A u s Mottmann's Leben „ und Nachlass. —— Herausgegeben von dem Verfaſſer des Lebens⸗Abriſſes Friedrich Ludwig Zacharias Werners. ———y——— Neue vermehrte und verbeſſerte Ausgabe. ———— Fünktes Bändcehen. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 18314. ——y——————— 2 4 Beilagen z um zehnten Abſchnitt. N. 1. Ein, im Namen des Kammer⸗Gerichts zu Berlin, von Hoffmann entworfenes Gutachten in der Unterſuchungs⸗Sache wider den Kauf⸗ mann S., wegen verſuchter Vergiftung ſeiner Ehegattin. Wilhelm S..., Sohn des in B.. verſtorbenen Juſtiz⸗ und Polizei⸗Bürgermeiſters S..., 37 Jahr alt, katholiſcher Religion, erlernte die Handlung, heirathete vor eilf Jahren in D... die Agathe H.., welche jetzt 39 Jahr alt iſt, und etablirte dort einen Kramladen. Er wurde indeſſen in der Folge genöthigt, ſich mit ſeinen Gläubigern außer⸗ gerichtlich zu ſetzen, und die mit einem Billard ver⸗ 1 aà* 6 bundene Handlung dem Kaufmann P... zu über⸗ laſſen, deſſen Gehülfe er wurde. So geſchah es, daß P... mit den S.. ſchen Eheleuten in einem Hauſe zuſammen lebte, und gewöhnlich Nachmittags mit ihnen Kaffe trank, zu welchem Zweck er denn auch am 12ten December v. J. Nachmittags halb vier Uhr in ihre Wohnſtube kam. Er fand den Kaffetiſch bereitet, die S... ſchenkte ein, und der S.. ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, in nachden⸗ kender Stellung am Fenſter. P...., nachdem er zwei Taſſen Kaffe getrunken, ging in die Billard⸗ ſtube, um ſeine Tabackspfeife zu holen, und die S.. begab ſich nach der Küche, um Waſſer zum Aufgießen zu beſorgen. Als P.. zurückkam, war die S.. auch wieder da und trank eben aus der Untertaſſe Kaffee. Bei dem zweiten Schluck, den ſie nehmen wollte, klagte ſie aber, daß der Kaffe ihr den Mund zuſammenziehe, und ſpuckte ihn mit ängſt⸗ lichen Gebehrden wieder aus. Sie empfand Uebel⸗ keiten, ſo wie Schmerzen in der Bruſt, und trank, Verdacht ſchöpfend, daß ſie etwas Schädliches ge⸗ noſſen, Milch, um die Wirkung zu hindern. Bruſt⸗ ſchmerzen und Krämpfe fanden ſich noch den fol⸗ genden Tag ein, ließen aber bald nach, ſo daß ſie ſich den vierten Tag, ohne weitere ärztliche Hülfe, völlig wohl befand.— In dem Augenblicke, als die S... den genoſſenen Kaffe wegſpie, ſprang der S... auf, nahm ihr mit den Worten:„Liebes Kind, was haſt du vor, in dem Kaffee iſt nichts,“ die Untertaſſe aus der Hand, rührte den Kaffe um, und goß ihn in den Spucknapf aus. Er verſicherte, daß er aus Verſehen Tabacksaſche in die Taſſe ge⸗ ſchüttet habe, P... und die S.. bemerkten indeſ⸗ ſen etwas ſchwärzliches auf dem Boden der Unter⸗ taſſe; P... nahm ſie daher fort und verſchloß ſie in ſeinen Pult. Später, und zwar am dritten Ta⸗ ge, fand es ſich unter Umſtänden, die weiter unten näher erörtert werden ſollen, daß der S... Grün⸗ ſpan beſeſſen und fortzubringen geſucht hatte; eben auch für Grünſpan erkannte der Apotheker H... die Materie, womit die Untertaſſe beſchmiert war, und dies veranlaßte den P.., jenen Vorgang dem Polizei⸗Magiſtrate anzuzeigen, zugleich auch die aufbewahrte Taſſe, ſo wie den aufgefundenen Grün⸗ ſpan, einzureichen. Das Stadtgericht in D... leitete dann die förmliche Unterſuchung ein, welche von dem Criminalgericht in M.. fortgeführt und beendigt wurde. Gegen die Form der Unterſuchung läßt ſich Man⸗ ches erinnern. Das dem Angeſchuldigten zur Laſt gelegte Vergehen, und ſeine Strafbarkeit mußte nach §. 865. Theil 2. Titel 20. des allg. Land⸗Rechts beurtheilt werden, es war daher von zehnjähriger bis lebenswieriger Feſtungs⸗ oder Zuchthausſtrafe die Rede; demunerachtet iſt kein artikulirtes Ver⸗ hör abgehalten, das hier, wie es ſich zeigen wird, 8 8 bei den vagen Ausflüchten des Angeſchuldigten, be⸗ ſonders nöthig geweſen wäre;— Criminalordnung §. 425. 427.— und eben ſo wenig iſt die Verzicht⸗ jeiſtung auf die Zuordnung eines Vertheidigers in der Form, wie ſie der§. 456. der Criminalordnung vorſchreibt, geſchehen. Der Criminal⸗Senat des O. L. G. von W...n hat wider den Angeſchuldigten auf ſechsjährigen Feſtungsarreſt erkannt, nach unſerer ſpäter zu ent⸗ wickelnden Anſicht der Sache würde wider den An⸗ geſchuldigten auf die ordentliche Strafe des Ver⸗ prechens zu erkennen, mithin jene Entſagung der Vertheidigung gar nicht zuläſſig geweſen ſeyn; wir würden indeſſen, da übrigens der Angeſchuldigte auf alle Momente, die zur Sprache kamen, gehoͤ⸗ rig aufmerkſam gemacht worden iſt, doch die Sache durch Nachholung des zu berichtigenden Defenſions⸗ punktes nicht laͤnger aufhalten. Es kommt zuvörderſt darauf an, in wie fern in dem Kaffe, den die S... am 12ten Dexember v. J. in Gegenwart des Angeſchuldigten und des P.. trank, wirklich eine der Geſundheit und dem Leben gefährliche Subſtanz enthalten war. Beide, der Kaufmann P... unerachtet er An⸗ geber, die S.. nnerachtet ſie die Gattin des An⸗ geſchuldigten iſt, ſind, nach dem Verhältniß, worin ſle ſich mit dem Angeſchuldigten, Rückſichts der ihm angeſchuldigten That, befinden, als völlig glaubwür⸗ dig zu betrachten„welches bei der ſchwer beleidig⸗ ten Ehefrau um ſo weniger Zweifel leidet, da die Akten deutliche Spuren enthalten, daß es dem Manne, nach ſeiner Verbaftung gelungen iſt, ihr Mitleid rege zu machen. Auf ihrer Ausſage beruht der oben erzählte Hergang der Sache, P... über⸗ lieferte die Taſſe, woraus die S... getrunken hatte, dem Magiſtrat, der Magiſtrat dem Stadt⸗ gerichte, dieſes dem Criminalgerichte zu M...; jedesmal geſchah die Ueberlieferung wohl verſiegelt, der Angeſchuldigte hat ſelbſt die Taſſe vor dem Cri⸗ minalgericht für dieſelbe anerkannt, die ihm in D... vorgezeigt worden, und hiernach iſt es nicht zu be⸗ zweifeln, daß die Taſſe, woraus die S.. den Kaffe genoſſen, dieſelbe iſt, welche von dem Inqui⸗ renten wohlverſiegelt dem Doctor R... und dem Apotheker S... zur chemiſchen Prüfung überlie⸗ fert wurde. Der Grünſpan iſt als gewöhnliche Mahlerfarbe, ſchon nach dem äußern Anſehen, auch vielen in der Chemie ganz Unerfahrenen bekannt; um ſo weniger konnte daher der Apotheker H... in D... ſich täuſchen, der nach der Anzeige des P... das, womit die Taſſe beſchmiert war, ſo⸗ gleich für Grünſpan erkannte. Bei der ſorgfälti⸗ gen chemiſchen Unterſuchung ergab ſich denn auch mit entſcheidender Gewißheit der Kupfergehalt der grünlichen, noch an der Untertaſſe klebenden Ma⸗ terie, welche, nach der Verſicherung der oben ge⸗ 10 nannten Sachverſtändigen, Grünſpan, mithin ein ätzendes mineraliſches Gift war, auf deſſen Genuß, auch nur in geringer Quantität, häufiges Erbre⸗ chen, heftiger Leibſchmerz, Entzündung des Magens und des Darmkanals, und endlich der Brand und der Tod erfolgt. Mit dieſem Urtheil über den Cha⸗ rakter und die Wirkung des Grünſpans ſtimmt auch Metzgger überein, der die Kupferkalche, wozu der Grünſpan gehört, zur erſten Klaſſe der ätzenden oder freſſenden Gifte(venena acria, inflammato- ria, corrosiva) zählt, die im erſten Grade genoſ⸗ ſen, den Vergifteten in 6 bis 24 Stunden, unter den heftigſten Symptomen, im 2ten Grade unter min⸗ der heftigen Symptomen, in 5 bis 9 Tagen tödten; aber im dritten Grade auch ſchon Kolik und Ner⸗ venzufälle verurſachen, deren Heilung jedoch mög⸗ lich, wiewohl meiſtens vergeblich iſt, indem wenig⸗ ſtens außer der Schwäche leicht Hautausſchläge und andere Hautübel zurückbleiben. Metzger Syſtem der gerichtlichen Arzneiwiſ⸗ ſenſchaft Abſchnitt II. Cap. VII.§. 215 u. f. Die S.. hat nach dem eben erzählten Verlauf der Sache nur äußerſt wenig von dem Gift genoſ⸗ ſen, da ſie nur einen Schluck Kaffee nahm, den zweiten wegſpie und noch Kaffee in der Taſſe blieb, welchen Angeſchuldigter umrührte, und in den Spuck⸗ napf ausgoß. Nur der geringen Maſſe des Giftes, die die S.. verſchluckte, ſo wie auch wohl dem ſchnellen Genuſſe der Milch iſt es zuzuſchreiben, daß 11 die S... nur an vorübergehenden Leibſchmerzen, Uebelkeiten und Krämpfen, eben den Folgen, wie die Sachverſtändigen und mit ihnen Metger ſie feſtſtellen, litt, und nach vier Tagen vollkommen geneſen war. Als völlig feſtgeſtellt iſt daher an⸗ zunehmen: daß in der mit Kaffee angefüllten Untertaſſe, aus der am 12ten December v. J. die S... trank, ſich Grünſpan, mithin ein ätzendes Gift erſter Klaſſe befand, welches der S... aber nur eine vorübergehende Kränklichkeit 3 verurſachte. In dem Gefäß, woraus der Kaffee in die Taſſen gegoſſen wurde, konnte nichts Schädliches enthalten ſeyn, denn P.. hatte ſchon Kaffee getrunken, ohne üble Folgen zu ſpüren; eben ſo wenig war in dem Gefäß, worin das Waſſer zum Aufbrühen des Kaf⸗ fees gekocht wurde, etwas Schädliches; denn ehe die S.. hinausgieng, hatte ſie ſich ſchon die Taſſe eingeſchenkt, und zwar ſo, daß ſich in der Unter⸗ und Obertaſſe Kaffe befand. Die Obertaſſe trank ſie nachher aus, ohne etwas Widriges zu ſpüren, nur der Kaffe in der Untertaſſe, den ſie für ſich eingeſchenkt hatte, zog ihr den Mund zuſammen und erregte ihr Leibſchmerzen und Uebelkeiten; in der Untertaſſe war alſo allein das Gift beſindlich. Daß ſchon vorher, ehe ſie ſich den Kaffee ein⸗ ſchenkte, in dieſer Untertaſſe Grünſpan befindlich 12 geweſen ſeyn ſollte, iſt unmöglich, da die S.. bei der auffallenden Farbe des Grünſpans, es be⸗ merkt haben müßte, und Grünſpan mit andern un⸗ ſchädlichen Dingen, die man wohl in den Kaffee thut,(wie z. B. weißer Arſenik mit geſtoßenem Zucker) nicht verwechſelt werden kann. Hieraus folgt: 4 daß in der Zwiſchenzeit, als P... und die S.. das Zimmer verlaſſen hatten, der An⸗ geſchuldigte aber allein zurückblieb, der Grün⸗ ſpan in die Taſſe der S.. gekommen ſeyn muß. Es iſt nicht zu läugnen, daß ſchon nach dem, was über die That und die Zeit, in der ſie verübt worden, feſtſteht, der Angeſchuldigte verdächtig wird. Er hat ſich ſo ſchwankend ausgelaſſen, daß es jetzt, wo es darauf ankommt, die Beziehung des Thä⸗ ters zur feſtſtehenden That zu beſtimmen, zweckmä⸗ ßig iſt, den Inhalt ſeiner Vernehmungen wörtlich einzurücken. 3 Als er zuerſt durch den Stadtrichter P..., mit Zuziehung zweier vereideter Schöppen vernommen werden ſollte, fing er heftig zu weinen an, und äußerte eine innige Reue über ſeine That, und die Beleidigung gegen ſeine Frau. Nachdem er über ſein eheliches Verhältniß überhaupt geſprochen, ſagte er: 4 3 „was nun die letzte, von mir gegen meine Frau verübte Handlung anbetrifft, ſo muß ich bei aller ſorgfältigen Prüfung, die ich deshalb angeſtellt, ge⸗ wiſſenhaft verſichern, daß ich nicht zu erklären weiß⸗ wie ich dazu gekommen, warum ich es that, und wie ich gerade das Mittel wahlte. Ich war eben auf dem Billard geweſen, und hatte ein Glas Rum getrunken, welches mir nicht diente. Ich ging da⸗ her herunter in mein Vorſtübchen, und wollte et⸗ was ſchlafen, ich konnte es aber nicht, und weiß meinen Zuſtand nicht anders, als den eines Be⸗ rauſchten, zu erklären. Erſt den andern Tag erin⸗ nerte ich mich lehhaft deſſen, was ich gethan, doch wußte ich nicht, daß P... die Taſſe verwahrt, und was ich eigentlich gemacht hatte. An dem Tage, wo die Vermiſchung des Grünſpans mit dem Kaffee geſchah', hatte ich 3 oder 4 Gläſer Rum ge⸗ trunken, und da ich nicht viel vertragen kann, ſo hatten mich dieſe berauſcht, ſo daß ich, wie ſchon geſagt, nicht im Stande bin, über die Umſtände, die vor, bei und nach der Vermiſchung des Grün⸗ ſpans mit dem Kaffee geſchehen, eine zuſammenhän⸗ gende Erzählung zu machen; ich weiß nicht, wie ich den Grünſpan vermiſchte, ob geſtoßen oder ganz; kurz, ich weiß gar nicht, wie ich dazu gekommen. — Ich kann mich, wie ich bereits geſagt, nicht auf die Art und Weiſe erinnern, wie ich die Vermi⸗ ſchung des Grünſpans mit dem Kaffee gemacht; daß es geſchehen iſt, iſt wohl klar, aber ſonſt weiß ich auch darüber gar nichts zu ſagen.— Ob meine dh 14 Frau mir Vorwürfe gemacht, daß ich ſie habe ver⸗ giften wollen, erinnere ich mich nicht; nur ſoviel ſtand mir den Tag darauf lebendig vor Augen, daß ich die That begangen hatte. Nie iſt mir gegen ſie ein böſer Gedanke in den Sinn gekommen, und ich kann es nicht begreifen, und es blos dem trunkenen Zuſtande, in dem ich an dem Tage war, beimeſ⸗ ſen, mich einer Handlung ſchuldig gemacht zu ha⸗ ben, die ich bei vollem Bewußtſein auch nicht zu denken gewagt habe. Dieſem Zuſtande muß ich, einzig und allein, den ganzen Vorgang beimeſſen, und einzig iſt dies meine Entſchuldigung.“— Bei ſeiner Vernehmung in M... ſagte der Angeſchul⸗ digte, nachdem er Anfangs verſichert hatte, ſeiner frühern Auslaſſung nichts hinzufügen zu können noch beſonders: „ich betheu're, daß ich noch niemals vorher dar⸗ an gedacht hatte, daß ich meiner Ehefrau Grün⸗ ſpan oder ſonſt was Schädliches beibringen wollte. Am 12ten d. M., wo dieſes geſchehen iſt, bin ich im berauſchten, meiner Sinne gar nicht mächtigen Zuſtande geweſen. Ich hatte vier Gläſer Rum kurz hintereinander getrunken, der Marqueur wird dies bezeugen, ich bin aber nur ſchwächlich, kann nicht viel vertragen, und erlitt einen Rauſch. Kurz ich war in einem Zuſtande, von welchem ich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben weiß. Ich weiß mich nur durch nachheriges anhaltendes Nachdenken zu ent⸗ ſinnen, daß ich in jenem Zuſtande mit meiner Frau und dem P..., Nachmittag in der Stube ſaß und Kaffe trank. Alles Uebrige, was dort vorgegangen iſt(der Angeſchuldigte wiederholt den erzaͤhlten Hergang der Sache), weiß ich durchaus nicht aus eigener Kenntniß, nicht aus eigener Erinnerung, ſondern nur lediglich daher, daß meine Ehefrau und der P... alles dieſes, als geſchehen, mir am folgenden Tage vorhielten.“ Nachdem Ange⸗ ſchuldigter die Umſtaͤnde, Ruͤckſichts des noch im Kramladen aufbewahrren Gruͤnſpans, deren weiter unten noch gedacht werden ſoll, erwaͤhnt hat, ſagt er:„ich hatte den Gruͤnſpan aber manchmal, wenn ich etwas ſuchte, wieder zu Geſicht bekom⸗ men. In jener ungluͤcklichen Geiſtesabweſenheit muß mir dieß in die Gedanken gekommen ſeyn, und ich ihn aus dem Kram geholt haben.“— Auch in der folgenden und in der letzten Vernehmung blieb der Angeſchuldigte bei dieſen Angaben, ungeach⸗ tet aller Vorhaltungen des Richters, uͤber ihre unwahrſcheinlichkeit, ſtehen, ſie konzentriren ſich in der Behauptung: ich kann weder zugeſtehen, noch ablaͤugnen, daß ich, in boͤſer Abſicht, Gruͤnſpan in den Kaffee meiner Frau geſchuͤttet habe, weil ich mich zu der Zeit, als meine Frau und der P... Kaffee tranken, in einer durch Trunk veranlaßten Bewußtloſigkeit befand, und kei⸗ ner Wahrnehmung eigener oder fremder Hand⸗ lungen fähig war. Den ganzen Vorgang habe ich erſt nachher, durch meine Frau und den P.., erfahren. Liegt daher auch in den Worten des Angeſchul⸗ digten, vorzüglich bei ſeiner erſten Vernehmung, al⸗ lerdings ein Geſtändniß der That, ſo fügt er doch dieſem Geſtändniß eine Beſtimmung hinzu, die die Eigenſchaft des Verbrechens ganz aufhebt, indem er während der Zeit, als es geſchah, ſich in völlig bewußtloſem Zuſtand, der jede Zurechnung irgend einer That ausſchließt, befunden haben will. Es kommt darauf an, was über jenen vorgeſchützten Zuſtand ausgemittelt worden iſt.— Eriminal⸗Ord⸗ nung§. 373.—— Daß der Angeſchuldigte wider ſeine Gewohnheit mehrere Gläſer Rum getrunken hat, iſt möglich, daß er aber davon bis zur Bewußtloßigkeit trunken geworden ſein ſollte, ganz unbedingt gelogen. Der Friederich S..„ als Marqueur bei dem P.. in Dienſten, ſo wie die G..„ebenfalls bei dem P... in Dienſten, befanden ſich an dem Tage der That mehrentheils im Billardzimmer, wo die ſpirituöſen Getränke aufbewahrt wurden. und beide haben, nach ihrer eidlichen Ausſage, nicht bemerkt, daß der Angeſchuldigte mehrere Gläſer Rum trank. Der Angeſchuldigte ſuchte dem zu be⸗ gegnen, indem er anführt, daß es ihm erlaubt ge⸗ weſen ſey, ſich ſelbſt Rum einzuſchenken, und, wie ſchon geſagt, wäre es allerdings möglich, daß er un⸗ bemerkt doch mehrere Gläſer ſchnell hinuntergeſtürzt haben könnte; aller phyſiſchen und pſychiſchen Er⸗ fahrung zuwieder iſt es aber, daß eine, bis zur gänz⸗ lichen Bewußtloſigkeit geſteigerte Trunkenheit unbe⸗ merkt bleiben ſollte. Sämmtliche Perſonen, die ſich an gedachtem Tage in ſeiner Nähe befanden, der S..„ die G.., die W... der P... die S..„ bekunden indeſſen einſtimmig⸗ daß ſie auch nicht im Mindeſten an dem Angeſchuldigten ir⸗ gend einen exaltirten Zuſtand wahrnahmen. Sein Betragen vor, bei und nach der That, als er ſei⸗ ner Frau die Taſſe aus der Hand nahm, den Kaffee weggoß, als er den Grünſpan aus dem Kram fort⸗ zuſchaffen ſuchte, wie es weiter unten näher erör⸗ tert werden ſoll, zeugt von vollkommener Beſonnen⸗ heit. Eine Viertelſtunde nach dem Vorfall ſpielte der Angeſchuldigte auch, wie der P... und die G.. bezeugen, eine Parthie Billard mit aller ihm eigenen Beurtheilungskraft, und war ganz ruhig und vergnügt. Alles dies widerlegt das Vorgeben des Angeſchul⸗ digten, Rückſichts der Trunkenheit, hinlänglich; der Zuſtand, in dem ſich der Angeſchuldigte zur Zeit des Kaffeetrinkens befunden haben will, würde, wie er ihn beſchreibt, auch mehr dem eines ſonnambulen Nachtwandlers gleichen, der Dinge unternimmt, die b Ueberlegung und Geſchicklichkeit im Handgriff erfor⸗ dern, und von denen er bei dem Erwachen doch nichts weiß, ſo daß ſelbſt Verbrechen, die er in jenem Zu-⸗ ſtande beging, ihm nicht zugerechnet werden können. (Kleins Gr. d. p. R.§. 153.) Aber auch dieſer Zu⸗ ſtand hat ſolche auffallende äußere Kennzeichen, in⸗ dem er Blick, Gang, Stellung und Sprache gänz⸗ lich ändert, daß er jedem, auch nicht Sachverſtän⸗ digen, Beobachter nicht entgehen kann, und ſo wür⸗ den P... und die S... ihn unbedenklich wahrge⸗ nommen haben. Behauptet der Angeſchuldigte, un⸗ erachtet es ihm nachgewieſen iſt, daß er vor und gleich nach der That völlig beſonnen war, dennoch, daß er von dem, was in dem Augenblick der Ver⸗ miſchung des Grünſpans mit dem Kaffee geſchah, nichts weiß, ſo ſtellt er dadurch die Thatſache auf: daß er in dem Augenblick, als ihn der P... und die S.. verlaſſen hatten, in einen Zu⸗ ſtand verfiel, der die Wahrnehmung eigener Handlungen aufhob, und daraus, als die ge⸗ nannten Perſonen wiederkehren, ſofort wieder erwachte. Das völlig Unglaubliche und Abgeſchmackte dieſer Behauptung fällt in die Augen und bedarf keiner Widerlegung. Iſt hiernach der von dem Inkulpaten behauptete Zuſtand als ein falſches Vorgeben dar⸗ gethan, ſo giebt es keinen Grund, warum der An⸗ geſchuldigte das, was während des Kaffeetrinkens, 19 und vorzüglich in dem Augenblick, als er ſich al⸗ lein im Zimmer befand, geſchah,(und ſogar eigene Handlungen) wahrzunehmen, nicht im Stande gewe⸗ ſen ſeyn ſollte, und warum er die ihm angeſchul⸗ digte That, nehmlich daß er es war, der den Grün⸗ ſpan in die Untertaſſe, die ſeine Frau für ſich einge⸗ ſchenkt hatte, ſchüttete, falls er ſich unſchuldig, oder vielmehr frei von jedem böſen Vorſatz wider ſeine Frau fühlt, nicht geradezu abzuläugnen vermag. Schon deshalb würde der Angeſchuldigte beinahe für über⸗ führt zu achten ſeyn; es ſind aber noch durch die Unterſuchung Umſtände ausgemittelt, die in ihrem Zuſammenhange mit der, dem Angeſchuldigten zur Laſt gelegten That, auf das Ueberzeugendſte wider ihn ſprechen.. 1) Bis zur völligen Gewißheit iſt dargethan, daß der Angeſchuldigte wirklich Grünſpan beſaß. Den andern Tag nach dem Vorfall ſah die W... als ſie den Deckel der im Hofe eingegrabenen Tonne abhob, um das Waſſer auszuſchöpfen, ein Tütchen oben aufſchwimmen, welches ſie mit dem eiſernen Haken der Peede herauslangte, und deſſen Inhalt ſie für Kraftmehl hielt. Der Angeſchuldigte, dem ſie es zeigte, nahm es ihr weg, und ging damit in den Stall. Auf Veranlaſſung des P..., ſuchte die W.. im Stalle nach, fand zuerſt ein keines Tüt⸗ chen, dann das Papier, welches ſie aus dem Waſſer gelangt hatte, und brachte beides dem P.. der es 20 dem Magiſtrat übergab, von dem es, gleich der Taſſe, dem Stadtgericht, von dieſem dem Eriminalgericht in M.. und dann den Sachverſtändigen, zur che⸗ miſchen Prüfung des Inhaltes, zugeſendet wurde, der ſich ganz unbezweifelt als Grünſpan darthat. Der Angeſchuldigte geſteht ausdrücklich ein, daß in einem untern Schubladen im Kram, noch aus der Zeit, als er die Handlung beſeſſen hatte, ungefähr zwei Loth Grünſpan lagen, die er dem P... bei der Uebernahme der Handlung nicht mit übergab, oder verkaufte, weil es, nach ſeinem Ausdruck, eine Klei⸗ nigkeit war. Rückſichts des von der W.. aufgefun⸗ denen, in drei Päckchen befindlichen Grünſpans, wo⸗ von eins, das augenſcheinlich im Waſſer gelegen hatte, mit der Handſchrift des Angeſchuldigten beſchrieben war, ſagt der Angeſchuldigte: dasjenige Papier mit meiner Handſchrift, iſt mit dem Grünſpan gleich am 12ten December nämlich an demſelben Tage des Vorfalls beim Kaffeetrinken, und gleich nach dieſem, von mir in die Waſſertonne auf dem Hofe geworfen worden. Ich weiß mich jedoch nicht mehr zu beſinnen, woſelbſt ich jenes oben erwähnte Pa⸗ pier mit Grünſpan damals, als ich es in die Tonne warf, gehabt, namentlich nicht, ob ich ſolches in meiner Taſche gehabt habe. Als nun aber am darauf folgenden Tage durch die Magd jenes Papier mit Grünſpan in der Waſſertonne gefunden wurde, und ich ihr ſolchen abgenom⸗ men hatte, da beſchloß ich, auch den übrigen, noch im Kram befindlichen Grünſpan, zugleich mit jenem aus der Tonne, fortzuſchaffen. Ich holte ihn aus dem Kram, und warf ihn zu⸗ ſammen in den Blindbrunnen, daher denn zwei Papierchen mit Grünſpan nicht im Waſſer gelegen haben. Die Identität des aufgefundenen, chemiſch geprüf⸗ ten, Grünſpans mit dem, den der Angeſchuldigte im Kram aufbewahrt hatte, iſt daher keinem Zwei⸗ fel unterworfen. 2) Ferner iſt das Verhältniß des Angeſchuldig⸗ ten mit ſeiner Frau in der Art ausgemittelt, daß ſich daraus das Motiv zum Verbrechen mit hoher Wahrſcheinlichkeit entnehmen läßt. Nach der Be⸗ hauptung des Angeſchuldigten, hat ſich ſeine Frau durch ein Wochenbette einen unheilbaren Krebsſcha⸗ den zugezogen, der Warnung der Aerzte unerachtet, Befriedigung verlangt, und dadurch iſt ein Wider⸗ wille gegen ſie in dem Angeſchuldigten angeregt worden. Darin ſtimmen beide, der Angeſchuldigte und ſeine Frau, überein, daß oftmals Zänkereien unter ihnen vorfielen, die in Thätlichkeiten ausar⸗ teten, weshalb auch die Frau, wenige Wochen vor der That, bei dem Stadtgericht auf Scheidung klagte. Der Grund jener Zänkereien lag hauptſächlich in der gegründeten Eiferſucht der Frau, die das ver⸗ 22 trauliche Verhältniß ihres Mannes mit der N... nicht dulden wollte. Dieſe N... iſt eine Frau von 34 Jahren, an den Bürger und Höker N... in D.. verheirathet, und Mutter mehrerer Kin⸗ der. Nach ihrer Verſicherung hat ſie der S... mit Liebesanträgen verfolgt, die ſie erſt ſtandhaft abwies; zuletzt gerieth ſie aber doch mit ihm in ein Verhältniß, das, nach ihrem eigenen Ausdruck, ver⸗ trauter war, als es ſich für eine verheirathete Frau paßt. Der Angeſchuldigte geſteht auch ſelbſt ein, daß er mit der N... in einem Liebesverkehr geſtan⸗ den hat, das bis zu einem gewiſſen Grade von Ver⸗ traulichkeit gediehen war; beide, der Angeſchuldigte und die N.. behaupten indeßen, daß nie etwas, wirklich ſtrafbares, unter ihnen vorgefallen ſey. Nach der Schilderung der N..., war die Neigung des Angeſchuldigten zu ihr bis zur höchſten Leiden⸗ ſchaft gediehen, und hierin ſtimmt ihr auch die ver⸗ wittwete K... bei, in deren Hauſe die N.. ſchen Eheleute wohnen, und in deren Zimmer die Frau mit dem Angeſchuldigten zuweilen zuſammen kam. So wie ſie— die K...— erzählt, hatte ſich der S... um die N... zuweilen wie närriſch, die ihn dann ermahnte, ſich vernünftig zu betragen, und ihren Umgang zu meiden. Immer wußte aber der S.. das Verhältniß wieder anzuknüpfen, und ſtellte ſich zuweilen, als wenn er abweſend im Geiſte ſey. Als die K... einſt mit der N... an der Weichſel 2³ ſpazieren ging, ſaß S.... auf dem ſteilen Ufer, mit den Füßen im Waſſer hängend, und weinte. Er ſchien Luſt zu haben, ſich zu erſäufen. Es hat ferner die N... zwei Briefe überreicht, die der Angeſchul⸗ digte geſtändlich an ſie ſchrieb, und die ſeine über⸗ ſpannte Leidenſchaft in hohem Grade darthun. Er erſcheint darin, trotz ſeiner Jahre, wie ein unreifer von romanhaften Ideen erhitzter, Jüngling. Im erſten Briefe nennt ſich der Angeſchuldigte„den von allem verlaſſenen, unglücklichſten Menſchen, weil die N.. ihn nicht gegrüßt habe, ihr Haß daher auf's neue ihn treffe.“ Er erklärt:„niemals von ihr laſſen zu können, unerachtet er leider ein Weib habe, an die er, Umſtände wegen, nicht halten könne.“ Im zweiten Briefe wird die N... mit dem vertrauli⸗ chen Du angeredet, und ihr verſichert,„daß Wil⸗ helm ihr ewig gut ſeyn, und an keine Trennung denken würde.“ Bei dieſer Tendenz des Angeſchul⸗ digten, ja ſelbſt bei der Wahrheit des Umſtandes, — die K... unterſtützt ihn,— daß der Angeſchul⸗ digte Rückſichts des letzten Genußes unbefriedigt blieb, und daß die N... ihn wiederholt, wegen ſeines Verhältniſſes als Mann einer Andern, zu⸗ rückwies, drängt ſich der Gedanke von ſelbſt auf, daß der Angeſchuldigte, von toller Leidenſchaft ge⸗ trieben, wohl den Entſchluß faſſen konnte, auf ver⸗ brecheriſche Art ſich von dem Bande loszumachen, 24 das ihn von dem, bis zum Wahnſinn geliebten Ge⸗ genſtande, zurückzog.— Sehr eingreifend iſt endlich 3) das Benehmen des Angeſchuldigten vorher und nachher, als ſeine Frau den vergifteten Kaffee ge⸗ noſſen hatte, welches durch die eidliche Ausſage der darüber vernommenen Zeugen ausgemittelt iſt. Als P.. hineintrat, ſaß der Angeſchuldigte am Fen⸗ ſter, den Kopf in die Hand geſtützt, in nachdenken⸗ der Stellung, mithin wie jemand, deſſen Inneres irgend ein Gedanke von Wichtigkeit erfüllt. Als die Frau über den Geſchmack des Kaffees und über Uebelkeiten klagte, ſprang er ſchnell auf, nahm ihr die Taſſe mit den Worten aus der Hand: „Liebes Kind, was haſt Du vor? im Kaffee iſt nichts.“ oder, wie der P... ſpäter ſagt: „Liebes Kind, wo wird Gift in dem Kaffee ſeyn!— es iſt Tabacksaſche, die, durch das Ausklopfen meiner Pfeife, in die Taſſe gefal⸗ len iſt,“ rührte den, in der Untertaſſe noch befindlichen Kaffee um. und goß ihn in den Spucknapf aus. Ein Tüt⸗ chen mit Grünſpan wirft er gleich darauf in die Waſſertonne. Dann iſt er ganz heiter, und ſpielt mit aller Beurtheilungskraft und Beſonnenheit eine Parthie Billard. Den andern Tag findet die W.. in der Waſſerkonne ein Tütchen mit Grünſpan, und 4 zeigt es dem Angeſchuldigten, der nimmt es ihr aber weg, ſprechend: „was ſuchſt du hervor; du weißt ja, die Frau iſt ſo empfindlich,“ und befiehlt ihr, die Schuͤrze, woran, bei'm Abwi⸗ ſchen der Hände, etwas Grünes kleben geblieben, abzunehmen und auszuſpülen. Als dies nicht gehen will, legt ſie die Schürze in den Gang, und findet ſie nicht wieder. Der Angeſchuldigte verbirgt nun allen, noch im Kram befindlichen Grünſpan im Stalle. Als die W... den Grünſpan im Stall aufgefun⸗ den und dem P... übergeben hat, droht ihr der Angeſchuldigte: „du Schinderkröte, was haſt du geredet, wenn du es noch einmal thuſt, ſo breche ich dir die Knochen im Leibe morſch entzwei.“ Ueberhaupt iſt er jetzt unruhig, auf alles auf⸗ merkſam; er will es nicht leiden, daß die Dienſt⸗ boten unter einander ſprechen; er geht im Zimmer umher, ſeufzt, ſtützt den Kopf in die Hand; er er⸗ greift endlich Abends eine Flinte, und geht damit fort, geſtändlich, um ſich zu erſchießen, kehrt aber wieder zurück. Als nach 10 Uhr der Stadtwacht⸗ meiſter kommt, um ihn zu bewachen, ruft er:„was habt ihr mit mir vor, was will der Mann da? ich weiß ja von nichts!— Den Tag darauf läßt er den P... rufen; er geſteht ſein Unrecht gegen ſeine Frau ein, er bittet, ihm Rettungsmittel an die A c 26 Hand zu geben, er liebkost ſeiner Frau, er verſichert bitterlich weinend, Treue und Aenderung ſeines Be⸗ tragens. Insbeſondere beſchwört er den P.., ihm die Taſſe zurückgeben, damit er ſie von dem darin befindlichen Gift ſäubern, und ſie dem P.. gerei⸗ nigt wieder zuſtellen koͤnne. Er ſagte: „erbarmet euch, und macht mich nicht unglück⸗ lich; ich kann es nicht läugnen, es gethan zu haben, es iſt nun einmal nicht zu ändern. Gebt mir die Taſſe heraus, daß ich ſie reinigen kann ihr könnt ja hernach ſagen, daß ihr euch ge⸗ irrt habt.“.. P..., an des Angeſchuldigten Verhältniß mit der N., denkend, ſagte: „ſeht da, wohin Euch der Umgang mit einem ſolchen Weibe, wie die N... iſt, geführt hat,“ und er entgegnete darauf: „ja, jetzt ſehe ich es ein! es iſt aber nicht mehr Zeit, dieſe Sache zu redreſſiren. Ja, das Weib iſt Schuld an Allem. Wenn ich nur diesmal gerettet werden könnte, würde ich gewiß nicht mehr mit ihr verkehren.“ Sowohl dem P.., als ſeiner Frau geſtand er die, gegen dieſe wenigſtens geläugnete That ein, als ſie zur Kenntniß der Obrigkeit gekommen war. Merkwürdig iſt auch der Brief, den er am 17teu December, um 8 Uhr dem Stadtrichter P... zu⸗ ſchickte, und in welchem es heißt: 8½ „die Gefühle meines Herzens halten mir ſtets die Greuelthat, zu der mich Abweſenheit mei⸗ ner ſelbſt, ich möchte beinahe ſagen, Wahnſinn verleitete, vor Augen, und martern mich auf das ſchrecklichſte ꝛdc. Den Vorſatz zu dem Ue⸗ bel, welches ich beging, gebar eine totale Zer⸗ rüttung meines Gehirns ꝛc.; ich war ſehr weit davon entfernt, in meinen geſunden Tagen ihr, — der Frau,— den Tod zu wünſchen, noch weniger, ihr das Leben zu nehmen ꝛc.; meine böſe That iſt vor den Augen der Richter und der Welt entdeckt ꝛc.“ Bei den Vernehmungen vor Gericht, ſagt Inkul⸗ pat ferner ſelbſt: 8 „alles, was bei dem Auffinden des Grünſpans geſchah, ſchwebt mir nicht ganz klar vor Au⸗ gen, da ich immer wie berauſcht, und meiner nicht bewußt war. Ich ſchreibe dieſen Zuſtand der Gewiſſensangſt zu ꝛc.; ich faßte am folgen⸗ den Tage, nämlich am 15ten December, den Entſchluß, mich zu erſchießen, weil ich über das was ich, nach der Erzählung meiner Frau und des P... gethan hatte, in großer Gewiſſens⸗ angſt war. Ich hatte aber kein Herz dazu, die That auszuführen ꝛc.“ Aus allem dieſem ergiebt ſich hinlänglich; daß der Angeſchuldigte mit Beſonnenheit erſt alles zu vertilgen ſuchte, was als Beweis des von ihm begangenen Verbrechens dienen konnte; daß er aber dann, als ihm dies nicht gelungen war, von Angſt und Furcht vor Strafe, ſicht⸗ lich gefoltert wurde. Um nun alles das, was wider den Angeſchuldig⸗ ten feſtſteht, zu einem Reſultat zuſammen zu faſſen, iſt es nöthig, alle, durch die Unterſuchung ausge⸗ mittelten Umſtände, in ſo fern ſie wieder eigene Re⸗ ſultate geben, zu wiederholen. Es ſteht demnach feſt: 1. Daß in dem Kaffee, den die S... am 12ten December v. J., aus der Untertaſſe, die ſie für ſich eingeſchenkt hatte, trank, Grünſpan befindlich war. 2. Die Vermiſchung des Grünſpans mit dem Kaffee geſchah in der Zeit, als der Augeſchuldigte ſich allein im Zimmer befand. 3. In den verſchiedenen Auslaſſungen des Ange⸗ ſchuldigten liegt das Geſtändniß der That; der Um⸗ ſtand, welcher die Kraft dieſes Geſtändniſſes aufhe⸗ ben ſoll, nehmlich der bewußtloſe Zuſtand des An⸗ geſchuldigten, der ihn verhindert, von eigenen Hand⸗ lungen aus eigener Wahrnehmung zu ſprechen, iſt als falſch widerlegt.(Crim. Ord.§. 373.) 4. Alle übrigen Umſtände ſtehen in genauer Ver⸗ bindung, mit der, dem Angeſchuldigten, angeſchul⸗ digten That, und zwar: a, beſaß der Angeſchuldigte eben ſolches Gift, wie es in der Untertaſſe befindlich war, p, iſt das Motiv zur That, bis zur höchſten Wahr⸗ ſcheinlichkeit, ausgemittelt, 8* e, characteriſirt das Benehmen des Angeſchuldig⸗ ten nach der That, ihn, als den von Gewiſſens⸗ biſſen und Furcht vor Strafe geängſteten Ver⸗ brecher. Hat der Angeſchuldigte wirklich Grünſpan in den Kaffee, von dem er vorausſetzen konnte, daß ihn ſeine Frau trinken würde, geſchüttet, ſo iſt ſeine böſe Abſicht um ſo mehr klar, als man den Sackh⸗ verſtändigen Recht geben muß, die noch die Ent⸗ wicklung des Kupferkalches in der Untertaſſe wahr⸗ nehmen, und daraus ſchließen, daß, da die S... ei⸗ nen Schluck genommen, und der Angeſchuldigte das Uebrige weggegoſſen hatte, überhaupt ſo viel Grün⸗ ſpan in der Taſſe geweſen ſeyn muß, daß die S... hätte ſie allen Kaffee genoſſen, geſtorben, oder wenigſtens in eine gefährliche Krankheit gefallen wäre. 3 Nach allem dieſem iſt, unſer's Ermeſſens: der Angeſchuldigte, der ihm angeſchuldigten That, für überführt zu achten, und der That⸗ beſtand des Verbrechens dahin als feſtſtehend wider ihn anzunehmen, daß er in böſer Abſicht ſeiner Ehegattin Gift beigebracht, dieſes Giſt aber nur eine vorübergehende heilbare Krankheit verurſacht hat, wodurch die Anwendung des§. 865. Theil 2. Ti⸗ e* ,“ 30 tel 20. des Allg. Landrechts unbedenklich wird, der das vom Angeſchuldigten begangene Verbrechen mit zehnjaͤhriger bis lebenswieriger Zuchthaus⸗ oder Feſtungsſtrafe ahndet. Die Krankheit der S... war unbedeutend, ſie wurde in kurzer Zeit ganz hergeſtellt, und dieß wuͤrde den niedrigſten Grad der in der angefuͤhrten Geſetzſtelle beſtimmten Strafe motiviren, wenn es nicht die Ehegattin des Angeſchuldigten waͤre, die er zu vergiften verſuchte, weßhalb ihn eine haͤrtere Strafe treffen muß. Wir ſind daher der rechtlichen Meinung: daß der Angeſchuldigte wegen verſuchter Ver⸗ giftung ſeiner Ehegattin, mit zwölfjaͤhrigem Feſtungs⸗Arreſt zu belegen, auch ſaͤmmtliche Koſten der Unterſuchung zu tragen ſchuldig. Nro. 2. Berlin, Taubenſtraße Nr. 31, den 10. Juli 1817. Geliebteſter Bruder! Dein Brief vom 21ſten Junius d. J. uüberraſchte mich auf ganz beſondere Art, weil ich Dich— fuͤr todt hielt, und Deinen Verluſt auf das innigſte betrauert hatte.— Das haͤngt naͤmlich ſo zuſam⸗ men. Im Anfang des vorigen Winters erſchien bei mir ein junger Menſch von etwa 17, 18 Jah⸗ ren, von ziemlichem Anſehen, halb militaͤriſch ge⸗ kleidet, welcher mich ſogleich pathetiſcher Weiſe an⸗ redete:„Ich bin Ihres Bruders Sohn!“(Ich bin Deines Vaters Geiſt!— wie im Hamlet.) Du kannſt es denken, daß ich ſogleich nach Dir frug, was Du machteſt, wo Du lebteſt, wie es Dir ginge, u. ſ. w. Darauf ſprach der junge Menſch mit ge⸗ ſenkter Stimme, indem er mit einem Taſchentuch ſich was weniges uͤber die Augen fuhr:„Mein ar⸗ mer Vater iſt geſtorben!«— Nun kannſt Du es Dir wieder denken, daß mich dieſe Nachricht um ſo mehr erſchuͤtterte, als ich mir Vorwuͤrfe machte, mich nicht mehr nach Deinem Aufenthalt erkun⸗ digt, und ſo wenigſtens noch einige Worte von Dir erhalten zu haben. Ich brach daher das Ge⸗ ſpraͤch kurz ab, indem ich es dem jungen Menſchen freiſtellte, mich ferner zu beſuchen. Dieß that er denn auch, indeſſen zu unbequemen Stunden, in denen er mich nicht ſprechen konnte. Endlich wandte er ſich ſchriftlich an mich, ſprach mich um Geld an, und legte, wie er ſagte, zu ſeiner Legitimation, ein Portrait von mir bei, auf eine Spielmarke ge⸗ malt, mit gruͤnen Haaren, und etwas dem Kaiſer Hadrian aͤhnlich, das ich aber, wie ich mich erin⸗ nere, ſelbſt vor langer Zeit verfertigt. Bedeutende unterſtuͤtzungen zu reichen, das laͤßt meine Lage durchaus nicht zu: indeſſen packte ich einige Thaler ein, und ſchrieb ihm zugleich, daß ich bereit waͤre, l ² 59 fuͤr ſein Unterkommen auf irgend eine Weiſe zu G ſorgen, nur muͤſſe er ſich uͤber ſein bisheriges Wohl⸗ verhalten durch glaubhafte Atteſte legitimiren.— Seit der Zeit hat er nichts mehr von ſich hoͤren laſſen. Er nannte ſich Ferdinand Hoffmann, und Du nirſt vielleicht am beſten den naͤheren wahren Zuſammenhang der Sache wiſſen, oder we⸗ nigſtens errathen koͤnnen. Es iſt wahr, liebſter Bruder! daß Jahre hindurch uns das Schickſal ganz auseinander geworfen hat, und es ſcheint auch, als wenn Dir meine Den⸗ kungsart ganz fremd geworden iſt, denn ſonſt wuͤr⸗ deſt Du nicht von dem Mantel des Hochmuths ſprechen, den ich mir umgehaͤngt haben ſoll, und der, wie ich wohl verſichern kann, nach meiner Art zu ſeyn, mir ein durchaus unbequemes ungewohn⸗ tes Kleidungsſtuͤck ſeyn wuͤrde, in dem ich mich nicht zu regen und zu bewegen wuͤßte. Ferner, liebſter Bruder! wuͤrdeſt Du irren, wenn Du glaubteſt, daß ich durch die Beerbung meiner Er⸗ zieher in irgend eine guͤnſtigere Lage, als ſie ſich gerade aus meinen Dienſtverhaͤltniſſen ergibt, ge⸗ kommen ſeyn ſollte. Vielleicht waͤre dieß der Fall geweſen, wenn nicht der ungluͤckſelige Krieg mich im Jahre 1806 dienſtlos gemacht haͤtte. Ich weiß nicht, ob es Dir bekannt iſt, daß ich ſeit dem Jahre 1807 mich im ſuͤdlichen Deutſchland, in Bamberg, als Theater⸗Muſik⸗Direktor nothduͤrftig naͤhrte; 33 daß ich dieſelbe Stelle ſpaͤter in Dresden hatte, auch hier alles Elend des Krieges uͤberſtehen mußte, und erſt im Jahr 1815 wieder eintreten konnte in das Kammergericht, wiewohl nach der Ancien⸗ netaͤt, die mir mein Rathspatent vom 2. Februar 1802 gab, welches denn nun wohl gar keine Ent⸗ ſchaͤdigung ſeyn kann. Das, bis zum Tode des ſehr wackern, uns wohl bekannten Juſtizraths, bis zur Unbedeutenheit geſchmolzene Vermoͤgen, das noch uͤberdies mancherlei Legate zerſplitterten, reichte gerade hin, mich hier anderthalb Jahre hindurch, die ich ohne Gehalt hinbringen mußte, zu er⸗ naͤhren, und mich dann haͤuslich einzurichten. Jetzt lebe ich in dem uͤbertheuern Berlin lediglich von meinem Gehalt und dem, was ich ſonſt etwa durch Schriftſtellerei verdiene.— Vielleicht iſt der lite⸗ rariſche Ruf des Verfaſſers der Fantaſieſtuͤcke in Callot's Manier, der Elixiere des Teufels, der Nachtſtuͤcke u. ſ. w., bis nach B., oder gar bis nach C. gedrungen, und es iſt vielleicht ſogar moͤglich, daß man wenigſtens in B. von dem Componiſten der Fouqué'ſchen Oper: Undine, die mit vorzuͤgli⸗ cher Pracht(Dekorationen und Coſtum koſteten ge⸗ gen 12,000 Rthl.) auf dem hieſigen Theater ſeit Jahresfriſt oft gegeben wurde, etwas weiß. Solch ein Verfaſſer und Componiſt hin ich nun ſelbſt, und Du ſiehſt, liebſter Bruder, daß ich trotz der finſtern und ſattſam langweiligen Juriſterei auch 34 meine kuͤnſtleriſchen Aulagen tuͤchtig zu kultiviren nicht unterlaſſe. Das Dichten iſt bekanntlich Fa⸗ milienſuͤnde vaͤterlicher Seits; aber in der Muſik haben, ſo viel ich weiß, unſere Altvordern nicht ſonderlich viel geleiſtet. So viel ich mich erinnere, ſpielte Papa Viola di Gamba, woruͤber ich ein⸗ mal, als drei⸗ oder vierjaͤhriger Knabe, in ein ent⸗ ſetzliches Weinen ausbrach, und nicht zu beſchwich⸗ tigen war, nisi durch einen ſchicklichen Pfefferku⸗ chen. Papa hatte aber keinen Takt, und boͤſe Ver⸗ laͤumdung behauptete, er habe einmal eine Me⸗ nuett nach einer Polonoiſe getanzt, die der ſchlaue Juſtizrath auf dem wohlbekannten rothlakirten Fluͤgel ſpielte, den wir, wenn Du Dich noch daran erinnerſt, in ſpaͤterer Zeit einmal mit dem hohen Buͤ⸗ cher⸗, Kleider⸗, Stiefel⸗ ꝛc. Schrank des Juſtizraths, den wir umſtülpten, beinahe eingeſchmiſſen haͤtten. (Hier endet der Brief, der nicht fortgeſetzt und abgeſandt worden zu ſeyn ſcheint.) Nro. 3. b Neueſte Schickſale eines abentheuerlichen Mannes. Mitgetheilt von E. T. A. Hoffmann. Vorwort. Nicht gar zu lange iſt es her, als in dem hie⸗ ſigen Gaſthofe, das Hôtel de Brandenbourg ge⸗ heißen, ein Fremder eingekehrt war, der, Ruͤckſichts ſeines Aeußern, ſeines ganzen Betragens, mit Recht ein wenig ſeltſam zu nennen.— Sehr klein, und dabei beinahe magerer als mager, die Knie merklich einwaͤrts gebogen, ging oder huͤpfte er vielmehr, mit einer kurioſen, man moͤchte ſagen un⸗ angenehmen Geſchwindigkeit durch die Straßen, und trug Kleider von auffallender Farbe wie Keiner; z. B. Lilas, Zeiſiggruͤn ꝛc., die aber, ſeiner Mager⸗ V keit unerachtet, ihm viel zu knapp zugeſchnitten wa⸗ ren, und dazu ſaß ihm ein kleines rundes Huͤtchen, b b mit einer blinkenden Stahlſchnalle, ganz ſchief nach dem linken Ohr zu auf der Friſur. Friſiren und pudern ließ ſich der Kleine naͤmlich jeden Tag auf das ſchoͤnſte, und einen amoͤnen Studentenzopf aus den Neunziger Jahren einbinden, von dem 36 Genre, das aufſtrebende Genies bezeichnet(man ſehe: Lichtenberg uͤber Studentenzoͤpfe und ꝛc.). Der Kleine war ferner ein ganz außerordentlicher Schmecker; er ließ ſich die leckerſten Schuͤſſeln be⸗ reiten, und aß und trank mit dem ungemeſſenſten Appetit. Hatte er ſich dann ſatt gegeſſen und ge⸗ trunken, ſo ging ihm der Mund wie eine Wind⸗ muͤhle, oder wie ein Feuerrad. In einem Athem ſchwatzte er von Naturphiloſophie, ſeltnen Affen, Theater, Magnetismus, neu erfundenen Hauben⸗ ſtoͤkken, Poeſie, Compreſſions⸗Maſchinen, Politik und tauſend andern Dingen, ſo daß man wohl bald merkte, wie er ein ſattſam gebildeter Mann ſeyn, und in literariſch⸗aͤſthetiſchen Thees hinlaͤng⸗ lich geglaͤnzt haben muͤſſe.— Ueberhaupt verſtand ſich der Fremde ganz ungemein auf das, was man feine Converſation nennt, und hatte er ein Glaͤs⸗ chen Muskat(ein Wein, den er allen übrigen vor⸗ zog) mehr getrunken als dienlich, ſo ließ er ein liebes herrliches Gemuͤth verſpuͤren, und auch er⸗ ſtaunlich viel deutſchen Sinn, wiewohl er verſicherte, ſich deßwegen etwas cachiren zu müſſen wegen China, wo er voriges Jahr ein Paar Stiefeln ſtehen laſ⸗ ſen, das er mit Artigkeit wieder zu erlangen hoffe. Wollte er auch ſonſt nicht recht mit der Sprache heraus, wes Glaubens, Namens und Standes er eigentlich ſey, ſo entſchluͤpfte ihm doch in ſolch' gemuͤthlicher Laune manch' bedeutſames Wort, das freilich nun wieder unaufloͤslichen Raͤthſeln anzu⸗ gehoͤren ſchien. Er gab naͤmlich zu verſtehen, daß er ſonſt als bedeutender Kuͤnſtler ſich reichlich ge⸗ naͤhrt, dann aber auf geheimnißvolle Weiſe zu einem ſehr hohen Stande gelangt, der jedem weit mehr gewaͤhre als das liebe taͤgliche Brod.— Da⸗ bei fuhr er mit beiden Armen auseinander, welche Pantomime, die beinahe anzuſehen, als wolle er Jemanden das Maß nehmen, er uͤberhaupt ſehr liebte und oͤfters wiederholte, und zeigte dann mit geheimnißvollem Laͤcheln in die Mohrenſtraße hinein, meinend, wenn man da ſo hinabginge, und ſo immer fort und fort, ſo wuͤrde man doch wohl endlich in den kleinen, von beiden Seiten mit Brombeerſtrauch eingefaßten Feldweg kommen, der gleich hinter Cochinchina, links ab, weiter auf die große Wieſe fuͤhre, uͤber die hinweg man in ein großes, ganz propres Reich gelange. Und er wiſſe wohl, wer dort zu ſeiner Zeit als ein be⸗ ruͤhmter Kaiſer geherrſcht und praͤchtige Goldſtuͤcke habe ſchlagen laſſen. Dabei klapperte der Fremde mit Goldſtuͤcken in der Taſche, und ſah ſo ganz beſonders pfiffig aus, daß man auf den Gedan⸗ ken gerathen mußte, jener Kaiſer hinter der großen Wieſe ſey am Ende niemand Anders geweſen als er, der kleine Fremde ſelbſt. Wahr iſt es, ſein Geſicht, das ſonſt gewoͤhnlich zuſammengeſchrumpft, wie ein naß gewordener Hoffmann's erzaͤhl. Shriften. XV. Bd. 2 a 38 Handſchuh, konnte ſich manchmal ausglaͤtten zu hellem Sonnenſchein, und er hatte dann den ge⸗ wiſſen gnaͤdigen Blick, mit dem hohe Herr⸗ ſchaften oͤfters ein ganzes Rudel armer Leute ſatt fuͤttern lange Zeit hindurch, und mit den Gold⸗ ſtuͤcken, die er in Huͤlle und Fuͤlle beſaß, hatte es auch eine ganz eigene Bewandtniß. Das Gepraͤge war naͤmlich von der Art, daß die Stuͤcke durch⸗ aus in keine Rubrik alles nur erdenklichen frem⸗ den Geldes zu bringen. Auf der einen Seite ſtand eine Inſchrift, die beinahe Chineſiſch ſchien. Auf der Kehrſeite befand ſich aber in dem, mit einer Turban aͤhnlichen Krone bedeckten Wappen⸗ ſchilde, ein kleiner, niedlicher gefluͤgelter Eſel.— Der Wirth des Hauſes wollte daher auch dieſe, gänzlich unbekannte Muͤnze nicht eher in Zahlung nehmen, bis auf Befragen der General⸗Muͤnz⸗ Wardein Loos ihm verſichert, wie das Gold be⸗ ſagter Stuͤcke ſo uͤberaus fein ſey, daß es ordent⸗ licher Uebermuth geweſen, daraus Geld zu praͤgen. Wollte man aber nun auch wirklich ahnen, daß der wunderliche Kleine ein, Inkognito reiſender aſiatiſcher Potentat, ſo ſtand damit wieder man⸗ ches in ſeinem Betragen in dem grellſten Wider⸗ ſpruch. Mit hoher kreiſchender Stimme pflegte er naͤmlich oͤfters Lieder zu ſingen, die eben nicht in der vornehmen Welt vorzukommen pflegen, wie z. B.: Am Sonnabend, am Sonnabend, da 59 iſt die Woch' zu Ende, oder: In Berlin, in Ber⸗ lin, wo die ſchoͤnen Linden bluͤh'n, oder: der Schneider muß nach Pankow ſchnell hinaus ꝛc. ꝛc. Dann hatte er auch einen unwiderſtehlichen Drang, gewiſſe Tanzboden zu beſuchen, wo ſich das Handwerk zu vergnuͤgen pflegt mit ſattſam geputzten Maͤgden. Gewoͤhnlich wurde er mit Schimpf und Schande herausgeworfen, weil er im Dreher nicht in den Takt kommen konnte, und der gewandteſten Koͤchin den eiergelben Schnuͤr⸗ ſtiefel aus der Facon trat. Was aber eigentlich jeder guten Meinung von ihm den Hals brach, war, daß er auf dem Gensd'armes⸗Markt, gerade an einem Marktmorgen, plötzlich, wie vom boͤſen Teufel erfaßt, in eine Heringstonne griff und den ergriffenen Salzmann auf einem Beine tan⸗ zend verzehrte. Half's, daß er das tobende Weib mit einem gefluͤgelten Eſel großartig belohnte?— Jeder ſchalt ihn einen ſittenloſen Menſchen, der Gott nicht vor Augen. Hin war die gute Mei⸗ nung, und die rettet kein Eſel.— Wenige Tage darauf hatte auch der wunderliche Fremdling Berlin verlaſſen. Zu nicht geringem Erſtaunen der Wirthsleute und aller derer, die gerade aus den Fenſtern guckten, war er in einer ganz und gar ſilbernen Kutſche davon gefahren im brauſenden Trott. Vor wenigen Tagen war an der Wirthstafel 40 im Hôtel de Brandenbourg die Rede von dieſem ſeltſamen Manne, und Herr Krauſe erwaͤhnte, daß man auf dem Sekretair in der Stube, die er bewohnt, ein Roͤllchen beſchriebenes Papier ge⸗ funden, das er aufbewahre. Auf Verlangen er⸗ hielt ich dieſes Roͤllchen. Wer ſchildert aber mein Erſtaunen, meine Freude, mein Entzuͤcken, als ich auf den erſten Blick ins Manuſcript wahrnahm, daß der Fremde niemand anders geweſen, als der beruͤhmte, zum Kaiſer von Aromata avancirte Schneidergeſelle Abraham Tonelli, deſſen merk⸗ wuͤrdige Lebensgeſchichte vor mehreren Jahren in dem achten Bande der Straußfedern der Leſewelt mitgetheilt wurde.— Merkwuͤrdig genug ſcheint es, daß gegenwaͤrtige Memoires gerade da, wo jene Lebensgeſchichte ſchließt, anfangen, und ſich daher derſelben ziemlich genau anreihen. Es iſt moͤglich, daß Tonelli in Berlin den Redacteur ſeiner fruͤheren Lebensgeſchichte(Ludwig Tiek) ſuchte, und nicht fand. Hat mir aber nun ein⸗ mal das Schickſal Tonelli's ferneres Manuſeript in die Haͤnde geſpielt, ſo finde ich darin einen Beruf, mich ſogleich der Redaction deſſelben zu unterziehen, und weder Herr Abraham Tonelli, noch Herr Ludwig Tiek koͤnnen dieß unguͤtig auf⸗ nehmen.*) *) Den geneigten Leſern, die etwa den achten 41 Hier iſt alſo die Fortſetzung von Abraham Tonelli's merkwürdiger Lebensgeſchichte. Vierte Abtheilung 4. Lügen iſt ein großes Laſter, hauptſächlich deshalb, weil es der Wahrheit entgegen, die eine große Tu⸗ Band der, zuerſt von Muſaͤus herausgegebenen Strausfedern, eines Buchs, das ſich ſehr ſelten gemacht hat, nicht gleich zur Hand haben ſoll⸗ ten, dient folgendes zur kuͤrzlichen Nachricht. A. Tonelli, von armen Schneidereltern gebo⸗ ren, ſelbſt zu dieſer Profeſſion erzogen, aber Hohes im Sinne tragend, begibt ſich auf die Wanderſchaft, verirrt ſich, entrinnt mit Muͤhe Raͤubern, die er aus dem Walde heraus vexirt, und kommt, nachdem er viel Elend erlitten⸗ endlich zu einem polniſchen Baron. Dieſer lehrt ihn die Kunſt, ſich mittelſt einer Wurzel in alle nur moͤgliche Thiere zu verwandeln, welches ihm viel Vergnuͤgen macht. Er laͤuft indeſſen davon⸗ als der Baron ihn, der ſich ge⸗ rade in einen kleinen Hund verwandelt hat, als Elephant derb abgepruͤgelt, und kommt, von einem ungeheuren Vogel als Maus uͤber's Meer getragen, zum Koͤnig von Perſien, dann aber zum tuͤrkiſchen Kaiſer, der vor Freude uͤber den ſeltenen Kuͤnſtler, ſich kreuzigt und ſegnet⸗ und ihn leben laͤßt in Pracht und Freude. Arg⸗ liſtige Diener rauben ihm indeſſen die Zauber⸗ A 4 gend, Hab' auch nimmer gelogen, als wenn's mein Vortheil. Poſſedir' überhaupt ein paſſabel ſtarkes wurzel, und er wird, da er ſich nun nicht mehr verwandeln kann, von dem Kaiſer mit Schimpf und Schande fortgejagt. Er vettelt ſich durch bis nach Siberien, wo ihn in der Schlaftam⸗ mer eines Wirthshauſes eine verwuͤnſchte Katze beſucht, und ihn um ihre Befreiung bittet, wo⸗ gegen ſie ihm zu einem Schatz verhelfen will. Endlich, nach langem Widerſpruch, giot er den Bitten und Thraͤnen der Katze nach, laͤßt ſich von ihr die Hand reichen, und faßt Zutrauen, als ſie ihn nicht kratzt. Er erhaͤlt den Schatz und einen Stein, deſſen Eigenſchaft, den Teu⸗ fel ihm unterwuͤrfig zu machen, er erſt dann ent⸗ deckt, als alles Gold verſchwunden, und er auf's Neue in Noth und Elend geragthen iſt. Er zwingt nun den Teufel, ihm ſo viel Schatze zu⸗ zutragen, als er nur vermag, gewinnt die Gunſt des Koͤnigs von Monppolis, durch einen Schmaus⸗ den er ihm in dem Gaſthofe gibt, baut ein Schloß⸗ Tunellenburg genannt, und heirathet die Toch⸗ ter eines Kaufmanns. Dieſe ſtirbt, das Schloſ brennt ab, der Stein iſt verloxen, und Tonelli wird als Hexenmeiſter aus dem Lande gejagt. Er muß auf's Neue ſich durchbetteln, trifft auf zwei Leineweber, kehrt mit ihnen in ein Wirths⸗ haus ein, wo der Wirth ihnen ein Zimmer einraäumt, das von Poltergeiſtern heimgeſucht werden ſoll. Als ſie ſpielen und zechen, kommt aus Fußboden und Decke eine ganze Geſeuſchaft Geiſter, die ſich an eine Tafel ſetzen und auf das koͤſtlichſte ſchmauſen. Die beiden Leinewe⸗ 43 Gewiſſen, das mich zuweilen derb in den Rücken ſtößt. Treibt auch jetzt mich an, zu geſtehen, daß ber, die zum Mittrinken gezwungen werden, fallen todt um. Als Tonelli trinken ſoll, ruft er in der Verzweiflung: Pereat dem Teufel, vivat Gott dem Herrn! Sogleich verſchwindet die ganze Geſellſchaft, und es erſcheint ein Geiſt in der Geſtalt eines ſchoͤnen großen Vogels⸗ dem Tonelli ſein Compliment macht, und ihn um Verzeihung bittet wegen des unhoͤflichen Gebets, das ihm in der Angſt entfahren. Der Bogel erwiedert, das habe nichts zu ſagen, und rathet ihm, von den Koſtbarkeiten auf dem Tiſch einen Pokal und eine Perle zu neh⸗ men, die alles in Gold zu verwandeln vermag. Tonelli thut es, und darauf bringt ihn ein ge⸗ fluͤgelter Eſel nach dem Lande Aromata. Er gewinnt durch ſeine Goldmacherei die Gunſt des Kaiſers, der ihm, nachdem er als ein ta⸗ pferer Feldherr die Feinde des Landes veſiegt, gegen Auslieferung der Perle, ſeine Tochter zur Gemahlin gibt, und dem er in der Regie⸗ rung folgt. Am Schluſſe heißt es:„Bin jetzt alt und grau und immer noch gluͤcklich, ſchreibe aus Zeitvertreib, und weil ich nicht weiß, was ich thun ſoll, dieſe meine wahrhafte Geſchichte, um der Welt zu zeigen, daß man gewiß und wahrhaftig durchſetzt, was man ſich ernſthaft vorgeſetzt hat. Habe Gottlob! noch guten Ap⸗ petit, und hoffe, ihn bis an mein ſeeliges Ende zu behalten. Die idealiſchen Traͤume meiner Kinderjahre ſind an mir in Erfuͤllung gegan⸗ gen: das erleben nur wenige Menſchen.“— 44 gelogen, als der Welt ſchrieb, wie ich alt und grau, und doch immer glücklich, und wie die idealiſchen Träume meiner Jugend in Erfüllung gegangen. War, als das ſchrieb, noch ein junger hübſcher Mann mit rothen Backen, hatte mich aber ſtark pudern laſſen. Aß gerade einen böhmiſchen Faſan mit Apfelmuß und trank Muskatwein dazu. Hielt das für die idealiſchen Träume meiner Jugend. Wollte mich damit brüſten, daß alles durchgeſetzt, was mir vorgenommen, und nun glücklich bis an mein Lebensende. Hatte mein ganzes bischen alte Geſchichte verſchwitzt. Dachte nicht an Cröſus war überhaupt ein eingebildeter Narr, und, wie ge⸗ ſagt, alles erlogen, bis auf den guten Appetit, den ich noch heute verſpüre. Erlitt auch bald nachher, als ich alſo gelogen, großes Unglück, Noth und Pein, worüber ich meine ganze Herrlichkeit im Stich laſſen und vergeſſen mußte. O wie muß ſich doch der irdiſche Menſch hienieden beugen den vernichtenden Launen eines ſtets wankenden Schick⸗ ſals!— O täuſchender Glanz des Glück's, wie ver⸗ bleichſt du ſo ſchnell, ſo plötzlich vor dem Gifthauch des Mißgeſchicks!— Iſt einmal ſo und nicht an⸗ ders in der Welt!— 2. Hatte, als Kaiſer von Aromata, eine überaus ſchöne vortreffliche Kaiſerin. War auch ein En⸗ 45 gel dabei, und konnte ſingen und ſpielen, daß ei⸗ nem das Herz im Leibe lachte. Tanzte auch hübſch. Dachte, als die Flitterwochen vorüber, daran, daß es wohl nun zu meinem Part gehöre, die koſtbare Perl' aufzubewahren, bat mir ſie daher aus von der Gemahlin. Schlug's mir aber ſchnippiſch ab. Thät' den Aerger verbeißen und meinte, die Gemahlin ſolle, aus großer Liebe zu mir, meinem Willen nicht entgegen ſeyn. Die Gemahlin ſchlug es mir aber nochmals rund ab, wurde zornig, und blickte mich an mit funkelnden Augen. Hatte noch niemals ſolche Augen bei einer Weibsperſon geſehen, und mußte an die ſchwarze Katze denken. Ließ drei Tage das Maul hängen, und vergoß eines Mittags, als die Kaiſerin gerade ein gebratenes Spannferkel an⸗ ſchnitt, das zu ſehr gepfeffert, bittre Thränen des Unmuths. Das rührte die Gemahlin, und ſie ſagte, ich ſolle mir den Verluſt der Perl nicht ſo zu Her⸗ zen nehmen, hätte doch das unſchätzbarſte Kleinod auf Erden dafür eingetauſcht und wolle ſie manch⸗ mal die Perl' mir zum Spielen geben.— War doch ein ſchönes ehrliches Gemüth, die Kaiſerin— (Mehr iſt nicht vorhanden.) 46 Hoffmanns Teſtament. Wir, nehmlich ich, der Kammergerichts⸗Rath Ernſt Theodor Wilhelm Hoffmann, und ich, Maria Tekla Michaeline geborne Rohrer, haben nun be⸗ reits, ſeit zwanzig Jahren, in einer fortdauernd glücklichen wahrhaft zufriedenen, Ehe gelebt. Gott hat uns keine Kinder am Leben erhalten, aber ſonſt uns manche Freude geſchenkt, doch uns auch mit ſehr ſchweren harten Leiden geprüft, die wir mit ſtandhaftem Muth ertragen haben. Einer iſt im⸗ mer des andern Stütze geweſen, wie das denn Ehe⸗ leute ſind, die ſich, ſo wie wir, recht aus den treu⸗ ſten Herzen lieben und ehren. Sollte es nun Gott gefallen, unſer'n Bund zu trennen, und Einen oder den Andern, aus dieſer Zeitlichkeit abzurufen, ſo verordnen wir hiemit, letzt⸗ willig und wechſelſeitig, daß dem überlebenden Ehe⸗ gatten der Nachlaß des Verſtorbenen, nicht das Min⸗ deſte davon ausgenommen, als vollkommen freies, uneingeſchränktes Eigenthum, worüber er nach Will⸗ kühr verfügen kann, ohne jemanden darüber Red' und Antwort zu geben, erblich zufallen ſoll. Ich, der Ehegatte, habe dieſe wechſelſeitige letzte Verfügung ſelbſt geſchrieben, ich, die Ehegattin, dieſelbe mehrmals durchgeleſen, beide bekräftigen und vollziehen wir aber dieſen unſern ausgeſproche⸗ nen letzten Willen, durch unſere eigenhändige Ra⸗ 47 wens⸗Unterſchrift und Beidrückung unſeres gewöhn⸗ lichen Siegels. Berlin den ſechs und zwanzigſten März. Ein Tauſend Achthundert und Zwei und Zwanzig. Ernſt Theod. Wilh. Hoffmann Königlicher Kammergerichts⸗Rath. (L. S.) Maria Tekla Michaelina Rorer verehlichte Hoffmann. C. S.) Des Vetters Eckfenſter. Mitgetheilt von T. A. Hoffmann. Meinen armen Vetter trifft gleiches Schickſal mit dem bekannten Scarron. So wie dieſer, hat mein Vetter durch eine hartnäckige Krankheit den Ge⸗ brauch ſeiner Füße gänzlich verloren, und es thut Noth, daß er ſich, mit Hülfe ſtandhafter Krücken, und des nervigten Arms eines grämlichen Invali⸗ den, der nach Belieben den Krankenwärter macht, aus dem Bette in den, mit Kiſſen bepackten Lehn⸗ 48 ſtuhl, und aus dem Lehnſtuhl in das Bette ſchro⸗ tet. Aber noch eine Aehnlichkeit trägt mein Vet⸗ ter mit jenem Franzoſen, den eine beſondere, aus dem gewöhnlichen Gleiſe des franzöſiſchen Witzes ausweichende Art des Humors, trotz der Sparſam⸗ keit ſeiner Erzeugniſſe, in der franzöſiſchen Litera⸗ tur feſtſtellte. So wie Scarron, ſchriftſtellert mein Vetter; ſo wie Scarron, iſt er mit beſonderer le⸗ bendiger Laune begabt, und treibt wunderlichen humoriſtiſchen Scherz auf ſeine eigene Weiſe. Doch zum Ruhm des deutſchen Schriftſtellers ſey es be⸗ merkt, daß er niemals für nöthig achtete, ſeine kleinen pikanten Schüſſeln mit Aſa fötida zu wür⸗ zen, um die Gaumen ſeiner deutſchen Leſer, die dergleichen nicht wohl vertragen, zu kitzeln. Es genügt ihm das edle Gewürz, welches, indem es reizt, auch ſtärkt. Die Leute leſen gerne, was er ſchreibt; es ſoll gut ſeyn und ergötzlich: ich ver⸗ ſtehe mich nicht darauf. Mich erlabte ſonſt des Vetters Unterhaltung, und es ſchien mir gemüth⸗ licher, ihn zu hören, als ihn zu leſen. Doch eben dieſer unbeſiegbare Hang zur Schriftſtellerei hat ſchwarzes Unheil über meinen armen Vetter gebracht; die ſchwerſte Krankheit vermochte nicht den raſchen Rädergang der Fantaſie zu hemmen, der in ſei⸗ nem Innern fortarbeitete, ſtets Neues und Neues erzeugend. So kam es, daß er mir allerlei an⸗ muthige Geſchichten erzählte, die er, des mannig⸗ 49 fachen Weh's, das er duldete, unerachtet, erſonnen. Aber den Weg, den der Gedanke verfolgen mußte, um auf dem Papier geſtaltet zu erſcheinen, hatte der böſe Dämon der Krankheit verſperrt. So wie mein Vetter etwas aufſchreiben wollte, verſagten ihm nicht allein die Finger den Dienſt, ſondern der Gedanke ſelbſt war verſtoben und verflogen. Da⸗ rüber verfiel mein Vetter in die ſchwärzeſte Melan⸗ cholie.„Better!« ſprach er eines Tages zu mir, mit einem Ton, der mich erſchreckte,„Vetter, mit mir iſt es aus! Ich komme mir vor, wie jener alte, vom Wahnſinn zerrüttete Maler, der Tage lang vor einer in den Rahmen geſpannten grun⸗ dirten Leinewand ſaß, und allen, die zu ihm ka⸗ men, die manigfachen Schönheiten des reichen, herr⸗ lichen Gemäldes anpries, das er ſo eben vollendet; — ich geb's auf, das wirkende, ſchaffende Leben, welches, zur äußern Form geſtaltet, aus mir ſelbſt hinaus tritt, ſich mit der Welt befreundend!— Mein Geiſt zieht ſich in ſeine Klauſe zurück!“ Seit der Zeit ließ ſich mein Vetter, weder vor mir, noch vor irgend einem andern Menſchen, ſehen. Der alte grämliche Invalide wies uns murrend und beifend von der Thüre weg, wie ein beißiger Haus⸗ hund.— 1 Es iſt nöthig zu ſagen, daß mein Vetter ziem⸗ lich hoch in kleinen niedrigen Zimmern wohnt. Das iſt nun Schriftſteller⸗ und Dichter⸗Sitte. b Was khut die niedrige Stubendecke? die Fantaſie fliegt empor, und baut ſich ein hohes, luſtiges Ge⸗ wölbe bis in den blauen glänzenden Himmel hin⸗ ein. So iſt des Dichters enges Gemach, wie je⸗ ner, zwiſchen vier Mauern eingeſchloſſene, zehn Fuß in's Gevierte große Garten, zwar nicht breit und lang, hat aber ſtets eine ſchöne Höhe. Dabei liegt aber meines Vetters Logis in dem ſchönſten Theile der Hauptſtadt, nämlich auf dem großen Markte, der von Prachtgebäuden umſchloſſen iſt, und in deſſen Mitte das koloſſal und genial gedachte Thea⸗ tergebäude prangt. Es iſt ein Eckhaus, was mein Vetter bewohnt, und aus dem Fenſter eines klei⸗ nen Kabinets überſteht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandioſen Platzes.*) Es war gerade Markttag, als ich mich durch das Volksgewühl durchdrängend die Straße hinab kam, wo man ſchon aus weiter Ferne meines Vet⸗ ters Eckfenſter erblickt. Nicht wenig erſtaunte ich, als mir aus dieſem Fenſter das wohlbekannte rothe Mützchen entgegen leuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte. Noch mehr! Als ich näher kam, gewahrte ich, daß mein Vetter ſeinen ſtattlichen Warſchauer Schlafrock angelegt, und aus der türkiſchen Sonntagspfeife Taback rauchte.— Ich winkte ihm zu, und wehte mit dem *) Treue Schilderung von Hoffmann's Wohnzimmer. 51 Schnupftuch hinauf; es gelang mir, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf mich zu ziehen, er nickte freundlich. Was für Hoffnungen!— Mit Blitzesſchnelle eilte ich die Treppe hinauf. Der Invalide öffnete die Thüre; ſein Geſicht, das ſonſt runzlicht und faltig, einem naßgewordenen Handſchuh glich, hatte wirk⸗ lich einiger Sonnenſchein zur paſſabeln Fratze aus⸗ geglättet. Er meinte, der Herr ſäße im Lehnſtuhl, und ſey zu ſprechen. Das Zimmer war rein ge⸗ macht, und an dem Bettſchirm ein Bogen Papier befeſtigt, auf dem mit großen Buchſtaben die Worte ſtanden: PEt 8i male nunc, non olim sic erit. Alles deutete auf die wiedergekehrte Hoffnung, auf neuerweckte Lehenskraft.—„Ei, rief mir der Vet⸗ ter entgegen, als ich in das Kabinet trat, vei kommſt du endlich, Vetter; weißt du wohl, daß ich rechte Sehnſucht nach dir empfunden? Denn, unerachtet du den Henker was nach meinen unſterb⸗ lichen Werken frägſt, ſo habe ich dich doch lieb, weil du ein muntexrer Geiſt hiſt, und amüſable, wenn auch gerade nicht amüſaut.“ Ich fühlte, daß mir bei dem Compliment mei⸗ nes aufrichtigen Vetters das Blut in's Geſicht ſtieg. „Du glaubſt,“ fuhr der Vetter fort, ohne auf meine Bewegung zu achten,„du glaubſt mich ge⸗ wiß in voller Beſſerung, oder gar von meinem Uebel hergeſtellt. Dem iſt bei Leibe nicht ſo. Meine Beine ſind durchaus ungetreue Vafallen, die dem Haupt des Herrſchers abtrünnig geworden, und mit meinem übrigen werthen Leichnam nichts mehr zu ſchaffen haben wollen. Das heißt, ich kann mich nicht aus der Stelle rühren, und karre mich in dieſem Räderſtuhl hin und her auf anmuthige Weiſe, wozu mein alter Invalide die melodiöſeſten Märſche aus ſeinen Kriegsjahren pfeift. Aber dies Fenſter iſt mein Troſt; hier iſt mir das bunte Leben auf's Neue aufgegangen, und ich fühle mich befreundet mit ſeinem niemals raſtenden Treiben. Komm Vetter, ſchau hinaus!“ Ich ſetzte mich dem Vetter gegenüber auf ein kleines Tabouret, das gerade noch im Fenſterraum Platz hatte. Der Anblick war in der That ſeltſam und überraſchend. Der ganze Markt ſchien eine einzige, dicht zuſammengedrängte Volksmaſſe, ſo daß man glauben mußte, ein dazwiſchen geworfener Apfel könne niemals zur Erde gelangen. Die ver⸗ ſchiedenſten Farben glänzten im Sonnenſchein, und zwar in ganz kleinen Flecken; auf mich machte dies den Eindruck eines großen, vom Winde bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeets, und ich mußte mir geſtehen, daß der Anblick zwar recht artig, aber auf die Länge ermüdend ſey, ja wohl gar auf⸗ gereizten Perſonen einen kleinen Schwindel verur⸗ ſachen könne, der dem, nicht unangenehmen Deliri⸗ ren des nahen Traums gliche; darin ſuchte ich das 1 5³ Vergnügen, daß das Eckfenſter dem Vetter gewähre, und äußerte ihm dieſes ganz unverholen. Der Vetter ſchlug aber die Hände über dem Kopf zuſammen, und es entſpann ſich zwiſchen uns folgendes Geſpräch.— Der Vetter. Vetter, Vetter! nun ſehe ich wohl, daß auch nicht das kleinſte Fünkchen von Schriftſtellertalent in dir glüht. Das erſte Erfor⸗ derniß fehlt dir dazu, um jemals in die Fußſta⸗ pfen deines würdigen lahmen Vetters zu treten; nämlich ein Auge, welches wirklich ſchaut. Jener Markt bietet dir nichts dar, als den Anblick eines ſcheckigten ſinnverwirrenden Gewühls des, in bedeu⸗ tungsloſer Thätigkeit bewegten Volks. Hoho, mein Freund! mir entwickelt ſich daraus die mannich⸗ fachſte Scenerie des bürgerlichen Lebens, und mein Geiſt, ein wackerer Callot oder moderner Chodo⸗ wiecki, entwirft eine Skizze nach der andern, de⸗ ren Umriſſe oft keck genug ſind. Auf, Vetter! ich will ſehen, ob ich dir nicht wenigſtens die Primi⸗ tien der Kunſt zu ſchauen beibringen kann. Sieh einmal gerade vor dich herab in die Straße; hier haſt du mein Glas, bemerkſt du wohl die, etwas fremdartig gekleidete Perſon, mit dem großen Markt⸗ korbe am Arm, die, mit einem Bürſtenbinder in tiefem Geſpräche begriffen, ganz geſchwinde andere Domeſtica abzumachen ſcheint, als die des Leibes Nahrung betreffen?— B 1 54 Ich. Ich habe ſie gefaßt, Sie hat ein grell citronenfarbiges Tuch, nach franzöſiſcher Art, Tur⸗ banähnlich um den Kopf gewunden, und ihr Ge⸗ ſicht, ſo wie ihr ganzes Weſen, zeigt deutlich die Franzöſin. Wahrſcheinlich eine Reſtantin aus dem letzten Kriege, die ihr Schäfchen hier in's Trockne gebracht. Der Vetter. Nicht übel gerathen. Ich wette, der Mann verdankt irgend einem Zweige franzöſi⸗ ſcher Induſtrie ein hübſches Auskommen, ſo daß ſeine Frau ihren Marktkorb mit ganz guten Din⸗ gen reichlich füllen kann. Jetzt ſtürzt ſie ſich in's Gewühl. Verſuche, Vetter, ob du ihren Lauf in den verſchiedenſten Krümmungen verfolgen kannſt, ohne ſie aus dem Auge zu verlieren; das gelbe Tuch leuchtet dir vor. 3 Ich. Ei, wie der brennende gelbe Punkt die Maſſe durchſchneidet. Jetzt iſt ſie ſchon der Kirche nah— jetzt feilſcht ſie um etwas bei den Buden — jetzt iſt ſie fort— o wehl ich habe ſie verloren — nein, dort am Ende duckt ſie wieder auf— dort bei dem Geflügel— ſie ergreift eine gerupfte Gans— ſie betaſtet ſie mit kenneriſchen Fingern. Der Better. Gut, Vetter, das Fixiren des Blicks erzeugt das deutliche Schauen. Doch, ſtatt dich auf langweilige Weiſe in einer Kunſt unter⸗ richten zu wollen, die kaum zu erlernen, laß mich lieber dich auf allerle, Ergötzriches auſmerkſam ma⸗ . 5⁵ chen, welches ſich vor unſern Augen aufthut. Be⸗ merkſt du wohl jenes Frauenzimmer, das ſich an der Ecke dort, unerachtet das Gedränge gar nicht zu groß, mit beiden ſpitzen Ellenbogen Platz macht? Ich. Was für eine tolle Figur,— ein ſeidner Hut, der in capriziöſer Formloſigkeit ſtets jeder Mode Trotz geboten, mit bunten in den Lüften wehenden Federn,— ein kurzer ſeidner Ueberwurf, deſſen Farbe in das urſprüngliche Nichts zurückge⸗ kehrt,— darüber ein ziemlich honetter Shawl,— der Florbeſatz des gelb kattunenen Kleides reicht bis an die Knöchel,— blaugraue Strümpfe,— Schnür⸗ ſtiefeln,— hinter ihr eine ſtattliche Magd mit zwei Narktkörben, einem Fiſchnetz, einem Mehlſack.— Gott ſey bei uns! was die ſeidene Perſon für wü⸗ thende Blicke um ſich wirft, mit welcher Wuth ſie eindringt in die dickſten Haufen,— wie ſie alles angreift, Gemuͤſe, Obſt, Fleiſch u. ſ. w.; wie ſie alles beäugelt; betaſtet, um alles feilſcht und nichts erhandelt.— 3 Der Vetter. Ich nenne dieſe Perſon, die kei⸗ nen Markttag fehlt, die rabiate Hausfrau. Es kommt mir vor, als müſſe ſie die Tochter eines reichen Buͤrgers, vielleicht eines wohlhabenden Sei⸗ fenſieders ſeyn, deren Hand, nebſt annexis, ein kleiner Geheim⸗Secretair nicht ohne Anſtrengung erworben. Mit Schönheit und Grazie hat ſie der Himmel nicht ausgeſtattet, dagegen«galt ſie bei al⸗ len Nachbarn fuͤr das haͤuslichſte, wirthſchaftlichſte Maͤdchen, und in der That ſie iſt auch ſo wirth⸗ ſchaftlich, und wirthſchaftet jeden Tag, vom Mor⸗ gen bis in den Abend auf ſolche entſetzliche Weiſe, daß dem armen Geheim⸗Secretaͤr daruͤber Hoͤren und Sehen vergeht, und er ſich dorthin wuͤnſcht, wo der Pfeffer waͤchst. Stets ſind alle Pauken⸗ und Trompeten⸗Regiſter der Einkaͤufe, der Be⸗ ſtellungen des Kleinhandels und der mannigfa⸗ chen Beduͤrfniſſe des Hausweſens gezogen, und ſo gleicht des Geheim-⸗Secretairs Wirthſchaft einem Gehaͤuſe, in dem ein aufgezogenes Uhrwerk ewig eine tolle Sinfonie, die der Teufel ſelbſt kompo⸗ nirt hat, fortſpielt; ungefaͤhr jeden vierten Markt⸗ tag wird ſie von einer andern Magd begleitet. Sapienti sat!— Bemerkſt du wohl— doch nein, nein, dieſe Gruppe, die ſo eben ſich bildet, waͤre wuͤrdig von dem Crayon eines Hogarth's verewigt zu werden. Schau doch nur hin, Vetter, in die dritte Thuͤroͤffnung des Theaters! Ich. Ein Paar alte Weiber auf niedrigen Stuͤh⸗ len ſitzend,— ihr ganzer Kram in einem maͤßi⸗ gen Korbe vor ſich ausgebreitet,— die Eine haͤlt bunte Tuͤcher feil, ſogenannte Vexierwaare, auf den Effekt fuͤr bloͤde Augen berechnet,— die An⸗ dere haͤlt eine Niederlage von blauen und grauen Struͤmpfen, Strickwolle u. ſ. w. Sie haben ſich zu einander gebeugt,— ſie ziſcheln ſich in die Oh⸗ 57 ren,— die Eine genießt ein Schaͤlchen Kaffee; die Andere ſcheint, ganz hingeriſſen von dem Stoff der Unterhaltung, das Schnaͤpschen zu vergeſſen⸗ das ſie eben hinabgleiten laſſen wollte; in der That ein Paar auffallende Phyſiognomien! wel⸗ ches daͤmoniſche Laͤcheln,— welche Geſtikulation mit den duͤrren Knochenarmen!— Der Vetter. Dieſe beiden Weiber ſitzen be⸗ ſtaͤndig zuſammen, und unerachtet die Verſchieden⸗ heit ihres Handels keine Colliſſion, und alſo kei⸗ nen eigentlichen Brodneid zulaͤßt, ſo haben ſie ſich doch bis heute ſtets mit feindſeligen Blicken angeſchielt, und ſich, darf ich meiner geuͤbten Phyſiognomik trauen, diverſe hoͤhniſche Redensar⸗ ten zugeworfen. O! ſieh', ſieh' Vetter! immer mehr werden ſie ein Herz und eine Seele. Die Tuchverkaͤuferin theilt der Strumpfhaͤndlerin ein Schaͤlchen Kaffee mit. Was hat das zu bedeuten? Ich weiß es! Vor wenigen Minuten trat ein junges Maͤdchen von hoͤchſtens ſechszehn Jahren, huͤbſch wie der Tag, deren ganzem Aeußern, de⸗ ren ganzem Betragen man Sitte und verſchaͤmte Duͤrftigkeit anſah, angelockt von der Vexierware, an den Korb. Ihr Sinn war auf ein weißes Tuch mit bunter Borte gerichtet, deſſen ſie viel⸗ leicht eben ſehr bedurfte. Sie feilſchte darum, die Alte wandte alle Kuͤnſte merkantiliſcher Schlauheit an, indem ſie das Tuch ausbreitete, und die grel⸗ len Farben im Sonnenſchein ſchimmern ließ. Sie wurden Handels einig. Als nun aber die Arme aus dem Schnupftuchzipfel die kleine Kaſſe ent⸗ wickelte, reichte die Baarſchaft nicht hin zu ſol⸗ cher Ausgabe. Mit hochgluͤhenden Wangen, helle Thraͤnen in den Augen, entfernte ſich das M ad⸗ chen ſo ſchnell ſie konnte, waͤhrend die Alte, hoͤh⸗ niſch auflachend, das Tuch zuſammenfaltete und in den Korb zuruͤckwarf. Artige Redensarten mag es dabei gegeben haben. Aber nun kennt der an⸗ dere Satan die Kleine, und weiß die traurige Ge⸗ ſchichte einer verarmten Familie aufzutiſchen, als eine ſcandaloͤſe Chronik von Leichtſinn und viel⸗ leicht gar Verbrechen, zur Gemuthsergoͤtzlichkeit der getaͤuſchten Kraͤmerin. Mit der Taſſe Kaffee wurde gewiß eine derbe, fauſtdicke Verlaͤumdung belohnt. Ich. Von allem, was du da herauscombinirſt, lieber Vetter, mag kein Woͤrtchen wahr ſeyn, aber indem ich die Weiber anſchaue, iſt mir, Dank ſey es deiner lebendigen Darſtellung, alles ſo plauſi⸗ bel, daß ich daran glauben muß, ich mag wollen oder nicht.— Der Vetter. Ehe wir uns von der Theater⸗ wand abwenden, laß uus noch einen Blick guf die —— dicke gemuͤthliche Frau, mit vor Geſundheit ſtrotzen⸗ den Wangen werfen, die in ſtoiſcher Ruhe und Gelaſſenheit, die Haͤnde unter die weiße Schuͤrze —— 59 geſteckt, auf einem Rohrſtuhle ſitzt, und vor ſich einen reichen Kram von hellpolirten Loͤffeln, Meſ⸗ ſern und Gabeln, Fayence, porzellanenen Tellern und Terrinen von verjaͤhrter Form, Theetaſſen, Kaffeekannen, Strumpfwaare, und was weiß ich ſonſt, auf weißen Tuͤchern ausgebreitet hat, ſo daß ihr Vorrath, wahrſcheinlich aus kleinen Aue⸗ tionen zuſaminengeſtuͤmpert, einen wahren Orbis pietus bildet. Ohne ſonderlich eine Miene zu ver⸗ ziehen, hoͤrt ſie das Gebot der Feilſchenden, ſorglos ob aus dem Handel was wird oder nicht; ſchlaͤgt zu, ſtreckt die eine Hand unter der Schuͤrze her⸗ vor, um eben nur das Geld vom Käufer zu em⸗ pfangen, den ſie die erkaufte Waare ſelbſt nehmen läßt. Das iſt eine ruhige, beſonnene Handels⸗ frau, die was vor ſich bringen wird. Vor vier Wochen beſtand ihr ganzer Kram in ungefaͤhr ei⸗ nem halben Dutzend feiner baumwollener Struͤmpfe, und eben ſo viel Trinkglaͤſern. Ihr Handel ſteigt mit jedem Markt, und da ſie keinen beſſern Stuhl mitbringt, die Hände auch noch eben ſo unter die Schurze ſteckt, wie ſonſt, ſo zeigt das, daß ſie Gleichmuth des Geiſtes beſitzt, und ſich durch das Gluͤck nicht zu Stolz und Uebermuth verleiten aͤßt. Wie kommt mir doch ploͤtzlich die ſeurrile Idee zu Sinn! Ich denke mir in dieſem Augen⸗ blick ein ganz kleines ſchadenfro hes Teufelchen, das, wie auf jenem Hogarthiſchen Blatt unter den Stuhl der Betſchweſter, hier unter den Seſſel der Krämerfrau gekrochen iſt, und, neidiſch auf ihr Glück, heimtückiſcher Weiſe die Stuhlbeine weg⸗ ſägt. Plump! fällt ſie in ihr Glas und Porzel⸗ lan, und mit dem ganzen Handel iſt es aus. Das wäre denn doch ein Falliſſement im eigentlichſten Sinne des Worts.— Ich. Wahrhaftig, lieber Vetter! du haſt mich jetzt ſchon beſſer ſchauen gelehrt. Indem ich meinen Blick in dem bunten Gewühl der wogenden Menge umherſchweifen laſſe, fallen mir hin und wieder junge Mädchen in die Augen, die, von ſauber an⸗ gezogenen Köchinnen, welche geräumige, glänzende Marktkörbe am Arme tragen, begleitet, den Markt durchſtreifen, und um Hausbedürfniſſe, wie ſie der Markt darbietet, feilſchen. Der Mädchen modeſter Anzug, ihr ganzer Anſtand, läßt nicht daran zwei⸗ feln, daß ſie wenigſtens vornehmen bürgerlichen Standes ſind. Wie kommen dieſe auf den Markt? Der Vetter. Leicht erklärlich. Seit einigen Jahren iſt es Sitte geworden, daß ſelbſt die Töch⸗ ter höherer Staatsbeamten auf den Markt geſchickt werden, um den Theil der Hauswirthſchaft, was den Einkauf der Lebensmittel betrifft, praktiſch zu erlernen. Ich. In der That eine löbliche Sitte, die, nächſt dem praktiſchen Nutzen, zu häuslichen Geſin⸗ nungen führen muß. 64 Der Better. Meinſt du, Vetter? ich für meinen Theil glaube das Gegentheil. Was kann der Selbſteinkauf für andere Zwecke haben, als ſich von der Güte der Waare, und von den wirklichen Markt⸗ preiſen zu überzeugen? Die Eigenſchaften, das An⸗ ſehn; die Kennzeichen eines guten Gemüſes, eines guten Fleiſches u. ſ. w., lernt die angehende Haus⸗ frau ſehr leicht auf andere Weiſe erkennen, und das kleine Erſparniß der ſogenannten Schwenzel⸗ pfennige, das nicht einmal Statt findet, da die be⸗ gleitende Köchin mit den Verkäufern ſich unbedenk⸗ lich insgeheim verſteh't, wiegt den Nachtheil nicht auf, den der Beſuch des Markts ſehr leicht herbei⸗ führen kann. Niemals würde ich, um den Preis voon etlichen Pfennigen, meine Tochter der Gefahr ausſetzen, eingedrängt in den Kreis des niedrig⸗ ſten Volk's, eine Zote zu hören, oder irgend eine loſe Rede eines brutalen Weibes oder Kerls ein⸗ ſchlucken zu müſſen.— Und dann, was gewiſſe Spe⸗ kulationen liebeſeufzender Jünglinge, in blauen Röcken, zu Pferde, oder in gelben Flauſchen mit ſchwarzen Kragen zu Fuß, betrifft, ſo iſt der Markt —— Doch ſieh', ſieh', Vetter! wie gefällt dir das Mädchen, das ſo eben dort an der Pumpe, von der ältlichen Kochin begleitet, daher kommt? Nimm mein Glas, nimm mein Glas, Vetter! Ich. Ha, was für ein Geſchöpf, die Anmuth, die Liebenswürdigkeit ſelbſt,— aber ſie ſchlägt die C 62 Augen verſchämt nieder,— jeder ihrer Schritte iſt furchtſam,— wankend.— ſchüchtern hält ſie ſich an ihre Begleiterin, die ihr mit foreirtem Angriff den Weg ins Gedränge bahnt,— ich verfolge ſie, — da ſteht die Köchin ſtill vor den Gemüſekörben, — ſie feilſcht,— ſie zieht die Kleine heran, die mit halbweggewandtem Geſicht ganz geſchwinde, ge⸗ ſchwinde, Geld aus dem Beutelchen nimmt und es hinreicht, froh, nur wieder los zu kommen,— ich kann ſie nicht verlieren, Dank ſey es dem rothen Shawl— ſie ſcheinen etwas vergeblich zu ſuchen, — endlich, endlich; dort weilen ſie bei einer Frau, die in zierlichen Körben feines Gemüſe feil bietet, — der holden Kleinen ganze Aufmerkſamkeit feſ⸗ ſelt ein Korb mit dem ſchönſten Blumenkohl,— das Mädchen ſelbſt wählt einen Kopf und legt ihn der Köchin in den Korb,— wie, die Unverſchämte!— ohne Weiteres nimmt ſie den Kopf aus dem Korbe heraus, legt ihn in den Korb der Verkäuferin zu⸗ rück, und wählt einen andern, indem ihr heftiges Schütteln mit dem gewichtigen, Kantenhaubenge⸗ ſchmückten Haupte noch dazu bemerken läßt, daß ſie die arme Kleine, welche zum Erſtenmale ſelbſt⸗ ſtändig ſeyn wollte, mit Vorwürfen überhäuft Der Vetter. Wie denk'ſt du dir die Gefühle dieſes Mädchens, der man eine Häuslichkeit auf⸗ dringen will, welche ihrem zarten Sinn gänzlich widerſtrebt? Ich kenne die ho de Kleine; es iſt die 65 Tochter eines Geheimen⸗Oberſinanzraths ein na⸗ türliches, von jeder Ziererei entferntes, Weſen, von ächtem weiblichem Sinn beſeelt, und mit jenem, jedesmal richtig treffenden Verſtande und feinem Takt begabt, der Weibern dieſer Art ſtets eigen. — Hoho, Vetter! das nenn' ich glückliches Zuſam⸗ mentreffen. Hier um die Ecke kommt das Gegen⸗ ſtück zu jenem Bilde. Wie gefällt dir das Mäd⸗ chen, Vetter? Ich. Ei, welch eine niedliche, ſchlanke Geſtalt! — Jung— leichtfüßig— mit keckem, unbefange⸗ nem Blick in die Welt hinein ſchauend— am Him⸗ mel ſtets Sonnenglanz— in den Lüften ſtets luſtige Muſik— wie dreiſt, wie ſorglos ſie dem dicken Haufen entgegenhüpft— die Servante, die ihr mit dem Marktkorbe folgt, ſcheint eben nicht älter, als ſie, und zwiſchen Beiden eine gewiſſe Cordialität zu herrſchen— die Mamſel hat gar hübſche Sa⸗ chen an, der Shawl iſt modern— der Hut paſſend zur Morgentracht, ſo wie das Kleid von geſchmack⸗ vollem Muſter— alles hübſch und anſtändig— o weh! was erblicke ich, die Mamſell trägt weiß⸗ ſeidene Schuhe. Ausrangirte Ballchauſſüre auf dem Markt!— Ueberhaupt, je länger ich das Mäd⸗ chen beobachte, deſto mehr fällt mit eine gewiſſe Eigenthümlichkeit auf, die ich mit Worten nicht ausdrücken kann.— Es iſt wahr, ſie macht, ſo wie es ſcheint, mit ſorglicher Emſigkeit ihre Einkäufe, 64 wählt und wählt, feilſcht und feilſcht, ſpricht, ge⸗ ſtikuliert, alles mit einem lebendigen Weſen, das beinahe bis zur Spannung geht; mir iſt aber, als wolle ſie noch etwas Anderes, als eben Hausbedürf⸗ niſſe, einkaufen.— Der Better. Bravo, bravo, Vetter! dein Blick ſchärft ſich, wie ich merke. Sieh nur, mein Liebſter, trotz der modeſten Kleidung hätten dir, — die Leichtfüßigkeit des ganzen Weſens abgerech⸗ net,— ſchon die weißſeidenen Schuhe auf dem Markt verrathen müſſen, daß die kleine Mamſell dem Ballet, oder überhaupt dem Theater, ange⸗ hört. Was ſie ſonſt noch will, dürfte ſich vielleicht bald entwickeln— ha, getroffen! Schau doch, lie⸗ ber Vetter, ein wenig rechts die Straße hinauf, und ſage mir, wen du auf dem Bürgerſteig, vor dem Hotel, wo es ziemlich einſam iſt, erblickſt? Ich. Ich erblicke einen großen, ſchlank gewach⸗ ſenen Jüngling, im gelben kurzgeſchnittenen Flauſch mit ſchwarzem Kragen und Stahlknöpfen. Er trägt ein kleines, rothes, ſilbergeſticktes Mützchen, unter dem ſchöne ſchwarze Locken, beinahe zu üppig, her⸗ vorquellen. Den Ausdruck des blaſſen, männlich ſchön geformten Gefichts, erhöht nicht wenig das kleine ſchwarze Stutzbärtchen auf der Oberlippe. Er hat eine Mappe unter dem Arm,— unbedenk⸗ lich ein Student, der im Begriff ſtand, ein Col⸗ legium zu beſuchen;— aber feſt eingewurzelt ſteht 65 er da; den Blick unverwandt nach dem Markt gerichtet, und ſcheint Collegium und alles um ſich her zu vergeſſen.—. Der Better. So iſt es, lieber Better. Sein ganzer Sinn iſt auf unſere kleine Comödiantin ge⸗ richtet. Der Zeitpunkt iſt gekommen; er naht ſich der großen Obſtbude, in der die ſchönſte Waare appetitlich aufgethürmt iſt, und ſcheint nach Früch⸗ ten zu fragen, die eben nicht zur Hand ſind. Es iſt ganz unmöglich, daß ein guter Mittagstiſch ohne Deſert von Obſt beſtehen kann; unſere kleine Co⸗ mödiantin muß daher ihre Einkäufe für den Tiſch des Hauſes an der Obſtbude beſchließen. Ein run⸗ der rothbäckiger Apfel entſchlüpft ſchalkhaft den kleinen Fingern— der Gelbe bückt ſich darnach, hebt ihn auf— ein leichter anmuthiger Knix der kleinen Theaterfee— das Gefpräch iſt im Gange — wechſelſeitiger Rath und Beiſtand bei einer ſatt⸗ ſam ſchwierigen Apfelſinen⸗Wahl vollendet die ge⸗ wiß bereits früher angeknüpfte Bekanntſchaft, in⸗ dem ſich zugleich das anmuthige Rendezvous geſtal⸗ tet, welches gewiß auf mannigfache Weiſe wieder⸗ holt und variirt wird.— Ich. Mag der Muſenſohn liebeln und Apfel⸗ ſinen wählen, ſo viel er will; mich intereſſirt das nicht, und zwar um ſo weniger, da mir dort an der Ecke der Hauptfronte des Theaters, wo die Blumenverkäuferinnen ihre Waare feil bieten, das C* 66 Engelskind, die allerliebſte Geheimenraths⸗Tochter von Neuem aufgeſchoſſen iſt. Der Vetter. Nach den Blumen dort ſchau ich nicht gerne hin, lieber Vetter; es hat damit eine eigene Bewandtniß. Die Verkäuferin, wel⸗ che der Regel nach den ſchönſten Blumenflor aus⸗ geſuchter Nelken, Roſen und anderer ſeltener Ge⸗ wächſe hält, iſt ein ganz hübſches, artiges Mäd⸗ chen, ſtrebend nach höherer Kultur des Geiſtes; denn, ſo wie ſie der Handel nicht beſchäftigt, lieſ't ſie ämſig in Büchern, deren Uniform zeigt, daß ſie zur großen Kralowski'ſchen äſthetiſchen Hauptarmee gehören, welche bis in die entfern⸗ teſten Winkel der Reſidenz ſiegend das Licht der Geiſtesbildung verbreitet. Ein leſendes Blumen⸗ mädchen iſt für einen belletriſtiſchen Schriftſtel⸗ ler ein unwiderſtehlicher Anblick. So kam es, daß, als vor langer Zeit mich der Weg bei den Blumen vorbeiführte,— auch an andern Tagen ſtehen die Blumen zum Verkauf,— ich das leſende Blumen⸗ mädchen gewahrend, überraſcht ſtehen blieb. Sie ſaß, wie in einer dichten Laube von blühenden Ge⸗ ranien, und hatte das Buch aufgeſchlagen auf dem Schooße, den Kopf in die Hand geſtützt. Der Held mußte gerade in augenſcheinlicher Gefahr oder ſonſt ein wichtiger Moment der Handlung eingetreten ſeyn; denn höher glühten des Mädchens Wangen, ihre Lippen bebten, ſie ſchien ihrer Umgebung 67 ganz entrückt. Vetter, ich will dir die ſeltſame Schwäche eines Schriftſtellers ganz ohne Rückſicht geſtehen. Ich war wie feſtgebannt an die Stelle — ich trippelte hin und her; was mag das Mäd⸗ chen leſen? Dieſer Gedanke beſchäftigte meine ganze Seele. Der Geiſt der Schriftſtellereitelkeit regte ſich, und kitzelte mich mit der Ahnung, daß es eins meiner eignen Werke ſey, was eben jetzt das Mäd⸗ chen in die phantaſtiſche Welt meiner Träumereien verſetze. Endlich faßte ich ein Herz, trat hinan, und fragte nach dem Preiſe eines Nelkenſtocks, der in einer entfernten Reihe ſtand. Während das Mädchen den Nelkenſtock herbeiholte, nahm ich mit den Worten:„was leſen Sie denn da, mein ſchönes Kind?“ das aufgeklappte Buch zur Hand. Ol all' ihr Himmel, es war wirklich ein Werklein von mir, und zwar**s. Das Mädchen brachte die Blumen herbei, und gab zugleich den mäßigen Preis an. Was Blumen, was Nelckenſtockz das Mädchen war mir in dieſem Augenblick ein viel ſchätzenswertheres Publicum, als die ganze elegante Welt der Reſidenz. Aufgeregt, ganz entflammt von füßeſten Autorgefühlen, fragte ich mit anſcheinen⸗ der Gleichgültigkeit, wie denn dem Mädchen das Buch gefalle.„I, mein lieber Herr, erwiederte das Mädchen,„das iſt ein gar ſchnackiſches Buch. Anfangs wird einem ein wenig wirrig im Kopfe; aber dann iſt es ſo, als wenn man mitten darin ſäße.“ Zu meinem nicht geringen Erſtaunen er⸗ zaͤhlte mir das Mädchen den Inhalt des kleinen Märchens ganz klar und deutlich, ſo daß ich wohl einſah, wie ſie es ſchon mehrmals geleſen haben mußte; ſie wiederholte, es ſey ein gar ſchnackiſches Buch, ſie habe bald herzlich lachen müſſen, bald ſey ihr ganz weinerlich zu Muthe geworden; ſie gab mir den Rath, falls ich das Buch noch nicht gele⸗ ſen haben ſollte, es mir Nachmittags von Herrn Kralowski zu holen, denn ſie wechſele eben Nachmittags Bücher.— Nun ſollte der große Schlag geſchehen. Mit niedergeſchlagenen Augen, mit einer Stimme, die an Süßigkeit dem Honig von Hybla zu vergleichen, mit dem ſeligen Laͤcheln des wonnerfüllten Autors, lispelte ich:„hier, mein ſüßer Engel, hier ſteht der Autor des Buchs, wel⸗ ches Sie mit ſolchem Vergnügen erfüllt hat, vor Ihnen in leibhafter Perſon.“ Das Mädchen ſtarrte mich ſprachlos an, mit großen Augen und offenem Munde. Das galt mir für den Ausdruck der höch⸗ ſten Verwunderung, ja eines freudigen Schrecks, daß das ſublime Genie, deſſen ſchaffende Kraft ſolch ein Werk erzeugt, ſo plötzlich bei den Geranien erſchienen. Vielleicht, dachte ich, als des Mädchens Miene unverändert blieb, vielleicht glaubt ſie auch gar nicht an den glücklichen Zufall, der den berühm⸗ ten Verſaſſer des**n in ihre Nähe bringt. Ich ſuchte nun ihr auf alle mögliche Weiſe meine Identität 69 mit jenem Verfaſſer darzuthun, aber es war, als ſey ſie verſteinert, nnd nichts entſchlüpfte ihren Lippen, als: hm— ſo— J das wäre— wie— Doch was ſoll ich dir die tiefe Schmach, welche mich in dieſem Augenblick traf, erſt weitläufig be⸗ ſchreiben. Es fand ſich, daß das Mädchen niemals daran gedacht, daß die Bücher, welche ſie leſe, vor⸗ her gedichtet werden müßten. Der Begriff eines Schriftſtellers, eines Dichters, war ihr gänzlich fremd, und ich glaube wahrhaftig, bei näherer Nach⸗ frage wäre der fromme kindliche Glaube an's Licht gekommen, daß der liebe Gott die Bücher wachſen ließe, wie die Pilze. Ganz kleinlaut fragte ich nochmals nach dem Preiſe des Nelkenſtocks. Unterdeſſen mußte eine ganz andere dunkle Idee von dem Verfertigen der Buͤcher dem Maͤdchen aufgeſtiegen ſeyn; denn da ich das Geld aufzaͤhlte, fragte ſie ganz naiv und unbefangen: ob ich denn alle Buͤcher beim Herra Kralowski mache?— pfeilſchnell ſchoß ich mi meinem Nelkenſtock von dannen. Ich. Vetter, Vetter, das nenne ich geſtrafte Autoreitelkeit; doch, waͤhrend du mir deine tragi⸗ ſche Geſchichte erzaͤhlteſt, verwandte ich kein Auge von meiner Lieblingin. Bei den Blumen allein ließ der übermuͤthige Kuͤchendaͤmon ihr volle Frei⸗ heit. Die graͤmliche Kuͤchengouvernante hatte den ſchweren Marktkorb an die Erde geſetzt, und uͤber⸗ 70 ließ ſich, indem ſie die feiſten Arme bald uͤberein⸗ anderſchlug, bald, wie es der aͤußere rhetoriſche Ausdruck der Rede zu erfordern ſchien, in die Sei⸗ ten ſtemmte, mit drei Colleginnen der unbeſchreib⸗ lichen Freude des Geſpraͤchs, und ihre Rede war, der Bibel entgegen, gewiß viel mehr, als ja, ja, und nein, nein. Sieh nur, welch einen herr⸗ lichen Blumenflor ſich der holde Engel ausge⸗ waͤhlt hat, und von einem ruͤſtigen Burſchen nach⸗ tragen laͤßt. Wie? Nein, das will mir nicht ganz gefallen, daß ſie im Wandeln Kirſchen aus dem kleinen Koͤrbchen naſcht; wie wird das feine Bat⸗ tiſttuch, das wahrſcheinlich darin befindlich, ſich mit dem Obſt befreunden? Der Vetter. Der iugendliche Appetit des Augenblicks fraͤgt nicht nach Kirſchflecken, fuͤr die es Kleeſalz und andere probate Hausmittel gibt. Und das iſt eben die wahrhaft kindliche Unbefan⸗ genheit, daß die Kleine nun von den Drangſalen des boͤſen Markts, ſich in wiedererlangter Freiheit ganz gehen laͤßt. Der Vetter(das Geſpraͤch fortſetzend). Doch ſchon lange iſt mir jener Mann aufgefallen, und ein unaufloͤsbares Raͤthſel geblieben, der eben jetzt dort an der zweiten entfernten Pumpe an dem Wagen ſteht, auf dem ein Bauerweib aus einem großen Faß, um ein Billiges, Pflaumenmuß ver⸗ ſpendet. Fürs Erſte, lieber Vetter, bewundere die 71 Agilitaͤt des Weibes, das mit einem langen hoͤl⸗ zernen Loͤffel bewaffnet, erſt die großen Verkaͤufe zu viertel, halben und ganzen Pfunden beſeitigt, und dann den gierigen Naͤſchern, die ihre Papier⸗ chen, mitunter auch wohl ihre Pelzmuͤtze hinhal⸗ ten, mir Blitzesſchnelle das gewuͤnſchte Dreier⸗ kleckschen zuwirft, welches ſie ſogleich als ſtattli— chen Morgenimbiß wohlgefaͤllig verzehren— Caviar des Volks! Bei dem geſchickten Vertheilen des Pflaumenmußes, mittelſt des geſchwenkten Loͤffels, faͤllt mir ein, daß ich einmal in meiner Kindheit hörte, es ſey auf einer reichen Bauernhochzeit ſo ſplendid hergegangen, daß der delicate, mit einer dicken Kruſte von Zimmt, Zucker und Nelken uͤber⸗ häutete Reisbrei, mittelſt eines Dreſchflegels, vei⸗ theilt worden. Jeder der werthen Gaͤſte durfte nur ganz gemuͤthlich das Maul aufſperren, um die gehörige Portion zu bekommen, und es ging auf dieſe Weiſe recht zu, wie im Schlaraffenland. Doch, Vetter, haſt du den Mann ins Auge ge⸗ faßt? Ich. Allerdings!— Wes Geiſteskind iſt die tolle abenteuerliche Figur? Ein wenigſtens ſechs Fuß hoher, windduͤrrer Mann, der noch dazu ker⸗ zengerade mit eingebogenem Ruͤcken da ſteht! Un⸗ ter dem kleinen dreieckigen, zuſammengequetſchten Huͤtchen ſtarrt hinten die Kokarde eines Haarbeu⸗ kels hervor, der ſich dann in voller Vreite dem 72 Ruͤcken ſanft anſchmiegt. Der graue, nach laͤngſt verjaͤhrter Sitte zugeſchnittene Rock ſchließt ſich, vorne von oben bis unten zugeknoͤpft, enge an den Leib an, ohne eine einzige Falte zu werfen, und ſchon erſt, als er an den Wagen ſchritt, konnte ich bemerken, daß er ſchwarze Beinkleider, ſchwarze Struͤmpfe und maͤchtige zinnerne Schnallen in den Schuhen traͤgt. Was mag er nur in dem vier⸗ eckigen Kaſten haben, den er ſo ſorglich unter dem linken Arm traͤgt, und der beinahe dem Kaſten eines Tabulettkraͤmers gleicht?— Der Better. Das virſt du gleich erfahren, ſchau nur aufmerkſam hin. Ich. Er ſchlaͤgt den Deckel des Kaſtens zuruͤck— die Sonne ſcheint hinein— ſtrahlende Reflexe— der Kaſten iſt mit Blech gefuͤttert— er macht der Pflaumenmußfrau, indem er das Huͤtchen vom Kopfe zieht, eine beinahe ehrfurchtsvolle Verbeu⸗ gung.— Was fuͤr ein originelles, ausdrucksvol⸗ les Geſicht— feingeſchloſſene Lippen— eine Ha⸗ bichtsnaſe— große, ſchwarze Augen— hochſte⸗ hende, ſtarke Augenbraunen— eine hohe Stirn— ſchwarzes Haar— das Toupé en coeur friſirt, mit kleinen ſteifen Loͤckchen uͤber den Ohren.— Er reicht den Kaſten der Bauerfrau auf den Wagen, die ihn ohne Weiteres mit Pflaumenmuß fuͤllt, und, ihm freundlich nickend, wieder zuruckreicht. — Mit einer zweiten Verbeugung entferut ſich 75 der Mann— er windet ſich hinan an die Herings⸗ tonne— er zieht ein Schubfach des Kaſtens her⸗ vor, legt einige erhandelte Salzmänner hinein, und ſchiebt das Fach wieder zu— ein drittes Schub⸗ fach iſt, wie ich ſehe, zu Peterſtlie und anderm Wurzelwerk beſtimmt.— Nun durchſchneidet er mit langen, gravitaͤtiſchen Schritten den Markt in verſchiedenen Richtungen, bis ihn der reiche, auf einem Tiſch ausgebreitete Vorrath von gerupf⸗ tem Gefluͤgel feſthaͤlt. So wie uͤberall, macht er auch hier, ehe er zu feilſchen beginnt, einige tiefe Verbeugungen— er ſpricht viel und lange mit der Frau, die ihn mit beſonders freundlicher Miene anhoͤrt— er ſetzt den Kaſten behutſam auf den Boden nieder, und ergreift zwei Enten, die er ganz bequem in die weite Rocktaſche ſchiebt.— Himmel! es folgt noch eine Gans— den Puter ſchaut er blos an mit liebaͤugelnden Blicken— er kann doch nicht unterlaſſen, ihn wenigſtens mit dem Zeige⸗ und Mittelfinger liebkoſend zu beruͤh⸗ ren—; ſchnell hebt er ſeinen Kaſten auf, verbeugt ſich gegen das Weib ungemein verbindlich, und ſchreitet, ſich mit Gewalt losreißend von dem ver⸗ fuͤhreriſchen Gegenſtand ſeiner Begierde, von dan⸗ nen— er ſteuert geradezu los auf die Fleiſcher⸗ buden— iſt der Menſch ein Koch, der fuͤr ein Gaſtmahl zu ſorgen hat?— er erhandelt eine Kalbskeule, die er noch in eine ſeiner Rieſenta⸗ Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XV. BB. 5 a 74 ſchen gleiten laͤßt.— Nun iſt er fertig mit ſei⸗ nem Einkauf; er geht die Charlottenſtraße herauf, mit ſolchem ganz ſeltſamen Anſtand und Weſen, daß er aus irgend einem fremden Lande hinabge⸗ ſchneit zu ſeyn ſcheint. Der Vetter. Genug habe ich mir ſchon uͤber dieſe exotiſche Figur den Kopf zerbrochen.— Was denkſt du, Vetter, zu meiner Hypotheſe? Dieſer Menſch iſt ein alter Zeichenmeiſter, der in mittel⸗ maͤßigen Schulanſtalten ſein Weſen getrieben hat, und vielleicht noch treibt. Durch allerlei indu⸗ ſtrioͤfe Unternehmungen hat er viel Geld erwor⸗ ben; er iſt geizig, mißtrauiſch, Cyniker bis zum Ekelhaften, Hageſtolz,— nur einem Gott opfert er— dem Bauche;— ſeine ganze Luſt iſt, gut zu eſſen, verſteht ſich allein auf ſeinem Zimmer; — er iſt durchaus ohne alle Bedienung, er beſorgt alles ſelbſt— an Markttagen holt er, wie du ge⸗ ſehen haſt, ſeine Lebensbeduͤrfniſſe fuͤr die halbe Woche, und bereitet in einer kleinen Kuͤche, die dicht bei ſeinem armſeligen Stuͤbchen belegen, ſelbſt ſeine Speiſen, die er dann, da der Koch es ſtets dem Gaumen des Herrn zu Dank macht, mit gie⸗ rigem, ja vielleicht thieriſchen Appetit verzehrt. Wie geſchickt und zweckmaͤßig er einen alten Mahl⸗ kaſten zum Marktkorbe aptirt hat, auch das hat du bemerkt, lieber Vetter. Ich. Weg von dem widrigen Menſchen. 75 Der BVetter. Warum widrig? Es muß auch ſolche Kaͤuze geben, ſagt ein welterfahrener Mann, und er hat Recht, denn die Varietaͤt kann nie bunt genug ſeyn. Doch mißfaͤllt dir der Mann ſo ſehr, lieber Vetter, ſo kann ich dir daruͤber, was er iſt, thut und treibt, noch eine andere Hy⸗ potheſe aufſtellen. Vier Franzoſen, und zwar ſämmtlich Pariſer, ein Sprachmeiſter, ein Fecht⸗ meiſter, ein Tanzmeiſter und ein Paſtetenbaͤcker, kamen in ihren Jugendjahren gleichzeitig nach Ber⸗ lin, und fanden, wie es damals(gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts) gar nicht fehlen konnte, ihr reichliches Brot. Seit dem Augenblick, als die Diligence ſie vereinigte, ſchloſſen ſie den eng⸗ ſten Freundſchaftsbund, blieben ein Herz und eine Seele, und verlebten jeden Abend nach vollbrach— ter Arbeit zuſammen, als echte alte Franzoſen, in lebhafter Converſation, bei frugalem Abendeſſen. Des Tanzmeiſters Beine waren ſtumpf geworden, des Fechtmeiſters Arme durch das Alter entnervt, dem Sprachmeiſter Rivale, die ſich der neueſten Pariſer Mundart ruͤhmten, uͤber den Kopf geſtie⸗ gen, und die ſchlauen Erfindungen des Paſteten⸗ baͤckers uͤberboten juͤngere Gaumenkitzler, von den eigenſinnigſten Gaſtronomen in Paris ausgebildet. Aber jeder des treu verbundenen Quatuors hatte indeſſen ſein Schaͤfchen ins Trockne gebracht. Sie zogen zuſammen in eine geraume, ganz arlige, 76 jedoch entlegene Wohnung, gaben ihre Geſchaͤfte auf, und lebten zuſammen, alt franzoͤſiſcher Sitte getreu, ganz luſtig und ſorgenfrei, da ſie ſelbſt den Bekuͤmmerniſſen und Laſten der ungluͤcklichen Zeit geſchickt zu entgehen wußten. Jeder hat ein be⸗ ſonderes Geſchaͤft, wodurch der Nutzen und das Vergnuͤgen der Societaͤt befoͤrdert wird. Der Tanz⸗ meiſter und der Fechtmeiſter beſuchen ihre alten Scholaren, ausgediente Offiziers von hoͤherm Range, Kammerherren, Hofmarſchaͤlle u. ſ. w.; denn ſie hatten die vornehmſte Praxis, und ſammeln die Neuigkeiten des Tags zum Stoff fuͤr ihre Unter⸗ haltung, der nie ausgehen darf. Der Sprachmei⸗ ſter durchwuͤhlt die Laͤden der Antiquare, um im⸗ mer mehr franzoͤſiſche Werke auszumitteln, deren Sprache die Akademie gebilligt hat. Der Paſte⸗ tenbaͤcker ſorgt fuͤr die Kuͤche; er kauft eben ſo gut ſelbſt ein, als er die Speiſen ebenfalls ſelbſt bereitet, worin ihm ein alter franzoͤſiſcher Haus⸗ knecht beiſteht. Außer dieſem beſorgt fuͤr jetzt, da eine alte zahnloſe Franzoͤſin, die ſich von der fran— zoͤſiſchen Gouvernante bis zur Aufwaſchmagd her⸗ untergedient hatte, geſtorben, ein pausbaͤckiger Junge, den die Vier von den Orphelins françois zu ſich genommen, die Bedienung.— Dort geht der kleine Himmelblaue, an einem Arm einen Korb mit Mundſemmeln, an dem andern einen Korb, in dem der Salat hoch aufgethuͤrmt iſt.— . 77 So habe ich den widrigen eyniſchen deutſchen Zei⸗ chenmeiſter augenblicklich zum gemuͤthlichen fran⸗ zoͤſiſchen Paſtetenbaͤcker umgeſchaffen, und ich glaube, daß ſein Aeußeres, ſein ganzes Weſen, recht gut dazu paßt. Ich. Dieſe Erfindung macht deinem Schrift⸗ ſtellertalent Ehre, lieber Vetter. Doch mir leuch⸗ ten ſchon ſeit ein Paar Minuten dort jene hohen weißen Schwungfedern in die Augen, die ſich aus dem dickſten Gedraͤnge des Volks empor heben. Endlich tritt die Geſtalt dicht bei der Pumpe her⸗ vor— ein großes, ſchlankgewachſenes Frauenzim⸗ mer von gar nicht uͤblem Anſehen— der Ueberrock von roſarothem ſchwerem Seidenzeuge iſt funkel⸗ nagelnen— der Hut von der neueſten Facon, der daran befeſtigte Schleier von ſchoͤnen Spitzen— weiße Glacé⸗Handſchuhe.— Was noͤthigte die elegante, wahrſcheinlich zu einem Dejeuner einge⸗ ladene Dame, ſich durch das Gewuͤhl des Marktes zu draͤngen? Doch wie? auch ſie gehoͤrt zu den Einkaͤuferinnen? Sie ſteht ſtill, und winkt einem alten, ſchmutzigen, zerlumpten Weibe, die ihr, ein lebhaftes Bild der Miſeère im Hefen des Volks, mit einem halbzerbrochenen Marktkorbe am Arm, muͤhſam nachhinkt. Die geputzte Dame bleibt an der Ecke des Theatergebaͤudes, um dem erblinde⸗ ten Landwehrmann, der dort an die Mauer ge⸗ lehnt ſteht, ein Almoſen zu geben. Sie zieht mit a* 78 Muͤhe den Handſchuh von der rechten Hand— hilf Himmel! eine blutrothe, noch dazu ziemlich mannhaft gebaute Fauſt kommt zum Vorſchein. Doch ohne lange zu ſuchen und zu waͤhlen, druͤckt ſie dem Blinden raſch ein Stück Geld in die Hand, laͤuft raſch bis in die Mitte der Charlottenſtraße, und ſetzt ſich dann in einen majeſtaͤtiſchen Prome⸗ nadenſchritt, mit dem ſie, ohne ſich weiter um ihre zerlumpte Begleiterin zu kuͤmmern, die Char⸗ lottenſtraße hinauf nach den Linden wandelt. Der Vetter. Das Weib hat, um ſich aus⸗ zuruhen, den Korb an die Erde geſetzt, und du kannſt mit einem Blick den ganzen Einkauf der eleganten Dame uͤberſehen. Ich. Der iſt in der That wunderlich genug.— Ein Kohlkopf— viele Kartoffeln— einige Aepfel — ein kleines Brot— einige Heringe in Papier gewickelt— ein Schafkaͤſe, nicht von der appetit⸗ lichſten Farbe— eine Hammelleber— ein kleiner Roſenſtock— ein Paar Pantoffeln— ein Stiefel⸗ knecht.— Was in aller Welt— 1 Der Vetter. Stilb, ſtill, Vetter, genug von der Roſenrothen!— Betrachte aufmerkſam jenen Blinden, dem das leichtſinnige Kind der Verderb⸗ niß Almoſen ſpendete. Gibt es ein ruͤhrenderes Bild unverdienten menſchlichen Elends, und from⸗ mer in Gott und Schickſal ergebener Reſignation? Mit dem Ruͤcken an die Mauer des Theaters ge⸗ 79 lehnt, beide abgeduͤrrte Knochenhaͤnde auf einen 3 Stab geſtuͤtzt, den er einen Schritt vorgeſchoben, damit das unvernunftige Volk ihm nicht uͤber die Fuͤße laufe, das leichenblaſſe Antlitz emporgehoben, das Landwehrmuͤtzchen in die Augen gedruͤckt, ſteht er regungslos vom fruͤhen Morgen bis zum Schluß des Markts an derſelben Stelle.— Ich. Er bettelt, und doch iſt fuͤr die erblinde⸗ ten Krieger ſo gut geſorgt. Der Vetter. Du biſt in gar großem Irrthum, lieber Vetter. Dieſer arme Menſch macht den Knecht eines Weibes, welches Gemuͤſe feil haͤlt, und die zu der niedrigeren Klaſſe dieſer Verkaͤufe⸗ rinnen gehoͤrt, da die vornehmere das Gemuͤſe in, auf Wagen gepackten, Koͤrben herbeifahren laͤßt. Dieſer Blinde kommt naͤmlich jeden Morgen mit vollen Gemuͤſekoͤrben bepackt, wie ein Laſtthier, ſo daß ihn die Buͤrde beinahe zu Boden druͤckt, und er ſich nur mit Muͤhe im wankenden Schritt mit⸗ telſt des Stabes aufrecht erhaͤlt, herbei. Eine große, robuſte Frau, in deren Dienſten er ſteht, oder die ihn vielleicht nur eben zum Hinſchaffen des Gemuͤſes auf den Markt gebraucht, gibt ſich, wenn nun ſeine Kraͤfte beinahe ganz erſchoͤpft ſind, kaum die Muͤhe, ihn beim Arm zu ergreifen, und weiter an Ort und Stelle, nämlich eben an den Platz, den er jetzt einnimmt, hin zu helfen. Hier nimmt ſie ihm die Koͤrbe vom Ruͤcken, die ſie 80 felbſt hinuͤbertraͤgt, und laͤßt ihn ſtehen, ohne ſich im mindeſten um ihn eher zu bekuͤmmern, als bis der Markt geendet iſt, und ſie ihm die ganz, oder nur zum Theil geleerten Koͤrbe wieder aufpackt. Ich. Es iſt doch merkwurdig, daß man die Blindheit, ſollten auch die Augen nicht verſchloſ⸗ ſen ſeyn, oder ſollte auch kein anderer ſichtbarer Fehler den Mangel des Geſichts verrathen, dennoch an der emporgerichteten Stellung des Hauptes, die den Erblindeten eigenthuͤmlich, ſogleich erkennt; es ſcheint darin ein fortwaͤhrendes Streben zu lie⸗ gen, etwas in der Nacht, die den Blinden um⸗ ſchließt, zu erſchauen. Der Vetter. Es gibt fuͤr mich keinen ruͤh⸗ renderen Anblick, als wenn ich einen ſolchen Blin⸗ den ſehe, der mit emporgerichtetem Haupt in die weite Ferne zu ſchauen ſcheint. Untergegangen iſt fuͤr den Armen die Abendroͤthe des Lebens, aber ſein inneres Auge ſtrebt ſchon das ewige Licht zu erblicken, das ihm in dem IJenſeits voll Troſt, Hoffnung und Seligkeit leuchtet.— Doch ich werde zu ernſt.— Der blinde Landwehrmann bietet mir jeden Markttag einen Schatz von Be⸗ merkungen dar. Du gewahrſt, lieber Better, wie ſich bei dieſem armen Menſchen die Mildthaͤtig⸗ keit der Berliner recht lebhaft ausſpricht. Oft. ziehen ganze Reihen bei ihm voruͤber, und Kei⸗ ner daraus verfehlt ihm ein Almoſen zu reichen. 4 81 Aber die Art und Weiſe, wie dieſes gereicht wird, hierin liegt Alles. Schau einmal, lieber Vetter, eine Zeitlang hin, und ſag' mir, was du gewahr'ſt. Ich. Eben kommen drei, vier, fuͤnf ſtattliche derbe Hausmaͤgde; die mit, zum Theil ſchwer ins Gewicht fallenden Waaren, uͤbermaͤßig vollgepack⸗ ten Körbe, ſchneiden ihnen beinahe die nervigten blau aufgelaufenen Arme wund; ſie haben Urſache zu eilen, um ihre Laſt los zu werden, und doch weilt jede einen Augenblick, greift ſchnell in den Marktkorb, und druͤckt dem Blinden ein Stuͤck Geld, ohne ihn einmal anzuſehen, in die Hand. Die Ausgabe ſteht als nothwendig und unerlaͤß⸗ lich auf dem Etat des Markttages. Das iſt Recht! Da kommt eine Frau, deren Anzuge, deren gan⸗ zes Weſen man die Behaglichkeit und Wohlhaben⸗ heit deutlich anmerkt,— ſie bleibt vor dem In⸗ validen ſtehen, zieht ein Beutelchen hervor, und ſucht und ſucht, und kein Stuͤck Geld ſcheint ihr klein genng zum Akt der Wohlthaͤtigkeit, den ſie zu vollfuͤhren gedenkt,— ſie ruft ihre Koͤchin zu, — es findet ſich, daß auch dieſer die kleine Muͤnze ausgegangen,— ſie muß erſt bei den Gemuͤſewei⸗ bern wechſeln,— endlich iſt der zu verſchenkende Dreier herbeigeſchafft,— nun klopfte ſie den Blin⸗ den auf der Hand, damit er ja merke, daß er et⸗ was empfangen werde,— er oͤffnet den Handtel⸗ ler,— die wohlthaͤtige Dame drückt ihm das 82² Geldſtuͤck hinein, und ſchließt ihm die Fauſt, da⸗ mit die ſplendide Gabe ja nicht verloren gehe.— Warum trippelt die kleine niedliche Mamſell ſo hin und her, und naͤhert ſich immer mehr und mehr dem Blinden? Ha, im Vorbeihuſchen hat ſie ſchnell, daß es gewiß Niemand als ich, der ich ſie auf dem Kern meines Glaſes habe, bemerkte, dem Blinden ein Stuͤck Geld in die Hand ge⸗ ſteckt,— das war gewiß kein Dreier. Der glaue, wohlgemaͤſtete Mann im braunen Rocke, der dort ſo gemuͤthlich daher geſchritten kommt, iſt gewiß ein ſehr reicher Buͤrger. Auch er bleibt vor dem Blinden ſtehen, und laͤßt ſich in ein langes Ge⸗ ſpraͤch mit ihm ein, indem er den uͤbrigen Leuten den Weg verſperrt und ſie hindert, dem Blinden Almoſen zu ſpenden;— endlich, endlich zieht er eine maͤchtige gruͤne Geldboͤrſe aus der Taſche, entknuͤpft ſie nicht ohne Muͤhe, und wuͤhlt ſo ent⸗ fetzlich im Gelde, daß ich glaube, es bis hieher klappern zu hoͤren,— Parturiunt montes!— Doch will ich wirklich glauben, daß der edle Menſchen⸗ freund, vom Bilde des Jammers hingeriſſen, ſich bis zum ſchlechten Groſchen verſtieg.— Bei allem dem meine ich doch, daß der Blinde an den Markt⸗ tagen nach ſeiner Art keine geringe Einnahme macht, und mich wundert, daß er alles ohne das mindeſte Zeichen von Dankbarkeit annimmt; nur eine leiſe Bewegung der Lippen, die ich wahrzu⸗ 85 nehmen glaube, zeigt, daß er etwas ſpricht, was wohl Dank ſeyn mag,— doch auch dieſe Bewe⸗ gung bemerke ich nur zuweilen. Der Vetter. Da haſt du den entſchiedenen Ausdruck vollkommen abgeſchloſſener Reſignation: was iſt ihm das Geld, er kann es nicht nutzen; erſt in der Hand eines Andern, dem er ſich ruͤck⸗ ſichtslos anvertrauen muß, erhaͤlt es ſeinen Werth, — ich kann mich ſehr irren; aber mir ſcheint, als wenn das Weib, deren Gemuͤſekoͤrbe er traͤgt, eine fatale boͤſe Sieben ſey, die den Armen ſchlecht haͤlt, unerachtet ſie hoͤchſt wahrſcheinlich alles Geld, was er empfaͤngt, in Beſchlag nimmt. Jedesmal, wenn ſie die Koͤrbe zuruͤckbringt, keift ſie mit dem Blinden, und zwar in dem Grade mehr oder we⸗ niger, als ſie einen beſſern oder ſchlechtern Markt gemacht hat. Schon das leichenblaſſe Geſicht, die abgehungerte Geſtalt, die zerlumpte Kleidung des Blinden laͤßt vermuthen, daß ſeine Lage ſchlimm genug iſt, und es waͤre die Sache eines thaͤtigen Menſchenfreundes, dieſem Verhaͤltniß naͤher nach⸗ zuforſchen. Ich. Indem ich den ganzen Markt uͤberſchaue, bemerke ich, daß die Mehlwagen dort, uͤber die Tuͤcher wie Zelte aufgeſpannt ſind, deßhalb einen maleriſchen Anblick gewaͤhren, weil ſie dem Auge ein Stuͤtzpunkt ſind, um den ſich die bunte Maſſe zu deutlichen Gruppen bildet. 84 Der Vetter. Von den weißen Mehlwagen und den mehlbeſtaubten Muͤhlknappen und Muͤl⸗ lermaͤdchen mit roſenrothen Wangen, jede eine bella molinara, kenne ich gerade auch etwas Ent⸗ gegengeſetztes. Mit Schmerz vermiſſe ich nämlich eine Koͤhlerfamilie, die ſonſt ihre Waare gerade uͤber meinem Fenſter, am Theater feil bot, und jetzt hinuͤbergewieſen ſeyn ſoll auf die andere Seite. Dieſe Familie beſteht aus einem großen robuſten Mann mit ausdrucksvollem Geſicht, markigen Zuͤ⸗ gen, heftig, beinahe gewaltſam in ſeinen Bewe⸗ gungen, genug, ganz treues Abbild der Koͤhler, wie ſie in Romanen vorzukommen pflegen. In der That, begegnete ich dieſem Manne einſam im Walde, es wuͤrde mich ein wenig froͤſteln, und ſeine freundſchaftliche Geſinnung wuͤrde mir in dem Augenblicke die liebſte auf Erden ſeyn. Die⸗ ſem Manne ſteht als zweites Glied der Familie, im ſchneidenſten Contraſt, ein kaum vier Fuß ho⸗ her, ſeltſam verwachſener Kerl entgegen, der die Poſſierlichkeit ſelbſt iſt. Du weißt, lieber Vetter, daß es Leute gibt von gar ſeltſamem Bau; auf den erſten Blick muß man ſie fuͤr bucklig erkennen, und doch vermag man bei naͤherer Betrachtung durchaus nicht anzugeben, wo ihnen denn eigent⸗ lich der Buckel ſitzt. Ich. Ich erinnere mich hiebei des naiven Aus⸗ ſpruchs eines geiſtreichen Militairs, der mit einem 8⁵ ſolchen Naturſpiel in Geſchaͤften viel zu thun hatte, und dem das Unergruͤndliche des wunderlichen Baues ein Anſtoß war.„Einen Buckel,“ ſagte er, „einen Buckel hat der Menſch; aber wo ihm der Buckel ſitzt, das weiß der Teufel!“— Der Vetter. Die Natur hatte im Sinn, aus meinem kleinen Kohlenbrenner eine rieſen⸗ hafte Figur von etwa ſieben Fuß zu bilden, denn dieſes zeigen die koloſſalen Haͤnde und Fuͤße, bei⸗ nahe die groͤßten, die ich in meinem Leben geſe⸗ hen. Dieſer kleine Kerl, mit einem großkragigen Maͤntelchen bekleidet, eine wunderliche Peltz muͤtze auf dem Haupte, iſt in ſteter raſtloſer Unruhe; mit einer unangenehmen Beweglichkeit huͤpft und trippelt er hin und her, iſt bald hier, bald dort, und muͤht ſich, den Liebenswuͤrdigen, den Schar⸗ manten, den primo amoroso des Markts zu ſpie⸗ len. Kein Frauenzimmer, gehoͤrt es nicht gerade⸗ hin zum vornehmern Stande, laͤßt er voruͤber⸗ gehen, ohne ihm nachzutrippeln, und mit ganz unnachahmlichen Stellungen, Geberden und Gri⸗ maſſen, Suͤßigkeiten auszuſtoßen, die nun freilich im Geſchmack der Kohlenbrenner ſeyn moͤgen. Zu⸗ weilen treibt er die Galanterie ſo weit, daß er im Geſpraͤch den Arm ſanft um die Huͤften des Maͤdchens ſchlingt, und, die Muͤtze in der Hand, der Schoͤnheit huldigt, oder ihr ſeine Ritterdienſte anbietet. Merkwuͤrdig genug, daß die Maͤdeheu⸗ 5 86 ſich nicht allein das gefallen laſſen, ſondern uͤber⸗ dem, dem kleinen Ungethuͤm freundlich zunicken, und ſeine Galanterien uͤberhaupt gar gerne zu haben ſcheinen. Dieſer kleine Kerl iſt gewiß mit einer reichen Doſis von natuͤrlichem Mutterwitz, dem entſchiedenen Talent fuͤrs Poſſirliche, und der 3 Kraft, es darzuſtellen, begabt. Er iſt der Pag⸗ liaßo, der Tauſendſaſa, der Allerweltskerl in der ganzen Gegend, die den Wald umſchließt, wo er hauſet; ohne ihn kann keine Kindtaufe, kein Hoch⸗ zeitſchmaus, kein Tanz im Kruge, kein Gelag beſtehen; man freuet ſich auf ſeine Spaͤße, und be⸗ lacht ſie das ganze Jahr hindurch. Der Reſt der Familie beſteht, da die Kinder und etwanigen Maͤgde zu Hauſe gelaſſen werden, nur noch aus zwei Weibern von robuſtem Bau und finſterm, muͤrriſchem Anſehen, wozu freilich der Kohlenſtaub, der ſich in den Falten des Geſichts feſtſetzt, viel beitraͤgt. Die zaͤrtliche Anhaͤnglichkeit eines großen Spitzes, mit dem die Familie jeden Biſſen theilt, den ſie waͤhrend des Markts ſelbſt genießt, zeigte mir uͤbrigens, daß es in der Koͤhlerhuͤtte recht ehrlich und patriarchaliſch zugehen mag. Der Kleine hat uͤbrigens Rieſenkraͤfte, weßhalb die Familie ihn dazu braucht, die verkauften Kohlenſaͤcke den Kaͤufern ins Haus zu ſchaffen. Ich ſah oft, ihn von den Weibern mit wohl zehn großen Koͤrben bepacken, die ſie hoch uͤbereinander auf ſeinen Ruͤcken 87 häuften, und er hüpfte damit fort, als fühle er keine Laſt. Von hinten ſah nun die Figur ſo toll und abentheuerlich aus, als man nur etwas ſehen kann. Natürlicherweiſe gewahrte man von der werthen Figur des Kleinen auch nicht das aller⸗ mindeſte, ſondern bloß einen ungeheuren Kohlen⸗ ſack, dem unten ein Paar Füßchen angewachſen waren. Es ſchien ein fabelhaftes Thier, eine Art mährchenhaftes Känguru über den Markt zu hüpfen. Ich. Sieh, ſieh, Vetter! dort an der Kirche entſteht Lärm. Zwei Gemüſeweiber ſind wahr⸗ ſcheinlich uͤber das leidige Meum und Tuum in heftigen Streit gerathen, und ſcheinen, die Fäuſte in die Seiten geſtemmt, ſich mit feinen Redens⸗ arten zu bedienen. Das Volk läuft zuſammen— ein dichter Kreis umſchließt die Zankenden— im⸗ mer ſtärker und gellender erheben ſich die Stim⸗ men— immer heftiger fechten ſie mit den Händen durch die Lüfte— immer näher rücken ſie ſich auf den Leib— gleich wird es zum Fauſtkampf kom⸗ men— die Polizei macht ſich Platz— wie? Plötz⸗ lich erblicke ich eine Menge Glanzhüte zwiſchen den Zornigen— im Augenblick gelingt es den Gevat⸗ terinnen, die erhitzten Gemüther zu beſänftigen — aus iſt der Streit— ohne Hülfe der Polizei— ruhig kehren die Weiber zu ihren Gemüſekörben zurück— das Volk, welches nur einige Mal, wahr⸗ ſcheinlich bei beſonders draſtiſchen Momenten des 88 3 Streits, durch lautes Aufjauchzen ſeinen Beifall zu erkennen gab, läuft auseinander.— Der Better. Du bemerkſt, lieber Vetter, daß dieſes waͤhrend der ganzen langen Zeit, die wir hier am Fenſter zugebracht, der einzige Zank war, der ſich auf dem Markt entſpann, und der lediglich durch das Volk ſelbſt geſchwichtigt wurde. Selbſt ein ernſterer, bedrohlicherer Zank wird gemein⸗ hin von dem Volke ſelbſt auf dieſe Weiſe gedämpft, daß ſich Alles zwiſchen die Streitenden drängt, und ſie auseinanderbringt. Am vorigen Markttag ſtand zwiſchen den Fleiſch⸗und Obſtbuden ein großer abgelumpter Kerl, von frechem, wildem Anſehen, der mit dem vorübergehenden Fleiſcherknecht plötzlich in Streit gerieth; er führte ohne Weiteres mit dem furchtbaren Knittel, den er wie ein Gewehr über die Schulter gelehnt trug, einen Schlag gegen den Knecht, der dieſen unfehlbar zu Boden geſtreckt haben würde, wäre er nicht geſchickt ausgewichen, und in ſeine Bude geſprungen. Hier bewaffnete er ſich aber mit einer gewaltigen Fleiſcheraxt, und wollte dem Kerl zu Leibe. Alle Aspekten waren dazu da, daß das Ding ſich mit Mord und Tod⸗ ſchlag endigen, und das Kriminalgericht in Thätig⸗ keit geſetzt werden würde. Die Obſtfrauen, lauter kräftige und wohlgenährte Geſtalten, fanden ſich aber verpflichtet, den Fleiſcherknecht ſo liebreich und feſt zu umarmen, daß er ſich nicht aus der 89 Stelle zu rühren vermochte; er ſtand da mit hoch emporgeſchwungener Waffe, wie es in jener pathe⸗ tiſchen Rede von rauhen Pyrrhus heißt; „wie ein gemalter Wüthrich, und wie parthei⸗ los zwiſchen Kraft und Willen, that nichts.“ Unterdeſſen hatten andere Weiber, Bürſtenbin⸗ der, Stiefelknechtverkäufer u. ſ. w., den Kerl um⸗ ringend, der Polizei Zeit gegönnt, heran zu kom⸗ men, und ſich ſeiner, der mir ein freigelaſſener Sträf⸗ ling ſchien, zu bemächtigen. Ich. Alſo herrſcht, in der That im Volk ein Sinn für die zu erhaltende Ordnung, der nicht anders, als für Alle ſehr erſprießlich wirken kann. Der Vetter. Ueberhaupt, mein lieber Vet⸗ ter, haben mich meine Beobachtungen des Mark⸗ tes in der Meinung beſtärkt, daß mit dem Berliner Volk, ſeit jener Unglücksperiode, als ein frecher, übermüthiger Feind das Land überſchwemmte, und ſich vergebens mühte, den Geiſt zu unterdrücken, der bald wie eine gewaltſam zuſammengedrückte Spiralfeder mit erneuter Kraft emporſprang, eine merkwürdige Veränderung vorgegangen iſt. Mit Einem Wort: das Volk hat an äußerer Sittlich⸗ keit gewonnen; und wenn du dich einmal an einem ſchönen Sommertage gleich Nachmittags nach den Zelten bemühſt, und die Geſellſchaften beobachteſt, welche ſich nach Moabit einſchiffen laſſen, ſo wirſt du ſelbſt unter gemeinen Mägden und Taglöhnern b)* 90 ein Streben nach einer gewiſſen Courtoiſie bemer⸗ ken, das ganz ergötzlich iſt. Es iſt der Maſſe ſo gegangen, wie dem Einzelnen, der viel Neues ge⸗ ſehn, viel Ungewöhnliches erfahren, und der mit dem Nil admirari die Geſchmeidigkeit der äußern Sitte gewonnen. Sonſt war das Berliner Volk roh und brutal; man durfte z. B. als Fremder, kaum nach einer Straße, oder nach einem Hanſe, oder ſonſt nach etwas fragen, ohne eine grobe, oder verhöhnende Antwort zu erhalten, oder durch fal⸗ ſchen Beſcheid gefoppt zu werden. Der Berliner Straßenjunge, der den kleinſten Anlaß, einen et⸗ was auffallenden Anzug, einen lächerlichen Unfall, der Jemanden geſchah, zu dem abſcheulichſten Fre⸗ vel benutzte, exiſtirt nicht mehr. Denn jene Ci⸗ garrenjungen vor den Thoren, die„den fidelen Ham⸗ burger avec du feus“ ausbieten, dieſe Galgenſtricke, welche ihr Leben in Spandau, oder Straußberg, oder, wie noch kürzlich einer von ihrer Race, auf dem Schaffot endigen, ſind keineswegs das, was der eigentliche Berliner Straßenjunge war, der nicht Vagabond, ſondern gewöhnlich Lehrburſche bei einem Meiſter,— es iſt lächerlich zu ſagen,— bei aller Gottloſigkeit und Verderbniß, doch ein gewiſ⸗ ſes Point d'Honneur beſaß, und dem es an gar drolligem Mutterwitz nicht mangelte. Ich. O, lieber Vetter, laß mich dir in aller Geſchwindigkeit ſagen, wie neulich mich ein ſolcher 9¹ fataler Volkswitz tief beſchämt hat. Ich gehe vor's Brandenburger Thor, und werde von Charlotten⸗ burger Fuhrleuten verfolgt, die mich zum Aufſitzen einladen; einer von ihnen, ein höchſtens ſechszehn, ſiebzehnjähriger Junge, trieb die Unverſchämtheit ſo weit, daß er mich mit ſeiner ſchmutzigen Fauſt beim Arm packte.„Will er mich wohl nicht an⸗ faſſen!“ fahre ich ihn zornig an.„Nun, Herr,“ erwiederte der Junge ganz gelaſſen, indem er mich mit ſeinen ſtieren Augen anglotzte,„nun, Herr, warum ſoll ich Ihnen den nicht anfaſſen; ſind Sie vielleicht nicht ehrlich?“ Der Vetter. Hahal! dieſer Witz iſt wirk⸗ lich einer, aber recht aus der ſtinkenden Grube der tiefſten Depravation geſtiegen.— Die Witzwörter der Berliner Obſtweiber u. a. waren ſonſt weltbe⸗ rühmt, und man that ihnen ſogar die Ehre an, ſie Shakespeariſch zu nennen, unerachtet bei näherer Beleuchtung, ihre Energie und Originalität nur vorzüglich in der ſchamloſen Frechheit beſtand, wo⸗ mit ſie den niederträchtigſten Schmutz als pikante Schüſſel auftiſchten.— Sonſt war der Markt der Tummelplatz des Zanks, der Prügeleien, des Be⸗ trugs, des Diebſtahls, und keine honette Frau durfte es wagen, ihren Einkauf ſelbſt beſorgen zu wollen, ohne ſich der größten Unbill auszuſetzen. Denn nicht allein, daß das Höckervolk gegen ſich ſelbſt und alle Welt zu Felde zog, ſo gingen noch 92 Menſchen ausdrücklich darauf aus, Unruhe zu erregen, um dabei im Trüben zu fiſchen, wie z. B. das aus allen Ecken und Enden der Welt zuſammengeworbene Geſindel, welches damals in den Regimenten ſteckte. Sieh, lieber Vetter, wie jetzt dagegen der Markt das anmuthige Bild der Wohlbehaglichkeit und des ſittlichen Friedens darbietet. Ich weiß, enthuſia⸗ ſtiſche Rigoriſten, hyperpatriotiſche Aszetiker eifern grimmig gegen dieſen vermehrten aͤußern Anſtand des Volks, indem ſie meinen, daß mit dieſer Ab⸗ geſchliffenheit der Sitte auch das Volksthümliche abgeſchliffen werde und verloren gehe. Ich meines Theils bin der feſten, innigſten Ueberzeugung, daß ein Volk, das ſowohl den Einheimiſchen, als den Fremden, nicht mit Grobheit oder höhniſcher Ver⸗ achtung, ſondern mit höflicher Sitte behandelt, da⸗ durch unmöglich ſeinen Karakter einbüßen kann. Mit einem ſehr auffallenden Beiſpiel, welches die Wahrheit meiner Behauptung darthut, würde ich bei jenen Rigoriſten gar übel wegkommen. Immer mehr hatte ſich das Gedränge vermin⸗ dert; immer leerer und leerer war der Markt wor⸗ den. Die Gemüſeverkäuferinnen packten ihre Körbe zum Theil auf herbeigekommene Wagen, zum Theil ſchleppten ſie ſie ſelbſt fort— die Mehlwagen fuh⸗ ren ab— die Gärtnerinnen ſchafften den übrig ge⸗ blieben Blumenvorrath auf großen Schiebkarreu fort— geſchäftiger zeigte ſich die Polizei, Alles, und vorzüglich die Wagenreihe, in gehöriger Ord⸗ nung zu erhalten; dieſe Ordnung wäre auch nicht geſtört, wenn es nicht hin und wieder einem ſchis⸗ matiſchen Bauerjungen eingefallen wäre, quer über den Platz, ſeine eigene neue Behringsſtraße zu ent⸗ decken, zu verfolgen, und ſeinen küynen Lauf mit⸗ ten durch die Obſtbuden, gradezu nach der Thüre der deutſchen Kirche zu richten. Das gab denn viel Geſchrei und viel Ungemach des zu genialen Wagenlenkers.„Dieſer Markt,“ ſprach der Vetter, viſt auch jetzt ein treues Abbild des ewig wechſelu⸗ den Lebens. Rege Thätigkeit, das Bedürfniß des Augeublicks, trieb die Menſchenmaſſe zuſammen; in wenigen Augenblicken iſt Alles verödet, die Stim⸗ men, welche im wirren Getöſe durcheinander ſtröm⸗ ten, ſind verklungen, und jede verlaſſene Stelle ſpricht das ſchauerliche; es war! nur zu lebhaft aus.“— Es ſchlug Ein Uhr, der grämliche In⸗ valide trat ins Kabinet, und meinte mit verzo⸗ genem Geſicht: der Herr möge doch nun endlich das Fenſter verlaſſen und eſſen, da ſonſt die aufge⸗ tragenen Speiſen wieder kalt würden.„Alſo haſt du doch Appetit, lieber Vetter? fragte ich.„O ja,“ erwiederte der Vetter mit ſchmerzlichem Lä⸗ cheln,„du wirſt es gleich ſehen.“ 3 Der Invalide rollte ihn ins Zimmer Die auf⸗ 93 getragenen Speiſen beſtanden in einem mäßigen mit Fleiſchbrühe gefüllten Suppenteller, einem, in Salz aufrecht geſtellten, weichgeſottenen Ei, und ei⸗ ner halben Mundſemmel. „Ein einziger Biſſen mehr,“ ſprach der Vetter leiſe und wehmüthig, indem er meine Hand drückte, „das kleinſte Stückchen des verdaulichſten Flei⸗ ſches, verurſacht mir die entſetzlichſten Schmerzen, und raubt mir allen Lebensmuth und das letzte Fünkchen von guter Laune, das noch hin und wie⸗ der aufglimmen will.“*) Ich wies nach dem, am Bettſchirm beſeſtigten Blatt, indem ich mich dem Vetter an die Bruſt warf und ihn heftig an mich drückte. 1 „Ja, Vetter!“ rief er mit einer Stimme, die mein Innerſtes durchdrang, und es mit herzzer⸗ ſchneidender Wehemuth erfüllte,„ja Vetter: Et si male nunc, non olim sic erit!“ Armer Vetter! Die Geneſung. Fragment aus einem noch ungedruckten Werke. Von E. T. A. Hoffmann. Ich begab mich in den entlegenen, wildverwach⸗ **) Hoffmann's damaliger Zuſtand, treu aufgefaßt. 9⁵ ſenen Theil des Waldes, wo ich den wunderlichen Baum mit ſeinen halb verdorten, halb grünen Aeſten, und ſeinen maleriſchen Laubgruppen ange⸗ troffen hatte, um ihn ſo wie er leibt und lebt, in mein Malerbuch einzutragen. Schon hatte ich meine Mappe zurechtgelegt, den Crayon geſpitzt, und mich in die gehörige Poſitur geſetzt, als durch das dicke Gebüſch ein herrſchaftlicher Wagen ra⸗ ſchelte. Mit Mühe bahnten ſich die Pferde Schritt vor Schritt einen Weg durch das wilde Geſtrüpp, und es ſchien in der That ein ſeltſamer Einfall der Fahrenden, gerade außer Weg und Steg den, von hundert anmuthigen Wegen durchſchnittenen Wald aufs Neue ohne Noth durchbrechen zu wollen. Endlich, als die Pferde weder vor noch rückwärts kommen zu können ſchienen, hielt der Wagen— der Schlag öffnete ſich, und hinaus ſtieg ein junger, ſauber in Schwarz gekleiteter Mann, den ich, als er aus dem dicken Geſtrüpp heraus trat, für den jun⸗ gen Doktor O... erkannte. Er ſah aufmerkſam umher, und ſchien offenbar ſich überzeugen zu wollen, daß Niemand in der Nähe ſey. Es wollte mich bedünken, als habe ſein Weſen etwas beſonders Aengſtliches, als ſey ſein Blick ſeltſam, wirr und unſtät. Ich ſchäme mich jetzt meiner Thorheit; der unheimliche Schauer irgend einer Unthat, deren ich in dem Augenblick den guten, harmloſen Doktor O... für fähig hielt, durchdrang mich, und ich kam mir ſtolzer Weiſe mit ſamt meinem Malerbuch voll verfehl⸗ ter Skizzen vor, wie die rächende Nemeſis, die im Finſtern ſchleicht, gleich mir hier unter den dickbelaubten Bäumen. Doktor O... ging zum Wagen zurück— der Schlag wurde aufs Neue geöffnet, und hinaus ſchlüpfte eine junge Dame, ſo ſchön, ſo ſchlank, ſo anmuthig, ſo maleriſch in einen Shawl gewickelt, als nur jemals eine junge Dame in dem zierlich⸗ ſten, rührendſten Roman in der Einſamkeit aus dem Wagen geſchlüpft, und die Lunte eines raſſeln⸗ den, ziſchenden, knallenden Feuerwerks von hundert wunderbaren Abenteuern entzündet hat. Du kannſt denken, wie ich in der höchſten Spannung durch daß dicke Gebüſch ſchlich, um dem Paare näher zu kommen, und mir von ihrem Beginnen nicht das Mindeſte entgehen zu laſſen. Ich hatte mich hin⸗ ter ihren Rücken manövrirt, und hörte jetzt den Doktor ſagen:„Ich habe hier einen Platz ausge⸗ mittelt, der zu unſern Zwecken nicht günſtiger ſeyn kann. Es ſteht hier ein wunderbarer Baum, deſſen Fuß Raſen umgeben; ich ſelbſt habe ſchon ge⸗ ſtern einige Raſenſtücke ausgeſtochen, und eine ganz ſtattliche Raſenbank zu Stande gebracht. Die aus⸗ gehöhlte Stelle iſt einem Grabe gleich, und ſo iſt ſchon ſymboliſch angedeutet, was wir hier be⸗ ginnen wollen: Tod und Auferſteyung.“— 97 „„Ja,“« wiederholte die Dame mit herzzerſchnei⸗ dender Wehmuth, indem ſie des Doktors Hand ergriff, der ſie feurig an die Lippen drückte,„„ja, Tod und Auferſtehung!““— Mir ſtarrte das Blut in den Adern— unwill⸗ kührlich entfloh mir ein leiſes Ach! Der Satan hatte ſein Spiel— die Dame drehte ſich um— meine werthe Figur ſtand dicht vor ihr! Vor Er⸗ ſtaunen hätte ich in die Erde ſinken mögen.— Niemand anders war die Dame, als das liebens⸗ würdigſte Mädchen in B..... das Fräulein Wil⸗ helmine von S... Auch ſie ſchien vor Schreck und Staunen ſich kaum aufrecht halten zu können — ſie ſchlug die Hände zuſammen, und rief ganz zerknirſcht:„Um Gott! o mein Leben! wo kom⸗ men Sie hierher, Theodor, an dieſen ungelegenen Ort, zu dieſer ungelegenen Stunde! Die raͤchende Nemeſis mit der Malermappe fiel mir wieder ein, und ich ſprach mit einem gewich⸗ tigen Ton, wie ungefaͤhr Minos oder Rhadaman⸗ tus ihre Spruͤche verkuͤnden moͤgen:„es kann ſeyn, mein ſehr werthes, und bis zu dieſer Mi⸗ nute hochgeachtetes Fraͤulein, daß ich Ihnen ſehr ungelegen komme; doch vielleicht ſind es die Schick⸗ ſalsmaͤchte ſelbſt, die mich hierher brachten, um irgend eine ruchloſ—“ Der Doctor ließ mich nicht vollenden, ſondern fiel mir zuͤrnend in die Rede, indem ſeine Wan⸗ C 98 gen ſich entflammen:„Du bewaͤhrſt Dich wieder heute in deiner alten Rolle, naͤmlich als Eulen⸗ ſpiegel.“ Damit nahm er das Fraͤulein bei der Hand, und fuͤhrte ſie zu dem Wagen zuruͤck, an deſſen geoͤff⸗ netem Schlage ſie ſtehen blieb. Der Doctor kehrte zu mir, der ich ganz ver⸗ bluͤfft da ſtand, und nicht wußte, was ich ſagen, was ich denken ſollte, wieder zuruͤck, indem er ſprach:„Laß uns dort auf jenem abgehauenen Baumſtamm Platz nehmen, denn es ſind mehr als zwei Worte, die ich dir zu ſagen habe. „Du biſt ja in dem Hauſe des Geheimraths von S. bekannt. Du beſuchſt ſeine großen Thees, wo ſich hundert Perſonen die Koͤpfe zerſtoßen, hin und her rennend, ohne daß ein Einziger weiß, was er eigentlich will, in denen ein lang⸗ weiliges, inſipides Geſpraͤch, kaum genaͤhrt von den kaͤrgſten Mitteln, durchhilft, bis es doch am Ende, nachdem die ungluͤcklichen Bedienten, von allen Seiten gedraͤngt, mehrere honette Perſonen mit Wein begoſſen, und diverſe Torten dagegen unverſehrt die Runde gemacht haben, dennoch eines ſchmaͤhlichen Todes ſtirbt.“ „„Wart,““ unterbrach ich den Doktor,„„wart, daß Dich Laͤſterzunge die Frau von H... nicht hoͤrt, und Dich aus Rache, weil ſie ſelbſt an ihre Thees denken muß, bei der Frau von S... ver⸗ 99 klagt, die ſofort den Bann uͤber Dich ausſprechen, und Dich von ihren Thees gaͤnzlich erkludiren wuͤrde. und wer eilt denn, als hinge das Gluͤck des Le⸗ bens davon ab, zu jedem dieſer inſipiden Thees? Wer benutzt ſorglich jede Gelegenheit, das S.. ſche Haus zu beſuchen?— Ei, ei, mein Freund, ich merke was, die ſchoͤne Wilhelmine—““ „Laſſen wir das,“ ſprach der Doktor, und be⸗ merken wir, daß dort im Wagen ſich Perſonen befinden, die auf das Ende unſers Geſpraͤchs nur zu begierig warten. Mit zwei Worten, die Fami⸗ lie des Geheimenraths von S.. iſt ſeit undenklicher Zeit eine durchaus hochadelige; kein einziges Glied, vorzüglich maͤnnlicher Seits, war aus der Art ge⸗ ſchlagen. Um ſo entſetzlicher mußte es dem Vater des Herrn Geheimenraths von S... ſeyn, als ſein juͤngſter Sohn, Siegfried geheißen, wirklich der Erſte war, der aus der Art ſchlug. Alles kuͤnſt⸗ liche Ueberbauen half nicht; ein tiefes, herrliches Gemuͤth machte ſich Platz, ſelbſt unter den hochade⸗ ligen Gemuͤthern. Man ſpricht allerlei. Viele ſagen, Siegfried habe wirklich an einer Geiſtes⸗ krankheit gelitten; ich kann es nicht glauben.— Genug, der Vater hielt ihn eingeſperrt, und nur des Tyrannen Tod gab ihm die Freiheit. „Dieß iſt nun der Onkel Siegfried, den Du in der Geſellſchaft bemerkt haben mußt, wie er mit dieſem oder jenem Gelehrten, den er aufgeſucht 100 und gefunden, geiſtreiche Worte wechſelt. Die vornehmen Herren behandeln ihn zuweilen ſichtlich als blos tolerirt, welches er ihnen in ſolch' reichli⸗ chem Maße erwiedert, daß ſie beſſer thaͤten, davon abzuſtehen. Wahr iſt es, daß er ſich zuweilen, vorzuͤglich wenn ſein Geiſt auf Dinge geraͤth, in denen man gut thut, die alte Moͤnchsphiloſophie zu befolgen, nach welcher es rathſam, die Welt gehen zu laſſen, wie ſie geht, und von dem Herrn Prior nichts zu reden, als Gutes, viel zu ſehr von dem Feuer wahrhaftiger Ueberzeugung hin⸗ reißen laͤßt, ſo daß die diplomatiſchen Herren nicht ſelten mit angekniffenen Ohren und zugedruͤckten Augen erſchrocken in die entfernteſte Winkel des Saals fliehen. Niemand als Fraͤulein Wilhelmine wußte ihn dann ſo geſchickt zu umkreiſen, daß er ſich ſtets nur bei den vertrauteſten Freunden be⸗ fand, und ſehr bald den Saal verließ. „Vor einigen Monaten wurde der arme alte Onkel Siegfried von einer ſchweren Nervenkrankheit befallen, aus der ihm eine fire Idee zuruckblieb, die, da ſie feſtſteht, nachdem der Körper geſund iſt, in wirklichen Wahnſinn ausgeartet. Er bil⸗ dete ſich naͤmlich ein, die Natur, erzuͤrnt uͤber den Leichtſinn der Menſchen, die ihre tiefere Er⸗ kenntniß verſchmaͤhten, die ihre wunderbaren, ge⸗ heimnißvollen Arbeiten nur fuͤr ein reges Spiel zu kindiſcher Luſt auf dem armſeligen Tummel⸗ 4101 platz ihrer Luſte hielten, habe ihnen zur Strafe das Gruͤn genommen. In ewige ſchwarze Nacht ſey nun der ſanfte Schmuck des Fruͤhlings, die ſehnſuͤchtige Hoffnung der Liebe, das Vertrauen der wunden Bruſt, wenn der junge Sonnengott die zarten Keime aus ihren Wiegen lockt, daß ſie als froͤhliche Kinder emporſproſſen und gruͤnen— gruͤne Buͤſche und Baͤume werden, im Fluͤſtern und Rauſchen die Liebe der Mutter, die ſie ſelbſt an ihrer Bruſt naͤhrt und pflegt, mit ſuͤßer Stimme preiſend. 3 „Dahin iſt das Gruͤn, dahin die Hoffnung, da⸗ hin alle Seligkeit der Erde; denn verſchmachtend, weinend verſchwimmt das Blau, das Alles mit liebenden Armen umſchloß. Alle Mittel, dieſer Idee zu widerſtehen, blieben vergebens, und Du kannſt denken, daß der Alte der troſtloſen, verderb⸗ lichen Hypochondrie, welche natuͤrlicher Weiſe dieſe Idee mit ſich bringt, zu erliegen drohte. Ich ge⸗ rieth auf den Gedanken, auf ganz eigene Weiſe, zur Heilung des Wahnſinnigen, den Magnetismus anzuwenden. „Fraͤulein Wilhelmine iſt des Alten Herzblatt, und ihr allein gelang es, in ſchlafloſen Naͤchten dadurch einigen Troſt in ſeine Seele zu bringen, daß ſie, wenn er im halben Schlummer lag, leiſe — leiſe, von gruͤnen Baͤumen und Büſchen ſprach, und auch wohl ſang. Es waren vorzuͤglich jene e 102 ſchönen Worte Calderon's, womit, in der Blume und Schaͤrpe, Liſida das Gruͤn preist, und welche ein kunſtfertiger, fein empfindender Freund in Muſik geſetzt hat. Du kennſt das Lied: In der gruͤnen Farbe glaͤnzen, Iſt die erſte Wahl der Welt, Und was lieblich dar ſich ſtellt!— Gruͤn iſt ja die Tracht des Lenzen, Und man ſieht, um ihn zu kraͤnzen, Keimend aus der Erde Gruͤften, Ohne Stimmen, doch in Duͤften Athmend, in den gruͤnen Wiegen Buntgefaͤrbte Blumen liegen, Welche Sterne ſind den Luͤften. „Die Methode, das dem Schlafe vorhergehende Delirium, das ſchon an und fuͤr ſich ſelbſt dem magnetiſchen Halbſchlafe ſehr nahe verwandt, dazu anzuwenden, in die Seele des beunruhigten Kran⸗ ken beſchwichtigende Ideen zu bringen, iſt nicht neu. Irr' ich nicht, ſo bediente ſich ſchon Puyſegur ihrer. Du wirſt aber nun gleich ſehen, von wel⸗ chem Hauptſchlag meiner Kunſt ich die voͤllige Ge⸗ neſung des Alten zu erlangen hoffe.«— Der Doktor ſtand auf, ſchritt auf Fraͤulein Wil⸗ helmine zu, und ſprach ein Paar Worte. Dann folgte ich dem Doktor, und ſchwer mußte es mir in der That nicht fallen, mich mit der ſeltſamen Ungewoͤhnlichkeit des Auftrittes daruͤber zu ent⸗ 10⁰³ ſchuldigen, daß ich geblieben, und in gewiſſer Art den Lauſcher gemacht. Wir gingen nun an den Kutſchenſchlag— ein junger Mann ſtieg aus, und bald trug dieſer, mit Huͤlfe des Doktors und des mitgekommenen Jaͤ⸗ gers, den ſchlummernden Alten zu dem ſeltſamen Baume in der Mitte des Platzes, und legten ihn ſanft in bequemer Stellung auf die Raſenbank, die, wie der geneigte Leſer es weiß, der Doktor mit eigner kunſtgeuͤbter Hand errichtet hatte. Der Alte bot durchaus einen ruͤhrenden, herz⸗ erhebenden Anblick dar. Seine große, ſchoͤne Ge⸗ ſtalt war in einen langen Ueberrock von ſilber⸗ grauem, leichtem Sommerzeuge gekleidet, und er trug ein Muͤtzchen von demſelben Zeuge auf dem Haupte, unter dem nur ſparſam ein Paar weiße Löckchen hervorblickten. Sein Geſicht, unerachtet die Augen geſchloſſen, hatte einen unbeſchreiblichen Ausdruck der tiefſten Wehmuth, und doch war es, als ſey er in ſeligen Hoffnungstraͤumen entſchlum⸗ mert. Fraͤulein Wilhelmine ſetzte ſich an das Haupt⸗ ende der Raſenbank, ſo daß, wenn ſie ſich uͤber das Antlitz des Alten beugte, ihr Athem ſeine Lippen beruͤhrte. Der Doktor nahm Platz auf ei⸗ nem mitgebrachten Feldſtuhl vor dem Alten, ſo wie es die magnetiſche Operation zu erfordern ſchien. Waͤhrend nun der Doktor ſich muͤhte, den 104 Alten auf die ſanfteſte Weiſe aus dem Schlafe zu bringen, ſang das Fraͤulein Wilhelmine leiſe: In der gruͤnen Farbe glaͤnzen, Iſt die ſchoͤnſte Wahl der Welt ꝛc. Der Alte ſchien den Duft des Geſtraͤuchs, der Baͤume, der vorzuͤglich ſtark war, da die Linden in voller Bluͤte ſtanden, mit unendlicher Wonne ein⸗ zuathmen. Endlich ſchlug er mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, und ſtarrte um ſich, doch, wie es ſchien, ohne einen Gegenſtand deutlich in's Auge faſſen zu koͤnnen. Der Doktor zog ſich leiſe zur Seite. Das Fraͤulein ſchwieg. Der Alte lallte kaum verſtaͤndlich:„Grün!“ Da ließ es die ewige Macht des Himmels ge⸗ ſchehen, daß eine beſondere anmuthige Gunſt des Schickſals die Liebe des Fraͤuleins lohnte, und die Bemuͤhungen des guten Doktors unterſtuͤtzte. In dem Augenblicke, als der Onkel das Wort:„Gruͤn!“ lallte, fuhr naͤmlich ein Vogel tirilirend durch die Aeſte des Baums, und von dem Flattern ſeines Gefieders brach ein bluͤhender Zweig, und fiel dem Alten auf die Bruſt. Da erwachte die Roͤthe des Lebens auf dem Antlitze des Alten. Er erhob ſich, und rief begei⸗ ſtert mit emporgerichteten Augen:„Himmelsbote, ſeliger Himmelsbote, bringſt du mir den Oelzweig des Friedens, bringſt du mir das Gruͤn, bringſt 10⁵ du mir die Hoffnung ſelbſt! Sey gegruͤßt, du Hoffnung; ſtroͤme uͤber in ſehnſuͤchtiger Luſt, blu⸗ tendes Herz!“. Ploͤtzlich ſchwaͤcher werdend, lispelte er kaum hoͤrbar:„Das iſt der Tod,“ und ſank auf die Ra⸗ ſenbank, von der er ſich zur ſitzenden Stellung kraͤftig erhoben, wieder zuruͤck. Der junge Ge⸗ hulfe des Doktors floͤßte ihm etwas Aether ein, und waͤhrend Fraͤulein Wilhelmine auf's Neue ſang: In der gruͤnen Farbe glaͤnzen ꝛc. ſchlug der Alte die Augen auf, und ſchaute nun mit beſtimmtem Blick in der Gegend umher. „Ha,“ ſprach er dann mit ungewiſſer Stimme,„in diidht⸗ dieſer Traum neckt mich auf beſondere Weiſe.“ 3 Es lag etwas von bitterm Hohn in den Wor⸗ ten des Alten, der, nach dem, was vorausgegan⸗ gen, um ſo entſetzlicher erſchien. Tief ergriffen, ſtürzte Fraͤulein Wilhelmine bei der Raſenbank nieder, faßte beide Haͤnde des Alten, benetzte ſie mit Thraͤnen, und rief mit der ſchmerzlichſten Vehmuth:„O! mein theuerſter, beſter Onkel, nicht jetzt neckt Sie ein Traum, nein, ein boͤſes — boͤſes Geſpenſt, hielt Sie in entſetzlichen Traͤu⸗ men, wie in ſchweren Ketten gefangen. O! Him⸗ melsfreude, die Ketten ſind geſprengt— Sie ha⸗ den, beſter, theuerſter Vater, Ihre Freiheit wie⸗ der; o! glauben, glauben Sie daran, das heitere, rege Leben lacht Sie an, mit aller ſuͤßen Hoffnung, im ſchönſten Schmelz des Gruͤns!“ „Gruͤn!“ rief der Alte mit droͤhnender Stimme, indem er ſtarrer um ſich ſchaute. Nach und nach ſchien er die Gegenſtaͤnde beſtimmter zu unter⸗ 7 106 ſcheiden, und ſeinen Blick beſonders auf gewiſſe Baͤume und Buͤſche zu heften. „Onkel Siegfried hat,“ lispelte mir der Doktor ins Ohr,„Onkel Siegfried hat dieſen Ort ſchon ſeit vielen Jahren beſonders geliebt, und in tie⸗ fer Einſamkeit beſucht. Vorzuͤglich mag der wun⸗ derbare Baum auch ſeinen Hang zu wunderlichen Combinationen naturhiſtoriſcher Erſcheinungen ge⸗ weckt, und ihn dieſer romantiſche Platz auch von der Seite beſonders intereſſirt haben.“ Noch immer ſaß der Alte, um ſich ſchauend; doch immer weicher und weicher und wehmuͤthiger wurde ſein Blick, bis ein Thraͤnenſtrom ihm aus den Augen ſtuͤrzte. Er faßte mit der Rechten Wilhelminens, mit der Linken des Doktors Hand, und zog ſie heftig neben ſich auf die Raſenbank nieder. „Seyd Ihr es, Kinder!“ rief er dann mit ei⸗ ner Stimme, deren Seltſamkeit beinahe Schauer erregend, ein unheimlich verſtoͤrtes Gemuͤth zu verkuͤnden ſchien, welches ſich ſelbſt bekaͤmpft und zu ſammeln verſucht:„ſeyd Ihr es wirklich, meine Kinder?“ 3 „„O! mein beſter, gütigſter Onkel,““ ſprach Wilhelmine beſchwichtigend,„„ich halte Sie ja in meinen Armen— Sie ſind ja hier an einem Platz des Waldes, den Sie ſtets ſo liebten— Sie ſitzen ja unter dem ſelt— 4ℳ Auf einen Wink des Doktors ſtockte Wilhel⸗ mine, und fuhr dann nach beinahe unmerklicher Pauſe fort, den Lindenzweig erhebend:„„und die⸗ ſes Zeichen des Friedens, halten Sie es jetzt nicht in Händen, theuerſter Onkel?“ Der Alte drückte den Zweig an ſeine Bruſt, und 107 ſchaute mit Blicken umher, die jetzt erſt Lebens⸗ kraft,„und eine gewiſſe unnennbare, verklärte Hei⸗ terkeit zeigten. Der Kopf ſank ihm auf die Bruſt, und er ſprach viele leiſe Worte, die jedem der Um⸗ ſtehenden unverſtändlich bleiben. Dann aber ſprang er mit wilder Vehemenz von der Raſenbank auf, breitete beide Arme aus, und rief, daß der Wald von dem Tone ſeiner Stimme wiederhallte: „Gerechte ewige Macht des Himmels, biſt du es ſelbſt, die mich an ihre Bruſt ruft? Ja, es iſt das herrliche, rege Leben, das mich umgiebt, das meiner Bruſt zuſtrömt, ſo daß alle Poren ſich öff⸗ nen, und Raum geben dem ſeligſten Entzücken! „O! Kinder, Kinder, welche Zunge ſingt das Lob, den Preis der Mutter würdig genng; 9! Grün, Grün! mein mütterliches Grün! Nein, ich allein war es, der troſtlos vor dem Throne des Höchſten lag— nie haſt du der Menſchheit gezürnt! Nimm mich in deine Arme!“ Es war, als wollte der Alte raſch vorwärts ſchreiten, doch knickte er im jähen Krampf zuſam⸗ men, und ſank leblos nieder. Alle erſchraken hef⸗ tig; keiner aber wohl mehr, als der Doktor, der befürchten muße, daß eine gewagte Kur auf ent⸗ ſetziche Weiſe mißlingen könne. Doch nur wenige Secunden war der Alte mit Naphta und Aether bedient worden, als er die Augen wieder aufſchlug. Und nun begab ſich das Merkwuͤrdigſte, was Nie⸗ mand, und am allerwenigſten der Doktor, hatte vermuthen koͤnnen. Von Wilhelminen und dem Doktor umfaßt, ließ der Alte ſich auf dem ſchoͤnen Platze herumfuͤhren, und immer ruhiger, immer heiterer wurde ſein Antlitz, ſein ganzes Benehmen. und es war herr⸗ ſeiner Tochter Wilhelmine dem Doktor O... nicht 108 lich, wie eine klare Phantaſie, ein heller Verſtand, immer mehr ſiegend hervorbrach. Auch mich bemerkte der Baron, und zog mich ins Geſpraͤch. Endlich fand der Baron, daß fuͤr die erſte Ausfahrt nach ſo langer Nervenkrankheit nun genug Zeit vergangen, und man begab ſich auf den Rückweg. „Es wird ſchwer halten,“ ſprach der Doktor leiſe zu mir,„den Schlaf von ihm abzuwehren; aber ich werde Alles anwenden, zu verhuͤten, daß er um des Himmels Willen nicht ſchlafe. Wie leicht koͤnnte dieſer Schlaf einen feindſeligen Charakter annehmen, und dem Alten alles, was er ſah und em⸗ pfand, wiederum als Traum verſchwimmen laſſen.“ Einige Zeit nachher hatte ſich im Hauſe des Geheimenraths von S.. eine große Veraͤnderung zugetragen. Onkel Siegfried war voͤllig von ſei⸗ ner Krankheit geneſen, und ſeltſam genug ſchien es, daß er zu gleicher Zeit weicher und kraͤftiger geworden. Er verließ die Reſidenz, zur Freude des lieben⸗ den Bruders, und bezog ſeine ſchoͤnen Guter, de⸗ ren Verwaltung der Doctor O..., ſeinen Doktor⸗ hut an den Nagel haͤngend, uͤbernahm. Die drin⸗ gende Fuͤrſprache einer edeln Prinzeſſin bewirkte es, daß der ſtolze Geheimerath von S... die Hand laͤnger verweigerte.