—— —— Aus VDottmann's Leben und Nachlass. —:] ⁄O—— Herausgegeben von dem Verfaſſer des Lebens⸗Abriſſes Friedrich Ludwig Zacharias Werners. ————— Neue vermehrte und verbeſſerte Ausgabe. —,———— Sechstes Bändcehen. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1831. Auszug aus der protokollariſchen Verhand⸗ lung vom 2ten Juni 1822. Ich bin aufgefordert worden, meine Meinung über die vorliegende Rechtsfrage, nämlich: ob der Leidesdorffſche, in Wien erſchienene Kla⸗ vierauszug des Weberſchen Freiſchützen, nach dem bei Schleſinger erſchienenen Original bearbeitet, und als ein Nachdruck deſſelben zu betrachten ſey 2 auszuſprechen. Hier muß ich aber zuförderſt den Grundſatz auf⸗ ſtellen, daß, nach meiner Anſicht, wenn von dem Nach⸗ druck eines muſikaliſchen Werkes die Rede iſt, die geſetzlichen Beſtimmungen.§. 1025 und 26. Tit. II. Th. 1. des A. L. R., welche von Auszügen aus Druckſchriften handeln, nicht zur Anwendung ge⸗ bracht werden können, da es unmöglich iſt, muſika⸗ liſche Compoſitionen auf die Weiſe zu extrahiren, wie dies bei Büchern geſchieht. Ein Nachdruck ei⸗ ner Compoſition würde nur in ſo fern ſtatt finden, als eine vorliegende grade ſo nachgeſtochen oder a* nachgedruckt würde, daß ſie identiſch mit dem Ori⸗ ginal erſchiene; wo eig'ne Geiſtesthätigkeit des Be⸗ arbeiters eintritt, kann von Nachdruck oder Nach⸗ ſtich nicht mehr die Rede ſeyn. Ein Beiſpiel aus der bildenden Kunſt wird dies näher erläutern. Wenn ein Kunſtverleger ein Bild in Kupfer ſtechen läßt, und ein andrer gleichzeitig einen Kup⸗ ferſtich nach dem gleichen Original herausgibt, bei⸗ den Stichen aber verſchiedne Zeichnungen zum Grun⸗ de liegen, ſo kann der zweite zwar den erſten durch ſeine Unternehmung in Schaden ſetzen; nicht aber kann man von ihm ſagen, daß er deſſen Rechte durch einen Nachſtich gekränkt habe. Ganz an⸗ ders verhält es ſich dagegen in dem Falle, wo der Stich von dem zweiten Berleger nach einer Zeich⸗ nung bewirkt wird, die etwa durch einen Abdruck, oder mittelſt Durchzeichnens der erſten, entnom⸗ men iſt.„ Hier kam es nicht darauf an, daß der zweite Zeichner ſelbſt von ſeiner Kunſt Gebrauch machte, ſondern bloß durch mechaniſche Auſtrengung er⸗ zeugte er die Copie des Originals. Dies, auf die in Rede ſtehende Frage angewandt, ergiebt es ſich ſchon bei dem erſten Anblick des Wie⸗ ner, ſogenannten Klavier⸗Auszuges, daß derſelbe nichts weniger als ein Nachdruck des Schleſinger⸗ ſchen iſt, ja daß Letzterer, Erſterem nicht einmal hat zum Grunde gelegt werden können, ſondern daß der 7 Verfaſſer nothwendiger Weiſe die Partitur ſelbſt hat vor Augen haben müſſen. Schon die Ouverture, von der man vorausſez⸗ zen könnte, daß ſie in beiden Klavierauszügen gleich wäre, wenn der eine auch nur einigermaßen als ein Nachdruck des andern ſollte betrachtet werden kön⸗ nen, zeigt eine durchaus verſchiedene Behandlungs⸗ art; die Weberſche Art, Klavierauszüge zu machen, hat nehmlich Etwas ganz Eigenthümliches und Ge⸗ niales, wogegen der Wiener Auszug ganz nach dem gewöhnlichen Schlendrian gearbeitet iſt. Was die Oper ſelbſt betrifft, ſo könnte die Be— zeichnung auf dem Titel:„Vollſtändige Ausgabe, mit „Hinweglaſſung der Worte,“ einen, der nicht Sach⸗ kenner iſt, vielleicht verleiten, anzunehmen, daß auch ſämmtliche Singſtimmen geliefert, und nur einzig und allein die Worte weggelaſſen wären,— und dies würde freilich ein Nachdruck ſeyn; indeſſen ein ſolcher möchte wohl keine Käufer finden, indem er unr ein ſehr mageres Vergnügen gewähren würde. — Der gegenwärtige Wiener Klavierauszug hat aber nicht allein eine ganz andere Tendenz, als der Schleſingerſche, ſondern iſt auch nach ganz andern Grundſätzen gearbeitet. Seine Beſtimmung iſt nehmlich, von Muſikliebhabern, die keine Simme haben, am Inſtrumente geſpielt zu werden, wobei ſie nicht die Melodien zu ſingen brauchen, ſondern ſte auf dem Klavier hören. Um dieſen Zweck zu 2 8 erreichen, muß aber von dem Bearbeiter einer Par⸗ titur zum Klavierauszuge, die Singeſtimme in die Oberſtimme verlegt werden, welches eine durchaus andre Bearbeitung vorausſetzt. Angenommen nun, daß der Verfaſſer des Wie⸗ ner Klavierauszuges, der ſich Leidesdorff nennt, die Abſicht gehabt hätte, ſich des Schleſingerſchen zu ſeinem Vorhaben zu bedienen, ſo würde er, wie ſchon oben erwähnt, ihn dazu keinesweges haben gebrauchen können, ſondern er muß durchaus im Beſitz der Partitur geweſen ſeyn, es ſey denn, daß er ſein Werk aus einzelnen Orcheſter⸗ und Singe⸗Par⸗ thieen mühſam zuſammengeſtellt hätte. Ob er es auf die eine oder andere Weiſe zu Stande gebracht, und ob er dadurch, daß er ſich in den Beſitz der Par⸗ titur geſetzt, die Rechte des urſprünglichen Verle⸗ gers des Freiſchützen verletzt habe?— dies ſind an⸗ dre Fragen; zu deren Entſcheidung alle Data feh⸗ len; in jedem Fall aber, würde, durch einen ſolchen Mißbrauch der Partitur oder der Stimmen, der Thatbeſtand, eines andren Vergehens, als deß des Nachdrucks, begründet werden. 9- —ę;Asęꝑꝑꝑnꝑnęꝑꝑ‚nę—-—ℳ—.————- Einiges aus Hoffmann's Notatenbuch für das letzte Jahr ſeines Lebens. Kammer⸗Gerichts⸗Rath Uhde, in den vierziger Jahren in Berlin, Componiſt und Sänger. Ger⸗ ber's altes Künſtlerlexicon. Th. 2. S. 696. Wie ein Arzt glaubte, die Leiden ſeines Patien⸗ ten rührten von einem Wurm her⸗ den er im Leibe trage, und darauf los kurirte, bis der Wurmwirk⸗ lich abging. Es war eine total neue Species, ein gräuliches Ungeheuer; vielfüßig u. ſ. w. und er⸗ hielt einen neuen Namen; jenem Arzt als Entdek⸗ ker zu Ehren, wurde er wie er geheißen. Am Ende entdeckte es ſich jedoch, daß der Wurm,— ein un⸗ verdauter Roſinenſtengel war. Zu machen: der Nachtwächter, eine geheimniß⸗ volle Perſon, die nächtliche Abentheuer erzählt. (diable boiteux?) 10 Traum. Die Polizei nimmt alle Uhren von den Thürmen herab, und confiscirt alle Uhren, weil die Zeit confiscirt werden ſoll. Die Polizei bedenkt aber nicht, daß ſie ſelbſt nur in der Zeit exiſtirt. Fabel. Jedermann hat einen Beutel vor ſich hängen, in welchen er die Fehley ſeines Nachbars ſteckt, und einen andern hinter ſich, in welchem ſeine eig'nen ſind. Die Hunde bellen den Mond an, aus Mißgunſt wie man ſagt. Urſache davon?(Zu erfinden.) Cardauf merkwürdige Schilderung von ſich ſelbſt. Bayle. Verglichen damit Diderots Schilderung von Rameau's Neffen. Berliner Bauordnung vom 30ten November 1641. Darin wird den Bauern unterſagt, Sau⸗ ſtälle auf off'ner Straße auzulegen. Jean Paul Komet. Magnetiſch heilende Kraft des Körpers?— Gegenſtück. Der Arzt reitet durch die Straße, und, von beiden Seiten, ſtecken, 14 aus dem obern Stock der Häuſer, die Patienten die Zungen heraus. Situation eines glücklichen Autors. Er fährt in einem kleinen Einſpänner nach der Leipziger Meſſe; hinter ihm folgen aber 6 bis 8 ungeheure Laſtwagen mit Ballen; es ſind ſeine ſämmtli⸗ chen Werke. Aus Acten. Man wollte nicht glauben, daß der Inculpat ſo viel Geld mitgebracht; da zeigte er das Fäßchen, worin die Papiere geweſen, — und Alles glaubte daran. Roßtäuſcher,— einer der mit Roßen täuſcht. Jemand, dem der Concertſaal im neuen Schau⸗ ſpielhaufe gezeigt wird, meint, der Orpheus ſey ein Aushängeſchild für wilde Thiere, die darin zu ſehen. Eine Frau, die in der Todesnoth dem Manne geſteht, daß ſie ihm untreu geweſen. Darauf der Mann: ein Vertrauen iſt des andern werth; eben, weil du mir untreu geweſen, darum ſtirbſt du an dem Gift, das du von mir bekommen. 1². Die bekannte Anuekdote von dem Charlatan, der Flohpulver verkaufte und dem Bauer,(„auch gut,“) iſt noch ſehr gut zu benutzen, um daraus, wie es in den gestis romanorum heißt, eine vortreffli⸗ che Moralisatio zu ziehen; z. B. was du auf kur⸗ zem, ſicherm, Wege erlangen kannſt, ſollſt du nicht auf weitem, unſicherm ſuchen. N. b. Die beiden ſich umarmenden Inden die Lichtenberg in Erz gegoßen wünſchte zum ewigen Denkmal.. Ein ſehr ſchönes Bild iſt von den ſogenannten deformirten Gemälden herzunehmen. Es ſind, z. B., auf einer Tapete, verſchiedene Theile, Züge eines Bildes, verſtreut, ſo daß man nichts Deutli⸗ ches wahrnimmt; aber ein beſonders dazu geſchlif⸗ fenes Glas vereinigt die verſtreuten Züge, und, durch daſſelbe ſchauend, erblickt man das Bild. (Wiegleb's Magie.) ——ã Ein alter Muſikmeiſter ſagte von einem Fräu⸗ lein, die, bei großer Fertigkeit, das Fortepiano Geiſt- und Seelenlos ſpielte: Gott, wenn der Gnädigſten doch ein Paar Hände in die Handſchuh' wüchſen, womit ſie über die Taſten herfährt. 15 Vom zu Buche tragen des Witzes. Lichtenberg's, Hippel's, Voltaire's Nachlaß. Es gibt Künſtler, die dem Bajazzo gleichen, wenn er einen gewaltigen Anlauf nimmt, und dann plötzlich ſtehen bleibt, ohne den Sprung zu wagen. Das ſind die Schauſpieler ohne wahrhaf⸗ tes Genie, im Innern hohl, nur äußern Prunk borgend zum mächtigern Gotte. Der Anlauf(der Vortheilchen, nach Iffland's weltbekannter Anekdote) läßt ſich allenfalls erlernen; die Kraft zum Sprunge ſelbſt verleiht allein die Natur, deshalb bleibt es bei jenen Schauſpielern denn immer bei'm Anlauf zum Sprunge. Hogarth's Quackſalber in der Heirath nach der Mode hat eine ſehr komplizirte Maſchine gebaut, mit künſtlichen Hebeln, Gewichten, Rädern, Wel⸗ lenzügen, Schwanzſchrauben u. ſ. w., um— einen Pfropf aus der Flaſche zu ziehen. Eher wird aber die arme in die Maſchine eingeklemmte Bouteille in tauſend Stücke zerbrechen, als der Pfropf ſich nur um ein Haar breit heben.— Manche Kufnſt⸗ leiſtungen gleichen dieſer Maſchine.— Mit dem Aufwand aller reichen Kräfte die ſich darbieten, werden ungeheuere Anſtalten gemacht, die aber, ſtatt die einfache Wirkung, welche beabſichtigt, her⸗ b 14 vorzubringen, nur das Ganze rettungslos zer⸗ ſtören. Die wunderbaren Sprünge und Capriolen un⸗ ſerer jetzigen Tänzer erinnern ſehr lebhaft an die ſinnreiche Art, wie die Araber ihre Kameele tanzen lehren. Beſagte Kameele werden nämlich auf ei⸗ nen Boden von Blech geführt, unter dem ein Feuer angezündet. So wie das Blech mehr und mehr erglüht, heben die Thiere die zierlichen Pföt⸗ chen höher und höher, und immer höher und konfuſer, ſo wie die Glnt ſteigt, ſo daß ſie zuletzt beinahe mit allen Vieren in den Lüften ſchweben! — Das iſt denn recht artig anzuſehen, und man⸗ cher europäiſche Balletmeiſter mag bei dem Anblick dieſer reinen Natur in ihrer vollen Anmuth und Kraft, zur Erfindung ganz neuer abſonderlicher Pas begeiſtert worden ſeyn. Man merkt's an den Balleten der neueſten Gattung. Die pantomimiſchen Convulſtonen des monoto⸗ nen oder ganz tonloſen Schauſpielers, könnte man, da der Krampf ſich vorzüglich in den Händen zeigt, billiger Weiſe, Händegeſchrei nennen. Der Zuſchauer wird dabei in den beängſtigenden Zuſtand des Tauben verſetzt, der die Worte blos ſieht, ohne ſie zu hören, oder wenigſtens zu verſtehen⸗. 15 Bei der Anpreiſung des Kaleidoskop's wurde, Rückſichts der ſchönen Verbindung des Angeneh⸗ men mit dem Rützlichen, vorzüglich gerühmt, daß es die Fantaſte der Kattundrucker und Weſtenfabri⸗ kanten zu den unerhörteſten Muſtern beflügeln könne. Sollte ein munterer Kopf von Mechanikus nicht leichtlich ein Kaleidoskop für preßhafte Dichter zu erfinden vermögen? Die kleinſten, ordinairſten, miſerabelſten, läppiſchten Gedanken dürften nur hineingeworfen werden, um ſich, gehörig gerüttelt und geſchüttelt, zu den ſonderbarſten Bildern zu fügen. Würde der Dichter nicht in frohem Stau⸗ nen, in heller Begeiſterung, auf Gedanken gera⸗ then, an die er in der That ſelbſt gar nicht ge⸗ dacht?— Doch, es ſpukt ja wohl ſchon viel ka⸗ leidoskopiſches Weſen auf den Bühnen? Die verſchiedenen Richtungen der Dichter, die ſie nach dem Uebergewicht dieſer oder jener ihnen einwohnenden Kraft nehmen, könnte man mittelſt einer förmlichen Windroſe bezeichnen. Die entge⸗ gengeſetzten Pole, Nord und Süd, bezeichnen Ver⸗ ſtand und Fantaſte, Oſt und Weſt, Geiſt und Hu⸗ mor. Nun ſchaffen ſich dann die abweichenden Grade, wie in der Schiffsroſe, von ſelbſt. Z. B. wie Nordweſt, Nord⸗Nordweſt, Nordweſt⸗Nord, Verſtand Humor, Verſtand Verſtand Humor, Geiſt 16 Humor Geiſt ꝛc. Das ſchlimmſte für die Seefah⸗ rer möchte hier das Beſte ſeyn, wenn nämlich der Wind aus allen vier Ecken bläst. Rebrigens paßt dieſe Windroſe nur für Dichter, die wirklich ſe⸗ geln, oder, zu Lande, nach dem bekannten Spruch Göthe's über die den Reiter verfolgenden Kläffer, wirklich reiten. Bei den andern möchte es ſchwer ſein, die Pole zu finden, die nur allein irgend eine Richtung beſtimmen können. Unumſtößlicher Beweis, daß der Banmeiſter N. ein frommer, gottesfürchtiger, deutſchbiederer, geiſtreicher, patriotiſch geſtnnter, der edlen Turn⸗ kunſt ergebener, für die Vervollkommung der Me⸗ dizin und Chirurgie portirter, Mann, von großem Verſtande und Anſehen, iſt.*), 1) Er iſt fromm und gottesfürchtig, denn er ehrt das Alter und mag ſogar alte Mauern nicht antaſten, ſind ſie auch noch ſo ſchwächlich. 2) Er iſt deutſchbieder, denn er verläßt ſich auf ein ehrliches Ausſehen und baut darauf mit vollem Vertrauen. 3) Er iſt geiſtreich, denn ihm fällt jeden Augen⸗ blick'was ein. 4) Er iſt patriotiſch geſinnt, denn ſeine Einfälle treffen nicht Mitbürger ſondern nur Fremde. *) Hatte fuͤr Berlin in der muͤndlichen Tradition Lokal⸗Intereſſe. 3 17 5) Er iſt der edlen Turnbunſt ergeben, den ſeine Eiinfälle veranlaſſen die gewagteſten Sprünge. 6) Er iſt muſikaliſch ausgebildet, denn er verſteht ſich ganz beſonders auf das richtige Einfallen. 7) Er iſt auf die Vervollkommnung der Arzenei⸗ Wiſſenſchaft und Ehirurgie bedacht, denn er ſorgt durch ſeine Einfälle dafür, daß es der Pepiniere nie an merkwürdigen innerlich oder änußerlich Beſchädigten fehlt, um ihre Kunſt daran zu üben. 8) Er iſt von großem Verſtande, denn, wenn er für etwas ſteht, hat er ſich allemal ver⸗ ſtanden. 9) Er iſt von großem Anſehen, denn ſeine ſämmt⸗ lichen Obern haben ihn immer für einen tüchtigen Baumeiſter angeſehen. Zum Katzenbuch. Till Eulenſpiegel war ver⸗ gnügt, wenn er Berg auf ſtieg, weil er ſich dar⸗ auf freute, wenn es wieder Berg ab gehen würde und traurig, wenn es Berg ab ging, weil er das Auf⸗ ſteigen fürchtete. Was wird mir Schlimmes begeg⸗ nen, da ich heute im Gemüth ſo heiter bin; wel⸗ che Freude ſteht mir bepor, da mich Traurigkeit ſo mederdrückt?— Iſt es Katzenmöglich! ——— 48 Jakobus Snellpfeffers Flitterwochen vor der Hochzeit.. (Einſchiebſel. Dazu kann das Bild eines Spa⸗ zierganges durch einen Garten gebraucht werden. Rechts und links giebt's da:— Schmollwinkel⸗ chen,— Lauben— Dornbüſche u. ſ. w.; z. B. Jesminlaube für Liebende;— Dornbuſch für Re⸗ zenſenten, eingebildete Autoren u. ſ. w.— Ob Snellpfeffer nicht in Hefte, ſtatt in Kapitel, ge⸗ theilt werden könnte?) Einen merkwürdigen Charakter könnte der Bru⸗ der geben. Erziehung. Rector Wannowski nicht zu vergeſſen.. Geheimniſſe. Jokobus ſchrieb als Knabe ſeine Geheimniſſe auf; z. B. daß er in Nachbars Tin⸗ chen verliebt iſt, daß er es war, der den Porzel⸗ lannapf zerbrach, u. ſ. w.— unb verſiegelte das Blatt. Die einzige vornehme Perſon, die zugleich als eine moraliſche gelten konnte, mit der er verwandt, war die Kanzlei(Kanzleiverwandter.) Solofürſten und Figuranten⸗Fürſten, wie Solo⸗ tänzer und Figuranten. In der Krankheit, bei ſchon gelaͤhmten Haͤnden dierirt. Nicht zu vergeſſen: Krankheits⸗Periode 2 Januar, Februar, März, April.*) *) Zwei Monate ſpaͤter war er nicht mehr. 3 49 Nicht zu vergeſſen: für ein ärzliches Journal: beſondere Gefühle eines ſich ſelbſt ſcharf beobach⸗ teten Kranken. Anekdote. Autentiſch. Ein robuſter Kerl läßt ſich in der Charitéè das linke Bein abnehmen, bleibt bei der Operation ganz munter, und jubelt laut, als man ihm das abgenommene Bein zeigt; bin ich die verwünſchte Pfote los! Als man ihm den Ver⸗ band angelegt hatte, ſpricht er zus: Lieber Herr** Chirurgus, Sie haben ſich ſo viele Mühe mit mei⸗ nen linken Bein gegeben; am rechten ſind mir die Nägel ſo lang gewachſen; wollen Sie mir die nicht auch gleich abſchneiden. Einzelne Züge zur Charakteriſtik Hoff⸗ mann's. Hoffmann war von ſehr kleiner Statur, hatte eine gelbliche Geſichtsfarbe, dunkles, beinahe ſchwar⸗ zes, Haar, das ihm tief bis in die Stirn gewach⸗ ſen war, graue Augen, die nichts beſonderes aus⸗ zeichnete, wenn er ruhig vor ſich hinblickte; die aber, wenn er, wie er oft zu thun pflegte, damit blinzelte, einen ungemein liſtigen Ausdruck annah⸗ men. Die Naſe war fein und gebogen, der Mund feſt geſchloſſen. Sein Körper ſchien, ungeachtet ſeiner Behendig⸗ keit, dauerhaft, denn er hatte, für ſeine Größe, eine hohe Bruſt und breite Schultern. Sein Anzug war, in früheren Zeiten ſeines Le⸗ bens, ziemlich elegant, ohne irgend in's Geſuchte zu verfallen. Nur auf den Backenbart hielt er große Stücke, und ließ ihn ſorgfältig gegen die Mundwinkel hinziehen. Später erregte ihm ſeine Uniform, in welcher er etwa wie ein franzöſiſcher 21 oder ikalieniſcher General ausſah, inniges Wohlge⸗ ſallen. In ſeiner ganzen äußern Erſcheinung fiel am mei⸗ ſten eine auſſerordentliche Bewegung auf, die auf das Höchſte geſteigert wurde, wenn er erzaͤhlte, Seine Begrüßungen bei'm Empfang und Abſchied, mit wiederholten ganz kurzen, ſchnellen Beugungen des Nackens, ohne daß der Kopf ſich dabei bewegte, hatten etwas Fratzenhaftes und konnten leicht als Fronie erſcheinen, wenn der Eindruck, den die ſelt⸗ ſame Geberde machte, nicht durch ſein ſehr freund⸗ liches Weſen bei ſolchen Veranlaſſungen gemildert worden wäre. 3 Er ſprach mit unglaublicher Schnelle nnd mit ei⸗ ner etwas heiſern Stimme, ſo daß er, vorzüglich in den letzten Jahren ſeines Lebens, wo er einige Vorderzähne verloren hatte, ſehr ſchwer zu verſte⸗ hen war. Wenn er erzählte, war es immer in ganz kurzen Sätzen; nur, wenn die Rede auf Kunſt⸗ ſachen kam und er in Begeiſterung gerieth, ein Zu⸗ ſtand, vor dem er ſich aber zu hüten ſchien, bildete er lange, ſchöne, gerundete Perioden. Wenn er Arbeiten von ſich vorlas, ſchriftſtelleriſche oder amtliche, ſo eilte er über das Unbedeutendere der⸗ geſtalt hinweg, daß der Zuhörer kaum zu folgen vermochte; die Stellen aber, die man im Gemälde die Drucker nennt, betonte er mit einem faſt komi⸗ ſchen Pathos, ſpitzte dazu den Mund, ſchaute um 22 22 ſich, ob ſie auch faßten, und brachte dadurch oft ſich ſelbſt und ſein Publikum aus der Tramontane. Er fühlte, daß er, um dieſer Angewohnheit willen, nicht gut las, und hatte es ungemein gern, wenn ein Anderer ihm dies Geſchäft abnahm; aber das war kitzlich genug, beſonders wenn von handſchrift⸗ lichen Aufſätzen die Rede; denn jedes falſch gele⸗ ſene Wort, oder auch nur ein zögernder Blick auf ein ſolches, um es richtig zu leſen, war ihm ein Dolchſtich, und er wußte dies nicht zu verbergen. Als Sänger hatte er eine ſchöne, kräftige Pruſ ſtimme, Tenor. Es war ſchwer, in Bekanntſchaft mit ihm zu kommen. Er ſelbſt blieb lange verſchloſſen, und hörte auch wenig auf Menſchen, die er erſt kennen lernte, wenn ſie nicht ganz beſonders intereſſant waren. Alte Bekannte gingen ihm über Alles; er fühlte ſich begnem mit ihnen, und mehr verlangte er nicht.„Wie mag doch Hoffmann mit dem und dem umgehen können?“ dieſe Frage, die man ſo oft machte, beantwortete ſich am beſten dahin,„weil er den und den ſchon ſo und ſo lange kannte.“ Eine gleiche Geſinnung forderte er aber auch gebie⸗ teriſch von ſeinen Freunden. Sie ſollten keinen Gott haben neben ihm; er betrachtete es als eine Felonie, wenn ſie ſich verheiratheten, mit ihren Kindern lebten, u. ſ. w.— Den Umgang mit Frauen liebte er eben nicht. Konute er,(dies war die Re⸗ gel, von der allerdings einige Ausnahmen Statt fanden,) ſie nicht myſtifiziren, oder ſie in die aben⸗ theuerlichen Kreiſe ſeiner Fantaſien ziehen, oder entdeckte er in ihnen nicht etwa entſchiedenen Sinn für das Komiſche, ſo zog er den Verkehr mit Män⸗ nern, bei denen ſich die letzte Eigeuſchaft viel häu⸗ figer entwickelt findet, bei weitem vor. Denn das Frazzenhafte, wie das Verborgenſte in der menſch⸗ lichen Natur, zogen ihn am meiſten an, und auch über dieſe Tiefen konnte er vorzugsweiſe nur mit Männern ſprechen. Mehr als reifere Frauen, in⸗ tereſſirten ihn noch junge Mädchen, die, beſonders, wenn ſie hübſch waren, einen ungemeinen Zauber über ihn übten; doch, hauptſächlich durch den Reitz, den ihr Anblick ihm gewährte, nicht durch die Ent⸗ faltung ihres Innern, wozu der Schlüſſel ihm fehlte. Dagegen mißlang es ihm nicht, Kinder, in denen er Empfänglichkeit für das Scurrile oder Fanta⸗ ſtiſche fand, wenn er ſich mit ihnen abgab, an ſich zu feſſeln. Unter allen Erſcheinungen in der Ge⸗ ſellſchaft, war ihm die gelehrter Frauen am gründ⸗ lichſten zuwider. Legte es eine ſolche auf ihn an, und ließ es ſich, wie auch wohl vorgekommen iſt, gar beigehen, in einer Art von Pairſchaft, ihm nahe zu treten,— etwa bei Tiſche,— ihren Platz neben ihm aufzuſchlagen, ſo war er im Stande, ſein Couvert aufzunehmen, und damit in die weite Welt zu fliehen, bis er an einem entfernten Ende ſich unbemerkt irgendwo einbürgern konnte.*) Künſt⸗ *) Wie koͤnnte die Unmilde, mit welcher Hoff⸗ mann hier, wie uͤberall, ſein Misfallen aͤußerte, wohl gerechtfertiget werden wollen? In der Sache ſelbſt aber;— wer moͤchte ihm Unrecht geben? Schon finden die beſten Buͤcher keine Leſer mehr⸗ weil faſt alle Leſer unter die Schreiber gegangen ſind, und, wenn, bis vor wenigen Jahrzehnden, die Empfaͤnglichkeit fuͤr das, was andere gedacht und empfunden, wenigſtens noch bei Leſerinnen anzutreffen war, ſo mindert ſich deren Zahl auch von Tage zu Tage, weil die der Schrei⸗ berinnen waͤchſt, wie der Sand am Meere. Daß hierdurch die Autoren offenbar beeintraͤchti⸗ get werden, die ſonſt ihre ſchoͤnſten Kraͤnze von den Frauen erwarteten, und daß die Fluth mit⸗ telmaͤßiger Buͤcher, auch durch die Schindelſchen Schaaren immermehr angeſchwellt, am Ende die Literatur zu verſchlingen drohen wird, iſt noch der geringſte Nachtheil gegen den, daß der ſchoͤnſte Schmuck des Weibes, die Weiblichkeit, bei dem geruͤgten Unweſen, mehr und mehr in die Bruͤche geht. Es ſoll hiermit gerade nicht uͤber die Nezenſentinnen, Kunſt⸗Correſponden⸗ tinnen, Criminal⸗Richterinnen, oder Verthei⸗ digerinnen, Myſtikerinnen u. ſ. w. insbeſon⸗ dere, der Stab gebrochen werden;(eben ſo we⸗ nig aber auch iſt es auf ihre Apologie abge⸗ ſehen,) ſondern es ſind alle Schriftſtelerinnen, als ſolche, gemeint, die den ſtillen Hain ihres 2⁵ lerinnen jeder Art, ohne ihr en gewöhnlichen Tik, waren ihm augenehmer. Für ſittliche Würde des 8 weiblichen Berufs(worunter nicht der Koch⸗ heerd verſtanden wird,) verlaſſen, um ſich dffent⸗ lich vor der Welt, mit ihren Gedanken, Em⸗ pfindungen, Staͤrken und Schwaͤchen, zu pro⸗ duciren. In dieſer Oeffentlichkeit liegt das Uebel. Waͤre es nicht grauſam und unge⸗ recht, von einem Weibe, dem der Himmels⸗ funke der Dichtkunſt geſchenkt iſt, zu fordern, ſie ſolle ihn erſticken, und ſich und andere nicht an ihrem Feuer waͤrmen? Aber,— daß eine heu⸗ tige Dichterin kein noch ſo heiliges Gefuͤhl in ihrem Buſen hegen darf, ohne es Morgenblatt und Abendzeitung bruͤhwaren anzuvertrauen, daß Klagen um ihre verlornen Lieben, wie um ihre verkannte Treue, in allen Kaffeehaͤuſern auf den Tiſchen umher liegen, und von den Gaͤ⸗ ſten zu den Cigarren eingenommen werden muͤſ⸗ ſen; daß manche eher keine Nuhe finden, als bis ſelbſt Alles das, was ſich ein wirkliches Weib kaum recht zu geſtehen wagt, ſchwarz auf weiß vor ihr daliegt, um an irgend eine Re⸗ daction zum Druck abgeſandt zu werden;— ſolches Treiben haͤtten die Frauen unſrer Zeit billig den Maͤnnern, die es freilich auch nicht beſſer machen, von denen man indeſſen auch weni⸗ ger Zartheit zu fordern berechtigt iſt⸗ uͤberlaſſen ſollen. Das, und dann die beliebte Univerſali⸗ taͤt in dem Streben literariſchen Frauen, die ſelboſt den Caſanova in den Kreis ihres Urtheils ziehen zu muͤſſen meinen,— weil es ein Buch C 26 — Menſchen äußerte er, durch die Wahl ſeines Um⸗ gangs, wenig Sinn. Geſinnung galt ihm in iſt, giebt aber dem Manne, dem Weiblichkeit im Weive uͤber Alles geht, in der Regel den Abſcheu vor der Zunft der Schreiberinnen; nicht etwa Neid oder Monopolgeiſt, wie Thoͤ⸗ rinnen hie und dort wohl gemeint haben.„Wenn du beteſt, ſo geh' in dein Kaͤmmerlein, ſchließ' die Thuͤr zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen,“ hat unſer Heiland geſagt; es ſoll gewiß mit dem Tiefſten, was die Menſchen⸗ bruſt bewegt, ſeyn, wie mit dem Gebet. Frauen die ewig gedruckt lieben und weinen, gleichen aber denen,„die da gerne ſtehen und beten an den Ecken und auf den Gaſſen, auf daß ſie von den Leuten geſehen werden.“ Auch ſie haben ihren Lohn dahin; ſie werden citirt und kritiſirt, und wenn's hoch kommt, panegyriſirt, wie die Maͤnner; man laͤßt ihrer techniſchen Fertigkeit in Dichten, (in welcher ja jeder Schulknabe es jetzt zu ei⸗ nem gewiſſen Grade gebracht haben muß,) Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, u. dergl.; aber— lieb haben oder gar heimfuͤhren, wird ſie kein maͤnnlicher Mann; Vorzuͤge, deren ſie, wie pro⸗ ſaiſch man ſie auch die Ehe oft ſchelten hoͤrt, ſich doch auch gar nicht gern begeben zu moͤgen ſcheinen.— Siehe— eilf Zwoͤlftel aller Frauen⸗Romane jeglicher Meſſe, in denen das Grundthema ein, mit Recht verfehlt genanntes, Leben iſt. Eine ruͤhrende Geſchichte wird deutlicher ma⸗ chen, was der Herausgeber meint. Vor eini⸗ gen Jahren ſtarb eine ſeiner geachteteſten Freun⸗ 27 geſelliger Beziehung nichts. Als höchſte Empfeh⸗ lung diente bei ihm die Fähigkeit, ſich durch ihn anſprechen zu laſſen;(er hatte ſich gegen ſeine Freunde geſetzt, wie etwa ein Buch, wenn man es dinnen, in der Bluͤthe ihres ſchoͤnen Lebens. Nach ihrem Tode fand ihr Gatte, in ihrem Pulte, ein wunderherrliches Gedicht, welches ein Vorgefuͤhl des Hinſcheidens enthaͤlt, und uͤberſandte davon dem Freunde eine Abſchrift⸗ mit dem Bemerken, daß ſeine Frau es wahr⸗ ſcheinlich ſelöſt gedichtet habe. Alſo, ſelbſt der Mann wußte nichts von der Faͤhigkeit der Gattin, ihre reinen Gefuͤhle ſo meiſterhaft aus⸗ zuſprechen. Auch Benedikte Naubert(Verfaſſe⸗ rin des Walter von Montbarry, Herrmann von Unna u. ſ. w.— eine der objektivſten Schrift⸗ ſtellerinnen Deutſchlands, die wirklich Buͤcher, und nicht ihre Thee⸗Zirkel, ſchrieb) ſey unvergeſſen, der, wie ſie dem Herausgeber ſelbſt erzaͤhlte, ihr Verlobter zur Hochzeit ihre eigenen Werke in ſauberen Maroquinbaͤnden ſchenkte, weil er eine Neigung zur Lecture hiſtoriſcher Schriften in ihr bemerkt, und ſich ſelbſt zu den Buͤchern ſeiner nachmaligen Braut, als deren Schoͤpferin er ſie natuͤrlich nicht kannte, vorzugsweiſe hin⸗ gezogen gefuͤhlt hatte. Dieſe Beiſpiele zeugen von aͤchter Weiblichkeit; — iſt es doch aber eine Erfahrung, ſo alt als die Welt, daß man ſich buͤckt, um das Veilchen zu pfluͤcken, waͤhrend man die Sonnenblume ſtehen laͤßt, wie breit ſie ſich auch am Wege mache. 28 ſich perſonifizirt daͤchte, gegen ſeine Leſer;) hier⸗ auf folgte die, ihm zu amüſiren, was nur durch ſchlagenden, nicht viel Raum einnehmenden, Witz, oder eine Fülle gut, und vor allen Dingen kurz und ſchnell, vorgetragener Anekdoten, u. dergl., geſchehen konnte; endlich der Beſitz irgend einer Eigenſchaft, die ihm imponirte, z. B. eines aus⸗ gezeichneten Muthes, oder der moraliſchen Kraft, den Lockungen mit Bewußtſeyn, Widerſtand zu leiſten, die ihn unwiderſtehlich mit ſich fortrißen. Wer ihn nicht auf irgend eine dieſer Arten anzog, der war ihm gleichgültig; und durfte nur eine Blöße geben, um Gegenſtand ſeines ſcharfen Spott’s oder Tadels zu werden, mit welchem er nur ſeine wenigen, wahren, Freunde verſchonte. Im geſelligen Zirkel bei ſich war Hoffmann am Liebenswürdigſten. Die Heiligkeit des Gaſtrechts ließ ihn mauches geduldig ertragen, was ihm in der innerſten Natur zuwider war, und, genügte ihm der Geiſt nicht, der ſich in ſeiner Geſellſchaft entwickelte, ſo ſuchte er ſich durch die Sorge für die leibliche Nahrung derſelben zu zerſtreuen, er nahm ſeiner Frau das Geſchäft ab, den Salat, Cardinal oder Punſch zu machen, was er übri⸗ gens Alles meiſterhaft verſtand;— mit andern Worten, wollten ihm ſeine Gäſte nicht recht ſchmecken, ſo freute er ſich wenigſtens daran, wenn es Ihnen recht ſchmeckte. Dagegen war er, wie 29 ſchon oben bemerkt worden, im höchſten Grade unerträglich, wenn er da Langeweile fand, wohin man ihn eingeladen. Er ſchien es dann immer nicht verſchmerzen zu können, daß er einen Abend verlöre, den er ſonſt, bei ſeinen Lieblingsarbeiten, oder in der Umgebung, in der es ihm nun ein⸗ mal gemüthlich war, zugebracht haben würde. Vieles kam dabei auch darauf an, wie er eben an einem oder dem andern Tage geſtimmt war. Es konnte ihn heute ärgern, worüber er geſtern gelacht, oder ſich gefreut haben würde. Niemand wußte beſſer, als er ſelbſt, wie ſehr er unter der Herr⸗ ſchaft der Laune ſtand. Er hat in ſeinen Tage⸗ büchern eine ganze Scala der Stimmungen hin⸗ terlaſſen, durch die er die eben verfloſſenen Tage bezeichnete; z. B., Stimmung zum romantiſch⸗reli⸗ giöſen; exaltirt⸗humoriſtiſche Stimmung, geſpannt bis zu Ideen des Wahnſinns, die mir oft kom⸗ men! humoriſtiſch'ärgerliche; muſikaliſch exaltirte; gemüthlich aber indifferente; unangenehm⸗exaltirte romaneske, Stimmung; höchſt ärgerliche Stimmung, bis zum Exceß romantiſch und capricciös; ganz exotiſche Verſtimmung, ſehr exaltirte, aber poetiſch⸗ reine, höchſt comfortable, ſchroffe, ironiſche, geſpannte, höchſt moroſe, ganz cadüke, exotiſche aber miſerable, eraltirt⸗poetiſche Stimmung, in der ich eine tiefe Ehrfurcht vor mir empfand und mich ſelbſt unmäßig lobte; senza entusiasmo, senza exaltazione, ſchlecht 6 7 30 und recht;— un poco exaltato, senza poctica; ſehr fröhlich, ma senza furore ed un poco smor- ſia u. ſ. w. Kannte ihn nun ein Freund ganz genau, wie z. B. der Herausgeber, ſo wußte er gleich bei Hoffmann's Eintritt in's Zimmer, in welchem Sternbilde eben ſeine Laune ſtand, und, wie man ihn heute zu nehmen habe, um Eruptionen zu ver⸗ meiden, wenn Gewitterwolken drohten; behandelte man ihn falſch, ſo fühlte man augenblicklich die Fol⸗ gen. Verſtellung war ihm durchaus fremd; man wußte immer, woran man mit ihm war; wer ihn langweilte, den gähnte er an, und, wer ihm Aer⸗ gerniß gab, dem wies er die Zähne. Wollte man uunn aus Allem dieſem den Schluß ziehen, daß Hoffmann ohne alle natürliche Gut⸗ müthigkeit geweſen; ſo würde man ihm Unrecht thun. Vielmehr gab er häufig davon Beweiſe. Aber andere hervorſtechende Eigenthümlichkeiten ſei⸗ nes Charakters vermiſchten ſich ſo wunderlich mit ſeinen Aeußerungen von Bonhommie, daß, wer ihn nicht durch und durch kannte, ganz irre an ihm werden mußte. Ein Beiſpiel wird dies erläutern. An einem Herbſtmorgen kam er zum Heransge⸗ ber, und erzählte ihm, noch ganz erfüllt von dem Erlebten: als er eben über dem Gensd'armes Markt 34 gegangen, habe er Folgendes mit angeſehen. Ein al⸗ lerliebſtes kleines Mädchen aus der unterſten Volks⸗ klaſſe, wäre vor die Bude einer Höckerin getreten, und habe von dem Obſte, das jene feil bot, et⸗ was verlangt. Mit rauher Stimme habe das Weib ſie angefahren, ſie ſolle ihr zeigen, wie viel Geld ſie daran wenden könne, und, als das Kind nun mit der freudigſten Unſchuld, ſeinen Dreier hervorge⸗ holt, ſey es ihm mit den Worten zurückgeſtoßen wor⸗ den: daß es dafür nichts gäbe. Zum Tode betrübt wäre die Kleine abgezogen. Da,— ſo fuhr Hoff⸗ mann fort,— nährte ich mich dem alten Weibe, die wohl bemerkt, daß ich Zeuge der ganzen Scene geweſen, und ſteckte ihr ein Viergroſchenſtück in die Hand. Eilends rief ſie nun das Kind zurück, und füllte die kleine Schürze mit den allerſchönſten Pflau⸗ men. Sie können ihn ſich wohl ausmahlen, dieſen Wechſel der höchſten Betrübniß und der unausſprech⸗ lichſten Freude. Bis ſo weit ſieh't die Geſchichte Jedermann ähnlich, der, mit wohlwollendem Her⸗ zen, eine Liebesgabe gereicht hat. Aber nun,— erzählte er weiter, und das war der ganze Hoff⸗ mann,— hat mich auf dem Wege zu Ihnen der Gedaake ſchon zermartert, und ich kann ihn nicht los werden, daß das Kind ſich an den Pflaumen die Ruhr an den Hals eſſen, und ſo die Luſt, die ich ihm bereitet, die Urſache ſeines Todes werden wird. Was dieſe Beſorgniß veranlaßte, war nichts an⸗ 32²2 „ders, als die zum feſten Grundſatz bei ihm gewor⸗ dene Idee, daß, wo dem Menſchen Gutes wider⸗ fahre, auch das Böſe immer im Hinterhalte laure; „daß,“ wie er es in ſeiner Redeweiſe euergiſch aus⸗ zudrücken pflegte,„der Teufel auf Alles ſeinen Schwanz legen müße.“ Dieß Wort führte er, bei jeder paſſenden Veranlaſſung, im Munde, und es wird, wie es dem Herausgeber ſcheint, durch dieſen Glauben, Vieles in ſeinen Schriften klav. Immer verfolgte ihn die Ahnung geheimer Schreckniſſe, die in ſein Leben treten würden; Doppeltgänger, Schauergeſtalten aller Art, wenn er ſie ſchrieb, ſah er wirklich um ſich, und deshalb, wenn er in der Nacht arbeitete, weckte er die ſchon ſchlafende Frau, die, ihn kennend und liebend, willig das Bette ver⸗ ließ, ſich ankleidete, mit dem Strickſtrumpf an ſei⸗ nen Schreibtiſch ſetzte, und ihm Geſellſchaft leiſtete, bis er fertig war. Daher das ſo ergreifend Wahre ſeiner Schilderungen in dieſer Gattung, wie es denn überhaupt wohl wenige Dichter gegeben haben mag, die mehr identiſch mit ihren Werken geweſen, als Hoffmann mit den ſeinigen. Wenn man ihm öfters Manier vorgeworfen, ſo trifft dieſer Vor⸗ wurf nicht die Art, wie er ſeine Charactere zeich⸗ nete, ſondern wie er ſelbſt im großen Buche der Schöpfung gezeichnet war. Nächſt dem Schauer⸗ vollen, war das Scurrile das ihm ganz eigenthüm⸗ liche Element. Zwiſchen beiden gab es für ihn keine 53³ gemüthliche Mitte; von ſeinen Schrecken ruhte er bei'm Auſchau'n der Poſſenſpiele aus, die ſeine Fan⸗ taſie ihm in den Erholungsſtunden vorgaukelte. Auch hier iſt, was er geſchrieben, ganz ſubjectiv, und man kann ſagen, daß diejenigen ſeiner Erzäh⸗ lungen, die ein objeckives Gepräge haben, weil nichts Gräßliches und nichts Frazzenhaftes darin vorkommt, wie z. B. Meiſter Martin, von einem Hoffmann herrühren, der ſich in dem eigentlichen Hoffmann kaum nachweiſen ließ. Daher iſt auch die conſtante Erſcheinung zu er⸗ klären, daß er, in dem Maaße, in welchem ſeine Dichtungen ſich von ſeiner Subjectivität entfernten, ſie nicht liebte: ja dergeſtalt an der Möglichkeit zweifelte, daß ſie dem Publikum gefallen könnten, daß nur Hitzig's Urtheil, den er, als geweſenen Buch⸗ händler, für vertraut mit dem Geſchmack der Menge hielt, in der Regel, ihn darüber zu beruhigen ver⸗ mochte. Dagegen hegte er eine blinde Vorliebe für die⸗ jenigen ſeiner Werke, in deuen ſich ſeine Eigen⸗ thümlichkeit, auf die, ſeinen Leſern am wenigſten angenehmſte Weiſe, entwickelt hatte, die entweder die ſchaudervollſten Schilderungen des Wahnſinns, oder die geiſterhafteſten Zerrbilder, wie z. B. die Brambilla, aufſtellten. Auch war dieſe Richtung ſeines Geiſtes die Ur⸗ ſache, weshalb er, außer den größten Dichtern, und —— 34 oft den trockenſten Büchern, in denen er Data fand, die er auf ſeine Weiſe in ſich verarbeitete,— ſich damit imprägnirte,— wie er es gern nannte, eben nichts leſen mochte, weil nichts ſo leicht die Ex⸗ treme berührte, bei denen er ſich allein behaglich fand. Wie im Intellectuellen, das immer bei Hoffmann r vorherrſchte, ſo auch im Phyſiſchen. Im Eſſen war er ſehr mäßig, weil ſich dieſem Genuß keine gei⸗ ſtige Seite abgewinnen läßt; nur das Feinſte reizte ihn, und oft mehr der Idee willen, daß es das Leckerſte ſey, als um des Wohlgeſchmacks. Aber auch im Trinken ſuchte er Anfangs, ehe es ihm Ge⸗ wohnheit und Bedürfniß geworden, nur Steige⸗ rung des Vermögens, wie ihm denn wirklich die Rede zu allen Zeiten am beſten floß, wenn er durch Wein aufgeregt war. Ein ſchmutziger Säufer iſt er nie geweſen, was auch die Verläumdung darüber verbreitet haben mag. Von der freien Natur war Hoffmann nie ein be⸗ ſonderer Freund. Der Menſch, Mittheilung mit, Beobachtungen über, das bloße Sehen von Men⸗ ſchen, galt ihm mehr, als Alles. Ging er im Som⸗ mer ſpazieren, was, bei ſchönem Wetter, täglich, gegen Abend, geſchah, ſo war es immer nur, um 35 zu öffenklichen Orten zu gelangen, wo er Menſchen antraf. Auch unterweges fand ſich nicht leicht ein Weinhaus, ein Conditorladen, wo er nicht einge⸗ ſprochen, um zu ſehen, ob, und welche, Menſchen da ſeyen. Man leſe das in den Wochen ſeiner To⸗ desnoth dictirte Eckfenſter, um ſich zu überzeugen, welche Zerſtreuung es ihm gewährte, noch mit halb⸗ gebrochenen Augen, auf das Gewühl eines Men⸗ ſchenerfüllten Marktes zu ſchauen. Bei ſeiner Entfernung von der Natur, war es um ſo rührender, wie, kurz vor ſeinem Ende, die Sehnſucht nach dem Grünen in ihm erwachte.„Gott, es ſoll Sommer ſeyn,“ jammerte er,„und ich habe noch keinen grünen Baum geſehen.“ Und als er zum erſten Mal hinauskam in's Freie, entſtuͤrzten ihm die hellen Thränen, und er wurde ohnmächtig von der Gewalt des Eindrucks. Nach ſeiner Heim⸗ kehr faßte er den Plan zu der mitgetheilten klei⸗ nen Erzählung: die Geneſung, die er ſogleich dictirte. 3 4 Eigentliche Liebhabereien hatte Hoffmann nicht. Der Beſitz eines hübſchen Ameublements, im weite⸗ ſten Sinne des Worts, möchte allein dafür gelten können. Für die, auf dem Krankenbette intendirte, Einrichtung ſeines neuen Quartiers, hatte er aller⸗ lei Pläne gemacht. Unter andern wollte er eine — —— — 36 Stube mit Hausgeräth in altdeutſchem Geſchmack, meubliren, und ſelbſt die Zeichnungen dazu entwer⸗ fen. Auch Bücher waren ihm nicht unlieb; doch hat er es, bei ſeiner großen Unordnung in ſolchen Dingen, nie auch nur zu der allerkleinſten Biblio⸗ thek gebracht. Nicht einmal ſeine eigenen Schrif⸗ ten beſaß er vollſtändig. Er hatte ſie verliehen, ohne zu wiſſen, an wen, u. ſ. w. Eben ſo leicht ging er mit dem Gelde um, das er zuletzt in großen Maſſen einnahm. Er gab es erſt ſeiner Frau, und nahm es ihr dann wieder ab, um es zu laſſen, er wußte nicht wo. Mit dieſer Frau übrigens lebte er in dem beſten ehelichen Verhältniſſe. Sie war die Nachgiebigkeit ſelbſt, und er hat nie ein Geheimniß vor ihr gehabt. Seine Tagebücher, die das Bekenntniß aller ſeiner Schwä⸗ chen enthalten, ruhten immer in ihren Händen, und aus ihnen hat ſie der Herausgeber zur Benuz⸗ zung empfangen. Keine Spur von der erwähnten Unordnung in Geld⸗ und ähnlichen Sachen, war aber in Hoffmann's Amtsarbeiten zu finden. Nie fehlte ihm eine Vor⸗ tragsnummer, oder dergl. Ueberhaupt wußte er den Mann im Staatsdienſte, von dem im Privat⸗ 37 leben, auf eine Weiſe zu ſcheiden, die ſeinem prak⸗ tiſchen Sinne zur höchſten Ehre gereichte. In ſeinem ſchriftſtelleriſchen Verkehr war ſchon weniger Ordnungsliebe. Wollte er einem Freunde aus einem Mannſcripte, oder etwa einen erhalte⸗ nen Brief, vorleſen, ſo konnte er, was er ſuchte, ge⸗ wiß nicht finden, wenn nicht die Frau helfend in's Mittel trat. Er band ſich an keine beſtimmte Ar⸗ beitsſtunden u. ſ. w. Doch hatte er zuletzt, als er faſt nichts, als Erzählungen für Taſchenbücher, ſchrieb, eine gewiſſe Reihenfolge in der Abliefe⸗ rung, nach dem Alter der Beſtellungen der Verle⸗ ger, eingeführt, an welcher er gewiſſenhaft hielt. Da er ſelbſt in den letzten Tagen ſeiner Krankheit, an nichts weniger, als an ſeinen Tod, dachte, ſo ergötzte es ihn, davon zu ſprechen, auf wie viele Jahre hinaus dieſe Beſtellungen ſchon reichten. Die Stoffe zu ſeinen Geſchichten nahm er übri⸗ gens entweder rein aus der Phantaſie; aus dem vwirklichen Leben, das ihm, bei ſeinem unaufhörli⸗ chen Verkehr an Menſchenerfüllten Orten immer neue Charaktere darbot, oder aus Chroniken u. ſ. w., die er in dieſer Beziehung durchſah; und die Staf⸗ fage wählte er aus, nachdem er ſich durch die Ein⸗ ſicht von Werken, die ihm Sachverſtändige Freunde zu dieſem Zwecke vorſchlagen mußten, von dem darzuſtellenden Gegenſtande eine oberflächliche Kennt⸗ niß verſchafft. Es iſt bewundrungswürdig, mit Koffmann's erzaͤhl. Schriften. XVIII. Bd. 2 a 58 welcher Leichtigkeit er ſich Anſchauungen uns. der Gewerbswelt, und Kunſtausdrücke ihm ganz frem⸗ der Wiſſenſchaften, wenn er ſie gebrauchte, derge⸗ ſtalt, anzueignen wußte; daß der Leſer glauben muß, er ſey dabei groß geworden; wobei ihm frei⸗ lich zu Statten kam, daß es im Leben nicht leicht etwas gab, worin er ſich nicht verſucht hätte. Gegen die öffentliche Kritik ſeiner Schriften war er gleichgültig. Wie überhaupt nichts Neues, ſo las er auch keine Zeitſchriften, und, wenn man ihm von der Rezenſion eines ſeiner Werke ſagte, ſie mochte lobend oder tadelnd ſeyn, ſo bezeigte er nicht die geringſte Luſt, ſie zu ſehen. Dagegen freute er ſich ſehr, wenn Freunden, auf deren Ein⸗ ſicht er etwas gab, ſeine Sachen geſielen. Von 91 dieſen nahm er auch mißbilligende Meinungen an, wenn er nur wußte daß ſie ihn überhaupt verſtanden. Hitzig, der, als ſein älteſter Bekannter in Berlin, in dieſer Beziehung am offenſten mit ihm war, hat er nie ein Urtheil übel genommen. Freilich wollte er ſich oft nicht fügen, wenn ſein Intereſſe für das eben erſchienene neueſte Werk noch in vol⸗ ler Friſche; aber er kam dann wohl ein halbes Jahr nachher, und ſagte:„Sie haben Recht, und ich werde es jetzt beſſer machen.“ So bekannte er in der letzten Woche ſeines Lebens, er ſehe ein, wie ſehr er ſeinem Autorruf, durch einige ſeiner damals erſchienenen Erzählungen(in dem Berliniſchen Ta⸗ 39 ſchenkalender, in dem Gleditſch'ſchen Taſchenbuch zum geſelligen Vergnügen u. ſ. w.) geſchadet ha⸗ ben müßte, und wolle er in dem dritten Theile des Murr u. ſ. w. dem Publikum Satisfaction zu geben ſuchen. Es war zu ſpät, wie überall mit ſeinen guten Vorſätzen. „Hoffmann war ein Kind ſeiner Zeit, in wie⸗ fern dieſe liebt, nach den verſchiedenſten Seiten hin, ein Aeußerſtes anzuſtreben. Dieſe leitete ihn, dieſer gab er ſich hin, dieſe hat dafür ihn gehoben, getragen und aufgerieben.“— Mit dieſem eben ſo wahren, als ſchön ausgeſprochenen, Gedanken en⸗ digt Rochlitz ſeinen trefflichen Aufſatz über ihn, und auch der Herausgeber weiß, zum Schluße, nichts zu ſagen, was durchgreifender wäre. 50———— Anhang. 1) Zur Beurtheilung Hoffmann's als Dichter. Von Willibald Alexis. 2) Zur Beurtheilung Hoffmann's als Muſiker. Von A. B. Marx. 3) Carl Maria von Weber über Hoffmann. ——,— ⁴—o Borwort. Dem Herausgeber kam es darauf an, neben dem was er über ſeinen verſtorbenen Freund geliefert, auch noch ein mehr objectives Urtheil über ihn als Dichter und Muſiker mitzutheilen, als er es, bei der genauen Bekanntſchaft mit Hoffmann's In⸗ dividualität, zu geben im Stande war. Er wandte ſich deshalb an zwei junge Freunde, denen Hoff⸗ mann im Leben ganz fern geſtanden, und die ihre Anſichten daher rein aus den ihnen vorgelegten Werken deſſelben geſchöpft. Der Verfaſſer des er⸗ ſten Aufſatzes iſt dem Publikum ſchon durch ſeine gehaltvollen Kritiken im Hermes und in den Wiener Jahrbüchern auf das rühmlichſte bekannt, und dem des zweiten, einem tüchtigen Practiker in der Muſik, wird es gewiß auch nicht fehlen, ſich eine ehrenvolle Stelle unter den Autoren über ſeine Kunſt, ein Feld, in welchem noch viel Lorbeeren zu ſammeln ſeyn ſollen, zu erwerben. Das Urtheil Maria von Weber's über Hoffmann, den Componiſten,(entlehnt aus dem Aufſatz: über die Oper Undine, von Carl Maria von Weber. a 6 42. Allg. muſik. Zeitung vom 19. März 1817) möge endlich ſchließen; damit, wie Jean Paul dem Dich⸗ ter die Taufrede hielt, es auch nicht an einem hoch⸗ gefeierten Munde fehle, den Muſiker mit der Pa⸗ rentation zu ehren.— Zur Beurtheitung Hoffmann'’s als Dichter. Den Mann, deſſen ausgezeichnetes Wirken und noch bedeutenderes Streben im Gebiete der poeti⸗ ſchen Literatur ich hier anzudeuten verſuchen will, habe ich im Leben, wie nahe mich auch die örtlichen Verhältniſſe mit ihm zuſammenführten, kaum ein⸗ mal geſehen, und eben deshalb ward mir von dem Freunde des Verewigten, welcher ihm dies bio⸗ genthümlichkeit darſtellen und beurtheilen. 3 graphiſche Denkmal ſetzet, der ehrenvolle Auftrag, demſelben eine Charakteriſtik des Schriftſtellers hinzuzufügen. Frei von jeder perſönlichen Rück⸗ ſicht und Verpflichtung, kann der Fremde ſich ganz in den, in ſeinen Schriften vor ihm ſtehenden, An⸗ tor hineinverſetzen, ihn unpartheiiſch in ſeiner Ei⸗ bonum; wo es aber auf keinen Panegyricus, ſon⸗ V ſagt das Geſetz der Sitte: de mortuis nil nisi 4 44 dern auf die Würdigung eines bedeutenden Mannes abgeſehen iſt, muß jene Regel dem Geſetze, wie überall vor dem Richterſtuhle die Regel der Billig⸗ keit dem rechtlichen Geſetze, weichen. Ja, es würde ſogar eine Ungerechtigkeit gegen den Verewigten ſeyn, wenn wir, von der mildern Anſicht ausgehend, nur das Gute lobten, und das Verwerfliche über⸗ gingen. Bei unbedeutendern Geiſtern mag dies das rechte Verfahren ſeyn; wer aber, wie Hoff⸗ mann, mit Adlerfittigen aufwärts flog, kann eine ernſtere Betrachtung und ſtrengere Würdigung ver⸗ langen, da, je höher er ſtieg, um ſo mehr Augen ſeinen Flug verfolgen mußten. Der geniale Geiſt lebt mehr in ſeinen Entwürfen, als in der Aus⸗ führung derſelben; ſomit iſt es ihm auch lieber, wenn man den Werth jener anerkennt, und den Erfolg tadelt, als wenn man jenes ganze Streben verwirft, und dagegen das einzelne Gute in der Ausfüh⸗ rung, gleichſam als Beſchönigung der Verwirrung in der Idee, lobpreiſet. Wie aber ein Genius im Leben wünſcht betrachtet zu werden, ſo muß es auch nach ſeinem irdiſchen Hinſcheiden geſchehen, denn der Genius lebt immer, und wenn man hier Rück⸗ ſichten nehmen will, iſt der Genius nicht mehr Genius. So alſo möge der verewigte Hoffmann ſeinen Freunden vergeben, wenn in ſeinem Ehren⸗ gedächtniß vielleicht der Quantität nach die ta⸗ delnde Kritik die lobpreiſende überwiegt. Noch — 45 bemerke ich, daß hier nicht von einer ausführli⸗ chen Kritik der Werke Hoffmann's, welche andern Orten muß vorbehalten bleiden, ſondern nur vom Verſuch einer Darſtellung und Entwickelung des Geiſtes, welche ſich in denſelben ausſpricht, die Rede ſeyn kann. Es iſt wohl die erſte Pflicht, unſere Betrübniß über Hoffmann's frühes Hinſcheiden auszuſprechen. Verſchiedene Leute bedauerten einſt Kotzebue's Tod aus keinem andern Grunde, als weil er noch recht viel nnterhaltende Komödien hätte verfertigen kön⸗ nen! Bei unſerer Trauer ſtellen wir uns nicht auf dieſen Standpunkt, obgleich Hoffmann, noch bei weitem reicher, als jener, der Erzählungen und Romane, ohne in Gefahr zu gerathen, daß er nur Altes zum Vorſchein bringe, recht viel und unter⸗ haltende hätte dichten können. Kotzebue würde, ſo viele Neuigkeiten auch ſeine unerſchöpf⸗ liche productive Kraft noch liefern konnte, doch nichts Neues hervorgebracht haben.— Wir bedauern mit tiefem Schmerz Hoffmann's frühen Tod, weil er mitten auf ſeiner Bahn geſtorben iſt. Hoffmann war im Fortſchreiten, und, wenn auch augenblicklich ſeine herrliche Kraft zerſplittert, und zu Production werthloſer Spielereien vergeudet ſchien,— ſo beſaß er doch noch wirklich die Kraft, und hätte unter andern Umſtänden, vielleicht an⸗ geregt durch irgend ein erſchütterndes Ereigniß, 46 vielleicht ſelbſt durch die Krankheit, welche ihm bei ungeſchwächten Seelenkraͤften den Tod brachte, die große Bahn aufwärts, zu welcher er berufen war, wieder betreten können.* Wäre er aber zum Ziele gelangt, ſo müßte er eine der erſten Stellen unter den Heroen unſerer Poeſie einneh⸗ men, und es bedürfte keiner Charakteriſtik, indem er, ſtatt, wie jetzt, räthſelhaft zu erſcheinen, in freundlicher Klarheit, jedes poetiſche Gemüth bis in die ſpäteſten Zeiten würde angeſprochen haben. Ehe wir darzuſtellen verſuchen, wohinaus er ſeinen Flug richtete? und dann die Urſachen aufſuchen, welche ſeine Flügel hemmten? müſſen mir mit we⸗ nigen Worten ſeine Erſcheinung betrachten. Es ließ ſich vor kurzem eine bewundernde Stimme vernehmen, welche Hoffmann's Wirkungskreis mit dem Walter Scott's verglich. Die Vergleichung iſt jedoch ſeltſam, wenn man unſern Schriftſteller nimmt, wie er aufgetreten iſt, und nicht etwa, wie wir beabſichtigen, ſeine mögliche Zukunft zu verfolgen.**) Die unbeſtrittene Wahrheit, daß *) Von der Nichtigkeit dieſes Urtheils zeugen ſeine letzten Arbeiten. A. d. H. **) Auch in dieſer Beziehung. Wie Hoffmann ſelbſt uͤber dieſen Vergleich gedacht haben wuͤrde, das kann man, nach ſeiner oben, mitgetheilten Aeuſ⸗ ſerung beurtheilen. A. d. H. — 47 Walter Scott allein im Gebiete der klaren Wirk⸗ lichkeit, Hoffmann dagegen in dem der wildeſten Phantaſtik lebt, verbietet jede Vergleichung; dage⸗ gen ſteht Hoffmann's Erſcheinung in merkwürdiger Parallele mit der Lord Byron's. Wenn auch der Letztere ſich eine ſcheinbar wirklichere Welt gebil⸗ det hat, ſo hat ſie doch eigentlich nur in ſeinem Geiſte ihre Exiſtenz, und ſchweift oft in das wild Phantaſtiſche aus. Aber Beider Verbindung iſt von noch geiſtigerer Art. Während Walter Scott's Welt in ſich abgeſchloſſen erſcheint, während er mit ſich ſelbſt und dem Leben in Frieden iſt,— treten Byron und Hoffmann, erſterer als Gegner, dieſer unbefriedigt von ihrer Erſcheinung, ſehnſuchtsvoll nach einer beſſern, welche er in einem Taumel und Nauſch durch ſchwelgenden Kunſtgenuß zu finden ſucht, auf. Beide ſind unbefriedigt und unzufrieden; nur läßt Byron dieſe Unzufriedenheit aus durch bittern Spott, Hoffmann durch humoriſtiſche Ironie. Beide wollen einen beſſern Zuſtand, jener weiß ihn aber gar nicht zu finden, dieſer ſucht ihn im potenzirten Genuß der Kunſt. Wie wir auch von der Zauberkraft in der Darſtellung beider Dichter mit fortgeriſſen werden, wie ſie uns auch einen ſtillfriedlichen, glücklichen Zuſtand malen, wir fühlen zuletzt doch, daß es nur ein gemalter Zuſtand geweſen iſt, daß mit den künſtlichen Teppichen, welche mit friſchem Grün und bunten Brumen uns anlachen, nur ein 48 gähnender Abgrund, oder doch wenigſtens ein un⸗ ſicherer Moraſtgrund bedeckt wird. Byron's Dich⸗ tungen hören immer mit einer Diſſonanz auf, auch Hoffmann's Werke ſchließen ſelten befriedigend; oft ſind es auch überhaupt nur Fragmente, weil der Dichter fühlte, daß der Schlußſtein ſeinem Ge⸗ bäude fehle, daß die befriedigende Loͤſung der Zwei⸗ fel ſeines Helden ihm noch ein Problem ſey. So erſcheint Hoffmann's Hauptcharakter, der Kapell⸗ meiſter Kreisler, nur bruchſtücksweiſe, und wir erfahren nirgens ſein Ende, d. h. die Befriedigung ſeines Geiſtes.*) Daher iſt auch ſein Humor, von welchem wir unten ſprechen wollen, nicht der reine Hu⸗ mor, welcher, auf einer feſten Grundlage ruhend, mit den Gegenſtänden ſpielen kann, weil er ſelbſt nicht außerhalb dem Bereich dieſes Humor ſteht, wie etwa der Shakespear'ſche Humor iſt. Hoffmann iſt ſelbſt befangen,— ſeine Perſonen ſind mit ihm ſelbſt uneinig, ihr feindlicher Humor trifft daher die Umwelt ſo gut, als ſie ſelbſt. Rührung, Em⸗ pfindſamkeit, Zweifel, miſchen ſich in die aufjauch⸗ zende, übermüthige Luſt, und kein Ausdruck würde *) Darauf war auch der nicht erſchienene dritte Theil des Kater Murr, der Kreisler's Leben enthält, nicht angelegt. Es ſollte mit Kreis⸗ ler's Wahnſinn, eben aus Mangel innerer Be⸗ friedigung erzeugt, ſchließen. A. d. H. 49 unpaſſender für dieſen activen Gemüthszuſtand ſeyn, als das ehemals für Humor gebrauchte deutſche Worte Laune. Wie dieſe Diſſonanz ſich in Hoff⸗ mann's Dichtungen offenbare, darauf werden wir noch zurückkommen, wenn wir die Gründe betrach⸗ ten, welche ihn auf ſeiner Bahn feſſelten, oder zu⸗ rückzogen; hier aber müſſen wir noch bemerken, daß, trotz dieſer Verwandtſchaft des dämoniſchen Principes, der ſkeptiſchen Weltanſicht, der Ver⸗ höhnung beſtehender Formen, Hoffmann weit häufi⸗ ger die reine Welt ſeliger Zufriedenheit ahnen läßt, als Byron, und daß endlich ſeinem Unmuthe wah⸗ res Gemüth zum Grunde liegt, die Kunſt aber, welcher er beſtändig huldiget, eine weit ſicherere Leiterin zur Liebe iſt, als Byrons Vertrauen auf eigene Kraft. Hoffmann’'s poetiſches S Streben ſpricht ſich zwie⸗ ſach in ſeinen Dichtungen aus. Beide Tendenzen ſind in ihrem Urſprunge nahe mit einander ver⸗ wandt, trennen ſich aber völlig im weitern Fort⸗ gange; ja, müſſen ſich zuletzt ganz feindlich gegen⸗ überſtehen. Hoffmann hat bis in ſeinen letzten Werken treu bei den beiden feſtgehalten, ſo daß er hierdurch auch gewiſſermaßen geiſtig den Dop⸗ peltgänger geſpielt hat, welchen er, geſpenſtiſch, faſt in allen Dichtungen ſpuken läßt. Dieſes dop⸗ pelte Beſtreben iſt:„das enthuſiaſtiſche Sehnen nach einem beſſern Zuſtande, welchen er ſpeciell b 50 im Vollgenuß der einen Kunſt und gänzlicher Hin⸗ gebung aller Körper⸗ und Seelenkräfte an dieſelbe ſucht,“— und:„die Erweckung zur wahren Natur⸗ religion, das yeißt, die Gemüther empfänglich gegen die Stimme der Natur zu erhalten, in wel⸗ cher Empfänglichkeit allein die wahre Poeſie liegt. ë Es iſt klar, daß dieſe Stimmung, welche wir Na⸗ turreligion nannten, mit dem Enthuſiasmus für alle Erſcheinungen in der Natur anfangen muß; denn dem Begreifen geht die ſtaunende Bewunde⸗ rung voran. Zugleich aber ergiebt ſich eben ſo klar, daß dieſer Enthuſiasmus nicht für alle Er⸗ ſcheinungen immer fortdauern darf, wenn das Ge⸗ müth für alle Stimmen der Natur empfänglich bleiben und werden ſoll. Der menſchliche Geiſt iſt nicht ſo reich, um flammenden Enthuſiasmus für alle Erſcheinungen zugleich hegen zu können; es „ehört aber auch zu der innigen Liebe, daß ſie nach dem Sturme des Staunens zur freundlichen Ruhe der Betrachtung gekommen iſt. Giebt es fur den Dichter ein ſchöneres Stre⸗ ben, als das, in ſich die Empfänglichkeit für alles Schöne ewig rege zu erhalten, und ſie auch in An⸗ dern zu erwecken? Die Begriffe von Leben und Poe⸗ ſie ſind an ſich innig verbunden. Aber darin beſteht der Kampf zwiſchen dem ſogenannten Leben und der Poeſie, daß im vegetirenden Fortſchreiten des Erſtern die Letzere ſtirbt. Daher ſagt man: die Poeſie iſt 51 ein Kind göttlicher Abkunft und verträgt deshalb nicht das Leben auf der Erde. Aber die Poeſie lebt doch auf Erden, ſie hat vom Uranfang der Welt gelebt und wird und muß immerfort lelen!— Der Irthum liegt in der falſchen Anſicht des Lebens. Man verwechſelt Lebenmit Veget iren. Leben heißt: friſch, geſund und ſeiner bewußt, ſich orga⸗ niſch entwickeln. Vegetiren heißt ein ſeiner ſelbſt unbewußtes, gegen die Erſcheinungen der Natur gleichgültiges, geiſtig todtes Daſein führen. Dieſes ſogenannte Leben trennt ſich dadurch von dem wah⸗ ren Leben und von der Poeſie, daß der entſetzlichſte aller böſen Geiſter in jenem regiert, der Geiſt der Gleichgültigkeit. Unſer Erbübel aber iſt, daß jener durch tauſend Thore ſeinen Eingang in das Leben findet! Weniger gefährlich iſt der Zuſtand der Roh⸗ heit als der einer halben Bildung. Wo die Befrie⸗ digung des Bedürfniſſes die einzige Sorge der Men⸗ ſchen iſt, kommt wohl zuweilen mit der Befriedi⸗ gung ein Lichtblick, der den erfreuten Armen das Walten einer höheren Liebe in der umgebenden Na⸗ tur ahnen läßt. Seltner wird er dem erſcheinen, der nur den Gewinn ſucht. Dem Kaufmann glänzt ſein todtes Gold mehr als alle Geſtirne am Him⸗ mel, als der Thau an der Pflanze, als der Bach wenn die Morgenſonne ihn beſcheint. Wenn auch eine edlere Bildung den ernſten Geſchäftsmann em⸗ pfänglicher für die Sprache der Natur machen ſoll⸗ 52 te,— ſo miſcht ſich doch immer ſeinem regern Ge⸗ fühle ein anderes Gefühl bei, welches ihn jenes unterdrücken läßt. Er nennt es Pflichtgefühl, im Grunde genommen iſt es aber immer wieder ein ge⸗ wiſſer Dünkel. Er glaubt, auf ſeiner Thätigkeit beim Geſchäfte, ruhe das Wohl der Welt, wenn er ſich dieſem nur etwas entziehe, leide das Ganze. So aber wird er, indem er ſich ganz dem todten Dienſte widmet, untreu der Natur, in welcher ſich die Liebe immer neu offenbart. Am allerſchlimm⸗ ſten iſt aber die Vornehmheit in allen ihren Er⸗ ſcheinungen. Sowohl die auf Vorzüge des Geiſtes als die erbärmlichere auf niedrigere Güter, zieht, wie ein Magnet, die Gleichgültigkeit gegen Alles was unten ſteht, gegen Alles was neben ſteht, an. Die Idealiſten, welche ſich von der höchſten Ppoeſie er⸗ griffen glauben, ſind am allerweiteſten abgeirrt von der wahren Poeſie, weil ſie gleichgültig gewor⸗ den ſind gegen die Offenbarungen in der Natur, und nur auf ihre eigenen Offenbarungen hören.— Löst man aber das Leben als Leben und nicht als Vege⸗ tiren auf, ſo läßt ſich ſo leicht die Poeſie damit ver⸗ binden. Wie weit ſie verbreitet, ſo faiſch iſt auch die Anſicht, daß Geſchaͤftsleben und Ppoeſie völlig unvereinbar ſind. Wenn der Geſchäftsmann wenn der Kaufmann bei ihrem Denken und Treiben ſtets die umgebende Natur lebendig ſein laſſen, das heißt, wenn ſie außer ihrem Ich auch noch die lebendige 53 Exiſtenz der ganzen Umwelt anerkennen, ſo müſſen ſie, auch unter allen ſcheinbar geiſttödtenden Be⸗ ſchäftigungen, zu einer gewiſſen Ehrfurcht gegen dieſelbe kommen, aus der Ehrfurcht wird aber Bewunderung und Liebe und aus ihnen Poeſie. Nur der Egoismus,— ſey es unter welcher ſeiner tauſend Geſtalten er erſcheine,— ſchließt die Poe⸗ ſie aus.— Was Anders iſt aber endlich der Inbe⸗ griff der Poeſie, was namentlich der aller roman⸗ tiſchen Poeſte, als die Vertreibung der Gleichgül⸗ tigkeit und des Egoismns aus dem Leben und die Erweckung der ſcheinbar todten Natur? In der Ro⸗ mantik ſprechen die Bäume und die Quellen und die Vögel in den Lüften, und des Dichters Beſtre⸗ ben iſt, in ihren verſchiedenen Geſängen die Har⸗ monie des großen Lobgeſanges auf den Schöpfer aufzufinden. Unſerer Zeit und unſerm Volke wird, beſonders von Ausländern, die wieder erwachte Vorliebe für alles Romantiſche zugeſchrieben. Dennoch bedarf es von allen Seiten der Aufregung zu einer liebevollen Auffaſſung der Natur und ihrer Wunder. Die kurz vergangene idealiſche Periode ſpuckt noch allzuſehr hervor. Der Hochmuth läßt ſich in mancherlei Ge⸗ ſtalten immerfort blicken. Es iſt immer nur noch Herablaſſung, wenn ein Idealiſt ſich bückt, um auf die Stimmen zu hören, welche ihm von den niedrigen Gegenſtänden Vndeſliten werden. Daher iſt Hoff⸗ b* 54 mann's Streben ſo ſchön als verdienſtlich, wenn er überall aufruft zur Verehrung der Natur, und wenn er aufmerkſam macht auf die Stimme, welche aus allen lebloſen Dingen dem poetiſchen Gemüthe ent⸗ gegen tönen. Allen ſeinen Märchen, vom golde⸗ nen Topfe bis zu ſeiner letzten Arbeit, dem Meiſter Floh, liegt die Verherrlichung des Lebens in der Poeſie zum Grunde. Der wahrhaft empfängliche der geborne Dichter, hört aus allen ſtörenden Umge⸗ bungen, aus dem Mißklang aller Inſtrumente, die Geiſterſtimmen, die Harmonie der Natur heraus. Die Geiſter der Poeſie, meiſt in ſeltſam karikirten Geſtalten auf der Erde wandelnd, rufen ihn zu ſich in ihr ſeliges Land, und er folgt ihnen, wenn er allen Anfechtungen der Welt und der Dämoniſchen Geſtalten, welche ſie in ihrer Verzerrung regieren, widerſtanden hat. Bei dieſem Streben, die Empfänglichkeit für den geheimen Ruf der Natur, für die angeborene Stimme, wach zu erhalten, wo ſie im Drang des Lebens eingeſchlummert iſt, ſie wieder zu erwek⸗ ken, kann Hoffmann nicht umhin, mit der Geiſſel des Witzes, alle die hart zu treffen, welches gefliſ⸗ ſentlich ſich in ihren beſchränkten Wirkungskreis immer feſter bannen und endlich aus Angſt oder aus Stolz weder hinaustreten noch blicken können. Alle waren Philiſter, d. h. eben ſolche, welche nur auf der einen beſchränkten Bahn, ſey es auf welcher eo — 5⁵ wolle,— gehen konnen, und nicht einmal ihre Angen auf andere Wege warfen, geiſſelt er ſchonungslos, ebenſo die, welche mit Stirnſchweiß ringen, alles Philiſtröſe von ſich abzuwerfen um genial zu ſchei⸗ nen, aber eben dadurch zu den ärgſten Philiſtern werden, indem ſie die Umwelt in ihrer Eigenthüm⸗ lichkeit nicht erkennen und ehren, und ſelbſt für Philiſter ausſchreien, weil ihre Erſcheinung nicht der Subjectivität der genialen Richter entſpricht. Er zerrt dieſe peinlichen Geſtalten aus ihrem en⸗ gen Geleiſe heraus, und ſchleudert ſie in die wun⸗ derbarſten phantaſtiſchen Kreiſe, ohne ihnen Zeit zu laſſen ſich im geringſten angemeſſen dieſer fremden Geſellſchaft anzuziehen. Hierdurch entſtehen die merkwürdigſten Gegenſätze, die lächerlichſten Auf⸗ tritte. Männer in Perücken und Pudermänteln gerathen in Conflict mit ätheriſchen Genien oder ein ſolcher Geiſt hat ſelbſt den Schlafrock eines Re⸗ giſtrators angezogen, wühlt in Akten und lebt ſtatt in magiſchen Düften in dem Staube von jenen. Den Kindern iſt die Stimme der Natur noch ver⸗ ſtändlich, wie auch finſtere Magiſter, in wandelnden Geſtalten, ihnen die Ohren vollſchreien. Die Holz⸗ puppen treten zu ihnen ins Leben und eröffnen ihrer Phantaſie den romantiſchen Zauberkreis. Aber alle Accorde im Himmel und auf Erden des poetiſchen Landes ſchlagen an, wenn ein Jüngling oder Mann durch die Verſuchungsjahre der Verſtandesbildung 56 hindurch unüberwältigt gegangen iſt, und— wie auch philiſtrös in den Augen der Welt— doch Glauben, Liebe und Hoffnung in tiefer inniger Bruſt gerettet hat. Wie ſchön dies Streben aber auch des Dichters Sinn für die Poeſie bekundet, und wie verdienſt⸗ lich ſein poetiſcher Aufruf auch erſcheint, ſo hat der Erfolg doch nicht ſeiner Abſicht entſprochen und die Schuld liegt, wie uns dünkt, in der Ausführung. Mir ſind mehrere, für geiſtigen Einfluß empfängli⸗ che Kinder vorgekommen, welche nach ihrer Verſi⸗ cherung ein Hoffmann'ſches Kindermährchen mit Luſt ergriffen hatten, weil es Mährchen hieß, es aber nachher unbefriedigt fortlegten, weil es doch kein Mährchen war. Die tiefere Bedeutung dieſer Mähr⸗ chen können die Kinder nicht verſtehen, den Zauber des Wunderbaren wollen ſie aber nicht ſo ganz in ihrer Nähe finden, fondern ihn in weitere Ferne verlegt wiſſen. Wenn die Amme dem kaum ent⸗ wöhnten Säuglinge, Geſchichten vom Spielzeuge und den hölzernen Soldaten erzählt, ſo geſchieht dies mehr zur Beſchwichtigung ihrer ungeſtümen Natur, ähnlich einem Wiegenliede, deſſen Töne nur ſchlafbringende Kraft ausüben ſollen, als um ihre Aufmerkſamkeit zu reizen. Soll dies Letztere geſche⸗ hen, ſo erzählt ſie den ſchon Erwachsnern von Rie⸗ ſen, Feen und Kobolden, von See⸗ und Landun⸗ geheuern, von deren Exiſtenz das Kind nichts Ver⸗ 57 wandtes in der Nähe erblickt. So ſagte mir ein Kind einſt: Mährchen ſind wo Zauberei und Kö⸗ nige vorkommen, aber nicht das gewöhnliche Spiel⸗ zeug. Dieſe Anſicht iſt auch ganz in der Natur be⸗ gründet. Das Kind, gleich jedem wachen Menſchen, zieht eine Sehnſucht nach dem Fernen, nach dem Unbeſtimmten hin. Völlige Befriedigung wird kei⸗ nem Sterblichen zu Theil, eben weil er ſterblich iſt. Wenn wir auch mit voller Liebe die Umwelt betrach⸗ ten, und in jeder Erſcheinung den göttlichen Keim aufſuchen, ſo bleibt uns doch mindeſtens die Sehn⸗ ſucht nach Aufklärung über das Einverſtändniß al⸗ ler Dinge. Wie viel größer muß aber dieſe Sehn⸗ ſucht bei dem Kinde ſein, da der von ihm begriffene Kreis ſo enge iſt? Das Kind will Zauberer und Könige ſehen, Geſtalten, welche es gar nicht ge⸗ ben ſoll, oder welche in einer weit höhern Sphäre, die dem Kinde ſelbſt ſchon zauberartig erſcheint, um⸗ herwandeln. Aber das Fremde und Großartige ſoll auch in andern Weiſen als denen, welche es aus der Kinderſtube erblickt, auftreten. Der Eichwald im Sonnenſcheine, Silberbäche auf Blumenwieſen, roſige Feengärten, oder Kriſtallpalläſte, auch das phantaſtiſch Wunderbare in Pfefferkuchenhänſern ꝛc. oder, umgekehrt, ſchreckliche Abgründe mit Schlan⸗ gen und Flammen, verhexte Schlöſſer und Thürme müſſen die Scenerie bilden um auf die kindlichen Gemüther zu wirken, und ich kann hierin nur den 5 wohlthätigen Natureinfluß erblicken, welcher auf den reinen Sinn ſo wirkte, daß dieſer im inneru die Wnnder verarbeitet, und ſie verherrlicht und ver⸗ größert wieder von ſich giebt. Was den Kindern die Mährchen zu Nichtmähr⸗ chen macht, widerſteht auch oft den Erwachſenen in ſeinen größern Erzählungen, und dürfte leider auch Hoffmanns Dichtungen den claſſiſchen Charak⸗ ter, d. h. die Ueberlieferung auf die Nachwelt, ſtrei⸗ tig machen. Wir erkennen zwar den Coutraſt als ein Salz der Poeſie, und ſogar als ein Element der romantiſchen an, wir können auch nicht die ſchrof⸗ fen Uebergänge tadeln, denn Schmerz und Scherz reimt ſich, wie in der Sprache ſo im Leben*) und vor das ernſteſte Gemüth tritt vielleicht im Augen⸗ blick tiefen Nachdenkens irgend ein gaukelndes Phan⸗ taſiebild, weil der Menſch immer Menſch bleibt, dies aber rechtfertigt nicht den grellen Contraſt, welchen Hoffmann vorzugsweiſe liebt, und auf den er mei⸗ ſtentheils den komiſchen Effekt ſeiner Scenen baut. Abgerechnet davon, daß wir durch ihn ſelbſt ſchon an dieſen Wechſel gewohnt ſind, und er uns daher nicht mehr überraſchen kann, ſo wird er uns oft auch deshalb widrig, weil durch ſeine Art des grel⸗ len Herausreiſſens aus der Wirklichkeit vor unſern *) Wie ganz beſonders in Hoffmann's, dazu ent⸗ haͤlt dies Buch mannigfache Belaͤge. A. d. H. 59 Sinnen alles zu ſchwinden beginnt und kein Ver⸗ hältniß, kein Leben mehr feſt und in ſich geſchloſ⸗ ſen erſcheint. Uberall iſt man zweifelhaft ob man mit der ſcheinbar wirklichen Perſon oder ihrem phantaſtiſchen Doppelgänger zu thun hat. Ich weiß ſehr wohl, daß in dieſem Zweifel alle Ironie be⸗ gründet iſt, daß ja ſelbſt in allen Erſcheinungen, in allen unſern Stimmungen und Gefühlen ein Zwieſpalt iſt, und wir uns ſo oft täuſchen, indem wir uns ein Gefühl als edel anrechnen, was im Grunde auf irgend einer egoiſtiſchen Anſicht baſirt iſt, aber dieſer Zweifel beherrſcht uns doch nicht immerwährend, der göttliche Funke wird oft in uns zum Lichtſchein und wir erkennen das Wahre. Aber in allen Hoffmann'ſchen Mährchen, waltet dies Doppelweſen vor, und zwar meiſt nicht auf heitere, ſondern zerſtörende Weiſe, die Zerſtörung iſt aber un⸗ ausbleiblich, wenn die entgegengeſetzten Pole zu einan⸗ der geſtellk werden, ohne daß ein anderes Mittel ihrer Vereinigung als der Gedanke angegeben wird. Immer begegnen ſich Geſtalten aus der erbärmlichſten Wirk⸗ lichkeit mit körper⸗ und zeit⸗loſen Weſen höherer Negionen. Ihr Conflict endet ſich in einer wahn⸗ ſinnartigen Ertödtung alles Geiſtes, in den gebrech⸗ lichen Leibern der erſteren, weil ſie zu ſchwach ſind um das Licht der letzteren in ſich einſtrömen zu laſ⸗ ſen, oder in einer Myſtifikation. Aber die Harmo⸗ monie eutſlieht dadurch, und ohne dieſe in der Natur 60 zu zeigen, wird es auch ſchwer ſein, ein poetiſches Gemüth zu erwecken. Nur durch die poetiſch liebe⸗ volle Schöpfung einer neuen Welt, oder durch eine dergleichen Umſchaffung der wirklichen, erhält das jugendliche Gemüth ein Gebiet, in welches es mit ſeinen poetiſchen Gefühlen ſich einbürgern kann, um nun ſelbſt, auf feſtem Grunde ſeinen Gedanken und Stimmungen zu folgen. Ich nenne hier nur etwa Tiek, in ſeinen Elfen, wo jeden, irgend für die Poeſie empfänglichen Sinn, der Zauber einer neu vom Dichter geſchaffenen Welt anſpricht, und Walter Scotts Dichtungen, in welchen ſelbſt ganz und gar nicht peotiſchen Gemüthern heimlich und wohl wird weil er die romantiſche Seite der wirklichen Welt hervorzuheben verſtanden hat. Aber in beiden ſteht eine feſte Welt vor uns, und die uns darin er⸗ ſcheinenden Geſtalten können wir, wenn ihr Auf⸗ treten auch überraſchend iſt, doch aus der Sphäre, die wir kennen, uns erklären. Man könnte nun zwar ſagen: Auch Hoffmann habe ſich eine ſolche feſte Welt ſchon gebildet, deren Charakter eben in den Verwandlungen und der Miſchung des Phan⸗ taſtiſchen mit dem Wirklichen, was uns an jeder Ecke aufſtößt, läge; aber eben in der zu grellen Mi⸗ ſchung liegt der Grund, weshalb wir mit unſern menſchlichen Gefühlen und Gedanken uns ſelten hineinverſetzen, oder noch weniger einbuͤrgern und hei⸗ miſch machen können in der hyperphantaſtiſchen Welt, 61 welche in genialem Uebermuthe„die wohl geordne⸗ ten Dinge“ in übel geordnete verwandelt hat, und daß wir auch nur ſelten einen reinen Genuß, wel⸗ chen uns die Poeſie ſonſt darbietet, bei Anſchanung dieſer kecken Misgeburten empfinden.*) Hoffmann iſt aber zweitens auch Enthuſiaſt. Er betrat als ſolcher ſeine litteraiſche Laufbahn, und ſchwang das Panier der Kunſt. Er verſenkte ſich mit Sinn und Gedanken, wie ein entbrannter Liebender, in die tiefe Bedeutung, in den hohen Genuß der Kunſt, bis er, berauſcht von ihr, in ſeiner Begeiſterung ihn den Laien predigte, oder ſie durch ironiſches Lob der gemeinen Anſicht, wel⸗ che nur den Nutzen und die Erheiterung betrach⸗ tet, noch höher ſtellte. Er ſchien ſich ganz der ei⸗ nen, der Muſik, zu widmen, und indem er auf den ernſten und heiligen, himmelwärts ſteigenden, Tönen ſich ſelbſt in eine ſelige Höhe erhob, blickte er, unbeachtend die conventionelle Welt, auf die Entwürdigungen der Kunſt zur Aufheiterung, zum Nutzen, zum Prunk, verachtungsvoll herab. Seine Satyre wird namentlich bitter, wenn man, die *) Vergl. was oben uͤber den Kreis geſagt worden iſt, in welchen Hoffmann durch ſeine Individua⸗ lität gebannt war. Dieſe gerechten Vorwuͤrfe treffen nicht den Schriftſteller⸗willen, ſonderu den Menſchen;— in ſofern hoͤren ſie aber auf, Vorwuͤrfe zu ſeyn. A. d. H. 62 Kunſt mit politiſch⸗ökonomiſchen Angen betrachtend, ihre Freiheit beengt und ihr irgend einen Charakter ertheilt, außer dem, welchen ihr der freie Schwung des Künſtlers ſelbſt verliehen hat. Daher ſpricht ſich überall der von ſo vielen getadelte und miß⸗ verſtandene Sinn aus:„Nur die, welche mit unge⸗ theilter Liebe und Begeiſterung ihrer Göttin ſich hingeben, ſind Künſtler; nur dieſen erſcheint die wahre Kunſt!“ Daher auch die häufige Erwähnung von Künſtlern, welche in ihrem heiligen Berufe ſo mit Körper⸗ und Geiſteskräften leben, daß bei der höchſten Spannung der Seelenkräfte auch die des Körpers angeſtrengt werden, und der Künſtler mit den vollen Akkorden, welche er, begeiſtert hat ausſtrömen laſſen, ſelbſt den Geiſt aushaucht. Da⸗ her denn auch,— während er nur die Herven der Kunſt gelten läßt,— Verachtung und Spott allen Spielereien und Künſteleien, welche vom höchſten Wege in der Kunſt abziehen. Wenig Ergötzllicheres kann es geben als die Zeichnung der muſtkaliſchen und declamatoriſchen Thee⸗ und andern Geſellſchaf⸗ ten in den Fantaſieſtücken, wo die wunderlichſten und doch wahren Geſtalten ſich abquälen, zum Zeitvertreib und um zu glänzen, die Knnſt auf ihre Art zu behandeln. Es war natürlich, daß Hoff⸗ mann, der von heiliger Liebe für die Muſik ent⸗ flammt war, der unter ihrer Leitung höher und hö⸗ her in das Reich, wo alles Aeußerliche vergeſſen 3 63 wird, ſteigen wollte, daß Hoffmann mit Unwillen den vielfachen Mißbrauch, die unendliche Spielerei mit ſeiner Göttin anſehen mußte. Wir wüßten keinen, der eine ſo reine reelle Begeiſterung für eine Kunſt, in Worten ausgeſprochen hätte, und Kenner verſichern, daß nur von Wenigen ſo treff⸗ lich das Weſen der Muſik aufgefaßt worden.“*) Von einem ſolchen hohen Standpunkte rechtfertigt ſich um ſo mehr Hoffmann's Anſicht, da es überall eine doppelte von jeder Kunſt geben muß. Wir verwerfen übrigens keinesweges die, welche von dem„emollit mores“ ausgeht. Auch dieſe Bedeu⸗ tung hat ja hiſtoriſch die Kunſt; warum ſollte ſie denn nicht auch ausgeſprochen werden? Auch die Erheiterung gehört dahin, und die Geiſter der Menſchen ſind nicht nach einer Norm; ſo mag die Mehrzahl immer das als Erheiterung nehmen, was der geniale Sinn nur für die Begeiſterung will aufgeſpart wiſſen. Aber im vorliegenden Falle iſt Hoffmanns Unwillen, welcher ihn gegen die Muſikkünſteleien zu allem Spotte reizte, mehr als gerechtfertigt. Nicht allein die Muſik, ſondern auch der Sinn für alle Poeſie wurde und wird durch den Mißbrauch mit jener ertödtet. Wo ſonſt ein poetiſches Gemüth auflebte, und ſich der ſchönen Welt und derer, welche ihre Schoͤnheit und Har⸗ *) Siehe den folgenden Aufſatz. A. d. H. 64 monie in Geſängen prieſen, erfreute,— wird es jetzt von der die Sinne weit mehr ergreifenden Muſik in Beſchlag genommen. Jede wehmüthige, ernſte, jede frohe Stimmung wird am Klaviere weggeklimpert, während ſie, ohne dieſen Nothhelf, vielleicht zur ernſten Beſchauung oder zur freudi⸗ gen Ergießung in ein wahres Gedicht, welches dem Dichtenden in ſpätere Zeit noch zur Geſchichte ſeines Geiſtes gedient hätte, würde veranlaßt ha⸗ ben. Das flüchtige Fantaſiren auf dem Inſtru⸗ mente verhallt ohne andere Wirkung, als daß der Spielende die Zeit, in welcher die Stimmung ihn übermannte, glücklich vorübergebracht hat, und nun ganz wie vorher daſtehet. Dieſe verfehlte Bil⸗ dung, oder dies Vertreiben aller tiefern Bildung, ſcheint um ſo mehr, und beſonders in den höhern Zirkeln, Eingang gefunden haben, da man, nach⸗ dem die ideale Bildung aus der Mode gekommen iſt, ſich noch nicht recht entſchließen kann zur Betrachtung der gemeinen Dinge, wie ſie ſind, herabzuſteigen, auch die Muſik, wie man ſie be⸗ treibt, eine Kunſt iſt, welche ſich gelegenheitlich, ohne viel Studium darauf zu verwenden, und dabei doch recht hörbar treiben läßt. Hoffmann's Herzens⸗ ergüſſe gaben nur neuen Stoff zur Kunſtunterhal⸗ tung in den Theezirkeln, und da man, ſtatt zur poetiſchen Anſchauung zurückzukehren, es vorzog, lieber das Tändeln mit der Muſik, hohe Begeiſte⸗ 6⁵ rung für dieſelbe zu nennen, ſo hörte Hoffmann ſelbſt bald auf die Muſik zum Hauptthema ſeiner Dichtungen zu erwählen. Der Enthuſiasmus iſt eine herrliche Erſcheinung in der menſchlichen Natur. Aber der Menſch kann nicht immer Enthuſiaſt bleiben. Der Enthuſias⸗ mus gehört dem Jünglingsalter an, oder über⸗ haupt der Zeit, wo der Menſch zuerſt eine Kunſt ergreift. Die Kunſt iſt innig verwandt mit dem Schönen. Das Schöne aber läßt ſich nur in ei⸗ nem Zuſtande der Ruhe denken. Der Enthuſiaſt hat aber nur einmal durch die Wolken das Schöne erblickt, Ahnung und Sehnſucht ſpornen ihn nun weiter, will er aber zum Schönen hin gelangen, muß er erſt das wilde Feuer in ſich verdampfen laſſen, bis es zur belebenden Wärme wird, in deſ⸗ ſen Regjon nur das Schöne gedeihen kann. Das Schöne eutſteht erſt aus der organiſchen Ausbil⸗ dung verwandter Elemente. Will ein Geiſt das Schöne erblicken, muß er zuvor die Elemente ver⸗ ſtehen und lieben. Der Enthuſtaſt liebt aber nicht dieſes allmählige Fortſchreiten; er will mit Inbrunſt ſogleich das Schöne ſelbſt umfaſſen, und verachtet deshalb alles, was ihm nicht würdig ſeines Ideales erſcheint, oft daher auch die noch rohen Elemente, aus welchen ſeinen Augen das Schöne ſich entwik⸗ keln ſoll. Wer aber die Sproſſen einer Leiter über⸗ ſpringen will, fällt, ſtatt das höchſte Ziel zu er⸗ * c 66 reichen. Der Enthuſiaſt darf aber nicht Enthu⸗ ſiaſt bleiben, wenn er aus dem vollen Quell der Poeſie, in welchem alle s Schöne ſich ſpiegelt, trin⸗ ken will. Er muß die Begeiſterung, mit welcher er den einen Gegenſtand umſchlungen hält, auf alle Gegenſtände der Schöpfung übertragen; wenn aber das Feuer nicht für Alle ausreicht, wird es zur Wärme— zur Liebe. Und Liebe iſt das Element der Poeſie. Leider fühlte Hoffmann bis zuletzt noch allzu⸗ viel Kraft in ſich, um vom Enthuſiaſten zum Be⸗ trachter und liebevollen Bewunderer der ganzen Natur übergehen. Seine Fantaſie wollte ſich lie⸗ ber die ideale Schönheit ſelbſt erſchaffen, als daß er die Schönheit, welche ſich aus der genauern Be⸗ trachtung der verſchiedenen Dinge ergiebt, aufſuchte. Dazu kam der berauſchende Beifall, welchen ſein erſtes Erſcheinen als Enthuſiaſt ihm verſchaffte. Er verſchmähte den ihm von Freunden und Kriti⸗ kern angerathenen Weg der ruhig darſtellenden Er⸗ zählung mit einem feſten, poetiſch oder pragmatiſch wirklichen Hintergrunde,*) und wollte, ſo lange ihn Fantaſie und Humor nicht verlaſſen würden, *) Was er auf Freundesrath erwiedert,— ſ. in der mehrerwähnten Erklaͤrung. Kritiken las er nicht; vielleicht weil er fuͤhlte, daß er aus ſeiner Haut nicht heraus koͤnne; vielleicht, weil er ſich, mit Bewußtſeyn, nicht aͤndern mochte. A. d. H. 67 ein Enthuſiaſt bleiben. Aber leider entging auch er nicht, trotz der herrlichen Kraft, dem gewöhnlichen Abwege von Ueberkraft ſprudelnder Genies,— er wurde zuletzt, ſtatt eines Enthuſiaſten, ein bloſer Fantaſt. Humor und Fantaſie ſind auch dem beſten Herren nicht ſo treu, daß ſie ihn überall hinbeglei⸗ teten. Es giebt Zeiten, es giebt Orte, wo ſie durck⸗ aus nicht hingehören, und von wo ſie ein mächti⸗ gerer Zauberer, als der Wille ihres Herrn, zurück⸗ ſcheucht. Da hilft kein Zwang, und wenn der Herr den Humor und die Fantaſie mit Gewalt mitgezo⸗ gen zu haben meint, iſt es irgend ein Trugbild, welches er in ſeinem leidenſchaftlichen Wahn für die gewöhnlichen Begleiter ſeiner Schritte anſieht. So ging es auch Hoffmann. Er war voller Fantaſie, er war voller Humor, überall aber reichten beide Gaben nicht aus, dann ſollten ſie künſtlich erſetzt werden, oder er wollte wohl gar die eigene wahre Fantaſie überbieten; daher die allerfantaſtiſchſten Ausſchweifungen der Gedanken, daher umgekehrt Hervorhebung der gemeinſten Incidentpunkte, wenn ſie nur lächerlich erſcheinen konnten; daher endlich die immer wiederkehrende Erſcheinung des böſen Dä⸗ mons und die Bildung aller der wunderlichen Pup⸗ pen und Koboldsgeſtalten, wie ſie nur im Gehiru eines Menſchen können ausgeſonnen werden. Er ſpielte mit den Geſtern,*) aber es iſt ein gefähr⸗ *) Oder vielmehr ſie mit ihm. 68 liches Spiel mit ihnen, und der Zauberlehrling, wie Göthe ſingt, kann ſie wohl rufen, aber weiß ſie nicht zu bannen. So mochten auch oft die von ihm heraufgezauberten Geſtalten den Dichter umwir⸗ ren und ſchwirren, bis er die Dichtung, den kla⸗ ren Sinn, und ſich ſelbſt vergaß. Aber ſelbſt in den verwilderten, von jeder Form entbundenen, fantaſtiſchen Dichtungen, wo die Fan⸗ taſie in Stücke zerriſſen iſt, und der Humor wie ein Gebürgsbach, den eben ein Platzregen überfüllt aber auch zugleich ganz getrübt hat, in einem un⸗ unterbrochenen Waſſerfall daherſtürzt,— auch hier bewundern wir des Dichters Kraft, ſein Genie, ſeinen beſſern Geiſt, der überall hervorblickt, ſei⸗ nen ſprudelnden Witz und die liebenswürdigſte Ge⸗ wandtheit der Darſtellung; alles Eigenſchaften, welche in ſeinen beſſern Dichtungen die größte und freundlichſte Wirkung hervorbringen. Aber bei die⸗ ſer berrlichen Kraft müſſen wir um ſo tiefer be⸗ dauern, daß Hoffmann es verſchmäht hat, den ihm angerathenen Weg einzuſchlagen. Auch außer ſeinen trefflichen Fantaſiebildern hat er uns einige Dichtungen hinterlaſſen, welche zu den gelungenſten in ihrer Art gehören, und uns die ſicherſte Bürgſchaft dafür abgeben, daß, wenn er einmal zur Ueberzeugung gelangt wäre:„der Weg des Studiums der Natur ſey dem der Aus⸗ bildung einer ungezügelten Fantaſie vorzuziehen,“ 69 — auch Hoffmann ein wirklich claſſiſcher, vielleicht der erſte claſiſche Romanendichter der Deutſchen geworden wäre. Wir berufen uns hier auf die Novellen; Fräulein Scuderi, das Majo⸗ ratein den Nachtſtücken,) der Küfer Martin und ſeine Geſellen, welche zur Zeit ihres Er⸗ ſcheinens allgemeines Aufſehen erregten, und, ein Zeichen ihres innern Werthes, auch noch jetzt als Mei⸗ ſterſtücke im Gedächtniſſe derer leben, welche ſie ge⸗ leſen haben. In dieſen Erzählungen hat ſich Hoff⸗ mann ſelbſt überwunden, d. h. eine wilde Kraft be⸗ zwungen. Die ausſchweifende Fantaſie, der un⸗ gezügelte Humor ſind dienſtbar geworden einer hö⸗ hern Anordnung der Dinge. Wir finden dagegen eine klare Auffaſſung und Verarbeitung des Gegen⸗ ſtandes, und die Novellen ſind in ſich ſo geründet und abgeſchloſſen, wie wir die Kraft dazu dem Dich⸗ ter der Fantaſieſtücke kaum zutrauten. Die Dar⸗ ſtellung iſt ein Meiſterwerk der reinen unpartheii⸗ ſchen Relation, und man bemerkt mit Freuden, wel⸗ chen günſtigen Einfluß juriſtiſche Anſicht und Pra⸗ ris hierin auf den Dichter ausübten; auch die Spra⸗ che iſt ein Muſter der Gewandtheit und Eleganz. Die Charaktere ſind mit wenigen Strichen treff⸗ lich angedeutet und individualiſirt, auch durch die ganze Erzählung gehalten. Selbſt ihr Aeußeres iſt ſo eigenthümlich, daß, wenn man die Geſtalt einmal erblickt hat, ſie nicht wieder aus dem Ge⸗ 70 dächtniß verſchwinden kann. Man erkennt und be⸗ wundert im Dichter den genauen Beobachter des äußern Menſchen und den Maler zugleich. End⸗ lich erinnert auch die Scenerie, der leicht hinge⸗ worfene, oder mit Vorliebe ausgemalte Hintergrund, an einen ausgezeichneten Künſtler. Im Küfer Martin gleicht die Scene, welche das reichſtädtiſch, reiche und bunte Leben Nürnberg's treffend darſtellt, ei⸗ nem altdeutſchen Gemälde, wo der Künſtler Him⸗ mel und Erde, auf welcher die Perſonen erſcheinen, mit allem Fleiße vergoldet hat. In der Senderi iſt das für wahre Poeſie ſo trüb ausſehende Zeital⸗ ter Ludwigs XIV. von einer poetiſchen Seite auf⸗ gefaßt, wie es nie bisher geſchehen iſt. Im Ma⸗ jorat weht uns die kalte Seeluft vom Curiſchen Haf entgegen, die traurigſte Sandküſte gewinnt nur durch die Poeſie Leben; doch die Geſtalten ſind mehr als lebendig, aber nur der Natur entnommen. Doch auch Fantaſte und Humor ſind nicht ent⸗ flohen. Aber die Fantaſie iſt aus der Darſtellung in die Empfindung zurückgetreten. Die Kraft iſt nicht wild herausgeſchoßen in die Zweige und Blät⸗ ter, ſondern in Stamm und Wuarzel geblieben, aus welchem dann naturgemäß gediegenes Laubwerk her⸗ vorſprießen muß. Humor und IJronie endlich wu⸗ chern nicht in der Darſtellung, in den Reflexionen des Dichters, ſondern in der Individualität der Perſonen ſelbſt. Hätte doch namentlich Hoffmann mehr ſolche Charaktere, als der Juſtitiarius B... im Majorate zu bilden verſucht!*) Auſſer in Sha⸗ kespearſchen Charakteren, erinnnere ich mich keiner von einem Dichter erſchaffenen Perſon, wo mir der trockene Humor beſſer zuſagte, als in dieſem Greiſe, der wie ein Held im Schlafrock erſcheint, und ohne ſeiner freundlichen Würde zu vergeben, die Ironie walten läßt. Der Humor iſt aber auf einer feſten Grundlage baſirt, auf einem feſten mit ſich eins gewordenen Gemüthe. Hoffmann ſoll dem eigenen Oheim, einem Advokaten in Königsberg, in die⸗ ſem Juſtitiarius ein Denkmal, ohne zu ſchmeicheln, geſetzt haben.**) Hätte Hoffmann länger gelebt, ſo zweifeln wir nicht, daß ein ſubjektives Feuer endlich in eine ob⸗ jektive Wärme übergegangen wäre. Die letzten noch ungedruckten Erzählungen, welche er auf dem Kran⸗ kenlager diktirte, Meiſter Wachtund der Feind. ſollen ganz im Style der trefflichen Novellen, wel⸗ che wir eben berührt haben; gedichtet und ausge⸗ führt ſein. Fragt man vielleicht: Aber was hin⸗ derte ihn im Leben, daß er nicht auf der Bahn, *) Er hat ihn nicht gebildet, ſondern nachgezeichnet. Das war ſein gluͤckliches Talent der Auffaſſung von markirten Individualitaͤten. A. d. H. 8*) Dies iſt vichtig. Der gegenwaͤrtige Aufſatz iſt viel fruͤher geſchrieben, als die Biographie. A. d.. 72 welche ſeinen Kräften gemäß zu vollendetern Dich⸗ tungen geführt hätte, fortgeſchritten iſt?— ſo müſ⸗ ſen wir die Antwort aus dem ſchon angeführten Umſtande entnehmen: Er war zuerſt als Enthu⸗ ſiaſt aufgetreten, und ſeine Fantaſieſtücke erregten einen weit lautern Beifall, als ſeine ſpätern in ſich vollendeten Erzählungen. Dann aber hielt er es auch unter ſeiner Würde bei noch ungeſchwäch⸗ tem Geiſt den Flug der Fantaſie, den er allein durch ſeine Kraft regierte, zu verlaſſen, um auf der Erde zu gehen, wo ja auch ſo viele andere, minder Begabte, mit Glück einherſchreiten. Es be⸗ darf keiner weitern Ausführung, wie ſehr dieſe ver⸗ fehlte Auſicht zu bedauern iſt.) Eben ſo weuig rechtfertigt ſich der Zweifel: Ob Hoffmann, weil er tüchtige Novellen zu dichten ver⸗ ſtanden, darum auch fähig geweſen, ganze Romane zu vollenden, da ſeine arößeren den Romanen ähn⸗ liche Dichtungen, meiſtentheils nur verworrene Fan⸗ taſiegebilde waren?— Wenn Hoffmann keine Ro⸗ mane in der Art ſeiner erwähnten Novellen geſchrie⸗ ben hat, ſo liegt ebenfalls die Hauptſchuld in dem Misverſtehen ſeiner Kraft und ſeines Berufes. Er wollte wohl, gleichſam zum Spiel, kleinere Erzäh⸗ *) Die Individnalitaͤt waͤre ihm wenn er ſich auch haͤtte anſtrengen wollen, ein Anderer zu ſein⸗ doch immer, bis auf einen gewiſſen Punkt⸗ in den Weg getreten. Naturam expellaes furca ete. A. d. H. 1 7³3 lungen als Referent vorgetragen, in den größern Dichtungen aber ohne Beſchränkung fliegen, ob⸗ gleich eben bei dieſem Fluge Spielerei ſich oft ſei⸗ ner bemächtigte. Hierzu kam noch ein doppelter freiwilliger Zwang von außen, d. h. er verehrte, und wollte gefällig ſeyn. Die Verehrung Jean Pauls ließ nicht zu, daß er ſeinen eingeſchlagenen Weg als einen unrichtigen erkannte. Zugleich aber wie er durch ſein erſtes Werk ein Liebling des Leſepu⸗ blikums geworden, und da er nicht aufhören wollte es zu ſeyn, ſah er ſich genöthigt, dem immer ſchlech⸗ ter werdenden Geſchmacke in unſerer Novellenlitte⸗ ratur zu fröhnen, und endlich ſogar Localſtücke, wel. che die Menge mit Gier aufgriff, zu dichten*). Hätte er aber ſeine ungemeine Phantaſte concen⸗ trirt zur Erfindung von Romanen*), und den Plan mit der Klarheit ſeiner Darſtellung, mit dem Zau⸗ ber ſeiner Sprache, mit Humor, Innigkeit und Witz, ohne Uebereilung ausgeführt und ausgeſchmückt, ſo würde— wir können es dreiſt wiederholen— Hoff⸗ *) Die Buchhaͤndler haben viel Schuld an dem Un⸗ weſen, welches er mit ſeinen Talenten getrie⸗ ven. Sie uͤberboten ſich im Honorar, wie bei Auctionen, und forderten nur kurze Waare, und ſchleunigſte Ablieferung. A. d. H. *) Das verſchob er immer auf beſſere Zeiten. 4 Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XVIII. Bd. 3 a mann als ein Licht erſter Größe in unſerer Roma⸗ nenlitteratur daſtehn. 6 Nur mit wenigen Worten wollen wir hier ſeine wirklichen Productionen aufführen. Er trat zuerſt mit den Phantaſieſtuͤcken auf. Begeiſterung und Unwillen, beide mit gleichem Feuer aufgetra⸗ gen, erwarben dieſen Dichtungen(richtiger zu ſpre⸗ chen müßten wir ſagen, dieſen lyriſchen Ergüſſen, wie trefflich auch die plaſtiſche Darſtellung mancher Scenen gelungen iſt), den verdienten Beifall. Uns ſpricht am meiſten darin an, die Nachricht von den neueſten Schickſalen des Hundes Berganza und der goldene Topf. In beiden concentrirt ſich das dop⸗ pelte Streben des Dichters, im erſteren verſpottet der Enthuſtaſt die erbärmlichen Spielereien, welche mit ſeiner hohen Göttin getrieben werden, und for⸗ dert von ihren Prieſtern unbedingte Ergebung, im zweiten iſt das Leben in der Poeſie— die Gött⸗ lichkeit des poetiſchen Gemüthes gefeiert,— leider treten aber auch ſchon hier alle die Schnörkeleien vor, welche die ſpäteren Mährchen dieſer Art ent⸗ ſtellen. In der Begebenheit der Sylveſter-Nacht erſcheint uns das Spiegelbild als eine ganz verfehlte parodirende Nachbildung von Chamiſſo's trefflichem Peter Schlemihl. Die objective Darſtellung, der heitere Witz, mit welchem das Gräßliche im letztern umgangen wird, iſt im Spiegelgebilde in eine phan⸗ taſtiſche und hier nicht hergehörende ironiſche Auf⸗ 7⁵ faſſung verwandelt. Statt des Friedens und der Beruhigung am Schluſſe müſſen wir lachen, aber das Gelächter tönt nicht aus einer beruhigten Bruſt. Bald nach den Phantaſieſtücken erſchienen die Nachtſtücke, welche zu wenig bekannt wurden, obgleich ſie die trefflichſte aller Erzählungen, das Majorat, enthalten. Auch die Erzählung Ignaz Denner iſt eine der vorzüglichern. Im Sandmann muß man— wie überhaupt faſt in allen dieſen Nachtſtücken— die reine Darſtellung bewundern und wünſchen, daß einige höchſt originelle Ideen, in einer minder gräßlichen und widerlichen Dichtung erſchienen wären, um das Ganze mit Vergnuͤgen noch einmal leſen zu können.— Des Teufels Elixire, den erſten zuſammenhängenden Roman, erkannte Hoffmann ſelbſt als eine gefährliche Dich⸗ tung an, dennoch bekundet er den reichen Geiſt, den Genius des Dichters. Um ſich zu ergötzen, um den Dichter lieben zu lernen, würde ich Niemanden ihn zu leſen anrathen, wer aber den Dichter, oder über⸗ haupt die Geſchichte der Poeſie ſtudiren will, der muß dieſes Gemälde einer üppigen Phantaſie durch⸗ leſen, um darin die göttlichen Funken, geben einer verworfenen Anwendung zu bewundern. In den ſelt ſamen Leiden eines Theater⸗Diree⸗ tors ſtellt Hoffmann eben ſo klar als geiſtreich das Unweſen, welches in mancherlei Geſtalt unſere Büh⸗ ne jetzt beherrſcht, dar. Das Geſpräch enthält weuig 76 Neues, aber dafür deſto beherzigungswerthere Wahr⸗ heiten. Es ſollte in Stereotypen gedruckt, und von jedem Schauſpieler, mindeſtens jedem Director ei⸗ ner Bühne, in der Taſche getragen werden.— Das Mährchen Klein Zaches, obgleich es ſeine Ent⸗ ſtehung einer Localſatyre verdankt*), gehört doch zu den ergötzlichſten unter Hoffmann's Dichtungen, weil die heitere Laune von Anfang bis zu Ende ungetrübt erſcheint. Im leider nicht vollendeten Kater Murr ſoll ſich die Handlung theilen in die Geſchichte des Katers und die dazwiſchen ge⸗ ſtreuten Makulaturblätter; das Intereſſe bleibt haupt⸗ ſächlich bei dem Inhalt der letztern. Im Kater Murr ſelbſt, d. h. in der Katzengeſchichte, führt er uns dagegen ſehr ergötzlich einen wirklichen Phili⸗ ſter(nicht einen in der Studentenſprache) vor, der, ohne Genie, alles thut, um auf irgend eine Weiſe, was die Leute ein Genie nennen, zu werden, dem es indeſſen überall mißglückt, da die Natur ſich nun einmal nicht zwingen, und aus beſchränkter Erbaͤrm⸗ lichkeit ſich auch mit allem Fleiße kein Weltgeiſt entwickeln läßt. Die Makulaturblätter entfalten uns die reine, von ſeiner Kunſt geleitete, aber auch unbefriedigte Sehnſucht einer tiefen Seele, des Hoff⸗ *) Dieß war der allgemeine Glaube in Berlin. A. d. H. — 77 mann'ſchen Lieblingshelden, des Kapellmeiſters Kreis⸗ ler*), eines Geiſtesverwandten des Jean Paul'⸗ ſchen Schoppe. Es iſt eben ſo zu bedauern, daß es nicht geſchehen iſt, als zu bezweifeln, ob es in Hoffmann's Macht geſtanden hätte, dieß Werk zu vollenden, und die geiſtige Entwickelung eines Kreis⸗ ter zu geben**). In den Serapionsbrüdern ſam⸗ melte Hoffmann ſeine zerſtreuten Novellen, und hier erſchienen die vollendetſten, welche wir von ihm be⸗ ſitzen. Der verbindende Dialog zeigt den geiſtrei⸗ chen Denker. Eines der neneſten Werke iſt die Brambilla. Wenn wir ihr auch nicht den Werth beilegen können, welchen einige junge Freunde des Verewigten ihr zuſchrieben, welche von naturphilo⸗ ſophiſchen Anſichten ausgehend, mehr in Hoffmann's Dichtungen ſuchten, als der Dichter je darin nie⸗ derzulegen geträumt hatte,— ſo müſſen wir doch anerkennen, daß es eines der launigſten und ein höchſt zartdargeſtelltes Mährchen in niederer Re⸗ gion, und bei weitem dem letzten Produkte des Dich⸗ *) Es iſt ſchon oben bemerkt worden, daß Hoff⸗ mann ſein humoriſtiſches Jch im Kreisler per⸗ ſonificirt hat. A. d. H. *) Auch das iſt ſchon geſagt, daß der dritte Band des Kater Murr, Kreisler nicht auf die Stufe vollendeter geiſtiger Entwicklung geleiten, ſon⸗ dern vielmehr ihn in Wahnſinn enden laſſen ſpüte A. d. à* 78 ters, dem Meiſter Floh, vorzuziehen iſt. Die⸗ ſer, welcher vor ſeiner Erſcheinung ein unglückliches Aufſehen erregte, ſpricht eigentlich nur unter we⸗ nigen Modiſicationen die im goldnen Topfe ſchon dargelegte Idee aus. Die Ausführung, und na⸗ mentlich die Scenerie, iſt weniger anſprechend; aber die ſchöne Idee muß immer jedes reine Gemüth begeiſtern. Willibald Alexis. Zur Beurtheilung Hoffmann's als Muſiker. Wer in ſeinem Fache etwas Neues geleiſtet, oder ſein Ziel auf einem neuen Wege verfolgt hat, mag nur von einem Standpunkte richtig beurtheilt wer⸗ den, von welchem aus ſein neues und das bishe⸗ rige Streben überſehen werden können. In Bezug auf Leiſtungen für die Theorie der Muſik, iſt dieß wohl ſeit einer beträchtlichen Zeit weniger nöthig geweſen; ſeit ſo lange nämlich, als man ſich faſt ausſchließlich mit der Ausbildung des Rameau'ſchen und Kirnberger'ſchen Syſtems beſchäftigte. So wich⸗ tige Reſultate dieſer Periode verdankt werden, ſo hat doch ihr an ſich ſo achtungswerthes, ja im Gange der Wiſſenſchaft nothwendiges Beſtreben um den ſyſtematiſchen Bau der Tonwiſſenſchaft auf phy⸗ 8⁰ ſikaliſcher und mathematiſcher Grundlage von ſteter und tiefer Beobachtung der Muſik, wie ſie erſcheint, nicht wenig abgeleitet, und mehr oder minder der Kunſt die Stütze einer begleitenden Wiſſenſchaft, die⸗ er die Nahrung aus dem fortgeſetzten Leben der, Kunſt, entzogen. Zu früh mag wohl hin und wie⸗ der angenommen worden ſeyn, daß die Tonwiſſen⸗ ſchaft ſyſtematiſch feſtbegründet, die Tonkunſt in ih⸗ ren bisherigen und allen nachfolgenden Werken, aus den ſchon aufgeſtellten Grundſätzen jener zu beur⸗ theilen ſey. 3 Eine ſolche Anſichtsweiſe muß beſonders in ei⸗ nem Zeitpunkte ungenügend erſcheinen, wo faſt in allen Wiſſenſchaften, aus neuen und tiefen Beob⸗ achtungen, nene und wichtige Reſultate gewonnen werden, und wo die Tonkunſt unverkennbar eine weit höhere Stufe der Entwickelung und Bildung erreicht hat. Vor allem haben wohk die Künſtler gefühlt, wie ſehr die Theorie der Muſik der Kunſt gleichſam ſich entfremdete, und wie wenig ſie gleichwohl die Be⸗ obachtung, welche man die wahre Kunſtſchule nen⸗ nen kann, entbehrlich machte. Allein wie ſelten iſt ein Tonkünſtler fähig und willig, etwas Anderes, als Noten, zu ſchreiben! Wie ſelten jemand bereit, ſich der Beobachtung eines ſo vielfach zuſammenge⸗ fetzten Ganzen, wie Muſik iſt, auf die Gefahr zu widmen, wahrſcheintich nicht zu dem letzten Ziele⸗ 81 zu allgemeinen wiſſenſchaftlichen Reſulkaten zu ge⸗ langen! und wie hinderlich müſſen einem ſolchen die oben berührten theoretiſchen Beſtrebungen ſeyn, welche dahin gerichtet ſcheinen, das Syſtem ab⸗ und damit fernere Beobachtung als unnöthig auszu⸗ ſchließen, welche oft aus Vorausſetzungen, die nur ſcheinbar feſtſtehen, über ganze Reihen von Beob⸗ achtungen gleichſam im Voraus den Stab brechen, weil ſie mit jenen nicht übereinſtimmen! Auf dieſem Felde nun begegnen wir unſerm Hoff⸗ mann, der es unter den neuern faſt allein betreten und ſich über jede Furcht der Mißdeutung, der Ge⸗ ringſchätzung von Seiten derer, welche in dem bis⸗ herigen Syſtem ihr Ein und Alles finden, zu erhe⸗ ben vermocht hat. Die Kühnheit, mit welcher er von ſeinen Beobachtungen ſelbſt diejenigen Fächer (wir werden deren bezeichnen) nicht ausſchloß, die von den Syſtemen ganz unbeachtet gelaſſen, ja ge⸗ radehin von theoretiſcher Betrachtung ausgeſchloſ⸗ ſen und in eine Art von wiſſenſchaftlichem Verruf gethan ſind, ſtellt ihn als Vorgänger derer hin, von denen weitere Behandlung derſelben zu erwar⸗ ten ſeyn mag. Den Geiſt, die ſcharfe Beobachtungs⸗, Auffaſ⸗ ſungs⸗ und Darſtellungs⸗Gabe, die feurige Phan⸗ taſie, welche Hoffmann überhaupt in ſeinen Werken beurkundet hat, vereinigt mit einer unwandelbaren Liebe für die Muſik, wendete Hoffmann dieſer Kunſt mit einem ſo ernſten und ſteten Eifer zu, wie es ſich von ſeiner Energie wohl erwarten, gleichwohl in keiner andern Beziehung ſo leicht nachweiſen läßt. Das Streben, ſich für dieſe Kunſt ganz auszubil⸗ den, hielt ihn ſogar bei Bemühungen feſt, die ſei⸗ nem nach Ungebundenheit verlangenden, oft gern in das Fantaſtiſche ſich verlierenden, Geiſte an ſich wi⸗ derſtrebend ſeyn mußten. So finden ſich in ſeinem Nachlaſſe viele bald mehr, bald weniger ausgeführte Kompoſitionen im doppelten Kontrapunkt und alle ſeine Arbeiten zeigen das Streben, das einmal er⸗ griffene Thema feſtzuhalten und durchzuführen, oft ſogar ſtärker, als vielleicht nöthig war. Demunge⸗ achtet— iſt es ihm möglich geweſen, die Muſik nicht zu ſeiner ausſchließlichen Beſchäftigung zu machen. Es würde gleichmaͤßig ungerecht ſeyn, wenn man ihm deßhalb den Beruf zur Kunſt geradehin abſpre⸗ chen, oder wenn man ihm Willensſchwäche Schuld geben wollte. Beide Anklagen würden ſich in ſei⸗ nem Leben und in ſeinen Leiſtungen widerlegt fin⸗ den. Wer in untergeordneten, beſchränkteren Ver⸗ hältniſſen geboren, die eines Künſtlers, wie ſie ſich auch, günſtig oder ungünſtig, geſtalten, angemeſſen finden kann; wer, der Sohn eines Muſikers, von Kindheit an den Stand ſeines Vaters als den ihm nächſtliegenden anſehen muß; wer endlich vom Glück der Sorge für ſeine äußern Verhältniſſe überhoben 8³ iſt kennt nicht den ſchweren Kampf, den eine vor⸗ herrſchende, von den Verhaͤltniſſen unbegünſtigte Neigung zu beſtehen hat, wenn ihretwegen günſtige und gewohnte aufgehoben werden ſollen. Aus ei⸗ nem ſolchen Kampfe geht gewöhnlich nur der ſieg⸗ reich hervor, der nicht bloß Liebe und Talent zu ſeinem Fache, zu ſeiner Kunſt, als einem Aeuße⸗ ren, hat, ſondern dem dieſe Alles, der, möchte ich ſagen, mit ihr Eins geworden iſt, und nicht anders, als in ihr beſtehen kann. Beethoven, Mozart, Hän⸗ del, Sebaſtian Bach wären unter jedem Verhält⸗ niſſe Muſlker geworden(wenn auch nicht Kapell⸗ meiſter u. dergl.) aber von dem größten Theile der hier nicht genannten Muſiker möchte ich dieß nicht behaupten, ſo Vortreffliches auch viele von ihnen geleiſtet und ſo herrlich ſie ihr Talent beurkundet haben. Dieß darf auf Hoffmann angewendet werden, wenn man eben ſo weit von Ueber⸗ als Nichtſchätzung entfernt bleiben will. Und in der That, Hoffmann bedarf, damit er in ſeiner Sphäre erkannt und be⸗ nutzt, und ſein Andenken befeſtigt werde, ſo wenig des Erſtern, als er das Letztere zu fürchten hat. Sein Eifer für Muſik(der uns ſelbſt als ein Be⸗ weis ſeines Talents gilt) unterſtützt von jenen Kräf⸗ ten, die er überall bewährte, konnte nicht anders, als zu ſehr erheblichen Reſultaten führen. Demun⸗ geachtet iſt auch ihm, wie der großen Mehrzahl der 48 Künſtler, Muſik ein Aeußeres geblieben; ſo leben⸗ dig er ſie geſchaut hat, ſo tief er in ihr Weſen ein⸗ gedrungen iſt, ſo iſt doch dieſes nicht mit dem Sei⸗ nigen eins geworden; die Vielſeitigkeit ſeiner Gei⸗ ſtesanlagen ſelbſt hat den ruhigen Gang geſtört. Allein der Menſch darf von dem Pfade, den die Natur ihm in ſeinen Anlagen andeutet, nicht un⸗ geſtraft weichen. Wir irren vielleicht nicht, wenn wir die Spuren von Unzufriedenheit mit den Ver⸗ hältniſſen und— bei dem Bewußtſeyn einer Kraft, die dem Mißgeſchicke zu trotzen vermag— Gering⸗ ſchätzung derſelben, die Hoffmann verräth, als die Erzeugniſſe dieſes meiſt innern Zwieſpalts der Nei⸗ gung und der von ihr abziehenden fremdartigen An⸗ lagen, wie der Verhältniſſe, anſehen. Hiermit glaube ich, die Charakteriſtik des mu⸗ ſikaliſchen Schriftſtellers begründet zu haben: ſchar⸗ fe, tiefe Beobachtung deſſen, was Kunſt und Künſt⸗ ler bis zu ſeiner Zeit dargeboten haben, geſtört bisweilen durch eine gewiſſe Herbe, bisweilen durch Ueberreizungen, wie ſie aus dem oben angedenketen innern Zwieſpalte hervorgehen mußten. Ich übergehe alle Aufſätze, welche mit der größ⸗ ten Wahrheit und einer höchſt ergötzlichen Laune das gewöhnliche muſikaliſche Treiben ſchildern und wähle vor allen„Krieslers muſikaliſch poetiſchen Klubb“*), der ein bei vielen Muſikgelehrten gewiſ⸗ *) Fantafieſtuͤcke ꝛc. Theil II. S, 304. 2te Ausg. 8⁵ ſermaßen verrufenes Thema hat(die Charakteriſtik der Töne) zum Belag für die Vorurtheilsfreiheit, welche Hoffmann in der Behandlung der Muſik be⸗ währte. Es iſt mit dieſem Gegenſtande, wie mit der Phy⸗ ſiognomik gegangen. Man hat ſie geläugnet und wieder geläugnet, und— im Grunde nicht aufge⸗ hört, auf ſie zu achten und an ſie zu glauben. Kein Gegner Lavater's würde ſich leicht Holbein's Judas für einen Chriſtuskopf, einen Faun für den Apoll verkaufen laſſen. So würde gewiß kein Muſiker ſo leicht ein Lied der Liebe in Asdur, oder einen Grab⸗ geſang in G, A dur ſetzen. Doch tragen oft die⸗ ſelben Perſonen kein Bedenken, den Grundſatz, daß dieſe Töne einen verſchiedenen Charakter haben, zu beſtreiten. Ich darf mir eine durchgeführte Vertheidigung der Hoffmann'ſchen Anſicht, zu der auch ich mich bekenne, hier nicht erlauben. Wäre der Grund der Charakterverſchiedenheit der Töne auch noch nicht nachzuweiſen, ſo erkennt das allgemeine Gefühl ſie doch an, und die größten Künſtler haben deſſen Stimme nicht überhört— wenn ſie ſich auch ſei⸗ nes Einfluſſes nicht immer klar bewußt geweſen ſeyn mögen. Es iſt nicht Zufall, daß Beethoven ſeine ſiebente Symphonie in A qur, ſeine Eroica in Es dur und ſeine fünfte in C moll geſetzt hat*). Hoff⸗ *) Von dem Charakter vieler Toͤne finden ſich herr⸗ b 86 mann hat eben ſo wenig bei dieſen als bei andern Auf⸗ ſätzen die Abſicht gehabt, ſein Thema wiſſenſchaftlich und erſchöpfend abzuhandeln. Wie der Gegenſtand ſei⸗ ner Phantaſie erſchienen war, ſo gab er ihn meiſt wie⸗ der, und hatte vielleicht die Anſicht, daß, wenn ein⸗ mal über Muſik geſprochen werden ſolle, man nur als Dichter reden könne; eine Anſicht, die dem Künſt⸗ ler am nächſten liegt.— Im vorliegenden Aufſatze bedient ſich Hoffmann der Charaktere einiger Töne als Farben, aus denen er das Gemälde einer zuſam⸗ menhängenden Reihe von Gemüthszuſtänden fertigt. Er hat ſich erlanbt, auch andere Farben zuzumi⸗ ſchen; wie wir das, was Hoffmann bei dem E dur Sexten⸗Accorde und dem Terz⸗quarten⸗Accorde, auf d ſagt, nur vom Charakter dieſer Accorde und ſeine Vergleichung des B dur mit der kleinen Septime nur auf den Ausdruck dieſer letztern beziehen mö⸗ liche muſikaliſche Bilder in Sebaſtians Bach tem⸗ perirtem Klavier. Ich zeichne, indem ich der Ausgabe von Peters folge, aus dem erſten Theile Praͤludium und Fuge No. 1. 3. 5. 13. 16. 17. 22., aus dem zweiten Theile Praͤludium und Fuge 5. 6. 12. 20, Fuge No. 15. und 16., bei⸗ ſpielsweiſe an; muß auch bei dieſer Gelegen⸗ heit dem weit verbreiteten Vorurtheile wider⸗ ſprechen, daß in Bach nichts zu finden ſey, als Contrapunkt; eine Anſicht, bei der man nicht begreift, wie er in die Reihe der groͤßten Kuͤnſt⸗ ler kommt. 87 gen. B dur ſelbſt und F dur können nicht wohl in treffendern Bildern dargeſtellt werden, als hier von Hoffmann. Ich darf Jedem überlaſſen, ſich in dieſe Charakter⸗Phantaſie hineinzuhören und zu fühlen, und, was in ihr vielleicht nur Schärfe und Ueberrei⸗ zung des Dichters war, zu ſondern. Daß übrigens Hoffmann der Charakter Aller(nicht blos der im ge⸗ nannten Aufſatze geſchilderten) Tonverhältniſſe klar vor Augen ſtand, zeigen einzelne in ſeinen Schriften verbreitete Andeutungen. Wenn zum Beiſpiel Kreis⸗ ler ſich mit einer übermäßigen Quinte erdolchen will, ſo wird jeder, der zum lebendigen Gefühl dieſes Ton⸗ verhälkniſſes gekommen iſt, die Wahrheit, welche die⸗ ſer ſchauerlich⸗ſkurrilen Aeußerung(um mit Hoff⸗ manns Worten zu reden) zum Grunde liegt, aner⸗ kennen. Ich bin ungewiß, ob ich nicht hier ein zweites Thema berührt habe(den Character der Tonverhält⸗ niſſe) das einer Vertheidigung bedarf. Wenigſtens findet ſich in neuern Compoſitionen oft ſo wenig Spur von einer Erkenntniß dieſes Charakters, oft ein, ich darf wohl ſagen, ſo leichtſinniges Spiel mit allen Tonverhältniſſen und Accorden, daß mein Zweifel nicht ungegründet erſcheint. Wie indeß dieſe be⸗ denkliche Richtung einiger Künſtler aus Effektſuche⸗ rei und beſonders unter dem Einfluſſe des Forte⸗ pianoſpiels hervorgegangen iſt, ſo kann das laute Zeugniß aller Compoſitionen, in denen nach Wahr⸗ 88 heit geſtrebt iſt, als Entgegnung genügen. Gern ſähe ich auch, was Hoffmann über das Haſchen nach Effekt allgemein ſagt, hier auf das Beſondere an⸗ gewendet! Es liegt nicht in der Beſtimmung dieſes Auf⸗ ſatzes, Hoffmann's Anſichten, wie ſie in ſeinen all⸗ gemein bekannten Werken, am reichſten aber in den Fantaſieſtücken Theil I. über Beethovens Inſtru⸗ mental⸗Muſik, über Don Juan; Theil II. über einen Ausſpruch Sacchini's; im erſten Bande der Sera⸗ pionsbrüder, in der Erzählung der Dichter und der Componiſt,— niedergelegt ſind, zu kommentiren oder auch nur zuſammenzuſtellen. Hoffmann's Schrif⸗ ten halten ſeine muſikaliſchen Anſichten auf einer Stufe der Geiſtesentwickelung feſt, wo die Wege des Künſtlers und des Denkers von einander ſcheiden. Bei jenem wird die Anſchauung als Kunſtwerk, bei dieſem als abgezogener Gedanke, hervortreten. Der erſtere wird in Hoffmann's Schriften leben⸗ dige Bilder des äußern und innern Kunſt⸗ und Künſtlerlebens und Auregung finden, in das Weſen der Kunſt einzudringen; ein Gewinn, den ihm nur das eigene Leſen gewähren und kein Auszug erſetzen kann. Der letztere wird mannigfachen Stoff zum Nachdenken und zur Unterſtützung eigener Erfah⸗ rung eine Reihe treffender Bemerkungen und weit ausgebreiteter Beobachtungen finden. In ſeiner 89 Richtung vorzuarbeiten, verbietet hier der geringe Raum. Nur einen jener Aufſätze, den über Don Juan, kann ich nicht übergehen, ohne Folgendes zu be⸗ merken. Man hört ziemlich allgemein den Don Juan, Mozart's Meiſterſtück nennen, und es ſcheint dieſen Namen meiſt nur der tiefere Eindruck durch das Gemuͤth, den Don Juan hinterläßt, gemeint zu ſeyn. Es wäre in der That nicht Mozart's, ſondern höchſtens des Dichters Verdienſt, wenn Don Juan das Herz tiefer träfe, als Figaro, Cosi fan tutte u. ſ. w.;— wiewohl ich meinestheils keiner von allen dieſen Opern einen abſoluten Vorrang zugeſtehen kann, da jede in ihrer, und zwar einer beſondern, Art vollendet iſt. Ja, wenn man ſich einmal zu einem gegenſeitigen Abmeſſen von Gei⸗ ſteswerken verſtehen wollte, ſo wäre die Frage, ob nicht Idomeneus in vielen einzelnen Situationen un⸗ ſer Gemüth tiefer und ſtärker ergriffe, als Don Juan. Welcher Vorzug zeichnet alſo dieſen zu Mo⸗ zart's ſogenanntem Meiſterſtücke? Was iſt es in ihm, das einen ſtärkern Eindruck bei uns hinter⸗ läßt, als alle übrige Mozart'ſche Opern? Es iſt die Einheit aller einzelnen Charactere und des Ganzen. Es iſt die treue Abſpiegelung des Le⸗ beus, eines Lebens, von dem wir umfangen ſind, die Darſtellung einer Nemeſis, die wir anerkennen und fordern müſſen; die Einführung einer Geiſter⸗ b* 90 welt, an die der Glaube allen Menſchen eingebo⸗ ren ſcheint, mag er auch auf einer gewiſſen Stufe der Bildung verbannt, oder— verläugnet werden. Dieſe dramatiſche Schöpfung iſt nicht des Dich⸗ ters, ſondern Mozart's Werk. Wer meinen Aus⸗ ſpruch und Hoffmann's Aufſatz, ſtatt mit der Mu⸗ ſik, mit dem Gedichte zuſammenhielte, würde beide unbegründet finden; allein er würde Hoffmann und mir Unrecht thun. Hoffmann hat ein Bild des Don Juan niedergelegt, von dem man mit Wahr⸗ heit ſagen kann: es iſt Mozart's Don Juan als Gedicht. Was die Muſik ahnen läßt, hat er, in beſtimmten Zügen feſtgehalten, hingeſtellt, und ſo bewieſen, wie mächtig und vernehmbar die Muſik ſich auszuſprechen vermag. Doch ſuche man ja nicht in ihm eine Analyſe der Compoſition oder des gan⸗ zen Drama nach allen ſeinen Beſtandtheilen. Wenn von Gegenſtänden der Kunſt die Rede iſt, ſo giebt es zwei Beweisformen; die wiſſenſchaftliche, oder philoſophiſche, die ich nicht weiter zu beſchreiben habe; und— wenn der Ausdruck erlaubt iſt— den Künſtler⸗ oder Anſchauungs⸗Beweis. Er ſetzt eine künſtleriſche Wiedergeburt des Kunſtwerkes in der Seele des Beweiſenden voraus, der uns von ihm das Bild, wie er es ſchaute, giebt, und erwar⸗ tet, ob wir darauf eingehen können und wollen. Hoffmann hat vom Gedichte, von dem Plan abge⸗ ſehen, der auch nicht Eigenthum des Mozart'ſchen 91 Dichters iſt, nur ein Paar Zeilen fuͤr ſeine Be⸗ weisführung benutzt; deſto reicher aber die Compo⸗ ſition, die äußere Erſcheinung, ja die Kleidung der Perſonen und die Umgebung, wie alles ihm erſchien. Es iſt unerfreulich, daß gerade die Schauſpieler, welchen dieſe Beweisführung am einleuchtendſten ſeyn ſollte, in den Darſtellungen des Don Juan ſo wenig zeigen, daß ſie Hoffmann's Don Juan gele⸗ ſen, geſchaut und durchgedacht haben. Ich habe nun noch von Hoffmann's Kompoſitio⸗ nen Nachricht zu geben. Ohne in das Einzelne die⸗ ſer Werke einzugehen, die dem Publikum noch nicht zur Prüfung vorliegen, werde ich mich begnügen, Hoffmann's Charakteriſtik in einer allgemeinen Dar⸗ ſtellung ſeiner Kompoſitionen und ſeiner Kompoſi⸗ tionsweiſe fortzuſetzen, und das Vorzüglichſte für künftige Bekanntmachung auszuzeichnen. Erwägt man die vielfachen anderweitigen Be⸗ ſchäftigungen, denen Hoffmann ſich unterzogen hat, ſo muß ſein großer Fleiß in der Kompoſition um ſo mehr anerkannt werden. Außer einer anſehnli⸗ chen Menge kleinerer Piecen für eine und mehrere Stimmen, Scenen, Sonaten, einem Trio, Qua⸗ tuor, einer Symphonie und Ouvertüre,— finden ſich unter ſeinen nachgelaſſenen Papieren folgende größere Werke, ſämmtlich in Partitur für großes Orcheſter und die betreffenden Stimmen. 1) Ein vollſtändiges Miſerere, 2) ein bölches Requiem, 3) vollſtändige Muſik zu Werner's Kaaus an der Oſtſee, 4) der Trank der Unſterblichkeit, romantiſche Oper in 4 Acten vom Reichsgrafen von So⸗ den, 5) Liebe und Eiferſucht, Oper in 3 Acten, 6) der Kanonikus von Mailand, komiſches Sing⸗ ſpiel in einem Acte, 7) Arlequin, ein Ballet, 8) Muſik zum erſten Acte des Julius Sabinus, von Soden, nebſt Bruchſtücken vom zweiten Acte, endlich— 9) die durch die Auffuͤhrungen in Berlin am mei⸗ ſten bekannte Undine, Oper in 3 Aufzügen, von Fouqué. Sie zeigt am klarſten Hoffmann's Kraft und was ihm zum vollendeten Muſiker abging. Wer dieß ganz iſt, dem erſcheint alles muſikaliſch; ſeine eigene Empfindung iſt Muſik, ja, auch ſeine An⸗ ſchauungen, auch Gedanken, die an ſich mehr nach Plaſtik als Muſik neigen, wollen ſich eine muſika⸗ liſche Form erringen. Wenn dem Joſeph Haydn nicht der Naturgeſang der Vögel, die Stimmen der Thiere, der Regen, der Sturm, der Blitz, die gan⸗ ze ſichtbare und hörbare Natur, wie einem in ſüßer Verwirrung der Vorſtellungen träumenden Kinde 9³ wirklich als Muſik erſchienen wäre, wie hätte er das alles im reinſten Einklang und Erguß ſeiner Kompoſitionen ſchreiben können? Wenn Mozart eine andere Sprache, als Muſik, gehört hätte, was wäre aus der Zauberflöte, ja aus allen ſeinen Opern ge⸗ worden? Und was konnte er anders, als Muſik reden? Nicht ſo bei Hoffmann. Man kann nicht umhin, in ſeinen Werken das zu ſcheiden, was ihm muſikaliſch erſchienen iſt, von dem, was er in die Muſikſprache zu überſetzen ſtrebte. So darf ich bei Undine alle Geiſterſcenen von allen übrigen ſcheiden. Jene geſtatten wohl eher, daß der Komponiſt einen äußern Standpunkt(den des von der Geiſterfurcht, dem Grauen u. ſ. w. ergriffenen Menſchen) einnimmt, und dieſem ent⸗ ſprach Hoffmann's Organiſation für Muſik(wie ſie oben angedeutet iſt) eben ſo ſehr als ſeine Vorliebe für das Fantaſtiſche. Jene Scenen ſind durchgängig vortrefflich. Nie leſe ich ſie in Partitur, oder führe ſie am Piano aus, ohne daß ſie Schauer über mich ergießen. Höre ich dagegen in Undine und den übrigen Opern(1. 5. 6.) nach ſeinen übrigen Perſonen, ſo ſind meiſt ſie es nicht, die reden, ſon⸗ dern Hoffmann, der von ihnen und ihren Empfin⸗ dungen ſpricht. Es ſcheint nicht durchgängig dahin gekommen zu ſeyn, daß er Undine, Huldbrand und ſo fort, geworden iſt, wie er ſelbſt von Komponi⸗ ſten verlangt, oder, wie ich die Forderung lieber 94 ſtellen möchte, daß er ſie ſelbſt gehört hat; er hat ſich(ſo darf man die meiſten Scenen characteri⸗ ſiren) bloß vorgeſtellt, wie ſie empfinden und ſich äußern müßten, und dieß iſt der Inhalt ſeiner Muſik. Ich muß mich jedes Beweiſes für meine Be⸗ hauptung begeben, da die Kompoſitionen, von de⸗ nen ich rede, noch nicht gedruckt und ſeit längerer Zeit nicht aufgeführt ſind*). Ja, wenn ich neben meiner obigen Anſicht gern und aus voller Ueber⸗ zeugung zugeſtehe, wie viel Schönes ich demunge⸗ achtet in jener Reihe Hoffmann'ſcher Schöpfungen gefunden habe, ſo wird mancher darin eine Zurück⸗ nahme meines Ausſpruches ſehen; und doch iſt das nicht der Fall. Kann nicht der(muſikaliſche) Be⸗ richt von einem Gegenſtande, von einer Perſon, recht viel Gutes, Wahres, Schönes, recht lebendige Züge, wiedergeben? Die meiſten Kunſtwerke— man kann es ohne Ungerechtigkeit ſagen— ſind nichts, als ein ſolcher Bericht, oder eine Beſchreibung, ein Abbild. Aber welch' ein Abſtand von einem leben⸗ den, durch die Kunſt lebendig geſchaffenen, in ſich organiſirten Weſen! Gluck's Iphigenia, Saccchini's Oedip, Händel's Sila in Saul, Mozart's Anna und Juan, ſind nicht Bilder dieſer Perſonen, ſie *) Zu Undinens baldiger Wiederauffuͤhrung iſt Aus⸗ ſicht.. 9⁵ ſind nicht ihnen ähnlich, ſondern ſie ſelbſt. Man halte dagegen einen Paerſchen, einen Righiniſchen Charakter, und wird meinem Scheidungsgrundſatze beiſtimmen, ohne den Schöpfungen der letzteren Künſtler viele Schönheiten abzuſprechen. So wird auch Hoffmann's oben bezielten Schoͤp⸗ fungen das Loos fallen, und iſt es ſchon zum Theil. Ich höre, daß unter andern die Romanze des al⸗ ten Fiſchers im erſten, und die Undinens im zwei⸗ ten Acte der Oper Undine, Lieblinge eines großen Theils des Publikums geworden ſind.— Eine günſtige Aufgabe nach dem obigen Geſichts⸗ punkte war für Hoffmann die Compoſition zu dem Kreuz an der Oſtſee. Es galt hier, die wilden, rohen, ſtarren Ur⸗Preußen, in ihrer Kraft, mit ihrem unzähmbaren, unbeugſamen Sinne, der ſelbſt die Religion und die Götter als Selavenbande ſcheut, hinzuſtellen. Ich weiß keinen Dichter und keinen Componiſten, dem die Darſtellung dieſer— Menſchenthiere(möchte ich ſagen) ſo gelungen wäre, als Werner und Hoffmann. Die Sprache ringt noch nach dem genügenden Ausdrucke, die Modulation der Stimme müht ſich noch, Sprache zu werden, oder zu erſetzen, und ich ſehe den Wil⸗ den, wie er mit Ton, Blick und Geberde das man⸗ gelnde Wort, die fehlende Beugung zu erſetzen, der ungefügen Conſtruktion nachzuhelfen ſtrebt. Ich habe einen dieſer Geſänge(Nro. 1.) im Klavier⸗ 96 Auszug*) nicht etwa als den gelungenſten, ſon⸗ dern blos als den kürzeſten abdrucken laſſen. Mir erſcheint er ſo lebendig, daß ich verſucht bin, Eins (den Anfang: den Keuh) für Geberde, ein Anderes für Miene, ein Anderes für Tonmalerei zu halten; denn Wort, Ton, ſelbſt thieriſcher Laut, Miene und Geberde, das ſind ja wohl die Ingredienzien der Wildenſprache? Um denen, welche dieſer Geſang zu hart anklin⸗ gen möchte, die den wilden Preußen keine ſtärkere Sprache, als im Opferfeſt den Peruanern, oder in Iphigenia den Seythen, zulaſſen wollen, Hoffmann's Muſik von einer mildern Seite bekanut zu machen, habe ich ein Stück**) aus ſeinem Miſerere beige⸗ fügt, einer Compoſition, die mehr Anſpruch auf Bekanntmachung hat, als viele längſt gedruckte. Die Beilage aus ihm(Nro. 2.) möge ſtatt ſeiner Characteriſtik ſeyn. Ich habe hierbei noch eine zweite Abſicht. Wenn ich die Muſik zum Kreuz an der Oſtſee als Hoffmann's eigenthümlichſte und vorzüglichſte Compoſition angeben muß, ſo konnte *) Er iſt fuͤr ein Chor von Maͤnnerſtimmen mit Begleitung von vier Hoͤrnern und andern Blas⸗ Inſtrumenten komponirt. **) Bis zum tutti blos von Saiten⸗Inſtrumenten, (Baß, 2 Cello, 2 Violinen und Viola) beglei⸗ tet, im tutti von Blaͤſern unterſtuͤtzt. 97 eben ihre Eigenthümlichkeit, ihre kunſtvolle Roh⸗ heit, die tief gedachte Verſchmähung mancher be⸗ ſonders mildernder und verſchmelzender Ausdrucks⸗ mittel, das Auge von der techniſchen Ausbildung, die Hoffmann ſich errungen und die ich anderwärts erwähnt habe, ablenken. Das kleine Stück aus dem Miſerere möge auf eine wohlthuende Weiſe daran erinnern. So unbedeutend übrigens in kontrapunktiſcher Hinſicht die Nachahmung zwiſchen Ober⸗ und Un⸗ terſtimmen iſt, ſo hat mich doch die edle Einfalt und Frömmigkeit des Ganzen beſtimmt, dieſe Au⸗ deutung der harmoniſchen und konkrapunktiſchen Ausbildung Hoffmann's mancher gründlich gearbei⸗ teten Fuge, die ſtatt der Andeutung Beweis hätte geben können, vorzuziehen. So überlaſſe ich Hoff⸗ mann ſelbſt den freundlichen und begütigenden Epi⸗ log zu ſeinem muſikaliſchen Leben. A. B. Marx. ————y——— Carl Maria von Weber über Dorkmann. — In dem Text der Oper Undine hätte wohl mancher innere Zuſammenhang beſtimmter und kla⸗ rer verdeutlicht werden können. 3 Deſto deutlicher und klarer, in beſtimmten Far⸗ ben und Umriſſen, hat der Componiſt die Oper 4 in's Leben treten laſſen. Sie iſt wirklich ein Guß, und Ref. erinnert ſich, bei oftmaligem An⸗ hören, keiner einzigen Stelle, die ihn nur einen Augenblick dem magiſchen Bilderkreiſe, den der Tondichter in ſeiner Seele hervorrief, entrückt hätte. Ja er erregt ſo gewaltig, von Anfang bis zu Ende, das Intereſſe für die muſikaliſche Ent⸗ wickelung, daß man, nach dem erſten Anhören, wirklich das Ganze erfaßt hat, und das Einzelne in wahrer Kunſt⸗Unſchuld und Vecheidenbsit ver⸗ ſchwindet. — —— 99 Mit einer ſeltenen Entſagung, deren Größe nur derjenige ganz zu würdigen verſteht, der weiß, was es heißt, die Glorie des momentanen Beifalls zu opfern, hat Hr. Hoffmann es verſchmähet, einzelne Tonſtücke auf Unkoſten der übrigen zu bereichern, welches ſo leicht iſt, wenn man die Aufmerkſamkeit auf ſie lenkt durch breitere Ausführung und Aus⸗ ſpinnen, als es ihnen eigentlich als Gliedern des Kunſtkörpers zukommt. Unaufhaltſam ſchreitet er fort, von dem ſichtbaren Streben geleitet, nur im⸗ mer wahr zu ſeyn und das dramatiſche Leben zu erhöhen, ſtatt es in ſeinem raſchen Gange auf⸗ zuhalten, oder zu feſſeln. So verſchieden und treffend bezeichnet, die mannigfaltigen Charaktere der handelnden Perſonen erſcheinen, ſo umgiebt ſie, und ergiebt ſich vielmehr doch aus allem, jenes ge⸗ ſpenſterhafte, fabelnde Leben, deſſen ſüße Schauer⸗ Erregungen das Eigenthümliche des Mährchenhaf⸗ ten ſind.— Am mächtigſten ſpringt Kühleborn hervor,(Ref. ſetzt die Bekanntſchaft mit dem Mär⸗ chen voraus) durch Melodienwahl und Inſtrumen⸗ tation, die, ihm ſtets treu bleibend, ſeine unheim⸗ liche Nähe verkündet. Da er, wo nicht als das Schickſal ſelbſt, doch als deſſen nächſter Willens⸗ Vollſtrecker, erſcheint, ſo iſt dieß auch ſehr richtig. Nächſt ihm, das liebliche Wellenkind Undine, deren Tonwellen bald lieblich gaukeln und kraͤuſeln, bald auch mächtig gebietend ihre Herrſcherkraft künden. 100 Höchſt gelungen, und ihren ganzen Charakter um⸗ faſſend, dünkt Ref. die Arie im 2ten Akt, die ſo ungemein lieblich und geiſtvoll behandelt iſt u. ſ. w. — Der feurig wogende, ſchwankende jedem Liebes⸗ zuge ſich hinneigende Huldbrand, und der fromme, zeinfache Geiſtliche, mit ſeiner ernſten Choral⸗Me⸗ lodie, ſind dann am bedeutendſten. Mehr in den Hintergrund treten Bertalda, Fiſcher und Fiſche⸗ rin, Herzog und Herzogin. Die Chöre des Gefol⸗ ges athmen heiteres, reges Leben, das ſich in eini⸗ gen Stücken zu ungemein wohlthuender Friſche und Luſt erhebt und entfaltet, im Gegenſatze zu den ſchauerlichen Chören der Erd⸗ und Waſſer⸗Gei⸗ ſter in gedrängten, ſeltſamen Fortſchreitungen. Am gelungenſten und wirklich groß gedacht er⸗ ſcheint Ref. der Schluß der Oper, wo der Compo⸗ niſt noch als Krone und Schlußſtein alle Harmo⸗ niefülle rein achtſtimmig im Doppelchore ausbrei⸗ tet, und die Worte„gute Nacht aller Erdenſorg' und Pracht,“ mit gewiſſer Größe und ſüßer Weh⸗ muth erfüllten Melodie ausgeſprochen hat, wodurch der eigentlich tragiſche Schluß doch eine ſo herrliche Beruhigung zurückläßt. Ouverture und Schluß⸗ chor geben ſich hier, das Werk umſchließend, die Hände. Erſtere erreget und eröffnet die Wunder⸗ welt, ruhig beginnend, im wachſenden Draͤngen, dann feurig einherſtürmend, und hierauf gleich un⸗ mittelbar, ohne gänzlich abzuſchließen, in die Hand⸗ 101 lung eingreifend, letzterer bernhiget und befriedigt vollkommen. Das ganze Werk iſt eines der geiſt⸗ vollſten, das uns die neuere Zeit geſchenkt hat. Es iſt das ſchöne Reſultat der vollkommenſten Ver⸗ trautheit und Erfaſſung des Gegenſtandes, voll⸗ bracht durch tief überlegten Ideengang und Be⸗ rechnung der Wirkungen alles Kunſt⸗Materials, zum Werke der ſchönen Kunſt geſtempelt durch ſchöne und innig gedachte Melodien u. w. Geſchrieben Berlin im Januar 1817. Carl Maria von W eber. 6 — 5 — — 8 .. 9 — — 8 — ₰ = n — η 85 —2 — — 2— — 8 — Se 8 — — 6 — S ³⁴ 2 Vorred e. O— Wenn der Herausgeber in der Vorrede zur er⸗ ſten Abtheilung, dieſes Buchs ſchon daruͤber ge⸗ klagt, daß ſeine in die meiſten oͤffentlichen Blaͤt⸗ ter eingeruͤckte Aufforderung an Freunde Hoff⸗ manns, ihm dasjenige mitzutheilen, was ſie von dieſem wuͤßten, zur Publicitäͤt fuͤr geeignet hiel⸗ ten, und in der Biographie nicht beruͤckſichtiget faͤnden, nur wenig gefruchtet, ſo hat er jetzt zu bemerken, daß ſeit der Zeit, wo er jenes ſchrieb, gar nichts Erhebliches weiter bei ihm eingegan⸗ gen iſt. Man nehme daher freundlich mit dem geringen vorlieb, was er bringt, und glaube, daß es Niemand mehr gefreut haͤtte, als ihn ſelbſt, waͤre die Ausbeute bedeutender geweſen.*) 8 *) Es ſey erlaubt, hier noch der Ruͤge zu begegnen, als ſey die Erzahlung: die Marauiſe de la Pivar⸗ diere, in dem Taſchenbuche zum geſelligen Ver⸗ gnuͤgen fuͤr 1821, bei Veranſtaltung der gegen⸗ waͤrtigen Sammlung von dem Herausgeber uͤber⸗ 196 A. Noch etwas Briefliches von Hoffmann. 1.. W6 Das nachfolgende Schreiben Hoffmann's iſt an einen Componiſten gerichtet, der ihm bei ſeiner Anweſenheit in Berlin ein Oratorium: die zehn Jungfrauen, in zwoͤlf Scenen oder Bildern von Herrn Doktor Sondershauſen in Weimar, zur Durchſicht mitgetheilt hatte, und war bereits in der Abendzeitung erſchienen, ſcheint aber charakte⸗ riſtiſch und auch in Beziehung auf die Frage, die es behandelt, wichtig genug, um auf eine dauern⸗ dere Weiſe erhaltten zu werden, als durch den Abdruck in einem Zeitblatte. „Mit vielem Danke folgen anbei die zehn Jung⸗ frauen zuruͤck. Sie haben mir durch deren gefaͤl⸗ lige Mittheilung eine große Freude gemacht. Es iſt immer eine Poeſie in dem Stuͤcke, wie man ſie nicht allzuoft findet. Gleich die erſte Scene: ſehen worden. Allein ſie iſt eine bloße Bear⸗ beitung eines Criminalfalles aus Richer's Causes célèbres, und hat alſo keinen Anſpruch auf eine Stelle unter den Original⸗Aufſaͤtzen. 107 „Stumm und todt“— hat mir außerordentlich gefallen, ob ich wohl den„Nachtwaͤchter mit der Laterne“ fuͤr Palaͤſtina nicht zuſagend finde. Er iſt gegen das Coſtuͤm: auch muß ich geſtehen, daß es mich duͤnkt, als wuͤrde bei theatraliſcher Aus⸗ fuͤhrung der Mann einen komiſchen Eindruck ma⸗ chen, und das ſoll er, dem Charakter des Stuͤckes nach, doch nicht.— Wunderſchoͤn und wahrhaft klaſſiſch iſt die Stelle in der ſechsten Scene:„Licht iſt Leben, Licht iſt Freude!“— und ſo viele an⸗ dere, doch das ſind Einzelheiten. Wichtiger iſt das Ganze, und auch das hat mich, als Gedicht, vollkommen befriedigt. Durch die Verwebung der Allegorie mit der wirklichen Geſchichte, wie iſt das Intereſſe fuͤr uns feſtgeſtellt; es offenbart ſich eine naͤhere Beziehung auf unſer eigenes Herz, und wir ſind fortwährend geſpannt. Zu grell iſt der Uebergang vom Hochzeitfeſt zum einbrechenden Weltgericht(ſo erſcheint es wenigſtens dem Zu⸗ ſchauer) in der neunten Scene. Dieſe ganze Schil⸗ derung iſt fuͤr eine Illuſion zu ſtark.— Daß das Schickſal der fuͤnf Thoͤrigen unentſchieden bleibt, iſt zwar von einer Seite gut, von einer andern aber wieder nicht gut. Die Klippe der zu klaren Entſcheidung, die hier um ſo gefaͤhrlicher waͤre, da wir an Hoͤllenfahrten und dergleichen nicht mehr glauben, iſt gluͤcklich vermieden. Aber wir erfahren auch faſt zu wenig von ihrer Kataſtrophe, 108. als daß ihr Geſchick einige Wirkung von Bedeu⸗ tung auf uns machen koͤnnte, doch das iſt vielleicht anders, wenn wir die wirkliche Auffuͤhrung ſehn. Aber hier komme ich eben zur Hauptſache. Wo ſoll es aufgefuͤhrt werden? auf dem Theater? Dafuͤr iſt das Gedicht zu ſehr religioͤs. Auf die Buͤhne, wie ſie jetzt iſt, gehoͤrt einmal das Hei⸗ lige nicht. Es iſt ſchlimm, daß es ſo iſt, aber es iſt nun einmal ſo.— In der Kirche? Dafuͤr iſt es zu theatraliſch. Oder im Concertſaal? Da⸗ hin paßt es am wenigſten; es iſt dafuͤr zu reli⸗ giös und zu theatraliſch zugleich. Haͤtten wir doch die alten Myſterien, Autos Sacramentales und wie dieſe geiſtlichen Comoͤdien noch ſonſt heißen, ſo würde ſogleich allem Uebel abgeholfen werden. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß ſie wieder hergeſtellt wuͤrden; nicht im Sinn der religioͤſen Erbauung, dieſe wuͤrde nicht viel dabei gewinnen, ſondern um das Chriſtenthum allmaͤhlig wieder in das Aeſthetiſche, in die Kunſt hinuͤber zu leiten, das Chriſtenthum dadurch dem Menſchenbeduͤrfniß naͤ⸗ her zu bringen; die Kunſt aber, die ſo lange ent⸗ weihte, dadurch zu heiligen. Es giebt keine Kunſt, die nicht heilig waͤre; und die Frage: Ob die Poeſie moraliſch ſeyn muͤſſe, beruht auf den ſchreck⸗ lichſten Mißverſtaͤndniſſen, die unſre Zeit haben treffen koͤnnen. Ich frage nicht nach des Kuͤnſt⸗ lers Leben; aber ſein Kunſtwerk muß rein ſeyn, — 10⁰9 im hoͤchſten Grade ſittlich, wo moͤglich religioͤs. Es braucht darum keine ſogenannte moraliſche Tendenz zu haben. Ja, es ſoll nicht einmal. Das wahrhaft Schoͤne iſt ſelbſt das Moraliſche, nur in andrer Form. Vermiſchung der Formen aber wuͤrde jedesmal Fehler ſeyn. Jetzt ſind wir ſo weit gekommen, daß wir uns beinahe fuͤrch⸗ ten, von Gott, Chriſtenthum, in unſeren Kunſt⸗ produkten nur etwas zu erwaͤhnen. Das ſey Gott geklagt. Die Gegenparthei ſuͤndiget durch Nebelei und Myſtik. Auch das iſt nicht gut. Die Kunſt iſt ewig klar. Die Nebel der Unwiſſenheit ſind ihr ſo feindlich als die lebenzerſtoͤrende Stickluft der Immoralitaͤt. Kunſt iſt die Bluͤthe der menſch⸗ lichen Kraft. Herz und Verſtand erzeugen ſie als gemeinſchaftliche Aeltern. Die Frucht des Einen allein iſt immer ein Windei, das nie zum gedeih⸗ lichen Leben gelangt! Doch davon ein andermal. Ich kehre zuruͤck. Ich zweifle, ob Sie es hier zur Auffuͤhrung bringen werden; doch kann ich irren, und wuͤnſche ſogar mich zu irren, um Ih⸗ rer und des wackern Dichters willen. Vielleicht ließe der Dichter ſich bewegen, mit weniger Abaͤn⸗ derung, das Ganze zu einem reinen Oratorium zu machen. Es eignet ſich ganz dazu, und koͤnnte ſogar unveraͤndert bleiben, wenn nicht einzelne Beziehungen auf Scenerie im Gedicht ſelbſt vor⸗ kaͤmen. Auch wuͤrden hie und da einige Schilde⸗ Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XVIII. Bd. 4a rungen mehr ins Kurze gezogen werden koͤnnen, (wie z. B. die neunte Scene) die in der That fuͤr den Componiſten eine ſchwere Aufgabe ſind, und ihn in Verlegenheit bringen koͤnnen, da er eine einzige Grundfarbe mit faſt gar keiner Mo⸗ difikation ſo lange halten ſoll, daß am Ende er ſelbſt, wie der Hoͤrer, ermüden muß. Der Tanz in einem heiligen, durchaus ernſt gehaltenen Ge⸗ dicht, will mir nicht recht gefallen. Leſen moͤgen wir's eher. Sollen wir es ſehn(und darauf ſcheint es der Dichter doch berechnet zu haben), ſo wuͤrde es uns ſtoͤren. Es vernichtet die vorige Stim⸗ mung, in die wir doch wieder eingehn ſollen. Die Frivolitaͤt der fuͤnf Thoͤrigen ließe ſich vielleicht wohl minder ſtoͤrend ausdruͤcken, zumal im reinen Oratorium. Unbedeutende Kleinigkeiten im Vers⸗ bau laſſen ſich leicht verbeſſern. Ich wiederhole es nochmals, Sie haben mir durch Mittheilung dieſes Werks eine wahre Freude gemacht. Den Dank werde ich Ihnen, ſobald Sie mich wieder beſuchen, muͤndlich abſtatten. Freundſchaftlichſt Ihr E. T. A. Hoffmann. 2. Fragmente aus neu aufgefundenen Briefen an Hippel. An und fuͤr ſich unbedeutend, und nur mit⸗ getheilt fuͤr die, welche behaupten, Hoffmann waͤre ohne Gemuͤth und ohne Selbſterkenntniß, in Eitelkeit untergegangen geweſen. Bamberg, d. 23. December 1808. Nun fuͤhle ich aber erſt recht, wie durchaus nicht fuͤr mich die fruͤhere Carriere war, und wie wohl mir das Kuͤnſtlerleben thut, wozu die Wie⸗ dervereinigung mit meinem lieben, herrlichen Weibe nicht wenig beitraͤgt. Und nun, mein theurer, einziger Freund; kannſt Du es irgend moͤglich machen, ſo reiße Dich los! Komm' in das herrliche ſuͤdliche Deutſchland, und Du wirſt bald die Wunde, die der verderbliche Krieg auch Dir geſchlagen hat, vergeſſen. Berlin, d. 12. Maͤrz 1815. Von der Kunſt kann ich nun einmal nicht mehr laſſen, und haͤtte ich nicht fuͤr eine herzensliebe Frau zu ſorgen, und ihr, nach dem, was ſie mit mir ausſtand, eine bequeme Lage zu bereiten, ſo wuͤrde ich lieber abermals den muſtkaliſchen Schul⸗ meiſter machen, als mich in der juriſtiſchen Walk⸗ 112 muͤhle trillen laſſen. Verzeih' es nur, mein ge⸗ liebteſter Freund, daß ich Dir wieder ſo viel vor⸗ klage! Mit' meinem zerriſſenen Leben trage ich eigentlich die Schuld meiner wenigen Standhaf⸗ tigkeit, meines Leichtſinns in fruͤheren Jahren. Berlin, den z30. Aug. 1810. Ich ſchreibe keinen goldenen Topf mehr. So'was muß man nur recht lebhaft fuͤhlen, und ſich ſelbſt keine Iluſion machen. Berlin, im Januar 18109. Wohl geht es mir, wie Dir. Am Neujahrstage treten mit doppelter Friſche und Lebendigkeit die Bilder des vergangenen Lebens hervor, und man gedenkt der abweſenden Freunde mit wehmuͤthi⸗ ger Freudigkeit! Daher kommt es denn auch, daß ich ſchon ſeit mehreren Jahren vermieden, Neu⸗ jahrsabend und Neujahrstag, wie es ſonſt zu ge⸗ ſchehen pflegte, in rauſchender Geſellſchaft zuzu⸗ bringen. Ich gebe in dieſer Zeit in meinem ein⸗ ſamen Zimmer ganz meinen innern Gedanken Raum, und Erinnerungen ſind es, die wir, meine Frau und ich, uns gegenſeitig auffriſchen. So haben wir auch Deiner und zwar wohl auch als des beſten, bewaͤhrteſten, unwandelbarſten meiner Freunde, gedacht, und nur deshalb mit ſchmerzli⸗ 113 cher Ruͤhrung, weil ein boͤſes Verhaͤngniß uns von einander getrennt hat. B. Ueber Hoffmann. Von Stephan Schütze. Der einzige, dem Hevausgeber auf ſeine Auffor⸗ derung zugegangene Aufſatz von fremder Hand, und zwar von der Hand des Verfaſſers des trefflichen Aufſatzes über Hoffmann's Leben und Nachlaß, im Journal des Luxns und der Moden, Auguſt 1823, welcher die gediegenſten Bemerkungen über die An⸗ ſprüche an eine Biographie euthält. Hoffmann gehörte mit zu den merkwürdigſten und angenehmſten Erſcheinungen, die mir in der Dich⸗ terwelt vorgekommen ſind; der Briefwechſel, den ich mit ihm führte, betraf jedoch nur die Grzaͤh⸗ lungen, die er mir für das Taſchenbuch der Liebe und Freundſchaft und für den Wintergarten lie⸗ A 114 ferte. So wie er anfangs in Honorarforderun⸗ gen ſehr billig war, ſo äußerte er auch gegen Er⸗ innerungen, die ich mir zuweilen über ſeine Dich⸗ tungen erlaubte, gar keine Empfindlichkeit; ja, er nahm es mir nicht übel, als ich ihm ſogar einmal eine Erzählung zurückſchickte, und blieb zu feruern Mittheilungen bereitwillig. Wegen ſtarker Stellen in Schilderungen entſchuldigte er ſich damit, daß die Damen, ſeit ſie fleißig Rum zum Thee zugoͤßen, wohl mehr als ſonſt vertragen könnten. In der letztern Zeit hielt es aber zuweilen ſchwer, die verſprochenen Beiträge von ihm zu erhalten. Im Juni 1819 bekam ich einen Brief von ihm, der ihn mir zu meiner großen Verwunderung in einiger Bedrängniß zeigte:„Ein Nervenſieber habe ſeine Arbeiten unterbrochen; jetzt gehe er wieder friſch daran, in drei Wochen werde er die verſprochene Erzählung liefern, und das Bildchen, woran H. Kolbe ſchon zeichne, mir baldmöglichſt ſenden. Zur Nachkur müſſe er aber nach Warmbrunn und Flins⸗ berg; die Erzählung würde ſieben Bogen betragen; ich möchte mich für ihn verwenden, daß er ſobald als möglich 21 Fr.d'or bekäme. Auf meine Em⸗ pfehlung wolle er Herrn Wilmans recht gern einen Roman in Verlag geben, und dazu würde ihn vorzüglich die Gewaͤhrung ſeiner jetzigen Bitte be⸗ ſtimmen.“— Sogleich, mit umgehender Poſt, ſandte ich ihm die verlangten 21 Fred'or, nun ruhig die 115 Erzählung erwartend, die für das Taſchenbuch 1821 beſtimmt war. Die berühmte Scuderi war vor⸗ hergegangen, die ſo großen Beifall gefunden, daß H. Wilmans, von Dankgefühl erwärmt, dem Ver⸗ faſſer dafür mit einer Kiſte feinen Weines ein Ge⸗ ſchenk machte. Hoffmann war ſehr davon über⸗ raſcht, und ſchrieb:„Solch einen Glauben habe ich in Iſrael noch nicht gefunden!“ Um ſo ſicherer glaubte ich nun auf die kontrahirte Erzählung rech⸗ nen zu können, aber ſie wollte immer nicht kom⸗ men. Unter dem 15. Januar 1820 ſchrieb Hoff⸗ mann: ich ſey ja über die Erzählung, die er den 3. oder 5. December v. J. an mich abgeſchickt ha⸗ be, ſo ſtille, ob ich denn nicht recht zufrieden da⸗ mit wäre? Meine Antwort lautete: Ich habe nichts erhalten. Im März kam die Nachricht: der Stie⸗ felwichſer hätte aus reiner Faulheit mehrere Briefe untergeſchlagen; nach der noch vorliegenden Diſ⸗ poſition und den Notaten könne er aber das Ganze mit Leichtigkeit wieder herſtellen. Im Mai ſchickte er dann das erſte Drittheil der Erzählung(Datura fastuosa)„als ein Zeichen, daß er ſeiner Verpflich⸗ tung eingedenk ſey; Fortſetzung und Schluß ſollten nicht lange ausbleiben.“ Damit hatte es aber noch. immer gute Wege. Auf ein Bild von Kolbe konnte unter ſolchen Umſtänden nicht Rückſicht genommen werden. Merkwürdig bleibt mir indeß hierüber ein früherer Brief von ihm(vom 17. Februar 1819), 146 worin er ſagt:„Es iſt ein großer Gewinn für die Sache, wenn Dichter und Zeichner ſich beſpre⸗ chen, und einander recht in die Hand arbeiten kön⸗ nen. Zudem weicht Kolbe auch zum großen Vor⸗ theil, ganz ab von der, in der That fabrikmäßigen Manier der gewöhnlichen Taſchenbuchzeichner, von denen mir vorzüglich Ramberg mit ſeinen ewig wie⸗ derkehrenden, nichts bedeutenden Formen(2) und Geſichtern(vorzüglich ſind immer die Maͤdchen mit den prallen Wädchen höchſt ſchalkiſch) ein wahrer Greuel iſt.« Und nun hat er gleich am Rande mit der Feder ein ſolches(naivkokettes) Ge⸗ ſicht hingezeichnet, das ſo außerordentlich 1 ſprechend iſt, als hätte es der getadelte Meiſter ſelbſt auf das Papier geworfen. Ein Muſiker und ein Dichter, und nun noch ein ſolcher Zeichner da⸗ . zu! Ich habe ſein vielſeitiges Talent nicht genug bewundern können. So reich hatte der Himmel einen einzigen Menſchen begabt!— Im December 1820 machte ich in Berlin ſeine perſönliche Be⸗ kanntſchaft. Ich fand ihn im Aeußern nicht ſo ab⸗ ſchreckend, als manche ihn mir geſchildert hatten. Seine kleine, bewegliche Figur mit dem haſtigen, kurzen Sprechen, mit den immer lebhafter werden⸗ den Augen und beſonders mit den kleinen Verxtie⸗ fungen über den Augenliedern ſtellte ihn mir, nach⸗ dem ich alle proſaiſchen Vergleichungen entfernt hatte, als ein Zaubermännchen, oder ſtark ausge ͤͤéôͤſ 117 drückt, als etwas Hexenmäßiges dar. Da er ohne alle Umſtände ſprach, waren wir bald mit einan⸗ der bekannt. Eine ironiſche Anwandlung war gleich in den erſten Sätzen abgethan.„Ja, ja,“ ſagte er — ich glaube, es war vom Bau des neuen Thea⸗ ters die Rede—„in Weimar tadeln ſie alles, was in Berlin gemacht wird.“ Nein, erwiederte ich, die Berliner ſind es, die alles tadeln, die über al⸗ les raiſonniren.„Ja,“ fiel er nun beipflichtend ein,„es darf nur ein Stein gelegt werden, gleich verſammelt ſich eine Menge Menſchen darum, der eine will, er ſoll ſo, der andere, er ſoll ſo liegen“ — wobei ſeine kleinen Hände ſehr in demonſtriren⸗ der Bewegung waren. Seine Frau erinnerte ihn an ein Aktenſtück—„ja, ja, liebes Kind;“ er ſprang auf und ſchnürte es zuſammen. Ich be⸗ dauerte ihn wegen ſolcher Arbeiten, aber er mein⸗ te, daß es doch auch ſein Gutes habe. Wegen mei⸗ ner Erzählung ſprang er gleich zu einem großen Tiſchkaſten und zeigte einige Blättchen. Zu beſſe⸗ rem Ueberblick gab ich ihm auf ſein Verlangen den Anfang wieder, und hoffte nun baldige Vollendung; aber ich hätte ihn wohl nicht ſo leicht wieder zu Hauſe getroffen, wenn ihn nicht bald darauf ein Neſſelfieber daheim gehalten hätte. Sein Zuſtand war nicht gefährlich. Er richtete ſich im Bette auf und ſprach immer lebhafter, dann ſprang er heraus— der Thee kam—„liebes Kind, noch 118 eine Taſſe!“— er goß ein wenig Rum zu, und wieder ein wenig— die Augen wurden immer feu⸗ riger, die Rede immer lebendiger, der Inhalt fort⸗ reißender. Ich ſah nun ganz den Erzähler vor mir, deſſen ſich eine unaufhaltſame Freude bemäch⸗ tigt hatte; ich fühlte, wie es einem ſolehen Geiſte Bedürfniß ſeyn müſſe zu erzählen. Eine Menge Anekdoten, faſt lauter luſtige Geſchichten tiſchte er auf, im Fluge aufgeſchmückt,— von Jean Paul, Fouqué und beſonders von Zacharias Werner, deſ⸗ ſen Geiz Gelegenheit zu einem ganz ausführlichen Schwank gab, der wohl in Wahrheit gegründet ſeyn mochte, aber hier erſt, poetiſch wiedergeboren, in der vollen Glorie hervorging. Dabei zeigte ſich, daß es ihm nicht etwa um Unterhaltuug und Witz, ſondern um das Luſtige ſelbſt, mit zu ſeiner eige⸗ nen Beluſtigung, zu thun war. Die Welt lag vor ihm da, die ewige Quelle der Poeſie. Er irrte nicht in den Schranken ſeiner Dichtungen, er ſchwebte über ſie hinaus, ſich ſelbſt vergeſſend, ein freudiger Geiſt in dem weiten Weltall. O herrlich, Dich⸗ ter, ſo gefällſt du mir! In den meiſten ſieht man nur Wächter ihres Ruhms. Allem Scheinweſen feind und gradezu auf die Sache gehend, mußte mir Hoffmann ganz und gar zuſagen, eben ſo, wie einſt Heinrich von Kleiſt, der aber die Wahrheit mit heiligerem Eifer ſuchte.— Auf die Frage an Hoffmann, warum er nicht für das Theater ſchrei⸗ ͤͤͤnnngͤqͤ 119 be, kam die natürliche Antwort:„ich würde da viel⸗ leicht nicht ſo glücklich ſeyn, als in den Erzählun⸗ gen.“ Er verſicherte, daß er künftig keine kleine Erzählungen mehr ſchreiben wolle, ſondern nur Ro⸗ mane. Ich antwortete: das könnte ich ihm nicht verdenken. Darin hielt er aber nicht Wort; er hat nachher noch mehrere Erzählungen gedichtet, die er lange ſchon an Buchhändler verſprochen hatte. Die meinige blieb noch immerfort unvollendet. In meiner Gegenwart drang ich nicht weiter darauf, aber auch nach meiner Abreiſe erfolgte ſie nicht, wohl aus dem Grunde, weil die Phantaſie des Dich⸗ ters darüber erkaltet, und er noch wegen anderer Verſprechungen gedrängt war. Endlich, im Juli 1821, mußte ich mich zu ernſtlichen Drohungen be⸗ quemen. Jetzt erſchien die verhexte Erzählung wirk⸗ lich, mit einem ſpöttelnden Briefe: er ſey zum Glück eben bei'm letzten Capitel geweſen; ſeine ökonomiſche Lage ſey indeß durch die Verleger, die ihm für den Bogen 8 Fr. d'or gäben, ſo ſchlimm nicht. Meine Antwort lautete ganz ruhig: einen Prozeß hätte ich nicht im Sinne gehabt; nur um die Erzählung wäre es mir zu thun geweſen. Ich glaube auch nicht, daß er mir weiter gegrollt hat. Unſere Verbindung hörte nun aber auf; nur aus der Ferne folgten ihm meine Wünſche. Meine Be⸗ ſorgniß für ihn ging leider noch eher in Erfüllung, als ich es geahnet. Zu ſchnell hatte die Flamme, 120 noch oft gewaltſam aufgeregt, an dem Geiſte ge⸗ zehrt— das Licht erloſch.—— 1 1 c. Nachtraͤgliches. a Vom Herausgeber. Der hier folgende Aufſatz hat, ſeinem kleineren Theile nach, bereits in der Abendzeitung geſtanden, und iſt für den Zweck des Wiederabdrucks hier, heils abgekürzt, theils erweitert worden. ¹ Der Herausgeber hat nicht erwarten dürfen, daß ſein Buch über Hoffmann mit ſo ausgezeichneter Güte werde aufgenommen werden, als überall geſchehen iſt, und wie ſehr er perſönlich auch Grund hat, ſich über dieſe Erfahrung zu freuen, ſo ſcheint ihm die⸗ ſelbe doch auf ein ſchlimmes Zeichen der Zeit hinzu⸗ weiſen. Es kann nämlich, das fühlt er deutlich, nichts in ſeiner Darſtellung beſonders hervorſte⸗ chend genannt werden, als die Wahrheit; dieſe un⸗ ͤͤͤõõõõqôqö 421 verfälſcht zu erhalten, daran iſt man aber leider jetzt eben ſo wenig mehr gewöhnt, als man ſie ſtill⸗ ſchweigend verlangt. Das Intereſſe, das Jeder⸗ mann an Criminalgeſchichten in treuer aktenmäßi⸗ ger Darſtellung nimmt, die Begier, mit welcher urſprünglich nicht für den Druck beſtimmte Briefe geleſen werden, das Entzücken, mit welchem man die Schöpfungen des Verfaſſers des Waverley em⸗ pfing und hegt, weil darin Erſonnenes und glücklich Zuſammengeſtelltes, wie Erlebtes geſchildert wird, — alle dieſe Erſcheinungen erklären ſich aus dem allgemeinen Behagen an ungeſchminkter Natur. Und, in dieſer Beziehung darf ſich der Herausgeber des obengenannten Buches keinen Vorwurf machen. Sein Werk hat für ihn die Eigenſchaft eines, vor der Welt, wie vor dem höchſten Richter, abgelegten Zeugniſſes, und er würde, wenn es darauf ankäme, bereit ſeyn, jede Thatſache, die er als Augen⸗ oder Ohrenzeuge erzählt, zu beeidigen. Aber eben wegen dieſes Strebens nach der höchſten Genauigkeit, hat er manches unberührt gelaſſen, was er nicht aus ei⸗ gener Erfahrung hinlänglich kannte, und hieraus iſt denn wohl der Vorwurf gegen ihn hergenommen worden, daß er Verhältniſſe zu einzelnen Perſonen, mit welchen Hoffmann in Verbindung geſtanden, mit einem Stillſchweigen übergangen, welches man hier und dort, übelwollend, wie Nichtachtung ge⸗ deutet, während es ſeine Quelle allein in der er⸗ b wähnten Unkenntniß des genauern Zuſammenhan⸗ 1 ges der Sache und in der Beſorgniß, deßhalb dar⸗ über nur Unzuverläſſiges zu berichten, hatte. Na⸗ mentlich iſt ihm von mehreren Seiten Verwunde⸗ rung darüber bezeigt worden, daß Hoffmann's mehr als freundſchaftlichen Umganges mit unſerm großen Devrient nicht beſonders Erwähnung geſchehen, und wenn der Herausgeber den trefflichen Künſtler und Menſchen, in letzterem in gleichem Maaße ſchätzt und liebt, ſo erfüllt er gern die Pflicht, was er ſelbſt hierin mitgelebt hat, und daher verbürgen kann, an der Spitze dieſer Nachtraͤge zu erzählen. Was Hoffmann, ſeit ſeiner erſten Bekanntſchaft mit Devrient, mit aller Macht zu jenem hinzog, war Devrient's durch und durch künſtleriſche Na⸗ tur. Von früher ihm vorgekommenen bedeutenden Erſcheinungen in der Schauſpieler⸗Welt, erwähnte Hoffmann nur eines wackern Künſtlers, Namens Leo, den er in Bamberg als Hamlet geſehen, worauf er ſeine nähere Bekanntſchaft geſucht, und dem er an irgend einem Orte in ſeinen Schriften ein Denk⸗ mal geſtiftet; ſonſt war, bis auf Devrient, keiner ſeinem Innern nahe getreten. Hier, bei Devrient, fand er nun Berührungspunkte genug: Begeiſte⸗ rung für die Kunſt, als für das Höchſte im Leben, 3 die Fähigkeit, die Geſtalten, die der Dichter her⸗ vorrief, nicht allein wirklich zu ſchauen, ſondern auf dem Fleck, mit Fleiſch und Bein hinzuſtellen 4 12³ (eine Kunſt, in der Devrient excellirt, der, weun er ein Buch geleſen, das ihn angeſprochen, allen darin vorkommenden Perſonen gleich die paſſende Sprache und Bewegung zu geben weiß, ſo daß man ſie vor ſich wandeln ſieht), den höchſten En⸗ thuſtasmus für Shakespeare, mit ſehr verſtändiger Einſicht in deſſen Weſen, und treuen Fleiß, um noch gründlicher einzudringen; dazu die größte Ge⸗ müthlichkeit im Umgange, und die Neigung, beim Glaſe Wein ſich immer tiefer und tiefer zu erſchlie⸗ ßen;— wie konnte es fehlen, daß Devrient ſo ein unendlich anziehendes Prinzip für Hoffmann werden mußte! Auch erinnert ſich der Herausgeber, daß das vertrauliche Du zwiſchen Beiden, eine Aus⸗ zeichnung mit welcher Hoffmann nicht freigebig war, gleich die erſte Zeit ihrer Bekanntſchaft be⸗ zeichnete. Bei den ausgeſuchten kleinen Geſell⸗ ſchaften, die Hoffmann zuweilen(hauptſächlich an ſeinen Geburtstagen am 24. Januar) in ſeinem Hauſe gab, fehlte Devrient nur ſelten, und ver⸗ herrlichte ſie oft durch Vorleſungen aus dem Sha⸗ kespear, über die nichts ging(z. B. der Kärrner⸗ ſcene aus Heinrich IV.). Dieß Verhältniß zu De⸗ vrient war übrigens und blieb nebenher eines der innigſten, die Hoffmann je gehabt;— wenn einer oder der andere krank lag, was leider nur zu häu⸗ fig der Fall, beſuchte ihn der Geſunde, etwas, das von Devrient, der die Gutmüthigkeit ſelbſt iſt, nicht 124 eben verwundern kann, bei Hoffmann aber viel be⸗ deutete. Devrient wußte ſolche Ausnahmen aber auch zu ehren, er bemühte ſich immer, wie elend er ſich auch befand, irgend etwas, was ſeinen Gaſt anſprach, zum Beſten zu geben, wie er z. B. in einem ſchweren Entzündungsfieber nach dem, vor ſeinem Bette liegenden Triſtram Shandy faßte, auf das Hogarth'ſche Titelkupfer vor dem 3ten Theile b hinwies, und mit herabhängender Unterlippe den Paſtor, der das Kind hält, bis zum Leben täu⸗ ſchend, ſprechen ließ. Auf ähnliche Weiſe, wie dieſer treffliche Mann, haben ſich aber auch noch andere wackere Leute, die ſich Hoffmann in Weinhäuſern gern anſchloſſen, da⸗ durch verletzt gefühlt, daß ſie annehmen, die öffent⸗ liche Meinung möchte ſie in die Klaſſe derjenigen werfen, von deren Einfluß auf Hoffmann in ſeinem Leben eben nicht mit Lobe geſprochen worden. Der Herausgeber könnte ſich hierüber leicht beruhigen, da er nirgend einen Namen genannt, und in der Thatſache, daß Hoffmann auch von ſchlechter Ge⸗ ſellſchaft im Weinhauſe umgeben war, nichts ande: res zur Sprache gebracht hat, als was in Berlin allgemein notoriſch war; aber es ſcheint ihm die Gelegenheit nicht unangemeſſen, einige Worte über V einen Gegenſtand zu ſagen, der fuͤr die Sittenge⸗ V 125 ſchichte unſerer Zeit nicht unerheblich iſt. Es iſt dieß nämlich das Leben in den Weinhäuſern, wel⸗ ches jetzt dem ganzen tiers état(denn Hofleute, und die den bon ton affectiren, wenn ſie auch nicht zum Hofe gehören, halten an dem Glaubensartikel feſt, daß man Abends nur Thee trinken dürfe, und Bauern oder Kleinbürger wiſſen bloß noch von Bier und Branntwein) mehr oder weniger zum Bedürf⸗ niß geworden zu ſeyn ſcheint. Dieß Leben kaun nun, nach Umſtänden, recht wohlthätig anregen und recht verderblich wirken; das erſtere, wenn das Maaß dabei beobachtet wird, daß es immer nur Erholung bleibt; das letztere, wenn es ſich ſo ge⸗ ſtaltet, daß die Weinſtube das einzig gemüthliche chez soi für denjenigen wird, der ſie beſucht. Es liegt in dem Charakter des Deutſchen, daß er ſich ſchwerer mittheilt, als andere Nationen. Der Franzoſe plaudert mit dem Franzoſen über nichts, bei Waſſer, wenn es nicht anders ſeyn kann, und wenn nichts dabei gewechſelt worden, als Worte um Worte, ſagt er doch, es iſt köſtlich ge⸗ weſen, denn wir haben geſchwatzt; nicht alſo bei dem Deutſchen. Er bedarf, ſelbſt wenn etwas zu verhandeln iſt, eines Sporns von außen, um ihm, iſt das Herz ſchon offen, auch den Mund zu öffnen, und für deutſche Männer giebt es wahrlich kein beſſeres Mittel, als das trauliche Glas Wein. Das trauliche, das heißt, das gemeinſame, denng— pfui über den Schlemmer, der ſich einſam in ſeinem Zim⸗ mer niederſetzen und bei verſchloſſenen Thüren köſt⸗ lichen Wein ſchlürfen kann! Wer mag alſo den Stein aufheben gegen den, der nach vollbrachter Tagesarbeit, oder, ſind ihm im Laufe des Tages ſelbſt freie Stunden gegönnt, ſeine Erholung da ſucht, wo er Wein und ein freies Wort, ſtatt Thee's und eines erbärmlichen verſchrobenen Gewäſches fin⸗ det; am wenigſten dürfte wohl der Schreiber zu einem ſolchen Verdammungsurtheil geneigt ſeyn, der ſich hierüber, wie er denkt deutlich genug, in Hoff⸗ mann's Leben ausgeſprochen hat. Dieß der Avers. Aber nun die Kehrſeite. In den Weinhäuſern findet man auch eine eigene Art von Gäſten, ein Völkchen von leichtem Er⸗ werb, das, wie es in den Berliner Intelligenz⸗ 4 Blättern heißt, wenn Wohnungen geſucht werden, ſeine Geſchäfte außer dem Hauſe hat, und aller⸗ dings(und auch das kaum) in der eigentlichen Woh⸗ nung nur ſchläft, den Tag hindurch vom Kaffee⸗ hauſe in's Weinhaus, vom Weinhauſe in's Speiſe⸗ haus, vom Speiſehauſe in den Conditorladen, von dieſem in's Schauſpiel, vom Theater wieder in das Weinhaus zieht, und dem es auf dieſen Wanderun⸗ gen allerdings nicht fehlen kann, das, was der Tag an Scandalen aller Art geboren, brühwarm mitzu⸗ bringen. Eine treffliche, unerſchöpfliche Fundgrube für einen, der ſolche Materialen ſo zu verarbeiten EeRnNEEeee een 127 wußte, wie Hoffmann, aber zugleich auch ein unfehl⸗ barer Ruin für die beſſere Natur in ihm, wie für jede. Solchen Leuten iſt nichts heilig, der Witz geht ihnen über Alles, und, weil denn der doch nicht in ſo enormen Maſſen zu haben iſt, als ſie ihn brauchen würden, um ihren Ueberfluß an Zeit damit auszufüllen, ſo wird großentheils ganz gemeines Lä⸗ ſtern als Surrogat dafür genommen, und nach und nach verliert ſich ſelbſt bei den reinſten Menſchen, wenn vielleicht auch nicht ganz das innere ſittliche Gefühl, doch der äußere moraliſche Takt, der das Würdige vom Platten zu unterſcheiden weiß. Wer einmal dieſen Weg betreten, fühlt ſich verlegen und beklommen, wenn er einem Freunde gegenüber tritt, der ihn früher beſſer gekannt. Ganz dieß war Hoff⸗ mann's Fall. Seinen Geiſt und das Gemüth, aus dem die Briefe an Hippel hervorgegangen, konnte ihm Niemand nehmen; aber, war ſeine Converſa⸗ tion in dem letzten Jahre ſeines Lebens, mit Lanze⸗ lot Gobbo*) zu reden, etwas anſäuerlich ge⸗ worden, ſo iſt es allein ſolchen Commilitonen zuzu⸗ ſchreiben, die, wiewohl zum Theil auch mit herrli⸗ chen Gaben geſchmückt, ihr Inneres doch nicht vor dem Roſte der Gemeinheit zu wahren gewußt. *) Im Kaufmann von Venedig. ——— „ 128 Nachſchrift des Herausgebers⸗ Kurze Zeit nach dem Erſcheinen des gegenwär⸗ tigen Werks über Hoffmann wurde dem Herausge⸗ ber von einem ſehr geachteten Freunde ein Zweifel über die Frage geäußert: ob es bei der Art, wie Hoffmann geſtorben,(nach ſeiner Anſicht, unver⸗ ſöhnt mit Gott und dem Heiland), nicht eine fromme Pflicht gegen den Freund geweſen wäre, ſein Bild der Welt nicht zu enthüllen, indem man die Darſtellung eines Lebens, nicht als eine lite⸗ rariſche Merkwürdigkeit betrachten dürfe, wenn höhere Rückſichten Schweigen geböten. Dieſes Bedenken aus einem wahrhaft frommen Gemüthe, wäre geeignet geweſen, einen tiefen Sta⸗ chel in das Herz des Schreibers zu drücken, hätte er ſich, bei ſorgſamer Selbſtprüfung, nicht das Zeugniß geben müſſen, daß er es, vor Herausgabe des Werks, ſcharf in's Auge gefaßt, aber dabei auf das Reſultat gekommen, daß der Menſch dem Menſchen, nichts Höheres ſchuldig ſey, als Wahr⸗ heit, und daß in dem vorliegenden Falle Wahrhaf⸗ tigkeit mehr Licht als Schatten zeige, weßhalb die Schale immer zuletzt zu Hoffmanns Gunſten ſtei⸗ gen müſſe. So hatte es ihn auch bis dahin die Erfahrung gelehrt. Alle ſeine Bekannten, ohne Ausnahme, die das Buch geleſen, hatten ihm ver⸗ ſichert, daß, nach dem Totaleindruck, den daſſelbe nesBe e eEen 1 129 auf ſie gemacht, ſie eine beſſere Meinung von Hoff⸗ mann gewonnen, als ſie früher, nach ſeinen Schrif⸗ ten, von ihm gehabt; namentlich daß ſie ihm nie ſo viel Liebe zugetraut, als er in ſeinem Verhält⸗ niß zu Hippel entwickelt. Niichts deſtoweniger hatte die obenerwähnte Aeußerung einen ſchmerzlichen Nachklang zurückge⸗ laſſen, und dem Herausgeber einige recht trübe Stunden gemacht, als er unerwartet von einem fernen Freunde, deſſen Handſchrift er ſeit faſt zehn Jahren nicht geſehen, und in dem, wenn er ihn nennen wollte, man einen Mann erkennen würde, den ganz Deutſchland als einen ſeiner Edelſten hoch verehrt, der endlich wohl, ſo weit dieß Prädi⸗ kat überhaupt gegeben werden kann, den Namen eines vollendeten Chriſten verdient, einen Brief er⸗ hielt, welcher eigends dazu geſchrieben zu ſeyn ſchien, ihn zu beruhigen und alle Nebel in ſeiner Seele zu zerſtreuen. Es ſey erlaubt, das Weſentliche aus demſelben mitzutheilen, da er ſowohl zur Würdigung Hoff⸗ mann's dient, als an und für ſich, und in Beziehung auf das in Anregung gebrachte, gewiß höchſt wichtige moraliſche Problem, allgemein intereſſant ſcheint: Ich hätte ſchon längſt Gelegenheit gehabt, Ihnen zu ſagen wie Sie mir im Andenken fortleben; dies konnte Ihnen indeſſen mein Sohn mündlich ausdrü⸗ cken. Jetzt kommt mir aber eine Aufforderung zu 130 Dank;— ohne Zweifel ſind Sie der Herausgeber von Hoffmanns Leben! Obwohl das, was ich bisher von Hoffmann's Schriften geleſen, mich ergriffen und ergötzt, em⸗ pfand ich doch dabei einen innern Widerwillen, der faſt an Abſcheu gegen den Verfaſſer grenzte. Der Nachlaß hat mich ausgeſöhnt. Hoffmann erſcheint darin in ſeiner Höhe und Niedrigkeit im Zuſam⸗ menhange. Das Buch macht ein Ganzes durch die Form, welche dem fragmentariſchen Material gegeben iſt. Merkwürdig iſt, wie ſolche Mittheilung von Selbſtgeſtändniſſen u. ſ. w. ſeit einiger Zeit an⸗ fangen, uns Deutſchen die andern Nationen eige⸗ nen Memoiren zu erſetzen; nur daß bei uns es der Tiefe des geiſtigen Lebens und deſſen Erkenntniß gilt, während es bei den andern das äußere Seyn des Staats⸗ und Geſchäftsmannes betrifft. Doch bei uns nicht weniger hiſtoriſch als bei den an⸗ dern. 3 So lange Menſchen hienieden wandeln, waltet Poeſie und Phantaſie, wenn es auch keine Poeten gähe,— zur Erhaltung der Phantaſie bedürfen wir dieſer Mittheilungen nicht,— wohl aber für die Geſchichte des geiſtigen Lebens, weshalb mir Göthe's Wahrheit und Dichtung eines der wichtig⸗ ſten hiſtoriſchen Werke unter den Deutſchen zu ſeyn ſcheint. 131 Unter Poeſie verſtehe ich die Sehnſucht des Menſchen nach und von Jenſeits, bewußt oder un⸗ bewußt. 1 Hoffmann war eine treue, redliche, liebende Seele; unwiderleglich zeigt ſich das von dem Briefe an: Wer grüor ſich nicht ſelbſt ſein Grab, Wenn holder Wahn nicht waͤre? durch alle weiteren an ſeinen Freund Hippel. In Hoffmann's Büchern kann man das nicht ſe⸗ hen, denn das Lyriſche darin erſcheint Jean⸗Pau⸗ liſch herausgekniffen. Wie weit nun dieſe Seele voll Liebe und Treue verwüſtet war, läßt ſich wohl erkennen;— wie viel ſelbſt daran verſchuldet, ſteht dem Urtheil Gottes anheim!— untergegangen war ſie nicht, das zeigt der Nachlaß, worin es heißt: Du gleichſt einem ſchönen Inſtrumenke, deſſen. Saiten abgeſpannt find. In dieſen abgeſpann⸗ ten Saiten liegt eine Fluth entzückender Har⸗ monieen, die ſie aber nur dann angeben, wenn ein äußeres Motiv ihre Drehwirbel her⸗ umſchiebt und ſie anſpannt. So ſprach der Jüngling von 20 Jahren. Erkannte er damals nicht, und niemals das große Motiv, was uns alleſammt tragen, halten und ſpannen muß 12 41³3² 3 Das Inſtrument iſt ſchön— die Saiten voll Fülle der Harmonie— ſind zwei— zuſammen erſt Eins— beide an ſich nur als Eins, noch nichts, todt!— Dazu noch(Organe) Wirbel zum Drehen, — ſind Drei in Eins— und noch todt und nichts! Leben und Harmonie ſchafft erſt der, der ſpannt 1. Hoffmann der Tiefe, hätte ſchaudern müſſen, als er an ſich wahrnahm, daß Wein ihm äußeres Mo⸗ tiv der Spannung wurde; mußte er nicht erken⸗ nen, wie Geiſt haben nicht ſeyn iſt, da Geiſti⸗ ges, wie Wein, Materie iſt? Hamann ſchrieb vor 40 Jahren an Jakobi: Reſignation auf allen Schein des Seyns zum Beſten des wahren Seyns, iſt das Principium. Das Seyn läßt ſich nicht reſigniren, iſt nicht unſer Eigenthum, deſto mehr aber der Schein des Seyns, das Eigenthum der Kunſt. Keine Spur von Religion und Glauben iſt bei Hoffmann zu finden,— Aberglauben genug!— aber— wer darf wagen zu entſcheiden, ob, wenn nicht in Worten, er ſich vielleicht in Harmonieen und Melodieen darüber ausſprach. Theilen Sie mir hierüber mit, was Sie wiſſen u. ſ. w. So viel hatte der Herausgeber über dieſen Ge⸗ genſtand in der Abendzeitung abdrucken laſſen, und kurze Zeit darauf erhielt er folgenden Brief: Es hat mir weh gethan, in der Abendzeitung Nro. 255. unter der Rubrik„Nachträgliches zu 133 dem Buche: aus Hoffmann's Leben und Nachlaß“ folgende Stelle zu finden:„Kurze Zeit nach dem Erſcheinen des Buches über Hoffmann wurde dem Herausgeber von einem ſehr geachteten Freunde ein Zweifel über die Frage geäußert: ob es bei der Art wie Hoffmann geſtorben, nach ſeiner Anſicht, unverſöhnt mit Gott und dem Heilande, nicht eine fromme Pflicht gegen den Freund geweſen wäre, ſein Bild der Welt nicht zu enthüllen, indem man die Darſtellung eines Lebens nicht als eine litera⸗ riſche Merkwürdigkeit betrachten dürfe, wenn hö⸗ here Rückſichten Schweigen geböten.“— Mein er⸗ ſtes zufälliges Zuſammentreffen mit Hoffmann ſtand bei dieſer Stelle auf einmal ſo ganz lebhaft wieder voor meiner Seele; daß ich ſogleich die Feder er⸗ ariff, um es niederzuſchreiben.— Ich bitte um Nachſicht, denn ich bin ganz ungeübt in derglei⸗ chen; aber den Manen Hoffmann's bin ich Wahr⸗ heit ſchuldig, und ſo erzähle ich denn ungeſchminkt und ohne Scheu folgendes:— Bamberg war mir lieb in mehr als einer Hinſicht; die romantiſch ſchöne Gegend, die gutmüthigen Bewohner, und be⸗ ſonders zwei liebenswürdige Familien— des Ge⸗ neral⸗Intendanten Freiherrn von Stengel, und des Herrn Hofrath und Doctor Marcus— zogen mich, durch ihre Güte und ungeheuchelte Kunſtliebe, mag⸗ netiſch möcht' ich ſagen, an; ſo daß ich oft Mo⸗ nate lang, nach kurzen Zwiſchenräumen von ein 134 paar Jahren, dort verweilte auf Koſten meiner Börſe;— denn die beſchränkten Verhältniſſe der dortigen Bühne lieferten mir nur eine magere Aus⸗ beute, für geſpielte Gaſtrollen.— Auch Hoffmann hatte Zutritt in jenen Häuſern, aber ich vermied ihn mit Aengſtlichkeit. Die kleine Figur mit dem ſarkaſtiſchen Lächeln, dem ewig ſprudelnden, oft ſte⸗ chenden Witz, war mir in der Seele zuwider, und ich empfand eine wahre Antipathie gegen ihn; ich konnte nie laͤnger als eine Minute in ſeiner Nähe aushalten, und kannte alſo den Mann, natürlich, ſehr oberflächlich.— Eines Tages gieng ich, von der Auſſenſeite der Stadt zu, in den Park, wo man einen ſchmalen Weg zwiſchen grünen Hecken paſſiren muß. Ich las in Richard dem dritten; plötzlich ſtößt Jemand im Vorbeigehen an meinen Arm, ich ſehe auf, und vor Schreck und Wiver⸗ willen fällt mir das Buch aus der Hand, denn— Hoffmann ſteht vor mir.— Er nimmt das Buch auf, wirft einen Blick hinein, reicht es mir mit gutmüthigem Lächeln, bittet ſanft um Entſchuldi⸗ gung, und nach einigen gewechſelten konventionellen Worten, ſpringt er plötzlich zu Shakſpeare über, zu Richard dem dritten; entwickelt das ganze Stück mit einem Feuer, mit einer Beredtſamkeit, die mich ſtaunend hinriß. Bewußtlos wandre ich mit ihm fort, fange nach und nach an, auch meine Empfindungen, meine Meinung aufzuſtellen; es ſ 135 entſteht endlich ein ſo lebhaftes Doppelgeſpräch, daß keine Pauſe von zwei Augenblicken dazwiſchen tritt.— Was wir geſprochen, wer möchte, wer könnte es zu Papier bringen; aber ewig unver⸗ geßlich wird mir es ſeyn! Zwei Seelen ſchloſſen ſich auf, und erkannten ſich in der ewigen unendli⸗ chen Verwandtſchaft!— Vier Stunden ſchwanden uns unbewußt dahin, tiefe Sternenhelle, kalte Herbſtnacht war es geworden; aus den lieblichen blühenden Regionen der Phantaſie waren wir nach und nach auf das Gemeine, Beengende, oft Erbärm⸗ liche des wirklichen Lebens gekommen, beſonders des Standes, worin ich lebte, und leider noch lebe.— Gleichſam Hülfe ſuchend, um dem Peſtdunſte zu eutgehen, ſahen wir zugleich zu dem unendlichen geſtirnten Raum hinauf— feucht waren unſrer beider Augen, wir ſahen uns wehmüthig an, die Thränen ſtürzten jetzt; unwillkürlich ſanken wir uns in die Arme; hörbar klopften die Herzen an einander,— und als wir uns ermannten, ſtreckte jeder die Arme wie von ſelbſt gehoben, hin in den unendlichen Raum„Wiederſehen“ erſcholl zugleich von unſrer beider Lippen, feierlich, wie vom Him⸗ mel kommend; eine Rechte faßte die andere krampf⸗ haft, und wir ſtürzten fort, jeder ſeinen Weg ein⸗ ſam nach Hauſe, aber mit voller unendlich gehobe⸗ ner Bruſt.— Eine religiöſere Stunde habe ich in meinem Leben nicht gehabt, und Hoffmann ſollte 156 ohne Religion geſtorben ſeyn?— Nein—„Wie⸗ derſehen!“— ruf' ich deinem Geiſte zu, der mir in jener ſternenhellen Nacht, auf meinem düſtern, dornigen Pfade, Blumen des Glaubens und der Hoffnung pflanzte, die nie verwelken werden in meiner Bruſt, die mich aufrecht halten in der drü⸗ ckenden Wirklichkeit!— Ich ſah ihn hierauf nur noch ein paar Mal, und da war er wie umgewan⸗ delt. Wenn ich mich der Geſellſchaft nahte, wo er war, aus der munterſten Laune, dem muthwillig⸗ ſten Scherz, war er wie heransgeriſſen durch meine Gegenwart, er wurde zu Aller Verwunderung, ſtill, einſilbig, ſah mich oft wehmüthig an, gab mir auch wohl verſtohlen die Hand, drückte ſie, lispelte leiſe: „Muth! Wiederſehen!“ und gieng heimlich fort. — Ich verließ gleich darauf Bamberg, ohne einen Aufſchluß über dieſes ſeltſame Benehmen zu erhal⸗ ten, und habe ihn und Bamberg auch ſeit der Zeit nicht wiedergeſehen!— Guter Hoffmann! Friede deiner Aſche!— Der„Muth!“ iſt verloren: aber —„Wiederſehen!“ Weimar, den 8. Novbr. 1825. C. Leo, Mitglied der hieſigen Bühne. 3— P. S. So eben fällt mir noch eine Anekdote von Hoff⸗ mann ein, die wohl ſo viel wie manche werth ſeyn mag, um erzählt zu werden.— Ich befand mich eines Tages in Geſellſchaft beim Hofrath Markus; Hoffmann war zugegen und unter andern auch ein Schauſpieler von der dortigen Bühne; der Herr nahm ſich die Freiheit heraus, im Geſpräch immer einige Töne meines Organs zu parodiren — die auch wohl wirklich des Parodirens werth ſeyn müſſen, denn leider mache ich dergleichen Er⸗ fahrungen noch alle Tage— einige Zeit hörte Hoffmann mit niedergeſchlagenen Augen es an; da es aber immer häufiger wurde, ward er mit einem male feuerroth, rollte ſein Auge gegen den Paro⸗ deur, drehte ſich um und ſagte zum Hofrath Mar⸗ kus: ich habe nie glauben wollen, daß Bileams Eſel die Stimme eines Menſchen nachahmen könne; aber nun bin ich völlig überzeugt! nahm ſeinen Hut und gieng davon.— Den Parodierenden focht dies aber ſo wenig an, daß er wohlgemuth da blieb, aß und trank, und friſch weg ſprach, nur das Parodiren vergaß er.— Dennoch konnte dieſer Beweis von Rechtlichkeit mich Hoffmannen noch nicht nähern, bis der vbige Zufall uns zuſammen⸗ führte. 138 Etwas uͤber ſechs Monate, nachdem dieſer Brief geſchrieben— im May 1824— war auch der Schreiber nicht mehr unter den Lebenden. Wie ſehr Leo in Weimar auch wegen ſeines vortreffli⸗ chen Charakterſpiels geſchaͤtzt und geliebt wurde, ergab er ſich doch einem, ihn ſeit lange beherrſchen⸗ den Mißmuth, der durch Kraͤnklichkeit,— einen Schmerz im Unterleibe— geſteigert, ihn am Ende zur Verzweiflung führte, und den Entſchluß in ihm erregte, ſeinem Leben auf eine gewaltſame Weiſe ein Ende zu machen. Lange reifte der Vor⸗ ſatz in ihm zur That, denn wohl zwei Monate vorher entdeckte ein Freund ein geladenes Piſtol in ſeiner Rocktaſche, und machte ihm, da er eben einen heftigen Streit gehabt hatte, Vorwuͤrfe dar⸗ uͤber, worauf er lachend erwiederte:„was es ihn angehe, er truͤge dies Piſtol bei ſich, weil er alle Augenblicke glaube, liegen zu bleiben, und dann, um ſich nicht laͤnger quaͤlen zu muͤſſen, ſeinem Elende ſogleich damit ein Ziel ſetzen wolle.“— Am 25. Mai, dem Tage vor ſeinem Ende, wurde der Empfehlungsbrief von Töpfer, ein Stück, worin er ungern ſpielte, angeſagt; er ſah dies als eine Chi⸗ cane von Seiten der Direktion an, und verwei⸗ gerte, indem er Krankheit vorſchuͤtzte, aufzutreten. Da er indeſſen am vorhergehenden Tage aus ge⸗ weſen, und deshalb kein aͤrztliches Zeugniß uͤber ſein Uebelbefinden beibringen konnte, ſollte er zu 139 ſeiner Pflicht angehalten werden; er erklaͤrte aber, er koͤnne und werde nicht ſpielen, und ging hier⸗ auf von Weimar uͤber das Schießhaus, in dem er ſich eine Flaſche Champagner kaufte, nach Oß⸗ mannſtaͤdt, wo Wieland lange Jahre lebte, und in dem Garten des von ihm beſeſſenen Rittergu⸗ tes zwiſchen den Graͤbern ſeiner Gattin und So⸗ phie Brentanv's ruht. Hier ſetzte er ſich, nach⸗ dem er zuvor die Erlaubniß des Eigenthuͤmers dazu nachgeſucht, in die Laube des Muͤllers, wo⸗ bei er ihm einen Brief uͤbergab, um ihn nach Weimar zu beſtellen, wenn er ihn nicht vorher ſelbſt wieder zuruͤckfordern ſollte. Als es Nacht wurde, noͤthigten ihn der Muͤller und ſeine Frau, in das Haus zu treten; er forderte aber, unter Drohungen, von ihnen, ihn ruhig ſitzen zu laſſen. Gleich darauf fiel der Schuß, womit er ſich den Kopf zerſchmettert und augenblicklich getoͤdtet hatte. (Aus brieflichen Mittheilungen Weimariſcher Freunde.) 7 Zum Schluſſe ſey Hoffmann's Biographen noch ein Wort vergoͤnnt uͤber die Stimmen der Kritik, die ſeit dem Tode ſeines Freundes, und ſeit dem Erſcheinen ſeines Lebens, welches den Commentar zu ſeinen Schriften zu bilden beſtimmt war, in Beziehung auf jenen vernommen worden ſind. 140 Hier tritt aber, neben mancher wahrhaft phili⸗ ſtröſen(sit venia verbo) Anſicht, auch Vieles be⸗ deutend und erfreulich hervor. Als Chorag der Klaſſe, von welcher die zuerſt erwaͤhnte ausging, moͤge ein Mann angefuͤhrt werden, der, wie es ſcheint, ſich vorgeſetzt hat, Hoffmann der deutſchen Literatur zu erſetzen, freilich mit dem Vorbehalte, es beſſer zu machen, wie er. Man hoͤre, wie er in einem Aufſatze: Brief des Privatſchreibers Jeremias Kaͤtzlein an den Kö⸗ nigl. Preußiſchen Kammergerichtsrath E. T. A. Hoffmann in Oſchinniſtan, ſich erſt uͤber Hoffmann und dann uͤber ſich ſelbſt in Vergleichung mit ihm, ausſpricht::. „Dero eigentliche Phantaſieſtuͤcke“— laͤßt er ſeinen Schreiber Kätzlein, Hoffmann anreden— „ſind meinem Beduͤnken nach die, wo der Le⸗ ſer aus der Phantaſie, das heißt, aus dem Unklaren, gar nicht herauskommt in's Deut⸗ liche, ſondern im traͤumenden Duſel unter⸗ geht, und nun zuletzt gar nicht mehr weiß, ob er lebt oder nicht, wer und wo er iſt, und was er eigentlich geleſen. Solche aͤchte und rechte Phantaſieſtuͤcke ſind Ew. Wohlgeboren Maͤhrchen, der goldne Topf, Brambilla, Mei⸗ ſter Floh, aus welchem ich, Jeremias Kaͤtzlein— freilich etwas bornirten Ingenii,— noch nicht recht klug werden kann, trotz emſig wiederhol⸗ b 141 ten Leſens, ſo daß es mir damit ergeht, wie ei⸗ nem, der ſich an einem ungluͤcklichen Biſſen Haar⸗ wachs muͤde und Kinnbackenlahm kauet, und am Ende den Verſuch aufgeben muß. Zu dergleichen Phantaſieſtuͤcken ſcheint meinem Herrn Prinzipal“ (Herrn Weißflog)—„das benoͤthigte Werkzeug abzugehn, da ſeine Phantasmata ſich ſelbſt vom gemeinen Menſchenverſtande begreifen laſſen, der⸗ geſtalt und alſo, daß man gar nicht einſieht, wie es anders hat ſeyn koͤnnen.—————— Ich glaube, daß mein Herr Prinzipal von Ew. Wohlgeb. ſehr verſchieden iſt. Denn, was fuͤr's Erſte die Tendenz anbelangt, ſo beduͤnket mich, daß ſolche bei Ew. Wohlgeb. meiſt nur die ſey, den innern Menſchen mit allen moͤglichen Kuͤnſten der Ueberredung zum Mitgehen zu verlocken, ihn durch ſonderbare Blumengehege und Straßen end⸗ lich in einen ſogenannten Sack zu fuͤhren, wo kein Ausweg iſt, ihn dann plötllich zu verlaſſen und unſichtbar auszulachen; dahingegen mein Herr Prinzipal zwar auch das Möoͤgliche nach ſeiner Art thut, den Reiſekumpan feſtzuhalten, ihn aber mit herzlichem Haͤndedruck nun nicht eher wieder ver⸗ laͤßt, als bis er ihn gluͤcklich an Ort und Stelle gebracht. Item beduͤnkt es mich, ruͤckſichtlich der gemuͤthlichen Grundlage, als ob bei Dero an⸗ muthigſten Darſtellungen und Spaͤßen immer et⸗ was Bitteres, Unheimliches und Grimmiges aus⸗ ſtieße, was tief verborgenen Hohn, Verachtung des Menſchen, und Spott ſeiner heiligſten In⸗ tereſſen verraͤth, und als wenn es Ew. Wohlgeb. nur wohl ſeyn koͤnnte in den tauſendfachen Nuan⸗ gen menſchlichen Wahnſinns. Ich, Jeremias Kaͤtz⸗ lein, habe zwar die Gelehrſamkeit nicht, ſolches in probehaltigen, aͤſthetiſchen Redensarten darzu⸗ thun und zu beweiſen, aber es haben dies ſchon andere gethan, und ſolches auch Ew. Wohlgeb. ſelbſt, nicht in Abrede zu ſtellen begehrt. Es kann zwar wohl ſeyn, daß es in Dero liebem Herzen wirklich nicht ſo dunkel ausgeſehen, aber es ſchien doch ſo, dagegen bei meinem Herrn Prinzipal Alles moͤg⸗ lich heiter, mild und wohlwollend hervortritt, das klare Bewußtſeyn nie untergeht in grauen⸗ voller geiſtiger Vernichtung, der Spaß zwar neckt und zwickt, aber niemals bis zum wirklichen Schmerze, und jedermann wohl mitlachen, dabei aber auch die Thraͤne der Wehmuth weinen muß, daß All' dieſes Froͤhliche nur der kurze Silberblick eines Lebens voll menſchlicher Unvollkommenheit und Erdenſorgen iſt, deſſen er noch lachen und ſich unter ſeinen Geſtalten fuͤr den Gluͤcklichſten halten kann auf der weiten Welt, der die Schat⸗ tenſeite des Lebens kennt wie wenige, der aber allen Menſchen ſo gern die Falte des Unmuths glätten, und Alle eben ſo gluͤcklich machen moͤchte, 145 wie er ſelbſt iſt, wenn auch nicht in der Wirklich⸗ keit, doch in der Idee.“ Es haͤtte dem Herausgeber nicht einfallen koͤn⸗ nen, dieſes Urtheil durch den Wiederabdruck fort⸗ zupflanzen, wenn nicht, unter dem Krant der ſcheinbaren Gemuͤthlichkeit, die Schlange der ge⸗ haͤſſigen Inſinuation verborgen laͤge, daß Hoff⸗ mann bei ſeinen Werken, mit abſichtlicher Bos⸗ heit, die Leſer nur durch allerlei Kunſtgriffe irre zu führen, und ſich uͤber ſie luſtig zu machen ge⸗ ſucht, und daß es ihm dabei auf nichts weiter an⸗ gekommen waͤre, als auf Spott uͤber die heilig⸗ ſten Intereſſen der Menſchheit. Es iſt aber ein untruͤgliches Kennzeichen des Philiſterthums, da gemeine Abſicht zu ſuchen, wo der Schluͤſſel in der Individualitaͤt eines Menſchen von nicht ge⸗ meinem Schlage, offen da liegt, welche Individua⸗ litat freilich, in ſo fern ſie eine dichteriſche, nur von einem dichteriſchen Gemüuthe rein reflektirt werden kann. Wer Hoffmann auch nur einmal geſehen, ſo ſcheint es dem Herausgeber,(und der Schriftſteller, von dem die oben mitgetheilten ſchweren Anklagen ausgegangen, hatte ihn per⸗ ſönlich gekannt), mußte gleich inne werden, daß er nicht der Mann der Abſicht, wohl aber, wel⸗ ches, die Schranken ſeines produktiven Vermoͤgens waren. Höoͤren wir üͤber ihn das Zeugniß eines andern, aber ſeelenkundigen Autors, des treffli⸗ 144 chen Rochlitz.„Da ſchon, als ich Hoffmann ken⸗ nen lernre,“— ſagte er,—„ſeine brennend um⸗ herflackernde Phantaſie alles in ihr Gebiet rieß, Alles ſogar, was ihm ſelbſt ſo eben begegnet, oder von ihm gethan war; da ſich ihm mithin, gewiß ohne ſein Wiſſen und Wollen, Alles phantaſtiſch um⸗ und ausbildete; ſo war er wirklich, wenigſtens uͤber Momente, die eine an⸗ ziehende Schilderung, eine ſchlagende Anekdote, eine feine Bemerkung, ein ſtechendes Witzwort abgaben, zwar ſtets die friſcheſte, aber nicht ſtets die lauterſte Quelle, und irgend ein anderer, der es miterlebt, oder ſich gewoͤhnt hatte, bei Hoff⸗ manns eigenen Berichten— daß ich ſo ſage— die nackte Zeichnung in dem ausgefuͤhrten, hoch⸗ colorirten Gemaͤlde feſtzuhalten, kann wirklich eher dafuͤr gelten.— Das iſt Wahrheit der Beobach⸗ tung! Und wie der Menſch Hoffmann, ſo auch der Dichter. Mit unnachahmlicher Darſtellungs⸗ gabe konnte er das Ding ſchildern, das nicht iſt, wie kindliche Wilden die unſchuldige Luͤge nen⸗ nen, aber nicht, um mit dem Hoͤrer oder Leſer einen haͤmiſchen Spaß zu treiben, wie Herr W. glauben machen will, ſondern, weil er Alles eben anders ſah, wie Andere. Ein Beiſpiel von Tau⸗ ſenden moͤge dies erlaͤutern. Kurz, ehe er Klein Zaches ſchrieb, was zwiſchen dem Herausgeber und — 145 ihm, das Geſpraͤch auf das Chineſiſche gekommen. Hoffmann hatte nicht den mindeſten Begriff, we⸗ der von den Schriftzeichen, noch von dem Klange der Sprache, und der Freund forderte ihn darum auf, ihn einmal zu dem, in England und Deutſch⸗ land vielgekannten, wackern Gelehrten Antonio Montucci, mit welchem er in literariſchem Verkehr ſtand, zu begleiten. Der kleine, behende, uͤberaus bewegliche Italiener fuͤgte ſich willig in das Verlangen, die erſten Begriffe des Chineſi⸗ ſchen zu erlaͤutern, und ſtieg, dadurch veranlaßt, mit freundlicher Raſchheit, eine, in ſeinem Stu⸗ dierzimmer ſtehende Leiter mehrere Male auf und nieder, um Buͤcher, welche nahe an der Decke ſtan⸗ den, von dem Schranke herunterzuholen, demon⸗ ſtrirte daraus den Freunden vor, und ſchloß am Ende, weil Hoffmann das Chineſiſche Hauptſaͤch⸗ lich zu hoͤren wuͤnſchte, mit der Vorleſung eines chineſiſchen Gedichts, unter ſcharfer Betonung der Sylben ing, ang, ong, wie ſie in dieſer Sprache haͤufig vorkommen. Wer nicht eben ein Hoffmann, wuͤrde nun in dieſer Scene nichts Auſſerordentliches gefunden haben; auf ihn hatte ſie einen nicht zu beſchrei⸗ benden Eindruck gemacht. Kaum vor die Thuͤre gelangt, erzaͤhlte er ſeinem Begleiter, daß der kleine Mann auf der Buͤcherleiter ihm wie ein Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XVIII. B d, 5 a —,——— S F * A& 8N=S = — Ran 146. Herenmeiſter, die Schnelligkeit des Auf⸗ und Ab⸗ ſteigens wie eine uͤberirdiſche Bewegung, der Ton des Chineſiſchen, den er auf das poſſierlichſte nach⸗ ahmte, wie aus einer fremden Welt erſchienen waͤre, er konnte ſich nicht ſaͤttigen an den Nachge⸗ nuß des Auftritts, und gewiß(obgleich er ſich ge⸗ gen den Herausgeber nicht daruͤber ausgeſprochen), hat nichts anderes den Keim zu der Geſtalt des Prosper Alpanus, wie er im Klein Zaches mit ſeltener Behendigkeit die, vom Plafond herabrol⸗ lende Cederntreppe auf und ab huͤpft, und Folian⸗ ten herunterholt, in ſeine Seele gelegt. So ſah er Alles ganz auf ſeine Weiſe,„erſchaute es wirk⸗ lich mit eigenen Augen lebendig,“ wie er es in den Serapions⸗Bruͤdern von dem Erzaͤhler uner⸗ laͤßlich fordert, und konnte es eben darum auch wiedergeben, wie nicht leicht ein Anderer außer ihm. Haͤtte ihn ein anderer Cardinal von Eſte gefragt: Aber Meiſter Theodor, wo habt Ihr all' das tolle Zeug her?— wahrlich, er haͤtte nichts anders antworten koͤnnen, als: Ich habe es ſo ge⸗ ſehen, und mir iſt es gar nicht ſo toll vorge⸗ kommen. Welch' ein Unterſchied zwiſchen dieſem Dienſt in der Herrſchaft der Phantaſie und einer abſichtli⸗ chen Luͤgenhaftigkeit ſei, wie ſie der fruͤher erwaͤhnte Beurtheiler, Hoffmann zuſchreibt, leuchtet aber zu 147 ſehr ein, um einem Unbefangenen weitlaͤuftiger auseinandergeſetzt werden zu duͤrfen. Deſſen un⸗ geachtet iſt oben die ungemeine Lebendigkeit der Anſchauung, und die, dadurch bedingte Faͤhigkeit der eindringlichſten Darſtellung des rein Phanta⸗ ſtiſchen, eine Schranke von Hoffmanns produkti⸗ vem Talent genannt worden, und kein Grund, hier dieſen Ausſpruch zuruͤckzunehmen. Denn, weſſen Natur eben dahin neigt, das nicht Wirk⸗ liche als eriſtent zu ſehen, der verliert unvermerkt die Faͤhigkeit fuͤr die Auffaſſung des rein menſch⸗ lich Wahren; wer alſo Hoffmann als Dichter nicht der ſubjektiven(wie Herr W.) ſondern ber objek⸗ tiven Unwahrhaftigkeit beſchuldiget, der thut ihm nicht Unrecht. Denn, wo er nicht Charaktere mit dem geiſtigen Phpſionotrace abzeichnete, wie ſei⸗ nen Onkel, den Juſtitiarius, im Majorat, da ſpie⸗ len ſie in das Gebiet des Frazzenhaften hinuͤber, je nachdem ſich ihr Bild auf ſeiner Netzhaut ge⸗ ſpiegelt. Dabei dient zu ſeiner Entſchuldigung als Dichter, ſo wie zur Anklage gegen ihn als Menſchen, daß er eine große Zeit ſeines Lebens hindurch, aus Wahl, nur mit menſchlichen Zerr⸗ bildern in naͤhrere Beruͤhrung gekommen. Denn der unverfaͤlſchte Geſchmack des natuͤrlichen Men⸗ ſchen, um es ſo auszudruͤcken, zog ihn nicht an, wenn er nicht durch ein ſtarkes Gewuͤrz fuͤr ihn 148 genießbar gemacht wurde, und ſo hat er zwar nicht mit den heiligſten Intereſſen der Menſch⸗ heit Spott getrieben, wie nur Boͤswilligkeit aus ſeinen Schriften herauseregeſiren kann; aber ſie ſind dieſen, mehr als zu wuͤnſchen war, fremd ge⸗ blieben. Dazu kommt noch ein anderer Umſtand von der groͤßten Erheblichkeit, den beſonders unſere juͤn⸗ geren Roman⸗ und dramatiſche Dichter von aus⸗ gezeichneten Faͤhigkeiten nicht genug beherzigen koͤnnen. Hoffmann ſehlte— freilich nicht durch eigene Schuld, wie ſein Leben deutlich beweiſet— außer der tieferen Kenntniß des Menſchen, auch noch die wiſſenſchaftliche Bildung, in einem Maße, wie ſie der heutige Stand des Dichters erfordert⸗ in ſofern er eine andere, als eine phantaſtiſche Welt aufbauen will, zu welcher er freilich das Ruſtzeug allein in ſeinem Hirn traͤgt. Man hoͤre in dieſer Beziehung, bei weitem nicht hinlaͤnglich bekannte goldene Worte, die Jean Paul der Ein⸗ zige, in der Vorrede zur neuen Ausgabe der un⸗ ſichtbaren Loge ſpricht, und in denen auch Hoff⸗ mann ſein Urtheil findet. „Man wird vielleicht dem Verfaſſer es nachſe⸗ hen, daß er ſeinen erſten Roman zwei Jahre zu fruͤh geſchrieben, nehmlich ſchon in ſeinem acht und zwanzigſten; aber im Ganzen, geſteht er ſel⸗ 1 149 ber, ſollte man Romane nicht vor dem Jahre ſchreiben, wo der alte Deutſche ſeinen ſpielte, und ihn ſogleich in Geſchichte, durch Ehe, verwandelte, nehmlich im dreißigſten Jahre. An Richardſon, Rouſſeau, Goͤthe(nicht im lyriſchen Werther, ſon⸗ dern im romantiſchen Meiſter), an Fielding und vielen bewaͤhrt ſich der Satz.— Der Verfaſſer der unſichtbaren Loge hatte von Lichtenberg ſo ſtarke Bußpredigten gegen die Menſchenkunde der deut⸗ ſchen Romanſchreiber und Dichter geleſen, und gegen ihre ſo große Unwiſſenheit in Realien eben ſo wohl, als in Perſonalien, daß er zum Gluͤck den Muth nicht hatte, wenigſtens fruͤher als im acht und zwanzigſten Jahre das romantiſche Wag⸗ ſtuͤck zu uͤbernehmen. Er fuͤrchtete immer, ein Dichter muͤſſe ſo gut wie ein Maler und Bau⸗ meiſter etwas wiſſen, wenn auch wenig; ja er muͤſſe,(die Sache noch hoͤher getrieben), ſogar von Graͤnzwiſſenſchaften(und freilich umgraͤnzen alle Wiſſenſchaften die Poeſie) manches verſtehen, ſo wie der Maler von Anatomie, von Chemie, Goͤtterlehre und ſonſt.— Und in der That hat ſich Niemand ſo ſtark als Goͤthe— der unter allen bekannten Dichtern die meiſten Grundkenntniſſe in ſich verknuͤpft, von der Reichspraris und Rechts⸗ lehre an, durch alle Kunſtſtudien hindurch bis zur Berg⸗ und Pflanzen⸗ und jeder Naturwiſſenſchaſt . A u — EEEE—IE 1 L 1 150 hinauf,— als den feſten und zierlichen Pfeiler des Grundſatzes hingeſtellt, daß erſt ein Dichter, welcher Licht in der einen und andern Sache hat, ſich kann hoͤren laſſen, ſo daß ſich's hier verhielte mit den Dichtungen, wie mit den Pflanzen, welche bei aller Nahrung durch Waͤrme, Feuchte und Luft, doch nur Fruͤchte ohne Geſchmack und Brenn⸗ ſtoff bringen, wenn ihnen das Sonnenlicht gebrach. Gluͤcklicherweiſe hat ſich freilich ſeitdem— ſeit dem eingegangenen Predigtamte Lichtenbergs und anderer Proſaiſten— ſehr vieles und zwar zum wahren Vortheile der Dichter geaͤndert. Menſchen⸗ ſtudien vorzuͤglich, werden Ihnen von den Kunſt⸗ verſtaͤndigen und Leihleſern voͤllig erlaſſen, weil man dafuͤr deſto mehr im Romantiſchen von ih⸗ nen erwartet und fordert. Daher ſind ſogenannte Charaktere, wie etwa die vorkoͤmmlichen bei Goͤthe, oder gar bei Shakespeare, ja wie nur bei Leſſing — gerade das, wodnrch ſich die neueren Roman⸗ und Drama⸗Dichter am wenigſten charakteriſiren, ſondern es iſt ihnen genug— ſobald nur ſonſt gehoͤrige Romantik da iſt— wenn die Charaktere blos ſo halb und halb etwa, etwas vorſtellen, im Ganzen aber nichts bedeuten. Ihre Charaktere oder Menſchenabbilder ſind gute Kanditor⸗ oder Zuckergebilde, und fallen, wie alle Kandis⸗ und Marzipanmaͤnner, ſehr unaͤhnlich, ja unfoͤrmlich, 1“ 151 aber deſte ſuͤßer aus, und zerlaufen mild auf der Zunge. Ihre gezeichneten Koͤpfe ſind gleichſam die Pa⸗ pierzeichen dieſer hoͤheren Papiermuͤller und be⸗ duͤrfen keiner größeren Aehnlichkeit mit den Ur⸗ bildern, als die Koͤpfe der Koͤnige von Preußen und Sachſen auf dem preußiſchen und ſaͤchſiſchen Conceptpapier, die, und deren Unaͤhnlichkeit, man erſt ſieht, wenn man einen Bogen gegen das Licht haͤlt. Da nun gerade neue Charaktere ſo ſchwer, und ihrer nur ſo wenige zu erſchaffen ſind, wenn man ſich nicht zu einem Shakespeare ſtei⸗ gern kann, hingegen neue Geſchichten ſo leicht zu geben, zu deren Zuſammenſetzung ſchon vorgeſchrie⸗ bene Endreime, der Willkuͤhr die organiſchen Kuͤ⸗ gelchen oder den Froſchlaich darbieten: ſo wird durch ſtehende Wolkengeſtalten von Charakteren, welche unter dem Anſchauen fluͤſſig aus⸗ und ein⸗ wachſen, und ſich ſelber eine Elle zuſetzen und ab⸗ ſchneiden, dem Dichter unglaubliche Muͤhe und Zeit, die er fruchtbarer an Begebenheiten ver⸗ wendet, am Schaffen erſpart, und er kann jede Meſſe mit ſeinem friſchen Reichthum neuer Ge⸗ ſchichten und alter Charaktere auftreten; er iſt der Koch Andhrimmer(in der nordiſchen Mytho⸗ logie), und hat den Keſſel Eldhrimmer, und kocht das Schwein Saͤhrimmer, das jeden Abend wie⸗ der lebendig wird, und bewirthet damit die Hel⸗ den in Walhalla jeden Tag. Dieſer romantiſche Geiſt hat nun in Romanen und Trauerſpielen eine Hoͤhe und Vollkommenheit erreicht, uͤber welche hinaus er, ohne Selbſtver⸗ fluͤchtigung ſchwerlich zu gehen vermag, und welche man in der ganz gemeinen Sprache, unbedenklich ſchon Tollheit oder Wahnwitz nennen kann, wenn auch nicht in der Kunſtſprache. Dieſer romantiſche Kunſtwahnwitz ſchraͤnkt ſich gluͤcklicher Weiſe nicht auf das Weinen ein, ſon⸗ dern erſtreckt ſich auch auf das Lachen, was man Humor oder auch Laune nennt. Ich will hier der Vorreden⸗Kuͤrze wegen mich blos auf den kraft⸗ vollen Hoffmann berufen, deſſen Callotiſche Phan⸗ taſien ich fruͤher in einer beſondern Vorrede ſchon empfohlen und geprieſen, als er bei weitem we⸗ niger hoch, und mir viel naͤher ſtand. Neuerer Zeit nun weiß er allerdings die humoriſtiſchen Charaktere— zumal in der zerruͤttenden Nach⸗ barſchaft ſeiner Morgen⸗, Mittag⸗, Abend⸗ und Nachtgeſpenſter, welche kein reines Taglicht und keinen feſten Erdboden mehr geſtatten— zu einer romantiſchen Hoͤhe hinauf zu treiben, daß der Humor wirklich den aͤchten Wahnwitz erreicht! was einem Ariſtophanes und Rabelais und Sha⸗ kespeare nie gelingen wollen. Auch der heitere — 153 Tiek that in fruͤheren Werken nach dieſen humo⸗ riſtiſchen Tollbeeren einige gluͤckliche Spruͤnge, ließ aber als Fuchs ſie ſpaͤter haͤngen, und hielt ſich an die Weinleſe der Bacchusbeeren der Luſt. Dieſes Wenige reiche hin, um zu zeigen, wie willig und freudig der Verfaſſer den hohen Stand⸗ und Schwebepunkt der jetzigen Literatur anerkenne. Unſtreitig iſt jetzt die Bella donna(wie man die Tollkirſchenennt) unſerer Muſe Prima donna und Madonna und wir leben im poetiſchen Tollkirſchen⸗ feſt. Deſto erfreulicher iſt es, daß auch die Leſe⸗ welt dieſe poetiſche Hinaufſtimmung auf eine freundliche Weiſe beguͤnſtigt durch ihre Theilnahme, und daß ſie wie das Morgenland, Verruͤckte als Heilige ehrt, und was ſie ſagen, für eingegeben haͤlt. Ueberhaupt eine ſchoͤne Lorbeer⸗ und Kirſch⸗ lorbeerzeit!“—— So weit Jean Paul. Einen Beurtheiler, dem es um die Sache Ernſt iſt, hat Hoffmann gefunden in dem Verfaſſer des Aufſatzes: Ueber E. T. W. Hoffmanns Schriften, im XIX. Stuͤcke des Hermes. Wenn gleich der Herausgeber mit ſeinem Reſultate:„Wir ſehen in den Schriften Hoffmanns eine lebhafte Einbil⸗ dungskraft, die aber, ohne wahres Dichtergenie(?) ſich nur in dem Bunten, Grellen, der Erſcheinung herumtreibt, und darum ohne gehoͤrige Sichtung, 154 Alles was eine ſeltſame Außenſeite hat, aufgreift, wenn ihm auch der erforderliche Gehalt fehlt nicht einverſtanden ſeyn kann, ſo zeugen doch Stellen, wie:„Hoffmann hat durchaus nicht ge⸗ wollt, oder nicht vermocht, irgend einen Charak⸗ ter geradezu oder in der Parodie, zu zeichnen, ſon⸗ dern die Menſchen, in ſeinen Landſchaften des Wunderbaren, Wunderlichen und Seltſamen, nur als Staffage gebraucht;“ oder:„Hoffmann ge⸗ hoͤrte zu den Schriftſtellern, die weniger ein Ta⸗ lent an den Tag gelegt, Geſtalten und Charaktere, die wahrhaft dieſen Namen verdienen, aufzufaſſen und wiederzugeben, als Umſtaͤnde zuſammen zu reihen, und dieſe oder jene Idee dadurch zu be⸗ waͤhren;“ davon, daß die Anſichten des Rec. und die ſeinigen in der Hauptſache zuſammentreffen. Auch die neueſte Auflage des Converſations⸗ Lexikons enthaͤlt einen ſchaͤtzbaren Aufſatz uͤber unſern Dichter. Wenn der Verfaſſer deſſelben ſagt:„Hoffmann trachtete in ſpaͤterer Zeit uͤberall mehr darnach, ſich, als die Welt auſſer ihm dar⸗ zuſtellen, ſein leichtes Dichten iſt Selbſtgenuß, Schwelgerei des geiſtigen Egoismus; daher dringt er ſelten zur reinen Objectivitaͤt durch, u. ſ. w.;« ſo liegt, nach dem oben Bemerkten, darin viel Wahres; wenn er aber ſchließt:„Sein Leben duͤrfte im Grunde wohl poetiſcher geweſen ſeyn, als ſeine Werke uns vorkommen;“ ſo kann, in 155 fern dieß Urtheil richtig befunden werden ſollte, der Zeichner jenes Lebens nur wüuͤnſchen, das Bild nicht verpfuſcht zu haben. ℳ Wie ſeit Kurzem Hoffmann in England— durch Walter Scotts Recenſion des gegenwaͤrtigen Werks— und in Frankreich— durch die Ueberſetzungen von Loeve⸗Weimers— eingefuͤhrt und mit Enthuſiasmus aufgenommen worden, iſt bekannt und ſcheint es hieruͤber keiner weitern Erwaͤhnung zu beduͤrfen.