Leihbibliothek deut cher, engliſcher und franzöſiſcher Litera r Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Nünteahe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hiuterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für zochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„:„=„ 3b„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beichnritgte, ver⸗ 8 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer un. Erſatz des Ganzen verpflichtet... 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ftſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 1 den Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ eelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— —2, L2 2 —rſrS— Neue Volks⸗Bibliothek. 5 b 4₰ „ Herausgegeben von 4 Auguſt Schrader. “ Byoeiter Jand. Doer dosße Sklado. Von 3. 1 R. Hildreth. 4 . *—.„ geinzig, 1853.. G. H. Friedlein. “ 8 Der weiße Sklave, oder Denkwürdigkeiten eines Flüchtlings. Eine Geſchichte aus dem Sklavenleben in Virginien u. ſ. w. Herausgegeben von R. Hildreth⸗ Verfaſſer einer„Geſchichte der Vereinigten Staaten.“ (Seitenstück zu Onkel Tom's Hütte.) Nach der ſiebzehnten amerikaniſchen Auflage aus dem Engliſchen. Vollſtändige und wohlfeilſte Stereotyp-Ausgabe. —-':ͤ— Leipzig, 1853. G. H. Friedlein. 8 Vorwort. Alle Menſchen ſind von Natur gleich unabhängig und frei. Sie haben gewiſſe Rechte, welche von ih⸗ rer Eigenſchaft als Menſchen unzertrennlich ſind und deren ſie, indem ſie eine Geſellſchaft bilden, ihre Kin⸗ der unter keiner Bedingung weder berauben noch enter⸗ ben dürfen. Dieſe Rechte ſind: der Genuß des Lebens und der Freiheit, und die Mittel, ſich Ruhe und Zu friedenheit zu erwerben und zu erhalten. (Erklärung der Rechte Virginien’s, Art. I.) Wir laſſen unſerer Ausgabe von„Onkel Tom's Hütte“ den „weißen Sklaven“ folgen. Beide Werke ſind die Producte amerikaniſcher Schriftſteller und beſtimmt, ein treues Gemaͤlde von dem traurigen, aller Menſchlichkeit und Religion hohnſprechenden Sklaventhume in den Ver⸗ einigten Staaten zu liefern. Dieſe Bücher ſind in New⸗York zu gleicher Zeit erſchienen, ſie haben eine Literatur⸗Epoche hervorgerufen, die in allen civiliſirten Ländern der Erde mit einem wahren Enthuſiasmus begrüßt wurde. Obgleich verſchieden in der Ausführung, ſo verfolgen ſie doch einen und denſelben Zweck, und bilden in dieſer Beziehung für den, der die ſocialen Zuſtände der neuen Welt gruündlich kennen lernen will, ein unzertrenn⸗ liches Ganze. Was Harriet Beecher⸗Stowe mit der Empfindung eines weiblichen Herzens geſchildert hat, erfaßt und beleuchtet Hildreth mit der Ruhe und Schärfe des Mannes. Virginien, das Geburtsland des Helden dieſer Geſchichte und größten⸗ theils auch der Schauplatz der geſchilderten Scenen, iſt einer der alten Frei⸗ ſtaaten der nordamerikaniſchen Union. Es wird im Norden von Pennſyl⸗ vanien, im Oſten von Maryland und dem Ocean(Buſen Cheſapeak), im Süden von Nord⸗Karolina und Tenneſſee, und im Weſten von Kentucky und Ohio begrenzt. Virginien enthält etwas über 3000 Quadrat⸗Meilen und zählt 1,360,000 Einwohner, von denen 708,000 Weiße, 48,000 farbige Freie, und 604,000 Sklaven ſind. Die Hauptſtadt iſt Michmond, ein rei⸗ zender Ort an dem Ufer des James⸗Fluſſes. Obgleich ſchon Sebaſtian Cabot, der königl. engliſche Oberpilot und Gouverneur der Geſellſchaft zur Entdeckung unbekannter Länder, unter VI Heinrich VII. 1498 die Küſten von New⸗Foundland und Labrador entdeckte, ſo gründete doch Walter Raleigh im Jahre 1585, indem er von ſeinem Patente, unbekannte Länder aufzuſuchen, Gebrauch machte, die erſte engliſche Niederlaſſung in Nordamerika, und nannte ſie zu Ehren ſeiner jungfräu⸗ lichen Königin Eliſabeth„Virginien“(virgo, die Jungfrau). Das Wappen des Staates ward demnach eine Jungfrau, die ſich auf eine Lanze ſtützt, und die Tyrannei, eine Geißel in der einen, eine zerbrochene Kette in der andern Hand haltend, mit Füͤßen tritt. Die Worte Virginia und Perse- verando bilden die Ueberſchrift. Wie wenig der Wahlſpruch des Wappens von den Geſetzen der Ver⸗ einigten Staaten geſchützt und von den Bewohnern dieſes glücklichen Landes geübt wird, zeigt Hildreth in ſeinem Werke:„der weiße Sklave“. Er be⸗ ſchreibt die Sitten des Volks und ſchildert die Gegenden des Landes mit einer Gewandtheit und Wahrheit, die man in dem Buche Harriet Stowe's nicht findet. Seine Charaktere ſind originell und mit einer bewunderungs⸗ würdigen Schärfe gezeichnet. Während Onkel Tom durch eine maßloſe Ge⸗ duld und ein unerſchütterliches Gottvertrauen die Leiden der Sklaverei ſich erträglich zu machen ſucht, ſtrebt der männliche Geiſt Archy's die unwür⸗ digen Feſſeln thieriſcher Sklaverei durch Liſt und Gewalt zu brechen. Der Mann hat den Mann geſchildert, und ihm Gefinnungen beigelegt, durch die er das wahre Intereſſe des Leſers zu feſſeln vermag. Muth und Frei⸗ heitsliebe kämpfen oft vergebens gegen die Rohheit und Grauſamkeit ver⸗ thierter Pflanzer, ſo daß einzelne Scenen einen peinlichen Eindruck hervor⸗ bringen; deſſen ungeachtet aber enthält das Buch Hildreth's Mahrheiten, deren Verbreitung eine Pflicht der Humanität iſt. Leipzig, im Januar 1853. Der Herausgeber. 8 — 22 98 9S Sg — — g 9SAE 89 82 d0 do* ESS2S 0 1 Inhaltsverzeichniß. Einleitung Meine Eltern. Die erſten Jugendjahre Entdeckungen. Standesveränderung Mr. Stubbs. Caſſy.. Die Flucht Der arme Weiße Entſchuldigungsgründe eines Verräthers Eine Schreckens⸗Scene Die Abreiſe Der öffentliche Verkauf Major Thornton Die Völlerei Ein neuer Verkauf. Der Ball und die Predigt Auf dem Ocean. Der Presbyterianer.. Das Wiederfinden meiner Frau Caſſy's Geſchichte. Poplar⸗Grove(der Pappelhain) .. Der Sohn des Sklaven Die letzte Zuſammenkunft Beraubung des Eigenthums. Aufenthalt auf Looſahachee Anna und Thomas Der berittene Krämer Seite . 2 4 8 9 . 12 . 16 18 . 23 . 28 36 39 41 . 44 47 . 54 58 64 67 . 71 77 81 97 . 102 105 . 106 110 113 . 120 29. Die Plünderex............ 125 30. Die Strafe Mr. Martin's............ 130 31. Das Lager entflohener Neger...... 4 32. Die Streifparthie. Unglüͤcklicher Vorfall........ 1390 33. Gefangenſchaft und Veheinnd..... 121 34. Freiheit............... 146 35. Ein Seetreffen............... 151 36. Nachrichten aus Amerika............ 154 37. Rückkehr in mein Vaterland............ 158 38. Spring⸗Meadow(die Wieſenquelle)......... 163 Der Wachſamkeits⸗Ausſchuß............ 165 Carleton⸗Hall............... 169 Poplar⸗Grove............ 172 12. Mr. Telfair.............. I. 176 43. Anſichten Mr. Maſon's............. 181 44. Das Wirthshaus der Veſteiung......... 186 45. Der wilde Tom....„.........! 190 9. Der Spieler................ 209 Mr. John Colter.............. 211 Auffindungs⸗Plan............... 220 ie neuen Niederlaſſungen............ 222 e fünf Gehängten............... 225 . Sch kaufe meine Frau.............. 229 . Caſſy's Schickſale............... 236 . Berathſchlagung............... 249 Der Handſtreich............... 253 .;............ 256 Anklage.......... 199 Der Commiſſair von infichſes......... 201 Im Poſtwagen.............. 204 Mittheilungen................ 215 Erſtes Kapitel. Ihr, die Ihr zu wiſſen wünſcht, welche Leiden der Menſch ſeinem Neben⸗ menſchen ohne Widerſtreben, Zaudern oder Bedauern verurſachen kann; Ihr, die Ihr wiſſen wollt, was die menſchliche Kraft zu ertragen vermag und von welcher bitteren Qual, von welchem glühenden Haſſe das Herz erfüllt ſein kann, ohne zu brechen: leſet dieſe Denkwürdigkeiten. Ich habe keine eingebildeten Leiden, keine ſentimentalen Schmerzen zu berichten, ſondern die harte Wirklichkeit eines tiefgreifenden Wehs, deſſen Geſchichte vielleicht ſelbſt Einige von Denen rühren dürfte, welche täglich die Urheber von ſolchem Elend ſind, wie ich es erduldet habe. Denn wie ſehr auch die Ausübung der Tyrannei jedes beſſere Gefühl ertödtet und die Vorurtheile der Erziehung und des Eigennutzes das Herz verhärtet haben mögen, ſo erzwingt ſich die Humanität doch einen unwillkürlichen Tribut und die Menſchen werden erſchrecken, wenn ſie von den Thaten hören, deren Begehung ihnen keinen unruhigen Augenblick verurſacht. Sollte ich auch nicht mehr bewirken als dies, ſollte ich auch nur im Stande ſein, durch den dreifachen Stahl, mit dem Geiz und Herrſchſucht es umpanzert haben, ein einziges Herz zu erweichen,— durch die Geſchichte meiner Leiden im Geiſte eines einzigen Unterdrückers die ſchwarzen grauſigen Bilder ſeiner eigenen Miſſethaten heraufzubeſchwören und ſeinem Gewiſſen zu lehren, ihn mit dem Bilde ſeiner ſelbſt zu foltern, ſo werde ich zufrieden ſein. Nächſt den Thränen und dem Jubel der Befreiten ſind die Gewiſſens⸗ biſſe der Tyrannen das köſtlichſte Opfer, welches auf dem Altar der Freiheit dargebracht werden kann. Aber vielleicht iſt noch etwas Andres möglich— nicht wahrſcheinlich, doch denkbar— und vielleicht ſogar entfernt zu hoffen. Vielleicht vermag ich in einem jungen Herzen, in welchem es den böſen Geiſtern der Habſucht und der Tyrannei noch nicht gelungen iſt, eine unumſchränkte Herrſchaft zu erlangen, die erſtickten und verglimmenden Kohlen der Menſchlichkeit von Neuem zu entzünden. Trotz aller Gewohnheiten und Vorurtheile, die ihm von Kindheit an eingeimpft wurden und in denen er aufgewachſen iſt, trotz der Lockungen des Reichthums und der politiſchen Auszeichnung, und der noch ſtärkeren Verſuchungen des Müßigganges und des Wohllebens, trotz des Geſchwätzes herzloſer Prieſter, trotz der Gründe, welche wetier⸗ weendiſche Sophiſten aufſtellen, trotz des Zagens und der Angſt Kleinmüthiger und Schwankender, trotz ſchlimmer Lehren und böſer Beiſpiele wagt es der hochherzige und heroiſche Jüngling, die Gefühle eines Mannes zu hegen und einz n. ſetzlicher Dinge in das Ohr des inſolenten und üppigen Tyrang en Der ſeiße Sklave. 8 Eie nruer Saul unter den Propheten, donnert er die Weiſſagunget 2 inmitten von Despoten wagt er es, die frohe Kunde der Freiheit zu pri⸗ digen; mitten in der Schule der Unterdrückung erhebt er ſich fühn 6 Vertheidiger der Menſchenrechte!. 3“ Er reißt die Wälle des Vorurtheiles nieder; er zerſtört die Trugbilder der Habſucht und des Stolzes, er widerruft die Verordnungen, wel obgleich ihnen jede Spur von Gerechtigkeit mangelt, frevleriſch heiligte Form des Geſetzes uſurpirt haben! Er reißt dem Zuchtherrn Peitſche aus der Hand; er zerbricht für immer die Feſſeln des Sklaven An die Stelle erzwungener Mühe und Plage für Andere ſetzt er der frohen Fleiß, welcher für ſich ſelbſt arbeitet! Die ganze Natur ſcheint übe die Veränderung zu jubeln. Die nicht mehr durch die Thränen und da Blut ihrer Kinder unfruchtbar gemachte Erde ſpendet ihre Schätze mit ver⸗ doppelter Freigebigkelt; das Daſein hört auf eine Qual zu ſein und zu leben iſt nicht mehr für Millionen die Gewißheit, elend zu ſein.— Auserwaͤhltes Werkzeug der Gnade! erhabener Befreier! komm! komm bald!. Komm!— damit nicht, wenn Dein Erſcheinen ſich⸗ verzögern ſollte, an Deiner Stelle ein Andrer auftrete, der zugleich Befreier und Rächer ſein wird! Zweites Kapitel. Die Grafſchaft, in welcher ich geboren bin, war damals und iſt vielleicht noch jetzt eine von den reichſten und bevölkertſten im öſtlichen Virginien. Mein Vater, Oberſt Charles Moore, war das Haupt einer der bedeutendſten und einflußreichſten Familien in jenem Theile des Landes und die Familie war, wie geringes Gewicht auch in andern Theilen von Amerika auf ſie gelegt werden mag, zur Zeit meiner Geburt in Unter⸗Virginien eine Sache von nicht geringer Wichtigkeit. Natur und Erziehung hatten ſich vereinigt, 3 um den Oberſt Moore mit Eigenſchaften auszuſtatten, welche ihm erlaubten, die Stellung, die ihm durch ſeine Geburt angewieſen worden war, mit Glanz auszufüllen. Er war ein vollendeter Ariſtokrat und erwies ſich als ſolcher in allen ſeinen Worten, Mienen und Handlungen. In ſeinem Be⸗ nehmen lag eine ſelbſtbewußte Ueberlegenheit, der nur Wenige widerſtehen konnten, und welche durch eine freundliche, gefällige und feſſelnde Sanft⸗ muth und Milde ſogar angenehm gemacht wurde. Seine Freunde und Nachbarn nannten ihn das tadelloſe Muſter eines echten virginiſchen Gentle⸗ mans— eine Bezeichnung, durch welche ſie das höchſtmögliche Lob am entſprechendſten auszudrücken glaubten. 3 Beim Ausbruche der amerikaniſchen Revolution war Oberſt Moore noch ein ſehr junger Mann. Der Geburt und Erziehung nach gehörte er, wie erwähnt, der ariſtokratiſchen Partei an, welche als ſolche natürlich conſervativ war. Er vermochte jedoch dem Antriebe der Jugend und Vaterlandsliebe nicht zu widerſtehen; er nahm ſich mit Eifer der Sache der Freiheit an, und trug durch ſeine politiſche Thätigkeit und ſeinen Einfluß nicht wenig zum Siege derſelben bei. Für die Freiheit hatte er in der That ſtets eine warme, energiſche Bewunderung gezeigt. Zu meinen früheſten Erinnerungen von ihm gehört der Eifer, womit er unter ſeinen Freunden und Gäſten die ranals ſtatt⸗ findende franzöſiſche Revolution vertheidigte. Er war der beredt ſte Lob⸗ edner und Fürſprecher dieſer Revolution, ſo lange ſie dauerte, und wenn — — — N8-A——— 3 ich auch von dem, was er ſagte, nur wenig oder gas nichts verſtand, ſo verfehlte doch das Feuer und die Beredtſamkeit ſeiner Reden nicht, einen Eindruck auf mich zu machen. Die Menſchenrechte und die Rechte der menſchlichen Natur waren Ausdrücke, welche ich, obgleich ich zu jener Zeit nicht das Mindeſte von ihrer Bedeutung ahnete, doch ſo oft wiederholen hörte, daß ſie ſich meinem Gedächtniß unverlöſchlich einprägten und in ſpäteren Jahren häufig in meine Erinnerung zurückkehrten. Oberſt Moore war jedoch kein bloßer Schwätzer, er ſtand im Rufe ſeinen Grundſätzen gemäß zu handeln und wurde allgemein als ein Mann von der größten Chrenhaftigkeit und Rechtſchaffenheit betrachtet. Mehrere vielverſprechende junge Männer, welche ſpäter zu hohen Stellungen gelangten, hatten ſeiner Protection und ſeinem Beiſtande ihre erſte Erhebung zu ver⸗ danken. Er ſchlichtete die Hälfte der Streitigkeiten in der Grafſchaft und ſchien niemals heitererer Laune zu ſein, als wenn er einen Prozeß oder ein Duell verhinderte und dadurch einen zufälligen und vielleicht geringfügigen Streit abhielt, in einen bittern, wo nicht toͤdtlichen Zwiſt auszuarten. Die Güte ſeines Herzens, ſeine thätige, ſtets bereite Menſchenfreund⸗ lichkeit und ſeine Theixlnahme für das Unglück waren Charakterzüge, von denen Jedermann ſprach. Hätte ich mir einen beſſern Vater wünſchen können, wenn es mir erlaubt geweſen wäre, mir ſelbſt einen zu wählen? Aber nach den Geſetzen und Gebräuchen von Virginien beſtimmt nicht der Rang und Stand des Vaters, ſondern der der Mutter die Stellung des Kindes und leider war meine Mutter eine Konfubine und Sklavin! Indeſſen würden Diejenigen, welche ſie zum erſten Male ſahen, ſchwerlich geglaubt oder gern vergeſſen haben, daß ſie von einer unedeln und ent⸗ würdigten Race abſtammte. So beſcheiden ihr Stand auch ſein mochte, konnte ſie ſich doch wenigſtens des Beſitzes der glänzendſten Schönheit rühmen. Die Spur afrikaniſchen Blutes, die ihre Adern noch enthielten, war deutlich zu ſehen, aber die Färbung, welche ſie ihrer Haut ertheilte, hatte nur die Wirkung, daß ſie der Röthe ihrer Wangen eine intenſivere Färbung verlieh. Ihr langes, ſchwarzes Haar, das ſie mit kunſtvoller Einfachheit zu ordnen verſtand, und das⸗ Feuer ihrer dunkeln Augen, die mit, jedem Wechſel des Gefühls ihren Ausdruck veränderten, entſprachen ihrer Hautfarbe vollkommen und vervollſtändigten ein Bild, das vielleicht in Spanien oder Italien ſeines Gleichen finden konnte, für welches man aber unter den blaſſen ſchmachtenden Schönheiten des öſtlichen Virginiens vergebens eine Rivalin geſucht haben würde. Ich beſchreibe ſie eher wie ein Anbeter, als wie ein Sohn. In der That war aber auch ihre Schönheit ſo ungewöhnlich, daß ſie meine Auf⸗ merkſamkeit erregte, als ich noch ein Kind war, und ich habe ſie oft ſtun⸗ denlang faſt mit der Zärtlichkeit eines Liebenden betrachtet, wenn ſie mich auf ihrem Schooße liebkoſte und Thränen und Lächeln auf ihrem Geſicht abwechſelten, deſſen Ausdruckſich ſtets veränderte, aber bei jeder Veränderung ſchön blieb. Sie war die liebevollſte Mutter, die man ſich denken konnte; das Gemiſch von Zärtlichkeit, Kummer und Freude, womit ſie mich ſtets zu betrachten ſchien, erhöhte ihre Schönheit, und wahrſcheinlich war es dies, was meine Aufmerkſamkeit ſo früh ſchon mit ſolcher Stärke erregte. Aber ich war keineswegs ihr einziger Bewunderer. Ihre Schönheit war in jenem ganzen Theile des Landes beruhmt und man hatte den Oberſt Moore oftmals durch das Anerbieten ſehr hoher Preiſe zu verleiten geſucht, 1* 4 ſte zu verkaufen; er hatte jedoch alle derartigen Gebote zurückgewieſen, denn er ſetzte einen beſonderen Stolz darein, das ſchnellſte Pferd, die ſchönſte Dirne und die trefflichſte Meute im„alten Lande“ zu beſitzen. Es mag manchen Leuten in andern Theilen der Welt ſonderbar er⸗ ſcheinen, daß Oberſt Moore als ein Mann, wie ich ihn beſchrieben habe, eine Maitreſſe halten und der Vater von illegitimen Kindern ſein konnte; dergleichen Perſonen müſſen ſich jedoch über den Zuſtand der Dinge in den 4 Sklavenſtaaten von Amerika in völliger Unwiſſenheit befinden. Oberſt Moore war mit einer liebenswürdigen Frau verheirathet, welche er gewiß liebte und achtete, und von der er im Laufe der Jahre zum gluͤck⸗ lichen Vater von zwei Söhnen und eben ſo viel Dieſer Umſtand hinderte ihn indeſſen eben ſo wenig wie irgend einen an⸗ dern amerikaniſchen Pflanzer, unter ſeinen zahlreichen Sklavinnen auf Spring⸗meadow, wie ſein Gut hieß, ſeinem finnlichen Temperamente den freieſten Spielraum zu laſſen. Viele von den jungen Mädchen rühmten ſich ſeiner vorübergehenden Aufmerkſamkeiten, aber er hatte faſt nie mehr als meines Vaters in vollem Maße auf mich übergegangen, und was natürliche Gaben des Geiſtes und Körpers betraf, ſo kann ich dreiſt behaupten, daß er inehr Grund hatte, auf mich ſtolz zu ſein, als auf irgend einen von ſeinen legitimen und anerkannten Söhnen. Drittes Kapitel. Daß die Erziehung, welche am frühzeitigſten beginnt, die wirkſamſte ſei, iſt eine Marime, die man in dem Theile der Welt, wo mich mein Unſtern geboren werden ließ, vollkommen begreift. Da es dort zuweilen vorkommt, daß die eine Hälfte der Kinder eines Mannes als Herren, und die andere Häͤlfte als Sklaven geboren wird, ſo hat man hinlänglich er⸗ kannt, wie nothwendig es iſt, ihnen bei Zeiten die Disciplin beizubringen, welche dazu gehört, um ſie für dieſe ſehr verſchiedenen Stellungen zu er⸗ ziehen. Es iſt demnach eine allgemeine Sitte, daß dem jungen Herrn faſt von der Stunde ſeiner Geburt an ein kleiner Sklave von ungefähr gleichem Alter beigegeben wird, an welchem er, ſobald er allein gehen kann, ſeine Lehrzeit in der Tyrannei beginnt. Nun traf es ſich, daß in weniger als einem Jahre nach meiner Geburt Oberſt Moore von ſeiner Gattin mit ihrem zweiten Sohne James beſchenkt ward und ich wurde, während wir Beide noch unbewußt in unſeren Wiegen ſchlummerten, meinem jüngeren Bruder in aller Form als Leibdiener überwieſen. In dieſer Eigenſchaft, als Maſter James Burſche, finde ich mich zuerſt, wenn ich in meinen Er⸗ innerungen zurückgehe. 3 Die naturlichen und gewohnlichen Folgen davon, daß man einem * 5 Kinde abſolute Gewalt üͤber ein anderes ertheilt, laſſen ſich leicht denken. Die Herrſchſucht iſt wohl die ſtärkſte von unſern Leidenſchaften und es iſt erſtaunlich, wie ſchnell das kleinſte Kind in der Tyrannei vollkommen wird. Hiervon war William, der älteſte Sohn Oberſt Moore's, ein auffallendes Beiſpiel. Er war der Schrecken nicht nur ſeines Leibdieners Joe, ſondern auch aller übrigen Kinder auf dem Gute. Die gedankenloſe, unvernünftige Freude an der Ausübung von Grauſamkeiten, welche ein launiſches Kind zuweilen zeigt, ſchien bei ihm faſt eine Leidenſchaft zu ſein, welche durch beſtändige Nachſicht bald zur Gewohnheit wurde. Wenn ein Sklave wegen eines Vergehens gezüchtigt werden ſollte, ſo ruhte er nicht eher, als bis er es ausfindig gemacht hatte und bei der Beſtrafung zugegen ſein konnte, ſo daß er bald in alle abſcheulichen Gewohnheiten und ekelhaften Aus⸗ drücke eines Aufſehers eingeweiht wurde. Er ging ſtets mit einer Peitſche bewaffnet, welche doppelt ſo lang war wie er ſelbſt, und zeigte ſich beim geringſten Widerſtande gegen ſeine Launen bereit, ſeine Geſchicklichkeit in ihrer Anwendung zu beweiſen. Zwar gab er ſich einige Mühe, dies vor ſeinem Vater zu verbergen; aber jener vermied es ſeinerſeits nach Möglichkeit, Dinge zu ſehen, welche er nicht billigen konnte, die er aber als nachſichtiger Vater nur ſchwer zu verhindern oder zu verbieten vermocht haben würde. Maſter James, zu deſſen Bedienung ich ſpeciell beſtimmt wurde, war ein ganz anderer Knabe. Von Geburt an kränklich und ſchwächlich, beſaß er einen ſanften Charakter und ein faſt weibliches Gemüth. Er war liebreich und faßte bald eine Zuneigung zu mir, welche ich dankbar erwie⸗ derte. Er beſchützte mich gegen die Tyrannei Maſter Williams' durch ſeine Bitten, ſeine Thränen und, was bei dieſem liebenswürdigen Knaben von weit größerem Gewicht war, durch Drohungen, ſich bei ſeinem Vater zu beklagen und dieſem das rohe und grauſame Benehmen des Bruders zu hinterbringen.. Ich lernte bald eine zuweilen eintretende üble Laune, welche die ſchwan⸗ kende Geſundheit des Maſter James hinreichend entſchuldigte, ertragen und verzeihen, und durch Schmeichelei und anſcheinende Unterwürfigkeit— denn ein Kind lernt und übt ſolche Künſte eben ſo leicht wie ein Mann— er⸗ langte ich bald einen großen Einfluß auf ihn. Er war der Herr und ich der Sklave; in unſerer Kinderzeit hatte jedoch dieſer künſtlich gemachte Unterſchied geringere Wirkung und es wurde mir nicht ſchwer, den wirk⸗ lichen Vorrang zu behaupten, zu dem mich meine größere Körper⸗ und Gei⸗ ſteskraft berechtigte. Als Maſter James das Alter von fünf Jahren erreicht hatte, hielt es ſein Vater für räthlich, ihn in den Elementarkenntniſſen zu unterrichten. Das Lernen der Buchſtaben war ſchon eine mühſame Arbeit,— aber ſte zu Worten zuſammenzuſetzen, ſchien meinem jungen Herrn faſt unmöglich zu ſein. Es fehlte ihm nicht an gutem Willen, er wünſchte ſogar ſehr eifrig zu lernen; es war die Fähigkeit, nicht die Neigung, welche ihm mangelte. In dieſer Verlegenheit nahm er ſeine Zuflucht zu mir, da ich bei jedem Anlaſſe ſein Hauptrathgeber war. Wir ſteckten die Köpfe zuſammen und hatten bald einen Plan ausgeſonnen. Mein Gedächtniß war vortreff⸗ lich, während das meines armen kleinen Herrn erbärmlich genannt werden mußte. Wir richteten es daher ſo ein, daß der Hauslehrer mir zuerſt die Buchſtaben und Worte lehrte, welche mir mein gutes Gedächtniß leicht zu behalten erlaubte, und daß ich ſie allmählig beim Spielen, wie es die Ge⸗ 6 legenbeit bot, dem Geiſte Maſter James' einprägte. Wir fanden, daß dieſes Verfahren einen ausgezeichneten Erfolg hatte. Weder der Hofmeiſter noch Oberſt Moore hatten etwas dagegen, denn Letzterer wünſchte weiter nichts, als daß ſein Sohn Leſen lernen möge und der Hofmeiſter wälzte gern den mühſamſten Theil ſeiner Arbeit auf meine Schultern. Bis dahin hatte ſich noch Niemand von den barbariſchen, abſcheu⸗ lichen Geſetzen träumen laſſen, welche kein Gegenſtück in irgend einem an⸗ dern Geſetzbuche haben und eine ewige Schmach Amerika's ſein werden, indem ſie es zu einem mit Geld⸗ und Kerkerſtrafen zu belegenden Ver⸗ brechen machen, einem Sklaven das Leſen beizubringen. Ich lernte es bald und machte in Kurzem Maſter James zu einem faſt eben ſo guten Leſer wie ich es war. Da er an häufigen Krankheits⸗ anfällen litt, welche ihn an's Haus feſſelten und ihn unfähig machten, ſich den lärmenden Spielen hinzugeben, die bei den Knaben hauptſächlich beliebt ſind, ſo kaufte ihm ſein Vater eine große Sammlung von ſeinem Alter angemeſſenen Büchern, welche wir zuſammmen zu leſen pflegten und an denen wir großes Vergnügen fanden. 3 Auch bei dem weiteren Fortgange der Studien meines jungen Herrn blieb ich ſein Genoſſe, denn wenn auch das Syſtem, mir zuerſt den Unter⸗ richt zu geben, damit ich ihm denſelben wieder mittheilen könne, nicht weiter befolgt wurde, ſo ward es mir doch, da ich Lernbegierde und eine ſchnelle Auffaſſungsgabe beſaß, nicht ſchwer, von Maſter James täglich den Inhalt ſeiner Lektionen zu erfahren. Ueberhaupt hatte er, wenn ihm eine Schwierigkeit darin aufſtieß, die Gewohnheit, ſich an mich zu wenden, um von mir Beiſtand zu erbitten. Auf dieſe Weiſe lernte ich die Rudimente des Rechnens und der Geo⸗ graphie und ſelbſt die Anfangsgründe des Lateiniſchen. 3 Ich bemühte mich jedoch ſorgfältig, dieſe Kenntniſſe zu verbergen, da mich ſelbſt der Umſtand, daß ich leſen konnte, obgleich er meine Wichtig⸗ keit unter der Dienerſchaft erhöhte, doch häufigen Spötteleien ausſetzte, gegen die ich ſehr empfindlich war. Man betrachtete mich nicht,— wie wahrſcheinlich jetzt die Sklaven, welche leſen können und einige Spuren von Verſtand und Talent zeigen, betrachtet werden,— als ein entſetzliches Ungeheuer, welches Krieg und Empörung athmet und darauf ſinnt, allen weißen Leuten in Amerika die Kehle abzuſchneiden; man ſah mich eher als eine Art von Wunderthier an,— etwa wie eine dreibeinige Henne oder ein Schaf mit vier Augen, als ein Ding, welches zur Unterhaltung der Fremden producirt und gezeigt zu werden verdiente. Ich wurde häufig bei Tiſchgeſellſchaften, nachdem der Madeira reichlich die Runde gemacht hatte, aufgefordert, Artikel aus den Zeitungen vorzuleſen, um die trunkenen Gäſte meines Herrn zu unterhalten, und ich wurde durch alle möglichen abge⸗ ſchmackten, lächerlichen und impertinenten Fragen, welche ich bei Strafe, ein Weinglas, eine Flaſche oder einen Teller an den Kopf geworfen zu erhalten, beantworten mußte, verblüfft, verwirrt und gepeinigt. Beſonders Maſter William war beſtrebt, ſich dadurch, daß er mich zur Zielſcheibe ſeines Witzes machte, für das Vergnügen zu entſchädigen, welches ihm die unbehinderte Anwendung ſeiner Peitſche gegen mich bereitet haben würde. Er war ungemein ſtolf auf den Svitznamen des„gelehrten Niggers“, den er erfunden hatte und beſtändig gegen mich gebrauchte, wiewohl Gott weiß, daß meine Wange nur wenig dunkler war als die ſeine und ich überzeugt bin, daß ich eine weißere Seele hatte igie er. 8 7 Man wird dies für geringfügige Neckereien halten. Allerdings waren ſie dies, aber es koſtete mir Kämpfe genug, ehe ich ſie mit leidlicher Ge⸗ duld ertragen lernte. Ich wurde jedoch dafür einigermaßen durch das Vergnügen entſchädigt, welches es mir machte, hinter dem Stuhe meines Herrn den Geſprächen der Geſellſchaft zuzuhören,— ich meine ihren Ge⸗ ſprächen, ehe ſie zu trinken anfingen, denn jedes Diner endete mit einem allgemeinen Zechgelage. Oberſt Moore hielt offene Tafel und hatte faſt täglich einige von ſei⸗ nen Freunden, Verwandten oder Nachbarn zu Tiſche; er war ſelbſt ein gewandter und höchſt einnehmender Redner, ſeine Stimme war ſanft und wohlklingend und er druckte ſich ſtets mit großer Richtigkeit und Lebhaf⸗ tigkeit aus. Viele von ſeinen Gäſten waren gebildete Männer, und ob⸗ gleich die Politik ſtets den Hauptgegenſtand der Unterhaltung bildete, ſo kamen doch gelegentlich auch manche andere Dinge zur Sprache. Oberſt Moore war, wie bereits bemerkt, ſelbſt ein warmer Demokrat— damals ſagte man Republikaner— denn der Name Demokrat wurde, wie lieb auch die Amerikaner ſpäter den Ausdruck gewonnen haben, doch zu jener Zeit als ein Vorwurf betrachtet. Der größte Theil von Denen, welche Oberſt Moore's Haus frequentirten, hegten über politiſche Gegenſtände die näm⸗ lichen liberalen Anſichten. Ich hörte ihren Unterredungen begierig und erfreut zu, und wenn ich ſie von gleichen Rechten ſprechen und ſich gegen Tyrannei und Unterdrückung auslaſſen hörte, ſo erwachten Empfindungen in mir, deren Sinn ich kaum verſtand. Ich machte zu jener Zeit keine perſönliche Anwendung von dem, was ich hörte und fühlte. Es war nur die abſtrakte Schoͤnheit der Freiheit und Gleichheit, in die ich mich ver⸗ liebte. Ich ſympathiſirte mit den franzöſiſchen Republikanern und meine Entrüſtung galt nur den öſterreichiſchen und engliſchen Tyrannen. Ich hatte noch nicht über mich ſelbſt denken gelernt. An das, was ich um mich her vorgehen ſah, war ich von Kindheit an gewöhnt und es ſchien mir der ſeſtgeſtellte Lauf der Dinge zu ſein. Wenn auch als Sklave geboren, hatte ich bis jetzt doch noch kaum etwas von dem Elend dieſes unglück⸗ ſeligen Zuſtandes erfahren. Ich war glücklich, einen jungen Herrn wie der meine zu beſitzen, für den ich in vieler Beziehung mehr ein Geſpiele als ein Diener war. Durch ſeine Gunſt und den Einfluß meiner Mutter, welche über Oberſt Moore immer noch viel vermochte, wurde mir größere Nachſicht zu Theil, als irgend einem andern Diener auf dem Gute. Wenn ich meine Lage mit der der Feldarbeiter verglich, ſo mußte ich mich für wahrhaft glücklich halten, und obwohl ich zuweilen Kränkungen ausge⸗ ſetzt war, welche mir jetzt ſchon einen Vorgeſchmack des bittern Kelches gaben, den ein jeder Sklave leeren muß, ſo erhielten mich meine Jugend und die ſorgloſe Lebhaftigkeit meines Charakters bis jetzt noch aufrecht. Damals wußte ich nicht, daß Oberſt Moore mein Vater ſei. Dieſer verdankte einen nicht unbeträchtlichen Theil ſeines hohen Anſehens einer ſtrengen Beachtung aller der conventionellen Gebräuche, welche ſo oft die Stelle der Moral uſurviren. Einige von ihnen, welche in An rika herr⸗ ſchen, ſind ziemlich merkwuͤrdig. Man hält es z. B. keineswegs für ein Verbrechen, wenn ein Herr der Vater jedes auf ſeiner Pflanzung geborenen Sklaven iſt; und doch gilt es für eine ſehr ſtarke Verletzung des Anſtandes, ja beinahe fuͤr eine unverzeihliche Sünde, wenn ein ſolcher Vater jemals eines von ſeinen unglücklichen Kindern aanerkennt, oder von ihm Notiz nimmt. Die gebicteriſche Sitte verlangt, daß er ſie in jeder Beziehung 8 wie ſeine andern Sklaven behandelt. Er kann ſie zur Arbeit auf das Feld treiben oder dem Meiſtbietenden in einer Auktion verkaufen; wenn er es ſich aber einfallen läßt, ihnen auf irgend eine Weiſe das geringſte Zeichen väterlicher Liebe zu geben, ſo kann er gewiß ſein, daß ſein Ruf allgemein von der Zunge der Verleumdung beſtürmt, daß alle ſeine Schwä⸗ chen und Fehler ſorgfältig aufgeſucht, boshaft vergrößert und mit Oſten⸗ tation an's Licht gezogen werden, daß man ihn moraliſch Spießruthen laufen und bei allen Leuten der beſſern Klaſſen als den erbaͤrm⸗ lichſten, niedrigſten und verächtlichſten Menſchen darſtellen wird. Oberſt Moore war ein viel zu kluger Mann, um ſich etwas derartigem auszuſetzen. Er hatte ſtets die beſte Geſellſchaft frequentirt, und wenn er auch in politiſcher Beziehung ein Demokrat ſein mochte, ſo war er doch jeden⸗ falls in ſeinen Gefühlen ein vollkommener Ariſtokrat. Natürlich empfand er bei dem Gedanken an die Verletzung der von der Ge ſich bewegte, anerkannten Convenienz, daſſelbe Entſetzen, wie eine Mode⸗ dame vor Baumwollenſpitzen oder ein Stutzer vor einer eiſernen Gabel. Unter dieſen Umſtänden wird ſich Niemand wundern, daß ich— wenigſtens inſoweit als die Sache den Oberſt Moore betraf— mich immer noch in Ungewißheit darüber befand, wer mein Vater ſei. Wenn dies aber auch für mich ein Geheimniß war, ſo blieb es doch Oberſt Moore's Freunden und Gaͤſten nicht verborgen. Selbſt wenn es nichts Anderes verrathen hätte, würde ſchon die auffallende Aehnlichkeit zwiſchen uns jedenfalls dieſe Wirkung gehabt haben, und wiewohl dieſelbe Rückſicht auf die Convenienz, welche den Oberſt Moore verhin⸗ derte, jemals von der Verwandtſchaft Notiz zu nehmen, auch die Zungen ſeiner Gäſte band, ſo erkannte ich doch, nachdem ich das Geheimniß er⸗ fahren hatte, ſofort den wahren Sinn gewiſſer ſpöttelnder Scherze und ent⸗ fernter Anſpielungen, welche ſich zuweilen gegen das Ende eines Diners diejenigen Gäſte entſchlüpfen ließen, denen der Wein Witz und Wahrhaf⸗ tigkeit eingeflößt hatte. Dieſe Ausfälle, deren Bedeutung ich nie verſtehen konnte, wurden von Oberſt Moore und dem nüchterneren Theile der Ge⸗ ſellſchaft ſtets ſchlecht aufgenommen und hatten häufig die Folge, daß mir und den übrigen Dienern der Befehl ertheilt wurde, das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Weshalb dies jedoch geſchah, war mir, bis ich den oben erwähnten Schlüſſel erhielt, ſtets ein Raͤthſel geblieben. Ich hätte leicht von meinen Dienſtgenoſſen das Geheimniß erfahren können, welches mein Vater nicht verrathen wollte und meine Mutter nicht zu enthüllen wagte. Zu jener Zeit hegte ich aber, gleich den meiſten hel⸗ leren Sklaven, eine gewiſſe Verachtung gegen meine dunkleren Unglücks⸗ brüder; ich hielt mich ſo viel als möglich von ihnen fern und verſchmaͤhte es, mit ſolchen umzugehen, die ein wenig dunkler waren als ich. Aber ich muß meinem Vater in ſo weit Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, daß ich ihm die Gefühle eines Vaters nicht gänzlich abſppeche. Wenn er auch die Anſprüche, die ich auf ihn beſaß, nie im Mindeſten aner⸗ kannte, ſo leugnete er doch in ſeinem Herzen ihre Gültigkeit nicht völlig ab. Seine Stimme hatte, wenn er mit mir ſprach, einen Ausdruck gütiger Nachſicht, ſeine Miene eine Freundlichkeit, welche, obgleich er ſie gegen einen Jeden bewies, bei mir noch deutlicher hervorzutreten ſchien. Jedenfalls ge⸗ lang es ihm, ſich meine Zuneigung zu erwerben, denn obgleich ich ihn nur als meinen Herrn betrachtete, hatte ich ihn doch aufrichtig lieb. — ſellſchaft, in der er —1 9 Viertes Kapitel. Ich war ungefähr ſiebzehn Jahre alt, als meine Mutter von einem Fieber ergriffen wurde, welches einen tödlichen Ausgang nahm. Sie hatte ſchon frühzeitig eine Ahnung ihres Schickſals und ließ mir, ehe die Krank⸗ heit noch große Fortſchritte gemacht hatte, ſagen, daß ſie mich zu ſehen wünſche. Ich fand ſie im Bett. Sie bat die Wärterin, uns allein zu laſſen und ſagte mir, daß ich mich an ihrem Bette niederſetzen möge. Nachdem ſie mir ihre Todesahnungen mitgetheilt hatte, fügte ſie hinzu, daß ſie es nicht für freundlich gegen mich halten könne, wenn ſie die Welt verlaſſe, ohne mir ein Geheimniß entdeckt zu haben, welches mir ſpäter vielleicht von einigem Nutzen werden könne. Ich bat ſie fortzufahren und wartete mit Ungeduld auf die verſprochenen Mittheilungen. Sie begann mit einer kurzen Geſchichte ihres Lebens. Ihre Mutter war eine Sklavin geweſen und ihr Vater ein gewiſſer Oberſt Randolph, ein Sprößling einer der vornehmſten virginiſchen Familien. Man hatte ſie zur Kammerjungfer erzogen und bei der Vermählung Oberſt Moore's war ſie von ihm gekauft und ſeiner Gemahlin geſchenkt worden. Damals war ſie noch ein ganz junges Maädchen geweſen. Als ſie älter und ihre Schönheit auffallender wurde, hatte ſie große Gunſt in den Augen ihres Herrn gefunden; ſie er⸗ hielt ein nettes, kleines, einſtöckiges Haus— ein Arrangement, welches eben ſo ſehr auf die Bequemlichkeit des Oberſten wie auf ihre eigene be⸗ rechnet war, und wenn man auch zuweilen einige leichte Nadelarbeiten von ihr verlangte, ſo hatte ſie doch fortan, da Niemand der Favoritin des Herrn zu nahe treten wollte, ein ſorgenfreies und müßiges, aber, wie ſie mir ſagte, auch ein ſehr unglückliches Leben geführt. Einen Theil ihrer unglücklichen Lage hatte ſie ſich ſelbſt zu verdanken. Die überlegene Miene, welche ſie im Verkehr mit anderen Dienſtleuten an⸗ nahm, machte ſie bei denſelben allgemein verhaßt; ſie benutzten jede Ge⸗ legenheit, um ſie zu kränken und zu ärgern, und ſie war für alle weib⸗ lichen Kränkungen eben ſo empfindlich wie irgend eine Modedame. Wenn ſte aber auch auf ihre Schönheit und die Gunſt ihres Herrn ſtolz war, ſo beſaß ſie doch keinen zänkiſchen Charakter, und ihr thoͤrichter Stolz ent⸗ ſprang in ihr, wie ein ähnliches Gefühl in meinem Innern, einem grund⸗ loſen, wenn auch gewöhnlichem Vorurtheile. Unſere Lage war in der That ſo ungleich beſſer als die der anderen Sklaven, daß wir uns natürlicher⸗ weiſe für ein gewiſſermaßen höheres Geſchlecht hielten. Ohne Zweifel war es unter dem Einfluß dieſes Gedankens, daß meine Mutter, nachdem ſie mir geſagt hatte, wer mein Vater ſei, mit einer ſelbſtgefälligen Miene, welche ſelbſt ihre Fieberſchauer nicht zu unterdrücken vermochten, lächelnd bemerkte, daß ich ſowohl von väterlicher, wie von mütterlicher Seite das beſte Blut von Virginien— das Blut der Randolph's und Moore's— in den Adern habe.— Dieſe Mittheilungen meiner Mutter machten Anfangs nur geringen Eindruck auf mich. Meine hauptſächlichſte Beſorgniß galt ihr, denn ſie war ſtets die zärtlichſte und liebevollſte Mutter geweſen. Ihre Krankheit machte ſchnelle Fortſchritte und am dritten Tage hörte ſie auf zu leben. Ich beweinte ſie mit dem aufrichtigſten Schmerze. Die erſte Heftigkeit deſſelben ging zwar bald vorüber; aber mein Geiſt erlangte ſeine frühere Stimmung nicht wieder. Die gedankenloſe Heiterkeit, welche bis jetzt eine Art von Sonnenſchein auf mein Leben geworfen hatte, ſchien mich zu vern 10 laſſen. Meine Gedanken begannen häufig zu der Mittheilung zurückzu⸗ kebren, die ich von meiner Mutter erhalten hatte. Ich vermag kaum die Wirkung derſelben auf mich zu beſchreiben; vielleicht dürfte die jetzt in mir vorgehende Umwandlung großentheils dem Uebergange aus dem Knaben⸗ in das Mannesalter zugeſchrieben werden. Bisher waren die Creigniſſe wie Träume an mir vorübergezogen, ohne mich tief oder dauernd zu berühren. Ich war zuweilen unmuthig und verdrüßlich, ich hatte meine Schmerzen und Klagen; aber dieſe waren bei Weitem weniger un⸗ angenehm geweſen, als der Gemüthszuſtand, welcher jetzt bei mir eintrat. Mein Geiſt ſchien von unbeſtimmten Beſorgniſſen erfüllt zu werden, von denen ich weder den Grund, noch für die ich ein Heilmittel kannte. Es lag gleichſam eine ſchwere Laſt auf meiner Bruſt, es war ein unbefriedigtes Verlangen nach etwas Unbekanntem, ein Sehnen, zu deſſen Erfüllung ich nichts thun konnte, weil mir der Gegenſtand deſſelben nicht bekannt war. Ich verſank oft in Gedanken, aber mein Geiſt ſchien ſich nicht auf irgend einen beſtimmten Gegenſtand zu firiren und nach ſtundenlangem tiefen Nachſinnen würde ich oft ſehr verlegen geweſen ſein, wenn ich hätte ſagen ſollen, an was ich gedacht habe. Mitunter nahmen aber meine Betrachtungen eine beſtimmte Form an. Ich begann zu überlegen, wer ich ſei und was ich zu erwarten habe. Ich war der Sohn eines freien Mannes und doch als Sklave geboren. Von der Natur mit Fähigkeiten begabt, welche man mir nie auszuüben ge⸗ ſtatten würde,— im Beſitz von Kenntniſſen, welche ich bereits verhehlen Bruders,— ein gefeſſeltes, eingeſchloſſenes, gefangenes Geſchöpf, das es nicht wagte, ſich von dem Hauſe ſeines Herrn zu entfernen, ohne dazu eine ſchriftliche Erlaubniß zu haben! Zum Spielballe ſeiner Launen beſtimmt, gänzlich gehindert, in irgend einer Beziehung für mich ſelbſt zu handeln oder mein eigenes Glück zu Rathe zu ziehen, gezwungen mein ganzes Leben lang auf das Gebot eines Andern zu arbeiten und jede Stunde, jeden Augenblick den ſchmählichſten Bedrückungen und demüthigendſten Kränkungen ausgeſetzt!. 3 Dieſe Gedanken wurden bald ſo bitter, daß ich mich, ſo viel ich konnte, bemühte, ſie zu unterdrücken. Dies ſtand jedoch nicht immer in meiner Macht. Trotz meiner Anſtrengungen ſtiegen dieſe verhaßten Ideen immer wieder in meinem Innern auf und verurfachten mir wahre Folterqualen. Mein junger Herr blieb fortwaͤhrend ſo gütig, wie er von Anfang an geweſen war. Ich wurde ein Mann; er aber war noch immer ein Knabe geblieben. Seine andauernde Kränklichkeit, welche ſein Wachsthum hemmte, ſchien auch ſeine geiſtige Reife zu verzögern. Er gerieth mit jedem Tage ſtärker unter meinen Einfluß und mit jedem Tage wurde meine Zuneigung zu ihm größer. Er war in der That meine einzige Hoffnung. So lange ich bei ihm blieb, konnte ich erwarten, dem ärgſten Grade der Sklaverei zu entrinnen. In ſeinen Augen war ich nicht ein bloßer Diener. Er betrachtete mich mehr als einen geliebten und vertrauten Gefährten. Obgleich er den Namen und die Vorrechte eines Herrn hatte, befand ich mich doch weit weniger unter ſeiner Herrſchaft, als er unter der meinen. Zwiſchen uns herrſchte eine faſt brüderliche Liebe, wenigſtens von der Art, wie ſie zwiſchen Milchbrüdern ſtattfinden mag, wenn auch Keiner von uns jemals eine Anſpielung auf unſere wirkliche Verwandtſchaft machte, welche ihm übrigens wahrſcheinlich unbekannt war. mußte,— der Sklave meines eigenen Vuters,— der Diener meines eigenen 11 3 Ich hatte James noch eben ſo lieb wie ſonſt, aber gegen Oberſt Moore erfuhren meine Gefühle eine vollſtändige Veränderung. So lange ich mich nur als ſeinen Sklaven betrachtete, hatte ſeine anſcheinende Güte ihm meine Zuneigung erworben und es gab nichts, was ich nicht für einen ſo freund⸗ lichen und herablaſſenden Herrn gethan oder gelitten haben würde; nachdem ich mich aber als ſeinen Sohn betrachten gelernt, begann ich zu fühlen, daß ich das, was ich bis jetzt für ein Geſchenk angeſehen hatte, als ein Recht verlangen könne. Ich begann zu ahnen, daß ich Anſpruch auf noch viel mehr— auf gleiche Rechte mit meinen Brüdern hatte. Ich hatte zu⸗ weilen in der Bibel geleſen und jetzt wendete ich mich mit erneuertem Intereſſe zu der Geſchichte der Sklavin Hagar und ibres Sohnes Ismael, und als ich las, wie ihnen ein Engel zu Hilfe gekommen war, nachdem ſie der hartherzige Abraham in die Wüſte hinausgeſtoßen hatte, ſchien in mir eine ſeltſame, unbeſtimmte Hoffnung zu erwachen, daß auch ich durch irgend einen mir noch unbekannten Zufall Unterſtützung und Hilfe finden werde. Zu gleicher Zeit mit dieſer Hoffnung bemächtigte ſich meines Charak⸗ tere eine neue Bitterkeit. Ich ballte unwillkürlich die Hände, knirſchte mit den Zähnen und hielt mich für einen zweiten Ismael, der in der Wüſte umherirre, deſſen Hand gegen die eines Jeden und gegen den wiederum die Hand eines Jeden erhoben ſei. Die Ungerechtigkeit meines unnatür⸗ lichen Vaters empörte mich immer mehr und mehr und alle meine Liebe gegen ihn verwandelte ſich in Haß. Die Grauſamkeit der Geſetze, welche mich im Hauſe meines eigenen Vaters zum Sklaven machte, ſchien in blutigen Lettern vor meinen nur zu prophetiſchen Augen zu ſtehen. Obgleich ich noch jung war und noch keine Prüfungen erfahren hatte, zitterte ich doch vor der Zukunft und verwünſchte das Land und die Stunde meiner Geburt. Ich ſuchte die neuen Gefühle, von denen ich gepeinigt wurde, ſo viel als möglich zu verbergen und da die Lüge eine von den Schutzwaffen gegen die Tyrannei iſt, die der Sklave ſchon frühzeitig benutzen lernt, ſo wendete ich ſie oft nicht ohne Erfolg an. Mein junger Herr fand mich zuweilen in Thränen und mitunter, wenn ich in Gedanken verſunken war, beklagte er ſich über meine Unaufmerkſamkeit; aber ich wies ihn mit plauſibeln Ausflüchten ab, und wenn er auch argwöhnte, daß etwas in mir vorgehe, wovon ich ihm nichts ſagte, und er häufig rief:— Sprich, Archy, ſage mir, was Dir fehlt,— ſo nahm ich doch die Sache auf die leichte Achſel und zerſtreute ſeine Vermuthungen durch heiteres Gelächter. Jetzt ſollte ich aber dieſen gütigen Herrn, in deſſen Zuneigung und Liebe ich das einzige Schutzmittel fand, welches die Sklaverei erträglich machen konnte, verlieren. Seine Geſundheit, welche ſtets ſchwankend ge⸗ weſen war, verſchlimmerte ſich reißend ſchnell und feſſelte ihn anfangs an's Zimmer, und bald ſogar an's Bett. Ich pflegte ihn während ſeiner ganzen Krankheit mit dem Eifer und der Sorgſamkeit einer Mutter. Noch nie war ein Herr treuer bedient worden— aaber es war der Freund und nicht der Sklave, welcher ihm dieſe Aufmerkſamkeiten bewies. Er zeigte ſich auch erkenntlich für meine Dienſte, ſchien nicht zugeben zu wollen, daß außer mir Jemand um ihn war, und nahm nur aus meiner Hand Arznei oder Speiſe an. Es ſtand jedoch nicht in der Macht eines Arztes oder eines Waͤrters, ihn zu retten; er zehrte ab und wurde mit jeder Stunde ſchwächer. Die Kriſis trat bald ein; ſeine weinenden Freunde verſammelten ſich um ſein Bett, aber die Thränen, welche ſie vergoſſen, waren nicht ſo bitter wie die meinen. Faſt noch mit dem letzten Athemzuge empfuhl er mich dem 12 Wohlwollen ſeines Vaters, aber es ſtand nicht zu erwarten, daß der Mann, welcher ſein Herz der Stimme der Vaterliebe verſchloſſen hatte, roßes Gewicht auf die Bitte eines ſterbenden Sohnes legen werde. Er ngfe ſeinen Freunden Lebewohl, druͤckte mir die Hand und verſchied mit einem leiſen Seufzer in meinen Armen. Fünftes Kapitel. Die Familie des Oberſt Moore wußte wohl, wie aufrichtig ich meinen jungen Herrn geliebt und wie treu ich ihm gedient hatte. Sie ehrte die Tiefe meines Schmerzes und geſtattete mir etwa eine Woche lang ihn unge⸗ hindert zu beweinen. Meine Gefühle waren nicht mehr ſo heftig und ſo bitter, wie ich ſie im vorigen Kapitel beſchrieben habe; die Stimmung der häufig. Die übernatürliche Reizbarkeit, von der ich zu geben verſucht habe, war verſchwunden, da meine ganze Auf⸗ merkſamkeit von der Sorge für meinen ſterbenden Herrn in Anſpruch ge⸗ dazu aufgefordert wurde, fuhr ich doch fort wie ge⸗ Herrn aufzuwarten. Mehrere Tage lang nahm ßig in der Nähe desjenigen ein, wo der Stuhl ſtehen ſollen, bis der Anblick der leeren Stelle Augen nach dem entgegengeſetzten Ende trieb. forderte mich Niemand auf, etwas zu thun; ar nicht zu bemerken, daß ich anweſend war. Selbſt Maſter chte ſeine gewöhnliche Inſolenz zu zügeln. onnte jedoch nicht lange dauern. Es war überhaupt eine Nach⸗ ſicht, welche nur ein Lieblingsdiener erwarten durfte, da man im Allge⸗ meinen denkt, daß Sklaven nicht das Recht haben, betrübt zu ſein— wenn dies ſte zur Arbeit untauglich macht. Eines Morgens nach dem Frühſtuck ſagte Maſter William ſeinem Vater, daß ſeiner Meinung nach die Dienerſchaft zu Spring⸗Meadow viel zu nach⸗ ſichtig behandelt werde. Er war jetzt ein lebhafter, eleganter junger Mann, der vor ungefähr einem Jahre von der Univerſität und ganz vor kurzem von Charleston in Süd⸗Carolina zurückgekehrt war, wohin ſein Vater ihn geeſendet hatte, um dort einen Winter zuzubringen und, wie er ſich aus⸗ drückte, den Staub der Schulſtube abzuſchütteln. Dort hatte er wahr⸗ ſcheinlich die neuen Humanitätsprincipien gelernt, welche er jetzt predigte. CEr behauptete, daß ein liebevolles Benehmen gegen einen Diener nur dazu diene, ihn inſolent und unzufrieden zu machen, und bei den undankbaren Schurken übel angebracht ſei. Hierauf ſah er ſich um, wie um ein Opfer zu ſuchen, an dem er eine mit ſeinem Charakter ſo ganz übereinſtimmende Theorie in Anwendung bringen könne, und ſein Auge fiel auf mich. „Da iſt z. B. der Archy— ich moͤchte Hundert gegen Eins wetten, daß ich ihn zu einem der beſten Diener von der Welt machen kann. Er nicht zu verſtehen; aber ſobald er den Sinn meiner Worte zu begreifen 13 iſt ein geſcheidter Burſche und nur durch die übermäß armen James verzogen worden. Sei ſo gut, ihn mir ich brauche ohnehin einen zweiten Diener ſehr nöthig.“ Er eilte, ohne eine Antwort abzuwarten, aus dem Zimmer, indem er wie er ſagte, im Laufe des Morgens zwei Jokeyrennen und außerdem noch einem Hahnenkampfe beizuwohnen habe. Es war ſonſt Niemand zuge en. Oberſt Moore wendete ſich jetzt zu mir und begann damit, daß e mir roße Lobeserhebungen über meine Anhäͤnglichkeit und Treue gege ſeinen entſchlafenen Sohn James machte. Als er den Namen ſeines Sohnes er⸗ wähnte, ſtanden ihm die Thraͤnen in den Augen und er war einige Augen⸗ blicke unfähig weiter zu ſprechen. Er faßte ſich jedoch bald wieder und ſetzte hinzu: A— „Ich hoffe, daß Du den nämlichen Eifer und dieſelbe Liebe auf Maſter William übertragen wirſt.“ 8 Dieſe Worte erſchreckten mich. Ich wußte, daß Maſter William ein Tyrann war, in deſſen Seele die Gewohnheit ſchon längſt die ihm von der Natur verliehene, geringe Menſchlichkeit verwiſcht hatte, und nach dem, was er an jenem Morgen äußerte, hatte ſich ſeine Neigung ur Grauſam⸗ keit in der letzten Zeit noch verſtärkt und es war ſo weit mit ihm gekom⸗ men, daß er die Tyrannei in ein Syſtem gebracht und förmlich ſtudirt hatte, wie eine Wiſſenſchaft. Ich wußte überdies, daß er von Kindheit an einen beſonderen Groll gegen mich gehegt hatte, und fürchtete, daß er be⸗ reits auf Mittel ſinne, mir die Beleidigungen und Mißhandlungen zu Theil werden zu laſſen, vor denen ich bisher durch den Schutz ſeines jungeren Bruders behütet worden war. 38 Ich wurde von Entſetzen und Beſtürzung erfüllt, als ich mich in Ge⸗ fahr ſah, in ſolche Hände zu fallen. Ich fiel meinem Herrn zu Fuͤßen und flehte ihn mit der ganzen Beredtſamkeit des Schmerzes und der Angſt an, mich nicht dem Maſter William zu geben. Die Ausdrücke, in denen ich von ſeinem Sohne ſprach, ſchienen ihn aufzubringen, obgleich ich die mildeſten wählte, die ich ſinden konnte, und als ich mein Entſetzen vor dem Gedanken, Maſter Williams Diener zu werden, zu erkennen gab, ver⸗ ſchwand trotz meines Bemühens, die Gefühle des Vaters ſo viel wie mög⸗ lich zu ſchonen, das Lächeln von ſeinen Lippen und ſeine Stirn verfinſterte ſich. Ich gab die Hoffnung auf, dem mich erwartenden ungluͤcklichen Schickſale zu entrinnen, und meine Verzweiflung trieb mich zu einer äußerſt voreiligen, thörichten Handlung. Durch die Gefahr, Maſter William's Sklave zu werden, kühn gemacht, wagte ich es— allerdings nur entfernt und unbeſtimmt— auf die Mittheilung hinzudeuten, die ich von meiner Mutter auf ihrem Sterbebette erhalten hatte, und erlaubte mir ſogar an Oberſt Moore s väterliche Liebe zu appelliren. Anfangs ſchien er mich ge Nachſicht des geben, Vater. begann, wurde ſein Geſicht finſter wie eine Donnerwolke, erbleichte darauf und überzog ſich endlich mit einer dunklen Röͤthe, welche zu gleicher Zeit von Scham und Zorn hervorgerufen wurde. Jetzt gab ich mich verloren und erwartete einen augenblicklichen Ausbruch von Wuth.— Nach einem kurzen Kampfe ſchien jedoch Oberſt Moore ſeine Faſſung wieder zu gewinnen, ſelbſt das ihm zur Gewohnheit gewordene Lächeln kehrte auf ſeine Lippen zurück, und ohne von meinen letzten Worten Notiz zu nehmen oder mir durch irgend etwas zu erkennen zu geben, daß er ſie verſtanden habe, be⸗ merkte er mir, daß er Maſter William's Verlangen nicht abſchlagen und 14 den Grund meines Widerſtrebens nicht begreifen könne. Es ſei wahrhaft lächerlich, aber er wolle mir doch in ſoweit nachſehen, daß er mir die Wahl zwiſchen dem Eintritt in Maſter William's Dienſt oder der Feldar⸗ beit geſtatte. Dieſe Alternative wurde mir in einem Tone geſtellt, der mir den Mund verſchließen und nur die nackte Freiheit der Wahl laſſen ſollte. Aller⸗ dings war ſie keine beſonders angenehme; aber Alles, ſelbſt die harte Arbeit, ſpaͤrliche Koſt und rauhe Behandlung, welcher, wie ich wußte, die Feldarbeiter unterworfen waren, ſchien mir der Ausſicht, der Spielball von Maſter William's Tyrannei zu werden, vorzuziehen zu ſein. Außerdem verdroß mich auch die geringſchätzende Art und Weiſe, wie meine Bitte aufgenommen worden war, und ich zauderte nicht lange. Ich dankte dem Oberſten für ſeine große Güte und wählte ſofort das Feld. Er ſchien darüber ziemlich erſtaunt zu ſein und gebot mir mit einem an Hohn ſtrei⸗ fenden Laͤcheln, mich bei Meiſter Stubbs zu melden. Maſter Thomas Stubbs war der Sklavenaufſeher von Spring⸗Mea⸗ dow, ein Menſch, deſſen Name, Geſtalt und Charakter mir wohl bekannt waren, obgleich ich bis jetzt das Glück gehabt hatte, ſehr ſelten mit ihm in Berührung zu kommen. 3 Er war ein unterſetzter, breitſchulteriger Mann von etwa funfzig Jahren mit kurzem Halſe und einem mit ſtruppigen Haaren bedeckten kleinen Bom⸗ benkopfe. Sein Geſicht war merkwürdig gefleckt, denn in Folge der Ein⸗ wirkungen der Sonne, des Whisky's und des Fiebers ſchienen Braun, Roth und Grau zu gleicher Zeit Anſprüche auf deſſen Beſitz erhoben zu haben, ohne zu einer freundſchaftlichen Theilung gelangen zu können. Man ſah ihn gewöhnlich zu Pferde, auf dem er ſich in ſeinem Sattel vorn uͤberbeugte und eine lange, dicke Peitſche von geflochtenen Riemen ſchwang, die er von Zeit zu Zeit auf Kopf und Rücken eines unglücklichen Sklaven fallen ließ. Wenn man in Hörweite von ihm war, ſchienen ſeine Reden oder vielmehr ſeine Befehle und Bemerkungen eine Reihe von Flüchen zu ſein, aus denen es nicht leicht war, zu entziffern was er wollte. Man konnte ſo ziemlich gewiß ſein, einige derartige Ausrufe am Anfange und am Ende eines jeden Satzes zu vernehmen. Maſter Stubbs vermiſchte jedoch nur wenn er allein auf dem Felde war, ſeine Befehle mit einer ſtar⸗ ken Würze von Brutalität,— denn wenn Oberſt Moore oder irgend ein anderer Gentleman vorüber ritt, ſo konnte er eine äußerſt ſanfte und freundliche Miene annehmen und war erſtaunlicherweiſe im Stande, ſich mit einem Fluche auf jeden Satz zu begnügen. 3 Mr. Stubbs beſchränkte ſich jedoch bei der Ausübung ſeiner Functio⸗ nen nicht auf harte Worte; er ſetzte ſeine Peitſche eben ſo oft in Bewe⸗ gung als ſeine Zunge. Oberſt Moore hatte eine europäiſche Erziehung ge⸗ noſſen und hegte, wie Jedermann, der in einem andren als einem Skla⸗ venſtaat aufgewachſen iſt, einen entſchiedenen Widerwillen gegen jede „unnöthige“ Grauſamkeit. Er mußte ſich gewöhnlich jede Woche einmal über einen Akt der Brutalität von Seiten ſeines Aufſehers ärgern. Nach⸗ dem er jedoch ſein beleidigtes Gefühl durch den Ausdruck ſeines Unwillens und durch die Erklärung beſchwichtigt hatte, daß Mr. Stubbs' Benehmen nachgerade unerträglich werde, blieb Alles wieder beim Alten. Die Sache war die, daß Mr. Stubbs für reichliche Ernten zu ſorgen verſtand, und eein ſolcher Mann war zuviel werth, als daß er ihn lediglich deshalb, um die Sklaven gegen ſeine Tyrannei zu ſchützen, häͤtte fortſchicken ſollen. —— —è 15 Es war für mich eine harte Veränderung, nachdem ich an die ſaubert Eleganz in Oberſt Moore's Hauſe und an die milde Herrſchaft und den leichten Dienſt bei Maſter Janies gewöhnt geweſen war, unter die despo⸗ tiſche Gewalt eines gemeinen, unwiſſenden und rohen Schurken überzugehen. Ueberdies war ich nie an ſchwere regelmäßige Arbeit gewoͤhnt geweſen, und es koſtete mir in der That Ueberwindung, mich ohne Weiteres in die ſchwere Feldarbeit zu ſchicken. Ich beſchloß jedoch, gute Miene zum böſen Spiele zu machen; ich war kräftig und die Gewohnheit mußte mir bald meine Arbeit erträglicher erſcheinen laſſen. Ich wußte nur zu aut, daß es Stubbs gänzlich an humanen Gefühlen fehlte; aber ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß er gegen mich den nämlichen Groll hege, den ich bei Maſter William ſo ſehr fürchtete Nach dem, was ich von ihm wußte, hielt ich ibn für keinen geradezu bösartigen Mann, und glaubte, daß er weniger aus Bosheit fluchte und peitſchte, als weil es zum„Geſchäft“ ge⸗ hörte. Er ſchien wie jeder Aufſeher der Meinung zu ſein, daß es unmög⸗ lich ſei, eine Pflanzung auf andere Weiſe im Gange zu erhalten. Ich hoffte, daß mein Fleiß mich in den Stand ſetzen würde, der Peitſche zu entgehen, und über die gemeinen Schmähungen des Maſter Stubbs glaubte ich mich leicht hinwegſetzen zu können, wie kränkend ſie auch den anderen Dienern erſcheinen mochten. Maſter Stubbs hörte meinen Bericht ſehr gnädig an, indem er ſeinen Kautabak aus dem einen Backen in den andern ſchob und mich mit ſeinen kleinen funkelnden grauen Augen aublinzelte. Nachdem er mich nach Her⸗ zensluſt als einen Dummkopf verwünſcht hatte, gebot er mir, ihm auf das Feld zu folgen. Hier wurde mir eine große, plumpe Hacke mit einem ſechs Fuß langen Stiele in die Hand gegeben, und ich den ganzen Tag über ſtreng zur Arbeit angehalten. Mit einbrechender Dunkelheit durfte ich das Feld verlaſſen und der Aufſeher wies mir eine kleine erbärmliche Hütte von etwa zehn Fuß im Quadrat, fünf Fuß Höhe mit einem verfallenen Dach, aber weder Dielen noch Fenſtern an. Dies ſollte mein Haus ſein, oder ich ſollte es vielmehr mit Billy, einem jungen Sklaven von ungefähr meinem Alter, theilen. In dieſe elende Hütte brachte ich einen Kaſten, der meine Kleider und einige andere Dinge, wie ſie ein Sklave beſitzen darf, enthielt. Als Bett erhielt ich eine einzige wollene Decke, die etwa ſo groß wie ein Tiſchtuch war und dazu wurde mir ein Korb mit Mais und einige Pfund halb ver⸗ dorbenen Specks als Wochenration gegeben. Da es mir aber an einem Topfe, Keſſel, Meſſer und Teller fehlte,— denn dies ſind Bequemlichkeiten, welche ſich die Sklaven ſelbſt anſchaffen müſſen, ſo gut ſie können— be⸗ fand ich mich in einiger Gefahr, ein nur aus rohem Speck beſtehendes Abendbrot verzehren zu müſſen Billy ſah meine Noth und nahm ſich mitleidig meiner an. Er half mir meinen Mais zu Brei ſtampfen und lieh mir ſeinen eigenen kleinen Keſſel um ihn darin zu kochen, ſo daß ich gegen Mitternacht im Stande war, m in ſechszehn⸗ bis zwanzigſtündiges Faſten zu unterbrechen. Meine breite und lange Kiſte vertrat ganz erträg⸗ lich die Stelte eines Bettes, Stuhles und Tiſches. Ich verkaufte einen Theil meiner Kleider, welche in der That auch für einen Feldarbeiter viel zu ſchön waren. kaufte mir ein Meſſer, einen Löffel und einen Keſſel und ſetzte daßzurch meine Hausbaltung in leidlichen Stand. Meine Einrichtung war ſo gut, wie es ein Feldſklave nur immer er⸗ warten durfte, aber och nicht von der Art, daß ſie mich hätte beſonders ihr ganzes Leben hindurch Feldſklaven geweſen waren; aber ich war zu Kragen meines Hemds, des einzigen Kleidungsſtückes, welches ich auf dem glücklich machen können, da ich an Beſſeres gewöhnt geweſen war. Die Hacke bedeckte meine Hände mit Blaſen und wenn ich des Nachts von der ungewohnten Arbeit völlig erſchöpft heim kam, ſo war es keine ſehr ange⸗ nehme Unterhaltung, Mehlbrei zu ſtampfen und bis nach Mitternacht auf⸗ zubleiben, um meine Mahlzeit für den folgenden Morgen zu bereiten, wo⸗ bei ich noch täglich die Ausſicht hatte, daß ich mit der erſten Morgen⸗ dämmerung wieder auf das Feld hinaus mußte. Dieſe Arbeit war jedoch bei aller ihrer Härte gewiſſermaßen meine eigene Wahl geweſen. Ich war dadurch einer ſchlimmerern Tyrannei und bitterern Knechtſchaft entronnen. Ich war wenigſtens nicht in die Hände Maſter William's gerathen. Da ich keine Gelegenheit haben werde, dieſen liebenswürdigen Jüng⸗ ling wieder zu erwähnen, ſo will ich ſeine Geſchichte hier beendigen. Et⸗ wa ſechs bis acht Monate nach dem Tode ſeines jüngern Bruders wurde er, bei einem Hahnenkampfe, in einen Streit verwickelt. Dieſer Streit hatte ein Duell zur Folge, und Maſter William ſtürzte auf den erſten Schuß todt nieder. Sein Tod war ein harter Schlag für den Oberſt Moore, welcher lange untröſtlich darüber zu ſein ſchien. Ich bedauerte ihn weder um ſeiner ſelbſt, noch um ſeines Vaters willen. Ich wußte, daß ich durch ſeinen Tod einem grauſamen und rachſüchtigen Herrn entgangen war und empfand eine bittere Freude bei dem Anblick der Verluſte eines Mannes, der es gewagt hatte, die heiligen Bande der Natur mit Füßen zu treten. 8 Sechſtes Kapitel. Ich mußte die nämlichen Arbeiten verrichten, wie diejenigen, welche ſtolz, um mich zu beklagen oder um Nachſicht zu bitten. Ich ſtrengte mich auf’s Aeußerſte an, ſo daß ſelbſt Mr. Stubbs nichts zu tadeln fand, ſon⸗ dern mich im Gegentheil mehr als einmal einen recht ordentlichen Ar⸗ beiter nannte. Die Hütte, welche ich mit Billy theilte, hatte ein ſehr ſchlechtes Dach, und wenn das Wetter regneriſch war, befanden wir uns keineswegs be⸗ haglich darin. Endlich beſchloſſen wir eines Tages, daſſelbe auszubeſſern, und um dafür Zeit zu erlangen, ſtrengten wir uns an, unſer Tagewerk fruͤher zu beendigen. Gegen vier Uhr Nachmittags waren wir fertig und befanden uns zu⸗ ſammen auf dem Heimwege nach der Stadt— denn ſo nannten wir die Gruppe von Hütten, in denen die Sklaven wohnten. Mr. Stubbs be⸗ gegnete uns und nachdem er uns gefragt hatte, ob wir mit unſerer Arbeit fertig ſeien, murmelte er, daß wir bei weitem nicht genug zu thun hätten, und befahl uns in ſeinen Garten zu gehen und denſelben zu jäten. Billy gehorchte ſchweigend, denn er hatte zu lange unter Stubbs' Gerichtsbar⸗ keit geſtanden, um ſich beifallen zu laſſen, gegen ſeine Befehle Einwen⸗ dungen zu machen. Ich wagte jedoch, ihm auf die möglichſt ehrerbietige Weiſe zu bemerken, daß es mir, da wir das uns aufgegebene Tagewerk beendigt hätten, ſehr hart dünke, uns noch dieſe Arbeit zu geben. Hier⸗ über gerieth Mr. Stubbs in einen wüthenden Zorn, und er ſchwor zwan⸗ zig mal, daß ich den Garten jäten und eine Tracht Schläge mit in den Kauf erhalten ſolle. Zugleich ſprang er vom Pferde, erfaßte mich am — — 17 S Oberkörper trug, und begann mich mit ſeiner Reitpeitſche zu bearbeiten. Es war ſeit meiner Kindheit das erſte Mal, daß mir eine ſolche entehrende Züchtigung zu Theil wurde. Der Schmerz war heftig, die Idee des Ge⸗ peitſchtwerdens kränkend; aber das war noch nichts im Vergleich zu dem empörenden Gefühl des inſolenten Unrechts, welches mir zugefügt wurde. Ich hielt mich nur mit der größten Mühe zurück, über meinen brutalen Peiniger herzufallen und ihn zu Boden zu ſchlagen. Aber ach!— 3 war ein Sklave. Was bei einem freien Manne ein ganz erlaubter Akt der Nothwehr iſt, wird bei einem Sklaven unverzeihliche Frechheit und Widerſpenſtigkeit. Ich ballte die Fäuſte, preßte die Zähne feſt zuſammen und ertrug die Mißhandlung ſo gut ich konnte. Hierauf wurde ich in den Garten geſchickt und, da eben Vollmond war, bis gegen Mitternacht dort zum Jäten angehalten. 1 Der folgende Tag war ein Sonntag. Die Sonntagsruhe iſt die einzige Wohlthat, welche der amerikaniſche Sklave der Religioſttät ſeines Herrn verdankt. Ich beſchloß die Sonntagsmuße zu benutzen, um mich bei meinem Herrn über die mir am Tage vorher von Mr. Stubbs zu Theil gewordene barbariſche Behandlung zu beklagen. Oberſt Moore nahm mich mit einer bei ihm ganz ungewohnten Kälte und Unfreundlichkeit auf, denn gewöhnlich⸗ hatte er ein Lächeln für Jedermann und beſonders für ſeine Sklaven. Er hörte jedoch meinen Bericht an und jieß ſich ſogar herab, zu erklären, daß ihm nichts größern Schmerz bereite, als wenn er ſeine Diener unnöthiger oder unbilliger Weiſe beſtrafen ſähe, und daß er auf ſeiner Pflanzung der⸗ gleichen Dinge nie geſtatten würde. Hierauf befahl er mir, mich zu ent⸗ fernen, nachdem er mir verſichert hatte, daß er im Laufe des Tages bei Mr. Stubbs Erkundigungen über die Sache einziehen werde. An demſelben Abend ließ mich Mr. Stubbs in ſein Haus rufen, band mich an einen Baum vor ſeiner Thür, gab mir vierzig Hiebe und ſagte mir dann ich ſolle mich wieder beim Herrn beklagen, wenn ich Luſt dazu habe.„Es wäre wahrhaftig ſchlimm,“ ſetzte er hinzu,„wenn ich einem verwünſchten Nigger nicht die Unverſchämtheit aus dem Leibe prügeln könnte, ohne darüber Rechenſchaft ablegen zu müſſen.“ Unverſchämtheit! die ſtereotype Ausrede der Tyrannen! Wenn ein armer Sklave gepeitſcht und gemißhandelt worden iſt und es läßt ſich kein triftiger Grund dafür anführen, ſo muß ſtets die Unver⸗ ſchämtheit des Gemißhandelten als Entſchuldigung dienen, und ſie genügt jedem Sklavenhalter, um die empörendſten Ungerechtigkeiten nachzuſehen. Das geringſte Wort, ja ein Blick, welcher verräth, daß der Sklave ſich des ihm widerfahrenden Unrechts bewußt iſt, wird für Frechheit und Unver⸗ ſchämtheit erklärt und mit unnachſichtlicher Strenge beſtraft. Es war das zweite Mal, daß ich die Peitſche fühlte; aber ich fand dieſe zweite Doſis nicht angenehmer als die erſte. Ein Schlag iſt in den Augen freier Männer die ſchmachvollſte Beleidigung, und auch der Sklave betrachtet ihn als eine Schande, mag er durch die Grauſamkeit ſeines Unterdrückers auch noch ſo tief geſunken ſein. Ueberdies verurſacht eine aus geflochtenen Riemen beſtehende„Katze“ von der Hand eines kräftigen Mannes geſchwungen, auch einen heftigen körperlichen Schmerz, beſonders wenn bei jedem Hiebe das Blut hervordringt. Ich ſtelle es dem Leſer anheim, ſich einen Begriff von dem nicht zu beſchreibenden Seelenzuſtande eines Menſchen zu machen, der jede Stunde in Gefahr iſt, dieſer entwürdigenden Qual unterworfen zu werden. Wen Der weiße Sklave. 3 3 2 8— ————ÿͤͤ—— er ſich von dieſem Elende eine Vorſtellung gemacht hat— und er danke Gokt aus dem Grunde ſeines Herzens, daß es bei ihm nie zur Wirklichkeit werden kann!— ſo wird er, wenn auch nur unvollkommen und annähernd, beurtheilen können, was es heißt ein Sklave zu ſein! Ich hatte jetzt etwas gelernt was jeder Sklave erfährt: daß ich ſelbſt den Troſt des Mitleids Anderer entbehren mußte und daß ich mich ferneren ungerechten Mißhandlungen nur durch geduldige Hinnahme der erſten ent⸗ ziehen konnte. Ich hielt es daher für das Beſte, dieſe bittere Lehre zu benutzen und mir einen Theil der heuchleriſchen Demuth anzueignen, welche einem Menſchen in meiner unglücklichen Lage ſo nöthig iſt. Die Demuth, mag ſie nun aufrichtig oder erheuchelt ſein, iſt in den Augen des Gebieters die Haupttugend des Sklaven, denn er verſteht darunter die Bereitwilligkeit, jede denkbare Unbill und Schmach ohne Widerſtreben oder Klagen über ſich ergehen zu laſſen, jede Mißhandlung freundlich und lächelnd, wie eine Gunſt⸗ bezeigung, hinzunehmen und den Fuß zu küſſen, der ihn in den Koth tritt. Ich muß geſtehen, daß dieſe Art der Demuth eine Tugend war mit der mich die Natur nur ſehr ſpärlich ausgeſtattet hatte, und es wurde mir nicht ſo leicht als ich es gern gewünſcht hätte, alles menſchliche Gefühl zu verleugnen. Es war mir ganz ſo, als ob ich den aufrechten Gang, den mir Gottes Hand verliehen hätte aufgeben und lernen ſollen, auf der Erde zu kriechen, wie ein Reptil. Dies war gewiß eine harte Lection; aber ein amerikaniſcher Sklavenaufſeher iſt ein zäher Lehrmeiſter, und wenn ich nur langſame Fortſchritte machte, ſo war dies wahrlich nicht die Schuld des Mr. Stubbs.. Siebentes Kapitel. Es wuͤrde für mich drückend und für den Leſer langweilig ſein, wenn ich alle die ſchmählichen und einförmigen Ereigniſſe, aus denen zu jener Zeit mein Leben beſtand, ausführlich erzählen wollte. Sie laſſen ſich in wenige Worte zuſammenfaſſen und der Satz, welcher dieſen Theil meiner Geſchichte beſchreibt, iſt zugleich die Lebensgeſchichte vieler Tauſende von den Bewohnern Amerika's. Ich wurde zu ſchwerer Arbeit angehalten, ſchlecht genährt und oft gepeitſcht. Mr. Stubbs ließ mich, nachdem er einmal mit mir angefangen hatte, die Wirkungen der einen Schlägetracht nicht vergeſſen, ehe er mir eine neue auferlegte, und ich habe noch Zeichen von ihnen am Körper, welche ich wahrſcheinlich mit in das Grab nehmen werde. Dabei verſicherte er mir beſtändig, daß das, was er thue, nur zu meinem eignen Beſten ſei und ſchwor, daß er nicht eher ruhen werde, als bis er mir meine verdammte Unverſchämtheit ausgetrieben habe. Die Gegenwart begann mir unerträglich zu werden, und welche Hoff⸗ nungen hat der Sklave für die Zukunft? Ich wünſchte mir den Tod und ich weiß nicht, zu welchen Schritten meine Verzweiflung mich vielleicht ge⸗ trieben haben würde, als eine von den Veränderungen, denen der Sklave beſtändig ausgeſetzt iſt, über die er aber keine Herrſchaft ausüben kann, mir eine vorübergehende Erleichterung meiner Lage verſchaffte. Oberſt Moore hatte durch den plötzlichen Tod eines Verwandten in Südkarolina ein großes Vermögen geerbt. Der Verſtorbene hatte ijedoch ein Teſtament hinterlaſſen, über welches Streitigkeiten entſtanden waren, die ganz den Anſchein gewannen, als ob ſie mit einem Proceß enden .—— 19 3 würden. Die Sache erforderte die perſönliche Anweſenheit Oberſt Moore’s; er war daher vor Kurzem nach Charleston abgereiſt und hatte mehrere von den Dienern mitgenommen. Ueberdies waren kurz zuvor einige ge⸗ ſtorben und Mrs. Moore ließ mich kurz nach der Abreiſe ihres Gemahls kommen, um die in ihrer Haushaltung entſtandene Lücke ausfüllen zu helfen. Dieſe Veränderung machte mich wahrhaft glücklich. Ich kannte Mrs. Moore als eine Dame, welche einen Diener, ſelbſt wenn er ein Sklave war, nie mißhandeln oder mit Füßen treten konnte,— außer wenn ſte ſich in ſehr ſchlechter Laune befand— ein unglückliches Ereigniß, welches bei ihr nicht öfter als ein bis zwei Mal in der Woche eintrat und höchſtens bei ſehr heißem Wetter zuweilen eine ganze Woche hindurch anhielt. Ueberdies hoffte ich, daß die Erinnerung an meine treue, liebevolle Anhänglichkeit an ihren jüngeren Sohn, welcher ſtets ihr Liebling geweſen war, mir eine freundliche Behandlung von ihrer Seite ſichern wuͤrde. hatte mich hierin auch nicht geirrt. Der Kontraſt meiner neuen Lage mit der Tyrannei des Mr. Stubbs verlieh ihr faſt einen Anſchein von Glück. Ich erlangte meine Heiterkeit und frohe Laune wieder. Ich war zu klug, oder vielmehr dieſe neue Veränderung meines Schickſals machte mich zu ſorglos, als daß ich mich viel um die Zukunft hätte kümmern ſollen, und zufrieden mit der Erleichterung, welche mir jetzt zu Theil wurde, hörte ich auf, uͤber meine traurige Lage nachzuſinnen. Um dieſe Zeit kehrte Miß Karoline, die älteſte Tochter Oberſt Moore's, von Baltimore zurück, wo ſie mehrere Jahre bei einer Tante, welche ihre Erziehung leitete, zugebracht hatte. Sie war nur ein gewöhnliches Mädchen ohne beſondere Anmuth oder Schönheit, aber ihr Kammermädchen Caſſy (Caſſandra), welche früher meine Geſpielin geweſen war und die, nachdem ſie uns als Kind verlaſſen hatte, als Jungfrau zurückkehrte, beſaß Beides in hohem Maße. Ich erfuhr von einem meiner Dienſtgenoſſen, daß ſie eine Tochter Oberſt Moore's und einer Sklavin ſei, welche die Gunſt ihres Herrn einige Jahre lang mit meiner Mutter getheilt hatte, aber vor vielen Jahren mit Hinterlaſſung ihrer Tochter Caſſy geſtorben war. Ihre Mutter ſollte ſehr ſchön und eine äußerſt gefährliche Rivalin der meinigen geweſen ſein. Hinſichtlich der körperlichen Reize war Caſſy ihrer Eltern nicht unwür⸗ dig; ſie war nicht hoch gewachſen, aber die Grazie und Eleganz ihrer Ge⸗ ſtalt konnte kaum übertroffen werden, und die elaſtiſche Lebhaftigkeit aller ihrer Bewegungen häͤtte ihrer ſchmachtenden und trägen Herrin, welche den ganzen Tag nicht vom Sopha kam, als nachahmenswerthes Vorbild dienen können. Das reine, ſammtweiche Olivenbraun ihrer Haut, welches auf beiden Wangen zu einem tiefen Roth wurde, war jedenfalls angenehmer als die kränkliche Bläſſe, welche bei den patriziſchen Schönheiten des unteren Virginien's gewöhnlich oder vielmehr allgemein iſt, und ſie konnte ſich eines Augenpaares rühmen, deſſen ſtrahlenden Glanz und Ausdruck ich nie uͤber⸗ troffen geſehen habe. Zu jener Zeit war ich auf meine Farbe ſo ſtolz wie nur irgend ein Virginier, und wenn ich auch durch bittere Erfahrungen mich überzeugt hatte, daß ein Sklave, gleichviel ob weiß oder ſchwarz, immer ein Sklave bleibt und daß der Herr ohne der Hautfarbe ſeines Opfers zu achten, die Peitſche mit vollkommener Unpartheilichkeit führt, ſo glaubte ich doch, wie meine arme Mutter einer höheren Kaſte anzugehören und würde es als eine Herabwürdigung betrachtet haben, mich mit Denen, welche um 4 7 20 einige Schattirungen dunkler waren als ich, auf gleiche Stufe zu ſtellen. Dieſer thörichte Stolz hatte mich abgehalten, in ein vertrautes Verhältniß mit den übrigen Dienern und Dienerinnen zu treten, denn ich war entſchie⸗ den weißer als ſie Alle. Dies hatte mir mit Recht eine Abneigung zuge⸗ zogen, deren Folgen ich mehr als einmal ſchmerzlich gefühlt, durch die ich aber von meiner Thorheit noch nicht ganz geheilt worden war. Caſſy hatte vielleicht etwas mehr afrikaniſches Blut in den Adern als ich, aber dies war ein Punkt, welcher trotz der Wichtigkeit, die ich ihm Anfangs beigelegt, bei näherer Bekanntſchaft mit ihr täglich mehr aus meinen Augen und zuletzt völlig aus meinen Gedanken verſchwand. Wir waren häufig beiſammen und ihre Schönheit, Lebhaftigkeit und Heiterkeit machten mit jedem Tage einen ſtärkeren Eindruck auf mich. Ich liebte ſie, ehe ich daran dachte, und bald entdeckte ich, daß meine Neigung nicht un⸗ erwiedert geblieben war. Caſſy war ein Naturkind und ſie hatte die Künſte der Koketterie, welche von der Dienerin oft mit eben ſo großem Geſchick ausgeübt werden wie von der Herrin, nie gelernt. Wir liebten einander und begannen bald vom Heirathen zu ſprechen. Caſſy zog ihre Gebieterin zu Rathe, und die Antwort fiel günſtig aus. Mrs. Moore hörte mich mit gleicher Bereit⸗ willigkeit an. Die Frauen kennen kein größeres Glück, als ein junges Paar zu verbinden, und der beſcheidene Stand der Betheiligten vermag der Sache ihren Reiz nicht ganz zu entziehen. Es wurde beſchloſſen, daß unſere Heirath Gelegenheit zu einem kleinen Feſte für die Dienerſchaft geben ſolle. Der bevorſtehende Sonntag wurde dazu beſtimmt und ein methodiſtiſcher Geiſtlicher, welcher zufällig in die Gegend gekommen war, übernahm bereitwillig die kirchliche Ceremonie. Er würde dieſen Theil ſeines Amtes wohl für einen Jeden verrichtet haben, für uns aber that er es um ſo lieber, da Caſſy in Baltimore der metho⸗ diſtiſchen Kirche beigetreten war. Ich war damit ſehr zufrieden, denn es ſchien unſerer Verbindung etwas von der nöthigen Feierlichkeit zu geben. Im Allgemeinen wird die Ehe bei den amerikaniſchen Sklaven als eine Sache von ſehr geringer Wichtig⸗ keit betrachtet, ſie iſt eine bloße zeitweilige Verbindung, welche ohne Cere⸗ monien geſchloſſen, von den Geſetzen nicht anerkannt, von den Herren wenig oder gar nicht beachtet, und natürlich von den Betheiligten ebenfalls oft auf die leichte Achſel genommen wird. Der ſtete Gedanke, daß der Mann jeden Tag nach Louiſtana und die Frau nach Georgien verkauft werden kann, bietet nur geringe Verſuchungen dar, die Bande des ehelichen Lebens feſter zu knüpfen, und die Gewißheit, daß die Früchte ihrer Ehe, die Kin⸗ der ihrer Liebe als Sklaven geboren und zu allen Entbehrungen und Leiden einer hoffnungsloſen Knechtſchaft erzogen werden, iſt hinreichend, um die Herzen des zärtlichſten Paares zu entmuthigen. Die Sklaven geben ſich den Trieben der Natur hin und pflanzen ein Geſchlecht von Sklaven fort; aber mit ſeltenen Ausnahmen iſt die Sklaverei der Familienliebe eben ſo ‚verderblich, wie allen übrigen Tugenden. Einige Wenige erheben ſich aller⸗ dings über ihren Stand und finden in Ermangelung jeder andren Stütze in ſich ſelbſt die nöthige Kraft, um den demoraliſtrenden Einflüſſen der Sklaverei zu widerſtehen. Ebenſo findet das verheerende Gift der Peſt und des gelben Fiebers, das im Vergleich mit jenem unſchuldig und macht⸗ los genannt werden kann,— während es in einer davon ergriffenen Stadt die Menſchen zu Tauſenden hinrafft, hier und da eine eiſerne Conſtitution, 21 welche ſeiner tödtlichen Wirkung trotzt und durch die bloße Hilfe der Ratur die Krankheit überſteht.. Am Freitag vor dem zu unſerer Trauung feſtgeſetzten Sonntage kehrte Oberſt Moore nach Spring⸗Meadow zurück. Seine Ankunft war uner⸗ wartet und mir wenigſtens unerwünſcht. Mit den anderen Dienern, welche ſich beeilten, ihn zu bewillkommnen, ſprach er mit gewohnter Freundlichkeit und Herablaſſung; obgleich ich ihm aber mit den Uebrigen entgegen ge⸗ gangen war, nahm er doch von mir weiter keine Notiz, als daß er mich finſter anſah. Er ſchien höchlich, und zwar nicht angenehm, erſtaunt zu ſein, mich wieder im Hauſe zu ſinden. Am folgenden Tage wurde ich meiner Pflichten als Hausdiener ent⸗ bunden und Stubbs wieder überantwortet. Dies ſchmerzte mich tief; aber es war nichts gegen das, was ich am folgenden Tage empfand, als ich in's Herrenhaus ging, um meine Braut zu verlangen. Man antwortete mir, daß ſie mit Oberſt Moore und ſeiner Tochter zum Beſuch zu einigen Nach⸗ barn gefahren ſei und daß ich mir nicht die Mühe nehmen ſollte wieder zu kommen, um ſie zu beſuchen, da Miß Karolina keine Luſt habe, ihr Kammermädchen einem Feldſklaven zur Frau zu geben. Es iſt mir unmöglich, den Parorysmus von Schmerz und Zorn zu beſchreiben, von dem ich jetzt erfüllt war. Ich fühlte von Neuem die übeln Folgen des thörichten Stolzes, mit dem ich mich von meinen Dienſtgenoſſen fern gehalten hatte. Statt mir Theilnahme zu beweiſen, freuten ſich Viele von ihnen offen über mein Unglück, und da ich mir nie einen Vertrauten unter ihnen erworben hatte, ſo beſaß ich keinen Freund, den ich hätte um Rath fragen können. Endlich dacht ich an den Methodiſtengeiſtlichen, welcher an jenem Abend kommen ſollte, um uns zu trauen und der großes Intereſſe an Caſſy's und meinem Wohlergehen zu nehmen ſchien. Ich wollte mir nicht nur Rath und Troſt bei ihm erholen, ſondern auch dem guten Manne eine nutzloſe Reiſe nach Spring⸗Meadow und vielleicht ſogar Krän⸗ kungen daſelbſt erſparen, denn Oberſt Moore betrachtete alle Prediger, die Methodiſten insbeſondere, mit ſehr ungünſtigen Augen. 4 3 Ich wußte, daß der erwähnte Geiſtliche etwa fünf Meilen von unſerm Gute eine gottesdienſtliche Verſammlung hielt und beſchloß, wenn ich Er⸗ laubniß erlangen könne, zu ihm zu gehen und ſeine Predigt anzuhoͤren. Ich bat Mr. Stubbs um einen Paß, d. h. um eine ſchriftliche Erlaubniß, ohne welche kein Sklave die Pflanzung, auf die er gehört, verlaſſen darf, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen will von dem Erſten, der ihm be⸗ gegnet, angehalten und mit einer Tracht Schläge wieder heim geſendet zu werden; aber Mr. Stubbs ſagte fluchend, daß er des Herumſtreifens ſeiner Sklaven müde ſei und beſchloſſen habe, für die nächſten vierzehn Tage keine Päſſe zu bewilligen. Zu jeder andern Zeit würde mich dieſe kleinliche Tyrannei auf s Hoͤchſte erbittert haben; jetzt aber beachtete ich ſie kaum, denn mein ganzes Herz war von einer größeren Leidenſchaft erfüllt. Ich kehrte langfam nach dem Sklavenquartier zurück, als ein kleines Mädchen, welches im Hauſe diente, athemlos zu mir gelaufen kam. Ich wußte, daß ſie eine von Caſſy's Freundinnen war und fing ſie in meinen Armen auf. Sobald ſie ſich ein wenig erholt hatte, ſagte ſie, daß ſie mich den ganzen Morgen geſucht habe, um mir eine Mittheilung von Caſſy zu überbringen— Caſſy ſei am Morgen ſehr gegen ihren Willen genöthigt worden, mit ihrer Herrin 4 —— — auszufahren, ich ſolle aber nicht beſorgt oder niedergeſchlagen ſein, denn ſie liebe mich noch eben ſo wie früher. Ich küßte die kleine Botin und dankte ihr tauſend Mal für ihre Nach⸗ richt. Hierauf eilte ich in mein Haus. Es war eine hübſche kleine Cottage, welche Mrs. Moore für Caſſy und mich hatte bauen laſſen, der ich aber jeden Augenblick wieder beraubt zu werden fürchtete. Die Nachrichten, welche ich gehört hatte, erweckten in meiner Bruſt neue Hoffnungen. Ich ſetzte mich nieder, war aber nicht im Stande an einem Orte zu bleiben. Meii Herz klopfte heftig, die fieberhafte Aufregung meines Blutes nahm zu; ich verließ das Haus und ging in meinem Gefängnißhofe— denn ſo konnte ich mit Recht die Pflanzung nennen— umher. Ich machte mir die heftigſte Bewegung und verſuchte alle Mittel, die ich erſinnen konnte, um das Ge⸗ miſch von Hoffnung und Furcht, von welchem ich gequält wurde, und das ich drückender fand als ſelbſt die Gewißheit des Unglücks, zu verſcheuchen. Als der Abend einbrach, erwartete ich die Rückkehr des Wagens und vernahm endlich in der Ferne das Rollen deſſelben. Ich eilte in der Hoff⸗ nung, Caſſy zu ſehen und vielleicht mit ihr ſprechen zu können, nach dem Herrenhauſe. Der Wagen hielt vor der Thür und ich war ihm ſchon ganz nahe gekommen, als mir einfiel, daß es am beſten ſein würde, mich nicht vor dem Oberſt Moore blicken zu laſſen, da er, wie ich jetzt überzeugt war, die entſchiedendſte Feindſeligkeit gegen mich hegte⸗, und ich ihn für den Urheber der grauſamen Zurückweiſung an jenem Morgen hielt. Dieſer Gedanke hemmte meine Schritte; ich zog mich zurück und kehrte heim, ohne mit meiner Geliebten einen Blick oder ein Wort gewechſelt zu haben. Ich warf mich auf mein Bett, wendete mich aber beſtändig von einer Seite zur andern, ohne Ruhe zu finden. Eine Stunde ſchlich nach der andern hin, aber ich konnte nicht einſchlafen. Mitternacht war bereits vor⸗ über, als ich ein leiſes Klopfen an der Thür und ein alle meine Nerven durchzuckendes Flüſtern vernahm. Ich ſprang auf, öffnete die Thür und ſchloß die Eintretende in meine Arme. Es war Caſſy, es war meine Verlobte. 3 Sie ſagte mir, daß ſich ſeit der Rückkehr Oberſt Moore's im Hauſe Alles verändert zu haben ſcheine. Miß Karolina hatte ihr mitgetheilt, daß der Oberſt eine ſehr ſchlechte Meinung von mir hege und ſehr un⸗ gehalten geweſen ſei, als er geſehen, daß man mich während ſeiner Ab⸗ weſenheit wieder als Hausdiener verwendet habe. Als ihm unſere beab⸗ ſichtigte Verheirathung eröffnet wurde, hatte er erklärt, daß Caſſy ein zu hübſches Mädchen ſei, um einem ſolchen Buben in die Arme geworfen zu werden, und daß er es auf ſich nehme, ihr einen weit beſſeren Mann zu verſchaffen. Ihre Herrin hatte ihr demnach gerathen, nicht weiter an mich zu denken, ihr aber zu gleicher Zeit geſagt, daß ſie nicht weinen ſolle, da ſie nicht eher aufhören würde, in ihren Vater zu dringen, als bis er ſein Verſprechen erfüllt habe.„Wenn Du nur einen Mann bekommſt,“ ſetzte die junge Dame hinzu;„dies iſt ja unſer Aller Lebenszweck.“ So dachte die Herrin; die Dienerin aber hatte, wie ich mit gutem Grunde glaube, etwas höhere Begriffe von der Ehe, als ſie. 3 Ich wußte nicht recht, wie ich dieſes Benehmen Oberſt Moore’s aus⸗ legen ſollte; ich war ſehr geneigt, es nur für einen neuen Ausbruch des Grolls und der Feindſeligkeit zu halten, welche ich ſeit meiner nutzloſen und thörichten Anrufung ſeiner väterlichen Gefühle von ihm erfahren hatte. Es ſchien mir jedoch möglich, daß ſein Widerſtand gegen unſere Verbin⸗ 23 dung auch aus anderen Beweggründen entſpringen könne. An den einen Grund, der mir beifiel, konnte ich ſelbſt nicht ohne Beſorgniß denken und es noch weniger über mich gewinnen, die arme Caſſy durch das Erwähnen deſſel⸗ ben zu betrüben. Ein anderes Motiv, welches vielleicht einigen Einfluß auf Oberſt Moore gehabt haben konnte, war für ihn weniger unehrenvoll und würde ſowohl für Caſſy's wie für meine Eitelkeit ſchmeichelhaft geweſen ſein; aber dieſes konnte ich nicht erwähnen ohne Aufſchlüſſe daran zu knüpfen, zu denen ich nicht geneigt war. Caſſy wußte, daß ſie Oberſt Moore's Tochter war, aber ich hatte be⸗ reits zu Anfang unſerer Bekanntſchaft entdeckt, daß ſie keine Ahnung da⸗ von habe, daß ich ſein Sohn war. Ich glaube mit gutem Grunde, daß Mrs. Moore dieſe beiden Umſtände bekannt waren, denn ſie gehörten zu denen, welche der weiblichen Neugier und beſonders der Neugier einer Gattin ſelten oder nie entgehen.— Was ſie aber auch wiſſen mochte, ſo fand ſie darin doch kein Hinder⸗ niß meiner Verbindung mit Cafſy. Ich ſah eben ſo wenig ein ſolches, denn wie hätte die Rückſicht auf die„Convenienz“, welche ſich weigerte, zwiſchen uns eine Verwandtſchaft anzuerkennen, zu gleicher Zeit eben wegen dieſer Verwandtſchaft unſere Verbindung verbieten können? Aber ich wußte, daß Caſſy weniger dachte als empfand und obgleich ſie als Sklavin geboren war, doch großes Zartgefühl beſaß. Ueberdies war ſie Methodiſtin, und wenn auch das heiterſte und frohſinnigſte Mäd⸗ chen, welches ich je gekannt hatte, doch in allen ihren Religionsübungen ſehr gewiſſenhaft. Ich fürchtete unſer beiderſeitiges Glück zu gefährden und wollte Caſſy nicht mit, meiner Anſicht nach, unnöthigen Bedenken quälen. Ich hatte ihr nie die Geſchichte meiner Herkunft erzählt, und wurde mit jedem Tage weniger geneigt, dies zu thun; ich gab ihr daher auf das, was ſie mir ſagte, keine andere Antwort, als daß ich an Oberſt Moore's Abneigung keine Schuld habe. 8 Hierauf erfolgte eine kurze Pauſe.— Ich drückte Caſſy die Ha fragte ſie mit bebender Stimme, was ſie zu thun gedenke. „Ich bin Dein Weib und werde nie einem Andern angehören!“ ihre Antwort. 3 Ich drüͤckte das liebe Mädchen an mein Herz. Wir knieten zuſammen nieder und flehten mit erhobenen Händen den Himmel an, von unſerer Verbindung Zeuge zu ſein und ſie zu beſtätigen. Es war die einzige Sanktion, welche wir uns zu verſchaffen wußten; und wuͤrden unſere Gelübde bindender oder unſere Trauung gültiger geweſen ſein, wenn zwan⸗ zig Prieſter über uns den Segen geſprochen hätten? Achtes Kapitel.. Es war meiner Frau unmöglich, mich anders als im Geheimen zu beſuchen. Sie ſchlief jede Nacht auf dem Teppich im Zimmer ibrer Herrin; denn in Amerika glaubt man, daß der Fußboden ein hinlänglich gutes Bett für einen Sklaven, ja ſelbſt für eine Lieblingsſklavin ſei. Sie konnte in der Nacht von ihrer launiſchen Herrin, welche nichts als ein verzogenes Kind war, gerufen werden, und war daher nie vor der Entdeckung ſicher, welche ſehr unangenehme Folgen hhätte haben können, denn wenn dieſe verſtohlenen Beſuche ruchbar geworden wären, ſo würden alle ihre Reize Caſſy nicht vor der Peitſche geſchützt haben. 8 24 So kurz und ungewiß aber auch dieſe Beſuche waren, reichten ſie doch hin, einen neuen und eigenthümlichen Gemüthszuſtand hervorzubringen und aufrecht zu erhalten. Meine Frau war ſelten bei mir, aber ihr Bild ſtand ſtets vor meinen Augen und ſchien mich gegen alles Andre gleichgültig zu machen. Ich lebte wie in einem glücklichen Traume. Die Feldarbeit wurde mir leicht, die Peitſche des Aufſehers fühlte ich kaum. Mein Herz war ſo von der Seligkeit, die ich in unſerer Liebe fand, erfüllt, daß es keinen Raum für unangenehme Empfindungen zu haben ſchien. Wenn ich das liebe Mädchen an meine Bruſt drückte, glaubte ich den Gipfel des erdiſchen Glückes erreicht zu haben. Ich konnte mir kein höheres denken und wünſchte es auch nicht. Der Sklave iſt eben ſo empfänglich für die Liebe wie der Gebieter und wenn er von ihr erfüllt iſt, entſchädigt ſie ihn für Alles. So war es auch bei mir. Mochte meine Lage auch noch ſo traurig ſein, ich fühlte mich dennoch glücklich, denn das Uebermaaß meiner Leidenſchaft machte mich gegen alles Andre unempfindlich. Eine ſolche Seligkeit kann jedoch nicht von Dauer ſein. Bald iſt es mit ihr vorbei, und ſie wird gewiß faſt ſtets zu theuer erkauft, denn nur zu oft folgen auf ſie alle Qualen der getäuſchten Hoffnung und der tiefſten Verzweiflung. Demohngeachtet denke ich noch jetzt mit Vergnügen an jene Zeit zurück. Sie iſt eine von den heiteren Oaſen meines Lebens, wie ſie jeder Menſch bei einem Rückblicke in ſeine Vergangenheit hie und da zer⸗ ſtreut entdeckt, kleine paradieſiſche Inſeln, welche auf allen Seiten ein duͤſterer, ſtürmiſcher Ocean umgiebt. 4. Wir waren ſeit etwa vierzehn Tagen verheirathet, es war beinahe Mitternacht, ich ſaß vor meiner Thür und erwartete meine Frau. Der Mond ſchien hell und der Himmel war unbewölkt. Ich befand mich noch auf dem Gipfelpunkte meines Wonnerauſches und dankte, während ich den ſchönen Planeten beobachtete und ſeinen Glanz bewunderte, dem Himmel dafür, daß die erniedrigenden Einflüſſe der Knechtſchaft noch nicht alle 58 und edleren Gefühle in mir erſtickt hatten. ich einiger Zeit ſah ich eine Geſtalt, die ich auf jede Entfernung erkannt haben würde; ich eilte ihr entgegen und ſchloß meine Frau in meine Arme. Als ich ſie aber an mein Herz drückte, fühlte ich, daß ihr Buſen heftig wogte, und als ich mein Geſicht dem ihrigen näherte, wurde meine Wange von ihren Thränen benetzt. . Ueber dieſe unerwarteten Kundgebungen erſtaunt, eilte ich mit ihr in's Haus und erkundigte mich haſtig nach der Urſache ihrer Aufregung. Meine Fragen ſchienen dieſelbe nur zu verſtärken; ſie ließ den Kopf an meine Bruſt ſinken, begann zu ſchluchzen und ſchien keines Wortes mächtig zu ſein. Ich wußte nicht was ich denken oder thun ſollte. Ich bemühte mich ſie zu beruhigen, küßte ihr die Thränen von den Wangen, ich drückte meine Hand an ihr klopfendes Herz, als ob ich dadurch ſeine Schläge hätte hem⸗ men können. Endlich wurde ſie ruhiger, aber ich konnte nur langſam und in abgebrochenen Worten die Urſache ihrer Aufregung erfahren. Sie ſagte mir, daß Oberſt Moore ſich ſeit ſeiner Rückkehr außeror⸗ dentlich freundlich gegen ſie gezeigt habe; er hatte ihr verſchiedene kleine Geſchenke gemacht, häufig Veranlaſſung geſucht, um mit ihr zu ſprechen und ihr beſtändig halb ſcherzhafte Schmeicheleien über ihre Schönheit ge⸗ ſagt. Er hatte ſogar gewiſſe Winke fallen laſſen, welche Caſſy verſtehen mußte, von denen ſie aber keine Notiz nahm. Dadurch ließ er ſich jedoch „ — 25 nicht abſchrecken, ſondern ging zu Worten und Handlungen über, deren Bedeutung ſie unmöglich mißverſtehen konnte. Ihre angeborene Sittſam⸗ keit, ihre Liebe zu mir, ihre religiöſen Gefühle geriethen in Alarm, und das arme Mädchen begann vor dem Schickſal, das ihrer zu warten ſchien, zu erbeben, behielt aber jetzt noch ihre Beſorgniſſe für ſich. Sie wollte mich nicht durch die Erzählung von Beleidigungen betrüben, welche ich, wie 4 ſehr ſie auch mein Herz zerreißen mochten, doch nicht rächen konnte. An jenem Tage waren Miſtreß Moore und ihre Tochter ausgefahren, um eine Freundin in der Nachbarſchaft zu beſuchen, und hatten Caſſy zu Haus gelaſſen; ſie war im Zimmer ihrer Herrin mit einer Nadelarbeit beſchäftigt, als Oberſt Moore eintrat. Sie ſtand haſtig auf und wollte ſich entfernen, aber er befahl ihr zu bleiben und anzuhören, was er ihr zu ſagen habe. Er ſchien von ihrer Angſt keine Notiz zu nehmen und ſelbſt vollkommen ruhig zu ſein. Er ſagte ihr, daß er ihrer Herrin verſprochen habe, ſie ſtatt des gemeinen Archy mit einem andern Gatten zu verſehen, daß er aber keinen ihrer würdigen gefunden und endlich beſchloſſen habe, ſie ſelbſt zu nehmen. Dies ſagte er in einem ungemein zärtlichen Tone, den er ohne Zweifel für unwiderſtehlich hielt. Für viele Mädchen in Caſſy's Lage würde er dies auch geweſen ſein; ſie würden ſich durch die Gunſt, welche ihr Herr ihnen bezeigte, hochgeehrt, und durch die zarten Ausdrücke, unter denen er den eigentlichen Charakter ſeines Antrags verbarg, nicht wenig geſchmeichelt gefühlt haben. Aber das arme Kind hörte ihn mit ſchamhafter Verlegen⸗ heit und mit Schaudern an; ſie hätte, wie ſie mir ſagte, vor Angſt und Entſetzen in die Erde ſinken mögen. Bei der Erzählung der Seene erröthete ſite— ſie zauderte— ſie fuhr zuſammen— ihre Athemzüge wurden kurz und ſchnell. Sie ſchmiegte ſich an mich, als ob ein ſichtbares Schreckbild vor ihr ſtehe, legte ihre Lippen dicht an mein Ohr und flüſterte mit beben⸗ der und kaum hörbarer Stimme: „O9 Archy— und er iſt mein Vater!“ Oberſt Moore hatte, wie ſie glaubte, die Gefühle, mit denen ſie ſe Antrag aufnahm, nicht mißverſtehen können. Wenn dem aber ſo wae e 2 beachtete er ſie doch nicht, denn er begann alle Vortheile aufzuzählen, welche ſie aus dieſem Verhältniſſe ziehen würde, und bemühte ſich, ſie durch Verſprechungen von Müſſiggang und ſchönen Kleidern zu bethören. Sie ſtand mit zu Boden geſenkten Augen da und antwortete ihm nur mit Seufzern und Thränen, welche ſie vergebens zu unterdrücken verſuchte. Hierauf ſagte ihr Oberſt Moore in einem unmuthigen und gereizten Tone, ſie ſollte keine Närrin ſein, erfaßte eine von ihren Händen, ſchlang einen Arm um ihre Taille und gebot ihr, ihn nicht durch nutzloſen Widerſtand zu reizen, worauf ſie einen Angſtſchrei ausſtieß und ihm zu Füßen ſank. In dieſem Augenblick traf, wie ſte ſagte, das Rollen eines Wagens wie himmliſche Muſik ihr Ohr. Ihr Herr vernahm es ebenfalls, denn er ließ ſie los, murmelte etwas von einem andern Male, und verließ raſch das Zimmer. Sie blieb faſt bewußtlos auf dem Boden liegen, bis der Schall der Schritte ihrer Herrin im Corridor ſie wieder zu ſich rief. Die übrigen Stunden des Nachmittags und Abends waren ihr vergangen ſie wußte ſelbſt nicht wie. Der Kopf ſchwindelte ihr, vor ihren Augen ſchwebte eine Wolke und ſie hatte kaum etwas Andres empfunden, als ein peinliches Gefühl von Mattigkeit und Beklemmung. Sie hatte es nicht gewagt, das Zimmer ihrer Herrin zu verlaſſen und mit Ungeduld die Stunde erwartet, 8 26 wo es ihr möglich werden würde, in die Arme ihres Gatten, ihres natür⸗ lichen Beſchützers zu eilen. Ihres natürlichen Beſchützers!— ach, was nützt einem Gatten das natürliche Recht, ſein Weib gegen die Angriffe eines Böſewichts zu ſchützen, woenn dieſer zugleich ihr und ſein Eigenthümer iſt! Dies war Caſſy's Geſchichte; und ſo ſonderbar es auch ſcheinen mag, hörte ich ſie doch vollkommen ruhig an. Während ich die keuchende, zitternde, weinende Erzählerin in meinen Armen hielt, lauſchte ich ihren Worten mit weit geringerer Bewegung, als mir jetzt das Wiedererzählen verurſacht. Ich war darauf gefaßt, ich hatte es vorausgeſehen, ich erwartete nichts Andres. Ich wußte, daß Caſſy's Reize zu verführeriſch waren, um nicht einen Wüſtling anzulocken, in welchem eine langjährige Befriedigung ſeiner Leidenſchaften jedes beſſere Gefühl erſtickt und ihn der Selbſtbeherrſchung unfähig gemacht hatte, beſonders da weder die Furcht vor Strafe, noch die Scheu vor der Entrüſtung des Publikums die Stelle des Gewiſſens ver⸗ trat. Konnte ich wohl etwas Andres von einem Manne erwarten, der wohl wußte, daß das Geſetz, mochte er ſich auch noch ſo weit vergeſſen, ihm Recht geben und daß ſogar, wenn Jemand es ſich hätte beikommen laſſen, ihn vor die Schranken der öffentlichen Meinung zu ziehen, um Rechenſchaft von ihm zu fordern, dies allgemein für eine unberufene Ein⸗ miſchung in die Angelegenheiten Anderer erklärt werden würde? So geringe väterliche Liebe Oberſt Moore auch gegen mich bewies, wenigſtens von dem Augenblicke an, als ich entdeckt hatte, daß er mein Vater war, ſo iſt mein kindlicher Reſpect doch zu groß, als daß ich den Gedanken hegen könnte, ihn zu ſchmähen. Wenn auch von feurigem und ſinnlichem Temperament, beſaß er doch ein gutes Herz und ſeine Ehre war, wie ſchon erwähnt, über allen Zweifel erhaben. Der Begriſß„Ehre“ iſt jedoch ſehr verſchieden. Die rechtſchaffenen Leute haben eine Ehre und die ber haben eine Ehre, und obgleich das Geſetzbuch Beider manche treff⸗ rundſätze enthält, ſo hat doch keines von beiden Anſpruch auf den Pte eines vollkommenen Moralitätsſyſtems. Oberſt Moore war ein ſtrenger geobachter der Principien, in denen er erzogen worden war. Er würde einen Anſchlag auf die Keuſchheit der Gattin oder Tochter eines Nachbarn für das ſchwärzeſte, ruchloſeſte Verbrechen gehalten haben, aber darüber hinaus kannte er kein Verbot oder Hinderniß. So lange die Dulderin nur eine Sklavin war, betrachtete er, durch die ſichere Strafloſigkeit ver⸗ härtet, die ſchändlichſte Gewaltthätigkeit, welche an der Perſon und den Gefühlen eines Weibes verübt werden konnte, eher als eine Sache des Scherzes, als einen Stoff zur heiteren Unterhaltung bei der Flaſche, wie als einen Gegenſtand des ernſten und nüchternen Tadels. Dies Alles war mir wohl bekannt. Ich hatte gleich Anfangs voraus⸗ geſehen, daß Caſſy von ihrem Herrn zu dem nämlichen Zwecke beſtimmt werden würde, wie ehedem meine und ihre Mutter. Dieſen Abſichten war, wie ich ſchon längſt vermuthete, ſein Widerſtand gegen unſere Verbindung entſprungen. Durch die Annahme, daß derſelbe aus einer andern Urſache herrühren könne, hatte ich ihm eine Ehre erwieſen, auf die er, wie es ſich jetzt nur zu deutlich zeigte, nicht den mindeſten Anſpruch hatte. Was ich jetzt erfahren, hatte ich täglich zu hoͤren erwartet; aber mein Entſchluß war bereits gefaßt. Der unglückliche Sklave hat nur einen Weg, um einem drohenden Schlage zu entrinnen— einen armſeligen und 8 — 27 traurigen Ausweg, bei deſſen Ergreifung er ſtets die größte Gefahr läuft, ſein Elend zu verdoppeln. Dieſer Ausweg iſt die Flucht. Unſere Anſtalten dazu waren bald getroffen. Meine Frau kehrte in's Herrenhaus zurück und packte ein kleines Bündel Kleider zuſammen. Ich beſchäftigte mich unterdeſſen damit, ſo viele Mundvorräthe als ich in der Nähe finden ne zuſammen zu bringen. Einige wollene Decken, ein Beil, ein kleiner Keſſel und einige andere Kleinigkeiten vervollſtändigten meine Ausrüſtung, und als meine Frau zurückkam, war ich zum Aufbruch bereit. Wir hatten ſonſt keinen Begleiter als einen treuen Hund. Ich wollte ihn nicht mitnehmen, weil ich fürchtete, daß er unſre Entdeckung herbei führen könne, aber er ließ ſich nicht zurücktreiben und ich ſcheute mich, ihn anzubinden, um nicht durch ſein Geheul die übrigen Perſonen auf der Pflanzung zu wecken und dadurch unſere ſofortige Verfolgung zu veranlaſſen. Unter⸗Virginien hatte bereits die Wirkungen der Plage zu fühlen be⸗ gonnen, welche ſich ſpäter ſo ſchwer auf dieſes Land herabgeſenkt und die es in der That vollkommen verdient hat. Schon begannen ſeine Felder verlaſſen zu werden und undurchdringliche Dickichte ſeine Pflanzungen zu überziehen, welche, wenn der Boden von freien Männern angebaut worden wäre, immer noch reiche Ernten hätten liefern können. Ungefäͤhr zehn Meilen von Spring⸗Meadow lag eine verlaſſene Pflanzung, welche ich früͤher mehrmals in Geſellſchaft meines jungen Herrn beſucht, der, wenn er ſich wohl genug fühlte, um auszureiten, die ſonderbare Neigung hatte, an abgelegenen Orten umherzuſchweifen. Dorthin beſchloß ich im Drange des Augenblicks zu gehen. Der Fußweg, welcher früher nach dieſem Grundſtuck geführt hatte, und die zu beiden Seiten liegenden Felder waren mit kleinen ſtrauchartigen Fichten ſo dicht bewachſen, daß das Dickicht faſt undurchdringlich ſchien. Es gelang mir jedoch, die gehörige Richtung einzuhalten; aber die Müh⸗ ſeligkeiten des Weges waren ſo groß, daß der Morgen bereits angebrochen war, als wir die Plantagengebäude erreichten. Dieſe waren noch vorhanden, aber in einem höchſt verfallenen Zuſtande. Das Herrenhaus war ehemals ein großes und ſtattliches Gebäude; aber die Fenſter waren zerbrochen, die Thüren aus den Angeln gewichen und das Dach theilweiſe eingefallen. Der Hof war ganz mit jungem Geſträuch überwachſen. An den Mauern rankten ſich wilde Reben empor, und Alles war ſtumm, öde und einſam. Wo die Ställe und das Sklavenquartier geweſen waren, ſah man nichts als mit Unkraut und Gras bewachſene Ruinenhaufen. In einiger Entfernung hinter dem Hauſe befand ſich ein ſteiler Abhang, welcher die eine Seite einer tiefen Schlucht bildete und nahe am Fuße derſelben ſprudelte eine ſchöne Quelle aus dem Felſen. Sie war jetzt zur Hälfte mit Laub und Sand ausgefüllt, aber ihr Waſſer war noch eben ſo klar und friſch wie ſonſt. In der Nähe der Quelle ſtand ein kleines niedriges Backſteingebäude, welches vielleicht zur Milchkammer oder einem ähnlichen Zwecke gedient hatte. Die Thür war verſchwunden und die Hälfte des Daches eingeſtürzt, die andere Hälfte hatte jedoch ihren Platz behauptet, und die durch den eingefallenen Theil entſtandene Lücke ließ Licht und Luft ein und erſetzte die Fenſter, welche von Haus aus nicht angebracht worden waren. Dieſes verfallene kleine Gebäude wurde von mehreren großen alten Bäumen beſchattet und lag zwiſchen den ſpäter aufge⸗ ſproßten ſo verſteckt, daß man es ſchon in der Entfernung von einigen 28 Schritten nicht ſehen konnte. Auch wir fanden es nur zufällig als wir die Quelle ſuchten, aus welcher ich bei meiner früheren Anweſenheit ge⸗ trunken hatte, deren Lage mir aber nicht mehr xecht erinnerlich war. Ich dachte ſogleich, daß dies ein ganz paſſender Ort zur Sommerwohnung für uns ſei, und wir beſchloſſen daher, ſie von dem Schutt, den ſie enthielt, zu ſäubern und ſie wieder einigermaßen wohnlich zu machen. Neuntes Kapitel. Ich wußte, daß der Ort, wo wir uns jetzt befanden, nur ſelten von Menſchen beſucht wurde; das verlaſſene Haus ſtand in dem Rufe, daß es darin ſpuke, und dies ſowohl wie ſeine Abgelegenheit von der Straße und die faſt undurchdringlichen Dickichte, von denen es umgeben war, dienten dazu, uns gegen Angriffe zu ſchützen. In der Nähe lagen mehrere Pflan⸗ zungen, denn es ſtand auf dem höchſten Punkte zwiſchen zwei in nicht großer Entfernung von einander ſtrömenden Flüſſen, deren Niederungen noch ange⸗ baut waren. Die nächſten bebaute Felder waren indeß vier bis fünf Meilen und das Herrenhaus von Spring⸗Meadow zehn bis zwölf davon entfernt. Ich glaubte, daß wir für jetzt an dieſem Zufluchtsorte ſicher ſein würden, und ich hielt es für das Beſte, die Zeit der Nachforſchungen vorüber gehen zu laſſen, ehe wir den Verſuch machten, unſere Flucht fortzuſetzen. 1 Unterdeſſen waren wir darauf bedacht, uns ſo bequem als möglich einzurichten. Es war mitten im Sommer und wir hatten daher von dem Zuſtand unſres Häuschens keine Nachtheile zu befürchten. Ein Haufen Fichtennadeln in der einen Ecke unſerer verfallenen Hütte bildete unſer Bett, und wir würden auf Eiderdaunen nicht ſanfter geſchlafen haben. Aus den Materialien, welche uns das Wandgetäfel des verlaſſenen Hauſes lieferte, verfertigte ich zwei rohe Schemel und etwas einem Tiſche Aehnliches. Die Quelle verſah uns mit Waſſer und unſre hauptſächlichſte Sorge war jetzt die, uns Nahrung zu verſchaffen. Die Wälder und Dickichte gewährten einige wilde Früchte und die Pfirſichbäume im Garten des Hauſes trugen immer noch, wenn ſie auch durch die neuere Vegetation beſchattet und halb erſtickt wurden. Ich war wohl erfahren in der Kunſt Kaninchen und anderes kleines Wild, welches die Wälder enthielten, in Schlingen zu fangen; die Quelle, welche uns mit Waſſer verſah, war einer von den Zuflüſſen eines Baches, der ſich in geringer Entfernung in einen größeren Fluß ergoß. In dieſem letzteren befanden ſich Fiſche. Unſer hauptſächlichſtes Nahrungsmittel lieferten uns jedoch die benachbarten Maisfelder, welche bereits Röſtkolben trugen, von denen ich keinen Anſtand nahm, mich mit reichlichen Vorräthen zu verſorgen. Im Ganzen verging uns die Zeit ſehr angenehm, wenn wir auch Beide eines ſo wilden Lebens völlig ungewohnt waren. Wer ſtets müßig geht, lernt nie den wahren Genuß des Müßigganges, die wirkliche Freude kennen, mit welcher Derjenige, der gegen ſeinen Willen zur Arbeit getrieben wor⸗ den iſt, ſeine angeſpannten Muskeln erſchlaffen läßt und ſich der Wonne des Nichtsthuns hingiebt. Ich konnte ſtundenlang in träumeriſcher Un⸗ 9 thätigkeit auf dem ſchattigen Abhange im Graſe liegen, mich des ſüßen Bewußtſeins freuen, daß ich mein eigener Herr ſei und mich an dem Ge⸗ danken weiden, daß ich auf keines Menſchen Gebot zu kommen oder zu gehen brauchte, ſondern arbeiten oder müßig ſein konnte, wie es mit eben eigenthum noch Sklaven, denn ſein Vater war ebenfalls ein armer Weißer 29 beliebte. Kein Wunder, daß emancipirte Sklaven der Trägheit zugethan ſind— ſie iſt für ſte ein noch unbekannter Genuß. Die Arbeit iſt in ihren Augen unzertrennlich mit der Knechtſchaft und der Peitſche verbun⸗ den, und man hat ihnen ſtets gelehrt, daß Nichtsthun das Kennzeichen und die Hauptbedingung der Freiheit ſei, Die Gegenwart verging ziemlich angenehm, aber es war nothwendig, an die Zukunft zu denken. Wir hatten ſtets unſern gegenwärtigen Zufluchts⸗ ort als einen nur vorübergehenden betrachtet, und es wurde jetzt Zeit, daß wir daran dachten, ihn zu verlaſſen. Das amerikaniſche Klima iſt nicht für Einſiedler. Unſer gegenwärtiger Wohnort war als Sommeraufenthalt gut genug, im Winter aber konnten wir unmöglich darin bleiben, und dieſer war bereits ziemlich nahe herangerückt. Unſere Hoffnung war, in die freien Staaten zu entkommen— denn ich wußte, daß im Norden von Virginien ein Land lag, wo es keine Sklaven gab. Hatten wir einmal die Gegend von Spring⸗Meadow, wo man mich kannte, hinter uns, ſo war ſchon viel gewonnen. Unſere Hautfarbe konnte unſern Sklavenſtand nicht verrathen und wir glaubten, daß es uns nicht ſchwer werden würde, uns für freie Bürger von Virginen auszugeben. Oberſt Moore hatte ohne Zweifel in der ganzen Umgegend Ankündigungen verbreitet, in denen unſer Aeußeres genau beſchrieben und jede Eigenthümlichkeit, die wir an uns hatten, ſorgfältig angegeben war. Es wurde daher nöthig, große Vorſicht anzuwenden und ich hielt es für unſer Entkommen unerlaͤßlich, daß Caſſy eine Verkleidung annehme. Worin dieſe beſtehen oder wie wir ſie erlangen ſollten, daß war jetzt die Frage. Wir beſchloſſen endlich, die Rolle von Perſonen zu ſpielen, welche nach dem Norden reiſten, um ihr Glück zu ſuchen, und kamen dahin überein, daß Caſſy Männerkleidung anlegen und mich in der Eigenſchaft meines jüngeren Bruders begleiten ſolle. Ich hatte von Spring⸗Meadow meinen beſten Anzug mitgenommen, welcher eines von den ketzten Geſchenken des armen Maſter James war und mich vortrefflich in den Stand ſetzen konnte, die Rolle eines reiſenden Virginiers zu ſpielen; aber ich hatte weder Hut noch Schuhe, noch überhaupt Kleider, welche dazu hätten dienen können, Caſſy unkenntlich zu machen. Zum Glück beſaß ich eine kleine Summe Geldes die ich von den Be⸗ weiſen der Freigebigkeit, welche Maſter James mir zuweilen gegeben, erſpart und in der Hoffnung und Erwartung, ſie einmal benutzen zu können, zurück⸗ gelegt hatte. Dieſes Geld hatte ich mitgenommen und es war jetzt unſere einzige Hoffnung, nicht nur um die Koſten der Reiſe zu beſtreiten, ſondern auch um die Gegenſtände herbeizuſchaffen, ohne welche wir nicht fortkom⸗ men konnten. Wenn wir aber auch Geld hatten, ſo war es doch kaum möglich, da⸗ von Gebrauch zu machen, ohne uns ernſtlich der Gefahr der Entdeckung auszuſetzen. Fünf bis ſechs Meilen von Spring⸗Meadow und ungefähr in gleicher Entfernung von uns wohnte ein gewiſſer Mr. James Gordon. Er hatte einen kleinen Laden und ſeine Hauptkunden waren die Sklaven der benach⸗ barten Pflanzungen. Mr. James Gordon, oder Jommy Gordon, wie er familiär genannt wurde, war einer von den armen Weißen, deren Zahl in Unter⸗Virginien ſehr bedeutend iſt oder war, und von denen ſelbſt die Sklaven mit einer gewiſſen Verachtung ſprechen. Er beſaß weder Grund⸗ woorden, war, ſo viel ich weiß, nie genau zu ermitteln geweſen, und ich kann nur ſagen, daß Mr. Gordon ſeines Dienſtes entlaſſen und daß es ihm ſo ſchwer wurde, eine neue Stelle zu finden, daß er ſeine Bemühun⸗ 30 geweſen. Er war zu keinem Gewerbe erzogen worden, denn da, wo jeder Pflanzer ſeine eigenen Handwerker auf ſeiner Pflanzung hat, kann ein freier Arbeiter auf keine Beſchäftigung hoffen. Die einzige Quelle des Unterhalts für einen Mann in Jommy Gordon's Lage iſt die, daß er bei einem ſeiner reicheren Nachbarn eine Anſtellung als Aufſeher zu erhalten ſucht. Aber in Virginien giebt es mehr Leute, welche Aufſeher zu werden wünſchen, als Pflanzungen, die eines Aufſehers bedürfen, und überdies war Gordon einer von den ſorgloſen, bequemen, gutmüthigen, trägen Leuten, welche gewöhnlich zu nicht viel zu brauchen ſind. Er konnte ſich nie zu dem ſtets wachſamen Spähen und der eifrigen Aufſicht bequemen, welche unter Sklaven, deren Grundſatz es iſt, ſo wenig als möglich zu arbeiten und ſo viel als möglich zu ſtehlen, unbedingt nothwendig ſind. Er gerieth zwar leicht in Zorn, wo er dann ohne Unterſchied rechts und links um ſich ſchlug, der regelmäßigen Strenge und ſyſtematiſchen Graus ſamkeit aber, durch welche ſich andere Aufſeher den Ruf, einer ausgezeich⸗ neten Disciplin verſchaffen, war er unfähig. Ueberdies hatten ſich auf einer Pflanzung, deren Verwalter er geweſen war, bedeutende Lücken auf dem Kornboden ergeben, über die er nie klare Rechenſchaft abzulegen ver⸗ mochte. Ob dies durch Nachläſſigkeit oder durch Unredlichkeit veranlaßt —.,— gen aufgab und ſich entſchloß, ein Handelsgeſchäft zu beginnen. Er hatte mit Nichts angefangen und betrieb daher ſein Geſchäft natürlich im Klei⸗ nen; er handelte hauptſächlich mit Whisky, außerdem aber auch mit Schuhen lund anderen Kleidungsſtücken, wie ſie die Sklaven kaufen, um den erbärmlichen ungenügenden Vorrath davon, den ſie von ihren Herren erhalten, zu ergänzen. Er nahm als Zahlung Geld, aber auch Mais und andere Produkte an, ohne ſich nach dem Wege, auf dem ſeine Käufer im Beſitz dieſer Gegenſtände gelangt waren, genau zu erkundigen. Ich hatte einſt Gordon das Leben gerettet und er hatte mir für die⸗ ſen Dienſt ſeine ewige Dankbarkeit zugeſichert. Seit dieſer Zeit waren bereits mehrere Jahre vergangen. Er hatte unweit Spring⸗Meadow in ſeinem Boote auf dem Fluſſe gefiſcht, als ein plötzlicher Windſtoß das Fahrzeug umwarf. Es befand ſich zwar nicht in großer Entfernung vom Lande; aber Mr. Gordon war kein Schwimmer und daher in der größten Gefahr. Mr. James und ich gingen zufällig am Ufer ſpazieren. Wir ſahen einen Mann mit dem Waſſer kämpfen; ich ſprang ihm nach und er⸗ faßte ihn, als er eben zum dritten Mal ſank. Mr. Gordon pflegte mir ſeine Dankbarkeit für dieſen Dienſt mitunter durch kleine Geſchenke zu er⸗ kennen zu geben, und ich ſchmeichelte mir mit der Hoffnung, daß er mir in meiner gegenwärtigen Bedrängniß ſeine Hilfe nicht verſagen werde. Mein Plan war der, von Mr. Gordon einen Hut und Schuhe für mich und einen Männeranzug für Caſſy zu kaufen, ſo wie ihn um Auskunft uͤber den Weg zu bitten, den wir einſchlagen mußten. Es ſielen mir eine Menge Schwierigkeiten ein, die wir auf der Reiſe zu üͤberwinden haben würden, aber ich beſchloß, mich nicht mit vorzeitigen Beſorgniſſen zu quälen, ſondern Alles der Zukunft anheim zu ſtellen. 5 Das Wichtigſte war nun, Mr. Gordon aufzuſuchen und zu erforſchen, in wie weit er geneigt ſein würde, mich zu unterſtützen. Seine Wohuun und ſein Laden befanden ſich in dem nämlichen Hauſe in einem einſame v 31 Theile der Gegend nahe bei einem Kreuzwege und außer Sehweite von irgend einer andern Wohnung. Ich hielt es jedoch nicht für rathſam, mich früher als um Mitternacht auf der Landſtraße blicken zu laſſen, und dieſe Stunde war ſchon lange vorüber, als ich mich dem Hauſe Mr. Gordon's⸗ näherte. Beim Anblick deſſelben wurde ich unſchlüſſig, und blieb mehr als einmal ſtehen; ich wollte doch nicht gern meine Freiheit und alle meine Hoffnungen der unſichern Obhut der Dankbarkeit eines Menſchen anver⸗ trauen, und am wenigſten der eines ſolchen Menſchen wie Mr. Gordon. Die Gefahr dunkte mir zu groß und der Muth ſank mir, als ich an die Schwäche der Stütze dachte, von der, wenn nicht mein Leben, doch jeden⸗ falls Alles abhing, was das Leben wünſchenswerth machte. Ich war ſchon im Begriff, wieder umzukehren, bedachte aber noch zur rechten Zeit, daß dies meine einzige Zuflucht war. Wenn uns Mr. Gor⸗ don nicht zum Entkommen verhalf, ſo war unſere Ausſicht darauf keinen Heller werth. Dieſer Gedanke trieb mich vorwärts. Einige Hunde, welche um das Haus Wache hielten, ſchlugen, ſobald ich näher kam, an, gaben aber nicht die Abſicht zu erkennen, mich anzugreifen, wenn ihr Gebell auch⸗ laut genug war. Ich klopfte an, worauf Mr. Gordon alsbald das Fenſter oͤffnete, ſeinen Hunden Ruhe gebot und mich fragte, wer ich ſei und was 8 ich wolle. Ich bat ihn, die Thür zu öffnen und mich einzulaſſen, da ich in Geſchäͤften mit ihm ſprechen müſſe. Er erwartete wahrſcheinlich, mit einem nächtlichen Kunden einen vortheilhaften Handel zu machen und be⸗ eilte ſich, meinem Wunſche zu entſprechen. Er öffnete die Thür, das Licht des Mondes fiel beim Eintreten auf mein Geſicht und er erkannte mich⸗ augenblicklich. „Wie, Archy, Du biſt es?“ rief er mit dem Ausdrucke der größten Ueberraſchung.„Wo Teufel kommſt Du her? Ich glaubte, daß Du ſchon ſeeit einem Monat die Gegend im Rücken hätteſt?“ Mit dieſen Worten zog er mich in's Haus und verſchloß die Thür. Ich ſagte ihm, daß ich in der Nähe einen Verſteck habe und daß ich gekommen ſei, um von ihm einigen Beiſtand zu meinem Entkommen zu erbitten. „Nein, das geht nicht, Archy; wenn man mich dabei ertappte, einen entlaufenen Sklaven zum Entkommen zu verhelfen, ſo würde ich auf immer ruinirt ſein. Oberſt Moore, Dein Herr, Major Pringle, Capitain Knight und ein halbes Dutzend Andere ſind erſt geſtern hier bei mir geweſen und haben geſchworen, daß ſie mir das Haus über dem Kopfe anzünden und * mich auf einem Zaunpfahle aus der Grafſchaft reiten laſſen würden, wenn ich nicht aufhörte, mit den Sklaven zu handeln, und wenn ich jetzt dabei ertappt würde, daß ich Dir zur Flucht verholſen habe, ſo wäre mir mein Brod gebacken. So unvernünftig bin ich nicht.“’ Ich wendete Thränen, Schmeicheleien und Bitten an. Ich erinnerte Mr. Gordon daran, wie oft er den Wunſch ausgeſprochen habe, eine Ge⸗ legenheit zu finden, um mir zu dienen, und ich ſagte ihm, daß ich weiter nichts verlange, als einige Kleidungsſtücke und Auskunft üͤber den Weg, den ich einſchlagen müſſe. „Sehr wahr, Archy, ſehr wahr! Du haſt mir das Leben gerettet, mein Sohn, das kann ich nicht leugnen, und eine Liebe iſt der andern werth. Aber Deine Sache iſt wirklich eine gefährliche, ſchlimme Geſchichte. Was Teufel hat Dich und die Dirne zum Davonlaufen bewegen können? Ich habe in meinem Leben noch kein Unheil geſehen, zu dem nicht ein Frauen⸗ S — —* immer die Veranlaſſung geweſen wäre. Oberſt Moore und die Andern ſind geſtern auch nur von der ſchwatzhaften alten Plappertaſche, Wittwe Hinkley, herübergejagt worden;— ich wollte, der Teufel holte die neidiſche alte Hexe, ſie will mich aus der Gegend vertreiben und die ganze Kund⸗ ſchaft allein an ſich ziehen.“ Ich wußte, daß Mr. Gordon keine Neigung zur Sentimentalität hatte, und daß es die Perlen vor die Säue werfen heißen würde, wenn ich an ſein Gefühl appellirte. Ich ſagte ihm daher, daß es zu ſpät ſei, von unſern Gründen zum Entlaufen zu ſprechen— wir ſeien nun einmal entlaufen— und es ſei jetzt die Hauptſache, daß wir uns nicht fangen ließen. „Ja, ja, mein Sohn, ich verſtehe Dich, es iſt eine verdammte Geſchichte und Du fängſt bereits an, ſie zu bereuen. Entſchließe Dich lieber jetzt gleich wieder heimzugehen, Deine Tracht Schläge hinzunehmen und ſo wenig als möglich Aufhebens davon zu machen. Der Verluſt der Dirne iſt es, was den Oberſten am meiſten aufbringt, und ich glaube ſogar, Archy, daß Du leicht davon kommen und die ganze Schuld auf ihre Schultern wälzen könnteſt, wenn Du hingingſt und ihm ſagteſt, wo er ſie finden könne.“ Ich verhehlte die Entrüſtung, welche dieſer niederträchtige Vorſchlag in nir erregte. Eine ſolche gegenſeitige Verrätherei iſt unter den Sklaven nur zu gewöhnlich, und wird von den Herren immer unterſtützt und be⸗ ohnt. Ich konnte nicht erwarten, daß Mr. Gordon ſich hoch über das Niveau der üblichen Moral erheben würde, und überging daher ſeinen Vorſchlag mit Stillſchweigen; ich ſagte nur, daß ich feſt entſchloſſen ſei, zeher Alles zu erdulden, als nach Spring⸗Meadow zurückzukehren. Wenn er mir keine Hilfe leiſten wolle, ſo werde ich mich ſo ſchnell als möglich da⸗ von machen und erwarte von ſeiner Ehre, daß er Niemandem etwas von dieſem Beſuch ſage. Als letzter Verſuch deutete ich darauf hin, daß ich die Mittel habe, um Alles, was ich brauche, zu bezahlen, und daß ich nicht um den Preis mit ihm feilſchen werde. Ob es dieſer letzte Wink, oder eine Regung von Großmuth, oder die vereinigte Wirkung beider war, will ich nicht entſcheiden, aber ſo viel iſt gewiß, daß Mr. Gordon eine günſtigere Stimmung an den Tag zu legen begann. 5 „Was das Geld betrifft, Archy, ſo iſt es unter Freunden, wie wir unnöthig davon zu ſprechen, und wenn Du einmal Deinen Kopf aufgeſetzt haſt, ſo würde es, wenn ich bedenke, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, ſehr unfreundlich von mir ſein, Dir die Dinge, welche Du brauchſt, nicht zu verabfolgen; aber Du wirſt nie davon kommen— hörſt Du, laß es Dir geſagt ſein— Du wirſt nie davon kommen! Der Oberſt hat einen Schwur darauf geſetzt, daß er Euch fangen werde und wenn es ihm fünfhundert Dollars koſten ſolle. Er hat Anſchlagezettel drucken und in der ganzen Gegend verbreiten laſſen und fünfhundert Dollars Belohnung darin aus⸗ geſetzt. Komm herein in den Laden, ich will Dir einen zeigen. Fünf⸗ hundert Dollars!— Es wird ſich ganz gewiß Jemand finden, der eine ſolche Summe gern verdienen möchte!“ Der Ton, in welchem er dieſe Worte ſprach, ſagte mir keineswegs zu. Der Nachdruck, den Mr. Gordon auf die„fünfhundert Dollars“ legte, erweckte meine Beſorgniſſe. Die Idee dieſer Belohnung übte offenbar eine große Gewalt auf ſeine Einbildungskraft aus. Nr. Gordon's Haus beſtand nur aus zwei Zimmern, von denen daß eine zugleich Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche war, und das ande 33 den Kaufladen bildete. Wir waren während des bisherigen Geſprächs im Schlafzimmer geweſen, ohne ein andres Licht als das des Mondes zu haben. Jetzt folgte ich ihm in den Laden. Er ſchlug Feuer, zündete einen Kien⸗ ſpahn an, hielt ihn an einen der Thür gegenüber angeklebten großen An⸗ ſchlagezettel, auf dem ich, ſo viel ich mich erinnern kann, ungefähr Fol⸗ gendes las: „Fünfhundert Dollars Belohnung.“ „Dem Unterzeichneten ſind am vergangenen Sonntag Abend zwei Sklaven, Archy und Caſſy entlaufen, auf deren Habhaftwerdung obige Belohnung hiermit ausgeſetzt wird. „Sie ſind Beide von ſehr heller Farbe. Caſſy iſt um eine Schattirung dunkler als Archy. Dieſer iſt etwa einundzwanzig Jahre alt, fuͤnf Fuß elf Zoll lang und von kräftigem, muskulöſem Körperbau. Er hat einen feſten, aufrechten Gang, und iſt ein ſehr anſehnlicher Burſche. Er lächelt, wenn man mit ihm ſpricht. Sein Haar iſt hellbraun und gelockt, er hat blaue Augen und eine hohe Stirn. Beſagter Burſche iſt in meiner Familie auf⸗ gezogen und ſtets gütig behandelt worden. Es iſt unbekannt, welche Kleider er bei ſeiner Entweichung getragen hat. „Caſſy iſt etwa achtzehn Jahre alt, ungefähr fünf Fuß drei Zoll lang und hübſch von Geſicht und Geſtalt. Sie hat langes, dunkles Haar und glänzende, ſchwarze Augen. Wenn ſie lächelt, ſo zeigt ſich ein Grübchen auf ihrer linken Wange. Sie hat eine gute Stimme und kann verſchiedene Lieder ſingen. Sie hat keine beſonderen Kennzeichen, außer einem Mutter⸗ male auf der rechten Bruſt. Sie iſt als Kammermädchen erzogen worden und hat eine Menge gute Kleidungsſtücke mitgenommen. Wahrſcheinlich ſind beide Sklaven zuſammen entlaufen. 3 „Derjenige, welcher ſie mir zurückbringt, oder ſte in irgend ein Ge⸗ fängniß ſendet, ſo daß ich ſie wieder erlangen kann, ſoll obige Belohnung oder für nur Einen von Beiden die Hälfte davon erhalten.“ 3„Charles Moore.“ „NB. Ich vermuthe, daß ſie ſich nach Baltimore gewendet haben, da Caſſy früher in dieſer Stadt gelebt hat. Ohne Zweifel werden ſie ver⸗ ſuchen, ſich für Weiße auszugeben.“ Während ich dieſe Ankündigung las, blickte Mr. Gordon über meine Schulter und machte zu jedem Satze derſelben ſeine Bemerkungen. Weder dieſe noch die Ankündigung ſelbſt waren geeignet, mich ſonderlich zu be⸗ ruhigen. Wahrſcheinlich bemerkte dies Mr. Gordon, denn er reichte mir ein Glas Whiskey und hieß mich guten Muthes ſein. Dann ſchenkte er ſich ſelbſt ein zweites ein und trank auf mein glückliches Entkommen. Dies beruhigte mich wieder ein wenig,— denn ich war wirklich über Mr. Gordon's anſcheinendes Verlangen nach den fünfhundert Dollars bedeutend erſchrocken. Der Whiskey,— und er ließ es nicht bei einem einzigen Glaſe bewenden,— ſchien ſeine Dankbarkeit wieder zu erwecken. Er verſicherte mir, daß er ſich jeder Gefahr ausſetzen werde, um mir zu dienen, und ſagte mir, ich ſolle mir die Gegenſtände ausſuchen, deren ich bedürfe. Ich verſah mich mit einem Hut und Schuhen und wählte für Caſſy das Nämliche aus; aber ich brauchte außerdem für ſie einen vollſtändigen Männeranzug. Mr. Gordon handelte nicht mit fertigen Kleidern; aber er hatte Tuch, von dem ich glaubte, daß es für uns paſſend ſein würde, und er uͤbernahm es, den Anzug für mich anfertigen zu laſſen. Ich gab ihm Der weiße Sklave. 3 34 das Maß auf's Ungefähr an und wollte in drei Tagen wiederkommen, bis wohin die Kleider fertig ſein ſollten. Ich würde weit lieber das Geſchäft auf der Stelle abgeſchloſſen und ſogleich darauf unſere Reiſe angetreten haben; allein dies war unmöglich. Eine Verkleidung für Caſſy war unbedingt nothwendig; es würde thoͤricht geweſen ſein, ohne eine ſolche weiter reiſen zu wollen. Ich bat ihn dringend, ja dafür zu ſorgen, daß die Kleider gewiß zur beſtimmten Zeit fertig würden, denn eine Belohnung von fünf⸗ hundert Dollars und, die Möglichkeit, ſich den Oberſt Moore zum Freunde zu machen und mit ſeinem Beiſtande in der Welt emporzukommen, waren Verſuchungen, denen ich Mr. Gordon ſo kurze Zeit als möglich ausgeſetzt ſein laſſen wollte. Ich fragte jetzt, was ich für meine verſchiedenen Einkäufe zu bezahlen habe. Mr. Gordon nahm ſeine Schiefertafel zur Hand und begann die einzelnen Poſten zuſammenzurechnen. Hiermit beſchäftigte er ſich einige Minuten lang ſehr eifrig, hielt aber dann plötzlich inne. Er blickte auf die Waaren, welche ich ausgeſucht hatte, dann auf die Schiefer⸗ tafel— darauf beſann er ſich noch einen Augenblick und ſagte endlich, indem er mich feſt anſah: „Archy, Du haſt mir das Leben gerettet— ich will Dir dieſe Dinge ſchenken.“ 3 Ich wußte den Werth dieſes Beweiſes von Freigebigkeit wohl zu ſchätzen. Das Geld, welches Mr. Gordon verdiente, wurde ſtets im Spiel und in Ausſchweifungen vergeudet. Natürlich war er nicht blos arm, ſondern auch oft in Verlegenheit um die Mittel, ſeinen Neigungen nachzuhängen. Das Geld war für ihn daſſelbe, was der Whiskey für die Lippen des Trunkenboldes iſt. Einen ſolchen Menſchen kommt die Freigebigkeit wahrhaft ſchwer an, und ich hörte ſofort auf, dem Manne zu mißtrauen, der einen ſo glänzenden Beweis ſeines aufrichtigen Willens, mich zu unterſtützen, gegeben hatte. Ich wünſchte ihm gute Nacht und kehrte mit bedeutend erleichtertem Herzen heim. MNr. Gordon hatte einige Fragen nach meinem Zufluchtsorte an mich gerichtet, aber ich hatte es fuͤr das Beſte gehalten, darauf eine etwas unbe⸗ ſtimmte Antwort zu geben. Wenn ich auch bedeutend beruhigt war, ſo konnte ich doch nicht einſehen, welchen Nutzen mir ein zu großes Vertrauen bringen ſollte, und beim Aufbruch von Mr. Gordon’s Hauſe ſchlug ich abſichtlich eine weit von meinem eigentlichen Ziele abführende Richtung ein. Einigemale war es mir, als ob mir Jemand nachkäme. Der Mond neigte ſich jetzt dem Untergange zu, und ſein Licht war ſchwach und bleich. Mein Pfad führte durch ein Dickicht von verkrüppelten Bäumen und Büſchen. Ein Verfolger hätte ſich leicht hier verbergen können; aber wenn ich ſtehen blieb, um zu lauſchen, war Alles ſtill, und ich ſchlug mir bald meine grundloſen Befürchtungen aus dem Sinne. Nach einem bedeutenden Umwege wendete ich mich der verlaſſenen Pflan⸗ zung zu und langte gegen Tagesanbruch daſelbſt an. Caſſy kam mir entgegen. Es war ſeit unſerer Flucht von Spring⸗Meadow das erſte Mal, daß wir ſo lange von einander getrennt geweſen waren. Ich fühlte mich ſo glück⸗ lich, ſie wieder zu ſehen, als ob ich nach einer Jahrelangen Abweſenheit zu⸗ rückgekehrt wäre, und die Innigkeit, mit der ſie mich umarmte und mich zu wiederholten malen an die Bruſt drückte, überzeugte mich, daß ſie meine Gefühle theilte. Wir verbrachten die drei Tage unter Vorbereitungen, dem Beſprechen von möglichen Schwierigkeiten und zuweilen mit dem Ausmalen unſeres zukünftigen Glückes. * . Zur beſtimmten Zeit machte ich mich zu Mr. Gordon auf den Weg. Ich näherte mich dem Hauſe, nicht zitternd und zagend wie früher, ſondern mit dem zuverſichtlichen Schritte, mit dem man der Wohnung eines er⸗ probten Freundes zueilt. Ich klopfte an. Im nächſten Augenblicke öffnete Mr. Gordon die Thür, erfaßte mich am Arme und wollte mich in's Haus ziehen; aber durch den halb offenen Thürflügel bemerkte ich, daß ſich außer ihm noch andere Perſonen darin befanden. Ich riß mich von ihm los, ſprang zurück und flüſterte: „Himmel, Mr. Gordon, wen haben Sie im Hauſe?“ Er gab mir keine Antwort, aber faſt wäͤhrend ich noch ſprach, hörte ich Stubbs' tiefe Baßſtimme murmeln: „Haltet ihn feſt! haltet ihn feſt!“ und von dieſem Augenblicke an wußte ich, daß ich verrathen war. 5 Ich rannte fort, fühlte aber bald, wie Jemand mich an der Schulter erfaßte. Zum Glück hatte ich einen dicken Stock bei mir; ich wendete mich raſch um und ſchlug meinen Verfolger mit einem Hiebe zu Boden. Es war der Verräther Gordon. Ich fühlte mich verſucht, ſtehen zu bleiben und ihm noch einen Schlag zu verſetzen; in dem nämlichen Augenblicke aber pfiff eine Piſtolenkugel an meinem Kopfe vorüber, und als ich mich um⸗ wendete, ſah ich Stubbs und einen andern Mann, beide mit Piſtolen be⸗ waffnet, dicht hinter mir. Jetzt war keine Zeit mehr zu verſäumen. Ich ſprang vorwärts, und lief was ich laufen konnte. Zwei bis drei Schuͤſſe wurden ſchnell hinter einander abgefeuert, aber ohne Erfolg, und bald er⸗ reichte ich ein Dickicht, wo ich mich für ſicher hielt. Es zeigte ſich bald, daß ich bei weitem der Schnellfüßigſte von der Geſellſchaft war, denn es dauerte nicht lange, ſo hatte ich meine Verfolger aus dem Geſicht und dem Gehör verloren. Ich lief beinahe noch eine halbe Stunde lang weiter, bis ich faſt gänzlich erſchöpft zu Boden ſank und mich bemühte, wieder zu Athem zu kommen und meine Gedanken zu ſammeln. Der Mond ſchien nicht mehr, das Licht der Sterne wurde durch einen dünnen Nebel verdunkelt und ich wußte nicht recht, wo ich war. Nachdem ich, die wahrſcheinliche Richtung der verlaſſenen Pflanzung gefunden zu haben glaubte, brach ich wieder auf. Ich hatte mir bei dem Wettlaufe den Fuß verrenkt, was ich anfangs kaum bemerkte; jetzt aber wurde er ſchmerzhaft und ich kam nur mit großer An⸗ ſtrengung vorwärts. Indeſſen ſchleppte ich mich fort ſo gut es gehen wollte, und ſchmeichelte mir mit der Hoffnung, vor Tagesanbruch an Ort und Stelle anzukommen. Eine bedeutende Strecke weit wanderte ich über Felder und durch Dickichte, die mir nicht bekannt waren; endlich aber er⸗ reichte ich einen Bach, den ich kannte. Ich löſchte meinen Durſt und eilte geſtärkt weiter. Ich war immer noch fünf bis ſechs Meilen von der ver⸗ laſſenen Pflanzung entfernt und mußte einen ſehr großen Umweg machen. Ich ſchritt, ſo ſchnell ich vermochte, darauf zu; aber die Sonne war ſchon ſeit einigen Stunden aufgegangen, als ich bei der Quelle ankam. Caſſy erwartete mich mit Todesangſt. Mein Ausbleiben hatte ſie in die größte Beſorgniß verſetzt und die Unordnung meiner Kleider und mein erhitztes und verſtörtes Ausſehen war eben nicht geeignet, ſie zu beruhigen. Ich eilte auf die Quelle zu und bückte mich eben, um daraus zu trinken, als Caſſy einen lauten Schrei ausſtieß. Ich blickte auf und ſah einige Männer den Thalhang herabkommen. Ich ſprang empor, wurde aber im nächſten Augenblicke von hinten ergriffen. Zwei andere Mäͤnner 8 3⸗ 36 waren auf der andern Seite den Hügel herabgekommen, und waͤhrend ich mich anſchickte, mit denen, die ich zuerſt geſehen, zu kämpfen, befand ich mich, ehe ich noch meine Gefahr ahnte, in der Gewalt ihrer Verbündeten. Zehntes Kapitel. Ich erfuhr ſpäter, daß Mr. Stubbs und ſeine Genoſſen, die mich bei Gordon erwartet hatten, als es ihnen nicht gelang, mich mit ihren Piſto⸗ lenkugeln zu Boden zu ſtrecken, und ſie ſich überzeugten, daß ich für ſie zu ſchnell lief, die Jagd bald aufgaben und in den Kramladen zurückkehr⸗ ten. Sie ſchickten ſogleich nach Beiſtand und wurden bald durch zwei an⸗ dere Männer, und was von größerer Wichtigkeit war, einem Hund Namens Jowler verſtärkt, der in der ganzen Grafſchaft wegen ſeiner Geſchicklichkeit im Aufſpüren entlaufener Sklaven berühmt war. Sobald Jowler ankam, banden ſie ihm eine Schnur um den Hals, deren anderes Ende ein Mitglied der Geſellſchaft in die Hand nahm. Hierauf wurde der Hund auf meine Fährte gebracht, und er trabte, von Stubbs und den übrigen Männern begleitet, langſam vorwärts. Ich hatte den letzten Theil des Weges nur langſam gehen können und Jowler und die ihm Folgenden waren mir ſo ſchnell nachgekommen, daß ſie die Quelle faſt zu gleicher Zeit mit mir erreichten. Nachdem ſie meinen Zufluchtsort entdeckt hatten, theilten ſie ſich, um ſicher zu gehen, in zwei Abtheilungen, ſtürmten von beiden Abhängen des Thales zu gleicher Zeit herab und ver⸗ ſicherten ſich meiner auf die eben erzählte Weiſe. Die arme Caſſy wurde in dem nämlichen Augenblicke ebenfalls er⸗ griffen, und faſt ehe wir wußten, was geſchehen war, fanden wir unſere Hände gebunden und uns ſelbſt mit einer ſtarken Kette an einander ge⸗ feſſelt, deren Enden man uns am Halſe befeſtigt hatte. Dies war für Caſſy das Schrecklichſte, und das arme Mädchen weinte bitterlich, als ſie das Eiſen an ihrem Halſe fühlte. Ich glaubte nicht, daß die Kette ſtraffer als nöthig angezogen wurde, aber dennoch empfand ich ein erſtickendes Gefühl in meiner Kehle, als ich die Thränen meiner armen Frau erblickte. Die rohen Scherze der Männer, welche uns geſangen genommen hatten, vermehrten noch meinen Schmerz und meine Entrüſtung. Es war ein Glück, daß mir die Hände gebunden waren, denn wenn ſte frei geweſen wären, ſo glaube ich feſt, daß ich Mittel gefunden haben würde, den Einen oder den Andern von den Schurken zu Boden zu ſchlagen. Mr. Gordon war eines von den Mitgliedern der Häſcherbande. Er hatte den Kopf mit einem blutigen Taſchentuche verbunden, bemühte ſich aber, ſtatt ſich den Späßen ſeiner Genoſſen anzuſchließen, dieſe abzuhalten, uns zu quälen und zu mißhandeln. „Laſſen Sie das Mädchen in Ruhe, Stubbs,“ ſagte er zu dieſem;„bin ich es nicht, der die Sklaven gefangen hat? Bin ich es nicht, dem die Beluhnung zukommt? Laſſen Sie ſie gehen, ſage ich, ſie ſtehen unter meinem chutz.“ bda haben ſie einen ſchönen Beſchützer gefunden!“ antwortete Stubbs mit einem lauten Gelächter, in welches ſeine Genoſſen einſtimmten.„Ich zweifle nicht, daß ſte Ihnen ungemein verbunden ſein werden! Hole der Teufel Ihren Unſinn und Sie ſelbſt dazu; ich ſage der Dirne, was mir beliebt und thue, was mir beliebt. Bin ich nicht der Aufſeher?“— Nach 37, dieſen Worten begann er die arme Caſſy mit neuen Spötteleien zu über⸗ häufen. Nur durch das Verſprechen, ſeine Gefährten mit einem Quart Whiskey zu traktiren, vermochte Mr. Gordon dieſelben, uns zufrieden u laſſen. Das Wort Whiskey wirkte wie ein Zauberſpruch, und er überrevete durch den Einfluß deſſelben die Uebrigen, ein wenig zurückzubleiben, damit er einige Worte ungeſtört mit mir ſprechen könne. Er habe nichts dagegen, daß ſie hörten, was er mir ſage, wolle ſich aber nicht unterbrechen en. Ich war hierüber ſehr erſtaunt. Gordon hatte mich verrathen— was konnte er alſo, nachdem er eine ſolche Schändlichkeit gegen mich begangen hatte, mit dieſen kleinen Beweiſen von Freundlichkeit beabſichtigen? Gordon war, wie ich ſchon geſagt habe, ein gutmüthiger Menſch. Er hatte der Verſuchung der fünfhundert Dollars und aller anderen Vortheile, die er von ſeiner Verrätherei erwartete, nicht widerſtehen können, bei alledem aber doch nicht vergeſſen, daß ich ihm einſt das Leben gerettet hatte. Er trat zu mir und verſuchte, ſtammelnd und zögernd, ein Geſpräch zu beginnen. „Das war ein verwünſcht ſtarker Schlag, den Du mir gegeben haſt, Archy,“ hob er an. „Es thut mir leid, daß er nicht ſtärker geweſen iſt,“ war meine Antwort. „Nun, nun, ſei nur nicht ſo teufelswild. Sieh, mein Sohn, ich dachte, daß ich eben ſo gut die fünfhundert Dollars verdienen, als ſie mir durch die Finger ſchlüpfen laſſen könnte, was Dir doch nichts geholfen hätte. Ich wußte nur zu gut, daß Du ganz gewiß eingefangen werden würdeſt— und wenn Du auch noch ſo wüthend darüber biſt, ſo habe ich Dir doch beſſere Bedingungen erwirkt, als es irgend ein Anderer gethan haben würde. Schau nicht ſo finſter drein, ich will Dir erzählen, wie Alles gekommen iſt. Siehſt Du, als Du mich neulich verließeſt, konnte ich vor Aufregung die ganze Nacht nicht ſchlafen. Ich ſagte zu mir: Archy's Plan iſt thöricht. Er wird ganz gewiß wieder eingefangen werden, dann kommt es heraus, daß ich ihm geholfen habe, und ich komme in des Teufels Küche. Ihn wird man peitſchen und mich mit einer Geldſtrafe belegen und in's Gefängniß werfen, ja vielleicht gar auf einem Zaunspfahle aus der Grafſchaft reiten laſſen, wie Oberſt Moore und die Andern mir gedroht haben, und dann wird, um das Unglück voll zu machen, ein Anderer die Belohnung erhalten. Nun hat mir der Archy das Leben gerettet, dachte ich— das läßt ſich nicht leugnen— und wenn ich ihm eine Tracht Schläge erſparen und zu gleicher Zeit fünfhundert Dollars in die Taſche ſtecken kann, ſo machen wir Beide ein ganz hübſches Geſchäft. „Ich ſtand alſo am folgenden Morgen bei Zeiten auf und machte mich zu Oberſt Moore auf den Weg. Ich fand ihn in ſehr böſer Laune, denn er konnte nirgends etwas von Euch erfahren. „ SIch ſagte alſo: Herr Oberſt, ſagte ich, wie ich gehört habe, bieten Sie demjenigen, der Ihre entlaufenen Sklaven einfängt, eine Belohnung von fünfhundert Dollars. „— Ja, erwiderte der Oberſt, baares Geld! und er ſchaute mir in’s Geſicht, als ob er glaubte, daß 10 wiſſe, wo Ihr zu finden wäret. „— Ganz richtig, Herr Oberſt, ſage ich, und vielleicht könnte ich Ihnen dienen, wenn Sie mir vorher etwas verſprächen. „— Ihnen etwas verſprechen? rief der Oberſt, habe ich nicht ſchon fünfhundert Dollars verſprochen? Was wollen Sie mehr? 1 „— Darauf ſage ich: Herr Oberſt, ſage ich, es iſt nicht die Belohnung, an die ich gedacht habe.— Die Belohnung iſt zwar gut— es iſt ſicher⸗ lich eine ſehr anſtändige Belohnung; aber zahlen Sie mir nur vierhundert⸗ undfunfzig Dollars, Herr Oberſt, und verſprechen Sie mir, Archy nicht zu ſchlagen, wenn Sie ihn bekommen, dann will ich auf die andern funf⸗ zig verzichten. „— Pah, Unſinn!— ſagt der Oberſt. Was kuüͤmmert es Sie, Mr. Gordon, daß ich den Schuft ſchlage, wenn Sie nur Ihr Geld erhalten? „— Herr Oberſt, antwortete ich ihm darauf, Jommy Gordon iſt nicht ſo ſchlecht, daß er einen Dienſt vergeſſen könnte. Archy hat mir das Le⸗ ben gerettet, dieſen Monat wird es drei Jahre, und wenn Sie mir auf Ihre Ehre verſprechen wollen, ihn für das Davonlaufen nicht zu beſtrafen, ſo werde ich es übernehmen, ihn einzufangen, ſonſt aber nicht. „Der Oberſt unterhandelte und feilſchte noch lange; als er aber ſah, daß er nicht anders mit mir einig werden konnte, verſprach er mir Alles, was ich von ihm verlangt hatte. Ich ſagte ihm alſo, daß Du in meinem Hauſe geweſen ſeieſt, und daß Du wieder kommen würdeſt, und darauf gab er mir Stubbs und die übrigen Kerle mit, um mir zu helfen, Dich einzufangen;— das iſt die ganze Geſchichte. Sei alſo nicht böſe, Archy, ſondern beruhige Dich und ergieb Dich drein. Siehſt Du, ich habe nur das thun wollen, was fuͤr uns Beide das Beſte war.“ „Ich wünſch' Ihnen viel Vergnügen zu Ihrem Verdienſt an dem Handel, Mr. Gordon, und daß Sie Ihre fünfhundert Dollars verlieren mögen, ſobald Sie wieder Karten ſpielen, was ſicher geſchehen wird, ehe Sie um zwölf Stunden älter geworden ſind.“ „Du biſt wüthend, Archy, ſonſt würdeſt Du nicht ſo ſprechen. Die Wahrheit zu geſtehen, kann ich mich nicht ſehr darüber wundern. Du wirſt aber bald andren Sinnes werden. Ich ſollte meinen, daß Du damit zu⸗ frieden ſein könnteſt, mir den Kopf zerſchlagen zu haben. Wahrhaftig, Archy, er ſchmerzt mir, als ob er zerſpringen wollte.“ Mit dieſen Worten brach Mr. Gordon das Geſpräch ab und ſchloß ſich ſeinen Gefährten wieder an. 3 So wenig Grund ich auch habe, Gutes von ihm zu ſagen, fo bin ich doch überzeugk, daß es in der Welt eine Menge Menſchen giebt, die nicht viel beſſer als Jommy Gordon ſind. Fünfhundert Dollars waren für ihn eine große Verſuchung! Ueberdies hoffte er, ſich die Gunſt des Oberſt Moore zu erwerben, und er hoffte durch ſeinen Beiſtand die Mittel zu er⸗ langen, um ſeinen Lebensunterhalt anſtändig zu verdienen,— wenigſtens ſo anſtandig, wie es ein armer Mann in jenem Lande vermag. Er be⸗ ruhigte nicht nur ſein Gewiſſen durch die Idee, daß, wenn er mich nicht verrathe, irgend ein Anderer es anſtatt ſeiner thun werde, ſondern hatte auch bei Oberſt Moore günſtige Bedingungen für mich erwirkt, und ſchien ganz ernſtlich der Meinung zu ſein, daß er mir durch ſeinen Verrath einen großen Dienſt erzeigt habe.. Mancher„Gentleman“ in den Sklavenſtaaten Amerika's— denn ſo antirepublikaniſch es auch ſcheinen mag, tritt doch in keinem andren Theile der Welt der Unterſchied zwiſchen„Gentleman“ und„gemeinem Volke“ ſo grell hervor als dort— mancher Gentleman, ſage ich, würde es als eine Beleidigung betrachten, wenn man ihn mit Jommy Gordon vergleicht, während er Zeit ſeines ganzen Lebens nach den nämlichen Grundſätzen ge⸗ handelt hat, welche dieſen Mann bewogen, an mir zum Verräther zu wer den. Ebenſo weiß mancher Gentleman ſehr gut und geſteht es im Stillen * ———— — 9 Reue und Selbſtverachtung malten ſich in ſeinen Zügen. 39 offen ein, daß die Sklaverei die gröbſte Verletzung der erſten und einfach⸗ ſten Principien der Gerechtigkeit und Gleichheit iſt, ein Verfahren, welches, im abſtrakten Sinne genommen, viel ſtrafbarer iſt. als See⸗ und Straßen⸗ raub. Er geſteht es ſich ſelbſt und Anderen unverhohlen, daß die Sklave⸗ rei ſich nicht vertheidigen läßt. Allein die Sklaven bilden ſeinen Hausſtand und er kann ohne ſie nicht„wie ein Gentleman“ leben. Ueberdies behan⸗ delt er ſeine eigenen Sklaven gut und nimmt keinen Anſtand zu behaupten, daß ſie als Sklaven viel glücklicher ſind, als ſie in der Freiheit es nur werden könnten. 4 Wenn vernünftige und gebildete Männer, ſich durch ſolche ſophiſtiſche Argumente beruhigen können, dann verdient der gute Jommy Gordon wirklich einige Nachſicht. 5 Elftes Kapitel. Die Mittagsſtunde war bereits vorüber als wir in Spring⸗Meadow ankamen, wo uns Oberſt Moore bereits ſeit einiger Zeit mit Ungeduld er⸗ wartete. Da er aber zufäͤllig eine große Tiſchgeſellſchaft hatte, war er mit der Bewirthung ſeiner Gäſte zu eifrig beſchäftigt, um uns ſogleich ſeine Beachtung ſchenken zu können. Sobald er jedoch von unſerer Ankunft Nachricht erhielt, ſendete er Mr. Gordon ſeine fünfhundert Dollars her⸗ aus. Es war ein dickes Packet Banknoten, bei deren Anblick die Augen des Mannes blitzten und nach denen er begierig griff. Ich blickte ihn feſt an, und ſeine Augen begegneten den meinen. Die Veränderung, welcht jetzt erfolgte, war auffallend. Er wurde bald roth, bald blaß— Scham, Er ſteckte das Geld haſtig in die Taſche— und entfernte ſich ohne ein Wort zu ſagen. Caſſy und ich wurden nach den Stallgebäuden getrieben und in ein enges, finſteres Zimmer eingeſchloſſen, welches bald zur Kornkammer, bald zu einer Art von Kerker für widerſpenſtige Sklaven benutzt ward. Wir ſetzten uns auf den Boden nieder— denn es gab ſonſt nichts, worauf wir uns ſetzen konnten— und die arme Caſſy ſank in meine Arme. Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung brachen von Neuem aus, und ſte weinte bitterlich. Ich kuͤßte ihr die Thraͤnen hinweg und ſuchte ſie zu tröſten; aber ſie wollte ſich nicht beruhigen laſſen, und in der That konnte ich ihr auch nur geringen Troſt darbieten. Je mehr ich zu ihr ſagte, deſto hef⸗ tiger weinte ſie, und ſie ſchmiegte ſich immer feſter und feſter an mich an, bis ihre Umarmung faſt krampfhaft wurde.* „Er wird uns umbringen, er wird uns auf ewig trennen!“ flüſterte ſie mit leiſer, kaum horbarer Stimme, und dies war die einzige Antwort die ſie mir auf Alles, was ich ihr ſagen konnte, gab. 7 3 „Uunſere Lage war in der That troſtlos. Wären wir in die Hände eines Räubers gefallen, ſo würden wir vielleicht noch ein wenig Hoffnung ge⸗ habt haben. Er hätte möglicherweiſe vor ſeinem eignen Gewiſſen erſchrecken oder die Rache der Juſtiz fürchten und von ſeinem ſtrafbaren Beginnen abſtehen können. Im ſchlimmſten Falle würde der Tod, und zwar ein raſcher und leichter Tod, die äußerſte Grenze ſeiner Ruchloſigkeit geweſen ſein. Wir Unglüͤcklichen aber hatten nicht einmal ſolche Ausſichten. Wir waren entlaufene Sklaven, die wieder in die Hände ihres Herrn gefallen waren,— eines Heern, den ſchon der Gedanke, daß wir ſein„Eigenthum“ ſeien, mit Wuth darüber erfüllte, daß wir es hatten wagen können, ihm zu entlaufen, und der wohl wußte, daß ſowohl das Geſetz als auch die öffentliche Meinung ihm erlaubten, jede Marter über uns zu verhängen, welche nicht unmittelbar den Tod zur Folge hatte. Allerdings hatten wir nur der ärgſten Schmach entfliehen wollen, die einem Gattenpaare zugefügt werden kann. Allein dies war keine Ent⸗ ſchuldigung, nicht einmal ein mildernder Umſtand. Sklaven dürfen unter keinem wande entlaufen. Es iſt ihre Pflicht— traurig, daß ein ſolches Wort auf dieſe Art gemißbraucht werden kann!— ſich ohne Mur⸗ ren allen Beſchimpfungen und Bedrückungen ihrer Gebieter zu unterwerfen. Ich drückte meine Gattin faſt mit der nämlichen krampfhaften Heftigkeit, mit der ſte mich umſchlungen hielt, an die Bruſt. Ich fühlte, daß es das letzte Mal war— und dieſe Idee erfüllte mein Herz mit einer Bitterkeit, welche mein früheres Glück nur noch erhöhte. Ich erſtickte ſie faſt mit meinen Küſſen, aber das Fieber, welches in ihrer Wange glühte, war nicht die Röthe der Freude, und ihre tiefen Seufzer konnten nicht für Ausdrücke der Wonne gelten. Die Trennung, welche uns in Kurzem bevorſtand, war nicht nur für die Zukunft entſetzlich, ſondern ſchien auch unſere ganze Fähigkeit zum gegenwärtigen Genuß zu vernichten. Ohne dieſe Befürch⸗ tung würde ich mich in Caſſy's Armen um Kerker und Kette nicht gekümmert haben. Durch dieſe Befürchtung aber verloren ihre Lippen ihre ganze Süßig⸗ keit, und obgleich ich nicht von ihr laſſen konnte, ſchien doch jede Umarmung ihren und meinen Schmerz noch zu vermehren. Auf dieſe Weiſe brachten wir mehrere Stunden zu. Wir hatten an dieſem Tage noch nichts genoſſen, und kein Menſch brachte uns auch nur inen Becher Waſſer. Die Hitze des Raumes, in welchen die Luft keinen Zutritt hatte, verſtärkte unſre ſieberhafte Aufregung und machte unſern Durſt faſt unerträglich. Ach, wie ſehnte ich mich nach der kühlen Quelle, der balſamiſchen Luft, der Freiheit, die wir verloren hatten! Gegen Abend hörten wir herannahende Schritte und ich erkannte bald die Stimme des Oberſt Moore und ſeines Aufſehers. Sie öffneten die Thür und befahlen uns herauszukommen. Anfangs blendete das Licht meine Augen ſo, daß ich kaum einen Gegenſtand von dem andern unter⸗ ſcheiden konnte. Nach einiger Zeit bemerkte ich jedoch, daß ſie von Peter begleitet waren— einem langen Burſchen mit einem höchſt widerlichen Lächeln, dem Spion und Angeber des Guts, der der Abſcheu aller Sklaven, aber der beſondere Günſtling des Mr. Stubbs und bei jedemAnlaſſe ſein Helfershelfer war. Oberſt Moore's Geſicht war ſtark geröthet und es ſchien mir, daß er viel getrunken habe. Dies war bei ihm etwas ſehr Ungewöhnliches, denn wenn auch jedes Diner in ſeinem Hauſe damit endete, daß der größte Theil der Gäſte unter dem Tiſche lag, ſo ließ Oberſt Moore doch meiſt unter dem Vorwande, daß ihm ſein Arzt das Weintrinken verboten habe, die Flaſche an ſich vorübergehen und ſtand gewöhnlich als der einzige Nüchterne vom Tiſche auf. Es war nur zu klar, daß er diesmal ſeine gewohnte Mäßigkeit vergeſſen hatte. Er ſprach kein Wort mit mir und ich konnte keinen Blick von ihm erhaſchen; aber er wendete ſich zu ſeinem Aufſeher und ſagte leiſe und mit ſehr zorniger Miene: „Es war eine verdammte Dummheit ſie zuſammen einzuſchließen, Mr. Stubbs; ich hätte gedacht, daß Sie meine Befehle beſſer ausführen würden.“ Der Aufſeher murmelte eine unverſtändliche Entſchuldigung, welche 8 lange er damit fortfuhr, weiß ich nicht; meine Augen umwölkten ſich, es ſpäter, daß ich vor Kurzem erſt ein heftiges Fieber überſtanden hatte. Ein 41 Oberſt Moore unbeachtet ließ und ohne weitere Vorrede oder Stubbs befahl, mich anzubinden. 8 3 Das Vorhängeſchloß, mit welchem die Kette an meinem Halſe befeſtigt war, wurde abgenommen, man zog mich faſt nackt aus, und Mr. Stubbs zog ein Seil hervor, mit deſſen einem Ende er mir die Hände band, wo⸗ rauf er das andere mit Peter's Beihilfe an einen Querbalken über meinem Kopfe befeſtigte, nachdem er es ſo ſtark angezogen hatte, daß iche dadurch beinahe vom Boden empor gehoben wurde. I Hierauf befahl ihnen Oberſt Moore, Caſſy von der Kette loszumachen. Dann gab er ihr eine ſchwere Peitſche in die Hand, deutete auf mich und ſagte: „Sorge dafür, Dirne, daß Du ſie tüchtig ſchwingſt!“ Die arme Caſſy ſah ſich in der äußerſten Verwirrung um. Sie ver⸗ ſtand ihn nicht Sie hatte keine Ahnung von einer ſo raffinirten Grau⸗ ſamkeit, einer ſo furchtbaren Rache. 8 Er wiederholte ſeinen Befehl mit drohendem Tone und Blicke. „Wenn Du Deinen eignen Leichnam vor der Peitſche retten willſt, ſo trachte danach, daß auf jeden Schlag das Blut herausſpritzt. Ich will Euch lehren, mit mir Euer Spiel zu treiben!“ Jetzt endlich verſtand ſie ſeine brutale Abſicht und ſank mit einem Blicke des Entſetzens und der Verzweiflung bewußklos zu Boden. Peter wurde fortgeſchickt, um Waſſer zu holen. Er beſprengte ihr das Geſicht damit, und ſie kam bald wieder zu ſich. Man richtete ſie auf ud Oberſt Moore gab ihr abermals die Peitſche in die Hand, indem er ſeinen Be⸗ fehl wiederholte. Sie warf ſie von ſich wie eine giftige Schlange, die ſie gebiſſen hätte, blickte ihm unter ſtrömenden Thränen in's Geſicht und ſagte in feſtem, aber flehendem Tone: „Herr, er iſt mein Gatte!“ Das Wort Gatte ſchien den Oberſt Moore zu noch größerer Wuth⸗ zu reizen, welche ſeine Selbſtbeherrſchung völlig erſtickte. Er ſchlug Caſſy mit der Fauſt zu Boden, trat ſie mit Füßen, ergriff die Peitſche, welche ſte weggeworfen hatte und ſchlug mit ſolcher Heftigkeit auf mich los, daß die Riemen mir bei jedem Schlage in's Fleiſch drangen und das Blut an meinem Körper herabſtrömte und zu meinen Füßen kleine Lachen bildete. Die Qual war für menſchliche Kraft zu groß; ich ſchrie laut auf. „Sein Geſchrei wird das ganze Haus wecken,“ ſagte mein Henker, und er zog ein Taſchentuch hervor, preßte es mir in den Mund und trieb es mit dem Peitſchengriffe bis in meine Kehle. Nachdem er mich auf dieſe Weiſe geknebelt hatte, begann er von Neuem auf mich loszuſchlagen. Wie ſchwindelte mir und eine glückliche Ohnmacht machte mich bald unempfindlich gegen den Schmerz. Zwölftes Kapitel. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich auf einem elenden Lager auf dem Boden in einem Winkel einer kleinen alten, verfallenen Hütte. Ich war ſehr ſchwach und kaum im Stande mich zu bewegen, und ich erfuhr 42 taubes altes Weib, das wegen ſeiner Jahre nur noch zur Krankenwärterin brauchbar war, bildete meine einzige Geſellſchaft; ich erkannte die Alte, vergaß, daß ſte mich nicht hören koante und richtete in einem Athem tauſend Fragen an ſie. Ich fürchtete und wünſchte doch zu gleicher Zeit das Schickſal der armen Caſſy zu erfahren, und die meiſten meiner Fragen bezogen ſich auf ſie. Die Alte gab mir jedoch keine Antwort; ſie ſagte, daß ſie kein Wort verſtehen könne, und wenn ich mich ſelbſt taub ſchreie. Ueberdies ſei ich noch zu krank und zu ſchwach, um zu ſprechen. Ich ließ mich dadurch nicht zum Schweigen bringen, ſondern rief nur um ſo lauter und fügte Zeichen und Geberden hinzu, um mich der Alten verſtändlich zu machen. Es war jedoch klar, daß Tante Judy keine Luſt hatte, meine Neugier zu befriedigen, denn als ſie ſah, daß ſie mich nicht beruhigen könne, ging ſie hinaus, verſchloß die Thür und überließ mich meinen eignen Betrachtungen. Dieſe waren nicht eben angenehm. Bis jetzt waren jedoch meine Gedanken noch ſo verworren und mein Kopf ſo ſchwindelig, daß ich kaum fähig war zu überlegen und über meine Lage nachzudenken. Ich erfuhr ſpäter, daß ich länger als eine Woche im Delirium gelegen und daß das heftige Fieber an welchem ich gelitten, meinem unglücklichen Daſein faſt ein Ende gemacht hätte. Aber die Kriſis war jetzt vorüber. Meine Jugend und meine kräftige Konſtitution hatten ſie überwunden und mich für neue Leiden aufgeſpart. Ich erholte mich ſchnell wieder und war bald im Stande umherzugehen. Damit ich nicht einen ungehörigen Gebrauch von meinen wiederkehrenden Kräften machen und einen zweiten Fluchtverſuch unternehmen ſollte, wurden mir jetzt Handſchellen angelegt. Man nahm mir die Ketten des Tages einmal auf etwa eine Stunde ab und erlaubte mir, unter Peter's Aufſicht einen kurzen Spaziergang auf der Pflanzung zu machen. Ich bemühte mich vergebens, von Peter Auskunft über meine Frau zu erlangen. Er konnte oder wollte mir nichts von ihr ſagen.* Ich dachte, daß er mir die Auskunft, welche er mir Lerweigerte, vielleicht verkaufen würde, und ich verſprach ihm einige Kleider, wenn er mir erlauben wolle, mein früheres Haus einmal zu beſuchen. Wir gingen zuſammen dorthin. Ich war, in Erwartung meiner Verheirathung, durch die Frei⸗ gebigkeit der Mrs. Moore und ihrer Tochter in den Stand geſetzt worden, es recht behaglich einzurichten; es war mit einer Menge von Dingen ver⸗ ſehen, die man ſelten in einer Sklavenhütte erblickt; aber ich fand es er⸗ brochen und ausgeräumt, die ganze Einrichtung war verſchwunden, meine Kiſte aufgebrochen und alle meine Kleider weggenommen. Dies hatte ich ohne Zweifel meinen Dienſtgenoſſen zu verdanken. Der ſtärkſte, oder doch einer der ſtärkſten Triebe des Menſchen iſt der Wunſch nach Beſitz. Dieſen Drang kann der Sklave nur durch Diebſtahl und Plünderung befriedigen. Der Einfluß der Sklaverei iſt ſo verderblich, daß er faſt den Keim der Tugend erſtickt. Die Knechtſchaft hemmt nicht nur die Entwickelung der Verſtandeskräfte, ſondern ſie verdirbt auch den Charakter. Sie verbittert das Gemüth und verhaͤrtet das Herz. Wer ſich von ſeiner Geburt an der Freiheit und der Betriebſamkeit, ſeines einzigen Erbtheils, beraubt ſieht, wird ſelbſtſüchtig und gleichgiltig gegen Alles, was ſich nicht auf die unmittelbare Befriedigung ſeiner augenblicklichen Wünſche bezieht. Selbſt ausgeplündert, iſt er ſtets bereit, ſeinerſeits jeden Andren, ſelbſt ſeinen Leidensgenoſſen zu beſtehlen. f 43 Als ich mein Haus erbrochen und meine Sachen entwendet ſah, fiel es mir ein, in den Taſchen nach meinem Gelde zu ſuchen. Auch dieſes war fort, und jetzt erinnerte ich mich, daß Mr. Stubbs, als ich von Gordon und ſeinen Spießgeſellen überfallen und feſtgenommen wurde, meine Taſchen durchſucht und den Inhalt derſelben in die ſeinige befördert hatte. Natürlich konnte ich nicht erwarten, mein Geld je wieder zu bekommen. Dem virginiſchen Moralkodex nach war Mr. Stubbs ein ſehr reſpektabler Mann, welcher nichts that, was nicht vollkommen ſchicklich geweſen wäre. Jedenfalls war es höͤchſt gefährlich, einen entlaufenen Sklaven im Beſitz einer beträchtlichen Geldſumme zu laſſen. Nach demſelben Geſetzbuche waren jedoch die Sklaven, welche meine Kleider geſtohlen hatten, ſchändliche Spitzbuben, die eine gehörige Tracht Schläge verdienten. Dies ſagte auch Mr. Stubbs, den wir auf dem Rückwege trafen und bei dem ich über die Plünderung meines Hauſes Klage erhob. Der Ehrenmann arbeitete ſich in einen heftigen Zorn und ſchwor, daß die Diebe dafür büßen ſollten, wenn er ihrer habhaft würde. Trotz dieſes Ausbruchs tugendhafter Ent⸗ rüſtung ſprach Mr. Stubbs keineswegs von der Zurückgabe meines Geldes, und ich hielt es für das Klügſte, den Gegenſtand nicht ſpeciell zu erwähnen. Nach einigen Wochen hatte ich meine Krafte beinahe völlig wieder erlangt, und die Wunden, mit welchen mein Rücken bedeckt war, waren vernarbt. Ich begann mich in Vermuthungen zu ergehen, was Oberſt Moore mit mir vornehmen werde, als mir eines Abends Mr. Stubbs ſagen ließ, daß ich am folgenden Morgen mit Sonnenaufgang aufſtehen und mich zu einer Reiſe bereit halten ſolle. Wohin wir gingen oder was der Zweck unſerer Reiſe war, darüber geruhte er nicht, mir Auskunft zu ertheilen, und ich war auch nicht beſonders neugierig, es zu erfahren. Ich hatte jetzt einen großen Troſt. Man mochte thun, was man wollte, es war unmöoͤglich, mich unglücklicher zu machen. Dieſe Idee war es, welche mich aufrecht erhielt, und mich in den Stand ſetzte, der Zukunft mit einer Art von ſorgloſer, dumpfer Gleichgiltigkeit entgegenzuſehen, über die ich noch jetzt erſtaune. 3 Am Morgen kam Mr. Stubbs, um mich abzuholen. Er war zu Pferde und hatte wie gewöhnlich die Peitſche in der Hand. Er nahm mir die Ketten von den Füßen, ließ mir aber die Handſchellen, knüpfte ein Seil um meinen Hals und befeſtigte das andere Ende deſſelben um ſeinen Leib. So gegen mein Entrinnen geſichert, beſtieg er ſein Pferd wieder und befahl mir, neben ihm her zu gehen. Ich war immer noch etwas ſchwach, und meine Schritte wurden zuweilen etwas langſamer, aber ein Hieb mit der Peitſche gab mir bald wieder neue Kräfte. Ich fragte, wohin wir gingen und die Antwort lautete:„Du wirſt es erfahren, wenn wir hinkommen.“ Wir kehrten am Abend in einer Art von Schenke ein. Zum Ueber⸗ nachten hatten wir Beide ein Zimmer, wo er im Bett und ich am Boden ſchlafen ſollte. Er nahm mir den Strick vom Halſe und band mir damit die Füße. Der Strick war ſo feſt zuſammengeſchnürt und verurſachte mir ſo viel Schmerz, daß ich nicht ſchlafen konnte. Ich beklagte mich mehrmals gegen Stubbs, aber er befahl mir ruhig zu liegen und ihn nicht mit ein⸗ fältigen Reden zu ſtören. Als er am folgenden Morgen meine Bande löſte, fand er meine Knöchel bedeutend angeſchwollen. Es ſchien ihm leid zu thun, daß er meine Bitten nicht mehr beachtet hatte, aber er entſchuldigte ſich mit den Worten, daß wir Alle eine ſo verſtockte Lügnerbande ſeien“ daß 44 man nicht wiſſe, wenn man uns glauben ſolle, und daß er ſich nicht um⸗ ſonſt die Mühe des Aufſtehens habe machen wollen. Am folgenden Tage ſetzten wir unſere Reiſe fort, aber ich war von dden Anſtrengungen des vorhergegangenen und dem Mangel an Schlaf ſo Txrſchöpft, daß nur die häufige Anwendung der Peitſche des Mr. Stubbs mich zu der nothwendigen Anſtrengung aufſtacheln konnte. Der Muth und Trotz, welche mich bisher aufrecht erhalten hatten, ſchienen mich zu gleicher Zeit mit meinen Kräften zu verlaſſen, und ich weinte wie ein Kind. End⸗ lich erreichten wir das Ziel unſrer Reiſe. Wir kamen am ſpäten Abend in der Stadt Richmond an. Ich bin nicht im Stande ſie zu beſchreiben, da ich ſofort in's Gefängniß geführt und der Sicherheit wegen dort einge⸗ ſchloſſen wurde. Jetzt wurde mir geſagt, weshalb wir hierhergekommen waren. Oberſt Moore war, wie Mr. Stubbs ſagte, eines ſo unzuverläſſigen Dieners müde und hatte mich zu verkaufen beſchloſſen. Ich hatte ihn ſeit dem Tage, wo ich unter den Schlägen ſeiner väterlichen Zuchtigung ohnmächtig geworden war, nicht mehr geſehen und erblickte ihn auch ſpäter nicht wieder. Eine ſonderbare Trennung zwiſchen Vater und Sohn! Dreizehntes Kapitel. Am folgenden Tage ſollte ich verkauft werden. Es war eine oöͤffent⸗ liche Sklavenauktion angeſetzt und außer mir noch mehrere zum Verkauf angemeldet worden. Ich wurde an Händen und Füßen gefeſſelt auf den Markt gebracht. Die übrigen Sklaven befanden ſich bereits an Ort und Stelle. Aber es dauerte noch einige Zeit, ehe die Auktion begann, und ich verwendete dieſe Pauſe dazu, mich umzuſehen. Mehrere von den Grup⸗ pen erregten meine beſondere Aufmerkſamkeit. Die erſten, d ich erblickte, waren ein alter Mann mit völlig weißen Haaren, und ein hübſches zehn bis zwölfjähriges Mädchen, ſeine Enkelin, wie er mir ſagte. Sowohl der Greis wie das kleine Mädchen hatten eiſerne Bänder um den Hals, welche durch eine ſchwere Kette verbunden waren. Man hätte meinen ſollen, daß das hohe Alter des Mannes und die Jugend des Mädchens dergleichen grauſame Vorſichtsmaßregeln Unnö⸗ thig machten; aber ihr Herr hatte ſie, wie ich erfuhr, in einem Anfall von Zorn zu verkaufen beſchloſſen, und die Ketten ſollten vielleicht eher zur Strafe, als zur Sicherheit dienen. S Nicht weit davon ſtanden ein Mann und ſeine Frau, die Letztere mit einem Kinde auf den Armen. Das Ehepaar war jung und hatte ſich, wie es ſchien, ſehr lieb, wenigſtens ſchienen Beide über den Gedanken, daß ſie in die Hände verſchiedener Käufer fallen könnten, ſehr bekümmert zu ſein. Die Frau ſprach von Zeit zu Zeit den Einen oder den Andern der Um⸗ ſtehenden an, der die Abſicht zu kaufen zu haben ſchien; ſie bat die Leute, ſte und ihren Mann zu kaufen, und verbreitete ſich mit großer Geläufig⸗ keit über die guten Eigenſchaften Beider. Der Mann blickte zu Boden und beobachtete ein düſteres, mürriſches Schweigen. Eine andere Gruppe von acht bis zehn Männern und Weibern ſchien die Auktion mit ſolcher Sorglofigkeit zu betrachten, als ob ſie bloße Zu⸗ ſchauer wären. Sie plauderten und ſcherzten mit der größten Heiterkeit mit einander. Ein Vertheidiger der Tyrannei würde ſich über dieſes Schau⸗ —— 45 ſpiel ohne Zweifel gefreut und daraus den Schluß gezogen haben, daß es nicht ſo ſchlimm iſt, als viele ſentimentale Leute glauben, in öffentlicher Auktion verkauft zu werden. Dieſes Argument wäre eben ſo lächerlich wie alle, welche die Sklavenhalter anführen, und es verdiente mit dem jenes Philoſophen verglichen zu werden, der, als er durch das Gitter eines Ge⸗ fängniſſes einige zum Tode verurtheilte Verbrecher ſcherzen und lachen ſah, die Bemerkung machte, daß die Ausſicht, gehängt zu werden, etwas ſehr Er⸗ götzliches ſein müſſe. 3 Die Wahrheit iſt, daß der Menſch ſelbſt im Abgrunde der Verzweif⸗ lung, ja in den Armen des Todes, es noch verſucht, ſich aufzuheitern. Selbſt der Sklav ſingt bei ſeiner Arbeit; er kann lachen, obgleich er ſteht, daß er verkauft wird, wie ein Stück Vieh. Der Tyrann bemerkt, daß all' ſeine Unbill und Bedrückung in der Seele ſeines Opfers noch nicht alle Fähig⸗ keit, heiter zu ſein, erſtickt haben; auf dieſe zeitweiligen Ausbrüche der noch nicht ganz unterjochten Natur beruft er ſich und wagt es zu behaup⸗ ten, daß er Glück bereite! Aber das Verkauftwerden iſt nicht immer eine Sache zum Lachen. Der Erſte, den der Auktionator der Geſellſchaft anbot, war ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit einem hübſchen, offenen, einnehmenden Geſicht. Er hatte nicht eher, als bis er auf den Tiſch geſtellt wurde, gewußt, daß er verkauft werden ſolle, denn es ergab ſich, daß ſein Herr, der in der Nähe der Stadt wohnte, ihn unter dem trügeriſchen Vorwande, daß er ihn an einen Bürger vermiethen wolle, nach Richmond gelockt hatte. Als der arme Menſch ſah, daß es mit dem Verkaufen Ernſt war, begann er ſo zu zittern, daß er ſich kaum aufrecht erhalten konnte. Er bebte an allen Gliedern, und ſein Geſicht verrieth den größten Schrecken und Kummer. Die beiden Hauptbieter, welche einander mit ziemlichem Eifer überboten, waren ein Gentleman aus der Umgegend, welcher den armen Burſchen, der verkauft werden ſollte, zu kennen ſchien, und ein ſtutzerhafter junger Mann, der, wie man ſagte, ein Sklavenhändler aus Südkarolina war und Sklaven fuͤr den Markt kaufen wollte. 4 Es war, waährend die Auktion ihren Fortgang nahm, merkwürdig aber zu gleicher Zeit äußerſt peinlich, die Angſt des armen Sklaven zu be⸗ obachten. Wenn der Händler die Oberhand hatte, ſo verzerrte ſich ſein Geſicht, ſeine Augen rollten verſtört umher und er glich einer Statue der Verzweiflung. Wenn dagegen der Virginier höher bot, ſo zog ein Freuden⸗ ſtrahl uͤber ſein Geſicht, die Thränen rollten ihm über die Wangen und ſein inniges„Gott ſegne Sie, Herr!“ war hinreichend, um das härteſte Herz zu rühren. Er unterbrach die Verſteigerung durch ſein Geſchrei und ſeine Ausrufungen, und ſelbſt die Peitſche vermochte ihn nicht zum Schwei⸗ gen zu bringen. Er rief ſeinen Lieblingsbieter beim Namen, und bat ihn unter den rührendſten Vorſtellungen, ihn zu kaufen. Er verſprach, ihm bis zum letzten Augenblicke ſeines Lebens treu zu dienen und ſich für ihn zu Tode zu arbeiten, wenn er ihn nur kaufen, nur davor ſchützen wolle, gänzlich von Weib und Kindern getrennt und von dem Orte, wo er erzo⸗ gen und geboren war und wo er, wie er ſagte, ſich ſtets gut benommen und in gutem Rufe geſtanden habe, entfernt zu werden. Er habe zwar auch gegen den andern Herrn nichts Beſonderes einzuwenden— denn der arme Menſch begann einzuſehen, wie gefährlich es ſei, einen Mann, der ſein Herr werden konnte, zu beleidigen;— ohne Zweifel ſei er ebenfalls ein ganz guter Herr, aber er ſei ein Fremder, und werde ihn aus dem Lande, 8 weit, weit fort von Frau und Kindern bringen und als er dieſe erwaͤhnte, ging ſeine Stimme erſtickt und gebrochen in ein unartikulirtes Schluch⸗ en über. 4 Die Bietenden trieben einander bedeutend hinauf. Der Sklave war offenbar ein ausgezeichneter Arbeiter. Ueberdies ſchien der Virginier von den Bitten des armen Burſchen gerührt zu werden und ließ einige Bemerkun⸗ gen über die Sklavenhändler fallen, welche ſeinen Gegner in einen heftigen Zorn verſetzten und nahe daran waren, einen Streit hervorzurufen. Die Einmiſchung der Umſtehenden verhinderte dies zwar, aber der Sklavenhaͤndler, deſſen Blut erhitzt war, ſchwor, daß er den Burſchen um jeden Preis haben müſſe, wenn es auch nur ſei, um ihm beſſere Manieren beizubringen. Einige Anweſende äußerten ihren Unwillen über dieſes Benehmen und forderten den Sklavenhändler auf, vom Weiterbieten abzuſtehen und den armen Burſchen im Lande zu laſſen. Er antwortete mit einem Fluche und einem höhniſchen Lächeln, daß er kein ſolcher Narr ſei, ſich durch dergleichen Unſinn irre machen zu laſſen und bot augenblicklich funfzig Dollars mehr als ſein Gegner. Dies war eine Summe, welche der Virginier nicht für eine Regung der Theilnahme opfern konnte, und er gab mit Bedauern das weitere Bieten auf. Der Auktionator ſchlug die Waare zu und der Mann wurde eher todt als lebendig den Händen der Dienerſchaft des Sklavenhändlers über⸗ geben, welche den Befehl erhielt, ihm auf der Stelle zwanzig Hiebe für ſeine„verwunſchte, unmanierliche, virginiſche Unverſchämtheit“ aufzuzählen. Der höͤhniſche Ausdruck, mit dem er dies ſagte, erregte unter den Umſtehenden nicht geringe Senſation, da aber der Sklavenhändler mit der Hand am Dolchgriffe umherſtolzirte und da man deutlich zwei Piſtolen aus ſeinen Taſchen hervorragen ſah, ſo hielk es Niemand für rathſam, dieſe ärgerliche Ausübung„ſeiner heiligen Eigenthumsrechte“ zu tadeln, und die Auktion nahm ihren ungeſtörten Fortgang. 3 4. Endlich kam die Reihe auch an mich. Man zog mich halbnackt aus, um meine Gelenke und Muskeln beſſer zu zeigen und ſtellte mich auf den Tiſch, wo der Gegenſtand des Verkaufs zur Beſichtigung ausgeſetzt wurde. Ich ward um und um gedreht; man befühlte meine Glieder und beſprach meine Fähigkeiten in Redensarten, welche denen von Stallknechten äußerſt ähnlich waren. Ich hörte die verſchiedenartigſten Bemerkungen über mich. Der Eine behauptete, daß ich„eine wilde, verſtockte Miene“ habe, ein Anderer ſchwor, daß mein Auge„verdammt heimtückiſch“ ſei, ein Dritter bemerkte, daß die hellfarbigen Kerle ſämmtlich Schurken wären,— worauf der Auktionator antwortete, daß er nie einen Sklaven von einigem Ver⸗ ſtande geſehen habe, der nicht ein Spitzbube geweſen wäre. Dann wurden mir eine enge Fragen über meinen Geburtsort, den Grund, weshalb ich verkauft werde, und die Dinge, zu denen ich zu ge⸗ brauchen ſei, vorgelegt. Auf alle dieſe Fragen gab ich die kürzeſten und ungenügendſten Antworten. Ich war nicht in der Stimmung, um ihre Neugier zu befriedigen und hegte nicht den ehrgeizigen Wunſch einen hohen Preis einzubringen, welcher bei den Sklaven ſo gewöhnlich iſt, und die letzte und niedrigſte Form bildet, in der ſich das Streben nach Ueberlegen⸗ heit ausdrückt, das auf die Gefühle und Handlungen der Menſchen einen ſo wichtigen Einfluß ausübt. Mr. Stubbs blieb im Hintergrunde und ſagte nichts. Er hatte fuͤr dieſe Zurückhaltung wahrſcheinlich ſeine guten Gründe. Der Auktionator 4* — 8 47 that ſein Beſtes. Seiner Darſtellung nach konnte es in den ganzen Ver⸗ einigten Staaten keinen kräftigeren, fleißigeren, gelehrigeren und folgſameren Sklaven geben als mich. Trotz aller dieſer Lobeserhebungen ſchien ſich jedoch der Argwohn zu verbreiten, daß mein Herr Gründe, welche er nicht angeben wolle, haben müſſe, um mich zu verkaufen. Der Eine meinte, ich muͤſſe ſchwindſüchtig ſein; ein Anderer hielt es für wahrſcheinlich, daß ich an epileptiſchen Anfällen leide, während ein Dritter die Anſicht ausſprach, daß ich ein ungeberdiger Burſche und ungemein ſchwer im Zaume zu halten ſei. Die Narben auf meinem Rücken beſtätigten dieſen Verdacht, und ich wurde endlich zu einem ſehr geringen Preiſe einem ſuttlichen, freundlichen alten Herrn, einem gewiſſen Maſor Thornton, zugeſchlagen. Der Hammer des Auktionators hatte kaum den Tiſch berührt, ſo redete mein neuer Herr mich freundlich an und befahl mir die Eiſen abzu⸗ nehmen. Hiergegen erhoben Mr. Stubbs und der Auktionator die ernſt⸗ lichſten Einwendungen und bedeuteten dem Käufer, daß er auf ſeine eigne Gefahr handle, wenn er mich entfeſſele. „Ich weiß es,“ antwortete mein neuer Herr,„es geſchieht nur auf meine Rechnung und Gefahr:— aber ich will nie einen Diener beſitzen, der mir zu entlaufen wünſcht.“ Vierzehntes Kapitel. Als mein neuer Herr erfuhr, daß ich vor Kurzem erſt von einem Fieber geneſen ſei und meine Kräfte noch nicht ganz wieder erlangt habe, miethete er für mich ein Pferd und wir brachen zuſammen nach ſeiner Pflanzung auf. Er wohnte in bedeutender Entfernung weſtlich von Richmond in dem Theile des Staates, welcher unter dem Namen Mittel⸗Virginien bekannt iſt. Unterwegs begann er ein Geſpräch mit mir, und ich fand in eihm einen von Allen, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, ſehr verſchiede⸗ nen Mann. Err ſagte mir, daß ich es für ein Glück halten könne, in ſeine Hände gefallen zu ſein, da er eine Ehre darin ſuche, ſeine Diener beſſer zu be⸗ handeln, als irgend ein anderer Pflanzer der Umgegend.„Wenn ſie un⸗ zufrieden oder ungehorſam ſind, oder ſich zum Entlaufen geneigt zeigen, ſo verkaufe ich ſie ohne Weiteres, und entledige mich ihrer auf dieſe Weiſe augenblicklich. Ich mag keinen ſolchen Menſchen um mich haben. Da aber meine Diener recht gut wiſſen, daß ſie bei einer Veränderung ihres Herrn keine Ausſicht haben, ſich zu verbeſſern, ſo nehmen ſie ſich wohl in Acht, mich zu beleidigen. Sei gehorſam, mein Sohn, und thue Deine Arbeit, dann haſt Du bei mir reichliche Koſt, hinlängliche Kleider und größere Freiheit zu erwarten; als Du bei irgend einem anderen Herrn finden wirſt.“ 4 Dies war ungefähr der Sinn deſſen, was mir der Major Thornton Kaab⸗ obwohl er fünf bis ſechs Stunden brauchte, um mir das Alles ein⸗ zuſchärfen. Es war ſpät am Abend, als wir in Oakland— ſo hieß das Gut des Major Thornton— ankamen. Das Haus war aus Backſteinen er⸗ baut, mit einer hölzernen Säulenhalle. Es war nicht groß, aber nett und ſehr hübſch und zeigte weit mehr von wohlhäbiger Behaglichkeit, als die meiſten Häuſer Virginien's. Die Anlagen um daſſelbe waren mit Blumen 8 48 1 und Zierſträuchern geſchmückt— etwas ganz Ungewöhnliches, was mir bisher noch nicht vorgekommen war. In einiger Entfernung auf einer hübſchen Anhöhe ſtanden die aus Backſteinen erbauten, ſoliden und an⸗ ſtändigen Hütten der Sklaven— nicht in einer geraden Linie, ſondern maleriſch gruppirt. Sie wurden von ſchönen hohen Eichen beſchattet; in der Nähe war weder Geſtrüpp noch Unkraut zu ſehen, und ihr ganzes Aeußere hatte etwas eben ſo Neues und Eigenthümliches wie Gefälliges. Auf allen Pflanzungen, die ich bis jetzt geſehen, waren die Wohnungen der Sklaven erbärmliche, verſallene Hundehütten mit jedem Wetter Zugang verſtattenden Dächern, Lehmfußböden, in dem wuchernden Unkraut faſt ver⸗ graben, und eben ſo ſchmutzig als unbehaglich. Die Kinder, welche vor den Häuschen ſpielten, gaben mir einen neuen Anlaß zur Ueberraſchung. Ich war gewohnt, die Kinder auf den Pflan⸗ zungen völlig nackt, oder wenn ſie ein Kleidungsſtück trugen, in Hemden von Sackleinwand zu ſehen, die in Lumpen um ihre Beine hingen, und ſobald ſie einmal angezogen waren, nie wieder abgelegt und gewaſchen wurden. Die Kinder auf Oakland waren jedoch hübſch und ſauber ge⸗ kleidet, und zeigten nicht das ſchmutzige, eingefallene, vernachläſſigte und halb verhungerte Aeußere, an welches mein Auge ſo gewöhnt war. Ihre munteren Geſichter und lärmenden Spiele ließen keine Idee von jugend⸗ lichem Elend aufkommen. Ich bemerkte ferner, daß die eben von der Ar⸗ beit kommenden Sklaven ſämmtlich gut gekleidet waren. Nirgends ſah ich geflickte, zerlumpte und ſchmutzige Kleider, wie ſie auf anderen Pflanzungen ſo gewöhnlich ſind. Major Thornton war kein Pflanzer, d. h. er baute keinen Tabak, und er zog es vor, ſich einen„Farmer“ zu nennen. Er ſäete hauptſäch lich Weizen und war ein großer Freund des Kleebaues, welchen er bei ſich ein⸗ geführt hatte und mit vielem Erfolg fortſetzte. Er beſaß dreißig bis vier⸗ zig Arbeiter und die Kinder und Greiſe brachten ſeinen Sklavenſtand auf mehr als achtzig Köpfe. Er hielt keinen Aufſeher, ſondern verwaltete ſein Gut ſelbſt. Er war der Meinung, daß ein Aufſeher genüge, um jeden Pflanzer zu ruiniren. Er war von Natur thätig und fleißig, und die Landwirthſchaft war ſein Steckenpferd, welches er mit gutem Erfolge ritt. In allen dieſen Dingen und noch vielen anderen bildete er den direkten Gegenſatz zu ſeinen Nachbarn und war aus dieſem Grunde bei ihnen ſehr wenig beliebt. Er mied die Pferderennen, Hahnenkämpfe, politiſchen Ver⸗ ſammlungen und Trink⸗ und Spielgelage jeder Art auf das Sorgfälltigſte. Er pflegte zu ſagen, daß er ſich ſein Geld zu ſauer verdienen müſſe, als daß er es für Wetten wegwerfen könne, und was Gelage betreffe, ſo habe er weder Zeit noch Luſt zu ſolchen Thorheiten. Seine Nachbarn rächten ſich für dieſe Verachtung ihrer Lieblingsvergnügungen dadurch, daß ſie ihn einen gemeinen geldgierigen Menſchen nannten. Sie gingen noch weiter und beſchuldigten ihn ſogar, ein ſchlechter Bürger und gefährlicher Nach⸗ bar zu ſein. Sie beklagten ſich aufs Bitterſte darüber, daß ſeine über⸗ mäßige Nachſicht gegen ſeine Leute ſämmtliche Sklaven der Umgegend wider⸗ ſpenſtig und unzufrieden mache, und einmal waren Einige von ihnen ſogar ſo weſt gegangen, daß ſie davon ſprachen, ihn aus der Grafſchaft vertreiben zu wollen. Aber Major Thornton war ein energiſcher Mann. Er war ſich ſeiner Rechte bewußt, und er kannte die Leute, unter denen er lebte, ſowie die Argumente, welche bei ihnen am beſten wirken würden. Er legte es dar⸗ 49 auf an, eine beleidigende Bemerkung von einem der geſchäftigſten ſeiner feindlichen Nachbarn zu erfahren, und ſchickte ihm eine Herausforderung zu. Sie wurde angenommen und ſein Gegner auf den erſten Schuß mitten in's Herz getroffen. Von da an konnten ihn ſeine Nachbarn zwar nicht beſſer leiden als bisher, ſahen ſich aber doch in ihren Bemerkungen uͤber ihn vor und ließen ihn in Zukunft zufrieden. Major Thornton war nicht zum Pflanzer erzogen worden, was viel⸗ leicht der Grund war, weshalb er von der gewöhnlichen Weiſe ſo ſehr ab⸗ wich und ſo ganz anders handelte als ſeine Nachbarn. Er ſtammte, wie man in Virginien ſagt, aus einer guten Familie, aber ſein Vater war frühzeitig geſtorben und hatte ihm nur ein ſehr geringes Vermögen hinter⸗ laſſen. Er begann damit, daß er einen kleinen Kramladen anlegte. Seine Klugheit, Sparſamkeit und Geſchäftsthätigkeit ſetzten ihn in den Stand, in wenigen Jahren eine bedeutende Geldſumme zurückzulegen. In Virginien iſt der Handel kein geachteter Erwerbszweig— wenigſtens war es zu der Zeit, von welcher ich ſpreche, ſo, und Jeder, der zu einigem Anſehn ge⸗ langen will ſtrebt danach, ein Grundbeſitzer zu werden. Um die Zeit, wo Major Thornton Geld genug verdient hatte, um daran denken zu können, ſeinen Kramladen gegen eine Pflanzung zu vertauſchen, wurde der Beſitzer von Oakland, welcher bereits zwei ſchöne Güter durch ſeine Leidenſchaft für Hunde, Pferde und zügelloſe Ausſchweifungen verſchwendet hatte, von ſeinen Gläubigern ſo ſehr gedrängt, daß er ſein letztes Beſitzthum ver⸗ kaufen mußte. Major Thornton kaufte es, aber damals war das Gut von dem Oakland, welches ich jetzt ſah, ſehr verſchieden. Die Gebäude waren alt, haͤßlich, verfallen und der Boden durch das in den Sklaven⸗ Punten von Amerika ſo allgemeine unzweckmäßige und verſchwenderiſche irthſchaftsſyſtem faſt gänzlich ruinirt. Wenige Jahre, nachdem das Gut in die Hände des Major Thornton uͤbergegangen war, hatte ſich Alles verändert. Die alten Häuſer wurden niedergeriſſen und neue erbaut. Die Anlagen um das Haus wurden einge⸗ friedigt, mit Zierpflanzen verſehen und der Boden erlangte durch geſchickte Behandlung bald wieder einen großen Theil ſeiner urſprünglichen Frucht⸗ barkeit. Leute, welche als Pflanzer geboren und erzogen waren und deren Güter ſich ſo ziemlich in derſelben Verfaſſung befanden wie Oakland, ehe es in die Hände des Major Thornton kam, ſahen das dort Vorgehende mit Erſtaunen und Neid und wunderten ſich, wie ſo etwas nur möͤglich war. Major Thornton war ſtets bereit, es ihnen zu ſagen, denn er ſprach ſehr gern, beſonders von ſich und ſeinem Ackerbauſyſtem. Obgleich er aber einem Jeden von ſeinen Nachbarn die ganze Sache wenigſtens zehnmal auseinandergeſetzt hatte, konnte er doch nie auch nur einen Einzigen zu ſeinen Anſichten bekehren. Er beſaß drei Lieblingsanſichten, in denen er jedoch gleich erfolglos blieb— er konnte nie einen von ſeinen Nachbarn überreden, daß die Kleeſaat das beſte Heilmittel für unfruchtbare Felder ſei,— daß der einzige Weg eine Pflanzung gut zu verwalten, darin beſtehe, die Verwaltung ſelbſt zu beſorgen,— und daß eine zweckmäßige Freigebigkeit gegen die Sklaven die ſicherſte Methode ſei, um ſie abzuhalten, die Mais⸗ felder zu plündern und Schafe zu ſtehlen. Wenn jedoch Major Thornton auch keine Nachahmer finden konnte, ſo beharrte er doch darauf, nach ſeinen eignen Ideen den Landbau zu be⸗ treiben. In keiner Beziehung aber war er ein größerer Neuerer als in der Behandlung ſeiner Sklaven.„Der Gerechte erbarmt ſich ſeines Viehes!“ Der weiße Sklave. 4 — 50 3 pflegte er zu ſagen, und da er nicht auf einer Pflanzung erzogen war, ſo konnte er ſich nicht mit dem Gedanken befreunden, ſeine Sklaven ſchlechter zu behandeln als ſeine Pferde. „Für Sie mag es etwas ganz Natürliches ſein, Oberſt,“ ſagte er eines Tages zu einem ſeiner Nachbarn,„einen Sklaven anzubinden und ihm mit eigner Hand vierzig Hiebe zu geben. Sie ſind dazu erzogen und ich glaube wohl, daß es Ihnen leicht ankommt. Aber mag es Ihnen auch noch ſo ſonderbar vorkommen, ſo kann ich Ihnen doch verſichern, daß ich mich lieber ſelbſt ſchlagen laſſen würde, als einen von meinen Leuten, und ob⸗ gleich ich mich zuweilen dazu genöthigt ſehe, ſo iſt es für mich doch von gro⸗ ßer Wichtigkeit, mit der möoͤglichſt ſeltenen Anwendung der Peitſche durchzu⸗ kommen. Dies iſt ein Hauptgrund, weshalb ich keinen Aufſeher halte, denn der Ochſenziemer und die Handſchellen ſind die einzigen Dinge, von denen dieſe Menſchen eine Idee haben. Sie haben gar nicht den Willen, es beſſer zu lernen, und hätten ſie ihn auch, ſo würde es ihnen wieder an Verſtand fehlen, eine andre Methode ſyſtematiſch durchzuführen. Ich mag von dieſem Volke nichts wiſſen. Sehen Sie, ein Jeder hat ſeine Eigenheiten, und ich meinestheils verabſcheue es, auf meiner Pflanzung den Knall einer Peitſche zu hören, waͤre es auch nur eine Pferdepeitſche.“ Dieſe Worte Major Thornton's enthielten einen kurzen Inbegriff ſeines Syſtems; er war ein Tyrann, wie es jeder Sklavenbeſitzer iſt und noth⸗ wendig ſein muß. Er fühlte kein Bedenken darüber, daß er ſeine Neben⸗ menſchen zur Arbeit zwang, um die Früchte dieſer Arbeit zu ſeinem eignen Nutzen zu verwenden, worin jedenfalls das Weſen der Tyrannei beſteht. Wenn er aber auch ein Tyrann war, wie es jeder Sklavenbeſitzer iſt und ſein muß, ſo war er doch ein vernünftiger, und ſo weit als mo⸗ lich ein humaner— was nur ſehr wenige Sklavenbeſitzer ſind und ſein konnen. Es fiel ihm eben ſo wenig ein, das, was er und das Geſetz ſein Eigen⸗ thumsrecht an ſeinen Sklaven nannte, aufzugeben, als ſein Grundſtück dem erſten Beſten zur Benutzung zu überlaſſen. Er war eben ſo bereit wis ſeine Nachbarn, die Idee der Emanzipation zu verwerfen oder den Gedanke an eine Beſchränkung ſeiner Gewalt über ſeine Dienſtleute als eine lächerliche Abgeſchmacktheit und eine unberufene Einmiſchung in ſeine geheiligten Rechte zu betrachten. Wenn er aber auch in der Theorie die ganze Autorität und alle Vorrechte des unbeſchränkteſten Deſpotismus in Anſpruch nahm, ſo entwickelte er doch in der Praris eine gewiſſe Mäßigung und Menſch⸗ lichkeit, welche der Sklavenbeſitzer in Bezug auf die Behandlung ſeiner Sklaven ſehr ſelten hat, oder wenn er ſie hat, nur ſchwer ausüben kann. Ddieſe ungewöhnlichen Gaben führten ihn auf eine Entdeckung, welche zu jener Zeit in ſeiner Gegend völlig neu war, wenn ich auch hoffe, daß ſte jetzt allgemein geworden iſt. Er entdeckte, daß der Menſch nicht arbeiten könne, ohne zu eſſen, und daß es in Betreff der Arbeitsfähigkeit eben ſo klugheitgemäß iſt, für Nahrung, Obdach und Behaglichkeit der Sklaven zu ſorgen, wie etwas auf Futter und Stallung für Pferde zu verwenden. „Gut füttern und tüchtig arbeiten!“ war Major Thornton's Motto und Praris— ein Motto und eine Praris, die in jedem andern Lande als Amerika ihn ſicherlich nie der Beſchuldigung einer unverſtändigen und überflüſſigen Menſchlichkeit ausgeſetzt haben würde. Was das Peitſchen betraf, ſo konnte es Major Thornton, wie er zu ſagen pflegte, nicht ausſtehen. Mochte er nun einen wirklichen Abſcheu — vor der ſchmachvollen Tyrannei der körperlicheen Züchtigung hegen, was 47 — 5¹ ich nicht glaube, denn ich hörte ihn einmal gegen einen methodiſtiſchen Prediger, der ſich erlaubte, ihm über dieſen delikaten Punkt einige Worte zu ſagen, äußern, daß er das nämliche Recht habe, ſeine Sklaven zu peitſchen, wie ſein Mittagsmahl zu verzehren,— oder war es der Einfluß der angebornen Menſchlichkeit, welche nur in ganz rohen Gemüthern fehlt und die, ſo lange die verderbliche Gewohnheit ſie noch nicht erſtickt hat, es uns unmöglich macht, Schmerz zu verurſachen, ohne Mitleid dabei zu empfinden,— kurz, Major Thornton bediente ſich nur dann der Peitſche, wenn er in Zorn gerieth, was bei ihm ſehr ſelten der Fall war. Dies war jedoch nicht Alles. Ein Andrer hätte die Peitſche eben ſo gründlich verabſcheuen können als er, aber der Aufenthalt von einigen Jahren auf einer Pflanzung und die ſcheinbare Unmöglichkeit, ohne dieſelbe durchzukommen, würde ihn bald bewogen haben, eine ſo unzweckmäßige Milde aufzugeben. Es giebt in der That wenig Menſchen und noch weniger Pflanzer, welche ſoviel Verſtand und Kenntniß des menſchlichen Charakters beſitzen, um ihre Sklaven anders als durch Strenge zu leiten. Major Thornton kam jedoch mit ſeinen Sklaven ganz gut aus. Während der ganzen Zeit, welche ich bei ihm zubrachte, nämlich faſt zwei Jahre, fanden nicht mehr als ein halbes Dutzend Züchtigungen auf dem Gute ſtatt. Wenn ſich Einer von ſeinen Leuten eines Vergehens ſchuldig gemacht hatte, welches bei einem Sklaven für beſonders ſtrafbar gehalten wird, z. B. des Entlaufens, des wiederholten Diebſtahls, der Trägheit, der Wider⸗ ſetzlichkeit oder des Ungehorſams, ſo ſchickte ihn Major Thornton fort, um ihn zu verkaufen. Dieſe Furcht vor dem Verkauftwerden ſtand uns fortwährend vor Augen und war eben ſo wirkſam wie auf andern Pflanzungen die Peitſche, um uns zur Arbeit und zum Gehorſam anzuhalten. Wir wußten recht gut, daß es wenige Herren wie Major Thornton gab, und der Gedanke, unſere hübſchen Wohnungen, unſere reichliche Koſt, unſere regelmäßig ge⸗ kieferte ſaubere Kleidung und die allgemeine Behaglichkeit und Nachſicht von Oakland mit der Koſt und der Behandlung zu vertauſchen, die wir von der gewöhnlichen Art Herren zu erwarten hatten, war furchtbarer als ein Dutzend Auspeitſchungen. Major Thornton wußte dies recht gut und er erhielt dieſe Furcht aufrecht, indem er alle ein oder zwei Jahre einmal an einem Delinquenten ein Erempel ſtatuirte. Ferner verſtand er die Kunſt, unſern Wetteifer durch kleine Prämien und Geſchenke anzuregen. Er verlangte nie mehr als die uns aufgegebene Arbeit und erhielt uns beſtändig in heiterer Stimmung, indem er uns, wenn wir nicht bei der Arbeit waren, geſtattete, ſo ziemlich unfere ei genen Herren zu ſein, zu thun, was uns beliebte und umherzugehen, wie es uns geſiel. Wir waren jedoch vorſichtig, wenn wir die benachbarten Pftanzungen beſuchten, denn einige von den Nachbarn Major Thornton's pflegten mit einer ihrer würdigen Großmuth ihren Groll gegen ihn dadurch auszulaſſen, baß 8 jede ſich darbietende Gelegenheit zur Mißhandlung ſeiner Leute benutzten. 5 Hier will ich einen Vorfall erzählen, der mir ſelbſt begegnete und der zu gleicher Zeit als ein intereſſanter Commentar der virginiſchen Sitten und als ein Beweis dafür dienen wird, daß da, wo die Geſetze zur Unter⸗ drückung der einen Hälfte der Bewohner eines Landes aufmuntern, dieſe Geſetze von der anderen Hälfte nicht ſonderlich geachtet werden. Einer von den nächſten Nachbarn Major Thornton's, mit dem er häu⸗ 4* v, fig Streitigkeiten hatte, war Kapitain Robinſon. Ich ging eines Sonntags in geringer Entfernung von Oakland auf der Landſtraße dahin, als ich Kapitain Robinſon begegnete, der zu Pferde war und einen Diener bei ſich hatte. Er gebot mir ſtehen zu bleiben und fragte mich, ob ich der Kerl ſei, den der„verdammte Schurke Thornton“ geſtern mit einer unverſchämten Botſchaft bezüglich ſeiner unteren Feldfenzen zu ihm geſchickt habe. Ich antwortete, daß ich allerdings geſtern mit einer Botfchaft wegen der Fenz hinübergeſendet worden ſei und ſie ſeinem Aufſeher mitgetheilt habe. „Das war eine ſchöne Botſchaft! wenn mein Aufſeher ſeine Pflicht richtig erkannt hätte, ſo würde er Dich auf der Stelle angebunden und Dir vierzig Hiebe gegeben haben.“ 4 Ich ſagte ihm, daß ich nur den Auftrag, mit welchem mich mein Herr zu ihm geſendet, ausgerichtet habe, und daß es ſchwerlich recht ſei, mich deshalb zu tadeln. „Rede nicht, Hallunke! rede nicht! Ich will Dir und Deinem Herrn lehren, was es heißt einen Gentleman beleidigen! Halte ihn, Tom, damit ich ihm ſeine neue Jacke ein wenig ausklopfen kann!“ 1 4 Sobald Kapitain Robinſon’s Diener Tom dieſen Befehl von ſeinem Herrn erhalten hatte, ſprang er vom Pferde und packte mich; da ich mich aber wehrte und ſtärker war als er, würde ich mich bald von ihm losge⸗ riſſen haben, wenn ſein Herr nicht abgeſtiegen und ihm zu Hilfe gekommen wäre. Beide zuſammen waren zuviel für mich, und nachdem es ihnen ge⸗ lungen war, mich niederzuwerfen, riſſen ſie mir den Rock vom Leibe und Pferd und ſchlug mich mit ſeiner Reitpeitſche, bis ſie völlig zerſplittert war. Sobald er auf dieſe Weiſe ſeinen Grimm befriedigt hatte, ritt er mit Tom weiter ohne ſich die Mühe zu nehmen, meine Hände zu löſen. Kaum hatten ſie mich verlaſſen, ſo ſah ich mich nach meinem Hute und Rocke um. Sie waren beide verſchwunden, und ich habe nie erfahren können, ob die Gegenſtände von dem Kapitain oder von ſeinem Diener mitgenommen erinnere mich, daß ich Tom einige Sonntage darauf bei einer Methodiſten⸗ darauf ſchwöͤren mögen, daß es der meinige war. 3 Als ich nach Hauſe kam und meinem Herrn erzählte, was geſchehen war, gerieth er in einen heftigen Zorn. Anfangs wollte er ſofort zu Kapitain Robinſon hinüberreiten und eine Erklärung von ihm verlangen; bald aber erinnerte er ſich, daß der Gerichtshof der Grafſchaft am folgenden Tage Sitzung hielt und daß er dort Geſchäfte hatte. Dies gab ihm Gelegenheit, ſeinen Advokaten zu Rathe zu ziehen, und er dachte nach einiger Ueber⸗ legung, daß es am Beſten ſein werde, nicht eher in der Sache etwas zu thun, als bis er ſich juriſtiſche Auskunft darüber erholt habe. Am folgenden Tage a mich mit zu dem Advokaten. Ich ſagte ihm, was mir widerfahren war und Major Thornton fragte, welche Ge⸗ nugthuung ihm das Geſetz dafür gewähren würde. Der Advokat antwortete, daß das Geſetz in dieſem Falle vollkommen deutlich ſpreche und daß die Genugthuung, welche es biete, hinlänglich ſei ‚Manche Leute, die nichts von der Sache verſtehen,“ ſagte er,„haben behauptet, daß das Geſetz in den Sklavenſtaaten die Perſon des Sklaven gegen Gewaltthätigkeiten des Freien nicht ſchütze und daß jeder Weiße einen Sklaven nach Belieben ſchlagen könne. Dies iſt ein großer Irrthum, wo banden mir die Hände. Hierauf beſtieg Kapitain Robinſon wieder ſein worden waren. Ich vermuthe jedoch, daß es der Diener war, denn ich verſammlung in einem blauen Rocke ſah, bei deſſen Anblick ich faſt hätte 53 nicht eine abſichtliche Lüge. Das Geſetz geſtattet das keineswegs. Es breitet den Mantel ſeines Schutzes unparteiiſch über Sklaven wie über Freie. In dieſer Beziehung kennt das Geſetz keinen Unterſchied. Wenn ein freier Mann angegriffen wird, ſo ſteht ihm die Schadenklage gegen den Angreifenden zu, und wenn ein Sklave angegriffen wird, ſo kann der Herr des Sklaven, der ſein geſetzlicher Beſchützer und Vormund iſt, eben⸗ falls Schadenklage erheben. In vorliegendem Falle iſt es vollkommen klar, Herr Major, daß Sie guten Grund zu einer Klage gegen Kapitain Robin⸗ ſon haben, und ich bin überzeugt, daß die Jury Ihnen eine genügende Entſchädigung zuſprechen wird. Sie ſind doch wohl im Stande, die Sache zu beweiſen?“ „Gewiß kann ich das!“ antwortete mein Herr;„hier iſt Archy ſelbſt, der Ihnen die ganze Geſchichte erzählt hat.“ „Ja, mein guter Sir; aber Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß ein Sklave nicht gegen einen Weißen zeugen kann.“ „Darf ich Sie dann fragen,“ verſetzte Major Thornton, welchen Nutzen das Geſetz, von dem Sie ſprechen, mir bringen wird? Hat nicht Robinſon meinen Archy allein überfallen und ihn gemißhandelt, wie Sie ſo eben gehört haben? Sie werden doch nicht glauben, daß er ſo einfältig geweſen ſei, einen Weißen herbeizurufen, damit dieſer einen Zeugen gegen ihn abgeben könne? Alſo trotz des geſetzlichen Schutzes, von welchem Sie mit ſolchen Lobeserhebungen ſprechen, könnte jeder meiner Diener, von die⸗ ſem Robinſon täglich geſchlagen werden, ohne daß ich im Stande wäre, die geringſte Genugthuung zu erlangen? Hole der Teufel ſolche Geſetze!“ „Aber, mein lieber Sir,“ erwiderte der Advokat;„bedenken Sie doch die große Geſahr und die zahlreichen Nachtheile, welche die Zulaſſung der Sklaven als Zeugen mit ſich bringen würde!“ „Allerdings,“ ſagte mein Herr mit einem halben Lächeln;„ich glaube wohl, daß es für einige von meinen Bekannten ſehr gefährlich und nach⸗ theilig ſein würde. Nun, Sir, da, wie Sie ſagen, das Geſetz mir in die⸗ ſer Sache nicht helfen kann, ſo muß ich mir ſelbſt zu helfen ſuchen. Ich kann meine Leute nicht auf dieſe Art mißhandeln laſſen. Ich werde den ſchurkiſchen Robinſon mit der Reitpeitſche traktiren, ſobald ich ihn ſehe.“ Nach dieſen Worten verließen wir das Bureau des Advofaten. Wir waren auf der Straße noch nicht weit gegangen, als der Major ganz unerwartet die Gelegenheit erhielt, ſeine Drohung zur Ausführung zu bringen— wir begegneten dem Kaditain Robinſon, der, wie es ſchien, eben ſo wie Major Thornton beim Gerichtshofe etwas zu thun hatte. Mein Herr verſchwendete nicht viele Worte gegen ihn, ſondern begann ihn mit ſeiner Reitpeitſche über die Schultern zu ſchlagen. Kapitain Nobinſon zog ein Piſtol, mein Herr warf ſeine Peitſche weg und zog ebenfalls ein Piſtol hervor. Der Kapitain feuerte, jedoch ohne Wirkung. Dann ſchlug Major Thornton auf ihn an, aber Robiſon rief, daß er unbewaffnet ſei, und bat ihn, nicht zu feuern. Major Thornton zauderte einen Augenblick und ſenkte endlich ſeine Waffe.. 5 Inzwiſchen hatten ſich eine Menge Menſchen um uns verſammelt, und ein Freund des Kapitain Robinſon übergab dieſem ein geladenes Piſtol. Die beiden Kämpfer traten einander nochmals gegenüber und feuerten zu gleicher Zeit. Kapitain Robinſon ſiel ſchwer verwundet nieder; ſeine Kugel fehlte meinen Herrn, traf aber einen freien Farbigen, der Einzige von ſämmtlichen Anweſenden, welcher den Verſuch gemacht hatte, die Bei⸗ den zu trennen. Der arme Menſch ſtürzte todt zu Boden und die um⸗ ſtehenden erklärten, daß ihm ganz recht geſchehen ſei, denn es komme einem „freien Lump“ wie ihm, nicht zu, ſich in einen Streit zwiſchen Gentlemen einzumiſchen. Kapitain Robinſon wurde von ſeinen Freunden aufgehoben und nach Hauſe getragen. Major Thornton und ich verließen triumphirend den Kampfplatz, und damit hatte die Sache ein Ende. Von dergleichen Scharmützeln wird viel geſprochen, aber die Jury hört ſehr ſelten etwas von ihnen, und der Sieger kann ſo ziemlich gewiß ſein, daß er in der öffentlichen Meinung ſteigt. Funfzehntes Kapitel. Mancher wird vielleicht glauben, daß ich bei einem ſolchen Herrn wie Major Thornton nichts zu thun gehabt habe als zu eſſen, zu arbeiten und glücklich zu ſein. Wäre ich ein Pferd oder ein Ochſe, ſo würde dieſe Meinung nicht ganz unrichtig geweſen ſein; unglücklicherweiſe aber war ich ein Menſch, und die thieriſchen Triebe ſind eben ſo wenig das einzige Motiv der Hand⸗ lungen des Menſchen, wie die einzige Quelle ſeines Glücks oder Unglücks. Es iſt jedoch gewiß, daß mehrere von Major Thornton's Sklaven, die vielleicht von Haus aus mit wenig Gefühl begabt und durch eine langjährige Knechtſchaft noch mehr abgeſtumpft worden, mit ihrem Looſe ganz zufrieden waren. Dieſe Art Diener liebte Major Thornton ganz be⸗ ſonders, und in dieſem Punkte unterſchied er ſich wenig von ſeinen Nach⸗ barn. Je ſtumpffinniger ein Feldſklave iſt, um ſo höher wird er geſchätzt; dagegen wird der, welcher einige Zeichen von Verſtand giebt, allgemein für einen Schurken und Spitzbuben gehalten. Ich entdeckte ſehr bald meines Herrn Vorliebe für einfältige Sklaven und bemühte mich daher, den Dummen zu ſeiner Zufriedenheit zu ſpielen. Binnen Kurzem war ich ſein Liebling, und als ſolcher wurde ich vielleicht mit größerer Nachſicht behandelt, als irgend ein andrer Sklave auf der ganzen Pflanzung. Allein dies konnte mich nicht glücklich machen. 3 Das irdiſche Glück beſteht— mit ſehr wenigen Ausnahmen— nicht im Genießen, ſondern im Hoffen und Streben. Reichthum, Macht und Ruhm haben keinen Werth mehr, ſobald man ſie beſitzt. Das Glück, wel⸗ ches ſie mit ſich bringen, beſteht in dem Vergnügen des Ringens und Kämpfens, in dem Streben zur Erlangung derſelben. Die Moraliſten, welche ſoviel über die Pflicht der Zufriedenheit ge⸗ predigt haben, beweiſen eine völlige Unkenntniß der menſchlichen Natur. Keine Stellung, ſei ſie auch noch ſo glänzend, kann lange Vergnügen gewähren, wenn man gezwungen iſt, ſtationair in derſelben zu bleiben; ebenſo kann auf der andern Seite keine Lage, mag ſie auch noch ſo traurig ſein, im höchſten Grade elend genannt werden, ſo lange ſie noch eine heitere Ausſicht, eine Spur von Hoffnung geſtattet, ſich derſelben zu ent⸗ reißen. Dies iſt die Verfaſſung der menſchlichen Seele, und wir finden darin die Erklärung von tauſend Dingen, welche ohne dieſen Schlüſſel voller Geheimniſſe und Widerſprüche zu ſein ſcheinen. Wenn auch nicht alle Menſen nach einem und dem nämlichen Ziele ſtreben, ſo werden ſte doch alle durch die Hoffnung auf das Gelingen 55⁵ angeſpornt und aufrecht erhalten. Die hochfliegenden Wunſche des Einen können nur durch Ruhm, Anſehen oder Macht, durch den Myrten⸗ oder den Lorbeerkranz befriedigt werden; ein Andrer wünſcht nichts weiter, als ſich aus ſeiner Dürftigkeit zu einem mäßigen Wohlſtande emporzuſchwingen, oder, wenn ſein Ehrgeiz andrer Art iſt, die angeſehnſte Perſon in ſeinem Geburtsorte oder das Orakel der Nachbarſchaft zu werden. Wie verſchie⸗ den ſind dieſe Beſtrebungen! und dennoch gründen ſie ſich auf die nämliche Triebfeder: auf den Wunſch, eine höͤhere ſociale Stellung einzunehmen. Wem die Verhältniſſe geſtatten, dieſem Impulſe ſeiner Natur zu folgen, und ob mit Erfolg oder nicht iſt ziemlich gleich, mit einiger Ausſicht auf das Gelingen, nach den Gegenſtänden zu ſtreben, die er ſich wüͤnſcht, von dem kann man ſagen, daß er alle Chancen des Gluͤcks beſitzt, welche das Loos des Menſchen darbietet; derjenige hingegen, den das Mißgeſchick oder das Verhängniß oder irgend eine andre unheilvolle Urſache zwingen, die inſtinktmäßigen Impulſe und Wünſche des Herzens zu unterdruͤcken— welcher Art übrigens auch ſeine Stellung ſein mag— iſt wahrhaft un⸗ glücklich und beklagenswerth. Für Jenen iſt die Anſtrengung ſelbſt ein Genuß. Er iſt ein Jäger, den der Anblick ſeines Wildes mit Wonne er⸗ füllt und ihn gegen alle Mühſeligkeiten unempfindlich macht. Wunſch und Hoffnung halten ihn aufrecht. Alle dieſe Genüſſe lernt der Andre nie kennen, für ihn hat das Leben ſeinen Reiz verloren; die Ruhe iſt ihm läſtig, die Arbeit unerträglich. iſt keine Abſchweifung. Wer ſich die Mühe genommen hat, vorſtel Betrachtungen zu leſen, wird begreifen können, daß ich ſelbſt bei einem Herrn wie Major Thornton weder glücklich noch zufrieden war. Allerdings wurde ich gut genährt, gut gekleidet und nicht mit Arbeit überladen, und in dieſer Beziehung war meine Lage um vieles beſſer als die manches freien Mannes, worauf ſich mein Herr nicht wenig zu Gute that und was ich auch ſpäter oft beſtätigt gefunden habe. Allein mir fehlte etwas, das jeder freie Mann beſitzt und dieſer eine Mangel war hinreichend, um mich unglücklich zu machen. Mir fehlte die Freiheit, die Freiheit, für mich ſelbſt arbeiten zu können, anſtatt für einen Herrn,— mein eignes Glück zu erſtreben, anſtatt mich zu ſeinem Nutzen und Ver⸗ gnügen anzuſtrengen. Dieſe Freiheit kann auch das härteſte Loos erträg⸗ lich machen. Wer noch nicht entdeckt hat, daß es einem Jeden, der ſich eine Stufe über das Thier erhoben hat, viel leichter wird, auf ſeine eigne Hand zu darben und zu frieren, als bei guter Nahrung und Kleidung zur Arbeit gezwungen zu werden, der muß die menſchliche Natur ſchlecht kennen. Ich fühlte mich unglücklich, weil ich keinen Gegenſtand der Hoffnung oder des Wunſches hatte. Ich war ein Sklave und die Geſetze boten mir keine Ausſicht auf Befreiung dar. Keine Anſtrengungen konnten meine Lage verbeſſern, keine Anſtrengungen konnten mich dagegen ſchützen, viel⸗ leicht morgen ſchon in die Hände eines andren hartherzigen und grauſamen Herrn zu kommen. Die Zukunft gewährte mir nur ſchlimmere Ausſichten. Ich konnte dem Hunger und der Kälte preisgegeben werden wie irgend ein Andrer, ich konnte erſchoſſen, oder zu Tode gepeitſcht oder vielleicht ohne Richterſpruch und Urtheil aufgehängt werden; eine Verbeſſerung meiner Lage aber hatte ich nicht zu erwarten. Ich war ein Gefangener auf Lebens⸗ zeit, für jetzt zwar ohne phyſiſchen Mangel, aber ohne die entfernteſte Ausſicht auf Befreiung; ich war beſtändig in Gefahr einen neuen Herrn zu bekömmen und dann in der Gewalt eines Tyrannen Hunger und Kälte 56 ertragen und täglich unter der Peitſche zittern zu müſſen. Mir waren alle Hoffnungen und Wünſche verſagt, welche die Haupttriebfedern der menſch⸗ lichen Thätigkeit ſind. Ich hatte keine Ausſicht, der Beſitzer einer kleinen Hütte oder eines Stück Landes zu werden, die ich mein Eigenthum nennen durfte. Ich konnte nicht heirathen— arme Caſſy!— nicht Familienvater werden, mit der frohen Hoffnung, im Greiſenalter in der Liebe meiner Kinder und meines Weibes noch eine Freude und eine Stütze zu finden. Meine Kinder konnten den Armen ihrer Mutter entriſſen und an einen Sklavenhändler verkauft werden, die Mutter konnte das nämliche Loos treffen und ich mußte dann ohne Troſt und Stütze in meinen alten Tagen zurückbleiben. Triebfedern, welche den Arm des freien Mannes ſtählen und ſein Herz erheitern, waren mir unbekannt. Ich arbeitete aber nur aus Furcht vor der Peitſche. Der Mangel an eignem Willen entnervte mich und jeder Schritt koſtete mir eine neue Anſtrengung. 3 Ich kann ſogar behaupten, daß Major Thornton's Menſchlichkeit, oder richtiger geſagt, das Verſtändniß ſeines Intereſſes, während es ſeine Sklaven vor Hunger und Mangel ſchützte, zu gleicher Zeit denjenigen unter ihnen, welche durch Knechtſchaft und Unwiſſenheit nicht völlig verthiert waren, andere und peinlichere Qualen bereitete. Hätten wir nur halb ſatt zu eſſen und halb ſo viel Kleider als nöthig bekommen, wie die mehreren anderen umliegenden Pflanzungen, ſo würden wir, wie ſie, wenig⸗ eens den Reiz des Diebſtahls gehabt haben. Es wäre eine Ueb fens Scharfſinns und eine intereſſante Unterhaltung für uns gew und liſtige Anſchläge zu entwerfen, um unſere kleinen Rationen dur und Plunderung zu vergrößern. Unter den obwaltenden Verhältniſſen kam ein Diebſtahl in Oakland nur ſelten vor. Der Reiz dazu war zu gering und die Gefahr zu groß, denn die unausweichliche Folge der Entdeckung war das Verkauftwerden. Das Geld hatte keinen Werth für uns, denn wir hätten es nur für Lebens⸗ mittel und Kleider ausgeben können, und davon hatten wir ſchon genug. Whiskey war der einzige Lurus, nach dem uns verlangte, und wir konnten genug verdienen, um uns ſolchen zu kaufen, ohne deshalb zu ſtehlen. Major Thornton überließ Jeden von uns ein kleines Stück Feld. Dies war Sitte; gegen die Sitte aber war es, daß er uns die nöthige Zeit gönnte, um es zu bebauen. Er ſuchte unſren Fleiß anzuſpornen, indem er uns verſprach, uns Alles was wir erbauten, abzukaufen, und zwar nicht zu einem niedrigen Preiſe, wie es auf anderen Pflanzungen üblich war, ſondern nach dem vollen Werthe der Erzeugniſſe. Es iſt mir ſchmerzlich, es ſagen zu müſſen, aber es iſt nichts deſtoweniger wahr, daß auch Thornton's Leute, wie alle Sklaven, welche die Mittel und die Gelegenheit dazu haben, im Allgemeinen Trunkenbolde waren. Unſer Herr hielt jedoch ſtreng darauf, daß der Whiskey unſte Arbeit nicht beeinträchtigte. Wer ſich vor der Beendigung ſeines Tagewerkes betrank, beging ein ſchweres Verbrechen; nach der Arbeit aber ſtand es uns frei, ſoviel zu trinken als wir wollten, vorausgeſetzt, daß wir dadurch nicht ver⸗ hindert wurden, am andren Morgen mit Tagesanbruch wieder auf's Feld zu gehen. Der Sonntag war gewöhnlich eine große Saturnalie. Bisher hatte ich nur wenig Geſchmack am Branntwein gefunden; jetzt aber griff ich begierig nach Allem, was mir verſprach, meine ſinkenden Geiſter aufzurichten und zu erregen. Bald fand ich im Whiskey ein Mittel, welches dieſem Zwecke zu entſprechen ſchien. In der Aufregung, welche der 9 57 Branntwein verurſacht, im Vergeſſen der Gegenwart und Vergangenheit und in dem momentanen Strahlenglanze, in dem ſeine Wirkungen die Zukunft erſcheinen laſſen fand ich einen Genuß, nach deſſen Wiederholung mich verlangte, und dem ich nicht widerſtehen konnte. Die Wirklichkeit war für mich ein trauriger, freudenleerer Zuſtand, und ich war daher gezwungen, mich durch Traͤume und Illuſionen einigermaßen zu entſchaͤdigen. Der Trunk, welcher den freien Mann bis zum Thiere erniedrigt, erhebt den Sklaven, wenigſtens ſcheinbar, zur Wuͤrde eines Mannes. Er wurde bald mein einziges Vergnügen, und ich ergab mich ihm ohne Maaß und Ziel. Jeden Tag, ſobald meine Arbeit beendigt war, hatte ich nichts Eili⸗ geres zu thun, als nach der Flaſche zu greifen. Ich trank jedoch allein, denn obgleich ich die Aufregung des Rauſches liebte, konnte ich doch die Gemeinheit und Widerlichkeit des Laſters nicht vergeſſen und ſcheuete mich, meine Trunkenheit dem Blicke der anderen Sklaven preiszugeben. Dieſe Vorſicht hatte indeſſen nicht immer den gewünſchten Erfolg. Zuweilen vergaß ich im Rauſche alle meine Vorſichtsmaßregeln, öffnete die Thüren, die ich zuvor ſorgfältig verſchloſſen hatte, und ſuchte die Geſellſchaft auf, die ich meiden wollte. Eines Sonntags hatte ich ſo viel getrunken, daß ich nicht mehr Herr meiner Sinne war. Ich hatte mein Haus verlaſſen, um einige luſtige Ka⸗ meraden aufzuſuchen, mit denen ich das Gelage fortſetzen und den Reiz deſſelben erhohen konnte; allein ich war nicht mehr fähig, die Gegenſtände zu unterſcheiden, und nachdem ich eine Strecke fortgetaumelt war, ſank ich faſt beſinnungslos auf dem Fahrwege nieder, der nach dem Hauſe des Majors Thornton führte. Als ich wieder ein wenig nüchtern geworden war und mich anſtrengte, meine Gedanken zu ſammeln und mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen war, erblickte ich plötzlich meinen Gebieter, der mit noch zwei anderen Herren die Straße heraufgeritten kam. So betrunken ich auch war, er⸗ kannte ich doch auf den erſten Blick, daß die beiden Begleiter des Majors ſich in dem nämlichen Zuſtande befanden wie ich. Die Art und Weiſe, wie ſie im Sattel hin und her ſchwankten, war höchſt komiſch anzuſehen, und ich erwartete jeden Augenblick, daß ſie vom Pferde fallen würden. Dieſe Beobachtungen machte ich mitten auf der Straße liegend, ohne daran zu denken wo ich war und wie leicht ich überritten und zertreten werden konnte. Sie bemerkten mich erſt, als ſie ganz nahe herangekommen waren. In dieſem Augenblicke richtete ich mich auf, und alsbald kamen die beiden be⸗ trunkenen Begleiter meines Herrn auf den Einfall, mit ihren Pferden über mich wegzuſetzen. Der Major that ſein Möglichſtes, um ſie davon abzubringen, was ihm auch bei dem einen gelang; der andre aber ließ ſich nicht zurückhalten, ſchwur, daß der Sprung gar zu ſchön ſei, gab ſeinem Pferde die Sporen und kam im Galopp herangeſprengt. Das Pferd aber ſchien an einem Rennen mit ſolchen Hinderniſſen kei⸗ nen Geſchmack zu finden, denn als es mich erblickte, bäumte es ſich plötzlich und warf ſeinen trunkenen Reiter ab. Die beiden andren Herren ſtiegen ſogleich ab, um ihm Beiſtand zu leiſten. Noch ehe er wieder ordentlich auf den Fuͤßen ſtand, bat er den Major um aufmerkſames Gehör und be⸗ gann einen ernſthaften Sermon über die Nachtheile, den Sklaven das Trinken und das Umherſtreifen außerhalb der Pflanzung— ganz beſonders aber das„Herumſielen“ auf der Straße zu erlauben, wo ſie die Pferde der Gentlemen ſcheu machten, ſo daß dieſe leicht den Hals brechen könnten. 8 58 „Sie, lieber Major, der Sie Sich uns Allen zum Muſter aufſtellen, ſollten dies am allerwenigſten zugeben. Ja, ja, Sir, wenn Sie die Sache ver⸗ ſtänden, würden Sie jeden ſolchen Schurken, der die Frechheit hätte, ſich zu betrinken, anbinden und ihm vierzig Hiebe aufzählen laſſen. So mache ich's auf meiner Pflanzung.“ Mein Herr fand ſo großes Vergnügen daran, ſeine Bewirthſchaftungs⸗ methode und ſein disciplinariſches Syſtem auseinanderzuſetzen, daß er nicht immer danach fragte, ob ſeine Zuhörer betrunken oder nüchtern waren. Die gegenwärtige Gelegenheit war zu günſtig, als daß er ſie hätte unbenutzt laſſen können, und er antwortete daher mit einem halben Lächeln und einem vielſagenden Blicke:„Sie müſſen wiſſen, mein theurer Sir, daß es weſent⸗ lich zu meinem Wirthſchaftsſyſteme gehört, meine Leute nach ihrem Belieben trinken zu laſſen, vorausgeſetzt, daß ihre Arbeit nicht darunter leidet. Die armen Teufel erhalten ſich dadurch in heiterer Stimmung und ihre Sinne werden mit der Zeit ſo ſtumpf, daß ſie ſich wie Kinder leiten laſſen.“— Hier hielt er einen Augenblick inne und ſetzte dann mit einer Miene hinzu, als ob er überzeugt wäre, daß er ein unwiderlegliches Argument anführe: „Wenn es überdies einem von ihnen einmal einfällt, zu entlaufen, ſo iſt es ſein Erſtes, daß er ſich betrinkt, und dann hält es nicht ſchwer, ihn wieder einzufangen.“ Obgleich ich noch zu ſehr unter dem Einfluſſe des Branntweins ſtand, um mich frei bewegen und denken zu können, ſo war ich doch inſoweit wieder zur Beſinnung gekommen, da ich die Worte des Majors voll⸗ kommen verſtand, und kaum hatte er ausgeſprochen, ſo nahm ich mir trotz meiner Trunkenheit vor, mich nie wieder zu berauſchen. So tief war ich noch nicht geſunken, daß ich den Gedanken häͤtte ertragen können, das erkzeug meiner eignen Erniedrigung zu ſein. Ich führte meinen Vorſatz aus, und von dieſem Tage an kam nur noch ſelten ein geiſtiges Getränk über meine Lippen. Sechzehntes Kapitel.. Es iſt das Loos des Sklaven ſo gut wie anderer Menſchen, allen Zu⸗ fällen und Launen des Geſchicks ausgeſetzt zu ſein; dagegen aber entbehrt er des andern Menſchen gewährten Troſtes, gegen ſie anzukämpfen. Er iſt an Händen und Füßen gefeſſelt, und ſeine Leiden werden um das Zehn⸗ fache durch den niederſchlagenden Gedanken vermehrt, daß es ihm nicht ge⸗ ſtattet iſt, ſich ſelbſt zu helfen oder einen Verſuch zu machen, dem Schlage, von welchem er ſich bedroht ſteht, zu entgehen. Dieſer Gedanke der völligen Hilfloſigkeit iſt einer der traurigſten, die es geben kann; er iſt der Zwil⸗ lingsbruder der Verzweiflung.. 4 Major Thornton zog ſich durch übermäßige Anſtrengung und unvor⸗ ſichtiges Ausgehen bei ſchlechtem ter ein Fieber zu, welches in kurzer Zeit ein ſehr ungünſtiges Ausſehen annahm. Es war ſeit vielen Jahren das erſte Mal, daß er krank wurde. Die Beſtürzung und ſelbſt der Schrecken, welche die Nachricht von ſeinem be⸗ denklichen Zuſtande in Oakland erregten, war groß. Wir verſammelten uns jeden Morgen und Abend vor dem Hauſe, um zu erfahren, wie es unſerm Herrn gehe, und trübe waren die Geſichter und traurig die Herzen, mit denen wir die entſetzlichen Worte:„nicht beſſer“ vernahmen. S Die Weiber waren auf Oakland ſtets mit beſonderer Nachſicht, wie es — —— 59 ihr Geſchlecht und ihre Schwäche verlangt— aber ſo oft vergebens ver⸗ langt,— behandelt worden. Major Thornton's Krankheit gewährte ein Beiſpiel davon, wie dankbar das weibliche Herz iſt, und wie leicht man ſich ſeine aufopferndſte Zuneigung erwerben kann. Sämmtliche Frauen des Gutes verlangten dringend, auf irgend eine Weiſe beſchäftigt zu wer⸗ den, um die Leiden ihres Herrn zu lindern. Die unangenehmſten Pflichten wurden mit Freuden erfüllt, und wenn je ein Mann liebevoll und auf⸗ merkſam gepflegt wurde, ſo war es Major Thornton. Aber alle dieſe Sorgfalt, alle unſere Theilnahme, all' unſer Schmerz und unſere Angſt blieben erfolglos. Das Fieber wüthete mit unvermin⸗ derter Heftigkeit und ſchien in der kräftigen Konſtitution des Patienten neuen Brennſtoff zu finden; aber dieſe Nahrung war bald erſchöpft, und nach Verlauf von zehn Tagen ſtarb unſer Herr. Als ſein Tod bekannt wurde, blickten wir einander in ſtummer Be⸗ ſtürzung an.— Eine Familie hilflofer Waiſen, denen der Tod eben ihren letzten Verwandten entriſſen, hätte ſich nicht verlaſſener fühlen können. Ueber die Wangen der Männer ſtrömten Thränen herab und die Wehklagen der Frauen waren heftig und laut; beſonders ſeine alte Amme weinte und wollte ſich nicht tröſten laſſen. Sie hatte guten Grund dazu. Bei dem Tode ſeines Vaters war ſie mit anderen zu ſeinem Vermögen gehörigen Dienern verkauft worden, um die Gläubiger zu befriedigen; aber Major Thornton hatte ſte mit ſeinem erſten Verdienſt wieder gekauft. Er hatte ſte zur oberſten Dienerin ſeiner Haushaltung gemacht und ſie ſtets mit großer Liebe behandelt. Die Alte liebte ihn wie ihr eignes Kind und jammerte um ihren theuern Sohn Charley, wie ſie ihn nannte, mit der ganzen Verzweiflung einer verwittweten kinderloſen Mutter. Wir wohnten ſämmtlich dem Leichenbegängniß bei und geleiteten unſ⸗ ren entſchlafenen Herrn zu ſeiner letzten Ruheſtätte. Der hohle Schall der auf den Sarg fallenden Erdſchollen klang in jeder Bruſt wieder und als die letzte traurige Pflicht erfüllt war, ſtanden wir weinend an dem Erdhügel. Man zweifele nicht an der Aufrichtigkeit unſers Schmerzes— wir wehklagten um uns ſelbſt. Major Thornton war nie verheirathet geweſen und hinterließ keine Kinder, deren Rechte die Geſetze anerkannten. Wenn er beabſichtigt hatte, ein Teſtament zu machen, ſo war er durch ſeinen plötzlichen Tod daran ge⸗ hindert worden, und ſein Vermögen ſiel einer Schaar von Verwandten zu, die er ſchwerlich geliebt; jedenfalls hatte ich nie einen davon in Oakland geſehen und konnte auch von keinem der übrigen Diener erfahren, ob Einer von ihnen je einen Beſuch dort gemacht habe. So wurden wir das Eigenthum Fremder, welche uns nie geſehen hat⸗ ten, und die auch uns noch nie zu Geſicht gekommen waren. 1 Dieſe Inteſtaterben waren arm und zahlreich und ſchienen ſehr begie⸗ rig zu ſein, das ganze Vermögen in Geld zu verwandeln, um ihren An⸗ theil baldmöglichſt zu erhalten. Sie verſchafften ſich bald eine Erlaubniß zur Subhaſtation, und es wurde angekündigt, daß der Verkauf der Sklaven von Seiten des Grafſchaftsgerichts ſtattfinden ſolle. Der Anwalt, dem die Verwaltung der Maſſe anvertraut war, traf die nöthigen Vorbereitungen. Natürlich hielt man es nicht für räthlich, uns wiſſen zu laſſen, was vorgehe, oder was unſere neuen Beſitzer mit uns zu thun beabſichtigten. Das Geheimniß wurde ſorgfältig bewahrt, damit nicht etwa Einer oder der Andere von uns entlaufen ſollte. 3 60 Am Tage vor dem zum Verkauf angeſetzten Termine wurden wir zu⸗ ſammenberufen. Den kräftigen Männern und Weibern wurden Handſchel⸗ len angelegt und ſie in einer langen Reihe zuſammengefeſſelt; ein Paar alte Leute und die jüngeren Kinder wurden auf einen Karren geſetzt, wir anderen aber— Männer und Weiber und Kinder— wie das Vieh dahin getrieben. Drei berittene Männer mit langen Peitſchen, der gewöhnlichen Bewaffnung, dienten als Hüker und Treiber. Ich will es nicht verſuchen, unſern Schmerz zu beſchreiben. Es würde nur die Wiederholung einer oft erzählten Geſchichte ſein. Viele von uns waren auf Oakland geboren und erzogen und Alle betrachteten es als eine Heimath, ja noch mehr, als eine Zufluchtsſtätte, wo wir ſtets vor un⸗ verdienten Mißhandlungen und Angriffen geſchützt geweſen waren. Dieſer Heimath wurden wir jetzt unerwartet entriſſen und in Ketten nach dem Sklavenmarkte getrieben, um an den Meiſtbietenden verkauft zu werden. Iſt es auffallend, daß wir mit Bedauern von dort weg gingen? Wenn wir ſelbſt freiwillig ausgezogen wären, um unſer Glück zu ſuchen, ſo hät⸗ ten wir nicht auf einmal ſaͤmmtliche Bande, die uns an Oakland knüpften, ohne einige Regungen von natürlichem Schmerz zerreißen können. Wie groß mußte daher unſere Seelenqual ſein, da wir es auf dieſe Weiſe ver⸗ laſſen mußten! Aber die Thränen der Männer, das Schluchzen der Weiber und das Geſchrei und Gejammer der armen Kinder halfen uns nichts. Unſere Führer knallten mit ihren Peitſchen und benutzten unſere Wehklagen als Stoff zu Späßen. Unſer Trauerzug bewegte ſich langſam dahin und wir warfen manchen truͤben, ſehnenden Blick zurück. Wir ſprachen nicht und unſere ſchmerz⸗ lichen Gedanken wurden nur von den Flüchen, dem Geſchrei und lauten Gelächter unſerer Treiber unterbrochen. Wir brachten die Nacht am Wege zu, während unſere Treiber abwech⸗ 2 ſelnd ſchliefen und Wache hielten. Am folgenden Tage erreichten wir das Grafſchaftsgerichtshaus, und zur angeſetzten Stunde begann die Verſteige⸗ rung. Die Geſellſchaft war nicht ſehr zahlreich und die Bietenden ſchienen ungemein ängſtlich zu ſein. Unter den Anweſenden befanden ſich mehrere Nachbarn unſeres verſtorbenen Herrn. Einer von ihnen bemerkte, daß Manche von uns kräftige, hübſche Burſche wären, daß er für ſeinen Theil es aber nicht wagen möchte, Einen von den Thornton’'ſchen Sklaven zu kaufen, denn wir ſeien durch die thörichte Nachſicht unſeres früheren Herrn ſo verdorben worden, daß Einer von uns hinreichend ſein würde, um auf einer ganzen Pflanzung Uazufriedenheit zu verbreiten. 6 Dieſe Worte wurden mit ſichtbarem Beifall aufgenommen und hatten die beabſichtigte Wirkung. Der Auktionator that ſein Möglichſtes und ſchil⸗ derte mit beredten Worten unſern geſunden, wohlgenährten Zuſtand. „Was die übermäßige Nachſicht hetrifft, von der jener Gentleman ge⸗ ſprochen,“ ſetzte er hinzu,„ſo wird ein guter Ochſenziemer und ſtrenge Disciplin die Burſchen bald wieder zur gehörigen Subordination bringen; und nach dem, was ich von der eigenen Verwaltung dieſes Herrn gehört habe, wäre er gerade Derjenige, der ſie kaufen ſollte.“ Auf dieſen Ausfall des Auktionators durchlief ein leiſes Kichern die Geſellſchaft; es ſchien jedoch das Bieten nicht eifriger zu werden. Wir wurden zu ſehr mäßigen Preiſen losgeſchlagen. Die meiſten von den jüngern Maͤnnern und Weibern und ein großer Theil der Kinder wurd en —— — 44 61 von einem Sklavenhaͤndler gekauft, welcher ausdrücklich zu der Verſteigerung gereiſt war. Es war äußerſt. ſchwierig, ein Gebot auf mehrere von den alten Leuten zu erlangen. Mr. Thornton's Amme, die, wie ich erwähnt habe, ſeine Haushälterin und in Oakland eine Perſon von nicht geringer Wichtigkeit geweſen war, wurde für zwanzig Dollars zugeſchlagen. Sie ward von einem in der ganzen Gegend wegen ſeiner Grauſamkeit gegen ſeine Leute wohlbekannten alten Schurken erſtanden. Er ſchüttelte den Kopf, als der Hammer des Auktionators auf den Tiſch niederfiel, ließ ein bedeut⸗ ſames Lächeln blicken und ſagte, daß er glaube, die Alte ſei noch im Stande, eine Hacke zu führen; jedenfalls werde er auf einen Sommer Arbeit von ihr verlangen. Die Alte hatte ſeit dem Tode ihres Herrn den Kopf kaum ein einziges Mal erhoben, aber ſie vergaß all ihre Trübſal, ſie vergaß ſelbſt das Loos, welches ſie zu erwarten ſchien, über den Schmerz, zu einem ſo geringen Preiſe verkauft worden zu ſein. Sie wendete ſich zu ihrem Käufer, ſagte ihm mit entrüſteter Miene, daß ſie jünger und ſtärker ſei, als die Leute glaubten, und verſicherte ihm, daß er von allen Anweſenden den beſten Handel gemacht habe.. Der Alte lächelte vor ſich hin, ſagte aber nichts. Es war leicht, ſeine Gedanken zu errathen. Er beſchloß offenbar, die Negerin beim Worte zu halten. 3 EEinige von den alten und gebrechlichen Sklaven konnten gar nicht an den Mann gebracht werden. Sie waren des Ankaufens nicht werth, und kein Menſch wollte ein Gebot thun. Ich weiß nicht, was aus ihnen ge⸗ worden iſt. Der Sklavenhändler, welcher die meiſten Kinder gekauft hatte, weigerte ſich, diejenigen von den Müttern, welche über das Alter des Kindergebährens hinaus waren, zu nehmen. Die Trennung dieſer Mütter von ihren Kindern war eine neue Scene des Jammers und der Wehklagen. Die armen Dinger, die vor Kurzem erſt der Heimath ihrer Geburt und Kindheit entriſſen worden waren, und jetzt auch noch der Mutter, die ſie geboren und geſaͤugt hatte, beraubt wurden, falteten ihre kleinen Hände und ſchrieen mit der ganzen ungezügelten Heftigkeit kindlichen Schmerzes. Auch die Mütter weinten, aber ihr Schmerz war weniger laut. Eine alte Frau, wie ſie ſagte die Mutter von funfzehn Kindern, hatte ein kleines zehn⸗ bis zwölf⸗ jähriges Mädchen, das Einzige, welches ihr geblieben war, bei ſich. Die Uebrigen waren verkauft und Gott weiß wohin zerſtreut worden. Jetzt ſollte ſie ſich von ihrem jüngſten und noch einzigen Kinde trennen. Das kleine Mädchen klammertke ſich entſetzt an das Kleid ihrer Mutter an und ihr Geſchrei und Weinen hätte ein Herz von Stein erweichen können. Ihr neuer Herr riß das Kind los, gab ihm einen Schlag mit der Peitſche und gebot ihm, ſein„verdammtes Gewinſel“ einzuſtellen. Ein Sklavenhändler iſt, wenn er auch das Aeußere eines Gentleman beſitzen mag, ſtets ein grauſamer Barbar, gleichviel, ob er auf der Küſte von Guinea oder im Herzen von Virginien wohnt.. Sobald unſer neuer Herr ſeine Einkäufe gemacht hatte, ſchickte er ſich an, mit ſeiner Sklavenheerde abzureiſen. Er war Theilhaber einer Sklaven⸗ handlerfirma, deren Haupteomptoir ſich in der Stadt Waſhington, dem Sitze der Central⸗Regierung und der Hauptſtadt der Vereinigten Staaten befand. Nach dieſem Orte beabſichtigte er uns zu bringen. Er hatte gegen vierzig Köpfe gekauft, welche zu faſt gleichen Theilen aus Maͤnnern, Weibern 62 und Kindern beſtanden. Wir wurden paarweiſe mit eiſernen, durch eine kurze Kette verbundenen Halsbänder zuſammengefeſſelt. An dieſe Ver⸗ bindungsglieder war eine ſchwere Kette befeſtigt, die von dem einen Endt des Zuges bis zum andern reichte. Außerdem waren die innere rechte und linke Hand eines jeden Paares mit Handſchellen an einander gefeſſelt und eine zweite Kette durch dieſe gezogen. Die Halsbänder mit ihrer Ver⸗ bindungskette würden unter gewöhnlichen Umſtänden wohl für genügend erachtet worden ſein; da aber unſer neuer Herr von Major Thornton's Nachbarn, die bei der Auktion zugegen waren, gehört hatte, daß wir„eine Bande ſehr gefährlicher Burſche“ ſeien, hielt er es, wie er ſagte, für rathſam, keine vernünftige Sicherheitsmaßregel zu unterlaſſen. Kurz darauf ſetzte ſich der Zug in Bewegung. Unſer Käufer ritt mit einigen Gehilfen, welche wie gewöhnlich mit Peitſchen bewaffnet waren, neben uns her. Die Reiſe war langſam, traurig und ermüdend. Wir ſchleppten uns mühſam fort; die armen Kinder, an ſolche Anſtrengungen noch nicht gewöhnt, wurden durch die Laſt ihrer Ketten zu Boden gedruͤckt. und wir Alle waren vor Hunger ganz erſchöpft, denn unſer neuer Herr war ein ſparſamer Mann, der unterwegs ſo wenig als möglich ausgab. 4 Ich will nicht bei der langweiligen Einförmigkeit unſerer Leiden und unſerer Reiſe verweilen. Es genüge, daß wir nach einem mehrtägigen Marſche über den ſchönen breiten Potomae ſetzten und ſpät in der Nacht die Bundeshauptſtadt erreichten. Ich ſollte vielleicht richtiger ſagen: den Ort, der einſt die Bundeshauptſtadt werden ſollte, denn Waſhington glich damals noch eher einem weitläufigen Dorfe, deſſen Häuſer zwiſchen einſamen und zum Theil mit Gebüſch bewachſenen Feldern zerſtreut umherlagen. Indeffin erblickte man ſchon einige Anzeichen von der zukünftigen Hauptſtadt. Die rieſigen Mauern des noch unvollendeten Capitols glänzten im Mond⸗ lichte und verhießen ein prächtiges Gebäude. Die Fenſter waren hell er⸗ leuchtet. Vielleicht war gerade Congreßſitzung. Ich betrachtete das Gebäude mit einem Gefühl von Wehmuth.„Dies alſo,“ dachte ich im Stillen,„iſt das Hauptquartier einer großen Nation, die Stätte, wo ſich ihre weiſeſten Männer verſammeln; um die Geſetze im Intereſſe des Gemeinwohls zu berathen— die gerechten und auf die Gleichheit gegründeten Geſetze eines großen und freien Volks!“— Während ich mit dieſen Betrachtungen weiterging, berührte mein Halseiſen eine Stelle; wo es die Haut aufge⸗ rieben hatte, und als ich bei dem heftigen Schmerze zuſammenfuhr, erinnerte mich das Geraſſel der Ketten, daß dieſe„gerechten und auf die Gleichheit gegründeten Geſetze eines großen und freien Volks“ nicht vermochten, eine Million*) Leibeigener von hoffnungsloſer Knechtſchaft zu erlöſen, und der Peitſchenknall unſerer Treiber lehrte mir nur zu deutlich, daß einen Stein⸗ wurf von dem„Tempel der Freiheit,“— was ſage ich, dicht vor den 45„„ *) Die Zahl der Sklaven in den Vereinigten Staaten beläuft ſich gegenwärtig auf nahe an drei und eine halbe Million. Es hätte hierbei vielleicht bemerkt werden ſollen, daß nach der Bundesverfaſſung die allgemeine Regierung nicht das Recht hat, ſich in die Sklavenfrage der einzelnen Staaten einzumiſchen. Die Legislatur jedes Staates iſt im Umfange ſeines Gebiets die einzige Richterin in dieſer Angelegenheit. Die Skla⸗ verei iſt jedoch im Diſtrict Columbia, in welchem die Stadt Waſhington liegt, über die der Congreß das ausſchließliche Recht der Geſetzgebung hät, noch gedulder. Es ſteht zu hoffen, daß das amerikaniſche Volk ſich durch die Frechheit und Grauſamkeit der Sklavenhalter nicht wird abhalten laſſen, die Sklaverei überall abzuſchaffen, wo es in ſeiner Macht ſteht. —,— 63 Thoren deſſelben, die roheſte und abſcheulichſte Tyrannei Niemanden fand, der ſie zu verbieten oder zu verhindern ſuchte. Wie kann ein Volk, deſſen Hanuptſtadt ein Sklavenmarkt iſt, frei ſein? was iſt das für eine Freiheit, die ſich in den Räumen der Legislatur durch die prahleriſche Inſolenz einer ſklavenhändleriſchen Ariſtokratie verhöhnen läßt? ir gingen die am Kapitol vorüberführende Straße hinauf und ge⸗ langten an das Etabliſſement von Savage, Brothers u. Co., unſerer neuen Herren. Etwa ein halber Acker Landes war mit einer zwölf Fuß hohen und auf dem Kamme mit eiſernen Spitzen und Glasſcherben verſehenen Mauer umfriedigt. In der Mitte des Raumes ſtand ein niedriges Back⸗ ſteingebäude von nicht bedeutendem Umfange mit einigen ſchmalen Gitter⸗ fenſtern und einer ſtarken, mit Eiſenſtangen und Vorlegeſchlöſſern wohl⸗ verwahrten Thür. Dies war das Etabliſſement, welches Savage, Brothers u. Co. als Magazin benutzten, um die von Zeit zu Zeit in den benach⸗ barten Staaten erkauften Sklaven aufzubewahren, bis ſie heerdenweiſe fort⸗ getrieben oder nach dem Süden verſchifft werden konnten. Dem Han⸗ delshauſe ſtand, wie allen Sklavenjägern, die Benutzung des Stadtgefäng⸗ niſſes frei; aber dieſes war bei dem Maßſtabe, in welchem ſie ihr Geſchaͤft betrieben, nicht geräumig genug, ſo daß ſie ſich ein eignes Gefängniß ge⸗ baut hatten. Es ſtand unter der Aufſicht eines ordentlichen Kerkermeiſters und war jedem andern Gefängniſſe ſehr ähnlich. Die Sklaven durften den Tag über auf dem Hofe friſche Luft ſchöpfen, wurden aber mit Sonnen⸗ untergang bunt durcheinander in dem Gefängniß eingeſchloſſen. Dieſes war klein, ſchlecht gelüftet und die Anzahl der Menſchen, welche darin ein⸗ gepfercht wurden, zuweilen ſehr groß. Während ich dort eingekerkert war, wurde die Hitze und der Geſtank oft unerträglich, und ich bin manchen Morgen mit brennendem Durſte und ſieberhaft erhitztem Blute in's Freie gekommen. Die Staaten Maryland und Virginen nehmen die Ehre in Anſpruch, ſich für die Aufhebung des afrikaniſchen Sklavenhandels angeſtrengt zu haben. Allerdings ſind ſie dieſer Maßregel günſtig geweſen— und ſie hatten dazu gute Gruͤnde. Sie erlangten das Lob der Menſchlichkeit durch ein Votum, welches ihnen zugleich das Monopol eines binnenläͤndiſchen Sklavenhandels ſicherte, welcher mit dem an den afrikaniſchen Küſten betrie⸗ benen wetteifert. Den afrikaniſchen Handel haben ſie für Seeraub erklärt, während der innere, im Herzen ihres eigenen Gebiets, als ein gerechtes, ge⸗ ſetzmäßiges und ehrenvolles Geſchäft in voller Bluthe ſteht. Der Diſtrikt Columbia, zu welchem die Stadt Waſhington gehört und der zwiſchen den beiden oben genannten Staaten liegt, iſt durch ſeine günſtige Lage und andere Umſtaͤnde zum Mittelpunkte dieſer Sklavenhan⸗ dels⸗Operationen geworden, eine Ehre, welche er jedoch mit Richmond und Baltimore, den Hauptſtädten von Virginien und Maryland theilt. Der Boden dieſer beiden Staaten iſt durch ein mangelhaftes, unzweckmäßiges Bewirthſchaftungsſyſtem, wie es da, wo die Güter groß und die Arbeiter Sklaven ſind, ſtets herrſchen muß, erſchöpft worden. Ihre Landesprodukte ſind die nämlichen wie die mehrerer freien Staaten im Norden und Weſten von ihnen, und ſie ſinken mit jedem Tage unter der Konkurrenz der freien Arbeit, mit der ſie zu kämpfen haben tiefer und tiefer. 3 Viele virginiſche Pflanzer können ihre Einkünfte nur dadurch mit ihren Ausgaben im Gleichgewicht erhalten, daß ſie alljährlich einen oder mehrere Sklaven verkaufen. Dieſe Gewohnheit, welche unter dem den Sklaven⸗ 64 beſitzern würdigen ſcherzhaften, zugleich aber auch ſehr bezeichnenden Aus⸗ drucke„einen Neger verzehren“ bekannt iſt, wird mit jedem Tage allgemeiner. Eine große Anzahl von Pflanzern hat aufgehört, von der Bewirthſchaftung ihres Bodens Vortheil zu erwarten. Sie bemühen ſich, mit dem Ertrage ihrer Bodenerzeugniſſe die laufenden Ausgaben zu beſtreiten, aber alle ihre Hoffnungen auf Gewinn beſchränken ſich auf das Geſchäft, Sklaven für den ſüdlichen Markt aufzuziehen, und dieſer Markt wird eben ſo regel⸗ mäßig aus Virginien mit Sklaven verſehen, wie aus Kentucky mit Maul⸗ thieren und Pferden. Aber der Sklavenhandel hat in Amerika ſo gut wie in Afrika den Fluch der Entvölkerung im Gefolge, und im Verein mit der beſtändig andauernden Auswanderung bereits große Landſtriche im unteren Theile Virginien's menſchenleer gemacht, ſo daß die erſten Wohnſitze der anglo⸗ amerikaniſchen Einwanderer bald in ihre ganze urſprüngliche Wildheit und Verödung zurückſinken werden. Faſt ganze Grafſchaften ſind ſchon zu nutzloſen, undurchdringlichen Dickichten geworden, welche bereits wieder der Aufenthalt von Hirſchen und anderen wilden Thieren ſind, welche ſie urſprünglich bewohnt haben 3 Siebzehntes Kapitel. Wir wurden durch ein dickes, mit ſtarken eiſernen Nägeln beſchlagenes Thor in den Gefängnißhof getrieben. Die ſchweren Vorhängeſchlöſſer der Thür wurden abgenommen und wir ohne Weiteres hier eingeſperrt. Ein ſchwacher Mondſtrahl ſiel durch die ſchmalen vergitterten Fenſter des Ge⸗ fängniſſes herein, und es dauerte einige Zeit, ehe ich einen Gegenſtand von dem andern unterſcheiden konnte. Als ſich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, ſah ich mich inmitten von vielleicht hundert menſchlichen Weſen— meiſtens jungen Männern und Weibern von acht⸗ zehn bis fünfundzwanzig Jahren— welche dicht zuſammengedrängt auf dem nackten Boden lagen. Bei unſerm Eintreten ſprang eine bedeutende Anzahl von ihnen auf, begann ſich um uns zu drängen und uns zu fragen, wer wir ſeien und woher wir kämen; ſie ſchienen ſich zu freuen, daß irgend etwas die Ein⸗ förmigkeit ihrer Gefangenſchaft unterbrach. Bei unſerer Müdigkeit und Erſchöpfung waren wir aber nicht in der Stimmung, um zu ſprechen, ſanken trotz des ekelhaften Geruchs und der ſchwülen unreinen Atmoſphäre auf den Boden unſeres Gefängniſſes nieder und lagen bald in tiefem Schlafe. Der Schlaf iſt der beſte Troſt der Unglücklichen, und er hat die ſchöne Eigenſchaft, daß er ſtets die Augen des Bedrückten lieber ſchließt, als die des Bedrückers. Ich glaube kaum, daß ein Theilhaber der Firma Savage, Brothers und Co. in jener Nacht ſo ſeſt ſchlief, wie die unglücklichſten ihrer neugekauften Opfer. 5 Als der Tag anbrach, wurde die Gefängnißthür aufgeſchloſſen und wir in die Einfriedigung hinausgelaſſen. Die ſpärliche Ration von Mais⸗ brod, welche der Geiz unſerer reichen aber ſparſamen Herren uns gewährte, wurde unter uns vertheilt. Nach Beendigung meiner Mahlzeit ſetzte ich mich auf den Boden nieder und beobachtete die Scene um mich her. Mit wenigen Ausnahmen waren die Gefangenen in Gruppen verſammelt, von denen einige aus zwei bis drei, andere aber aus weit mehr Köpfen be⸗ ſtanden. Die Männer waren zahlreicher als die Frauen, obgleich die Letz⸗ teren durch uns einen bedeutenden Zuwachs erhalten hatten. Man bewarb ſich eifrig jum die Bekanntſchaft der Neuangekommenen, und ſie wurden fortwährend gebeten, in vorübergehende Verbindungen einzugehen, welche ſo lange dauern ſollten, als die Betreffenden beiſammen blieben. Die meiſten von den Weibern, welche wir im Gefängniß fanden, hatten bereits ſolche Verbindungen geſchloſſen. Dieſe Liebesbewerbungen, wenn man ſte ſo nennen darf, nahmen noch 4 ihren Fortgang, als ein langer junger Burſche mit einem komiſchen Geſicht eine dreiſaitige Geige zum Vorſchein brachte und nachdem er einige Augen⸗ blicke präludirt hatte, eine heitere Melodie aufſpielte. Die Töne der Muſik verſammelten bald eine zahlreiche Gruppe um ihn, welche ſich mit Tän⸗ eerinnen verſah und zu tanzen begann. Der Geiger wurde wärmer, er ppielte ſchneller und ſchneller und die Tänzer thaten unter lautem Gelächter und jauchzendem Geſchrei ihr Moͤglichſtes, um nicht hinter dem Takte zu⸗ rückzubleiben. Wenn dem Menſchen die natürlichen Quellen der Heiterkeit verſagt ſind, greift er zu künſtlichen Mitteln, um ſie hervorzurufen. Nur zu oft ſingen und tanzen wir, nicht weil wir heiter ſind, ſondern in der Hoffnung es zu werden, und die Fröhlichkeit ſelbſt iſt ſeltener der Ausdruck des Ver⸗ Behi als die Maske von Kummer und Sorgen, das truͤgeriſche Echo e e rübten Herzens. r die ganze Geſellſchaft nahm nicht am Tanze Theil. Es war 3 Sonntag und ein Theil von ihnen ſchien Gewiſſensſcrupel gegen das Tanzen an dieſem Tage und vielleicht auch an jedem andern zu hegen. Der ge⸗ ſetztere Theil der Geſellſchaft verſammelte ſich allmählig auf der andren Seite des Gefängnißhofes, und ein ernſter junger Mann mit einem hüb⸗ ſchen intelligenten Geſicht ſtieg auf ein dort ſtehendes leeres Faß, nahm ein bed aus der Taſche und ſtimmte einen methodiſtiſchen Pſalm an. Seine Emme war hübſch und klar, und ſein Geſang keineswegs unange⸗ nehm. Ihm ſchlof ſich bald mehrere Andere an, und als der Chor an⸗ wuchs, übertäubte der Geſang faſt das Kreiſchen der Geige und das Ge⸗ lächter der Taͤnzer. Ich bemerkte ferner, daß mehrere von den Tänzerinnen oon Zeit zu Zeit den Blick über die Sänger ſchweifen ließen, und ehe der Pſalm noch halb zu Ende war, hatten ſich eine Menge Weiber leiſe hin⸗ weggeſchlichen und unter die um den Vorſänger verſammelte Gruppe gemiſcht. Nach Beendigung de Geſanges begann er zu beten. Er hatte die 8 gefalteten Hände erhoben, und ſprach mit einer Geläufigkeit und einer natür⸗ lichen Eindringlichkeit und Salbung, welche man nicht immer von einem ordentlichen Geiſtlichen auf einer gepolſterten Kanzel hört. Ueber mehr als ein Geſicht rannen Thränen herab, und die Stimme des Betenden wurde durch Seufzer und Schluchzen faſt übertäubt. Dies waren vielleicht bloße eingeübte Reſponſorien, und eben ſo wenig aufrichtig wie die gedehnten Antworten des Küſters beim engliſchen Gottesdienſt. Und doch hatten ſie in einigen Fällen ganz den Anſchein, als ob ſie wirkliche Ausbrüche 3 von natürlichem Gefühl, ein der Beredtſamkeit und dem Eifer des Redners unwillkürlich gezollter Tribut wären. Hierauf folgte die Predigt. Der Tert war aus Hiob genommen, und der Prediger begann über das abgenutzte Thema der Geduld zu ſprechen. Wie alle unwiſſenden und ungebildeten Redner kam er aber bald von ſeeinem urſprünglichen Gegenſtande ab, und ſprang mit ſehr geringer Me⸗ Der weihe Sklave. 5 * 66 thodik oder Zuſammenhang, von einem Gegenſtande auf den andren über. Dann und wann blitzten einige Funken von Verſtand hervor, aber ſie er⸗ loſchen bald wieder in einer Fluth von Abgeſchmacktheiten. Es war ein ſeltſames Gemengſel, wurde aber mit einer Geläufigkeit, einer Eindringlich⸗ keit und Wärme hergepredigt, welche einen ſtarken Eindruck auf die Zu⸗ hörer machten. Es dauerte nicht lange, ſo hatte er die Anweſenden in eine Aufregung verſetzt, welche die der Tänzer auf der entgegengeſetzten Seite bei weitem übertraf. Ueberhaupt wurde die tanzende Gruppe immer dünner und die ſchrillenden Töne der Geige immer ſchwächer, bis endlich der Geiger ſein Inſtrument wegwarf und mit ſeinen noch übrigen An⸗ hängern herbeieilte, um die Zuhörerſchaft eines Virtuoſen zu verſtärken, der ihm ſo weit überlegen war. Während die Predigt ihren Fortgang nahm, wurde das Stöhnen und Geſchrei immer lauter und häufiger, und Mehrere, die von ihren Gefühlen überwältigt wurden, oder es zu werden wünſchten oder ſcheinen wollten, warfen ſich auf die Erde nieder und kreiſchten und ſchrieen, als ob ſie von böſen Geiſtern beſeſſen wären. Die Anſteckung dieſes religiöſen Rauſches war ſo mächtig, daß ich als bloßer Zuſchauer eine ſtarke Neigung fühlte, mich unter die Menge zu miſchen und mit zu ſchreien und zu kreiſchen. Der Parorysmus hatte jetzt ſeinen Höhepunkt erreicht und der Redner war beinahe durch ſeine heftigen Geſtikulationen erſchöpft, als er, mit mehr als gewöhnlicher Hef⸗ tigkeit mit dem Fuße ſtampfend, den Faßboden einbrach und kopfüber unter ſeine Zuhörer ſtürzte. Dieſer Unfall verwandelte augenblicklich das Geſchrei und Schluchzen ſeiner Zuhörer in ein unwiderſtehliches Gelächter, und ſie ſchienen plötzlich aus dem Zuſtande der frömmſten Andacht und Zerknirſchung in eine zuͤgel⸗ loſe Heiterkeit überzugehen. Der Geiger machte ſich aus dem verworrenen Menſchenknäuel los, nahm ſeine Geige zur Hand und ſtimmte ein heiteres Lied an, deſſen Titel ich vergeſſen habe, das aber, wie ich mich noch deut⸗ lich erinnere, eine Anſpielung auf den Unfall ſeines Nebenbuhlers enthielt. Der Tanz wurde erneuert, waͤhrend der Prediger ſich mit einigen von ſei⸗ nen eifrigſten Zuhörern gekränkt und niedergeſchlagen fortſchlich. Die Tänzer wurden lärmender und der Geiger ſpielte ſo gut er konnte, bis ſich endlich die Geſellſchaft völlig ermüdet hatte und zu erſchöpft war, um es noch länger zu treiben. 4 Die Menſchen, welche als Sklaven geboren und aufgezogen werden, ſind keine verſtändigen Menſchen, ſondern Kinder. Ihre Geiſteskräfte kön⸗ nen ſich nie entwickeln, denn es iſt das Beſtreben ihrer Herren und die nothwendige Folge ihrer Lage, daß ſie in einem Zuſtande von Stumpfſinn erhalten werden. Die Tyrannei hemmt jede geiſtige Ausbildung, denn die Unwiſſenheit iſt die unvermeidliche Begleiterin der Erniedrigung und Hülf⸗ loſigkeit. 4 Jch machte bald nähere Bekanntſchaft mit einer Anzahl von meinen Gefängnißgefährten und knüpfte Geſpräche mit ihnen an. Einige von ihnen waren ſeit vierzehn Tagen, Andere noch länger im Kerker. Ich ent⸗ deckte bald, daß ſie ihre Gefangenſchaft als eine Art Erholung betrach⸗ teten. Sie hatten nichts zu thun, und nicht arbeiten zu muͤſſen dünkte ihnen das höchſte Glück. Was die Beſchränkung auf die Mauern des Ge⸗ fängniſſes betraf, ſo hatten ſte die Freiheit, im Hofraum umher zu gehen und es war ihnen eben ſo angenehm, zwiſchen vier Waͤnden eingeſchloſſen 67 zu ſein, als gefangen auf einer Pflanzung zu leben und nicht über die Linie ihrer Zickzackfenzen hinausgehen zu dürfen. Uebrigens hatten ſie keinen Aufſeher, von dem ſie gepeinigt wurden, und nichts zu thun als zu tanzen und zu ſchlafen. Es fehlte ihnen nichts als an ein wenig Whiskey und ſelbſt dieſer nicht immer. Sie ſchienen alle Erinnerungen an die Vergangenheit und alle Furcht vor der Zukunft betäuben zu wollen, um ſorglos den Sonnenſchein ihres jetzigen Glückes genießen zu können. 8* Achtzehntes Kapitel. Ich war ſeit zehn bis vierzehn Tagen im Kerker, ats Savage, Bro⸗ thers u. Co. unter uns eine Schiffsladung Sklaven für den Markt von Charleston auswählten. Ich gehörte auch dazu und wurde mit etwa funf⸗ zig Anderen auf ein nach jenem Hafen beſtimmtes kleines Fahrzeug ge⸗ laden. Der Kapitain hieß Jonathan Osborne. Er war Bürger von Boſton und das Fahrzeug, die Brigg„Two Sallys“, gehörte einem reichen und angeſehenen Kaufmanne von Charleston. Die Bewohner der nördlichen Staaten der amerikaniſchen Union ver⸗ ſtehen ſehr ſchön über Sklaverei zu ſchreiben und die tiefſte Entrüſtung über die Abſcheulichkeit derſelben auszudrücken; ſo lange aber der afrika⸗ niſche Sklavenhandel erlaubt war, wurde er von ihren Kaufleuten betrieben, und dieſelben Kaufleute weigern ſich nicht immer, ihre Schiffe zu dem in⸗ nern Sklavenhandel, der um kein Jota weniger ſchändlich und abſcheulich iſt, zu verwenden. Die Staatsmänner der nördlichen Provinzen haben die Sklaverei ge⸗ duldet, wo kein conſtitutionelles Bedenken ſie hindern konnte, dieſelbe ab⸗ zuſchaffen. Die Gerichtshöfe im Norden erfüllen mit buchſtäblicher Ge⸗ wiſſenhaftigkeit die verfaſſungsmäßige Pflicht, dem ſüdlichen Sklavenbeſitzer das unglückliche Opfer auszuliefern, das ſeinen Klauen entſchlüpft und ſich in der vergeblichen Hoffnung auf Schutz in die„freien Staaten“ geflüchtet iſt, während der ganze Norden es ſich ruhig gefallen läßt, daß die ſüd⸗ lichen Sklavenhalter alle Beſtimmungen der nämlichen Verfaſſung verletzen, indem ſie die Bürger aus dem Norden ohne gerichtliche Unterſuchung und Verurtheilung einſperren, martern und umbringen, wenn ſie glauben, daß eine ſolche Strenge irgend zur Sicherung ihrer Tyrannei beitragen kann. Noch mehr: viele Ariſtokraten des Nordens ſcheinen in ihrem Haſſe gegen die demokratiſche Gleichheit die Lage ihrer ſüdlichen Brüder zu beneiden, während ſie ſich ſtellen, als ob ſie dieſelbe beklagten. Und dennoch wagen die nördlichen Staaten der Union zu behaupten, daß ſie don dem Schand⸗ flecke der Sklaverei frei ſind. Dies iſt eine eitle, falſche Prahlerei, denn ſie haben ebenfalls Antheil an dieſer Schmach; auch ihre Hände und Klei⸗ der triefen von Sklavenblut. Ehe wir das Gefängniß verließen, wurden uns Handſchellen angelegt, und ſobald wir den Kai erreicht hatten, wurden wir ſo dicht zuſamme in den Raum des Schiffes gepfercht, daß wir kaum Platz genug hatter um uns zu bewegen,— aber nicht ſo vi im mit Bequemlichkeit ſitzen oder liegen zu können. Das Schiff ging unter Segel, ſobald wir an Bord waren, und fuhr den Fluß hinab. Des Tags ein⸗ bis zweimal ließ man uns auf das Verdeck kommen, um die friſche Luft auf einige Minuten einzuathmen; 5* 4 8 1 68 aber wir wurden bald wieder in unſern Kerker im Raum geſendet. Der Lieutenant des Schiffes ſchien ein gutmüthiger junger Mann und geneigt zu ſein, uns unſere Lage möglichſt zu erleichtern; aber der Kapitän war ein wüthender Tyrann und des Geſchäfts würdig, welches er betrieb. Am zweiten oder dritten Tage unſrer Reiſe, als wir den Fluß bereits verlaſſen hatten und uns in der Bai befanden, wurde ich ernſtlich krank. Ein heftiges Fieber ſchien in meinen Adern zu raſen. Es war nach Son⸗ nenuntergang, die Lucken waren geſchloſſen und die Hitze des engen Rau⸗ mes, in dem wir eingepfercht waren und der noch überdies zur großen Hälfte mit Kiſten und Fäſſern angefüllt war, ſtieg bis zur Unerträglich⸗ keit. Ich klopfte an's Verdeck und rief laut nach Luft und Waſſer. Es war die Wachtzeit des Lieutenants. Er kam herbei um zu hören, was es gebe und befahl den Matroſen, die Lucken zu öffnen und mich auf das Verdeck zu bringen. Ich ergriff begierig das Gefäß mit Waſſer, welches er mir gab, und obgleich es ſalzig und warm war, dunkte es meinem brennenden Gaumen doch das köſtlichſte Getränk. Ich leerte es bis auf den Grund und verlangte mehr; aber der Lieutenant, welcher vielleicht fürchtete, daß übermäßiges Trinken meine Krankheit verſchlimmern könnte, ſchlug mir dieſe Bitte ab. Ich bedurfte jedoch der Luft eben ſo nöthig wie des Waſſers. Dieſe verweigerte er mir nicht, und ich lag auf dem Verdeck und ſog mit allen Poren die kühle Nachtluft ein, als der Kapitän heraufkam. 3 4 Kaum ſah er die Lucken geöffnet und mich auf dem Verdeck liegen, ſo trat er mit geballter Fauſt und von Zorn entſtelltem Geſicht zu dem Lieutenant und herrſchte ihn an: „Wie können Sie es wagen, Sir, ohne meinen Befehl nach Sonnen⸗ untergang die Lucken zu öffnen?“ Der Lieutenant verſuchte ſich zu entſchuldigen und ſagte, daß ich plötz⸗ lich krank geworden iud um Beiſtand gerufen hätte; aber der brutale Kapitän rannte, ohne ihn bis zu Ende anzuhören, an ihm vorüber und ſtieß mich durch einen heftigen Fußtritt hinunter in's Zwiſchendeck, wo ich meinen Gefährten auf die Köpfe fiel. Ohne danach zu fragen, ob ich den Hals gebrochen hatte oder nicht, gebot er ſeinen Leuten, die Lucken wieder zu ſchließen. Zum Gluͤck hatte ich mich nur unbedeutend verletzt, obgleich ich nahe daran war, mir an einem Balken den Schädel zu zerſchmetkern. Das Waſſer, welches ich ge⸗ trunken, und die kühle Luft, die ich eingeathmet hatte, verminderten mein Fieber, und ich fühlte mich bald wohler. Im Laufe des nächſten Tages umſchifften wir die Spitze der Cheſa⸗ peakbai und kamen in die hohe See. Wir ſteuerten ſüdöſtlich und waren bereits ein großes Stück weit gekommen, als ſich ein furchtbarer Sturm erhob. Die Schwankungen und Stöße des Schiffes waren für uns arme Gefangene in dem dunkeln Schiffsraume wahrhaft entſetzlich und wir er⸗ Der Sturm nahm fo hrend zu; der Lärm und Tumult auf dem Verdeck, das Knarren des Getöſe der zerbrechenden Sp unſere Angſt. Bald bemerkten wir, daß ſich der Raum mit Waſſer zu füllen begann und kurz darauf ertönte der Ruf, daß das Schiff leck ſei. Die Lucken wurden geöffnet und wir auf das Verdeck gerufen. Man nahm uns die Handſchellen ab und ließ uns an den Pumpen arbeiten. Wrch bei jedem Donnerſchlage, daß das Schiff berſten werde. das Geſchrei der Matroſen und das und der zerreißenden Segel vermehrte 69 4 Ich wußte nicht, ob es Nacht oder Morgen war, denn der Sturm hatte bereits eine geraume Zeit gedauert, und es war bis jetzt keinem 3 uns geſtattet worden, auf das Verdeck zu kommen. Es war jedoch nicht völlig dunkel. Ueber dem Ocean lag ein trüber Schimmer, welcher nur eben hinreichte, um unſere Lage zu erkennen und der vielleicht noch ent⸗ ſetzlicher war, als völlige Finſterniß. In einiger Entfernung ſchienen die rieſigen ſchwarzen Wellen mit ihrem bläulichen Schaumkamme ſich wie Un⸗ geheuer der Tiefe zu bewegen und auch wenn ſie näher kamen, verloren ſie nichts von ihrer Entſetzlichkeit. 3 3 Bald ſanken wir in einen Abgrund zwiſchen zwei Wogen, die ſich zu beiden Seiten ſchwarz und drohend erhoben, und bereit zu ſein ſchienen, uns zu verſchlingen; bald betrachteten wir, auf den Gipfel einer hohen Welle gehoben, die uns umgebende furchtbare Wüſte des empörten Ele⸗ ments. Es war für Einen; der die See noch nie geſehen hatte, ein ent⸗ ſetzlicher Anblick, und als ich vom Schrecken halb betäubt in die Nacht hin⸗ aus ſtarrte, ahnte ich nicht, daß das wüthende Element mein beſter und ſicherſter Freund werden ſollte. Die Brigg war faſt gänzlich zum Wrack geworden. Ihr Vordermaſt war abgebrochen und ſie lag unter einem dop⸗ pelt gerefften Bramſegel auf dem Steuerbord Luv. dies ſind Ausdrücke, welche ich zu jener Zeit noch nicht gehört hatte. Ich lernte erſt lange nachher ihre Bedeutung kennen; aber die ganze Scene ſchwebt noch ſo deutlich wie ein Gemälde vor meiner Erinnerung. Trotz aller unſerer Anſtrengungen konnten wir das Leck nicht bewältigen, und der Kapitän kam bald zu der Einſicht, daß es unmöglich war, das Schiff flott zu erhalten. Er traf daher ſeine Anſtalten, um es zu verlaſſen. Er und ſeine Officiere bewaffneten ſich mit Degen und Piſtolen, und Einige von der Mannſchaft bekamen Hieber. Das lange Boot war über Bord geſpült worden, aber es war gelungen, die Jolle zu retten, und dieſe wurde ausgeſetzt. 3 Ddie Mannſchaft war bereits zur Hälfte eingeſchifft, ehe wir begriffen, was dies bedeutete. Sobald wir aber einſahen, daß ſie das Schiff zu verlaſſen gedachte, ſtürzten wir verzweiflungsvoll herbei und verlangten mit aufgenommen zu werden. Sie hatten 89n und waren darauf vorbereitet. Es wurden — mehrere Piſtolenſchü f uns abgefeuert und Einige von uns durch die Hieber der Matroſen ſchwer verwundet. Zu gleicher Zeit ſchrieen ſie uns „₰ zu, daß wir zurücktreten ſollten, ſie würden uns an,Bord nehmen, ſobald * lles in Bereitſchaft ſei. Entſetzt und verwirrt ſtanden wir einen Augen⸗ 8 blick zweifelhaft da. Die Matroſen benutzten dieſe Zeit, um in die Jolle zu ſpringen. „Stoßt ab!“ rief der Kapitän. 3 Die Matroſen legten ſich in ihre Ruder und das Boot verließ das Schiff, ehe wir uns von unſrer Beſtürzung erholt hatten. 4 8 Wirr erhoben ein Geſchrei des Entſe als wir uns auf dieſe Wei 4 verlaſſen ſahen, und einige arme Teuf gen, von der Verzweiflung angetrieben, in's Waſſer, um wo moög as Boot zu erreichen. Sie verſanken ſämmtlich in dem kochenden Waſſe chaum, mit Ausnahme eines Einzigen; dieſer, ein Mann von he zuliſchem Körperbau, der mit der An⸗ ſtrengung der Todesangſt ſprang, kam weit über die Uebrigen hinaus und befand ſic, als er wieder die Oberfläche erreichte, dicht hinter dem Boote. Er ſtreckte die Hände aus und erfaßte das Steuerruder, an welchem der Kapitän ſaß. Dieſer zog ein Piſtol hervor und feuerte es auf den Kopf des Schwimmers ab. Wir hörten einen Schrei, welcher das Getöſe des Sturmes übertäubte— aber es war nur ein Moment— er ſank unter und wir ſahen ihn nicht wieder. Es iſt unmöglich, ein Bild von dem Schrecken und der Verwirrung zu geben, welche jetzt an Bord herrſchte. Die Weiber wurden vor Angſt halb wahnſinnig und weinten und beteten abwechſelnd. Mehrere Unglück⸗ liche lagen blutend und ſchwer verwundet auf dem Verdeck; der Tod ſchien auf den Flügeln des Sturmes herbeizueilen, um ſeine Opfer zu fordern. Das Schiff lag immer noch mit dem Schnabel gegen den Wind, der Wellenſchaum ſpritzte beſtändig über das Verdeck und durchnäßte uns mit Salzwaſſer. Es ſiel mir ein, daß, wenn die Pumpen nicht im Gange erhalten wurden, das Schiff ſich bald füllen und uns auf den Grund des Meeres begraben werde. Ich rief daher diejenigen von den Männern, welche noch nicht ganz den Kopf verloren hatten, zu mir und bemühte mich, ihnen unſere Lage zu erklären. Sie waren aber vom Schrecken wie be⸗ ſtürzte ich vorwärts und rief: „An die Pumpen, Kinder! pumpt für Euer Leben!“ Dies war die Redensart, welche der Kapitän und ſeine Leute beſtändig wwiiederholt hatten, während ſie bei uns ſtanden und unſere Arbeit leiteten. Die armen Geſchöpfe ſchienen inſtinktartig dieſem Befehl zu gehorchen; ſie verſammelten ſich um mich und begannen an den Pumpen zu arbeiten. Wenn es auch nichts weiter half, ſo lenkte es doch wenigſtens unſere Auf⸗ merkſamkeit von der uns umgebenden ſchauerlichen Scene ab. Wir ſetzten unſere Arbeit fort, bis die eine Pumpe zerbrochen und die andere verſtopft und unbrauchbar geworden war. Jetzt legte ſich auch der Sturm und das Schiff trieb, trotz unſerer Befürchtungen des Gegentheils, immer noch auf den Wellen fort. 3 Allmälig wurde es heller. Die Wolken begannen ſich zu brechen und in mächtigen Dunſtmaſſen am Himmel dahin zu ſegeln. Dann und wann blickte die Sonne hindurch und nach einem heftigen Streite darüber, ob ſie auf⸗ oder untergehe, kamen wir zu dem Schluſſe, daß es vier bis fünf Stunden nach Sonnenaufgang ſein müſſe. Sobald ſich die Weiber von der erſten Beſtür erholt hatten, ließen ſte den armen Verwundeten ihre Pflege zu Theil Werden. Sie verbanden ihre Wunden und legten ſie zuſammen auf das Hinterdeck. Einer von den Ungluͤcklichen, der eine Piſtolenkugel in den Leib erhalten hatte, war ge⸗ fährlicher verletzt als die Uebrigen. Seine Frau legte ſeinen Kopf auf ihren Schoos und bemühte ſich, die durch die Stöße des Schiffes verurſachte Verſchlimmerung ſeiner Schmerzen zu mildern. Sie hatte in dem Augen⸗ bläſſigen Bemühungen, ſeine Schmerzen zu lindern, alle Schrecken un ge vergeſſen zu haben. Ihre liebevolle Pflege hat er wenig genützt. Der Todeskampf war ſchon faſt vorüber, und bald hauchte er in ihren Armen ſeinen letzten Seufzer aus. Als ſie ſah, daß er todt war, kam ihr Schmerz, den ſie ſo lange gezügelt und unterdrückt hatte, mit ſeiner ganzen Heftigkeit zum war nicht zu beruhigen. täubt und wollten oder konnten mich nicht verſtehen. Als letzte Zuflucht blicke, als er verwundet wurde, bei ihm geſtanden, hatte ihn in ihren Armen znufgefangen, als er ſiel, ihn aus dem Gedränge geſchleppt und ſchien von en Augenblicke an über ihren Ausbruch. Ihre Gefährtinnen ſammelten ſich um ſie, aber die arme Frau — — . 71 Jetzt wagten es Einige von uns hinunterzugehen und die Vorräthe des Steward zu unterſuchen. Sie waren ſämmtlich mehr oder weniger vom Waſſer beſchädigt; aber wir fanden einige Fäſſer Brod, das noch ziemlich trocken war und hinreichte uns ein reichliches Mahl zu gewähren. Wir waren damit noch nicht halb. zu Ende, als wir ein Schiff auf uns zukommen ſahen. Wir winkten mit den Fetzen der zerriſſenen Segel und flehten um Beiſtand. Nachdem es uns ziemlich nahe gekommen war⸗ legte es bei und ſchickte ein Boot an Bord. Die Mannſchaft ſchien über die Scene, welche das Verdeck darbot, im höchſten Grade erſtaunt zu ſein. Ich trat vor und erklärte dem Offieier unſere Lage, indem ich ihm ſagte, daß wir eine Ladung Sklaven ſeien, welche von Waſhington nach Charleston habe gebracht werden ſollen, und daß das Schiff mit ſeiner Ladung von der Mannſchaft verlaſſen worden ſei. Wider alles Erwarten ſei es uns gelungen, daſſelbe flott zu erhalten, aber die Pumpen ſeien in Unordnung gerathen und der Raum fflle ſich abermals mit Waſſer. Der Lieutenant eilte auf ſein Schiff zurück und kam bald mit dem Kapitän und dem Zimmermann wieder. Nachdem ſie das Schiff unterſucht und ſich berathen hatten, beſchloſſen ſie, einen Theil ihrer Mannſchaft an Bord zu bringen und mit uns nach Norfolk zu ſegeln, nach welchem Hafen, der zugleich der nächſte war, ſie ohnehin geſteuert ſein würden. Der Zimmer⸗ mann ging ſogleich an's Werk, um die Lecke zu verſtopfen und die Pumpen auszubeſſern. Die neue Mannſchaft verfertigte aus den Materialien, welche ſie an Bord fand einen Nothmaſt; das Schiff war bald im Stande weiter zu ſegeln und es wurde alsbald vor den Wind gebracht. Das Schiff, welches uns gerettet hatte, war die„Arethuſa“ von New⸗ York, geführt vom Kapitän Charles Parker, und da wir vielleicht noch des Beiſtandes bedürftig ſein konnten, ſo zog es einen Theil ſeiner Segel ein und leiſtete uns Geſellſchaft. Ehe die Nacht einbrach, ſahen wir Land und ein Lootſe kam an Bord. Am folgenden Morgen liefen wir in den Hafen von Norfolk ein. Das Fahrzeug hatte kaum angelegt, ſo wurden wir fortgeführt und der Sicherheit wegen im Stadtgefängniß eingeſchloſſen.. Neunzehntes Kapitel. Wir blieben gegen drei Wochen im Gefängniß, ehe ſich Jemand herabließ, uns mitzutheilen, weshalb wir dort eingeſperrt waren, oder was aus uns werden ſolle. Wir erfuhren jetzt, daß Kapitän Parker zur Deckung ſeines Bergelohns auf die„Two Sallys“ und ihre Ladung Beſchlag gelegt hatte und daß von dem Gericht der Befehl ertheilt worden war, die Waaren und das Schiff zum gemeinſchaftlichen Nutzen der Eigenthümer und der Berger zu verauktioniren. Wir verſtanden den Ausdruck„Bergelohn“ nicht, und es gab ſich auch Niemand die Mühe, uns denſelben zu erklären. Es genügte uns zu wiſſen, daß wir verkauft werden ſollten, und man dachte, daß Sklaven das Wie und Warum nicht zu. wiſſen brauchten. Da ich bereits zweimal verſteigert worden war, hatte die Sache für mich ihr Intereſſe und ihre Neuheit verloren. Ich war der engen Haft müde und da ich wußte, daß ich endlich doch verkauft werden müſſe, ſo war es mir gleichgültig, ob dies jetzt geſchah oder ſpäter. 72 Die Verſteigerung war allen andern Verſteigerungen ganz ähnlich; ſie 1 hatte nur eine Eigenthümlichkeit, welche beſondere Erwähnung verdient. Die Verwundeten ſollten, obgleich ſie noch nicht geheilt, und zwei von 1 hhnen kaum außer Gefahr zu nennen waren, mit den Uebrigen verkauft verden. Der Auktionator bemerkte, daß es„beſchädigte Waare“ ſei, die her gern mit Verluſt losſchlagen wolle. Die Vier wurden zuſammen ausgeboten. „Sie ſind eben ſo wenig etwas werth als zerbrochene Bratpfannen!“ 9 ſagte einer von den Zuſchauern;„ich für meinen Theil habe keine Luſt in zerbrochenen Bratpfannen, verwundeten Sklaven und kranken Pferden zu ſpekuliren.“ Ein anweſender Arzt wurde darauf aufmerkſam gemacht, ſie zu kaufen. „Wenn ſie ſterben ſollten,“ ſagte Der, welcher ihm dazu rieth,„fo würden ſie für jeden Andern völlig nutzlos ſein; Sie aber könnten wenig⸗ ſtens ihre Leichen noch brauchen.“ Andere Anweſende ergingen ſich in verſchiedenartigen eben ſo glänzen⸗ den und witzigen Scherzen, welche mit einem lauten Gelächter aufgenommen wurden, das einen grellen Kontraſt mit den traurigen, ſchmerzerfüllten Ge⸗ ſichtern und dem leiſen Stöhnen der Verwundeten bildete, die auf Ma⸗ tratzen in das Auktionslokal gebracht worden waren und als Bilder des Jammers und Elends auf dem Boden lagen. Dieſe Heiterkeit hatte einen hohen Grad erreicht, als ſie plötzlich von einem hochgewachſenen huͤbſchen Manne, welcher in Haltung und Weſen 8 mehr von einem Gentleman hatte, als der größte Theil der Geſellſchuft, unterbrochen wurde. Er bemerkte im ſtrengen Tone, daß ſeiner Anſicht nach das Verkaufen von todtkranken Menſchen eine keineswegs lächerliche Sache ſei. Er that augenblicklich ein Gebot, welches bedeutend höher war als alle bisherigen, und der Auktionator ſchlug ſie ihm zu. Ich hoffte, daß mich dieſer Mann ebenfalls kaufen würde, aber er verließ das Auktionszimmer, nachdem er einige Anordnungen in Bezug auf das Fortſchaffen der Verwundeten getroffen hatte. Vielleicht hatte ich auch keinen Grund, es zu bedauern. Der Mann handelte am Ende nur, wie hundert andere Sklavenkaͤufer gethan haben würden, aus einer vor⸗ übergehenden Regung von Menſchlichkeit, welche zwar Abſcheu vor der Brutalität der übrigen Geſellſchaft in ihm weckte, aber aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach weder ſtark noch nachhaltig genug war, um ihn zu einer fort⸗ dauernd milden Behandlung ſeiner Sklaven zu bewegen. Dergleichen vor⸗ übergehende Anfälle von Menſchlichkeit und Gutherzigkeit findet man ſehr häufig, aber ſie ſind nicht die mindeſte Bürgſchaft gegen eine zur Gewohn⸗ heit gewordene Nichtachtung der Rechte und Gefühle De nigen, die ſich nicht ſelbſt vertheidigen dürfen und weder von den Geſetzen noch von der öffentlichen Meinung beſchützt werden. 3 Ich wurde von dem Agenten eines Mr. James Carleton von Carle⸗ ton Hall in einer der nördlichen Grafſchaften von Nordkarolina gekauft, und kurz darauf mit noch einigen Andern nach der Pflanzung unſeres neuen Herrn abgeführt. Nach einer vier⸗ bis fünftägigen Reiſe kamen wir in Charleton Hall an. Es war, wie die Wohnung vieler anderer amerikaniſcher Pflanzer, ein niedriges Haus ohne beſondere Zeichen von Eleganz oder Bequemlich⸗ keit. In geringer Entfernung vom Hauſe befand ſich das Sklavenquartier,* eine erbärmliche Gruppe von verfallenen Hütten, die ohne Ordnung zer⸗ 73 ſtreut umher lagen, und von dem überall aufgeſchoſſenen Unkraut und Geſtrüpp faſt gänzlich überwucher waren. Bald nach unſerer Ankunft wurden wir vor unſern neuen Herrn ge⸗ führt, welcher uns Einen nach dem Andern unterſuchte und nach unſern Fähigkeiten fragte. Als er erfuhr, daß ich zum Hausdiener erzogen ſei, und da ihm, wie er ſagte, meine Manieren und mein Aeußeres geſielen, ſo verſprach er mir, mich in das Haus zu nehmen, um die Stelle ſeines „Dieners John zu erſetzen, der ein ſo unverbeſſerlicher Trunkenbold gewor⸗ den ſei, daß er ſich genöthigt geſehen habe, ihn auf das Feld zu ſchicken. Ich war mit dieſem Arrangement ganz zufrieden, denn im Allgemei⸗ nen haben es diejenigen Sklaven, welche die häuslichen Dienſte verrichten, ungleich beſſer als die auf dem Felde beſchäftigten. Sie werden beſſer genährt und gekleidet, und ihre Arbeit iſt weit weniger beſchwerlich. Sie ſind der Broſamen, welche vom Tiſche des Herrn fallen, gewiß, und da es die Augen des Herrn und ſeiner Gäſte beleidigen würde, wenn ſie einen unſauberen und zerlumpten Menſchen im Speiſezimmer erblickten, ſo wer⸗ den die Hausdiener gut gekleidet; allerdings nicht ſowohl um ihrer ſelbſt willen, als um der Eitelkeit ihrer Beſitzer zu ſchmeicheln. Da es ein Ge⸗ genſtand der Oſtentation iſt, eine zahlreiche Dienerſchaft zu haben, ſo wird die Arbeit leicht, wenn ſie ſich unter ſo viele vertheilt. Hinlängliche Nah⸗ rung, anſtändige Kleidung und leichte Arbeit ſind nicht zu verachten; aber der Umſtand, welcher hauptſächlich dazu beiträgt, die Lage des Hausdieners erträglicher zu machen, als die des Feldarbeiters, iſt ein ganz andrer. Der Menſch und beſonders Frauen und Kinder können ein Geſchöpf, mag es nun ein Hund, eine Katze oder ſelbſt ein Sklave ſein, nicht beſtändig um ſich haben, ohne unmerklich einige Zuneigung und Intereſſe für daſſelbe zu empfinden; und auf dieſe Weiſe geſchieht es oft, daß ein Familiendiener ein Günſtling wird und man ihn endlich mit einem Gefühl betrachtet, welches eine ſchwache und entfernte Aehnlichkeit mit der Familienliebe hat. Dies iſt der einzige einigermaßen tröſtliche Geſichtspunkt, unter wel⸗ chem die Sklaverei dargeſtellt werden kann, und durch eifriges Aufſuchen ſolcher Fäͤlle und beſtändige Nichtbeachtung der unendlich überwiegenden Greuel und Schändlichkeiten haben einige freche Sophiſten den Muth er⸗ langt, die Sklaverei zu vertheidigen. Und doch iſt ſelbſt dieſe beſte Lage der Sklaven oft unerträͤglich. Wenn es auch zuweilen freundliche Herren und gutherzige Herrinnen giebt, ſo trifft es ſich doch nur zu häufig, daß der Herr ein launiſcher Tyrann und die Herrin ein Zankteufel iſt. Der arme Diener ſieht ſich jede Stunde ſeines Lebens harten Vorwürfen und Scheltworten ausgeſetzt, welche ſtets mit der Tortur der Peitſche zu enden drohen und für einen Menſchen von Gefühl und Anes Bildung peinigender ſind, als die Peitſche ſelbſt. Und dabei haben ſie weder Hoffnung noch Ausſicht auf Abhilfe. Der Herr und die Herrin geben ſich ihren üblen Launen rückhaltlos hin; der Sklave ge⸗ hört ihnen, und ſie können ihn behandeln wie ſie wollen, er kann ſich nicht ſelbſt helfen, und es giebt Niemanden, der ſich ſeiner annimmt. Mr. Carleton huldigte im allgemeinen den gewöhnlichen Anſichten ſei⸗ ner Pflanzerkollegen; in einem Punkte aber unterſchied er ſich von dem größten Theile derſelben— er war ein eifriger Presbyterianer und über⸗ haupt ſehr religiös. So kam es, daß ſein Charakter, ſeine Reden und ſein Benehmen von ſeltſamen Kontraſten erfüllt waren und beſtändig ein eigen⸗ thümliches Gemiſch vom Tyrannen und Puritaner darboten. Mr. Carleton 74 ſprach bei aller ſeiner Frömmigkeit ſo leichtfertig davon, einen Menſchen im Duell zu erſchießen, als ob er ein Mörder von Profeſſton geweſen wäre. Da ich die Chre hatte, an Mr. Carleton's Tiſche aufzuwarten, und mir das Vergnügen zu Theil wurde, täglich ſeine Geſpräche anzuhören, ſo lernte ich bald ſeinen Charakter genau kennen— wenigſtens ſo genau, als es überhaupt möglich war, einen ſo inkonſequenten Charakter zu beurthei⸗ len. Er hielt des Morgens und des Abends mit der pünktlichſten Regel⸗ mäßigkeit Familienbetſtunde. Er betete lange und inbrünſtig auf den Knieen, war beſonders eindringlich in ſeinen Gebeten um die allgemeine Ausbrei⸗ tung des Evangeliums, flehte den Himmel an, alle Menſchen, als Geſchöpfe des nämlichen Gottes, bald zu Kindern des nämlichen Glaubens werden zu laſſen, und doch wurden nicht nur die Feldſklaven niemals aufgefordert, an dieſem Familiengottesdienſt Theil zu nehmen, ſondern ſelbſt die Haus⸗ diener waren davon ausgeſchloſſen. Die Thür wurde von innen verriegelt und während der fromme Mr. Carleton ſich vor ſeinem Schöpfer in den Staub warf, fühlte er ſich doch zu erhaben, als daß er ſeinem Hausſklaven hätte geſtatten konnen, an ſeinen Andachtsübungen Theil zu nehmen. Bei alledem lag Mr. Carleton die Sache der Religion offenbar am Heerzen, und er ſchien bereit zu ſein, für ſie zu leben und zu ſterben. In dem Theile des Landes, wo er wohnte, gab es nur ſehr wenig Geiſt⸗ liche, und ſein Eifer veranlaßte ihn häufig, die Lücke auszufüllen und Pre⸗ digten zu halten. Es gab kaum einen Sonntag, an dem er nicht irgend⸗ wo in der Nachbarſchaft gepredigt hätte. Im Umkreiſe von zehn Meilen von Carleton Hall befanden ſich nicht mehr als drei Kirchen— erbärm⸗ liche, verfallene kleine Gebäude, welche eher wie verlaſſene Scheunen als wie Tempel der öffentlichen Gottesverehrung ausſahen. Mr. Carleton hatte ver⸗ anlaßt, daß dieſe ſämmtlich ausgebeſſert wurden, wozu er den größten Theil der Koſten ſelbſt trug, und er predigte zuweilen in einer von ihnen. Aber er betrachtete eine Kirche nicht als unerläßlich für eine geiſtliche Anſprache. Den Sommer über hielt er häufig gottesdienſtliche Verſammlungen in einem ſchattigen Haine oder an einer kühlen Quelle, und im Winter zuweilen in ſeinem eignen Hauſe, mitunter auch in dem Hauſe eines Nachbarn. An zahlreichen Zuhörern fehlte es ihm faſt nie. Jener Theil des Lan⸗ des war nur ſchwach bevölkert und die Leute hatten wenig Unterhaltung, ſo daß ſie gern jede Gelegenheit, ſich zu verſammeln, benutzten, ohne viel danach zu fragen, ob die Veranlaſſung eine Predigt oder ein Gelage ſei. Ueberdies war Mr. Carleton wirklich ein angenehmer Redner, und die Eindringlichkeit und Wärme ſeines Vortrags war ganz geeignet, ihm viele Zuhörer zu verſchaffen. Dieſe beſtanden zum großen Theile aus Sklaven, denn wenn er es auch nicht für räthlich hielt, ſie an ſeinem Privatgottesdienſte theilnehmen zu laſſen, ſo hatte er doch nichts dagegen, daß ſie ſeine Gemeinde verſtärk⸗ ten und ſeinen öffentlichen Predigten einen gewiſſen Glanz verliehen. Gegen das Ende ſeiner Reden ließ er ſich oft herab, einige Worte an ſie beſon⸗ ders zu richten. Die Veränderung, welche in ſeinem Weſen eintrat, wenn er zu dieſem Theil ſeiner Predigt gelangte, war ziemlich auffallend. Der Ausdruck„lieben Brüder“ den er im erſten Theile derſelben beſtändig wiederholte, wurde jetzt plötzlich weggelaſſen. Der Prediger nahm eine her⸗ ablaſſende Gönnermiene an, und bedeutete denjenigen ſeiner Zuhörer, „welche Gott zu Knechten gemacht hat“, mit kurzen und trockenen Worten, daß ihre einzige Belshoſftuns auf Geduld, Gehorſam, Unterwürfigkeit, 3 ——— 75 Fleiß und Subordination beruhe. Er warnte ſie ernſtlich vor dem Stehlen und Lügen, ihren„Lieblingsſünden“, und verweilte lange und eindringlich bei der Gottloſigkeit und Thorheit, mit ihrer Lage unzufrieden zu ſein. Alles dies wurde von den anweſenden Herren als ganz orthodore Lehren, die für die Sklaven vollkommen paßten, gelobt, während die Letz⸗ teren es mit einer äußerlichen Unterwürfigkeit, von der ihr Herz nichts wußte, aufnahmen. Wenn man die Lehren betrachtet, die er ihnen predigte, ſo iſt es nicht zu verwundern, daß der größte Theil der Anhänger Mr. Carleton's unter den Sklaven Heuchler waren, welche die Frömmigkeit zu einem Deckmantel ihrer Schurkerei machten. Es lag wirklich viel Wahres in der Bemerkung eines von Mr. Carleton's Nachbarn, daß die meiſten Sklaven in dieſem Theile des Landes gar keine Religion hätten, und daß diejenigen, welche religiös zu ſein vorgäben, ſchlimmer ſeien als die Anderen. Wie konnte es auch anders ſein, wenn man ihnen unter dem geheiligten Namen der Religion eine Lehre der ſtärkſten Tyrannei predigte,— eine Lehre, welche ſich nicht damit begnügte, von Zeit zu Zeit ein menſchliches Opfer zu verlangen, ſondern die beſtändige Aufopferung der Hälfte der ganzen Gemeinde forderte. O Chriſtenthum! was hilft Deine Fürſorge für die Armen, Deine Beſchützung der Unterdrückten, Dein Syſtem der Bruderliebe! Die Schlange verſteht auch aus dem harmloſen Blute der Taube Gift zu ſaugen! Die Tyrannen aller Zeiten und Länder haben das Chriſtenthum beſtaändig als ein Werkzeug für ihre Verbrechen, als ein Schreckbild für ihre Schlacht⸗ opfer, und zur Vertheidigung ihrer Bedrückungen gemißbraucht! Auch hat es ihnen nie an dienſtwilligen Prieſtern und lügneriſchen Propheten ge⸗ fehlt, welche ſie unterſtützten! 3 Wenn die Sklaven auch nur wenig Gefallen an Mr. Carleton's Lehren fanden, die ihr Herz inſtinktmäßig verwarf, ſo wohnten ſie dennoch gern ſeinen Predigten bei. Es war eine Abwechſelung in der ewigen Einfoͤrmig⸗ keit ihres Lebens, und gab ihnen Gelegenheit, nach Beendigung des Got⸗ tesdienſtes zuſammen zu kommen und unter ſich ein kleines Feſt zu halten. Dieſe Erholung, die ſie den Sklaven gewährten, war meiner Anſicht nach die beſte Wirkung der Predigten Mr. Carleton's, wiewohl gewiſſe Herren, welche jede Zuſammenkunft der Sklaven als eine Quelle der Unzufriedenheit und Verſchwörung fürchteten, unter dem heuchleriſchen Vorwande, der Ent⸗ rüſtung über die Sabbathsverletzung, zu denen ſeine Predigten Anlaß ga⸗ ben, jene Zuſammenkünfte auf das Entſchiedendſte verdammten. Mr. Carleton war Vorſtand einer Bibelgeſellſchaft und eifrig bemüht, die allgemeine Verbreitung der Bibel zu befördern. Ich fand jedoch bald, daß es außer mir auf ſeiner Pflanzung und überhaupt in der ganzen Nach⸗ barſchaft keinen einzigen Sklaven gab, welcher leſen konnte, und ich erfuhr ſogar, daß Mr. Carleton durchaus abgeneigt war, es Einen von ihnen lehren zu laſſen. 1 Dieſer Gegenſtand wirft auf die in Amerika herrſchende Sklaverei ein Licht, welches dieſelbe als jede andre Tyrannei überbietend darſtellt und giebt ihr einen wahrhaft teufliſchen Charakter. Mr. Carleton glaubte— und die große Mehrheit ſeiner Landsleute glaubt es ebenfalls— daß die Bibel eine göttliche Offenbarung von Dingen enthält, die zum ewigen Heile des Menſchen weſentlich nothwendig ſind. In dieſem Glauben, und nebenbei aus philantropiſcher Prahlerei, haben ſie Geſellſchaften gebildet und ver⸗ wenden— wie auch Carleton es ſehr freigebig that— viel Geld darauf, 4 76 um die Bibel in der Welt zu verbreiten und dieſen untruͤglichen göttlichen Führer in den Beſitz jeder Familie zu bringen. Während ſie ſich aber ſo eifrig bemühen, die ganze übrige Welt mit dieſem unſchätzbaren Buche zu begluͤcken, verſagen ſie es hartnäckig denen, welche das Geſetz ihrer aus⸗ ſchließlichen Obhut anvertraut. Sie verſagen es ihren Sklaven,„zu deren natürlichen Beſchützern ſie Gott beſtimmt hat“, um uns ihrer Lieblings⸗ phraſe zu bedienen, und indem ſie dies eingeſtandenermaßen thun, ſetzen ſie ihre Sklaven abſichtlich und wiſſentlich der Gefahr der ewigen Verdammniß aus! Dieſer furchtbaren Gefahr ſetzen ſie ſie abſichtlich und wiſſentlich aus, denn wenn ſie leſen lernten, würden ſie zu gleicher Zeit auch ihre Rechte und die Mittel, dieſelben zu beanſpruchen, kennen lernen. Kann es eine empörendere Beleidigung der Menſchheit geben? Andere Tyranneien haben höchſtens das irdiſche Glück der Menſchen zu zerſtören getrachtet und ſich, geſtuͤtzt auf ihre verderbliche Macht, die ärgſten zeitlichen Grauſamkeiten erlaubt; aber wo findet man in der ganzen Weltgeſchichte noch ein Beiſpiel von Tyrannen, welche öffentlich bekannt haben, daß ſie ihre Opfer lieber der entſetzlichen Gefahr der ewigen Verdammniß preis geben, als ihnen einen Grad von Bildung angedeihen laſſen wollen, der möglicherweiſe ihre ungerechte, eigenmächtig angemaßte Autorität gefährden könnte? Kann Jemand ohne Entruͤſtung an dieſes herzloſe, hölliſche Be⸗ kenntniß denken, und ſollte man glauben, daß es Menſchen giebt, die es offen ausſprechen? und zwar Menſchen, die in anderer Beziehung nicht aller edlen Geſinnungen entbehren, Menſchen, welche von Freiheit, Tugend und Religion, ja ſelbſt von Gerechtigkeit und Humanität ſprechen! Wäre ich zum Aberglauben geneigt, ſo würde ich glauben, daß ſie gar keine Menſchen, ſondern nur Teufel in Menſchengeſtalt ſind, böſe Geiſter, die eine menſchliche Form angenommen haben und einen aͤußeren Schein von menſchlichen Gefühlen zur Schau tragen, um deſto ſicherer und ver⸗ borgener ihre große Verſchwörung gegen die Menſchheit durchzuführen. Dies würde ich glauben, wenn ich nicht wüßte, daß der Drang nach ſo⸗ cialer Superiorität, dieſer Trieb des menſchlichen Herzens, welcher der Ur⸗ quell der Civiliſation und jedes Fortſchritts iſt, die ganze Natur des Menſchen verderben und ihn zu den gräßlichſten und v faſehenuswer digſten Handlungen verleiten kann, wenn er nicht durch andere edle Gefühle gezügelt wird. Wenn ſich mit der verderblichſten Form dieſer erhabenen Leidenſchaft eine zugleich feige und grauſame Furcht verbindet, iſt es dann zu verwundern, daß der Menſch ein verachtungswerthes Geſchöpf wird? Doch ich ſollte vielmehr ſagen, ein beklagenswerthes Geſchöpf, denn der Wahnſinnige kann kaum verantwortlich gemacht werden für die Verbrechen, die er in ſeinem Wahnſinn begeht; ſelbſt wenn er dieſen ſelbſt verſchuldet hat. So teufliſch jedoch auch die Tyrannei genannt werden mag, welche, um ihre uſurpirte Autorität zu behaupten, bereit iſt, das zeitliche und ewige Wohl ihrer Opfer zu vernichten, ſo unterliegt es doch keinem Zweifel, daß ſie im Stande iſt, das Ziel, nach welchem ſie ſtrebt, nämlich ihre fort⸗ dauernde Erhaltung, zu erreichen. Aber ſie muß dann noch einen Schritt weiter gehen. Die Sklavenhalter ſollten bedenken, daß alles Wiſſen ge⸗ fährlich iſt und daß man den Sklaven gar keinen Unterricht im Chriſten⸗ thum geben darf, wenn man ſie vor jedem gefährlichen Einfluſſe bewahren will. Es genügt nicht, daß das Geſetz verbietet, ſie leſen zu lehren. Münd⸗ liche Belehrung iſt eben ſo gefährlich als ſchriftliche und der Katechismus iſt nichts als eine verkleidete Bibel. 77 zo mögen ſie denn auf ihrer Bahn fortſchreiten und ihr Werk zu einer glorreichen Vollendung bringen. Mögen ſie jeden Religionsunterricht ein für allemal verbieten,— dahin muß es noch kommen. Ich aber ſage ihnen, daß die Zeit vorüber iſt, wo Mr. Carleton's Lehre vom paſſiven Gehorſam Alles iſt, was ein Religionslehrer predigen ſoll. Es giebt noch einen andern Geiſt und dieſer Geiſt wird überall eindringen, wo der Re⸗ ligionsunterricht ihm den Weg bahnt. Es iſt jetzt nicht mehr möglich, den Sklaven als einen chriſtlichen Bruder zu begrüßen, ohne zuerſt ſeine Men⸗ ſchenrechte anzuerkennen. Zwanzigſtes Kapitel. Ich war noch nicht lange in Mr. Carleton's Dienſte, als ich bemerkte, daß der ſicherſte Weg, ſeine Gunſt zu erlangen, darin beſtehe, ſeine Pre⸗ digten höchlichſt zu bewundern, und denjenigen, welche ſeine Dienerſchaft beſuchen durfte, mit Andacht beizuwohnen. Es konnte kaum einen Menſchen geben, der von Natur weniger zum Heuchler geſchaffen geweſen wäre, als ich. Aber Liſt und Schlauheit ſind die einzigen Hilfsmittel des Sklaver und ich hatte ſchon längſt gelernt, tauſend Kunſtgriffe anzuwenden, die i zwar verachtete, zu gleicher Zeit aber oft äußerſt nützlich fand. 8 Ich hatte jetzt abermals Gelegenheit zur Anwendung dieſer Kunſtgriffe und wußte meinem Herrn ſo gut zu ſchmeicheln, daß ich bald ſeine Gunſt erlangte und in Kurzem die Stelle eines vertrauten Dieners bekleidete. Dies war ein ſehr hoher Poſten und ich war nach dem Auſſeher unbeſtreitbar die wichtigſte Perſon auf dem Gute. Meine Function beſtand darin, meinen Herrn ſpeciell zu bedienen, ihn zu den gottesdienſtlichen Verſamm⸗ lungen zu begleiten, ſeinen Mantel und ſeine Bibel zu tragen und für ſein Pferd zu ſorgen; denn Mr. Carleton war unter andern auch ein Pferde⸗ liebhaber, und er vertrckute das ſeinige nicht gern der gewöhnlichen un⸗ wiſſenden Nachläſſigkeit der Reitknechte ſeiner Nachbarn an. Mein Herr entdeckte bald, daß ich leſen und ſchreiben konnte, denn ich verrieth unwillkurlich ein Geheimniß, welches ich für mich zu behalten beſchloſſen hatte. Anfangs ſchien es ihm nicht lieb zu ſein, da er mir aber die Kenntniſſe nicht wieder nehmen konnte, ſo beſchloß er, dieſelben zu benutzen. Er hatte immer viel zu ſchreiben und verwendete mich zum Kopiren. In meiner Eigenſchaft als Sekretär mußte ich oft, wenn mein Herr zu thun hatte, die Päſſe für die Leute ſchreiben. Dies erhöhte meine Wichtigkeit ungemein, und meine Dienſtgenoſſen begannen mich bald als nur dem Herrn ſelbſt nachſtehend zu betrachten. Mr. Carleton war von Natur menſchlich und gutherzig, und wenn auch ſeine plötzlichen Ausbrüche von Unmuth und Jorn oft peinlich ge⸗ nug waren, ſo gingen ſie doch, wenn man ihm nicht widerſprach, in der Regel bald vorüber und hatten nicht ſelten eine mehr als gewöhnliche Nachſicht und Freundlichkeit zur Folge, als ob er ſich darüber Vorwurfe gemacht hätte, daß er ſich nicht beſſer beherrſchen konnte. Ich lernte bald vortrefflich mit ihm auszukommen und ſtieg mit jedem Tage in ſeiner Gunſt. Ich hatte ſehr viel freie Zeit und fand Mittel, dieſelbe auf unſchul⸗ dige und angenehme Weiſe auszufüllen. Mr. Carleton beſaß eine Bücher⸗ ſammlung von einem für einen Pflanzer von Nord⸗Karolina ſehr bedeu⸗ tenden Umfange. Dieſe Bibliothek muß mehrere⸗ hundert Bände enthalten 78 haben. Sie war die Bewunderung der ganzen Umgegend, und tru nicht wenig dazu bei, ihrem Beſitzer den Ruf eines großen Gelehrten Sh ver⸗ ſchaffen. Meine Stellung als vertrauter Diener autoriſirte mich zur un⸗ beſchränkten Benutzung derſelben. Der größte Theil der Bücher handelte von theologiſchen Gegenſtänden, einige aber waren auch anziehenden In⸗ halts, und ich ſah mich in den Stand geſetzt, gelegentlich und verſtohlen — denn ich wollte mich nicht gern beim Leſen eines andern Buches als der Bibel betreffen laſſen— den Wiſſensdrang zu befriedigen, welchen ich als Kind eingeſogen und den die Erniedrigung der Knechtſchaft nicht völ⸗ lig erſtickt hatte. Alles erwogen, befand ich mich in einer weit angeneh⸗ meren Lage als zu irgend einer Zeit ſeit dem Tode meines frühern Herrn. Ich wünſchte ſowohl um ihrer wie um ſeinetwillen, daß alle übrigen Sklaven Mr. Carleton's eben ſo gut daran geweſen, und eben ſo freundlich behandelt worden wären, wie ich. Die Hausdiener hatten ſich in der That über nichts zu beklagen, als über die ſchweren Uebel, welche von der Knechtſchaft unzertrennlich ſind und die keine Nachſicht oder Milde des Herrn zu beſeitigen vermag. Aber die Feldarbeiter— etwa funfzig an der Zahl— befanden ſich in einer ganz andren Lage. Mr. Carleton hatte, gleich einem großen Theile der amerikaniſchen Pflanzer, keine Kenntniſſe der Landwirthſchaft und nicht die mindeſte Neigung dazu. Er hatte Verwaltung ſeiner Pflanzung niemals Aufmerkſamkeit geſchenkt. Seine Jugend war unter Ausſchweifungen vergangen, und ſeit ſeiner Bekehrung hatte er ſich ganz der Religion in die Arme geworfen. Natuͤrlich lag daher die Bewirthſchaftung der Pflanzung und Alles, was ſich darauf bezog, ausſchließlich in den Händen ſeines Aufſehers, welcher klug, umſichtig, verſchlagen und vollkommen mit ſeinem Geſchäft vertraut, aber ein ſtrenger Zuchtmeiſter, jähzornig, und wenn alle Gerüchte wahr ſprachen, kein Muſter von Ehrlichkeit war. Mr. Warner, ſo hieß der Aufſeher, bekleidete ſeine Stelle unter Be⸗ dingungen, welche, trotz ihrer Verderblichkeit für den Pflanzer und ſeine Pflanzung, in Virginien und den beiden Karolina ſehr gewöhnlich waren. Anſtatt eines feſten Gehaltes, bekam er einen gewiſſen Antheil von der Ernte. Natürlich lag es in ſeinem Intereſſe, die größtmögliche Ernte zu erzielen, ohne die mindeſte Rückſicht auf die dazu angewendeten Mittel zu nehmen. Was kümmerte es ihn, wenn auch der Boden erſchöpft und die Sklaven durch die ſchwere Arbeit und übermäßige Anſtrengung abgenutzt wurden? Er beſaß weder den Boden noch die Sklaven, und wenn er in zehn bis zwölf Jahren— ſo lange befand er ſich ungefähr in Carleton Hall— ihnen ihren ganzen Werth ausgeißeln konnte, ſo war der Nutzen auf ſeiner, der Schaden auf der Seite ſeines Herrn. Zu dieſem erwünſchten Ziele ſchien er jetzt beinahe gelangt zu ſein. Die Ländereien. von Carleton Hall waren wahrſcheinlich nie mit einigem Geſchick angebaut worden, aber Mr. Warner hatte die Erſchöpfung auf den höchſten Grad geſteigert. Ein Feld nach dem andern war unbebaut und uneingefriedigt gelaſſen worden, mit Ginſter und Perſimonenbüſchen üͤberwachſen, und ein Weiteplatz für das Vieh der Umgegend geworden. Mit jedem Jahre war neues Land bebaut und demſelben erſchöpfenden Verfahren, welches die bereits aufgegebenen Felder abgenutzt hatte, ausge⸗ ſetzt worden, bis es endlich auf der Pflanzung kein neues Land mehr gab. Mr. Warner begann jetzt davon zu ſprechen, daß er ſeine Stelle auf⸗ geben wolle, und Mr. Carleton hatte ihn nur durch dringende Bitten und 79 4 das Verſprechen eines größern Antheils von dem verminderten Ertrage bewegen können, noch ein Jahr bei ihm zu bleiben. 1 Aber es war nicht blos das Land, welches unter dieſer Bewirthſchaftung litt. Die Sklaven wurden dem nämlichen Ausbeutungsverfahren unterworfen, und waren durch ſchwere Arbeit, unzulängliche Nahrung und willkürliche, launenhafte Strenge unzufrieden, kränklich und zur Arbeit halb unfähig geworden. Es hatte nie eine Zeit gegeben, in welcher nicht zwei bis drei von ihnen, zuweilen noch mehr entlaufen waren und ein den Wäldern umherſtreiften, und hieraus entſprangen weitere Unannehmlichkeiten und neue Strenge.. 1 Mr. Carleton hatte ausdrücklich angeordnet, daß ſeine Leute Rationen von Korn, und beſonders von Fleiſch erhalten ſollten, was in jenem Theile der Welt für äußerſt freigebig galt, und ich glaube, daß wenn dieſe Ra⸗ tionen gewiſſenhaft vertheilt worden wären, der kräftigſte Mann der Pflan⸗ zung etwa halb ſo viel Fleiſch erhalten haben würde, als Mr. Carleton's zehnjährige Tochter verzehrte. Wenn man aber den Sklaven glauben durfte, ſo hatte Mr. Warner weder eine richtige Wage noch ein gutes Maß und vermehrte ſeinen Antheil an dem jährlichen Ertrage der Pflan⸗ zung dadurch, daß er ihnen ſo viel als möglich von ihren Wochenrationg abzwackte.. Es war wohl einigemal bei Mr. Carleton Klage darüber gefü worden; er hatte ſie aber als jeder Beachtung unwerth zuruͤckgewieſen, ohne ſie nur zu unterſuchen. Mr. Warner, ſagte er, ſei ein ehrlicher Mann und ein Chriſt.— Es war in der That ſein chriſtlicher Charakter eweſen, der ihn ſeinem Brodherrn zuerſt empfohlen hatte,—„und dieſe ſtandalsſen Geſchichten,“ meinte Letzterer,„würden nur aus Groll erfunden, den die Sklaven ſtets gegen Diejenigen hegten, von denen ſie zur CErfül⸗ lung ihrer Pflichten angehalten würden.“.. Dies konnte wohl wahr ſein, ich will ihm nicht geradezu widerſprechen; aber ich weiß auch, daß dieſe Beſchuldigung gegen die Redlichkeit Mr. Warner's ſich nicht auf die Pflanzung beſchränkte, ſondern in der ganzen Umgegend verbreitet war, und daß, wenn er nicht von Haus aus ein Spitzbube war, Mr. Carleton durch ein unbegrenztes, argloſes und un⸗ kluges Vertrauen ſein Möglichſtes that, um ihn dazu zu machen. Mochten die Sklaven nun um ihre Rationen betrogen werden oder nicht, ſo ließ ſich doch jedenfalls nicht beſtreiten, daß ſie mit Härte zur Arbeit angehalten und grauſam behandelt wurden. Mr. Carleton trat ſtets auf die Seite ſeines Aufſehers und pflegte die Behauptung außzuſtellen, daß es unmöglich ſei, die auf einer Pflanzung nöthigen Arbeiten ohne häufige Auspeitſchungen und zweckmäßige Strenge in gehörigem Gange zu erhalten, wenn es ihm auch bei ſeiner Gutherzigkeit Schmerz verurſachte, von einem ſehr auffallenden Beiſpiele dieſer Art zu hören. Er war indeß häufig vom Hauſe abweſend und dies erhielt ihn ſo ziemlich in Unwiſſenheit über das, was dort vorging. Ueberdies war der Aufſeher darauf bedacht, das Gefühl ſeines Herrn zu ſchonen, und er hatte zu dem Ende die ſtrengſten, mit umbarmherzigernHärte aufrecht erhaltenen Verbote dagegen erlaſſen, in das Herrenhaus zu laufen, um das was auf der Pflanzung vorfiel, zu erzählen. Durch dieſes ſinnreiche, obgleich ſehr gewöhnliche Auskunftsmittel war Mr. Warner im Stande, ganz nach Willkür zu ſchalten. In der That hatte Mr. Carleton auf ſeiner Pflanzung ſo wenig Gewalt, wie irgend ein andrer Plantagenbeſitzer im Lande und wußte eben ſo wenig, was darauf vorging. 8 Mein Herr hatte als junger Mann bei Pferderennen und an Spiel⸗ tiſchen Wetten gemacht und ſein Geld auf jede thörichte Weiſe vergeudet. Seit er ſich der Religion zugewendet, war er von dieſer Verſchwendung zurück gekommen, dafr aber in andere gerathen. Er gab jährlich eine nicht geringe Summe für Bibeln, Kirchenausbeſſerungen und andere fromme Zwecke aus. Seit meheren Jahren hatten ſich ſeine Einkünfte vermindert, aber ohne eine entſprechende Verminderung ſeiner Ausgaben. Die natür⸗ liche Folge davon war, daß er ſich tief in Schulden geſtürzt hatte. Sein Aufſeher war reich, er aber arm geworden. Seine Ländereien und Sklaven waren mit Hypotheken belaſtet, und er begann von ſeinen Gläubigern gedrängt zu werden. Dieſe Verlegenheiten waren indeß nicht im Stande, ihm ſeine geiſtliche Thätigkeit zu verleiden, und er ſetzte ſie wo möglich noch eifriger als früher fort. Ich befand mich jetzt ſeit ſechs bis ſieben Monaten in ſeinem Dienſte und hatte mir ſeine Gunſt in hohem Maße erworben, als wir eines Sonn⸗ tags Morgens zuſammen nach einem etwa acht Meilen entfernten Orte auf⸗ ſchen, wo er, ſo lange ich in ſeinem Dienſte ſtand, noch nicht gepredigt te. Der für die Verſammlung beſtimmte Platz lag im Freien. Es var ein recht freundlicher und für dieſen Zweck ganz geeigneter Platz, näm⸗ ich eine ſanft aufſteigende Anhöhe, auf der eine Anzahl alter Eichen zer⸗ ſtreut umher lagen. Die ausgebreiteten Aeſte bildeten einen dichten Schatten, in welchem weder Unkraut noch Gebüſch, ſondern ein beſſerer Raſen wuchs, als man dort im Lande zu finden pflegt. Nahe am Gipfel der Höhe hatte Jemand rohe Bänke angebracht, und an einen der größten Bäume lehnte ſich ein kleines Gerüſt mit einigen darauf ſtehenden Stühlen, welches zur Kanzel beſtimmt zu ſein ſchien.— 3 Am Fuße der Anhöhe hielt ein ganzer Trupp Pferde und zehn bis zwölf Kutſchen, und auf den Bäͤnken ſaßen bereits eine Menge Leute. Die weißen Zuhörer waren jedoch in weit geringerer Zahl anweſend, als die Sklaven, welche in Gruppen umher zerſtreut waren, meiſt ihre Sonn⸗ tagskleider trugen, und zum großen Theile ſehr anſtändig ausſahen. Einige waren jedoch erbärmlich zerlumpt und ſchmutzig, und von den benachbarten Pflanzungen hatten ſich eine Menge halb erwachſener, völlig nackter Kinder eingefunden. Mein Herr ſchien über den Anblick einer ſo zahlreichen Zuhörerſchaft erfreut zu ſein. Er ſtieg am Fuße des Hügels, wenn eine ſo ſanfte Boden⸗ erhöhung dieſen Namen verdiente, ab, und übergab mir ſein Pferd. Ich ſuchte einen paſſenden Ort zum Anbinden der Thiere und ſchlenderte dann, da ich wußte, daß der Gottesdienſt nicht ſogleich beginnen würde, unter den Anweſenden umher, um mir die Wägen und die Geſellſchaft anzuſehen. Wäͤhrend ich auf dieſe Weiſe beſchäftigt war, kam eine elegante Equipage an. Sie hielt, ein hintenauf ſtehender Diener ſprang herab, öffnete den Schlag und ließ den Tritt nieder. Im Fond ſaß eine ältliche Dame und eine andere, etwa achtzehn⸗ bis zwanzigjährige, auf dem Rückſitze ein Frauen⸗ zimmer, das ich für ihr Kammermädchen hielt, obgleich ich ſie nicht deutlich ſehen konnte. Meine Aufmerkſamkeit wurde durch irgend etwas Anderes abgelenkt und ich wendete mich nach einer anderen Seite. Als ich wieder hinſah, gingen die beiden Damen den Hügel hinauf und das Mädchen 4 — 8 ſtand, mir den Rücken zukehrend, am Wagen, aus dem ſie etwas nahm. Im nächſten Augenblicke wendete ſie ſich um und ich erkannte ſie. Es war Caſſy— es war mein Weib!. Ich eilte auf ſie zu und ſchloß ſie in meine Arme. Sie erkannte mich ſogleich, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und Freude aus und würde zu Boden geſunken ſein, wenn ich ſie nicht gehalten hätte. Sie kam bald wieder zu ſich und bat mich, ſie gehen zu laſſen, da ſie zurückgeſchickt worden ſei, um den Fächer ihrer Herrin zu holen, und ſie ſich beeilen müſſe, ihr denſelben zu bringen. Sie ſagte mir jedoch, daß⸗ ich warten ſolle und daß ſie augenblicklich zurückkehren würde, wenn ſie die Exaubniß dazu erhalten könne. Sie lief den Huͤgel hinauf und holte ihre Herrin ein; ich konnte an ihren Geberden den Eifer, mit dem ſie ihre Bitte vortrug, erkennen. Dieſe wurde ihr gewährt, und im nächſten Augenblicke war ſie wieder an meiner Seite. Ich drückte ſie abermals an meine Bruſt, und abermals fühlte ich, was es heißt, glücklich zu ſein. Ich nahm ſie bei der Hand und führte ſie in ein kleines Gehölz auf der andern Seite der Straße. Hier befand ſich ein dichtes Gebüſch, in welchem wir uns, vor Beobach⸗ tungen geſchützt, niederſetzen konnten. Wir ließen uns auf einen umge⸗ fallenen Baumſtamm nieder, und wechſelten tauſend Fragen und Antworten während ich ihre Hände feſt in den meinigen hielt. 3 Nachdem wir uns von unſrem erſten freudigen Erſtaunen über dieſe unverhoffte Wiederſehen erholt hatten, bat mich Caſſy um ausführliche Erzählung meiner Erlebniſſe ſeit unſerer Trennung. Mit welchem leuch⸗ tenden Auge und wogendem Buſen hörte ſie meine Geſchichte an! Bei jedem ſchmerzlichen Ereigniſſe derſelben rannen ihr große Thränen über die bald bleichen, bald gerötheten Wangen; bei jedem Schimmer von Erleich⸗ terung oder Zufriedenheit beſtrahlte mich ein zärtliches, freudiges, theil⸗ nehmendes Lächeln, das meiner Seele ein neues Leben einhauchte. Wer geliebt hat, wie wir einander liebten, wer einmal getrennt wurde, wie wir getrennt wurden, ohne Hoffnung, uns je wiederzuſehen, und wer durch Zufall oder durch göttliche Fügung unerwartet wieder vereinigt wurde wie wir,— der, aber auch nur der wird ſich einen Begriff von den Gefühlen machen können, welche mein Herz bewegten, als ich das Weib an meiner Seite fühlte, die mir, obgleich wir Beide Sklaven waren, gewiß eben ſo theuer war, als dem vornehmſten freien Manne ſeine heiß⸗ geliebte Gattin. Als ich mit meiner Geſchichte zu Ende war, zog mich Caſſy abermals an ſich und nannte mich ihren Gatten, während Thränen — aber Thränen der Freude, ihre Wangen überſtrömten. Sie blieb eine Zeitlang ſtumm und wie es ſchien in tiefes Nachſinnen verſunken; es war beinahe, als ob ſie zweifle, daß das ſo eben Gehörte— daß der Gatte, den ſie vor ſich ſah— daß unſer ganzes unerwartetes Zuſammentreffen etwas Andres als ein Traum ſei. Aber ich entriß ſie durch Küſſe ihrem Hinbrüten und gab ihr zu verſtehen, daß mich nicht weniger ſehnlich da⸗ nach verlange, ihre Geſchichte zu hören, als ſie die meine zu erfahren ge⸗ wünſcht habe. . Einundzwanzigſtes Kapitel.— — Das arme Mäaͤdchen ſchien nur mit dem größten Widerſtreben ihre Erinnerungen zu dem Schreckenstage zurückzuwenden, welcher uns, wie wir Der weiße Sklave. 6 82 und nur Mt Widerwillen von der Zeit nach unſrer Trennung zu ſprechen. Sie dauerte mich und ſo groß auch meine Neugierde war, wenn anders meine damaligen Gefühle einen ſo geringen Namen verdienen, hätte ich doch faſt wünſchen mögen, daß ſie dieſe Zeit mit Stillſchweigen überginge. Peinigende Zweifel und furchtbare Ahnungen ſtiegen in mir auf, und ich fürchtete beinahe, ſie ſprechen zu hören; aber ſie verbarg ihr Geſicht an meiner Bruſt, flüſterte mit vom Schluchzen halb erſtickter Stimme:„Mein Gatte muß& erfahren!“ und begann ihre Geſchichte. Sit war, wie ſie mir ſagte, ſchon vor Angſt und Entſetzen mehr todt als lebendig, und der erſte Schlag, den Oberſt Moore ihr gab, ſtreckte ſie beſinnungslos zu Boden. Als ſie wieder zu ſich kam, lag ſie in einem Zimmer, welches ſie noch nie geſehen hatte, im Bett. Sie ſtand auf, ſo gut 2s ihre Schmerzen geſtatteten, denn ſie konnte ſich nur mit Mühe be⸗ wegen. Das Zimmer war hübſch möblirt, das Bett weich und behaglich und mit Vorhängen verſehen. In der einen Ecke ſtand ein Toilettentiſch und überhaupt war die ganze Einrichtung des Schlafzimmers die einer vornehmen Dame, aber es glich keinem Zimmer des Herrenhauſes von Spring⸗Meadow. ber ſie waren beide verſchloſſen. Dann trat ſie an das Fenſter, in der waren von Außen mit Jalouſien verwahrt und dieſe auf eine ihr unbekannte Weiſe befeſtigt, ſo daß ſie dieſelben nicht öffnen konnte. Dieſe Verwah⸗ rung der Thüren und Fenſter überzeugte ſie, daß ſie eine Gefangene war, und beſtätigte ihre ſchlimmſten Vermuthungen. Als ſie an dem Toilettentiſche vorüberkam, warf ſie einen Blick in den Spiegel. Ihr Geſicht war todtenbleich, ihr Haar fiel in wirrer Unordnung uͤber ihre Schultern herab, und als ſie niederblickte, ſah ſie auf ihrem Kleide Blutflecken, wußte jedoch nicht, ob ſie von ihr oder von mir herrührten. Sie ſetzte ſich auf das Bett, es ſchwindelte ihr und ſie wußte kaum, ob ſie wache oder träume. Nach einiger Zeit öffnete ſich die eine Thür und ein Mädchen trat ein. Es war Miß Ritty(Henriette), wie ſie von der Dienerſchaft in Spring⸗ Meadow genannt wurde, ein hübſches Mädchen von ziemlich dunkler Farbe, welches zu jener Zeit die Stelle und Würde der Favoritin des Oberſt Moore bekleidete. Caſſy's Herz klopfte laut, während ſie Jemanden die gglaubten, auß ewig getrennt hatte. Sie zauderte, ſie ſchien ſich zu ſchämen Sie verſuchte die Thüren, deren zwei vorhanden waren, zu öffnen, Hoffnung, die Ausſicht zu erkennen; aber ſie konnte nur ſo viel entdecken, daß das Haus von Bäumen umgeben zu ſein ſchien, denn die Fenſter Thür aufſchließen hörte. Als dieſe ſich öffnete, ſah ſie mit Freuden, daß es nur ein Mäͤdchen und eine ihrer Bekannten war. Sie eilte ihr entgegen, ergriff ihre Hand und bat ſie um ihren Schutz. Das Mädchen lachte und fragte ſie, vor was ſie ſich fürchte. Caſſy wußte kaum, was ſie ihr ant⸗ worten ſolle. Nachdem ſie einen Augenblick gezaudert hatte, bat ſie Miß Ritty, ihr zu ſagen, wo ſie ſei und was man mit ihr vorhabe. „Du biſt an einem ſchönen Orte,“ war die Antwort,„und wenn der Herr kommt, kannſt Du ihn ſelbſt fragen, was mit Dir geſchehen ſoll.“ Dies wurde mit einem bedeutſamen Kichern geſprochen, we zu gut zu deuten nußte. Wenn auch Miß Ritty einer direkten Antwort auf ihre Frage ausge⸗ wichen war, ſo glaubte Caſſy jetzt doch zu errathen, wo ſie ſich befand. Das Mädchen bewohnte, wie ſie ſich erinnerte, ein kleines Haus in bedeutender ches Caſſy nur ₰ K 83 Entfernung von jedem andern der Pflanzung, daſſelbe, worin einſt Caſſy's Mutter und die meinige gewohnt hatten. Es war von einem kleinen Gehölz umgeben, lag darin faſt ganz verſteckt und wurde nur ſehr ſelten von einem der Diener beſucht. Miß Ritty hielt ſich für eine Perſon von nicht geringer Wichtigkeit, und wurde auch von den Uebrigen als eine ſolche angeſehen, und wenn ſie ſich auch zuweilen herabließ, Beſuche zu machen, ſo wünſchte ſte doch nicht, dieſelben erwiedert zu ſehen. Caſſy war indeß einigemal in ihrem Hauſe geweſen. Auf der Vorderſeite befanden ſich zwei kleine Zimmer, in welche ſie ungehindert zugelaſſen wurde, aber die hinteren Gemächer waren verſchloſſen und die Dienerſchaft flüſterte ſich zu, daß Oberſt Moore den Schlüſſel ſtets bei ſich trage, ſo daß ſelbſt Miß Ritty ſie nur in ſeiner Geſellſchaft betreten könne. Dies war vielleicht ein leeres Gerücht, aber Caſſy errinnerte ſich, früher bemerkt zu haben, daß die Fenſter auf dieſer Seite von Außen durch Jalouſten gegen unberufene Neugier geſchützt waren, und ſie zweifelte nicht mnehr, wo ſie war. Sie ſagte dies auch Miß Ritty und fragte ſie, ob ihre Herrin um ihre Rückkehr wiſſe. Miß Ritty konnte das nicht ſagen. Sie fragte nun, ob ihre Herrin an ihrer Stelle ein anderes Mädchen angenommen habe. Auch dies wußte Ritty nicht. 4 Sie bat um Erlaubniß, zu ihrer Herrin gehen zu duͤrfen; aber Ritth meinte, das ſei unmöglich. Caſſy bat ſie hierauf, ihrer Herrin wenigſtens wiſſen zu laſſen, wo ſie ſei, und daß ſie ſehr wünſche, dieſelbe zu ſehen. Miß Ritty ſagte, daß ſie ihr gern den Gefallen thun würde, aber ſie ſei nicht gewohnt, viel in das Haus zu gehen, und das letztemal, wo ſie dort geweſen ſei, habe Mrs. Moore ſie ſo hart angelaſſen, daß ſie ſich vorgenommen habe, nie wieder hinzugehen, wenn ſie nicht dazu ge⸗ zwungen ſei. Als die arme Caſſy auf dieſe Weiſe jede Ausſicht verſchloſſen ſah, warf ſie ſich auf das Bert, verbarg ihr Geſicht in den Kiſſen und ſuchte in Thränen Erleichterung. 8* Miß Ritty klopfte jetzt das arme Mädchen auf die Schulter, ſagte ihr, daß ſie nicht niedergeſchlagen ſein möge, ſchloß einen im Zimmer ſtehenden Schrank auf und nahm ein Kleid heraus, welches, wie ſie ſagte, ſehr ſchön ſei. Dann hieß ſie Caſſy aufſtehen und es anziehen, da ihr Herr bald kommen würde. Dies war es, was Caſſy fürchtete; aber ſie wollte den Beſuch wenigſtens hinaus ſchieben, wenn ſie ihm nicht entrinnen konnte. Sie ſagte Miß Ritty daher, daß ſie zu krank ſei, um Jemanden bei ſich zu ſehen, ſie weigerte ſich entſchieden, ihren Anzug in Ordnung zu bringen, und bat, daß man ſie in Frieden ſterben laſſen möge. Miß Ritty lachte, als ſie vom Sterben ſprach, ſchien aber doch bei dem Gedanken daran ein wenig beſorgt zu werden, und fragte, was ihr eigentlich fehle. Caſſy ſagte ihr, daß ſie an dieſem Tage genug geſehen und gelitten habe, um des Lebens uͤberdrüſſig zu ſein, daß ihr der Kopf zerſpringen wolle, daß ihr Herz gebrochen ſei und daß ſie ſich den Tod je eher je lieber wünſche. Hierauf bot ſie ihren ganzen Muth auf, um meinen Namen zu erwähnen, und bemühte ſich zu erforſchen, was aus mir geworden ſei. Ritty ſchüttelte abermals den Kopf und erklärte, daß ſie darüber keine Auskunft geben könne. 3 3 . 6* 84 In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet und Oberſt Moore trat ein. Er ſah verſtört und ſchuldbewußt aus. Die Röͤthe, welche ſein Geſicht überzog, als Caſſy ihn das letztemal geſehen hatte, war völlig ver⸗ ſchwunden, und ſein Antlitz leichenblaß. Sie hatte ihn noch nie ſo geſehen und erſchrack bei ſeinem Anblick. Er befahl Ritty, ſich zu entfernen, ſagte ihr aber, daß ſie im Vorzimmer warten ſolle, da er vielleicht ihres Bei⸗ ſtandes bedürfen werde. Dann verriegelte er die Thür und ſetzte ſich neben Caſſy auf das Bett. Sie ſprang ſchaudernd auf und zog ſich in die ent⸗ fernteſte Ecke des Zimmers zuruͤck. Er laäͤchelte verächtlich und gebot ihr zurückzukommen und ſich neben ihm niederzuſetzen. Sie gehorchte, denn ſie konnte nichts Beſſeres thun, mochte es ihr auch noch ſo ſehr zuwider ſein. Er nahm ihre Hand und ſchlang einen Arm um ihre Taille. Sie wich abermals vor ihm zuruͤck und wollte fliehen, aber er ſtampfte unwillig mit dem Fuße und befahl ihr in rauhem Tone, ſich ruhig zu verhalten. Err ſchwieg einen Augenblick, dann nahm er das ihm zur Gewohnheit gewordene Lächeln an und begann in dem milden, ſanften, einſchmeicheln⸗ den Tone zu ſprechen, in welchem er unübertrefflich war. Er beſtürmte ſie mit Schmeicheleien, zärtlichen Worten und freigebigen Verſprechungen. Er machte ihr ſanfte Vorwürfe über ihre Verſuche, dem Guten, welches er mit im Sinne habe, zu entfliehen. Dann ſprach er von mir, hatte aber kaum meinen Namen ausgeſprochen, ſo erhob er die Stimme wieder, ſeine Geſicht röthete ſich von Neuem und er gerieth in augenſcheinliche Gefahr, ſeinen Gleichmuth wieder zu verlieren. Sie unterbrach ihn und flehte ihn an, ihr zu ſagen, wie es mir gehe und was aus mir geworden ſei. Er antwortete, es gehe mir gut genug, weit beſſer als ich es verdiene, aber ſie ſolle nicht weiter an mich denken, da er beabſtchtige, mich aus der Gegend zu ſchicken, ſobald ich zu reiſen in⸗ Süünpe ſei, und ſie weder hoffen noch erwarten duürfe, mich wieder zuſehen. Sie bat flehentlich, mit mir fortgeſchickt und verkauft zu werden. Er zeigte ſich über dieſes Verlangen höchlich erſtaunt und fragte ſie nach dem Grunde deſſelben. Sie antwortete ihm, daß es nach Allem was geſchehen, weit beſſer ſei, wenn ſie nicht laͤnger in ſeinem Hauſe bleibe, und überdies ware es möglich, daß wenn ſie zu gleicher Zeit verkauft würde, dieſelbe Perſon, welche ſie kaufte auch ihren Gatten kaufen könne. Das Wort „Gatte“ verſetzte ihn in den heftigſten Zorn; er ſagte ihr, daß ſie keinen Gatten habe und keinen brauche, denn er werde für ſie beſſer ſein als ein Ehemann und ſei ihrer Thorheit müde. Dann befahl er ihr mit einem bedeutſamen Blicke, keine Närrin zu ſein, nicht mehr zu weinen und zu jammern und als gutes Mädchen das zu thun, was ihr Herr verlange, denn ſei es nicht die Pflicht einer Dienerin, ihrem Herrn zu gehorchen? Sie antwortete ihm, daß ſie krank und elend ſei, und bat ihn, ſie zu verlaſſen. Statt dies zu thun, ſchlang er die Arme um ihren Hals und erklärte, daß ihre Krankheit nichts als Einbildung ſei, denn er habe ſie nie ſchoͤner geſehen. 3 S ie ſprang auf— aber er erfaßte ſie, ſchloß ſie in ſeine Arme und trug ſie nuf das Bett. Selbſt in jenem entſetzlichen Augenblicke verließ ſte die Geiſtesgegenwart nicht. Sie bot alle ihre Kräfte auf und es ge⸗ lang ihr, ſich ſeiner verhaßten Umarmung zu entreißen. Dann nahm ſie ihren ganzen Muth zuſammen, blickte ihm durch ihre Thränen in's Geſicht, bemühte 89 ihre Stimme zu beherrſchen und rief: 3 8 „ . „Herr! Vater!— was verlangen Sie von Ihrer eignen Tochter?“ Oberſt Moore ſchwankte, als ob er von einer Kugel getroffen wäre. Eine glühende Röthe überzog ſein Geſicht, er wollte ſprechen, aber die Worte ſchienen ihm in der Kehle ſtecken zu bleiben. Dieſe Verwirrung dauerte aber nur einen Augenblick. Er gewann bald ſeine Faſſung wie⸗ der und ſagte, ohne von ihrer letzten Anrufung ſeiner Gefühle die mindeſte Notiz zu nehmen, daß er ſie nicht quälen wolle, wenn ſie wirklich krank ſei. Nach dieſen Worten öffnete er die Thür und verließ das Zimmer. Sie hörte ihn mit Ritty ſprechen und er war erſt einige Augenblicke fort, als dieſe eintrat. Sie begann mit einer langen Reihe von Fragen über das, was Oberſt Moore geſagt und gethan habe; da aber Caſſy nicht geneigt ſchien, ihr eine Antwort zu geben, ſo ſagte ſie lachend, daß ſie ſich die Mühe erſparen könne, da ſie ſelbſt die ganze Zeit über durch das Schluſſelloch hereingeſchaut und gehorcht habe. Sie könne ſich nicht er⸗ klären, weshalb Caſſy ſo viel Aufhebens mache. Bei einem ſehr jungen Mädchen würde es vielleicht zu entſchuldigen ſein, aber bei einer Perſon von ihrem Alter, und noch dazu einer verheiratheten Frau, könne ſie es nicht begreifen. Dies iſt die Moralität und das Schamgefühl, welche man von Sklaven erwarten kann! 3 Das arme Mädchen war nicht in der Stimmung, ſich auf einen Streit einzulaſſen, und ſie hörte daher dieſe Reden an, ohne darauf zu antworten. Doch gerade in jenem Augenblicke ſtieg ein ſchwacher Hoffnungsſtrahl in ihr auf. Es fiel ihr ein, daß Miß Ritty, wenn ihr begreiflich gemacht werden könne, welche Gefahr ſie lief, indem ſie dazu beitrug, ſich ſelbſt eine Nebenbuhlerin zu ſchaffen, nicht erfreut über die Ausſicht ſein würde, vielleicht aus einer Stellung, die ihr ſo ſehr zu gefallen ſchien, verdrängt zu werden. Dieſe Idee erweckte einige Hoffnung in ihr, Ritty zu gewin⸗ nen und ihre Hilfe zur Flucht von Spring⸗Meadow zu erlangen. Sie be⸗ ſchloß ſofort zu handeln. Aber ſie mußte mit Vorſicht zu Werke gehen, um den Stolz des Mädchens nicht zu verletzen und ſich dadurch des ganzen Vortheils zu berauben, der ſich aus ihren Befürchtungen ziehen ließ. Sie näherte ſich dem Gegenſtande allmälig, und ſtellte ihn bald in einem Lichte dar, in welchem ihre Gefährtin ihn offenbar noch nie be⸗ trachtet hatte. Als ſie der Sache zum erſten Male erwähnte, ſprach Jene mit der größten Zuverſicht von ihrer Schönheit, und that, als ob ſie keine Angſt habe; allein es zeigte ſich bald unverkennbar, daß ſie ſich trotz aller ihrer Prahlereien in bedeutender Beſorgniß befand. Es war in der That un⸗ möglich, ihrer vorausſichtlichen Nebenbuhlerin in's Geſicht zu blicken, ohne die Gefahr zu erkennen. Caſſy war mit dem Eindruck, den ihre Andeu⸗ tungen gemacht hatten, ſehr zufrieden und begann die ernſtliche Hoffnung zu hegen, daß ſie bald wieder ihre Flucht werde antreten können. Das Entlaufen war allerdings ein ſchlimmes und wahrſcheinlich er⸗ folgloſes Auskunftsmittel, aber was konnte ſie ſonſt thun? Welche Hoff⸗ nung bot ſich ihr außerdem dar, einem Schickſal zu entrinnen, welches ſie ihre weiblichen und religiöſen Gefühle mit dem größten Entſetzen und Abſcheu betrachten lehrten? Es war ihre einzige Rettung; ſie wollte ſie verſuchen, und mit Vertrauen auf Gottes Beiſtand dem Ausgange ent⸗ gegen ſehen. Sie theilte nun Ritty in klaren Worten mit, was ſie beabſichtigte und welches Beiſtandes ſie bedurfte. Ihre neue Verbündete zollte ihrer Ent⸗ ſchloſſenheit Beifall, indem ſie ſagte, wenn Oberſt Moore wirklich ihr Vater ſſei, ſo ändere dies allerdings die Sache, und ihre methodiſtiſche Religton trage auch dazu bei, ihre Gefühle zu erklären, denn ſie wiſſe, daß alle dieſer Kirche angehörenden Leute in ihren Grundſätzen ungemein ſtreng ſeien. Obgleich aber Miß Ritty ziemlich bereit war, ihr Aufmunterung und Beifall zu Theil werden zu laſſen, ſo ſchien ſie doch keine Luſt zu haben, thätigen Antheil an einer Flucht zu nehmen, welche zwar anſcheinend in ihrem Intereſſe lag, im Fall der Entdeckung aber doch leicht verderblich für ſie werden konnte.. 3 Es wurden mehrere Pläne beſprochen, aber Miß Ritty hatte gegen jeden etwas einzuwenden. Sie wollte lieber Alles über ſich ergehen laſſen, als ſich der Gefahr ausſetzen, bei ihrem Herrn in den Verdacht zu kommen, daß ſie komplotire, um ſeine Wünſche zu vereiteln. Da es ihnen ſo ſchwer wurde, ſich über einen ausführbaren Plan zu einigen, ſo beſchloſſen ſie endlich, um Zeit zu gewinnen, vorzugeben, daß Caſſy ſehr krank ſei. Dies war in der That auch kaum eine Unwahrheit zu nennen, denn das arme Mädchen war nur durch das Erkennen ihrer kritiſchen Lage in den Stand geſetzt worden, ſich unter den Erſchütterungen und Leiden der letzten vierundzwanzig Stunden aufrecht zu erhalten. Ritty übernahm es, ihren Herrn zu überreden, daß er nichts Beſſeres thun könne, als ſie vor der Hand in Ruhe zu laſſen, bis ſie wieder wohler ſei. Sie wollte dem Oberſt Moore verſprechen, Caſſy inzwiſchen zu bearbeiten, und ihm verſichern, daß ſie nicht daran zweifle, ſie bald überzeugen zu können, daß ſowohl ihr Vor⸗ theil wie ihre Pflicht gebiete, die Wünſche ihres Herrn zu erfüllen. Bis hieher war Alles gut gegangen. Ihr Plan war kaum zur Reife gediehen, ſo hörten ſie den Schritt des Oberſten wieder im Vorzimmer. Ritty eilte ihm entgegen, und es gelang ihr, ihn zu überreden, daß er ſich ohne einen Verſuch, Caſſy zu ſehen, wieder entfernte. Am folgenden Tage ereignete ſich ein Umſtand, den weder Caſſy noch Ritty vorausgeſehen hatten, der aber ihrem Plane ſehr zu Statten kam. Oberſt Moore mußte unverzüglich nach Baltimore reiſen, wo dringende Geſchäfte ſeine Anweſenheit gebieteriſch verlangten. Ehe er aufbrach, fand er jedoch Zeit, Ritty noch einmal zu beſuchen und ihr einzuſchärfen, auf Caſſy ein wachſames Auge zu haben, ſo daß ſie bei ſeiner Rückkehr zur Vernunft gekommen ſei. 1 Wenn Caſſy je entfliehen konnte, ſo war jetzt der günſtigſte Augenblick dazu, und ſie hatte bald einen paſſenden Plan entworfen. Ihr Haupt⸗ zweck war der, Ritty vor dem Verdachte zu bewahren, daß ſie ihre Flucht begünſtigt habe, und zugleich auch dieſe zu beſchleunigen. Zum Glück entſprach ihr Plan dieſem doppelten Zwecke vollkommen. Caſſy konnte nur durch die Thür oder aus dem Fenſter entkommen. An die Flucht durch die Thür war nicht zu denken, da Ritty den Schlüſſel dazu hatte und ſich beſtändig im Vorzimmer aufhalten ſollte. Die Flucht mußte alſo durch ein Fenſter erfolgen. Dieſe waren nicht, wie es ſonſt in Amerika der Fall zu ſein pflegt, zum Heraufſchieben eingerichtet, ſondern ſie drehten ſich in auf der innern Seite angebrachten Angeln. Die Jalouſien, mit denen ſie von Außen verſehen waren, beſtanden aus quer über die Fenſterge⸗ wände genagelten und nicht zum Oeffnen eingerichteten Latten. Dieſe mußten zerſchnitten oder zerbrochen werden, was leicht anging, da ſie von Tannenholz waren. Ritty brachte ein paar Tiſchmeſſer herbei und half ſte durchſchneiden, obgleich ſie, der Geſchichte gemäß, welche ſte ihrem Herrn erzählen ſollte, die ganze Zeit über in einem tiefen argloſen Schlafe ge⸗ * 8 &ℛ —Xꝛ 3 87 legen und Caſſy heimlich die Latten mit einem Taſchenmeſſer durchſchnitten haben mußte. Am Abend der Abreiſe Oberſt Moore's war ſchon frühzeitig Alles bereit und Caſſy ſollte ſich entfernen, ſobald ſie es ohne Gefahr wagen durfte. Ritty verſprach, erſt den folgenden Tag Nachricht von ihrer Flucht zu geben, welche Verzögerung ſie durch den Vorwand, daß ſie den Aufſeher nicht habe finden können, und mit der angeblichen Ungewißheit, ob es Oberſt Moore's Wunſch ſei, dem Aufſeher etwas von der Sache wiſſen zu laſſen, entſchuldigen konnte. Jedenfalls hofften ſie, daß nicht eher ernſtliche Nachforſchungen erfolgen würden, als bis Oberſt Moore von ſeiner Reiſe zurückkehrte. Caſſy ſchickte ſich jetzt zur Flucht an. Der Gedanke mich verlaſſen zu müſſen, war ihr ſchmerzlich; da aber Ritty ihr nicht ſagen konnte oder wollte, was aus mir geworden ſei, und ſie demnach wußte, daß es uns doch nicht möglich ſein werde, einander Beiſtand zu leiſten, ſo urtheilte ſte ganz richtig, daß ſie mir am beſten dienen und meinen Wünſchen am beſten entſprechen würde, wenn ſie den einzigen Ausweg benutzte, welcher einige Wahrſcheinlichkeit darbot, ſie vor der gefürchteten Schande zu bewahren. Caſſy hatte ſich aus den Nationen Ritty's auf mehrere Tage mit Lebensmitteln verſehen. Es war jetzt völlig dunkel, und alſo Zeit zum Auf⸗ bruch. Sie küßte ihre Wirthin und Verbündete, welche ſchmerzlich ergriffen zu ſein ſchien, daß ſie ſie bei einem ſo gewagten Unternehmen allein laſſen mußte, und ihr gern das wenige Geld gab, das ſie beſaß. Caſſy war über dieſe unerwartete Freigebigkeit ſehr gerührt. Sie ließ ſich aus dem Fenſter herab, ſagte Ritty Lebewohl, nahm ihre ganze Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart zuſammen und ſchlug den nächſten Weg über die Felder nach der Landſtraße ein. Dieſe Straße wurde, mit Ausnahme der Be⸗ wohner von Spring⸗Meadow und einiger benachbarten Pflanzungen, nur wenig benutzt, und zu dieſer Stunde des Abens lief ſie nur geringe Gefahr, Jemandem zu begegnen, als höchſtens vielleicht einem herumſtreifenden Sklaven, der es aber eben ſo ängſtlich vermieden haben würde, ſich blicken zu laſſen, wie ſie. Der Mond ſchien nicht, aber der Schimmer der Sterne leitete ihre Schritte. Sie fürchtete nicht ſich zu verirren, denn ſie war oft mit ihrer Herrin nach dem kleinen Dorfe beim Gerichtshaufe der Graf⸗ ſchaft gefahren und dorthin beſchloß ſie zuvörderſt zu gehen. Sie kam dart an ohne einen Menſchen geſehen zu haben. Bis jetzt war noch keine Spur des herannahenden Morgens zu erblicken. Alles war ſtill bis auf das eintönige Zirpen der Inſekten, welches dann und wann von dem Krähen eines Hahnes oder dem Gebell eines Hofhundes unter⸗ brochen wurde. Das Dorf beſtand aus einem verfallenen Gerichtshauſe, einer Schmiede, einer Schenke, einigen Kaufläden und einem halben Dutzend zerſtreut umher liegender Häuſer. Es lag an einer Stelle, wo ſich zwei Wege kreuzten, von denen der eine, wie ſie wußte, auf die Straße nach Baltimore führte. Sie hatte gehofft, dieſe Stadt zu erreichen, wo ſie viele Bekannte hatte und Schutz und Beſchäftigung finden konnte; allein die Ausſicht, dorthin zu gelangen, war nur ſehr gering. Baltimore war zwei bis dreihundert Meilen entfernt, und ſie wußte nicht einmal, welche von den beim Gerichtshofe zuſammentreffenden Straßen ſie einſchlagen mußte. Sie durfte weder nach dem Wege fragen, noch um ein Glas Waſſer bitten, noch ſich nur auf der Straße blicken laſſen, ohne Gefahr zu laufen, 88 eine entflohene Sklavin feſtgenommen und dem Herrn, dem ſie entlaufen war, zurückgebracht zu werden. Nachdem ſie eine Zeitlang gezaudert hatte, ſchlug ſie einen von den beiden Wegen ein und wanderte rüſtig vorwärts. Die Erſchütterungen der letzten Tage ſchienen ihr übernatürliche Kräfte gegeben zu haben, denn ſie fuͤhlte ſich nach einem Marſche von mehr als zwanzig Meilen friſcher, als beim Aufbruch. Die jetzt anbrechende Morgendämmerung erinnerte ſie jedoch daran, daß es nicht mehr rathſam ſei, ihre Reiſe fortzuſetzen. Ddicht am Wege lag ein freundliches Gebüſch mit von Thau triefenden Straäuchern und Gewächſen. Sie war noch nicht tief eingedrungen, als ſie dieſelben ſchon ſo hoch und dicht fand, daß ſie ihr einen genügenden Verſteck gewährten. Sie kniete nieder und flehte in ihrer Hilfloſigkeit den Himmel um Schutz und Beiſtand an. Nachdem ſie eine ſpärliche Mahlzeit gehalten hatte, denn ſie mußte ihre Mundvorräthe ſchonen, ſcharrte ſie die Blätter zu einem rohen Lager zuſammen und legte ſich nieder, um zu ſchlafen. hatte die drei vorhergehenden Nächte kaum ein Auge zugethan, aber e holte das Verſäͤumte jetzt nach, denn ſie erwachte erſt am ſpäten Nachmittag. Sobald der Abend hereinbrach, machte ſie ſich wieder auf den Weg und marſchirte mit neu geſtärkten Kräften weiter. Der Weg theilte ſich häufig, aber es gab nichts, woran ſie hätte erkennen können, welche Straße ſie verfolgen mußte. Sie wählte die erſte beſte, wie es ihr gerade einfiel, und tröſtete ſich dabei mit dem Gedanken, daß ſie, mochte ihre Wahl nun richtig oder unrichtig ſein, ſich jedenfalls immer weiter von Spring⸗ Meadow entfernte. Im Laufe der Nacht begegnete ſie mehreren Reiſenden. Einige davon gingen vorüber, ohne von ihr Notiz zu nehmen, Andere bemerkte ſie von ferne und verbarg ſich dann im Gebuſch, bis ſie vorüber waren; aber ſie kam nicht immer ſo leicht davon. Sie wurde mehr als einmal ange⸗ halten und ausgefragt; aber es gelang ihr glücklicherweiſe, befriedigende Antworten zu geben. In der That war ihre Farbe, beſonders in dem un⸗ gewiſſen Lichte des Abends, kein deutliches Anzeichen, daß ſie eine Sklavin war, und ſie hütete ſich, in ihren Antworten auf die an ſie gerichteten Fragen etwas zu ſagen, was ihren Stand verrathen konnte. Einer von den Männern, welche ſie ausfragten, ſchüttelte den Kopf und ſchien nicht befriedigt zu ſein; ein Andrer ſah ihr nach, bis ſie völlig verſchwunden war; ein Dritter ſagte ihr, daß ſie eine ſehr verdächtige Perſon ſei; aber alle Drei geſtatteten ihr, ihre Reiſe fortzuſetzen. Sie brauchte um ſo we⸗ niger eine Unterbrechung ihrer Flucht zu befürchten, da die Häuſer der Bewohner von Virginien ſehn an der Landſtraße liegen. Die Pflanzer bauen lieber in einiger Entfetnung vom Wege, und die durch die höchſten und unfruchtbarſten Landſtrichs fühtenden Wege ſchlängeln ſich traurig durch eine öde und anſcheinend faſt unbewohnte Gegend. Sobald es Tag wurde, verbarg ſie ſich wieder wie früher und ſetzte erſt mit Einbruch der Dunkel⸗ heit ihre Reiſe fort. Auf dieſe Weiſe ging ſie vier Tage oder vielmehr Naͤchte hindurch, nach deren Ablauf ihre Mundvorräthe völlig erſchöpft waren. Sie wußte nicht, in welcher Gegend ſie ſich befand, und die Hoffnung, Baltimore zu erreichen, welche Anfangs ihre Muhſeligkeiten erleichtert hatte, war jetzt völlig verſchwunden. Sie wußte nicht, was ſie thun ſollte. Ohne Beiſtand viel weiter zu gehen, war kaum möglich, und doch konnte ihre Farbe und der Umſtand, daß ſie allein reiſte, wenn ſie irgendwo Speiſe oder Zurecht⸗ 4 82 —xxx— 89 weiſung verlangte, obgleich ſie von Vielen für eine freie Weiße gehalten werden konnte, den Verdacht erregen, daß ſie eine entlaufene Sklavin ſei, und es war leicht möglich, daß man ſie anhielt, in irgend ein Gefängniß brachte und dort verwahrte, bis ſich der Verdacht in Gewißheit ver⸗ wandelt hatte. In der fünften Nacht wanderte ſie, von Hunger und Anſtrengung er⸗ ſchöpft, und in Betrachtungen über ihre unglückliche Lage verſunken, lang⸗ ſam dahin, als die Straße ſich einen Hügel hinabzog und plötzlich an das Ufer eines breiten Fluſſes ſtieß. Eine Brücke war nicht vorhanden, aber ſie ſah einen am Ufer angebundenen Fährkahn und dicht dabei das Fähr⸗ haus, welches zugleich eine Schenke zu ſein ſchien. Hier befand ſie ſich in einer neuen Verlegenheit. Sie konnte nicht über den Fluß ſetzen, ohne die Fährleute zu rufen oder zu warten, bis ſie herauskommen würden, und dies mußte ſie ſofort der Gefahr der Entdeckung ausſetzen, welche ſie ſo lange als irgend möglich vermeiden wollte. Das Umkehren und Aufſuchen einer andern Straße ſchien jedoch ein eben ſo hoffnungsloſes Auskunfts⸗ mittel zu ſein. Jede andere Straße, welche nicht nach der entgegengeſetzten Richtung führte, wie die, welche ſie einſchlagen wollte, mußte ſie wieder an das Ufer deſſelben Fluſſes bringen, und da ſie nicht ohne Nahrung leben konnte, ſo blieb ihr bald nichts Andres mehr übrig, als irgendwo um Beiſtand zu bitten, und der Entdeckung, welche ſie ſo ſehr zu vermeiden wuͤnſchte, die Stirn zu bieten. Sie ſetzte ſich am Wege nieder und beſchloß, den Morgen abzuwarten und über ſich ergehen zu laſſen, was der Zufall bringen würde. In der Nähe des Hauſes befand ſich ein Maisfeld und die Stengel waren mit Röſtkolben bedeckt. Sie haͤtte kein Feuer und auch nicht die Mittel, ein ſolches anzuzünden, aber der ſüße milchige Saft der unreifen Kerne be⸗ ſchwichtigte ihren nagenden Hunger.. Sie hatte einen Platz gewählt, von welchem aus ſie Alles, was beim Fährhauſe vorging, beobachten konnte. Der Morgen war eben erſt ange⸗ brochen, als ſie einen Mann die Thür öffnen und herauskommen ſah. Es war ein Neger. Sie ging dreiſt auf ihn zu und ſagte ihm, daß ſie große Eile habe und augenblicklich übergeſetzt zu werden wünſche. Der Mann ſchien einigermaßen erſtaunt zu ſein, als er ſo früh am Morgen ein allein reiſendes Frauenzimmer ſah, aber nachdem er ſie einige Minuten angeſtarrt, dachte er wahrſcheinlich, daß er hier Gelegenheit habe, ein gutes Fährgeld zu verdienen. Er murmelte etwas von der frühen Stunde und daß die Fähre erſt mach Sonnenaufgang überzuſetzen anfange, erbot ſich aber, ſie für einen halben Dollar in einem Canoe hinüberzubringen. Sie bezahlte den Preis, ohne ſich zu beſinnen und der Schwarze ſteckte das Geld ohne Zweifel in ſeine eigene Taſche, anſtatt es ſeinem Herrn zu übergeben, oder ihm ein Wort von dieſem frühen Fahrgaſte zu ſagen. Sie ſtiegen in den Kahn und er fuhr ſie hinüber. Sie wagte es nicht, Fragen an ihn zu richten, um ſich nicht zu verrathen, und bemühte ſich auf's Beſte die Neugier des Bootführers, der jedoch höflich war und ſich leicht zufrieden ſtellen ließ, zu beſchwichtigen. Nachdem ſie am andren Ufer gelandet war, ging ſie einige Meilen weiter und verbarg ſich dann, da es jetzt heller Tag wurde, wie gewöhnlich. Am Abend brach ſie wieder auf, aber ſie war vom Hunger geſchwächt, ihre Schuhe faſt gänzlich abgenutzt, ihre Füße ſchmerzhaft geſchwollen und ihre Lage überhaupt keineswegs angenehm. Sie ſchien von der Landſtraße 90 b und auf einen Nebenweg gekommen zu ſein, der über verödete, ver⸗ laſſene Felder führte und nur ſehr wenig belebt war. Sie erblickte wäh⸗ rend dieſer ganzen Nacht weder einen Menſchen, noch ein Haus. So ſchmerzlich ihr auch die Anſtrengung wurde, ſchleppte ſte dennoch ihre müden Füße weiter; aber ihr Muth war gebrochen, ihr Herz niedergedrückt und ihre Kräfte faſt erſchöpft. Endlich dämmerte der Morgen; aber die arme Caſſy ſuchte ihren gewohnten Verſteck nicht wieder auf, ſie wanderte in der Hoffnung, ein Haus zu erreichen, vorwärts. Sie war jetzt gänzlich entmuthigt und wollte lieber ihre Freiheit auf's Spiel ſetzen und der Gefahr Trotz bieten, nach Spring⸗Meadow zurückgebracht und dem furchtbaren Schickſale, dem ſie entflohen war, preisgegeben zu werden, als vor Hunger und Erſchöpfung umkommen. Es iſt traurig, daß die edelſten Vorſätze und die beharrlich ſte Ausdauer ſo oft den proſatiſchen Beduürfniſſen der thieriſchen Natur weichen müſſen, und daß der Menſch durch ſchmachvolle Todesfurcht, welche die Tyrannen aller Zeiten ſtets ſo wohl zu benutzen verſtanden haben, gezwun⸗ gen wird, aus den erhabenen Regionen einer heldenmüthigen Tugend in die feige Unterwürfigkeit eines muthloſen und gehorſamen Sklaven zuruckzufallen! Sie war noch nicht weit gegangen, als ſie ein niedriges, ärmlich ausſehendes Haus am Wege liegen ſah. Es war ein kleines, von Alter kleinen Fenſtern fehlte die Hälfte der Scheiben und ihre Stelle war durch alte Lappen und Breter erſetzt. Die Thür ſchien aus ihren Angeln zu weichen und das Haus beſaß keine Einfriedigung irgend einer Art, man hätte denn das hohe Unkraut, von welchem es umgeben war, ſo nennen wollen. Das ganze zeigte die unverkennbarſten Spuren völliger Ver⸗ nachläſſigung. Sie klopfte leiſe an die Thür und eine weibliche Stimme, die aber rauh und hart klang, forderte ſie auf einzutreten. Das Gebäude hatte keine Hausflur, die äußere Thür führte ſie direkt in das einzige Zimmer, und Caſſy fand darin eine barfüßige, nachläſſig gekleidete Frau von mitt⸗ lerem Alter, der das ungekämmte Haar um ein mageres, ſonnenverbranntes Geſicht herabhing. Sie war damit beſchäftigt, einen gebrechlichen Tiſch zu decken, und ſchien ihre Anſtalten zum Fruhſtück zu treffen. Die eine Seite des Zimmers wurde faſt gänzlich von einem ungeheuren Kamin ausgefüllt. In dieſem brannte ein Feuer und die Maiskuchen bucken in der Aſche deſſelben. In der entgegengeſetzten Ecke ſtand ein niedriges Bett, worin der Beſitzer des Hauſes noch ſchlief, ohne ſich durch das Geſchrei und Lärmen von einem halben Dutzend kleinen Rangen ſtören zu laſſen, welche ungewaſchen, ungekämmt und halb nackt im Hauſe umhertobten und ſich balgten, aber plötzlich ſchwiegen, und ſich hinter ihre Mutter verſteckten, als ſie das fremde Geſicht erblickten. Die Frau deutete auf eine rohe Bank, welche das einzige Sitzmöbel im Hauſe zu ſein ſchien, und forderte Caſſy auf, ſich niederzulaſſen. Sie that es und ihre Wirthin beobachtete ſie ſcharf, während ſie neugierig zu erwarten ſchien, daß ſie ſagen würde, wer ſie war und was ſie wunſche. Sobald Caſſy ihre Gedanken ſammeln konnte, erzählte ſie ihr, daß ſie von Richmond nach Baltimore reiſe um eine kranke Schweſter zu beſuchen. Sie ſei arm, habe keine Freunde und müſſe daher zu Fuß gehen. Sie habe ſich verirrt und ſei die ganze Nacht umhergewandert, ohne zu wiſſen, wo ſie war oder nach welcher Richtun ſie ging. Sie ſei, fügte ſie hinzu⸗ geſchwärztes und ziemlich verfallenes Blockgebäude. In den zwei oder drei — 3 4 8 91 ſowie einiger Auskunft über den Weg, um ihre Reiſe fortſetzen zu körtnen. Zu gleicher Zeit nahm ſie ihre Börſe heraus, um zu zeigen, daß ſie das, was ſie verzehre, bezahlen könne. 3 Ihre Wirthin ſchien trotz ihres rauhen, ärmlichen Aeußern von dieſer traurigen Geſchichte gerührt zu werden. Sie ſagte ihr, ſie möge nu ihr Geld behalten, ſie habe keine Schenke und ſie könne einer armen Frau ſchon noch ein Frühſtück geben, ohne es ſich bezahlen zu laſſen. vor Hunger und Ermattung halb todt und bedürfe Stärkung und Rühe, 3 Caſſy war zu ſchwach und erſchöpft, um viel ſprechen zu können, dund 3 überdies fürchtete ſie beſtändig, daß ihr ein unbeſonnenes Wort entſchluͤpfenn möchte, das ſie verrathen konnte. Aber jetzt, wo das Eis gebrochen war, ließ ſich die Neugier ihrer Wirthin nicht mehr ſo kurz abſpeiſen; ſte über⸗ ſchüttete ſie mit einem Strome von Fragen uud jedesmal, wenn Caſſy zauderte oder ein Zeichen von Verlegenheit gab, heftete ſie ihre ſtechen⸗ den grauen Augen mit einem durchdringenden Blicke, bei dem Caſſy immer banger wurde, auf dieſe. 8 Bald waren die Maiskuchen gebacken und die übrigen Frühſtücksvor⸗ bereitungen beendigt, worauf die Frau ihren Mann unſanft an der Schulter ſchüttelte und ihm aufzuſtehen befahl. Dieſe eheliche Begrüßung weckte den Schläfer. Er richtere ſich im Bett auf und ſtierte mit irren Blicken im Zimmer umher; aber die Röthe ſeiner Augen und die fahle Bläſſe ſeines Geſichts ſchien zu beweiſen, daß er die Wirkungen des Gelages der ver⸗ gangenen Nacht noch nicht ganz ausgeſchlafen hatte. Die Frau ſchien ſeine Wünſche zu errathen, denn ſie brachte ſofort den Whiskeykrug herbei und füllte daraus ein großes Glas. Ihr Mann leerte es mit Wohlbehagen und gab es ihr dann mit zitternder Hand zurück, worauf ſie es nochmals zur Hälfte füllte und es ſelbſt wieder leerte. Dann wendete ſie ſich zu Caſſy, bot ihr mit der Bemerkung, daß man zu nichts geſchickt ſei, ſo lange man noch nicht ſeinen„Morgenbittern“ genoſſen habe, ein Glas an, und ſchien nicht wenig erſtaunt zu ſein, als es abgelehnt wurde. Jetzt be⸗ gann ſich der Hauswirth gemächlich anzukleiden und hatte ſeine Toilette halb beendigt, ehe er zu bemerken ſchien, daß ſich ein Gaſt im Hauſe befand. Er kam auf die Fremde zu und bot ihr einen guten Morgen. Seine Frau⸗ zog ihn augenblicklich bei Seite und ſie flüſterten eifrig mit einander. Von Zeit zu Zeit blickten Beide Caſſy an, und da ſie vermuthete, daß ſie der Gegenſtand ihrer Unterhaltung ſei, ſo wurde ſte von einer ängſtlichen Ver⸗ legenheit ergriffen, welche zu verbergen ſie zu wenig Verſtellungskunſt beſaß. Nach Beendigung dieſer häuslichen Conferenz forderte die Frau Caſſy auf, ihren Schemel herbeizurücken, um ſich an den Frühſtückstiſch zu ſetzen. Das Frühſtück beſtand aus heißen Maiskuchen und kaltem Speck, was unter allen Umſtänden eine ganz leidlich ſchmackhafte Mahlzeit war, Caſſy aber nach ihren langen Entbehrungen die köſtlichſte dünkte, welche ſie je ge⸗ halten hatte. Sie aß mit einem Appetit, den ſie nicht zu beherrſchen vermochte und ihre Wirthin ſchien über die Schnelligkeit, mit welcher der Tiſch abgeräumt wurde, nicht wenig erſtaunt und einigermaßen beſorgt zu ſein. Nach Beendigung des Frühſtücks begann auch der Hausherr ſte auszufragen. Er erkundigte ſich bei ihr über Richmond und fragte, ob ſte die und die Perſonen kenne, welche, wie er ſagte, dort wohnten. Caſſy war nie in Richmond geweſen und kannte die Stadt nur dem Namen nach. Natuͤrlich waren ihre Antworten ſehr unbefriedigend. Sie erröthete und ſtotterte, 92 ſenkte den Blick zu Boden und der Mann vervollſtändigt ihre Angſt, indem er ihr ſagte, daß ſie offenbar nicht von Richmond gekommen ſei, wie ſie vorgäbe, da er den Ort recht gut kenne und ſie ihren Antworten nach nicht, das Mindeſte davon wiſſe. Es ſei unnöthig, es zu leugnen— ihr Geſiaht verrathe ſie und ſie ſolle nur der Wahrheit die Chre geben und ge ſchen, daß ſie eine entlaufene Sklavin ſei. Als ſie dieſes Wort vernahm, ſtieg ihr das Blut in's Geſicht und die Schläge ihres Herzens ſtockten. Site erſchöpfte ſich umſonſt in Leugnen, Betheurungen und Bitten, ihre Uäigſt, ihre Verwirrung und Beſtürzung dienten nur dazu, den Argwohn der beiden Gatten zu beſtätigen, und ſie ſchienen innerlich über ihren Fang zu jubeln und ſich, wie die Katze mit der gefangenen Maus an ihrer Angſt und ihrer Qual zu weiden. Er ſagte ihr, daß ſie nicht den mindeſten Grund zur Beſorgniß habe, wenn ſie wirklich ſein freies Frauenzimmer ſei; wenn ſie keinen Freiſchein bei ſich habe ſo ſolle ſie nur im Gefängniß bleiben, bis ſie nach Richmond ſchicken und denſelben holen laſſen könne. Eines Weiteren bedürfe es nicht. Dies war aber für die arme Caſſy mehr als genug; ſie konnte keine Beweiſe für ihre Freiheit beibringen und ihr Aufenthalt im Gefängniſſe konnte faſt keinen andren Ausgang nehmen, als daß ſie dem Oberſt Moore zuruͤckgegeben wurde und ſeiner Wuth und ſeinen Lüſten zum Opfer fiel. Dieſes Schickſal mußte um jeden Preis vermieden werden, und es ſchien dazu nur ein Mittel zu geben. 4 Sie geſtand, daß ſie eine entlaufene Sklavin war, weigerte ſich aber entſchieden, den Namen ihres Herrn anzugeben. Er wohne, ſagte ſie, weit entfernt von hier und ſie ſei ihm nicht deshalb entlaufen, weil ſie mit ihrem Stande unzufrieden ſei oder nicht gehorchen wolle, ſondern weil ſeine Grauſamkeit und Ungerechtigkeit unerträglich ſeien. Es gebe nichts, was ſie nicht lieber thun wolle, als wieder in ſeine Hände zu fallen; wenn ſte ſie nur davor retten— wenn ſie ſie nur bei ſich behalten wollten, ſo würde ſie ihre treue und gehorſame Dienerin ſein, ſo lange ſie lebe. 1 Der Mann und die Frau blickten einander an und ſchienen an der Idee Gefallen zu finden. Sie gingen auf die Seite und beriethen ſich über die Sache. Das Einzige, was ſie von der augenblicklichen Annahme ihres Vorſchlags abzuhalten ſchien, war die Furcht vor der Entdeckung des Umſtandes, daß ſie eine entlaufene Sklavin bei ſich aufgenommen und zu⸗ rückgehalten hatten. Caſſy that ihr Möglichſtes, um dieſe Beſorgniſſe zu zerſtreuen; nach einem kurzen Kampfe ſiegten der Geiz und die Herrſchſucht über ihre Furcht und Caſſy wurde das Eigenthum Mr. Proctor's— denn ſo hieß der Mann. Um jeden Argwohn der Nachbarn zu verhüten, wurde verabredet, daß Caſſy für eine freie Farbige gelten ſolle, welche Mr. Proc⸗ tor gemiethet habe, und da dieſer ſo glücklich war, die Kunſt des Schrei⸗ bens erlernt zu haben— eine unter den armen Weißen von Virginien ziemlich ſeltene Fertigkeit,— ſtellte er Caſſy einen falſchen Freiſchein aus, damit ſie gerüſtet war, um etwaige impertinente Fragen zu beantworten. Es war ſchon viel, daß ſie der Ruͤckkehr nach Spring⸗Meadow ent⸗ ronnen war. Bei alledem entdeckte Caſſy aber bald, daß ihre gegenwärtige Lage nicht die angenehmſte ſein würde. Mr. Proctor war der Abkömm⸗ ling einer vor nicht gar langer Zeit noch reichen und geachteten Familie. Die häͤufige Theilung eines großen Vermögens, welches ſich Niemand zu 4 vermehren die Mühe gab, waͤhrend Alle es durch Müßiggang, Verſchwen⸗ dung und ſchlechte Verwaltung verminderten, hatte Mr. Proctor's Vater 93 8 nur noch im Beſttz einiger wenigen Sklaven und einer großen Strecke er⸗ ſchöpften Landes gelaſſen. Bei ſeinem Tode waren die Sklaven zur Be⸗ zahlung ſeiner Schulden verkauft und das Gut unter ſeine zahlreichen Kin⸗ der vertheilt worden, wodurch Mr. Proctor der Beſitzer einiger wenigen unfruchtbaren Acker Landes ward. Trotz dieſer ärmlichen Vermögensüber⸗ bleibſel hatte man ihn doch in den verſchwenderiſchen und trägen Gewohn⸗ heiten eines virginiſchen Gentleman erzogen; ſein Grundſtück, welches ſo ausgeſogen und werthlos war, daß keiner von ſeinen Gläubigern es der Mühe werth hielt, ihn im Beſitz deſſelben zu ſtören, berechtigte ihn immer noch zu der Würde eines Freigutbeſitzers und Wählers, und er fühlte ſich über den in jenem Lande für niedrig und gemein geltenden Stand eines Arbeiters noch eben ſo erhaben, wie der reichſte Ariſtokrat des ganzen Staates. Er war eben ſo ſtolz, eben ſo träge und eben ſo ausſchweifend wie irgend Einer von ſeinen reichen Nachbarn, und widmete gleich ihnen den größten Theil ſeiner Zeit dem Spiele, dem Politiſiren und dem Trunke. Zum Glück für Mr. Proctor war ſeine Gattin eine ſehr thätige Haus⸗ frau. Sie konnte ſich keines patriciſchen Blutes rühmen, und wenn ihr Gatte, wie es oft geſchah, von dem Alter und dem Anſehen ſeiner Familie zu ſprechen begann, fiel ſie ihm mit der Bemerkung in's Wort, daß ſie ſich für eben ſo gut halte wie er, obgleich ihre Vorfahren, ſo lange Jemand ſich ihrer entſinnen könne,„arme Leute“ geweſen ſeien. Wenn das Bei⸗ ſpiel der Familie Proctor den Streit zwiſchen Ariſtokratie und Demokratie hätte entſcheiden ſollen, ſo würden die Plebejer unzweifelhaft den Sieg da⸗ von getragen haben, denn während ihr Gatte faſt nichts that, als ſpielen, trinken und in der Nachbarſchaft umherſtreifen, pflügte, ſäete und erntete Mrs. Proctor daheim. Ohne ihre Energie und ihren Fleiß hätte es leicht kommen können, daß Mr. Proctor durch ſeine ariſtokratiſchen Gewohnheiten bald ſammt ſeiner Familie eine Laſt für das Land gewor⸗ den wäre. Caſſy's Dienſte waren ein großer Zuwachs für die Haushaltung. Ihre neue Herrin ſchien entſchloſſen zu ſein, dieſelben auf's Aeußerſte zu benutzen, und das arme Mädchen wurde bald durch ein ungewohntes Maß der härteſten Arbeit faſt erdrückt. Mr. Proctor kam wöchentlich wenigſtens zwei bis drei Mal betrunken nach Hauſe und bei dieſen Gelegenheiten tobte er wie ein Raſender, drohte ſeiner Frau und ſchlug ſeine Kinder ohne Er⸗ barmen. Caſſy konnte kaum erwarten beſſer wegzukommen, als Jene, und ſeine Mißhandlungen würden ganz unerträglich geworden ſein, wenn die energiſche Mrs. Proctor ihnen nicht Einhalt zu thun verſtanden hätte. Zuerſt wendete ſie Milde an und ſuchte ihn durch ſanfte Worte zu beruhi⸗ gen; wenn aber dieſe Mittel wirkungslos blieben, ſo trieb ſie ihn mit Gewalt in's Bett und zwang ihn mit dem Beſenſtiel, ſtill zu liegen. Nur die heilſame Gewalt, welche Mrs. Proctor über ihren Ehemann ausübte, war im Stande, Caſſy vor etwas zu ſchützen, was ſie noch mehr fürchtete, als ſelbſt Mr. Proctor's trunkene Rohheit. Wenn er ſie allein fand, quälte er ſie beſtändig mit den empörendſten Anträgen, und ſie konnte ſich ſeiner Zudringlichkeit nur durch die Drohung entledigen, daß ſie ſich bei Mrs. Proctor beklagen werde. Aber ihre Noth war damit noch nicht zu Ende. Mrs. Proctor hörte ihre Klagen an, dankte ihr für die Mit⸗ theilung und ſagte, daß ſie mit Mr. Proctor darüber ſprechen wo Allein ſie konnte ſich nicht denken, daß eine Sklavin nur die leiſeſte 94 der Tugend habe, in deren ausſchließlichem Beſitze zu ſein ſich die freien Frauen von Virginien rühmen. Von dieſer Idee erfüllt, hielt ſie es für ganz unwahrſcheinlich, daß Caſſy, auf welche Vorzüge ſie auch Anſpruch machen möge, wirklich den Zudringlichkeiten und Bitten eines ſo verführe⸗ riſchen Mannes, wie Mr. Proctor, widerſtanden habe, und fand in ihrer böswilligen weiblichen Eiferſucht Freude daran, den Gegenſtand ihres Ver⸗ dachts zu quälen. Mrs. Proctor beſaß bei allen ihren Verdienſten eine kleine Schwäche, welche ſie höchſt wahrſcheinlich ihrem Gatten zu Ehren angenommen hatte— ſie hielt ein Glas Whiskey jeden Tag für noth⸗ wendig, um das Fieber von ſich abzuhalten, und wenn ſie, wie es zu⸗ weilen geſchah, aus Unachtſamkeit die Doſis verdoppelte, ſo ſchien es die natürliche Heftigkeit ihres Charakters noch um ein Bedeutendes zu erhöhen. Sie ließ dann ihre Worte und Schläge mit einer furchtbaren Energie herabhageln, und wenn es vielleicht auch ſchwer geweſen wäre, zu beſtimmen, welche von den beiden Perſonen am meiſten zu fürchten war, ſo reichten Beide zuſammen doch hin, um ſelbſt die Geduld eines Heiligen zu erſchöpfen. Die arme Caſſy fand kein Mittel, ſich dieſen Leiden, welche nahe daran waren, ſie unter die Erde zu bringen, zu entziehen, wurde aber ganz un⸗ erwartet durch die unerbetene Einmiſchung zweier von Mr. Proctor's Nachbarn davon befreit. Dies waren Freunde des Muͤſſiggangs, wie er, und ſie ſtammten ebenfalls aus guten Familien; Einer von ihnen hatte ſogar eine ausgezeichnete Erziehung genoſſen und war mehr oder weniger entfernt mit einigen der vornehmſten Familien des Staates verwandt. Dure Erbtheil durchgebracht, ſo daß ſie jetzt von ihren Talenten leben mußten, welche ſie in einer Art von Compagniegeſchäft hauptſächlich auf der Renn⸗ bahn und am Spieltiſche ausübten. 8 Dieſe beiden ſpekulirenden Herren ſtanden auf vertrautem Fuße mit Mr. Proctor, und ſie wußten, daß er eine freie Farbige— denn ſie hielten Caſſy für eine ſolche— im Hauſe habe. Gleich den meiſten Virginiern betrachteten ſie das Vorhandenſein einer gewiſſen Klaſſe von freien Leuten als eine Landplage, welche am Ende leicht die heiligen Rechte des Eigen⸗ thums, zu deren Vertheidigung ein echter Sohn der Freiheit mit Stolz alles Mögliche unternimmt, gefährden könne. Ohne Zweifel von ſolchen patriotiſchen Ideen angetrieben, glaubten dieſe Herren, daß ſie dem Staate einen Dienſt leiſten würden— des Geldes, welches dabei zugleich in ihre. Taſchen floß, gar nicht zu gedenken— wenn ſie dieſem großen politiſchen Uebel wenigſtens in ſo weit es Caſſy betraf, durch ein Mittel ſteuerten, welches die Grundſätze mehr als eines virginiſchen Staatsmannes und der Geiſt mehr als eines virginiſchen Geſetzes vollkommen ſanktioniren. Kurz, ſie beſchloſſen, ſich Caſſy's zu bemächtigen und ſie als Sklavin zu verkaufen. Das Geſchäft des Menſchenſtehlens iſt eine von den natürlichen Früchten des amerikaniſchen Sklavereiſyſtems und in mehreren Theilen der Vereinigten Staaten eben ſo verbreitet und gut organiſirt, wie das des Pferdedieb⸗ ſtahls in verſchiedenen anderen. Wenn dieſe Induſtrieritter ſich auf das Sklavenſtehlen legen, ſo werden ihre Operationen ſehr gefahrvoll; beſchränken ſie ſich aber darauf, nur freie Leute zu rauben, ſo können ſie ihr Geſchäft mit verhältnißmäßig geringer Gefahr betreiben; ſie fuͤgen Einzelnen viel⸗ leicht ein kleines perſönliches Unrecht zu, erweiſen aber, wie einige von den beliebteſten amerikaniſchen Politikern lehren, dem Publikum einen nicht unbedeutenden Verſchwendung und Ausſchweifungen hatten ſie indeß längſt ihr Dienſt, da ihrer Anſicht nach den Sklavenſtaaten von —, 95 Amerika zu einem vollkommenen Paradies nichts weiter fehlt, als die Aus⸗ rottung der emancipirten Klaße. Ohne Zweifel wurden Caſſy's Freunde von ſolchen hohen, gemein⸗ nützigen Ideen geleitet, und jedenfalls ſind die Sophiſtereien, welche die Tyrannei erfunden hat, um die Bedrückung zu rechtfertigen, für ſie eben ſo gut eine Entſchuldigung, wie für jeden Andern. So weit Caſſy es erfuhr, beſtand ihr Plan ungefähr in Folgendem: — Sie luden Mr. Proctor zu einem Zechgelage ein, und ſobald der Whiskey ihn um die Beſinnung gebracht hatte, wurde ein Bote an ſeine Frau abgeſchickt, mit der Nachricht, daß er gefährlich erkrankt ſei und ſie ihm augenblicklich zu Hilfe eilen müſſe. Trotz einiger häuslichen Zwiſtig⸗ keiten waren Mr. und Mrs. Proctor ein Ehepaar, zwiſchen welchem die größte Liebe herrſchte, und die gute Frau machte ſich, über dieſe unerwartete Nachricht beſtürzt, ſofort auf den Weg, um ihren Gatten zu beſuchen. Die Anſtifter des Komplots waren ihrem Boten nachgegangen und hatten ſich in einem Dickicht unſern vom Hauſe verſteckt, um Mrs. Proctor's Entfernung abzuwarten. Kaum hatten ſie ſie aus dem Geſicht verloren, ſo eilten ſie auf das Feld, wo ſich Caſſy bei der Arbeit befand, banden ihr Hände und Füße, warfen ſie auf eine Art von bedecktem Karren und fuhren ſo ſchnell als möglich fort. Sie reiſ'ten den ganzen Tag und die darauf folgende Nacht. In der Frühe des nächſten Morgens erreichten ſie ein kleines Dorf, wo ſie einen Sklavenhändler antrafen, der mit einer Heerde Sklaven nach Richmond unterwegs war. Die Räuber wurden mit dem Sklavenhäͤndler bald handelseins, und überlieferten ihm Caſſy, ſobald ſie ihr Geld erhalten hatten. Dieſer ſchien von ihrer Schönheit und ihrem Schmerze gerührt zu werden und behandelte ſie mit einer Güte, die ſte von einem Manne ſeines Standes kaum erwartet hatte. Ihre Schuhe und Kleider waren faſt gänzlich abge⸗ nutzt, er kaufte ihr neue, und da ſie vor Ermattung, Angſt und Mangel an Schlaf halbtodt war, ging er ſogar ſo weit, einen Tag in dem Dorfe zu bleiben, damit ſie ſich ein wenig erholen konnte, ehe ſie die Reiſe nach NRichmond antraten. Sie fand jedoch bald, daß er für dieſe Gunſtbezeugungen einen Gegendienſt erwartete. Als ſie am Abend des erſten Tages einkehrten, erhielt ſie den Befehl, das Bett ihres Herrn zu theilen. Sie hielt es für angemeſſen, dieſem Befehle nicht Folge zu leiſten. Am Morgen ſetzte ihr Herr ſie zur Rede. Er lachte ihr in's Geſicht, als ſie von der Gottloſigkeit ſeines Anſinnens ſprach, und ſagte ihr, daß er nichts von ihren Predigten wiſſen möge. Diesmal wolle er ihren Ungehorſam noch hingehen laſſen, aber ſie ſolle ſich wohl huͤten, denſelben zu wiederholen. Am folgenden Abend erhielt ſie ähnliche Weiſungen wie am vorigen Tage, und auch diesmal kam ſie denſelben nicht nach. Ihr Herr, der mit einigen Zechgenoſſen, welche er im Wirthshauſe gefunden, die halbe Nacht hindurch getrunken und geſpielt hatte, war wüthend, als er ſie nicht, wie er erwartete, in ſeinem Zimmer fand, und machte ſich auf, um ſie zu ſuchen. Zum Gluͤck war er zu betrunken, um zu wiſſen, wohin er ging. Er hatte ſich kaum einige Schritte von der Wirthshausthür entfernt, 5 fiel er über einen Holzhaufen, wobei er ſich bedeutend verletzte. Sein Geſchrei zog bald einige Leute aus dem Wirthshaus herbei, ſie trugen ihn in ſein Zimmer, verbanden ſeine Wunden und legten ihn in's Bett. 4 Am folgenden Morgen konnte er eerſt ſpät aufſtehen, hatte ſich aber 96 kaum erhoben, als er auch beſchloß, für ſeine getäuſchte Hoffnung und ſeine Beulen vollſtändige Rache zu nehmen. Er hinkte mit einer Krücke in der einen Hand und einer Peitſche in der andern vor die Thür des Wirthshauſes hinunter, befahl ſeinen ſämmtlichen Sklaven, ſich vor dem Hauſe aufzu⸗ ſtellen, und ließ Caſſy durch zwei von den kräftigſten Burſchen unter ihnen an den Armen halten, waͤhrendner die Peitſche ſchwang. Ihr Geſchrei zog bald Gaffer herbei, aus denen die Bevölkerung eines virginiſchen Dorfes hauptſächlich zu beſtehen ſcheint. Sie fragten nach dem Grunde der Züchtigung, ohne jedoch die Frage für wichtig genug zu halten, um die Antwort darauf abzuwarten. Man ſchien allgemein der Anſicht zu ſein, daß der Herr berauſcht ſei und dieſes Mittel gewählt habe, um ſeiner verdrüßlichen Laune Luft 3 machen; aber mochte er nun betrunken ſein oder nicht, ſo dachte doch iemand daran, zwiſchen ihn und ſeine„heiligen, unbezweifelten Rechte“ zu treten. Sie ſahen im Gegentheil Alle gleichgiltig, wo nicht beiſtimmend zu, und der größte Theil ſchien ſich an dem Spaße eben ſo zu weiden, wie Straßenbuben am Hetzen einer armen Katze. Während dies vorging, hielt ein eleganter Reiſewagen vor der Thuͤr an. Es ſaßen zwei Damen darin und dieſe hatten kaum geſehen, was hier geſchah, ſo baten ſie mit der Humanität, welche dem weiblichen Herzen ſo natürlich iſt, daß ſelbſt die ſchändlichen Sitten und abſcheulichen Ge⸗ wohnheiten der Tyrannei der Sklavenbeſitzer nicht dieſelbe ganz erſticken können, den rohen Menſchen, das arme Mädchen nicht weiter zu ſchlagen und ihnen mitzutheilen, was ſie verbrochen habe. Der Unmenſch ließ widerſtrebend die Peitſche ſinken und antwortete in mürriſchem Tone, daß ſie eine unverſchämte, ungehorſame Dirne ſei, welche es nicht verdiene, von zwei ſolchen Damen beachtet zu werden, und daß er ihr nur eine kleine heilſame Zlicchtigung zu Theil werden laſſe. Dies ſchien die Damen jedoch nicht zu befriedigen. Unterdeſſen wurde der Wagentritt herabgelaſſen, und ſie ſtiegen aus. Die arme Caſſy ſchluchzte und weinte und war kaum im Stande ein Wort zu ſprechen. Das Haar war ihr über Geſicht und Schultern gefallen und ihre Wangen von Thränen überfluthet; aber ſelbſt in dieſem Zuſtande ſiel den beiden Damen ihr Aeußeres auf. Sie knüpften ein Geſpräch mit ihr an und erfuhren ſo, daß ſie zum Kammermädchen erzogen und daß ihr gegenwär⸗ tiger Herr ein Sklavenhändler war. Die Damen hatten eine Reiſe nach Norden gemacht und unterwegs durch einen plötzlichen heftigen Fieberanfall eine Dienerin verloren. Sie befanden ſich jetzt auf dem Rückwege nach Karolina und die Jüngere von den Beiden ſchlug ihrer Mutter vor Caſſy zn kaufen, um die Stelle des verſtorbenen Mädchens zu erſetzen. Die utter erhob einiges Bedenken gegen den Ankauf einer Fremden, welche ſie nicht kannten und die von ihrem frühern Beſitzer aus, Gott weiß welchen Gründen verkauft worden ſei. Als aber Caſſy's Thränen und Bitten ſich mit den Wünſchen ihrer Tochter verbanden, konnte ſie nicht länger wider⸗ ſtehen und ſchickte zu dem Manne, um ſich nach dem Preiſe des Mädchens zu erkundigen. Seine Forderung war ſehr hoch. Aber Mrs. Montgomery, — ſo hieß die Dame— gehörte zu den Leuten, welche nicht leicht von ihrem Vorſatze abzubringen ſind, wenn ſie ſich einmal entſchloſſen haben, eine edle That zu verrichten. Sie nahm Caſſy mit in das Haus, befahl die Koffer hereinzubringen und ſagte dem Manne, daß er den Kaufbrief ausfertigen möge. Sobald das Geſchäft abgemacht war, nahm ihre neue Herrin Caſſy mit in ihr Zimmer und gab ihr einen Anzug, welcher beſſer 1 —x 97 zu ihrer neuen Lage paßte, als das grobe Kleid und die ſchweren Schuhe, welche ſie der uneigennützigen Großmuth ihres letzten Herrn verdankte. Als Caſſy angekleidet, der Kaufbrief übergeben und das Geld bezahlt war, kam der Bruder und Reiſegefährte der Mrs. Montgomery zu Pferde an. Er ſchalt ſeine Schweſter wegen deſſen, was er ihre thörichte Neigung, ſich zwiſchen andere Leute und ihre Diener einzumiſchen, nannte— er tadelte ſie ziemlich ſtreng wegen des übereilten Kaufes und des hohen Preiſes, den ſie bezahlt hatte und ſagte ihr lächelnd und kopfſchüttelnd, daß ihre thörichte Leichtgläubigkeit und Großmuth ihr noch zum Verderben gereichen werde. Mrs. Montgomery ließ ſich die Einwendungen ihres Bruders ge⸗ duldig gefallen, es wurde wieder angeſpannt und ſie ſetzten zuſammen ihre Reiſe fort. Die Damen, welche Caſſy zu der Verſammlung begleitet hatte, waren Mrs. Montgomery und ihre Tochter. Sie wohnten etwa zehn Meilen von Carleton Hall entfernt. So nahe waren wir einander ſechs lange Monate hindurch geweſen, ohne es zu wiſſen. Caſſy ſprach mit der größten Liebe von ihrer Herrin. Ihre Dankbarkeit war unbegrenzt, und ſie ſchien wahr⸗ cafte Freude und Genuß daran zu ſinden, einer Wohlthäͤterin zu dienen, welche ſie mit einer ſich fortwährend gleichbleibenden Güte behandelte, die ſelbſt von Solchen, welche vorübergehender Handlungen der höchſten Groß⸗ muth fähig find, nicht oft ausgeubt wird. Nachdem Caſſy ihre Geſchichte beendigt hatte, ſchlang ſie ihre Arme um meinen Hals, legte ihren Kopf an meine Bruſt, blickte mir unter ſtrömenden Thräͤnen in's Geſicht, ſeufzte tief auf und ſagte, daß ſie zu, zu glücklich ſei! Was könne ſie noch mehr wünſchen, da ſie eine ſolche Herrin habe und ſo unerwartet den Armen eines Gatten zurückgegeben werde, den ſie ſo zärtlich liebe und ſchon unwiederbringlich verloren gegeben habe! Das arme Geſchöpf vergaß, daß wir Sklaven waren und daß ſchon der naächſte Tag uns wieder trennen, in die Gewalt anderer Herren bringen und unſere Leiden und unſer Elend erneuern konnte. ZweiundzwanzigſtestKäbitel. Ehe wir mit dem, was wir einander zu ſagen hatten, noch halb zu Ende waren, ſahen wir an der Bewegung der Leute auf dem Hügelabhange, daß der Gottesdienſt geſchloſſen war. Noch nie war mir eine von den Predigten meines Herrn ſo kurz vorgekommen. Wir eilten auf unſere Poſten, ich, um die Befehle meines Herrn einzuholen, und Caſſy, um ihre Herrin zu bedienen. Als wir uns der einfachen Kanzel näherten, bemerkte ich Mr. Carleton im Geſpräch mit zwei Damen, die ſich als Mrs. Mont⸗ gomery und ihre Tochter erwieſen. Wir blieben in einiger Entfernung ſtehen. Miß Montgomery blickte ſich um, winkte, da ſie uns beiſammen ſah, Caſſy herbei, deutete auf mich und fragte, ob ich der Mann ſei, welcher ſie am Morgen in ſolche Aufregung verſetzt habe. Dieſe Frage erregte die Aufmerkſamkeit der andern Beiden und mein Herr ſchien ein wenig erſtaunt zu ſein, mich in dieſer nellen Rolle zu ſehen. „Was iſt das, Archy?“ ſagte er;„was hat das zu bedeuten? Ich höre jetzt zum erſten Male von Deiner Heirath. Du willſt doch nicht etwa behaupten, daß das hübſche Mädchen dort Deine Frau iſt?“ Ich antwortete, daß ſie wirklich meine Frau ſei, wiewohl wir einander Der weiße Sklave.. 7 98 ſeit mehr als zwei Jahren nicht geſehen hätten, und fügte hinzu, daß ich deshalb nie etwas von dieſem Verhältniß geſagt habe, weil ich keine Hoff⸗ nung gehabt, je meine Frau wiederzuſehen. Auch jetzt ſeien wir nur durch einen Zufall zuſammengeführt worden. 5 3 „Nun, Archy, wenn ſie Deine Frau iſt, ſo kann ich es nicht aͤndern, obgleich Du von nun an wahrſcheinlich die Hälfte Deiner Zeit in Poplar Grove zubringen wirſt. Nicht wahr, Ihr Gut heißt ſo, Mrs. Montgomery?“ Sie antwortete bejahend und bemerkte nach einer kurzen Pauſe, daß, wie ſie fürchte, auf die eheliche Verbindung von Sklaven oft nur zu wenig Rückſicht genommen werde. Sie ihrerſeits müſſe dieſelbe als geheiligt be⸗ trachten, und wenn ich wirklich mit Caſſy verheirathet und ich ein anſtän⸗ diger, höflicher Menſch ſei, ſo habe ſie nichts dagegen, daß ich Poplar Grove beſuche, ſo oft es Mr. Carleton erlauben würde. Mein Herr übernahm es, für mein gutes Benehmen zu bürgen, und gebot mir dann, die Pferde vorzuführen. Ich beeilte mich ſo viel ich konnte, aber ehe ich zurückkam, waren Mrs. Montgomery und Caſſy ſchon fortge⸗ fahren. Wir ſtiegen auf und hatten bereits den Weg nach Carleton Hall eingeſchlagen, als mein Herr ſich plötzlich zu erinnern ſchien, daß ich ſoeben eine Frau gefunden habe, von der ich lange getrennt geweſen war, und daß es uns vielleicht Vergnügen machen wuͤrde, einige Zeit beiſammen zu bleiben. Er wünſchte mir mit halb ernſthafter, halb ſcherzender Miene, als zweifle er, ob ein Sklave auch wirklich auf die ernſtliche Theilnahme ſeines Herrn Anſpruch mache, zu meiner Entdeckung Glück und bemerkte leicht hingeworfen, daß ich wohl gern den Ueberreſt des Tages in Poplar Grove zubringen würde. 3 Da ich wußte, daß Mr. Carleton wahrhafte Herzensgüte beſaß, ſo hatte ich ſchon längſt ſein etwas hochmüthiges Benehmen überſehen gelernt, und wenn mir auch die Art, wie er mir das Anerbieten machte, nicht eben geſtel, ſo war mir derſelbe doch ſo angenehm, daß ich eifrig zugriff. Er nahm ſeinen Bleiſtift aus der Taſche und ſchrieb mir einen Paß. Ich erbat mir und erhielt einige Auskunft über den Weg, den ich einzuſchlagen hatte, gab meinem Pferde die Sporen und holte bald Mrs. Montgomery's Wagen ein, den ich bis Poplar Grove begleitete. 3 Dies war einer von den hübſchen und ſelbſt eleganten Landſitzen, welche man wohl zuweilen hier und da in Virginien und Karolina findet und die den Beweis liefern, daß die Bewohner dieſer Staaten, trotz ihrer faſt allgemeinen Nachläſſigkeit in ſolchen Dingen, nicht ganz ohne Sinn für architektoniſche Schönheit und häusliche Bequemlichkeit ſind. Eine breite Allee von alten ehrwürdigen Eichen führte nach dem Hauſe. Die Gebäude hatten ein ſehr alterthümliches Ausſehen, waren aber in vollkommen bau⸗ lichem Zuſtande, und die Anlagen und Umzäunungen waren nett und gut gehalten. Als die Damen ausſtiegen, kam ich heran. Ich ſagte der Mrs. Mont⸗ gomery, daß mein Herr mir die Erlaubniß gegeben habe, meine Frau zu beſuchen und daß ſie hoffentlich nichts dagegen haben werde, daß ich den Nachmittag dort zubringe. Mrs. Montgomery antwortete, Caſſy ſei ein zu gutes Mädchen, als daß ſie ihr etwas mit der Schicklichkeit Verträgliches verweigern könnte, und ſo lange ich mich gut benehme, werde ſte nie etwas dagegen haben, daß ich ſie beſuche. Sie legte mir einige Fragen über unſere Ehe und Trennung vor, und die Milde ihrer Stimme und die 99 anſpruchsloſe Sanftmuth ihres Benehmens überzeugten mich, daß ſie eine liebenswürdige, gutherzige Frau war. Es unterliegt keinem Zweifel, daß man auf dem weiten Gebiete der Sklavenſtaaten manche liebenswürdige Dame und milde Herrin ſindet. Aber was nützt ihre Milde! ſie erreicht nur einige Wenige, ſie vermag nicht das Unglück und die Leiden von Myriaden Anderer zu lindern, welche nie eine ſanftere Stimme als die des Aufſehers, und keine mildere Disciplin als die der Peitſche kennen lernen. 1 Die Hausſklaven in Poplar Grove wurden freundlich und ſelbſt nach⸗ ſichtig behandelt und waren ihrer Herrſchaft ſehr zugethan; aber wie in ſo vielen anderen Fällen, war auch dort die Lage der Feldarbeiter um ſo ſchlimmer. Mrs. Montgomery war etwa drei Jahre früher durch den Tod ihres Gatten und das von ihm hinterlaſſene Teſtament zur Eigenthümerin und einzigen Herrin des Gutes geworden. Ihre Gutmüthigkeit und ihr Gerechtigkeitsgefühl bewogen ſie, daſſelbe humane Syſtem, welches ſie ſtets in der Leitung ihres Hausweſens befolgt hatte, auch auf die Verwaltung der Plantage auszudehnen. So lange ihr Gemahl lebte, hatte das Sklaven⸗ quartier etwas über drei Meilen vom Hauſe entfernt gelegen, und da die Sklaven nur wenn nach ihnen geſchickt wurde dorthin kommen durften, ſo ſah ſie Mrs. Montgomery faſt nie und erfuhr eben ſo wenig von ihren Bedurfniſſen und Beſchwerden, wie von der allgemeinen Verwaltung des Gutes. Sie hatte den größten Theil des Jahres zu Beſuchen bei ihren Verwandten in Virginien oder zu Reiſen nach den nördlichen Städten 1 verwendet, und wenn ſie zu Hauſe war, hatte ſie ſich nie in die Angele⸗ genheiten der Pflanzung gemiſcht, weil ihr Gatte es nicht wünſchte. Als aber dieſer geſtorben und die Pflanzung mit den Sklaven ihr Eigenthum geworden war, konnte ſie ſich nicht mehr mit der Idee befreun⸗ den, dem Wohle von mehr als hundert menſchlichen Weſen, die ſich vom Morgen bis in die ſpäte Nacht zu ihrem ausſchließlichen Vortheil abmuͤh⸗ ten, keine Beachtung zu ſchenken. Sie beſchloß, eine totale Umänderung des Syſtems und befahl, das Sklavenquartier in die Nähe des Hauſes zu verlegen, damit ſie täglich dahin gehen könne und Gelegenheit habe, die Bedürfniſſe und Beſchwerden ihrer Untergebenen zu erfahren und ihnen abzuhelfen. Sie war empört über die erbärmliche Nahrung und Kleidung, welche ihr Gemahl Jenen bewilligt, und die Menge von Arbeit, die er gefordert hatte. Sie befahl, ihre Rationen zu vergrößern und ihre Aufgaben zu vermindern. Da ihr mehrere Beiſpiele von übermäßiger Strenge zu Ohren 9 gekommen waren, entließ ſie ihren Aufſeher und nahm einen neuen an. Die Sklaven hatten kaum entdeckt, daß ihre Herrin ſich für ihre Wohlfahrt . intereſſirte, als ſie auch mit Bitten, Beſchwerden und Klagen überſchuͤttet wurde. Der Eine verlangte eine Wolldecke, der Andere einen Keſſel und der Dritte ein paar Schuhe. Jeder bat um ein geringfügiges Geſchenk, deſſen Verweigerung ſehr hart erſchienen ſein würde, und jeder gewährt en Bitte folgte ein halbes Dutzend anderer eben ſo geringfügiger und billiger. Ehe aber das Jahr zu Ende war, beliefen ſich dieſe kleinen Geſchenke auf eine Summe, welche die Hälfte des gewöhnlichen Ertrags der Pflanzung verſchlang. Es verging kaum ein Tag, an welchem Mrs. Montgomery nicht mit Klagen über die Strenge ihres neuen Aufſehers gequält wurde, und die Sklaven kamen beſtändig zu ihr, um ſich von einer ihnen drohen⸗ den Strafe loszubitten. Einige Beiſpiele, wo der Aufſeher wegen der 7* * . 10⁰ Tyrannei, mit der er ſein Amt verwaltete, einen Verweis erhielt, dienten nur dazu, die Sache noch ſchlimmer zu machen. Mrs. Montgomery wurde durch die fortwährenden Klagen und Beſchwerden ganz verwirrt und es war ihr faſt unmöglich, die Wahrheit zu erkennen, da der Auſſeher ſtets eine ganz andere Geſchichte erzäͤhlte, als die Leute. Der zweite Aufſeher wurde fortgeſchickt, ein Dritter gab voll Aerger ſeine Stelle auf, und ein Vierter, der den nachſichtigen Wünſchen ſeiner Herrin nicht zuwider han⸗ deln wollte, ließ die Leute ſo ziemlich thun, was ihnen beliebte. Natürlich hatten ſie keine Luſt zu arbeiten, wenn es ihnen freiſtand, müßig zu gehen. Seit Einführung des Syſtems der Mrs. Montgomery war die Ernte mit jedem Jahre geringer geworden; im letzten Jahre gab es faſt gar keine. Ihre Freunde hielten es jetzt für Zeit, ſich einzumiſchen. Ihr Bruder, den ſie liebte und deſſen Meinung und Rath ſie hoch achtete, hatte längſt gegen das von ihr eingeſchlagene Verfahren proteſtirt. Jetzt ſprach er in einem entſchiedenen Tone. Er ſagte ihr, daß die thörichten Anſichten, die ſie in Bezug auf das Glück ihrer Sklaven hege, ſie jedenfalls ruiniren müßten. Wie könne ſie es für nöthig halten, humaner zu ſein als ihre Nachbarn— und könne es eine größere Thorheit geben, als ſich und ihre Kinder durch die nutzloſe Befolgung eines ſentimentalen und unausführ⸗ baren Syſtems der Verarmung auszuſetzen? Mrs. Montgomery vertheidigte ſich und ihr Verfahren mit großem Eifer. Sie berief ſich auf ihre Pflichten gegen die unglücklichen Weſen, welche Gott ihrer Gewalt und ihrer Obhut anvertraut hatte; ſie ging ſogar ſo weit, daß ſie es ſtrafbar nannte, von den Früchten erzwungener Arbeit in Glanz und Ueberfluß zu leben, und ſprach mit gefühlvoller Theilnahme von der wilden Brutalität der Aufſeher und der Folterqual der Peitſche. Ihr Bruder antwortete, daß ſolche Reden recht ſchön und großmüthig und menſchenfreundlich u. ſ. w. ſeien, und daß er, ſo lange es beim Reden leibe, ganz damit einverſtanden ſei. So edel und menſchenfreundlich ſie aber auch ſeien, wuͤrden fie doch weder Korn, noch Tabak hervorbringen; ſie möge ſagen, was ſie wolle, aber wenn ſie von ihrer Pflanzung zu leben gedenke, ſo muͤſſe ſie dieſelbe wie andere Leute verwalten. Jeder, der von der Sache etwas verſtehe, werde ihr ſagen, daß ſie, wenn ſie eine gute Ernte erzielen wolle einen geſchickten Aufſeher annehmen, ihm eine Peitſche in die Hand geben und ihm unbeſchränkte Vollmacht zur Anwendung der⸗ ſelben ertheilen müſſe. Thue ſie dies, ſo könne ſie ſich mit Recht die Herrin der Pflanzung nennen; ſo lange ſie aber ihr bisheriges Syſtem befolge, werde ſie die Sklavin ihrer eigenen Leute ſein und ihre Philan⸗ tropie damit enden, daß Jene zur Bezahlung ihrer Schulden verkauft und ſie ſelbſt zur Bettlerin werden würde. Dieſe ernſten Vorſtellungen machten einen tiefen Eindruck auf Mrs. Montgomery. Sie konnte nicht leugnen, daß die Pflanzung, ſeit ſie in Beſitz derſelben gekommen war, faſt gar keinen Ertrag geliefert hatte, und wußte, daß Nh Leute trotz Allem was ſie für dieſelben gethan, doch un⸗ zufrieden, traͤge und ungehorſam waren. Sie fühlte ſich jedoch nicht ge⸗ neigt, nachzugeben. Sie behauvtete immer noch, lichen Gebote der Menichlichfeit und Gerechtigkeit ſeien, welche von dem der Anſpruch auf Tugend oder Gewiſſenhaftigkeit mache, nicht verachtet werden dürften. Das Syſtem, welches ſie ſich einzuführen bemühe, ſei ganz gut und es fehle ihr nur an einem Aufſeher, der Verſtand genug daß ihre Anſichten über das gegenſeitige Verhältniß zwiſchen Herr und Diener nur die unwiderleg⸗ ——— 191 habe, um es zweckmaͤßig in Anwendung zu bringen. An dieſen Behaup⸗ tungen mochte wohl etwas Wahres ſein; wenn ſie einen Mann wie Major Thornton häͤtte finden und zum Aufſeher machen können, ſo wäre es ihr vielleicht gelungen, aber ſolche Männer ſind überall ſelten, und in den amerikaniſchen Sklavenſtaaten am allerwenigſten zu finden. Die amerika⸗ niſchen Aufſeher ſind im Ganzen genommen das unwiſſendſte, unlenkſamſte, beſchräͤnkteſte, halsſtarrigſte und eigenwilligſte Volk, welches jemals exiſtirt hat. Was konnte eine Frau thun, die einen ſolchen Beiſtand nicht ent⸗ behren konnte und welche die Vorurtheile der ganzen Nachbarſchaft gegen ſich hatte? Es wurde immer ſchlimmer und ſchlimmer. Das von ihrem Gatten hinterlaſſene baare Geld war ausgegeben und ihre Angelegenheiten wurden bald ſo verwickelt, daß ſie ihren Bruder bitten mußte, ſich derſel⸗ ben anzunehmen. Er weigerte ſich auf das Beſtimmteſte, ſich mit der Sache zu befaſſen, wenn ſie ihm nicht die einzige und ausſchließliche Lei⸗ tung ihrer Angelegenheiten übertragen wolle. Auf dieſe harten Bedin⸗ gungen mußte ſie nach einem kurzen erfolgloſen Kampfe eingehen. Er nahm ſofort die Verwaltung des Gutes in ſeine Hände. Er ließ die Hütten wieder an ihren früheren Ort ſchaffen, führte die alte Regel wieder ein, daß kein Sklave das Haus betreten dürfe, wenn man nicht aus⸗ drücklich nach ihm geſchickt habe, ſetzte ſie wieder auf ihre früheren Nah⸗ rungs⸗ und Kleiderrationen und nahm einen Aufſeher unter der ausdrück⸗ lichen Bedingung an, daß Mrs. Montgomery nie einer Klage über ihn Gehör gebe, oder ſich üͤberhaupt irgendwie in ſeine Verwaltung der Plan⸗ tage einmiſchen dürfe. 3 Im erſten Monat nach dieſer Rückkehr zu dem alten Syſtem lief faſt ein Drittel der Arbeiter davon; Mrs. Montgomery's Bruder ſagte ihr, daß man dies nicht anders habe erwarten dürfen, denn die Schurken ſeien ſo verzogen und verwöhnt worden, daß ſie die nothwendige und heilſame Strenge der Pflanzungsdisciplin nicht ertragen könnten. Nach langem Suchen und großem Aufwande an Mühe und Koſten wurden die Entlau⸗ eenen, bis auf einige wenige, wieder eingefangen und Poplar Grove gin g 9 ging unter der neuen Verwaltung allmälig wieder zu ſeinem früheren Syſteme der Peitſche und der harten Arbeit über. Zuweilen fanden trotz aller Mühe, welche man ſich gab, Beiſpiele von Strenge ihren Weg zu dem Ohre der Mrs. Montgomery, und ſie erklärte im erſten Ausbruch ihrer Entruͤſtung, daß die größte Armuth weit beſſer ſein würde, als der Reichthum und der Ueberfluß, die ſie der Peitſche des Sklavenaufſehers verdankte. Aber dieſe Regungen eines edlen Zornes waren kaum ausgeſprochen, als ſie ſich auch zelbſt geſtand, daß es ihr unmöglich ſein würde, das Wohlleben aufzuge⸗ ben, an welches ſie von Kindheit auf gewöhnt war. Sie vermied es ab⸗ ſichtlich, von derartigen Vorgängen Kenntniß zu erhalten, und bemühte ſich, die Erinnerung an eine Ungerechtigkeit und Grauſamkeit, welche ihr Herz verwarf, der ſie aber abzuhelfen nicht die Macht oder vielmehr nicht den Muth beſaß, zu verbannen. Und während ihre Sklaven unter der glühenden Sonne des Sommers von Karolina arbeiteten und unter der Peitſche eines ſtrengen, unbarmherzigen Aufſehers ſeufzten, verſuchte ſie den Gedanken an das ihnen widerfahrende Unrecht in den Zerſtreuungen und Vergnügungen von Saratoga oder New⸗York zu vergeſſen. Aber ſie war gezwungen, einen Theil des Jahres in Poplar Grove zuzubringen, und konnte bei aller Vorſicht doch nicht immer ihre Gefühle gegen ſchmerzliche Berührungen ſchützen. Hiervon erlebte ich bei meinem 102 erſten Beſuche ein Beiſpiel. Einer von ihren Pflanzungsarbeitern hatte von dem Aufſeher, welcher, beiläufig geſagt, ein ſehr ſtrenger Presbyteri⸗ aner war, einen Paß erhalten, um dem Gottesdienſte Mr. Carleton's bei⸗ uwohnen. Nach Beendigung deſſelben ſah ihn ſeine Herrin dort, und da ee einem ihrer Nachbarn etwas mitzutheilen wuͤnſchte, rief ſie ihn zu ſi und ſchickte ihn mit dem Auftrage fort. Zufällig war Mrs. Möoͤntgome⸗ ry's Aufſeher bei dieſem Nachbar, als der Diener mit dem Auftrage ſei⸗ ner Herrin dort ankam. Der Aufſeher hatte ihn kaum erblickt, ſo fragte er ihn, was er hier zu thun habe, waͤhrend ſein Paß ihm nur erlaube, zu der gottesdienſtlichen Verſammlung und wieder zurückzugehen. Umſonſt berief er ſich auf den Befehl ſeiner Herrin. Der Aufſeher ſagte, daß dies nicht den geringſten Unterſchied mache, denn Mrs. Montgomery habe mit den Pflanzungsarbeitern nichts zu ſchaffen, und er gab ihm, um die Sache ſeinem Gedächtniſſe beſſer einzuprägen, auf der Stelle ein Dutzend Hiebe. Der arme Burſche unterſtand ſich in das Haus zu kommen und ſeine Klage bei Mrs. Montgomery anzubringen. Ihre Entrüſtung war kaum zu beſchreiben, aber die Uebereinkunft mit ihrem Bruder ließ ihr kein Mittel zur Abhilfe. Sie machte dem Sklaven ein hübſches Geſchenk, ſagte ihm, daß er ganz unverdient beſtraft worden ſei, und bat ihn, nach Hauſe zu gehen und nichts von der Sache zu ſagen. Sie entſchloß ſich zu dieſer für ſte demüthigenden Aufforderung in der Hoffnung, dem armen Burſchen eine neue Züchtigung zu erſparen. Dem Aufſeher kam jedoch, wie ich ſpaͤter ven zu lindern, ihn in noch größeres Elend ſtürzen. Es iſt unmöglich, auf einem ſo ſchlechten Grunde ein gutes Gebäude zu errichten. Das ganze Syſtem iſt durch und durch ſchändlich. Die Freundlichkeit und Menſch⸗ lichkeit eines Sklavenhalters ſind eben ſo lächerlich als der Edelmuth eines Räubers, der den ausgeplünderten und nackten Reiſenden mit einem aus ſeinem eignen Koffer geraubten Rocke bekleidet. Kann es etwas Ungereim⸗ teres geben als den Verſuch, menſchlich grauſam und großmüthig ungerecht zu ſein? Der erſte und nothwendigſte Schritt zur Erlöſung der Sklaven, ohne den alle anderen nutzlos und ſchlimmer als nutzlos ſind, iſt, daß man ihm ſeine Freiheit giebt. 3 Ich habe ſchon fruͤher bemerkt, daß der Sonntag der Feiertag des Sklaven iſt. Wo man unter den Sklaven verſchiedener Pflanzungen Hei⸗ rathen geſtattet, iſt dies gewöhnlich der einzige Tag, an welchem die zer⸗ ſtreuten Mitglieder einer Familie einander beſuchen dürfen. Viele Pflanzer, die auf die Vortrefflichkeit ihrer Disciplin ſtolz ſind, verbieten dieſe Hei⸗ rathen gaͤnzlich, und geben, wenn ſie einen Ueberfluß an männlichen Sklaven 8 haben, lieber einem Weibe ein halbes Dutzend Männer, als daß ſie ihre Sklaven durch das Umherſtreifen auf anderen Pflanzungen verderben laſſen Andere, die eine eben ſo gute Disciplin beobachten, aber etwas kluger —.— 2. 3 193-= bL ſind als ihre Nachbarn, verbieten nur den Männern, ſich auf andern Pflan⸗ zungen zu verheirathen. Sie geben ſehr gern zu, daß die Weiber ſich Män⸗ ner ſuchen, wo ſie wollen. Sie denken dabei ſo: Wenn ein Mann zu ſeiner Frau geht, die auf einer andern Pflanzung lebt, ſo wird er nicht leicht mit leeren Händen zu ihr kommen; er wird etwas mitbringen, wahr⸗ ſcheinlich etwas zu eſſen, was er von den Feldern ſeines Herrn geſtohlen hat und das ihn willkommen und ſeinen Beſuch zu einer Art von Feſt macht. Nun iſt Alles, was auf dieſe Weiſe auf eine Pflanzung gebracht wird, reiner Gewinn; es iſt ohngefähr gleichbedeutend mit: ſeine Leute auf Koſten ſeines Nachbarn füttern. Der Sonntag iſt alſo der Tag, an welchem die ehelichen Beſuche der Sklaven abgeſtattet werden. Für mich war aber der Sonntag kein Feier⸗ tag, denn ich mußte an dieſem Tage gewöhnlich meinen Herrn auf ſeinen geiſtlichen Exeurſionen begleiten. Zur Entſchädigung dafür geſtattete mir Mr. Carleton, den Donnerſtag Nachmittag für mich zu verwenden, ſo daß ich Caſſy wöchentlich wenigſtens einmal beſuchen konnte. 1 Das folgende Jahr war das glücklichſte meines Lebens und ehe daſſelbe zu Ende ging, machte mich Caſſy zum Vater. Der Knabe hatte die ganze Schönheit ſeiner Mutter, und nur Derjenige, welcher Vater, und dabei ein ſo zärtlicher Gatte iſt, wie ich es war, vermag die Gefühle zu ermeſſen, mit denen ich den Kleinen an mein Herz druͤckte. Nein!— Niemand vermag meine Gefühle zu ermeſſen— kein Andrer als der, welcher wie ich der Vater eines Sklaven iſt. Der Vater eines Sklaven!— Und iſt es denn wahr, daß dieſes Kind meiner Hoffnungen und Wünſche, dieſes Pfand der gegenſeitigen Liebe, dieſes theure, theure Kind nicht mir allein gehört? Iſt es nicht meine Pflicht und mein Recht, eine Pflicht und ein Recht, welche theurer als das Leben ſind, über ſeine hilfloſe Kindheit zu wachen und ihn mit der ganzen Liebe und Zärtlichkeit eines Vaters zum Manne zu erziehen, damit er vielleicht einſt meine Fürſorge belohnen und mich, wenn ich ein gebrechlicher ſchwacher Greis geworden bin, unterſtützen und pflegen kann? Meine Pflicht mag es wohl ſein, aber mein Recht iſt es nicht. Ein Sklave kann keine Rechte haben. Sein Weib, ſein Kind, ſeine Arbeit, ſein Blut, ſein Leben und Alles, was ſeinem Leben Werth giebt, gehoͤrt nicht ihm; er beſitzt Alles dies nur ſo lange, als es ſeinem Herrn beliebt. Dieſes Kind kann morgen meinen Armen entriſſen und an einen Fremden verkauft werden, ohne daß ich das Recht habe, etwas dagegen einzuwenben, und ſelbſt wenn dies nicht geſchieht, iſt es dem nämlichen hoffnungsloſen Schickſale verfallen, wie ſein Vater. Jede Ausſicht oder Hoffnung auf ir⸗ gend etwas, was dem Leben einen Reiz zu geben vermag, iſt ihm abge⸗ ſchnitten;— es wird zum Sklaven erzogen! Zum Sklaven!— Welch' ein inhaltſchweres Wort! es ſpricht von Ketten, Peitſchen⸗ und Folterqualen, von erdrückender Arbeit, Hunger und Erſchöpfung, von allem Elend und allen Leiden, die unſrem vergänglichen Leibe aufgebürdet werden können! Es erzählt von uͤbermüthiger Gewalt und unerſättlicher Habgier, von prunkendem Geldſtolz und üppigem Luxus, von der Gleichgültigkeit und höhniſchen Geringſchätzung, mit denen der Tyrann auf ſeine Opfer herabſieht. Es ſpricht von feiger Furcht und krie⸗ chender Demuth, von ſchändlichem Verrath und heimtückiſcher Rache. erzählt von beleidigter Menſchenwürde, von mit Füßen getretenen und zer⸗ 104 riffenen Familienbanden, von unterdrückten Be Hoffnungen und von der vernichteten Fackel der Aufflärung und Verſtan⸗ desbildung. Es ſpricht von Menſchen, welche alles deſſen beraubt ſind, was ſie liebenswerlh und edel macht, und welche bis zum Thiere ernie⸗ drigt werden. 4 Und ein ſolches Loos erwartet auch Dich, mein Kind! Möge Gott mit Di Erbarmen haben, denn die Menſchen haben keines! Der erſte Ausbruch inſtinktmäßiger ſorgloſer Freude mit der ich meinen Knaben betrachtet hatte, verſchwand in dem Augenblicke, als ich mich des Schickſals erinnerte, zu welchem er beſtimmt war. Verſchiedenartig und beſtaͤndig wechſelnd, aber ſtets wehmüthig und peinlich waren die Gefühle, mit denen ich ihn betrachtete, wenn er am Buſen ſeiner Mutter ſchlummerte oder wachend zu ihren Liebkoſungen lächelte. Er war wirklich ein hübſcher Knabe— ein liebes, liebes Kind— und um ſeiner Mutter willen liebte ich ihn mit Leidenſchaft. Wenn ich mich aber auch noch ſo ſehr dagegen ſtraͤubte, konnte ich doch keinen Augenblick den bittern Gedanken an das ihm unvermeidlich bevorſtehende Loos verſcheuchen. Ich wußte vollkommen, daß er, wenn er zum Manne heranwuchs, zum Lohn für meine Liebe mich, ſeinen Vater, welcher ihm nichts gegeben hatte als ein mit dem Erbtheil der Sklaverei belaſtetes, und dadurch ſchlimmer als werthlos gemachtes Leben verfluchen würde. Ich fand an Caſſy's Geſellſchaft nicht mehr das Vergnügen, welches ſie mir früher gewährt hatte oder es wurde mir vielmehr durch neues Elend verbittert. Ich liebte ſie nicht weniger als ſonſt, aber die Geburt jenes Knaben hatte friſchen Wermuth in den Becher der Knechtſchaft gegoſſen. Wenn ich ihn betrachtete füllte ſich mein Geiſt mit entſetzlichen Bädken. die ganze Zukunft ſchien ſichtbar vor mich zu treten. Ich ſah ihn nackt, angekettet und unter der Peitſche blutend; ich ſah ihn als ein ungluͤckliches, zitterndes Geſchöpf, welches ſich wand und krümmte, um ihr zu entrinnen; ich ſah ihn völlig entwüͤrdigt, und den edlen Stolz des Mannes in ihm erſtickt. Er erſchien mir bereits als das werthloſe Ding:— ein mit ſeinem Schickſal zufriedener Sklave. Ich konnte es nicht ertragen. Ich ſprang wie raſend auf; ich riß den Knaben aus den Armen ſeiner Mutter und ſah mich, während ich ihn mit Liebkoſungen überhäufte, nach Mitteln um, ein Leben zu verlöſchen, welches als von dem meinigen ausgegangen, nur dazu beſtimmt zu ſein ſchien eine Fortſetzung meines Elends zu werden Meine Augen rollten wild, und mein Vorſatz mußte in meinen Zügen zu leſen ſein, denn meine Frau ſchien trotz ihrer Sanftmuth und Arglo⸗ ſigkeit und der völligen Unfähigkeit zu dem wilden Grimme, welcher mein erz zerriß, mit dem inſtinktmäßigen Scharfblicke einer Mutter meine Abſicht zu ahnen. Sie ſtand haſtig auf, nahm, ohne ein Wort zu ſprechen, das Kind aus meiner ſchwachen, bebenden Hand, drückte es an ihren Buſen, und warf mir einen Blick zu, der mir Alles ſagte, was ſie fürchtete und mich daran erinnerte, daß das Leben der Mutter mit dem des Kindes verwachſen iſt Dieſer Blick überwäͤltigte mich. Meine Arme fielen kraftlos am Körper herab und ich ſank in einer Art von dumpfer Betäubung zu Boden. Ich war an der Ausführung meines Vorhabens verhindert worden, aber ich war nicht überzeugt, daß ich dadurch eine Vaterpflicht gegen das Kind erfuͤllte. Je mehr ich darüber nachdachte, um ſo feſter wuͤrde in mir die ſtrebungen, von zerſtoͤrten 105 Ueberzeugung, da ßes für den Knaben beſſer ſei, zu ſterben. Und wenn die That auch meine eigne Seele gefaͤhrdete, ſo liebte ich das Kind doch ſo ſehr, daß ich ſelbſt vor einem ſolchen Schritte nicht zurückbebte. Aber dann ſeine Mutter? 1 Ich wollte ihr Vorſtellungen machen; aber ich wußte, wie vergeblich es ſein würde, den Verſtand des Weibes gegen die Gefühle der Mutter in die Schranken zu rufen, und ich fühlte, daß eine einzige über ihre Wange herabrollende Thräne, ein Blick, wie der, den ſie mir zugeworfen hatte, als ſie mir das Kind entriß, ſelbſt in meinem Geiſte die gewichtigſten Vernunftgründe überwiegen werde. Die Idee, den Knaben durch eine entſchloſſene That von allem Elend zu erlöſen, welches ihm bevorſtand, war in meinem Geiſte wie ein ſchwacher Sternenſtrahl durch das Dunkel eines nächtlichen Sturmes aufgeblitzt; aber dieſer Schimmer des. Troſtes war jetzt verloͤſcht. Das Kind mußte leben— ich durfte ihm das Leben, das ich ihm gegeben, nicht wiedernehmen. Nein! ſelbſt nicht, wenn jeder Tag ſeines Lebens neue Flüche— die Flüche meines Kindes— auf mein Haupt herabzog. Dies, dies iſt der Pfeil, der immer noch in meinem Herzen bohrt,— die ſchwere Wunde, welche nichts zu heilen vermag. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Eines Sonntags Morgens, als der Knabe etwa drei Monate alt war, kamen unerwartet zwei Fremde nach Carleton Hall. In Folge dieſes Be⸗ ſuchs wurde mein Herr von dringenden Geſchäften in Anſpruch genommen, ſo daß er ſich genoͤthigt ſah, den für jenen Tag angeſetzten Gottesdienſt nicht abzuhalten. Mir war dies recht lieb, denn es gab mir Gelegenheit, Frau und Kind zu beſuchen. Es war im Herbſt. Die Hitze des Sommers hatte nachgelaſſen, der Morgen war heiter und balſamiſch, die Luſt war lau und der Wald in eine bunte Farbenpracht gekleidet, welche faſt das friſche Grün des Früh⸗ lings verdunkelte. Als ich nach Poplar Grove ritt, ſchien die Heiterkeit des Himmels und die Schönheit der Ausſicht meinem Herzen eine ſüße Freude einzuhauchen. Sie war um ſo nothwendiger, als ich durch einige im Laufe der Woche vorgefallene Dinge heftig gereizt worden war, und ich jetzt jede Schmach, der mich mein Stand ausſetzte, doppelt empfand— einmal in meiner eignen Perſon, und dann auch im Hinblick auf die Zukunft, für mein Kind. Ich war in einer nicht eben angenehmen Stimmung aufgebrochen, aber der Ritt, die Ausſicht und die ſchöne Herbſtluft hatten meinem Herzen eine heitere Elaſticität verliehen, wie ſie mir in den letzten Wochen faſt fremd geweſen war. Caſſy bewillkommnete mich mit einem Lächeln und den Liebkoſungen, die eine zärtliche Gattin dem geliebten Manne ſo gern ſpendet. Ihre Herrin hatte ihr am Tage vorher einige neue Kleider für das Kind gegeben, mit denen ſie es angeputzt, damit der kleine Burſche, wie ſie ſagte, anſtän⸗ dig vor ſeinem Vater erſcheinen könnte. Sie brachte den Knaben herbei und ſetzte ihn auf meinen Schooß; ſie pries ſeine Schönbeit, ſchlang ihren Arm um meinen Nacken und verſuchte die Züge des Vaters in dem Geſicht des Kindes wiederzufinden. In ihrer Mutterzärtlichkeit ſchien ſie die Zu⸗ kunft zu vergeſſen, und bemühte ſich, durch tauſend Liebkoſungen und alle 106 die kleinen Kunſtgriffe der Frauenliebe, auch meine Gedanken davon abzu⸗ lenken, was ihr jedoch nur ſehr unvollkommen gelang. Der Anblick des armen lächelnden, hilfloſen, ahnungsloſen Kindes rief alle meine weh⸗ müthigen Gefühle zurück und doch konnte ich es nicht über mich gewinnen, die Hoffnungen und Anſtrengungen meiner Gattin zu enttäuſchen; um ſie daher in dem frohen Wahne zu laſſen, daß es ihr geglückt ſei, bemühte ich mich, eine Heiterkeit, die ich nicht empfand, zu heucheln. 1 Die Schönheit des Tages lockte uns hinaus. Wir machten einen Spaziergang über die Felder und in den Wald, wobei wir das Kind ab⸗ wechſelnd trugen. Caſſy hatte mir hunderterlei Kleinigkeiten von den erſten leiſen Andeutungen des erwachenden Verſtandes, die ſich an dem Knaben zeigten, zu erzählen; ſie ſprach mit der ganzen Redſeligkeit und Innigkeit einer Mutter. Ich ſagte nur wenig; ich wagte in der That kaum zu ſprechen. Wenn ich einmal angefangen hätte, würde ich mich in meinen Reden nicht haben mäßigen können, und ich wollte ihre Freude durch den Ausdruck der wehmüͤthigen Gefühle meines Herzens nicht verbittern. Die Stunden enteilten uns unbemerkt, und die Sonne war bereits dem Untergange nahe. Ich hatte von meinem Herrn Befehl, am Abend zurückzukehren, und es wurde daher Zeit zum Aufbruch. Ich ſchloß den Knaben noch einmal in meine Arme, küßte Caſſy auf die Wange und drückte ihr die Hand. Sie ſchien mit einer ſo kalten Trennung nicht zu⸗ frieden zu ſein, denn ſie ſchlang ihre Arme um meinen Hals und über⸗ häufte mich mit Liebkoſungen. Dies widerſtritt ſo ganz ihrem gewöhnlichen ſchüchternen und ſpröden Weſen, daß es mir auffiel. Hatte ſie vielleicht eine Ahnung von dem, was geſchehen ſollte? Fuhr ihr der Gedanke durch den Sinn, daß dies unſer letztes Lebewohl ſein könne? Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Als ich nach Carleton Hall zurückkam, fand ich Alles in der größten Beſtürzung. Bald erfuhr ich den Grund davon. Wie es ſchien, hatte ſich Mr. Carleton etwa ein Jahr zuvor in ſehr großer Geldverlegenheit be⸗ funden; dies hatte ihn genöthigt, ſeinen Angelegenheiten einige Beachtung zu ſchenken. Er ſah ſich unter einer Schuldenlaſt, von welcher er früͤher keine beſtimmte Idee gehabt hatte, und da ſeine zahlreichen Gläubiger, welche nur zu lange mit Verſprechungen abgeſpeiſt worden waren, immer dringender zu werden begannen, ſah er die Nothwendigkeit einer kräftigen Abhilfe ein. Das Borgen dünkte ihm das ſicherſte Mittel, ſich von dem unmittelbaren Drucke ſeiner Schulden zu befreien, und es gelang ihm, ein großes Darlehen von einigen Geldverleihern in Baltimore zu erhalten, für deſſen Heimzahlung er ſeine Sklaven mit Einſchluß der Hausdiener, zu denen auch ich gehorte, zum Pfande einſetzte. Dieſes Geld verwendete er dazu, einige Schulden, wegen denen bereits Exekution gegen ihn ange⸗ meldet war, zu bezahlen, und den dringendſten Gläubigern den Mund zu ſchließen. Mr. Carleton lieh Geld auf ein Jahr, jedoch nicht in der Erwartung, daß er es nach dieſer Zeit aus eigenen Mitteln werde zurückzahlen können, wohl aber in der Hoffnung, daß es ihm vor Ablauf des Jahres gelingen werde, ein Anlehen auf längere Zeit zu machen und ſo die Pfandurkunde einzulöſen. 1 36 — 107 In dieſer Erwartung war er bis jetzt getäuſcht worden, und er unter⸗ handelte noch mit den Perſonen, von denen er borgen zu können hoffte, als die in der Pfandurkunde feſtgeſetzte Zeit zur Heimzahlung erſchien. Vor etwa einem Monate war dieſer Termin abgelaufen, und als ich nach Carleton Hall zurückkehrte, fand ich, daß die am Morgen angekommenen Fremden die Agenten der Geldverleiher von Baltimore waren, welche letztere abgeſendet hatten, um von dem Pfandobjecte Beſitz zu ergreifen. Sie hatten bereits alle Sklaven, die ſie finden konnten, eingefangen, und ich war kaum in das Haus getreten, als ſie ſich auch meiner bemächtigten und mich in Gewahrſam brachten. Man hielt dieſe Vorſichtsmaßregeln für nothwendig, damit die Sklaven nicht etwa entliefen oder ſich vor den Agenten ihrer neuen Eigenthümer verbargen. Mein armer Herr war in der größten Noth und Verlegenheit. Um⸗ ſonſt bat er um eine Friſt und ſchlug verſchiedene Auswege vor. Die Agenten erklärten, daß ſie in der Sache keine Wahl hätten, ihre Inſtruk⸗ tionen lauteten dahin, entweder das Geld oder die Sklaven zu holen, und falls das Geld nicht erlangt werden könne, mit den Sklaven nach Charles⸗ ton in Südkarolina zu gehen, welches zu jener Zeit für den beſten Markt zum Abſatz dieſer Waare galt. Die ſofortige Zahlung des Geldes war unmöglich; aber Mr. Carle⸗ ton hoffte, im Verlauf einiger Tage wo nicht das Darlehen, worüber er unterhandelte, doch wenigſtens eine zeitweilige Hilfe erlangen zu können, die ihn in den Stand ſetzte, die Pfandurkunde einzulöſen. Die Agenten bewilligten ihm vierundzwanzig Stunden, weigerten ſich aber, länger zu warten. Mr. Carleton konnte nicht hoffen, in ſo kurzer Zeit Geld auf⸗ zutreiben, und hielt es nicht der Mühe werth, es zu verſuchen. Die Pflanzungsarbeiter mußten fort, das ſchien unvermeidlich; aber er wollte wenigſtens ſeine Hausdiener vor dem Sklavenmarkte retten und bat daher die Agenten, ihn nicht ohne einen Diener zu laſſen, der ihm das Bett machen oder das Eſſen zubereiten könne. Die Agenten antworteten, daß ihnen die unangenehme Lage, in der er ſich befinde, wahrhaft leid thue, daß aber ſeit der Ausſtellung der Pfand⸗ urkunde mehere von den darin aufgeführten Sklaven geſtorben ſeien, daß einige Andere die Summe, zu welcher ſie abgeſchätzt waren, kaum werth zu ſſein ſchienen, daß der Preis der Sklaven ſeit der Ausſtellung des Dokuments bedeutend gefallen ſei und wahrſcheinlich noch weiter fallen werde, und daß ſie es aus allen dieſen Gruͤnden für mehr als zweifelhaft hiel⸗ ten, daß die verpfändeten Werthartikel die Schuld vollſtändig deckten. Sie wollten ihm jedoch ſo weit nachſehen, als es die Pflicht gegen ihre Auf⸗ traggeber nur immer geſtatte und ſeien geneigt, wenn er den Werth der⸗ jenigen Sklaven, welche er zu behalten wunſche, bezahlen wolle, das Geld ſtatt der Leute anzunehmen. 3 Mr. Carle on hatte keine fünfzig Dollars im Hauſe; aber er machte ſich augenblicklich auf den Weg, um zu ſehen, was er in der Nachbarſchaft auftreiben könne. Ueberall, wohin er kam, fand er, daß ihm die Nachricht von dem unangenehmen Vorfalle vorausgeeilt war. Man wußte, daß er außer der Pfandſchuld in Baltimore noch viele andere Verbindlichkeiten hatte, und ſeine Nachbarn betrachteten ihn als einen ruinirten Mann. Natuͤrlich hatte der größte Theil von ihnen keine Luſt ihm ihr Geld zu leihen, und überhaupt waren die meiſten auch nicht in ſo glänzenden um⸗ ſtänden, daß ſie viel Geld auszuleihen gehabt hätten. Nachdem er den 108 größten Theil des Tages umhergeritten war, gelang es ihm, einige hundert Dollars zu borgen, jedoch unter der Bedin ung, daß er diejenigen Sklaven, welche er zuruͤckkaufen wollte, als Unterpund einſetzte. Er war kurz vor mir wieder nach Hauſe gekommen und überlegte bereits, welche Sklaven er behalten ſolle. Er ſagte mir, daß ich ein guter, zuverläſſiger Diener geweſen ſei und daß er ſich ſehr ungern von mir trenne, aber er habe nicht Geld genug, um uns Alle einzulöſen und ſeine alte Amme und ihre Familie ſeien vor allen Anderen dazu berechtigt. Ihre Dienſte ſeien ihm nicht nur am nöthigſten, ſondern die Mutter ſei auch lange eine Lieblings⸗ dienerin geweſen; ihre Kinder ſeien in ſeiner Familie geboren und erzogen, und er betrachte es als eine Gewiſſensſache, ſie unter allen Umſtaͤnden zu behalten. 5 Die Agenten ließen Diejenigen von den Dienern, welche er auswählte, frei, die Uebrigen wurden aber in Gewahrſam behalten und erhielten die Weiſung, ſich am nächſten Morgen zum Aufbruch bereit zu halten. Ich hatte noch eine Hoffnung. Ich dachte, daß Mrs. Montgomery, ſobald ſie meine Lage erführe, mich gewiß kaufen wurde. Ich erwähnte dies gegen meinen Herrn. Er ſagte mir, daß ich nicht zu feſt darauf rechnen ſolle, da Mrs. Montgomery bereits mehr Diener, als ſie brauchte, im Hauſe habe. Er erklärte ſich jedoch gern bereit, ein Billet an ſie zu ſchreiben, um ihr meine Lage vorzuſtellen. Es wurde durch einen Diener abgeſendet und ich erwartete mit ungeduldiger Hoffnung die Antwort. Endlich kam der Bote zurück. Mrs. Montgomery und ihre Tochter hatten ſich am Morgen auf Beſuch zu ihrem Bruͤder begeben, der etwa zehn Meilen von Poplar Grove entfernt wohnte, und man erwartete, daß ſie mehrere Tage abweſend ſein wurden. Ich glaube, vaß ich am Mor⸗ gen etwas davon gehört hatte, aber es war mir in meiner Cile, Verwir⸗ rung und Aufregung wieder entfallen. Jetzt hatte ich die letzte Hoffnung verloren, und mein Schmerz dar⸗ über war grenzenlos. Bis zu dieſem Augenblicke hatte ich mir das Elend meiner Lage ſelbſt verhehlt. Ich war mit dem Unglück vertraut geweſen; aber dies übertraf Alles, was ich je gelitten. Allerdings hatte ich ſchon eine Trennung von meiner Frau erlebt, aber die Qual derſelben war durch körperliche Schmerzen und Fieber abgeſtumpft worden. Jetzt wurde ich von Frau und Kind geriſſen— und zwar ohne, daß etwas meine Auf⸗ merkſamkeit abgelenkt oder die Qual des peinlichen Bewußtſeins abgeſtumpft hätte. Ein ohnmächtiger Grimm erfüllte mein Herz, und es klopfte, als ob es mir die Bruſt zerſprengen wollte. Meine Stirn glühte wie Feuer. Ich hätte weinen mögen, aber ſelbſt dieſe Linderung blieb mir verſagt. Die Thränen wollten nicht fließen, die Fieberhitze in meinem Gehirn hatte ſie verzehrt. Mein erſter Gedanke war, die Flucht zu verſuchen; aber meine neuen Herren waren mit dem Geſchäft des geſetzlichen Menſchenraubs zu ver⸗ traut, um mir dazu Gelegenheit zu geben. Wir wurden ſämmtlich in eine Scheune gebracht und ſorgfältig eingeſchloſſen. Bei vielen von den Pflan⸗ zungsarbeitern war dies eine ganz unnöthige Vorſicht. Ein großer Theil derſelben war der Tyrannei des Aufſehers Mr. Carleton's ſo müde, daß ihnen jede Veränderung erwunſcht war, und als ihr Herr ihnen einen Ab⸗ ſchiedsbeſuch machte und ſte wegen ihres Unglücks bedauerte, waren mehrere dreiſt genug ihm zu ſagen, daß ſie es für gar kein Unglück hielten, da ſte keinesfalls ſchlimmer behandelt werden könnten, als ſein Aufſeher ſie behan⸗ —-— —-— 109 delt habe. Mr. Carleton ſchien über dieſe freche Aeußerung nicht beſonders erfreut zu ſein, und verabſchiedete ſich etwas unſanft von uns; jedenfalls konnte dieſe Erfahrung eben nicht wohlthuend für ihn ſein. Mit der Morgendämmerung wurden wir in Marſchordnung gebracht. Ein Ruͤſtwagen trug die Mundvorräthe und die jüngeren Kinder. Die Uebrigen wurden an einander gefeſſelt und traten die Reiſe auf die ge⸗ wöhnliche Art an.“ Es war eine lange Reiſe, und wir waren zwei bis drei Wochen un⸗ terwegs. Wenn man bedenkt, daß wir Sklaven waren, die zu Markte ge⸗ trieben wurden, ſo konnte man unſre Behandlung eine unerwartet menſch⸗ liche nennen. Nach der dritten oder vierten Tagereiſe wurden die Weiber und Kinder von ihren Ketten erlöſ't, und einige Tage ſpäter erhielt ein Theil der Männer die nämliche Erleichterung. Diejenigen unter uns, de⸗ nen man nicht recht traute, blieben jedoch gefeſſelt. Unſere Treiber ſchienen un⸗ ſern Werth dadurch erhöhen zu wollen, daß ſie uns in guter Stimmung erhielten. Unſere Tagereiſen waren ſehr maͤßig, wir wurden ſämmtlich mit Schuhen verſehen und erhielten reichliche Nahrung. Des Nachts lagerten wir uns am Wege, zündeten ein großes Feuer an, kochten unſern Mais⸗ brei, und machten eine Hütte von Baumzweigen, in der wir ſchliefen. Mehrere von uns behaupteten, daß ſie in ihrem ganzen Leben nicht ſo gut behandelt worden ſeien, und ſie wanderten lachend und ſingend, eher wie zum Vergnügen Reiſende, als wie zum Verkauf getriebene Skla⸗ ven, dahin. Der Sklave iſt ſo wenig an Güte oder Freundlichkeit irgend einer Art gewöhnt, daß die geringſte Kleinigkeit hinreicht, ihn in Ertaſe zu verſetzen. Das Geſchenk einer einzigen Extramahlzeit iſt genügend, ihn zu veranlaſſen, da er ſelbſt einen Sklaventreiber liebt. Das Singen und Lachen meiner Gefährten ſtimmte mich nur noch trauriger. Sie bemerkten es und thaten ihr Möglichſtes, um mich aufzu⸗ heitern. Es konnte kein gutmüthigeres Voͤlkchen geben und ich fand ſelbſt in ihren rohen Verſuchen, mich zu tröſten, einige Erleichterung, denn es liegt in der Theilnahme des geringſten menſchlichen Geſchöpfs eine größere Gewalt, als die ſtolzen Kinder des Lurus zu glauben geneigt ſind. Ich war ein Liebling der Sklaven von Carleton Hall, weil ich mir einige Muhe gegeben hatte, es zu werden, denn ich hatte ſchon längſt dem ein⸗ fältigen Vorurtheile und thörichtem Stolze entſagt, welche mich früher von meinen Dienſtgenoſſen fern hielten und mir mit Recht ihren Haß und Widerwillen zuzogen. Die Erfahrung hatte mich klüger gemacht, und ich nahm nicht mehr die Partei unſrer Unterdrücker, indem ich mich ihrem falſchen Wahne von natürlicher Superiorität anſchloß. Ich hatte mich be⸗ müht, mir die Zuneigung meiner Dienſtgenoſſen dadurch zu erwerben, daß ich mich unter ſie miſchte, an allen ihren Verhältniſſen Antheil nahm, und ihnen kleine Dienſte leiſtete, die in Folge meiner Gunſt bei Mr. Carleton in meiner Macht ſtanden. Ich hatte ſogar einigemal die Schranken uüber⸗ ſchritten und mir ernſte Unannehmlichkeiten zugezogen, indem ich meinem Herrn die Strenge ſeines Auſſehers denuncirte. Wenn aber auch meine Verſuche, ihnen zu dienen, nicht immer von Erfolg waren, ſo wurde doch ihre Dankbarkeit vadurch um nichts vermindert. 4 Als meine Gefährten meine Traurigkeit bemerkten, hörten ſie auf zu ſingen und ſetzten, nachdem ſie ihre wenigen Beileidsbezeugungen erſchöpft hatten, ihre Geſpräche in einem gedämpften und gemäßigten Tone ode als ob ſie mein Gefühl durch eine mir möglicherweiſe unpaſſend ſcheinen 3 — tten guten Tage waren, welche Ich ſagte ihnen, daß mich nichts beſſer aufhei⸗ enn ich ſie luſtig ſähe, und obgleich mir das Herz bei⸗ ollte, zwang ich mich doch zur Fröhlichkeit und ſtimmte Die Uebrigen ſielen ein, der Chor erhob ſich ſo laut wie je, nahm kein Ende, und ihre ſtürmiſche Luſtigkeit verſenkte üſteres Schweigen. 3 die natürlichen Gefühle eines Mannes, ich liebte meine Frau worden wären, oder ermeidliche Nothwendigkeit des Lebens von ihnen ge⸗ ürde ich ohne Zweifel geweint haben; aber meine Gefühle chen, mit keiner bitteren Empfindung gemiſchten Kum⸗ Daß aber die theuren Bande des Gatten und Vaters, Bande, die ſo feſt um mein innerſtes Herz geſchlungen waren, gewaltſam und unerwartet durch die Laune eines Glaͤubigers— noch bigers eines Andern— zerriſſen, daß ich ſo gefeſſelt, von meinem Wohn⸗ orte fortgeſchleppt und zu Markte i d 3 Dinge geduldet werden; grimmige, furchtbare Leidenſcha 3 Pee ſen, quälten und peinigten mich noch mehr, als der Schmerz über die plötzliche Aber heftige Gemuͤthsbewegungen heilen gewöhnlich von ſelbſt. Wenn der Leidende den erſten Paroxysmus überſteht, ſo beginnt ſein Geiſt bald in das natürliche Gleichgewicht zuruckzukehren. So fand ich ich es eben⸗ falls. Die Folter wüthender aber ohnmächtiger Leidenſchaften überwaͤltigte mich Anfangs faſt gänzlich; aber meine Gefühle wurden allmälig milder, bis ſie endlich in einen ſtillen, aber unveränderlichen Gram übergingen, einen Gram, den mich der Impuls einer vorübergehenden Regung zuweilen vergeſſen läßt, der aber, wie die Gewiſſensbiſſe des Sünders, zu tief ein⸗ gewurzelt iſt, um jemals ganz zu heilen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. . Wir kamen endlich in Charleston, der Hauptſtadt von Südkarolina an. Man geſtattete uns mehrere Tage zur Erholung von unſerer langen Reiſe. Sobald dies geſchehen war, erhielten wir neue Kleider, damit wir uns auf's Vortheilhafteſte präſentirten. Hierauf wurden wir ausgeſtellt, um von Kaufluſtigen beſtchtigt zu werden. Die über ihren neuen Putz er⸗ freuten Weiber und Kinder ſchienen an der Neuheit ihrer Lage Vergnügen zu finden und zeigten ſich ſo eifrig bemüht, einen Herrn zu erhalten, und einen hohen Preis einzubringen, als ob das Geſchäft zu ihrem eignen Vor⸗ theil wäre. Der größte Theil von uns, darunter auch ich, wurde von ei⸗ nem einzigen Manne gekauft. Dies war General Carter, ein Mann von fürſtlichem Vermögen und einer von den reichſten Pflanzern in Sudkarolina, 5 —ᷣᷣᷣ 111 der uns ſofort nach einer von ſeinen Pflanzungen in geringer Entfernung von der Stadt ſendete. Das niedere Land von Südkarolina, etwa achtzig bis hundert Meilen von dem atlantiſchen Meere, welches mehr als die Halfte des Staates um⸗ giebt, landeinwärts, iſt mit der einzigen Ausnahme, von der ich ſogleich ſprechen werde, eines der kahlſten, unfruchtbarſten, unwirthlichſten Länder der Welt. Der Boden beſteht im Allgemeinen aus nichts als einem dur⸗ ſtigen Sande, der auf viele, viele Meilen mit Nadelholz bedeckt iſt. Dieſe Landſtriche werden in der ausdrucksvollen Sprache des Landes„Fichten⸗ wüſten“ genannt. Bis tief in das Land hinein bilden dieſe Wüſten eine faſt vollkommen ebene Fläche, die ſich nur um wenige Fuß über das Meer erhebt. Die hohen, geraden, aſtloſen Stämme der weitauseinander ſtehen⸗ den Fichten erheben ſich wie ſchlanke Säulen und ſind mit einem Büſchel knorriger Aeſte mit langen borſtigen Nadeln gekrönt, durch welche der Wind eintönig rauſcht, ſo daß man einen fernen Waſſerfall oder eine Meeres⸗ brandung zu hören glaubt. Gebuſch iſt ſelten vorhanden, und der Boden iſt entweder mit dem Sägepalmetto, einer niedrigen, immergrünen Pflanze, oder mit einem groben ſpärlichen Gras bedeckt, auf welchem halb wilde Rinderheerden im Sommer weiden und im Winter halb verhungern. Die Stäͤmme der Fichten unterbrechen kaum die Ausſicht, deren langweilige Ein⸗ förmigkeit nur hie und da mit faſt undurchdringlichen Sümpfen abwechſelt⸗ welche dicht mit Lorbeer, Sumpfeichen, Cypreſſen und andern großen Bäu, men bewachſen ſind, an deren ausgebreiteten Aeſten und dicken Stämmen ein langes grünliches Moos wie Trauerguirlanden bis auf den Boden herabhängt. Die breiten, ſeichten Flüſſe treten, wenn ſie von den langen Regengüſſen im Frühling und Winter angeſchwellt werden, häufig über ihre niedrigen, moraſtigen Ufer, und vergrößern dadurch die Sumpfſtrecken, welche eine reiche Quelle von mephitiſchen, bösartige Fieber erzeugenden Ausdünſtungen ſind. Selbſt da, wo das Land ſich zu erheben beginnt, behält es noch auf weite Entfernung ſeinen unfruchtbaren Charakter. Es iſt eine Maſſe von ſandigen Hügeln, die im ſeltſamſten Gemiſch durchein⸗ ander geworfen ſind. An vielen Stellen deiht nicht einmal die Fichte, und der kahle durſtige Boden iſt nur mit verkrüppelten Zwergeichen bedeckt. An manchen Stellen fehlen ſelbſt dieſe, und der Sand wird von den Win⸗ den hin und her geweht. Auf dieſem ganzen Landſtriche, von welchem, bei aller ſeiner Unfrucht⸗ barkeit, ein großer Theil zum vortheilhaften Anbau benutzt werden könnte, was der Unternehmungsgeiſt freier Arbeit auch ohne Zweifel thun wuͤrde, giebt es nur einige ſchmale Streifen, hauptſächlich an den Flußufern, welche das koſtſpielige und verſchwenderiſche Syſtem der Sklavenkultur zum Anbau B fähig gefunden hat. Alles Uebrige iſt immer noch eine Urwildniß, deren dde Einförmigkeit faſt durch nichts unterbrochen wird. Dieſe Beſchreibung gilt jedoch nicht dem Streifen, der ſich am Meeres⸗ ſtrande von der Mündung des Santee bis zu der des Savannah hinzieht, und ſich an manchen Punkten zwanzig bis dreißig Meilen weit landeinwärts erſtreckt. Die Küſte zwiſchen dieſen Flüſſen iſt eine Reihe von Inſeln— die berühmten„Sea⸗Islands“ der Baumwollenmärkte, und das Feſtland, welches durch unzählige, ſchmale, ſich hin und her ſchlängelnde Kanäle von dieſen Inſeln getrennt iſt, wird von zahlloſen Buchten und Einſchnitten zerriſſen. Die Inſeln haben gegen den Ocean hin ein hohes Ufer und einen ſchönen Strand, aber die entgegengeſetzten Seiten ſind oft niedrig 88 112 und ſumpfig. Sie waren urſprünglich mit prächtigen Lebens⸗ oder immer⸗ gruͤnen Eichen, einem der ſchönſten Bäume, die man ſehen kann, bedeckt. eer Boden iſt leicht, beſitzt aber eine Fruchtbarkeit, welche er auf den todten, kahlen Sandwuͤſten des Innern nie erreicht hat. Dieſe Gegenden werden durch Dämme gegen die Fluthen geſchützt, und die Felder ſind durch zahlreiche Teiche und Graäͤben getheilt und entwäſſert. Diejenigen, welche am bequemſten mit ſüßem Waſſer überfluthet werden können, benutzt man als Reisfelder, die übrigen aber zum Anbau der langſtapeligen oder Sea⸗Island⸗Baumwolle— einer Baumwollenart, welche an Länge der Fiſer jebe andere übertrifft und an Feſtigkeit und Weichheit der Seide nahekommt. 3 Dieſe ſchönen Diſtrikte bilden mit dem übrigen Theile des Unterlandes von Suͤd⸗Karolina einen auffallenden Kontraſt. So weit das Auge reicht, iſt nichts zu ſehen, als eine ebene, woͤhl angebaute Gegend, durch welche ſich in allen Richtungen Creeks und Flüſſe ſchlängeln. Die Wohnungen der Pflanzer ſind oftmals hübſche Gebaͤude, welche auf Anhöhen ſtehen und von den mannichfaltigſten Bäumen und Sträuchern beſchattet werden. Die Eigenthümer bewohnen dieſe Häuſer nur im Winter. Im Sommer werden ſie theils durch die Langeweile— die Folge ihrer Traͤgheit,— theils auch durch die Ungeſundheit des Klimas, welche der Reisbau noch bedeutend erhöht, von dort vertrieben. Dieſe Pflanzerariſtokratie verſammelt ſich in Charleston oder blendet die Städte und Badeorte des Nordens durch ihre raſende Verſchwendung. Die Pflanzungen bleiben der ausſchließlichen Ver⸗ waltung von Aufſehern überlaſſen, welche mit ihren Familien faſt die einzige beſtändig dort wohnende freie Bevölkerung dieſer Diſtrikte bilden. Die Sklaven ſind zehnmal ſo zahlreich wie die Freien. Dieſe ungemein fruchtbare, ſchöne Gegend iſt nur dazu beſtimmt, einige hundert Familien in üppiger, verſchwenderiſcher Trägheit zu erhalten, durch die ſie der Welt nutzlos ſind und ſich ſelbſt zur Laſt werden; und um dieſen großen Zweck zu erreichen, werden mehr als hunderttauſend menſchliche Weſen in den tiefſten Abgrund der Entwürdigung und des Elends verſenkt. General Carter, unſer neuer Herr, war einer von den reichſten dieſer amerikaniſchen Granden. Die Pflanzung, wohin wir geſendet wurden, hieß Looſahachee, und war, obgleich ſehr umfangreich, doch nur eine von mehreren, die er beſaß. Da ich nie aus Virginien gekommen war, fand ich in dem Ausſehen und den dortigen Einrichtungen Manches, was mir ganz neu war. Ich und meine Gefaͤhrten, welche ſtets an eine kleine Quantität Fleiſch gewöhnt geweſen waren, um unſre Kornration etwas wohlſchmeckender zu machen, fanden unſern nüchternen, ungewürzten Maisbrei weder ſo ſchmack⸗ haft, noch ſo nährend, wie wir es gewünſcht hätten. Als neue Ankömm⸗ linge kannten wir die Gebräuche des andes noch nicht, und viele, von den Künſten, welche die Sklaven von Karolina anwenden, um ihre ſpärlichen, unzulaͤnglichen Rationen zu vergrößern, waren uns vöͤllig fremd. Unſer einziges Auskunftsmittel war eine Appellation an die Großmuth unſers Herrn, und es traf ſich zufällig, daß General Carter etwa vierzehn Tage nach unſerer Ankunft auf der Pflanzung mit mehreren Freunden einen flüch⸗ tigen Beſuch von Charleston aus in Looſahachee machte, um zu ſehen, welche Ernte zu erwarten ſei. Wir hielten dies für eine gute Gelegenheit, eine kleine Verbeſſerung unſerer Koſt zu erlangen. Wir wollten nicht gern um zu viel bitten, damit unſer Geſuch nicht ohne weiteres abgeſchlagen 113 wurde, und beſchloſſen daher ſo beſcheiden als möglich zu ſein. Nach kurzer Berathung wurde der Beſchluß gefaßt, daß wir unſern Herrn um ein wenig Salz zur Würzung unſers Maisbreis bitten wollten— ein Luxus, an den wir ſtets gewoͤhnt geweſen waren, welcher aber von der in Looſa⸗ hachee üblichen Diät, die nur aus einer wöchentlichen Ration von einer Metze Mais auf jeden Arbeiter beſtand, nicht mit umfaßt wurde. Meine Genoſſen erſuchten mich, den Fürſprecher zu machen und ich übernahm es bereitwillig. Als General Carter und ſeine Freunde in meine Nähe kamen, ging ich auf ihn zu. Er fragte mich, was es bedeuten ſolle, daß ich meine Ar⸗ beit auf dieſe Weiſe verlaſſe und was ich von ihm verlange. Ich ſagte ihm, daß ich einer von den Leuten ſei, welche er vor Kurzem gekauft habe, daß einige von uns in Virginien und andere in Nord ⸗Karolina geboren und aufgewachſen wären, daß wir nicht daran gewöhnt ſeien, von bloßem Maisbrei ohne irgend eine Würze zu leben, und daß wir es als eine ſehr große Gunſt betrachten würden, wenn er ſo gütig ſein wolle, uns ein wenig Salz geben zu laſſen. 3 Er ſchien über die Dreiſtigkeit dieſes Verlangens einigermaßen zu er⸗ ſtaunen und fragte nach meinem Namen. „Archy Movre,“ antwortete ich. „Archy Moore?“ rief er in höhniſchem Tone;„ſeit wann iſt es unter euch Burſchen Mode, zwei Namen zu haben? Du biſt der Erſte von Allen, die ich je beſeſſen habe, der ſich einer ſolchen Frechheit ſchuldig gemacht hat. Du biſt ein verdammt kecker Burſche! Ich ſehe es Dir an den Augen an. Erlaube mir, Dich zu erſuchen, Mr. Archy Moore, daß Du Dich damit begnügſt, Dich Archy zu nennen, wenn ich wieder nach Deinem Namen frage.“ Ich hatte den Namen Moore angenommen, als ich Spring⸗Meadow verließ, und dieſes Verfahren iſt in Virginien nicht ungewöhnlich, und wird dort gern geſtattet. Die Bewohner von Süd⸗Karolina, welche es unter allen Amerikanern in der Theorie und Praris der Tyrannei am wei⸗ teſten gebracht zu haben ſcheinen, ſind jedoch auf Alles eiferſüchtig, was ihre Sklaven in irgend einer Beziehung über das Niveau ihrer Pferde und Hunde erheben könnte. 4 Die Worte und das Benehmen meines Herrn waren heftig genug; aber ich ließ mich dadurch nicht abſchrecken. Ich ging ſtillſchweigend über ſeinen Tadel hinweg, erlaubte mir aber nochmals in den ehrerbietigſten Ausdrücken, die mir zu Gebote ſtanden, die Bitte zu wiederholen, daß er ſo gütig ſein moͤge, uns ein wenig Salz zum Würzen unſers Maisbrodes zu gewähren. „Ihr ſeid die unverſchämteſte, unzufriedenſte Bande, die ich je geſehen habe,“ lautete die Antwort.„Ihr Schurken freßt mich ohnehin ſchon arm, ich kann kaum Korn genug für Euch kaufen! Habt Ihr nicht eine Menge Seewaſſer in weniger als fünf Meilen Entfernung, wenn Ihr Salz braucht? Ihr habt weiter nichts zu thun, als es Euch ſelbſt zu bereiten!“ Dies war ſeine Antwort, und als die Herren ihre Pferde wendeten und hinwegritten, brachen ſie in ein lautes Gelächter über dieſe geiſtreiche Abfertigung aus. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Unter Mr. Carleton's Leuten oder vielmehr den Leuten, welche Mr. Carleton gehört hatten, jetzt aber General Carter's Eigenthum geworden Der weiße Sklave. 8 114 waren, befand ſich ein Mann, Namens Thomas. Ich hatte waͤhrend unſers Aufenthaltes in Carleton Hall mit ihm Freundſchaft geſchloſſen, und unſer Verhältniß blieb auch hier das nämliche. Er war von unvermiſchtem afri⸗ kaniſchen Blut, hatte ſchöne Züge, einen kräftigen, muskulöſen Körper, und war in mehrfacher Beziehung ein intereſſanter Mann. Seine Körperkraft und ſeine Fähigkeit, Entbehrungen und Anſtren⸗ gungen zu ertragen, waren ungewöhnlich, aber ſein Charakter war es noch mehr. Seine Leidenſchaften waren heftig und ſogar ungeſtüm, aber er hatte ſie, was bei Sklaven ſehr ſelten iſt, vollkommen in ſeiner Gewalt und war in allen ſeinen Worten und Thaten ſanft wie ein Lamm. Der Grund davon lag darin, daß in ſeiner frühen Jugend einige Methodiſten, die in ſeiner Gegend lebten und arbeiteten, ſich ſeiner angenommen hatten, und der Eindruck, den ihre Lehren auf ihn gemacht, war ſo ſtark und dauerhaft, und er hatte dieſelben ſo vollkommen eingeſogen, daß es ſchien, als ob einige von den ſtärkſten Trieben der menſchlichen Natur aus ſeiner Bruſt verbannt worden wären. Seine Religionslehrer hatten ſeinem von Natur ſtolzen und edlen Ge⸗ müth den Glauben des paſſiven Gehorſams und geduldigen Leidens einge⸗ prägt, welcher unter dem heiligen Namen der Religion ſich oftmals wirk⸗ ſamer als Peitſchen oder Ketten erwieſen hat, um die Tyrannei aufrecht zu erhalten und den Widerſtand des abergläubiſchen ängſtlichen Sklaven zu brechen. Sie hatten ihm gelehrt, und er glaubte es, daß Gott ihn zum Knechte geſchaffen habe und daß es ſeine Pflicht ſei, ſeinem Herrn zu ge⸗ horchen und mit ſeinem Looſe zufrieden zu ſein. Welche Grauſamkeiten oder Mißhandlungen ihm die wenn auch ungereizte Inſolenz einer ſchran⸗ kenloſen Gewalt zufügen möge, ſo ſei es doch ſtets ſeine Pflicht, ſich ihnen in ſtiller Demuth zu unterwerfen, und wenn ſein Herr ihn auf die eine Wange ſchlage, ihm auch die andere hinzuhalten. Dies war bei Thomas nicht eine blos eingelernte und dann wieder vergeſſene Phraſe. Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Mann gekannt, auf den ſein Glaube eine ſo große Gewalt auszuüben ſchien. Die Natur hatte ihn dazu beſtimmt, einer von den großen Geiſtern zu werden, welche der Schrecken der Tyrannen und die kühnen Vertheidiger der Freiheit ſind. Unter dem Einfluſſe ſeiner Religion war er jedoch ein paſſiver, demüthiger und gehorſamer Sklave geworden. Er machte es ſich zur Pflicht, ſeinem Herrn in allen Dingen treu zu ſein. Nie kam ein Tropfen Whiskey über ſeine Lippen, er wollte lieber verhungern als ſtehlen, und ließ ſich lieber peitſchen, als daß er gelogen hätte. Dieſe bei einem Sklaven ſo ungewöhnlichen guten Eigenſchaften, und ſein freudiger Ge⸗ horſam und Fleiß hatten ihm ſelbſt die Zuneigung des Aufſehers Mr. Carleton's erworben. Er wurde als eine Art von vertrautem Diener be⸗ handelt, erhielt die Schlüſſel zur Verwahrung, mußte die Rationen aus⸗ theilen, und erfüllte Alles, was von ihm verlangt wurde, ſo gewiſſenhaft, daß ſelbſt die Launen eines Aufſehers keinen Makel an ihm zu finden wußten. Er hatte mehr als zehn Jahre in Carleton Hall zugebracht und war waͤhrend dieſer ganzen Zeit nicht ein einziges Mal geſchlagen worden. Das Merkwürdigſte und Ungewöhnlichſte aber war, daß Thomas ſich nicht nur das Vertrauen des Aufſehers, ſondern zu gleicher Zeit auch die Freundſchaft ſeiner Dienſtgenoſſen erworben hatte. Es konnte keinen gutherzigeren, lang⸗ müthigeren Mann geben. Er war bereit, alles Mögliche für ſeine noth⸗ leidenden Nebenmenſchen zu thun, ſeine Rationen mit den Hungernden zu 115 theilen, und den Schwachen und Müden ihre Arbeit vollenden zu helfen. Ueberdies war er der geiſtliche Führer der Pflanzung und konnte faſt eben ſo gut wie ſein Herr predigen und beten. Ich hatte keine Sympathie für ſeine religiöſe Begeiſterung, aber ich liebte und bewunderte den Mann, und wir hatten lange im vertrauteſten Verhältniß geſtanden. Thomas hatte eine Frau, Namens Anna, ein hübſches, munteres, gutmüthiges Geſchöpf, die er von ganzem Herzen liebte. Es war für ihn ein großer Troſt, und er betrachtete es als eine beſondere Gunſt der Vor⸗ ſehung, daß ſie nicht getrennt worden waren, als ſie Carleton Hall ver⸗ laſſen mußten. 4 Kein Menſch konnte entzückter ſein wie Thomas, als er ſah, daß General Carter ſowohl ihn als Anna gekauft hatte. Er wünſchte weiter nichts, als daß ſie in die Haͤnde des nämlichen Eigenthümers kommen ſollte, und übertrug bereitwillig den ganzen Eifer und die Ergebenheit, welche, wie man ihm gelehrt hatte, ein Sklave ſeinem Herrn ſchuldig iſt, auf ſeinen Käufer. Wäahrend alle Uebrigen ſich nach ihrer Ankunft in Looſahachee über die harte Arbeit und die ärmliche, unzulängliche Nahrung, welche unſer neuer Herr uns zu Theil werden ließ, beklagten, ſagte Thomas kein Wort, arbeitete aber ſo eifrig und kräftig, daß er bald für einen der beſten Leute auf dem Gute galt. Seine Frau war vor wenigen Wochen erſt niedergekommen, und das Kind wurde ihr, wie es in Karolina gebräuchlich iſt, zum Säugen auf das Feld gebracht— denn die in jeder andern Hinſicht verſchwenderiſchen Pflanzer von Karolina ſind in Allem, was ihre Leute betrifft, ungemein ſparſam. An einem heißen Nachmittage ſetzte ſich Anna unter einen Baum und nahm den Säugling aus den Händen des kleinen Kindes, welches ſelbſt kaum gehen konnte, ihn aber den Tag über warten mußte. Nach Erfüllung ihrer Mutterpflicht kehrte ſie langſam, und vielleicht mit einigem Widerſtreben zu ihrer Arbeit zurück, als der Aufſeher auf jenen Theil des Feldes geritten kam. Mr. Martin war einer von Denen, welche man ſcharfe Patrone und gute Zuchtmeiſter nennt. Er hatte die Regel aufge⸗ ſtellt, daß in Looſahachee kein Schlendern ſtattfinden dürfe. Das Gehen galt ihm als eine zu traͤge Bewegung, und wenn einer von den Sklaven ſich bei irgend einem Anlaſſe von einem Theile der Felder nach einem andern zu begeben hatte, ſo ſollte es im Laufe geſchehen. Anna hatte dieſe lächerliche Beſtimmung der Pflanzungsdisciplin wahrſcheinlich vergeſſen und jedenfalls entſprach ſie derſelben nicht. Der Aufſeher hatte dies kaum bemerkt, als er zu ihr heranritt, ſie eine faule Vagabondin nannte und mit der Peitſche über den Kopf zu ſchlagen begann. Thomas arbeitete ganz in der Nähe. Er fühlte jeden Streich zehnmal ſchmerzlicher, als wenn er auf ſeine eignen Schultern gefallen wäre. Dieſe Prüfung war für die Grundſätze ſeines Glaubens zu hart. Er that einen Schritt vorwärts, als wolle er ſeiner Frau zu Hilfe kommen. Wir, die wir uns in ſeiner Nähe befanden, baten ihn dazubleiben und ſagten ihm, daß er ſich nur Ungelegenheiten zuziehen würde; aber das Geſchrei ſeiner Frau machte ihn taub gegen unſere Bitten, er ſtürzte auf den Aufſeher zu, riß dieſem, ehe er wußte wie ihm geſchah, die Peitſche aus der Hand und fragte, was es zu bedeuten habe, daß er eine Frau, welche nichts verſchuldet habe, auf ſolche Weiſe ſchlage.. 3 Nach Mr. Martin's Blicken zu urtheilen war dies in ſeinen Augen ein Beweis von Muth, oder wie er es genannt haben wuͤrde, von Unver⸗ 3 8* — 117 zu eſſen zu holen, und ging zu der armen Anna. Ich fand ſie angekettet, wie wir ſie verlaſſen hatten, im Gange. Ihr leiſes Stöhnen bewies, daß ſie ſich inſoweit wieder erholt hatte, daß ſie zum Bewußtſein ihrer Schmer⸗ zen zurückgekehrt war. Sie klagte, daß die Kette um ihren Hals ſie drücke und ihr das Athmen erſchwere. Ich bückte mich und verſuchte die Kette ein wenig zu lockern, als Mr. Martin an der Thür erſchien, mich fragte, wer mir das Recht gegeben habe, mich der Dirne anzunehmen, und mir befahl, meines Weges zu gehen. Ich wollte ihr die mitgebrachte Mahlzeit zurücklaſſen; aber Mr. Martin ſagte mir, daß ich ſie wieder mitnehmen möge, die Dirne werde ſich beſſer benehmen lernen, wenn ſie ein paar Tage gehungert habe. Ich nahm meinen kleinen Korb und entfernte mich mit ſchwerem Her⸗ zen. Sobald es dunkel wurde, brach ich auf, um Thomas zu ſuchen, machte aber einen großen Umweg, um nicht vom Aufſeher oder einem ſeiner Spione bemerkt zu werden. Ich fand ihn nicht weit von der Stelle, wo ich ihn das erſtemal getroffen hatte. Seine dringenden Bitten ihm Alles zu erzählen, entlockten mir die Geſchichte der Leiden und der gegenwärtigen Lage ſeines armen Weibes. Er war tief erſchuͤttert. Zuweilen weinte er wie ein Kind; dann bemühte er ſich wieder, ſeinen Schmerz zu zügeln, indem er halblaut einige Bibelverſe und eine Art von Gebet herſagte. Es war aber Alles vergebens, und er verwünſchte endlich, von einem plöͤtz⸗ lichen Zornesausbruch mit fortgeriſſen und ſeine religiöſen Skrupel ver⸗ geſſend, den brutalen Aufſeher mit der ganzen Rachegluth eines ſchwer be⸗ leidigten Gatten. Nach einiger Zeit erlangte er ſeine Selbſtbeherrſchung wieder und begann ſich Vorwürfe zu machen und ſeiner thörichten Ein⸗ miſchung die ganze Schuld beizumeſſen. Der Gedanke, daß ein Schritt, den er aus Liebe zu ſeiner Frau gethan, nur dazu gedient hatte, ihre Lei⸗ den zu verſchlimmern, ſchien ihn faſt bis zur Raſerei zu erbittern. Die Fluth der Leidenſchaft riß abermals alle Schranken nieder. Sein Geſicht verzerrte ſich krampfhaft, ſeine Bruſt wogte und er fand nur in halb aus⸗ geſprochenen Drohungen und Verwünſchungen Erleichterung. . Endlich fragte er mich um Rath, was er thun ſolle. Ich wußte, daß der Aufſeher gegen ihn furchtbar erbittert war. Ich hatte ihn ſagen hö⸗ ren, daß eine ſo freche Unverſchämtheit, wenn ſie nicht auf's Strengſte beſtraft werde, hinlänglich ſei, um die ganze Umgegend zu verderben und in Aufruhr zu bringen. Ich wußte, daß Mr. Martin es nicht wagen würde, ihn geradezu todtzuſchlagen; aber dieſes Verbot des Mordes iſt auch die einzige Grenze der Gewalt des Aufſehers, und ich wußte, daß er nicht nur das Recht, ſondern auch den Willen hatte, ihm eine Folter auf⸗ zulegen, im Vergleich mit welcher die Qual eines gewöhnlichen Todes⸗ ampfes nur geringfügig geweſen wäre. Ich gab daher Thomas den Rath, die Flucht zu ergreifen, da ihm, ſelbſt wenn er endlich eingefangen würde, keine ſchwerere Strafe treffen könne, als er bei einer freiwilligen Ergebung mit Gewißheit zu erwarten habe. Im erſten Augenblicke ſchien ihm dieſer Rath zu gefallen, und ſein Geſicht nahm einen Ausdruck kühner Entſchloſſenheit an, den ich darin noch nie geſehen hatte. Aber er verſchwand ſogleich wieder. „Ich kann Anna nicht verlaſſen,“ ſagte er;„und ſelbſt wenn ſie geſund wäare, wuüͤrde ich ſie doch nicht überreden können, mit mir zu fliehen. Es „geht nicht, Archy, ich kann mein Weib nicht verlaſſen.“ 3 Was konnte ich darauf erwidern? † 118 Ich verſtand ihn vollkommen und konnte die Gewichtigkeit ſeines Ein⸗ wurfs nicht ableugnen. Ich wußte, daß ſolche Gefühle ſich durch keine Argumente bekämpfen laſſen, ich konnte mich auch nicht entſchließen, einen derartigen Verſuch zu machen, und da ich ihm keinen andern Rath geben konnte, ſchwieg ich lieber ſtill. Thomas ſchien in Gedanken zu verſinken und blickte einige Minuten ſtarr auf den Boden; dann aber ſagte er mir, daß er ſeinen Entſchluß gefaßt habe— er werde nach Charleston gehen um bei ſeinem Herrn Klage zu führen. So weit ich bis jetzt den General Carter kennen gelernt hatte, konnte ich eben nicht viel von ſeiner Gerechtigkeit oder Großmuth erwarten; da aber Thomas an ſeinem Plane Gefallen zu finden ſchien und dies ſeine einzige Ausſicht war, ſo lobte ich denſelben. Er aß was ich ihm mitge⸗ bracht hatte und beſchloß, unverzüglich aufzubrechen. Er war, ſo lange wir auf Looſahachee dienten, nur ein einziges Mal in Charleston geweſen; da er aber einer von den Menſchen war, die ſich wenn ſie einmal in einem Orte geweſen ſind, leicht wieder dahin finden, ſo zweifelte ich nicht, daß er das Ziel ſeiner Reiſe erreichen würde. Ich kehrte in meine Hütte zurück, war aber ſo ängſtlich und beſorgt um den armen Thomas, daß ich die ganze Nacht kein Auge ſchließen konnte. Mit Tagesanbruch ging ich wieder an meine Arbeit. Meine Be⸗ ſorgniſſe wirkten auf mich wie ein Sporn, und ich beendigte mein Tage⸗ werk lange vor allen Uebrigen. Als ich vom Felde nach meiner Hütte zu⸗ rückkehrte, ſah ich General Carter's Wagen auf der Landſtraße heran⸗ kommen, und als er an mir vorüberfuhr, bemerkte ich, daß der arme Thomas hinten auf dem Bediententritte feſtgebunden war. Der Wagen fuhr bis an das Haus, General Carter ſtieg aus und ſchickte ſogleich nach Mr. Martin, der ſchon am frühen Morgen mit ſeiner Flinte und ſeinem Hunde fortgegangen war und den ganzen Tag über den Wald durchſtöbert hatte, um Thomas zu ſuchen. Unterdeſſen befahl General Carter, ſämmtliche Leute der Pflanzung zuſammenzurufen. Endlich erſchien Mr. Martin. General Carter hatte ihn kaum erblickt, ſo rief er ihm zu: „Nun, Sir, hier bringe ich Ihnen Ihren entlaufenen Sklaven. Denken Sie Sich, der Schurke hat die Unverſchämtheit gehabt, mit ſeinen Be⸗ ſchwerden nach Charleston zu kommen. Nach ſeinem eigenen Bericht über die Sache hat er ſich der größten Frechheit ſchuldig gemacht, von der ich gehört habe— einem Aufſeher die Peitſche aus der Hand geriſſen! Es iſt weit gekommen, wenn die Schufte ſich erdreiſten, eine ſolche Inſubordina⸗ tion noch zu vertheidigen. Wir werden bald hören, daß ſie anfangen, uns die Kehle abzuſchneiden. Ich habe dem Burſchen aber das Maul geſtopft, ehe er noch zehn Worte geſprochen hatte. Ich ſagte ihm, daß ich eher alles Andere verzeihen würde, als eine Frechheit gegen meinen Aufſeher. Weit eher wurde ich eine ſolche gegen mich ſelbſt entſchuldigen. Und da⸗ mit er erfährt, was ich von ſeinem Benehmen halte, habe ich ihn, wie Sie ſehen, mitgebracht, ohne die Gefahr zu ſcheuen, hier eine Nacht zu ſchlafen und mir ein Fieber zuzuziehen. Peitſchen Sie den Schurken tüchtig, Mr. Martin, peitſchen Sie ihn tüchtig! Ich habe die ganze Mannſchaft zuſammenrufen laſſen, damit ſie die Beſtrafung mitanſieht und ſich ein Erempel daran nimmt.“. Mr. Martin ſprang nach dieſen Worten mit der Wildheit eines Tigers —,. —— 119 auf ſeine Beute; aber ich habe keine Luſt mich mit einer zweiten Beſchrei⸗ bung der entſetzlichen Qual zu peinigen, deren ſtereotypes Werkzeug in Amerika die Peitſche iſt. Wer über dergleichen Dinge etwas zu erfahren wünſcht, dem rathe ich, ſechs Monate auf einer amerikaniſchen Pflanzung zuzubringen. Er wird bald entdecken, daß die Folterbank eine überflüſſige Erfindung geweſen iſt, und daß die Peitſche in der Hand eines Menſchen, der ſie gehörig zu ſchwingen verſteht, für alle Zwecke der Tortur hin⸗ länglich ausreicht. Obgleich Thomas von der Peitſche völlig zerfleiſcht und ſo lange von zwei Treibern gepeitſcht wurde, bis er vor Schmerz und Blutverluſt in Ohnmacht ſiel, war doch die Stärke ſeiner Konſtitution und die edle Standhaftigkeit ſeines Geiſtes ſo groß, daß er die Qual heldenmüthig ertrug, und es verſchmähte, das durchdringende Geſchrei und klägliche Flehen um Mitleid, welches man in ſolchen Fällen zu hören pflegt, aus⸗ zuſtoßen. Er überwand bald die Folgen dieſer Züchtigung, und arbeitete nach wenigen Tagen wieder wie gewöhnlich. 4 Mit ſeiner Frau war es nicht ſo. Sie beſaß eine ſchwache Konſtitu⸗ tion, und hatte ſich von der Niederkunft noch nicht ganz erholt. Entweder die Peitſchenhiebe, welche ſie erlitten hatte, oder nachher die Ketten und der Hunger, oder Beides zuſammen, hatte ihr eine heftige Krankheit zu⸗ gezogen, von der ſie Anfangs zu geneſen ſchien, welche aber ein ſchleichen⸗ des nervöſes Fieber zurückließ in Folge deſſen ſie weder Kraft noch Appetit, ja ſelbſt nicht den Wunſch der Geneſung hatte. Ihr armes Kind ſchien mit ſeiner Mutter zu ſympathiſiren, denn es wurde von Tag u Tag ſchwächer und ſtarb endlich. Die Mutter überlebte es nicht lange; ie ſchleppte ſich noch einige Wochen hin, während denen ſie keine andere Pflegerin hatte, als eine arbeitsunfähig gewordene Alte, welche weder ſehen noch hören konnte. Thomas mußte natürlich wie früher an ſeine Arbeit gehen. Als er eines Abends heimkehrte, fand er ſie todt. Einer von den Treibern, ein gemeiner Menſch und Mr. Martin's Hauptſpion und Angeber, war der Einzige, welcher in Looſahachee predigen und bei den Mummereien, denen die unwiſſenden und abergläubiſchen Skla⸗ ven den Namen der Religion geben, den Geiſtlichen ſpielen durfte. Er machte dem gebeugten Gatten einen Beſuch und bot ihm für das Begräb⸗ niß ſeine Dienſte an. Thomas beſaß Verſtand genug, um ſich nicht, wie viele Menſchen von ſeiner Geſtnnung von Jedem, der mit frommen Worten um ſich warf, bethören und hinter’s Licht führen zu laſſen. Er hatte den ſcheinheiligen Burſchen längſt durchſchaut und ihn verachten gelernt. Er lehnte daher ſeinen Beiſtand ab, deutete auf mich und ſagte, er und ſein Freund würden hinlänglich ſein, um as arme Weib zu begraben. Er ſchien noch etwas hinzufügen zu wollen, aber die Erwähnung ſeiner Frau hatte ihn überwältigt; ſeine Stimme verſagte, ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, er mußte ſchweigen. Es war Sonntag. Der Prediger verließ uns bald und der arme Thomas brachte den ganzen Tag bei der Leiche ſeiner Gattin zu. Ich blieb bei ihm, aber ich wußte, wie nutzlos jeder Tröſtungsverſuch ſein würde, und ſprach daher nur wenig. Gegen Abend fanden ſich mehrere von unſeren Kameraden bei uns ein, und ihnen folgten die meiſten Diener der Pflanzung. Wir hoben die Leiche auf und trugen ſie nach dem Begräbnißplatze. Dies war ein hüb⸗ ſcher, mit hohen Bäumen beſetzter, ſanft abfallender Hügelabhang. Er 120 ſchien ſchon ſeit langer Zeit für ſeinen gegenwärtigen Zweck beſtimmt zu ſein. Eine Menge kleiner Erdhügel, welche theils friſch aufgeworfen, theils aber auch kaum noch erkennbar waren, bezeichneten die Plätze der Gräber. Thomas beugte ſich über die Leiche, während wir das traurige Amt, ihren letzten Ruheplatz auszuſchaufeln, erfüllten. Das flache Grab war bald fertig. Wir blieben in Erwartung eines Gebets, einer Hymne oder einer ähnlichen Ceremonie ſämmtlich ſtumm. Thomas verſuchte es einigemal, einen Geſang anzuheben, aber die Stimme verſagte ihm den Dienſt und verklang in einem unartikulirten Gemurmel. Er ſchuttelte den Kopf und hieß uns den Leichnam in das Grab ſenken. Wir thaten es und bald deckte ihn die kühle Erde. Es fing bereits an dunkel zu werden; ſobald daher das Begräbniß zu Ende war, beeilten ſich diejenigen, welche daran Theil genommen hatten, den Heimweg anzutreten. Der Wittwer blieb an dem Grabhügel ſtehen. Ich nahm ſeinen Arm und wollte ihn ſanft mit fortziehen; aber er ſtieß mich zurück, erhob Hand und Kopf und murmelte leiſe flüſternd: „Gemordet, gemordet!“ Bei dieſen Worten ſiel ſein Blick auf mich. Das Feuer des ent⸗ rüſteten Schmerzes glühte in ſeinen Augen. Offenbar war das natürliche Gefühl nahe daran, über das künſtliche Ergebungsſyſtem, in welchem man ihn aufgezogen hatte, die Oberhand zu gewinnen. Ich ſympathiſirte mit ihm und drückte ihm die Hand, um es ihm zu verſtehen zu geben. Er erwiederte den Druck und fügte nach einer Pauſe hinzu: „Blut verlangt Blut!— iſt es nicht ſo, Archy?“ Es lag etwas Grauenhaftes in dem langſamen, aber feſten und ruhi⸗ gen Tone, in dem er ſprach. Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte, und er ſchien auch keine Erwiderung zu erwarten. Er hatte die Frage zwar an mich gerichtet, aber ſie ſchien dennoch nur für ihn ſelbſt beſtimmt zu ſein. Ich nahm ſeinen Arm, und wir entfernten uns ſchweigend. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Es iſt in Süd⸗Karolina gebräuchlich, den Sklaven die Woche von Weihnachten bis Neujahr als eine Art von Ferienzeit zu gewähren. Dieſe Bewilligung wird ſo weit ausgedehnt, daß die Sklaven während dieſer Woche die Pflanzungen, welche der Schauplatz ihrer täglichen Leiden und Mühen ſind, verlaſſen, und ziemlich nach ihrem Belieben in der Umgegend umherſchweifen dürfen. Die Landſtraßen bieten zu dieſer Zeit einen eigen⸗ thümlichen Anblick dar. Die Sklaven jeden Alters und Geſchlechts ver⸗ ſammeln ſich, mit den beſten Kleidern angethan, die ſie beſitzen, in großer Menge auf der Landſtraße, dräͤngen ſich vor den kleinen Whiskeyläden und gewähren ein Schauſpiel von Geſchäftigkeit und Verwirrung, welches man eben nur in den Weihnachtsfeiertagen erblickt. Jene Läden beſtehen hauptſächlich durch den Handel mit geſtohlenem Reis und Baumwolle, den die Beſitzer derſelben mit den Sklaven treiben — ein Handel, welchem die rachſüchtige Wuth der Pflanzer, obgleich ſie in reichem Maße durch die Geſetzgebung unterſtützt wird, noch keinen Ein⸗ halt zu thun vermocht hat. Sie ſind die haugtſächlichſte und faſt einzige Erwerbsquelle, welche der ärmeren Klaſſe der weißen Ariſtokraten des Landes offen ſteht. In Karolina iſt es gerade ſo wie in Unter⸗Virginien. 121 Die armen Weißen ſind aͤußerſt roh und unwiſſend, und nur mit wenigen Genüſſen des civiliſirten Lebens bekannt. Sie ſind faul, ausſchweifend und allen Laſtern ergeben, welche Armuth und Unwiſſenheit ſo widerwäͤrtig machen. Ohne Grundeigenthum, oder höchſtens nur in Beſitz einer kleinen Strecke unfruchtbaren und erſchöpften Bodens, zu deſſen Anbau ſie weder Geſchick noch Fleiß genug beſitzen, ohne Handels⸗ oder Gewerbsfähigkeiten, und die Handarbeit als freie Männer entwürdigend und nur für Sklaven geeignet, betrachtend— ſind dieſe armen Weißen ein Spott der Sklaven geworden, und werden von der hohen Ariſtokratie der reichen Pflanzer ge⸗ fürchtet und gehaßt. Nur das Stimmrecht, welches ſie beſitzen, erhält ihnen den Schein von Anſehen und Achtung, mit dem man ihnen no begegnet. Das Stimmrecht, welches die hohe Ariſtokratie ihnen gern au noch entziehen möchte, iſt die einzige Schutzwehr der armen Weißen. Hätten ſie dieſe nicht, ſo würden ſie unbarmherzig mit Füßen getreten, und durch die Gewalt und die Geſetzgebung bald auf eine Stufe herabgedrückt werden, welche nur um wenig höher waͤre, als die der Sklaven ſelbſt. An den Weihnachtsfeiertagen, welche meiner Ankunft in Looſahachee folgten, hatten ſich eine Menge Sklaven, zu denen auch ich gehörte, vor einem kleinen Kaufladen in der Nachbarſchaft verſammelt, wo wir lachten, plauderten, Whiskey tranken und uns je nach unſrer Neigung luſtig machten. Waͤhrend wir ſo beſchäftigt waren, ſah ich einen gemein ausſehenden, ſchlecht gekleideten Menſchen, mit einem Geſicht von der abſchreckendſten Leichenfarbe, welche der geringeren Klaſſe der Weißen in Süd⸗Karolina das Anſehen wandelnder Kadaver giebt, zu Pferde die Straße herabkom⸗ anen. Er ritt einen magern Gaul, dem die Knochen durch die Haut zu ſtechen drohten und hatte in der Hand eine ungeheure Peitſche, die er, mit einer Geſchicklichkeit und Grazie handhabte, welche ein Anderer als ein amerikaniſcher Sklaventreiber ſelten erlangt. Als er an uns vorüberkam, bemerkte ich, daß ſämmtliche Sklaven, welche Hüte trugen, dieſelben vor ihm abnahmen; da ich aber in dem Aeußern des Menſchen nichts erblickte, was eine beſondere Ehrerbietung erfordert hätte, und ich mit der Etikette von Karolina unbekannt war, die von jedem Sklaven ein unterwürfiges Benehmen gegen jeden Freien verlangt, was in Virginien ſelten der Fall iſt, ließ ich meinen Hut auf dem Kopfe ſitzen. Der Mann bemerkte es, hielt ſeine Mähre an, und faßte mich ſcharf in's Auge. Meine Geſichts⸗ farbe machte ihn zweiſelhaft, ob ich nicht etwa ein Freier ſei; mein Anzug aber, und die Geſellſchaft, in der ich mich befand, gab ihm eben ſo guten Grund, mich für einen Sklaven zu halten. Er fragte, wer ich ſei, und als er hörte, daß ich einer von General Carter's Leuten war, ritt er mit erhobener Peitſche auf mich zu, fragte mich, weshalb ich den Hut nicht vor ihm abnähme, und begann, ohne eine Antwort abzuwarten, auf mich loszuſchlagen. Der Menſch war offenbar betrunken, und meine erſte Regung war, ihm die Peitſche wegzunehmen; zum Glück für mich that ich es jedoch nicht, denn jeder Verſuch, ſelbſt einem betrunkenen Weißen Widerſtand zu leiſten, hätte dieſer Widerſtand auch nur den Zweck, den muthwilligſten Angriff abzuwehren, konnte mir nach den gerechten, und für Alle gleichen Geſeten von Karolina das Leben koſten. Ich erfuhr auf Befragen, daß der Mann früher Aufſeher geweſen, aber vor einiger Zeit wegen Verdachts von Unredlichkeit von ſeinem Herrn entlaſſen worden war. Kurz darau hatte er etwa eine halbe Meile von uns einen Whiskeyladen angelegt. Aus dem, was er zu dem Eigenthuͤmer 122 des Hauſes, vor welchem wir verſammelt waren, geſagt hatte, ergab es ſich, daß ſein Laden die Feiertage über nicht ſo ſtark, wie er erwartete, beſucht wurde, und er hatte, indem er mich ſchlug, nur ſeinem trunknen Groll und ſeiner übeln Laune an dem erſten Beſten, der ihm einen Vor⸗ wand dazu gab, Luft gemacht. Ich erfuhr ferner, daß der Mann, welcher Chriſtie hieß, ein Vetter Mr. Martin's, unſers Aufſehers, war. Nachdem ſie lange gute Freunde geweſen, hatten ſie unlängſt einen heftigen Streit gehabt. Chriſtie hatte Martin Meſſerſtiche gegeben und Martin mit ſeiner Doppelflinte nach Chriſtie geſchoſſen. Jener hatte eine noch wirkſamere Rache genommen, indem er ſich ſo viel als möglich bemühte, dem Handel zwiſchen Looſahachee und Chriſtie's Laden ein Ende zu machen, während er ihn früher ſtillſchweigend geduldet hatte, ſo daß derſelbe zu Chriſtie’s großem Nutzen durch den Austauſch von ſtark gewäſſertem Whiskey gegen General Carter's Reis und Baumwolle betrieben worden war. Ich hatte dieſen Bericht über Mr. Chriſtie kaum gehört, als mir einſiel, daß ich ihn in meiner Gewalt habe, und ich beſchloß, ihn die Schläge, welche ich von ihm erhalten, ſchwer entgelten zu laſſen. Allerdings mußte ich zu dieſem Zwecke die Rolle eines Spions und Angebers ſpielen; aber dergleichen niedrige Mittel ſind die einzige Hilfe, die einem Sklaven zu Gebote ſteht. Sobald ich nach Hauſe kam, ging ich zu dem Aufſeher und theilte ihm, unter zahlloſen heuchleriſchen Betheuerungen des Eifers für den Vortheil meines Herrn, als großes Geheimniß mit, daß Mr. Chriſtie mit den Arbeitern Handel treibe und Alles, was ſie ihm brächten, ohne Umſtände kaufe. Mr. Martin ſagte, daß er das wohl wiſſe, und er mir fünf Dollars geben würde, wenn ich ihm beiſtände, Chriſtie auf der That zu ertappen. Wir ſchloſſen den Handel ſogleich ab. Der Aufſeher lieferte mir eine Quantität Baumwolle, und ich machte mich in einer ſchönen Mondnacht auf, um Mr. Chriſtie’s Laden einen Beſuch abzuſtatten. Er erkannte mich ſogleich und witzelte viel über die Schläge, welche er mir gegeben hatte. Er hielt die Sache für einen trefflichen Spaß, und es entſprach meinem Zwecke am beſten, wenn ich mich ſtellte, als ob ich der naͤmlichen Meinung wäre. Ich fand ihn keineswegs abgeneigt, einen Handel zu machen, vorausgeſetzt, daß ich meine Baumwolle gegen ſeinen Whiskey zu dem nominellen Preiſe von einem Dollar das Quart umtauſchte. Nicht lange darauf machte ich ihm einen zweiten Beſuch. Diesmal hatten ſich Mr. Martin und einer von ſeinen Freunden außerhalb des Ladens an einen Punkt poſtirt, wo ſie Alles, was drinnen vorging, ſehen und hören konnten. Reis, Baumwolle oder irgend etwas Anderes von einem Sklaven zu kaufen, ohne daß dieſer dazu die ſchriftliche Ermächtigung ſeines Herrn beibringt, iſt nach dem Geſetzbuche von Karolina eines der größten Ver⸗ brechen, welche ein Menſch begehen kann. Mr. Chriſtie wurde bei der nächſtfolgenden Gerichtsſitzung dieſes Verbrechens angeklagt. Er ward auf das ausdrückliche Zeugniß Mr. Martin's und ſeines Genoſſen ſchuldig befunden, und mit einer Geldbuße von tauſend Dollars und einem Jahr Gefängniß beſtraft. Die Geldbuße verſchlang ſein kleines Vermögen, und wie ſeine Haft endigte, habe ich nie erfahren. Mehr als Einer von den Geſchworenen, welche das Schuldig über ihn ausgeſprochen, ſtanden im Verdacht des nämlichen Vergehens; aber die Furcht, neuen Argwohn zu „— 123 erregen, oder vielleicht auch der Brodneid, bewog gerade dieſe, am geräuſch⸗ vollſten für ſeine Verurtheilung zu ſtimmen. 8 Mr. Martin war mit meinen Dienſten in dieſer Angelegenheit— er glaubte, daß ich mich dazu nur angeboten habe, um ihm die Kaſtanien aus dem Feuer zu holen— ſo zufrieden, daß er mich mit ſeiner Gunſt beehrte und als regelmäßigen Spion und Angeber zu verwenden begann. Die Tyrannei kann im Kleinen wie im Großen nur durch ein Syſtem der Spionage und Verrätherei aufrecht erhalten werden, welches die niedrigſt geſinnten Unterdrückten in Werzenge der Bedrückung verwandelt. Die Gunſt und Nachſicht eines Aufſehers vermag manches Elend der Knecht⸗ ſchaft zu lindern, und dann muß man auch bedenken, daß die Lockungen der Gewalt ſo ſtark ſind, daß ſich ſelbſt unter freien Männern Hundert⸗ tauſende finden, welche bereitwillig die Hand dazu bieten, die theuerſten Rechte ihrer Nebenmenſchen mit Füßen zu treten, indem ſie ſich freiwillig zu Werkzeugen höherer Tyrannen hergeben. Was kann man alſo von Solchen verlangen, welche ſyſtematiſch herabgewürdigt worden ſind? Kein Wunder, daß ſich unter den Bedrückten die bereitwilligſten und unbarm⸗ herzigſten Werkzeuge der Bedrückung finden. Da ich wußte, daß ich Mr. Martin's Gunſt nutzbar anwenden konnte, ſo huͤtete ich mich wohl, ihn ahnen zu laſſen, mit welchem Abſcheu ich das Amt, zu welchem er mich zu verwenden ſuchte, betrachtete. Während er ſich aber einbildete, daß ich mit Herz und Hand in ſeinem Dienſte beſchäf⸗ tigt ſei, wirkte ich ihm mehr als einmal entgegen, indem ich ſeine Pläne und Liſten Denen verrieth, welche er fangen wollte. Dieſer Mr. Martin war, obgleich er als abſoluter Vicekönig über mehr als dreihundert Men⸗ ſchen herrſchte, doch ein ſehr unwiſſender und beſchränkter Menſch. Es ge⸗ ſchah mancherlei, was mich einem klugen Manne verrathen haben wuͤrde; aber es gelang mir, Mr. Martin's Augen ſo vollkommen zu blenden, daß er fortwährend ein unbegrenztes Vertrauen zu meiner Ergebenheit hatte. Hiervon gab er mir bald einen neuen Beweis, denn als er eines Tages auf das Feld, wo ich arbeitete, geritten kam und dort nicht Alles nach ſeinem Wunſche fand, rief er den Treiber herbei, und nahm ihm die Peitſche ab, welche er als Zeichen und Hauptwerkzeug ſeines Amtes führte. Hierauf ließ er mich zu ſich kommen, gab mir, wie es in ſolchen Fällen gebräuchlich iſt, zwanzig bis dreißig Hiebe, ernannte mich durch Ueberrei⸗ chung der Peitſche zum Treiber der Arbeiterabtheilung, und gebot mir, meine Function zuerſt an dem Burſchen, deſſen Nachfolger ich wurde, auszuüben. Auf den Pflanzungen von Karolina werden die Arbeiten unter der Leitung von Treibern verrichtet, welche der Aufſeher unter den Sklaven ſelbſt auswählt. Die Aufſeher haben zu viel von der Trägheit und dem Stolze ihrer Herrn angenommen, um den ganzen Tag in der Sonnen⸗ hitze umher zu reiten und nach den Arbeitern zu ſehen. Die Sklaven werden in Banden getheilt, und jede derſelben unter die Aufſicht eines Treibers geſtellt, den man gemeiniglich wegen ſeiner feigen, niedrigen Dienſtfertigkeit und ſeiner Bereitwilligkeit, gegen ſeine Kameraden den Ty⸗ rannen und Angeber zu ſpielen, dazu erwählt; dem Treiber iſt die ganze unbeſchränkte Gewalt des Herrn ſelbſt übertragen. Er erhält doppelte Rationen, er braucht keine ſchwere Arbeit zu verrichten; ſein einziges Ge⸗ ſchäft beſteht darin, daß er ſeine Abtheilung beaufſichtigt und dafür ſorgt, daß ſie die ihnen zugemeſſene Arbeit verrichten, zu welchem Zwecke er mit A ————VVHO⏑—ꝛ———— s:—— —— ———— ſchloſſen ſich Andere an, deren einziger Zweck 125 Die Macht iſt ſtets gefährlich und berauſchend. Wenn ſie nicht beſtän⸗ dig controlirt und eingeſchränkt wird, artet ſie unvermeidlich in Tyrannei aus. Selbſt die zärtlichſten Familienbande, die eheliche wie die Elternliebe, welche ſtets noch durch den mächtigen Einfluß der Gewohnheit und der öffentlichen Meinung unterſtützt werden, ſind keine hinreichende Bürgſchaft, um das Oberhaupt einer Familie mit unumſchränkter Gewalt über die Seinigen zu bekleiden. Wie kann man alſo da, wo die Gewalt weder durch moraliſche noch durch geſetzliche Beſchränkungen gezügelt wird, etwas Andres, als Mißbrauch derſelben erwarten? Neunundzwanzigſtes Kapitel. Seit dem Tod ſeiner Frau war mit meinem Freunde Thomas eine auffallende Veränderung vorgegangen. Er hatte ſeine frühere zufriedene Gutmüthigkeit verloren, und war mürriſch und verſtockt geworden. Während er früher der willigſte und fleißigſte Arbeiter auf der ganzen Pflanzung geweſen war, ſchien er jetzt den ſtärkſten Widerwillen gegen die Arbeit zu hegen, und vernachläſſigte ſie ſo viel als möͤglich. Wenn er unter einem andern Treiber als ich geweſen wäre, ſo würden ihm ſeine Trägheit und Nachläſſigkeit häufige Unannehmlichkeiten zugezogen haben, aber ich liebte und bedauerte ihn, und daher ſchützte ich ihn ſo viel ich konnte. Das Unrecht und die Mißhandlungen, welche er ſeit ſeiner Ankunft auf Looſahachee erlitten hatte, ſchienen ſämmtliche Grundſätze, nach denen er ſo lange gehandelt, über den Haufen geworfen zu haben. Es war ein Gegenſtand, von dem er nicht gern ſprach und über den ich auch nicht mit Fragen in ihn dringen wollte; aber ich hatte hinreichenden Grund, zu glauben, daß er der Religion, in der er ſo ſorgfältig unterrichtet worden war und die ſo lange Zeit einen mächtigen Einſluß auf ihn ausgeübt, gänzlich entſagt habe. Er war insgeheim zur Uebung gewiſſer phantaſtiſcher Gebrauche zurückgekehrt, die er in früher Jugend von ſeiner Mutter gelernt, welche von der afrikaniſchen Küſte geraubt worden und wie er mir oft ſagte, dem Aberglauben ihres Vaterlandes eifrig ergeben geweſen war. Er ſprach zuweilen verſtört und unzuſammenhängend davon, daß er den Geiſt ſeiner verſtorbenen Frau geſehen und daß er ihr ein Verſprechen gegeben habe, was mich auf die Vermuthung brachte, daß er zuweilen unter Anfällen von Wahnſinn leide. Jedenfalls war er in den meiſten Beziehungen ein ganz anderer Menſch geworden. Er war nicht mehr der demüthige und gehorſame Sklave, welcher mit ſeinem Looſe zufrieden war, und mit unermüdlichem Eifer ſeinem Herrn diente. Statt die Intereſſen ſeines Herrn zu fördern, ſchien es jetzt ſein Beſtreben zu ſein, ſo viel Unheil als möglich anzurichten. Auf der Pflanzung befanden ſich einige ſchlaue, verwegene unruhige Geiſter, von denen er ſich bisher fern gehalten hatte, deren Bekanntſchaft er aber jetzt ſuchte und deren Vertrauen er ſich bald erwarb. Sie fanden in ihm einen muthigen und vorſichtigen, und was noch mehr war, einen zuverläſſigen und großmüuthigen Mann, und erkannten bald die Ueberlegenheit ſeines Verſtandes dadurch an, daß ſie ihn zu ihrem Anführer erwählten. Ihnen der des Raubens war, und zung.. Beweiſe, daß er kein ſie erſtreckten ihre Diebſtähle auf alle Theile Ju dieſer neuen Rolle gab Thom 3 126 ggewöhnlicher Menſch war. Er führte ſeine Unternehmungen mit ſeltener Gewandtheit aus, und wenn alle übrigen Kunſtgriffe, um ſeine Gefährten vor Entdeckung zu ſichern, nutzlos blieben, fand er immer noch ein Aus⸗ kunftsmittel, daß den angebornen Adel ſeiner Seele bewies. Er war be⸗ reit, wenn Alles fehl ſchlug, ſeine Gefährten durch ein freiwilliges Geſtänd⸗ niß zu retten und die Strafe allein auf ſich zu nehmen, weil er wußte, daß einige von ihnen zu ſchwach und kleinmüthig waren, umt ſie zu er⸗ tragen. Ein ſolcher Edelmuth wird ſelbſt bei einem freien Manne als der höchſte Grad aufopfernder Tugend betrachtet; kann man ſie dann bei einem Sklaven genug bewundern? Die Tyrannei iſt Gott ſei Dank nicht allmächtig. Wenn ſte auch ihre Opfer in den Staub tritt und ſie durch alle Mittel, die ſie erſinnen kann, zu verthieren ſucht, ſo vermag ſie doch das Gefühl der Menſchen⸗ würde nicht ganz in ihnen zu erſticken. Dieſes Gefühl glimmt in ihrer Bruſt fort, bis es endlich einmal zur hellen Flamme auflodert, welche dann nicht mehr zu löſchen iſt!. So lange ich das Vertrauen Mr. Martin's genoß, konnte ich Thomas weſentliche Dienſte erweiſen, indem ich ihm die Vermuthungen, Pläne und Kriegsliſten des Aufſehers hinterbrachte. Es dauerte jedoch nicht lange mehr, ſo entzog er mir ſein Vertrauen, nicht weil er Argwohn wegen meiner Verrätherei gehegt hätte— denn es war ſehr leicht, einem ſo ein⸗ fältigen Menſchen Sand in die Augen zu ſtreuen— ſondern weil ich ſei⸗ nen Anſichten von dem Geiſte und der Pflicht eines Treibers nicht mehr entſprach. Das Jahr war ein beſonders ungeſundes, und da die Arbeiter, welche meine Abtheilung bildeten, aus einem nördlicheren Klima kamen und an die peſthauchende Atmoſphäre einer Reispflanzung noch nicht ge⸗ wöhnt waren, ſo hatten ſie viel von Fiebern zu leiden und häufig waren mehrere von ihnen zum Arbeiten unfähig. Ich hatte Mr. Martin dies erklärt, und er ſchien mit meiner Auseinanderſetzung zufrieden zu ſein; als er aber eines Tages in beſonders ſchlechter Laune, und wahrſcheinlich auch ein wenig vom Branntwein erhitzt, auf das Feld kam, gerieth er in den wüthendſten Zorn darüber, daß er nicht die Hälfte meiner Abtheilung 4 auf dem Felde, und mehr als die Hälfte der Aufgaben noch nicht ange⸗ rührt fand. 2 2 Er fragte nach dem Grunde. Ich ſagte ihm, daß die Arbeiter krank ſeien.. Er ſchwor, daß ſie kein Recht häͤtten, krank zu ſein. Er ſei des Ge⸗ ſchwätzes von der Krankheit müde, er wiſſe recht gut, daß es nichts als 9 Werſelung wäre, und ſei entſchloſſen, ſich nicht länger damit abſpeiſen u laſſen. 3„Wenn Dir wieder Klagen über Krankheit zu Ohren kommen, Archy, ſo haſt Du weiter nichts zu thun, als den Schurken eine gehoͤrige Tracht Schläge zu geben und ſie zur Arbeit zu treiben.“ „Wie!“ ſagte ich,„wenn ſie wirklich krank ſind?“ „Krank oder nicht krank, ich befehle es. Dir. Wenn ſie nicht krank 4 find, ſo iſt eine Tracht Schläge nicht mehr als ſie verdienen, und ſind ſie 8 krank, ſo kann ihnen ſchwerlich etwas zuträglicher ſein, als ein kleiner Aderlaß.“ „In dieſem Falle,“ erwiderte ich,„ſtellen Sie lieber einen andern. Freiher an, ich würde nur ſchlechte Fähigkeiten zum Peitſchen Kranker beſitzen.“ 2 „Halt Dein Maul, Du verdammter, unverſchaͤmter Schuft! Wer hat 1 —— 127 Dir die Erlaubniß gegeben, mir Rathſchläge zu ertheilen, oder meine Be⸗ fehle zu bekritteln?— Gib mir Deine Peitſche, Hallunke!“ Ich that es und Mr. Martin ließ mir eine friſche Doſis von der⸗ ſelben Mediein zukommen, welche er mir eingegeben hatte, als er mir die Peitſche übergab. So endete mein Treiberamt, und wenn ich jetzt auch meine doppelten Rationen verlor und wieder wie jeder andere Arbeiter auf das Feld hin⸗ aus mußte, ſo kann ich doch nicht ſagen, daß ich es ſehr bedauert hätte. Jetzt ſchloß ich mich der Geſellſchaft, zu welcher Thomas gehörte, enger an, und betheiligte mich bei allen ihren Unternehmungen. Unſere Räubereien wurden endlich ſo bedeutend, daß Mr. Martin ſich genöthigt ſah, eine regelmäßige Wache von ſeinen Treibern und einigen ihrer Unter⸗ gebenen zu errichten, welche ſich die ganze Nacht über auf der Pflanzung umhertrieben und es unſicher machten, ſich auf die Felder hinaus zu wagen. Dieſe Einrichtung wurde durch einen Umſtand beſchleunigt, wel⸗ cher ſich auf der Pflanzung ereignete, und über den eine ſehr ſtrenge Unter⸗ ſuchung angeſtellt wurde, ohne jedoch zu einem beſtimmten Reſultate zu führen. In einer und derſelben Nacht entdeckte man, daß General Carter's präͤchtiges Wohnhaus und ſeine koſtſpieligen Reismühlen in Flammen ſtan⸗ den, und trotz aller zu ihrer Rettung gemachten Verſuche wurden Beide völlig vom Feuer verzehrt. Mehrere von den Sklaven, darunter auch Thomas, wurden einer Art Folter unterworfen, um ihnen das Geſtändniß der Theilnahme an dieſem Brande zu entlocken; aber ſelbſt dieſe Grauſam⸗ keit half nichts. Sie leugneten ſämmtlich entſchieden, etwas davon zu wiſſen. Ich war, wie geſagt, ein vertrauter Freund von Thomas; aber er ſprach nie mit mir über dieſes Feuer. Da er einer von den Männern war, welche ihre Geheimniſſe zu bewahren verſtehen, vermuthete ich jedoch ſtets, daß er von der Sache weit mehr wiſſe, als er davon ſagen wollte. Jedenfalls war das Gefühl, von welchem Thomas angetrieben wurde, offenbar ein weit mächtigeres, als die bloße Beuteſucht. Seit dem Tode ſeiner Frau trank er mitunter im Uebermaß; aber dies geſchah nur ſelten, und ich kannte keinen Menſchen, der im Eſſen und Trinken im Allgemeinen mäßiger geweſen wäre, als Thomas. Er hatte ſich ſonſt immer ſehr nett gekleidet, jetzt vernachläſſigte er ſeinen Anzug gänzlich. Er war am liebſten allein, hatte außer mir nur ſehr wenig Verkehr mit Menſchen, und ſchien ſelbſt meine Geſellſchaft nicht immer zu wünſchen. Thomas wußte ſeinen Beuteantheil nicht recht zu verwenden, und vertheilte ihn daher gewöhnlich unter ſeine Kameraden. 1 Als der Vorſchlag zuerſt gemacht wurde, ſchien er nur wenig Luſt zu haben, unſere Beutezüge über die Grenzen von Looſahachee auszudehnen. Da es aber nicht mehr ſicher war, ſie dort fortzuſetzen, und ſeine Genoſſen zu ſehr an Beute gewöhnt waren, um ſie leicht aufzugeben, fügte ſich Thomas endlich ihren dringenden Bitten und führte uns allnächtlich auf die benach⸗ barten Pflanzungen. Wir trieben es bald ſo arg, daß die Aufſeher, deren Gebiet wir verletzt hatten, aufmerkſam wurden. 2 Anfangs glaubten ſie, die Diebe zu Hauſe ſuchen zu müſſen, und uͤbten zahlloſe Grauſamkeiten gegen Diejenigen, welche ſie im Verdacht hatten. Demohngeachtet dauerten die Raubzüge fort, und die Schlauheit und Liſt, welche Thomas entwickelte, indem er den Ort und die Art unſerer Beſuche allnächtlich wechſeln ließ, war ſo groß, daß wir lange Zeit den Fallen und Hinterhalten, in denen man uns zu fangen gedachte, glücklich entgingen. 128 Wir befanden uns eines Nachts auf einem Reisfelde und hatten unſere Säcke beinahe gefüllt, als Thomas mit ſeinem wachſamen Ohr ein Geräuſch hörte, als ob ſich Jemand vorſichtig nähere. Er vermuthete, daß es die Patrouille ſei, welche in den letzten Wochen, anſtatt ſich die Zeit mit Hilfe einer Geige und einer Flaſche Whiskey zu vertreiben, thätiger geworden war, und wirklich einige von den Pflichten einer Nachtwache erfüllte. In Folge deſſen, gab er uns ein Signal, daß wir uns ſtill in einer gewiſſen Ordnung, welche er früher beſtimmt hatte, davonſchleichen ſollten. Das Feld wurde auf der einen Seite von einem tiefen, breiten Fluſſe begrenzt, gegen den es durch einen hohen Damm geſchützt war. Wir waren zu Waſſer gekommen und unſer Canoe lag im Fluſſe unter dem Schatten einer Gruppe von Büſchen und kleinen Baͤumen, welche auf dem Damme ſtanden. Wir krochen Einer nach dem Andern vorſichtig das Ufer hinunter, indem wir uns ſorgfältig im Schatten der Büſche hielten, und waren be⸗ reits, bis auf Thomas, ſämmtlich im Boote. Waͤhrend wir ſo unſern An⸗ führer erwarteten, der wie gewöhnlich beim Rückzug der Letzte war, höͤrten wir Geſchrei und Rufen, welches anzudeuten ſchien, daß er entdeckt, wo nicht gefangen war. Der Knall von zwei ſchnell hinter einander abge⸗ feuerten Flintenſchüſſen vermehrte unſern Schrecken. Wir ſchoben haſtig das Boot vom Ufer ab, ſtießen es in die Strömung der ſteigenden Fluth, und wurden ſchnell und geräuſchlos von unſerm Landungsplatze hinwegge führt. Das Geſchrei dauerte fort, wurde aber immer ſchwächer und ſchwä⸗ cher, und ſchien ſich vom Fluſſe zu entfernen. Jetzt nahmen wir unſere Nuder, wendeten ſie mit allen unſern Kräften an und erreichten bald eine kleine Bucht, in der wir unſer Boot verwahrten und wo wir uns einzu⸗ ſchiffen pflegten. Wir zogen das Canoe an's Land und verſteckten es ſorg⸗ fältig im hohen Graſe. Hierauf liefen wir, ohne unſere Reisſäcke heraus⸗ zunehmen, und mit Zurücklaſſung unſerer Schuhe, eiligſt nach Looſahachee, welches wir ohne weiteren Unfall erreichten. 3 Ich war um Thomas ſehr beſorgt, hatte mich aber kaum auf mein Bett geworfen, als ich an der Thür meiner Hütte ein leiſes Klopfen hörte, welches ich als das ſeinige erkannte. Ich ſprang auf und ließ ihn ein.„ Er war athemlos und mit Schmutz bedeckt. Thomas ſagte, daß er eben, als er den Damm erklettern wollte, hinter ſich geblickt und zwei Männer geſehen habe, die ſich ihm mit ſchnellen Schritten näherten. Sie ſchienen ihn in demſelben Augenblicke zu bemerken und riefen ihm zu, ſtehen zu bleiben. Wenn er das Boot zu erreichen verſucht haätte, ſo wurde er ſie dorthin gezogen und vielleicht die Entdeckung der ganzen Geſellſchaft her⸗ beigeführt haben; ſobald ſie ihn daher anriefen, ließ er ſeinen Reisſack fallen, bückte ſich ſo tief er konnte, und bahnte ſich ſchnell durch den Reis einen Weg in der dem Fluſſe entgegengeſetzten Richtung. Seine Verfolger erhoben ein lautes Geſchrei und feuerten ihre Gewehre auf ihn ab— aber ohne Wirkung. Er ſprang über mehrere Gräben, eilte nach den höher ge⸗ legenen Punkten in einiger Entfernung vom Fluſſe, und lockte die Patrouille nach dieſer Seite. Sie ſetzte ihm fortwährend nach, da er aber ſehr kräf⸗ tig und ruͤſtig, und mit der Gegend vollkommen bekannt war, gelang es ihm, aus den Reisfeldern zu entkommen, den höheren Boden zu erreichen und den Weg nach Looſahachee einzuſchlagen. Obgleich er aber ſeine Ver⸗ folger weit hinter ſich zurückgelaſſen hatte, waren ſie doch auf ſeiner Fährte eeblieben, und er erwartete, daß ſie ihm nachkommen und bald auf der Pnunzuna anlangen würden. 3 2 3 —— —,— 129 4 Während Thomas ſein Abenteuer erzählte, hatte er ſeine naſſen Klei⸗ der ausgezogen, und ſich von dem Schmutze gereinigt, mit dem er bedeckt war. Ich gab ihm einen trocknen Anzug, den er in ſeine dicht neben der meinen gelegenen Hütte mitnahm, eilte dann zu unſern Genoſſen und ſagte ihnen, welchen Beſuch ſie zu erwarten hatten. Das Gebell ſämmtlicher Hunde der Pflanzung benachrichtigte uns bald von der Ankunft der Pa⸗ trouille. Sie hatte den Auſſeher geweckt, kam mit Fackeln in das Sklaven⸗ quartier, und durchſuchte ſämmtliche Hütten. Wir waren jedoch auf ihren Beſuch vorbereitet; wir ließen uns nur mit Mühe aus unſerm tiefen Schlafe wecken und ſchienen über dieſe unzeitige Störung ſehr erſtaunt zu ſein. Die Nachforſchung blieb gänzlich erfolglos; da aber die Patrouille ewiß war, dem Flüchtling bis Looſahachee auf der Spur geblieben zu ſein, kam der Aufſeher der Pflanzung, deren Reisfeld wir geplündert hatten, am folgenden Morgen herüber, um den Schuldigen zu ſuchen und zu 5ℳ ſtrafen. Er war von mehreren anderen Männern begleitet— Freigutsb ſitzern des Diſtrikts— die er den Formen oder vielmehr der Vernachläſ⸗ ſigung jeder Form gemäß, welche die Geſetze von Karolina in ſolchen Fällen vorſchreiben, ausgewählt hatte. Fünf der erſten beſten Freigutsbeſitzer von Karolina bilden einen Ge⸗ richtshof, dem man in den meiſten anderen Ländern kaum das Endurtheil in einer Sache von höchſtens vierzig Schillingen an Werth anheimſtellen würde; aber in dieſem Theile der Welt haben ſie nicht nur die Macht, über alle Anſchuldigungen gegen Sklaven zu richten und den Angeklagten zum Tode zu verurtheilen, ſondern, was die Bewohner von Karolina ohne Zweifel für viel wichtiger halten, auch das Recht, der Staatskaſſe den Schätzungs⸗ werth des Schuldigen aufzubürden. Dieſes Geſetz, kraft deſſen den Herren nominell nur ein Theil, in Folge der gewöhnlich ſtattfindenden Ueber⸗ ſchätzung aber meiſt der ganze Werth verurtheilter Sklaven erſetzt wird, be⸗ raubt die Armen des Schutzes gegen ein ungerechtes Urtheil, den ſie ſonſt in dem Eigennutze ihrer Herren finden würden, und läßt ſie ohne Hilfe gegen das Vorurtheil, den Leichtſinn oder die Dummheit ihrer Richter. Aber wie könnte man Gerechtigkeit und Gewiſſenhaftigkeit bei der Anwen⸗ dung von Geſetzen erwarten, welche ſelbſt auf das ſchreiendſte Unrecht ge⸗ gründet ſind? Man muß geſtehen, daß die Amerikaner in dieſem Punkte eine ſtrenge Conſequenz beobachten. 4 Man brachte einen Tiſch vor die Thür des Aufſeherhauſes, ſtellte einige Gläſer und eine Flaſche Whiskey darauf, und der Gerichtshof ging an ſein Geſchäft. Wir wurden ſämmtlich vorgeführt und Einer nach dem Andern verhört. Die einzigen Zeugen waren die Mitglieder der Patrouille, welche Thomas verfolgt hatte, und der Gerichtshof befahl ihnen, den Schuldigen herauszuſuchen. Dies war jedoch ziemlich ſchwer. Wir waren unſrer ſechzig bis ſiebzig Mann, die Nacht war finſter und ohne Mondſchein geweſen⸗ und die Patrouille hatte den von ihr Verfolgten nur vorübergehend und undeutlich bemerken können. Der Gerichtshof ſchien über ihr Zaudern etwas ärgerlich zu ſein; es war indeſſen wohl nicht ganz unvernünftig, da ſie nicht zu einer übereinſtimmenden Anſicht über den Mann gelangen konn⸗ ten. Der Eine hielt ihn für unterſetzt, der Andere behauptete, daß er lang geeweſen ſei. Dieſer erklärte ihn für einen kräftigen, ſtarkgebauten Burſchen, Jener hatte ihn für ſchlank gehalten. Inzwiſchen war die erſte Flaſche Whiskey geleert und eine zweite her⸗ beigebracht worden. Der Gerichtshof ſagte den Zeugen, daß es auf dieſe 8 9 Der weiße Sklave. 130 1 Weiſe nicht gehe,— ſie erfüllten ihre Pflicht nicht wie es ſich gehöre, und wenn ſie ſo fortführen, werde der Schurke ſeiner Strafe entgehen. In dieſem Augenblicke ritt der Aufſeher der geplünderten Pflanzung heran und kam, ſobald er abgeſtiegen war, den Zeugen zu Hilfe. Er ſagte, daß er, während der Gerichtshof organiſirt wurde, die Zeit benutzt habe, um nach dem Reisfelde, wo der Dieb aufgetrieben worden war, zu reiten und es zu beſichtigen. Es ſei an vielen Stellen ſtark niedergetreten und eine Menge Fußtapfen zu erkennen, dieſe aber ſämmtlich gleich und, wie es ſchien, von einer und derſelben Perſon herrührend. Hiermit nahm er ein Stäbchen aus der Taſche, mit dem er, wie er ſagte, die Länge und Breite der Fußtapfen genau gemeſſen hatte. Dies war ein Entdeckungsmittel, welches Thomas vollkommen kannte, und auf das er ſich wohlweislich vor⸗ bereitet hatte. Unſere ganze Geſellſchaft war mit Schuhen von der größten Länge, die wir hatten erhalten können, und von ganz gleicher Form ver⸗ ſehen, ſo daß unſere Spuren von einer und der nämlichen Perſon herzu⸗ rühren ſchienen. 4 Dieſe Mittheilung des Aufſehers ſchien die ſinkenden Hoffnungen der Richter neu zu beleben; wir mußten uns ſämmtlich niederſetzen und unſere Füße meſſen laſſen. Auf der Pflanzung befand ſich ein Mann, Namens Billy, ein harmloſer, einfältiger Burſche, der mit uns außer aller Ver⸗ bindung ſtand; zu ſeinem Unglück aber war er unter den Sklaven der Ein⸗ zige, deſſen Fuß dem Maß nahe kam. Dem armen Menſchen wurde dieſer Umſtand verderblich. Die Richter ſchrieen einſtimmig und in der Verur⸗ theilungsweiſe, welche von ihnen zu erwarten war,„der Teufel ſolle ſie holen, wenn das nicht der Dieb ſei!“ Der arme Burſche leugnete ver⸗ gebens und bat umſonſt um Gnade. Seine Angſt und Verwirrung dienten nur dazu, die Ueberzeugung von ſeiner Schuld zu verſtärken, und je mehr er leugnete und je lauter er bat, um ſo entſchiedener beharrten ſeine Richter auf ihrer Ausſage. Sie erklärten ihn, ohne weiteres für ſchuldig und ver⸗ urtheilten ihn zum Strange. Kaum war das Urtheil gefällt, ſo wurden auch ſchon die Anſtalten zur Vollſtreckung deſſelben getroffen. Man brachte ein leeres Faß heraus und ſtellte es unter einen vor der Thür ſtehenden Baum. Der arme Teufel wurde darauf gehoben, der Strick um ſeinen Hals gelegt und an einem Aſte über ihm befeſtigt. Die Richter waren bereits ſo betrunken, daß ſie alles Anſtandsgefühl verloren hatten. Einer von ihnen ſtieß das Faß mit dem Fuße um und das unglückliche Opfer der Juſtiz von Karolina lebte bald nicht mehr. Als die Erekution vorüber war, wurden die Sklaven auf das Feld geſchickt, während Mr. Martin mit den Richtern und Zeugen und mehreren Anderen, die der Prozeß nach Looſahachee gezogen hatte, ein regelmäßiges Zechgelag hielten, welches den ganzen Tag und die darauf ſolgende Nacht dauerte. —— — * Dreißigſtes Kapitel. Die Autorität der Herren über ihre Sklaven iſt im Allgemeinen eine fortwährende Schreckensherrſchaft. Eine gemeine Furcht iſt das winß Gefühl der menſchlichen Natur, an welches der Sklavenbeſitzer appellirt. Als der Beſchluß gefaßt wurde, den armen Burſchen zu haͤngen, deſſen Schickſal ich im vorigen Kapitel beſchrieben habe, konnten ſeine Richter 132 Ich ließ Thomas wiſſen, was ich von ihr erfahren hatte; wir kamen ſofort zu der Anſicht, daß unſer ſicherſtes Rettungsmittel die Flucht ſei, und meldeten unſern übrigen Verbündeten ſowohl unſer Vorhaben, wie die Urſache deſſelben. Sie wünſchten uns zu begleiten, und wir beſchloſſen, noch denſelben Abend aufzubrechen. Sobald die Dämmerung eintrat, ſchlichen wir von der Pflanzung hinweg und gelangten in Geſellſchaft in den Wald. Da wir erwarteten, daß man eifrig nach uns ſuchen würde, hielten wir es für das Beſte, uns zu trennen. Thomas und ich beſchloſſen, beiſammen zu bleiben, die Uebrigen aber zerſtreuten ſich und ſchlugen verſchiedene Richtungen ein. So lange die Dunkelheit anhielt, marſchirten wir ſo ſchnell wir konnten vorwärts, und als der Morgen anbrach, drangen wir in einen dichten, ſumpfigen Wald ein, brachen einige Aeſte und junge Bäume ab, machten uns ein möglichſt trockenes Bett, und legten uns zum Schlafen nieder. Wir waren von unſerm langen; eiligen Marſche ſehr ermudet und ſchliefen daher mehrere Stunden. Als wir erwachten, war der Mittag bereits vorüber. Unſer Appetit war groß, aber wir hatten keine Mundvorräthe. Als wir eben zu uͤberlegen begannen, was nun zu thun ſei, hörten wir das ferne Gebell eines Hundes. Thomas lauſchte einen Augenblick und ſagte dann, daß er den Ton kenne. Es war ein vorzüglicher Spürhund, den Mr. Martin lange in der Dreſſur gehabt hatte und auf deſſen Geſchicklichkeit im Aufſpüren entlaufe⸗ ner Sklaven er ſehr ſtolz war. Die Stelle, wo wir uns befanden, war ein dicht verwachſener Sumpf, in welchem man ſich nur mit Mühe bewegen und nicht leicht ſtehen konnte. Ihn zu durchwaden, würde unmöglich ge⸗ weſen ſein und wir beſchloſſen daher, uns an den Rand deſſelben zu be⸗ geben, wo der Boden härter und das Gebüſch weniger dicht war, und unſere Flucht fortzuſetzen. Wir thaten es, aber der Hund kam uns raſch näher und ſein Gebell ertönte immer lauter und lauter. Thomas zog ein ſcharfes, breites Meſſer hervor, welches er bei ſich hatte. Wir befanden uns jetzt an dem Rande, wo der Boden trocken war, und als wir hinter uns durch das niedere, lichte Gebölz blickten, ſahen wir den Hund mit der Naſe auf dem Boden herankommen und hörten ihn von Zeit zu Zeit einen tiefen, knurrenden Laut ausſtoßen, während wir weiter hinten, aber eben⸗ falls deutlich ſichtbar, einen Reiter entdeckten, den wir für Mr. Martin ſelbſt hielten. Der Hund befand ſich offenbar auf unſerer Fährte, folgte ihr nach dem Punkte, wo wir zuerſt in den Sumpf eingedrungen waren, und ent⸗ ſchwand unſern Blicken. Wir konnten jedoch immer noch ſein lautes und faſt anhaltend werdendes Bellen hören und bemerkten an dem Raſcheln und Krachen des Gebüſches bald, daß er uns dicht auf den Ferſen war. In dieſem Augenblicke wendeten wir uns um und ſtellten uns ihm gegenüber. — Thomas war mit ſeinem Meſſer in der Hand der Erſte, und ich blieb dicht hinter ihm, mit einem knotigen ſchweren Fichtenaſte, der beſten und in der That einzigen Waffe, die ich im Augenblicke erlangen konnte. So⸗ bald uns der Hund erblickte, bellte er heftiger und kam grimmig die Zähne fletſchend, mit offenem Rachen auf uns zu. Er machte einen gewaltigen Satz direkt nach der Gurgel meines Freundes; aber es gelang ihm nur, ſeinen linken Arm zu erfaſſen, den Thomas wie einen Schild gegen den An⸗ griff des Hundes erhoben hatte. In demſelben Augenblicke führte er einen Stoß mit ſeinem Meſſer nach ihm, ſo daß daſſelbe bis an's Heft eindrang und 133 Fund und Mann zu Boden ſtürzten. Wie der Kampf geendet haben würde, wenn Thomas allein geweſen wäre, iſt zweifelhaft, denn obgleich der Hund bald mehrere Wunden erhielt, ſchienen dieſelben doch ſeine Wuth nur zu vergrößern, und er bemühte ſich immer noch, die Kehle ſeines Gegners zu erfaſſen. Jetzt leiſtete mein Fichtenaſt gute Dienſte, und einige gutgeführte Streiche auf den Kopf des Hundes ſtreckten ihn betäubt nieder. Während wir den Angriff des Hundes erwarteten und mit ihm kämpf⸗ ten, hatten wir kaum an ſeinen Herrn gedacht; als wir aber nach Been⸗ digung des Kampfes deſſelben aufſahen, bemerkten wir, daß Mr. Martin uns unterdeſſen ganz nahe gekommen war. Er war ſeinem Hunde an den Rand des Sumpfes gefolgt und kam plötzlich auf uns zu, früher als wir ihn erwarteten. Er legte auf uns an und forderte uns auf, uns zu er⸗ geben. Thomas hatte den Aufſeher kaum erblickt, ſo ſchien er ſeine ganze Selbſtbeherrſchung zu verlieren und drang mit ſeinem Meſſer gerade auf ihn ein. Mr. Martin feuerte, aber die Rehpoſten pfiffen unſchädlich durch die Bäume, und als er ſein Pferd zu wenden verſuchte, erfaßte ihn Thomas 3 d riß ihn herunter. Das ſcheu gewordene Pferd lief durch davon, und ich bemühte mich vergebens, es aufzuhalten. Wir s in der Beſorgniß, daß andere Verfolger nachkommen würden, in, aber es zeigte ſich Keiner, und wir benutzten die Gelegenheit, um uns zurückzuziehen und unſeren Gefangenen in das Sumpfdickicht zu führen. ir erfuhren von ihm, daß unſere Flucht zu der Zeit entdeckt worden war, als die Mitglieder des Gerichtshofes mit ihren Begleitern in Looſa⸗ hachee ankamen, und daß man augenblicklich beſchloſſen hatte, die Nachbar⸗ ſchaft aufzubieten und eine allgemeine Jagd nach den Entlaufenen zu ver⸗ anſtalten. Sämmtliche Pferde, Hunde und Leute, die man auftreiben konnte, wurden requirirt. Sie theilten ſich in mehre Trupps und begannen ſofort die umliegenden Wälder und Sümpfe zu durchſuchen. Eine Abtheilung von fünf bis ſechs Mann mit Mr. Martin und ſei⸗ nem Spurhunde hatte drei von unſern Gefährten in einen Sumpſdickicht am Ufer eines Fluſſes verfolgt, wo ſie abſtiegen und mit ihren Flinten in der Hand dem Hunde ihn das Dickicht nachgingen; die armen Burſchen waren von der Anſtrengung ſo ermüdet, daß ſie erſt in dem Augenblicke, als der Hund auf ſie einſprang, erwachten. Er packte Einen von ihnen an der Gurgel, und hielt in ſeſt; die Uebrigen liefen davon, und die Ver⸗ folger gaben Feuer auf ſie. Einer von den Flüchtlingen ſtürzte, von den Rehpoſten furchtbar zerſchoſſen, todt zu Boden; der Andere aber ſetzte ſeine Flucht fort. Sobald der Hund von dem Manne, den er gepackt hatte, losgemacht werden konnte, was erſt nach langer Mühe und Zeit möglich war, wurde er auf die Fährte des dritten Flüchtlings gebracht. Er ver⸗ folgte ſie bis an den Fluß, wo er ſie verlor. Der Mann war wahr⸗ ſcheinlich hineingeſprungen, und an's andere Ufer geſchwommen; da aber der Hund nicht bewogen werden konnte, in das Waſſer zu gehen, und der Sumpf auf dem entgegengeſetzten Ufer für ſehr weich und gefährlich galt, wurde die Verfolgung nicht weiter fortgeſetzt, und die Jagd in dieſer Richtung aufgegeben, ſo daß der arme Teufel für jetzt entkam. Zeßt trennten ſich die Verſolger. Zwei von ihnen übernahmen es, den Gefangenen, den ſie gemacht hatten, nach Looſahachee zurückzuſchaffen, und die andern Drei ſollten mit Mr. Martin und ſeinem Hunde die Jagd auf uns fortſetzen. Sie erfuhren von ihrem Gefangenen, wo wir uns ge⸗ trennt und welche Richtungen die verſchiedenen Trupps eingeſchlagen hatten. 3 3 134 Nachdem ſie eine Zeitlang umhergeſucht, kam der Hund auf unſere Fährte und verfolgte dieſelbe; aber die Pferde der Begleiter Mr. Martin's waren ſo erſchöpft, daß er ſie bald weit hinter ſich zurückließ, als er einmal die Sporen einſetzte, um dem Hunde nachzukommen. Mr. Martin ſchloß ſeine Erzählung damit, daß er uns rieth, zurückzukehren und uns ſelbſt auszu⸗ efern indem er uns ſein Ehrenwort als Gentleman und Aufſeher gab, daß er uns, wenn wir ihm keine weitere Gewalt oder Mißhandlung zu⸗ fügten, vor Strafe ſchützen und ſogar gut belohnen wolle. Die Sonne war jetzt dem Untergange nahe. Die kurze Dämmerung, ſddie in Karolina dem Sonnenuntergange folgt, ſollte bald in die Finſter⸗ niß einer bewölkten, mondloſen Nacht übergehen, und wir bhere ge⸗ ringe Beſorgniß vor einer baldigen Annäherung unſerer Verfolger. Ich blickte Thomas an, wie um ihn zu fragen, was wir thun ſollten. Er zog mich auf die Seite, nachdem er die Bande unſeres Gefangenen, den wir mit den Stricken, die wir bei ihm gefunden und welche ohne Zweifel zu einem ganz anderen Zwecke beſtimmt geweſen waren, an einen Baum gebunden, unterſucht hatte. Thomas ſchwieg einen Augenblick, wie um ſeine Gedanken z dann zeigte er auf Mr. Martin und ſagte: „Archy, der Mann ſtirbt dieſe Nacht!“. In dem Tone mit dem er dieſe Worte ausſprach, lag eine wilde Energie und zu gleicher Zeit eine kaltblütige Ruhe, die mich erſchreckte. Ich gab ihm Anfangs keine Antwort, und als ich Thomas in's Geſicht blickte, ſah ich darin einen Ausdruck hämiſchen Triumphes und unerſchüt⸗ terlicher Feſtigkeit. Seine Augen ſprühten Feuer, als er, jedoch in einem leiſen ruhigen Tone, der in grauenvollem Widerſpruch mit dem Inhalte ſeiner Worte ſtand, wiederholte: „Ich ſage Dir, Archy, der Mann ſtirbt dieſe Nacht. Sie befiehlt es. Ich habe es ihr verſprochen und jetzt iſt die Zeit gekommen.“ 3 „Wer beſtehlt es?“ fragte ich haſtig. .„Kannſt Du noch fragen, wer? Der Mann iſt der Mörder meines Weibes, Archy!“ 3 Obgleich Thomas und ich immer auf dem vertrauteſten Fuße geſtan⸗ den hatten, ſo war dies doch ſeit dem Tode ſeiner Frau das erſte Mal, daß er ihrer in ſo klaren Ausdrücken gegen mich erwähnte. Allerdings hatte er dann und wann einige entfernte Anſpielungen auf ſie gemacht, und ich erinnerte mich, daß er früher ſchon mehrere Male ſeltſame, unzu⸗ ſammenhängende Andeutungen über einen Verkehr, den er noch mit ihr unterhalte, hatte fallen laſſen. — Der Name ſeiner Frau lockte ihm Thränen in die Augen, aber er trocknete ſie haſtig, erlangte bald ſeine frühere, ruhige, feſte Entſchloſſenheit wieder und ſagte abermals in jenem leiſen, aber energiſchen Tone: „Ich ſage Dir, Archy, der Mann ſtirbt dieſe Nacht!“ Wenn ich mir die Umſtände, welche den Tod ſeiner Frau begleitet hat⸗ ten, in's Gedächtniß zurückrief, ſo mußte ich mir geſtehen, daß Mr. Martin in der That ihr Mörder war. Ich hatte damals mit Thomas ſympathiſirt und that es auch jetzt noch. Der Mörder war in ſeiner Gewalt, er hielt daß ſein Tod eine gerechte Vergeltung ſein würde. 3 3 1 Deſſen ungeachtet hegte ich einen unwillkürlichen Abſcheu vor dem Ge⸗ 3 danken des Blutvergießens, und vielleicht waren auch noch in meinem Her⸗ ſich für berufen, an ihm Gerechtigkeit zu üben, und ich mußte anerkennen, 8 135 zen einige Ueberreſte von der ſklaviſchen Furcht vorhanden, welche Thomas mit ſeinem verwegeneren Geiſte völlig abgeſchüttelt hatte. Ich gab zu, daß der Aufſeher ſein Leben verwirkt habe, erinnerte aber Thomas zu gleicher Zeit daran, daß Mr. Martin verſprochen hatte, wenn wir ihn wohlbehalten na Hauſe brächten, uns Verzeihung zu verſchaffen und vor Stafe zu ſchützen. Während ich dies ſagte, ſpielte ein ſpöttiſches Lächeln um die Lippen meines Kameraden..4 „Ja wohl, Archy,“ antwortete er,„Verzeihung und Schutz! und mor⸗ gen vielleicht hhundert Hiebe und den Strang! Nein, mein Junge, ich danke für eine ſolche Begnadigung, ich danke für die Verzeihung, welche uſchen gewähren. Ich bin ſchon zu llange ein Sklave. Jetzt bin und wenn man mich fängt, ſo mag man mir auch das Leben Ueberdies dürfen wir ihm nicht trauen,— wir dürfen ihm nicht auch wollten, das weißt Du recht gut. Sie halten uden, ein Verſprechen, das ſie uns gegeben haben, zu halten. Sie verſprechen alles Mögliche, um uns in ihre Gewalt zu be⸗ kommen, und dann ſind ihre Verſprechungen ſo leer wie faules Stroh. Meine Verſprechungen ſind nicht wie die ihrigen, und habe ich Dir nicht eſagt, daß ich es verſprochen?— Ja, ich habe es geſchworen, und jetzt dn ich Dir ein für allemal: der Mann muß heute Nacht ſterben!“ In ſeinem Ton und Weſen lag eine Energie und Entſchloſſenheit, die mich überwältigten. Ich konnte ihm nicht mehr widerſtehen, und ſagte ihm, daß er nach Belieben handeln möge.— Er lud die Flinte, welche er Mr. Martin abgenommen und die er während unſers Geſprächs in der Hand behalten hatte. Sobald dies geſchehen war, kehrten wir zu dem Aufſeher zurück, der unter dem Baume ſaß, an den wir ihn gebunden hatten. Er blickte, als wir uns ihm näherten, ängſtlich zu uns auf und fragte, ob wir uns zur Rückkehr entſchloſſen hätten. „Ja wir haben uns entſchloſſen,“ antwortete Thomas;„wir geben Dir eine halbe Stunde, um Dich auf den Tod vorzubereiten. Benutze ſie 5 ſe Hut Du kannſt, Du haſt viele Sunden zu bereuen, und die Zeit iſt kurz.“ Es iſt unmöglich, das Gemiſch von Entſetzen, Verwirrung und Zweifel, mit dem der Aufſeher dieſe Worte hörte, zu beſchreiben. Im erſten Augen⸗ blicke befahl er uns mit gebieteriſcher Stimme, ſeine Bande zu löſen; im nächſten zwang er ſich zum Lachen und that als ob er das, was Thomas geſagt hatte, für einen bloßen Scherz hielte; dann wurde er wieder von der Angſt überwältigt, weinte wie ein Kind, und ſchrie und bettelte um Gnade. „Haſt Du ſie gegen meine arme Frau bewieſen?“ antwortete Thomas; Tnein Du haſt ſie gemordet und mußt jetzt ihr Leben mit dem Deinigen bezahlen.“ Mr. Martin rief Gott zum Zeugen an, daß er dieſe Anſchuldigung nicht verdiene. Er geſtand, daß er die Frau des Thomas beſtraft hatte, aber er habe nur gethan, was ſeine Pflicht als Aufſeher geboten, und un⸗ möglich hätten die paar Hiebe, welche er ihr gegeben, ihren Tod verur⸗ ſachen können. „Die paar Hiebe!“ rief Thomas.„Danke Gott, daß wir Dich nicht foltern, wie Du ſie gefoltert haſt! Sprich kein Wort weiter, wenn Du nicht Deine Leiden vermehren willſt. Geſtehe Deine Verbrechen ein, bete 136 noch die Lüge fügſt.“ Bei diefem heftigen Vorwurfe verlor der Aufſeher den Muth zu wi⸗ derſprechen; er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, ſenkte den Kopf und verharrte einige Augenblicke in tiefem Schweigen, welches nur von einem den Tod vorzubereiten; aber das Leben war für ihn zu angenehm, als daß er demſelben ohne einen weiteren Rettungsverſuch hätte entſagen können. Er ſah ein, daß es ihm nicht gelingen würde, Thomas zu erweichen; aber er ermannte ſich noch einmal und wendete ſich an mich. Er bat mich, an das Vertrauen zu denken, welches er mir einſt bewieſen, und mich der Gunſt⸗ bezeugungen zu erinnern, mit denen ich von ihm überhäuft worden ſei. Er verſprach uns, daß er uns Beide kaufen, uns die Freiheit uns Alles, worüber er verfügen könne, ſchenken werde, wenn wir ſeines Lebens ſchonen wollten. 1 Seine Thränen und ſein Wehklagen rührten mich. Der Kopf ſchwin⸗ delte mir, und ich fühlte eine ſolche Schwache und Abſpannung, daß ich mich an einen Baum lehnen mußte. Thomas ſtand mit gekreuzten und auf die Flinte geſtützten Armen da. Er gab auf die wiederholten Bitten und Verſprechungen des Aufſehers keine Antwort. Er ſchien ſie überhaupt gar nicht zu hören. Sein Blick war ſtarr auf einen Punkt geheftet, als ob er in tiefe Gedanken verſunken wäre. Nach einer ziemlichen Zeit, während welcher der unglückliche Aufſeher ſich in Bitten und Klagen erſchöpft hatte, erwachte Thomas plötzlich aus ſeinem Hinbrüten. Er trat einige Schritte zurück und erhob das Gewehr. „Die halbe Stunde iſt um!“ ſagte er;„ſeid Ihr bereit, Mr. Martin?“ „Nein! o nein!— verſchont mich, o, verſchont mich! nur noch eine halbe Stunde— ich habe viel—“ Er konnte ſeinen Satz nicht vollenden— der Schuß knallte, die Kugel zerſchmetterte ihm die Hirnſchale und er brach zuſammen, ohne mit einem Gliede zu zucken. Einunddreißigſtes Kapitel. Wir gruben ein flaches Grab, in welches wir die Leiche des Aufſehers Martin legten. Dann holten wir den todten Hund und legten ihn neben ſeinen Herrn. Es waren einander würdige Genoſſen. Jetzt ſetzten wir unſere Flucht fort— nicht wie Manche vielleicht glauben wuͤrden, mit der ſcheuen, ängſtlichen Haſt von Mördern, welche von ihrem Gewiſſen gepeinigt werden, ſondern mit dem hohen Gefühl der gerächten Menſchenwürde und der beſtraften Tyrannei, welches die Seele des iſraelitiſchen Helden erfüllte, als er in das Land der Midianiter floh, um dort eine Freiſtätte zu ſuchen, und welches in der Bruſt Wallace's und Tell's glühte, als ſie ihre mitternächtliche Flucht in die befreundeten Klippen und freiheitathmenden Berge ihrer Heimath antraten. Wir hatten kein Gebirge, in dem wir Zuflucht und Schutz hätten ſuchen können. Wir flohen jedoch durch die Sümpfe und Wüſten von Ka⸗ rolina weiter, und bemühten uns, ſo bald als möglich eine gehörige Anzahl von Meilen zwiſchen uns und die Gegend von Lovſahachee zu legen. Wir hatten ſeit langer als vierundzwanzig Stunden nichts genoſſen, aber unſre 3 und wende Deine letzten Augenblicke nicht dazu an, daß Du zum Morde unartikulirten Schluchzen unterbrochen wurde. Vielleicht verſuchte er, ſich auf —— — —— — 137 Aufregung war ſo groß, daß wir nicht unterlagen und kaum etwas von Schwäche oder Ermüdung empfanden. 6 Wir ſchlugen eine nordweſtliche Richtung ein, indem wir uns nach den Sternen richteten, und wir mußten eine tüchtige Strecke zurückgelegt* haben, da wir kein einziges Mal anhielten, um auszuruhen, ſondern die anze Nacht hindurch mit ſchnellen Schritten vorwärts eilten. Unſer Weg ührte durch die offenen Fichtenwälder, in denen wir faſt eben ſo ſchnell gehen konnten, wie auf einer Landſtraße. Zuweilen nöthigte uns ein Sumpf oder die Nähe einer Pflanzung, von unſerer Richtung abzuweichen; aber ſobald wir konnten, ſchlugen wir wieder den urſprünglichen Curs ein. Die Dunkelheit der Nacht, welche in den letzten paar Stunden durch Nebel verſtärkt worden war, begann ſoeben dem erſten blaſſen Morgengrauen zu weichen. Wir ſchritten eine kleine Senkung der Fichtenwüſte entlang, welche jetzt trocken war, aber in der naſſen Jahreszeit wahrſcheinlich das Bett eines Fluſſes bildete, und ſahen uns nach einer Stelle um, wo wir uns verbergen konnten, als wir plötzlich auf einen Mann ſtießen, welcher in einem Gebüſch, den Kopf auf einem Kornſacke ruhend, dalag und zu ſchlafen ſchien. Wir erkannten ihn ſogleich. Es war ein Sklave, der auf eine Pflanzung in der Nähe von Looſahachee gehörte und mit dem wir oberflächlich bekannt geweſen, der aber, wie man uns geſagt hatte, be⸗ reits vor einigen Monaten entlaufen war. Thomas ſchüttelte ihn an der Schulter, und er fuhr heftig erſchrocken empor. Wir ſagten ihm, daß er nichts zu fürchten habe, denn wir ſeien entlaufene Sklaven wie er, vor Hunger halb todt und in dieſer uns völ⸗ lig unbekannten Gegend ſeines Beiſtandes ſehr bedürftig. Anfangs zeigte ſich der Mann äußerſt zurückhaltend und argwöhniſch. Er fürchtete, wie es ſchien, daß wir Verſucher ſein könnten, welche man ausgeſchickt habe, um ihn in eine Falle zu locken. Endlich gelang es uns jedoch, ſeine Zweifel zu zerſtreuen, und ſobald ihn die Auskunft, welche wir über uns gaben, beruhigt hatte, ſagte er, daß wir ihm folgen möchten; wir ſollten ſogleich etwas zu eſſen erhalten. Mit ſeinem Kornſacke auf der Schulter führte er uns noch einige Meilen weiter in der ſchmalen Vertiefung, in der wir ihn gefunden hatten, bis ſich letztere endlich zu einem großen Sumpfe, oder vielmehr einem mit Bäumen bewachſenen Teiche, erweiterte. Jetzt verließen wir dieſelbe und wanderten eine Strecke weit am Rande des Teiches hin, bis unſer Führer in das Waſſer hinabſtieg und uns zurief, daß wir hinter ihm her waden möchten. Wir folgten ihm; ehe wir aber noch weit gekommen waren, legte er ſeinen Kornſack auf einen umgeſtürzten Baum, ging zurück und verwiſchte ſorgfältig die Spuren, welche unſere Füße auf dem ſchlammigen Ufer des Teiches hinterlaſſen hatten. Er führte uns hierauf durch das ſchlam⸗ mige Waſſer, das uns bis an die Hüften ging, noch faſt eine halbe Meile weiter. Die rieſenhaften Bäume, unter denen wir uns befanden, ragten mit ihren geraden, weißlichen, aſtloſen Stämmen aus dem Waſſer empor und bil⸗ deten hoch über uns mit ihren buſchigen Kronen ein dichtes Blätterdach. Gebüſch war nicht vorhanden und nur eine Art ungeheurer Schlingpflanze rankte ſich ſchiffstauartig um die Staͤmme der Bäume bis in die höchſten Wipfel und trug mit ihrem Laube dazu bei, die Decke über uns noch dichter zu machen. Das Licht war ſo vollkommen ausgeſchloſſen, und die Stämme der Bäume ſtanden ſo dicht beiſammen, daß man nur ein kleines Stück weit in dieſem Waſſerwalde vor ſich ſehen konnte. * hatten die Leute, mit denen er verkehrte, eine Flaſche Whiskey herbei gebracht, 138 Das Waſſer begann tiefer und der Wald immer düſterer zu werden und wir erſchöpften uns in Vermuthungen, wohin der Führer uns wohl bringen werde, als wir plötzlich eine kleine Inſel erreichten, die ſich ſo regelmäßig einige Fuß über das Waſſer erhob, daß ſie ganz das Ausſehen eines künſtlichen Bauwerks hatte. Vielleicht war ſie auch ein Werk der früheren Bewohner des Landes und eine ehemalige Feſtung. Sie hatte etwa einen Acker im Umfange, und war dicht mit Bäumen beſetzt, welche jedoch von einer ganz anderen Art, als die in dem umliegenden See, und voon weit geringerer Größe und Majeſtät waren. Ihre Ufer waren mit niedrigem Geſträuch und Gebüſch bewachſen, deſſen Laub der Inſel das Ausſehen einer kompakten grünen Maſſe gab. Unſer Führer deutete auf eine kleine Oeffnung in dem Gebüſch, durch welche wir hinaufſtiegen, und nachdem wir auf das trockene Land gelangt waren, führte er uns auf einem ſchmalen, geſchlaͤngelten Pfade durch das Dickicht, bis wir an eine aus Rinden und Aeſten erbaute rohe Hütte kamen. Jetzt ließ er ein eigen⸗ thümliches Pfeifen vernehmen, welches ſogleich beantwortet wurde und auf das einige Männer zum Vorſchein kammen. Sie ſchienen ſehr überraſcht zu ſein, als ſie uns und beſonders mich, den ſie wahrſcheinlich für einen Freien hielten, erblickten; aber unſer Füh⸗ rer verſicherte ihnen, daß wir Freunde und Leidensgenoſſen ſeien und trat in die Hütte. Unſere neuen Wirthe nahmen uns freundlich auf und be⸗ eilten ſich, als ſie hörten, wie lange wir nichts genoſſen hatten, unſern Hunger zu ſtillen, ehe ſie weitere Fragen an uns richteten. Sie trugen Rindfleiſch und Maisbrei im Ueberfluſſe auf, und wir ſchmauſten davon nach Herzensluſt.. Sobald wir uns geſättigt hatten, wurden wir aufgefordert, Auskunft über uns zu ertheilen. Wir erzählten unſer Abenteuer, ohne jedoch etwas von dem Schickſal des Aufſehers zu erwähnen, und da unſer Führer, wel⸗ cher uns kannte, einen Theil unſerer Geſchichte beſtätigen konnte, ſo ward unſer Bericht für genügend erklärt, und man nahm uns ſofort in die Bruderſchaft auf. Es waren ihrer, außer uns Beiden, Sechs— ſämmtlich wackere Burſchen, die ſich der Zwangsarbeit und der Tyrannei der Aufſeher müde, in die Wälder geflüchtet hatten und denen es gelungen war, eine wilde Freiheit zu erlangen, welche bei allen Entbehrungen und Gefahren doch tauſendmal beſſer war, als die erzwungene Arbeit und die ſchmähliche Knechtſchaft, welcher ſie entronnen waren, Unſer Führer war der Einzige von ihnen, den wir früher ſchon geſehen hatten. Das Oberhaupt der Geſellſchaft war vor zwei bis drei Jahren mit einem einzigen Gefährten von der Pflanzung ſeines Herrn in der Nachbarſchaft entflohen. Damals wußten ſie nichts von dieſem Zufluchtsorte, aber ſte hatten, da ſie heftig verfolgt wurden, einen Verſuch gemacht, über den ſie umgebenden Sumpf oder Teich zu ſetzen— ein Verſuch, den, wie ich glaube, bisher noch Niemand gewagt hatte. Sie hatten hierbei das Glück, die Inſel zu finden, welche, außerdem völlig unbekannt, ihnen ſeitdem als ſicherer Zufluchtsort diente. Sie fanden bald einen Gefaͤhrten und ſpäter geſellten ſich auch ihre übrigen Ge⸗ noſſen zu ihnen. Unſer Führer war auf einer benachbarten Pflanzung geweſen, um Korn zu kaufen— ein Handel, den unſere Freunde mit den Sklaven mehrerer nahegelegenen Pflanzungen trieben. Sobald dies abgemacht war, 139 und unſer Führer hatte ſo ſtark daraus getrunken, daß ihm, ehe er nach Hauſe kommen konnte, die Füße den Dienſt verſagten. Er war auf der Stelle, wo wir ihn gefunden hatten, niedergeſunken und feſt eingeſchlafen. Das Whiskeytrinken außerhalb der Inſel war nach den vorſichtigen Ge⸗ ſetzen dieſes kleinen von Sumpf umgebenen Reiches ein ſchweres Vergehen, wofür die Strafe von neununddreißig Hieben unſerm Führer ſofort mit bedeutendem Nachdrucke ertheilt wurde. Er nahm dieſelbe jedoch ohne Mur⸗ ren als die Anwendung eines Geſetzes hin, in welches er ſelbſt gewilligt hatte und von dem er wußte, daß es eben ſo gut auf ſeinen eignen Vortheil wie auf den der Männer, die es ſo eben zur Ausführung gebracht hatten, berechnet war. Das Leben, welches wir jetzt begannen, hatte wenigſtens den Reiz der Neuheit. Am Tage aßen wir, ſchliefen, erzählten Geſchichten und Anekdoten von unſrer Flucht, oder beſchäftigten uns mit dem Zubereiten von Fellen, dem Anfertigen von Kleidern und dem Aufbewahren von Mundvorräthen; aber die Nacht war für uns die Zeit der Abenteuer und Unternehmungen. Als der Herbſt herankam, ſtatteten wir den benachbarten Korn⸗ und Kartoffelfeldern häufige Beſuche ab und machten uns kein Gewiſſen daraus, ſte ſtark in Kontribution zu ſetzen. Dies dauerte jedoch nur einige Monate. Unſere regelmäßige, ſichere Nahrung lieferten uns halbwilde Rinderheerden, welche in den Fichtenwäldern umherſtreiften und das grobe Gras derſelben abweideten. Wir erlegten von ihnen ſoviel wir brauchten und dorrten ihr in lange Streifen geſchnittenes Fleiſch in der Sonne. Es iſt auf dieſe Art zubereitet eine ganz ſchmackhafte Koſt, und wir hielten davon nicht nur beſtändig auf einen Vorrath für den eignen Bedarf, ſondern benutzten es auch als hauptſächlichſten Artikel eines fortwährend, aber mit großer Vorſicht betriebenen Handels mit den Sklaven der benachbarten Pflanzungen. Dieſes wilde Waldleben hatte ſeine Entbehrungen und Leiden, aber auch ſeine Reize und Annehmlichkeiten, und iſt ſelbſt in ſeinen ſchlimmſten Punkten immer noch zehntauſendmal beſſer, als die ſogenannte Civiliſation, welche den edeln, hochherzigen Wilden zu einem kriechenden, feigen Sklaven herabwürdigt— eine Civiliſation, welche die Trägheit und Ueppigkeit eines einzigen Herrn mit den Seufzern und Thränen der unfreiwilligen, er⸗ zwungenen Arbeit, der Entartung, dem Elend und der Verzweiflung Hun⸗ derter von Nebenmenſchen erkauft! Ja— es iſt mehr wahre Mannes⸗ würde in der kühnen Bruſt eines einzigen von jenen Geächteten zu finden, als in einer ganzen Nation von feigen Tyrannen und kriechenden Sklaven. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Gegen das Ende des Winters waren die Viehheerden, welche in unſe⸗ rer Gegend umherſchweiften, bedeutend gelichtet und die Weide ſo dürr und welk geworden, daß die übriggebliebenen faſt nichts als wandelnde Gerippe und kaum der Mühe des Schlachtens werth waren. Ueberdies begannen die Aufſeher der benachbarten Pflanzungen zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß ſie von ziemlich regelmäßig wiederkehrenden und gewandten Räubern heimgeſucht würden. Wir erfuhren von den Sklaven, mit denen wir im Verkehr ſtanden, daß ſehr viel von dem ſchnellen Ver⸗ 2 1 ſchwinden des Viehs geſprochen wurde, und daß man Vorbereitungen zu einer großen Jagd traf, um die Diebe einzufangen. 140 In der doppelten Abſicht, dieſe Anſtalten zu vereiteln und friſche Heerden aufzuſuchen, wurde beſchloſſen, daß fünf von uns einen Ausflug auf ziemlich weite Entfernung machen ſollten, während die übrigen Beiden zu Hauſe blieben und ſich verborgen hielten. Einer von uns übernahm es, uns in die Gegend einer Pflanzung am Santee, wo er aufgewachſen war, zu führen. Er kannte die ganze Umge⸗ bung derſelben genau. Es gab, wie er ſagte, dort mehrere gute Verſtecke, wo wir uns den Tag über verbergen konnten, und die ausgedehnten Waͤl⸗ der und Einöden enthielten eine bedeutende Quantität Vieh. Wir brachen unter ſeiner Leitung auf und marſchirten mehrere Tage oder vielmehr Nächte in nördlicher Richtung vorwärts. Am fünften oder ſechſten Abend unſerer Reiſe machten wir uns bald nach Sonnenuntergang auf den Weg, und nachdem wir bis kurz nach Mitternacht unter kahlen Sandhügeln umher geirrt waren, ſagte uns unſer Führer, daß wir jetzt in der Gegend ſeien, wohin er uns habe bringen wollen; da aber der Mond untergegangen, der Himmel bewölkt und es faſt ganz finſter war, wußte er nicht genau, auf welchem Punkte wir uns befanden, und er meinte, daß wir am beſten thun würden, unſer Lager da aufzuſchlagen, wo wir wa⸗ ren, bis er uns nach Tagesanbruch in einen beſſeren Verſteck führen könne Dieſer Rath war ſehr annehmbar— denn wir waren müde und ſchläfrig. Wir zündeten Feuer an, kochten die letzten Lebensmittel, welche wir mitgebracht hatten, und nachdem Einer von uns als Wache ausge⸗ ſtellt worden war, legten wir Uebrigen uns nieder, und verſanken bald in einen tiefen Schlaf. Ich wenigſtens ſchlief feſt und träumte von der armen Caſſy und un⸗ ſerm Kinde, als ich durch ein Geräuſch wie Flintenſchüſſe und Pferdege⸗ trappel, in meinem Traume geſtört und aus meinem Schlummer aufge⸗ ſchreckt wurde. Ich ſprang empor, faſt ohne zu wiſſen, ob ich wache oder ſchlafe. In demſelben Moment fiel mein Blick auf Thomas, welcher neben mir lag, und ich bemerkte, daß ſeine Kleider ganz mit Blut befleckt waren. Er war bereits auf den Beinen, wir ſprangen ohne Zeitverluſt zuſammen in das nächſte Dickicht, und flohen eine Zeitlang weiter, faſt ohne zu wiſſen, wohin oder warum. Endlich rief Thomas, daß er nicht mehr fort könne. Der Blutverluſt hatte ihn bedeutend erſchöpft, und ſeine Wunden begannen ihn heftig zu ſchmerzen. Der Morgen dämmerte eben herauf. Wir ſetzten uns nieder und bemühten uns, ſeine Wunden, ſo gut es ging, zu verbinden;— eine Kugel oder eine Rehpoſte war durch den fleiſchigen Theil des Armes zwiſchen der Schulter und dem Ellbogen gegangen, ein zweiter Schuß hatte ihn in die Seite getroffen, war aber, ſo viel wir be⸗ urtheilen konnten, an einer Rippe abgeprallt, ohne ihm eine gefährliche Verletzung zuzufügen. Dieſe Wunden hatten ſtark geblutet und waren jetzt ſehr ſchmerzhaft. Wir verbanden ſie, ſo gut wir konnten, ſahen uns um und fanden einen kleinen Bach, mit deſſen Waſſer wir das Blut abwuſchen und unſern Durſt löſchten. 5 So erquickt und geſtärkt, begannen wir zu überlegen, nach welcher Seite wir uns wenden und was wir thun ſollten. Wir wagten es nicht, nach dem Lager, wo wir geſchlafen hatten, zurückzukehren und zweifelten überdies auch, daß uns dies gelingen werde, denn der Morgen war dunkel ge⸗ 8 weſen, und wir waren mit achtloſer Eile geflohen, faſt ohne auf die Rich⸗ tung zu merken. Unſre Inſel war ſieben bis acht Tagereiſen entfernt, und da wir bei Nacht und nicht immer genau in gleicher Richtung gereiſt wa⸗ 141 ren, ſo würde es nicht ganz leicht geweſen ſein, den Rückweg zu finden. Thomas war jedoch auf ſeine Waldkenntniß ſtolz und glaubte, wenn er ſich auch den Weg nicht ganz ſo aufmerkſam, wie er es wohl wünſchte, gemerkt hatte, daß es ihm dennoch gelingen werde, den Rückweg zu finden. Aber ſeine Wunden waren zu friſch und er fühlte ſich zu ſchwach, um an ſofortigen Aufbruch denken zu können. Ueberdies war es bereits heller Tag und wir hatten triftige Gründe um nur bei Nacht zu reiſen. Wir ſuchten daher ein Dickicht auf, in dem wir uns bis zum Abend verbargen. Beim Einbruch der Nacht erklärte Thomas, daß er ſich bedeutend woohler und kräftiger fühle, und wir beſchloſſen ſofort, unſere Rückreiſe an⸗ zutreten. Zuerſt wollten wir jedoch einen Verſuch machen, das Lager von voriger Nacht zu finden, indem wir hofften, daß noch mehrere von unſern Gefaͤhrten entronnen ſeien, und daß wir vielleicht das Glück haben wür⸗ den, ſie zu finden.. Nachdem wir eine Zeit lang umhergewandert waren, entdeckten wir endlich das Lager. Bei den verloſchenen Ueberbleibſeln des Feuers lagen zwei ſtarre blutige Leichen. Sie ſchienen im Schlafe erſchoſſen worden zu ſein und kaum ein Glied mehr gerührt zu haben. Das Gebüſch um ſie her war mit Blut befleckt, und wir verfolgten im Mondſchein die blutige Spur eines von unſern unglücklichen Gefährten eine bedeutende Strecke weit. Dies mußte unſer Waͤchter geweſen ſein, der wahrſcheinlich einge⸗ ſchlafen war und uns ſo dem Ueberfalle ausgeſetzt hatte. Vielleicht lag er noch irgendwo verwundet und hilflos im Gebuͤſch. Dieſer Gedanke machte uns kühn. Wir ſchrieen und riefen laut, aber un⸗ ſere Stimmen hallten durch den Wald und verklangen, ohne eine Antwort zu erhalten. Wir kehrten in das Lager zurück und blickten nochmals auf die entſtellten Geſichter unſerer todten Kameraden. Wir konnten es nicht über uns gewinnen, ſie unbegraben zu laſſen. Ich grub ein flaches Grab und in dieſes legten wir ſie. Wir weihten ihnen eine Thräne und brachen traurig und niedergeſchlagen wieder auf, um unſere lange Reiſe in's Un⸗ gewiſſe fortzuſetzen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Wir marſchirten dieſe ganze Nacht langſam weiter, verſteckten uns bald nach dem Anbruch der Morgendämmerung von Neuem, und legten h uns zum Schlafe nieder. Die Wunden des armen Thomas hatten ein viel beſſeres Ausſehen angenommen und ſchienen heilen zu wollen. Die Verletzung in der Seite war weit weniger gefährlich, als wir Anfangs glaubten, und da der Schmerz nachgelaſſen hatte, war er jetzt im Stande zu ſchlafen. Wir ſchliefen gut, erwachten aber ſchwach und erſchöpft, denn wir hatten ſeit etwa vierundzwanzig Stunden keine Nahrung über die Lippen gebracht. Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber wir beſchloſſen 4 dennoch unverzüglich aufzubrechen, indem wir hofften, daß das Tageslicht uns etwas erblicken laſſen würde, womit wir unſern Hunger ſtillen konnten. „ Nachdem wir eine bedeutende Strecke weit durch den Wald gegangen waren, ſtießen wir gerade bei Sonnenuntergang auf einen Weg. Dieſem beſchloſſen wir zu folgen; denn wir hofften, daß er uns bald in die Nähe eines Farmhauſes führen würde, in deſſen Umgebung wir etwas zu eſſen 14⁴2 ſinden könnten. Dies war ein unheilvoller Entſchluß, denn wir baßzen noch nicht mehr als eine halbe Meile zurückgelegt, als wir gerade auf dem Gipfel eines kleinen Hügels plötzlich drei berittene Neiſende erblickten, welche uns durch das wellenförmige Terrain verborgen worden waren, bis wir uns einander auf wenige Schritte genähert hatten.. Beide Theile waren überraſcht. Die Reiſenden hielten ihre Pferde an und betrachteten uns mit ſpähenden Blicken. Unſer Ausſehen war wohl geeignet, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen. Die Kleider, welche wir anhatten, waren zerriſſen und zerlumpt. Statt der Schuhe trugen wir eine Art hoher Moccaſſins von ungegerbtem Rindsleder, eben ſolche Mützen, und unſere Kleider, beſonders die meines Gefährten, waren mit Koth und Blut befleckt. 4 Sie hielten mich für einen Freien und Einer von ihnen rief mir zu: „ Hollah, Fremder, wer ſind Sie und wohin gehen Sie, und wem gehört der Burſche, den Sie bei ſich haben?“ Ich bemühte mich, den beſten Nutzen aus meiner Farbe zu ziehen, und mich für das auszugeben, wofür ſie mich hielten. Ich ſah jedoch bald, daß ich damit nicht auskommen würde, denn wenn ſie auch Anfangs nicht vermutheten, daß ich ein Sklave ſei, war doch unſer Aeußeres ſo auffallend, daß ſie mich genau ausfragten. Da ich nicht recht wußte, wo wir uns befanden und mir die Umgegend völlig unbekannt war, konnte ich auf die zahlloſen Fragen, welche ſie mir vorlegten, nicht befriedigend antworten, und meine Angaben wurden bald unklar und widerſprechend. Dies erregte ihren Argwohn, und während ich die Fragen des Einen, welcher das Wort führte, beantwortete, ſprang ein Anderer plötzlich vom Pferde, erfaßte mich am Kragen und ſchwor, daß ich entweder ein entlaufener Sklave oder ein Negerdieb ſei. Die andern Beiden ſtiegen ebenfalls ſogleich ab, und während der Eine meinen Arm ergriff, verſuchte der Andere, ſich meines Gefährten zu bemächtigen. Thomas wich ihm aus und machte Kehrt, um davon zu laufen. Er war indeſſen noch nicht weit gekommen, als er zurückblickte und mich auf dem Boden liegen ſah, worüber er ſogleich ſeine Wunden, ſeine Schwäche und ſeine eigene Gefahr vergaß. Er erhob ſeinen Stock und eilte zu meiner Befrelung herbei. Die Fremden hatten mich gewürgt, bis ich mich nicht mehr wehren konnte und faſt die Beſinnung verlor, und waͤhrend Einer on ihnen mich immer noch am Boden feſthielt, ſtand der Andere auf, um Thomas entgegen zu treten, der, als er ſich umwendete, ſeinen Verfolger niedergeſtreckt hatte und jetzt mit hochgeſchwungenem Stocke zu meiner Unterſtützung heraneilte. Sein neuer Gegner war ſtark und rüſtig. Es ſelang ihm, dem Schlage auszuweichen und Thomas um den Leib zu feſſen⸗ Dieſer konnte den einen Arm faſt gar nicht bewegen, und ſeine Kräfte waren durch Blutverluſt und lange Entbehrungen ſehr geſchwächt, aber er wehrte ſich tapfer und war bereits nahe daran, die Oberhand zu ewinnen, als der Dritte, welchen er Anfangs zu Boden geſtreckt hatte, hene Beſinnung wieder erlangte und ſeinem Gefährten zu Hilfe kam. Beide zuſammen waren für ihn zu viel; ſie warfen ihn bald nieder und banden ihm die Haͤnde. Mit mir thaten ſie das Nämliche, und nachdem einer von ihnen einen Strick aus ſeiner Satteltaſche genommen hatte, machten ſie daraus eine Art Halfter, welche ſie uns um den Hals legten, worauf ſie uns durch Peitſchenhiebe zwangen, mit ihren Pferden gleichen Schritt zu halten. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir eine niedrige einſame —— 5b . 143 Hütte am Wege. Es ſchien ein kleines Wirthshaus zu ſein, und hier ſollten wir übernachten. Die einzigen im Hauſe befindlichen Perſonen waren die Wirthin und ihre kleine zehn⸗ bis zwölfjährige Tochter. Das ganze Haus trug unverkennbare Zeichen von Durftigkeit und Armuth an ſich. Sobald die Leute, von denen wir eingefangen worden waren, ihre Pferde beſorgt hatten, verlangten ſie Ketten;— ſie ſagten, daß Wagenketten oder irgend etwas dem Aehnliches für ihren Zweck genügen würde, aber zu ihrem großen Verdruß behauptete die Wirthin nichts Derartiges zu beſitzen. Sie brachte jedoch einen alten Strick herbei, und nachdem ſie uns ſo gut ſie konnten gefeſſelt hatten, ließen ſie uns im Hausgange niederſetzen. Die Wirthin ſagte ihnen, daß wir aller Wahrſcheinlichkeit nach ent⸗ laufene Sklaven ſeien, welche die Gegend in der letzten Zeit ſehr unſicher gemacht hätten. Eine Geſellſchaft von fünf bis ſechs Männern wäre vor zwei oder drei Nächten auf die Jagd der Schurken ausgezogen und habe unerwartet im Walde eine ganze Bande davon um ein Feuer lagern ſehen. Die Bande hatte ihnen zu ſtark geſchienen, um leicht eingefangen werden zu können, aber es war beſchloſſen worden, die Burſchen nicht ent⸗ rinnen zu laſſen, beſonders da der Mann, für deſſen Sklaven man ſie hielt, und der ſich unter der Geſellſchaft befand, geſagt hatte, daß es ihm weit lieber ſei, wenn ſie erſchoſſen würden, als wenn ſie ohne Nutzen für ihn, und zum Schaden ſeiner Nachbarn im Lande umherſchweiften. Die Geſellſchaft trennte ſich und jeder Einzelne näherte ſich den Schla⸗ fenden von einer andren Seite. Auf ein gegebenes Signal feuerten ſie zu gleicher Zeit, ſetzten dann ihren Pferden die Sporen ein und kehrten einzeln nach Hauſe zurück. Keiner von ihnen habe ſich aufgehalten, um zu ſehen, welchen Erfolg das Feuer gehabt, da aber die Männer ſämmtlich gute Schützen ſeien glaubte man, daß die Meiſten von den entlaufenen Sklaven entweder getödtet oder ſchwer verwundet worden ſeien, und da unſere Klei⸗ der blutig waren und Einer von uns Wunden an ſeinem Körper hatte, ſo hielt man es für wahrſcheinlich, daß wir zu derſelben Bande gehörten. Im Laufe des Geſprächs zwiſchen der Wirthin und ihren Gäſten ergab es ſich, daß der mörderiſche Angriff, deſſen Opfer unſere Gefährten ge⸗ worden waren, der aber einer anderen Truppe entlaufener Sklaven gegolten hatte, ein Verfahren iſt, welches man in Süd⸗Karolina zuweilen befolgt, 3 9 wenn eine Geſellſchaft von Sklavenjägern auf eine Schaar von Flüchtlingen ſtößt, die zu zahlreich iſt, als daß ſie leicht eingefangen werden könnten. Das Zerſtreuen der Verfolger, von denen ein Jeder ſeinen Schuß ab⸗ feuert und dann allein zurückkehrt, iſt nur die Folge eines alten traditio⸗ nellen Vorurtheils. Nach den Geſetzen von Karolina wird die Tödtung eines Sklaven als Mord betrachtet, und wenn auch wahrſcheinlich das Ge⸗ ſetz nie in Anwendung gekommen iſt und von einer Jury von Sklavenbe⸗ ſitzern ohne Zweifel als ein veralteter und fanatiſcher Unſinn betrachtet wer⸗ den würde, ſo iſt doch immer noch in der Bruſt des Volkes ein Ueberreſt von Schauder bei dem Gedanken an vorſätzliches Blutvergießen, und eine abergläubiſche Beſorgniß vor der möglichen Geltendmachung dieſes veral⸗ teten Geſetzes zurückgeblieben. Um ihr Gewiſſen zu beruhigen und die Möglichkeit einer gerichtlichen Unterſuchung zu verhindern, ſorgt jedes Mit⸗ lied dafür, daß es keinen ſeiner Begleiter ſieht, wenn ſie feuern, und kein inziger wagt es, an Ort und Stelle zu gehen, um ſich zu überzeugen, wie Viele getödtet oder kampfunfähig gemacht worden ſind. Man überläßt die armen Teufel, welche nicht das Glück gehabt haben, auf der Stelle , 1 — 145 3 jeden Gegenſtand deutlich erkennen. Thomas und ich beklagten ſlüſternd unſere unglückliche Lage und beriethen uns hoffnungslos mit einander, als wir plötzlich ſahen, daß die Thür des Zimmers vorſichtig und leiſe geöffnet wurde. Im nächſten Augenblicke erſchien die kleine Tochter der Wirthin. Sie kam mit geräuſchloſem Schritte herbei und hatte die eine Hand erho⸗ ben, wie um uns anzudeuten, daß wir uns ruhig verhalten moöchten. In der andern hatte ſie ein Meſſer, ſie bückte ſich und zerſchnitt haſtig die Stricke, mit denen wir gefeſſelt waren. 8 Wir wagten nicht zu ſprechen, aber unſere Herzen klopften heftig, und ich bin überzeugt, daß unſere Mienen die Dankbarkeit, welche wir empfanden, deutlich verriethen. wir erhoben uns ſo geräuſchlos als möglich und ſchlichen bereits auf die Thür zu, als Thomas ein Gedanke in den Sinn kam; er legte die Hand auf meine Schulter, um meine Aufmerkſamkeit zu erregen, und begann hierauf den Rock, die Schuhe und die übrigen Klei⸗ dungsſtücke des Einen der Schlafenden zuſammenzuſuchen. Ich verſtand ſo⸗ gleich ſeine Abſicht und ahmte ſein Beiſpiel nach. Die Kleine ſchien über dieſes Verfahren erſtaunt und ungehalten zu ſein und winkte uns davon abzuſtehen; aber wir eilten, als ob wir ihre Geberden nicht verſtänden, mit den Kleidern auf die Thür zu, verließen das Haus und ſchritten eine Strecke weit langſam und vorſichtig dahin, um die Leute nicht zu wecken. Das kleine Mädchen ſtreichelte unterdeſſen den Haushund, damit er ſich ru⸗ hig verhielt. Sobald wir in hinlängliche Entfernung gekommen waren, fingen wir zu laufen an und blieben nicht eher ſtehen, als bis wir durch den Mangel an Athem dazu gezwungen wurden. Sobald wir uns ein wenig erholt hatten, zogen wir unſere zerlumpten Kleider aus und verſteckten ſie im Gebüſch. Zum Glück paßten uns die Anzüge, deren wir uns beim Entfliehen bemächtigt, ganz leidlich und gaben uns ein reſpectableres und weniger verdächtiges Ausſehen. Wir gingen „noch einige Meilen weiter, bis wir eine Straße erreichten, welche die, auf der wir uns befanden, durchkreuzte und nach Suden fuhrte. Thomas hatte die ganze Zeit über kein Wort geſprochen, und es ſchien kaum, als ob er meine Bemerkungen oder die Fragen, welche ich von Zeit zu Zeit an ihn richtete, vernehme. Als wir an den Kreuzweg kamen, blieb er plötzlich ſtehen und nahm mich beim Arme. Ich vermuthete, daß er ſich mit mir über den Weg, den wir einſchlagen ſollten, berathen wolle, und ich erſtaunte daher nicht wenig, als ich ihm ſagen hörte: „Archy, hier verlaſſe ich Dich!“ Ich konnte mir nicht denken, was er im Sinne hatte, und blickte ihn, eine Erklärung erwartend, an. 3 „Du biſt jetzt,“ ſagte er,„auf der Laudſtraße nach dem Norden. Du haſt gute Kleider und weißt eben ſo viel wie ein Aufſeher. Du kannſt leicht als ein freier Mann durchkommen. Es wird Dir nicht ſchwer werden nach den freien Staaten zu gelangen, von denen ich Dich ſo oft habe ſprechen hören. Wenn ich mit Dir gehe, ſo werden wir Beide angehalten und ausgefragt. Man wird uns verfolgen und uns jedenfalls einholen, wenn wir beiſammen bleiben und dieſen Weg einſchlagen. Es iſt weit bis nach den freien Staaten und ich habe nur geringe Ausſicht und keine Hoffnung, je dorthin zu gelangen; und was würde ich auch da⸗ durch gewinnen? Ich will es noch einmal mit den Wäldern verſuchen und ſehen, daß ich ſo gut wie möglich durchkomme. Unſern alten Verſteck finde ich immer wieder; aber Du, Archy, kannſt etwas Beſſeres thun; Du Der weiße Sklave. 10 146 haſt die Gewißheit, daß Du die nördlichen Staaten erreichſt. Geh, mein Junge, geh, und Gott geleite Dich.“ Ich war tief gerührt, und es dauerte einige Zeit, ehe ich ihm zu antworten vermochte. Der Gedanke aus meiner gegenwärtigen gefaͤhrlichen und elenden Lage in ein Land zu entkommen, wo ich den Namen eines freien Mannes führen und die Rechte eines ſolchen genießen konnte, blitzte ſo ſtrahlend und blendend in meinem Geiſte auf, daß er faſt jedes andere Gefühl zu verdrängen ſchien. Dennoch aber ſchimmerte meine Liebe zu Thomas und der Dank, den ich ihm ſchuldig war, durch dieſe neuen Hoff⸗ nungen, und eine leiſe Stimme aus den Tiefen meines Herzens gebot mir, meinen Freund nicht zu verlaſſen. Nach einer langen Pauſe der Un⸗ ſchluſſigkeit begann ich ihm zu antworten. Ich ſprach von ſeinen Wunden, von der Freundſchaft, die wir einander geſchworen und der Gefahr, welche er vor Kurzem erſt um meinetwillen beſtanden hatte, und beharrte darauf, bis zum letzten Augenblicke bei ihm bleiben zu wollen. Ich fürchte, daß ich nicht mit hinlänglichem Eifer und Ernſt ſprach, wenigſtens ſchienen meine Worte Thomas nur noch mehr in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe zu beſtärken. Er antwortete, daß ſeine Wunden zu heilen begonnen häͤtten, und daß er bereits wieder faſt eben ſo kräftig wie früher ſei. Er fügte hinzu, daß ich, wenn ich bei ihm bleibe, mir viel Schaden und ihm keinen Nutzen bringen würde. Er deutete auf den Weg und befahl mir mit energiſcher, gebieteriſcher Stimme, denſelben einzuſchlagen, während er den nach Süden führenden Kreuzweg waͤhlte. Wenn Thomas einmal etwas beſchloſſen hatte, ſo lag in ſeinem Tone eine Feſtigkeit, welche oftmals hinreichte, ſelbſt den Widerſtrebendſten andren Sinnes zu machen. Im gegenwärtigen Augenblicke war ich nur zu bereit, mich überreden zu laſſen. Er erkannte ſeinen Vortheil und be⸗ nutzte ihn. „Geh, Archy,“ wiederholte er,„geh— wenn nicht um Deiner ſelbſt, doch wenigſtens um meinetwillen. Wenn Du bei mir bleibſt und gefangen wirſt, werde ich es Dir nie verzeihen!“ Allmälig gaben meine beſſeren Gefühle nach und ich willigte endlich in die Trennung; ich nahm Thomas bei der Hand und drückte ihn an meine Bruſt. Es hatte nie einen edleren Menſchen gegeben— ich war nicht werth, mich ſeinen Freund zu nennen. „Gott behüte Dich, Archy,“ ſagte er, als er mich verließ. Ich blieb ſtehen und blickte ihm nach, als er ſich mit ſchnellen Schritten entfernte. Ich hätte vor Scham in die Erde ſinken mögen. Mehr als einmal ſtand ich auf dem Punkte, ihm zu folgen; aber die ſelbſtſüchtige Klugheit behielt die Oberhand und ich unterließ es. Ich ſah ihm nach, bis er völlig verſchwunden war, und ſetzte dann meine Reiſe fort. Es war eine feige Deſertion, welche ſelbſt die Liebe zur Freiheit nicht ent⸗ ſchuldigen konnte. Vierunddreißigſtes Kapitel. Ich ging ſo ſchnell ich konnte weiter, ohne einen einzigen Menſchen anzutreffen oder mehr als zwei bis drei einſame kleine Oauger zu ſehen. Gerade als die Sonne aufging, erreichte ich den Gipfel eines bedeutenden Hügels. Hier ſtand am Wege ein kleines Hauschen, und ein geſatteltes 147 und aufgezäumtes Pferd war an einen nahen Baum gebunden. Das Thier war glatt und wohlgenährt, und nach der Form der Satteltaſchen hielt ich es für das Eigenthum eines Doktors, welcher ſo frühzeitig ſchon einen Patienten beſucht hatte. Es war eine lockende Gelegenheit. Ich ſah mich vorſichtig um, band, da ich keinen Menſchen in der Nähe erblickte, das Pferd los und ſchwang mich in den Sattel. Ich ließ es eine kleine Strecke weit im Schritt gehen, ſetzte es aber bald in einen Galopp, der mich das Haus bald aus dem Geſicht verlieren ließ. Dies war eine ſehr glückliche Acquiſition, denn da ich auf demſelben Wege war, den die Reiſenden, in deren Gewalt ich mich befunden hatte, einſchlagen mußten, wenn ſie ihre Reiſe weiter fortſetzten, ſchwebte ich in der größten Gefahr, eingeholt und erkannt zu werden. Da ich fand, daß mein Pferd Feuer und Ausdauer beſaß, ließ ich es laufen ſo ſchnell es konnte, und kam auf dieſe Weiſe raſch vorwärts. Hiermit war aber mein Glück noch nicht zu Ende, denn als ich zufällig in eine Taſche meines neuen Rockes griff, fand ich darin eine Brieftaſche, welche außer einigen werth⸗ loſen Papieren ein ganz hübſches Sümmchen von Banknoten enthielt. Dieſe Entdeckung hob meinen Muth noch mehr und ich ritt den ganzen Tag hindurch ohne anzuhalten, außer um dann und wann mein Pferd im Schatten eines Baumes ausruhen zu laſſen. Gegen Abend nahm ich in einem kleinen Wirthshaus an der Land⸗ ſtraße ein Nachteſſen ein, ließ meinem Pferde Korn geben und brach, ſo⸗ bald der Mond aufgegangen war, wieder auf. Gegen Morgen war das Pferd ſo erſchöpft, daß es nicht mehr weiter konnte. Ich nahm ihm aus Dankbarkeit für ſeine Dienſte— denn es hatte mich, meiner Rechnung nach, in den vierundzwanzig Stunden mehr als hundert Meilen weit ge⸗ tragen— Sattel und Zaum ab und führte es in ein Weizenfeld, damit es ſich gütlich thun konnte. Hierauf ſetzte ich meine Reiſe zu Fuße fort, denn ich fürchtete, wenn ich das Pferd behielte, durch ſeinen Beſitz in Un⸗ annehmlichkeiten zu kommen, und es war wirklich ſo erſchöpft, daß es mir nur noch wenig Nutzen gebracht haben würde. Ich war den Reiſenden um eine bedeutende Strecke voraus und zweifelte nicht, daß ich zu Fuße eben ſo ſchnell vorwärts kommen könne, wie zu Pferde. 3 Vor Sonnenuntergang erreichte ich ein großes Dorf. Hier nahm ich eine ordentliche Mahlzeit ein, und ließ mir dann ein Nachtquartier geben. Ich hatte Beides nöthig, denn ich war vom Wachen, Faſten und An⸗ ſtrengungen gänzlich abgemattet. Ich ſchlief zehn Stunden hintereinander und erwachte mit neuen Kräften. Jetzt ſetzte ich meine Reiſe fort, ohne große Beſorgniß vor einer Unterbrechung derſelben zu hegen, obgleich ich es immer noch für klug hielt, nur ſelten anzuhalten und ſo ſchnell als möglich vorwaͤrts zu eilen. Ich durchwanderte Nord⸗Karolina und Virgi⸗ nien, ging über den Potomac nach Maryland, und lgelangte mit Umge⸗ hung Baltimore's nach Pennſylvanien, wo ich mir Glück wünſchte, wenig⸗ ſtens einen von freien Männern cultivirten Boden betreten zu haben. 3 Ehe ich noch viele Meilen weit gekommen war, bemerkte ich ſchon den Unterſchied. Die Veränderung wurde in der That ſichtbar, nachdem ich kaum die Sklavengrenze überſchritten hatte. Der Frühling hatte eben begonnen und Alles nahm wieder ein friſches, grunes, heiteres Gewand an. Die fleißig bebauten Felder, die zahlkeichen kleinen Umzäunungen, die netten und maſſiven Farmhäuſer, welche ich häufig am Wege ſah, die hüb⸗ ſchen Dörfer und lebhaften Städte, ja ſchon die mit Wagen und Reiſenden bedeckten Straßen— alle dieſe Zeichen eines allgemeiner blühenden Wohl⸗ 10* 148 ſtandes waren ſprechende Beweiſe dafür, daß ich endlich ein Land ſah, wo die Arbeit CEhre brachte, und wo Jeder für ſich ſelbſt arbeitete. Es war eine erheiternde ſchöne Ausſicht, die im ſtärkſten Contraſt mit Allem ſtand, was ich auf dem früheren Theile meiner Reiſe geſehen hatte. Dort war ich auf einer einſamen Straße durch eine ungeheure einförmige Strecke von nutzloſen Wäldern, verödeten, mit Ginſter und Heidekraut bewachſenen Fel⸗ dern, oder ſolchen, die im Begriff waren, verlaſſen zu werden, und alle Zeichen einer nachläſſigen und verſchwenderiſchen Bewirthſchaftung an ſich trugen, gewandert. Nur hin und wieder war ich an einem niedrigen, un⸗ behaglichen Hauſe, und aller funfzig Meilen etwa einmal an einem ver⸗ fallenen, ärmlichen Dorfe mit einem Gerichtshauſe, einigen Läden und einer vor der Schenke verſammelten Menge von Müſſiggängern, aber ohne ein einziges Zeichen von Gewerbfleiß oder Strebſamkeit vorübergekommen. Ich wünſchte gern Philadelphia zu ſehen, fürchtete aber, daß dieſe ſo nahe an der Sklavengrenze liegende Stadt auch etwas von dem Geiſte der Sklavenbeſitzer angenommen haben könne; denn die ſchlimmſten Krankheiten ſind meiſt am anſteckendſten. Ich umging ſie daher und eilte weiter nach New⸗York. Ich ſetzte über den ſchönen Hudſon und betrat die Stadt. Es war die erſte Stadt, welche ich je geſehen hatte, die erſte, welche eine Stadt genannt zu werden verdiente, und als ich den mit Schiffen ange⸗ füllten geräumigen Hafen, die langen Magazinreihen, die zahlreichen Straßen, die glänzenden Läden und dieſe umherwogende Menge von geſchäftigen Leuten erblickte, war ich erſtaunt und entzückt über die neue Anſicht, welche ich dadurch von den Hilfsquellen der menſchlichen Kunſt und des menſch⸗ lichen Fleißes erhielt. Ich hatte früher von ſolchen Dingen gehört, aber wennh man ſich eine richtige Vorſtellung davon machen will, muß man ſie ſehen. 3 Mehrere Tage lang that ich nichts, als daß ich in den Straßen auf und ab wanderte und mich mit einer faſt unerſättlichen Neugier umſah. New⸗York war damals noch bei weitem nicht das, was es jetzt geworden ſein muß, und die damals herrſchenden kommerziellen Beſchränkungen hatten ſeinen Handel und ſeine Lebhaftigkeit vermindert. In meiner ländlichen Unerfahrenheit kam mir jedoch die Stadt ungeheuer groß vor, und das Raſſeln der Laſt⸗ und Frachtwägen auf dem Pflaſter, ſowie die Menſchen⸗ menge auf den Straßen, übertrafen alle meine frühern Erwartungen von dem geſchäftigen Treiben einer Stadt. Ich war ſeit etwa einer Woche in New⸗York, und ſtand eines Vor⸗ mittags an einem dreieckigen Raſenplatz, faſt in der Mitte der Stadt, wo ich mir ein ſchönes Gebäude von weißem Marmor anſah, welches mir ein Vorübergehender als das Nathhaus bezeichnet hatte, als ich mich plötzlich unſanft am Arme ergriffen fühlte. Ich ſah mich um und erblickte mit Schrecken und Entſetzen den General Carter— den Mann, der ſich in Süd⸗Karolina meinen Herrn genannt hatte, welcher aber in einem Lande, das auf den Titel eines freien Staates ſtolz war, keine Anſprüche mehr auf mich hätte haben ſollen. Mein Herr— denn ſo mußte ich ihn ſelbſt in der freien Stadt New⸗ York noch nennen— hatte mich an dem einen Arme erfaßt, und ein Freund von ihm hielt mich am andern. Er rief mich beim Namen und in der Eile und Verwirrung dieſes plötzkichen Ueberfalls vergaß ich auf einen Augen⸗ blick, wie unpolitiſch es von mir ſei, wenn ich eingeſtand, daß ich ihn Bald verſammelte ſich eine große Volksmenge um uns. Als die 8 149 Leute hörten, daß ich als ein entflohener Sklave feſtgenommen worden ſei, ſchienen Einige von ihnen höchlich entrüſtet darüber zu ſein, daß ein Weißer einer ſolchen Schmach unterworfen werden könne. Sie dachten, daß es nur erlaubt ſei, Schwarze auf dieſe Weiſe zu rauben; obgleich aber Mehrere keinen Anſtand nahmen, ſich ſehr ſtarker Ausdrücke zu bedienen, machten ſie doch keinen Verſuch zu meiner Befreiung, und ich wurde auf das Rath⸗ haus geſchleppt, welches ich ſo eben bewundert hatte. Ich wurde vor den eben verſammelten Magiſtrat geführt, man ſtellte ein kurzes Verhör mit mir an, es wurden einige Eide geleiſtet und Protokolle aufgenommen. Ich hatte mich von dem erſten Schreck über meine Gefangennehmung noch nicht wieder erholt, und dieſes Heer von Gerichtsperſonen und Konſtablern war eine mir völlig neue, furchtbare Gefahr, ſo daß ich kaum wußte, was ge⸗ ſagt oder gethan wurde. So viel ich mich noch entſinnen kann, weigerte ſich der Friedensrichter, das Verlangen des Generals zu erfüllen, willigte aber ein, ihm einen Verhaftsbefehl auszuſtellen, um mich im Gefängniß zu verwahren, bis ich vor eiin anderes Tribunal geführt werden könne. Der Verhaftsbefehl wurde ausgefertigt und ich einem Gerichtsdiener übergeben. Das Gerichtszimmer war mit Menſchen angefüllt, die uns von der Straße heraufbegleitet hatten. Sie drängten ſich dicht um uns, als wir das Lokal verließen, und ich konnte an dem Ausdruck ihrer Geſichter und den Worten, welche Einige von ihnen fallen ließen, erſehen, daß ſie ganz geneigt waren, mein Entſpringen zu begünſtigen. Anfangs ſchien ich 4 gegen den Gerichtsdiener die Unterwürfigkeit ſelbſt zu ſein; wir waren jedoch erſt wenige Schritte weit gegangen, als ich mich plötzlich von ihm losriß und unter die Menge ſprang, welche ſich öffnete, um mir Platz zu machen. Ich hörte hinter mir verworrenen Lärm und Geſchrei, hatte aber bald das Eiſengitter, welches den Hof des Rathhauſes umgab, im Rücken, war qmer über eine von den anſtoßenden Straßen gelaufen und eilte ein ſchmales, krummes Gäßchen hinab. Die Leute ſtarrten mich an und einige riefen: Haltet den Dieb! Ein Paar ſchienen auch nicht übel Luſt zu haben, mich zu ergreifen, aber ich bog um mehrere Ecken, und ging bald langſamer, da ich fand, daß ich nicht mehr verfolgt wurde. Für dieſes Entkommen rufe ich nicht den Geſetzen von New⸗York, wol aber ſeinen wackeren Bürgern meinen aufrichtigen Dank zu. Die ge⸗ heimen Gelüſte und ſelbſtſüchtigen Intereſſen führen die Geſetzgeber oft auf Abwege; das unparteiiſche und uneigennützige Gefühl des Volks aber findet faſt immer das Richtige. Wol kann es den Kunſtgriſſen und Einflüſte⸗ rungen der erkauften Freunde und beſtochenen Vertheidiger der Bedrückung, verbunden mit der Furcht vor den Dieben und Gaunern, denen in einer großen Stadt bürgerliche Unruhen ſtets eine erwünſchte Gelegenheit zur erfolgreichen Ausübung ihres Gewerbes darbieten, zuweilen gelingen, junge, unwiſſende, gedankenloſe und unmoraliſche Leute zu Gewaltthätigkeiten im Intereſſe der Tyrannei aufzureizen; aber das menſchliche Herz iſt ſo innig mit der Freiheitsliebe verwachſen, daß ſie im Buſen der Helden und Weiſen nicht wärmer glüht, als in der Bruſt des Ungebildetſten, wenn ſie nicht durch ein eingewurzeltes Vorurtheil, durch eine niedrige⸗ Leidenſchaft oder einen verderblichen Einfluß erſtickt wird. Auf meinen früheren Wanderungen durch die Stadt hatte ich die nörd⸗ lich hinausführende Landſtraße enideckt und ich wendete mich nach dieſer Seite, um den Staub einer Stadt, wo ich ſo nahe daran geweſen war, wieder in Knechtſchaft zu gerathen, von meinen Füßen zu ſchutteln. * 150 Ich marſchirte den ganzen Tag hindurch, und am Abend ſagte mir ich im Staate Konnektikut ſei. Jetzt ſetzte ich meine Flucht noch mehrere Tage lang durch ein ſchönes es geſehen hatte, fort. Die herrlichen Fernſichten, die maleriſchen Berge und lachenden Hügel bildeten gebauten Thaͤlern und dem allgemeinen Wohlſtande der Einwohner. Wo Freiheit den Arm ſtählt, treten Felſen und Granitklippen vergeblich dem Landwirth entgegen. Fleiß und Freiheit lehren ihm die Kunſt, ſelbſt dem widerſpenſtigſten und un⸗ der Wirth, in deſſen Hauſe ich übernachtete, daß hügeliges und bergiges Land, wie ich noch nie ein einen wohlthuenden Kontraſt mit den trefflich an dankbarſten Boden Wohlſtand und Reichthum zu entlocken. Ich wußte, daß Boſton die größte Hafenſtadt von Neu⸗England war, und dorthin lenkte ich meine Schritte mit dem Vorſatze, ein wenn auch noch ſo einladendes Land zu verlaſſen, deſſen Geſetze mich nicht als freien Mann anerkannten. Als ich mich der Stadt näherte, verlor die Gegend viel von ihrer maleriſchen, gebirgigen Großartigkeit; aber dies wurde durch die größere Schöͤnheit der ebeneren und beſſer angebauten Felder und die hübſchen Wohnhäuſer aausgeglichen, welche ſo zahlreich an der Landſtraße zerſtreut waren, daß die Umgebungen der Stadt faſt ein zuſammenhängen⸗ des Dorf zu ſein ſchienen. Die hochgelegene, und eine bedeutende Strecke weit ſichtbare Stadt ſelbſt bildete einen ſchönen Schlußſtein der Ausſicht. Ich ging auf einer langen Brücke über einen breiten Fluß und betrat bald darauf die Stadt, hielt mich aber nicht mit ihrer Beſichtigung auf. Die Freiheit war mir zu koſtbar, um ſie der Befriedigung einer müſſigen Neugier zu opfern. Das Volk von New⸗York hatte mich frei gemacht, das von Boſton konnte vielleicht an der Gelegenheit, mich der Knechtſchaft zu⸗ rückzugeben, ſeine Freude finden. Ich eilte, ſo ſchnell als es mir die krum⸗ men, unregelmäßigen Straßen geſtatteten, nach den Quais. Viele von den Schiffen waren abgetakelt und lagen in den Docks; aber nach einigen Fragen und Erkundigungen fand ich eins, welches im Begriff war, nach Bordeaur zu ſegeln. Ich bot mich als Matroſe an. Der Kapitain fragte mich aus und ſachte herzlich über meine Landrattenmiene und Unwiſſenheit, willigte aber endlich ein, mich zu halbem Solde anzunehmen. Er ſtreckte mir einen Monatsſold vor und der zweite Mat, der ein hübſcher junger Mann war, und mit meiner gänzlichen Unerfahrenheit Mitleid zu fühlen ſchien, half mir die für die Reiſe nöthigen Kleider kaufen. Nach wenigen Tagen war unſere Ladung eingenommen und das Schiff ſegelfertig. Wir ſtießen vom Quai ab, wanden uns zwiſchen den zahl⸗ reichen Inſeln und Vorgebirgen des Boſtoner Hafens durch, kamen an dem Kaſtell und dem Leuchtthurm vorüber, entließen unſern Lootſen und ent⸗ fernten uns mit geſchwellten Segeln und günſtigem Winde raſch von der Stadt. Als ich auf dem Vorderkaſtell ſtand und auf das Land blickte, welches bald nur noch ein ſchmaler Nebelſtreif am Horizont zu ſein ſchien, und ſchnell aus unſerm Geſichtskreiſe hinabſank, war es mir, als ob eine ſchwere Laſt von meinem Herzen fiele. Die Ketten waren verſchwunden. Ich fühlte mich als einen freien Mann, meine Bruſt war von einem ſtolzen Gefühle der Sicherheit erfüllt.. „Leb' wohl, mein Vaterland!“— dachte ich;„welch ein Vaterland! ein Land, das ſich rühmt, die auserwählte Stätte der Freiheit und Gleich⸗ berechtigung zu ſein, und doch einen ſo großen Theil ſeines Volkes in hoffnungsloſer, elender Knechtſchaft haͤlt!— Leb wohl, mein Vaterland! ich bin Dir nicht viel Dank ſchuldig! Land der Tyrannen und der Sklaven— —,— —,— 8 151 lebe wohl!— Und willkommen! willkommen! ihr ſchaͤumenden Wogen des Oceans! Ihr ſeid die Symbole und die Kinder der Freiheit! ich begrüße wah als meine Brüder, denn endlich bin auch ich frei!— ja,— frei!— frei!⸗ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der günſtige Wind, mit dem wir abgeſegelt waren, hielt nicht lange an. Das Wetter wurde bald ſtürmiſch, wir wurden in Nebel eingehüllt und von widrigen Winden umhergetrieben. Unſere Anſtrengungen und Mühſeligkeiten waren groß, aber ich fand dennoch eine Art Freude an ihnen. Ich arbeitete und litt für mich ſelbſt, und dieſer Gedanke verlieh mir neue Kräfte. Ich befleißigte mich mit dem größten Eifer und dem beſten Willen die Verrichtungen meines Berufs zu erlernen. Anfangs lachten meine Kame⸗ raden über meine Unwiſſenheit und Unbeholfenheit und neckten mich durch allerhand ſchelmiſche Streiche. Trotz ihrer Rauhheit und ihrer Leichtfertigkeit waren ſie aber doch äußerſt herzlich und gutmüthig. In der erſten Woche unſerer Fahrt beſtand ich einen Kampf mit dem Renomiſten des Schiffes. Ich beſiegte ihn, und die Mannſchaft ſagte einſtimmig, daß etwas aus mir werden könne. 8 Ich war ſtark und rüſtig, und da ich mir es zum Geſetz machte, Alles, was ich von der Mannſchaft thun ſah, nachzuahmen, bemerkte ich mit Erſtaunen, wie bald ich im Stande war, durch das Takelwerk zu klettern und mich auf die Raaen zu wagen. Das Labyrinth von Tauen und ſeemänniſchen Ausdrücken, welches mich anfangs in nicht geringe Ver⸗ legenheit geſetzt hatte, wurde mir bald klar. Ehe wir noch über den Ocean waren, konnte ich ſo gut wie irgend ein Anderer auf dem Schiffe reffen Sn flanern und die Mannſchaft verſicherte, daß ich zum Seemann ge⸗ oren ſei. Aber ich war nicht damit zufrieden, daß ich ein Segel beiſetzen und ein Tau handhaben konnte. Ich wünſchte auch die Schifffahrtskunde zu erlernen. Unter unſerer Mannſchaft befand ſich ein junger Mann von guter Erziehung, der, wie die Neu⸗Engländer gewöhnlich, in der Erwartung, bald ſelbſt ein Schiff zu kommandiren, vor dem Maſte diente. Er beſaß Bücher und Inſtrumente, und da er bereits einige Reiſen gemacht hatte, verſtand er dieſelben ziemlich gut anzuwenden und führte eine Berechnung des Schiffscurſes. Er hieß Tom Turner und war ein hübſcher, offen⸗ herziger junger Mann, aber von zarter Conſtitution, und ſeine Kräfte kamen ſeinem Feuer nicht gleich. Ich hatte mir ſeine Zuneigung dadurch erworben, daß ich ihm bei einigen von unſern Vorderkaſtellſpaͤßen beiſtand, und da er ſah, wie lernbegierig ich war, wurde er mein Lehrer. Er lieh mir ſein Handbuch der Schifffahrtskunde, und ich ſtudirte beſtaͤndig in demſelben, wenn ich nicht die Wache hatte. Anfangs erſchien mir die ganze Sache äußerſt räthſelhaft. Es dauerte einige Zeit, ehe ich einen Finblick in das Werk erhielt; aber Tom, der eine geläufige Zunge hatte, ließ es nicht an Erklärungen fehlen, und ich hörte ihn an und ſtudirte, ſo daß mir die Sache bald verſtändlich wurde. Wir hatten dieſe ganze Zeit über in der Nähe der Bank von Neu⸗ fundland lavirt und waren, da wir beſtändig Stürme und widrige Winde hatten, nur langſam vorwärts gekommen. Wir verloren einige Fockſegel Flagge auf uns zuſegelte, uns eine Kugel quer über den Bug feuerte und 152 3 und mehrere Spieren, und hatten bereits ſiebzig Tage mit ungünſtigem Wetter zu kämpfen gehabt. Mirr war die Sache ziemlich gleichgültig, denn ich hatte keine Eile an's Land zu kommen. Der Ocean war meine neuerwählte Heimath, und wenn die Winde braußten, das Takelwerk rauſchte und die Planken knarrten, zog ich nur meine Matroſenjacke etwas feſter zuſammen, lehnte mich an eine Kiſte und ſtudirte in meiner Schifffahrtskunde— d. h. wenn ich nicht die Wache hatte, denn ſo lange ich mich auf dem Verdeck befand, war ich ſtets auf den erſten Ruf bereit, in das Takelwerk zu klettern.’ Endlich fiel der Wind ab und wir ſteuerten auf die Küſte von Frank⸗ reich zu. Wir hatten ſchon das Land in Sicht und waren nur noch wenige Meilen von unſerm Hafen entfernt, als eine Kriegsbrigg unter britiſcher ein Boot zu uns an Bord ſchickte. Zu jener Zeit waren die amerikaniſchen Schiffe ſolche Beſuche gewohnt, und unſer Kapitain ſchien nichts zu befürchten. Der in dem Boote ge⸗ kommene Offtzier hatte jedoch kaum unſer Verdeck betreten, ſo legte er die Hand an ſeinen Degen und ſagte dem Kapitain, daß er ſein Gefangener ſei. CEs ergab ſich, daß Amerika, während wir in der Nähe von Neufound⸗ land kreuzten, endlich Muth gefaßt und England den Krieg erklärt hatte. Die bewaffnete Brigg war ein britiſcher Kaper und wir ſeine Priſe. An⸗ fangs wurden wir ſämmtlich unter Deck geſchickt, aber bald rief man uns wieder herauf und ſtellte uns die Alternative, entweder an Bord des Kapers Dienſte zu nehmen oder als Kriegsgefangene nach England gebracht zu 3 werden. Faſt die Hälfte unſerer Mannſchaft beſtand aus Leuten von den 4 Küſten der Nord⸗ und Oſtſee, und dieſe ließen ſich ſogleich bereitwillig 3 inden. Tom Turner war der Wortführer der Amerikaner und antwortete dem Lieutenant, als er aufgefordert wurde, dieſes Beiſpiel zu befolgen, in 8 einem rauhen, faſt grimmigen Tone: 3 „Eher ſollt Ihr an den Galgen kommen!“ 3 3 Ich für meinen Theil fühlte keine patriotiſchen Bedenken. Ich hatte meinem Vaterlande entſagt, wenn man überhaupt das Land ſein Vaterland nennen kann, wo man zwar geboren iſt, aber durch ſchlechte, ungerechte Geſetze alles deſſen beraubt worden, was dem Leben einen Werth giebt. Ich trat trotz des Murrens und Ziſchens meiner Kameraden vor und zeich⸗ nete aneinen Namen in die Schiffsliſte ein. Hätten ſie meine Geſchichte gekannt, ſo würden ſie mich nicht getadelt haben! Nachdem wir eine Zeitlang ohne Erfolg gekreuzt hatten, kehrten wir 8 nach Liverpool zurück, um friſchen Proviant einzunehmen. Unſere Mann⸗ ſchaft wurde ergänzt und wir ſtachen bald wieder in See. Während wir an der Küſte von Frankreich kreuzten, machten wir mehrere Priſen, von denen aber keine einen großen Werth hatte. Wir ſegelten dann nach Weſtindien, und während wir in der Nähe von Bermuda unter leichten Segeln dicht vor dem Winde lagen, entdeckten wir vor uns ein Schiff und machten Jagd auf daſſelbe. Das Fahrzeug zog die Segel ein und ließ uns herankommen. Dies 4 brachte uns auf die Idee, daß es ein Kriegsſchiff ſein könne, und da uns mehr um Beute als um Schläge zu thun war, hielten wir von ihm ab. Jetzt ſetzte das andere Schiff Segel bei, um uns zu verfolgen und da es weit beſſer ſegelte, als wir, holte es uns bald ein. 3 Als wir ſahen, daß wir keine Ausſicht zum Entkommen hatten, zogen — 153 wir unſere leichten Segel ein, legten das Schiff bei, hißten die britiſche Flagge auf und klärten die Decke zum Gefecht. Der Feind war ein bewaffneter, ſchnellſegelnder Schooner— ein ame⸗ rikaniſcher Kaper, und wie es ſich ergab, in Bezug auf Größe und Ar⸗ mirung der Brigg ungefähr gleich, aber in weit beſſerer Verfaſſung und trefflich befehligt. Er kam auf uns zu, ſeine Mannſchaft ſtieß ein drei⸗ maliges Hurrah aus, ſchoß quer an unſerm Bug vorbei und gab uns eine volle Lage, welche bedeutende Wirkung that. Er wendete und manövrirte, bis er eine günſtige Stellung erlangt hatte und beſchoß uns dann mit ſo anhaltender Ausdauer, daß er ganz in Flammen zu ſtehen ſchien. Seine Geſchütze waren gut bedient und trefflich gerichtet, und fügten uns großen Schaden zu. Unſer Kapitain und erſter Lieutenant waren bald verwundet und kampfunfähig. Wir bezahlten dem Feinde ſo gut wir konnten, mit gleicher Münze; aber unſere Leute fielen in Menge, und unſer Feuer be⸗ gann ſchwächer zu werden. Das Bugſpriet des Schooners rannte ſich in unſern Bram⸗Sohlingen feſt und kurz darauf hörten wir den Ruf: Zum Entern! Wir ergriffen unſere Piken und ſchickten uns an, ſie zu empfan⸗ gen, aber eine Schaar von Feinden faßte bald feſten Fuß an Bord der Brigg, verwundete den einzigen Offizier auf dem Verdeck und trieb unſere Leute in Schrecken und Verwirrung auf das Vorderkaſtell. Ich ſah unſere Gefahr und der Gedanke, wieder in die Hände der Tyrannen zu fallen, denen ich entronnen war, rief meinen wankenden Muth zurück. Eine übermenſchliche Energie ſchien mich zu beſeelen. Ich ſtellte mich an die Spitze unſerer weichenden, entmuthigten Mannſchaft und focht mit der verzweifelten Tapferkeit eines tollen Romanhelden. Ich ſtreckte einige von den vorderſten Feinden nieder, und als ſie ſchwankten und zu⸗ rückwichen, munterte ich meine Gefährten auf und befahl ihnen anzugreifen. Mein Beiſpiel ſchien ſie zu begeiſtern. Sie ſammelten ſich ſofort und ſtürm⸗ ten mit neuem Muthe vorwärts. Sie trieben die Feinde vor ſich hin, warfen einen Theil davon in'’s Meer und drängten die Uebrigen auf ihr Schiff zurück. Damit waren wir aber noch nicht zufrieden. Wir enterten jetzt uns⸗ rerſeits, und das Verdeck des Schooners erblickte eine eben ſo blutige Schlacht wie die, welche auf der Brigg geliefert worden war. Das Kampf⸗ glück war uns immer noch günſtig, und wir zwangen den Feind bald, auf dem Hinterdeck Zuflucht zu ſuchen. Wir forderten ihn auf, ſich zu ergeben, aber der Kapitain ſchwang ſeinen blutigen Hieber und ſchlug es mit rauher Härte ab. Er munterte ſeine Leute zu nochmaligem Angriffe auf und ſtürmte wüthend auf uns ein. Sein Hieber wurde von meiner Pike parirt und ihm aus der Hand geſchlagen. Er glitt aus, ſiel auf das Verdeck und im nächſten Augenblicke hielt ich ihm die Spitze meiner Waffe auf die Bruſt. Er bat um Pardon; ſein Geſicht kam mir bekannt vor. „Dein Name?“ „Osborne.“ „Jonathan Osborne, früher Kapitain der Two Sally's?“ „Derſelbe.“— „Dann ſtirb! ein Schurke wie Du verdient keine Gnade.“ Mit dieſen Worten ſtieß ich ihm das Eiſen meiner Waffe ines Herz. Es machte mir Freude, an einem Tyrannen Gerechtigkeit zu üben. Die Mannſchaft hatte kaum geſehen, daß ihr Kapitain gefallen war, 154 als auch ſie die Waffen ſtreckte, und um Pardon bat. Der Schooner war unſer, und wir beſaßen eines von den ſchönſten Schiffen, daß je die Wel⸗ len durchſchnitten hat. 4 Sämmtliche Offiziere der Brigg waren verwundet. Man geſtand ein⸗ ſtimmig, daß die Wegnahme der Priſe zum großen Theile mir zu ver⸗ danken war, und ich wurde mit Einwilligung der ganzen Mannſchaft als Priſenmeiſter an Bord geſendet. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Unſere Fahrt nach Liverpool war kurz. Der Schooner wurde vom Admiralitätsgerichtshofe als gute Priſe erklaͤrt, und von den Eigenthümern der Brigg gekauft. Sie rüſteten ihn als Kaper aus und boten mir, da ſie erfahren, welchen großen Antheil ich an ſeiner Wegnahme hatte, das Commando deſſelben an. Ich willigte, ohne mich lange zu beſinnen, ein, wählte einen erfahrenen alten Seemann zu meinem erſten Lieutenant, rachte bald eine hinlängliche Mannſchaft zuſammen und ſegelte ab. Die Gegend, welche ich für meine Kreuzfahrten wählte, war die Küſte von Amerika. Auf der Höhe des Hafens von Boſton waren wir ſo gluͤck⸗ lich, auf einen heimwärtsſegelnden Oſtindienfahrer mit einer ſehr werth⸗ vollen Ladung von Thee und Seide zu ſtoßen und ihn zu nehmen. Wir ſendeten eine Priſenmannſchaft an Bord und ſchickten ihn nach Liverpool ab, wo er wohlbehalten ankam und uns eine anſehnliche Summe an Priſengeldern einbrachte. Hierauf gingen wir weiter ſüdlich, und kreuzten einige Monate lang vor Virginien. Da wir uns nahe an der Küſte hiel⸗ ten, erblickten wir das Land häufig, und ich ſah es nie, ohne daß ſich die Luſt in mir regte, ein Boot auszuſchicken und die nächſten Pflanzer, deren ich mich bemächtigen könnte, aus ihren Betten zu holen. Ich hielt es jedoch nicht für klug und weiſe, dieſe Erperimentalbelehrung, deren die Virginier ſo ſehr bedürfen, zur Ausführung zu bringen. Meine Seeabenteuer würden allein ſchon einen Band füllen, aber ſie ſtehen mit meinem gegenwärtigen Plane nurin geringer Beziehung. Es genüge, daß ich, ſo lange der Krieg dauerte, auf dem Meere blieb, und als er aufhörte, daſſelbe mit dem größten Widerſtreben verließ. Mein Antheil von den Priſen, die wir genommen hatten, machte mich reich— wenigſtens ließ mich die Mäßigkeit meiner Wünſche ſo denken. Was ſollte aber den ſtets wechſelnden Reiz und die Aufregung erſetzen, welche mich bis jetzt aufrecht erhalten und meinen Geiſt verhindert hatten, an ſich ſelbſt zu nagen und meinen Frieden durch bittere Erinnerungen zu vergiften? Die Geſtalten meiner Gattin, meines Kindes und des Freundes, dem ich ſo viel verdankte, ſchwebten auf meinen Reiſen oftmals trübe vor meiner Seele, aber der Ruf:„ein Segel vorn!“ lenkte meine Gedanken ab und zerſtreute meine Trauer in der Geſchäftigkeit der Jagd und des Gefechts. Jetzt, wo ich am Landez heimathlos und als Fremdling allein ſtand,— wo mein Geiſt durch nichts mehr beſchäftigt wurde— verfolgten mich die Gedanken an jene theuern Dulder fortwährend. Mein eerſter Vorſatz war der, einen zuverläſſigen Agenten zu ſuchen, den ich ausſchicken könne, um ſie aufzuſpüren. Ich fand einen ſolchen, ich gab ihm jede Auskunft, welche den Zweck ſeiner Sendung befördern konnte, eröffnete ihm einen unbe⸗ ſchränkten Kredit bei meinem Bankier und ſpornte ſeinen Eifer durch einen 155 . 4.. bedeutenden Vorſchuß und das Verſprechen einer noch größern Belohnung an, wenn ſeine Nachforſchungen mit Erfolg gekrönt wurden. Er ſegelte mit der erſten Gelegenheit nach Amerika, und ich tröſtete mich mit der Hoffnung, daß ſeine Reiſe von Erfolg ſein werde. Unterdeſſen legte ich mich auf das Studium der Wiſſenſchaften, um eine Beſchäftigung zu haben, die meine ängſtlichen Zweifel und quälenden Beſorgniſſe zerſtreuen konnte. Schon als Kind hatte ich gern geleſen und war von einem glͤͤhenden Wiſſensdurſte erfüllt geweſen. Dieſen Wiſſensdurſt hatte die ſluchwürdige Unterdrückung der Knechtſchaft erſtickt, aber doch nicht völlig verlöſchen können; ich war erſtaunt, ihn noch ſo rege zu finden. Sobald ich einmal meine Aufmerkſamkeit darauf gelenkt hatte, ſog mein Geiſt jede Art von Belehrung ein, wie die durſtige Erde den Regen. Ich verſchlang die Bücher mehr als ich ſie las. Ich gönnte mir kaum die Zeit zum Schlafen. Das eine war kaum durchflogen, ſo ging ich auch ſchon mit raſtloſem Eifer zu einem andern über. Ich las ohne Auswahl oder Vorliebe. Es dauerte lange, ehe ich vergleichen, erwägen und urtheilen lernte. Es ging mir wie den Menſchen im Allgeuſtinen. In meiner Lernbegierde war ich bereit, Alles als wahr anzunehmen, und unterſchied nicht zwiſchen dem, was Thatſache und dem, was Dichtung war. Während ich aber einen Ueberfluß an Thorheiten und Lügen, unter der Verkleidung der Wahrheit, ſich mir aufdrängen ließ, fand ich doch nur geringen Geſchmack an Schrift⸗ ſtellern, welche eingeſtandenermaßen der Phantaſie huldigten. Ich konnte nicht begreifen, weshalb ſie ſchrieben und worauf ſie hinzielten. Ich ver⸗ achtete die Dichter, verſchlang aber Land⸗ und Seereiſen und Geſchichtswerke jeder Art ohne Unterſchied. Zeit und Nachdenken haben mich ſpäter in den Stand geſetzt, aus dieſem Chaos einige Wahrheit und etwas Syſte⸗ matiſches zu ziehen. Anfangs hatten meine Studien ohngefähr die nämliche aufregende Wirkung, wie meine frühere Thätigkeit. Sie hoben meinen Muth und ſetzten mich in den Stand, die niederſchlagenden Nachrichten, welche ich aus Amerika erhielt, zu ertragen. Endlich wurde ich ihrer aber überdrüſſig, — und als mein Agent mit dem troſtloſen Beſcheid, daß alle ſeine Nach⸗ forſchungen nutzlos geweſen ſeien, zurückkehrte, fand ich keine Stütze mehr gegen die Laſt des mich zu Boden drückenden Schmerzes.* Aus den Erkundigungen, welche mein Agent eingezogen, ergab es ſich, daß Mrs. Montgomery, die Herrin Caſſy's für den Bruder, nach deſſen Rath ſie ihre Beſitzungen verwaltete, zu einem bedeutenden Betrage Burgſchaft geleiſtet hatte. Dieſer Bruder war ein Pflanzer, und unter den amerikaniſchen Pflanzern iſt die Leidenſchaft des Spieles faſt allgemein,— denn es iſt eines von den wenigen Neizmitteln, durch welche ſie die einförmige, lang⸗ weilige Müßigkeit ihres nutzloſen Lebens unterbrechen können. Mrs. Mont⸗ gomery's Bruder war ein Spieler, und zwar ein unglücklicher. Nachdem er ſich ſelbſt ruinirt hatte, begann er ſeine Schweſter auszubeuten. Er unterſchlug nicht nur alle ihr gehörigen Gelder, die er in die Hände be⸗ kommen konnte— und da er ihre Geſchäfte ausſchließlich verwaltete, ſtanden ihm faſt alle ihre Einkünfte zur Verfügung— ſondern bewog ſte auch unter verſchiedenen Vorwänden, Schuldſcheine und Wechſel zu einem anſehnlichen Betrage zu unterzeichnen. Auf dieſe Papiere wurden Prozeſſe anhängig gemacht, aber ihr Bruder, welcher beſtrebt war, ihr ſeine Schändlichkeiten ſo lange wie möglich zu verſchweigen, trug dafür Sorge, daß die Klagen ihr verborgen blieben, und das Erſte, was ſie von der mit Beſchlag belegt wurde. Mit ihren anderen Beſitzthümern wurde auch meine Frau und mein Kind verkauft,— denn es iſt in Amerika geſetzlich und gebräuchlich, Wei⸗ ber und Kinder zu verkaufen, um die Schuſden eines Spielers zu bezahlen. Caſſy und ihr Kind waren in die Hände eines„Gentleman“— wie man in Amerika ſagt— gefallen, welcher das einträgliche und reſpektable Geſchäft eines Sklavenhändlers betrieb. Mein Agent hatte kaum ſeinen Sache erfuhr, war, daß ihr ganzes Eigenthum im Wege der Erecution Namen erfahren, ſo that er die nöthigen Schritte, um ihn ausfindig zu machen; aber er vernahm, daß der Mann bereits vor einigen Jahren ge⸗ ſtorben war, ohne Papiere zu hinterlaſſen, aus denen man die Geſchichte ſeiner ſklavenhändleriſchen Unternehmungen hätte verfolgen können. Ohne ſich hierdurch entmuthigen zu laſſen, durchreiſte mein Agent den ganzen Be⸗ zirk, in welchem ſich, wie man ihm ſagte, der verſtorbene Sklavenhändler gewöhnlich aufgehalten hatte. Es gelang ihm ſogar, Spuren von der Sklaventruppe zu erhalten, welche beim Verkauf der Beſitzungen der Mrs. Montgomery in ſeine Hände gekommen war. Er ſpürte ihr von Dorf zu Dorf bis Auguſta im Staate Georgien nach; hier aber verlor er ſie gänz⸗ lich aus den Augen. Dieſe Stadt iſt oder war einer von den Haupt⸗ märkten des amerikaniſchen Sklavenhandels, und hier waren aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach die Sklaven verkauft worden— an wen, war nicht mehr zu erkunden. 3 So lange er in Amerika war, konnte ich trotz des geringen Troſtes, den mir ſeine Briefe gewährten, immer noch hoffen. Jetzt aber war auch der letzte Hoffnungsſchimmer erbleicht. Was half es, daß ich ſelbſt die Ket⸗ ten abgeſchüttelt hatte, welche vielleicht noch um ſo drückender auf dem meiner Liebe laſteten? Der Fluch der Tyrannei iſt lang,— ja unendlich! Er verfolgte mich über das atlantiſche Meer, und wenn ich an Caſſy und meinen Sohn dachte, ſo erbebte und zitterte ich, als ob abermals die Eiſen an mir hingen und die blutige Peitſche um meinen Kopf knallte. All⸗ mächtiger Gott! warum haſt Du Weſen erſchaffen, welche ſo elend werden Ich erholte mich langſam von der Erſchütterung, welche mich anfangs völlig zu Boden gedrückt hatte. Wenn ich aber auch wieder einige Ruhe fand, ſo ſtrebte ich doch vergeblich nach Genuß;— an meinem Herzen nagte ein Wurm, der ſich nicht beſchwichtigen ließ. Das Gefühl der Ein⸗ famkeit, von dem ich gequält wurde, und die bitteren Gedanken und ver⸗ — — — 157 haßten Bilder, welche ſich beſtändig meinem Geiſte aufdrängten, machten mir das Leben zu einer drückenden Laſt und trieben mich an, in der Auf⸗ regung des Reiſens Troſt zu ſuchen. Ich durchreiſte alle Länder Europa's und beſchäftigte und zerſtreute mich durch das Studium ihrer geſellſchaft⸗ lichen Einrichtungen, Geſetze und Sitten. Ich durchwanderte die Tuͤrkei und die Gegenden des Morgenlandes, welche einſt Sitze der Künſte und des Reichthums geweſen waren, aber ſchon längſt durch die ſchwere Hand der Tyrannei und die ſtets erneuten Erpreſſungen der Soldatenhabſucht ruinirt ſind. Ich durchſtreifte die verſiſchen Wüſten und ſah in Indien eine neue und beſſere Civiliſation langſam aus den Trümmern der alten emporſteigen. Die Theilnahme, welche ich für das unterdrückte und unglückliche Ge⸗ ſchlecht empfand, mit dem ich von mütterlicher Seite verwandt bin, führte mich abermals über den Ocean. Ich habe die hohen Gipfel der Anden er⸗ ſtiegen und die blumigen Wälder von Braſilien durchwandert. Ueberall habe ich die fluchwürdige Herrſchaft einer ariſtokratiſchen Uſur⸗ pation über das Leben, die Freiheit und das Glück der Menſchen gebieten ſehen; aber überall fangen die Geknechteten an, die erniedrigenden Lehren der traditionellen Dienſtbarkeit zu vergeſſen und bereits die Sprache der Freiheit zu ſtammeln. Ueberall iſt dies der Fall— überall, nur nicht in meinem amerikaniſchen Vaterlande. Es giebt in vielen andern Ländern Sklaven, aber nirgends iſt die Un⸗ terdrückung ſo herzlos und unbarmherzig; nirgends hat die Tyrannei eine ſo teufliſche Geſtalt angenommen, nirgends iſt es das offene Ziel der Ge⸗ ſetze, und der ausgeſprochene Zweck der Herren, den Verſtand der Hälfte der Bevölkerung zu erſticken und die Fähigkeit zur Freiheit, zugleich mit der Hoffnung darauf, für immer zu vernichten. Im katholiſchen Braſilien, auf den ſpaniſchen Inſeln, wo man er⸗ warten könnte, die Tyrannei durch Unwiſſenheit und Aberglauben verſtärkt zu finden, wird der Sklave immer noch als Menſch, und zu einiger menſch⸗ licher Theilnahme berechtigt, betrachtet. Er darf neben ſeinem Herrn am Altare knieen, und den katholiſchen Prieſter auf ſeiner Kanzel die heilige Wahrheit, daß alle Menſchen gleich ſind, verkünden hören. Er kann in der Hoffnung, dereinſt frei zu werden, einen Troſt und eine Stütze finden. Er kann ſeine Freiheit mit Geld erkaufen. Wenn er barbariſch und unbillig beſtraft wird, kann er ſie als ſein geſetzliches Recht verlangen. Er kann ſite von der Dankbarkeit oder Großmuth ſeines Herrn, oder von den Mah⸗ nungen ſeines Gewiſſens auf dem Sterbebette erwarten. Wenn er frei wird, ſo hat er die Rechte eines freien Mannes und genießt eine wirklich faktiſche Gleichheit, bei deren bloßer Erwähnung ſchon die vorurtheilsvollen Ameri⸗ kaner mit zorniger Entrüſtung erfüllt werden und es ſie wie Gänſehaut überläuft. Die Sklaverei nähert ſich in jenen Ländern in Folge der jetzt darauf einwirkenden Urſachen ihrem Ende, und wenn der amerikaniſche Sklaven⸗ handel dereinſt gänzlich aufgehoben iſt, ſo wird ein halbes Jahrhundert ſpäter im ganzen ſpaniſchen und portugieſiſchen Amerika kein Sklave mehr zu finden ſein. Nur in den Vereinigten Staaten— jenem Lande, welches das Mo⸗ nopol der Freiheit für ſich in Anſpruch nehmen möchte— behält der Geiſt der Tyrannei immer noch triumphirend die Oberhand. Hier haben ſich, um dem Despotismus die ſicherſte Bürgſchaft zu geben, die Sklavenbeſitzer 158 durch ein ſpezielles Geſetz des Rechtes der Emancipation beraubt, und ſo der Hoffnung die letzte Ritze verſchloſſen, durch welche ſie noch auf ihre Opfer hereinblicken konnte. Und Du, mein Kind! Dies iſt das Schickſal, welchem Deine Jugend preisgegeben iſt! Vielleicht iſt die Manneswürde ſchon völlig in Dir erſtickt; vielleicht hat ſchon der Froſt der Knechtſchaft Deine aufknospende Seele erſtarrt und werthlos gemacht! Nein, o nein! es darf, es kann, es ſoll nicht ſo ſein! Kind! noch 3 haſt Du einen Vater— einen Vater, der Dich nicht vergeſſen hat und der Dich nicht verlaſſen wird. Deine Noth iſt groß, und eben ſo groß ſollen ſeine Anſtrengungen ſein. Die Liebe, welche ſich durch getäuſchte Hoffnungen entmuthigen oder durch Gefahren abſchrecken läßt, iſt nur wenig werth. Ja, ich habe es beſchloſſen. Ich will nach Amerika zurückkehren und im ganzen Lande mein Kind ſuchen. Ich will es den Händen des Unter⸗ drückers entreißen oder bei dem Verſuche umkommen. Wenn ich erkannt und feſtgenommen werden ſollte, ſo habe ich die Geſchichte der Römer nicht umſonſt geleſen. Ich kenne einen Weg, um den Tyrannen zu entgehen— die Schuld komme dann über ihr Haupt!— zum zweiten Mal kann ich nicht wieder Sklave werden. Siebenunddreißigſtes Kapitel. 3 Sobald ich den am Ende des vorigen Kapitels erwähnten Entſchlu gefaßt hatte, begann ich auch die Vorbereitungen zu ſeiner Ausführung zu treffen, und nehme jetzt von Neuem die Feder auf, um meine weiteren Abenteuer zu erzählen. Ich hatte ſeit Jahren ein Leben voll beſtändiger Angſt und Beſorgniß geführt, in welchem ich durch die Geſpenſter von Weib und Kind verfolgt wurde, welche bleich und weinend ihre flehenden Hände ausſtreckten, wie um mich zur Hilfe und Erlöſung herbeizurufen. Von dem Augenblicke an, wo ich mich zu meiner neuen Reiſe anſchickte, fühlte ich eine Erleichterung und Erheiterung, als ob mir ein ſchwerer Stein vom Herzen gefallen wäre. Jetzt hatte ich endlich wieder etwas, wofür ich leben und ſtreben konnte— 3 vielleicht einen ſo weſenloſen Schatten, daß es nach dem Mißlingen meiner frühern Forſchungen hätte thöricht ſcheinen können, ihn zu verfolgen. Doch es iſt immer noch viel beſſer, ſelbſt einem Schatten nachzujagen, wenn man ſich nur ſelbſt bewegen kann, ihm für den Augenblick eine wirkliche Geſtalt zu geben, als in hoffnungsloſem, müßigem Nichtsthun ſtill zu ſitzen. Der enſch iſt zum Hoffen und Handeln geſchaffen. CEhe ich England verließ, verſah ich mich mit Päſſen als britiſcher Unterthan unter dem Namen Kapitän Archer Moore, unter welchem mich meine engliſchen Freunde kannten, und mit Empfehlungsbriefen an die kaufmänniſchen Korreſpondenten dieſer Freunde in den bedeutendſten Han⸗ delsſtädten von Amerika. Ich beſuchte mein Geburtsland in der Eigen⸗ ſehft eies Reiſenden, welcher die amerikaniſchen Verhältniſſe zu erforſchen wüͤnſcht. 8 Da ich von Boſton abgereiſt war, beſchloß ich auch, dort wieder zu landen, und von da meine Schritte nach den Umgebungen meiner Jugend zu lenken, um wo möglich einige Aufſchlüſſe über den Gegenſtand meiner achforſchungen zu erlangen. 159 Es waren jetzt mehr als zwanzig Jahre verſtrichen, ſeit ich von Boſton eflohen war, um auf dem ſtürmiſchen Ocean oder jenſeit deſſelben die Freiheit zu finden, welche mir dort die Geſetze von Amerika verſagten. Wie verſchieden von dem ſtarren und verzweifelten Trotze, mit dem ich jenen Strand das erſte Mal meinem Blicke entſchwinden ſah, war das ſüße, faſt bis zur Hoffnung ſteigende Gefühl, mit dem ich daſſelbe Land erblickte, als es wieder aus den Wellen emporſtieg. Es war für mich ein Land der grauſamen Knechtſchaft geweſen, aber ich konnte darin vielleicht doch meine längſt verlorenen Lieben wiederfinden. Als wir auf dem Kai landeten und uns in die Stadt begaben, fan⸗ den wir ſie in großer Aufregung. Eine Menge meiſt gut gekleideter Menſchen hatte ſich um ein Gebäude verſammelt, welches, wie ich ſpäter erfuhr, das Rathhaus war, und als wir uns ihm näherten, wurde ein unglücklicher Mann mit einem Stricke um den Hals, dem Anſcheine nach aus einem benachbarten Hauſe oder Gäßchen, auf die Straße geſchleppt. Man erhob das Geſchrei:„Hängt ihn! hängt ihn!“ und die fein geklei⸗ deten Herren, in deren Häͤnden er ſich befand, ſchienen vollkommen bereit zu ſein, den Willen des Pöbels zu erfüllen, und ſich nach einem Laternen⸗ pfahl oder einem andern dazu geeigneten Gegenſtande umzuſehen. Wir drängten uns mit großer Mühe in eine benachbarte Straße, die wir von einer gut gekleideten Menge angefüllt fanden, durch welche langſam einige Frauenzimmer gingen, die einander führten und vom Volke mit Hohn und Beleidigungen überſchüttet wurden. Sie ſchienen aus einem nahen Gebäude 2 kommen und aus irgend einem Grunde der Gegenſtand einer heftigen emtrüſtung zu ſein. Als ich mein Hotel erreichte, das, wenn ich nicht irre,„Tremont Houſe“ hieß, erkundigte ich mich neugierig nach der Veranlaſſung zu die⸗ ſem Tumult. Der Wirth ſagte mir, daß derſelbe nur durch die Hart⸗ näckigkeit der Weiber, welche ich auf der Straße geſehen hätte, verurſacht worden ſei. Trotz der, in einer vor Kurzem gehaltenen großen öffentlichen Verſammlung, an welcher die erſten Kaufleute und Juriſten Theil genommen hatten, ausgeſprochenen Verwarnung, waren dieſe Frauen ſo pareinnig geweſen, ſich zu verſammeln und für die Aufhebung der Sklaverei zu beten und zu komplotiren, und was noch ärgerlicher war, die Ermahnung eines vor Kurzem von England herübergeſendeten Emiſſairs über dieſen Gegenſtand anzuhören. Es war der Zweck des Auflaufs, welchen ich geſehen hatte und der, wie er mir verſicherte, aus Männern von Vermögen und Anſehen beſtand, dieſen Emiſſair wo möglich zu fangen, und ihn auf irgend eine paſſende Weiſe für ſeine Unverſchämtheit zu beſtrafen. „Darf ich fragen,“ ſagte ich,„woher dieſer Eifer gegen die guten Frauen kommt, da es weder in Boſton, noch überhaupt in dieſem Theile des Landes Sklaven giebt, ſoviel ich weiß? Da ich ſelbſt ein Engländer bin, muß ich geſtehen, daß ich einiges Intereſſe an meinem unglücklichen Landsmanne nehme, den Ihre Mitbürger ſo gern hängen moͤchten. Warum brauchen Ihre Advo⸗ katen und Kaufleute den Hund in der Krippe zu ſpielen, indem ſie weder ſelbſt eiwas für die Aufhebung der Sklaverei thun, noch die Frauen dafür beten laſſen wollen?“ 1 „Als Fremder und Engländer,“ ſagte der Wirth, der zwar ebenfalle ſehr aufgebracht gegen die rebelliſchen Frauen, ſonſt aber ein ziemlich ver⸗ ſtändiger Mann zu ſein ſchien,„mögen Ihnen dieſe Dinge allerdings etwas ſonderbar vorkommen. Erlauben Sie mir aber, Ihnen einen kleinen 4 160 Wink zu geben. Es würde mir unangenehm ſein, wenn Einer von meinen Gäſten als britiſcher Emiſſair verhaftet würde und die Unterſuchung und vielleicht gar die Beleidigungen einer eigenmächtigen Volksjuſtiz erdulden müßte. Es genüge Ihnen zu hören, daß im gegenwärtigen Augenblicke der Preis der Baumwolle ſehr hoch und der ſüdliche Handel ein wichtiger Gegen⸗ ſtand iſt. New⸗York und Philadelphia haben das Beiſpiel gegeben, die Aboli⸗ tioniſten vom Volke beſtrafen zu laſſen, und wir würden Gefahr laufen, alle unſere ſüdlichen Kunden zu verlieren, wenn wir dieſes Beiſpiel nicht nachahmten. Ueberdies haben wir vor Kurzem erſt in einer hier in Boſton gehaltenen öffentlichen Verſammlung einen Kandidaten für die Präſident⸗ ſchaft aufgeſtellt, und wie können wir erwarten, aus dem Süden Stimmen für ihn zu erhalten, wenn wir es an Eifer für die ſüdlichen Intereſſen fehlen laſſen?“ Nach dieſem Pröbchen von der Boſtoner Denkungsweiſe ſah ich hier nichts mehr, was mich hätte feſſeln können, und ich eilte daher weiter nach New⸗York. Ich wurde von ſonderbaren Gefühlen ergriffen, als ich wieder auf der Stelle des Parkes ſtand, wo mich General Carter feſtgehalten und als Sklave in Anſpruch genommen hatte. Die ganze Scene trat mit allen ihren Nebenumſtänden eben ſo friſch wie an dem Tage, wo ſie geſchehen war, wieder vor meine Seele, und ich ſchritt, als ob ſich Alles erſt geſtern zugetragen habe, nicht ohne einige Bangigkeit auf das Gerichtszimmer zu, in welches ich damals gebracht worden war. Vor den Schranken deſſelben ſtanden eine Anzahl Gefangene, das Zimmer war mit Zuſchauern angefuͤllt, und es wurde eben ein Prozeß von augenſcheinlichem Intereſſe verhandelt. Die Gefangenen waren angeſchuldigt, mehrere Häuſer, deren Bewohner im Verdacht des Abolitionismus ſtanden, demolirt und geplündert, und in demſelben Sinne eine Negerkirche niedergebrannt zu haben. Die Gefühle der Zuſchauer ſchienen jedoch den Gefangenen günſtig zu ſein, und dies war, ſo viel ich nach den Zeitungen und Geſpraͤchen, welche ich vernahm, beurtheilen konnte, in der Stadt die allgemeine Anſicht. Es ſchien die überwiegende Meinung zu ſein, daß Diejenigen, welche unter den Volksauf⸗ läufen gelitten hatten, die eigentlichen Schuldigen wären, da ihre mißliebigen Anſichten den Pöbel dazu getrieben hätten, ihre Häuſer zu zerſtören und zu plündern. Was ich in New⸗York und in Boſton ſah, diente dazu, mich von einer irrigen Anſicht über Amerika zu heilen, welche ziemlich allgemein verbreitet iſt. Ich hatte geglaubt, daß in den ſogenannten freien Staaten wirklich einige Freiheit herrſche. Ich wußte allerdings aus eigner Erfahrung, daß aus den ſüdlichen Staaten enflohene Sklaven dort keine Freiſtätte fanden, aber ich hatte mir eingebildet, daß wenigſtens die dortige Bevölkerung einen gewiſſen Grad von Freiheit beſäße. Mein Irrthum in dieſer Beziehung trat jetzt klar an den Tag. Zur Zeit meines Beſuches war es in New⸗ York und Boſton keinem Menſchen erlaubt, Abſcheu gegen das Syſtem der Sklaverei, oder den Wunſch oder die Hoffnung auf deren baldige Ab⸗ ſchaffung zu hegen, oder wenigſtens öffentlich auszuſprechen, wenn er nicht der Gefahr ausgeſetzt ſein wollte, durch die öffentliche Entrüſtung beſtraft zu werden. Dergleichen Perſonen konnten von großem Glücke ſagen, wenn ſie ohne körperliche Mißhandlung und Zerſtörung ihres Eigenthums davon kamen. Die erſten Politiker, Juriſten und Kaufleute jener Städte, auf deren Anregung dieſe Schandthaten verübt wurden, ſchienen den Zorn der ſüdlichen Pflanzer ebenſo zu fürchten, wie die auf den Pflanzungen arbei⸗ 161 tenden Sklaven. Dieſe Sklaven wurden durch die Peitſche in Schach ge⸗ halten; die ſogenannten freien Männer des Nordens aber durch ihre eigene Kleinmüthigkeit und niedrige Geldgier. Ich begann wirklich ſchon zu zweifeln, ob die freiwillige Sklaverei der angeblich Freien— wenigſtens der überwiegenden Majorität derſelben, wenn auch eine hochherzige und tugendhafte Minorität dagegen kämpfen mochte— nicht in jeder Hinſicht trauriger und beklagenswerther war, als die gezwungene Sklaverei der Ar⸗ beiter auf den ſüdlichen Pflanzungen. Bisher hatte ich das Land, aus deſſen Gefängniſſen ich mit ſo großer Mühe entkommen war, und welches noch jetzt meine Lieben zurückhielt, wenn anders der Tod ſie nicht erlöſt hatte, nur gehaßt. Zu dieſem Haſſe aber geſellte ſich nun noch die Ver⸗ achtung einer niedrigdenkenden Bevölkerung, unter der es mehr freiwillige als gezwungene Sklaven gab. Von New⸗York ging ich nach Philadelphia, und begab mich von dort nach Waſhington. Dieſe Stadt hatte ſich bedeutend vergrößert, ſeit ich als Mitglied einer gefeſſelten Sklavenbande in dem Gefängniß von Savage, Brothers und Co. bis zu meiner Einſchiffung nach dem Süden untergebracht worden war. Unterwegs vernahm ich in allen Städten und Dörfern die nämlichen Verwünſchungen gegen die Abolitioniſten, ſowie Berichte über Volksaufläufe, unter denen ſie gelitten hatten, oder neuen Verſuchen, ſie einer geſetzlicheren Strafe zu unterwerfen. Es ſchien ein allgemeines Kom⸗ plot gegen die Freiheit der Rede und der Preſſe im Gange zu ſein. Ein Richter von Maſaachuſetts ſchlug vor, die Abolitioniſten als Rebellen, wenn nicht als Landesverräther zu betrachten und anzuklagen. Das vortreffliche Regierungsoberhaupt des nämlichen Staates ſtellte den nämlichen Antrag und fügte perſoͤnliche Denunciationen hinzu. Faſt der einzige angeſehene Mann in Neu⸗England, der den Muth hatte, dem allgemeinen Geſchrei die Stirn zu bieten und ein Wort der Vertheidigung für die unglücklichen Abolitioniſten zu ſprechen, war Mr. Channing, der durch ſeine Schriften in allen Ländern, wo die engliſche Sprache Eingang gefunden hat, wohl be⸗ kannt iſt, deſſen Weigerung aber ein ſtillſchweigender Theilnehmer an den um ihn her vorgehenden Schändlichkeiten zu werden, für den Augenblick wenigſtens ſein Anſehen und ſeinen Einfluß in der Heimath nahezu ver⸗ nichtet hat. Waſhington fand ich in der größten Aufregung. Ein unglücklicher Botaniker, welcher in der Umgegend Pflanzen ſammelte, hatte auf irgend eine Weiſe den Verdacht erregt, daß er ein Abolitioniſt ſei. Man hatte ihn, ſein Zimmer und ſeine Koffer durchſucht, und eine Anzahl Zeitungen bei ihm geſunden, welche er zum Trocknen, Preſſen und Aufbewahren ſeiner Pflanzen benutzte. Als man dieſe Zeitungen ſorgfältig unterſuchte, ent⸗ deckte man darin einige Artikel von ſtark abolitioniſtiſcher Tendenz. Der ganze Diſtrikt Kolumbia war in Gährung. Der arme Botaniker war augenblicklich unter der Anſchuldigung, wühleriſche Druckſchriften in Beſitz zu haben, verhaftet worden. Die Aufregung hatte einen hohen Grad er⸗ reicht; als man aber erfuhr, daß jener aufwiegleriſche Botaniker, jener Böſewicht, der die Blumen und Kräuter in eine blutige Verſchwörung zu verwickeln ſuchte, ſicher im Gefängniß untergebracht und jede Kaution fuͤr ihn abgeſchlagen worden ſei, athmete die ganze Stadt Waſhington, beſon⸗ ders aber der ſüdliche Theil der Kongreßmitglieder, wieder auf, als ob ſie von Tod und Verderben befreit worden wären. Der hohe Grad von Aufregung, Beſorgniß und Schrecken, den ich Der weiße Sklave. 8 11 162 überall fand und der, allen Berichten nach, im Augenblicke die ganzen Ver⸗ einigten Staaten ergriffen hatte, war mir ein Räthſel. Ich zweifle ſehr, daß ſelbſt die Stempelakte auch nur halb ſo viel Bewegung verurſacht hat. Selbſt die Plünderung von Waſhington durch die Engländer hätte kaum eine größere Beſtürzung hervorrufen können, als ich ſie in dieſer Stadt und ihrer Umgebung fand. Der geringfügige Umſtand, daß einige Boſtoner Frauen eine Geſellſchaft gebildet hatten, um für die Abſchaffung der Skla⸗ verei zu petitioniren, oder daß eine Anzahl abolitioniſtiſcher Zeitungen einen Weg nach dem Diſtrikte Kolumbia gefunden hatte, ſchien mir nicht genügend zu ſein, um eine ſo große Beſtürzung zu rechtfertigen. Selbſt die That⸗ zuyl, daß eine gewiſſe Miß Prudence Crandall irgendwo in Konnektikut eine Schule errichtet hatte, in welcher ſie farbige Kinder unter gleichen Bedingungen, wie ihre weißen Schüler, aufnahm, ſchien an ſich keine ſo beſorgnißerregende Sache zu ſein, da eine Anzahl der frömmſten und ange⸗ Phonden Männer ihres Staates, unter denen ſich auch ein Mitglied des oberſten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten befand, die erſte Gelegenheit benutzt hatten, um ihre Schule aufzuheben und ſie ſelbſt aus der Stadt zu verweiſen. Man verſicherte mir allerdings, daß dies nicht Alles ſei. Die Boſtoner Frauengeſellſchaft und die Konnektikuter Schule ſeien nur Kleinig⸗ keiten. Man erzählte mir von einem großartigen Komplot der Abolitio⸗ niſten, welches auf die entſetzlichſten Dinge hinwirke; es gelte nichts Ge⸗ ringerem, als ſämmtlichen weißen Männern im ganzen Süden den Hals abzuſchneiden, ſämmtlichen weißen Frauen ſchauderhafte Mißhandlungen zu⸗ zufügen, den nördlichen Handel zu ruiniren, den Süden zu vernichten, und den Bund aufzulöſen. Einige nachſichtigere Perſonen, mit denen ich ſprach, gaben zu, daß vielleicht die Abolitioniſten ſelbſt alle dieſe Zwecke nicht be⸗ ſtimmt vor Augen hätten, aber ſie verlangten die unverzügliche Aufhebung der Sklaverei, welche keine andere Folge haben könne, als die obenerwähnten Schrecken und Schandthaten. Ich war ſehr neugierig zu erfahren, wer dieſe furchtbaren Verſchwörer, die einen ſolchen Schrecken und eine ſolche Angſt verurſachen konnten, wohl ſein möchten. Ich war mit den amerikaniſchen Angelegenheiten nicht unbe⸗ kannt, hatte aber noch nie von dieſen entſetzlichen Abolitioniſten gehört, und ſie ſchienen überhaupt urplötzlich aus der Erde aufgeſchoſſen zu ſein. Ich erfuhr auf meine Erkundigungen, daß ſich vor Kurzem in Neu⸗England und in andern Gegenden Vereine gebildet hatten, von denen zwölf Abge⸗ ordnete in New⸗York zuſammengekommen waren, um dort einen National⸗ verein zu bilden. Das Grundprincip dieſer Geſellſchaften war der Gedanke: „daß es in politiſcher Beziehung ein Unrecht, in ſocialer ein Verbrechen, und in religiöſer eine Sünde ſei, Menſchen in erzwungener Knechtſchaft zu erhalten, daß es Diejenigen, welche ſich deſſen ſchuldig machten, verhindere, gute Demokraten, gute Menſchen und gute Chriſten zu ſein, und daß die Nation, wie jedes einzelne Individuum, dieſes Unrecht, dieſes Verbrechen und dieſe Sünde bereuen und aufgeben ſollte.“ Dieſe fanatiſchen Perſonen hatten ſchnell an Zahl zugenommen. Mehrere reiche Kaufleute, mehrere eifrige und beredte Geiſtliche hatten ſich ihnen angeſchloſſen. Es war eine ziemliche Summe Geldes, an vierzig bis funfzig Tauſend Dollars geſam⸗ melt und zur Verbreitung dieſer entſetzlichen Lehren verwendet worden— theils durch zu dieſem Zwecke ausgeſchickte Agenten und Miſſionaire, theils durch die Herausgabe von Zeitungen, deren bereits zwei bis drei vorhanden waren, und beſonders durch den Druck von Schriften, welche die Grauſam⸗ — . — 163 keit und Ungerechtigkeit der Sklaverei auseinanderſetzten, und die man mit der Poſt in alle Theile des Landes, ja ſelbſt bis in die ſüdlichen Staaten geſendet hatte. Durch dieſe Schriften war der ganze Süden— Pflanzer, Politiker, Kaufleute, Juriſten, Theologen— in den furchtbarſten Schrecken verſetzt worden, ein Schrecken, mit welchem ſelbſt die Bewohner des Nordens inſofern ſympathiſirt hatten, daß ſie bereit waren, zur Ausrottung dieſer entſetzlichen Neuerer alle Stützen der Freiheit, ſelbſt diejenigen, welche bisher als die geheiligteſten betrachtet worden waren, mit Füßen zu treten. Die Rede⸗ und Preßfreiheit ſollten nicht länger geduldet, ſondern beides in den ganzen Vereinigten Staaten, ſo weit es die Sklaverei betraf durch die Gewalt des Volks unterdrückt werden. Einige Hundert bisher meiſt unbekannt geweſene Männer und Frauen hatten, durch Abhaltung einiger öffentlicher Verſammlungen und Herausgabe einiger Broſchüren ein ganzes Land in Aufregung verſetzt. Johannes der Täufer hätte dem Könige Herodes, den Schriftgelehrten und Phariſäern keinen furchtbareren Schrecken einjagen können, als er predigte, daß das Himmelreich nahe ſei, und jetzt ſchien eben ſo wie damals die Ermordung der unſchuldigen Kindlein als das Zweckmäßigſte betrachtet zu werden, um die gefürchtete Kataſtrophe abzuwenden. Achtunddreißigſtes Kapitel. Als ich auf meiner Reiſe nach dem Süden Richmond erreichte, fand ich, daß dieſe Stadt ebenfalls von der allgemeinen Beſtürzung ergriffen war. Ein Wachſamkeitsausſchuß zur Unterdruckung aufrühreriſcher Schriften hatte ſeine Thätigkeit begonnen, und als wir in die Stadt fuhren, brannte. in der Hauptſtraße ein großes Freudenfeuer von kürzlich mit Beſchlag be⸗ legten und verdammten Werken. Eines von den auf dem Scheiterhaufen brennenden Buͤchern enthielt, wie man mir ſagte, nur Stellen aus Reden, welche in den letzten Jahren im virginiſchen Hauſe der Abgeordneten ge⸗ halten worden und in denen die Greuel der Sklaverei mit ziemlich ſtarken Farben geſchildert waren. Welche Freiheit auch bisher in dieſer Beziehung geſtattet worden war, ſo ſollte doch in Zukunft nichts Derartiges mehr geduldet werden. In Richmond verſah ich mich mit einem Pferde und einem Diener — denn in Unter⸗Virginien gab es keine öffentlichen Beförderungsmittel — und machte mich auf den Weg, um meinen Geburtsort Spring⸗Meadow zu beſuchen. Um etwaigen Fragen zu begegnen— denn jeder fremde, unbekannte Reiſende war zu jener Zeit Verdächtigungen ausgeſetzt— gab ich vor, daß ich bei einem frühern Beſuche im Lande vor vielen Jahren die Familie von Spring⸗Meadow kennen gelernt habe, und ich ſogar in einem entfernten Verwandtſchaftsverhältniß zu derſelben ſtehe. Als ich mich jener Gegend zu nähern begann, fand ich, daß die Verödung und Ver⸗ laſſenheit, welche das Virginien meiner Erinnerung charakteriſirte, immer auffallender wurde. Unterwegs trafen meine Augen endlich einen Gegenſtand, den ich erkannte, nämlich nichts Geringeres als den Laden und das Wohn⸗ haus Mr. Jommy Gordon's, welches an dem Kreuzwege lag, der ſich ſechs bis ſieben Meilen von Spring⸗Meadow befand. Es war ein heiterer warmer Sommernachmittag, und auf einer rohen Bank vor der Thür ſaß 3 11* 164 halb ſchlafend, halb wachend ein alter Herr, welcher, ſo gut ich mich erinnern konnte, kein Anderer, als Mr. Jommy ſelbſt war. Ich redete ihn demnach als Mr. Gordon an, worauf er ſich erhob, und mich freundlich erſuchte, näher zu treten und mich durch ein Glas Pfirſichbranntwein zu erquicken. Er geſtand jedoch, daß ich gegen ihn im Vortheil ſei, indem er fich meines Namens durchaus nicht entſinnen könne. Ich bemühte mich. ihn an einen jungen Engländer, Namens Moore, zu erinnern, der vor zwanzig Jahren einige Wochen in Spring⸗Meadow zugebracht habe und mehr als ein Mal an ſeinem Laden vorübergekommen ſei, und nach bedeu⸗ tendem Nicken, Nachdenken und Vorſichhinmurmeln erkläͤrte er endlich, daß er jetzt recht gut wiſſe, wer ich ſei. Als ich nach Spring⸗Meadow und ſeinen Bewohnern fragte, ſchuͤttelte Mr. Gordon traurig den Kopf. „Fort, Sir! Alles verfallen und ruinirt! Oberſt Moore hat mit den⸗ jenigen Leuten, die er aus den Klauen des Sheriffs retten konnte, nach Alabama überſiedeln müſſen, und das iſt das Letzte, was ich von ihm ge⸗ hört habe. Die alte Pllanzung iſt ſeit vollen zehn Jahren aufgegeben und das leßte Mal⸗ wo ich dort geweſen bin, war das Dach des Wohnhauſes eeingeſtürzt.“ Da ich wußte, daß es in ihrer Naͤhe außer dem ſeinigen kein anderes Haus gab, bat ich ihn, mich für einige Tage bei ſich aufzunehmen, waͤhrend ich mich auf der alten Pflanzung umſähe. 3 Aus meinen Geſprächen mit ihm erfuhr ich, daß mit der Abnahme der Bevölkerung in der Gegend ſeine Geſchäfte ſich vermindert hatten, und daß auch er trotz ſeines Alters daran dachte, nach Alabama oder nach ir⸗ gend einem andern Lande im Südweſten zu ziehen. In der Frühe des folgenden Morgens machte ich mich ganz allein zu Fuße auf den Weg. Ich hatte Jommy Gordon's Haus jedoch kaum aus dem Geſicht verloren, ſo lenkte ich meine Schritte nicht nach Spring⸗Meadow, ſondern nach der alten verlaſſenen Pflanzung in der höher gelegenen Gegend, wohin ich mit Caſſy geflohen war, und wo wir in der Hoffnungsfülle und Sorgloſigkeit der Jugend, einige glückliche Wochen zugebracht hatten, welche allerdings mit ſchweren Leiden endigten. Das große Haus war jetzt völlig eingefallen und bildete nur einen Trümmerhaufen; aber das kleine Backſtein⸗ gebäͤude im Thale bei der Quelle befand ſich noch ſo ziemlich in demſelben Zuſtande, wie zu der Zeit, als es uns ein Obdach gewährt hatte. Die ganze Vergangenheit trat mir wieder vor die Seele, als ich mich unter einem von den großen Bäumen, welche es beſchatteten, niederſetzte! Nachdem ich mich einige Stunden lang meinen Träumen hingegeben Hatte wanderte ich durch den Wald nach Spring⸗Meadow, wo ich eine inliche Stätte der Verwüſtung fand. Der Garten, in welchem ich ſo viele ſorgloſe Stunden unter kindlichen Spielen mit Mr. James zugebracht hatte, war jetzt mit Perſimonen bewachſen, welche die wenigen noch übrigen Straͤucher erſtickten und überſchatteten. Die alten Gänge waren jedoch noch an mehreren Stellen deutlich zu erkennen, und es waren bedeutende Ueber⸗ reſte von einem alten Pavillon vorhanden, wo wir uns vor ſeinem Bruder William gewöhnlich verbargen und zuſammen die Lektion meines jungen Herrn ausarbeiteten. An den Garten ſtieß der Begräbnißplatz der Familie, und ich ließ eine Thraͤne auf das Grab des Mr. James fallen. Das Grab meiner Mutter mußte ich in einem andern Theile der Pflanzung ſuchen. Welcher Fremde hätte jetzt aus irgend einer Verſchiedenheit in dem Graſe — 165 und den Bäumen, welche über ihnen rauſchten, oder in dem wilden Aus⸗ ſehen der wieder zur Herrſchaft gelangenden Natur unterſcheiden können, an welcher Stelle der Herr und an welcher der Sklave ruhte? Neununddreißigſtes Kapitel. Als ich nach Richmond zurückkehrte, fand ich dieſes wichtigthuende Städtchen immer noch im Zuſtande der größten Beſorgniß. Der ganze gewöhnliche Lauf der Geſetze war beſeitigt worden und ein ſelbſterwäͤhlter Wachſamkeitsausſchuß nahm ſich heraus, den Bürgern vorzuſchreiben, welche Zeitungen ſie halten und welche Bücher ſie leſen oder in ihren Häuſern haben durften. In einem ſolchen Augenblicke war es ſehr leicht, verdächtig zu werden und zu meinem Unglück hatte ich kurz vor dem Aufbruche zu meiner letzten kleinen Reiſe bei Tiſche durch einen unbeſonnenen Scherz über den Schrecken, in den der große Staat Virginien durch ein paar Bil⸗ derbücher verſetzt worden war, die Aufmerkſamkeit auf mich gelenkt,— denn die Holzſchnitte, mit denen einige von den abolitioniſtiſchen Schriften illu⸗ ſtrirt waren, ſchienen gerade die meiſte Beſorgniß zu erwecken. Meine Rückkehr verſtärkte ihren Argwohn. Ich hatte kaum Zeit gehabt, mich zu waſchen und umzukleiden, als drei gravitätiſch ausſehende Herren, welche, wie der Wirth ſagte, zu den reſpektabelſten Bürgern der Stadt gehörten, mir ihre Aufwartung machten und mich in höflichen, aber ſehr entſchiedenen Worten aufforderten, unverzüglich vor dem Wachſamkeits⸗Comité zu er⸗ ſcheinen, welches im Rathhauſe permanente Sitzung hielt. Ich hatte einen Brief an einen Kaufmann mitgebracht, welcher, wie die meiſten Kaufleute der ſüdlichen Städte, im Norden geboren war, und der mir in Folge meines Schreibens nach meiner Ankunft die gewöhnlichen Aufmerkſamkeiten erwieſen hatte. Mit einiger Mühe erlangte ich von den Häͤſchern des Wachſamkeitsausſchuſſes die Erlaubniß, nach dieſem Kaufmann und nach einem andern Herrn zu ſenden, den ich in ſeinem Hauſe bei Tiſche kennen gelernt, und der, wie ich gehört hatte, einer der erſten Ad⸗ vokaten des Ortes war. Der Kaufmann entſchuldigte ſich ſchriftlich, daß er nicht kommen könne; ſeine Frau war plötzlich von einer gefährlichen Krankheit ergriffen worden, welche es ihm unmöglich machte, ſie zu ver⸗ laſſen. Als ich den drei freiwilligen Häſchern, welche bei mir geblieben waren und ſich auf meine Koſten bewirthen ließen, dieſes Billet vorlas, nahmen ſie es mit einem ungläubigen Lächeln auf, und Einer von ihnen rief aus: „Was können Sie von dem feigen Yankee Andres erwarten? Er will ſich für alle Fälle den Ruͤcken frei halten.“ Der Advokat erſchien bald und nahm ſich, nachdem er von mir ein Honorar erhalten hatte, dem Anſcheine und wahrſcheinlich wohl auch der Wirklichkeit nach, meiner Sache mit großem Eifer an. Ich bat ihn, mir zu ſagen, ob Diejenigen, welche mich zu ſich citirt hatten, irgend eine eſehuihe Autorität beſäßen und ob ich verbunden ſei, ihre Citation zu eachten. „Ich habe geglaubt,“ ſagte ich,„daß der Staat Virginien ein Land ſei, worin Geſetze herrſchten und daß man mich nur dazu anhalten könne, mich gegen eine vor Gericht beſchworene Anklage zu rechtfertigen. Bin ich verbunden, mich einem Privatverhör vor dieſem Wachſamkeitsgusſchuſſe zu unterwerfen?“ 3 4 166 Hierauf antwortete mein freundlicher Advokat, daß bei dem gegen⸗ wärtigen Schreckenszuſtande das Geſetz ſuspendirt ſei, die Nothwendigkeit der Selbſterhaltung gehe über das Geſetz, und bei der drohenden Gefahr, welcher ſämmtliche ſüdliche Staaten ausgeſetzt ſeien— dem Ausbruch eines allgemeinen Sklavenaufſtandes— muͤſſe der Sicherheit der Geſellſchaft Alles aufgeopfert werden. Das Leben der weißen Einwohner, die Chre ihrer Frauen und Töchter ſei gefährdet. Erſt am geſtrigen Tage ſeien zwei Yankeeſchulmeiſter aus der Stadt gewieſen worden, und nur die ernſtlichſten Anſtrengungen, welche er und einige Andere gemacht, und die weiſe Zurück⸗ haltung der beiden Schullehrer, welche nicht den mindeſten Widerſtand gegen dieſes Mandat verſucht hatten, habe ſie vor einer öffentlichen Aus⸗ peitſchung und einem Ueberzuge von Theer und Federn gerettet. Sie würden übrigens ohnehin gezwungen geweſen ſein, die Stadt zu verlaſſen, weil ſie ihre loſen Yankeezungen nicht hätten halten können— dies war vielleicht ein Hieb auf meine eigne unvorſichtige Freiheit im Reden;— der Hauptzeuge und Angeber gegen fie ſei ein Mann geweſen, den Einer von ihnen am Tage vorher verklagt hatte, um die Bezahlung mehrerer Quartale Schulgeld für ſeine Kinder zu erlangen, und der, wie der Ad⸗ vokat anzudeuten ſchien, dieſe Methode für die kürzeſte gehalten hatte, um die Rechnung auszugleichen. Es würde für mich bei dem gegenwärtigen aufgeregten Zuſtande das Beſte ſein, wenn anders ich unangenehme perſön⸗ liche Mißhandlungen vermeiden wolle, mich dem Ausſchuſſe und ſeinen Be⸗ fehlen zu unterwerfen, und er wolle ſein Möglichſtes thun, um mich ſo leicht wie möglich durchzubringen. Nachdem ich auf Befragen erfahren hatte, daß der engliſche Konſul von der Stadt abweſend war, beeilte ich mich, mit meinem Advokaten dem Wachſamkeitsausſchuß meine Aufwartung zu machen, um ſo mehr, da ein zweites Detachement von freiwilligen Häſchern, ziemlich drohend durch eine vor der Thür des Hotels verſammelte Volksmenge unterſtützt, bereits er⸗ ſchienen war, um mich mit Gewalt zu holen, wenn ich länger ſäume. Diejenigen, welche mich in Verwahrung hatten, bemühten ſich auf's Beſte, mich zu beſchützen, aber ich kam doch nicht ganz ohne Beleidigung von Seiten des Pöbels davon. Sobald ich bei dem hohen Ausſchuß ankam, mußte ich vor dem Prä⸗ ſidenten, einem ſpitznäfigen, grauäugigen, bebrillten Manne, welcher, wie man mir ſagte, der Kirchenvorſteher einer presbyterianiſchen Gemeinde war, ein ſehr ſtrenges Verhör beſtehen. Er fragte nach meinem Namen, Ge⸗ burtsorte, Stande und dem Zwecke, weshalb ich das Land bereiſe, worauf ich antwortete, daß er darin beſtehe, die Sitten und Gebräuche deſſelben zu beobachten und hinzufügte, daß ich ſie wirklich ſehr eigenthümlich und der Wißbegier eines Reiſenden wuͤrdig gefunden habe. Ich hätte jedoch vielleicht beſſer daran gethan, meine Bemerkungen für mich zu behalten, denn dieſer Ausfall brachte eine noch finſterere Miene auf die Geſichter des Ausſchuſſes und erregte ein tadelndes Kopfſchütteln von Seiten meines freundlichen Advokaten, welcher in einer Ecke ſaß, dem man aber nicht er⸗ laubt hatte, ſich bei meiner Vertheidigung zu betheiligen. Ich hatte mich im Laufe meiner Antworten auf den Empfehlungsbrief bezogen, welchen ich dem Kaufmann überbracht, und es wurde ihm augen⸗ blicklich der Befehl zugeſendet, mit dieſem Empfehlungsbriefe vor dem Aus⸗ ſchuſſe zu erſcheinen. Seine Frau mußte ſich ganz plötzlich erholt haben, denn der Kaufmann erſchien in erſtaunlich kurzer Zeit mit dem Briefe in —ysͤſͤſͤſ ——— ——y. — —— 167 der Hand. Der Schweiß lief ihm ſtromweis über das Geſicht, und der arme Mann zitterte vor Angſt, was nicht wenig dazu beitrug, den ſchwer⸗ ſten Verdacht gegen ihn und mich zu erwecken. Der Brief war von Tap⸗ pan, Wantworth u. Co., dem bekannten Liverpooler Bankierhauſe. Der Präſident hatte kaum die Unterſchrift geleſen, als auch ſein vor⸗ her ſchon langes und ernſthaftes Geſicht plötzlich noch länger wurde und ſeine Augenbraunen ſich erhoben, wie die eines Mannes, der ſo eben ein Geſpenſt oder ſonſt etwas Entſetzliches geſehen hat. „Tappan! Tappan!“ wiederholte er mehrere Male in einem ſcharfen, faſt ſchnaubenden Tone;„Tappan! Tappan! da haben wir es. Er iſt ohne Zweifel ein aufrühreriſcher Emiſſair. Das iſt nämlich, wie Sie wiſſen,“ fügte er zu ſeinen Kollegen gewendet hinzu,„der Name des New⸗Yorker Seidenhändlers, welcher eines der Oberhäupter dieſes ſchändlichen Komplots iſt, und der Gott weiß wie viele tauſend Dollars hergegeben hat, um dieſe abſcheulichen brandſtifteriſchen Broſchüren zu verbreiten. Hätte ich nur den Schurken jetzt hier, ich würde mit Freuden Einer von Denen ſein, die ihm den Strick um den Hals legten. Mr. Dorface,“ fuhr er mit einem ominöſen Kopfnicken gegen den armen zitternden Kaufmann, an den der Brief adreſſirt war, und einem Blicke, aus welchem zu gleichs Zeit Ent⸗ rüſtung und Bedauern ſprach, fort,„Mr. Dorface, es thut mir ſehr leid, ſehen zu müſſen, daß Sie ſolche Korreſpondenten haben.“ Jetzt ertönten von allen Seiten des gefüllten Saales Ausrufungen, Drohungen und Flüche, und ehe Mr. Dorface, der wirklich nicht mehr ſprechen zu können ſchien, oder ich ein Wort ſagen konnte, wurden Boten abgeſchickt, um das Haus des Kaufmanns von oben bis unten zu durch⸗ ſuchen und auch in ſeinen Magazinen nachzuſehen, ob ſich dort nicht einige von den ſchändlichen Broſchüren fanden, während Andere ausgeſendet wur⸗ den, um meine Koffer aufzubrechen und ſie zu unterſuchen, was ich jedoch dadurch verhinderte, daß ich gutwillig meinen Schlüſſel herausgab. Unter⸗ deſſen brachte ich mit großer Mühe den ehrenwerthen Präſidenten und ſeine Kollegen zu der Einſicht, daß der Brief, welcher eine ſo große Aufregung bewirkt hatte, nicht aus New⸗York, ſondern aus Liverpool da⸗ tirt war, und da ich zufällig in meiner Brieſtaſche noch einige Kreditbriefe von derſelben Firma an Kaufleute in Charleston und New⸗Orleans hatte, ſo gelang es mir endlich, den Leuten beizubringen, daß mein Empfehlungs⸗ brief am Ende doch kein ſo offenbarer Beweis von Hochverrath und Auf⸗ ruhr war, als man anfangs geglaubt hatte. Zum Glück war mein Freund, der Yankeekaufmann, kein großer Bücherliebhaber. Nach einer eifrigen Durchſuchung ſeiner Lokalitäten hatten die Ausgeſendeten nichts weiter entdecken können, als eine Anzahl Bilder⸗ bücher zum Gebrauch für ſeine Kinder und zwanzig bis dreißig Vroſchüren, welche zur kritiſchen Beſichtigung des Wachſamkeitsausſchuſſes hereingebracht wurden. Beim Anblick der Bilderbücher wurde das Comitsé ſehr ernſthaft und der Präſident warf über ſeine Brille hinweg einen zweiten halb vor⸗ wurfsvollen, halb mitleidigen Blick auf den Yankeekaufmann, dem die Zähne ſchlimmer als je zu klappern begannen und der ſeine Augen in einer ſol⸗ chen Todespein verdrehte, als ſei er eben auf einem Pferdediebſtahl oder einer Fälſchung ertappt worden. Nach einer feierlichen und ernſten Beſich⸗ tigung, während welcher die ganze verſammelte Menge eine athemloſe Stille beobachtete, die Fäuſte ballte, die Zähne zuſammenpreßte und dem Verdäch⸗ tigen Dolchblicke zuwarf, kam nichts Schlimmeres zum Vorſchein als Haus 168 der Rieſentödter und Rothkäppchen. Ein ſehr grimmig ausſehender alter Herr von dem Comité mit aufgedunſenem Geſicht und blutunterlaufenen Augen, der dem Anſchein nach mit der Jugendliteratur nicht ſehr vertraut und vom Trinken ein wenig angegriſſen war, glaubte etwas Mörderiſches in dieſen Darſtellungen zu finden, beſonders da die Bilder ſehr lebhaft kolorirt waren; aber ſeine Kollegen verſicherten ihm, daß dies ſehr alte, ſchon längſt allgemein verbreitete Bücher ſeien, die, wenn ſie auch vielleicht, an ſich be⸗ trachtet, wie die Unabhängigkeitserklärung, die in der Bibel ſtehende Ge⸗ 3 ſchichte des Moſes und der Erlöſung der Iſraeliten, oder die virginiſche Konſtitution ein etwas gefährliches Ausſehen haben dürften, doch nicht zu der Klaſſe von mordbrenneriſchen Abolitioniſtenbüchern, deren Beſitz ein Beweis von einem Komplot ſein wurde, gerechnet werden könnten. Mir wäre es faſt um ein Bedeutendes ſchlechter ergangen. Das Un⸗ glück wollte, daß das einzige Buch, welches ſich in meinem Koffer befand, ein Band der empfindſamen Reiſe Sterne's war, und daß dieſes verhängniß⸗ volle Buch als Titelkupfer einen gefeſſelten Gefangenen in einem Kerker und darunter als Motto Sterne's berühmte Worte hatte:„Verkleide Dich wie Du willſt, Sklaverei! Du bleibſt doch ſtets ein bitterer Trank, und wenn Dich auch Tauſende haben trinken müſſen, ſo biſt Du deshalb doch um nichts weniger bitter!“ 3 Der Anblick dieſes Buches mit dem verdaͤchtigen Motto auf dem Titel⸗ 6 Platte, erregte augenſcheinlich die größte Senſation. Die Augen meines 1 Freundes, des Yankeekaufmanns, wurden beim Aufſchlagen deſſelben faſt ſo groß wie Untertaſſen. Zum Glück waren aber mehrere von den Mitglie⸗ 2 dern des Wachſamkeitsausſchuſſes in der ſchönen Literatur ziemlich bewan⸗ dert, ſo daß ſie der verſammelten Menge verſichern konnten, Lawrence Sterne 15 ſei kein Abolitioniſt. Es war nicht ſchwer zu erkennen, daß einige Mit⸗ lieder des Ausſchuſſes, obgleich es keineswegs leicht iſt, ſich über die An⸗ ſeckung der Volksleidenſchaften ſelbſt in ihren unſinnigſten Aeußerungen zu erheben, recht gut einſahen, in welchem lächerlichen Lichte ſte und ihre Mit⸗ bürger in meinen Augen erſcheinen mußten; aber ſte wagten dieſe Idee nicht laut werden zu laſſen, um nicht in den Verdacht eines Mangels an Gefühl für die allgemeine Gefahr oder einer Neigung zu Gunſten der Abolitioniſten zu gerathen. Es war in der That vollkommen genügend, um jeden Lach⸗ reiz zu vertreiben, wenn man bedachte, daß ein Mann vor einem weniger beleſenen Wachſamkeits⸗Comité, zum Beiſpiel in einem ländlichen Bezirke, durch den bloßen Beſitz eines Buches mit einem anſtößigen Titelkupfer, als ein auf Rebellion und Mord Sinnender, einer ſummariſchen Beſtrafung ver⸗ fallen konnte. Endlich reducirten ſich nach einer äußerſt ſtrengen und langen Unter⸗ ſuchung, welche, wie ſich die Richmonder Journale am folgenden Tage aus⸗ drückten,„mit der größten Artigkeit und der ſtrengſten Rückſicht auf alle Grundſätze der Billigkeit“ geführt worden war, die Beweiſe gegen mich auf den unbeſonnenen Witz über die Bilderbücher, den ich mir am Wirthshaus⸗ tiſche erlaubt hatte,— ein Zeichen von perſönlicher Mißachtung des Staa⸗ tes Virginien und der Inſtitution der Sklaverei, welches ich unmöglich leugnen konnte, und das von nicht weniger als ſieben Zeugen beſtätigt wurde. Der Ausſchuß wunſchte, wie er ſagte, den alten Ruf der Gaſtlichkeit, in welchem Virginien ſtehe, zu bewahren, und entſchied ſich daher, in Be⸗ tracht, daß ich ein Fremder und Ausländer war, dahin, mich ſtraflos zu — — 4 . 169 entlaſſen, jedoch nicht ohne eine lange zwiſchen einer Predigt und einem Verweis die Mitte haltende Ermahnung, welche in einem knarrenden Na⸗ ſentone von dem ſpitznäſigen grauäugigen Vorſitzenden gehalten wurde und in der er mit großer Salbung, die ihm ſelbſt die Thränen in die Augen lockte, mir die Sündhaftigkeit und Gefahr des Scherzens über ernſte Dinge vorſtellte und endlich mit der Andeutung ſchloß, daß ich in Berückſich⸗ tigung der Umſtände wohl thun werde, Richmond ſo bald als möglich zu verlaſſen. Vierzigſtes Kapitel. Ich befolgte ohne Zeitverluſt den gütigen Wink meines predigenden Freundes, entging mit Hilfe des Advokaten, der um meine Sicherheit ernſtlich beſorgt zu ſein ſchien, dem auf der Straße verſammelten Pöbel, welcher die Abſicht bewies, mich zum zweiten Male vor ſein Forum zu ziehen, und verſchaffte mir ſo ſchnell als möglich einen Wagen bis zur nächſten Stadt, um dort die Ankunft der ſüdlichen Diligence abzuwarten, indem mir mein juriſtiſcher Freund dafür zu ſorgen verſprach, daß mein Gepäck in Richmond aufgegeben wurde. Eine zwei⸗ bis dreitägige Fahrt im Poſtwagen, deſſen einziger Paſſagier ich war, brachte mich nach dem kleinen Dorfe— aus einem Gerichtshauſe, einem Gefängniſſe und einer Schenke beſtehend, in welcher letzteren ſich das Poſtamt befand— das der nächſte Punkt auf dem Wege nach Carleton Hall und Poplar Grove war, welche beiden Orte ich zunächſt beſuchen wollte. Als der Poſtwagen, der ſich nur wenig von einem Rumpelkarren unterſchied, vor der Thüͤr des Wirthshauſes anhielt, waren um dieſelbe einige Dutzend abgeriſſene und zur Hälfte betrunkene Müſſiggänger ver⸗ ſammelt, wie man ſie auf dieſem Wege an den Thüren ſolcher Häuſer zu finden pflegt. Sie diskutirten mit den heftigſten Geberden über den Gegenſtand, welcher überall, wohin ich kam, den einzigen Stoff der Unter⸗ haltung bildete— die gottloſe Verſchwörung der blutdürſtigen Abolitioniſten. Einer von ihnen hatte eine kleine Broſchüre unter dem Titel„die Menſchen⸗ rechte,“ welche ihm durch die Poſt zugeſchickt worden war, in der Hand. Ihr Anblick ſchien auf ihn und ſeine Genoſſen die Wirkung eines tollen Hundsbiſſes zu haben, denn der Schaum ſtand ihnen Allen mehr oder weniger vor dem Munde, und ſie ſchienen ſämmtlich große Luſt zu haben, irgend Jemanden, wenn auch nicht zu beißen, doch zu hängen. 4 Der Mann mit der Broſchüre war, wie man mir ſagte, der Kongreß⸗ kandidat für jenen Diſtrikt. Er ſchien zu argwöhnen, daß die Zuſendung dieſer Broſchüre über die Menſchenrechte von Seiten ſeines Nebenbuhlers, der einen Bruder in New⸗York hatte, ein Kunſtgriff ſei, um ihm in der Meinung des Volkes Schaden zu thun. Aber die vorwaltende Anſicht wax die, daß die Broſchüre gleichſam eine mit Aufruhr und Mord gefüllte Bombe ſei, welche jeden Augenblick zerplatzen könne, und wenn ſie auch Einige als einen handgreiflichen Beweis von der wirklichen Exiſtenz der abolitioniſtiſchen Verſchwörung aufzubewahren wünſchten, ſo hielt es doch das Publikum im Allgemeinen als das Sicherſte, ſie ſofort zu verbrennen. Dieſelbe wurde daher unter Flüchen und Verwünſchungen und dem frommen Verlangen, daß einige Dutzend Abolitioniſten daran gebunden ſein möchten, feierlich in das Küchenfeuer geworfen. Da die Geſellſchaft einmal im Zuge war belagerte ſie unter der —.— 170 Anführung des Kongreßkandidaten die Poſtkutſche und beſtand darauf, die Briefbeutel zu durchſuchen, um ähnliche gefährliche Zuſendungen zu entdecken. Der Kutſcher vermochte die ihm anvertrauten Gegenſtände auf keine andere Weiſe zu retten, als daß er auf's Feierlichſte verſicherte, daß die Poſtbeutel aus dem Norden ſchon in Richmond ſorgfältig durchſucht und von ihrem ſchlechten Inhalt geſäubert worden ſeien. Ich hatte mir die Zuneigung des Poſtillons, der ein kluger Yankee aus Maine war, erworben, und er lobte mich gegen den Wirtheſo ſehr, daß ich in Verbindung mit ein wenig Verſtellung von meinen Stite, neuen Beläſtigungen entging. Die alte Geſchichte, daß ich auf einer früheren, vor zwanzig Jahren gemachten Reiſe die Gaſtfreundſchaft von Carleton Hall und Poplar Grove genoſſen habe, diente mir als Vorwand für den Beſuch dieſer Pflanzungen und für die Erkundigungen, welche ich nach ihren fruͤheren und jetzigen Bewohnern einzog. 3 geber ihre früheren Beſitzer, Mr. Carleton und Mrs. Montgomery, konnte ich nur wenig erfahren. Mr. Carleton hatte das gewöhnliche Hilfsmittel der Auswanderung nach dem Südweſten ergriffen, die Mont⸗ gomery's ſollten nach Charleston gezogen ſein, ſonſt aber wußte man nicht das Mindeſte von ihnen. Beide Pflanzungen gehörten jetzt einem Aee Maſon, einem Sonderlinge, der ſich ohne Zweifel freuen werde, mich zu ſehen. 3 Ich ſchlief dieſe Nacht in dem Wirthshauſe oder verſuchte es vielmehr zu ſchlafen, wurde aber von den Stichen der Moskitos, dem Gebell der Hunde und was noch ſchlimmer war, dem Geklapper der Handmühlen, auf denen die Sklaven des Hauſes die ganze Nacht hindurch ihr Mehl für den folgenden Tag bereiteten, ſo geſtört, daß es mir kaum gelang, ein Auge zu ſchließen. Ich war kaum eingenickt, als ſich auch das bekannte Geräuſch mit meinen Träumen vermiſchte und ich mir einzubilden begann, daß ich ſelbſt der Mahlende ſei. 4 3 Sobald ich am folgenden Morgen unerquickt aufgeſtanden war, begab ich mich zu Pferde nach Carleton Hall. Ich ſtellte mich dort als einen Hausfreund des früheren Beſitzers vor und wurde nach der gaſtlichen Ge⸗ wohnheit des Südens, wo die Pflanzer bei ihrer vielen Muße ſtets gern Geſellſchaft bei ſich ſehen, auf's Freundlichſte empfangen. Mr. Maſon war, wie ich bald ſah, in Bezug auf Sitten, Erziehung und Denkweiſe ein Gentleman, welcher jedem Theile der Welt Ehre gemacht haben würde. Im Laufe der Woche, welche ich als Gaſt bei ihm zubrachte, erfuhr ich von ihm, daß ſein Vater, ein Mann von natürlicher Energie, der ſich vom Aufſeher emporgeſchwungen, Carleton Hall und Poplar Grove von ihren früheren Eigenthümern gekauft hatte. Da er ſelbſt nur eine nachläſſige Erziehung erhalten hatte, ſo daß er kaum ſeinen Namen ſchreiben konnte, war er um ſo eifriger darauf bedacht geweſen, ſeinen Sohn gut zu erziehen und hatte ihn zuerſt nach einer Univerſttät des Nordens und dann nach Europa auf Reiſen geſchickt. Im Gegenſatz zu den meiſten jungen Männern des Südens, welche zum Behuf ihrer höheren Ausbildung, auf nördliche Univerſttäten geſendet werden, hatte der junge Maſon die ihm dargebotene Gelegenheit benutzt und war vor vier bis fünf Jahren zuruͤckgekehrt, um, dem Teſtament ſeines Vaters gemäß, die Bewirthſchaftung der Güter und die Vormundſchaft über zwei junge Schweſtern— reizende Mädchen, welche mit ihm gleichen Beſitzantheil an den Pflanzungen hatten,— zu uͤbernehmen. Ich fand die Pflanzung von Carleton Hall— anſtatt erſchöpft und 17¹ der Verödung nahe, wie ſo viele andere Pflanzungen des Südens— in einem weit beſſeren Zuſtande, als zu der Zeit, wo ich ſie gekannt hatte. Die Gebäude waren ſämmtlich wohl erhalten und die Negerhäuſer ſo gut gruppirt und ſo nett und reinlich, daß ſie, ſtatt wie gewöhnlich einen Hifichen Schandfleck des Gutes zu bilden, demſelben zur wahren Zierde ereichten. 4 Unter der tiefen Verſtellung, welche die Sklaven in allen ihren Varie⸗ täten anzunehmen wiſſen, und die von deßiufeften Gleichgiltigkeit bis zum Scheine des höchſten Grades von Freutze oder Schmerz geht, iſt es ſehr ſchwierig, ihre wahren Gefühle zu erkennen; dennoch lag aber etwas ſchwerlich Mißzuverſtehendes in dem gutmüthigen Lächeln, mit dem Mr. Maſon's freundliche Begrüßung überall, wohin er kam, aufgenommen und erwiedert wurde, und beſonders in dem freudigen Jubel, womit ſich die Kinder der Pflanzungen um ihn verſammelten. Wir beſuchten ſie in dem Schul⸗ zimmer, wie er es nannte, in welchem ſie täglich zuſammenkommen mußten, nicht um etwas Beſonderes zu lernen, ſondern um unter der Aufſicht einer ehrwürdigen alten Frau, die ſie„Großmutter“ nannten, vom Unheilſtiften abgehalten zu werden. Eë war ein freundlicher Anblick, ſie beiſammen zu ſehen, von drei bis vier Monat alten Kindern auf den Armen kleiner Wärterinnen, die nur eben groß genug waren, um ſtie zu tragen, bis zu zwölf⸗ bis vierzehnjährigen Knaben und Mädchen. Sie waren ſämmtlich reinlich gekleidet, was ich noch nie auf einer Pflanzung geſehen hatte und den größeren ſtand ein geräumiger Spielplatz zur Verfuͤgung, auf dem ſie ſich mit unzähligen Affenſtreichen beluſtigten. Das Einzige, was ihnen die Großmutter lehrte, war ein gutes Benehmen, über welches ihre Vorleſungen wenigſtens während der Anweſenheit von Beſuchen den Zuhörern Unter⸗ haltung genug gewährte. Der Titel Großmutter war bei ihr, wie mir Mr. Maſon ſagte, kein bloßer Name; ſte war in der That die Großmutter, Urgroßmutter oder Ururgroßmutter faſt aller ſte umgebenden Kinder. Mr. Maſon ſelbſt nannte ſie Tante Dolly und behandelte ſie mit faſt eben ſolcher Güte und Liebe, als ob ſie ſeine eigene Großmutter ſei— wozu ſie, wie er ſagte, im vollſten Maße berechtigt wäre, da durch ſie erſt die Familie den Grund zu ihren jetzigen guten Verhältniſſen gelegt habe. Die erſten Erſparniſſe ſeines Vaters waren vor etwa funfzig Jahren zum Ankauf der Tante Dolly— damals einer jungen Frau mit drei oder vier Kindern— verwendet worden. Sie hatte ſpäter noch zwoͤlf Kinder, ſämmtlich Mädchen, geboren. Die Töchter waren kaum weniger fruchtbar geweſen, wie ihre Mutter, und dieſe war daher die Stammhalterin der ganzen Sklavenbe⸗ völkerung von Carleton Hall und Poplar Grove. In der That hatte ſein Vater, der ein Mann von großer Gewiſſen⸗ haftigkeit war, in ſeinem Leben nie einen Sklaven verkauft, und auch keine ekauft, außer Tante Dolly auf ihre eigne Bitte, und eine Anzahl huͤb⸗ ſcer Burſchen zu Männern für ſeine zahlreichen Mädchen. Das Verwaltungsſyſtem auf Mr. Maſon's Pflanzung, welches er, wie er ſagte, von ſeinem Vater geerbt hatte, von ihm ſelbſt aber noch verbeſſert worden war, fand ich von Allem, was ich anderwärts geſehen hatte, völlig verſchieden; nur in einigen Punkten erinnerte es mich an die Disciplin des Major Thornton, dem ich ſelbſt früher angehört hatte. Mr. Maſon war, wie Major Thornton, ſein eigner Aufſeher, hatte aber für jede ſeiner Pflan⸗ zungen einen Gehilfen— intelligente, gebildete und humane Männer, wie er ſelbſt, welche er aber, wie er ſagte, nur mit großer Mühe gefunden und 172 deren Einſchulung ihm viel Arbeit gekoſtet hatte. Alles ging mit der Re⸗ gelmäßigkeit eines Uhrwerks. Die Rationen an Nahrung und Kleidungs⸗ ſtücken, welche den Leuten gewährt wurden, waren reichlich und das tägliche Arbeitsquantum jedes Einzelnen mäßig; die Peitſche wurde nur fehr ſelten angewendet, und zwar mehr zur Beſtrafung der Vergehen der Leute gegen einander, als ſolcher gegen den Herrn. „Denn,“ ſagte Mr. Maſon, nich bin nicht nur Pflanzer, ſondern auch der Richter, welcher alle unſere inneren Streitigkeiten ſchlichtet, und in Folge deſſen eigentlich der geplagteſte Sklave auf dem ganzen Gute. Glau⸗ ben Sie, daß es viele Pflanzer in Nord⸗Karolina giebt, welche meine Güter unter der Bedingung, ſie ſo zu verwalten wie ich, übernehmen würden?“ Das wirkſamſte Mittel Mr. Maſon's, um die Leute zur Arbeit anzu⸗ halten, war der Wetteifer. Sie waren nach ihren Fähigkeiten und ihrer Geſchicklichkeit in acht bis zehn Klaſſen getheilt, in denen die Einzelnen ihren Verdienſten gemäß befördert oder degradirt wurden, und von welchen ſich jede nach der Quantität Arbeit, die ſie verrichtete, durch gewiſſe Vor⸗ rechte und Chrenzeichen unterſchied. Die unterſte Klaſſe hieß die„faule Klaſſe,“ und die Sklaven hatten große Furcht, in dieſelbe zu kommen, mit Ausnahme einiger wenigen Müßiggaͤnger, welche ſtets darin waren und die allen Witzbolden des Gutes zur ſtehenden Zielſcheibe ihrer Späße dienten. Nach Beendigung der Ernte fand jedesmal ein großer Maskenball ſtatt, bei welchem die Leute je nach ihren Verdienſten den Vortritt hatten. Der Beſte unter ihnen durfte zuerſt ſeine Maske wählen, jedoch war der Spiel⸗ raum dieſer erſten Wahl ziemlich beſchränkt, und lag nur zwiſchen General Waſhington mit einem Degen und dreieckigen Hute, und dem alten Mr. Maſon, dem Vater meines Wirthes, bis vor kurzem General Jackſon, ſeit ſeiner Erwählung zum Praſidenten, als dritter Nebenbuhler hinzugekommen war. Alle Uebrigen durften ihre Rollen nach ihrem Platze auf der Rang⸗ liſte wählen, und da Mr. Maſon eine mäßige Vergütung für die über die regelmäßige Aufgabe hinausgehende Ertraarbeit gewährte, ſo war die An⸗ ſchaffung von Putz, um auf dieſem Maskenball möglichſt glänzend zu er⸗ ſcheinen, für Viele und beſonders für die Weiber ein großes Reizmittel. Einige von den Leuten waren treffliche Mimiker, jeder Doktor, Pfarrer und Aufſeher der Nachbarſchaft wurde nachgeahmt, und Mr. Maſon ſagte, daß ſie im Ganzen beſſere Schauſpieler ſeien als die, welche er in New⸗York und in London mit großem Beifall habe auftreten ſehen. Die Idee ſelbſt hatte er von einem weſtindiſchen Pflanzer, mit dem er in England bekannt geworden war. 9 Einundvierzigſtes Kapitel. Einige Tage nach meiner Ankunft in Carleton Hall ritt ich mit Mr. Maſon, der jetzt mein intimer Freund geworden war, zum Beſuch nach Poplar Grove hinüber. Das einzige Gebäude, welches noch von dem alten Sklavenquartiere ſtand, war eine nette kleine Cottage ganz in der Nähe des großen Hauſes, welche Mrs. Montgomery ausdrücklich für mich und Caſſy hatte bauen laſſen und wo unſer Kind geboren war. Der Geisblattſtrauch, welchen wir zur Erinnerung an dieſes Ereigniß gepflanzt und den Caſſy mit ſo großer Sorgfalt über die Thür gezogen hatte, war noch vorhanden, obgleich er viele Spuren des Alters zeigte, indem er knorrig und riſſig — — * 173 geworden war und die Enden der Zweige abzuſterben begannen. Der kleine Garten um die Cottage war immer noch ſauber gehalten, und ich glaubte einige Roſenſträucher, die wir zuſammen gepflanzt hatten, zu erkennen. Mr. Maſon ahnte nichts von meinen Gefühlen, als wir an jener Cottage vorüberritten! Wie ſehnte ich mich danach, allein und unbeobachtet zu ſein! Ich konnte mich nur mit der größten Mühe zurückhalten, aus dem Sattel zu ſpringen und in das Haus zu eilen. Es war mir faſt, als ob ich Caſſy und das Kind dort finden würde. 8* Ich erfuhr im Geſpräch mit Mr. Maſon, daß die pekuniären Reſultate ſeines Verwaltungsſyſtems nicht weniger befriedigend waren, als die mora⸗ liſchen. Sein Vater war ſo gutmüthig geweſen, ſich für einen Freund zu verbürgen, ſo daß die Pflanzungen, als er ſie erbte, ſich unter einer ſchweren Hypothekenlaſt befanden, welche jetzt faſt gänzlich abgetragen war. Ich unterließ nicht, dem guten Manne dazu Glück zu wünſchen, daß er der Löſung eines Problems, welches ich nach meinen Beobachtungen und Er⸗ fahrungen für unlösbar gehalten hatte, ſo nahe gekommen war— nänlich das Pflanzungsleben für die Sklaven ſowohl, wie für die Freien, zu einem erträglichen Daſein zu machen. Obwohl Mr. Maſon über meine Kompli⸗ mente erfreut war, ſchüttelte er doch den Kopf. „Ich will nicht leugnen, Sir,“ ſagte er,„daß es mir Vergnügen macht, wenn ich einen Mann von Ihrer Erfahrung und Sachkenntniß meine geringen Bemühungen, in der äußerſt ſchwierigen Lage, in welche mich die Vorſehung verſetzt hat, mein Beſtes zu thun, loben höre; dennoch aber iſt dieſe Sklaverei ſelbſt im guünſtigſten Lichte betrachtet, eine traurige Einrichtung für Weiße wie für Schwarze, kurz für uns Alle.“ Wiewohl wir uns früher mit ziemlicher Freimüthigkeit ausgeſprochen hatten, und ich gegen Mr. Maſon in Bezug auf meine Richmonder Er⸗ fahrungen mit meinen Gefühlen und Anſichten nicht hinter dem Berge ge⸗ halten, hatte er doch ſtets eine gewiſſe Zurückhaltung beobachtet, als ob er weifle, daß es für ihn gut ſei, wenn er ſich offen gegen mich ausſpräche. ch wuͤnſchte ihm ſeine Anſichten zu entlocken und antwortete daher: „Gewiß, Sir, wenn alle Herren Ihnen glichen, ſo würde die Sklaverei etwas ganz Anderes und weit erträͤglicher ſein.“ „Ja,“ ſagte er mit einem bedeutſamen Lächeln,„wenn alle Herren mir glichen, ſo würde die Sklaverei ſchon morgen nicht mehr exiſtiren.“ „Wie,“ entgegnete ich,„ſind Sie ein Abolitioniſt?“ Ich bereuete dieſe Frage wieder, ſobald ich ſie ausgeſprochen hatte, denn ich ſah wohl, daß ſelbſt ſein geſunder Verſtand und ſein wackeres Herz gegen ein für jedes ſüdliche Ohr ſo furchtbares Wort— eine Art von Synonym für Schändung und Mord— nicht ganz gerüſtet waren. Zuerſt wies er zaudernd dieſe Bezeichnung zurück, gab aber bald ſeiner Antwort eine andere Wendung. „Ich bin aber ſo wenig ein Abolitioniſt,“ ſagte er,„als Waſhington oder Patrik Henry. Die Sklaverei iſt ein ſchlimmes, fluchwürdiges Syſtem, welches über den Bereich individueller Anſtrengungen hinausgeht und nur durch allgemeines Eingreifen abgeſchafft werden kann. Ich bin überzeugt, daß die ſchlimmſten Uebel, welche daraus entſtehen könnten, wenn alle Sklaven morgen ſchon in Freiheit geſetzt würden, noch lange nicht dem nahe kämen, was Schwarze wie Weiße während einer zehnjährigen Skla⸗ verei zu erleiden haben.“ 3 „Wie?“ fragte ich,„wuͤrde es zweckmäßig ſein, ſo viele unwiſſende 1 174 Sklaven auf einmal und ohne alle Vorbereitung in Freiheit zu ſetzen? Unter den Sklaveneigenthümern ſcheint allgemein die Anſicht zu herrſchen, daß die Sklaven nach einer ſolchen Freilaſſung zuerſt ihren Herren die Kehle abſchneiden, dann ſich ihrer Frauen und Töchter bemächtigen, und endlich verhungern wurden, weil ſich Niemand mehr um ſie kümmere. Sie meinen, daß man die Sklaven erſt auf die Freiheit vorbereiten müſſe.“ „Cs iſt kaum der Mühe werth,“ antwortete Mr. Maſon,„auf einen ſo unwahrſcheinlichen Fall hin Vermuthungen aufzuſtellen. Ich fürchte allerdings, daß die Befreiung der Sklaven durch ihre Herren einige Vor⸗ bereitungen erfordern wird— jedoch weniger Vorbereitungen von Seiten der Sklaven als der Herren ſelbſt. Die Sklaven ſind, meiner Anſicht nach, ſchon hinlänglich auf die Freiheit vorbereitet, d. h. ſo wie es Sklaven überhaupt jemals ſein werden und können. Nach meinen Beobachtungen in der Heimath und Fremde ſind die Sklaven entſchieden intelligenter und bei weitem gutmüthiger und lenkſamer als das iriſche oder engliſche Land⸗ volk. Die Schwierigkeit, und zwar die einzige Schwierigkeit, welche ſich ihrer Beſchäftigung auf Tagelohn entgegenſtellt, iſt genau dieſelbe, welche einige mir bekannt gewordene Verſuche, Pflanzungen nit freien Arbeitern aus Europa zu bebauen, vereitelt hat. So lange wir, wie es in den meiſten füdlichen Staaten der Fall iſt, noch viel mehr Land als Arbeiter haben, würden es die Neger vorziehen, ſich zu zerſtreuen und anſtatt für Lohn zu arbeiten, jeder eine eigene kleine Pflanzung zu bewirthſchaften, wie unſre gegenwärtige ärmere Klaſſe von freien Weißen. So iſt es in Haiti. Die Zuckerpflanzungen, welche die Anwendung einer Menge von Arbeitern erheiſchen, ſind zum größten Theile aufgegeben worden, während der Kaffee⸗ bau, den jeder Haͤusler für ſich ſelbſt betreiben kann, immer noch in Bluͤthe ſteht, und den wichtigſten Ausfuhrartikel der Inſel liefert.“ „Wenn das Alles iſt,“ erwiderte ich,„ſo würden die Sklaven weniger der Gefahr des Verhungerns ausgeſetzt ſein, als vielleicht Mancher von ihren bisherigen Herren. Was denken Sie aber von dem Halsabſchneiden und anderen Scheußlichkeiten?“ „Das,“ antwortete er,„ſind Popanze, die wir von unſern Großmüt⸗ tern geerbt haben. Die Wilden— größtentheils Kriegsgefangene— welche früher aus Afrika eingeführt wurden, ermordeten allerdings, wenn ſie ſich, wie es zuweilen geſchah, empörten, ihre Herren, ſobald ſie konnten, und dies iſt wohl ganz natürlich. Heutzutage würde man einem Aufſtande mit Kugeln, Bowiemeſſern, Galgen und Scheiterhaufen begegnen und ihn wahr⸗ ſcheinlich, während ſeiner Dauer durch die nämlichen Mittel unterdrücken. Der Neger iſt zwar ein nachahmungsluſtiges Weſen und befolgt gern das ihm von ſeinem Herrn gegebene Beiſpiel. Allein die Annahme, daß unſere Sklaven, wenn ſie freiwillig emancipirt würden, damit anfangen ſollten, ihre weißen Nachbarn zu berauben und zu ermorden, ſtatt ihre Hände zu rühren wie andere arme Leute,— wie z. B. die iriſchen Einwanderer, welche beim Landen in unſern Städten vor den Sklaven nichts weiter voraus haben, als die Freiheit— um durch ihre Arbeit für ſich und ihre Kinder auf ehrlichem Wege ihren Lebensunterhalt zu erwerben, dünkt mir wahrhaft lächerlich. Es heißt dem Muthe und der Bildung der Weißen ein ſchlech⸗ tes Kompliment machen, wenn man bezweifelt, daß ſie, bei ihrer Ueberlegen⸗ heit an Zahl wie an allem Anderen, den nöthigen Reſpect einflößen könn⸗ zen, um ihre natürliche Stellung an der Spitze des Staates zu behaupten, — 175 ui dieſe armen Leute in Ordnung zu halten, ohne ſie zu Sklaven zu machen.“— „Nun gut,“ entgegnete ich, nehmen wir an, daß die freigelaſſenen Sklaven ſo harmlos ſein würden, als Sie glauben; nehmen wir an, daß ſie hinreichend arbeiteten, um ſich vor Mangel und Elend zu ſchützen; würden ſie aber nicht, wenn ſie ſich allenthalben zerſtreuten, die gegenwär⸗ tigen einträͤglichen Pflanzungen verlaſſen und dem ganzen Suden ein elen⸗ des und verwildertes Ausſehen geben, wie wir es jetzt in den Dörfern der freien Neger finden?“ „Die gegenwärtigen freien Farbigen der Vereinigten Staaten,“ ver⸗ ſetzte Mr. Maſon,„ſind ein armes, verfolgtes Geſchlecht, welches ſich be⸗ ſonders in den ſüdlichen Staaten in ſehr drückenden Verhältniſſen befindet, und doch habe ich ſelbſt unter ihnen mehrere ſehr achtbare Perſonen kennen gelernt. Es würde jedoch vernünftiger ſein, auf die vermuthliche Lage unſerer emancipirten Sklaven von derjenigen zu ſchließen, in der ſich die große Maſſe der freien Weißen, die keine Sklaven halten können, befindet. Ich muß geſtehen, daß die Lage der armen Weißen in den ſüdlichen Staaten eben keine beneidenswerthe iſt. Der Hauptunterſchied zwiſchen den Sklaven und dieſen armen Weißen beſteht in der Freiheit. Hier in Nord⸗ karolina giebt es unter ihnen ſehr Viele, die weder leſen noch ſchreiben können, noch ihr eignes Alter kennen, noch in irgend einer intellektuellen oder moraliſchen Beziehung— außer dem Bewußtſein, daß ſie ihre eige⸗ nen Herren ſind,— der Mehrzahl der Pflanzungsſklaven überlegen ſind. Wenn aber auch Mancher von unſern reichen Pflanzern es für ganz an⸗ gemeſſen halten würde, dieſe armen Weißen zu Sklaven zu machen, ſo würde doch keiner den Muth haben, es vorzuſchlagen, geſchweige denn es u unternehmen. Dies würde allerdings kaum nöthig ſein, denn ſchon jetzt iſt die Wirkung unſers Syſtems, auf ſie ſo gut wie auf die Sklaven, furchtbar druckend. Es hängt ihnen wie ein Mühlſtein am Halſe, da es faſt jede Handarbeit zu einer Schande macht, und wie wenig andere Mittel ſtehen dem Armen zu Gebote, um das Kapital zu erwerben, deſſen er be⸗ darf, um ſeine Selbſtſtändigkeit zu erlangen? Und doch iſt es trotz aller dieſer Hinderniſſe die Klaſſe der armen freien Weißen, welche die Grund⸗ lage unſerer ſüdlichen Civiliſation bildet. Mein Vater war urſprünglich arm. Er hat mir oft geſagt, daß er barfuß nach Carleton gekommen iſt, da er nicht einmal ein Paar Schuhe beſaß. Die Väter oder Großväter faſt aller meiner Nachbarn ſind ebenfalls arm geweſen. Es iſt ein gewöhn⸗ liches Sprichwort, daß eine Pflanzung ſelten länger, als bis zur dritten Generation in einer Familie bleibt. Aus dieſer Klaſſe der Unbemittelten gehen die neuen Grundbeſitzer hervor, und in dieſe Klaſſe ſinken die Fa⸗ milien der frühern Grundbeſitzer hinab. Bedenken Sie aber, wie dieſe Klaſſe durch die Sklaverei niedergedrückt und demoraliſtrt wird! Kein Wunder, daß wir in Reichthum, Gewerbfleiß, Intelligenz, kurz in Allem, was einen Staat achtbar macht, den freien Staaten ſo weit nachſtehen. Unſere Freien haben nicht nur weit weniger Ausſicht emporzukommen, als die nämliche Klaſſe im Norden, ſondern dadurch, daß wir die Hauptmaſſe unſerer Arbeiter in ewiger Sklaverei erhalten, verſtopfen wir auch die Hauptquelle, aus welcher uns friſche Energie und Kräfte zufließen ſollten. Hierin liegt, meiner Anſicht nach, das Hauptuͤbel, welches dieſes Syſtem in der Geſammheit hervorruft, und das größte Unrecht, das es dem Indi⸗ viduum zufügt. Es iſt ſehr leicht zu ſagen, daß meine Sklaven im Ver⸗ * 176 gleich mit vielen weißen Familien im Umkreiſe von zehn Meilen beſſere Nahrung, beſſere Kleidung und beſſere Wohnungen haben und viel ſorgen⸗ freier leben. Das iſt wahr; aber dort geht ein Mann— Nun, Peter! was machſt Du, alter Burſche?“ Mit dieſen Worten begrüßte Mr. Maſon einen athletiſchen Neger, der eben mit einem Wagen an uns vorüberkam. „Dort geht ein Mann, der, wenn er ſein eigner Herr wäre und in einem Lande lebte, wo ſeine Farbe kein Hinderniß der Gleichberechtigung wäre, bald ſeine eigne Pflanzung, und zwar eine des Beſitzes werthe, haben würde. Der Burſche hat Kopf und verſteht mehr von der Landwirthſchaft und dem Pflanzungsbetrieb als ich und meine beiden Aufſeher zuſammen⸗ genommen. Glauben Sie, daß die Sklaverei, unter irgend einer Form, einem Manne wie dieſem, zuſagen könne? Es giebt eine zahlreiche Klaſſe, die nur zu Werkzeugen Anderer geboren zu ſein ſcheint, und wenn bloß ſolche Menſchen als Sklaven geboren würden, ſo möchte es noch hingehen.“ „Allerdings,“ erwiderte ich;„aber unter Denen, welche in der Knecht⸗ ſchaft geboren werden, giebt es alle möglichen Charaktere. Wir hätten zum Beiſpiel alle Beide auch als Sklaven geboren werden können. Es giebt hier in Nord⸗Karolina Sklaven, die eben ſo weiß find wie irgend Einer von uns, und glauben Sie, daß wir unter allen Umſtänden mit einem ſolchen Schickſal zufrieden geweſen wären? Wir wurden uns viel⸗ leicht darein gefügt haben, um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen, ohne deshalb den Regen für unſer natürliches Element zu halten.“ Zweiundvierzigſtes Kapitel. Als wir am folgenden Tage nach Carleton Hall zurückkamen, fanden wir im Hauſe einen Herrn, an deſſen Kleidung und ganzem Aeußeren man ſogleich den Geiſtlichen erkannte. Mein Wirth, der ihn ſehr freundlich begrüßte, ſtellte ihn mir als den Paſtor der biſchöflichen St. Stephanskirche, Paul Telfair, vor. Die perſönliche Erſcheinung Mr. Telfair's machte einen ſehr angenehmen Eindruck auf mich. Er war ſchmächtig, aber ziemlich lang und ſchien nicht über vierundzwanzig Jahr alt zu ſein. Sein blaſſes, aber hübſches Geſicht nahm, wenn er ſprach, einen lebhaften, heiteren Ausdruck an. Sein Be⸗ nehmen war beſcheiden und anſpruchslos, aber ſo würdevoll und herzge⸗ winnend, wie man es von einem wahren Diener des Herrn nur immer erwarten kann. „Mr. Telfair,“ hob Maſon an,„iſt der Sohn der Miß Montgomery, gegenwärtig Mrs. Telfair, deren Mutter die frühere Beſitzerin von Poplar Grove war, welche Sie ſo gern noch hier gefunden hätten. Ich habe dieſe Dame noch nie geſehen,“ fuhr er fort;„wie ich aber den Sohn kenne, darf es mich nicht Wunder nehmen, daß Sie die Abweſenheit der Mutter ſo ſchmerzlich bedauern.“ 4 Im Laufe des ſich nun entſpinnenden Geſprächs erfuhr ich, daß die Montgomery’s nach dem Verluſte ihres Vermögens nach Charleston ge⸗ zogen waren und dort, zum großen Aergerniß einiger ihrer Verwandten, eine Mädchenſchule errichtet hatten. Bald darauf gewann Miß Mont⸗ gomery die Zuneigung eines reichen Mannes, Namens Telfair, mit dem ſie ſich verheirathete und dem ſie einen einzigen Sohn ſchenkte,— der ——— 177 junge Geiſtliche, der einen ſo angenehmen Eindruck auf mich gemacht hatte und deſſen Geſichtszüge mich an die ſeiner Mutter erinnerten. „Da Sie ſich für die Einrichtungen, welche ich hier getroffen, ſo lebhaft intereſſiren,“ ſprach Mr. Maſon weiter,„ſo darf ich Ihnen nicht verſchweigen, daß Herr Telfair thätigen Antheil daran nimmt. Er verrichtet nicht allein die Trauungen und Taufen, die wir hier und in Poplar Grove für unentbehrliche Ceremonien halten, ſondern es iſt auch eine der härteſten und wirkſamſten Strafen, die ich über meine Leute verhängen kann, wenn ich ihnen des Sonntags nicht geſtatte, ſeine Predigt anzuhören. Der glänzendſte Beweis für die Talente meines jungen Freundes iſt aber der, daß er die herumreiſenden Methodiſten und die ſauertöpfiſchen Presbyterianer, welche früher faſt allein den Gottesdienſt in dieſer Gegend hielten, verdrängt und daß ſich ſogar der ſchwarze Prediger Tom, der lange Zeit auf meinen Pflanzungen und ich möchte ſagen in der ganzen Grafſchaft in hohem Rufe ſtand, vor ihm in die beſcheidene Stellung eines bloßen Religions⸗ lehrers zurückgezogen hat.“ Mr. Telfair war, wie ich nachher erfuhr, von ſeiner Mutter ſchon in früher Jugend für den geiſtlichen Stand beſtimmt worden, und nach ſeiner Ordination hatte er das Pfarramt zu St. Stephan, einige Meilen von hier, übernommen, um ſich ſeinem Berufe ſaſt ausſchließlich zu widmen. Die genannte Pfarrkirche ſtammte aus der Zeit, wo der engliſche Cultus in Nord⸗Karolina und überhaupt in allen ſüdlichen Staaten über⸗ wiegend war; ſeit der Revolution aber war ſie ſehr in Verfall gerathen. Wenn indeſſen auch das Dach halb eingeſtürzt und Thüren und Fenſter zerſtoͤrt waren, ſo waren doch wenigſtens die ſtarken Mauern des alten Gotteshauſes ſtehen geblieben. Mr. Telfair, welcher die Gegend gewiſſer⸗ maßen als Miſſionsgebiet gewählt, hatte die alte Kirche, größtentheils auf eigne Koſten, ausbeſſern laſſen und mit raſtloſem Eifer den faſt vergeſſenen Gettienſt nach den würdevollen Gebräuchen der engliſchen Kirche wieder⸗ ergeſtellt. Als ein würdiger Jünger deſſen, der ſich vorzugsweiſe der Armen und Bedrängten, der Mühſeligen und Beladenen angenommen, hatte Mr. Telfair von Anfang an dem ſittlichen und religiöſen Zuſtande der Sklaven ſeine beſondere Aufmerkſamkeit und Fürſorge zugewendet. In Mr. Maſon hatte er einen kräftigen Beiſtand und thätigen Kirchenvorſteher gefunden, und das Beiſpiel des Einen wie die Predigten des Andern waren in der Umgegend nicht ohne bedeutenden Einfluß auf das Verfahren der Herren und auf die Lage der Sklaven geblieben. Welchen Verbeſſerungen aber das Sklavereiſyſtem auch fähig ſein mag, ſo konnte doch Mr. Telfair, wie jeder einſichtsvolle und menſchen⸗ freundliche Mann, es unmöglich als eine auf die Dauer zweckmäßige Einrichtung gelten laſſen. In ſeinem beſtändigen Verkehr mit Herren und Sklaven erkannte er die falſche Stellung, in welche es beide Theile brachte, und in Ermangelung eines beſſeren Weges zur Abſchaffung dieſes großen Uebels förderte er mit energiſchem Eifer die Coloniſirung. Er war Vor⸗ ſitzender eines Coloniſtrungsvereins des Diſtricts; ſein perſönliches Wirken hatte bereits die Freilaſſung mehrerer Sklaven und deren Ueberſiedelung nach Liberia zur Folge gehabt, und ſeine feurige Phantaſie, welche in ihren menſchenfreundlichen Hoffnungen alle Grenzen des Raumes und der Zeit überſchritt, ſchien die Entfernung der ſchwarzen und farbigen Be⸗ völkerung aus den Vereinigten Staaten und die chriſtliche Civiliſtrung Der weiße Sklave. 3 12 5 1 178 Afrika's als nahe bevorſtehend zu betrachten. Er war davon ſo ſeſt überzeugt und ſo dafür begeiſtert, daß man ſeine Reden über dieſen Gegenſtand mit wahrem Vergnügen anhörte, mochten ſeine Hoffnungen auch immerhin illuſoriſch ſein. Dieſe freudigen Hoffnungen wurden auch in der That für den Augenblick durch einen düſteren Schatten verdunkelt. Mr. Telfair ſprach ohne Bitterkeit, aber mit dem lebhafteſten Bedauern von dem Gebahren der Abolitioniſten in den nördlichen Staaten, und er fürchtete ſehr, daß dadurch die Eman⸗ cipation um viele Jahre verzögert werden würde. Er ſelbſt hatte vor Kurzem die Wirkung deſſelben empfunden. Er hatte in Verbindung mit ſeiner Kirche eine Sonntagsſchule für die Sklaven errichtet, in welcher ſie theils mundlichen Unterricht genoſſen, theils leſen gelernt hatten. Die Pflanzer des Bezirks hatten ihn durch eine Deputation auffordern laſſen, während des damaligen Zuſtandes allgemeiner Gährung den Unterricht der Sllaven einzuſtellen und ſeine Sonntagsſchule bis auf weiteres zu ſchließen. „Ach Herr Kapitain Moore,“ ſagte Telfair zu mir,„Sie haben eine ſehr ungünſtige Zeit gewählt, um die ſüdlichen Staaten zu beſuchen! Sie ſehen überall die Folgen der Sklaverei; ſie macht uns factiſch Alle zu Sklaven. Die Preß⸗ und Redefreiheit, mit der wir uns immer ſo ſehr brüſten, ſcheint in den Sklavenſtaaten mit der öffentlichen Sicherheit nicht vereinbar zu ſein. In den ſüdlichen Staaten hat ſie aufgehört zu exiſtiren, und nach den Berichten von Pöbelaufſtänden, welche wir aus Boſton, New⸗York, Philadelphia und anderen Staͤdten erhalten, ſcheint es damit in den freien Staaten nicht viel beſſer zu ſtehen, als in Rom, Wien oder Warſchau. Ich glaube, daß in den letztgenannten Städten Jedermann in Wort oder Schrift ſeine Meinung über ein Sklaventhum, wie es in Amerika beſteht, äußern kann; nur die auf die einheimiſche Politik bezuüͤglichen Fragen ſind in dieſen Städten und Ländern von der öffentlichen Beſprechung⸗ ausgeſchloſſen. Ebenſo kann man bei uns gegen Papismus und ruſſiſchen Despotismus ſo laut eifern als man will; über die inländiſche Sklaven⸗ wirthſchaft aber darf man ſich nur mit der größten Vorſicht ausſprechen. In einer gemiſchten Geſellſchaft würde ich es Niemandem rathen, das zu⸗ ſagen, was ich hier geſagt habe. Ich bin eigentlich ſchon jetzt ein Gegenſtand der Verfolgung. Ein Brief über das Coloniſirungsſyſtem, den ich habe drucken laſſen und in welchem ich Aeußerungen von Waſhington, Jefferſon, Patrick Henry und anderen ausgezeichneten Patrioten über die Nachtheile des Sklaventhums anführte, wurde unlängſt in Richmond von dem dortigen Aufſichtscomité confiscirt und als eine aufrühreriſche Schrift verbrannt.“ „Dieſer Brief,“ bemerkte ich,„unterhielt wahrſcheinlich mit das Freudenfeuer, welches bei meiner Ankunft in Richmond brannte;“— und ich erzahlte ihm, was ich in dieſer Stadt erlebt hatte. „Damit waren ſie noch nicht zufrieden,“ fuhr der wackere Geiſtliche fort.„Ich weiß nicht recht, ob das Verbrennen mir oder Waſhington oder Jefferſon galt; ſoviel aber iſt gewiß, daß der Comité in Richmond mich dem hieſigen Bezirkscomité als eine verdächtige und ſorgfältig zu überwachende Perſon bezeichnet hat, und ſo haben dieſe ehrenwerthen Herren nicht nur meine Sonntagsſchule geſchloſſen, ſondern auch meine Zeitungslectüre unter ihre Aufſicht geſtellt. Einige Monate lang hatte ich den in New⸗York erſcheinenden„Emancipator“, meines Wiſſens das Haupt⸗ organ des dortigen neuen Vereins der Abolitioniſten, durch die Poſt erhalten. Es war mir unverlangt zugeſandt worden und ich hatte es mit 179 großem Intereſſe geleſen, da ich neugierig war, wie die Leiter des Unter⸗ nehmens ihren guten Zweck zu erreichen hofften. Dies halten aber die Herren vom Comité für ſehr bedenklich; ſie können unmöglich zugeben, daß die Ruhe im Lande ſo gefährdet wird. Demnach haben ſie dem Poſtmeiſter verboten, mir die Zeitung fernerhin zukommen zu laſſen, und mir haben ſie unterſagt, ſie zu leſen. Das iſt jetzt in Nord⸗Karolina unſere Freiheit!“ Dieſe Worte ſprach Mr. Telfair trotz ſeiner gewöhnlichen Ruhe und Mäßigung mit einem Ausdrucke von Bitterkeit und Unwillen. „Und wie kommt es, meine Herren,“ ſagte ich,„daß die doch gewiß überall tief empfundenen und gerade ſeit Jefferſon's Zeit ſo oft und ganz beſonders frei beſprochenen Nachtheile der Sklaverei jetzt auf einmal der Erörterung entzogen werden ſollen? Ich möchte wohl wiſſen, welcher große Unterſchied nifcen den Coloniſtrungsfreunden, wie unſer verehrter Herr Telfair, und den nördlichen Abolitioniſten beſteht, deren Verfahren ſeiner Meinung nach die gute Sache der Emancipation ſo ernſtlich gefährdet. Sind nicht beide Theile Gegner der Sklaverei? ſtreben ſie nicht beide nach Emancipation?“ „Der Unterſchied zwiſchen uns iſt in die Augen ſpringend,“ erwiderte Mr. Telfair;„indeſſen wundere ich mich nicht ſo ſehr uͤber Ihre Frage, denn ich habe ſeit einiger Zeit die Bemerkung gemacht, daß man uns oft in eine Kategorie ſtellt und ſchon die bloße Abneigung gegen das Sklaven⸗ thum als eine Verſchwörung gegen das Wohl des Südens betrachtet. Ich will Ihnen ſagen, worin unſer Coloniſtrungsplan beſteht. Wir halten die Nachtheile der Sklaverei für ſehr groß, für ſo groß, daß wir es als eine Pflicht gegen uns ſelbſt, gegen unſere Kinder und gegen die Geſammtheit betrachten, Alles aufzubieten, um ihr ein Ende zu machen. Wir halten dies jedoch für unausführbar, ſo lange die ſchwarze Bevölkerung hier bei uns bleibt. In Nordamerika iſt man allgemein der Anſicht, daß zwei ſo ganz verſchiedene Menſchenracen wie die Weißen und die Neger, mit nur irgend gleichen Rechten unmöglich zuſammen leben können. Man glaubt, daß wir die Schwarzen, ſo lange ſie bei uns bleiben, entweder zu Sklaven machen, oder ihre Sklaven werden müſſen. Der verſtorbene Praͤfident Jefferſon gab dieſer Meinung Ausdruck, indem er einmal ſagte, daß wir die Sklaven bei den Ohren halten wie einen Wolf, den man weder feſtzu⸗ halten, noch laufen zu laſſen wagt. Ich muß geſtehen, daß ich dieſer An⸗ ſicht nicht ganz beiſtimmen kann, und viele Andere Freunde des Coloni⸗ ſirungsplanes werden gewiß meine Meinung theilen. Ich ſage, wir ſind der Wolf und die unglücklichen Neger das Lamm, das wir bei den Ohren feſt⸗ halten und ohne die mindeſte Gefahr laufen laſſen könnten, wenn wir nur den Willen hätten. Warum ſollen wir den Negern nicht eben ſo gut die Freiheit geſtatten können wie den Irländern und Deutſchen? Aber bei den eingewurzelten Vorurtheilen unſres Volkes ſcheint es fruchtlos zu ſein, ſolche Grundſätze zu predigen. Die ärmſten, geringſten und verachtetſten Weißen würden ſich dagegen empören. Je roher und ungebildeter der Weiße iſt, um ſo hartnäckiger hält er an den Vorrechten der Weißen feſt und mit um ſo größerer Entrüſtung vernichtet er jeden Gedanken an die Freilaſſung der Neger. Unſer Coloniſirungsſyſtem trägt dieſem unbeſieg⸗ baren Gefühle Rechnung. Vor der Freilaſſung oder gleichzeitig mit der⸗ ſelben, wollen wir die Sklaven aus dem Lande entfernen. Dieſer Plan, der von den Meiſten für unausführbar gehalten wird und bei dem ſelbſt 3 12* 180 5 4 wir, die das beſte Vertrauen dazu haben, für den Anfang wenigſtens nur lngſam und vorſichtig handeln zu dürfen glauben, hat gewiß nichts Be⸗ denkliches. Man hat ſelbſt die grellſten Schilderungen der Nachtheile des Sklaventhums und die heftigſten Ausfälle gegen daſſelbe geduldet, ſo lange man ſie nur als den Ausdruck ſpekulativer Anſichten und perſönlicher Ge⸗ ſinnungen betrachtete, womit gewöhnlich die mehr oder minder beſtimmte Behauptung verbunden war, daß dieſe Nachtheile, ſo groß ſie auch ſeien, nicht beſeitigt werden könnten, ſo lange die beiden Racen zuſammen blieben. „Die neue Geſellſchaft der Abolitioniſten hat alle dieſe Grenzen über⸗ ſchritten. Für's Erſte erklaͤren ſie von vornherein den Beſitz von Sklaven für eine allen Grundſätzen und Geboten des Chriſtenthums widerſtreitende Sünde. Noch vor wenigen Jahren würde die Geſammtheit der ſüdlichen Sklavenbeſitzer über dieſe Erklärung gelacht haben, weil nur ein ſehr kleiner Theil von ihnen auf den Namen von Chriſten Werth legte und die Mehr⸗ zahl ihren Unglauben ganz offen eingeſtand. Aber durch die raſtloſen An⸗ ſtrengungen der verſchiedenen chriſtlichen Genoſſenſchaften in den letzten fünfundzwanzig Jahren hat das Bekenntniß zum Chriſtenthum und hoffent⸗ lich auch die Ausübung ſeiner Gebote bedeutend unter uns zugenommen, und unſere gegenwärtigen Sklavenhalter würden es ſehr übel nehmen, wenn man ihnen ſagte, daß ſie keine Chriſten ſeien. Indeſſen glaube ich gerade aus der übergroßen Entrüſtung, mit der wir die Beſchuldigung aufnehmen, den Schiuß ziehen zu dürfen, daß wir dieſelbe nicht für ganz unbegrün⸗ det halten. „Ferner ſagen die Abolitioniſten: Eure Sklaven haben das Rccht, frei zu ſein, und darum iſt es Eure Pflicht, ſie ohne weitere in Freiheit zu ſetzen. Nach den Folgen Eurer Pflichterfüllung habt Ihr gar nicht zu fragen; erfüllet ſie und ſtellt das Uebrige Gott anheim. „Welch ein Unterſchied iſt es, ob etwas im Ernſt, oder nur aus eitler Prahlerei geſagt wird! Welch ein Unterſchied, wenn wir einen Grundſatz auf uns ſelbſt, und wenn wir ihn nur auf Andere anwenden! Unſere ſüd⸗ lichen Demokraten haben ein halbes Jahrhundert lang gepredigt, daß alle Menſchen frei und gleich geboren find, ein Grundſatz, den ſie zur Baſis ihres ganzen politiſchen Syſtems erklären. Wenn man jedoch von ihnen verlangt, daß ſie ihre eigne Lehre nicht nur im Scherz, ſondern im vollen Ernſt zur Ausführung bringen ſollen, ſo zeigt der Wolf die Zähne! „Aus dem Allen werden Sie erſehen,“ ſetzte Telfair hinzu,„daß ich das harte und blinde Vorurtheil gegen die Abolitioniſten, von dem Sie auf Ihrer Reiſe ſchon ſo viele ſchmerzliche Beiſpiele erlebt haben, keines⸗ wegs theile. Man hat mir die Ehre erzeigt, mir außer der vorerwähnten Zeitung noch eine Menge anderer Schriften per Poſt zu überſenden. Ich habe alle dieſe Schriften mit Aufmerkſamkeit geleſen, und ich kann dreiſt behaupten, daß die Beſchuldigung, ſie reizten die Sklaven zur offenen Empörung, jeder Begründung entbehrt. Die Empörung, die ſie hervor⸗ rufen wollen und welche meiner Anſicht nach unſere Wachſamkeitscomités am meiſten fürchten, iſt die Empörung des chriſtlichen Gewiſſens gegen die Uebel und Greuel der Sklaverei. Obgleich ich aber die Richtigkeit ihrer Beweggründe zugebe, ſo muß ich demohngeachtet ihr Verfahren entſchieden mißbilligen. Nach den Verfolgungen, welche mich ſelbſt getroffen haben, können Sie urtheilen, in welche ſchlimme Lage ſie alle Sklavenfreunde der ſüdlichen Staaten bringen. Ich fürchte ſehr, ſie werden nichts weiter er⸗ reichen, als daß die Feſſeln der Sklaven noch feſter zuſammengezogen, alle * 184 Anſtrengungen zur geiſtigen und ſittlichen Hebung derſelben gehemmt und dem Coloniſationsplane, der die einzige mögliche Abhilfe aller aus der Sklaverei hervorgehenden Uebel darbietet, ernſte Hinderniſſe in den Weg gelegt werden.“ 3 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Mr. Telfair ſchien die vielleicht aus der Gewohnheit des Predigers herrührende Eigenheit zu haben, die Gegenſtände, welche ſeinen Geiſt lebhaft beſchäftigten, etwas zu ausführlich zu beſprechen. Ich ließ ihn jedoch ohne Unterbrechung ausreden. Es war mir aufgefallen, daß Mr. Maſon nicht ein einziges Wort in dieſe Unterredung eingeſlochten hatte, und als Telfair uns verlaſſen, war ich neugierig, auch ſeine Meinung zu hören. Zu dem Ende richtete ich einige Fragen über den Coloniſtrungs⸗ plan an ihn. „Ich bin ſelbſt Mitglied der Coloniſationsgeſellſchaft,“ antwortete er, „und zwar Sekretär in der nämlichen Abtheilung, deren Präſident Mr. Telfair iſt. Einem meiner Sklaven, einem ſehr geſchickten Menſchen, gab ich auf ſeinen Wunſch die Freiheit und ſandte ihn nach Liberia; zu mei⸗ nem großen Leidweſen aber ſtarb er ſchon einige Monate nach ſeiner An⸗ kunft am Fieber. Ich habe von jeher die Coloniſationsgeſellſchaft für eine ganz gute Sache gehalten und ſie gleichſam als eine Bruthenne betrachtet, unter deren Flügeln die ſchüchternen menſchenfreundlichen Gefühle des Südens Schutz finden können, bis ſie mit der Zeit eine wirkſamere Thätig⸗ keit entfalten werden. Eine große unmittelbare Thätigkeit erwarte ich nicht von ihr; wohl aber kann ſie mittelbar ſehr viel Gutes wirken, indem ſie die Nachtheile der Sklaverei und die Nothwendigkeit der Abhilfe dem Publikum beſtändig vor Augen hält. Das Beſte, was ſie bisher gethan hat, iſt unſtreitig, daß ſie die nämlichen Abolitioniſtenvereine im Norden, welche eben jetzt ſo viel Aufſehen machen, in's Leben gerufen hat.“ „Iſt dem wirklich ſo?“ fragte ich. „So viel ich weiß,“ erwiderte Mr. Maſon,„iſt die Aufmerkſamkeit der thätigſten Mitglieder dieſer Vereine zuerſt durch den Coloniſirungsplan auf den Gegenſtand gelenkt worden. Mehrere unter ihnen waren anfangs warme Vertheidiger dieſes Planes; nach reiflicher Ueberlegung aber hielten ſte es für unzweckmäßig, zwei bis drei Millionen Menſchen aus dem Lande, wo ihre Arbeit nothwendig iſt und gewinnbringend verwendet werden kann, über den Ocean in eine unbebaute Wildniß zu ſchicken, wo die Arbeits⸗ kräfte der Eingebornen den Bedarf ſchon weit überſteigen. Da die Skla⸗ ven auch in Freiheit geſetzt werden müſſen, ehe ſie Colonien gründen kön⸗ nen, ſo glaubte man ſchon genug zu thun, wenn man ſie hier emancipirte, ohne noch für ihre Transportirung außer Landes große Summen zu opfern und ohne den ſüdlichen Staaten die ihnen ſo nöthigen Arbeitskräfte zu entziehen. Dieſe Ideen, verbunden mit der Ueberzeugung, daß die Sklaverei ſündhaft ſei und nicht nach und nach, ſondern mit einem Male gänzlich abgeſchafft werden müſſe, haben ohne Zweifel die Geſellſchaften der Skla⸗ venfreunde in's Leben gerufen.“. „Aber wenn die Reſultate dieſer Vereine wirklich von der Art find, wie Mr. Telfair vorhin ſagte,“ entgegnete ich,„wie können ſie dann ihr f Entſtehen als eine Wohlthat betrachten?“ 4 182 „Ich hoffe,“ ſagte Mr. Maſon, indem er ſich ein wenig beſorgt umſah, „daß keine Mitglieder des Wachſamkeitscomités in der Nähe lauſchen. Dieſe Herren ſchleichen zwiſchen den Negerhütten umher, um zu horchen, und ich weiß nicht, ob ſie dieſes Syſtem bald auch gegen uns Sklaven⸗ halter in Anwendung bringen werden. Doch ich will Ihre Fragen beant⸗ worten,“ fuhr er leiſe und beinahe fluͤſternd fort.„Wenn man eine ge⸗ fährliche Krankheit heilen will, muß man vor Allem ihren wahren Cha⸗ rakter richtig erkennen und den Patienten zum klaren Bewußtſein ſeiner Lage bringen. Dieſes Reſultat fangen die Abolitioniſtenvereine ſchon an zu erreichen, bisher hatten ſelbſt Diejenigen, welche über die Uebel, gegen die wir kämpfen, am meiſten nachgedacht haben, noch keinen richtigen Be⸗ griff von der Beſchaffenheit und Ausdehnung derſelben. Wir wußten zwar, daß unſere amerikaniſche Freiheitsgöttin mit einer häßlichen Kröte am Ohre ſchlief und träumte, wie Milton's Eva; allein wir meinten, daß es am Ende doch nur eine Kröte ſei, die ſich, ſo ekelhaft und giftig fie auch ſein mochte, ſich vor dem ſtrahlenden Lichte der aufſteigenden Sonne in einen ſinſtern Winkel verkriechen werde. Die Abolitioniſten im Norden wollten aber das widerliche Geſchöpf noch raſcher vertreiben und wäͤhlten zu dieſem Zwecke unſere bekannte Nationalerklärung, daß alle Menſchen frei geboren ſind und unveräußerliche Rechte haben,— und ſiehe da, das anſcheinend harmloſe Thierchen verwandelte ſich in ein furchtbares, blutduͤrſtiges Unge⸗ heuer, das die arme zitternde Freiheitsgöttin Amerika's zu verſchlingen drohte! Ich meine nicht die Freiheit der Schwarzen und Farbigen— denn dieſe waren hier nie frei— ſondern die Freiheit von uns Weißen und Herren. 3 „Die vermeintliche Gefahr eines Sklavenaufſtandes hat Anlaß gegeben zur Unterdruͤckung jeder Freiheit des Gedankens, der Rede und der Schrift, inſoweit ſie gegen das Sklaventhum gerichtet war. Dieſe Gefahr iſt wohl Peeſgnet, den Thoren Angſt einzujagen, und wenn die Thoren Furcht be⸗ ommen, reißen die Schurken gewöhnlich die Macht an ſich. Aber der Auf⸗ ſtand, den man am meiſten fürchtet iſt, wie Mr. Talfair vorhin ſehr richtig dem will man, wenn irgend möglich, vorbeugen. „Hier,“ ſetzte er, eine Zeitung vom Tiſche nehmend hinzu,„hier ſteht es klar und deutlich im„Waſhington⸗Telegraph“, einem der entſchiedendſten Vertheidiger der Rechte und Intereſſen der Sklavenbeſitzer und einem Haupturheber der herrſchenden Furcht.“ Und Mr. Maſon las mir aus dem Journale folgende Stelle vor: „Wir halten dafür, daß wir am meiſten die allmälige Wirkung der öffentlichen Meinung unter uns ſelbſt zu fürchten haben, und daß die arg⸗ liſtigſten und gefährlichſten Feinde unſerer Rechte und Intereſſen diejenigen find, welche uns unter der Maske der Freundſchaft zu uͤberreden ſuchen, die Sklaverei ſei eine Sünde, ein Fluch, ein Uebel. Unſere größte Urſache Pr Beſorgniß iſt die krankhafte Sentimentalität, die an das Gefüͤhl des olks appellirt und es zum freiwilligen Werkzeuge ſeines eignen Unter⸗ gangs machen möchte.“ Und die Mittel und Wege, durch die man dieſem Einfluſſe auf die krankhafte Sentimentalitaͤt des Volks vorzubeugen gedenkt, ſind in einem andren Blatte, dem in Süd⸗Karolina erſcheinenden„Columbia⸗Telescop,“ ziemlich deutlich bezeichnet. „Wir ſprechen es unverhohlen aus,“ heißt es dort,„daß die Sklaven⸗ bemerkte, nicht ein Sklavenaufſtand, ſondern ein Gewiſſensaufſtand, und gebung dieſer Staaten beherrſcht, ſondern es übt auch durch die Aufſichts⸗ 183 frage kein Gegenſtand der allgemeinen Erörterung iſt und nie werden wird, daß das Syſtem unter uns zu tiefe Wurzeln gefaßt hat und für alle Zeiten aufrecht erhalten werden muß, und daß jedem Unberufenen, der es verſu⸗ chen könnte, uns über die Nachtheile und die Unmoralität deſſelben den Tert zu leſen, auf der Stelle die Zunge ausgeriſſen und auf den Miſt ge⸗ Wohlthat für die Sklaven, welche auf dieſe Art ſorgenfrei leben könnte und als eine Wohlthat für die Sklavenbeſitzer, weil ſie dadurch der Noth⸗ wendigkeit überhoben würden, erniedrigende Arbeiten zu verrichten und in Folge deſſen um ſo leichter im Stande waͤren, die Würde der Freiheit au recht zu erhalten. Dieſe romantiſche Anſicht von der Sache duͤrfte ſchwer lich eine nähere Beleuchtung vertragen, aber Sie ſehen, daß man dieſe üͤber haupt gar nicht geſtatten will. Aber wie koͤnnen wir ohne freie Beſprechung des herrſchenden Syſtems hoffen oder erwarten, eine wohlthätige Aenderung herbeizuführen? Der Kampf, den Sie jetzt beginnen ſehen und welcher durch die Berufung des Nordens an das Gewiſſen des Südens geweckt worden, iſt meiner Anſicht nach jedenfalls ein entſcheidender Kampf zwiſchen der Fortdauer und Weiterverbreitung der Sklaverei auf der einen, und der Emancipation auf der andren Seite. Das Inſtitut der Sklaverei ſteht in unſrem Lande viel feſter, als man bisher geglaubt hat. Es hat nicht nur alle Regierungen der ſüdlichen Staaten für ſich, ſo daß es ſogar die Geſetz⸗ comités und durch die Volksjuſtiz eine unumſchränkte despotiſche Gewalt aus, welche allen Begriffen von engliſcher oder amerikaniſcher Freiheit wi⸗ derſtreitet. Damit noch nicht zufrieden, verlangt es auch den Schutz der Bundesregierung, die es aus einem Bollwerk der Freiheit in ein Bollwerk der Sklaverei verwandeln möchte, ja, es will ſogar den nördlichen Staaten eine mit dieſen Anſichten übereinſtimmende Handlungsweiſe vorſchreiben. Nachdem es, wenigſtens für den Augenblick, im Suden jede Freiheit der Rede und der Schrift in Bezug auf dieſen verpönten Gegenſtand völlig unterdrückt hat, bemüht es ſich auf jede Weiſe, es auch im Norden dahin zu bringen. Manche Staatsmänner im Norden werden durch die Hoffnung ſich die Gunſt des Südens zu erwerben, verleitet, ſich ſelbſt an die Spitze des ſklavenfeindlichen Pöbels zu ſtellen, und die Kaufleute des Nordens laſſen ſich durch Rückſichten auf ihre Geſchäftsfreunde im Süden beſtimmen in öffentlichen Verſammlungen eine geſetzliche Beſchränkung der Preßfreiheit zu verlangen. Dies iſt zum Beiſpiel erſt kürzlich in der entarteten Sta Philadelphia geſchehen und Boſton und New⸗York werden laut aufgefor⸗ dert, dieſem ſchmachvollen Beiſpiele zu folgen. Ja, Mr. Moore, der große Kampf, von dem das zukünftige Geſchick Amerika's abhängt, hat begonnen, ob zur rechten Zeit oder nicht, wird die Folge lehren. Die Sklaverei oder 184 Freiheit unſerer Farbigen iſt eine hochwichtige Frage, aber ſie iſt ſchon jetzt nur noch eine Nebenfrage., Die Hauptfrage iſt: Soll nicht allein die po⸗ litiſche, ſondern auch die ihtellectuelle, moraliſche und religiöſe Gewalt in die Hände der Vertheidiger ſewiger Stlaverei⸗ übergehen? oder ſollen unſere alten amerikaniſchen Grundſſitze, daß alle Menſchen vor Gott und vor dem Geſetz gleich ſind, fortbeſtehe„t? Soll die Controle über unſere Politik und eſetzgebung und ſelbſt über dunſere Zeitungen, über unſre kirchlichen Ange⸗ legenheiten, über unſre Literatur und unſre öͤffentliche Meinung in die Hände der gefühlloſen und grauſamen Gerechtigkeit und Menſchenwürde mit Füßen tretenden Achſelträger und Heuchler übergehen, welche gleich bereit ſind, Gott und den Teufel anzubeten, wie es ihnen gerade paßt? Oder ſollen die Freunde des Fortſchritts, die wo hren Menſchenfreunde, die wirklichen Diener des Gottes der Liebe, frei unt g dürfen? Die erſte Frage betrifft Inſre eigne Freiheit, und zwar nicht allein die Freiheid des Handels, ſondern die Freiheit der Schrift, der Rede und des Gedankens.“— Bei dem letzten Theile, dieſer angen Rede war Mr. Maſon ganz in Eifer gerathen; er war heftig geſtikikirend im Zimmer auf⸗ und abgegangen und ſeine Stimme hatte zuweilen eNien mehr als lebhaften Ausdruck ange⸗ nommen. Plötzlich aber bezwang er ſich wieder und ſetzte in einem mil⸗ deren Tone hinzu: „Ich kann Ihnen agen, daß ich foſt den elendeſten Sklaven von Nord⸗ Karolina um ſein Loo J ziehung und Bildung genoſſen, habe din unſchätzbaren Werth der Freiheit. beurtheilen gelernt und gaubte der Herk meiner Sklaven, meiner Gedanken und meiner Worte zu ſein)— und nun muß ich ſehen, daß ich eigentlich nichts als ein unter einer ité ſtehender Sklaventreiber bin, welcher leſen, ſprechen und donken muß, ſwas dieſe neue inquifitoriſche Be⸗ hörde, die häufig aus den größten Narrkn und Schurken zuſammengeſetzt iſt, mir vorſchreibt!“ 4 „Verzeihen Sie, Mr. Maſon,“ ſagte ich,„wenn ich mir eine Frage erlaube. Wie iſt es möglich, daß Sie, bii den Anſichten, welche ich, ſeit ich das Vergnügen Ihrer Gaſtfreundſchaft enieße, Sie ſo offen habe aus⸗ ſprechen hören, Sklavenbeſitzer bleiben könn n?“ „Sie werden gewiß ſchon oft die Erfahrung gemacht haben,“ antwortete Mr. Maſon,„daß die Anſichten und Handl ngen der Menſchen nicht im⸗ mer mit einander übereinſtimmen; die Meinung und die eigne Wahl eines Mannes haben oft mit der Stellung, welche er einnimmt, ſehr wenig zu thun. Die Leute auf dieſen beiden Pflanzungan ſind mir durch Erbſchaft zugefallen. Sie wollen doch gewiß nicht, daß ich, um einer mir perſönlich unangenehmen Lage zu entrinnen, meine Sklavin verkaufen, das Geld in die Taſche ſtecken, nach dem Norden ziehen uns ſie ihrem Schickſal über⸗ laſſen ſoll?“ „Nein, gewiß nicht,“ erwiderte ich.„Wenn ſie einmal Sklaven bleiben ſollen, ſo glaube ich ſchwerlich, daß ſie Vbei einem Wechſel ihres Herrn gewinnen würden.“ „Ob ſie Sklaven bleiben ſollen oder nicht,“ ſagte Mr. Maſon,„häͤngt für jetzt nicht von mir ab. Erſtens laſtet noch eilſe Hypothek auf meinen Gütern, in welche ſie eingeſchloſſen ſind. Dieſe ho ich jedoch innerhalb der nächſten ſechs Monate abzutragen. Ferner ſinß wie Erbtheile meiner beiden jungen Schweſtern auf die Güter hypothecirt, und ich habe bis jetzt 185 nur erſt theilweiſe Anſtalt zu ihrer Auszahlung getroffen. Endlich kann hier in Nord⸗Karolina der Herr ſeine Sklaven nicht nach ſeinem eignen Wil⸗ len und Belieben in Freiheit ſetzen; er muß dazu erſt die Bewilligung der Diſtrietsbehörde einholen, und heutzutage iſt dieſe nicht ſo leicht zu erlangen. „Da ich Sie jedoch einmal zu meinem Vertrauten gemacht habe,“ fuhr er fort,„ſo will ich Ihnen noch ein Geheimniß verrathen. Ich gedenke nur ſo lange Sklavengeſiger zu bleiben, als es nothwendig iſt, um mich mit Ehren und zum Wohle aller Betheiligten dieſer Lage zu entreißen. Alle meine Anordnungen werden zu dieſem Zwecke getroffen. Um aber dieſer Sache frei handeln zu können iſt es nothwendig, daß ich zuerſt Schulden und die Antheile meiner Schweſtern bezahle. Die guten chen werden in einigen Tagen nach dem Norden aufbrechen, um eine Erziehungsanſtalt einzutreten. Ich gedenke ihr Geld im Nord legen. Ich hoffe, daß ſie ſich dort verheirathen und niederlaſſen Wenn ich es hindern kann, ſollen ſie keine Sklavenbeſitzer zu men, und zwar aus mehr als einem Grunde. Ich will nich Schweſtern die erſten Odalisken eines Serails werden ſollen, leicht einſt eine ſchwarze oder braune Favoritin den Vorzu in dem viel⸗ vor ihnen er⸗ hält. Ihre arme Mutter— Sie wiſſen, daß ſie nur Szlefſchweſtern von mir ſind— hatte in dieſer Beziehung genug zu leiden/ Die arme Frau hat ſich aus Eiferſucht, zu der ihr leider mein guter Vgfer nur zu viel Ur⸗ ſache gab, zu Tode gehärmt. Er hatte wirklich zu patiarchaliſche Begriffe. Sie können aus der Verſchiedenheit der Farbe leichy entnehmen, daß die Sklaven hier und in Poplar Grove viel angelſächſiſtses Blut in den Adern haben. Ich bin überzeugt, daß ein großer Theif der Hellfarbigen unter ihnen auf Blutsverwandtſchaft mit mir Anſpruch„ſachen können, und fühle mich daher um ſo mehr berufen, nicht die Rollg eines gemeinen, ſelbſtſüch⸗ tigen Despoten zu ſpielen, ſondern die eines amilien⸗Oberhauptes, eines Stammhäuptlings, deſſen Untergebene ſeine ayfnen Verwandten ſind, welche mit vollem Rechte von ihm verlangen könngi, daß er ſich ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Angelegenheiten gewiſſenhaft anyimmt. „Mein Plan iſt der: ſobald die Schyllden bezahlt ſind und ich genug erübrigt habe, um gute Ländereien in Ohib oder Indiana kaufen zu können, gedenke ich mit der ganzen Familie ayszuwandern. Sie hier in Freiheit zu ſetzen, würde, ſelbſt wenn dem kae geſetzlichen Hinderniſſe im Wege ſtänden, bei der gegenwärtigen allgemkinen Verachtung gegen freie Farbige und ihrer geringen Ausſicht, es in/ der Welt zu etwas zu bringen, keine Wohlthat für ſie ſein; ſie würden/ wie Einer von ihnen einmal zu mir ſagte, nur eine Art freies Geſinyel, nicht wirklich freie Männer werden. Und bei der Unwiſſenheit und nfähigkeit, welche die Sklaverei erzeugt, und den Vorurtheilen und Hin erniſſen, denen ſie in den freien Staaten begegnen würden, und die in mancher Beziehung heftiger und drückender ſind als bei uns, wäre es faft eine Sünde, ſie in den Norden zu ſenden und dort ihrem Schickſale/ überlaſſen. Ich gedenke daher, um ihnen Ausſichten in die Zukunft z eröffnen und damit ſie dem Emaneipations⸗ plan keine Schande machen,/mit ihnen zu gehen und der Führer und Grün⸗ der der Kolonie zu werden Dies iſt das Werk, welches ich im Sinne habe. Ich lebe wie Sie ſehen, mn ledigem Stande, und gedenke mich auch nicht zu verheirathen, ſo lang/ ich in einem Sklavenſtaate wohne. Ich habe ſo ſchon Leute genug, für Fie ich ſorgen muß.“ Wie ſtrahlte Mr. Maſon's Geſicht von Begeiſterung und edlem Selbſt⸗ —— ——· 2 Sce S e Sd S=Wernskauzc Vhac — ls ich Mr. Maſon's gaftliches Haus, in d eerzig waren ſeine Plaͤne und Ab⸗ Chriſt und Menſchenfreund. Wenige „ um das ſüdliche Sodom vom Unter⸗ gange zu retten und das Gyab der Freiheit, den Schandfleck der Civiliſa⸗ tion und der Chriſtenheit nn hein Land der Freude, der Gerechtigkeit, des Segens und der Hoffnuflg zu verwandeln! . h, X en— u, Mia r Kapitel. 2 em ihre lahmen, blinden und ſchwindſüchtigen Gaule aufzuhaͤngen. Es gelang mir jedoch mit Hilfe meines Freundes des Yankee⸗Poſtillons, der ſich als ein trefflicher Pferdekenner erwies und der mir, um den Umſtand zu er⸗ klären, daß mir ſo viele unbrauchbare Thiere angeboten wurden, heimlich zuflüſterte, daß die Leute im Süden ihre Pferde faſt eben ſo ſchlecht behan⸗ delten, wie ihre Nigger— ein ganz gutes Pferd zu acquiriren, und nach⸗ dem ich einige Hemden und andere Reiſebedürfniſſe in meinen Koffer ge⸗ packt hatte, brach ich wieder auf. Nachdem ich einige Tage lang, ohne auf etwas Bemerkenswerthes zu ſtoßen, geritten war, kam ich in die Gegend von Camden, und als ich mich auf der Straße umſah, erkannte ich ſogleich die kleine Schenke, in welche Thomas und ich als Gefangene gebracht worden waren und aus der wir mit Hilfe des blauäugigen kleinen Mädchens entkommen waren, mit den Schätzen Aegyptens, in Geſtalt der Kleider und des Geldes unſerer Ein⸗ fänger. Wenn der Geiſt ſo aufgeregt iſt, wie damals der meine durch die Ereigniſſe jener für mich ſo wichtigen Flucht, präͤgen ſich alle Umgebungen und Nebenumſtaͤnde dem Gedächtniſſe wunderbar lief ein. Ich konnte mich genau der Straße, auf welcher wir, an die Sättel der Sklavenhaͤſcher ge⸗ bunden, fortgeſchleppt worden waren, ſowie des kleinen Wirthshauſes ent⸗ iinnen, und ich hatte es kaum wieder geſehen, als ich es auch ſofort erkannte. Allerbings war die Schwierigkeit dabei nicht groß, da ich auf meiner gan⸗ zen Reiſe zu Pferde kein einziges neues Haus geſehen hatte und die Haͤuſer überhaupt nicht ſo häufig waren, daß ſie mir das Gedäͤchtniß hätten ver⸗ wirren können. Zwanzig Jahre hatten in dieſer Gegend nur eine ſehr geringe Veränderung hervorgebracht. Da das Haus immer noch den Ld Mu 1 187 äußeren Anſchein eines Wirthshauſes oder wenigſtens einer Branntweinſchenke beſaß, ſo beſchloß ich hier einzukehren, um das Terrain zu recognosciren. Ein kräftiger und recht hübſcher Junge von zwölf bis vierzehn Jahren, der weder Mutze noch Schuhe, ſondern nur ein ſchmutziges Hemd, und zer⸗ lumpte Beinkleider trug, welche ihm viel zu groß waren und die wahr⸗ ſcheinlich ſeinem Vater gehört hatten, nahm mein Pferd in Empfang, als ich an der Thür abſtieg, und verſprach mir, es mit Waſſer und Mais zu verſorgen. dem erſten Zimmer, welches als Küche, Schenk⸗, Speiſe⸗ und Schlaf⸗ zimmer für die Familie diente, während das andere zum Gebrauch für Gäſte beſtimmt war, ſaß eine alte Frau am Fenſter, wo ſie einen groben hausleinenen Stoff webte. Zwei kleine Kinder, die auf dem Boden ſpielten, nannten ſie Großmutter. Sie war ohne Zweifel einſt die Hausfrau ge⸗ weſen, ſchien aber jetzt die unmittelbare Beſorgung der Wirthſchaft einem jüngeren Frauenzimmer abgetreten zu haben, welches wahrſcheinlich ihre Tochter war, da die Kinder, welche die Alte Großmutter nannten, der jüngeren den Muttertitel gaben. Sie ſtand an einem Tiſche und knetete den Teig zu Maiskuchen. Sie war ſehr ärmlich gekleidet und trug weder Schuhe noch Strümpfe, aber ihr Geſicht hatte einen Ausdruck großer Gut⸗ müthigkeit und das ſanfte, blaue Auge verrieth ein weiches Gemüth, das nie einen Menſchen in Noth ſehen konnte, ohne Alles, was in ihren Kräften ſtand, zur Linderung derſelben zu thun. Nachdem ich mit den Weibern ein Gefpräͤch über die Ernteausſichten, das Wetter und dergleichen ange⸗ knüpft und mir etwas zu eſſen beſtellt hatte, fragte ich wie zufällig, ob ſie ſchon lange hier wohnten. 2O ja wohl,“ ſagte die Alte am Webſtuhle.„Meine Suſy dort, die, wie Sie ſehen, ſchon kleine Familie hat, iſt in dieſem Hauſe geboren, und außer dieſer noch drei oder vier ältere Kinder und eben ſo viel jüngere; aber die ſind jetzt alle fort und nur ſie iſt bei ihrer alten Mutter geblieben.“ „Doch hoffentlich nicht todt?“ fragte ich in theilnehmendem Tone. „O nein, nicht todt; für mich aber ſo gut wie todt. Sie ſind Alle fort— Alle weggezogen, Einige nach Florida, Andere nach Alabama, und noch Andere nach Texas, und ich werde ſchwerlich wieder etwas von ihnen hören.“ Hier ſtieß ſie einen tiefen Seufzer aus. „Erhalten Sie aber nicht mitunter einen Brief?“ „Einen Brief?“ ſagte die Alte mit einem Kopfſchütteln, welches mir bewies, daß ſie wenig von dem ſanften Weſen ihrer Tochter haben konnte; neinen Brief? Denken Sie etwa, daß meine Söhne und Töchter ſchreiben oder leſen können? Die armen Leute hier in Karolina haben keine Gelegen⸗ heit, etwas zu lernen. Wir haben keine Schulen und auch kein Geld, um die Lehrer zu bezahlen. Deshalb ſind ſie Alle fortgezogen, um anders⸗ wo ihr Brod zu verdienen. Nur Suſy kann leſen, wie Sie wohl ſchon heöünt haben werden; aber wiſſen Sie, wie ſie dazu gekommen ſt? Als e noch ein kleines Maͤdchen war, kehrte einmal ein Yankeekraͤmer in un⸗ ſerm Hauſe ein— er fuhr in einem Einſpänner und haufirte mit hoͤlzernen Wanduhren,— dort iſt noch eine davon!“ und ſie deutete nach der Ecke, in welcher die Uhr hing;„aber ſie geht ſchon ſeit zehn Jahren nicht mehr. Außerdem handelte er auch mit Naͤh⸗ und Stecknadeln, Blechwaaren und dergleichen Dingen. Die meiſten Yankeekraͤmer ſind aber ganz abſcheuliche Betrüger!“ fügte die Alte hinzu, indem ſie ihre Arbeit ruhen ließ und beide Hände erhob.„Das iſt eine von den Urſachen, weshalb unſre Leute alle 189 mehr, daß ich ſowohl den Willen, als auch Mittel beſitze, ihr einen Beweis meiner dankbaren Erkenntlichkeit zu geben. Als ich mir nach dieſer Verſicherung die Freiheit nahm, mich ein wenig nach ihren häuslichen Angelegenheiten zu erkundigen, erfuhr ich hauptſächlich von der Alten, die es ſich nicht nehmen ließ, ſo ziemlich allein das Wort zu führen, daß ihr Mann zwar ein ganz guter Menſch aber leichtſinnig und träge ſei, und daß die Sorge für den Unterhalt der Familie faſt ganz auf den Schultern der Frauen laſte. Der Mann wuͤnſchte auszuwandern, aber die Alte hatte in Folge einer großen Anhänglichkeit an ihre Heimath, die ich bei dieſer Klaſſe der Amerikaner ſehr ſelten ge⸗ funden habe, keine Luſt zu gehen, und die Tochter wollte nicht ohne die Mutter fort. Es ſchien der ſehnlichſte Wunſch der Tochter zu ſein, ihren älteſten Sohn Tom in die Schule zu ſchicken. Sie hatte ihm bereits Alles gelehrt, was ſie ſelbſt wußte, und er wurde hereingerufen, um ein Proͤbchen von ſeiner Gelehrſamkeit zu geben, indem er ein Kapitel aus der Bibel des Krämers vorlas, welche die gute Mutter aus einem Schränkchen holte und die, ſorgfältig in ein Tuch gewickelt, offenbar als ein theurer Schatz aufbewahrt wurde. Ich erfuhr, daß ſich in der Gegend eine ſogenannte Handwerkerſchule befand, welche vor Kurzem die Methodiſten errichtet hatten, eine religiöſe Sekte, von der die Mutter des Knaben ein ſehr eifriges Mitglied war. Dieſe Schule war hauptſächlich zum Unterricht für Unbemittelte beſtimmt, welche taͤglich einige Stunden arbeiteten und auf dieſe Art neben ihren Schulkenntniſſen ein Handwerk erlernten und zugleich die Koſten des Unterrichts theilweiſe abtrugen. Dieſe beliefen ſich, einſchließlich Koſt und Wohnung, ohne jene Verminderung, auf nicht mehr als hundert Dollars jährlich. Obgleich aber meine ehemalige Retterin, wie ſie mir ſagte, durch große Sparſamkeit ſiebenunddreißig Dollars erübrigt hatte, ſo wußte ſie doch nicht, woher ſie das noch Fehlende nehmen ſollte— und ſie wünſchte den Knaben doch wenigſtens ein Jahr in die Schule zu ſchicken; überdies würden ihre ganzen gegenwartigen Erſparniſſe nöthig ſein, um ihn mit Büchern, Kleidern und andern Schulbedürfniſſen zu verſehen. Ich ſagte der guten Frau, daß ſie ſich deshalb keine Sorgen zu machen brauche; und nachdem ſich der Knabe gewaſchen und angekleidet und einen der Familie gehörigen ſtruppigen Pony geſattelt hatte, machten wir uns noch denſelben Nachmittag auf den Weg, um die nicht weit entfernte Schule zu beſuchen. 4 Der Gründer und erſte Lehrer derſelben, welcher früher ein reiſender Prediger der methodiſtiſchen Kirche geweſen war, der ſich aber jetzt dieſem neuen Berufe ausſchließlich gewidmet hatte, ſtammte aus dem Norden. Er war von Haus aus gelernter Schuhmacher, hatte aber, einem inneren Drange folgend, ſein urſprüngliches Gewerbe aufgegeben und ſich nach langen Irrfahrten als reiſender Methodiſtenprediger in Süd⸗Karolina niedergelaſſen. Der gute Mann beſaß zwar nicht viel Kenntniſſe und Bildung, dafür aber deſto mehr Eifer und Begeiſterung für das körperliche und geiſtige Wohl ſeiner Nebenmenſchen. Ich freute mich im Ganzen, daß mein junger Schützling in ſo gute Hände kam. Ich bezahlte ſeine Koſt und ſeinen Schulunterricht auf ein Jahr und für den Fall, daß es für noͤthig gehalten werden ſollte, ihn noch ein zweites Jahr in der Schule zu laſſen, hinterließ ich dem Lehrer eine Anweiſung auf den Kaufmann in Charleston, an den ich Kreditbriefe hatte. Ueberdies erſuchte ich ihn, ——. mir brieflich durch denſelben Kaufmann Nachrichten über die Fortſchritte und die Aufführung des Knaben zukommen zu laſſen, und verſprach, noch mehr fur ihn zu thun, wenn er ſich durch Fleiß und gutes Betragen auszeichnete. Nachdem ich ihm Geld genug zu ſeiner Ausſtattung gegeben atte, ſchickte ich ihn wieder nach Hauſe und wendete mein Pferd gegen harleston, um meinen Weg ſo viel als möglich in der allgemeinen Richtung meiner bisherigen Reiſe durch jene Gegend fortzuſetzen. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Als ich mich der Gegend von Looſahachee zu nähern begann, bemerkte ich in einiger Entfernung auf der Landſtraße eine Gruppe von Reitern, welche ich, da ſie ſehr langſam ritten, bald einholte. Der kleine Trupp ge⸗ währte einen ſonderbaren Anblick. Es waren zwölf bis funfzehn wild ausſehende Weiße, auf Pferden von ſehr verſchiedener Qualität, mit Büchſen, Piſtolen und Bowiemeſſern bewaffnet, und die Kleider mit halb trockenem Schlamm bedeckt, als ob ſie von einer Jagd aus den Suͤmpfen kämen. Ein Neger, welcher ihnen zu Fuß folgte, und neben welchem ein andrer, bis an die Zähne bewaffneter Weißer ritt, der beſtändig ein ſcharfes Auge auf ihn hatte, führte vier bis fünf grimmig ausſehende Hunde, die ich leicht als der Race angehörend erkannte, welche zur Jagd auf entlaufene Sklaven abgerichtet zu werden pflegte. Die intereſſanteſten Gegenſtände aber, auf welche auch die wilden und triumphirenden Blicke der Reiter vorzugsweiſe ge⸗ richtet zu ſein ſchienen, befanden ſich beinahe in der Mitte der Gruppe, ein wenig nach vorn. Hier bemerkte ich den anſcheinend lebloſen Körper eines Weißen, deſſen bleiche Zuüge noch ein Ausdruck grimmiger Wuth hatten, welcher einen ſeltſamen Kontraſt mit ihrer leichenhaften Bläſſe bildete. Die augen⸗ ſcheinlich bei einem unlängſt ſtattgefundenen Kampfe zerriſſenen und beſchmutzten Kleider waren mit Blut befleckt, welches immer noch aus einer tödtlichen Bruſtwunde zu ſickern ſchien. Der Körper war auf ein Pferd gebunden, welches ein Neger führte, deſſen ſtumpfe Züge, auf denen ich jedoch einen Schimmer von unterdrückter Freude zu erkennen glaubte, ebenſo wie die des Schwarzen, welcher die Hunde führte, mit den wilden und grimmigen Mienen der Weißen auffallend eontraſtirten.„ Neben der Leiche ritt ein verwundeter, blutender und offenbar gefan⸗ gener Neger, dem die Füße unter dem Leibe des Pferdes und die Hände auf dem Rücken zuſammengebunden waren. Er war ein Mann von ath⸗ letiſcher Geſtalt, dem Greiſenalter nahe, mit einem ungeheuern buſchigen Barte, augenſcheinlich durch ſeine Wunden geſchwächt und beinahe ohn⸗ mächtig, ſo daß er ſich nur mit großer Mühe aufrecht erhielt. Aber trotz ſeiner Schwäche und Gefangenſchaft, trotz der grimmigen Blicke und Flüche, welche die Häſcher ihm zuwarfen, ſprach aus ſeinem Geſicht eine ſtolze Ver⸗ achtung der Trotz eines Mannes, welcher lange an die Freiheit gewöhnt war. Außerdem befand ſich bei der Truppe noch ein Gefangener, der zu Fuße ging; er war mit einem um den Hals befeſtigten Stricke an den Sattel des einen Weißen gebunden, von hellerer Farbe als der berittene Gefangene, barfuß und barhaupt wie Jener, und ſehr dürftig gekleidet. Er ſchien nicht verwundet zu ſein, aber ſein Rücken war blutig und zer⸗ fleiſcht, als ob er vor Kurzem erſt eine ſtrenge Züchtigung erlitten hätte, und ſeine wehmüthigen, flehenden Blicke machten die muͤrriſche, trotzige Miene ſeines reitenden Mitgefangenen nur noch auffallender. 191 Ich näherte mich dem berittenen Aufſeher der Hunde, welcher den ſon⸗ erbaren Zug beſchloß, und fragte ihn was vorgefallen ſei. Aus ſeinem Benehmen und ſeiner Sprache erſah ich, daß er, trotz der rohen Geſellſchaft, in der ich ihn fand, ein ziemlich gebildeter Mann war. Ich erfuhr bald, daß er der Beſitzer einer benachbarten Pflanzung war und mit einigen ſeiner Freunde und Nachbarn nebſt mehreren Gehilfen, die Zwecke gedungen, eine große Sklavenjagd unternommen hatte. den ſie bei ſich hatten, war ſein eigner Aufſeher. er 30 e em ſer Todte, 8 Dieſer Aufſeher war, wie er mir erzahlte, ein ſehr kluger, energiſcher Mann, ein Yankee, der dieſe Gegend zuerſt als Haufirer beſuch t hatte, nach⸗ her aber Schulmeiſter und dann Auſſeher geworden war. Man war all⸗ gemein der Anſicht, daß die Yankeeaufſeher die größte Quantität Arbeit von den Sklaven erpreßten, und da der Pflanzer etwas verſchuldet war, atte er ihn zu dieſem Behufe angeſtellt. Aber Jonathan Snapdragon— 1 hieß er— war in ſeinem Beſtreben, den Ruf der Provinz, aus welcher er kam, aufrecht zu erhalten, ein wenig zu weit gegangen. Der Preis der Baumwolle war ungewöhnlich hoch, und in der Hoffnung, eine reiche Ernte zu erzielen, hatte er beſchloſſen, jeden Sklaven ein paar Acker mehr als es bisher uͤblich geweſen war, bearbeiten zu laſſen. Die Sache wurde dadurch noch ſchlimmer, daß die Getreideernte, welche in jenem ganzen Theile des Landes ſchon im vergangenen Jahre einen geringen Ertrag geliefert hatte, abermals ſchlecht ausfiel, ſo daß es nothwendig wurde, den Leuten bei ihrer ſchweren Arbeit nur halbe Rationen zu geben. Mittelſt eines ziemlich frei⸗ gebigen Gebrauches der Peitſche, in welchem der Dankeraufſeher ähr geübt war und an dem er eine wahre Freude zu finden ſchien, war Alles nach Wunſch gegangen, bis zu der Zeit, wo es von einer drei⸗ bis vierwöchent⸗ lichen angeſtrengten Arbeit abhing, ob das Unkraut oder die Baumwolle die Oberhand behalten ſollte. Gerade in dieſer Zeit, wo man alle Hände am nöͤthigſten bedurfte, hatten ſich die beſten männlichen Arbeiter vor einigen Tagen ſchmählicher Weiſe in den Wald geflüchtet und dem Aufſeher die Sorge überlaſſen, mit den Weibern, Kindern und Kranken gegen das Unkraut anzukämpfen. „Und das zu einer Zeit,“ ſagte der geſpraͤchige Pſlanzer mit einer trüb⸗ ſeligen Miene, als ob er meiner Theilnahme gewiß wäre,„während das Pfund Baumwolle mit ſechzehn Cents bezahlt wurde und nach der Ernte⸗ noch höher zu ſteigen verſprach!“ Seit vielen Jahren, erzählte mir nun der Pflanzer, zwanzig oder noch mehr, hatte ſich in dieſer Gegend zum gro des ganzen Landes ein entlaufener Neger umhergetrieben, den „wilden Tom“ zu nennen pflegte. Man glaubte, daß er dem vielleicht ſeit ßen Aergerniß⸗ das Volk den alten General Carter, einem reichen Pflanzer in Charleston, gehoͤre, welcher ſchon längſt Demjenigen, der ihn todt oder lebend einbringen würde, eine Belohnung von tauſend Dollars verſprochen hatte. Man ſagte, daß e hachee, einer Reispflanzung des Generals Carter, entlaufen er den Auſſeher in einem Streite wegen der Auspeitſchung r von Looſa⸗ ſei, nachdem ſeiner Frau getödtet hatte, und Feuersbruͤnſte in den mit großen Koſten angelegten Reismuhlen von Looſahachee, welche ſich in den letzten zwanzig Jahren nicht weniger als fünf bis ſechsmal wiederholt hatten, wurden allgemein ſeiner ſchlauen Bosheit und Nachſucht zugeſchrieben. CEs waren zu verſchiedenen Zeiten große Anſtrengungen, um dieſen ge⸗ fährlichen Verbrecher einzufangen, gemacht und eine Menge ſinnreicher Plaͤne 192 entworfen worden, um ihn in eine Falle zu locken, aber hisher immer ohne Erfolg, und mehrere Perſonen, welche ihn angegriffen, hatten ſchwere Ver⸗ wundungen davongetragen. Er mußte in der Umgegend verſchiedene Schlupf⸗ winkel haben, die er je nach Umſtänden wechſelte, wodurch es ihm gelang, alle Nachſtellungen zu vereiteln. Zuweilen verſchwand er nach einem gro⸗ ßen Treibjagen auf mehrere Monate und ſelbſt auf einige Jahre, erſchien aber immer wieder, wenn man ihn am wenigſten erwartete und wo er am wenigſten willkommen war. Hätte er ſich blos auf die Entwendung der für ihn und ſeine Bande nothwendigen Lebensmittel beſchränkt, ſo würde die Sache nicht viel zu bedeuten gehabt haben; aber man glaubte, daß er unter der Hand mit faſt allen Pflanzungen der Umgegend in Verbindung ſtand, die Sklaven zum Ungehorſam aufreizte und den Flüchtlingen Vor⸗ ſchub leiſtete. Dieſer wilde Tom war vor Kurzem in der Gegend geſehen worden und man vermuthete, daß die letzte maſſenhafte Entweichung von Sklaven nicht ohne ſeinen Beiſtand und ſeine Hilfe ſtattgefunden haben könne. Man hielt es für weit leichter, ihn zu finden und gefangen zu nehmen, während er zwölf bis zwanzig ungeübte Neulinge auf dem Halſe hatte, als wenn er allein oder, wie man allgemein glaubte— denn Alles, was von ihm ge⸗ ſagt wurde, war mehr Vermuthung als Gewißheit— nur von einigen ver⸗ trauten, erprobten und erfahrenen Genoſſen begleitet war. 3 4 Für meinen neuen Bekannten, den Pflanzer, von dem ich dieſe Mit⸗ theilungen erhielt, welche mich, ſeitdem er den„wilden Tom“ erwähnt hatte, in hohem Grade intereſſirten, war die Wiedererlangung ſeiner Leute in pe⸗ kuniärer Hinſicht faſt eine Lebensfrage, da er, wenn er ihrer nicht habhaft werden konnte, die Häͤlfte oder noch mehr von ſeiner Ernte im Stiche laſſen mußte,„und das zu einer Zeit, wo das Pfund Baumwolle ſechzehn Cents koſtete und noch höher zu ſteigen verſprach;“— denn gemiethete freie Ar⸗ beiter waren in dieſer Gegend etwas ganz Unbekanntes, und man konnte zu dieſer Jahreszeit nicht einmal Sklaven miethen, da Jeder mit dem Un⸗ kraute zu kämpfen hatte und die gewöhnlichen Arbeitskräfte auf faſt allen Pflanzungen durch die Abweſenheit einer Anzahl unverbeſſerlicher Burſchen vermindert wurde, die es ſich zur Regel machen, gerade zu dieſer Jahreszeit zu entweichen, um im Walde Sommerferien zu Palten, und die ſich lieber der ſtrengſten Strafe ausſetzen, als daß ſie zur Erntezeit verſäumten, ſich auf einige Wochen in den Wäldern müßig herumzutreiben. Sie glichen in dieſem Punkte ſehr vielen Herren, welche beim Herannahen der Hitze und der ungeſunden Jahreszeit ihre Pflanzungen zu verlaſſen pflegten, um in Philadelphia, New⸗York oder Saratoga einige Wochen lang zum Erſtaunen der bewundernden und neugierigen Yankees, die Rolle von Millionaͤren und Nabobs zu ſpielen, während ſie dafür zu Hauſe büßen mußten, indem ſie ſich das ganze übrige Jahr hindurch ſelbſt das Nothwendigſte verſagten und in faſt eben ſo großer Furcht vor Gläubigern und Auspfändungen lebten, wie ihre armen Sklaven vor der Peitſche. In dieſer Verlegenheit hatte mein neuer Bekannter daher eine große Belohnung auf das Einfangen ſeiner Leute ausgeſetzt, zu welcher noch der Preis für den wilden Tom kam und über ijes waren noch andere Belohnungen für das Einbringen ent⸗ laufener Sklaven von anderen Pflanzungen in der Nachbarſchaft verſprochen worden welche dieſes Jahr wegen der kargen Maisrationen und der größeren Arbeitslaſt, die ihnen in Folge des hohen Marktpreiſes der Baumwolle auf⸗ gebürdet wurde, weit zahlreicher als gewöhnlich waren. 8 193 Man hatte daher eine große Jagd veranſtaltet und in Kurzem eine Geſellſchaft von beinahe hundert Mann zuſammengebracht, die aus wohlbe⸗ waffneten Pflanzern, Aufſehern, armen Weißen und vier bis fünf Sklaven⸗ fängern von Profeſſion, nebſt einer zahlreichen Meute gut abgerichteter Hunde beſtand und ſich anſchickte, die benachbarten Sümpfe zu durchſuchen, in denen ſich die entlaufenen Sklaven bei Tage zu verſtecken pflegten, wäh⸗ rend ſie des Nachts herauskamen, um Vieh und andere Lebensmittel zu ſtehlen und mit ihren zurückgebliebenen Weibern und Freunden zu verkehren. Das Jahr war für dieſe Operationen ſehr günſtig, da eine ungewöhnlich lange Duͤrre die Sümpfe zum großen Theil ausgetrocknet und ſte weit zu⸗ gänglicher als ſonſt gemacht hatte. Die ganze Geſellſchaft war demnach in fünf bis ſechs Trupps getheilt worden, von denen jede für ſich operiren ſollte und mit einer beſonderen Meute verſehen war. Einer dieſer Jagdgeſellſchaften war ich zufällig be⸗ egnet. Mein Berichterſtatter konnte mir nicht ſagen, welcher Erfolg den uͤbrigen Abtheilungen geworden war; was ich vor mir ſah, ließ jedoch ver⸗ muthen, daß ihre Bemühungen im allgemeinen eben nicht den glänzendſten Erfolg gehabt hatten. Dieſe Geſellſchaft hatte einen Sumpf von nicht großem Umfange durch⸗ ſucht, der wegen ſeines ungewöhnlich tiefen Schlammes und Waſſers ſehr unzugänglich war und in deſſen Mitte eine kleine Inſel lag, die man für einen Lieblingsverſteck des wilden Tom hielt und deren Zugänge er, wie man glaubte, beſſer als irgend ein Anderer kannte. Eine halbe Meile von dem Sumpfe hatten die Hunde den hellerfarbigen Gefangenen aufgejagt, der ſich in der Hoffnung, den Blicken der Jäͤger zu entgehen, im hohen Graſe verſteckt hatte. Da die Geſellſchaft ganz in der Nähe war, wurden die Hunde verhindert, ihn zu zerreißen und er ohne lühe zum Gefangenen gemacht. Der Schlamm an ſeinen Füßen und Beinen und ſeine durchnäßten ſpärlichen Kleidungsſtuͤcke waren ziemlich ſichere Kennzeichen, daß er vor Kurzem erſt die Sumpfinſel verlaſſen hatte, deren Aufſuchung der Hauptzweck der Jäger war. Man ſagte ihm dies auf den Kopf zu, aber er ſtellte ſich, als ob er weder von einer ſolchen Inſel, noch von einem in der Nähe befindlichen Sumpfe etwas wüßte. Auf die Frage, woher er komme und wem er gehöre, geſtand er, daß er von einer Reispflanzung entlaufen und vor Kurzem erſt in dieſe Gegend gekommen ſei, welche er durchaus nicht zu kennen vorgab, indem er behaupkete, daß er dem Hungertode nahe ſei und ſeit acht Tagen kaum einen Biſſen gegeſſen habe— eine Behauptung, welche ſeine vollen Wangen und ſeine wohlge⸗ nährte Geſtalt Lügen ſtraften. Er geſtand, ſchon von dem wilden Tom, welcher allerdings in den Legenden der Weißen wie der Neger jener ganzen Gegend eine große Rolle ſpielte, gehört zu haben, leugnete aber auf das Beſtimmteſte, daß er ihn je geſehen und überhaupt von anderen entlaufenen Sklaven etwas wiſſe.. Ddieſe Verſicherungen befriedigten jedoch ſeine Einfaͤnger nicht, und um ihn zum Geſtändniß zu bringen, wurde er angebunden und bis zur Ohn⸗ macht gepeitſcht; aber obgleich er um Gnade ſlehte, blieb er doch hartnäckig 3 ſeiner erſten Ausſage und betheuerte, daß er nichts weiter geſtehen önne. 3 Da dieſes Mittel nicht den gewünſchten Erfolg hatte, ſtellte man ihn auf einen umgeſtürzten Baumſtamm, legte ihm einen Strick um den Hals, befeſtigte denſelben an einem Aſte über ihm und bedrohte ihn mit augen⸗ Der weiße Sklave. 13 * 194 blicklichem Aufhäͤngen, wenn er nicht bekenne. Er beharrte jedoch in ſeinem Stillſchweigen. Jetzt ſtieß man ihn von dem Baumſtamme und ließ ihn ſo lange Haͤngen bis er ſchwarz im Geſicht wurde. Hierauf wurde er wie⸗ der auf den Stamm geſtellt, der Strick gelockert, und er ſelbſt von einigen Sklaven gehalten. Nach und nach erholte er ſich wieder und als er zur Beſinnung gekommen war, erpreßte ihm die Todesangſt oder die Verwirrung ſeiner Gedanken endlich das Geſtändniß, daß er ſo eben von der Sumpf⸗ inſel komme und daß man den wilden Tom dort finden werde; jede Be⸗ kanntſchaft mit anderen entlaufenen Sklaven aber leugnete er und ſagte, daß auch der wilde Tom keinen Menſchen bei ſich habe. Die Ausſicht, dieſen berüchtigten Verbrecher zu fangen, der dadurch zu erntende Ruhm und der dem Gemeinwohl zu leiſtende Dienſt— der Be⸗ lohnung von tauſend Dollars nicht zu gedenken,— erregte unter der Geſell⸗ ſchaft große Senſation, obgleich Niemand rechte Luſt zu der Expedition hatte, bis man durch weitere Fragen von dem Gefangenen erfahren hatte, daß der ſo ſehr Gefürchtete weder eine Büchſe noch Piſtolen, noch irgend eine andre Feuerwaffe, ſondern nur ein Meſſer bei ſich habe. So erzählte mir wenigſtens der Pflanzer, indem er ſeine Stimme ſenkte und einen ſpöttiſchen, von einem bedeutſamen Lächeln begleiteten Blick auf einige von den am grimmigſten ausſehenden Sklavenjägern warf, beſonders auf einen, der von Zeit zu Zeit den berittenen Gefangenen mit wüthender Miene an⸗ ſtarrte und ſich nur ſchwer in den Schranken der Mäßigung halten zu können ſchien. Um ſo ſicher als möglich zu gehen, wurden acht bis zehn Mann ausgeſendet, um mit allen Hunden, bis auf einen, zu Pferde am Rande des Sumpfes zu patrouilliren, während fünf bis ſechs von den Kräftigſten und Entſchloſſenſten in das Innere vordringen und die Inſelfeſtung er⸗ ſtürmen wollten. Der Gefangene, mit dem Strick um den Hals, deſſen anderes Ende einem von den ſtärkſten Maͤnnern der Geſellſchaft um den Leib gebunden war, wurde aufgefordert, als Führer zu dienen und, ob⸗ gleich er betheuerte, daß er nichts Näheres von den Zugängen der Inſel wiſſe, mit augenblicklichem Tode bedroht, wenn er die Jäger nicht ſchnell und ſicher hinuͤber geleite. Er führte ſie jedoch entweder aus Unwiſſenheit oder abſichtlich in ſehr tiefes Waſſer, das ihnen an manchen Stellen bis an den Hals ging, ſo daß ſie ihre Büchſen und Pulverhörner über den Kopf halten mußten, und trotz aller Anſtrengungen, ihn ruhig zu erhalten, rief er, als man ſich der Inſel näherte, aus voller Kehle, welchen Weg man zu nehmen habe, augenſcheinlich in der Abſicht, ſeinen Verbündeten durch dieſes Alarmſignal aufmerkſam zu machen. In der That hatte dieſer, ehe die Geſellſchaft die Inſel erreicht, ihre Annäherung bemerkt und war auf der andern Seite in's Waſſer geſprungen. Er war ſchon eine bedeutende Strecke weit gekommen, ehe man ihn bemerkte, und da er ſich hinter die großen Bäume des Sumpfes verkroch, blieben mehrere auf ihn abgefeuerte Buͤchſenſchuͤſſe ohne Wirkung. Die Uebrigen ſprangen in's Waſſer, um ihn weiter zu verfolgen, während der Flüchtling durch die drohende Gefahr angeſpornt, durch Schlamm und Waſſer watete, bis er das feſte Land jen⸗ ſeit des Sumpfes erreicht hatte. Hier wartete ſeiner aber eine neue Gefahr, indem er von einem der am Ufer patrouillirenden Späher geſehen wurde. Als er wie ein Hirſch durch den Tannenwald lief, bekam er einen Streif⸗ ſchuß in die Seite, der ihn zwar nicht niederſtreckte, aber doch die Schnel⸗ ligkeit ſeiner Flucht bedeutend hemmte. Bald waren ihm mehrere Reiter 195 auf den Ferſen. Snapdragon, der Aufſeher, welcher die Jagd anfuͤhrte, holte den fliehenden Neger bald ein, ſprang, nachdem er ihm umſonſt zu⸗ gerufen, er ſolle ſich ergeben, und nachdem er ſeine Piſtolen ohne bedeu⸗ tende Wirkung abgefeuert hatte, vom Pferde und verſuchte ſich ſeiner zu bemächtigen. Snapdragon war ein ſtarker Mann, aber er hatte jetzt Einen gefunden, der ihm gewachſen war. Der wilde Tom, wenn es wirklich dieſer war, erfaßte trotz ſeiner Erſchöpfung und ſeinen Wunden den Angreifer, und während ſie auf dem Boden mit einander rangen, fand das Meſſer des Negers bald einen Weg zu dem Herzen des Aufſehers. Schon waren aber die Hunde und die übrigen Verfolger herangekommen, und ehe er ſich von der Leiche losmachen konnte, war er von allen Seiten umringt und gebunden. Bald hatte ſich die ganze Geſellſchaft um ihn verſammelt, und einige von den Ungeſtümſten ſchlugen vor, den todten Aufſeher dadurch zu rächen, daß ſie den Gefangenen auf der Stelle tödteten; aber das Vergnügen und der Ruhm, mit ihrem Fange zu paradiren, und die Nothwendigkeit, ſeine Identität mit dem entlaufenen Sklaven des Generals Carter feſtzuſtellen, wenn ſie die verſprochene Belohnung erlangen wollten, hatte dieſes ſum⸗ mariſche Verfahren verhindert, und es war beſchloſſen worden, nach dem Dorfe zu eilen, welches der Sitz des Bezirksgerichts war, um die Gefange⸗ nen dort in's Gefängniß werfen zu laſſen. 3 Wir waren bereits in der Nähe des Gerichtsortes der Grafſchaft, ein ziemlich bedeutendes Dorf, aus dem uns, als ob man unſere Ankunft er⸗ wartet hätte, eine Menſchenmenge von allen Farben— weiß, braun und ſchwarz— von jedem Alter— von kleinen Kindern, die kaum allein gehen konnten, bis zu alten Negern mit ſchneeweißen Haaren, die ſchon am Stabe gehen mußten— und von faſt jeder Varietät der Kleidung— von gutgekleideten und berittenen Pflanzern, bis zu völlig nackten ſchreienden und jubelnden Negerknaben, die ſtatt der Pferde auf Stöcken ritten, ent⸗ gegenſtrömten. CEs herrſchte eine ungewöhnliche Bewegung in dem Dorfe Eglinton, denn es waren ſchon drei oder vier andere Abtheilungen der großen Jagd mit eingefangenen Sklaven daſelbſt angelangt. Als wir das Gefaͤngniß erreichten, ein kleines erbärmliches Ziegelgebäude, das ein einziges Zimmer von zehn bis zwölf Fuß im Gevierte, mit einem einzigen kleinen Gitter⸗ fenſter enthielt, aus welchem ſchon in bedeutender Entfernung wahrnehm⸗ barer Dampf und Geſtank hervordrang— fanden wir es mit theilweiſe ſchwer verwundeten eingefangenen Negern angefüllt, die rückſichtslos in dieſes finſtre Loch geworfen worden waren und unter denen ſich auch zwei des Diebſtahls angeklagte weiße Frauenzimmer befanden. Hier ſollten die Sklaven in Gewahrſam bleiben, bis ihre Herren, die für ihre Auslieferung verſprochene Belohnung nebſt gewiſſen Sporteln und Koſten, die das Geſetz in ſolchen Fällen erlaubt, bezahlt haben wuͤrden. Zur Erquickung nach ihren Strapazen und zur Feier ihres Sieges hatten ſich die glücklichen Menſchenjäger reichlich an Pfirſichbranntwein und Whiskey gelabt, und der in die Schenke gebrachte und auf den Tiſch gelegte Leichnam des Aufſehers reizte Alle, die ihn ſahen, zu einer heftigen Wuth. Da es durchaus unmöglich war, noch mehr Gefangene in dem engen Raum unterzubringen, wurden die von der Geſellſchaft, welcher ich mich angeſchloſſen hatte, eingebrachten Sklaven an Händen und Fußen gefeſſelt und mit ſchweren Ketten an di Ciſenſtäbe des Gitterfenſters geſchloſſen. 132. er ſich von mir ab das momentane Aufleuchten freudiger Ueberraſchung, 196 Ich konnte nur mit der größten Anſtrengung meine Gefühle bekämpfen, als ich mich durch die verſammelte Menge von Schwarzen und Weißen drängte, um den Gefangenen, welcher für den wilden Tom gehalten wurde, näher zu betrachten. Er hatte ſich ſehr verändert, aber dennoch erkannte ich die mir unvergeßlichen Züge meines alten Freundes und Gefährten. Ich hatte es erwartet, aber welch' ein unermeßlicher Schmerz ergriff mich, als ich meine Vermuthung beſtätigt fand! Ich mußte mich indeſſen be⸗ zwingen, und ich that es. Ich ſprach einige Worte mit ihm, und durch den Ausdruck meiner Stimme und meines Blicks überzeugt, daß ich Theil⸗ nahme für ihn fühlte, legte er die Miene ſtolzer Herausforderung, womit er gleich einem gefangenen Löwen die neugierige Menge angeſehen hatte, auf einen Augenblick ab und bat mich in ſlehendem Tone um einen Trunk Waſſer. Durch das Verſprechen eines halben Dollars bewog ich einen von den Negern, mir eine große Kürbisflaſche voll zu bringen; als aber der verwundete Gefangene eben mit ſeinen gefeſſelten Händen die Flaſche an den Mund ſetzen wollte, ſchlug ein gutgekleideter Weißer ſie ihm mit einem Stocke aus der Hand. Ich konnte mich einiger tadelnden Worte über dieſe muthwillige Grauſamkeit nicht enthalten; aber der Mann mit dem Stocke wendete ſich alsbald mit einer Salve von Flüchen gegen mich, und fragte mich wer ich ſei und wie ich es wagen könnte, einen verdammten ſchwarzen Mörder durch einen Labetrunk zu erquicken. Dadurch wurde die Aufmerkſamkeit der Umſtehenden auf mich gelenkt, und da ich ein Fremder war, hatte ich alle Urſache, auf meiner Hut zu ſein. In dieſem Augenblicke vernahmen wir ein lautes Geſchrei vor der Thuͤr des Wirthshauſes, wo ſich ein heftiger Streit entſponnen hatte, der ſogar in Thätlichkeiten ausarten zu wollen ſchien. Dies zog alle Neugie⸗ rigen, welche ſich um die Gefangenen verſammelt hatten, dorthin. Fmt Ausnahme des Negers, der mir das Waſſer gebracht hatte, und der in meiner Nähe blieb, um den halben Dollar zu erwarten, den ich ihm ver⸗ ſprochen hatte. Durch das Verſprechen, den Lohn zu verdoppeln, bewog ich ihn, mir eine zweite Kürbisflaſche voll Waſſer zu holen, mit der mein armer gefangener Freund endlich ſeinen quälenden Durſt löſchen konnte. Als er die leere Flaſche abſetzte, warf er mir einen dankenden Blick zu, und ich dankte im Stillen den Himmel, daß ich wenigſtens etwas zur Linderung ſeines Elends hatte thun können. Obgleich ich ihm nicht helfen konnte, fühlte ich doch einen unwider⸗ ſtehlichen Drang mich ihm zu erkennen zu geben, denn ich war überzeugt, daß es ſeinem edlen Herzen, ſelbſt in dieſer entſetzlichen Lage einen Troſt gewähren würde, einen ehemaligen Freund und Leidensgefährten wiederzu⸗ ſehen, der jetzt glücklicher war als er. Ich trat dicht zu ihm heran, legte meine Hand auf ſeinen Arm und flüſterte ihm zu: „Thomas, erkennſt Du mich? Denke an Looſahachee! Denke an Anna, wie ſie gemordet wurde und wie Du auf ihrem Grabe Rache gelobteſt! Denke an Martin, den Aufſeher, und wie wir ihn und den Bluthund zu⸗ ſammen begruben! Denke an unſere Trennung, als ich nach Norden ging und Du nach Suͤden! Ich bin Archy! erkennſt Du mich?“ Er ſah mich ſcharf an, als ich zu ſprechen begann, es war, als ob er mich mit dem Zlicke verſchlingen wollte. Auch ich hatte mich ſehr ver⸗ andert— weit mehr als er; aber ehe ich meinen Namen ausgeſprochen hatte, ſah ich, daß er mich erkannte. Im naͤchſten Augenblicke aber wendete 197 von welchem ſein Geſicht erhellt worden war, verſchwand plötzlich wiedern, und ſeine Züge nahmen abermals den finſtern und trotzigen Ausdruck ag. als wollte er zu ſeinen Häſchern ſagen: Macht mit mir was Ihr wollt ich bin bereit! 4 Ich fühlte, daß ich in demſelben Augenblicke unſanft an der Schulter ergriffen wurde, während eine Stimme, an der ich den Mann erkannts, welcher Thomas die Waſſerflaſche aus der Hand geſchlagen hatte, mit einer neuen Salve von Flüchen ausrief: „Was Teufel, haben Sie ſich hier mit dem Mörder in ein ſo ver⸗ trautes Geſpräch einzulaſſen? Ich ſage Ihnen, Fremder, Sie werden den Ort nicht eher verlaſſen, als bis Sie ſich legitimirt haben!“ Zu gleicher Zeit machten eine Anzahl Männer, welche zu Tom heran⸗ geſtürzt waren, die Ketten von dem Gefängnißgitter los und führten ihn nach dem Wirthshauſe.— Die Schlagerei hatte zwiſchen den trunkeneren Gäſten, welche über den Anblick des todten Aufſehers ergrimmt, Thomas ſofort zu verurtheilen und hinzurichten wünſchten, und denen ſtattgefunden, welche die Ankunft des Generals Carter, nach dem ein Bote geſendet worden war, abwarten und tſdie Execution verſchieben wollten, bis der Gefangene als der wirkliche wilde Tom und als General Carter's Eigenthum erkannt ſein würde, um bei der „ Einziehung der verſprochenen Belohnung keine Schwierigkeiten zu haben. Die betrunkene Partei der Wüthenden hatte jedoch die Oberhand be⸗ 1 halten; es war auf der Stelle ein Standgericht von drei Grundbeſitzern— gebildet worden und Thomas, der jetzt abermals von einer ſchwarzen nnd weißen Pöbelmenge umringt war, wurde vor dieſes hohe Tribunal geſchleppt. Ich ſelbſt wurde zu gleicher Zeit als Verdächtiger feſtgenommen und man ſagte ur, daß ich an die Reihe kommen ſolle, ſobald der Neger abgethan 1 wurde. „Wem gehörſt Du?“ war die erſte Frage, welche der Gerichtshof an den Gefangenen richtete. 3, Ich gehöre dem Gott, der uns Alle geſchaffen hat,“ antwortete . Thomas mit feierlichem Ernſte. Dieſe ſo ungewöhnliche Antwort wurde von Einigen mit Erſtaunen, von Anderen mit Gelächter aufgenommen, welches noch lauter wurde, als einer von den Richtern erwiderte: So? wirklich? ich glaubte Du gehörteſt dem Teufel! Jedenfalls wird er Dich bald haben.“„ 8 Auf die wiederholten Fragen, weſſen Eigenthum er ſei, antwortete Thomas feſt, er ſei ein freier Mann, worauf derſelbe witzige Richter ein naeues Gelächter erregte, indem er ihn aufforderte, ſeinen Freiſchein vor⸗ zuzeigen. Der Gerichtshof erklärte ihn, nachdem einige Zeugen vernommen waren, der Ermordung des Aufſehers für ſchuldig, worauf er mit einer gewiſſen höhniſchen Feierlichkeit befragt wurde, ob er gegen das Todes⸗ urtheil etwas einzuwenden habe.—. „Immer zu!“ ſagte der entrüſtete Delinquent;„hängt mich! tödtet mich! thut was Ihr wollt; ich bin die beſten Jahre meines Lebens hindurch in Sklaverei gehalten worden. Mein Weib wurde vor meinen Augen zu Tode gepeitſcht; als einen freien Mann habt Ihr mich mit Bluthunden gehetzt, mit Büchſen auf mich geſchoſſen und einen Preis auf meinen Kopf geſetzt. Ich habe Euch lange genarrt und Euch mit gleichen Münze bezahlt. 198 Der Weiße, den ich heute getödtet habe, war nicht der Erſte, der an mir ſeinen Meiſter gefunden hat. Einer nach dem andern, auch zu Zweien oder zu Dreien könnt Ihr kommen, und ich werde Euch Alle beſtegen! Aber ein ganzes Dutzend beritten und bewaffnet und noch dazu mit Hunden, das war zuviel für einen einzigen armen Schwarzen, der nichts hatte, als ſeine Beine, ſeine Arme und ſein Meſſer. Fruͤher hätte ich es wohl auch mit dem ganzen Dutzend aufgenommen; aber jetzt fange ich an, alt zu werden. Ich will lieber jetzt ſterben, ſo lange ich noch Kraft und Muth Pnug habe, das Schlimmſte zu ertragen, als kraftlos und altersſchwach in zure Hände fallen.“ Dieſe trotzigen Worte verſetzten die verſammelte Menge von Pflanzern und Aufſehern in die fürchterlichſte Wuth. „Das Hängen iſt für ihn noch zu gut!“ riefen einige von ihnen, und kurz darauf erhob ſich das ſchauerliche Geſchrei:„Verbrennt ihn! auf den Scheiterhaufen mit ihm!“ Der entſetzliche Gedanke war kaum ausgeſprochen, ſo fanden ſich auch ſchon Freiwillige, welche bereit waren, ihn in Ausführung zu bringen. Umſonſt erhoben ich und einige von Denen, welche den Ungluͤcklichen eingefangen hatten, unter ihnen der früher erwähnte Pflanzer, der mir die ganze Geſchichte erzählt, Einſprache gegen dieſe ſchauderhafte, ungeſetzliche Grauſamkeit. Derſelbe rohe Schurke, welcher Thomas vorher das Waſſer aus den Händen geſchlagen, trat jetzt als Führer und Leiter dieſer neuen Schändlichkeit auf. Es ſei nothwendig, ſagte er, jetzt, wo das Land von abolitioniſtiſchen Aufwieglern wimmele, von denen Einige— hier warf er einen hämiſchen Blick auf mich— mit dieſem Verbrecher in Verbindung geſtanden hätten, ein Exempel an ihm zu ſtatuiren, da ſie ihn glücklich in Negern verbreitet und unendlichen Schaden geſtiftet, und er könnte leicht noch viele Nachahmer finden. Es ſei daher nothwendig, dieſen Eindruck durch ein Furcht und Schrecken einflößendes Strafgericht zu zerſtören. 8 Es war bald ein Haufen trocknes Holz zuſammengetragen, und das Opfer unmenſchlicher Rache auf denſelben geſtellt. Hierauf wurde der Scheiterhaufen angezündet und bald ſchlugen der Rauch und die Flammen über dem unglücklichen Thomas zuſammen; aber ſelbſt dieſe Qual vermochte ſeinen trotzigen Stolz nicht zu brechen, und er blickte mit einem Lächeln der Verachtung auf ſeine ſchreienden und jubeln⸗ den Henker. Ich war nicht im Stande das gräßliche Schauſpiel mit anzuſehen, und verſuchte mich aus der Menge zu entfernen; aber man hatte ein ſcharfes Auge auf mich, ich wurde ſofort ergriffen und auf Befehl des ſelbſt ernannten Ceremonienmeiſters dieſer Schreckensſcene, als Einer, auf den das Schauſpiel einer ſolchen Hinrichtung einen heilſamen Eindruck machen werde, dicht vor den brennenden Scheiterhaufen geſchleppt. „Thomas erkannte mich— wenigſtens glaubte ich es— durch die Flammen und er erhob ſeinen Arm, wie um mir Lebewohl zu ſagen. —, die furchtbare Qual jenes Augenblicks! Ich hätte nicht mehr leiden können, wenn ich an der Stelle meines Freundes geweſen wäre! Die Fibern meines Herzens ſchienen zu zerreißen, das Blut ſtrömte mir brauſend nach dem Kopfe. Die Natur konnte es nicht länger ertragen, ich ſtel ohnmächtig zu Boden. 1 3 ihre Gewalt bekommen hätten. Der wilde Tom ſei Jahrelang der Schrecken der Umgegend geweſen, die Geſchichten ſeiner Thaten hätten ſich unter den 199 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Bette, von vier bis fünf Negerweibern umgeben, welche die verſchiedenartigſten Belebungsmittel anwendeten, und als ich die Augen öffnete, vor Freude laut aufjauchzten. Ich fand ſpäter, daß während meiner Ohnmacht meine Kleider ſowohl wie meine Satteltaſchen durchſucht worden waren, um Beweiſe zur Be⸗ ſtätigung des Verdachts zu finden, welche die von mir bewieſene Theilnahme erregt hatte. 3 Aber die einzigen Papiere, welche man fand, waren Kredit⸗ und Em⸗ pfehlungsbriefe von Liverpool an angeſehene Handlungshäuſer in Char⸗ leston und New⸗Orleans, in denen ich als ein, theils in Geſchäften, theils zum Vergnügen reiſender Engländer bezeichnet war. Als die Briefe öffentlich vorgeleſen wurden, hatte ſich unter den in Eglinton verſammelten Machthabern, von deren furchtbarer Gewalt ich eben ein ſo entſetzliches Beiſpiel geſehen, eine große Meinungsverſchiedenheit ſeäußert. 4 Der Umſtand, daß ich ein Engländer war, reichte bei Vielen der roheren Mitglieder des Aufſichtscomités ſchon hin, ſie in der Meinung zu beſtärken, daß ich ein Abolitioniſt und Verſchworer ſein muͤſſe. Der Trunk Waſſer, den ich Thomas zu wiederholten Malen gereicht hatte, wurde von Mehreren als ein ſehr verdächtiges Zeichen betrachtet. Die Worte, welche ich insgeheim an ihn gerichtet hatte, und der Schein eines Einverſtändniſſes zwiſchen ihm und mir, bildeten ebenfalls ſchwere Verdachtsgründe. Meine Vorſtellungen egen die an ihm vollſtreckte unmenſchliche Todesſtrafe wurden mindeſtens s eine unberufene freche Einmiſchung betrachtet, beſonders da ſie von einem Engländer ausgingen. Derſelbe Schurke, welcher bereits zweimal zwiſchen Thomas und mich getreten war und der meine Feſtnehmung veranlaßt hatte, trat als Haupt⸗ anklaͤger gegen mich auf. Er behauptete mit großem Eifer, daß ich ein Emiſſär der engliſchen Abolitioniſten, vielleicht gar der engliſchen Regierung ſein müſſe, welcher nur, um eine Sklavenempörung anzuſtiften, ausgeſendet worden ſei, und der nach dem, was zwiſchen mir und dem. wilden Tom vorgefallen war, mit dieſem gefährlichen Verbrecher in Verbindung zu ſtehen ſcheine das Mindeſte, was ſeiner Anſicht nach aus Rückſicht für die öffent⸗ liche Sicherheit geſchehen müſſe, ſei daher, mich tüͤchtig auspeitſchen zu laſſen und dann mittelſt Schubes aus der Grafſchaft zu transportiren. 4 Dieſer Vorſchlag wurde ſehr günſtig aufgenommen und nur die eifrigen Bemühungen des Pflanzers, deſſen Bekanntſchaft ich unterwegs gemacht hatte, rettete mich vor dieſer ſchimpflichen Strafe. Da ich in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft nach Eglinton gekommen war, ſchien er mich gewiſſermaßen als unter ſeinem Schutze ſtehend zu betrachten und nahm ſich deshalb meiner mit großer Wärme an. Mein Zuſammentreffen mit ihm auf der Landſtraße erklärte er für einen bloßen Zufall und meine Einmiſchung zu Gunſten des Mörders, an welchem ein ſo gerechtes und ſtrenges Erempel ſtatuirt worden wäre, ſei nur eine Aeußerung unzeitigen Mitleids geweſen. Man dürfe nicht annehmen, daß ein Fremder, beſonders ein Engländer alle ihre Gefühle theilen könne. Während ſie alle geeigneten Mittel anwendeten, um jede Einmiſchung in die inneren Einrichtungen der ſüdlichen Staaten ſchnell zu unterdrücken und zu beſtrafen, womit er ſelbſt vollkommen ein⸗ 200 verſtanden ſei, ſollten ſie ſich doch auch hüten, die Grenzen der Vernunft und Klugheit zu überſchreiten. Wäre ich nur ein Nordländer, ſo möchte man mich immerhin nach Belieben malträtiren, ja ſelbſt mich lebendig ver⸗ brennen, wie es ſoeben mit dem Neger geſchehen ſei. Die erbärmlichen Yankees könnten in jedem beliebigen Maße mit oder ohne Grund gepeitſcht, mit Füßen getreten oder ſonſt beſtraft werden, das habe nichts zu ſagen; es würde Niemandem einfallen, deshalb Genugthuung zu fordern, weil man fürchten würde, den Handel mit dem Süden dadurch zu beeinträchtigen; auf einen Engländer aber müſſe man ganz andere Rückſichten nehmen. England laſſe keinen ſeiner Unterthanen ungeſtraft mißhandeln. Es ergebe ſich aus meinen Briefen, daß ich ein reicher Mann ſei und angeſehene Freunde habe, und Diejenigen, welche ſich an einer ungeſetzlichen Gewalt⸗ thätigkeit gegen mich betheiligten, dürften dafuͤr wohl zur Verantwortung gezogen werden. Allerdings könnten die Vereinigten Staaten die Engländer wieder ſchlagen, wie es im letzten Kriege geſchehen ſei; aber bei dem gegen⸗ wartigen aufgeregten Zuſtande der G. England nicht eben wünſchenswerth. Dies war, wie er mir ſpäter mit⸗ theilte, der allgemeine Inhalt der Gruͤnde, mit denen mich der Pflanzer aus den Klauen des Wachſamkeitsausſchuſſes befreit hatte.— Wie ganz anders würde die Sache ausgefallen ſein, wenn er oder die Anderen von meinen früheren Verhältniſſen etwas geahnt hätten! 3 . Wäͤhrend dieſer Diskuſſton war ich, noch immer bewußtlos, in das Wirthshaus gebracht worden, wo die Negerweiber mit ihrer gewohnten Gutmüthigkeit Alles aufgeboten hatten, um mich wieder zu mir zu bringen. Mein Freund, der Pflanzer, erſchien bald ebenfalls. Er ſah, daß ich noch nicht im Stande war, meine Reiſe fortzuſetzen, und da das Dorf und be⸗ ſonders die Schenke und ihre Nachbarſchaft immer noch der Schauplatz wilden Lärms war, der meiner Geſundheit nicht zuträͤglich und viel⸗ leicht auch meine Sicherheit gefährden konnte, ſo lud er mich ein, mit ihm in ſein Haus zu kommen. Dieſe Einladung war mir unter den obwal⸗ tenden Umſtaͤnden ſehr erwünſcht, und nachdem ich drei bis vier Tage das Zimmer gehütet hatte, erholte ich mich allmälig wieder und meine Kräfte kehrten raſch zurück. 3 Mein Wirth, der natürlich keine Ahnung von dem Grunde meiner beſonderen Theilnahme für den„wilden Tom“ hatte, ſchien nicht wenig erſtaunt zu ſein über den heftigen Eindruck, den dieſer Vorfall auf mich gemacht hatte, und er konnte es ſich nur dadurch erklären, daß ich um meine eigne Sicherheit zu ängſtlich beſorgt geweſen ſei. Er bot daher ſeine ganze Beredtſamkeit auf, ſowohl um mich perſönlich zu beruhigen, wie auch um den Ruf der ſüdlichen Staaten gegen meine etwaigen Vor⸗ urtheile in Schutz zu nehmen. Er verficherte mir auf ſeine Chre, daß Scenen wie die, von welcher ich Zeuge geweſen war, keineswegs häufig vor⸗ kämen. Die durch die ruchloſe Schändlichkeit eines Negers auf's Aeußerſte geſteigerte Entrüſtung des Volks mache ſich mitunter wohl einmal auf dieſe Weiſe Luft; aber das Lebendigverbrennen ſei ein faſt beiſpielloſer Fall. Er kenne nicht mehr als zwei oder drei derartige Beiſpiele, und dieſe ſeien durch ein entſetzliches Verbrechen wie die Ermordung eines weißen Mannes, oder die Entehrung eines weißen Mäaͤdchens, herbeigeführt worden. Er hoffte, daß ich einſichtsvoll genug ſein werde, um zuzugeben, daß ein paar derartige Fälle den Anſprüchen der ſüdlichen Staaten auf die höchſte Stel⸗ lung unter allen eiviliſirten und wahrhaft chriſtlichen Ländern keinen ernſten — 1 201 Abbruch thun könnten. Die Neger ſeien wirklich eine ſo ruchloſe Bande, daß mitunter ein Exempel ſtatuirt werden müſſe, um ſie in einer heilſamen Furcht zu erhalten. Ich befand mich nicht in der Stimmung, um mit Vortheil eine De⸗ batte über dieſen Gegenſtand zu beginnen. Ueberdies entdeckte ich trotz der perſönlichen Güte meines Wirthes gegen mich ſehr bald— wovon mich übrigens die Umſtände, unter denen ich ihn kennen gelernt, ſchon genügend hätten überzeugen können— daß er ein entſchiedener Vertheidiger der Sklaverei war. Ich erinnerte mich daher der Vorſchrift des Evangeliums, die Perlen nicht vor die Säue zu werfen, und gab ihm nur zu verſtehen, daß, wie es auch immer in Amerika ſein möge, doch die Sklavenjagden und Negerverbrennungen mit meinen engliſchen Ideen von Civiliſation und Chriſtenthum unvereinbar ſeien. Dieſe Aeußerung meiner Anſichten wurde von meinem Wirthe mit einem gnädigen Lächeln und einer herablaſſenden Handbewegung aufgenommen; er ſchien meine Ketzereien durch die Bemer⸗ kung entſchuldigen zu wollen, daß die Vorurtheile John Bulls in manchen Dingen unerklärlich ſeien. Dieſe gegenſeitigen Erklärungen fanden bald nach meiner Ankunft im Hauſe des Pflanzers ſtatt. Er hatte dem Anſcheine nach eben ſo wenig Hoffnung, mich zu bekehren, als ich, ihn andren Sinnes zu machen; er ließ daher den Gegenſtand fallen und wir ſprachen während der übrigen Zeit meines Aufenthaltes bei ihm nur über gleichgültige Dinge. Sobald ich mich zum Reiten wieder ſtark genug fühlte, brach ich auf, um meine Reiſe weiter fortzuſetzen, jedoch nicht ohne eine freundſchaftliche Warnung von Seiten meines Wirthes, in der Aeußerung meiner engliſchen Vorurtheile vorſichtig zu ſein. Wenn man in der Türkei reiſe, bemerkte er, ohne wahr⸗ ſcheinlich zu ahnen, welche geringe Ehre dieſer Vergleich ſeinem Staate Sud⸗Karolina machte, ſo ſei es am beſten, ſich eben ſo zu benehmen wie die Türken, oder wenigſtens die Türken ohne Einmiſchung oder Bemerkungen thun zu laſſen, was ihnen beliebe. SiebenundvierMtes Kapitel. Kurz nach meiner Ankunft in Charleston, welches ich ohne weitere Abenteuer erreichte, begab ich mich zu dem Kaufmann, bei dem ich aecre⸗ ditirt war. Als ich in das Comptoir trat, fand ich dort noch einen Frem⸗ den, den ich an ſeinem Aeußeren und ſeinem Benehmen ſofort als den Kapitain eines Kauffahrers erkannte. Er ſprach mit großer Heftigkeit und beklagte ſich, wie es ſchien, über ein ihm widerfahrenes Unrecht. „Sch entnahm aus ſeinen Reden, daß ſein Schiff nach Boſton im Staate Maſſachuſſets gehörte, und daß er auf der Fahrt nach Havannah durch einen heftigen Sturm genöthigt worden war, in Charleston einzulaufen, um ſein Schiff wieder ausbeſſern zu laſſen. Nicht nur ſein Koch, ſondern auch nicht weniger als fünf von den acht Matroſen, aus denen die Mann⸗ ſchaft der Brigg beſtand, waren Farbige, ſämmtlich, wie der Kapitain ſagte, in Maſſachuſſets beim Kap Cod geboren und ſo tüchtige Seeleute, wie ſie nur je ein Verdeck betreten hatten.— Dieſe farbige Mannſchaft, klagte der Kapitain in ziemlich ſtarken Aus⸗ drücken, war ſo eben von ſeinem Schiffe geholt und in's Gefängniß ge⸗ ſchleppt worden, und er wünſchte von dem Charlestoner Kaufmann, der 202 fein Geſchäftsfreund ſeiner Rheder zu ſein ſchien, zu erfahren, ob es keinen Schutz gegen dieſen Frevel gebe, welcher eben ſo nachtheilig für ihn, wie ſchmachvoll für ſeine Leute ſei. „Nun,“ ſagte der Kaufmann, dem er ſeine Klagen vortrug, mit einem bedeutſamen Blicke auf ſeinen Kompagnon,„wie ich höre, iſt ſo eben ein von dem Gouverneur von Maſſachuſſets in Folge eines Beſchluſſes der geſetz⸗ gebenden Verſammlung dieſes Staates ernannter Kommiſſär hier angekommen, um gerade die Frage der Einkerkerung farbiger Seeleute geſetzlich zur Er⸗ ledigung zu bringen. Der Kommiſſär hält ſich in dem und dem Hotel auf“— er nannte das nämliche, in welchem ich ſelbſt abgeſtiegen war;— „das heißt, wenn er nicht fortgeſchickt worden iſt, denn man hat bereits ſämmtlichen Gaſtwirthen die Weiſung zugehen laſſen, ihn nicht bei ſich auf⸗ zunehmen. Wenden Sie ſich lieber an ihn, aber ſchnell, ſonſt finden Sie ihn nicht mehr. Er iſt für Sie der rechte Mann, und Ihr Fall paßt ge⸗ rade für ihn. Verſuchen Sie, was Sie durch ihn und die Geſetze von Maſſachuſſets und der Vereinigten Staaten erlangen können.“ Der ironiſche Ton, womit dies geſagt wurde, war mir verſtändlich genug; aber der ehrliche Seekapitain ſchien Alles fuͤr baare Münze zu nehmen und eilte fort, um den Kommiſſär aufzuſuchen. Nachdem ich meine Geſchäftsſachen mit dem Handlungshauſe erledigt und eine genügende Summe zur Deckung der Anweiſungen, welche zu Gunſten meines Schuützlings in Nord⸗Karolina etwa präſentirt werden konn⸗ ten, deponirt hatte, erlaubte ich mir zu fragen, ob die Verhaftung, über die ich ſo eben die Klagen des Kapitains gehört hatte, wirklich durch ein Geſetz gerechtfertigt werde. „Allerdings,“ war die Antwort.„Alle Neger und Farbigen, die zu Schiffe hier ankommen, werden ſofort in's Gefängniß geführt und dort verwahrt, bis das Schiff ſegelfertig iſt, worauf ſie nach Bezahlung ihres Koſtgeldes, der Gefängnißſpeſen und anderer an Bord zurückgeſchickt werden.“ „Wie aber, wenn ſie nicht bezahlen können?“ fragte ich. „O, der Kapitain braucht ſeine Leute, und bezahlt ſchon für ſie.“ „Wenn nun aber der Kapitain nicht zahlen will?“ „In dieſem Falle werden die Koſten dadurch aufgebracht, daß man die Leute verauktionirt.“ „Wie? man verauktionirt freie Männer, die vom Wetter in Ihre Häfen verſchlagen ſind und lediglich deshalb, weil ſie nicht weiß ausſehen, eingekerkert wurden?“ 1 Da ich dieſe Worte mit dem Ausdrucke unverhohlener Entrüſtung ſprach, erröthete der Kaufmann ein wenig. Er bemühte ſich, dieſes Geſetz damit zu entſchuldigen, daß er auf die Gefahr eines großen Aufſtandes hindeutete, welche eintreten würde, wenn freie Farbige aus dem Norden oder aus irgend einer andern Gegend mit einer Sklavenbevölkerung, deren Zahl die der Weißen bei weitem überſteige, wie es in Charleston und Um⸗ gegend der Fall ſei, in Berührung kämen. 3„Aber was bedeutet die Ankunft des Kommiſſaͤrs von Maſaachuſſets, an den Sie den Kapitain verwieſen?“ fragte ich. „Das will ich Ihnen ſagen,“ antwortete der Kaufmann mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Die Boſtoner Schiſſsrheder haben gefunden, daß dieſe Gefängnißkoſten die Ausgaben für ihre Schiffe vermehren, und daher ſind ſie urplötzlich von einer erſtaunlichen Sympathie für die Rechte der Neger ergriffen worden— wenn Sie einen Boſtoner in's Feuer bringen wollen, ₰ 4 4 203 ſo greifen Sie ihn nur beim Geldbeutel an.— So hat man nun dieſen Kommiſſär hierher geſchickt, um eine gerichtliche Entſcheidung der Frage zu veranlaſſen. Man behauptet dort, daß Süd⸗Karolina nicht das Recht habe, freie Perſonen aus Maſſachuſſets, die kein Verbrechen begangen haben, einzig und allein wegen ihrer Farbe einzukerkern.“ „Und wann wird die Sache zur Verhandlung kommen?“ fragte ich. „Zur Verhandlung kommen?“ wiederholte der Kaufmann, den meine Frage ſehr naiv vorzukommen ſchien;„denken Sie, daß wir dies zuge⸗ ben werden?“ „Warum nicht?“ fragte ich;„wie können Sie es verhindern?“ „Es iſt zehn gegen eins zu wetten,“ antwortete er,„daß die Sache, wenn ſie zur gerichtlichen Verhandlung käme, gegen uns entſchieden wer⸗ den würde. Das in Rede ſtehende Geſetz iſt bereits von einem noch dazu aus Sud⸗Karolina gebürtigten Mitgliede des oberſten Gerichtshofes der Ver⸗ einigten Staaten für verfaſſungswidrig erklärt worden. Mag es dies nun aber ſein oder nicht, ſo halten wir es doch jedenfalls für nothwendig, und die Nigger und die Yankee⸗Kaufleute müſſen ſich darein fügen lernen. Daß die Sache nicht bei den Gerichten anhängig gemacht wird, läßt ſich ſehr leicht bewirken. Der Kommiſſär von Maſſachuſſets hat bereits die Weiſung erhalten, ſich zu entfernen, und ſämmtlichen Hotelwirthen iſt, wie ich vorhin gegen den Kapitain erwähnt habe, der nachdrückliche Wink zugekommen, daß es für ſie gefährlich ſein würde, ihn bei ſich aufzunehmen. Wir dulden einmal hier in Charleston keine ſolche abolotioniſtiſchen Spione und Ver⸗ ſchwörer. Wäre der alte Yankee nicht ſo ſchlau geweſen, ſeine Tochter als Beſchützerin mitzubringen, ſo würde er wohl ſchon jetzt in einem hübſchen warmen Theer⸗ und Federrocke aus der Stadt gejagt worden ſein. Kein einziger hieſiger Advokat würde es gewagt haben, für ihn eine Klage an⸗ hängig zu machen. Die meiſten von unſern Kaufleuten ſind Nordländer — ich ſelbſt bin einer— aber der Geſinnung nach gehören wir Alle nach Süd⸗Karolina, und wer hier leben will, muß ſich den beſtehenden Geſetzen und. Einrichtungen unterwerfen. Ich werde mit Vergnügen bei der Hand ſein, um dem alten Herrn, wenn er Umſtände machen ſollte, den Weg aus der Stadt zu zeigen. Die Sache iſt in einer öffentlichen Verſammlung entſchieden worden; er darf keine Nacht mehr hier ſchlafen.“ 3 Aber was werden die Regierung von Maſſachuſſets und die Boſtoner Kaufleute ſagen, daß man ihre Bevollmächtigten ſo rückſichtslos die Treppe hinunterwirft?“ „O, die Kaufleute werden es wahrſcheinlich machen, wie ein gut ge⸗ zogener Neger in Karolina, der den Hut abnimmt, wenn er für ſeine Unverſchämtheit einen Fußtritt erhält, und ſich ehrerbietigſt dafür bedankt. Die Fußtritte bekommen den Yankee⸗Kaufleuten eben ſo gut wie den Niggern, und Beide find vollkommen daran gewöhnt! Was die Regierung von Maſſachuſſets betrifft, ſo iſt auch von ihr nichts zu befürchten, ſo lange ſie wie jetzt, unter dem mäͤchtigen Einfluſſe der Kaufleute und Fabrikanten ſteht. Sie wird die Beleidigung ganz ruhig einſtecken. Die politiſchen Führer beider Parteien in Maſſachuſſets möchten ſich gar zu gern dem Süden als Sklaventreiber vermiethen. Was würde aus Boſton und Maſſachuſſets werden, wenn ſie den Handel mit den ſüdlichen Staaten verlören? Da die armen Nankees von den Broſamen leben, die von unſerm Tiſche fallen, ſo duͤrfen ſie mit den Bedingungen, unter denen man ihnen erlaubt, ſie aufzuleſen, nicht wähleriſch ſein. Wenn ſie die 204 und wann ein wenig Schmutz mit zu eſſen.“ und Wege finden, um dieſe übermüthigen Sklavenhalter zur bringen, und vielleicht bringt es die britiſche Regierung bei dieſer ware aber wirklich merkwuͤrdig, wenn nur britiſche zu preſſen, faſt wieder gut machen. Achtundvierzigſtes Kapitel. welchem ich vor langer Zeit die Spur meiner Frau und meines Schritte ſein würde. dahin, daß auch die zaghaften und ängſtlichen Staaten des Nor fru oder ſpäter freien Zugang in den Hafen von Charleston erlangen unter dem Hohngeſchrei und den Verwünſchungen der verſammelten fortfuhr und ich habe nicht gehört, daß Maſſachuſſets je wieder gethan hätte, um die Rechte ſeiner eingekerkerten Seeleute geltend zu machen. Auch engliſche Seeleute haben, wie ich höre, zuweilen unter dieſem Geſetz zu leiden. Wenn dies wahr iſt, ſo wird England gewiß Mittel Als Broſamen aufleſen wollen, ſo müſſen ſie es ſich auch gefallen laſſen, dann Der Kaufmann ſchien eine ziemlich geringe Meinung von dem in Maſaſachuſſets vorherrſchenden Geiſte zu haben; wenn ich aber an das dachte, was ich ſelbſt vor einigen Wochen bei meiner Durchreiſe in Boſton geſehen und gehöort hatte, ſo mußte ich zugeben, daß dieſe Rechnung auf die Habgier und Servilität eines Handelsſtaates ziemlich ſicher war. von dem Kaufmann in meinen Gaſthof zurückkehrte, fand ich auf der Straße eine große Menſchenmenge verſammelt. Vor der Thür hielt ein Wagen und bald erſchien ein hochgewachſener bejahrter Herr mit einer jungen Dame am Arm und begleitet von einem halben Dutzend Männern in weißen Glacéhandſchuhen, welche, wie ich nachher erfuhr, eine Abtheilung des Wachſamkeitsausſchuſſes bildeten und den ſpeciellen Auftrag erhalten hatten, den Kommiſſär von Maſſachuſſets aus der Stadt zu eskortiren. Der Komiſſär und ſeine Tochter wurden in den Wagen geſchoben, ich welcher Menge etwas Raiſon zu Gelegenheit dens Kin her Es Hilfe und Vermittelung die nördlichen amerikaniſchen Kaufleute und Seefahrer gegen den dominirenden Einfluß der ſüdlichen Sklavenſtaaten ſchützen könnten. Eine ſolche Ver⸗ mittelung zum Beſten der Menſchheit und der Rechte der Seeleute würde das von Seiten Englands früher begangene Unrecht, amerikaniſche Matroſen Bis jetzt hatten die mannichfachen Reiſeabenteuer, ſo wie die Gefühle, welche beim abermaligen Beſuche der Schauplätze meines Jugendlebens unter ſo veraͤnderten Umſtänden in mir rege wurden, mir nicht Zeit gelaſſen, über die Hoffnungsloſigkeit der von mir unternommenen Forſchungen nachzudenken. Auguſta im Staate Georgien war der letzte Punkt, bis zu des zu verfolgen vermocht hatte. Es war jetzt zwanzig Jahre her, ſeit ſie dice Stadt mit einem für den ſüdweſtlichen Markt beſtimmten Sklavenzuge be⸗ treten hatten. Ich begab mich daher jetzt nach Auguſta, allerdings in der traurigſten Stimmung und mit dem peinlichen Bewußtſein, daß ich, wenn ich dieſen Ort erreicht hatte, ohne den mindeſten Leitfaden für meine weiteren Ich verließ lange vor Tagesanbruch Charleston in dem nach Auguſta gehenden Poſtwagen. Als der Morgen zu dämmern begann, fand ich, daß außer mir noch drei Paſſagiere darin ſaßen. Anfangs waren wir ſehr ſchweigſam und Jeder verſuchte in ſeiner Ecke zu ſchlafen oder betrachtete ſeine Mitpaſſagiere, als ob er erſt erforſchen wolle, weß' Geiſtes Kind ſie 205 ſeien, ehe er Bekanntſchaft mit ihnen ſuchte. Beim Frühſtück begannen wir ein wenig aufzuthauen und beim Mittagseſſen waren wir ſchon die beſten Freunde. Es ergab ſich bald, daß zwei von den Paſſagieren aus dem Norden waren; der Eine war Redakteur einer New⸗Yorker Zeitung, der Andere ein Boſtoner Agent, welcher für einige Handelshäuſer oder Fabriken dieſer Stadt Baumwolle einkaufen wollte. Der dritte Paſſagier war mir jedoch ganz beſonders aufgefallen. Er hatte ein höchſt intelligentes Geſicht, dunkle Augen, welche Jedermann auf den erſten Blick zu durchforſchen ſchienen, ein einnehmendes Lächeln, äußerſt feine und gewinnende Manieren und in ſei⸗ nem ganzen Weſen ein gewiſſes Etwas, das einen Mann verrieth, der gewohnt war, ſich in guter Geſellſchaft zu bewegen. Die andern Beiden hielten ihn offenbar für einen reichen Pflanzer, und er that und ſagte nichts, was der Vermuthung hätte widerſprechen können, ſondern ließ ſich mit artiger Herablaſſung ihre ehrerbietigen Auf⸗ merkſamkeiten gefallen. Nachdem das Geſpräch eine Menge verſchiedener Gegenſtände berührt hatte, kam es auf die Politik und beſonders auf die Kandidaten für die Praͤſi⸗ denten⸗ und Viecepräfidentenwürden, welche ein Konvent der demokratiſchen oder Jackſon⸗Partei in Baltimore aufgeſtellt hatte. Van Buren, der Präſidentſchafts⸗Kandidat dieſes Konvents, wurde von den beiden Nordländern ſehr ſcharf kritiſtrt, Hauptſächlich deshalb, weil er bei einem Konvente zur Rebiſion der Verfaſſung des Staates New⸗York zu Gunſten des Stimm⸗ rechts der Schwarzen geweſen war. Der Pflanzer oder vermeintliche Pflan⸗ zer hielt im Laufe des Geſprächs einen Mittelweg ein, welcher nach den gegen Van Buren's Charakter gemachten Ausſtellungen der Gewandtheit des Letzteven ſelbſt gewiß Ehre gemacht haben würde. Die Kandidatur Richard M. Johnſon's für die Vicepräſidentſchaft ſchien noch weniger zu befriedigen, und es wurde ſogar erwähnt, daß ein Theil der Konvents⸗ mitglieder darüber ſehr ungehalten geweſen ſei und ſich geweigert habe, ſie zu unterſtützen. Einige Winke, welche man fallen ließ, machten mich neugierig die Gründe ihres Widerſtandes zu erfahren, und ich ſtellte eine Menge Fragen über die Sache. So hörte ich denn, daß die Oppoſition gegen Johnſon von den virginiſchen Abgeordneten ausging. Sie hatten nichts gegen die politiſche Orthodorie Mr. Johnſon’s einzuwenden, denn er war in der That ein Demokrat vom reinſten Waſſer— ſogar ein zu eifriger Demokrat, wie mir der New⸗Yorker Redakteur ſagte, um nach dem Geſchmacke der Virginier zu ſein. Aber er war ihnen nicht reſpektabel genug, zu ge⸗ mein in ſeinen Neigungen und Gewohnheiten, und ſte hatten an ſeiner Stelle einen gewiſſen Rives zu ihrem Kandidaten gewählt. Auf meine Frage, worin die Gemeinheit Mr. Johnſon’s beſtehe, kam es heraus, daß er in ſeinem Hauſe mehrere ſchwarze und braune Weiber hielt und der Vater einer beträchtlichen Anzahl farbiger Kindern war. Zum großen Erſtaunen meiner beiden nordiſchen Reiſegefährten, die ihre ganze Beredtſamkeit aufboten, um die Rohheit und Vulgarität Mr. Johnſon's zu verdammen, und welche behaupteten, daß ein praktiſcher Racen⸗ ver miſcher durchaus nicht Vicepräſident werden dürfe, erklärte ſich der an⸗ gebliche Pflanzer für die Van Buren⸗Johnſon ſche Kandidatur und über⸗ nahm es, den Letztern zu entſchuldigen. .„Der Abſcheu, welchen Ihr Nordländer beweiſ't,“ ſagte er, beſonders zu dem Boſtoner Baumwollen⸗Agenten gewendet,„und das Geſchrei, welches Ihr in der letzten Zeit uͤber die Vermiſchung und Amalgamation der Racen erhoben habt, mag wohl aufrichtig gemeint ſein; aber wenn wir im Suden, wo wir ſo viele lebende Beweiſe unſrer Schwäche um uns haben, aus der Amalgamation einen Popanz machen, oder ihr Vorhandenſein dadurch weg⸗ leugnen wollen, daß wir wie der Strauß den Kopf in den Sand ſtecken und uns weigern, eine allgemein bekannte Thatſache anzuerkennen, welche übrigens auch durch die Farbenverſchiedenheit der Sklaven bewieſen wird, ſo iſt das jedenfalls lächerlich. „Ich meinestheils liebe die Conſequenz. Wir Suͤdländer vertheidigen die Sklaverei deshalb, weil es unſrer Anſicht nach, ein Naturgeſetz iſt, daß, wenn zwei Racen in einem Staate neben einander leben, die ſtärkere und edlere die ſchwächere beherrſcht. Wenn es aber in einem ſolchen Falle ein Naturgeſetz iſt, daß die Manner der ſchwäͤcheren Race von denen der ſtär⸗ keren zu Sklaven gemacht werden, iſt es dann nicht eben ſo gut ein Natur⸗ geſetz, daß die Frauen der ſchwächeren zu Konkubinen der Männer von der ſtärkeren Race werden müſſen?— Iſt es nicht immer ſo? Und iſt dies nicht das Mittel, welches die Natur ergreift, um aümalig die geringere Race zu verwiſchen, und an deren Stelle ein verbeſſerte, gemiſchtes Ge⸗ ſchlecht zu ſetzen?— „Einige von uns vertheidigen die Sklaverei aus der Bibel und recht⸗ fertigen ſie durch das Beiſpiel der Patriarchen. Nun wohl, wenn mich das Beiſpiel der Patriarchen berechtigt, Sklaven zu halten, warum ſoll es dann nicht auch unſern demokratiſchen Vicepräſidentſchafts⸗Kandidaten berechtigen, ſich mit Hilfe ſeiner Mägde eine Familie zu gründen? „In der That, Sir,“ ſagte er, indem er ſich zu mir wendete, der ich die erſte Gelegenheit benutzt hatte, um mich für einen Engländer auszuge⸗ ben,„eben weil unſer demokratiſcher Vicepraͤſidents⸗Kandidat das Beiſpiel der Patriarchen etwas zu genau befolgt, erhebt man ein ſolches Geſchrei gegen ihn. Es iſt nicht ſeine Vorliebe für Negerweiber, es iſt nicht ſeine Schaar farbiger Kinder— vielleicht wiſſen dieſe unſchuldigen Herren aus dem Norden dies nicht, aber dann könnte Sie jeder weiße Burſche von ſechszehn Jahren in Charleston darüber aufklären— es find nicht dieſe klei⸗ nen verzeihlichen Sünden, welche einen Schatten auf Mr. Johnſon's Cha⸗ rakter werfen. Sie gehören hier im Suden ebenſo zu unſeren haͤuslichen Gebräͤuchen, wie die Anwendung des Ochſenziemerz, ſie ſind uns eben ſo ſehr Bedürfniß wie das Tabakkauen, eben ſo allgemein und eben ſo weni Snffallend. Nein, die Sache iſt die: Mr. Johnſon, der unverheirathet ⁄ end weder auf eine weiße Frau noch auf weiße Kinder Rückſicht zu nehmen braucht und dabei einer der gutmüthigſten Männer der Welt iſt, hat es ſich einfallen laſſen, das Beiſpiel der Patriarchen in ſo vollem Maße nach⸗ zuahmen, daß er eine Anzahl farbiger Töchter als ſeine rechtmäßigen Kin⸗ der anerkennt. Er hat ſie in ſeinem Hauſe erzogen. Er hat ſogar Ver⸗ ſuche gemacht, ſie in anſtändige Geſellſchaft fuuſägftn Dieſe Abſicht iſt ihm aber durch die ſtolzen Frauen von Kentucky— Sie wiſſen, daß alle Frauen geborene Ariſtokratinnen ſind— vereitelt worden; allein er hat ſeinen Töchtern weiße Männer verſchafft, und ihre Kinder werden daher nach den Geſetzen von Kentucky alle Rechte weißer Perſonen haben. Hier⸗ * in beſteht das anſtößige Benehmen Mr. Johnſon's. Hätte er ſeine Töchter, anſtatt den liebevollen Vater gegen ſie zu ſpielen, in aller Stille ſämmtlich nach New⸗Orleans geſchickt, um dort verkauft und von den Käufern zu Konkubinen gemacht zu werden, anſtatt ſie anſtändig zu verheirathen und 207 ihren Kindern die vollen Rechte der Bürger von Kentucky zu ſichern, ſo würde es weder im Norden noch im Suͤden Jemandem eingefallen ſein, ſeine haͤuslichen Verhältniſſe als ein Hinderniß für ſeine Wahl zum Vice⸗ präſidenten zu betrachten. Ich glaube nicht, daß Einer von unſern beiden nordiſchen Reiſegefährten aus dieſem Grunde den mindeſten Einwand gegen ihn erhoben haben würde.“ „Aber Sie wollen doch nicht behaupten,“ ſtammelte der Boſtoner Baum⸗ wollenmäkler,„daß ein reſpektabler Mann im Süden das thut? Ich glaubte, dies ſei nur eine Verleumdung von Seiten der Abolitioniſten.“ „Ich behaupte,“ war die Antwort,„daß ein Mann dies thun kann, ohne daß ſeine Achtbarkeit dadurch vermindert würde; und wenn er morgen als Mitglied in eine unſerer frömmſten chriſtlichen Gemeinden aufgenom⸗ men zu werden wünſchte, wurde er gewiß aus dieſem Grunde nicht zurück⸗ eraicſen⸗ Die Kirchendisciplin iſt in manchen Dingen ungemein ſtreng. ch habe einen Mann gekannt, der von einer presbyterianiſchen Gemeinde ausgeſtoßen wurde, weil er ſeine Kinder in eine Tanzſchule geſchickt hatte; aber ich habe noch von keiner ſüdlichen Religionsgeſellſchaft gehört, daß ſie ſich erlaubt hätte, nach der Vaterſchaft von Sklavenkindern oder nach den Verhaͤltniſſen der Sklavinnen zu ihren Eigenthümern zu fragen. Der ge⸗ waltſame Tod eines Sklaven durch die Hand ſeines Eigenthümers kann unter gewiſſen Umſtänden zu einer mehr oder weniger ſtrengen gerichtlichen Unterſuchung führen; aber abgeſehen davon, kann ein tuͤrkiſcher Harem vor unberufenen bürgerlichen oder kirchlichen Einmiſchungen und Nachfragen nicht ſicherer ſein, als die Haͤuslichkeit unſerer Sklavenbeſitzer. Glauben Sie, daß, wenn der ehrliche Dick Johnſon ſeine Kinder nicht anerkannt hätte, es irgend Jemandem— außer etwa im Scherz— eingefallen ſein wuͤrde, ſie als ihm gehörend zu betrachten? Sein Vergehen beſteht nicht darin, daß er Kinder hat, ſondern daß er ſie anerkennt.“ „Ich fürchte,“ ſagte der New⸗Yorker Redakteur, indem er auf mich deutete,„daß Sie unſerm engliſchen Freunde eine ziemlich geringe Meinung von der Moralität unſerer ſüdlichen Staaten beibringen werden. Es giebt kleine Familiengeheimniſſe, von denen man nicht vor Jedermann ſprechen ſollte.“ „Schade, daß Sie nicht eher daran gedacht,“ verſetzte der Andere;„Sie hätten dann Dick Johnſon aus dem Spiele laſſen können. Ich behaupte weiter nichts, als daß ex, wenn man von dem Mangel einer kleinen Doſis Heuchelei und Verſtellung abſieht und ſeiner Gutherzigkeit die gebührende Gerechtigkeit widerfahren läßt, nicht viel ſchlechter iſt als ſeine Nächſten.“ Aber,“ erwiderte der New⸗Yorker Redakteur,„könnnen Sie als Südländer und Sklavenbeſitzer glauben, daß ſein Beſtreben, die Schwarzen und Weißen auf gleiche Stufe zu ſtellen, für die Inſtitutionen des Landes nicht gefährlich ſei?“ „Nicht halb ſo gefährlich,“ war die ſchnelle Antwort,„wie der Ver⸗ ſuch, die Kinder freier Väter, welche von väterlicher Seite einen mit dem Zuſtande der Knechtſchaft nicht verträglichen Freiheitsgeiſt geerbt haben, mit der Maſſe der Sklaven in eine Kategorie zu ſtellen. Was meinen Sie, welche Folgen es haben könnte, wenn wir unter unſern Sklaven die Nachkom⸗ men von Männern, wie z. B. Thomas Jefferſon hätten?“ „Thomas Jefferſon! Unſinn!“ rief der New⸗Yorker. „Unſinn oder nicht, ich kann Ihnen verſichern, daß ich einſt eine ganz hüͤbſche, faſt ganz helle Mulattin, habe verauktioniren ſehen, die ſich eine En⸗ kelin jenes berühmten Präſidenten nannte, und ihre Aehnlichkeit mit ihm 208 in Bezug auf Geſicht und Geſtalt unterſtützte dieſe Ausſage. Jedenfalls brachte ſie hundert Dollars über ihren ſonſtigen Marktwerth ein, weil ſie von ſo guter Zucht war, wie der Käufer ſcherzhaft bemerkte.“ Die beiden Paſſagiere aus dem Norden ſchienen über dieſe Geſchichte ein wenig betroffen zu ſein und verſuchten es, den Eindruck derſelben durch die Behauptung zu ſchwächen, daß das Mädchen eine Betrügerin geweſen ſein muſſe, und daß dieſe Geſchichte wahrſcheinlich nur zu dem Zwecke er⸗ kunden und verbreitet worden ſei, um einen höheren Preis für ſte zu er⸗ angen. 4 8, Das iſt wohl möglich,“ ſagte der Südländer lachend;„Gouge und M'Grab waren ohne allen Zweifel kluge Leute, die ihr Geſchäft vortreff⸗ lich verſtanden.“ —Hier verdoppelte ſich mein Intereſſe an dem Geſpräͤche. Gouge und M'Grab! M'Grab war der Name des Sklavenhändlers, der meine Frau und mein Kind gekauft und nach Auguſta transportirt hatte, und bis da⸗ hin hatte mein früherer Agent ihre Spur verfolgen können. Ich beeilte mich zu fragen, wann und wo mein Reiſegefährte jene Verſteigerung einer angeblichen Enkelin Jefferſon's mit angeſehen habe. „In Auguſta in Georgien, vor etwa zwanzig Jahren,“ antwortete er. „Und darf ich fragen, wer der M'Grab iſt, von welchem Sie ſprechen? Es liegt mir viel daran, die Spur eines Sklavenhändlers dieſes Namens aufzufinden.“ 8 Er antwortete mir ſogleich, daß M'Grab von Geburt ein Schotte, aber in Süd⸗Karolina erzogen worden ſei und vor längerer Zeit in Verbin⸗ dung mit ſeinem Kompagnon Gouge den ſüdlichen Markt mit Sklaven verſehen habe. Das Hauptquartier ihres Handels war in Auguſta; M'Grab durchreiſte die nördlicheren Sklavenſtaaten, beſuchte die gerichtlichen Auktionen und machte privatim Einkäufe, worauf er die gekaufte Waare von Zeit zu Zeit an ſeinen Kompagnon Gouge ſendete, welcher hauptſächlich den Wie⸗ derverkauf in Auguſta beſorgte. Die Handelsgeſellſchaft war aber ſchon ſeit vielen Jahren aufgelöſ't und M'Grab längſt geſtorben. Nur Gouge lebte noch in Auguſta; er hatte ſich von den Geſchäften zurückgezogen und war einer der reichſten Männer dieſer Stadt. „Ich habe dieſe Leute und ihr Geſchäft ſehr genau gekannt,“ ſagte er dann noch leiſe zu mir,„denn ich war fruͤher einige Bahre Buchhalter bei ihnen und auch eine Zeitlang ihr Aſſocié. Ich habe auf den alten Gouge einen Groll, und wenn Sie etwa noch eine Forderung an ihn haben und ich kann Ihnen auf irgend eine Weiſe von Nutzen ſein, ſo biete ich Ihnen mit Vergnügen meine Dienſte an.“ * teunundvierzigſtes Kapitel. Die Poſtkutſche Relt zur Mittagszeit vor einer ſchmutzigen unbehagligen Schenke, deren Wirthſchaft ausſchließlich in den Händen der ſehr zahlreichen Sklaven zu ſein ſchien, ſo daß der Wirth gleichſam Gaſt in ſeinem eigenen Hauſe war. Der Oberkellner, ein großer, ſtattlicher, höflicher Mulatte, je⸗ doch in ſehr unſauberer und fadenſcheiniger Kleidung, ſchien mir aus irgend einem Grunde— vielleicht wegen meiner Artigkeit gegen ihn—— ganz beſonders gewogen zu ſein. Nach Tiſche rief er mich bei Seite und * 209 fragte mich, ob ich den Herrn kenne, der bei Tafel mir gegenuüber geſeſſen habe. Dies war der vermeintliche Pflanzer, mein Reiſegefährte, früher Buchhalter und Kompagnon von Gouge und M'Grab.— 3 „Nein,“ antwortete ich,„ich habe erſt auf der Reiſe von Charleston ſeine Bekanntſchaft gemacht, und es würde mir angenehm ſein, wenn ich ſeinen Namen erfahren könnte.“ 4 „Das dürfte wohl nicht ſo leicht ſein,“ verſetzte der Mulatte,„denn er führt eine Menge verſchiedener Namen. Faſt jedes Mal, wenn er hier⸗ her kommt, hat er einen neuen. Nehmen Sie ſich vor ihm in Acht, er iſt ein Spieler. Ich hielt es für gut, Sie darauf aufmerkſam zu machen, damit Sie nicht etwa von ihm betrogen werden.“ Da dieſer Wink mir in der beſten Abſicht gegeben zu werden ſchien, ſo hatte ich keinen Grund, die Richtigkeit der Angabe zu bezweifeln. Ich wußte recht gut, daß das Spiel in dieſen ſüdlichen Staaten nicht nur, wie in den großen europäiſchen Hauptſtädten, als Mittel gegen die Lange⸗ weile betrieben wurde, ſondern daß es auch hier, wie dort, Spieler von Profeſſion gab, welche von der Pluͤnderung ungeſchickter und unvorſichtiger Perſonen lebten. Die Mitglieder dieſer ſauberen Geſellſchaft haben ge⸗ wöhnlich ganz das Ausſehen feiner und gebildeter Leute, und die Ver⸗ muthung, daß mein neuer Bekannter zu ihnen gehöre, war daher keines⸗ wegs unwahrſcheinlich. Obgleich er im Laufe des Morgens über einige Fragen der Politik und Moral Anſichten ausgeſprochen hatte, welche mit denen unſrer beiden anderen Reiſegefährten nicht übereinſtimmten, ſo bot er dennoch, wie ich mit einiger Verwunderung bemerkte, am Nachmittag ſeine ganze Liebens⸗ würdigkeit auf, um ſich bei ihnen einzuſchmeicheln und ihr Vertrauen zu gewinnen. Als die Poſtkutſche am Abend vor einer wo möglich noch ſchmutzigeren, unbehaglicheren und in jeder Beziehung häßlicheren Schenke als der, in welcher wir zu Mittag geſpeiſt hatten, anhielt, ſchlug er nach dem Abendeſſen zum Zeitvertreib ein Kartenſpiel vor. Die beiden Andern waren ſogleich bereit dazu, und alle Drei ſaßen bald beim Spiele, an dem auch noch einige Plantagenbeſitzer aus der Umgegend, welche zufällig im Hauſe waren, Theil nahmen. Ich für meine Perſon lehnte jede Betheiligung an dem Spiele auf das Entſchiedenſte ab, indem ich erklärte, daß ich nie eine Karte anrühre und nie um Geld ſpielez als daher der erwähnte Spieler ſah, daß ich in dieſer Beziehung unbeugſam war, bemerkte er jedenfalls mit wohlberechneter Ab⸗ ſicht, daß ein Fremder, der die ſüdlichen Staaten bereiſe, in der That ſehr wohl daran thue, ſich in den Gaſthäuſern des Spiels gänzlich zu enthalten. Nachdem ich dem Spiele eine Zeitlang zugeſehen hatte, ging ich zu Bett, und als ich am andern Morgen ſehr frühzeitig— denn wir wollten ſchon um fünf Uhr abreiſen— in's Gaſtzimmer trat, fand ich die Herren noch immer am Spieltiſche. Die beiden Nordländer ſähen von der durch⸗ wachten Nacht ganz verſtört aus, und ihre langen, eüte Geſichter waren ſo entſtellt, daß ſie um zehn Jahre älter geworden zu ſein ſchienen. Die beiden heiteren und blühend ausſehenden Herren von geſtern waren in der That kaum noch in ihnen zu erkennen. Der dritte ſah dagegen noch eben ſo friſch und munter aus wie am vorigen Abend, und als ich in's Zimmer trat, ſteckte er mit einer wahrhaft bewundernswürdigen nachläſſigen Gleich⸗ gültigkeit die letzten Einſätze und, wie es ſich ergab, zugleich das letzte Geld ſeiner beiden Partner ein. Der weiße Sklave. 14 210 Er hatte ſich, wie ich ſpäter erfuhr, mit nur zehn Dollars, ſeinem ganzen Geſchäftskapital, zum Spiele niedergeſetzt und eine glückliche Nacht gehabt. Am Morgen beſaß er nicht weniger als zweitauſend Dollars und üͤberdies einen hübſchen funfzehn⸗ bis ſechzehnjährigen Mulattenburſchen, den ihm einer der Pflanzer zur Ausgleichung ſeiner Spielſchuld über⸗ laſſen hatte. Da unſere beiden Reiſegefährten vollſtändig ausgebeutelt waren, ſo erbot er ſich großmüthig, ihre Wirthshausnechnungen zu bezahlen und Jedem funfzig Dollars zu leihen, bis ſie weitere Geldſendungen erhalten könnten, des Mitleids, als ob ſie ihr Geld durch irgend einen Zufall verloren hätten, während er ſelbſt ſie darum gebracht hatte, und zwar nicht allein durch Hilfe gewiſſer Kunſtgriffe ſeines Gewerbes. Ein Herr, der ſeinem Sklaven einen Dollar als Weihnachtsgeſchenk zuwirft, haͤtte keine großmuͤthigere Miene annehmen können. 1 mäklers und des New⸗Yorker Redakteurs nach dem Verluſte ihres Geldes zu ſehen. Am Tage vorher hatten ſie die Stirn hoch getragen, hatten ihre beſtimmten Anſichten ausgeſprochen und ſich nicht geſcheut, dieſelben mit Entſchiedenheit geltend zu machen. Heute ſchienen ſie in nichts zuſammen⸗ geſunken zu ſein; ſie waren finſter und ſchweigſam und betrachteten den Nann, der ihnen ihr Geld abgenommen und den ſie am vorigen Tage in der Meinung, daß er ein reicher Pflanzer ſei, mit Artigkeiten überhäuft hatten, mit einem ſeltſamen Gemiſch von Wuth und Furcht, ohngefähr wie ein unglücklicher Sklave ſeinen Herrn, den er fürchtet und haßt, dem er aber nicht entrinnen kann. 3 Ich konnte mich des Gedankens nicht enthalten, daß die beiden Herren, wenn man ihnen ihre ſchönen Kleider ausgezogen und ſie in ihrer gegen⸗ tiſch von Gouge und M'Grab oder eines andern Sklavenhändlers geſtellt häͤtte, ſehr leicht für zwei in der Knechtſchaft geborene und wohl erzogene „weiße Nigger“ hätte halten können, von denen nicht viel zu fürchten war. Als der Spieler ſeine beiden Schlachtopfer ſo trocken wie eine ausge⸗ drückte Citrone und für jede geſellige Unterhaltung nempfänglich ſah, wendete er ſich an mich. Ich muß geſtehen, daß ich an Phrer Lage ein ent⸗ ſchiedenes Vergnügen fand. „Ja, ja, Ihr guten Leute,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„jetzt lernt Ihr aus eigner Erfahrung, wie angenehm es iſt, ausgeplündert und ausgezogen zu werden! Ihr jammert über den Verluſt einiger hundert Dollars, die Ihr — ob auf ſtreng rechtlichem Wege, weiß ich nicht— vielleicht in wenigen Wochen verdient und hie Ihr jetzt nicht minder durch Eure eigne Thorheit, wie durch die Geſchicklichkeit und die Kunſtgriffe eines gewandten Gauners verloren habt. Lernet jetzt Mitleid fühlen mit unzähligen Eurer ungluͤck⸗ lichen Nebenmenſchen, die an natürlicher Begabung keineswegs ſo tief unter Cuch ſtehen, ja theilweiſe ſogar Euch überlegen ſind— und welche Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr— ihr ganzes Leben hindurch ausgezogen und ausgeplündert werden, und zwar nur durch Betrug und Gewalt, ohne Einwilligung von ihrer Seite— nicht nur des Verdienſtes ihrer Hände Arbeit beraubt, ſondern vielleicht der Weiber ihres Herzens und der Kinder ihrer Liebe, welche zur Sklaven⸗ ſeine überlegene Ruhe und Geſchicklichkeit, ſondern wahrſcheinlich auch mit unen..* Es war merkwürdig, die Niedergeſchlagenheit des Boſtoner Baumwoll⸗ wärtigen niedergeſchlagenen und trübſeligen Stimmung auf den Auktions⸗ und dies that er mit einer ſo ungeheuchelten Miene der Theilnahme und 211 auktion geſchickt werden, wie es der Bequemlichkeit oder dem Bedürfniß der Leute entſpricht, die ſich ihre Eigenthümer nennen, ohne dazu mehr Recht zu haben, als dieſer Spieler auf Euch— das Recht des Stärkeren über den Schwächeren und des Schlauen über den Einfältigen!“ Funfzigſtes Kapitel. ODa der vormalige Buchhalter und Kompagnon von Gouge und MGrab, nunmehr wahrſcheinlich Gauner und Spieler von Profeſſion, in Folge feiner frühern Verbindung mit jener reſpektabeln Sklavenhändlerfirma mir vielleicht Aufſchlüſſe geben konnte, die für meine Nachforſchungen von we⸗ ſentlicher Wichtigkeit war, ſo nahm ich ſein artiges Entgegenkommen freund⸗ lich auf. Die energiſche Entſchiedenheit, welche er am Tage vorher bei ter Vertheidigung ſeines Vicepräſidentſchafts⸗Kandidaten gezeigt, hatte niich für ihn eingenommen, und ſeinen gegenwärtigen Beruf betrachtete ich als eben ſo ehrenwerth, wie den Sklavenhandel, den er früher betrieben, oder wie die Sklavenzucht, durch welche in den ſüdlichen Staaten ſo viele angeſehene und geachtete Männer wenigſtens zum Theil ihren Lebensun⸗ terhalt erwerben. 6 Ich fand in ihm wirklich einen ſehr angenehmen Geſellſchafter, der aͤaſt ganz frei war von den engherzigen Lokalvorurtheilen, welche ſelbſt unter den gebildetſten und freiſinnigſten Amerikanern faſt allgemein ſind. Er be⸗ 6 ſaß eine ſcharfe Beobachtungsgabe und ein ſehr treffendes Urtheil mit einem leichten Anflug von Satyre, die aber eher harmlos als beißend war. Dies war der Anfang einer Bekanntſchaft, welche allmälig zu einem vertrauteren Verhältniſſe heranreifte. Ich machte gegen Mr. John Colter — denn dies war der Name, unter welchem er ſich mir vorſtellte— kein Hehl daraus, daß ich ſein etwas zweideutiges Gewerbe kannte, war aber 3 zugleich auch bereit, ſeine Talente, Unterhaltungsgabe und die häufigen Be⸗ weiſe, welche er, wenigſtens in Worten, von einem von Natur edelmüthigen und guten Charakter gab, ihrem vollen Werthe nach zu ſchätzen. Warum ſollte ich auch ſeine Lage und Umſtände nicht berückſichtigen? Warum ihn nicht mit eben ſo großer Nachſicht beurtheilen, als im Allgemeinen für Sklavenbeſitzer verlangt wird? 3 Wie um mich in dieſer Toleranz, durch die er ſich offenbar nicht wenig 6 eſchmeichelt fühlte und an welche er nicht gewöhnt zu ſein ſchien, zu be⸗ rken. erzählte mir Mr. Colter auf einem Spaziergange, den wir am nächſten Abend zuſammen machten, da er keine Gimpel mehr zu rupfen hatte, ſeine vollſtändige Lebensgeſchichte. Er war der Sohn eines ehemals reichen Pflanzers, der auch, nachdem er es längſt nicht mehr war, bis an ſein Ende immer noch allgemein für reich gegolten hatte. Natürlich wurde er in verſchwenderiſchen und luru⸗ riöſen Gewohnheiten erzogen. Man hatte jedoch dabei ſeine wiſſenſchaft⸗ V liche Bildung nicht vernachläſſigt und ihn ſogar einige Jahre nach Europa auf Reiſen geſchickt, wo er eine Menge Geld ausgab und in ſehr lockere 1 Geſellſchaft gerieth. Nach dem Tode ſeines Vaters wurde er zurückgerufen. Das Vermögen erwies ſich als überſchuldet, die Pflanzungen und Sklaven waren mit Hypotheken belaſtet, und er wie ſeine zahlreichen Geſchwiſter ſtanden von Allem entblößt hilflos in der Welt. In Folge deſſen ganz auf ſich ſelbſt angewieſen, war es ihm ſehr 14* 8 212 ſchwer geworden, Mittel zu ſeinem Lebensunterhalte zu finden. Die ge⸗ wöhnliche Hilfsquelle herabgekommener Familien beſtand darin, daß ſie nach den weſtlichen Staaten auswanderten; dies war jedoch kaum möglich, wenn man nicht einige Sklaven mitnehmen konnte, und er beſaß weder Sklaven noch die Mittel, ſich einen einzigen zu verſchaffen, denn ſein verſchwende⸗ riſcher Charakter war zu allgemein bekannt, als daß die alten Freunde ſeines Vaters ihm etwas häͤtten leihen mögen. Es war wirklich merkwuͤr⸗ dig, wie wenig Freunde die Hinterlaſſenen hatten, nachdem ſich die Zerrüt⸗ tung des väterlichen Vermögens herausgeſtellt, trotz der ausgebreiteten Be⸗ kanntſchaften des Verſtorbenen, und der prunkenden Gaſtfreundſchaft, mit der er ſo viele Jahre lang offene Tafel gehalten hatte. Da er nicht ungebildet war, hätte er als Hauslehrer ein Unterkommen finden können, aber dies wurde als eine niedrige, mit der Würde eines Sudländers unvertraͤgliche Stellung betrachtet, welche höchſtens für arme Schlucker aus dem Norden paſſe.„Sie wiſſen,“ ſagte er zu mir,„daß die Römer ihre Kinder durch Sklaven unterrichten ließen; wir beziehen unſere Lehrer meiſt aus Neu⸗England.“— Die Errichtung eines kauf⸗ männiſchen Geſchäfts erforderte Kapital, und überdies war der Handel größtentheils in Händen von Abenteurern aus dem Norden, die ihre Ge⸗ hilfen und Commis ebenfalls von dort zu verſchreiben pflegten. Endlich hatte er, in Ermangelung eines Beſſern eine Stelle bei den reichen Sklavenhändlern Gouge und M'Grab angenommen, ſich nach einiger Zeit zu ihrem erſten Commis und Buchhalter aufgeſchwungen, und war endlich von ihnen als Kompagnon aufgenommen worden. Dieſes Geſchaͤft war ihm jedoch aus verſchiedenen Gründen zuwider. Erſtens wurde es nicht als ehrenhaft betrachtet, wiewohl er nicht recht begreifen konnte warum. Er ſah wohl ein, daß ich, ein Engländer und ſelbſt hin und wieder ein Yankee— wenn es möglich ſei, Einen zu finden, der den Muth habe zu ſagen, daß ſeine Seele ſein Eigenthum ſei— etwas Anſtößiges in dem Handel mit menſchlichen Muskein und Sehnen, dem Kauf und Verkauf von Männern, Weibern und Kindern finde. Er ſelbſt, ſagte er, hatte keine Anſprüche auf große Frömmigkeit oder Moralität ge⸗ macht, ſondern das den übrigen Mitgliedern der Firma überlaſſen. M'Grab war nicht eigentlich ein Methodiſt, wohl aber ſeine Frau und ſeine Kinder, und da der alte Mann ebenfalls ihre Verſammlungen häufig beſuchte, ſo er⸗ warteten die Methodiſten auch ſeinen förmlichen Beitritt. Gouge war ein ſehr frommer Baptiſt, der gebührend bekehrt und getauft worden war und eine Kirche in Auguſta faſt ganz auf ſeine Koſten erbaut hatte, aber bei aller ſeiner Frömmigkeit hatte er doch nie etwas Böſes in dem Geſchaft erblickt, ſondern hatte eben ſo wenig Bedenken getragen, ſeine Glaubens⸗ genoſſen zu kaufen und zu verkaufen, wie unbekehrte Heiden. Gouge hielt die Sklaverei und den Sklavenhandel ſogar in jeder Hinſicht für etwas Gutes, nicht nur in concreter Beziehung, fondern auch in abſtrakter. Hatte nicht ſchon St. Paulus geſagt:„Ihr Sklaven ſeid gehorſam Euren Herren!“ und folgte daraus nicht, daß die Einen Sklaven und die Anderen Herren ſein ſollten und daß die Sklaven nur zu gehorchen hatten? So urtheilte Gouge und vertheidigte ſeine Anſicht mit wunderbarer Beredtſamkeit und Salbung, ſo daß er einſt bei einem Beſuche in New⸗York,— wohin er gekommen war, um einige Hausſklaven zu ſuchen, die er in Baltimore ge⸗ kauft, die aber Nachts darauf aus dem Gefängniß entſprungen waren und denen Gouge bis zu jener Stadt nachgeſpürt hatte— als er in dem Hotel, * 213 wo er abgeſtiegen war, ſehr erbaulich über dieſen Gegenſtand geſprochen hatte, in Folge ſeines gravitaͤtiſchen und ehrwürdigen Aeußeren von einem eben anweſenden Geiſtlichen für einen Doktor der Theologie gehalten und eingeladen worden war, in einer der beliebteſten Kirchen jener Stadt über den göttlichen Urſprung der Sklaverei zu predigen. „Trotz der Beweisführungen und Bibelſprüche meines frommen Kom⸗ pagnons,“ ſagte Colter,„habe ich aber doch nie die Sklaverei oder den Sklavenhandel an ſich billigen können. Was kann es in der That Ver⸗ ächtlicheres geben, als wenn intelligente und körperkräftige weiße Männer ihre ganze Zeit und Mühe aufbieten um eine Maſſe widerſpenſtiger Neger im Guten oder mit Gewalt zur nachläſſigen und ungeſchickten Verrichtung von Arbeiten anzuhalten, die ſie funfzigmal beſſer und mit funfzigmal geringe⸗ rer Mühe und Anſtrengung ſelbſt verrichten könnten? So abſtrakt be⸗ trachtet, muß ich geſtehen, daß mir das ganze Syſtem ein beklagenswerther Mißgriff zu ſein ſcheint; aber in welcher Hinſicht die Sklavenhändler weniger ehrenwerth ſein ſollen, als die Sklavenzüchter oder die Sklaven⸗ käufer, vermag ich nicht einzuſehen, und doch iſt es Thatſache, daß Mr. A. B. in Virginien, der ſich nur dadurch vor dem Bankerott rettet, daß er jährlich etwa ein halbes Dutzend tuͤchtige junge Sklaven beiderlei Geſchlechts für den ſüdlichen Markt liefert, mit einer gewiſſen Verachtung auf den Händler herabſteht, an den er ſie verkauft, während Mr. C. D. in Georgien, der ſein ganzes baares Geld und alles, was er außerdem borgen kann, zum An⸗ kauf von Sklaven verwendet, mit gleicher Verachtung auf den Händler blickt, von welchem er ſie kauft. Aus irgend einem Grunde,“ fügte Mr. Colter ſcherzend hinzu,„ſcheint das alte Sprichwort, daß der Hehler ſo gut iſt wie der Stehler, auf den Sklavenhandel nicht anwendbar zu ſein, wahrſcheinlich deshalb, weil es viel leichter iſt, den Splitter im Auge un⸗ ſers Nächſten, als den Balken in unſerm eignen zu ſehen.“ Dann war der Sklavenhandel mit ſo manchen Unannehmlichkeiten ver⸗ bunden. Allerdings hatte er mit dem ſchlimmſten Theile deſſelben nur wenig thun. Das Aufkaufen der Sklaven in den nördlicheren Staaten wurde ſaupiſachlich von M'Grab beſorgt. Das Hinwegführen aus ihrer Heimath und die Trennung von ihren Familien war oft ein ſchmerzliches und unangenehmes Geſchäft, wenigſtens würde es das für ihn geweſen ſein, obgleich ſich M'Grab nie darüber beklagte. Die Hauptleitung der Verkäufe in Auguſta war in den Händen Gouge's geweſen, der es ſo gut wie irgend Einer verſtand, die Waare im vortheilhafteſten Lichte zu zeigen. Nur Wenige köonnten ihn in der Kunſt übertreffen, einen ſchwindſüchtigen oder ſtrophulöſen Arbeiter als vollkommen geſund oder eine Frau von fünf⸗ undvierzig Jahren für eine dreißigjährige zu verkaufen. Colter's Antheil an dem Geſchäft hatte hauptſächlich in der Beaufſichtigung des Sklaven⸗ magazins in Auguſta beſtanden, wo die Waare aufbewahrt wurde, um ge⸗ mäſtet und für den Markt zugeſtutzt zu werden. Nachſicht und reichliche Koſt waren dort an der Tagesordnung, indem man hauptſächlich darauf bedacht war, die Leute ſo heiter als möglich zu erhalten und ihnen ein wohlgenährtes Ausſehen zu geben. Deſſenungeachtet ereigneten ſich daſelbſt mitunter Scenen— wie die Trennung einer Mutter von ihren Kindern — die für einen Mann von Gefühl, wie er, etwas Peinliches hatten.— Colter legte hierbei mit einer theatraliſchen Geberde, welche es ſchwierig machte zu unterſcheiden, ob er im Scherz oder im Ernſt ſ auf die Bruſt. eche, die Hand — 214 —„Ich will Ihnen offen geſtehen,“ fügte er hinzu, daß die Thränen von Weibern und Kindern von jeher einen erſchütternden Eindruck auf micch gemacht haben, ſo daß ich eben deshalb für das Geſchäft nicht recht paßte. Da ich es mit der Moralität nicht ſo genau nehme, habe ich ſchon ſo Manches verſucht und angefangen; aber ich halte das Andenken meiner Mutter, die meinem jungen Geiſte eine große Achtung vor der Religion einflößte, zu hoch in Ehren, als daß ich mich großer Religioſität rühmen könnte. Ich habe es daher auch nie über mich gewinnen können, mich wie mein Kompagnon Gouge, hinter den Apoſtel Paulus und die Patriarchen zu ſtecken, und mein weltliches, unbekehrtes Herz, wie Gouge es nannte, hat mich zuweilen in ſehr ſchlimme Situation gebracht.. „Das erſte ernſtliche Zerwürfniß mit meinen Kompagnons, das mich zuh Austritt aus dem Geſchäft bewog, entſtand aus einem derartigen Falle. Grab hatte eine ausgezeichnete Partie von Leuten aus Nord⸗Karolina mitgebracht, und unter ihnen befand ſich ein ungewöhnlich hübſches junges Frauenzimmer mit einem netten Jungen, der kaum erſt ſprechen konnte. Es waren ſehr helle Mulatten, die ſelbſt für Weiße hätten gelten können. Der wehmüuthige Ausdruck ihrer großen, ſchwarzen Augen und ihr reizendes, wenn auch vom Kummer gebleichtes Geſicht machten ſogleich beim erſten Anblicke einen großen Eindruck auf mein empfängliches Herz. Ich hätte ſie gern für mich behalten, aber ich wußte, daß dies eine Verſchwendung war, in welche meine Kompagnons nicht willigen würden, beſonders da ich der Firma ſchon den Kaufpreis für zwei andere Mädchen ſchuldig war, die ich mir im Magazin ausgewaͤhlt hatte. Sie war offenbar nur an leichte Hausarbeit gewöhnt und, wie ich bald erfuhr, Kammermädchen bei einer Dame geweſen, deren Eigenthum gerichtlich verkauft werden mußte. M'Grab ſagte ſchmunzelnd, ſie ſei das ſchönſte Eremplar, das er je gekauft habe— und noch dazu ſo wohlfeil!— Er hatte für ſie und ihren Knaben zu⸗ ſammen fünfhundertundfunfzig Dollars gegeben, während ſie allein wenigſtens zweitauſend werth war und der Junge auch noch etwa hundert einbringen konnte. Sie war in allen weiblichen Handarbeiten wohl geübt und konnte ſchon als Nähterin oder Kammermädchen ihre tauſend Dollars einbringen, aber wenigſtens doppelt ſo viel, ſagte WGrab mit einem deutungsvollen Blicke auf Gouge, deſſen ernſtes Geſicht ſich in der Hoffnung auf ein ſo brillantes Geſchäft zu einem Lächeln aufhellte— wenigſtens doppelt ſo viel, wenn ſie als Lurusartikel auf dem Markte von New⸗Orleans ver⸗ kauft würde!“. So ſehr ich mich auch zu beherrſchen ſuchte, war es mir bei dieſen efühlloſen Worten doch unmöglich, einen Seufzer zu unterdrücken. Dem ſcharfen Blicke Colter's war es nicht entgangen, daß die Erwähnung der jungen Sklavin aus Nord⸗Karolina mit ihrem Kinde mich heftig ergriffen hatte, und er ſchien in der Abſicht, mich zu ſondiren, die Sache recht aus⸗ führlich erzählt zu haben. „Was fehlt Ihnen denn?“ rief er plötzlich, indem er mir feſt in's Geſicht blickte;„Sie ſcheinen auffallend bewegt zu ſein. Wenn Sie über — jedes huͤbſche Mädchen, das als Lurusartikel auf den Markt nach New⸗ Orleans geſchickt wird, ſeufzen und klagen wollen, ſo werden Sie ein trau⸗ riges Leben führen.“ Ich konnte aber nur mit der größten Anſtrengung meine Stimme ſo weit beherrſchen, um ihn zu fragen, ob er ſich des Namens der jungen„ Sklavin erinnere. Tugendhaftigkeit und Sittenſtrenge ſchwatzt, eben ſo wenig Einſiedler wie — 215 „O ja,“ antwortete er;„es i*ſt ſchon eine ziemliche Zeit her— gewiß zwanzig Jahre— aber Namen und Geſichter vergeſſe ich ſelten. Ich glaube, das Mädchen hieß Caſſy.“ Mein Herz klopfte heftig, als ich dieſen theuren Namen hörte; aber ich lehnte mich an einen Baum, unter welchem wir ſtanden, und fragte: „Können Sie ſich auch noch erinnern, wie der Knabe hieß?⸗ „Ich will ſehen, ob ich mich darauf beſinne,“ erwiderte mein Begleiter, und er dachte einen Augenblick nach;„ja, ich hab's— ich glaube, ſie nannte den Kleinen Montgomery.“ Das war der Name, den wir unſerm Knaben zu Ehren der gütigen Herrin Caſſy's gegeben hatten, und ich konnte nicht länger zweifeln, daß von meiner Frau und meinem Kinde die Rede war. 3 * Einundfunfzigſtes Kapitel. Ich unterdrückte meine Bewegung ſo gut ich konnte, und bat Colter, in ſeiner Erzählung fortzuſahren. Er beeilte ſich damit jedoch keineswegs. „Die Geſchichte ſcheint Sie außerordentlich zu intereſſiren,“ ſprach er, mich ſcharf anſehend, weiter.„Soviel ich mich entſinne, haben Sie mir geſagt, daß dies nicht Ihre erſte Reiſe nach Amerika iſt, ſondern daß Sie ſchon früher, vor etwa zwanzig Jahren einmal hier geweſen ſind. Vor zwanzig Jahren müſſen Sie ein junger Mann geweſen ſein, und junge Männer ſind für weibliche Reize ſehr empfänglich; auch ſeid Ihr jungen Engländer, wenn Ihr zu uns kommt, trotz Allem, was man von engliſcher wir Alle. Aber ſelbſt dem keuſchen Joſeph, oder Scipio, oder dem römiſchen Papſte würde man es nicht als eine Suͤnde anrechnen, wenn ſolche Reize einigen Eindruck auf ſie machten. Manche junge Sklavinnen haben ein ſanftes, gewinnendes, einnehmendes Weſen, daß ſie wahrhaft unwiderſtehlich ſind. Ich wundere mich nicht über den Neid und die Eiferſucht unſerer weißen Frauen; ſie müſſen ſich nothwendigerweiſe ihrer Inferiorität in die⸗ ſem Punkte bewußt ſein. Dadurch werden ſie launiſch und heftig, aber das macht die Sache nicht beſſer, und ſie werden ſo kein Haar angenehmer. Sie müſſen ſich daher begnügen, Herrinnen des Hauſes und der Dienerſchaft zu ſein, während ein ſchwarzes, gelbes oder weißes Sklavenmädchen das Herz ihres Gatten beſitzt.“ „Es giebt eine Menge ſolcher Mädchen, welche auch die ſanftmüthigſte Frau von der Welt zur Verzweiflung bringen könnten.“ „Was die Caſſy betrifft, an der Sie ein ſo beſonderes Intereſſe zu nehmen ſcheinen, ſo würde ſie der Wahl eines Jeden Chre gemacht haben. Ich ſage dies ſowohl als Kenner“, wie als Liebhaber in dieſem Fache, und in der That auch vom geſchäftlichen Standpunkte aus— und ich denke, daß in allen dieſen Beziehungen meine Meinung etwas werth iſt. Auch der Junge war ein hübſcher Burſche. Icht möchte wiſſen, wer ſein Vater iſt. Wahrhaftig,“ ſagte er, indem er mich mit einer ſchalkhaften Miene an⸗ ſah,„ich möchte faſt behaupten, daß eine Aehnlichkeit ſtattſindet!“ Da er indeß bemerkte, daß ſein verſuchter Scherz meiner Geiſtesſtim⸗ mung nicht zuſagte, und ſein ſcharfer Blick wahrſcheinlich die in meinem Auge ſtehende Thräne entdeckte, ſo veränderte er ſeinen Ton ein wenig. „Ja, dieſe farbigen Weiber packen unſere Herzen zuweilen gar feſt⸗ 216 Mit den Männern werden wir eher fertig; die tyrannifiren wir, als ob ſie unvernünftige Thiere wären; aber die Weiber find für uns oft zu ſtark. Ich habe ſchon geſehen, wie der wildeſte, brutalſte, jähzornigſte Menſch, der weder Gott noch Menſchen fürchtete, von einem kleinen ſchwarzen oder gelben Mädchen von funfzehn bis zwanzig Jahren, das auf dieſe Weiſe die Königin Eſther auf der Pflanzung ſpielte und ſich zwiſchen die Wuth ihres geſtrengen Herrn, und den Rücken ihrer ſchwarzen Verwandten ſtellte, am Gängelbande geführt wurde, wie ein Kind, oder daß er vielmehr nach ihrer Pfeife tanzte, wie ein zahmer Bär. Dies iſt ein mildernder Umſtand, den die Verthei⸗ diger der Sklaverei nicht häufig geltend machen, der aber vielleicht mehr als irgend ein andrer dazu beiträgt, um zwiſchen Sklaven und Herren ein einigermaßen freundliches Verhältniß zu vermitteln. Auf dieſe Weiſe ſucht die Natur die urſprüngliche Gleichheit zwiſchen Herrn und Sklaven wieder herzuſtellen. Amor mit ſeinem Bogen und Köcher iſt der geſchworene Feind aller Kaſten⸗ und Rangunterſchiede.“ Da ich noch immer ſchwieg, fuhr er fort: „Nun, wenn jene Caſſy einſt Ihr Liebchen geweſen iſt— und ich kann mir nicht denken, warum Sie ſich ſonſt ſo lebhaft für ſie intereſſiren ſollten,— ſo freut es mich wenigſtens, daß Sie Ihre Zuneigung einem faſt völlig weißen Mädchen geſchenkt hatten, denn ich füͤr meinen Theil kann die ſchwarzen nicht leiden. Allerdings rechnen wir hier im Suden alle Sklaven, von welcher Farbe ſie auch ſein mögen, zu den„Niggern.“ Fangen Sie einmal ein verlaufenes irländiſches oder deutſches Mädchen ein und verkaufen Sie ſie— was mitunter geſchieht,— ſo wird ſie ſofort zu den Negerinnen gerechnet und kann eine eben ſo gute Sklavin werden, als ob ſie afrikaniſches Blut in den Adern hätte.“ Ich beherrſchte mich ſo gut ich konnte, und ſagte zu Colter: „Wenn Sie wirklich glauben, daß ich mich für dieſe Sklavin und ihren Sohn ſo lebhaft intereſſire, dann könnten Sie wohl den Scherz bei Seite laſſen und mir lieber ſagen, was aus ihnen geworden iſt.“ „Ich für meine Perſon,“ erwiderte er,„habe mir durchaus nichts gegen ſte zu Schulden kommen laſſen. Und wenn ich vorhergeſehen haͤtte, daß ch noch nach zwanzig Jahren von Ihnen zur Rechenſchaft gezogen werden würde— und ich habe Ihr Auge in der letzten halben Stunde hinreichend bedbachtet, um Sie für einen Mann zu halten, mit dem ich mich nicht gern entzweien möchte— ſo hätte ich im Ganzen genommen nicht beſſer an dem Mädchen handeln können, als ich es gethan habe. „Wenn ich ſagen wollte, daß ich ihr keine Liebeserklärung gemacht habe, ſo würden Sie mir das ſchwerlich glauben. Ich that es, aber ſie antwortete mir mit einem ſolchen Sturme von Thränen und Bitten, daß meine Leidenſchaft völlig erloſch und ſich in Mitleid verwandelte. „Ich fand bald, daß die hauptſächlichſte Quelle ihres Schmerzes die Beſorgniß war, daß ſie von ihrem Sohne getrennt werden könne, und in der That hatte ſie auch einige Urſache dazu. Ein Sklavenhändler von New⸗Orleans, mit dem wir ſchon oft Geſchaͤfte gemacht, hatte große Luſt gezeigt, ſie zu kaufen. Nach einer ſorgfältigen Unterſuchung ihres Körpers, bei welcher er ſich mehr Freiheiten herausnahm, als ich gegen Sie wieder⸗ holen will, erklärte er ſie für ein wahres Prachtexemplar, für eine Dirne von der Primaſorte, die ganz ausgezeichnet für den Markt von New⸗ Orleans paſſe, und erbot ſich, zweitauſend Dollars baar für ſie zu zahlen, was Gonge auch annehmen wollte, ſobald Jener auch den Knaben für 217 weitere hundert Dollars nehmen wuürde. Aber der Sklavenhändler wollte den Knaben nicht, da er nur den Verkauf der Mutter erſchwert haben würde— wenigſtens gab er dies vor,— und er beſtand darauf, daß der Junge mit in den Kauf gegeben werden muͤſſe. Eine Dame in Auguſta, welche eben einen kleinen Burſchen ſuchte, um ihn als zukünftigen Diener für ihren jüngſten Sohn aufzuziehen, bot 75 Dollars für ihn. Es ſchien ſo gut wie gewiß zu ſein, daß der Knabe an die Frau in Auguſta, und die Mutter an den Sklavenhändler nach New⸗Orleans verkauft werden würde. Sie wußte dies und bat mich in der größten Verzweiflung, ſie vor dieſer Trennung zu retten. „Da kamen während der Abweſenheit Gouge's, der zu einer gericht⸗ lichen Sklavenauktion etwa zehn Meilen von der Stadt gefahren war, wo er einige wohlfeile Einkäufe machen zu können glaubte, eine Dame und ein Herr in unſer Magazin um eine Dienerin für die Erſtere zu ſuchen. Der Herr war ein Pflanzer aus Miſſiſſippi, welcher in der Gegend von Vicks⸗ burg wohnte und jetzt mit ſeiner jungen Frau, die er vor Kurzem im Norden geheirathet hatte, nach Hauſe reiſ'te. Ich machte ſie auf Caſſy auf⸗ merkſam, und dieſe beſtürmte die Leute mit Bitten, ließ den kleinen Knaben vor ihnen niederknien und ſeine Händchen falten und zuerſt die Dame und dann den Herrn anflehen, daß ſie ihn und ſeine Mutter kaufen und nicht zugeben möchten, daß der Sklavenhändler ihm ſeine Mutter nehme und nach New⸗Orleans ſchicke. „Nachdem die Dame Caſſy über ihre Kenntniſſe und Fähigkeiten aus⸗ gefragt hatte, erklärte ſie, daß ſie gerade eine Perſon ſei, wie ſie ſie brauche. Sie war im Norden erzogen, liebte die Neger nicht und konnte keine ſchwarze Dirne um ſich leiden, während dieſe, ſagte ſie, eben ſo nett und faſt eben ſo weiß wie ein Mädchen aus Neu⸗England ſei, und man den Knaben bald lehren könne, die Meſſer zu putzen, bei Tiſche aufzuwarten, . und andere kleine Dienſte zu verrichten.— —„Ich erbot mich, die Beiden für zweitauſend und fünfzig Dollars ab⸗ zulaſſen. Der Mann fand dieſen Preis ungeheuer hoch und ſagte, er könne dafür drei vorzügliche Feldarbeiter kaufen. Eine Perſon die nicht ganz ſo jung und hübſch ſei, würde den Abſichten ſeiner Frau eben ſo gut ent⸗ ſprechen und vielleicht in jeder Hinſicht zweckmäßiger ſein— eine Andeu⸗ tung, deren Sinn mir vollkommen klar war, den aber die Frau nicht zu verſtehen ſchien. Sie beſtand darauf, Caſſy zu kaufen und da die Flitter⸗ wochen noch nicht zu Ende waren, trug ſie den Sieg davon. Der Kauf⸗ ſchein war unterzeichnet, das Geld bezahlt, und Mutter und Kind ihren 1 ſenen Eigenthümern übergeben; da erſcheint plötzlich Gouge vor dem Magazin. „Als der hartherzige alte Schurke vernahm, daß ich Mutter und Kind zuſammen für fünfundzwanzig Dollars wohlfeiler verkauft hatte, als er hätte erlangen können, wenn er ſie einzeln verkaufte, machte er einen ent⸗ ſetzlichen Lärm. Der fromme Baptiſt, der, wie ich Ihnen erzählt habe, in New⸗York für einen Doktor der Gottesgelahrtheit gehalten worden war, gerieth außer ſich und fluchte und ſchimpfte wie ein Seeräuber. Er hätte nicht wüthender ſein können, wenn ich ſie geradezu verſchenkt hätte. Ich dachte, daß er wenigſtens für den Augenblick von der Gnade abgefallen ſei; aber dies hatte mit ſeinem Glauben nichts zu thun. Er war kein Metho⸗ ddiſt, und er hatte mit M⸗Grab über dieſen Punkt oft ziemlich heftige Strei⸗ igkeiten. M'Grab meinte, daß ſelbſt der beſte Menſch zuweilen ſündigen 218 könne; Gouge aber behauptete auf das Beſtimmteſte, die unveränderliche Heiligkeit der Heiligen, zu denen er ſich ohne Zweifel ſelbſt rechnete. „Ich bat ihn zu berückſichtigen, wie hart es geweſen ſein würde, die Mutter von ihrem Kinde zu trennen, und ſagte ihm, daß wir wohl zu⸗ frieden ſein könnten, da wir bei dieſem Geſchäft immer noch ein ſchönes Sümmchen verdient hätten. Ich ſagte ihm ferner, ich habe erfahren, daß die junge Sklavin fromm ſei und ſelbſt abgeſehen von der Trennung von ihrem Kinde einen großen Abſcheu vor dem Markte von New⸗Orleans habe, und ich behauptete, daß es in Hinſicht auf Religion und Gewiſſen beſſer wäre, ſie, wie ich es gethan, an eine Privatfamilie zu verkaufen, bei der ſie wahrſcheinlich eine gute Behandlung zu erwarten habe, als an einen Sklaven⸗ häͤndler in New⸗Orleans. „Hier glaubte ich gegen meinen frommen Kompagnon im Vortheil zu ſein und bekräftigte meine Anſicht noch durch den Bibelſpruch:„„Du ſollſt die Wittwen und Waiſen nicht unterdrücken.““ Ich war in der Heiligen Schrift zwar nicht ſo gut beleſen wie Gouge, aber die Stelle fiel mir zu⸗ fällig ein und ich wendete ſie auf den vorliegenden Fall an. Gouge war jedoch höchlich entrüſtet, daß ein gottloſer Geſell, wie ich, der keiner Kirche angehörte und keine Anſprüche auf Religioſität machte, ſich herausnahm, ihm in einer ſolchen Angelegenheit Vorſchriften zu machen, und gerieth in eine heftige Wuth. „Die Stelle, ſagte er, ſei auf den vorliegenden Fall gar nicht anwend⸗ bar. Er habe einmal ein langes Geſpräch über den Gegenſtand mit dem Pfarrer Softwords gehabt. Da Sklaven nicht heirathen könnten, ſo denke der Pfarrer auch, daß es keine Wittwen unter ihnen geben könne, und was die Kinder betreffe, ſo könnten ſie keine Waiſen werden, da ſie nicht in einer geſetzlichen Ehe geboren, ſondern in den Augen des Geſetzes, wie der gelehrte Richter Hallet öffentlich geſagt habe,„Niemandes Kinder“ ſeien. Die Frömmigkeit der Nigger aber ſei dummes Zeug und blauer Dunſt; er glaube nicht daran. Er gehörte in der That zu einer in dieſer Gegend ziemlich zahlreichen Sekte, welche man Anti⸗Miſſtons⸗Baptiſten nennt und welche nicht glauben, daß der Herr jemals beabſichtigt habe, daß die Heiden bekehrt, oder die Neger etwas Anderes als Sklaven werden ſollten, und daß außer ihnen überhaupt irgend ein Menſch ſelig werden könne. Die Seligkeit aber erwarten ſte nur von dem Glauben und der Gnade, ohne alle Rückſicht auf gute Werke. Den Spektakel, den die Dirne über den Gedanken der Trennung von ihrem Kinde gemacht habe, erklärte Gouge für wahrhaft lächerlich. Sei ſie nicht noch jung genug, meinte er, um ein Dutzend andere Kinder zu bekommen? „Der Ausgang der Sache war, daß Gouge, mit ſeiner Brutalität und geldſtolzen Unverſchämtheit, und ich, mit einem heftigen Temperament, das ich damals noch nicht ſo gut beherrſchen gelernt hatte, in einen heftigen Streit geriethen, welcher damit endete, daß ich ihm auf der Stelle eine ge⸗ hörige Tracht Schläge gab und natürlicherweiſe ihm zu gleicher Zeit meinen ſofortigen Austritt aus dem Kompagniegeſchäft ankündigte. „ Ich war in der That für dieſes Geſchäft viel zu weichherzig. Mit den Männern würde es allenfalls noch gegangen ſein; aber die Weiber, die alten wie die jungen, ſpielten beſtändig ſolche Scenen und jammerten immer ſo entſetzlich über die Trennung von ihren Müttern und Töchtern, von ihren —— Säuglingen und Gatten, daß es für einen Mann, der noch einen Funken Gefühl hatte, wahrhaft unerträglich wurde. 3 ſchäft zurückziehen zu können.“ 4 —— 219 „Nachdem ich auf dieſe Weiſe dem Sklavenhandel Valet geſagt hatte, mußte ich mir eine andere Beſchäftigung ſuchen; aber dies war nicht ſo leicht. Es giebt nur ſehr wenige Geſchafte, die ein Gentleman im Süden betreiben kann, ohne an Achtung zu verlieren. Mein gewandtes Benehmen, meine muſikaliſche Bildung und mein Erzählertalent hatten mich zu einem Liebling der Geſellſchaft gemacht, und da ich nie trank und einiges von Karten und Wurfeln, Billard und Pharao verſtand, ſo konnte ich meine Taſchen auf dieſe Weiſe füllen. So wurde das Spiel, in Ermangelung eines Beſſeren, endlich mein regelmäßiges Gewerbe.“ „Iſt das eines von den wenigen Geſchäften, welche ein Gentleman im Suͤden betreiben kann, ohne an Achtung zu verlieren?“ bemerkte ich, um ihm die Tantalusqualen, die er mir im Anfange ſeiner Erzählung bereitet hatte, einigermaßen zu vergelten. „Daß das Spiel eine noble Beſchäftigung iſt, läßt ſich nicht leugnen, erwiderte er mir,„denn es wird von dem größten Theile der feinen Welt im Suden ohne Scheu betrieben. Mitunter bekommt die geſetzgebende Ver⸗ ſammlung wohl einmal einen Anfall von Bußfertigkeit oder Tugendhaftigkeit und erläßt Geſetze, um ihm ein Ende zu machen; aber kein Menſch denkt daran, dieſe Geſetze zu beachten, oder ſie in Kraft zu ſetzen, außer dann und wann ein armer gerupfter Gimpel, der ſich auf dieſe Weiſe zu räͤchen ſucht. Obgleich aber das Spiel ganz eben ſo anſtändig iſt, wie der Skla⸗ venbeſitz, ſo beurtheilt man uns Spieler von Profeſſion doch mit der näͤmlichen Inkonſequenz, wie die Sklavenhändler; obgleich wir beſtändig mit Gentlemen umgehen, rechnet man uns doch nicht zu ihnen, außer wenn wir Geld genug verdienen, um eine Pflanzung kaufen, und uns vom Ge „Es wird den Mitgliedern Ihres Standes zur Laſt gelegt,“ ſagte ich, „daß ſie mit dem ehrlichen Gewinn des Spieles nicht zufrieden ſind, ſondern ihn auch durch unrechtliche Mittel zu vermehren ſuchen. „Allerdings,“ entgegnete er;„aber das thut mindeſtens die Hälfte der Gentlemen, wenn ſie es verſtehen und Gelegenheit dazu haben. Die Hazard⸗ ſpiele gehen ſtets nur zu leicht ein wenig in Geſchicklichkeitsſpiele über. Was ſchadet es aber, daß wir die Pflanzer plündern? leben ſie nicht auch lediglich von der Plünderung der Neger? Wer giebt ihnen das Recht, ſich zu beklagen? Iſt es nicht bloße Wiedervergeltung? Ich ſage Ihnen, unſer ganzes Syſtem hier iſt von Anfang bis zu Ende ein Plünderungsſyſtem. Nur von den Sklaven und von einigen armen Weißen, die keine Sklaven beſitzen, kann man ſagen, daß ſie ihr Brod ehrlich verdienen. Die Pflanzer leben von der Ausbeutung der Sklaven, welche ſie zwingen, für ſie zu arbeiten. Die Sklaven ſtehlen den Pflanzern ſo viel ſie können, und eine Menge armer Weißer ſind dabei ihre Hehler und Helfershelfer. Eine Bande von blutſaugeriſchen Yankeekrämern und New⸗Yorker Agenten zieht in unſerm Lande umher und ſchleppt ihren Theil von dem Raube mit fort, und wir, die wir an Geiſtesgegenwart, Scharfſinn und Gewandtheit den Pflanzern, Yankees und New⸗Yorkern überlegen ſind,— wir ſtehen meiner Anſicht nach auf einem eben ſo feſten moraliſchen Boden wie alle Uebrigen. Der Grundſtein unſers ſüdlichen Geſellſchaftsgebäudes iſt die Marime, daß Alles dem Starken, dem Klugen, dem Schlauen gehört. Das Leben von der Ausplünderung Anderer iſt eine von den organiſchen Sünden unſers Landes, und ich glaube, daß es ein berühmter Theolog des Nordens war, der das Prinzip aufgeſtellt hat, daß für die organiſchen Sünden eines 220 Staates der Einzelne nicht verantwortlich ſei. Wenn nun dieſer freundliche Grundſatz, gegen den ich meinestheils nichts einzuwenden habe, die Seele und den guten Ruf der Gouge'’s und M'Grab's oder der mit ihnen einver⸗ ſtandenen Pflanzer, retten kann, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir Gentlemen, die wir auch nicht ſchlechter ſind, allein von dem Vortheil ausgeſchloſſen bleiben ſollten.“ Zweiundfunfzigſtes Kapitel. Es war nicht ſchwer, unter der etwas erzwungenen Lebhaftigkeit und Zungenfertigkeit des philoſophiſchen Schwindlers, deſſen Bekanntſchaft ich ſo plötzlich gemacht hatte, einen tiefliegenden, bittern Kummer und ſelbſt einige Beſchämung über ſein Gewerbe zu entdecken, obgleich er zu ſeiner Entſchuldigung anführte, daß es nur eine Anwendung des Grundprinzips aller Sklavenſtaaten ſei. 1... Dies war übrigens eine Idee, auf welche er ſtolz zu ſein ſchien, und auf die er beſtändig mit ſcharfſinniger Beharrlichkeit zurückkam. Er gab zu, daß es eigentlich unrecht und nicht zu vertheidigen ſei, wenn ein Menſch ſeinen Lebensunterhalt durch die Plünderung der Schwachen und Einfältigen erwerbe. Aber er meinte, wenn er es nicht thue, ſo werde es ein Anderer thun. Seine Gewiſſenhaftigkeit werde ſie nicht retten. Die Einfältigen und Schwachen ſeien einmal zum Ausplündern beſtimmt, und dieſem Schickſale könnten ſie nicht entgehen. Könne man von einem in Ueberfluß und Luxus erzogenen Manne wie er, erwarten, daß er einer Beſchäftigung entſagen werde, welche allerdings eine wenig unſicher und den Geſetzen der Moral nicht ganz entſprechend ſei, die aber doch im Ganzen einen anſehnlichen Gewinn abwerfe— und daß er ſich um einiger Gewiſſensſerupel willen der Gefahr des Verhungerns ausſetzen ſollte? Er hoffe, ſagte er ferner, daß er ein Gewiſſen habe, obgleich er ein Spieler von Profeſſion ſei. Der Streit mit Gouge und M'Grab, und das Aufgeben des Sklaven⸗ handels, bei welchem er Reichthümer haͤtte erwerben können, ſei hoffentlich ein genügender Beweis dafür. Es habe jedoch Alles ſeine Grenzen, der Menſch müſſe leben, und zwar durch ſolche Mittel, wie ſie ihm ſeine Stellung nnd Fähigkeiten geſtatteten; er ſehe daher nicht ein, wie man von ihm eher erwarten könne, daß er ſein Gewerbe aufgebe, als von den Skla⸗ venhändlern, daß ſie ihre Sklaven in Freiheit ſetzten. Ich muß geſtehen, daß ich das allerdings auch nicht einſah. Abgeſehen von dem Umſtande, daß er mir bei meinen Nachforſchungen durch weitere Auskunft behilflich ſein konnte, gefiel mir auch ſeine Offen⸗ heit und die ſcharfſinnige Logik ſeiner Anſchauungsweiſe, wie nicht minder ſein gewinnendes Weſen und ſeine angenehme Unterhaltung. Ich erwiderte daher ſein Vertrauen, wodurch er ſich ſehr geſchmeichelt zu fühlen ſchien. Nachdem ich ihm über ſeinen Scharfſinn meine Kom⸗ plimente gemacht, geſtand ich ihm offen, daß ich vor vielen Jahren in einem vertrauten Verhältniſſe mit einer Sklavin geſtanden habe, die nach ſeiner Beſchreibung und verſchiedenen anderen Umſtänden, die er mir mitgetheilt, wahrſcheinlich die nämliche ſei, welche M'Grab in Nord⸗Karolina gekauft und die er an den Pflanzer aus Miſſiſſippi verkauft hatte. Auch verſchwieg ich ihm nicht, daß ich ihren Knaben für mein Kind halte. Hierauf fragte ich ihn, wie der Pflanzer heiße und ob er mir weiter dazu behilflich ſein könne, ſie ausfindig zu machen. 8 . „Und wenn Sie ſie ausfindig machen,“ verſetzte er,„was gedenken Sie dann zu thun?“ 6 „Sie zu kaufen, wenn ich kann, und ſie in Freiheit zu ſetzen,“ er⸗ widerte ich. „Ueberlegen Sie es wohl, ehe Sie ein ſolches Unternehmen beginnen,“ ſagte er.„Die Zeit bringt, wie Sie wiſſen, Veränderungen hervor. Sie können kaum erwarten, das junge Mädchen, welches Sie in Nord⸗Karolina verließen, wiederzufinden. O über die Lügnerin! Hat ſie mir nicht unter ſtrömenden Thränen und mit einem ſolchen Anſcheine von Wahrheit, daß ich ihr glauben mußte, betheuert, ſite habe einen Gatten, der einzige Mann, mit dem ſie je Umgang gehabt, der der Vater ihres Kindes ſei, den die Sklavenhändler vor einigen Jahren nach dem Süden geſchleppt hätten und den ſie noch in dieſer Gegend wiederzufinden hoffe? Glauben Sie ja nicht, daß ſie Ihnen treu geblieben iſt! Selbſt wenn ſie es gewünſcht häͤtte, würde es ſchwerlich in ihrer Macht geſtanden haben. Angenommen, daß Sie ſie wiederfinden, iſt ſie vielleicht dick geworden, wie eine Biertonne und dient als Haushälterin bei einem Herrn— wahrſcheinlich auch als noch etwas Andres; oder ſie iſt Köchin oder Wäſcherin und hat— wie Gouge ihr prophezeite— noch ein Häuflein anderer Kinder, die eine in⸗ tereſſante Verſchiedenheit der Farbe zeigen. Was das Letztere betrifft, ſo find allerdings die Sklavinnen von ihrer Farbe, eben ſo wie die weißen Frauen, jeder Verbindung mit Männern von dunklerer Schattirung abgeneigt.“ So peinlich mir auch dieſe Vermuthungen waren, ſo mußte ich ihnen doch einen hohen Grad von Wahrſcheinlichkeit zugeſtehen. Was konnte nicht eine zwanzigjährige Knechtſchaft aus dem Weibe meines Herzens ge⸗ macht haben! Welchen Demüthigungen, Mißhandlungen, Entwürdigungen und Verſuchungen konnte ſie nicht unterworfen worden ſein, da ſie durch ihre Unſchuld, Schönheit und Sanftmuth ſo anziehend, und ohne den mindeſten Schutz des Geſetzes, der Religion, oder der öffentlichen Meinung den ungezügelten Lüſten, ich will nicht einmal ſagen, eines ausſchweifenden Wüſtlings ſondern vielleicht eines„patriarchaliſch“ geſinnten Pflanzers oder Kinds Verlieheen jungen Herrn ausgeſetzt war, der die Mittel hatte, ſie zu kaufen?— 1 Das Herz wollte mir brechen und der Kopf ſchwindelte mir, wenn ich daran dachte.— „Und dann der Knabe,“ fuhr mein Quälgeiſt fort.„Wenn er noch wäre, was er damals war, als ich ihn ſah, ein muntrer kleiner Burſche, der eben ſprechen gelernt hatte, voll Leben und Freude, und ohne eine Ahnung von der traurigen Lage, die ſeiner Mutter ſo heiße Thränen aus⸗ preßte, ſo könnten Sie hoffen, noch etwas aus ihm zu ziehen. Er war ein Kind, deſſen ſich Keiner zu ſchämen gebraucht hätte. Aber was kann unter dem Einfluſſe der Sklavenerziehung aus ihm geworden ſein! Wenn Sie, mein lieber Herr, an ihm als Vater, oder an ihr als Freund handeln wollten, ſo hätten Sie ſie nicht ſo lange in der Sklaverei laſſen duͤrfen.“ Ich beeilte mich, ihm in allgemeinen Ausdrücken zu erklären, daß dies zur Zeit meiner Trennung von ihnen nicht in meiner Macht geſtanden, daß ich aber, ſobald ich die Mittel dazu exlangt, Alles verſucht habe, um ſie zu entdecken und zu kaufen. Es ſei mir gelungen, ihre Spur bis Auguſta zu verfolgen, dort aber habe ich ſie gänzlich verloren, und jetzt, wo ſeine ſo unerwarteten Mittheilungen die ganze Vergangeuheit in mein Gedachtniß zuruck gerufen hätten und ich immer noch unverheirathet. * 222 kinderlos und ohne ſonſtige Beſchäftigung ſei, fühle ich mich auf's neue von dem Wunſche beſeelt, ſie ausfindig zu machen, und wo möglich in Freiheit zu ſetzen. „Ich ſehe, daß Sie ſehr romantiſche Ideen haben,“ erwiderte mein Reiſegefährte.„Allerdings iſt es kein beſonders angenehmer Gedanke, ſein Kind nach der Willkür brutaler Aufſeher, zänkiſcher Herrinnen oder trunk⸗ ſüchtiger mürriſcher Herren durch die Welt geſtoßen und gepeitſcht zu wiſſen, ohne Hoffnung auf Erlöſung und ohne andre Ausſicht, als ein Sklaven⸗ geſchlecht fortzupflanzen. Ich glaube wohl, daß Sie bei Ihrer engliſchen Erziehung und beſonders, da Sie keine rechtmäßigen Kinder beſitzen, denen Sie Ihre Neigung ſchenken könnten, ſo urtheilen. Aber hier denken wir anders. Man erwartet von den Leuten, daß ſie ihre Privatgefühle, wenn ſie deren haben, dem Wohle der Klaſſe aufopfern, der ſie angehören. Ich glaube, daß in Zukunft die einzigen Repräſentanten vieler der ausgezeich⸗ netſten Staatsmänner und der reichſten Familien des Südens unter ihren Sklavennachkommen zu finden ſein werden. 3 „Folgen Sie meinem Rathe und geben Sie das lächerliche Don Quixote⸗ Unternehmen auf. Wenn Sie jedoch darin beharren, ſo will ich Ihnen gern bei Ihren Nachforſchungen behilflich ſein, ſoviel ich kann. Der Pflanzer in Miſſiſſippi, an welchen das Mädchen und ihr Kind verkauft wurden, hieß homas. Ich habe ihn ſeitdem auf meinen Reiſen mehrmals wiedergeſehen, und es iſt ſchon manches hübſche Sümmchen aus ſeiner Taſche in die mei⸗ nige gewandert. Er wohnt immer noch oder wohnte wenigſtens noch vor Kurzem in der Gegend von Vicksburg. Ich habe in dieſer Stadt Freunde, an die ich Ihnen Briefe mitgeben will, und durch deren Beiſtand Sie ihn ausfindig machen können. Vielleicht ſind Ihr Mädchen und Ihr Sohn noch in ſeinem Hauſe. Sehen Sie ſich aber vor, damit Sie nicht übel ankommen.“— . Dreiundfunfzigſtes Kapitel. Ich ließ meinen neuen Bekannten in Auguſta zurück, wo er ſeiner An⸗ gabe nach Geſchäfte hatte, und reiſte, mit den mir verſprochenen Briefen verſehen, nach Vicksburg. Meine Freude darüber, daß ich die Spur der Verlorenen wiedergefunden hatte, war groß, und doch peinigten mich eine Menge quälender Zweifel 4 und Ungewißheiten in Bezug auf das Reſultat meiner Nachforſchungen, ſelbſt wenn ſie nicht erfolglos blieben. 8 3 — Der erſte Theil meiner Reiſe von Auguſta aus führte mich durch einen öden und theilweiſe unbewohnten Diſtrikt— ein aus den nämlichen Ur⸗ ſachen hervorgegangenes Seitenſtück zu dem, was ich in Virginien und den beiden Karolina's ſo häufig geſehen hatte. 8 Als ich die beiden Flüſſe Oconee und Oakmulgee paſſirt hatte, kam ich in einen neuangebauten Landſtrich, wo die erſten Niederlaſſungen erſt vor etwa zwanzig Jahren gegründet worden waren, wo ſich aber auch ſchon hin und wieder die verderblichen Folgen des ſüdlichen Ackerbauſyſtems in verwüſteten Feldern zeigten, namentlich an den Abhängen der Hügel, von denen das fruchtbare Erdreich weggeſpült war. Hier und da ragten kahle, geſchwärzte Baumſtämme, die Ueberreſte des ſchlecht ausgerodeten Urwaldes hervor, welcher ehedem den Boden bedeckt hatte. Kann es einen ſchlagen⸗ 223 deren Beweis von den nothwendigen traurigen Wirkungen des Plünderungs⸗ ſyſtems geben, auf welches die ganze Organiſation der Sklavenſtaaten ge⸗ gründet iſt, als dieſe verlaſſenen, brachliegenden Felder? Die Sucht, ſchnell reich zu werden, entzieht dem jungfräulichen Boden in kurzer Zeit ſeine ganze Kraft und überläßt ihn dann der hoffnungsloſen Unfruchtbarkeit. Jenſeit des Flintfluſſes gelangte ich in die Urwälder, das ehemalige Jagdgebiet der Creeks, welche aber durch die unerſättliche Habgier der Ge⸗ orgier, mit Unterſtützung von Seiten der Bundesregierung ſchon mit Ge⸗ walt daraus vertrieben zu werden anfingen, um die freien Bewohner des Waldes durch elende Sklaven aus Virginien und Karolina zu erſetzen. An den Ufern des Alabama hörten dieſe Einöden auf und von da bis zum Miſſiſſippi reiſ'te ich durch ein Gebiet, das die Indianer ſchon völlig hatten räumen muſſen, und welches ſich mit einer ſehr gemiſchten Bevöl⸗ kerung aus den nördlicheren Sklavenſtaaten zu füllen begann. Sprößlinge der„erſten Familien“ Virginien's mit einer Anzahl Sklaven, die ſie durch irgend einen Hocuspocus aus den Klauen ihrer Gläubiger gerettet hatten, kamen in dieſe Gegend, um ihren zerrütteten Vermögen wieder aufzuhelfen; Sklavenzuͤge von reichen Plantagenbeſitzern trafen unter der Anführung ihrer Aufſeher aus den alten Staaten ein, um neue Pflanzungen anzulegen, welche einen größeren Gewinn verſprachen; georgiſche Schwindler und ande⸗ res weißes Geſindel, beſonders aus Nord⸗Karolina, überfluthete dieſes neue Land; Yankeekrämer, Winkeladvokaten, Quackſalber, Güterſpekulanten, Sklavenhaͤndler, Gauner, Pferdediebe und alle möglichen Abenteurer, nebſt einer anſehnlichen Quantität Baptiſten⸗ und Methodiſtenprediger: Alle, nur die Prediger ausgerommen— und ſelbſt dieſe nicht durchgängig— hatten nur den einen Gedanken, ſchnell reich zu werden, und Alle führten nur die beiden Worte im Munde:„Nigger“ und„Baumwolle.“ Wer Zeit und Muße hatte, konnte in dieſen neuen Niederlaſſungen das nordamerikaniſche Sklavenſyſtem in ſeinem wahren Charakter und in ſeiner vollſten Ausdehnung ſich entfalten ſehen. Alle alten Sklavenſtaaten waren urſprünglich als freie Gemeindekörper nach britiſchem Muſter orga⸗ niſirt und die Sklaverei nur nebenbei eingeführt worden; auch findet man dort noch einige gute und geſunde engliſche Anſichten, die aber ebenfalls ſchon durch den Einfluß der Sklavenzucht unterdrückt werden. Die Staaten Alabama und Miſſiſſippi dagegen ſind von vornherein durchaus Sklaven⸗ ſtaaten geweſen; die Einwanderer aus den älteren Sklavenſtaaten waren Pößtenthnts junge Leute, welche die alten Grundſätze der Menſchlichkeit, der erechtigkeit und Mäͤßigung als leere Vorurtheile in der Heimath zuruͤck⸗ elaſſen hatten und, wie die Haifiſche, Alles und Jedermann, ſogar ſich ſlon gegenſeitig zu verſchlingen bereit waren. Ich möchte faſt bezweifeln, daß in irgend einem andern Theile der Erde, der ſich civiliſirt nennt, je ſo viele Greuel und kaltblütige Mordthaten mit dem Piſtol, der Büchſe oder dem Bowiemeſſer verübt worden ſind, wie ſie dort an der Tagesord⸗ nung waren. Gewiß nirgends war man zwiſchen rr Volksjuſtiz auf der einen, und den Straßenräubern und Meuchelmördern ſeines Lebens ſo wenig ſicher als dort. Und von der Sicherheit des Eigen⸗ thums können die New⸗Yorker Kaufleute und die engliſchen Beſitzer der Schuldverſchreibungen des Staates Miſſiſſippi ein Wörtchen ſprechen. Aller⸗ dings ſind die Beſitzer dieſer Staatspapiere nicht zu bedauern, denn ſie wußten recht gut oder haͤtten es wenigſtens wiſſen können, daß die durch dieſe Anlehen aufgebrachten Kapitale dazu beſtimmt waren, die Pflanzer von 5.. auf der andern Seite Freiheit fähig ſind: alle dieſe zwar ſchwachen und kaum erſt aufgeſproßten 224 Miſſiſſippi in den Stand zu ſetzen, mehr Sklaven anzuſchaffen; es wäre wirklich eine wohlverdiente Strafe, wenn die Engländer, welche ihr Geld zu einem ſo ſchändlichen Zwecke hergaben, keinen Groſchen wieder davon zu ſehen bekämen. In den älteren Sklavenſtaaten leben die Sklaven zum großen Theile auf Pflanzungen, wo ſie geboren ſind, und in Folge der oft erblichen Ver⸗ bindung zwiſchen ihnen und ihren Herren entſteht eine mehr oder minder ſtarke gegenſeitige Zuneigung, ſo daß die gewohnte Nachſicht von Seiten der Herren und beſonders die verwandtſchaftlichen Bande wohl dazu bei⸗ tragen, die Lage der Unglücklichen zu erleichtern. Aber bei den meiſt auf Anregung der Sklavenhändler nach Süden ausgewanderten Pflanzern ſind alle dieſe Bande zerriſſen und alle Abſcheulichkeiten des afrikaniſchen Skla⸗ venhandels wieder erneuert; alle früher in Maryland und Virginien, in Nord⸗Karolina, Kentucky und Tenneſſee vorherrſchenden Anſichten, daß die Neger, wenn auch Sklaven, am Ende doch Menſchen ſind und als ſolche einigen Anſpruch auf menſchliche Theilnahme und Rückſicht haben, daß ſie der intellectuellen und religiöſen Ausbildung, mit der Zeit vielleicht der Keime des menſchlichen Gefühls, welche trotz der zerſtörenden Fröſte immer⸗ hin eine reiche Ernte für die Zukunft verſprechen, alle dieſe tröſtlichen Keime ſind durch die Verſetzung der unglücklichen Sklaven in die erwähnten Staaten auf dem Neſſelfelde der Sklaverei als ſchändliches Unkraut ſorg⸗ fältig ausgejätet worden. Jedes beſſere Gefühl, jede Stimme des Mitleids wird eifrig unterdrückt; Richter, Staatsmänner, Publiciſten und mindeſtens die große Hälfte derer, die ſich Diener des Evangeliums nennen, predigen fortwährend die Idee, daß die Neger nichts Andres als eine Waare, als unvernünftige Thiere ſind, welche nur zur Erzeugung von Baumwolle dienen und wie die Pferde und Ochſen für immer in's Joch geſpannt und mit Stachel und Peitſche zur Arbeit angetrieben werden müſſen. Der alte engliſche Grundſatz, daß die Freiheit begünſtigt werden muͤſſe, ein Grundſatz, der die Sklaverei in Europa abgeſchafft und auch auf die Gerichtsverfaſſung und die Geſetzgebung der nördlicheren Staaten einen be⸗ deutenden Einfluß ausgeübt hat, iſt auf dieſen neuen Miſtbeeten der Baum⸗ wolle und der Tyrannei gänzlich ausgerottet worden. Wer einmal Sklave iſt, bleibt ewig ein Sklave— gleichviel ob der Vater ein Schwarzer oder ein Weißer war— und es ſteht ſelbſt dem Vater nicht frei, ſeine Kinder eigenmäͤchtig zu emancipiren. Dieſes von dem Oberrichter Sharkey aufgeſtellte teufliſche Prinzip des Despotismus iſt von dem höchſten Gerichtshofe des Staates Miſſiſſippi an⸗ genommen worden. Schon findet es viele Vertheidiger unter den Bewohnern des neuen fklavenziehenden Guinea, in welches Virginien und Maryland ausgeartet ſind, und im Fall der Noth wird es auch im Norden nicht an Kaufleuten fehlen, welche ihren Geſchäftsfreunden im Süden gefällig ſind. Staatsmänner und Journaliſten der nördlichen Staaten werden bei der Ausſicht auf Gewinn bereit ſein, den Teufel ſelbſt anzubeten; Doctoren der Gottesgelahrtheit werden, wenn nicht ihre eignen Muͤtter, doch gewiß ihre Brüder in der Sklaverei ſchmachten laſſen, nur um die Sklavenbeſitzer in Ruhe und heiterer Stimmung zu erhalten. naes wird leider genug ſol cher Menſchen geben, welche in den ſogenannten freien Staaten die Fort⸗ dauer der Sklaverei als den Grundſtein der amerikaniſchen Union predigen! Wer die fortſchreitende Entwickelung der Sklaverei in Amerika ſeit den 7 225 Zeiten Waſhington's und Jefferſon's verfolgt, wird den Unterſchied zwiſchen den Grundſätzen dieſer Männer und denen der gegenwärtigen Sharkey's von Miſſiſſippi und Sklavenzüchter von Virginien erkennen, welche die Präſidenten wählen, die Geſetze dictiren, die Staatsmänner zu blinden Werkzeugen machen, und nicht ohne Erfolg nach der Herrſchaft über die moraliſchen und religiöſen Gefühle Amerika's trachten! 3 Vierundfunfzigſtes Kapitel. Als ich nach Vicksburg kam, erblickten meine Augen ein entſetzliches Schauſpiel. Fünf Männer waren, wie es ſchien, an einem ertemporirten Galgen ſo eben aufgehängt worden, denn ihre Glieder zuckten noch im Todeskampfe; eine Kompagnie Soldaten ſtand unter den Waffen, ein Chor von ſchwarzen Muſikern ſpielte den„Yankee⸗Doodle“, und die verſammelte Volksmenge jeden Alters und jeder Farbe ſchien auf's Aeußerſte erbittert zu ſein. Eine Frau mit einem Kinde an jeder Hand, ſprach unter heftigen Geſtikulationen mit einem Manne, der die Leitung der Vorgänge über⸗ nommen zu haben ſchien und den ich für den Oberſheriff der Grafſchaft hielt, obgleich ich weder eine Amtskleidung, noch ein ſonſtiges Zeichen ſeiner Wuͤrde an ihm bemerkte. 3 Nach meiner Ankunft im Hotel erfuhr ich indeß zu meinem höchſten Erſtaunen, daß dies keine regelmäßige, geſetzliche Hinrichtung, ſondern nur eine Privatvorſtellung war, welche ein Comité von Bürgern unter Leitung des Caſſirers der Pflanzerbank— eine von den Unternehmungen, deren Papiere in England nicht unbekannt find, obwohl ich glaube, daß ſie Pgenwäͤrtig dort nicht ſehr geſucht werden— veranſtaltet hatte. Dieſer aſſtrer war es, den ich für den Oberſheriff der Grafſchaft gehalten hatte. Ich hörte dies Alles mit um ſo größerem Erſtaunen, als die Aufgehängten Weiße waren. Wenn es Schwarze oder Farbige geweſen wären, ſo wuͤrde mich ihre Aufknüpfung in einem Parorismus der Volkswuth nicht im Mindeſten gewundert haben. Als ich mich näher nach der Urſache dieſer Erecutionen erkundigte, ſagte man mit, daß die Aufgehängten Spieler und Mitglieder einer Gauner⸗ und Induſtrieritterbande ſeien, unter der die Stadt lange Zeit zu leiden gehabt habe; die Bürger, welche den Unfug nicht länger dulden wollten, hutten fie aufgefordert, die Stadt zu verlaſſen, und da ſte ſich geweigert, dies zu thun, ihre Häuſer erbrochen, um ihnen alle verdächtigen Gegenſtaͤnde wegzunehmen; dieſem Anſinnen aber hatten ſich die Gauner mit bewaffneter Hand wider⸗ ſetzt, hatten auf ihre Angreifer gefeuert und einen achtbaren und angeſehe⸗ nen Bürger beim Eindringen in ihr Haus niedergeſchoſſen. Die Betrüger waren jedoch bis auf einige wenige, welche die Flucht ergriffen hatten, ſämmtlich gefangen genommen worden. Das Blut der Bürger war erhitzt, der Anblick des Erſchoſſenen, reichlicher Branntwein⸗ genuß, die Erinnerung an ihre Verluſte am Spieltiſch und die Furcht, von den Spielern, welche man zum Theil als verwegene Patrone kannte, herausgefordert und erſchoſſen, oder vielleicht gar ohne Herausforderung er⸗ ſchoſſen zu werden,— alle dieſe Beweggründe vereinigten ſich bei ihnen, und da es ſehr zweifelhaft war, ob bei einer gerichtlichen Unterſuchung Diejenigen, welche gewaltſam in die Häuſer anderer Leute gebrochen waren, wenn auch zu dem Zwecke, um Roullettetiſche zu zerſtören, nicht eben ſo Der weiße Sklave. 15 226 große Gefahr liefen, verurtheilt zu werden, wie die, welche auf ihre An⸗ greifer gefeuert hatten— ſo hatte man endlich, als das kürzeſte und ſchnellſte Mittel, um der Sache ein Ende zu machen, beſchloſſen, die Spieler vor die Stadt zu ſchaffen und dort ohne weitere Umſtände aufzuhängen. Allerdings müſſen Denen, welche an das kurze Verfahren des Sklaven⸗ koder gewöhnt ſind, nach welchem Verdacht als Beweis gilt und Gewalt an die Stelle gewiſſenhafter Prüfung, alle die Verzögerungen und Förm⸗ lichkeiten der peinlichen Rechtspflege langweilig und abgeſchmackt erſcheinen, und daher kommt die im Suüden fortwährend wachſende Neigung, ſowohl für Weiße wie für Schwarze, das ſummariſche Verfahren der Lynchjuſtiz an die Stelle jener Rechtspflege zu ſetzen. Von Leuten, welche durch das ſtete Bemühen, ihren Sklaven das äußerſte Maß der Arbeit abzupreſſen, ver⸗ härtet und gewohnt ſind, dieſe wehrloſen Geſchöpfe nach Willkür und Laune zu behandeln, darf man nicht erwarten, daß ſie unter ſich ſelbſt ein Gefühl für Gerechtigkeit bewahren. Als ich kaum die allgemeinen Umſtände der Geſchichte erfahren hatte, kamen die Haupttheilnehmer an dem Trauerſpiele, welche es für nothwen⸗ dig erachteten, durch erneuten Branntweingenuß ihre Würde und ihre Zuverſicht aufrecht zu erhalten, in den Gaſthof, in welchem ich abgeſtiegen wwar. Ihnen folgte die Frau mit den beiden Kindern, welche ich beim Voröberreiten auf dem Hinrichtungsplatze bemerkt hatte, und die, wie ich jetzt erfuhr, die Frau eines der Hingerichteten war. Sie ſlehte vergeblich um die Erlaubniß, den Körper ihres Gatten abzunehmen und zu begraben. Dies wurde ihr mit der brutalen Drohung verweigert, daß Derjenige, der es wagen ſollte, die Gehängten eher abzuſchneiden, als bis ſie zur Warnung für Andere volle vierundzwanzig Stunden gehangen hatten, ihr Schickſal theilen werde. In der That war die Wuth der Menge ſo groß, daß die arme Frau, um ihr eignes Leben beſorgt, nach dem Fluſſe eilte, mit ihren beiden Kindern in einen Kahn ſtieg, und vom Ufer abſtieß, da ſie dies für ſicherer hielt, als noch länger in Vicksburg zu bleiben. Nachdem ſich der Tumult ein wenig gelegt hatte, zeigte ich dem Wirthe die Adreſſe des Empfehlungsbriefes, den ich mitgebracht, und fragte ihn, ob er die Perſon kenne. 3 Kaum hatte er den Namen geleſen, ſo nahm ſein Geſicht einen Ausdruck von Schrecken und Entſetzen an. 3 „Kennen Sie den Mann?“ fragte er haſtig. Ich antwortete ihm, daß ich den Adreſſaten nicht kenne, überhaupt noch nie in dieſer Gegend geweſen ſei und den Brief von einem Herrn erhalten habe, den ich zufällig in Auguſta kennen gelernt. „Erwähnen Sie den Namen nicht!“ erwiderte er;„ſagen Sie leinem Menſchen etwas davon. Dieſer Brief iſt an einen von den Männern, die Sie bei Ihrer Ankunft in der Stadt haben aufknüpfen ſehen. Er hielt allerdings einen Roulettetiſch, und war ein ſchlauer Patron, hatte dabei aber doch ein gutes Herz, und war in jeder Hinſicht eben ſo gut ein Gentleman, wie die Hälfte von Denen, die an ſeiner Hinrichtung Theil hatten. Wenn Sie ſeinen Namen erwahnten, ſo könnten Sie leicht ſelbſt als ein Mitglied der Gaunerbande feſtgenommen und ebenfalls gehaͤngt werden.“ 1 Ich wünſchte mir Glück, daß ich ſo gut davongekommen war, und fragte hierauf den Wirth, ob er in der Gegend einen Pflanzer Namens Thomas kenne. 8 227 7 Er ſagte mir, daß allerdings früher ein Pflanzer dieſes Namens— und nach der Beſchreibung, welche er mir von ihm gab, war ich überzeugt, daß es der von mir geſuchte war— wenige Meilen von der Stadt ge⸗ wohnt habe; aber er ſei vor einigen Jahren etwa funfzig Meilen weiter am Big⸗Black⸗Fluſſe hinauf nach der Grafſchaft Madiſon gezogen. Der freundliche Wirth verſchaffte mir am folgenden Tage ein Pferd und ich brach unverzüglich nach der bezeichneten Grafſchaft auf. Als ich die Stadt verließ, hingen die fünf Hingerichteten noch immer am Galgen. Während meiner Reiſe am Big⸗Black hinauf überzeugte ich mich, daß ſich die Lynchjuſtiz keineswegs auf Vicksburg beſchränkte, ſondern wie eine Art Epidemie in dieſem ganzen Theile des Staates Miſſiſſippi wüthete. Die Grafſchaften Hinds und Madiſon waren durch das Gerücht von einem bevorſtehenden Sklavenaufſtande in eine an Wahnſinn grenzende Aufregung und Angſt verſetzt. Einige zwiſchen den Negerhütten umher⸗ ſchleichende Aufſeher hatten eine Verſchwörung gewittert, und zwei ſoge⸗ nannte weiße„Dampfärzte“ aus Teneſſee waren auf Betrieb einiger ge⸗ wöhnlicher Doktoren, welche dieſe„Dampfer“ mit nicht geringer Eiferſucht betrachteten und behaupteten, daß Jene nichts als verkappte Pferdediebe ſeien, nebſt einigen Negern, als an der Verſchwörung betheiligt, ver⸗ haftet worden. Es hatten ſich ſchnell ein Wachſamkeitsausſchuß und ein Standgericht organiſirt, und die ſchwarzen und weißen Gefangenen waren zum Tode verurtheilt worden. Als ſie zum Galgen hinausgeführt wurden, hatten ſie auf eindringliches Zureden ein Geſtändniß abgelegt, wahrſcheinlich in der Hoffnung, ihr Leben zu retten, und nach dieſen von der lebhaften Phantaſie des Gerichtshofes und der Zuſchauer noch ausgeſchmückten Geſtändniſſen hatte das wirklich vorhandene oder eingebildete Komplot bereits eine höchſt bedenkliche Geſtalt angenommen. 4 Dieſen Ausſagen zufolge, war es nicht ein bloßes Neger⸗ oder Skla⸗ venkomplot, ſondern es war von einer Bande weißer Gauner, Negerräuber, Pferdediebe, Spieler u. ſ. w. angezettelt worden. Dieſe wollten ſich an die Spitze der empörten Neger ſtellen, die Banken plündern, und ſich zu Herren des Landes machen. Da ich meinen Beſtimmungsort am erſten Tage nicht erreichen konnte, bat ich einen Pflanzer um ein Nachtquartier. Er war, wie ich ſpäͤter erfuhr, einer der achtungswertheſten Männer der ganzen Gegend, hatte es aber vorgezogen, ruhig zu Hauſe zu bleiben, anſtatt, wie man von ihm er⸗ wartete, bei der Unterſuchung des Komplots und der Beſtrafung ſeiner Urheber die Hauptrolle zu ſpielen. Er zweifelte ſehr ſtark daran, daß überhaupt ein Komplot vorhanden war und hielt die ganze Sache eher für ein Trugbild der Phantaſie. Solche Geruͤchte von Negerverſchwörungen, die ſich auf angeblich belauſchte Ge⸗ ſpräche gründeten, welche die ganze Bevölkerung, beſonders die Frauen und Kinder in den furchtbarſten Schrecken verſetzten, waren, wie er mir ſagte, im ganzen Süden eben ſo epidemiſch, wie die Gallenſteber im Herbſte. Er war ſchon ſo an dieſe Gerüchte gewöhnt, welche ſich ſtets als grundlos erwieſen und höchſtens mit dem Aufhaͤngen einiger verdächtiger, aber durchaus nicht überführter Neger geendigt hatten, daß er ſie gar nicht mehr beachtete. Indeſſen geſtand er zu, daß im Suͤden die zunehmende Menge von beſitz⸗ und erwerbsloſen weißen Abenteurern mit der Zeit noch zu furchtbaren Unruhen führen könne. 15 228 Während wir dieſen Gegenſtand in aller Ruhe bei einer Taſſe Thee beſprachen, ſtiegen einige wildausſehende Männer vor dem Hauſe vom Pferde, und Einer von ihnen überbrachte meinem Wirthe ein ſchmutziges, zerknittertes Papier. Als er es las, begann ſich ſeine Stirn zu verfinſtern. Es war eine Vorladung von Seiten des Wachſamkeitsausſchuſſes, perſönlich vor dem⸗ ſelben zu erſcheinen und den Fremden— nämlich mich— deſſen Spur bis nach ſeinem Hauſe verfolgt worden war, mitzubringen. Auf die an den Ueberbringer gerichtete Frage, was der Auffichts⸗ comité von ihm wolle, erhielt er zur Antwort, daß man ſeine Weigerung, an den Unterſuchungen Theil zu nehmen, ſehr ſonderbar gefunden habe und daß er nach den Geſtändniſſen einiger Gefangenen verdächtig erſcheine. Er erwiderte hierauf kaltblütig, daß er bereit ſei, ſich vor jedem regelmäßigen Gerichtshofe wegen ſeines Benehmens zu verantworten, daß er aber die Autorität des Wachſamkeitsausſchuſſes nicht anerkenne. „Was dieſen Herrn, meinen Gaſt betrifft,“ fuhr er fort,„ſo wiſſen Sie, daß ich Friedensrichter bin, und wenn Sie ihm irgend eine geſetz⸗ widrige Handlung nachweiſen, werde ich ihn verhaften laſſen; ohne einen geſetzmäßigen Verhaftsbefehl aber laſſe ich ihn unter keiner Bedingung aus meinem Hauſe fortſchleppen.“ Der einzige Grund zum Verdacht gegen mich ſchien zu ſein, daß ich ein Fremder war, dem man nicht erlauben dürfe, das Land in ſeinem jetzigen aufgeregten Zuſtande zu durchreiſen, ohne ſich gehörig legitimirt zu haben. Da mein Wirth dies jedoch nicht als eine hinlängliche Urſache zur Ausfertigung eines Verhaftsbefehls betrachtete, entfernten ſich die Boten des Wachſamkeitsausſchuſſes nach kurzer Zeit, aber nicht ohne die wüthende Drohung, bald mit Verſtärkung zurückzukehren und uns Beide mit Gewalt fortzuſchleppen. Zu gleicher Zeit gaben ſie uns deutlich genug zu ver⸗ ſtehen, daß dieſer Widerſtand gegen den Ausſchuß ein neuer und klarer Beweis von unſrer Theilnahme an dem Komplot ſei und daß wir nichts Geringeres zu erwarten hätten, als gehängt zu werden. Sie fügten hin⸗ zu, daß bereits ſechs Weiße und achtzehn Neger gehängt, und eine Menge Anderer verhaftet worden ſeien. 3 Als die Leute fort waren, dankte ich meinem Wirthe für ſeinen Schutz, aber er nahm ſich kaum Zeit mir zu antworten, und ließ auf der Stelle zwei Pferde ſatteln. „Ich wollte, ich könnte Sie beſchützen,“ ſetzte er hinzu,„aber wenn ich auch ſelbſt eine Belagerung auszuhalten gedenke und falls ich über⸗ wältigt werden ſollte, mich auf den Schutz meiner zahlreichen Freunde und Verwandten verlaſſen kann, ſo würde es für Sie doch nicht gerathen ſein, länger hier zu bleiben. „Mit Ihrem Pferde würden Sie ſchwerlich noch weit kommen; aber ich will Ihnen ein friſches geben und das Ihrige nach Vicksburg zurück⸗ ſenden. ein Neger Sambo ſoll Sie begleiten. Er kennt die Gegend genau und wird Sie wohlbehalten an's Ufer des Miſſiſſippi bringen, nach welchem ich Ihnen den kürzeſten Weg einzuſchlagen rathe. Es fahren be⸗ ſtändig Dampfboote auf und ab. Begeben Sie ſich auf das erſte, welches Prüberkommt, und ſehen Sie für jetzt von weiteren Reiſen in dieſer egend ab.“ Wie geſagt, ſo gethan. In funfzehn Minuten war ich wieder unter⸗ wegs, und nachdem ich unter der kundigen Führung Sambo's die ganze 8 4 229 Nacht auf unbeſuchten Nebenwegen geritten war, Flüſſe und Creeks durch⸗ ſchwommen und Sümpfe durchwatet hatte, erreichten wir gegen Morge einen einſamen Holzhof am Ufer des Fluſſes, wo die Dampfböte gewöhn⸗ lich anlegten, um Brennmaterial einzunehmen.*— Bald erſchien auch ein nach New⸗Orleans beſtimmtes Boot, hielt auf ein zu dieſem Zwecke gegebenes Signal einen Augenblick an und ſchickte einen Kahn ab, um mich an Bord zu nehmen. Einige Tage nach meiner Ankunft in New⸗Orleans las ich in den Zeitungen, daß das Haus Mr. Hooper's— ſo hieß mein großmuͤthiger Wirth— angegriffen worden war, daß er Thüren und Fenſter verrammelt, ſein Kind in ein Federbett gewickelt und da er es nicht gewagt, ſeine Sklaven zu Hülfe zu rufen, das Haus allein vertheidigt, die Angreifer eine Zeitlang fern gehalten und Einen von ihnen gefährlich verwundet hatte. Erſt als ſein Arm von einer Flintenkugel zerſchmettert worden war, ſo daß er nicht mehr laden und feuern konnte, hatte er ſich ergeben. Die Sache hatte, wie ich ſpaͤter erfuhr, im Aufſichtscomité, vor den er geführt wurde, zu heftigen Debatten Veranlaſſung gegeben; da aber jeine Familie zahlreich und mächtig war, ſo wagte der Comité nicht, gegen .hn zum Aeußerſten zu ſchreiten. 1 Fünfundfunfzigſtes Kapitel. Da der aufgeregte Zuſtand des Landes meinen beabſichtigten Beſuch bei Mr. Thomas verhinderte, ſo ſchrieb ich einen ausführlichen Brief an ihn, und während ich eine Antwort darauf erwartete, wurde ich eines Tages auf einem Spaziergange in den Hauptſtraßen von New⸗Orleans durch eine eben ſtattſindende Sklavenverſteigerung veranlaßt, in ein großes Magazin u treten. Der Auktionator war eben mit dem Verkauf von Pftanzungsarbeitern und Handwerkern beſchäſtigt. Auf dem Tiſche ſtand ein Schmidt, nach der . Verſicherung des Auktionators ein ganz vorzüglicher Arbeiter, der ſeinem Herrn die letzten ſünf Jahre hindurch als Miethe monatlich zwanzig Dollars eingebracht hatte und auf den die Gebote bereits bis zu funfzehnhundert Dollars geſtiegen waren. Inzwiſchen aber verbreitete ſich im Auktionslokale das Gerücht, daß der Schmidt dieſe Summe bereits von ſeinem Extraver⸗ dienſte bezahlt habe, um ſeine Freiheit zu erkaufen, daß aber ſein Herr, ein in New⸗Orleans anſäſſiger Boſtoner das Geld ganz ruhig in die Taſche geſteckt und den Neger zur Verſteigerung geſchickt habe. Das Bekannt⸗ werden dieſer Geſchichte lähmte plötzlich die Kaufluſt, da man glaubte, daß dieſer Wortbruch den Mann zum Entlaufen veranlaſſen könnte. Der Auk⸗ tionator leugnete die Wahrheit derſelben mit entſchiedener Beharrlichkeit; als er aber aufgefordert wurde, den Schmidt ſelbſt zu fragen, weigerte er ſich deſſen, indem er lachend bemerkte, daß das Zeugniß eines Sklaven gegen ſeinen Herrn ja doch keine Geltung habe. In dieſem Augenblicke wurde meine Aufmerkſamkeit durch eine Gruppe von Sklavinnen, welche einer höheren Klaſſe anzugehören ſchienen und meiſtens von ſehr heller Farbe waren, in Anſpruch genommen. Eine beſonders feſſelte meine Blicke mit unwiderſtehlicher Gewalt. Dieſe Augen! dieſer Mund! ihre Geſtalt war runder und voller, das Geſicht älter, als es meinem Gedächtniß vorſchwebte; aber ihr rabenſchwarzes Haar und ihre noch voll⸗ 230 ſtändigen perlenweißen Zaͤhne verliehen ihr ein immer noch jugendliches Ausſehen. Es war die nämliche Größe und auch die nämliche Anmuth in Geberden und Bewegungen. Ich beobachtete ſie mit dem geſpannteſten Intereſſe. War es möglich, daß ich mich irrte?— Nein, ſie war es— es war Caſſy— es war die ſo lange verloren geglaubte Gattin. Endlich hatte ich ſie wiedergefunden, aber wo? O Leſer, drücke das geliebte Weib deines Herzens an die Bruſt und danke Gott, daß Ihr Beide frei geboren ſeid! Nach einer zwanzigjährigen Trennung fand ich meine Gattin in der Fülle ihrer gereiften Schönheit wieder— in einer Sklavenauktion zum Verkauf ausgeſtellt! Doch ſelbſt hier, im tiefſten Abgrunde des Elends und der Entwürdigung, war ſie noch ruhig und gefaßt. Ihre imponirende Haltung ſchien den Schwarm der lüſternen Gaffer und gefühlloſen Spekulanten, von denen ſie, wie alle Nahrſgun⸗ umgeben war, in die Schranken einer gewiſſen Achtung zurück⸗ zuweiſen. Der gegenwärtige Augenblick war jedoch nicht geeignet, um mich von meinen Gefühlen überwältigen zu laſſen. Ich mußte handeln. Ich bot meine ganze Geiſtesgegenwart auf, um ſchnell zu überlegen, welches Ver⸗ fahren hier das beſte ſein werde. Caſſy's Aufmerkſamkeit auf irgend eine Weiſe auf mich zu lenken, würde ein gewagtes Unternehmen geweſen ſein, denn ich war überzeug“ daß auch ſie mich augenblicklich erkennen würde, und ein Sklavenaukr.„usſaal war nicht der paſſende Ort für unſer erſtes Zuſammentreffen, welches für ſie eine noch größere Ueberraſchung ſein mußte, als für mich, und daher eine ſehr unangenehme, wo nicht gefährliche Scene hätte herbeiführen können. Ich ſah mich, während dieſe Gedanken mir durch den Sinn fuhren, im Zimmer um, und es war als ob der Zufall oder die Vorſehung beſchloſſen habe, mir guͤnſtig zu ſein, denn eine der erſten Perſonen, welche ich erblickte, war mein früherer Bekannter, John Colter, der im Saale umherging und die verſchiedenen Sklavengruppen, beſonders die weiblichen, mit— um mich ſeines eignen Ausdrucks zu bedienen— der Miene eines Kenners und eines Liebhabers, und mit ziemlich deutlichen Zeichen einer hohen Meinung von ſeiner Urtheilsfähigkeit muſterte. Er bemerkte mich faſt in dem nämlichen Augenblicke, wo ich ſeiner an⸗ ſichtig wurde, begrüßte mich ſogleich mit gewohnter Freundlichkeit und fragte mich, wie ich hierhergekommen und welchen Erfolg meine Reiſe nach Miſſiſ⸗ ſippi gehabt habe. „Ich fürchtete,“ fügte er leiſe hinzu,„daß ich Sie vielleicht ohne meinen Willen in unangenehme Händel verwickelt habe, als ich die Hängegeſchichte in den Zeitungen las. Zu meinem Vergnügen ſehe ich, daß Sie ſich in Acht zu nehmen verſtehen. Hier in Südweſten iſt es nothwendig, die Augen offen zu haben.“. 3 Sie kommen mir wie gerufen!“ erwiderte ich.„Ihr Beiſtand kann mir jetzt ſehr nützlich ſein. Ich habe ſie gefunden— ſie iſt hier!“ „Hier!— was Sie ſagen! Wo denn?— zum Verkauf ausgeboten?— haben Sie ſie gekauft?“ Ich deutete auf Cäfſy, die mit niedergeſchlagenen Augen und wie es ſchien, in Gedanken verſunken bei den anderen Sklavinnen ſtand. Colter war ſtolz auf ſein Gedächtniß und ſagte, daß er ein Geſicht, welches er — eeinnmal geſehen habe, nie wieder vergeſſe, aber was konnte ſein Gedächtniß in dieſem Falle im Vergleich zu dem meinen ſein? Nachdem er ſie eine 3 — —. —— ——— 8——————— „ 4* N 231 K 4 Weile betrachtet hatte, gab zu daß ich wohl Recht haben könne, näherte ſich ihr aber, um völlige Ge ßheit zu erlangen, während ich nach einer andern Seite ging, rief ſie beim Namen, erinnerte ſie an Auguſta und das dortige Sklavengefängniß, und überzeugte fich durch ein kurzes Geſpräch, daß ſie wirklich dieſelbe Perſon war, wegen deren Verkauf er ſich mit Gouge enzweit hatte; daß dieſe Perſon meine Caſſy ſei, davon war ich in Folge der bereits erwähnten Umſtände überzeugt. Auf ſeine Frage, wozu ſie hier ſei und ob ſie verkauft werden ſolle, antwortete ſie, daß man ſie zu dieſem Zwecke hierher gebracht, aber kein Recht habe, ſie zu verkaufen, denn ſie ſei frei. Ihr fruͤherer Beſitzer, ein gewiſſer Curtis, habe ihr ſchon vor vielen Jahren ihren Freiſchein gegeben, aber er ſei vor Kurzem geſtorben, und gewiſſe Perſonen, die ſich ſeine Erben nannten, wollten ſie jetzt verkaufen. Colter verſprach, ſich nach der Sache zu erkundigen, und ſicherte ihr ſeinen Beiſtand zu, wofür ſie ihm herzlich dankte und hinzufügte, daß ſie ſtets überzeugt geweſen ſei, daß ihr der Himmel auf irgend eine Art Hilfe ſenden würde. Hierauf beeilte er ſich, mir Bericht zu erſtatten, und während ich noch mit ihm darüber ſprach und überlegte, was am beſten zu thun ſei, begann der Auktionator, welcher jetzt den Verkauf der Pflanzungsſklaven beendigt hatte, mit der Frauengruppe, unter der ſich Caſſy befand. Die Perſon, welche zuerſt auf den Auktionstiſch Sedelt wurde, war ein hübſch gewachſenes, ſauber gekleidetes, ſchwarzes ädchen mit einem ſanften Geſicht, welches durch ein buntes, turbanartig um ihren Kopf ge⸗ ſchlungenes Tuch noch mehr gehoben wurde. Obgleich ſte noch ſehr jung zu ſein ſchien, hatte ſie doch ein ſieben bis acht Monate altes, ſehr lebhaftes Kind, das außerordentlich reich gekleidet und von weit hellerer Farbe als die Mutter war, auf dem Arme, und liebkoſ'te es mit großer Zäͤrtlichkeit. „Jemima!“ rief der Auktionator,„ein Kammermädchen erſten Ranges! Halte den Kopf hoch, mein Schatz, damit Dich die Herren ſehen können. In einer der erſten Familien Virginien's erzogen! Ueberdies eine gute Naͤtherin, nur funfzehn Jahr alt und in jeder Beziehung als geſund und im beſten Zuſtande befindlich garantirt!“ „Soll der kleine Balg auch mit verkauft werden? Mutter und Kind zuſammen?“ fragte ein hagerer, ſchielender Mann mit rohen Geſichtszugen. „Sie wiſſen, daß das Geſetz uns nicht erlaubt, die Mutter und das Kind getrennt auszubieten,“ erwiderte der Auktionator mit einem vielſagenden Blicke.„Wer das Mädchen kauft, hat das Recht, auch das Kind zu dem gewoöhnlichen Preiſe von einem Dollar das Pfund für Säuglinge, wie es Kberall gebräuchlich iſt, zu nehmen. Das wiſſen Sie eben ſo gut wie ich, mein Alter. Sie haben ſchon mehr Kinder gekauft.“ Dieſe Worte riefen ein Gelächter auf Koſten des Schielenden hervor, der jedoch keine Notiz davon zu nehmen ſchien, und nachdem der Auktio⸗ nator auf die Frage, ob das Kind, wenn es nicht auf dieſe Weiſe genom⸗ men werde, auch einzeln zu haben ſei, mit einer bejahenden Kopfbewegung geantwortet hatte, nahm der Verkauf ſeinen Fortgang. „Nur dreihundert Dollars geboten!“— rief der Auktionator.„Nur dreihundert Dollars für dieſe Kammerjungfer und Nätherin von Prima⸗ Qualität, die in einer der erſten Familien Virginien's erzogen worden iſt, und durchaus nicht wegen eines Fehlers, ſondern nur aus Geldnoth ver⸗ kauft wird!“ 4 232 „Das iſt bei den erſten virginiſchen Familien ein ſehr gewöhnlicher Fall!“, ſagte eine Stimme unter der Menge;„ſie leben nur vom Aufzehren ihrer Nigger.“ 5 1„Ste wir,“ fuhr der Auktionator fort, ohne die Unterbrechung, welche bei einigen Anweſenden ein neues Gelächter erregte,„als geſund und ehr⸗ lich garantirt—“ „Aber nicht als Jungfer!“ ſiel die Stimme unter der Menge ein— ein Scherz, welcher einen neuen, noch heftigeren Ausbruch geraͤuſchvoller Heiterkeit erregte. „Mit dem Rechte, das Kind zu einem Dollar das Pfund mit in den Kauf zu nehmen,“ fuhr der Auktionator fort.. „Dreihundertfunfzig!— Vierhundert!“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ ſagte Jener mit einer Verbeugung und einem freundlichen Lächeln gegen den Bietenden.„Vierhundertfunfzig? nicht wahr?— Vierhundertfunfzig!— Fünfhundert! Ich kann mich nicht auf., halten, meine Herren, es iſt heute noch eine große Menge zu verſteigern. Bietet Keiner mehr als Fünfhundert?— Fünfhundert zum Zweiten! Fünf⸗ hundert Dollars für eine virginiſche Pracht⸗Dirne, die jung angefangen hat und zur Zucht ſehr gut zu ſein verſpricht— nur fünfhundert Dollars! Auf Ehre, meine Herren—“ er hielt inne und legte ſeinen Hammer auf ſeine Bruſt—„auf Ehre!“ wiederholte er mit einem feierlichen Nach⸗ druck,—„fie iſt ihre Siebenhundertfunfzig unter Brüdern werth. Ein hübſches, junges, gutmüthiges, kräftiges und geſundes Kammermaͤdchen, das in Nadelarbeiten erfahren und in einer der erſten Familie Virginien's erzogen iſt— ſoll für nur fünfhundert Dollars weggehen? Wenn Sie nicht beſſer bieten, meine Herren, werden wir die Auktion verſchieben müſſen. Bietet Keiner mehr als fünfhundert Dollars?— Fünfhundert Dollars zum Dritten und letzten!“ er Hammer fiel. 6 „Für fünfhundert Dollars dem Mr. Charles Parker zugeſchlagen! ſpottwohlfeil!“ Hier trat ein wohlgenährter, noch ziemlich jung ausſehender freundlicher Herr vor; das ſchwarze Mädchen ſah ihn aufmerkſam an und ſein Aeußeres ſchien ihr zu gefallen, denn ſte lächelte ihm vertrauensvoll zu. 4 „Mr. Parker nimmt natürlich das Kind auch,“ ſagte der Auktionaton zu ſeinem Schreiber„das Pfund zu einem Dollar, macht noch fünſund⸗ dreißig Dollars für das Kind.“ „Gott bewahre!“ unterbrach ihn der Käufer zum größten Schrecken des armen Negermädchens, deren Geſicht bei dieſen Worten plötzlich einen kummervollen Ausdruck annahm.„Ich habe ſie zur Amme gekauft und ich brauche den Balg nicht; ich möchte ihn nicht geſchenkt haben.“ Ich ſah, wie die Arme der Mutter das Kind krampfhaft umklammerten. Ich erwartete eine herzbrechende Scene; aber der kleine ſchielige Mann mit den groben Zügen, den ich ſchon fruͤher bemerkt hatte, trat zu dem Käufer und raunte ihm zu: „Nehmen Sie das Kind— nehmen Sie es! ich nehme es Ihnen ab und gebe noch einen Dollar darauf.“ 3 Da der Käufer einen mißtrauiſchen Blick auf ihn warf, bemerkte Einer von den Umſtehenden: „O, das iſt der alte Stubbins, der Kindermaͤkler, er kauft die kleinen Niggerkinder auf— er iſt gut!“ Mr. Parker nahm das Anerbieten an 4 233 und entfernte ſich mit ſeiner neuen Acquiſition, während das Lächeln der jungen Mutter zuruckkehrte und ſie ihn mit Dankesbezeigungen und Segens⸗ wünſchen überſchüttete, als ſie ſah, daß ſie das Kind mitnehmen durfte, denn ſie ſchien nicht das Mindeſte von der Uebereinkunft zu ahnen, nach welcher der Säugling das Eigenthum des Kinderſpekulanten Stubbins werden ſollte, welcher Herrn Parker mit einigen leiſen Worten verſprach, daß er den„Balg“ am folgenden Tage in aller Stille abholen werde, da⸗ mit die Dirne keinen Lärm mache. „Und nun, meine Herren,“ ſagte der Auktionator, der ſehr froh zu ſein ſchien, daß das eben abgeſchloſſene Geſchäft einen ſo ruhigen Aus⸗ gang genommen hatte;„jetzt habe ich Ihnen eine ſeltene Gelegenheit zur equiſttion einer Haushälterin zu bieten.“ Hier las er von ſeiner Liſte ab: „Caſſy;— verſteht die Führung des Hausweſens in allen ſeinen Branchen; vollkommen zuverläſſig und als Mitglied der Methodiſtenkirche garantirt! Ich kann nicht gerade ſagen, meine Herren, daß ſie jung ſei, aber ſie hat ſich bei alledem doch vortrefflich gehalten. Komm herauf, Caſſy, und zeige Dich, Dirne!“ O mein Gott! was ich in jenem Augenblicke litt! Doch ich mußte an mich halten und ſchweigen. Caſſy war von der Gruppe, unter der ich ſie zuerſt geſehen hatte, ge⸗ trennt und von einem der Gehilfen des Auktionators vor dieſen geführt worden; ſtatt aber der erhaltenen Weiſung gemäß auf den Tiſch zu ſteigen, blieb ſie daneben ſtehen und ſagte, während Aller Augen auf ſie gerichtet waren, in ſanftem, aber feſtem Tone: „Nein, ich bin frei! wer giebt Ihnen das Recht, mich zu verkaufen?“ O, wie drang mir dieſe Stimme in's Herz, die meinem Ohre ſo vertraut war, als ob ich ſie die letzten zwanzig Jahre hindurch täglich ge⸗ hört hätte! Die Worte erregten, wie man ſich leicht denken kann, in dem Auktions⸗ lokale eine bedeutende Senſation. Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Anweſenden, und es war mir leicht, unter der Geſellſchaft Mehrere zu entdecken, welche unverhohlen ihre Theilnahme zu erkennen gaben; auch wurde der Auktionator von verſchiedenen Seiten laut zu einer Erklärung aufgefordert. „Ein ſehr gewöhnlicher Fall, meine Herren,“ antwortete der Auktionator —„etwas ſehr Gewöhnliches. Das Frauenzimmer hat ſich allerdings für frei gehalten und ſie hat in der That ſeit mehreren Jahren als frei gelebt; aber dies geſchah nur in Folge der Nachſicht ihres frühern Eigenthümers. Er iſt jetzt todt, die Erben haben von ſeinem Nachlaß Beſitz ergriffen, und bieten ſie nun zum Verkauf aus. So iſt die Sache.— Steig' herauf, Caſſy— ſteig' auf den Tiſch! Du ſiehſt, daß es ſich nicht ändern läßt. Wer bietet, meine Herren?“ „Warten Sie einen Augenblick!“ ſagte Mr. Colter, der mich jetzt verließ und vortrat.—„Einen Augenblick Geduld Sir, wenn ich bitten darf. Ich erſcheine hier als der Freund dieſer Perſon. Sie iſt frei! ich warne die Herren. Wer ſie kauft, zieht ſich einen Prozeß zu.“ Der peremtoriſche Ton, in welchem Colter dies ſagte, ſchien wie ein kaltes Sturzbad zu wirken. Es wurde kein einziges Gebot gethan und der Auktionator hielt es für nöthig, auf weitere Erklärungen einzugehen, 4 234 um ſich gegen die Anſchuldigung, daß er eine freie Perſon verſteigern wolle, zu verwahren. „Dieſes Frauenzimmer,“ ſagte er,„gehörte früher dem Mr. James Curtis, einen vor Kurzem verſtorbenen und Vielen unter den Anweſenden wohlbekannten, achtbaren Bürger. Er hatte ihr ſeit mehreren Jahren er⸗ laubt, als eine freie Perſon zu leben und ohne Zweifel hat dieſer Herr— er meinte Colter— einigen Grund, ſie dafür zu halten; aber ſie beſitzt keinen Freiſchein, oder, wenn ſie einen hat, ſo iſt er nicht in gehöriger Form ausgeſtellt, und da Mr. James Curtis plötzlich ohne Teſtament ge⸗ ſtorben iſt, ſo hat ſein Bruder, Mr. Agrippa Curtis, von der bekannten Boſtoner Firma: Curtis, Sawin, Byrne u. Co. ſein ganzes Vermögen geerbt. Sein Beſitzrecht auf die Perſon iſt außer allem Zweifel befunden worden, und er hat daher den Auftrag gegeben, ſie zu verkaufen. Da kommt der Eigenthümer eben ſelbſt in Begleitung ſeines Boſtoner Advokaten; die Herren werden ohne Zweifel das Beſitzrecht genügend nachweiſen können.“ Während der Auktionator die letzten Worte ſprach, ſah ich zwei Maͤnner eintreten. Der eine von ihnen war ſehr klein und hatte einen Kopf, etwa ſo groß wie der eines tüchtigen Katers, mit kleinen, umherſchweifenden, unruhigen Augen, und einem zuſammengepreßten Munde, der in der That an eine Katze erinnerte, welche beim Rahmnaſchen ertappt wird. Dies war, wie ich nachher erfuhr, Mr. Thomas Littlebody aus Boſton, der Rechtsanwalt des Herrn Agrippa Curtis, oder Grip Curtis, wie er von ſeinen Freunden genannt zu werden pflegte— der Hauptperſon in dieſer Angelegenheit— eines kahlköpfigen, etwa vierzigjährigen Mannes, deſſen unbewegliche und undurchdringliche Geſichtszuͤge es ſchwierig machten, ſeinen Charakter danach zu beurtheilen; nur ſoviel ließ ſich mit einiger Wahr⸗ ſcheinlichkeit annehmen, daß er nicht an Ueberfluß von Gefühl litt. „Eine ſchöne Geſchichte!“ ſagte Colter, indem er auf die beiden Ehrenmänner, als ſie in den Saal traten und ſich dem Auktionator näherten zuging und ſie mit einem Blicke maß, bei dem ihnen ein wenig bange werden mochte.„Die anweſenden Herren wiſſen bereits, wie es ſteht. Es freut mich, daß kein Louiſtaner bei dieſem erbärmlichen Seelenverkaufe betheiligt iſt. Die Perſon iſt eben ſo frei, wie ich. Die Geſchichte von dem Formfehler in den Papieren iſt lächerlich— nichts als einer von den gemeinen Yankeekniffen, welche angewendet werden, um einem Schurken ein paar hundert Dollars in die Taſche zu ſpielen. Um jedoch die Sache kurz zu machen, bin ich bereit, dieſen angeblichen Beſitzanſpruch für hundert Dollars abzukaufen. Fahren Sie mit der Verſteigerung fort, Herr Auk⸗ tionator. Ich biete hundert Dollars.“ „Einhundert Dollars!“ wiederholte der Auktionator mechaniſch.„Meine Herren, es ſind hundert Dollars geboten.“ „Ich biete dies,“ ſagte Colter, mit einem ſtolzen Blicke auf die An⸗ weſenden,„um dieſem Yankeeblutſauger den Mund zu ſtopfen und einer freien Perſon ihre Freiheit zu ſichern. Wir wollen doch ſehen,“ fügte er hinzu,„ob unter dieſen Umſtaͤnden ein Gentleman aus dem Suͤden oder — hier warf er Mr. Curtis und deſſen Advokaten einen grimmigen Blick zu, deſſen ich ſein ſchönes Geſicht gar nicht für fähig gehalten hätte— ein Yankeeſchwindler gegen mich bieten wird.“ Mr. Thomas Littlebody, Esquire, der Boſtoner Advokat, fuhr einige Schritte zurück, als ob nur er damit gemeint ſein könne. Mr. Grip Curtis dagegen hielt mit der Gravität und Unbeweglichkeit, welche ein hervor⸗ 235 ſtechender Zug ſeines Charakters zu ſein ſchien, beſſer Stand, riß ſeine großen Eulenaugen weit auf und bemerkte in ſchleppendem Tone: „Ich hoffe, daß Sie meinem moraliſchen Charakter nicht zu nahe treten wollen?“ 3 „Das werde ich allerdings,“ erwiderte Colter,„wenn Sie in Ihrer eignen Auktion bieten. Es iſt ſchon vollkommen genug, daß Sie dieſer achtbaren Geſellſchaft eine freie Perſon zum Kauf anbieten, Sie ſollen nicht auch noch den Preis hinauftreiben.“ „Einhundert Dollars ſind geboten, meine Herren!— einhundert Dollars!“ wiederholte der Auktionator; aber es erfolgte kein weiteres Gebot. Der kleine ſchielige Kindermäkler, welcher die ganze Scene mit dem geſpannteſten Intereſſe verfogt hatte, als ob ſich ihm hier eine Gelegenheit darböte, ein ſchönes Stück Geld zu. verdienen, öffnete den Mund, als ob er mehr bieten wolle; aber auf einen Blick von Colter ſchloß er ihn wieder ſo plötzlich, als hätte er ein Bowiemeſſer an der Zunge gefühlt, und ich glaube ſogar, daß ihm Colter das Heft eines ſolchen unter ſeiner Weſte zeigte. Jedenfalls kam das beabſichtigte Gebot nicht über ſeine Lippen. „Da die Herren nicht zum Kaufen geneigt ſcheinen,“ ſagte Mr. Grip Curtis, indem er zu dem Auktionator herantrat,„ſo ziehe ich dieſe Per⸗ ſon aus der Auktion zurück.“ Dieſe Worte erfüllten mich mit Beſtürzung, aber ich ſah bald, daß der kluge und wohlerfahrene Colter jedem Yankee gewachſen war. Er deutete ruhig auf die Ankündigung, welche mit den Worten ſchloß:„Ohne Vorbehalt zu verkaufen,“ und beſtand darauf, daß die Verſteigerung ihren Fortgang nehmen ſolle. Hierin wurde er von den Anweſenden und ſelbſt von dem Auktionator unterſtützt, und da keine andern Gebote erfolgten, fiel endlich der Hammer des Auktionators. „Verkauft,“ ſagte er,„für hundert Dollars, an Mr.— 2 „Hier iſt das Geld!“ ſiel Colter ein, indem er eine von dem Hun⸗ dert⸗Hollarnoten, die er vor einigen Wochen von dem Boſtoner Baum⸗ wollenmäkler gewonnen hatte, hervorzog.„Geben Sie mir eine Quittung, auf der Sie ausdrucklich bemerken, daß alle Anſprüche dieſes Boſtoner Herrn auf die Perſon an Mr. Archer Moore aus London übergegangen ſind.“ Die Quittung wurde ausgefertigt und trotz des Unwillens, der ſelbſt in den ſtarren, unbeweglichen Zügen des Boſtoners ſichtbar geworden war, gab Colter Caſſy einen Wink, mit uns zu kommen, dem ſie auch ſogleich bereitwillig entſprach, und wir Drei verließen zuſammen das Auktionslokal, wo der lachende Auktionator bereits ein anderes Frauenzimmer auf den Verſteigerungstiſch rief— ein ſechzehnjähriges Kammermädchen, in einer guten Familie Maryland's aufgezogen, als reine Jungfrau garantirt und mit dunbegöiſeltem Eigenthumsrecht, auf welche er um geneigte Gebote erſuchte. Ich will es nicht verſuchen, die Scene zwiſchen mir und Caſſy zu beſchreiben, als dieſe ihren ſo lange verlornen Gatten in mir erkannte. Ihre Freude über die glückliche Wiedervereinigung war nicht weniger groß als die meinige; aber ihre Ueberraſchung wurde durch die zuverſichtliche Er⸗ wartung vermindert, welche ſte, wie ſie ſagte, längſt gehegt hatte, und die bei ihr zur feſten Ueberzeugung geworden war— daß ſie mir mich fruͤher oder ſpäter gewiß wiederfinden werde. Und ſo hatte ſte als treue Gattin und Liebende, während dieſer ganzen langen Abweſenheit, den beſten Platz in ihrem Herzen aufbewahrt und zu meinem Empfange bereit gehalten, und 236 jetzt betrachtete ſie mich eher als Den, deſſen Rückkehr von einer langen Reiſe ſie Tag für Tag und Nacht für Nacht geduldig erwartet hatte, denn als einen unwiederbringlich verloren Geglaubten und unerwartet Wiederge⸗ fundenen. Sechsundfunfzigſtes Kapitel. Die neue Herrin, in deren Händen Caſſy durch Colter's menſchen⸗ freundliche Vermittelung aus dem Sklavenmagazin der frommen und acht⸗ aus ſeinen früheren Mittheilungen wußte, die erſt vor Kurzem verheirathete Gattin des Mr. Thomas, eines Baumwollenpflanzers in Miſſiſſippi. Auf einer kleinen Farm in New⸗Hampfhire als Kind armer Eltern geboren, aber, wie ſo viele andere Mädchen in Neu⸗England, eifrig darauf plötzlich eine reiche Frau werden ſollte. Mit Freuden nahm ſie daher das Herz und Vermögen an, welche Mr. Thomas ihr nach einer Bekanntſchaft Daß er ſie wirklich liebte, ſo weit eine ſolche Auſter überhaupt lieben konnte, ließ ſich nicht bezweifeln; und für eine junge Dame ohne Familie und Vermögen, die ganz auf ſich ſelbſt angewieſen iſt und nur die Reize und⸗Talente hat, welche tauſend Andere ebenfalls befitzen, die endlich bereits — 237 in den Jahren ſteht, wo der gefürchtete Titel einer alten Jungfer nicht mehr fern iſt— für eine ſolche junge Dame iſt es gewiß nicht zu verachten, von einem Manne geliebt zu werden, wäre er auch eine Auſter in Menſchenge⸗ ſtalt, und da dieſer Auſternmenſch für ſehr reich galt und ſeiner Gattin ein bequemes, üppiges Leben bieten konnte, ſo dürfte wohl ſchwerlich ein Mäd⸗ chen von dem Alter und der Lage der Miß Devens, gleichviel ob in Neu⸗ oder in Alt⸗England oder irgend wo anders, ihm ihre Hand verwei⸗ gert haben. Miß Devens geſtand jedoch, daß ein Punkt ſie beſorgt machte. Sie hatte nämlich einen großen Abſcheu vor den Negern. Sie hielt dieſen Wi⸗ derwillen fuͤr angeboren, meinte aber, daß er wohl auch daher rühren könne, weil man ihr als kleines Mädchen, wenn ſie nicht folgen wollte, oft ge⸗ droht hatte, ſie einer alten Negerin zu ſchenken, der einzigen ſchwarzen Perſon in der Nähe ihres Geburksdorfes. Dieſe Negerin wohnte ganz allein in einer kleinen Hütte im Walde, wo ſie im Sommer an die Vorüber⸗ zehenden Wurzelbier verkaufte, und außerdem mit allerhand Kräutern han⸗ delte, deren Wunderkräfte ſie angeblich genau kannte, ſo daß ſte, wenigſtens von den Kindern, für eine Zauberin gehalten wurde. Die Idee, auf eine Pflanzung zu gehen, wo ſie faſt nichts als Schwarze um ſich haben ſollte, machte ſie wirklich in ihrem Entſchluſſe ſchwankend; Mr. Thomas aber beruhigte ſie, indem er ihr ſagte, wie bequem es ſei, der Beſitzer ſeiner Diener zu ſein, mit denen man machen könne, was man wolle, und ihr verſicherte, daß es unter den Sklaven auch hellfarbige Perſonen genug gäbe und daß ſie ein möglichſt weißes Kammermädchen haben ſollte. Dieſes Verſprechen hatte, wie wir geſehen haben, den Ankauf Caſſy's zur Folge gebabt. S Die neue Mrs. Thomas hatte ſich ihre künftige Wohnung als eine elegante, prächtig möblirte Villa gedacht, die mit ſchönen, duftigen Tropen⸗ gewächſen umgeben war und nur den unvermeidlichen Uebelſtand der Neger hatte, an den ſie ſich mit der Zeit zu gewöhnen, oder den ſie ſich wenig⸗ ſtens durch die Orangenblüten zu verſüßen hoffte. Kurz, ſie ſtellte ſich ihre neue Heimath als ein vollkommenes Paradies vor. Der gute Mr. Thomas hatte ihr allerdings nie etwas derartiges verſprochen, aber ſie hielt es, wie die jungen Damen gewöhnlich, für etwas ſich von ſelbſt Verſtehen⸗ des. Man denke ſich daher ihre Enttäuſchung, als ſie in Mount Flat (Flachberg) ankamen— dies war der Name, den Mr. Thomas ſeiner Pflanzung gegeben hatte, um, wie er ſagte, zwar der Wahrheit treu zu bleiben, ſich aber doch auch nicht von den Mount Pleaſant's(Freudenberg) Montieello's und anderen hochklingenden Namen der Nachbarſchaft über⸗ bieten zu laſſen;— man denke ſich ihr Erſtaunen, als ſte anſtatt der er⸗ warteten Villa vier durch einen bedeckten Gang mit einander verbundene Blockhäuſer fand, ohne Teppiche und Tapeten, und mit ſo unvollkomme⸗ nen Däͤchern, daß bei jedem heſtigen Regenguſſe ſämmtliche Räume der vier Gebäude mit alleiniger Ausnahme ihres Schlafzimmers, im vollen Sinne des Wortes vom Waſſer überſchwemmt wurden. Einige in geringer Entſernung abgeſondert liegende Blockhäuſer enthielten die übrigen nöthigen Schlafzimmer; andere, etwas nach hinten gelegene, dienten als Küche und Vorrathshäuſer, und noch weiter zurück, aber von der Hauptwohnung aus ſichtbar, befand ſich eine lange Reihe erbärmlicher kleiner Hütten, die ſoge⸗ nannte Stadt der Pflanzungsſklaven. Was die Tropenpflanzen betraf, ſo redueirten ſich dieſe auf eine Einfriedigung mit halb vermodertem Zaune 238 Spur davon zu ſehen. fallen ausſah. kindern, welche bei ihrer Ankunft vor dem ſchmutzigen zerriſſenen Hemd bekleidet waren, ſo daß ſie, wie ſagte, unter eine wahre Satansbrut gerathen zu ſein glaubte. ſte in ihrem eignen Hauſe zu einer Null zu machen. ſchwarze Haushälterin und die ſchwarze Köchin. 8 welche früher ein Garten geweſen zu ſein ſchien, jetzt aber gänzlich mit Unkraut und Gebüſch überwachſen war. Schweine, Maulthiere, einige halb verhungerte Kühe und ein Schwarm nackter Negerkinder trieben ſich überall umher, und obgleich fruͤher ein Verſuch gemacht worden zu ſein ſchien, einen Park in der Nähe des Hauſes anzulegen, ſo war doch jetzt kaum noch eine Die erſte Gattin des Herrn Thomas, welche, wie ſte bei jeder Gelegen⸗ heit erzählte, einer der erſten Familien Virginien's angehört hatte, war eine tüchtige Hausfrau geweſen, deren männlicher Charakter und unermüd⸗. liche Thätigkeit in den haͤuslichen Angelegenheiten das ſchläfrige Weſen ihres Mannes einigermaßen aufgewogen hatte. Durch geſchaͤftiges Umher⸗ eilen, Schelten und die reichliche Anwendung des Ochſenziemers, den ſie mit. einer Grazie und Geſchicklichkeit ſchwang, deren ſich nur die in den vor⸗ nehmſten Familien des Südens erzogenen Damen rühmen können, war es ihr gelungen, Alles in leidlicher Ordnung zu erhalten; aber kurz nach ihrem Tode wurde der Mann, den ſie dazu verwendet hatte, und die Anlagen um das Haus zu pflegen, dieſer Arbeit enthoben, und auf das Baumwollenfeld geſchickt, und ſeitdem war überhaupt Alles in und außer dem Hauſe, ſich ſelbſt überlaſſen worden. Die nothwendige Folge davon war, daß es im ganzen Hauſe kein in gutem Zuſtande befindliches Möbel mehr gab und Alles unſauber, unbehaglich, vernachläſſigt und ver⸗ den Garten Um Mrs Thomas vollends zu enttäuſchen und ihre neuengländiſchen Begriffe auf die haͤrteſte Probe zu ſtellen, befanden ſich unter den Neger⸗ Hauſe ſpielten und umherliefen — die ganze Schaar hatte ſich nämlich verſammelt, um den Herrn, und die ueue Herrin zu bewillkommnen— eine Anzahl acht bis zehnjähriger Knaben und Mädchen, welche theils völlig nackt, theils nur mit einem ſie zu Caſſy Im Hauſe ſelbſt aber erwartete ſie ein noch unangenehmerer Empfang Sie fand die Schluͤſſel und die Leitung des allgemeinen Hausweſens in den Händen einer großen, ſtarken Negerin von mittlen Jahren, welche gewöhn⸗ lich Tante Emma genannt wurde. Sie war zu Lebzeiten der Mrs. Thomas deren erſte Dienerin, eine Art von Premierminiſterin geweſen und hatte nach dem Tode ihrer Gebieterin die Oberleitung des Hausweſens geerbt. In der Küche regierte die despotiſche Tante Dina, ebenfalls eine große korpu⸗ lente Negerin, deren Geſicht deutlich genug die Reizbarkeit ihres Charakters verrieth, welche noch von Zeit zu Zeit durch reichlichen Whiskeygenuß er⸗ höht wurde. Es wird kaum noͤthig ſein, der übrigen Dienſtboten zu er⸗ wähnen, welche vollkommen unter der Herrſchaft dieſer beiden Negerinnen ſtanden und die auf Emma's und Dina's Anſtiften ſogleich ein Komplot ſchmiedeten, um das Anſehen der neuen Mrs. Thomas zu untergraben und Auf irgend eine Art, wahrſcheinlich durch eine Tochter des Mr. Tho⸗ mas, welche das neuvermählte Paar mitgebracht hatte, erfuhren ſie bald, daß die neue Herrin die Tochter eines armen Mannes, der ſich cein Brod durch Arbeit verdiente, und ſie ſelbſt nur eine armſelige Schulmeiſterin war. Die vornehmſte Ariſtokratin hätte keine ſouveraͤnere Verachtung gegen dieſen gemeinen, plebejiſchen, erbärmlichen Urſprung kund geben können, als die 239 „Wir leben in einer ſchönen Zeit! wahrhaftig in einer ſehr ſchönen Zeit!“ rief Tante Emma mit einem ominöſen Kopfſchütteln, indem ſie mit der größten Genauigkeit den Ton und die Manieren ihrer verſtorbenen Ge⸗ bieterin nachahmte, als deren Vertreterin und Nachfolgerin ſie ſich zu be⸗ trachten ſchien;„wahrhaftig, es iſt weit gekommen, Tante Dina, daß wir Beide, die wir in einer der erſten Familien Virginien's erzogen ſind, einer ſo armſeligen, unbedeutenden Perſon, und noch dazu einer Yankeemadame gehorchen ſollen! O, Tante Dina, wer hätte gedacht, daß zwei Qualitäts⸗ nigger, wie wir, die in einer der erſten Familien Virginien's erzogen und ſtets an anſtändige Geſellſchaft gewöhnt geweſen ſind, noch eine Yankee⸗ herrin bekommen würden? Was muß nur dem armen Maſſa Thomas in den Kopf gefahren ſein, daß er, nachdem er eine Frau, wie unſre erſte Herrin, aus einer der erſten Familien von Virginien gehabt hatte, eine ſolche nichtsnutzige Yankeemamſell in's Haus bringt, die uns und ihm ſelbſt dazu nur Schande macht?“ Dieſe und ähnliche Aeußerungen mußte nicht nur Caſſy, ſondern zu⸗ weilen ſogar Mrs. Thomas ſelbſt anhören, denn die unzufriedene Haus⸗ hälterin pflegte ſich keinen Zwang anzuthun. Sie trieb es in der That ſo weit, daß ſie, als Mrs. Thomas drei bis vier Wochen nach ihrer Ankunft ihr ankündigte, daß ſie die Verwaltung des Hausweſens nun ſelbſt übernehmen wollte, und ſie aufforderte, ihr die Schluͤſſel zu uͤbergeben, ſich mit den unſchicklichſten Geberden und Reden dieſem Anfinnen geradezu widerſetzte. Ihre frühere Herrin, meinte ſie, die keine arme Perſon, ſondern aus einer der erſten Familien Virginien's ge⸗ weſen ſei— habe ſie in die Familie des Maſſa Thomas mitgebracht, ſie zur Haushälterin ernannt und auf dem Sterbebette ihrem Gatten das Ver⸗ ſprechen abgenommen, daß er ſie nie verkaufen werde und daß ſie ſtets Haus⸗ hälterin bleiben ſolle. Und das wolle ſie, allen Yankeeweibern und armen Weißen der Welt zum Trotz bleiben. Miſſis könne ſich damit begnügen, die von ihr ſelbſt mitgebrachten Dienſtboten zu commandiren; ſie habe ja ein Kammerzöfchen mitgebracht, wenn auch der arme liebe Maſſa Thomas ſie mit ſeinem eignen Gelde habe kaufen und theuer genug bezahlen müſſen. Welches Recht habe ſie aber, hereinzukommen und die Dienerſchaft der vorigen Herrin zu kujoniren? Dabei brach Tante Emma in ein trotziges Hohngelächter darüber aus, daß eine ſo armſelige, hergelaufene Yankee⸗ madame ſich unterſtehen könne, ihr die Schlüſſel abzufordern— ihr, die in einer der erſten Familien Virginien's erzogen ſei. Bei dieſen letzten Worten verſchränkte ſie die Arme über die Bruſt und richtete ſich hoch auf, ganz ſo wie die ſelige Mrs. Thomas es gemacht hatte. Bald aber ſank ihre Stimme und ſie brach in einen Thränenſtrom aus, als ſie bedachte, was ihre liebe, ſelige Herrin, die aus einer der erſten Familien Virginien's ſtammte, die einen Yankee eben ſo ſehr haßte wie eine Kröte oder Schlange, und ſtets von ihnen geſprochen habe, als ob ſie nichts als eine Bande freier Nigger ſeien— eine Anſicht, in welcher ihr Tante Emma von Herzen beiſtimmte— was ſie ſagen würde, wenn ſie noch einmal auf die Erde zurückkäme und die Schlüſſel in den Händen einer Yankeeperſon erblickte! Einem ſtarken Willen iſt Alles möglich und durch ihn kann ſelbſt Sklave zuweilen die Stelle des Herrn uſurpiren. Mrs. Thomas bittere Klage bei ihrem Gatten und beſtand darauf, daß er die Tante 3 peitſchen laſſen und auf das Feld ſchicken ſolle. Der gutmüthige, bequeme alte Herr war aber ſchon ſo ſehr daran gewöhnt, ſelbſt von ihr tyrannifirt * 240 zu werden, und er freute ſich ſo ſehr über ihre Verachtung gegen die Yankee's, welche er ſelbſt mehr als zur Hälfte theilte, daß er ſehr geneigt ſchien, ihre Partei zu nehmen, und erſt nach einem ſechsmonatlichen Kampfe und einer langen Reihe von Gardinenpredigten, bei denen die Frau gegen die Haushälterin natürlich im Vortheil war, gelang es der Erſteren in den Beſitz der Schlüſſel zu kommen und Tante Emma aus dem Hauſe zu bringen. Sie beſtand entſchieden darau, daß die Negerin nach New⸗Orle⸗ ans verkauft, oder wenigſtens auf's Feld geſchickt werden, und ganz be⸗ ſonders eine gehörige Tracht Schläge für ihre Unverſchämtheit bekommen ſollte; aber Mr. Thomas wollte von dem Allen nichts wiſſen. Sie, Mrs. Thomas, möge Emma ſchlagen, ſo viel ſie wolle, die Selige habe auch zu⸗ weilen den Ochſenziemer gegen ſte angewendet; aber in den ſechs Jahren, während denen fie bei ihm Haushälterin ſei, habe er nie Veranlaſſung ge⸗ habt, es zu thun, und wolle es auch jetzt nicht anfangen. Nur mit Mühe ließ er ſich endlich überreden, ſie der Mrs. Thomas aus den Augen zu ſchaffen, indem er ſie in der Nachbarſchaft vermiethete, was die arme Mrs. Thomas bewog, mit einer Art von prophetiſcher Ahnung zu äußern, daß er ſte in der Nähe behalten wolle, um ſie wieder zur Haushälterin zu nehmen, ſobald ſie, ſeine arme Frau, geſtorben ſei, was gewiß bald ge⸗ ſchehen werde. Obgleich aber Mrs. Thomas ſich auf dieſe Art endlich der ſchwarzen Haushälterin entledigt hatte, ſo blieb doch in der Perſon der ſchwarzen Köchin eine noch gefährlichere Feindin zurück. Tante Dina's Geſchicklich⸗ keit in der Kochkunſt war keineswegs zu verachten, und Mr. Thomas, der ein ziemlicher Epikuraer war, hatte ſich an manche ihrer Gerichte ſo ge⸗ wöhnt, daß es ihm Niemand anders recht machen konnte. Alle Anſtren⸗ -kungen der armen Mrs. Thomas, die Tante Dina aus der Küche zu ver⸗ Perchn, blieben denn auch erfolglos. Mr. Thomas ſagte ihr, daß ſte ja weiter nichts zu thun brauche, als ſich von der Küche fern zu halten und⸗ die Tante Dina kochen zu laſſen. Dies war aber Mrs. Thomas unmög⸗ lich. Sie beſaß eine große Leidenſchaft für das Umherhanthieren, Wirth⸗ ſchaften, Schelten und Zanken und es verging kaum ein Tag ohne einen heftigen Streit zwiſchen ihr und Tante Dina, der ſie nicht ohne Grund vorwarf, daß ſie keinen Begriff von Ordnung und Reinlichkeit habe, auf welche Beſchuldigungen jedoch Tante Dina brummend erwiderte, man duͤrfe von armen Leuten nicht erwarten, daß ſie die Küchenverwaltung der Köchinnen vornehmer Familien verſtänden oder zu beurtheilen wüßten. Die Fehde ging ſo weit, daß Mrs. Thomas endlich ernſte Beſorgniſſe vor Vergiftung ausſprach und mehrere Monate lang nichts Andres eſſen wollte, als was Cafſy eigenhändig zubereitet hatte, obgleich dieſe nie dar⸗ uͤber in's Klare kommen konnte, ob ihre Gebieterin nur Tante Dina's Un⸗ reinlichkeit, oder etwas Schlimmeres fürchtete. Mitten unter dieſen Drangſalen und Sorgen, welche wie ſie klagte, ihre Geſundheit untergruben und das Fieber, an welchem ſte beſtändig litt, noch mehr verſtärkten, hatte die arme Mrs. Thomas keine andere Vertraute und Tröſterin, als Caſſy. Die nächſten Nachbarn wohnten mehrere eng⸗ liſche Meilen entfernt. Die wenigen Gutsfrauen, deren Bekanntſchaft ſie machte— denn mehrere der benachbarten Pflanzer zogen eine Sklaven⸗ haushälterin einer weißen Gattin vor— waren aus Virginien und Ken⸗ tucky und verachteten die Yankee's faſt eben ſo ſehr, wie Tante Dina, und Mrs. Thomas war nicht liebenswürdig genug, um dieſes Vorurtheil zum 2—— 241 Schweigen zu bringen. Ihr Gatte war nichts weniger als ein angenehmer Geſellſchafter. Wenn es auch in den Tagen ſeiner Brautwerbung vielleicht anders geweſen war, ſo hatte ſeine Frau doch längſt ſchon aufgehört, ihn ſtärker zu feſſeln als ſeine Cigarre, ſein Pfeffermünzlikör und ſein Kautabal. und um ihren ewigen, ſeiner Meinung nach völlig grundloſen Klagen aus dem Wege zu gehen, hielt er ſich ſo viel als möglich fern von ihr. Ihre Stieftochter, ein vierzehnjähriges Mädchen, ſchien ſich mit Tante Dina gegen ſie verſchworen zu haben; eben ſo auch die Wäſcherin, die Nätherin und alle übrigen Hausdiener, und die nervöſe Aufregung, in der ſie ſie erhielten, machte ſich zuweilen nicht auf die angenehmſte Weiſe Luft. Eines Tages außerte ſie ſogar gegen Caſſy, daß dieſe häßlichen ſchwarzen Creaturen nicht nur ihre Geſundheit und Schönheit, welche ohnehin ſchon von den Wir⸗ kungen des Fiebers bedeutend gelitten hatten, zerſtören, ſondern ſie auch um ihr Seelenheil bringen würden. Sie erklärte, das Leben auf einer Pflanzung ſei wahrlich nicht geeignet, um die Menſchen für den Himmel vorzubereiten. Cafſy war von inniger Dankbarkeit gegen ihre unglückliche Herrin er⸗ füllt. Sie bemitleidete ſowohl die Schwächen ihres durch Krankheit und getäuſchte Hoffnungen verbitterten Charakters, wie auch die Einſamkeit und ſklaviſche Abhängigkeit, in welche ſte ſich verkauft hatte. Ihr ganzer Lebens⸗ zweck ſchien darin zu beſtehen, nichts zu thun und nichts zu ſein, obgleich ſie den Namen einer Hausfrau führte, und eine ſolche Stellung mußte ihrem lebhaften und an Thätigkeit gewöhnten Geiſt mit der Zeit unerträg⸗ lich werden. Caſſy bemühte ſich nach Kräften, ſie zu beruhigen, zu tröſten und zu unterhalten— ein Amt, wozu ſie ihr ſanfter und heiterer Charakter trefflich geeignet machte— und ſo wurde Caſſy ihrer leidenden Herrin vollkommen unentbehrlich. Dadurch gerieth ſie allerdings in ein mißliches Ver⸗ hältniß zu der übrigen Dienerſchaft, welche ſie gar zu gern in ihre Feind⸗ ſeligkeit und Antipathie gegen Mrs. Thomas eingeſchloſſen hätte; aber ihr verträglicher Charakter und ihre freundliche Gemüthsart gewannen ihr bald aller Herzen. Durch einige kleine Gefälligkeiten und klug angebrachte Schmeicheleien erwarb ſie ſich ſelbſt die Freundſchaft der gefürchteten Tante Dina. 1 So wenig Geiſt und Gemüth Mrs. Thomas auch beſaß, blieb doch dieſe Aufmerkſamkeit und Dienſtfertigkeit Caſſy's keineswegs ohne Einfluß auf ihre Stimmung, wiewohl ſelbſt Jene vor gelegentlichen Ausbrüchen des Unmuths nicht ſicher war. Als ſie fand, daß Caſſy nicht leſen gelernt hatte— eine Fertigkeit, welche keine ihrer früheren Herrinnen für noth⸗ wendig gehalten,— erbot ſie ſich, es ihr und ihrem kleinen Knaben zu lehren, und beharrte darin trotz der ſcherzhaften Drohungen von Seiten ihres Gatten, ſie deshalb vor Gericht anzuklagen. Sie ſchien wirklich ſo großen Troſt an der Beſchäftigung zu finden, die ſich ihr endlich darge⸗ boten hatte, daß ſie Caſſy nicht nur verſchiedene Handarbeiten lehrte, in denen ſie Meiſterin war, ſondern ihr auch Muſikunterricht auf einem Piano⸗ forte gab, welches Mr. Thomas zur Zeit ſeiner Verheirathung im Norden gekauft hatte. Es dauerte auch nicht lange, ſo brachte es Caſſy in Folge ihres ausgezeichneten muſikaliſchen Gehörs zu weit größerer Fertigkeit darin als ihre Lehrerin, was allerdings nicht viel ſagen wollte. So vergingen mehrere Jahre, bis ein Gallenſieber Mrs. Thomas hin⸗ wegraffte, wodurch Caſſy einem neuen Wechſel ausgeſetzt wurde. Sie war auf Mount Flat nicht mehr nöthig, und Mr. Thomas ſchickte ſie in der Der weiße Sklave. 16 242 Hoffnung, die große Summe, welche er fuͤr ſie bezahlt hatte, wieder zu er⸗ halten, mit ihrem Kinde zum Verkauf nach New⸗Orleans. Unter den Käufern, welche ſich dort einſtellten, befand ſich ein gewiſſer Mr. Curtis, der, wie Caſſy ſpäter erfuhr, aus Boſton gebürtig und von angeſehener Familie war. Gleich vielen Anderen aus derſelben Stadt war er ſchon in früher Jugend nach New⸗Orleans gekommen. Als er ſpäter ſelbſt ein Geſchäft errichtete, hatte er ſich nicht verheirathet, ſondern der Landesſitte gemäß ein vertrautes Verhältniß mit einer hübſchen, hellfarbigen, jungen Sklavin angeknüpft, die er gekauft hatte und zu welcher er eine ſo innige Zuneigung hegte, daß es für ihn ein ſchmerzlicher Verluſt war, als ſie mit Hinterlaſſung eines kleinen Mädchens ſtarb. Da er das häusliche Leben liebte und die Lücke wieder auszufüllen wünſchte, hatte Mr. Curtis, nachdem ſich ſein Schmerz einigermaßen gelegt, in dieſer Abſicht die Sklavenmagazine beſucht. Caſſy gefiel ihm auf den erſten Blick und er hatte ſie daher ſammt ihrem Kinde gekauft. Ich erzäͤhle dies Alles jetzt ruhig; ſtelle Dir aber vor, Leſer, wenn Du es kannſt, was ich gefühlt haben muß, als ich, ohne den Ausgang zu kennen, dieſe Ge⸗ ſchichte aus Caſſy's Munde vernahm! Nachdem Mr. Curtis ihr die Aufſicht über die damals noch kleine Haushaltung und über ſein Töchterchen übertragen hatte, gab er ihr bald auf die zarteſte Weiſe— denn er war ein in jeder Hinſicht liebenswürdiger Gentleman— ſeinen Wunſch zu erkennen das zwiſchen ihnen beſtehende Ver⸗ hältniß auf einen vertrauteren Fuß zu bringen. Wahrſcheinlich ſtand Caſſy's Benehmen mit ſeinen frühern Erfahrungen ganz im Widerſpruch, denn er war nicht wenig erſtaunt über die Kühle, mit der ſeine Anträge aufgenommen wurden; da er aber nicht ohne Grund aauf ſeine perſönlichen Vorzüge und ſein einnehmendes Weſen gegen die Frauen ſtolz, und überdies eher ſentimental als leidenſchaftlich war, ſo ging ihn der Beſitz des Herzens ſelbſt des geringſten Weibes weit über den ihrer Perſon; ſeine Eitelkeit wurde gereizt und ſein Entſchluß, ſie zu erobern, nur um ſo feſter.. Wenn ſich der Herr herabläßt, um die Liebe der Skavin zu werben, der vornehme Mann dem Weibe niederen Standes, der König einer Un⸗ terthanin, der Edelmann einer Bäuerin, oder, wenn ihn die Luſt anwandelt, einer Bürgerlichen den Hof zu machen, ſo find ſolche Eroberungen im All⸗ gemeinen eben nicht ſehr ſchwierig. Die Sklavin erhebt ſich, ſei das Ver⸗ hältniß auch noch ſo vorübergehend, doch für den Augenblick aus ihrer niedrigen Sphäre zu der ihres Geliebten, und ſte ſteigt dadurch in ihren eignen Augen ſowohl wie in denen ihrer Standesgenoſſen höher als durch irgend eine Verbindung, die ſie mit einem Manne ihrer Klaſſe eingehen könnte.— Eine ſolche Verbindung wird allerdings des Anſtands halber eine Ehe genannt, iſt es aber in den Augen des Geſetzes eben ſo wenig wie jene, ſondern auch nur ein vorübergehendes Verhältniß, das durchaus keine Rechte begründet, den Kindern keine Vaterſchaft ſichert und nicht durch die Laune des Mannes, ſondern auch durch die Willkür des Herrn und ſeiner Gläubiger jederzeit gelöſt werden kann. 4 Das Weib der höheren Stände hegt einen inſtinktartigen Widerwillen gegen jede Verbindung mit einem Manne der niederen Klaſſen. Dieſes Gefühl wird nicht durch die Farbe, ſondern durch die geſellſchaftliche Stel⸗ lung bedingt, denn eine fein gebildete Weiße würde eben ſo wenig daran denken, einen Neger zu heirathen, wie einen friſch importirten iriſchen 243 Bauer, wäre er auch von Geſtalt ein Apollo und, nach Abwaſchung des Schmutzes, von Geſicht ein wahrer Adonis. Dieſer nämliche Stolz treibt die Sklavin an, ſich bereitwillig jedem Manne höheren Standes hinzugeben, der ſich herabläßt, ſie mit ſeiner Beachtung zu beehren. Derſelbe Wunſch nach einer Stellung in der Welt, welcher die Freie ſpröde und zurück⸗ haltend macht, giebt der Sklavin dieſe bereitwillige Fügſamkeit, denn die wohlberechnende Klugheit, welche auf das Verhalten des weiblichen Ge⸗ ſchlechts in dieſem Punkte einen weit größeren Einfluß hat, als wirkliche Zuneigung und leidenſchaftliche Liebe, läßt ihr eine Verbindung zur linken Hand mit einem Manne höheren Standes in jeder Hinſicht vortheilhafter erſcheinen, als eine ohnehin nicht mögliche rechtsgültige Ehe mit einem Manne ihres eignen verachteten Standes. In der That war es nur Caſſy's Liebe zu mir— welche jetzt einer Prüfung unterworfen wurde, wie ſie das weibliche Geſchlecht in civilifirten Landern wohl ſelten zu beſtehen hat,— und die romantiſche Idee, die ſie ſich in den Kopf geſetzt hatte, daß wir früher oder ſpäter einander gewiß wiederfinden wuͤrden, was ſie gegen die Bewerbungen des Mr. Curtis um ihre Zuneigung waffnete. Er ſagte ſelbſt einmal lachend zu ihr, daß dieſe Bewerbungen genügt haben würden, um die Hälfte der weißen Mädchen von New⸗Orleans oder Boſton zu erobern. Mr. Curtis beſaß nicht nur ein ſo tief eingewurzeltes Zartgefühl, daß ſelbſt der Aufenthalt in einer ſo verderbten Atmoſphäre, wie die von New⸗ Orleans es nicht erſticken konnte, ſondern ſein ganzer Charakter hatte auch eine ſtarke Beimiſchung von Romantik. Er konnte der Zärtlichkeit und Be⸗ ſtändigkeit, deren Gegenſtand er ſelbſt zu werden wüͤnſchte, ſeinen Beifall nicht verſagen, aber er bat Caſſy, ihre Jugend und ihre Reize nicht unnütz verblühen zu laſſen, da die Trennung von mir ſo durchaus hoffnungslos ſei, als ob der Tod ſie herbeigeführt habe. Sie möge alſo nicht aus einer bloßen Laune darauf beharrren, für ſich und ihr Kind die angenehmſte Stellung, welche ſie hoffen könne, zurückweiſen; auch verſpreche er ihr feier⸗ lich, ſie für ihre Einwilligung mit der Zeit durch das Geſchenk der Frei⸗ heit für ſich und ihren Knaben zu belohnen. Wenn ſie gegen ihn Widerwillen oder Abneigung empfände, ſo wolle er nicht weiter in ſie dringen; dürfe ſie aber aus einer bloßen Laune ihm dieſe Freude verweigern und ſich ſelbſt ihr Glück verſcherzen? Da er wußte, daß ſie Methodiſtin war, verſprach er ihr ſogar, ihre Verbindung durch einen Geiſtlichen dieſer Religionsgeſellſchaft ſegnen zu laſſen, wenn ſie in dieſem Punkte Bedenklichkeiten hege, und rieth ihr zu wiederholtenmalen, den Prediger, deſſen Capelle ſie zu beſuchen pflegte, um Rath zu fragen. 4 Wiewohl die Methodiſten glauben, daß die durch ihre Prediger einge⸗ ſegneten Ehen zwiſchen Sklaven vor Gott in jeder Hinſicht vollkommen gultig und für die Betheiligten eben ſo bindend ſind, als die der Weißen, ſo haben ſie doch trotz des bekannten Spruches:„Was Gott zuſammen⸗ fügt, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden,“ in den Sklavenſtaaten Amerika's die Oberherrſchaft der Menſchen anerkennen und zugeben müſſen, daß Ehe⸗ leute, welche auf den Befehl eines Herrn oder durch den Sklavenhandel ge⸗ trennt wurden, ſich rechtmäßig wieder verheirathen können, ſelbſt wenn ſie wiſſen, daß ihre früheren Gatten noch leben. Sie entſchuldigen dies durch die Nothwendigkeit, da die Menſchen in Folge ihrer geringen Neigung zum Cölibat doch neue Verbindungen eingehen würden, und es am beſten ſei, . 16* 244 das zu ſanktioniren, was ſich einmal nicht ändern laſſe. Aus dieſem näm⸗ lichen Nothwendigkeitsgrunde erlauben ſie auch den Mitgliedern ihrer Kirche Sklaven zu halten— die frommen Bruͤder wuͤrden es ja doch thun— eine Politik, die in beiden Fällen mehr die große Anzahl als die Lau⸗ terkeit der Religionsgeſellſchaft zu berückſichtigen ſcheint, und mehr von der Klugheit der Schlange, als von der Unſchuld der Taube haben dürfte. Ich will mir jedoch über dieſen wichtigen Punkt der Kirchenpolitik kein entſchei⸗ dendes Urtheil anmaßen. Der methodiſtiſche Geiſtliche, den Caſſy in dieſer Angelegenheit zu Rathe zog, redete ihr dringend zu, die Anträge des Mr. Curtis anzuneh⸗ men, was ſie, wie er ihr verſicherte, unter den obwaltenden Umſtänden mit gutem Gewiſſen thun könne, beſonders wenn er die neue Verbindung ein⸗ ſegnete, wodurch ſie in den Augen des Himmels eine vollkommene Ehe werde, wenn auch die menſchlichen Geſetze ſie nicht als ſolche betrachteten. Trotz der dringenden Bitten des Mr. Curtis und der Vorſtellungen des Predigers trat ihr aber noch immer ſo oft ſie unſern Sohn an die Bruſt druͤckte, das Bild ihres verlorenen Gatten vor die Seele, und eine innere Stimme flüſterte ihr zu: Er lebt! er liebt Dich! gieb ihn nicht auf. So verging uͤber ein Jahr, und Mr. Curtis erwartete geduldig die Wirkungen der Zeit und ſeiner Ausdauer, als er plötzlich vom gelben Fie⸗ ber ergriffen wurde, das ihn an den Nand des Grabes brachte und von dem er ſich nur nach einem langwierigen Krankenlager wieder erholte. Hier⸗ bei hatte Caſſy Gelegenheit, ihre dankbare Erkenntlichkeit für die Güte und die zartfühlende Ruͤckſicht ihres Herrn zu zeigen. Sie war Tag und Nacht ſeine beſtändige unermüdliche Wärterin, und die Aerzte erklärten, daß eine Schweſter, eine Mutter, oder eine Gattin ihn nicht mit liebevollerer Auf⸗ ehferun habe pflegen können, und daß er hauptſächlich ihr ſeine Rettung verdanke. Mr. Curtis hatte eine religiöſe Erziehung genoſſen, und der Gedanke, daß er dem Tode ſo nahe geweſen, wie die Muße und Einſamkeit ſeiner langwierigen, ſchmerzlichen Geneſung, weckten wieder fromme Ideen in ihm, welche der Strudel der Geſchäfte, die jugendlichen Zerſtreuungen und die ſinnliche, weltliche Atmoſphaͤre, in welcher er ſo lange gelebt, faſt gänzlich verlöſcht hatten. Es war unverkennbar, daß Mr. Curtis, ſei es aus phyfiſchen oder moraliſchen Urſachen, oder aus beiden zugleich, ſein Krankenlager in vielerlei Beziehung als ein ganz andrer Menſch verließ; er ſchien in moraliſcher Beziehung um zwanzig Jahre älter geworden zu ſein. Er war noch eben ſo liebenswürdig und geiſtreich, aber ernſter und weniger mit ſich ſelbſt beſchäftigt, wenn er auch den Vorwurf der Selbſtſucht eigentlich nie verdient hatte. Sobald er ſich hinlänglich erholt hatte, um das Bett verlaſſen zu können, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als einen doppelten Freiſchein für Caſſy und ihr Kind auszuſtellen, der in Kraft treten ſollte, ſobald es das Geſetz erlaubte. Bis dahin ſollte ſie ſeiner Haushaltung vorſtehen und dafür einen gewiſſen monatlichen Gehalt bekommen. Zu gleicher Zeit fertigte er eine Freilaſſungsurkunde für ſeine kleine Tochter Eliſa aus, die noch unter Caſſy's Obhut blieb und zu einer hübſchen Geſpielin für unſern kleinen Montgomery heranwuchs. Als die Kinder das erforderliche Alter erreicht hatten, ſchickte ſie Mr. Curtis zu ihrer weiteren Ausbildung nach Neu⸗England— zuerſt Mont⸗ gomery, und ſpäter Eliſa, welche der Fürſorge ſeines Bruders, Agrippa 245 Curtis, anvertraut und von dieſem in Boſton in einer vornehmen ariſto⸗ kratiſchen Erziehungsanſtalt für junge Mädchen untergebracht wurde. Nachdem Montgomery zwei bis drei Jahre in einem Lehrinſtitute Neu⸗England's zugebracht hatte, war er in ein New⸗Yorker Comptoir einge⸗ treten und vor Kurzem durch ſeinen gütigen Wohlthäter in den Stand geſetzt worden, ſelbſt ein Handelsgeſchäft errichten zu können. Caſſy's Monatsgehalt war im Laufe der Jahre und durch Zurechnung der Zinſen, welche ihr Mr. Curtis gewährte, zu einer ziemlich bedeutenden Summe angewachſen. Dieſes Kapital hatte er vor einiger Zeit zum Ankauf eines kleinen Hauſes mit Garten in der Vorſtadt verwendet, und Caſſy hatte daſſelbe nachher bezogen, da Mr. Curtis ſeiner Geſundheit wegen eine Reiſe durch die nördlichen Staaten und nach Europa zu machen beabſichtigte. So weit war es ihr, wie ſie ſagte, ſtets wohl gegangen, als ob ſie ein auserwählter Liebling der Vorſehung geweſen wäre, nur daß ſich die Erfüllung ihrer Hoffnungen, mich wieder zu ſehen, ſo lange verzögert hatten. Plötzlich aber war dieſes Glück, deſſen ſie ſich ſo lange erfreut hatte, durch einen unerwarteten furchtbaren Schlag zertrümmert worden. Es lief die Nachricht ein, daß Mr. Curtis auf dem Wege nach Boſton durch das Zer⸗ ſpringen eines Dampfkeſſels während der Fahrt auf dem Ohio ſchwer verletzt worden ſei, und nicht lange darauf kam die Meldung von ſeinem Tode. Als dieſer vor wenigen Wochen erfolgte, war Montgomery in New⸗York in ſeinem Geſchäft thätig, und Eliſa noch in Boſton in der Erziehungsanſtalt. Sie war ein ſchönes feingebildetes Mädchen geworden; die mit ihrem großen dunklen Feueraugen, ihren langen rabenſchwarzen Haaren und ihrem brünetten Teint den vollkommenſten Gegenſatz zu dem in jenen Gegenden vorherrſchenden blonden Typus der Schönheit bildete. Sie beſaß überdies eine Grazie und Eleganz, wie man ſie in Neu⸗England, wo Jedermann mehr oder weniger ſteif iſt, nur ſelten findet, und dabei die ganze Lebhaftigkeit und Munterkeit eines Vogels, ohne die mindeſte Bei⸗ miſchung von der unweiblichen Derbheit und ſpröden Ziererei, welche der Liebenswürdigkeit der meiſten Boſtoner Damen ſo großen Eintrag thut. Dies ſind übrigens kritiſche Bemerkungen, welche von Eliſa herrühren, nicht von mir, und deren Richtigkeit ich daher nicht verbürgen kann. Sie galt für die einzige Tochter des reichen Mr. Curtis von New⸗ DOrleans und ſeiner vor vielen Jahren verſtorbenen Gattin, einer ſpaniſchen Kreolin. In Folge deſſen ſtand das reizende Mädchen allgemein in dem Rufe, eine reiche Erbin zu ſein; ſie war daher der Gegenſtand zahlreicher Huldigungen, und einige junge Boſtoner Ariſtokraten machten ihr ſogar Heirathsanträge, denen ſie aber keine Beachtung ſchenkte, da ſie ſchon ſeit ihrer früheſten Kindheit mit Montgomery verlobt war. 3 Sobald Mr. Agrippa Curtis von dem ſeinem Bruder zugeſtoßenen Unfalle Nachricht erhielt, war er nach Pittsburg gereiſ't, wo Jener ſich damals befand, und drei bis vier Wochen darauf kehrte er mit der Bot⸗ ſchaft von ſeines Bruders Tode zurück. Während Eliſa mit dem ganzen, ihrem Alter angemeſſenen Schmerze dieſen Trauerfall beweinte, ſah ſie ſich plötzlich von ihren bisherigen Schul⸗ freundinnen auffallend vernachläſſigt. Sie ſollte die Urſache dieſes ihr unerklärlichen Benehmens bald erfahren. Während ſie ſich noch den Kopf darüber zerbrach, erhielt ſie von der Vorſteherin ein Billet, mit welchem dieſe ihr ankündigte, daß ſie die Schule nicht länger beſuchen dürfe. Cs hatte ſich nämlich das Gerücht verbreitet, daß Eliſa afrikaniſches Blut in 246 ihren Adern habe, und daß ſie weder des verſtorbenen Curtis eheliches Kind noch ſeine Erbin, ſondern nur die Tochter einer Sklavin ſei. Die Mütter der Schulkameradinnen Eliſa's waren höchlich entrüſtet daruͤber, ganz beſonders die Tochter eines trunkſüchtigen Lichterziehers, die in ihrer Jugend den Beſitzer eines kleinen Spezerei⸗ und Brantweinladens geheirathet hatte. Dieſer hatte ſpäter ein Deſtillationsgeſchäft angefangen, ſich dadurch ein großes Vermögen erworben, ein Haus in Beacon⸗Street gekauft, und da er eben ſo wie ſeine Frau hoch hinaus wollte, machte er großen Aufwand, um ſich auf dieſe Art in die vornehmen Zirkel von Boſton einzudrängen. Dieſe ariſtokratiſche Dame erklärte es für eine Sünde und Schande,— und ſie fand eine Menge gleichgefinnter Seelen— daß man Leute von guter Familie ſo abſcheulich betrogen und eine farbige Dirne unter ihre wohlgeborenen Töchter eingeſchwärzt habe. Es gebe ja in Bel⸗ knap⸗Street eine für farbige Mädchen eingerichtete Schule, warum ſei ſie nicht dorthin geſchickt worden? Für die naturgetreue Zeichnung dieſes Portraits von Mrs. Highflyer — ſo hieß nämlich dieſe vornehme Boſtoner Dame— hat ebenfalls Eliſa einzuſtehen. Das ſchalkhafte Mädchen verſtand es vortrefflich, die Schwächen und Fehler Anderer in's Lächerliche zu ziehen, und fand großes Vergnügen am Karrikaturenzeichnen. Niemand ſchien vollſtändiger mit Mrs. Highflyer übereinzuſtimmen, als Mr. Agrippa Curtis, obgleich er den Urſprung Eliſa's von jeher ge⸗ nau gekannt hatte, und ſie ſelbſt in die Boſtoner Geſellſchaft eingeführt und in die ariſtokratiſche Erziehungsanſtalt gebracht hatte. Er ſagte, daß die Rückſichten gegen das Andenken ſeines verſtorbenen Bruders, für deſſen Erben er ſich ausgab, ihm nicht geſtatteten, ſich ausführlich über ſein ſon⸗ derbares Benehmen und über die Einführung eines ſo gemeinen Mädchens in die vornehme Geſellſchaft von Boſton offen auszuſprechen; ſein Bruder ſei in vieler Beziehung ein ganz wunderlicher, räthſelhafter Mann geweſen. Aber er nahm keinen Anſtand, ſich auf die ſchonungsloſeſte Weiſe 95 8 4 gen die arme Eliſa auszuſprechen, als ſie zu ihm kam und ihn um ſeinen Schutz und Rath erſuchte; ja, er ging ſo weit, daß er ſie eine gemeine Betrügerin nannte und ihr befahl, ſein Haus zu verlaſſen. Der Beſitzer des Koſthauſes, in welchem ſie wohnte, untenließ in das allgemeine Zetergeſchrei einzuſtimmen, denn beſonders gängerinnen— denn die Männer ſchienen nicht ſo viel gegen ſie einzu⸗ wenden zu haben— waren heftig erbittert und drohten auszuziehen, wenn ſie nicht fortgeſchickt würde. Das arme Mädchen hätte vielleicht auf der Straße ſchlafen müſſen, wenn ſie nicht von einer Putzmacherin, der ſie fruͤher oft Gefälligkeiten erwieſen hatte, auf die Gefahr hin, alle ihre vor⸗ nehmen Kunden zu verlieren, mit nach Hauſe genommen worden wäre. Sie ſchrieb ſofort nach New⸗York an Montgomery, der ihr unver⸗ züglich zu Hilfe eilte. Er traf zufällig in State⸗Street zur Börſenzeit mit Mr. Agrippa Curtis zuſammen und ſprach ſich gegen ihn in ziemlich derben Ausdrücken über ſein Benehmen aus. Der Gentleman— denn für einen 3 ſolchen galt er in Boſton, trotz des allgemein verbreiteten Gerüchts, daß 1 das Haus Curtis, Sawin, Byrne u. Co., dem er angehörte, durch geheime Betheiligung an dem braſilianiſchen Sklavenhandel den Grund zu ſeinem Vermögen gelegt habe,— der Gentleman erwiderte ihm höchlich erzürnt, daß er keine Luſt habe, ſich den Tert leſen zu laſſen von einem entlaufenen Nigger, dem Sohne einer— eine ſchmeichelhafte Anſpielung auf Mont⸗ 247 gomery's Urſprung, den Mr. Grip Curtis bei den Beſuchen, die er ſeinem Vruder in New⸗Orleans gemacht, erfahren hatte. Montgomery's Antwort beſtand einfach darin, daß er den Schurken auf der Stelle zu Boden ſchlug; und da einer von den Umſtehenden die Gefälligkeit hatte, ihm einen Stock zu leihen— denn Mr. Agrippa Curtis war zwar ein angeſehener Kauf⸗ mann, aber doch keineswegs beliebt— ſo gab ihm mein Sohn eine tüch⸗ tige Tracht Schläge, zum großen Ergötzen der verſammelten Kaufleute, von denen mehrere einen Kreis um ſie bildeten, angeblich um darauf zu ſehen, daß es ehrlich zugehe, und vielleicht auch, um Mr. Grip's Kapriolen und Jammermienen näher betrachten zu können, die, wie Montgomery ſeiner Mutter ſchrieb, höchſt drollig anzuſehen waren. Mr. Agrippa Curtis führte unverzüglich Klage bei dem Polizeigericht; Montgomery wurde citirt und zu zwanzig Dollars Geldſtrafe verurtheilt. Außerdem machte Curtis einen Prozeß vor dem Civilgericht gegen ihn an⸗ hängig und verlangte ein Schmerzensgeld von zehntauſend Dollars in der Hoffnung, daß Montgomery keine Caution werde leiſten können, in welcher Erwartung er ſich jedoch getäuſcht ſah. Als Montgomery in dem Prozeß mit Mr. Grip Curtis die nöthige Bürgſchaft geleiſtet hatte und ſich eben anſchickte, mit Eliſa nach New⸗York zu reiſen, erhielt Letztere einen Brief von einem Advokaten in New⸗Orleans, Namens Gilmore, der der vertraute Rathgeber und Sachwalter des ver⸗ ſtorbenen Curtis geweſen war. Er theilte ihr darin mit, daß nach dem Tode des Mr. Curtis wichtige Geſchäftsangelegenheiten ihre Anweſenheit in New⸗Orleans nöthig machten, und überſandte ihr zugleich einen Wechſel zur Beſtreitung der Reiſekoſten. Montgomery fand bei ſeiner Ankunſt in New⸗York einen ähnlichlautenden Brief vor. Weder er noch Eliſa hatten den mindeſten Grund, die Aufrichtigkeit des Advokaten in Zweifel zu ziehen; ſte kannten ihn als einen ſtattlichen, alten Herren, mit rundem, freundlichen Geſicht und grauen Haaren, auf den Mr. James Curtis große Stücke hielt, und da ſie hinlänglichen Grund zu der Annahme hatten, daß er in ſeinem Teſtamente Verfügungen zu ihrem Gunſten getroffen habe, ſo hielten ſie es für ganz natürlich, daß ihre Anweſenheit in New⸗Orleans nothwendig ſein konnte. Montgomery konnte jedoch wegen dringender Geſchäfte nicht ſogleich abreiſen; er ſchickte daher Eliſa mit einem Packetſchiffe voraus, und verſprach ihr, ſobald wie möglich nachzukommen. Eliſa war ungefähr zu gleicher Zeit mit mir wohlbehalten in New⸗ Orleans angekommen und hatte ſich ſogleich zu Caſſy begeben, welche einige Tage darauf dem Advokaten Gilmore ihre Aufwartung machte, um ihn von der Ankunft des jungen Mädchens zu benachrichtigen. Der verſtorbene Mr. Curtis hatte Caſſy zu wiederholten Malen, und insbeſondere noch vor ſeiner Abreiſe von New⸗Orleans auf das Beſtimmteſte verſichert, daß er ſie und Montgomery in ſeinem Teſtamente bedacht, und für Eliſa reichlich geſorgt habe. Sie erkundigte ſich bei Mr. Gilmore über dieſen Gegen⸗ ſtand, aber der Advokat antwortete ihr ausweichend, und ſagte, es ſei nöthig, daß Eliſa am folgenden Tage zu einer gewiſſen Stunde zu ihm komme. Sie ging hin, kam aber nicht zurück. Caſſy brachte in Angſt und Beſorgniß eine ſchlafloſe Nacht zu, und als ſie ſich am folgenden Morgen eben anſchickte, ſelbſt zu Mr. Gilmore zu gehen, um ſie dort aufzuſuchen, erhielt ſie durch einen kleinen Negerknaben einige Zeilen von Eliſa⸗ welche in aller Eil mit Bleiſtift auf ein abgeriſſenes Stück Papier geſchrieben waren und durch die ſie ihr mittheilte, daß ſie in Gilmore's Hauſe als 248 Sklavin gefangen gehalten werde und daß er behaupte, ſte von Mr. Agrippa zu haben, der ſoeben aus Boſton angekommen ſei, um den chlaß ſeines Bruders, wozu auch ſie gehöre, als ſein Uni⸗ ſich jetzt wenden und was ſie thun ſollte, drang Begleitung ſeines Boſtoner Advokaten, Gilmore, zu nehmen. In Folge dieſer Gefangennehmung okale, wo ich fie ſo glücklich gefunden hatte, zum en, und ohne meine Dazwiſchenkunft würde ſie ihrer Betheuerungen, daß ſie frei ſei, in neue Sklaverei verkauft worden denn fie beſaß nicht die Mittel, um ihre Rechte auf die Freiheit zu beweiſen, da der Mann, in deſſen Händen ſich ihr Freiſchein befand, ein Dies war die Geſchichte, von welcher mir Caſſy bei unſerer erſten Zu⸗ ſammenkunft eine kurze, flüchtige Skizze gab und deren einzelne Umſtände ſte mir ſpäter ausführlicher erzählte. Gott ſei Dank, ich drückte das geliebte treue Weib wieder an meine Bruſt! Aber jetzt dachte ich an meinen Sohn und an das arme Mädchen, zu Rathe und fand ihn eben ſo theilnehmend „wie das erſte Mal. Es war, wie er mir gegen dieſe beiden ſchurkiſchen Nan⸗ es l verſchworen hätten, das Teſtament des Mr. Curtis zu vernichten, das Vermögen unter ſich zu theilen, und machen, nicht ſowohl wegen des aus ihnen zu löſenden Kaufpreiſes— denn er glaubte nicht, daß ſelbſt dieſe filzigen Boſtoner Seelenverkaͤufer die Ge⸗ meinheit ſo weit treiben würden, eine ſo ſchlechte Meinung er auch nach dem, was er im Suden geſehen, von den Yankees im Allgemeinen hatte, — ſondern weil dies das bequemſte Mittel war, um ſich ihrer zu entledigen; denn ließ man ihnen die Freiheit, ſo hätten ſie möglicherweiſe immer noch einen Strich durch die Rechnung machen können, beſonders wenn etwa unerwartet ein Duplikat des Teſtaments zum Vorſchein kommen ſollte. ſammt allen geſetzmäßigen Privilegien eines Sklavenbeſitzers zuzueignen. Ich ſage, der fromme Mr. Gilmore, denn er war vor einigen Jahren bei einem Beſuche in New⸗York durch die Predigten des beredten Doktor Dewey zum unitariſchen Glauben bekehrt worden und hatte ſich ſeitdem in Caſſy und Eliſa, und wahrſcheinlich auch Montgomery, zu Sklaven zu 249 New⸗Orleans mit ſo großem Eifer bemüht, eine unitariſche Gemeinde zuſammen zu bringen, daß er den Spottnamen des„Diakonus“ erhalten, mit dem ihn ſeine weltlicher geſinnten Bekannten allgemein bezeichneten. Siebenundfunfzigſtes Kapitel. Auf Colter's Vorſchlag und um wo möglich den Beiſtand des Geſetzes zu erlangen, begab ich mich mit ihm zu einem ausgezeichneten Rechtsge⸗ lehrten, um deſſen Rath zu hören. In Betreff Caſſy's war kaum noch etwas zu befürchten, da ich den angeblichen Rechtsanſpruch des Mr. Grip Curtis auf ſie gekauft hatte und beſonders da nach den Geſetzen von Louiſiana, welche in dieſer Beziehung humaner und billiger ſind als die irgend eines anderen Sklavenſtaates, ein Herr, der einem Sklaven zehn Jahre lang erlaubt hat, frei zu leben, nach Verlauf dieſer Zeit keinen Eigenthumsanſpruch wieder erheben kann, und es nicht ſchwierig geweſen wäre zu beweiſen, daß Caſſy länger als zehn 5 Jahre von dem verſtorbenen Mr. Curtis als frei betrachtet worden war. 1 Der Befreiung Eliſa's und beſonders Montgomery's ſchienen jedoch eine N Menge geſetzlicher Schwierigkeiten entgegenzuſtehen. Nach einem Artikel des Code. Neir-nd ane Nich mich d ſẽ Vlöße aruns der Freiheik kann beĩ Sklaven unker dreißig Jähren — 4 272s g eine Emancipation begründen. Nach einer andern Vorſchrift des nämlichen Geſetzbuches ſolgen Kinder einer im Zuſtande der Sklaverei beſindlichen d Mutter dem Stande ihrer Mutter und ſind demnach Sklaven, oder, wie 1 1 ſich das Civilgeſetzbuch von Louiſtana ausdrückt:„die Kinder von Sklaven 4 Dnnd die Jungen von Thieren gehören dem Eigenthümer der Mutter durch d Ddas Acceſſionsrecht.“ 4 In dielec Fale befanden ſich unbeſtreitbar TeMel Mentqomerk als 1 ontgomery war urſprünglich llcch Kauf als Sklave in den Beſitz 7 g 5 u 2 8 = — S 88 38 — H, Jähren rretcht Närken⸗ Dien nicht me Mr. Cürkts u 8 ihten Dunfeen Fultiges Freiläſſüngsdokument häbe ausſtln Lunen. 4 S 7 aʒũ Vẽsen und gingen in T( Ermansẽus ntariſcher Verfügungen an ſeinen Bruder, Mr. Agrippa 4 Curtis über, welcher ſeit dem Tode beider Eltern ſein einziger Erbe war. 8 Allerdings gab es einen Paragraphen, kraft deſſen auch Sklaven unter dreißig Jahren in Freiheit geſetzt werden konnten, wenn nämlich der B Eigenthümer dem Richter des Kirchſpiels und der Polizei⸗Jury die Gründe 8 ſeines Wunſches, den Sklaven frei zu laſſen, vorlegte und die Beiſtimmung 8 des Richters und dreier Viertheile der Geſchworenen erlangte. Da dies 8 aber nur bei im Staate geborenen Sklaven geſchehen konnte, ſo fand die Begünſtigung auf Montgomery keine Anwendung, wenn auch Mr. Curtis ſie für Eliſa erlangt hätte.. Die hauptſächlich aus dem Römiſchen Rechte hergeleiteten Geſetze von Louiſiana zeichnen ſich von dem in den übrigen Staaten herrſchenden engliſchen gemeinen Recht aus; wenn nämlich ein Vater durch Thaten 250 oder Worte ſeine außer der Ehe gebornen Kinder anerkennt, ſo bekom⸗ men ſie dadurch unter dem Namen„natürlicher Kinder“ gegen ihn einen Anſpruch auf Unterhalt und Erziehung zu irgend einem Broderwerb. Andererſeits iſt aber das Recht einer Perſon welche legitime Verwandte hat, durch Schenkungen bei Lebzeiten oder für den Faul des Todes über ſein Eigenthum zu verfügen, ſehr beſchränkt. In England und in den ganzen Vereinigten Staaten, mit Ausnahme Louſiana's, kann Jedermann ſein Vermögen geben wem er will; hier aber kann er, wenn er rechtmäßige Kinder hat, ſeinen natürlichen Kindern, ſelbſt wenn ſie als ſolche anerkannt ſind, nur ſo viel ſchenken oder vermachen, als ſie zu ihrem Lebensunterhalt nothwendig brauchen, und wenn er auch keine rechtmäßigen Kinder, dagegen aber Eltern oder Geſchwiſter hat, kann er dieſen durch Schenkung oder Teſtament nicht mehr als höchſtens ein Viertel ſeines Vermögens entziehen. Der Zweck dieſer Abweichung von dem früher geltenden ſpaniſchen Recht iſt offenbar der, die Farbigen zu verhindern, durch väterliche Zuneigung in den Beſitz eines Vermögens zu gelangen, während die die Emancipation beſchränkenden Beſtimmungen offenbar darauf hinzielen, ſo Viele als mög⸗ lich in Sklaverei zu erhalten. Es könnte ſein, ſagte uns der Advokat, daß Mr. Curtis die beiden Kinder durch Ueberſiedelung in einen freien Staat frei gemacht, und viel⸗ leicht habe er ſie namentlich in dieſer Abſicht dorthin geſendet. Wären ſte im Norden geblieben, ſo hätten ſie nicht zurückgefordert werden können; aber es ſei noch keineswegs mit Beſtimmtheit entſchieden, ob ſie nicht durch die Rückkehr nach Louſiana wieder Sklaven geworden ſeien. Allerdings hatte der Obergerichtshof dieſes Staates, eben ſo wie der mehrerer anderen Staaten, ſchon dahin entſchieden, daß ein Sklave, welcher einmal in einen freien Staat gebracht oder geſchickt worden, frei werde und nicht reklamirt werden könne; aber dieſe Entſcheidung war unter dem Einfluſſe veralteter Begriffe gefällt worden, welche ſchon halb in Vergeſſenheit gerathen waren, und er glaubte ſchwerlich, daß der gegenwärtige Gerichtshof dieſer Anſicht ſein werde. Da der Beſitz neun Zehntel des Rechts und in allen auf die Skla⸗ verei bezüglichen Fragen, wie der Advokat ſcherzhaft bemerkte, beinahe zehn Zehntel ausmachte, ſo war Gilmore, da er Eliſa in ſeiner Gewalt hatte, entſchieden im Vortheil. Nebenbei geſagt, kenne er dieſen Gilmore ſchon längſt als einen ſchlauen, betrügeriſchen, hinterliſtigen Schurken, der äußerſt glattzüngig und plaufibel ſei und nach Art der Yankees beſtändig von Pflicht, Gerechtigkeit, Religion und Bereitwilligkeit, das Rechte zu thun, ſpreche, ſich aber um alle Pflicht und Gerechtigkeit ſehr wenig zu kümmern ſcheine, wenn er nicht ſeinen Vortheil dabei finde. Wir müßten, ſagte er uns, womöglich verhindern, daß Montgomery in die nämliche Schlinge falle. Wenn der Verſuch gemacht werde, ſich ſeiner als Sklaven zu bemächtigen, ſo könne er, ſelbſt wenn er endlich ſein Recht auf die Freiheit behaupte, dennoch in große Ungelegenheiten gerathen. „Nach dem Sklavenkoder“ ſetzte er hinzu,„dürfen freie Farbige niemals weiße Leute beleidigen oder ſchlagen, noch ſich auf gleiche Stufe mit ihnen ſtel⸗ len wollen, ſondern müſſen ihnen im Gegentheil bei jeder Veranlaſſung nach⸗ geben und ſich ſtets ehrerbietig gegen ſie benehmen, widrigenfalls ſie mit einer nach der Größe des Vergehens zu bemeſſenden Gefängnißſtrafe belegt werden.“ Nun konnten wir günſtigſten Falls nur ſagen, daß Montgomery ein freier Farbiger ſei. In Virginien und Kentucky verlöſcht im vierten Grade ———O—:—-— ————O—:.—— — . 251 der Abſtammung von einem Neger, wenn die übrigen Vorfahren weiß ſind, der afrikaniſche Schandfleck in den Augen des Geſetzes; die Perſonen ſolcher Abſtammung gehen in die Maſſe der weißen Bürger über und erlangen alle Rechte derſelben, wenn auch einer ihrer Vorfahren vierten Grades vom reinſten Negerblute geweſen iſt. In mehreren andern Staaten, unter denen auch Louiſiana, iſt jedoch der Negermakel unauslöſchlich. Die ge⸗ ringſte, unbemerkbarſte Spur von afrikaniſchem Blute, wenn ſie auch noch ſo ſehr mit dem beſten Blute der Nation verdünnt iſt, genügt, um den, in deſſen Adern es fließt, in die Klaſſe der freien Farbigen zu ſtellen, die ſich, wie oben geſagt, nicht herausnehmen dürfen, ſich mit den Weißen auf gleiche Stufe zu ſtellen, ſondern ihnen bei jeder Gelegenheit nachgeben und ſich bei Kerkerſtrafe ſtets ehrerbietig gegen ſie benehmen müſſen. Wenn da⸗ her Montgomery als Sklave feſtgenommen werde, und ſich zur Wahrung ſei⸗ ner Freiheit herausnehmen ſollte, unehrerbietig mit einem von den Häſchern zu reden und wohl gar das handgreifliche Verfahren, welches er ſich ſchon einmal gegen Mr. Grip Curtis erlaubt hatte, zu wiederholen, ſo würde er, ſelbſt wenn es uns gelänge, ſein Recht auf die Freiheit geltend zu machen, ſich dennoch ſehr unangenehmen Folgen ausſetzen. Wir mußten daher vor Allen dafür ſorgen, daß Montgomery ſeinen Verfolgern nicht in die Hände fiel. Konnten wir auch Eliſa aus den Klauen Gilmore's befreien, ſo war dies in ſo fern gut, als wir dann ihre Anſprüche auf die Freiheit nachdrücklicher geltend machen konnten. Montgomery hatte glücklicherweiſe kurz vor ſeiner Abreiſe von New⸗ York an ſeine Mutter geſchrieben und ihr den Namen des Packetſchiffes mitgetheilt, mit welchem er abſegeln wollte, und dieſen Brief fanden wir auf der Poſt vor, als wir die Expedition des Advokaten verließen. Colter miethete augenblicklich ein Boot, um Montgomery entgegenzu⸗ fahren und ihm ein Billet von ſeiner Mutter zu überbringen. Die Ueber⸗ fahrt des Packetſchiffes von New⸗York war ungewöhnlich ſchnell gegangen. Es befand ſich bereits einige Meilen unterhalb der Stadt. Montgomery verließ es der in dem Briefe enthaltenen Warnung gemäß auf der Stelle, um zu Lande nach New⸗Orleans zu kommen, und erreichte noch an dem⸗ ſelben Abend ein abgelegenes, ſtilles Haus in der Vorſtadt, welches Colter für mich und Caſſy gemiethet hatte und deſſen Adreſſe in dem Briefe an⸗ gegeben war. Die Vorſichtsmaßregel, welche wir ergriffen hatten, war wirklich ein Glück. Mr. Grip Curtis hatte, wie wir ſpäter erfuhren, in New⸗York alle Schritte Montgomery's durch einen Spion beobachten laſſen, und da er ebenfalls den Namen des Schiffes, auf welchem Jener die Ueberfahrt machte, erfahren hatte, ſo kam er kurz nach Montgomery's Entfernung mit einer Bande von Helfershelfern an Bord, um ſich ſeiner zu bemächtigen. So habe ich denn auch Dich wieder, mein Sohn! Wenigſtens biſt Du für den Augenblick vor der ſchon gekauften Peitſche des rachedürſtenden Schurken ſicher, der Dich als ſein Eigenthum beanſprucht! Meinen Sohn, mein Kind will er mir entreißen— den ſchönen Jüngling, der jetzt in der Fülle männlicher Schönheit prangt und den jeder Vater mit Stolz ſeinen Sohn nennen würde!. Das Wonnegefühl, mit welchem ich den ſo lange Verlornen an meine Bruſt drückte, läßt ſich mit Worten nicht beſchreiben. Aber wie peinlich war für ſein jugendliches Herz der Augenblick des für mich ſo freudigen Zuſammentreffens! Was war es in der That für ihn, 252 einen Vater zu finden, von dem er zwar durch ſeine Mutter viel gehört, deſſen er ſelbſt ſich aber nicht mehr erinnern konnte, da er zu gleicher Zeit die furchtbare Lage Eliſa's, ſeiner Spielgefährtin, ſeiner Jugendfreundin und Vertrauten, und jetzt ſeiner Geliebten, ſeiner Braut erfuhr! Wie ihm das Blut in die Wangen ſtieg! Wie ihm bei dem Gedanken an ihre Gefahr und ihre Todesangſt die dunklen Augen funkelten! Wir konnten ihn nur mit Mühe bei uns zurückhalten und dies nur durch die Verſicherung, daß Colter bereits Spione um das Haus aufgeſtellt habe, ſo daß wir Eliſa folgen konnten, wenn ſie entfernt werden ſollte. Er kenne, ſagte Colter, Gilmore's Haus und deſſen Umgebungen vollkommen; er ſei auch mit der Dienerſchaft bekannt, da ihm Gilmore's ſchwarze Haushälterin in ſeiner Kindheit ſehr gewogen geweſen ſei. Er hoffe daher, auf irgend eine Art noch in derſelben Nacht in das Haus dringen und Eliſa be⸗ freien zu können. Die Schurkerei des Grip Curtis und ſeines Spießgeſellen Gilmore war jetzt außer allem Zweifel. Als Montgomery vor etwa einem Jahre zum letzten Male von New⸗Orleans abreiſte, um ſein Geſchäft in New⸗York zu errichten, hatte der verſtorbene Mr. Curtis ihm ein verſiegeltes Packet mit der ſchriftlichen Weiſung eingehändigt, es, ſobald ſein Teſtament vor Gericht eröffnet und beſtätigt ſei, oder im Fall das Teſtament nicht vorgelegt werden ſollte, dreißig Tage nach ſeinem Tode zu erbrechen. Mr. Curtis ſchien die Rechtſchaffenheit ſeines Bruders und Gilmore's keinen Augenblick bezweifelt und keineswegs gefürchtet zu haben, daß ſie ſein Vertrauen mißbrauchen könnten, um ſeine Abſichten zu vereiteln und ſein Vermögen zu unterſchla⸗ gen. Er hatte dieſe Vorſichtsmaßregel offenbar nur deshalb getroffen, um ſeine Erben gegen alle Eventualitäten ſicher zu ſtellen. Als dieſes Packet, welches Montgomery jetzt vorlegte, geöffnet wurde, fanden wir, daß es ein in vollkommen rechtsgültiger Form ausgefertigtes Duplikat des Teſtaments enthielt, wodurch Mr. Curtis Eliſen, die er dar⸗ in als ſeine natürliche Tochter anerkannte, den vierten Theil ſeines ganzen, hauptſächlich aus Grundſtücken in New⸗Orleans beſtehenden Vermögens vermachte, welches in dem Teſtamente auf zweimalhunderttauſend Dollars geſchätzt war. Dieſer vierte Theil war Alles, was er ihr nach den Geſetzen von Louiſtana geben konnte, während die übrigen Dreiviertel ſeinem Bruder zuftelen, der nebſt Gilmore zu ſeinem Teſtamentsvollſtrecker ernannt war. Aber mit dieſem großen Erbtheil nicht zufrieden, hatte ſich der unwürdige Bruder mit Gilmore verſchworen, nicht nur die verwaiſ'te Tochter ſeines Bruders um ihren Antheil zu betrügen, ſondern ſte auch, um ihr den Mund zu ſtopfen und allen Reklamationen vorzubeugen, zur Sklavin und Konkubine zu machen, und Gilmore ſollte, außer einem Antheile von ihrem Vermögen, ihre Perſon als Honorar für ſeine Bemühungen erhalten. Das Teſtament beſagte, daß Mr. Curtis ſich zu verſchiedenen Malen vergeblich bemüht hatte, die Einwilligung des Kirchſpielrichters und dreier Viertheile der Polizei⸗Jury zur Freigebung Eliſa's zu erlangen, wie es das Geſetz für Sklaven unter dreißig Jahren vorſchrieb, denn das ehren⸗ werthe Collegium hatte den Umſtänd, daß ſie ſein einziges Kind war, nicht für einen genügenden Beweggrund gelten laſſen. Ferner hieß es darin, daß er ſie in der Hoffnung und Abſicht ſie frei zu machen, zu ihrer Er⸗ ziehung nach Boſton geſendet habe, und daß er ſie hiermit, ſoweit es in ſeiner Macht ſtehe, für frei erkläre. Falls das Geſetz aber ihm und ſei⸗ nem Vermögen ein Recht auf die Dienſte Eliſa's bis zu ihrem dreißigſten 253 Jahre vorbe halte, obgleich er auf dieſes Recht ausdrücklich verzichte, ſo uͤbertrage er daſſelbe auf Caſſy, welche er als eine ſchon vor vielen Jahren, von ihm losgegebene und ſeitdem von ihm als Haushälterin verwendete freie Perſon bezeichnete, in dem feſten Vertrauen, daß ſie, die ſo lange Mutterſtelle bei Eliſa vertreten, auch in Zukunft fortfahren werde, cbenſo gegen ſie zu handeln. 4 Weiter ſagte das Teſtament von Caſſy nichts und auch von Montgo⸗ mery war darin nur inſofern die Rede, als er einfach für frei erklärt wurde. Aus einem in dem Packet enthaltenen, beſonderen Dokumente er⸗ gab es ſich jedoch, daß Mr. Curtis bei einem Londoner Bankier die Summe von zwanzigtauſend Dollars niedergelegt hatte, welche Summe nach ſeinem Tode Montgomery zum gemeinſchaftlichen Gebrauch für ihn und ſeine Mutter ausgezahlt werden ſollte. Dieſe Verfügung hatte er offen⸗ bar in der Abſicht getroffen, um die beſchränkenden Beſtimmungen der Ge⸗ ſetze von Louiſiana zu Gunſten der legitimen Verwandten Verſtorbener zu umgehen. Ferner enthielt das Packet noch die gerichtlich beſtätigte Abſchrift einer förmlichen Freilaſſungsurkunde, welche vor vielen Jahren zu Gunſten Caſſy's vor Notar und Zeugen, zu welchen Letzteren auch Gilmore gehört hatte, ausgefertigt worden war. Das Teſtament ſchloß mit einer feierlichen Bitte an die beiden Teſta⸗ mentsvollſtrecker, über die Wohlfahrt der Tochter des Teſtators ſorgfältig zu wachen, zu deren Vormündern ſie während der Minderjährigkeit derſelben ernannt wurden. Wir haben geſehen, wie ſie dieſer feierlichen Aufforderung nachgekom⸗ men waren. Sie waren nichtswürdige Schurken, das ließ ſich nicht leug⸗ nen. Demohngeachtet aber konnte man, wenn nicht als Entſchuldigung, doch als mildernden Umſtand für ihre Ruchloſigkeit anführen, daß die Verſuchung groß war. Jeder von ihnen gewann bei dem Streiche fünf⸗ undſiebzigtauſend Dollars, Gilmore außerdem noch ein ſchönes junges Mädchen, und Grip Curtis die Befriedigung ſeiner Rache gegen die Mutter ſowohl als gegen den Sohn. Und überdies waren es ja nur drei Men⸗ ſchen, die ſie zu Sklaven machen wollten! Waren Gilmore und Grip Cur⸗ tis alſo wohl ſchlechter als viele ihrer Geſinnungsgenoſſen im Norden, welche ohne derartige Verſuchungen und nur in der ungewiſſen Hoffnung, ihren Geſchäftsfreunden im Süden gefällig zu ſein, ſtets bereit ſind, gegen drei Millionen Sklaven aufzutreten, Fluͤchtlinge zu verfolgen und ihren angeblichen Eigenthuͤmern auszuliefern, ohne zu unterſuchen, ob deren An⸗ ſprüche begründeter ſind als die, welche Gilmore und Grip Curtis auf Eliſa geltend machten?— Wer deſſen fähig iſt und nicht bei dem bloßen Gedanken daran erröthet, iſt wahrlich nicht beſſer als ein Gilmore und Grip Curtis? Achtundfunfzigſtes Kapitel. Die arme Eliſa!— Das arme Kind! Selbſt in dieſer Entfernung, durch die ganze Breite der Stadt von ihr getrennt, fühlte Montgomery's Herz das bange Klopfen des ihrigen, er wußte, daß ſie in der höchſten Bedrängniß war, und daher wollte er ſich von uns nicht länger zurüͤck⸗ halten laſſen. Er mußte und wollte ſie befreien. 254 Man ſtelle ſich die entſetzliche Lage des armen Mädchens vor, welche vertrauensvoll zu dem Freunde ihres Vaters gegangen war und dort einen Mann wie Grip Curtis fand, von deſſen Treuloſigkeit und Rohheit ſie ſich bereits in Boſton überzeugt hatte, und von dem ſie hören mußte, was Gilmore beſtätigte— daß ſie eine Sklavin, und zwar Gilmore's Sklavin ſei, welche Grip Curtis, der ſie von ſeinem Bruder und ihrem Vater ge⸗ erbt, an ihn verkauft habe! 3 „Nun, mein liebes Kind,“ ſagte Gilmore, indem er ihr mit einem höhniſchen Lächeln vertraulich unter das Kind griff,„damit Du Deine Lage, dem Geſetz gegenüber, vollkommen begreifſt, will ich Dir vorleſen, was das Geſetzbuch von Louiſiana über den Gegenſtand ſagt.“ Hier nahm er ein Buch vom Regale herab.„Dies, mein Kind,“ fuhr er fort,„iſt der Code Noin oder Sklavenkodex unſers Staates und es heißt darin fol⸗ gendermaßen:— Da der Stand eines Sklaven nur ein paſſiver iſt, ſo geſtattet ſeine Unterordnung unter den Willen ſeines Herrn— es ſteht da ſeines Kind, aber es bedeutet auch ihres— keine Modiſikationen oder Beſchränkung, ſo daß er ſeinen Herrn und der ganzen Familie deſſelben unbegrenzte Ehrerbietung und unbedingten Gehorſam ſchuldig iſt. Er muß folglich alle Befehle, die er von ſeinem Herrn oder deſſen Angehörigen erhält, ausführen.“ 3 „Das Civilgeſetzbuch,“ fuhr der gelehrte Juriſt fort,„ſpricht ſich ſo ziemlich in demſelben Sinne aus.“ Hier las er aus einem ſtärkeren Buche: —„Ein Sklave iſt Derjenige, der ſich in der Gewalt eines Herrn befindet, dem er eigenthümlich angehört; dieſer Herr darf ihn verkaufen, über ſeine Perſon, ſeine Fähigkeiten und ſeine Arbeit verfüg en; Alles was er thut, beſitzt und erwirbt, gehört ſeinem Herrn“ Das, liebe Kleine, iſt das Geſetz von Louiſiana, und nach dieſem Geſetze biſt Du meine Sklavin. Ich hoffe, daß Du die Nothwendigkeit einſehen wirſt, Dich in Deine Lage zu B. ſchicken und meinen Wünſchen zu fügen. Wir Alle,“ fügte er näſelnd hin⸗ zu,„müſſen uns den Rathſchlüſſen der Vorſehung und den Geſetzen des Landes unterwerfen.“ Viele junge Damen in Eliſa's Lage würden geweint und gejammert haben, andere würden von Krämpfen befallen oder in Ohnmacht geſunken, noch andere würden wahnſinnig geworden ſein. Nicht ſo Eliſa. Sie ſprach blos ihren beſtimmten Vorſatz aus, nie durch irgend eine Handlung oder ſtillſchweigende Einwilligung die Anſprüche eines Menſchen, ſie zur Sklavin zu machen, nur im entfernteſten anzuerkennen. Sie wurde die Nacht über in eine Dachkammer des Hauſes eingeſchloſ⸗ ſen und am folgenden Morgen überredete ſie ein Negermädchen, die ihr ein Stück Brod brachte, das oben erwähnte Billet an Caſſy zu beſorgen. Mr. Gil⸗ more hatte in der Hoffnung, dadurch ihren Stolz zu beugen, ſtreng befohlen, ihr nichts als Brod und Waſſer zu geben. Der ſchändliche alte Wüſtling heurtheilte Andere nach ſich ſelbſt, und glaubte, daß ſchmale Koſt das ſicherſte Mittel ſein würde, um ſie zur Nachgiebigkeit zu zwingen. Da ſie in die Hände von Wölfen in Schafskleidern gefallen war, und nur geringe Ausſicht auf Erlöſung durch menſchlichen Beiſtand hatte, ſo blieb ihr nichts übrig, als den Gott der Waiſen um Schutz und Hilfe anzuflehen. In der zweiten Nacht ihrer einſamen Haft war es ihr, als ob ihr verſtorbener Vater neben ihr ſtände, und mit dem ihr ſo wohl erinnerlichen freundlichen Lächeln, mit dem Finger in die Ferne zeigend, zu ihr ſagte: „Fürchte nichts, meine Tochter, der Befreier kommt!“ und als ihre Augen 1 8 — 7 255 der Richtung des Fingers folgten, glaubte ſie Montgomery aus dem Dun⸗ Mkeel hervortreten und mit ausgebreiteten Armen auf ſie zueilen zu ſehen. Als ſie ſich aufrichten und ihm entgegengehen wollte, erwachte ſie, und aach! es war nur ein Traum geweſen. Dennoch fühlte ſie ſich getröſtet. Wenn uns die Wirklichkeit verläßt, ſo müſſen wir unſer Glück, die Er⸗. 1 fullungen unſerer Hoffnungen und Wünſche, nur gar zu oft in Träumen 3 und Viſionen ſuchen! 3 4 Bis jetzt hatte ſie weder Gilmore, noch irgend einen andren Menſchen geeſehen, außer dem Negermädchen, das ihr täglich einmal Brod und Waſſer brachte, und ſich zwar zu ſcheuen ſchien, ein Geſpräch anzuknüpfen, da es wahrſcheinlich draußen im Gange belauſcht wurde, ihr aber doch ein durch Colter's Vermittelung in ihre Hände gelangtes Billet von Caſſy zu⸗ ſteckte, worin dieſe ſie bat, aus dem Hauſe zu fliehen, falls es ihr möglich ſei, ihr ſagte, wohin ſie gehen ſolle; und ihr verſicherte, daß ihre Freunde in der Nachbarſchaft über ſie wachten. 1 Am dritten Abend ohngefähr um die nämliche Zeit, als ich mit Mont⸗ omery, von dem ich mich nicht trennen und den ich nicht allein ein ſo ge⸗ Fährliches Wagſtück unternehmen laſſen wollte, unſere Wohnung verließ, um Eliſa aufzuſuchen, öffnete Gilmore, nachdem er ſeinen Muth mit Wein geſtärkt hatte, die Thür ihres einſamen Zimmers und trat ein. Sie hatte ſeine Schritte auf der Treppe gehört und ſich auf das Zuſammentreffen mit ihm vorbereitet, indem ſie ſich in eine Ecke hinter einen kleinen Tiſch zurückzog, der nebſt einem Stuhle und einer alten Matratze die ganze Ausſtattung ihres Gefängniſſes bildete. Als er auf ſie zukam, befahl ſie ihm in gebie⸗ teriſchem Tone, ihr nicht zu nahe zu kommen, und zog zu gleicher Zeit ein kleines Stilet hervor, welches ihr Montgomery, als ſie New⸗York verließ, ſcherzend an einer goldenen Kette um den Hals gehängt, und dabei geſagt hatte, daß ſie die Reiſe nach New⸗Orleans allein machen werde und daher einer Waffe zu ihrer Vertheidigung bedürfe. Er lachte beim Anblick des winzigen Dolches, blieb aber ſtehen, zog den einzigen Stuhl zu ſich, ſetzte ſich darauf und begann ihr eine halb juriſtiſche, halb theologiſche Vorleſung über die Thorheit und Gottloſigkeit des Widerſtandes gegen die geſetzliche Gewalt, und über die Nothwendig⸗ keit der Fügung in die göttlichen Rathſchlüſſe, zu halten. Er ſagte ihr, daß Widerſtand und Ungehorſam eben ſo nutzlos als ſündhaft und ver⸗ brecheriſch ſeien, daß ſie vergebens auf Beiſtand oder Hilfe von irgend einer Seite hoffe, daß es Caſſy nicht beſſer als ihr gehe, denn ſie ſei am Tage vorher in die Sklaverei verkauft worden, und daß ſich Montgomery, welcher an demſelben Abende von New⸗York eingetroffen ſei, bereits in den Händen des Mr. Agrippa Curtis befinde, welcher ihn zuvörderſt für ſeine Inſolenz gebührend beſtraft habe, und ihn auf eine Pflanzung am Red⸗River zu vermiethen gedenke. Sie habe daher keine Hoffnung, ihn jemals wieder zu ſehen. Bei dieſen gefühlloſen Worten, deren Unwahrheit Eliſa natürlich nicht ah⸗ nen konnte, wurde das arme Mädchen, die um ihren Geliebten noch mehr als uunm ſich ſelbſt beſorgt war, leichenblaß, und das Stilet entſiel eben ihrer Hand, als Montgomery die nur angelehnte Thür aufſtieß und in's Zim⸗ mer trat. 3 4 Als wir die Straße, in der ſich Gilmore's Haus befand, erreichten, hatten wir den treuen Colter auf der Lauer gefunden. Er hatte von den Dienern erfahren, in welchem Zimmer Eliſa gefangen gehalten wurde. 256 Trotz der ſpäten Stunde, verſchafften wir uns unter dem Vorwande drin⸗ gender Geſchäfte mit Mr. Gilmore, Einlaß in das Haus und während Colter und ich an der Thür blieben, um uns einen Ausweg frei zu halten, begab ſich Montgomery, der die Räumlichkeiten kannte, direkt nach dem Zimmer, in welchem ſich Eliſa befand. Da er leiſe auftrat, hatte er ſich der Thür genähert und ſie aufgeſtoßen, ohne daß Gilmore ihn hatte kom⸗ men hören. Dieſer ſaß mit dem Ruͤcken gegen die Thür und war ganz in die Beobachtung des Eindrucks vertieft, den ſeine Lügen und ſein ju⸗ riſtiſches und theologiſches Geſchwätz auf die arme Eliſa machten. Sobald ſie Montgomery erblickte, ſtieß ſie einen leiſen Schrei aus, und als ſich Gilmore umwendete, um zu ſehen, was es gebe, fühlte er ſich bei der Gurgel gepackt. Montgomery ſchleuderte ihn kopfüber in den Winkel, wo die Matratze lag, warf den Stuhl und Tiſch auf ihn, nahm Eliſa's Hand und war im nächſten Augenblicke mit ihr die Treppe hinunter und zur Thür hinaus. Wir folgten ihm auf dem Fuße. Die Sache war in aller Stille, ohne den mindeſten Lärm und ohne das geringſte Aufſehen zu erregen, abgemacht worden. In einer halben Stunde war die ganze glücklich befreite Familie— Eliſa, Montgomery, Caſſy und ich— wieder vereinigt; aber wir befanden uns immer noch in New⸗Orleans, und weder in dieſer Stadt noch irgendwo in den Vereinigten Staaten von Amerika, dieſem ſich ſeiner Freiheit rüh⸗ menden, aber in den finſtren Abgrund des Despotismus verſunkenen Landes, war ein über die Wellen emporragender Oelzweig, war ein Ruhepunkt für unſere Füße zu finden. Neunundfunfzigſtes Kapitel. Schon am folgenden Morgen beſtiegen wir mit dem Beiſtande Colter's, der ſich bis zum letzten Augenblicke als unſer dienſtfertiger Freund erwies, ein ſtromaufwärts gehendes Dampfboot, welches uns ohne Unfall wohlbe⸗ halten nach Pittsburg brachte. Von dort reiſten wir über das Gebirge nach Baltimore, eilten nach New⸗York und ſchifften uns unverzüglich auf einem Liverpooler Packetboote ein, denn wir hatten Tag und Nacht keine Ruhe, bis endlich das tiefe blaue Waſſer des Oceans unter uns wogte, und ſelbſt dann glaubten wir uns noch nicht ganz ſicher, ſo lange die ge⸗ ſtreifte amerikaniſche Flagge über unſern Köpfen flatterte. 3 Erſt als wir die britiſche Küſte betraten, fühlten wir uns völlig außer Gefahr. Gott ſei Dank, daß es ein Land giebt, welches Flüchtlingen vor der europäiſchen wie vor der amerikaniſchen Tyrannei eine Zuflucht gewährt. Vor unſrer Abreiſe von New⸗Orleans hatte Montgomery unſrem Freunde Colter die Abſchrift des Curtis'ſchen Teſtaments übergeben und Eliſa ſtellte ihm eine Vollmacht aus, um eine Klage auf Herausgabe ihres väterlichen Erbtheils zu erheben, indem ſie ihm verfprach, das, was er er⸗ langen würde, mit ihm zu theilen.— 4 Colter ſtieß auf alle Hinderniſſe, welche ihm die geübte Schlauheit Gilmore's in den Weg legen konnte, aber er betrieb die Sache mit ener⸗ giſchem Eifer, denn ſie ſchien ihn eben ſo gut zu intereſſiren und außzu⸗ regen, wie die Hazardſpiele, an die er gewöhnt war. Er ſtudirte ſogar noch die Rechte, um den Prozeß mit größerem Nachdruck zu führen, und er machte ſich bald als ein ſehr kluges und zuverläſſiges Mitglied der Advokatur be⸗ 259 Der Liebe und des Mitleids ſage ich? o, ihrer bedarf es kaum, ein.. wenig Selbſtachtung iſt ſchon genügend. Auch über Euren Koͤpfen knallt die Peitſche! Die weißen Sklaven find in Amerika bei weitem zahlreicher als die ſchwarzen; ich meine nicht die weißen Sklaven, wie ich einer war, die das Geſetz zu ſolchen macht, ſondern die weißen Sklaven, die Ihr ſeid und zu denen Euch eine erbliche Knechtſchaft macht, welche abzuſchuͤtteln es meiner Anſicht nach hohe Zeit iſt. Die Frage ſteht feſt und kann nicht länger verſchleiert werden: Soll Amerika das ſein, was die Väter und Gründer ſeiner Unabhängigkeit wünſchten und hofften— eine auf die Menſchenrechte baſirte freie Demokratie, oder ſoll ſie in eine elende Republik von Afrikanern ausarten, unter der Oberherrſchaft einer kleinen ſelbſteonſtituirten Autokratie von Sklavenhaltern und gewiſſenloſen Schurken, die kein andres Geſetz kennen als ihren Willen und ihr Vergnügen?. Ja, meine jungen Freunde, dies iſt Cure Beſtimmung. Ihr ſollt dieſe Frage, die durch kein politiſches Temporiſiren mehr hinausgeſchoben werden kann, entſcheiden. Es iſt jetzt klar erwieſen, daß, wer ſelbſt frei ſein will, an keinem Bedruͤckungsſyſtem Theil haben darf. Tod und Leben können nicht Hand in Hand gehen. Die Ketten, die Ihr an die Glieder Anderer zu ſchmieden geholfen habt, haben ſich, wie Ihr jetzt ſeht, unmerklich um Euch ſelbſt geſchlungen und ſich nach und nach ſo feſt zuſammengezogen, daß nicht einmal Euer Herz mehr frei ſchlagen kann. Darum ermannet Euch, wie ich es gethan, ſchüttelt ſie ab, dieſe Ketten, und bleibet nicht dabei ſtehen, denn Andere wollen auch befreit ſein! Es ſcheint ein ſchweres und zweifelhaftes Werk, aber Muth, Vertrauen, Feſtigkeit, Ausdauer, Glaube und Hoffnung werden es vollbringen. Ich bin alt und kann es nicht erleben; meine fünf Enkel aber, welche Gottlob! im freien England geboren ſind, werden es gewiß erleben. Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. Abolitioniſt: Aufhebungsfreund der Sklaverei. Adept: ein Wundermann. Admiralitäts⸗Gerichtshof: Ge⸗ richtshof in Seeangelegenheiten. Alternative: Doppelwahl, Noth⸗ wahl, Zwang zur Wahl. Archy: abgekürzter Name von Archibald. Arrangement: Einrichtung. Brigg ein ſchnellſegelndes, leichtes Schiff. Brutalität: viehiſche Grauſamkeit. Bugſpriet: der vorn über das Schiffsgehänge hinausragende hori⸗ zontalliegende Maſt. Canos:; ein kleiner Kahn der Wilden. Complot: Verſchwörung, Zuſam⸗ menrottung, geheime Verbindung. Cottage: kleines Landhaus. Creeks: kleine Meerbuſen, Buchten. Delirium: Geiſtesverwirrung, Fa⸗ ſeln, Irrſinn. Disciplin: Zucht, Ordnung. Dollar: ein Speciesthaler an Werth. Emancipiren: losgeben, entlaſſen, freiſprechen, erheben. Emiſſär: ein abgeſchickter, ein Kund⸗ ſchafter. Entern: ein Schiff im Sturm er⸗ obern, mit Gewalt an Bord ſteigen. Favoritin: Lieblingsſklavin. Fence: Zaun. Hahnenkampf: Kampf zwiſchen zwei Hähnen, die mit eiſernen Krallen verſehen werden. Die Zuſchauer wetten auf den Sieger. Ein eng⸗ liſches Spiel. Henry Patrick: einer der einfluß⸗ reichſten Beförderer der nordameri⸗ wechſel. Maiskuchen, ein Gericht aus ge⸗ ſchrotenem Mais. Erklärende Bemerkungen. Maſter: Titel, den nicht nur die nordamerikaniſchen Sklaven, ſon⸗ dern überhaupt die Dienſtleute in Amerika wie in England den Söh⸗ nen ihres Herrn geben, auch wenn dieſe noch Kinder ſind. Meile, engliſche, ungefähr ½ Stunde nach deutſcher Rechnung. Methodiſten: eine ſchwärmeriſche, chriſtliche Secte in England und Nord⸗Amerika. 1720 durch John Wesley in Orford geſtiftet. Man nannte ſie ſo, weil man ſagte, ſie hätten eine neue Methode des chriſt⸗ lichen Lebens erfunden. Motiv: Beweggrund. Muskito: Beißfliegen, ſtechende In⸗ ſecten.. Neu⸗England: Geſammtname für die nordamerikaniſchen Freiſtaaten: Maſſachuſetts, Maine, Neuhamp⸗ ſhire, Rhode Island, Connecticut und Vermont. Nigger: Schimpfwort für Neger. Oſtentation: Aufſchneiderei, Groß⸗. thuerei, Prahlen. 4 Paroxismus: der verſtärkte Anfall, Anſtoß. 3 Puritaner: Reingläubige, eine chriſt⸗ liche Secte. Rudimente: Anfangsgründe. Sentimentalität: Empfindſamkeit, Gefühl. 2.2 Saratoga: der berühmteſte Bade⸗⸗ ort Nordamerika's, unweit Albany im Staate New⸗York gelegen. Unitarier: auch Antitrinitarier und⸗ Socinianer genannt, eine große Re⸗ ligionspartei des 16. u. 17. Jahr⸗ hunderts, welche als Gegner des Lehrbegriffs von der göttlichen Drei⸗ einigkeit auftraten. Yankee: Spottname fuͤr die Bewoh⸗ ner der unter dem Namen Neu⸗ England begriffenen. nordamerika⸗ niſchen Staaten. 1 Band 1 der„Neuen Volks⸗Bibliothek“ enthält: Onkel Toms Hütte, 8 oder Nogerleben in den Sklavenſtaaten von Amerika. Von Harriet Stowe, geb. Beecher. Nach der zwanzigſten amerikaniſchen Auflage aus dem Engliſchen. Nebſt der neuen von der Verfaſſerin eigens für Europa geſchriebenen Vorrede. Preis 10 Neugroschen. Von dieſer Ausgabe wurden in Zeit von drei Monaten gegen dreißigtauſend Exemplare verkauft,(ein im deutſchen Buchhandel noch nicht dageweſenes Ereigniß), zu deren Herſtellung gegen einhundert und funfzig Ballen Papier (drei Viertel Million Bogen) in Gewicht von etwa hundert Centner erforderlich waren. In allen Buchhandlungen zu erhalten. Leipzig, G. H. Friedlein. 9 1S H Soeben erſchienen: Illuſtrationen zu. Onkel Com's Hütte. Sechszehn Blätter im feinſten Holzſchnitt Nach Zeichnungen von§. Anelay in London. Mit dem Portrait von H. Stowe. V Nebſt einer Vorrede von Elihu Burrit, einer Biographie der Verfaſſedin 4 und erläuternden Anmerkungen zu dem genannten Werke. Auf farbiges Papier gedruckt und in elegantem Umſchlag geheftet. Preis 10 Neugr. Dieſe Illuſtrationen ſind weit ſchöner als alle bisher zu dieſem Werke liza die Unterhandlung wegen des Verkaufs ihres Kindes belauſchend. „ Maſter Georg giebt Onkel Tom Schreib⸗ unterricht. Eliza mit ihrem Kinde fliehend. Eliza in Mr. Bird's Küche. Onkel Tom’s Abſchied von ſeiner Hütte. Sklavenmutter ſich in den Fluß ſtürzend. Tom und Eva auf dem Dampſcchiffe. Tom's Ankunft an ſeinem neuen Be⸗ ſtimmungsorte. erſchienenen und eignen ſich ebenſowohl zum Einheften in die Ausgabe von„Onkel Tom's Hütte“ in der„Neuen Volks⸗Bibliothek,“ wie in jede andere; ebenſo bilden fie an und für Supplement⸗Album zu dieſem Weltbuche. ZInhalt: 9. 10. 11. ſich ein höchſt intereſſantes Phineas ſtößt Tom Loker in den Abgrund. St. Clare ſtellt Topſy ſeiner Couſine vor. Eva und Henrique von ihrem Spazier⸗ ritte zurückkehrend. St. Clare bei Eva's Leiche. Legree zeigt Tom ſeine Fauſt. Caſſy bei Onkel Tom in dem Schuppen. Caſſy fordert Tom auf Legree zu er⸗ morden. 1 z. Onkel Tom'’s Tod. Zu erhalten in allen Buch⸗ und Kunſthandlungen. 8 8 8 Feipzig, G. 9. Friedlrin.) — f ffffffhhfff) fffffffffffn 9 10 11 12 14 15 16 17 18 20