Irar Arararrrnarrrnrnhr Leihbibliothek 5 von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. —„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. ¹ fl. 12 Kr. „,„, 30„ 1„„„ 45„ „ 7/, 36„,„„„„ aLanaranrEAnar rararr Rnmmenrrmr 8. 17 Heinrich —— Dritter Theil. „ Bürich, beij Orell Füßli ü: Comp 1820. Eugenia's Briefe. Dritter Theil. —— Schmerz und Freude liegt in Einer Schale; Ihre Miſchung iſt der Menſchheit Loos. Seume. An meinen lieben Sohn, den Herrn Paſtor Hiyz el in Leipzig. ————— ——..ͤͤͤͤ8ʒ8686868686868686»6»6»686»8G8G8G8GöGöö—, ———— —e, b Was verweilſt Du ſo lange, Ge⸗ V liebter meines Herzens! in dem ach wuarun ſo weit entlegenen Lande, jetzt einher wandelnd auf den Blu⸗ menauen lachender Freude und dann herum irrend in vem Dornenfelve der ſchmerzlichſten Leiden? Gedenkſt Du denn nicht mehr der heimathlichen Flur? nicht mehr des traulichen Kreiſes, den Du ſelbſt einſt mit Wehmuth, und Wehmuth verbreitend, verließeſt? Willſt Du ——— ———-ööͤöEööö ſie nicht wieder in ihre ſchimmernden Fruͤhlingsbluͤthen ſich kleiden ſehen, die Ufer des Sees, der ſo lieblich anfluthet an der alterthuͤmlichen Va⸗ terſtadt Mauern? Dich nicht mehr ergetzen an den ſanft rauſchenden Wellen der Limmat, noch an dem Glanze der herbſtlichen Sonne, wenn ſie mit den reinſten ihrer Strahlen die Himmelszinnen der Alpen ver⸗ goldet? Der noch uͤbrigen Lebenstage Dei⸗ „ ner Aeltern werden mit reißender Schnelligkeit minder, und heute wie morgen haͤlt der ernſte Tod ſeine Senſe gezuͤckt, daß er fuͤr und fuͤr ſchneide. Einer nach dem andern ſteigen ſie zu Grabe, die um die gleiche Zeit mit uns dieß Leben begruͤßten, und mahnen, eilfertig ſcheidend, auch uns an die Ungewißheit des Ueber⸗ reſtes unſerer irdiſchen Zeit! In ſolchen Toͤnen, mein theurer Sohn! klagt voll Verlangen nach . dem weit Entfernten aus dem aͤlter⸗ lichen Herzen die Liebe. Aber im Roſengewande ſteht auch die Hoffnung Deinen Geliebten in der Heimath zur Seite. Dieſe vom Himmel geſandte, des gebrech⸗ lichen Erdenſohnes getreueſte Freun⸗ dinn miſcht hellere Farben in das Gemaͤhlde und zeichnet mit leichter Hand uns eine offenere, frohmuͤthige Fernſicht. Ihr erſcheint am Saume des Horizontes er jetzt ſchon, der blinkende Freudenſtern, deſſen leiten⸗ dem Scheine Du folgen ſollſt auf die langwierige Ruͤckreiſe nach dem Lande, das Deinen Vater und Deine Mutter gebar und biederer Vorfahren Gebein deckt. Sie allein ſieht jetzt ſchon durch kaum noch daͤmmernde Nacht die Morgenröthe des Wonnetages herein brechen, der, wie ſie deſſen fuͤrdauernd ſich ſchmeichelt, in kur⸗ zem aufgehn ſoll, um mit dem ſchoͤn⸗ ſten aller irdiſchen Lichter Deiner Wiedervereinigung mit liebenden Ael⸗ tern und Geſchwiſtern zu leuchten. Und der Glaube? Nach einem unſer beyder Erwartungen und Plaͤne ſo freudig und traurig und beydes ſo wunderbar durchkreuzenden Gange unſeres Schickſals, wie ſpraͤche heute nicht er auch ſein kraͤftiges Wort? Er,„des Weiſen Staͤrke,“ wie der Dichter ihn nennt, erhebt ſich mit Uebermacht und alle Bekuͤmmer⸗ niſſe verſcheuchend uͤber jede andere a gibt, ob ſie nah' oder fern ſey, des Regung des Gemuͤthes, und uͤber⸗ Wiederſehns Wonne, voll Vertrauen auf Den, der bis hierher geholfen, Aeltern und Kinder, dieſe auf der glaͤnzendeſten Hoͤhe entwickelter Lebens⸗ und Jugendkraft, jene fuͤr die letz⸗ ten Lichtpuncte ihres bereits zum Un⸗ tergange ſich neigenden Daſeyns, ei⸗ ner und derſelben, unſer jetziges und zukuͤnftiges Loos weiſe ordnenden, allwaltenden Huth. ——— QMxan ʃ den ˙˙·⁵d·yEßd— Dieſe ruhige Ergebung in alles, was die Vorſehung, ſie gebe nun oder ſie nehme, ſie beſchleunige die Erfuͤllung unſerer Wuͤnſche oder ſetze dieſelbe in die ungewiſſeſte Zukunft hinaus, dem Sterblichen fendet, dieſe laß uns, geliebteſter Sohn, mit Muth und ſtandhaftem Sinne bewahren! Sie muͤſſe unſeren Pfa⸗ den ein hell leuchtendes, alle Schat⸗ tenbilder des Zweifelns und der Ver⸗ zagtheit zerſtrenendes Licht ſeyn und in unſeren Herzen ihren beſtaͤndigen Wohnſitz aufſchlagen, als eines jener edleren Guͤter, welche der Zeit und ihren Zerſtoͤrungen nicht unterwor⸗ fen ſind!. Unter dieſem dreyfachen, troſtrei⸗ chen Geleit aber von Liebe, Hoff⸗ nung und Glaube moͤge dieß Freun⸗ deswort, im ſchoͤnſten Erwachen des Mays zu Dir, dem Erſtgeborenen unſeres Hauſes und der Hauptſtuͤtze unſeres ſteigenden Alters, geſprochen, 2 a võgéͤôͤéͤqgqgqgqqgͤͤͤ— ———’—’’——— vom Fuße des Uto nach des Sach⸗ ſenlandes heiteren Fluren hinwandern und mit demſelben dieſe Frucht mehr⸗ jaͤhriger Mußeſtunden Dir mit nim⸗ mer weichendem Wohlwollen geweiht ſeyn Zuͤrich, am 1 May 1820. von Deinem getreuen Vater, H. Hirzel. Vorwort. Da der Zweck dieſes dritten Bandes von Eugenia's Briefen kein anderer ſeyn ſoll, als derjenige, welcher ſich in der Vorrede zu den beyden erſten Theilen klar genug angegeben findet, ſo kann der Verfaſſer jetzt, da er nach einem Zwiſchenraume von bald zehn Jahren es nochmahls wagt, vor ſeinen wohlwollenden Leſern zu erſcheinen, XVIT ſich auf ein einziges, kurzes Wort an dieſe beſchraͤnken. Es iſt ein Wort der angelegentlichen Bitte, die dahin geht, daß man bey einer Schrift, welche aus Wahrheit und Fantafie, man moͤchte ſagen, zu gleichen Theilen zuſammen geſetzt iſt, ſein Beſtreben nicht darauf gerichtet halte, fuͤr jeden in derſel⸗ ben vorkommenden Umſtand die Erklaͤrung in einer bekannten und wirklichen Welt und zu jedem in dieſen Aufſaͤtzen theils auf laͤngere Zeit, theils gleichſam im Fluge vorgefuͤhrten Weſen das Urbild unter den zur Stunde Lebenden oder auch kuͤrzlich —=— XVIIT Verſtorbenen dieſes oder jenes Landes der Erde zu ſuchen und zu bezeichnen. Auch in Abſicht auf Loealitaͤten und Zeiten, derſelben Zuſammenhang u. ſ. w. moͤge man es um ſo weniger genau nehmen, da der Leſer, der, dieſem Verlangen entgegen, ſich allzu aͤngſtlich um ſolche Nebendinge bekuͤmmern und dadurch zum Weſentlichen erheben wollte, was dem groͤßern Theile nach bloße Einkleidung iſt, ſich zugleich dasjenige, welches die Hauptſache aus⸗ macht und ausmachen ſoll, auf eine fuͤr ihn ſelbſt eben ſo wenig als fuͤr den Nutzen, welchen der Verfaſſer hier und da mit XVIIT ſeiner Schrift zu ſtiften hofft, wuͤnſchbaꝛe oder erſprießliche Weiſe aus den Augen zuͤcken wuͤrde. Zürich, im April 1820. gnhalt. Er Re Abtheilun g. Aus Eugenia's Deutſchem Tagebuch. I. Der Winterbeſuch bey Conſtantia. Seite 1. Die Reiſe durch die Winter⸗ natun 1— 9 2. Das Innere des Tempels der Freundſchaft 10—13 3. Der Brief aus der Ferne 14—25 4. Der Thierfreund 26—33 5. Die Todtenopfer 34—48 6. Die letzte Sonne des ſcheiden⸗ den Jahres 49— 54 II. Der Gottesacker 55— 85 III. Das Heimweh. Träume im Wachen geträumt 87— 120 IW. Der Naturforſcher 121— 150 ———— õÿ⅓u‧ ——— Zweyte Abeheilung. Aus Uſendohms Brieftaſche. I. Das Wiederſehn auf dem Weihßenſtein. An Theodor. 3 Seite r. Begleitſchreiben an Theodor 155—157 2. Naturanſichten von der Höhe des Weißenſteins, nebſt eini⸗ gen Bergbetrachtungen 158— 172 3. Wie ein Theil der Reiſenden von Zürich aus auf den Wei⸗ fenſtein aolanato 7— 3 4. Freundesbetrachtungen über Freundſchaft 204— 216 5. Aus dem hellen Tage wird ein trüber Abend 217— 221 6. Die Reiſe im Traume 222— 229 7. Das nächtliche Ungewitter 230—252 8. Der Träumer, der nicht träumt 235— 236 II. Heſperien. Jenſeits des Gries⸗Gletſchers, unterhalb Formazza. An Conſtantia 257—244 Seite III. Der Mittagstraum. Gegen Crevola hinab, im Thal von Formazza. An Conſtantia 245— 252 Dritte Abtheilung. Aus Eugenia's Italiäniſchem Tagebuch. Erinnerungen aus Etrurien. An Conſtantia. r. Gedanken über Kirchen. Pre⸗ digt des frommen Antonio zu Santa Croce 257— 263 2. Des frommen Antonio Tod 264—268 3. Die Grabesruhe 269— 275 4. Der Auferſtehungsmorgen 276—289 5. Der Lungarno 290— 322 6. Der Abendgang durch die Stadt nach dem Lande 325— 331 7. Wer Palmajola bewohnte 332—339 8. Roſen mit Thränen getränkt 340— 344 9. Auch Marien hatte Tomaſo und ſein alternder Vater geliebt 345— 351 10. Sehnſucht und Troſt 35²2— 359 11. Quiete. Ruheſtätten für gebendige und Todte 360—371 12, 13. 14. 152 16. 17. Seite Die Abendunterhaltung un⸗ ter dem Lorberbaum 372—387 Die Paulinens⸗Roſe 388—393 Einladung nach Süden 394— 399 Vorempfindungen der Zu⸗ kunft. Die Anſprache aus jener Welt. Jahresfeyer von Paulinens Hochzeittag 4⁰0— 415 Ihr Abſchied von dieſer Welt 416— 424 Ihr Grab auf dem Kirchhofe zu Caſtellino 425—432 Erſte Abtheilung. Aus Eugenia's Deutſchem Tagebuch. T7EI. 4l J. Der Winterbeſuch bey Conſtantia. . am Bodenſee, 1 Jenner 281., Zwiſchen dem Alten, Zwiſchen dem Neuen, Hier uns zu freuen Schenkt uns das Glück. Und das Vergangne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu ſchauen, Schauen zurück. v. Göthe. 1* Die Reiſe durch die Winternatur. Auch dem geſtrigen Tage ſollen wegen ſeines Reichthums an eben ſo ernſten als angenehmen Erinnerungen einige dieſer Denkblätter ge⸗ weiht ſeyn. Zu einem Winterbeſuche bey ſeiner über alles geliebten Conſtantia hatte Uſendohms lockender Ruf uns Schweſtern aus der Stille der Heimath, nach einer ſeiner Beſitzungen an der Deutſchen Seite des Bodenſees, auf den Schlußtag des Jahres geladen. Der Ausflug ging zwar et⸗ was in die Weite; doch ſahen wir uns nach einer Fahrt von anderthalb Tagen dem Ziele 3 derſelben ſchon ziemlich nahe gerückt. Der kühne Gedanke, die Reiſe, von der noch etwa eine Meile übrig ſeyn mochte, zu Fuße zu vollenden, ward mit weiblich leichtem Sinn, aber auch mit der unſerm Geſchlechte eigenen Beharrlichkeit ins Werk geſetzt. Die Kälte blieb fürdauernd um deſto gelinder, da ſich der ſcharfe, zu dieſer Zeit die Herzen der Thäler und Berge gewöhnlich bis in ihr Innerſtes durchdringende Rordwind ſeit einigen Tagen faſt gänzlich gelegt hatte. Inzwiſchen war, der unwandelbaren Ordnung der Schöpfung zu Folge, die Natur in ihre tiefſte Winter⸗ ruhe, aus welcher kein Aufwachen mehr mög⸗ lich ſcheint, eingegangen. Des Bodenſees Ufer, in milderer Jahrszeit ein frohmüthiger Schau⸗ platz der beweglichſten Thätigkeit und des reg⸗ ſamſten Fleißes, waren zu ſchauen wie verlaſſene Wüſten; und die Straße denſelben entlang, — 7 wie ſie ſonſt von geben und Verkehr wimmelt und von mannigfacher Bewegung: ſo ſchien ſie beute höchſtens für eine flüchtige Schlittenfahrt, außer dem aber für kein lebendiges Weſen ge⸗ zogen zu ſeyn. Ein Nebel, den die kraftloſere Winterſonne längſt nicht mehr zu zerreißen vermochte, hielt den Seegeſtaden nach die Hügel belagert, und hatte Waſſer und Land in dieſelbe unangenehme Froſtfarbe eingehüllt. Halb verſiegend hörte man unter hohlen Eisdecken und Eisgewölben die Bäche von dannen rollen, und wo etwa ein Dorf oder Weiler der Einförmigkeit der langen Reiſelinie durch den ärmlichen Reiz ei⸗ niger Abwechslung zu Hülfe kam, da ſchienen die Bewohner entweder, gleich unſtäten Wander⸗ vögeln, nach mildern Himmelsſtrichen entwichen zu ſeyn, oder ſie waren nicht anders als ver⸗ ſtohlener Weiſe und hinter enge verſchloſſenen Gitterfenſterchen ſichtbar. Uns aber koſtete es hier und da Mühe, den ſchmalen, einem tiefen Schnee kümmerlich abgewonnenen Fußpfad zu verfolgen, der ſeitwärts von der Hauprtſtraße in jenen Wintertempel der Freundſchaft, a 8 deſſen Altar dem vevſinkenden Jahre der lette Scheidegruß gebracht werden ſollte, hinein führt. Erſt nach einem zweyſtündigen, unfer beyder Kräfte ſchon durch ſeine Neuheit etwas ſtärker in Anſpruch nehmenden Gange lag uns das nebelumflorte Ziel unſrer Reiſe, als ein nicht ohne Mühe errungenes Eldorado, vor Au⸗ gen. Doch ſd erwünſcht es uns war, den er⸗ ſehnten Landſitz endlich zu betreren, ſo fanden wir gleichwohl auch in ſeinen Umgebungen allen die Zeichen der kälteren Jahrszeit unter man⸗ nigfachen Geſtalten zuſammen gedrängt. Kaum daß wir, zwiſchen den vielerley ſeltſamen, von den Fenſterſcheiben der Freundeswohnung zu uns hernieder flimmernden Eisgebilden hin⸗ durch, das holde Antkitz der unſrer Ankunft mit Sehnſucht harrenden Conſtantia zu unterſcheiden vermochten; in die Freye aber oder über die reif⸗ umkränzten Geſtade des Sees hinaus drangen, durch die laſtenden Wolken beengt, unſere Blicke vollends nicht. Ueber den weitlauftigen Blumen⸗ garten am Hauſe und alle ſeine nahen und entferntern Frühlingshoffnungen hielt die Natur ihr unermeßliches Todrentuch ausgefpannt, und 1 9 eine Quelle, die, vom Mittelpunete des Gar⸗ tens, in den heißen Sommertagen Kühlung und Friſche verbreitet, hatte ſammt ihrem er⸗ getzlichen Gemurmel in dem ſtrengen Froſte der letzt abgewichenen Woche ihr Grab gefunden. In den Obſtgärten, die Uſendohms Landſitz umdunkeln, und die in heiterer Frühlingszeit ein luſtiger Chor melodiſcher Sänger durch⸗ jubelt, ſah man jetzt unter verſtummten Kehlen den zudringlichen Sperling die Alleinherrſchaft üben, und zwiſchen entblätterten Wallnuß⸗ wipfeln, unter eintönigem Schreyen, die Krähe den Fiktich verbreiten, indeß Reif und Schnee die Verſchlingungen der Hängeweiden am Ein⸗ gange des Hauſes danieder drückte, und träge ſich wälzend der Rauch von den hohen Schorn⸗ ſteinen über die ſchwarzen Dachungen wegzog⸗ — 10 2 Das Innere des Tempels der Freundſchaft. So wenig anziehend die Umgebungen waren, unter denen der ländliche Wohnſitz des befreun⸗ deten Paares von außen ſich darboth, ſo an⸗ genehm und wohlthuend für Sinn und Gemüth erſchien uns die Freundlichkeit und Wärme, welche durch und durch das Innere desſelben beherrſchte. Uſendohms Vater, durch ſeine Kinder, wie nur wenige Aeltern, beſeligt, und vom fern⸗ ſten Lebensziele, an das einem Sterblichen zu gelangen vergönnt iſt, mit dem Frohſinn eines eben erſt in die Freudenbucht ſeiner Glückſelig⸗ keit eingelaufenen Jünglings hinſchauend auf Lerüher geſchwundene Geſchlechter und auf 11 werdende und gehende Welten, dabey ausge⸗ ſtattet mit einem Reichthume mannigfacher Er⸗ fahrung, übrigens ganz anſpruchlos und auf die ihm, wer weiß, wie nahe, bevor ſtehende letzte Veränderung ſeines Wohnortes vollkom⸗ men gefaßt und gerüſtet. Nächſt ihm Conſtan⸗ tia, in der Weiblichkeit höchſtem, jetzt gerade völlig entfalteten Glanze, geſchmückt mit hohen Vorzügen des Herzens und Geiſtes, einem un⸗ nennbaren Entzücken im Schooße an der Seite des Auserwählten, dem ſie, Aeltern, Freunde und Heimath verlaſſend, an der Hand der Liebe in ferne Lande gefolgt war. Als ihr unzer⸗ krennlicher Freund und Gefährte Uſendohm ſelbſt, erſt vor wenigen Jahren aus dem blü⸗ henden Jüngling zum kräftigen Manne er⸗ wachſen, mit Wonne hinblickend auf den ſtrah⸗ lenden Stern, den ihm Gottes Finger, ihn für ſein ganzes Leben zu beglücken, im entlegenen Norden entzündet. Dann auch noch ſein Schweſterchen Anna, ein holdes, von Feuer und Regſamkeit überſprübendes, aller guten Eindrücke höchſt empfängliches Kind, das, kaum noch vom zwölften ſeiner Jugendfrühlinge be⸗ 12 grüßt und von eitel goldenen Fantaſien und Träumen umgaukelt, jetzt eben flüchtigen Trittes aus dem froheſten in das glänzendſte ſeiner Lebensalter eintritt;— und endlich der kleine blondlockige Heinrich, Uſendohms ſprechendes Ebenbild und als ſolches ſeines Vaters und Großvaters unausſprechliche Luſt:— dieſe fünf Weſen bildeten nebſt uns Schweſtern einen engen, gemüthlichen Kreis, in dem ſich, vom ehrwürdigen Greiſe am Stabe bis hinab zu ſeinem unmündigen Enkel, der erſt noch in verworrener Ahndung der künftigen Dinge binein in die Welt ſtaunt, das Menſchenleben nach allen ſeinen Abſtufungen in kräftigen Bildern darſtellte, und für welchen in dieſen Winterabendſtunden ſich an der munter auf⸗ lodernden Flamme des Kaminfeuers ein ver⸗ trauter, zumahl uns erkälteten Wanderern ſehr willkommener Mittelpunct vorfand. Mancherley ward jeht nach dem erſten herz⸗ lichen Willkommen von unſeren Gaſtwirthen mit gefällig erfinderiſchem Sinne ausgedacht, um die letzten Stunden des Jahres, deſſen Nach⸗ folger der Herr der Zeiten ohnehin ſchnell genug 15 am Horizonte herauf führte, noch ſchneller zu vertreiben. Ein Brief von Conſtantia's Mutter, aus der Vaterſtadt um Weihnachten geſchrieben, und darauf berechnet, daß ihn gerade der Schluß⸗ tag des Jahres den über alles geliebten Kindern in die Hände legen ſollte, erſchien zur beab⸗ ſichtigten Stunde, und erweckte in der ganzen Haushaltung Freude und Jubel. Der Groß⸗ vater war eßn welcher zuerſt die frohe Kunde erſpäht hatte, und den Brief, trotz den Achtzi⸗ gen, die er zahlt, dem horchenden Kreiſe, un⸗ bewaffneten Auges, mit Ausdruck und Feſtig⸗ keit vorlgs, Er lautete alſo: 14 3.. Der Brief aus der Ferne. —— „Was iſt es, Ihr, die ihr mich fern liebt, daß die Sonne ſo früh und auf verkürzter Bahn ſich hinter die nachbarlichen Hügel zurück zieht? Welche Bothſchaft verkünden die Har⸗ monien der Glocken, die in heiterer Abend⸗ ſtunde hin und wieder hallen von Berge zu Thal und vom Thal zum Gebirge? Und das fröhliche:„Du bamſt zu uns auf Er⸗ „den!“ das, als Erinnerung an jene Heil bringende Wundernacht, aus dem Munde des Sängervolkes zu den Einſamkeiten meiner Wohnung heran tönt, was ſoll es bedeuten?“ „Es weiſen, geliebte Kinder„dieſe Erſcheinun⸗ gen von Geſang und Glockenton und überfrüh⸗ zeitigem Scheiden des Weltlichts alle auf Eins hin. Sie ſind es, die im Einklange mit einen 25 geheimen, in meinem Innern ſich erhebenden Stimme bald leiſe, bald lauter es kund thun, daß ſchon wieder ein Zeittheil, dergleichen unſer flüchtiges Leben kaum funfzig oder ſechzig, wie ſelten mehr und wie oft ihrer lange nicht ſo viel! zählt, vorüber geſchwunden, daß aber⸗ mahl ein Jahr mit ſeinen Licht⸗ und Schatten⸗ partien, mit der ganzen Reihenfolge ſeiner Tage und Nächte im Begriffe ſey, ſich zu be⸗ graben in den Wirbel des von Anfang der Welt ber in beſtandloſer Flucht von dannen treiben⸗ den Zeitſtroms.“ „Die Nähe aber dieſes wichtigen Wechſels, dieß ernſte, beſonnene Stehen auf der Grenze zwiſchen Jahren, die vorüber gingen, und dem Jahre, das ſeyn wird, mahnt und dringt mein bewegtes Gemüth, über weite Räume hinweg, mich noch einmahl dahin zu verſetzen, wo ich am liebſten verweile, unter Euer ländliches Dach und in Euere Nähe. Sie heißt mich aber auch mit dankbarem Sinne nochmahls alles deſſen gedenken, was im Lauſe des entweichen⸗ den Jahres der Herr unſerer Tage mir mit Euch und durch Euch an füßen, durch keinen trübenden Umſtand verkümmerten Genüſſen in ſo überreichem Maße beſchert hat.“ „In dieſem Jahre wäre mir denn wirklich, in Folge eines kühnen, meiner ſelbſt und meiner Unentſchloſſenheit gleichſam ſpottenden Entſchluſ⸗ ſes, die Freude zu Theil geworden, ins Werk zu ſetzen, was bis jetzt bloß meine Einbildungs⸗ kraft, dieſe aber ſo häufig und in tauſend For⸗ men, mir vorzuzaubern bemüht war.“ „In einer Reihe geflügelter, unter den an⸗ genehmſten meines Lebens ſich in reizender Geſtaltung heraus hebenden Sommertage ſah ich in Deinem zweyten Vaterlande, ge⸗ liebte Conſtantia, Dein Herz und das Herz Deines Gatten vor meinen gerührten Blicken ſich bis in ihr Innerſtes aufthun. Ich ward ein theilnehmender Zeuge der Glückſeligkeit, welche ein zarter, alle Verhältniſſe des Lebens verfei⸗ nernder Sinn, und Gemüther, deren Reinheit nie ein unedler Gedanke getrübt hat, nahe und fern über den Kreis Eueres Wirkens verbreiten. Es war mir vergönnt, Euch zu deobachten im ntillen Zuſammenſeyn mit einem würdigen, ſein zweytes Leben unter dem Schuhe Eueres Bünd⸗, 17 niſſes beginnenden Vater und im Friedens⸗ Freiſe geliebter, in Euerem Glücke ſich ſelbſt beſeliget fühlenden Geſchwiſter. Vor allen aber, geliebtes Kind, habe ich in Deiner Zärt⸗ lichkeit die Sonne ſeines irdiſchen Heils jenem hoch beglückten Jünglinge ſtrahlen geſehen, der vor allen Töchtern feiner Heimath Dich Ferne zur Lebensgefährtinn erkoren, durch deſſen Schickſal die Vorſehung, wunderbar fügend, auch meine größte Hoffnung erfüllt, und der, wie der Dichter ſagt:„weil Du es wür⸗ „dig wareſt, daß Du liebteſt, ſelbſt „Dich die Liebe gelehrt hat.“ „Und ſo ſteht ſie denn, in dieſer der Er⸗ innerung geweiheten Stunde, als ein heiteres Gemählde mir wieder vor Augen, jene ſchöne Sommerzeit, die mir in fremden, aber ſchnell einheimiſch gewordenen Welten, in dem Ely⸗ ſium Euerer Freundſchaft und Eintracht dahin ſchwand: und jene Sternennächte, voll ruhiger, das Gemüth aufwärts ziehender Klarheit, deren Glanz mich mit gedoppelter Luſt erfüllte, weil er an Euerer Seite, ihr Lieblinge meines Her⸗ zens, mir aufging.“ 18 „Mir iſt, als vernähn ich noch heute das Geflüſter der Silberpappel, die, den Friedens⸗ tempel Euerer Liebe umſchattend, vor den Fenſtern Deines Sommeraufenthaltes, Conſtan⸗ fia, aufgrünt; ſie bebt noch jett mir entgegen, die Weymuthsſichte, zwiſchen deren zarten Zwei⸗ gen hindurch die Morgenſonne Deinem ſtillen Schlafgemach leuchtet. Ich hör' ihn noch ſäu⸗ ſeln, den freundlichen Weſt, wie er aus be⸗ kannter Ferne zu Dir her wallte, nach Deines zweyten Vaterlandes geſegneter Flur.“ „Erneuert in lieblicher Färbung ſtehen auch ſie wieder vor mir, jene Tage froher, mit⸗ unter banger Erwartung, in denen Dein ſeh⸗ nendes Mutterherz und mit ihm das meine die Wagſchale mit Wonne auf Seite der Hoff⸗ nung unverkennbar ſich ſenken, und mit jeder Woche die Gewißheit ſich verſtärken ſah, daß es leiſe heran ſchwebe, jenes noch unſichtbare Weſen, nach deſſen Ankunft unſer aller Liebe inbrünſtig verlangte.“ „Vor allem aber geht mir jener heitere Maptag wieder in klare Gegenwart über, der in Augenblicken hohen Entzückens unſeren leben⸗ 19 digſten Wunſch mit einer glänzenden Erfüllung bekrönte, und Freudenthränen hervor lockte auf die Wange des väterlichen Greiſes, der, als ein zweyter Simeon, ſeinen Herrn pries, daß er ihn einen ſolchen Jubeltag ſeiner Familie und dieſe Verherrlichung ſeines Stammes in ſo hohem Alter mit leiblichem Auge noch habe ſchauen laſſen.“ „Und wie ſollte ich jener Stunde vergeſſen, wo ich mit friſch belebter Einbildungskraft, mit ermanntem Gemüthe und das Gedächtniß mit neuen, ſchönen Bildern bereichert, von der weiten Reiſe wieder eintrat in den Kreis der von der Liebe Ungeduld geängſtigten Meinen, und mit Wahrheit es allen unſern Freunden bezeugen konnte, daß jenes Wonneleben im weit entlegenen Lande kein bloß geträumtes, kein Luftgebäude einer nach Willkür ſchaffenden Fantaſie ſey, ſondern wirklich gelebt und ge⸗ noſſen werde, und jeden Morgen und Abend ſich erneuere mit unendlicher Luſt!...“ „So mancher andern erfreulich denkwürdigen Zeit, deren Licht der Herr des Schickfals wir 20 im Laufe dieſes Jahres hat ſcheinen laſſen, nicht einmahl zu gedenken.“ „Aus all dieſen leuchtenden Puncten meines Lebens aber hat ſich ſchnell und unvermerkt das Jahr gebildet und zuſammen gefügt, von deſſen Grenze an dem heutigen Tage dieß Wort meiner Liebe zu Euch hinfliegt.“ „Schon iſt, wenn Ihr ſolches leſen werdet, der Augenblick des wichtigen Uebertrittes vor⸗ handen. Möge er für Euch unter günſtigen Vorbedeutungen erfolgen und die Tage und Monden der friſch beginnenden Zeit auch einen erneuerten Reichthum von Freuden über Euch, ihr Günſtlinge des Schickfals, ergießen! Es müſſe der kommende Lenz Euch in erhöheter Schönheit erſcheinen, weil ſeine Sonne fort⸗ hin auch dem holden Erſtlinge Euerer Liebe entgegen ſtrahlt, und goldener die Früchte des ihm nacheilenden Sommers und Herbſtes Euch winken, in Erwartung der noch erfreulichern Ernte, die bald auch der Acker, den Euere älterliche Sorgfalt von nun an zu bauen hat, liefern ſoll! Er ſelbſt aber, der aufblühende Schutzengel Eueres Bundes, als die herrlichſte 81 der Pflanzen, womit die Huld des Herrn den Freudengarten Euerer Liebe geſchmückt hat, müſſe wachſen und zunehmen an Geiſt, Ge⸗ müth und Kräften des Leibes, zum Ergetzen Eueres Hauſes, zu Eueres eigenen, ſpätern Alters täglich ſich mehrender Luſt und zur Wonne des geliebten Greiſes, der durch den neuen Ankömmling ſelbſt noch einmahl auf den flüchtigen Schauplatz des Lebens zurück tritt.“ „Und was ſpräche von guten Wünſchen mein Herz vollends gegen Ihn aus, dieſen Euch ſo nahe befreundeten, holdſeligen Neſtor? Be⸗ neiden möchte ich den Ueberglücklichen, welchem deſchieden iſt, im Schatten des Baumes, den er ſelbſt gepflegt und groß gezogen, ruhig und aller irdiſchen Sorgen enthoben, das Ende ſeiner Tage zu erwarten. Noch lange möge bieſer erquickende Schatten ihm grünen; und wenn ſich der Uebergang, der unſer aller war⸗ tet, auch für ihn einſt bereitet hat, dann müſſe fein Genius ſchnell und leiſen Trittes mit ihm entſchlüpfen, daß er den Schmerz nicht fühle, von den trauten Gefährten ſeines Lebensabends, wenn auch auf kurze Zeit nur, zu ſcheiden. 22 Hier hielt der Greis einen Augenblick inne. Von ſolcher Liebe fühlte ſein Gemüth ſich mäch⸗ tig ergriffen; die Stimme ſank ihm, und ſeiner Rede fing es an, an Kraft zu gebrechen. „Uns Aeltern— ſo las er mit bald wieder hergeſtellter Faſſung dann weiter— uns Ael⸗ tern iſt hiernieden keine größere Aufgabe vor⸗ gelegt, als das Wohl des Geſchlechtes, das da heran wächſ't, und allernächſt der unſerer Sovge vertrauten Kinder zu gründen. Um das Werk ihrer Bildung kräftig zu fördern, um ihnen frühzeitig zu dem Beſitze ſolcher Güter zu verhelfen, an denen kein hungriger Wurm zehrt und kein ätzender Roſt nagt, und die von uns nicht weichen, wenn einſt die Sinnen⸗ welt mit ihren Erſcheinungen ſchwindet; zu dieſem Zwecke, nicht aber um mit karger Hand und beengtem Gemüthe bloß ſolche Schätze zu häufen, über welche der Tod in kurzem ſeine froſtige Hand ſchlägt, ſollen wir die Gaben des Himmels und unſern Reichthum verwenden. Gibt es doch für uns vom Rande der Ewig⸗ keit keinen entzückendern Rückblick als den⸗ jenigen nach den Wohnſitzen glückſeliger, die 25 Treue derer, die ſie bis an das Ende ihrer Tage in Sinn und Herzen getragen, hoch⸗ ſchätzender Kinder! Steht das wichtige Gebäude der äußern und innern Wohlfahrt dieſes lieben kommenden Geſchlechtes einmahl vollendet, ſo ſäumt das Auge, das ſeit Jahren und Jahr⸗ zehenden auf jenen Bau gerichtet geweſen, nicht lange mehr, ſich im Frieden zu ſchließen⸗ Euer Lebensziel hingegen, geliebteſte Kinder, liegt, nach menſchlicher Wahrſcheinlichkeit, in noch weiter Entfernung. Billig follen denn wir Aeltern auch bey der Einleitung Eueres irdiſchen Looſes, ſo weit als dieſelbe in unſerer Hand liegt, ungleich mehr auf die Dinge unſer Augenmerk richten, welche Euch frommen und Eueren Lebenspfad verſchönern und ebnen kön⸗ nen, als aber auf das, was unſern Wünſchen für die eigene, noch übrige Lebenszeit zuſagt.“ „Dieſe Anſicht, Conſtantia, hat in Verbin⸗ dung mit dem, was mir außerdem noch mein Mutterherz eingibt, auch mich in meinem Benehmen geleitet, und mehr als einen harten Kampf mit ſich ſelbſt hat mein Gemüth, durch ſie gehoben, ſieghaft beſtanden.“ 24 „Mit Selbſtverläugnung und eines geheimen Widerſtrebens in meinem Innern nicht achtend, habe ich Dich, du Krone meiner Augen, an der Hand der Liebe ziehen laſſen nach den fernen Gefilden, ungewiß, ob Dein Schick⸗ ſal je wieder ſich dahin entwickeln werde, daß Ihr Eueren endlichen und bleibenden Wohnſitz in meiner Nähe werdet aufſchlagen können...⸗ Und wenn auch die Stimme der Natur ſich zuweilen gegen ſolchen Heldenſinn auflehnt, ſo ſpricht ſie im ſanfkeſten Tone, und ohne daß mir ein unruhiges Spähen nach dem, was es künftig mit Dir und Deiner Mutter noch ſeyn werde, die Gegenwart trübte.“ „Es ordnet aber auch die Zukunft in der Regel die Ereigniſſe ganz anders, als des Menſchen unſicherer, ihren Fügungen zuvor eilender Blick ſolches voraus ſieht. Du ſelbſt lieferſt hiervon durch den wunderbaren Gang Deines eigenen Schickſals das ſprechendſte Beyſpiel..“ „So fühle ich denn freylich auch jetzt, unter ſo manchen heißen Wünſchen, die mein lieben⸗ des Herz vom Scheidepuncte des entſchwindenden à 25 Jahres für Euer Wohlergehn zum Himmel empor ſchickt, jenes Verlangen hervor treten, welches die Wiedervereinigung mit Euch, als das köſt⸗ lichſte Erbtheil für den Reſt meines Lebens, mit Sehnſucht herbey ruft. Allein jener Wunſch ſteigt ohne allen Ungeſtüm auf, und ohne mehr das Gleichgewicht meiner Seele zu gekährden; auch geht ihm unausgeſetzt der Herz erhebende Gedanke zur Seite, daß die Erde nur Eine und überall des Herrn ſey; die Ausſicht in jene Welt aber für Jeden, der ihr mit un⸗ beſchwertem Gewiſſen entgegen blickt, hier und dort, im Süden und Norden, dieſelbe.“ „Unter ſolchen Gefühlen, Vorſätzen und Wünſchen, geliebteſte Kinder, dabey mit dem ſtäten Gedanken an Euch, mein höchſtes aller irdiſchen Güter, werde ich, in eben der Stunde, da in Euerem holdſeligen Kreiſe dieß mein Freun⸗ deswort laut wird, das alte Jahr ſich zu ſeinen Brüdern verſammeln ſehn, und den Anfangs⸗ morgen des neuen Cyclus begrüßen, wenn er mit Immergrün und Roſen, als den Sinn⸗ bildern Euerer Glückſeligkeit und ihrer Dauer ſich kränzend, am Himmelsbogen berauf zieht.“ — TII. 3 84 26 4. Der Thierfreund. Alzu ſchnell war das willkommene Schreiben aus der Ferne zu Ende. Es hatte Freude unter uns allen verbreitet; aber auch in mehr als Einem Gemüthe ſchmerzliche Erinnerungen an Menſchen und Zeiten hervor gerufen, die nicht mehr ſind. Ich ſelbſt hatte ſeit Athanaſia's Hinſchied kein weibliches Weſen mehr ſd ſchön und herzlich ſprechen gehört. Es war ihre großmüthige Selbſtaufoöpferung, ihr einzig für ihre Kinder lebender Sinn, ihre edle Würdigung der zeit⸗ lichen Güter, ihre Seelenſtärke und Innigkeit, die in dem Briefe ſo vielfältig ſich ausſprach. Roſalie blieb eine Weile in ſich ſelbſt ver⸗ ſenkt. Ihr hatte unter Anhörung der Zuſchrift 27 unabläſſig, vielleicht noch lebhafter als mir ſelbſt, das Bild der Geliebteſten unter den Ver⸗ klärten vor Augen geſchwebt. Und die Freundinn Conſtantia? Tief und von ganzer Seele ſchien dieſe den Werth des un⸗ ſchätbaren Kleinods, in deſſen Beſitz die Huld der Gottheit ſie durch das längere Leben ihrer Mutter geſetzt hatte, zu fühlen; dabey ſiel ihr aber der Gedanke an die weite Entfernung von einem ſolchen, eigentlich doch nur durch ſeine unmittelbare Rähe beglückenden Weſen deſto ſchwerer auf das Herz, und zumahl am Schluſſe der mütterlichen Anſprache ließ ſich bey ihr eine leiſe Anwandlung von Heimweh verſpüven, die nur der Hinblick auf Uſendohms, des Hochbe⸗ glückten, Freude ſtrahlendes Antliß und auf das in ſeinen Armen ſich wiegende Pfand ihres Bünd⸗ niſſes mit ihm wieder zu unterdrücken vermochte. Ueber die Maßen endlich beſeligt fühlte, durch die Stimme aus der Ferne, ſeine eigene preis⸗ würdige Lage von neuem erwägend, der bie⸗ dere Greis ſich, deſſen Worte zwar in dieſem Augenblicke nur wenige waren, der aber, im Gefühle ienes ſeltenen Glückes, das er auch 28 Conſtantia's Mutter ſo gern gegönnt haben würde, gerade jetzt noch um ſo inniger, und wo möglich mit noch gefälligerer Aufmerkſam⸗ keit, an den Kreis ſeiner Kinder, als an die ſicherſte Schutzwehr gegen alle Stürme des Le⸗ bens und Winters, ſich anſchloß. Bey dieſem neben ſeiner heitern Gutmüthig⸗ keit höchſt driginellen Alten möchte ich noch etwas länger verweilen. Es war nähmlich eben dieſer Mann, der in ſeinen menſchlichen Umgebungen ſich ſo liebens⸗ würdig erzeigte, zugleich auch ein erklärter Gön⸗ ner und Beſchützer der Thierwelt. Nahmentlich zogen die Geſchlechter der Vögel ihn an, und die Geheimniſſe und Zuſammenſetzungen ihres Haushaltes und Lebens. Es gehörte zu ſeinen angenehmſten Beſchäftigungen, den Kunſttrieben jener Thiergattung, den verbor⸗ genern Umſtänden ihres Familienlebens, ihren Verhältniſſen zur übrigen lebendigen Schöpfung nachzuſpüren, und die ganze Einrichtung ihrer Oekonomie zu erforſchen. Jede neue Ent⸗ deckung in dieſem unerſchöpflichen Felde pflegte er ſeinen Hausgenoſſen unter ehrfurchtsoller 29 Erinnerung an den Urheber aller dieſer Natur⸗ wunder kund zu thun. Seine nicht gemeinen Kenntniſſe in der Mahlerkunſt hatte er noch vor kurzem dazu benutzt und gleichſam darauf zuſammen gedrängt, alle ihm ſeit mehr als einem halben Jahrhundert bekannt gewordenen einheimiſchen Vögel, von dem Geyer an, der von hohem Felſenkamm ſeine Beute belauert, und der Weihe, welche die unermeßlichen Luft⸗ räume durchfurchet, bis zum niedlichen Weiden⸗ zeiſig und zur ſcheuen Grasmücke hinab, in Lebensgröße, in zwey ſein Arbeitszimmer be⸗ kleidende Gemählde zu ordnen. Kenner be⸗ wunderten an dem reichhaltigen und kurzweili⸗ gen Werte eine puncruche Lreue, eine ver⸗ traute Bekanntſchaft mit der Natur, viel Sinnreiches in den Gruppirungen und eine un⸗ ter all dem Gewirre durchgehends waltende, ver⸗ ſtändige Hinſicht auf der einzelnen Gattungen Treiben, Lieblingswohnorte und Nahrung. Die milde Herrſchaft, welche dieſer kunſt⸗ reiche Mann in dem kleinen Reiche ſeiner be⸗ fiederten, nach eigenem Gutdünken gewählten Unterthanen übte, trug täglich mit dazu bey⸗ 35 ihm den ohnehin nichts weniger als düſtern Abend ſeines Lebens noch mehr zu erheitern. unter ſeiner Huth lebten gerade dieſen Winter in ihres Bauers dunkler Wölbung, von ſeiner Hand ſorgfältig gewartet und mit ihrer liebſten Speiſe alle Tage gefüttert, zwey Schwarzköpfe den ſchönen Sommernächten, die ihnen die Kehle offnen ſollen, entgegen. Einer behenden Meiſenſchar gewährt in ſeinem eigenen Zimmer ein weitläuftiges, labyrinthartiges Gehäuſe den luſtigſten Tummelplaß und die ſtrengere Jahrszeit über hinreichenden Schutz vor Hunger und Kälte. Einen Storch ſogar hatte der Mann ſeit einigen Jahren förmlich unter ſeine Hausgenoſſen aufgenommen. Der Vogel, unter feines Pflegevaters gaſtfreundlichem Dache ein⸗ heimifſch geworden, und Afrika’s glühender Kuſten ſich längſt nicht mehr erinnernd, kam auch heute gegen drey Uhr geſetzten Ganges zu uns herein geſchritten, um den gewohnten abendleckerbiſen aus der Hand ſeines frey⸗ gäbigen Wirthes in Empfang zu nehmen, und gtellte ſich dann, nach einigen rauſchenden Flü⸗ gelſchlägen, ruhig in die ihm wohl bekannte 31 Scke tief hinter dem Kaminfeuer. Eben dieſer ſeltſame, doch uns nicht unwillkommene Haus⸗ freund war es auch, durch deſſen Eintreten der Greis, wie durch das Schlagen einer gewiſſen Stunde, ſich gemahnt ſah, daß es Zeit ſey, auch noch anderer geflügelter Geſchlechter unter dem erkälteten Himmel und auf der todten Flur zu gedenken. Mit reichlich ſpendender Hand ſtreute er ſofort einen Vorrath von Getreide⸗ körnern und Türkiſchem Weizen unter ein hierzu längſt auserſehenes Fenſter, und indeß die Blaumeiſen, Rothkehlchen und Finken es gierig umflatterten, und, die Scheiben zerpochend, ſich der willkommenen Gabe erfreuten, eilte er ſelbſt ins Freye yinaus, um, wie er im Januar und December täglich zu thun pflegt, einen Flug hungriger Krähen zu füttern. Auch dieſe harrten ihres Gutthäters längſt in nahen Baum⸗ wipfeln, und ſtürzten, ſobald die bekannte Lockpfeife ertönte, begierig nieder auf den Schneeteppich der ſtarrenden Flur, eine ſogar mit beſonderer Kühnheit auf die Schulter des milden Gebers, um aufs geſchwindeſte der Z2. Speiſe habhaft zu werden, womit er den Ta⸗ gen ihrer Noth ſo mitleidig zu Hülfe kam. „Das ſind— ſprach der ehrwürdige Alte, und wandte, indem er es ſagte, ſein anmuthiges Auge nach uns hin— das ſind von denen, die weder ſäen noch ernten, noch Vorräthe ſammeln, und die der Vater dort oben dennoch ernährt. Mir iſt es vergönnt, hierbey eines ſeiner, zwar ſchwachen, aber bereitwilligen Werkzeuge zu ſeyn. Deſſen freut ſich mein Herz. Auch weis ja— ſeßte er halb leiſe hinzu — keines aus uns, was ſelbſt aus ſolchen Geſchöpfen und Kräften dereinſt noch werden⸗ mag!“**— Er führke uns dann durch ſeine Künſtler⸗ werkſtätte von dem Ausfluge des Wohlthuns, auf den wir ihn begleitet hatten, wieder zurück an den willkommenen Flammenherd. An der Schwelle ſeines Muſeums brüſtete ſich uns ein langhalſiger Moorreiher entgegen. Dieſen hatte er mit folcher Kunſt ausgeſtopft und ſo täuſchend gerüſtet, daß wir anfänglich glaubten, derſelbe käme wirklich von ſeinem heimathlichen 33 Strande heran geflogen. Er ſtand aber auch in der That da, wie lebendig. „Eines fehlt noch— ſagte lächelnd der Greis— daß er die Augen nicht rührt; aber die ſeßzt ein Anderer in Be⸗ wegung!“ 5. Die Todtenopfer. Na⸗ſ demjenigen, was Conſtantia, außer dem Schreiben der Mutter, von ihrem reichen Briefſchatze uns im Vertrauen noch mittheilte, gewährte uns auch der Rückblick auf die Er⸗ eigniſſe des zu Ende gehenden Jahres eine das Gemüth zwar zu ernſtem Nachdenken aufregende, aber nichts deſto weniger anziehende Unterhal⸗ tung. So vieles hatte ſich ſchon innerhalb unſeres eigenen beſchränkten Geſichtskreiſes wäh⸗ rend jenes Zeitraumes neu und ganz anders geſtaltet; häufiger als ſonſt hatte der Tod in unſern eigenen Umgebungen, nahe und fern, die ſchmerzlichſten Wunden geſchlagen, und mit mancherley eigenthümlichen Formen und über⸗ raſchendem Eingreifen in die gewohnte Ordnung 35 der Dinge ſein Erſcheinen bezeichnet. Vor⸗ nehmlich auf dieſen Punct blieb durch ſtill⸗ ſchweigenden Einklang der Neigungen und Gedanken unſer Geſpräch eine Zeit lang gerichtet. Es war ihm unmerklich erloſchen, das Licht ſeines Lebens, dem jahrebelaſteten Greiſe, der weit über das Ziel einer menſchlichen Lauf⸗ bahn hinaus in den alterthümlichen Geſchichten ſeiner Vaterſtadt fortlebte, nicht vermuthend, daß gerade in dieſen Tagen das Buch ſeiner eigenen Thaten ſich ſchließe. Der gute Mann, von einem ſeinem Alter nicht fremden Wahne berückt, wollte bis an ſein Ende von keinem ihm bevor ſtehenden Wechſel des Daſeyns das Mindeſte hören, und blieb beharrlich jeder auf ein allmähliches Schwinden der Kräfte hin⸗ deutenden Veränderung ſeiner Lebensweiſe und ſeines Haushaltes abhold. Er ſprach als ein Zwey und Neunziger am liebſten von einer Bekannten, der zum vollen Jahrhundert nur noch ſechs Monathe fehlten, erkundigte ſich öfters und mit der Freude eines Jüngern, nach dem Befinden ſeines Alten, wie er ſcherzweiſe einen nur ein Jahr mehr als er ſelbſt zählenden Mitgreiſen nannte; und es geſchah erſt in einem plößlich ſich regenden, dann aber ſchnell und mit Macht ſteigenden Vorgefühle der, wie er ſelbſt an ſeinem let⸗ ten Lebensmorgen ſich äußerte, ihm hevor ſte⸗ henden weiten Reiſe, daß er ſeine unüber⸗ windliche Lebensluſt unter den Zwang des all⸗ gemeinen Naturgeſetzes ſanft Waipend gefan⸗ gen gab. Er hatte des bald errungenen, rühmlichen Zieles ſich vergebens erfreut, jener uns be⸗ freundete Gelehrte, dem über einer langwieri⸗ gen, im Gebiethe ſeiner Lieblingswiſſenſchaft unternommenen Arbeit, mitten unter den ſelbg geſammelten Natur⸗ und Pflanzenſchäten aller Lander und Zonen, die Feder gerade ſo, wie er ſelbſt ſoſches mehrmahls mit Beſonnenheit verkündet hatte, aus der mit Einmahl erkal⸗ tenden Hand fank. Aber auch den Rahmen eines liebenswürdi⸗ gen Jünglings fanden wir in den Todten⸗ regiſtern des Jahres angeſchrieben, der ſchnegl und ſchlank empor gewachſen war, gleich der jungen Pappel am Ufer des Sees, und als 37 Liebling ſeiner frühzeitig verwitweten Mukter dazu beſtimmt ſchien, dieſer einen Theil der Glück⸗ ſeligkeit wieder zu bringen, deren Verluſt ſie am Sarge des Gatten langwierig betrauerte. Doch ein ſchnell heran ziehendes Verderben ergriff ſeinen blühenden Leib, und über⸗ mannte unverſehens ſeine kein Böſes ahn⸗ dende Jugend. Unausgeſetzt blieb ihm indeß— o der wunderbaren, von Ohen herab ihm geſen⸗ deten Tröſtung!— mit den, lieblichſten, wenn auch täuſchenden Bildern die Hoffnung zur Seite, und die troſtreichen Truggedanken an einen bald beginnenden Lenz, an die köſtliche Stärkung, die er ihm an Milch und kräftigen Kräutern bereiten, und an die Blumenauen, die ſein Hauch dem Luſtwandeln des Gene⸗ ſenden eröffnen werde— dieſe heitern Vor⸗ ſtellungen und⸗ Fantaſien wichen nicht von dem Jünglinge, bis einſt eine ſlille Mitter⸗ nachtsſtunde ihn unverſehens hinüber trug in das ewig helle Frühlingsleben jenſeits der Gruff. Auch Uſendohms hoch geachteten, zwar, wie er bemerkte, bedeutend ältern Freund, jenen treuen, geſchmackvollen Führer der Jugend, 38 einheimiſch, wie wenige nur, auf Griechen⸗ lands und Latiums gefeyerten Fluren, welchen, höchſt ſchmerzlich zu ſchauen, ſeit langen Jah⸗ ren ein Dämon unſeliger Unruhe in den Wüſten eines zerrütteten Sinnes und eines ſich auf⸗ löſenden Organes raſtlos umher trieb, hatte eine ihm unerwartet ſchlagende Stunde der Erlöſung des ſchwer auf ſeinen Sinnenwerk⸗ zeugen laſtenden Druckes augenblicklich entledigt und ſeinen Geiſt wieder in ſeine urſprüngliche und geregelte, wenn auch nicht mehr in dem gewohnten irdiſchen Kreiſe und unter den bis⸗ herigen Formen zu übende Thätigkeit eingeſetzt. Und Hermanns, des ringellockigen Hermanns, der ſo froh die Schwelle des Jugendlebens begrüßte, und vor deſſen achtſamen Blicken das verworrene Gemenge der Außenwelt ſich ſo ſchnell zu beſtimmtern Geſtalten aus einan⸗ der ſchob, wie hätte Conſtantia es unterlaſſen können, auch den Manen dieſes ihres froh⸗ ſinnigen, mit ſo viel Liebe um ſich her walten⸗ den Nachbars am Altare der Todren zu opfern? Vom Tummelplatze jugendlicher Geſelligkeit hatte der Kleine eines Abends ſeinen Geſpielen 39 das gewohnte Abſchiedswort zugerufen, und dann, kindiſch unbeſorgt um den kommenden Tag, ſich dem Schlafe überlaſſen. Doch ſiehe, ſchon am andern Morgen tönte, o des Schreckens! den Aeltern, Geſchwiſtern und Altersgenoſſen das leßte Lebewohl von ſeinen, einem giftigen, niemand wußte, von wannen her wehenden, Hauche mit Einmahl erbleichenden Lippen. Jetzt reichte der Aelteſte unſerer Verſamm⸗ lung aus einem Wandſchranke zwey ſchöne Landſchaften her.„Auch dieſe— ſagte er ernſthaft, indem er beyde in das günſtigſte Licht zu rücken bemüht war— auch dieſe, und was in ihrer Zuſammenſetzung ſich ausſpricht, gehören einem großen Theile nach dem enteilenden Jahr an.“ „»Ihr Wonneleben“ las man auf dem ei⸗ nen der Bilder;„Ihre Ru heſtättet ſtand auf dem andern geſchrieben. In jenem ſah man ein ergetliches Landhaus unker Blumen⸗ partien und üppigen Gärten, zwiſchen Lauben und Raſenſiten, im Schakten fruchtreicher Obſtbäume ſeine vielfach befenſterten Flügel verbreiten. Ein zahlreiches Geſchlecht von Jungen und Alten belebte dieſe ſchön bebaueten 40 Gründe; ſich heraus hebend aber aus den vielen Geſtalten erblickte man in holder Ein⸗ tracht drey muntere Paare, hinziehend nach einem zwiſchen Laubwerk von Immergrün her⸗ vor winkenden Denkmahl. Dieß Denkmahl hat an dem gemeinſchaftlichen Vermählungstage jener Jünglinge und Jungfrauen der Vater dieſer letztern, eben derjenige errichtet, der ſeinem Freunde die Zeichnungen ſchenkte, und dort ſelbſt auch, an der Hand ſeiner ſorgſamen Lebens⸗ gefährtinn, mit wolkenloſer Stirne hinblickt nach dem, wie er hofft, für ſeine Kinder jetzt Ein Mahl für alle errungenen Ziele. Zufrie⸗ denheit und fröhliches Weſen walten in des Hauſes Umgebungen ringsum, und das Ganze gewährt ein umfaſſendes Bild einer auf ihre oberſte Höhe gehobenen irdiſchen Glückfeligkeit. Eine Scene ganz anderer Art biethet das zweyte Gemählde. Melancholiſche Stille herrſcht in demſelben und Ruhe der Gräber. Blut⸗ buchen mit dem dunkeln Schmelz ihres Laubes, trauernde Hängebirken und ſchwarze Tannen⸗ wipfel bilden einen düſtern Hain, in deſſen Finſterniſſen ein Bächlein, das mühſam ſich 41 über die Ebene wegſchleppk, mit ſeinem Ge⸗ wäſſer verſchwindet. Drey Todtenhügel, aller⸗ nächſt an einander und mit Einem Raſen bekleidet, bilden, von jungen Weymuthsſichten gefächelt, den einſamen Vorgrund. Die Däm⸗ merung beginnt eben, ſich auf die Gegend zu lagern. Ein einziger Stern ſchimmert durch das zerriſſene Gewölk. Sinnend blicken zu ſeinem Lichte zwey junge Männer empor, welche Hand in Hand, und ohne zu finden, was ſie ſehnſuchtsvoll ſuchen, die verlaſſene Gegend durchſtreifen. „Dieſer kleine Raum hier, ſagte der Greis, umſchließt dreyer Schweſtern Gebein, der Töchter meines geliebten, ach, nun bald ganz verwaiſeten Freundes! Es ſind dieſelben, die Sie im erſten Bilde dort wandeln ſehen, vom Ziel ihrer Wünſche einen ſchönen Sommey⸗ abend mit freudebewegten Gemüthe begrüßend. Zwey von ihnen hat dieß furchtbare Jahr, in ihres Lenzes vollendeter Blüthe und in des Erdenlebens höchſter Wonnezeit, ſchnell nach einander der erſtgeborenen, im Tode gleichwie im Leben nux um wenige Zeit ihnen voran ge⸗ 42 gangenen Schweſter unter den Hügeln da be⸗⸗ geſellt. Friederike, Louiſe, Henviette.⸗ Doch dieſes Jammerereigniß, das in der Ge⸗ ſchichte der kindlichen und älterlichen Lebens⸗ verhältniſſe zum Troſte der Menſchheit ſeines⸗ gleichen nicht findet, vermag ich Ihnen nicht zu beſchreiben; und ſchon der bloße Gedanke an Vater und Mutter und an die beyden Ge⸗ liebten, deren Auge dort verlangend nach dem Stern der Entſchlafenen außblickt, lähmt meine Zunge, und dringt mir wie ein zwey⸗ ſchneidiges Schwert in die Seele....* Zum Schlufſe unſerer Todtenfeyer ward unter den von den Mübhſalen des Lebens im Laufe dieſes Jahres Erlöſeten auch noch der geiſtreichen Erneſtine, Roſaliens Altersgenoſſinn und frohſinnigen Geſpielinn, gedacht; mit Weh⸗ muth zwar, aber auch nicht ohne Gefühle der Freude über den unerwarteter Weiſe beendig⸗ ten Kampf. Jetzt nahm meine Schweſter das Wort.„Erne⸗ ſtine, ſagte ſie, war eine der liebenswürdigſten ihres Geſchlechtes. Zu Anfange des Sommers eines ſchönen Knaben, des Erſtlings ihrer Liebe, 43 gläcklich geneſen, ſtand ſie eben im Begriffe, in verjüngter Schönheit aus ihrem Wochen⸗ dette wieder in die Welt zu treten, als ſie auf einmahl anfing, von, wie es ſchien, leich⸗ ten, doch in kurzen Zwiſchenräumen ſich wie⸗ derholenden Schaueranfällen von Froſt und Hitze zu leiden. In wenigen Tagen wurden die Fiebererſchütterungen ſtärker und dauerten länger; bald aber hörte man vollends den Lippen der Angeſochtenen hier und da ein ein⸗ zelnes Wort entfließen, als ſpräche ſie irre. Die Beforgniſſe, welche dieſe Symptome er⸗ wecken mußten, gingen in den größten Schrecken über, als Erneſtine auf Einmahl, mit wunder⸗ ſam geläufiger Zunge und ungewohnt lebhaf⸗ tem Spiel der Gebehrden, von Zügen durch ihre Fenſter herein brechender Schwarzen, von Irrwiſchen zu ſprechen begann, die ihr Bett umtanzen, von Heiligen, die ſie in der Wüſte predigen gehört, und von Römiſchen Säulen⸗ gängen und Tempeln. Bald erfolgte eine völlige Geiſteszerrüttung, in der das Bewußt⸗ ſeyn ihrer Umgebungen ſchnell zu erlöſchen und die Kranke niemanden mehr zu kennen 41 ſchien, ſelbſt nicht ihren Geliebten, noch jene lallende Unſchuld, deren Daſeyn ſo theuer zu erkaufen ihr trauriges Loos war.“ „Es ſiel uns nicht wenig auf, in dieſen Tagen zu ſehen, wie, im Gegenſate mit ſolcher Abſpannung und Schwäche des Seelenvermögens, Erneſtinens körperliche Kräfte ſich in hohem Grade ver⸗ ſtärkten, und wie ſie, in geſunden Tagen ein überaus feines und zartes, man möchte ſagen⸗ ätheriſches Weſen, ſich jetzt mit mehr als männ⸗ licher Kraft zum Widerſtande gegen jede Ein⸗ ſprache in ihren unbündigen Willen gerüſtet fand. Roch unerklärlicher aber war es, zu hören, wie die Sternkunde, auf deren Be⸗ treibung lie von Jugend auf den großten Theil ihrer Mußeſtunden mit beſonderer Vorliebe verwandt hatte, ſie auch in dieſem widernatür⸗ lichen Gemüthszuſtande noch oft und anhaltend beſchäftigte, und wie ihre Einbildungskraft Stunden lang in verwirrten Zügen die Re⸗ gionen des Himmels durchſchweifte, und mit fantaſtiſchen Eintheilungen und Bezeichnungen der Sternbilder ihr trügeriſches Spiel trieb⸗ Eine andere ſehr auffallende Erſcheinung zeigke 45 zu wiederholten Mahlen ſich darin, daß, wenn um Mitternacht oder zur Mittagszeit die Schlaguhr ertönte, ſie jedes Mahl mit ver⸗ nehmlicher Stimme dreyzehn zählte, ſtatt zwölf, und ſo oöft ſie den Glockenſchlag Eins vernahm, bie Uhr um eine Stunde vorgerückt haben wollte, als wäre dieſelbe verſpätet. Am wun⸗ derbarſten aber von all dieſen Umſtänden kam uns das vor, daß ſie regelmäßig, zur geſetzten Stunde, und als träte dieſer Gedanke aus dem Zuſtande der klärſten Beſinnung hervor, die Umſtehenden mahnte, zweyer dürftigen Frauen und eines Greiſes nicht zu vergeſſen, die ſie ſelbſt ſeit vielen Jahren wöchentlich Ein Mahl mit milden Gaben getröſtet.“ „Auch dieß in ſeiner Verwirrung ſo unbegreif⸗ liche Weſen, fuhr Roſalie fort, mit gerührter, ſich etwas hebender Stimme, hat das verhäng⸗ nißvolle Jahr, auf welches vom Ende desſelben dieß unſer Geſpräch theilnehmend zurück blickt, gerade, da ſich ſolches am wenigſten ver⸗ muthen ließ, ſeiner Bedrängniſſe entledigt.“ „In den düſterſten Tagen des ſinkenden Baum⸗ ſchmuckes und der Erſchlaffung der leßten 46 Naturkraft an das Ziel ihrer Leiden gerückt, ſah auch Erneſtine unverſehens den Pharus ihres Heils ſich zur helleſten Flamme entzünden.“ „Seh ich dich wieder, mein Sohn?“ ſagte ſie einſt plöhlich, als die Wärterinn im Frühmorgen dieſen Erſtling ihrer Liebe durch ihr Schlafgemach trug;„Seh ich dich wie⸗ der? Dich heißt deine Mutter will⸗ kommen.— Die Nacht,“ ſehte ſie mit einem, auf Ein Mahl wieder natürlich werden⸗ den Blick und Tone hinzu, indem ſie lä⸗ chelnd ihren Auserwählten unter den Lichtern des Himmels, den Morgenſtern, ihn jetzt zum erſten Mahle wieder erkennend, begrüßte, „die Nacht iſt v erſchwunden, und für mich bvicht der Tag an.“ Sie meinte das Dunkel dieſer irdiſchen Welt und die himmliſche Helle, welche mit keiner Dämme⸗ rung mehr zuſammen ſtößt. Ihre Worte aber waren unmittelbar aus den Armen des Todes geſprochen. Und wir alle, die wir ſie gekannt und geliebt hatten, ich ſelbſt, ihre Jugendgeſpielinn und jene Dürftigen und Hochbetagten, dieſe ihrer ſo oft durch ſie gelinderten Noth, wir 47 unſeres Schmerzes vergeſſend, prieſen aus Ei⸗ nem Munde das Erbarmen deſſen, der mit rettender Hand ſie den Wohnſitzen ſolcher Trüb⸗ ſale entrückt hatte.“ So manche Offenbarungen des Todes aber, an ſo vielen, durch Alter, Geiſt und Gemüths⸗ art ſo verſchiedenen Weſen, und insgeſammt bloß in das Gebiet unſerer eigenen Verhält⸗ niſſe von Verwandtſchaft und Freundſchaft, und in den engen Raum eines einzigen Jahres zuſammen gedrängt, mahnten uns Uebrigge⸗ bliebene kräftiger an die Unſicherheit des Ueber⸗ reſtes unſerer eigenen Zeit, und verſtärk⸗ ten unſere frommen Entſchließungen, eingedenk zu bleiben, daß Sterben auch unſer, des einen wie des andern, unausbleibliches Loos ſey; und zu trachten, daß die Gewißheit des Himmels ſich durch unſer Thun auf Erden unabläſſig bewähre und behaupte, und die kalte Hand uns nie anders als gefaßt auf den ernſten Wechſel, als Solche ergreife, die längſt ſchon ihre leß⸗ ten Tage zu verleben geglaubt haben. Unter eben dieſen Betrachtungen ſahen wir dann aber zugleich auch unſere Freude an einer 48 Gegenwart ſich vergröſtern und höher heben. die mitten unter ſo viel ſchmerzhaften, den vegelmäßigen Gang der Natur ſo gewaltſam durchkreuzenden Ereigniſſen, uns alle zur Stunde noch geſund an Körper und Seele, unter dem Schutzſchilde der Freundſchaft, an Conſtantia's erwärmendem Herde verſammelt hielt. 49 6. Die letzte Sonne des ſcheidenden Jahres. Uber ſolchem und ähnlichem, Geiſt und Herz gleich würdig beſchäftigenden Wechſel der Rede war unſerem Kreiſe bereits ein bedeutender Theil dieſes leßten December⸗Nachmittages ent⸗ ſchwunden. Unverſehens nahm jetzt die ſittige Anna, ſchüchtern zwar, doch voller dienſtfertigen Eifers, auch noch die befreundete Laute zur Hand und ſang, von ihren ſanften Harmonien begleitet, ſie, das lebendigſte Ebenbild eines in hoher Pracht hervor brechenden Lenzes, in ſinn⸗ reichen Worten voll Wohllaut dem Winter ſein Loblied:— dem Winter, der, ob auch der ſchneidendſte Nord ihn fürdauernd begleite, und die kahleſte Oede in ſeinem Gefolge gehe⸗ 177. 3 50 ob die Blume des Feldes und das Laub der Bäume und des Obſtgartens herrlichſter Zierath unter ſeinen Zerſtörung verbreitenden Tritten verſchwinde, das Leben gleichwohl da nicht trübe, noch ſeinen Frieden zu ſtören im Stande ſey, wo Freundſchaft und Liebe getreue Herzen vereinen, die Heiterkeit wohlgeordneter Ge⸗ müther der Trauergeſtalt der Außenwelt von innen heraus mit hellern Jarben zu Hülfe komme, und Pflichkerſtattung in den mancher⸗ ley Verhältniſſen des Lebens, verbunden mit einem vertrauten Umgange mit Denjienigen, deren unſterbliche Geiſter die Nachwelt in ihren Werken erfreuend umſchweben, je die längſten Abende kürze und vor allen gerade die Tage und Wochen erheitern helfe, denen kein Son⸗ nenlicht ſcheint, kein Blau des Himmels ſich aufthut. Lauter erſcholl alsdann und von Ehr⸗ furcht gehoben die gefällige Stimme dem Lenker der Zeit und des Schickſals zum Preiſe. Auch dem enteilenden Jahre ward unter verſchweben⸗ den Accorden ein rührendes Lebewohl darge⸗ bracht. Dann aber rauſchte es auf Einmahl ungeſtümer und mit bewegterm Fingerſpiele 51 durch die goldenen Saiten, und in noch höher ſich ſchwingenden Tönen verkündeten Spiel und Geſang die Nähe des neuen, auf friſcher Bahn heran rollenden Jahres. Tiefer war mittlerweile der Abend geſunken. Gern würde Uſendohms jetzt einzig ihren Gäſten lebendes Schweſterchen, zur Vermannigfachung unſerer Freude, uns auch noch einen Sonnen⸗ blick auf die ſtarrende Winternatur, den letzten in dieſem Jahre, gegönnt haben; allein die Rebel, ſchwer laſtend auf Gewäſſer und Land⸗ ſchaft, zögerten und wollten nicht weichen. Selbſt während der ihnen ſonſt ſo feindſeligen Mittagsſtunde hatten ſie das Feld unentweglich behauptet und ſchienen ſich gerade jetzt mit noch größerer Uebergewalt auf den dunkeln Waſſerſpiegel und den erſtorbenen Vorgrund des Hauſes zu ſenken. 1 „Es iſt entſchieden“— ſagte endlich die Kleine, nachdem ſie Luft und Erde nach allen Himmelsgegenden ausgeſpäht—„es iſt entſchie⸗ den; ihr lieben Freunde ſollt die Sonne dieſes Jahres nicht wieder erblicken!« Gleichwie aber oftmahls über einen jammer⸗ 5³ umlagerten Erdentag von himmliſcher Höhe ein nicht geahndetes Licht und mit dieſem ein über⸗ ſchwängliches Maß erquickenden Troſtes ſich in das Gemüth des bedrängten Sterblichen aus⸗ gießt, alſo durchbrach auch, kaum daß das Mädchen ſeine Prophezeyung geſprochen hatte, jenes ohne Unterlaß leuchtende Licht der erſten und letzten und aller Abtheilungen des entwei⸗ chenden Jahres und ſeiner zahlloſen Vorgänger und Nachfolger allzumahl noch auf einen Augen⸗ blick klar und gereinigt den düſteren Vorhang. Schnell hatten ſeine Strahlen mit ihrer letzten Kraft die Bahn ſich gebrochen; der Sonne war mit Einmahl der Sieg, und der ganze, weite Dunſtſchleyer gelüftet und zerriſſen. Auch die Seeumkränzung ward jetzt in ihrem blendenden Winteranzuge ſichtbar, und über das Geſtade hinaus prangten noch auf kurze Zeit die Hoch⸗ gebirge der öſtlichen Schweiz, des Bodenſees unentwegliche Nachbarn, in erbleichendem Pur⸗ pur. Ein Abendlüftchen, der Zeit ſelbſt an Flüchtigkeit gleich, ſpielte, die fetten Schnee⸗ flocken den Hängeweiden entſchüttelnd, um die Ankurt des Hauſes und hinweg über des Ge⸗ 5³ wäffers weite, ſeinem Wehen zu ſanften Wellen ſich aufregende Fläche. Richt lange jedoch, ſo hatte das ſchöne Ge⸗ ſtirn ſich hinter die nahe Waldeinfaſſung ver⸗ graben. Auch das letzte Gold ſeines Wolken⸗ gefolges war bald in den Aether zerfloſſen. Mit hohem Wohlgefallen blickte unſer Verein der Scheidenden nach. Vor allen die holde Sängerinn, voller Ahndung des zeitlichen Früh⸗ lings, den, nach ſchnell und munter verlebten Wintertagen, eben dieſe Sonne wieder über ihren luſt⸗ und blumenbekränzten Scheitel her⸗ bey führen werde; mit entwölkter Stiene aber auch der hochbetagte Ahnvater, im Vorgefühle des mit der Grenze ſeines irdiſchen Winters zuſammen ſtoßenden himmliſchen Lenzes, und mit Staunen der Säugling, aufſtrebend unter dunkeln Gefühlen vom Schooße der Mutter und noch nichts ahndend von Jahreswechſel und Wandlung der Zeiten...... Unſer ganzer gemüthlicher Kreis aber gelobte ſich in dieſen ſchönen Augenblicken des heiter⸗ ſten Beyſammenſeyns ein eben ſo frohes und baldiges Wiederſehn in den nächſt bevorſtehen⸗ 54 den Auferweckungskagen der Schöpfung, in denen das Gekrächze des verlaſſenen Raben Philomelens bezaubernden Weiſen, das ſtar⸗ rende Eisgewand der Natur den Herrlichkeiten einer ſchnell ſich verjüngenden Flora, und der jettt auf der ganzen Natur ſchwer laſtende Winterſchlaf einer allgemeinen, zu Berg und Thal laut ſich kund thuenden Rückkehr zum freudigſten Wachen und Leben wieder werde gewichen ſeyn. II. Der Gottesacker. 57 L... am 25 Augſtmonath 181„ O sasso amato, ed onorato tanto Che entro hai le mie fiamme e fuori il pianto Non di morte sei tu ma di vivaci Ceneri albergo... 6... Tasso. 1. Unter den vielen ungemein anziehenden Par⸗ tien, welche dieſe freundliche Stadt, die wir auf ein paar Tage zum erſten Ruhepunct un⸗ ſerer Reiſe nach Italien erſehn haben, uns darbiethet, iſt der Gottesacker eine der be⸗ merkenswerthern*): Ein weitläuftiges, den — *) Der Verfaſſer möchte ſich— eine Gunſt, um die er in der Vorrede ſchon anſucht— für ſeine Eugenia nochmahls die Erlaubniß er⸗ bitten, den Nahmen dieſer Stadt ſowohl als einiger anderer, in dieſen Abſchnitten von Engenia's Tagebuch vorkommenden Perſonen 58 Manen der ſämmtlichen Abgeſtorbenen des reich bevölkerten Handelsplatzes geweihetes, von dem Aufenthalte der Lebendigen durch eine dichte Scheidewand abgeſondertes Hügelland, wo Grüfte an Grüfte, ein Denkmahl an das andere, Capelle an Capelle, Leichenſteine zu Leichenſteinen, Ge⸗ büſch an Gebüſche und Blumen zu Blumen ſich reihen und ſchmiegen, um eine große Ver⸗ weſungsſtätte für alle Alter, Stände, Geſchlech⸗ ter und Glaubensbekenntniſſe zu bilden. Sie verbreiten wohlthuende Kühlung dieſe Trauerweiden, Pappeln, Hängebirken und Hollunderſtauden, die gleichſam ein weites, aus unzähligen Abtheilungen zuſammen gefetztes Grab, einen großen Staub⸗ und Aſchenbe⸗ hälter umdunkeln. Angenehm wandelt es ſich zwiſchen den Moos⸗ und Immergrünbekleidun⸗ gen der Grabhügel und unter den Heliotropen, die, das Haupt gewandt nach dem Urquell des Lichtes, in markigem Wuchſe dem Moder ent⸗ und Oerter in einem den Leſer, wie er hofft, keinesweges beläſtigenden Helldunkel laſſen zu dürfen. 59 keigen. Lieblich iſt der Anblick der ſorgſam gewarteten Blumen, die in dieſem Lande der Verblüheten aufgehn, und ſinnreich, nicht ſel⸗ ten rührend die Kunſt, womit die trauernde Sehnſucht manche der Grabſtätten in reich ge⸗ ſchmückte Gärten verwandelt und von den Ge⸗ ſträuchen diejenigen, welche die längſte Zeit grünen, und je die unverwelklichſten der Pflan⸗ zengeſchlechter zu ihrer Verzierung gewählt hat. Auch die feyerliche Geräuſchloſigkeit, von der dieß Revier fortwährend beherrſcht wird, ſagt dem Gemüthe wunderſam zu. Sie waltet fort unter den Seufzern der Mutter, die den Raſen⸗ teppich auf der Gruft des geliebten Kindes von fremdartigem Gewächſe zu reinigen bemüht iſt, und wird nicht geſtört durch das Einherwandeln des Fremdlings, der nachdenkend in dieſem großen Buche der Grabſchriften blättert. Das ſchwarz behangene Leichengeſpann, welches den neuen Ankömmling der ſtillen Gemeinde herbey führt, durchfahrt das geheiligte Erdreich nicht anders als langſam und ſachte, und nur mit gedämpfter Stimme wagt es der Todtengräber, der, neue Schlummerſtätten bereitend, Ver⸗ 60 ſtorbene früherer Zeit auf ihrem Verweſungs⸗ lager beunruhigt, dem Genoſſen ſeiner Arbeit dieſe oder jene Vermuthung über den Schadel, auf welchen ſo eben ſein Spaten geſtoßen hat, kund zu thun, 1 61 2. DNluf einer unſerer Wanderungen durch dieſe Irrgänge des Todes erblickten wir unter vielen andern auch das Familienbegräbniß des ehr⸗ würdigen Greiſes, der theils aus Gefälligkeit für ihm empfohlene Fremde, theils aus eigener Luſt ſich uns zum Begleiter auf derſelben er⸗ bothen hatte. Auf dieſem Begräbnißplatze hat, im Gegenſatze mit mancher der benachbarten, gleichſam ein Labyrinth bildenden Grabgewölbe und Denkmahle ringsum, kein künſtlicher, mit der Vergeſſenheit um ihren Raub ſtreitender Meißel ſeine Kraft verherrlicht. Es ſtrahlt an dieſer Stelle dir kein geglätteter Marmor ent⸗ gegen, keine hochtönende, vielleicht mit den Kunde nicht vollbrachter Thaten und dem Lobe unausgeübter Tugenden dich ſelbſt und die Wahrheit äffende Inſchrift. Du ſiehſt die Sehn⸗ ſucht keine künſilichen Thränen verweinen, keine 6² trauernden Genien auf erlöſchende Fackeln ſich ſtützen, noch Aſchenkrüge laſten auf der Sar⸗ kophagen Geſimſe, und alle die zahlloſen Sym⸗ bole des Sterbens und eines traurenden Ver⸗ langens nach denen, um die der Tod ſeine Arme bereits geſchlungen hält, würdeſt du hier um⸗ ſonſt ſuchen. Ganz einfach iſt vielmehr auf ſchwarzem Grunde der Familiennahme derer zu leſen, deren Ueberreſte die Zukunft an dieſer Stätte verſammeln und unter derſelben leichten Erde verbergen ſoll. Der ganze übrige Schmuck des Todtengartens entkeimt und entblühet, von einer bejahrten Kirchnerinn mit zitternden Händen gepflegt und gewartet, dem offenen Schooße der freyen Natur. Zwey ſchlanke Akazien faſſen zu bey⸗ den Seiten des Einganges das Säuſeln des Weſts auf, in welchem bis jetzt noch der Nahme nur Einer vor der Zeit Vollendeten, des Erſtlings unter den hier Eingeſenkten, ſich ausſpricht. Vom Fuße der Mauer, die den Hintergrund einnimmt, ſtrebt junges Sinngrün empor, und in die Fugen des Gemäuers ſind weiche Moospflanzen eingelegt, auf daß in 63 kurzer Zeitfrift das Grün der Hoffnung mit derſelben Troſtfarbe das Ganze bekleide. Um⸗ her im Kreiſe blühn, hier mit purpurner, dort mit hellblauer Eintagsblüthe, die Winden, die Roſe, die jeder Monath erneuert, und Mohn, aſchgrauer und rother, der, jedes Jahr ſeine Schlummerkörner dem Schooße der Erde ver⸗ trauend, ſein buntes Geſchlecht, obwohl ſelbſt auch der ſchnellſten Vergänglichkeir Sinnbild, von einer Zeitabtheilung auf die andere hin⸗ über pflanzt. Dieſe ſtille Stätte hatte der Greis ſich frühe ſchon auserſehn und geordnet, daß ſie die Ue⸗ berreſte der ſämmtlichen Glieder ſeiner Familie, ſo wie dieſe, eines nach dem andern, von der Erde ſcheiden würden, aufnähme und beher⸗ bergte. Aber auch der Tod zuckte frühzeitig ſeine furchtbare Senſe über dieſe blumige Au, daß das geheiligte Erdreich ſeine Weihe durch Thränen empfinge, und der Luſtort ſich ver⸗ wandelte in einen Wohnſitz des Schmerzes und langwieriger Trauer. Es iſt Julia's Grab⸗ hügel, der, leicht aufgeworfen und mit dem Hellgrün eines feinen Raſens bekleidet, ſich 64 hier ohne erklärende Inſchrift und ohne ein anderes Denkmahl außer demjenigen, welches ſie ſelbſt ſich in den Herzen aller derer, die ſie kannten, geſetzt hat, als der erſte und einzige aus der reinlichen Fläche des Todtengartens empor hebt. Julia war die Tochter unſeres begleiten⸗ den Freundes, die Erſtgeborene ſeiner zärtlich⸗ ſten Liebe. Als eine der ſeltenern Pflanzen in dem großen Freudengarten der Kinderwelt hatte das Mädchen unter den Augen liebender, die Wonne ihres Herzens in ihr vereinenden Ael⸗ kern in gleich blendendem, innern und äußern Glanze heran geblüht. Einer ſehr frühzeitigen Entfaltung ihrer ſichtbaren Hülle war das Un⸗ ſichtbare und Geiſtige in der menſchlichen Na⸗ rur mit einer noch raſchern Entwickelung zuvor geeilt. Noch gerade von den Freuden der Kindheit umgaukelt, ſtand ſie auch ſchon da als blühende Jungfrau. Bald ſah ſie ſich durch Hymens ſanfte Bande abermahl um einen Ab⸗ ſchnitt ihres geflügelten Lebens vorwärts gerückt, war hierauf in Agneſens Engelsgeſtalt— dieſe hielt der Großvater eben jeht kreundlich am 65 Arme— dem Auserwählten ihrer Seele ver⸗ jüngt erſchienen, und alsdann unverſehens und ſchnell, ſo ſchnell, wie ein Traumbild dahin iſt, das die Frühe der Dämmerung in lieblich le⸗ bendiger Färbung vor die Fantaſie ſtellt, der Sinnenwelt und ihrem Wechſel von Luſt und Leiden entſchwunden. Die innige Zärtlichkeit, womit ſie neben dem, was ſie ſonſt auf Erden noch liebte, ihre Geſchwiſter umfaßt hielt, ihr berathener Sinn in allen, auch den verwickeltern Angelegenheiten des Lebens, ihr überall obſiegender, jede trü⸗ bere Weltanſicht mit der ſo edeln Seelen eige⸗ nen Uebergewalt danieder ſchlagender Froh⸗ muth, ihre Fertigkeit in der ſchwierigen Kunſt, mit Andern zu leben und jedem, ſelbſt dem unfreundlichſten Lebensbegegniſſe eine heitere und gefällige Seite abzugewinnen, ihr Geſchmack endlich an mancherley ſchönen, den Genuß un⸗ ſeres irdiſchen Daſeyns erhöhenden Künſten hatte ſie zu einem über ihre Altersgenoſſinnen weit hervor ragenden Weſen, und für ihre jüngern Schweſtern zu einem, wie dieſe in ihrem beſcheidenen Sinne dafür hielten, un⸗ 66 erreichbaren Vorbilde geſtempelt, dem Liebe und Verehrung auf allen ſeinen Tritten im Gefolge ging. 67 3. So ſchilderke uns mit wenigen, aber ſprechen⸗ den Zügen den Geiſt und die Gemüthsart der ihm ſo nahe befreundeten Abgeſchiedenen ihr Vater ſelbſt, indeß die kleine, im dritten Früh⸗ ling ihres Lebens einher ſchwebende Agnes auf das Grab der Mutter als auf ein angenehmes Ruheplätzchen hingegoſſen, mit den Feuerblumen ſpielte und ſie zu Kränzen in einander ſchlang, um das leicht geflochtene Sommerhütchen mit denſelben zu ſchmücken. Mochte auch hin und wieder eine Thräne der Sehnſucht des Erzählen⸗ den Auge befeuchten; er ſprach nichts deſto weniger als ein Mann, welcher, der Vorſehung feſt vertrauend, mit wohlgeordnetem Gemüthe, ſein in mannigfaltigen Verhaltniſſen ihm ange⸗ wieſenes Tagewerk gewiſſenhaft zu vollbringen bemüht iſt und jetzt ſchon, bey noch völligen Kräften des Geiſtes und Leibes, mit verſtändiger 6³ Ergebung ſich die Stunde, die ihn dabon ab⸗ rufen wird, denkt und vergegenwärtigt. Längſt ſchon vertraut mit dem Gedanken an das Ziel ſeines irdiſchen Wirkens und an jene leßte, nicht mehr über der Erde gebaute Wohnung, deren dunkler Eingang dem irdiſchen Menſchen an des Lebens Grenze ſich aufthut, erzählte er uns auch noch manches Anziehende aus der letzten Lebensperiode ſeiner Erſtgeborenen, und wie in eben den Tagen, da ſie dem holden Weſen, welches heute um ihren Grabhügel ſein kindiſches Spiel treibt, ein Leben gab, das von ihr ſelbſt ſollte genommen werden, ein nicht geahndeter Tod ſie ſchnell überraſcht, und ihr letzter Schlaf ſich alſo in den Schlummer des Todes verwebt und verloren habe, daß ſie — ein wichtiger Troſtumſtand für ſein verwun⸗ detes Herz— den Wermuthskelch des Scheidens wenigſtens nicht in ſeiner völligſten Bitterkeit habe koſten müſſen....„Wir haben ſie gegen Niedergang hingelegt,“ ſagte er dann, auf die Ecke hindeutend, in der ſich ihr Grabhügel wölbte....„Iſt doch auch die Sonne ihres Lebens ſo frühzeitig niedergegangen!.. 69 Hier, zunächſt neben ibr, ſollen ſie einſt mei⸗ nen Leichnam verſenken und mir zur Seite, das habe ich jett ſchon kund gemacht und ver⸗ ordnet, noch eine dritte Stelle ledig laſſen, um an derſelben die Gebeine der lieben Gefähr⸗ tinn meines Lebens beyzuſetzen. Mag dann nach wenigen Monden ein Raſen das drey⸗ fache Grab überkleiden, und eine Erde aller drey Leiber zerfallende Trümmer bedecken; mö⸗ gen Erinnerung und Liebe ſie heute und morgen und Jahre lang mit Thränen befeuchten, die mo⸗ dernden Reſte der Aeltern und Kinder! Der Geiſt, eingedenk ſeines Urſprunges von oben, iſt dann längſt wieder zurück gekehrt zu dem ewigen Urquell, von welchem ausgehend er einſt der Sterblichkeit Lande begrüßte. Er, und er allein ſchreibt ſich von dort her; was aber vom Himmel ſtammt, und nur dieß, iſt bleibend und trotzt den Anfechtungen des Zeitwechſels und der Gewalt der Verweſung..⸗ — 4 Ein einsmahliger Regenſchauer hatte unſere Unterhaltung abgebrochen und uns genöthigt, aus unſerem lieblichen Gedächtnißgarten in eine der nahe ſtehenden, bedeckten Begräbnißcapellen zu flüchten. Etwas unruhigere Gefühle be⸗ mächtigten ſich meines Gemuthes beym Anblicke ihres düſtern Einganges. Richt minder bange ließ ſich der gehemmte Ton einer über einer Reihe von Denkſteinen angebrachten Schlaguhr vernehmen, deren Zeiger— eine Sichel, von einem Gerippe gehalten— auf Zahlen hin⸗ weiſ't für die, welche ſelbſt nicht mehr zählen, und Zeiten bezeichnet für ſolche, die nicht mehr unter der Zeit und ihren Beſchränkungen be⸗ griffen ſind. Hierzu eine uns offen vorliegende Gruft, deren Tiefe das Auge nur mit Mühe zu ermeſſen vermochte, Schichten von Leichen⸗ behältern, groß und klein, und alle von einer 71 büſtern Grabesdämmerung umfloſſen; über den Todtenkaſten allen aber ein Kinderſarg, mit kriſchen Blumen beſtreut und das jüngſte Opfer der Uebergewalt deſſen, der hier allein herrſcht, umſchließend. Gleichwie aber im tiefen Dunkel ſchlafloſer Nächte der Strahl des Vollmondes ſich zwiſchen die Fenſter des einſamen Kämmerchens, Gemüth und Finſterniß gleich mächtig aufhellend, hinein ſenkt, ſo leuchteten auch uns hier, als für uns angeſchrieben, in goldenen, einem ſchwarzen Marmorgrunde entglühenden Zügen, ermun⸗ kernd die Worte entgegen:„Fürchtet euch nicht vor dem Dunkel der Gruft; wir drangen durch ſie ins beſſere Lebenle Minder ſchauerlich dämmerte uns bey dieſem Gedanken der Todtencapelle unſicheres Zwie⸗ licht, und ruhiger laſen und vernahmen wir jeßzt aus dem in einer ganzen Reihe von Denk⸗ ſteinen offen da liegenden, vielblättrigen Buche der Erinnerung die Nahmen, das Thun und die Schickſale derer, die unter dem Obdache dieſes Heiligthumes verweſen, und deren Ge⸗ dächtniß entweder ſchon gänzlich erloſchen oder 7². kaum noch mit einzelnen, dünnen Faden an das Gewebe einer ſelbſt auch flüchtigen Gegenwart geknüpft iſt. Gefühle der verſchiedenſten Gattung und die ungleichartigſten Regungen der Seele haben ſich durch die Inſchriften und verzierenden Zuthaten dieſes Gräberraumes in mannigfalti⸗ gen Formeln und Bildern geoffenbart: Nagen⸗ der Gram und Verlaſſenheit des liebenden Her⸗ zens; triumphirend hinwieder und je die ſchmerzlichſte Empfindung der Seele allgewaltig beherrſchend, mit ſeinen Hoffnungen der Glaube des Chriſten. Hier und da ſpricht ſich wohl auch ein thörichter Wahn aus oder ein eitler Sinn, der vergebens bemüht iſt, eine heller ſehende Nachwelt in ihrem Urtheile zu täuſchen, und häufiger noch das Verlangen, kommenden, um uns alle und das, was wir waren und thaten, ſich längſt nicht mehr kümmernden Ge⸗ ſchlechtern, was man verloren habe, und wie tief die Wunde ſey, die man ſeinem Herzen geſchlagen fühlt, kund zu thun. Unter vielen andern hat an dieſer Stätte guch eine edle Frau eben die Ruhe gelunden, 73 de ſeit ihrer Todesſtunde von ihrer verwaiſeten Tochter gewichen war. Tief gebeugt und doch nicht verzagend wendet ſich dieſe, jetzt da ſie im Begriffe ſteht, in eine fremde Pflege aus der mütterlichen überzugehn, an den Geiſt der Verklärten, daß er auf ihrem fernern, ein⸗ ſamen Wege mit ſegnendem Walten ihr zur Seite ſtehe, und fleht mit Inbvunſt und in der Sprache zarteſten Lauten um des frommen Verlangens Gewährung. Rebenan ſtößt die Göttinn des Ruhms in eine der helleſten ihrer Poſaunen, auf daß du und alle, die mit dir in dieß Heiligthum ein⸗ treten, es vernehmen, daß, die Schläfe mit blutigen Palmen umwunden, ein Held aus dem Getümmel des Krieges heimgekehrt ſey nach dieſen Wohnſitzen des ewigen Friedens. Dieſen Mann hatte am ſchauervollſten Würgetage ſei⸗ nes Jahrhunderts, und nachdem ſein eigener Rathſchlag über Tauſende von Freunden und Feinden Jammer und Berderben herbey geführt, der Tod unerwartet ſelbſt auch mit dem Opfer⸗ ſchwerte geſchlagen. Helm, Federbuſch, Rüſtung und Waffen laſten in ſchwerfälliger Zuſammen⸗ 72. 4 74 fügung auf des Erſchlagenen Gebein, und nicht zwar die Welt, wohl aber der Grabſchrift ruhm⸗ xedig geſchwäßige Worte ſprechen von dem ewi⸗ gen Grün ſeiner unbeneideten, ſchon jetzt ver⸗ welkenden Lorbern. Dieſem Krieger gegenüber redet aus dem Munde einer zarten, erſt kürzlich verſtorbenen Jungfrau— eine langwierige Krankheit hatte ſie die Hälfte ihres Lebens auf ihr Schmerzen⸗ lager hingeſtreckt gehalten, und Leiden ohne Zahl und Unterbrechung ſie bis an ihre leßzte, langſam heran ſchleichende Stunde begleitet— ein gefaßtes Gemüth von der Rückkehr zu Gott, von wonnevollem Finden desienigen in der Zu⸗ kunft, was die Gegenwart beharrlich verweigere, vom Erkennen deſſen im Lichte, worauf in die⸗ ſem Leben ein von keinem Menſchenauge, weder des Leibes noch des Geiſtes, zu durchſchauen⸗ des Dunkel gelaſtet, und von dem Jubel der herrlichen Ernte, zu welchem eine bethränte Ausſaat, jetzt, indem du, Wanderer im Lande der Gräber, dieß leſeſt, für ſie, die Abgeſchie⸗ dene, ſchon wirklich erwachſen ſey! Alſo ſpricht die Jungfrau, ihrer Mühſeligkeiten entledigt, von des Hoffnungseilandes Geſtade, indeß, ihr zur Seite, über den Aſchenkrug ih⸗ rer Jugendgefährtinn eine verwaiſete Zwillings⸗ ſchweſter ihre Thränen und Wehklagen ausgießt, und, an einen unausſprechlichen Schmerz dahin gegeben, der Seele, die ihr ſo gut war, das letzte, wehmüthige Lebewohl zuruft, als wür⸗ den liebende Herzen ſich nicht wieder finden, und als wäre wirklich das Grab der menſchlichen Erwartungen endlicher Zielpunet. Auch einem biedern, nur von Wenigen ge⸗ kannten Jünglinge aus fremdem Lande, der, als eben ſein Geiſt mit ſeiner Leibesgeſtalt zur ſchönſten Entwickelung wetteifernd empor rang, ganz unvermuthet in den Mauern dieſer ge⸗ ſelligen Stadt und fern von den Seinen den Tod fand, hat der zarte Sinn des Eigenthü⸗ mers dieſer Begräbnißcapelle hier ein Plätzchen zu ſeiner Ruheſtatt angewieſen. Seine Aſche deckt ein einfacher Stein, auf welchem der Nahme des Verſtorbenen, ſein Geburtsort und die kleine Summe der ihm zügemeſſenen Erden⸗ kage zu leſen ſteht. In halb erhobener Arbeit erblickt man eine 76 junge, kraftvolle Eiche, die ein plöblicher Sturmwind gewaltſam zerſchellt und zerſplittert, Der Jüngling erinnert ſeine Altersgenoſſen, den heutigen Tag zu nüten und nicht der Zu⸗ kunft zu vertrauen, noch ſich ihrer, als gehörte ſie uns an, zu rühmen. In den wenigen Worten:„Uns mahnt das Herz ſo oft an dich zurück!“ haben am Fuße des Denk⸗ mahls die fernen Aeltern die in ihrem Gemüthe vorherrſchende Empfindung ausgeſprochen. 77 5. Dieſes Jünglings Grabenachbar, zum Theil auch im Leben ſeines Schickſals Gefährte, ein thätiger Kaufmann aus der öſtlichen Schweiz, den ein verwickelter Handlungsverkehr ſeit meh⸗ vern Jahren auf fremden Boden gebannt ge⸗ halten, war in überſtrömender Kraftfülle des männlichen Alters vom Tode eilends überwäl⸗ tigt und erſt vor wenigen Tagen auf eben die⸗ ſem Gottesacker beygeſetzt worden. Dieſer Mann hatte, wie unſer im Gebiethe des Lebens und des Todes gleich bewanderter Begleiter uns zu vernehmen gab, während der letzten Zeit ſeiner durch ihre erſten Symptome ſich ſofort als ſehr gefährlich ankündenden Krankheit, wenn, was von Zeit zu Zeit zutraf, lichte Zwiſchenräume, ſo licht, wie dieſe Welt ſie zur höchſten Sel⸗ tenheit biethet, mit glühenden Fieber⸗Fantaſien und fürchterlichen Geiſtesverwirrungen abwech⸗ 78 fellen, ſich wiederholt und anhaltend mit dem Gedanken, ja mit dem Vorhaben beſchäftigt, mit ſeinen Liebſten auf Erden nach ſeinem Hin⸗ ſchiede irgend eine nicht mehr ſinnliche Gemein⸗ ſchaft unterhalten und auf irgend eine Weiſe denjenigen nahe bleiben zu wollen, deren lieb⸗ reiches Walten um all ſein Thun und Trachten hiernieden früherhin Luſt und Wonne über ſo manchen ſeiner Tage verbreitet hatte. Es ſollts dieß gleichſam eine Schadloshaltung dafür ſeyn, daß er den Umgang mit jenen Weſen gegen das Ende ſeines⸗Lebens fortwährend habe miſſen und nicht einmahl einer jener ihm am nächſten Befreundeten ihm ſein Auge im Tode zudrücken müſſen. Dieſer zwar auf eine übertriebene Vorliebe für die beſchränkten Vorſtellungsfor⸗ men unſerer Sinnenwelt gegründete Gedanke hatte ſich, was auf jeden Fall ſonderbar und unerklärlich genug war, in des Kranken Ge⸗ müthe nach und nach zu einer feſt ſtehenden und keiner andern mehr weichenden Idee ge⸗ ſteigert, und ſie war es auch, die, bis durch die Fieberſchauer der lebte Ueberreſt ſeiner Kräfte verzehrt war, ja ſelbſt noch unter dem Zer⸗ 79 liegen der übrigen Gedanken und dem Schwinden der ſinnlichen Eindrücke, die herrſchende blieb. Im voltlkommenſten Einklange mit dieſer in ſeinem Gemüthe ſo tief haftenden Vorſtellung hatte er auch noch in dem lehten jener hellen Labens⸗Momente, welche weniger auf das hin⸗ weiſen, was der Menſch auf Erde geweſen, als aber ahnden laſſen, was er von nun an ſeyn werde, bey einem zum letzten Mahle zu wunderſamer Klarheit aufflammenden Bewußt⸗ ſeyn und mit Hülfe eines ſeine Kraft bis in den Tod ſelbſt hinein behauptenden Gedächt⸗ niſſes, in Gegenwart mehrerer Zeugen, von ſchon erbleichenden Lippen ſich ganz verſtänd⸗ lich alſo vernehmen laſſen: „Wird einſt meine Aſche in ein mir fremdes „Erdreich verſenkt und nach abgeſtreiften Fef⸗ pſeln des irdiſchen Leibes es mir vergönnt „ſeyn, das Heiligthum meines zweyten Lebens „ſelbſt und nach eigenem Gefallen zu wählen; „d dann kehrt ſofort mein Geiſt nach dem Lande, „das mir mein erſtes Daſeyn gegeben, zu „Euch, die Ihr mich fern liebt, zurück, und „unſichtbar wird er in Euerer Mitte— wo „ſollte er lieber?— verweilen.“ „Dieſe Worte,“ ſetzte er hinzu,„und keine „andern— vernehmt es, ihr, die ihr an meinem „Sterbebette dieſen meinen letzten Lebenshauch „auffaßt— müſſen unter den Denkſteinen der „Todten den meinen bezeichnen.“ Schon die Zuſage ſeines Verlangens aus dem Munde der Umſtehenden war dem Scheidenden nicht mehr verſtändlich geweſen. Nur wenige Augenblicke noch, und er neigte ſein Haupt. Alſo aber und genau ſo, wie er ſie aus⸗ geſprochen hatte jene Worte eines der fantaſte⸗ vollſten von Albions Sängern, waren dieſelben jetzt auf der Marmorplatte, die des Verſtorbenen Gebein deckt, zu leſen. Dazu hatte eine kunſt⸗ reiche, weibliche Hand das Denkmahl des Fremd⸗ lings mit einem dem leiſen Andringen einer ge⸗ heimen Feder ſich offen darlegenden Gemählde, voll reizender Hoffnungsandeutungen, verſchönert. Vom nachtumlagerten Ufer hinweg durchfur⸗ chet in dem lieblichen Bilde mit mehr als erfülltem Segel ein hinfälliges Fahrzeug des offenen Oce⸗ ans Fluthen, Furchtbar brauſet um des Kahnes 81 Höhlung der Wogen Gedränge, aber minder ſchauerlich, da den Steuermann ſein Engel behüthet; und daß er ihn beſchirme, das ſagt dir der milde Lichtſtreif, der, den dunkeln Schleyer durchbrechend, ſich aus himmliſchen Fernen herab auf ſein Haupt ſenkt. Doch weit hinaus über die ſchäumende Bran⸗ dung und das Wellengethürme, deſſen Höhe kei⸗ ner zu ermeſſen vermag, und hinweg über die gaukelnden Waſſerberge, deren Zahl du nicht an⸗ gibſt, wird es nach und nach heller und ſtiller. Immer mehr ſieht man die Nacht, und mit ihr die begleitenden Heerſcharen von Schatten und Truggeſtalten verſchwinden. Aus dem tiefſten Hintergrunde aber geht eines freundlichen Fremdlandes Küſte hervor in ungewöhnlicher Färbung. Solch ein Grün ſaht ihr noch nie dem Schooße eueres Welttheiles entkeimen; und die ganze Gegend iſt reicher und lachender als der Landſchaften, die ihr geſehn habt, und alle, die vor euch waren, nicht eine. Dorthin, wo der Wogen ſchnöder Ungeſtüm ſchweigt, und das Brauſen der Springfluth auf ewig vertobt hat, wo, in nie erblickten Geſtal⸗ tungen lebendiger und lebloſer Geſchöpfe, die Urkraft der Ratur in ihrem Stufengange zur hö⸗ hern Vollendung ſich wunderbar kund thut, iſt unverwandt ſein Auge gerichtet; dorthin ſtrebt hoch klopfend das Herz des einſamen, von ſeinem Vertrauen auf Gott nur begleiteten Seemanns. „Wohl dir,“ ſagte Roſalie, von dieſen Trauer⸗ und Freudenſcenen ergriffen,„wohl dir, o du, dem letzten der Erdenſtürme, als im Triumphe, entfliegender Schiffer! du, deſſen Fahrzeug nun bald von den Uferwellen jenes ſchönen Küſten⸗ landes, wo die Trauer ein Ende hat, und eitel giebe und Troſt wohnt, beſpült wird! Es iſt das Land der Vergeltung, das ſeinen ruhigen Port deiner treuen Beharrlichkeit aufthut; und im Scheine des Sternes von oben wirſt du Sie anden, Sie, nach denen mit Hand und Hoff⸗ nung du ſo zutrauens⸗ und ſehnluchtsvoll hin⸗ Keuerc!“ 6. In der Todtengallerie aber ward es, indeß wir uns immer tiefer in unſer Betrachten und Schauen verſenkten, dunkler und dunkler. Langſam und dumpf ließ ſich mit ſieben Schlägen die Thurm⸗ uhr vernehmen. An dem Leitfaden ihres ge⸗ wohnten Tagewerkes trat die Pförtnerinn ein, um den Kranz auf dem Kinderſarge mit friſchem Waſſer zu tränken. Ein Schwalbenpaar hatte lich eben von ſeinem Abendfluge unter den Schirm der heimathlichen Dachung zurück gezogen. Alles mahnte uns, daß es Zeit ſey, aus der Stille des Geiſterreiches und der Geſellſchaft der Abge⸗ ſchiedenen in den Kreis derer, die dem Tode erſt noch entgegen wandern, zurück zu kehren. Und als wir aus dieſer großen Leichenkammer wieder in die Freye hinaus traten und uns zum zweyten Mahle hinwandten nach dem Todten⸗ eigenthum unſeres begleitenden Freundes; da 84 hatten die Wekterzüge und Wolkenlaſten ſich be⸗ reits wieder nach allen Himmelsgegenden aus einander geſchoben. Das Lebewohl der Abend⸗ ſonne drang klar und hell durch das nahe Weiden⸗ gebüſch, und in lieblichen Umriſſen ſchnitt, die Rückkehr ſchönerer Tage verkündend, eben das ſiebenfarbige Himmelszeichen, das die Welt ſchon in ihrer früheſten Kindheit ſo freundlich begrüßt hat, fern von uns in den öſtlichen Horizont ein. Friſcher grünten und blinkten jetzt auf Julia's Grabſtätte die perlenden Halmen. Unter dem Lispeln der Akazienzweige wankten die Feuerblumen mit gebogenen Häup⸗ rern durch einander und zwiſchen die Blüthen des Mohns hinein; in die Roſenknoſpen aber hatte, Schirm ſuchend, eine ſchlanke Libelle ih⸗ ven Chamäleonsleib eingegraben. Dieſes be⸗ merkte des Großvaters frohſinniger Liebling und frippelte leichtfüßig herbey, um die unbeweglich Nippende zu haſchen; ſie aber, raſchen Fluges, fchwirrte von ihrem Roſenbett auf und war auf zarten Florſchwingen bald unſeren Blicken entflattert. Wohnt dort. die Mutter?“ fragte jett 85 die Unſchuld und wies mit dem runden Händchen und weit aufgeſchlagenem Auge nach den Thoren des Himmels.„Wohnt dort die Mutter, „wo der farbige Bogen ſteht, und der „Vogel da hinzieht?⸗ Der Greis aber, als er dieſe Worte vernahm, zog das Kind ſeines Herzens noch näher und in⸗ niger an ſich; und indeß der Regenbogen, in ſeine eigenen Grundfeſten zurück ſinkend, in den un⸗ endlichen Raum langſam verſchwebte, und ſachte der Abendſtern in das Reich der Dämmerung ein⸗ trat, um die Ankunft eines ganzen, großen Ge⸗ ſtirnzuges kund zu thun, ließ in dem Herzen des Vaters die Sehnſucht nach der verlorenen Ge⸗ liebten ſich ſtärker verſpüren. Denn weſſen er auch in ſeinem frommen Sinne ſich zu bereden vermocht hatte, ſo war doch immerhin und blieb mit der entſeelten Hülle ſeiner Erſtgeborenen eine ſeiner ſchönſten, wenn auch nicht die einzige, hiernieden ihm aufgegangene Hoffnung zu Grabe getragen... III. Das Heimweh. Traͤume im Wachen getraͤumt. 30 Auguſt 181.⸗ Geliebtes Land, das ſeine Söhne Mit Zauberbanden an ſich ſchließt, Daß, fern von dir, des Heimwehs Thräne Vor deinem heil'gen Bilde fließt: Sie ſehnen ſich nach deinen Bergen, Wie Sturmbedrängte nach dem Port, dnd laſſen Reichthum, Glanz und Ehre, Denn du nur füllſt des Herzens Leere: O wär ich dort! O wär ich dort! J. M. Uſtert. 1.⸗ Beym klärſten Lichte des aufgehenden Voll⸗ mondes und in ſchwer beladenem Kahne trug die Fantaſie mich mit Roſalien um die erſte Nachtwache, auf ebener, durch Naturſtille ge⸗ glätteter Bahn, einen breiten Strom hinab den Herrlichkeiten einer großen, mit ſeltenen Schön⸗ heiten prangenden Stadt zu. Den Nachen, der uns fuhr, hatte eine Anzahl Reiſender aus 90 dem Norden beſtiegen, die, von ländlichen Er⸗ luſtigungen zu Genüſſen, welche allein die Städte darbiethen, zurück eilend, in Engliſcher, Polniſcher und andern ausländiſchen Zungen Gefänge, Scherz und Geſpräch in wilder Un⸗ ordnung vermengten, indeß der Bootsmann, zwar in Deutſcher, für uns Schweſtern aber nichts deſto verſtändlicherer Mundart, zwiſchen⸗ ein tönte, als wollte er uns, die wir, unter der ſorgſamen Huth unſerer Begleiter, uns zu⸗ nächſt an dem Steuerruder in den beengten Schiffsraum zuſammen ſchmiegten, dieſer be⸗ weglichen Welt, in der wir uns ohnehin kaum zurecht zu iinden vermochten, nocy ſtarker ent⸗ fremden. 3 Bald war mir, als ſäh' ich in dämmernder Landſchaft luftige Badegebäude und reizende Villen das rechte Ufer jenes Fluſſes bekränzen, und Pappeln und Linden ſich zu angenehmen Schattengängen durchkreuzen, die alle in Einen glänzenden Mittelpunct öffentlicher Luſtbarkeit ausgingen. Dazu Getümmel von Pferden und Wagen und eine ſchöne Welt ohne Zahl, die aus dem Gewirre der Bühne, des Tanzes und 9¹ geſellſchaftlicher Kreiſe eben anfing, in verein⸗ zelten Gruppen, ſich theils nach den ihrer längſt harrenden Schiffen, theils in die Freye einer heitern Natur und auf die längs dem Fluſſe ſich nach der Stadt hinein windenden Fußpfade zu verlieren. Ich wandte meine Augen nach der linken Seite unſerer Waſſerbahn hin, auf daß ich ſie hier ſuchte, die ſie dort mit Gewalt verdrängt hatten, jene holdeſte Begleiterinn der Nachtzeit, die Stille. Vergebliche Hoffnung! An dieſem zweyten Küſtenlande fluthete vollends ein hoch angeſchwollener Menſchenſtrom hin und her in unaufhaltſamem Lauf, auf mild beleuchteter Flur; Weiber und Männer und der Jüngeren keckere Scharen, die, kein beſtimmtes Ziel als das ihres eiteln Vergnügens im Auge, unter weniger edeln Formen als jene, um das nähm⸗ liche, koſtbarſte Gut des Erdenſohnes, um die Zeit ſich berückten; denen angehörend, die, wie jener Weltweiſe ſagt, auf der Brücke, welche die Vorſehung über einen Theil des Abgrundes der Ewigkeit geſchlagen hat, und die wir Leben heißen, nach trügeriſchen 9³ Waſſerblaſen haſchen und jagen und ſich dis Mühe nicht nehmen, der Fallbreter zu achten, die, ihnen zur Seite, einen der Gefährten nach dem andern in die Tiefe verſenken, deren Maß Unendlichkeit iſt, und die zuletzt mitten in ihrem ungeſtümen Treiben auch ſie zu ver⸗ ſchlingen ſich aufthut*). Geſänge, Jubel und luſtige Reigen ertönten hier aus hundertfachem Munde jedes Alters und Geſchlechtes von allen Seiten, und er⸗ müdeten mit Wiederholungen ohne Zahl das in hellen Tönen antwortende Echo des Jenſeits. Jeden andern Laut um ſich her überbiethet in dieſem Gewirre hier ein Volksſänger, der mit kläglichem Schreyen, und als wär' er ſelbſt der tödtlich Verwundete, deſſen Jammer ſeine Zunge verkündet, die Luft erfüllt. Dort ſtarrt mit Entſetzen die Schauluſt der Menge hinauf zu dem von ſchnarrender Orgelmuſik begleiteten Wirbel⸗ und Geſpenſtertanze auf den Schauer⸗ ²) Im. Kants Gedanken bey dem frühzeitigen Ableben des Herrn J. F⸗ v. Funk. 9⁵ höhen jenes bekannken Wohnſißes der Unge⸗ thüme und Geiſter. Ganz nahe am uUfer verſchlingt eines Ringel⸗ rennens Kreisgang Jung und Alt in den Taumel einer und nur einer kindiſchen Luſt; ihm aber zur Seite treibt ein Puppenſpieler, raſt⸗ los und in ſeinen Künſten gehoben durch fort⸗ währenden, gällenden Beyfall, ohne der ein⸗ brechenden Nacht Rechnung zu tragen, ſeinen geiſtloſen Scherz fort; mittlerweile Feuerkugeln und Luſtkerzen ihre Funken ohnmächtig unter dem offenen Sternengezelte verſtrömen⸗ Auch flammende Pfeile, von luſtigen Bogen⸗ ſchützen geſchleudert, ſieht man in allen Rich⸗ tungen nach goldenen, im Zwielichte der Fackeln und des Mondſcheines hoch herab ſchwebenden Vogelgeſtalten hinfliegen, und lärmenden Trom⸗ petenſchall die Nahmen derjenigen kund machen und preiſen, die weit ſeltener ihre Kunſt, als aber des blinden Ungefährs Fügung, als die zu krönenden Sieger bezeichnet. Doch bald nähert ſich das Ende dieſer un⸗ ſtäten Ergetzung. Die Züge Genuß Suchender und Bereitender entſchwinden, ſich zertheilend, 94 dem Blicke, und das verwirrte Getöſe hört auf, die nächtliche Stille zu höhnen.... Dich ſelbſt aber, o ſchwankendes Fahrzeug, wohin hat indeß dich und deine Pilgrimme aus der Ferne,— wohin hat der Welle unwider⸗ ſtehlicher Zug uns alle getragen? In dem Stilleleben, an deſſen Saume du in dieſem Augenblicke mit uns vorbey ſchwebſt, antwortet uns Rufenden niemand. Keine Lich⸗ ter, außer denen, welche allnächtlich leuchten vom Beginne der Welt an, erhellen die vor uns liegende, hölzerne Flußwelt und ihre leichte Bedachung. Hier wohnt ein ganzes Völklein dürftiger, doch bey ihrer Armuth eines leichten Sinnes ſich erfreuenden Schiffer. Schon hat der Schlummer ſie alle beſchlichen, den Mann und das Weib und ihnen zu Füßen ein jüngeres Geſchlecht, das dem ältern in ſeinem Waſſer⸗ leben zu folgen beſtimmt iſt. Wie ſie feſt ſchla⸗ fen zwiſchen den leichten Dielen, über dem be⸗ weglichen Flußgrund! Sis raſten, ihr ſeht es, von den Mühſalen ihres Tages ſo ſanft und ſanfter noch aus, als von ihres Lebens eiteln Zerſtreuungen ſo manche ihrer begütertern - 95 Rachbarn feyern und ruhen in Seide und Daunen. Denn allgewaltig beherrſcht den Sterblichen die Kraft der Gewohnheit. Sie beſiegt ihn langſam; aber, wer er auch ſeyn mag, ſie wird über ihn Meiſter. Ein und derſelbe Schlummer umfängt und entlaſtet von Sorgen den einſamen Hausmann, den auf ſchwindeliger Thurmhöhe die Stürme aus Norden umbrauſen, und den Bergfahrer, der in finſtern Schachten umher tappt in den Ein⸗ geweiden der Erde: eben dieſer Uebergewalt gibt ſich der Schiffer gefangen, um den ſich zu ſchäumender Brandung der Ocean aufthürmt, und hinwieder der Schäfer im wehrloſen Räder⸗ hauſe auf offener Flur. Aber ſiehe, nun wechſelt augenblicklich die Scene! Majeſtätiſch zu ſchauen, und glänzen⸗ der noch, als ſie uns eine der geprieſenſten von Italiens Städten beſchreiben, lag in zwei⸗ felhafter, den Reiz des Anblickes erhöhender Beleuchtung und leicht umflort vom Dunſt⸗ gewande der nächt!ichen Welt eine ſtolze Königs⸗ ſtadt vor unſeren Augen, mit Tempeln, die mehr als Ein Glaube, mit Palläſten, die mehr 96 als Ein Fürſtenſtamm erbaut hak, und einem kühnen, dem Andrange der Jahrhunderte wider⸗ ſtehenden Brückengewölbe, über welches zwey ſich entgegen ſtrebende, ohne Unterlaß neu wer⸗ dende Züge von Menſchen ein ununterbrochenes Leben, des Kommens und des von dannen Ei⸗ lens, verbreiten. Eine kleine Zeit nur, und ſchon benetzten die Wellen den Steinfuß der in weite Ferne ſich dehnenden fürſtlichen Sitze. Da kam ſtrom⸗ aufwärts, mit vollen Segeln, ein zweytes Fahrzeug geſtogen, weit größer als das, wel⸗ ches uns teug, und noch ſtärker bevölkert. Von ſeinem Spiegel glänzte uns eine Flagge von, mich däuchte, bekannter Farbe, hoch in die Luft hinaus flatternd, entgegen. Ein lebhaftes Nachtſtück, womit eine Har⸗ monie von Clarinetten und Hörnern die ſtei⸗ genden Schatten vom Verdecke begrüßte, hatten wir, wie es mir vorkam, ſchon mehrmahls ge⸗ hört, und ein ſchlankes, weibliches Weſen, das weiß gekleidet ſich über den Schiffsraum hervor hob, ſchien aus verworrenen Umriſſen ſich zu einer mich ſehr nahe angehenden, mein In⸗ 97 neres angenehm in Bewegung ſegenden Geſtalt zu verklären. Doch nicht lange, ſo ſah ich die Flagge den Nahmen eines fremden Volkes verkünden; die Töne der Hörner verloren ſich in unbekannte, von mir noch nie vernommene Weiſen, und in jener Geſtalt ſchwehte, meiner Hoffnungen ſpottend und unter kurzen Worten unverſtänd⸗ licher Begrüßung, eine Unbekannte an mir vorüber, die mit dem Schnellſegler ſelbſt ſich eilends meinen Augen entrückte. Ueber allen dieſen Erſcheinungen aber war auch unſere eigene Flußfahrt zu Ende, und unter einem lautem Hurrahl der ſofort in alle Straßen zerſtiebenden Fremdlinge begrüßte unſer Boot das ſtädtiſche Ufer. Biſt du es, o Königsſtadt! von deren Kunſt⸗ wundern die liebende Mutter mir, außer dem Paradiesgarten der Kindheit noch keines Erden⸗ pfades Kundigen, bald in der Winterabende traulicher Unterhaltung, bald, bey ſich wieder 7. 5 98 verlängerndem Tage, unter dem Erſcheinen er⸗ getzlicher Frühlingszeichen erzählte, einen herr⸗ lichen Hoffnungsbilderſaal der Dinge, die ich ſelbſt einſt ſchauen und bewundern ſollte, vor mir eröffnend?... Seh' ich dich wieder, lebendiger Strom! der durch die Lieblingsgefilde meiner Jugend zwi⸗ ſchen kühlen, die Luſt der Badenden geheim⸗ nißvoll überſchattenden Gebüſchen hinweg eilt zu ſeines weiten Laufes Vollendung?... Biſt du es, o gaukelnder Kahn! der einſt in lauer, durch den gedoppelten Freudenſchein der Sterne und baldigen Wiederſehns ſanft angelächelter Sommernacht uns Schweſtern in ſliegender Eile, und doch noch zu langſam, zur Umarmung der liebenden Mutter hintrug, als ſie von ihrer erſten Brunnenreiſe geſtärkt und ſehnſuchtsvoll in ihren häuslichen Kreis wieder eintrat?... Aber eine Stimme, ſolchen Wahnes lachend, ſchien zu mir her zu tönen von des Fluſſes jenſeitigem Ufer, und als käme ſie aus der weiteſten Ferne.„Fluß⸗ Nachen und 99 Königspalläſte,“— ſprach dieſe Stimme —„ſie ſind es nichtl« Und ihr nach hallte die Welle, leiſe anſchla⸗ gend an Kiel und Geſtade:„Sie ſind es nicht! 100 2⸗ 8 1 Von der flüſſigen Bahn in meinen Gedanken auf das trockene Land übergeſett, ſah ich ein wunderbares Gemenge der undeutlichſten Vor⸗ ſtellungen ſich unverſehens zu dem Gemählde eines dunkeln Wald⸗Revieres entwickeln. Mitten in der düſtern Gegend erblickte ich ein modern⸗ des, mit Epheuranken umzogenes Kreuz, von den Armen des graueſten Alters umſchlungen und empor getragen aus regellos hingehäuftem, moosbewachſenen Geſteine, in werdender Nacht. Ein Kranz von leichten Anhöhen bildete des geweiheten Denkzeichens Umgebung; auf den Hügeln ſelbſt aber laſtete eines ſchwarzen, dicht verſchlungenen Tannenhains Dunkel. Von der oberſten jener Bergfernen rieſelte ein klares Bächlein hinab, den Fuß des Kreuzes, heute, wie geſtern und wie ſeit Menſchenaltern, in ruhig gleichförmigem Wellenfalle beſpülend⸗ 101 Hoch über dem Bergwalde aber thronte theil⸗ weiſe des Aethers mild leuchtender Schein, und die Geſtirne ſchienen, eines nach dem andern, gegen die Waldfinſterniß heran zu ſchweben, als wollten ſie ſich in die geheimſte ihrer Tiefen begraben. Den Saum des vielfach zerfahrenen Wolken⸗ ſchleyers verſilberte die Bogengeſtalt des ſich erfüllenden Mondes, und um das Kreuz her herrſchte ein beharrliches, die Vergangenheit anrufendes Schweigen und eine einſame Oede, gleich als ob dieſe ganze, weite Wald⸗ und Bergwelt kein lebendiges Weſen in ihrem Schooße mehr trüge*)? Hör' ich es hier wieder rieſeln das Bächlein, welches fortwährend geſchwätzig und ſanften Zuges zum ruhigen Teiche, dem Grabe ſeiner *) Ob wohl Eugenien auf ihren Reiſen„das Kreuz im Walde, am Abend, von C. D. Friedrich“ zu Geſichte gekommen ſeyn mag? S. das Verzeichniß der Dresdner⸗Kunſtaus⸗ ſtellung vom Jahre 1818, S. 42, Anm. e. Ung. 102 Wellen, dem Meere meiner Kindheit, heran rauſcht?... Iſt dieſes das Kreuz, das, gepflanzt in der Vaterſtadt heiligſte Erde, die Nachkommen mahnt, eines für ſie gefallenen Geſchlechtes von Helden mit Ehrfurcht und Dank zu gedenken?... Und dieß der Tannenhain, der ſeine Schatten gegen der Heimath frohmüthige Gründe, ſie nie erreichend, herab ſenkt?... „Sie ſind es nicht!“ „Kreuz, Waldnacht und Bächlein“ — ſo flüſtert es durch des Forſtes verborgenſte Wipfel—„ſie find es nichtl“ 3. Wir hatten uns— es war dieß das dritte Bild, in daſſen Anſchauung die raſtloſe Thätig⸗ keit meiner Fantaſie mich verſenkte— in ver⸗ gnügtem Familienkreiſe zuſammen in den Schat⸗ ten einer Weinlaube gelagert, welche die Mor⸗ genſeite eines anmuthigen, eine Stadt, ſo lebhaft und ſchön, wie die, von der ich ſchon vorhin geträumt hatte, beherrſchenden Land⸗ ſitzes bekleidet. Eben begann der letzte Tag dieſes Monaths, die Frucht des Weinſtocks, die in meines Traumes Lande nur ſelten ein Sommer zu zeitigen Kraft hat, zu erweichen und zu röthen. Mir zur Seite legten, zwi⸗ ſchen weißen und rothen Oleander⸗Gebüſchen, bunte Gruppen von Goldfaſanen und Perlhüh⸗ nern ihr Gefieder ſtolzierend zur Schau, und frey trieben, unter des Hauſes Bewohnern, wie Menſchen, einheimiſch, die Turteltäuber ihr 304 Lirrendes Lockſpiel. Der Hickery, aus Braſiliens finſtern Waldungen in dieſe Gartenräume ver⸗ pflanzt, neben ihm ſchlanke Akazien, breitwipflige Weymuthsfichten und Paradiesſtämme, mit ſchmackhaften Früchten beladen, verbargen die Strahlen der Sonne, die, des gandmanns Saa⸗ ken und Hoffnungen frühzeitig zu reifen, aber deſto läſtiger ſich ſenkend auf den Scheitel des Städters, am Bogen des Himmels hinweg ſchritt. Vor mir lag ein ſchöner, reinlich gehaltener Raſenplatz, den ſie das Schweden⸗Grab nannten. Auf dieſem Schweden⸗Grabe ſpielte und neckte ſich, der Gegenwart eben ſo wenig gedenkend und kundig, als der vergangenen Zeiten, eine Schar unmündiger Kleiner und freute ſich der ohne Unterlaß grünenden, die weite Ruheſtätte mit einer dichten Blüthenein⸗ faſſung umkränzenden Roſen. Die Mutter aber verlangte, daß die Kinder des ſammtenen Gras⸗ ſtückes ſchonten, und die Roſenbüſche nicht nie⸗ derträten oder ſchädigten, noch in ihres Leicht⸗ ſinnes harmloſem Spiele die Knoſpen zerknickten. „Laßt ſie,“ entgegnete der Vater, indeß ſeine Enkelinn, unter dem beweglichen Haufen die 105 kleinſte, bald flüchtig, wie der Wind, bey ihm vorüber flatterte, bald, an ihr theuerſtes Weſen auf Erde hingegeben, ſeine Kniee mit ohnmächtigen Händchen liebkoſend umfaßt hielt— „laßt ſie immerhin! Wohl ihnen, daß ſie nicht wiſſen, wo und zwiſchen was für Roſen ſie ſpielen und hüpfen!“ „In jenen noch kaum entſchwundenen Schreckenstagen“— ſo hört' ich ihn im Geiſte dann weiter erzählen—„als ein furchtbares Kriegsheer der Heimath friedliche Mauern nit zahlloſen Rotten beſetzt hielt, ward hier rings⸗ um alles verwüſtet, und die Lindengänge der Vorwelt mit mörderiſcher Axt umgehauen. Reben vielen andern war auch dem Dorfe dort, das ihr mit Thurm und Kirche aus Trümmerlaſten und Aſchenhaufen erſtehn ſeht, ſein Untergang in verzehrenden Flammen be⸗ reitet. Mehrere Tage hindurch blieb ein Theil des Mordſchauplatzes gerade auf dieſe Stelle hier, auf der wir zur Stunde insgeſammt ſa freudig verweilen, zuſammen gedrängt. Auch 8 auf dieſer Gegend laſtete jener allgemeine Widerſächer des Friedens und des Welttheiles, 106 und einer ſeiner kriegsluſtigſten Jüßrer, als ein Nebenzweig der allumſchlingenden, bewaff⸗ neten Armpflanze, verwachte in dem Gebäude zur Linken, dort oben, wo ſich der Kakadu ſonnt, und jene Kanonenkugel, zum immer⸗ währenden Gedächtniſſe der gräßlichen Blut⸗ zeit, aus dem Gemäuer hervor guckt, ſeine ſchlafloſen Nächte.“ „Am Vorabend aber der grauſamſten aller Schlachten, die je ein Jahrhundert geſchlagen, thaten, des Vaterlandes Rufe gehorſam, die nordiſchen Helden ſich muthig zuſammen, daß ſie den hartnäckigen Dämon aus dem noch rauchenden Dorfe und von den zerſtampften Saaten verdrängten. Ihren Tritten ging, mit Glanz angethan, der Sieg im Gefolge, die Stirne mit Palmen umwunden und ſchimmern⸗ den Lorbern; aber auch der lauernde Tod, der nicht fragt, wie lang einer gelebt habe, mähete, ihnen zur Seite, ohne Unterſchied der Farben und Waffen, Fußknechte und Reiſige, alt und jung und von allen Zungen, bis die Gebüſche und Bäume da ringsum nichts mehr überſchatteten, als Ströme Blutes und ganze 107 Haufen von Röchelnden und von Entſeelten. Und als zulezt das Maß des Jammers erfüllt war, da mußte in Eile auf dieſem Raſenplatze der Schooß der Erde zum weiten Todten⸗ behälter ſich öffnen, und wohl achtzig jener Tapfern, unter ihnen auch Einige aus dem feindlichen Heere, umſchließt hier in einer gemeinſchaftlichen Ruheſtätte mir dieſen und in einer für ſie alle gleich fremden Zone ein Friede, den ſie ſelbſt für Freund und Feind mit ihrem Blute haben erkaufen helfen.“ „Von jenem ſchauervollen Tag an haben wir dieß Raſenſtück mit ſeiner Roſenumgürtung das Schweden⸗Grab genannt, und ſo ſoll es weiter heißen auf Kinder und ſpäteſte Enkel, ſo viel ihrer der von vorüber gegangenen Ge⸗ ſchlechtern vollbrachten Befreyungsthaten mit dankbarem Sinne gedenken werden.“ Alſo glaubte ich in anziehender Rede ihn ſprechen zu hören den biedern Greis. Einige der Anweſenden— ſo träumte ich in dem Gange meiner Fantaſien noch weiter— fühlten ſich durch ſeine Worte zu ernſtem Nachdenken aufgeregt; doch über den größten Theil der 108 Geſellſchaft übte die Sonnenhiße, ſelbſt im Schatten, eine übermäßige Gewalt aus, und die Unterhaltung ward alltaͤblich abgebrochener und leiſer. In die Aeols⸗Harfe aber unter den Fenſtern des Saales hatte ein lauer Mittagswind fanft eingegriffen, und in ihren Lauten meinte von den Halbſchlummernden dieſer einen holdſeligen Freundſchaftsruf aus der Ferne, jener die letzten Grabeslaute aus den Todten⸗ hallen verblichener Helden, und die liebende Braut, die kürzlich dem Zuge des unnenn⸗ darſten aller Gefühle aus den Schattenthälern der Heimath nach weit entlegenen Königsſihen gefolgt war, den Nachhall des Abſchiedsliedes zu vernehmen, das, der Scheidenden und ihrer Tugend und Treue zu Ehren, nicht ohne innige Wehmuth, aus dem Munde freundlicher Geſpielinnen ertönt hatte. Bald ſahen jedoch beyde, der Denker und der Träumende, ſich mit gleicher Gewalt auf⸗ geweckt und in die Gegenwart gleichſam zurück geworfen durch die Schalmeyen und Geſänge der verſammelten Dorſbewohner, die, gleich 109 einem über ſeine Ufer hinaus ſich ſchwellenden Gießbach, in den weiten Hofraum ſich ergoſſen und in feſtlicher Kleidung, die Mädchen Bruſt und Hand mit duftenden Straußen geſchmückt, die Jünglinge den Hut mit gewichtigen Aehren umwunden, das Schweden⸗Grab umzingel⸗ ten und überſtellten und das ganze Raſenſtück ſammt dem Roſengarten uns ſchnell aus dem Geſichte rückten. Es war das Erntefeſt, deſſen glänzender Feyer nach glücklich beendigter Feldarbeit der ſchön aufgerüſtete Zug galt. Die Schnitter⸗ ſchar hatte bald einen regelmäßigen Halbkreis gebildet. Vor allen Dingen ward nun dem erſten und oberſten Herrn der Ernte, deſſen Herrlichkeit das leibliche Auge nicht ſchaut, ein unter dem Himmelsraume laut wiederhallen⸗ des:„Nun danket alle Gott,“ hier aus neu ſich verſuchenden, dort aus geübtern Keh⸗ len, lobpreiſend dargebracht. Dem zweyten, ſichtbar anweſenden Gebiether ſollte die nächſte Opfergabe geweiht ſeyn: ein ſchöner Ernte⸗ kranz, aus den fetteſten Kornhalmen und den ausgeſuchteſten Blumen aller Gärten des Dorfes 110 gewunden und mit Baſilikum, Rosmarin, Lavendel und mancherley anderen würzigen Kräutern vielfältig durchflochten, den die wackerſte Jungfrau des Kirchſpiels mit gezie⸗ mender Ehrfurcht ihrem Herrn überreichte. Das Ganze gewährte ein rührendes Schau⸗ ſpiel, ländlich einfach und zeugend von herz⸗ lichem Wohlwollen zwiſchen Pächter und Guts⸗ herr. In der That empfing dieſer die Be⸗ ſcherung nicht, als ob ſie ohnehin ſchon ſein Eigenthum wäre, ſondern vielmehr mit gefälli⸗ ger Erkenntlichkeit für die ihm geleiſteten Dienſte und mit dankendem Beyfall. Alsdann hob auch er nochmahls ſein Auge mit bewegtem Ge⸗ müthe empor zu dem alleinigen Regierer der Saaten und Ernten, und die Scharen der Dorfbewohner thaten ihrerſeits ſtilleſchweigend ein Gleiches. Bald löſ'te die ernſte Feyer ſich auf in einen allgemeinen, aller irdiſchen Sor⸗ gen mit Einmahl vergeſſenden und entbinden⸗ den Jubel eines fröhlichen, durch ländliche Muſik gehobenen Reigens, der Stadt und Land gleich unwiderſtehlich und ohne Unter⸗ ſchied der Stände und Alter in ſeinen Wirbel 111 mit fortriß, ſo daß über deſſen rauſchenden Freuden Sonne, Mond und unvermerkt ſelbſt die Dämmerung des folgenden Morgens hin⸗ weg ſchritt. Waren dieß die Geſänge, die einſt auf des Vaterlandes ſchön angebauten Gefilden aus dem Munde vergnügter Schnitter zum Lobe des Höchſten ertönten, mein horchendes Ohr zu entzücken?... Und die Mädchen, die dort auf dem Schwe⸗ den⸗Grabe das Erntelied, anſtimmten, des Schöpfers Güte zu preiſen, waren es etwa die wiederkehrenden, liebevollen Gefährtinnen meiner früheſten Kindheit, die in den Ernte⸗ tagen ferner Vergangenheit mit dem Himmelblau der Flockenblume und feuer farbigem Kornmohn mir die Schläfe bekränzten?... Waren es dieſe Saaten, an deren Rauſchen und Wallen mein Zlick ſich in Unſchuld ver⸗ gnügte, wenn der Zephyr zu regerem Leben erwachte, und, zugleich mit den Halmen auch meine Locken durchſpielend, über ſie hinging?.. 112 „Sie waren es nichtl— lispelte die Aeols⸗Harfe verhallend im Fenſter—„Ge⸗ ſfänge, Jugendgeſpielinnen und Saa⸗ ten, ſie waren es nichtle 413 4 Si ſind zu Ende, meine Gedankenſpiele von Schifffahrten, Waldkreuz und Feſten der Ernte, geträumt mit wachenden Augen, an dem ſchönen Sommerabend des geſtrigen Tages, auf dem grünen Hügel der heiligen Thekla. Auf dieſer angenehmen, eine alterthümliche Kirche tragenden und ein weites Flachland über⸗ ſchauenden Höhe ſaßen wir Sebwoſtorn im Son⸗ nenuntergange beyſammen am Ziele unſeres ſchon mehrmahls wiederholten, abendlichen Spa⸗ zierganges. Mit uns, als gefällige Führerinnen während unſeres Aufenthaltes in dieſem fremden Lande, die Töchter eines angeſehenen Kauf⸗ manns, dem unſere Empfehlungen galten. Mein Sinn, auf den Schwingen einer raſchen Ein⸗ bildungskraft in weite Fernen getragen, hatte ſich bald aus der wirklichen Welt in das Land der Erinnerung verloren, über deſſen Beſchau⸗ 114 ung das Gemählde der Augenwelt ſich ſofort verdunkelte, und ſeine Beſtimmtheit verlor, Auge und Ohr aber in kurzem gänzlich ihres Dienſtes vergaßen. Es war meine Schweſter ſelbſt, die Gedanken⸗ gefährtinn meiner Flußfahrt, die mit ſanft an⸗ dringenden Worten mich zuerſt wieder in das Gebieth der Wirklichkeit einrief.„Wo verweilſt du“— ſagte ſie, nachdem ſie mich bald eine Stunde mir ſelbſt und meinen Einbildungen hatte nachhängen laſſen—„wo verweilſt du ſo lange mit Gedanken und Sinnen? Kehre, okehre zu uns zurück, in deiner Freundinnen Kreis!“ Und zerriſſen fühlte ich alſobald das Luftge⸗ webe meiner Fantaſien, und ſchnell, noch ſchneller, als ich ſie geſchaffen hatte, war meine reizende Traumwelt verſchwebt und verſchwunden. Mir blieb es indeß wie einem Reiſenden zu Muthe, der nach langer Abweſenheit und aus weiter Entfernung mit Einmahl wieder in den Kreis der geliebten Seinigen eintritt. Nun erſt vernahm ich die bis auf dieſen Augen⸗ blick weder gehörten noch verſtandenen Worte geſelliger Unterhaltung, womit meine Gefährtin⸗ 115 nen ſich gegenſeitig die Schlußſtunden des lieb⸗ lichen Sommertages verkürzten.... Jetzt erſt glänzte mir, in gefälliger Zuſammenſetzung und Farbe, das vorhin nicht bemerkte Gebinde von Roſenknoſpen entgegen, das, mit der Natur ſelbſt um den Preis ringend, mir zur Seite, den zarten Kunſthänden der älteſten derſelben auf einem niedlichen Stickrahmen entblühte. Ueber jenen ungeregelten Zügen aber durch fremde Welten und aus dieſen nach den Frie⸗ densgefilden der Heimath war der Tag ſchon beynahe entwichen. Mond und Sonne, auch dieſe letztere ſtrahlenlos, wie ſte im Kommen und Scheiden in dieſen Gegenden öfter ſich darſtellt, lagen ſich gegenüber an einem Ge⸗ ſichtskreiſe, deſſen Grenzlinie über die ſich ins Unendliche verlierende Ebene hinweg kein Auge mehr abſieht. Einzelne Thurmſpitzen, gleich hohen, aus des weiten Meeres einförmigen Fernen hervor blinkenden Maſten und Segeln, bezeichneten noch die bewohnteren Stellen der ungemeſſenen Fläche. Eine Schwanenſchar, des benachbarten Teiches unvergleichliche Zierde, war bereits tiefer in die Schilfumkränzung ihrer 8 116 heimathlichen Waſſerwelt zurück gerudert. Auf Feld und Auen wiegte ſich ein ſpielender Weſt mit erwärmendem Hauche; und wo die Sichel des Landmanns ſchon über die Fluren gegangen war, da ſah man das Hausgeflügel in bunter Verſammlung das Geſieder ſchwingen und lär⸗ mend aufflattern in des Sommerabends heitere Luſt. Die Windmühlen rüſteten, bis jeßt nur noch leicht angeſpielt, ſich zum nächtlich einförmigen, ſchnelleren Kreisgang, und von dem Kühlungs⸗ plähchen, das er mit Mühe ſich auf dem ſchat⸗ tenloſen Flachlande erſpäht hatte, ſchaute der Hirt geruhig umher nach ſeinen, in die bekannte Einzäunung zur Nachtherberge langſam heran trippelnden Herden. Eine kleine Zeit nur, ſo ging unter mancher⸗ ley wechſelnden Scenen die Herrſchaft des langen Tages zu Ende. Dem getäuſchten Auge hob von den beyden Weltlichtern unvermerkt das eine ſich höher, das andere verſank noch mehr in die Tiefe; und mit jedem Augenblicke gewannen die Licht⸗ und Schattenſpiele der Natur ein verändertes Ausſehn. 117 Auf dem Kirchhügel, an deſſen leichtem Ab⸗ hange wir ruheten, hatten die unförmlichen Schatten, welche die Leichenſteine in der unter⸗ gehenden Sonne geworfen, durch einen unmerk⸗ lichen Uebergang ſich in bläſſere Formen von weniger deutlichen Umriſſen, wie der Mond ſie zeichnet, verwandelt, und während in des Glockenthurmes bemooſ'ten Mauern und dem finſtern Kirchendache die lichtſcheuen Heerſcharen der Nacht ſich ins Leben bewegten, hatte ſich im Vorgrunde die Stadt voll Menſchen und Reg⸗ ſamkeit, ſammt ihrer Lindeneinfaſſungen zier⸗ lichem Grün und der weiten Ebene, deren herrlichſte Zierde ſie ſelbſt iſt, in die Formloſig⸗ keit eines dunkeln, nicht mehr zu erkennenden Streifes verloren; jene hohen Thurmſpitzen aber, dieſe ſtummen Wegweifer durch die Irr⸗ sänge unüberſehbarer Flächen, waren mit ihren niedrigern Umgebungen zerfloſſen in den Einen, unendlichen Raum. 1 Schneller und unaufhaltſamer trieben jetzt be⸗ reits die Mühlenwerke ihr Flügelſpiel; dichter angedrängt an Herberge und Hirten ſtanden die Scharen der Lämmter, und unbändiger ſchwärmte 118 und ſchwirrte unter dem heitern Himmelsgewölbe das Heer der Libellen und Dämmerungsvögel in raſtloſem Treiben. Hier und da fing ein einzelnes Sternenlicht an, von oben zu zünden. Das ſtolze Schwanenleben auf des Teiches Spiegel war vollends erſtorben, und der Tag mit dem ganzen Ueberreſte ſeines Freudenge⸗ folges uns aus dem Geſichte. Mit dem Einbrechen der Nacht aber ward auch meine Einbildungskraft neuerdings wach und nahm unter mancherley, bisher nie gekannten⸗ noch jemahls gefühlten Regungen des Gemüthes einen feurigern Schwung. Mir ſchien, dem ſteigenden Dunkel zum Trotze, mit Einmahl wieder und hellere Strahlen wer⸗ fend, des Geburtslandes Sonne. Es waren die vaterländiſchen Thäler und Berge, die hier, wo der Blick ſich umſonſt nach Berg und Thal umſieht, anfingen, vor meinen Augen zu grünen. Mitten unter fremden Gewächſen blühte und duftete mir, in reizender Färbung, die Som⸗ ner⸗Flora der heimiſchen Flur. Ein wohl be⸗ kannter Fluß war es, an deſſen Rauſchen, unter an den ſtehenden Gewäſſern, mein Ohr ſich 119 ergetzte. Ich ſah das Sternengezelt, das Fremde und Vaterland mit demſelben Glanze zu über⸗ ſtrahlen begann, ſeinen Schimmer über die Gräber der unter allen meinen Todten am meiſten Geliebten ergießen. Auch jene befreundeten Weſen, die mir, von der Wiege an bis ins Leben der Jungfrau, meine Tage verſchönten, ſtellten in den gefälligſten Geſtalten ſich mir vor die Augen. Süßer ward die Erinnerung an die noch Lebenden unter ihnen; zum Wonnegefühl erhob ſich die unſichere Vermuthung, es möch⸗ ten in eben dieſer Stunde hinwieder auch ſie meiner liebend gedenken; und doppelt ſchmerzlich wurde der Rückhblick auf diejenigen aus ihnen, die der Natur ihre Schuld bereits, zum Theil ſehr frühzeitig, haben entrichten müſſen. Unter dieſem fortwährenden Wechſel von Licht und Schatten, von Wonne und Wehmuth, von hellern und düſterern, in ſchneller Folge ſich drän⸗ genden Bildern ſahn wir ſpät genug den ge⸗ ſchmackvollen Wohnſit, von welchem vor einigen Stunden unſere Wanderung ausgegangen war, uns ſeine Thore gaſtfreundlich wieder aufthun. „»Das Heimweh, liebe Eugenig, das 120 Heimwehl“ ſagte bey unſerem Eintritte ſcher⸗ zend der Vater unſerer begleitenden Freundin⸗ nen; er las es mir auf dem Geſichte, was für Gefühle mein Inneres bewegten.—„Zu rech⸗ ter Zeit bringe ich Ihnen hier Bal⸗ ſam für Ihre ſchmerzlichen Wunden: Zweifeln Sie nicht! Er kommt aus der Ferne.... Er hielt einen Brief empor: es war Uſen⸗ dohms Hand. IV. Der Raturforſcher, 771. — 12 „3 Zürich 20 Sept. 181.. 5 grünet, ihr holden Gefilde, ihr Wieſen und Schlöſſer von Laube! Mir wehe Zephyr aus euch, durch Blumen und Hecken, noch öfter Ruh' und Erquickung ins Herz! Laßt mich in euern Revteren Den Herrn und Bater der Welt in eurer Schön⸗ heit verehren, und melden voll heiliger Regung ſein Lob ant⸗ wortenden Sternen! v. Kleiſt. 1. Nuf eine eben ſo angenehme als unerwarkele Weiſe wurden wir heute von unſerem hochge⸗ ſchäßten Theodor mit einem Beſuche über⸗ raſcht. Dieſer Mann, von Geburt ein Sachſe und ein durch Tage der Freude ſowohl, als in den Feuerproben des Leidens bewährker, älterer Freund unſeres Hauſes, hatte durch 1 124 ſeinen mehrjährigen Aufenthalt in verſchiebenen Gegenden der Schweiz ſich gleichſam in einen Eingeborenen dieſes Landes verwandelt. Wo er in demſelben ſeinen Schritt hinlenkte, waren ihm alſobald Freunde erſchienen, und ſeiner aufgeſchloſſenen, von Wohlwollen überfliegenden Gemüthsart hatte zu Berg und Thal ſich man⸗ ches junge und ältere Herz ſympathetiſch ge⸗ öffnet. Einfach und genügſam, wie er lebte, und bey mehr als gewöhnlicher Beſchränktheit ſeiner Bedürfniſſe, ſah er ſich deſto eher in den Fall geſetzt, einen zwar ſelbſt auch noch mäßi⸗ gen Aufwand für diejenige Wiſſenſchaft zu machen, welche vor allen andern zu erforſchen die entſchiedenſte Neigung ſeines Herzens ihn von Jugend auf hinzog. Es war dieß die Pflanzen⸗ und Kräuter⸗ kunde, ein Zweig des Wiſſens, der, zumahl in dem Schweizerlande, eine unerſchöpfliche, in unzähligen Formen und Schattirungen ſich er⸗ neuernde Luſt ſchafft. Er, den ſonſt kein Reichthum der Erde zu rühren, kein irdiſcher Glanz zu feſſeln vermochte, ſetzte einen deſto höhern Preis auf ſeinen, wie er ſagte, durch 125 kein Gold der Neuen Welt aufzuwiegenden Pflanzenſchatz. Und wie denn ſo manche Dinge im Leben durch die Anſtrengung ſelbſt, womit der Beſitz derſelben erkauft werden muß, einen deſto bedeutendern Werth erhalten, ſo war auch unſerem Freunde Theodor dieſes ſein Lieb⸗ lingsſtudium um ſo theurer geworden, weil ee das ſelbe früherhin, wegen des Zwanges, unter welchem ihn damahls ſeine häusliche Lage ge⸗ fangen hielt, nicht anders als in einzelnen, abgeriſſenen Stunden und gleichſam verſtohle⸗ ner Weiſe hatte betreiben können. Eben ſo war auch ſein Enthuſiasmus für ſeine mit der größten Sorgfalt und Genauigkeit eingelegte und getrocknete Blumen⸗ und Kräuterſamm⸗ lung deſto höher geſtiegen, da er mehr als ei⸗ nen weſentlichen Beſtandtheil derſelben auf wag⸗ lichem Pfade und wohl gar durch einen gefahr⸗ vollen Schritt oder Sprung auf Höhen hatte erringen müſſen, die von tauſend Reiſenden kaum Einer ſich zu erklimmen vermißt. Dieſe ganze Gallerie nun bunter, zum Theil ſeltnerer Kinder der Schweizeriſchen Flora mußte auf allen ſeinen Wanderungen, ſelbſt da, wo etwa ſeine 126 übrige, geringfügige Habe hinter dem Relſen⸗ den zurück blieb, ihm folgen; und ward zur Seltenheit eine Trennung von dem, was er als eines ſeiner höchſten irdiſchen Güter be⸗ krachtete, auf kurze Zeit nöthig, ſo ließ ſich in ſeinem Innern jedesmahl eine gewiſſe Un⸗ ruhe verſpüren, die nicht geſtillt wurde, bis jene Beſizung wieder ihrem ganzen Umfange nach in ſeiner Gewalt war. Die Nahmen ſeiner Pflanzen, einheimiſche ſowohl als ſolche, welche die Kunſt ihnen bey⸗ kegt, waren ihm in gleichem Grade bekannt und geläufig. Auch die Gaue und Gegenden, wo jede derſelben vorzüglich zu gedeihen pflegt, wußte er, Kraft ſeines von früher Jugend auf fleißig geübten, ihm ungemein getreuen Ge⸗ dächtniſſes, mit Genauigkeit anzugeben. Nanche Eigenthümlichkeiten des Pflanzen⸗ lebens und der Oekonomie der Gewächſe, mehr als Eine merkwürdigere Eigenſchaft der ein⸗ zelnen Kräuter und vielerley in ihnen ſchlum⸗ mernde, zumahl wohlthätige Kräfte hatte der Wißbegierige ausgekundſchaftet und in Betreff ihres beſondern Gebrauches und ihrer Rutz⸗ 127 barkeit ſich eben ſo ausgebreitete als gründliche Kenntniſſe erworben. Es zieht aber jede tiefere Einſicht in die kunſt⸗ reichen Vorkehrungen der Natur und in ihre ſegenreiche Geheimarbeit den Sinn aufwärts nach den Edensgärten, die dort blühen in über⸗ irdiſcher Järbung und ſchönern Geſtalten, und entflammt das Herz ſtärker zur Verehrung einer alles ordnenden und erhaltenden Urkraft. So pflegte auch Theodor oftmahls und ganz vor⸗ züglich dann, wenn er mittheilend ſeinen Reich⸗ thum Andern, zumahl Jünglingen aufſchloß und die Wunder Gottes in den Geheimniſſen der Pflanzenwelt den zarten Gemüthern, was er ſo gern that, enthüllte, in ſeine von frommen Regungen begeiſterte Rede zwiſchen die Beleh⸗ rungen des Unterrichts oft nur ein einzelnes, aber deſto wärmeres und kraftvolleres Wort zum Preiſe desjenigen einzuſtreuen, auf deſſen Wink allein ſich die Quelle mit unzähligen Blumen umkränzt, eine ſchwimmende Welt von Gewächſen auf der Fläche des Teiches ſich bildet, der kahle Fels ſein ſammtenes Moosgewand anzieht, und ſelbſt der Ocean Geſträuche und Pflanzen von markigem Wuchſe und kunſtreich gebildet aus ſeiner Tiefe hervor treibt:— desjenigen, auf deſſen Geheiß bis hoch hinauf in die Steppen einer ſtarren Gebirgewelt in feinen, dem Schnee ſelbſt und dem Schooße des Eiſes entkeimenden Gräſern und Blüthen das Leben ununterbrochen⸗ ſich kund thut und mit nie verſiegender Kraft ſich dem alles zu überflügeln drohenden Tode enkgegen ſtämmt, 129 2. Soloh ein Mann und Freund ſeiner Brüder war der menſchenliebende, die Gottheit in ihren Werken ehrende Theodor. Auch er ſtand, wie wir Schweſtern, gerade jetzt im Begriffe, von dem Lande, das er mit eben ſo viel Liebe, als ſeine wirkliche Heimath, umfaßt hielt, vermuthlich auf zeitlebens, zu ſcheiden. In dieſen letzten Tagen ſeines Auf⸗ enthaltes in Zürich wollte er von dieſer Stadt aus noch einmahl die Wälder und Wildniſſe des Uto und den Grath dieſes Berges bis zu der Burg der Maneſſe und der oberſten Höhe des Albis, ſammt den alterthümlichen Buchen⸗ und Eichenwaldungen längs den Ufern der Sihl, in einſamem Gange durchwandern, und dann die Eindrücke aus dieſen Gegenden mit ſich nehmen unter den Himmel der Heimath, als die leßten von einem Flecke der Erde, auf welchem ſeit einer 150 Reihe von Jahren ſein Auge mietbeſonderem Wohlgefallen verweilt, und der ihn gleich An⸗ fangs mit einem unwiderſtehlichen Zauber be⸗ fangen hatte. Er ſprach nicht ohne Regungen der Wehmuth und eines Verlangens, das nochmahls nach an⸗ dern Fluren als denen des Vaterlandes ſich fehnte, von den felsumgürteten Wieſengründen des Hasli⸗Thales, die er von nun an nimmer werde grünen ſehen, von dem ſtill gemüthlichen Bex und deſſen von dem heutigen Tag an ſich über ihm nicht mehr wölbenden Fruchthain, von der Limmat⸗Wellen lieblichem Blau, das ihn zur Stunde noch und dann nicht wieder von dieſen Fenſtern vergnüge; von dem Hafen der Auw, der von nun an ſeinem Pilgernachen ſich fchließe, und der kühlen Inſelumkränzung, in deren Schatten auch er ſich noch kürzlich jener Edeln der Vorwelt erinnert, denen treue Freund⸗ ſchaft und ſelige Liebe dort einen Tag ihres Le⸗ bens verſchönt hat. Auch der Naturwunder von Baden erwähnte ſeine Rede, in deſſen erwär⸗ mende Quellen er noch geſtern zum letzten Mahle ſeine Glieder getaucht habe, und des kleinen, 13¹ ſeine Wohlgerüche ihm nicht mehr ſpendenden Roſengartens des Prieuré, an deſſen Felſen⸗ Fundamenten unter unbändigem Rauſchen die Arve vorbey fliegt; der ſeebeherrſchenden, noch vor wenigen Wochen im Abſchiedsgange von ihm erſtiegenen Terraſſen von Lugano, und der Kaſtanienwälder des Monte Cenere und ihres in anmuthige Träume einwiegenden Dunkels. Nach allen dieſen Erinnerungen aber fing er an, von ſeiner Lieblingswiſſenſchaft und von dem 3 unermeßlichen Reiche zu ſprechen, das an der Hand der Natur der Betreibung derſelben ſich aufthut. Heller glänzte dabey ſein Auge, und lebendiger ward unvermerkt der Strom ſeiner Rede. Er hatte uns eben einige ſeiner auch in ihrem trockenen Zuſtande noch mit den ſchönſten Farben prangenden Alpenblüthen zur r Beſchauung vorgelegt. Alsdann begann er in einfachen, unter den Gefühlen ſeines Herzens ſich höher he⸗ benden Worten und mit inniger Luſt ſich zum Lobe der Pflanzenwelt zu ergießen: „An dieſes Reiches ſanften Genüſſen ſolle— ſo ſprach er—„mein Herz ſich erfreuen, bis es nicht mehr ſchlägt; an ſeinen ſtillen Reizen mein 152 Blick ſich ergetzen, bis er der letzten Schlummer⸗ ſtunde ſich ſchließen wird.“ „Wenn, von dem Gewühle lärmender Welt⸗ ſcenen betäubt, das Menſchengemüth eifrig ein⸗ zugehn gelüſtet in das Land der Erholung; wenn es aus dem Gewirre mannigfacher Zerſtreuung ſich lebhaft zurück ſehnt nach dem Stilleleben eines beſchränkteren Kreiſes und dem Zuſtande einer ruhigern Faſſung; wenn der ſtäte Anblick des ängſtlichen Hin⸗ und Wiederbewegens der Sterblichen und ihres raſtloſen Treibens dem Auge zur Laſt wird, und das Bedürfniß nach fanftern, das Herz in geregeltern Tönen und weniger geräuſchvoll anſprechenden Scenen ſich kebendiger regt: ſiehe, dann thut in mildem Glanze das Reich der Pflanzen ſich ihm auf mit ſeiner Erzeugniſſe, Gemählde, Formen und Farben unerſchöpflichem Reichthum, und der oft ſo lange geſuchte Ruhepunct für Sinn und Gemüth iſt ſofort gefunden, und das Ufer erreicht, von dem ihm vergönnt iſt, ſelbſt nicht mehr ſchiffend, mit Sicherheit dem wilden Laufe des Weltſtroms zu folgen.“ „Eine Fülle und Mannigfaltigkeit ohne Glei⸗ 133 chen ſieht, wer in dieſe den ganzen Erdkreis umfaſſende Herrlichkeit eintritt, wohin er ſich wenden mag, walten. Leiſe und ſanft anſpre⸗ chend ziehn in ununterbrochenem Wechſel lieb⸗ liche Erſcheinungen ohne Zahl vor ſeinen Blicken vorüber.“ „Hier ſieht er den Myrthenzweig keimen und aufblühn zum Freuden⸗Diademe um die Schläfe der liebenden Braut, und das Eichenlaub grü⸗ nen, das in der feyerlichſten Stunde des Lebens ihren Traualtar und das Tempelgewölbe über demſelben ſchmücken ſoll. Vor ſeinen Augen ſproßt hier das Immergrün des Lorbers auf und die Palme zum Siegeskranze für den muth⸗ vollen Streiter um Freyheit und Recht. Nicht minder ergetzt er ſich an den ſeltenen Blumen, mit denen die geneſene Mutter, in der Aufwallung ihres Entzückens, dem Erſtgeborenen ihrer Liebe feinen Eingang ins Leben zu beſtreuen bemüht iſt. Doch auch im Schatten der Thränenweide mag er gern wandeln und ohne Unluſt am Fuße der ernſten Cypreſſe verweilen, welche troſtbedürf⸗ tig die Sehnſucht auf die vor der Zeit ſich öffnende Todtengruft hinpflanzt. Luſt und 134 Wonne ſchafft ihm das bunte Blumengewimmel, welches in unnachahmlichen Farbenmiſchungen und Verkettungen die Jubelzüge des Frühlings verherrlicht; nicht minder aber vergnügt auch der Herbſt ihn, wenn er demſelben üppigen Schooße der Ratur mit einer überſchwänglichen Fülle von Früchten entſteigt, und ſeine all⸗ erfreuenden Segnungen in der Nähe und Ferne verbreitet.“ — 3. „Doch nicht allein ſeine Sinne“— fuhr er fort, indeß ſein Blick auf einem kleinen, zur Stunde noch herrlich aufduftenden Kranze von ſchwarzen Satyrien und Martagon⸗Lilien, vom reich geſchmückten Ufer der Toſa, mit Wohl⸗ gefallen verweilte—„nicht allein ſeine Sinne ſieht derjenige vergnügt und bezaubert, wel⸗ cher im Wandeln durch das Reich, deſſen Lob mein Mund jetzt verkündigt, ſich in beglücken⸗ der Ruhe an ſeine Betrachtungen hingibt. So viele Wiedergeburten, deren Geheimniß der Sterbliche nicht kennt, alle die Zeichen und Bilder von Lebenserneuerung, deren Zahl er nicht ausſpricht, jenes ſchnelle, in Erſtaunen ſeßende Wachsthum der einzelnen Gewächſe und Pflanzen, der Geſchlechter unbegreifliche Vermehrung, jenes unausgeſetzte Wiederauf⸗ blühn und Wiedererſtehn, das von der Zeder, 1 1 156 die über des Libanons Felſen ihre Schatten herab wirft, bis zum niedrigen, an die Erde ſich ſchmiegenden Grashalm in zahlloſen For⸗ men ſich kund thut— alle dieſe und tauſend andere Erſcheinungen ſagen auch dem Gemüthe kräftig und wunderbar zu und bewegen unter wohlthuenden Regungen deſſen innerſte Tiefe.“ „Und in der That, wer müßteſt du ſeyn, der du nicht mit Wonne in dieſen von ſtäter Friedensruhe beherrſchten Revieren verweilteſt?“ „Keine Schlacht wüthet hier, vor deren Waffengeraſſel und wildem Getümmel die Seele zurück bebt. Durch keines Reides Andrang wird auch nur Einer der ſchuldloſen, dir hier beſcherten Genüſſe verkümmert. Dich erreichen da nicht der Verläumdung vergiftete Pfeile, noch höhnt und neckt dich eitler Hoffnungen Trug. Und ſollte etwa eine der Saiten deines Ge⸗ müthes weniger harmoniſch geſtimmt ſeyn, ſo löſ't jeder Mißton ſich ſchnell wieder zum völligſten Einklang ig den ſeligen Stunden, die der Betrachtung der Natur, oft auch ei⸗ nem kühnern Leſen in ihrem Geheimbuch und dem Eindringen in die verborgene Kunſt ihrer 2 137 Arbeitsſtätten geweiht ſind. Aber auch die Fantaſie fühlt in ſolchen Momenten ihre Kraft und ihr Feuer über die Maßen geſteigert. Gedanken und Bilder ſammt ihren Zuſammen⸗ ſetzungen erheben ſich zu einem höhern Grade der Verklärung und Kühnheit, und um ſie zu bezeichnen, biethen die gewählteſten Worte ſich ungeſucht dar.“ „»Und der Baum edeln Stammes, den deine eigene Hand gepflanzt und gewartet hat, was iſt er in ſeinen ſegenreichen Verwandlungen dir anders, als ein laut ſprechendes Sinnbild jener geiſtigen Hoffnung, die in dem jungen, dir enge befreundeten Weſen in welchem du ſelbſt zum zweyten Mahl auflebſt, und das des Baumes und ſeines Reichthums ſich mit dir erfreut, ſchön und kraftvoll heran reift, wie des jungen, von Saft überfließenden Zweiges roſige Frucht?« „In milder Frühlingszeit, wenn die Natur in ſchnellem Erwachen ihren weit ausſehenden Jahresplan zur Luſt und Wonne des Menſchen⸗ geſchlechtes dir kund thut, und im Lichte des hellen Sommertages, der jenes Beginnen ſchon mächtig fördert und zu keichen Segnungen entzaltet, bildet auch dein liebendes Vaterherz ſeine Pläne zur Begründung der Wohlfahrt derjenigen, deren Glückſeligkeit dir ſelbſt einſt deinen Lebensabend erheitern foll, nach weni⸗ ger befangenen Anſichten, freyer von Vor⸗ urtheilen und mit mehr Entſchloſſenheit aus.“ „Aus dem ſelbſt geſchaffenen Schatten der dir angehörenden Pflanzung lodert die Flamme vom Altare des häuslichen Glückes dir am reinſten empor. Deiner Auserwählten unter den Blumen naht auch der unmündige Lieb⸗ ling deiner Seele ſich mit gedoppelter Luſt. Der theilnebmenden Gefährtinn deines Lebens, die kein anderes Glück als das deinige kennen und ſuchen will und die nur da ſich erfreut, wo die Freude dir ſelbſt und wo ſie dir am offenſten lacht, blüht unter allen Pflanzen dei⸗ nes Gartens diejenige am ſchönſten entgegen, auf welcher dein Auge am liebſten verweilt, und unter allen deinen Bäumen grünt und ſproßt auch der Gattinn derjenige am lieblichſten auf, deſſen Früchte dein eigener Geſchmack als vor allen andern preiswürdig erfunden hat.“ 139 „Doch nicht bloß die Gegenwart tritt in den Gedankenkreis ein, der deine Seele beſeligt und unter ſolchen Umgebungen leichter als unter keinen andern ſich bildet: nein, auch die Erinnerung ſteht auf dieſen Luſtgängen dir unausgeſetzt und hohe Genüſſe gewährend zur Seite. Sie iſt es, die in ergetzlichem Spiele die holden Geſtalten derjenigen dir vorführt, die entweder gemeinſchaftlich mit dir den ſüßen Traum der Jugend verbrachten oder durch ihren geiſtreichen Umgang noch heute dein reiferes Alter beglücken. Sie zeigt dir in hei⸗ tern Darſtellungen abweſende Geliebte und Kinder, die dem Stern ihres Heils nach fer⸗ nen Weltgegenden gefolgt ſind.« „Und in eben dieſer lieblichen Schußſtätte wider die Bedrängniſſe des Lebens fühlſt du, wenn etwa in ſchweren Stunden die Sehnſucht nach den von der Heimath auf längere Zeit Entwichenen ungeſtümer ſich regt und zum bren⸗ nenden Verlangen ſich ſteigert, dein Herz bald wieder gleichmäßiger und gelaſſener ſchlagen, und immer mehr erhebt deine Seele ſich zu jenem ſeligen, vor jeder Anfechtung des Schick⸗ 140 kals ſichernden Gleichmuth, der von der Wiege an bis zum Rande des Grabes den Zielpunck ſo mancher fruchtloſen Bemühungen ausmacht, und durch deſſen Erreichung der Sterbliche fein irdiſches Werk kvönt.“ „Aber auch jener allumfaſſenden, die größern und kleinern Zuſammenſetzungen der Pflanzen⸗ welt insgeſammt kunſtreich ordnenden und er⸗ haltenden Weisheit müſſe mein Loblied geden⸗ ken; deren Stimme dir bey deinem einſamen, und dennoch geſelligen Wandeln durch dein Lieblingsreich überall und in Wiederholungen ohne Ende entgegen tönt. Sie ſpricht dich an im melodiſchen Geflüſter des Schilfrohrs und in dem wankenden Halm, an dem die ſchillernde Phaläne ſich ſonnt; ſie iſt dir ge⸗ genwärtig in des Strauches Wildniß durch der Nachtigall Kehle; vernehmlicher tönt ſie zu dir her von des Haines rauſchenden Wipfeln in der Waldſänger vereinigtem Chor. Sie redet zu dir in der Sonnenblume, die ihr Haupt nach den Strahlen des großen Tags⸗ geſtirnes hinkehrk, und in der Abendviole, die den weißen Glanzkelch erſt ſpät noch der thauen⸗ 141 den Dämmerung aufſchließt. Ihren Wieder⸗ hall vernimmſt du von der todten und gleich⸗ wohl lebendigen Felswand, aus deren Ritzen der Bergroſe Purpur erblüht, und der Epheu zum ſchützenden Obdach für die behende Lazerte und das einſame Schneehuhn empor vankt. Ihre Worte findeſt du in hell glänzender Blu⸗ menverſchlingung angeſchrieben auf dem erſten Lenzgewande der erwachenden Flur. Eben dieſe Stimme iſt es, die, überredender als keine menſchliche Sprache und vor eitelm Stolze dich kräftig verwahrend, deinen Verſtand unabläſſig, und Troß ſeines ſich täglich er⸗ weiternden Wiſſens, zu dem Gefühle ſeiner Beſchränktheit und zu der klaren Ueberzeugung zurück führt, wie viel, nun du ſchon ſo manches ergründet zu haben vermeinſt, erſt jetzt noch für dich zu lernen und zu erforſchen übrig ſey.* „Wer in dieſem Reiche ſich gefällt, von deſſen Lob meine Zunge ſo laut ſpricht, deſſen Freude findet kein Ziel mehr. Die Blume, welche du dir zum Liebling erkoren, bleibt an Farbe und Geſtalt, mit oft mehr als menſchlicher Treue, fürdauernd die gleiche. Ihr Verwandeln und 142 ihre Umgeſtalkungen ſind dieß Jahr eben die⸗ felben, welche das letzt verfloſſene herbey führte, und das nächſt folgende bringen wird. Mit eben dem Wohlgeruche, den ihr Kelch heute über deine Umgebungen ausgießt, duftet ſie dir auch morgen entgegen, und dasſelbe Glanz⸗ gewand, mit welchem angethan ſie dir in die⸗ ſen Tagen zum erſten Mahl zuſtrahlt, ſchafft nach eben der Zeichnung und Farbe ſich wie⸗ der zur Zeit des künftigen Lenzes, im Morgen⸗ roth ihrer zweyten Geburt. „Angenehm iſt es auch und ergetzlich, den Lebensgang des Gewächſes vom kaum noch bemerkbaren Keime bis zur höchſten Schönheit der entfalteten Blüthen und bis zu des Sa⸗ menkornes vollendeter Reife in unausgeſetzter Beobachtung vor Augen zu behalten; das Wachsthum des Obſtbaumes zu verfolgen, von der Stunde, da ein lauer Frühlingsathem ſeiner Rinde die erſten Knoſpen enthaucht, bis zum Jage der zeitigen Frucht und des bald darauf ſinkenden Laubes; oder die Bekleidun⸗ gen des Wieſengrundes, vom thauenden May⸗ morgen an, der die Blüthe des Thymians 145 aufthut und den ſaftigen Klee röthe zur Luſt für das emſige Bienenvolk, vis zum Spätherbſte, von deſſen kühlerem Hauche ge⸗ weckt die Lichtblume, des Winters Vortrab anführend, aus dem Erdenſchooße hervor ſchießt.“ „Dieß alles und ſo viel anderes gewährt ſchon dem äußern, ſinnlichen Menſchen eine nie verſiegende, vielfältige Luſt. Aber auch unſere innere, geiſtige Natur laſſen ſie nicht ungerührt dieſe Andeutungen von Kommen und Gehen und Wiedererſtehn im Gewand der Verklärung, von allmählicher Entwickelung zu vollkommnerem Daſeyn, von einem Fortſchrei⸗ ten aus minder bedeutenden Anfängen zum höchſten Punete der Kraftfülle und Schönheik, von ſchwachen, oft wenig verheißenden Blüthen zur ſchmackhaften Frucht. Im Heiligthume ſeiner Natureinſamkeit fühlt ſich der Menſch beym Anblicke aller dieſer Phänomene von dem Boden, welchen ſein Fuß betritt, empor ge⸗ kragen in der Hoffnungen heiteres Land, und manche ſanfte Freudenahndung erwärmt ſein Gemüth, das unter ſolchen Betrachtungen 144. jedes höhern Eindruckes von Tage zu Tage empfänglicher wird.“ „Umſonſt endlich,“— kuhr Theodor fort— „daß der Wechſel der Jahrszeit mit ſeinem oft furchtbaren Andrange gegen des hochgefeyerten Reiches bunte Glanz⸗ und Farbenerſcheinungen einbrichk. Jene bildende Kraft, welche un⸗ ſichtbar bis jetzt es erhalten und jährlich er⸗ neuert hat, von Anfang der Welt an, jene Kraft ſchliimmert und ſtirbt nicht: auch am ſcheinbaren Grabe der Natur wirkt ſie ohne Unterlaß fort und erhält dieſe nach tauſend und tauſend Frühlingszeiten in immer gleicher Jugend und Schönheit. Des Herren Stern leuchtet auch in der Winternacht, und die Myrthe lebt und grünt neben dem todten, ent⸗ blätterten Reis. Seh' ich doch ſelbſt in der letzten, kalten Morgenſtunde des zu ſeinen Vorgängern kehrenden Jahres die Blumen⸗ göttinn des Lenzes ihrer winterlichen, mit ihr aus Einem Geblüte entſproſſenen Schweſter liebreich die Hand reichen, und in eben der Stunde, da ich mich erſt noch an den Früh⸗ blumen meines kleinen Weihnachtsgartens ver⸗ 145 gnüge, der zwiſchen bereiften Fenſtern ſich vielfarbig entfaltet, höre ich auch ſchon im Geiſte die erſten Jubeltöne des großen, all⸗ gemeinen Auferſtehungsliedes erſchallen, zu welchem bald wieder die ganze, ins Frühlings⸗ lehen zurück eilende Pflanzenſchöpfung in un⸗ begreiflichem Einklange zuſammen ſtimmt.“ 12. 4 2 Am 22 September. Heute, als am Morgen unſerer Abreiſe, hatte ſich unſer Freund nochmahls und zeitiger, als gewöhnlich, in unſerem die lebendige Limmat von ſtolzer Höhe beherrſchenden Zimmer ein⸗ gefunden. Er hielt ein großes Papier in der Hand. Auf demſelben war mit ſinnreicher Kunſt eine Anzahl in der Schweiz und großen Theils in ihr allein einheimiſcher Blumen und Kräuter zu einem bunten, geſchickt in einander gefügten Gebinde befeſtigt. „Was ich Ihnen,“ ſagte er,„hier vorlege, theuerſte Eugenia, ſind zwey und zwanzig Blumen und Pflanzen, von denen je eine von dem Grunde und Boden eines der zwey und zwanzig, unter dem Nahmen des Schweizer⸗ landes begriffenen Freyſtaaten gepflückt iſt. Mit eigener Hand hat Ihr Freund dieſelben 14 auf ſeinen Wan erungen geſammelt und zu dieſem durch die Sonderbarkeit ſeiner Zuſam⸗ menſetung vielleicht einigen Werth erhaltenden Strauße gereiht und geordnet. Mehrere der⸗ ſelben hat Italiens kräftige Sonne gefärbt. Einige ſind der fernſten Grenze der Schnee⸗ Regionen entſproſſen. Ihrer zwey oder drey wurden aus dem Dunkel unwegſamer Wald⸗ gegenden hervor gezogen, und andere ſchwam⸗ men früher an einſamen Seegeſtaden oder badeten ſich im ſprudelnden Thalbach. Hier ſtehn ſie nun einkrächtig und ein Ganzes bil⸗ dend beyſammen, als hätte eine und dieſelbe Erde ſie alle in ihrem Schooße getragen.“ Wirklich ſahn wir, zum Theil als eigene, uns auch in dieſer ihrer zweyten Geſtalt will⸗ kommene Bekannte, in dem enge geſchloſſenen Blumenbunde die große Aſtrantia prangen, welche der Albis erzeugt; ſodann den rosmarin⸗ blättrigen Weyderich, der zwiſchen Goldaus Grabhügeln nnd Felſentrümmern aufkeimt, und den Frühlings⸗Enzian aus Engelbergs klöſter⸗ lichen, von ewigem Schnee umlaſteten Gründen. Ihnen zur Seite die Schlüſſelblume, deren 148 weit entfaltete Kelche ſich in den Gewäſſern des Sees von Neuenburg ſpiegeln, und des Habichtskrautes goldene Blüthe aus dem Hirten⸗ thale, das der Rieſe Glärniſch beherrſcht. Weiterhin aus dem reizenden Lande, welches ſüdwärts des Gotthard ſich aufthut, die Haus⸗ wurz mit ſpinnwebigem Blatte; dann die Alpen⸗Soldanella, geraubt von den Zacken des fahlen Pilatus; von des Gäbris milderem Rücken gepflückt das fein gezeichnete Rhodo⸗ dendron, und etwas tiefer hinab die Chlora mit durchbrochenen Blättern, die Ferneys Fluren verſchönert. Neben dieſen den ſtolzen Ritterſporn, der bey Laufen ſich in den Rhein taucht; ihm zur Seite das löwenfüßige Gna⸗ phalium, hervor gezogen aus des Splügens ſchauerlicher Wildniß, und die inſectenblüthige Orchis, von den ſtillen Seegeſtaden von Aegeri und des Morgartens grün bekleideten Todten⸗ und Heldenhügeln.. Als unſer eigenes Wiſſen nicht mehr aus⸗ reichte, kam uns Freund Theodor mit ſeinem Vorrathe von botaniſchen Nahmen gefällig zu Hülfe und zählte mit geläufiger Zunge aus 149 leines Gedächtniſſes unerſchöpflichem Reich⸗ thume weiter und weiter fort, bis die Summe und der Bund der Zwey und Swanzige voll war. „Das Blumengebinde,“ ſeßke er dann als Abſchiedswort noch hinzu,„das Blumengebinde, theure Eugenia, gehört Ihnen an, als ein Erinnerungszeichen an das Land, welches wir beyderſeits vor andern lieben, und das Sie Schweſtern ſo wie ich mit Schmerzen verlaſſen. Es ſey Ihnen ein Bild des brüder⸗ lichen und nachgiebigen Sinnes, der von nun an den neu gegründeten Freyſtaat der Eids⸗ genoſſen regieren, und zu der glücklichen Selbſtſtändigkeit früherer Zeiten wieder erhe⸗ ben ſoll.“ „Zugleich aber bleibe es Ihnen beyden ſelbſt ein freundliches Sinnbild desjenigen Frie⸗ dens und der Eintracht, welche auch Sie bis⸗ her in allen Ihren Umgebungen begleitet hat und Ihnen fernerhin, beſeligend und Wonne verbreitend, auf Ihrer Lebensreiſe zur Seite ſtehn möge; uns allen zuſammen aber müſſe der Kranz, mit eben den ſchönen und leben⸗ digen Farben, die wir heute an ſeinen Blu⸗ men bewundern, einſt wieder entgegen glänzen vom Altare der Freundſchaft, in der Feyer⸗ ſtunde des Wiederſehns!“ Zweyte Abtheilung. Aus Uſendohms Brieftaſche. 1. Das Wiederſehn auf dem Weißenſtein, An Theodor. 1. Begleitſchreiben an Theodor. Vom Bodenſee, 4 November 1815. Was fühlte meine Seele da, O Freund, als ich nach langem Sehnen Der jugendlichen Wonne Scenen .... wiederſah! Ebert. Eben hatte ich, mein lieber Freund, die Feder niedergelegr und war von dem weiten Gedanken⸗ und Reiſeausfluge, deſſen Beſchreibung Du jetzt zu leſen im Begriffe ſtehſt, wieder zu mir ſelbſt und in das Reich des wirklichen Seyns zurück gekehrt, als die kleine, ſchwarzäugige Anna mit einem verſiegelten Papier in der Hand zu mir hergelaufen kam, und voll kindiſch unſchuldiger Freude ausrief:„Sieh kei. Bru⸗ der, ein Brief von unſerem Theodor Dem Wunſche, welchen Du in dieſem Schrei⸗ ben äußerſt, iſt durch das, was mit heutiger Poſt an Dich abgeht, von Seite Deines Freun⸗ des bereits durch die That und wohl ſchneller, als Du ſelbſt es vermuthen konnteſt, entſprochen. Aber auch ohne Dein Verlangen ausdrücklich vernommen zu haben, wie hätte ich es unter⸗ laſſen können, dieſe flüchtig hingeworfenen Reiſeſcenen in möglichſter Eile, und bevor irgend ein Menſch ſie zu Geſichte bekommt, Dir mitzu⸗ theilen. Du ſpielſt ja ſelbſt die Hauptrolle darin, und Dein freundliches Weſen waltet durch die⸗ ſelben vom Anfang bis zum Ende! So nimm ihn denn hin, dieſen unvollkomme⸗ nen Verſuch, der auch in ſeines Urhebers Augen nur in ſo fern einigen Werth hat, als er Dir ſelbſt und dem Andenken an zwey unausſprechlich frohe, in Deiner unmittelbaren Nähe verlebte Tage geweiht iſt. Beurtheile denſelben nicht als ein ſtrenger, ſcharf prüfender Richter, ſondern als ein liebender Freund, mit mildem Sinne und gefälliger Nachſicht. Zugleich aber mögeſt Du nicht vergeſſen, daß, wer an ſeinen Nächſten Forderungen ſolcher Art zu machen ſich einmahl 457 erkühnt hat, billiger Weiſe hinwieder auch ſelbſt in ähnlichen Dingen etwas zu leiſten verpflichtet ſey. Sollte demnach eine günſtige Fügung des Schickſals uns in der Folge nochmahls zu einem längern oder kürzern Reiſezuge vereinen, ſo würde dannzumahl die Reihe, von ſolchen Berg⸗ oder Thalfahrten zu erzählen, an Dir ſeyn. Im entgegen geſehten Falle bleiben wir nichts deſto minder glücklich in der lebhaften Erinnerung an jene, im Schooße einer ſchönen Natur und der theilnehmendſten Freundſchaft, auf dem Weißenſtein gemeinſchaftlich genoſſenen Freuden und an die lichten Stunden, die uns auf den grünen Höhen dieſes Gebirges geleuch⸗ tet, und deren Gedächtniß kein Verlauf der Jahre und Zeiten weder aus Deinem Gemüthe, noch aus dem meinen je wieder vertilgen ſoll. 2. Naturanſichten von der Hoͤhe des Weißen⸗ ſteins, nebſt einigen Berg⸗ betrachtungen. Io veggio agli occhi miei aprirsi Vasto teatro di frondosa scena. Stupido P occhio vi s' arresta in prima, Poi fugge e va via volando il guardo per P' aurco cammin, sin che nell' ardua Opposta alpe s' incontra, indi respinto Agli umil coll alfin scende e riposa. Betinelli. Wir hatten uns, mein geliebter Theodor und ich, ſeit zwey vollen Jahren nicht wieder ge⸗ ſehn. Kaum daß es uns endlich einmahl ge⸗ lang, unſerer beyderſeits ſehr geſchäftvollen Lage eine Muße von ungefähr acht Tagen ab⸗ zugewinnen. Einer auf das Eintreffen dieſes 12 159 Umſtandes längſt berechneten Abrede zu Folge follten dieſe Feyertage einem frohen Wieder⸗ ſehen zweyer ſich von Herzen ergebener Freunde und der Erneuerungsfeyer ihres in früher Kind⸗ heit beſchworenen und durch eine Reihe von Jahren immer mehr befeſtigten und geheiligten Bundes geweiht ſeyn. Zu dieſer unſerer Zuſammenkunft hatten wir den in den Jahrbüchern der Naturfreunde mit großen Schriftzügen angedeuteten Weißen⸗ ſtein, im Canton Solothurn, auserſehn, und waren wirklich am 5 Auguſt 1815, Theo⸗ dor, indem er, von einigen reiſeluſtigen Jüng⸗ lingen begleitet, von Zürich aus durch das Aargau und des Münſterthales romantiſche Wildniß das bezeichnete Ziel unſerer Wallfahrt verfolgte; ich ſelbſt aber, indem ich, tief aus- dem Herzen des Cantons Glarus hervor, erſt die Landſchaften Schwyb und Zug und hierauf die fruchtbaren Auen von Luzern und Solo⸗ thurn durchwanderte, unſerer Verabredung gemäß, ſo zu ſagen um die gleiche Stunde, auf jener Alpenhöhe eingetroffen. Einer nun bald dreyßig Jahre zählenden 160 und, o der zumahl in unſeren Tagen ſeltenen Erſcheinung! bis auf die gegenwärtige Stunde noch durch keine Fehde beeinträchtigten Freund⸗ ſchaft, wie die unſrige iſt, mußte ein zwey⸗ jähriges Geſchiedenſeyn an ſich ſchon ſehr lange erſcheinen. Jeht, am erſehnten Ziele jener Trennungszeit, hatten wir, jeder auf ſeinem eigenen Pfade, einen, in Vergleichung mit demjenigen, in welchen unſere gewöhnliche Le⸗ bensart uns eingeengt hält, ſehr weiten und ſehr verſchiedenartige Länder und Völker be⸗ faſſenden Raum durchzogen. Durch ſo viele, auf dieſem Wege ſich ungeſucht darſtellende, die mannigfaltigſten Gegenſätze bildende Natur⸗ ſeenen war unſere Fantaſie zu einer unge⸗ wöhnlichen Thätigkeit und Erneuerungskraft aufgeregt, und hierdurch ein Wanderzug von wenigen Tagen ſcheinbar in eine Reiſe von bedeutendem Umfange verwandelt worden; ſo daß, nachdem wir uns auf dem grünen Scheitel unſeres Berges gefunden und bewillkommt hat⸗ gen, es uns beyden vorkam, als wären wir nicht allein nach ſehr langer Zeit wieder zu⸗ 161 ſammen gekommen, ſondern auch aus einer über alle Maßen weiten Entfernung. Aber dem Schiffer gleich, der, wenn nach kangwierigen Fahrten ſein Auge das vaterlän⸗ diſche Geſtade wieder erblickt hat, und an dem⸗ ſelben die mit verlangenden Armen ſeiner Liebe entgegen ſtrebenden Seinen, der grenzenloſen Waſſerfläche von nun an nicht mehr gedenkt, die ſein Nachen durchfurcht hat, und über der aus freundlicher Nähe ihm zuſtrahlenden Freude es vergißt, daß er Monden und Jahre kang von ſeinen Liebſten auf Erden getrennt war, auch hinfort nichts mehr wiſſen will, als daß er zurück ſey in die erſehnten Luſtgefilde der Heimath;— dieſem Schiffer aleich warken auch wir, ohne der überſtandenen Prüfungs⸗ und Entbehrungszeit weiter zu gedenken, uns mit unbedingter Hingehung der froheſten Gegen⸗ wart in die Arme, und erneuerten in unan⸗ gefochtener Ruhe und unter den offenſten Mit⸗ theilungen aus der Tiefe des Herzens, unter Gottes freyem Himmel, unſeren alten, ſeit Jahr und Tag uns beſeligenden Freundſchafts⸗ bund. Der durch den gedoppelten Genuß der Natur und der Freundſchaft mir unvergeßlich gewor⸗ dene Weißenſtein iſt ein der Stadt Solo⸗ thurn in gerader Linie gegenüber liegendes, einen Theil des vielarmigen Jura bildendes Gebirge, das ſich, ſeitwärts von der genannten Stadt, aus wohl bebauten, mit Obſtbäumen reichlich beſetzten Triften und ergiebigen Korn⸗ feldern ziemlich jähe empor hebt, und hoch über dunkeln Eichen⸗ und Tannenwäldern, zum Theil auch über ſteil abgeſchnittenen Fels⸗ wänden, in einen milden, mit lieblich grünendem Rafen dicht überzogenen Alpengrath, den zum Schauplatze unſeres Wiederſehens erkorenen, ausgeht. 4 5 Was der Lobredner der Alpen aus eigener, wonnevoller Beobachtung verkündet: „Es wird, was die Natur aufs prächtigſte gebildet, Mit immer neuer Luſt auf einem Berg erblickt.“ das gilt in ganz vorzüglichem Grade von dem Gebirge, auf welchem wir jetzt uns befanden, und gerade eine ſolche; nichts weniger als rauhe, von mehrern Seiten frey ſtehende Alpen⸗ höhe iſt zu einer bequemen und fortgeſeßten 163 Betrachtung der Schweizer⸗Natur nach ihren mannigfaltigen Formen und den zahlloſen Schattirungen ihrer kunſtreichen Gemählde ganz vorzüglich und ungleich beſſer, als ſo viele andere, weit höhere, aber weniger milde und offene Berge, geeignet. In anmuthiger Freye hatten wir uns, das Antlitz nach Solothurns Mauern gerichtet, zur traulichen Unterhaltung auf den Raſenplan, gerade vor die geräumige, den Gipfel des Weiſtenſteins krönende Sennhütte gelagert. Dem Hirten und dem Reiſenden gewährt dieſe reinliche Alpenwohnung ein gemeinſchaftliches, für beyde gleich ſicheres und freundliches Ob⸗ dach. Sie gehört in ihrer Art zu den anſehn⸗ lichſten des Landes; und der Wanderer, wo⸗ fern er nicht mit unbeſcheidenen und über⸗ ſpannten Forderungen aus ſeiner Thalwelt in dieſe Berggegenden eintritt, iſt unter ihrem Dache gut aufgehoben, findet gefällige Bedie⸗ nung, ein frohmüthiges, mit Täfelwerk ver⸗ ſehenes, durch Jalouſien vor der Mittagshitze geſchüßtes Zimmer, ſo wie auch für ſich und 164 einige, jedoch nur wenige Begleiter eine an⸗ nehmliche Schlafſtätte. Uns zur Rechten, in der Entfernung von einer halben Stunde, lag die von demſelben Gebirgsjoche ſich erhebende, noch um ein Be⸗ trächtliches höhere Bergkuppe, die Haſen⸗ matt. Sie iſt wilder, wie die Hirten uns ſagten, als der Weißenſtein ſelbſt, dafür aber noch freyer gelegen, die Gebirge und Ebenen unumſchränkter beherrſchend. Links über einen leichten Tannenwald weg erhebt ſich in geringer Entfernung eine dritte Spihe, die Röthe genannt. Dieſe wird von den Reiſenden am häufigſten erſtiegen und gewährt ebenfalls eine ſehr weite und offene Ausſicht. Ganz oben auf derſelben hat die allgemeine Landesnoth der neueſten Zeiten eine Warte errichtet, und eine aus Bretern zuſammen geſchobene Hütte verſchafft einigen dort Wache haltenden Krie⸗ gern ein leichtes, gegen den erſten Andrang von Wind und Wetter beſchützendes Obdach. Dieſer Wachtpoſten wurde auch jetzt noch, in den letzten Tagen einer unter gewaltſamen Zuckungen ausathmenden Tyrannengewalt, von 165 einer Schar Schweizer aus dem eben neu geſchaffenen Canton Genf beſetzt gehalten, durch deren die ſchlauen Droſſeln mit wenig Glück verfolgende Büchſen die in dieſen Re⸗ vieren waltende, friedliche Stille von Zeit zu Zeit unterbrochen wird. Auf den heitern Triften, zunächſt im Vorgrunde, ſonneten ſich die ſchönen Kühe des Aelplers, zwey und ſechzig an der Zahl, von bunt gemiſchten Farben und ſehr vorzüglicher Gattung, ſich erluſtigend und ſättigend auf dem gras⸗ und kräuterreichen Alpengrunde, deſſen Rücken der Abendwind in leichtem Wellenſpiele, und Küh⸗ lung bringend, durchwallte. In der Tiefe aber zu unſeren Füßen, nicht weniger als in der Ferne ringsum, ſo weit nur der Blick reieht, was umlagern da für mannigfaltige, Auge und Gemüth angenehm beſchäftigende Gegenſtände den Fremdling, der anfänglich mit unſicherem Erſtaunen, dann aber mit deſto beharrlicherem Blicke ſich von dieſem Land und Waſſer beherrſchenden Throne nach Süden und Norden, nach Auf⸗ und Niedergang umſchaut! Es dürfte ſchwer zu beſtimmen ſeyn, welche Partie der ganzen, großen Naturanſicht ſich von dieſem Standpunct aus am gefälligſten bilde. Hier ſiehſt du die Waſſerbecken der Seen von Biel, Murten und Reuenburg blinken; dort glänzt das lindenumfangene Solothurn, das ſammt ſeiner ſchönen, mit einer Anzahl uralter Denkmähler kriegeriſcher Vorzeit höchſt contraſtirenden Kathedralkirche im Geſchmacke der neueſten Zeiten empor ſteigt aus grünenden Auen, reichen Obſtgärten und goldenen, dem Landmann mit dem Lohne ſeiner Arbeit freundlich zuwinkenden Saaten. Von fern her die Gewäſſer der in mäandri⸗ ſchem Laufe von Bern heran eilenden Aare; Reihen waldumgürteter Hügel, und ſtille Thal⸗ gründe dazwiſchen, bis hinauf zu den See⸗ geſtaden von Sempach; endlich eine weit aus⸗ gebreitete, die Hochgebirge von der Kette des Jura krennende, fruchtbare Landſchaft, welche in ungeregeltem Kiesbette die Emme mit rei⸗ ßendem, das Uferland nicht ſelten furchtbar verheerenden Strome durchflüthet. Was aber vollends dieſer Aus ſicht vor dem 167 hochgefeyerken Herabſchauen vom Culme des Rigi und vor jeder andern Schweizeriſchen Bexgausſicht einen entſchiedenen Vorzug ver⸗ ſchafft, iſt jene majeſtätiſche Alpenkette, die von den Gebirgen des Tirols an bis weit hinunter zum Montblanc und tief hinein zum Roſa⸗Berg und deſſen bis jetzt von keinem Menſchenfuße erſtiegenen Nachbarn, in einem Umfange von etwa hundert und dreyßig Stun⸗ den, mit zahlloſen Hörnern, Gletſchern und einem von unermeßlichen Schneelaſten zuſam⸗ men gehaltenen Felſengethürme hoch in die Wolken, ja noch über dieſe empor ſteigt, und ſich dem Beſchauer in ihrer ganzen Ausdehnung und Erhabenheit vor, Augen ſtellt. Wenn auch dem Reiſenden, wie es gerade unſer Fall war, der Anblick dieſer in ihrer Art einzigen Länderumgürtung nicht auf ein Mahl nach ihrem ganzen Umfange zu Theil wird, ſo muß er ſich gleichwohl ſchon durch das einsmahlige Sichtbarwerden der einzelnen Gebirgsmaſſen auf das angenehmſte überraſch⸗ finden. Auch einzeln ſieht er nicht ohne Wohl⸗ gefallen und Erſtaunen jene Rieſenbollwerke 168 der Natur, jene unentweglichen, von der Hand der Allmacht gegründeten und hingeord⸗ neten Veſten ihr Dunſtgewand abſtreifen und in klarer Urform aus dem Nebelmeere hervor treten, wie Felſeneilande ſich heraus heben aus des Oceans Fluthen. Gleich Augenblicken verſchwinden ihm über dieſem Schauſpiele, das vor ſeinen Augen auf dieſer Bühne der höch⸗ ſten Gebirgswelt in tauſend Abwechslungen und Miſchungen der Farben ſich durchſpielt, die Stunden, und er wird der Betrachtung der⸗ ſelben nicht müde, bis ihn die Nacht oder die weitere Ausführung ſeines Reiſeplans, als mit Gewalt, von ſeinen Betrachtungen weg⸗ reißt.— „Hier,“ ſagte Theodor in voller Freude ſeines Herzens,„hier iſt gut wohnen, in die⸗ ſem lieblichen Schooße der Alpennatur! Da laß uns, mein Lieber, verweilen.“ „Auf mein Weſen,“ fuhr er dann fort und blickte mit froher Verwunderung umher auf dem nach allen Himmelsgegenden ſich dehnen⸗ den Weltplan,„auf mein Weoſen wirkt im gan⸗ zen Umfange der Sinnenwelt nichts ſo wohl⸗ 169 khätig ein, als der Aufenthalt auf einer ſol⸗ chen, von dem Gewirre des Lebens und ſeiner Mühſale ſo weit abgeſonderten Gebirgshöhe. Da fühlt mein Geiſt ſich alles deſſen, was ihn tiefer unten befangen hält und beängſtigt, entbunden, und um das Herz wird es mir leichter unter dem Einathmen dieſer reinen, balſamiſchen Bergluft. Es müßte auch die Fantaſie über die Maßen finſter zu mahlen gewohnt ſeyn, welche von dieſem Standpuncte aus nicht hellere, dem Auge gefälliger zuſa⸗ gende Farben ſollte finden können; und laſtet ein Kummer dir auf der Seele, er müßte ausnehmend tiefe Wurzeln geſchlagen haben, wenn er hier nicht zum wenigſten auf eine Weile entwiche.“ „In harmoniſchem Einklang der äußern zu der innern Welt hat auch der Genius des innern Friedens eben dieſe höhern Regionen, in welche von außen her keine Zwietracht herein bricht, wo kein Menſch feindſelig dem andern nachſtellt, und ein Leben hingebracht wird, dem jede ungeſtümere Leidenſchaft fremd iſt, ſich zum Lieblingsſihe erkoren T1. 8 170 Unter ſeinen Fittigen kehrt da, das verſpüren wir beyde, die Seele leicht und ſchnell in den Zuſtand ihrer natürlichen und urſprünglichen— ach! wie ſo ſelten auf Erde unangefochtenen Ruhe und Gleichmuth zurück. Und auf eben dieſem über die wogende Unruhe und Beweg⸗ lichkeit des Tiefelebens hoch erhabenen Stand⸗ punct, von wo aus die ſichtbare und begreif⸗ liche Welt ſich in mehr als gewöhnlicher Majeſtät und Größe dem Blicke des Sterblichen darſtellt, wird auch der Geiſt lebhafter und mit unwider⸗ ſtehlicherer Kraft zu denjenigen Dingen hinge⸗ zogen, die er hiernieden nicht ſchaut, noch zu faſſen vermöchte. Höher hebt ſich unter ſolchen Umgebungen ſeiner Hoffnungen Flug; kühner werden ſeine Vermuthungen von der Zukunft, und vernehmlicher hört er jene innere Stimme ertönen, die es troſtreich ihm zuſagt, daß, gleichwie jetzt all das Große und Schöne, das in einer in ſolchem Glanze noch nie erblickten Natur von dieſem freyen Scheitel der Alpen ihm vorliegt, ihn weit über alle Erwartungen ſeines leiblichen Auges empor hebt, alſo dereinſt auch, nach jener großen Verwandlung der Scene, 171 die durch den Tod ſich bereitet, dem Auge ſeines Geiſtes eine überſinnliche Welt ſich zu ſeinem Erſtaunen entfalten, und ein hell glänzendes Licht, heller, als dieſer Erde je eines geleuchtet, das geheimnißvolle Dunkel, worein wir die Gegenſtände unſeres höchſten Verlangens zur Stunde gehüllt ſehn, wundervoll überſtrahlen, und ſolche Nacht alle zerſtreuen und zertheilen werde zu einem Tage, deſſen Wonne kein Ende nimmt. Es wird dieß ein Licht ſeyn gleich dem Sonnenſtrahle dort, der dieſen Augenblick, tief in der Gebirgswelt im Süden, dem Gipfel des Montblanc ſeine Nebelumhüllungen abſtreift, daß er frey und in ſeiner Urgeſtalt dem Blicke erſcheine, als einer der erhabenſten unter den Altären der Gottheit.“ Wirklich hatte ſich, indeß Theodor alſo redete, der vor die Bernerſchen und Savoyiſchen Hoch⸗ gebirge ſeit einer Stunde gezogene Vorhang unvermuthet geriſſen, und jene Wunder⸗Pyra⸗ mide, groß und rein, als wäre ſie ſo eben der Hand ihres Schöpfers entſtiegen, ſich uns in volleſter Klarheit vor Augen geſtellt. Ich ſelbſt bath nun meinen Freund, uns, 172 wöhrend ſeine Gefährten, auf ihr weiches Lager hingegoſſen, ſich der Erholung von den Anſtren⸗ gungen ihres heutigen Tagewerkes erfreuten, von ſeiner Reiſe hierher zu erzählen, bis es Zeit ſeyn werde, des Sonnenunterganges wegen — ein Schauſpiel, auf welches ſelten ein Reiſen⸗ der von freyen Stücken verzichtet— die Warte auf der Röthe zu beſteigen. Was ich von Theo⸗ dor verlangte, das hatte dieſer ohnehin zu lei⸗ ſten gedacht. Alſo lautete ſein einfacher, mit ſeiner nun lange nicht mehr vernommenen Stimme mir doppelt angenehm ins Ohr tönen⸗ der Wanderbericht: * 173 3. Wie ein Theil der Reiſenden von Zuͤrich aus auf den Weißenſtein gelangte. Dolce mi fu, spirto gentil, tua voce E la dolcezza ancor dentro mi suona. Algarotti. Un die Kräfte meiner jungen Begleiter gleich von Anfang möglichſt zu Rathe zu halten, trat ich— alſo erzählte Freund Theodor— den Weg mit ihnen zu Waſſer an. Die Fahrt auf der Limmat, von Zürich bis nach dem be⸗ rühmten Curorte, Baden im Aargau, iſt be⸗ kannter Maßen eine der reizendeſten und ſchnelle⸗ ſten, die ſich in den Schweizer⸗Thälern unter⸗ nehmen laſſen. Die Reiſenden ſprechen von ihr mit hohem Entzücken.. Einzig die Reiſe guf der Aare, von 174 Thun nach Bern hinab, mag mit noch mehr Eile als jene Limmat⸗Fahrt von Statten gehn; ſie wird jedoch näher gegen Bern hinab und ganz vorzüglich bey dein Landungsplatze in der Stadt ſelbſt allzu ſchnell und eigentlich reißend, und nicht ohne Anwandlungen von Furcht vollbringt ſie, wer ſeine Perſon noch nie einem ſolchen Gewäſſer vertraut hat. Zudem iſt ſie, was Anmuth und Mannigfaltigkeit der vor⸗ kommenden Gegenden und Gegenſtände betrifft, mit dem ſanften Dahingleiten auf dem blauen Limmat⸗Spiegel gar nicht zu vergleichen. Aber wer dieſen befährt, bereitet ſich eine köſtliche Freude, und ſieht ſein Auge durch einen un⸗ unterbrochenen Wechſel der Scenen und Land⸗ ſchaften auf das angenehmſte beſchäftigt. Erſt die Stadt ſelbſt, aus deren Schooße der Nachen ſich auf den unaufhaltſamen Strom wagt, anmuthige Luſtgänge, grünende Inſeln, traulich ſich vereinende Flüſſe, ſonnenreiche Trauben⸗ und Obſthügel und heitere Denk⸗ mähler eines immer höher ſtrebenden Kunſt⸗ und Gewerbfleißes. Dann wieder dunkle Waldgegenden und ſteil abgeſchnittene gelſen⸗ 175 ufer, gekrönt mit vielfarbigen Hainen, einſame Klöſter, Kieſelklippen, Erdzungen, lebendiges Wellenſpiel und ſchäumende Strudel. Weiter⸗ hin kühn ſchwebende Brückengewölbe, über⸗ hangende Burgtrümmer aus kriegeriſcher Vor⸗ zeit und Schlöſſer, von ſpätern Geſchlechtern erbaut. Dieß alles eilt in abwechslungsreicher Reihenfolge an dem ſchaukelnden Kahne vor⸗ über, und den Reiſenden weiſ't, wenn er noch weiter zielt, bevor er ſich deſſen verſieht und nicht ohne ſein großes Bedauern, der Schiffer von dem durchflogenen Waſſerpfade landein⸗ wärts. Die erſte Ortſchaft von einiger Bedeutung, die ſich dem Wanderer, wenn er die höchſt reizende Gegend der Bäder von Baden wieder verlaſſen hat, auf der Straße nach Baſel dar⸗ biethet, iſt das kleine, im Canton Aargau ge⸗ legene Brugg. Dieſes Städtchen iſt vornehm⸗ lich aus dem Grunde bemerkenswerth, weil man in der Nähe desſelben ſich faſt überall auf geſchichtlich merkwürdigem Erdreiche befindet. In der Erinnerung an die alte, einen großen Theil von Bruggs Umgebungen umfaſſende 176 Vindoniſſa nicht weniger, als in den modern⸗ den Ruinen der Oeſterreichiſchen Stammburg und in dem klöſterlichen Stifte Königsfelden findet jede lebhafte, zumahl jugendliche Ein⸗ bildungskraft auch für ein längeres Verweilen eben ſo manchen feſten und anziehenden Stüt⸗ punct. Hier erblickſt du Agneſens verödete und ver⸗ laſſene, doch immerhin noch erkennbare Kloſter⸗ zelle; ſodann jene erſt noch in unſeren Tagen ihrer Leichname entledigte Fürſtengruft, in deren Tieſe man bey düſterm Lampenſcheine hinab ſteigt; ferner eine Reihe auf Ueberreſten bunter Fenſterſcheiben dargeſtellter Scenen aus der Königinn und aus Eliſabeths Leben; weiter⸗ hin im Chor, dem einzigen Theile der Kirche, der ſich bis auf dieſe Stunde in ſeinem urſprüng⸗ lichen Beſtande erhalten hat, die Abbildungen der auf den Blutgefilden von Sempach gefalle⸗ nen edeln Herrn und Ritter, und endlich noch Manches, das von Inſchriften und Grabſteinen dem nagenden Zahne der Zeit und den Gräueln der Verwüſtung bis jetzt hat widerſtehn mögen. Alle dieſe Gegenſtände ſind im höchſten Grade 177 geeignet, dem Geiſte des Betrachtenden jene Blut⸗ und Racheſcenen zu vergegenwärtigen, welche in dem Geſchichtbuche des XIV. Jahr⸗ hunderts mit ſchauervollen Zügen beſchrieben ſtehn. Es erregen übrigens, nahmentlich zu Königsfelden, jene, zum Theil wüſten und zerſtörten, zum Theil in Kranken⸗ und Irren⸗ häuſer umgeſchaffenen Zellen und Gänge der beyden, einſt durch eine gemeinſame, hoch auf⸗ gemauerte Scheidewand von der Welt der Ungeweiheten abgeſonderten Klöſter, die durch ihre Umwandlung in Kornböden und Magazine unkenntlich gewordene Kirche, alle die erloſche⸗ nen Nahmen und glatt getretenen Inſchriften, die aufgewühlten Todtengrüfte und Leichen⸗ behälter ſowohl, als jene im Uebermuthe anar⸗ chiſcher Zeiten von frechen Fäuſten zerſchmetter⸗ ten Kirchenfenſter, und was ſolcher Ausbrüche ſtumpfer Gefühlloſigkeit und Nichtachtung vor⸗ über gegangener Geſchlechter noch mehr ſind, in dem Gemüthe des Fremdlings nicht weniger als des Einheimiſchen einen höchſt widrigen, während des Ganges durch den Kloſterraum und die übrigen, mit demſelben verbundenen 178 Gebäude ſich, ſo zu fagen, mit jedem Schritte erneuernden Eindruck. Um ſo freyer athmet der Wanderer auf dem Gipfel des Bötzberges, welcher, unmittelbar über Brugg hinaus, auf einer wohl angelegten, ſanft und gleichmäßig ſich aufwärts ziehenden Kunſtſtraße erſtiegen wird. Auf dieſes Berges weitem, grünenden Rücken hat vor bald einem halben Jahrhundert eine für die Nachwelt ſorg⸗ ſame, längſt erkaltete Hand ein paar, nun ſchon das zweyte Geſchlecht erfreuende Linden gepflanzt, in deren Schatten, vor der ſchwülen Sommer⸗ hitze geſichert, ſich die Reiſegeſellſchaft des be⸗ reits zurück gelegten Weges erfreute, und ihren jugendlich unbefangenen, für ſolche Blicke in die Ratur empfänglichen Sinn an einem an⸗ genehmen, für ſie ganz neuen und darum deſto anziehendern Landſchaftsgemählde vergnügte. In der That gehört die Ausſicht von dem Bötzberge, zumahl wenn mit in Anſchlag gebracht wird, mit welch geringer Mühe ſich auf die Höhe desſelben gelangen läßt, obgleich nicht zu den umfaſſendſten, doch immerhin zu den vorzüglich ſchönen und bemerkenswerthen des 179 in dieſer Hinſicht mit Recht ſo berühmten Schweizerlandes. Jene drey Ströme, welche man im Laufe eines und desſelben Vormittages, den erſten zu Baden, den zweyten zwiſchen Gäbiſtorf und Windiſch, den dritten auf einem kühnen Quader⸗ Gewölbe, allernächſt unker den Mauern von Brugg, überſchritten hat, die ſanfte Limmat, die tückiſche Reuß und die reißende Aare; die Vereinigung dieſer drey Flüſſe in dem Bette des letztern; die lebhaften, häuſerreichen Um⸗ gebungen von Königsfelden und Brugg; das auf einem hohen Vorſprung über der Reuß hingeſtellte Dorf Windiſch; die auch in ihrer gegenwärtigen Verſunkenheit immer noch bedeu⸗ tenden Ueberreſte des Stammhauſes der Grafen von Habsburg; das lange Aar⸗Thal mit allen ſeinen Dörfern und Burgen; dazu in lichter Ferne der ſtrahlende Alpenkranz:— alle dieſe Partien zuſammen bilden ein Ganzes, das nicht ohne großen Reiz und unter vielfachen Titeln einer aufmerkſamern Beachtung würdig iſt. Wem dann, indeß das Auge auf jenen Höhen ſich umſieht, im Geiſte ſich abermahl das Buch 180 der Geſchichte entfaltet; wer ſich in ſeinem In⸗ nern gemahnt fühlt, an mehr als Einen der hervor ſtechendern Puncte der vor ihm liegen⸗ den Gegend Erinnerungen an ausgezeichnete Menſchen oder an denkwürdige Zeiten und Er⸗ eigniſſe der Vorwelt zu knüpfen; wer den Nah⸗ men Vindoniſſa nicht ausſprechen kann, ohne dabey des verdunkelten Rahmens der Römer, einſt des größten aller Völker auf Erde, zu gedenken; wem ſich beym Anblicke der Trümmer des Oeſterreichiſchen Stammſchloſſes ſofort die Reihe der aus dieſem erlauchten Geſchlechte entſproſſenen Regenten und Helden und zugleich die wunderbaren Schickſale des Landes verge⸗ genwärtigen, in deſſen Schooße jene Veſte nun von Tage zu Tage tiefer in ihre Ruinen zu⸗ fammen ſinkt: der muß auf dem Bötzberge nicht bloß, was bey ſo manchen, ſehr ſchönen Aus⸗ ſichten der Fall iſt, für das Auge, ſondern auch für ſein zu ernſterem Nachdenken aufgelegtes Gemüth eine mehr als vorüber gehende Be⸗ friedigung finden.— „Hier,“ ſagte ich zu dem ſinnenden, gerade guch um Andeutungen aus vergangenen Zeiten 181 und verbrachtem Menſchenleben ſich an mich drängenden Auguſt,„hier, an eben dieſer Stelle ſaß ich vor vierzig Jahren, als ein munterer und jugendlich aufſtrebender Knabe, in einer lieblichen Frühlings⸗Morgenſtunde, als eben dieſe vier uns jetzt dicht umſchattenden Lin⸗ den, damahls erſt noch zarte, beſcheidene Schoſſe, zum erſten Mahl blühten, an der Seite eines redlichen, in dieſer Gegend heimiſchen Freundes meiner Aeltern, zu welchem mir dieſe auf Beſuch zu wandern bewilligt hatten. Es war dieß ein biederer, gutmüthiger Alter, der mir, einem Neulinge, welcher gerade zum erſten Mahl aus der Grenze ſeiner Heimath heraus trat, das Land umher getreulich erklärte, und bey ſeinen Auslegungen, wo und wie er nur konnte, ſich zu der Unmündigkeit meiner Jahre gefällig herab ließ.“ „Das war mir,“ ſagte damahls dieſer Alte, indem er eines jener ſchlanken Stämmchen umfaßt hielt,„ein wackerer Mann, der auf dem Platze hier, wo ſonſt weit umher nicht ein einziger Baum grünt, dieſe Linden gepflanzt und ge⸗ pflegt hat. Derſelbe wußte zwar wohl und 182 bezeugte es auch, als er in das Erdreich ein⸗ grub, um die Bäume zu ſetzen, daß er ſelbſt ſte nicht mehr grünen und blühn ſehn werde; aber deſto inniger vergnügte er ſich an dem Gedanken, daß ſeine Kinder und Enkel, wenn nicht ſelbſt noch ſpätere Geſchlechter, ſich dieſer ſeiner Arbeit in vollem Maße erfreuen werden. Er ſtarb bald nach vollendetem Werke.— Ein braver Mann! denn er gedachte in ſeinem Thun auch derer, die nach ihm auf Erde wandeln würden.“. „Nun da wir hier ſtehn, geliebteſter Auguſt, iſt der Nahme des Freundes, der dieß mir erzählte, längſt aus dem Buche der Lebendigen ausgelöſcht, und ſein Gebein zu Staub und Aſche vermodert, wie die Gebeine der geliebten Aeltern, die einſt ſeiner Huth mich verkrauten....“ „Swanzig Jahre ſpäter war ich zum zweyten Mahl hier, als älterer Begleiter von zweyen meiner Geſchwiſter. Dieſe zwey holden Weſen prangten gerade damahls im höchſten Glanze der Geſundheit und Jugend; eine fröhliche Zukunft ſchien ihnen in allen Beziehungen lachen zu wollen, und Bruder und Schweſter blickten 183 und wandelten dieſer künftigen Zeit harmlos und mit heiterer Stirne entgegen. Es grünte auch in jenen Tagen abermahl ein erfreulicher Früh⸗ ling. Die Linden hatten während der zwey Jahrzehende Wurzel gefaßt, kräftigen Wuchſes ſich empor gehoben und dichtes Laubwerk nach allen Seiten verbreitet; auch waren ihre Blüthen vollkommener als jene früher geſehenen Erſtlinge, und ſchienen ſtärker zu duften. Und jenes in der ſchönſten Blüthe des Menſchenlebens ſich entfaltende Geſchwiſterpaar, das in jener Bäume Schatten ſich kühlte, was denkſt du wohl, Au⸗ guſt, daß aus dieſem geworden ſey... Es wandelt der Bruder und mit ihm die jung⸗ fräuliche Schweſter längſt in den Wohnſitzen der ſeligen Geiſter, und die Denkſteine auf ihren Gräbern fangen bereits an zu verwittern. Nur Freundſchaft und Bruderliebe nennen etwa noch ihre einſt wohl bekannten Nahmen, und. in wenigen Herzen, außer dem meinen, iſt ihr Andenken noch bis auf dieſe Stunde bewahrt geblieben.“ „Jeht, da ich zum drikten Mahle mit dir auf eben dieſen Höhen und unter den gleichen, unter 184 ſolchem Kommen und Vergehn der Geſchlechter zu ihrer völligen Kraft und Größe erwachſenen Bäumen verweile, ſtehe ich ſelbſt bald auf der Neige meiner Tage und ſehe die Sonne meines eigenen Lebens ſich allmählich ihrem Untergange nähern, ſo daß, wenn du im Verlaufe der Zeiten etwa nochmahls hierher kommen ſollteſt, alsdann auch mein Uebergang nach dem unbe⸗ kannten Lande des Glaubens und der Hoffnung wohl ſchon wird vollbracht und auch mein Nahme verhallet und vergeſſen ſeyn über den Nahmen derer, die nach mir den Schauplatz des Lebens betreten. Unſer aller, geliebteſter Auguſt, harret früher oder ſpäter ein ähnliches Loos. Dir, wie deinem ältern Freunde, folgt, auch dein Gedächt⸗ niß zu verſchlingen, ein jüngeres Geſchlecht unaufhaltſam auf dem Fuße nach. Dein Schickſal zwar verhüllt zur Stunde noch wohlthätig der Schleyer der Zukunft. Ob du indeſſen nach längerer oder kürzerer Zeit von dieſem unſtäten Vorbereitungsorte zu höhern Dingen werdeſt abtreten müſſen, und ob, wann du einſt davon abgegangen ſeyn wirſt, hiernieden noch eine Zunge deines Nahmens gedenken werde oder 185 nicht, das laß dich nicht anfechten noch küm⸗ mern; denn zwey Dinge zu bewirken, bleibt für und für in deiner Gewalt: das eine, daß du nicht erzittern müſſeſt, wenn du gerufen wirſt; das andere, daß, wenn je nach deinem Hingange deiner unter den Menſchen noch gedacht werden follte, dieſes nie anders geſchehen könne, als mit Achtung und liebender, dich in die Kreiſe, aus denen du entwichen biſt, zurück wünſchen⸗ der Sehnſucht!«⸗ Der Reiſende, welcher vom Bötzberge aus die Baſeler Straße weiter verfolgt, hat ſich bald nach dem fruchtbaren, an Getreide reichen, mit weitläuftigen und wohlgebauten Dörfern ſtatt⸗ lich beſehten Frickthale zu wenden. In Folge der neueſten, große Reiche wie die kleinſten Republiken ergreifenden Weltveränderungen bleibt nun auch dieſe Landſchaft den Schweizeri⸗ ſchen Bundesſtaaten einverle bt. Dem gewöhn⸗ lichen Wege getreu hatten wir dieſelbe, ihrer⸗ ganzen Länge nach, von Effingen bis Rhein⸗ felden, zu durchwandern. Das Dorf Hornuſſen gewährte uns eine nicht eben vorzügliche, doch immerhin leidliche Nachtherberge. Bey weitem 186 die anſehnlichſte Ortſchaft des Thales iſt die⸗ jenige, von welcher der frohmüthige Bezirk ſelbſt ſeinen Nahmen trägt. In dem Gaſthofe zu Stein genießt man eines vorzüglich ſchönen Hinblickes auf die ergiebige Ebene des Stift⸗ hauſes von Seckingen, nach den tannenbekränz⸗ ten Gebirgen des Schwarzwaldes, über die nach Baſel hin und noch weiter hinab ſich immer mehr verflächende Landſchaft, am unmittelbarſten aber auf den mit brauſendem Ungeſtüm ſein Gewäſſer tief unter der Heerſtraße von dannen wälzenden Rheinſtrom. Wir waren von Hornuſſen mit der früheſten Morgendämmerung aufgebrochen, und hatten bis gegen Mittag das wenig beträchtliche und, ſeine Lage ausgenommen⸗ nicht eben preis⸗ würdige Rheinfelden, eine der ſo geheißenen vier Waldſtädte am Rhein, nicht ohne einen bedeutenden Aufwand von Zeit und Kräften er⸗ reichen mögen. Der Rhein, dieſer König aller Schweizeriſchen Flüſſe, iſt hier zu einem ge⸗ waltigen und reißenden Strome angewachſen, und hat die Gewäſſer ſeines Mutterlandes, klein und groß, vom ſchmalen Bächlein an, das⸗ 187 kaum bemerkt, den Blumenflor der Wieſe durch⸗ ſchlängelt, bis zum ſelbſtſtändigen Fluſſe und zum ungeregelt daher brauſenden Waldwaſſer, ſchon größten Theils unter ſeinen Scepter und Nahmen vereinigt. Mit beſonderem Vergnügen vertieften die Jünglinge ſich an den Fenſtern des Gaſthofes in die Betrachtung des hart an den Grundfeſten des Hauſes vorbey ſtürmen⸗ den Stromes, ſo wie denn ihre Blicke auch nicht ohne theilnehmende Beſorgniß jetzt bey dem leichten Fahrzeuge, welches, von den ſchäumenden Wellen auf und nieder geſchaukelt, unter der Brücke hinweg flog, und dann bey dem Fiſcher verweilten, der an den Klippen des jenſeitigen Ufers, mit gegen die Fluth über⸗ hangendem Leibe, zum ungewiſſen, wenn nicht gefährlichen Fange ſein Netz warf. Auf einer langen Brücke wird der Wanderer, gerade an der Stelle, wo die Wellen am wil⸗ deſten durch einander toben, über den Rhein. und zugleich über die Schweizer⸗Grenze hin⸗ weg getragen. Dieſe Brücke hat einen gewal⸗ tigen, ſich hoch über die Fluthen empor heben⸗ den Felſen, der vormahls einer Burgveſte, der 188 Stein zu Rheinfelden genanne, zur Grundlage gedient hat, zum hauptſächlichſten Stütpunct. Auch ſie ließen die Reiſenden nicht unbeachtet, und eben ſo wenig überſahen ſie am rechten Rhein⸗Ufer die Badiſche Schildwache, durch deren Daſeyn man an das Eintreten in fremde Gebiethe gemahnt wird.— Zwey Hauptſtraßen führen von Rheinfelden nach Baſel: die eine derſelben geht diesſeits der Brücke, am linken Geſtade, über Schweizerboden durch Baſel⸗ Augſt und das Hard; die andere, jenſeits des Fluſſes, durch die Dörfer Warmbach und Gränzach über Badiſches Land. Wir wählten, der mehrern Annehmlichkeit wegen, die leßtere. Sie zieht ſich, in ziemlicher Höhe über dem Rheine, durch fruchtbare, zur Rechten meiſt von ſchönen Weinbergen umzingelte Felder, immer tiefer hinab nach jener weiten Fläche, in deren Schooße die Schweiz von der anſehnlichſten ihrer eigenen Städte begrenzt wird. Einen ge⸗ fälligen Anblick gewährt über den Strom hin⸗ weg die geſchichtlich merkwürdige Umgegend der alten Auguſta und die ſchlanken Pappeln, welche, als eine Kunſtanlage der neueſten Zeit, zwiſchen 189 thren Ueberveſten wurzeln. Nicht minder ge⸗ müthlich fanden wir es, aus dem Poſthauſe zu Gränzach, das zur Herberge für dieſen Abend gewählt ward, in lauer, hell erleuchteter Som⸗ mernacht und durch eine tiefe Stille, nach dem langen, mit Thurm und Kirche in eine enge Bergſchlucht ſich gleichſam verſteckenden Dorfe und nach den dortigen Weingärten und Hügeln hinaus zu ſchauen, von deren einem ein ſehr bemerkbares Lärmzeichen die Furcht vor dem frechen Nachbarvolke als noch nicht völlig ver⸗ ſchwunden bezeichnet. Am längſten und liebſten aber wird der aufmerkſame Reiſende am Gränz⸗ acher⸗Horn, das heißt, bey einigen eine halbe Meile von Baſel, in ſehr freyer und offener Gegend, an der Straße liegenden Häuſern ver⸗ weilen, von wo aus ſich eine lange Strecke des Rheinbettes, Baſel ſelbſt mit ſeinen heitern Nachbarſchaften, und außer dem noch ein weiter Strich des fruchtbarſten Landes eben ſo bequem als deutlich überblicken läßt. Mit dem dieſem glücklichſten aller Lebensalter eigenen, jetzt gerade durch nicht gemeine Erwar⸗ kungen gehobenen Frohſinn traten die jungen 190 Wandersmänner durch Klein⸗Baſel über die Kheinbrücke in die größere Stadt ein. Eine ſehr anſehnliche, noch nie geſehene Hauptſtadt, die Rähe der furchtbaren Feſtung, die Anwe⸗ ſenheit eines Oeſterreichiſchen Prinzen, vieler fremden Kriegsvölker und eines bunten Gemen⸗ ges von Eidsgenöſſiſchen Hülfstruppen faſt aus allen Cankonen:— dieß und noch mancher an⸗ dere Umſtand hatte ihre jedes neuen und unge⸗ wohnten Eindruckes ſo empfänglichen Gemüther in die ſüßeſten Hoffnungen eingewiegt. Man denke ſich ihr Leidweſen und ihre Beſtürzung, als ſie, erſt durch die Unmöglichkeit, irgend etwas von der immer noch enge eingeſchloſſenen, durch einen Tollkopf vertheidigten Feſtung zu Geſichte zu bekommen, oder die zu deoſelben hinführende, ſcharf verſperrte Straße zu betre⸗ ten, ſodann durch eine ebenfalls von den Kriegs⸗ umſtänden abgenöthigte, ſehr genaue Beſchrän⸗ kung des Beſuches derjenigen Stellen der Stadt⸗ wälle, von denen man am freyeſten nach dem jeden Augenblick Tod und Verderben drohenden Hüningen hinblickt, und endlich durch die Nach⸗ richt, daß Baſel keine fremden Truppen mehr 191 beherberge, und der Fürſt, den jedermann liebte, genöthigt ſey, das Zimmer zu hüthen, ſchnell alle ihre Pläne zertrümmert, und ein ihnen eben noch hell leuchtendes Licht der ſchön⸗ ſten Erwartung in einen ſchwachen, von einer Stunde zur andern vollends zu erlöſchen drohen⸗ den Hoffnungsſchimmer verwandelt ſahen. Um ſo angenehmer überraſchte uns alle auf dem Münſterplatze der Anblick der zahlreichen, aus der Deutſchen, Franzöſiſchen und Italiäni⸗ ſchen Schweiz in brüderlicher Eintracht ver⸗ ſammelten Bundestruppen, die eine rühmliche Kraftanſtrengung der ſämmtlichen Eidsgenoſſen, gerade an dieſem Puncte ihrer Landesgrenze, wo zur Stunde noch vor allen übrigen Noth und Gefahr herrſcht, vereint hält, um theils bis zu völliger Beendigung der großen Befreyungs⸗ arbeit des Welttheiles mit ſtarker und thätiger Hand die Endpuncte des vaterländiſchen Gebiethes zu bewachen und zu decken, theils aber, wie ge⸗ rade in dieſen Tagen geſchah, mit preiswürdigem Nuthe und Eifer auch ihrerſeits zur Entledigung des gemeinſchaftlichen Vaterlandes von den Feſ⸗ ſeln der tückiſchen Nachbarinn mitzuwirken. 192 Neben der großen Anzahl längſt zur Genüge bekannter, größtentheils über die Gebühr be⸗ ſchriebener Kunſt⸗ und Naturmerkwürdigkeiten von Baſel wird, wer beſonders an Gegenſtänden leßterer Art ſein Wohlgefallen findet, wer gern an heitern und frohmüthigen Plätzen oder bey dem Gewirre der Welt und demjenigen verweilt, was die Menſchen in ihrer raſtloſen Unruhe zu Tage fördern und treiben, ganz vorzüglich auf der offenen Rheinbrücke, dieſem Mittelpuncte des Lebens und allgemeiner Bewegung, von welcher herab man den breiten, von ſeiner frü⸗ heren Wildheit etwas zurück gekommenen Strom in gleichmäßigerm Zuge von der Grenze ſeines Geburtslandes entweichen ſieht, ſeinen Erwar⸗ tungen in vollem Maße entſprochen ſehn. Auch auf dem Rheinſprunge, einer merkwürdigen Felſenhöhe in Groß⸗Baſel, wo das Flußufer am höchſten iſt und ſich am ſteilſten erhebt, und vollends in dem ſehenswerthen Panorama des Fiſcherſchen Hauſes, dem offenſten Standpuncte in ganz Baſel, wird man, nicht weniger als in den Schattengängen des St. Peters⸗ und Mün⸗ ſterplatzes, ſo wie auch in der Gartenanlage des 195 Forkartſchen Hauſes, die einen großen Reich⸗ thum auserleſener Pflanzen und Bäume zur Schau legt, mit Vergnügen verweilen: mehr als Einer freyen, eine ſehr weite Landſchaft über⸗ ſchauenden Stelle der Stadtwälle und anderer eben ſo anziehender Puncte nicht zu gedenken. An die Herrlichkeiten von Baſel ſchließt ſich in geringer Entfernung der Gartenhügel von Arles⸗ heim an, deſſen helle und dunkle Gänge und Pfade wir noch am ſpäten Abend in allen Rich⸗ tungen durchſtreiften. Was uns an dieſem Gar⸗ ten, auch in dem Zuſtande ſeiner jetzigen Wie⸗ derherſtellung, neben einigen lieblichen Partien von Buſchwerk und einem Blumen⸗Parterre ganz oben auf dem Berge, am beſten gefiel, war ſeine das Dorf Dornach und deſſen vergnügliche Nachbarſchaften, die fruchtbaren Ufer der Birs und einen beträchtlichen Theil des Jura mit allen ſeinen Ortſchaften und Burgen beherrſchende Lage. Indeſſen ermangelten die nach ſonderba- ren Fantaſien bunt durch einander geworfenen Eremiten⸗Zellen, Ritterſäle, natürlich und künſt⸗ lich beleuchteten Grotten und Todtengrüfte, die Inſchriften in theils lesbaren, theils hierogly⸗ III. 88 9 194 phiſchen Zügen, nicht weniger als die Ruinen, Quellen, Badehöhlen und andere ähnliche Kunſt⸗ werke und Künſteleyen ihrerſeits auch nicht, die jugendlich reizbare Einbildungskraft reichlich zu nähren und in mehr als Einem Gemüthe ange⸗ nehme, an Bewunderung grenzende Regungen zu erzeugen. Dieſe neueſten Eindrücke, ver⸗ einigt mit allen übrigen, höchſt verſchiedenartigen des heutigen Tages, hatten eben angefangen, auf dem eines ſolchen Ueberdranges von Gegen⸗ ſtänden nicht gewohnten Sinne meiner Begleiter eigentlich zu laſten, als wir unſer heutiges Nacht⸗ quartier Dornach, welches, ſo wie auch Arlesheim ſelbſt und die übrigen diesſeitigen Nachbarorte der Stadt Baſel, über und über mit Eidsgenöſ⸗ ſiſchen Truppen beſetzt war, nicht ohne Ermü⸗ dung erreichten. Ueber Waffengeklirre und muntern Geſängen der Schweizeriſchen Grenzvertheidiger hatte ſich der Schlummer bald unſer aller bemeiſtert; eben ſo fröhliche, mitunter auch lärmendere Töne wa⸗ ren es, die denſelben ſchon vor Anbruche des Tages wieder von unſeren Augen verſcheuchten. Der Reiſende, welcher, was zwar ein äußerſt 195 ſeltener Fall iſt, von Dornach nach dem Weißen⸗ ſtein hinzielt, behält an dem Fluſſe, den er an dem erſtern Orte überſchreitet, einen getreuen und ſichern Wegweiſer. Er folgt dem linken Ufer desſelben, aufwärts auf der großen, nach dem Münſterthale und Biel hin führenden Straße, bis nach Corendelin. Hier verſetzt ihn eine kleine Brücke an des leitenden Waſſerarmes rechtes Geſtade, welchem entlang er noch einige Zeit ſeinen Weg fortſetzt, bis endlich, unweit Moutier⸗Grandval, ein Scheideweg zur Linken ihn mahnt, von dem bisher betretenen Pfade zu weichen. Die Birs, an ſich ein Flüßchen von geringer Bedeutung, doch bey einsmahligen Regengüſſen oder plötzlich einbrechendem Thauwetter in hohem Grade verderblich und reißend, fließt oft eine Strecke weit in ſehr ſanftem Zuge fort, gleich einem ſtill dahin gleitenden Gießbach; öfter noch drängt ſie ſich über Felſen oder zwiſchen Klippen hindurch und bildet kleine, ſchäumende Fälle, die ein gewaltiges Rauſchen ſchon von fern her ver⸗ kündet. Dieſe ganze, zu Folge des allerneueſten Wechſels der Dinge dem Canton Bern als Ent⸗ 196 ſchädigung für die durch die Schweizer⸗Revs⸗ lution von ſeinem Gebiethe abgeriſſenen Land⸗ ſchaften Waat und Aargau zugefallene Gegend gehört, ſo weit als ſie von der Straße durch⸗ ſchnikten und von dieſer aus überſehen wird, in Hinſicht auf das, was das Auge verlangt, eben nicht zu den anmuthigern und reichern. Immer⸗ hin aber kommt die Ausſicht, welche ſich etwas herwärts von Corendelin nach dem anſehnlichen Flecken Delſperg, durch den die Straße links nach Pruntrut führt, ſo wie auch auf ſchöne Kornfelder und weite Wieſengründe eröffnet, der frühern Einſamkeit und Einförmigkeit des Weges ſowohl als des Landes gefällig zu Hülfe. Coren⸗ delin ſelbſt, welches den hungrigen und durſtigen Reiſefahrern, als ein längſt umſonſt erſehntes Eldorado, endlich am äußerſten Ende einer faſt unüberſehbaren Wieſen⸗ und Getreidefläche aus trügeriſcher Entfernung zuwinkte, ſchien ihren erſchöpften Kräften kaum mehr erreichbar. Deſto dankbarer wurden in der dortigen Herberge die kräftigen Erfriſchungen angenommen, die unter freundlicher, in einem hier durchgehends übli⸗ chen Franzöſiſchen Patois geſprochener Begrü⸗ 197 Fung die gefällige Hand der älteſten Tochter des Wirthes ihnen reichte. Gleich oberhalb des acht Schweizerſtunden von Baſel entlegenen Marktfleckens Corendelin ver⸗ ändert ſich mit Einmahl die Scene, und man betritt die ebenfalls von der Birs durchbrauſeten, mit einem ganz eigenthümlichen Charakter ange⸗ thanen Wildniſſe des Münſterthales. Den be⸗ kannten Fluß fortwährend zur Seite, ſieht ſich der Reiſende zwiſchen jeßt ſehr enge und dann ſich wieder etwas erweiternde Felſenklüfte hinein gebannt. Das gewaltige, hier und da ſenkrecht abgeſchnittene und größtentheils von allem Pflan⸗ zenleben entblößte Steingethürme, das kaum von Strecke zu Strecke mit Tannen und Buſch⸗ werk ſparſam verſett iſt, mahnt nahmentlich durch ſeine bizarren Formen wiederholt an Reviere einer höhern, weit unzugänglichern Ge⸗ birgswelt. Und ſo wie dem Wanderer, welcher ſich tiefer in eine ſolche hinein gewagt hat, in den rauheſten und unwirthbarſten Gegenden jede auch noch ſo geringe Spur von Anbau und Einwirkung menſchlicher Thätigkeit im höchſten Grade willkommen iſt, ſo findet er auch in 19⁸ dieſen rauhen Thalgründen und Klüften ſich ſehr angenehm überraſcht, wenn ihn jetzt eine einzelne, bewohnte Hütte, dann eine Säge⸗ mühle, oder auf buſchbekrönter Felſenhöhe der Thurm eines Kirchleins, ja vollends ein kleines Dorf, wie Roche und Bellerat, aus einer faſt erſtorbenen Natur wieder unter die Lebendigen verſetzt, und ihn die Nähe wenigſtens einiger menſchlichen Weſen verſpüren läßt. Mit bedeutend gehobenen Kräften hatten unſere Jünglinge noch am Abend ihren Wander⸗ ſtab von Corendelin weiter geſetzt. Gleichwohl koſtete es ſie große Mühe, das etwa drey Stunden von dort entlegene Bergdorf Cremin, als das Ziel ihrer heutigen Reiſe, auf einem, links von dem Münſterthale, ganz in der Nähe des Hauptfleckens Moutier⸗Grandval ſich ſteil aufwärts ziehenden Seitenpfade, um die erſte Nachtwache zu erreichen. Die ganze von Corendelin bis Eremin zu durchreiſende Gegend gehört, wenn man ein⸗ mahl die Hauptſtraße verlaſſen und jenen Seitenweg ergriffen hat, zu den von der großen Maſſe der Schweizerreiſenden nur ſelten be⸗ 199 ſuchten. In ſolchen Bergländern iſt denn auch für die Bedürfniſſe und Wünſche der fremden Ankömmlinge entweder gar nicht oder nur ſehr dürftig geſorgt, und wer da jene gute und reinliche Bedienung und die Bequemlichkeiten alle verlangen wollte, deren man ſich in den bekanntern Gegenden der Schweiz, zumahl in den Cantonen Bern, Baſel und Solothurn, zu erfreuen hat, der würde ſich in ſeinen Erwar⸗ kungen über die Maßen getäuſcht finden. In⸗ deß führt auf ſolchen Fußreiſen in der Regel jeder Abend über den Wanderer, auch wenn er ſeine Kräfte nicht über Vermögen anſtrengt, eine ihn ſehr demüthigende und ſeine Selbſt⸗ ſucht niederſchlagende Ermüdung herbey, die ihn, was Nahrung und Herberge anlangt, über vieles, das ihm ſonſt Bedenklichkeiten erwecken würde, ohne Mühe hinweg hebt, und manches, womit er ſich unter andern Umſtänden zufrieden geben weder könnte noch wollte, ihm, wenn. nicht als gut, doch als erträglich vor Augen ſtellt. Gerade dieß war der Fall, in welchem ſich unſere jungen Wandersmänner an dem heutigen Abend, ſo zu ſagen, ohne Ausnahme befanden. Sie hatten, jetzt, da wir in Eremin angekommen waren, ihr in der That nicht leichtes Reiſetagewerk glücklich vollendet, und hierauf an geſunden und kräftigen, wenn auch nicht ausgeſuchten Speiſen ſich mit Luſt ſatt gegeſſen; worauf dann unverzüglich das Be⸗ dürfniß nach Ruhe bey ihnen ſo fühtbar und ſtark ward, daß ſie, zwar immerfort luſtigen Sinnes, jedoch ſehr eilfertig, ſich in die Tiefe ihrer wulſtigen Lagerſtätten und mit dieſen in einen feſten, bis zum Anbruche des Tages nimmer weichenden Schlummer verſenkten, ohne der ſchwarzen und finſtern Thüröffnung, durch welche es in ihre Schlafkammer hinein ging, und noch weniger des Hausknechtes zu achten, der, als er ihnen mit qualmiger Lampe zur Ruhe leuchtete, kund that, daß ſpäterhin auch er noch erſcheinen werde, um ſich in einer Ecke desſelben Gemaches zu lagern, und die be⸗ denkliche Anzeige beyfügte, daß das noch übrige Bett für einen weiblichen Reiſenden, den man erſt noch erwarte, bereitet und im voraus in Beſchlag genommen ſey.. Die erſte Früheſtunde des folgenden Morgens 201 brachte uns, ungefähr in eben der Höhe, in der wir uns ſchon eine Weile befunden hatten, von Cremin nach dem kleinen Solothurniſchen Dorfe St. Joſeph oder Gänsbrunn, bey wel⸗ chem die Straße ſich abermahl in zwey Arme theilt. Der eine dieſer Wege, ſchlechter unter⸗ halten und weniger betreten, zieht ſich erſt eine geraume Zeit längs dem Gebirge in der Ebene fort; dann aber wendet er ſich ſchnell in die Höhe und führt über einen langen Berg⸗ grath hinweg nach den Sennhütten des Wei⸗ genſteins. Auf dem andern Pfade, der un⸗ gleich bequemer, dazu hart und eben iſt, wie ein geglätteter Aeſtrich, geht es in gerader Richtung fort über die Dorfſchaften Klus und Ballſtall nach Olten. Die Jugend, von dem äußern Scheine geblendet, wählte dieſe letztere Straße und eilte in raſchem Morgenſchritte auf derſelben eine gute Strecke weit vorwärts, als gedächte ſie, die Bergfeſte des Weißenſteins im Sturmmarſche zu nehmen. Unterdeſſen blieb aber der eigentliche Zielpunet unſeres Wanderzuges, der noch unerſtlegene und doch zu erſteigende Gebirgsrücken, fortwährend in 202 einiger Entfernung zu unſerer Rechten; auch kamen wir nicht eher von unſerem Irrthume zurück, als bis uns ein Landmann am Wege deſſen, was wir zur Erreichung unſeres Zweckes zu thun hätten, belehrte. Von ihm geführt, aber nicht ohne durch einen langen Umweg für unſer Verſehen zu büßen, ging es nun quer feldein und alsdann ſteil und mühſam den Berg hinan, durch Wälder und dicht verſchlun⸗ gene Gebüſche, zwiſchen deren hoch aufſtreben⸗ dem Laubwerke ſich Auge und Mund an weit ausgebreiteten Teppichen duftender Erdbeeren vergnügre, der verlorenen Straße zu. Bald war dieſe gefunden, und unſer Führer, ein armer Alter, der wohl einen guten Tag um uns verdient hatte und ſich desſelben auch im voraus erfreute, wurde dankbar entlaſſen. Auf ſicherm, von nun an durch keine Abwege mehr gefährdeten Pfade drangen wir jetzt auf dem Berggrathe vor, durch Anflüge junger Laub⸗ hölzer und Dickicht, bis endlich in einer Ent⸗ fernung von wenigen Schritten eine zum Theil von Steinen aufgeführte Hirtenwohnung von heiterem Ausſehn, gleich einem jener freundlich 203 grünenden Eilande der Wüſte, unſeren ſpähenden Blicken entgegen leuchtete. Es war der mit Freund Uſendohm verabredete Ort unſerer er⸗ ſehnten Zuſammenkunft, die Sommerhütte des Aelplers vom Weißenſtein; Uſendohm ſelbſt aber nur wenige Stunden vor unſerer Ankunft unter ihr gaſtfreundliches Dach eingegangen. —— 4· Freundesbetrachtungen uͤber Freund⸗ ſchaft. Schon im Thale, das uns, kindliche Seelen noch, Aufzog, ſpielten wir unter demſelben Strauch, Pflückten einerley Blumen, Horchten einerley Melodien. Vok. Jetze hatte Theodor ſeine Reiſeerzählung be⸗ endigt. Mehrere andere Gegenſtände wurden nun außer dem noch in offener Unterhaltung von uns beſprochen. Nach einer ſo langen Trennung hatten wir uns vielerley zu ſagen, und manches, das ſich dem Papiere eben ſo wenig. als einem Dritten füglich vertrauen läßt, kund zu thun. Auch mancherley Anſichten des Lebens, zumahl des geſellſchaftlichen, und ſeiner oft ſo 205 verwickelten Verhältniſſe wurden mit gegenſeiti⸗ ger, des Herzens innerſte Falten darlegenden Offenheit aus einander geſetzt und umgetauſcht. Einer der Hauptgegenſtände des Geſpräches ward und blieb lange Zeit unſere eigene Ver⸗ bindung. Mein liebevoller Gefährte machte mich aufmerkſam auf den günſtigen und dabey ruhigen Gang, den es mit derſelben von ihrem erſten Entſtehn an genommen habe. Lobprei⸗ ſend ſprach er von dem mächtigen Einfluſſe, den jenes Verhältniß von früher Jugend an auf ſein ganzes Seyn und Weſen ausgeübt, und erzählte in kraftvoller Rede, wie ihm mehr als ein Mahl unter ſchwierigern Umſtänden des Lebens ſein theilnehmender Freund, als ein beſchirmen⸗ der Genius ſeinem erkorenen Schutgenoſſen, zur Seite geſtanden, und wie ihn, auch während der Trennungszeiten, ſchon allein der lebhafte Gedanke an ihn von mancherley Abwegen und Verkehrtheiten verwahrt und auf dem beſeligen⸗. den Pfade des Nil conscire sibi, nulla pellescere culpa unabläſſig erhalten habe; anderer für mich eben ſo ſchmeichelhafter, immerhin aber ſchon wegen 206 der Wahrhaftigkeit der Lippen, von denen ſie ausgingen, ſehr erfreulicher Aeußerungen und Geſtändniſſe nicht zu erwähnen. Woher es wohl kommen möge, fragte Theo⸗ dor unter andern, indem er ſeine Behauptung mit einigen höchſt auffallenden Beyſpielen aus unſerem eigenen, nähern Bekanntſchaftskreiſe unterſtützte, daß ſo manche, ſich von ſehr langer Zeit, oft ſogar aus der früheſten Kindheit her⸗ ſchreibende, aus dem beſten Herzen geſchloſſene und dem Anſcheine nach auf vollkommene Ueber⸗ einſtimmung der Grundſäte und Geſinnungen gegründete Freundſchaften im höheren Alter, und zwar durch wenig bedeutende Veranlaſſungen, die gewaltſamſten Stöße erleiden und zuletzt in froſtige Gleichgültigkeit übergehn. Ob etwa bloß unſer in verſchiedener Hinſicht mit Recht ſo gepriefenes, hinwieder aber durch einen aufs höchſte geſtiegenen und bald täglich unter neuen Formen ſich äußernden Egoiſmus und Eigennutz ſeine eigene Schande bezeichnendes Zeitalter an dergleichen Gebrechen krank liege, oder ob das ſpätere Lebensalter überhaupt, ſelbſtgefälliger und in ſch gekehrter als die frühern Perioden 207 des Daſeyns, den Menſchen, zumahl bey etwas ſchwächer werdenden Sinnenwerkzeugen und allmählich ſich abſtumpfenden Gefühlen, nach und nach auf eine Anſicht der Weltverhältniſſe und auf einen Standpunct hinführe, von wel⸗ chem aus ſeine Empfindlichkeit ungleich leichter als in frühern Zeiten zu reizen ſey; ſo daß er ſelbſt von vertrauten Freunden manches nicht mehr zu ertragen vermöge, worüber vor⸗ mahls ein jugendlich unbefangener, vielleicht auch minder ſelbſtſüchtiger und reizbarer Sinn unbedenklich hinweg glitt. Einer der feindſeligſten Geiſter für freund⸗ ſchaftliche Verhältniſſe, meinte er, ſey der ſeit bald einem Menſchenalter alles verſchlingende Dämon der Politiß geweſen; wie aber eben dieſer unſelige Geiſt ſolches gar häufig zur Stunde noch ſeyn und Haß und Trennungen erzeugen könne, wo ſonſt eitel Liebe und Ein⸗ tracht gewaltet hatte, jetzt, nachdem eine lange Reihe trauriger Erfahrungen die Wandelbarkeit bald aller Verfaſſungen und Regierungsformen, nicht weniger als der Grundſäte, nach denen ſie entworfen worden, ja der Regenten ſelbſt und 208 der Grenzen ihrer größern oder kleinern Staa⸗ ten und Gebiethe, mehr als zur Genüge bewie⸗ ſen habe, das begreife er nicht. Und eben ſo unerklärlich ſcheine es ihm, wenn Männer, die ſeit einer Reihe von Jahren— er nannte hier die zwey wackern und verſtändigen Freyherrn von*⸗ — ſich gegenſeitig die treueſte Anhänglichkeit be⸗ wieſen haben, nach einem unverſehens entſtan⸗ denen Zwiſte, aus übel verſtandener Ehre lieber getrennt bleiben und bey ihrem ſchneidenden Kaltſinne verharren, als daß ſie, durch ein einziges mildes Wort der Annäherung, ſich, einer dem andern, ihr Unrecht eingeſtehn und die Sonne der alten Freundſchaft an einem Himmel wieder hervor rufen ſollten, deſſen ver⸗ finſtertes Ausſehn ſie doch beyderſeits bis in das Innerſte ihres Herzens betrüben müſſe. Ohne über ſo ſchwierige moraliſche Aufgaben zu entſcheiden, fanden wir beyde wenigſtens das Geſchichtliche ſolcher Ereigniſſe im höchſten Grade auffallend, und nach der gegenſeitigen Stim⸗ mung unſerer Gemüther beynahe unbegreif⸗ lich. Die Verbindung unſerer Herzen, glaub⸗ ten wir, könne jeder Gefahr, von woher immer 209 dieſelbe einbrechen möchte, keck die Spite biethen, und wir ſelbſt, tief in den Port unſerer Freund⸗ ſchaft geborgen, all den Erſchütterungen ähn⸗ licher Lebensverhältniſſe außer uns mit eben der Ruhe und Sicherheit entgegen ſehn, mit der aus dem Schutz gewährenden Hafen der Seefahrer hinblickt auf die Wogenberge des Oceans, die, furchtbar ſchäumend und gähnend, jedes andere Fahrzeug zu verſchliggen drohen, nur das ſeinige nicht.. Wir ſprachen auch noch von jenem eben nicht ſeltenen und gewiſſen Charaktern unſeres Zeit⸗ alters eigenthümlichen Hange, bey bereits ange⸗ knüpften vielen und vielerley Bekanntſchaften gleichwohl immer wieder auvere Berhältniſſe, nach dem Sprachgebrauche der großen Welt Freund⸗ ſchaften genannt, mit vorher ganz unbekannten Perſonen zu ſchließen, und ſolche neu einge⸗ gangene Verbindungen mit einer gewiſſen, zwar meiſt auch wieder ſchnell vorüber gehenden Herz⸗ lichkeit und Innigkeit zu unterhalten. Ein ſolch flüchtiges Hin⸗ und Herſchwärmen von einem Phänomene der Menſchenwelt zum andern, ein ſolch begieriges Greifen und Haſchen nach neuen 210 Unterhaltungskreiſen ſchien uns, obgleich auch hierin die Abwechslung, wie überall, etwas Anziehendes haben mag, auf jeden Fall ein Zeichen eines leichtſinnigen und unbeſtändigen Gemüthes zu ſeyn, das, wenn nicht eine quä⸗ lende, ſchwer laſtende Leere in demſelben ent⸗ ſtehn ſoll, immerfort durch friſche Nahrung von außen her muß unterhalten werden. „Menſchen von ſolcher Gemüthsart,“ ſagke Freund Theodor,„gleichen dem beweglichen Schmetterlinge, der, tauſend Blumenkelche überflatternd, aus jedem derſelben ein oder zwey Mahl trinkt und ungeſäumt wieder von dannen fliegt. So wenig ich jedoch irgend einen von dieſen um das, was ſie durch ſolches Thun und Trachten erzielen mögen, beneide, eben ſo wenig kommt mir ein ſolches Verfahren an ſich eigentlich tadelnswerth oder verwerflich vor. Oder ſollte etwa der Menſch, welcher die ganze Schöpfung bis in ihr Innerſtes ausſpäht und durchmuſtert, um für ſeinen Genuß und zu ſei⸗ nem Gebrauche heraus zu ziehn, was er, wo es auch ſeyn mag, und in jedem ihrer Reiche Sel⸗ tenes und Vorzügliches findet, nicht ebenfalls 211 berechtigt ſeyn, je das Schönſte, Gefälligſte und Geiſtreichſte, was in der Sphäre des Menſchen⸗ lebens ſich darbiethet, aufzufaſſen, in ſeine un⸗ mittelbare Nähe zu verpflanzen und mit ſeiner eigenen Natur gleichſam zu verſchwiſtern? Dem nur gereicht ein ſolches Benehmen zum gerechte⸗ ſten Vorwurf, der über dem, was er heute vollbringt, und über denen, mit welchen er zu dieſer Stunde redet, vergißt, was er geſtern gethan, und mit wem und was er früher geſpro⸗ chen hat, und je dem Reuarn zu Liebe das Ael⸗ tere weniger achtet, ja es ſogar gering ſchätzt, auch, mit Hintanſetzung feſterer, von längerer Zeit ſich herſchreibender Verbindungen, ſeinen ganzen Dienſt gefälligen Zuvorkommens und theilnehmenden Intereſſes ausſchließlich auf den neu aufgefundenen Gegenſtand ſeiner zwar auch dießmahl bloß vorüber gehenden Verehrung überträgt.“ Von dieſen und ähnlichen Betrachtungen kehr⸗ ken wir zuleht beyderfeits und gleichſam im Triumphe wieder zu uns ſelbſt zurück; der Mit⸗ telpunet, von welchem unſere Unterhaltung aus⸗ ging, und auf den ſie jedesmahl wieder hinkehrte, 2318 blieb beharrlich derſelbe. Welch ein anderer konnte es ſeyn, als unſer eigener, in früher Jugend ſchon geſchloſſener und beſtegelter Freundſchaftsbund? Mit Gefühlen beſonderer Luſt verſetzten wir uns im Verfolge unſeres Geſpräches auch noch zurück unter ein jetzt entſchwundenes Geſchlecht, in die Entſtehungszeit unſerer Verbindung, in jene ſeligen Tage, wo unſere gegenſeitige Zu⸗ neigung die kindlich unſchuldigen, noch von keiner Leidenſchaft bewegten Gemüther mit wohl⸗ thuenden Regungen erwärmte. Wir wohnten damahls ganz nahe beyſammen auf zwey Gütern, in der Nachbarſchaft unſeres Geburtsortes, wo wir Arbeit und Erholung, Freude und Leid— des leßzteren hatte ein günſtiges Schickſal nur ſehr wenig in unſere erſten Lebensjahre eingemiſcht— mit wahrhaftem Bruderſinn theilten. Ihn, nicht weniger als mich, beſeelte früh eine entſchiedene Neigung für nühliches Wiſſen; dieſer folgten wir in Einem Geiſte und mit demſelben Eifer. Alle Vorbereitungen auf unſere Lateini⸗ ſchen und Griechiſchen Aufgaben wurden zuſam⸗ men gemacht, und die ſchwierigen Probleme der 213 Rechenkunſt und Mathematik durch die verſtärkte Kraft gemeinſchaftlicher Anſtrengungen beſeitigt. Auch die Bücher, mit deren Leſen wir die Frey⸗ ſtunden unſerer Winterabende auszufüllen pfleg⸗ ten, waren meiſt für beyde Freunde dieſelben. In geſpannter Erwartung ſchifften wir uns auf Einem Fahrzeuge ein mit Columbus und betraten an ſeiner Seite den Boden der neuen Welt mit Entzücken und hoch klopfender Bruſt. Nicht weniger verweilten wir mit eigentlicher Wonne zuſammen auf der Inſel Felſenburg, im Lande der Inquiraner und auf Cruſoe's einſamem Ei⸗ land. Das Leſen dieſes letzteren Buches war es vornehmlich, welches uns zu der Entwerfung eines abentheuerlichen Planes zu einem ähn⸗ lichen, einzig auf uns zwey beſchränkten Inſel⸗ leben veranlaßte. Dieſer Entwurf war mit ſol⸗ cher Kühnheit ausgedacht, und die jugendlich unbändige Fantaſie wurde ſolcher Maßen von demſelben ergriffen, daß uns ein ganz klares Bild davon noch bis heute geblieben iſt. Auch eine vollkommene Gemeinſchaft der Güter war unter uns eingeführt. Sammlungen von In⸗ gecten, Kräutern, Wapen und Kupferſtichen 214 gehörten uns beyden an; ſelbſt unſere kleine Barſchaft ward mehrere Jahre hindurch in Einer Schatzkammer aufbewahrt, und wurde etwa ein Dürftiger im Stillen aus derſelben getröſtet, ſo wußte außer Theodor einzig ſein Freund um das ſchöne Geheimniß. Hand in Hand erfreuten wir uns der Schlitten⸗ und Schrittbahnen im Winter, der Streifzüge durch die neu ſich färbende Blu⸗ menwelt in warmen April⸗ und Maytagen, des kühlenden Sommerbades im erlenbekränzten Gießbache, der Vergnügungen des Weinberges zu luſtiger Herbſtzeit; und was die reiche, hei⸗ mathliche Flur das Jahr hindurch, vom erſten Blümchen an, das am ſchlängelnden Wieſenbache den unſichern Februar begrüßt, bis zur ſpäteſten Oktober⸗Frucht, an Gaben und Segnungen dar⸗ both, das ſpendete ſie in ihrer Huld alles für beyde. So verfloſſen uns die Tage roſenfarbiger Kindheit und eines ſich ſchön entknoſpenden Jünglingsalters in ununterbrochener Anmuth und unter fortgeſetztem, eifrigen Beſtreben, es einer dem andern an Liebe und gefälligem Weſen zuvor zu thun,. Wir ſtanden jeßt auf der zweyten Stufe des 215 Lebens. Theodor war auf weite Reiſen gegangen, hatte ſeinen ſchon ſehr gebildeten Geiſt noch mehr und zum Erſtaunen entwickelt, ſeine Urtheilskraft verſchärft, ſeine Gefühle verfeinert und den Edel⸗ ſinn ſeines Gemüthes noch höher gehoben; nun aber, da unſere Lebensverhältniſſe bereits wich⸗ tiger und mannigfacher zu werden begannen, ſich neuerdings noch enger und inniger an mich an⸗ geſchloſſen. Ich war und blieb forthin der ein⸗ zige Theilhaber aller Geheimniſſe ſeines Herzens; ihm wurden hinwieder die meinigen ohne Rück⸗ halt geoffenbaret; einer aber, wie der andere, bewahrten wir alles uns Anvertraute mit dem gewiſſenhafteſten Zartgefühl. Auch aus dieſer Periode unſeres Lebens hatte, noch während unſeres Beyſammenſeyns auf dem Raſenplane des Weißenſteins, die Fantaſie an⸗ gefangen, uns eine Reihe gefälliger Bilder her⸗ bey zu zaubern, bis wir zuletzt beyde über dem Luſtwandeln in dem magiſchen Lande glücklicher Vergangenheit in ein tiefes Schweigen verſanken. Theodor unterbrach die Stille zuerſt wieder. „Wohl dem,“ ſagte er und ſchlug, als ob er aus einem Traume erwachte, ſeinen hellen Blick freundlich zu mir auf,„wohl dem, welchem der Himmel von früher Jugend an einen treuen Freund ſchenkt, als biedern Genoſſen ſeiner Freuden und als Mitleidenden bey Trübſal und Ungemach! Jede Wonne des Lebens genießt der Glückſelige doppelt; minder ſchwer laſten auf ſeiner Seele alle irdiſchen Mühen, und mit frohem Vertrauen blickt er einer Zukunft ent⸗ gegen, welche alle jene ſchönen und erhabenen Empfindungen, wodurch ſich die Bruſt des Sterblichen hiernieden bewegt und erwärmt fühlt, warum nicht auch die beſeligenden Re⸗ gungen der Freundſchaft? noch auf einen höhern Grad verſtärken und verfeinern ſoll.“ 317 4. Aus dem hellen Tage wird ein truͤber Abend. Ricordati, lettor, se mai nell' alpe Ti colse nebbia.. Come, quando i vapori umidi e spessi A diiradar cominciansi, la spera Del sol debilmente entra per essi. Dante. Ueber dieſen Unterhaltungen allen fing der Abend an einzubrechen. An dem unermeßlichen, um uns und über uns ausgebreiteten Himmels⸗ gezelte war die Sonne ununterbrochen noch ſichtbar, und die Ausſicht in Fernen und Tiefen entſprach mit jedem Augenblicke mehr und voll⸗ ſtändiger unſeren Wünſchen. Als lichtere Streifen traten allmählich die Flüſſe und Bäche 17T. 10 218 hervor aus den dunklern Maſſen und Gruppen der ihren Lauf bezeichnenden Gebäude, Bäume und Büſche. Heller blinkten die Waſſerarme der Aare und Emme und die Seeſpiegel der weſtlichen Schweiz zu unſerem hohen Alpen⸗ ſcheitel hinauf, indeß uns zu Füßen das antike Solothurn ſich immer klärer und beſtimmter aus ſeiner Umkränzung von reichen Frucht⸗ wäldern, üppigen Triften und goldenen Saa⸗ ten heraus hob. Deſto gewaltiger ſahen wir unſere Erwar⸗ tungen getäuſcht, als wir unſeren Blick nach jener weiten, in Ein zuſammen hängendes Amphitheater abgerundeten Ratur⸗ und Ge⸗ birgsbühne hinwandten. Auf dem größten Theile jener Felſen und Schneehörner laſteten, als auf unentweglichen Thronen, fürdauernd krübe Wolkengeſtalten; nur hier und da drang ekwa eine der höchſten Bergſpitzen hervor aus dem einförmigen Schleyer, um auf Augen⸗ blicke ihre hier weiße, dort graue Bekleidung in dem letzten Scheine des entfliehenden Tages zu ſpiegeln. Nahmentlich lüftete der Vorhang ſich einige Mahle, obwohl auch nur theilweiſe, 219 von den in eben ſo herrlichen als mannigfalti⸗ gen Formen uns gegenüber liegenden Hoch⸗ gebirgen des Bernerſchen Oberlandes, aus deren nicht zu durchbrechender Gliederkette hier eine Schneekuppe oder ein fahler Felſenkoloß, dort ein glänzender Firner hervor ſtach. Die⸗ ſer wechſelnden Nebelerſcheinungen ungeachtet ſchien es, als wollte der Tag zuletzt doch noch klar und lieblich, wie ſein Anfang geweſen war, enden. Geſtern, ſagte uns Fremden, wie er meinte als Troſtwort, der geſprächige Sommerhans— ſo heißt der in den Achtzigen zählende Greis, welcher die Alpen des Weißenſteins ſeit einer Reihe von Jahren als Pächter beworben hat— geſtern ſey es um Sonnenuntergang auf ein Mahl ganz hell geworden, und die ſämmtlichen Berge in einer Klarheit erſchienen, wie ſie ſolches ſeit langem nicht geſehen, weder er, noch einer der Hirten; was er merken könne, werde der heutige Abend ſich auf dieſelbe Art einſtellen. Allein der Greis hatte irrig geredet, und auch ſeine längern Erfahrungen ſcheiterten an den gerade jetzt über uns einbrechenden 220 Regelloſigkeiten einer ihrem eigenen Gange untreu werdenden Sommernatur. Noch während wir mit ihm ſprachen und in einem Augenblicke, wo dieß niemand erwarten konnte, zog von Nordweſten her, eiligen Laufes, am Horizonte ein Gewitter herauf. Fluren und Wälder, Gewäſſer und Land überflügelte bald das flüchtig heran treibende Dunſtheer. Die Tageshelle verwandelte ſich plötlich in düſtere Dämmerung, und ſtatt der Sonnenſtrahlen ſah man die Triften des Weißenſteins von ſprühen⸗ den Blitzen beleuchtet. Aus der lauen Sommer⸗ luft ward eine empfindliche Kälte, und den holden Zephyr hatte, bevor man ſich deſſen verſah, der tobende Sturmwind mit unglaublicher Schnelle nach fernen Zufluchtsſtätten hinweg geſcheucht. 4 Der Rathſchlag, ob, unſerer früheren Ver⸗ abredung gemäß, die Röthe zu erſteigen, und wie der Abend vollends zu beſchließen ſey⸗ hatte durch das, was jebt allernächſt um uns in der Natur vorging, auf ein Mahl ein Ende. Die Reiſe⸗Karavane, groß und klein, floh in Hie Hütte und ſuchte mit möglichſter Eile Schuß, 221 wo ſie nur konnte, die einen im Zimmer, die andern am flammenden Herde, noch andere— und dieſe mochten wohl den beſten Theil erwählt haben— in dem zwar etwas ärmlichen, immer⸗ hin aber mit einigen guten Betten verſehenen Schlafgemach. ——— 222 6. Die Reiſe im Traume. Mi prese'l sonno; il sonno che sovente Anzi che*l fatto sia, sa la novelle. Dante. Etwas ermüdet begab auch ich mich zur Ruhe. Als dann nach wenigen Augenblicken der Schlummer, dieſe herrlichſte aller Gaben, welche eine milde, immer offene Hand dem hülfsbedürf⸗ tigen Sterblichen ſpendet, mich in jenen ſeligen Schwebezuſtand zwiſchen Tod und Leben ver⸗ ſenkt hatte, da fing ich an, in regelloſen Zügen weit umher zu ſtreifen in des Traumgottes un⸗ ermeßlichem Reiche. Unter allen den Schlummer⸗ Fantomen aber, welche bunt durch einander, jett in natürlicher, dann in magiſch erhöheter Fär⸗ bung, bey meinem innern Sinne vorüber zogen, 223 enthob ſich bald Eines lebhafter und klärer der übrigen Maſſe, und ordnete ſich zu einem regel⸗ mäßig ſeinen Gang verfolgenden, dem Gemüthe angenehm zuſagenden Ganzen. Du ſollſt es vernehmen, Freund Theodor, was dieſes für ein Bild war. Ich hätte, ſo träumte mir, eine weite Reiſe zu vollführen und ſtände, munter und erwar⸗ tungsvoll, als wär' ich ſelbſt noch ein rüſtiger Jüngling, zu derſelben bereitet, in der Frühe des ſchönſten Sommertages, auf der Rundung eines grünen, thautriefenden Hügels, ganz nahe bey Glarus. Von dem Gipfel dieſer An⸗ höhe überſchaute ich ſehr deutlich den tiefen, von den Gletſcherausflüſſen der Linth durch⸗ ſtrömten, durch den Schilt, den Wiggis, Glär⸗ niſch, und wie jene Rieſenbrüder alle noch heißen, eingeengten, einen Keſſel bildenden Thalgrund, in welchem der weitläuftige Burgflecken Glarus mit uralter Kirche und braunem Thurme und, an ihn angrenzend, das hellere, gewerbreiche Enneda gebaut iſt. Noch war die ganze lebendige Schöpfung von . jener tiefen Ruhe beherrſcht, die gewöhnlich der 224 Stunde des Aufwachens voran geht. Kaum daß hin und wieder ein Waldvogel, ſachte und ungewiß, ob er es wagen wolle mit ſeinen kunſt⸗ loſen Weiſen, die Kehle zum Frühgeſang ſtimmte, oder der Morgenwind, jetzt von dem Fluſſe her, und dann wieder von dem ihm heftig zutobenden Löntſch⸗Bach, Töne eines ewigen Rauſchens an meinen Ohren vorbey trug. Ich heftete einen langen Abſchiedsblick auf dieſe in ihrer Art ein⸗ zige, mit jedem Augenblicke ſich mehr erhellende Landſchaft und folgte dann einem ſchmalen, ſteinigen Pfade in raſcher Wanderung bis auf die Höhe des Klönthals. Tiefer drang ich hierauf durch liebliche Ein⸗ ſamkeiten, längs den Ufern eines kleinen, me⸗ lancholiſchen Bergſees, den die Hirten nach dem Thale benannt haben, in das Innere der höhern Gebirgswelt. Ziegen und muntere Ficklein wei⸗ deten friedſam an den Abhängen der ſchwarz⸗ grünen Fluhen, und ein mildes Lüftchen, das Heranſchweben des Morgengeiſtes leiſe bezeich⸗ nend, wehete durch das Laubwerk der in dunkler Fluth ſich ſpiegelnden Ahorne und Bu⸗ chen, indeß das Frühroth der Sonne ſich langſam 225 und gleichmäßig an den Felſenwänden und Schneebekleidungen des majeſtätiſchen Glärniſch herab zog, der, als eines der hehrſten Denk⸗ mahle, das die Natur ſich in den Schweizeriſchen Hochgebirgen geſetzt hat, mir zur Linken beharr⸗ lich mit ſeinen Rieſenformen entgegen ſtand. Nicht lange, ſo ergoß ſich, klar und ſanft erwärmend, der erſte Morgenſtrahl über den ſich enge zuſammen drängenden Thalgrund. Bald winkten dann dem ſchon etwas erhitzten Pilger von freundlicher Höhe die Alpen von Reichisau und bereiteten in ihren Buchenhainen von herr⸗ licher Wölbung über all ſein Wünſchen und Verlangen hinaus ihm Kühlung und Labſal. In dieſer Bergwohnung und ihrer Umgegend war bereits die Stille der Frühſtunden verſchwun⸗ den, jene Stille, von welcher der Dichter ſingt: Tiene silenzio la foresta intorno Nè b aura mormorar, nè batter foglia, Nè' il garrir pur si sente d'un augello. Es hatte nähmlich mit dem erſten Augenblicke, da die Nacht anfing, ihrem übermachtigen Nach⸗ folger zu weichen, die ganze Hirtenfamilie ſich zur Fovtſetzung ihres thätigen Alpenlebens vom 226 Schlafe aufgerafft. Schon wiederhallten von den Felſen die muntern Töne kunſtloſer Berg⸗ lieder; die Herden ſtreiften in bunter Unordnung umher um die Hütte; das Schmalvieh ſah man kühnen Trittes an den unwegſamſten Klippen hinweg klimmen, und, im erfriſchenden Thaue gebadet, die Flora der Alpenwelt in erneuertem Glanze das Weltlicht in ſeinem Heraufziehen am Firmamente begrüßen. Mich aber führte, nach⸗ dem ich unter den Buchen von Reichisau mich zur Fortſetzung meiner Reiſe erquickt und ge⸗ ſtärkt hatte, mitten durch all dieß Leben und Streben der Schöpfung und der Geſchöpfe, ein etwas ſteilerer Pfad, nicht ohne langwierige und mühſame Anſtrengung, weiter fort auf die Höhe des Pragel⸗Gebirges, welches die Land⸗ ſchaft Glarus von Schwytz durch die Felſenwände einer ewig feſt ſtehenden Grenzmauer ſcheidet. Die Sonne wies, als die Höhe des Berges erreicht war, bereits auf Mittag hin. In ſchauerlicher, dem Auge kaum zu ermeſſender Tiefe erblickte ich nunmehr, gleich einer Nadel⸗ ſpitze, den Kirchthurm des Muotta⸗Thales, welches ich mir in meinen Gedanken als das 227 * Ziel meiner heutigen Bergfahrt beſtimmte. Wie den wettrennenden Läufer der Anblick ſeines ihm von fern her winkenden Zielpunctes zur leßten Anſtrengung ermuthigt, eben ſo ſah auch ich durch dieſe willkommene Entdeckung meine Schritte beflügelt. Mit verſtärkter Kraft und erhöhetem Muthe verfolgte ich den immer tiefer führenden, rauhſteinigen Zickzack. Endlich war der Thalgrund erreicht. Jetzt rauſchte mir in ſchäumenden Wellen, zwiſchen Hügelreihen öden Geſchiebes von dannen ſtürzend, die Muotta entgegen, und ich fand mich mitten in ein Dorf verſetzt, das einzige des Thales, aus deſſen anſehnlichſtem, zwar ſelbſt auch äußerſt beſcheidenen Hauſe Muſik und fröhliche Reigen ertönten. Eben hatte ein Feſttag die Söhne und Töchter der benachbarten Alpen, ſchlanke, kraftvolle Geſtalten von gefälligem Ausſehn, zu ländlicher Luſibarkeit und traulichen Tänzen vereinigt. Reugierig, aber beſcheiden und dienſtfertig näherten die Hirtinnen ſich dem Fremdling, im Angeſichte ihrer Männer, Bräu⸗ tigame und Freunde, daß auch er, ſeiner Er⸗ müdung vergeſſend, Theil nähme an dem länd⸗ 228 lichen Feſte. Dem Wunſche wollte ich, nur allzu willfährig, entſprechen und eintreten in die jubelnden Reihen der naiven, einzig durch die Fürſorge der Natur gebildeten Tänzerinnen und Tänzer. Aber in eben dieſem Augenblicke fühlte ich in meinem Innern etwas, das ſich mächtig und immer mächtiger regte. Unruhig fing mein Herz an zu pochen; wornach den äußern Men⸗ ſchen gelüſtete, dem ſtämmte der innere ſich kraft⸗ voll enkgegen. Dieſer war es, der, gemahnt von dem Genius der treueſten Freundſchaft, ob meine Kräfte erſchöpft ſeyen oder nicht, mich wegrief aus dem Kreiſe der muntern Hirten und ohne Unterlaß weiter und weiter forttrieb, jetzt über rauhe Felſenpfade und ſteiniges Erdreich, dann längs dem ufer der in trüben Wellen ſich wälzenden Muotta, dann wieder über weiche Wieſengründe; weiterhin bald durch eine hell beleuchtete Landſchaft, und bald durch die Irr⸗ gänge kühler, das Licht in Dunkel umſchaffen⸗ der Haine: Wohin? wußte ich mir ſelbſt nicht zu ſagen. Schon nahte der ſchöne Tag ſich ſeinem Ende. Auf einmahl ſah ich eine wohl 229 bekannte Welt meinem Blicke ſich aufthun. Es war die zweygehörnte Feſte des Hackengebirges und, an ſie angedrängt, das freundliche Schwytz, das ſammt ſeinen ſchimmernden Gebäuden, Klö⸗ ſtern und Kirchen, als ein Kleinod unter Hel⸗ vetiens Burgen, in anmuthiger Baumumkrän⸗ zung vor mir lag. „Das freundliche Schwyhß!“ Ich glaubte dieſe Worte wirklich zu hören; aber in eben dem Augenblicke war mein liebliches Traum⸗ bild verſchwunden. 7. Das naͤchtliche Ungewitter. — ..... irato il cielo De' suoi fulmini orrendi arma le nubi Ed i rachiusi talora aliti interni Fan, che il terren vacilli. Menzini. Die Stunde wies, als ich erwachte, auf zwey Uhr nach Mitternacht hin. Das Ungewitter des verfloſſenen Abends hatte ſich unterdeſſen zu dem furchtbarſten Sturme geſteigert. Durch Mark und Gebein, durch Dach und Riegel und Wände drang bis in das Innerſte unſerer Zufluchts⸗ ſtätte die Wuth der heulenden Winde. Zackige Blitze umtanzten in mancherley, ſchnell wieder verſchwindenden Wechſelgeſtalten die Hütte und zerriſſen auf Augenblicke das Nebel⸗ 231 gewölk, welches dieſelbe und mit ihr die ganze Reiſegeſellſchaft ſchwer laſtend umlagert hielt. Mit Uebergewalt rollte von Zeit zu Zeit der Donner hoch über unſeren Häuptern hinweg und machte die Fenſter, welche ein kalter Re⸗ genſchauer durchpeitſchte, erzittern. Das Feuer am Herde loderte, bey verſchloſſenen Thüren, ſeitwärts nach der Tiefe: ja ſelbſt das Flämmchen der unſerem Schlafgemache leuchten⸗ den Lampe flackerte gewaltig und warf ſich unſtät umher in dem erſchütterten Luftraum. Der wachſame Haushund, ſonſt dieſer Ein⸗ ſamkeit getreueſter Hüther, jetzt von ſchweren Wunden gepeinigt, die ihm ein Fall von hoher Felswand geſchlagen, heulte und kläffte durch den Sturm, als wäre durch das Toben auf und über der Erde er nur gefährdet. Mehr, als den übrigen Hüttenbewohnern allen, bangte ob dieſen ſchauerlichen Natur⸗ ereigniſſen Theodors jungen Reiſegefährten auf ihrem dießmahl keinen Schlummer beſcherenden Lager. Verzichtend auf die nächtliche Ruhe rettete die ganze Schar ſich endlich hinab zu dem Wärme verbreitenden Herde, den eine 232 ziemliche Anzahl noch ſpät angekommener, nicht viel älterer Fremdlinge ſchon lange vor ihrer Ankunft beſetzt hielt. 23⁵ * 8. Der Traͤumer, der nicht traͤumt. P mi volgea, per vedere ov' io fosse Quand' una voce disse, qui si monta! Che da ogni altro intento mi rimosse. Dante. Gaalccher als jene Jünglinge, die des Schla⸗ fes entbehrten, war ein anderer Reiſender; denn dieſer entſchlummerte wieder. Wie konnte er ſol⸗ ches unter dem fortdauernden Aufruhre der Ele⸗ mente und der aus ihrer Ruhe aufgeſchreckten Hausgenoſſen unruhigem Treiben? Seiner war⸗ tete aber auch noch ein größeres Glück. Denn ſiehe! huldreich und dem Schläfer über die Ma⸗ ßen getreu führte der Traumgott ihn nochmahls aus dem Reiche der Wirklichkeit, als im Fluge, hinüber in der Fantaſien ſchrankenloſes Gebieth 4₰ und wunderbarer Weiſe*) allererſt wieder nach jenem frühern Ruhepunet ſeiner Wallfahrt zum Tempel der Freundſchaft, nach Schwyh hin, dann aber in ſchneller, auch nicht die kürzeſte Ruhe ge⸗ ſtattender Eile, neben dem Lowerzer⸗See und feinen Eilanden vorbey, über die Auferſtehungs⸗ gefilde von Goldau, welche aus Grabhügeln und Todtenäckern langſam wieder aufblühn, zwiſchen den milden und rauhen, hier lebendig grünen, dort ſchwärzlich kahlen Abhängen des Rigi⸗ und Ruffi⸗Berges hinweg, über des ſeebeſpülten Zug ſonnige Kaſtanienhügel und grasreiche Fluren; hierauf, im Angeſichte des nackten Pilatus, mit vollen Segeln über die Fluthen des Waldſtätter⸗ Sees zu den heiligen Denkmahlen Derer von Sempach, und von dieſes Schlachtfeldes gewei⸗ *) Ein Traum, der, in verſchiedenen Nächten wie⸗ derkehrend, ſich genau an einen früheren, un⸗ terbrochenen oder unvollendet gelaſſenen an⸗ ſchließt und mit dieſem ein zuſammen hängen⸗ des Ganzes bildet, gehört zu den ſeltenen, aber keineswegs beyſpielloſen Erſcheinungen im Ge⸗ biethe dieſer Art von Fantaſteſpielen. S. G. E. Schulze's pfychiſche Anthropologie. 1816. 235 heter Schattenſtätte, quer feldein durch die düſtere Abgeſchiedenheit der Abtey von St. Urban, nach dem mit kräftigen Männern und noch vorzügli⸗ chern weiblichen Geſtalten, als eben ſo vielen Ide⸗ alen der Schönheit und des Wohlſtandes, pran⸗ genden Marktflecken Langenthal bis unter Solo⸗ thurns eine graue Vorzeit anvufende Mauern. Hier in den kühlen Tempelgewölben von St. Urſus und Victor wollte ich Schutz ſuchen vor der Hitze des Tages, und mein Ohr ergetzen an der Orgel ſchwellenden, den Tag des Herrn und ſeine Feyer kund thuenden Tönen. Aber nochmahls und tief an das Herz dringend erhob ſich die Stimme jenes beſſeren Geiſtes, und an eben der Hand, die mich bis jetzt unſichtbar auf meiner Wallffahrt geleitet, fühlte ich mich ſanften Zuges hinweg gezogen aus der prächtigen Kirche, voll andächtiger Bether und Betherinnen mit feurigen Augen und beweglichen Lippen; weggerufen von den plätſchernden Waſſerſpielen an des Heiligthums majeſtätiſchem Vorhofe; fort von der Aar⸗Brücke lieblicher Ausſicht und von der alten und jungen Lindengänge kühlendem Dunkel; weg von dieſen Schönheiten allen und 256 aufwärts nach dieſer grünenden Alpenhöhe und in Deine Arme, geliebteſter Theodor, um Dir ſagen zu können, daß der kurze Traum, den ich hier Dir erzählte, keinesweges, gleich⸗ den Tauſenden ſeiner Brüder, ein Luftſchloß der Fantaſie ſey, ſondern wachenden Sinnes und bey klarem Bewußtſeyn für Deine liebende Seele geträumt und gedichtet, auf daß, wenn Du, nun wir neuerdings wieder und auf längere Zeit, obwohl mit innig und ewig verſchwiſterten Her⸗ zen, durch Ströme, Bergketten und Thäler getrennt ſind., früher oder ſpäter dieſe Blätter leſen ſollteſt, Du mit lebhaftem Freudengefühle dich wieder jenes fünften Auguſts, als des Tages, der uns auf den milden Höhen des Weißenſteins zuſammen geführt hat, erinnern und mit mir die unendliche Huld und Güte des⸗ jenigen preiſen mögeſt, der Deinen Lebenspfad und den meinen durch ſo herrliche, in alle Ewig⸗ keit blühende Roſen der Freundſchaft verſchönert⸗ II. Heſperien. Jenſeits des Gries⸗Gletſchers, unterhalb Formazza. An Conſtantia. ——— 239 14 Augſtmonath 1816. „Wage dich nicht auf den Firn!“ ſo redete zaghaft ein Fremdling, Der von Formazza*) herauf keuchend die Grimſel erklomm. — ) Die Reiſe über den Gries⸗ Gletſcher durch das Thal von Formazza, läͤngs den Ufern der Toſa, bis Domo d'Oſſola und an den Lago Maggiore hinunter, gehört, ſo ſelten ſie auch wegen ihrer Entlegenheit von allen Hauptſtraßen unternommen wird, für den Naturfreund zu den intereſſanteſten, die in der Schweiz und ihren nächſten, füd⸗ lichen umgebungen gemacht werden können. Wer zumahl von den ſchauerlich unwirthba⸗ ren Höhen und den todten Wildniſſen der Grimſel herab kommt und durch das ein⸗ ſame Eginen⸗Thal den Gries⸗Glet⸗ ſcher, ganz oben im W allis, erſtiegen hat, kann in böchſtens anderthalb Tagen alle Schreckniſſe eines herben, ſo zu ſagen, ewi⸗ 2/0 „Wage dich! e ſprach die Natur;„du ſtehſt an . des Heiligthums Schwelle; Kurz iſt der Gang, und es thut, lohnend die Müh', ſich dir auf.“ Und ich betrete den Spiegel von Meergrün; der Aether wird dunkler; Strahlenlos ſchwebet der Welt Licht an den Himmeln dahin. gen Winters und einer erſtorbenen Gletſcher⸗ welt und zugleich eine ganze Reihe wohl⸗ thuender Erſcheinungen des milden Süden in unbegreiflich ſchneller, kaum irgend anderswo vorkommender Abwechſelung, und als in einer Zauberlaterne, vor ſeinen verwunderten Bli⸗ cken vorüber ziehn ſehn. Der Reichthum und die Ueppigkeit der Bekleidung des Erdreichs an der Südſeite des Gries, noch ganz nahe an der Schnee⸗ und Eis⸗Region, iſt im ei⸗ gentlichen Sinne erſtaunenswürdig, und der Uebergang aus jenen froſtigen Gebirgs⸗Zonen in die Blumengefilde Italiens, zwiſchen den romantiſchen, mit jedem Augenblick ſich neu geſtaltenden Naturwundern des Thales von Formazza und Antigorio, zunächſt an der Toſa, über alle Beſchreibung anziehend und lieblich.— 241 Flora flieht von der ſtarrenden Höhe; ſein fro⸗ 3 ſtiges Daſeyn Lebt mit der Dryas allein hier der Crocus noch fort. Schauerlich thürmen ſich ringsum die Felſen⸗ kuppen: der Tod nur Spricht ſich kauſendfach aus durch das ver⸗ laßne Revier. Nunmehr ſank mir der Muth; doch abermahl tönt ſie die Stimme: „Zage nicht! Siehe, dort winkt ſchon dir dein Eden vom Thal!“ Und in bezauberndem Wechſel wird milder der Himmel, es glänzet Heller das Sonnenlicht; neu ſchafft ſich vor mir die Natur. geite Herden durchziehen die Triften; von üp⸗ piger Flur her Schallt in Italiſchem Ton fröhlicher Hirtin⸗ nen Lied. Weiter hinab entfalter ſich unüberſehbar ein Teppich, 3 Bunt mit Blumen durchwirkt, wie ſie der Süden nur färbt. I. II 242 Primeln, Violen und Aſter, Leontodon und Rhododendren Schlingen zum blendenden Kranz ſich mit des Enzians Blau. Klaren Bächen entlang und in Quellenumkrän⸗ zungen ſpielt des Martagons Purpur hindurch zwiſchen der Lilie Weiß*). *) Für den Botaniker und Pflanzenliebhaber iſt die Gegend von dem Eisfelde des Gries⸗ Glet⸗ ſchers an bis tief hinab in das Pfarrdorf For⸗ mazza(Pommat) eine der ergiebigſten und merkwürdigſten. Die weite Welt von Gewächſen, welche in dieſen Revieren in den mannigfaltigſten, zum Theil ſeltenen Erſcheinungen ſeinen Blicken ſich aufthut, biethet ihm beydes dar, eine un⸗ erſchöpfliche Quelle reinen Vergnügens und für ldie Erweiterung ſeines Wiſſens ein uner⸗ meßliches Feld. Noch in der Schnee⸗Region ſelbſt ſieht er das niedliche Alyenglöckchen, Soldanella genannt, im himmelblauen Gewande dem Weiß ſeiner Froſtumgebung entſteigen, und mitten in den Gewäſſern, welche von der ſchmelzendenSchnee⸗ decke triefen, die Ranunkeln und Anemonen 245 Staunend eil’ ich am Abhange fort; bald be⸗ ginnet die Toſa der Alpen und die Dryas nebſt ihren Gefähr⸗ tinnen die zarten Blätter entfalten. Je tiefer ihn ſein Pfad in die wärmere Zone hinab führt, deſto mehr vervielfältigen ſich die Geſchlechter, deſto herrlicher wird der ſeinen Tritten ent⸗ ſproſſende Blumenflor, deſto blendender die Farben, deſto kraftvoller der Wuchs. And wenn ihm im umfange von wenigen Schritten, hier mit hellgrünen, geglätteten, dort mit dunklern, kraus überworfenen Blättern und Blüthen, die Alpenroſe, der großglockige Enzian, die duften⸗ de Primula und die würzige Stendel, das hohe Aconitum, das braune Ciſtröschen, die ſtolze Martagons⸗Lilie und ſo manche andere noch nie erblickte Gewächſe und Blumen entgegen glänzen; ſo glaubt er nicht mehr in ſchneebe⸗ grenzter Gebirgswelt zu wandeln, ſondern in einem anmuthigen, nach lieblichen Fantaſten geſchaffenen Garten. Und er irrt nicht: es iſ dieſes wirklich der große Garten der freyen, mit Macht nach Süden ſich neigenden Alpen⸗ natur, der in ſolcher Fülle und Lebendigkeit der Farben, auch mit der äußerſten Anſtrengung und Sorgfalt, ſich in keine von Menſchenhänden ge⸗ ordnete Anlage verpflanzen läßt. 244 Unter dem Lärchengezweig furchtbar roman⸗ tiſch ihr Spiel Felſen und Gletſcher verhüllt des Feigenbaums glänzende Krone; Duftend rankt der Jasmin hoch an das Hausdach empor. Leiſe bebt Philomelens Geſang durch das Dunkel des Laubwerks Jetz ſteigt er höher; es ſchallt ſchmetternd ſein Triller im Hain Auch der Schwarzkopf erwacht zum bewegli⸗ chen Liede; du weißt nicht, Weſſen er ſeyn wird der Sieg in dem me⸗ lodiſchen Streit. Aber der Wanderer blickt zu dem lichten Bogen des Aethers⸗ Der 16, eben noch rauh, freundlich nun über ihm wölbt; Fragt ſich entzückt, wo er ſey Heſpe⸗ rien! lispelt der Zephyr; Vom überſtiegenen Fels hallt es, Heſpe⸗ rien! nach III. Der Mittagstraum. Gegen Crevola hinab, im Thal von Formazza. An Conſtantia. 247 16 Augſtmonath. Soon iſt's Mittag; es ſchleudert aus Feuer⸗ meeren die Sonne Sengende Strahlen hinab in das ermattete Thal. Dürr ſteht Anger und Flur. Ihr Königinnen des Haines, Iſt er verhallt euer Sang? Lerche, dein wirbelndes Lied? Alle verſtummen; allein das Schwirren der 3 regen Cigale Drängt in einförmigem Ton tauſendfach ſich durch die Luft. Aus dem Buſche dort winkt der Lazerte ſchlüpf⸗ riges Hellgrün, Und ein durchfluthender Süd hüllet den Pilger in Staub. Auf dem verlaſſenen Pfad, ein Grauen dem Wanderer, ſonnet Schillernd die Schlange das Haupt unker des Bebenden Fuß. Frechen Sprunges entflieht ſie mit Ziſchen. In eilendem Schritte Streb' ich von dannen; kein Menſch iſt zu erſpähen, kein Haus. Doch, was hör' ich?... Hier rauſcht ein mun⸗ terer Bach; ihm zur Seite Ranket ein Rebengehäng hoch an die Ulme hinauf. Preiſend den Gott der Natur ſink' ich hin in die labende Kühlung, Welche des Feigenbaums Dach über mich Müden ergießt. Bald umfängt mich der Schlummer; des Tages Erſcheinungen ſchwinden, Südwind, Natter und Molch, Staub und erſterbende Flur. Auch dem Geſchwirre des Heimchens und ſei⸗ . nem Uniſono ſchließt ſich Müde das Ohr. Da beginnt Morpheus trügriſches Reich. Abend und Morgen wird Eins und Geſtern und Heut; es verliert ſich 249 Eilends der Gegenwart Bild in der Ver⸗ gangenheit Traum. Alſobald bin ich zurück nach der Fruth, an das Ufer der Toſa, Da wo traulich der Süd reichet dem Norden die Hand*). *) Der Wanderer, welcher ſich an der Südſeite des Gries⸗Gletſchers nach den Italiäni⸗. ſchen Thälern hinab wagt, hat zwiſchen herr⸗ lichen Triften und bunten Blumenfluren drey bis vier enge Alpenthäler unmittelbar nach einander zu durchreiſen. In dem oberſten derſelben, Bettelmatt genannt, entſpringt aus einem kleinen, fiſchreichen See die Toſa (Toocia) und eilt, hier erſt noch ein leben⸗ diger Bach, beflügelten Laufes, nach Süden. Am mittäglichen Ende des dritten jener Thalgründe, Auf der Fruth(al Fruth) genannt, ſteht ein Dörſchen und an deſſen Grenze die kleine Capelle, von der hier die Rede iſt. Man verweilt, ohne ſolches auch nur von fern zu ahnden, ganz nahe an ei⸗ nem Abgrunde von furchtbarer Tiefe, über welchen hinaus und weiter gegen Pommat (Formazza) hin ſich die Ausſicht abwärts nach 250 Offen ſteht das Capellchen; es blickt von ge⸗ weiheter Stätte Eine Madonnen⸗Geſtalt hold zu dem Pilger herab. Unten brauſet der Strom. Der Vorhalle lich⸗ tes Gewölbe Ladet freundlich mich ein, Kühlung zu ſuchen und Ruh'. Und ich ſeze mich hin: die ſäumende Schar der Gefährten Sammelt ſich bald um mich her, froh der verſchwundnen Gefahr. dem vierten der Alpenthälchen eröffnet, und an deſſen Rande die Straße ſich ſteil, doch zefahrlos fortwindet. Hier iſt es, wo die Toſa, nun ſchon ein waſſerreiches und gerade an dieſer Stelle klares, ſanft fließendes Flüßchen, ſich über eine hohe, von ſtämmigen Lärchen umkränzte Felſen⸗Terraſſe herab fürzt und jenen berühmten, noch nie be⸗ ſchriebenen, aber auch kaum durch eine Feder zu ſchildernden Fall bildet, den Ebel (Thl. III. S. 161) mit Recht den böchſten Schweizeriſchen Naturſchönheiten beyzählt. 251 „Nun nach Italien fort!“.... Doch wun⸗ derſam ſiehe! verwandelt Plölich der Heiligen Bild ſich auf dem ho⸗ hen Altar! Braun wird des Augenpaars Blau; des Schley⸗ ers Purpur erbleichet, Und der Lilienſtrauß ſproſſet zu Roſen empor. Schüchtern nahet mein Füß; da winkt von der marmornen Höhe Mir Conſtantia zu, lächelnd in himmliſchem Reiz. Freude durchbebt mir die Bruſt; ich glühe von heißem Verlangen, Daß ich ſpräche mit ihr, daß ich umfinge das Bild. Schon ſind die heiligen Stufen erſtiegen; die Göttererſcheinung Wird lebendiger jetzt, ſtärker mein Wonne⸗ gefühl.... Siehe! da pilgert auf Ein Mahl ein Chor von Schnittern mit Jubel Aus der Ferne heran, lagert ſich durſtig am Quell: 252 Buona sera! ſo ſchallt's in mein Ohr; o des nichtigen Traumes! Weg iſt Capell' und Altar, weg, o Geliebte, dein Bild! Dritte Abtheilung. Aus Eugenia's Italiaͤniſchem Tagebuch. ——— 2 2—2 —8 32 — 5 — S — = —₰ 2— — — = — —2 Conſtantia. An ——Q˖˖ᷓʒʒʒʒeʒᷓ-——— 3— 1. Gedanken uͤber Kirchen. Predigt des frommen Antonio zu Santa Croce. Florenz, 15 Februar 18.. . e presso al suo fin raccolte e fsse Le luci avea in la beate sede. Gius. Morei, Fiorentino. ——— Souten wir in der That dem Weſen aller Weſen näher ſeyn hier in den Gewölben des Tempels, als dort im Freyen der ſchönen Natur? Ziemt es ſich minder, ſeiner Wohl⸗ thaten dankbar zu gedenken in des Kämmer⸗ chens einſamer Stille, als im Geräuſch und Gedränge der Andacht, die zu der Gottheit Heiligthum hinſtrömt? Soll denn gerade das Sichtbare mit den künſtlichen Glanzformen 258 feines vergänglichen Tandes am färkſten und unwiderſtehlichſten zu dem unſichtbaren und Formloſen hinziehn, und eine Stelle, von Menſchenhänden dazu beſonders geheiligt und zu dieſem Zwecke verziert und geordnet, allein und ausſchließlich der Erinnerung an denjenigen geweiht ſeyn, der an keinen Theil des uner⸗ meßlichen Raumes gebunden, noch irgend ei⸗ nem beſondern Orte einverleibt, nichts deſto weniger in jedem Raume zugegen iſt und durch die ganze Weltweite ſich ſo kraft⸗ und ſegens⸗ voll ausſpricht? Wie dem auch ware, es gibr Stunden, wo gerade ein ſolcher Zauber des Ortes mein In⸗ neres ſonderbar ſtark und angenehm aufregt und der Sammlung meines Gemüthes zu ern⸗ ſten und frommen Gedanken ungemein kräftig zu Hülfe kommt. Wo aber in der Welt ſollte dieß auf eine wohlthätigere und den beweg⸗ lichen Sinn des ſchwachen Sterblichen lebhafter ergreifende Weiſe geſchehn können, als gerade in dieſen Ehrfurcht gebiethenden Tempelhallen und heiligen Gewölben der königlichen Arno⸗ Stadt, dieſer Schönen, wie ſchon ein —--—— ——— 259 graues Alterthum ſie benannte, unter Italiens Städten? Die lichten Gänge, welche ſich zwiſchen den ſchlanken Säulen von Spirito Santo eröffnen, Andrea's Liebe athmende, von freundlichem Weſen überfließende Geſtalten in der Kirche von Maria Verkündigung, die kühnen, him⸗ melan ſirebenden Gewölbe von Santa Maria del Fiore und das Heiligthum der liebreizenden Maria Novella, die der große Buonarotti nicht verſchmähte, ſeine Verlobte zu nennen:— dieſe geweiheten Oerter ſtimmen insgeſammt mein Gemüth zu Gefühlen ernſthafterer Gat⸗ kung. Aber zugleich ſind es auch freudige Empfindungen, unter denen ich bald täglich eines jener Gotteshäuſer betrete. Höher hebt ſich beſonders jene nachdenkende Stimmung und mit ihr meine Luſt in der geſchmackvollen, über die Maßen reich und koſtbar verzierten Kirche von San Lorenzo, unter jenen Sarkophagen und Denkmählern der Medicäer— ein Heilig⸗ thum, das in der Welt ſeinesgleichen umſonſt fucht;— mehr aber noch in der höchſt merk⸗ würdigen Kirche des Heiligen Kreuzes, die 260 durch eine ganze, zahlreiche Verſammlun berühmter und edler Veoſtorbener aus ältern und neuern Zeiten belebt iſt. Dieſen letzt genannten Andachtsort wählen wir wanlfahrtende Schweſtern uns oft und vorzugsweiſe zu unſerem Ziel aus. Zur Faſten⸗ zeit wird da in der Regel des Freytags ge⸗ predigt, und dieſen Erbauungsſtunden haben wir beyde ſchon mehr als ein Mahl nicht ohne Befriedigung beygewohnt. Noch heute waren unſere Gedanken dorthin gerichtet; allein auf einem angenehmen Morgen⸗ ſpaziergange nach dem milden, die Hauptſtadt von Toſcana aus gefälliger Nähe überſchauen⸗ den Hügel von Poggio Imperiale hatten wir uns beynahe um eine Stunde verſpätet, und der hochbetagte Prediger mit ſilbernem Haupt⸗ haar war, als wir in den Tempel eintraten, bereits ſehr weit in ſeiner Rede vorgerückt. „Wer aber,“— ſo ließ der Redner am Schluſſe ſeines Vortrages ſich noch mit heller, von Herzen zu Herzen dringender Stimme ver⸗ nehmen—„wer aber von euch, geliebteſte Söhne und Töchter in Chriſto, an der Wahrheit 261 dieſer meiner Worte noch zweifeln, wer an jenen Unbeſtand und an jene Gebrechlichkeit noch nicht glauben wollte, die ich euch heute ſo klar vor Augen gelegt, und deren offenes Gepräge alles Irdiſche ohne Ausnahme in tauſend, nie⸗ mand verborgenen Formen und Geſtalten zur Schau trägt, der blicke empor:“— mit zit⸗ ternder Hand wies der Greis nach dem Decken⸗ gewölbe des Tempels—„Weſſen Werk ſind jene künſtlichen Arbeiten über euerem Haupte? Die Taube dort, die mit ſanft gelüftetem Fittig herab ſchwebt von himmliſcher Höhe, und jenes Bild des Erlöſers, der dem Vertraute⸗ ſten ſeiner Berufs⸗ und Lebensgefährten hold⸗ ſelig die Hand reicht? Wer miſchte die Farben zu jener freundlich zuwinkenden Engelsgeſtalt dort, die, Troſt und Labſal ausgießend, ſich auf das Sterbelager des Gerechten herab ſenkt?... Das alles weiß von euch, die ihr jett lebt und in dieſen heiligen Hallen heute wandelt und Gebethe zum Himmel empor ſchickt, nicht einer mehr! „Richtet hinwieder euere Augen hinab in die Tiefe! Auf welcher Leiber Trümmern beugt ſich 262 euer Knie; über welches Erdenſohnes Gebein gleitet euer Fuß hin?... Das ſagen ſie euch längſt nicht mehr, die Züge aller der Denk⸗ ſteine, die Nahmen und Wapen, verwiſcht und ausgeebnet von zahlloſen Tritten ſolcher, die auch ſelbſt nicht mehr ſind. Und jene Fa⸗ miliencapellen, Grabmähler und Grüfte zur Rechten und Linken, wovon predigen ſie anders und von was unabläſſiger und ernſtlicher als davon, wie kurz und flüchtig er ſey, der Wan⸗ derzug des Sterblichen nach der beſſern Welt?“ „Ja ſelbſt dieſe grauen Locken“— hier rückte er den ſchwarzen Sammt von ſeinem ehrwür⸗ digen Haupt weg—„ſelbſt dieſe Locken, die nur noch ſparſam meinen kahl werdenden Scheitel umflattern, und dieſe ausgetrocknete Hand, die mit nicht mehr ſicherer Andeutung zum Himmel empor weiſ't, ſagt an, Geliebte, was verkün⸗ den ſie anders, als die Nähe auch meines Scheidens von dieſer ſichtbären Welt und eines baldigen Abtretens von dieſer geweiheten Stätte?“ „So bethe denn für mich, du andächtig ver⸗ ſammelte Chriſtenſchar, aus dieſem Reiche des Wechſels zu dem Fürſten des unvergänglichen 263 Lebens; auf daß, wenn ineine auf keinen Fall mehr ferne Stunde ſchlagen wird, ſeine Huld mir einen ſanften Uebergang bereite in den Schooß der ewigen Liebe und in die frohen Wohnſitze der Gerechten, welche er vor mir zu ſeinen Gnaden berufen hat!“ 2. Des frommen Antonio Tod. 20 Februar. e cosi dolcemente Sen va di stella in stella.. Ant. Ghedini. Was der Gott ergebene Antonio vor kurzer Zeit von geweiheter Höhe verkündet hatte, war ſein Schwanengeſang geweſen. An eben dem Tage, als wir denſelben in dem Tempel von Santa Croce erblickten, war er zum leßten Mahle unter deſſen Gewölbe eingegangen und hatte das Schlußwort ſeiner Ermahnungen zu dem an ſeinen Lippen hängenden Chriſten⸗ volke geſprochen. In ſolch unmittelbarer Nähe mochte er, ſo wohl und gründlich er auch auf ſeinen Uebergang bereitet ſchien, das Ende ſeines 265 gebens doch felbſt kaum vermuthet haben. Ein Gang von den vielen, die wir in dieſen Tagen der Ruhe und Stille, meiſt gegen Abend, nach den ſchönen und in dieſer Bußezeit zahlreicher wie ſonſt beſuchten Florentiniſchen Kirchen zu unternehmen pflegen, führte uns heute wiederum nach Santa Croce hinab. Dieſe Kirche, ſo düſter ſie iſt, und ſo wenig einladend und vollendet auch ihre Geſtalt von außen erſcheint, gehört gleichwohl zu denjenigen, welche für mich einen ganz beſondern Reiz haben. Ich möchte ſie vor⸗ zugsweiſe vor den übrigen allen— und die Arno⸗ Stadt zählt doch ihrer ſo viele— den Tempel der Erinnerung heißen. Heute, als wir in die⸗ ſelbe eintraten, brach eben die Nacht ein. Die edeln Geſtalten an Michel Angelo's Grab⸗ mahl, in ihren verworrenen Umriſſen kaum mehr erkennbar, zerfloſſen allmählich mit der Däm⸗ merung Scheine, und das jungfräuliche Weſen in der Begräbnißcapelle der Niccolini*) glich in dem grauen, die heiligen Hallen erfüllenden Halb⸗ licht einem ätheriſchen Weſen, das aus den Chören —ʒ———,, 3 *) La Verginita, von Francavilla. ZII. 12 266 der Verklärken wohlthätig und huldvoll zu den Wohnſitzen des Menſchengeſchlechtes herab ſchwebt. Indem aber unſere Augen zwiſchen all dieſen Denkſteinen und Gedächtnißſtätten umher irrten, und wir bedächtlichen Schrittes ſie durchwandel⸗ ten, dieſe Wohnungen eines Friedens, den Tauſende, die zur Stunde hierher ziehn, noch ſuchen, und eben ſo Viele, welche vormahls hier wallten, längſt gefunden haben, erblickten wir, von dem matten Scheine nur weniger Kerzen beleuchtet, ein kunſtloſes Trauergerüſt und auf demſelben einen Sarg, mit weißen, und über dieſe hin mit ſchwarzen Tüchern belegt, als ſinn⸗ lichen Andeutungen von Leben und Tod, von Freude und bitterem Schmerzensgefühl. Auf dem Sarge breitete ſich ein hölzernes Kreuz aus. Oben waren, von jugendlich zarter Hand hin⸗ geſchrieben, die Worte zu leſen:„Antonio Gonſalvi. Er lebte acht und ſiebzig Jahre;“ und am Fuße des Todtenbehälters, als letzter, freundlich einfacher Nachhall aus der irdiſchen Welt:„Seiner Seele die Wonne des Jenſeitsl“ Es war der ſilberlockige Lehrer ſelbſt, ilze 267 im ſchweigenden Schatten ſeiner eigenen Redner⸗ bühne, und kaum daß er von derſelben abgetre⸗ ken war, dieſe Schlummerſtelle bezogen hatte. Zu beyden Seiten des Entſchlafenen knieten zwey aufblühende Knaben und betheten mit Inbrunſt für das Heil ſeiner Seele. Aber auch durch Ge⸗ fühle der Dankbarkeit getrieben ſah man dieſe Kinder beharrlich an des Oheims Todtenlager verweilen; denn er ſelbſt war, Samen ausſtreu⸗ end für die, welche da kommen ſollen, bis zur letzten Stunde ſeines Lebens unabläſſig bemüht geweſen, durch Pflegs und Unterricht jenen bey⸗ den, unter allen Weſen der Erde ihn am nächſten berührenden Jünglingen das Glück ihrer künf⸗ tigen Zeiten zu gründen. Noch am Abend jenes Tages,— ſo erzählte uns der eine der Knaben mit thränenden Augen — an welchem wir dem ehrwürdigen Prediger zugehört hatten, wie er die verſammelte Chriſten⸗ ſchar auf die Hinfälligkeit aller ihrer irdiſchen Umgebungen und jeder, auch der köſtlichſtenuthat des Lebens hinwies, hatte er auf dem ſonnigen Lungarno ſeinen gewohnten Winterſpaziergang vorgenommen, hierauf ſich als Leitfaden zu ſeiner 268 nächſtfolgenden Faſtenpredigt, die er nicht mehr halten ſollte, eine Stelle aus ſeiner Handbidel ausgeſchrieben und das Blättchen, wie er jedes Mahl zu thun pflegte, ſelbſt neben ſein Bett hingelegt. Wunderbarer Weiſe waren es die verhängnißvollen Worte geweſen:„Die Zu⸗ kunft iſt vor des Menſchen Auge ver⸗ borgen, und niemand weiß ihm zu ſagen, was geſchehn ſoll.“ Und als der Greis ſolches gethan und nach ei⸗ nem, wie jederzeit, ſehr mäßigen Abendmahle zur Ruhe gegangen, da ſchloß der dreymahl Glückliche ſchnell und ſanft, als wartete ſeiner ein gewöhnlicher Nachtſchlaf, dem Schlummer und dem Tode ſein Auge mit Einmahl. Wir gönnen, verklärter Geiſt! dir deine ge⸗ ſchwinde Erlöſung, und Friede walte über der Aſche des zur Ruhe gekommenen Leibes! 269 3. Die Grabesruhe. ax Februar. .... Serena il ciglio Daccheta e in pace al tuo destin consenti. Colui, che piangi, queste inferme cose Carco di pregi, e di memoria degno Cangiò con le immortali ed or sul cielo Sotto il candido piè si mira il sole E gli aurei cerchi, e i lumi erranti, e i fissi. Frugoni. Wer iſt es denn aber, möchte ich im Rück⸗ blicke auf den Schluß meines geſtrigen Tage⸗ buchs fragen, wer iſt es, der da ſchlummern und ruhen ſoll, verſenkt in den todten Frieden des verſchwiegenen Grabes? Iſt ſie es, die Hülle aus vergänglichen Stoffen, die, der ſchnellſten Verweſung zum 270 Raube, in Moder dahin fällt und mit eben der mütterlichen Erde ſich wieder vermengt und vereinbaret, von der ſie ſelbſt auch ein Theil iſt? Biſt du es, unſterblicher Geiſt! den, nun du unter den Umgebungen der Sinnenwelt dein kurzes Tagewerk, den Anfang eines ungleich längern und umfaſſendern, vollbracht haſt, die Stunde des Sterbens in einen Zuſtand der Lethargie und Allvergeſſenheit einſenkt, in Er⸗ wartung, daß der Wink des Allmächtigen deine neue Beſtimmung dir kund mache und öffne? Oder wären etwa alle dieſe Gedanken von Todesſchlummer und Grabesruhe nichts weiter als freundlich täuſchende Einbildungen und Formen, mit denen der Schöpfer ſelbſt der gebrechlichen Menſchennatur erbarmungsvoll zu Hülfe kommt; bloß anmuthige Bilder, die in ſanfter Färbung vorſchweben dem Herzen voll Sehnſucht und Liebe, und lindernden Balſam in je die tiefſte und ſchmerzhafteſte feiner Wun⸗ den ergießen? Was ſollten ſie anderes ſeyn?. Aber nach wie vor erfreuen gerade dieſe Vorſtellungen fortwährend ſo viele Herzen und 271 waffnen ſo manchen Sinn ſtärker gegen alle Anfechtungen von Jammer und Trübſal. Sie ziehn durch jene ſinnlichen Bezeichnungen ſelbſt näher zu dem Ueberſinnlichen, zu der Welt der unſterblichen hin. Wer von Schlummer ſpricht, denkt ja an ein Wiedererwachen; und warum anders wollte man der Ruhe genießen, als um ſich zu neuer Anſtrengung zu ſtärken? Eben dieſe Gedanken, indem ſie das Gemüth noch durch etwas Irdiſches feſſeln, ſind es, über denen hinwieder die letzte Spur des Schauerlichen verſchwindet, welches die Be⸗ ſchränktheit des Erdenbewohners ſo häufig an die Vorſtellung des Sterbens und der Todten⸗ gruft anknüpft, die unſere abgeſchiedenen Ge⸗ liebten, diejenigen Weſen beherbergt, welche, was wir ſo gern glauben möchten, ſelbſt noch im Tode, wenigſtens einem Theile, nähmlich dem Leibe nach, den ſie nicht mehr bewohnen, die unſerigen ſind. So wallen wir denn weiter hin zu der von der Sehnſucht Thränen benetzten Verweſungs⸗ ſtätte des Leibes, ſanften Trittes, als wäre es Frevel, die dort waltende Stille zu ſtören, und hinblickend zwiſchen Hoffnung und Thränen nach dem Dunkel am Rande der Zeit und der Ewigkeit enge verwahretem Eingang. Streuen wir immerhin den Samen der ſchönſten Blumen und Pflanzen auf die Leichenhügel derer, die uns liebten, auf daß der Lebensathem der Natur ſie in kurzem zu ſchimmernden Blüthen und würzigen Kelchen entfalte, und als würden an den Farben und Wohlgerüchen ſolcher Trauer⸗ gärten und an der Hand, welche dieſelben geordnet, jene Lieben noch ſelbſt ſich vergnügen, die der Tod längſt unſeren Augen entrückt hat! Fahren wir fort, im Heiligthume der Erinnerung an die Theuren, welche früh uns verließen, noch manche andere, die Gefühle der Zärtlich⸗ keit für ſie, die unſere Erdentage verherrlich⸗ ten, nährende und bewahrende Opfer zu brin⸗ gen, die dem innern Menſchen wohlthun und ſtärkendes Labſal gießen in das ſchmerzenbelaſtete Herz. Er ſoll ſeinen Frieden in des Grabes leich⸗ ter Erde gefunden haben, dein Auserwählter, du nach Ruhe dich ſehnende Gattinn, die du an ſeinem Sterbebette und während ſeines lang⸗ 4 273 wierigen, auf demſelben beſtandenen Kampfes bald ſelbſt deine letzten Kräfte erſchöpft haſt! Er ſey zur Ruhe gebracht unter dem zur Nachwelt ſprechenden Steine, euer Vater, in deſſen liebevollen Armen ihr ſelbſt, wehklagende Kinder, ſo manchmahl von eueren jugendlichen Freuden und Mühſalen geruht habt! Tretet leiſe hinzu an das Grab, das euere einzige Hoffnung verſchlang, ihr trauernden Aeltern, auf daß ihr den geliebten Schlafenden nicht weckt, der in den ſchönſten Tagen ſeines Jünglingslebens, gleich einer Eintagsblüthe, eilfertig dahin ſchwand! Laſſen wir ſanft ihn ſchlummern in der erdenen Kammer, den Freund unſerer Jugend, der bis in die Tage des ſpäteſten Alters uns von ganzem Gemüthe, wie wenige, treu blieb! Aber auch du, den jett noch eine irdiſche An⸗ ſicht mit ihren Täuſchungen zuweilen berückt hält, wirſt einſt— ich ſeh' es im Geiſte— von jenem höheren Standpunete, der uns alle er⸗ wartet, durch ein beſeligendes Schauen dich leicht überzeugen, daß des Menſchen zum ewigen Leben und einem Wirken ohne Unterlaß geſchaffe⸗ 274 ner Geiſt zur Wiederherſtellung ſeiner Wirkſam⸗ keit ſolcher Zwiſchenräume von Schlummer und Ruhe gar nicht bedürfe. Auch dich wird eine frohe, wenn gleich zur Stunde noch verſchleyerte Zukunft belehren, daß ohne ein Glimmen unter der Aſche des Grabes der Funke von Gott zum zweyten Mahle entbrennen werde, um mit nimmer erbleichendem Feuer in neuen Welten zu leuchten, und daß die Seele, als des Ur⸗ weſens, von welchem ſie ausging, lebendigſter Abglanz, nur den Augenblick ihrer Erledigung aus der Befangenheit dieſes Lebens und ſeiner Schlußtage erwarte, um, angeſtrahlt von helle⸗ rem Lichte und ausgerüſtet mit einer Stärke, die ſie hiernieden nicht kennt, den unzerſtör⸗ baren Keim ihrer Thätigkeit noch völliger und zu einer Kraftäußerung zu entwickeln, die nicht altert, wie die irdiſchen Kräfte, und keinen Zeit⸗ ſchranken mehr unterworfen iſ. Biſt du ſelbſt deiner eigenen Vollendung ein⸗ mahl um dieſen bedeutenden Schritt näher gerückt, dann wohl dir! Vernehmlicher, als heute die Stimme der wenſchlichen Schwachheit, ſpricht alsdann der 275 Geiſt Gottes zu dir auch: Selig ſind die Todten von jetzt an! uUnd auch du legſt dann jenen wohlthätigen Troſtſtab, nach welchem deine Unmündigkeit jetzt noch begierig ſich hinneigt, mit innigem Dank gegen den, von deſſen Huld dir derſelbe gereicht ward, auf immer bey Seite. 4. Der Auferſtehungsmorgen. — In der Billa Palmajola, 15 März. Und du ſollteſt nicht auferwecken? der auf dem ganzen Schauplatz der unüberdenkbaren Schöpfung Immer und alles wandelt und herrlicher macht durch die Wandlung? Klopſtock. Auf die ſtille Andachtszeit der verfloſſenen Woche leuchtete uns heute, durch die Milde der Natur nicht weniger als durch frommes Menſchenbeſtreben verherrlicht, dazu bey mehr als gewöhnlicher Klarheit des Firmamentes, in vollendeter Pracht und Glorie die erſte Stunde des Auferſtehungsmorgens. Es ſcheint mir in der Anordnung und dem 277 Kreislaufe der Zeiten ein preiswürdiger Um⸗ ſtand zu ſeyn, daß dieſes Feſt der Chriſten, welches das Bild eines Aufwachens vom Schlum⸗ mer und eines zweyten, aus Todtengrüften und Wohnſitzen des Moders und der Verwe⸗ ſung hervor brechenden Daſeyns dem Gemüthe des Nachdenkenden klärer und beſtimmter als keiner der übrigen Feſttage vorhält, gerade mit dem höchſten Puncte der Feyer einer Auferſte⸗ hung und Lebenserneuerung in dem Reiche der ſichtbaren Schöpfung zuſammen fällt; mit den Tagen eines in den mannigfaltigſten Geſtalten dem Schooße der Erde wieder entgrünenden und entblühenden Lebens; einer die geſammte Natur bis in ihr Innerſtes durchdringenden und erfüllenden Frühlingswärme und Früh⸗ lingsluſt.. Dieß ſchnelle Erwecktwerden aus anſcheinend kiefem Schlafe, all das kraftvolle Keimen und Treiben aus der mütterlichen Erde noch eben erkaltetem Schooße, dieß friſche Aufblühn und Duften aus noch vor kurzem erſtarreten Grün⸗ den, und alle die abgeſtreiften Hüllen und er⸗ neuerten, glänzenden Leiber, was ſind ſie an⸗ 278 deres, als eben ſo viele liebliche Andeutungen und Symbole desjenigen, was auch mit dir ſelbſt, o Sterblicher, der du jetzt bey dieſen Erſcheinungen allen mit eben ſo viel Nachden⸗ ken als Wonne verweileſt, in naher Zukunft geſchehn wird? Und wenn auch alle dieſe Herz erfreuenden Lebens⸗ und Frühlingszeichen, durch deren Reihenfolge ſelbſt der entfernteſte Gedanke an eigene Vernichtung gewaltſam unterdrückt und verſcheucht wird, die ſchwierige Aufgabe unſerer Verwandlung nicht löſen, noch jenes vielleicht thörichter Weiſe gewünſchte Licht über die Art und Weiſe derſelben verbreiten; ſo ſagen ſie nichts deſto weniger ſchon unſerem ſinnlichen Wahrnehmungsvermögen wunderſam zu. Wie viel kraftvoller und beredeter ſprechen ſie zu dem innern Menſchen, wie rührend zu dei Herzen, das mit nie erlöſchender Liebe ſich nach Verſtorbenen, die es über alles verehrte, zurück ſehnt und wartet mit beharrlicher Hoff⸗ nung auf das Morgenroth einer helleren Er⸗ kenntniß und den frohen Bundestag einer künf⸗ tigen Welt? 279 Vor mehreren Tagen ſchon hatten wir am Fuße des fruchtbaren Hügellandes von Caſtellino die Villa Palmajola bezogen, von welcher ein ſanft ſich erhebender Fußpfad auf eine leichte Bergrundung von der freyeſten Umſicht hinauf führt. Ein zartes Olivengebüſch, aus deſſen beweglichem Laubwerk in Obelisken⸗Form drey ſchlanke, allen Jahrszeiten in ihrem unzerſtör⸗ baren Kleide voran grünende Cypreſſen hervor ragen, krönt dieſe Anhöhe, deren Abhänge ringsum wilde Jasmin⸗ und Lorberſträuche zwiſchen breit aufſproſſenden Feigenſtöcken um⸗ fangen und überflattern. Von dieſem kleinen, reizenden Belvedere aus ſahen wir heute im erſten Lichte des Oſter⸗ kages einen Morgen, ſo ſchön, wie einſt die lette Stunde der ſcheidenden Mutter, beydes, den wolkenloſen Himmel und die durch Segen bringenden Frühllngshauch erwärmte und er⸗ freute Erde, begrüßen. 4 Wir hatten uns ſchon mit Anbruche des Tages aus unſerem luftigen Schlafzimmer en Palmajola aufgemacht, gerade in der Stunde, als das liebliche Frühroth des Auferſtehungs⸗ 280 feſtes, jedes der ernſtern Betrachtung nicht verſchloſſene Gemüth mit ermunternden Gedan⸗ ken von Verklärung und erneuerten Geſtaltun⸗ gen des Daſeyns erfüllend, am Horizonte herauf zog. Wundervoll anzuſchauen funkelte mitten im glühenden Oſten, als aus einem Feuermeere, der Morgenſtern, wie ein himmliſcher Solitair, noch einige Augenblicke zu uns hernieder, in⸗ deß von der entgegen geſetzten Seite des Him⸗ melsgewölbes das Licht des entweichenden Voll⸗ mondes auf die Wieſen und Gartenanlagen, die wir auf ſchlängelndem Pfade durchwallten, rein und zart herüber ſpielte. Bald ſahen wir zwiſchen dieſen beyden ſchnell verſchwindenden Phänomenen mit Uebergewalt ſich die Tages⸗ helle entfalten; und da erſchien denn auch der feyerlich feſtlichen Stimmung unſerer Gemüther die vom erſten Morgenlichte begrüßte Natur in erhöheter Schönheit; vom großen, ſtrahlenden Weltlicht an, das, hier im Silberlaube der Oäve, dort im Perlenteppich der thauenden Flur ſich ſpiegelnd, im Flammenzuge am Him⸗ mel umpor ſlieg, bis hinab zum goldbepanzerken 281 Käfer, der zwiſchen jungen Gräſern ſich wiegt, und zum beweglichen Schmetterlinge, der, kaum von ſeinem Winterlager erſtanden, im ſchillernden Farbenſchmucke ſeiner Wiedergeburt je die reizendeſten von Flora's jungen Kindern umgaukelt. In Höhen und Tiefen, an dem milden Abhange der Oelberge und entlang den Ufern des rieſelnden Thalbachs war Leben das einzige und allgewaltige Loſungswort der gan⸗ zen, eine wohlthuende Wärme aus ihrem Kraftſchooße entwickelnden Natur. Angeneh⸗ mer duftete es von den dunkeln Orangen⸗ und Myrthengebüſchen des herzoglichen Gartens zu Caſtello zu unſerem Naturaltare herauf. Ge⸗ fälliger als in der Tiefe ſprachen auf dieſer Höhe der Vögel natürlich künſtliche Weiſen das horchende Ohr an; aus laubumzogener Nacht der Grasmücke weicher Geſang und aus hohen Lufträumen der Lerche muntere Lieder; mit Einem Worte, nah und fern athmete und ver⸗ kündete die Schöpfung eitel Freude und Luſt. Auch wir Schweſtern verweilten mit Wonne bey dieſer allgemeinen Lebensfeper der Natur, über deren Betrachtung Stunden und Sonne 282 unvermerkt über unſerem Haupte hinweg ſchrit⸗ ten, und deren Andenken billig eines meiner Tageblätter geweiht iſt. Doch es war nicht allein unſer Sinn, der ſich an ſo mannigfachen Eindruücken vergnügte; nein, auch die Fantaſſe blieb dieſe ganze Zeit über auf das angenehmſte beſchäftigt. In lieb⸗ lichen Bildern ſtellten jetzt die Oſtertage ver⸗ gangener Jahre, deren Licht uns einſt als Kinder erfreute, und die wir, den blumigen Lenz im Gefolge, unter geſpannten, zum Theil geheimnißvollen Erwartungen heran rücken ſa⸗ hen, ſich neben die Gegenwart hin und vor das bewegte Gemüth, und nach ihnen die Auf⸗ erſtehungsfeſte, an deren Gedächtniß wir ſpäter⸗ hin, an Athanaſia's Seite und aus ihrem Munde über den höheren und geiſtigen Zweck jeder ſolchen Feyer verſtändigt, ernſtere Ge⸗ danken, beſſere Vorſätze, ein kühneres Ahnden und höhere Hoffnungen knüpften. Ganz beſonders wußte ſich dann Roſalie auch dieſen Feſt⸗ und Naturgenuß aus der Schah⸗ kammer ihres Wiſſens durch die Erinnerung an mehr als ein heiliges Dichterwort zu ver⸗ 283 ſchönern. Andächtig und leiſe entfloß jeßt ihren Lippen der fromme Geſang ihres prophetiſchen Lieblings: Ich hebe mein Aug' auf und ſeh', und ſiehe, der Herr iſt überall! Erd', aus deren Staube der erſte Menſch ge⸗ ſchaffen ward; In der ich verweſen werde und auferſtehen aus der! Gott würdigt auch dich, dir gegenwärtig zu ſeyn! Indem ſie aber mit ſolchen Worten den Herrn der Natur, dankbar und ihn ehrend, begrüßte, freute ſie ſich mit mir zu ſehn, wie auch das unter dieſem ſchönen Himmel wandelnde Ge⸗ ſchlecht, das frohe Landvolk von Caſtello, Quiete und Prato und die anmuthsvollen Töchter von den Ufern des Arno ſich in eben dieſer heitern Morgenſtunde im Heiligthume des Herrn zu Chören der Lobpreiſung vereinten, und Auf⸗ erſtehungsgeſänge und Hymnen anſtimmten, deren melodiſche Laute ein ſanft daher fluthen⸗ der Oſtwind, jetzt ſtark und kräftig, dann aus⸗ hallend und kaum mehr vernehmbar, gleich der 28% Aeols⸗Harfe dald ſchwellenden, bald ſchnell wie⸗ der erſterbenden Tönen, aus der Kirche von Eaſtello zu der Höhe unſeres Naturaltares hinauf trug. Aber auch in der nahen Arno⸗Stadt begann nun vom Dome von Santa Maria die feſtlichſte aller Glocken, welche nur bey außerordentlichen Anläſſen gerührt wird, dem Städter und der ganzen Landſchaft umher den Anbruch des großen Tages in majeſtätiſch tiefem Klange kund zu thun. Der feyerlich ernſte Ruf ſchien auch für uns zu ertönen, und bald war, woran wir bis jett ſelbſt nicht gedacht hatten, der Entſchluß gefaßt, unſeren ſchönen Standpunct zu ver⸗ kaſſen und jene Tempelhallen ſelbſt aufzuſuchen, von denen der weit und breit erſchallende Glockenton ausging: ein Unternehmen, das in pfeilſchneller Fahrt, über eine ſchöne, mit Maulbeerbäumen und Weinſtöcken in der eng⸗ ſten Vereinigung eingefaßte Straße hinweg, in weniger denn einer halben Stunde vollführt war. Eben hatte, als wir in die kühlen Gewölbe von Santa Maria eintraten, ein feyerliches Hochamt begonnen. Welch ein Gepränge, welch 285 ein Wogen und Drängen unker den vielen Tauſenden, die theils den Raum des Tempels erfüllten, theils die Marmorſtufen am Ein⸗ gange beſetzt hielten! Welch ſchneidende Con⸗ traſte und was für Abſtufungen ohne Zahl von dem goldgeſtickten Seidenkleide des Fürſten bis zu den qualmigen Lappen der darbenden, an des Heiligthumes Schwelle das Mitleid anfle⸗ henden Armuth, von der edeln Florentinerinn ſtrahlendem Diamantenſchmucke bis zu den einfa⸗ chen Bänderzierathen der Toſcaniſchen Bäuerinn! Tief im Hintergrunde, an der heiligſten Stelle des Tempels, ſtand, die glänzende Tiare auf dem Haupte, der Erzbiſchof von Florenz, ein ehrwürdiger, ſchön geſtalteter Mann, doch ſchon auf völliger Neige der Jahre. Um ihn her in feſtlichem Kreiſe und angethan mit koft⸗ bar gewirkten Gewändern die ſämmtlichen Die⸗ ner des Altares. Eine zweyte, dem Auge kaum zu ermeſſende Umgebung bildete knieend die andächtige Menge, und harrte mit Inbrunſt der ſegnenden Hand des mit hoher Würde ſein heiliges Amt verrichtenden Greiſes. Mitten in dieſen Wohnſitzen eines bleibenden Friedens er⸗ 286 klangen indeß und blinkten Waffen und Werk⸗ zeuge des Krieges in der Hand und auf den Schultern der zahlreichen Wache. Dazu ſah man unzählige Lampen und Kerzen, auch Opferflammen licht und wohlriechend auflodern in das angenehme, den größten Theil des Tempels beherrſchende, nur hier und da durch die wahre Tageshelle gebrochene Halblicht. Nicht ohne Mühe waren wir zwiſchen den Gruppen und Reihen des verſammelten Volkes bis zu einem der einſamern, gerade zu der Stunde durch keine Feſtfeyer verherrlichten Seitenaltäre hindurch gedrungen, von deſſen Stufen ſich eine freye Ausſicht nach dem inner⸗ ſten, von einem Rebelſchleyer duftenden Rauch⸗ werkes umfloſſenen Heiligthum aufthat. An dieſer Stelle faßten wir Juß und konnten von da aus ungehindert unſeren Betrachtungen nachhängen. Einige Augenblicke herrſchte eine tiefe, das ganze Gebäude umfaſſende Stille. Dann hörten wir unvermuthet, und als ſchwebten die Töne aus Engelskehlen vom Himmel her⸗ nieder, von einer unſichtbaren Stimme das „Heilig, du Herr allein biſt heilig!“ in ſilber⸗ 287 reinen Lauten und Modulationen, dergleichen unſer Ohr noch niemahls vernommen hatte, ertönen. In dieſe erſte Lobpreiſung fiel ſchnell, als froher Auferſtehungsbothe, vom Hochaltare der Prieſter mit den bedeutenden Worten: „Der Herr iſt erſtanden!“ vielleicht durch die leßte Anſtrengung ſeiner leiſer werdenden Stimme, mit ein.— Eben ſo ſchnell folgte dann, die Friedens⸗ und Freudenkunde in ju⸗ belnden Wechſelgeſängen erwiedernd, das Halle⸗ luja der Sänger; und unter der Trompete hellem Geſchmetter und dem Paukendonner, der laut die Gewölbe des Tempels durchrollte, ward die beſeligende Kunde durch die weiten Navaten und Gänge bis zu den Ohren auch des Entfernteſten in der gedrängten Verſamm⸗ lung getragen. Immergrün, Blumengehänge und bunte Seidenſtoffe, von den Händen der Andacht zu mancherley künſtlichen Formen und bedeutungsvollen Zeichen und Symbolen ge⸗ knüpft und verſchlungen, ſchmückten von innen und außen des Domes kunſtreiche Pforten⸗ Durch eben dieſelbe fromme Sorgfalt waren die Wände und Pfeiler der Kirche mit koſtbaren 288 Tapeten behangen, deren ſanfte Purpurbeklei⸗ dung das Blaßgrün des Stein⸗ und Mauer⸗ werkes theilweiſe verhüllte. Den Fußboden hatte man, damit vollends nichts unterbliebe, was auch zur äußern Verherrlichung dieſes für das Gemüth ſo ſchönen Vormittags beytrug, dicht mit grünenden Zweigen und friſchen Blu⸗ men beſtreut, auf denen es ſich weicher und leiſer, und als durch einen künſtlichen Frühling, einher ging. Mit einem Worte, alles, was in dieſer Stunde in und um das erhabene Heilig⸗ thum vorging, war auf Auge und Ohr und durch dieſe beyden Organe, die den innern Menſchen ſo allgewaltig beherrſchen, auch auf das Herz und ſeine rührbarſten Saiten nicht ohne Geſchmack und Einſicht berechnet. An Bergleichungen dieſes blendenden Gepränges mit der ſtillen Einſamkeit jenes Natur⸗ und Oſtergartens auf den Olivenbergen von Caſtellino ließ die Fantaſie, wie leicht zu erachten, es keineswegs fehlen. Auch bey dem Grellen des Gegenſatzes verweilten wir Schweſtern nicht ungern, und über eine leichte Spannung des 389 Kopfes und Gemüthes, die ſich nach und nach einfand, behielten die angenehmen Gefühle fortwährend die Oberhand. „Wo hat nun,“ fragte endlich Roſalie, ſin⸗ nend und in des Tempels weitläuftige Raunie verloren,„dein Herz, was es ſuchte, gefunden? In dem ſtolzen Marmorhauſe hier, oder dort in dem beſcheidenen Natungarten von Caſtellino?« Die Frage war nicht lelcht zu löſen; immer⸗ hin aber wies der glänzende Pomp und der laut auftönende Jubel von Santa Maria mit der geräuſchloſen Frühlingswonne des Sonnenthales von Palmajola auf einen und eben denſelben Punct hin. Jener nähmlich, wie dieſe, ſprach, wenn auch durch Andeutungen der ungleichſten Art, es gleich kräftig und laut aus, daß die Feyer der Auferſtehung ein außerordentlicher, das Gemüth des Chriſten nach allen ſeinen Be⸗ ſtrebungen und Kräften bis in ſein Innerſtes in Anſpruch nehmender, zu den froheſten Hoff⸗ nungen belebender Tag ſey. — FII. 13 5. Der Lungarno). und du, o heilige Mutter, und du wirſt Nicht matt und müde, deine Lebenskraft Geſchöpfen mitzutheilen? Freueſt dich Des Schatten⸗Gaukelwerks, das auf dir ſpielt, .. und all des leichten Volks Der bunten Träume, das ſich auf dir iagt?— v. Herder. 1. Alo heißen die zwey langen Uferſtrecken des Arno, von der Stelle an, wo der Fluß anfängk, *) Da dieſe Bemerkungen über den Lungarno aus mehreren, zu verſchiedenen Ta⸗ ges⸗ und Jahreszeiten auf demſelben vorge⸗ nommenen Spaziergängen hervor gegangen ſind, ſo iſt bey denſelben die Angabe des Ta⸗ ges abſichtlich weggelaſſen. die Mauern der Stadt zu beſpülen, bis wo er, den Tiefen des Meeres zueilend, ſich in das liebliche Buſchwerk unterhalb der Brücke alla Carraja hinein ſenkt. In der engern Bedeu⸗ tung des Wortes aber führt jenen Nahmen ein mitten in Florenz frey gelegener, eher einer Zuſammenſetzung mehrerer großen Plätze als einer einzelnen Straße gleichender Bezirk, den von oben und unten die zwey Brücken von Santa Trinita und alla Carraja, zu beyden Seiten des Arno aber lange Reihen von wohl gebauten Häuſern, Palläſten und öffentlichen Gebäuden beynahe kreisförmig begrenzen. Sehr häufig und nicht ohne eine gewiſſe Vorliebe beſucht der Florentiner dieſes zu den verſchiedenſten Zeiten des Tages und Jahres ihm gleich willkommene Küſtenland ſeines vater⸗ ſtädtiſchen Fluſſes, in der Regel des einzigen, den ſein Auge jemahls erblickt hat oder zu ſchauen ein Verlangen trägt. Denn der Toſca⸗ ner, beſonders der aus den höhern Ständen, be⸗ giebt ſich ſelten auf Reiſen. Seine Welt be⸗ ſchränkt ſich meiſt auf die Gefilde, welche der Arno bewäſſert. Von andern, zumahl entferntern 29² Ländern weiß er wenig, und vor allen klingk das Jenſeits der Berge ſeinem Ohre ſo fremd und fremder noch als dem Ultramontaner der Nahme des entfernteſten Welttheils. Nach dem Lungarno lenkt er ſeinen Schritt hin, um die oft ungern vermißte Sonnenwärme zu ſuchen, und eben dahin zielt er, um hinwieder eine unter dieſem Himmel noch öfter umſonſt er⸗ ſehnte Kühlung zu finden. An dieſen Ufern luſtwandelt er heute, wenn die helle Domglocke den Mittag verkündet, und morgen in der geheimnißvollen Dämmerungsſtunde des Ave Maria. Selbſt die Mitternacht mit ihrem Ge⸗ folge von Ruhe und Stille und Sternen hat ihn ſchon mehr als ein Mahl am Lungarno gefunden. Auf den ebenen Steinplatten ſchrei⸗ tet es ſich ſo leicht und beguem einher. Zu⸗ dem befindet man ſich da, ſo zu ſagen, im Mittelpuncte der volkreichen Hauptſtadt und ihres vielſeitigen Trachtens und Treibens. Die bedeutendeſten Straßen der Stadt laufen größtentheils nach dieſer Gegend aus. Jebe merkwürdigere Kunde von Frieden und Krieg, von verlorenen oder gewonnenen Schlachten⸗ 29³ von Vulkan⸗Ausbrüchen und furchtbaren Erd⸗ beben, auch wohl von der Ankunft berühmter oder berüchtigter Ultramontaner, von Gebur⸗ ten, Sterbensereigniſſen und andern Wechſel⸗ fällen des Tages und Lebens erfährt ſich da leichter. Dem Auge des durch Beruf und Lage ohne Unterlaß in ſeine Mauern hinein gebannten Städters, den der ununterbrochene, einförmige Anblick ſo vieler, hoch auf einander geſchichte⸗ ter Steinmaſſen nicht ſelten ermüdet, gewährt ſchon das Hinſchauen auf die zwar meiſt nicht ſehr klare und zur Sommerzeit auch nicht ſehr rege Waſſerfläche eine erfreuliche Abwechſelung. Von eben dem Fluſſe weht ihm in glühender Sommerhitze, wenn auch ſeltener, als er es wünſchte, eine friſchere Luft zu; und in den Tagen, wo der Wind etwas rauher von den Alpen herüber treibt, wiedergeben jene Mar⸗ mordämme und Quaderſteine jeden Sonnen⸗ ſtrahl mit verdoppelter Kraft. Am lebendigſten zeigt ſich der Lungarno in der Nähe der ſchönen, kühn über den Strom geſchlagenen Brücke von Santa Trinita, und 294 auf dem an ihr Gewölde anſtoßenden Plate gleichen Rahmens, der mit einer aus grauem Alterthume ſtammenden Granitſäule, ſo ſchlank und hoch, wie man ihrer nur wenige findet, geſchmückt iſt. 295 2⸗ Auch wir Schweſtern haben unker der Aegide unſeres begleitenden Freundes, des Marcheſe Belgiojoſo, während dieſer erſten Monathe unſe⸗ res hieſigen Aufenthaltes, uns öfter an jenen le⸗ bendigen Arno⸗Geſtaden eingefunden. Ihnen entlang ſahen wir in den froſtigen Tagen, mit denen die Ordnung der Natur den Scheidepunct des alternden, ſo wie den Eintritt des verjüngt heran rückenden Jahres bezeichnet, eine will⸗ kommene Mittagsſonne beydes, den Wagen⸗ und Livreen⸗Prunk des mit Gold und Seide be⸗ laſteten Fürſten und die hängenden Lumpen des Bettlers, der an dieſer Stelle ſein zwar kümmer⸗ liches, doch immerhin— was für ihn einen nicht unbedeutenden Werth hat— ohne Arbeit zu er⸗ ringendes Brod ſucht, mit Einem milden, auf beyde gleichmäßig ſich theilenden Lichtſtrahl begrüßen. 296 Wir ſahn den ſchön aufgepußken Abbate, an den wohl bekannten Kutſchenſchlag hingepflanzt, feine befreundete Signorina mit dem ganzen Aufwande ſeines Wiſſens und mit allem, was zbm von Gedächtnißgahen oder auch von Geiſt und Wißh zu Gebothe ſteht, unterhalten. Ihm kommt, will etwa der Jaden des Geſpräches zerreißen, heute ein über die Maßen unfreund⸗ licher Decembertag gelegen zu Hülfe. Ein auch vey ihm vorhereſchendes Witterungsgefühl weckt ihn zu dem Ausrufe:„Fa freddo, signora!e der ſich ihm, ſo wenig bedeutend er klingt, als des Hauſes vieljährigem Freunde, gleichwohl mit rinem:„Signor si, mà freddo davvyéro!“ aus der Höhlung des weich ausgepolſterten Wagens unter huldreichem Lächeln erwiedert. Ein an⸗ der Mahl öffnet ihm ein lauer Sommerabend oder eine Nacht, in welcher alle Kühlung aus der Natur entwichen ſcheint, den auch unter ſo beläſtigenden Umſtänden noch beredeten Mund zu gegründeten Klagen über eine nicht länger zu ertragende Hite.„Che gran caldo!“ tönt es jetzt vor eben dem Wagenfenſter, von dem er, was hieſigen Landes auch Männerſitte iſt, mit 297 dem Fächer friſche Luft ſeinen Mäcenatinnen zu⸗ ſpielt:„Che caldo! non si resiste piu!“„Dice bene,“ erwiedert ihm, den Gang des Geſpräches in dieſer jede Kraft lähmenden Jahrszeit lang⸗ ſamer verfolgend, die Mutter ſeiner Angebethe⸗ ten, deren Sinn indeß der Schlummer zur Hälfte berückt hat:„Dice bene, non si resiste piàle Non ci si resiste piu! wiederhallt es aus dem Munde der dem Befehle zur Heimfahrt längſt mit Ungeduld entgegen gähnenden Diener. 298 3. Eben dieſe Uferſtraße iſt es auch, in welcher, in den Stunden, wo ſie am häufigſten beſucht wird, mit unbedecktem Haupte der Blinde— ihrer gab es zu Florenz von Alters her und gibt heut zu Tage noch eine bedeutende Anzahl— mitten im Gewirre unſichtbarer und von ihm bloß verſpürter, in ſchneller Folge ab⸗ und zurauſchender Geſtalten ein frohes Weihnachts⸗ lied anſtimmt. Seinem Geſange gehen die Accorde der Mandoline voran, und eben dieſer Saitenklang wiederholt am Ende jeder Strophe im getreueſten Nachhall die einfache Weiſe des nicht ſelten von dem Singenden ſelbſt gedich⸗ teten Liedes. Er aber, der Sänger, deſſen nebelumfangenes Auge hinein ſtarret in das nimmer weichende Dunkel, das für ihn weder ein Sonnenſtrahl zu erheitern vermag, noch sin ſanftes Mondlicht in Dämmerung umſchafft; 299 — er, mit felſenfeſtem Sinne, vertraut auf Gott. Es hat aber wirklich der Herr, indem er ihm nahm, ihm mild und gütig auch wieder gegeben und durch einen unwandelbaren, einen Tag wie den andern ihm getreu bleibenden Frohſinn ſein lichtloſes Daſeyn erheitert. Jener Reugeborene unerklärlichen Urſprungs, der unter den Hirten der Flur einſt dieſe Erde begrüßte, und zu deſſen Preiſe gerade jetzt um Weihnachten die Laute des Blinden am Lungarno am hellſten erklingt, hat ja durch ſeine Ankunft unter den Menſchen ganze Nationen erfreut; er wird auch ihm Armen in ſeiner Verlaſſenheit ſeinen Troſt nicht verſagen und auch dieß Mahl, wie ſchon öfter, ihm Feſttage beſcheren, die keine Wolke des Ungemachs trübt, noch ein drückender Mangel verkümmert. Irgend ein mildthätiges, ſeine Bedürfniſſe kennendes oder ahndendes Herz, von wannen her es auch für ihn ſchlage, wird— alſo hofft er heute wie immer — ſeinem Flehen gefühlvoll ſich aufthun. Und ſiehe, ihm, der nicht ſchaut und dennoch ge⸗ glaubt hat, ihm geſchieht nach Glaube und Hoffnung! Schon von weitem vernimmt ſein 500 4 feineres Ohr den Klang der unſichtbaren Gabe, die, von freygäbiger Hand dargereicht, ihm in den offen da liegenden Hut fällt.„Sia be- nedetto!“ lispelt kaum vernehmbar ſein Dank⸗ gefühl. Zu noch lauteren Tönen erheben ſich ſofort ſeine Lieder und Saiten, und doppelt erquickt jetzt den Hocherfreuten die Wärme und Rähe des großen, ſeinem Blicke fürdauernd entzogenen Weltlichts. 4 Einer Erſcheinung ganz anderer Art mögen ihrer Seltenheit wegen dieſe Denkwürdigkeiten des Lungarno ebenfalls mit wenigen Worten erwähnen. Es war an einem bey wenig mehr als drey Grad Reaumur durchdringend kalten Januar⸗ kage, als wir den Waſſerſpiegel des Arno— ein hier zu Lande unerhörtes Ereigniß— eine ziemliche Strecke weit dicht überfrieren und ein paar junge Leute von der Dienerſchaft des Marcheſe Riccardi, Deutſche von Geburk, zu nicht geringem Erſtaunen der längs der Fluß⸗ ufer ſich in dichte Gruppen zuſammen drängen⸗ den Zuſchauer, auf Schrlttſchuhen über die trügeriſche Eisdecke hinweg fliegen ſahn. „Che maraviglia!«“ ſtammelte voll Verwun⸗ derung ein vorüber gehender Abbatino und eilte davon, um den Vorfall, als die außer⸗ 3⁰2 ordentlichſte Neuheit des Tages, unverzüglich in wohl bekanntem Hauſe zu berichten. „Venghino, signorini, guardino, sono cose stupende!“ rief ein ſchön aufgekämmter Men⸗ tor, in ſchwarzem Mantel und Rabatte, ſeinen mit ihm am Lungarno friſche Luft athmenden Zöglingen entgegen, und dieſe, des Rufes achtend, ließen alſobald den Bänkelſänger, vor den ſie ſich hingepflanzt hielten, ſammt der ſchauervollen, von ihm improviſirten Geſchichte im Stiche und eilten mit der übrigen neu⸗ gierigen Schar herbey zu dem noch nie ge⸗ ſehenen Eislauf. Einige Toſcaniſche Ofſiciere zogen ob dem Schauſpiele, hoch herab ſchauend, die Achſeln und meinten, das müſſen Verrückte ſeyn, dieſe Leute von Jenſeits der Berge; ein altes Mütterchen aber, dem volle fünf und ſiebzig Jahre ſolch Blendwerk noch nie vor die Augen gebracht, ſah man ganz verblüfft und erſchrocken mit einem halb lauten:„Cene guardi Iddiol““ dem Lungarno entſchleichen und ſich eifriger kreuzen und an die Bruſt ſchlagen, als die ſchlüpfrige Fläche unvermuthet anfing zu 1 5⁰3 krachen und endlich gar drohte, unter dem kühnen Fluge der ſie befahrenden Schwarz⸗ 5 künſtler zu berſten. 30 5. Doch wenige Tage nur, ſo waren die unge⸗ wohnten, dem hitzig aufwallenden Italiäniſchen Blute doppelt empfindlichen Phänomene der eransalpiniſchen Zone für geraume Zeit und in weite Fernen entwichen. Mit überraſchender Schnelligkeit begann ſchon in der zweyten Hälfte des Januars die froſtige Außenſeite der Natur ſich wieder zu erwärmen und, angehaucht von einer milden, dieſem Lande eigenthümlichen Luft, gefälligere Formen anzuziehn. Man ſah die Sonne wie⸗ der kräftiger und anhaltender von den Qua⸗ dern des Lungarno und ſeinen Palläſten zurück ſtrahlen und eben ſo ſchnell auch wieder ein neues und, wie es ſchien, noch regſameres Leben ſich über den Kai des Fluſſes, ſeine Brückengewölbe und die anſtoßenden Plätze verbreiten. Alles, was wandeln konnte, ſtrebte 505 nunmehr, den kaum noch vermutheten Früh⸗ ling zu ſuchen, nach dem Lungarno hin. Die ſchon bekannten und mit ihnen manche, erſt aus dieſem Winter friſch erſtandene oder durch ihn verjüngte Geſtalten erſchienen uns wieder in dem vormahligen, bunten, jeden Tag ſich neu ſchaffenden Gemiſch und Gedränge des Auf⸗ und Abgehens und eines die eigenen Per⸗ ſonen zur Schau gebenden und hinwieder ſelbſt alles durchmuſternden Zuges. Vor allem erſchien nun wieder an der ſorg⸗ ſamen Hand ihrer geiſtlichen Führer die früh⸗ lingsluſtige Jugend, in behendem Schritte und jener neu belebenden Kraft der Natur weniger als die übrigen Luſtwandelnden alle bedürftig. Ihr zur Seite das höher geſtiegene Alter und als erſte Sprecherinn desſelben die zitternde Donna, die gebogen am Stabe nach dem Erwachen des Lenzes zum letzten Mahl, was ſie wohl ſpürt, doch auch jeht noch ſehn⸗ fuchtsvoll, hinblickt und mit einem und dem⸗ ſelben Gange der Gruft und dem Frühlinge zuwankt. Dann wieder in ihren mancherley Wandelformen die große Welt der ſtolzen 2 306 Florentia: die zierlichen Damen mit Augen voll Feuer und ſchön ſich wölbenden Stirnen, im ausgeſuchteſten Schmucke blendender Ju⸗ welen und beweglicher Federn, umringt von ihren vielen Anbethern und Freunden. Dazu das Wagengepränge und der Pomp ſich hoch⸗ müthig blähender Heiducken und Läufer. Zwi⸗ ſchen all dem Getümmel der fröhliche Land⸗ bauer von Caſtello und Varlungo, der, rein⸗ lich gekleidet, im niedlichen Korbgeflechte die duftenden Erſtlinge ſeines Gewächshauſes und ſeiner vor der Tramontana geſchützten Spaliere für Flora's in dieſer Stadt ſehr zahlreiche Freunde zur koſibaren Schau trägt. Und end⸗ lich der muntere Blinde, das Lob der herein brechenden ſchönen Jahrszeit im Munde und das bewegte Gemüth erfüllt mit neuer, gerade in dieſen freundlichen Mittagsſtunden ſich höher ſchwingenden Hoffnung, wie ſollte dieſer an ſolchen Tagen allgemein verbreiteten Lebens und überall waltender Freude den Lungarno verſäumen?— Alſo treibt es mit leichtem und heiterem Sinne dieſes Volk in der Arno⸗Stadt Mauern und 507 erneuert, ſo oft ſolches der Himmel geſtattet, dieſe Scenen der Weltunrnhe, nicht eingedenk, daß über ſolcher Erneuerung ſie ſelbſt, die ganze von einem Ende des Lungarno zum an⸗ dern ſich fortſchiebende Maſſe, und ohne daß der Einzelne deſſen gewahr wird, oder ſeine Mitluſtwandelnden in ſeinem eigenen Verſchwin⸗ den vom Schauplate ihn bemerken, ſich ihrem ganzen Beſtande nach umſchaffe; daß die mun⸗ teren Scharen und glänzenden Züge, die kaum noch vor zwey Jahrzehenden dieſe Geſtade be⸗ lebten, ganz andere geweſen, als die, welche heute ſich an den Flußdämmen auf und nieder bewegen, und daß hinwieder von allen den Menſchen, die in dieſer Stunde ſich hier an dem erſten Wärmehauch des jungen Jahres erlaben, nach Verlaufe von kaum zwanzig Frühlingszeiten nur einzelne wenige mehr an eben dieſen Ufern werden zu finden ſeyn. Er allein, der Fluß, um den dieß Schauſpiel des vielſeitigſten Lebens ſich bildet, fährt nach wie vor fort, in ewig gleichmäßigem Laufe ſeine Fluthen nach des Mittelmeeres dunkeln Abgründen zu wälzen, und hoch über ihm 5⁰⁸ wird auch die Sonne nicht müde, mit allbe, leuchtenden Strahlen auf und nieder zu gehn über den langen Lungarno und ſeine Beſucher, über der Etruriſchen Hauptſtadt Reichthümer und Armuth und ihrer Bewohner trübe und heitere Stunden, über jetzt lebende Geſchlechter, erloſchene Heldenſtämme und zertrümmerte Staaten, über Todtengrüfte und das in ihren Wölbungen modernde Gebein, über alle die ſtolzen Palläſte, Thürme, Kuppeln und übrigen Kunſtwerke der Brunelleski, Vaſari, Buona⸗ cofti, Giotto und ihrer von ähnlichem Geiſte beſeelten Kunſtbrüder, welche die Welt, in der wir leben, theils nicht mehr kennt, theils als für ſie unerreichbar gewordene Vorbilder hoch preiſ't und bewundert. 6. Auch jene thörichten Vermummungs⸗ und Maskenſpiele, an deren ausſchweifenden Sce⸗ nen ſich die Städtebewohner Italiens in den leßten Tagen ihres ungebundenen Carnaval⸗ Lebens vergnügen, ſehen wir, und zwar der Landesſitte gemäß im Domino, mit an. Ihnen zum Schauplaß dienen ebenfalls die Ufer des Arno, in der Nähe der ſogenannten Alten Brücke, ganz vorzüglich aber die lichten Säulen⸗ gänge, auf denen Vaſari's großes Kunſtwerk, die Gallerie ruht, ein in den heißen Monathen ſehr geſuchter, von luftiger Kühle durchzogener Spaziergang. Es kommen zwar, meinte unſer Begleiter, die hieſigen Faſtnachtsluſtbarkeiten dem ungleich kollern Treiben der Venetianer und Römer während eben dieſer Schlußzeit ihrer Winter⸗ freuden lange nicht bey. Es herrſche, ſetzte ar 310 hinzu, bey leßztern ein weit größerer Reichthum der Erfindung; ſie ſeyen unerſchöpflicher in der Anordnung der verkleideten Gruppen und Maskenzüge, auch ungleich geſchickter und ori⸗ gineller in der Ausführung. Und in der That kommen in Florenz eigentliche Charaktermasken nur ſelten zum Vorſchein. Der ernſte, zu keiner beluſtigenden Abwechſelung taugende Domino iſt es, der bey beyden Geſchlechtern — denn auch die edle Florentinerinn pflegt ſich des Vorrechtes dieſer allen Zwanges entbinden⸗ den Tage zu bedienen— mit ſeinem ermüden⸗ den Einerley vorherrſcht: ein Enthuſiasmus aber, gleich dem, der das Römiſche Volk durch alle Alter und Stände hindurch in Einen Wirbel närriſcher Ausgelaſſenheit fortreißt, wird in den Mauern der Arno⸗Stadt vergeblich geſucht. Deſſen ungeachtet macht auch hier der Anblick ſo vieler auf dasſelbe thörichte Ziel hinarbeiten⸗ der Menſchen, von denen jeder als etwas, das er nicht iſt, erſcheinen und hinwieder erſpähn will, wer der ſey, welcher ſich vermeſſe, ihn ſelbſt zu berücken, auf das Gemüth des An⸗ römmlings über die Alpen den ſeltſamſten Ein⸗ 311 druck, der um deſto bleibender wird, wenn man zugleich auch Zeuge iſt, wie unmittelbar an ſolchen unbändigen Faſtnachtsjubel eine Reihe ſtiller, jeder lärmenden Fröhlichkeit feind⸗ ſeliger Tage ſich anſchließt, und wie die luſlige Perſon des Carnavals vor den finſtern, keinen Scherz mehr vertragenden Faſtengeſtalten in ſchneller Eile nach abgelegenen Schlupfwinkeln zurück weicht. 7. Soen mehrmahls, wenn den Lungarns weit und breit Einſamkeit und tiefe Stille be⸗ herrſchte, haben wir uns auf eine der Brücken, die an denſelben ausgehen, hingeſtellt, um da etwas länger zu verweilen und uns mancherley angenehmen, doch größtentheils ernſthafteren Betrachtungen zu überlaſſen. Sowohl an der Stelle, wo der Fluß in die Stadt eintritt, als da, wo er wieder von ihrer Herrlichkeit ſcheidet, eröffnet ſich eine dem Auge ſehr wohl⸗ gefällige Ausſicht auf eine mit ſchönen Gebüſchen, Villen und Kloſterhallen reichlich ausgeſtattete Landſchaft. Nahmentlich iſt die Brücke von Santa Trinita in geräuſchloſern Stunden ein auserwählter Spaziergang und für den Müden ein willkom⸗ mener, mit bequemen Sitzen verſehener Ruhe⸗ platz. Hoch über dem Fluſſe biethet hier der 313 213 in ſo weiter Enkfernung vom heimakhlichen Herde mit verdoppelter Lebhaftigkeit arbeitenden Fantaſie ſchon der Hinblick auf die Stadt und ihre zahlreichen Kunſtwerke, von denen ein bedeutender Theil an Loggien, Säulengängen, Springbrunnen, Fagaden und Bildſäulen offen zur Schau ſteht, den mannigfaltigſten Stoff dar zu rührenden Erinnerungen an den Wechſel der Zeit und des Schickſals, an große geſchichtliche Ereigniſſe und an manches Andere, was eine durch Kraft und Beharrlichkeit aus⸗ gezeichnete Vorwelt war und geleiſtet hat. Auch in Vergleichungen der Gegenſtände ſelbſt, über denen dieſer mittägliche Himmel gewölbt iſt, und des zarteren, durch dieſes Land waltenden Charakters mit demjenigen, was, wenn auch eben ſo kräftig, doch müh⸗ ſeliger und unter weniger zuſagenden Formen, in einer Entfernung von hundert Meilen nach Norden, aus der Hand der Natur und des Menſchen hervor geht, vertieft des Ausländers nachdenkender Geiſt ſich nicht ungern und läßt leichten Fluges ſich hinweg tragen über die hohe Umgürtung der Apenninen und Alpen 727. 14 314 nach den zwar dieſes ſüdlichen Prunkkleides entbehrenden, dafür aber ſein Gemüth mit unvergänglichen Reizen feſſelnden, von Jugend auf ihm bekannten Fluren, Gehölzen und Flüſſen eines geliebten Vaterlandes. Was aber in ſolchen Stunden meinen Sinn ganz vorzüglich beſchäftigt und einnimmt, iſt der unwillkürlich ſich darbiethende und un⸗ abläſſig wiederkehrende Gedanke an jene ern⸗ ſtern FJügungen des Schickſals, das uns Schwe⸗ ſtern dieſe Freuden unter dem Italiäniſchen Himmel und alle die genußreichen Stunden, die uns in dieſen Tagen an den Ufern des Arno beſchert ſind, durch das ſchwerſte aller Opfer hat erkaufen laſeen.... * 8. Mit Erinnerungen anderer Art ſuchen wir den Schatz unſeres Gedächtniſſes dadurch zu berei⸗ chern, daß wir von Zeit zu Zeit einer jener dich⸗ keriſch muſikaliſchen, ebenfalls zu den Eigenthüm⸗ lichkeiten dieſes Landes gehörenden Academien beywohnen oder auch an andern, noch glänzen⸗ dern, geſellſchaftlichen Unterhaltungen Theil nehmen, in denen das Thun und Formenweſen der großen Welt, die mancherley Weiſen ihres Auftretens unter Hohen und Riederern und ihre, auch hier, wie jenſeits der Alpen, oft ungemein ſteifen Verhältniſſe ſich dem Beobachter mit ih⸗ rem ganzen Begleite von Schein und Täuſchung vor Augen legen. Gewöhnlich iſt es erſt die Mitternachtsſtunde, welche das Ende ſolcher Zu⸗ ſammenkünfte, wie überhaupt aller öffentlichen Vergnügungen, herbey führt. So weit mochte auch geſtern die Nacht ungefähr vorgerückt ſeyn, 3¹6 als wir aus dem Pallaſte der jüngern, zu den Zierden ihres Geſchlechtes gehörenden Markiſinn Ferroni in unſere Wohnung, auf dem Platze Pitti, zurück kehrten. Ein wenig bedeutender Umweg führte uns, ſtatt über das leichte Bogen⸗ gewölbe von Santa Trinita, nach der oberſten der Arno⸗Brücken, Ponte delle Grazie genannt, von wo aus wir die Geſtade des Fluſſes noch eine Strecke weit aufwärts verfolgten. Es war eine klare, von keiner Wolke umflorte Aprilnacht. Das Blau des Aethers ſchien dunkler gefärbt und in hellerem Silberglanze blitzten die Sterne herab zu der Sterblichkeit Landen. Außerhalb der Stadtmauern ſah man von verworrener Hü⸗ gelferne eine Anzahl weißer Kloſtergebäude und Villen aus dem Nebelgewande der übrigen Nachtlandſchaft heraus treten und hier und da eine ſchwarze Cypreſſe dieſelben in abſtechender Färbung umdunkeln. Schon hatten die Komödien und Opern die Menge ihrer Schauluſtigen nach allen Stadt⸗ vierteln ausgegoſſen, die Gruppen der nächt⸗ lichen Luſtwandler, um in ihre Abendruhe ein⸗ zugehn, ſich auf alle Seiten zerſtreut, und die 3¹⁷ Wagen waren, bis auf den letzten, über das glatte Steinpflaſter von dannen gerollt. Unvermuthet hörten wir jetzt, indeß, durch ein friſches Abendlüftchen zu lebendigern Be⸗ wegungen aufgeregt, das Gewäſſer des Arno in geräuſchigem Spiele an die Vorſprünge des Brückendammes anſchlug, vom jenſeitigen Ufer Roſſini's herrliches Mi rivedrai! melodiſch zu uns herüber tönen und ſofort eine geſchmeidige Kehle von diesſeits des Fluſſes mit dem Freude verkündenden Rufe Ti rivedròo! die beſeligende Verheißung erwiedern, dann aber in ſtiller Uebereinkunft die beyden wohl einverſtandenen Sänger ſich zu einem lieblich ernſthaften Rotturno vereinen, deſſen Töne gegen das Ende jeder Strophe lauter wurden und in ein helles, ſich jedes Mahl kraftvoller wiederholendes Viviam' per l' eternità! ausgingen. Wie konnten wir Freunde der Tonkunſt an⸗ ders, als bey dieſem einfachen Schlußconcerte 31⁸ eines angenehm verlebten Tages noch etwas länger verweilen! Tiefer und tiefer ſank in⸗ deſſen die Nacht. Schon hatte der Abendwind ſeinen letzten Kühlungsathem ausgehaucht und ſelbſt die unermüdete Cigale das heutige Werk ihres Flügelſchlages vollendet. Auch das Wellen⸗ geſchwäh verlor ſich nach und nach in ein kaum mehr vernehmbares Lispeln. Das Sängerpaar jenſeits und diesſeits des Fluſſes verſtummte, und allbeherrſchender ward ringsum die Stille. Es war hohe Zeit heim zu kehren, und den⸗ noch konnten wir nicht umhin, bey dem alle irdiſchen weit übertreffenden, hoch über uns am Firmamente eröffneten Schauſpiele noch eine Weile zu ſäumen. Die oberſte der Arno⸗ Brücken both hierzu den vortrefflichſten Stand⸗ punct, und allen Störungen von Seite der Außenwelt hatte die ſinkende Nacht den Zu⸗ gang verſchloſſen. „War es“— ſo hob die Schweſter jetzt an— „eine ſolche Nacht, die den Sänger des Grabes, dieſer Erdenge zweyer Welten, wie er ſelbſt es bedeutungsvoll nennt, begeiſterte, als, von ho⸗ hen Gefühlen bewegt, ſeine Muſe alſo ſprach: 519 . Nacht iſt es um mich. Hoch Daroben funkeln die Sterne. Glänzet ihr Geſtirne droben dem entſchwungenen Geiſt? und bricht dem Todten wie dem Schlum⸗ mernden Ein neuer Morgen an? „War es eine ſolche Nacht“— erwiederte ich der Fragenden mit den Worten ihres eige⸗ nen Dichters, die ein in der Regel minder ge⸗ treues Gedächtniß auch mir gerade in dieſem Augenblicke darboth—„war es eine ſolche Nacht, in welcher die Stimme des innern Menſchen ermunternd ihm zurief: ...... Was zweifelſt du In mir, unſterblicher, der hier am Rath und Werke der Natur ſchon Antheil nahm? Roſalie aber, wie ich, über dieſer Rede des Schattenthales der Erde vergeſſend, von wel⸗ chem aus wir die himmliſchen Welten begrüß⸗ ten, fühlte ſich mit Sinn und Auge ſtärker nach jenen Hellfernen des Himmelsgezeltes hingezogen, an deſſen weit ausgeſpanntem Bogen ſich jetzt der Unendlichkeit Abglanz in immer ſteigender Schönheit und Majeſtät der Bilder und For⸗ men aus einander legte. 520 Wir wandelten, was uns ganz beſonders ver⸗ gnügte, in den unbekannten Räumen über der Erde dennoch unter alten Bekannten. Das Kreuz des Schwans, welches, hoch über den Kirchen⸗ und Thurmkreuzen der Stadt, mit weiten Welten verſeßt, gerade in der ſchimmer⸗ erfüllteſten Gegend der himmliſchen Lichtzone ſchwebte, hatten wir früherhin ſchon mehrmahls mit Ergehung betrachtet. Auch den herrlichen Woga erkannten wir wieder, deſſen Anblick uns jene wunderbar angenehme Täuſchung im Quellenthale des Wallis ins Gedächtniß zurück rief*). Er ſtand uns, als eine der erſten Zierden des nördlichen Himmels, etwas weiter vom Scheitelpuncte nach Mitternacht hin. Eben ſo entdeckten und bewunderten wir niedriger oſtwärts, zwiſchen den kühlen Dünſten der mit⸗ ternächtlichen Atmoſphäre hindurch, zum zweyten Mahle die auch jenſeits der Alpen nie unterge⸗ hende Capella. Dieſes Geſtirn war jetzt vor allen mit einem hellen Gewande umfloſſen. Und wandten wir unſer Auge mehr gegen Süden, *) Eugenia's Briefe, Thl. I. S. 152. 321 ſo erblickten wir in hohem Stande des Adlers ftammendes Dreygeſtirn und in deſſen Mitte Atairs Glanzwelt, die im heimathlichen Lande und in den Schweizerthälern uns ebenfalls ſchon, in ſchönen Stunden entzückt hat. Ihm gegen⸗ über in nördlicher Richtung ſieben andere helle Lichtpuncte, welche der Sternkundige mit dem Nahmen des Großen Wagens bezeichnet, und von denen einer, Benetnaſch genannt, auf den nun bald verſchwindenden Arkturus, des Erd⸗ balls nächſten Nachbar im Norden, und ſeine röthliche Lichtgeſtalt hinwies, indeß ihm gegen⸗ über, in ähnlicher Höhe, Formahand in nicht minder zierlicher, doch ganz verſchiedener Fär⸗ bung jenſeits der Apenninen aus Adria's Tiefen hervor ſtieg, und niedriger in Südweſten An⸗ tares ſein rothes Feuer, gleich der Flamme ei⸗ nes Heil und Rettung aus weilter Ferne ver⸗ kündenden Pharus, zu uns herüber ſandte. Auf dieſen Stern, als einen Leuchtthurm unſerer Hoffnung, blieb am Ziele der ſchönen Firmamentsreiſe unſer Blick noch lange geheftet; und als wir zuletzt von ihm und allen den fun⸗ kelnden Himmelsverzierungen ſchieden, geſchah 8 322 ſolches nicht ohne lebhafte Erinnerung an das prophetiſche Wort der ſeligen Mutter, die, als ſie, bey bereits ſich trübenden Sinnen, ihr glänzendes Auge zum letzten Mahle zum Sternen⸗ zelt aufſchlug, uns verheißen hatte, es werde in jenen Lichtfernen für ſie Raum ſeyn und für uns, die*) wir bis zum Erlöſchen ihres Le⸗ benslichtes ihrem liebevollen Herzen die näch⸗ ſten geweſen. 4 ) Eugenia's Briefe, Thl. II. S. 322. 6. Der Abendgang durch die Stadt nach dem Lande. In der Billa Palmajola, 17 März. Rette dich aus dem Getümmel der Stadt und der rauſchenden Freuden, ͤẽ... Die ruhige Landſchaft Reicht dir den offenen Arm und lacht dir von 5 Anmuth entgegen. Zachariä. Was wir Schweſtern auf eigene Gefahr nicht hätten unternehmen dürfen, hat ſich geſtern unter dem Schutz und Begleite unſeres Freundes Belgiojoſo ſehr angenehm ausgeführt: ein ge⸗ nußreicher Gang nähmlich durch einige der merkwürdigſten Reviere der Königsſtadt, und zugleich durch das Reich der Abenddämmerung 5244 bis an die Grenze der Nacht und unſeres länd⸗ lichen Sitzes. In kurzer Andeutung möchte ich, liebe Conſtantia, dir auch dieſe Luſtreiſe beſchreiben. Wir hatten den größten Theil des Nachmittags in der Gallerie, dieſem berühmten Wohnſitze der Künſte, von deſſen Lob alle Welttheile voll ſind, und in demſelben über eine Stunde in des Kunſttempels innerſtem Heiligthume, in der Tribune, zugebracht, alsdann aber uns nach dem ewig grünen Schakttenlande des Wzaboli zurück gezogen.— Den angenehmſten Ruhepunct in dſeſer fürſt⸗ lichen und fürſtlich ſchönen Gartenanlage gewährt ein Raſenſit am Fuße des koloſſaliſchen Bildes, womit der Gipfel der oberſten ihrer Hügel⸗ rundungen verziert iſt. Hier, im Angeſichte des Achtung gebiethenden Pitti und zugleich im Hinblicke auf die ſchöne Reſidenzſtadt, auf den vielkarbigen Wechſel von Bergen und Flachland, auf die anmuthigen, mit mancherley Buſchwerk verſetzten Inſeln und Waſſerpartien und auf die Menge von Bildhauerarbeiten des neueren Meißels, dazu unter dem raſiloſen Arbeiten 325 einer die lieblichen Bilder des Tages in ſchneller Eile nochmahls vorüber führenden Fantaſte ſahn wir auch den heutigen Abend als im Fluge, wie ſchon ſo manchen in dieſem Lande verlebten, verfließen. Es möge, ſagte endlich der Marcheſe in ſeiner hellklingenden Mundart, bald Zeit ſeyn, bevor die Nacht uns überflügle, uns zur Rückreiſe nach unſerer Villa anzuſchicken. Bald fange der Abendſtern an, ſeinen Glanz zu ergießen, beydes auf uns und auf dieſe von uns ſo be⸗ wunderte Welt; aus den Luſthainen des Boboli entweiche das Licht, und jenes auf dem Platze Pitti beginnende Leben verkünde ebenfalls nichts anderes, als den ſchnellen Anzug der Nacht. Wider Willen mußten wir uns ſeinem Rath⸗ ſchlage fügen. Ungeſäumt ging es über die Gartenhügel und Terraſſen hinweg, und in wenigen Augenblicken fanden wir uns mitten in das Gewirre einer der volkreichſten Florentini⸗ ſchen Straßen, der Via Maggio, hinein verſetzt. So wie aber oft auf mühvoller Wallfahrt der Pilgrimm aus freyer Willkür zu ſeinem Ziele ſich nicht gerade den kürzeſten Pfad wählt, 326 ſondern vielmehr manchen Umweg gelliſſentlich aufſucht, der ihn auch noch mit dieſer oder jener beſondern, durch ein wundervolles Zeichen oder eine übermenſchliche That bezeichneten Stätte bekannt macht, ſo flochten dieß Mahl auch wir mit beträchtlichen Erweiterungen un⸗ ſeres Ganges unſere heiligen Lieblingsſtätten von Santa Croce und Santa Maria del Fiore in die abendliche Wanderung mit ein. Wir hatten auf der Alten Brücke den Arno zu überſchreiten. Noch ſpiegelte ſich des Him⸗ mels erbleichendes Spätroth in des Stromes ruhigen Fluthen. Ein Hinblick nach den Luſt⸗ gängen und dem Parke der Caſcine hinab verlor ſich bereits im Zwielichte bläulicher Fernen⸗ Ein vierſtimmiges Nachtſtück, mit Hörnerklang wechſelnd, das auch heute von einer uns be⸗ kannten und für ſolche kleine Academien be⸗ rühmten Altane in der Straße Saſſaferrata er⸗ tönte, ward unſer Wegweiſer nach dem Vorplatze von Santa Croce. Stärker als jemahls über⸗ raſchte uns dießmahl der höchſt auffallende Ge⸗ genſatz, welchen die rohe, kaum erſt entworfene Vorderſeite dieſes Tempels mit der vollendeten 527 Welt von Denkmählern bildek, deren Anblick mitten unter der Etruriſchen Hauptſtadt berühm⸗ teſte Söhne und hier in das nüßtlichſte Wirken, dort in die erlauchten Thaten ihres Erdelebens hinein verſetzt. In dieſen geweiheten, von dem letzten, durch die hohen Fenſtergewölbe einfallenden Lichte nur ſchwach erhelleten Räumen, unter dem Walten eines die luftigen Bogengänge erfüllenden, heiligen Friedens, wie wohl ward da uns wie⸗ der zu Muthe! wie lebendig, bey der Betrach⸗ tung einer durch preiswürdige Künſtlerhände hierher zuſammen gezauberten Vorzeit, der Gedanke an das Räthſel der Gegenwart, in deren Erſcheinungen unſer eigenes Daſeyn ver⸗ webt iſt, an eben dieſes Daſeyns geheimnißvolle Grenze und an die neue Welt jenſeits derſelben, in welche die ewige Liebe unſeren Glauben durch der Hoffnung Glanzpforte einführt! Von Santa Croce brachte uns ein kurzer Gang nach dem Platze des in erhabenen Formen und ungewöhlichen Verhältniſſen empor ſteigenden, die geſammte Stadt beherrſchenden Domes, in deſſen Nähe zur Abendzeit in der Regel der 528 Mittelpunct des Florentiner⸗Lebens ſich bildet. Hier ergetzten uns mancherley mahleriſche Grup⸗ pen und eine immerfort wechſelnde Mannig⸗ faltigkeit der bunteſten Bilder. Eine über die geglätteten Steinplatten dahin wogende, jeden Augenblick ſich erneuernde Menge. Der Stundenſchlag des Ave Maria, der tief und ernſt von Giotto's ſtolzem Glockenthurme herab tönt, und deſſen Rufe gehorſam die Fröm⸗ migkeit über den weißen, zu dem kühlen Hei⸗ ligthume hinführenden Marmor heran wallt. Hier Kinderchen, die, ſich umſchauend, von wannen her der dumpfe Ton die Lüfte erſchüt⸗ tere, von Dante's Stein hinauf ſtaunen an die ſchöne Bekleidung des ihrem unſichern Auge ſich nicht ermeſſenden Thurmes. Dort ein Zug verlarvter Brüder, die, einer Leiche folgend, unhörbaren Trittes vorüber ſchweben, als woll⸗ ten ſie die auf dem Platze Verſammelten leiſe mahnen, über all dieſen Geſtaltungen des Lebens deſſen nicht zu vergeſſen, der jedem irdiſchen Daſeyn und ach wie manchem ſo frühzeitig! ein Ziel ſetzt. Ringsum die licht werdenden Gewölbe und Buden nebſt den allmählich ſich 329 anfüllenden Steinbänken und Siten. Dazu Ge⸗ ſang und Saiten, deren Spiel lauter und lauter ertönt unter den Reihen eines die Fröhlichkeit und zumahl ſolch nächtliches Treiben über die 3 Maßen liebenden Volkes. Tiefer hinab in die Stadt wurden auch noch die Säulengänge der koſtbaren Annunziaten⸗ Kirche mit eilendem Fuße betreten und del Sarto's Unſchuldsgeſtalten voll Wahrheit und Liebreiz, doch auch dieſen nur mit flüchtigem Blicke, gehuldigt. Eine Straße noch, und die Reiſe zwiſchen den weit hinab reichenden Häuſermaſſen hindurch war vollendet. Ueber den ſchönen Triumph⸗ bogen von San Gallo hinaus gewann alles bald ein verändertes Ausſehn. An die Stelle des Straßengewimmels und Lungarno⸗Getreibes und der beſtändigen Bewegung, die den Dom⸗ platz durchfluthet, trat in einsmahligem Wechſel eine den lieblichſten Frühlingsabend verſchö⸗ nernde Stille, und ſtatt der blendenden Mar⸗ mortempel, Statuen und Hallen grünten dem Auge wieder helle Maulbeerbäume, zarte Oliven, üppiges Rebengehänge und wohl angebaute 330 Felder, gleich eben ſo vielen künſtlich eush, neten Gartenräumen, entgegen. Langſam durchwandelten wir das offene Heihig thum dieſer milden Natur. Eine ſelige Ruhe war uber die Italiſche Landſchaft gegoſſen. Unten an dem Madonnen⸗Bilde an der Ecke, wo die Straßen nach Berettola und Palmajo⸗ la's heimlichen Gründen ſich ſcheiden, hatte ein in der ganzen Gegend umher bekannter Alter⸗ der Lahme von Petraja genannt, der, ſo zu ſagen, unbeweglich den größten Theil ſeines Lebens hier hinbringt, nicht achtend der Silber⸗ hörner des Mondes, noch des ſich allmählich verſtärkenden Lichts der Geſtirne, ſeiner Be⸗ ſchützerinn zu Ehren und der Hoffnung zu Liebe, ſein allnächtliches Lämpchen frühzeitig entzün⸗ det, und auch dieß Mahl tönte ſein holdſeliges, wir wußten wohl, was bedeutendes„Felicis- sima notte, Signorine!“ uns aus weiter Ent⸗ fernung entgegen. Ein heller Bethglockenklang ließ ſich indeß von Caſtellino vernehmen, und von Fieſole's düſtern Höhen und Pinien⸗Hainen begannen die Schatten ſanft herab zu wallen nach dem Uferlande des Arno und den Palläſten der fürſtlichen, einſt ſo hochmächtigen Florentia. Es dauerte nicht lange, ſo ſtanden wir vor der Friedenswohnung von Palmajola, ermüdet zwar, aber mit höchſt befriedigtem Sinne und abermahl reichlich verſehn mit dem vortrefflich⸗ ſten Stoffe zum Nachdenken und zu heitern Fantaſien für die kommende Nacht. Unſer Be⸗ gleiter hatte ſich, indem wir in die grünen Gänge unſerer Villa eintraten, eilfertig wieder nach der Stadt gewandt. 7. Wer Palmajola bewohnte. 20 März, Valli beate, per cui d' onda in onda L Arno con passo signoril cammina, Bei soggiorni, ove par ch' abbiansi eletto Le grazie il seggio, e come in suo confine Sia di natura il bel tutto ristretto. Filicaja. 3 Die Villa Palmajola, deren Umgebungen ſich ſchon ſeit geraumer Zeit in ſchönſter Färbung dem Hauche des jungen Frühlings entfalten, iſt eine wohl angebaute, ſehr reinlich gehaltene, übrigens nichts weniger als weitläuftige Be⸗ ſitzung in der Nähe der Hauptſtadt, durch einen dichten Kranz von Oliven⸗ und Maulbeerpflan⸗ zungen und zwiſchenein durch breite Feigenbäume, an die ſich in voller Ueppigkeit des füblichen Klima die Weinrebe mit vielfachen Verſchlin⸗ gungen klammert und anſchmiegt, vor jedem fremden Auge und Eintritte geſichert. Nur des Landes Kundige und deren Vertraute wiſſen um den verborgenen Fußpfad, der in dieſes Aufenthaltes anmuthige Heimlichkeit einführt. Die Bewohner der Villa bilden einen kleinen, überaus liebreichen Haushalt. Friede waltet in Palmajola's Mauern, wann der junge Tag erwacht, und freundliches Weſen, wann die Nacht über Felder und Auen ihr dunkles Ge⸗ fieder verbreitet. Alles geht in dem ländlichen Leben und der damit verbundenen Ackerwirthſchaft, gemäß der Ordnung, auf welche der Kreislauf des Jahres ſelbſt hinweiſ't, ununterbrochen ſeinen ruhigen Gang fort. Die Geſchäfte und Arbeiten des Hauſes und Feldes ſind einfach und leicht, darum aber nicht minder groß der ökonomiſche Kunſtfleiß, vermöge deſſen der Ertrag des Bodens zu einer für uns Andere kaum begreif⸗ lichen Höhe ſich ſteigert. Nächſt der natürlichen Fruchtbarkeit des Erdreiches kommt auch noch 35½ eine ſehr mäßige Lebensart und eine verſtändige Verwaltung dem kleinen Umfange des Gutes wohlthätig zu Statten und hat, in die Länge fortgeſetzt, zur geſegneten Folge, daß das, was das Grundſtück einbringt, nicht allein zum Unterhalte der Familie und zur Beſtreitung ihrer übrigen Bedürfniſſe ausreicht, ſondern in der Regel ſich auch noch ein jährlicher Vor⸗ ſchuß ergibt, den kluge Sorgfalt ſchon jetzt als eine willkommene Aushülfe für ältere, vielleicht weniger berathene Tage zurück legt. Der Beſitzer von Palmajola iſt, durch Ueber⸗ tragung aus ſeines liebenden Vaters Hand, der junge Tommaſo, ein arbeitſamer, deſſen, was ſein Beruf fordert, durch und durch kun⸗ diger Mann, von heiterer und zufriedener Ge⸗ müthsart, dem das Herz auf der Zunge ſchwebt, dabey von feinerm Schlage, als die gewöhn⸗ lichen, obwohl überhaupt auch nichts weniger als rohen Toſcaniſchen Landbauer. Dieß Bieg⸗ ſamere und Umgänglichere in ſeinem Weſen mag ſich zum Theil von der Nähe der Stadt und ſeinem Verkehr mit ihren Bewohnern herſchrei⸗ den; ganz vorzüglich aber iſt dasſelbe, ſo wie 3³⁵ der ganze, höchſt erfreuliche Zuſtand, zu wel⸗ chem ſein äußerer und innerer Menſch ſich er⸗ hoben fühlt, auf Rechnung ſeines Vaters, des biedern Gaetano, zu ſchreiben, der von der Wiege an ein reiches Maß von Liebe über ſeinen Sohn ausgoß, zur Stunde noch die ſchönſte ſeiner irdiſchen Hoffnungen auf ihn geſetzt hält, und, als ſein unermüdlicher Ge⸗ hülfe und Mitgenoß ſeiner Freuden und Leiden, unter einem Dache mit ihm ſeine Tage be⸗ ſchließen will. Dieſer getreue Führer hatte ſeinen Sohn frühzeitig ſchon mit allen den Arbeiten, welche die Bewerbung ſeiner Villa erfordert, bekannt gemacht. Von ihm ſah ſich derſelbe in die Ge⸗ heimniſſe der noch mehr Sorgfalt als Kunſt erfordernden Seidenwürmerzucht und des Reiß⸗ baues eingeweiht. Die Wartung des Limonien⸗ und Orangen⸗Gewächſes, das, ob es zwar hier zu Lande nur in wohl gelegenen Gärten und hinter ſchützenden Mauern gedeihn mag, den⸗ noch einen Hauptzweig der Wirthſchaft von Palmajola ausmacht, hatte der junge Tommafo 336 ebenfalls von niemand anderem, als von ſeinem befreundeten Meiſter erlernt.. Es war ihm aber dieſer, was noch weit mehr iſt, von Jugend auf auch mit dem preiswürdig⸗ ſten Beyſpiele von Gottesfurcht, Arbeitsliebe und mäßiger Lebensart voran gegangen; ihm allein verdankte Tömmaſo ſeine Standhaftigkeit bey dem Andrange widrigen Schickſals und bey verderblichen, des Landmanns ſchönſte Hoff⸗ nungen oft augenblicklich von Grund aus zer⸗ ſtörenden Ereigniſſen in der Natur, ihm ſeine Unverzagtheit und ſein unwandelbares Ver⸗ trauen auf den Herrn, wenn unter dem Beben der Erde die Wangen der Kinder und der Greiſe erbleichten, jetzt ein verderblicher Früh⸗ lingsfroſt die Knoſpen des, Maulbeerbauwes erſtickte, ein ander Mahl eine giftige Seuche die Brut der Seidenraupen verdorben, oder die Feuergluth der Hundstage den letzten Gras⸗ halm weggeſengt. hatte von der lechzenden Flur. und was dasjenige Wiſſen betrifft, welches auch auf des Landmanns beſſeres Fortkommen abzielt und, ohne ihn ſeinem Stand und Be⸗ zufe zu entkremden, ihn über die Stufe empor 337 hebt, auf welche urſprünglich die Natur ihn geſetzt hat, ſo hatte er ihm hiervon ein ſolches Maß kheils früherhin ſelbſt beygebracht, theils bey fortſchreitender Entwickelung der Fähig⸗ keiten des gelehrigen Schülers beybringen laſſen, daß Tommaſo, ohne im mindeſten überbildet zu ſeyn, eines Grades echter Bildung genießt, der ihn in ſeinen Umgebungen in großes Anſehn ſetzt und verſchafft, daß ſein Rath und Dafür⸗ halten in allem, was die Wohlfahrt der Ge⸗ meinde Caſtellino und ſeiner ſämmtlichen Um⸗ gebungen fördern kann, von bedeutendem und allgemein anerkanntem Gewicht iſt. Die Krone aber von Palmajola und des Hauſes unvergleichlichſte Zierde wandelt in Tommaſo's Gaktinn einher, der jungen Paulina. Aus einer angeſehenen Familie des benachbarten Marktfleckens Berettola gebürtig, verbindet dieſe Frau mit geiſtreichen Geſichtszügen unge⸗ mein viel perſönliche Anmuth: weitk hervor ragend aber über das Aeußere erſcheinen die Vorzüge ihres Charakters und Herzens. Eine zarte Anhänglichkeit an das älterliche Haus wird einzig durch ein noch innigeres 117. 15 Gefühl für den übertroffen, welchem zu Liebe ſie, von einer unbezwingbaren Kraft fortge⸗ zogen und dennoch mit widerſtrebendem Gemüthe, vor einem Jahre die Heimath verlaſſen. Nicht minder zärtlich iſt der Freundſchaftsſinn, womit ſie dem väterlichen Führer ihres Geliebten, dem greiſen Gaetano, als eine von Gott ihm geſandte, hülfreiche Gefährtinn ſeines ſteigenden Alters, zur Seite ſteht. Ausgelernt in den Arbeiten und Künſten, für welche auch im Aus⸗ lande Toſcana's Frauen und Töchter berühmt ſind, doch darum nicht minder beſcheiden, leitet ſie mit eben ſo viel Sorgfalt als Einſicht ihren wohlgeordneten Haushalt. Daneben eine Freun⸗ dinn des Geſanges und das Gedächtniß erfüllt mit einem Reichthume geiſtreicher Lieder und ſinnvoller Ausſprüche berühmter Weiſen der Griſtlichen Vorwelt, hegt ſie, was einen hervor ſtechenden Zug ihres Charakters ausmacht, einen feinen, ihr Gemüth anhaltend beſchäftigenden Sinn für Anderer Unglück und verbindet mit demſelben eine beſondere Gewandtheit in der Kunſt, alles vor fremdem Auge geheim zu halten, was jenes Mitgefühl ihr an wohlthätigen 22, 539 Gedanken, Thaten und Opfern zur Erleichterung der Noth und des Ungemachs ihrer Mitmenſchen eingibt. Was indeß Tommaſo's und ſeines Vaters Herz, wo möglich, noch mehr erfreut als dieſe Tugenden alle, iſt die rein mütterliche Liebe, womit Paulina die kleine Eleonora, das jüngſte Glied des Familienkreiſes von Palma⸗ jola, umfaßt hält. 8. Roſen mit Thraͤnen getraͤnkt. 24 März,— Doch ſie, ein ſterblich Weib, ſtarb an dem Kinde, und ihr zu Lieb' erzieh' ich nun das Kind: und ihr zu Lieb' geb⸗ ich das Kind nicht weg, Shakeſpeare⸗ Die kleine Eleonora? hör' ich, gellebte Con⸗ ſtantia, verwundernd dich fragen. uUnter dem mildern, ſüdlichen Himmel nicht minder als auf des Nordens rauherer Flur, und diesſeits, wie jenſeits der Berge, nimmt der kurzſichtige Bewohner dieſer endlichen Welt ſich einen Weg vor ⸗ aber eine unſichtbare Hand richtet, hier wie dork, ſeinen Gang. Eleonora iſt Paulinens Nichte, die Tochter — 541 ihrer nur um zwey Jahre ältern, frühzeitig und nicht lange, nachdem ſie dem Kinde das Daſeyn gegeben, entſchlummerten Schweſter, und dieſe Schweſter, ſie hatte Maria geheißen, war einſt Tommaſo's erſte, vor kaum drey Jahren mit ihm getraute und von ihm angeberhete Gattinn, So ſind es denn die Trümmer ſeines erſten, ſchnell wieder zuſammen geſunkenen häuslichen Glückes, auf denen das neue Gebäude ſeiner irdiſchen Wohlfahrt, Gott gebe unter günſtige⸗ rem Sterne! durch Paulinens Liebe ſich auf⸗ führt. Die dunkelſte Nacht iſt es, aus welcher das Licht, das jetzt ihm leuchtet, hervor ging, und Maria's bethränter Aſche ſind ſie entblüht, jene herrlich duftenden Roſen, die nun ſeit bald einem Jahre wieder den Pfad ſeines Lebens umgrünen. In der That war es ein unermeßlicher Jam⸗ mer geweſen, den Maria's Hinſchied über ihr Haus und über alle ihre Umgebungen verbreitet, und nur ſehr langſam und unmerklich hatte ſich der wohlthätige Einfluß einer auch den heftigſten Schmerz lindernden Zeit bey den Zurückgebliebenen verſpüren laſſen. Der Freude 542 2* vollende und ihrem heitern Gefolge hatten erſt mit Pauling's Erſcheinen Palmajola’s Mauern ſich wieder eröffnet. Mit ihrem Eintritte aber in die verödete Hütte war ein Licht des Troſtes, hell und mild, wie der Schein des Abend⸗ ſterns, wenn er ſich aus dem Dunſtſchleyer der Dämmerung hervordrängt, beyden⸗ dem Vater und dem Sohne, aufgegangen. Nach überſtandenen, ſchweren Prüfungen hat der biedere Alte die vormahlige Heiterkeit ſeines Gemüthes wieder völlig gefunden, und ſeſter haftet von nun an der Anker ſeiner gläublgen Erwartung gegen die Stürme des Schickſals. Kühlenden Balfam habe— ſo erzählte er mir heute noch in traulicher Rede — Paulina's vom Himmel ihr singeflößter Entſchluß in die brennende, durch Maria's Tod dem Herzen ſeines Geliebten und ſeinem eigenen geſchlagene Wunde geträufelt und ihm ſelbſt nach tiefem Leide die unausſprechliche Freude bereitet, den guten Tommaſo aus den finſtern Scharen ſolcher, welche das Schickſal verlaſſen und einſam auf die Fahrt des Lebens gebannt hält, neuerdings in die glücklichere 543 Reihe derjenigen treten zu ſehn, denen vergönnt iſt, dieſelbe Reiſe nach dem Lande der Unſterb⸗ lichkeit an der Hand einer treu ergebenen Schick⸗ falsgefährtinn zu vollführen. Dafür ſey aber auch gleich vom erſten Augenblick an ſein dank⸗ bares Herz Paulinen mit allem, was Liebe und Wohlwollen hier in Zeit auszurichten und dar⸗ zubringen im Stande ſind, entgegen geflogen, und mit Leib und Seele und allem, was er könne und vermöge, werde er ihr zugethan bleiben, bis an ſeinen letzten Athemzug. „So leitet“— ſagte Roſalie, wie wir den Greiſen wieder verlaſſen hatten, um unſeren Abendſpaziergang zu vollenden—„ſo leitet, indeß die Weſen, die wir vor allen andern lieb⸗ ten, uns ſchnell und vor der Zeit, eines nach dem andern, entſchwinden, und die holden Ge⸗ ſtalten, die unſere Gedanken und Sinne unter einem allmächtig ſüßen Zauber gefangen hielten, ſich unſeren thränenden Blicken unverſehens dort⸗ hin entrücken, von wo weder Seufzer noch Klage auch nur eine derſelben zurück bringt, ſie ſelbſt, die Natur, mit ſanftem Zuge uns mitten in un⸗ ſerem Jammer dahin, daß wir von nun an uns 544 deſto enger und zutrauensvoller an diejenigen anſchließen und halten, die noch mit uns in dieſem Pilgerlande verweilen, und mit und neben uns— wer weiß, ob nicht noch auf längere Zeit? — eben dem Ziele zuzuwandeln beſtimmt ſind, das wir ſo gern zugleich mit jenen hätten er⸗ reichen mögen, um deren frühes Verſchwinden wir weinen und trauern.“ „Sie ſelbſt, die Natur, warnt uns mit freund⸗ licher Mahnung, ja nicht aus Selbſtſucht den geliebten Abgeſchiedenen ihren Himmel zu neiden, uns nicht an einen jede Tröſtung verſchmähenden Trübſinn, noch weniger an ein troſtloſes Grübeln und Forſchen über der Dinge unergründlichen Gang, am allerwenigſten aber an den nieder⸗ ſchlagenden Gedanken hinzugeben, als wäre mit jenen, die wir über alles liebten und vergeblich in unſere Mitte zurück wünſchen, alles aus unſerem Kreiſe entflohn und entwichen, was unſerer Zuneigung und unſeres freundſchaft⸗ lichen Wohlwollens werth iſt.“ 35 9. Auch Marien hatte Tommaſo und ſein alternder Vater geliebt. 26 März, Ne, che poco io vi dia, da imputar sono, Che quanto io possa dar, tutto vi dono. Ariosto. Auf einem angenehmen Spaziergange über die leichten, mit einem zarten Graswuchſe belegten Schattenpfade unſerer ländlichen Frühlings⸗ und Sommerwelt kam uns heute, wie ſchon mehrmahls, der holdſelige Gaetano entgegen. Er war, indeß wegen häuslicher Angelegenhei⸗ ten ſein Sohn zu Berettola verweilte, Paulina aber mit der Kleinen ſich nach der Stadt be⸗ geben hatte, um dem Kirchenfeſte von Maria Verkündigung al Carmine beyzuwohnen, ganz 356 allein in ſeinem Podere beſchäftigt, mit nicht geringerer Sorgfalt, als bey uns der Land⸗ mann die köſtlichſten ſeiner Baumfrüchte zu leſen pflegt, das Laub von den Maulbeer⸗ bäumen und Maispflanzen zum Futter für feine jungen Rinder zu pflücken. Wir möchten, hob er an, ſo bald er uns erblickte, aus dem, was er geſtern zum Lobe geiner Schwiegertochter geſprochen, doch ja nicht den Schluß ziehn, als hätten ſie beyde, Tom⸗ maſo und er, nicht auch Paulinens Vorgänge⸗ rinn ebenfalls recht herzlich geliebt, ſo herzlich und innig, als ſie jetzt diejenige lieben, welche ihnen ſeit bald einem Jahre, als zweyter Schuß⸗ engel ihrer kleinen Haushaltung, Wonne und Segen über dieſelbe verbreitend, zur Seite ſtehe. Rein, tief und auf lange Zeit habe Nariens Verluſt ſie beyde erſchüttert; aber ſichtbar ſey die gütige Vorſehung ihnen in ihrer damahls ſo betrübten Lage mit mancherley mil⸗ den Tröſtungen zu Hülfe gekommen, und eine wohlthätige Kraft von oben habe ſie behüthet vor einem verwirrten Hintaumeln nach den Steppen der Verzweiflung. 1 3 347 Ganz beſonders, das müſſe er mir doch ſagen, habe ſo wohl er als ſein Sohn, zumahl in den erſten Tagen ihres Schmerzens, etwas unge⸗ mein Beruhigendes und das Gemüth Aufrich⸗ tendes in dem klaren Bewußtſeyn gefunden, gleich von der erſten Stunde an, da Maria in ihr Haus eingetreten, bis zu dem Augenblicke, wo der Herr ſie nach ſeinen Wohnungen ab⸗ rief, ihre gemeinſchaftlichen Beſtrebungen darauf gerichtet zu haben, ihr, was ſie nun wieder mit erneuerter Anſtrengung gegen Paulinen thun, den Aufenthalt zu Palmajola möglichſt zu verſchönern und angenehm zu machen, jede Laſt des Lebens von ihren Schultern abzu, wälzen, ihr alles, was ihr Kummer hätte ver⸗ urſachen können, gefliſſentlich aus den Augen zu rücken und ſie unabläfſig und auf allen ih⸗ ren Tritten mit Worten und Werken der Liebe zu begleiten. Sich dieß alles— ich darf dich nicht erin⸗ nern, geliebte Conſtantia, daß es des gut⸗ müthigen Gaetano Gedanken, nicht eben ſeine eigenen Worte ſind, die dir hier mein Tageblatt mittheilt— Sich dieß alles, jenes Ausſpähen 348 der geheimſten Regungen von Maria's Seele und ihrer verborgenſten Wünſche, jene Ueber⸗ raſchungen einer nie ermüdenden und darum auch alles erforſchenden Liebe, jene ſchnellen, entweder gar nicht oder noch fern geglaubten Erfüllungen ſo manchen im Stillen gehegten, unſchuldigen Verlangens zu vergegenwärtigen und unter ſich zu beſprechen, habe ihnen, wenn irgend etwas, ſchon in den Tagen des aufs hoͤchſte geſtiegenen Jammers Linderung und ſtärkendes Labſal gewährt. Eben dieſes ſey auch jeßt noch, ſeitdem jener tobende Sturm ſich gelegt habe, und wieder eine mil⸗ dere Stille die Pfade von Palmajola bezeichne, bald nach vollbrachtem längeren Werke des Tages, bald an Feſten, wo ihnen die Stunden, durch keine Arbeit verkürzt, zuweilen gedehnter erſcheinen, der Gegenſtand ihrer vertraulichſten und angenehmſten, jetzt auch nicht mehr ſo ſchmerzlichen Unterhaltung, an der auch Pau⸗ line, dieſe wieder erſtandene Maria, mit tief bewegter Seele, jedesmahl, doch oft allzu ſehr ſinnend und ſtaunend, einen lebhaften Antheil nehme. 3 549 Es habe ihnen zwar— fuhr der Greis fort— die Beſchränktheit ihres Landlebens Marien nicht eben große Dinge zu leiſten geſtattet; was ſich aber ihre Kräfte nicht Ueberſteigendes zur Freude der geliebten Tochter habe auffin⸗ den und erdenken laſſen, davon ſey nichts, auch nicht das Geringſte verſäumt worden, und Maria's überſchwängliche Liebe ſelbſt habe dann ſo manchmahl aus Kleinigkeiten ſich etwas Großes zu ſchaffen gewußt. Die drey jungen Pappeln hier an der weſt⸗ lichen Grenze ſeines Gutes grünen, an Mariens Verlobungstage eingelegt, den drey Schweſtern von Berettola zu Ehren. Der Bach dort, von dem jetzt eine Ader in ſanften Krümmungen das ganze Podere durchfließe, habe ihr zu Ge⸗ fallen ſeinen Lauf verändert und gewähre nun wirklich für den Garten und mehr noch für ein entfernteres Reißfeld einen vorhin nicht ge⸗ kannten, bedeutenden Vortheil. Um ihr Käm⸗ merchen vor der Mittagsſonne zu verwahren, und einzig aus dieſem Grunde reiche das Laub⸗ werk jenes Limonien⸗Spalieres, welches ohne⸗ hin ſchon anſehnlich genug geweſen, bis unter 35⁰ die Dachung hinauf, und das Strohhütchen von ganz beſonderem, Sieneſiſchen Geflechte, in welchem dort Eleonora, von der Stadt kommend, einher prange, ſey einſt von unbe⸗ kannter, und gleichwohl vermutheter Hand ihrer Mutter unverſehens zugekommen und habe früher als alle Frauen der Gegend ſie erfreut, als ein damahls noch ſehr ſeltenes Muſterwerk zu weiterer Vervollkommnung ihres eigenen Geſlechtes. Er erzähle mir dieſes alles keinesweges in der Abſicht, ſich ſolcher Dinge zu rühmen; es habe die Liebe dieß alles und ſie allein es gethan. Immerhin aber ſeyen jene ſchönen Worte: „Sie führe in Palmajola ein Leben wie im Paradieſe!“ welche Maria noch kurz vor ihrem Uebergange in das wahre Eden erfüllter Hoffnungen und gekrönten Glaubens, aus der Tiefe ihres Herzens, zu einer Freun⸗ dinn geſprochen, ſeither ihnen beyderſeits in vielfältiger und troſtreicher Erinnerung vorge⸗ ſchwebt, und aller dieſer von der Verklärten ſchon hier auf Erden ſo tief und innig empfunde⸗ nen Freundſchaft und dieſes thätigen, von ihr 351 fo liebreich aufgenommenen Wohlwollens werde, was er zuverläſſig glaube, ſeine Tochter auch jetzt noch, da ſie längſt in den Chören der heiligen Engel wandle, mit Wonne gedenken und ihm ſolch gutherziges Thun ſelbſt noch ver⸗ danken im Freudengefühle der höheren Welt, wenn einſt der Allmächtige auch ihn zur Ge⸗ meinſchaft eines und desſelben Himmels mit ihr werde berufen haben. 10. Sehnſucht und Troſt. 27 März. Dunklere Wege des Heils, nicht Trennungen ordnet der Vater; Bald, bald wieder vereint, feyern wir ewigen Bund. Voß. O daß du bey uns wäreſt⸗ geliebteſte Freun⸗ dinn, auf und nieder gingeſt in unſerem trau⸗ lichen Kreiſe und mit uns hinaus blicken könn⸗ teſt in dieſe ſüdliche Natur und betrachten die üppige, mit jedem Morgen in erneuerter Pracht uns entgegen ſtrahlende Frühlingsluſt! In ſolcher Fülle und mit ſo geflügelter Eile fah ich den Lenz noch nie dem Schooße der Erde entſteigen mit ſeinem vielfarbigen Freuden⸗ 55³3 begleite von unzähligen Blüthen und Blumen, von ſchwellenden Knoſpen, aus dem Winter geborgenen Früchten und Hoffnungen eines neuen Jahres, die hier eine ungleich kürzere Friſt als in euerem nördlichen Jenſeits zur Erfüllung bringt. Gleichwohl ſind es gerade dieſe Tage, in denen ich mein Herz am öfterſten von weh⸗ müthiger Sehnſucht ergriffen fühle und von der Anſchauung all des Schönen, was hier mir vor Augen liegt, hinweg gezogen in Um⸗ gebungen, die nicht mehr ſind, und zu den Geliebten, welche aufgehört haben, uns durch ihre unmittelbare Nähe und ihren perſönlichen Umgang zu beglücken. „Ach, daß ihr es wäret“— ſagte ich noch heute zu mir ſelbſt in des Frühmorgens Stille— „daß ihr es wäret, deren Zauber ſich in dieſer Stunde vor meinen Augen wieder ſchaffen würde, ihr Tage und Rächte des Frühlings der Heimath, die mir einſt an Athanaſiens Seite, in ihrer liebreichen Huth und unter ih⸗ ren für das Wohl ihrer Kinder ſo unermüdet wachenden Augen geleuchtet!“ 354 „Aber umſonſt, es iſt fern von dort und von allem, was ich einſt in jenem Lande geliebt, und was zur Stunde noch mein Herz auf ſeine Fluren gebannt hält, daß eine neue Welt mit ganz anderen und fremden Geſtaltungen der Natur und Kunſt ſowohl als des Menſchen⸗ lebens ſich vor mir aufſchließt!“ „Dieſes verkündet der Feigenbaum mir, der ſein weit ausgebreitetes Schattenwerk nach meinem Kämmerchen hinwirft, und der fürſtliche Garten dort, voll ſüdlicher Früchte, deren Gold aus ihres Laubes dunkler Einfaſſung zu mir herüber ſchimmert. Dasſelbe bezeugt mir die Sonne, wenn ſie im Aufgange ihr Licht über die Kuppeln und Palläſte der majeſtäti⸗ ſchen Arno⸗Stadt hinſenkt. Es beſtätigt ſolches die fremde Mundart des ſeinen Gruß mir bie⸗ thenden Landmanns und der melodiſche Geſang, der von Paulina's Lippen, mit Eleonorens kindiſcher Stimme begleitet, dem jungen Tage entgegen tönt. Und der Morgenwind, der vor dem Weltlichte her in ſeinem Säuſeln durch die zarken Oliven⸗ und Pappelwipfel die Nähe deſſen, der ihn geſendet hat„ausſpricht, was 35⁵ chut er anders mir kund? Was anderes dieſes reinere Himmelsgewölbe, dieſe mildere Luft, dieſes blendendere Licht der Geſtirne?“ Aber mitten in dieſem zu düſteren Einbil⸗ dungsſpielen hinleitenden Selbſtgeſpräche war mir, als ließe ſich eine wohl bekannte Stimme von angenehmem Klange vernehmen. „Wie denn, Eugenia?“— ſo tönte mir dieſelbe in ſanfter Anſprache entgegen—„du ſollteſt aller dieſer ſchönen Erſcheinungen nicht froh werden, dich nicht vergnügen an dieſem noch nie erblickten Feyergewande der wieder erſtandnen Natur? Des harmloſen Geſchlechtes, unter welches dein neueſtes Loos dir gefallen, ſollteſt du nicht achten, weil dein Sinn und Gemüth, ohne Unterlaß, durch einen älteren Zauber allgewaltig beherrſcht wird? Du woll⸗ teſt dich erkühnen, dieſe Gegenwart ſchnöde von dir zu ſtoßen, weil ſüßere Erinnerungen aus früherer Zeit mit überwiegender Macht ihre Reize verdunkeln? „Umfaßt denn die Leitung deines Schickſals das allein nur, was war? Begreift nicht eben dieſelbe auch alles, was iſt und was ſeyn wird? 356 Der dieſe Gegenwart mit den Umgebungen des heutigen Tages und dieſe Weſen dir vorführt, iſ er ein Anderer, als derjenige, welcher von jenen Freuden der Vergangenheit, die ſelbſt auch keine andere, als ſeine Hand dir be⸗ ſcherte, dich wieder getrennt, die Angebetheten jener Zeit, deren Licht ebenfalls durch ſeine Gnade dir aufging, deinen Armen ſchnell wie⸗ der entriſſen hat? Nein, nein, es hat dieß alles nur Einen Urheber, der nie irrt und der es allein führt, das Steuerruder des Weltall!“ „Ob nun zwar die Geſtalten, welche hier vor dir einher ſchweben, und die Geiſter, die jetzt um dich walten, jenen Weſen mehr oder weniger gleichen, deren Daſeyn und Umgang dich einſt jenſeits der Alpen entzückt hat, ſo verſäume immerhin nicht, auch deſſen froh zu werden, was der heutige und jeder folgende Morgen dir neuerdings Erfreuliches zutheilt⸗ und was du immer dort dich hoch Beglücken⸗ des geſehn, genoſſen und gefühlt habeſt, ſo verſchmähe dennoch hinwieder auch das nicht, was hier, unter Etruriens heiterem Himmel, 3⁵⁷ auf daß du auch dieſes ſchaueſt und genießeſt und fühleſt, von dem nähmlichen Geber ge⸗ ſpendet, dir vorliegt.“ „So mögen ſie denn zwar jetzt und in alle Zukunft dich begleiten und täglich ſich erneuern jene wehmüthig reizenden Bilder entſchwunde⸗ nen Glückes! Hängt doch an ſolchen Erinne⸗ rungen dein treu liebendes Herz! Aber in eine todte Gleichgültigkeit für das, was die Gegen⸗ wart biethet, dich verſenken, das ſollen ſie nimmermehr.“ „Wie könnten ſie es aber? Es ſind ja Himmel und Erde durch Liebe und Glauben aufs engſte verwandt! Jene ſüßen Einklänge edler Gemüther, jene erhabenen Verwandt⸗ ſchaften der Herzen und Geiſter, ſie gehen ja nicht unter über dem Zerrinnen der Zeit, noch können ſie in Staub zerfallen, gleich den For⸗ men der irdiſchen Hülle!“ 1 „Wohl magſt du alſo dem Leibe nach von deinen lieben Abgeſchiedenen getrennt ſeyn, deren Lebensfaden kein ſchwellender Thränen⸗ ſtrom länger ſpinnt, deren Todtengruft ſich keinem, wenn auch noch ſo lauten Klageton aufthut: dem Geiſte nach biſt du forthin, wie vormahls, mit ihnen vereint und verſchwiſtert und wirſt es bleiben dort, wo den eilenden Traum eines Jünglingsalters oder die Jahr⸗ hunderte einer Patriarchen⸗Bahn oder das Zweyſtundenleben der ſchönen Pavonia hier⸗ nieden verlebt zu haben, eins und dasſelbe iſt. Dort, dort winkt er überfließend dir wieder, der Becher der Wonne, welchen zu koſten dir hier nicht anders als mit leiſe be⸗ rührender Lippe und im Fluge vergönnt war. Sie ſelbſt wird durch die Huld des Herrn ihn dir reichen, die du in dieſem Leben am innig⸗ ſter und am längſten geliebt haſt!...... „Dieſe Freudenbothſchaft von einer für⸗ dauernden, dereinſt herrlich zu erneuernden Gemeinſchaft mit den Befreundeten unſerer Herzen darfſt du nicht müde werden dir ſelbſt zu verkünden, auf daß du ſtark bleibeſt im Vertrauen auf den Alleinherrn des Schickfals, und deine Ergebung in ſeine geheimnißvollen Wege nicht wanke und nicht von dir weiche, bis mit dem Einbrechen der Todesnacht über das Auge des Leibes auch das Verlangen deines 359 unſterblichen Geiſtes nach dem unſere lieben himmliſchen Seelen beherbergenden Lande, das er nicht gekannt und dennoch geglaubt hat, ſich ſtillen wird.“ 11. Quiete. Ruheſtaͤtten fuͤr Lebendige und Todte. 12 April. Selbſt wo raſenlos und mürbe Sich ein neuer Hügel hebt, Wo man den, der heute ſtürbe, An die Reihe hin begräbt, Wird der Grund ſich bald behalmen, Wo jetzt Wermuthsſtengel ſtehn, Hebt die Hoffnung Siegespalmen Für das große Wiederſehn. v. Salis. Eine angenehme, vielfältigen Genuß gewäh⸗ rende Nachbarſchaft iſt uns an dem anſehnlichen, von Palmajola nur wenige Schritte entfernten Stifthauſe von Quiete zu Theil geworden. Die Bewohnerinnen dieſes Aſyles, insgeſammt Da⸗ 361 men von vorgerückterem Aller und dabey von Erziehung und Stande, haben uns Ultramon⸗ taner, als eine für ſie höchſt ſeltene Erſcheinung, mit zuvor kommender Gefälligkeit in ihre zun Theil klöſterlichen Mauern aufgenommen und ihren der Welt der Ungeweiheten in der Regel verſpervten Garten für die ganze Zeit unſeres Hierſeyns ſeiner Riegel und Schlöſſer entledigt, daß wir uns ſeiner Luſtgänge und ſeines Schatten⸗ reichthumes nach Herzensluſt erfreuen, ſein herrliches Gewächs bewundern, mit Einem Worte ganz zwanglos in demſelben verweilen auund walten. Vor allen andern hat eine der Frauen, von Geburt eine Deutſche, die nach den ſonderbar⸗ ſten, dem größern Theile nach überaus trauri⸗ gen Wechſelfällen des Schickſals ſchon vor eini⸗ ger Zeit in dieſe des höheren Alters fveundliche Schutzſtätte einging und ſich von allem ange⸗ zogen fühlt, was geeignet iſt, das Bild des Vaterlandes jenſeits der Alpen in ihrer Seele zu erneuern, uns Ankömmlinge aus der Ferne willkommen geheißen und ſich von lebhafter, mit Regungen der Sehnſucht nach der urſprüng⸗ IIT. 16 36² lichen Heimath unkermiſchter Freude ergriffen gefühlt, als die ſeit Jahren nicht mehr ver⸗ nommenen Laute ihrer Mutterſprache aus un⸗ ſerem Munde zum erſten Mahl wieder vor ihren Ohren ertönten. In dieſem ſehr ſüdlich gelegenen, keinem er⸗ kältenden Nordwinde zugänglichen Luſtgarten erwachſen die Früchte, Blumen und Bäume jeder Gattung und Zone, und zwar meiſt unter der Stiftsfrauen perſönlicher Sorgfalt und Pflege, zu außerordentlicher Kraftfülle und Schönheit. Hier glüht dir Sommer und Winter das Gold des geſammten Orangen⸗Geſchlechtes entgegen⸗ Vor allen gewährt aus dem dunkeln Schmelz ihrer Blätter hervor die Bizarria einen gefälli⸗ gen Anblick. Die Ananas verſetzt uns nach den Sonnenthälern jenſeits der Meere. Ihr zur Seite ſiehſt du im hellen Strahle der Morgen⸗ ſonne die Aloe zur ſtolzen Blüthenſäule empor ſchießen. Ja ſogar der Palmbaum wagt es, ob zwar gleich noch im Schube der erwärmen⸗ den Glaswand, ſeinen Blätterwuchs zu frem⸗ den, gewaltig großen Geſtaltungen aus einander zu ſchlagen. Kurz, es iſt die Pflanzennatur aller, ſelbſt der entlegenſten Welttheile und Regionen, welche Quiete in den preiswürdigſten ihrer Erzeugniſſe und Fantaſten, nicht weniger als in der angenehmſten, auf Ergetzung des Auges mit Einſicht berechneten Zuſammenſtellung vor Augen legt. Dazu durchſpielen des Gartens Immergrün reiche, ohne Unterlaß ſich erneuernde Spring⸗ waſſer, die ſelbſt zur Zeit der heißeſten Sommer⸗ gluth nicht verſiegen und ſchön zu ſchauen ſind in den Regenbogenfarben des Aufgangs, ſchöner noch, wenn im Glanze des ſcheidenden Welt⸗ lichts ihre Rebelregen über die porphyrnen Becken herab in die Lüfte zerſtieben. Aber auch klarer Quellen Gemurmel hört der Luſtwan⸗ delnde hier und da dem anmuthigen Garten⸗ plane entſteigen. Grotten, mit Madreporen und Tropfſtein ausgelegt und mit Perlenmuſcheln und Korallen⸗Zierath reichlich gefüttert, hüllen dieſe reinen Fluthen in ewige Dämmerung ein, in deren Zwielichte hell blinkende Silber⸗ und Goldfloſſen von der Tiefe des Marmorgrundes, als Andeutungen des auch dort vorherrſchenden 364 Lebens, in die Höhe ſpielen, während die Frauentaube durſtig herbey trippelt, ſich an dem friſchen Gewäſſer zu laben, und der ſtolze Perlhahn herzu ſchreitet, um Kehle und Feder⸗ buſch in demſelben zu kühlen. In den dicht verwachſenen Myrthen⸗ und Rosmarin⸗Hecken, die, keinem Sonnenſtrahle ſich öffnend, des Gartens Verzäunungen bilden, wohnen und erfreuen ſich, ſeit Menſchenaltern einheimiſch und noch von keiner feindſeligen Hand aus ihrem Friedensleben aufgeſcheucht, trauliche Geſellſchaften von Nachtigallen, die jeßt ſchon, der Jahreszeit gleichſam voran ei⸗ lend, unter dem Wehen milder, ihre verborgenen Aſyle durchwallenden Lüfte und unter dem Quel⸗ jengeräuſche und Plätſchern der Waſſer anfan⸗ gen, ihre melodiſchen Künſte zu üben. Zu dieſem ſchönen Gartenlande bildet der Begräbnißplatz von Quiete, zumahl ſo un⸗ mittelbar, wie er mit demſelben zuſammen ſtößt, ein überraſchendes Gegenſtück. Dort die erfahrenſte Kunſt, die an einer überreichen und ergiebigen Ratur ſich verſucht und verfeinert; die ganze Anlage vielfältig ge⸗ ſchmückt mit blendenden, Geſicht und Gehör ent⸗ zückenden Reizen; der bejahrten Gärtnerinnen ohne Unterlaß, und bis die Nacht für jede der⸗ ſelben einbricht, thätiger Fleiß und eine mit Ein⸗ ſicht waltende, das Ganze planmäßig überſchau⸗ ende und die Ausführung bis in den kleinſten Umſtand verfolgende Sorgfalt. Hier, wo die Gärtnerinnen, eine nach der andern, in einer durch höhere Anordnung beſtimmten Reihenfolge ihre letzte zeitliche Ruheſtatt finden, von allen jenen bezaubernden Erſcheinungen nicht eine; die höchſte Prunkloſigkeit, das Ganze überaus einförmig und einfach, ſchon ſeiner Anlage nach aller Mühe und Wartung enthebend. Warum aber die frommen Frauen ihrem Gottesacker bis zur gegenwärtigen Stunde ſeine urſprüngliche Einfachheit bewahrt haben, darüber berichten die Urkunden der Vergangenheit und uns ge⸗ machte, vertrauliche Eröffnungen alſo: Es hatten Piſa's gottſelige Bürger in ur⸗ alter Vorzeit ſich Erdreich von Jeruſalems und ſeiner Umgebungen gefeyerteſten Stätten, von den Oertern, die der Fuß des milden Erlöſers zuverläſſig, und die derſelbe am öfterſten betreten, 366 in mühſelig gefährlicher Fahrt über weite Meere herüber geſchifft nach Heſperiens Küſte, um ſol⸗ ches als einen koſtbaren Schaß auf ihren Kirch⸗ hof, den berühmten Campo Santo, zu ver⸗ pflanzen und ſich ſelbſt und ihren Söhnen eine auserleſene Schlummerſtätte*), wie ſich ihrer nur Wenige erfreun, zu bereiten. Denn in keiner Erde, glaubten ſie, ſollte ſich's ſanfter, als in dieſer, ausruhn von dem Werke des Lebens. Von dieſem Campo Santo aus iſt auch der Gottesacker von Quiete mit einer leichten Lage ſolchen Grundes belegt worden. Vor mehr als einem Jahrhunderte nähmlich hatten die Bewoh⸗ nerinnen des Stifthauſes ganz im Stillen bey ihren Nachbarn an der Mündung des Arno um eine ſolche Mittheilung, als um eine beſondere Vergünſtigung, angeſuchk, die Piſaner aber kein Bedenken getragen, den frommen Frauen in ihrem Wunſche zu willfahren. *) Die Stätte, ſagt ein berühmter Dichter, die eim guter Menſch betreten, iſt eingeweiht: nach hundert Jahren klingen ſeine Worte und ſeine Thaten den Enkeln wieder. — Noch heiliger ward dieſes Umſtandes wegen der Platz von nun an gehalten. Er ſollte, ſolches beſchloſſen damahls die Stiftsſchweſtern mit Einmuth, jetzt und immer alſo bleiben, wie er war zu der Zeit, als er die neue und einzige Weihe aus dem hoch gefeyerten Lande jenſeits der Meere empfangen hatte. Nur wenig wurde demnach durch die Hand des Menſchen auf demſelben geleiſtet, und die Kunſt vollends hat es nicht gewagt, ſich inner⸗ halb ſeiner Grenzen zu verſuchen. Ihrerſeits iſt in eben dieſem Raume auch die Natur in ihre höchſte Einfachheit zurück getreten, und es beſchränken die Frauen ihre Sorge lediglich darauf, daß nichts Unreines das geheiligte Erdreich entweihe, kein Unkraut darin Wurzel ſchlage, noch irgend eine unbändige Wucher⸗ pflanze den zarten, höchſt ſelten mit einem Blümchen verſetzten Raſen erdrücke, der, hier und da ein kaum ſichtbares Kreuz und mitten auf den Gräbern das bekannte Hoffnungsbild eines Ankers umſpielend, dieſelbe einförmige Bekleidung über die Leichenhügel alle, einen einzigen ausgenommen, hinwirft. 568 mound dieſer einzige, damtlt ich, gelieble Conſtantia, deiner Frage zuvor komme, iſt über dem Gebein der zuletzt abgeſchiedenen unter den Stiftsdamen aufgeführt und bleibt— alſo will es des Hauſes alterthümliche Verfügung und Sitte— gleichſam als eine Erinnerung fär die noch lebenden Glieder der Geſellſchaft, daß nach kurzer Zeitfriſt derſelbe kühle Erden⸗ hehälter, der zur Stunde eine ihrer Gefähr⸗ tinnen aufnimmt, auch ihnen ſich öffnen werde, etwas vereinzelt und, alles Pflanzengrünes ge⸗ niſſentlich entbehrend, bloß mit nackter Erde hedeckt, bis abermahl eine neue Grabesnach⸗ barinn ſich meldet, da denn jener Hügel eben⸗ falls, ſo ſchnell als eine Menſchenhand unter dem Mitwirken der krafterfüllteſten Natur ſol⸗ ches zu bewirken im Stande iſt, ſich mit dem⸗ ſelben weichen Graswuchſe bezieht, und das Gebein unter ihm ſich der übrigen Reihe der zum ewigen Wachen Entſchlafenen beygeſellk. Die Grenze zwiſchen dieſen beyden Gebiethen des Lebens und des Todes bildet ein luftiger Zaun von ſchimmerndem Oleander und geruch⸗ reichen Myrthen. An demſetben grünt ein — bejahrker, in fünf mächtige Nebenäſte, die fünf Brüder genannt, von ſeinem Hauptſtamme auf⸗ geſchoſſener Lorberbaum, deſſen Wurzelwerk der Verlauf der Zeiten bis tief in den Garten hinein gedrängt hat, indeß er ſelbſt mit über⸗ hängender, einen ganzen Hain von Zweigen und Laubwerk bildender Krone ſich ein wenig nach dem Gottesacker hinneigt, und während er die⸗ jenigen kühlt, welche noch im Kampfe gegen die Mühſale des Lebens begriffen ſind, ſeine Schatten zugleich auch über einige jener Glück⸗ ſeligern ausgießt, die der Tod der Beſchwerlich⸗ keiten des Erdelebens ſchon wirklich entbunden hat. Unter dieſes Lorberdaches ewig grünender Wölbung ſehen wir zuweilen die Morgenröthe unſeren Blicken entgegen leuchten und hinwieder die werdende Nacht unſere ſtillen Geſpräche belauſchen. „Was für uns“— alſo lieſ't es ſich dieſer Stelle gegenüber an des Kirchhofes Eingang, und als ſpräche ſolches der dort zur Ruhe Ge⸗ gangenen eine—„Was für uns kein Geheim⸗ niß mehr iſt, wird eine nahe Zukunft auch Euch, die ihr noch dort verweilt, kund thun.“ 370 Dieſes Pläßchen hat Roſalie ſich vor allen andern zu ihrem Lieblingsſitze erkoren. Von dieſem aus hören wir oftmahls jene Nachtigallenchöre vor den Ohren der andächtigen Betherinn, die, auf den jüngſten der Grab⸗ hügel in Demuth ihr Angeſicht ſenkend, das himmelvolle Gemüth an ernſte Sterbensbetrach⸗ kungen hingibt, ſich einer den andern zu kunſt⸗ reichern, von den Oliven⸗Hügeln ſtärker wie⸗ derhallenden Schlägen begeiſtern, als ſängen und jubelten ſie von überwundenen Schreck⸗ niſſen des Weltabſchiedes und von glorreichen, über das Dunkel der Gruft und die Schauer⸗ erſcheinungen der Verweſung errungenen Sie⸗ gen. Oft locken die fünf alterthümlichen Brü⸗ der uns beyde allein in ihre Schatten hinüber. Manchmahl führt hinwieder ſehr willkommener Weiſe der Abend unſeren Freund Belgiojoſo herbey, der während unſeres Landaufenthaltes uns unausgeſetzt in ſeiner berathenden Huth hälk, und auch er leiſtet alsdann uns mit der lüngſten ſeiner Töchter in dieſen Einſamkeiten Geſellſchaft: ein Beſuch, der für uns jedes Mahl von deſto größerem Werth iſt, da der 571 Mann rückſichtlich auf Bildung und Kenntniſſe, zumahl im Gebiethe des Alterthums und der vaterländiſchen Dichtkunſt, von der Mehrzahl ſeiner adelichen Landesleute erfreulich ſich aus⸗ nimmt und auf wiederholten, in⸗ und ausländi⸗ ſchen Reiſen ſich einen reichen Vorrath des man⸗ nigfaltigſten Unterhaltungsſtoffes geſammelt hat. Endlich ſetzt auch Tommaſo's Gattinn in ſpä⸗ terer Abendſtunde ſich zuweilen mit einer ihrer Lieblingsarbeiten beſcheiden an unſere Seite und fragt, voll wißbegierigen Verlangens, nach der ihr unbekannten Welt jenſeits der Berge und nach des Nordens eigenthümlichen, hier zu Lande größtentheils unbekannten Uebungen und Sitten. ——— 4◻ ₰ 20 12⸗ Die Abendunterhaltung unter dem Lorberbaum, 23 April. tmweht von Mayduft unter des Blüthenbaums Helldunkel ſahn wir Abendgewölk verglühn, Des vollen Monds Aufgang erwartend, und Philomelengeſäng' im Thalbuſch. Voß. . Alſo freundſchaftlich vereint und aus den er⸗ wähnten Perſonen beſtehend, ſaß auch geſtern unſere Geſellſchaft in des vertrauten Lorberbaums Dunkel. Des Tages ſchon höher geſtiegene Wärme begann eben in labende Kühlung überzugehn. Scheidend flimmerte noch das Sonnenlicht durch die Taxuswände, welche weſtlich den Garten begrenzen. Allmählich ſtimmien des Buſchwerkes 373 dunkel gefiederte Bewohnerinnen zu den Har⸗ monien ihres Abendgeſanges die Kehlen. Die Jasminſträuche und Damaſcener⸗Roſen, welche dieſes Landes üppige Natur zu ſchlanken Bäu⸗ men empor treibt, fingen an ſtärker zu duften, und herrlich leuchteten mit ihren bläulichen Blüthenſternen die Grenadillen vom fein aus⸗ gezackten Geranke.— Der Hinblick auf den Gottesacker und auf den Todtengräber, der eben bemüht war, für die älteſte der Stiftsdamen— ſie hatte gerade auf den geſtrigen Vollmond ihr Auge geſchloſſen— die kühle Kammer zu rüſten, leitete unſer Ge⸗ ſpräch, ſo natürlich als unvermerkt, auf die Leichengebräuche und Todtenfeyerlichkeiten jen⸗ ſeits der Alpen. Paulinen, gern, wie ſie ſich ohnehin mit dem Gedanken an die Zukunft beſchäftigt, und etwas düſter, wie ihr Gemüth, zumahl ſeit einigen Tagen, geſtimmt iſt, ſagte dieſer Gegenſtand ungemein zu; aber auch ihre Fantaſie fand ſich durch dieſes ſie in neue, ihr kaum dem Nahmen nach be⸗ kannte Regionen verſetzende Geſpräch auf das angenehmſte beſchäftigt. 574. So vernahm ſie mit Wohlgefallen, wie der Narcheſe in ſeinen Reiſeerinnerungen einer Schweizer⸗Stadt gedachte, in der er mehr als einer Begräbnißfeyer mit großer Befriedigung beygewohnt. Du erräthſt es, Conſtantia, wel⸗ cher? Ihr bloßer Nahme hat in meinem Ge⸗ müthe ſchon manche reizende Erinnerung auf⸗ gefriſcht. „Wenn da“— ſo erzählte er—„ein Jüng⸗ ling geſtorben, oder der Tod einen noch kaum an der Schwelle ſeiner Blüthenzeit ſtehenden Kna⸗ ben über die Maßen frühzeitig ereilt hat, ſo thun ſich, in tiefer Stille und ihre anderweitige Leb⸗ haftigkeit gewaltſam verläugnend, die Genoſſen feiner goldenen Jugendzeit, beydes, ſeiner wiſ⸗ ſenſchaftlichen Beſtrebungen und ſeiner ſchuld⸗ loſen Freuden, zuſammen und vegleiten paar⸗ weiſe den Sarg, welchen in der Regel eine verborgene Unſchuldshand mit einem Kranze von Blumen, ſo ſtrahlend und duftig, als nur immer die Jahrszeit ſie biethet, verziert hat, hin nach dem Begräbnißplate, der die Aſche der Väter umſchließt. Hier ſtimmen ſie, indeß die Todtengräber, was jhres Berufs iſt, 375 vollführen, aus jugendlichen, von den ſtärkern Baßſtimmen der Lehrer gehobenen Kehlen einen harmoniſchen Chorgeſang an, nicht zwar als zagende Bothen der Trauer und des Jammers, ſondern als frohlockende Herolde einer gänz⸗ lichen Befreyung von den Laſten des Lebens, und einer allernächſt an jene Erledigung ſich anknüpfenden, frohen Unſterblichkeit. In wohl⸗ lautenden Liedern voll Hoffnung und Glaube laſſen dieſe Sänger der verſammelten Trauer⸗ begleitung in ſeiner Glorie den Tempel des ewigen Friedens erſcheinen, deſſen Schwelle das Grab iſt, und um ihn her den Frühling des Paradieſes, der ewig grünet und blühet für die Kinder des Himmels.“ Ein ſolches Leichenbegängniß— ſetzte er hinzu — ſey, zumahl an einem ſchönen Aprilabend, wenn gerade das in die Natur wiederkehrende Grün ſich am lieblichſten färbe, und ein friſches Blumengewimmel anfange, dem unter ihm modernden Staube alter und junger Leiber zu entſteigen, ungemein feyerlich und rührend. „Wenn aber in jenem Lande der Tod eine lie⸗ bende und geliebte Mutter dahin rafft im Flor 376 ihrer Jahre oder vollends in den ſchönen Tagen, da ſie den hoch erfreuten Gatten mit dem erſten Pfand ihrer Liebe beglückt hat, was thun ſie alsdann,“ ſiel Pauline raſch ein,„um das Nah⸗ mensgedächtniß einer ſolchen zu bewahren und zu feyern?“ Richt wenig ſchien ſie betreten, als ſie hörte, daß die Trauer um eine ſolche Mutter ſich in jener Stadt weder durch Kränze noch in Grabgeſängen ankünde und ausſpreche; der Leichenzug vielmehr ohne Sang und Klang, und einzig aus Männern beſtehend, ſeinen ge⸗ wöhnlichen Gang zum bekannten Ziele verfolge, und dieſelben Worte, die über jeder andern Leiche geſprochen werden, dazu dienen müſſen, auch ihr Andenken zum letzten Mahle öffentlich zu ehren. Mit inniger Theilnahme vernahm dann Tom⸗ maſo's Gattinn aus meinem Munde die Schil⸗ derung eines beweglichen Schauſpiels, das uns auf unſerer Reiſe nach Italien in einer nicht un⸗ berühmten Stadt eines Deutſchen Königreiches die Beerdigung einer Mutter von zahlreichen Kindern— ſie war Witwe und mittleren Alters— gewährt hat. Die erſte Frühſtunde eines heitern Sommertages war zu der ſchmexölichen Feyerlich⸗ 3» 377 keit auserſehn. Die Morgenſonne brang eben durch die hohen Fenſter der Gothiſchen Kathedrale auf den Sarg ein, der, mit den Inſignien des Todes belegt und einfach beleuchtet, vor dem Altar ſtand. Unter tauſend Thränen der Zurück⸗ gebliebenen begann das Seelenamt, und als es zu Ende und der letzte, lange Trauer⸗Accord der Orgel verhallt war, ſete ein zahlreicher Zug⸗ aus Männern und Frauen, aus Töchtern und Jünglingen beſtehend, ſich nach dem ziemlich weit entlegenen Gottesacker ernſt und langſam in Bewegung. Ihn führten, zunächſt hinter dem Sarge einher gehend, der Entſchlafenen Töchter, die älteſte derſelben unter lautem Weh⸗ klagen und vom Schmerz überwältigt, ſtiller und tiefer in ſich gekehrt die zweyte und dritte. Stumm und leiſe zog ſich das Leichengeleit weiter bis außer die Mauern und Feſtungswerke, an die nach den öſtlichen Schweizer⸗Gebirgen hin⸗ ſchauende, geweihete Stätte. Hier ſtellten, ge⸗ mäß des Landes uralter Sitte, die Kinder ſich unmittelbar an das zum Empfange der geliebten Abgeſchiedenen gerüſtete Grab hin. Wir ſelbſt ſahn ihre immer häufiger fallenden 378 Thränen ſich mit den Perlen des thauenden Morgens und mit der letzten Weihe vermengen, womit der Prieſter den offenen Erdenſchooß und den Sarg, der in denſelben jetzt einging, be⸗ ſprengte. Hier, allernächſt am Rande der Gruft, verblieben die Trauernden, bis, zwiſchen wan⸗ kenden Gräſern, unter dem Wirbeln der Lerchen und dem Geflatter der wiedergeborenen Phalänen, die friſch ausgegrabenen Gebeine der früherhin an eben dieſer Stelle Beſtatteten wieder in ihr voriges Lager und auf des neuen Ankömmlinges breterne Behauſung herab rollten, und die Grabſchaufel die letzte Spur der theuern Ueber⸗ reſte den Blicken der Wehklagenden vollends entrückte... Ein Begräbniß wie dieſes, meinte Pauline, ſey immerhin eine ſchöne und rührende Sitte, ein ſolcher Gang aber mit lieben Abgeſtorbenen für gefühlvolle Herzen allzu ergreifend. Ohne⸗ hin laſſe derſelbe nicht ſo leicht ſich vollführen, wie etwa ein Hingehn von Palmajola nach dem Gottesacker des Dorfes. Und wenn ihn vollends nicht Kinder zu thun haben, die, wie die kleine Eleonora— dieſe ſaß, ihr Geflecht zwiſchen den 379 Fingerchen drehend, unter Myrthengebüſchen uns Schweſtern zur Seite— ein Unglück von der Art noch nicht in ſeiner Größe zu begreifen vermögen, fondern reifere Töchter, deren Blick tief in den Grund des Wermuthskelches hinein dringe, ſo erwachſe daraus ein Uebermaß der allerſchmerzlichſten Pein. Auch der ſchönen Begräbnißplätze der einen und andern Stadt des nördlichen Deutſchlandes gedachte unſere Rede. Man ſprach von den Gärten der Liebe und Hoffnung, welche der noch nicht Abgerufenen Sorgfalt dort anlege und unterhalte, und von jenen angenehmen, das Gemüth freundlich anſprechenden Familiengrüf⸗ ken, welche Gattinnen und Väter, Kinder und Enkel, Unmündige und Greiſe, liebevoll, wie ſie im Leben verbunden geweſen, und treu ver⸗ eint, wie ſie ſolches im Lande der Verklärung, dem Geiſte nach, noch ſind, auch leiblicher Weiſe zu geſelligen Nachbarſchaften umſchließen. Einer ganz eigenen Weiſe, die Todten bey⸗ zuſetzen, und einer ganz andern Leichenkammer, als alle bisher erwähnten, fuhr Belgiojoſo dann fort, müſſe er doch auch noch beſonders gedenken, 580 der ſeltſamſten, welche ihm auf allen ſeinen Rei⸗ ſen zu Geſichte gekommen, und die im Süden und Norden ihresgleichen nicht finde. Er meine jene Todtencapelle auf den eiſigen Höhen des großen St. Bernhard. Es ſey dieß Heiligthum tief in die ewige Stille der höchſten bewohnten Gegenden unſeres Welttheiles hinein gebaut und liege von allen Gräbern und Leichenver⸗ ſammlungen des Erdbodens dem Himmel am nächſten⸗ „Hier,“ ſagte er,„ruhen, mit grauen Tü⸗ chern umwunden und von dem durch das Kirch⸗ lein frey ſtreichenden Nordwind auf Jahrhun⸗ derte vor der Verweſung geſichert, Todte, die ſich im Leben niemahls geſehn haben, in halb ſitzender Stellung und einer traulich gelehne an die Bruſt des andern, wie längſt ſich ken⸗ nende Freunde. Dieſe Verblichenen ſind ins⸗ geſammt verunglückte Reiſende, die auf dem an ſich ſehr gangbaren Pfade nach der Oaſe des Hoſoitium, den einen ein wirbelnder Sturmwind ergriffen, den andern ein wüthendes Schnee⸗ geſtöber auf Abwege verſchlagen, oder ein tiefer, unverſehens unter ſainen Füßen ſich aufreißender Schneeſchrund früher verſchlungen hat, als der Rettung verkündende Ton der Kloſterglocke ſein Ohr, oder der Geiſtlichen und der treuen, dieſen im Gefolge gehenden Thiere dienſtfertige Hülfleiſtung ſeine Perſon hat er⸗ Leichen mögen.“ „Von dieſen irre Gegangenen liegt jedesmahl der, welchen die Hand des Todes zuletzt er⸗ griffen, durch einen ſehr kleinen Raum von ſeinen Unglücksgefährten geſondert, auf einem eigenen, in einer hölzernen Tafel beſtehenden Lager, für den ſeltenen Fall, daß etwa der Vorüberziehenden einer ihn erkennen und ſich bereden laſſen ſollte, ſeinen fernen, geängſtig⸗ ten Aeltern, dem unruhig ſeiner Rückkehr harren⸗ den Freunde, oder einer ſehnſuchtsvoll die Stunden zählenden Braut es zu bezeugen, wen er auf dieſen Himmelszinnen auf der Tod⸗ kentafel liegen und ſeinen letzten Schlaf ſchlum⸗ mern geſehn habe.“ „Das Ganze,“ fuhr unſer Freund fort,„ge⸗ währt einen höchſt ſonderbaren oder vielmehr einzigen Anblick. Zumahl in ſpäteren Stunden, wenn keines Reiſenden Ankunft die Stille 382 mehr ſtört, die Kloſterglocke und das Gelãut der Herden verhallt hat, wenn allein noch der Nachtwind erſterbend ſich zwiſchen den Hörnern und Klüften des Velan, Montmort und Dronaz umher wirft, und der Mond ſeinen blaſſen, durch die Gitterwerke der Fenſter gebrochenen Lichtſtrahl auf die theils noch kenntlichen, theils durch den Verlauf der Zeiten verzerrten Ge⸗ ſichtszüge der kalten Verſammlung hinein ſenkt und hier und da auch einen nackten Schädel oder gebleichte Knochen beleuchtet— in ſolchen Stunden verſpürt auch, wer den Tod und ſeine Bilder und Ebenbilder nicht fürchtet, beym Hin⸗ einblicken in den Leichenbehälter geheime An⸗ wandlungen von Entſetzen und Schauer.“ „Haben dann,“ ſetzte er hinzu,„die Schreck⸗ niſſe des Winters abermahl ein neues Kind des Todes in die ſtarrende Geſellſchaft eingeführt; hat die ſo manchem Wanderer Heil bringende Wachſamkeit des hier einheimiſchen, hülfreichen Hundegeſchlechtes einen Evfrorenen hervor ge⸗ wittert aus den Windwehen oder aus dem ſchwer laſtenden Schnee; oder das Thauwetter den Leichnam eines ſeinem Berg⸗ und Lebenspfade 5³b³ entfremdeten Reiſenden von ſelbſt an das Ta⸗ geslicht gebracht, ſo muß der ältere Ankömm⸗ ling dem neuen Mitgliede der Todtengallerie alſobald weichen. Auf die Schautafel wird dieſes hingelegt, jener aber der übrigen, offen da liegenden Schar von langſam verweſenden Leibern, Mumien und Gerippen aller derer beygeſellt, die den großen Gang über das Rie⸗ ſengebirge über der ungleich größern Reiſe, welche Euch allen, die ihr mir zuhört, nicht weniger als mir, dem Erzählenden, ſelbſt, wer weiß wie bald, noch bevor ſteht, nicht haben voll⸗ enden mögen.“ Vor dieſer Erzählung grauete Paulinen, Sie lobe ſich, ſagte ſie, ein ganz anderes Grab⸗ Einſam und allein, oder einem im Leben ge⸗ kannten und nahe befreundeten Weſen, etwa einer voran gegangenen geliebten Schweſter zur Seite, in kühler Erde, deren tief ver⸗ ſchloſſener Schooß die zerfallende Hülle weder der Empörung der Elemente und dem Andrange des Winterſturmes, noch der Reugier des un⸗ berufenen Blickes, noch einem ſchauervollen Wiedererkennen mehr Preis gebe, da müſſe es 584 ſich wohl beſſer ruhen, weit beſſer, als in jenes Verweſungshauſes froſtiger Oede, oder auf jenem unheimlichen Todtengerüſte. „So ſind denn,“ fuhr Roſalie fort,„der Arten, wie der irdiſche Menſch in ſeine Ruhe eingeführt wird und mit dem Staube, dem ſeine Form angehört, ſich wieder vereinbart, viele und mancherley; und jene feyerliche Ent⸗ laſſung aus dem Kreiſe der Lebendigen nimmt, zu Folge der ungleichen Sitten und Begriffe der Völker und der Verſchiedenheit ihrer Reli⸗ gionen, bald in jedem Lande eine andere, das Gemüth des Wellbeſchauers hier mehr, dort weniger anſprechende Geſtalt an.“ „Aber überall, wo du hinblickſt, nach Oſten oder nach Weſten, auf den rauheſten Firſten der höchſten Gebirge, wie in der mild grünen⸗ den Tiefe des verborgenſten Thalgrunds, lebt in den Nationen, nach allen ihren Ständen, Geſehlechtern und Altern, nur ein Gefühl, von allen, welche der Schöpfer in die Bruſt ſeiner Erſchaffenen gelegt hat, das ſtärkſte: die be⸗ ſeligende Vorempfndung jener Welt. Mit wenigen Ausnahmen beherrſcht alle Menſchen 385 die lebendige, jede Umwölkung des Gemüthes zerſtreuende Ueberzeugung, daß, indem wir brauern an Särgen und Leichenbehältern und offenen Grüften oder Geſänge anſtimmen über verfinkendem Gebein und nackte Grabhügel in Gärten umwandeln, die von lieblichen Blumen überwallen und von reizenden Bildern des Immergrüns der unendlichen Welt, unſer ed⸗ lerer Theil längſt entwichen ſey dorthin, wo, was jeder hier Gutes gethan und gewirkt, für ihn zu einer Quelle immerwährenden Genuſſes erwachſen, und jede Kraftanſtrengung des Gemüthes und Geiſtes, die er hier in Zeit gemacht hat, ſein Fortſchreiten auf der end⸗ loſen Bahn ſittlicher und geiſtiger Entwickelung mehr, als wir zur Stunde noch zu verſtehen im Stande ſind, befördern und erleichtern wird.“ „Eben dieſes,“ fiel jetzt Pauline ein, nach⸗ dem ſie Roſalien aufmerkſam zugehört,„hat auch mich in meiner Jugend ſchon mein hoch⸗ geſchätzter Freund, der Pfarrer von Beret, tola, gelehrt, und unter den vielen Denk⸗ zetteln, die er in mein Gebethbuch, mit einem 777. 17 3⁸6⁶ berrlichen Schmucke dasſelbe verſchönernd, einlegte, lautet gleich der erſte alſo:“ „Liebe! was ſorgſt du? Was pflanzeſt du, Liebe! über der Leichname derer, die dir theuer waren, vermodernden Reſten? Sie, deren Gedächtniß zu ehren dein ſchwaches Be⸗ ſtreben bemüht iſt, hat, weit über dieſer Erde, der Herr bekrönt mit unvergänglicher Ehre; denn ihre Werke ſind ihnen nachgefolgt.“ Mit dieſen ſchönen Worten ſchloß ſich unſer heutiges Abendgeſpräch. Dasſelbe war kaum noch beendigt, ſo begann es hoch über uns durch die Wipfel der fünf Brüder und in den nahen Cypreſſen und Pinien zu flüſtern und gelinde zu rauſchen, in Tönen, die wir zu ver⸗ ſtehen wähnten und doch nicht verſtanden. Warſt du es, erhabener Weltgeiſt, der voller Gnade und Huld in ſinnlich vernehmbarer An⸗ deutung uns ſeine Allgegenwart kund that? War es ein leiſer Gruß der Liebe, herge⸗ ſandt von dem Lande jenſeits der Berge, aus Freundesherzen, die nicht müde werden, hoch und warm auch dort für uns Ferne zu ſchlagen? Oder hörten wir Engelsftügel rauſchen, und verklärte Geiſter, den Schußbrief der Unſterb⸗ lichkeit entfaltend, den befreundeten Irdiſchen ihre ewige Dauer verkünden?... Dem Säuſeln ging unmittelbar die Däm⸗ merung zur Seite, und ſchon war, als wir wieder in Palmajola's Schattengänge eintra⸗ ten, im diamantenen Kleide die Nacht am Horizonte herauf gezogen. 15. Die Paulinens⸗Roſe⸗ 24 April. Ich hätte freylich wohl zu manchem Einwurf Luſt; Allein was hülf's am End', als daß ich Euch . betrübte? Wieland. Wie ich Paulinen finde, fragte Gaetano mich dieſen Abend mit etwas bedenklicher Miene, als ich mich an dem Korbe mit Blumen ergetzte, den er, als ein gewerbfleißiger Gärtner, bemüht war, auf ſeinen morgenden Frühgang nach der Stadt zu rüſten und des Feyertages wegen— Hes galt das jährliche Kirchenfeſt in San Miniato — noch mit einigen ausgeſuchtern Stücken aus ſelnen Beeten und Orangen⸗Pflanzungen aus⸗ 389 zuſtatten. Es habe, ſeßte er hinzu, die gute Frau etwas gewaltſam ergriffen: ſie ſehe ihm ſo blaß und entſtellt aus; auch werde ſie von einem Tage zum andern mehr in ſich gekehrt und tiefe⸗ ren Sinnes. Gleichwohl wolle ſie von keinem Uebelbefinden etwas wiſſen und erkläre ſich fort⸗ während, zuweilen mit einem ihm nicht natürlich vorkommenden Lächeln, keines Rathes, noch irgend einer Hülkleiſtung bedürftig. Und als ich ihn zu beruhigen ſuchte, auf Pau⸗ linens Jugend und ihre dem Anſcheine nach recht gute Geſundheit meine Troſtworte gründend, ſo wie auch auf die gerade wegen des frühzeitigen Todes ihrer älteren Schweſter deſto größere Wahr⸗ ſcheinlichkeit und Hoffnung, daß der Herr des Schickſals den guten Tommaſo und ſeine, des alternden Vaters, Tage von nun an mit ähn⸗ lichen, ſchweren Prüfungen huldreich verſchonen werde, ſo ſagte er, er müſſe mir doch im Ver⸗ trauen, und um zu vernehmen, was ich davon hielte, aber ja mir allein, einen ſonderbaren Umſtand eröffnen. Ich möchte dort zwiſchen den beyden Limonien⸗ bäumen an der Vorhalle des Hauſes den Roſen⸗ 390 ſock betrachken, deſſen erſte Blüthe ſich gerabe jetzt ſo wunderſchön färbe und aus einander lege. Seine Schwiegertochter halte große Stücke auf dieſer Pflanze, indem ſie glaube, es ſey eben dieſelbe, welche er an ihrem Hochzeitkage vor ihren und des Bräutigams Augen in die Erde gelegt, und die nun da ſtehe in üppig entfalte⸗ tem Wuchſe, als eine günſtige Vorbedeutung, wie es ihr ſelbſt und dem jungen Weſen ergehen werde, das im Begriffe ſtehe, durch ſie dieſe Welt zu begrüßen. Nun ſey aber dieſer Strauch längſt nicht mehr derſelbe, und die Hochzeitroſe, ohne daß ein ein⸗ ziger Menſch darum wiſſe, bereits zum zweyten Mahle durch eine andere erſetzt worden. Er habe zwar in der Fröhlichkeit jenes feſtlichen Tages es verſucht, eine ſolche Pflanze, und zwar von der Gattung der Immerblühenden, die bald in jedem Erdreiche gedeihen, zu ſetzen, und im Scherze verordnet, daß dieſelbe von nun an den Nahmen der Gefeyerten des Feſtes tragen ſolle; allein zu ſeiner größten Verwunderung habe der Senker, aller angewandten Sorgfalt ungeachtet, ſich nicht nur eines höchſt dürftigen Wachsthumes zu 591 erfreuen gehabt, ſondern auch in kurzem ſich vollends alſo verbildet und zuſammen gekrüppelt, daß ihm als Gärtner, um Paulinen nicht früh⸗ zeitig ihre Freude zu trüben, nichts anderes übrig geblieben ſey, als zur Liſt ſeine Zuflucht zu nehmen und der kränkelnden Pflanze ver⸗ ſtohlener Weiſe eine andere von geſunderem Gewächſe unterzuſchieben. Dieſe im größten Geheim wieder erſtandene Paulinens⸗Roſe nun habe, zu nicht geringer Freude der jungen, auch nicht den leiſeſten Argwohn hegenden Gattinn, nach wenigen Tagen angefangen, kräftig zu treiben und einen erwünſchten Anſchein zum ſchönſten Gedeihen zu geben. Doch unverſehens ſey einſt nächt⸗ licher Weile ein ſchwarzer Pflanzentod zerſtörend an den Stengel der ſich bereits entfärbenden Knoſpe gerathen, und dieſe ſchnell und ohne eine ſichtbare Urſache von jenem Feinde ſo ge⸗ waltſam überflügelt worden, daß ſie ſchon den andern Morgen, gleich einem im letzten Ent⸗ ſchlummern ſich neigenden Haupte, angefangen habe zu ſinken, für ihn ſelbſt aber kaum Zeit genug vorhanden geweſen ſey, um durch eine 392² gewagte Wiederholung des ſchon einmahl ge⸗ lungenen Kunſtgriffs die geliebte Tochter in ihrer für ſie ſo wohlthätigen Täuſchung zu erhalten. 2 Wirklich fahre dieſelbe nun fort, mit Wohl⸗ gefallen, und ohne etwas von dem Vorgange zu ahnden, ihren Blick auf jenes dritte Gewächs, in deſſen erſter Blume gleichſam ihre eigene, füßeſte Hoffnung erblühe, gerichtet zu halten. Was ihn betreffe, ſo gehöre er, wie ich wiſſe, keinesweges zu den Abergläubiſchen; gleichwohl müffe es ihn, als einen in ſeinem Berufe er⸗ grauelen Gärtner, befremden, daß unter ſo vielen Ablegern, die er bis jetzt eingeſenkt, die Natur gerade dieſem das Gedeihen verſagt habe. Es komme ihm vor, als hätte....— Hier trat Paulina ein mit der von ihr unzer⸗ trennlichen Kleinen. Sie kam von Fieſole her⸗ wo ſie am Jahrmarkte einige ihrer Strohhüte, als eine bekannte, ſehr vorzügliche Arbeit, mit leichter Mühe und bedeutendem Vortheike verkauft hatte. S Der erſte Gegenſtand, welcher ihr liebevolles Auge auf ſich zog, war ihr Vater, der zweyte 595 der verhängnißvolle Roſenſtrauch; und ſehr merklich ſah man ihr Angeſicht ſich erheitern, als die Abendſonne, den ſchon duftenden Erſt⸗ ling ihres Lieblingsgewächſes über ſtrahlend noch einmahl zwiſchen den Maulbeerzweigen und Rebengehängen hindurch brach. Ob ich wiſſe, fragte ſie lächelnd, was die ſchöne Roſe bedeute. Wer hätte ſie einem ſo beſeligenden Wahne entreißen mögen?... — 14. Einladung nach Suͤden. 25 April. Ob wir dein gedenken, du Freundliche? Ja, es umſchwebet Deine ſüße Geſtalt, ach! der entfernten, . uns ſtets. Boß. Scon öfters, geliebte Conſtantia, haben wir in Quiete's nunmehr auch dir bekannten Gar⸗ kenrevieren die allmählige Verwandlung des heißen Tages in eine erfriſchende Sternennacht abgewartet; ſchon mehr als einen reizenden Frühlings⸗, ich möchte ſagen, Sommerabend — denn um volle fünf Wochen iſt dieß Jahr ehne gleichen dem gewöhnlichen Gange der Zeiten zuvor geeilt— in ſchweſterlicher, uns 5395 in die Nähe befreundeter und der Sinnenwelt längſt nicht mehr angehöriger Weſen hinzau⸗ bernden Unterhaltung beſchloſſen. Fantaſie und Geiſt finden hier die ausge⸗ ſuchteſte Nahrung, und Gefkühle der ſanfteſten Art erwärmen das Gemüth bey der Betrach⸗ kung des feyerlich anmuthigen Charakters, der in ſolchen Toſcaniſchen Abendgemählden ſich in eben ſo gefälligen als mannigfaltigen Formen zur Schau legt. Zu uns denn, Freundinn meines Herzens, hinweg über den ſcheidenden Rhein und die Felſenbollwerke der Alpen, zu uns hin, nach dieſem milden, das Herz ſo ſanft anregenden Süden! Sie würden auch deinen ganzen Sinn und dein Gemüth angenehm rühren dieſe mancher⸗ ley Gartenzierathen, kräftig und einfach empor gewachſen aus nimmer erblaſſendem Grün, dieſe Klagelieder Philomelens um die, welche nicht mehr find, dieſer Silberquellen und Springwaſſer heimliches Rauſchen und Plät⸗ ſchern. Zwiſchenein des Grillchens eintöniger Ruf; dazu die ſchimmernden Orangen⸗ und 596 Limonienblüthen, deren Balſam die Atmoſphäre erfüllt, und ſo früh ſchon die goldene Fülle älterer, die neuen Hoffnungen gleichſam ver⸗ drängenden Früchte. Aus der Ferne der ernſte Chorgeſang, der, von lang gezogenen Orgel⸗ tönen begleitet, aus dem Stiftstempel ver⸗ hallend heran tönt, die laue Luft, die der Zephyr hier freundlicher fächelt, des Firma⸗ mentes dunkleres Blau, ſeine ungewohnte, das Herz mit ſtärkerer Sehnſucht nach dem, was dort oben iſt, durchdringende Klarheit, und mehr noch wie dieſe Erſcheinungen alle, als der Unſterblichkeit ſprechendeſtes, dem ahn⸗ dungsvollen Gemüthe wunderſam zuſagendes Sinnbild, der Glühwürmer, welche über den nahen Verweſungsſtätten die ſchönſten Stun⸗ den ihres erſten und einzigen Lebensjahres verflattern, allnächtliches Lichtſpiel. Dieſes Blendwerk ganz eigener Art, wel⸗ ches der Rordländer nicht kennt, und das peine Einbildungskraft nachſchafft, ich kann es, geliebte Conſtantia, ſchwerlich und möchte dennoch ſo gern dir ſolches beſchreiben. 397 Wie aufwallende Blitze ſiehſt du das Licht⸗ geflimmer unverſehens empor lodern von dem Dunkel der Grüfte. Doch nur einen Augen⸗ blick dauert dieſer Glanz, der dem Schatten⸗ thale entſteiget. Denn alſobald fangen jetzt die Gräber ſelbſt an zu erglühen von dem blendenden Scheine und ſind mit Einmahl nicht mehr mit dem Grün der Natur und der Dämmerung kaum halb durchſichtigem Schleyer, ſie ſind mit einem flammenden, das Auge er⸗ greifenden Feuer bekleidet. Aber ſo wenig, als dort in der Höhe, hat hier in der Tiefe die wunderbare Glanzerſcheinung ein Bleiben. Schnell haben in regelloſen Schwingungen die Lichtträger ohne Zahl, unter beſtändigem Wechſel von Helle und Schatten, ſich hinauf gewirbelt zu den Kronen der Steineichen und Pinien, und noch hoöher empor in die Räume des Himmels, als wollten ſie von dort herab die Nacht in der Tiefe und ihr ſich immer mehr verſtärkendes Gefolge bekämpfen. Und wirklich hat, eh' du dich deſſen verſiehſt, das geflügelte Heer, in raſtloſem Treiben, ſich zum zweyten Mahle auf den Raſenkeppich 598 des Gottesackers nieder geworfen und gelagert, um, wie du wähnſt, daſelbſt zu verbleiben. Doch nein, es iſt auch jetzt nur, um den Saum der Todtenhügel nochmahls mit flüch⸗ tiger Lippe zu küſſen und alsdann ſchneller, als das Auge zu folgen im Stande iſt, als ein Licht, das zum Lichte zurück kehrt, Fun⸗ ken ſprühend und weit und breit ſeinen Schimmer ergießend, in den Aether zu ver⸗ ſchweben. 1 O daß denn dein Ohr ihn vernähme, ge⸗ liebte Conſtantia, den lockenden Ruf deiner durch unermeßliche Weiten von dir und den Deinigen geſchiedenen Freundinn! Daß du in ſolch' einer Dämmerſtunde zu uns herüber ſchwebteſt, gleich einem Beſuche aus anderen Welten, die wir nicht kennen und die dennoch vorhanden ſind, mit der Liebe geflügelter, jedes Hinderniß verlachender Eile! Daß du einträteſt in Quiete’'s kühlen Cypreſſenhain, an dieß unſer erwähltes Plähchen, von dem ich dir jüngſt ſchrieb, gleichſam an die Scheide⸗ ſätte zwiſchen Leben und Tod, zwiſchen ob⸗ gethanen und noch zu vollendenden Tagewerken, 399 an den wichtigen Grenzpunct, wo das Land der Mühſale aufhört, und der Ruhe ſtillere Gründe, in gleich erfreulicher Erſcheinung für Herz und Auge, ſich aufthun! . 15 Vorempfindungen der Zukunft. Die Anſprache aus jener Welt. Jahresfeyer von Paulinens Hochzeittag. 26 April. Wo wandelſt du nun? Selige Erſcheinung, Kommſt du, wenn mein Blick einß bricht, Mich heim zu holen? v. Herder. Was ſoll ich mehr an Paulinen bewundern, ihr zartes Zuvorkommen und ihre Milde gegen einen Vater, der allmählich anfängt, mit ſin⸗ kenden Kräften wider die Anfechtungen des höheren Alters zu kämpfen, oder jene uner⸗ ſchöpfliche Liebe, womit ſie ihren Gatten und in Eleonorens Freudengeſtalt die wieder er⸗ ——— — 4⁰¹1 ſandene Maria umfaßt hält? Und was iſt ſchöner an ihr, der durch und durch ſie beſeelende, einfach fromme Sinn und jenes fortgeſetzte Beſtreben, bey ſich und Andern durch ihr äußeres Seyn Frieden und Ruhe über das innere Leben zu verbreiken, oder die Treue, womit ſie ihren die Bewohnerinnen des Arno⸗Thales ſo reichlich nährenden Beruf übt, und die Sorgfalt und Mühe, die ſie täglich verwendet, um auch das feine Auge und die gelehrigen Fingerchen der Kleinen für die Kunſtfertigkeiten des Stroh⸗ flechtens zu bilden und ſie, als ihre Nachfol⸗ gerinn in dieſen Geſchäften, in die Geheimniſſe des ſtillen Haushaltes der Seidenwürmer, für deren Pflege ſie ſelbſt eine beſondere Vorliebe hegt, einzuweihn? Dieſe Vorzüge, in Verbindung mit manchen andern, deren früher ſchon dieſe Blätter er⸗ wähnten, ſtempeln ſie, wenn auch ihr Wir⸗ kungskreis ein für alle Mahl auf die Abge⸗ ſchiedenheit einer ländlichen Wohnung und deren beſcheidene Umgebung beſchränkt bleibt, zu einem ungemein achtungswerthen und lie⸗ benswürdigen Weſen, das ſich unter mehr als 4⁰² einem Titel über die Mittellinie des weiblichen Geſchlechtes bedeutend empor hebt und auch für höhere und größere Dinge, als die Sphäre eines bloßen Landlebens und einer ſo nahe, wie die von Palmajola, zuſammen gehenden Feldwirthſchaft, Sinn und Geſchick hat. Was indeß bey ſo mannigfachen Tugenden einen ganz eigenen, mir einiger Maßen auf⸗ fallenden Zug in Paulinens Charakter aus⸗ macht, iſt ein über ihre Perſon verbreiteter, zwar ganz ruhiger Ernſt, eine ihrem Alter gleichſam zuvor eilende Geſetztheit und die be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit, welche ſie auf dasjenige gerichtet hält, was die Sinnenwelt in ihren Erſcheinungen Ungewohnteres, dem Anſcheine nach Wunderbares, mit ſich führt. Hierzu geſellt ſich eine vorherrſchende Nei⸗ gung, mit der ſie jetzt ſchon am liebſten von Gegenſtänden ſpricht, und das jugendliche Ge⸗ müth mit Dingen beſchäftigt, zu denen in der Regel erſt das vorgerücktere Alter mit ſtärkerem Zuge und durch ergreifendere Mahnungen hin⸗ zieht; ſo wie auch ein Hang für Vorbedeutungen, den ſie keineswegs zu verhehlen ſucht, und der 403 mit zu den Unerklärlichkeiten des menſchlichen Gemüthes gehört, an ihrer Perſon aber wegen ihres übrigens ſehr richtigen und hellſehenden Verſtandes noch unbegreiflicher wird. 27 April. Paulina iſt dieſe Tage her nicht mehr ſo munter und auch zum Sprechen, ſo gern ſie ſonſt Geſpräche entweder ſelbſt anknüpft oder an ſchon beſtehenden Unterhaltungen Theil nimmt, ungleich weniger als früherhin aufge⸗ legt; ja ſelbſt das Werk ihrer Hände ſcheint ſie, ſonſt der Arbeit erklärteſte Freundinn, zu⸗ weilen minder emſig, was ſie zwar nicht ein⸗ geſtehn will, zu betreiben..... Dabey ſchwebt ihr der Gedanke an die verklärte Schwe⸗ ſter immer lebhafter und unabläſſiger vor der Seele. Ihrer hört man ſeit einigen Wochen ſie täglich— denn von nichts ſpricht ſie lieber — erwähnen. Sie redet mit Rührung von ihr, als von einer vertrauten Freundinn, deren Umgang ſie auf kurze Zeit nur entbehre, und 4⁰4 gleichſam als von einer Mittelsperſon zwiſchen ihr ſelbſt und dem Himmel. Bald will es gar nicht mehr von ihr weichen, das freundliche Bild; es ſteht ihr während ihres Tagewerkes zur Seite bis zum ſinkenden Abend, ſchwebt ihr vor in des Traumes magiſcher Fär⸗ bung, und erneuert ſich wieder in der Morgen⸗ dämmerung roſigem Scheine. Mit dieſen Vorſtellungen iſt auch die ſtäte Erinnerung an Mariens irdiſches Schickſal aufs engſte verbunden; dieſer Gedanke aber und mit ihm die Ahndung eines auch ihr bevor ſtehenden, ähnlichen Looſes tritt in ihrer Seele immer klärer hervor, je näher jener bald gehoffte, bald gefürchtete Zeitpunct, der wichtigſte von allen, die ihr noch bevor ſtehn mögen, heran rückt. 3 Dem guten Tommaſo, der, zumahl in dieſen Tagen, ausſchließlich ſeiner Gattinn und den ſchönen Hoffnungen lebt, die durch ſie ihrer Erfüllung ſich nähern, erweckt dieß alles die größte und um ſo gerechtere Beſorgniß, da alle ſeine Bemühungen, den Vorſtellungen ſeiner Gattinn eine andere Richtung zu geben 4⁰⁵ und manche derſelben für bloße Einbildungen gelten zu machen, umſonſt ſind. 28 April⸗ Noch nie hat Paulina jenen Hauptgedanken, der ſie immer anhaltender beſchäftigt, ſo klar und beſtimmt gegen mich ausgeſprochen, wie heute. Es hatte, zu nicht geringer Freude der hieſigen Landbauer, in der abgewichenen Nacht ein paar Stunden geregnet. Ein ſolcher Regen in trockener Jahrszeit erneuert die ganze Natur und mahlt Bäume und Fluren mit einem über⸗ aus reizenden Glanzgrün. Auch Tommaſo hatte dieſe ſeinen Pflanzen und Gartengewächſen be⸗ ſcherte Erfriſchung dazu benutzt, ſeine auser⸗ leſenſten Stücke auf den Blumen⸗Frühmarkt nach der Stadt hin zu tragen. Ihn begleitete ſein alter, getreuer Gehülfe, und an beyde hatte in traulichem Bereine auch Eleonora ſich angeſchloſſen; denn wo der Greis geht, da wandelt auch das unmündige Kind gern, und groß war ohnedem längſt ihr Verlangen ge⸗ 406 1 weſen, mit ihrem neuen Strohhute, dieſer erſten Schöpfung ihrer regſamen Händchen, einmahl in die Welt zu treten. Am frühen Morgen war demnach Paulina ganz allein in ihrem Gute beſchäftigt, die Blät⸗ ker der Maulbeerbäume, ihrer Seidenwürmer heutiges Futter, zu pflücken und mit aller der Genauigkeit, die dieſer Zweig des Gewerb⸗ fleißes erfordert, zu reinigen und zu trocknen. Sie hieß mich, als ich zu ihr herunter kam, dießmahl beſonders willkommen. Was ſie, fagte ſie dann bald, ihrem Gatten ſchon mehr als einmahl habe offenbaren wollen, worüber er ihr aber nie kein Gehör gegeben, und eine Beſorg⸗ niß, durch deren Mittheilung ſie die heitere Stirne des ihr ſo ſehr zugethanen Vaters nicht habe verdüſtern mögen, das müſſe ſie, dazu fühle ſie ſich in ihrem Innern gemahnt und gedrungen, doch wenigſtens Einem menſch⸗ lichen Weſen entdecken. Sien wolle, jetzt da wir uns gerade allein befänden, ſolches mit vollem Zutrauen gegen mich thun. Sie ſey nähmlich, was auch ihre anſchei⸗ nend blühende Geſundheit ſowohl als Tom⸗ 4⁰⁷ maſo's Unglaube dawider einwenden mögen, je länger je feſter überzeugt, daß ſie ihre Nieder⸗ kunft nicht überleben und Marien, ſo wie in ihren Lebensſchickſalen allen, alſo auch in ihrem frühzeitigen Scheiden von dieſer Welt ungeſäumt folgen werde. Nicht bloß trage ſie hiervon für ſich ſelbſt eine gewiſſe, nimmer weichende Vorempfindung in ihrem Gemüthe, die ſie nicht näher zu beſchreiben vermöge, ſondern es ſey ihr auch aus höhern Welten Maria ſelbſt ſchon zu wiederholten Mahlen im Traume erſchienen, um ihr jenes ihr nahe bevor ſtehende Schickſal kund zu thun. Am deutlichſten und kennbarſten habe die Schweſter in der letzt verfloſſenen Nacht vor ihr geſtan⸗ den, voll lieblichen Weſens und als von ei⸗ nem Heiligenſcheine der Himmelsbewohner um⸗ ſtrahlet, „Betrachte,“ ſo, meinte Tommaſo's Gattinn, habe Maria geſprochen,„betrachte mich, ge⸗ liebteſte Schweſter, nicht mit betrübtem Sinne und thränenden Augen, gönne ſie mir viel⸗ mehr, dieſe Wonne des Himmels! Der Tod hat umſonſt ſeine Pfeile nach mir geſchleudert; 4⁰⁸ ich lebe dennoch, aber ein unſterbliches Leben, dem euer irdiſches Daſeyn lange, lange nicht gleich kommt. Mir iſt unausſprechlich wohl; meinen Geiſt erhellet eine freudige Klarheit, und mit beſeligender Ruhe blicke ich aus dieſem meinem bleibenden Vaterlande zurück auf die Wandelſitze euerer irdiſchen Welt.“ Wenn ich nicht wenig erſtaunte, Paulinen alſo ſprechen zu hören, ſo mußte meine Ver⸗ wunderung noch höher ſteigen, als ſie in ganz ungekünſtelter Rede und mit dem Tone der reinſten Wahrheit noch weiter hinzu ſetzte: Mitten in dem erzählenden Traume, und bevor die Schweſter aus jener Welt ihre hold⸗ ſelige Anſprache vollendet habe, ſey ſie an dem letzten Stundenrufe des wachhabenden Nachbars und an dem Bohren des Wurmes in dem Täfelwerke ihrer Schlafkammer, das man in Toscana gemeiniglich die Todtenuhr nennt, plötzlich aufgewacht und eine Weile mit dem unterbrochenen, lieblichen Traumgeſichte und mancherley Vermuthungen in Betreff anderer Mittheilungen, die ihr Maria noch habe machen wollen, beſchäftigt geweſen. Ueber ſolchen 409 1 Gedanken habe ein Frühſchlummer ſie neuer⸗ dings ſanft überwältigt; alsdann ſey das be⸗ freundete Weſen nochmahls, wo möglich noc⸗ in einnehmenderer Geſtalt, als bey ſeinem er⸗ ſten Erſcheinen, vor ſie hingeſchwebt und habe ihr in gelaſſener Rede verkündet, auch ſie werde binnen weniger Zeit ſich in ſchönere Gärten, als die, welche Palmaiola umgrünen, verſett ſehn; ſolches ſey der Wille des Herrn, deſſen Engel einſt ihr die Thränen von den Wangen getrocknet habe und auch ihre, der Schweſter, Trauer bald in nimmer weichende Freude verwandeln werde. Da indeß irdiſche Weſen nicht umhin können, zu klagen und zu trauern, wenn liebe Ihrige aus ihren um⸗ gebungen ſcheiden, ſo werde auch durch ihren Heimgang der gute Tommaſo von neuem in Gefühle des herbeſten Schmerzes und in tiefen Gram hinſinken; ſie ſelbſt möchte daher, ehe die von Palmajola ſie abrufende Stunde ertöne, für Eleonoren ſorgen und die Schweſter in Berettola berichten, daß ſie das Kind als ſeine 4 dritte Mutter zu ſich aufnehme und unter dem 777. 18 410 Schirm und Schutze ihrer Liebe verwahrt behalte, bis Tommaſo's Antlitz ſich wieder er⸗ heitert, und ſein Gemüth ſich zu frohern Re⸗ gungen und Anſichten geſammelt haben werde. So ſprach, als redete ſie aus Mariens ei⸗ genem Munde, Paulina, nachdenkend und voll feſten Glaubens an die Kundmachung aus dem Lande jenſeits der Gruft. Und als ich verſuchte, ihren Beſorgniſſen und ihrem Glau⸗ ben ihre eigene Jugend, eine bis zur Stunde unangefochtene Geſundheit, die Unzuverläſſig⸗ keit der Träume und Traumbilder überhaupt, ſo wie auch die Unwahrſcheinlichkeit entgegen zu ſetzen, daß Gottes Gerichte ſich ſo bald wieder und ſo furchtbar über den ſchon früher⸗ hin ſchwer geprüften Tommaſo erneuern werden: ſo wiederholte ſie nochmahls, daß ſie alles, was ſie da mir erzähle, als im geſundeſten Zuſtande des Wachens geſehn und Mariens Worte deutlich gehört habe, ſo deutlich, als in dieſem Augenblicke die Töne meiner eigenen Rede. „Was wollen Sie,“ ſetzte ſie dann noch 41¹¹⁷ gelaſſen hinzu,„was wollen Sie, Liebe? Der dort oben iſt es, welcher gebiethet*)“ „Helfen Sie aber, das bitte ich Sie drin⸗ gend, mit dafür ſorgen, daß Eleonoren alſo geſchehe, wie mein Herz wünſcht, und wie die Schweſter in jener Welt ſolches gerathen hat.“ 36 April. In Palmajola's Mauern iſt geſtern der erſta Jahrestag von Paulinens Hochzeitfeyer nach hieſiger Landesſitte, unter feſtlicher Theilnahme der Jugendgenoſſen und der Freunde und Freundinnen des vielgeliebten Ehepaares, mit großem Jubel begangen worden. Schon in der Frühe des Tages hatte die fromme Gattinn ſich mit ihrem Geliebten nach der Stiftskirche von Quiete begeben, um in dieſem Heiligthume dem Höchſten mit gerührtem Herzen ihre Dankgelübde zu entrichten. Auch der alte Vater und ſeine unmündige, von ihm *) Cara mia, che vuole?, è quello là su, che commanda. 41² unzertrennliche Gefährtinn, ſo ſtattlich heraus gepußt, als ihr kleiner Reichthum an Schmuck und Kleidungsſtücken es zuließ, wohnten der Frühmeſſe mit bey. Theilnehmend hatte auch Paulinens Geſpiel⸗ ſchaft, vormahls die Vertrauten ihrer jugend⸗ lichen Herzensangelegenheiten, nicht weniger als die jungen Männer von Caſtellino und aus der Umgegend, ſich zur Feyer des Familien⸗ feſtes erſt in dem Tempel und alsdann, die geiſtlichen Formen ſchnell wieder an das, was der Welt iſt, vertauſchend, in der Villa Pal⸗ majola zuſammen gefunden. In dieſer ſah man nach der Rückkehr von der Gott geweiheten Stätte das Panier der Freude und des harmloſeſten Vergnügens auf⸗ geſteckt. Ein ländliches Frühſtück, ſo einfach und mäßig, als es hier zu Lande die allge⸗ meine, von unſeren nordiſchen Gebräuchen nicht wenig abſtechende Sitte gebiethet, fand ſich in des Hauſes luftiger, eine liebliche Fernſicht nach dem wohlgeordneten Garten und einem Theil des üppig bewachſenen Podere gewähren⸗ der Vorhalle bereitet. —„ Unſchuldiger Frohſinn und gutmüthiger, wenn auch etwas lebhafter Scherz führte bey demſelben den Vorſiß. Der junge Ehemann war der Zielpunct der Wißworte ſeiner nicht viel ältern, ihm wohlvertrauten Gäſte, und ihm und Paulinen zuſammen galten die Ge⸗ ſänge, welche von Zeit zu Zeit, einen nicht nnangenehmen Wechſel in die Unterhaltung hinein bringend, erſchallten. Auch wir Fremd⸗ linge, als dieſer Zeit zu den Bewohnern von Palmajola gehorig, waren mit zu dem kleinen Feſte geladen und fanden uns unter ſo höflichen und geſitteten Menſchen gar füglich zurecht. Uns verſchafften zumahl jene Lieder voll wunder⸗ ſamen Wohlklanges der Worte und Weiſen un⸗ gemein viel Vergnügen; allen insgeſammt aber ſchwand der Morgen eilig dahin, und erſt um den Mittag endete die Jahresfeyer der Ver⸗ lobung nach Landesbrauch damit, daß die ſämmt⸗ lichen Geladenen nochmahls, was ſie am Hoch⸗ zeittage ſelbſt zu thun pflegen, die ganze Aus⸗ ſtattung der Spoſina, wie ſie in traulicher Redensart Paulinen immerfort nannten, ſo wie ihr dieſelbe vom väterlichen Hauſe aus war 4¹4 zugetheilt worden und größtentheils noch un⸗ berührt in den Schubladen und Schränken lag, in Augenſchein nahmen und unter mancherley zuſtigen Worten und Schwänken lückweiſe durchmuſterten. Das letzte der Behältniſſe, welches die ſittſame Gattinn zu eröffnen zau⸗ derte, werde, meinte die ſämmtliche Männerſchar, nun auch nicht lange mehr verſchloſſen bleiben. Paulinen allein war ſeit ihrer Zurückkunft aus der Kirche unter der allgemeinen Fröhlich⸗ keit etwas ernſter zu Muthe. Zwar blieb ſie auch heute, ihrer Natur getreu, gegen alle Anweſende die Gefälligkeit ſelbſt und wie jeder⸗ zeit, ſo auch bey dieſem feſtlichen Anlaſſe die Seele der Wirthſchaft; aber gleichwohl ſchien ein ihre Stirne umſchwebendes, kaum bemerk⸗ bares Wölkchen mit der hellen, Palmajola's Mauern heute aufgegangenen Sonne der Freude gewiſſer Maßen im Kampfe zu liegen. Das junge, fröhliche Volk ſchrieb ſolches auf Rechnung ihrer in der Regel mehr in ſich ſelbſt gekehrten, nachdenkendern Gemüthsart. Wer aber etwas tiefer blickte oder, wie ſolches mein Fall war, um die Sache des Nähern ⸗ —,— 4¹⁵ wußte, ſah wohl ein, daß auch die heutige ernſtere Stimmung mit Paulinens übriger Gedankenreihe in der engſten Verbindung ſtand. 4¹6 16. Ihr Abſchied von dieſer Welt. 19 May. Liebend blickte die ſterbende Tochter den ſtummen Vater An und drückt' ihm die Hand.„Vater, ich bin nicht mehr!s Sprach ſie: Zarte Thränen bedeckten ihr brechen⸗ des Auge, und den weinenden Blick ſchloß die verhüt⸗ lende Nacht. Griechiſche Antholbgie. Paulina, die gute, liebende und hinwieder von Jungen und Alten mit eitel Liebe um⸗ fangene Paulina hat Worte der Wahrheit ge⸗ redet. Kaum iſt ſie nach gewaltſamer Anſtren⸗ gung und langwierigem Schweben zwiſchen Hoffnung und Furcht der erſten, wie es An⸗ — 4¹⁷ fangs ſchien, geſunden Frucht ihrer Liebe, die⸗ ſer Krone ihrer irdiſchen Wünſche, geneſen; ſo fangen auch ſchon die Heerſcharen des Todes an, gegen das Freuden⸗ und Schmerzensbett der jungen Mutter zu Felde zu ziehn. Schon am zweyten Tage nach ihrer zuletzt noch über Erwarten ſehnell und glücklich er⸗ feolgten Entbindung ſtellte ſich eine verzehrende Hitze ein, verbunden mit heftigem Schmerz in der Seite, der die Wöchnerinn bald und Trotz der Hoffnungsbilder, die Tommaſo's ge⸗ treue Anhänglichkeit ihr vorzuhalten unabläſſig bemüht war, in der längſt vorgefaßten und mehrmahls gegen mich ausgeſprochenen Ueber⸗ zeugung, daß ſie von dieſem ihrem Kranken⸗ lager nicht mehr erſtehen werde, beſtärkte. Unerklärlicher Weiſe, ja eigentlich wunder⸗ bar, begann es ſich in eben dem Augenblicke, da die Gluth des Fiebers anfing, ihre Wangen zu überfliegen, auch in der noch unentwickelten Form des Kleinen gar unruhig zu regen und das zarte Körperchen in eine Art von allge⸗ meiner Gährung zu gerathen, die man bald in einen Zuſtand, ähnlich demjenigen, welches die 418 Mutter dahin raffte, und zuletzt in einen Schlag⸗ fluß ausarten ſah, unter deſſen Drucke die feine, ihrem irdiſchen Daſeyn kaum gegebene Hülle vor thränenden Augen und beklommenen Herzen, doch ohne daß die Mutter von dem Unglücke wußte, nach wenigen Stunden in Todeserſtarrung dahin ſank. Der Kampf von Paulinens jugendlicher, dem Naturgeſetze gemäß ſich der Trennung von dem Leben mit allen ihr zu Gebothe ſtehenden Kräf⸗ ten entgegen ſtämmenden Natur wider die mit jeder Seunde ſich verſtärkende Uebergewalt der Krankheit war höchſt peinlich zu ſchauen. Ein deſto wohlthuenderes Gefühl erweckte der Muth und die Ergebung in den göttlichen Willen, womit die Kranke, ungeachtet eines mit jedem Tage lebendiger werdenden Bewußtſeyns, daß für dieſes Leben keine Rettung mehr für ſie möglich ſey, ihre Leiden beſtand und, die Gewißheit des Himmels in Antliz und Auge, die immer mehr überhand nehmenden Schmer⸗ zen erduldete. Daß der Kleine ihr voraus gegangen ſey, als Herold ihres eigenen Triumphes, ihr den 419 Siegesweg mit Blumen und Palmzweigen der Unſterblichkeit zu beſtreuen, das ahndete ſie nicht, noch hat ſie ſolches diesſeits des Grabes erfahren; durch ausweichende Antworten wuß⸗ ten die Ihrigen das betrübende Ereigniß fort⸗ während vor ihr verborgen zu halten. Die Krankheit der jungen Mutter blieb, nachdem ſie ſchnell einen ſehr gefährlichen Grad erreicht hatte, ungefähr zwey Tage dieſelbe. Fieberſchauer, bald ſtärker, bald ſchwächer, wechſelten mit äußerſter Abſpannung und Er⸗ mattung; und wer, wie wir Schweſtern, das Ziel abſehn konnte und aus der Dulderinn eigenen Geſprächen wußte, weſſen ſie ſelbſt ſich ſeit geraumer Zeit, ſo zu ſagen mit Gewißheit, verſehn hatte, dem blutete das Herz bey dem Hinſchauen auf den ſeiner Hoffnung noch im⸗ mer nicht enrſagenden Tommaſo, auf den einem ſich ſchnell verdunkelnden Sterne nach wie vor vertrauenden Vater und auf die holde Eleo⸗ nora, welche, beſorglich zwar und zu jeder Hülfleiſtung mit Seele und Leib in Bereitſchaft, jedoch nicht wiſſend, was Tod ſey, noch in welch großer Gefahr die liebe Mutter jetzt 420 ſchwebe, und was für ein harker Schlag ihr ſelbſt ſo nahe bevor ſtehe, an dem Bette der Kranken verweilte. Rührend war es inzwiſchen, unter ſolchen Trauerſcenen zu hören, wie Paulina in den hellern und ſchmerzloſen Zwiſchenräumen ihres Krankenlagers ſich bey vollkommener Ruhe des Gemüthes mit ihrem geliebten Tommaſo unter⸗ hielt und beſchäftigte. „Ich denken— ſo hörten wir ſie noch kürz⸗ lich ſich gegen ihn äußern—„ich denke zwar gern, ja ſogar mit Freuden, an jene Welt, die, auch ohne Gottes nähere Gegenwart, ſchon reich genug für mich iſt an lieben, vor mir in ſie eingegangenen, himmliſchen Seelen; gleichwohl kommt es mich ſchwer, unendlich ſchwer an, jetzt ſchon von dir, mein Lieber, zu ſcheiden. Wie ſollte dieß anders ſeyn kön⸗ nen, nachdem ich ſo ſelige Tage mit dir ver⸗ lebt habe? Allein murren und mich aufleh⸗ nen wider des Allmächtigen Rathſchluß, das werde ich nimmermehr. Du wirſt, lieber Tommaſo, ich weiß es, dein Schickſal mit männlichem Muthe ertragen und eben die Ruhe 421 und den Gott ergebenen Sinn, welchen du ſelbſt mir eingeflößt, auch in deinem Gemüthe feſt zu halten bemüht ſeyn.“ „Mögeſt du mich immer recht lieb behalten! Ich hinwieder werde, mit Marien von neuem vereinigt, ſtets um dich ſeyn und um deinen friedlichen Haushalt. Alle deine Sorge um mich übertrage von nun an auf den Sohn unſerer Liebe. Dadurch, daß Gott dir dieſen geſchenkt hat, fühle ich in der Stunde des Scheidens mein Herz nicht wenig erleichtert. Der Knabe wird deine Freude und dein Troſt werden und durch das Leben dein treuer Begleiter.“ „Du ſelbſt ſchließe dich immer näher und enger an den biedern Gaetano an und werde nicht müde, dich an ſeine Treue zu halten. Er meint es gut und herzlich mit dir; auch ich habe ihn ſo lieb gewonnen, wie meine eigenen Aeltern. Die Sorge für Eleonoren bitte ich dich für einmahl, und bis der Vater im Himmel auf andern Wegen für dich geſorgt haben wird, meiner Schweſter in Berettola zu überlaſſen, die das Kind ungemein lieb hat.“ 4²² „Ihr ſage noch beſonders, ſie folle nicht müde werden, auf Gott zu vertrauen. Seine Leitung ſey es geweſen, daß ſie die Erſchei⸗ nung aus fernem Lande, den Jüngling von reinem Herzen, redlichem Gemüthe und zarter Anhänglichkeit an die ihm befreundeten Seelen, der ihr Herz, ſo wie ſie das ſeinige, gefangen genommen, habe erblicken müſſen. Seine Weisheit werde ihnen, Trotz der jetzt noch vorwaltenden Hinderniſſe, an das gewünſchte Ziel zu verhelfen wiſſen. Treue Liebe über⸗ winde zulett alles, und was der diesjährige Sommer noch beharrlich verweigere, das bringe vielleicht, unerwarteter Weiſe, ſchon der nächſt künftige Frühling zur frohen Ent⸗ wickelung.“ „Auch unſerer braven alten Hausgenoſſinn zu Berettola aus vollem Herzen noch dieſen leßzten Gruß von zmir und den Wunſch, daß ſie bald von ihrer langwierigen Krankheit ge⸗ neſe! Doch wenn auch der Herr anders über ſie gebiethen ſollte, ſo dürfe ſie nicht erſchrecken; ſie zähle ja dort der lieben Bekannten ſchon diele.“⸗ ⸗ 423 So redete Paulina in ihren lichten Momenken. Aber auch das Fieber in ſeinen Irrbildern führte, wie die geſunde Fantaſie, immer wie⸗ der bald den Gatten ihr vor, bald die Schwe⸗ ſter aus jener Welt, bald den Neugeborenen, von dem ſie fortwährend nicht wußte, daß er ſchon eingegangen ſey in das Land der Ver⸗ klärung, um auch ihr einen Ort zu bereiten, und daß er dort ihrer ſchon harre mit heller ſe⸗ hendem Auge und klärerm Bewußtſeyn. Geſtern gegen Abend begannen ihre Vor⸗ ſtellungen allmählich in eine allgemeine Ver⸗ wirrung zu zerfließen und die Gegenwart ſich ihren Augen ganz und gar zu entrücken. Die Leibesſchmerzen hatten ſich ſchon ſeit einiger Zeit zum Ziele gelegt. Auf die letzten Fieber⸗ zuckungen folgte noch ein ſehr ſanfter Schlum⸗ mer. Während desſelben ſchien Tommaſo's Geſtalt und des greiſen Vaters Bild ihr un⸗ abläſſig vor der Seele zu ſchweben.„Lieber Tommaſo!“ ſagte ſie gegen Morgen mit ſchon halb geſchloſſenen Augen; und bald darauf: „Lieber Vater!“ Das freundliche Wort war unmittelbar vom 7 424 Ziele geſprochen und vollbracht in eben dem Augenblicke, früh zwiſchen drey und vier Uhr, die Trennung zwiſchen der Hülle von Erde und Staub und der himmelwärts ſtrebenden Seele. 425 17. Ihr Grab auf dem Kirchhofe zu Caſtellino. 21 May. Sammle Cypreſſen, daß des Trauerlaubes Kränz' ich winde, du dann auf dieſe Kränze Mitgeweinte Tbränen zur ernſten Feyer Schweſterlich windeſt. — Klopſtock. Morgens um acht uUhr. Tommaſino— ſo ſollte nach Paulinens Wunſche der Neugeborene heißen— ſchlummert in der Vorhalle des älterlichen Hauſes und am Ein⸗ und Ausgange ſeines Erdelebens, unter Blü⸗ thendüften, ſchwellenden Knospen und ſchon reifenden Früchten. Ein Bogen von wilden . Orangen, deren dunkles Glanzlaub des Groß⸗ 4²26 vaters vieljähriger Fleiß alſo gezogen und ge⸗ wölbt hat, hält den ſanft Eingeſchlummerten in ſeiner ſchattigen Huth. Er hat ihn nicht an⸗ klopfen hören, den Bothen des Todes, und konnte es, der Glückſelige! nicht ahnden, welch nahmenloſer Jammer gleich die erſten Stunden ſeines Welteintrittes bezeichne! Paulina aber, mit geſchloſſenen Augen und verſtummeter Lippe, liegt, die Hände fromm, wie ſie im Leben war, über der Bruſt zuſammen gefaltet, und die Ruhe des Gewiſſens auf Antlitz und Stirne, in der Dorfkirche zu Caſtellino im Sarge. Um eilf uhr, Schluchzend und mit ſanfter Wehklage treten ihre Freundinnen in Palmajola ein, um das Kind, deſſen Geburt die Verſtorbene, ob zwar auf kurze Zeit, doch einmahl auf den Gipfel der höchſten Glückſeligkeit empor hob, in das grün und weiße Gewand der Hoffnung und Un⸗ ſchuld zu kleiden und es hinzutragen, daß es auch ſeinen Todesſchlaf in den Armen derjenigen 427 verſchlummere, mit der es den Augenblickstraum ſeines Erdelebens getheilt hat. Es iſt dieß die vorletzte Station von Paulinens zeitlicher Wallfahrt; vollends nach der letzten hinaus wird die Brüderſchaft, zu welcher ihr Gatte gehört, ſie noch dieſen Abend begleiten. Ihre Geſpielinnen, theilnehmende Zeugen, zum Theil ſelbſt auch Genoſſen ihres ſchnell vor⸗ über gegangenen Lebensglückes, haben ſie im Tode denſelben Weg, wie ſo oft im Leben, be⸗ gleitet und knien nun um die Entſeelte her, ver⸗ wundeten Herzens und mit heißen Thränen das Myrthengeflecht benetzend, welches die Hand der Liebe um ihre Schläfe, da ſie bereits er⸗ kaltet waren, als letzte Bezeugung der irdi⸗ ſchen Freundſchaft, gewunden hat. Abends um ſieben Uhr. Auch die Schlußſcene des Trauerſtückes von Palmajola iſt nunmehr zu Ende. Mit chriſtlichem Sinne hat Tommaſo die bange Stunde, welche ſeinen Augen noch die letzten ſichtbaren Ueberreſte feiner Gartinn entrücken ſollte, beſtanden. 428 Paulina's Gebein aber liegt verſenkt in die geweihete Erde, verſammelt zu dem Gebeine der Väter und Vorväter, und ſchon iſt das Feyer⸗ liche:„Sie ruhe im Frieden!“ über demſelben geſprochen. Siehe, dort kehren, in Trauer gekleidet, auch die jungen Dörferinnen von ihrem letzten Be⸗ ſuche bey der Verlobten des Todes zurück in die Heimath; ſie, die noch kaum vor einem Jahre Tommaſo's Geliebte von ihrem erſten Brautkirch⸗ gange nach Hauſe begleitet hatten! Damahls ſchritt ihnen allen die harmloſeſte Freude, ja es gaukelte ihnen ein hoher Jubel zur Seite. Heute ſind— o des Herz zerreißenden Wechſels!— ihre Gemüther von Schmerz und Jammer umfangen, und mehr als ein ſchönes, zur Erde geſenktes Auge ſcheint von nun an ſich aus ſeiner Nieder⸗ geſchlagenheit nicht mehr erheben zu wollen⸗ Abends um zehn uUhr. Am ſpäten Abend ſind auch wir Schweſtern noch hinaus gewandelt, um nachzuſehn, wo ſie die liebe Gefährtinn unſeres Landlebens, ſo weit ——— 4²9 als dieſelbe noch dieſer Welt angehört, bey⸗ geſetzt hätten. Noch nie grünten mir die Cypreſſen an der Kirche von Caſtellino ſo düſter und Trauer ver⸗ kündend entgegen, noch hat jemahls ein Glocken⸗ ton mich ſo beklemmend und ſo wehmüthige Bil⸗ der einer ſeligen— ach, warum nicht wiederkeh⸗ renden?— Vergangenheit hervor rufend ange⸗ 5 tbrochen, wie der, welcher gerade in dieſer Stunde die Dorfbewohner, nah' und fern, aufmahnt, im Hauſe des Herrn der Entſchlafenen und des allzu theuer erkauften Erſtlings ihrer Liebe noch ein⸗ mahl in Freundſchaft und mit Erhebung des Herzens zu gedenken. Um ſo kräftiger und erquickender wirkte auf uns die tiefe, in dem weiten Gräberraume von einem Geſchlechte zum andern einheimiſche und auf eine gänzliche Entledigung von allen Beküm⸗ merniſſen und Drangſalen der Erde hindeutende Stille. Ein lauer Hauch, der in leichten Wellen die Atmoſphäre durchbebte, ſchien aus andern, als irdiſchen, der Gewalt der Verweſung nicht mehr unterworfenen Welten, von Fluren heran zu wallen, deren ſchönſte Keime und Blüthen die 43⁰ Senſe des Todes nicht mehr vor der Zeit nieder⸗ ſchlägt; und als eine gleich wohlthuende Erſchei⸗ nung für das äußere Auge und für die innere Gemüthswelt erneuerte auch jetzt wieder, mittler⸗ weile die Nacht langſam und feyerlich auf Leichen und Aſchenkrüge herab ſchwebte, über eben dieſen Trümmern vermoderker Leiber, der Glühwürmer zahlloſes Heer ſeine Auferſtehungsbilder in be⸗ weglichem, von dem dunkeln Erdenthale zu des Himmels ſtrahlenden Höhen ſich ſchnell aufſchwin⸗ genden Lichtſpiel. Paulina's auf einem kleinen Hügelvorſprunge erbauetes Grab überſchaut den ganzen, ländlich einfachen Kirchhof von Caſtellino. Es iſt das lehte, welches der keiner Jahreszeit erbleichende Pinien⸗ und Cypreſſenhain, an den die Kirchengebäude ſich lehnen, mit ſeinen verlängerten Abenbſehus⸗ ten zu erreichen vermag. Nur ein kleiner Zwiſchenraum trennt die kaum fünf und zwanzig Frühlinge zählende Gattinn von Marien, ihrer in Tommaſo's Liebe und im frühzeitigen Scheiden von der irdiſchen Welt ihr vorgegangenen Schweſter. Warum hätte ſie aber im Tode nicht ihre Nachbarinn bleiben ſollen? ——y War ſie doch auch im Leben, als Genoſſinn der⸗ ſelben geräuſchloſen Landluſt, nicht weniger als durch Gleichheit des Alters und der Gemüthsart, bis auf ein Jahr zur vollkommenſten Harmonie mit ihr verbunden geweſen. Tommaſo indeß, nach ſolch gewaltſamer Um⸗ wandlung der Dinge und nun zum zweyten Mahle zurück geſchleudert aus dem Beſitze ſeines häus⸗ lichen Glückes, hält, innig betrübt zwar, doch ſeiner ſelbſt, nach wie vor, mächtig, und gerüſtet mit Kraft zu dem ſchwer zu beſtehenden Kampfe, unter gläubigem Aufſehn zu dem, der allein weiß, was jedes ſeiner Erſchaffenen zu ertragen im Stand iſt, und der, auch wenn er genommen hat, gleichwohl neuerdings ſegnet, in ſeiner Verlaſſen⸗ heit das Auge fortwährend bald auf des Kleinen dieſen ſchon nicht mehr beherbergende Wiege, bald auf das Antlitz der ſelbſt auch ihrem erſten Kindeslager kaum noch entſchlüpften Tochter ge⸗ heftet und harret mit Sehnſucht, immerhin aber darauf gefaßt, daß in ſolcher Zwiſchenzeit auch über ſein eigenes Leben könnte gebothen werden, der noch fernen Stunde, in welcher ihm das Bild der frühzeitig abgeſchiedenen Schweſtern und 434 Mütter, denen beyden er auf dem kurzen Wege vom Traualtare zur Todtengruft mit gleicher Liebe und Treue zur Seite geſtanden, in Eleono⸗ rens jungfräulicher Freudengeſtalt wieder er⸗ ſcheinen ſoll. Was aber den ſchwer geprüften Greiſen be⸗ trifft, ſo hat Paulinens Hinſchied ſein ganzes Seyn von neuem nach Oben gerichtet. Für ihn gibt es diesſeits des Grabes, nächſt dem Rückblicke auf den geliebten Tommaſo und die unmündige Kleine, von nun an nur noch einen Gedanken, bey welchem zu verweilen ſeine Seele ihre Luſt hat, den Gedanken nähmlich an den bald zu be⸗ ziehenden, neuen und wonnevollen Aufenthalt, welchen— alſo hofft er von der Gnade des Herrn — das geliebte Töchterpaar auch ihm in den Wohnſitzen der Seligen werde bereitet haben. ————.