+ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗. den angenommen. 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 b 14. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 8 eträgt:. 1 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Ff. 1 Mr. 50 PFf. 2 Nk.— Pf. „ 2„„„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung d der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Ferriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, dis dan ieiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4. — —— 1— ——— —ÿÿ—ꝛ——:—— — ——— Das indiſche Serail oder Mußeſtunden eines Nuwab. TTT Erſter Theil. Im Verlage der Gebruͤder Franckh ſind erſchienen: Amazone, die, der großen Armee, oder Denkwuͤrdigkeiten, Anekdoten und Abenteuer der Dorothee Rhenet, Ritter der franz. Ehrenlegion. Von ihr ſelbſt herausgegeben. A. d. Franz. 2 Thle. Barbier, der, von Paris. Hiſtor. Noman in 4 Thln. 8. Bekenntniſſe einer ſchoͤnen Frau oder Frinnerungen, Anekdoten u. geheime Liebesgeſchichten uͤber die aus⸗ gezeichnerſten Perſonen, welche zur Zeit der Republik, des Confulats und des Kaiſerreichs geglänzt haben. Von einer franzöt. Dame. gr. 3. broſch. Bekenntniſſe eines Hageſtolzen. Humoriſt. Novelle. A. d. Engl. gr. 12. Bekenntniſſe einer alten Jungfer. Humoriſt. Novelle. 3 A. d. Engl. gr. 12. Brambletye⸗ Haus, oder Ritter und Rundkoͤpfe. Roman a d. Engl. Von Horaz Smith. 3 Thle. 8. Cooper,(Amertkaner), der lezte Mohican. Eine Geſchich⸗ te aus dem Jahr 1757. A. d. Engl. 4 Ade. gr. 12. br. Cunningham, Allan, Paul Jones. Ein Roman. A. d. Engl. 3 Bde. 8. De Vere, od. der Unabhaͤngige. Roman in 3 Thln⸗ A. d. Engl. 12. br. Drutſchland, oder Briefe eines in Deutſchland reiſenden Deutſchen. Erſter und zweiter Band. gr. 3. Eliſabethe von Bruce. Roman. Nach Walter Scott. 3 Thle. A. d. Engl. gr. 12. br. Familie, die, Sainte⸗Amaranthe, oder die Schreckens⸗ regierung Heroiſche Novelle. A. d. Franz. der Mad. E. L. von Ludwig. 2Thle.. Gallois, L. Theatraliſche Kreuz⸗ und Querzuͤge, oder Abenteuer, Liebſchaften und Bekenntniſſe einer reiſen⸗ den Komoͤdiantenbande. Ein ſatyriſch⸗komiſcher Ro⸗ man. 3 Thle. Graf Villamajor, oder Spanien unter Karl IV. A. d. Engl. Hiſtoriſch⸗charakteriſt. Sittengemaͤlde von Mor⸗ tonval. 3 Thle. Hof, der, eines regierenden Fuͤrſten, oder die zwei Mai⸗ treſſen. Von Baron Lamothe⸗Langon. 4 Thle. 8. Polizeiſpion, der. Ein Sittenroman, von Lamothe⸗ Langon. 4 Thle. 3, — — 4+ / 47 71./ 5 Das indiſche Serail oder Mußeſtunden eines Nuwab. Vom Verfaſſer des Pandurang Hari, oder Denkwürdigkeiten eines Hindu. — In drei Baͤnden. Aus dem Engliſchen. 00200. Er ſt er Baund. ꝓꝓXTTXXTXTTXTXTTXTXTXTTXTXTXXXTTXTXT Stuttgark. Gebrüder Franckh. 1828. bei —— CCCCOCOeCCC COCCCO-?CCOCCCCCOSOCCGCSS Der Verfaſſer dieſer Blaͤtter hatte kurz nach ſeiner Ankunft in Indien das Gluͤck, einen Ci⸗ vildienſt an einem auswaͤrtigen Poſten in ei⸗ ner betraͤchtlichen Entfernung von der Regie⸗ rung zu erhalten. Ehe er die Pflichten ſeines Amtes zur Zufriedenheit ſeiner Obern vollzie⸗ hen konnte, fand er es unumgaͤnglich noth⸗ wendig, ſich zuvor eine gruͤndliche Kenntniß der perſiſchen und indiſchen Sprache zu erwer⸗ ben; und da der Dienſt, mit dem er beauf⸗ tragt war, es von ihm forderte, daß er mit ziemlicher Leichtigkeit und Gelaͤufigkeit mit den Eingebornen verkehren koͤnnte, ſo richtete er ſeine Aufmerkſamkeit beſonders auf die Kennt⸗ niß der Umgangsſprache dieſer Voͤlker. Das erſte, was er that, war, daß er das, was er aus vaterlaͤndiſchen Buͤchern daruͤber ſchon ge⸗ lernt hatte, zu vergeſſen ſuchte, und ſich fleißig an die Nerſer und Nagree hielt, und da er taͤglich mit den Eingebornen zu thun hatte, ſo machte er bald ziemliche Fortſchritte. 6 Nachdem der Verfaſſer die erſte und bedeu⸗ tendſte Schwierigkeit, naͤmlich eine richtige Aus⸗ ſprache, uͤberwunden, ſo wuͤnſchte er natuͤrlich nicht nur naͤher mit den Sprachen bekannt zu werden, ſondern auch mit den Sitten und Ge⸗ braͤuchen des Volkes, unter dem er lebte. Deß⸗ halb verſammelte er, wenn der Abend ihn zu Haufe hielt, ſowohl zu ſeiner Unterhaltung, als auch zu ſeiner Belehrung unter den Einwoh⸗ nern ſeines Diſtrictes, diejenigen, die er zu dem Geſchaͤft tauglich hielt, um ſich, und bat ſie, ihm irgend eine unterhaltende Geſchichte zu er⸗ zaͤhlen, welche ſein Moonſchee(oder Lehrer), der bei ſolchen Gelegenheiten nie fehlen durfte, ſchrift⸗ lich aufſetzen und am folgenden Tage mit ſei⸗ nem Beiſtande ins Engliſche uͤberſetzen mußte. Anfaͤnglich zeigten ſich bei den Leuten, die man dazu aufforderte, betzutende Schwierigkeiten; ei⸗ nige entſchuldigten ſich mit Unwiſſenheit, andere hatten nicht Muth genug, ihrem Vorgeſezten in ſeinem eigenen Zimmer Geſchichten zu erzaͤh⸗ len; als er jedoch dem, der die angenehmſte Geſchichte erzaͤhlen wuͤrde, eine Belohnung ver⸗ ſprach, ſo waren bald alle Schwierigkeiten be⸗ ſeitigt. Obgleich in ſeinem Diſtricte nur ein einziger war, von dem man ſagen konnte, daß er Talent dazu habe, ſo kamen doch in wenig Tagen, als ſich das Geruͤcht davon verbreitete, mehrere und boten ihre Dienſte an, und erzaͤhl⸗ ten einige Volksſagen mit ziemlicher Bereitwil⸗ ligkeit und guter Laune. Als der Verfaſſer in ſein Vaterland zuruͤck⸗ A 7 gekehrt war, wagte er es, dem Publikum in einem fruͤhern Werke, unter dem Titel:„Pand⸗ urang Hari“ eine Schilderung indiſcher Sitten und Gebraͤuche vorzulegen. Die ſchmeichelhafte Aufnahme, die dieſes Werk fand, und die Be⸗ merkung, daß eine darin eingeflochtene Epiſode Vergnugen gemacht habe, brachte ihn auf den Gedanken, daß eine Reihe indiſcher Erzaͤhlun⸗ gen gewiß nicht unangenehm ſeyn wuͤrde. Er ſuchte deßhalb zu dieſem Zwecke die Geſchich⸗ ten, die ſein Lehrer uͤberſezt, und die er auf die oben erwaͤhnte Weiſe erhalten, und vieie Jahre lang hatte liegen laſſen, wieder hervor. Da er der Meinung war, man koͤnne die Be⸗ kanntmachung einer unſchicklichen und unin⸗ tereſſanten Erzaͤhlung nicht mit ihrer Origina⸗ litaͤt entſchuldigen, ſo erforderte es nicht wenig Zeit und Fleiß, das Schlechte aus den beſſern Stuͤcken unter den aͤchten Erzaͤhlungen auszu⸗ fondern, unter denen ſich viele von Voͤgeln und Thieren, Rieſen und Zauberern uͤberaus kindiſche oder uͤberaus abgeſchmackte befanden. Auf der andern Seite fanden ſich einige an⸗ gefullt mit Liſten und Liebeshaͤndeln von Wei⸗ bern, die theils unmoraliſch und unſchicklich, theils auch weder belehrend noch unterhaltend waren. Die erſteren ließ der Verfaſſer weg, weil er befuͤrchtete, ein aufgeklaͤrtes Publikum zu beleidigen, wenn er ihm Abgeſchmacktheiten vorlegte, und die lezteren, weil er ſein Zartge⸗ fuͤhl nicht verletzen wollte; ohnedieß iſt das Publikum hinlaͤnglich uͤber die Untreue der aſia⸗ 3. tiſchen Frauen unterrichtet, durch ein neulich erſchienenes Werk, das den Titel fuͤhrt:„Neue arabiſche Nachtunterhaltungen.“ Nachdem ſo der Verfaſſer ausgewaͤhlt, was ihm am beſten in ſeine Sammlung zu taugen ſchien, bildete er nach der Grundlage und aus den Hauptzuͤgen derſelben die nachfolgenden Er⸗ zaͤhlungen, welche auf dieſe Art noch mehr Beifall finden werden, als wenn ſie in ihrer urſpruͤnglichen Geſtalt gegeben worden waͤren. Da er ſich bemuͤht, Abwechslung hineinzubrin⸗ gen, und zugleich dieſelben belehrend zu machen, ſo hofft er, daß dieſe Erzaͤhlungen den Leſern in ihren Mußeſtunden einige Unterhaltung ge⸗ waͤhren werden. Das indiſche Serail osder. Mußeſtunden eines Nu w a b. Erſtes Kapitel. Im Jahre 1741, gegen das Ende der Re⸗ gierung Kaiſer Mahommed's, viele Jahre vor⸗ her, ehe die Britten auf dem indiſchen Schau⸗ platze als die Beherrſcher dieſes ungeheuren Lan⸗ — des auftraten, herrſchte uͤber die Stadt Surat Nuwab⸗Jelal⸗ed⸗deen Khan Behauder, der, ob⸗ gheich abhaͤngig von dem Hofe zu Delhi, doch eine ſo unumſchraͤnkte Macht beſaß, daß ſie nicht viel geringer war, als die des Kaiſers ſelbſt. Zu einer Schilderung des Characters, der Sit⸗ ten und Gebraͤuche des Nuwabs und ſeines Ho⸗ fes, mag eine kurze Beſchreibung der Stadt, uͤber welche er herrſchte, nicht unnoͤthig ſeyn. Surat iſt eine große, volkreiche Stadt in der Provinz Guzrat, an den Ufern des Tapee; 10 und hatte ſich waͤhrend der Regierung von Je⸗ lal⸗ed⸗deen's Vater ſeinen ausgebreiteten Han⸗ del erhalten, da man ſie fuͤr einen der wichtig⸗ ſten Haͤfen Indiens, und den Verſammlungs⸗ ort der Kaufleute aus allen Gegenden der Welt betrachtete. Surat war beruͤhmt durch die vie⸗ len ausgezeichneten und gelehrten Mahomeda⸗ ner, die es enthielt. Seine Straßen wimmel⸗ ten von Menſchen aller Art, waͤhrend in ihrem Fluſſe praͤchtige Schiffe von allen Gegenden der „Erde ſchwammen. Die Stadt war mit einer in⸗ nern und aͤußern Mauer umgeben; innerhalb des Bezirkes jener reſidirte der Nuwab und alle angeſehenen und bedeutenden Mahomedaner⸗ Auch war hier das Caſtell, eine wohl beſezte Fe⸗ ſtung, deren hohe Zinnen ſtolz auf die Wellen des majeſtaͤtiſchen Tapee herabſahen.. Innerhalb der aͤußern und innern Mauer lag der Bazaar, und die Wohnungen der⸗Kauf⸗ leute, Kraͤmer und Handwerker; dieſer Theil der Stadt war von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht mit Leuten aus allen Nationen der Erde angefuͤllt, deren Geſchaͤfte, vermittelſt ei⸗ ner regelmaͤßigen und wohl eingerichteten Po⸗ lizei, ohne Unordnung oder Verwirrung von Statten giengen. So war der bluͤhende Zuſtand dieſer großen Stadt waͤhrend der Herrſchaft von Jelal⸗ ed⸗deen's Vorgaͤnger. Jelal⸗ed⸗ deen war leider von ſeinem Va⸗ ter ſehr verſchieden, und als er den Musnud beſtieg, fanden Litteratur und Kunſt keine Auf⸗ 7 munterung mehr, und nahmen allmaͤhlig ab. X 14 Obgleich der Nuwab gleichguͤltig war gegen die Vortheile, welche Ausbreitung der Wiſſenſchaft mit ſich bringt, ſo war er doch aͤußerſt thaͤtig, ſeine Wuͤrde zu behaupten. In ſeinem Durbar vereinigten ſich die Einrichtungen zu Agra und Delhi, und zu Surat herrſchte eine glaͤnzendere Pracht als in den meiſten Staͤdten, wo ein Statthalter des moghulſchen Reiches ſeinen Hof hielt. Jelal⸗ ed⸗deen, obgleich verſchmizt, und ertraͤglich gebildet, war doch nichts weniger als ein edler Mann. Obgleich bis zum doͤchſten Grade reizbar, vergaß er doch nie einen Au⸗ genblick, was die Artigkeit und Hoöflichkeit ge⸗ bot, und er pflegte ſich zu ruͤhmen, niemand koͤnne ſo artig und hoͤflich zum Kopfabſchneiden verurtheilen, als er. Die taͤglichen Geſchaͤfte beſorgte der Nuwab ſelbſt, aber ſeine vornehmſte Sorge war ſeine Zenana oder ſeine Frauengemaͤcher; nicht, daß er laͤngere Zeit in dieſem Theil ſeines Palaſtes zugebracht haͤtte, als ein anderer Herrſcher in einer aͤhnlichen Lage, aber er war der Meinung, es ſey ſeiner Wuͤrde und Hoheit zutraͤglich, recht viele Weiber in ſeinen Mauern zu haben. Bei dieſer thoͤrichten, irrigen Meinung ſparte er we⸗ der Zeit, noch Muͤhe, noch Koſten, um ſein Serail ſo vollſtaͤndig als moͤglich einzurichten. Er ſandte Kundſchafter nach Perſien, Circaſſien, Delhi und vielen andern Orten, um Frauen fuͤr ſein Harem herbeizuſchaffen, und nach einiger Zeit hatte er das Vergnuͤgen, unter ſeinem Dache 300 der ſchoͤnſten Weiber Aſiens zu ſehen: 12 er theilte ſie in Abtheilungen, und wies jeder von dieſen ſchoͤnen Blumen ſeines Serails ein⸗ beſonderes Zimmer an. Jeder Abtheilung ſtand ein Weib vor, und das Ganze ſtand unter ei⸗ ner erfahrenen Frau, die unter ſeinem Vorgaͤn⸗ ger das naͤmliche Amt gehabt hatte. Ein Schatz⸗ meiſter hatte ſtrengen Befehl, den Frauen nichts⸗ zu verſagen, was nur in dem Bereiche ſeiner Macht ſtand. Verſchnittene ſtanden als Waͤch⸗ ter an allen Zugaͤngen zu der Wohnung dieſer⸗ Schoͤnheiten, waͤhrend ein Korps Raiput's Tag und Nacht an der aͤußern Mauer Wache hielt. Unter einer ſo großen Anzahl von Frauen hatte der Nuwab bisher noch keine zu ſeinem erkloͤrten Weibe gewaͤhlt, weil er dieſe Ehre⸗ einer ſchböneren ihm ergebeneren, als die, welche bereits in ſeinem Beſitze waren, aufbehielt, wenn er einmal eine ſolche finden ſollte. Die Zeit von Sonnenaufgang bis Mittag war ganz den Geſchaͤften und Angelegenheiten des Staates gewidmet; waͤhrend derſelben war der Durbar mit Beamten, Gerichtsdienern und Supplicanten gefuͤllt. Aber die Perſon, die den thaͤtigſten Antheil an dieſem taͤglichen Gange der. Geſchaͤfte nahm, war des Nuwahs Vezir, oder Deewan, ein verſchlagener, aber geſchickter Ma⸗ homedaner, deſſen Intereſſe es aus vielen Gruͤn⸗ den erforderte, den Nuwab ſo viel als moglich im Dunkeln zu laſſen, und ihm nur ſolche Dinger zu hoͤren zu geben, die er fuͤr geeignet hielt, ihm mitzutheilen. Dieſer Mann hieß Moyered⸗ din, und hatte unter dem vorigen Nuwab das — — —— 155 Amt eines Deewan bekleidet, durch deſſen un⸗ ermuͤdliche Aufmerkſamkeit auf die Geſchaͤfte aber Moye⸗ed⸗din faſt nur eine leere Zahl in dem Durbar war; auck haͤtte er ſein Amt laͤngſt niedergelegt, haͤtte er nicht die baldige Nachfolge Jelal⸗ed⸗ deen’s gehofft, von deſſen Laͤſſigkeit er erwartete, daß ſie ihm den Weg zu Reich⸗ thum und Wuͤrde bahnen werde. Dieſer Mann war es, der Jelal⸗ed⸗deen beredete, durch ein zahlreiches und wohl angelegtes Serail ſich ei⸗ nen maͤchtigen Namen zu erwerben; weil er hoffte, ſein Herr werde, bezaubert durch die Ge⸗ ſellſchaft dieſer Schaar ſchoͤner Syrenen, nach und nach das ganze Gewicht der Staatsgeſchaͤfte in ſeine Haͤnde niederlegen, und ihm ſo Gele⸗ genheit geben, ſich zu bereichern, nach der er, unter dem vorigen Nuwab, vergeblich geſeufzt hatte.. Die von dem Nuwab getroffene Anordnung dor Geſchaͤfte war jedoch ein harter Schlag fuͤr die Hoffnungen des Miniſters, der vergeblich nach neuen Schoͤnheiten ſuchte, und neue Ver⸗ gnuͤgungen erfand, um die Aufmerkſamkeit ſei⸗ nes Herrn von den Geſchaͤften des Durbar ab⸗ zulenken; aber kein Scharfſinn von Seiten des Deewan konnte den Entſchluß des Nuwab's wan⸗ kend machen. Nach der zwoͤlften Stunde zog ſich Jelal⸗ed⸗deen von den Beſchwerden des Dur⸗ bar zuruͤck, um ſich in den ſtillen Gemaͤchern ſeiner Anderun zu erholen, aus denen ihn nichts haͤtte herausbringen koͤnnen, als ein Firman ¹) *) Kaiſerliche Depeſche. 2 14 des Kaiſers von Delhi.— Nachdem er hier ſein Mittagsmahl in Geſellſchaft einiger Frauen, die ſich durch Witz vor den uͤbrigen auszeichneten, eingenommen, pflegten ihn dieſe zu unterhalten, indem ſie entweder anziehende Geſchichten er⸗ zaͤhlten— oder einige Lieder des unnachahmli⸗ chen Hafi's ſangen. Andere ſpielten Putſchees*) und andere indiſche Spiele; und wenn dieß(was ſelten geſchab) den Nuwab nicht unterhielt, ſo pflegte er mit ſeiner Favoritin nach Mahmud⸗ a⸗baugh, einem Palaſte auf dem Lande, zu gehen, wo er einen ſchoͤnen Garten hatte, der mit den ſchoͤnſten Blumen und den koͤſtlichſten Fruͤchten prangte, und mit Springbrunnen und Lauben von ſuͤßduftendem Jasmin, mit Gaͤngen von ſchoͤnen Cypreſſen, und jeglicher Pracht ge⸗ ſchmuͤckt war, die ein Mann erfinden und die Natur verſchoͤnern konnte. Auf dieſem Plaͤtzchen ſich dieſem morgenlaͤndiſchen Herrſcher aufzudrin⸗ gen, waͤre Wahnſinn geweſen, wenn er mit ſeiner Favoritin, ſeinem Hookah, und ſeinem Schachbrett unter dem Schatten eines Baumes ſich niedergelaſſen und ſelbſtzufrieden dem Ver⸗ gnuͤgen nachhieng. Moye⸗ed⸗deen benuͤzte ſeine Zeit auf eine ganz andere Weiſe; denn da er mit Verdruß des Nuwabs ſonderbaren Geſchmack ſowohl an Geſchaͤften, als an Vergnuͤgungen bemerkte, ſo war es keine leichte Aufgabe, ſich ſo zu beneh⸗ men, daß er nicht zu eifrig die erſtere zu ver⸗ mehren, und zu geſchaͤftig die lezteren herbei *) Eine Art Schachſpiel. 15 zu ſchaffen ſchien. Waͤhrend deßhalb ſein Herr in Lauben von duftendem Mogree dem Muͤßig⸗ gange froͤhnte, oder den Erzaͤhlungen ſeiner Maͤdchen zuhoͤrte, durchſchritt er mit einem zahlreichen Haufen von Begleitern die Stadt, lieh ſein Ohr der Stimme der Klage, oder, was ihm angenehmer war, den ſuͤßen Reden der Schmeichelei, oder den demuͤthigen Toͤnen der Unterwuͤrfigkeit. Hiedurch wurde er mit dem verwickelten Gange und den verſchiedenen Wen⸗ dungen einer jeden Klage bekaunt, die am folgenden Tage vor den Nuwab gebracht wurde. Auf dieſe Art unterrichtet, bewilligte er jedem Bittſteller Zutritt zu dem Musnud, und ver⸗ maß ſich nie in Gegenwart ſeines Herrn eine Schrift anzunehmen oder einen Befehl zu ge⸗ ben, indem er voͤllige Unkenntniß von Allem, was vorging, vorgab, bis der Nuwab ſelbſt ge⸗ ruhte, ihn um Rath zu fragen; dann pflegte er, nachdem er die Klagſchrift geleſen, auch einige Fragen dem Klaͤger vorgelegt, die Sache ernſt⸗ haft zu bedenken, und wagte es zulezt, mit tie⸗ fer Unterthaͤnigkeit ihm ſeine Meinung vorzule⸗ gen, welche vermoͤge ſeiner Kenntniß von der Sache gewoͤhnlich die richtige war: ſelbſt dieß erforderte jedoch beſondere Geſchicklichkeit und Verſchlagenheit, damit der Nuwab keinen Ver⸗ dacht hegen koͤnnte, daß er ſchon vorher mit der Sache bekannt geweſen ſeg; oder, was eben ſo ge⸗ faͤhrlich war, ihn mit eiferſuͤchtigen Augen betrach⸗ tete, wenn er in ihm einen Mann von mehr Talent und Scharfſinn entdeckte, als er ſelbſt war. 165 Es war daher kein geringer Grad von Scharf⸗ ſinn und Vorſicht erforderlich, um Verdacht zu verhindern, und den Pfeil der Eiferſucht abzu⸗ wenden. Moye⸗ed⸗din's Liſt brauchte daher fol⸗ genden Kunſtgriff: er gab zufaͤl'ig eine falſche Entſcheidung, indem er zugleich einige Worte fallen ließ, durch die der Nuwab nothwendig auf die rechte kommen mußte, oder auf eine. ſolche, welche ſein Intereſſe gerne fuͤr die rechte hielt; dann pflegte der liſtige Schalk auszuru⸗ fen:„Wah! Wah!«**) um ſeines Herrn Ge⸗ lehrſamkeit und Geſchicklichkeit zu preiſen. Solche Ausrufungen beſchraͤnkten ſich dann— nicht auf den Moye⸗ed⸗din allein, ſondern hallten durch den ganzen Durbar wieder. Waͤre wenigſtens die Gerechtigkeit beobachtet worden, ſo waͤre es ei⸗ nerlei geweſen, wer von den zweien, der Herr oder der Diener, die Wahrheit der ſtreitigen Sache herausgefunden haͤtte; aber leider! ver⸗ wandelte die verderbliche Hand des Miniſters, nachdem er einmal das Rechte und Unrechte un⸗ terſchieden, Licht in Dunkelheit, und machte dier Dunkelheit noch dunkler. Es ereignete ſich jedoch ein Umſtänd, der dem Nuwab einigermaßen die Augen oͤffnete. Als er eines Tages in vollem Durbar ſaß, be⸗ merkte er am vordern Ende des Saales einen ungewoͤhnlichen Laͤrm, wie wenn einer dem Mus⸗ nud ſich zu naͤhern ſuchte, aber daran verhin⸗ *) Ein gewoͤhnlicher Ausruf der Verwunderung: oder des Beifalls. 3 17 dert wuͤrde. Er fragte nach der Urſache eines ſo unſchicklichen Betragens; man gab keine Ant⸗ wort; nur ein tiefes Schweigen herrſchte durch das weite Zimmer. Moye⸗ed⸗din ſaß, ſtrich ſich ſeinen Bart und Knebelbart, wobei er ſich ein⸗ bildete, ſolche aͤußere Zeichen von Faſſung wuͤr⸗ den hinlaͤnglich die Verwirrung verbergen, welche in ſeinem Innern herrſchte. Der Nuwab, der ſeinen Miniſter nicht thaͤtig ſah, die Urſache der Verwirrung aufzufinden, vermuthete ſogleich, daß er auf irgend eine Weiſe bei der Sache intereſſirt ſeyn muͤſſe. Er ſtand daher ſelbſt auf, und rief laut:„Wenn jemand hier iſt, den man verhin⸗ dert hat, ſich dem Sitze der Gerechtigkeit zu naͤhern, laßt ihn vorkommen, bei Strafe.“ Jezt, dachte Moye⸗ed⸗din, ſey es Zeit, aufzuſtehen und ſeines Herrn Worte wiederholen; er rief daher laut:„Komm hervor!“ Es waͤre unmoͤg⸗ lich, die Furcht zu ſchildern, die ſich auf den Geſichtern aller Anweſenden ausdruͤckte. Jeder⸗ mann machte Platz fuͤr die Perſon, von der man erwartete, daß ſie nun vortreten wuͤrde; ſo daß die Mitte des Saales, der vorher ganz uͤberfuͤllt war, nun eine breite Straße bot, an der ſich zu beiden Seiten die bange, erſchrockene Menge draͤngte. Kein Laut wurde gehoͤrt, als das fal⸗ lende Waſſer eines ſchoͤnen, marmornen Spring⸗ brunnens, der gerade den Fluͤgelthuͤren des Saa⸗ les gegenuͤber, im Angeſichte des praͤchtigen Mus⸗ nud's lag; dieſer hoͤrte jedoch auf einmal auf, wie um den Schrecken der ganzen Verſammlung zu vermehren. Aller Augen waren auf den 18 Springbrunnen gerichtet. Moye⸗eb⸗din allein hef⸗ tete die ſeinigen auf das Geſicht des Nuwab, auf dem Zorn ſich malte, der, wie er fuͤhlte, nur durch eine ſchreckliche Beſtrafung irgend ei⸗ nes, vielleicht ſeiner ſelbſt, beſchwichtigt werden koͤnnte: doch, da eine geraume Zeit verfloß, ohne daß ſich ein Klaͤger dem Musnud naͤherte, ſo troͤſtete er ſich mit der Hoffnung, der Klaͤger habe, in Furcht geſezt durch den ernſten Auf⸗ tritt, ſeine Verwegenheit bereut, und ſich aus dem Saale zuruͤckgezogen. Der Nuwab war entſchloſſen, das Geheim⸗ niß zu ergruͤnden; er ſtand daher noch einmal auf, und rief, auf den Springbrunnen deutend⸗ aus:„Der Springbrunnen hat aufgehoͤrt zu flie⸗ ßen; aber Gott verhuͤte, daß die Quelle der Gerechtigkeit durch die Raͤnke ſchlechtgeſinnter Leute(hier warf er einen Blick auf Moye⸗ed⸗din) in ihrem Laufe ſollte unterbrochen u erden! Noch einmal befehle ich dem Manne, vorzutreten, und mir ſein Geſuch vorzulegen.“ Auf die ſe feierliche Anrede bahnte ſich eine Perſon lang⸗ ſam einen Weg durch die Menge, die den Saal fuͤllte. Aller Augen waren auf ſie gerichtet. Es war ein alter Mahomedaner, ein Faͤrber ſeines Handwerks; in ſeiner Hand hielt er eine Schrift, die durch die Indigofarbe ſeiner Finger, und ſei⸗ nen furchtbaren Schweiß ſeit dem erſten Aufrufe des Nuwab, ſo gelitten hatte, daß ſie nicht ge⸗ rade geeignet war, in die Haͤnde des maͤchtigen Nuwab Jelal⸗ed⸗deen Behauder's gelegt zu wer⸗ den. Nachdem der arme Faͤrber ſich dreimal ver⸗ —4 19. neigt, und dreimal vernehmlich mit ſeiner Stirne die Marmorplatten beruͤhrt, rief Moye⸗et⸗din: „Halt, Kerl, willſt du die Hand des Koͤnigs be⸗ ſudeln? Laß meinem Scheriſtadar*) deine Schrift abſchreiben.“ Der Nuwab, der die ſchwa⸗ che Liſt ſeines Deewan durchſchaute, erwiederte: „Weder die Hand noch das Auge des Koͤnigs (wie du beliebteſt dich auszudruͤcken) kann durch die Stimme des Klaͤgers entweiht werden, in welcher Tracht auch diefer ſie vorbringt.“ So ſprechend reckte er ſeine Hand aus, und nahm die Schrift. Moye⸗ed⸗din ſtrengte ſich, waͤhrend ihm der Schweiß zu allen Poren herausdrang, uͤbermaͤ⸗ ßig an, ſeinem Geſichte das Anſehen einer ſchlecht geheuchelten Heiterkeit und Faſſung zu geben; aber leider! waren ſeine Verſuche fruchtlos, denn das ſcharfe, durchdringende Auge des Nu⸗ wab hatte, ob es gleich ſcheinbar ganz auf den Inhalt der Bittſchrift gerichtet war, mit einem einzigen Blicke die Geſichtszuͤge ſeines Miniſters erforſcht, und darauf die Beſtaͤtigung der, in dem vor ihm liegenden Papiere enthaltenen Behauptungen geleſen. Da er aber ſeinen Mi⸗ niſter nicht oͤffentlich entehren wollte, ſteckte er die Schrift in ſeinen Buſen und befahl, in den Geſchaͤften des Tages fortzufahren. So groß war Moye⸗ed⸗din's Beſtuͤrzung, daß ihm ſeine gewohnte Verſchlagenheit und Liſt, die er voͤllig entſchloſſen war bei vielen Faͤllen, *) Secretaͤr. 20 welche an dieſem Tage entſchieden werden ſoll⸗ ten, in Anwendung zu bringen, gaͤnzlich ver⸗ ließ, ſo daß mehrere Bittſteller, die ſich auf ſeine Huͤlfe verlaſſen hatten, mit Beſtuͤrzung ihre Bitten von dem Nuwab abgeſchlagen ſa⸗ hen, der uͤber ihre Anſpruͤche entſchieden hatte, ohne ſeinen erſchrockenen Miniſter einer Frage zu wuͤrdigen. Auf der andern Seite beklagten ſich manche, daß ſie, anſtatt mit fliegenden Fah⸗ . nen abzuziehen, wie ſie nach den Verſprechun⸗ gen des Deewan erwartet hatten, ſtrenge be⸗ ſtraft wurden, oder harte Geldſtrafen erlegen mußten. Vergeblich richteten dieſe Ungluͤcklichen ihre Augen auf den niedergeſchlagenen Moye⸗ ed⸗din, deſſen ganze Aufmerkſamkeit von ſeinem Barte in Anſpruch genommen ſchien, den er ſich fortwaͤhrend mit unverminderter Emſigkeit und Beharrlichkeit ſtrich. Um die zwoͤlfte Stunde wurde, wie gewoͤhnlich, der Durbar aufgehoben, und der Nuwab, nachdem er ſein Mittagsmahl eingenommen, zog. ſich in ſein Zenana zuruͤck:— und waͤhrend er hier den ſuͤßen Erzoͤhlungen ſeiner Maͤdchen lauſcht, finden wir eine geſchickte Gelegenheit, die genaueren Umſtaͤnde der Bege⸗ benheit zu berichten, welche die oben erwaͤhnte Beſtuͤrzung in dem Gerichtsſaale hervorbrachte, wovon der Leſer eine genaue Erzaͤhlung im fol⸗ genden Kapitel finden wird. — —— — —— 241 Zweites Kapitel. Die ganze Stadt Surat war, wie bereits er⸗ waͤhnt worden, von einer hohen Mauer umge⸗ ben, und hatte innerhalb noch eine, welche den Theil einſchloß, den man Moghul⸗ Serai nannte, wo die Wohnung des Nuwab, und aller Maho⸗ medaner von Rang und Anſehen war; waͤhrend der Raum zwiſchen der aͤußern und innern Mauer den Bazaar, und die Wohnungen der Kraͤmer, Kaufleute, Handwerker u. ſ. w. enthielt. Es war immer die Gewohnheit des Cotwalls*) des Bazaar, auf alle Unruhen Acht zu geben, welche in dem lezteren vorſielen, waͤhrend die Beamten des Durbar alle Streitigkeiten ent⸗ ſchieden, welche im erſtern vorkamen, demun⸗ geachtet aber in wichtigen Faͤllen, wenn man ſich von der Entſcheidung des Cotwalls auf ſie berief, dieſe annahmen. Moye⸗ed⸗din hatte ſich jedoch unlaͤngſt das Recht angemaßt, ſich auch in ganz unwichtigen Fäaͤllen in die Entſcheidungen des Gerichtshofes zu miſchen. Der Cotwall, der auf ſeinem Vor⸗ rechte beharrte, beſchloß, bei der naͤchſten guͤn⸗ ſtigen Gelegenheit dieſem unverantwortlichen Ein⸗ greifen in die Entſcheidungen ſeines Gerichtsho⸗ fes Einhalt zu thun. Er war zu behutſam, ge⸗ gen den Deewan in Perſon Klage zu fuͤhren; er wartete nur, bis ein Unzufriedener uͤber die *) Policeimeiſter. 23 vermeſſenen Handlungen des Miniſters ſich bei ihm beklagen wuͤrde. Dieſer Fall trat endlich ein: ein armer Faͤrber, der ſich von Morgen bis in die Nacht plackte, um ſich zu ernaͤhren, war ſeit vielen Jahren gewohnt, ſeine Tuͤcher zum faͤrben auf einem kleinen Platze aufzuhaͤn⸗ gen, der zu ſeinem Hauſe gehoͤrte, wozu er auch wirklich das Recht hatte, da einmal auf dem Platze das Haus gebaut war, das ſeinem Bater gehoͤrt hatte, deſſen Erbe er geworden war. Sein Nachbar jedoch, ein Fleiſcher, hatte oft uͤber ſeinen Anſpruch auf den Platz mit ihm geſtritten, und als eines Tages der Faͤrber ei⸗ nes Geſchaͤftes halber abweſend ſeyn mußte, uͤber⸗ ließ er ſeinem juͤngern Sohne die Beſorgung mehrerer Tuͤcher, welche auf beſagtem Platze an Rahmen aufgehaͤngt werden ſollten. Als er, ſpaͤt am Abend, zuruͤckkehrte, wie groß war ſeine Be⸗ ſtuͤrzung, da er, ſtatt ſeiner kuͤrzlich gefaͤrbten Tuͤcher, die er getrocknet und fertig, um ſie an ſeine Kunden abzugeben, zu finden gehofft hatte, ihren Platz durch Schafskopfe und Hammels⸗ füße beſezt fand, waͤhrend ſeine Tuͤcher mit Fuͤ⸗ ßen getreten, und mit Staub und Koth bedeckt waren. Der beſtuͤrzte Faͤrber rief ſeinem Sohne, von dem er keine Antwort erhielt; er beſchloß alſo ihn, wenn er nach Hauſe kaͤme, derb zu zuͤchtigen, da er vollig uͤberzeugt war, der un⸗ erfahrne Junge habe ſeine Pflicht vernachlaͤßigt, und an den Spielen der Knaben im Bazaar Tbeil genommen. Als er jedoch ſein Haus be⸗ trat, wuchs ſeine Beſtuͤrzung, da er den armen — — 2³ Jungen am Boden, ſtark blutend, ausgeſtreckt fand. Der erſchrockene Vater richtete ſchnell ſeinen entſtellten, ſchwer verwundeten Sohn auf, wuſch ihm den Kopf ab, von dem immer noch das Blut herabfloß, wodurch der Knabe allmaͤylig wieder auflebte, und als er zu ſich ſelbſt gekom⸗ men war, ſeinem Vater alles berichtete, was in ſeiner Abweſenheit vorgefallen war; daß er naͤm⸗ lich nach ſeinen Befehlen auf den Trockenplatz gegangen, und hier die Tuͤcher von Zeit zu Zeit gegen die Sonne gewendet habe. Ungefaͤhr ge⸗ gen Mittag kamen mehrere Knaben auf den Platz, und begannen ihr Spiel; einer von die⸗ ſen Jungen war der Sohn ihres Nachbars, des Fleiſchers, der, nicht zufrieden damit, auf dem Platze zu ſpielen, ſeine Kameraden verleitete, ihm die getrockneten Tuͤcher herabwerfen zu helfen. Der Sohn des Faͤrbers, aufgebracht daruͤber, das Eigenthum ſeines Vaters ſo muthwillig ver⸗ derben zu ſehen, verwies dieſes den Knaben ziem⸗ lich heftig; auf dieß ließ ſich der Sohn des Fleiſchers hoͤchſt grob aus, worauf ihn der Sohn des Faͤrbers in's Geſicht ſchlug; der Knabe lief mit Geſchrei und Geheul in die Bade ſeines Vaters, und ſagte ihm, auf welche Art er von dem Sohne ihres Nachbars behandelt worden, ſey. Katilbhaͤ, der Fleiſcher, begab ſich ſogleich zu dem Spiel, und verſezte dem Sohne des Faͤr⸗ bers einen gewaltigen Schlag an den Kopf, der ihn eine Zeit lang ſeiner Sinne beraubte. Nach⸗ dem ſich der junge Waͤchter der Tuͤcher wieder * 24 erholt hatte, ſtand er auf, und verlangte mit Hefrigkeit von dem Fleiſcher, er ſolle den Platz ſeines Vaters verlaſſen.„Deines Vaters,“ ſagte Katilbha veraͤchtlich,„ich will dir weiſen, daß es ein Platz iſt,“ und damit riß er die Tuͤcher von dem Rahmen herab, trat ſie unter die Fuͤße, und haͤngte dafuͤr Schafskoͤpfe und Fleiſchſtuͤcke aus ſeiner Bude hin. Der Sohn des Faͤrbers ſuchte dagegen das Fleiſch zu ent⸗ fernen, worauf ihm der Fleiſcher noch einmal mit dem Heft ſeines langen Meſſers ſchlug, daß Blut floß und der Knabe odllig ohnmaͤchtig wurde; in dieſem Zuſtande trugen ihn die Nach⸗ barn in das Haus ſeines Vaters. Nachdem der arme Faͤrber dieſe Geſchichte von dem unmenſchlichen Betragen des Fleiſchers gehoͤrt hatte, beſchloß er, ſeine Klage vor den Cotwall des Bazaar's zu bringen, was er auch am folgenden Morgen that. Nachdem der Cot⸗ wall die ganze Geſchichte gehoͤrt, entſchied er ganz natuͤrlich zu Gunſten des Faͤrbers, und ſtrafte den Fleiſcher. Katilbhaͤ, der ein ſtreit⸗ ſuͤchtiger Mann, und gar nicht geneigt war, ſich ruhig dieſer Entſcheidung zu fuͤgen, machte Moye⸗ ed⸗din, dem Deewan, ſeine Aufwartung, trug aber Sorge, nicht mit leeren Haͤnden zu kommen. Ohne Verzug ſandte Moye⸗ed⸗din Leute ab, um den Fleiſcher in Beſitz des Platzes zu ſetzen; da⸗ bei war der Befehl, den Faͤrber um Geld zu ſtrafen, der auch wirklich das ihm ſo ungerecht abgenommene Geld bezahlte, und dann ſich zum Cotwall verfuͤgte, bei dem er ſeine Beſchwerden — vor⸗ 25 vorbrachte. Jezt war fuͤr die Plane des Cot⸗ wall die guͤnſtigſte Zeit, den hochmuͤthigen Moye⸗ ed⸗din zu ſtuͤrzen; er rieth daher dem Faͤrber, in den Durbar zu gehen, und dem Nuwab das Unrecht vorzuſtellen, das er durch den unver⸗ antwortlichen Einſpruch des Miniſters erlitten hatte; und, damit der Nuwab gleich die ganze Beſchaffenheit des Klagfalles einſehen moͤchte, mußte des Cotwalls Schreiber eine Schrift auf⸗ ſetzen, welche kurz das Unrecht erzaͤhlte, das der Faͤrber ſowohl von Seiten des Fleiſchers als auch des Miniſters erlitten hatte. ESs vergieung einige Zeit, ehe der Faͤrber ſo viel Muth bekommen konnte, um dieſer Art des Verfahrens beizupflichten; es waͤre etwas ſchreckliches, ſagte er, den Nuwab in ſeinem Hofe zu ſchauen, er hatte es nie gewagt, ſich nur der Schwelle des Durbar zu naͤhern; und wie koͤnne auch ein armer Faͤrber, wie er, Huͤlfe erwarten, oder ſich mit gluͤcklichem Er⸗ folge dem maͤchtigen Moye⸗ed⸗din gegenuͤber⸗ ſtellen?„Ohne Zweifel,“ ſagte er,„werde ich fallen als ein Opfer des Grolles des Deewan, der den Nuwab gegen mich einnehmen wird, und das Ende wird ſeyn, daß ich fuͤr meine Kuͤhnheit in's Gefaͤngniß geworfen werde.“ Alle dieſe Einwuͤrfe uͤberwand der Cotwall und ſeine Leute, indem ſie ihn ihres Schutzes verſicherten, und ihm bei der Unterſuchung beizuſtehen ver⸗ ſprachen, ſo daß der arme Mann endlich, durch Verſprechungen und Ueberredung dahin gebracht wurde, daß er einwilligte, zu thun, was ſie fuͤr Ind. Serail. I. 26 geeignet halten wuͤrden. Man kam uͤberein, der Faͤrber ſollte, um gewiß Zutritt in den Saal zu erhalten, mit Anbruch des Tages vor der Thuͤre warten; waͤre er einmal im Saale, ſo wuͤrde es der Deewan, ſo unverſchaͤmt und verwegen er auch ſey, es nimmer wagen, ihn hinauszuwer⸗ fen. Nachdem man alles verabredet, wurde die Schrift geſchrieben, und in die Haͤnde des Faͤr⸗ bers uͤbergeben, der ſich dann nach Hauſe zu⸗ ruͤck begab. Alles dieſes wurde ſo geheim ver⸗ anſtaltet, daß kein Wort von dem, was vor⸗ gieng, zu den Ohren Moye⸗ed⸗din's gelangte, bis es zu ſpaͤt war, dagegen zu wirken; auch mußte er wirklich noch gar nichts von der Sache ge⸗ hoͤrt haben, als er folgende Nachricht erhielt: Die Waſſertraͤger des Miniſters hatten die Gewohnheit, jeden Morgen vor Sonnenaufgang ihre Gefaͤße aus dem Springbrunnen in dem Garten des Nuwab zu fuͤllen. Hier ſtand in aͤngſtlicher Erwartung, bis man die Thuͤre des Durbars oͤffnen wuͤrde, zitternd der ungluͤckliche Rung⸗reez*), deſſen jaͤmmerliches Ausſehen, mit der Bekuͤmmerniß, die ſich in ſeinen Mie⸗ nen ausdruͤckte, die Aufmerkſamkeit der Waſſer⸗ traͤger rege machen mußte, und da ſie gern wiſſen mochten, was ihn ſo fruͤhe in den Ge⸗ richtsſaal braͤchte, ſo redeten ſie ihn an:„Nun, alter Kuzl⸗baſhee, warum ſo fruͤhe im Feld 2“ Der arme Kuzl⸗baſhee, der ſich einbildete, daß er genug drinnen zu ſprechen haben wuͤrde, wollte *) Faͤrber. —— 27 außerhalb des Saales keine Worte verlieren, und antwortete nur durch ein trauriges Kopf⸗ ſchuͤtteln. Als die Waſſertraͤger in den Palaſt zuruͤck⸗ gekehrt waren, meldeten ſie den Umſtand dem Jemmidar der Wache, der ſo eben aufgeſtan⸗ den war; aber da er nichts von den Streitig⸗ keiten Katilbhaͤs und Kuzl⸗baſhee's wußte, ſo nahm er weiter keine Notiz von der Sache. Bald darauf kam der Hausbarbier des Dee⸗ wans, der jeden Morgen regelmaͤßig erſchien, um die Baͤrte des ganzen Perſonale im Pa⸗ laſte zu beſorgen, und zulezt den des Mini⸗ ſters ſelbſt, der nicht ſo fruͤhe aufſtand, als die uͤbrigen. Bupoo⸗bhaͤ, der Barbier, hielt es, wie alle von ſeiner Profeſſion in der ganzen Welt, fuͤr einen Theil ſeines Handwerks, ſeiner Zunge freien Lauf zu laſſen, wenn er einen Bart unter der Hand hatte; und hatte er ſelbſt keine Neuigkeiten zu erzaͤhlen, ſo ſuchte er wenigſtens von denen etwas zu erhaſchen, die er barbierte. Dieſen Morgen befand er ſich gerade in dem Fall, daß er um Neuigkeiten verlegen war, deß⸗ halb ſuchte er etwas von dem Jemmidar der Wache zu erhaſchen, deſſen Bart er gerade zu⸗ ſtuzte. Der Jemmidar, der eben nichts zu re⸗ den wußte, frug den Barbier, was denn der Faͤrber ſo fruͤhe an den Thuͤren des Durbar zu ſchaffen haͤtte?„Ach! er iſt wahnfinnig, Herr, ganz wahnſinnig; Herr! du kannſt dich darauf verlaſſen; es iſt derſelbe Kerl, der ſolche Un⸗ ruhen im Bazaar erregt hat, indem er dem 2. . ²“ 28 Fleiſcher ſeine Waare ſtahl, und ſeine ſchmutzi⸗ gen Tuͤcher dafuͤr hinhaͤngte: der Cotwall hat dieſe Sache entſchieden, aber, unter uns— denn du weißt, es iſt nicht meine Sache—.“ „Geh fort,“ ſagte der Jemmidar,„wenn du im⸗ mer abbrichſt, ſobald du findeſt, daß du uͤber etwas plauderſt, das dich nichts angeht; du wuͤrdeſt wohl daran thun; nun, dießmal rede vollends aus!« Der Barbier wollte gerade fortfahren, den falſchen Ausgang der Geſchichte ſo ſchnell er konnte zu erzaͤhlen, als ein Diener des Dee⸗ wan ihn von dieſer maͤchtigen Perſon abrief; ſo empfahl er ſich dem Jemmidar und derließ ihn, ſo klug als zuvor. Wenn der Barbier Buxoo es fuͤr ſeine Pflicht hielt, von allen ſeinen Kunden auch die unbedeutendſten Neuigkeiten einzuſammeln, ſo hielt er ſich fuͤr noch viel mehr verpflichtet, auch die geringſte Neuigkeit fuͤr die Ohren des Miniſters zu ſammeln. Der Umſtand, daß der Faͤrber ſo fruͤhe an der Thuͤre des Durbar ſtand, glaubte er, wuͤrde fuͤr den Deewan eine ange⸗ nehme Neuigkeit ſeyn, und wenn auch nicht, ſo konnte er es doch nicht fuͤr moͤglich halten, daß ſie das Gegentheil ſeyn wuͤrde. Da er mit dem thaͤtigen Antheil, den der Deewan an den Strei⸗ tigkeiten des Faͤrbers und ſeines Gegners ge⸗ nommen hatte, unbekannt war, ſo beſchloß der arme Bupoo, ſobald ſich eine Gelegenheit dar⸗ boͤte, ſeine Neuigkeit auszukramen, fuͤr ſo un⸗ bedeutend man ſie auch halten wuͤrde. Als der dienſtfertige Barbier das Zimmer des Deewan . 1 7 29 betrat, verbengte er ſich und laͤchelte, und ver⸗ beugte ſich wieder, indem er die gewoͤhnliche Frage erwartete:„Was giebt's Neues, Buxoo 2 welche der Deewan faſt immer machte, ehe er ihm ſeinen Bart anvertraute. Heute aber war der Miniſter ungewoͤhnlich finſter und zuruͤckhal⸗ tend; er befahl dem geſchwaͤtzigen Barbier ſchnell ſeinen Bart zurecht zu machen.„Horen iſt ge⸗ horchen!“ ſagte der verwunderte Buxoo, und begann ſein Geſchaͤft. Dhas viel Gluͤck von den erſten Worten des D zu erwarken, bemuͤhte er ſich doch, denetden in eir 3 zu ziehen, und fieng an:„Lin heißer Tag, Herr.“ Ein Zunicken mit dem Kopfe war die einzige Antwort; aber ſchon dadurch, daß er kei⸗ nen Verweis erhielt, war, wie er meinte, ein Schritt gewonnen, und er ſchloß, noch mehrere ſeiner Bemerkungen wuͤrden nicht unangenehm ſeyn:„Sehr heiß, in der That, die Leute wer⸗ den es heute im Durbar finden; ja ſie wer⸗ den's; ich moͤchte um eine ſolche Kleinigkeit nicht in ihrer Haut ſtecken.“„Wie ſo, heute, Buxoo?“ ſagte der Deewan,„haſt du etwa be⸗ ſondere Neuigkeiten gehoͤrt?„Neuigkeiten! oh, Herr! ich glaube, ich habe freilich ſolche ge⸗ hoͤrt; der Herr erbarme ſich derer, welche Un⸗ recht haben, das iſt alles; ich meinte nur, wie es ſeyn wuͤrde, wenn einmal der alte Kerl ſeine Mundklapper in Bewegung ſetzt.“„Wer, wer? was fuͤr ein alter Kerl? fragte nun neugierig Moye⸗ed⸗din.„Wer, Herr? wer ſollte es an⸗ ders ſeyn, als jener alte Kerl, der den ganzen 30⸗ Bazaar zuſammenhezte. Oh, Herr, haͤtteſt du⸗ ſtatt des Cotwalls die Unterſuchung gehabt, man haͤtte dann dafuͤr geſorgt, daß er nicht alle Nacht um die Thuͤren des Durbar ſchleiche.“ „Schurke!« rief der Deewan,„ſprich, was meinſt du 2 wer hat ſich alle Nacht vor den Thuͤ⸗ ren gelagert?“ Der Barbier war uͤber die Maßen uͤber dieſe unerklaͤrliche Heftigkeit er⸗ ſchrocken; er ließ ſeine Scheeren und Barbierzeug fallen, warf ſich platt auf ſein Angeſicht nieder, und bereute herzlich die Freiheit, die er ſeiner 66 Zunge geſtattet.„Speich,“ rief der Deewan, „oder, bei Mahomed! ich ſchlage dir den Kopf ab!’„Ach, Herr! ſchone meiner!«c rief zit⸗ ternd der Barbier;„ſchone meiner, ich will ja⸗ reden: der Faͤrber, der Faͤrber— der alte Kuzl⸗ baſhee. Der Faͤrber, Herr, dieß iſt alles, Herr; moͤge die Vorſehung ihn ſchuͤtzen, und alle, die er in ſeine verwuͤnſchte Klage verwickelt hat. Dieſe Nachricht, welche der argloſe aber unver⸗ ſtaͤndige Barbier fuͤr ſo unwichtig gehalten hatte, fiel gleich einem Donnerſchlag in die Ohren des ſtolzen, hochmuͤthigen. Miniſters, der nicht wuͤnſchte, vor dem Barbier ſeine Verwirrung ſichtbar werden zu laſſen, und ihn eilig ent⸗ ließ, obgleich ſein Bart nur halb zugerichtet war. Bupoo⸗bhaͤ wartete keinen zweiten Befehl. ab, ſondern zog ſich eilig zuruͤck. Moye⸗ed⸗din. rief ſeinen Secretaͤr und ſeine Geheimſchreiber. und befahl ihnen dringend, wenn es moͤglich⸗ waͤre, zu verhindern, daß der Faͤrber Zutritt Sie verſprachen zu. zu dem Musnud erhielte. 31 gehorchen und eilten, um dem Befehle nachzu⸗ kommen, in den Durbar, wo ſie den ungluͤck⸗ lichen Kuzl⸗baſhee in einen Winkel geſchmiegt fanden, wo er gerade mit einigen von des Cot⸗ walls Schreibern ſprach; hieraus ſah die Partei des Deewan, daß ſie zu ſpaͤt gekommen ſey: einer von ihnen jedoch wußte ſich an den Faͤr⸗ ber hinzudraͤngen und rieth ihm in einem vor⸗ geblich freundſchaftlichen Tone ſehr ab, es doch nicht zu wagen, ſich an den Nuwab zu wen⸗ den:„Bedenke,“ ſagte er,„wie viel er auf den Deewan haͤlt; meinſt du, er werde die Be⸗ ſchwerden eines Kerls, wie du, anhoͤren? Geh heim, und laß dir keine ſolche Thorheit mehr in den Sinn kommen!” Der arme Suppli⸗ cant begann dieſes ernſtlich fuͤr einen heilſamen Rath zu halten, und war halb entſchloſſen, ihm zu folgen, als einer von des Cotwalls Schrei⸗ bern ihm in's Ohr fluͤſterte, er ſolle nicht auf das achten, was ihm des Deewan'’'s Schmaro⸗ tzer ſagten.„Tritt nur kuͤhn vor,“ ſagte er, „und uͤberreiche deine Bittſchrift; der Nuwab verabſcheut ſeinen Miniſter, und wird ſicherlich deine Sache unterſuchen; ſchaͤme dich, ein Mann, und ſo furchtſam!“„Ach!“ dachte der Faͤrber, „was ſoll ich nun thun? der eine ſagt ſo, und der andere wieder anders; ach! wehe mir, daß ich je eingewilligt habe, auf dieſem Platze zu erſcheinen!« Nun betrat der Nuwab den Our⸗ bar, unter lauten Lobpreiſungen ſeines Chob⸗ dars, der ſeine Titel und Verdienſte durch den hohen, weiten Saal ausrief.„Nun Kuzl⸗baſhee,“ 9. 32 ſagten die Unterhaͤndler des Cotwalls,„nun iſt es Zeit! auf, auf! leg' ihm deine Schrift zu Fuͤßen.“ Der Faͤrber verſuchte, zu thun⸗ wie man ihm geheißen, wurde aber durch einige von der Gegenpartei zuruͤckgezogen, und von den Anhaͤngern des Eotwalls wieder vorwaͤrts geſchoben. Dieſes Zerren und Schieben veran⸗ laßte den Laͤrm, welcher die Aufmerkfamkeit des Nuwab rege machte, der, wie bereits erzaͤhlt worden, ſich zulezt in den Beſitz der blau ge⸗ faͤrbten, ſchmutzigen Klagſchrift ſezte, der Klag⸗ ſchrift des ungluͤcklichen Kuzl⸗haſhee’s, Faͤrbers in der Stadt Surat. Drittez Kapitel. — Nachdem der Nuwab die Sache bei ſich er⸗ wogen, wurde ihm die ſchlechte Geſinnung ſei⸗ nes Deewan oodllig klar; wenn er jedoch auf die lange Zeit ſah, die er ſchon ſein Amt ver⸗ waltet hatte, ſo mochte er ihn doch nicht gerne durch ſeine Entlaſſung entehren; zugleich aber forderte es die Gerechtigkeit von ihm, ein ſo feiles, unverantwortliches Betragen zu ahnden. Deßhalb wurde noch an demſelben Tage ein Diener in den Palaſt des Deewan geſandt, dem Deewan zu ſagen, der Nuwab erlaſſe ihm ſein Erſcheinen in dem Durbar, bis auf Weiteres. Man kann ſich denken, wie ſehr eine muͤndliche Botſchaft dieſer Art den Zorn des ſtolzen, hoch⸗ muͤthigen Moye⸗ed⸗dines erregen mußte.„Haͤtte der Nuwab,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ſeine Be⸗ fehle mir ſchriftlich zugeſandt, ſo haͤtte ich mein Nichterſcheinen in dem Gerichtshofe mit Krank⸗ heit entſchuldigen koͤnnen, aber ſo muß die ganze Stadt erfahren, daß ich in Ungnade ge⸗ fallen.“ Wir muͤſſen es dem niedergeſchlagenen Dee⸗ wan uͤberlaſſen, ſeine Verbrechen zu bereuen; und zu dem Numab zuruͤckkehren, deſſen erſtes Geſchaͤft es war, Katil⸗bhaͤ, den Fleiſcher, Kuzl⸗ baſhee, den Faͤrber, und Noor⸗mahomed, den Estwall, nebſt mehreren andern Perſonen, die die Klagſchrift des Faͤrbers als Zeugen erwaͤhnte, vor ſich zu berufen. Nachdem ſich alle einge⸗ funden, befahl der Nuwab dem Eotwall, die Acten der Unter ſuchung zwiſchen Kuzl⸗baſhee, dem Faͤrber, und Katil⸗bhaͤ, dem Fleiſcher, ihm vor⸗ zulegen. Dieß war das erſtemal, daß der Cot⸗ wall aufgerufen wurde, ſchriftliche Urkunden ſeines Verfahrens vorzulegen, und ob er gleich ſich bewußt war, in dieſem Falle ganz gerecht und unparteiiſch gehandelt zu haben, ſo uͤber⸗ reichte er doch ſeinen Duftur*) mit Furcht und Zittern. 3 Nachdem der Nuwab die Auszüge hatte ver⸗ leſen laſſen, lobre er den Cotwall wegen ſeines *) Protocoll⸗ Buch. 54 unparteiiſchen Verfahrens; er bemerkte zugleich⸗ daß es zwei verſchiedene Streitpunkte waͤren,, der eine betraf den Angriff des Fleiſchers auff den Sohn des Faͤrbers; der andere hatte das Recht auf das Grundſtuͤck zum. Gegenſtand; dieſe waren nun jeder beſonders unterſucht wor⸗ den, wodurch der Fall ein beſtimmteres, deut⸗ licheres Anſehen bekam. Die Zeugen wurden in Gegenwart des Nuwab abgehoͤrt, und ſtimm⸗ ten ganz darin uͤberein, daß der Faͤrber ſchwer beeintraͤchtigt ſey. Nun war es an dem Flei⸗ ſcher, zu erſchrecken; er warf ſich auf ſein An⸗ geſicht nieder, und bat um Gnade. Der Nu⸗ wab verurtheilte ihn, eine Geldſtrafe von 100 Rupien zu erlegen, auf immer allem Anſpruch auf den Platz zu entſagen, der unbeſtreitbar das Eigenthum des Faͤrbers war, und fuͤr den⸗ Angriff dreißig Streiche auf die Fußſohlen auf dffentlichem Markte zu empfangen. Katil⸗ bhaͤ wollte um Gnade flehen, aber der Nuwab gab ein Zeichen mit der Hand, und er wurde ſchnell: abgefuͤhrt, und erhielt. ſog leich ſeine Streiche. Der. Cotwall bekam ein Paar ſchoͤne Shawls, zum Zeichen, wie ſehr der Nuwab mit. ſeinem. Betragen zufrieden ſey. Wir muͤſſen fuͤr jezt von Katil⸗ bhaͤ und Kuzl⸗ baſhee Abſchied nehmen, deren Streitigkei⸗ ten wir erzaͤhlt haben, da ſie der Grund eines Vorfalls wurden, der uns zu mehreren, wie wir hoffen, nicht unintereſſanten und unterhal⸗ tenden Erzaͤhlungen Anlaß giebt. Wir verlie⸗ ßen Moye⸗ed⸗din, wie er gequaͤlt von Reue auf — 35 verſchiedene Plane ſann, die verlorne Gunſt ſei⸗ nes Herrn wieder zu erlangen. Leider! fuͤrch⸗ tete er, ſeine Verſuche wuͤrden fruchtlos ſeyn; kein Licht ſchien den finſtern Gram erhellen zu wollen, der ſein Gemuͤth umwoͤlkte. Stuͤndlich meinte er an die Erniedrigung, unter der er ſeufzte, erinnert zu werden, bei der geringſten Nachlaͤſſigkeit oder Vergeßlichkeit von Seiten ſei⸗ ner Diener, die, nichts deſto weniger ſo eifrig in ſeinem Dienſt waren, als je. Sechs Monate waren verfloſſen, und noch hatte er keinen Schritt zur Verſoͤhnung mit dem Nuwab ge⸗ wonnen, der die Erinnerung an ihn ganz aus ſeinem Gedaͤchtniß getilgt zu haben ſchien. Dieſe ganze Zeit uͤber hatte ſich der ungluͤckliche Ex⸗ Deewan in die Mauern ſeines Palaſtes ver⸗ ſchloſſen, der an den Ufern des Fluſſes lag; er wußte von Allem, was vorgieng, nichts, und vernahm nur zuweilen ein oder zwei Worte Neuig⸗ keiten von dem geſchwaͤtzigen Barbier Bupoo; deſſen Dienſte jezt nur einmal in der Woche, ſtatt wie zuvor, Tag fuͤr Tag, in Anſpruch ge⸗ nommen wurden. Endlich fiel ein Schimmer von Hoffnung in das traurige Gemuͤth Moye⸗ ed⸗din's. Als er am lezten Tage der. Woche auf ſeinem Zimmer ſaß, das die Ausſicht auf den Fluß hatte, wurde der Barbier Buxoo⸗bhaͤ angemeldet; er trat mit ungewoͤhnlicher Freund⸗ lichkeit ein, fing an, ſeine Scheermeſſer mit ungewohnter Schnelligkeit und Behendigkeit ab⸗ zuziehen, und gieng ſo eilfertig zu Werke, daß er. uͤber. ſeinen ledernen Beutel ſtolperte, und . 36 beinahe dem erſtaunten Moye⸗ed⸗din in die Arme⸗ gefallen waͤre.„Nun, nun, Bupoo!“ ſagte dieſer,„haſt du ſchon ſo fruͤhe am Morgen die Geſetze des Propheten uͤbertreten, und deinen ſchmutzigen Mund mit Brantwein entweiht? Oder biſt du blind?“„Blind, Herr, ganz blind,“ erwiederte der Barbier,„und es iſt kein Wunder, denn ich habe in den vollen Glanz der Sonne geſchaut, und meine Augen waren nur eine Elle von dem Planeten ſelbſt entfernt! Iſt es nun zu verwundern, wenn ich geblen⸗ det bin?⸗„Ah lec rief neugierig Moye⸗ed⸗din, „was mag dieß fuͤr ein wunderbares Licht ſeyn? gewiß ein Weib, nicht wahr 2“ „Ein himmliſches!“—„Kann ich ſie er⸗ halten?—„Ja, Herr.”—„Wos ſprich, und fordere dir deine Belohnung!“—„Es weiß es niemand, als ich ſelbſt.“—„Sprich, ſage ich, oder fuͤrchte“— meine Macht, wollte er ſagen, aber da es ihm einfiel, in wie enge Graͤnzen dieſe jezt eingeſchraͤnkt war, ſezte er nach einer Pauſe hinzu—„mein Mißfallen.“ —„Herr, ich bin dein Diener. Ich habe dieſe zwanzig Jahre deinen Bart beſorgt, und waͤh⸗ rend dieſer Zeit dir Alles, was ich wußte, Alles, was ich ſah, genau und treulich berichtet. Gott verhuͤte, daß ich nun dir die Arbeit meiner Haͤnde, oder die Worte meines Mundes verwei⸗ gern ſollte. Siehſt du dieſes große, praͤchtige Schiff, das gerade die Sperre paſſirt?⁰—„Das mit der großen rothen Flagge, Bupoo?⁵— „Eben das.“—„Woher kommt es 2⸗—„Von. 37 Buſſerah und dem rothen Meer.“—„Wohl! und ſeine Ladung ſind Diamanten, nicht wahr? und dieſe haben dir deine Sinne verblendet.“ —„Ja, Herr, es traͤgt wirklich einen Dia⸗ mant, der einem die Sinne verblenden kann. Hoͤre mir ruhig zu, Herr. Als ich heute Mor⸗ gen mit Tages Anbruch meine Bude aufraͤumte, kam ein Araber zu mir, der, wie es ſchien, ſei⸗ nen Bart geſchoren haben wollte. Ich war ſo⸗ gleich bereit, wie ich immer bin, und niemand kann ſagen, daß Buxoo⸗bhaͤ—“„Laß das gut ſeyn; du biſt der beſte aller Bartſcheerer,“ ſagte der neugierige Moye⸗ed⸗din. Buxoo verbeugte ſich, und fuhr fort:„Wohl, Herr; wie ich nun den Bart des Arabers anfaſſen wollte, wurde er ſehr zornig und ſagte einiges auf Arabiſch, das ich nicht verſtand; jedoch erſah ich aus Zei⸗ chen und einigen hindoſtaniſchen Worten, die er. gluͤcklicherweiſe wußte, daß er von mir ver⸗ langte, ich ſolle ihn an den Fluß begleiten; ſo packte ich meine Inſtrumente zuſammen, und folgte ihm in das Zollhaus, und von da in ein kleines Boot, in das wir uns beide ſezten. Der. Araber ruderte, ſo ſtark er konnte, und bald kamen wir an die Seite jenes praͤchtigen Schif⸗ fes, das ich dir, Herr, ſo eben gezeigt habe.“ —„Nun, und was geſchah dann? Fahre doch fort,“ ſagte Moye⸗ed⸗din.—„Nun, Herr, et⸗ was Großes; denn ich ſah— aber halt, ich hab' noch nicht.— zuerſt, wie ich dir ſagen wollte, beſtieg ich das Schiff, das voll Araber und Sclaven war, dann geleitete mich mein 38 Füͤhrer in die große Cajuͤte, die zur Haͤlfte von dem Capitaͤn eingenommen war, deſſen Bart, wie man mir zu verſtehen gab, geſtuzt werden ſollte, ehe er an's Land gieng. Gerade als ich anfangen wollte zu ſchaben und zu ſchneiden, erhob ſich auf dem Verdecke ein heftiger Wort⸗ wechſelt, ſo daß der Capitaͤn ſchnell aufſprang, und mich allein in ſeiner Cajuͤte ließ. In die⸗ ſem Augenblicke vernahm mein Ohr aus dem an⸗ ſtoßenden Kabinete einen herzzerreißenden Seuf⸗ zer. Meine Neugierde war aufgeregt, ich naͤ⸗ herte mich dem Verſchlage, der aus rauhen, ungehobelten Brettern zuſammengeſezt war, und bald entdeckte ich einen Spalt, durch den ich hinein ſah: aber wie kann ich dir mein Er⸗ ſtaunen ſchildern, als ich, auf einem Ruhebette liegend, eines der reizendſten Weiber erblickte, die je die Augen eines Mannes erſchauten! rein wie Alabaſter, mit Lippen wie Rubin, ein Wuchs, herrlicher als die Cypreſſe, und Augen ſo glaͤnzend wie die Sterne des Himmels; ſie ſchien niedergeſchlagen und ſehr ungluͤcklich; doch lag, ſo viel⸗ Reiz, in ihrem Gram, daß er ih⸗ ren Kummer. hoͤchſt anziehend machte. Mein Vergnuͤgen war kurz: denn auf einmal trieben mich die Schritte des Capitaͤns in die Mitter der Cajuͤte, wo ich ihn, mein Scheermeſſer in der Hand, mit einem tiefen Buͤckling empfieng. So groß jedoch war meine Verwunderung und die Neugierde, die dieß in meiner, Bruſt ent⸗ flammt hatte, wozu noch das Bewußtſeyn kam, daß ich es gewagt hatte„in die. Geheimniſſe⸗ — - 39 meines edeln Kunden zu dringen, daß nicht al⸗ lein meine Hand, ſondern auch mein ganzer Koͤrper ſo ſtark zitterte, daß ich einige Minu⸗ ten lang ganz unfaͤhig war, in. meinem Ge⸗ ſchaͤfte fortzufahren. Der Araber, der ſich ein⸗ bildete, ſeine Wuͤrde allein ſey es, die mich ſo in Furcht. geſezt haͤtte, nahm es mit meiner Ungeſchicklichkeit nicht ſo genau, und ließ mich einen Trunk Waſſer nehmen, der mich einiger⸗ maßen wieder zur Beſinnung brachte, ſo daß⸗ ich im Stande war, mein Geſchaͤft zur ziemli⸗ chen Zufriedenheit des Herrn zu verrichten, der mich gebeten hat, mit einigen Parfuͤmerien wie⸗ der zu kommen; und ſobald es nur moͤglich wird, bin ich geſonnen, ihn damit zu bedienen.“ Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung heiterte ſich Mope⸗ eddin's Angeſicht auf, da er meinte, dieß ſey, eine guͤnſtige Gelegenheit, wenigſtens einen Ver⸗ ſuch zu machen, die Gunſt des Nuwabs wieder zu erlangen. Ploͤtzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, den er dem Barbier mittheilte, er wolle naͤmlich Buxoo als Parfuͤmeriehaͤndler begleiten, hiedurch koͤnne er vielleicht ſelbſt dieſe Houri ſehen, von deren Schoͤnheit er eine ſo feurige Beſchreibung erhalten hatte. Buxoo ſtimmte ſogleich bei, und kehrte zuruͤck, um die. Parfuͤmerien und einen paſſenden Anzug fuͤr ſei⸗ nen Herrn zu beſorgen. Bei ſeiner Zuruͤckkunft fand er den Ex⸗Miniſter mit athemloſer⸗ Unge⸗ duld auf ihn warten, der ſich ſogleich in die fuͤr die Rolle, welche er ſpielen wollte, noth⸗ wendige Kleidung warf. Als beide zum Auf⸗ —— 40 bruche fertig waren, begann Moye⸗ed⸗din plotz⸗ lich ernſtliche Beſorgniſſe zu aͤußern, daß man ihn erkennen moͤchte, wenn er zufaͤllig einem Einwohner der Stadt begegnete, denen er wohl bekannt war. Buxoo, der, wenn es auf ei⸗ nen liſtigen Einfall ankam, nie in Verlegenheit war, ſchlug ſeinem Herrn vor, ſeinen Bart zu faͤrben, indem er ihn verſicherte, eine Farbe zu wiſſen, die man zu dieſem Zwecke vortrefflich brauchen koͤnne. Er wurde nun mit dieſem zweiten Auftrage fortgeſandt, kehrte aber bald wieder zuruͤck, und oͤffnete eine kleine Buͤchſe, goß den Inhalt auf ſeine flache Hand, und rieb damit den Bart ſeines Herrn, der in we⸗ nigen Augenblicken aus dem glaͤnzendſten Schwarz in eine gemeine fuchsrothe Farbe umgewandelt wurde, ſo daß ſie jede Entdeckung fuͤr unmoͤg⸗ lich hielten. Moye⸗ed⸗din ſtieg hinten eine ſchmale Treppe hinab, nahm einen Schluͤſſel aus ſeinem Guͤrtel und oͤffnete, eine geheime Thuͤre, von wo aus ſie nach wenigen Schritten an das Ge⸗ ſtade des Fluſſes gelangten. Sie winkten eini⸗ gen Fiſchern; bald kam ein Boot heran, und in kurzer Zeit langten ſie bei dem arabiſchen Schiffe an, an deſſen Bord man ſie aufnahm, wo gerade der Capitaͤn auf dem Verdecke auf und ab gieng. Der Barbier ſtellte ſeinen Be⸗ gleiter, den Parfuͤmeriehaͤndler, vor, der nun⸗ ſeine Suͤſſigkeiten auskeamte, als ſeinen Abſich⸗ ten der Anblick des alten Kuzl⸗baſhee, des Faͤr⸗ bers, in die Quere kam, der auf dem entge⸗ gengeſezten Gange dem arabiſchen Schiffsvolke 41 einige ſeiner Tuͤcher vorlegte. Buxoo, der den Faͤrber nicht bemerkt hatte, wußte nicht, wel⸗ chem Umſtande er das ungeſchickte Benehmen ſeines Gefaͤhrten beimeſſen ſollte, und fieng an, eigenhaͤndig die Eſſenzen auszulegen. Die Auf⸗ merkſamkeit Aller, welche um den Parfuͤmerie⸗ haͤndler herum ſtanden, wurde auf die entge⸗ gengeſezte Seite des Verdeckes gezogen, wo die Araber ſtanden, und den Faͤrber ſchmaͤylten, denn dieſer blickte ſtaunend umher, ohne einen Han⸗ del abzuſchließen; der Umſtand war der: er hatte die Parfuͤmerien gerochen, und erhob nun ſeine Augen, um zu ſehen, wer von den Par⸗ fuͤmeriehaͤndlern der Stadt ſo gluͤcklich waͤre, zuerſt mit den Arabern Geſchaͤfte zu machen; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er ein Geſicht erblickte, das er ſich, ob es ihm gleich keineswegs fremd war, doch nie erinnerte, in dem Bazaar verkaufen geſehen zu haben. Un⸗ faͤhig, das Raͤthſel zu loͤſen, vergaß er odllig ſeine eigene Geſchaͤfte, und veranlaßte den Ver⸗ weis, den ihm das Schiffsvolk gab, welches drohte, ſich mit Gewalt in den Beſitz ſeiner Waaren zu ſetzen; er war nun genoͤthigt, auf ihre Fragen Achtung zu geben, und als er wieder Zeit fand, ſeine Augen aufzuſchlagen, war der Parfuͤmeriehaͤndler verſchwunden, nur der Barbier ſtand noch da. Um das Aufſehen auf dem Verdeck zu ver⸗ meiden, hatte der Capitaͤn den Parfuͤmeriehaͤnd⸗ ler in ſeine Cajuͤte genommen, wo er voon ſei⸗ nen Waaren auswaͤblen wollte; und waͤhrend 42 er damit beſchaͤftigt war, naͤherte ſich der Faͤr⸗ ber, der nun ſeinen Pack wieder zugeſchnuͤrt hatte, dem wohlbekannten Buxoo, und nach⸗ dem er ihn mit dem gewoͤhnlichen Saalam Ali⸗ kum begruͤßt hatte, begann er ein Geſpraͤch, das ihm der Barbier gerne erlaſſen haͤtte, der das unſelige Geſchick verwuͤnſchte, das ihn mit dem naͤmlichen Kerl in Beruͤhrung brachte, deſ⸗ ſen Name ſchon vor dem Miniſter ausgeſpro⸗ chen, dieſen bei einer fruͤheren Gelegenheit ſo ſehr gegen ihn aufgebracht hatte.„Wie du ſo angenehm riechſt, Bruder Burbier,“ ſprach der alte Kuzl⸗baſhee, indem er den Duft der Par⸗ fuͤmerien einſog,„wie, biſt du ein Attar*) ge⸗ worden?“—„Nein,“ antwortete Buxov,„ich menge mich nicht in den Handel anderer Leute.“ —„In der That, Buxoo, man ſollte aus dem angenehmen Geruch um dich ſchließen, du haͤt⸗ teſt ein ganz verſchiedenes Gewerbe ergriffen; nun, iſt’s nicht ſo? und war nicht jener Mann, der ſo eben hier war, dein Gefaͤhrte?“—„Nein, es iſt nicht ſo, und jener Mann, der ſo eben hier war, iſt nicht mein Gefaͤhrte.“—„Nun, verzeihe mir meine Frage, aber ich ſah ihn nooch nie, im Bazaar: ſage mir doch ſeinen Na⸗ men. Seine Parfuͤmerien haben einen ſo ſtar⸗ ken Geruch, daß ich gerne auch davon kaufen moͤchte. Wie mag er wohl heißen 24..—„Sein Name iſt Kumbuckte**).—„Ah! mein Freund *) Parfuͤmeriehaͤndler. **) Ungluͤcklicher. —e 43 Bupoo, du ſcherzeſt; aber im Ernſte, ich moͤchte gerne ſeinen Namen wiſſen.“—„Dann frag' ihn ſelbſt; du kaunſt kein beſſeres Recht dazu haben, und was ſeine Parfuͤmerien betrifft, die ſind fuͤr dich viel zu theuer.“—„Du haſt Recht, Bruder, aber er iſt nun fort. Ach nein, hier kommt er— iſt in der Cajuͤte geweſen!— und hat ſicherlich einen guten Handel gemacht.“ Als Moye⸗ed⸗din auf das Verdeck heraustrat, und den alten Faͤrber im. Geſpraͤch mit dem⸗ Barbier auf dem Gange erblickte, bedeckte er ſchnell ſein Gelicht mit ſeinem Shawl. Der. Barbier rief ſeinem Gefaͤhrten und ſagte:„das Boot iſt bereit, Bruder;“ und Moye⸗ed⸗din eilte ſchnell an dem Faͤrber voruͤber und ſtieg in das Boot, begleitet von dem aͤngſtlichen Bar⸗ bier, der, als er aufblickte, wahrnahm, daß. der Faͤrber ebenfalls an der Seite des Schiffes herabſtieg, um ſich zu ihnen zu geſellen; er gab daher den Schiffern ein Zeichen, die ihn⸗ verſtanden und ſchnell abſtießen, ehe der Faͤrber das Boot mit dem Fuße erreichen konnte; ſo⸗ ließen ſie ihn an der Seite des Schiffes haͤn⸗ gen, zu nicht geringer Beluſtigung des Schiffs⸗ volks und aller, die ſich an Bord befanden. Sie ruderten ruͤſtig darauf los, und erreichten bald den Palaſt des Miniſters, ohne weiter auf⸗ gehalten zu werden. Sicher, nicht geſtoͤrt zu werden, warf der Deewan ſeine Verkleidung ab, und haͤtte bei⸗ nahe den Barbier umarmen moͤgen, ſo erfreut war er uͤber den gluͤcklichen Erfolg; das einzige, 44 was ihn etwas verſtimmte, war der Anblick des unſchuldigen Urhebers ſeines ganzen Ungluͤcks, des alten Kuzl⸗baſhee. Der Barbier beſchwich⸗ tigte jedoch ſeine Beſorgniſſe, indem er ihn ge⸗ wiß verſicherte, daß es unmoͤglich geweſen ſey, ihn zu erkennen, und fragte ihn eifrig, ob er die liebenswuͤrdige Gefangene an Bord des Schif⸗ fes zu Geſicht bekommen habe. Der Deewan antwortete bejahend und entließ ſeinen Freund Buxoo, indem er ihm beſonders einſchaͤrfte, ge⸗ gen Niemand ein Wort von der Schoͤnen zu er⸗ waͤhnen.„Bedenke, Bupxoo,“ ſagte er,„roß wird deine Belohnung ſeyn, wenn alles gelingt; deßhalb ſey verſchwiegen, und laß uns darauf ſehen, wie wir jedermann zuvorkommen.“ Der Barbier ſchwur, das Geheimniß niemand zu ent⸗ decken, und war auch geſonnen, ſeinen Eid treu⸗ lich zu halten. Aber die Vorſicht Moye⸗ed⸗din's kam leider zu ſpaͤt, denn der geſchwaͤtzige Bar⸗ bier hatte bereits ſein Weib von ſeiner Ent⸗ deckung unterrichtet, ehe er dem Deewan ſeine Aufwartung machte, um deſſen Bart zu ſchee⸗ ren, und da er deßhalb keine ſchlimmen Folgen fuͤrchtete, ſo ſchwieg er weislich davon, als ihm ſein Herr Stillſchweigen einſchaͤrfte; er verneigte ſich tief, und empfahl ſich. —, 45⁵ Viertes Kapitel. Es wird nun noͤthig ſeyn, zu erzaͤhlen, auf welche Art es Mope⸗ed⸗din gluͤckte, das ſchoͤne Maͤdchen am Bord des arabiſchen Schiffes zu Ge⸗ ſicht zu bekommen. Nachdem es ihm gelungen war, Eintritt in die Cajuͤte zu erhalten, und dem forſchenden Blicke des alten Kuzl⸗baſhee’s zu entgehen, fuͤhlte er ſich bedeutend erleich⸗ tert, und nahm ſich nun zuſammen, um ſeine angenommene Rolle gut durchzufuͤhren. Er oͤff⸗ nete daher ſchnell ſein Kaͤſtchen, uͤbertaͤubte den Capitaͤn mit ſeinen Anerbietungen und Empfeh⸗ lungen dieſer und jener Wohlgeruͤche und ſprach mit einer Schnelligkeit, die den edeln Eapitaͤn in Erſtaunen ſezte, der jedoch keine Sylbe da⸗ von verſtand; denn obgleich Moye⸗ed⸗din des Arabiſchen vollig maͤchtig war, ſo war er doch zu vorſichtig, ſich dieſer Sprache zu bedienen. Der Capitaͤn, der nicht zu unterſcheiden wußte, welches die beſten Parfuͤmerien waͤren, nahm verſchiedene Flaſchen in das anſtoßende Cabinet, um ſeine ſchoͤne Gefangene daruͤber zu befra⸗ gen, und ließ Moye⸗ed⸗din im ungeſtoͤrten Be⸗ ſitze der großen Cajuͤte. Eifrig ſuchte dieſer nun, und entdeckte die freundliche Spalte in dem, von dem Barbier beſchriebenen Verſchlag, und ſchwelgte hier im Anſchauen einer Schoͤnheit, wie er nie geglaubt hatte, daß die Erde eine beſitze.„Sie muß in des Nuwab's Zenana,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„und das, ehe noch 46 ein Tag vergeht; dann ſoll der Stern von Moye ed⸗din's Groͤße noch einmal aus der Wolke hervortreten, die ihn ſo lange umhuͤllt hat. Der vorgebliche Attar machte es, wie der liſtige Barbier, und war ſo vorſichtig, ſeinen Platz in der Mitte der Cajuͤte wieder einzunehmen, noch lange, ehe der Capitaͤn zu ihm zuruͤckkehrte, und nachdem der Handel abgeſchloſſen war, er⸗ hielt er die Erlaubniß, wieder nach Hauſe zu⸗ ruͤckzukehren. Seinen Aerger, als er den alten Kuzl⸗bafhee auf dem Verdecke erblickte, haben wir ſchon beſchrieben, allein er achtete wenig auf die Verlegenheit, der er ausgeſetzt war, in⸗ dem er blos ihn zu vermeiden ſuchte. Als der Barbier Moye⸗ed⸗din verlaſſen, rieb ſich der ent⸗ zuͤckte Exminiſter in hoͤchſter Freude die Haͤnde, verlangte ſein Hookah, und bei jeder Rauch⸗ wolke, die er aus ſeinem Munde blies, ſchien ſich ihm ein neuer Plan aufzudraͤngen, und ſein Chillum war geleert, ehe er ſich zu Einem entſchließen konnte, von dem er ſich Erfolg ver⸗ ſprach. Endlich ſprach er bei ſich ſelbſt:„Ich will den arabiſchen Capitaͤn zum Mittagsmahle einladen; es iſt ein Fremder, und weiß nichts von meiner Ungnade, wird alſo die Einladung des Deewan mit Vergnuͤgen annehmen: uͤber unſern Hookahs werden wir Freunde, und dann will ich ſchon ausfindig machen, ob das ſchoͤne Geſchoͤpf, das ich ſo eben geſehen, ſeine Frau⸗ ſeine Geliebte, oder ſeine Sclavin iſt: iſt ſie das leztere, dann iſt ſie mein, und ſo iſt der erſte Stein in dem Wege zur Herrlichkeit gluͤck⸗ —— — 47 lich gehoben.“ So ſprechend ſchrieb er eine hoͤfliche Einladung an den arabiſchen Capitaͤn, deſſen Schiff, wie er hoͤrte, langſam dem An⸗ kerplatze ſich naͤherte. Der Brief ward durch ei⸗ nen treuen Diener abgeſandt, mit dem Befehle, denſelben in die Haͤnde des Capitaͤns ſelbſt zu uͤberliefern. Nachdem er die noͤthigen Befehle wegen des Mittagsmahles gegeben, ſtellte ſich Mohe⸗ ed⸗din an das Fenſter, von wo aus nan den Fluß uͤberſah, um ſeinen Boten beobachten zu koͤnnen. Er ſah den Anker des Schiffes fal⸗ len, und die Segel einziehen, ſah ſeinen Hir⸗ karrah an der Seite des Schiffes ankommen, und an Bord geheu;z aber was er am meiſten wuͤnſchte⸗ nicht geſehen zu haben, war, was er nun erblickte, naͤmlich des Cotwalls Dobaſch*) und ſein Schatzmeiſter, die ſo eben das Schiff verließen, und dem arabiſchen Capitaͤn ihr Saa⸗ lam machten: was konnte das bedeuten? Wahr⸗ ſcheinlich war es ein amtlicher Beſuch, um zu ſehen, ob unter der Schiffsmannſchaft keine Kranken waͤren; oder um uͤber die Anzahl der Sclaven, und die Art ſeiner Ladung Bericht zu erſtatten,— lauter Dinge, von denen er wußte, daß ſie zu dem Amte des Cotwall'’s gehoͤrten. Er bemuͤhte ſich, ſich zu uͤberzeugen, daß der Beſuch von des Cotwall's Dobaſch und Schatz⸗ meiſter amtlicher Art ſey, und vermuthlich mit ſeinen geheimen Angelegenheiten nicht zuſam⸗ *) Dolmetſcher. 43 menſtoße, und verbannte aus ſeinem Gemuͤthe alle unangenehmen Beſorgniſſe wegen der Sache, von ſeinem treuen Boten, in ein Boot ſteigen ſah. Sie naͤherten ſich dem Palaſte, und ſoll⸗ ten nun baͤlder bei ihm ſeyn, als er ſich einge⸗ 3 bildet hatte. Mit ſolchem Eifer hatte er Alles, was auf dem Fluſſe vorging, beobachtet, daß er gaͤnzlich vergeſſen hatte, ſich anzukleiden, und . auf die Ankunft ſeines Gaſtes zu ruͤſten; eilig ſprang er nun in ſein Anderun, waͤhlte ein ſehr ſchoͤnes Paar Keem⸗ cab Hoſen, einen Rock mit einem glaͤnzenden Kummerbund, einen ro⸗ then Turban, und einen praͤchtigen Shawl. Als er ſeine Kleider wegraͤumte, fand er, er habe waͤhrend ſeiner Bemuͤhungen„ den alten Kuzl⸗ . baſhee zu vermeiden, eine Flaſche Eſſenzen zer⸗ brochen, die er in eine Seitentaſche geſteckt hatte; und nun bemerkte er erſt, wie ſtark er ſelbſt und das Zimmer nach Eſſenzen rieche, ja das ganze Haus war mit dem Geruche erfuͤllt. Er fuͤrchtete ſehr, im Ernſte fuͤr einen Parfuͤme⸗ riehaͤndler gehalten zu werden. Kaum war er v mit ſeinem Anzug fertig, als ein Diener die Ankunft des Capitaͤns meldete, von dem Moye⸗ ed⸗din wuͤnſchte, er moͤchte ſchon im Saale ſitzen, und in ſeine Wuͤnſche eingegangen ſeyn. Ploͤtz⸗ lich fiel ihm ſein gefaͤrbter Bart ein, und nun wuſch und puzte er ihn, in der Erwartung, auf einmal ſeinen eigenen, glaͤnzend ſchwarzen wie⸗ der zu erblicken. Aber wie groß war ſein Ver⸗ druß, als alle ſeine Bemuͤhungen, die Farbe weg⸗ beſonders da er den arabiſchen Capitaͤn, gefolgt —— 49 wegzubringen umſonſt waren; je mehr er wuſch, und ſeifte, und rieb, deſto greller trat die ab⸗ ſcheuliche rothe Farbe ſeines Bartes hervor. Er verwuͤnſchte den Barbier von Herzensgrund, ob⸗ gleich der arme Kerl, ſo wenig als er ſelbſt, die Folgen des Gebrauches jener Salbe wußte. Was ſollte er anfangen? Nie noch hatte er ſich in ſo großer Verlegenheit befunden. Sein Gaſt erwartete von ihm, daß er ihn in ſeinem Pa— laſte bewillkommnen ſollte; laͤngerer Verzug war unmoͤglich; er rief daher nach Citronenſaft und Salz, womit er noch einmal ſeinen Bart zu reiben anfieng, bis ihn ſeine Arme von der Arbeit ſchmerzten, und er ſich in einen hefti⸗ gen Schweiß ſezte, aber alles umſonſt; und ſo war er genoͤthigt, ſich dem arabiſchen Capitaͤn vorzuſtellen, mit der Beſoegniß, ſein rother Bart und der ſtarke Geruch ſeiner Perſon und des Palaſtes wuͤrden ihn gewiß als den Parfuͤ⸗ meriehaͤndler zu erkennen geben, der dieſen Morgen das Schiff beſucht hatte. Dieß waren nicht gerade die angenehmſten Empfindungen fuͤr einen Mann, wie Moye⸗ed⸗ din, der, obgleich nicht im vollen Beſitz der Wuͤrde eines Deewan, doch um ſo aͤngſtlicher auf ſein aͤußeres Auftreten ſah, daß ſein Gaſt auch durch gar nichts von dem Gegentheil uͤber⸗ fuͤhrt werden ſollte. Ohne noch eine Antwort erſonnen zu haben, wenn ihn der Capitaͤn be⸗ ſchuldigen wuͤrde, er ſeye nicht Miniſter, ſon⸗ dern ein betruͤgeriſcher Parfuͤmeriehaͤndler, trat er in den Saal, und hieß ſeinen Eaſt hoͤflich Ind. Serail. 3 50 willkommen, der ſich mit zweifelhaften Blicken und einem ziemlich ſtolzen Betragen zuruͤckzog: er hatte ſchon lange Gelegenheit gehabt, die Parfuͤmerien zu riechen, und nun, glaubte er, ſtehe der Verkaͤufer ſelbſt vor ihm, der die Frechheit habe, Namen und Rolle des Deewan anzunehmen. Hin und wieder dachte er, dieß koͤnne nicht der Fall ſeyn; aber die Pracht um ihn, und wieder der rothe⸗Bart, der vor ihm ſtand, brachte ihn ganz in Verwirrung; denn auch abgeſehen von dem Haare, wenn er auf die Geſichtszuͤge blickte, haͤtte er ſchwoͤren wol⸗ len, es ſeyen die des Attars, von dem er die⸗ ſen Morgen einige Flaſchen mit Eſſenzen einge⸗ handelt: vielleicht war des Deewan's Bruder ein Parfuͤmeriehaͤndler, und Bruͤder ſind einan⸗ der oft ſehr aͤhnlich; doch war es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß eine ſo große Verſchiedenheit in ihrem Stande ſtatt finden ſollte. Dieſe Zwei⸗ fel und Vermuthungen nahmen dem Araber ſo ſehr den Kopf ein, daß er die wiederholte Be⸗ willkommnung Moye⸗ed⸗din's mit einer Unbehol⸗ fenheit erwiederte, die ſich ſein Wirth wohl er⸗ klaͤren konnte, ob er ſich gleich bemuͤhte, ſeinen Charakter als Deewan ſo zu behaupten, als ob nichts vorgefallen waͤre, das ihn in Verle⸗ genheit ſetzen koͤnnte. Er zog ſeinen Shawl in zierlichen Falten um ſich, ſtrich ſeinen rothen Knebelbart, und begann ein freundliches Ge⸗ ſpraͤch mit ſeinem Gaſte:—„Ich beſorgte,“ ſagte er,„Du wuͤrdeſt als ein Fremder und ein Mann von Anſehn waͤhrend Deines Aufent⸗ 51 haltes in dieſer Stadt keine paſſende Wohnung finden, und da ich es mir zum Geſetz mache, allen Fremden, beſonders denen aus deinem Lande, meine Aufmerkſamkeit zu widmen, ſo bitte ich dich, meinen Palaſt als Deine Wohnung zu betrachten, ſo lange Du Dich hier aufhaͤltſt.“ Der Capitaͤn dankte ihm hoflich, und nun wurde es ihm gewiß, daß er einen ungerechten Verdacht gehegt habe, denn er erinnerte ſich, daß der Parfuͤmeriehaͤndler kein Wort Arabiſch ver⸗ ſtand, waͤhrend der Mann vor ihm ſich in die⸗ ſer Sprache ſehr gut und gelaͤufig ausdruͤckte; demungeachtet konnte er ſein⸗ Augen nicht von dem rothen Barte des armen Moye⸗ed⸗din weg⸗ bringen, der ſich fuͤr verbunden hielt, eine ſolche Verletzung der guten Lebensart zu ruͤgen.— „Verzeihe mir, Herr,“ ſagte der Araber,„aber ich ſah heute einen Mann, der Dir in allem ſo vollkommen aͤhnlich fieht, daß ich, ſaͤhe ich nicht Deine Artigkeit und die Pracht um mich, haͤtte ſchwoͤren wollen, Du ſeyeſt der naͤmliche.“ —„Wirklich ſagte Moye⸗ed⸗din,„wer kann die Perſon wohl ſeyn? Ich kenne niemand in der Stadt, der mir ſo vollkommen aͤhnlich ſaͤhe.“ —„Verzeihe mir, Herr, aber da mich Deine Sprache und Lebensart gaͤnzlich von meinem Irrthume zuruͤckgebracht hat, ſo iſt es nicht noͤthig, die Perſon zu erwaͤhnen, welche die Ehre hat, das vollkommene Abbild Deines Ge⸗ ſichtes, Herr, zu tragen.“ Man ſprach nicht mehr uͤber den Gegen⸗ ſtand, und da man das Mittagsmayl ankuͤn⸗ 5.* 52 digte, begaben ſie ſich in ein anderes Zimmer, und nahmen ein reiches Pilau, ein trefflich be⸗ reitetes Curry, Suppe, und eine Menge der verſchiedenartigſten Suͤßigkeiten, und der koͤſt⸗ lichſten Fruͤchte ein, worauf man Waſſer in ſilbernen Becken brachte; Scherbet und Hookah’s folgten. Das Geſpraͤch drehte ſich nun um die Gefahren der See, den Zuſtand des Handels, und den Hof von Perſien.„Nie hatte ich ſe viele Schwierigkeit, eine Ladung aufzubringen,“ ſagte der Capitaͤn;„wenn ich einen Vortheil herausſchlagen ſoll, ſo muß mir dieſen der Ver⸗ kauf meiner Sklaven bringen, denn ich finde den Markt mit jeder andern Waare uͤberfuͤllt.“ „Haſt Du viele Sclaven an Bord, edler Ca⸗ pitaͤn 2“5 „Nicht ſo viele, als ſonſt:“ „Im Vorbeigehen, Capitaͤn, da wir gerade von Selaven reden, ich hoͤrte, Du habeſt an Bord—« Hier ward das Geſpraͤch durch die Ankunft und den Eintritt eines Dieners des Nuwabs unterbrochen, der ſich dreimal tief ver⸗ neigte und ſprach:„Seine Hoheit Nuwab, Je⸗ lal⸗ed⸗deen— moge ſein Glanz blendend ſeyn⸗ und ſein Gluͤck ſich vermehren— laͤßt den ver⸗ ſtaͤndigen, gelehrten Deewan erſuchen, in zwei Stunden im Palaſte Mahmud⸗a⸗baugh vor ihm zu erſcheinen.“ Moye⸗ed⸗din ſezte dieſes in aͤußer⸗ ſte Verwirrung und Beſtuͤrzung, da er aber ſeine Verlegenheit nicht merken laſſen wollte, ent⸗ gegnete er, es ſey ſeine Pflicht, dem Befehle zu geporchen, und ſich zur beſtimmten Zeit dem 55 glorreichen Nuwab zu Fuͤßen zu werfen. Der, Bote verbeugte ſich, wie zuvor, und entfernte ſich. Nun ſchwand vollends jeder Verdacht von Seite des Arabers, und er war gegen ſeinen gefaͤlligen Wirth ehrerbietiger als je. Moye⸗ ed din las deutlich Alles⸗ was in ſeinem In⸗ nern vorgieng, und ſah mit Ver gnuͤgen die Wir⸗ kung, welche des Nuwabs un rwartete Bot⸗ ſchaft hervorgebracht⸗ Hatte⸗ „Ich muß wirklich lachen, Herr,“ fagte der Capitaͤn, der ein zweites Chillum rauchte,„wenn ich an meine Beſtuͤrzung denke, als ich zum erſtenmal die Ehre hatte, Dich zu ſehen, denn Du wirſt Dich erinnern, daß ich Dich fuͤr cine andere Perſon hielt, die, wie ich nun davon denke, da ich Muße habe, Dein edles Geſicht zu betrachten, nicht einen Zug von Dir hatte; ſtatt einer Adlernaſe hatte ſie eine platte, breite, haͤß⸗ liche, und war bei weitem nicht ſo hochge⸗ wachſen, als Du, auch konnte ſie kein Wort Arabiſch ſprechen. Ich muß in der That tau⸗ ſendmal um Verzeihung bitten, daß ich Haͤß⸗ lichkeit und Schoͤnheit ſo verwechſelte.“ „Du ſchmeichelſt mir, Capitaͤn, aber ich ſage Dir, ich wußte mich in dieſer Stadt keiner mir ſo ganz aͤhnlichen Perſon zu erinnern, und war uͤberzeugt, Du wuͤrdeſt, ehe wir uns trenn⸗ ten, Deinen Irrthum einſehen; aber— was ich vorhin fagen wollte, ich hörte, Du habeſt an Bord ein Maͤdchen von ausgeſuchter Schoͤn⸗ peit.“ „Ein Engel, Herr, aber woher, wenn ich fragen darf, haſt du Du die Nachricht 24 54 „Nun, wir, wir Großen— Du verſtehſt, Capitaͤn—.“« „Sehr wohl, Herr, ich ditte um Verzei⸗ bung, es gehoͤrt zu Deinem Amte, Dich von von Allem in Kenntniß zu ſetzen.“ „Du haſt ganz recht, Capitaͤn, es gehoͤrt zu unſerm Amte; aber ich wuͤnſchte, mit Dei⸗ ner Erlaubniß, die Schoͤne ſeruſt zu ſehen.“ „Unmoͤglich!“ 1 „Unmöglich, Capitaͤn! iſt ſie denn nicht zum Verkaufe beſtimmt?“ „Sie war es, aber iſt ſchon verſagt.“ „Verſagt, ſprichſt Du; an wen? 12 „An den Cotwall.“ Dießan war ein Donnerſchlag fͤr die Hoffnun⸗ gen des Deewam; ſein Hookah ſank ihm aus der Hand, und er faß wie betaͤubt, waͤhrend der Ca⸗ pitaͤn ganz kalt und gleichguͤltig fort eilte. „Capitaͤn,“ ſagte der Deewan,„dur Cotwall darf ſie nicht erhalten.“ „Aber der Handel iſt geſchloſſen, Herr Ne „Dann muß er gebrochen werden. Wie viel will er darum bezahlen 2 mn ise „Zehntauſend Rupien!? echie „DOu ſollſt zwanzig haben.“” u„ Ich kunn mein Wort nitht bechen⸗ 98ℳ „Dreißig.“ 62 „Das Wort eines Arabers, Herr.—„Vier⸗ zig.“—„Sie iſt Dein.“ ,So viel um das Wort eines Arabers,“ dachte Moye⸗ed⸗din, indem er zugleich dem Ara⸗ — ber ſeine Hand hinhielt, der froͤhlich einſchlug. 5⁵ „Ich ſage Dir die Wahrheit,“ ſagte Moye⸗ed⸗ din, das Maͤdchen iſt fuͤr den Nuwab, nicht fuͤr mich; deßhalb darfſt Du keine Folgen von dem Verdruße des Cotwalls fuͤrchten; ſey ver⸗ ſichert, er wird Dich mit keinem Worte uͤber die Sache beunruhigen. Aber da wir eine Stunde uͤbrig haben, ſo erlaube mir, daß ich Dich an Bord Deines Schiffes begleite, um dem Nuwab Nachricht von dem Maͤdchen geben zu koͤnnen; und entſpricht ſie meinen Erwartungen, ſo ver⸗ liere keine Zeit, ſondern begleite mich zu den Palaſt Mahmud⸗a⸗baugh, wo ich Dich dem Nu⸗ wab vorſtellen werde, dem ich vorher eine ſo feurige Beſchreibung von den Schoͤnheiten ma⸗ chen will, daß er Dich mit Achtung behandeln, und dir das Geld bezahlen wird.“ „Es bleibt dabei!“ ſagte der Capitaͤn,„laß uns zu dem Schiffe gehen.“ Man ließ ein Boot kommen, und bald erreichten der Capitaͤn und Moye⸗ed⸗din das Schiff; der leztere gebrauchte die Vorſichtsmaßregel, ſich in ein ſchlechtes Kleid zu huͤllen, um Entdeckung zu vermeiden, und es war in der That ein Gluͤck, daß er es ſo machte, denn als ſie ſich dem Schiffe naͤherten, erblickte der Capitaͤn des Cotwalls Schatzmeiſter auf dem Gange.„Der verfluchte Kerl,“ rief er, iſt gekommen, um die ſchoͤne Beute zu holen; was iſt nun zu machen? „Entſchuldige Dich, ſchlechterdings,“ ſprach der beſorgte Moye⸗ed⸗din; ſage, das Maͤdchen ſey krank und koͤnne vor morgen das Schiff nicht verlaſſen. Mittlerweile ſegle ich auf dem Fluſſe umber, ſcheinbar unbekuͤmmert um das Schiff; mache nur, daß die Burſche des Cotwall fort⸗ kommen und dann ſtecke eine kleine weiße Flagge an Deinem Backbord an einer Segelſtange auf, zum Zeichen, daß ich zu Dir ſtoßen kann.“ Nach dieſer Verabredung beſtieg der Capi⸗ taͤn das Schiff, waͤhrend Moye⸗ed⸗din abſtieß und verſchwand. Der Capitaͤn empfieng die Leute des Cotwall mit Hoͤflichkeit und Anſtand, und der Schatzmeiſter ſagte ihm, daß er das Geld gebracht und Befehl von ſeinem Herrn habe, das Maͤdchen in Empfang zu nehmen.„Sehr wohl,“ ſagte der Capitaͤn,„ich will ſie von Deinen Abſichten benachrichtigen.“ So ſprechend gieng er in die große Cajuͤte, und kam bald darauf wieder zuruͤck, indem er ſagte, er muͤſſe den Cotwall tauſendmal um Verzeihung bitten, aber das Maͤdchen ſey in Folge einiger Fruͤchte, die ſie nach ihrer langen Reiſe nicht maͤßig ge⸗ nug zu ſich genommen habe, ſo unpaͤßlich, daß ſie ihn ernſtlich gebeten habe, es doch bis auf den folgenden zu verſchieben. Der Schatzmei⸗ ſter konnte auf dieſe Anrede nichts erwiedern, ſondern gab ihm die zehntauſend Rupien, die jedoch der Capitaͤn nicht annahm, indem er ſagte, es ſeye ſchicklicher, daß er das Geld erſt am folgenden Morgen erhalte, wenn er die Schoͤne in die Haͤnde des Cotwalls uͤberliefere. Der Schatzmeiſter gieng daher weg, nachdem er die Stunde beſtimmt hatte, wann er am folgenden Tage wieder kommen wollte. Sobald der Capitaͤn den Schatzmeiſter wohl⸗ 57 behalten am Ufer angekommen ſah, ſteckte er die weiße Flagge auf, und ſo wie dieſe der eifrige Moye⸗ed⸗dim erblickte, kam er an's Schiff; er wurde von ſeinem Freunde, dem Capitaͤn, empfangen, der ihn in die Eajute fuͤhrte, und nachdem er das Maͤdchen von ſeinem Range unterrichtet, fuͤhrte er ihn zu ihr ein. Wenn er ſchon bei dem Blicke, den er durch die Ritze werfen konnte, bezaubert war, wie groß war ſein Entzuͤcken bei dem vollen Anblick einer ſo vollendeten Schoͤnheit! Er erfuhr kurz, ſie ſeye eine perſiſche Dame von Stande, und in der Sprache ihres Landes benachrichtigte ſie der Deewan, Seine Hoheit der Nuwab habe von ihrer Ankunft gehoͤrt, und ſie von dem Capi⸗ taͤn gekauft, in der Abſicht, ſie in ſein Serail aufzunehmen, wo ſie als die ſchoͤnſte Blume betrachtet werden wuͤrde; auch deutete er ihr an, daß es ſehr wahrſcheinlich ſey, daß ſie der Nuwab zu ſeiner geſetzlichen Gemahlin machen wuͤrde. Die ſchoͤne Gefangene war fehr nieder⸗ geſchlagen und traurig, und entgegnete kein Wort, ſondern bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, waͤhrend man Thraͤnen durch ihre zar⸗ ten Finger rinnen ſah. Der arabiſche Capitaͤn ſtand ganz kaltſinnig da und blickte auf ſeine ſchoͤne Beute beinahe eben ſo gleichguͤltig, als auf eine Balle Baumwolle, oder einen Sac Pfeffer. Moye⸗ed⸗din, der mehr mitleidiger Na⸗ tur war, bemuͤhte ſich, die ſchöne Trauernde zu troͤſten, und ſie mit ihrem Looſe aus zuſöh⸗ nen, indem er die Tugenden, das Auſehen, den 58 Reichthum, Macht und Liebenswuͤrdigkeit ſeines Herrn anpries; da er ſie aber immer ſtumm fand, nahm er, in Begleitung des Capitaͤns, Abſchied. Die Zeit des Beſuches bei dem Nuwab kam nun heran, und ſie hielten ſich nicht laͤnger an Bord des Schiffes auf, als noͤthig war, ruder⸗ ten daher ſchnell und kamen in den Palaſt des Miniſters, wo er ſich zu ſeinen erſten Beſuch beim Nuwab vorbereitete. Die Tragſeſſel wa⸗ ren in Bereitſchaft, und Moye⸗ed⸗din ſchickte ſich an, aufzubrechen, als ihm ſein ſo ſelt ſam verwandelter Bart einfiel; wie aͤrgerlich war es ihm nun, ſo entſtellt vor dem Nuwab erſchei⸗ nen zu muͤſſen! Was war zu machen? Kam er eine halbe Stunde zu ſpaͤt, ſo konnte er ſei⸗ nen Herrn nicht mehr antreffen, und die gol⸗ dene Gelegenheit war verſaͤumt, und ſeine Hoff⸗ nungen, die Gunſt des Nuwab wieder zu er⸗ halten, unwiderbringlich dahin. Er beſchloß da⸗ der, die Straße zu gehen, in der die Bude des Barbiers lag, in der Hoffnung, Bupoo, der ſein Haar roth gefaͤrbt, werde auch mit den Mitteln bekannt ſeyn⸗ es wieder ſchwarz zu faͤrben. Begleitet von dem Capitaͤn, machte er ſich auf den Weg nach dem Palaſte Mahumed⸗ a⸗baugh und befahl ſeinen Traͤgern, an Bupoo's Bude Halt zu machen. Die Traͤger hielten alſo an der wohlbekannten Barbierbude; der Deewan entſchuldigte ſich bei dem Capitaͤn, ver⸗ ſicherte ihn, er werde in wenig Augenblicken wie⸗ 59 der da ſeyn, und ſtieg aus ſeinem Tragſeſſel. Mit leiſer Stimme unterrichtete ihn der Dee⸗ wan von den Wirkungen ſeines verwuͤnſchten Faͤrbens, und verlangte auf der Stelle ſeinen eigenen ſchwarzen Bart wieder. Der Barbier war ſehr betroffen uͤber die ungluͤcklichen Fol⸗ gen, beſonders da er erfuhr, ſein Herr ſey im Begriffe, ſeinen erſten Beſuch bei dem Nuwab zu machen.„Wenn du einen Augenblick ver⸗ ziehen willſt, Herr, und dich herablaſſen, in meine Bude zu treten, ſo glaube ich im Stande zu ſeyn, Alles wieder in Ordnung zu bringen. Der Deewan folgte, und unterwarf ſich den Operationen des Barbiers, der eine ſchwarze Salbe gebrauchte, wodurch er dem Bart des Miniſters ſeine ganze vorige Schoͤnheit wieder gab. Hoͤchlich erfreut, belohnte er den Bar⸗ bier, und vereinigte ſich nun wieder mit ſeinem Gefaͤhrten, bei dem er ſich ſehr entſchuldigte, verhuͤllte aber ſeinen Bart ſorgfaͤltig, um die ploͤtzliche Veraͤnderung deſſelben zu verbergen; nahm ſich jedoch vor, die ganze Sache zu er⸗ zaͤhlen, wenn es noͤthig waͤre, ſobald die per⸗ ſiſche Dame wohlbehalten in das Zenana des Nuwab gebracht waͤre. Waͤhrend dieſe Perſonen ſich dem laͤndlichen Palaſte naͤhern, ergreifen wir dieſe Gelegenheit, zu berichten, welche Muͤhe ſich der Cotwall um die ſchoͤne Gefangene an Bord des arabiſchen Schiffes gab. 50 1 Fuͤnftes Kapitel⸗ Wir haben oben erzaͤhlt, daß der Barbier fruͤhe am Morgen, als er von dem arabiſchen Schiffe zuruͤckkehrte, ehe er noch dem Deewan ſeine Aufwartung machte, ſeinem Weibe erzaͤhlt habe daß er das ſchoͤnſte Geſchopf geſehen, das je die Erde getragen; da er ihr aber hieruͤber kein Stillſchweigen auferlegte, ſo dachte ſie, es wuͤrde nicht nachtbeilig ſeyn, wenn ſie es ih⸗ rem Nachbar erzaͤhlte, ſobald ſich eine Gelegen⸗ heit darbdte. Als Bupoo ſie verließ, um in den Palaſt des Deewan zu gehen, beſchaͤftigte ſte ſich mit dem Hausweſen, und da ihr einige Kleider unter die Haͤnde kamen, die ſie vor ei⸗ niger Zeit abgelegt hatte, meinte ſie, wenn man dieſe wieder faͤrbte und herausputzte, wuͤr⸗ den ſie wieder ganz brauchbar werden; da ſie nun gerade eine kleine Geldſumme in Haͤnden hatte, beſchloß ſie, ſogleich zum Faͤrber zu ge⸗ hen, und trat alſo in die Bude des alten Kuzl⸗ baſhee, den ſie bis uͤber die Arme in Indigo erblickte, an einem ſehr eintraͤglichen Geſchaͤft⸗ wie es ſchien. „Saalam, Kuzl⸗baſhee,“ begann das Weib des Barbiers. „Gott ſegne dich, Nachbarin,“ entgegnete der Faͤrber. „Ich habe dir einige Tuͤcher zum Faͤrben gebracht, Nachbar; wann kann ich ſie wieder haben 2* „Ich habe wirklich ſo vieh zu arbeiten,“ ſagte der Faͤrber,„wahrhaftig, ich kann ſie dir nicht vor zehn Tagen verſprechen.“ 3 „Zehn Tagen!“ rief des Barbiers Weib 5— der Herr weiß„ was mir waͤhrend dieſer Zeit zuſtoßen kann, da bin ich vielleicht ſchon ge⸗ ſtorben.«— „Die Schoͤnheit muß vergehen, das weißt du, Nachbarin,“ ſagte der Faͤrber,„aber laß uns hoffen, die deinige werde unſere Augen noch ein wenig laͤnger ergoͤtzen.“ „Pah! alter Kuzl⸗baſhee, rede kein dummes Zeug; meine Schoͤnheit, in Wahrheit! wenn du deine Augen durch Schoͤnheit ergoͤtzen willſt⸗ ſo gehe an Bord des arabiſchen Schiffes, das ſo eben angekommen iſt; da iſt eine Houri aus dem Paradies.“ „Was ſagſt du, eine Schoͤnheit an Bord des arabiſchen Schiffes 2 Woher haſt du ſo gute Nachricht 2 „Oh! mein Mann hat, lange ehe du auf⸗ ſtandſt, den Bart des Capitaͤn zurecht gemacht, und das Maͤdchen geſehen; ihre Schoͤnheit hat ihm den Kopf ganz verruͤckt.⸗ „Meine gute Frau, glaube ihm nicht, ich ſelbſt habe ſie geſehen, es iſt alles Uebertrei⸗ bung; eine Schoͤnheit! wahrhaftig! ſie iſt nicht uͤber vier Fuß, hat eine afrikaniſche Naſe, und eine Zahnluͤcke. „Nun, Kuzl⸗baſhee, ich meinte auch, daß s uͤbertrieben ſey: mein Mann iſt erſtaunlich wunderſuͤchtig, und haͤlt jedes neue Geſicht fuͤr eine vollendete Schoͤnpeit.⸗ 62 „Ganz wohl, Frau, ſey verſichert, daß ſie keine Schoͤnheit iſt; geh heim, ich will deine Sachen in einer Woche faͤrben, wenn es mir moͤglich iſt; Saalam.“ Das Weib gieng, und ſchwatzte auf dem Wege mit etlichen Freundinnen, erwaͤhnte aber mit keiner Sylbe des Maͤdchens an Bord des arabiſchen Schiffes, da ſie die Ankunft einer haͤßlichen Frau fuͤr keine wichtige Neuigkeit hielt. Dieß war es gerade, was der Faͤrber wuͤnſchte, und in dieſer Abſicht, daß ſie nicht plaudern ſollte, hatte er das Maͤhrchen von der afriea⸗ niſchen Naſe und der Zahnluͤcke erfunden, und ſobald ſie ihm den Ruͤcken gewandt hatte, zog er ſeinen Rock an, und begab ſich zum Cot⸗ wall, deſſen Freund er ſeit dem Streite mit dem Fleiſcher geworden war. Der Cotwall ließ den Faͤrber ſogleich vor, der auf demſelben Fuße mit ihm ſtand, und die gleiche Rolle in ſeinem Hauſe ſpielte, wie der Barbier bei dem Mi⸗ niſter, wenn wir das Raſiren ausnehmen. Mit einem Wort, er war des Cotwalls Neuigkeits⸗ traͤger und Geſchichtenerzaͤhler uͤberhaupt gewor⸗ den, und war dabei ſicher, immer Zutrut zu erhalten, zu welcher Stunde er auch kam. „Nun, Kuzl⸗baſhee,“ ſagte der Polizeimeiſter, „was giebt's Neues heute? Etwas wichtiges ſicherlich, ſo viel ich aus deinem Laͤcheln und fruͤhen Erſcheinen ſchließen kann.“ „Hoͤre mich, Herr,“ ſagte der Faͤrber,„es iſt heute ein Maͤdchen von ſolcher Schoͤnheit angelangt, daß ſie die Augen der weuigen⸗ 63 welche ſie geſehen haben, verblendet hat, eine Geſtalt, eine Naſe, und ach, Zaͤhne— wie ſie nie die Natur hervorgebracht, noch jemals wieder hervorbringen wird. Jung, ſchoͤn, leb⸗ haft, heiter, niedlich und reizend, nur das Pa⸗ radies kann ſie geboren haben. „Haſt du ſie ſelbſt geſehen, Kuzk⸗baſhee 2** „Nein, Herr, ich war nicht ſo gluͤcklich; ſo eben bin ich erſt davon unterrichtet worden. „Wer war es, der dir die Nachricht brachte 2*⁴ „Der Barbier, Herr, Bupoo ſelbſt, der dem Schiffsvolk die Baͤrte geſtuzt, und das Maͤdchen zu Geſicht bekommen hat. „Geh ſogleich an Bord, Kuzl⸗baſhee, nimm deine Tuͤcher mit, zum Handel mit den Schiffs⸗ leuten; einer meiner vertrauten Diener ſoll dich begleiten, um dir bei deinem Handel zu hel⸗ fen, und ſobald es ihm gelungen iſt, dieſe Houri zu Geſicht zu bekommen, ſend' ihn zu⸗ ruͤck zu mir.“ So ſprechend rief er laut:„He! wer wartet hier?ec Ein Gerichtsdiener erſchien, und der Cotwall befahl ihm, Scheik Ibrahim ſogleich zu ihm zu ſchicken. Bald erſchien die⸗ ſer und nachdem ihn der Cotwall mit der Rolle, die er zu ſpielen habe, bekannt gemacht, ſandte er ihn, in Geſellſchaft des Faͤrbers, an Bord des Schiffes, wo ſie bald ankamen; aber trotz aller ihrer Liſt gelang es ihnen nicht, die ſchone Gefangene zu Geſicht zu bekommen. Es war eine von Scheik Ibrahims Regeln, nie, wenn es moͤglich waͤre, zu ſeinem Herrn mit der 6½ Nachricht eines fehlgeſchlagenen Verſuches zu⸗ ruͤckzukehre!; er fluͤſterte alſo dem Faͤrber zu, er wolle zu dem Cotwall. zurückkehren, und ihm ſagen, die Schilderung von der Schonheit des Maͤdchens ſey keineswegs uͤbertrieben. Kuzl⸗baſhee billigte den Plan, und beguͤnſtigte ihn dadurch, daß er ſeinen Gefaͤhrten noch mehr Tuͤcher her⸗ beiholen ließ, damit die Araber eine groͤßere Auswahl haͤtten. Scheik Ibrahim gieng, und fand den Cotwall aͤngſtlich auf ihn warten⸗ „Nun,, Scheik Ibrahim, iſt alles wahr 2⁸⁸ „Mehr als wahr, beim Allah! ſie iſt in des That goͤttlich ſchoͤn lé „Schoͤne Augen 2—„Vortreffliche 1e „Schoͤne Farbe?“—„Alabaſter?*³ „Geſtalt 2—„Reizend uͤber alle Vorſtel⸗ lung!“ „Scheik Ibrahim, wir muͤſſen dieſes Maͤd⸗ chen kaufen; ſende mir meinen Schatzmeiſter und Dobaſch hieber; fort, keinen Augenblick ver⸗ loren k 4 Waͤhrend alles dieſes im Hauſe des Cotwalls vorgieng, handelte der alte Kuzl⸗baſhee mit dem arabiſchen Schiffsvolk, bis ſeine Aufmerkſam⸗ keit durch den Geruch der Parfuͤmerien abgezo⸗ gen wurde, was wir bereits erzaͤhlt haben, wie auch ſeinen Verſuch, den Barbier und ſeinen Gefaͤhrten bei der Ruͤckkehr in die Stadt zu begleiten. Es iſt nun noͤthig, den Leſer weiter mit den Planen und Abſichten Noor⸗Mahomeds, des Cotwalls, bekannt zu machen. Dieſe mu⸗ 65 tbige Perſon hatte des Nuwabs Gunſt erhal⸗ ten, und war nun fortwaͤhrend bemuͤht, ſich derſelben zu verſichern. Da er wußte, daß der einzige Weg zu ſeiner Gunſt der ſey, daß er eine neue Schoͤnheit in ſeinen Harem liefere, ſo hatte er in dieſer Abſicht Tag und Nacht dar⸗ auf geſonnen, eine zu finden, die ſeiner wuͤr⸗ dig waͤre. Hiezu hatte er oft den alten Scheik Ibrahim gebraucht, und ſobald das Geruͤcht von einer Schoͤnheit zu den Ohren des Cotwall. gelangte, wurde ſogleich dieſer ſchlaue Kundſchaf⸗ ter ausgeſandt, um ihm eine treue Nachricht von der Wahrheit⸗ oder. wenigſtens dem Ge⸗ ruͤchte zu bringen. Wie treulich er dieſen Auf⸗ trag ausrichtete, davon paben wir bereits eine Probe geſehen. Nie, ſagte er, habe⸗ ihm eine ſolche Geſandtſchaft fehl geſchlagen; nein, er wollte lieber ſeinen Herrn mit einer⸗ langen Geſchichte der Gefahren und Schwierigkeiten, die er zu beſtehen gehabt, und den Kunſtgriffen, die er angewandt, um das Maͤdchen zu Geſicht zu bekommen, von deren Reize er Bericht er⸗ ſtatten ſollte, unterhalten. Uebrigens war Scheik Ibrahim, trotz ſeines Talentes, ſeinen⸗ Herrn zu uͤberfuͤhren, ein tuͤchtiger Kerl, und der ge⸗ ſchickteſte Mann fuͤr ſeine Geſchaͤfte, fuͤr Alles andere tauglich, nur nicht fuͤr den Auftrag, den man ihm gab, und von zehn Faͤllen, wo er als Unterhaͤndler gebraucht wurde, mißlangen neune. In ſolchen Faͤllen pflegte er, nachdem er die Gefahren, in denen er geſchwebt habe, herausgepoben, ſeine Geſchichte mit einer jaͤm⸗ 66 merlichen Aufzaͤhlung der Maͤngel des Maͤd⸗ chens zu endigen. Der Cotwall, der ſich nie anders traͤumen ließ, als daß der alte Kerl⸗Kabe wirklich das Maͤdchen geſehen, von deren Maͤn⸗ geln er eine ſo genaue Beſchreibung zu geben ſchien, belohnte ihn jedesmal. Einen ſolchen Betrug konnte er mit Erfolg ausfuͤhren, wenn er weit weggeſandt wurde, aber im gegenwaͤr⸗ tigen Falle war das Maͤdchen, von dem die Rede war, nur einen Steinwurf von dem Hauſe ſeines Herrn entfernt; er wagte es deß⸗ halb nicht, ihn dießmal zu betruͤgen, weil der Cotwall leicht zufaͤllig das Maͤdchen zu Geſicht bekommen, oder ihm das Geruͤcht von ihrer außerordentlichen Schoͤnheit von allen Seiten zu Ohren kommen koͤnnte. Er vertraute daher dem Worte des Faͤrbers, der es von dem Bar⸗ bier ſelbſt gehört zu haben behauptete, und ſo wagte es Scheik Ibrahim, die Ausſage zu be⸗ ſtaͤtigen, mit allen Beiwoͤrtern, die er je hatte der Schoͤnheit geben horen. Der Cotwall be⸗ fahl demnach ſeinem Schatzmeiſter, mit dem ara⸗ biſchen Capitaͤn zu handeln, der ihm auch das Maͤdchen um zehntauſend Rupien erließ; und der Cotwall billigte den Handel, da er wohl wußte, der Nuwab wuͤrde ſie ihm mit Vortheil wieder bezahlen. Noor⸗ Mahomed war um ſo eifriger beſorgt, dem Nuwab eine hhe nnene Schoͤnheit zu liefern, da er wohl wußte, daß ſein Gegner, der Deewan, in demſelben ehren⸗ werthen Unternehmen begriffen ſey. Wer von dieſen zwei Helden den Preis davon trug, wer⸗ 67 den wir bald erfahren. Kuzl⸗baſhee, der das Geheimniß mit dem ſonderbaren Parfuͤmerie⸗ haͤndler nicht hatte ergruͤnden koͤnnen, kehrte zuruͤkk und hielt weislich reinen Mund uber dieſe Sache. Wir muͤſſen nun unſere Aufmerkſamkeit auf den Palaſt Mahmud⸗a⸗baugh richten, in deſ⸗ ſen Gaͤrten der Nuwab die Ankunft des geſtuͤrz⸗ ten Deewan erwartete; und da ohne Zweifel der Leſer begierig iſt, zu erfahren, welchem gluͤcklichen Zufall der bisher hintangeſetzte Dee⸗ wan verdankte, ploͤtzlich vor feinen Herrn be⸗ rufen zu werden, muͤſſen wir auf die Zeit zu⸗ ruͤckgehen, wo der erfreute Miniſter ſeinem Die⸗ ner befahl, ein reichliches Mahl zu bereiten, da er einen Freund erwartete, der daran Theil nehmen ſollte. Der Diener trat mit einem tie⸗ fen Buͤckling in das Gemach, aber als er auf⸗ ſah, wie groß war ſein Erſtaunen, da er den haͤßlichen rothen Bart ſeines Herrn erblickte, ſtatt des langen, glaͤnzend ſchwarzen, der ſein Kinn gewoͤhnlich zierte. Dieß und der unan⸗ genehme, zu ſtarke Geruch der Parfuͤmerien, mußte nothwendig, ſobald er das Zimmer ver⸗ laſſen, ihm die Zunge loͤſen; und er hatte be⸗ reits zwei andere Diener mit der ſeltſamen Verwandlung bekannt gemacht, als er ſchnell wieder in das Anderun, oder geheime Gemach, berufen wurde, wo er Befehl erhielt, Citro⸗ nenſaft und Salz zu bringen. Begierig, zu er⸗ fahren, zu was man dieſe Artikel verlangte, ſah er durch die halb offene Thuͤre, und erblickte 68 hier ſeinen Herrn, wie er ſeinen Bart rieb, ſeifte und einſalzte, wie er vor Muͤdigkeit auf ein Ruhebett ſank, und den Blicken des Die⸗ ners entſchwand. Ahmed Khan, ſo hieß der Diener, lief ſo⸗ gleich zu ſeinen Genoſſen, und erzaͤhlte ihnen in allem Ernſte, ihr Herr ſeye wahnfinnig; und da er alles berichtete, was er geſehen, ſo glaubte es ein jeder. Zufaͤllig war Abmed Khanis Mut⸗ ter uͤber eine Abtheilung von Frauen im Zenana des Nuwab geſezt, und da dieſe getreuen Ma⸗ tronen ausgehen durften, ſo beſuchte ſie oft ih⸗ ren Sohn im Palaſte des Deewan; auch heute kam ſie, und erfuhr mit wirklicher Theilnahme die ſchreckliche Nachricht von der Verſtandes zer⸗ ruͤttung des armen Moye⸗ed⸗din. Als ſie in das Zenana zuruͤckgekehrt war, machte ſie die Neuigkeit bekannt, wodurch ſie bald zu den Oh⸗ ren des Nuwab ſelbſt gelangte.„Armer Moye⸗ ed⸗din ke ſprach er,„ich habe dich zu hart be⸗ handelt, meine Vernachlaͤßigung hat dich, wie ich fuͤrchte, wahnſinnig gemacht. Doch ſoll dieß nicht ſo bleiben, wenn es nicht bereits zu weit mit dir gekommen iſt. Ungluͤcklicher in deinem Irrthume! ich will dich heute ſehen, und dei⸗ nen Kummer lindern.“ Aber es war nicht dieſe wohlwollende Geſinnung allein, der Nu⸗ wab war auch hoͤchſt neugierig, nan rothen Bart zu ſehen, mit dem er ſich in ſeinem Wahn⸗ ſinn aufgepuzt haͤtte; weßhalb ein Bote an den Deewan geſandt ward. Wie treulich dieſer ſei⸗ nen Auftrag ausrichtete, paben wir geſeben. 69 Es war gegen Abend, als der Exminiſter dem Nuwab angemeldet wurde. Die Sonne war noch nicht untergegangen, und der maͤch⸗ tige Statthalter rauchte ſein Hookah in einem geraͤumigen Verandah, von wo aus man den Garten uͤberſabh. Als Moye⸗ed⸗din vor ihm ſtand, warf er ſich vor ihm auf ſein Angeſicht nieder, und kuͤßte den Saum ſeines Kleides, dann ſtand er auf; aber zu ſeinem Mißvergnu⸗ gen erblickte der Nuwab nicht den rothen Bart, den er erwartet hatte, ſondern einen ſchonen ſchwarzen, denſelben, den er vor ſechs Mona⸗ ten geſehen hatte. Da er glaubte, die ganze Geſchichte ſey eine Liſt, ihn umzuſtimmen, be⸗ reute er es, Moye⸗ed⸗din berufen zu haben. Doch behielt die große Demuth ſeines Mini⸗ ſters die Oberhand, und der Nuwab ließ ſich in ein Geſpraͤch mit ihm ein, und verwies ihm ziemlich ſtrenge die Urſache ſeines Ungluͤcks; und obgleich Moyered⸗din kein Wort hoͤrte, aus dem er zu ſchließen wagte, der Nuwab habe die Ab⸗ ſicht, ihn wieder in ſein voriges Amt einzu⸗ ſetzen, ſo glaubte er doch, dieß ſey der guͤn⸗ ſtige Augenblick, den Nuwab mit der Ankunft der großen Schoͤnheit bekannt zu machen. Er bat deßhalb um Erlaubniß, ihm etwas Wichti⸗ ges mittheilen zu duͤrfen. Der Nuwab ver⸗ ſchob es, bis nach Sonnenuntergang, da die gewoͤhnliche Zeit des Gebetes und Abwaſchens gekommen war. Man brachte Waſſer, der Nu⸗ wab und Moye⸗ed⸗din ſaßen einander gegenuͤber, und begannen zu beten und ſich zu waſchen. 70 Moye⸗ed⸗din murmelte mit geſchloſſenen Augen und hohem Ernſte ſein Gebet, wurde aber in ſeiner Andacht geſtort, als er den Nuwab in ein lautes, heftiges Gelaͤchter ausbrechen hoͤrte, das ihn ſehr beſtuͤrzt machte; wie er aber die Augen aufſchlug, und ſeinen Bart erblickte, ſchwand ſeine Beſtuͤrzung, denn mit einem male erſchien wieder ſein abſcheuliches rothes Haar, waͤhrend das Waſſer, in dem er ſich gewaſchen hatte, ſo ſchwarz wie Tinte war. Er konnte vor Verlegenheit kein Wort hervorbringen, und ſaß da, ein Bild des Verdruſſes und Aergers; der Nuwab, der beinahe vor Lachen borſt, rief aus:„Es iſt wahr, es iſt wahr! Oh Moye⸗ ed⸗din, Moye⸗ed⸗din! warum haſt du das ge⸗ than? was konnte dich bewegen, einen ſo ſtatt⸗ lichen Bark zu verderben?* „Geduld, Herr! Deine Hoheit ſoll Alles er⸗ fahren; mein Bart haͤngt mit der Geſchichte zuſammen, die ich Dir vor dem Abwaſchen be⸗ richten wollte: wenn Du es erlaubſt, ſo will ich ſie nun erzaͤhlen.“ Der Nuwab winkte Bei⸗ fall, und Moye⸗ed⸗din berichtete treulich alle Vorfaͤlle dieſes Tages, wobei der Nuwab herz⸗ lich uͤber die Liſt des Barbiers, bei der An⸗ wendung ſeiner verſchiedenen Farben lachte. Be⸗ onders freuten ihn die Bemuͤhungen des Dee⸗ wan fuͤr ihn, und er befahl, den Capitaͤn einzufuͤhren.. Der Araber wurde vor den Nuwab gefuͤhrt, und machte die gewöhnliche Verbeugung; man gieng ſogleich zu dem Geſchaͤfte uͤber, und der 71 Handel wurde abgeſchloſſen. Der Deewan em⸗ pfahl ſogleich ein Boot zu ruͤſten und es an das Schiff zu ſenden, um die ſchoͤne Gefangene in den Stadtpalaſt zu bringen, denn, ſagte er, ungeachtet meiner Bemuͤhungen fuͤr Dich, mein Herr und Gebieter, hat es doch der Cotwall gewagt, mich daran zu hindern, und es ver⸗ ſucht, das Maͤdchen fuͤr ſich zu bekommen.“ Der arabiſche Capitaͤn beſtaͤtigte dieſes, und der Nuwab wurde ſehr gegen den Cotwall auf⸗ gebracht, und beſchloß, bei der naͤchſten Gele⸗ genheit ihm ſein Mißfallen zu erkennen zu geben. Der Schatzmeiſter erhielt Befehl, das Geld fuͤr das perſiſche Maͤdchen auszubezahlen, und der Capitaͤn und ſein Freund, der Deewan, giengen nun weg. Als ſie eine Strecke von dem Palaſt entfernt waren, konnte der erſtere nicht umhin, zu ſagen:„Um's Himmels willen, Herr, was haſt du fuͤr einen Bart? es ſcheint mir, als ob er alle Stunden ſeine Farbe aͤn⸗ derte; zuerſt roth, dann ſchwarz, dann wieder roth.“ Der Deewan brach nun in ein herzliches Gelaͤchter aus, das erſte, das er ſich ſeit ſechs Monaten erlaubt hatke, und erzaͤhlte kurz die Abenteuer des Tages. „Dann biſt du auch, nach Allem, der Par⸗ fuͤmeriehaͤndler,“ ſagte der Capitaͤn,„ich dachte doch, ich koͤnne mich nicht irren.« „Oh! Eapitaͤn, aber du weißt, wo war denn die Aehnlichkeit? die Groͤße, die breite, platte Naſe— nun, Capitaͤn 2“ 72 „Ach, wahr, Herr: aber ich war wirklich ſo in Verlegenheit, wie ich mich benehmen ſollte; mein Gefuͤhl fuͤr Ehrerbietung und mein Gefuͤhl fuͤr das,, was ich ſah, ſtrett ſich ſo hef⸗ tig in meinem Innern. Ich fuͤhlte, daß ich verſichert war, du ſeyeſt der Parfuͤmeriehaͤnd⸗ ler; aber ich konnte nicht mit mir einig wer⸗ den, wie du der Parfuͤmeriehaͤndler ſeyn koͤnn⸗ teſt, da du doch unbeſtreitbar der Deewan Sei⸗ ner Hoheit des Nuwabs warſt.“ Moye⸗ed⸗din beſchloß, bei ſeiner Ruͤckkehr in der Bude des Barbiers abzutreten, und ihn fuͤr den zweiten Streich, den er ihm geſpielt, auszuſchelten, und gab deßhalb die noͤthigen Befehle. Sobald die Traͤger vor der Barbier⸗ bude bielten, erſchien ſogleich der dienſtfertige Buxoos aber als er den rothen Bart ſeines Herrn erblickte, rief er aus:„Beim Allah! iſt's moͤglich 2* 4 „Ja freilich iſt es moͤglich; und es iſt auch wahrſcheinlich, daß du morgen die Baſtonade bekommen wirſt. Wie kannſt du's wagen, mich mit deiner verwuͤnſchten ſchwarzen Farbe ſo an⸗ zufuͤhren? die, ſobald ich ſie mit Waſſer be⸗ ruͤhrte— „Mit Waſſer!“ rief der erſchrockene Bupoo, „ach das iſt etwas ganz anderes, meine ſchwarze Farbe haͤlt das Waſſer nicht. Wie konnte ich mir einbiden, daß du bei deinem feierlichen Beſuche Waſſer brauchen wuͤrdeſt? Waſſer, Herr! nein, nein, meine ſchwarze Farbe haͤlt das Waſſer nicht.“ 3„Ich 72 75 „Ich wuͤnſchte ſehr, deine rothe Farbe hielte das Waſſer nicht— denn, bei Mahomed! ich habe kaltes und heißes Waſſer gebraucht, Seife, Salz und Citronenſaft, eine ganze Stunde lang, und hier iſt ſie noch wie zuvor. Aber hoͤre, Freund, du mußt deinen Fehler wieder gut machen, oder, beim Allah! es waͤre beſſer, du haͤtteſt nie ein Haar an meinem Kopfe beruͤhrt!“ Der Barbier erſah aus dem befehlenden Tone ſeines Herrn, daß er wieder bei dem Nuwab in Gunſt ſtehe, und verſprach deßhalb, noch heute ein Mittel ausfindig zu machen, das die Farbe entfernen ſollte, die ſo haͤßlich anzu⸗ ſehen war. Dieſer merkwuͤrdige Tag endigte damit, daß die ſchoͤne Perſerin in den Palaſt des Nuwab gebracht, und wirklich in das Ze⸗ nanag aufgenommen wurde. Sechstes Kapitel. — Der Barbier ermangelte nicht, am folgen⸗ genden Morgen vor ſeinem Herrn, dem Dee⸗ wan, zu erſcheinen, und in einer kleinen Buͤchſe eine Fluͤſſigkeit mitzubringen, womit er ſogleich den unſeligen rothen Bart einrieb, indem er ſeinen Herrn verſicherte, wenn er eine Woche lang alle Tage dieß Mittel gebrauchte, wuͤrde Ind. Serail. I. 4 ₰„ 7 2 das haͤßliche Reth ganz verſchwinden, und die ganze vorige Schoͤnheitides Bartes wieder zum Vorſchein kommen. Moye⸗ed⸗din, im hoͤchſten Grade ungeduldig, und in der Meinung, ein einmaliger Gebrauch davon werde die gewuͤnſchte Wirkung haben, empfieng die Vorſchrift des Barbiers mit zornigen Aeußerungen des Miß⸗ vergnügens. Buypoo, der dieſe umwolkte Stirne ſeines Herrn erwartet hatte, hatte zum voraus ein Gegengift erdacht, und ergriff die naͤchſte beſte Gelegenheit, dem Deewan zu dem Gelin⸗ gen ſeiner Plane Gluͤck zu wuͤnſchen; er ſchloß damit, daß er ihm des Cotwalls Aerger, Ver⸗ druß. und Uugluͤck mit ſolchen Farben ſchilderte, die ſeinen Zuhdrer, wie er waͤhnte, hochlich er⸗ goͤtzen wuͤrden. „Oh, Herr!“ ſagte er,„das Mißgeſchick, das dir hinſichtlich deines Bartes begegnet iſt, iſt nichts im Vergleich mit dem, was der Cot⸗ wall mit dem ſeinigen angefangen hat. Wirſt du's glauben? ſo groß war ſein Zorn, daß er ſeinen Bart mit der Wurzel ausgeriſſen hat, und nun Krankheit vorſchuͤtzen muß, bis er wie⸗ der gewachſen iſt, ſo daß nach all dem ein ro⸗ ther Bart beſſer iſt, als gar keiner.. Der Deewan mußte herzlich uͤber das Miß⸗ geſchick des Cotwalls lachen, das er ſeiner(des Deewans) groͤßeren Geſchicklichkeit und Gewandt⸗ heit zu verdanken hatte. „ Nun, Buyxoo,“ ſagte er,„er iſt uns ſehr zu Statten gekommen, und da ich dir die erſte Nachricht uͤber die Sache verdanke, ſo muß 75⁵ ich dir eben das Werſgheen mit deinen haͤßli⸗ chen Farben verzeihen, in der Hoffnung, in wenig Tagen kein rothes Haar mehr an mei⸗ nem Kinn zu ſehen; aber meinſt du, daß des Cotwalls Bart je wieder wachſen werde?2“ „In langer Zeit nicht, Herr; auch hat ſein gewaltſames Verfahren mit ſeinem armen Kinn das Fleiſch ſo entzuͤndet, das ſein ganzes Ge⸗ ſicht mit einem haͤßlichen Pflaſter bedeckt iſt, ſo daß er weder eſſen noch trinken kann.“ „Vortrefflich, Buxoo, vortrefflich! ¹⁴ rief ent⸗ zuͤckt der Deewan, indem er ein noch viel herzlicheres Gelaͤchter aufſchlug, als vorher. Der Barbier gieng, nachdem er ſeine Beſorgniß we⸗ gen der baldigen Wiederherſtellung des Bartes ſeines Herrn ausgedruͤckt. Mittlerweile war der Cotwall, obgleich ſein Verdruß nicht ſo groß war, daß er ſo gewalt⸗ ſam gegen ſeinen Bart gewuͤthet und ſein Kinn zerfleiſcht haͤtte, ſehr beunruhigt wegen des Miß⸗ lingens ſeiner Entwuͤrfe; und da er ſich ein⸗ bildete, die g ganze Stadt ſey mit der Sache be⸗ kannt, ſtellte er ſich krank, und ſchloß ſich in ſein Anderum oder geheimes Gemach ein. Bupoo, der dieß wußte, glaubte das Maͤhrchen von dem ausgeriſſenen Bart und zerfeztem Geſichte ſicher anbringen zu koͤnnen, indem er mit Recht ſchloß, eine lolche Nachricht ſeye am beſten geeignet, den Deewan mit ſeinem eigenen Mißgeſchick auszuſohnen⸗ Der Nuwab erſtaunte uber die Schoͤnheit der reizenden Perſerin, die er, wegen. ihres dlen⸗ 4 76 denden Aeußern, Mheitab*) nannte. Die Nie⸗ dergeſchlagenheit jedoch, und der Gram, der ſich immer auf dem Geſichte dieſes neu erwor⸗ benen Schmuckes ſeines Harems zeigte, ver⸗ minderte bedeutend das Entzuͤcken des Nuwab, der, in der Hoffnung, es werde verſchwinden, wenn ſie ſich einmal mit ihrer Lage ausgeſoͤhnt habe, es noch nicht gewagt hatte, ihr Zimmer zu betreten, und wenn zufaͤllig ſeine Augen durch ihren Anblick entzuͤckt wurden, betrug er ſich hoͤchſt ehrerbietig und aufmerkſam gegen ſie. Mheitab hatte bisher nur ganz wenig geſpro⸗ chen, und beobachtete gegen alle, die ſich ihr naͤherten, ein trauriges, doch wuͤrdevolles Schwei⸗ gen. Der Nuwab, der ſich dieſe fortwaͤhrende Gleichguͤltigkeit gegen ſeine Aufmerkſamkeiten nicht erklaͤren konnte, berief Moye⸗ed⸗din, ſei⸗ nen Deewan. Die Schilderung der Schoͤnheit Mheitab's, der reizenden Perſerin, war keineswegs von dem Barbier uͤbertrieben, der ſie geſehen, oder von Scheik Ibrahim, der nicht ſo gluͤcklich geweſen war. Sie war ſchoͤngewachſen, reizend und an⸗ genehm, und ſchien ungefaͤhr 17 Jahre alt zu ſeyn, hatte einen ausnehmend zarten Teint, mit dem die Farbe der Roſen ſich miſchte; die ſchoͤnſte, wohlgebildetſte Naſe; glaͤnzend ſchwarze Augen, und eine bewundernswuͤrdig ſchoͤne Reihe der weißeſten Zaͤhne. Bei allen dieſen ſeltenen, bezaubernden Schoͤnheiten, mußte fuͤr ihren Be⸗ *) Mondſchein. 77 ſitzer die Entdeckung wohl ſehr kraͤnkend ſeyn, daß ſie gar keinen Gebrauch von ihrer Zunge machen wolle.—— Als der Mann ankam, der ihm dieſe ſtumme Schoͤnheit verſchafft hatte, redete ihn der Nuwab folgendermaßen an:„Warum, Moye⸗ed⸗din, will denn deine Schoͤnheir gar nicht ſprechen?“ „Deine Hoheit,“ entgegnete Moye⸗ed⸗din, „beliebt uͤber meine Schoͤnheit zu ſcherzen: ich bekenne, daß der Schuft von einem Barbier ſie verdorben hat, ich fuͤrchte für immer; aber da er mich meiner Zunge nicht beraubt hat, ſo wollte ich gerade mich nach deiner Hoheit Be⸗ finden erkundigen, wenn es dir beliebt, mich an meinen ungluͤcklichen Bart zu erinnern.“ „Ha ha! Moye⸗ed⸗din, du wirſt mich noch durch Lachen toͤdten!“ ſagte der Nuwab, unfaͤ⸗ big, einige Zeitlang ſeine Lachluſt zu unter⸗ druͤcken;„ich ſehe, dein Bart hat ſeine ge⸗ wohnte Schoͤnheit noch nicht erhalten, aber— Allah ſey geprieſen!— du kannſt doch ſpre⸗ chen; waͤre doch dieß mit allen der Fall, die unter meinem Dache wohnen. Ich rief dich, nicht um an deiner Schoͤnheit etwas auszu⸗ ſetzen, ſondern an dem ſchoͤnen perſiſchen Maͤd⸗ chen, fuͤr das ich eine ſo ungeheure Summe bezahlt habe; ſie will mit niemand ein Wort ſprechen, und dieß iſt ſehr aͤrgerlich, da ich geſon⸗ nen bin, ſie zu meiner Gemahlin zu machen.“ „Meine Beſtuͤrzung,“ ſagte der Deewan, „iſt ſo groß, daß ich wirklich in Verlegenheit bin, Worte zu finden, ſie auszudruͤcken; ſollte 78 es moͤglich ſeyn; daß die Pracht deines Pala⸗ ſtes, die Aufmerkſamkeit Aller, die um ſie ſind, und vor Allem die Ehre, die ihr wiederfahren ſoll, nicht im Stande ſeyn, ihren Kummer zu vertreiben, oder ihren Gram zu lindern 2 „Man ſagte mir, ſprach der Nuwab,„nie etwas von ihrem Kummer und Gram;— ſo daß ſie zwanzig tauſend Rupien weniger werth iſt.“ „Wahr, Herr, ich unterrichtete dich nicht von dem Zuſtande, indem ich ſie an Bord des Schiffes fand, indem ich uͤberzeugt war, ſobald ſie einmal in deinem Zenana waͤre, wuͤrde al⸗ ler Kummer ſchwinden, wie der Thau vor der Sonne; aber hat deine Hoheit wirklich noch nicht geruht, ihr die Hand anzubieten 2 „Nein, noch nicht,“ erwiederte der Nuwab. „Dann thue es ohne Verzug, wenn dein Sclave dir rathen darf— eine ſolche Ehre koͤnnte allen Houri's im Paradieſe die Zunge loͤſen.“ „Ich will es thun, Moye⸗ed⸗din; komme morgen um dieſe Zeit wieder, und du ſollſt den Erfolg hoͤren. Aber, Moye⸗ed⸗din, ich habe dich nicht im Durbar geſehen, wie kommt'’s 2 „Ich erwartete die Befehle deiner Hoheit, uͤber dieſen Punkt.“ „Nun, ſo hoͤre,“ ſprach der Nuwab,„be⸗ ſchraͤnke deine Aufmerkſamkeit auf Ckaatage⸗ ſchaͤfte, und die Einkuͤnfte, und laß die Juſtis mir. Du kannſt jezt wieder gehen.“ Moye⸗ed⸗din, der froh war, wieder in den Durbar zu kommen, wenn auch auf Bedingun⸗ gen, verbeugte ſich ehrerbietig und gieng. In⸗ 79 deſſen beſuchte Jelal⸗ed⸗deen die ſchöͤne Perſerin, und trug ihr foͤrmlich ſeine Hand an, worauf ſich die Zunge des ungluͤcklichen Maͤdchens loͤste, wie Moye⸗ed⸗din vermuthet hatte, und ſie fol⸗ gendermaaßen antwortete: „Eine ſo hohe Ehre, Herr, kann ich nicht ſtillſchweigend anhoͤren; es waͤre, ſelbſt von ei⸗ ner Prinzeſſin, undankbar gehandelt, vor ei⸗ nem ſo edeln Bewerber zu ihren Fuͤßen, den Mund zu verſchließen, und wuͤrde daher von mir, deiner Sclavin, der hoͤchſte Uebermuth ſeyn. Deine Hoheit, glaube mir, ich bin nicht Herrin meines Schickſals; ich kann dir jetzt, thaͤte ich es auch noch ſo gern, keine Antwort geben;— es haͤngt von den Sternen des Him⸗ mels ab, ob es mir erlaubt ſeyn ſoll, dein edles Anerbieten anzunehmen oder auszuſchlagen. Aber damit du wiſſen moͤgeſt, wenn du meine Antwort erwarten kannſt, berufe deine Aſtro⸗ logen und Gelehrten in dein Anderum, und laß mich ihnen hinter dem Gitter einige Fragen vorlegen; die Zeit, wann ich dir auf dein An⸗ erbieten Antwort geben kann, muß von ihren Ausſpruͤchen abhaͤngen.“- Der Nuwab, entzuͤckt von dem Silberton ihrer Stimme, und der Gelaͤufigkeit ihrer Rede, ſaß eine Zeitlang, unfaͤhig ein Wort hervorzu⸗ bringen. Er fuͤhlte, daß er vor einem Weibe ſtand, die alle weit uͤbertraf, die er je geſehen hatte; ihre geheimnißvolle Berufung auf die Aſtrologie ſezte ihn in Beſtuͤrzung und Unruhe, denn er bedachte, es koͤnne auch wahrſcheinlich 80 ſeyn, daß die Antworten derſelben unguͤnſtig fuͤr ihn ausfielen. Nach einiger Zeit jedoch ſagte er ihr ihre Bitte zu, und beſtimmte die Zu⸗ ſammenkunft der Gelehrten auf den folgenden Tag. Nachdem ihr ihr Wunſch gewaͤhrt wor⸗ den, ſaß das ſchoͤne Maͤdchen wieder in Still⸗ ſchweigen und Nachdenken verſunken, und alle Verſuche, daſſelbe zu unterbrechen, waren um⸗ ſonſt. Der Nuwab zog ſich daher zuruͤck, um uͤber das Betragen des ſeltſamen Weſeus nach⸗ zudenken, das ſich in ſeiner Gewalt befand. Am folgenden Morgen erſchien Moye⸗ed⸗din trotz ſeines halbgefaͤrbten Bartes im Durbar; denn der arme Buxoo war, ſo ſehr er auch allen Scharfſinn aufbot, und mehr Arbeit und⸗ Muͤhe anwandte, als er je in ſeinem Leben ei⸗ nem Barte gewidmet hatte, doch nicht im. Stande, ſein Werk zu vollenden, und war zu⸗ lezt genoͤthigt, ſeinem edeln Herrn Geduld zu. empfehlen, indem er ihm rieth, auf einen neuen Haarwuchs zu warten, der nothwendig ſchwarz und glaͤnzend ſeyn muͤſſe. Moye⸗ed⸗din, der auf keinem andern Wege ſich Erfolg verſprach, beſchloß wirklich, ſich uͤber die Sache nicht mehr zu beunruhigen und ſie zu vergeſſen, und ſo ſchritt er, ſcheinbar unbekuͤmmert, in den Durbar.. Der Nuwab war die ganze Zeit uͤber ge⸗ dankenvoll und niedergeſchlagen, und als man um die zwoͤlfte Stunde die Gerichtsſitzung auf⸗ hob, winkte er Moye⸗ed⸗din in ſein Anderum, zum Erſtaunen aller Anweſenden, welche aus⸗ 84 riefen:„Wahrlich, er ſteht wieder in hoher Gunſt.“ Moye⸗ed⸗din war bald von dem Ver⸗ langen der ſchoͤnen Perſerin, alle Gelehrten der Stadt vor ihr zu verſammeln, unterrichtet; und die einzige Schwierigkeit, die er hiebei⸗ ſah, war(ob er es gleich nicht merken ließ) die geringe Anzahl von Weiſen, welche die Stadt enthielt. Unter der Regierung des vorigen Nuwab waren hier Aſtrologen, Geometer, Architekten und ge⸗ ſchickte Mathematiker; allein jezt waren an ihre Stelle vorgebliche Zauberer, Prahler und Kupp⸗ ler getreten. „Lade alle unſere Aſtronomen und Gelehrte vor uns,“ ſagte der Nuwab. „Alle ſollen erſcheinen,« erwiederte der ge⸗ horſame Deewan, und gieng den Befehl zu vollziehen. Zum Ungluͤck wußte er nur einen, der Anſpruch auf aſtronomiſche Kenntniſſe ma⸗ chen konnte, und deſſen Vorſtellung mochte mit unangenehmen, wo nicht gefaͤhrlichen Folgen verknuͤpft ſeyn, daß die Perſerin den geſchick⸗ tern von beiden Aſtronomen nicht herausfaͤnde. Moye⸗ed⸗din war hieruͤber ſehr beſtuͤrzt; ſollte der Nuwab wiſſen, daß ſeine ganze Stadt nur einen Aſtronomen enthalte, und dieſer ein⸗ zige ein Bramine ſey? Sollt' er glauben, daß von allen den gelehrten Mahomedanern, durch welche die Stadt unter ſeines Vaters Regierung ſo beruͤhmt geweſen war, nicht einer mehr vor⸗ handen ſey? Wirklich durfte der Deewan die⸗ ſen einzelnen Gelehrten nicht vorſtellen, damit der Nuwab nicht in dem Erſcheinen des Einzi⸗ 82 gen einen Tadel ſeiner ſelbſt wegen Vernach⸗ laͤßigung der Litteratur und Wiſſenſchaft faͤnde; auf der andern Seite war es zwar ein Leichtes, durch Einfuͤhrung einer Bande langbaͤrtiger Ig⸗ noranten ſeinen Herrn zu hintergehen; allein die ſchoͤne Perſerin, fuͤrchtete er, wuͤrde nicht ſo gerne ſich taͤuſchen laſſen, und er dann unver⸗ meidlich den Zorn deſſen auf ſich laden, dem zu gefallen wirklich vorzuͤglich ſein Wunſch war. Es gelang dem Deewan, zu Verſammlung der Gelehrten zwei Tage Friſt zu erhalten, und er beſchloß, in der Zwiſchenzeit nicht muͤßig zu ſeyn.„Konnt' ich,“ dachte er,„nur errathen, welche Fragen den Sterndeutern vorgelegt wer⸗ den, oder welche Antworten am beſten darauf berechnet waͤren, meinem Herrn den baldigen Beſitz der ſchoͤnen Fragerin zu verſichern, ein Suͤmmchen Geld ſollte alle Sterne ſo kraͤftig gegen einander werfen und die himmliſche Ord⸗ nung der Planeten ſo in Verwirrung bringen, daß die Sache zu ſeiner oolligen Zufriedenheit ausfiele.“ Allein der Gegenſtand war in Dun⸗ kelheit gehuͤllt, und ſo dem Moye⸗ed⸗din unmoͤg⸗ lich, auf die eine oder andere Weiſe eine Ant⸗ wort bereit zu halten. Die Abſicht der ſchoͤnen Perſerin mußte, wie er meinte, Eile oder Auf⸗ ſchub ſeyn, und da in ihrem Benehmen nichts Erſtere gerechtfertigt haͤtte, ſo beſchloß er, ih⸗ ren Erwartungen hinſichtlich des Leztern entge⸗ gen zu treten. 3 Die Achtung vor Gelehrten hatte ſchon ſo zu liegen ſchien, was den Gedanken an das 83, lange aufgehoͤrt, und die Nachfrage nach den⸗ ſelben war in gegenwaͤrtiger Zeit eine ſo große Neuigkeit, daß Moye⸗ed⸗din in Verlegenheit war, an wen er ſich wegen dieſer Menge wenden ſollte, wenn irgend Einer zu bekommen war. Mhadeo Guru, der Bramine, lebte, wie er wußte, in einem abgelegenen Theile der Stadt, widmete in der Stille ſeine Zeit dem Studium der Him⸗ melskoͤrper, und wurde von allen Hindu's weit und breit um Rath gefragt: außer dem wußte er gar niemanden, welcher der Sternkunde maͤch⸗ tig geweſen waͤre. Nach tiefem Sinnen, an wen er ſich um Aufſchluß hieruͤber wenden ſollte, wußte er keinen ausfindig zu machen, der ihm dieſen ertheilen koͤnnte; nur der Cotwall, ver⸗ moͤge ſeiner genauen Bekanntſchaft mit Leuten aller Staͤnde auf dem Bazaar und in der Um⸗ gegend, konnte ihm gewiß hiebei behuͤlflich ſeyn; allein wenn er ſeine lezte Fehde mit dieſem und den Haß bedachte, den der Cotwall aus verſchiede⸗ nen Veranlaſſungen gegen ihn begte, ſo war ihm der Gedanke hochſt aͤrgerlich, deffen Beiſtand auf irgend eine Weiſe anzuſprechen. Doch, was hoͤfliche Bitte nicht ausrichtete, das vermochte, wie er wußte, Strenge und Gewalt: er ergreift alſo die Feder und ſetzte einen Befehl an den Cotwall auf, alle Gelehrten und Sterndeuter, welche er in der Stadt und den Vorſtaͤdten faͤnde, zu verſammeln und in den Palaſt des Miniſters zu bringen, um ſie zwei Tage darauf dem Nuwab vorzuſtellen. Ehe er dieſen Befehl fortſandte, mußte er das Siegel und die Un⸗ 84 terſchrift des Nuwab erhalten, was er jedoch anzubringen aufſchob, bis er eine Unterredung mit Mhadeo Guru gehabt haͤtte, den er auf ſeine Seite zu bringen hoffte, im Vertrauen, ſeine Gefaͤhrten wuͤrden alle ſeine uͤberlegene Kunſt und Geſchicklichkeit anerkennen, und ein⸗ muͤthig in deſſen Anſichten und Ausſpruͤche ein⸗ ſtimmen. Er ſandte daher einen Boten zum Guru, und ließ dieſen erſuchen, ſogleich zu ihm zu kommen. Noor Mahomed, der Cotwall, kam unter⸗ deſſen aus ſeinem Anderum, wohin er ſich ein⸗ geſchloſſen hatte, um von dem daruͤber gehab⸗ ten Verdruſſe ſich zu erholen, daß Moye⸗ed⸗ din in ſeinen Handel um das perſiſche Maͤd⸗ chen ſich gelegt hatte, und hoͤrte von dem Ge⸗ ruͤcht, daß Nachfrage nach Sterndeutern ge⸗ ſchehe. Weil er wohl wußte, wie unbekannt der Deewan mit Leuten dieſer Klaſſe war, ſo⸗ ſezte er ſich in Stand, deſſen Geſuche— er ſollter ihn in Perſon bei den Nachſuchungen unter⸗ ſtuͤtzen— zuvorzukommen.„Ja,“ dachte er,„er ſoll erfahren, welche Wichtigkeit ich habe, und wie ſehr ich zu ſeinem Wohle noͤthig bin; er hat Befehl erhalten, die Sterndeuter herbeizu⸗ ſchaffen, und muß in der gegebenen Zeit gehor⸗ chen: nicht bloß verbindlich ſoll er mir werden, nein, in Verlegenheiten will ich ihn bringen und ihm nicht heraushelfen, will verſprechen, aber nicht halten; wie kann er ſich dann wegen Vernachlaͤßigung ſeiner Pflicht verantworten 2 er ſinkt dann wieder in der Guͤnſt, waͤhrend ich triumppirend zu ihrem Gipfel mich erhebe.“ * Wir muͤſſen den Cotwall ſeinen Traͤumen von Befoͤrderung uͤberlaſſen, und zu dem Be⸗ ſuche des Braminen beim Deewan uͤbergehen. Moye⸗ed⸗din's Bote hatte zwar vor ſeinem Herrn behauptet, die Wohnung des Guru ge⸗ nau zu wiſſen, dieſe war ihm aber wirklich vol⸗ lig unbekannt, und er wollte daher, wie er den Palaſt verließ, den erſten, der ihm begegnen wuͤrde, bitten, ihn zu dem Hauſe des Aſtrono⸗ men zu geleiten. Derjenige, welcher ihm zuerſt aufſtieß, war zufaͤllig Scheik Ibrahim, ein Die⸗ ner des Cotwall, der, weil er gerade nichts an⸗ ders zu thun hatte, muͤßig ſich umtrieb. „Hore Bruder,“ begann der Bote,„weißt du, wo Mhadeo Guru, der Bramine und Aſtro⸗ nome, wohnt?“ „Ob ich das wiſſe? iſt das eine Frage! ja, ich weiß jedes Haus— hab' ſchon ſo manches Jahr gelebt—.“ „Woblan denn,“ ſagte der Bote,„ſo fuͤhre mich unverzuͤglich hin.“ „Nun, nun! warum ſo gewaltige Eile, Bru⸗ der? iſt in deines Herrn Hauſe ein Ungluͤck ge⸗ ſchehen 2°. „Durchaus nicht, Gott bewahre! aber meine Zeit iſt koſtbar; ſag' alſo an, wenn's gefaͤllig iſt, oder ich verabſchiede mich.“ „Ja, das will ich wohl thun; aber warum weigerſt du dich, mir zu ſagen, weswegen du den Braminen aufſuchen ſollſt?2“ 2 86 „Ich weigere mich nicht, Bruder, ich weiß es ſelbſt nicht; man hat mich ausgeſandt, ihn in den Palaſt zu berufen.“: „Gut, du wirſt ihn zu Hauſe finden, aber wo das iſt, haͤtteſt du lieber anderswo gefragt, denn ich will verdammt ſeyn, wenn ich es weiß.“ Mit dieſen Worten trippelte er in ein enges Gaͤßchen und verſchwand, indem er den Boten bereuen ließ, ſeine Zeit vergeudet zu haben. Dieſer erhielt jedoch die noͤthige Auskunft in der Barbierbude des allwiſſenden Buxoo, und eilte in athemloſer Haſt zu der dunkeln Wohnung des Guru. „Ram, Ram, Mharaj!“ bruͤllte der muſel⸗ manniſche Hircarrah von Weitem, weil er nicht wagte, der heiligen Behauſung des Braminen zu nahen. Die Thuͤre wurde von einem dicken, ſtattlich aufgeputzten Manne geoͤffnet, der nach ſeinem Begehr fragte. Er entledigte ſich ſeines Auftrags, worauf ihm der Bramine ſeine Be⸗ reitwilligkeit ausdruͤckte, ihm unverzuͤglich zu folgen, was er auch that. Moye⸗ed⸗din, dem bald nach Abgang des Boten eingefallen war, wie viele Zeit verloren gieng, ehe das Siegel und die Unterſchrift des Nuwab unter den Be⸗ fehl an den Cotwall kaͤme, beſchloß, im Augen⸗ blicke ſelbſt zum Nuwab ſich zu verfuͤgen, und dieſen zu bitten, das Handſiegel, welchem jeder⸗ mann Folge leiſten mußte, darauf zu vrucken. Er wurde zu Allem ermaͤchtigt, und kam nach Hauſe zuruͤck, ehe der Bramine erſchien, weil ſein Hircarrah aufgehalten worden war. So⸗ 87 bald der Gelehrte ſeine Schwelle betreten, wurde der Befehl an den Cotwall abgefertigt, mit der Weiſung an den Ueberbringer, auf eine Ant⸗ wort zu warten. Der Deewan empfieng den Braminen mit tiefer Ehrfurcht, und berichtete dieſem, daß er ihn nicht wegen einer gewoͤhnlichen, ſondern wegen einer Sache von der hoͤchſten Wichtigkeit berufen habe, und weil er von ſeiner großen Erfahrenheit in der Sternkunde gehoͤrt, ſo habe er ſich ſeiner dazu bedienen wollen. Sofort un⸗ terrichtete er den Guru kuͤrzlich von dem vom Nuwab erhaltenen Befehle, alle Gelehrten in der Stadt zu verſammeln; da er aber nur ei⸗ nen einzigen kenne, und dieſer einzige der Bra⸗ mine ſelbſt ſey, ſo ſey er dem Befehle, ſo weit es ihm moͤglich geweſen, nachgekommen. „Ich hoffe daher, Mharaj,“ ſagte er, zu ſeinem Gaſte gewendet,„daß du mir nicht nur mit deinen Kenntniſſen aushelfen, ſondern auch⸗ mit einigen aus deiner Kaſte unterſtuͤtzen ſollſt, die, wenn nicht eben ſo gelehrt, wie du, doch klug genug ſind, daß ſie deiner Meinung bei⸗ treten.“ „Ueber was ſoll ich denn befrogt werden 2 „Ueber die Sterne.“—„In der That ein himmliſches, ſchwieriges Geſchaͤft! Verſtebt ſich der Nuwab auf die Sterne?* „Nicht im Geringſten; er kann doͤchſtens die Sonne vom Mond unterſcheiden.“ 3 „Gewiß? er kennt den großen Baͤren und die Milchſtraße nicht? — 88 „Wahrhaftig, nein.“—„Auch den Hund, den Soheily*), den Aldubrun e) oder Pu⸗ roveen is) nicht 2 „Nein! und ich zweifle, ob er davon ge⸗ hoͤrt hat.“ „Gut denn; willſt du mich belehren, oder bintergehen? „Beim Propheten! Ich weiß nicht, was ich von dir will; wirklich aber iſt in ſeinem Ha⸗ rem ein Maͤdchen, noch viel erfahrner, wie ich vermuthe, als irgend einer am Hofe. Sie be⸗ hauptet, auf den Heirathsantrag des Nuwab keine Antwort geben zu konnen, bis ſie die Gelehrten und Sternkundigen der Stadt um Nath gefragt. Ihr Zyeck iſt, wie ich glaube, Aufſchub zu gewinnen; der meinige, dies zu vereiteln; follte ſie daher fragen, wenn gewiſſe Sterne auf⸗ oder untergehen, oder wenn ein beſonderes Ereigniß Statt finden werde, ſo bitte ich dich, dieſes als nahe bevorſtehend anzugeben.“ „Aber, Herr, ich kann doch den Sternen keine Gewalt anthun.“ „Wohl, aber deiner Zunge kannſt du s, und dieſe eine Woche ſtatt eines Monats, oder einen Monat ſtatt eines Jahrs ſagen laſſen.“ „Aber ſie wird den Betrug entdecken.“ „Unmoͤglich! davon, noruͤber ſie Aufſchluß verlangt, kann ſie nichts wiſſen; oder warum berief ſie denn ſonſt die Aſtronomen 2α *) Canõpus. 24) Stier. ***½) Die Plejaden. 69 „Aber ein Bramine, Herr, ſen keine Un⸗ wahrheit ſagen.“ 4 „Auch einen Mahomedaner wirſt du Luͤge ſchuldig finden; denn gelingt dir's ſpreche ich dir eine Belohnung.““ „Halt, Herr; welche Belohnung kann mich dafuͤr entſchaͤdigen, daß ich Schande bringe uͤber meine beilige Kaſte? Ehedem hatten wir un⸗ ſere Laͤndereien ſteuerfrei, unſer Bieh zahlte keine Mauch⸗Abgabe, unſer——.«. „Euer Grundeigenthum ſoll ſteuerfrei, euer Vieh zollfrei werden, und Alles nach Eurem Wunſche gehen.“ „Und dann, Herr, eignet nicht meinen Platz in der Verſammlung, meinen Rang im Dur⸗ bar, der unwiſſende Ibn⸗ al⸗Agib, der ſich den. Namen Muntak*⁴⁸) beilegt, ſich zu le⸗ „Der Toͤlpel foll nicht laͤnger uͤber dir ſte⸗ hen; deine Kenntniſſe werde ich ſo erheben, daß 19 den Nuwab daruͤber beſchaͤme, daß er aus Vorurtheil dieſem veraͤchtlichen Kerl ſeine Gunſt zugewandt hat.“ „Gut, Herr; bei dieſen Umſtaͤnden moͤgen die Sterne deine Wuͤnſche beguͤnſtigen; aber um Verdacht zu vermeiden, muß ich mehrere von meiner Kaſte mitbringen, die meine Worte auch ſprechen, und bei unſern Zuhoͤrern keinen Zweifel uͤber die Richtigkeit unſerer Ausſpruͤche aufkommen laſſen.“ „Das wuͤnſche ich erde ſagte der Deewan; *) Sternkundiger. 90 „in zwei Tagen verfuͤge dich mit deinen Beglei⸗ tern in den Palaſt des Nuwab.“ „Halt, Herr, es iſt da noch ein anderer Punkt, gegen welchen Vorkehrungen zu tref⸗ fen, unſer Intereſſe fordert, naͤmlich der Streit der Gelehrten unter einander; denn Ibn⸗al⸗ Agib wird ohne Zweifel unter uns ſeyn wollen, und der iſt beſtaͤndig im Widerſtreite mit meinen Anſichten.“. „Wohl, aber dieſe einzige Stimme wird doch gewiß gegen eine Verfammlung gelehrter Braminen wenig ausrichten⸗“ „Was du ſagſt, Herr, iſt richtig; ſeine ein⸗ zige Stimme haben wir nicht zu fuͤrchten, al⸗ lein wie ein Stern erſter Groͤße, wird er von einer Menge Trabanten begleitet erſcheinen, welche ſeine Worte als Geſetz nehmen. Es wird daher die Klugheit von dir fordern, daß du, ſobald ich fort bin, den Kerl rufen laͤßt, und auf deins Seite bringſt; und verlaß dich dar⸗ auf, um ein Stuͤck Geld wird er auf einmal in Allem mit mir uͤbereinſtimmen, nur darfſt du, aus keiner Veranlaſſung, ehe die? Verſamm⸗ lung ſtatt findet, weitere Gemeinſchaft mit mir machen.“ „Es ſoll geſchehen, Mharaij; ich ſehe die Bahn frei; meinen Dank, Bramine. Lebe wohl, und ſey der verſprochenen Belohnung verſichert.“ „Ja, Herr;; vergiß das Grundeigenthum, das Vieh, und meinen Rang und Vorrang nicht. „Soll Alles nach deinem Wunſche gehen.“ Der Bramine verbeugte ſich, und gieng⸗ 91 Moye⸗ed⸗din, erfreut uͤber das wahrſcheinliche Gelingen ſeiner Plane, ſandte einen Boten an Jbu⸗al⸗Agib, fuͤr welchen er einen ſchweren Beutel mit Rupien bereit hielt, in der Mei⸗ nung, der Anblick von ſo vielem Gelde wuͤrde ihm den Alten ſogleich gewinnen. Der Bote kam jedoch mit der niederſchlagenden Nachricht zuruͤck, Ibn⸗al⸗Agib ſey zum Cotwall berufen worden, und noch in deſſen Hauſe. „Muß dieſer Cotwall mir immer entgegen treten!é ſagte Moye ed⸗din, als der Bote ſich⸗ entfernt hatte.„Fluch und Verderben ſeiner Dienſtfertigkeit!“ Er bereute jezt, den Befehl ſo eilfertig ab⸗ geſandt zu haben, dem gemaͤß ohne Zweifel der Cotwall gehandelt hatte. Doch in der Hoff⸗ nung, er koͤnnte, wenn dem alten Ibn⸗al⸗Agib Geld angetragen worden waͤre, durch Anbieten groͤßerer Summen dieſen auf ſeine Seite brin⸗ gen, fertigte er einen zweiten Boten in ſein Haus ab, der hier ſeine Ruͤckkunft erwarten, und⸗ ihn dann zu ihm fuͤhren ſollte. Allein es ver⸗ gieng eine Stunde nach der andern, und er war immer noch nicht zuruͤck, und jeder Bote brachte die verdruͤßliche Nachricht, Ibn⸗al⸗Agib ſey ſeit ſeinem Beſuche beim Cotwall noch nicht nach Hauſe zuruͤckgekehrt. Um dieß zu erklaͤren, muͤſ⸗ ſen wir auf den Bazaar und das Verfahren des unverſoͤhnlichen Noor⸗Mahomed zuruͤckkeh⸗ ren, indem wir den Deewan ſich zur Ruhe be⸗ geben laſſen, da es Mitternacht und ihm noch nicht gelungen iſt, vor dem folgenden Tage 92 mit dem mahomedaniſchen Sternkundigen eine Unterredung zu halten. — Siebentes Kapitel. Man erinnert ſich, daß der zu Aufſuchung des Braminen ausgeſchickte Bote ungluͤcklicher⸗ weiſe auf den alten Scheik Ibrahim ſtieß, der, nachdem er bekannt hatte, daß er die Wohnung des Guru nicht wiſſe, in ein enges Gaͤßchen eintritt, und verſchwand. Ueberzeugt, daß hier kein geheimer Plan im Werke waͤre, eilte er zu ſeinem alten Herrn, dem Cotwall, und theilte dieſem ſeine Neuigkeiten mit, wofuͤr er belohnt und beſchenkt wurde. Noor Mahomed meinte anfangs, der Deewan wolle, um keine Verbindlichkeit gegen ihn zu haben, verſuchen, die Sternkundigen ſelbſt aufzuſpuͤren. Als ihm aber ſpaͤter der gebietriſche Befehl des Deewan eingehaͤndigt wurde, beſchloß er, dieſen puͤnkt⸗ lich zu vollziehen, aber auf eine Weiſe, wo⸗ durch, wie er glaubte, die Plane ſeines Fein⸗ des gaͤnzlich vereitelt wuͤrden; er ließ daher auf der Stelle den alten Ibn⸗al⸗Agib, den Muntak, berufen, nicht um ihm Verhaltungsbefehle zu geben, ſondern um den Deewan zu hindern, daß er ſich der Hilfe dieſes durch aͤhnliche liſtige 9³ Mittel verſichere, wie er bei dem Braminen mochte angewendet haben. Der Alte erſchien, und wurde achtungsvoll vom Cotwall empfan⸗ gen, der ihm eroͤffnete, er begehre gegenwaͤr⸗ tig ſeinen Beiſtand, da er aber noch nicht vor⸗ bereitet war, ſeine Wuͤnſche auszudruͤcken, bat er ihn, ſich niederzulaſſen, und bereit zu ſeyn, zu erſcheinen, wenn er gerufen wuͤrde. Der Aſtronom nickte Beifall, und der Cotwall uͤber⸗ ließ ihn ſeinen Betrachtungen. Ibn⸗al⸗Agib, oder der Sohn des Wunder⸗ baren— dieß war der hochtrabende Name die⸗ ſes Mannes, den er ſich gerne ſelbſt gab— war ein Mahomedaner von gemeiner Abkunft, und in Agra geboren. Sein Vater war ein Py⸗ lewar oder Ringer geweſen, und hatte wegen ſeiner großen Staͤrke und Geſchicklichkeit im Fauſtkampfe den Namen Agib, der Wunder⸗ bare, erhalten. Unſer Aſtronom war ſein ein⸗ ziger Sohn, und ſein eigentlicher Name Bap⸗ poo, ein zarter, ſchwaͤchlicher Knabe, weswe⸗ gen er auch ſeines Vaers Handwerk nicht ler⸗ nen konnte, und ſeinen Unterhalt anfangs als Affenfuͤhrer bei einer Geſellſchaft Betruͤger und Gaukler ſich erwarb. Die Pflichten ſeiner Pro⸗ feſſion verurſachten ſeine gaͤnzliche Trennung von ſeinem Vater, den er nie liebte und achtete. Unter der reiſenden Geſellſchaft, mit welcher er fich verbunden hatte, war ein verbannter Hindu, welcher ſich mit den Namen der Sterne bekannt gemacht hatte, und auf dieſe Weiſe Unwiſſenden vorgeblich ihr kuͤnftiges Lebensſchickſal voraus⸗ 94 ſagte. Der junge Agib, oder eigentlich Bap⸗ poo, bekam dadurch, daß er von Zeit zu Zeit dem Wahrſager an die Hand gieng, nothwendi⸗ gerweiſe Einiges von deſſen Kenntniſſen weg, und konnte die Sonnen⸗ und Mondsfinſterniſſe mit ziemlicher Genauigkeit vorherſagen. Um die Zeit, wo ſeine Geſellſchaft nach Surat kam, glaubte er hinreichende Kenntniſſe erworben zu haben, um ſelbſtſtaͤndig aufzutreten; er verließ alſo ſeine bisherigen Gefaͤhrten, und nahm ſeine Wohnung im abgelegenſten Theile der Stadt. Lauge blieb er unbeachtet und unbekannt. Um dieſe Zeit, wo ſich ein ſtarker Wiſſensdrang un⸗ ter allen Volksklaſſen zeigte, fuͤgte es ſich, daß ein mahomedaniſcher Aſtronom die obern Zim⸗ mer eben des Hauſes miethete, in welchem un⸗ ſer aufſtrebende junge Mann ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte. Bald machte dieſer Be⸗ kanntſchaft mit dem neuen Hausgenoſſen, und vermehrte dadurch ſeine geringen Kenntniſſe um ein Bedeutendes, was aber am meiſten ſeine Ausbildung befoͤrderte, war, daß er den Aſtro⸗ nomen in die woͤchentlichen Verſammlungen der Eingeweihten begleitete, wo alle ihre Entdeckun⸗ gen gegenſeitig bekannt gemacht, und gelehrte Unterredungen uͤber wichtige Gegenſtaͤnde gehal⸗ ten wurden. Ibn⸗al⸗Agib war alſo der Name, den er ſich beilegte, und der, wie er meinte, ihm mehr Anſehen geben ſollte, als das einfache Bappoo. Durch Verſchlagenheit und Falſchheit erſezte dieſer Sohn des Wunderbaren ſeinen Man⸗ gel an koͤrperlicher Staͤrke und Gewandtheit, und 9⁵ mußte ſich auf dieſe Weiſe heben. In einer ſcho⸗ nen, ſternenhellen Nacht bemerkte er, wie er in das Zimmer ſeines Hausgenoſſen treten wollte, und ſachte die Thuͤre oͤffnete, daß ſein Freund am Fenſter ſtand, am ſternbeſaͤeten Himmel Beobachtungen anſtellte, und vor ſich hin mur⸗ melte, als habe er eine außerordentliche Ent⸗ deckung gemacht, und traue doch ſeinen Sin⸗ nen nicht.„Ja,“ ſagte er,„es muß ſeyn, es iſt, bei Mahomed! es iſt ein Komet.“ Jbn⸗al⸗ Agib wollte nicht weiter hoͤren, ſondern ſchluͤpfte die Treppe hinab und gewann die Straße, wo er ſich offen hinſtellte, und ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit auf die Gegend richtete, in welcher ſein Freund den Kometen entdeckt hatte. Bald war er von Knaben und Maͤnnern aus allen Staͤnden umringt, und als er denn genug bei⸗ ſammen glaubte, um Zeugen ſeiner großen Ge⸗ ſchicklichkeit und Fertigkeit zu ſeyn, ſtuͤrzte er auf ſie zu, indem er laut ausrief:„Ein Ko⸗ met, ein Komet! welch herrlicher Anblick! ich habe einen Kometen entdeckt!“ Wie ſein Freund, der wahre Entdecker des Phaͤnomen's, von ei⸗ nem Kometen rufen boͤrte, ſah er aus dem Fen⸗ ſter und erblickte Agib, der, als waͤre er wahn⸗ ſinnig vor Freude, hin und her raunte.„Wie thdricht,“ ſagte der Aſtronom,„bin ich doch ge⸗ weſen, daß ich an der Wahrheit deſſen, was ich ſah, zweifelte, da es dieſer unwiſſende Kerl vielleicht lange vorher erſpaͤht hatte.“ Agib hatte die Dreiſtigkeit, die Treppe hinauf zu ſeinem Hausgenoſſen zu eilen, und rief n athemloſer 96 Eile:„Ach, Bruder! ich habe einen Kometen entdeckt; komm an'’s Fenſter und ſieh, ich will dir ihn zeigen.“⁰ „Ich weiß es, Bruder,“ ſagte der Aſtro⸗ nom,„ſchon vor einer Stunde habe ich ihn entdeckt.“ „Ja, ja, du haſt mich zuerſt auf der Straße rufen hoͤren, und dann war es ein Leichtes, den Kometen zu ſehen; er mußte, das wußteſt du, irgendwo ſeyn.— Aber ein herrlicher An⸗ blick, nicht? Da, da iſt der Schweif; vor drei Stunden, wie ich ihn zum erſtenmale ſah, war kaum ein Schwanz bemerkbar.“ „Vor drei Stunden, Agib? das iſt un⸗ moͤglich l „Unmoͤglich! wie? ich habe ein ſcharfes Auge, und wartete aufmerkſam, weil ich aus dem An⸗ ſehen des Mondes in der lezten Nacht ſchloß, eine außerordentliche Erſcheinung wuͤrde ſich mei⸗ nen Blicken darſtellen. Erinnerſt du dich des Fleckens im Monde?““ „Ja wohl; aber ich ſehe nicht ein, wie dieß einen Kometen andenten konnte.“ „Du mußt wiſſen, daß immer irgend ein auſſerordentliches Phaͤnomen ſich zeigt, ſobald dieſer Flecken ſichtbar iſt. Doch— ich muß fort, und meine Beobachtungen fortſetzen.“ Mit die⸗ ſen Worten eilte er aus dem Hauſe, waͤhrend ſein Freund ſeine Dummheit verwuͤnſchte, daß er in Bekanntmachung der Entdeckung ſeinem unwiſſenden Hausgenoſſen nicht zuvorgekommen war. Von dieſer Zeit an war Agib als Aſtro⸗ nom 97 nom ein gefeierter Name, und von der Er⸗ ſcheinung von Agib's Kometen, wie er jezt im⸗ mer genannt wurde, wurden vom Volke Er⸗ eigniſſe datirt. Als die wirklich gelehrten und wiſſenſchaftlich gebildeten Maͤnner Surat verlie⸗ ßen, blieb Agib weislich zuruͤck, und galt in Ab⸗ weſenheit der uͤbrigen unter den Mahomedanern fuͤr den geſchickteſten Aſtronomen in der Stadt; waͤhrend ſich die Hindu's natuͤrlich an ihren ge⸗ lehrten Braminen Mhadeo Guru, hielten, bei dem ſie ſich Raths erholten, und deſſen Aus⸗ pruͤchen und Weiſſagungen ſie unbedingten Glau⸗ ben ſchenkten. Dieß war der Charakter Ibn⸗ al⸗Agib's, des Aſtronomen in Surat, und viel⸗ leicht ließ ſich keiner finden, der beſſer zu den Plaͤnen des Cotwall getaugt haͤtte, als ge⸗ rade er. Tief kraͤnkte den Cotwall Noor Mahomed der Empfang von des Deewan's Befehl, und er war mehr als je darauf bedacht, dieſem, ſo viel er es vermoͤchte, entgegen zu wirken. er ließ daher Ibn⸗al⸗Agib vor ſich rufen, und holte, ehe er auf die Sache eingieng, einen ſchweren Beutel mit Rupien aus ſeinem wohl⸗ verwahrten Kaſten; dieſen warf er gewaltig auf den Boden, und aus dem Klange konnte der duͤrftige Aſtronom auf den Inalt ſchließen. „Welche Summe, Herr!“ ſagte dieſer. „Das iſt alles dein, Agib, wenn du thuſt, wie ich dir befehle.“ „Ach Herr! welchen Dienſt kann ich dir er⸗ Ind. Serail. 5 98 weiſen, um eine ſo unermeßliche Bolohnung zu verdienen 2 Der Cotwall theilte ihm kuͤrzlich den Be⸗ fehl des Deewan mit, ſo wie die Abſichten, mit denen dieſer, wie er vermuthe, ſich truͤge.. „Und was ſoll ich thun, Herr?« fragte der eifrige Agib. „Das wuͤnſchte ich gerade von dir zu er⸗ fahren, Agib; denn ich weiß in der That nicht, was ich dich anweiſen ſoll; nur was du nicht thun ſollſt, weiß ich.«. *Was 2e Du mußt dir's zum Zwecke machen, dem Gurn und ſeinen Genoſſen in Allem zu wider⸗ ſprechen. Sagen ſie, die Sonne iſt die Sonne, ſo mußt du behaupten, ſie ſey der Mond. „Das will ich gerne, Herr; aber wozu ſoll dieſer kindiſche Widerſpruch fuͤhren?“ „Das iſt itcht deine Sache; thu, was ich dir befehle. und das Geld iſt dein.“ „Das Ding, Herr, muß ſo eingerichtet werden, daß ainſere Zuhorer nicht glauben koͤn⸗ nen, ich ſey aus Scolz oder Widerſpruchsgeiſt einer andern Meinung, ſondern dieß ſey die Folge meiner Erfahrung und uͤberlegenen Kennt⸗ niſſe. Es erfordert aber tiefes Nachdenken, zu beweiſen, ſchwarz ſey weiß, und deßwegen— „Keine Predigt!!« fiel ungeduldig der Poli⸗ zeimeiſter ein;„du kennſt meine Wuͤnſche, und ſiehſt deine Belohnung.“ „Ich bin ſtets gehorſam, Herr, und will mein Moͤglichſtes thun; und iſt das Recht nicht 99 auf meiner Seite, ſo will ich durch Laͤrm und Geſchrei den Mangel erſetzen; ich habe ein Dutzend treue Anhaͤnger, welche mit Freuden meine Worte nachſprechen, wenn ſie auch noch ſo ungereimt ſind.“ „Das iſt's eben, was ich waͤnſche; bringe die Gegenpartei in Verwirrung, betaͤube die Ohren deiner Zuhdrer, und laß die Sache eben ſo im Dunkeln, als ſie jezt iſt; dann komm, und hole dein Geld. Aber zu etwas mußt du dich verſtehen.“ „Nenne es,“ ſagte Agib. „Du darfſt nicht nach Hauſe zuruͤck, bis das Ganze im Reinen iſt.“ „Warum 2˙° „Laß das Fragen, und gehorche.“ Der Aſtronom bezeigte ſich bereitwillig, den Befehlen des Cotwall ſich zu fuͤgen, beſtand aber auf der Nothwendigkeit, einen oder zwei ſeiner Gehuͤlfen zu berufen, um vieſe zu un⸗ terrichten, wie ſie ſich zur beſtimmten Zeit zu benehmen haͤtten. Der Cotwall gab dieß zu, und nachdem es geſchehen war, wurde Agib in gute Verwahrung gebracht, und kehrte nicht nach Haus zuruͤck. Dieß war Veranlaſſung, daß der beſorgte Deewan ſich in ſeinen Hoffnungen getaͤuſcht ſah, und ſeine Boten die unerfreuli⸗ chen Berichte brachten. Vergebens fertigte Moye⸗ed⸗din am folgen⸗ den Tage Boten auf Boten ab, um Ibn⸗al⸗ Agib zu holen,—- er war nirgends zu finden; und um ſeine Abweſenheit zu bemaͤnteln, wurde 5 5 100 abſichtlich ausgeſtreut, er ſey an's Meer gegan⸗ gen, um Beobachtungen anzuſtellen. Moye⸗ed⸗ din war zwar vom Gegentheile uͤberzeugt, aber nicht im Stande, dem Geruͤchte mit Sicherheit zu widerſprechen. In dieſer Verlegenheit häͤtte er, wenn nicht der Bramine ausdruͤcklich das Gegentheil verlangt haͤtte, dieſen noch einmal berufen, um in Folge von Ibn⸗al⸗Agib's Ab⸗ weſenheit mit dieſem Abrede zu nehmen, was zu thun ſey. Der Tag, an welchem die wettekfernden Sterndeuter die Fragen der ſchoͤnen Perſerin be⸗ antworten ſollten, brach an. Moye⸗ed⸗din, der vorausſah, daß ſein Plan fehlſchlagen wuͤrde, erſchien mit ungewoͤhnlichem Ernſte im Durhar, und obgleich manche ſchwierige Rechtsfaͤlle ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, ſo konnte er doch an nichts denken, als wie die Ausſpruͤche der Aſtronomen ausfallen wuͤrden. Sein guter Kopf gab ihm ein, dem Nuwab einen Plan beizubringen, der, wenn er angenommen wurde, die Abſichten des Cotwall und ſeiner Partei gaͤnz⸗ lich vereiteln konnte; er ergriff dayer, ehe der Durbar aufgehoben wurde, die Gelegenheit, um Erlaubniß nachzuſuchen, dem Nuwab in ſein Anderum folgen zu duͤrfen. Nachdem ihm dieſe durch einen Wink zugeſagt, und die Geſchaͤfte beendigt waren, begleitete er ſeinen Herrn und ſtellte dieſem vor, daß, da zwei Klaſſen von Aſtronomen in der Stadt zu ſeyn ſchienen, welche beſtimmt aus Stolz oder boͤſem Willen in ih⸗ ren Anſichten ſich widerſprechen wuͤrden, ihr 104 gleichzeitiges Auftreten nur dazu fuͤhren wuͤrde, Verwirrung zu veranlaſſen, und ſo eine Ent⸗ ſcheidung unmoͤglich zu machen. Er mache da⸗ her unterthaͤnig den Vorſchlag, die Fragen der ſchoͤnen Perſerin ſollen ſchriftlich ertheilt, und zuerſt dem Anfuͤhrer und Chef der Braminen⸗ Partei, und dann dem Chef der Mahomedaner uͤbergeben werden. Der Nuwab, der nichts da⸗ gegen einzuwenden hatte, gieng um Mheitab uͤber dieſe Anordnung zu befragen, und ver⸗ ſicherte, als er zuruͤckkam, Moye⸗ed⸗din, die ſchone Perſerin genehmige dieſen Plan vollkom⸗ men.— In feierlichem Zuge kamen die Weiſen von Surat durch die Straßen der Stadt heran; zuerſt Mhadeo Guru, der Bramine, dem ein Page folgte mit zwei gewichtigen Buͤchern, auf deren einem mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand:„Surya Siddhauta von Vahara Mihira,“ und auf dem andern:„Padma Calpa von Sri D'hara Padma.“ In geregelter Ordnung folg⸗ ten zwolf Braminen, von denen einige Buͤcher und Schriften trugen; einer hatte die Syſteme der Aſtronomie, zuſammengetragen von Brahma Calpa, und vor 13,000 Jahren erfunden von Brahma Gupta; andere trugen das Varaha Calpa, geſchrieben von Varaha Mihira. Eine unermeßliche Volksmenge folgte dem Zuge bis an die Thore des Palaſtes, und zerſtreute ſich hier, um dem Zuge der Mahomedaner nachzu⸗ gehen, den man von der entgegengeſezten Seite her langſam ſich naͤhern ſah. Auf zwei Maͤn⸗ 102 ner geſtuͤzt kam Ibn⸗al⸗Agib, angeblich, weil ſein Alter und Schwaͤche ihren Beiſtand noͤthig machten; allein das Gehen fiel ihm aus einem ganz andern Grunde beſchwerlich, welcher ſpaͤ⸗ ter berichtet werden ſoll. Hinter ihm giengen fuͤnfzehn langbaͤrtige Weiſen, ihre Bet⸗Coral⸗ len zaͤhlend und die Eigenſchaften des Allmaͤch⸗ tigen leiſe ausſprechend. Ibn⸗ak⸗Agib verdroß es ſehr, als er bei ſeiner Ankunft am Palaſte erfuhr, die Braminen ſeyen bereits angelangt. Wie es kam, daß er nicht zur Zeit eintraf, wird ſpaͤter erzaͤhlt werden. Die beiden Parteien der Sterndeuter wur⸗ den in den aͤußeren Saal des Harem gefuͤhrt, von deſſen Decke ein Vorhang von karmoſinro⸗ them Sammt mit Gold geſtickt, herabhieng, hin⸗ ter welchem die ſchoͤne Perſerin ſaß, und an deſſen Ende derjenige ſtand, welcher die Fragen ſchrieb, die ihm von hinten her zukamen. Die Mahomedaner wurden auf die eine, die Bra⸗ minen auf die andere Seite geſtellt, und die erſte Frage dem Mhadeo Guru und ſeinem Geg⸗ ner Ibn⸗al⸗Agib uͤbergeben; der Nuwab und ſein Deewan waren zugegen. Dieß war eine Aufgabe, von welcher der alte Ibn⸗al⸗Agib nie getraͤumt hatte; er ſaß da, das Papier, wor⸗ auf die Frage ſtand, in hoͤchſter Verlegenheit zuſammendrehend, und waͤhrend die Auhaͤnger des Braminen ſich um ihren Fuͤhrer draͤngten, ued auf eine paſſende Antwort ſannen, ſaßen die Mahomedaner alke in eine Reihe zuſammen⸗ gekauert, das Gutachten des alten Ibn⸗al⸗ 10³ Agib abwartend, der, wie es ſchien, gar nichts that, bis er durch die Stimme des Nuwab auf⸗ gemuntert wurde, welcher ihm zurief:„Komm, komm, gelehrter Agib, oͤffne das Papier— beginne die Arbeit.“ Endlich wurde ein Kreis geſchloſſen, in deſſen Mitte der verbluͤffte Agib ſaß. Der geſchickte Aſtronom fluͤſterte einem ſei⸗ ner Freunde zu, er ſollte wo moͤglich abhorchen, was die Braminen ſagten, und dieſem gelang es wirklich, ein Wort aufzufangen, das, wie er meinte, ihm einen Wink zu Abfaſſung ihres Ausſpruches geben koͤnnte. Ibn⸗al⸗Agib, der mit Recht ſchloß, es werden noch manche Fragen folgen, hielt es fuͤr unklug, ſchon bei der erſten Ant⸗ wort den Braminen entgegen zu treten, und wurde durch ſeine Freunde in Stand geſezt, die richtige Antwort auf die Frage herauszufinden. Nachdem die Antworten fertig waren, empfieng ſie der Seeretaͤr und las laut, wie folgt: Erſte Frage.„Wann wird die Sonnenfin⸗ ſterniß ſtatt haben?« Antwort der Braminen.„Am fuͤnfzehnten Tage des Monats Aswini.“ Antwort der Mahomedaner.„Am fuͤnfzehn⸗ ten Tage des Monats Aswini.“ „In der That.“ bemerkte der Nuwab ge⸗ gen Moye⸗ed⸗din,„die Aſtronomen ſcheinen et⸗ was zu wiſſen.“— „Ja, wahrhaftig, Herr!“ entgegnete der Dee⸗ wan, neugierig, was die naͤchſte Frage ſeyn wuͤrde. Nachdem dieſelbe Ceremonie ſtatt gefunden, las der Secretaͤr abermals, wie folgt: 104 Zweite Frage.„Wann wird die Venus den Plejaden am naͤchſten kommen 2 Antwort der Braminen.„In zehn Tagen.“ Antwort der Mahomedaner.„Nach zwei Monaten und zwoͤlf Tagen.“ „Hier iſt eine Verſchiedenpeit!⸗ rief der Nuwab;„ich bin begierig, wer Recht hat, Moye⸗ed⸗din.“ „Ich kann mich nicht vermeſſen, ein Ur⸗ theil zu faͤllen, doch denk' ich, iſt die Ant⸗ wort der Braminen dir guͤnſtiger.“ „Wahr, Moye⸗ed⸗din, wahr! ſie haben Recht, verlaß dich drauf.« Da jezt die ſchoͤne Perferin ihren Wunſch ausdruͤckte, keine weiteren Fragen vorzulegen, erhielt die Verſammlung Erlaubniß, ausein⸗ ander zu gehen. Als ſie die Treppe hinabgien⸗ gen, welche zu dem großzen Gerichts⸗Saale fuͤhrte, gab ſich der alte Ibn⸗al⸗Agib viele Muͤhe, den Vortritt zu gewinnen, da aber die Treppe ſchmal, und der Guru ſtark beleibt war, fand er es unmoͤglich, an ihm voruͤber⸗ zukommen, ſo daß die beiden Parteien ganz unter einander geriethen, da bei dem Durch⸗ gang durch das große Thor in die Stadt je⸗ der dem andern zuvorzukommen ſuchte. Ibn⸗ al⸗Agib, der mit ſich zufrieden war, murmelte unter lautem, veraͤchtlichen Lachen:„Zehn Ta⸗ ge, wahrhaftig! welche Unwiſſenheit! ſchoͤne Aſtronomen, in der That!“ Als ſeine Anhaͤn⸗ ger dieſe Ausdruͤcke vernahmen, erlaubten ſie ſich dieſelben beleidigenden Bemerkungen, welche 105⁵ zwar ihre Wirkung auf den ernſten Guru ver⸗ fehlten, aber einigen ſeiner Anhaͤnger ſo an⸗ ſtoͤßig waren, daß ſie ſie erwiederten, weswe⸗ gen auf der Treppe ein Handgemenge ſich ent⸗ ſpann, und die Turban'’'s abgeriſſen wurden. Ein Chobdar im Nachzuge, der dem Streit ein Ende machen wollte, gab einem von der Par⸗ tei einen Stoß, der verurſachte, daß deſſen Fuß ausglitt, und er auf ſeinen Vordermann fiel; dieſer, ein ſchwerer Mann, druͤckte, was ihm in den Weg kam, fort, ſo daß die Weiſen der Stadt ſaͤmmtlich einen großen Fall thaten. Die ganze Laſt der Gelehrten hatte der Guru zu tragen, der nicht gluͤcklich genug geweſen war, die Treppe hinabzukommen, ehe die ganze Ver⸗ ſammlung auf ihn fiel. Eine ſolche Verwir⸗ rung hatte noch nie innerhalb der Mauern des Palaſtes ſtatt gefunden. Am Fuße der Treppe lag der wohlbeleibte Guru, bemuͤht, ſeinen al⸗ ten Feind, Ibn⸗al⸗Agib, abzuſchuͤtteln, deſſen Kleider zerriſſen und deſſen Putz in Unordnung gerathen war, ſo daß zu ſeinem nicht geringen Verdruſſe eine Menge Silber von ihm fiel. Der beſorgte Mann arbeitete ſogleich mit Haͤn⸗ den und Fuͤßen, um ſeine Rupien zu ſam⸗ meln, als dieſe in alle Ecken des Saales roll⸗ ten, welche nach einander von den allzeit fer⸗ tigen Dienern des Durbar gierig aufgeſammelt wurden.„Mein Geld, mein Geld! lest mein Geld auf, ſag' ich!“ ſchrie Agib.„He da, du haſt welche von meinen Rupien, gieb ſie her, ſag' ich!“ Beſorgt, ſein Geld wieder zu be⸗ 106 kommen, ſchlug er ſich die Gedanken an den Vorrang ganz aus dem Sinne, ſo daß der Bramine mit ſeinen Leuten ruhig abzog, und die Mahomedaner ihren bekuͤmmerten Fuͤhrer be⸗ mitleiden ließ. Es iſt jezt am Orte, den Leſer zu unter⸗ richten, wie es kam, daß Ibn⸗al⸗Agib ſo ſpaͤt eintraf, und dann, wie er in den Beſitz von ſo vielem Gelde kam, deſſen Verwahrung ſeinem Herrn ſo ſchwierig wurde. Zur beſtimmten Zeit wartete der vorſichtige mahomedaniſche Aſtronom in des Cotwall's Hauſe, wo er zum zweiten male uͤber die Art, wie er ſich zu benehmen haͤtte, belehrt wurde. Der Alte verſprach un⸗ bedingten Gehorſam, und ſtreckte ſeine Hand hin, um das Geld zu empfangen.„Nein, nein,“ ſagte der Cotwall,„erſt handle, dann folgt das Geld.“ „Ich erwarte meine Belohnung ſogleich⸗ er⸗ wiederte Ibn⸗al⸗Agib, oder verlaß dich darauf, ich verfahre ganz anders.“ „Das will ich nicht hoffen, Agib,“ fagte der Cotwall;„allein du haſt keine Zeit, Agib, dein Geld unterzubringen, wenn ich dir es auch gaͤbe. Wie kannſt du eine ſo große Summe mit in den Palaſt nehmen?“ „Ol dieſer Schwierigkeit iſt abgeholfen,“ ſagke der Alte, aus ſeinem Turban einen langen, ſchmalen Beutel ziehend, wie ihn Reiſende ge⸗ woͤhnlich tragen und der, wenn er mit Geld gefuͤllt iſt, um den Leib geſchlungen wird. „Dieſen,“ fuhr er fort,„bobe ich in meiner 107 Einſamkeit gefertigt; gieb mir alſo die Rupien, und verliere keine Zeit.“ Der Cotwall beredete endlich Agib, daß er nur die halbe Summe bekam, und verſprach den Reſt nach Beendigung des Ganzen. Hur⸗ tig fuͤllte der beſorgte Agib ſeine Rupien in den langen Beutel ein, den er um den Leib ſchlang; da er ſie aber ſo ſchwer und unbequem fand, ſah er ſich beim Weitergehen gendthigt, auf zwei ſeiner Freunde ſich zu ſtuͤtzen; und weil der Cotwall mit dem Abreichen des Geldes zo⸗ gerte, ſo hatte er ſich, wie er fand, bedeutend verſpaͤtet. Das Handgemenge auf der Treppe und der darauf folgende Kampf zwiſchen den zwei Anfuͤhrern der Aſtronomen⸗Sekten veran⸗ laßte, daß der Beutel um Agib's Leib auf⸗ gieng, und den Fußboden mit ſeinem Inhalte bedeckte, wie ſchon erzaͤhlt wurde. Zur Vergroͤ⸗ ßerung von Agib's Verdruß weigerte ſich der Cotwall, ihm den Reſt ſeiner Belohnung aus⸗ zuzahlen, indem er behauptete, er habe den Vertrag nicht vollzogen: denn er habe verſpro⸗ chen, in allen Punkten dem Braminen zu wi⸗ derſprechen, und doch habe er gehoͤrt, daß er in Betreff der Zeit der Sonnenfinſterniß ganz mit ihm uͤbereingeſtimmt. Hierauf konnte der Alte nichts erwiedern, und gieng hoͤchlich miß⸗ muthig und mißvergnuͤgt von dannen. 108 Achtes Kapitel. Der Nuwab ergriff die naͤchſte Gelegenheit, die ſchone Perſen zu beſuchen, und bat ſie, ihm zu ſagen, wenn er eine Antwort auf ſei⸗ nen Heirathsantrag erwarten duͤrfe. „Deine Hoheit,“ entgegnete das Maͤdchen, „hat geruht, mir meine Bitte zu gewaͤhren, daß es mir vergoͤnnt ſey, deine Aſtrologen und Ge⸗ lehrten zu befragen, welche zum Ungluͤck gerade uͤber den Punkt, uͤber den ich von ihnen be⸗ lehrt ſeyn wollte, keine Auskunft zu geben wiſ⸗ ſen; die Parteien ſind ſo ſehr von einander ver⸗ ſchieden, daß es unmoͤglich iſt, daß ich Ver⸗ trauen zu Einer faſſen kann; deßhalb kann ich das Anerbieten der Heirath weder zuſagen noch abſchlagen, bis auf die Zeit, wo Venus mit den Plejaden zuſammentrifft; bin aber gendthigt, meine Zeit zu beſtimmen, nach deren Ablauf du ſicher auf eine Antwort rechnen darfſt. Ein perſiſcher Aſtronom, von unbezweifelten Kennt⸗ niſſen, hat mir geſagt, dieſes Zuſammentreffen der Venus und der Plejaden werde in dieſem Jahre ſtatt finden. Dieß kann waͤhrend meiner Reiſe hieher geſchehen ſeyn, aber in einer ſo wich⸗ tigen Angelegenheit bin ich entſchloſſen, ganz ſicher zu gehen. Laſſe deßhalb dieſes Jahr ver⸗ ſchwinden, und du ſollſt meine Antwort erhal⸗ ten, vorausgeſezt, daß in dieſer Zeit mich keine maͤnnliche Perſon zu Geſicht bekommt. Sollte dieß geſchehen, ſo muß ich meine Ant⸗ — 109 wort noch einmal auf ein ganzes Jahr aufſchie⸗ ben.* „Beim Propheten!“ rief der Nuwab;„mei⸗ ne Geduld wird lange zu Ende ſeyn, noch vor Verfluß dieſes Jahres; ja dgg dieſes Monats; und wenn du mein Anerbieten ausſchlaͤgſt, ſo kann man Mittel finden, ſich deiner auf leich⸗ tere Bedingungen zu verſichern.“ „Davor huͤte dich, Herr. Ich bin in dei⸗ ner Gewalt, dieß iſt wahr; ich bin huͤlflos und verlaſſen, mein Schickſal hat mich in deine ſchuͤ⸗ tzenden Arme geworfen; aber bedenke die Folgen, wenn du ſo unbeſonnen ſeyn, und Gewalt brau⸗ chen wollteſt, der naͤchſte Augenblick ſaͤhe mich als Leiche zu deinen Fuͤßen; auch wuͤrde dieß nicht die einzige Folge deinen Unklugheit ſeyn, denn verlaß dich darauf, dein Leben wuͤrde der Rache derer, anheimfallen, die ohne Zweifel mein Schickſal erfahren wuͤrden.“ Es war ſo viel Ernſt und Wuͤrde in dieſer Rede, daß der Nuwab zum erſten mal in ſei⸗ nem Leben ein Gefuͤhl von Schrecken empfand, den ihm nie ein Weib batte einfloͤßen koͤnnen. Nachdem er eine Zeitlang nachgedacht, ſprach er zu der Perſerin: „Gehoͤre ich auch zu den Maͤnnern, die von deiner Gegenwart ausgeſchloſſen ſind?“ „Nein, Herr; der Anblick eines Mannes, der ſo ehrenwerthe Abſichten hat, kann nicht an⸗ ſtoͤßig ſeyn; auch haben die Wahrſager bei mei⸗ ner Geburt nicht beſtimmt, daß der Mann aus⸗ geſchloſſen ſeyn ſolle, der mir ſeine Hand an⸗ * * 110 bietet. Die Worte lauten:„und waͤhrend der Zeit des Antrags und der Antwort darauf, darf kein anderer Mann, aus irgend einem Grunde die Augen auf mich werfen.“ Der Nuwab verwuͤnſchte von Herzensgrund die Wahrſager ſammt allem ihrem Unſinn, und verließ das Maͤdchen ohne beſtimmte Verſiche⸗ rung, daß er ihre außerordentlichen Forderun⸗ gen bewillige. Einige Tage lang empfand Al⸗ les, was um den Nuwab war, Maͤnner und Frauen, die laͤſtigen Folgen ſeiner Ungeduld. Selbſt Moye⸗ed⸗din erwartete mit Bangigkeit die Stunde, des Durbar, wie ein Schulknabe, wenn er vor ſeinem Lehrer erſcheinen muß. Endlich beſchloß er, die unwiſſenden Aſtronomen ſeinen Zorn fuͤhlen zu laſſen, und berief wirk⸗ lich den ganzen Trupp in den Durbar. Nun fuͤrchtete der Cotwall, Ibn⸗al⸗Agib moͤchte, um ſich ſelbſt zu rechtfertigen, ihn in die Sache verwickeln, und die ſtattgefundene Beſtechung eingeſtehen. Auch Moye⸗ed⸗din war nicht weni⸗ ger beſorgt, der Bramine moͤchte ihre geheime Zuſammenkunft erwaͤhnen; denn ob er gleich nicht zweifelte, er wuͤrde den Nuwab uͤber zeu⸗ gen, wenn er in der Stimmong waͤre, Ver⸗ nunftgruͤnde anzuhoͤren, daß er naͤm lich durch ſein Verfahren nichts anders als ſeine Wuͤr ſche habe befoͤrdern wollen, ſo wuͤrde doch, meinte er, bei ſeinem jetzigen Aerger und Mißvergnuͤ⸗ gen das bloße Wort„Beſtechung“ dieſelbe Wir⸗ kung bei ihm hervorbringen, wie ein Funke auf ein Pulvermagazin. Um dem alten Agib, 1 111 wenn es moͤglich waͤre, die Zunge zu binden, beſuchte der Cotwall den weiſen Mahomedaner, und man kann ſich das Erſtaunen deſſelben vor⸗ ſtellen, da beide Urſache hatten, gegenſeitig mit einander unzufrieden zu ſeyn. „Bruder Agib,“ ſagte der Cotwall,„ich habe dir den Reſt des Geldes gebracht, der dir, wie ich mir nun die Sache uͤberlegt habe, von Rechtswegen gebuͤhrt; ſey daher ſo gut, und nehme es an.“ Hiermit haͤndigte er ihm den Beutel ein. „Nun, Bruder Cotwall,“ ſagte der Aſtro⸗ nom,„was das Geld betrifft, ſo waͤre ich nicht halb ſo unzufrieden mit dir geweſen, haͤtteſt du mir auch keine einzige Rupie gegeben, wenn du mich nur in Gegenwart deiner Leute einer arti⸗ gern Behandlung gewuͤrdigt haͤtteſt.“ „Freilich, Agib, war ich zu hitzig, aber ſey verſichert, mein perſoͤnlicher Beſuch bei dir wird jedermann uͤberzeugen, wie viel ich auf deinen Stand und Profeffon halte.“ „Einigermaßen mag dies der Fall ſeyn,“ ſagte Agib,„aber ich muß dich bitten, keine weitere Unterſtuͤtzung mehr fuͤr deine Plane von mir zu verlangen.“ „Ganz wohl, Freund Agib; es thut mir jedoch ſehr leid, daß wir uns nicht vereinigen koönnen; indeß ſey verſichert, ich werde dich nur noch mit einer einzigen Muͤhe belaͤſtigen.“ „Und dieß iſt?“ 8 „Daß du uͤber unſere neuliche Zuſammen⸗ kunft und Verabredung reinen Mund haͤltſt.“ 142 „Natuͤrlich, ſchon um meiner ſelbſt willen werde ich ſchweigen.“ „Ja, ſtill und verſchwiegen wie das Grab; wer dich auch fragen mag. Schwoͤre, dich eher foltern zu laſſen, als meinen Namen zu ent⸗ decken.“ „Ach, Bruder Cotwall, dieß iſt war ande⸗ res; ich habe bereits genug Pein und Unruhe mit deinen Angelegenheiten gehabt. Fuͤr die Tortur kann ich nicht ſtehen; die Baſtonade entreißt manchem ſein Geheimniß; nein, nein⸗ ich kann mich der Tortur nicht unterwerfen; und wenn es dieß iſt, warum du mir das Geld gebracht haſt, ſo bitte ich, nehme es nur wieder mit; ich wollte die Baſtonade nicht aushalten fuͤr weniger als ein Lack Rupien zum wenigſten.“ „Hore, Agib, ich bitte dich! alle Aſtrono⸗ men ſind vor den Nuwab gerufen, der mit en⸗ ren Antworten ſehr unzufrieden iſt; und du kannſt dich darauf verlaſſen, daß er nicht ſo unverſtaͤndig ſeyn wird, dem gelehrten Brami⸗ nen die Baſtonade geben zu laſſen, und folg⸗ lich nicht ſo ungerecht, dir eine⸗Strafe zuzuer⸗ kennen, mit der er jenen verſchont; deßhalb— „Hoͤr' mal, Bruder Cotwall, wenn nur der entfernteſte Anſchein droht, daß ich die Tortur auszuſtehen haben ſoll, ſo bekenne ich alles von Anfang bis zu Ende, darnach kannſt du dich richten; hier, nimm dein Geld und pack dich! Khooda hafiz!“**) und damit zog er ſich in das *) Gott ſchuͤtze dich! 113 Innere ſeines Hauſes zuruͤck, indem er die Thuͤre heftig zuſchlug. Der Cotwall verwuͤnſchte den liſtigen„alten Aſtronomen von Herzen, und kehrte niederge⸗ ſchlagen und beſtuͤrzt nach Hauſe zuruͤck. Auch Moye⸗ed⸗din, nachdem er uͤberlegt, wie er ſich ſicher ſtellen koͤnne, ſandte noch einmal nach Guru, und um ihn ſeinen Wuͤnſchen geneigter zu machen, fertigte er eine Urkunde aus, welche ſein Land von Abgaben und ſein Vieh vom Zoll befreite. Als nun der gelehrte Bramine ein⸗ trat, reichte ihm Moye⸗ed⸗din die Schrift mit den Worten:„Hier, Mharaj; du ſiehſt, ich bin nicht muͤßig geweſen; ich halte mein Wort; lies hier die Verwilligung, welche dich von Abgaben freiſpricht, und ſage, ob du zufrie⸗ den biſt.“ Guru griff haſtig nach der Schrift, und nachdem er ſie geleſen, gab er ſie wieder zuruͤck mit den Worten, ſie ſey vollkommen be⸗ friedigend, nur habe ſie zwei weſentliche Maͤngel. „Nenne ſie,?c ſagte der Deewan. „Das Siegel und Unterſchrift des Nuwab.“« „Oh, darauf kannſt du dich verlaſſen, daß ich es fuͤr dich erhalte, ſobald er hinreichend fuͤr die Geſchaͤfte aufgelegt iſt; aber die Haupt⸗ ſache iſt, daß ihr alle auf morgen in den Dur⸗ bar berufen ſeyd. 66 „Freilich!“ ſagte der beſtuͤrzte Bramine, „doch hoffe ich, werde es keine Gefahr haben; ich bin wirklich in Furcht, man moͤchte mich ausfragen; du mußt mich ſchuͤtzen, Herr.“ 114 „Weg mit dieſer Angſt, Guru; ſey ſtand⸗ haft und ſchwoͤre, du habeſt die Antworten aus deinen Buͤchern, und ſonſt nirgends her, und alles wird gut gehen.“ „Dieß mag ſeyn, Herr, aber der Nuwab iſt nicht immer mit Schwuͤren zufrieden, nein und ſchwoͤre ich auch bei der Kuh, er hat ein anderes Mittel, auf die Wahrheit zu kommen, ſchon der Gedanke daran macht mich ſchaudern; bedenke die Heiligkeit meines Standes; ich koͤnnte dieſe Schmach nicht uͤberleben.““ „Aber ich ſage dir, Bramine, es iſt ja gar kein Grund vorhanden, warum er zu ſolchen Mitteln ſeine Zuflucht nehmen ſollte; er kann nur drohen, zur Ausfuͤhrung kommt es nicht.“ „Dieß iſt eine kitzliche Sache, Herr, und ob ich gleich deinen Namen ungern erwaͤhne, ſo kann ich doch nicht ſchworen, zu was mich der Anblick des Rattans bringen kann.“ „Aber bedenke, Bramine⸗ was die Nennung meines Namens zur Folge haben kann; erin⸗ nere dich, daß dein Land eben ſo gut doppelt beſteuert, als ganz von der Laſt befreit werden kann.““—. „Nun, Herr, dann muß ich es mir gefal⸗ len laſſen; ich kann hier nichts verſprechen, deß⸗ halb bitte ich, mich zu entlaſſen.“ Mit dieſen Worten war der Bramine aufgeſtanden, und hatte ſich langſam an die Thuͤre geſchlichen, die er nun oͤffnete und mit einer tiefen Verbeugung verſchwand. Moye⸗ed⸗din’s Beſtuͤrzung und Be⸗ ſorgniſſe waren ſo groß, daß er eine Zeitlang 115 in der Mitte des Zimmers ſtehen blieb, unent⸗ ſchloſſen was er nun thun ſolle; und in dieſer ungewiſſen Lage muͤſſen wir ihn fuͤr jezt ver⸗ laſſen. Die Verlegenheiten, worein uns unſer Miß⸗ geſchick ſtuͤrzt, ſind oft ſo, daß es klug iſt, ſich zu bemuͤhen, mit ſeinen Feinden Freund zu werden, und dieß beſonders, wenn ihr Mißge⸗ ſchick gleiche Urſache mit unſerem eigenen hat. So war es mit den Charakteren, von denen wir reden. Obgleich der mahomedaniſche Aſtro⸗ nom und der der Braminen in himmliſchen Un⸗ terſuchungen immer verſchiedener Meinung wa⸗ ren, und ſehr ſelten in irdiſchen Angelegenhei⸗ ten mit einander uͤbereinſtimmten, ſo mußten ſie nun, da ſich beide in eine ſehr gefaͤhrliche Sache verwickelt fahen, natuͤrlich den Wunſch fuͤhlen, ſich uͤber die Mittel zu berathſchlagen⸗ wie ſie die Folgen ihrer Unklugheit abwenden moͤchten. Jedoch hielt der Stolz einen jeden zuruͤck, den erſten Schritt zu gegenſeitiger Mit⸗ theilung zu thun; denn Freunde konnten ſie nie werden. Allein die Aehnlichkeit ihrer ge⸗ genwaͤrtigen Lage, und die dringende Noth, litt keinen Verzug; der Bramine ſandte alſo einen Brief an den gelehrten Ibn⸗al⸗Agib, folgenden Inhalts: „Der gelehrte Bramine Mhadeo Guru, Aſtro⸗ nom, moͤchte das Gluͤck haben, den erfahrenen Ibn⸗al⸗Agib dieſe Nacht in ſeinem Hauſe wegen einer dringenden Angelegenheit zu ſprechen.“ Lange konnte es der Stolz Agib's nicht uͤber 116 ſich gewinnen, den ganzen Weg zum Hauſe des Braminen zu machen, und er war lange im Streite mit ſich, ob er nicht den Braminen zwingen ſolle, zu ihm zu kommen; aber jenes vortreffliche Mittel gegen alle unbedeutenden Bedenklichkeiten der Hoflichkeitsſitte, die Baſto⸗ nade, zwang ihn auch, das entfernteſte Huͤlfs⸗ mittel zu ergreifen, um den Zorn des Nuwab von ſich abzuwenden, und er fertigte alſo fol⸗ gende Antwort ab: „Der gelehrte Ibn⸗al⸗Agib wird das Gluͤck haben, ſich mit dem wohl unterrichteten Bra⸗ minen zu der feſtgeſezten Zeit zu beſprechen.“ Ungefaͤhr eine Stunde vor Mitternacht huͤllte ſich Ibn⸗al⸗Agib in ein ſchlechtes graues Ge⸗ wand und trat ſeinen Weg nach der Wohnung dieſes Bruders Aſtronom an. Zu ſeinem großen Aerger waren die Thore der Stadt geſchloſſen, er mußte daher einen bedeutenden Umweg ma⸗ chen; ſo daß es zwoͤlf Uhr voruͤber war, ehe er die Thuͤre des Braminen erreichte. Guru empfieng ihn ſehr hoͤflich, waͤhrend ſein Gaſt ein hochmuͤthiges Betragen blicken ließ, um dem Braminen zu verſtehen zu geben, wie ſehr er ſich durch ſeinen Beſuch geehrt fuͤhlen muͤſſe. Guru gieng ſogleich auf das Geſchaͤft uͤber, indem er ſagte:„wie koͤnnen wir den Schlag abwenden, der uns erwartet?“ „Schlaͤge, meinſt du,“ ſagte Agib,„denn nach dem, was ich vom Cotwall erfuhr, wer⸗ den wir gewiß die Baſtonade bekommen.“ „„Hier ſcheint nur ein Weg zu unſerer Ret⸗ tung zu ſeyn, Agib.“ 117 „Diejenigen, die uns dazu angeſtiftet haben, anzugeben?“ „Ja, Agib.“ „Ich bin bereit, Guru.“ „Ich bin entſchloſſen.“ „Ich ſchwoͤre bei dem Propheten.“ „Und ich bei der Kuh.“ „Wahrhaftig, wir haben da was ſchlimmes gemacht, Guru.“ „Ich glaube, Agib, deine Antwort war ein⸗ traͤglicher, als die meinige, nach dem Silber⸗ regen in dem Gerichtsſaale zu urtheilen.“ „Ohne Zweifel, Guru, wirſt du auch deine Belohnung erhalten haben.“ „In Wahrheit, ich fuͤrchte, meine einzige Belohnung wird der Rattan auf meine Fußſoh⸗ len ſeyn; ich habe bis jezt nur Verſprechungen, und ſehe gar keine Wahrſcheinlichkeit, daß ſie je zur Ausfuͤhrung kommen.“ „Vermuthlich giebſt du den Miniſter an 2 „Sicherlich; aber kann ich mich auch dar⸗ auf verlaſſen, daß du deinem Entſchluſſe treu bleibſt?“ „Habe ich nicht bei dem Propheten geſchwo⸗ ren 2“° 8 „Ja, und ich bei der Kuh; aber wir len doch nicht ſo ſchnell ausplaudern, w nen vielleicht auch durchkommen, wenn wir v ſichern, wir haben uuſre Antworten aus un⸗ ſern Buͤchern, und ſepen nicht dazu erkauft worden.“ 4 „O ja; ich will bei dem Propheten ſchod⸗ 118 ren, ſo lang der Nuwab meinen Schwur beach⸗ tet; ich will meine Hand auf den Koran le⸗ gen; aber wenn er mit dem Stock auf die Fuͤße diktirt, dann ſey Gott dem Cotwall gnaͤdig; ich will ihn ſchonen, ſo lange ich kann, mehr kann er, denke ich, nicht erwarten.“ „Sehr wahr und weiſe bemerkt, Agib; ich glaube wahrhaftig, unſere Herren erwarten, wir ſollen ihrethalben unſer Leben aufopfern, ſie wuͤrden uns, wenn es ihren Abſichten zutraͤg⸗ lich waͤre, beide gerne haͤngen ſehen.“ „Ja ja, Bramine, aber wir werden ihnen das Gegentheil zeigen, und ich habe ſtarken Verdacht, der Cotmall werde ſtatt meiner die Baſtonade bekommen.“ „Und der Deewan ſtatt meiner beſtraft wer⸗ den?“ „Aber wenn wir nun alle viere leiden ſollten?“ „Dieß iſt nicht wahrſcheinlich, Agib; der Zorn des Nuwab faͤllt entweder auf die Werk⸗ zeuge, oder auf die Hercen. Wenn wir nun die Art und Weiſe, wie man unſere Dienſte verlaugte, anders darſtellen, ſo wird man uns fuͤr Unſchuldige anſehen, die gezwungen waren, ſo zu handeln; denn die Beſtechung einzugeſte⸗ waͤre erniedrigend fuͤr uns, und wuͤrde auch nicht vor der Strafe ſchuͤtzen.“ „ Du haſt recht, Bramine; ich will ſchwo⸗ ren, der Cotwall habe mich an den Fuͤßen auf⸗ gehaͤngt, bis mir die Angſt die Einwilligung er⸗ preßt habe.“ „Und ich wiſl ſchwoͤren, der Deewan habe mir mit Verderben und Ungnade gedroht.“ 119 „Vortrefflich, Bramine! dieß muß uns ret⸗ ten; aber laß uns nun ſcheiden. Gott ſey mit dir, Bramine.“ Mit dieſen Worten nahm Ibn⸗ al⸗Agib Abſchied, und ſich durch ein enges Gaͤß⸗ chen wendend, gelangte er nach einiger Zeit in ſeine Wohnung.“ Der Deewan und ſein Feind, der Cotwall, deren Beſtuͤrzung noch groͤßer war, als die der Aſtronomen, hielten es der Klugheit gemaͤß, eine Zeitlang ihre Feindſeligkeiten zu vergeſſen, und kamen der Abrede gemaͤß in dem Palaſte des erſtern zuſammen, wo folgendes doͤfliche, kaltfreundliche Geſpraͤch ſtatt hatte; der Dee⸗ wan begann: „Bruder Cotwall, warum ſollten wir Feinde ſeyn? es waͤre unſer beiderſeitiger Vortheil, wenn wir Freunde wuͤrden.“ „Ich ergreife mit Freuden, Herr, dein Freundſchaftsanerbieten; aber wie kann dieß der Fall ſeyn, wenn du dich ſo unverantwort⸗ lich in die Beſchluͤſſe meines Gerichtshofes mi⸗ ſcheſt?“ „Dieſe Einmiſchung von meiner Seite haͤtte leicht vermieden werden koͤnnen, wenn wir uns unter einander verſtaͤndigt haͤtten, und dieß haͤtte, wenn du es gewuͤnſcht haͤtteſt, noch ge⸗ ſchehen koͤnnen, als ich deinen Ausſpruch ge⸗ gen den Fleiſcher umgeſtoßen hatte; und nur dein Durſt nach Rache konnte dich ſo weit brin⸗ gen, den Faͤrber zu noͤthigen, gegen mich in offenem Durbar Klage zu fuͤhren.“ „Nun, Herr, ich begreife wirklich nicht, 120 auf welche Art wir uns haͤtten verſtaͤndigen können. Wenn du meinſt, ich ſollte von ei⸗ nem Klaͤger 100 Rupien annehmen, und zu ſeinen Gunſten entſcheiden, und dann dir 200 geben, daß du mein Urtheil nicht umſtoßen ſollſt, ſo waͤre auf dieſe Art meine Lage nicht die vor⸗ theilhafteſte.“ „Aber mit der Haͤlfte waͤre ich zufrieden.“ „Gut, wenn du mir die Haͤlfte davon be⸗ willigſt, was du von den Einkuͤnften unter⸗ ſch laͤgſt.⸗e „Nein, nein! keins von beiden; aber wir muͤſſen wegen eines Planes fuͤr die Zukunft uͤbereinkommen; gegenwaͤrtig ſind wir zuſam⸗ mengekommen, um zu uͤberlegen, welche Schritte wir zu thun haben, um unſere Plaͤtze zu be⸗ haupten; denn ich fürchte, die feigen Schurken, die Aſtronomen, werden uns verrathen.“ „Sicherlich, Deewan, werden ſie es nicht wagen, zu bekennen⸗ daß ſie beſtochen worden ſeyen.“ „Nein, das werden ſie nicht; aber ſie wer⸗ den uns beſchuldigen, wir haben grauſame Dro⸗ hungen angewandt, um ſie nach unſern Wuͤn⸗ ſchen zu ſtimmen; aber was konnte dich ver⸗ moͤgen, es zu verſuchen, meine Plane zu durch⸗ kreuzen 2* „Machteſt du mir nicht den Verdruß, ei⸗ nen Befehl zu ſenden, ſtatt daß du mich per⸗ ſonlich darum erſuchteſt, und beraubteſt du mich nicht der Gunſt, in die ich bei dem Nuwab ge⸗ kommen waͤre, wenn ich ihm das ſchoͤne Maͤdchen ge⸗ 121 gebralicht haͤtte, die durch einen ehrlichen und redlichen Handel mein war, der geſchloſſen wurde, ehe du ſie noch geſehen, oder von ihrer Ankunft gehoͤrt hatteſt.“ „Sicherlich war dieß zu entſchuldigen. Du hatteſt bereits Macht und Anſehen, waͤhrend ich die verlorene Gunſt wieder erlangen mußte.“ „Da bin ich anderer Meinung, Herr, ein Handel, der einmal geſchloſſen iſt, ſollte auch gehalten werden.“ „Dann klage den arabiſchen Kapitaͤn an, nicht mich.“ „Du weißt die Urſache; du warſt der Ver⸗ ſucher.“. „Nun, laß das gut ſeyn; aber um auf die Hauptſache zu kommen, Cotwall, wie koͤnnen wir unſere Fuͤße vor der Baſtonade bewahren, oder uͤberhaupt der Beſtrafung entgehen 24 „„Indem wir die Aſtronomen an unſerer Statt ſtrafen laſſen.“ „Ja, dieß iſt das wahre; aber wie iſt da zu machen 2 „Bringe den Nuwab gegen ſie auf, ehe ſie vor ihm erſcheinen; mache ihn darauf aufmerk⸗ ſam, daß man ſolchen Duͤnkel und Anmaßung beſtrafen muͤſſe, kurz, ſchlage die Baſtonade vor, als das einzige Mittel gegen Unwiſſenheit und. Unverſchaͤmtheit.“ 8 4 „Ein vortrefflicher Plan, Cotwall; ich will deinen Rath befolgen, und ſobald der Befehl aus des Nuwabs Munde iſt, halte deine Poli⸗ zeidiener bereit, die Kerls zu ergreifen, ebe ſie Ind. Serail. I. 6 122 Zeit haben, ein Wort zu ſprechen; ſind ſie ein⸗ mal außerhalb des Gerichtshofes⸗ ſo will ich ſchon dafuͤr ſorgen, daß ſie nie wieder kommen.“ „Nein, auf keine Weiſe ſollen ſie wieder kommen, denn, bei dem heiligen⸗ Propheten! ihre Fuͤße ſollen gehauen werden, daß der rothe Saft davon laͤuft. Laß auch deine Leute ſich bereit halten.“ a. hi u „Zweifle nicht daran, Cotwall.“. „Dann iſt un ſer Geſchaͤft zu Ende; der Himmel ſchuͤtze dich, Deewan!“ „Die Engel moͤgen dich bewachen, Cotwall!“ So giengen zwei Maͤnner aus einander, die den unverſohnlichſten Groll und Haß gegen ein⸗ ander hegten; Maͤnner, die nie zuvor irgend eine Sache gemeinſchaftlich beſchloſſen, und nun durch die Noth und allein durch die Aehnlich⸗ keit ihrer Lage dahin gebracht waren, einmal gleicher Meinung zu ſeyn. Der Morgen kam, und die Aſtronomen wur⸗ den vor den erzuͤrnten Nuwab gebracht, deſſen Ohren der Deewan nicht ermangelt hatte vor ihnen zu gewinnen. Unten im Saale ſtand der Cotwall und ſeine Haͤſcher, gegenuͤber von meh⸗ reren Wachen des Durbar unter den Befehlen des Miniſters.„Laß die Anfuͤhrer des Hau⸗ fens, die ſich Aſtronomen nennen, vortreten,“ rief der Nuwab, und augenblicklich ſtanden der Bramine und der ungluͤckliche Agib vor dem Musnud.. „Was habt ihr zu eurer Vertheidigung vor⸗ zubringen, ihr erbaͤrmlichen Dummoͤpfe 2* 123 fragte der Nuwab;„wie koͤnnt ihr die Ver⸗ ſchiedenheit eurer Antworten auf die euch lezt⸗ hin vorgelegten Fragen verantworten?“ Ibn⸗al⸗Agib, der uͤberall den Vorrang ha⸗ ben wollte, antwortete zuerſt, indem er ſagte: „Ich kann deine Hoheit verſichern, daß die ge⸗ gebene Antwort aus meinen Buͤchern genommen war, deren Studium ich mein ganzes Leben ge⸗ widmet habe.“ „Und kannſt du dieß beſchworen 2 „Ich ſchwoͤre bei dem Propheten!* „Und ich ſchwoͤre bei dem Propheten, daß du ein aufgelegter Dummkopf biſt, wenn du deine Zeit nicht beſſer angewandt haſt; ich will dich lehren, daß deine Gelehrſamkeit groͤßer ſeyn muß, ehe du es wagſt, dein Handwerk fortzu⸗ ſetzen. Fort mit ihm! gebt ihm hundert Strei⸗ che auf die Fußſohlen.“ Des Cotwalls Harpyen ſtuͤrzten ſich auf ihr Schlachtopfer wie ein Tieger auf ſeine Beute, und brachten ihn hinweg, ehe er ein einziges Wort hatte hervorbringen koͤnnen. Hierauf wandte ſich der Nuwab an den Braminen, waͤh⸗ rend Moype⸗ed⸗din daſtand, ein Bild der Angſt und Beſtuͤrzung; denn weder er, noch der Cot⸗ wall hatten ſich auf einen ſolchen Urtheilsſpruch gefaßt gemacht, daß ſie nach einander vorgenom⸗ men werden wuͤrden; deßhalb fuͤrchtete er, der Bramine wuͤrde, da er das Schickſal ſeines Ge⸗ ſellen ſah, nicht anſtehen, ihn darein zu ver⸗ wickeln. Und er hatte recht geſchloſſen; Guru hatte nicht allein den Befehl zur Beſtrafung 124 des armen Agib, er hatte auch die Folgen deſ⸗ ſelben gehoͤrt; das Geſchrei und Gewinſel des ungluͤcklichen Mannes ertoͤnte durch den Saal. Als daher der Bramine aufgerufen wurde, ant⸗ wortete er alſo: „Deine Hoheit geruhe, mich anzuhoͤren; ich wurde, ehe ſich die Aſtronomen verſammelten, in den Palaſt des Miniſters gerufen, wo der Deewan in Perſon mich unterrichtete, ſo zu entſcheiden, wie ich gethan habe. Zuerſt wei⸗ gerte ich mich, und bat und flehte, man ſolle mir nicht zumuthen, meinen Rang und Pro⸗ feſſion ſo zu entehren; aber der Deewan drohte mit Verderben, doppelter Beſteurung, Verwei⸗ ſung und Aushungern, wenn ich mich weigern wuͤrde, ſo zu handeln, wie er befehle. Und, Herr, ich wagte nicht anders zu handeln.“ „Und ſagte dir der Miniſter, welche Aut⸗ worten du geben ſolleſt?“ „Nein Herr.“ „Welche Anweiſung erhieltſt du denn?“ Hier ſtand Moye⸗ed⸗din auf, und ſagte: „ich erwarte, deine Hoheit werde mir erlau⸗ ben, dir insgeheim zu ſagen, was meine Wuͤn⸗ ſche waren, und ſey verſichert, daß ſie bloß dei⸗ nen Vortheil zum Zweck hatten.“ „Es ſey ſo, Moye⸗ed⸗din,“ ſagte der Nu⸗ wab;„und ich hoffe, ich werde dießmal Grund haben, mit deinem Betragen zufrieden zu ſeyn; laß jedoch den Braminen die Anweiſungen, die er von dir erhalten hat, zuerſt ſchriftlich auf⸗ ſetzen, und wenn ſie mit deiner Erklaͤrung uͤber⸗ — 125 einſtimmen, ſo will ich geneigt ſeyn, deinen Verſicherungen zu glauben.”“ Der Bramine ſchrieb die naͤmlichen Worte des Deewans, und erhielt dann die Weiſung, abzutreten. Moye⸗ed⸗din gab die verlangte Er⸗ klaͤrung, welche der Nuwab mit dem, was der Bramine geſchrieben, uͤbereinſtimmend fand; er bezeigte ſeine Zufriedenheit, und gab dem Dee⸗ wan Erlaubniß, nach Hauſe zuruͤckzukehren. An dem Thore des Palaſtes ſtieß er auf den Cot⸗ wall, wo ſie ſich einander gegenſeitig Gluͤck wuͤnſchten, daß ſie ſo gut durchgekommen. „Agib,“ ſagte der Cotwall,„hat das Sei⸗ nige tuͤchtig bekommen, ich verſichere dich; auch hat keiner es je ſo reichlich verdient.“ „Wahrlich, es war ein erbaͤrmlicher Schuft!“ bemerkte Moye⸗ed⸗din;„der Bramine iſt nicht beſſer, und haͤtte mich zu Grunde gerichtet, wenn er gekonnt haͤtte.“ „Welche Undankbarkeit!“ rief der Cotwall; „ich hoffe nun, Herr, wir werden von nun an beſſere Freunde ſeyn.“ „Dieß haͤngt davon ab, wie wir uns ver⸗ ſtaͤndigen, Cotwall; aber es iſt hier nicht der Ort, uͤber ſolche Dinge zu ſprechen, alſo lebe wohl; laß uns dieß eine Warnung ſeyn, uns nie wieder mit Aſtronomen einzulaſſen.“ So trennten ſich dieſe maͤchtigen Staatsbe⸗ amten, und wir muͤſſen ſie nun verlaſſen, wie ſie ſich mit einander verſtaͤndigen, und zu der Er⸗ zaͤhlung anderer wichtiger Vorfaͤlle uͤbergehen. 126 Neuntes Kapitel. — Ungefaͤhr drei Monate nach den Vorfaͤllen, die wir ſo eben erzaͤhlt haben, ſaß der Dee⸗ wan in ſeinem Ankleidezimmer und wartete auf das Erſcheinen Buxoo, des Barbiers, etwas un⸗ ruhig uͤber ſeinen Mangel an Puͤnktlichkeit, als dieſer endlich kam, indem er unter Schluchzen ſein blutiges Geſicht mit ſeinem Rockzipfel ab⸗ wiſchte. „Nun, nun, Bupoo!“ rief der Derwan.— „Was giebt s 2 Ich glaube, du haſt gefochten; komm, erzaͤhle mir die ganze Geſchichte.“ „Ach, Herr!“ ſchluchzte der Barbier,„nie iſt ein hoͤflicher Mann ſo grauſam behandelt wonden. Ich muß Gerechtigkeit haben, Herr, und hoffe auf deinen Schutz und Beiſtand*⸗ „Wohl, den verſpreche ich dir, auf die Be⸗ dingung, daß du in deiner Erzaͤhlung dich kurz faſſeſt.“ „Nun, Herr, als ich an dem Palaſt des Nuwab voruͤber gieng, erblickte ich einen frem⸗ den Kerl, ich glaube, es war ein Perſer, der in die obern Zimmer des Zenana hineinſah. Oh! dachte ich, dieſer Mann weiß auch nicht, in welche Gefahr er kaͤme, wenn ihn der Haupt⸗ mann der Rajpootwache erblickte; und da ich ſah, daß er ein Fremder war, gieng ich mit einer hoͤflichen Verbeugung auf ihn zu, und ſagte:„Herr, Herr! du darfſt hier nicht ſtehen bleiben“, worauf er ſein Schwert ergriff und 127 mich mit dem Hefte uͤber das Geſicht hieb, und ich glaube wahrhaftig, er hat mir ein Dutzend Zaͤhne in den Schlund hinabgeſchlagen! Nun, Herr, als ich mich wieder erholt hatte, und aufſchaute, war der Fremde nirgends zu ſehen; ſo gieng ich nach Hauſe, wo ich mich dieſe halbe Stunde bemuͤht habe, das Blut der Wunde zu ſtillen, die mir der Kerl geſchlagen hat.“ „Und haſt du ihn nicht wieder geſehen, Bupoo 2° „Ja, Herr; denn auf meinem Wege hieher, ſah ich zwei Maͤnner, die ſehr ſchnell giengen, und erkannte in dem einen den rohen Perſer, und in dem andern Mhadeo Guru, den Bra⸗ minen⸗Aſtronom.“ „Ha! Buxpoo, dieß iſt in der That ſeltſam, wir muͤſſen dieſem Ding nachſpuͤren; indeſſen mache, daß du mit meinem Barte fertig wirnſt, denn die Sonne iſt aufxegangen und der Dur⸗ bar offen.“ Der Barbier that, wie ter geheißen worden, und nahm Abſchied, indem er ſich mit der ver⸗ ſprochenen Huͤlfe ſeines Herrn troſtete. Der Deewan drang tiefer in den umſtand mit dem Erſcheinen des Perſers vor dem Pa⸗ laſt, als der arme Buxoo, der nun Muße hatte, an ſeinen erhaltenen Hieb zu denken, und die Mittel, wie er Huͤlfe erhalten koͤnne. Das Er⸗ ſcheinen des Perſers unmittelbar vor dem Zim⸗ mer, das ſeine ſchoͤne Landsmaͤnnin enthielt, mußte nothwendig Verdacht erreger, daß ſie mit einander in Verbindung ſtuͤnden, wie oder 128 auf welche Art der Bramine ihm beiſtehen konnte, war ein Geheimniß, das der Deewan nicht er⸗ gruͤnden konnte; aber er hatte einen langen Streit mit ſich ſelbſt, ob es nicht ſeinem In⸗ tereſſe zutraͤglich ſey, den Perſer in ſeinem Ver⸗ ſuche zu unterſtuͤtzen, der ohne Zweifel darauf abzweckte, die Flucht des Maͤdchens zu befor⸗ dern.„Wenn ich ihm helfe, kann ich entdeckt werden; aber ich kann eben ſo leicht auch nicht entdeckt werden, wenn ich das Ding geſchickt angreife; und gluͤckt es mir, ſo bin ich von einem laͤſtigen Weibe befkeit, das ſeit ſeiner Ankunft mir keine Ruhe gelaſſen hat. Ich habe ſie dem Nuwab verſchafft, und es ſcheint, ich ſey fuͤr alle ihre Launen und Grillen verant⸗ wortlich. Es iſt klar, ich habe keine Rube, ſo lange ſie da bleibt. Auf der andern Seite, wenn ich die Plane des Perſers vereitle, ge⸗ winne ich den Dank des Nuwab, und ein dop⸗ peltes Schloß an die Thuͤre des Zenana; nun, den Dank des Nuwab ſchlage ich gerade nicht ſo hoch an; aber das doppelte Schloß macht mir doppelt zu ſchaffen, ohne daß die Urſache davon je entfernt wird.“ Nach tiefer Ueberle⸗ gung beſchloß Moye⸗ed⸗din, dem Perſer ſeinen Beiſtand zu leihen. Nachdem er ſeinen Plan gemacht, war ſeine naͤchſte Sorge, ſich eine Zu⸗ ſammenkunft mit dem Perſer zu verſchaffen; da er aber nicht wagte, die Sache einem Diener anzuvertrauen, ſo beſchloß er, wenn die Schat⸗ ten der rmucht die Stadt in Dunkelheit huͤllen wuͤrden, verkleidet in die Wohnung des Bra⸗ 129 minen zu gehen. Deßhalb verſah er ſich mit einer perſiſchen wollenen Muͤtze, einem Dolche und perſiſchen Schuhen, da er ſchloß, der Mann, den er zu ſehen wuͤnſchte, wuͤrde ſich gerner mit einem vermeintlichen Landsmann einlaſſen, als mit einem Hindoſtaner. Da er jedoch nicht wußte, wo er das Haus des Braminen zu ſu⸗ chen habe, war er gezwungen, ſeinen Beſuch auf die folgende Nacht zu verſchieben, in der Erwartung, den naͤchſten Morgen die noͤthige Auskunft von dem ſchwer gekraͤnkten Buxoo zu erhalten. Der Barbier erſchien am naͤchſten Morgen zur gewohnten Stunde, und ermangelte nicht, ſeine Bitte vorzubringen, daß der Nerſer fuͤr ſeinen unverantwortlichen Angriff auf ihn, den hoͤflichſten unter allen Menſchen, geſtraft wer⸗ den moͤge. „Wo kann man ihn finden, Buxoo 2 fragte der Deewan. „In dem Hauſe des Braminen, Herr.« „Und wo wohnt der 2 „Weit weg; aber doch nicht ſo weit, Herr, daß er außer dem Bereiche deiner Macht waͤre; er wohnt in einem dunkeln Winkel, nahe bei dem Fluſſe an dem Thore, das nach Broacb fuͤhrt.« „Nicht wahr, ein kleines Haus, umgeben von Piſangbaͤumen? 2** „Ja, Herr.“ „Ich habe es oft bemerkt, wenn ich dieſen 130 Weg gieng; aber Bupoo, ich fuͤrchte, es wird unmdoglich ſeyn, den Perſer zu beſtrafen.“— „Unmoͤglich, Herr? Sollen ſich deine Un⸗ tergebenen die Zaͤhne in den Hals hinabſchlagen laſſen, weil ſie zu hoͤflich ſind? Sollen wir—*⁶ „Nun, Buyoo, ich gebe zu, daß man uͤbel mit dir umgegangen iſt; aber Umſtaͤnde erfor⸗ dern es, alle Gedanken an die Beſtrafung des Perſers aufzugeben; und ich will nichts mehr uͤber die Sache hdren.“ Der arme Bupoo, der ſich bei allen ſeinen Freunden geruͤhmt hatte, wie ſein Verhaͤltniß zu dem Deewan ihm leicht die Mittel verſchaffe, Huͤlfe zu erhalten, vernahm den Entſchluß Moye⸗ed⸗dins mit einer ernſten Miene, in der ſich Unwille und Verdruß ausdruͤckten, und be⸗ endigte ſein Geſchaͤft, ohne ein Wort mehr zu ſprechen. Der Nuwab beſuchte taͤglich die ſchoͤne Per⸗ ſerin, die nun heiterer zu ſeyn ſchien, und oft auf die Erzaͤhlungen der andern Maͤdchen des Zenana hoͤrte, auch wirklich ſelbſt eine erzaͤhlte. Mit Vergnuͤgen ſah der Nuwab dieſe Veraͤnde⸗ rung, und hoffte, am Ende des Jahres eine guͤnſtige Antwort zu erhalten; auch feylten nun nur noch zwei Monate bis zu ſeinem Ablauf. Jedem Wunſche des Maͤdchens kam der ver⸗ liebte Nuwab zuvor, der ſeine Aufmerkſamkeit ſeit der gluͤcklichen, mit ihr vorgegangenen Ver⸗ aͤnderung verdoppelt hatte. Er verwuͤnſchte die Aſtrologen Tag und Nacht, indem er ſagte: „waͤren dieſe unwiſſenden Dummkoͤpfe nicht ge⸗ 131 weſen, ſo waͤre das Maͤdchen ſchon lange meine Gemahlin.“ Waͤhrend er ſo von kuͤnftiger Se⸗ ligkeit traͤumte, dachte er nicht daran, daß der Mann, der ihm dieſe Schoͤnheit verſchafft, da⸗ mit umgehe, ihn derſelben zu berauben; aber es war wirklich ſo, denn Moye⸗ed⸗din'’s raſtloſer Geiſt, der fuͤr ſeine eigene Bequemlichkeit und Ruhe immer neue Plane erſann, ſah, mit dem Ende des Jahres neue Noth und Unruhe voraus. Um die zwoͤlfte Stunde, als Dunkelheit die Erde bedeckte, verkleidete ſich der Deewan als Perſer, ſtieg ſeine geheime Treppe hinab, und ſchritt durch enge Wege und dunkle Gaͤßchen auf die Wohnung des Braminen zu. Die Nacht war beſonders dunkel und finſter; nur wenige Sterne waren am Himmel ſichtbar, und uͤber alle Gegenſtaͤnde rings umher war ein dichter Nebel gezogen. Keine Seele ſtieß ihm auf ſei⸗ nem Wege auf, kein Laut kam ihm zu Ohren, außer der Geſang einiger tanzenden Maͤdchen in weiter Entfernung, und der einfoͤrmige Ton des Puck⸗waz*). Er klopfte an die Thuͤre des Braminen— keine Antwort; er klopfte noch einmal— immer noch kein Zeichen von den Be⸗ wohnern des Hauſes; er wagte es endlich leiſe zu rufen:„Mharaj! Ho, Mharaj! He, Bra⸗ mine! oͤffne die Thuͤre, Bruder!“ und viele ſolche Aufforderungen, aber die Thuͤre blieb *) Eine kleine, laͤngliche, runde Trommel, die beſtaͤndige Begleitung des Geſanges der tanzen⸗ den Maͤdchen. — * 152 verſchloſſen. Endlich machte er eine Entdeckung, welche es ihm hinreichend erklaͤrte, warum die Thuͤre von innen nicht gedffnet wuͤrde: daß ſie naͤmlich von außen verſchloſſen ſey, durch eine ſtarke Kette und ein Vorlegeſchloß auf dem Bo⸗ den, an welches zufaͤllig ſein Fuß ſtieß.„So habe ich alſo,“ dachte der Deewan,„alle dieſe Muͤhe umſonſt gehabt; noch allem dieſem iſt das Haus unbewohnt. Er wollte daher wieder nach Hauſe zuruͤckkehren, als er die Geſtalt eines Mannes zu ſehen glaubte, der durch die Pi⸗ ſangbaͤume ſchlich, mit denen das Haus um⸗ geben war; aber die Dunkelheit der Nacht war ſo dicht, daß ſich leicht die Sinne taͤuſchen konn⸗ ten, er war deßhalb ſehr geneigt zu glauben, er habe ſich geirrt, und eilte mit ſchnellen Schrit⸗ ten weiter. Als er an einem Mangobaum vor⸗ uͤbergieng, fiel zu ſeinem nicht geringen Schrecken und ſeiner Beſtuͤrzung etwas auf ihn, das er fuͤr ein großes Fiſchernetz erkannte. Er hatte nicht lange Zeit daruͤber nachzudenken, denn aus den Buͤſchen ſtuͤrzten etliche Maͤnner her⸗ vor, welche an den Enden des Netzes zogen und ihn, trotz ſeiner Bemuͤhungen, ſich heraus⸗ zuwinden, zu ihrem Gefangenen machten; ein Strom von Schmaͤhungen ergoß ſich uͤber ihn, von mehreren rauhen Stimmen, und er wurde verſtrickt in die Maſchen des Fiſchernetzes, auf den Boden gezogen. Auf einmal fuͤhlte er, daß man ihn vom Boden aufhob und an einen Aſt des Mangobaumes knuͤpfte, ſeine Fuͤße betraͤcht⸗ lich hoͤher als ſeinen Kopf. Er wollte ſchreien, 133 als ihm ein grobes Tuch uͤber das Geſicht ge⸗ zogen wurde, das ſeinen Mund bedeckte, und ihn verhinderte, ſeinen Schmerzen Luft zu ma⸗ chen. Er glaubte nun, man wuͤrde ihn die Nacht in dieſer Lage laſſen, und ihm weiter keine Gewaltthaͤtigkeiten zufuͤgen; aber ſein Irr⸗ thum wurde ihm bald benommen, als er den Rattan auf ſeinem Hintern fuͤhlte, von deſſen Streichen er ſich kruͤmmte und ſich bhin und her ſchwang, bis er vor Muͤdigkeit nicht mehr konnte. Jedem Streiche folgten die heftigſten Schmaͤ⸗ hungen, und er bildete ſich ein, ja wurde uͤber⸗ zeugt, daß er eine von den Stimmen kenne; aber wenn er je geneigt war, ſich zu erkennen zu geben, ſo verhinderte ihn das Tuch um den Mund, ein Wort hervorzubringen. „Wir wollen dich lehren, in dieſer Stadt hoͤflicher zu ſeyn, du feiner Geſelle,“ ſagte ei⸗ ner der Maͤnner;„hol' mir einen andern Stock; nein, halt, bring' mir jenes Buͤndel lederner Riemen. Ja, dieß iſt das wahre!’ Auf dieſes wurde ſchleunig der wundgeſchlagene Leib des armen Moye ed⸗din mit denſelben tuͤchtig bear⸗ beitet, der nur im Stillen ſeufzen und ſein un⸗ gluͤckliches Geſchick verwuͤnſchen konnte, das ihn in eine ſolche Noth hatte gerathen laſſen. Endlich brach der Strick, an welchem er auf⸗ gehaͤngt war, oder gab nach, und er ſtuͤrzte auf den harten Boden mit einer Gewalt, daß er beinahe den Ruͤckgrath gebrochen haͤtte. Die An⸗ greifer begnuͤgten ſich, ihn mit Erdſchollen zu werfen, die beinahe ſo hart als Steine waren, 134 und uͤberließen ihn ſeinem Schickſale, indem ſie mit lautem Gelaͤchter davon giengen. Wie der Löwe in der Fabel, haͤtte der mißhandelte Moye⸗ ed⸗din ſich gerne der Zaͤhne der Maus bedient, um ſich aus den Schlingen des Fiſchernetzes zu machen; vergeblich ſtrengte er ſich an, die Ma⸗ ſchen zu zerreißen, oder ein Loch zu finden, durch das er hindurch kriechen koͤnnte; endlich gelang es ihm nach hartem, angeſtrengtem Kam⸗ pfe, ſeine Arme frei zu machen, und da er ſich ſeines Dolches erinnerte, zog er dieſen und ſchnitt bald ſeine Banden durch. Er befreite ſeinen Mund von dem Tuche, und athmete nun wieder frei die Luft des Himmels. Ehe er ſeinen Marſch nach Hauſe antrat, wuͤnſchte er eine Weile auszuruhen, aber ach! als er es verſuchte ſich niederzuſetzen, fuͤhlte er die Fol⸗ gen der erhaltenen Schlaͤge ſo ſehr, daß er ge⸗ noͤthigt war, jeden Gedanken an Nuhe in die⸗ ſer Lage aufzugeben. Was ſeine Verlegenheit noch vermehrte, war, daß einer von ſeinen Pan⸗ toffeln auf irgend eine Weiſe verſchwunden war, und alle ſeine Bemuͤhungen, ihn wieder zu be⸗ kommen, mißgluͤckten; er war deßhalb gendihigt, mit einem Schuh nach Hauſe zu hinken, in⸗ dem er, wie man ſich einbilden kann, große Schmerzen von den Wirkungen des Rattans und der ledernen Riemen empfand. Zwei Uhr war laͤngſt voruͤber, ehe er die Thuͤre zu ſeiner geheimen Treppe erreichte, wo alles ſtill war wie im Grab; in ſeinem Zim⸗ mer angelangt, warf er ſich halbtodt auf ein —— — — — 13⁵ Ruhebett, in der Hoffnung, am naͤchſten Mor⸗ gen von den Schmerzen, die er ausſtand, frei zu ſeyn. Es wird hier noͤthig ſeyn, die oben erzaͤhlten außerordentlichen Vorfaͤlle naͤher zu erklaͤren, und hiezu muß ſich der Leſer in Ge⸗ danken den Verdruß und Aerger Bupxoo⸗bhaͤ's, des Barbiers, vorſtellen, als er den Entſchluß ſeines Herrn hoͤrte, nichts zur Beſtrafung des unverſchaͤmten Perſers zu unternehmen, der ihm fuͤr ſeine freundliche Warnung ſo ſchlecht be⸗ zahlt hatte. Der Aerger des Barbiers war ſo groß, daß er beſchloß, ſich gegen den erſten be⸗ ſten Freund, der ihm aufſtoßen ſollte, Luft zu machen; als er bei der Bude eines Lederarbei⸗ ters voruͤbergieng, fragte er, ob ſein Abziehle⸗ der fertig ſeye, das er vor einigen Tagen be⸗ ſtellt habe? „Hier iſt es, Buxoo,“ ſagte Scheik Chumra, der Lederhaͤndler,„und ich ſtehe dir dafuͤr, daß es deine Scheermeſſer ſo ſcharf machen wird, daß du allen deinen Kunden nach einander den Hals abſchneiden kannſt, ohne daß es ſtumpf wird.“ „Dank dir, Bruder,“ ſagte der Barbier,„aber da ich keine ſo boͤſe Abſichten habe, ſo werde ich deine Verſicherung auch nicht erproben koͤn⸗ nen; doch es iſt da ein Kerl, den ich unter meine Klauen zu haben wuͤnſchte— ich wollte nur, ich koͤnnte ihn bekommen, beim Allah! aber ich glaube, ich habe mich umſonſt ſchlagen laſſen muͤſſen.“ 3 „Schlagen! Bruder Buxoo? wer hat es ge⸗ wagt, dich ſo zu behandeln? Dich, einem un⸗ 136 ſerer aͤlteſten und angeſehenſten Buͤrger! Buxoo erzaͤhlte die Geſchichte von dem Angriffe des Perſers auf ihn, und die Unmoͤglichkeit, Huͤlfe zu erhalten, worauf Scheik Chumra ſeine Au⸗ gen erhob, und ſagte:„iſt es moͤglich, daß ein ſchurkiſcher Scheah es wagt, einen guten und frommen Suni ſo zu behandeln? Die That ſchreit um Rache; Bruder, wir duͤrfen dieß nicht ſo hingehen laſſen; unſer Stand, unſere Religion, fordert Genugthuung, und wenn wir keine Huͤlfe erhalten koͤnnen, muͤſſen wir ſelbſt das Geſetz handhaben; ich will dir von ganzem Herzen beiſtehen, Buxoo; wir wollen den Kerl lehren, die Einwohner von Surat zu reſpecti⸗ ren und ſie nicht zu beleidigen.“ Scheik Chumra war ein ſehr eifriger und bigotter Suni, und trug einen toͤdtlichen Haß gegen alle anders glaͤubigen Mahomedaner. Bupoo, der dieß wohl wußte, ſtand daher gar nicht an, die ihm wiederfahrene Mißhandlung zu erzaͤhlen; er war entzuͤckt uͤber die Waͤrme, mit der der Lederhaͤndler ſich ſeiner Sache an⸗ nahm, und erklaͤrte ſich bereitwillig, in jeden Plan rinzugehen⸗ den ſein Freund entwerfen wuͤrde.. „Wo wohnt der Schurke, Bupoo? „Oh, ich weiß wo er zu finden iſt; er hat ſeine Wohnung bei dem Braminen⸗Aſtronom genommen, bei Tage, verlaͤßt ſie aber um Mit⸗ ternacht, wohin er dann geht, weiß ich nicht.“ „Dieß iſt ein Gluͤck, Bruder Bupxoo; wir wollen ihm auflauern und ihm ſolche Pruͤgel ——— 137 geben, wie er noch nie bekommen hat, und nie wieder in ſeinem ganzen Leben bekommen wird.“ „Aber wie iſt dieß zu machen? zwei ſind nicht hinreichend.“ „Laß mich nur machen, Buxoo; ich weiß einige Burſche, die uns helfen werden; durch mein Geſchaͤft lerne ich auch oft die Gemuͤths⸗ art meiner Kunden kennen, wie du durch das deinige. Siehſt du das Fiſchernetz in jenem Winkel? Man hat es mir geſchickt, um neue Riemen daran zu machen, und die Eigenthuͤ⸗ mer werden bald kommen; dieſe Kerls uͤberneh⸗ men es um ein Paar Rupien und eine Flaſche Branntwein, den Scheah breiweich zu ſchlagen.“ „Thun ſie das wirklich, Scheik Chumra 2 ich will ſie freigebig belohnen, verlaß dich drauf.— Geſchlagen hat er mich, wie wenn ich ein Wurm waͤre— ein kriechendes Thier.— Ich mag gar nicht daran denken.“ „Auch ich nicht, Bruder: du ſollſt geraͤcht werden, Bruder. Hier kommen die Fiſcher; uͤber⸗ laß Alles mir, und halte dich ſtille, bis ſie fort ſind.“ Es iſt genug, wenn wir ſagen, daß die Fi⸗ ſcher bei der Sache ihren Beiſtand verſprachen; und daß ſie dieſelbe gluͤcklich ausfuͤhrten, haben wir bereits geſehen, nur daß ſie einen kleinen Jrrthum begiengen, indem ſie den erſten Mini⸗ ſter, ſtatt des Perſers, abpruͤgelten; doch war dieß nicht ihre Sache; ſie haͤtten jeden gepackt, der ihnen von dem Barbier und ſeinem Freunde, dem Lederarbeiter, bezeichnet worden waͤre; die⸗ 138⁸ ſer wartete eine Zeitlang vor der Thuͤre des Braminen, und da er niemand weder herein noch herausgehen ſah, beſorgte er ſchon, ihr Plan wuͤrde mißlingen, als ſie zu ihrer Freude den ungluͤcklichen Moye⸗ed⸗din an das Haus klopfen ſahen. Um gewiß zu ſeyn, daß es auch ihr Schlachtopfer waͤre, ſchlich ſich Buxoo un⸗ ter die Piſangbaͤume, und da er die hohe, ſchwarze, wollene Muͤtze, die der ungluͤckliche Moye⸗ed⸗din auf dem Kopf hatte, erblickte, eilte er zu ſeinem Freunde zuruͤck, und ſagte ihm, daß es wirklich ihr Mann, der Perſer, ſeye. Da der Gang enge war, ſo wußten ſie, daß ihr Schlachtopfer unter dem Mangobaum vor⸗ bei mußte, und Buxoo machte den Plan, ihn in dem Netze zu fangen, welches ſie in der Ab⸗ ſicht mitgenommen hatten, den Perſer darein zu wickeln, wenn er ſeine Zuͤchtigung erhalten haͤtte, in der Hoffnung, ihn dem Gelaͤchter der Fi⸗ ſcher und Voruͤbergehenden am naͤchſten Mor⸗ gen auszuſetzen. Nachdem es ihnen, wie wir geſehen haben, gelungen war, einen Mann zu fangen und durchzupruͤgeln, belohnte Bupoo die Fiſcher frei⸗ gebig, und bat ſie jezt, auseinander zu gehen, indem er ſelbſt mit ſeinem Freunde, dem Le⸗ derhaͤndler, heimkehrte. Der Barbier erſchien wie gewoͤhnlich in dem Palaſte des Deewan, wo er eine ganze Stunde wartete, bis er be⸗ rufen wurde, neugierig, was wohl die Uürſache eines ſo ungewoͤhnlichen Verzugs ſeyn koͤnnte. Die Sonne war aufgegangen, der Durbar of⸗ 159 fen; er wagte es, an die Kammerthuͤre ſeines Herrn zu klopfen, aber erhielt keine Antwort, er nahm ſich endlich die Freiheit, ſie zu oͤffnen, indem er dachte, es koͤnne nichts Unrechtes daran ſeyn, einen Blick hineinzuwerfen. Aber wie groß war ſeine Beſtuͤrzung und ſein Schre⸗ cken, als er den Deewan erblickte, feſt einge⸗ ſchlafen, und in der Mitte des Zimmers einen derſiſchen Turban. Auf einmal regte ſich der Deewan in ſeinem Bette, und der erſchrockene Barbier machte die Thuͤre zu und ſchlich ſich, den Fragen des Dieners nach ſeinem Herrn aus⸗ weichend, leiſe die Treppe hinab. Unfaͤhig, ſeine Furcht fuͤr ſich zu behalten, eilte er zu ſeinem Freunde, dem Lederarbeiter, bei dem er athemlos vor Schrecken ankam. „Nun, nun, Buxoo!“ fragte Scheik Chumra, „hat der Perſer dich zum zweitenmal geſchla⸗ gen? Ich ſollte meinen, wir haͤtten ihm auf ein oder zwei Tage genug Beſchaͤftigung gege⸗ ben, waͤre es auch nur, um ſeine Schwielen zu heilen.“ „Bei Allah und den zwoͤlf Jmaums! Scheik Chumra, wir haben den Deewan ſelbſt geprü⸗ gelt. „Wie, Buyoo, biſt du nicht recht bei Sin⸗ nen 2. „In Wahrheit, es waͤre genug Grund da, es zu werden;— Ach! daß ich den erſten Mi⸗ niſter gepruͤgelt habe!“ „Erklaͤre dich doch deutlicher, Bruder, und halte mich nicht ſo lange hin.“. 140 Buypoo erzaͤhlte nun Alles, wovon er Zeuge geweſen war, und daß der Deewan nicht zur gewohnlichen Stunde aufgeſtanden ſey, beſtaͤrke ihn, ſagte er, in der Meinung, daß er es wirklich ſey, den ſie ſo unbarmherzig gezuͤch⸗ tigt;„ich Thor, der ich war,“ fuhr Buxoo fort,„mußte ich auch meinen Mund oͤffnen, um ihn zu ſchmaͤhen, waͤhrend du mit deinen ledernen Riemen zuſchlugſt! Er muß mich an meiner Stimme erkannt haben.“ „Bruder Buxoo, wenn dieß wahr iſt, ſo iſt dieß wirklich ein ſchlimmer Handel; aber ich hoffe, du habeſt dich geirrt. Ich bin eher ge⸗ neigt, mir die ſchwarze wollene, perſiſche Muͤtze anders zu erklaͤren, denn wahrſcheinlich hat der Perſer den Deewan beſucht, und ſich bei ihm uͤber die erlittene Mißhandlung beklagt.“ „Ach, Scheik Chumra! aber die Muͤtze. Die hatte er doch nicht zuruͤckgelaſſen, und du kannſt nicht glauben, daß er im naͤmlichen Zimmer mit dem Deewan geſchlafen hat.“ „Wahrhaftig, Bruder, ich weiß mir wirk⸗ lich die Sache nicht zu erklaͤren, aber haben wir nun den Deewan, oder den Perſer gepruͤ⸗ gelt, ſo muͤſſen wir nothwendig Eines beobachten.“ „Was?“—„Stillſchweigen.“ „Aber der Deewan muß nothwendig meine Stimme erkannt haben.“ „Verlaß dich darauf, er iſt zu klug, um uͤber die Sache auch nur ein Wort zu ſprechen; iſt er geprügelt worden, ſo wird es ihm ſeine Wuͤrde nicht geſtatten, es zu geſtehen. Geh A 141 wieder zuruͤck, kraͤusle ſeinen Bart, und kleide dein Geſicht in Unſchuld.“ „Aber wenn er mich uͤber die Sache befra⸗ gen ſollte. „Laͤligne es.”—„D= wird mir nichts helfen. 5. „So bekenne es.“= Das wird mein Ver⸗ derben ſeyn.“ „So mache es, wie es dir gefaͤllt. Ich weiß nichts, als daß, wenn wir den Miniſter ge⸗ pruͤgelt haben, es ein Capitalſpaß iſt, den man in den Annalen unſerer Zeit aufzeichnen ſollte.“ „Ach, Bruder, du haſt gut ſcherzen, deine Stimme hat der Deewan nicht gehoͤrt, aber meine plappernde Stimme hoͤrt er alle Tage und kann ſich da nicht irren.“ „Nun, Bupoo, mach' eine gute Miene zum ſchlimmen Spiel; ich muß nun meine Geſchaͤfte beſorgen, geh du an das deinige, und Gott behuͤte dich!“ Hiemit begann er ruhig an ſei⸗ nem Leder zu ſchneiden, und ſprach kein Wort mehr. Der ungluͤckliche Buxoo kehrte in den Palaſt zuruͤck, wo er erfuhr, der Deewan waͤre noch nicht aufgeſtanden:„Er war es,“ ſprach der Barbier bei ſich ſelbſt,„er war es, es iſt kein Zweifel.“ „Wer war es? fragte der Jemmidar der Wache. 4 „Oh, nichts Herr, nichts! nein, er war es nicht, er konnte es nicht ſeyn.“ „Wer nicht?2“ „Nun, Herr, ich dachte an einen Mann, 142 dem ich ſo eben begegnete, und den ich glaubte ſonſt wo geſehen zu haben. Dieß iſt alles, Herr; aber er war es nicht.“ Nun kam ein Diener aus den obern Zim⸗ mern und befahl einen Hircarrah, nach dem Arzt zu ſenden, und Buxoo, der es nicht wahr⸗ ſcheinlich fand, daß man ſeine Dienſte verlan⸗ gen werde, gieng ruhig nach Hauſe. Der ungluͤckliche Moye⸗ed⸗ din hatte nicht einſchlafen konnen, bis es ungefaͤhr die gewoͤhn⸗ liche Stunde des Aufſtehens war, und ſo un⸗ ruhig war ſein Schlummer, daß, als er ſpäͤt aufwachte, er ſich muͤde und fieberhaft fand, und gar nicht erquickt durch ſeine kurze Ruhe; er war an allen Gliedern wund und ſteif, ja ſein Ruͤcken hatte eine ſtarke Quetſchung erlit⸗ ten, welche ihn auf eine einzige Lage im Bett beſchraͤnkte, und es ihm voͤllig unmoͤglich machte, ſein Bett wenigſtens dieſen Tag zu verlaſſen. Das erſte, worauf ſein Auge fiel, was die un⸗ ſelige Urſache aller ſeiner Leiden, der perſif ſche Turban, den er, ehe er einen Diener rief, be⸗ ſorgt war bei Seite zu ſchaffen: aber es war nicht leicht, denſelben zu erreichen, und wenn ihm dieß auch gelaͤnge, ſo wußte der arme Dee⸗ wan doch nicht, was er mit ihm anfangen ſollte. Endlich erinnerte er ſich ſeines Schwerd⸗ tes, das zu den Haͤupten ſeines Ruhebettes ſtand, und nachdem es ihm mit vieler Muͤhe und Schmerzen gelungen war, dieſes zu erreichen, brachte er die unſelige Muͤtze an die Seite des Bettes. Ermuͤdet durch die Anſtrengung, lag 3.— 145 er da und uͤberlegte, wie er ſie am beſten ver⸗ bergen koͤnnte, und da es ihm unmoͤglich war aufzuſtehen, und ſie in ſeine Garderobe zu wer⸗ fen, legte er ſie an ſeine Seite und bedeckte ſich mit ſeinem Pullung⸗poſch*). Nachdem er ſich etwas erholt, wuͤnſchte er ſich Gluͤck, daß niemand die wollene Muͤtze in der Mitte des Zimmers geſehen habe, und rief einen Diener, dem er befahl den Arzt zu rufen. „Und der Barbier, Herr?“ ſagte der Die⸗ ner,„er war zwei Stunden lang da.“ „Verflucht ſey ſeine Unverſchaͤmtheit,“ mur⸗ melte der Deewan, nachdem er laut und zor⸗ nig ſagte:„den Doctor, Kerl, habe ich dir he⸗ fohlen zu mir zu ſchicken.“ Der Mann ver⸗ beugte ſich und gieng, ſeinem Befehle zu ge⸗ horchen. Die Stadt Surat hatte zwei Hukeems 3), die nicht wegen ihrer Gelehrſamkeit, ſondern wegen ihrer Unwiſſenheit beruhmt waren; und — das Widerſpiel der Aſtronomen, die in kei⸗ nem Punkte uͤbereinſtimmten— hatten ſie im⸗ mer die gleichen Anſichten, verordneten die glei⸗ chen Mittel, und verlangten die gleiche Bezah⸗ lung. Haͤtte Pedeß einer von dieſen Weiſen ein Fuͤnkchen mehr Verſtand als der andere be⸗ ſeſſen, ſo haͤtte ihre Einigkeit nicht beſtanden; ihre Unwiſſenheit. allein befrſtigas ihre Freund⸗ ſchaft. *) Bettdecke. **) Doctoren. 144 Da es jedoch unmöglich war, daß zwei Sterne gleicher Groͤße in der naͤmlichen He⸗ misphaͤre ſcheinen konnten, betrachtete ſich einer dieſer geſchickten Aerzte als den erſten, und ihm war der Vorrang vor dem andern geſtattet. Der Name dieſes gluͤcklichen Mannes war Syud Na⸗ kil*), und der ſeines Collegen Hukeem Jihil*). Dem Erſteren wurde allgemein der Vorrang zu⸗ erkannt, weil er das Moghul⸗Serai bediente und die reichen Mahomedaner beſuchte, die hier wohnten; waͤhrend der Leztere ſeine Praxis haupt⸗ ſaͤchlich in dem Bazaar und der Umgegend hatte. In ſchwierigen Faͤllen ſtanden dieſe weiſen Maͤn⸗ ner nicht an, einander um Rath zu fragen; nicht daß etwas Großes aus dieſem vermehrten Capitale der Unwiſſenheit erwachſen waͤre; ſon⸗ dern man hiezu oft ſeine Zuflucht, um dem Patienten Vertrauen einzufloͤßen, der, wie oft atienten, glauben konnte, zwei Koͤpfe ſeyen beſſer als einer; und noch viel oͤfter ergriff — man dieſe Maaßregel, um in die Taſchen eines jeden eine Belohnung zu bringen. Zufaͤllig war an dem Morgen, an dem der Miniſter die aͤrztliche Huͤlfe verlangte, Hukeem Jihil zu Syud Naͤhil, in ſeine Wohnung am Moghul⸗Serai, eines Berufsgeſchaͤftes wegen gerufen worden, wo folgendes Geſpraͤch vorfiel: „Dumagh Ctrak Uſt? es) fragte der Ba⸗ *) Dummheit. 8— ***) Unwiſſenbeit.- ***)„Iſt dein Gehirn geſund?: Ein perſiſcher Gruß. 145 zaardoctor, als er in das Zimmer des elegan⸗ teren Empirikers trat:„In der That, es war mir in meinem Leben nicht ſo wohl, mein wer⸗ ther Freund, was bringſt du fuͤr Neuigkeiten 2 „Nun, redlicher Syud, wenn es eine ſchlim⸗ me Neuigkeit iſt, daß ein Patient ſterben wird, dann iſt die meinige wirklich eine traurige Nach⸗ richt, denn ſterben muß er.“ „Ach, Bruder Jihil! Ich fuͤrchte, du meinſt den armen Ibn⸗al⸗Agibz haben die Sterne ge⸗ gen ihn entſchieden 2*⸗ „Leider! war er nicht im Stande, ſich an ſie zu wenden, ſondern hat mich dieſe drei Mo⸗ nate gebraucht, und meine Antwort iſt nichts weniger als guͤnſtig fuͤr ihn.“ „Aber du wirſt doch nicht ſo thoricht gewe⸗ ſen ſeyn, ihm dieſes zu ſagen 2* „Ich denke, ich verſtehe mein Geſchaͤft beſ⸗ ſer, Syud; koͤnnte ich wohl ſo grauſam ſeyn, und meinem Patienten ſagen, er muͤſſe ſterben?*⁵ „Nein, Bruder, auch nicht ſo dumm, denn du weißt, daß es dann ein Ende mit unſerer Belohnung haͤtte.“ „Ich habe dieß alles erwogen, Bruder, ver⸗ laß dich drauf.“ „Oh! du biſt zu gut, Bruder Hukeem. Aber im Ernſte, haſt du keine Hoffnung zu ſei⸗ ner Geneſung 2⸗ „Nicht die geringſte; doch kann es vielleicht noch ſeyn, wenn du mir beiſtehen willſt.“ „Sag' an, mit Vergnuͤgen.“ „Wenn man ihm die Fuͤße abnimmt.“ Ind. Serail. 7 „Die Faͤße abnehmen! Bruder Hukeem, nein, nein! dieß wird ihn toͤdten, aber kann ibn nicht heilen; und wenn dann der Patient ſtirbt, was werden die Leute ſagen?— nichts anderes, als daß wir ihn getöoͤdtet haben durch unſer Beinabſaͤgen, da er ſonſt odllig ge⸗ ſund worden waͤre. Nein, nein, Bruder! denke nicht an ſo unſichere Mittel. Ich will durch⸗ aus nichts mit Fußabnehmen zu thun haben. Laß es gehen, wie es iſt.“ „Der Brand greift immer weiter um ſich.“ „So laß es; und wenn er ſtirbt, ſo kann uns das Volk keine Schuld geben, ſondern der Baſtonade.“ „Ein vernuͤnftiges Urtheil, Bruder Spud; daran habe ich nicht gedacht.“ „Sey verſichert, dieß iſt der einzige Weg. Der Haupturſache der Verwundung, Krankheit oder Unpaͤßlichkeit muß man dann die Schuld beimeſſen, nicht den Dockoren, welche man nur beruft, um die Heilung der Folgen derſelben zu verſuchen. Wenn nun dein Patient ſtirbt, ſchuͤttle den Kopf; aber merke dir's, ſage du nicht, die Baſtonade habe ſeinen Tod herbeigefuͤhrt, oder ich haͤtte dir beiſtehen ſollen. Laß das Volk ſa⸗ gen, was es will, und ſollten ſie ſich wegen ih⸗ rer Thorheit pruͤgeln, nur deſto mehr Arbeit fuͤr uns.? „Ein pernuͤnftiges Urtbeil; ein vortreffiicher Rath, Spud.“ „Sey verſichert, dieß iſt der einzige Weg. Nun, ich wurde den andern Tag zu einem 147 Weibe gerufen, die von einer Katze gebiſſen wor⸗ den iſt; du weißt, ich hatte immer einen Ab⸗ ſcheu vor Katzen, und ſchauderte deßhalb, als ich die Folgen von dem Biſſe dieſes falſchen Thieres ſah. Ich haͤtte meine Patientin wahr⸗ ſcheinlich curiren koͤnnen, haͤtte ich den ange⸗ griffenen Theil geſchnitten oder gebrannt; aber waͤre dann das Weib geſtorben, was waͤre die Folge geweſen? Nun, das Volk haͤtte geſagt, ich ſey noch ſchlimmer als eine Katze; und ſo wuͤrde man auch im gegenwaͤrtigen Falle von dir ſagen, du ſeyeſt ſchlimmer als der Rattau.“ „Vernuͤnftig, ſehr vernunftig, Bruder! Du haſt Recht, wie immer.“ „Man bhaͤtte mir auf der Straße mit Spott⸗ namen nachgerufen. Nennen mich doch die Bu⸗ ben, weil ich mich vor Katzen fuͤrchte, Billee**) Hukeem.“ „Vernuͤnftig, ſehr vernuͤnftig!“ „Was iſt vernuͤnftig 2 Daß der Poͤbel un⸗ ſere Profeſſion mit Schimpfnamen belegt 2 „Schaͤndlich, ſehr ſchaͤndlich! Ich wollte, ſie wuͤrden geſtraft, Bruder Spud; aber ſtarb das Weib?““ „Nein, aber ſie war lange Zeit übel daran; und da ſie gerade ſchwanger war, als ſich der Unfall ereignete, ſo hat das Kind, von dem ſie entbunden wurde, das Zeichen eines Katzen⸗ kopfes auf der Bruſt.“ „Was du nicht ſagſt!“ *) Indiſcher Name fuͤr die Katze. „ 6 146 „Ja, doch iſt mir dieß gleich. Es hat nie⸗ mand mir die Schuld gegeben, ſondern der Katze.“— „und das mit Recht, Bruder. Ich will mit dem Pflaſter auf dem Fuße des armen Agib fort⸗ fahren. Nichts ſchneiden, nein, nein, ich ſehe, das geht nicht an.“ Hier wurden die gelehrten Doctoren durch die Ankunft von des Deewan's Diener unter⸗ brochen, der Syud Nahilln eilig in den Palaſt berief. „Gott erhalte uns!« rief Spud;„der Dee⸗ wan krank! Ich komme;— ſag' ihm, ich fliege.“ Der Bote gieng, und der Hukeem Jihil ergriff die Gelegenheit, ſeinem Collegen zuzu⸗ fluͤſtern, ſeiner nicht zu vergeſſen; eine ſolche Gelegenheit ſey nicht zu verſchmaͤhen. „Verlaß dich drauf, ich will dich nicht ver⸗ geſſen, Hukeem; das heißt, wenn es mir die Umſtaͤnde erlauben, dich rufen zu laſſen. Deß⸗ halb bleibe hier, im Fall ich deiner beduͤrfte.“ „Im Falle, Bruder? Ich verſtehe dich nicht; wenn der Deewan krank iſt, ſo muß er zwei Doctoren haben; nicht, als ob ich nicht zuge⸗ ſtaͤnde, ein Mann von deiner Geſchicklichkeit ſeye ganz hinreichend. Aber du weißt, ſeine Ehre, und unſer Vortheil.“. „Wohl, wohl! ich laffe dich holen, verlaß dich drauf, aber ich muß fort; die Sache leidet keinen Aufſchub.“ Hiemit rannte er aus dem Hauſe und flog durch die Straßen, waͤbrend die Kna⸗ 149 ben ihr gewoͤhnliches„Billee Hukeem!“ hinter ihm her ſchrien. Das dringende Geſchaͤft, und der Rang ſeines Patienten ließ ihn darauf keine Ruͤckſicht nehmen; er lief mit immer glei⸗ cher Schnelligkeit fort, und erreichte bald den Palaſt, wo man ihn vor das Bett des Patien⸗ ten fuͤhrte. „Der Himmel erhalte dich, Herr! Ach daß ich dieſen Tag erleben mußte! Darf ich nach der Urſache dieſes Ungluͤcks fragen. Die ganze Stadt trauert uͤber dieſen Unfall. Moͤge mir Allah doppelte Geſchicklichkeit verleihen bei die⸗ ſem traurigen Vorfall.“ „Komme hieher, Syud,“ ſagte Moye⸗ed⸗din; „ich habe eine ſchwere Quetſchung erlitten.“ „Eine Quetſchung, Herr! wo, wo?« hie⸗ mit hob er geſchwind die Bettdecke auf, zog ſich aber ſchnell wieder zuruͤck, indem er voll Schrecken zum Erſtaunen aller Umſtehenden aus⸗ rief:„Bei Allah! eine ſchwarze Katze! Um's Himmels willen, Herr, entferne ſie; wenn ſie dich gebiſſen hat, ſo fuͤrchte ich, du wirſt an die Folgen denken.“ Der Deewan konnte nicht be⸗ greifen, was dieſer ſeltſame Ausruf bedeute, der den Lippen des Doctors entſchwebte; er glaubte ſchon, es ſey wirklich eine Katze in ſein Bett ge⸗ krochen, und griff darnach; da entdeckte er die ſchwarze wollene perſiſche Muͤtze, welche er, da er keinen andern Platz fuͤr ſie finden konnte, wie man ſich erinnern wird, unter ſein Bett geſchoben hatte. Halb im Zorne uͤber den Doc⸗ tor, halb un Aerger uͤber ſich ſelbſt, rief er: 150 „Pay! Doctor, biſt du nicht recht bei Sin⸗ nen? Es iſt keine Katze da, und waͤre es auch, was koͤnnte ſie dir zu Leide thun?“ Hiemit ſchob er die Muͤtze unter das Kopfkiſſen, und der Doctor naͤherte ſich nun wieder. Die Die⸗ ner mußten jezt das Zimmer verlaſſen, und der Deewan begann ſeine Geſchichte von der Quetſchung. Syud, nachdem er noch einmal zugehoͤrt, fragte, ob es gewiß waͤre, daß keine Katze im Bett ſey, und nahm dann eine ernſt⸗ hafte Miene an, indem er ſagte:„Eine Quet⸗ ſchung, Herr, iſt von allen Dingen, die einem Manne zuſtoßen koͤnnen, das gefaͤhrlichſte; ſie verurſacht oft—*° „Ich will nicht wiſſen, was ſie verurſacht; ich weiß dieß beſſer als du es mir ſagen kannſt. Ich bedarf deiner um das zu heilen, was ſie verurſacht— naͤmlich Schmerzen und Leiden.“ „Mit Erlaubniß, Herr, ich wollte vorhin ſagen, Schmerzen und Leiden ſeyen Kleinigkei⸗ ten, in Vergleichung mit den Folgen der Quet⸗ ſchungen. Schmerzen und Leiden ſind nur der Anfang. Aber wie ich ſehe, hoͤrſt du mich nicht gerne an; darf ich fragen, wie ſich der Unfall ereignete?⸗ „Rein, du darfſt keine ſo unverſchaͤmten Fragen machen; ſondern verordne ohne Verzug ein Mittel dagegen.“ „Das Mittel, Herr, muß der Krankheit an⸗ gemeſſen ſeyn; zum Beiſpiel, wollte ich bei ei⸗* ner Quetſchung, die durch einen Fall die Treppe hinab verurſacht wurde, daſſelbe Mittel anwen⸗ 151 den, wie bei einer Quetſchung, die durch einen Fall vom Pferde verurſacht wurde, ſo wuͤrde ich hoͤchſt unwiſſand und doͤchſt ungeſchickt ver⸗ fahren. Nicht immer kann man die gleichen Mittel anwenden, Herr. Aber da der deinige ein ſehr ernſtlicher Fall iſt, ſo muß ich mit deiner Erlaubniß, meinen Bruder Jihil herbei⸗ rufen, ehe ich den angegriffenen Theil unter⸗ ſuche.“ „Rufe wen du willſt, aber nur ſchnell. Hilf mir ſtatt des Geplauders— dieß iſt Alles, was ich verlange.“ Syud rief einen Diener, und befahl ihm, den Hukeem zu holen, den er in ſeinem Hauſe, im Moghul⸗Serai antreffen wuͤrde. Dann ſezte er ſich an das Bett ſeines Patienten, und ſprach kein Wort, bis man die Ankunft ſeines Bru⸗ ders Weißnichts meldete⸗. Sobald Hukeem Jißhil eintrat, redete ihn Syud mit den Worten an:„Ich habe dich holen laſſen, Bruder, in einem ſehr ſchwierigen Falle, wo ich nicht gerne allein handle:— un⸗ ſer edler Patient klagt uͤber eine ſtarke Quet⸗ ſchung, und ich habe ihm geſagt, daß man das rechte Mittel nicht baͤlder anwenden koͤnne, bis wir wiſſen, wie und auf welche Art ſich der Un⸗ fall ereignete, weil, wie du weißt, Quetſchung und Quetſchung oft ſehr verſchieden iſt, und ſich der Schaden nach der Art richtet, wie be⸗ ſagte Quetſchung entſtanden iſt. Zum Beiſpiel — ſowohl du, als ich ſelbſt, wiſſen, daß eine Quetſchung, die durch einen Fall vom Pferde 152 veurſacht wurde, und eine verurſacht durch ei⸗ nen Fall die Stiege hinab, zwei ganz verſchie⸗ dene Dinge ſind; und demnach verſchiedene Mit⸗ tel erfordern. Auch iſt gleichfalls, wie du weißt, ein Unterſchied zwiſchen einer Quetſchung, die man vorausgeſehen, und einer, die man nicht vorausgeſehen, das heißt, wenn Ciner weiß, daß er fallen wird, ſieht er natuͤrlich voraus, daß eine Quetſchung erfolgen werde, und kann ſich darauf vorbereiten, aber dieß kann er nicht, wenn er ganz unvorbereitet auf den Unfall iſt; wie zum Beiſpiel— wenn ſein Fuß auf einer Leiter ausgleitet, bei Stockſtreichen, oder(hier ſeufzte der Deewan) einem Fall von einem Baum; aus dieſen Gruͤnden nun, ſage ich, ſind wir be⸗ rechtigt, zu fragen, auf welche Weiſe unſer edler Patient Schaden genommen hat.“ „Vernuͤnftig, Bruder Syud, ſehr vernuͤnf⸗ tig! ein ganz vortreffliches Urtheil! In der That, Herr, wir muͤſſen wiſſen, auf welche Weiſe die Quetſchung verurſacht worden.”“ „Nun denn, wenn du es wiſſen mußt,“ ſagte der ungeduldige Deewan,„durch einen Fall von einem Baume.“ „Einen Fall von einem Baume!“ riefen beide Doctoren aus. „Ja, ſage ich dir nicht, daß es ein Fall von einem Baume war?“ Der erſtaunte Hukeem fluͤſterte ſeinem nicht weniger verwunderten Bruder zu:„Was, im Namen des Propheten! hat der erſte Miniſter auf einem Baume zu ſchaffen?“ 153 „Still!“ ſagte Syud leiſe; und ſich zu ſei⸗ nem Patienten wendend, ſprach er:„Nun, Herr, wenn mir dieß ſonſt jemand geſagt haͤtte, ſo wuͤrde ich die Wahrheit der Verſicherung ſehr bezweifelt haben, und geneigt geweſen ſeyn, zu bemerken: Freund, das iſt unmoͤglich; die er⸗ ſten Miniſter klettern nicht auf Baͤume.“ „Willſt du meine Quetſchung beſorgen, oder nicht?“ ſagte zornig Moye⸗ed⸗din. „Ja, Herr“ riefen die gelehrten Doetoren. „Kehre dich um; halt, wir wollen dir helfen. Sanft, Bruder Hukeem— hier, noch ein we⸗ nig nachgeholfen ſo.“ Hiemit entbloͤßten ſie des Deewans Schultern bis an die Huͤften; Moye⸗ed⸗din zog heimlich die Decke uͤber den am meiſten beſchaͤdigten Theil ſeines Koͤrpers, unter der Quetſchung auf ſeinem Ruͤcken, um nicht daruͤber befragt zu werden. Syud unter⸗ ſuchte die Quetſchung, und ſchuͤttelte den Kopf. Auch Hukeem unterſuchte ſie, und ſchuͤttelte eben⸗ falls den Kopf. „Wenn ereignete ſich der Unfall, Herr?⸗ fragte Syud. „Geſtern Abend.“ 4— „Und warſt du auf die Quetſchung vorberei⸗ ket 2 te 3 „Nein! Gott weiß, ganz unborbereitet auf irgend etwas der Art.“ „Was konnte er doch Abends auf einem Baume zu ſuchen haben ² flſterte Syud dem Hukeem zu.. „Nach einer Katze vielleicht,« ſagte Jihil mit unterdruͤcktem Lachen. 154. „Bei Allah, es muß ſo ſeyn; und es war eine Katze, was ich in ſeinem Bette ſah.“ „Ach Herr, wie kannſt du dein koſibares Leben in Gefahr ſetzen, indem du ſolche armſe⸗ lige Geſchoͤpfe verfolgſt 2* „Ich fage dir, ich weiß nichts von einer Katze,“ ſagte der Deewan;„mache in deinem Geſchaͤfte fort, und wage es nicht, mich in dem meinigen zu unterbrechen.“. „Dein Geſchaͤft, Herr! iſt jezt das unſrige⸗ und umgekehrt. Da wir nun durch Kenntniß der einzelnen Umſtaͤnde beſſer in Stand geſezt werden, die Heilung zu bewirken, ſo iſt es eben ſo natuͤrlich, als unſerm Berufe gemaͤß, daß wir erfahren, welches dieſe Umſtaͤnde ſind.“* „Die werdet ihr nie von mir erfahren. Seht zu, und fuͤrchtet meinen Zorn, wenn ich gene⸗ ſen bin, wenn ihr noch ein Wort von der Sache ſprecht.“. Die beiden Doctoren verſtummten zugleich, und warfen einander einen Blick zu, der ſo viel ſagen wollte, als: wir haͤtten lieber geſchwiegen. Syud befuͤhlte die Quetſchung, der Hukeem ebenfalls, und beide ſchuͤttelten den Kopf. „Haͤtteſt du, Herr,“ ſagte der Erſtere,„nach uns geſchickt, wie dieſer Ungluͤcksfall geſchah, ſo waͤren wir im Stande geweſen, dich außer Ge⸗ fahr zu ſprechen, indem wir dann ganz anders verfahren waͤren, als wir jezt thun muͤſſen.“ „Vernuͤnftig, ſehr vernuͤnftig!“ ſagte der immer einſtimmende Hukeem;„wir muͤſſen ganz anders verfahren.“ ——— 4⁵⁵ „Ich wollte, ich haͤtte euch gar nicht ru⸗ fen laſſen,“ entgegnete Moye⸗ed⸗din. Wenn ihr mir nicht helfen koͤnnt, ſo ſagt's, und entfernt euch!“ „Wie, Herr! wir koͤnnen dir wohl helfen, denn wir legen zuerſt einen Umſchlag von Neem⸗ blaͤttern, dann Blutigel, dann ein Pflaſter, dann ein Blaſenpflaſter um.“ „Du meinſt,“ ſagte der Hukeem,„ein Bla⸗ ſenpflaſter, dann ein Pflaſter. „Ja ja! ſo mein' ich's natuͤrlich. „Wie?* rief Moye⸗ed⸗din,„alle dieſe Pla⸗ gen wegen einer Quetſchung 2 „Ja, Herr,“ erwiederten beide Weiſen;„und dann— 3 „„Was dann 2„ „Einige Unzen Blut aus deinem Arme, hei⸗ ßes Waſſer, eine Woche lang Diaͤt bei Hafer⸗ ſchleim, maͤßige Bewegung, and taͤglich eine ſtarke Doſis Senes vierzehn Tage lang.“ „Doch nicht, wenn der Umſchlag von Neem⸗ blaͤttern Wirkung thut 2* fragte aͤngſtlich der Deewan, der in ſeinem Leben noch nichts ein⸗ genommen hatte. 4 „Ja,“ ſagte der Hukeem, der meinte, die Reihe, zu ſprechen, ſey jezt an ihm;„es iſt moͤglich, daß wir das Pflaſter erlaſſen koͤnnen, aber Senes und Diaͤt ſind meines Erachtens unerlaͤßlich.« „Das iſt ganz meine Meinung,“ ſagte Syud; „in dieſem Falle wird das Pflaſter nicht no⸗ thig ſeyn.“ 156 „Recht, Bruder,“ bemerkte der Hukeem; „kein Pflaſter, wenn kein Blaſenpflaſter, denn das eine heilt die Wirkung des andern.“ „Aber,“ ſagte der beſorgte Deewan,„wenn Alles nicht anſchlaͤgt.“ „Dann, Herr, haben wir nur noch Ein Mittel;— aber ein wirkſameres—( „Und welches 2*¹ „Das Brennen.“*) „Beim Allah! wenn ihr eure heiße Eiſen in dieſes Zimmer bringt, koſtet's euch beide den Kopf; vergeßt das nicht, gelahrte Doctoren. Schickt einmal Neemblaͤtter, und beſucht mich morgen wieder. Fort, ich will nichts mehr hoͤren.“ So ſprechend bedeckte er ſich mit den Kiſ⸗ ſen, und die ſcharfſinnigen Aerzte entfernten ſich. Zehntes Kapitel. Verwundert uͤber das Ausbleiben des Dee⸗ wans, ließ der Nuwab nach der UÜrſache fragen, und als er erfuhr, daß er krank ſey, beſchloß er, ihn in Perſon zu beſuchen; um indeſſen hiebei kein Aufſehen zu machen, nollte er ganz allein hingehen. Moye ed⸗din, der dieſer Ehre gerne uͤberhoben geweſen waͤre, ließ ſein Zim⸗ mer ſo gut als moͤglich aufputzen, und wuͤnſchte dann allein zu ſeyn, um noch einige Zeit zu ſchlafen, ehe der Nuwab erſchiene. Allein er war *) Ein Mittel, das von unwiſſenden Quackſalbern gewoͤhnlich angewendet wird. 157 ſo in Verlegenheit, wie er dem Nuwab den Vor⸗ fall, von dem dieſer ohne Zweifel ſchon gehoͤrt, beibringen ſollte, daß er wenig oder gar nicht ſchlafen konnte, und er die Stunde herankom⸗ men ſah, ohne eine Geſchichte erſonnen zu ha⸗ ben, wodurch ſein Herr etwa haͤtte hintergan⸗ gen werden koͤnnen. Endlich nahm er ſich vor, zu ſagen, es ſey ſeit ſeines Vaters Tode ſeine Gewohnheit, jaͤhrlich einmal deſſen Grab zu be⸗ ſuchen; wie er nun die ſchmale, verfallene Treppe des Gewoͤlbes hinabgegangen, ſey ſein Fuß an einen im Wege liegenden Stein geſtoßen, aus⸗ gegleitet, und er in die Tiefe geſtuͤrzt. Bei die⸗ ſem Falle habe er mehrere bedeutende Quetſchun⸗ gen erlikten, die er zwar fuͤr nicht ſehr gefaͤhr⸗ lich gehalten, die aber nach der Ausſage der Aerzte ſehr bedenklich waͤren. Dieſe wahrſchein⸗ liche Erzaͤhlung wuͤrde, meinte er, dem Nuwab unfehlbar genuͤgen, und er ſah daher ſeinem bevorſtehenden Beſuche mit weuiger Beſorgniß entgegen, als zuvor. Zur beſtimmten Zeit erſchien der Nuwab in des Dewans Palaſte, und begegnete auf der Treppe den beiden gelehrten Doctoren, die, als ſie von dem bevorſtehenden Beſuche des Nuwab hoͤrten, beſchloſſen, ihm zu zeigen, in welchem Rufe ſie ſtuͤnden, da der Miniſter ihre aͤrztliche Huͤlfe nachgeſucht habe. Beide verbeugten ſich is auf den Boden, und der Nuwab ſagte, zu bnen ſich wendend:„Wie, was ſoll das, hoch⸗ gelahrte Doctoren? wir ſteht es mit dem Dee⸗ wan? iſt er am Sterben 24 4 *1 158 „Rein, Hoheit,“ ſagte der dienſtfertige Hu⸗ keem;„es iſt nur ein Fall.“ „Ah! ein Fall; iſt es ſo 2 fragte der Nuwab. „Ja, Hoheit, ein Fall; ein Fals von ei⸗ nem Baume.“ 3 „Von einem Baume! Bei Mahomet! mein Miniſter iſt thaͤtiger, als ich gedacht haͤtte! Aber was hat er denn auf einem Baume zu thun? In der That, drollig! doch ich werde ſchon Al⸗ les erfahren.“ Unter disſen Worten gelangte er an die Thuͤre von des Deewan's Zimmer und trat, nachdem dieſe geoffiret worden, mit dem Ausrufe ein:„Wie, Moye⸗ed⸗din, im Namen des Propheten, was haſt du auf den Baͤumen zu ſchaffen? Beim Allah! ſolchen Spaß habe ich in meinem Leben nicht gehabt! Geluͤſtet's dich, den Hals zu brechen, oder biſt du ein Vogelſteller geworden?“ Der arme Moye⸗ed⸗din konnte, einmal in ſeinen Plaͤnen geſtort, nur in duͤſterem Schwei⸗ gen den Kopf ſinken laſſen; endlich wagte er die Worte:„Herr, ich verſtehe dich nicht.“ „Du verſtehſt mich nicht? ich denke doch, ich fpreche deutlich genug. Ich frage dich, wie n ſo thoͤricht ſeyn koͤnneſt, auf Baͤume zu klettern, herabzufallen und Beulen davon zu. tragen?“ »Ha, ha, ha, ha! entſchuldige mein Lachen, Hoheit, aber jezt verſtehe ich dich. Wahrſchein⸗ lich haſt du meine zwei gelehrten Doctoren ge⸗ ſehen, uns die haben dir geſagt, ich ſey beim Baumklettern verungluͤckt. Dem iſt aber nicht ſo; ſondern die Menſchen waren ſo neugierig⸗ — 259 zu erfahren, wie mir der Unfall zugeſtoßen ſey, daß ich beſchloß, ihnen eine Geſchichte, aber nicht die rechte, zu erzaͤhlen, und ſo erfand ich das Maͤhrchen vom Baumklettern, das ſie, wie ich ſehe, thoͤricht genug waren, zu glauben. Aber dir, Hoheit, will ich den wahren Hergang der Sache erzaͤhlen.“ Jezt brachte er ſeine Ge⸗ ſchichte von dem verfallenen Grahmahle ſeines Vaters, welcher der Nuwab vollen Glauben ſchenkte, und ſagte:— „O, war mir'’s doch unwahrſcheinlich, daß du wie ein Affe auf Baͤumen herumhuͤpfen ſoll⸗ teſt! Aber ich hoffe, du habeſt keinen bedeu⸗ tenden Schaden genommen: wo iſt die Quet⸗ ſchung? „Auf meinem Ruͤcken, Hoheit, und mit Neem⸗ blaͤttern belegt; haͤtte ich das nicht gethan, ſo haͤtte ich Blutigel, Blaſenpflaſter, Pflaſter, hei⸗ ßes Waſſer, Aderlaͤſſe, Senes, und bundert andre Dinge brauchen muͤſſen.“ „Mit dieſen Mitteln, Moye⸗ed⸗din, wirſt du ſo duͤrr wie eine Ratte; wir werden dich nicht mehr kennen; ſchon dein Bart entſtellt dich hin⸗ laͤnglich. Doch, im Vorbeigehen, weil wir ein⸗ mal von Baͤrten ſprechen,— dein Barbier hat eine ſeltſame Klagſchrift eingereicht, weil er von einem perſiſchen Soldaten geſchlagen oder auf ſonſtige Weiſe mißhandelt worden; die Frau des Mannes brachte die Schrift, und ich dachte, ich wolle ſie ſo lange bei andern Papieren lie⸗ gen laſſen, bis er ſelbſt erſchiene, um ſeine Sache weiter zu verfolgen; allein ſo viel mir 160 bekannt, iſt er nicht ſelbſt in den Durbar ge⸗ kommen. Weißt du etwas von der Sache 2 „Ich erinnere mich, Hoheit, daß er ſich bei mir uͤber den Angriff beklagte; weil aͤber nie⸗ mand wußte, wo der Perſer zu finden, und keine Auskunft uͤber ihn zu erhalten war, ſo war es unmoͤglich, einen Schritt in der Sache zu thun. Nicht zufrieden mit meinem Rathe, er ſollte in Geduld abwarten, bis der Perſer wieder zum Vorſchein kaͤme, hat er vermurhlich fuͤr gut gefunden, ſich wegen der Sache an dich zu wenden.“ „Das denk' ich auch,“ ſagte der Nuwab; „ich haͤtte aber der Klage keine Aufmerkſamkeit gewidmet, wenn dieſe nicht einen ſonderbaren Umſtand enthielte, daß naͤmlich der Perſer an meinem Palaſte ſtand, und dieſen aufmerkſam beſichtigte; das iſt ſeltſam, Moye⸗ed⸗din, nicht wahr? Was mag der Grund davon ſeyn 2* „In der That, Herr, ich kann mir nichts denken, als daß er ſeine Pracht bewunderte.“ „Ich bin eher geneigt, zu glauben, die in⸗ neren, nicht die aͤußeren Schoͤnheiten haben ihn zu der Frechheit vermocht, ſeine Beobachtungen anzuſtellen;— doch ich habe dir eine noch merk⸗ wuͤrdigere Geſchichte zu erzaͤhlen.“ „Gewiß 2 „Ja wohl; es ſcheint, der Barbier habe den Perſer wieder getroffen, und dieſen ſo derb gepruͤgelt, daß ich ſtuͤndlich erwarte, dieſer werde nun gegen den Barbier Klage fuͤhren; weil er aber nicht erſcheint, und die Schlaͤge ruhig hin⸗ — 161 genommen hat, ſo beſtaͤrkt mich dieß in der Meinung, daß er ſich nicht innerhalb meiner Mauern betreten laſſen will. Nun, Moye⸗ed⸗ din, was meinſt du 2“ „In der That, Hoheit, ich weiß es nicht zu reimen, wie er die erlittene Beleidigung ſo ruhig ſich gefallen laͤßt; es ſieht wahrhaftig aus, als haͤtte er keine guten Abſichten dabei gehabt, wie er deinen Palaſt ſo ſcharf befah; aber wie konnte deine Hoheit erfahren, daß er wirklich Schlaͤge bekommen hat? „Durch eine ſeltſame Verkettung der Um⸗ ſtaͤnde: einige Fiſcher wurden wegen eines Dieb⸗ ſtahls in einer Brantweinbude angeklagt, de⸗ ren Eigenthuͤmer behauptete, bei dieſen Leuten mehr Geld geſehen zu haben, als ſie auf recht⸗ liche Weiſe erwerben koͤnnten. Um ſich wegen des aufgebuͤrdeten Diebſtahls zu rechtfertigen, ſahen die Fiſcher ſich gendthigt, zu geſtehen, wie ſie zu dem vielen Gelde gekommen, und hiebei ergab ſich, daß ſie von dem Barbier und Lederhaͤndler gedungen worden ſeyen, einem Per⸗ ſer aufzulauern und ihn durchzupruͤgeln; dieſe Arbeit vollzogen ſie zur Zufriedenheit derer, die ſie ihnen auftrugen, und wurden von dieſen reichlich dafuͤr belopnt. Der Barbier iſt heute nirgends zu finden, den Lederhaͤndler aber ha⸗ ben wir in ſicherer Verwahrung, und hoffen auf dieſe Weife zu entdecken, wo der Perſer zu fin⸗ den iſt, welchen ich noch viel mehr zu ſehen wuͤnſche. Der Lederhaͤndler behauptete indeſſen, gar nichts von der Sache zu wiſſen, aber die ³ 162 Fiſcher beharrten auf ihrer Ausſage, und er⸗ klaͤrten, um die Wahrheit ihrer Behauptung zu erhaͤrten, daß einer von des Perſers Pantof⸗ feln im Beſitze des Lederhaͤndlers ſey. Es wur⸗ den Gerichtsdiener in ſein Haus geſandt, und dieſe fanden wirklich den Pantoffel, der noch ganz neu zu ſeyn ſcheint. Da es nun mehr als wahrſcheinlich iſt, daß der Perſer ein neues Paar wird kaufen wollen, ſo habe ich an alle, die mit dieſen Artikeln handeln, den Befehl er⸗ laſſen, ihn feſt zu nehmen oder zu verfolgen, wo er ſich treffen laͤßt;— aber was ſeh' ich? Wie, Mope⸗ed⸗din! deine Pantoffeln ſind gerade das Seitenſtuͤck zu denen des Perſers, voth mit Goldplaͤttchen, und einen Stern am Vorderfuß; ich wollte ſchwoͤren, es ſeyen dieſelben, aber wo iſt der andere? ich ſehe nur einen.“ „Ach, Hoheit! der iſt vermathlich unter das Bett gerathen, oder habe ich ihn in meines Vaters Gruft verloren.“ „Wie! und biſt mit einem Schuh nach Haus gehumpelt? beſinne dich.“. „Ach! ja, ich entſinne mich; ich hinkte wirklich mit einem Schuh nach Haufe, mein Fuß kann davon Zeugniß geben.“ Mit dieſen Worten zeigte er ſeinen rechten Fuß, der ſo lichtbare Spuren von Koth an ſich trug, daß der Nuwab von der Wahrheit ſeiner Ausſage ſich uͤberzeugte. „Gut!“ ſagte der Nuwab; aber es iſt doch wirklich ſonderbar, daß ihr beide, du und der Perſer, Schuhe von gleicher Form und Groͤße 465 hadt, und beide in einer und derſelben Racht einen verlieren⸗ ſollt.“ „Ich muß geſtehen, Hoheit⸗ es iſt etwas ſonderbar, und ich weiß nicht, wie ich es erklaͤren ſoll; indeſſen win ich die Sache unterſuchen, wenn es noͤthig iſt.?“ „Ich auch, Moye⸗ed⸗dim, verlaß dich drauf. Es ſteckt ein Geheimniß hinter der Sache, das, denk, ich„ durch Nachforſchung entdeckt werden kann fuͤr jezt leb woyle! Mogeſt du bald deine Geſundheit und deinen verlornen. Pantoffel wie⸗ der erhalten.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich⸗ der Nuwab und uͤberließ den Deewan dem Pein⸗ lichen ſeiner jezt wirklich traurigen Lage. Auf der Treppe, wo er die Doctoren ſah, fragte der Nuwab dieſe, ob der Miniſter wirk⸗ lich ſich gequetſcht habe, und als dieſe bejahend antworteten, entferute er ſich, zufrieden, daß der Deewan ihn im dieſem Punkte nicht belo⸗ gen haͤtte. Er wollte einen Boten an das⸗Grab⸗ mahl von des Deewan'’s Vater ſchicken, um ſich zu. vergewiſſern, ob dort wirklich ein Pantoffel laͤge, doch fand er, daß es unzart ſeyn wuͤrde, einen Diener an eine ſo heilige Staͤtte zu ſchicken, um ſeinen Miniſter auszuforſchen; er gab alſo⸗ dieſen Gedanken wieder auf, und weil die Aerzte ihn verſichert hatten, daß Moye⸗ed⸗din wirklich an einer Quetſchung leide, ſo wollte er ſich ſelbſt uͤberzeugen, ob der Kranke ihm die lautere Wahrheit berichtet haͤtte. Mope⸗ed⸗„din, feſt uͤberzeugt, der Nuwab wuͤrde in der Gruft ſeines Vaters den verlor⸗ 164 nen Pantoffel ſuchen laſſen, ſtrengte noch ein⸗ mal ſein Gehirn an, einen Plan auszuſinnen, wie er bewirken koͤnnte, daß er nicht als Lüͤg⸗ ner erſcheine. In dieſem Augenblicke klopfte ſein Diener Suliman an die Thuͤre, und mel⸗ dete, der Barbier Bupoo ſey gekommen, und verlange dringend, vorgelaſſen zu werden.„Laß ihn hereinkommen,“ ſagte Moye⸗ed⸗din.„Der Kerl,“ murmelte er vor ſich hin,„kommt eben gelegen.“”“ Buxoo, am ganzen Leibe zitternd, trat ein, warf ſich auf den Boden und kuͤßte dieſen drrimal. 4 „So, du Schuft, du ſchlechter Kerl! wie wagſt du's, vor mir zu erſcheinen? In eine ſchone Klemme, wahrhaftig, bin ich durch deine Schuld gerathen!e— „Durch mich, Herr; wie ſo „Du ſtellſt dich unwiſſend, du?2 Willſt du laͤugnen, daß mein Uebelbefinden ganz dein Werk iſt? Meinſt du, ich habe deine quiekende Stimme unter dem Mangobaum nicht erkannt?“ „Es fuͤhrt zu nichts, Herr, zu laͤugnen, was du, wie ich ſehe, nur zu gut weißt; aber ich bitte dich, mir zu glauben, wenn ich ſage, daß du die lezte Perſon auf der Welt ſeyeſt, der ich mit Wiſſen und Willen ſolchen Schimpf anthun wollte.“ „Du nahmſt mich fuͤr den Perſer 2«c „Freilich, Herr; konnte ich mir denken, du wuͤrdeſt verkleidet um dieſe Stunde an der Thuͤre des Braminen ſtehen? Ich bitte um Gnade, Herr.“— 165 „Ich will dir verzeihen, Buxoo, weil ich uͤberzeugt bin, du ſeyeſt voͤllig im Irrthume geweſen; allein du ſiehſt die Folgen davon, daß du ſelbſt dir Recht verſchaffen wollteſt; deine Geſellen haben geplandert; dein Freund, der Lederhaͤndler, ſizt im Gefaͤngniſſe, und dir ſtel⸗ len Gerichtsdiener nach.“ „Rette mich, Herr! nur dießmal ſchuͤtze mich!« „Ich denke, Buxoo, einige Streiche mit dem Rattan,— nur halb ſo viel, als du mir gegeben— werden die heilſamſten Wirkungen haben.“. „Nein, Herr, ums Himmels willen rede nicht ſo!“ „Du verdienſt es reichlich, Buxoo, aus mehr als einem Grunde. Sage, wie erfrechſt du dich, eine Schrift an den Nuwab einzureichen, wenn ich dir befeyle, gegen den Perſer durch⸗ aus nichts zu unternehmen? „Herr, das babe nicht ich, ſondern mein Weib gethan, der ich eine Klagſchrift uͤbergab, lange ehe ich zu dir kam, Herr. Weil fie nicht entfernt an eine Schwierigkeit dachte, und nichts von deinen Wuͤnſchen und Befehlen wußte, gieng ſie in meiner Abweſenheit in den Durbar, and gab die Schrift ein; aber fuͤr dieſe unzeitige Dienſtfertigkeit will ich ſie derb mit Riemen hauen, verlaß dich drauf.“. „So wahr ich lebe, Bupoo, dein ganzes Treiben ſcheint darin zu beſtehen, vom Morgen bis in die Nacht die Leute zu hauen und zu ſchlagen! aber hoͤre, ich brauche jezt nothwen⸗ dig deine Dienſte.“ 166 „Ich bin bereit, ſehr edler Herr!“ „Nimm dieſen Pantoffel, gehe in meines Vaters Gauft, und lege ihn unten auf die ſteinerne Treppe, frage nicht, ſondern vollziehe eilends meine Befehle.“ Der Banbier that nach ſeinem Verlangen, nicht ohne Neugierde, was wohl der Grund die⸗ ſer Maaßregel ſeyn koͤnnte. Die Verſuche von Seiten des Nuwab, den Perſer zu entdecken, waren alle vergebens, und er ſah ſich genoͤthigt, das Mißlingen derſelben ſo gleichmuͤthig als moͤglich zu tragen, indem or ſich zu uͤberzeugen ſuchte, daß, wenn der Kerl Abſichten gegen ihn gehabt haͤtte, er verſchwun⸗ den ſey, uͤberzeugt von der Unmoglichkeit, die⸗ ſelben auszufuͤhren. So ſchwand die Zeit, und nur zwanzig Tage noch, ſo ſollte das an Be⸗ gebenheiten reiche Jahr zu Ende ſeyn. Die ſchoͤne Perſerin wurde geſpraͤchiger als je, und eben darum der Nuwab verliebter und vergnuͤg⸗ ter. Alles ſchien ſo guͤnſtig, als er nur wuͤnſchen konnte, zu gehen; und waͤhrend im Palaſt dieſe Eintracht herrſcht, kehren wir zum Dee⸗ wan und den Aſtronomen zuruͤck; der Erſtere iſt von ſeinen Wunden voͤllig geneſen, ohne Pfla⸗ ſter und Senes gebraucht zu haben, und fizt wieder im Durbar. Nicht ſo gluͤcklich war der arme Agib, der mahomedaniſche Aſtronom, denn wie der Hukeem vorausgeſagt, hatte, in Folge der Baſtonade, der Brand ſeinen Fuß ergrif⸗ fen, und er ſtarb— ein Opfer der Ungerech⸗ tigkeit und teufliſcher Bosheit. Der Bramine 167 2 Mhadeo Guru, bedenkend, ſein geringes Vermb⸗ gen wuͤrde bei der erwarteten doppelten Beſteu⸗ rung nicht zulegen, ſchloß ſein Haus, gieng nach Broach in der Hoffnung, hier ein Ge⸗. ſchaͤft zu finden, wie es nach ſeinem Wunſch waͤre, und verließ Surat fuͤr immer. Er war gerade an demſelben Tage abgegangen, an dem Roye⸗ed⸗din ungluͤcklicherweiſe die Kleidung des Perſers anlegte, und Eintritt in ſein Haus ſuchte. Der Nuwab, der am Schluſſe des Jahres von dem ſchoͤnen perſiſchen Maͤdchen eine guͤn⸗ ſtige Antwort zu erwarten boffte, hatte wirklich angefangen, Befehle zu Veranſtaltung der Ver⸗ maͤhlung zu treffen, die aͤußerſt glaͤnzend ge⸗ feiert werden ſollte; er hatte Berordnungen er⸗ laſſen, die Derwiſche und Fakee's zu verſam⸗ meln, fuͤr welche auf zehn Tage Unterhalt her⸗ beigeſchafft werden ſollte. Die Stadt ſollte be⸗ leuchtet und alle Verhaftete und Kriegsgefan⸗ gene freigelaſſen werden. Die beruͤhmteſten Sän⸗ ger und Taͤnzerinnen ſollten aus Cambay. Broach. Abmedubad und vielen andern Staͤdten verſchrie⸗ ben werden; Feuerwerke waren ſchon zagerich⸗ tet, und die Stadt fuͤllte ſich bereits mit Fremden aus den beuachbarten Orten, waͤhrend die Stra⸗ gen von Gaukleru, Seiltaͤnzern, Baͤren, Affen und Bettlern wimmelten. Judeſſen exeignete ſich ein Umſtand, der des Nuwabs Traͤumen von Gluͤck auf einmal ein Ende machte. Mheitab, das ſchoͤne Maͤdchen, um deren willen alle die ungebeuren Zuruͤſtungen getroffen wurden, aͤnßerte 168 den Wunſch, den Mahmoud⸗a⸗baugh⸗Palaſt zu beſuchen, und die geſunde Luft in deſſen herr⸗ lichen Gaͤrten zu genießen. Ihre Bitte wurde ſogleich von dem nachgiebigen Nuwab gewaͤhrt, der, um zu verbhuͤten, daß ſie von keinem maͤnnlichen Auge geſehen werden koͤnnte, den Befehl erließ, daß aus Veranlaſſung des Be⸗ ſuches im Mahmoud⸗a⸗baugh⸗Palaſte jedes Haus in der Stadt geſchloſſen werden und bei Todes⸗ ſtrafe kein Einwohner auf den Straßen ſich blicken laſſen ſollte. Alles war ſtill und ruhig, und das Maͤdchen kam wohlbehalten in dem Pa⸗ laſt an. Nachdem ſie die wuͤrzige Luft in den Gaͤrten genoſſen, verlangte ſie, ihr Palankin ſollte an einem abgelegenen Thore am Ende ei⸗ ner ſchattigen Allee halten, und die Wache mit den Dienern ſie auf der Straße erwarten. Der Hauptmann der Wache machte indeſſen ehrfurchts⸗ voll die Vorſtellung, daß er wenigſtens zwei ſeiner Leute beordern muͤſſe, den Palankin zu begleiten, wohin es gienge, und das Maͤdchen mußte dieſes zugeben. Abends, als ſchon die Schatten laͤnger wur⸗ den, oͤffnete Mheitab das verſchloſſene Thor, an welchem der Palankin hielt, und in ehrerbieti⸗ ger Ferne ſtanden die Traͤger und Wachen, bis ſie eingeſtiegen war. Nachdem alles fertig war, bewegten ſich die beiden Wachen langſam vor⸗ waͤrts, und die Traͤger nahmen ihre reizende Buͤrde auf; als zu Aller Entſetzen eine Anzahl Maͤnner aus einem Winkel der Gartenmauer hervorſtuͤrzten, ungeſtuͤmm die Thuͤren des Pa⸗ lankin 169 lankin oͤffneten, das ſchoͤne Maͤdchen ſattſam be⸗ gafften, dann ploͤtzlich ausriſſen und in einem Augenblicke verſchwanden. Umſonſt verfolgten ſie die zwei Wachen— es war keine Spur zu finden. Mheitab's Angſtgeſchrei war bis zu den Wachen gedrungen, die auf der Straße ihre Au⸗ kunft erwarteten; dieſe ſtuͤrzten auf den Ort zu, und als ſie von dem Unfall gehoͤrt, ſenkten ſie den Kopf, zerſchlugen ihre Bruſt, und ſagten: „unſere lezte Stunde iſt gekommen; wir verlie⸗ ren ſicher das Leben.”“ Der Hauptmann der Wache gab einem Theil ſeiner Leute Befehl, die kuͤhnen Fluͤchtliuge zu verfolgen, waͤhrend die uͤbrigen das Maͤdchen in die Stadt zuruͤck⸗ geleiteten. Als ſie an dem Palaſt anlangte, er⸗ ſchien der Nuwab mit freundlichem Geſichte, ſie zu empfangen; aber wie ſehr erſchrak er, als er ihr gewoͤhnlich ſanftes, bezaubernd ſchd⸗ nes Geſicht von unwilligen Blicken umduͤſtert ſah, waͤhrend heftiger Zorn aus ihren Augen blizte, und ihr ganzes Weſen furchtbar aufge⸗ regt war.— „Himmel!e rief er aus,„was iſt geſchehen 2e „Genug iſt geſchehen, Herr,“ erwiederte die Zuͤrnende;„gemeine Leute aus deiner Stadt ha⸗ ben mich beſchimpft; ſtuͤrmiſch wurden die Thuͤ⸗ ren meines Palankin aufgeriſſen, und wenig⸗ ſtens ein, Dußend Maͤnner haben mich begafft. Habe ich das bei der Vermaͤhlung mit dir zu ge⸗ waͤrtigen? Haſt du ſo wenig Anſehen in der Stadt? Deine Befehle werden verlacht, deine Verordnungen in den Wind geſchlagen. Beim Ind. Serail. I. 6. 170 Propheten! lieber wollt' ich einen gemeinen Sol⸗ daten heirathen, als einen muthloſen Fuͤrſten! Meine Antwort muß ich jetzt noch ein Jahr auf⸗ ſchieben; laß mich jezt allein.“ Mit dieſen Worten verließ ſie den wuͤthen⸗ den Nuwab, der nun ſeinen Zorn ausbrechen laſſen konnte, gegen wen er mochte. „ Jelal⸗ed⸗deen ſtuͤrzte durch ſeinen Palaſt wie ein bruͤllender Stier, oder ein hungriger Löwe, der nach Nahrung ſchreit; er wollte Be⸗ fehle ertheilen, aber ſeine Diener verbargen ſich vor ihm, und er fand es fuͤr noͤthig, ruhiger zu ſeyn, damit nur einige ſich ihm naͤhern ſoll⸗ ten. Endlich blickte ein Diener hinter einem Vorhang hervor, einen andern hoͤrte man auf der Treppe, und nach und nach gewann der Pa⸗ laſt wieder das Anſehen, daß er bewohnt ſey. Der Nuwab ſchickte nach Moye⸗ed⸗din und dem Befehlshaber ſeiner Truppen; dem tapfern Su⸗ lah⸗ed⸗din Sbhumſeer Behauder. Lezterer er⸗ ſchien zuerſt, und der Nuwab rief ihm zu: „Sulah⸗ed⸗din, ſchicke einen Trupp Solda⸗ ten ab, und bringe den Cotwall gefeſſelt vor mich; verſichere dich des Hauptmanns der Leib⸗ wache und ſorge, daß die Thore der Stadt ver⸗ ſchloſſen und niemand hinausgelaſſen wird; auch laß zwei Nachrichter ſich bereit halten, und ſieh zu, daß ihre Beile gut geſchliffen ſind; fort lé Der General verbeugte ſich, und gieng, um die nothigen Befehle zu geben. Am Thore be⸗ gegnete er dem erſchrockenen Deewan, der ſchon ein verworrenes Geruͤcht von Allem, was vor⸗ 171 gegangen, vernommen hatte, und dem Palaſte zugeeilt war, ebe der Bote, der iyn holen ſollte, ihn geſehen hatte. „General, was gibt es? Welche Verwir⸗ rung iſt im Palaſte? Wer ſoll den Kopf ver⸗ lieren?“ „Beim Himmel, Moye⸗ed⸗din, ich glaube, wir alle! Der Cotwall wird in Ketten geholt, der Hauptmann der Leibwache iſt feſtgeſetzt, und Scharfrichter ſind befehligt worden, ſich bereit zu halten. Nimm alſo deinen Kopf in Acht, Moye⸗ed⸗din.. „Ach!“ rief Moye⸗ed-din,„ich werde immer geſcholten; und jezt verleihe Gott mir Kraft, vor dem erzuͤrnten Nuwab zu ſtehen.“⸗ So ſprechend naͤherte er ſich langſam dem Audienz⸗Saale, in ſeinem Innern das perſi⸗ ſche Maͤdchen verwuͤnſchend, das, wie er vor⸗ ausgeſagt, vor Ablauf des Jahres noch vieles Unheil veranlaſſen wuͤrde. Auf ſeinem Mus⸗ nud ſaß der Deewan, ſchrecklich anzuſehen wie ein erzuͤrnter Deſpot; ſeine Augen rollten in ſeinem Kopfe, wuͤthende Strahlen racheluſtigen Zorns ſchießend, und grimmig uͤber alle Umſte⸗ hende hingleitend; die eine Hand hielt ein ent⸗ bloͤßtes Schwerdt, waͤhrend die andere feſt zu⸗ ſammengeballt war; ſein ganzes Weſen ſchien in unſtillbare Wuth aufgelöſt. Demuͤthig warf ſich der Deewan vor dem mehr als Raſenden nieder, und ſagte:„Friede ſey unter dem Maͤch⸗ tigen!“ „Friede! du verwegener Seclave! Sieht dieſe 172 Scene nach Frieden aus? Meine Befehle ſind nicht beachtet, mein Wille in den Wind geſchla⸗ gen worden; ihr alle ſeyd gegen mich verſchwo⸗ ren. Aber, beim Allah! ihr ſollt alle ſchon ſehen, was ich thun kann und will, wenn ich zur Rache angeregt werde. Schicke vierzig er⸗ fahrene Schreiber hieher, unverzuͤglich!« Moye ed⸗din, erfreut uͤber die Gelegenheit, fortzukommen, gieng, ſeine Befehle zu voll⸗ ziehen, und bald erſchienen die Schreiber. Der Cotwall, mit ſchweren Ketten bela⸗ ſtet, kam zunaͤchſt.—„Vorwaͤrts mit dem Ver⸗ meſſenen!“ ſchrie der Nuwab. Der arme Zit⸗ ternde wurde naͤher gebracht, und der Nuwab wandte ſich ſo zu ihm:„Habe ich nicht der Polizei Befehl, ausdruͤcklichen Befehl gegeben, daß dieſen Abend kein menſchliches Weſen das Haus verlaſſen ſoll? Wie biſt du, das Haupt der Polizei, dieſen Befehlen nachgekommen? Trotz der Bekanntmachung waren zwoͤlf oder noch mehr Schurken im Freien. Schweige, das iſt das rathſamſte,“ fuhr der Nuwab fort, hoffte indeſſen, der Cotwall wuͤrde antworten, und er Gelegenheit erhalten zu der Aeußerung, ſeine Vermeſſenheit vergroͤßere noch ſeine Schuld. Da⸗ er aber ſah, daß der arme Schelm noch im⸗ mer ſtill vor ihm ſtand, gieng er vor, und ſagte:„Wie, kein Wort haſt du fuͤr dich anzu⸗ fuͤhren? Gab es je einen, der ſo ſich verſchul⸗ det haͤtte 2“ „Herr.“ ſagte der Cotwall, der ſah, daß ihm Demuth wahrſcheinlich nur wenig nuͤtzen wuͤrde. 1148. —,— 173 „Schweig' gegen mich, oder du biſt auf der Stelle des Todes!“ bruͤllte der Nuwab;„wahr⸗ haftig, waͤre ich nicht ſo mild und geduldig, du und dein Kopf waͤren laͤngſt nicht mehr bei⸗ ſammen.— Fuͤr jezt bleibſt du Gefangener.— Wo ſind die Schreiber 2 4 Alle verbeugten ſich und ſprachen:„Hazir Khoodawund.“*) „Moye⸗ed⸗din,“ ſagte der Nuwab,„ſorge, daß dieſe Leute unverzuͤglich durch die Stadt ge⸗ hen, und die Namen aller Mannsperſonen uͤber achtzehn Jahre aufſchreiben; und merkt's euch, ich ſchwoͤre beim Koran, wenn ich ſpaͤter finde, daß ein Name vergeſſen iſt, ſo muͤſſen alle Schreiber ſterben! Die Thore ſind geſchloſſen, ſo daß niemand hinaus kann. Die Namen ſol⸗ cher, die gegenwaͤrtig verreiſt ſind, werden weg⸗ gelaſſen.“ Nach Ertheilung dieſer Befehle begab ſich der Nuwab zur Ruhe. Alle waren begierig, was der Zweck dieſes ſonderbaren Verfahrens ſeyn wuͤrde, waͤhrend die Schreiber ſich an ihr Ge⸗ ſchaͤft machten, unter Aufſicht des Moye⸗ed⸗ din, der die ganze Nacht wach bleiben mußte, und den ganzen folgenden Tag beſchaͤftigt war, da er bald dieſen bald einen andern von den Schreibern beobachten und Gerichtsdiener be⸗ ſtellen mußte, ſowohl um ſie bei ihrem Ge⸗ ſchaͤft zu beſchuͤtzen, als auch um ihnen nachzu⸗ ſehen. Bat ein Einwohner, man ſollte ſeinen *)„Hier, Herr!“ 174 Namen nicht aufſchreiben, oder weigerte er ſich⸗ Namen und Alter anzugeben, ſo wurde er auf der Stelle ausgepeitſcht, ſo daß man bei die⸗ ſen ſtrengen Maaßregeln alle Namen, mit Al⸗ ter und Wohnung erhielt. Sauber auf eine große Rolle Papier abgeſchrieben, uͤberreichte fie der Deewan knieend dem Nuwab, der ſagte: „Wenn ich die Schuldigen nicht ausfindig ma⸗ chen kann, die ſich erkuͤhnten, meine Befehle zu verachten, ſo bin ich entſchloſſen, meine Rache je auf den tauſendſten Mann von den Einwoh⸗ Inern der Stadt fallen zu laſſen. Geh' daher die Liſte durch, Moye⸗ed⸗din, mache ein beſon⸗ deres Verzeichniß von denen, welche verurtheilt ſind, den mir angethanen Schimpf zu ſuͤhnen, und laß dieſe ſogleich ergreifen.“ Die ganze Stadt war in der aͤußerſten Beſtuͤrzung, da niemand wußte, wen die Strafe treffen wuͤrde. Endlich wurden die Namen von hundert ange⸗ geben, und dieſe ſogleich ergriffen und feſtgeſezt. Die ſchoͤne Perſerin ſchauderte vor dem Blutvergießen, wozu ſie die Veranlaſſung wer⸗ den ſollte, und verſuchte, durch Vorſtellungen und Bitten den Zorn des Nuwab zu beſaͤnfti⸗ gen; allein dieſer wollte ihren Bitten kein Ge⸗ hoͤr geben. Unterdeſſen waren im Palaſte des Deewan die angeſehenſten, reichſten Mahomeda⸗ ner verſammelt, und baten ihn, dem Nuwab Vorſtellungen uͤber die unerhoͤrte Grauſamkeit zu machen, daß er ſo viele Unſchuldige ſtrafen wollte; ſie ſchloſſen mit der Bemerkung, es gebe eine poͤhere Macht auf Erden, als Jelaked⸗deans⸗ 175 und er wuͤrde beſſer thun, vorſichtig zu ſeyn. Unruhig bemerkte Moye⸗ed⸗din die Gefuͤhle des Mißvergnuͤgens, welche durch alle Klaſſen der Einwohner herrſchte, und rieth ihnen, eine Bitt⸗ ſchrift einzureichen, die er mit aller ihm zu Ge⸗ bot ſtehenden Beredtſamkeit zu unterſtuͤtzen ver⸗ ſprach, und fuͤr deren Erfolg er ſich verbuͤrgte. Nachdem die Schrift aufgeſezt, und von einer großen Anzahl angeſehener Maͤnner, Mahome⸗ daner und Hindu's unterzeichnet war, verfolgte der arme Moye⸗ed⸗din ſeine kitzliche, gefaͤhrliche Unternehmung weiter, bitter bereuend, daß er ſelbſt die Urſache des wirklichen Elendes herbei⸗ gefuͤhrt. Bei ſeinem Verſuche, die ungluͤckli⸗ chen Gefangenen zu befreien, handelte Moye⸗ ed⸗din mehr aus Ruͤckſicht fuͤr ſich ſelbſt, als fuͤr jene, denn er war uͤberzeugt, der Zorn des Vol⸗ kes wuͤrde auf ihn fallen, wenn ſie geopfert wuͤrden. Aus Furcht, wenn er eine Gefahr vermiede, in die andere zu gerathen, gieng er in den Palaſt des Nuwab, und verlangte Au⸗ dienz; als dieſe bewilligt war, trat er vor, und begann, die Bittſchrift der Einwohner in der einen Hand, alſo: „Moͤchte es deiner Hoheit gefallen, daß ich meine Pflicht als dein Miniſter nicht vollziehen duͤrfte, wenn ich im Stande waͤre, zu beweiſen, daß der Auftrag, von dir aus einem Irrthume entſprang. Ich bitte daher deine Hoheit, mei⸗ nen unterthaͤnigen Rath anzuhoͤren, und auf was ich bei dem vorliegenden Falle aufmerkſam zu machen habe. * „* 176 „Deine Befehle find vielleicht nicht ſtrenge vollzogen worden: aber bedenke„Herr, daß die Gewaltthat nicht in der Stadt, ſondern in der Naͤhe des Mahmoud⸗a⸗baugh⸗Palaſt⸗Gartens vorfiel. Die Polizei hat alſo, ſo weit ihre Ge⸗ richtsbarkeit reicht, deine Befehle ſehr gewiſſen⸗ haft vollzogen, und die bereitwilligen, immer gehorſamen Einwohner haben ſich in ihre Haͤu⸗ ſer eingeſchloſſen, und ihre gewoͤhnlichen Ge⸗ ſchaͤfte eine Zeit lang eingeſtellt. Iſt es gerecht, iſt es weiſe, unverſchaͤmte Landlaͤufer zu ſtra⸗ fen, die wahrſcheinlich nicht zur Stadt gehoͤren, und nie dazu gehoͤrten 2“ „Herr, ich proteſtire gegen dieſes Verfahren. Bedenke, daß ich, wie du ſelbſt, der hoͤheren Macht in Delhi fuͤr dieſe Handlung verantwort⸗ lich bin, und ſey verſichert, daß die nachgelaſ⸗ ſenen Verwandten der Ungluͤcklichen, die wirk⸗ lich zum Tode verurtheilt ſind, wegen des Un⸗ rechts, das dieſen geſchieht, nicht ruhig bleiben werden. Du kennſt den Charakter des Kaiſers Mabhomed; ſtuͤrze dich alſo, ich bitte dich, nicht in die Gefahr, dir ſein Mißfallen zuzuziehen, und, was noch weit mehr in Betracht kommt, den Zorn des Himmels— und dieſes alles um eines Weibes willen. Gieb dir gegen deine Feinde keine ſolche Bloͤße, und beflecke deinen Ruhm nicht durch unſchuldig vergoſſenes Blut. Laß mir das Vergnuͤgen werden, der Ueberbringer deiner Befehle zur Freilaſſung der ungluͤcklichen Gefangenen zu ſeyn, und viel angenehmer wird es deinen Obren ſeyn, wenn ſie ihre Segens⸗ 177 wuͤnſche vernehmen, als das Geſtoͤhne ihrer Verwuͤnſchungen uͤber den Urheber ihrer Leiden. Hier, Herr, iſt eine Bittſchrift, von den reich⸗ ſten, angeſehenſten Einwohnern unterzeichnet; verwerfe ihr Geſuch nicht, ich bitte dich, um deiner ſelbſt willen. Ich bin fertig, Herr, und danke geziemend, daß du mich ſo geduldig an⸗ gehoͤrt.“ Selbſt uͤberzeugt, daß, was ſein Miniſter geſprochen, wahr ſey, nahm der Nuwab die Bittſchrift an, und winkte Moye⸗ed⸗din mit der Hand, ſich zu entfernen. Als er allein war, erwog er die Rede ſeines Miniſters, und las dann die Bittſchrift, die in den ehrerbietigſten Aus⸗ druͤcken abgefaßt war.„Ich darf die Kerls nicht toͤdten,“ ſprach er zu ſich ſelbſt;„Moye⸗ed⸗din hat recht; dann werden aber die Leute glau⸗ ben, ich ſchone ſie aus Furcht. Dieſe Mei⸗ nung thut meinem Anſehn Eintrag, und be⸗ ſtimmt mich, bei meinem erſten Entſchluſſe zu bleiben. Ich will wenigſtens einen oder zwei Tage warten, damit, wenn ich die Gefangenen freilaſſe, meine Gnade nicht Moye⸗ed⸗din's Ver⸗ mittlung zugeſchrieben wird. Nein, lieber wollte ich, daß man glaubt, die Bittſchrift habe dieß bewirkt; auf dieſe Weiſe werde ich den edeln, reichen Mahomedanern ſchmeicheln, ohne daß mein Anſehen dabei leidet.“ Mit dieſem Ent⸗ ſchluſſe beſuchte er die ſchoͤne Perſerin, und re⸗ dete ſie ſo an: 3 „Schoͤnſte der Frauen! Ich habe deine ſuͤßen Worte uͤberlegt, und bin geneigt, deine 178 Bitte und Verwendung fuͤr die zum Tode ver⸗ urtheilten Gefangenen zu gewaͤhren; doch bin ich entſchloſſen, Einen fuͤr den begangenen Fre⸗ vel buͤßen zu laſſen. Wenn ich nun die Gefan⸗ genen begnadige, darf ich dann eine baldige Antwort von deinen ſchoͤnen Lippen hoffen 2* „Herr,“ entgegnete das Maͤdchen,„es ſteht nicht in meiner Macht, einen fruͤheren Tag zu nennen, als das Ende des folgenden Jahres, damit wir aber waͤhrend dieſes Zeitraums, oder eines großen Theils deſſelben, nicht ohne Un⸗ terhaltung ſind, habe ich einen Plan, den ich gerne vorlegen moͤchte, und der, glaube ich, deinen Beifall finden wird. „Nenne ihn.“. „Deine Frauen haben ihren Vorrath an un⸗ terhaltenden Erzaͤhlungen erſchoͤpft; ihre Lieder haben den Reiz der Neuheit verloren, und der dir zugeſtoßene Unfall verlangt Zerſtreuung, um deine Gedanken von der Erinnerung daran ab⸗ zuziehen. Ich ſchlage daher vor, daß du die Haͤupter jedes angeſehenen Handwerks und Ge⸗ werbes in regelmaͤßiger Folge in dein Anderun kommen laͤßt, und von jedem verlangſt, er ſolle eine anziehende Geſchichte erzaͤhlen; ſind dann alle fertig, ſo beſtrafſt du den, deſſen Erzaͤh⸗ lung am wenigſten unterhaltend war, das heißt, wenn du wirklich einen buͤßen laſſen willſt. Durch dieſen Plan iſt das Mittel gefunden, dich in deinen Mußeſtunden zu unterhalten. Deine Unterthanen haben dich beleidigt, und koͤnnen alſo nur Gerechtigkeit darin finden, wenn ſie . 4 179 aufgefordert werden, dich zu beſaͤnftigen, was ſie, wenn ſie deinen Entſchluß erfahren, nicht ermangeln werden, nach Kraͤften zu thun.“ „Schoͤne Jungfrau,“ erwiederte der Nuwab, „obgleich alle Erzaͤhlungen, die man je erfin⸗ den mag, mir keinen Erſatz geben koͤnnen fuͤr die Ungewißheit, worin du mich erhaͤltſt, ſo gebe ich doch, um dich und mich zu unterhalten, meine Zuſtimmung zu deinem Plane, und will ſogleich meine Befehle ertheilen.“ Mit dieſen Worten gieng er, um ſich zur Ruhe zu bege⸗ ben. Am folgenden Morgen war der Durbar ungewoͤhnlich voll, weil man erwartete, der Er⸗ folg der Bittſchrift wuͤrde bekannt gemacht wer⸗ den. Nach einigem Beſinnen befahl der Nu⸗ wab, alle Gefangenen vor ihm zu bringen. Zit⸗ ternd traten die Ungluͤcklichen in den Saal, weil ſie nicht wußten, was ihr Schickſal ſeyn wuͤrde, und verbeugten ſich dreimal bis auf den Boden. „Gefangene,“ rief der Nuwab,„ich ſchenke euch allen die Freiheit, unter einer Bedingung: ich bin beleidigt, ſchwer beleidigt durch Uebel⸗ geſinnte, und zezt koͤnnt ihr alle wenigſtens ver⸗ ſuchen, mich zu beſaͤnftigen, ſo weit ihr's ver⸗ moͤgt. Ich habe beſchloſſen, ſtatt eurer die Haͤupter jedes Handwerks und Gewerbes in der Stadt zu bernfen, von deren jedem ich eine unterhaltende Geſchichte oder Erzaͤhlung ver⸗ lange, welche ich in meinen Mußeſtunden an⸗ hoͤren werde; bedenkt, daß, ob ich euch gleich jezt freilaſſe, auf den Fall, daß ich wieder hin⸗ tergangen werden ſollte, und die Haͤupter eurer 180— Profeſſionen Unfaͤhigkeit vorwenden, mir die verlangte Unterhaltung zu verſchaffen, ich ihre Namen auf dem ſchwarzen Regiſter habe, mei⸗ nen erſten Entſchluß in Ausfuͤhrung bringen werde, und ihr fuͤr ihre Nachlaͤſſigkeit oder ih⸗ ren Ungehorſam verantwortlich ſeyy. Es wird alſo eines jeden Intereſſe ſeyn, diejenigen, wel⸗ chen nicht ſelbſt eine Geſchichte bekannt iſt, mit folchen zu verſehen. Meinem Deewan uͤberlaſſe ich die Ausfuͤhrung dieſes Planes, muß aber⸗ von den Haͤuptern der Zuͤnfte die Verſicherung verlangen, daß ſie bereit ſeyn wollen, mit ih⸗ ren Erzaͤhlungen auf die ihnen zu beſtimmende Zeit zu erſcheinen, und dieſe iſt, wie ich be⸗ ſchloſſen, von heute uͤber einen Monat. Be⸗ denkt, daß der, welcher die am wenigſten un⸗ terhaltende Geſchichte erzaͤhlt, Strafe erleiden muß, und dieß mein feſter Entſchluß iſt. Moye⸗ ed⸗din, ſetze die Gefangenen in Freiheit, und nehme den Zunftmeiſtern in der Stadt die ver⸗ langte Verſicherung ab. Von der Aufgabe, zu erzaͤhlen, nehme ich meinen Deewan, meinen Geheimſchreiber, Steuereinnehmer, Schatzmei⸗ ſter, und den General meiner Truppen aus, da⸗ mit dieſe mit mir am Schluſſe der Erzaͤhlungen entſcheiden, welche uns am wenigſten angezogen. Morgen erwarte ich Nachricht, daß dieß geſche⸗ hen. Moye ed⸗din, vollziehe meine Befehle.“ So ſchließend, erhob ſich der Nuwab, unter dem Freudengeſchrei der befreiten Gefangenen und ihrer beſorgten Verwandten. 181 Eilftes Kapitel. Moye⸗ed⸗din ermangelte nicht, merken zu laſſen, daß man die Freilaſſung der Gefange⸗ nen ganz ſeiner Fuͤrſprache zu verdanken habe; wie er daher durch die Straßen ſich nach Hauſe begab, warfen ſich ganze Haufen Leute vor ihm auf den Boden nieder, und nannten ihn ihren Vater und Retter. Der hoͤchlich geſchmei⸗ chelte Miniſter neigte ſich bald auf dieſe, bald auf die andere Seite ſeines Palankins, gegen alle ringsum ſich verbeugend und laͤchelnd. Bei ſeiner Ankunft in ſeinem Palaſte erſchien der dienſtfertige Buxoo, mit lachendem Geſicht und wohlriechenden Mogree’s an ſich, als waͤre es ein Feſttag. Buxoo hatte von dem General⸗ Pardon gehoͤrt, der, wie er glaubte, unbedingt waͤre, und meinte daher, es ſey wirklich ein Freudentag. Moye⸗ed⸗din wollte ihn nicht ent⸗ taͤuſchen, entſchloſſen, ihm einen Streich zu ſpie⸗ len, den er, wie er glaubte, wohl verdient haͤtte fuͤr die vielen, welche er ihm ſchon ge⸗ ſpielt: er rief ihn alſo in ſein Zimmer, und begann:„Nun, Buxoo, das iſt ein Freuden⸗ tag, nicht wahr 2““ 1 „Dank deiner Weisheit, Herr, er iſt's in der That.“. „Ich hoffe, Bupoo, daß man dieß allge⸗ mein anerkennt, und daß die Zunftmeiſter den uͤbrigen vollends zu wiſſen thun werden, wie meine Verwendung die Unſchuldigen gerettet hat. 182 Wo iſt denn das Haupt eures Handwerks? Ich verlangs Bericht von dir, ob er euch Geſellen zuſammenberufen hat, um die noͤthigen Erlaͤu⸗ terungen zu geben.“ 3 „Herr,“ erwiederte Buxoo,„du beliebſt zu ſcherzen; Geſellen, wahrhaftig! und wer iſt das Haupt meiner Innung? Dein eigener Varbier, Herr, iſt der Koͤnig der Streicher⸗Zunft.“) „Ja, Buyoo, ſo mag dein Weib denken, wenn du ſie fuͤr die eingereichte Bittſchrift ab⸗ ſtrafſt.“ „Nein. Aber im Ernſt, Herr, ich bin aner⸗ kannter Zunftmeiſter; kein einziger denkt daran, mein Recht in Zweifel zu ziehen.“ „Ganz recht, Bupoo, ich bin erfreut, dieß zu hoͤren;— he dal wer hat die Aufwartung?“ 4 Ein Diener erſchien, dem er befahl, ſeinen Secretaͤr zu rufen; bald kam dieſer, und der Deewan ſprach zu ihm:„Syud Nuweſe, du haſt den Befehl des Nuwab gehoͤrt, daß die Haͤupter jeder Klaſſe von heute uͤber einen Monat, mit unterhaltenden Erzaͤhlungen verſehen, erſcheinen ſollen; ſende daher deine Beigeordneten und Gehuͤlfen aus, um die Namen der Haͤupter von den angeſehenſten Profeſſionen aufzuzeichnen, und, hoͤrſt du, vergiß nicht, Buxoo an die Spitze der Barbierer zu ſtellen.“ Haͤtte der arme Bupoo die Folgen ſeines *) Im Original ein Wortſpiel, das wegen des Zuſammenhanges mit dem Folgenden, qualicun- que modo, beibehalten werden mußte. Aumerk. des U. —— 18³⁵ Hochmuths gewußt, er haͤtte ſich lieber unter die armſellgſten in der Liſte der Bartſcheerer er⸗ niedrigt, als ſich ſo hoch geſtellt. Moye⸗ed⸗din lachte herzlich uͤber die ſichtbare Verlegenheit des Barbiers, klopfte ihn auf die Schulter, und ſagte:„Fuͤrchte nichts, Buxoo, ein ſo unter⸗ haltender Kerl, wie du biſt, kann nicht darum verlegen ſeyn, dem Nuwab etwas ſehr Anzie⸗ hendes vorzutragen. Du haßt einen Monat zur Vorbereitung auf deine Geſchichte; wende deine Zeit wohl an.“ „Wahrhaftig, Herr, ich habe in meinem Leben noch keine Geſchichte erzaͤhlt.“ „Ach, Buxpoo, ſage das nicht l'“ „Ich meine eine Erzaͤhlung, Herr. Ich werde mit dem Ende derjenigen beginnen, die mir mein Vater zu erzaͤhlen pflegte; meine Ver⸗ wirrung und Angſt wird ſo groß ſeyn l „Du darfſt dich nicht fuͤrchten, du Fuͤrſt vom Streichriemen; andere werden in dieſelbe Lage kommen, und wenn dir keine gute Erzaͤh⸗ lung einfaͤllt, ſo kannſt du vielleicht mit Hilfe deines Riemens dein Weib dazu bringen, daß ſie dir eine ſchmieden hilft.“ „Aber Herr, da iſt Suliman Daree, der Bazaar⸗Barbier, ein viel aͤlterer Mann als ich, und wir ſollen alle das Alter ehren— ich weiß nur ſo viel, daß er erwarten wird, uͤber. mich geſtellt zu werden.“ „Gewiß nicht, Buxoo; kein Menſch denkt, wie du weißt, daran, dir dein Recht ſtreitig zu machen; und wirklich iſt, mein' ich, keine ge⸗ 184 legene Zeit fuͤr ihn, ſein hoͤheres Alter als Grund fuͤr ſeinen Vorrang anzufuͤhren. 4 „Aber, Herr, wenn meine Erzaͤhlung nicht unterhaltend iſt 2 „Das iſt deine Sache, Buxos; aber ſiehe zu, daß die eines Andern es weniger iſt, als die deinige, oder, beim Allah! du verlierſt dei⸗ nen Kopf.“ „Meinen Kopf verlieren, Herr! war je einer in ſolcher Lage? bei meinem Leben, ich weiß nicht, wie ich meinen Hals ſichern ſoll!““ „Erzaͤhle, ſo gut du kannſt, Buxoo, und vielleicht ſpreche ich ein gutes Wort fuͤr dich; iſt ſie aber ſchkecht, dann kann ich dir nicht hel⸗ fen; gehe.“ Bupoo’s froͤhliche Stimmung war jezt in verzweifelnden Truͤbſinn umgewandelt. Verwun⸗ dert uͤber die Veraͤnderung draͤngten ſich die Diener und Wachen an ihn, um die Urſache zu erfahren.„Ach, Freunde,“ ſagte er,„in ei⸗ nem Monate werde ich wahrſcheinlich eure Baͤrte nicht mehr beſorgen duͤrfen.“—„Wie, Bupoo, wie? was meinſt du?—„Ach, man hat mich auserſehen, eine Geſchichte zu erzaͤhlen.”“— „Wie? das war immer dein Geſchaͤft, ſeit du das Scheermeſſer fuͤhrſt; dieß kann dich wahr⸗ lich nicht erſchrecken. Da mußt du aber im Irr⸗ thume ſeyn, oder der Deewan hat dich zum Beſten; denn Suliman Daree iſt der Vorſteher deiner Profeſſion.“—„Ach nein, er iſt es nicht,“ erwiederte Buxoo, den Kopf ſchuͤttelnd;„er kann es jezt nicht ſeyn, denn ich habe mir 18⁵ ſelbſt das Urtheil geſprochen, indem ich meine Anſpruͤche auf den Vorrang behauptete, ehe ĩch von der Anordnung wußte, daß Geſchichten er⸗ zaͤhlt werden ſollen. Ich bin bereits an der Spitze der Liſte, es iſt ganz aus mit mir— ich ungluͤcklicher Mann!“ Die Diener und Wachen ſchlugen ein lautes Gelaͤchter auf, deſſen Schall an die betaͤubten Ohren des armen Buxoo drang, bin er die Straße verlaſſen, in der des Dee⸗ wans Palaſt ſtand. Bei ſeiner Nachhaufekunft traf er fein Weib mit freundlichem Geſicht, bereit, ihm eine er⸗ goͤtzliche Neuigkeit mitzutheilen; da ſie aber ih⸗ ren Mann ſo niedergeſchlagen ſah, ſchwieg ſie weislich ſo lange als moͤglich. Endlich begann ſie, in der Hoffnung, ihre Mittheilung wuͤrde die duͤſtere Wolke von ihres Gatten Stirne ver⸗ jagen:„Allah ſey gekobt! du biſt außer Gefahr, wenn nicht der alte Suliman ſtirbt, ehe die Reihe des Erzaͤhlens an ihn kommt.“ „Ach! ich bin ſchon auf der Liſte!“ ſagte Bupoo in Verzweiflung.—„Wahrhaftig, nein, das biſt du nicht,“ entgegnete ſein Weib;„denn als ich den Seecretaͤr hier voruͤber kommen ſah, ſteckte ich, aus Furcht, er moͤchte dich fuͤr den Vorſtand der Barbierer halten, den Kopf hin⸗ aus, und ſagte:„Wenn es dir gefaͤllig iſt, Herr, Suliman Daree iſt das Haupt der Bart⸗ ſcheerer; ſoll ich dir zeigen, wo er wohnt?“ „„Jas⸗ ja, gute Frau,““ ſprach er,„„ich weiß das wohl, bemuͤhe dich nicht.“ So ſpre⸗ chend gieng er in die Straße, wo die Schnei⸗ 186 der wohnen, und kam nicht wieder an unſer Haus; ſey alſo doch froͤhlich⸗ Buxoo.“ „Mein Kopf! mein Kopf!“ rief der arme Schelm. „Wie, biſt du krank? laß mich zu Hukeem Fihil gehen.“ „Ach nein, der kann nicht helfen; es iſt aus, mein Kopf iſt hin.“ „Hin! nein wahrhaftig, der ſieht noch ganz feſt⸗ entgegnete ſein Weib, indem ſie ihm zu gleicher Zeit eine tuͤchtige Ohrfeige gab⸗ „Weg!“ rief Bupoo erzuͤrnt;„er ſteht nicht feſt, ſag' ich dir.“ Das arme Weib glaubte, ihr Mann ſey gewiß verruͤckt, und ſchwieg in großer Beſtuͤr⸗ zung, bis er ſich endlich herabließ, verſtaͤndlich zu ſprechen, und ſie genau unterrichtete, in welche Gefahr ihn ſein Stolz gebracht hatte. Nachdem ſie dieß vernommen, begann ſie ſeine Meinung ruͤckſichtlich des unſichern Stands ſei⸗ nes Kopfes zu theilen, und zulezt beſchloſſen beide, ihre Koͤpfe, ſo lange ſie ſie noch haͤtten, ſo gut als moͤglich zu gebrauchen, und unun⸗ terbrochen anzuſtrengen, bis ſie mit einander eine Geſchichte zuſammengebracht, die anziehend genug waͤre, um alle Furcht daswegen zu ver⸗ bannen. Nachdem die Schreiber ihre Arbeit vollen⸗ det, kehrten ſie zum Deewan zuruͤck, der, zu⸗ frieden mit der Ausfuͤhrung, dem Ausrufer be⸗ fahl, die Stadt zu durchziehen, und die Zunft⸗ meiſter auf den folgenden Tag in ſeinen Palaſt 187 zu berufen, wo er ihnen die noͤthige Weiſung ertheilen wuͤrde. So ſah der Deewan am naͤch⸗ ſten Tage folgende Perſonen beiſammen, naͤmlich: 1. Noor Mahomed, Cotwall, Mahomedaner. 2. Rajeram Kevulram, Hauptmann der Leib⸗ wache, Hindu. . Laldaß Munchordaß⸗ Handelsvorſtand desgleichen. 4. Buxpoo⸗bhaͤ, Haupt der Barbierer, Ma⸗ homedaner. 5. Sooe Bin Tanchnee, Haupt der Schnei⸗ der, desgleichen. 6. Sheik Rotee⸗bhaͤ, Haupt der Baͤcker, desgleichen. 7. Syud Maloom, Schulmeiſter, desgleichen. 8. Kuzl⸗Baſhee, Faͤrber, desgleichen. 9. Tambadaß, Kupferſchmidt, Hindn. 10. Katil⸗bhaͤ, Fleiſcher, Mahomedaner. Nachdem obige Namen verleſen, und alle anweſend waren, eroͤffnete ihnen der Deewan den Befehl des Nuwab, und daß ihnen ein Mo⸗ nat zu ihrer Vorbereitung bewilligt ſey; auch ſollten ſie, damit kein Streit unter ihnen ent⸗ ſtuͤnde, wer ſeine Geſchichte zuerſt erzaͤhlen ſolle, zwei Tage vor Ablauf des Monats alle in fei⸗ nem Palaſte erſcheinen, wo ſie dann in ſeiner Gegenwart durch das Loos hieruͤber entſcheiden kounten. Dann wuͤnſchte er ihnen Gluͤck, und verlangte hierauf, dem erhaltenen Auftrage ge⸗ maͤß, die geforderte Buͤrgſchaft. Weil alle aus angeſehenen Familien waren, ſo wurde dieß ſo⸗ gleich in's Reine gebracht, und ſie entlaſſen⸗ 188 nachdem der Deewan ihnen zuvor zu bedenken gegeben, welch ſchwere Strafe deſſen warte, deſ⸗ ſen Erzaͤhlung am wenigſten unterhaltend ſeyn wuͤrde. Im Verlaufe dieſes Monats fiel nichts Er⸗ hebliches vor; die ſchöne Perſerin war ſo freund⸗ lich, wie immer, waͤhrend die Zuruͤſtungen im Zenana fuͤr die Zeit, wo die Erzaͤhlungen be⸗ ginnen ſollten, raſch vorwaͤrts ſchritten, und im. Innern des Harem ein großer Mangel an Un⸗ terhaltung herrſchte. Die Beſtuͤrzung derjenigen, die den ſchoͤnen Bewohnerinnen des Zenana diefe Unterhaltung verſchaffen ſollten, laͤßt ſich beſſer empfinden als beſchreiben. Vergebens ſuchten ſie alter, von ihren Vaͤtern ihnen erzaͤhlte Geſchich⸗ ten ſich zu entſinnen, und eben ſo fruchtlos wa⸗ ren ihre Bemuͤhungen, von ihren Freunden und Nachbarn ſich welche zu verſchaffen. Einer wollte die Unterſtuͤtzung des Schulmeiſters anſprechen, erinnerte ſich aber, daß dieſer ungluͤcklicherweiſe felbſt von der Partie waͤre, und natuͤrlich was er wuͤßte, fuͤr ſich ſelbſt aufbehalten wuͤrde. An⸗ dere wandten ſich an ihre Frauen, allein dieſe Ungluͤcklichen, die von Kindheit an in Unwiſſen⸗ heit aufgewachſen waren, beantworteten die Bitte mit einem Blicke der Verwunderung, und einer ſtarken Beimiſchung von Dummheit, ſtreckten die Haͤnde aus— eine Gebaͤrde, wodurch man vollige Unvermoͤgenheit ausdruͤckt— und riefen: „Wie ſollte ich eine Geſchichte wiſſen 2“ Andere, die thun wollten, was ſie konnten, begannen ein Kinder⸗Maͤhrchen, dem ihre beſagten Maͤn⸗ 189 ner geduldig zuhoͤrten, in der Hoffnung, einen Gedanken aufzugreifen, worauf eine fuͤr das Harem paſſende Geſchichte gebaut werden koͤnnte; aber leider hatten die Erzaͤhlungen, worin Pfauen die Helden, und Tauben die Heldinnen waren, weder Anfang noch Ende. Der Schulmeiſter war in eben ſo großer Verlegenbeit, als die, welche ſeine Hilfe an⸗ ſprachen. Ueber Broach hinaus war er noch nicht gekommen, und ſeine wiſſenſchaftlichen Kennt⸗ niſſe erſtreckten ſich nicht weiter als auf Guli⸗ ſtan*) und Anvary Soheily ny— Erzaͤhlun⸗ gen, die beide dem Nuwab ſo bekannt waren, als ihm ſelbſt. In ſeiner Verlegenheit fiel ihm ein alter Kaſten voll Manuſcripte ein, der ſei⸗ nem Vater gehoͤrt hatte; dieſen ruͤckte er aus ſeinem ruhigen Winkel, und unterſuchte ſchnell ſeinen Inhalt. Einzelne Theile des Koran ſtell⸗ ten ſich zuerſt dar, dann ein vollſtaͤndiges Ma⸗ nuſcript von Siffut⸗al⸗Aſhukeen, eine Abhand⸗ lung uͤber die Liebe; hierauf fam Kullelah, Waw Dumnah, oder der Fuchs und der Scha⸗ kal, nichts mehr und nichts weniger als ein Auszug von Anvary Sohrily. Endlich ſtieß er auf etwas, das, wie er meinte, ohne Zweifel brauchbar fuͤr ihn waͤre; es war ein Buch mit dem Titel: Huka⸗yut⸗i⸗Hindee, oder indiſche Erzaͤhlungen; allein nach genauer Durchſicht fand er, daß ſie zu kurz und einfach ſeyen, und alle mit einer Nutzanwendung ſchloſſen, *) Ein Buch, genannt das Roſenbett. **) Das Licht des Canopus. 190 die dem Nuwab vielleicht nicht angenehm ſeyn moͤchte. Zunaͤchſt kam ein ſchoͤn geſchriebenes Exemplar von Tooti Nameh, oder Erzaͤhlun⸗ gen von einem Papagey— eine zu bekannte Schrift, als daß er daraus haͤtte entlehnen koͤnnen; dann: Aklaki Muhuſſune, oder: ein Aufſatz uͤber Lebensart, und zulezt eine Erzaͤh⸗ lung mit der Aufſchrift: Kurbah Waw Kuboo⸗ ter, oder die Katze und die Taube; weil er von dieſer noch nichts gehoͤrt hatte, ſo ſchloß er, ſie ſey von ſeinem Vater geſchrieben und verfaßt, und wuͤnſchte recht ſehr, ſie benuͤtzen zu koͤnnen. Da aber beide lezt genannte Werke voͤllig unbrauchbar fuͤr ihn waren, legte er ſchnell die Manuſcripte wieder in den Kaſten, und ſtellte dieſen wieder an ſeinen alten Platz. Beinahe die ganze Geſellſchaft war in der gleichen Lage, wie der Schulmeiſter; es wurde dahber beſchloſſen, eine Bittſchrift an den Nu⸗ wab einzureichen, und ihr Unvermoͤgen vorzu⸗ ſtellen; allein die ganze Stadt, beſonders die hundert freigelaſſenen Gefangenen, deren Leben nur von dem Gehorſam derer abhieng, welche den Nuwab unterhalten ſollten, erhoben ſich ge⸗ gen ſie, und drohten mit ihrer Rache, wenn ſie eine Vorſtellung wagen, oder eine Bittſchrift einreichen wuͤrden. Hiedurch ihrer einzigen Hoff⸗ nung beraubt, ſahen ſie ſich gendthigt, ihre ei⸗ gene Erfindungsgabe in Anſpruch zu nehmen, und erwarteten in aͤngſtlicher Ungewißheit das Ende des Monats. Kuzl⸗vbaſßhee, der Faͤrber, der erfahren, daß ein wunderbares altes Weib 194 in einem abgelegenen Theile der Stadt wohne, hielt dieſe Entdeckung ganz geheim, entſchloſſen, ſie um Mitternacht zu beſuchen, weil ſie, wie er wußte, im Beſitze mehrerer anziehen den Er⸗ zaͤhlungen aus der Vorzeit war, namentlich von der Regierung des Kaiſers Acbar. Nachts eilf Uhr ſchritt der ſcharfſichtige Färber, in ein dunkelblaues Kleid gehuͤllt, der einſamen Woh⸗ nung der Sibylle zu, aus der er, zu ſeinem großen Verdruſſe, ſeinen alten Feind, den Flei⸗ ſcher, gerade heraustreten ſah. Seine Hoffnung ſank, doch dachte er, er wolle demungeachtet Einlaß begehren, und klopfte alſo an die Thuͤre; allein das alte Muͤtterchen gab ihm gar kein Gehoͤr, ob er gleich durch die Thuͤre ihr eine große Belohnung verſprach, wenn ſie ihm nur einließe. Als er wieder nach Hauſe gekommen, und ſein Weib bemeckte, wie troſtlos er war, fragte ſie nach dem Grunde, und loͤſte, nach⸗ dem ſie dieſen erfahren, das Raͤthſel, indem ſie ihren Mann berichtete, die alte Frau ſey die Großmutter von dem Weibe des Fleiſchers, und der Katil⸗bhaͤ auch einer der Erzaͤhler ſey, ſo wuͤrde ſie natuͤrlich keinem Andern helfen wollen. Der arme Kuzl⸗baſhee, der nicht wußte, was er thun, oder wo er Unterſtuͤtzung finden ſollte, ließ ſein Geſchaͤft ganz liegen, und ſezte ſich truͤbſinnig unter ſeine Hausthuͤre, wo ihm eines Tags ein Fakeer anſprach, und um ein Almoſen bat. Dem Faͤrber kam der Gedanke, dieſer Mann muͤſſe auf ſeinen vielfachen Reiſen Dinge erfahren haben, die werth ſeyen, dem 192 Nuwab erzoͤhlt zu werden; er befragte ihn alſo hiecruͤber, und da die Antworten des Bettel⸗ moͤnchs ihm große Hoffnung gaben, lud er ihn ein, in ſein Haus zu treten, und bewirthete ihn. Nachdem der Moͤnch in reichlichem Maaße Reis zu ſich genommen, verlangte er Tabak, und rauchte ganz gemaͤchlich.„Nun, Freund,“ ſagte er endlich,„welchen Schnitt ſollen die Erzaͤhlungen haben? wuͤnſcheſt du Liebesgeſchich⸗ ten, oder von Schlachten, oder—“ „O, nur etwas,“ ſagte der erfreute Faͤr⸗ ber,„was du gerade weißt.“ „Wahrhaftig,“ erwiederte der Fakeer,„wirk⸗ lich bin ich muͤde, und bedarf der Ruhe, will mich aber auf meinem Lager auf eine Erzaͤh⸗ lung beſinnen, die dir, denk' ich, anſtehen ſoll, und die ich dir morgen erzaͤhle.“ „Dank, tauſend Dank!« ſagte der Faͤrber; „ich werde dich ſehr anſtaͤndig belohnen.“ Nachdem der Fakeer ſein Hookah geleert, be⸗ gab er ſich in ſein Bett, das ihm neben dem aufmerkſamen Kuzl⸗baſhee bereitet worden, der, in der Hoffnung, morgen in Beſitz einer Er⸗ zaͤhlung zu kommen, die er dem Nuwab vor⸗ tragen koͤnnte, vergnuͤgt zur Ruhe gieng. Allein als man Morgens nach dem heiligen Manne ſehen wollte, war dieſer nicht zu fin⸗ den; man hatte aber nicht nur ſeinen Verluſt zu beklagen, ſondern mehrere Tuͤcher, zwei ei⸗ ſerne Pfannen und ein kupferner Keſſel waren ebenfalls verſchwunden. Der ungluͤckliche Kuzl⸗ baſhee zerſchlug ſich die Bruſt, und wehklagte ſo laut . 19⁵ laut uͤber ſeinen Verluſt, daß ſeine Nachbarn zuſammenliefen, und, nachdem ſie ſein Mißge⸗ ſchick erfahren, den Cotwall davon benachrichkig⸗ ten, der nach allen Richtungen Leute ausſandte, um den Fakeer zu greifen; aber alles vergebens — er war nirgends zu finden. Der T Tag, an welchem Alle in des Dee⸗ wan's Palaſt zu erſcheinen hatten, damit durchs Loos entſchieden wuͤrde, wer zuerſt erzaͤhlen ſollte, erſchien endlich. Moye⸗ed⸗din hatte ein⸗ zelne zuſammengelegte Papiere in einer Muͤtze, und befahl, jeder ſollte eines ziehen; das mit Nro. 1. bezeichnete ſey das entſcheidende. Das Loos fiel auf den Cotwall, der die Weiſung erhielt, ſich bereit zu halten, am erſten des folgenden Mo⸗ nats vor dem Nuwab eine Erzaͤhlung vorzutra⸗ gen. Der Cotwall war gar nicht geneigt, die Reihe der Erzaͤhler zu beginnen; da er aber keinen andern Ausweg ſah, machte er vor Moye⸗ ed⸗din eine Art Buͤckling, und gieng weg, ohne ein Wort zu ſprechen, gefolgt von dem Reſt des troſtloſen Haufens. Der Saal des Zenana war durch einen ro⸗ then Vorhang abgetheilt, hinter welchem die ſchoͤne Perſerin und die uͤbrigen Frauen des Harems ſaßen. Unmittelbar vor dem Vorhang war ein Thron fuͤr den Nuwab errichtet, zu deſſen beiden Seiten Teppiche mit Polſtern be⸗ reitet waren, fuͤr den Miniſter, den General, den Schatzmeiſter, den Secretaͤr, und andere hohe Beamte, die des Erzaͤhlens uͤberhoben waren; in die Mitte dieſes ge ſürehteren Kreiſes Ind. Serail. 9 194 war ein Teppich ausgebreitet zum Sitz fuͤr den Erzaͤhler, um den diejenigen herum ſtehen ſoll⸗ ten, denen daran gelegen waͤre, gegenwaͤrtig zu ſeyn. Endlich erſchien der Tag; nach aufgehobe⸗ nem Durbar trat der Cotwall vor, und erklaͤrte ſich bereit, eine Geſchichte zu erzaͤhlen. Der Nuwab beſtimmte den Anfang auf Ein Uhr, und zog ſich dann zuruͤck, um ſein Mittags⸗ mahl einzunehmen. Als alles zur beſtimmten Stunde bereit war, der Nuwab ſeinen Sitz auf dem Throne eingenommen, und die Frauen ſich hinter dem Vorhang niedergelaſſen, mit großer Ungeduld auf den Anfang der Unterhaltung lau⸗ ſchend, wurde der Cotwall hereingefuͤhrt; er buͤckte ſich dreimal bis auf den Boden, und wurde dann geheißen, ſeinen Sitz auf dem Tep⸗ pich einzunehmen; und nachdem Stillſchweigen geboten worden, begann er ſeine Erzaͤhlung, die den Inhalt des folgenden Kapitels ausmacht. Zwoͤlftes Kapitel. Erzählung des Cotwall. — Im Jahre 1706, nach dem Tode des maͤch⸗ tigen Aurungzebe, und viele Jahre vor dem Einfalle des Eroberers Nadir Shah in Indien, —— 195⁵ war, aus Veranlaffung des Krieèges zwiſchen den Sikh's*) und den Mahomedanern, die Landſchaft zwiſchen den Stroͤmen Sutlege und Jumna der Schauplatz blutiger Auftritte. Was die Schrecken dieſer Zeit noch erhoͤhte, war, daß die Regenzeit dießmal mit ungewoͤhnlicher Hef⸗ tigkeit eintrat: ein Sturm erhub ſich, wie die aͤlteſten Einwohner noch keinen erlebt hatten, kleine Baͤche und Fluͤßchen ſchwollen in kurzer Zeit zu breiten, reißenden Stroͤmen an. Don⸗ ner rollten und fuͤrchterlich leuchteten die Blitze, waͤhrend der Sturm die ſtaͤrkſten Baͤume in den Forſten von Rhaber niederwarf, waͤhrend auf den angelaufenen Stroͤmen Sutlege und Jumna zertruͤmmerte Huͤtten und ertrunkenes Vieh herab⸗ trieb, woran Ungluͤckliche ſich feſtgeklammert hat⸗ ten.„Allah, ſchuͤtze uns!“ ſagte die alte Nina zu ihrem Manne, einem alten Hirten in der Provinz Rhaber, die beide in ihrer elenden Huͤtte, in grobe Shawls gehuͤllt, ſaßen.— „Allah, ſchuͤtze uns, Mann! ich fuͤrchte bei je⸗ dem Windſtoß, wir moͤchten unter den Truͤm⸗ mern unſerer Huͤtte begraben werden.“ „Es iſt freilich eine graͤßliche Nacht, Nina, doch hoff’ ich, unſere Huͤtte werde den Sturm ausbalten. Mach' ein Feuer an, Weib, der Anblick wird uns erheitern.“ Nina gehorchte, und das geaͤngſtete Paar ſezte ſich ſchnell an die luſtige Flamme. So wie *) Nanac Shah war der Stifter dieſer Secte; ſein Vater gehoͤrte zu der Cſhatree⸗Kaſte. 9 25 196 ihre erſtarrten Glieder am Feuer ſich erwaͤrm⸗ ten, ſchwand nach und nach ihre Furcht. Der Wind legte ſich und es folgte ein ſtarker Regen, der aber Nina noch laͤſtiger war, als der Sturm, da er in Stroͤmen durch das morſche Dach ein⸗ drang, das nur aus Palmyrablaͤttern beſtand, die der Wind durchloͤchert hatte, und ſo fan⸗ den die Armen keine Ardgene Stelle in ihrer aͤrmlichen Wohnung. Bei dieſem Aufruhr der Elemente zu ſchlafen war unmdglich, und das erquickende Feuer war ihr einziger Troſt.„Will ſehen, wie der Krieg ablaͤuft,“ ſagte der alte Budr⸗ed⸗din, der Hirte,„die Hoͤlle muß den oberſten der Teufel in der Perſon des blutigen Banda uns uüͤber den Hals geſchickt haben. Ach! ich konnte viele Schreckensthaten von dieſem wil⸗ den, trotzigen Sikh erzaͤhlen.“ „Iſt er denn wirklich ſo ſchlimm 2c „Ob er es ſey? Iſt das eine Frage!“ Hat er nicht Foujdar Khan, den Statthalter von Sarhied, bexaubt, dann mit ſeinen Hoͤllenhun⸗ den die Gemahlin und die huͤlfloſen Kinder des ungluͤcklichen Vizier Khan erſchlagen, und, da⸗ mit nicht zufrieden, die Moſcheen verunheiligt, die Leichname ausgrahen, und wilden Thieren zur Speiſe werden laſſen? und haben ſie nicht ſchon das ganze Land zwiſchen dem Sutlege und Jumna unterworfen, und machen ſchon Einfaͤlle in die Provinz Saharunpoor, die nicht weit von Delhi ſelbſt liegt? und morden ſie nicht unmenſchlich, wen ſie treffen, wenn er ſich weigert, die Religion, die Gebraͤuche, und — — 197 ſelbſt die Tracht der Sikh's*) anzunehmen? das nennſt du bloß ſchlimm?—. Es iſt das Werk eines Teufels; gebe Allah, daß unſere Heerfuͤhrer ſie ſchlagen.“ „Das wollen wir hoffen,“ erwiederte Nina; „gewiß hat unſer Kaiſer Farakſeir ſchon Anſtal⸗ ten zu ihrer Vernichtung getroffen.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein Pochen an der Huͤttenthuͤre vernehmen, daß die zittern⸗ den Bewohner aͤngſtlich zuſammenſchracken.„Wer iſt draußen?“ fragte Budr⸗ed⸗din. „Ein ungluͤcklicher Mahomedaner, der ver⸗ wundet und beinahe verhungert iſt,“ verſezte eine Stimme von außen. „Laß ihn doch herein,“ ſagte gutmuͤthig Nina,„Gott weiß, wir muͤſſen heut zu Tage unſern Freunden helfen, beſonders einem Solda⸗ ten— vielleicht weiß er uns auch etwas vom Kriege zu erzaͤhlen.“ „Weib, das koͤnnte gefaͤhrlich werden.“ „Das werden wir ſchon noch zeitig genug ſehen, um auf unſerer Hut zu ſeyn— hier wurde das Pochen wiederholt und die Stimme von außen ward lauter und bat dringender um Einlaß. Darch die Bitten des Mannes draußen und die Aufmunterung ſeines Weibes ließ ſich Budr⸗ *) Guru Govind, der lezte Glaubensfuͤhrer der Sikh's, verordnete, die Sekte ſollte ſich immer blau kleiden. Die Acalis, eine Claſſe der eifri⸗ gen Sikh's, tragen blaugewuͤrfelte Kleider mit Armbaͤndern von Stahl. 198 ed⸗din bewegen, die Thuͤre behutſam zu oͤffnen und hereintrat ein hochgewachſener, hagerer, halbnackter Mann, ohne Turban, mit fliegen⸗ den, triefenden Haaren; er ſchien ungefaͤhr 45 Jahre alt und ungeachtet ſeines elenden Auf⸗ zugs, ſah man ihm doch den Krieger von Rang an. Nachdem er ſich am Feuer getrocknet, wurde ihm etwas Speiſe vorgeſezt, die er haſtig ver⸗ zehrte und dann den Wunſch bezeigte, ſich in einem Winkel niederzulegen, um einige Stun⸗ den zu ruhen. Allein Nina, die nach Neuig⸗ keiten luͤſtete, und die bloß in der Hoffnung, welche zu hdͤren, ihren Gatten vermocht hatte, den Fremden einzulaſſen, bat ihn, uͤber den Stand des Krieges ſie zu berichten.„Hat der Kaiſer ſich mit den Sikh's eingelaſſen ˙ fragte fie. „Ja;“ verſezte der Fremde mit tiefer, hoh⸗ ler Stimme. „Und ſind wir wieder geſchlagen?“ Ein Nicken war die einzige Antwort. Der Hirte ſchlug die Augen auf, und rief: „dann hat unſere lezte Hoffnung uns verlaſſen, wir muͤſſen einen andern Glauben und andere Gebraͤuche annehmen, und Sikh's werden!“ „Ihr muͤßt's,“ ſprach der Fremde,„macht euch gefaßt.“ „Aber Bruder,“ fuhr der Hirte fort,„es liegt ein Fluch auf dem Lande,' iſt eine wahre Holle auf Erden. Wie alle Welt ſoll Banda und ſeiner verfluchten Rotte folgen 2** 2 Stille!“ rief Nina,„ich hdre den Hufſchlag von Pferden— es ſind die Siky's— wir wer⸗ den alle in Stuͤcke gehauen!“ e. 199 „Verbirg mich, Bruder,“ rief der Fremde,⸗ „mich ſuchen ſie, ſchuͤte mich, und der Reſt dei⸗ ner Tage ſoll dir in Ruhe und Freude dahin gehen. Sage, daß dieſe Nacht niemand dich um Herberge angeſprochen habe, ſo werden die Reiter ſogleich wieder abziehen. Bekennſt du aber, ſo ſtuͤrzeſt du mich und dich ſelbſt ins Verderben. „Wo, wo verbergen wir ihn?“ jammerte aͤngſtlich der Hirte. „In den Brunnen, Mann, in den Brun⸗ nen, laß ihn in dem ledernen Eimer*) in den Brunnen hinab, er iſt neu und ſtark, und wird ihn wohl tragen. „Folge mir, Freund,“ ſagte der Hirte, „und du, Weib, laß die Reiter nicht herein, bis ſie wieder kommen, oder halte ſie auf ir⸗ gend eine Art ſo lange auf, als du kannſt.“ Ein lautes Hallo ließ ſich jezt vernehmen, und zugleich wurde heftig an die Thuͤre gepocht. Der Hirte und der Fremde giengen durch eine Hinterthuͤre in den Hof, wo der Brunnen war, der Fremde ſtieg in den ledernen Eimer, dieſer wurde hinabgelaſſen und das Ende des Seiles oben am Balken befeſtigt, ſo daß er das Waſ⸗ ſer nicht beruͤhrte. Wie der Hirte zuruͤckkam, ließ ſein Weib die Reiter gerade ein, und be⸗ theuerte, daß kein Fremder unter ihrem Dache ſey. „Komm, komm,“ ſagte einer von den Maͤn⸗ *) Ein großes Behaͤlter, aus einer ganzen Ochſen⸗ haut, es haͤngt an einem eiſernen Ringe und hat vier Fuß im Umfange.. 200 nern,„es iſt umſonſt, wir wiſſen wohl, daß der Fluͤchtling hier verſteckt ſeyn muß, gebt ihn heraus.“ „Wakrhaftig! ke rief Nina,„es war niemand bier in dieſer ſchrecklichen Nacht.“ „Dieſe ſchreckliche Nacht, Alte, iſt gerade der wahrſcheinlichſte Grund, warum der, den wir ſuchen, euch um Obdach angeſprochen ha⸗ ben muß, gebt ihn heraus und eine unermeſ⸗ liche Belohnung ſoll euch werden.“ Das Wort„Belohnung“ machte das alte Paar ſchwanken, und Budr⸗ed⸗din, durch bil⸗ ligende Blicke ſeiner treuen Ehehaͤlfte ausgonnte tert, geſtand nach und nach, daß ein Fremder in ihrer Huͤtte verſteckt ſey, und er ihn gerne herausgeben wollte. „Ha ke ſchrie der Reiter,„dacht' ich's doch, wir wuͤrden nicht fehl gegangen ſeyn— iſt er in Blau gekleidet?“ „Ja, was die Kleider anbelangt,? verſezte der Hirte,„ſo hat er deren wenig auf dem Leibe.“ „Iſt er groß 24 .„Ja. ſehr.“ 1 „Und verwundet 2*³ „Unbedeutend.“ „Er iſt's— gebt ihn heraus, oder ihr ſeyd des Todes!“ „Ach Allah 1 rief Nina erſchrocken, hich will euch zeigen, wo er iſt, aber ihr muͤßt alle ihn wieder an'’s Tageslicht bringen helfen, und dieß ganz in der Stille, oder er ſchluͤpft euch durch 201 die Finger.“ Nach dieſen Worten folgte der ganze Haufe, der jezt abgeſeſſen war, dem Hirten an den Brunnen, aber nicht ſo leiſe, daß der Ge⸗ fangene nicht ihre vorſichtigen Tritte und ihr Fiſern gehoͤrt haͤtte. Ueberzeugt, daß, wenn ſich in dem Eimer wieder in die Hoͤhe ziehen neße kein Entkommen moͤglich ſey, taſtete er um ſich her, und entdechte gluͤcklicherweiſe ein durch die Laͤnge der Zeit in der Mauer entſtandenes Loch; jezt verließ er den Eimer, ſuchte ſich ei⸗ nen Platz zum Stehen, und klammerte ſich mit Haͤnden und Fuͤßen an die vorſpr ringenden Stei⸗ ne an, weil er mit Grund ſchloß, der Eimer wuͤrde, wenn man ihn nicht darin faͤnde, wie⸗ der herabgelaſſen werden. Kaum hatte er dieß gethan, ſo wurde der Eimer langſam in die Hoͤhe gezogen, und wie dieſer oben anlangte, hoͤrte er einen gewaltigen Schlag und die Wor⸗ te:„Da Freund!“ Es war, wie er vermu⸗ thete, ein Schwertſtreich geweſen, und wohl in der Erwartung gefuͤhrt, er wuͤrde den Gefange⸗ nen treffen. Jezt erhob ſich ein Streit, beglei⸗ tet von den Thraͤnen, Bitten und Betheurun⸗ gen des Hirten und ſeines Weibes, welche beide bei dem Koran ſchwuren, der Fremde ſey in den Brunnen hinabgelaſſen worden, und ſein Entkommen ihnen unerklaͤrlich, wenn er nicht an dem Seile beraufgeklettert ſey, und ſich in, das hohe Gras in der Naͤhe gefluͤchtet habe. „Ungluͤckliche!“ rief einer der Reiter,„ihr wißt nicht, wem ihr zur Flucht behuͤlflich wa⸗ ret; alles Ungluͤck, das fortan uͤber die Glaͤu⸗ 7 202 bigen kommt, habt ihr verſchuldet, denn, den ihr beberbergtet, iſt— Banda, der Teufel Banda!“ Ein Schrei des alten Weibes war Alles, was der verruchte Banda(denn er war es wirklich) noch vernahm. Der Hirte, ebenſo betroffen, als die Reuter, ließ den Eimer langſam und be⸗ daͤchtlich wieder hinab, und als alles ruhig ge⸗ worden war, ſtieg der Gefangene wieder in den⸗ ſelben. Weil er keinen Laut vernahm, verſuchte er, an dem Seile empor zu klimmen, fand dies aber, weil er durch ſeine Wunde geſchwaͤcht war, unmoͤglich, und ſah ſich alſo genoͤthigt, im Ei⸗ mer zu bleiben, bis dieſer am Morgen aufgezo⸗ gen wuͤrde, wo er dann vielleicht entkommen konnte. Ungefaͤyr eine Stunde hatte er in die⸗ ſer Lage zugebdacht, als er oben am Brunnen ein Fluͤſtern zu hoͤren glaubte, und bald dar⸗ auf rief eine Stimme, die er fuͤr die des treu⸗ loſen Hirten erkannte, ihm zu:„Bruder! Fremd⸗ ling! die Soldaten ſind fort, wenn du unten biſt⸗ ſo ſprich, du kannſt jezt unbeſorgt herauf kom⸗ men.“. Unmöͤglich konnte der Gefangene dieſen Leu⸗ ten noch einmal ſich anvertrauen, er ſchwieg alſo weislich und bdoͤrte bald ſeinen Wirth mit den Worten ſich entfernen:„der verdammte Schurke! er iſt wahrhaftig ertrunken oder entkommen.“ Die Alte ſchalt ihren Mann, daß er den Fremden nicht habe entdecken koͤnnen, und dieſer machte dagegen ſeinem Weib den Vorwurf, daß — 20³ ſie einen ſo unpaſſenden Ort, ihn zu verbergen, vorgeſchlagen habe. „Wir haͤtten eine ſo ſchoͤne Belohnung be⸗ kommen, bedenke das, Mann,“ ſagt Nina. „Und jezt kommen wir wahrſcheinlich um den Kopf, bedenke das, Weib,“ verſezte der alte Budr⸗ed⸗din. „Ach Ungluͤckstag! jammerte die Alte,“ dacht' ich's doch, der Sturm bedeute nichts Gutes!« „Der Himmel beſchuͤtze uns, Weib! laß uns, wenn'’s moͤglich iſt, ſchlafen bis Morgen.“ Mit dieſen Worten ging er dem armſeligen Lager zu. Fruͤh am Morgen beſchloß Budr⸗ed⸗din, weil er ſah, daß die gewoͤhnliche Regenzeit eingetre⸗ ten war, den Eimer aus dem Brunnen herauf zu ziehen um ihn in der Huͤtte aufzubewahren, bis die trockene Jahreszeit ihn wieder noͤthig machte. „Du kannſt zugleich Waſſer darin heraufzie⸗ hen,“ ſagte fein Weib,„ich brauche welches.“ Um dies zu bewerkſtelligen, mußte der Ochſe an das Seil angeſpannt werden, und nachdem dies geſchehen war, wurde das Zeichen gegeben, der Eimer in das Waſſer hinabgelaſſen— was fuͤr Banda ſehr unbequem war— und der Stier, neben welchem der Hirte ging, zog den Eimer langſam in die Hoͤhe. Ein durchdringender Schrei von ſeinem Weibe, das gerade den Kopf aus der dem Brunnen gegenuͤber liegenden Thuͤre ſteckte, machte, daß er ſich umwandte, da ſuͤh er zu ſeinem Entſetzen in dem Eimer die hagere Geſtalt des graͤßlichen Banda ſtehen, der, um nicht wie⸗ 204 der in den Brunnen hinabgelaſſen zu werden, ſich auf den Balken ſchwang, unter Verwuͤn⸗ ſchungen gegen das treuloſe Paar, dem er Rache gelobte, auf den Boden ſezte, und in das hohe Gras in der Naͤhe ſich fluͤchtete, waͤhrend der Hirte und ſein Weib in ſtummer Verwunderung vor ſich hinſtarrten. „Warum ließeſt du das Seil nicht wieder hinab?“ begann endlich Nina. „Ein faͤltiges Geſchwaͤtz! verſezte ihr Gatte,“ wie konnte ich das, da der Ochſe es hielt?““ „Warum ſchnittſt du es dann nicht ab, wie du mich ſchreien hoͤrteſt?“ „Schweig!“ ſagte unwillig der Hirte,„wenn ich jedesmal, ſo oft du ſchreiſt, das Seil ab⸗ ſchneiden wollte, ſo waͤre ich ein guter Kunde des alten Hubulbhaͤ, des Seilers! du ſiehſt, un⸗ ſer Gefangener iſt wirklich entkommen, und es iſt das Beſte, wir ſagen kein Wort von der Sache, wenn einer von den Soldaten wiederkom⸗ men ſollte.“ „Da jezt,“ ſagte hier der Cotwall,„die Stunde gekommen iſt, wo deine Hoheit Erfriſchun⸗ gen zu ſich zu nehmen pflegt, ſo will ich die Fort⸗ ſetzung meiner Erzaͤhlung bis auf Morgen auf dieſelbe Stunde verſchieben.“ Der Nuwab nahm Abrede mit der ſchoͤnen Perſerin, und entſchied, daß die Erzaͤhlung am folgenden Tage fortgeſezt werden ſollte; in Zu⸗ kunft ſollten die Stunden von eins bis vier Uhr zur Anhoͤrung beſtimmt ſeyn, dann pflegte der Nuwab Kaffee zu trinken und ſein Hookkah zu 205 rauchen und die Frauen nahmen ihr Haupt⸗ mahl ein. Dann genoß Seine Hoheit ein Stuͤnd⸗ chen Schlaf und verfuͤgte ſich hierauf in der Kuͤhle des Abends in die Gaͤrten des Mahmud⸗ a⸗baugh⸗Pallaſtes, von wo man erſt lang nach Sonnenuntergang zuruͤckkehrte. Am naͤchſten Tage nahm der Cotwall ſeine Erzaͤhlung folgender Maßen wieder auf! Ehe ich den fluͤchtigen Banda verfolge, wird es noͤthig ſeyn, uͤber die Sekte, zu der er gehoͤrte, Eini⸗ ges zu ſagen und zu erklaͤren, wie er zu der Macht und dem Anſeben gelangte, daß er ſich ſogar der mahomedaniſchen Regierung furchtbar machen konnte. Der Stifter der ſogenannten Sekte der Sikh's war Nanac Schah. Die Sikh's ſtanden unter Glaubensfuͤhrern, deren zehnter und lezter Guru Govind war; dieſer hatte kei⸗ nen regelmaͤßigen Nachfolger, und an ſeine Stelle trat ein Bairagi, ein ergebener Anhaͤnger Guru Gooind's, Namens Banda, ein heftiger, rach⸗ ſuͤchtiger, blutduͤrſtiger Mann, der an den von den Stiftern der Sekte und beſonders von ſeinem Lehrer Guru Gooind verordneten Religionsge⸗ braͤuchen mit aͤngſtlicher Gewiſſenhaftigkeit hing. Weil er ſich von der ganzen Sekte geehrt ſah, be⸗ ſchloß Banda ſeine Macht zu vergroͤßern und mehr Land zu gewinnen. In dieſer Abſicht, fing er an, die kleineren mahomedaniſchen Haͤuptlinge in der Umgegend zu pluͤndern, machte dann ei⸗ nen Einfall in die Provinz Sarhind und griff den Statthalter Foujdar Khan an, unter dem Vorwand, dieſer Mann habe die groͤßten Abſcheu⸗ 2⁰6 lichkeiten begangen und die Kinder des heiligen Guru Govind, ein Knaͤblein und ein Maͤdchen ermordet. Seine Anhaͤnger, ebenſo racheluſtig und blutduͤrſtig, ſammelten ſich um ſeine Fahne und gewannen einen vollſtaͤndigen Sieg uͤber Fouj⸗ dar Khan und ſein Heer, indem ſie Niemanden Pardon gaben. Damit nicht zufrieden, erſchlu⸗ gen ſie das Weib und die Kinder des Vizier Khan nebſt einer Menge huͤlfloſer Einwohner in Sar⸗ hind und begingen noch viele andere Schreckens⸗ tbaten, von denen Budr⸗ed⸗din, der Hirte be⸗ reits einige erzaͤhlt hat. Banda hatte zwei Soͤhne; der aͤltere hieß Aiit Sinh, der juͤngere Zorawer Sinh und auf ſie ſollte nach ſeinem Tode die Herrſchaft uͤber die Sekte uͤbergehen. Die Juͤnglinge beſaßen beide unerſchrockenen Muth, waren aber in ihrem . Charakter einander ſehr unaͤhnlich: der erſtere hatte ganz den wilden Trotz ſeines Vaters und bing ebenſo eifrig an der Religion und den Ge⸗ braͤuchen der Sith's, waͤhrend der leztere bei einem kuͤhnen Geiſte ein offenes, edles Herz be⸗ ſaß, und bei weitem nicht ſo viel auf den Glau⸗ ben und die Religion der Sikh'’s hielt. Bis jezt hatte Banda immer mit Gluͤck die unbedeutenderen Statthalter zwiſchen dem Sut⸗ lege und Jumno bekriegt, und war endlich ſo kuͤhn, Saharunpvor, eine nur wenige Meilen von Delhi entlegene Stadt, anzugreifen, worauf der Kaiſer Farakſeir beſchloß, wirkſame Maßre⸗ geln gegen ihn zu ergreifen, und ſeinen Feld⸗ herrn Samad. Kyan beorderte, die Sikp's au⸗ —— ,— 207 zugreifen, und bis auf den lezten Mann nieder⸗ zumachen. Banda ruͤckte mit einem zahlreichen Heere aus, das in drei Haufen getheilt war, das Hauptkorps befehligte er ſelbſt, die zwei andern, ſeine beide Soͤhne. Weil er wußte, daß er ein furchtbares Heer gegen ſich hatte, berief er ſeine zwei Soͤhne vor ſich, gab ihnen Verhal⸗ tungsbefehle fuͤr die Schlacht, und wollte ſie einen feierlichen Eid ablegen laſſen, an den re⸗ ligidſen Lehren der Sekte feſtzuhalten, ſo lange ein Tropfen Blut in ihren Adern floͤſſe. Schon hatte Ajit Siuh, der aͤltere, den Eid geleiſtet, und Banda wollte den juͤngern, Zorawer Sinh, ſchwoͤren laſſen, als ſein Lager ploͤtlich von dem Feinde umringt wurde, und er ſich gendthigt ſah, ſich zur Schlacht zu ruͤſten. Lang und blutig war der Kampf, und endete zulezt guͤn⸗ ſtig fuͤr die Mahomedaner, welche viele Sikh's erſchlugen und nur wenige Gefangene machten; unter den leztern war Zorawer, welcher glaubte, ſein ungluͤcklicher Vater und ſein Bruder ſeyen in der Schlacht gefallen. Samad Khan, der mahomedaniſche Feldherr, der Zorawern rettete, wußte nicht, daß ſein Gefangener von ſo hohem Range waͤre; er ſchonte ihn blos wegen ſeiner Jugend, und gab Befehl, ihn auf ſeine Fe⸗ ſtung in der Provinz Sahrarunpoor, wo er ge⸗ woͤhnlich lebte, gefangen abzufuͤhren. 4 Nachdem Samad Khan von dem Kaiſer fuͤr ſeine Tapferkeit und den glaͤnzenden Sieg be⸗ lohnt worden war, begab er ſich wieder auf dieſe Feſtung, und traf hier Sicherheits⸗Anſtalten, weil 2⁰⁸ noch ein Haufen Sikh's in der Gegend umher⸗ ſchwaͤrmte. Zorawer durfte frei innerhalb der Feſtungs⸗Mauern umher gehen, die Thore aber nicht uͤberſchreiten. Sein Zimmer lag entfernt von denen der Familie des Generals, die, wie er erfuhr, nur aus einer Tochter beſtund, waͤh⸗ rend der verliebte Kommandant ein großes Se⸗ rail hielt und die meiſte Zeit in dieſem zubrachte. Zorawer'’n, der von Kindheit an gewoͤhnt war, frei durch die Felder zu ſchwaͤrmen, und auf hoße Berge zu klettern, ohne ſich zu fuͤrchten bei dem Heulen wilder Thiere, ohne auf die Naͤhe der eben ſo gefaͤhrlichen Raͤuber zu ach⸗ ten, welche die Gegend unſicher machten— Zo⸗ raweren wurde ſeine eingeſchraͤnkte Lage ſehr laͤ⸗ ſtig und unleidlich. Eines Nachts, wo er uͤber ſein ungluͤckliches Schickſal nachdachte, und un⸗ ter dem Fenſter ſeineß Zimmers, das die Aus⸗ ſicht auf hochwachſendes Gras hatte, ſtand, glaubte er ein Saitenſpiel zu vernehmen, welches eine aͤußerſt melodiſche Stimme begleitete. Er hielt den Athem an, damit ihm nichts entginge, und vernahm deutlich das wohlbekannte Lied, welches anfaͤngt:— „Mutrib e Hhoosh Nuwa bigo tazu bu tazu. Nou bu nou*).« „Himmel!e rief er laut beim Schluſſe des berrlichen Geſanges,„welch' zauberiſche Toͤne!« *) Holder Saͤnger ſing dein Lied, Immer froͤhlich, immer neu. ——— ———— 209 Er glaubte, dieſer Ruf, den das Entzuͤcken ihm entlockt hatte, muͤſſe von jemand gehoͤrt wor⸗ den ſeyn, denn ſchnell wurde ein Fenſter zugewor⸗ fen, und alles war ſtill, wie das Grab. Wer es ge⸗ weſen, der ihn ſo bezaubert, konnte er nicht entſcheiden. Der Harem lag, wie er wußte, auf einer ganz andern Seite, es war alſo un⸗ moͤglich eine von deſſen ſchonen Bewohnerinnen, es mußte die Tochter des Generals ſeyn. Ihr allein konnte es geſtattet ſeyn, in dieſer ſpaͤten Stunde der Nacht zu ſingen. Wo war ihr Zim⸗ mer? oben oder unten, zur rechten oder linken Seite von ſeinem Zimmer? Alle dieſe Vermu⸗ thungen verbannten den Schlaf von ſeinem La⸗ ger und als er Morgens aufſtand, fuͤhlte er ſich unwohl und matt. In der folgenden Nacht lauſchte er wieder in geſpannter Erwartung, ob das Lied, das ihn ſo entzuͤckt hatte, ſich nicht wieder hoͤren ließ, aber Alles war ſtill, keinen Laut vernahm er, als das Rauſchen der Baͤume, und in Verzweiflung warf er ſich auf ſein Lager, wo er in einen kurzen, unerquickenden Schlaf fiel; aus dieſem weckte ihn das Geraͤuſch, wel⸗ ches der Fall einer ſchweren Maſſe in dem Zim⸗ mer gerade uͤber dem ſeinigen verurſachte, ein Schrei folgte, und er dachte, es ſey eine Gewalt⸗ that, vielleicht ein Mord begangen worden. Er offnete ſeine Thuͤre, und ging auf eine ſchmale Treppe zu, die wie er glaubte, in die oberen Zimmer fuͤhrte, als er den. Schein einer Lampe deutlich an der gegenuͤberſtehenden Mauer ſich brechen ſah. Schuell trat er zuruͤck, und es war dies zu ſei⸗ nem Gluͤcke, denn durch die Spalte ſeiner Thuͤre erkannte er bei dem Scheine ſeiner Lampe den General ſelbſt; er ſchloß die Thuͤre, und legte ſich nieder, und als er ſich Morgens erhob, ließ er die raͤthſelhaften Begebenheiten dieſer Nacht, noch einmal an ſeinem Auge voruͤbergleiten. 4 8 Dreizehntes Kapitel. Unter den vielen Offizieren und Dienern auf der Feſtung, war Zorawer blos mit Einem ver⸗ traut geworden. Der Juͤngling hieß Maſood und war des Generals eigner Page. Als er eines Tages mit dieſem von Schlachten plauderte, ſah er eine weibliche Geſtalt, deren Formen das Ebenmaß ſelbſt waren, uͤber den Hof gehen: in der einen Hand trug ſie eine Zither, und auf der andern ſaß eine milchweiße Taube. „Wer mag dieſer Engel ſeyn, Maſood 2* fragte haſtig Zorawer. „Es iſt,“« verſezte der Page,„die Tochter deines edlen Herrn.“ „Und ihr Name?“ fragt Zorawer⸗ „Amina.“ „Sie iſt außerordentlich ſchoön, Maſood.“ „Ja, und eben ſo liebenswuͤrdig. Was in ihre Naͤhe kommt, liebt ſie, und ſie ſpielt und ſingt ſo goͤttlich, daß ich ſchon Stunden lang ihrer melodiſchen Stimme gelauſcht habe.“ Zorawer fragte nicht weiter und verließ ſin⸗ nend und duͤſter ſeinen Freund. 211 Jede Nacht oͤffnete der junge Sikh ſein Fen⸗ ſter und hoͤrte zuweilen die ſuͤße Stimme wieder, welche das erſtemal ihn bezaubert hatte. In ei⸗ ner ſtillen Nacht glaubte er einen Seufzer zu hoͤ⸗ ren und bald darauf ein Schluchzen, das von der ſchonen Bewohnerin des Zimmers uͤber ihm berkaͤme. „Himmel!“ rief er aus,„hat dieſer Engel Urſache zu trauern? Ach koͤnnt' ich ihren Gram lindern, oder ihr Huͤlfe bringen, wie freudig wollte ich die unerhoͤrteſten Beſchwerden uͤberſtei⸗ gen! Ja, fuͤr ſie wollte ich dem ehernen Schlunde der Kanonen mich entgegenſtellen, Thuͤrme und Mauern erklettern, durch die tiefſten Fluͤſſe ſchwimmen, oder kaͤmpfen, bis mein lezter Bluts⸗ tropfen fuͤr ſie vergoſſen waͤre!“ Ein andermal fuͤhrte ihn ein Zufall in die Naͤhe des ſchoͤnen Maͤdchens, als ſie auf den Feſtungswaͤllen Blumen begoß. Er war zu nahe bei ihr, als daß er ſchweigend an ihr haͤtte voruͤbergehen koͤnnen. Er verbeugte ſich und ſagte:„Schoͤnes Maͤdchen, ich wuͤrde ſtolz dar⸗ auf ſeyn, wenn du mir erlauben wollteſt⸗ dir bei deinem Geſchaͤfte zu helfeén.“ Errdthend reichte ihm Amina ein Kupferge⸗ faͤß, worin Waſſer geweſen war: Zorawer ver⸗ ſtand ſie ſogleich, ſtuͤrzte pfeilſchnell, wie der Ad⸗ ler auf ſeine Beute, von dem Walle an den Brunnen im Hofe, und fuͤllte das Gefaͤß mit Waſſer. Mit Bewunderung, ja ſogar mit Ent⸗ zuͤcken beobachtete Amina ſeine raſchen gefaͤlligen Bewegungen, und als er auf ſie zutrat und ihr, — 212 auf ein Knie ſich niederlaſſend, das Waſſer reichte, war die Bewegung in ihrem Innern ſo ſtark, daß ihre Hand heftig zitterte, und ſie ihr Ge⸗ ſicht abwenden mußte um ihr Erroͤthen zu verbergen. Das reizende Geſchöpf war ſo ver⸗ wirrt, daß ſie das Waſſer auf die ſchon begoſ⸗ ſenen Blumen fließen ließ, und ihr Verſehen nicht einmal bemerkte, bis Zorawer auf die ver⸗ nachlaͤſſigten Pflanzen deutete und ſagte:„wa⸗ ren dieſe armen Blumen ſo ungluͤcklich, ihrer ſchoͤnen Waͤrterin zu mißfallen 2* Halb unmuthig und halb erfreut, ſo an ihr Verſehen erinnert worden zu ſeyn, verſezte ſie:„ich darf nicht laͤnger ſaͤumen, ſie ſollen morgen be⸗ goſſen werden.“ Mit dieſen Worten eilte ſie an eine kleine Thuͤre an einem achteckigen Thurme, und verſchwand. Lange ſtand Zorawer, das neidiſche Thor anſtarrend, deſſen Knarren, wie Grabgelaͤute in ſeinen Ohren toͤnte. „O kurze, voruͤbergehende Wonne!«c rief er aus,„doch ich ſoll ſie morgen wieder ſehen. Aber wie viele Stunden noch bis dahin! Flieh, traͤge Zeit, und ihr, Geſtirne, ſeyd mir diesmal guͤnſtig!“ Hier warf er einen Blick auf die ver⸗ dorrten Pflanzen vor ihm, eilte ploͤtzlich nach Waſſer, und begoß ſie damit, aber nicht genug; er machte die Erde lockerer, riß die verwelkten Blaͤtter ab, und behandelte ſie uͤberhaupt ſo ſorgfaͤltig, als er glaubte, daß die Pflanzen es beduͤrften und der ſchoͤnen Beſitzerin angenehm waren. Sehnſuͤchtig harrte Zorawer dieſe Nacht an 215 ſeinem Fenſter und um die zwoͤlfte Stunde ver⸗ nahm er den entzuͤckenden Geſang der Houri uͤber ihm. Sie ſang einige Strophen eines ihm be⸗ kannten Liedes, er wagte es, ſie zu begleiten, aber mit ſo leiſer zitternder Stimme, daß er glaubte, er wuͤrde wohl nicht gehoͤrt werden, doch die Muſik hoͤrte auf und auch er ſchwieg⸗ mit ſich ſelbſt wegen ſeiner Dreiſtigkeit zuͤrnend. Wieder ließen die ſuͤßen Toͤne ſich hoͤren, und verklangen nach einiger Zeit. Um dem Maͤdchen kund zu thun, wo ſein Zimmer laͤge, und zugleich ſeine Gefuͤhle auszudruͤcken, beugte ſich Zorawer aus dem Feuſter und ſang ein perſiſches Lied⸗ das mit den Worten anfing: „Ich hab' gefühlt der Liebe Pein, Frag' nicht, zu wem. Empfunden ich der Sehnſucht Schmerz, Frag' nicht nach wem.“ Er vernahm nichts weiter, als daß das obere Fenſter vorſichtig geſchloſſen wurde. Im Auf⸗ ruhr der Gefuͤhle, die nur der verſteht, der ſie empfunden, warf ſich Zorawer auf ſein Lager, und verſuchte zu ſchlafen, aber vergebens. Am folgenden Tage beſuchte die ſchoͤne Amina ihre Blumen, und war anfangs erſtaunt, ſie ſo friſch zu ſehen, doch fiel ihr bald der Juͤngling wieder ein, ſie rief ſich ſein Benehmen, ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ihre leiſeſten Wuͤnſche und be⸗ ſonders das perſiſche Lied, das ſie von ihrem Fenſter aus gehoͤrt hatte, wieder ins Gedaͤcht⸗ niß: ein willkuͤhrlicher Seufzer folgte dieſen an⸗ 214 genehmen Erinnerungen und der Ausruf: waͤre er doch ein Mahomedaner! In dieſem Augenblicke ſah ſie den Gegenſtand ihrer Gedanken, von Ma⸗ ſood begleitet, langſam auf ſich zukommen. Zorawer ſchien niedergeſchlagen und traurig, und ſelbſt in der Naͤhe der reizenden Amina ver⸗ ſchwand die finſtere Wolke nicht von ſeiner Stirne. Sie dankte ihm fuͤr ſeine zarte Aufmerkſamkeit auf ihre Blumen, und ſeits mit einem Seufzer hinzu:„Sie ſind ja doch die einzige Freude, die ich hier im Schloſſe habe.“ „Ach! Jungfrau,“ verſezte Zorawer,„wuͤr⸗ deſt du mich zu deinem Gaͤrtner annehmen, freu⸗ dig wollte ich die zarten mir anvertrauten Pflan⸗ zen pflegen und ſtreben, daß die Lilie mit der Roſe wetteiferte.“ Dieſe Schmeichelei machte ſie erroͤthen, und weil ſie nicht wußte, was ſie ſagen ſollte, ent⸗ gegnete ſie:„laͤngſt ſchon wuͤnſch' ich mir eine Roſe, ich habe noch keine unter meiner Sammlung.“ „Als dich ſelbſt, ſchoͤnſte aller Roſen in der Welt,“ fiel Zorawer ein. „Ich ſehe,“ erwiederte ſie,„ihr Sikh's wißt ebenſowohl zu ſchmeicheln, als Krieg zu fuͤhren.“ Eben wollte er antworten, als Caſſim, der Haupt⸗ mann der Wache, aus einem Thor in den Hof trat. Pfeilſchnell eilte Amina davon, und troſt⸗ los ſezte ſich Zorawer neben die Blumen. Ma⸗ ſood, mit dem er um die Waͤlle gegangen war, hatte ihm geſagt, daß Caſſim die ſchoͤne Amina liebe, und ſie von ihrem Vater zur Ehe begehrt, dieſer aber die Eyre abgelehnt habe, neil er ihre * 215 Hand dem Sohn des Generals Adina Begg⸗ Khan, eines vertrauten Freundes von ihm, ver⸗ ſprochen hatte. „Caſſim's Stolz,“ ſagte Maſood,„wurde durch dieſe abſchlaͤgliche Antwort ſo beleidiget, daß er ein muͤrriſches Weſen angenommen hat, und jezt bei der ganzen Beſatzung verhaßt iſt.“ „Und hat Amina den beguͤnſtigten Sohn Adi⸗ na Beg's ſchon geſehen 2 fragte Zsrawer. „Ein einziges mal.“ „Und liebt ſie ihn 24. „Ich denke, nicht.“ „Und wenn ſoll die Verbindung ſtatt finden 2* „Sobald der Krieg zu Ende iſt.“ Zorawer, kuͤhn und muthig im Krieg, feurig und ungeduldig in der Liebe, beſchloß ſeinen Ne⸗ benbuyler zu verdraͤngen, und ſich die Beute zu ſichern.„Ich will,“ ſprach er,„das Joch des Sikhglaubens abwerfen, und Mahomedaner wer⸗ den; noch habe ich keinen Eid darauf geſchwo⸗ ren, und mein Vater und Bruder ſind, wie ich nicht zweifeln kann, gefallen. Dieſe Nacht will ich ihr meine Leidenſchaft bekennen, und wird ſie erwiedert, ſo muͤßte es eine ſtarke Feſtung ſeyn, die uns halten ſollte.“ Nachts wurden die Fenſter wieder geoͤffnet, der Geſang begann und Zorawer ſtimmte ein und beantwor⸗ tete ihn durch Lieder der Liebe. Er ſprach und erhielt Ant vort, er ſtellte ſich auf ſein Fenſter und Amina beugte ſich herab, um ſeine Worte von ſeinen Lippen aufzufangen: dieſe Gelegen⸗ heit konnte er nicht voruͤbergehen laſſen und in 216 den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken bekannte er ihr ſeine Leidenſchaft. „Ach Zorawer,“ ſprach Amina,„bedenkſt du, daß mein Vater, daß ich ſelbſt nie in eine Verbindung mit einem Sikh willigen kann?“ „Verbanne dieſen Gedanken,“ verſezte der Juͤngling,„nicht laͤuger bleibe ich ein Sikh, von nun an bin ich Mahomedaner, und wun⸗ dert ſich Jemand daruͤber, ſo wird ſein Erſtau⸗ nen ſchwinden, wenn er erfaͤhrt, daß ein En⸗ gel mich bekehrte.“ „Ach,“ ſagte zitternd Amina,„Caſſim be⸗ gehrt mich, ob ich Adina Beg's Sohn verlobt bin.* „Verbanne alle Furcht, meine Geliebte, es muß gelingen; gieb mir nur die Verſicherung deiner Gegenliebe, und alle Schwierigkeiten ſol⸗ len ſchwinden, wie der Thau vor der Sonne.“ „Ach Zorawer, was verlangſt du noch ei⸗ nen Beweis meiner Liebe! ſiehſt du nicht, daß dein Bild nur in meinem Buſen lebt, ſiehſt du nicht—% „Genug,“ rief entzuͤckt der Juͤngling,„mor⸗ gen entdeck' ich dir meinen Plan; lebe wohl, ſchoͤne Amina, die Nachtluft iſt ſchneidend, und wir koͤnnten behorcht werden— die Engel moͤ⸗ gen dich huͤten, meine Geliebte!“ „Allah beſchuͤtze dich, Zorawer,“ verſezte das Maͤdchen, und ſchloß ihr Fenſter. Wenn der verliebte Zorawer in der vorigen Nacht, durch Furcht und Zweifel gepeinigt, nicht hatte ſchlafen koͤnnen, ſo war er jezt bei dieſem ploͤz⸗ — 217 ploͤtzlichen Uebergang zu Wonnetraͤumen noch weniger dazu aufgelegt und der Schlaf floh ſeine Augenlieder. Am folgenden Morgen war, wie Zorawer ſah, eine große Thaͤtigkeit auf der Feſtung, weil der General Befehl gegeben hatte, man ſollte ſich zu einem Zuge gegen einen Haufen Sikh's ruͤſten, der, eingegangenen Nachrichten zu Folge, in der Gegend umherſchwaͤrmte. So⸗ gleich bat Zorawer um eine Audienz bei Samad Khan, und trug ſeine Dienſte wider die Sikh's an. „Du!« rief erſtaunt der General,„wie, du biſt ja ſelbſt ein Sikh.“ „Ich war es,“ verſezte Zorawer,„werde aber aicht laͤnger bei dieſem Glauben bleiben, ich bin bereit, deiner Fahne zu folgen und deine Religion anzunehmen.“ Der General, der Verrath fuͤrchtete, lehnte ſeinen Antrag ab, und befahl ihm, bis zu ſei⸗ ner Ruͤckkunft auf der Feſtung zu bleiben. Ge⸗ kraͤnkt durch den Argwohn des Generals, gieng er auf ſein Zimmer, und der Zug wurde ohne ihn unternommen. Weil ihm ſo die Gelegen⸗ beit abgeſchnitten war, ſich draußen im Kriege auszuzeichnen, beſchloß er, zu Hauſe einen Feld⸗ zug zaͤrterer Art zu eroͤffnen, und die ſchoͤne Amina zur Flucht mit ihm zu bereden. Alles ſchien ſein Vorhaben zu beguͤnſtigen; der Gene⸗ ral und Caſſim waren abweſend— was hatte er zu fuͤrchten? In der Nacht nach dem Abzuge der Truppen, nahm er ſeinen Patz am Fenſter ein, und Amina ſtand bereits an dem ihrigen Ind. Serail. I. 10 5 2¹⁸ uͤber ihm. Nach wiederholten Schwuͤren ewiger Treue bat der kuͤhne Juͤngling um die Wonne einer naͤhern Unterredung, und nach einigem Zoͤgern willigte Amina ein. Er wollte die enge Treppe hinauf eilen, fand aber, was er vor⸗ her nicht bemerkt hatte, am Fuße derſelben eine ſtarke eiſerne Thuͤre, welche von innen feſt ver⸗ ſchloſſen warz er rannte in ſein Zimmer zuruͤck, und man kann ſich ſeinen Schmerz denken, als er erſuhr, daß ſeine Geliebte ſie nicht oͤffnen h 3 konne, weil ein zuverlaͤſſiger Verſchnittener die Schluͤſſel in Verwahrung hatte. Er wollte zu ihrem Fenſter hinanklimmen, fand aber, daß dieß ohne ihre Unterſtuͤtzung von oben nicht moͤglich ſey. Weil Amina ſah, daß er lieber Gefahr liefe, hinabzuſtuͤrzen, als nicht an ihr Fenſter hinaufzukommen, bat ſie ihn, zu war⸗ ten, und ließ die Leintuͤcher ihres Bettes, wohl zuſammengebunden, hinab. Das eine Ende hatte ſie an ihren Fenſterſtock geknuͤpft; ſchnell ſtieg der verliebte Juͤngling daran in die Hoͤhe und begnuͤgte ſich, ſich auf die Fenſterbruͤſtung zu ſetzen, und ſo mit ſeiner Geliebten zu koſen. Die Liebenden fanden es unmöoglich, ſich zu treu⸗ nen, und Zorawer ſchlug vor, aus der Feſtung zu fliehen. Amina zitterte anfangs bei dieſem Gedanken, und ſtellte den Zorn ihres Vaters, die Gefahren, die ihrer warteten, und das Un⸗ ſchickliche dieſes Schrittes vor; allein Zorawer achtete keinen dieſer Gruͤnde und beharrte mit ſolcher Zaͤrtlichkeit auf ſeinem Plane, daß es ihm endlich gelang, alle Bedenklichkeiten bei dem ſchoͤnen Maͤdchen zu heben. 219 Die folgende Nacht wurde zur Ausfuͤhrung ihres Vorhabens feſtgeſezt.„Aber wie, mein theuerſter Zorawer, wie iſt es moͤglich, deinen Plan auszufuͤhren?“ fragte beklommen das Maͤdchen. 3 „Der Liebe iſt alles moͤglich,“ verſezte Zo⸗ rawer;„habe ich nur deine Einwilligung, ſo ſind die andern Hinderniſſe mir ein Spiel! gieb mir alle Linnen deines Bettes und verſchaffe mir, wenn es moͤglich iſt, noch mehr, daraus binde ich eine Leiter zuſammen, die nicht bre⸗ chen ſoll; um zwoͤlf Uhr ſey bereit, und ehe der Tag graut, ſind wir fern von hier.“ Nachdem auf dieſe Weiſe alles verabredet war, ſtieg Zorawer, weil der Morgen ſchon daͤmmerte, in ſein Zimmer zuruͤck, und arbei⸗ tete den ganzen folgenden Tag an der Strick⸗ leiter, mit deren Hilfe die Liebenden entfliehen wollten. Aengſtlich harrte er der Stunde, wo er die Theure in ſeinen Armen halten ſollte. Endlich war die ſtille Stunde der Mitternacht gekommen, er hoͤrte das Fenſter uͤber ihm oͤff⸗ nen, ſprach, und erhielt ein leiſes„Stille!“ zur Antwort. Jezt lehnte er ſich hinaus, warf das eine Ende ſeiner Strickleiter in die Hoͤhe, und ſah ſie bald an Amina's Fenſterſtock befe⸗ ſtigt. Leiſe ſtieg er daran in die Hdͤhe, und fand zu ſeiner Freude ſeine Geliebte in einen ſchwarzen Schleier gehuͤllt und bereit, ſich ihm in die Arme zu werfen. Er nahm die geliebte Buͤrde auf, und ſtieg mit ihr vorſichtig und leiſe in ſein Zimmer hinab. Hier war ſchon an 10 ⁵ 220 ſein eigenes Feuſter eine Strickleiter derſelben Art gebunden, an dieſer ſtiegen ſie auf einen niedern Wall herab, wo er die Geliebte ver⸗ ließ, auf den Boden ſprang und ſie bat, ohne Furcht ſich ihm in die Arme zu werfen. Nach⸗ dem dieß alles geſchehen war, traten die Lie⸗ benden ſtille in dichtes, hochwachſendes Gras, wo nur ein ſchmaler Fußpfad ihren Weg bezeich⸗ nete. Das Maͤdchen war ſo beklommen, daß ſie nicht ſprechen konnte, ſondern den kuͤhnen Juͤngling nur an ihr Herz druͤckte. Die Dun⸗ kelheit der Nacht und das Bruͤllen reißender Thiere machte, daß ſie oft ſtille ſtanden, und Gebete fuͤr ihr Leben zum Himmel ſandten. Der Morgen graute, ehe ſie durch das hohe Gras gekommen waren, und eine Stunde ſpaͤter ge⸗ langten ſie an die Huͤtte eines Gaishirten. Dieſe war offenbar bewohnt, der Eigenthuͤmer aber nicht zu Hauſe. Seine baldige Zuruͤckkunft er⸗ wartend, legte Zorawer ſeine ſuͤße Buͤrde auf ein armſeliges Lager, und wollte, wenn der Ziegenhirte zuruͤckkaͤme, ſich bei dieſem fuͤr die genommene Freiheit entſchuldigen. Sobald das Maͤdchen auf dem Lager ſaß, ſchlug ſie ihren Schleier zuruͤck, aber wer beſchreibt die Beſtuͤr⸗ zung des jungen Mannes, als er, ſtatt ſeiner geliebten Amina ein Geſicht erblickte, deſſen Zuͤge ihm voͤllig unbekannt waren? Das Maͤd⸗ chen fiel ihm zu Fuͤßen, und bat ihn um Ver⸗ zeihung wegen des Betruges, den ſie ihm ge⸗ ſpielt hatte.„Fremdling,« ſprach ſie,„hoͤre die Geſchichte meines Ungluͤcks, und ich bin uͤberzeugt, du wirſt mir meine Liſt verzeihen.“ 221 Nachdem Zorawer wieder etwas ruhiger ge⸗ worden war, begann das Maͤdchen folgender⸗ maaßen ihre Erzaͤhlung: „Wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde aber in der mahomedaniſchen Religion erzogen, und lebte in Saharunpoor bei einer alten Frau dieſes Glaubens, welche ich lange fuͤr meine Mutter hielt, bis ein beſonderes Er⸗ eigniß mich aus meinem Irrthume riß. Eines Abends, als ich unter unſerer Hausthuͤre ſtand, kam ein junger Mann von Rang, auf einem milchweißen Roſſe und von einer ſtarken Truppe Bewaffneter begleitet, dicht an mir voruͤber; er ſah mich ſtarr an und ſchien mich anreden zu wollen. In dieſem Augenblicke gieng ein Traͤger, mit weißen Koͤrben auf dem Kopfe, auf der andern Seite der Straße voruͤber, er glitt aus, fiel, und die Koͤrbe bedeckten den Weg nach allen Richtungen. Das Pferd des jungen Edlen ſtuzte, ſtolperte und fiel zu Boden, und der junge Mann ſtuͤrzte aus dem Sattel mitten auf die Straße, und quetſchte ſich ein Knie und eine Schulter. In dieſem Zuſtand trug man ihn in das Haus meiner Mutter, wo ihm alle moͤgliche Huit geſchafft wurde; er laͤchelte, als er mich ſah, und die Erinnerung an dieſes Laͤ⸗ cheln wird nie aus meinem Herzen ſchwinden. Bald, ach nur zu bald! erſchien ein praͤchtiger Palankin, um den jungen Mann abzuholen, der, wie ich erfuhr, der Sohn des Generals Adina Bey Khan, Statthalters der Provinz, war. Ach, wie erſtarben jezt alle die jungen 222 Hoffnungen in mir! ich glaubte, er wuͤrde mei⸗ ner eines armen, verlaſſenen Maͤdchens nicht weiter gedenken— aber ich irrte mich. Vor feinem Scheiden ſagte er, wir werden uns wie⸗ der ſehen: welcher Balſam fuͤr mein verzwei⸗ felndes Herz. Zwei Tage dachte ich nur ſeine Worte, und nach Verfluß dieſer Zeit kum er, ob er gleich kaum gehen konnte, unerwartet ins Haus meiner Mutter. Er ſchuur, er liebe mich bis zum Wahnſinn, und meine Augen ſagten ihm deutlich, wie angenehm mir ſeine Geluͤbde waren. Allein unſer Gluͤck war von kurzer Dauer, denn am folgenden Tage er⸗ ſchien ein Diener des Statthalters und drohte meiner. Mutter mit Verderben, ja ſogar mit dem Tode, wenn ſie mir wieder geſtatte, den Sohn des Statthalters zu ſehen. Alles dieß hatte ich gehoͤrt, ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus und ſtuͤrzte bewußtlos zu Boder. Als ich wieder zur Beſinnung kam, ſah ich meine Mutter mit dem Diener aus einem in⸗ neren Zimmer treten, wo ſie unterdeſſen leiſe mit einander geredet hatten. Am folgenden Tage entdeckte mir meine Mutter, daß wir nicht ver⸗ wandt ſeyen, und verſprach mir, wenn ich den Sohn des Statthalters vergeſſen wollte, mir anderswo eine anſtaͤndige Verſorgung zu ver⸗ ſchaffen. Dieſe Worte betruͤbten mich ſo ſehr, daß ich lange weinte, bis ich erſchopft in einen unruhigen Schlummer ſank, und als ich aus dieſem erwachte, reichte mir die alte Frau Kaf⸗ fee, der mich betaͤubte, ſo daß ich wieder in — * —— — -— * — 225 tiefen Schlaf fiel. Was nachher vorgieng, kann ich nicht ſagen, wie ich aber wieder zur Beſin⸗ nung kam, ſah ich mich in Samad Khan'’s Ha⸗ rem. Ich wurde mit Guͤte und vieler Nach⸗ ſicht behandelt, allein taͤglich ward mein Stolz durch die Antraͤge des Statthalters, ſein Bett zu theilen, beleidigt, ich wies ſie aber eben ſo oft mit Verachtung zuruͤck. „Goolab,“ pflegte er zu ſagen— denn es war dieß der einzige Name den man mir von jeher gab—„deine Weigerung wird dir wenig nuͤtzen: was Guͤte nicht kann, vermag Gewalt.“ In dieſen Zuſtande wurde ich gelaſſen, bis die edle Amina von meiner Trauer hoͤrte, mich be⸗ ſuchte, und von ihrem Vater ſich die Erlaub⸗ niß auswirkte, daß ſie oͤfters zu mir kommen duͤrfte. Der Krieg mit den Sikh's rief Samad Khan ab, und ſo hatte ich einige Zeit Ruhe; allein wie er zuruͤckkam, erneuerte er, ſtolz auf ſeine Siege, ſeine Verſuche mit gleichem Eifer, und vor einigen Naͤchten entfloh ich, als er ſeine Drohungen in Ausfuͤhrung bringen wollte, ſeiner verhaßten Umarmung, und ſuchte im Zimmer ſei⸗ ner Tochter eine Freiſtaͤtte. Kaum hatte ich dieſes erreicht, als ich beſinnungslos niederſank, und wie ich wieder zum Bewußtſeyn kam, ſah ich die edle Amina weinen, und ſie verſprach mir ihren Beiſtand. Ob der General mir gefolgt war, kann ich nicht ſagen; aber von dieſer Zeit an blieb ich von ihm verſchont. Am Abend nach dem Abzuge der Truppen erhielt ich von dem alten Verſchnittenen im Harem die Erlaub⸗ 224 niß, Amina um Nittternacht beſuchen zu duͤr⸗ fen; dieſe hatte mir vertraut, daß ſie um dieſe Stunde oft aa ihrem Fenſter die friſche Luft ge⸗ nieße, und daß ihr meine Gefellſchaft ange⸗ nehm ſeyn werde. Als ich an die Zimmerthuͤre kam, hoͤrte ich ſie zu meinem großen Erſtau⸗ nen in tiefem Geſpraͤche mit einem Manne. Ich horchte und erlauſchte euren Plan zur Flucht. Da kam mir der Gedanke, daß dieß der einzige Weg ſey, aus dieſem verhaßten Orte zu entkommen, und ich baute auf den Edel⸗ muth von Amina's Geliebten, wer es auch ſeyn moͤchte, daß er die Liſt mir verzeihen werde. Ein Zufall beguͤnſtigte mein Vorhaben: eine von den Frauen im Harem ward dieſe Nacht, ungefaͤhr um eilf Uhr, ploͤtzlich krank; ich eilte auf Amina's Zimmer, und bat ſie, zu der Sterbenden zu kommen. Ungern ſchien ſie ihr Zimmer zu verlaſſen— warum? nußte ich wohl— doch, immer guͤtig und ſanft, folgte ſie mir in den Harem, wo ich ſie, waͤhrend ſie mit der Kranken beſchaͤftigt war, ſchnell ver⸗ ließ. Am Ende eines langen Ganges zog ich, damit ſie mir nicht folgen koͤnnte, den Schluͤſ⸗ ſel an einer Thuͤre ab⸗, und erreichte nur ei⸗ nige Minuten, ehe du die Strickleiter herauf werfſt, ihr Zimmer; das Uebrige weißt du, und⸗ jezt baue ich auf deinen Edelmuth. Kannſt du mir nicht verzeihen, ſo toͤdte mich, beſſer, ſter⸗ ben, als Samad Khan noch einmal in die Haͤnde fallen!““ In ſeinem Schmerze raufte ſich Zorawer die 225 Haare, und zerſchlug ſich die Bruſt, und die ungluͤckliche Goolab vermochte ihm keinen Troſt zu geben. Waͤhrend er noch gegen ſich ſelbſt wuͤthete, trat der Ziegenhinte ein. „Was iſt das?“ fragte dieſer erſtaunt. Das Erſcheinen des Eigenthuͤmers der Huͤtte brachte Zorawer'n wieder zur Vernunft; er entſchuldigte ſich mit unzuſammenhaͤngenden Worten, und bot ihm zugleich eine Belohnung an, wenn er ſeine Gefaͤhrtin verbergen und niemanden, als ihm ſelbſt, ausliefern wollte. Der Alte ver⸗ ſprach zu gehorchen, und Zorawer wandte ſich zu dem trauernden Maͤdchen mit den Worten: „Fuͤrchte nichts, gekraͤnkte Schoͤne, ich vergebe dir von Herzen— ich vergebe dir, und will dich kraͤftig beſchuͤtzen.—„Verlaß uns einen Augenblick, Alter,“ fuhr er, zu dem Hirten gewendet, fort,„ich habe etwas insgeheim zu ſprechen.“ Nachdem der Mann ſich entfernt hatte, ſprach er weiter:„Ich liebe Amina, die, wie ich erfahren, Adina Deg's Sohne, deinem Geliebten, gute Goolab, verlobt iſt; bleibe hier verborgen, ich will ihn mit deiner Lage be⸗ kannt machen, und er wird bald zu deiner Be⸗ freiung herbeieilen.« Mit Thraͤnen in den Augen dankte ihm Goolab, und verſicherte, Adina Beg's Sohn wuͤrde, wenn er ſie gerettet wuͤßte, ihm bei Amina nicht im Wege ſtehen.„Lebe wohl, edler, junger Mann,“ ſprach ſie, und reichte ihm die rechte Hand, die, wie Zorawer zu ſei⸗ nem Erſtaunen bemerkte, nur vier Finger hatte. 226 Er fragte nach der Urſache und erfuhr, ſie ſey fo auf die Welt gekommen. Dann nahm er Abſchied, ſchaͤrfte dem Hirten, der unter der Thuͤre ſtand, noch einmal ſeine Auftraͤge ein, und machte ſich auf den Weg. Vierzehntes Kapitel. Niedergeſchlagen und traurig ſchlich Zora⸗ wer durch das Gras zuruͤck, und ſank, an deſ⸗ ſen aͤußerſtem Ende angekommen, vor Mattig⸗ keit und Erſchoͤpfung nieder. Der Schlaf uͤber⸗ naͤltigte ihn, und als er erwachte, ſah er zu ſeinem nicht geringen Schrecken einen langen, hagern Mann vor ſich ſtehen, der mit Schwert und Schild bewaffnet war. Er glaubte noch zu traͤumen; aber als er aufſtand, und den Frem⸗ den genauer betrachtete, wurde er bald von dem Gegentheil uͤberzeugt, denn in der Geſtalt vor ihm erkannte er ſeinen Vater Banda— dein Ausruf des Erſtaunens entfloh ſeinen Lip⸗ pen, waͤhrend Banda, die Arme in einander geſchlagen, in finſterem Ernſte auf ſeinem Platze ſtehen blieb. „Zorawer,“ rief er endlich,„ſehen wir uns wieder?!“ „Allah ſey geprieſen!“ entgegnete der Juͤng⸗ ling. 8 — 227 „Ach! biſt du denn ein Abtruͤnniger? oder gebrauchſt du dieſes Wort aus langer Gewohn⸗ beit, und wegen deines neuen Umgangs mit den verfluchten Moslemim 2 Zorawer ſagte, er gebrauche dieſen Ausdruck aus langer Gewohnheit, weil er nicht wagte, ſeinem Vater ſeine Abtruͤnnigkeit zu geſtehen, der ihn wahrſcheinlich den Augenblick, wo das unſelige Geſtaͤndniß uͤber ſeine Lippen gekom— men waͤre, wuͤrde niedergeſtoßen haben.„Ich bitte dich, Vater, wo iſt mein Bruder Ajit?“ fragte Zorawer. „Todt!“ war die einzige Antwort. „Und wohin willſt du, Vater 2 „Sage lieber, wie du hieher gekommen 2 „Ich bin aus der Feſtung Samad Khau's entſprungen,“ erwiederte zitternd der Juͤngling. „Dann mache dich fertig, wieder in ſeine Mauern zuruͤckzugehen, nicht als Gefangener, ſondern als ſein bewaffneter Feind.“ „Vater, ich gehorche— fuͤhre mich; aber als ich das Schloß verließ, iſt Samad Khan auf einen Streifzug ausgezogen—“„Wo er geſchlagen worden iſt,“ ſagte Banda,„und nir haben uns verſammelt, ſein feſtes Lager anzugreifen, und unſere Schwerdter in dem Blute aller derer zu baden, die innerhalb der Mauern ſind.“ Zora⸗ wer ſchauderte vor dem Gedanken, hielt ſich aber ruhig in Gegenwart ſeines ernſten Vaters und machte ſich bereit, ihm in ſein Lager zu folgen.„Zorawer,“ ſagte Banda,„wir haben beſtimmte Nachricht, daß Samad Khan nach 226 ſeiner Niederlage auf ſein Schloß geflohen iſt; er iſt ein Feind, den ich vor allen andern zu vernichten traͤchte. Dein Bruder fiel durch ſeine Truppen, und auch ich kam mit gennuer Noth⸗ mit dem Leben davon. Rache!. Zorawer; beim. Himmel! du ſprichſt ja nicht; was bedeutet die⸗ ſer niedergeſchlagene Blick? willſt du mir nicht. folgen 2** „Vater, ich gehorche, ich will dir folgen, fuͤhre mich.“ 2 Nun, es iſt gut, Junge; und merke dir's, wenn ich dich in dem Gebrauche deines Schwerdts laͤſfig ſehe, ſoll das Gewicht des meinigen dich dem Staube gleich machen.“ So ſprechend ſchritt er, von dem niederge⸗ ſchlagenen Zorawer gefolgt, mit ſchnellen Schrit⸗ ten vorwaͤrts. Sie kamen in dem geſchaͤftigen Lager an, wo alles herbei eilte, den lange vermißten Sohn ihres Anfuͤhrers zu ſehen, we⸗ nig ahnend die Veraͤnderung, die mit ihm vor⸗ gegangen war. Banda noͤthigte ſeinen nieder⸗ geſchlagenen Sohn, ſein Kleid mit einem blauen, der auszeichnenden Farbe der Sekte, zu vertau⸗ ſchen; er ſeufzte, als er ſich ankleiden ließ, und hoͤrte das Freu dengeſchrei der Menge mit trauern⸗ dem Herzen. Am Morgen zog Banda, an der Spitze ſeines zahlreichen Haufens, gegen die Fe⸗ ſtung Samad Khan's, und als er an dem dun⸗ keln Baue angelangt war, redete er ſeine Leute an; er rief ihnen die Grauſamkeit Samad Khan’s gegen ihre Sekte ins Gedaͤchtniß, und ſchloß mit dem Befehle, dem Feinde keinen Pardon 229 zu geben, ſondern alles, Maͤnner, Weiber und Kin⸗ der niederzumachen; ein lautes Freudengeſchrei verſicherte ihn, wie gerne man ſeine Befehle voll⸗ ſtrecke, und der Angriff begann. Banda's Auge ruhte immer auf ſeinem Sohne, ſo daß dieſer gezwungen war, gleichen Eifer wie die uͤbrigen zu zeigen, und der erſte den Fuß anſezte, die Mauer zu beſteigen; nach einem langen, hart⸗ naͤckigen Kampfe, blieben die Sikh's Sieger, ſuchten aber Samad Khan vergeblich. Zorawer rannte durch die Zimmer und ſuchte Maſood, der eben von einem Sikh mit der Streit⸗ apt niedergeſchlagen werden ſollte, als er ins Mittel trat, und dem blutduͤrſtigen Soldaten⸗ befahl, abzuſtehen und den ungluͤcklichen Mann bis auf weitere Befehle als Gefangenen zu be⸗ wachen; der Mann gehorchte, und fuͤhrte Ma⸗ 4 ſood in einen Kerker, den ihm Zorawer bezeich⸗ nete. Sobald er Zeit hatte, beſuchte Zorawer. Maſood.. „Ach!“c rief dankbar der Gefängene,„Dank, edler Herr, fuͤr deine Huͤlfe, aber wahrhaftig, ich habe nicht erwartet, dich in dieſem Kleide. wieder zu ſehen.“— 3 „Maſood,“ ſagte er,„frage mich nicht; uo iſt Amina 2*⁶ 3 „Nein Herr! an mir waͤre es, dieſe Frage an dich zu machen, zugleich mit einer zweiten, in Betreff Goolabs.“. „Was ſagſt du, Maſood— iſt Amina ent⸗ flohen? wohin kann ſie geſlohen ſeyn— wer— ſprich Maſvod.“ 230 „Alles, was ich weiß,“ ſagte der Page,„iſt, daß in derſelben Nacht, wo du entflohſt, auch die beiden Maͤdchen vermißt wurden; und wehe dir, ſollte dich Amina's Vater wieder in ſeine Gewalt bekommen, was er auch wird, verlaß dich drauf, ob er gleich von einem mißgluͤckten Streifzug zuruͤckkommt.“ „Iſt er wirklich hieher zuruͤckgekommen, Ma⸗ ſood 2* „Ja; und um das Maaß ſeines Ungluͤcks voll zu machen, erfuhr er, daß ſeine Favoritin und ſeine reizende Tochter mit dir entflohen ſey, dem er ganz ſeinen Verluſt beimißt. Er wuͤthet und nennt dich einen Verraͤther, der, um ihn zu vernichten, ihm in den Kampf gefolgt ſey, in der einzigen Abſicht, ihn an die Sikh's zu ver⸗ rathen.“. „Maſood, ich bin kein Verraͤther; ich habe Amina nicht entfuͤhrt; aber gut, ich muß mein Ungluͤck tragen. Ich habe dein Leben geſchont, aber nenne mir Amina's Namen nicht vor dem Anfuͤhrer, ich befehle es dir bei Todesſtrafe.“ Maſood verſprach Gehorſam, und Zorawer gieng, um uͤber das geheimnißvolle Verſchwinden ſeiner geliebten Amina nachzudenken. Ergrimmt, Samad Khan nicht im Schloſſe zu finden, verſchonte Banda keine Seele inner⸗ halb der Mauern, ſelbſt den armen Maſvod nicht, fuͤr den Zorawer ſehr eifrig Fuͤrſprache einlegte, um, wenn er einſt gefangen wuͤrde, an ihm einen Freund zu haben. Der wuͤthende Anfuͤhrer der Sikh's ließ ſei⸗ V . V —— — — — 231 nen Grimm ſogar die huͤlfloſen Weiber des Ha⸗ rems fuͤhlen, und ließ zulezt Feuer anlegen, und das Schloß von Grund aus zerſtdren. Der arme Zorawer ſah dieſes blutige Ver⸗ fahren ſeines unerbittlichen Vaters mit Furcht und Entſetzen, und dieß beſtaͤrkte ihn in ſeinem Entſchluſſe, die Sikh's zu verlaſſen, und eher zu ſterben, als noch einmal Zeuge einer ſolchen barbariſchen Grauſamkeit zu ſeyn. Die ſiegrei⸗ chen Sikh's verließen nun die zerſtoͤrte Feſtung, und ſchlugen in einiger Entfernung ein Lager, wo ſich Zorawer noch einmal mit ſeinem Vater allein ſah, deſſen umwoͤlkte Stirn ihm zeigte, wie ſehr es ihn verdrieße, den mahomedaniſchen Befehlshaber Samad Khan nicht gefunden zu haben.„Nun,“ ſagte er zu Zorawer,„was machte dich ſo beſorgt fuͤr die Sicherheit des blutduͤrſtigen Sclaven in der Feſtung?“(hiemit ſpielte er auf ſeine Verwendung fuͤr Maſood an.) „Ich habe dir bereits geſagt, mein Vater, daß er mir in meiner Gefangenſchaft manche Dienſte erwieſen hat.“ „Und du haſt dich ſo herabgegeben, Gefaͤllig⸗ keiten von ihm anzunehmen? Zorawer, wie ſehr biſt du in meiner Achtung geſunken! Wenn dir dein Leben lieb iſt, yaͤndere dein Betragen; du ſcheinſt innerlich fuͤr meine Feinde eingenom⸗ men zu ſeyn, waͤre ich davon uͤberzeugt, ich wollte, du laͤgeſt ein Leichnam zu meinen Fuͤ⸗ ßen. Nein, ſprich nicht, ich bin dieſen Abend muͤde, aber morgen halte dich bereit, den Eid zu ſchwoͤren, den ich dich ſchon einmal wollte 232 chwoͤren laſſen; jezt gehe, du weißt meinen Wil⸗ len.“ Zorawer ging in ſein Zelt, entſchloſſen, ehe der Morgen daͤmmerte, ſchon uͤber alle Berge zu ſeyn. Sobald er uͤberzeugt war, das ganze Lager ſey im Schlaf begraben, nahm er Schwerdt und Mantel, und verließ leiſe das Zelt. Er wollte zum Heere Adina Beg Khan's, des maͤchtigſten mahomedaniſchen Befehlshabers damaliger Zeit, gehen, foͤrmlich ſeine Dienſte anbieten, und die Religion der Sikh’s abſchwoͤren, welche nur auf Blutvergießen gegruͤndet zu ſeyn ſchien. Auf ſeinem Wege kam er an der Huͤtte des Ziegen⸗ hirten voruͤber, und beſchloß, nach dem Befinden der armen Govlab ſich zu erkundigen. Er klopfte⸗ an die Thuͤre, die man ihm oͤffnete, und fragte nach dem Maͤdchen, das er unter der Aufſicht des alten Mannes zuruͤckgelaſſen hatte. Ein Kopfſchuͤtteln war eine Zeitlang die ein⸗ zige Antwort; als aber Zorawer ernſtlicher in ihn drang, ſagte ihm der alte Mann, ſie ſey weggebracht worden.„Ja Herr, wir haben ge⸗ ſtern Nacht, eine traurige Arbeit gehabt; zwei, ja was ſage ich, vier Maͤnner, kamen zu mir und trugen noch ein Maͤdchen auf den Armen, die, als ſie in die Huͤtte trat,(das arme Ding) aenmachtig niederſank; es iſt ein Gluͤck, dachte ich, daß ich nur noch ein Maͤdchen unter mei⸗ nem Dache habe, die ihr beſſer als einer von uns Maͤnnern beiſtehen kann; Hierauf rief ich dem Maͤdchen das du bei mir ließeſt, und ſie kam und leiſtete willig Hilfe; als ſie aber das Geſicht. 25⁵ des ohnmaͤchtigen Maͤdchens erblickte, ſchrie ſie laut, und dann ſchrien ſie beide, woraus ich er⸗ ſay, daß ſie von einem und demſelben Ort kamen.“ „Nun guter Mann,“ ſagte ungeduldig Zora⸗ wer,„aber wo ſind ſie jezt 2 „Ja, dieß kann ich dir nicht ſagen, ich weiß nur, daß die vier Maͤnner beide mitnahmen, trotz meiner Bitten und Vorſtellungen.“ „Waren dieſe Maͤnner,“ fragte Zorawer, „Sikh's oder Mahomedaner 2 „O! Glaͤubige, Herr, ich kann dich verſichern, ich hoͤrte einen von ihnen ſagen, es iſt ein Gluͤck, daß wir die andere auch gefunden haben, unſer Herr wird doppelt erfreut ſeyn; das Wiederfin⸗ den der einen von dieſen Schoͤnen wird den Be⸗ fehlshaber uͤber den Verluſt der andern troͤſten. Ja, ſagte ein Anderer, und er und unſer Herr ſind beſſere Freunde zuſammen, als je. Sie ſchie⸗ nen alle ſehr vergnuͤgt, und gingen bald darauff mit den Maͤdchen fort.“ Zorawer belohnte den Ziegenhirten, und ſezte dann ſeinen Weg fort, indem er nachdachte, wo⸗ wohl die Maͤdchen koͤnnten hingebracht worden ſeyn. Er zweifelte nicht, daß Caſſim, der Haupt⸗ mann der Wache, der Anſtifter der Gewaltthat gegen: ſeine geliebte Amina ſey; und daß ſeine Leute das Wiederfinden Goolabs fuͤr ein Mittel gehalten haͤt⸗ ten, den Zorn des ergrimmten Samad Khanss zu be⸗ ſaͤnftigen. Wo er in dieſem Augenblicke den Befehls⸗ haber oder ſeinen Hauptmann finden konnte, wußte er nicht zu ſagen; er beſchloß aber, ſeinen urſpruͤnglichen Entſchluß, zum Heere Adina Beg 254 Khan's zu gehen, auszufuͤhren; vielleicht koͤnnte ihm deſſen Sohn Nachrichten von der ungluͤckli⸗ chen Goolab geben. Er beſchleunigte ſeine Schritte, und gelangte an einen Fluß, wo ein kleines Boot lag, das, wie es ſchien, Niemanden zu⸗ gehoͤrte. Er rief nach dem Bootsmann, den er zu ſeiner Verwunderung und Freude im Boote ſchlafend fand; dieſer nahm ſein Ruder, und ſezte ihn uͤber. Zorawer vergaß nicht, ihm zu ſagen, ob nicht geſtern vier Maͤnner mit zwei Maͤdchen uͤber den Strom geſezt haͤtten und erfuhr, es waͤre Niemand uͤbergefahren; er gab daher dem Boots⸗ mann einige Geldſtuͤcke, und ſezte ſeinen Weg fort. Nach einem angeſtrengten Marſche von zwei Tagen, erreichte er die Fsſtung, wo Adina Beg ſich damals aufyielt, und die er den Sikh's abgenommen hatte. Er legte ſein blaues Kleid ab, und ging dann zu dem Befehlshaber, dem er ſeine Dienſte anbot, indem er zugleich der Partei der Sikh's und ihrer Religion fuͤr im⸗ mer entſagte. Dem Befehlshaber geſiel ſein Aeu⸗ ßeres, und er hieß ihn, ſich als den Seinigen betrachten, und fragte ihn vorlaͤuſig nach den geſagt hatte, entflohen ſey. Als Zorawer den Befehlshaber verlaſſen, fragte er, ob der Sohn des Gouverneurs nicht auf der Feſtung ſey? man ſagte ihm, er ſeye gegenwaͤrtig nicht da, werde aber ſtuͤndlich erwartet, er habe einen Boten geſandt, um die Beſatzung zu benachrichtigen, daß er einen Haufen Sikhy's, den Banda ſelbſt an⸗ 2⁵⁵ fuͤhrte, angegriffen, und einen entſcheidenden Sieg errungen, auch viele Gefangene gemacht habe, der Anfuͤhrer ſelbſt aber ſeye entkommen. „Armer, mißleiteter Vater!“ dachte Zorawer, „dein Ende iſt nicht mehr ferne.“ 63 Ich muß nun auch die lange Abweſenheit Samad Khan'’s und ſeines Hauptmanns Cafſim erklaͤren. Es wurde bemerkt, daß dieſer erfahrne Feldherr, und ſein nicht weniger geſchickter Ad⸗ jutant, Caſſim gegen einen Trupp Feinde aus⸗ zogen, welchen ſie an Macht ihrer kleinen Schaar weit uͤberlegen fanden; Ruͤckzug war unmoͤglich. Deßhalb zwangen die Sikh's, die keinen Pardon gaben, Samad Khan und ſeinen Hauptmann, ihr Heil in der Flucht zu ſuchen; nachdem ſie jedoch viele Stunden tapfer gefochten und Alit Sinh, Banda's aͤlteſten Sohn, erſchlagen hatten, kehrte Samad Khan auf ſein Schloß zuruͤck, und er⸗ fuhr hier die Flucht des jungen Sikh Zorawer und der beiden Maͤdchen., Verſichert, daß der Feind ſeine Feſtung angreifen werde, wagte er keinen Augenblick laͤnger zu bleiben als noͤthig war, um ſich einiger Juwelen uünd Koſtbarkeiten zu verſichern, mit denen er ſchnell ſich entfernte und wohlbehalten im Lager Adin Beg Khan's ankam, dem er ſeine Niederlage berichtete. Adina Beg beklagte ihn, und bot ihm hdflich ſeinen Schutz an; verſprach ihm auch, ſich bei dem Kai⸗ ſer fuͤr ihn zu verwenden, daß er ein Kommando erhielte. Nach wenigen Tagen kam die Nach⸗ richt von dem Blutbad, das Banda in ſeinem 2⁵⁶6 Schloſſe angerichtet⸗ und der voͤlligen Zerſtoͤrung deſſelben. Samad Khan war nun im buchſtaͤblichen Sinne des Worts ein Bettler, und es war mehr als wahrſcheinlich, daß er bei dem kaiſerlichen Hofe in Ungnade fallen wuͤrde. Nichts deſtoweniger wußte es, Adina Beg, aus langer Freundſchaft zwiſchen ihnen zu bewirken; daß er um ſeine Perſon blieb, und ſich mit ihm uͤber den Gang des Kriegs berieth. Als Zorawer Adina Beg verlaſſen hatte, er⸗ zaͤhlte dieſer ſeinem Freunde, Samad Khan, den beſondern Umſtand, daß ein junger Sikh Maho⸗ medamer geworden ſey, und ihm ſeine Dienſte gegen die Feinde der Rechtglaͤubigen angeboten habe.„Ich hoffe,“ ſagte Samad Khan,„daß du ſeine Dienſte nicht angenommen haſt, denn ich wurde auf aͤhnliche Art betrogen; und der Kerl, der einen ſolchen Abſcheu vor der Sekte geaͤuſ⸗ ſert, hat ſich als einen ihrer eifrigſten Anhaͤn⸗ ger erwieſen.. 3ih zoͤgerte und ſchlug endlich ſeine Dienſte aus und unternahm meinen Zug ohne ihn; aber bei meiner Zuruͤckkunft, fand ich, daß dieſer ver⸗ raͤtheriſche Schurke mir nicht nur die ſchoͤnſte Blume meines Harems geraubt, ſondern auch meine Tochter, die ich mit deinem Sohne zu ver⸗ heurathen gehofft, zur Flucht verleitet hatte.“ „Das muß in der That ein Schurke gewe⸗ ſen ſeyn,“ ſagte Adina Beg,“ aber der junge Mann, von dem ich ſpreche, iſt, wie ich uͤber⸗ zeugt bin, von ganz anderem Charakter, er iſt 237 offen, mannhaft und aufrichtig. Ich will ihn dir ſogleich vorſtellen; was aber die gewuͤnſchte Verbindung deiner Tochter mit meinem Sohne Noor Zuman, die du vorhin erwaͤhnteſt, betrifft, ſo muß ich dir ſagen, daß alle meine Ermah⸗ nungen und Drohungen nichts fruchten,— er will mich nicht einmal hoͤren, ſondern ſcheint ent⸗ ſchloſſen, ein gemeines Landmaͤdchen zu heirathen, das er zufaͤllig gefunden hat. Aber haſt du keine Nachricht von deiner Tochter?“ „Nein, und da dein Sohn die Verbindung ausſchlaͤgt, will ich dich nicht weiter damit be⸗ laͤſtigen.“ Adina Beg betrauerte mit ihm den gegenſei⸗ tigen Unfall, und aͤußerte die Hoffnung, die ſchoͤne Amina wuͤrde bald wieder erſcheinen, da er un⸗ moͤglich glauben koͤnne, ſie wuͤrde laͤnger unter dem Schutze eines jungen Sikh leben. Adina Beg rief nun einem Diener, und befahl ihm, den jungen Fremden einzufuͤyren, der dieſen Mor⸗ gen angekommen waͤre.. Zorawer, erfreut uͤber den Ruf, folgte ſchnell dem Diener; wie groß war aber ſein Schrecken, als er beim Eintritt in das Zimmer den Gou⸗ verneur Samad Khan erblickte, der ihn ſtarr an⸗ ſah, und dann rief:„Bei Allah und den zwoͤlf Imaums: dieß iſt der nemliche Kerl, der mich an die Sikhs verrathen wollte.“ Adina Beg's Lippen zitterten vor Zorn und er wollte gerade Befehl geben, ihn augenblick⸗ lich zur Hinrichtung abzufuͤhren, als Noor Zu⸗ man, der zuruͤckgekehrt war, und mit Zorawer eine Zuſammenkunft gehabt hatte⸗ hereintrat und den toͤdtlichen Streich abwandte.—„Vater, ſagte er,„ihr irrt euch beide in dem Charakter dieſes jungen Mannes; glaube mir, er wird uns von dem großten Nußzen ſeyn, auch iſt ſein Ver⸗ langen, den wahren Glauben anzunehmen, auf⸗ richtiß.“* „Ich muß geſtehen, Samad Khan,“ ſagte er, „ſich zu dem geſtuͤrzten Befehlshaber wendend, die Umſtaͤnde ſprechen gegen den Juͤngling; aber bedenke, daß du ihm nie Gelegenheit gabſt, ſeine Geſinnung gegen dich, oder ſeine Tapferkeit an den Tag zu legen; Glaube mir, er war und iſt dein beſter Freund.“ „Oh, ſehr freundſchaftlich, in der That!“ rief Samad Khan,„mir meine Maͤdchen und meine Tochter auf einmal zu rauben, auſſer ordentlich freundſchaftlich, ich muß es geſtehen.“ „Mit Erlaubniß,“ ſagte Zorawer,„ich will die Umſtaͤnde erklaͤren.“ Er beichtete nun ſein auſſerordentliches Vergehen, und ſeine Unwiſſen⸗ heit in Betreff des Schickſales der ſchoͤnen Amina, die er zaͤrtlich liebte, und ſchloß mit der Bemer⸗ kung, wenn man ihren gegenwaͤrtigen Aufenthalts⸗ Ort erfahren wolle, ſo wuͤrde man ſich wahrſchein⸗ lich am beſten an Caſſim wenden muͤſſen.“ „Ach,“ rief Samad Khan;„iſt's moͤglich? er haͤtt's gewagt, dieſen Schritt zu thun 2 „Wenn du es erlaubt,“ ſagte Samad Khan, ſich zu Adina Beg wendend,„ſo will ich ihn vor uns rufen.“ Caſſim erbielt demnach Befehl, zu erſchei⸗ 239 nen; man brachte aber die Nachricht, er habe dieſen Morgen mit Tagesanbruch die Feſtung verlaſſen.“ „Es muß wahr ſeyn, was du ſagſt,“ ſprach Saman Khan zu Zorawer:„Ich fuͤrchte er hat meine arme Tochter auf ſein entlegenes Schloß gefuͤhrt.“ „Dann iſt auch meine geliebte Goolab bei ihm,“ rief Noor Zuman. „Deine Goolab'e' rief erſtaunt Samad Khanz „verzeihe mir; ſie iſt meine Goolab, und aus meinem Schloſſe entflohen.“ „Wohin ſie verraͤtheriſcher und treuloſer Weiſe gebracht wurde,“ unterbrach ihn Noor Zuman; deßhalb kein Wort mehr; ſie iſt mein, und war die meinige, ehe Gewalt ſie in deine Naͤhe brachte. Samad Khan ſchwieg weislich, da er es nicht wagen durfte, den Sohn Adina Beg's zu be⸗ leidigen, von dem alle ſeine Hoffnungen auf Wiedereinſetzung in Wuͤrde und Anſehen abhingen.“ „Mein theurer Vater!’ ſagte Noor Zuman, verlaube uns, ich bitte dich, die Maͤdchen auf⸗ zuſuchen. Verſchiedene Feſtungen, die dem Feinde gehoͤren, muͤſſen erobert werden, und zerſtreute Sikh's ſind um uns. Gib dieſem ungluͤcklichen aber geſchickten General Samand Khan den Ober⸗ befehl uͤber eine tapfere Schaar und es ſoll un⸗ ſere Sorge und unſer Stolz ſeyn, ihn mit Lorbeern bedeckt zuruͤckzubringen. „Es ſey ſo,“ erwiederte Adina Beg;„ich habe zwar von Delhi noch keine Nachricht in 240 Betreff meines alren Freundes erhalten, indeß will ich die Verantwortung auf mich nehmen.“ „Junger Mann,“ ſagte er, ſich zu Zorawer wendend,„jeder deiner Blicke wird bewacht und Befehle erlaſſen werden, dich bei dem geringſten Anſchein von Verraͤtherei zu toͤdten.“ „Mein Vater,“ ſagte Noor Zuman,„ich will fuͤr ſeine Treue haften; ſo ich dir verſpreche, der erſte zu ſeyn, der das Schwerdt in ſeinen Buſen ſtoßt, ſollte ich mich in meiner Meinung von ihm betrogen finden.“ Zorawer fiel den beiden Feldherrn zu Fuͤßen und ſchwur feierlich mit dem lezten Blutstropfen ihre Sache und ihr Leben zu verfechten. Zu wei⸗ terer Buͤrgſchaft ſchwur der Juͤngling, ehe er die Feſtung verließ, feierlich die Religion der Sikh'd ab, und bekannte vor den Prieſtern und dem verſam⸗ melten Volke, daß er glaube, es ſeye nur Ein Gott, und Mahomed ſein Prophet. 4 b Sobald die Schagr ausgeruͤſtet war, zogen ſie unter Samad Khau's Anfuͤhrung aus der Feſtung. Zorawer verlangte ſehnlich nach der Gelegen⸗ heit, die ſich ihm darbot, ſich im Kriege auszu⸗ zeichnen, und zugleich in der Liebe gluͤcklich zu ſeyn. Am dritten Tage erfuhren ſie, daß man eine ſtarke Abtheilung Sikh's gegen Norden zie⸗ hend, erblickt habe. Samad Khan eilte vorwaͤrts, und war ſo gluͤcklich, ſie zu erreichen; ein blu⸗ tiger Kampf begann. Zorawer hielt ſich an der Seite des Generals, und uͤberzeugte ihn durch ſeine Tapferkeit und unerſchrockenen Muth, daß er Unrecht gehabt habe, Verdacht in ſeine Treue zu 241 zu ſetzen. Ob Banda dieſe Partei anfuͤhrte, konnte Zorawer nicht erfahren, hoffte aber heim⸗ lich, er werde nicht unter den Streitern dieſes Tages ſeyn. Der Anfuhrer der Sikh's hatte ſich Samad Chan auserſehen und wollte gerade ei⸗ nen toͤdtlichen Streich auf ihn fuͤhren, als Zo⸗ rawer ſich zwiſchen die Kaͤmpfenden ſtuͤrzte und den Schlag mit ſeinem Schilde auffing, der au⸗ genblicklich in tauſend Splitter zerſprang. „Ha Verraͤther“c rief der Sikh Zorawern zu, „ich kenne dich; heran, du treuloſer Abtruͤnniger!« Hiemit ſtürzte er ſich mit der Wuth eines Tigers auf den Juͤngling und haͤtte ihn vernichtet, wenn nicht ſeine Fertigkeit und Kaltbluͤtigkeit ihn geret⸗ tet haͤtte. Getaͤufcht in ſeinem Verfuche, nahm er einen Speer, und wollte gerade ſeinen Gegner durchſtoßen, als ein mahomedaniſcher Soldat ihn durch den Ruͤcken ſtach, daß er mit Blut be⸗ deckt niederſank. In einer Entfernung ſah Zora⸗ wer ſeinen General und Noor Zuman mit meh⸗ reren Sikh's im Handgemenge; er eilte zu ih⸗ rer Huͤlfe herbei und ſtreckte mir einem Hiebe swei in den Staub nieder. Die Sikh's, die ihre Anfuͤhrer verloren hatten, zogen ſich jezt zuruͤck, als die mahomedaniſche Reiterei mitten in ihre durchbrochenen Reihen eindrang und beinahe al⸗ les niederhieb. Von einem Gefangenen erfuhr Samad Khan, Banda laͤge mit einem zahlrei⸗ chen Heere zu Cephad, einer wohlverſchanzten, einahe unuͤberwindlichen Feſtung, ungefaͤhr ei⸗ 4 m. Tagmarſch entfernt. Die ſiegreichen Maho⸗ medaner ruͤckten alsbald gegen ſie vor, und ver⸗ Snd. Serail. I. 11 4* 242 ſuchten mehrere Tage lang vergeblich ſie zu er⸗ ſteigen; ſie ſchlugen daher ein Lager, entſchloſſen, die Feſtung zu erobern. Die Sikh's waren mit Munition und Proviant ſchlecht verſehen, und ſahen voraus, daß ſie ſich nicht lange wuͤrden halten koͤnnen; da ſie aber wußten, welches Schick⸗ ſal ihrer wartete, aßen ſie nun ſparſam was ſie hatten und verzoͤgerten ſo einige Zeit ihren Fall. Endlich ſtieg die Noth ſo hoch, daß ſie Kuhfleiſch eſſen mußten; ſelbſt Banda, durch den Hunger gezwungen, nahm Theil an dem graͤßlichen Mahle. Als endlich auch dieſes ausging, oͤffneten ſie die Thore, und die Mahomedaner ſtuͤrzten hinein, und ließen alles uͤber die Klinge ſpringen. Als man nach Banda ſuchte, den man in Ketten nach Delhi hatte ſenden wolien, war er nirgends zu finden; er hatte ſich die Nacht vorher von den Wellen der Feſtung in den tiefen, breiten Strom geſtuͤrzt; auf dem andern Ufer war hohes Gras, welches in Verbindung mit der Dunkelheit der Nacht ſeine Flucht beguͤnſtigte. Ein wohlberittner Haufe unter Anfuͤhrung Noor Zuman’s, wurde ausgeſandt, den Fluͤchtling zu verfolgen und dieſer Haufe war es, durch den wir ihn am Anfang meiner Geſchichte bis zu der Huͤtte des Hirten verfolgt ſahen. Wie ſie ihm hier auf die Spur kamen, will ich nun erzaͤhlen: Nachdem Banda das Gras verlaſſen, ſah er eine weite ausgebreitete Ebene vor ſich liegen; zum Gluͤck bemerkt er hier ein weißes Pferd, das aufgeziumt A⁴ neben einem Reiſenden ſtand, der feſt eingeſchlas fen war. Ungeachtet des entfernten Rollens dhn — 245 Donners und dem Brauſen des herannahenden Sturmes zog der wilde Fluͤchtling, um ſich in den Beſitz des Sattels zu ſetzen, der dem armen Reiſen⸗ den zum Kopfkiſſen diente, ſein Schwerdt und ſtieß es dem Ungluͤcklichen durch den Leib, legte den Sattel auf, ſchwang ſich auf den Ruͤcken des Thiers und jagte davon, ſein Schlachtopfer im Todeskampfe zuruͤcklaſſend. Der Weg war felüg und uneben, und zu ſei⸗ nem Schrecken hoͤrte er, wie ſein Pferd ein Huf⸗ eiſen nach dem andern verlor. Da er wußte, daß ſeine Rettung von ſeinem Roſſe abhing, fuͤrch⸗ tete er es zu laͤhmen, und rits in ein Dorf, wo er nach einem Nalbund fragte. Es war Nacht, und nur mit Muͤhe konnte der Schmied geweckt werden. Endlich oͤffnete er auf das Verſprechen einer Belohnung ſeine Huͤtte, machte Feuer und ging an ſein Werk, indem er Eile verſprach, ob er gleich durch die That zeigte, daß er dieß nicht im Sinne habe..— „Du kommſt weit her, wie ich vermuthe 2“ ſagte der Nalbund. Ein Kopfnicken war die einzige Antwort. „Dein Pferd iſt muͤde, Herr, du wirſt beſſer thun, eine Weile auszuruhen.“ „Eile, mein Pferd zu beſchlagen,“' ſagte un⸗ geduldig Banda. „Ich will, Herr, und ſey verſichert, du ſollſt mit mir zufrieden ſeyn, noch Niemand hat an der Arbeit Muſtuffer Muzboot etwas auszuſetzen gehabt; dieß iſt mein Name, Herr. Mein Vater.— „Verdammt ſey dein Vater! Kerl; geh an deine Arbeit, willſt du 2* 2⁴4⁴½ „»Mein Vater verdammt! in der That Herr, dieß iſt ſehr ſeltſam. Wuͤßteſt du ſeine guten Eigenſchaften, Herr, du wuͤrdeſt ihn ſegnen; aber Herr du wirſt doch deine Reiſe dieſe Nacht nicht fortſetzen wollen; ein Sturm iſt im Anzug, der Jedermann abſchrecken koͤnne, ſich ſeiner Wuth auszuſetzen.“ „Hoͤre Kerl!“ ſagte Banda,„beſchlage mein Pferd, oder ich ſchlage dir den Kopf ab, dieß iſt alles, was ich die zu ſagen habe. Beſchlage es ſogleich!“—„Bappoo, Bappoo! auf! du fau⸗ ler Schlingel, und treibe den Blasbalg.“ Ein Knabe kroch aus einem ſchmutzigen, ru⸗ ſigen Bett, und begann, noch halb im Schlafe den Blasbalg zu treten, waͤhrend Banda unge⸗ duldig vor der Eſſe auf und ab ging. „Meiſter,“ ſagte der Knabe leiſe,„was fuͤr ein Teufelskerl iſt dieſer Mann, er ſahe bei dem Scheine des Feuers ganz ſchrecklich aus.“ „Still Knabe, oder er ſchneidet dir augen⸗ blicklich den Kopf ab.“ „Wer iſt er, Meiſter 2 ⸗ „Ein Fluͤchling, ſicherlich, oder er wuͤrde bei einer ſolchen Nacht wie dieſe, nicht reiten, das war ein Donnerſchlag!“ „Oh Allah! und der Blitz, Herr! Betrachte ihn doch, wenn der Blitz an ſeinem Geſicht voruͤber faͤhrt; ſieh wie er ſich vor die Stirue ſchlaͤgt! wer kann er wohl ſeyn 2⸗ „Stille Purſche, wir wollen das ſchon auf ir⸗ gend eine Art erfahren, ehe noch der Morgen kommt; feile die Naͤgel durch, und ich ſtehe da⸗ —— 245 fuͤr, die Hufe werden nicht lange halten, ſo daß er entweder umkehren, oder, wenn er verfolgt wird, eingeholt werden muß.“ Banda fragte nun, wie lange er noch warten muͤſſe. „Es iſt bald geſchehen, Herr,“ ſagte der Nal⸗ bund. „Junge, beſchneide die Hufe gut.“ Banda wandte ſich wieder weg, und der Nal⸗ bund fluͤſterte ſeinem Knaben zu, die Hufen nicht auszuſchneiden. „Nein, nein, Meiſter,“ ſagte der Knabe,„kurze Naͤgel in den alten Loͤchern koͤnnen einen Rei⸗ ſenden aufhalten.“ „Sicherlich, jezt mach, nur flink.« Hiemit haͤmmerte er ſo ſtark als moͤglich auf die Hufeiſen, und als er fertig war, rief er Bande und fuͤhrte ihm ſein Pferd vor, mit den Wor⸗ ten:„ſo gut wurde noch nie ein Thier beſchlagen.“ Banda war ſo klug das Geld zu geben, und jagte dann der Provinz Rhaber zu. „Ho, ho! Hat er dieſen Weg genommen,“ ſagte der Nalbund;„vergiß das nicht, Jange, nun paſſe auf ſeine Verfolger; ſicherlich ſind ſie nicht ferne; rufe mich, wenn ſie kommen, ich ſtehe dafuͤr, wir geben ihnen eine angenehme Nachricht, und wenden eine große Belohnung er⸗ halten. Hiemit ſuchte er wieder ſein Lager und ließ den Knaben vor der Thuͤre Wache ſtehen. Banda trieb ſein armes Roß uͤber den un⸗ ehenen ſteinigen Boden, und meinte jezt konne 84 246 er unmoͤglich eingeholt werden, aber zu ſeinem Schrecken fand er, daß ſein Roß lahm wurde, und als er abſtieg, um nach der Urſache zu ſe⸗ hen, entdeckte er, daß es bereits drei von ſeinen neuen Hufeiſen verloren hatte und daß das vierte nur noch an einem Nagel hing. Er verwuͤnſchte von Herzen den Hufſchmied, der ihm auf dieſe Weiſe ſein Entkommen unmdglich gemacht hatte, und verſuchte wieder aufzuſteigen, aber das Thier ſtolperte und fiel. Da er ſah, daß ihm das Pferd hinderlich ſey, uͤberließ er es ſeinem Schickſal und ging zu Fuße weiter, waͤhrend der heranna⸗ hende Sturm nun ſeine doͤchſte Wuth erreicht hatte, und rings Verderben und Verwuͤſtung ver⸗ breitete. Nah bei ihm wurden Baͤume vom Blitzſtrahl vom Gipfel bis auf die Wurzel ge⸗ ſpalten, oder ſanken von der Gewalt des Stur⸗ mes gebrochen. In einer ſolchen Nacht, haͤtte auch der Beherzteſte ſich nach einem Obdach um⸗ geſehen, und der verlaſſene, doch nicht verzwei⸗ felnde Banda ging in ein Dorf in der Provinz Rhaber und klopfte an die Huͤtte des Hirten Budr⸗ed⸗din. Wie er hier aufgenommen und verrathen wurde, iſt zu Anfang der Erzaͤhlung berichtet worden. Als Banda aus dem Brunnen entſprungen war, drang er durch das anſtoßende Gras, in der Abſicht, in Peniab Zuflucht zu ſuchen, wo er noch immer eine Anzahl Anhaͤnger unter den Sikhs zu finden pofſte. Am duitten Tage ſank 247 er jedoch, erſchoͤpft vor Mattigkeit und Hunger am Saum des Waldes nieder, und erwartete ſeinen Tod. Der Ton einer Schelle, den er von ferne hoͤrte, regte mit einemmale ſeine mat⸗ ten Lebensgeiſter wieder auf, und erwartete ge⸗ duldig das Annaͤhern des Thiers, an deſſen Hals jene, wie er nicht zweifelte, hing. Er hatte ſich nicht getaͤuſcht, denn es erſchien eine Heerde Ziegen, von einem alten Mann getrieben, deſſen Aeußeres ſchon fuͤr ihn einnahm. „Huͤlfe, guter Mann!“ ſagte Banda, oder i ſterbe!“- Der Ziegenhirte richtete den halb entſeelten Banda auf und fuͤhrte in ihn ſeine nahe Huͤtte, wo er ihn mit Milch und Brod erfriſchte. Er fragte, in welcher Gegend des Landes er waͤre und erfuhr zu ſeiner nicht geringen Beſtuͤrzung⸗ er haͤtte gerade den entgegengeſezten Weg von dem eingeſchlagen, den er verfolgen wollte. Der Ziegenhirte bot ihm fuͤr einen oder zwei Tage Ob⸗ dach, indem er ſagte,„doch will ich hoffen, daß keine Weiber mehr hieher gebracht werden(dieß war nemlich dieſelbe Huͤtte, in welche Amina und Goolab gebracht worden waren. „Ha!“ rief Banda,„ſind Maͤdchen hieher ge⸗ bracht worden! von wem 2 „Ja ⸗ ſagte der Ziegenhirt,„„es iſt noch nicht lange, daß ein junger Mann in meine Huͤtte kam, und in meiner Abweſenheit ein Maͤdchen auf mein Bett legte; als ich kam, entſchuldigte 248„ er ſich wegen der Freiheit, die er ſich nehme, fagte mir, das Maͤdchen ſeye verlaſſen und bat mich um Schutz fuͤr ſie, den ich auch zuſagte.“ „Und wie ſieht das Maͤdchen aus? beſchreibe mir ihre Geſtalt und Geſichtszuge,“ ſagte Banda,„und ſage mir, woher ſie kam 2 „Woher ſie kam, weiß ich nicht,“ erwiederte der Ziegenhirte,„auch ſah ich nur ſehr wenig von ihrer Geſtalt, als ſie jedoch von dem jun⸗ gen Mann Abſchied nahm, bewerkte ich, daß ſie an der rechten Hand nur vier Finger hatte; ob die linke ganz iſt oder nicht, kann ich nicht ſagen.“ „Was hoͤre ich? rief Banda;“„nur vier Finger! ſie iſt's,— ſie muß es ſeyn l „Beſchreibe doch auch ihren Gefaͤhrten, den jungen Mann, und ſage, kannſt du nicht vermu⸗ then, woher ſie kamen 2˙* „Der junge Mann war ſchoͤn, ſchlank und atte edle Zuͤge und ich glaube, ſie kamen aus der Feſtung Samad Khan's, jenſeits des ho⸗ hen Graſes.“ „Das iſt Zorawer,“ rief wuͤthend Banda; „hat er dich ſeitdem wieder beſucht? Neulich, ja, er war wie ein Sikh gekleidet, das erſtemal aber wie ein Mahomedaner.“ „Geduld!“ rief Banda,—„es iſt klar;— aber ſage, wer war das zweite Maͤdchen 2⁰ Der Ziegenhirte erzaͤhlte nun die ganze Ge⸗ ſchichte von dem Maͤdchen, das vier Maͤnner 249 brachten, und ſammt dem erſten Maͤdchen mit vier Fingern fortgenommen hatten. 4 „Und kamen beide von demſelben Ort 2⁴ε „Ich glaube,“ erwiederte der Ziegenbirte, „denn offenbar kannten ſie einander.“ Nach einigem Sinnen uͤber dieſe Nachricht, fragte Banda, wohin ſie gegangen waͤren. „Dieß kann ich dir unmoͤglich ſagen,“ ſagte der Alte,„ich weiß nur ſoviel, daß ich herzlich froh war, ſie los zu ſeyn, auch habe ich ſeitdem mich nicht mehr um ſie bekuͤmmert.“ Ich muß nun Banda ſeinen Betrachtungen aͤberlaſſen, und weiter erzaͤhlen, wie der uner⸗ muͤdliche Noor Zuman, Adina Beg Khan's Sohn, im Stande geweſen war, die Spur ſeiner Fluͤcht⸗ linge in der Huͤtte des Hirten zu finden. Die Verfolger ſtießen lange Zeit auf kein menſchliches Weſen, endlich vernahmen ſie ein klaͤgliches Stoͤhnen; ſie gingen dem Orte zu, von dem es kam, und fanden den armen Reiſenden, der unter den Qualen ſeiner Wunde ſich kruͤmmte, die er von dem unbarmherzigen Banda erhalten patte. Man ſah deutlich, der Ungluͤckliche hatte nicht mehr lange zu leben; er konnte jedoch noch ſprechen und ſagte ihnen, wie grauſam er be⸗ handelt worden, und daß man ihm ſein weißes Pferd genommen habe, ſo daß jene nicht zwei felten, der Moͤrder ſey Banda. Obgleich Noor Zuman auf unmittelbare Verfolgung drang und nicht gerne einen von ſeinen Leuten zuruͤckließ, — F 8 2 250 gab er doch vieren von ſeinen Begleitern den Auftrag, den Verwundeten in das naͤchſte Dorf zu tragen, und ihn ſo ſorgfaͤltig als moͤglich zu pflegen. Er jagte weiter, ſo gut es die Dunkel⸗ heit der Nacht und die Heftigkeit des Sturmes zuließ, und gelangte in das Dorf, wo der ge⸗ faͤllige Nalbund Mustuffer Muzboot lebte, an deſſen Huͤtte ſie von dem wachſamen Bappoo be⸗ gruͤßt und gefragt wurden, ob ſie Jemand ver⸗ folgten; und da man ihm mit ja antwortete, weckte er ſeinen Meiſter, der Alles ſagte, was er wußte und hinzuſezte,„ich ſtehe dafuͤr, er iſt nicht weit, ich habe dafuͤr geſorgt.““ „„WWie 26. „Ich habe ſein Pferd auf eine ganz eigene Art beſchlagen, ſo daß alle Eiſen wieder weg ſeyn werden, ehe er ein paar Meilen zuruͤckge⸗ legt baben kann.“ Noor Zuman lobte den Nalbund, wegen ſei⸗ ner Schlauheit, und unterrichtete ihn von dem Zuſtande des verwundeten Reiſenden, der bald in ſeinem Dorfe anlangen wuͤrde, mit der Bitte denſelben zu verpflegen; er werde fuͤr ſeine Dienſte belohnt werden. Rustuffer verſprach ſein Moͤg⸗ lichſtes zu thun und der Haufe zog weiter der Provinz Rhaber zu. Sie waren noch nicht weit gekommen, als ſie ein lediges weißes Pferd unter einem Baume ſtehen ſahen; ſie gingen weiter, und kamen an die Huͤtte des Hirten, wo, wie ſie mit Recht 4½ 25¹ vermutheten, Banda ein Obdach gefunden haben muͤſſe. Deine Hoheit iſt bereits von dem unterrichtet, wad in der Huͤtte vorging, und du kannſt dir den Verdruß Noor Zuman's denken, als er fand, daß der Fluͤchtling ihnen wiederum entgangen war. Da er ſich nicht fuͤr berechtigt hielt, ihn weiter zu verfolgen, gab er Befehl, in das Lager Samad Khan's zuruͤckzukehren. Als ſie an der Huͤtte des Nalbund voruͤber kamen, konnte es dieſer nicht genug bedauern, daß ſie ihre Abſicht nicht erreicht haͤtten; er ſagte Noor Zuman, der verwundete Reiſende ſeye hieher gebracht wor⸗ den und bald darauf geſtorben, und dieſe Aus⸗ ſage wurde von den vier Maͤnnern beſtaͤtigt, welche zur Bedeckung des ungluͤcklichen Mannes zuruͤckgelaſſen worden waren. Samad Khan und Zorawer harrten ſehnlich der Ruͤckkehr Noor Zuman's und waren alle au⸗ ßer Zorawer ſehr aͤrgerlich uͤber Banda's Ent⸗ rinnen. Man hatte nun noch Caſſim in ſeinem Zu⸗ fluchtsort aufzuſuchen, und Samad Khan gab Befehle, ſo ſchnell als moͤglich vorzuruͤcken. Auf ihrem Marſche nahmen und zerſtoͤrten 4 ſie mehrere kleine Feſtungen der Sikh's und nach einem beſchwerlichen Marſche unter beſtaͤndigem Regenwetter kamen ſie an die Feſtung Caſſim, welche ſie umzingelten, aber keinen Widerſtand fanden. Als ſie auf das Ghurrie, eine Schanze 252 von Lehm, vorgedrungen waren, erfuhren ſie, Caſſim ſey in einem unterirdiſchen Kerker ein⸗ geſperrt; ſeine Leute haben ſich gegen ihn em⸗ poͤrt und ihm den Gehorſam aufgekuͤndigt. Zorawer fragte eifrig nach Amina und Goo⸗ lab, und horte mit Entzuͤcken, ſie waͤren wohl⸗ behalten innerhalb der Mauern der Feſtung. Er flog zu ihnen und bald lag Amina an ſei⸗ nem klopfenden Herzen. Ebenſo ungeduldig war der wackere Noor Zuman, der von Amina geleitet, vor die uͤberraſchte, uͤbergluͤckliche Goo⸗ lab trat. Zorawer ſtellte Amina ihrem Vater mit dem Ausrufe vor: „Hier, Herr, haſt du deine Tochter; ich glaube, du wirſt jezt von meiner Anhaͤnglichkeit an dich uͤberzeugt ſeyn.““ „Ja, edler Juͤngling,“ entgegnete der Ge⸗ neral;„empfange nun deine Belohnung!’ und hiemit legte er die Hand ſeiner liebenswuͤrdigen Tochter in die des entzuͤckten Zorawer, und gad ihnen ſeinen Segen. 3 „Herr,“ ſagte der edelmuͤthige Juͤngling, „hier iſt auch die ſeither vermißte Goolab, wel⸗ he ſchon laͤngſt den Sohn deines alten Freun⸗ des geliebt hat, bis Betrug und Gewaltthat ſie in deine Haͤnde lieferte; willſt du nicht auch ihr Gluück begruͤnden helfen 2 „Ja, ich will,“ entgegnete der General, „und hier erklaͤre ich oͤffentlich, daß ich keine weitere Anſpruͤche an das Maͤdchen mache.“ 5 253, Entzuͤckt warf ſich Noor Zuman vor ihm nir⸗ der, und fand im Uebermaaß ſeiner Freude keine Worte fuͤr ſeine Gefuͤhle. Ich muß hier erinnern, daß Samad Khan⸗ nun in einer ganz andern Lage war, als da⸗ mals, wo wir zuerſt ſeiner erwaͤhnten. Er war nun abhaͤngig von Adinn Beg Khan, dem Va⸗ ter Noor Zuman’s; ſeine Wiedereinſetzung in ſeine vorige Wuͤrde hieng von ſeinem guͤnſtigen Berichte ab; ſein Intereſſe forderts daher, ſich ſo viel moͤglich in die Gunſt ſeines Sohnes zu ſetzen, und deßwegen zoͤgerte er nicht, allen An⸗ ſpruͤchen auf die ſchoͤne Goolab zu entſagen, be⸗ ſonders da er ihre tiefgewurzelte. Abneigung ge⸗ gen ihn wohl kannte. Die Gluͤcklichen ruͤſteten ſich nun zur Ab⸗ reiſe, nachdem ſie vorher Caſſim befreit hatten, den der General ſogleich aus ſeinem Dienſte en“⸗⸗ ließ. Caſſim entfernte ſich, indem er einige ungerſchaͤmte Bemerkungen uͤber den ſchaͤtzbaren Dienſt bei einem geſchlagenen Befehlshaber fal⸗ len ließ. Nach einer, wegen dem ſtarken Regen ſehr beſchwerlichen Reiſe, kamen ſie in der Fe⸗ ſtupg Adina Beg Kahn's an, wo dieſer mit Vergnuͤgen die allgemeine Niederlage der S Sitb' erfuhr, ſo wie daß die Tochter ſeines alten Freundes nebſt Goolab wieder gefunden ſey. Da er ſich nun oollig uͤberzeugte, daß ſie von ſei⸗⸗ nem Sohne Noor Zuman feurig geliebt werde, gab er zu ſeiner Hochzeit mit dem ſuͤßen Maͤd⸗ chen ſeine Einſtimmung; auch ward feſtgeſezt⸗ —— — daß an demſelben Tage Zorawer die Hand der liebenswuͤrdigen Amina erhalten ſollte. Alles war nun ruhig; kein einziger unangenehmer Vorfall ſtoͤrte die allgemeine Freude, die im Schloſſe Adina Beg Khan's herrſchte, der ſo guͤnſtig uͤber die Heldenthaten ſeines Freundes Samad Khan berichtete, daß der Kaiſer zu Delhi ihm die Befehlshaberſtelle in einer wichtigen Feſtung und uͤber einen ſtarken Haufen Solda⸗ ten uͤbertrug. In einer regnigten Nacht, als die Bewohner der Feſtung in tiefem Schlaf la⸗ gen, hoͤrte man einen ſtarken Ruf von außen⸗ und als man die Thore geoͤffnet, trat ein Trupp Mahomedaner mit einem Gefangenen ein, der, wie es ſchien, ſehr gefaͤhrlich verwundet war. Es war der ungluͤckliche Banda, den Caſſim ge⸗ fangen hatte, in der Hoffnung, dadurch ſeine Wiedereinſetzung in ſeinen vorigen Rang zu er⸗ langen. Adina Beg's Freude war ſo groß aß er Feſte auf dem Schloſſe auordnen ließ, und ſo⸗ gleich einen Eilboten nach Delhi abſandte, um fragen zu laſſen, was man mit dem Gefange⸗ nen vornehmen ſollte. In der Nacht beſchloß Zorawer, ſeinen ungluͤcklichen Bater zu beſuch en, und ihn ſo gut als moglich zu troͤſten. Er er⸗ erhielt leicht Zutritt von dem Offizier der Wache, und trat in den Kerker, wo troſtlos und ver⸗ laſſen der ungluͤckliche Banda am Boden lag. „Vater!“ rief Zorawer. 1„Hüllenpund!e entgegnete der Gefargene, —-— 2⁵⁵ „kommſt du mich zu ſtoͤren? weg von hier! ver⸗ dammter Abtruͤnniger! Oh haͤtte ich ſo viel Kraft aufzuſtehen und dir meinen Dolch in's Herz zu ſtoßen, die ſer Augenblick waͤre dein lezter.“ „Vater,“ ſagte Zorawer,„ſey rubig— faſſe dich; ich komme, dir Troſt zu bringen.“ „Du!“ ſagte Banda,„du Troſt bringen!— unmoͤglich! dein Anblick iſt ſchrecklicher als der Tod. Doch ich liebe dich noch immer und da du leben mußt, ſo mag, was ich dir jezt ent⸗ decke, verhindern, daß du Andere nicht in das Ungluͤck ſtuͤrzeſt, das du dir ſelbſt bereiteſt: ihrentwillen will ich etwas enthuͤllen, das, wenn du es gehoͤrt haſt, dich dem Glauben, in dem ich dich auferzogen habe, wieder zufuͤhren wird. Ich weiß alle deine Abſichten, ich habe von deiner Verlobung mit dem mahomedaniſchen Maͤd⸗ chen gehoͤrt, und habe dich nun zu fragen, ob⸗ du in der That geſonnen biſt, dich mit dieſem verw erfenen Geſchoͤpfe zu verbinden?“ „Ja, ich bin's,“ entgegnete Zorawer. „Dann wirſt du das Maaß deiner Suͤnden voll machen— dann wirſt du deine eigene Schwe⸗ ſter heirathen.“ „Himmel!“ rief erſchrocken der Juͤngling, „ich wußte nie, daß du eine Tochter hatteſt, aber dieſes Maͤdchen iſt Samad Khan's Tochter.“ „Fuͤr dieſe mag ſie ſich halten,“ ſagte Banda,„und fuͤr dieſe undchte er ſie eent bei dir anbringen.“ 2⁵⁰ „Iſt ſie denn wirklich deine Tochter, Vater ²*ε. „Nein, Bube, das iſt ſie nicht, aber ſie iſt. dennoch deine Schweſter.“ „Unmoöͤglich! ſie kann's nicht ſeyn!—«. „Ich ſage dir, ſie iſt es: hat ſie nicht blos⸗ vier Finger an der rechten Hand 24 „Der Himmel ſchuͤtze mich!« rief Zorawer, „es iſt ein Maͤdchen hier, wie du ſie beſchreibſt⸗ aber es iſt nicht die, mit welcher ich mich ver⸗ binden will.“: „Dann wollte ich, ich haͤtte das Geheim⸗ niß für mich behalten, ſey iedoch verſichert, das⸗ Maͤdchen mit den vier Fingern iſt deine Schwe⸗ ſter. „Aber wie, Vater, wenn ſie nicht deine⸗ Tochter iſt 24. „Weil du nicht mein Sohn biſt.“ „Sprich, ich beſchwore dich, ſage mir, wo⸗ iſt denn mein Vater 2 „Ich will ſprechen, weil ich, wenn du Al⸗ les erfahren haſt, was ich dir zu ſagen habe,, verſichert bin, daß du der verdammten Brut entſagen wirſt, mit der du dich jezt ſo unbe⸗ ſonnen verbinden willſt; und wenn irgend etwas dich auf den rechten. Weg bringen kann, ſo wird es die Nachricht ſeyn, daß du der Sohn des verehrten verſtorbenen Guru Govind biſt, des zehnten und lezten Oberhauptes der Sikh's. „Oh Banda! wie erſtaunt bin ich uͤber die 257 Entdeckung dieſes Geheimniſſes; wie kann dieß moglich ſeyn? bin ich nicht in dem Glauben erzogen worden, daß ich dein Sohn ſey 2⸗. „Hdre mich, Junge: ich wurde eiferfuͤchtig auf das Gluͤck Gurn Govinds, meines Herrn und Meiſters; nur du ſtandſt mir im Wege und trateſt meinen hochfliegenden Planen ent⸗ gegen. Ich beſchloß, dich aus dem Wege zu raͤumen, aber wagte es nicht, mich deiner zu verſichern, und deine Schweſter zuruͤckzulaſſen, damit kein Vendacht auf mich fiele. Eine guͤn⸗ ſtige Gelegenheit bot ſich dar, als Foujdar Khan einen Einfall in unſer Gebiet machte: ich ließ. dich und deine Schweſter wegnehmen, und dei⸗ nem Vater ſagen, der grauſame Foujdar Khanm habe ſeine hilfloſen Kinder gemordet. Er ließ mich ſchwoͤren, die blutige That zu raͤchen, und um meiner Ausſage Glauben zu verſchaffen, fiel ich, ſobald es mir moͤglich war, in das Ge⸗ biet Foujdar Khan's ein, und machte Alles nie⸗ der, was mir in den Weg kam. Als alles wie⸗ der ruhig war, machte ich eine geheime Reiſe,, und brachte bei meiner Ruͤckkehr dich mit: deiner Schweſter hatte ich im Haus einer alten Frau⸗ einer Mahomedanerin in Saharunpoor, zuruͤck⸗ gelaſſen. Ich gab dich fuͤr meinen Sohn von einer Frau aus, mit der ich mich an den Graͤnzen von Cabuls verheurathet haͤtte, und⸗ da man wegen meines unſtaͤten Lebens meiner Ausſage nicht widerſprechen konnte, ſo wurdeſte du fuͤr meinen juͤngern Sohn anerkannt, den ich zu ſeiner Zeit fuͤr den Nachfolger in dem⸗ 2⁵5⁸ Oberbefehl uͤber die Sikh's beſtimmt hatte, um hierdurch einigermaßen das Verbrechen wieder gut zu machen, daß ich dem Guru ſeine Kinder geraubt hatte. Ich habe nur noch das zu ſa⸗ gen, daß ich, ſeit ich ſehe, daß du den mahome⸗ daniſchen Glauben angenommen haſt, dir den Dolch in dein Herz ſtoßen moͤchte, dann ſtuͤrbe ich zufrieden. Aber nun bin ich auf den Tod verwundet, ich fuͤhle, meine Stunde kommt; verlaß mich— fort!“ „Wie ſoll ich aber meine Schweſter von al⸗ lem dem uͤberzeugen, was du mir geſagt haſt?24 fragte Zorawer. „Laß die alte Frau von Saharunpoor holen, ſte wird meine Ausſage beſtaͤtigen; fort!— laß mich in Frieden ſterben!“ Im Schmerz uͤber dieſe unerwartete Nach⸗ richt eilte Zorawer zu ſeinen Freunden, um ſie ihnen mitzutheilen und ſeine wiedergefundene Schweſter Goolab zu umarmen. Alle waren ſehr verwundert, denn Niemand hatte je geglaubt, Zorawer halte ſich fuͤr den Sohn Banda's, ſonſt haͤtten ſie wahrſcheinlich, trot aller ſeiner Schwuͤre, nicht an ſeine Treue geglaubt. Man ſandte ei⸗ nen Boten nach Saharunpoor, der die alte Frau, unter deren Aufſicht Goolab gelebt hatte, mitbrachte. Sie beſtaͤtigte die Ausſage, ob ſie gleich nicht wußte, daß es Banda war, der das Maͤdchen ihrer Sorge anvertraut hatte. Um keinen Zweifel uͤber die Sache uͤbrig zu laſſen, — 259 brachte man den ſterbenden Gefangenen vor die Verfammlung, und die Frau rief aus:„das iſt er.“ Daß Zorawer's Verſuch, mit ſeiner Gelieb⸗ ten zu entfliehen, Veranlaſſung wurde, daß er ſeine Schweſter wieder fand, hielt man fuͤr cige hoͤhere Fuͤgung, und alle wuͤnſchten ihm Gluͤck, daß er eine ſo liebenswuͤrdige Schweſter, wie die ſchoͤne Goolab, beſitze. Der Firman von Delhi kam an mit dem Befehle an Adina Beg Khan, den gefangenen Banda ſogleich hinzurichten. Man traf alſo die Anſtalten dazu; als man aber in ſeinen Kerker trat, war er bereits verſchieden. Banda wurde in der Stille begraben, und das Grab ſchloß ſich uͤber einem hartberzigen, grau⸗ ſamen Mann, deſſen ganzes Leben ein Blut⸗ vergießen und Morden geweſen war; keine Thraͤne wurde ihm nachgeweint; niemand betrauerte ſei⸗ nen Verluſt. Nach Banda's Tod erſchienen die Sikh's lange nicht mehr im Feld; ſie waͤhlten keinen Glaubensfuͤhrer mehr, ſondern ihre Feld⸗ herrn wurden in ihrer Verſammlung gewaͤhlt, die ihr Guru Mata oder Nationa!⸗Rath hieß. Die Verbindung Zorawer's mit Amina, und Noor Zuman's mit Goolab, fand kurz nach dem Tode Banda's, unter lauten, ununterbrochenen Feſten ſtatt. Die Mahomedaner blieben fort⸗ waͤhrend Sieger uͤber die Sikh's, und werden es— gefaͤllt es Allahß— immer bleiben. Ibre beſtaͤndigen Triumphe verliehen dem ſiegreichen, welterobernden Kaiſer dieſes edlen Volkes neuen Glanz.“ 260 Hiemit ſchoß der Cotwall ſeine Geſchichte; der Nuwab bezeugte ſeine Zufriedenheit damit, und entließ ihn. Saͤmmtliche Zunftmeiſter giengen nun in den Palaſt des Deewan, um dos Laos entſcheiden zu laſſen, an wen jezt die Reihe kom⸗ ien ſollte. Das Loos fiel auf Bupoo, den Bar⸗ bier, welcher Befehl erhielt, am folgenden Tage um ein Uhr im Palaſte des Nuwab zu erſchei⸗ nen. Der arme Mann eilte nach Hauſe, vor ſeinem Weibe die einzige Geſchichte, die er hatte zuſammen bringen koͤnnen, noch einmal zu wie⸗ derholen, um am folgenden Tage ſeine Sache gut zu machen. Der Nuwab und ſeine Frauen nahmen fruͤhe ihre Sitze ein; der Barbier wunde hereingefuͤhrt, und nachdem er ſich dreimal ver⸗ neigt hatte, nahm er ſeinen Sit auf dem Tep⸗ dich, und begann ſeine Erzaͤhlung, die den In⸗ halt des folgenden Kapitels im zweiten Theil ausmachen wird. Ende des erſten Bandes.⸗ Zur gefaͤlligen Notiz! Folgende höchſt intereſſante Romane ſind in der Verlagshandlung dieſes Werks zu finden: Aus dem Leben und den Memoiren einer weiblichen Caſanova, wie ſie es ſelbſt in Paris im Jahre 1822 niedergeſchrieben, 2 e r Bekenntniſſe einer ſchoͤnen Frau, nnerungen, Anekdoten und geheime Liebesgeſchichten von den ausgezeichnetſten Perſonen, welche zur Zeit der franzoͤſiſchen Republik, des Conſulats und des Kaiſerreichs in Europa geglaͤnzt haben. Zwei Baͤnde. 5 Rth. 12 9G. oder 5 fl. 24 kr. Nicht leicht hat in Deutſchland ein Werk in neue⸗ ſter Zeit mehr Aufſehen gemacht als die„Memoi⸗ ren der Caſanova.“ Wir bieten den Freunden ſolcher Lectuͤre in dieſem Werk ein Seitenſtuck zu dieſen Memoiren dar, indem die Verfaſſerin, aus einer der vornehmſten und reichſten Familien des niederlaͤndiſchen Adels entſproſſen, nicht minder inte⸗ reſſante Bekenntniſſe und Begebenbheiten erzaͤhlt, als jener berühmte Abenteurer; dieſe Begebenheiten ſind aber um ſo intereſſanter, da olche in unſerer Zeit durchlebt, und namentlich die Helden der Revolution und des franzoͤſiſchen Faiſerreichs keine unbedeutende Rolle darin ſpielen. Männer wie Moreau, Ney, Grouchy, Talma, Talleyrand, und viele Fuͤrſten und Diplomatiker, deren Namen man aus dem Werke ſelbſt kennen lernen mag, chmachteten in den Feſſeln die⸗ ſer weiblichen Caſanova, welche mit Anmuth und voll Zauber ihre Verirrungen und Fehler der Welt erzäͤhlt. Neben einer unterhaltenden Lectuͤre hat das Werk noch das Empfehlenswerthe, daß es manche neue Anekdoten und Begebenhriten aus den lezten dreißig Jahren mittheilt und deßwegen auch als geſchichtlicher Beitrag nicht ohne Intereſſe iſt. 1 4 E; Der Papſt und der Harlekin, . oder Briefwechſel Clemens XIV. mit Carl Bertinazzi. Aus dem Franzöſiſchen. 8. 1 Rth. 12 gG. oder 2 fl. 42 kr. Im J. 1720 befanden ſich in einem Kloſter in Rimini zwei Knaben, die ſich zu inniger Freundſchaft verbanden. Der eine war der Sohn eines Landmanns aus der Ge⸗ gend von St. Angelo in Vado; der andere das Kind ei⸗ nes Domainenverwalters des Koͤnigs von Sardinien. Dieſe zwei Zoͤglinge gaben ſich gegenſeitig das Verſpre⸗ chen, niemals, was auch immer fuͤr ein Schickſal den einen oder den andern treffen wuͤrde, mehr denn zwei Jahre voruͤbergehen zu laſſen, ohne ſich gegenſeitig zu ſchreiben oder zu beſuchen. Und beide haben Wort gehalten. Der eine von dieſen Knaben, Namens Lorenz Ganganelli, wurde Profeſſor der Philoſophie in Pe⸗ laro, Franziskaner Moͤnch,(oͤſfentlicher) Lehrer, geiſtli⸗ cher Rath, ſofort Cardinal, und zulezt, unter dem Na⸗ men Clemens XIV., Papſt. Der andere, Carl Berti⸗ nazzi, hielt ſich nach ſeines Vaters Tod in Frankreich auf; und bekannter unter dem Namen Carlin, ward er einer der beſten(Poſſenreißer) Komiker des italie⸗ niſchen Luſtſpiels.— Den Briefwechſel dieſer beiden Maͤnner ubergeben wir hiemit dem Publikum. Zum beſſeren Verſtaͤndniſſe des Leſers muß man in Erinnerung bringen, daß dieß derſelbe Clemens XIV., der Vorgaͤnger Yius VI. war, welcher im Jahr 1773, auf⸗ gefordert von allen europaͤiſchen Fuͤrſten, die zum Bour⸗ boniſchen Hauſe gehoͤrten, die Aufloͤlung der Jeſniten ausſprach, und nachher von denſelben vergiftet ward. Theatraliſche Kreuz⸗ und Querzüge, Abenteuer, Liebſchaften und Bekenntniſſe einer reiſenden Komoͤdianten⸗Bande. oder 4 Ein fatyriſcheomjſiter Roman. Von L. G a l. l o i 3. 3 Thle. 8. 2 Rth. oder 3 fl. 30 kr. Wer bei der Betrachtung der großartigſten Erſchei⸗ nungen des Lebens zu verweilen gewohnt iſt, wird ebenſowohl, als der, deſſen Lektuͤre angenehme Erho⸗ lung zum Zweck hat, ſolcher Momente ſich bewußt ſeyn, in denen er das nach außen gerichrete, einen unaufhoͤrlichen Wechſel herbeifuͤhrende Treiben lebens⸗ luſtiger Perſonen zu vernehmen wuͤnſcht. Einen ſol⸗ chen Genuß gewaͤhren die theatraliſchen Kreuz⸗ und Querzuͤge. Die abenteunerlichen Virtuoſen, durch das erfinderiſche Genie eines ehemaligen Theaterdirektors von Venedig, in eine Geſellſchaft vereint, und zu ei⸗ nem fernen Ziele von ihm angefuͤhrt, treten in ſol⸗ cher natuͤrlichen Lebendigkeit auf und ſtellen, es mag jeder ſeine eigene Geſchichte erzaͤhlen, oder wir moͤ⸗ gen ſie gemeinſchaftlich ihre ebenſo uͤberraſchende, als wahrſcheinliche Abenteuer beſtehen ſehen,— in beſtimmt gehaltenen, nach dem Leben gezeichneten Cha⸗ —— 4 Takteren, ein iſo viel bewegtes und mannigfaltiges Drama dar, daß wir unſere Schaufpieler ihre eigene Lebensrollen, mit eben dem Intereſſe ſpielen ſehen, welches wir fuͤhlen, wenn ſie uns auf der Buͤhne das Leben und ſeine Verhaͤktniße in ſeiner harmoni⸗ ſchen Einheir mit ſo vielem Reize vergegenwaͤrtigen. Eine binreißende Darſtellung, die uns raſch von ei⸗ ner Begebenheit zur andern fuͤhrt, deren jede einen lebhaften Eindruck zurüͤckläßt, eine reiche Phantaſie, die, obne ſich zu weit von der Wirklichkeit zu entfer⸗ nen, in der Erfindung der anziehendſten Ereigniſſe u nerſchöpflich iſt, ein heiterer Humor, und jene den Franken ſo eigenthuͤmliche Leichtigkeit, empfehlen die⸗ ſen Roman allen, denen es Vergnugen macht, in dieſer beweglichen Welt das Leben ſich ſpiegeln zu ſehen. Napoleon vor dem Richterſtuhle Alexanders, Cäſars und Friedrichs des Großen. Vom General Jomini. Erſter undzweiter Band. gr. 8.4 Rth. 18 gG. oder 3 fl. Es verdient wohl nichts mehr, die oͤffentliche Auf⸗ merkſamkeit zu feſſeln, als Napoleon, der die Geſchichte ſeines ganzen Lebens Alexander, Caͤſar und Friedrich dem Großen erzaͤhlt, wobei er ih en die entſcheidenden Beweggruͤnde, die ihn in ſeinen großen Unternehmun⸗ gen verwickelt haben; die Reſultate, die er davon erwar⸗ kete, und die Hinderniſſe, die ihnen zuweilen entgegen⸗ traten, auseinander ſezt. Das Werk verſezt den Leſer in alle dramatiſchen Situationen, in die ſich der Ge⸗ neral des italieniſchen Heeres, der erſte Conſul und das Oberhaupt des Kaiſerreichs, hald durch ſein eigenes Genie, bald durch die Macht der Ereigniſſe warf; wenn man zweifelte, daß das Werk von Napoleon ſey, ſo wurde man wenigſtens der Meinung ſeyn, daß es von einem in allen ſeinen Geheimniſſen vertrauten Manne, von einem feinen Beobachter und richtigen Beurtheiler der Menſchen und Dinge geſchrieben worden ſey. 8