und fürchtete ſehr für deſſen Leben. Ungefähr einen Monat nach dem obigen Geſpräche mit dem Geitzigen, ſtattete ihm Ashuk wieder einen Beſuch ab, und wurde von ihm mit den Worten empfangen:: „Ach mein reicher Freund, du kommſt zu ſpät; es iſt alles vorüber; der junge Ajeez iſt die vorige Nacht zurückgekommen.“ „Zurückgekommen! unmöglich!“ rief Ashuk; der Kapitän iſt doch noch nicht zurück, das Schiff auch nicht, wie kann alſo Ajeez da ſeyn?“ „Er flog denke ich, auf den Flügeln der Unge⸗ duld,“ antwortete Nugdee; ſoviel ich aber merke, iſt er nicht ſehr glücklich geweſeu.“ 3 „Wirklich! und kann er das halbe Lack Rupien auflegen?“ „Kann's nicht ſagen! die Zeit wird's lehren,“ ſagte ſelbſtzufrieden der Geizige;„doch gehe nach Hauſe, und ſey verſichert, daß der junge Kaufmann zurück iſt.“ Sogleich gieng Ashuk in Saruk's Haus, und wünſchte ihm Glück zur Ankunft ſeines Sohnes, und als dieſer bald darauf ſelbſt erſchien, wandte ſich Ashuk freund⸗ lich an ihn, und äußerte ſeine Hoffnung, daß er eine vergnügte Reiſe gehabt. 4 „Mit nichten,“ erwiederte Ajeez;„ſie war unglück⸗ lich und ſehr unvortheilhaft.“ Weiter konnte er von Ajeez nicht erfahren: doch bald hoͤrte er das Ganze von Adeeb Khan, der ſich in Saruk’s Haus begeben hatte, ſobald er die Rükkunft ſeines Sohnes erfahren. „Ach Ashuk!“ rief Adeeb Khan,„mein unglückli⸗ cher Schwiegerſohn hat zuviel in der Sache gethan; denn in der Bay von Bengalen ſteuerte ſein Schiff, unter dem Vorwand der Untiefen, auf die Andoman 3 171 nc, Inſeln zu, da er aber die Küſte und Gegend nicht kannte, ſtrandete ſein Schiff, das Waſſer drang ein, und die ganze Ladung ſamt der Mannſchaft gieng auſ⸗ ſer dem Capitän Ajeez und zwei Matroſen unter. Dieſe vier Schiffbrüchigen erreichten mit Mühe das Ufer, wo ſie von den wollhäuptigen Inſel⸗Bewohnern empfan⸗ gen wurden, welche tanzten, ſangen und ſich im Kothe wälzten, ſo erfreut ſchienen ſie über den Unfall, der Andere in ſo großen Kummer verſetzte. Hier blieb mein Tochtermann mit ſeinen Gefährten beinahe zwei Monate, und ſie wurden von den Eingeborenen, die ſich ſehr ungern von ihnen zu trennen ſchienen, freund⸗ ſchaftlich behandelt. Endlich kam mein erfahrner Schwiegerſohn mit einem großen Boot zu Stande, worin ihn der unglück⸗ liche Ajeez und die beiden Matroſen nach Calcutta be⸗ gleiteten; hier lag gerade ein Schiff nach Bombay ſee⸗ gelfertig, welches Ajeez ſogleich beſtieg, und meinem Schwiegerſohn überließ, zu thun, was ihm beliebte. Fureeb Khash meint ohne Zweifel, daß er wenig Vor⸗ theil haben werde, wenn er hierher zurückkäme, weil die Kaufleute in dieſem Welttheile ihn nicht wohl wie⸗ der len würden, und ſo werde ich ihn wahrſchein⸗ lich mehr ſehen. So iſt Ajeez ohne Ladung und Held zurück, und hat Fureeb Khash ohne Schiff und eunde verlaſſen.“ „ Das ſind freilich betrübte Neuigkeiten,“ ſagte As⸗ huk;„war denn aber die Ladung nicht verſichert?“ „Nein,“ entgegnete Adeeb;„Saruk war zu geizig, und hatte zu viel Vertrauen auf das Schiff und den Kapitän.“ „Dann iſt es wahrſcheinlich, Adeeb, daß ſie das halbe Lack Rupien, das Nugdee Hurrees verlangt, nicht werden zahlen koͤnnen?“ A 8* 172 „Ich weiß nicht, wie es damit ſteht; Saruk iſt reich, ſehr reich, und du kannſt daher auf den Unfall, der ſie eben betroffen nicht bauen.“ „O,“ dachte Ashuk,„das meint auch Saruk, der wird aber bald eines Andern belehrt werden.“ Zu ſeinem Erſtaunen machte Saruk einen oder zwei Tage nach dieſem Geſpräch mit dem Schulmeiſter, Ashuk einen Beſuch, und bat ſich von ihm die Ehre aus, daß er am folgenden Tage der Ausfertigung des Kontrakts zwiſchen ſeinem Sohn und der ſchoͤnen Kheir Neyut anwohnen möchte. Ashuk erſchrack etwas über dieſes Anſinnen, nahm aber doch die Einladung an, weil er dachte, ſeine Anweſenheit könnte für ihn ſelbſt von Nutzen ſeyn. Noch ein Grund drängte ihn, daß er ſich einfände: er genoß im Voraus das Vergnügen, daß er, wenn er Saruk's gerühmten Reichthum in Bleigeſtalt erſcheinen ſähe, Zeuge wäre, wie deſſen Sohn von dem Geizi⸗ gen abgewieſen würde, und er ſelbſt vortreten, und die Beute heimführen koͤnnte. Er war alſo zur be⸗ ſtimmten Stunde gerüſtet, und wurde von Saruk abgerufen, den ſein Sohn Ajeez, und mehrere Shroff's und Sahoukar's begleiteten, die den Werth des ſchätzen ſollten, welches er Nugdee Hurr Füßen legen wollte. Der Geizige empfing den Zug der reichen Ehren⸗ männer im Innern ſeines Hauſes, wo Kheir Neyut ſtand, mehr ein Opfer, als eine Braut. „Kommt, meine Freunde,“¹ ſagte Nugdee;„mein Geld liegt bereit, zeigt nun auch das eurige, ſo iſt der Vertrag vollzogen.“ Die Traͤger mit Saruk's Beuteln mußten jetzt ihre koſtbare Laſt auf den Boden ſtellen; um ſie ſetz⸗ ten ſich die ſcharfſichtigen Shroff's, und Zeugen, un⸗ — 173 ter den letztern Ashuk, der, Saruk zur Rechten ſitzend, begierig dem Öffnen der Beutel entgegen ſah. Nug⸗ dee war nicht müſſig; er gieng an mehrere, wohl⸗ verwahrte Kiſten, aus denen er verſchiedene Beutel herausnahm, die er heftig zu Boden warf, daß die Shroff's über den angenehmen Klang erſchracken. Mit heimlichem Vergnügen beſchaute Nugdee die vor ihm aufgehäuften Beutel, und genoß die Huldigung und Bewunderung; die er in den Augen der Zuſchauer ſtrahlen ſah, ſetzte ſich auf den kleinen Hügel den ſeine Reichthümer bildeten, und rief:„Jetzt zur Sache! jetzt, Saruk zeige dein Geld!“ Die Shroff's öffneten den erſten Beutel, der Saruk gehörte, und heraus fielen goldne Zierrathen, Barren, Silber, Gold⸗Mo⸗ hur's, und andre Koſtbarkeiten; nachdem der Werth davon genau angegeben war, und Nugdee das Gold mehrmals an dem untrüglichen Prüfſtein gerieben, wurde der zweite Beutel vorgenommen.„Jetzt,“ dachte Asbuk,„jetzt kommt das Blei:“ aber ach! ein Beutel nach dem andern wurde geöffnet, und zu ſeinem größ⸗ ten Verdruſſe wurde der Inhalt von der edelſten Sorte erfunden. „Jetzt,“ rief Saruk,„laß uns deine Schätze ſehen, Meiſter Nugdee.“ „Wohl,“ ſagte vergnügt der Geizige, einen der Beutel die unter ihm lagen, ergreifend; um ein er⸗ greifendes Schauſpiel zu geben, und die Augen der Zuſchauer durch die Menge Goldes zu blenden, öffuete er ihn, hielt ihn unten, und heraus flel— kein Gold, ſondern ſchwere Klumpen ſchlechtes Blei. Nug⸗ dee's Geſicht zu malen wäre unmöglich; die Verzweif⸗ lung die ſich über die Züge verbreitete, welche wenige Augenblicke vorher in teufliſcher Freude und Zufrieden⸗ heit glänzten, glich einer dunkeln Wolke, die uͤber die — —— 174 Sonne hinzieht; ſeine Lippen zuckten, ſeine Hand zit⸗ terte alle ſeine Glieder waren gelähmt, und ſeine Augen ſtierten auf das ſchreckliche Blei, als hätte er gehofft, ſein ſchmerzlicher Blick würde es in Gold verwandeln. Wirklich war das Erſtaunen der ganzen Geſellſchaft, beſonders Ashuk's, beinahe ſo groß, als das des Geizigen; eine Todesſtille folgte. Kheir Neyut, die in einiger Entfernung ſtand, fühlte nur für ihren Vater! ſie ſah den Kampf in ſeinem Innern, und war bereit, ihm zu Hülfe zu fliegen, wenn er dem Schmerze erliegen würde. Endlich brach Saruk die fürchterliche Stille, und ſagte: unterſuche einen andern Beutel, Nugdee, vielleicht findeſt du edleres Metall da⸗ rin. Langſam zog der Geizige den zweiten Beutel vor, aus dem ebenfalls Blei, ſchweres Blei, mit einigen wenigen Goldbarren vermiſcht, herausfiel; er verſuchte die übrige, und fand in allen denſelben Inhalt. Nug⸗ dee’s Stöhnen und Seüfzen hätte das härteſte Herz gerührt, aber das Erſtaunen zu malen, das ſich in Ashuk's Geſicht ausdrückte, wäre dem geſchickteſten Künſtler nicht gelungen: der Gedanke, daß er nicht Saruk, wie er geglaubt, ſondern Nugdee ſelbſt beraubt, war ſo wunderſam und ſo ſehr unerwartet, daß jeder der Geſellſchaft, wenn er Muße gefunden, ſeine Blicke von dem Geizigen, dem Blei und Gold abzuwenden, und auf Ashuk's Geſicht zu werfen, nicht umhin gekonnt hätte, in dieſem Spiegel des Innern das Bekenntniß zu le⸗ ſen, daß er ganz in das Geheimniß eingeweiht ſey. Von Hurrees Al Alghar war alle Lebensluſt ge⸗ wichen; ſein Geld, ſein theures Gold war fort, welche Freude konnt' ihm alſo das Leben bieten? Er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, und man ſah durch dieſe Thränen träufeln. Als er etwas ruhiger gewor⸗ den, trat Saruk zu ihm, und ſagte; bei ſo ungünſti⸗ 3 175 gen Umſtänden hoffe er, werde er nicht erzürnt oder überraſcht ſeyn, wenn er die Heirath ſeines Sohnes mit Kheir Neyut ablehne; er würde ſtolz auf die Ver⸗ bindung geweſen ſeyn, wenn die Sache mehr zur Zu⸗ friedenheit beider Theile ausgefallen wäre.“ Dieß ſchlug nicht nur dem Stolz, ſondern auch der Ruhe des Geitzigen eine Wunde, der einige Zeit der thörich⸗ ten Hoffnung ſich hingegeben hatte, daß er die Heirath ablehnen könnte, wenn die Armuth des andern Theiles ſich zeigen würde. Daß er alſo ſehen mußte, wie Saruk's Beutel das reinſte Gold enthielten, während in den ſeinigen nur Bleiklumpen waren, und hören, wie der Kaufmann die Heirath aus demſelben Grunde ablehnte, den er hatte geltend machen wollen, war eine Kränkung, die dem armen Nundee tief in's Herz ſchnitt. Während er ſann, was er Saruk antworten ſollte, trat Ashuk vor, und ſagte:„Weii der geehrte Kaufmann die Ehre einer Verbindung mit dir aus⸗ ſchlägt, Herr, ſo ſey es mir vergönnt, die heiße Liebe zu geſtehen, die ich zu deiner Tochter trage, und meine Bereitwilligkeit, ſie zu heirathen; auch will ich die verlangte Summe aufweiſen, und bitte dich um die Vergünſtigung, dir den ſchmerzlichen Verluſt, den du erlitten, wieder zu erſetzen.“ Der Geizige ſchlug die Augen anf, und ſagte: „Es ſey, Ashuk; rufe meine Tochter.“ 3 Kheir Neyut, die in einiger Entfernung die ganze Scene mit angeſehen hatte, war, obgleich der Ver⸗ luſt ihren Vater betroffen hatte, doch erfrent darüber, weil er Veranlaſſung geworden war, ihre Verbindung mit Ajeez zu trennen, den ſie von Herzen verabſcheute. Auf ihres Vaters Befehl trat ſie vor, und der be⸗ klagenswerthe Alte redete ſie, mit Thränen in den Augen, alſo an:—. 176 „Kheir Neyut, einſt beſaß ich mehr als vier Lak Rupien; ein Schurke hat ſie mir geſtohlen, und jetzt bin ich ein Bettler! Ein ſchützender Engel tritt zu meiner Rettung auf, und verlangt deine Hand, tritt vor, Ashuk“— der Jüngling kam heran;—„dieß, Kheir Neyut, iſt der Mann, den du hoffentlich nicht ausſchlagen wirſt.“ „Mein theurer Vater,“ antwortete das Mädchen, „du weißt, ich habe ſo lange du glücklich warſt, im⸗ mer deinen Willen befolgt und Gott verhüte, daß ich in deinem Unglück dir ungehorſam werden ſollte! hier, Ashuk, iſt meine Hand.“ Freudig ergriff der Jüngling die dargebotne Hand, die er an ſeinen ſchlagenden Buſen drückte, und aus ſeinen Augen ſtrahlte die Wonne, die ſeine Lippen nicht auszuſprechen vermochten. Schon lange vorher hatten Saruk und Ajeez ihr Gold zuſammengepackt, und waren davon gegangen, weii ſie hier nichts mehr zu thun hatten. Nunddee beſtimmte den folgenden Tag zum Aufzeigen des Geldes, und Ashuk für ſein gü⸗ tiges Erbieten dankend, ihm ein halbes Lak Rupien zum Erſatz für ſeinen Verluſt zu geben, bemerkte er, daß er vielleicht nicht durchaus zu Grunde gerichtet ſey, wie er geglaubt hatte, und verſprach ihm mor⸗ gen entſcheidende Antwort zu geben ob ſeine Um⸗ ſtände es erheiſchen würden, daß er von ſeinem groß⸗ müthigen Antrage Gebrauch mache. Ashuk wieder⸗ holte ſeine Bereitwilligkeit, dem armen Geizigen bei⸗ zuſtehen, und wandte ſich dann zu Kheir Neyut, mit der er ſich jetzt ohne Zwang unterhalten konnte, wäh⸗ rend Nugdee die wenigen ihm gebliebenen Goldbarren auflas. Ashuk, der ſah, daß es dem alten Manne ſauer wurde, bot ihm ſeine Hülfe an, und entdeckte dabei auf dem Boden den Beutel, den er bei ſeinem 41 177 letzten Beſuche in dem Brunnengewölbe bemerkt hatte, mit der Aufſchrift:„Saruk Rs. 5000,“ dieſe Summe konnte wohl das Lak zum Theil erſetzen, das bei der Heirath vorgelegt werden mußte. Nachdem er einige Zeit mit ſeiner geliebten Kheir Neyut gekoßt, nahm Ashuk ſeinen Abſchied, überzeugt, daß er am folgen⸗ den Tage Nugdee wieder treffen ſollte. Sobald es Nacht geworden war, ging Nugdee niedergeſchlagen zum Brunnen„ deſſen Schauer ihm ſo lange zum Schutze gedient hatte, die aber doch zuletzt ihre Wirkung verfehlt hatten, da ein frecher Schurke ſeine vergrabenen Schätze fand.„Gewiß,“ dachte er,„iſt nicht alles mein Geld geſtohlen,“ und trat mit der, wiewohl ſchwachen Hoffnung, die übri⸗ gen Beutel, wie er ſie wünſchen konnte, voll Gold zu finden, in das Gewölbe. Leider aber waren ſie, wie die, welche er in Saruk's Gegenwart geöffnet hatte, mit Blei angefüllt. Er las die wenigen Gold⸗ barren, die oben in jedem Beutel lagen zuſammen, eilte fort, warf in der Haſt den bewachenden Drachen um, und ſtieg aus dem Brunnen, um nie wieder zu kehren. 3 Es iſt ſchon bemerkt worden, daß niemand wußte, wie der Geizige, der Anfangs ein gemeiner Straßen⸗ kehrer war, zu einer Summe Geldes kam, durch die er ſo reich wurde. Er und ein Anderer fanden nem⸗ lich auf einer Reiſe durch einen. Wald, 80,000 Ru⸗ pien unter einem Baume verſcharrt; dieſe nahmen ſie mit ſich, mit dem Entſchluſſe ſie zu theilen. Nugdee ſuchte indeſſen einen Platz, um ſie zu verbergen, und ſchlug ſeinem Freunde vor, die ganze Summe hier zu laſſen, und jede Rupie, die ſie fänden, zu dem Funde zu thun; würde dieſer auf ein Lak angewachſen ſeyn, ſo wollten ſie dieſes theilen, aber vorher nicht. Der 8* 178 Einfältige willigte ein, und fand eines Tages, als er die Stelle beſuchte, daß das Geld verſchwunden war. Er hatte natürlich ſeinen Gefährten Nugdee im Verdacht, und ging deſſen Hauſe zu, um ihm den Betrug vorzuwerfen, als dieſer ſchlaue Schalk ihm mit den Worten entgegen kam:„Bruder, wie kannſt du mir einen ſolchen Streich ſpielen? Dieſen Morgen will ich einige Rnpien zu unſerm Schatz tragen, und finde, daß du ihn ganz geholt haſt. Ich bitte dich, gib mir meinen Theil.“ Sein einfältiger Gefährte erklärte, er habe Nugdee aufgeſucht, um ihm denſel⸗ ben Vorwurf zu machen, und nachdem der Letztere ſich ſcheinbar beklagt, wurde entſchieden, ein Dieb müſſe ihr Geld gefunden, und mitgenommen haben, obgleich wirklich Meiſter Nugdee ſelbſt der Räuber war. Nachdem er ſo durch Betrng ſeinen und ſeines Freundes Antheil an dem Schatze ſich angemaßt, eilte Nugdee, mit einem Stier, auf deſſen Rücken er das Geld geladen hatte, ſchnell der Stadt zu, und kam an dem bezauberten Brunnen vorüber. Weil es ge⸗ rade in der Regenzeit war, nöthigte ihm ein heftiges Ungewitter, unter den Bäumen, die ihn umgaben, ein Obdach zu ſuchen. Der Geizige war ſehr in Angſt, als er ſich in der Nähe des ſchauerlichen Platzes be⸗ fand, und ſtand ſchweigend unter einem großen Man⸗ gobaume. Hier fand er es unbehaglich, rückte all⸗ mählig dem Brunnen näher, und wagte es endlich, hinabzublicken; da er aber keine ſchreckende Geſtalt ſah, ſo ſchwand alle Furcht, er führte ſeinen Stier an die Mauer, und ſtieg die ſteinerne Treppe hinab. uuten angelangt, fand er kein Waſſer, ſondern einen regelmäßig gepflaſterten Platz, und auf der einen Seite eine Höhle von beträchtlichem Umfang. Da kam ihm — öÿ‚O—;— —yy— 179 der Gedanke, hier würde ſein Schatz am beſten ge⸗ ſichert ſeyn, und er beſchloß, wieder zu kommen, um eine Thüre anzulegen, die die Höhle verſchlöſſe. So⸗ bald alſo der Sturm aufgehört, trieb er ſeinen Stier mit dem Gold nach Hauſe, legte dieſes hier zu an⸗ dern kleinen Summen, und erſchien am andern Tag wieder bei dem Brunnen. Da er in früherer Zeit gewöhnlich bei Maurern und Steinhauern Handlan⸗ ger geweſen war, um ſich ſeinen Unterhalt zu erwer⸗ ben, ſo beſaß er Geſchicklichkeit genng, das Gewölbe ſo einzurichten, wie Ashuk es fand, und verbarg, als es fertig war, ſeinen Goldhaufen darin. Der Volks⸗Aberglaube würde, meinte er, ihn hinlänglich ſichern; um aber das Schauerliche des Orts zu ver⸗ größern, verfertigte er den papiernen Drachen, den er Nachts beleuchtete, und hörte mit Freuden, wel⸗ cher Schrecken den unglücklichen Hindu angewandelt, als er es wagte in den Brunnen zu ſehen, da deſſen Vorwitz ohne Zweifel eine Warnung für jedermann ſeyn mußte. Dreißig Jahre lang fehlte keine Rupie, und hätte nicht Ashuk ſo kühnen Muth gehabt, ſo wäre wohl das Gewölbe mit ſeinem Inhalte nie ent⸗ deckt worden. In einer Nacht, ungefähr ein Jahr, nachdem Nugdee ſein Gold dem Brunnen anvertraut, glaubte er jemand unter den Bäumen zu hören, der aus dem Gebüſch zu treteu ſchien, und um jeden, der dieſe Vermeſſenheit haben würde, abzuſchrecken, pflegte er von dieſer Zeit an, wenn er den Brunnen beſuchte, ein ſchwarzes Kleid mit rothen Streifen anzulegen, und einen brennenden Stengel oder ein Stück Kohle in den Mund zu nehmen, die, wenn er athmete, die Strahlen von ſich warf, die Ashuk ſo erſchreckten. Es fügte ſich, daß der alte Nugdee gerade in der Nacht, wo Ashuk die Spur des ſchwarzen Brunnenwächters —yy ÿ— 180 verfolgte, mit Saruk wegen eines beſondern Geſchäfts ſpät noch eine Zuſammenkunft in deſſen Hauſe ver⸗ abredet hatte; und ſo hatte ſich Ashuk über den wah⸗ ren Eigenthümer des Goldes getäuſcht, und glaubte feſt, den Weg zu Saruk's, nicht zu Nugdee's Schatz⸗ kammer gefunden zu haben, die er immer innerhalb der Mauern ſeines Hauſes in der Stadt glaubte.— Weil er gefunden, daß er beinahe Bettler ſey, verfügte ſich Nugdee Hurrees in Ashuk's Haus, der, weil er wohl wußte, wie es mit den übrigen Beuteln im Gewölbe ſtand, das dem beinahe verzweifelnden Alten verſprochne Geld ſchon gerüſtet hatte, welches mit großem Danke aufgenommen ward. Bald darauf wurde Kheir Neyut's Verbindung mit Ashuk mit großem Aufwand und vieler Pracht gefeiert. Unter den Gäſten war niemand ſo ſehr vergnügt, wie die arme Bewah, die es noch erlebte, daß ihr Sohn ein angeſehner Mann wurde, und als dieſer mit ſeiner Braut an ihr vorüberging, und ſie an ſeine frühere Auſſerung erinnerte, daß Ajeez nie Kheir Neyut heim⸗ führen ſollte, und er dieß verhindern würde, erwie⸗ derte ſie:„ja, mein Sohn! du haſt dein Glück nicht deiner Vorſicht und Klugheit zu danken, die deine Verſichernng wahr gemacht hat.“ „Ei freilich, Mutter, wenn du Alles wüßteſt,“ ſagte Ashuk flüſternd, und verließ Bewah in ſtummem Erſtaunen.. 3 Hurrees Al Alghar erholte ſich nicht wieder von den Folgen, die der Verluſt ſeines geliebten Goldes in ſeinem Innern hervorgebracht; ſeine Geſundheit und ſeine Kräfte nahmen nach und nach ab, und er mußte endlich das Bett hüten, wo er einige Monat ſiechte, und dann von den Reichthümern dieſer Welt *‿ 184 für immer ſchied, und alle ſeine Habe Ashuk und deſſen Frau Kheir Neyuͤt hinterließ. Eines Morgens wurde Ashuk angenehm überraſcht durch einen Beſuch, von dem Schulmeiſter und dem Kapitän Furreeb Khash, der eben angelangt war. Sie lachten über die Unannehmlichkeiten, die er ſich in Ashuk's Dienſte zugezogen, der ihm eine anſehn⸗ liche Belohnung zukommen ließ, wodurch der Kapitän in kurzer Zeit ein anderes Schiff erhielt, und in we⸗ nigen Jahren ſich ein bedeutendes Vermögen ſammelte. Ajeez heirathete ein Mädchen gegen den Willen ſeines Vaters, der deswegen die Verbindung mit ihm ab⸗ brach, daß der einfältige Menſch bei dem Verſuche, auf eigne Rechnung Geſchäfte zu machen verunglückte, und Ahmedabad für immer verließ, während Ashuk glücklich mit ſeinem Weibe lebte, eine zahlreiche Nach⸗ kommenſchaft hatte, und allgemeine Achtung genoß.— Hier ſchloß der Fleiſcher; der Nuwab bezengte ſeine Zufriedenheit mit der Erzählung, entließ ihn, und beſtimmte den folgenden Tag zu Auhörung der fünften Geſchichte. Nachdem die Übrigen, wie früher, im Palaſte des Deewan ſich eingefunden hatten, ſiel das Loos auf Sove⸗ bin⸗Taunchnee, den Schneider, der alſo die Weiſung erhielt, ſich auf den folgenden Tag be⸗ reit zu halten, und als der Nuwab und die Frauen ſich verſammelt hatten, begann der Schneider die fol⸗ gende Geſchichte: ——: 182 Neuntes Kapitel. Vor vielen Jahren lebte in der Stadt Aurunga⸗ bad ein Moolah, Namens Ghooſah Khan, ein Mann von ſo reizbarer Gemüthsart, daß nur wenige der Freundſchaft mit ihm ſich rühmen konnten. Er war hochgewachſen und dürr, ſein Geſicht äußerſt abſchrek⸗ kend und ſtark blatternarbig,— eine Krankheit, bei der er ein Auge verloren hatte. An ſeinem Kinne wuchs ein dünner, ſchlechter Bart, während das Haar auf ſeiner Oberlippe ſeinen Mund ganz bedeckte. Seine Kleidung war unreinlich und ſchmutzig, und in ſeinem Hansweſen, das nur aus einem Sohn und einem alten mahommedaniſchen Diener, Suliman, beſtand, Alles äußerſt ſchlecht beſtellt. Der Moolah war um dieſe Zeit ungefähr fünfzig Jahre alt, ob er gleich noch viel jünger ausſah. Sein Weib war ſchon lange geſtorben, und doch hatte jedermann in der Stadt ſich gewundert, wie die arme Frau nur ſo hoch ihr Leben gebracht hatte, da der Moolah von ſo heftiger, reizbarer Ge⸗ müthsart war. Nach ihrem Tode ſuchte der Moolah keine zweite Ehehälfte, wahrſcheinlich, weil er glaubte, ſein Suchen würde ihm viele Mühe machen und doch zu nichts führen. Ghooſah Khan galt für reich, wenn gleich niemand zu ſagen wußte, wo ſein Gold war; einige hegten den für ihn nicht vortheilhaften Ver⸗ dacht, daß er ſeine Reichthümer übernatürlichen Kräf⸗ ten verdanke, während Andre offen ihre Vermuthung ausſprachen, er habe Umgang mit Iblis ſelbſt, der ihn von Zeit zu Zeit beſuche. Mochte nun ſein Reichthum, ſeine Lage oder ſeine Gemüthsart herrühren, woher ſie wollten, gewiß iſt, daß jedermann den Moolah mit Grauen anſah, und beſonders ängſtlich vermied, ihm 183 Veranlaſſung zum Mißvergnügen zu geben. Noch nie hatte ein Prieſter ſo großes Anſehen in Aurungabad genoſſen, wie Moolah Ghooſah Khan; alle Einwoh⸗ ner, vom Nuwab bis zum Bauern, traten ſeiner Mei⸗ nung bei, und die Moſchee, in welcher er den Gottes⸗ dienſt verrichtete, war von Morgens bis Abends über⸗ füllt.— Mütter befragten den Moolah wegen der Heirath ihrer Kinder, und die Männer erholten ſich bei ihm Raths in geheimen, wichtigen Angelegenheiten. Unter den Einwohnern war keiner ſo unglücklich, und. führte keiner ein ſo trauriges Leben, als der arme Nazook, der Sohn des Moolah, an dem dieſer ge⸗ wohnlich ſeinen Zorn ausließ, er mochte Recht oder Unrecht haben, ſo daß der junge Menſch freudig dem Tode entgegen ſah, der dieſen wüthenden Vater von ihm nehmen würde, welcher ſeinem Glück und Wohl⸗ ſeyn ſo ſehr im Wege ſtand. So lange er indeſſen lebte, mußte Nazook ehrerbietig ſich fügen, weil er fürchtete, ſein Vater möchte ihn ſonſt enterben, oder ſterben, ohne ihm den Ort zu entdecken, wo ſein Schatz verborgen lag. In der Stadt lebte jemand, gegen den der Moolah einen tödtlichen Haß trug, und dieß war ein Khoosh Nuvees*), Dubeer Khan geheißen. Es geſchah einmal, daß der Nuwab einen Auszug aus dem Koran oder aus einem Geſetzbuche verlangte, um in einem vorliegenden wichtigen Rechtsfall ein wichti⸗ ges Urtheil fällen zu können.— Um der richtigen Auslegung des Geſetzes gewiß zu ſeyn, trug er dem Moulevee und dem Moolah Gbooſah Khan auf, ihm den Futwah**) zu reichen. Nachdem der Moolah ſei⸗ nen Auszug, nebſt ſeinen eignen Gedanken über die *) Ein Schönſchreiber. *) Die Auskegung. 184 Auslegung des Geſetzes, ſorgfältig geſchrieben, brachte er ihn einem berühmten Schönſchreiber, der eine zier⸗ liche Hand führte, und Dubeer Khan hieß, mit dem Befehle, den Futwah ſo zierlich als möglich zu ſchrei⸗ ben. Der Moulevee bediente ſich gleichfalls dieſes be⸗ rühmten Schreibers zu demſelben Zwecke, und als beide Abſchriften vor den Nuwab gebracht wurden, glaubte der Moolah, als er ſie ſah, die des Moulevee ſey viel ſchöner geſchrieben, als die ſeinige, und trug von da an einen ſo großen Haß gegen den Khoosh Nuvee's, daß der arme Dubeer Khan ſich lange nicht aus dem Hauſe wagen durfte. Einige Monate nach der durch den Schreiber erlittnen Unbill, wurde Nazook in's Zimmer ſeines Vater berufen. „Nazook,“ ſprach der Moolah,„es iſt hohe Zeit, daß du dich nach einem Weibe umſiehſt, weil ich aber auf deine Wahl nicht viel halte, ſo bin ich eutſchloſ⸗ ſen, die Hand Zooma's, der Tochter unſers verehrten Cazee, für dich zu begehren. Wagſt du es, ein ver⸗ drüßliches Geſicht zu machen, du frecher Bube! Zeige eine freundliche Miene, Kerl, lache, ſag' ich dir, oder bei Mahommed! dein Beuehmen ſoll dich reuen!“ Der arme Junge verſuchte zu läͤcheln, aber die Art der Anrede und die finſtern Blicke ſeines Vaters, brachten nur ein widriges Grinſen hervor, das der Moolah unglücklicherweiſe für Verſpottung hielt. „Wie Kerl, du lachſt mich aus, du? Iſt es ſo weit gekommen! He, Suliman, komm her, hurtig!“ Zitternd trat der alte Diener ein und machte eine tiefe Verbeugung. „Mein Vater,“ ſagte Nazook,„es war durchaus nicht meine Abſicht, unehrerbietig gegen dich zu ſeyn. Ich verſuchte zu lächeln, wie du befahleſt, allein wenn A ——— — 185 das Herz trauert, iſt es ſchwer, eine lachende Miene anzunehmen.“) 3 „Und was, frag' ich, macht dein Herz traurig, du gemäſteter, undankbarer Junge?“ „Das, was du ſprachſt, Vater, hat mich betrübt. Ich kann Zooma nicht heirathen, denn ich liebe eine andere.“ „Sprich kein Wort weiter, du Schurke! Der Athem geht mir aus“—(pich wollte, er wäre ſchon aus,“ dachte Nazook)—„ich ſage dir, ſey ſtill, ſonſt bringſt du mich in meine Wuth, die du kennſt.— Ach, es hat angeſchlagen, ich fühl' es, ich kann nicht ſtehen, und doch bin ich an den Ort feſtgebannt;— bring' mir Waſſer, Suliman: die Schlange da will mich tödten.“ Nachdem er ſeine Lippen mit Waſſer befeuchtet, wurde der Moolah ruhiger, und ſagte nach einiger Zeit:„Wer iſt deine vorgebliche Geliebte? Sprich, ich befehle dir's.“ „Weil du befohlen haſt, Vater, ſo muß ich gehor⸗ chen. Ich liebe Zeinab, die Tochter Dubeer Khan's, des Khoosh Nuvees.“— Dieß war genug: der Moolah ſtürzte nieder, ſtöh⸗ nend, mit den Füßen ſchlagend, wie ein Raſender, die Fäuſte ballend, und Mahommed's Rache auf ſeinen Sohn herabbeſchwörend. Der alte Suliman, der wußte, wie ſein Herr zu behandeln war, ſagte zu Nazook, man müſſe die Wuth austoben laſſen, denn ſie müſſe ſich, wie ein ſtarkes Feuer, früher oder ſpäter, legen. Der Anfall dauerte jedoch länger, als der ſcharfſinnige Suliman bisher erſahren hatte, und es währte lange Zeit, bis das verzerrte Geſicht des Moolah ſein ge⸗ wöhnliches Ausſehen wieder gewann: er athmete ſchwer, ſein Mund ſchäumte, und die Zuckungen der Wuth dauerten noch fort, ſo ſtark, daß Suliman nach einem 2* 186 Arzte ſchickte, der bei ſeiner Ankunft den Kranken un⸗ beweglich ausgeſtreckt fand. Der Doktor unterſuchte den Moolah und ſchüttelte den Kopf. „Nun, Doktor,“ rief Nazook,„iſt noch Hoffnung vorhanden?“ 4 3 et, de entgegnete der Hukeem,„er iſt bereits „Was?“ ſagte Nazook;—„iſt es wirklich“— hier unterbrach er ſich ſelbſt, ſtellte ſich, als weinte er, und fuhr in traurigem Tone fort,—„iſt mein theu⸗ rer Vater wirklich todt?“ „Ja, wir haben unſern gelehrten Moolah verlo⸗ ren,“ erwiederte der Doktor. „Bring' ein Tuch, Suliman,“ rief Nazook.„Du kannſt gehen Doktor und die traurige Neuigkeit be⸗ kannt machen.“ Der Hukeem verbeugte ſich und ging, während Suliman und Nazook anfingen, Rock und Turban des Verſchiedenen abzuziehen, ihm nur die Beinkleider lie⸗ ßen, und ihn dann in das Leintuch einwickelten. Suliman wurde hierauf ausgeſchickt, um das Begräb⸗ niß zu beſtellen, das noch an dieſem Abend ſtatt fin⸗ den ſollte. Unterdeſſen durchwühlte Nazook das ganze Haus, um ein Teſtament zu entdecken, das er auch nach einiger Zeit fand, und darin mit Vergnügen las, daß er der einzige Erbe von dem Eigenthum des Ver⸗ ſtorbenen wäre; zum Unglück aber war nicht angege⸗ ben, wo dieſes zu finden ſey, ſo daß Nazook ſah, er habe nichts geerbt, als ein altes, leeres Haus. Da er indeſſen gewiß wußte, daß innerhalb ſeiner Mauern Geld verſteckt war, ſchickte er nach Arbeitern und Maurern, entſchloſſen, das ganze Haus niederzureißen, um das vergrabne Gold zu ſuchen; aus Furcht jedoch, die Werkleute möchten es finden, während er dem Be⸗ —x' 187 gräbniſſe anwohnte, befahl er, ſie erſt einzulaſſen, wenn er zurückgekommen, und ließ den alten Suliman zur Aufſicht im Hauſe.. Das Begräbniß fand ſtatt, und die überreſte des wüthenden Moolah wurden in ein nicht tiefes Grab verſenkt, ohne daß eine einzige Thräne floß, und ob⸗ gleich Nazook während der Beerdigung häufig ausrief: „Allah, o Allah! Allah! o Ackbar u. ſ. w.,“ wandte er ſich doch, als die Überreſte ſeines Vaters unter der Erde ruhten, zu ſeinen Freunden im Kreiſe umher, und ſagte:„Gott iſt barmherzig! Freund, ich hoffe, du werdeſt mir dieſen Abend beim Mahle das Ver⸗ gnügen deiner Geſellſchaft ſchenken, ich denke, es ſoll ſtattlich werden.“—„Mirza Baheem,“ ſprach er zu einem Andern,„du wirſt mich doch mit deiner Gegen⸗ wart beehren; wir haben einen Nautch; ich weiß, du biſt ein großer Freund vom Tanzen, und die alte Bucktanee*) hat, wie du weißt, herrliche Taefu's**).“ „Verehrteſter Dubeer Khan, Vater der reizenden Zei⸗ nab, ich bitte dich, bringe dieſen Tag vollends bei mir zu.“ Alle verſprachen, zu kommen, und Nazook eilte nach Hauſe, um den alten Suliman aufzumuntern; dieſer war viele Jahre im Hauſe geweſen, ohne daß auch nur ein einziges geſellſchaftliches Mahl bereitet wurde; und wollte daher Einwendungen machen, allein Nazook brachte ihn zum Schweigen, indem er den Be⸗ fehl wiederholte, er ſollte ein großes Gaſtmahl aus⸗ richten. Viele, die keine Beſchäftigung hatten, und Nazook's Vorhaben, erfuhren, ſammelten ſich um ſein Haus und boten ihre Dienſte an; er nahm manche und gab ihnen beſondre Aufträge. Sechs beſtellte er *) Eine alte Frau dieſes Namens, welche Taͤnzerinnen hielt. **) Eine Geſellſchaft Tänzerinnen. 188 zu Laufern, zwei zu Gehülfen des alten Suliman, drei Köche, vier Muſſalches*), zwölf Palankin⸗Trä⸗ ger und einen Schreiber. Dazu kamen Waſſerträger mit Kühltonnen, Leute mit Hookah's und Chohdar's, ſo daß, bei der lärmenden Geſchäftigkeit dieſer neuan⸗ geworbnen Taugenichtſe und dem Getöſe der Werk⸗ leute, welche Mauern und Treppen durchbrachen, um den Schatz zu entdecken, das Haus des alten Moolah dem Innern einer vom Feind eroberten Feſtung glich. Der Schreiber war gerufen worden, um aufzuzeich⸗ nen, was gefunden würde, während Nazvok bald zu dieſem, bald zu jenem Theile der Werkleute lief, und ängſtlich fragte, ob ſie den Schatz entdeckt hätten: allein zu ſeinem großen Verdruſſe erhielt er wieder⸗ holt von jedem Theile der Arbeiter zur Antwort: „Nein Herr, noch nicht.“ Endlich beorderte er ſie alle, eine dicke, ſteinerne Mauer unter einer engen Treppe zu durchbrechen, und da es Mitternacht wurde, ehe ſie mit der Arbeit zu Stande gekommen waren, ſtellte er einen Chobdar mit zwei Gerichtsdienern an den Platz, denen er auftrug, ihm von Zeit zu Zeit über den Fortgang des Werks Bericht zu erſtatten. Unterdeſſen war der alte Suliman mit ſeinen Köchen nicht müßig, und die Stunde des Mahles kam, und mit ihnen die Gäſte, an ihrer Spitze Dubeer Khan, der Schreiber. Ein ganzer gebratner Bock duftete vor dem vergnügten Nazook, und war ſchon mit Hülfe 4 hölzerner Löffel und der Finger unter die Geſellſchaft vertheilt; ein großes Pilau bildete den Mittelpunkt, während Zuckerwerk, Curry, Reis und Milch nach ein⸗ ander aufgeſetzt wurden. Einige von den Gäſten hat⸗ uten hölzerne Teller, während andere mit Piſang⸗Blät⸗ *) Fackelträger. 189 tern ſich begnügen mußten, und es war erſtaunlich an⸗ zuſehen, mit welcher Gier ſie den Schüſſeln zuſprachen, und ihre Finger in den Reis und Ghee tauchten, die jedem Gericht zugegeben waren. Mitten nnter dem Mahle erſchien der an die Mauer beorderte Chobdar, und es trat eine tiefe Stille ein. „Herr,“ ſagte er, zu Nazook gewendet,„die Werk⸗ leute ſind auf eine dicke eiſerne Platte geſtoßen.“— „Weg damit,“ rief Nazook;„weg mit der eiſernen Platte, und du laſſe niemand ein, bis ich komme. Jetzt meine Freunde,“ fuhr er, zu der Geſellſchaft ſich wendend, fort,„jetzt wollen wir noch manches Gaſt⸗ mahl halten; die Mauern des alten Hauſes ſollen von den Tönen des Puckwaz*) wiederhallen. He da! ſind die Taefus da?“ „Ja, Herr.“ „So räumt ab, und bringt Waſſer und Hookah's, und hört ihr, ſchafft Pawn und Betel⸗Blätter in Menge herbei, mit Gewürznelken, Kardemom u. ſ. w.“ Bald waren dieſe köſtlichen Spezereien herbeige⸗ bracht, und nachdem die Geſellſchaft in den obern Theil des Saales ſich zurückgezogen, begann der Nautch. Durch die geöffneten Thüren drang eine Menge unge⸗ ladner Gäſte in den Saal, was dem jungen Erbherrn ſo wenig unangenehm war, daß er ſich dadurch viel⸗ mehr höchlich geſchmeichelt fand, und lächelnd gegen den ganzen Kreis ſich verbeugte. Männer vom erſten Rang erſchienen jetzt, und wünſchten Nazook Glück zu ſeiner Erbſchaft, ließen aber bei ihrem freundlichen Grüßen hin und wieder einen Beiteids⸗Seufzer über den Verluſt ſeines verehrten Vaters, des gelehrten *) Die kleine Trommel, welche die Taͤnzerinnen zu beglei⸗ ten pflegt. 3 A 8 190 Moolah, hören. Unterdeſſen war Nazook in großer Angſt, der Schatz möchte ſich nicht finden, denn in dieſem Falle würde er mit der Bezahlung des Gaſt⸗ mahls ſehr in Verlegenheit gekommen ſeyn, noch we⸗ niger aber hätte er dieſe glänzende Lebensart fortſetzen können. Endlich trat der Chobdar, der erſehnte He⸗ rold des Glücks, unter die Tanzenden, mit dem Rufe: „Die Mauer und die eiſerne Thüre ſind nächſtens durchbrochen, Herr.“ 3 „Lichter! Lichter!“ rief entzückt der junge Mann. „Kommt Freunde, kommt, und ſeyd Zeugen, wie reich ich bin.“ 3 Die Geſellſchaft verließ jetzt den Saal, und drängte ſich hinter Nazook über enge Treppen und durch leere Zimmer, bis ſie an den Platz kamen, wo die Arbeiter gerade die eiſerne Platte wegnehmen wollten. Nazook ergriff eine Fackel, und ſah mit Vergnügen, daß die Hinderniſſe, die ihn von ſeinen Schätzen trennten, alle aus dem Wege geräumt waren. „ Jetzt Freunde,“ ſprach er, ſchon mit einem Fuße in der kleinen Grotte und eine armlange Fackel in der Hand,„jetzt warten Glück und Freude unſrer; das Gold ſoll nicht unbenützt liegen, verlaßt euch darauf.“ „Wah! wah!“*) rief beifällig die Menge, die ſich um die Öffnung ſammelte.. „Wah! wah!“ riefen von oben herab diejenigen, welche ſich auf der engen Treppe drängten. Nazook trat in die enge Kammer, kam aber bald zurück und ſtieß einen gräßlichen Schrei aus, der durch 8 die gewölbten Gänge wiederhallte: alle, die es eben⸗ *) Ein gewöhnlicher Ausruf des Beifalls oder des Er⸗ ſtaunens. 8 191 falls wagten, hineinzuſehen, um den Grund ſeiner Be⸗ ſtürzung zu erfahren, ſchrieen laut, während andere aus Furcht niederſanken. Schnell eilte die Menge zur Treppe, während die von oben brüllten:„Um Allah's Willen! was giebt's? Sagt's uns, oder ihr dürft nicht herauf.“ „Platz!“ ſchrie der zitternde Haufe unten,„bei Allah! wir haben den Geiſt des alten Moolah auf ſeiner Geldkiſte ſitzen geſehen.“ „Waſſer! Waſſer!“ rief es jetzt;„Nazook iſt am Sterben!“ Aber man überließ dieſen ſeinem Zuſtand, denn auf die Worte:„des Moolah's Geiſt,“ zerſtob die ganze Verſammlung und verließ das Haus. Die alte Bucktanee und ihre Nymphen hingen ſich, aus Furcht zurückgelaſſen zu werden, den erſchrocknen Män⸗ nern auf den Rücken, und wurden ſo hinausgetragen. Weil jeder ſchnell fortzukommen ſuchte, wurden Lam⸗ pen, Hookah's und Fächer zerbrochen und zertreten, während die neugeworbnen Diener des Erbherrn auf der Flucht Alles von Werth, das ihnen unter die Hände kam, ſich aneigneten. Der arme Nazvook, der bei dem Scheine ſeiner Fackel wirklich die hagre Geſtalt ſeines Vaters, in das Leintuch gewickelt, auf einer großen Geldkiſte mit⸗ ten in der Kammer ſitzend geſehen hatte, kam nach einiger Zeit wieder zu ſich, und rief nach Suliman; der war aber geflohen, und für ihn die höͤchſte Zeit, ſeinem Beiſpiel zu ſolgen. Mit ſchlotternden Knieen ſtieg er die Treppe hinauf, auf jeder Stufe erwartend, er möchte von dem gräßlichen, einäugigen Moolah wie⸗ der rückwärts gezogen werden. Da er indeſſen glücklich oben ankam, ſchloß er eine Thüre, in der ½ Hoffnung, ſo die Erinnerung an das, was er geſehen, zu vertilgen, aber dumpfe Töne, die 2 . 19² durch das jetzt verlaſſne Haus wiederhallten, verſetzten ihn in neuen Schrecken. Welcher Anblick bot ſich ihm dar! in ſeinem eben noch feſtlich und glänzend erleuch⸗ teten Saale lag Alles in Unordnung, und er war der einzige unglückliche Bewohner. Weil er kein Licht hatte, ſtolperte er alle Augenblicke, bis er ganz ver⸗ wirrt wurde: endlich fühlte er ein Fenſter, öffnete dieſes und ſchrie laut um Hülfe; we auf einige Müſ⸗ ſiggänger auf der Straße, die an dem Hauſe auf⸗ und abgingen, und über den Lärm und die Verwirrung ſchwatzten, ein gewaltiges Geſchrei erhoben, und mit dem Rufe fortſtürzten:„der Geiſt! der Geiſt! der Moolah!“ Vergebens ſuchte Nazook ſie zu überzeugen, daß es nicht der Moolah, ſondern ſein Sohn ſey, der noch lebe und aus dem Hauſe zu kommen ſuche; je ſtärker er rief, deſto lauter ſchrieen ſte. Endlich ſah er Lich⸗ ter auf das Haus zukommen, und wünſchte ſich Glück zu ſeiner nahen Befreiung: er tappte ſich an die Ein⸗ gangsthüre, und gewann den Hof, der die Seite des Hauſes gegen die Straße umgab. Gerade, wie er an das große Hof⸗Thor kam, hoͤrte er zu ſeinem Schrek⸗ ken von auſſen hämmern, nageln und Ketten raſſeln, begleitet von dem Lärm der Hufſchmiede und Zimmer⸗ leute, die berathſchlagten, wie die Thore des verwünſch⸗ ten Hauſes am beſten zu verſchließen wären. Das Hülferufen des armen Nazook ward von den gewichti⸗ gen Hämmerſchlägen und dem Geſchrei der Menge drauſſen übertäubt, und in der Angſt warf er ſich auf den Boden, und ſtöhnte und weinte bitterlich. „Die Undankbaren!“ rief er, ſobald er ſich über⸗ zeugte, daß die Thore feſt genug verwahrt wären, ſei⸗ nen Bemühungen, ſie zu öffnen, zu widerſtehen,„was, denken ſie, ſey aus mir geworden? Daß ſie vor meines 5 4 *ℳ * —— 195 Vaters Geiſt flohen, wundert mich nicht— Gott weiß, ich möchte ihm ebenſo gerne entrinnen; aber doch hätten ſie mich auch berückſichtigen ſollen; ohne Zweifel meinen ſie, meines Vaters Geiſt habe mich erfaßt und in die andre Welt getragen. O, wehe mir, es iſt nicht ſo! nur der Himmel weiß, wie bald die eiſige Hand meines Vaters mich an der Kehle packen wird, da ich jetzt in einen Ort mit ihm ein⸗ geſchloſſen bin. O, die Undankbaren! mich ſo dieſem ſchauerlichen Orte und der Gewißheit des Hungertodes zu überlaſſen!“ So brachte der beklagenswerthe Junge den übrigen Theil der Nacht zu. Am folgenden Morgen ging der unglückliche Erbe von Nichts wieder an das Thor, das er ſo feſt mit Nägeln und Schrauben verwahrt fand, daß er alle Hoffnung aufgeben mußte, auf dieſem Wege zu ent⸗ kommen. In zitternder Angſt kehrte er in's Innere des Hauſes zurück, und fand den Weg zur Küche, wo er zu ſeiner Freude ungekochten Reis, Dhal und Mehl mit den überbleibſeln vom geſtrigen Mahle antraf. Er aß wenig, weil er nicht wußte, wie lange er in⸗ nerhalb der Mauern des verwünſchten Hauſes würde ſchmachten müſſen. Gegen Abend wagte er es, auf den Söller des Hauſes zu ſteigen, in der Hoffnung, einen Bekannten in der Stadt oder in den umliegen⸗ den Häuſern zu ſehen, der, wenn er ihn erblickte, Zeuge wäre, daß er noch am Leben ſey. Hier blieb er bis es dunkel wurde, ohne jemand erblickt zu ha⸗ ben, an den er ſich hätte wenden können. Als er hinabgehen wollte, glaubte er, eine Geſtalt über den Hof ſchleichen zu ſehen, und wie er noch einmal vor⸗ ſichtig über die Brüſtung ſah, erblickte er zu ſeinem Schrecken den Geiſt ſeines Vaters, der, in das Sterbe⸗ hemd eingewickelt, mit langſamem, abgemeſſenem Schritte Ind. Serail. II.. 9 194 auf das Hofthor zuging und vergebens dieſes zu öffnen ſuchte. Daun ging die Geſtalt wieder zurück und trat in's Innere des Hauſes. In unbeſchreiblicher Seelen⸗ angſt blieb Nazook auf die Stelle gebannt; endlich erhob er ſich, ſchloß die Thüre des Söllers, und be⸗ ſchloß, hier die Nacht zuzubringen, denn, obgleich hung⸗ rig und durſtig, wagte er es nicht, in die Küche hin⸗ abzugehen, wo ſein weniger Mundvorrath lag. Es iſt jetzt Zeit, das geheimnißvolle Wiedererſchei⸗ nen des Moolah zu erklären, der, obgleich von Nazvok und dem ſcharfſichtigen Hukeem für todt gehalten, nur in einer Ohnmacht lag, in welche ſeine unbändige Wuth ihn verſenkt hatte. Wie lange er in dem Grabe gelegen haben mag, kann nicht angegeben wer⸗ den; gegen die Dämmerung aber fühlte er zu ſeinem Schrecken etwas an ſeinem Geſichte kratzen, und zu gleicher Zeit einen ſtarken Biß in ſeine Zehe, ſo daß er aus der Betäubung erwachte, und ſich zu beſinnen anfing, wo er wäre: zuerſt meinte er, er ſey in einem Bett und mit wehreren Kleidern zugedeckt, allein er konnte nicht begreifen, warum ſein Kopf ſo feſt einge⸗ wickelt wäre; jetzt ſtrengte er ſich an und biß in das Tuch, das ſein Geſicht verdeckte, bis es ihm, nach an⸗ geſtrengten Bemühungen, gelang, ein Loch für ſein Auge zu machen, durch das er, zu ſeinem Entſetzen, entdeckte, daß er lebendig begraben worden, und ſeine Rettung zwei großen Schakal's zu verdanken hatte, die, wie gewöhnlich, das friſche Grab ausgewittert, und durch ihr Beißen und Kratzen ihn aus ſeinem todtenähnlichen Schlummer geweckt hatten. Dieſe ge⸗ wöhnlichen Gäſte bei Begräbniß⸗Plätzen ſah der Moo⸗ lah erſchreckt davon eilen, ſo ungewöhnlich war ihnen der Anblick, daß ihre Beute aufſtand und ſich aus dem Grabe erhob. Die Erbitterung und Wuth des Moo⸗ 195. lah läßt ſich beſſer denken als beſchreiben. Unter Ver⸗ wünſchungen und Schmähungen gegen ſeinen Sohn, eilte er, das Todeeatuch um ſich geſchlagen, der Stadt zu, um ihn zu überzeugen, daß er noch lebe, und ihn für ſein grauſames, unnatürliches Verfahren zu züch⸗ tigen. Unbemerkt ging er durch die Straßen, bis er an ſeine Wohnung kam, die er zu ſeinem Erſtaunen beleuchtet, und von innen und auſſen mit Gäſten je⸗ der Art beſetzt fand; er hörte die Schläge der Werk⸗ leute, und errieth leicht den Zweck ihrer Arbeit: für ſein Geld beſorgt, drängte er ſich durch die Menge, die nur an das Leben dachte, ohne im Geringſten die Gegenwart des Todes zu ahnen, ging er an eine kleine geheime Thüre im Hofe, und gelangte ſo durch einen verborgnen Eingang, der nur ihm bekannt war, zu ſeinem Schatze, ſinnend, wie er ſein geliebtes Gold am beſten ſichern könnte. Er hatte gerade die Kammer — erreicht, wie die Arbeiter die eiſerne Platte in der Mauer wegnahmen, und kaum hatte er Zeit, ſich auf die Kiſte zu ſetzen, als Nazook mit ſeiner Fackel und dem Ausrufe hereintrat:„Jetzt, Freunde!— das Geld ſoll nicht unbenützt liegen.“ Eben wollte der Moolah ſprechen, als das Schreien ſeines Sohns und das Brüllen der verſammelten Menge ihn überzeugte, daß ſein Erſcheinen die gewünſchte Wirkung that; ſo blieb er, mit den Schrecken des Grabes umgeben, ſitzen: das Übrige iſt ſchon erzählt worden. 1 Sobald der Moolah allein war, fing er an, zu uͤberlegen, welche Maßregeln jetzt die paſſendſten wa⸗ ren. Die Fackel ſeines Sohnes lag brennend am Bo⸗ den: dieſe nahm er auf und ſtieg die enge Treppe hinan. Keine Seele begegnete ihm— Alles war ſtill, wie im Grabe, aus dem er ſo wunderbar gerettet worden war. Durch das Haus gehend, fand er etwas N* 9 496 Reis und überbleibſel von einem Pilau, die er haſtig verzehrte, und dann in ſeine Schatzkammer zurückging, um hier die Nacht vollends zuzubringen. Morgens ſtand er auf und ging wieder die Treppe hinan, weil er aber eine Bewegung von jemand gehört zu haben glaubte, kehrte er um, weil er ſich noch nicht zu er⸗ kennen geben wollte; denn er fürchtete, wenn ein Furchtſamer ihn zuerſt erblickte, ſo würde er die Leute nicht überzeugen können, daß er wirklich lebe und kein Geſpenſt aus der andern Welt ſey; er wollte ſich da⸗ her auf einem öffentlichen Platze zeigen, und überließ es dem Zufall, ſeine Abſichten zu begünſtigen. Nachts kam er wieder vor und ging in das Hofthor, bei ſich überlegend, ob er ſich zu dieſer Stunde in der Stadt zeigen ſollte; wie groß war aber ſein Erſtaunen, als er das Thor von auſſen feſt verſchloſſen fand. Im Schooße des Reichthums ſchien er zum Hungertode verurtheilt; er kehrte alſo noch einmal in ſeine Schat⸗ kammer zurück, und ſann, wie er dem Schickſal, das ſeiner wartete, entgehen könnte. Neben der durchbroch⸗ nen Mauer lag ein Hebel, und er überlegte, wie er dieſen benützen könnte. Neben ihm, auf der Seite, die nicht auf den Hof ſah, wohnte, wie er ſich erin⸗ nerte, ein Kornhändler, der, wie er wußte, auf einer großen Reiſe und ſchwerlich ſchon zurückgekommen war; er handhabte alſo das Brecheiſen gegen die Mauer, welche beide Häuſer trennte, in der Hoffnung, in die Wohnung des Kaufmanns zu gelangen und ſo zu ent⸗ fliehen. Bald hatte er eine Offnung zu Stande ge⸗ bracht, horchte aufmerkſam, und fand, daß es im Hauſe ruhig ſey— keinen Laut vernahm er, um ſich aber zu vergewiſſern, daß Niemand im Hauſe ſey, hielt er ſein Ohr von Zeit zu Zeit an die Offnung, hörte je⸗ doch nichts, als Ratten und Mäuſe, woraus er ſchloß, — 197 daß er in das Kornhaus des Kaufmanns eingebrochen, das, wie er wußte, von ſeinem Wohngebäude abge⸗ ſondert lag: um aber nicht zu voreilig zu ſeyn, ent⸗ ſchloß er ſich, bis auf die folgende Nacht zu warten. Zehntes Kapitel. Während der alte Moolah die Mauer ſeines Hau⸗ ſes durchbrach, gerieth ſein unglücklicher Sohn, der den dumpfen Wiederhall des Brecheiſens von der Schatz⸗ kammer her vernahm, immer mehr in Angſt, und er⸗ wartete bei jedem Schlage eine furchtbare Erſcheinung zu ſehen, oder von ſeines Vaters Geiſt von hinten ergriffen zu werden. So flüchtete er auf den Söller, wo er ſich in einen Winkel niederkauerte, ſein Ge⸗ ſicht mit ſeinen Rockſchößen bedeckte, und es nicht wagte, um ſich zu blicken. Allein ſeine Angſt dauerte fort, weil er dachte, der Geiſt werde ſo gut als er den Weg auf den Söller finden; er rannte alſo wie ein gejagter Haaſe die Treppe hinab, und verſteckte ſich hinter einer Thüre, ſchlich ſich aber wieder, weil er dieſen Platz nicht ſicher genug glaubte, behutſam in die Küche, und beſchloß zuletzt,— ſo groß war ſeine Furcht,— die Nacht im Hofe unter freiem Himmel zuzubringen. Allein, wohin er ging, überall hörte er die dumpfen Schläge von unten, und als ſie endlich aufhörten, ſtieg ſeine Angſt noch hoͤher. Die Mor⸗ genſonne weckte ſeine Lebensgeiſter wieder, und er ging noch einmal in die Küche, wo er etwas roßen Reis fand, und hierauf in ein kleines Kämmerchen trat, deſſen Thüre er ſchloß, weil er dieſe Nacht Alles ver⸗ L 198 ſuchen wollte, um zu entkommen, und daher entſchloſ⸗ ſen war, ſeinen Schlupfwinkel nicht zu verlaſſen, bis die Sonne untergegangen wäre. Der Moolah hatte unterdeſſen ſo guten Gebrauch von ſeinem Brecheiſen gemacht, daß er ſich Zugang zu dem Magazine des Kaufmanns verſchafft hatte. Bald tappte er ſich in den bewohnten Theil des Gebäudes, wo er ſich ſetzte, und ſann, wie er entkommen könnte, als eine Hinterthüre langſam aufging und ein Weib behutſam eintrat. Aus Furcht, entdeckt zu werden, wickelte ſich der Moolah in ſein Leintuch und beob⸗ achtete eine tiefe Stille. Mit leiſer Stimme ſagte das Weib:„ich bin vor dir da; ſpute dich, ehe mein Mann zurückkommt.“ In der Hand trug ſie eine Moolah, den ſie für den Kaufmann hielt:„Nun, Ga⸗ nem, was behandelſt duͤ mich ſo?“ Der Moolah erhob ſich, um durch die Hinterthüre zu entſchlüpfen, allein der Schein von der Lampe der Fran fiel auf ſein Geſicht, ſie ſtieß einen durchdrin⸗ genden Schrei aus und ſank ſogleich zu Boden. Ohne auf ihren Zuſtand zu achten, floh der Moolah, erreichte ein kleines Gäßchen, und beſchloß, in ſeine Moſchee zu gehen und dort den Morgen zu erwarten, wo er dann die Leute überzeugen wollte, daß er wirklich noch lebe. Auf das Geſchrei der Frau im Hauſe des Kauf⸗ manns, eilten mehrere Nachbarn berbei, ſchlichen aber, als ſie von der Erſchrocknen erfuhren, welches Schau⸗ ſpiel ſie angeſehen habe, aus Furcht nach einander wie⸗ der davon, ſo daß die arme Fran ganz allein gelaſſen wurde, bis ihr Mann, ein Olhändler, herbeikam, der, erzürnt über ihre Untreue und ohne Rückſicht auf den gehabten Schrecken, mic einem dicken Riemen ſie wie⸗ der zur Beſinnnng zu bringen ſuchte, bald aber ent⸗ . 2— Lampe, trat in ein inneres Zimmer und rief dem 199 deckte, daß ſeine Schläge auf einen Leichnam fielen. Der Anblick des todten Moolah, verbunden mit dem Bewußtſeyn, daß ihre Schande bekannt werden würde, hatte ſo ſtark auf ihren ſchwachen Verſtand gewirkt, daß ſie ohnmächtig niederſank und den Geiſt aufgab. Während dieſer lärmenden Auftritte kam der Kauf⸗ mann ſelbſt an, und der erzürnte Olhändler, der ſah, daß er den Riemen an ſeinem armen Weibe umſonſt verſuchte, machte ſich jetzt an dieſen und bearbeitete ihn weidlich. Es läßt ſich nicht entſcheiden, wie lange eer damit fortgefahren hätte, wenn nicht die Polizei eingeſchritten wäre und den Kaufmann ſeiner Wuth entriſſen hätte. Dieſer hatte wirklich auf das Weib des Olhändlers eine Neigung geworfen, und dieſe Nacht von Ahmednuggur, wo er ein Geſchäft gehabt, zu⸗ rückkehrend, wie er an der Bude des Olhändlers vor⸗ uͤberkam, mit deſſen Frau geplandert, und ſich ſo an⸗ genehm gemacht und ſo reichlich Geld geſpendet, daß das ſchwache Weib ſeinen Anträgen nicht widerſtehen konnte. Weil er, ehe er nach Hauſe ging, noch verſchiedne Beſuche zu machen hatte, gab er ihr den Schlüſſel zu ſeiner Hinterthüre, mit der Bitte, um eilf Uhr in ſein Haus zu gehen und ihn zu erwarten, wo er ſie em⸗ pfangen wollte. Wie nun die Frau den Moolah im Hauſe ſah, meinte ſie natürlich, es ſey ihr Liebhaber, und that, wie ſchon erzählt wurde. Der Glaube, daß der Geiſt des Moolah wirklich auf der Erde herumwandle, wurde hierdurch bei den Leuten beſtärkt, und weil Nazook, ſein Sohn, noch nicht aus dem verwünſchten Hauſe gekommen war, ſo ſchloſſen ſie, er fey ein Opfer der Rachſucht von ſeines Vaters Geiſt geworden. Am Morgen ſtellte ſich der Moolah, deſſen Name 200 allein jetzt hinreichte, jeden gläubigen Muſelmann in der Stadt zittern zu machen, auf den Mimbah in der Moſchee, wo er gewöhnlich die Gebete verleſen hatte. Der Erſte, der kam, war der Prieſter, der ſeit ſeiner Beerdigung ſein Amt für ihn verſehen hatte. Dieſer hatte nicht ſobald einen Blick auf den Mim⸗ bah geworfen, als er bewußtlos niederſtürzte. Ghooſa Khan ſtieg herab, um dem Prieſter ſeine Furcht zu benehmen, richtete ihn auf und rief:„Schäme dich, Bruder, daß du ſo furchtſam biſt; du ſiehſt, ich bin nicht todt, ſtehe alſo auf und reiße die Leute in der Stadt von ihrem Irrthume.“ Unterdeſſen waren mehrere Perſonen an die Mo⸗ ſchee gekommen, ſobald ſie aber den Prieſter, halb ſitzend, halb liegend in Ghooſa Khan's Armen erblick⸗ ten, ſogleich mit dem Rufe:„Allah ſchütze uns! der Geiſt hat unſern unglücklichen Prieſter ergriffen!“— davon gelaufen. Ghooſa Khan war ſehr aufgebracht über dieſen ſtarken Aberglauben und die thörichte Furcht der Leute, und ergoß ſich in laute Klagen. Der Prieſter kam jetzt zu ſich, und wagte es, ſeine Augen aufzuſchlagen, und ängſtlich um ſich zu blicken, und als er Ghooſa Khan weinen ſah, fing er an zu zweifeln, daß es ein Geiſt aus der andern Welt ſey, und ſprach mit leiſer Stimme ſeinen Na⸗ men aus. „Ich bin's, Bruder,“ antwortete traurig der Mov⸗ lah;„warum llieht man denn vor mir? Ich bin noch am Leben, und hoffe, es noch einige Jahre zu blei⸗ ben; ſieh, betaſte meine Hand, blicke mir in's Ge⸗ ſicht, und überzeuge dich von der Wahrheit meiner Behauptung. 64 „Wahrhaftig!“ erwiederte der Prieſter;„ich bin, 204 ihe, unnöͤthiger Weiſe in Angſt geweſen; „wo iſt dein Sohn? Ich fürchte, du ihm vergriffen.“ meinen Schatz Jagd gemacht hat, habe ich den un⸗ dankbaren Jungen nicht geſehen, und wollte, ich hätte ihn gar nicht zu Geſicht bekommen. Iſt er nicht in der Stadt?“ 2. „Nein; wir haben alle geglaubt, du oder dein Geiſt haben ihn in die andere Welt befördert.“ „Ich bin erſtaunt über den Aberglauben des Vol⸗ kes,“ ſagte der Moolah;„aber jetzt eile, ich bitte dich, und benimm den Leuten ihren Irrthum, ſage ihnen, ich ſey hier lebend und wohlbehalten, und bereit mei⸗ nen verruchten Sohn, deſſen Schickſal ich nicht kenne, ſuchen zu helfen.“ Der Prieſter, der jetzt überzeugt war, daß er es mit einem Sterblichen und keinem Geiſte zu thun ge⸗ habt, verließ die Moſchee, machte laut bekannt, daß der Moolah Ghooſa Khan noch am Leben ſey, und forderte jedermann auf, in die Moſchee zu gehen, wo man ihn ſehen, und Gebete verleſen hören könnte. Endlich faßten ſich die Leute ein Herz, gingen in die Moſchee, und überzeugten ſich hier, daß der Moolah wirklich noch lebe, und nicht geſtorben ſey. Als der Nuwab davon hörte, berief er den Moo⸗ lah vor ſich, und dieſer erzählte, wie er ſich im Grabe von Schakal'’s angefallen gefunden, und was ihm dann Unangenehmes begegnet ſey. Dieſe Ereigniſſe berich⸗ tete der Moolah mit ſolcher Gravität und Feierlich⸗ keit, als ob das Schickſal des Reiches von ſeinem Tod oder Leben abhinge, ſo daß der Nuwab, ob er gleich das Lachen zu unterdrücken ſuchte, doch ſich nicht ganz bemeiſtern konnte, und dieſe Verletzung 20² des Anſtandes dadurch wieder gut macht fahl, man ſolle dem Moolah große ſchenken, und ihm die Erlaubniß ert wieder in Beſitz zu nehmen. 85 Von einer Menge Leute gefolgt ging der Movlah ſeinem Hauſe zu, deſſen Thore ſo wohl verwahrt wa⸗ ren. Dieſelben, welche ſie verſchloſſen hatten, mußten ſie jetzt wieder öffnen, was bald geſchehen war. Im Hofe ſtand der geängſtete Nazook, deſſen. Ver⸗ ſuche, zu entkommen, fruchtlos geweſen waren, und der, als er die freudigen Hammerſchläge am Thore auſſen vernahm, glaubte, die Leute kommen, ihn zu befreien. Er ſtellte ſich deßwegen mitten in den Hof, um ſeine Befreier zu begrüßen; wie groß war aber ſeine Beſtürzung, als er ſeinen Vater durch das Thor kommen ſah, von vielen hundert Leuten begleitet, auf deren Geſichtern keine Spur von Furcht ſich zeigte! Der erzürnte Moolah trat vor ſeinen erſchrockenen Sohn, und ſagte:„Bekenne, Schurke, wie und wa⸗ rum du verſucht haſt, einen Mord zu begehen, und Vatermörder zu werden?“ Nazook erklärte, er habe geglaubt, ſein Vater ſey wirklich geſtorben, und das Gutachten des Arztes habe ihn in ſeiner Meinung beſtärkt. „Bube!“ erwiederte der Moolah,„ich war Zeuge deines Benehmens; gerne wollteſt du, daß ich wirklich geſtorben wäre, aber die Vorſehung hat es anders gefügt. Es würe ſchicklicher geweſen, man hätte mich begraben, ehe du ſo freudig mein Leichenbegängniß feierteſt. Dein Zweck war, bald und ſchnell in den Beſitz meines Eigenthums zu kommen, damit ich aber in Zukunft nicht mehr der Gegenſtand deiner Habſucht bin, erkläre ich hier vor der ganzen Verfammlung, daß ich dich für immer enterbe, und dein Anblick iſt 205 mir ſo verhaßt, daß mein Haus dir von nun an ver⸗ ſchloſſen bleibt: fort, Schurke, und laß dich nicht wie⸗ der vor mir blicken! Auf diefe Weife feierlich ntenkt, legte Nazook keinen großen Werth darein, länger in dem akten Hauſe bei feinem jähzornigen Vater zu wohnen, und ging daher, ohne ein Wort zu erwiedern. 4 In dieſem Augenblick traf Daceb Khan, der Neffe des Moolah, ein, der von ſeinem Vater von Ahmed⸗ nuggur her geſchickt war, um über die ſonderbaren Gerüchte, die dieſer über den Tod und das ploͤtzliche Wiedererſcheinen ſeines Bruders Ghooſa Khan ver⸗ nommen hatte, Nachricht einzuziehen. Der junge Mann hatte immer tiefe Achtung vor ſeinem Oheim gehabt, und umarmte ihn daher jetzt mit Thränen in den Augen, nund bezeugte feine Freude, ihn wie⸗ der zu ſehen. Vergnügt darüber, hier endlich Je⸗ mand zu finden, der über ſeine Auferſtehung ſich freute, lud der Moolah ſeinen ehrerbietigen Neffen in ſein Haus ein, und äuſſerte den Wunſch, daß er dieſes von nun an für das ſeinige anſehen ſollte. Daeeb Khan war hierüber ſehr erfreut, weil er gewiß glaub⸗ te, er würde jetzt, da der arme Nazook ganz ver⸗ ſtoßen war, der erklärte Erbe ſeines Oheims werden. Der Moolah war noch unfreundlicher geworden, als zuvor, hütete ſich aber weislich, ſeinen Zorn wie⸗ der ſo ſtark ausbrechen zu laſſen, denn ſeine Beerdi⸗ gung war ihm eine treffliche Warnung. 1 Nazvook ſprach indeſſen bei Dubeer Khan, dem Khovsh Nudvees, ein, wurde aber von dem Schreiber kalt empfangen, von ſeiner ſchönen Tochter dagegen ſo herzlich wie immer. Jener hatte gehört, daß Na⸗ zook aus dem väterlichen Haufen verſtoßen worden, und eilte jetzt durchaus nicht damit, ihm die Hand einer 204 ſchönen Tochter Zeinab zu geben; weil er aber doch nicht ganz ohne Hoffnung war, die Gunſt des Moo⸗ lah wieder zu gewinnen, war der Koosh Nuvees vor⸗ ſichtig genug, dem jungen Manne ſein Haus nicht ganz zu verbieten. Nazook war ſehr in Geldverlegenheit, weil er gar nichts mehr von Werth beſaß, erhielt aber durch Dubeer Khau's Verwendung eine ziemlich einträgliche Stelle bei dem Sheriſtadax oder Geheimſchreiber des Nuwab, und der Khoosh Nuvees ließ ſich endlich überreden, ſeine Einwilligung zu ſeiner Heirath mit Zeinab zu geben, welche nach einiger Zeit vollzogen. wurde. Der Moolah richtete, wie man ſi ch denken kann, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſeine Schatzkammer, ſobald er ſich in ſeinem Hauſe wieder feſtgeſetzt hatte. Er wußte gewiß, daß der Kaſten feſt verſchloſſen war, und ſein Sohn Nazook von dem Inhalte nichts hatte nehmen können. Wie er aber nach den Schlüſſeln ſuchte, kounte er dieſe nirgends finden. Der alte Suliman mußte darum wiſſen, zer ſchickte alſo in deſe ſeu Haus, und ließ erſtlich fragen, warum ſein Die⸗ ner nicht vor ihm erſchiene, und zweitens ſollte er ſeinem Herrn Nachricht geben, wo ſein großer Schlüſ⸗ ſelbund zu finden ſey. Allein zu⸗ ſeinem Schrecken er⸗ fuhr er, daß weder Suliman noch ſeine Familie mehr in der Stadt wäre, und niemand wiſſe, wohin ſie ſich gewendet. Er erinnexte ſich jetzt, daß die Schlüſ⸗ ſel, wie er krank geworden, an ſeinem Gürtel gehan⸗ gen ſeyen; er dachte alſo, dieſe ſeyen wahrſcheinlich mit ihm begraben Wworden und ſd würde er ſi e⸗ im Grabe findenu. In dieſer Abſicht, ging er auf den Begrähnißplat, und fing fleißig an zu ſuchen, aber Alles vergebens. 205 „Es muß ſie jemand gefunden haben,“ ſagte er,„und iſt dem ſo, ſo iſt mein Geld nicht mehr ſicher.“ Das einzige Mittel ſchien das zu ſeyn, daß er das Geld an einen andern Ort brachte, und ſo den Beſitzer der Schlüſſel täuſchte. Er ſchickte daher zu einem Schmidt, um die Schlöſſer aufzubrechen, aber zu ſeinem großem Leidweſen war die Kiſte leer, und kein einziger Gold⸗ beutel mehr darin. In ſeinem Schmerz zerſchlug ſich der Moolah die Bruſt, ſchrie und weinte erbärmlich, ſo ſehr, daß ſein Neffe ſeine Klagen hörte, und her⸗ beieilte, um nach der Urſache zu fragen, und ſeinen theuren Oheim zu tröſten: wie er aber erfuhr, daß dieſer ein Bettler geworden, und er nux leere Kiſten erben ſollte, eilte er aus dem Hauſe, und kehrte mit dieſer leidigen Nachricht zu ſeinem Vater nach Ahmed⸗ nuggur zurück.— Moolah Ghooſa Khan wurde jetzt ernſtlich krank, und ſtarb wirklich nach längerem Siechen. Weil er bloß das von Nazook gefundne Teſtament gemacht hatte, das dieſer liſtige Junge ſorgfältig aufbewahrte, ſo war dieſer der geſetzliche Erbe, und nahm Beſitz von dem Hauſe. Geld fand ſich nicht vor, und Na⸗ zook hatte ſtarken Verdacht, daß ſein Vetter Daeeb⸗ Khan, ſeinem Vater ſein liebes Geld geſtohlen habe. Es war ungefähr zwei Jahre nach des Moolah⸗ Tode als eines Tages ein Mann Nazook auf der Straße antrat, ihm einen Brief überreichte, und ſchnell dapon eilte. Nazvok öffnete den Brief, und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß er von Suliman, dem alten Diener ſeines Vaters war, und die Nachricht enthielt, er ſollte etwas ſehr Vortheilhaftes für ihn erfahren, wenn er ſogleich zu ihm eilte. Unperzüglich that Na⸗ zook nach dem Wunſche des Schreibers, und kam bald nach Hydeſabad, wo er Suliman wirklich ſterbend, aber 206 noch nicht ſprachlos fand. Mit leiſer Stimme ſagte ihm Suliman, er habe ihn rufen laſſen um ihm ein wichtiges Geheimniß zu entdecken, und ihm das ge⸗ bührende Gold ſeines Vaters Ghooſa Khan wieder zuzuſtellen. Nazook bezeugte ſeine Verwunderung, Suliman aber fagte:„Höre, Herr, ich will dir Alles erklären. Vor mehreren Jahren glückte es mir, zu entdecken, wo mein Herr ſein Geld verborgen hatte, und ich beſchloß, ſobald ſich Gelegenheit zeigen würde, ihn zu beſtehlen; allein weil mein Herr äußerſt vor⸗ ſichtig und wachſam war, erſchien die Gelegenheit erſt an dem Tage, wo wir beide ihn für todt hielten. Du eilteſt den Leichnam zu entfernen, und ich, in den Beſitz der Schlüſſel zum Geldkaſten zu kommen, die ich an meines Herrn Gürtel hängen fah. Du ließeſt mich als Hüter zu Hauſe, während du deines Vaters Leiche zu Grabe geleiteteſt. Weil ich ſchon lange im Sinne hatte, meinen alten Herrn zu be⸗ ſtehlen, ſo ſtand ich nicht an, den neuen zu plündern, und ehe du von dem Leichenbegängniß zurück kamſt, hatte ich die Geldküſte gänzlich geleert, und ihren Iu⸗ halt in mein Haus in Sicherheit gebracht. Das Wie⸗ dererſcheinen des Moolah bewog mich zur Flucht, und ſeither hielt ich mich in dieſer Stadt auf, wo das Geld, das dir mit Recht zukommt, an einem beſon⸗ dern Orte verwahrt iſt. Verſprich mir, für mein Weib zu ſorgen, ſo entdecke ich dir, wo es zu finden iſt.“ Nazook verſprach, ſeinem Weibe ein beſtimmtes monatliches Leibgedinge auszuſetzen, und Suliman ſagte ihm, wo das erſehnte Gold zu finden fey. Bald dar⸗ auf ſtarb Suliman, und Nazvook kehrte, mit Rupien wohl verſehen, nach Aurungabad zurück, wo er, wie er ſeinen Freunden verſprochen hatte, manchen Nautch 207 gab, den der Geiſt ſeines Vaters nicht mehr ſtörte, und ſo wurde er bei jedermann beliebt. Der Nuwab machte keine Bemerkung über die Geſchichte des armen Schneiders, ſondern ſtand auf, und bezeugte den Wunſch, am folgenden Tage eine andere Erzählung zu hören; Moye⸗ed⸗din berief alſo die Uebrigen in ſeinen Palaſt, wo das Loos auf Tam⸗ badaß, der Kupferſchmidt fiel, der am ſolgenden Tage erſchien, und ſeine Erzählung begann, wie folgt: Eilftes Kapitel. Die Geſchichte Tambadaß's des Kupferſchmidts. Auf der Inſel Bombay lebte ein frommer Bra⸗ mine Namens Donga Sette. Zu jener Zeit war die Inſel völlig im Beſitz der Portugieſen, die, mit blin⸗ der Ergebung an ihrer Religion hängend, alles mög⸗ liche verſuchten, ihre Indiſchen und Muhamedaniſchen Unterthanen zu bekehren. Die Grauſamkeit die ſie bei der Ausführung ihres Vorhabens ausübten, geht über alle Beſchreibung. Ihre erſten Verſuche machten ſie an den Braminen und Moolah'’s in der Meinung, daß, wenn der Uübertritt dieſer erfolgt ſey, die untere Volksklaſſen ohne Bedenken ihrem Beiſpiele folgen würden. Die Regenzeit war gerade vprüber, und ein herrliches Grün begann die ganze Inſel zu bedecken. Die Kokusbäume, mit denen die Wälle der Feſtung bedeckt waren, wiegten lieblich ihre jungen Aeſte in den erfriſchenden Lüftchen; das Vieh ſuchte gierig je⸗ den grünenden Pkatz, um darauf zu graſen, und der Landmann ſah freudig der kommenden Erndte entgee 208 gen, die ihm Reis und anderes Getreide in Fülle ver⸗ ſprach. Die ganze Gegend umher ſchien zu ſolcher Zeit bezaubert; das duukle Grau der Gebirge, dieſer Vormauer der Gegend von Moharatta, dem Hafen gegenüber hatte ſich in lieblich prangendes Grün um⸗ gewandelt, auf welchem ausgelaſſen die fröhlichen Zie⸗ gen ſprangen, während der nie raſtende Schiffer ſeine Lieblingsbarke wieder ausrüſtete, die Wellen zu durch⸗ furchen; lauter Scenen, die jedes Herz zu den ſüße⸗ ſten Empfindungen ſtimmen mußten. Unglücklicherweiſe wüthete auf der Inſel ein Fieber, das den Portugie⸗ ſen zum Vorwand diente, unter dem ſie ihren Plan, alle Klaſſen zum Chriſtenthum zu bekehren, ausführen konnten, indem ſie nämlich das Fieber für ein Straf⸗ gericht des Himmels erklärten, das über die abgötti⸗ ſchen Hindu's und die verkehrten Anhänger Mahomed's verhängt ſey. In alle Gegenden der Inſel ſchickten ſie ihre Abgeordneten, um die vornehmſten Bewohner zuſammenzuberufen, denen ſie mit Tod und Verder⸗ ben drohten, wenn ſie ſich weigern würden, ihre Re⸗ ligion mit der chriſtlichen zu vertauſchen. Aber bei⸗ nahe alle, feſt au dem Glauben ihrer Väter hängend, äußerten offen ihren Abſcheu vor der Religion, zu deren 3 Annahme man ſie zwingen wollte.— Und nun⸗ begann ihre Vernichtung; die Beſitzungen der Braminen wurden confiscirt, den Muhamedanern ungeheure Zölle aufge⸗ legt, die den Handel zu vernichten drohten, und viele der Vornehmſten in Gefängniſſe geſterkt. Obgleich auch Donga Sette auf der Liſta der Unglücklichen ſich be⸗ fand, ſo lebte er doch als wenn er über die Tyrannei, die man gegen ihm ausübte, ganz ſorglos überfähe, und blieb nicht bloß am Leben, ſondern ſchien ſogar noch in körperlicher Hinſicht zu gedeihen, während an⸗ dere verhungerten. Donga Sette war ein ſtarker, 209 breitſchultriger Mann, und hatte Anlage zur Feiſtig⸗ keit, die zum Aerger ſeiner Verfolger eher zuzunehmen als ſich zu vermindern ſchien. Mehrere hunderte von den ärmern Volksklaſſen, unvermögend, den Sturm der grauſamen Tyrannei auszuhalten, ſahen ſich genöthigt, ihre Religion mit der fremden zu vertauſchen, und wurden Portugieſiſche Chriſten; während manche Bra⸗ minen und gelehrte Moolah's, zur äußerſten Dürftig⸗ keit herabgeſunken, ſich niederlegten und ſtarben; ihr letzter Hauch war ein Fluch gegen ihre bigotte, grau⸗ ſame Regierung. Wie Donga Sette, der in dieſer ſchrecklichen Zeit, wo Tod und Hungersnoth mit Rie⸗ ſenſchwingen ſich über die ganze Inſel ausbreitete, wo der Handel ſtillſtand, und jede Maaßregel, ihm wie⸗ der aufzuhelfen, beinahe unmöglich war, noch ſtark und fett werde, und ſeine Würde behaupten konnte, das war für den Gouverneur und ſeine Rathgeber ein Gegenſtand nicht geringer Bewunderung. Eben war der Rath in vollem Streit über den ſeltſa⸗ men Mann begriffen, als ein Jude, der unter dem Na⸗ men Ismael Yahoodee bekannt war, bei dem Gouver⸗ neur um eine Audienz bitten ließ. Er erhielt ſie, wurde vor den Rathstiſch gelaſſen und machte hier 8 den Vorſchlag, eine ſtrenge Unterſuchung in dem Hauſe des Braminen anzuſtellen, wo ohne Zweifel ein un⸗ geheurer Schatz verborgen ſeyn müſſe. Ismael hatte mehr denn einmal der Regierung bedeutende Summen vorgeſchoſſen, und ſogar dem Gouverneur ſelbſt: er war daher ehrenvoll aufgenommen, und erſucht worden, ſich zu ſetzen. Die Regierung befand ſich gerade in großer Geldverlegenheit, und man trug daher kein Bedenken, den Vorſchlag Ismael's anzunehmen und in ſeinen Plan einzugehen. Ein ſtarker Trupp von Polizeiſoldaten begab ſich dem zu Folge, begleitet von 24⁰ dem Juden, aus der Feſtung nach der aͤrmlichen Woh⸗ nung ihres Schlachtopfers. Das Haus des Braminens lag zwiſchen Kokus⸗ Bäumen in dem kleinen Dorfe Geergaum. Dieſe Bäu⸗ me und der Boden, auf dem ſie ſtanden, waren ſein einziges Eigenthum, hier lebte er mit ſeinem Weib im Frieden, ſeine Zeit zwiſchen wiſſenſchaftliche Be⸗ ſchäftigung und fromme Mildthätigkeit theilend, und geliebt von allen, welche ihn kannten. Wenn der Abend ſeine Schatten umher ausbreitete, da ſah man gewoͤhnlich den würdigen Braminen, wie er eine Schaar loſer Mädchen und Knaben unterrichtete, und ihnen meiſt die heilſamen Lehren der Moral vortrug; dann, wenn er ſeine junge Zuhörerſchaft entlaſſen hatte, pflegte er gewöhnlich noch einen kleinen Aus⸗ flug zu machen, um unglückliche und bemitleidens⸗ werthe Perſonen aufzuſuchen, denen er mit innigem Vergnügen ſeinen liebevollen Beiſtand angedeihen ließ. Ddieſen Abend hatte er eben ſeine Vorträge been⸗ digt, als die Portugieſiſche Polizei, gefolgt von dem Juden, ſeine niedrige Wohnung umringte. Schon go⸗ wöhnt an ſolche unhöfliche Beſuche, blieb der Bra⸗ mine, ſeine Arme ineinander geſchlagen, in der Ferne ſtehen, indem er einen Blick unausſprechlicher Verach⸗ tung auf dieſen gemeinen Chriſtenhaufen warf und ſeine Kleidungsſtücke zuſammenraffte, fürchtend, ſie möchten durch einen Hauch von ihnen entweiht wer⸗ den. Es lag etwas wahrhaft Würdevolles in der Art, mit welcher der Bramine ſeine unwillkommenen Gäſte empfing; der ſtolze, männliche Blick eines unſa uldi⸗ gen, beleidigten Mannes flößte der Häſcherſchaar eine Ehrfurcht ein, welche die Perſon des Braminen vor jeder Gewaltthätigkeit oder Beſchimpfung kräftiglich ſchützte. Auch Ismael, der Jude, ſchrack vor dem 214 durchdringenden Auge des würdigen Mannes zuſam⸗ men und der Anführer des Haufens ſtand geraume Zeit bewegungslos da, ehe er ſeinen Befehl zur Durch⸗ ſuchung des Hauſes vorzeigte. Der Bramine rich⸗ tete ſeine Augen auf das Papier und wieß auf den innern Theil ſeiner Wohnung; aber keines Wortes würdigte er ſie, und bedeckte ſorgfältig ſeinen Mund mit ſeinem Shawl, um den Portugieſen ſeine Furcht, von ihrem Athem berührt zu werden, zu zeigen. Solche Aeußerungen der Verachtung und des Abſcheus vor der Gegenwart der Chriſten, welche Donga Sette bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, machten be⸗ ſonders, daß er als der Regierung höchſt gefährlich bezeichnet wurde. Der Haufe durchwühlte, ſeiner Inſtruction gemäß, das ganze Haus, und obgleich von dem liſtigen Is⸗ mael unterſtützt, der mit ſeinen argliſtigen, durchdrin⸗ genden Augen keinen Winkel undurchſucht ließ, ent⸗ deckten ſie doch nichts als einige alte Bücher und Handſchriften in der Sanserit⸗Sprache und hielten daher mit weiteren Nachſuchungen ein. Donga Sette hatte ſich ruhig in ſeinen Hof geſetzt und ließ den Haufen mit dem nämlichen Stillſchweigen aus ſeinem Hauſe gehen, mit dem er ihn empfangen hatte. Is⸗ mael, der Iude, war der Letzte der hinausging. Er ſuchte dem Blicke des beleidigten Braminen zu be⸗ gegnen, und machte ihm eine ſpöttiſche Verbeugung, indem er ihm die Worte„Ram, Ram, Mharaj,“ in einem ſo ſonderbaren Tone zurief und mit einer ſo be⸗ deutungsvollen Bewegung ſeiner durchdringenden, grauen Augen, daß in dem Braminen keine gar angenehme Empfindungen erwachten. Der Jude bemerkte die Ver⸗ wirrung, die ſich auf dem Geſichte des Braminen malte, ohnerachtet dieſer ſich alle Mühe gab, ſie zu 212 verbergen. Als der Jude wieder zu der Haͤſcherſchaar gelangte, that er, als bedaure er ſehr, daß ſie ihren Zweck nicht erreicht hatten, und ſagte dem Anführer, wie er dem Gouverneur den Erfolg berichten ſollte. „Wir wollen dieß dir überlaſſen, Meiſter Js⸗ mael“ ſagte der Offizier;„du haſt die Unterſuchung veranlaßt, und es iſt alſo auch deine Sache, den Er⸗ folg dem Gouverneur zu melden.“ „Dagegen hätte ich gar nichts,“ entgegnete der Jude,„aber ich habe weit von hier ein wichtiges Ge⸗ ſchäft abzumachen; ſogleich nach meiner Rückkehr will ich den Gouverneur beſuchen.“ „Nein, nein, mein Freund, das leid' ich nicht; du mußt mit uns; verſuch' es nur, und gehe nicht mit uns: bei allen Heiligen, ich ſtoße dir mein Schwert in deinen elenden Leib, und es müßte ſchlecht gehen, wenn ich für den Mord eines Juden keine Abſolution erhalten würde.“ Ismael, der jetzt wohl ſah, daß hier Widerſtand nichts helfe; folgte ſchweigend den Wachen nach der Feſtung und wurde ſogleich vor den Gouverneur ge⸗ führt. Der ſtolze Mann ſah auf den erſten Blick, daß die Unternehmung nicht günſtig abgelaufen war, drückte in nicht gar ſchmeichelhaften Worten ſein Miß⸗ fallen aus und verlangte Geld. Ismael bemerkte, wie ſich auf den zuſammengezogenen Augbraunen des Gouverneurs ein ſchrecklicher Sturm ſammle, und ver⸗ . ſprach, eine gewiſſe Summe herbeizuſchaffen, die er nach einer beſtimmten Zeit verdopplen wollte. Der Gouverneur, wieder etwas beſänftigt, entließ ihn, mit der Warnung, ſich ja zu hüten, ſein Verſpre⸗ chen nicht zu halten. Um die erſte Summe zu ſchie⸗ ßen, mußte der unglückliche Iſraelite nach Salſette reiſen wo ſein Handelsgenoſſe lebte, bei dem er erſt * 213 kürzlich eine große Summe niedergelegt hatte; er ver⸗ ſchaffte ſich alſo die gehörigen Päſſe, hüllte ſich in ſei⸗ nen Mantel und trat ſeinen Weg zu Fuß an. Die Inſel Salſette liegt nur wenige Stunden von Bombay; aber bis Thanah, der Hauptſtadt derſelben, wohin der Jude reiſen wollte, waren es 5 gute Stunden. Es war beinahe Nacht, als Ismael auf Salſette an⸗ kam; er bereute es, ſich ſo ſchnell auf den Weg ge⸗ macht zu haben, und wünſchte, er hätte ſeine Reiſe auf den folgenden Tag verſchoben, denn die Inſel war durch Tiger unſicher gemacht, deren Heulen zu wie⸗ derholten Malen ſeine Ohren begrüßte; zitternd und bebend eilte er ſeinen Weg dahin. Die Nacht war ungewöhnlich finſter, wenige Sterne nur flimmerten matt am Himmel, die den im Dunkel tappenden Is⸗ mael wenig oder gar nichts nützten, die Regenzeit war kürzlich erſt zu Ende gegangen, der Pfad war ſchmutzig und der Boden ſo uneben, daß der Wande⸗ rer oft entweder beinahe verſank, oder durch die Reis⸗ felder auf beiden Seiten waten mußte, die von den Regengüſſen, welche in dieſem Jahre ungewöhnlich häufig geweſen, überſchwemmt waren. Dieß war auch der Fall bei dem armen Ismael; die undurchdringliche Finſterniß, das Heulen der wilden Thiere, ſeine Mü⸗ digkeit und Schwäche, alles vereinigte ſich in dem Au⸗ genblick, als er ſich gerade durch den beſchwerlichſten Theil des Weges durcharbeitete: er glitt aus und ſtürzte mitten in ein nahegelegenes, überſchwemmtes Reisfeld in den Moraſt; er durfte es nicht wagen, laut um Hülfe zu rufen, da er ſonſt zu befürchten hatte, die Aufmerkſamkeit der wilden Thiere auf ſich zu ziehen. Der elende, alte Mann, der jeden Au⸗ genblick tiefer und tiefer hinabzuſinken glaubte, gab ſich für verloren und bereitete ſich zum Tode. Doch 214 die Vorbereitung des Juden war nicht von ſo reue⸗ voller Natur, als ſie hätte ſeyn ſollen; denn anſtatt den Himmel um Verzeihung für alle ſeine begange⸗ nen Sünden anzuflehen, verbannte er aus ſeinem Ge⸗ dächtniſſe die Erinnerungen an den Wucher, den er getrieben und an die vielen Veruntreuungen, die er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, beklagte einzig ſein hartes Loos, und verfluchte den Geiz des Gou⸗ verneurs, durch den er in ſeine gegenwärtige traurige Lage verſetzt worden war. Was aber ſeinen Schmerz noch vergrößerte, war der Gedanke, daß er jetzt ſter⸗ ben müſſe, ohne den Schlüſſel zu einem verborgenen Schatze bekommen zu haben, der, wie ihm ein Zufall entdeckt hatte, nur auf eine einzige Weiſe zu erhalten war, deſſen er ſich jedoch, in Folge der Unthätigkeit, die gewöhnlich das Alter befällt, nicht vorher verſichert hatte, ob er gleich beinahe in ſeinem Beſitz war. Eben um dieſe Zeit beſchäftigte er ſich mit Entwürfen den Stein der Weiſen ſich zu verſchaffen, der, wie er ſich einbildete, unfehlbar den Erfolg ſicherte. Und jetzt ſich, ſammt ſeinem Geheimniß, ſeinen tiefgedach⸗ ten Planen faſt in den Koth des Reisfeldes verſinken zu ſehen!— ach, in dieſen ſchmerzlichen Gedanken konnte er ſich unmöglich ergeben. Was der Jude vor⸗ hatte, und was für Entwürfe noch in ſeinem Hirn ſchwammen, und wie er von einem Schatze benachrich⸗ tigt wurde, der jetzt in ſeiner Gewalt ſtand, das alles wollen wir ſogleich erzählen, ſo bald wir dem verun⸗ gluͤckten Manne aus ſeiner gefährlichen Lage heraus⸗ geholfen haben. Da Ismael fand, daß hier alles Wehklagen ver⸗ geblich ſey, ſo brütete er ſtill über ſeinem harten Schickſal: hungrig, durſtig, am ganzen Leib erſtarret, zitternd vor dem herannahenden Tode, den er entwe⸗ 8ο 215 der in dem Kothe, oder noch ſchrecklicher, in dem Ra⸗ chen eines Tigers finden ſollte, keine hülfreiche Haud die ihn hätte erretten können.— Die Lage des ar⸗ men Ismael läßt ſich beſſer denken als beſchreiben; das Stillſchweigen, daß ihn zum Theil die Klugheit, zum Theil die Nothwendigkeit gelehrt hatte, fuhr er fort zu beobachten; da vernahm er die ſtolpernden Fuß⸗ tritte eines Wanderers, dem es wohl eben ſo ergehen mochte, wie ihm. Als er ſich der gefährlichen Stelle näherte, hörte der Jude deutlich des Wandererz Stim⸗ me, der in einem jämmerlichen Selbſtgeſpräch begrif⸗ fen war, und bitter ſeufzte, während er mühevoll ſich auf ſeinem ſchlüpfrigen Wege durcharbeitete. Ismael wuͤnſchte, ſeiner ſelbſt wegen, den Fremden vor der Gefahr zu warnen, in die er geſtürzt war, und als er aus der Stimme ſchloß, daß er an dem verdorbenen Pfade oder nahe dabei ſeyn müſſe, ſo rief er, ſo laut als er konnte, dem Wanderer zu, vorſichtig zu ſeyn. „O Bruder,“ rief er,„ums Himmels willen, nimm dich in Acht, und komm mir zu Hülfe, ſonſt bin ich des Todes.“— Der Fremde erſchrack als er eine Stimme hoͤrte, von der er nicht wußte, woher ſie kam; aber erfreut darüber, nun doch noch ein Menſchenkind auf der Straße zu treffen, wo er ſich allein glaubte, fragte er, wo er ſey, und wie er ihm beiſtehen könne? Der Inde, um ihn auf die Stelle zu leiten, rauſchte und plätſcherte in dem Waſſer, indem er rief:„Hier, hier! reich mir deine Hand, aber gieb ja recht auf deine Tritte Acht, oder ertrinken wir beide.“ Der Wanderer wandte aber mögliche Vorſicht an, und ſuchte den Weg mit den Händen, und nach einiger Zeit und Anſtrengung erreichte er die Hand des halb⸗ ertrunkenen Iſraeliten Ismael, der nun endlich etwas 215 gefunden hatte, woran er ſich halten konnte, ergriff die Hand des Wanderers mit aller Kraft, deren er mächtig war, und bat ihn dringend, ihm doch aus ſei⸗ ner gefährlichen Lage herauszuhelfen. Dem Wanderer gelang es endlich nach großer Au⸗ ſtrengung und mit der Gefahr, ſelbſt in das Waſſer zu ſtürzen, den Juden aus der Stelle herauszuziehen, wo er, wie er wohl ſah, bald ſein naſſes Grab ge⸗ funden haben würde. 1 Ismael fühlte ſich kaum auf trockenem Lande, als er den Wanderer mit den wärmſten Aeußerungen ſei⸗ ner Dankbarkeit für ſeinen Beiſtand überſchüttete, und ihn fragte, wohin ſein Weg gehe. Der Fremde ent⸗ gegnete, er reiſe von Thanah nach Bombay, daß ihm aber nicht ſo ſehr daran gelegen ſey, dieſen Ort noch zu erreichen; er wolle, wenn es dem Juden gefällig ſey, ihn zu einem kleinen Dorfe, das ungefähr noch eine Meile entfernt ſey, begleiten; dort koͤnne er ſich trock⸗ nen und die Nacht zubringen. Ismael nahm das gü⸗ tige Anerbieten mit Freuden an, und beide ſetzten ſorgſam ihren Weg nach dem von dem Wanderer er⸗ wähnten Hafen der Ruhe fort. Sie kamen glücklich in dem Dorfe an, ſchrieen laut vor der Hütte eines Landmanns und klopften ſtark an die Thüre, und mit Mühe gelang es ihnen endlich, die ſchlafenden Bewoh⸗ ner zu wecken; das Verſprechen einer reichlichen Be⸗ lohnung, verſchaffte ihnen Einlaß, der Bauer machte mit einigen Reiſigbüſcheln ein Feuer an, an dem ſich der Jude bald trocknete, und ſeinem Geſellſchafter den Vorſchlag machte, hier bis zum Anbruch des Tages zu bleiben. Da wir den Juden gerettet ſehen, ſo wollen wir, wäͤhrend er und ſein Freund in der Hütte eines ge⸗ funden Schlafes genießen, erzählen, wie der liſtige Is⸗ 217 mael zu der Kunde von ungeheuren Schätzen kam, die er irgendwo leicht in ſeine Gewalt bekommen könnte. Ismael führte vor vielen Jahren ein wanderndes Leben und hatte keinen beſtimmten Aufenthalt. Der Tod ſeines Vaters ſetzte ihn in den Beſttz eines klei⸗ nen Vecmögens, das hanptſächlich aus Gütern und Handelswaaren beſtand; Geld traf er ſehr wenig an. Er war unabläßig bemüht, ſich Reichthümer zu ſam⸗ meln, und führte ſeine Waaren in der Gegend um⸗ her immer auf die Märkte, wo er ſich am meiſten Gewinn verſprechen durfte. Er lieh Geld auf unge⸗ heure Zinſen aus, wo er, im Fall ſie nicht bezahlt würden, den ſtrengen Arm der Gerechtigkeit zu ſei⸗ ner Hülfe bereit finden zu können glaubte. Als er alt geworden war, und viele Reichthümer aufgehäuft hatte, ließ er ſich unter den Portugieſen auf Bom⸗ bay nieder, wo er bald durch ſeine Reichthümer be⸗ kannt wurde, und mehr denn einmal dem Gouvernenr durch große Anleihen aus der Noth half. Er hörte von einer Hungersnoth in Deecan, und da ſeine Ma⸗ gazine voll von allen Arten von Getreide waren, zog er mit ſchwerbeladenen Ochſen nach Poona, wo er nach ſeiner Berechnung einen unermeßlichen Gewinn hatte. Da er alles verkauft hatte und ſeine Thiere alle entladen waren, ſo war ſeine fernere, perſöͤnliche Aufſicht nicht mehr nothig; er ſchickte ſie daher vor⸗ aus, und folgte auf ſeinem armſeligen Tattao oder⸗ Klepper. Es war ſpät Abends, als der Jude in die Naͤhe der berühmten Höhle bei Carli kam, und da er dieſes auſſerordentliche Denkmal menſchlichen Gei⸗ ſtes und menſchlicher Kraft noch nie geſehen hatte, beſchloß er, den waldigen Berg, auf dem ſie lag, zu beſteicen. n 21 1 Er ſtieg alſo, nachdem er ſein Pferd angebunden Ind. Serail. II.. 19 218 hatte, die Anhöhe hinauf. Gewaltig ſtaunte er über die große Ausdehnung der Höhle, über ihre ungeheure Höhe, über den Bau der obern Wölbung, die von 21 Säulen zu jeder Seite getragen wird, und einen Halbkreis bildet. Die Capitäle der Säulen, welche Elephanten mit ihren Reitern überragen, die weiten Seitengänge außerhalb der Saͤulen, die Zeit, die Einſamkeit, in der ſich Ismael fand, alles dieß ver⸗ ſetzte ihn in eine ſo ehrfurchtsvolle Stimmung, wie ſie ihm bisher völlig fremd geweſen war. Als er eben umkehren und die Höhle verlaſſen wollte, glaubte er ein tiefes, dumpfes AÄchzen aus einer der rechts ge⸗ legenen Zellen zu vernehmen, die wahrſcheinlich den Prieſtern und ihren Familien zu Wohnungen dienten: er blieb ſtehen;— wieder hörte er das Stöhnen und zwar ſo deutlich, daß er ſich überzeugte, daß es nicht bloß Einbildung geweſen ſey. Die Neugierde trieb ihn, ſich der Zelle zu nähern; die niedrige Thüre war halb offen, und er ſah das Flimmern einer kleinen Lampe. Er war eben im Begriff, in die Zelle hin⸗ einzutreten, als er deutlich weinen und die Worte hörte,„ſtill, Baba! ſey nur ruhig, heiliger Mann; du wirſt geueſen.“ Eine hohle Stimme, wie aus dem Grabe kom⸗ mend, entgegnete:„Mit mir iſt es aus— die Hand des Todes liegt auf mir, ich fühle ſeinen eiskalten Griff, ſprich mir nicht mehr von Leben, das meine iſt zu Ende; aber ſo lange ich noch ſprechen kann, ſo laß mich dich von etwas unterrichten, was dich, wenn du es beachteſt, für die Sorge und Liebe, die du mir erwieſen haſt, reichlich belohnen wird.— Ich bin der letzte von 24 heiligen Goſein's deren ganzes Leben darauf verwendet wurde, einen Schatz aufzuhäufen.“ —(Der Jude ſchlich näher an die Thüre.)— Wir —— — 219 verpflichteten uns durch einen feierlichen Eid, unſern Gewinn an einem beſondern Orte niederzulegen,„in—“ (hier verließ den kranken Mann ſeine Sprache; der lauſchende Jude zitterte vor Furcht, daß der Tod ihn mitten in der Entdeckung des großen Geheimniſſes ab⸗ gerufen haben moͤchte. Doch fuhr der Goſein bald wieder in ſeiner Erzählung alſo fort.)—„Der Schatz iſt in der Höhle auf der Inſel Gharipoori, nahe bei Bombay verborgen. Dort ſuche an dem Fnßgeſtelle der vierten Säule linker Hand; hebe einen Stein weg, und du wirſt ein eiſernes Käſtchen mit einem Schlüſſel darin finden; öffne es wenn du damit nach Hauſe kommſt; es enthält ein Buch— es iſt das Buch der Erkenntniß, in der Sanſcrit⸗Sprache ge⸗ ſchrieben; lies es ja recht fleiſſig, befolge ſeine Leh⸗ ren und der Schatz iſt dein.“ Kaum hatte der Kranke dieſe Worte geſprochen, als ſein Freund und Helfer aus der Zetle ſtürzte, ſich gegen den Ausgang der Höhle wandte, und, ohne den liſtigen Juden bemerkt zu haben, ſchnell davon lief, den ſterbenden Gofein allein laſſend. Ismael, mit dem fehnlichſten Wunſche, in einer ſo wichtigen Angelegenheit mehr Aufſchluß zu erhalten, und in dem Gedanken an ſeinen Klepper, der ihn, wie er wohl wußte, lange vor des Goſein's Freund an die gewünſchte Stelle tragen würde ſchlüpfte in die Zelle, und ergriff des Goſein's Hand. Der Kranke, der mit geſchloſfenen Augen, mit zerſtörten Zügen und brennender Zunge da lag, erwiederte mit Mühe den Händedruck, und ſetzte mit dumpfer, kaum ver⸗ nehmlicher Stimme, ſeinen wohlgemeinten Unterricht fort, den er an ſeinen aufmerkſamen, liebreichen Freund zu richten glaubte. „Sey verſichert mein Freund,“ ſagte er,„du wirſt 10 220 beide Schlüſſel zu dem eiſernen Käſtchen finden; der eine, ſagte ich dir, iſt in dem Schloß, den andern wirſt du in einer kleinen Niſche zur Rechten finden.“ — Hier verließ ihn die Sprache; der Goſein machte eine convulſiviſche Bewegung, röchelte und war nicht mehr. Ismael hatte ſich kaum von dem Hinſcheiden ſei⸗ nes Rathgebers überzeugt, als er ſogleich dem Bei⸗ ſpiel ſeines Vorgängers folgte, und aus der Hohle fort eilte. Als er den Berg hinabgeſtiegen war, ſuchte er ſeinen Klepper, der ſeinen Zaum von den Stumpen, an den ihn ſein Herr befeſtigte, wegge⸗ ſtreift hatte und in einiger Entfernung graste. Zor⸗ nig und murrend über dieſen Zeitverluſt, beſtieg der Jude ſchnell ſeinen Klepper, wandte ihn gegen Bom⸗. bay und ließ ihn ſo ziemlich das Gewicht ſeines Stockes fühlen. 4 Während er ſo ſein edles Roß zur Eile anzutrei⸗ ben verſuchte, glaubte er unmittelbar vor ſich den Schall von Pferdeshufen zu vernehmen. Die Nacht war nicht ſo finſter, daß er hätte ſeinen Weg nicht ſehen können, und doch zitterte er bei jedem Schritte den ſein K lepper machte. Daß jemand vor ihm vor⸗ aus reite, das war er jetzt gewiß; denn er vernahm deutlich das Schnauben eines Roſſes: er fand es un⸗ möglich, den Mann einzuholen; übrigens war es ihm gerade auch nicht darum zu thun, da er befürchten mußte, nur aufgehalten zu werden. Mit Mühe brachte der ängſtliche Jude ſein müdes Thier den Ghaut her⸗ ab bis nach dem Dorf Campowli, das an dem Fuß dieſes Berges liegt; weiter zu reiten, war unmöglich, ſein Klepper war gänzlich abgemattet und er ſelbſt wohl gerüttelt und äußerſt müde. Doch, eine ſo goldne Erndte vor ſich, durfte er nicht an die eigene kor⸗ 5 22f perliche Entkräftung denken; er ließ daher ſein Thier bei dem Potail*) des Dorfes zurück, und eilte, nach⸗ dem er ein friſches genonmen hatte, auf ſeinem Wege weiter. 3 In Chowk that er daſſelbe, und erreichte 3 Stun⸗ den vor Sonnenaufgang Panwell; hier hätte er zwar um ein Geringes Pferde haben können, aber ſein Weg ging über die See; er rief alſo nach einem Book; man ſagte ihm aber, daß das einzige, das noch übrig geweſen ſey, ungefähr vor 3 Stunden von einem Braminen gemiethet worden ſey. Man kann ſich den Arger, des vor Ungeduld faſt vergehenden Juden denken: Nur die Gewißheit, daß er durch ſeine ſchnelle Reife einen gehörigen Vorſprung vor dem Freund des Gooſein erhalten habe, tröſtete ihn für dieſes unvermeidliche Hinderniß auf dem Weg zum Reichthum, und er lachte im Herzen, weun er ſich die jämmerliche Miene des Mannes dachte, wenn er das eiſerne Käſtchen nicht mehr finden werde. Is⸗ mael um gleich das erſte Boot, das ankommen würde, zu erhalten, blieb unbeweglich bis zum Anbruch des Tages an dem Ufer. Bald erſchien mit der kommen⸗ den Fluth ein Fiſcherboot, und der Jude verlor keine Zeit, mit den Schiffersmann einen Vertrag abzuſchlie⸗ ßen, nach dem er ihn zuerſt nach der Inſel Ghari⸗ poori**) und von da nach Bombay bringen ſollte. Gharipoori iſt ein Hügel an dem ein kleines Dorf riegt, welches der Jude ſchnell hinter ſich hatte, und nun durch romantiſche Päſſe, die von Wald oder Fel⸗ *) Vorſteher. 1 *) Bei den Portugieſen hieß ſie Elephanta, ſo benannt von einem coloſſalen ſteinernen Elephanten, der dem Landungsplatze gegenüber ſtand. 22² ſen eingeſchloſſen waren, den Berg hinaufſtieg, bis er die Höhle erreichte. Da er ſo eben von Carli kam, ſo machte dieſe Höhle keinen ſo großen Eindruck auf ihn, als es ſonſt geſchehen wäre. Es kam ihm zu⸗ erſt alles finſter vor, nach und nach aber gewöhnte er ſich an die Dunkelheit, und trat in die ungeheure Kammer, deren Eingang beinahe 60 Fuß weit und eben ſo lang war, und volle 20 Fuß hoch iſt. Das Ganze fand er von maſſiven, ans harten Felſeu ge⸗ hauenen Säulen getragen. Angſtlich ſuchte ſein Ange die vierte Säule linker Hand; aber ehe er es wagte, ſich zu nahen, ſtaud er in ſtummer Bewunderung ale les deſſen, was er ſah. Gigantiſche Figuren ſtanden oder lehuten rund umher; und im Mittelpuukt des hinterſten, dem Eingang entgegengeſetzten Theiles der Höhle, entdeckte er den dreigeſtaltigen Gott der Hin⸗ du's, Brama, Vishnu und Seva. Der Jude war auſſer ſich vor Verwunderung, wie dieſe Werke hat⸗ ten vollbracht werden können; denn zu eiuer ſolchen Arbeit, meinte er, ſeyen 40, 696 Menſchen, und 40 Jahre kaum hinreichend.— Nachdem er ſich ſorgfältig umgeſehen und ſich über⸗ zeugt hatte, daß er allein ſey, näherte er ſich der vierten Säule, an deren Fußgeſtell er einen ſchmalen Quaderſtein entdeckte; Mit Mühe ſchaffte er ihn weg, und ſuchte nun mit der Hand nach dem eiſernen Käſt⸗ chen. Aber wie groß war ſein Arger und Verdruß, als er fand, daß es weg ſey. Er wollte ſich von der traurigen Wahrheit durchaus nicht überzeugen; noch einmal ſteckte er ſeine Hand hinein, fühlte rechts und links, aber er konnte nichts eutdecken. Voll Verzweiflung wollte er eben die Stelle wieder zude⸗ cken, als ihm die Worte des ſterbenden Goſein's, die er an ihn geſprochen hatte, wieder einfielen,„ er un⸗ — 225 terſuchte nun mit der aͤußerſten Sorgfalt die rechte Seite des ſteinernen Behältniſſes, und entdeckte eine Höhlung, in welchem an einem Nagel ein kleiner Schlüſſel von wunderlicher Arbeit hing, den er mit der gierigſten Haſt ergriff. Ismael zweifelte nicht, daß trotz aller ſeiner Eile Goſein's Freund vor ihm angekommen ſey, und ſich des Käſichens verſichert habe, doch regte ſich in ihm die leiſe Hoffuung, daß es einſt doch noch fein werden würde. Ismael kehrte, in ſeinen Planen getänſcht, zu fei⸗ nem„5Bohte zurück, und befahl den Schiffern, nach Bombay zu rudern, wo der Inde wohlbehalten ankam. Sein Weib hatte mit Unruhe ſeine Aukunft erwartet, und als ſie ſeinen wilden Blick und ſeine verworrene Miene bemerkte, erſchrack ſie, denn ſie glaubte, er fey in ſeinen Speculationen nicht Alücklic geweſen, oder auf dem Heimwege beraubt worden. Jemael verſicherte ihr, es ſey alles gut gegangen, gab⸗ hur von der Reiſe ſehr eermüdet zu ſeyn(was auch wahr ſeyn mochte), und befahl ihr, ſein Lager zu bereiten und ihm ſogleich eine Taſſe Kaſſee zu machen. Arger und Verdruß über ſeine fehlgeſchlagene Hoffnung, verbannte allen Schlaf von ſcinen Augen, und bald ſtellten ſich die Symptome eines hitzigen Fiebers ein; er nahm ein Schlafmittel, das jedoch, anſtatt ſein geqnältes Gehirn zur Ruhe zu bringen, gerade das Gegentheil bewirkte; er fing an, zu phantaſiren, und ſein Zuſtand grenzte beinahe an Wahnſinn. Ein anderer Jude, der als Arzt berufen wurde, gab dem armen Ismael eine Arznei ein, und dann noch eine andere, aber beide ohne Erfolg. Der Wahnſinn des Kranken wuchs; ſeine Einbildungskraft ſchien bei einer ſchrecklichen Scene zu verweilen, von der er, wie man vermuthete, auf einen Reiſen Zeuge geweſen war; er ſprach von dem 224 ſterbenden Gooſein, verfluchte ſeinen Freund als einen Gelddieb, brach dann in ein fürchterliches Gelächter aus, und fank, entſchöpft durch die gewaltige Anſtren⸗ gung, zurück. Viele lange Tage nnd beſchwerliche Nächte hatte Ismael auf ſeinem Krankenlager zuge⸗ bracht, und lange dauerte es, bis das Fieber nachließ; und ſeine Nachbarn, welche Zengen ſeiner traurigen Lage waren, hielten es für etwas Auſferordentliches, wenn er je wieder geneſen ſollte. Als er völlig wieder hergeſtellt war, beſchloß Is⸗ mael, weit entfernt, jeden Gedanken an das eiſerne Käſtchen aufzugeben, ſich in ſeinen Beſitz zu ſetzen. Der erſte Schritt zur Ausführung ſeines Vorhabens war, zu erfahren, wer es beſitze; der zweite, ein ſehr weſentlicher Punkt, ohne den er aus ſeinem Inhalt keinen Nutzen ziehen konnte, die Sprache zu lernen, in welcher das Buch der Erkenntniß geſchrieben war. Daß dieß die Sanserit⸗Sprache ſey, hatte er von dem Goofein gehört, aber er war gänzlich unbekannt mit dieſer Sprache, die allein bei den Braminen und bei frommen und gelehrten Hindn's geachtet iſt. Doch dieß ſollte ihn von der Erwerbung der Reichthümer nicht zurückhalten, und ehe er noch an die Aufſuchung des jetzigen Beſitzers des Buchs dachte, begann er, die Sanserit⸗Sprache zu ſtudieren, wozu er ein ganzes Jahr verwandte; und er machte ſo ſchnelle Fortſchritte, daß er nach Verfluß dieſer Zeit im Stande war, die älteſten und ſchwerſten Schriften in dieſer Sprache zu entziffern. Lange Zeit entdeckte er auch nicht die ge⸗ ringſte Spur von dem Beſitzer des weisheitsvollen Buches der Erkenntniß. Als de ſonderbare Lebens⸗ weiſe des Braminen Donga Sette, der doch von dem portugieſiſchen Gonvernenr jede Granſamkeit erfahren hatte, deſſen Guͤter eingezogen, dem feine Bäume um⸗ — 225 gehauen und jede Art zu leben entleidet wurde, die öffentliche Aufmerkſamkeit- erregte, da wurde Ismael dieſer Mann, als der Beſitzer des Buchs der Erkennt⸗ niß, dieſes großen Schlüſſels zu unermeßlichem Reich⸗ thum, ſehr verdächtig. Um ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, machte der Jude dem Gouveneur den Vor⸗ ſchlag, nach einem Schatze in des Braminen Hauſe zu ſuchen, nicht, daß er gedacht hätte, daß der liſtige Bramine ſo thöoricht geweſen ſeyn werde, bei gegen⸗ wärtiger Zeit irgendwo in ſeinem Hauſe Geld zu ver⸗ ſtecken, ſondern weil er, wenn er die Häſcher beglei⸗ tete(die ſonſt nicht zu erhaltende), Gelegenheit be⸗ kommen konnte, ſich zu vergewiſſern, ob ſein Verdacht wegen des eiſernen Käſtchens gegründet ſey oder nicht. Während auf Geld gefahndet wurde, ſuchte Is⸗ mael aͤngſtlich mit den Augen nach dem erſehnten Käſtchen, in deſſen Beſitz er ſich heimlich ſetzen wollte. Weil der Bramine während der Unterſuchung in den äuſſeren Hof gegangen war, ſo hatte er eine herrliche Gelegenheit, ſeinen Plan auszuführen. Mitten in des Braminen Hauſe ſtand ſein großer Götze Gunputty, mit dem Elephanten⸗Kopfe, und zu ſeinen Füßen ſah Ismael zu ſeiner großen Freude ein kleines, eiſernes Käſtchen, das er haſtig ergriff. Allein er fand ſich wieder getäuſcht: denn es lag an einer ſtaͤhlernen Kette und war mit einem ſtarken Schloſſe an den Fuß des Götzen befeſtigt. Doch war Eines gewon⸗ nen: Donga Sette war wirklich im Beſitze des Buchs der Erkenntniß, und erfreut über dieſen erſten Schritt zum eignen Beſitze deſſelben, verließ Ismael den Bra⸗ minen mit ſpöttiſcher Verbeugung und einer bedeu⸗ tungsvollen Bewegung ſeiner Augen, wie ſchon erzählt wurde. Die Forderung des Gouverneur's, daß er auf der 226 Stelle Geld herbeiſchaffen ſollte, unterbrach, zu ſeinem Verdruſſe, die Plane des Juden und die goldene Erndte im Angeſicht, läßt ſich ſein Arger, als er ſich in den Schlamm verſinken, den Tod ihn angrinſen und keine Hülfe vor ſich ſah, leicht begreifen. (Ende des zweiten Bandes.) 2 Im Verlage der Gebruͤder Franckh in Stutt⸗ Hart erſchienen folgende ſehr empfehlens⸗ werthe Schriften: Aus dem Leben und den Memoiren einer weiblichen Caſanova wie ſte es ſelbſt in Paris im Jahr 1827 niedergeſchrieben oder Bekenntniſſe einer ſchoͤnen Frau Erinnerungen, Anekdoten und geheime Liebesgeſchich⸗ ten von den ausgezeichnetſten Perſonen, welche zur Zeit der franzöſiſchen Republik, des Con⸗ ſulats und des Kaiſerreichs in Europa geglänzt haben. 2 Bände. Denkwuͤrdigkeiten, Erinnerungen un d geheime Geſchichten uͤber das Innere des Palaſtes von Napoleon und 4 über einige Ereigniſſe des franzöſiſchen Kaiſerreichs ſeit 1805 bis zum 1. Mai 1814. VWon Graf Bauſſel. 2 Bande. gr. 12. broſch. Geſchichte der Fronde von Graf Saſint⸗Aulaire. Aus dem Franzoͤſiſchen. 3 Bände. Geheime Denkwuͤrdigkeiten 4 über Napoleon und den Hof der Tutlllerien in den Jahren 4599 bis 1804. Voo. Thibau d e au, Mitglied des Staatsraths jener Zeit. gr. 8. broſchirt. Geſ 4 1 ht te. . e Krieges auf der pyrenaͤiſchen Halbinſel unter Napoleon. Mit einem vorangehenden politiſchen und militäriſchen Gemälde der kriegführenden Mächte. Von Geineroal Fv y herausgegeben von der Frau Graͤfin Fo y 94 Baͤnde. gr. 12. br. Geheime Papiere des Teufels enthalten: Napoleon in der andern Welt eine von ihm ſelbſt geſchriebene Erzählung; gefunden zu St. Helena, an uße ſeines Grabes Fongo⸗ Ter„Foh⸗ Tche Mandarin der dritten Klahl fe 2 Bande. 5 — 8 —— ——— — —— 5 3 1* 3 4. 4 5*—. 4 B— 4½ 2** ſ nnnfnnfnnnmfnnfffffsnnſſſfſſſinffſffſnnſſſſſſnnſſſffſſſſſſſiſſiſſſ 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 4 8 5* ——— 8 5 7 4 8 8————