au Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek c d von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5. 4. Abonnement. 1 Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 55 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 5 3„=» 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefah 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Ku der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „y— t 8 3 ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ruckgabe der Bücher jeden Tag 7 4 vͤ —y—— „ „ Aan aA u EAA*e Au s Dorkmann'’s Leben und Nachlass. —-— Herausgegeben von dem Verfaſſer des Lebens⸗Abriſſes Friedrich Ludwig Zacharias Werners. ————n——O—VV— ſteue vermehrte und verbeſſerte Ausgabe, —--——O———— Piertes Bändchen. Stuttgart, Fr. Brodhag; ſche Muchhandlung — 1831. ——-—— o——e Beilagen zum achten Abſchnitt. Ueber die Aufführung der Schauſpiele des Calderon de la Barca auf dem Theater in Bamberg. Als die Schauſpiele des Calderon de la Barca durch die meiſterhafte Schlegelſche Ueberſetzung in ⸗Deutſchland bekannter wurden, erregten ſie eine nicht geringe Senſation, wiewohl in ihre tiefe Ro⸗ mantik nur die wenigen eingehen konnten, welche mit wahrhaft poetiſchem Gemüth ſich zu der un⸗ ſichtbaren Kirche bekennen, die mit göttlicher Ge⸗ walt gegen das Gemeine, wie gegen den Erbfeind, kämpft und die triumphirende ſeyn und bleiben wird. 2* 6 Die mehrſten und vorzüglich die Anhänger des jetzt herrſchenden Bühnengeſchmacks, konnten zwar den gewaltigen Geiſt, der in den Calderonſchen Schau⸗ ſpielen mit grauenerregendem Coöntraſt ſich ihrer Kleinlichkeit entgegenſtellte, nicht weg demonſtriren, betrachteten ſie aber als eine Rarität aus der Zeit, wo, nach ihren Begriffen, die Schauſpielkunſt noch in der Wiege lag, und, um ſo weniger iſt es zu bewundern, daß kein Bühnendirektor die Bereiche⸗ rung des Repertoirs durch Schlegels Meiſterwerk auch nur ahnete.— Die Weimarer Bühne, die ſchon ſeit geraumer Zeit es ſich recht ernſtlich an⸗ gelegen ſeyn läßt, unſer Theater aus der tiefen Erniedrigung, in die es verſunken, zu erheben, und ſchon oft die Möglichkeit und Wirkung irgend ei⸗ ner ſcheinbar ganz außer der Sphäre unſer's Thea⸗ ters liegenden Produktion, den in Sinn und Geiſt beengten Directoren größerer Bühnen praktiſch be⸗ wieſen hat, gab bekanntlich zuerſt den ſtandhaften. Prinzen mit Beifall, und, nicht lange darauf, wagte es die noch kleinere Bühne in Bamberg mit der Andacht zum Kreuz, und dann auch mit dem ſtand⸗ haften Prinzen und der Brücke von Mantible her⸗ vorzutreten. Unter kenntnißreichen gemüthvollen Freunden des Theaters in Bamberg, wurde, als die Aufführung der Calderonſchen Schauſpiele im Werke war, lange die Frage debattirt: ob man wohl auf ihre Einwirkung auf das Publikum rech⸗ 2 nen koͤnne, und welches von jenen Schauſpielen am mehrſten dazu geeignet ſey. Gerade die Andacht zum Kreuz, welche beſtimmt war, zuerſt auf die Bühne gebracht zu werden, erregte den größten Zweifel und gerade dieſes ſprach in der Folge das große Publikum, von dem doch bei dem Urtheil über Theatereffekt nur die Rede iſt, am mehrſten an.— Ein Publikum, das Schauſpiele, wie die des Calderon, in ihrer vollen Schönheit und Stärke auffaßt, das in das Ganze und Einzelne tief eingeht, dürfte wohl nicht ſo leicht gefunden werden, indeſ⸗ ſen möchte doch eins vor dem andern fähiger und williger ſeyn, die Idee, die Tendenz des Stücks zu begreifen, und ſich von der Gewalt der Sprache, von dem Fluge der kühnen, phantaſtiſchen Bilder fortreißen zu laſſen; und eben dieſe größere Fähig⸗ keit, vorzüglich aber den beſſern Willen, glaubte man bei dem Bamberger Publikum vorausſetzen zu können, weil es nicht verbildet, von dem theatra⸗ liſchen Genuß noch nicht überſättigt, und,— ka⸗ tholiſch fromm iſt. Eben dieſes letztere, der in Bamberg herrſchende Katholizism, war die Urſache, daß die Gallerie, eben ſo gut wie Logen und Par⸗ terre, gleich bei der Expoſition, vorzüglich nach der Herz und Gemüth gewaltſam ergreifenden Erzäh⸗ lung des Euſebio von den Wundern des Kreuzes, die der Andacht zum Kreuz zum Grunde liegende ächtkatholiſche Idee verſtand, und mit ſteigendem 8 Intereſſe den Faden des Stücks ſich entwickeln ſah. Unter dem Kreuze wurden Euſebio und Julie ge⸗ boren, das Kreuz flehte die Mutter in der angſtvol⸗ len Stunde der Geburt um Hülfe an, und ſichtbar empfingen ſie das Zeichen der Gnade in der Geſtalt des blutrothen Kreuzes auf der Bruſt. Nun war das Leben mit ſeinen feindſeligen Verwicklungen nur der finſtere Weg zu der Sonnenhelle, die ihnen entgegen leuchtete. Vergebens kämpfte der Feind und ſtürzte ſie überall in Noth und Gefahr; dem Kreuze blieben ſie treu und ihre Verklärung aus allem Tod und Leiden war der Sieg, der Triumph des Kreuzes. Iſt dieſe Idee des Stücks verſtanden, ſo tritt auch dem großen Publikum ſeine Einheit, ſein innerer Zuſammenhang, und ſein hohes hiſtori⸗ ſches Intereſſe, lebhaft hervor, und es behauptet auch in dieſer Hinſicht ſeinen, über ſo manches mo⸗ derne Machwerk, das vor lauter Effekt effektlos wird, ſo hoch erhabenen Rang. Um dem Schau⸗ ſpiel einen deſto gewißeren Eingang zu verſchaffen, mußte für äußeren Schmuck geſorgt werden, der je⸗ ner Idee, in der ſich das ganze Stück konzentrirt, nicht allein allgemeſſen ſeyn, ſondern dieſelbe auch noch mehr herausheben ſollte. Wie beſchränkt kleine Theater ſind, wo der Platz und das Geld ſo zu Rathe gehalten werden muß, weiß wohl jeder Ken⸗ ner der Bühne, indeſſen erreicht das Anſtändige, wodurch jede Störung der Illuſion vermieden wird, 9 und manche ſinnige Einrichtung, oft mehr den Zweck der theatraliſchen Erhebung und Täuſchung bei dem Zuſchauer, als prächtige Dekorationen und Maſchi⸗ nerien, die nicht am Orte ſtehen, oder der Tendenz des Stück's nicht entſprechen.— Auf jene Weiſe wurde der Tod des Euſebio, ſeine Beichte und Ab⸗ ſolution, ſo wie ſeine und Julias Verklärung, dem Zuſchauer durch folgende Einrichtung verſinnlicht. Euſebio erſcheint in der rauhen felſigen Gegend, zu deren Muſter dem Dekorateur eine Partie aus der Sierra Morena gedient hatte, von den Land⸗ leuten verfolgt, auf der Spitze eines Felſen, der im Mittelgrunde des Theaters angebracht, beinahe deſ⸗ ſen Höhe erreichte, und ſtürzt hinab. Die Land⸗ leute finden den zerſchmetterten Leichnam, und be⸗ graben ihn unter dichten Zweigen, aus denen das dumpfe angſtvolle:„Alberto!“ hervortönt.— Als Alberto die Zweige weggenommen, richtete ſich mit⸗ telſt einer durchaus nicht bemerkbaren Maſchinerie Euſebio langſam in die Höhe, und ſank eben ſo, nachdem er die Abſolution erhalten, in ſein Grab zurück. Die Wirkung dieſer einfachen Idee war, nach der tiefen Todtenſtille, die jedesmal im Thea⸗ ter bei dieſer übrigens ſtummen Szene herrſchte, zu berechnen.— Als Julia zuletzt das Kreuz, wel⸗ ches in dem Hintergrunde des Theaters angebracht war, umfaßte, verſchwand ihr männlicher Anzug, und man ſah ſie in Nonnentracht an dem Kreuze ——————— E 2 8 2 10 knieen, das ſich mit ihr in die Lüfte erhob. Die Wolken theilten ſich, und wie in einer Strahlen⸗ glorie erſchien Euſebio mit ſehnſuchtsvoll nach Ju⸗ lia ausgeſtreckten Armen. Um ſo zweckmäßiger und ſo wirkungsvoller war dieſe, im Schauſpiel nicht angedeutete Einrichtung, als der eigentliche Schluß deſſelben, nehmlich Enſebiv's und Julia's Verklä⸗ rung als ein Mirakel ſinnlich dargeſtellt wurde, und es ganz in dem Geiſt des Katholizism liegt, die Sinne bei der ſymboliſchen Darſtellung des Ue⸗ berſinnlichen in Anſpruch zu nehmen.— Merk⸗ würdig war es gewiß, wie der Ruf von dem hei⸗ ligen Schauſpiel ſich nach jeder Aufführung mehr verbreitete, und ein Publikum in das Theater zog, das man ſonſt nie darin geſehen hatte. Alte Bür⸗ ger mit ihren Frauen, die es ſonſt für ſündlich ge⸗ achtet hätten, das Theater zu beſuchen, entſchloſſen ſich, hineinzugehen, wobei ſie nicht vergaßen, den Roſenkranz mitzunehmen, und mehrere Bänke des Parterys waren oft mit Geiſtlichen beſetzt. Ueber⸗ haupt fand bei jeder Aufführung eine ſichtbare Rüh⸗ rung und Erhebung ſtatt, und, um ſo mehr iſt dies nur dem Schauſpiel, und nicht vielleicht der glanz⸗ vollen Darſtellung der Schauſpieler zuzuſchreiben, als, außer dem Euſebiv, der trefflich ausgeführt wurde, die übrigen Parthieen, vorzüglich der Gil, gar viel zu wünſchen übrigen ließen. Kurz, die Andacht zum Kreuz erregte eine wahre Andacht, 14 und dies möchte zur Zeit wohl eine ſeltene Er⸗ ſcheinung im Theater ſeyn. Unter den neuen ſoge⸗ nannten gangbaren Stücken, findet dieſes Schan⸗ ſpiel gar keinen Maaßſtab, nach dem es gemeſſen werden könnte: die Perſonen ſind nicht mit Stand und Charakter individualiſirt, und erhalten dadurch eine gewiſſe Allgemeinheit; um ſo weniger wird aber der Zuſchauer zerſtreut, und von der Haupt⸗ tendenz zur Betrachtung des Einzelnen hingezogen. Darin mag es eben liegen, daß die Tendenz des ſtandhaften Prinzen nicht ſo allgemein, nicht ſo klar, von dem großen Publikum aufgefaßt wurde. Hier erſcheinen Fürſten, Könige ꝛc.;— der Zu⸗ ſchauer(es iſt immer von der M aſſe des Publi⸗ kums die Rede,) denkt an ein Ritterſtück, nud ſein Urtheil iſt befangen. Manche fanden es für einen Prinzen und Helden wie Don Fernando, nicht an⸗ ſtändig, ſich ſo tief vor dem König zu erniedri⸗ gen, und bewieſen dadurch, daß ſie die Idee des Stücks, das Märtyrerthum Don Fernando's, der, ſtandhaft im Glauben jede Schmach erduldet, nicht aufgefaßt hatten. Uebrigens fand indeſſen auch dieſes Schauſpiel bei den Publikum den beſten Ein⸗ gang, und wurde mehrmals bei beſetztem Hauſe wiederholt. Dekorationen und Maſchinerieen, die im Stücke nicht vorgeſchrieben, aber im Geiſt des Ganzen angeordnet waren, dienten den Zuſchauern zum beſſern Verſtändniß, denn auch hier wurde Don — eBnVg=ö 12 Fernando's Verklärung ſinnlich dargeſtellt. Dem Sarg entſchwebte, ſo bald er, von den Mauern von Tanger herabgelaſſen, ſich in den Händen der Chriſten befindet, Fernando's Luftgeſtalt: gleich darauf röthet ſich der Himmel, und man ſieh't die Geſtalt des auf Wolken thronenden Chriſtus, vor dem Fernando knieet. Dieſe Erſcheinung war ganz luftig und durchſichtig, ſo daß man die Gegenſtände hinter ihr(Mauern, Thürme ꝛc. von Tanger,) wie im Nebel, gewahr wurde, und ſo ſchien das Ganze nur der Reflex eines himmliſchen Schauſpiels, das die Mohren zu Boden ſchlug, von den Chriſten aber in knieender Anbetung betrachtet wurde. So wie bei Julia's Emporſteigen mit dem Kreuze, er⸗ tönten auch hier feierliche Akkorde aus weiter Fer⸗ ne. Weniger intereſſirte die Brücke von Manti⸗ ble, und das wohl aus dem Grunde, weil der Geiſt der Chevalerie, den dieſes Schauſpiel athmet, dem großen Publikum ganz entfremdet iſt. Unſere Bühnenritter, die ſich gar unziemlich gebehrden, ſind wohl nichts weniger als jene romantiſche Che⸗ valiers, die ſich ſo keck und muthig in Liebe und Krieg bewegen, und der Ritterzug Kaiſer Karls gegen den prahlenden Mohren Fierabras, der grüne Fluß, die magiſche Brücke, alles kommt dem Zu⸗ ſchauer vor, wie es wirklich iſt, nehmlich— ſpaniſch. Dieſes herrliche romantiſche Schauſpiel, mit ſeinen Maſchinen und Dekorationen, erfordert ein großes 15 Theater, aber hier dürfte es ſeinen Effekt nicht ver⸗ fehlen. Selbſt auf der kleineren Bühne in Bam⸗ berg, wirkte, unerachtet des beſchränkten Raumes, die entſtehende und verſchwindende Brücke, die Er⸗ ſcheinung des rieſenhaften Fierabras in dem Kaſtell, das auf dem ungeheuern Kopf eines bronzenen Zwer⸗ ges aus dem Waſſer hervorragt, und den Schluß der Brücke macht, impoſant, und dürfte im Groſ⸗ ſen nachgeahmt zu werden verdienen. Die Bahn iſt nun eiumal gebrochen, und es wäre ein verſtocktes Beharren bei dem gewöhnlichen Thea⸗ terſchlendrian, wenn mehrere Bühnen ſich nicht ent⸗ ſchließen ſollten, den in Bamberg mit glücklichem Erfolg gemachten Verſuch zu wiederholen. Jedes kleinere Theater, dem auch nicht auſſerordentliche Kräfte zu Gebote ſtehen, wird die Andacht zum Kreuz mit Glück ausführen können, ſo bald es nur dahin gebracht wird, daß die Schauſpieler ihre Rol⸗ len nicht converſationsmäßig, ſondern mit Verſtand Gemüth und Beachtung des rythmiſchen Verhalt's, ſprechen; daß die ganze Darſtellung ineinander greift, und daß der äußere Schmuck des Stücks anſtändig und ſinnig angeordnet iſt. Der ſtandhafte Prinz iſt für das Perſonal offenbar jeine ſchwerere Auf⸗ gabe, und die Brücke von Mantible erfordert ein Publikum, dem die höhere Ausbildung, die Aneig⸗ nung des romantiſchen Geſchmacks, ein Auffaſſen des Geiſtes der Chevalerie das erſetzt, was, bei den b früher genannten Schauſpielen, in einem katholi⸗ ſchen Publikum, ſchon die Erziehung und der Glaube von ſelbſt hervorbringt. Eben deßhalb dürfte ſich die Brücke von Mantible für das Theater einer großen Stadt eignen, welches, ſtatt mancher ſinnlo⸗ ſen Mißgeburt, für die Nengierde des Volks er⸗ funden, dieſes geniale Meiſterwerk als Spektakel⸗ ſtück geben, und ſo den Kenner und das Volk be⸗ friedigen, und ſich um die Verbeſſerung des Büh⸗ nengeſchmacks verdient machen könnte. In Bam⸗ berg wurde bei dem Schluß des Schauſpiels, nach der Beſiegung des Fierabras, die durch hölliſche Kün⸗ ſte gebaute Brücke geſprengt, und dies iſt nachzu⸗ ahmen, denn mancher geht vielleicht blos dieſer Ex⸗ ploſion zu Ehren in das Theater, und bekommt ne⸗ benher Dinge zu hören und zu ſehen, die ihn am Ende anſprechen, und erfreuen, ſo wie manche gei⸗ ſtig Erſtarrte, bei fortdauernder ſchöner Muſik, aus ihrer Erſtarrung erwachen. Randbemerkungen. aus den Tagebüchern für 1809 und 1810. 1809. Sonderbarer Einfall auf dem Ball vom 6ten. Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungs⸗ 15 Glas;— alle Geſtalten, die ſich um mich herum bewegen, ſind Ichs, und ich ärgere mich über ihr Thun und Laſſen ꝛc. ꝛc. ꝛc. 1809. Merkwürdige Arten des Wahnſiuns. 1. Ein wahnſinniger Menſch ſaß Tag und Nacht am Hauſe meines Schwiegervaters, und klopfte mit einem Stein auf den andern,— nichts konnte dies Geſchäft unterbrechen,— der dumpfe Ton, den dies Klopfen in der Nacht verurſachte, hatte etwas ſchauer⸗ liches, Schreckbares. 2. Ein wahnſinniger Menſch in Poſen bildete ſich ein, er ſey die Sonne.— Auf dem Geländer der Fontaine auf dem Markte ſtand er, und ſchien. Er machte ſich oft den Spaß, die Leute zu blenden, und wenn manche, die ſeinen Wahnſinn kannten, ſo tha⸗ ten, als träfen ſie wirklich Sonnenſtrahlen, ſo lächelte er zufrieden, und wandte ſich nach einer andern Seite. Oft bildete er ſich des Nachts ein, er ſey der Mond, und ſchien eben ſo, als am Tage als Sonne. 1 16 Es müßte ſpaßhaft ſeyn, Aneldoten zu erfinden, vund ihnen den Anſtrich höchſter Authentizität, durch Eitaten u. ſ. w., zu geben, die, durch Zu⸗ ſammenſtellung von Perſonen, die Jahrhunderte aus einander lebten, oder ganz heterogener Vor⸗ fälle gleich ſich als erlogen ausweiſen;— denn mehrere würden übertölpelt werden, und wenig⸗ ſtens einige Augenblicke an die Wahrheit glauben. — Gäbe man ihnen einen Stachel, deſto beſſer, z. B. eine,(ohne Stachel,) wäre folgende Als Friederich, der große König, nach dem Ab⸗ ſchluß des Hubertsburger Friedens, nach Potsdam zurückgekehrt war, bemerkte er, aus den Fenſtern des Schloßes, einen zerlumpten Jungen, der auf ein Stück Schiefer ämſig ſchrieb, und dann das geſchriebene, mit lauter Stimme und lebhafter Ge⸗ ſtikulation, deklamirte.— Er ſchickte ſeinen Leib⸗ pagen hinunter, der dem Könige die Schiefertafel hinaufbrachte,— weinend und ſchreiend lief ihm der Bube bis in's Zimmer des Koͤnigs nach. Der König laß zu ſeinem Erſtaunen wohl geordnete poetiſche Verſe, und es fand ſich, daß der Bube ein Küchenjunge des ſpaniſchen Geſandten war. Von Stunde an, ſchickte der König den Jungen nach Berlin in's Joachimthalſche Gymnaſium, wo er auf königliche Koſten Unterricht erhielt, dann auf der Univerſität Halle ſtudirte, und endlich ſchon 17 in ſeinem zwanzigſten Jahre Juſtiz⸗Bürgermeiſter in Stargard in Pommern wurde, und ſich die Lie⸗ be ſeiner Mitbürger, ſo wie das Vertrauen des ihm vorgeſetzten Collegiums, erwarb. Seiner Amts⸗ geſchäfte ohnerrachtet, ſetzte er doch das Studium der Dichtkunſt fort, und vorzüglich beſchäftigte er ſich mit der Ausarbeitung von Theaterſtücken, die auch von der Döbbelin'ſchen Geſellſchaft, mit Beifall des Publi⸗ kums, aufgeführt wurde. Ein Verwandter in Ma⸗ drid ſtarb, und hinterließ ihm ſein Vermögen, und, nachdem er ſich vom Großkanzler einen dreimonat⸗ lichen Urlaub ausgebeten hatte, ging er nach Spa⸗ nien.— Hier wartete aber ſeiner eine andere Car⸗ riere, denn, als er nunmehr in ſeiner Mutterſpra⸗ che dichtete, und ein Stück auf's Theater brachte, erweckte er den Enthuſtasmus der Spanier ſo ſehr, daß ſie ihn nicht mehr loßließen.— Jahre lang hat er das Theater mit den herrlichſten Stücken bereichert, und niemand anders war unſer Juſtiz⸗ Bürgermeiſter, als der berühmte Calderon, den die Spanier vergöttern, und der auf dieſe Weiſe ſeine Ausbildung dem großen Köige von Preußen zu dan⸗ ken hat. Siehe Meybom's Brandenburgiſche Annalen. Th. 2. Seite 63. 1810. Warum denke ich ſchlafend oder wachend ſo oft an den Wahnſinn?— Ich meine, geiſtige Auslee⸗ rungen könnten wie ein Aderlaß wirken. 4 b—————,——e Neunter Abſchnitt. Dresden und Leipzig 1815— 1814. Die Reiſe Hoffmann's von Bamberg nach Dres⸗ den war nicht ohne Abentheuer. In Reichenbach⸗ in Wieſe, und an noch einigen andern Orten, muß⸗ ten er und die Frau, mit Koſacken und Kalmückeu, auf einer Streu übernachten. Am 25ſten April 1815 kam er in Dresden an. Er fand Seconda nicht; ſein Geld war ihm auf der Reiſe ausgegangen, die trüb'ſte Stimmung bemächtigte ſich ſeiner; da ging er am nächſtfolgenden Morgen in die katholi⸗ ſche Kirche, und ein herrliches, Requiem von Haſſe gab ihm neuen Muth; am Nachmittage aber führ⸗ te ihn ſein Glücksſtern in das Link'ſche Bad, wo er, mit dem Geheimen Staatsrath von Stäge⸗ mann aus Berlin, ganz unerwartet ſeinen Hippel, nun als Staatsrath, beide in Begleitung des Staats⸗ kanzler von Hardenberg, fand. Sein Entzücken iſt leicht zu ermeſſen. Im Umgange ſo trefflicher Freun⸗ de, zu denen ſich auch Bartholdy geſellte, ver⸗ floßen ihm ein Paar der glücklichſten Tage. Am 1ſten Mai erhieit er einen Brief von Seconda, der ihn nach Leipzig beſchied; er zögerte, auf Hip⸗ pels Nath, wegen der Kriegsunruhen und der Un⸗ ſicherheit der Straßen, mit ſeiner Abreiſe, und, ſchon am 7ten Mai ſah' er ſich auf die unange⸗ nehmſte Weiſe von dem kaum wiedergefundenen Freunde ſeiner Jugend von neuem getrennt. Am Morgen dieſes Tages nämlich, hatte ein Geſchäft Hippeln von der Neuſtadt,— Hoffmann wohnte in der Altſtadt,— entfernt, und geſtattete ihm erſt in der Nacht die Rückkehr. Am gten woll⸗ ten beide Freunde zu einander eilen; allein die Brücke war nur für Truppenzüge noch zu⸗ gänglich, für Fußgänger geſperrt. Hippel folgte dem Staatskanzler, und Hoffmann ſah' ihn, für jetzt, nicht wieder. Von nun an, bis zum 419ten, enthalten die Tagebücher deß Letztern die bunteſten Kriegsſcenen; er war überall, wo es etwas zu ſe⸗ hen gab, mitten inne, und wäre am 9ten, dicht am Schloßthor, wo die Kugeln ziſchend an die Mauer anprallten, und wieder zurückſchlugen, bei⸗ nahe getödtet worden. Mitunter arbeitete er auch, 3. B. die Rezenſion einer Wilmſchen Symphonie, 8 21 für die allgemeine muſikaliſche Zeitung. Am 19ten früh erhielt er endlich das längſt erwartete Reiſe⸗ geld von Seconda. Er machte ſogleich Anſtalten zur Abreiſe, packte ein, ſah' Abends einen ſeiner Dresdner Freunde bei ſich, und,— ſo beweglich war nur Hoffmann,— ſchrieb noch den Anfang eines Magnetiſeurs*), wie es in den Notaten für dieſen Tag heißt,„mit großem Glück.“ Am 20ſten früh reiſte er von Dresden, mit der Leipziger Poſtkutſche, in der gemüthlichſten Stim⸗ mung ab, ohne Ahndung von dem eutſetzlichen Schau⸗ ſpiel, deſſen Zeuge er bald werden ſollte. Auf dem Wagen befand ſich nämlich nebſt mehreren franzö⸗ ſiſchen Offizieren: ein neuvermähltes Ehepaar, Ap⸗ pelations⸗Rath Graf F., mit ſeiner jungen Ge⸗ mahlin, die nach ihrem, bei Meißen belegenen, Gute reisten. Sie hatten die Poſt gewählt, weil ſie für ihre eigenen Pferde, bei den ſtreifenden Truppen, Gefahr fürchteten, und ſcherzten noch mit einander, über die in ihrem Stande ſo unge⸗ wöhnliche Art, eine Reiſe von einigen Meilen zu machen. Die Geſellſchaft unterhielt ſich eben auf ——— *) Fantaſieſtuͤcke Th. 2. in beiden Ausgaben. Die erſte Anreguug dazu mochte er in Bamberg er⸗ halten haben. Am 2iſten December 1812 hat er in ſeinem dortigen Tagebuche verzeichnet: „ zum erſtenmal im Hospital eine Somnam⸗ buͤle geſehen. Zweifel!« 22 das Heiterſte, als die Poſtkutſche, kurz von Meiſ⸗ ſen, von einem Hinderniſſe gehemmt, umſchlug; die Paſſagiere mehr oder minder ſchwer verwundet, krochen mühſam unter den Poſtſtücken, die über ſie hingeſtürzt waren, hervor; nur die junge Gräfin fehlte, und es währte nicht lange, ſo entdeckte man ihren zerſchmetterten Leichnam, nachdem man eine große Kiſte davon hinweggewälzt hatte. Dieſe furcht⸗ bare Begebenheit würde, ohne Zweifel, einen noch tiefern Eindruck auf Hoffmann's reizbares Gemüth gemacht haben, als es der Fall war, hätte ihn nicht eine ihm noch näher liegende Sorge zurück⸗ gedrängt; ſeine Frau hatte nämlich eine tiefe Kopfwunde erhalten, und ſchien, im erſten Augen⸗ blicke, tödtlich verwundet. Man holte eine Porte⸗ chaiſe aus dem ganz nah gelegenen Meißen, wo ſie eine ihnen völlig fremde, Familie, die des Sena⸗ tors Goldberg, freundlich aufnahm, und mit Wein erquickte;— Hoffmann ſelbſt war, wenn gleich nicht verwundet, doch am ganzen Körper zerſchlagen;— er führte ſodann ſeine Frau in einem Tragſeſſel in den Gaſthof zur Sonne, und hier wurde ihr der erſte chirurgiſche Verband an⸗ gelegt.„Was werd'ich noch alles erleben!“ ſchreibt er am Abend dieſes Tages in ſein Journal:„Gott ſey nur Dank, daß meine Frau lebt und außer Ge⸗ fahr iſt, wie mir die Chirurgen verſichern.“ Nach einem Aufenthalt von einigen Tagen 25 in Meißen, wurde die Reiſe nach Leipzig fort⸗ geſetzt. Hoffmann traf, mit der noch immer ſehr leiden⸗ den Frau, am 25ſten Mai, Nachmittags um 3 Uhr dort ein, und am 2aſten früh hält er ſchon am Flü⸗ gel die erſte, am 25ſten aber, die Orcheſter⸗Probe einer neuen Oper, und iſt völlig als Muſik⸗Direc⸗ tor des ihm ganz fremden Theaters eingerichtet. Doch will es mit der Seconda'ſchen Entrepriſe in Leipzig jetzt nicht fort, der Director ſieht ſich genöthigt, die Erlaubniß nachzuſuchen, nach Dres⸗ den zurückzukehren, um auf dem dortigen Hof⸗ theater zu ſpielen; er erhält ſie, und vier Wochen ſpäter, am 24ſten Juni, ſitzt Hoffmann ſchon wie⸗ der auf einem elenden Leiterwagen, um nach Dres⸗ den zurückzukehren. Dort angekommen, miethet er ſich in der Allee ein. kämpfte von Neuem mit großer Geldnoth, tröſtete ſich, was ihm nie fehl⸗ ſchlug, indem er Hand an ein neues Werk legte, nämlich am erſten Juli die Compoſition der Un⸗ dine anfing, und ging ſo der großen Kataſtrophe entgegen, die, in den letzten Tagen des Auguſt, über Dresden hereinbrach. Es iſt nur nöthig geweſen, dies Alles in flüch⸗ tigen Strichen aus ſeinem Tagebuche anzudeuten, da ſich ein Brief aus dem Juli an Doctor Spey⸗ er in Bamberg, vorfindet, der, mit liebensmürdiger 24 Laune, ein ausgeführtes Gemälde dieſes kurzen Lebensabſchnittes giebt. „So wie Sie in Bamberg“— ſchreibt er dem Freunde—„im tiefſten Frieden leben, ſo habe ich „in Leipzig, wie mitten im Kriege ſelbſt, jetzt, wäh⸗ „rend des Waffenſtillſtandes, gelebt, und zum erſten „Male in meinem Leben ein nicht unbedentendes „blutiges Gefecht, aus geringer Entfernung, ver⸗ „trauend auf meine Schnellfüßigkeit, angeſehen; es „war die Affaire, welche am 7ten Juni, Vormit⸗ „tags 9 Uhr, vor den Thoren von Leipzig Statt „fand. Die ſpäteren Auftritte, zwiſchen den Preu⸗ „ßen und Franzoſen, die durch ganz eigene Mißver⸗ „ſtändniße erzeugt wurden, Leipzig's Belagerungs⸗ „zuſtand u. ſ. w., übergehe ich, da ſie aus den Zei⸗ „tungen bekannt ſeyn werden.— Ich komme zu mei⸗ „nen Dienſtverhältnißen.— Den Seconda habe ich „ganz ſo gefunden, wie ihn mir Rochlitz ſchilderte⸗ „— ein lieber, ehrlicher, dummer Mann, der 25 „Jahre hindurch die Maſchine gedreht hat, wie der „Eſel die Walkmühle; er ſtrich ſeine 4 bis 5000 „Rthl. monatlich ein, und gab ſie wieder aus;— „ſo wie aber das Ding etwas aus dem Gleiſe kommt, „verliert er den Kopf, und weiß ſich nicht zu hel⸗ „fen.— In jener ſo unruhigen Zeit blieb natürli⸗ „cherweiſe das Theater leer, ja wir konnten nicht „einmal ſpielen, da oft plötzlich, vor der Theater⸗ „zeit, der Generalmarſch geſchlagen, und die Thore 25 „geſperrt wurden. Herr Seconda erklaͤrte daher „am 8. Juli ganz kaltblütig: er müſſe das Theater „ſchließen und wir könnten alle hingehen, wohin „wir wollten. Sie können denken, daß uns alle „dies wie ein Donnerſchlag aus heitrer Luft traf, „da wir überzeugt waren, daß es ſo weit durchaus „nicht mit dem Theater gekommen war, und ſich vallerdings Auswege finden müßten, die böſe Zeit „zu überſtehen, und die Sache zu erhalten; alle „Vorſtellungen, ja ſelbſt das durch die Vermitte⸗ „lung unſeres Komikers, Herrn Kellers,— eines vin Leipzig durchaus geſchätzten Mannes,— von »einem Kaufmann angebotene Darlehen von 1000 „Rthl. fruchteten nichts. Herr Seconda blieb bei „ſeinem Vorhaben.— Nun trat die Geſellſchaft zu⸗ „ſammen, und beſchloß, nach möglichſter Verringe⸗ „»rung des Ausgabe⸗Etats, wenigſtens 14 Tage hin⸗ „durch auf eigene Rechnung zu ſpielen, und Herrn »„Seconda die Buchführung über Einnahme und Aus⸗ „gabe zu überlaſſen. Der Leipziger Rath erlaubte „dies nicht nur, ſondern war ſo billig, die Miethe „des Hauſes merklich herabzuſetzen. Die hohen Ga⸗ „gen wurden beinahe auf die Hälfte reducirt, und „ſo fingen wir getroſt an, in der Hoffnung, uns „vielleicht den Sommer durchzubringen, da gar keine »Ausſicht vorhanden, im Link'ſchen Bade in Dres⸗ „den, auſſerhalb der Verſchanzungen, ſpielen zu kön⸗ »nen.— Das Glück wollte uns wohl; denn mit e ) 26 „den beiden, nichts weniger als neuen, Opern: Sar⸗ „gines und Figaro, die aber exzellent gingen, und „mit rauſchendem Beifall aufgenommen wurden, ſo „daß jede dreimal bei vollem Hauſe wiederholt wer⸗ „den konnte, nahmen wir ſo viel ein, daß alle Aus⸗ „gaben,— dieſe betragen, nach der Herabſetzung, „jeden Tag 125 Rthl.!!— beſtritten, und unſere „herabgeſetzten Gagen ohne weitern Abzug gezahlt „werden konnten.— Schon präparirten wir uns „auf die Fortſetzung unſeres Unternehmens, und „gedachten keck und kühn die Veſtalin einzuſtudiren, „als Herrn Seconda ganz unerwartet ein Glücks⸗ „ſtern aufgegangen war. Durch die Vermittelung „ſeines Bruders Franz, hatte er nämlich die Er⸗ „laubniß erhalten, in Dresden auf dem Hoftheater, „und zwar auch Sonntags, ſpielen zu dürfen; — etwas in Dresden ganz Unerhörtes, und nur „ſeit der Zeit möglich, da der——— einen „größen Hut mit Federbuſch und Sturmband trägt. „Nun übernahm Herr Seconda natürlicherweiſe das „Steuer wieder in die Hand, und wir richteten un⸗ „ſern Lauf am 24ſten Juni in neun Halbwagen gen „Dresden.— Eine lächerliche Reiſe, die mir Stoff „zu der humoriſtiſchſten Erzählung geben würde.— „Vorzüglich war ein Hamburger Stuhlwagen, auf „dem ſich der Unterſtab, nebſt überflüſſigen Mäg⸗ „den, Kindern und Thieren, befand, mir ſo merk⸗ „würdig, daß ich nie verſäumte, mich beim Ein⸗ 27 „und Ausladen gegenwärtig zu finden. Nach rich⸗ „tiger Schätzung und Zählung, befanden ſich dar⸗ „auf: ein Theater⸗Friſeur, zwei Theater⸗Gehülfen, „fünf Mägde, neun Kinder, worunter zwei neuge⸗ „borene, und drei annoch ſäugende; ein Papagey, „der unaufhörlich und ſehr paßend ſchimpfte, fünf „Hunde, worunter drei abgelebte Möpſe, vier Meer⸗ „ſchweinchen, und ein Eichhorn.— Ich hatte mit „meiner Frau einen Halbwagen für mich, den mir „Herr Seconda, meiner verwundeten Frau wegen, „großmüthiger Weiſe gemiethet, und war immer „weit voraus, konnte aber nicht unterlaſſen, an je⸗ „dem Frühſtücks⸗ und Mittagsort, auf die Cara⸗ „vane zu warten. In Oſchatz wurde übernachtet, „und, da es, Gott ſey es gedankt! bei unſerer Ge⸗ „ſellſchaft recht gebildete, und dabei joviale, Men⸗ „ſchen gibt, die von dem Comödiantentik nicht heim⸗ „geſucht werden, ſo können Sie denken, daß der „Abend recht angenehm zugebracht wurde; ich ſchlug „vor, ob es nicht räthlich ſey, des augenblicklichen »„Imponirens wegen, eine Art Triumphzug zu ver⸗ vanſtalten, worin jener Hamburger Stuhlwagen die „Hauptrolle ſpielen ſollte; das wurde mit großem »Beifall aufgenommen, und die Rollenvertheilung „gab Anlaß zu manchem Scherz. Herr Seconda „ſelbſt,— er war nicht zugegen, ſondern ſchon in „ſeine Stube gekrochen,— ſollte in römiſcher Tracht; „— er iſt ein kleiner alter gebückter Mann! mit ei⸗ 28 „nem entſetzlich dicken Kopfe und hervorſtehenden „lasaugen,— als Triumphator auf dem Bocke „ſeines Halbwagen ſtehen, und, durch eine von den „Theatergehülfen zu beſorgende künſtliche Vorrichtung, „der Papagay über ſeinem Kopfe ſchweben, wie „der Adler über dem Germanicus. Möpſe und „Meerſchweinchen ſollten, wie aus fernen Landen „mitgebrachte ſeltene Thiere, mit köſtlichen Blu⸗ „men geſchmückt, von den Mohrenſklaven aus dem „Axur nachgetragen werden: als Präſent an den „König für die erhaltene Erlaubniß, u. ſ. w. Ge⸗ „nug von dieſen Allotriis!!«⸗ „Herr Seconda hat nun nicht allein das Hof⸗ „theater, ſondern auch den freien Gebrauch der De⸗ „korationen, Requiſiten, und der Königlichen Gar⸗ „derobe; Sie können daher denken, liebſter Doc⸗ „kor! daß es unſern Darſtellungen an äußerm „Glanz nicht fehlt. Wir haben bis jetze Don „Juan, den Waſſerträger, Iphigenia in Tauris, „die Entführung aus dem Serail, Joſeph, Cendril⸗ „lon, Helene von Mehul, Sargino gegeben. Vor⸗ „züglich waren die Dekorationen zum Joſeph in „dem edelſten Styl, und, obwohl nicht dazu beſon⸗ „ders beſtimmt, ſehr paſſend, da ſich ein ganz herr⸗ „licher ägyptiſcher Saal vorfand, der vielleicht 15 „Jahre alt, und, wie mir der Hof⸗Dekorateur „Winkler ſagte⸗ höchſtens zweimal gebraucht wor⸗ „den iſt. Die Chöre werden von dreißig Choriſten „und Kreuzſchülern gar rein und feſt geſungen, „und, daß das Orcheſter ſehr brav iſt, können Sie „wohl denken, wiewohl mir, was inſonderheit die „Violinen betrifft, das Leipziger Orcheſter beſſer ge⸗ „fällt. In Leipzig giebt es aber auch bei der erſten „Violine die gefeierten Namen: Campagnoli, Mat⸗ „thäi, Lange ꝛc. Wir wechſeln mit den Italienern, „die zweimal ſpielen, ab, und nur dann und wann „läßt der Kaiſer von ſeinen Schauſpielern,— Tal⸗ „ma, die Georges ꝛc. ſind hier,— für ſich und „die eingeladenen Zuſchauer eine Vorſtellung geben. „Bei den Italienern haben wir, ſo wie ſie bei uns „freien Zutritt, und bei den Franzoſen öffnet ſich »auch dem artiste allemand die Theaterthüre.— „Ich habe die Phädra und den Barbier von Se⸗ „villa geſehen;— um mich darüber auszuſprechen, „müßte ich den Brief zur Broſchüre, und Ihnen „Langeweile machen; nur ſo viel, daß im Barbier „von Sevilla der Kaiſer oft, und recht innig, ge⸗ „lacht hat. Unſere Vorſtellungen werden mehr be⸗ „ſucht, wie die der Italiener, welches darin liegt, „daß dieſe mit vier, höchſtens fünf, Opern beſtän⸗ „dig wechſeln, und wir immer Neues auftiſchen. »Das richtige Urtheil des franzöſtſchen und italie⸗ »niſchen Publikums iſt, daß bei den Italienern im „Einzelnen beſſer geſungen würde, bei uns hingegen „Chöre und Enſembles, worauf die Italiener we⸗ „niger Fleiß verwenden, beſſer gingen. Wir leben 6* „überhanpt mit den Italienern auf einem freund⸗ „ſchaftlichen Fuß, und ſeit der Zeit, daß die San⸗ „drini mit Benelli ein kleines Duett von mir ge⸗ „ſungen hat, in der Scelta dello Sposo,— hat ſich „Morlachi in den Kopf geſetzt, eine deutſche Arie „für unſern Krahmer zu componiren, welches er „nimmermehr zu Stande bringt, da er ſo gut deutſch „verſteht, wie ich chineſiſch, und ſich bei Gerardi »auslachen läßt, wenn er ein:„„Klasken ſüßkemak⸗ „tes Brandewein,““ trinken will. Es iſt mir nicht „wenig merkwürdig, daß ich hier den Sargines an „demſelben Platz, auf demſelben rothbeſchlagenen „Lehnſtuhl, vor demſelben Pianoforte, dirigirt habe „wo Paer ihn, als er zum erſten Mal gegeben „wurde, dirigirte.—————— 2) „Seconda's Geſellſchaft war vor meiner Ankunft „ſehr brav, hat aber durch den Abgang von drei „Saͤngerinnen, von denen ſich zwei in Leipzig an „Kaufleute verheiratheten, und die dritte eine ehr⸗ „bare Organiſtenfrau wurde;(Schneider's Frau), „einen bedeutenden Stoß erlitten. Unſere prima „donna, Mad. Krahmer, haͤlt das Mittel zwiſchen „der Koͤhl und der Heuniſch. Die zweite Saͤnge⸗ „rin ſingt, mit einer duͤnnen Stimme, und ohne „alles Gefuͤhl, wie ein Haubenſtock, alles, auch das „Schwierigſte, prima vista, vom Blatt, ſpielt aus 31 „der Partitur u. ſ. w., und iſt, von 16 Jahren „und bei ziemlich huͤbſcher Bildung, mir doch hoͤchſt vodioͤs; die Uebrigen helfen aus.— Mit zwei ganz „beſonders guten, ja vortrefflichen Tenoriſten, ſo „wie mit einem ganz herrlichen Baſſiſten, hat uns „der Heiland geſegnet, und unter den Uebrigen „gibt es nur zwei, die nur ſchwach muſikaliſch „ſind; ſonſt wird gut und fertig vom Blatt ge⸗ „ſungen, und Sie koͤnnen daher denken, daß mein „Amt eben nicht ſchwer iſt. Der Umſtand, daß „wir bis jetzt nur, ſchon einſtudirte Opern geben, „ſetzt uns in den Stand, merklich vorzuarbeiten, »und fuͤr den Herbſt und Winter ein ganz neues »Repertoir zu ſchaffen.— Auch dies habe ich alles „genau ſo gefunden, wie Rochlitz mir es ſchrieb! — 3u andern Dingen!«— »Sie haben in der That Recht, liebſter Doctor! „daß ich aus dem ſtillen friedlichen Lande in Tu⸗ „mult und Krieg gezogen, und in gewiſſer Art „damit geeilt, ja mich, auf den erſten Blick, uͤber⸗ veilt habe. Allein ſo froh, ſo gemuͤthlich ich mich »in manchem gluͤcklichen Augenblick unter meinen vlieben Freunden befand, ſo ſelten ich mich an ir⸗ „gend einem andern Orte auf dieſe herzliche, in⸗ „nige Weiſe angeſprochen fuͤhlte, ſo war ich doch „im Innerſten uͤberzeugt, um nicht auf immer „berloren zu ſeyn, Bamberg ſo ſchnell als moͤg⸗ vlich verlaſſen zu muͤſſen.— Erinnern Sie ſich „nur lebhaft an mein Leben in Bamberg, vom werſten Augenblicke meiner Ankunft, und Sie wer⸗ „den geſtehen, daß alles, wie eine feindliche daͤ⸗ „moniſche Kraft wirkte, mich von der Tendenz, „oder beſſer von der Kunſt, der ich nun einmal „mein ganzes Daſeyn, mein ich, in allem Regen „und Beſtreben, geweiht habe, gewaltſam wegzu⸗ „reißen.— Meine Lage bei Cuno, ſelbſt das auf⸗ „gedrungene fremde Fach bei Holbein, welches noch „dazu ſo viel Verfuͤhreriſches hatte, aber vorzuͤg⸗ „lich die nie zu vergeſſenden und zu verwindenden „Auftritte mit—, die armſeligen duͤmmlichen „Plattituͤden des alten Mannes; in anderer Hin⸗ „ſicht, aber doch verderblich wirkend, die fatalen „Auftritte mit—, und ganz zuletzt mit dem—, „der mir wie ein ganz neugebackenes, aber miß⸗ 3„rathenes Teufelchen vorkam;— kurz, die ganze „Oppoſition gegen alles beſſere Thun, Wirken und „Treiben in dem hoͤhern Leben, wo der Menſch vſich mit regem Fittig uͤber den ſtinkenden Pfuhl „ſeines armſeligen Brodbettellebens erhebt, er⸗ „zeugte in mir eine innere Entzweiung, einen in⸗ „nern Krieg, der mich viel eher vernichten konnte, „als jeder Tumult um mich von außen her.— „Jede unverdiente harte Kraͤnkung, die ich erlei⸗ „den mußte, vermehrte meinen innern Groll, und „indem ich mich immer und immer mehr an Wein, „als Reizmittel, gewoͤhnend, das Feuer nachſchuͤrte, 33 „damit es luſtiger brenne, achtete ich das nicht, „daß auf dieſe Art nur aus dem Untergange das „Heil erſprießen koͤnne. Moͤgen Sie in dieſen „wenigen Worten, in dieſer Andeutung, den Schluͤſ⸗ „ſel zu manchem finden, was Ihnen, wo nicht „raͤthſelhaft, doch widerſprechend, ſchien!— Ueb⸗ „rigens transeant cum caeteris!“— „Eine groͤßere Antipolaritaͤt in wiſſenſchuftlicher „und kuͤnſtleriſcher Hinſicht, als Bamberg und „Leipzig, kann es wohl in der Welt nicht geben. »Ja, ich moͤchte ſagen: iſt in Bamberg des Guten „zu wenig, ſo iſt in Leipzig beinahe des Guten „zu viel. Aber ſo viel iſt doch gewiß, daß man „ſich wie ein Fiſch im Waſſer, im rechten Elemente, „froh und frei bewegen kann. Mein Empfang war „uͤberall, uͤber alle Maßen, herzlich und gemuͤth⸗ „lich; Rochlitz und Haͤrtel begruͤßten mich wie ei⸗ „nen alten Freund, und die Herren des Orcheſters „behandelten mich mit einer Artigkeit, ja mit einer „Art von Submiſſion, die mich in gewiſſer Art „verlegen machte. Ich ſah' wohl ein, daß das kleine Saamenkorn, was ich geſtreuet(ich meine „in der muſikaliſchen Zeitung), hier aufgeſchoſſen vund gebluht hat.— Die ganz eigene Empfindung „hierbei, kann ich nicht beſchreiben, da mir alle „Eſeleyen in Bamberg einfielen.— Das Leben in „Leipzig iſt ſehr angenehm, und gar nicht ſo theuer, „wie man es ausgeſchrieen. Man wuͤrde noch wohl⸗ „feiler leben, wenn nicht eine ganz fatale Einrich⸗ „tung Statt faͤnde, die manchen Gulden koſtet. „Auf dem Markte, und in der Petersſtraße, gibt „es naͤmlich ſogenannte italieniſche Keller: Mai⸗ „noni, Treiber, Roſſi u. a. m. Geht man nun „voruͤber, ſo iſt die Straße vor der Thuͤre ſo ab⸗ „ſchuͤſſig, daß man ganz unverſehens die Treppe „hinunkerſtolpert; iſt man unten, ſo befindet man „ſich zwar in einem ſehr artig meublirten Zimmer, „— aber die verdammte Kellerluft;— gegen dieſe „muß man ein Glas Biſchof oder Burgunder trin⸗ „ken, und einen Sardellen⸗Sallat, mit Muſcheln, „Cervelat⸗Wurſt, Oliven, Kapern, Luccheſeroͤl u. ſ. w. „eſſen; ja, dieſe Einrichtung koſtet manchen Gul⸗ „den!“ 4 „In Dresden wohne ich auf dem Lande! d. h. vor „dem ſchwarzen Thore, auf dem Sande, in einer „Allee, die nach dem Linkiſchen Bade fuͤhrt. Aus „meinem, mit Weinlaub umrankten, Fenſter uͤber⸗ „ſehe ich einen großen Theil der herrlichen Elbge⸗ „gend, d. h. jenſeits des freundlichen Stroms, ei⸗ „nen Theil der ſaͤchſiſchen Schweiz, Koͤnigſtein, „Lilienſtein u. ſ. w. Gehe ich nur zwanzig Schritte „von der Thuͤre fort, welches ich, ſo oft ich will, „in Muͤtze und Pantoffeln, mit der Pfeife im „Munde, thun kann, ſo liegt das herrliche Dres⸗ „den mit ſeinen Kuppeln und Thuͤrmen vor mir „ausgebreitet, und uͤber demſelben ragen die fer⸗ 55 „nen Felſen des Erzgebirges hervor. Will ich „weiter gehen, ſo wende ich mich nach der bret⸗ „ternen Saloppe, der ſtillen Muſik, dem luſtigen „Winzer, dem ſpaniſchen Kragen; lauter poſſirliche „Namen von nahegelegenen Weinbergen an der „Elbe, wo man Erfriſchungen bekoͤmmt, und Ge⸗ „ſellſchaft findet. Dieſe große Annehmlichleit muß „ich mit der Beſchwerde erkaufen, woͤchentlich drei⸗ „mal eine Meile, und viermal eine halbe Meile „zu wandern, denn ſo weit habe ich hin und her „zur Vorſtellung, naͤmlich eine halbe Stunde jeder „Gang. Das thue ich aber gern, es iſt geſund, „und Eſſen, und das Glas Landwein, ſchmecken „trefflich.— Das Bier iſt ſeit einiger Zeit nicht „mehr trinkbar, da, laͤge ein Froſch darin, Sie ihn „unmoͤglich entdecken wuͤrden.“— „Erſt hier in Dresden iſt die bedeutende Kopf⸗ „wunde meiner Frau zugeheilt; ſehr lange wird „ſie aber wohl eine ſchmerzliche Empfindung, und „lebenslang die Narbe behalten. Uebrigens iſt ſie „ſehr heiter und froh.“ „Fuͤr Kunz lege ich ein Briefchen nebſt Manu⸗ „ſcript bei. Es iſt die erſte Abtheilung einer Er⸗ „zaͤhlung, betitelt: der Magnetiſeur.— Wie ich „glaube, wird Ihnen dieſer Aufſatz nicht uninter⸗ „eſſant ſeyn, da er eine noch unberuͤhrte neue Seite „des Magnetismus entwickeln ſoll; wenn Sie wol⸗ nlen, ſo leſen Sie das Manuſcript u. ſ. w.“ 36 Am 22ſten Auguſt bezog Hoffmann ein Logis in der Stadt, weil außerhalb derſelben keine Sicher⸗ heit mehr war; ſchon vom 15ten an aber hatte er angefangen, unter dem Titel:„drei verhaͤng⸗ nißvolle Monate!« Auszuͤge aus ſeinen Tagebuͤchern, fuͤr ſeine Freunde, zuſammenzuſtellen, die woͤrtlich hier folgen moͤgen, leider aber nur bis zum 29ſten Auguſt reichen. „Dresden, den 15. Auguſt 1845. Schon ſeit der „Feyer des Napoleons⸗Feſtes, am 10ten, waren „kaͤglich Truppen und Geſchuͤtz herausgegangen, „heute verließ der Kaiſer mit den Garden die Stadt, „und zog fort auf der Straße nach Schleſien, man „ſpricht von einer nahen entſcheidenden Schlacht.“ „16, 17, 18, 19. Gaͤnzliche Todtenſtille.— Man „ſpricht ganz heimlich, daß Oeſterreich den Ver⸗ „buͤndeten beigetreten.“ „20. Es ſollen ſich Preußen und Ruſſen der „Stadt naͤhern.“ „21. Augenſcheinliche Retirade der Franzoſen „von der ſchleſiſchen Seite her; eine zahlloſe Menge „Verwundeter auf Wagen,— Cavallerie ohne „Pferde,— Infanteriſten ohne Gewehr ꝛc. ꝛc.“ „22. Fruͤhmorgens ein ungewoͤhnliches Hin⸗ und „Hertreiben in der Stadt,— das Militaͤr iſt in „voller Bewegung,— und mit Muͤhe gelang es, „die ſchwierige Hauptprobe der Iphigenia in Tau⸗ „ris, die den Abend gegeben werden ſollte, zu 37 „beendigen; denn waͤhrend derſelben kam die Nach⸗ „richt, daß Thore und Schlaͤge geſperrt ſind, weil „die Ruſſen und Preußen ganz in der Raͤhe ſtehen. „Polniſche Offiziere, die des Morgens in einem »Kaffeehauſe, dicht vor dem Freyberger Thore, „Billard ſpielten, wurden von Koſacken uͤberfallen, „und gefangen abgefuͤhrt. Gegen Abend wurde es »ruhiger, und Iphigenia wurde wirklich gegeben.— »Uebrigens zog ich in aller Eil vom Sande hin⸗ „ein auf die Moritzſtraße.“ „23. Groͤßere Unruhe als geſtern. Man hoͤrt „ganz in der Naͤhe Kanonendonner, und vor dem „Sandthor ganz deutlich das Tiralleurfeuer. Auf „den Straßen ſieht man Verwundete, noch unver⸗ „bunden, blutig zuruͤckkommen. Zum Theil werden „ſie auf Schubkarren hereingebracht; in dieſer Art sbegegnete ich auf der Seegaſſe einem Offizier, dem ‚beide Augen ausgeſchoſſen waren.“ „24. Die Unruhe ſteigt; Kanonen, Pulverwa⸗ yygen werden im Galopp zu den Thoren hinaus⸗ „gefuͤhrt, immerwaͤhrendes Schießen; das ſchwarze »Thor war offen, und ich eilte nach dem Linb'ſchen „»Bade, wo man die franzoſiſchen und feindlichen „Batterien, von Pirna, ganz deutlich arbeiten ſe⸗ „hen konnte.— Abends wurde in der Stadt, vom „Walle bei dem Theater, Victoria geſchoſſen, des „Sieges bei Loͤwenberg wegen, den auch ein oͤffent⸗ Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XII. Bd. 2 a „ „licher Anſchlag verkuͤndete. Es hieß darin: die „Cavallerie habe ſehr ſchoͤne Angriffe gemacht.“ „25. Vormittag alles ganz ſtill' und ruhig. „Nachmittag hoͤrte man ſehr nahe tirailliren; ich „ging mit dem Schauſpieler Keller zum Pirnaer „Schlage heraus, der geoͤffnet war, und ſo weit, „daß die Linie der franzoͤſiſchen Tirailleurs nur „50 Schritt vor uns ſtand. 300 Schritt weiter „ritten einzelne Koſacken ganz ruhig hin und her, „und nahmen gar keine Notiz von den Plaͤnklern „der Franzoſen. Ich ſah', wie einer abſtieg, und „den Gurt des Pferdes feſter ſchnallte. Ploͤtzlich „brachen ruſſiſche Tirailleurs aus einem Gebuͤſch „hervor, und nun wurde das Plaͤnklen hitziger „und hitziger,— viele Franzoſen fielen todt, und „andere kamen blutig und ſchreiend zuruͤck. Fran⸗ „zoͤſiſche Bataillone formirten ſich, und es wurde „eine Batterie von vier Kanonen aufgeſtellt; noch „ehe dieſe anfing zu ſpielen, kamen aber ſchon „feindliche Kugeln von einer Batterie, die ich nicht „bemerkt hatte, und nun ſah' ich auch, wie eine „ſchwarze Linie ſich von den Bergen herabbewegte. „Da die Kugeln bis dicht vor den Schlag nieder⸗ „fielen, hielten wir es fuͤr rathſam, mit vieler „Schnelligkeit durch das Wilsdruffer Thor zu Hauſe „zu eilen.— Die Nacht hat dem Gefecht(dem verſten, das ich ſo in der Naͤhe angeſehen) ein „Ende gemacht. Die Franzoſen meinen; es ſey 39 „nur ein Streifkorps, das ſich Dresden genaͤhert, „das iſt aber nicht wahr, denn von dem Boden „des hohen Nebenhauſes, auf den ich ſtieg, ſieht „man ringsumher eine unzaͤhlige Menge Wacht⸗ „feuer, auf jeden Fall iſt es alſo eine ſtarke Ar⸗ „mee, die Dresden umſchließt.“ „26. Fruͤhmorgens 7 Uhr wurde ich durch den „Donner der Kanonen geweckt; ich eilte ſogleich „auf den Boden des Nebenhauſes, und ſah', wie „die Franzoſen, in geringer Entfernung, vor den „Schanzen mehrerer Batterien aufgeſtellt hatten, „die mit feindlichen Batterien, welche am Fuße „der Berge ſtanden, auf das heftigſte engagirt „waren. Mit Huͤlfe eines ſehr guten Glaſes konnte „ich bemerken, daß ſehr ſtarke ruſſiſche und oͤſter⸗ „reichiſche Colonnen(an der weißen Uniform ſehr „kenntlich) ſich von den Bergen herab bewegten. „Eine Batterie nach der andern ruͤckte naͤher, die „Franzoſen retirirten bis in die Schanzen, und „nun wurde ſogar von den Stadtwaͤllen aus gro⸗ „bem Geſchuͤtz gefeuert; der Kanonendonner wurde „ſo heftig, daß die Erde bebte und die Fenſter „zitterten. Die Ruſſen hatten den großen Gar⸗ „ten erſtuͤrmt, ſo wie die Preußen die Schanzen „von der Friedrichsſtadt,— erſteres konnte ich ſe⸗ „hen. Die Nachricht kam, daß der Kaifer eintref⸗ „fen wuͤrde, ich eilte daher auf die Teraſſe des „Bruͤhl'ſchen Gartens, an der großen Bruͤcke. Um 4⁰ „11 Uhr kam der Kaiſer, auf einem kleinen falben „Pferde, uͤber die Bruͤcke ſchnell geritten— es „war eine dumpfe Stille im Volk— er warf ſei⸗ „nen Kopf heftig hin und her, und hatte ein ge⸗ „wiſſes Weſen, was ich noch nie an ihm bemerkte, „— er ritt bis vor's Schloß, ſtieg aber nur we⸗ „nige Secunden ab, und ritt wieder an die Elb⸗ „bruͤcke, wo er, umgeben von mehreren Marſchaͤl⸗ „len, ſtill hielt— die Adjutanten ſprengten ab „und zu, und holten Ordres, die er allemal in kur⸗ „zen Worten, aber ſehr laut, ertheilte— er nahm „ſehr haͤufig Taback, und ſchaute noch haͤufiger durch „ein kleines Taſchenperſpektiv die Elbe herab. Die „Garden kamen mit Doppelſchritt uͤber die Bruͤcke, „und eilten, nachdem ſie eine ſehr kurze Zeit auf „dem Platz vor dem Kaiſer gehalten, zu den Tho⸗ „ren heraus. Ich mußte fort, weil der Bruͤhl'ſche „Garten beſetzt wurde, und ging wieder auf mein „Obſervatorium. Zwiſchen 4 und 5 Uhr donner⸗ „ten die Kanonen am heftigſten— Schlag auf „Schlag— man konnte die Kugeln ſauſen hoͤren, „ich bemerkte es zuerſt, man wollte mir es aber „nicht glauben, gleich darauf ſtuͤrzte aber, in ei⸗ „ner Entfernung von hoͤchſtens 25 Schritt, eine „Feuermauer, von einer Kugel getroffen, ein, und „nun war es klar, daß Geſchuͤtz auf die Stadt ge⸗ „richtet worden.— Wir gingen herab, da unfer „Aufenthalt oben jetzt Lebensgefaͤhrlich wurde. Eben 41 „wollte ich in meine Hausthuͤre treten, als zi⸗ „ſchend und praſſelnd uͤber meinem Kopf eine Gra⸗ „nate wegfuhr, und, nur 15 Schritte weiter, vor nder Wohnung des General Gouvion St. Cyr, „zwiſchen vier gefuͤllten Pulverwagen, „die eben zur Abfahrt bereit ſtanden, niederfiel „und ſprang, ſo daß die Pferde baͤumend Reißaus „nahmen.— Wenigſtens dreißig Perſonen ſtanden „daneben auf der Gaſſe, und, außerdem daß „die Pulverwagen verſchont blieben, „deren Exploſion das ganze Stadtviertel vernichtet „haͤtte, wurde kein Menſch, kein Pferd „beſchaͤdigt, es iſt unbegreiflich, wo die Stuͤcke „der Granate geblieben ſind, da in unſerm Hauſe „nur ein ganz unbetraͤchtliches gefunden wurde, „welches die Fenſterladen des untern Stock's zer⸗ „ſchlagen, und in ein unbewohntes Zimmer gefal⸗ „len war. Wenige Minuten darauf kam eine „zweite Granate, und riß ein Stuͤck vom Dache „des gegenuͤberſtehenden Cagiorgiſchen Hauſes weg, „und druͤckte drei Fenſter der Mezzane zuſammen, „daß das Holzwerk und die Ziegelſteine praſſelnd »auf die Gaſſe ſtuͤrzten— bald darauf ſiel eine „dritte in die Nebengaſſe in ein Haus, und es „war mir klar, daß eine Batterie gerade auf un⸗ „ſer Stadtyviertel ſpielte.— Alle Bewohner des „Hauſes,— Frauen,— Maͤnner,— Kinder ver⸗ „ſammelten ſich auf der gewoͤlbten ſteinernen Treppe 2* 4² „des erſten Stocks, die aus der Richtung der Fen⸗ „ſter lag!— Da gab es bei jeder Exploſion der „jetzt haͤufigen, doch in großer Entfernung hin⸗ „einfallenden Granaten, ein Jammern und „Wehklagen!— Nicht einmal ein Tropfen Wein „oder Rum zur Herzſtaͤrkung,— ein verdammt „aͤngſtlicher Aufenthalt— ich ſchlich leiſe zur Hin⸗ „terthuͤr heraus und durch ein Hintergaͤßchen zum „Schauſpieler Keller, der auf dem Neumarkt wohnt, „— wir ſahen ganz gemuͤthlich, mit einem Glaſe „Wein in der Hand, zum Fenſter heraus, als eine „Granate mitten auf dem Markte niederfiel und „platzte; in demſelben Augenblick fiel ein weſtphaͤ⸗ „liſcher Soldat, der eben Waſſer pumpen wollte, „mit zerſchmettertem Kopfe todt nieder,— und „ziemlich weit davon, ein anſtaͤndig gekleideter „Buͤrger;— dieſer ſchien ſich aufraffen zu wollen „— aber der Leib war ihm aufgeriſſen, die Ge⸗ „daͤrme hingen heraus, er fiel todt nieder*)— „noch drei Menſchen wurden an der Frauenkirche „von derſelben Granate hart verwundet,— der „Schauſpieler Keller ließ ſein Glas fallen,— ich „trank das meinige aus, und rief: was iſt das *)„(Zu bemerken: fuͤnf Minuten ſpaͤter ritt der Kaiſer uͤber den Neumarkt, gerade wo der Buͤr⸗ ger getroffen, nach dem Pirnger Thor.) ⁶ 43 „Leben! Nicht das bischen gluͤhend Eiſen ertra⸗ „gen zu koͤnnen, ſchwach iſt die menſchliche Natur! „— Gott erhalte mir die Ruhe und den Muth vin Lebensgefahr, ſo uͤberſteh't ſich alles beſſer!— „Es gelang mir, den Kaufmann Schmidt aus ſei⸗ „nem verſchloſſenen Gemach hervorzutreiben, der „belud mich mit Wein und Rum fuͤr mich und „meine Hausgenoſſen. Ich trat wieder ein, wie „eine Erſcheinung des Troſtes und der Beruhi⸗ „gung.— Eine der Frauen(Mad. Stein) die ge⸗ „rade im oberſten Stock wohnte, hatte den Muth „gehabt, allerlei nuͤtzliche Lebensmittel herabzubrin⸗ „gen.— Das war alles bonum commune, und „uns Allen, die wir keinen Mittag gegeſſen, „ſchmeckte es im Bivouacg auf der Treppe herr⸗ „lich, das Kelchglas ging fleißig herum, und unter „dem Donner der Kanonen, unter dem Praſſeln „der Granaten ging uns allen ein froͤhlich guter „Humor auf, der immer der Nachklang einer durch „Gefahr exaltirten Stimmung iſt. Erſt als es „ganz finſter war, ließ das Schießen nach. Die „Garden hatten, wie man nun erfuhr, die ge⸗ „nommene Schanzen wieder erſtuͤrmt, und die „verbuͤndete Armee ſich auf die Hoͤhen zuruͤckgezo⸗ „gen.— Das Kammermaͤdchen der Graͤfin Breza „trat vor die Hausthuͤre, vor welcher der Wagen „ſtand, der die Graͤfin in Sicherheit in ein ande⸗ „res Stadtviertel bringen ſollte, in eben demſelben „Augenblicke wurde ſie aber von einer Granate, „im ſtrengſten Sinne des Worts zerriſſen. „Einer Hebamme auf der Pirnaer Vorſtadt wurde, vals ſie zum Fenſter hinausſchaute, der Kopf weg⸗ „geriſſen; eben ſo verlor ein Handlungs⸗Commis, „der im Comtoir ſaß, den Arm. Noch mehrere „Buͤrger ſind theils verwundet, theils getoͤdtet.s „27. Die Nacht verging ruhig. Erſt um 8 Uhr „Morgens ging eine lebhafte Kanonade an, daß „die Fenſter bebten,— es fiel unaufhoͤrlich Regen, „man konnte daher nicht viel bemerken. Nachmit⸗ „tags entfernte ſich das Schießen, und man er⸗ „fuhr, daß die ruſſiſche und oͤſterreichiſche Armee „5 Stunden weit zuruͤckgedraͤngt worden. Abends „kamen ungefaͤhr 2 bis 500 ruſſiſche und preußi⸗ „ſche, und wohl an 10,000 oͤſterreichiſche Gefangene, „wie auch 4 öͤſterreichiſche Fahnen und 6 Kanonen. 6 „28. Die Ruſſen und Oeſterreicher ſtehen auf „den Hoͤhen von Keſſelsdorf, man hoͤrt ſehr deut⸗ „lich Kanonen⸗ und Pelotonfeuer. Ueber die Elb⸗ „bruͤcke bemerkte ich eine augenſcheinliche Retirade „der Franzoſen, und die Nachricht, daß bei Berlin „die Franzoſen geſchlagen ſind, iſt daher wahr. „29. Heute ging ich vor den Moszynskiſchen „Garten, und ſah' zum erſtenmal in meinem Le⸗ „ben ein Schlachtfeld.— Erſt heute hatte „man angefangen aufzuraͤumen, und zwar wurden, „wie ich bemerkte, zuerſt die gebliebenen Franzo⸗ 45 „fen nackt ausgezogen, und in große Gruben zu „20, 30 verſcharrt.— Hier hatten die ruſſiſchen Jaͤ⸗ „ger unter dem wuͤthenden Feuer der franzoͤſiſchen „Kanonen geſtuͤrmt. Das Feld war daher bedeckt „mit Ruſſen, zum Theil auf die ſchrecklichſte Weiſe nverſtuͤmmelt und zerriſſen.— So z. B. ſah⸗ ich „einen, dem gerade die Haͤlfte des Kopfs wegge⸗ „riſſen— ein ſcheußlicher Anblick, Pferde, Men⸗ „ſchen, daneben Gewehre, Saͤbel, geſprengte Pul⸗ „verwagen, Tſchako's, Patrontaſchen— alles in „wilder Unordnung durch einander geworfen. Auf „manchem unverſtuͤmmelten Geſicht ſah' man noch „die Wuth, den Grimm des Kampfes; einer hatte „gerade in die Patrontaſche gegriffen, um friſch „zu laden, und ſo hatte ihn der Tod getroffen.— „Ein ruſſiſcher Offfzier, ein herrlicher, ſchoͤner „Jüngling(hoͤchſtens 28 Jahr) hielt noch den Saͤ⸗ „bel, uͤber den Kopf geſchwungen, in der rechten „Hand, und war ſo zum Tode erſtarrt.— Eine „Kanonenkugel hatte ihn gerade auf der Bruſt, „am linken Arm, getroffen, dieſen weggeriſſen und „die Bruſt zerſchmettert,— ſein Tod war leicht! „— Mir ſchien es, als bewege ſich etwas im Graſe, „in einiger Entfernung; ich theilte es meinem Be⸗ „gleiter, dem Advokaten Conradi, mit, wir gingen „darauf zu; und ſiehe da, ein Ruſſe, dem beide „Fuͤße auf das Jaͤmmerlichſte zerſchoſſen waren, ſo „daß alles von geronnenem Blute klebte, ſaß ganz 46 „gemuͤthlich aufrecht, und zehrte an einem Stück „Kommisbrod. So lag der Menſch ſeit dem „26. Auguſt Nachmittags, und war, der „ſtarken Verwundung unerachtet, friſch und mun⸗ „ler. Er zeigte uns ſeine leere Feldflaſche, und „Conradi eilte, ſie mit Waſſer zu fuͤllen.“ Aus Hoffmann's Tagebuch iſt nächſt dieſem noch Folgendes zu bemerken. „Den 50ſten. Fortdauernde dumpfe Stille. Dem „Kaiſer begegnet; mit einem furchtbaren Tyrannen⸗ „blick und Löwenſtimme brüllte er: Voyons! einem „ihn begleitenden Adjutanten zu.“ „Den 22ſten October. Der Kaiſer iſt geſchlagen, „und retirirt nach Erfurt u. ſ. w. So habe ich „gegründete Hoffnung zum beſten, fröhlichſten Le⸗ „ben in der Kunſt, und alle Noth wird geendet „ſeyn. 8 „Den 22ſten November. Heut Nachmittag einen „öſterreichiſchen und ruſſiſchen Offizier in voller „Galla geſehen; ganz eig'nes herrliches Gefühl. „Ja, es iſt wahr!—„Freiheit!” Endlich dient zum Ueberblick, folgende nicht un⸗ intereſſante Stelle aus einem Briefe an Hitig, da⸗ tirt: Dresden, 24. December 1815: „Hier habe ich nun alles erlebt, was man in der „nächſten Nähe des Krieges erleben kann; ich habe „Scharmützel, eine bedeutende Schlacht(am 26ſten „Auguſt) deutlich angeſehen, habe das Schlachtfeld 47 „beſucht; kurz, meine Erfahrungen ſind in dieſer „Art nur zu ſehr bereichert worden. Hungersnoth, „und eine Art Peſt(die zum Theil noch herrſcht, „und nur noch vorige Woche 280 Perſonen bürger⸗ „lichen Standes weggerafft hat,) mußte ich auch „ausſtehen, aber unerachtet aller in der That ent⸗ „ſetzlichen Ereigniſſe, von denen Sie wahrſchein⸗ „lich ſchon durch die oͤffentlichen Blätter unter⸗ „richtet ſeyn werden, habe ich nie den Muth ver⸗ „loren; ja, als die Kanonen rings um Dresden „donnerten, ſo daß der Boden bebte und die Fen⸗ „ſter zitterten, iſt mir ein beſonderes vorahnendes „Gefühl gekommen, daß der ſo lange erſehnte Au⸗ „genblick der wiedererlangten Freiheit nicht mehr „fern ſeyn könne!— Schon am 11ten Oktober „hatte ich die Freude, mit eig'nen Augen, ziemlich „nahe(ich konnte es nicht laſſen, hinaus zu laufen, „und mich auf einen Hügel zu ſtellen) zu ſehen, wie „die Franzoſen aus ihrem verſchanzten Lager dicht „vor den weißen Schanzen von Dresden heraus⸗ „getrieben wurden, ihre Baracken anzündeten, und „mit einer Schnelligkeit davonliefen, die ich der „Nation immer zutraute. Ein gleiches Schau⸗ „ſpiel erfreute mich am 15ten Oktober, 16ten Ok⸗ „kober und ſpäter am 6ten November, wo ich, „mittelſt eines ſehr guten Glaſes, vom Thurm der „Kreuzkirche, ſah', wie der Herr Graf von der „Lobau, der ſich mit 12 bis 15,000 Mann nach Tor⸗ 48 „gau durchſchlagen wollte, von den Boksdorfer „Höhen herab, und bis unter die Kanonen von „Dresden getrieben wurde.— Die Anſtalten wa⸗ „ren übrigens ſeit dem aten November von der „Art, daß man hätte glauben ſollen, die Franzoſen „würden jede Straße vertheidigen, und ſich bis „auf den letzten Mann wehren. Denn, nachdem ſie „die äußeren Schanzen verlaſſen müſſen, ſperrten „ſie die Schläge und Thore, und verſchanzten die „Hauptſtraßen der Vorſtädte hauptſächlich mittelſt „mit Sand gefüllter Kiſten und Tonnen. Um ſo „drückender war uns Einwohnern das alles, weil „wir, trotz aller Vorſicht der franzöſiſchen Behör⸗ „den, von den glorreichen herrlichen Siegen bei „Leipzig und Erfurt ſehr gut unterrichtet waren. „— Schon am 10ten erfuhren wir den Abſchluß „der Capitulation, und mein Gefühl war wirklich „unbeſchreiblich, als ich die ſtolzen, übermüthigen „Franzoſen ſchmachvoll ohne Waffen abziehen ſahet „— Wie die——— das herrliche Dresden „auf wirklich ſinnreiche Weiſe verwüſtet und rui⸗ „nirt haben, davon haben Sie keine Idee. Bei⸗ „nahe alle Luſtörter(der große Garten, der Moſ⸗ „zynski'ſche Garten, das Feldſchlößchen u⸗ f. w.) „ſind bis auf den Grund verwüſtet, und zwar mei⸗ „ſtens ohne Noth, die herrlichen Alleen meiſtens „umgehauen u. ſ⸗ w.— Jetzt⸗ theurer Freund⸗ athmet man wieder frei, und ich denke, die beſſere 49 „Zeit liegt uns ganz nahe!— Nächſt den Compo⸗ „ſitionen und meinem Treiben in der Muſik, bewege „ich mich auch fleißig in litteris, das heißt: es iſt „fo ein Stück Autor aus mir geworden; es iſt „nämlich zum Anfange ein kleines Werk, sub ti⸗ „tulo: Fantaſieſtücke in Callot's Manier, wozu Jean „Paul Friederich Richter eine Vorrede geſchrie⸗ „ben, von Kunz verlegt worden; bekommen Sie „es zur Hand, ſo bin ich auf Ihr Urtheil begie⸗ „rig. Nächſt manchen ſchon in der muſikaliſchen „Zeitung abgedruckten, enthält es zwei Aufſätze, „die vielleicht Ihr Intereſſe erwecken werden, näm⸗ „lich Nachricht von den neueſten Schickſalen des „Hundes Berganza, und der Magnetiſeur. Bis zur „Oſtermeſſe ſollen noch zwei Bändchen erſcheinen. „— Undine iſt vollendet*), und ich warte nur den „günſtigen Augenblick ab, ſie würdig auf die Bühne „zu bringen; ich thue mir auf dieſe Oper etwas zu „Gute, und glaube vorzüglich, in der Undine ſelbſt, „und dem prächtigen Kühleborn, den Sinn des „herrlichen Dichters getroffen zu haben.“ Am 9. December 1815 ging Hoffmann, mit Se⸗ conda und der Truppe, nach Leipzig zurück. Die erſte Arbeit, die dieſer dort unternahm, war die *) Man erinnere ſich, daß ſie, vor noch nicht 6 Monaten, am Aſten Juli, erſt angefangen war. b Viſton auf dem Schlachtfelde bei Dresden*), und am 31ſten December, in der Sylveſternacht, been⸗ dete er die Abſchrift des goldenen Topfes.„Von „neuem gefunden, daß es gut iſt,“— ſchreibt er in ſein Tagebuch, und:—„ſo hätt' ich denn ein höchſt „merkwürdiges Jahr beſchloſſen;— was wird das „Neue bringen? Ich will hoffen Gutes!!“ Doch fing es unter trüben Auſpicien an. Am Neujahrstage erkrankte er an einer Bruſt⸗ entzündung und gichtiſchen Anfällen, den Folgen einer ungeheuern Erkältung im Theater, und quälte ſich, oft, dem Tode nahe, bis zum Frühjahr, mit dieſen Uebeln. Mitten in der Krankheit verließ ihn aber nicht die Luſt zur angeſtrengteſten und viel⸗ ſeitigſten Thätigkeit**). Er ſchrieb im Januar, Mi⸗ *) Erſchien Bamberg 1814. Waͤhrend des Kano⸗ nendonners hatte er in Dresden das ſchoͤne Ge⸗ ſprach:„der Dichter und der Componiſt,“ ge⸗ ſchrieben, ſo wie„den goldenen Topf,“ ange⸗ fangen. **) Rochlitz erzaͤhlt, in Bezug hierauf, folgendes, in dem mehrerwaͤhnten Aufſatz uͤber Hoffmann, in der allgemeinen muſikaliſchen Zeitung: „Waͤhrend ſeiner Krankheit ſuchte ihn einen ſeiner Freunde auf. Er fand ihn in einem der geringſten Zimmer eines der geringſten Gaſthoͤfe, auf einem ſchlechten Bette ſitzend, wenig gegey die Kaͤlte verwahrt, die Fuͤße von Gicht krumy 54 lo's Brief und die Automate*); am aſten feierte er ſeinen Geburtstag mit ſeiner Frau allein.„Ge⸗ müthlicher Abend,“ ſteht in ſeinem Tagebuch:„ſich „in eig'ner Glorie geſonnt, und was auf ſich gehal⸗ „ten.“ Im Februar wurde ihm die Muſikdirektor⸗ ſtelle in Königsberg angetragen, die er aber ablehnte. Am 25ſten März fing er die Elixire des Teufels an, und am 22ſten April hatte er ſchon das Mann⸗ gezogen. Er hatte ein Brett vor ſich liegen, und darauf ſchien er beſchaͤftigt. Mein Gott, rief je⸗ ner, was machen Sie denn? Karikaturen, ſagte Hoffmann lachend, Karikaturen auf die verwuͤnſch⸗ ten Franzoſen. Ich erfinde, zeichne und colorire ſie. Und wirklich ſind die meiſt geiſtvollen, ſehr poſſirlichen Blaͤtter, die damals geſtochen erſchie⸗ nen, von ihm. Guten Muthes, und mit den ſchnurrigſten Einfaͤllen geſpickt, gab er nun die Erzaͤhlung zum Beſten, wie es ihm in den letzten Wochen ergangen; es war eine Geſchichte, welche in dem Innern des Zuhͤrers Bewunderung und Mitleid, Schmerz und Freude, nicht ſowohl wech⸗ ſelsweiſe, als miteinander, erregen mußte. Es wurde, ſo gut es damals moͤglich. das Noͤthigſte fuür ihn gethan: er ließ es geſchehen, ohne eben viel daraus zu machen, was denn auch ganz fol⸗ gerecht war. Fantaſieſtuͤcke Bd. 2 der neuen, und Bd. 4 der aͤltern Ausgabe:„»»Nachricht von einem gebilde⸗ 2en jungen Manne, 65 und Serapions⸗Bruͤder d. 2. ſeript zum 1ſten Bande vollendet. Dabei rezenſirte er unaufhörlich für die allgemeiue muſikaliſche Zei⸗ tung, und zeichnete ſehr geiſtreiche Karikaturen, für Baumgärtner und Joachim, die ihm pro Stück mit 4 und 5 Rthl. bezahlt wurden*). Im Mai *) Drei von dieſen liegen dem Herausgeber vor. Eine in Querfolio, mit der Unterſchrift:„Feier⸗ liche Leichenbeſtattung der Univerſalmonarchie ⁶⁶ (bei Joachim), ſtellt Napoleon dar, von ſeinen Marſchaͤllen begleitet, wie er dem Sarge, der die Neſte der Univerſalmonarchie birgt, und von Soldaten der verbuͤndeten Armeen zu Grabe getra⸗ gen wird, folgt u. ſ. w. Die beiden andern ſind in Quartformat. Die erſte mit derUnterſchrift:„die Dame Gallia bezahlt, nachdem ſie wieder geneſen, ihren Aerzten die Rechnung,“ zeigt Oeſtreichiſche Preußiſche, Ruſſiſche und Engliſche Krieger, denen von der ſtattlichen Gallia ganze Koͤrbe voll Geſchuͤtz und Feſtungen angewieſen werden, die ſie frohlok⸗ kend einpacken,(der Englaͤnder hat auch ein Li⸗ nienſchiff mit der dreifarbigen Flagge unter dem Arin); aufsder dritten endlich:„die Exorciſten,“«« wird der Teufel, welcher die Dame Gallia ſo lange beſeſſen(Napoleon in voller Uniform, mit Fluͤ⸗ geln, Pferdefuͤßen, Pferdeſchweif, und Hoͤrnern auf dem Hut,) durch verbuͤndete Kraft,(Solda⸗ ten der Alliirten, die ſehr handgreiflich manip u⸗ liren,) endlich ausgetrieben, und faͤhrt in die Ger⸗ geſener Heerde,(Saͤue, mit franzoͤſiſchen Sturm⸗ huͤten, die im Sturmſchritt vom Schauplatz ren⸗ nen.) Sie ſind allerliebſt ausgefuͤhrt. — 5³ verfaßte er die Blandine und den Ignatz Denner). Vom Sten bis 10ten componirte er auf Beſtellung für Baumgärtner,— ein großes Muſikſtück:„die Schlacht bei Leipzig,“ unter dem angenommenen Namen Arnulph Vollweiler, u. ſ. w. Mit allem dieſen konnte er jedoch einer gewiſſen Unluſt an dieſen Beſchäftigungen nicht entgegen ar⸗ beiten, die ihn vorzüglich zu Ende des Auguſt ge⸗ drückt zu haben ſcheint.„Unthätigkeit,“ regiſtrirt er einmal in ſein Tagebuch:„entſtanden aus ſelt⸗ „ſamen Träumen; der innere Poet arbeitet, und „überflügelt den Criticus und äußern Bildner.“ Auch war es nur das Bedürſniß, das ihn dar⸗ auf hingewieſen. Denn, durch ſeine Krankheit, und durch einen unangenehmen Vorfall mit Seconda, der Hoffmann das Subordinirte in ſeiner Stellung zu dieſem, als Director ganz unfähigen, Manne, fühlbar machte, bewogen, hatte Letzterer Hoffmann ſchon am 26ſten Februar ſeine Stelle aufgekündiget, worauf dieſer denn augenblicklich vom Theater ab⸗ ging, und nun mit einem Male wieder ſo ganz ohne *) Fantaſieſtuͤcke Bd. 4. der aͤltern Ausgabe:„Kreis⸗ ler's muſikaliſch⸗poetiſcher Klubb: Prinzeſſin Blan⸗ dine. In die neue hat er die Blandine, als ein mißlungenes Werk, nicht wieder aufgenommen. Der Ignatz Denner ſteyt in den Nachtſtuͤcken. b 54 allen äußern Halt da ſtand, als nur jemals früher. Recht wie ein Engel des Troſtes für ihn, erſchien daher am 6ten Juli ſein Hippel, auf einer Durch⸗ reiſe, in Leipzig.„Er iſt noch immer der Alte, er „ſagte mir eine Anſtellung in Berlin augenblicklich „zuz er ſchenkte mir ſeine goldene Repetiruhr, u. ſ. w.“ ſteht, mit Ausrufungszeichen des Entzückens, im Tagebuch. 1 Wirklich bot Hippel auch, gleich nach ſeiner Rück⸗ kunft nach Berlin, Alles auf, um ſeinem Freunde eine Wiederanſtellung in Preußiſchen Staatsdienſten zu verſchaffen. Theils Beſcheidenheit, da er ſich, nach ſo langer Unterbrechung, nicht mehr fähig glaubte zu andern, als ſubalternen, Geſchäften; theils die Rückſicht, nicht in zu viel⸗Dienſtarbeiten verſtrickt zu werden, um Zeit zu behalten, für die Kunſt fortwährend zu wirken, ließen Hoffmann den Wunſch nähren, ein Unterkommen als Expedient bei irgend einem Miniſterid zu finden; eine Lage, in welcher man ſich, bei mäßiger Arbeit, völliger Verantwortungsloſigkeit erfreut; aber es wollte ihm nicht gelingen. Vielmehr wurde ihm, von Seiten des Juſtizminiſterii, die Propoſition gemacht, auf ein halbes Jahr, ohne Gehalt, beim Kammergericht in Berlin zu arbeiten, um ſich mit den Fortſchrit⸗ ten der Legislatur in der Zeit, in welcher er vom Dienſt entfernt geweſen war, bekannt zu machen, demnächſt aber wiederum, nach ſeiner Anciennität 5⁵ als Rath, einzurücken;— und, wie er jetzt ſtand, durfte er kein Bedenken tragen, jedes Anerbieten anzunehmen, das ihm einigermaßen Ausſichten für eine geſicherte Zukunft eröffnete. Er erklärte ſich daher beifällig, und reiste, gegen Ende des September 1814, von Leipzig nach Berlin, wo er am 27ſten ankam. Zeynter Abſchnitt. Berlin 1814— 1822. Keinen, ihm näher ſtehenden Freund fand Hoffmann jetzt in Berlin, als Hitzig, den, wun⸗ derbar genug, ſein Schickſal ganz einen ähnlichen Weg, wie ihn geführt, Durch die Kataſtrophe in Warſchau ſeiner Anſtellung bei der Regierung be⸗ raubt, wie jener; von einem unwiderſtehlichen Hange zu einem literariſchen Treiben gezogen, wie Hoffmann zu einem künſtleriſchen, hatte er im Jahre 1808, als Hoffmann die Muſikdirectorſtelle in Bamberg annahm, eine Buchhandlung in Ber⸗ lin errichtet, ſie mit großem Glück in den Schwung gebracht; aber durch ein ſchmerzliches Ereigniß, wel⸗ ches ihn im Frühling 1814 betraf, den Verluſt ſeiner Gattin bewogen, den Entſchluß gefaßt, ſeine Handlung aufzugeben, und nach jetzt beendetem Kriege, wo ſich neue Ausſichten im Staatsdienſt eröffneten, zu demſelben zurück zu kehren. Es war ihm von dem Juſtizminiſterio die gleiche Bedingung dabei geſtellt worden, als Hoffmann; nämlich für 57 einen Zeitraum von 6 Monaten, als Hülfs⸗Arbei⸗ ter bei'm Kammer⸗Gericht einzutreten, und beide Freunde die eine gewiſſe Scheu einander wechſelſei⸗ tig als wankelmüthig zu erſcheinen verhindert hatte, ſich früher von der veränderten Richtung ihrer äuſ⸗ ſeren Verhältniſſe in Kenntniß zu ſetzen, ſahen ſich nun nach acht Erfahrungsſchweren Jahren am Ge⸗ richtsſitzungstiſche, einander wieder als Collegen ge⸗ genüber ſitzen, wie ehedem in Warſchau. Das dieß ſie noch enger an einander knüpfen mußte, liegt in der Natur der Sache, und wirklich lebte Hoffmann in der erſten Zeit ſeines jetzigen Aufenthalt's in Berlin, nur für den engſten Kreis ſeines alten Freundes. Zu dieſem gehörten Fouqué, Chamiſſo, der nachmalige Weltumſegler, Comteßa, der Dich⸗ ter des Räthſels u. ſ. w., und alle dieſe gaben ſich Hoffmann mit der Liebe hin, die er damals im vollſten Maaße verdiente. Er war durch die man⸗ nigfaltigen Leiden der vergangenen Jahre milder geworden, als je, in hohem Grade beſcheiden, mit⸗ theilend, und von einer Gemüthlichkeit, daß die Kinder Hitzig's ſich des neu angekommenen Freun⸗ des ihres Vaters nicht genug erfreuen konnten. So lebten ſie z. B. damals gerade in der Hoffnung, ihren Liebling, Undine, mit leiblichen Augen auf der Bühne zu ſehen, und Hoffmann, um ihnen ei⸗ nen Vorſchmack von dieſer Seeligkeit zu geben, mahlte ihnen zum Weihnachts⸗Abend mit der größ⸗ 58 ten Sorgfalt die Burg Ringſtetten, bau'te ſie ih⸗ nen auf, und erlenchtete ſie prachtvoll von innen; für ſie ſchrieb er ferner die Märchen Nußknacker und Mäuſekönig, in denen ſie zu ihrer höchſten Freude, unter ihren Namen erſchienen, und, das fremde Kind;— in ſeinem Tagebuche aber bemerkte er, ſich eines ſo reinen Lebens bewußt, nichts; als: „fröhlich und guter Dinge.“ Für die Abende hatte Hitzig, der wohl wußte, daß es Hoffmann, wenn er den Tag über gearbeitet hatte,— und das that er redlich,— unmöglich war, ſie zu Hauſe zuzu⸗ bringen, und daß er dann nirgends lieber ſeyn mochte, als an einem öffentlichen Orte, wo er un⸗ aufhörlich Neues bemerkte, ein anſpruchloſes Kaf⸗ feehaus gewählt, das den Vorzug gewährte, ſich darin von den Gäſten, mit denen man beinen nä⸗ hern Verkehr wünſchte, abſondern zu können, und hier bildete ſich bald um Hoffmann und ſeine näch⸗ ſten Freunde als Centrum ein größerer, lebendiger, und in ſich höchſt zufriedener Zirkel, deſſen ſpätere Auflöſung keiner der dazu gehörigen Theilnehmer mit Gleichgültigkeit trug. In ſeiner Amtsführung hatte Hoffmann dabei bald die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen gewußt. Man ſchien es erſt nicht zu begreifen, daß der Mann, welcher noch vor kurzem die Battuta im Orcheſter geführt, jetzt in dem ernſten Eriminal⸗ Gericht, dem er als Mitglied zugetheilt worden, 59 ſeinen Platz vollſtändig ausfüllen, und die Feder, der die Fantaſieſtücke in Callots Manier entfloſſen, die regelrechteſten Relationen ſchreiben könne, und doch mußte ſelbſt der Neid zugeſteh'n, daß ſeine ju⸗ riſtiſchen Arbeiten auch nicht eine Spur der ſchön⸗ geiſteriſchen Halbbildung an ſich trugen, die Schwäch⸗ linge ſo gern überall durchblicken laſſen, um zu zeigen, daß ſie höher ſtehen, als Andere; ſondern daß ſie vielmehr, wie Alles wahrhaft Gediegene, ganz einfach und ſchmucklos auftraten.*) *) Nur in einzelnen Gattungen ſeiner criminali⸗ ſtiſchen Arbeiten, mag Hoffmann vielleicht der Vorwurf treffen, von ſeiner Individualitaͤt auf 1 Irrwege geleitet worden zu ſeyn, z. B. in Sachen, wo es auf einen Beweis durch kuͤnſt⸗ lich ineinandergreifende Anzeigen von Verbre⸗ chen, oder auf Beurtheilung zweifelhafter Ge⸗ muͤthszuſtaͤnde, ankam. Dort gefiel er ſich hin und wieder in Combinationen, die mehr von Scharfſinn, und zugleich von Fantaſie, als von ruhiger Ueberlegung, zeigten;— hier, in Er⸗ oͤrterungen, die nur in das Gebiet der pſychi⸗ ſchen Arzneikunſt, und nicht in das der Rechts⸗ wiſſenſchaft gehoͤrten. Seine Darſtellungen der Thatſachen waren aber immer untadelich, und von einer nicht genug zu lobenden Praͤciſion. 60 An ſchriftſtelleriſchen Arbeiten lieferte Hoffmaun bis zu Ende des Jahr's 1815 den zweiten Band der Elixiere des Teufels, ein Werk, auf das er ſelbſt keinen Werth legte. Er war zwiſchen der Ausarbeitung des erſten und zweiten Theils, durch die Veränderung ſeiner Lage aus dem Zuſammen⸗ hang gekommen, den er künſtlich wieder herzuſtel⸗ len ſuchte, und das wollte ihm immer nicht gelingen. Ferner ſchrieb er in dieſer Zeit für den vierten Theil der Fantaſteſtücke: die Abentheuer der Syl⸗ veſternacht, angeregt durch Chamiſſo's Peter Schle⸗ mihl, und die Bekanntſchaft mit dem Dichter, den er darin ſelbſt ſehr treffend dargeſtellt hat; ferner die Correſpondenz des Kapellmeiſter Kreisler mit dem Baron Wallborn oder Kreisleriana Nr. IX.*) Ein Beiſpiel ſeiner Art zu referiren, moͤge das, in der erſten Beilage zu dieſem Abſchnitt ab⸗ gedruckte Gutachten geben. Der Herausgeber hat es zu dieſem Zwecke mit Vorbedacht aus⸗ gewaͤhlt, und mehrere viel glaͤnzendere Ausfuͤh⸗ rungen zuruͤckgelegt, weil, bei einem Geiſte, wie Hoffmann's, die Faͤhigkeit ſo natuͤrlich Maaß zu halten, offenbar bewunderungswuͤrdiger iſt, als die kunſtreichſte Eleganz des Vortrags.— *) Beides in den Fantaſteſtuͤcken in Callot's Ma⸗ nier; 2r Bd. in der zweiten, und ar Bo. in der erſten Ausgabe. 61 Dieſer letztere Aufſatz verdankt einem anmuthi⸗ gen Ereigniſſe ſeine Entſtehung. Zu Hitzig's Be⸗ kannten gehörte nämlich ein Schweſterpaar ausge⸗ zeichneter Sängerinnen,„zwei im Wettgeſang käm⸗ pfende Nachtigallen, aus deren tiefſter Bruſt hell und glänzend die herrlichſten Töne auffunkelten,«*) wie Kreisler ſie Wallborn ſchildert. Nichts war natuͤrlicher, als daß Hitzig wünſchte, ſeinem Freunde bald den Genuß zu verſchaffen, die Schweſtern zu hören; aber bei ihrer großen Beſcheidenheit wür⸗ den ſie es nicht gewagt haben, ſich vor dem Dich⸗ ter der Fantaſieſtücke zu produciren, die damals in allen muſikaliſchen Kreiſen Berlins von ſich ſpre⸗ chen machten. Hoffmann wurde daher dem eben von ſeinen Gütern angekommenen Fouqué, als ein gleichgültiger Doctor Schulz aus Rathenow beige⸗ ordnet, und ſo gelang es, die Schweſtern an das Inſtrument zu bringen**); aber kaum hatte der Geſang begonnen, er mit ſeinen klugen Augen da⸗ rein geſchaut, und ſein Wort dazu gegeben, als es *) Kreisleriana Nr. IX. *)„Man hatte mich heute Abend anders vorgezeich⸗ net; ich hieß naͤmlich Doctor Schulz aus Ra⸗ thenow, weil ich, nur unter dieſer Verzeichnung, dicht am Fluͤgel ſtehend, den Geſang zweier Schweſtern anhoͤren durfte.“ a. a. O. e einer der Sängerinnen aufging, wen ſie vor ſich habe, und es nun nicht mehr verborgen werden konnte,— jedoch ohne ſtörenden Erfolg;„man hatte des Kreisler's tollen Spleen geſcheut; aber der Doctor Schulz war in dem muſikaliſchen Eden, das ihm die Schweſtern erſchloſſen, mild und weich und voll Entzücken, und die Schweſtern waren verſöhnt mit dem Kreisler, als in ihn ſich der Doctor Schulz plötzlich umgeſtaltete.“*) So verging das Jahr 1815 für Hoffmann auf eine im Ganzen höchſt angenehme Weiſe; jedoch auch nicht ohne drückende Sorgen, indem ſich noch immer keine Gelegenheit zu ſeiner Anſtellung mit einem fixen Gehalt fand. Aber eben dieſe Sorge war, wie dies ſchon aus den frühern Abſchnitten klar geworden ſeyn wird, die nothwendige Bedin⸗ gung, ihn in dem Gleiſe eines mäßigen, und, wie ſehr er oft das Gegentheil zu glauben ſchien, ſei⸗ nem Körper und Geiſte allein zuträglichen Lebens zu erhalten. Das folgende Jahr 1846 führt zwei ſehr einfluß⸗ reiche Ereigniſſe für ihn herbei, die, wie ſie auf der einen Seite ſein äußeres Glück beförderten, auf der andern ſein inneres allmählig zu untergraben dienten. Am 1ſten Mai nämlich rückte er bei ei⸗ *) g. g. O. 6³ ner im Kammergerichte entſtehenden Vacanz, als Rath, nach ſeiner bedeutenden Anciennetät, in dies Collegium ein, welches Verhältniß, verbunden mit den anſehnlichen Honoraren, die er nun ſchon erhielt, ihm, der außer für ſich, nur für die Be⸗ dürfniſſe einer in ihren Anſprüchen, über alle Be⸗ griffe beſcheidenen Frau zu ſorgen hatte, die Mit⸗ tel gab, mehr als gemächlich zu leben; und im näm⸗ lichen Sommer noch wurde ſeine Undine mit großer Pracht auf die Berliner Bühne gebracht, und mit Beifall aufgenommen, wodurch er eine Local⸗Celeb⸗ rität und mit ihr Einladungen über Einladungen im Berliner Geſellſchaftskreiſe erhielt. Geld aber über ſeinen Nothbedarf und geſell⸗ ſchaftlicher Wirrwar waren die zwei Klippen, die Hoffmann nie zu umſchiffen verſtand. Durch erſte⸗ res ließ er ſich zu allen Zeiten zur Schwelgerei; namentlich im Trunk, durch letzteren zur Umkeh⸗ rung aller Regel im Leben verleiten; ſo daß er aus Tag, Nacht, und aus der Nacht, Tag machte. In dieſen zwei Verkehrtheiten, die zuletzt in eine große zuſammenfloſſen, iſt die Quelle von Hoff⸗ mann's nachmaligem körperlichem, und leider auch geiſtigem Verfall zu ſuchen, und darum erforder⸗ lich, etwas ausführlicher über dieſen Gegenſtand zu ſeyn, wobei einige Worte über eine Spielart des ſocialen Verkehrs in Berlin nicht am unrechten Orte ſteh'n mögen. Es leuchtet hierbei zuvörderſt 64 ein, daß, in der angegebenen Beziehung von den Geſellſchaften nicht die Rede ſeyn kann, die aus Leuten beſtehen, welche zuſammenkommen, um zu eſſen, zu trinken, und in Ruhe ihre Parthie Whiſt zu ſpielen. Dieſe ſehen ſich aller Orten gleich, und zu ſolchen läd't man auch keine Dichter, wenigſtens nicht in dieſer Qualität, ein. Es handelt ſich vielmehr von gewiſſen ſogenann⸗ ten gebildeten Kreiſen, deren Richtung es iſt, Alles, was ſich in irgend einer Gattung Ausgezeichnetes darbietet, an ſich zu zieh'n, um ſagen zu können, daß man es auch bei ſich gehabt habe, für welches haben denn, nach advenant, wie der Wandsbecker Bote ſagt, der Ehrenſold in Thee und Butterbrod, bis hinauf zu Auſtern und Rhein⸗ wein bezahlt wird. Dieſer Unterſchied muß aus⸗ drücklich hervorgehoben werden, denn es iſt der einzig weſentliche;— abgeſehen davon, und von dem, was genau damit zuſammenhängt; nämlich, beſcheidenes Boudoir, oder Enfilade von Zimmern, eine Magd in Putz, oder Lakaien in Livree, altte⸗ ſtamentariſche oder altadeliche Wirthe, Talglichter oder Wachskerzen,(wachsplattirte liegen in der Mitte,) u. ſ. w.,— ſieht eine dieſer Geſellſchaf⸗ ten auf ein Haar der andern ähnlich; man kömmt nämlich zuſammen, um entweder Muſik zu machen, oder zu andern Kunſtleiſtungen, höchſtens in einer Vollkommenheit, wie man ſie an öffentlichen Or⸗ 65 ten für Geld mit Leichtigkeit finden kann; oder zu einem laulichen Hin⸗ und Herreden über Theater, neue ſchöne Literatur u. dergl.; public Ppirit fehlt in Berlin in der angeblich beſſern Societät gänzlich, daher gedeih't dort kein tieferes Geſpräch über An⸗ gelegenheiten der Welt oder des Vaterlandes, wo⸗ gegen freilich alles Perſönliche, als in das Gebiet der Männerklätſcherei gehörig, ſeine Stelle findet. Kommt nun ein Fremder an, den man in die be⸗ ſchriebenen Kreiſe zieh't, ſo iſt er entweder intereſ⸗ ſant, oder nicht; iſt er es, ſo kann er Künſte ma⸗ chen, ſpielen, ſingen, dichten, und dann wird er eingeladen, um ſich hören und ſehen zu laſſen; iſt er es nicht, ſo ſoll er da ſeyn, um zu hören und zu ſehen, und in der Stadt zu erzählen, daß er, da und dort, den und den, gehört und geſeh'n, damit nicht verborgen bleibe, daß auch der und der, den und den, bei ſich gehabt habe. Hoffmann ſchien nun für Zirkel dieſer Gattung ein unerhörter Fund. Was konnte der Mann nicht Alles!— Bücher ſchreiben, die ganz Deutſchland von ſich reden machten, auf dem Pianoforte fanta⸗ ſiren, Opern componiren, Karikaturen zeichnen, Witz ſprudeln, wie er den Mund öffnete; der Ruf war ihm vorangegangen, und mit Recht erwartete man nun von ihm, daß er, dankbar für die güti⸗ gen Einladungen, erſt der Geſellſchaft ein noch un⸗ gedruͤcktes Manuſcript vorleſen, dann die Tochter cC* 66 von Hauſe accompagniren, dann eine alte Groß⸗ mutter, oder einen vornehmen Beſchützer der Künſte mit ſchönen Redensarten unterhalten werde u. ſ. w., worauf man Gäſte genug gebeten und vorbereitet hatte.— Aber wie ſah' man ſich getäuſcht, wenn er die furchtbarſten Geſichter zu ſchneiden anfing, ſobald er ſich langweilte, und dies geſchah' immer, wenn ſich nicht wenigſtens ein ihn anregendes Prin⸗ zip in der Geſellſchaft entdecken ließ; wenn er laut zu ſprechen begann, während man ſich mit Muſik⸗ ſtücken abquälte, die man ſorgfältig ausgeſucht, weil er ſich in ſeinen Schriften darüber ausgeſpro⸗ chen, wenn er endlich plötzlich und abſichtlich das unſinnigſte Zeng redete, ſo wie er merkte, daß man es darauf angelegt, etwas von ihm abzube⸗ kommen. Wie mochte es aber bei einer Natur wie Hoff⸗ mann's, ſich auch anders geſtalten! Um mit dem Strome eines ſo nichtigen Treibens, als das dar⸗ geſtellte, ſchwimmen zu können, muß man entwe⸗ der eine ſehr kleinliche Eitelkeit, die mit Weihrauch jeglicher Gattung zufrieden iſt, oder eine Art von Gutmüthigkeit beſitzen, die ſich an einigem guten Willen, der doch hie und da nicht fehlt, genügen läßt, und bei der einem, indem man ſieh't, daß man Wohlgefallen um ſich verbreitet, ſelbſt am Ende wohl, und bis auf einen gewiſſen Punkt ge⸗ müthlich wird. Von beiden, ſowohl von jener Ei⸗ 67 telkeit der kleinen Sorte, als von der beſchriebe⸗ nen Gutmüthigkeit, war aber Niemand ferner, als eben Hoffmann. Wie alles, ſo war auch die Eitel⸗ keit bei ihm in großem Styl; er ſtrebte überall, wo es Genuß galt,— und Eitelkeit gab ihm den höchſten,— nach dem Vollen, Ganzen; abgeſtan⸗ dene Beifallsphraſen, wie ſie die feine Societät heute über einen neuen Tänzer, morgen über das neueſte Werk von Göthe, und übermorgen etwa über den blutigen Kampf einer unterdrückten Na⸗ tion aus einem Beutel auszugeben pflegt, konnten ihm keine Freude machen, dabei forderte er, wenn er unterhalten ſollte, daß man ſich von nichts An⸗ derm unterhalten laſſen ſollte, als von ihm, und daß man ihm nicht ausſchließlich zuhören, ſondern mit Geiſt zuhören ſollte, und zwar nicht nur mit eig'nem Geiſt, ſondern mit ſeinem Geiſt, das heißt, mit einem, der entweder fantaſtiſch fliegen, oder witzig nachſpringen konnte, wie er mit der Takt⸗ rolle des ſchnell dahinſprudelnden Wortes, den Ton angab. Welche Anſprüche an einen armen Berli⸗ ner Thee! Und war dieſer nur wenigſtens nicht an Allem arm; fand ſich irgend etwas, was ihn ſchad⸗ los halten konnte; zwar dumme Männer, aber hübſche Frauen oder dumme Männer und häßliche Frauen, aber ausgeſuchter Wein; ungemüthliche Stimmung der Geſellſchaft, aber eine fratzenhafte Erſcheinung, die ihm Stoff zu irgend einer poeti⸗ 68 ſchen Figur gab; ſo ging es noch an mit ihm; fehlte es aber an alle dem, und hielt ſich das Ganze in den Gränzen der gewöhnlichen Mittel⸗ mäͤßigkeit, von der die Meiſten eben meinen: je ne demande pas mieux, ſo war es mit ſeiner Laune nicht auszuhalten. Hier erſchien denn auch der Mangel an geſelliger Gutmüthigkeit, von welchem oben geſprochen worden, im vollſten Lichte. War einmal durch das Alltägliche der Dämon der Lan⸗ geweile— für ihn die furchtbarſte der Plagen— in ihm erwacht, ſo bemeiſterte ſich ſeiner, ohne alle Uebertreibung geſprochen, eine wahre Wuth, die characteriſtiſch in ſeinen Geſichtsmuskeln ſpielte, und die er, wenn er nicht die Gelegenheit fand, ihr in der Geſellſchaft noch Luft zu machen, ent⸗ weder durch einige gallbittere Sarkasmen, oder durch Aeußerungen, die er wie Wahnwitz geſtaltete, um verlegene Geſichter um ſich her zu ſehen, auch ſelbſt dann nicht verläugnen konnte, wenn er ſchon wieder heimgekehrt war, wo er in ſein Tagebuch niederzuſchreiben pflegte:„ſchändlich ennuyirt.« u. dergl.; ja, die ihn oft nach mehreren Tagen noch erfaßte, wenn er ſeinen Freunden die ausge⸗ ſtandene Qual ſchilderte. Einmal auf dieſem Wege konnte er nicht zurückgebracht werden, mochten Wirth und Wirthin, oder Gäſte mit feinem Blick aus dem beſten Herzen Alles aufbieten, ihn umzu⸗ ſtimmen; vielmehr reizte jeder Verſuch, ihn in die 69 allgemeine Froͤhlichkeit hineinzuziehen, wenn ſich eine ſolche entwickelt hatte, zu größer'm Unmuth, und in der Regel wandte er ſich dann nicht zu Ei⸗ nem, der ihn freundlich anredet, ſondern zu einem Dritten, um dieſem eine Art von Antwort auf die Frage des Anredenden zu ſagen. Daß nun die zahme Societät, wo ſolche Erſchei⸗ nungen nicht häufig vorgekommen ſeyn mochten, und in der jeder ſeine Rechnung für einen verlore⸗ nen Abend vollſtändig ſaldirt zu haben glaubt, wenn es ihm verſtattet geweſen, die Langeweile, welche er empfunden, mit der, die von ihm ausgegangen, zu bezahlen, wenig Behagen an einem ſo ſtacheli⸗ chen Mitgliede fand, iſt leicht zu begreifen, und nur ſehr ſelten iſt der Fall vorgekommen, daß Hoff⸗ mann mehr als ein, höchſtens einige Mal in dieſe Art von anſtändigen Theegeſellſchaften gebeten wurde.. Nunmehr dieſer Art der Zerſtreuung ledig, wäre er vielleicht gern in den beſcheidenen Kreis ſeiner alten Freunde zurückgekehrt, die, an ein häusliches zurückgezogenes, Leben gewöhnt, doch Jahr aus, Jahr ein, in einem lebendigen und gedeihlichen geiſtigen Verkehr ſtanden; der eine, ergänzend, wo es dem Andern fehlte, und der andere, dankbar da⸗ für, und liebevoll⸗empfänglich. Aber,— mochte es ſeyn, daß die Freunde ſich verletzt fühlten, durch die Leichtigkeit, mit welcher Hoffmann ſie, 70 auf die erſte Lockung der Welteitelkeit der eiteln Welt, verlaſſen; oder, ſey es, daß er blos aus dem Geleiſe gekommen; oder endlich, daß ihm, bei glücklich veränderten äußern Umſtänden, die fruͤ⸗ hern mäßigen Genüſſe mit den Freunden nicht mehr ausreichend ſchienen;— kurz, es machte ſich nicht mehr, wie ſonſt, und, Freund aller Extreme,. ing er aus der Geſellſchaft wohlgezogener Leute, welche, Krämer in Kunſt und Leben, beide in klei⸗ nen Portionen vertreiben, recta unter die Schaar der Großhändler, die, auf die Gefahr des Banke⸗ rott's hin, den Genuß des Lebens⸗Capitals allein in deſſen möglichſt ſchnellem Umſchwung ſuchen,— aus den Theeſalons, in das Weinhaus, wo er ſein Hauptquartier definitiv aufſchlug, ſich den Grund⸗ ſatz auſſtellend, daß, wenn man Kunſtgenüſſe haben wolle, man ſie an öffentlichen Orten für ſein Geld beſſer finde, als in Privatzirkeln für beſchwerliche Kratzfütze, und, daß die Geſellſchaft in der Wein⸗ ſtube vor allen übrigen den Vorzug habe, daß, wenn ſie einem nicht gefiele, man weggehen könne, wenn man wolle, ohne daß es der Wirth übel nehme;— Argumente, gegen welche, wenn man an eine ge⸗ wiſſe Freiheit gewöhut iſt, wirklich eben nicht viel möchte zu erinnern ſeyn. So wäre denn der Punkt bezeichnet, von wel⸗ chem aus Hoffmann's Verſinken begann, und, nach den mechaniſchen Geſetzen des Falles, am Ende lei⸗ 74 der mit furchbarer Schnelle. Es darf ein Drit⸗ ter dies unverholen ausſprechen, denn er ſelbſt hat es auf ſein em Sterbebette, nicht allein mit der Klar⸗ heit, mit der er Alles durchſchaute, eingeſeh'n, ſon⸗ dern auch in die Hand des Herausgebers freiwil⸗ lig und feierlich das Verſprechen niedergelegt, ſein ganzes Leben ändern zu wollen, wenn Gott ihm die Geſundheit wiederſchenkte. Es hat nicht ſein ſollen; aber ſchon der Vorſatz dient ihm zur Ehre! Seine Lebensordnung in den letzten ſechs Jahren, von 1816 bis 1822, war die. Am Montage und Don⸗ nerſtage brachte er die Vormittage in den Sitzungen des Kammergerichts, an den andern Tagen, zu Hauſe, arbeitend, die Nachmittage in der Regel ſchlafend, im Sommer auch ſpazierengehend, zu; die Abende und Nächte in dem Weinhauſe. War er, was häu⸗ fig, in manchen Perioden täglich, geſchah, Mittags oder Abends, oder Mittags und Abends, in Geſell⸗ ſchaft,— denn nicht aus aller Geſellſchaft, bloß aus der ſeiner Freunde und aus den feinern Thee's, war er geſchieden; dagegen unter Männern und bei Trink⸗ gelagen, immer ein willkommener Gaſt,— oft Abends in zwei Cirkeln, von ſieben bis neun, und von neun bis zwoͤlf, geweſen*); ſo ging er, es mochte ſo ſpät *)„Von ſieben bis acht,“ ſchrieb er einmal dem Herausgeber,„bin ich bei* geweſen, wo ver⸗ nuͤnftige Leute Thee mit Rum tranken, und von 72 ſeyn, als es wollte, wenn alle anderen ſich nach Hauſe begaben, noch in das Weinhaus, um dort den Mor⸗ gen zu erwarten; früher in ſeine Wohnung zurück⸗ zukehren, war ihm nicht gut möglich. Man denke hiebei aber nicht etwa an einen ge⸗ meinen Trinker, der trinkt und trinkt, aus Wohlge⸗ ſchmack, bis er lallt und ſchläft; gerade das Umge⸗ kehrte war Hoffmanns Fall. Er trank, um ſich zu montiren; dazu gehörte Anfangs, wie er noch kräf⸗ tig war, weniger; ſpäter, natürlich mehr;— aber war er einmal montirt; wie er es nannte, in exo⸗ tiſcher Stimmung, die, oft bei einer halben Flaſche Wein, auch nur ein gemüthlicher Zuhörer hervor⸗ rufen konnte, ſo gab es nichts Intereſſanteres, als das Feuerwerk von Witz und Eluth der Fantaſie, das er dann unaufhaltſam, oft fünf, ſechs Stun⸗ den hintereinander, vor der entzückten Umgebung aufſteigen ließ. War aber auch ſeine Stimmung nicht exaltirt, ſo war er im Weinhauſe nie müßig, wie man ſo viele ſitzen ſieht, die nichts thun, als nip⸗ pen und gähnen; er ſchau'te vielmehr mit ſeinen Falkenaugen überall umher; was er an Lücherlich⸗ keiten, Auffallenheiten, ſelbſt an rührenden Eigen⸗ heiten, bei den Weingäſten, bemerkte, wurde ihm acht bis eilf, bei**, wo wieder vernuͤnftige Leute Rum mit Thee tranken,“— und, beide Kreiſe waren hiedurch vollkommen characteriſirt. 73 zur Studie für ſeine Werke, oder er warf es mit fertiger Feder auf das Papier*); kurz, er ſprach ſelten ſeine Freunde, ohne daß er ihnen neue und pikante Curioſa aus dieſer ſeiner Welt zu erzählen wußte. 1 Unter ſolchen Umſtänden hätten auch, die es am beſten mit ihm meinten, ihm dieſe Erholung gern gönnen können,— oft war der geiſtreichſte Kreis um ihm verſammelt, und Fremde, die nach Berlin kamen und ihn gern ſehen wollten, ſuchten ihn, da ſeine Lebensweiſe bekannt war, immer in ſei⸗ nem Weinhauſe auf,— wäre nur der zerſtörliche Einfluß zu beſeitigen geweſen, den das unausgeſetzte Nachtſchwärmen, verbunden mit geiſtiger Anſtren⸗ gung aller Art, am Tage,— da er mit ſeinen Dienſtarbeiten nie im Rückſtande blieb, und Bücher über Bücher ſchrieb,— unausbleiblich auf ſeine Ge⸗ ſundheit äußern mußte. Auch iſt nicht zu läugnen, daß der immerwährende Umgang mit einer Geſell⸗ ſchaft, wie ſie ſich in öffentlichen Häuſern zuſammen zu finden pflegt, nach und nach die Fähigkeit in ihm *) Die Weinhandlung von Lutter und Wegener in Berlin,— Hoffmann beſuchte nur dieſe eine— beſitzt noch ein ganzes Portefeuille voll dieſer, zum Theil ſehr characteriſtiſchen, Blaͤtter; eine Art von Stammbuch, wo die Carikaturgaͤſte, un⸗ freiwillig und unbemerkt, eingeſchrieben wurden. Hoffmann's erzaͤhl. Schriften. XII. Bd. 3 a 74 untergrub, ſich, unter edleren Umgebungen, würdig zu benehmen, und ein gewiſſer Cynismus aus ſei⸗ nem Betragen hervorblickte, der ſolche, die ihn nicht genauer kannten und wußten, welchen Kern die oft rauhe Schaale berge, leicht von ihm abzuſtoßen ge⸗ eignet war. Endlich hatte das geſteigerte Bedürf⸗ niß des Weines, vielen Weines, des beſten und al⸗ lerbeſten Weines, die Folge, daß er leichteren Er⸗ werb vorzog, und Lieblingspläne, die er ſein ganzes Leben hindurch in ſich getragen hatte, unausgeführt ließ, ſie immer auf beſſere Zeiten verſchiebend. So wollte er, nach der beifälligen Aufnahme der Un⸗ dine, noch eine leichte, an's Komiſche ſtreifende, je⸗ doch ſich in einem romantiſchen Gebiete bewegende, Oper componiren. Hitzig hatte ihm, zu dieſem Ende, das Sujet des Calderonſchen galan fantasma, als, alle jene Bedingungen erfüllend, empfohlen; er er⸗ griff, nachdem er mit dem Inhalt bekannt gemacht worden,— er ſelbſt verſtand nicht Spaniſch, und da⸗ mals exiſtirte noch keine Ueberſetzung,— auf das bloße, ihm mitgetheilte, Scenarium, die Idee mit einer ſolchen Liebe, daß er Conteſſa, der die Bear⸗ beitung des Textes übernommen hatte, und, dem die Löſung dieſer Aufgabe wundervoll gelungen iſt, nicht genug antreiben konnte, die Oper zu vollen⸗ den; aber, als ſie fertig war, hat er, in Jahren, nichts daraus geſetzt, als ein paar Lieder. Dies Werk ſollte ſein höchſtes ſeyn, und dabei blieb es. 75 Eben ſo ging es mit dem mehrerwähnten Werke von tiefer Intention: lichte Stunden eines wahnſinni⸗ gen Muſikers; dem dritten Bande des Kater Murr, zu dem der Plan auf das Grandioſeſte angelegt war, und den er im Kopfe ſchon ausgearbeitet hatte; ſo daß es nur des Niederſchreibens bedurfte, u. a. m. Dann kamen aber immer Beſtellungen von Taſchen⸗ buchs⸗Erzaͤhlungen, mit Anerbietungen von ſechs, acht, zehn Friedrichsdo'r, für den Bogen; das gab Ausſichten auf neue, gute Weinerndten; einmal lief ſelbſt für die Scuderi, von den Gebrüdern Wil⸗ mans in Frankfurt am Mayn, nächſt dem Hono⸗ rar, als Captatio benevolentiae für folgende Jahre, eine große Kiſte köſtlicher Weine in natura ein; und ſo, durch die vorherrſchende Neigung, überall verſtrickt in ſclaviſche Bande, ging die freie Thätig⸗ keit eines ſo herrlichen Geiſtes allmählig unter. Eine Oaſe voll duftender Blumen, tauchten, in den erſten Jahren des wüſten Weinhauslebens, die Serapions⸗Abende aus demſelben auf. Hitzig näm⸗ lich, dem es am weheſten that, Hoffmann ſeinen wahren Freunden, um des Umgangs mit Zechbrü⸗ dern millen, ganz entfremdet zu ſehen, hatte die Einrichtung begründet, daß man einmal in der Woche in Hoffmann's Wohnung zuſammen kam, um ſich mit einander zu beſprechen, und das etwa Gearbeitete mitzutheilen, wobei, um den Charak⸗ ter dieſer Geſellſchaft nicht zu verletzen, die höchſte Mäßigkeit als Hauptgeſetz angenommen war, ein Grundſatz, von welchem auch, ſo lange jene Zu⸗ ſammenkünfte beſtanden, nicht abgewichen wurde. Die Grundpfeiler dieſes Vereins bildeten, nächſt Hoffmnauin, Conteſſa, Koreff,*) ein ausgezeichneter Arzt,**) und Hitzig. Ein, vortrefflicher in einan⸗ der greifendes Quatuor, mochte nicht leicht zu finden ſeyn. Koͤreff war der einzige Menſch, dem Hoffmann geduldig zuhörte, weil er ihn in der Unterhaltung, an ſprudelndem lebendigem Witze oft, und an Kenntniſſen immer, überbot, auch da⸗ bei gutmüthig genug war, ihn reden zu laſſen, ſo oft er wollte; Conteſſa, ſelbſt wenig redend, horchte auf Alles, was die Freunde an Witz ausgeh'n lieſ⸗ ſen, mit dem beredteſten Beifallslächeln, das ihm unaufhörlich um die Mundwinkel ſpielte, von Zeit zu Zeit ein kleines, aber entſcheidendes, Wörtchen zugebend, und Hitzig, der mit Conteſſa das Publi⸗ kum bildete, und alle drei übrigen, länger und beſ⸗ ſer, als ſie ſich unter einander, kannte, verſtand darum die Kunſt, Lücken im Geſpräch auszufüllen, und wo es matt wurde, es wieder anzuregen, ſich *) Der geheime Nath Dr. Koveff lebt jetzt in Paris. 8*⸗) Sprechend ſind beide gezeichnet, Serapions⸗Bruͤ⸗ der Band 2. Conteſſa, als Sylveſter S. 4., und Koreff, als Vinzenz, S. 6. 77 willig jedes Anſpruch's auf Soloparthieen bege⸗ bend. Am Abend eines Tages, der, nach dem von Hoff⸗ mann's Gattin, herbeigebrachten polniſchen Ka⸗ lender, den Namen des heiligen Serapion führte, wurde die Geſellſchaft eingeweih't, nach jenem Hei⸗ ligen benannt, und gedieh fröhlich, bis ſie, durch den Umſtand, daß Conteſſa ſeinen Wohnort von Berlin verlegte, und durch, in Koreff's Perſon begründete Hinderniſſe, zum großen Leidweſen Aller, ihr Ende erreichte; denn wirklich wurde in einer ſolchen Zuſammenkunft eine Maſſe von Witz und Geiſt con⸗ ſumirt, daß ein gewoͤhnlicher Thee, durch die ganze Lebenszeit des Theegebers, davon hätte beſteh'n, und noch auf ſeine Erben ein gutes Theil überge⸗ hen können. Auch an erfreulichen Veſlrhen fehlte es den Se⸗ rapions⸗Brüdern nicht. Ein richtiger Tact ſagte den Mitgliedern ſchon, wen ſie mitbringen durften, wen aber nicht, und gewiß iſt keiner der Zugezoge⸗ nen unbefriedigt aus dem heitern Kreiſe geſchieden*). *) Der Herausgeber erinnert, unter andern, Herrn General von Pfuel in Coblenz, an den Abend, wo die Verſuche gemacht wurden, einen Ring durch die Willenskraft in Bewegung zu ſetzen, und Herrn Baron von H., in Coͤln, an die Aus⸗ fuͤhrung ſeiner neugriechiſchen Lieder;— ſeine ſchwache Stimme mit Goͤthe's entſcheidender, (S. uͤber Kunſt und Alterthum. Vierten Ban⸗ a 78 Kehren wir nun, nach dieſer langen Abſchwei⸗ fung über Hoffmann's geſelligen Verkehr, zu den Ereigniſſen ſeines Lebens und ſeinen literariſchen Arbeiten zurück, ſo findet ſich, von dem Jahre 1816, zuvörderſt nur ſeine Bekanntſchaft mit Oelenſchlä⸗ ger,*) und ein ſeltſamer Beſuch ſeines Neffen, ei⸗ **) des, erſtes Heft. S. 168.) zu der Bitte verei⸗ nend, jene herrlichen Lieder dem Publitum nicht laͤnger vorzuenthalten. Wie freundlich ſich Oehlenſchlaͤger, ſpaͤter, noch jener Bekanntſchaft erinnert, moͤge nachſtehender Empfehlungs⸗Brief beweiſen: Kopenhagen den 26ten Maͤrz 1821. Hochzuverehrender Freund! „Ich labe mich noch immer in der Erinnerung „an den herrlichen Cardinal, den Ew. Ehrwuͤr⸗ „den mit eig'ner gelehrter Hand verfertigten, „und den die dichteriſche Tria juncta in uno †) „zuſammen genoſſen, wodurch unſre Seele, Ge⸗ „danken, Pantaſien, Klugheiten und Tollheiten, „zuſammen floſſen, und einen vollſtaͤndigen Pab ſt „ausmachten.“ „Vergeben Sie meinen Styl, ich bin der „humoriſtiſchen und deutſchen Sprache nicht ſo „gewohnt wie Sie.“— „Hier ſchicke ich Ihnen einen jungen gelehr⸗ „ten, ſehr gutmuͤthigen und beſcheid'nen Daͤnen, „der bei euch Fremden Mores u. ſ. w. ler⸗ „nen ſoll.“ †) Naͤhmlich er, Fouqué und Hoffmann. 79 nes Sohnes ſeines, oben erwähnten Bruders, nachzu⸗ tragen, worüber ſich das Fragment eines Briefes an dieſen ſeinen Bruder, vorgefunden hat, das zu charakteriſtiſch iſt, um der Verſuchung widerſtehen zu können, es in den Beilagen mitzutheilen. Von ſeinen Werken iſt keines mit der Jahreszahl 1846 bezeichnet, doch ſchrieb er in dieſem Jahre mehre⸗ res, was in dem erſten Band der Serapions⸗Brü⸗ der aufgenommen wurde. In dem nächſtfolgenden, 1817, erſchienen die Nacht⸗ ſtücke. Von dieſen ſind in Berlin gearbeitet: der Sandmann und das Majorat, in denen Königsbergi⸗ ſche Figuren, nach den, in der erſten Jugendzeit er⸗ haltenen Eindrücken aufgefaßt, auftreten; die Je⸗ ſuiterkirche und das ſteinerne Herz, in denen Glo⸗ gauiſche Erinnerungen verarbeitet ſind; ferner, das Gelübde, nach einer Geſchichte, die Hoffmann's Frau ihm aus ihrer Vaterſtadt, Poſen, erzählte; endlich „Tunken Sie ihn auch ein wenig in die „Zauberſee Ihrer Laune, mein Wertheſter! Und „lehren Sie ihn, wie man im ironiſchen Toll⸗ „hausmantel ein Philoſoph und Weltweiſer ſeyn „kann; und was mehr iſt, ein ſehr liebenswuͤr⸗ „diger Mann. „Der ich ewig verharve ihr wahrer Freund und Verehrer „A. Oehlenſchläger Serapions⸗Bruder.“ 80 das Sanctus, und das öde Haus. Zu dem erſtern hatte ihm das Ereigniß die Veranlaſſung gegeben, daß eine der oben erwähnten Sängerinnen, nach dem ſie in der Kirche geſungen, plötzlich, unter, den in der Erzählung angegebenen, wirklich merkwürdi⸗ gen Umſtänden, für einige Zeit die herrliche Stimme verlor und Hoffmann neckend behauptete, es ſey die Strafe dafür, weil ſie bei'm Sanctus die Kirche verlaſſen; zu letzterem aber der Eindruck, den ein, unter den Linden belegenes, Haus auf ihn machte, deſſen Fenſter nach vorn hinaus nie geöffnet erſchie⸗ nen, und hinter denen ſeine Fantaſie ihm allerlei Spuckhaftes ſehen ließ. Zu dem, vor ſeinem letzten Aufenthalt in Berlin geſchriebenen Ignatz Denner, hatte er den Stoff in Bamberg erhalten. 1848 erſchien von ihm kein größeres Werk; 1819 aber, zuerſt der Dialog: ſeltſame Leiden ei⸗ nes Theater⸗Directors, ſodann: klein Zaches. Die Entſtehungs⸗Geſchichte des erſten, erzählt er auf allerliebſte Weiſe, in der, wohl erſt dem Leſer des gegenwärtigen Buches, vollkommen verſtänd⸗ lichen Vorrede folgendergeſtalt. „Vor etwa zwölf Jahren, ging es dem Heraus⸗ geber dieſer Blätter, beinahe eben ſo, wie dem be⸗ kannten Zuſchaner Herr Grünhelm, in Tiek's ver⸗ kehrter Welt. Das düſtere Verhängniß jener Er⸗ eignißreichen Zeit, drängte ihn mit Gewalt heraus aus dem Parterr, wo er ſeinen bequemen, behagli⸗ 81 chen Platz gefunden, und nöthigte ihn, einen Sprung zu wagen, der zwar nicht bis auf's Theater, wohl aber bis in's Orcheſter, auf den Platz des Muſik⸗ Directors, reichte. Auf dieſem Platz ſchaute er nun das ſeltſame Treiben der wunderlichen kleinen Welt, die ſich hinter Couliß' und Gardine regt und bewegt, recht in der Nähe an, und dieſe Anſchauung, vorzüglich aber die Herzensergießungen eines ſehr wackern Theater⸗Directors, deſſen Bekanntſchaft er im ſüd⸗ lichen Deutſchland machte, gab Stoff zu dem Ge⸗ ſpräch zweier Theater⸗Directoren, das er ſchon damals aufſchrieb, als er noch nicht in das Par⸗ terre zurückgeſprungen war, wie er es in der Folge denn wirklich that, u. ſ. w.“ Klein Zaches iſt eines von Hoffmann's Werken, welches ihm die meiſten Mißdeutungen zugezogen, und doch gab es nichts unſchuldigeres, als die Art, wie dies Märchen entſtanden. Im Frühjahr 1849 war er nämlich ſchwer er⸗ krankt, an einem Unterleibsübel mit gichtiſchen Zu⸗ fällen. Hitzig beſuchte ihn täglich, und mußte dann immer zuerſt hören, welche Fantaſien des Fie⸗ bers, die Hoffmann's Kopf jederzeit mit neuen Bil⸗ dern fuͤllten, zunächſt die Oberhand bei ihm ge⸗ wonnen. So kam er eines Nachmittags, und Hoff⸗ mann, ihm die glühende Hand vom Krankenlager herüberreichend, und noch im heftigſten Fieber⸗ 8² anfalle, vief ihm gleich, in kurzen raſchen Abſätzen, wie ſie die Hitze ausſtößt, entgegen:„Denken Sie, was für ein paar verwünſchte Ideen mir eben ge⸗ kommen ſind. Ein häßlicher, dummer kleiner Kerl — fängt alles verkehrt an,— und wie was Apar⸗ tes geſchieht, hat er's gethan.— Wird z. B. ein ſchönes Gedicht in einer Geſellſchaft von einem An⸗ dern verleſen,— er wird als Verfaſſer geehrt, und empfängt dafür das Lob, und ſo durchweg.— Dann wieder ein Andrer, der einen Rock hat,— wenn er ihn anzieht,— werden die Aermel zu kurz,— und die Schöße zu lang.— Sobald ich wieder ge⸗ ſund werde, muß aus den Kerls ein Mährchen ge⸗ macht werden.“ Hitzig konnte nicht umhin, den Ge⸗ danken drollig zu finden, und, bei Hoffmann's be⸗ flügelter Eil, war er auch kaum wieder auf den Beinen, als der kleine Zaches ſchon fertig da lag, den er vielleicht in nicht 14 Tagen gearbeitet. Hatte er nun darin eine, im Orte bekannte Karikaturge⸗ ſtalt dem Leſer vor die Augen geſtellt, wie er es nicht unterlaſſen konnte, im Weinhauſe jede lächer⸗ liche Figur auf das Papier zu werfen, oder in der Geſellſchaft Alles, was in das Gebiet des Komi⸗ ſchen fiel, laut zu bemerken; ſo lag darin eben ſo wenig eine prämeditirte Bosheit, die ihm oft zur Laſt gelegt worden iſt, als darin eine ſtrafbare politiſche Geſinnung, wenn er in ſeinem letzten Werke die Erzählung mit Ausdrücken ſtaffirte, die er aus, 83 mit Recht geheim gehaltenen, ihm nur durch ſein Amt zugänglich gewordenen, Acten geſchöpft; viel⸗ mehr war, in dem einen und dem andern Falle, nichts eben das Motiv ſeines Handelns, als eine völlige Rückſichtsloſigkeit in Beziehung auf die Fol⸗ gen, wenn es galt, einem witzigen Einfalle Luft zu machen. Daß mit dieſer Bemerkung der Vorwurf des keinesweges zu billigenden Leichtſinns, der, dort den Menſchen, hier den Geſchäftsmann, trifft, nicht zu beſeitigen iſt, verſteht ſich, ohne weitere Aus⸗ führung. Uebrigens iſt ſowohl der Umſchlag zum kleinen Zaches, ſo wie zu ſeinen ſpätern Werken, den bei⸗ den Bänden des Katers Murr, und des Meiſter Floh, von Hoffmann ſelbſt erfunden und gezeichnet. Er war durch Hitzig auf Henſel's ähnliche Arbei⸗ ten, auf dem Einbande der Arndt'ſchen Märchen, aufmerkſam gemacht worden, hatte Wohlgefallen daran gefunden, und die Idee gleich in ſeinem Geiſte benutzt.— Im Sommer 1819 machte Hoffmann, auf Ver⸗ ordnung ſeines Arztes, eine Reiſe in die ſchleſiſchen Bäder, die ihm ungemein wohl bekam. Er traf dort mit Conteſſa zuſammen, machte die Bekannt⸗ ſchaft von Schall, Weisflog, und andern geiſtreichen Leuten, und kehrte ſo geſtärkt und heiter zurück, als ihn ſeine Freunde lange nicht geſehen. Nie wird der Herausgeber, der, während ſeiner Abwe⸗ ſenheit, die Correktur des erſten Bandes vom Ka⸗ ter Murr beſorgt hatte, die Gemuͤthlichkeit ver⸗ geſſen, mit welcher Hoffmann, am fruͤhen Morgen nach ſeiner Ruͤckkunft, in ſeinem Hauſe erſchien, und ihm einen kryſtallenen Prachtpokal feierlich uͤberreichte, in welchen er den Kater, nach einer ſehr gelungenen, von ihm in Warmbrunn entwor⸗ fenen Zeichnung hatte ſchneiden laſſen, mit der Umſchrift:„Der junge Autor ſeinem vielgeliebten Correktor.“. Bald nachher wurde Hoffmann in ein, ihm wie⸗ der ganz neues Feld der Thaͤtigkeit berufen, naͤm⸗ lich zum Mitgliede einer Immediat⸗Unterſuchungs⸗ Commiſſion zur Ermittlung geheimer ſtaattsge⸗ faͤhrlicher Verbindungen ernannt, und ſoll auch hier ſehr brauchbare, und vorzuͤglich elegant redi⸗ girte Arbeiten geliefert haben. Endlich gab er, bis zum Schluſſe dieſes, fuͤr ihn in ſo vielfaͤltiger Beziehung reichen Jahres, den erſten und zweiten Band der Serapionsbruͤder heraus, deren dritter 1820 und vierter 1821 er⸗ ſchien. S Der Verleger dieſes Werkes hatte ihn naͤmlich, wie er in der Vorrede zu demſelben berichtet, auf⸗ gefordert, ſeine in Journalen und Taſchenbuͤchern verſtreuten Erzaͤhlungen und Maͤhrchen zu ſam⸗ meln, und mit neuen zu vermehren, und hier⸗ durch, ſo wie durch den Umſtand— ſo bemerkt 8⁵ er ferner— daß er mit ſeinen herzgeliebten Freunden, nach langer Trennung(durch die un⸗ ternommene ſchleſiſche Reiſe), an einem Serapions⸗ tage wirklich wieder zuſammentrat, war er beſtimmt worden, jener Aufforderung Raum zu geben. Man findet hiernach in dem genannten Buche theils jene Erzaͤhlungen, theils einen fortlaufenden, zur Vereinigung derſelben in ein Ganzes, dienenden Dialog, in welchem er ſich vorgeſetzt, ein moͤglichſt treues Bild des Zuſammenſeyns der gleichgeſinn⸗ ten Serapionsbruͤder aufzuſtellen, wie ſie ſich ein⸗ ander die Schoͤpfungen ihres Geiſtes mittheilen, und ihr Urtheil daruͤber ausſprechen. Im Fruͤhjahr des naͤchſtfolgenden Jahres 1820 hatte Hoffmann eine große Freude. Ein Reiſen⸗ der brachte ihm einen herzlichen Brief von Beet⸗ hoven*). Man muß ſeine Verehrung dieſes Mei⸗ *) Er moͤge in ſeiner großartigen Einfachheit hier ſtehen: Wien, den 23. Maͤrz 1820. „Ich ergreife die Gelegenheit, durch Herrn N. mich einem ſo geiſtreichen Manne, wie Sie ſind, zu naͤhern. Auch uͤber meine Wenigkeit haben Sie geſchrieben, auch unſer Herr N. N. zeigte mir in ſeinem Stammbuche einige Zeilen von Ihnen uͤber mich. Sie nehmen alſo, wie ich glauben muß, einigen Antheil an mir. Erlau⸗ ben Sie mir, zu ſagen, daß dieſes von einem, b 86 ſters gekannt haben, um beurtheilen zu koͤnnen, wie dieſer Gruß aus der Ferne auf ihn wirkte. Im Sommer dieſes Jahres kam Spontini, nach Berlin gerufen, dort an. Auch dieſen Componi⸗ ſten achtete Hoffmann im hoͤchſten Grade. Er fand ſich veranlaßt, ihn in der Zeitung mit einem Will⸗ kommen zu begruͤßen, ein Schritt, der ihm, wie manche andere ſpaͤtere Annaͤherung an den intereſ⸗ ſanten Mann, vielſeitig verargt worden iſt, weil man darin eine, ſeiner unwuͤrdige Kriecherei zu⸗ finden meinte. Von keinem Fehler war er aber wohl mehr entfernt, als von dieſem. Leicht kann es ſeyn, daß die große Auszeichnung, die Spon⸗ tini ihm, als einem der gewandteſten Schriftſtel⸗ ler, dem er alſo mit Recht einen Einfluß auf die oͤffentliche Meinung zutrauen durfte, bewies, ſei⸗ ner Eitelkeit ſchmeichelte, und ihn auch geneigt machte, die Ueberſetzung des urſpruͤnglich franzoͤ⸗ ſiſchen Textes der Olympia— eine Arbeit, die ſonſt nicht ganz paſſend fuͤr ihn war— zu uͤber⸗ nehmen; aber es iſt in die Augen fallend, wie verſchieden dieß Motiv, ſelbſt wenn man es vor⸗ mit ſo ausgezeichneten Eigenſchaften begabten Manne Ihresgleichen, mir ſehr wohl thut. Ich wuͤnſche Ihnen alles Schoͤne und Gute, und bin Ew. Wohlgeboren 4 mit Hochachtung ergebenſter Beethoven.“ 87 ausſetzen koͤnnte, und das ſoll keinesweges behaup⸗ tet werden, von einer Schmeichelei wider beſſere Ueberzeugung, ſeyn wuͤrde. So viel iſt gewiß, daß er die Bearbeitung der Olympia mit der groͤß⸗ ten Luſt betrieb, und von der Schoͤnheit und Wir⸗ kung dieſer Muſik ſeinen Freunden nicht genug zu rühmen wußte. Endlich erſchien 1820 noch der erſte Band der Lebensanſichten des Kater Murr, dem 1822 der zweite folgte, und der mit dem dritten, leider auf dem Papier nicht angefangenen, aber im Kopfe ſchon ganz vollendeten, ſchließen ſollte. Zu der aͤußern Form dieſes Buches war Hoffmann durch einen ausgezeichnet ſchoͤnen Kater veranlaßt wor⸗ den, den er auferzogen hatte, und der ihm wirk⸗ lich mehr als gewoͤhnlichen Thierverſtand zu haben ſchien; wenigſtens war er unerſchoͤpflich in Erzaͤh⸗ lungen von den Klugheiten, welche von dieſem Liebling, der in der Regel in dem Schubkaſten des Schreibtiſches ſeines Herrn, den er ſich mit den Pfoten ſelbſt aufzog, und auf deſſen Papieren er ruhte, ausgegangen ſeyn ſollten. Der Held der Dichtung, Johannes Kreisler, ſchon aus den Fan⸗ taſieſtuͤcken der leſenden Welt bekannt und werth geworden, war aber eine Perſonificirung ſeines humoriſtiſchen Ich's, weßhalb auch in keinem ſei⸗ ner Werke ſo viel, auf Wahrheit gegruͤndete Be⸗ ziehungen auf ſein eigenes Leben zu finden ſind, 88 als in dieſem. Der dritte Band ſollte Kreislern bis zu der Periode fuͤhren, wo ihn die erfahrenen Taͤuſchungen wahnſinnig gemacht, und unmittel⸗ bar an dieſen Band ſich die ſchon mehrmals er⸗ waͤhnten, lichten Stunden eines wahnſinnigen Muſikers anſchließen*). *) Hiezu hat ſich folgender Croquis im Nachlaß vorgefunden: Lichte Stunden eines wahnſinnigen Muſikers. Eiin Buch fuͤr Kenner. Die Liebe des Kuͤnſtlers. Der kuͤhle Augenblick. Klang aus dem Norden. Klang aus dem Suͤden. Myſtik der Inſtrumente. Muſikaliſches Helldunkel. Ton⸗Arten. Zerſtreutheit des Kuͤnſtlers(grade entgegenge⸗ ſetzt)(nach dem Takt gehn— Rollen der Raͤ⸗ der— Anekdoten.) Ahnungen der Muſik des Himmelreichs. Die Noten. 3 Das Geheimniß der Fuge.(Frage und Ant⸗ wort. Zwei Worte, oder die Herberge im Walde). Piano— forte— crescendo— fortissimo— decrescendo— ritardando— dolce a tempo— smorzando. 3 Bewußtloſes Empfangen— unerachtet der Componiſt zur klaren Erkenntniß gekommen— er macht ſo ſelbſt ſeinen Critiker— zertheilt 89 Auf den Kater Murr legte Hoffmann, faſt un⸗ ter allen ſeinen Werken, den hoͤchſten Werth, und in dem letzten Theile deſſelben glaubte er zu lei⸗ ſten, was er fruͤher noch nicht vermocht. Zu ſeinem Geburtstage in dieſem Jahre hatte ihm Koreff uͤbrigens ein Heft mit aͤchten Callot⸗ ſchen Blaͤttern geſchenkt. Dieſe gaben ihm die Idee zu der Prinzeſſin Brambilla, die im naͤchſt⸗ folgenden, 1821, erſchien, und zu der er mehrere jener Blaͤtter, mit Gegenſtaͤnden, die in den Gang der Handlung eingreifen, abbilden ließ. In der Vorrede bezeichnet er ſeinen Zweck bei dieſem Maͤhrchen dahin, daß es eine aus einer philoſophiſchen Anſicht des Lebens geſchoͤpfte Haupt⸗ idee verſinnlichen ſollte, und die hier zum Grunde liegende war, die Verbindung des Humors mit der Phantaſie. Er glaubte das Werk gelungen, und uͤbergab es, wie ſeine fruͤheren, ſeinem Freunde Hitzig, deſſen Urtheil daruͤber fordernd. Dieſer, der ihn ſtets mit der groͤßten Offenheit behan⸗ delte, verhehlte ihm nicht, daß er ihn hier auf ei⸗ nem ſchon oft, aber noch nie ſo entſchieden betre⸗ tenen Abwege zu erblicken glaube, naͤmlich dem in zwei geiſtigen Prinzipe, die der Moment ſcheidet.— Mozart als Kind erinnere mich daran, daß ich den Hoͤrnern recht viel zu thun gebe. P* 90 des Nebelns und Schwebelns mit leeren Schatten, auf einem Schauplatz ohne Boden und ohne Hin⸗ tergrund, und empfahl ihm, um ihm zu zeigen, was bei dem Publikum jetzt mit Recht anfange das hoͤchſte Gluͤck zu machen, etwas von Walter Scott zu leſen(denn ohne ausdruͤcklich darauf hin⸗ gewieſen zu werden, las Hoffmann nichts Neues) — unmaßgeblich den Aſtrologen. Schon am naͤchſten Morgen erhielt er folgende Antwort, die eine ſehr merkwuͤrdige Selbſtan⸗ ſchauung enthaͤlt. „Geſtern Abend war Koreff bei mir, und hatte die Guͤte, mir auf mein Bitten noch ganz ſpaͤt den Aſtrolog zu ſchicken, den ich naͤchſtens leſen werde, da ich ihn in dieſem Augenblick— ver⸗ ſchlinge. Ein ganz treffliches— treffliches Buch, in der groͤßten Einfachheit reges lebendiges Leben und kraͤftige Wahrheit!— Aber!— fern von mir liegt dieſer Geiſt, und ich wuͤrde ſehr uͤbel thun, eine Ruhe erkuͤnſteln zu wollen, die mir, wenigſtens zur Zeit noch, durchaus gar nicht gege⸗ ben iſt. Was ich jetzt bin und ſeyn kann, wird pro primo der Kater, dann aber, will's Gott, auf andere Weiſe noch, der Jacobus Schnell⸗ pfeffer, der vielleicht erſt 1822 erſcheinen duͤrfte, zeigen.“— Der Fruͤhherbſt dieſes Jahres 1824 fuͤhrte zwei ſehr angenehme Ereigniſſe fuͤr Hoffmann herbei. 91 Sein geliebteſter Jugendfreund Hippel erſchien wieder fuͤr laͤngere Zeit in Berlin, und ferner ruͤckte er bei ſeiner Anciennetaͤt, und, nachdem ſich unlaͤngſt ſein Gehalt auch noch bedeutend ver⸗ mehrt hatte, in den Ober⸗Appellations⸗Senat des Kammergerichts, als Mitglied ein. Dieſe Lage hatte er laͤngſt gewuͤnſcht, deun ſie befreit von allen juriſtiſchen Geſchaͤften außer dem Hauſe, und beſchraͤnkt dieſe bloß auf das Anferti⸗ gen ſchriftlicher Relationen, die dann, wenn ſie nach Muße fertig gemacht worden, an einem be⸗ ſtimmten Tage in der Woche vorzutragen ſind. Dieß paßte vortrefflich zu Hoffmann's ſchriftſtelle⸗ riſchen Beſchaͤftigungen, in denen er durch ſeine fruͤhere Situation, die es mit ſich brachte, daß er wenigſtens zweimal woͤchentlich in der Gerichts⸗ ſitzung erſcheinen, und vorher Arbeiten machen mußte, die an dieſen Sitzungstagen zum Vortrag kamen, ſich haͤufig unterbrochen ſah. Er nannte ſein jetziges Leben treffend ein doppeltes Autor⸗ leben, indem er, in ſeinem Geſchaͤfts⸗Verhaͤltniſſe, nur Manuſcript fuͤr die Regiſtratur, wie als Dich⸗ ter, Manuſcript fuͤr die Preſſe zu liefern haͤtte. Dazu war ſein Finanz⸗Zuſtand durch die Gehalts⸗ Vermehrung dergeſtalt verbeſſert, daß er daran dachte, ſich in jeder Art mehr auszudehnen, einige Zimmer zu ſeinem Quartier zumiethete, um in dem einen, eine, ſich nach und nach anzuſchaffende 92 Bibliothek aufzuſtellen, in dem andern aber nur die Arbeiten, die zu ſeiner Erholung dienten, vorzunehmen u. dergl. mehr; kurz man konnte keinen mit groͤßerer Freudigkeit in die Zukunft blickenden Mann ſehen, als Hoffmann im Okto⸗ ber 1821. Aber, wie es oft im Leben zu geſchehen pflegt, daß die gewitterſchwangere Wolke dem ſchon uͤber dem Haupte ſteht, der ſie nicht erſchaut, weil er den Blick nicht von der Erde hebt, ſo ſollte es auch mit dem armen Hoffmann ſeyn. Nur noch Monate lang ſollte er das, ihm nun in jeder Be⸗ ziehung ſo theuer gewordene Leben fortſetzen duͤr⸗ fen, und— welch ein Leben! Der erſte Vorbote der Leiden, die ihm bevor⸗ ſtanden, war— man lache nicht— der Tod ſei⸗ nes Katers, Am 30. November 1821 erhielt der Herausge⸗ ber, fruͤh am Morgen, folgende Karte: „In der Nacht vom 29ſten zum 30ſten Novem⸗ ber entſchlief, nach kurzem, aber ſchwerem Leiden, zu einem beſſern Daſeyn, mein ge⸗ liebter Zoͤgling, der Kater Murr, im vierten Jahre ſeines hoffnungsvollen Alters, welches ich theilnehmenden Goͤnnern und Freunden ganz ergebenſt anzuzeigen nicht ermang'le. Wer den verewigten Juͤngling kannte, wird 9³ meinen tiefen Schmerz gerecht finden, und ihn— durch Schweigen ehren. Hoffmann.“ Dieſer Spaß konnte dem auffallen, der Hoff⸗ mann nicht kannte; nicht ahnete, wie nahe oft bei ihm Scherz an Schmerz zu graͤnzen pflegte. Der Herausgeber wußte, wie er es zu nehmen hatte. Am Abende fuͤhrte ihn ein Geſchaͤft aus ſeinem Hauſe, und an der Weinſtube vorbei, in welcher Hoffmann ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen. Wenige Schritte davon gewahrte er dieſen lang⸗ ſam und gebuͤckten Hauptes einhergehend. Hoff⸗ mann ward auch ſeiner im Augenblicke anſichtig, und:„haben ſie meine Karte erhalten?“ fragte er mit Heftigkeit. Es wurde bejah't.„Nun, ſo thun Sie mir die einzige Liebe,“ ſo fuhr er fort,„und treten mit mir in dies Kaffeehaus(vor dem ſie eben ſtanden), wir koͤnnen da ungeſtoͤrt miteinan⸗ der ſprechen.“ Es geſchah, wie er geſagt, er riß den Freund mit Ungeſtuͤm in ein Hinterzimmer, ſah' ſich um, ob ſie auch allein wären, und nun begann er, mit vorausgeſchickter Bitte, ihn nicht zu verkennen; aber es ſey doch nun einmal ſo— das Bekenntniß, wie ihn der Tod des Thieres er⸗ griffen(welches zu retten er Aerzte aus der Thier⸗ arzneiſchule hatte holen laſſen), zugleich aber auch eine Schilderung der Qual des Sterbens, daß ſich dem entſetzten Zuhoͤrer die Haare in die Hoͤhe 94 richteten.„In der Nacht,“ ſo erzaͤhlte er unter andern,„winſelte der Murr gar zu erbaͤrmlich, meine Frau ſchlief feſt; ich ſtand ſachte von ihrer Seite auf, ſchlich in die Kammer, wo er lag, hob die Decke auf, die uͤber ihn gebreitet war, und nun ſah' er mich an, mit ordentlich menſch⸗ lichen Blicken, wie bittend, daß ich ihm doch das Leben ſchenken möchte, und hoͤrte fuͤr einen Au⸗ genblick auf, zu jammern, als ob er Troſt in mei⸗ nen Mienen laͤſe. Da konnte ich es nun nicht laͤnger ertragen, ließ das Tuch wieder uͤber ihn hinfallen, und kroch in's Bett zuruͤck. Gegen Morgen ſtarb er, und nun iſt mir das Haus ſo leer, und auch meiner Frau. Ich wollte heute fruͤh gleich zu Fiocati, und ihr einen ſprechenden Papagei kaufen; aber ſie will keinen Erſatz, und ich auch nicht. Nicht wahr, Freund, Sie halten auch nichts von Surrogaten fuͤr geliebte Gegen⸗ ſtaͤnde? u. ſ. w.“ Der Freund war ſo ergriffen von der Stim⸗ mung, in welcher er Hoffmann fand, und ſo ge⸗ ruͤhrt von ſeinem Vertrauen, da er, der jeden An⸗ ſtrich von Sentimentalitaͤt auf das hoͤchſte ſcheute, ſich gewiß nur gegen ihn, den ſeit langen Jahren mit ſeinen innerſten Gefuͤhlen Bekannten ſo aus⸗ zuſprechen wagte, daß er ſeine Hand ergriff, und ihm ſagte:„Ihre Karte liegt ſchon bei den Papie⸗ ren, die ich uͤber Sie geſammelt, und auch dieſe 9⁵ Herzens⸗Ergießung ſoll unvergeſſen ſeyn. Wenn ich Sie uͤberlebe, ſo ſchreib' ich Ihre Biographie, und beides ſoll darin nicht fehlen.“„„Ach! Sie werden mich gewiß uͤberleben!«« erwiederte er wehmuͤthig, und tief erſchuͤttert ſchieden die Freunde. Wie haͤtte es aber der Ueberlebende damals ah⸗ nen ſollen, daß er ſein Verſprechen ſo bald werde zu loͤſen haben! Noch ſtand Hoffmann in voͤlliger Kraft der Geſundheit vor ihm; aber bald darauf befiel ihn die Krankheit, die eine gaͤnzliche Er⸗ ſchoͤpfung der Lebenskraft, und zuletzt eine Laͤhmung der Extremitaͤten herbeifuͤhrend, ihn, in dem reif⸗ ſten Mannesalter, unerbittlich dahinraffte. Vor deren Ausbruch hatte er noch ſein letztes Werk, Meiſter Floh, geſchrieben.. Eine Aufforderung der Buchhandlung Gebruͤder Wilmans in Frankfurt am Main, die ihm, ſeit dem großen Erfolg, den die Seuderi ihrem Ta⸗ ſchenbuch fuͤr Liebe und Freundſchaft gegeben, un⸗ aufhoͤrlich anlag, ein Werk fuͤr ihren Verlag zu ſchreiben, und ihn durch die glänzendſten Aner⸗ bietungen in Hinſicht des Honorars koͤderte, mag ihm die Veranlaſſung gegeben haben, dieß Maͤhr⸗ chen, aus laͤngſt verbrauchten Materialien, im Laufe von wenigen Wochen zuſammenzuwuͤrfeln; aus ir⸗ gend einem innern Antrieb iſt es, wie man auf den erſten Blick gewahrt, nicht hervorgegangen. Auch die, durch die bekannte Verſtuͤmmelung deſſel⸗ 96 ben daraus verſchwundenen Epiſode wuͤrde ihm kei⸗ nen erhöhten Reiz gegeben haben. Sie enthielt Anſpielungen, die nur ein ſehr bedingtes, zum Theil lokales Intereſſe hatten, und waͤre Hoffmann nicht ſo unvorſichtig geweſen, vorher davon zu ſprechen, daß er dieß und jenes in dem Buche per⸗ ſiffliren wollen, ſo würde kein Leſer, bei der Un⸗ gruͤndlichkeit des Publikums, das ſolche Schriften liest, gemerkt haben, wohinaus er gezielt. Uebri⸗ gens war es, wie ſchon oben, bei Gelegenheit des kleinen Zaches, erwaͤhnt worden, unpaßlich, daß er Laͤcherlichkeiten, zu deren Kenntniß er auf amtli⸗ chem Wege gelangt, in ſeinem Maͤhrchen dem Publi⸗ kum Preis gab; aber es war ihm einmal unmoͤglich, Dinge, welche ihm aus dieſem Geſichtspunkte er⸗ ſchienen, am Wege liegen zu laſſen, er mochte ſie finden, wo er wollte. Naͤchſt dem Meiſter Floh beſchaͤftigte ihn in die⸗ ſer Zeit der Gedanke einer Fortſetzung von Tieks merkwuͤrdiger Lebensgeſchichte des Abraham Tonelli im achten Bande der Straußfedern.*) Was ſich davon im Nachlaſſe vorgefunden, wird unter den —— **) Wie Tiek, im Herbſte 1822, dem Herausgeber ſagte, hat er die Abſicht, die koſtliche Geſchichte in der Forrtſetzung des Phantaſus wieder zu geben. Er moͤge dieſes Verſprechens eingedenk ſeyn, da die Straußfedern faſt vergeſſen ſind. 97 Beilagen zu dieſem Abſchnitte nicht unwillkommen ſeyn.— Hoffmann's letzter Geburtstag, der 24. Januar 1822, war von den bedeutendſten Auſpizien fuͤr ihn begleitet. Was ſeit den Juͤnglings⸗Jahren nicht der Fall geweſen; er konnte ihn mit ſeinem aͤlte⸗ ſten Freunde Hippel, der noch in Berlin verweilte, feiern, und von ſeinen ſpaͤteren, liebſten Freunden fehlte auch kein einziger als Conteſſa, der ſich auf dem Lande befand. Aber ſchon hatte die ſich ent⸗ wickelnde Krankheit ihm die Fluͤgel gelaͤhmt. Er trank Selterſer Waſſer, waͤhrend er ſeiner Geſell⸗ ſchaft die koͤſtlicſſten Weine vorgeſetzt, und wenn er ſonſt bei ſolchen Gelegenheiten mit der uner⸗ muͤdlichſten Beweglichkeit den Tiſch umkreiste, um einzuſchenken und die Unterhaltung anzufachen, woo ſie ſtockte, ſo ſaß er heute, den ganzen Abend, an ſeinen Lehnſtuhl gefeſſelt. Nach Tiſche nahm die Unterhaltung zwiſchen Hippel und Hoffmann eine Wendung, die, wie ſie Erinnerungen aus ih⸗ rer Jugendzeit herbeirief, auch des Todes und Sterbens erwaͤhnen ließ. Der Herausgeber mit unter den Geladenen, warf, vielleicht ihm ſelbſt unbewußt, ein Wort dazwiſchen, deſſen Sinn un⸗ gefaͤhr das bekannte,„das Leben iſt der Guͤter hoͤchſtes nicht,“ war; aber Hoffmann fuhr ihm mit einer Heftigkeit, die ſo den ganzen Abend nicht zum Ausbruch gekommen war, entgegen: . e 98 „Nein, nein, leben, leben, nur leben— unter welcher Bedingung es auch ſeyn moͤge!“ Es lag etwas Entſetzliches in der Art, wie er dieſe Worte herausſtieß, und ſein Wunſch iſt ſpaͤter auf eine furchtbare Weiſe in Erfuͤllung gegangen. Denn er lebte zwar, von da ab, wirklich noch fuͤnf Monate;— aber, unter welchen Bedingun⸗ gen! Mit jedem Tage moͤchte man ſagen, ver⸗ ſagte ein oder das andere Glied ſeines Koͤrpers mehr und mehr den Dienſt; Fuͤße und Haͤnde, Folge der ſich ausbildenden Ruͤckenmarksdarre(ta- bes dorsalis) ſtarben ganz ab, eben ſo einzelne Theile des innern Organismus, und den Tag vor ſeinem Tode, wo die Laͤhmung bis hinauf an den Hals getreten war, glaubte er ſich völlig geneſen, weil er nirgend Schmerz mehr fuͤhlte. In dieſem uͤber allen Begriff jammervollen Zu⸗ ſtande, der jedem, der ihn ſah, durch die Seele ging, verlaͤugneten ſich bei ihm keinen Augenblick die hoͤchſte Liebe zu dem Leben, der unerſchuͤtter⸗ liche Glaube, daß es ihn nicht laſſen koͤnne, und eine, in Vergleichung mit ſeinen geſunden Tagen faſt noch geſteigerte Heiterkeit, ja großentheils Ausgelaſſenheit. Der ernſte Richter, der es ihm zum Verbrechen machen mag, daß er uͤber manche Staats⸗Einrichtungen oder aͤhnliche Gegenſtaͤnde, ſeinem Scherz freien Lauf gelaſſen, hätte nur ein⸗ mal Zeuge ſeyn ſollen, welch' eine unerſchoͤpfliche — 99 Quelle der launigſten Einfaͤlle er ſich ſelbſt in ſei⸗ ner Huͤlfloſigkeit wurde. Daß ſein Stiefelputzer ihn mit nervigten Faͤuſten in's Bad warf, wie man ein Stuͤck Holz in's Waſſer ſchleudert; daß eine ſorgſame Magd ihn dann, wenn er wieder angekleidet,— was leider bei ſeiner Zuſammen⸗ geſchrumpftheit leicht moͤglich war,— oft, wie ein Kind, auf die Arme nahm und ihn in's Bette trug, und tauſend kleine Ereigniſſe dieſer Gat⸗ tung wurden ihm zu Feſten, und er fuͤhlte ſich gluͤcklich, wenn er ſeinen Freunden taͤglich Neues in dieſem Geſchmack erzaͤhlen und ausmalen konnte“). *) Eine ſolche Geſchichte hat er auch, noch im letz⸗ ten Monate ſeines Lebens, in der Berliner Zeit⸗ ſchrift: der Zuſchauer No. 71 vom 13. Juni⸗ ab⸗ drucken laſſen. Sie lautet folgendergeſtalt: Naivetaͤt. Ein Kvanker, der an einer behavvlichen Schlaf⸗ loſigkeit litt, ſah ſich gendthigt, jede Nacht Jemanden um ſich zu haben, mit dem er nicht allein ſprechen konnte, ſondern der ihm auch in ſeinem gelaͤhmten Zuſtande die noͤthige Huͤlfe leiſtete. So ſollte ein junger Mann bei dem Kranken wachen. Statt aber zu wachen, verfiel derſelbe in einen Schlaf, aus dem er nicht zu erwecken. Der Kranke war in dieſer Nacht von einem beſondern Geiſt froͤhlicher⸗ und zwar muſikaliſcher Laune ergriffen⸗ beſann ſich auf alle moͤgliche Canzonen und Canzonetten, die er ſonſt geſungen, und ſang ſie mit heller Stimme ab. Alle ſeine Umgebungen trugen beſondere Namen; ſein Abſchreiber z. B. hieß der Domicellar, weil er mit einem ſolchen, den er in Bamberg gekannt, Aehnlichkeit hatte u. ſ. w. Eines Tages im Maͤrz erfuhr der Herausgeber, daß Hoffmann am fruͤhen Morgen eine Deputa⸗ tion begehrt, um ſein Teſtament zu errichten. Da er hierin eine Ueberzeugung von der Ver⸗ ſchlimmerung des Zuſtandes des Kranken zu er⸗ blicken glaubte, ſo eilte er zu ihm, fand ihn aber ganz froͤhlich, und ließ ſich erzaͤhlen, wie er nur teſtirt habe, weil die Gefahr gewiß voruͤber ſey, und er es doch nicht darauf ankommen laſſen wolle, vielleicht wieder in eine ſolche Lage zu kommen, daß er dann nicht mehr letztwillig verfuͤgen koͤnne. Endlich, als er in das ſchlafende Antlitz ſeines Waͤchters ſchaute⸗ kam ihm daſſelbe, ſo wie die ganze Situation, gar zu drollig vor. Er rief ſeinen Wächter laut bei Namen, und fragte, als dieſer ſich aus dem Schlafe ruͤttelte, ob ihn vielleicht das Singen in ſeiner Nuhe ſtoͤre? „Ach Gott!“« erwiederte der junge wachſame Mann ganz naiv und trocken, indem er ſich dehnte,„ach Gott! nicht im Mindeſten. Sin⸗ gen Sie doch in Gottes Namen, Herr snsRath; ich habe einen feſten, geſunden Schlaf!”“ Und damit ſchlief er wieder ein, indem der Kranke mit heller Kehle anſtimmte: 5 2 Sul margine d'un rio etc. Hoffmnn. Es waͤre ja aber auch leicht moͤglich, daß ſeine Frau vor ihm ſterbe, und dann beuge das wech⸗ ſelſeitige Teſtament allen Weiterungen mit ihren Verwandten vor. So raiſonnirte er auch ſpaͤter üͤber ſich, als die Freunde den Tod ihm ſchon auf den Lippen ſitzen ſahen. Das Teſtament uͤbrigens, da deſſen Faſſung Hoffmann gewiß Ehre macht, ſcheint der Aufbewahrung nicht unwuͤrdig, und iſt darum in den Beilagen mit abgedruckt worden. In der Mitte des April traf ihn ein harter Schlag. Hippel, der, wie Hitzig, faſt keinen Tag voruͤbergehen ließ, ohne ihn zu ſehen—(ſeine Weinhausgenoſſen hatten ihn zum Theil verlaſſen, ſeitdem er an das Krankenlager geheftet war; zum Theil waren ſie ihm zuwider geworden, und er hatte, wie bereits fruͤher bemerkt, freiwillig gelobt, den ſchlechten Umgang zu meiden, ſobald er wieder geneſen),— Hippel war genoͤthigt, in ſeine Heimath zuruͤckzufehren. Schon mehrere Abende hintereinander hatte er Hoffmann beſucht, um ihn mit der Naͤhe des Scheidens bekannt zu machen, aber nicht den Muth dazu faſſen koͤnnen. Seine Mißſtimmung war dem Kranken aufgefal⸗ len, und faſt jeden Abend der Gegenſtand ſeines Tadels geweſen; am meiſten den letzten vor der Abreiſe, den 14. April 4822. Hippel konnte Hoff⸗ mann die Wahrheit nun nicht laͤnger verbergen. Er gerieth daruͤber außer ſich. Es ſchien, als ob C 1⁰² der Schmerz ihm die laͤngſt verlorenen Kraͤfte wiedergegeben. Krampfhaft warf er ſich im Bette hin und her, mit dem Ausruf:„nein, nein, es kann nicht ſeyn! Du kannſt nicht reiſen, Du kannſt mich nicht verlaſſen!“ und dabei verweigerte er die ſchon halb erſtorbene Hand zum Abſchiede. Endlich gelang es Hippel, ihn von der Nothwendigkeit ſei⸗ ner Reiſe zu überzeugen; Hoffmann ward ruhiger, reichte ihm die Hand, ſprach von Wiederſehen, weinte,— was bei ihm eine ſeltene Erſcheinung,— bitterlich, und Hippel ging,— um den Freund nie wieder zu umarmen. Bald nach dieſem für ihn ſo ſchmerzlichen Ereig⸗ niſſe, richtete ſich Hoffmann jedoch, an der Kraft des eigenen Geiſtes wieder auf. Er fing nämlich an, die vielen Stunden, die er ohne Geſellſchaft und zum Theil in der Nacht ohne Schlaf zubringen mußte, damit auszufüllen, daß er einem Schreiber, der zugleich Krankenwärterdienſte verſah, und des⸗ halb immer um ihn war, dictirte, da nun eine totale Lähmung der Hände ſich eingefunden hattez und dieſe Beſchäftigung ergötzte ihn ſo ſehr, daß er eines Tages gegen Hitzig äußerte:„er wolle es ſich ſchon gefallen gern laſſen, daß er an Händen und Füßen gelähmt bliebe,— wenn er nur die Fähigkeit behielte, fort und fort dietando zu arbeiten.“ So wie etwas vollendet war, wurde es dem erwähnten Freunde zur Durchſicht übergeben, und wenn die⸗ ſer es loben mußte, triumphirte der arme Kranke darüber, daß noch ein ſo kräftiger Geiſt in dem Scherben von Körper wohne, und ſchöpfte aus der Geſundheit des einen, neue Hoffnung auch für die Geneſung des andern. Was Hoffmann übrigens in den letzten Monaten und Wochen dictirt, iſt zuerſt: Meiſter Wacht*), ſodann: des Vetters Eckfenſter**), ferner: die Ge⸗ neſung***); endlich: der Feind,— Fragment; †) da er faſt im Dictiren dieſer Novelle geſtorben. *) Dies Charactergemaͤlde, voll von Ruͤckerinnerun⸗ gen aus dem Bamberger Leben des Dichters, iſt in Breslau bei Max und Comp., in einer Sammlung von Erzaͤhlungen und Maͤrchen von Tiek, Steffens u. a. erſchienen. Hoffmann hatte es dieſem Verleger noch ſelbſt uͤberlaſſen, und wollte ihm den Feind(ſ. u.) hazu geben, um ei⸗ nen Band zu bilden. **) In den Beilagen. in) Desgleichen. Zu dieſer Erzaͤhtung: die Gene⸗ ſung, hatte Hoffmann die unbeſchreibliche Sehn⸗ ſucht veranlaßt, die er nach dem Gruͤnen, was ihm in geſunden Tagen ziemlich gleichguͤltig war, empfand, und in dem Monate ſeines Todes ei⸗ nigemal befriedigte. Ganz entzuͤckt kehrte er im⸗ mer von dieſen Jammerfahrten, wobei vier Menſchen ihn in den Wagen tragen mußten⸗ und er oft die heftigſten Schmerzen litt, heim. ꝛ¼) Eine koͤſtliche Reliquie, die in dem bei Schrag in Nuͤrnberg herauskommenden Frauentaſchen⸗ buch erſchienen iſt. Dieſe Produkte mögen ſelbſt für die Geiſteskraft ihres Verfaſſers reden. Nach dem Ermeſſen des Herausgebers, gehört einiges darunter zu dem Be⸗ ſten, was Hoffmann je geleiſtet. Einen noch merkwürdigeren Beweis ſeiner nicht zu erſchöpfenden Seelenſtärke mögen aber folgende Umſtände geben. Etwa vier Wochen vor ſeinem Tode wurde der entſetzliche Verſuch gemacht, ob nicht durch das Brennen mit dem glühenden Eiſen an beiden Sei⸗ ten des Rückgrats herunter, die Lebenskraft wie⸗ der zu erwecken wäre. Hitzig, durch unabwendbare Geſchäfte verhindert der Operation beizuwohnen, eilte, nach deren Beendigung voller Angſt zu dem Patienten, und kam etwa eine halbe Stunde nach⸗ her an.„Niechen Sie nicht noch den Braten⸗Ge⸗ ruch?“ rief ihm Hoffmann entgegen, erzählte mit der umſtändlichſten Genauigkeit die fürchterliche Pro⸗ cedur, fand es ganz natürlich, daß bei einem ſo exotiſchen Subjecte wie er, die Aerzte auch die exotiſcheſten Mittel verſuchten, und ſetzte hinzu: „während des Brennens ſey ihm eingefallen, daß der damalige Polizeiminiſter ihn plombiren laſſe, damit er nicht als Contrebande durchſchlüpfe.“ Noch ſpäter, in den allerletzten Wochen ſeines Lebens, hatte die Schleſingerſche Muſikhandlung auf Veranlaſſung eines in Wien, von einem gewiſſen Leidesdorff veranſtalteten Klavier⸗Auszuges aus dem 10⁵ Weberſchen Freiſchützen, ſeine Vernehmung als Sachverſtändiger über die Frage in Antrag ge⸗ bracht,„ob jener Klavier⸗Auszug als ein Nachdruck der Schleſingerſchen Original⸗Ausgabe zu betrachten ſey,“ und das Kammer⸗Gericht hatte Hoffmann’'s Freunde Hitzig deſſen Abhörung übertragen. Die⸗ ſer, der ſeinen, zu Zeiten ſchon der Agonie ähnli⸗ chen Zuſtand, am beſten kannte, wollte ihn mit der Sache verſchonen, erzählte ihm aber Geſprächsweiſe von der Berufung auf ſein Gutachten. Er ergriff den Gegenſtand mit vollem Eifer, erklärte, daß er ſein Zeugniß nicht verſagen möge, und gab ſein Ur⸗ theil über die zweifelhafte Rechtsfrage mit einer Beſonnenheit ab, wie ſie ihm in den geſündeſten Tagen eigen war. Zum Beweiſe deſſen, und da die Frage an und für ſich Intereſſe hat, iſt es nicht für unangemeſſen erachtet worden, einen Auszug aus dem betreffenden Protokolle in den Beilagen beizufügen. Etwa den 20ten oder 241ten Juny zeigten ſich die Vorboten des nahen Todes in der Unfähigkeit et⸗ was zu genießen, einer größeren Neigung zum Schlaf, als früher Statt gefunden, und einer Un⸗ luſt an den gewohnten Beſchäftigungen. Am 24ten Abends war er, wie früher bereits erwähnt, ſchon erſtarrt bis zum Halſe, und fühlte bis in dieſe Re⸗ gion des Körpers keinen Schmerz mehr.»Nun werde ich wohl bald durch ſeyn,“ rief er dem ihn 106 beſuchenden Arzte entgegen;„mir thut nichts mehr weh.“„„Ja wohl,““ erwiederte ihm jener, mit anderer Deutung,„„nun werden Sie bald durch ſeyn! 14⁴⁴⁶. Am frühen Morgen des 25ten Juny fingen die Wunden ſeines zerfleiſchten Rückens an heftig zu bluten. Seine Umgebungen ahndeten, was bevor⸗ ſtehe. Er rief den Schreiber und Wärter, und ſagte ihm etwas, was dieſer nicht mehr verſtand. Darauf trat die Frau an das Bette; er forderte, daß ſie ihm die gelähmten Hände in einander legen ſollte, und ſie will ihn dabei die Blicke gen Him⸗ mel richten geſehen, und gehört haben, daß er die Worte geſprochen:„man muß doch auch an Gott denken!“ Alles erwartete jetzt ſeine Auflöſung; aber noch einmal flammten die Lebensgeiſter auf; er ſagte ſpäter noch, er fühle ſich wohl, wolle heut Abend an der Erzählung, der Feind, weiter dieti⸗ ren, was er ſeit mehreren Tagen nicht gethan, und verlangte, man ſolle ihm die Stelle vorleſen, wo er ſteh'n geblieben. Seine Frau ſuchte es ihm auszureden, er ließ ſich im Bette umdrehen, mit dem Geſicht gegen die Wand gekehrt, verfiel in Todesröcheln, und als zwiſchen 40 und 41 Uhr Morgens nach Hitzig ge⸗ ſchickt wurde, der ſich in der Gerichtsſitzung be⸗ fand, und dieſer herbeiſtürzte,— fand er ſchon den Freund nicht mehr! Hoffmann's ſterbliche Reſte ruhen auf dem neuen Kirchhofe vor dem Halliſchen Thor zu Berlin. Die Stätte bezeichnet ein einfaches, aber geſchmackvol⸗ les Denkmal, mit der Aufſchrift: E. T. W. Hoffmann geb. Königsberg den 24ten Januar 1776 geſt. Berlin den 25ten Juny 41822 Kammer⸗Gerichts⸗Rath Ausgezeichnet im Amte als Dichter als Tonkünſtler als Maler Von ſeinen Freunden ——