—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 4 on. ℳ* Eduard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. . Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſtehr zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ff eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe defecte Bucher(n⸗ der Leſer hinterlegen, welche bei deſſen Zurückga be von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ‧ auf 1 Monat: 1 Mk.— Ff. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 1„„ 1„—„ 4 1.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und ariietſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Einige Tage nach Andre's Zuruͤckkunft nach London erhielt er einen Brief von ſeiner Großmutter, welcher zwar hauptſaͤchlich nur auf einige kleine Gegenſtaͤnde Bezug hatte, die ſie ihm uͤberſandte; aber es fand ſich darin eine Nachſchrift von Dominik Tanny⸗ hill, welche unſerm Helden das unbeſchreiblichſte Vergnuͤgen gewaͤhrte, ohne daß er zwar ei⸗ gentlich beſtimmt wußte, warum. Marie Cunningham, welche damals von Edinburg nach Craigland zuruͤckge⸗ kommen war, und in der Fuͤlle aller Reize der Jugend glaͤnzte, kam auf ihren Spazier⸗ gaͤngen durch das Dorf ſehr haͤuſig in die „Huͤtte der alten Marthe; und der Zufall wollte es auch, daß ſie gerade an dem Tage hinein⸗ kam, wo Tannyhill, der Schulmeiſter, den dben⸗ I* — 4— erwaͤhnten Brief an André ſchrieb. Als ſie hoͤrte, fuͤr wen er beſtimmt war, ſagte ſie mit einer Art von Luſtigkeit:„Machen Sie ihm viele Empfehlungen von mir, und ſchrei⸗ ben Sie ihm, daß ich ihn immer noch er⸗ warte; aber daß er eilen muͤſſe, ſein Gluͤck zu machen, wenn ich nicht meine Geſinnungen ändern ſoll; denn ich nehme ihn nur, wenn er in einem Wagen, mit vier praͤchtigen Pfer⸗ den beſpannt, zu mir kommen wird, um mich zu freien.“* Tannyhill lachte viel uͤber dieſen Scherz, und ſchrieb André'n woͤrtlich die Ausdruͤcke, deren ſie ſich bedient hatte. Er fügte als Neuigkeit hinzu, daß William Cunningham Dienſte in der Armee genommen habe, zum groͤßten Mißvergnuͤgen ſeiner Tante, da er der letzte mäͤnnliche Sproͤßling ſeiner Fami⸗ lie war. Waͤhrend unſer Held dieſen Brief, oder vielmehr die Nachſchrift, zum dritten oder vierten Male durchlas, beſuchte ihn Karl Pierſton; und nachdem er ihm das Schreiben mitgetheilt hatte, rief dieſer lachend aus, auf — 3— die Nachſchrift deutend:„Nun, Wylie, ich wuͤnſche dir Gluͤck!“ 1 „Ruhe, Ruhe, Karl! antwortete Anbrs; du weißt ſehr gut, daß ich es nie gewagt habe, meine Augen bis zu der Tochter des Beſitzers von Craigland zu erheben, und es iſt leicht zu errathen, daß ſie ſich nur auf meine Koſten ein wenig luſtig machen will. Nein, nein; Marie Cunningham muß einen rothen Rock mit goldenen Treſſen haben, das heißt, einen Offizier.“ „Die Liebe iſt blind, erwiederte Pierſton; woher weißt du denn, daß ſie dich nicht huͤbſch findet?“ „Wenn dieß der Fall ware, antwortete André mit einem halb ernſthaften Tone, ſo wuͤrde ich ſie fuͤr wahnſinnig halten, und eher Alles in der Welt thun, als das ſchoͤnſte Maͤdchen, das ich je geſehen habe, zur Frau nehmen.“ Seitdem André im Hauſe des Grafen Sandyford, ſo wie einiger ſeiner Bekannten, vorzuͤglich der Herzogin von Daſhingwell⸗ Zu⸗ tritt erhalten hatte, bemerkte Karl in ihm — eine Veräͤnderung, die ihm unerklaͤrlich war; denn ſein Freund hatte ihm nie etwas von jenem Maskenball, noch von den Verbindun⸗ gen, die die Folge davon waren, erzählt. Er⸗ fuͤhlte eine gewiſſe Nachgiebigkeit gegen ſeine Meinungen in ſich, und es war ihm unmoͤg⸗ lich, ſich derſelben zu erwehren. Wylie er⸗ trug ſeine Scherze, ohne daruͤber mehr uͤble Laune, als früherhin, zu zeigen; aber dieß geſchah mit einer Art von Wuͤrde, welche Achtung einfloͤßte, und ungeachtet ſeines fei⸗ nen, gewandten Betragens und ſeiner elegan⸗ ten Kleidung, ſing Karl zu fuͤhlen an, daß André ihm an Geiſteskraͤften uͤberlegen war. Aber dieſes Gefuͤhl war weder mit Neid noch mit Haß vermiſcht; denn Karl hatte ein vor⸗ treffliches Herz, und er fand in dem Charak⸗ ter ſeines Freundes ein gewiſſes Etwas, das an ihn feſſelte, ſelbſt wenn er ſich gezwungen ſah, uͤber die Zuͤge ſeine Originalitaͤt zu lachen. Auch von der tetrichtliche Beſoldung, welche André von Vellum bezog, wußte Karl nicht das Geringſte. Es ſiel daher dem Letz⸗ tern auf, daß er ihm darüber bisher noch nichts mitgetheilt hatte, und er brachte heute das Geſpräͤch auf dieſen Gegenſtand.„Gut, daß ich darauf komme, André, ſing er an; du haſt mir ja noch nicht geſagt, was du fuͤr Gehalt beziehſt. Auf wie hoch beliuft es ſich?“ „Auf etwas mehr als hundert pfund, 46 antwortete André nachlaͤſſig. „Dann wird es ſich noch tuͤchtig vermeh⸗ ren müͤſſen, erwiederte Karl, ehe der Wagen mit den vier Pferden einrücken kann.“ „Man muß an nichts verzweifeln, ſagte André lachend; du weißt, daß bei mir ein Pfennig weiter ausreicht, als bei dir ein Pfund.“ „Das iſt freilich wahr, und kommt daher, weil ich keine Marie Cunningham beſitze, die mich noͤthigt, Pfund auf Pfund zu haͤufen.“ „Du aͤrgerſt mich, Karl! rief André mit einiger uͤblen Laune; wenn ich von ihrem Stande waͤre, ſo koͤnnteſt du ganz nach Be⸗ lieben daruͤber ſcherzen; ſo aber iſt es nicht freundſchaftlich, es mich fuͤhlen zu laſſen, daß meine Armuth mich verhindern wuͤrde, meine Augen ſo hoch zu erheben, ſelbſt wenn ich eben ſo gewandt und eben ſo gekleidet waͤre, als du.“ „Auf meine Ehre, ſagte Pierſton lachend, ich glaubte nicht, daß es ſchon ſo weit mit ihm waͤre. Wahrhaftig, er iſt verliebt, bis uͤber die Ohren!“ „Und wenn es waͤre, da es doch nicht iſt, antwortete André erroͤthend, und mit einiger Bitterkeit: ſo koͤnnteſt du mir doch deine Scherze erſparen, da du die Unmoͤglichkeit einſtehſt.“... „Pfui! André, pfui! Wer wird ſo wenig Muth haben. Weißt du nicht, daß in der Liebe, wie im Kriege, geiſtige Vorzuge, die dir doch nicht abgehen, alles Andere uͤber⸗ treffen?“ „Schon gut, ſchon gut, erwiederte André, dem uͤbrigens dieſe Bemerkung nicht mißfiel; aber du wuͤrdeſt mir einen großen Gefallen thun, Karl, wenn du mir nicht mehr von Marien ſpraͤcheſt.“ „Es ſei! Aber eile, ſobald als moͤglich — 9— zwanzigtauſend Pfund zu gewinnen, reiſe dann nach Craigland; und wenn es dir gelingt, die alte verruͤckte Miß Mizy in dein In⸗ tereſſe zu ziehen: ſo wette ich zehn gegen eins, daß Marie deine Frau wird.“ André antwortete nichts auf dieſe Behaup⸗ tung, und Karl verließ ihn darauf; aber bald ſollte ſich ein Ereigniß zutragen, durch wel⸗ ches ſchon ein Theil dieſer ſcherzhaften Weiß ſagungen in Erfuͤllung ging. Am naͤchſten Sonntage beſuchte Pierſton ſeinen Freund wieder, und rief beim Eintre⸗ ten:„André, du mußt mir verſprechen, heute nicht boͤſe auf mich zu werden, denn ich theile dir eine Neuigkeit mit. Marie Cunningham iſt in London; ihr Bruder iſt in einer der letzten Schlachten verwundet worden, und da ſein Zuſtand es nicht zulaͤßt, die Reiſe nach Schottland zu machen: ſo iſt ſie mit Miß Mizy hierher gekommen, um ihn zu pflegen.“ Wenn man nach den Geſichtszuͤgen unſeres Helden haͤtte urtheilen ſollen, ſo wuͤrde man ſchwer haben glauben koͤnnen, daß die Neuig⸗ keit von der Ankunft Mariens ihm einiges — 10— Vergnuͤgen verurſachte; denn er ſchien ver⸗ wirrt, und wechſelte mehrmals ſeine Farbe. „Armer William! ſagte er endlich; er war ein braver, rechtſchaffener Junge, und nicht ohne Talente. Es dauert mich, daß er ver⸗ wundet iſt; aber ich bofe, er wird wieder geheilt werden.“ „Aber Marie iſt das ſconſfe Maͤdchen, das ich kenne, fuhr Pierſton fort. Sie hat geſtern mit ihrer Tante bei meinem Onkel zu Mittag geſpeiſßt. Ach, André! das iſt das große Loos in der Lotterie, wenn du ſie erhalten kannſt. Sie hat ſich bei mir mit vielem Antheile nach dir erkundigt, und ich habe ihr verſprochen, dir ihre Wohnung zu ſagen, damit du ſie beſuchen kannſt.“ „Ich habe gar keine Gelegenheit, dorthin zu gehen,“ fagte André zerſtreut. „Welche Einfalt! Mußt du nicht deinen alten Schulfreund beſuchen? Ich komme heute bloß, um mit dir hinzugehen. William wird ſich außerordentlich freuen, dich zu ſehen, und ſelbſt Miß Mizy hat mich beauftragt, dir zu ſagen, daß ſte dir die boͤſen Streiche, die —x; — — 11— du ihr geſpielt haſt, ſchon lange vergeſſen habe.“ „Und ich habe ihr auch die funfzig Pſalmen verziehen, die ich ihretwegen habe auswendig lernen muͤſſen. „Und um ſo mehr, ſetzte Karl laͤchelnd hinzu, weil ſie auf dem Kirchhofe Gelegen⸗ heit dazu gaben, daß ſich die Liebe zwiſchen dir und Marien eingeſchlichen hat.,.. „Ich ſage dir zum letzten Male, Pierſton, laß deine Scherze, wenn du mich nicht uſte haft boͤſe machen willſt.“ „Nun, ſo komm doch, ſagte Pierſton; und wenn Marie zufaͤlligerweiſe ausgegangen ſein ſollte, ſo haſt du vielleicht den Troſt, mit der liebenswuͤrdigen Perſon, ihrer Tante Mizy, plaudern zu koͤnnen.“ „Teufels Element! ſagte André, ſeine gut⸗ Laune wieder gewinnend; ich moͤchte eben ſo gern Haare in meiner Suppe finden, als die⸗ ſer alten murrkoͤpſigen Schachtel mit der rothen Naſe in den Wurf kommen.“ Und er klei⸗ dete ſich an, um Karl'n zu begleiten. Die beiden Freunde gelangten in Kurzem — — 12— nach der Wohnung, wo die Cunningham's ab⸗ geſtiegen waren. Sobald Marie André'n er⸗ blickte, empfing ſie ihn mit den Ausrufungen der lauteſten Freude, welche aber nur einige Augenblicke lang dauerte; ihr ſanfteres und ruhigeres Betragen, welches hierauf folgte, bewies, daß ſie ein wahres Vergnuͤgen empfand, ihn wiederzuſehen; und ſie zeigte jene reine und frohe Zuneigung gegen ihn, welche eine Schweſter fuͤr einen geliebten Bruder empſin⸗ det. Sie bezeigte ihm ihre Zufriedenheit daruͤber, daß er ſo gluͤcklich geweſen wäre, das Zutrauen des Advokaten, bei dem er arbeitete, zu erlangen, und erzählte ihm von der Zaͤrt⸗ lichkeit ſeiner guten Großmutter, ſo wie von dem Vergnuͤgen, womit ſie Jedermann auch das kleinſte Pfand ſeiner Dankbarkeit zeigte, das ſie von ihm erhalten hatte. Aber mitten in dem gütigen Tone, mit welchem ſie zu ihm redete, glaubte André eine gewiſſe Art von Zuruͤckhaltung zu bemerken, welche ihm weniger gefiel, als ihre ehemaligen Scherze; und er fuͤhlte ſich mehr geſchmeichelt, obgleich ein wenig außer Faſſung gebracht, als ſie ihm — — 3— nachher mehrere kleine Begebenheiten aus ih⸗ rer Jugendzeit in's Gedaͤchtniß zuruͤckrief, ſo wie die Art, wie er ſeine Pſalmen, auf einem Leichenſtein ſitzend, erlernt hatte. Aus dieſer augenblicklichen Verlegenheit wurde er durch die Dazwiſchenkunft der Miß Mizy gezogen, welche mit einer aͤußerſt wich⸗ tigen Miene aus dem Zimmer Williams her⸗ austrat. Sie richtete ſogleich ein ſehr gnaͤ⸗ diges Laͤcheln an Pierſton, welcher Muͤhe hatte, ſeine Ernſthaftigkeit zu behaupten, und warf kaum einen Blick auf unſern Helden, als auf ein Weſen niedrigerer Art. Dieß verwandelte den Widerwillen André's, welchen er ehemals gegen das ſtolze Betragen der Miß gefuͤhlt hatte, augenblicklich in Verachtung, und er ſagte daher mit einer aͤußerſt nachlaͤſſigen Miene, welche ſeinen Freund Pierſton und Miß Marie faſt zum lauten Gelaͤchter zwang: „Ei, Miß Mizy! Aber, mein Gott, wie alt ſind Sie geworden! Ich haͤtte nie ge⸗ glaubt, daß ſo kurze Zeit eine ſo große Ver⸗ aͤnderung hervorbringen koͤnnte!“ Die alte Dame fand dieſes Komplimens eben nicht ehrerbietig, und wußte anfangs nicht, was ſie antworten ſollte. Endlich aber ergriff ſi ſie die Partie, ihm in demſelben Tone zu erwiedern:„Mit Ihnen iſt es nicht der⸗ ſelbe Fall, Wylie; Sie ſind immer noch eben ſo häͤßlich und ungezogen, als zu der Zeit, wo Sie in Stoneyholm waren.“— „Das iſt wahr, Miß Mizy, antwortete André; aber weder Sie noch ich koͤnnen daran etwas aͤndern; Gottes Hand hat uns ſo ge⸗ formt, und die ganze Kunſt der Menſchen wuͤrde nichts dagegen ausrichten.“ I„ Ich ſehe, daß Sie immer noch ein naͤr⸗ V —— riſcher Menſch ſind, ſagte Miß Mizy, und daß man mit Ihnen keine Hoffnung hat, das letzte Wort zu behalten; denn es gehoͤren lange Loͤffel dazu, um mit dem Teufel Suppe zu eſſen. Uebrigens freue ich mich aber, Sie ſo munter zu ſehen, und zu wiſſen, daß es Ihnen gut geht.“ Sie ladete ihn hierauf ein, in das Zimmer ſeines alten Schulfreun⸗ des zu treten, was er ſogleich annahm. Die Zeit, welche der Miß Mizy Reize nicht erhoͤhte, hatte aber mit William eine 2GGGGf„. — 15— betraͤchtliche Veraͤnderung hervorgebracht. Er war jetzt, was man einen ſchoͤnen Mann nen⸗ nen kann, und ſein Stand hatte ſeinen edlen und maͤnnlichen Geſichtszuͤgen ein Gepraͤge des Muths und der Entſchloſſenheit mitgetheilt, das ihm vortrefflich ſtand. Seine Wunde feſſelte ihn an's Bett, und er konnte daher André'n nur durch einen Haͤndedruck das Ver⸗ gnugen zu erkennen geben, welches er bei ſei⸗ nem Wiederſehen empfand, waͤhrend ſeine Au⸗ gen das Erſtaunen ausdruͤckten, bei ihm im⸗ mer noch dieſelbe Miene der Einfachheit und Originalitaͤt wahrzunehmen. Marie, welche André'n in das Zimmer ih⸗ res Bruders begleitet hatte, kam nochmals auf die alten Zeiten zuruͤck, erinnerte die bei⸗ den Freunde an die Verſchwoͤrung gegen ihre Tante, und zog André'n uͤber den Verluſt des erſten Gegenſtandes ſeiner Zuneigung, der Elſter, auf. Die Erfahrung in der großen Wele, dis Freiheit, vielleicht die Ausgelaſſenheit des Sol⸗ datenlebens hatte dem jungen William eine Menſchenkenntniß verſchafft, die vielle icht uͤber — 16— ſeinem Alter ſtand; und er betrachtete in die⸗ ſem Augenblick ſeine Schweſter mit einer Miene, welche Marie'ns Wangen mit einer ploͤtzlichen Roͤthe uͤberzog. Der Beſuch wurde aber bald darauf abgebrochen, da die Aerzte dem Verwundeten die ungeſtoͤrteſte Ruhe an⸗ empfohlen hatten; und ſie kehrten daher nach einigen Minuten in den Salon zuruͤck, wo Pierſton mit Miß Mizy geblieben war. André wollte ſich hier nicht erſt wieder niederſetzen, und indem er das Zeichen mit dem Kopfe gab, welches ſeine gewoͤhnliche Art des Grußes war, ſchickte er ſich an, ſich zu entfernen. Indem er ſich umwendete, bemerkte er auf dem Kamin mehrere Viſitenkarten, uͤber welchen mit einiger Prahlerei eine Einladungs⸗ karte zu einem Balle bei der Herzogin von Daſhingwell angebracht war. André ſagte nichts; aber kaum war er zum Hauſe hinaus, als er ſich unter einem Vorwande von Pier⸗ ſton trennte, und der Herzogin einen Beſuch abſtattete. H Ia; Wie ſchon fruͤher erwaͤhnt iſt, war André ſehr haͤufig bei der Herzogin von Daſhingwell — 17— eingeladen worden, zu deren Guͤnſtling er ſich emporgeſchwungen hatte. Aber aus einer Art von Zartgefuͤhl wollte er ſich ſeit der Zeit der Abreiſe des Lords Sandyford. von London nicht zu ihr begeben, und die Herzogin ſah mit Bedauern ſein gaͤnzliches Verſchwinden. Sie empfing ihn daher heute auf die ſchmei⸗ chelhafteſte Weiſe, und ſagte, daß ſie unbe⸗ dingt auf ſeine Gegenwart bei einem Balle, den ſie in einigen Tagen geben wurde, rechnete. „Ich werde mit ſo viel groͤßerem Vergnuͤ⸗ gen erſcheinen, Mylady, antwortete André, als ich auf dieſem Balle eine junge Dame aus meinem Vaterlande zu finden hoffe.“ „Ei, ei! Und wer iſt dieſe junge Dame? fragten Ihre Gnaden, ein wenig uberraſcht von dem Bewegungsgrunde, den er anfuͤhrte, um die Einladung ſo gern anzunehmen, und ihre Frage mit einem liſtigen Blicke begleitend. „Miß Cunningham,“ antwortete André. Aber die Herzogin bemerkte jetzt in ſeiner Stimme ein leiſes Zittern, welches ihre Neu⸗ gierde noch mehr anſpornte. „In der That! Wylie„Sie haben einen II. Thl..2 — 18— ausgeſuchten Geſchmack. Wahrhaftig, ſie iſt aberaus ſchoͤn und ſehr gebildet.“ „Ja, ſie iſt huͤbſch,“ ſagte André, ein wenig erröthend, und einen Ton der Einfach⸗ heit annehmend, der zum Zweck zu haben ſchien, die Spoͤttereien der Herzogin von ſich abzuwenden, im Grunde aber darauf berechnet war, ſie in ſein Intereſſe zu ziehen; denn er wußte wohl, daß, wenn ſie ſich entſchloͤſſe, ihn zu begünſtigen, ihr gütiger Charakter ſie be⸗ wegen wuͤrde, ihn in dem vortheilhafteſten Lichte erſcheinen zu laſſen. „Und ſeit wann kennen Sie Miß Cun⸗ ningham 2 ½ „O, ſchon ſehr lange! Seit unſerer Kind⸗ heit.“ „Seit Ihrer Kindheit?“ „Ja, Mylady. Ihr Vater iſt der Beſitzer des Dorfes, wo ich in meiner Großmutter Huͤtte wohnte. Daher wünſchte ich auch, daß Ihre Gnaden nicht glauben moͤchten, ich haͤtte einen andern Grund, warum ich mich freue, Miß Cunningham auf Ihrem Balle zu fin⸗ — 19— den, als den Wunſch, eine alte Bekanntſchaft zu erneuern.“ 1„Wenn jeder Andere, als Sie, Wylie, ſo zu mir ſpraͤche, ſo moͤchte ich es wohl glau⸗ ben. Aber Sandyford ſchreibt mir, daß Sie die Geſetze der Natur beſſer kennen, als die zwoͤlf Geſchwornen die des Landes: alſo ſuchen Sie mich nicht zu taͤuſchen; ich ſehe klar, daß Sie Miß Cunningham lieben⸗ ich bin uͤber⸗ zeugt davon.“ „Wenn das der Fall waͤre, Mylady, ſo wuͤßte ich nicht, was ich anfangen ſollte. Eine Katze kann freilich wohl einen Koͤnig anſehen; aber Ihre Gnaden wiſſen recht gut, daß ein Mann, der ein junges Maͤdchen nach ſeinem⸗ Wunſche findet, deßwegen noch keinen Grund zu glauben hat, daß er ihr gefalle.“ „ Jetzt, Wylie, ſagte die Herzogin mit einem ernſthaften Tone, obgleich der Scherz in ihren Augen zu leſen war, habe ich große Luſt, auf Sie zu zuͤrnen. Wie koͤnnen Sie es wagen, ſo Ihre Liſt anwenden zu wollen, um mich zu Ihrer Vertrauten zu machen? Denn Sie wiſſen ſehr gut, daß eine Frau, 2* — 20— die einmal in das Geheimniß einer Liebeßange⸗ legenheit eingeweiht iſt⸗ auch eine Rolle darin ſpielen will. Ich durchſchaue Sie recht gut; Sie denken, daß die Unterſtuͤtzung einer Her⸗ zogin dem guten Erfolge Ihrer Anſpruͤche nicht ohne Nutzen ſein koͤnnte.“ „Ihre Gnaden ſchneiden die Sache ein wenig kurz, antwortete Wylie. Wie können Sie mir ſolche Gedanken zumuthen? Wenn ich überdieß betrachte, Mylady, wer ich bin, und wer Miß Cunningham iſt: ſo heißt das den Scherz etwas weit treiben.“ Die Unterhaltung dauerte in aͤhnlicher Art noch einige Zeit lang fort; das Ende war aber, daß André, als er die Herzogin verließ⸗ ſicher war, ſie als ſeine erklaͤrte Goͤnnerin, die ihm bei dieſer Angelegenheit alle Unterſtuͤtzung lei⸗ ſten wuͤrde, zu betrachten, und er empfahl ſich ihr, von einem durchaus neuen Geiſte beſeelt. Der erſte Beweis, welchen er von dieſem neuen Geiſte gab, war, daß er ſogleich zu einem Schneider ging und ſich einen vollſtaͤndigen Anzug beſtellte, mit dem ausdruͤcklichen Bei⸗ ſatze, das feinſte Tuch, das er finden koͤnnte, — 21— zu nehmen, und ihn etwas mehr nach der Mode zu machen, als denjenigen, welchen er trug, und welcher auf ſein Verlangen nach dem Muſter der aus Schottland mitgebrach⸗ ten geſchnitten war. Nit dieſem neuen Anzuge erſchien er auf dem Balle bei der Herzogin. Als dieſe ihn eintreten ſah, und den Blick auf ihn warf, mit welchem alle Frauenzimmer gewoͤhnlich den Anzug eines Mannes zu muſtern pflegen: bemerkte ſie ſogleich die Veranderung, und ſagte lachend zu ihm, daß ſie glaube, wie der Einfluß der Miß Cunningham auf ihn vor⸗ theilhaft fuͤr ſeinen Schneider geweſen ſei. In demſelben Augenblick meldete man Miß Marie Cunningham, welche mit ihrer Tante eintrat. Als ſie ſich der Herzogin naͤherte, erſtaunte ſie ſo ſehr, André'n neben derſelben ſtehen zu ſehen, und uͤber die Vertraulichkeit, womit Ihre Gnaden die Hand auf ſeinen Arm ſtuͤtzten, daß eine brennende Roͤthe ihr Geſicht uͤberflog. Sie fuͤhlte ſich ſo verwirrt, daß ſie kaum im Stande war, die gewoͤhnlichen Hoͤf⸗ lichteits⸗Worte vorzubringen. Die hellſehende Herzogin bemerkte ihren Zuſtand ſehr wohl, und kniff André'n bos⸗ hafterweiſe in den Arm.„Liebe Miß Cun⸗ ningham, ſagte ſie mit ihrer gewoͤhnlichen Hoͤflichkeit und frohen Laune, ich bin doppelt erfreut, Sie zu ſehen; denn hier mein Freund Wyliie hat mich gebeten, ihm eine Taͤnzerin fuͤr den naͤchſten Walzer auszuſuchen, und ich wußte nicht, auf wen ich meine Wahl richten ſollte, da er ein ſo ſeltſamer Menſch iſt, daß ich ſicher bin, er tanzt den ganzen Abend nicht, wenn er nicht die Hand der ſchönſten Dame in der Geſellſchaft erhaͤlt.“ Miß Mizy, welche waͤhrend dieſer Rede kaum ihren Augen traute, ging endlich mit ſo großem und komiſchen Erſtaunen auf ihn zu, daß er Muͤhe hatte, ſeine Ernſthaftigkeit bei⸗ zubehalten. „Ei, beim Himmel! Miß Mizy, rief er aus, ſind Sie es wirklich? Ich glaubte, daß Ihre Zeit des Tanzes voruͤber waͤre.“ „Wahrhaftig! ſagte Mizy zu ihrer Nichte, es iſt Wylie!“ Marie hatte unterdeſſen Zeit gehabt, ſich — 23— ein wenig zu erholen, und da die Herzogin beſchaͤftigt war, mehrere andere ankommende Damen zu empfangen, ſo ſagte ſie mit leiſer Stimme zu André:„Ich will frei mit Ihnen ſprechen, Wylie; bedenken Sie, daß Sie nicht mit mir tanzen koͤnnen.“ „Ich bin der Meinung, Miß Marie, ant⸗ wortete André ein wenig beißend, daß Sie haͤtten warten ſollen, bis ich Sie zum Tan⸗ zen aufforderte, ehe Sie es mir abſchlugen; und doch habe ich Ihnen noch nicht ein Wort davon geſagt.“ Marie erroͤthete und biß ſich in die Lip⸗ pen, aber antwortete nichts; André, ihr zur Seite bleibend, ging hierauf mit ihr und ihrer Tante einige Zeit lang in dem Saale auf und nieder. Da hier viele Perſonen gegenwaͤrtig waren, die er haͤufig ſowohl bei dem Grafen Sandyford als bei der Herzogin ſah: ſo konnte ſich Miß Mizy nicht von ihrem Erſtaunen er⸗. holen, als ſie bemerkte, wie Maͤnner vom erſten Range Andreé'n die Hand druͤckten, ſtehen blieben, und vertraulich mit ihm plauderten. Nachdem er einige Zeit lang dieſen kleinen a. Triumph genoſſen hatte, fragte er Marien, ob ſie Luſt haͤtte zu tanzen.„Ich frage nicht⸗ fuͤgte er hinzu, um Sie fuͤr mich dazu aufzu⸗ fordern; denn ich weiß ſehr wohl, daß Sie ſich wenig daraus machen, mit einem Bauer, wie ich bin, zu tanzen; aber wenn Sie es wuͤnſchen, ſo bin ich der Meinung, daß ich Ihnen einen Taͤnzer verſchaffen will.“ Marie zauderte mit der Antwort, und fuͤhlte, daß André in dieſem Augenblick ein Uebergewicht über ſie habe.—„O, ſagte André, Sie haben nicht noͤthig, gegen mich zuruͤckhaltend zu ſein, oder an das, was die Her⸗ zogin ſagte, zu denken. Denn ſelbſt, wenn Sie auch wollten, ſo kann ich gar nicht tanzen.“ Mit dieſen Worten verließ er ſie, und ſuchte einen jungen Lord von ſeiner Bekannt⸗ ſchaft auf, der durch ſeine Taille und ſeine vortheilhafte Geſtalt bemerkenswerth war, deſſen Verſtand aber eben ſo beſchränkt, als ſein Vertrauen auf ſich ſelbſt groß war.— „Wollen Sie mit Miß Cunningham tanzen, Mylord? fragte er ihn. Ich will Sie ihr vorſtellen.“ 1,8 z2:uns 5 Die Schoͤnheit Mariens hatte bereits die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf ſich gezogen, und dieſer Vorſchlag wurde alſo eifrigſt angenommen. Lord Dimpleton folgte unſerm Helden, wurde der Tante und der Nichte vorgeſtellt, bat die letztere um ei⸗ nen Tanz, und fuͤhrte ſie im Triumph in den Kreis. Indem André dieſen Ritter fuͤr Miß Cunningham auswaͤhlte, ſo hatte er dabei ſei⸗ nen eigenen Vortheil nicht aus den Augen geſetzt. Er kannte den Verſtand und Scharf⸗ blick Mariens, und wußte ſehr gut, daß we⸗ der das gefällige Aeußere, noch der Rang des jungen Lords hinreichen wuͤrden, auf das Herz der jungen Schottlaͤnderin einen Eindruck zu machen, der ſeinen Anſpruͤchen im Geringſten nachtheilig werden koͤnnte— Anſpruͤchen, die er ſich ſelbſt heute zum erſten Male eingeſtand. Uebrigens bezeichnete kein außerordentlicher Vorfall dieſen Abend. Miß Cunningham und ihre Tante entfernten ſich, Williams Krank⸗ heit wegen, ziemlich fruͤh. Als André ſie am folgenden Morgen beſuchte, empfing ihn Marie — 26— mit Verlegenheit und Kaͤlte; ihre Tante hin⸗ gegen nahm ihn auf die ſchmeichelhafteſte Weiſe auf, und bezeigte ihm ihr Erſtaunen, daß er von ſo vielen Perſonen des hoͤchſten Standes gekannt wuͤrde. Aber das Vergnuͤ⸗ gen über dieſe Veraͤnderung in dem Betragen der Miß Mizy wurde ihm wieder durch die kalte Zurückgezogenheit Mariens verbittert, und er bemerkte daß dieſe die Folge eines Nach⸗ denkens geweſen ſein muͤſſe, welches ſeinen ge⸗ heimen Wuͤnſchen nicht guͤnſtig war. Deſſen⸗ ungeachtet verlor er den Muth nicht, denn ihre jetzige Kaͤlte war gewiſſermaßen ein Be⸗ weis, daß ſie die Ungleichheit ihrer Geburt nicht mehr als ein unuüberſteigliches Hinder⸗ niß gegen die Wünſche betrachtete, die jetzt ernſtlich in ihm aufzuſteigen anfingen. Während der Zeit, wo die Cunningham's ſich noch in London aufhielten, fuhr André fort, ſie haͤufig zu beſuchen; aber Marie be⸗ hielt ihr zuruͤckhaltendes Weſen bei, und er hatte die Klugheit, ſich keine großeren Frei⸗ heiten gegen ſie, als fruͤherhin, zu erlauben. Aber in Abſicht auf Miß Mizy veraͤnderte er die Batterien, indem er ſie bei ihrer ſchwa⸗ chen Seite angriff, ihre Meinungen zu den ſeinigen machte, ihre Empfindungen theilte, und jederzeit zuvorkommend gegen ſie war. Er machte ſo gute Fortſchritte in ihrer Gunſt⸗ daß ſie ihn bald als den kluͤgſten, witzigſten und ſcharfſinnigſten jungen Mann von der Welt betrachtete; und wenn in ſeiner Anwe⸗ ſenheit ihre Nichte ſcheinen wollte, als wenn ſie ſich auf ſeine Koſten luſtig machte, ſo nahm Miß Mizy jederzeit ſeine Partie, und fuͤgte oft mit einem prophetiſchen Tone hinzu, daß ſie uͤberzeugt ſei, ihn noch eines Tages als Lord⸗Major von London zu erblicken. Dreizehntes Kapitel. Sobald William ohne Gefahr die Reiſe antreten konnte, verließ er mit ſeiner Schwe⸗ ſter und Tante London, und es verging eine geraume Zeit, ehe unſerm Helden etwas be⸗ gegnete, das hier erzaͤhlt zu werden verdiente. Er fuhr fort, ſeine Pflichten bei Vellum zu verſehen, und die Geſellſchaften bei der Her⸗ zogin von Daſhingwell, ſo wie bei andern Per⸗ — 28— ſonen von hohem Stande, zu beſuchen, die ſeine Laune beluſtigte, und welche ſich ein BVergnügen daraus machten, ihn bei ſich zu ſeben. Nichts war aber André'n angenehmer, als ein Brief, den er endlich von Lord San⸗ dyford erhielt, und worin er eingeladen wurde, einige Tage in Chaſtington⸗Hall zuzubringen; eine Einladung, die Vellum ihm ohne Schwie⸗ rigkeit anzunehmen erlaubte. Der Zweck, warum der Graf ihn haupt⸗ ſaͤchlich zu ſich kommen ließ, war, daß er ihm behuͤlflich ſein ſollte, die noͤthigen Anordnun⸗ gen in Abſicht auf die Einkuͤnfte, die San⸗ dyford der Graͤſin zuſichern wollte, in's Werk zu ſetzen; und der Graf erklaͤrte ſich ſpaͤterhin nie daruͤber, aus welcher Urſache er ſich hier⸗ bei nicht geradezu Vellum's ſelbſt bedienen wollte. 1 1 lne André miethete alſo einen Platz auf einer Diligence, und da Sir Mordaunt, welchen er jetzt eben alls zu ſeinen Freunden zählte, ungefahr eine Stunde Weges von der Straße, die nach Chaſtington fuͤhrte, und eine Tage⸗ zeiſe von London entfernt, ein Gut beſaß⸗ auf ͤ welchem er ſich aufhielt: ſo beſchloß er dieſen zu beſuchen, und von dort aus zu Fuße bis nach Chaſtington zu gehen. Er ſtieg daher an dem Orte, wo er die große Straße ver⸗ laſſen mußte, um nach Mordaunt's Landgut zu gelangen, von der Diligence ab, und em⸗ pfahl dem Schirrmeiſter, ja Sorge zu tragen, daß ſein Mantelſack in dem Wirthshauſe zum Wappen von Sandyford abgegeben wuͤrde. Sein Weg fuͤhrte ihn durch einen großen, von einer Gebirgskette eingeſchloſſenen Wald, worint es aber ſo einſam und ſtill war, daß ſich nirgends ein lebendes Weſen blicken ließ. Schon hatte er einige Stunden auf dem ihm bezeichneten Wege zuruͤckgelegt, und immer noch wollte ihm nicht einmal eine einzelne Huͤtte, geſchweige denn das Landgut Mor⸗ daunt's erſcheinen: als endlich ſchon die Sonne den Horizont zu verlaſſen anfing. André fuͤrchtete von der Nacht uͤberfallen zu werden, und dieſe nichts weniger als angenehme Er⸗ wartung ward durch einen ploͤtzlichen Blitz⸗ ſtral eben nicht aufgeheitert, der aus den uͤber ihm am Himmel hangenden ſchweren und — 30— dunkeln Wolken herabfuhr, und von einem Donnerſchlag begleitet wurde, welchen alle Echo's der benachbarten Berge wiederholten. Was ſoll ich anfangen, wenn der Re⸗ gen mich uͤbereilt, ehe ich angekommen bin? fragte unſer Held erſchrocken ſich ſelbſt, den drohenden Himmel betrachtend. Ein Blitz⸗ ſtral nach dem andern theilte die Wolken, der Donner rollte ſtaͤrker; und waͤhrend nun André lief, als wenn das Firmament auf ſeine Schultern ſtuͤrzen wollte, ſingen ſchon große Tropfen herabzufallen an. Nach der einen Seite hin erblickte er nichts als un⸗ fruchtbare Berge, deren Gipfel ſchon von der Finſterniß umhuͤllt waren; nach der andern Seite hatte er den Wald, in welchem es ihm immer ſchwieriger wurde, den Fußſteig zu erkennen. 51 Unterdeſſen leuchteten die Blitze immer haͤufiger, der Donner krachte immer heftiger, und der immer ſtaͤrker fallende Regen ſchien eine neue Suͤndflut anzukuͤndigen. Das Ta⸗ geslicht hatte heute nicht mit der Daͤmmerung abgewechſelt, und undurchdringliche Finſter⸗ — a1— niß hatte ploͤtzlich die ganze Gegend umſchleiert. André ſetzte ſeinen Weg ohne Aufenthalt fort, und nur bei dem Scheine der Blitze erkannte er endlich, daß er nicht mehr im Walde ſei, auch die Gebirgskette nicht mehr zu ſeiner Rechten habe, und ſich aut einer große Wieſe befaͤnde. Jetzt hatte er durchaus ſeine frihere Richtung verloren, und wußte ſchlechterdings nicht mehr, wohin er ſich wenden ſollte. Waͤhrend es unausgeſetzt regnete, ging er auf's Gerathewohl immer weiter fort, und gelangte endlich abermals an einen Wald; aber er wagte es nicht hineinzugehen, und folgte viel⸗ mehr dem Saume deſſelben, indem er hoffte, auf dieſe Art doch endlich eine menſchliche Wohnung anzutreffen. Gluͤcklicherweiſe blieb dieſe Hofuung auch nicht unerfuͤllt; mit welcher Freude ſah er plötzlich ein Licht durch die Baͤnme ſchimmern! Zwar war es noch in einer ziemlichen Ent⸗ fernung, aber deſto raſcher eilte er darauf zu, und erreichte endlich ein ziemlich anſehnliches Dorf, an deſſen Eingange er ſogleich einem Einwohner begegnete, bei welchem er ſich nach einem Wirthshauſe erkundigte. „Ein Wirthshaus haben wir hier nicht, war die Antwort; auch wird der Herr uͤber⸗ haupt hier kein ertraͤgliches Nachtlager ſinden koͤnnen, es ſei denn, daß es ihm gelaͤnge, von unſerm Herrn Pfarrer, dem Doktor Caffon aufgenommen zu werden.“ „Wolltet Ihr mich wohl dahin fie guter Freund?“ „Sehr gern; er wohnt nur wenige e Schritte pon hier. Aber ſo viel ich weiß, ſo giebt er Niemanden etwas, obgleich er ſehr reich iſt, und ich zweifle, daß Sie bei ihm unterkom⸗ men. Doch Sie muͤſſen es verſuchen.“ So dachte André auch, und als er die Thuͤr des Pfarrhauſes erreicht, und ſich bei ſeinem Wegweiſer bedankt hatte, ſing er an, zu klopfen. Ein Hund antwortete ſogleich mit einem ſchrecklichen Geheule, und in dem⸗ ſelben Augenblick oͤffnete auch ein Bedienter in Livrée die Thuͤr, mit der Frage, was er wolle? „Sagt Eurem Herrn, antwortete André, — 33— daß ein junger, höchſt ermuͤdeter Menſch ihn um ein Nachtlager bittet,.,,,. „Antworte dem Narren, daß er ſeinen Weg gehen ſoll,“ rief aus dem Innern des Hauſes eine tiefe Baßſtimme. „Ich habe jetzt keinen andern Weg zu gehen, als den nach einem Bette; denn meine Kleider ſind naß, meine Beine ermuͤdet, ich weiß nicht wohin, und Sie werden nicht wollen, daß mir ein Ungluͤck begegne.“ „Wer ſeid Ihr? Wer ſeid Ihr? fragte der Doktor, indem er durch die Thuͤr ſah, und André'n eine illuminirte Naſe unter ei⸗ ner großen weißen Nachtmuͤtze erblicken ließ. „Ein Chriſt! antwortete André boshaft, und ich hoffe hier noch einen Chriſten zu finden.“ „Noch einmal frage ich, wer ſeid Ihr?“ ſchrie jetzt der Doktor mit ſtarker Stimme, und trat, ein Licht in der 4 and⸗ ganz aus der Thuͤr. „Ich bin ein Advokat und Natariug in dieſem Kanton auf einer Reiſe begriffen.W. „Wie? Ohne Wagen! Ohne Pferd! Ihr II. Thl. 3 — 34— muͤßt ſehr dreiſt ſein, als ein ganz unbekann⸗ ter Menſch, zu dieſer Stunde, an die Thuͤr eines Mannes von Stande zu klopfen.“ Und er war im Begriff, dem Bedienten den Be⸗ fehl zu geben, daß er die Thuͤr wieder zumachen ſollte.— André ſchrie aber ſchnell: „Sie haben ſehr recht, Doktor; aber es war nur ſo eine Idee von mir, zu Fuß zu gehen. Ich wollte einige Tage bei dem Grafen San⸗ dyford verweilen, als es mir plötzlich einſiel, vorher noch meinen Freund Mordaunt zu be⸗ ſuchen, der hier in der Gegend in Beech⸗Gove wohnen muß. Ich ſtieg daher vom Wagen ab, und habe mich nun im Walde verirrt.“ Bei dieſen Worten veränderte der Doktor ſogleich ſeinen Ton, ladete André'n ein, naͤher zu treten, und befahl ſeinem Bedienten, ein Bett fuͤr ihn in Stand zu ſetzen. Waͤhrend dieſer Zeit ſpann ſich eine Un⸗ terhaltung in dem Salon des Doktors Saff⸗ ron an, welcher anfangs ſehr uͤberraſcht uͤber die ſeltſamen Sitten ſeines Gaſtes war. Aber bald glaubte er in ihm einen Mann zu ſehen, der an gute Geſellſchaft gewoͤhnt war, und — 35— da André den Namen des Grafen Sandyford genannt hatte, ſo betraf dieſen die Unterhal⸗ tung ganz vorzuͤglich. Der Doktor wurde nicht muͤde, ſeinetwegen Fragen an ihn zu richten, und André war daher neugierig, die Urſache dieſer anſcheinenden Theilnahme zu erfahren. „Kennen Sie den Grafen erſänliah?⸗⸗ fragte endlich Andrée. „Nein, antwortete der Doktor; aber ich habe gehoͤrt, daß einer meiner Neffen ſehr ernſchafei in ſeine Angelegenheiten verwickelt iſt.“ „Ho! ho! rief André aus. Sind Sie zu⸗ fälligerweiſe der Onkel eines gewiſſen Ferrew?“ 6„Ungluͤcklicherweiſe, ja! Seine Mutter war meine Schweſter, und er iſt mein rechtmaͤßi⸗ ger Erbe. Aber ich furchte, er wird mich zwingen, die Rechte zu vergeſſen, welche ihm die Natur und meine Zuneigung uͤber mich geben.“ „Und wo iſt er r jetzt?“ 11 „Niemand weiß es; Alles, was ich von ihm gehöort habe, iſt, daß er vor einigen Monaten — 3* — 36— mit der Graͤfin von Sandyford in der Ge⸗ gend von Elderbower geſehen wurde.“ „Vielleicht iſt er noch jetzt bei ihr Wo hält ſie ſich jetzt auf?“ „Nein, nein. Bis zu dieſem Punkt hat ſich die Graͤfin noch nicht vergeſſen. Sie lebt jetzt aͤußerſt reuig und fromm in einem alten, einſamen Schloſſe ihres Vaters. „s iſt unangenehm, Verwandte zu haben, die ſich ſchlecht betragen; aber ich hoffe, er hat doch weiter nichts begangen, als daß er einen Hahnrei machte.“ Der Doktor runzelte die Stirn iber die⸗ ſen freien Ausdruck.„Es giebt Fehler, die zwar von dem Geſetzen nicht beſtraft werden, ſagte er mit einem frommen Tone, aber die doch auf die aͤußerſte moraliſche Verdorbenheit hinweiſen.“ „Nun, und das waͤre?“ „Er hat ein junges ungluͤckliches Maͤdchen, eine Fremde, eine Italiaͤnerin, mit welcher er lebte, in dem Augenblicke verlaſſen, wo ſie Mutter werden ſollte. Da ſich die Arme ohne alle Huͤlfe ſah, faßte ſie den verzweifelten — 37= Entſchluß, ihm nach dem Schloſſe Rooksborough zu folgen, und ſie ſtarb in einem Wirthshauſe des Dorfes, indem ſie einer Tochter das Leben gab.— „Und was iſt aus dem Kinde geworden?“ „Gluͤcklicherweiſe reiſete gerade eine Dame von hohem Range durch das Dorf, die von Mitleiden ſo geruͤhrt wurde, daß ſie nicht nur die Koſten zum Begraͤbniß der Mutter hergab, ſondern auch die Erziehung des Kin⸗ des uͤbernahm.“ „Wie lange iſt dieß her? Wer iſt die Dame?“ fragte André lebhaft. „Ich weiß es nicht gewiß; aber mein Freund, der Pfarrer in Rooksborough, ver⸗ muthet, daß es Lady Sandyford iſt.⸗ Bei dieſen Worten vergaß André ſeine Muͤdigkeit, und ſprang wie naͤrriſch im Zim⸗ mer umher.„Welche Nachrichten! rief er aus; ich wette einen Pfennig gegen einen Heller, daß ich der einfältigſte Kerl unter Gottes Sonne geweſen bin!“ Der Doktor war ſtarr vor Erſtaunen. André erholte ſich endlich von ſeiner unge⸗ ſtuͤmen Freude, und beantwortete nun ſeines Wirths ſchon mehrmals wiederholte Fragen, indem er ihm die vollſtaͤndige Geſchichte der Veruneinigung zwiſchen dem Lord und ſeiner Gemahlin erzaͤhlte, und ihm auseinanderſetzte, welcher Verdacht ſich gegen die Letztere, durch die ſonderbaren Umſtaͤnde der Geburt des Kin⸗ des und des Zulammenteeffens mit Ferrew, erhoben hatte. Nachdem André eine vortreffliche Abend⸗ mahlzeit zu ſich genommen hatte, legte er ſich froh wie ein Koͤnig in das ihm angewieſene Bett; aber ſeine Unruhe ließ ihn nicht viel ſchlafen, und er war die ganze Nacht mit Planen beſchäftigt, wie er jetzt am raſcheſten die Ausſoͤhnung der beiden Gatten herbeifuͤh⸗ ren koͤnne. Sein Entſchluß war endlich dabin ausge⸗ fallen, daß er ſogleich, ohne Mordaunt zu be⸗ ſuchen, zum Grafen eilen wollte. Am fol⸗ genden Morgen ließ daher der Doktor eine Poſtchaiſe kommen, und noch ehe die Sonne den Mittagzpunkt erreicht hatte, ſtand André in Chaſtington vor dem Grafen. — 39— „Ich freue mich außerordentlich, Sie zu ſehen, rief Lord Sandyford aus, ſobald er ihn erblickte, und zwang ſich, eine froͤhliche Miene anzunehmen; aber ich habe eine ſehr dringende Bitte an Sie, Wylie. Dieſe iſt, daß Sie niemals in meiner Gegenwart den Namen der Graͤfin ausſprechen, auch nicht die geringſte Anſpielung auf ſite machen, au⸗ ßer in den Geſchaͤften, um deren willen ich Sie eingeladen habe, mich zu beſuchen.“ „Aber wenn ich Ihnen gute Nachrichten bringe, Mylord, Nachrichten von ihrer Un⸗ ſchuld?“ 21 „Ich nehme nicht den geringſten Antheil daran, und bitte Sie nochmals um Stillſchwei⸗ gen in dieſer Ruͤckſicht.“ Wylie wankte, als wenn ein heftiger Schlag auf den Kopf ihn betaͤubt haͤtte, und blieb einige Zeit lang ſitzen, ohne ein Wort hervorzubringen. Der Graf ſtellte ſich, als wenn er nichts von dieſem Zuſtande unſeres Helden bemerkte, und fing ſogleich ein ande⸗ res Geſpraͤch an, an welchem André aber nur mit halb abweſendem Geiſte Theil nahm. — 40— Endlich ſprang André auf, ergriff haſtig eine Hand des Grafen, und hielt ſie unge⸗ faͤhr eine Minute lang ſchweigend in der ſei⸗ nigen, ſeinen Blick auf den Boden geheftet. Lord Sandyford erſtaunte, und fühlte eine heiße Thraͤne auf ſeine Hand fallen. „Um's Himmels willen, Wylie, was ſoll dieß bedeuten?“ rief er aus. André ließ jetzt ſeine Hand los, und drehte ſich einige Augenblicke lang um, bis er ſeine innere Bewegung beruhigt hatte. Als er wie⸗ der zu ſich gekommen war, ſagte er:„My⸗ lord, warum wollen Sie mir nicht erlauben, Ihnen in einer Angelegenheit, die Ihnen mehr als alle anderen zu Herzen geht, zu die⸗ nen? Warum wollen Sie mit aller Gewalt in Selbſttaͤuſchung verharren? warum die ſchoͤnſten Tage Ihres Lebens verlieren? My⸗ lord, das heißt nicht als ein weiſer Mann handeln, und Sie muͤſſen mich mit Geduld anhoͤren, bis ich Ihnen Alles erzählt habe, was ich erſt geſtern noch erfuhr.“ Dieſen neuen Angriff hatte der Graf nicht erwartet; aber Wylie uͤbte in dieſem Augen⸗ — 41— blick einen Einfluß uͤber ſein Inneres aus, dem er ſich ſchlechterdings nicht entziehen konnte. Er ſetzte ſich daher auf das Sofa, und hoͤrte, ohne ihn zu unterbrechen, die Er⸗ zaͤhlung von der Unterhaltung mit an, welche André in Betreff der Geburt des Kindes der Roſe und Krone mit dem Doktor Saffron gehabt hatte. In der heftigſten Bewegung ſprang er dann auf, und eilte ploͤtzlich aus dem Zimmer in den Park. André wollte ihn zuruͤckhalten, und ergriff ihn ſogar an ſeinen Kleidern; aber der Graf machte ſich von ihm los, gab ihm ein Zeichen, ihm nicht zu folgen, und machte die Thuͤr hinter ſich zu. Unruhig erwartete nun André ſeine Ruͤck⸗ kehr und den Erfolg der ihm gemachten Ent⸗ deckung. Im tiefſten Nachdenken am Fenſter ſtehend, ſah er auf einmal eine Poſtchaiſe vor dem Schloſſe halten, und einen ihm un⸗ bekannten Mann mit der groͤßten Haſt aus⸗ ſteigen. Es war der Lord Riversdale, Bruder der Graͤfin Sandyford, welcher ſchon ſeit mehreren Jahren ſich im Auslande auf⸗ gehalten hatte, und jetzt, auf einen Brief von — 22— ſeiner Schweſter, nach England zuruͤckgekehrt war. Kaum auf dieſer Inſel angekommen, eilte er, ehe er noch ſeinen Vater und ſeine Schweſter ſehen wollte, mit dem Grafen San⸗ dyford, ſeinem alten Freunde, eine Unterre⸗ dung zu haben. Dem Portier, welcher ihn in der Hausftur nach ſeinem Namen fragte, um ihn anmelden zu laſſen, antwortete der Lord, daß er ſich nur dem Grafen ſelbſt zu erkennen geben wolle; und er wurde daher durch einen Lakaien nach dem Zimmer gefuͤhrt, in welchem ſich André befand, und wo man auch den Grafen vermuthete. André warf einen Blick des Mißtrauens und der Neugier auf die ſchwäch⸗ liche und blaſſe Figur, welche ſo unerwartet eintrat. „Man ſagte mir, daß der Graf Sandyford in dieſem Zimmer ſei,“ redete der Lord ihn an, indem er Miene machte, wieder umzu⸗ kehren. „Er hat mich ſo eben gerläſſen, antwor⸗ tete André, und wird auf jeden Fall bald zuruͤckkommen. Wollen Sie ſich die Muͤhe -—— geben, ſich zu ſetzen?“ In dieſem Augenblick fiel Andréen die große Aehnlichkeit des Lords mit ſeiner Schweſter auf. Schon öoͤfters hatte er von ihm ſprechen hören, und er zweifelte nicht, daß er nur deßwegen aus dem Aus⸗ lande nach England gekommen ſei, um der Grafin gegen ihren Gemahl Huͤlfe zu leiſten. Ein unbeſchreibliches Gefuͤhl von Unruhe be⸗ maͤchtigte Andréss; er fuͤrchtete, daß der Lord Alles wieder verderben wuͤrde, was er ſo eben gut gemacht zu haben glaubte; und doch war er noch nicht gewiß, ob es Lord Riversdale wirklich ſei.— Er beſchloß endlich, ſich auf ſeine gewoͤhnliche Weiſe aus dieſer Verlegen⸗ heit zu ziehen, und ſagte nach einiger Ueber⸗ legung: „Mylord Riversdale! ich bin der Mei⸗ nung, daß es gut ſein wuͤrde, den Grafen vorher wiſſen zu laſſen, daß Ihre Herrlichkeit es ſind, die ihn ſprechen wollen.“ Riversdale, dem ſchon André's Aeußeres aufgefallen war, erſtaunte, ſich von einem Unbekannten beim Namen nennen, mit die⸗ ſen Worten und dieſem Tone anreden zu hoͤ⸗ 4. — 44— ren. Er ſah ihn aufmerkſam vom Kopf bis zu den Fuͤßen an, und ſagte:„Sie kennen mich? Ich ſetze voraus, daß Sie Mylords Vertrauen beſitzen, da Sie meinen, daß es gut ſein wuͤrde, ihm Zeit zu laſſen, zu uͤber⸗ legen, ob er mich ſprechen will oder nicht.“ Auf dieſe Worte ging unſer Held mit einer feſten und entſchloſſenen Miene auf den Lord zu, und ſagte mit der groͤßten Kaltbluͤ⸗ tigkeit:„Der Graf iſt mein Freund und mein Wohlthaͤter. Ich habe ſo eben mit ihm, viel⸗ leicht etwas zu freimüthig, wahrſcheinlich uͤber dieſelbe Angelegenheit geſprochen, welche Sie hierher fuͤhrt. Wenn Sie alſo meinem Rath folgen wollen, ſo werden Sie ihn nicht zu ſprechen ſuchen, ehe wir wiſſen, was fuͤr ei⸗ nen Erfolg bei ihm meine Ermahnung haben wird, die zum Zweck hatte, der ungluͤcklichen Lage jener armen Dame, Ihrer Graͤſin Schwe⸗ ſter, ein Ziel zu ſetzen.“ „Und wer ſind Sie denn, um ſo zu ſpre⸗ chen?“ rief Riversdale aus, uͤber dieſen freien Ton erſtaunt. „Ein Freund antwortete André ruhig. — 45— Ich verſichere Sie, Mylord, fuhr er etwas lebhafter fort, daß Sie mir erlauben muͤſſen, Sie in dieſer Angelegenheit zu leiten. Denn ſeit einer gewiſſen Zeit iſt der Graf ein un⸗ baͤndiges Pferd, welches die Zuͤgel abgeſtreift hat; und er gleicht einem in die Hoͤhe flie⸗ genden Champagnerpfropfen, ſobald man in ſeiner Gegenwart nur Mylady's Namen nennt.“ Lord Riversdale ruͤckte einige Schritte zu⸗ ruͤck, die Augen mit Verwunderung auf eine ihm ganz neue Erſcheinung gerichtet, auf ein originelles, ſeltſames Weſen, das er noch nie geſehen hatte, und welches mit ſolcher Vertrau⸗ lichkeit zu ihm redete.— André folgte ihm, nahm einen Stuhl und ſetzte ſich neben ihn. „Mylord, fuhr er fort, ich bitte Sie, aufmerkſam anzuhoͤren, was ich Ihnen zu ſa⸗ gen habe. Ich bin der Meinung, daß es eine vortreffliche Sache fuͤr unſere Freunde ſein wuͤrde, wenn Sie und ich, ehe wir noch länger den Grafen beſtuͤrmen, dieſe Angele⸗ genheit mit der Gräſin zu Stande bringen koͤnnten, indem wir eine kleine freundſchaft⸗ — 46— liche Unterredung mit ihr in jenem alten Schloſſe hielten, wo ſie ſich wie eine Nacht⸗ eule eingeniſtet hat. Was meinen Sie?“ „Bei Gott, das iſt das außerordentlichſte Abenteuer, das mir bisher begegnet iſt! Es gehoͤrt wahrlich eine außerordentliche Urſache dazu, um einem Menſchen von dieſem Aeu⸗ ßeren.... „Was thut hier mein Aeußeres? ſagte André ungeduldig; was hat es mit der Klug⸗ heit, mit der Wahrheit zu thun? Entweder ich taͤuſche mich ſehr, Mylord, oder Mylady wird mich gern mit Ihnen ankommen ſehen. Und in der That ſcheinen Sie mir auch eine viel zu kitzliche Haut zu haben, als daß ich Sie mit einem Manne, wie der Graf iſt, allein laſſen koͤnnte, der jetzt immer bereit iſt, ſich zu baͤumen. Es giebt bereits genug boͤſes Blut zwiſchen Ihnen Beiden.“ „Und doch glaube ich nicht, antwortete der Lord halb laͤchelnd, daß ein Streit zwi⸗ ſchen uns Beiden zu fuͤrchten iſt. Graf San⸗ dyford iſt mein alter Freund.“ „Das kann Alles wahr ſein aber ich — 47— traue Ihnen nicht. Der Graf iſt noch nicht aufgelegt, Ihrer Schweſter Gerechtigkeit wi⸗ derfahren zu laſſen; und wenn Sie die Graͤ⸗ fin lieben, wie ich nicht zweifle, wenn Sie Muth haben, wie mir dieß gewiß ſcheint: was kann Ihre Zuſammenkunft fuͤr einen an⸗ dern Erfolg haben, als daß Sie mit blanken Degen gegen einander uͤber ſtehen?“ „Sandyford kann unmoͤglich auf eine ſolche ſeiner unwuͤrdige Art handeln, rief Riversdale, mehr als jemals erſtaunt, aus. „Moͤglich oder nicht; aber was ich Ihnen ſage, iſt ſicher, iſt gat gewiß.“ „In dieſem Fall iſt es nur um ſo noͤ⸗ thiger, daß ich ihn ſogleich ſpreche! ſanie der Lord, plötzlich aufſtehend. „Holla! holla! ſagte André, ihn urück haltend, und ihn ſanft auf den Stuhl wieder niederdruͤckend. Nicht gleich ſo hitzig! Setzen Sie ſich, und hoͤren Sie ruhig, was ich Ihnen ſagen werde. Haben Sie denn den Teufel im Leibe?“ Lord Riversdale nahm ſeinen vorigen Platz wieder ein, und André ſetzte ihm nun die — 48— Art auseinander, wie der Graf ſeit der Tren⸗ nung von ſeiner Frau lebte, wie ein gehei⸗ mer Kummer an ſeinem Herzen nagte, wel⸗ cher Verdacht ſich gegen die Graͤfin erhoben haͤtte; kurz alle die Umſtände, welche dem Leler ſchon bekannt ſind. „Nach allem dieſem, Mylord, fuͤgte er hinzu, muͤſſen Sie einſehen, daß uͤber dem Betragen der Graͤfin noch ein Nebel ſchwebt, und ich bin der Meinung, daß unſere erſte Sorge ſein muß, ihn zu verſcheuchen, ehe Sie den Grafen ſprechen lien 7 Riversdale war von der Deutlichkeit, Ver⸗ ſtändlichkeit und Klugheit betroffen, welche in André's Worten herrſchte, und geſtand ſich ſelbſt, daß er zuerſt uͤber das Betragen der Graͤfin einige Aufklaͤrung haben moͤchte, die ſte ſelbſt nur geben konnte. Er kam daher endlich mit André'n uͤberein, daß ſie ſogleich nach Britonsbeild abreiſen, und den Grafen ſeinem Nachdenken uͤberlaſſen wollten.„Denn, ſagte Andreé, dieſe Reiſe wird das zerbrochene Porzellan wieder ganz machen, oder es in — 49.— tauſend Stuͤcke zerſchmettern; und in manchen Faͤllen iſt es am beſten: je eher, je lieber!“ Der Lord ſtieg alſo, in Begleitung André's, wieder in ſeine Poſtchaiſe, und reiſete ab, ohne daß ſein Schwager von ſeiner Ankunft unter⸗ richtet wurde. Auf dem halben Wege aber mußte Riversdale, der nur eine hoͤchſt ſchwaͤch⸗ liche Geſundheit hatte, und von ſeiner bisher gemachten weiten Reiſe ſchon ſehr ermuͤdet war, in einem Gaſthofe zuruͤckbleiben, um ſich, nach dem Rathe Wylie's, eine Nacht uͤber auszuruhen, waͤhrend dieſer vorausfuhr, um der Graͤfin die Ankunft ihres Bruders zu melden, Als der Graf aus dem Park in's Schloß zuruͤckkam, und Wylie'n in ſeinem Bibliothek⸗ zimmer nicht mehr fand, klingelte er einem Bedienten, und fragte nach ihm. Da dieſer von der Abweſenheit des Grafen und ſeinem Spaziergange im Garten nichts wußte, wun⸗ derte er ſich uͤber dieſe Frage, und ſagte: daß Sir Wylie ſchon ſeit einer Stunde mit einem fremden Herrn, der in einer Poſtchaiſe hier angekommen ſei, ohne ſeinen Namen d3 nen⸗ nen, abgereiſt ſei. II. Thl. 4 — 39— Sandyford erſtaunte, und ſuchte vergebens zu entraͤthſeln, wer der Fremde geweſen ſei. Er machte ſich Vorwuͤrfe, André'n ſo ploͤtzlich verlaſſen, und vielleicht ſein Gefuͤhl gekraͤnkt zu haben. Daher ſchrieb er ſogleich an ihn nach London, wohin er ihn zuruͤckgekehrt glaubte, und bat ihn, ſo ſchnell als moglich wieder zu ihm zu kommen. Vierzehntes Kapitel. Es war ſchon ziemlich ſpaͤt, als André im Schloſſe Britonsbeild ankam, und als er an der Thuͤrglocke zog, war die Graͤſin ſo eben im Begriff, ihren Thee einzunehmen. Indem er uͤber die Flur ging, ſagte er Flounce'n einige Scherze; die Graͤfin erkannte ſeine Stimme, ſtand ſogleich auf, und oͤffnete ihm ſelbſt die Thuͤr des Salons, um ihn zu em⸗ pfangen. „Ihr Beſuch iſt mir eben ſo angenehm, als unerwartet, Wylie,“ ſagte ſie, ihm ihre Hand mit einer Herzlichkeit entgegenſtreckend, welche ganz verſchieden von der ihr fruͤher gewoͤhnlichen, abgemeſſenen Hoͤflichkeit war. André erwartete eine ſo freundliche Aufnahme nicht, und er war davon um ſo mehr uͤber⸗ raſcht, als er nicht ohne Kummer die blaſſen Wangen, die einfache und faſt nachläſſige Kleidung einer Frau erblickte, die er fruͤher nur von Reiz und Schmuck uͤberſtralend ge⸗ ſehen hatte. 3 Die Graͤfin ſetzte ihm ſelbſt einen Stuhl neben den ihrigen, ladete ihn ein, ſich nieder⸗ zulaſſen, ſchenkte ihm eine Taſſe Thee ein, und ſagte:„Ich ſetze voraus, daß Sie in Chaſtington⸗Hall waren, und hoffe, fuͤgte ſie mit einem leichten Zittern in ihrer Stimme hinzu, daß Sie Mylord bei guter Geſundheit verlaſſen haben.“ „O ja, Mylady, er iſt geſund, wenigſtens liegt er nicht zu Bette, wie ich geſehen habe. Aber mein Gott, in welchem finſtern trauri⸗ gen Neſte wohnen Sie hier, Mylady! Ich bin wahrhaftig nicht erſtaunt, daß Sie einen jungen Galant, wie ich bin, ſo gut aufneh⸗ men; denn Sie muͤſſen Allen, die Sie beſu⸗ chen, eine gute Miene machen, wenn Sie nicht wollen, daß man raſch wieder davoneilt. Sie 4* — 32— haben wahrſcheinlich Ihren Gaͤſten hier kein anderes Vergnuͤgen darzubieten, als die Muſik des Windes, der hier ſtets durch das Schluͤſſel⸗ loch pfeift.— Sie ſind üͤberraſcht, mich zu ſehen, Mylady, und ich merke wohl, Sie den⸗ ken, daß ich um Nichts gewiß nicht hierher gekommen bin.“ Die Gräfin ſeufzte, und antwortete nicht, obgleich André ſchwieg, als wenn er ihre Ant⸗ wort erwartete.„Gewiß, Mylady, fuhr er endlich fort, Niemand wuͤrde es fruͤher ge⸗ glaubt haben, daß eine Frau von Ihrem Alter und von Ihrem Verſtande ſich ſo in ein altes Schloß einmauern wuͤrde, wie eine Nonne in ein Kloſter.“ „Ich habe noch nicht auf die Welt ver⸗ zichtet, ſagte die Graͤfin. Ich will nur ruhig hier erwarten, welchen Ausgang wohl die ſelt⸗ ſame Lage, in der ich mich befinde, noch neh⸗ men koͤnnte. Ich kenne meine Unſchuld, und hoffe, fruͤh oder ſpaͤt meiner jetzigen Leiden wegen entſchaͤdigt zu werden. Mein ganzes Vergehen iſt nur eine Unvorſichtigkeit.“ „Die Unvorſichtigkeit, von welcher Sie — 53— ſprechen, Mylady, iſt ohne Zweifel, daß Sie dem Nathe des alten Diplomaten, des Mar⸗ quis, Ihres Vaters, gefolgt ſind?“ „Ganz recht, Wylie; ich habe mir ſonſt keinen andern Fehler gegen meinen Mann vorzuwerfen, um deſſen willen ich ſo ſtrenge behandelt werden koͤnnte.“ „ Aber wenn Sie dieſen Fehler erkannten, warum kehrten Sie nicht zu Ihrem Gemahle, ein Schnupftuch vor den Augen, und waͤre es auch nur der Wohlanſtaͤndigkeit wegen gewe⸗ ſen, wieder zuruͤck?“ „Ich glaube, daß ich als eine Frau, die nur zur Haͤlfte Unrecht hatte, Alles gethan habe, was man von mir erwarten konnte, indem ich mich zu der Mutter meines Man⸗ nes nach Elderbower begab.“ „Was das betrifft, ſo kann ich nichts da⸗ wider ſagen.“ „Nun wohl; aber was ſollte ich nachher anfangen? Was ſoll ich jetzt beginnen? Wuͤßte ich einen guten Weg, ich wuͤrde ihn verfol⸗ gen, ohne daß man mich dazu einladete.— Ich will frei mit Ihnen reden, Wylie. Als — 54— Frauenzimmer uͤberhaupt denke ich, wenn Sandyford eine Ausſoͤhnung wuͤnſchte, ſo waͤre es an ihm, als Mann, den Anfang dazu zu machen; dieß waͤre ein Schritt, deſſen ganzen Werth ich fuͤhlen wuͤrde. Aber als Gattin wuͤrde ich nicht bei einer leeren Etikette ſtehen bleiben. Wuͤnſcht er mich wiederzuſehen? Sa⸗ gen Sie mir nur ein Wort, und ich eile ſogleich zu ihm; ich wuͤrde die Vergangenheit vergeſſen, und mein ganzes Leben ſeinem Gluͤcke widmen.“ André erſtaunte uͤber dieſe Geſinnungen, die er durchaus nicht erwartet hatte, und da er nicht beſtimmt auf ihre Frage antworten konnte, ſo rief er aus:„Mylord iſt ein Narr! Er fuͤhlt den Werth des Geſchenkes nicht, das ihm der Himmel gemacht hat! Er kennt den Werth der Perle nicht, die er von ſich wirft!“ Die Graͤfin laͤchelte uͤber dieſen Enthuſias⸗ mus, und ſchien nicht unzufrieden uͤber das Kompliment.„Nun, guter Freund, ſagte ſie, laſſen Sie uns von andern Dingen ſprechen. Es ſei! ich kann nicht zu Sandyford zuruͤck⸗ kehren, wenn er es nicht wuͤnſcht.“ „Ich habe Ihnen ja nicht geſagt, daß er es nicht wuͤnſcht! rief André aus; im Gegen⸗ theil, ich glaube, daß nichts in der Welt ihm mehr Vergnuͤgen machen wuͤrde, als Sie in Chaſtington⸗Hall zu ſehen. Aber.... Hier hielt er plötzlich inne, und die Graͤ⸗ fin ſah mit Verwunderung ſeine Verlegenheit, welche aus ſeinem Widerwillen hervorging, von den Angelegenheiten mit Sir Ferrew etwas zu er waͤhnen. Ein Augenblick des Nach⸗ denkens beſtimmte ihn endlich, fuͤr jetzt von dieſem Gegenſtande abzubrechen. „Aber, um uns nicht mit ungluͤcklichen Be⸗ gebenheiten zu beſchaͤftigen, fuhr er fort, will ich Ihnen eine gute Nachricht mittheilen, Mylady. Ihr Bruder iſt angekommen, und wird morgen fruh hier eintreffen.“ Er er⸗ zoͤhlte ihr jetzt die Art ſeines Zuſammentreffens mit ihm, und warum er ihn uͤberredet habe, den Grafen Sandyford noch nicht zu ſprechen. Die Graͤfin, welche mit der groͤßten Ruhe zugehoͤrt hatte, bemerkte endlich, daß ſie nicht einſähe, warum er einen Streit zwiſchen ihnen beiden befuͤrchtet haͤtte, da ſie doch uͤberzeugt ſei, daß ſie nicht die Veranlaſſung davon werden koͤnne. „Ich weiß es eigentlich ſelbſt nicht, ant⸗ wortete André, durch dieſe Bemerkung einen Augenblick lang außer Faſſung gebracht; denn, Mylady, da ich es Ihnen doch ſagen ſoll, My⸗ lord iſt ſo hart wie Eiſen, und will ſelbſt nicht einmal Ihre Rechtfertigung mit anhoͤren.“ Die Gräſin ſtand auf, und ging einige Male, wie verwirrt, im Zimmer auf und nie⸗ der. Endlich kamen ihr die Thraͤnen zu Huͤlfe, und ſie ſagte ſchluchzend:„Ich haͤtte nicht ge⸗ glaubt, daß Sandyford ſo wenig Antheil an mir naͤhme.“ Dieſer Ton und dieſe Worte durchbohrten Wylie's Herz. Er ſah, daß die Grafin ſeiner Rede einen andern Sinn unterſchob, als er ſelbſt ihr eigentlich hatte geben wollen, und verſuchte daher, das Uebel wieder gut zu machen. „Ich bin der Meinung, Mylady, ſagte er, daß daran etwas Anderes Schuld iſt. Er nimmt mehr Antheil an Ihnen, als er ſelbſt glaubt und Andern glauben machen moͤchte, vorzuͤglich, weil er ſich einbildet, daß Sie ſich — 57— um ihn nicht bekuͤmmern. Uebrigens werden wir ja morgen mit Ihrem Bruder das Wei⸗ tere ſehen; aber Sie wuͤrden uns viele Muͤhe erſparen, wenn Sie Ihre Beine unter die Arme nehmen, und mit uns einen Abſtecher nach Chaſtington⸗Hall machen wollten. Sie wuͤrden ſich gewiß am beſten unter vier Augen mit Mylord verſtaͤndigen.“ Die Graͤfin laͤchelte, und ſuchte das Ge⸗ ſpraͤch auf andere Dinge zu bringen; ſie fragte ihn nach ihren Bekannten in London, und ſo beſchloſſen beide den Abend. Als André am andern Morgen mit der Graͤfin eben beim Fruͤhſtuͤck ſaß, kam Lord Riversdale an, und die Lady eilte ihm ſchon bis auf die Treppe entgegen, um ihn zu um⸗ armen. André bemerkte aber nach den erſten Freudebezeigungen des Wiederſehens, daß das Geſpraͤch anfing, empfindſam zu werden, und bediente ſich daher ſeiner guten Laune, um ihm eine andere Wendung zu geben; denn er rechnete darauf, erſt nach dem Fruͤhſtuͤck ſeine Batterien ſpielen zu laſſen, und die Graͤfin allmaͤlig zur Erklaͤrung der ihm noch — 58— dunklen Begebenheiten mit Sir Ferrew zu fuͤhren. Nach beendigter Mahlzeit begaben ſie ſi ſch in den Lieblingsſalon der Gräfin, der ſich auf der Suͤdſeite des Schloſſes in einem achtek⸗ kigen Thurme befand, und André eroͤffnete jetzt ſeinen Angriff:„Nun, Mylady! ſagte er, glauben Sie wohl, daß ich die ganze Nacht an Sie gedacht habe, ſo wie an dieſen hals⸗ ſtarrigen Lord Sandyford? Alles, was ich nun bei der ganzen Sache zu bemerken finde, iſt, daß Sie ſich mit ihm zu verſoͤhnen wuͤnſchen, und daß er es gleichfalls wünſcht⸗ aber daß er Zweifel hegt.“ „Zweifel? ſagte die Graͤfin. Was ſind das fuͤr Zweifel, und wie kann ich ſie ent⸗ fernen?“ „Ich bin der Meinung, Mylady, daß der Brief, welchen Ihnen die alte Wittwe ge⸗ ſchrieben hat, auf dieſe beiden Fragen ant⸗ wortet, und daß Sie wohl fuͤhlen muͤſſen, wie ſehr man wunſchen muß, einige Erklaͤrung uͤber die Zuſammenkuͤnfte zu erhalten, die Sie mit einem gewiſſen Sir Ferrew gehabt * — 39— haben. O weh! das große Wort iſt end⸗ lich heraus!“ Die Graͤſin erzaͤhlte hierauf mit eben ſo viel Ruhe als Kaltbluͤtigkeit die Begebenheit, wodurch ſte Ferrew hatte kennen lernen; ſie beſchrieb die Art von Wuth, womit er ihr nachher alle moͤglichen Aufmerkſamkeiten be⸗ wies, und ſich gewiſſermaßen an jeden ihrer Fußtritte feſſelte; ſie ſetzte endlich die Um⸗ ſtände auseinander, welche Bezug auf das Kind der Roſe und der Krone hatten, ſo wie die zufaͤlligen Urſachen, welche Veranlaſſung waren, daß Ferrew ihr zweimal, ſeit ihrer Abreiſe von London, begegnete. „Wie Schade! rief Lord Riversdale, daß der Graf nicht dieſen Ton der Wahrheit und Aufrichtigkeit mit anhoͤrte! Gewiß, er wuͤrde keinen andern Beweis deiner Unſchuld ver⸗ langen.“ 3 „Aber ich fuͤrchte, daß ihm ſehr wenig daran gelegen iſt, ob ich ſchuldig oder unſchul⸗ dig bin, ſagte die Graͤfin ſeufzend; ſein Herz iſt ſchon lange dem meinigen entfremdet.“ „Micht ſein Herz, antwortete André leb⸗ — 60— haft, ſondern nur ſein Kopf, und bei der Meinung, die er von Ihnen hat, Mylady, giebt er keinen großen Beweis ſeines Scharf⸗ blicks.“ Ach! Wylie! rief die Graͤfin, ziehen Sie ſeinen Scharfblick nicht in Zweifel. Ich ſelbſt muß ſeiner Rechtlichkeit, Geradheit und ſeinem Verſtande Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und wenn ich an die Vergangenheit zuruck⸗ denke, ſo muß ich erſtaunen, wie er es nur ſo lange mit mir hat aushalten koͤnnen. Ich weiß es, ich habe mich allzuſehr den falſchen Grundſätzen und Anſichten der großen Welt hingegeben.“ Die Aufrichtigkeit, Betruͤbniß und Wuͤrde, womit die Graͤfin dieſe Worte ausſprach, er⸗ regten André's Bewunderung, und Lord Ri⸗ versdale, unfähig ſeiner Ruͤhrung zu wider⸗ ſtehen, ſtand ploͤtzlich auf, naͤherte ſich einem Fenſter, und blieb dort einige Minuten ſtill⸗ ſchweigend ſtehen. „Auguſte, ſagte er endlich, ich werde Lord Sandyford ſprechen; er kann unmoͤglich zu⸗ — 61— geben, daß du dich ſelbſt ſo opferſt, denn ich kenne den Adel ſeiner Seele.“ Die Graͤfin ſah einen Augenblick ihren Bruder ruhig an, und ſagte dann:„Ich glaubte, du kennteſt mich beſſer, Riversdale. Niemals werde ich einwilligen, zu Lord Sandyford als ein Gegenſtand ſeines Mitleidens, nicht einmal ſeiner Großmuth, zuruͤckzukehren. Ich nahm von ihm nichts weniger an, als ſeine ganze Zaͤrtlichkeit, nicht, weil ich behaupte, ein Recht darauf zu haben, ſondern weil ich ſie jetzt zu verdienen wiſſen werde.“ Mit dieſen Worten ging ſie aus dem Zim⸗ mer, waͤhrend ihr Bruder eben ſo erſtaunt, als in Verlegenheit war. „Nun, Mylord, haben Sie jemals zwei ſo eingefleiſchte Teufel geſehen, die recht ge⸗ macht dazu ſcheinen, zwei rechtliche Maͤnner, wie Sie und ich, zu quaͤlen? Aber verdammt will ich ſein, wenn ſie mich uͤberliſten koͤnnen. Wir reiſen jetzt zuſammen nach Chaſtington⸗ Hall, Mylord, und wir wollen ſehen, ob wir es nicht durchfuͤhren, was ich mir in den — 62— Kopf geſetzt habe, ſie beide wider ihren Willen gluͤcklich zu machen. „Sie ſind ein unbegreifliches Weſen, ſagte der Lord, und ich fuͤhle, daß die Gewalt Ihres geſunden Verſtandes mich mit fortzieht, ob⸗ gleich das Zartgefuͤhl mich zuruͤckhalten ſollte.“ „Das Zartgefuͤhl! Mylord! Und was iſt denn dieſes Zartgefuͤhl? Eine Seifenblaſe, womit die Kinder ſpielen. Mit dergleichen Dingen befaſſe ich mich nicht, wenn ich ein gutes Werk vorhabe. Wir wollen die Chaiſe wieder beſteigen, womit Sie hierher gekom⸗ men ſind, und ohne Zeitverluſt nach Chaſting⸗ ton abreiſen.“— Und eine halbe Stunde da⸗ rauf ſaßen beide gluͤcklich im Wagen.— „Das kann ſo nicht laͤnger bleiben, My⸗ lord, ſagte André, als er die zerſtreute und melancholiſche Miene des Grafen Sandyford bemerkte; Sie gleichen einer Gans, die zu lange am Spieße bratet; alles Fett ſchmilzt, und es bleibt nur ein hartes Fleiſch uͤbrig, das man hoͤchſtens den Hunden vorwerfen kann.“ „Sie ſind's, Wylie! rief der Graf. Was iſt denn aus Ihnen geworden? Warum haben Sie mich denn ſo ploͤtzlich verlaſſen? „Ich Sie verlaſſen, Mylord?“ „Nun! aber wo ſind Sie geweſen? Was haben Sie gemacht?“ „Ich bin der Meinung, daß es ein wenig Nachdenken erfordert, ehe man zwei Fragen in einem Athem beantworten kann. Uebrigens koͤnnen wir ſie ganz unbeantwortet laſſen, wenigſtens fuͤr jetzt, denn ich habe Ihnen fuͤrchterliche Neuigkeiten mitzutheilen.“ „Wirklich? fragte der Graf unruhig. Was giebt's denn? Haben Sie etwas Neues erfahren, das Beziehung auf die Graͤfin hat?“ „Sie wiſſen, daß Sie mir verboten haben, von ihr zu ſprechen. Die arme Dame! ſagte André geheimnißvoll; aber was ich erfahren habe, iſt etwas ganz Anderes.“ „Sind etwa die Franzoſen gelandet?“ fragte der Graf, ſich bemuͤhend, ſeine Melan⸗ cholie zu unterdruͤcken, und einen heiteren Ton anzunehmen. „Ich will nicht ſagen, daß die Feinde des Koͤnigs in England ſind; aber ich weiß, daß Jemand angekommen iſt, den Sie vielleicht nicht ſehr gern ſehen werden: Lord Riversdale.“ „O, ich weiß es ſchon. Man hat mir ſogar geſagt, daß er hier geweſen ſein ſoll.“ „Nun gut, Mylord; ſoll ich ihm melden, daß Sie bereit ſind, ihn zu empfangen?“ „Er iſt alſo jetzt mit Ihnen hier? Sie waren wohl mit ihm bei der Graͤfin? rief der Graf uͤberraſcht.“ „Ja, Mylord, wir waren beide dort, und ſind jetzt beide hier.“ Lord Sandhyford antwortete nicht. Er ging, heftig bewegt, in dem Zimmer auf und nieder, ſeine Hand von Zeit zu Zeit an die Stirn bringend, und nur mit Mühe Athem holend. André beunruhigte ſich uͤber dieſen Zuſtand des Grafen. „Sollten Sie ſich nicht wohl befinden, Mylord? fragte er mit dem Ausdruck des Schmerzes. Ich fuͤrchte, zu weit gegangen zu ſein.“ „Nein, Wylie, nein, antwortete der Graf etwas ruhiger, aber ohne ihn anzuſehen; nicht weiter, als es ein Freund thun mußte.“ — 65— Einige Minuten gingen ſti llſchweigend voruͤber, und augenſcheinlich ſuchte der Graf ſeine innere Bewegung zu beherrſchen. End⸗ lich ſetzte er ſich, und ſagte ſeufzend zu André: „Ich ſehe wohl, ich muß mich uͤberwinden, ich kann mich dem Beſuche des Lords nicht entziehen. Fuͤhren Sie ihn alſo zu mir; aber jetzt noch nicht, laſſen Sie mir einige Augen⸗ blicke, um mich vorzubereiten. André machte eine Bewegung, um ſich z zu uugfernen aber als er ſo eben die Thuͤx oͤffnen wollte, ſah er ſich zufaͤllig noch einmal um, und erſchrak, als er die bleichen und zerſtoͤr⸗ ten Geſichtszuͤge des Lords Sandyford be⸗ merkte. 4 5 8As „Wylie! rief der Graf mißeiner Seimwe, die ſeine Ruͤhrung ankuͤndigte, Sie haben mich durch Ihre Freundſchaft gerettetz Sie haben mir die Augen geoͤffnet, und es mich fuͤhlen laſſen, daß mein Betragen meiner unwurdig war. Meine Ehre und mein Gluck ſind in Da an Haͤnden,"“. André war außer ſich dcer dieſe Worte; er rwollte reden, aber ſeine Zunge verſagte ihm II. Thl. 5 — 66— den Dienſt; daher kehrte er ſich plötzlich um, und verließ das Zimmer, um den Lord Rivers⸗ dale einzufuͤhren. Der Graf und Lord Riversdale eennpfingen einander mit einer kalten Hoͤflichkeit. Letzterer eroͤffnete die Unterhaltung, und aͤußerte ſein tiefſtes Bedauern, daß die Verſchiedenheit des Charakters, die zwiſchen dem Grafen und ſei⸗ ner Gemahlin herrſchte, dieſe Zuſammenkunft noͤthig gemacht habe. Er ſprach hierauf ſehr weitlaͤuftig, und ohne nur ein einziges Mal unterbrochen zu werden, von den Begebenhei⸗ ten in Bezug auf Ferrew und das Kind, und endete endlich damit, daß er bemerkte, wie leicht es dem Grafen geweſen ſein wuͤrde, die Wahrheit zu entdecken, wenn er hieruͤber eine ernſthafte Unterſuchung angeſtellt haͤtte. „Ich wuͤrde nicht ermangelt haben, es zu thun, antwortete der Graf, wenn dieſe Ange⸗ legenheit fuͤr meine Perſonlichkeit nur im mindeſten wichtig geweſen waͤre; aber da ich füͤhlte, daß ich als ein Mann von Ehre mir nicht erlauben konnte, irgend ein gerichtliches Verfahren gegen Lady Sandyford einzuleiten: ſo hatte ich nicht noͤthig, von einer Sache, die mir ſchon hinreichend bewieſen zu ſein ſchien, neue Beweiſe aufzuſuchen.“ „Aber meine Schweſter iſt unſchuldig, rief Riversdale; das gediegenſte Gold iſt nicht reiner, als ihre Ehre!“ „Ich keene hich, es zu hoͤren,“ antwortete Sünbyfard kalt. „Aber welchen e wollen Sie denn nun einſchlagen?“ J: an. 7„ Ich will Alles thun, was ich im Stande bin, um ſie gluͤcklich zu machen. Was wuͤnſcht ſie, um gluͤcklich zu ſein? Die Bewunderung und die Huldigungen der Welt. Nun gut, ich werde ihr ein hinreichendes Einkommen ſichern, damit ſie ihrer Eirelteit Ganüge lei⸗ ſten kanne n. 1 1 „Sie wird dieſes Anerbieren mit Berach⸗ tung von ſich weiſen, Mylord, und ich ſehe mit Bedauern, daß Sie ſie weder zu ſchäͤtzen wiſſen, noch ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen.* e 4 Riversdale ſpbach disſe Warkte mit ſa ſhmetzhaften„Tone aus, daß Sandyford da⸗ 5* — 68— durch beinahe außer Faſſung kam. Doch blieb er Herr uͤber ſich, und ſetzte ihm nun mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit auseinander, wie er bereits mehrere Jahre mit der Graͤfin ver⸗ heirathet geweſen ſei, ohne daß er jemals von ihr irgend einen Beweis ihrer Zuneigung er⸗ halten habe; wie ihr ganzes Gluͤck nur darin beſtanden habe, in der großen Welt zu glaͤn⸗ zen, und er alſo fuͤrchten muͤſſe, kuͤnftighin ein aͤhnliches Leben mit ihr zu fuͤhren; wie es endlich auf dieſe Weiſe fuͤr beide Theile am beſten ſein wuͤrde, bei der einmal geſche⸗ henen Trennung zu beharren.— Alles dieſes machte einen tiefen Eindruck auf das zarte und feinfuͤhlende Gemuͤth des Lords Rivers⸗ dale. Nachdenkend ſaß er eine Zeit lang, ohne ein Wort zu erwiedern, und ein allgemeines Stillſchweigen herrſchte mehrere Minuten hin⸗ durch, bis ſich Riversdale endlich wie ein Mann, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat, erhob. „Mylord, ſagte er zum Grafen, ich fuͤhle die ganze Wichtigkeit deſſen, was Sie ſo eben geſagt haben. Das Ungluͤck meiner Schweſter ſchmerzt mich tief, aber ich ſehe Kein Mittel⸗ — 69— ihm abzuhelfen. Laſſen Sie uns alſo nicht weiter von dieſer traurigen Selcgeuheſt Heces 6 G e n Lord Sandyford gab ein de hen mit ſei⸗ nem Kopfe, um anzudeuten, daß er hiermit einverſtanden ſei; und um das Geſpraͤch auf andere Gegenſtaͤnde zu lenken, ſing er an, von der Weltbegebenheit zu ſprechen⸗ welche damals alle Gemuͤther beſchäftigte, von der franzoͤſiſchen realutione als Andie 3un ehisdlich unter⸗ öbrach. ⸗. n 9 di⸗ N Sramnes und Erde! rief,e er aus; ſind Si⸗ denn nicht recht bei Verſtande? Und das iſt nichts, daß die Graͤfin ihren ehemaligen Fehler zeinſteht, daß ſie den Grafen liebt, und nur ſeine Liebe zu beſttzen wuͤnſcht? Was; und jalle meine Muͤhe, alle meine Sorgen, meine Arbeiten haͤtten nun keinen andern Ausgang, als ein Gewaͤſch uͤber die Narrheiten, die man nin Frankreich begeht? Was heißt das, My⸗ (lord 2 Und Sie, Lord Riversdale, iſt Ihnen der Kopf verwirrt? Soll Lady Sandyford in Kumier und Entehrung iidie ſie: nicht verdient hat, umkommen?—. Ich bin — 70— der Meinung, daß dieß ſo riche enden. kann!“ Mit dieſen Worten, und don⸗ ſich naͤher uͤber ſeine Abſichten zu erklären, verließ er ſie ploͤtzlich, warf ſich in die Poſtchaiſe, welche noch im Hofe hielt, und war auf dem Wege nach Britonsbeild, ehe ſich noch die beiden Lords von dem Erſtaunen erholt hatten, das ihnen ſein Betragen verurſachte. Er kam in Britonsbeild in dem Augen⸗ blick an, wo die Graͤfin ſo eben ihre einſame Mittagsmahlzeit beendigt hatte; und ſie er⸗ kannte ſogleich, als ſie ihn erblickte, daß er ihr eine wichtige Nachricht braͤchte. Daher ſchickte ſie die Bedienten fort, und ſtand vom Tiſche auf, um ihn zu empfangen. „Ihr Narr von Bruder und Ihr Tollkopf von Mann, ſagte André, haben in ihren gan⸗ zen Leibern nicht ſo viel geſunden Menſchen⸗ verſtand, als Sie in der Spitze ihres kleinen Fingers, Mylady. Sie müſſen mit mir nach Chaſtington fahren, ſonſt wird es mich nicht wundern, daß jene Weiden äſich noch gegen Sie verbinden.“ mntneanmnm, — 711.— „Was wollen Sie ſagen?“ rief Lady Sanoyſord, auf ihren Stuhl zuruͤckſinkend. „Was ich ſagen will, Mylady? Daß Sie ſchon viel zu lange hier geblieben ſi ſind. Denn ich bin in dieſem Augenblick nicht im Stande, Ihnen zu erzäͤhlen„ was ſich alles zugetragen hat. Ihr Mann hat geſagt, daß Sie ſo kalt ſind, wie eine Porzellantaſſe, und deßwegen will er Sie nicht mehr haben; und Ihr ein⸗ faͤltiger Bruder findet dieſe Urſache ganz vor⸗ trefflich. Alſo, Mylady, muß man ihnen zei⸗ gen, was Sie ſind: Porzellan oder nicht; Sie muͤſſen mit mir zum Lord Sandyford zuruͤck⸗ kehren. Zoͤgern Sie nicht; ſein Herz gehoͤrt Ihnen, es handelt ſich nur darum, ihm zu zeigen, daß Sie auch ein Herz haben, was Sie ihm dagegen zuruͤckgeben können. Schmet⸗ tern Sie ihn zu Boden, indem Sie ihm zei⸗ gen, wer Sie ſind, welchen Seelenadel Sie beſitzen, um ihre eigene Erniedrigung erkannt zu haben. Indem Sie Ihren frühexen Irr⸗ thum hekennen, werden Sie nur um ſo herr⸗ licher glänzen. Auf! machen Sie ſi ich fertig! Ich verwette meine beiden Ohren, daß der — 2= Sommer Ihrer ſthaͤnen Tage doien od) bevorſteht!— 831 „Ich merke wohl, daß mein Vtdi mich verlaſſen hat, und daß ich keinen andern Freund mehr beſitze, als Sie, Wylie, ſagte die Graͤfin traurig lächelnd. Wohlan, ich folge Ihrem Rath. Ich muß ſo die Unvorſichtigkeit buͤßen, welche ich beging“, indem ich dem Rath mei⸗ nes Vaters Gehoͤr gab. Ja, ich will Sie be⸗ gleiten, und der Eifer, womit Sie mich be⸗ ſtürmen, laͤßt mich hoffen, daß Sandyford meinem Wunſthe, ſeine Zuneigung wieder zu gewinnen,„Geraazefgteit uideähten daſſes wird.“/ 136. 2 4 212 II139 3. I n „Das nenne ich noch eine brave Frau, und Sie verdienen⸗ daß man Ihnen einen Pfennig ſchenkt, um ſich Aepfel zu kaufen,“ rief André mit einem Tone aus, als wenn er zu einem Kinde ſpräche, das ſc ſeine Sns. friedenheit erworben hatte.— 4 Die Geaſin lächelte, und befahl, bogleic ale b Aäſtarte 40 ihrer Abteiſe 8 uüchene 6 in 129 noacham 1ju asr nnt 33 h! KAIAA, niu aiam zmsus r. Lord Ri 345 nach 1B plbblicher Ab⸗ reiſe, beinahe: in einem Zuſtande von Bewußt⸗ loſigkeit. Sie⸗ fuhren zwar fort, ſich zu unter⸗ halten, aber 8s war augenſcheinlich, daß ſie nur der Wohlanſtäͤndigkeit wegen n mit einander ſprachen, und daß ihr Geiſt mit ganz andern Dingen beſchäftigt war, als mit dem Gegen⸗ ſtande ihrer; Unterhaltu 9. Riveroͤdale erhob ſich endtich, um wisher abzureiſen, ohne nur noch ein Wort i in Be⸗ ziehung auf ſeine Schwyeſter fallen zu laſfen. Er kannte noch nicht dinreichend den ſeltſamen Charakter unſeres Helden, um auf ſeine ploͤt⸗ liche Flucht irgend eine wahrſcheinliche Ver⸗ muthung zu gründen, und wußte durchaus nicht, was er von einem ſo außerordentlichen und unerklärlichen Betragen d denken ſollte. 1 So. war es aber nicht mit dem Lord⸗San⸗ dyford Die Vorſtellung, daß André wohl zur Graͤfin geeilt ſein koͤnne, um ſie abzuholen, wurze mzwar ſeiner Einbildungskraft einige Male ziemlich deutlich; aber er unterdruͤckte ſie wieder, in der Ueberzeugung, daß er es nie wagen wuͤrde, ſich einen ſolchen Schritt zu erlauben. Doch beſchaͤftigte ihn dieſer Ge⸗ danke viel, und dieß war vielleicht der Grund, ohne daß er ihn ſich ſelbſt geſtand, warum er ſeinen Schwager dringender, als die gewöhn⸗ liche Hoͤflichkeit erforderte, bat, zum Mittags⸗ eſſen zu bleiben. Denn es ſchien ihm ganz gewiß. daß André mit der Ausführung irgend eines auf die Verſoͤhnung mit ſeiner Ge⸗ mahlin Bezug habenden Vorhabens beſchäf⸗ tigt ſei, und bald zuruͤckkommen wuͤrde; er wünſchte ſich daher von Lord Riversdale nicht zu trennen, ehe er Rachricht von t im Lihni⸗ ten haͤtte. Gexgen Abend endlich, als der Graf eben mit dem Lord Riversdale eine Partie Tocca⸗ tegli angefangen hatte, um die Zeit zu ver⸗ kürzen, erſcholl das Geräuſch eines Wagens im Schloßhofe. Sandyford eilte an ein Fen⸗ ſter, erblaßte und errothete hintereinander, und lief in der heftigſten Bewegung aus dem Zimmer. Riversdale, weniger lebhaft i ſei⸗ — 75— nen Bewegungen, war ebenfalls aufgeſtanden, um zu ſehen, wer angekommen ſeiz indem er aber mit langſamen Schritten auf ein Fenſter zuging, oͤffnete ſich die Thuͤr, und André ſtuͤrzte herein. Er warf ſich in einen Armſtuhl, und blieb in demſelben einige Minuten lang ſitzen, ohne ein Wort hervorzubringen, mit ausge⸗ ſtreckten Beinen, den Ruͤcken an die Lehne ge⸗ ſtützt, die Augen an die Decke geheftet, als wenn er aufmerkſam die ſie ſchmuͤckenden Ma⸗ lereien betrachtete, und von Zeit zu Zeit einen unruhigen Blick nach der Thuͤr hinwerfend. Lord Riversdale ſtaunte ihn mit der aͤußer⸗ ſten Neugierde an; aber ein ihm unerklaͤr⸗ liches Gefuͤhl verhinderte ihn, ihn anzureden. WPlötzlich ſprang Andrs auf, ging mit großen Schritten nach der Thuͤr, und war im Begriff ſie zu oͤffnen: als ihn wahrſcheinlich ein neuer ihm einfallender Gedanke zuruͤckhielt; er kehrte nach dem Armſtuhl zuruͤck, kreuzte ſeine Arme uͤber einander, ließ den Kopf auf ſeine Bruſt ſinken, und heftete mit finſterer und beſorglicher Miene ſen Augen ſtarr auf Ain⸗ Jußboden. ein Es vergingen abermals mehrere Minuten. Er rieb ſich die Stirne, ſtampfte mit dem Fuße, und rief endlich, ſeine Augen auf Lord Riversdale richtend:„Ich bin der Mei⸗ nung, daß der Teufel ſich hineinmiſcht! So warten zu muͤſſen, iſt unerträͤglich!“”“ inn Die Thuͤr ging in dieſem Augenblick auf. André ſprang eilig auf, und lief dorthin; als er aber ſah, daß es nur ein Bedienter ſei, der etwas holen wollte: drehte er ſich wieder um, und ſtellte iſ ch an ein Fenſter, gleichſam als wenn er ſeine Wolbegung und 1dedle verbergen wollte! uunf „Was giebt es denn? Pasebterstaen 1 agte endlich Lord Riversdale, weichet anfing unruhig zu werden, daßer ihn in einem ſo Aeleſemn Zuſtande ſah. 109=— 12a19 n,Ich habe entweder einen Topf wieder ganz gemacht, oder ihn beneaan Kenheochefe antwortete Andre. um⸗ han 6111 s iun Mim Gottes wilten, erklaͤren Sie ach ⸗ ſchrie der Lordelebhaft. inn unch am lut„Warten Sierdoch, bis ich weinen Kopf wieder in Ordnung gebracht habezhies dahin = bin ich nicht im Stande, Ihnen etwas zu ſagen! aunIch fuͤrchte“., ſagte Riverodale. „Ich auch!“ unterbrach ihn André. In dieſem Augenblick hoͤrte man mehrere Male klingeln, und es ſchien auf der Vor⸗ flur eine außerordentliche Bewegung zu⸗ herr⸗ ſchen. André ſtuͤrzte hinaus, ſchrie laut auf vor Freude, und trat bald darauf mit dem Grafen und der Graͤſin wieder in den Salon. Zufriedenheit glänzte in ſeinen Augenz das Vergnügen, ſeinen Zweck erreicht zu haben, gab ſeinem ganzen Aeußeren eine ſo auffallende Miene von Adel und Würde, daß Lord Riyers⸗ dale davon betroffen wurde, und beinahe zwei⸗ felte, daß dieſes das ſeltſame Weſen ſei⸗ deſſen Sitten und Geberden ſtets eben ſo enigineg zuſchitmals ſeine Reden. Als ſie im Salon waxen, ſagte Lord Ghuf aſaa mit dem Tone des Scherzes, welcher aber hald darauf ernſter und erhabener, wurde: „Wie Schade, daß man jetzt auf das mytho⸗ logiſche Syſtem der Alten verzichtet hat! Ich würde heute Abend einen Altar zu Ehren Merkurs, unter der Geſtalt von André Wylie, — 78— errichten laſſen, und ir gend ein Feſt zu ſeiner Ehre ſtiften. Sie haben mich gelehrt, mein theu⸗ rer, beſter Freund, daß der Himmel uns in den Dienſten, die wir unſeren Nebenmenſchen lei⸗ ſten, oft unſeren eigenen Vortheil finden laͤßt. Der Antheil, den ich an Ihnen nahm, von dem erſten Augenblicke an, wo ich Sie ſah, der mich bewog, Ihnen nuͤtzlich zu werden, und welcher jetzt mein ganzes Leben hindurch eine Pflicht fuͤr mich iſt— war ohne Zweifel eine Eingebung des Himmels, der mir in Ihnen das Weſen zufuͤhrte, das mich zu mir ſelbſt zuruͤckrufen, mir meine Gluͤckſeligkeit wiedergeben, und mich den ganzen Werth eines Schatzes kennen lehren ſollte, welcheme ich beſa ohne ihn zu kennen.“ „Wohlan, Mylord, wohlan, ſagte Andro. welcher die Thränen der Freude nicht mehr zuruͤckhalten konnte, Gott ſei gelobt! Aber je weniger wir davon ſprechen, deſto beſſer iſt esz und da man ſo eben das Abendeſſen ankuͤn⸗ digt, ſo erlauben Sie mir fuͤr heute, nur fuͤr heute, Mylady an den Platz zu faheen der ihr an Ihrem Tiſche gebuͤhrt.“— —— Lord Sandyford ergriff die Hand ſeiner Gemahlin, und legte ſie in André's Hand, ihn mit Augen anblickend, die ſo von Zufrie⸗ denheit und Dankbarkeit glaͤnzten, daß dieſer Blick, wie unſer Held es nochmals öfters be⸗ theuerte, mehr werth war, als tauſend Pfund Goldes. Sie begaben ſich in den Speiſeſaal, von Lord Riversdale gefolgt, fuͤr welchen dieſe plötzliche Ausſoͤhnung ein Wunderwerk war, an welches er kaum glauben konnte. Schon am folgenden Tage reiſte André, ungeachtet aller Bitten des Grafen und ſeiner Gemahlin, nach London zuruͤck; er ſagte, daß ſeine Anweſenheit in Chaſtington⸗Hall jetzt gluͤcklicherweiſe nicht mehr von Nutzen ſei, und daß er daran denken muͤſſe, ſeine Pflich⸗ ten gegen Herrn Vellum zu erfuͤllen. Nach ſeiner Abreiſe bemerkte Riversdale, welcher mit der Graͤſin allein war, daß er es fuͤr die Pflicht der beiden Familien anſehe, alle ihre Kräfte zu vereinigen, um Wylien in der Welt fort zu helfen, und ihm den Weg des Gluͤcks zu bahnen. „Ich bin uͤberzeugt, antwortete ſeine — 309— Schweſter, daß mein Vater lebhaft die Ver⸗ bindlichkeiten fuͤhlen wird, welche wir ihm ſchuldig ſind. Was Sandyford und mich be⸗ trifft, ſo iſt er unſer Freund, und wir werden ſein Zartgefuͤhl nie durch das Anerbieten einer Belohnung in Gelde beleidigen. Wir ver⸗ danken ihm unſer Gluͤck, und muͤſſen nur daran denken, ihm das ſeinige zu ſichern. Einige Tage nachher langte der Marquis von Avonſide an, um den beiden Gatten uͤber ihre Wiedervereinigung Gluͤck zu wuͤnſchen, und erfuhr, durch welches ſeltſame Mittel ſie herbeigefuͤhrt worden war. Er fragte nach den naͤheren Umſtaͤnden in dem Charakter und in den Fähigkeiten dieſes Wylie, und ſagte zum Grafen, er zweifele nicht daran, daß er ihn fuͤr ſolche Dienſte großmuͤthig belohnt habe. „In Abſicht auf eine Belohnung an Gelde iſt es mir unmoͤglich, antwortete Sandyford; mein ganzes Vermoͤgen wuͤrde nicht hinreichen. Es ſteht zu ſeinem Dienſte, zu ſeiner Ver⸗ fuͤgung; aber wenn Sie dieſen ſeltſamen jungen Mann kennen ſollten, ſo würden Sie ſchen, daß ich bei dieſem Anerbieten nicht viel — 91— befürchte; denn ich bin uͤberzeugt, daß er von mir nicht einen Schilling unter dem Namen einer Belohnung annehmen wuͤrde.“ „Wenn das iſt, ſagte der Marquis, ſo ſehe ich wohl, was ich thun muß. Ich werde ihn unter meinen beſonderen Schutz nehmen; das Erſte, was ich bei meiner Ruͤckkunft nach London thun will, iſt, daß ich ihn zu mir kommen laſſe, um zu ſehen, wozu er ſich eignet; und dann werde ich fuͤr ihn das ganze Ge⸗ wicht meines Einfluſſes in die Wagſchale legen.“. „Ich fuͤrchte, Mylord, erwiederte der Graf, welcher eben keine hohe Meinung von den Ta⸗ lenten und der Urtheilskraft ſeines Schwieger⸗ vaters hatte, daß Sie nicht ſogleich einſehen werden, was er fuͤr Faͤhigkeiten hat; allein ich verſichere Sie, daß er im Stande iſt, einen hoͤheren Poſten auszufuͤllen, als alle die⸗ jenigen, welche Sie ihm verſchaffen koͤnnten.“ Sobald der Marquis wieder in London angekommen war, ließ er unſern Helden zu ſich kommen. Wylie's Perſon war ihm nicht gäͤnzlich unbekannt, da er ihn fruͤher ſchon II. Thl. 6 —— — 82— mehrmals bei dem Grafen Sandyford geſehen hatte; aber er hatte noch niemals mit ihm geſprochen, und es ſogar ziemlich außerordent⸗ lich gefunden, daß ſein Schwiegerſohn einen Menſchen von ſo ſeltſamem Weſen bei ſich zu⸗ ließ. Er erſtaunte, als er ihn eintreten ſah; indeſſen nahm er ihn ſehr gut auf, ladete ihn ein, einen Stuhl zu nehmen, und nachdem er ſich auf ſeinen Armſtuhl vor ſeinem Schreib⸗ tiſche wieder niedergeſetzt hatte, ſagte er: Lord und Lady Sandyford haben Sie mir auf das Angelegentlichſte empfohlen, Herr Wylie, und auch mein Sohn, der Lord Riversdale, hat den Wunſch geaͤußert, daß ich meinen ganzen Einfluß zu Ihren Gunſten anwenden moͤchte. Da es mir nun ein Vergnuͤgen iſt, ihnen Genuͤge zu leiſten, und zugleich Ihnen zu beweiſen, wie ſehr ich Ihren Eifer und Ihre Klugheit zu ſchaͤtzen weiß: ſo habe ich Sie zu mir kommen laſſen, um zu hoͤren, womit ich Ihnen dienen kann.“ André kannte ſchon den Charakter des Marquis, und dieſe wenigen Worte reichten hin, ihm denſelben gaͤnzlich zu entſchleiern. — 33— „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Mylord, antwortete er; aber ich bin der MMeinung, daß es mir fuͤr jetzt ſchwer ſein wuͤrde, Ihnen zu ſagen, auf welche Art der maͤchtige Schutz Ihrer Herrlichkeit mir nuͤtzlich ſein kann.“ „Wuͤnſchen Sie eine Anſtellung im Auslan⸗ de? fragte der Marquis; ein Konſulat zum Bei⸗ ſpiel? Nichts waͤre leichter Ihnen zu gewaͤhren.“ „Dieſe Laſt moͤchte vielleicht etwas zu ſchwer fuͤr meine Schultern ſein, antwortete André; und da ich eine wiſſenſchaftliche Lauf⸗ bahn angetreten habe, die eines Advokaten, ſo bin ich der Meinung, daß ich wohl thun wuͤrde, darin fortzufahren.“ „Sie ſcheinen mir ein ſehr pernüuftiger junger Mann zu ſein, ſagte der Marquis, und ich werde auch gewiß Mittel finden, Ihnen in Ihrem Stande nuͤtzlich zu ſein.“ „ Ich zweifle nicht daran, Mylord, ant⸗ wortete André ehrerbietig. Von welchem Stande auch ein Mann ſein moͤge, ſo haben Ihre Herrlichkeit Macht genug, ihn bis auf die oberſte Sproſſe der Leiter zu heben, wenn Sie es belieben.“ 3 6* —&4— Der Marquis laͤchelte wohlgefaͤllig, und fuhr mit dem Tone der guten Laune fort: „Und ich kann Sie verſichern, Herr Wylie, daß ich geneigt bin, alle meine Kraͤfte anzu⸗ wenden, um Sie hinaufzuheben.“ Die Unterhaltung dauerte noch einige Zeit hindurch, und André wußte ſich immer mehr das Wohlwollen des Marquis zu erwerben. Dieſer endigte endlich mit den Worten:„Ich muß geſtehen, daß Ihre Klugheit und Be⸗ ſcheidenheit meinen Wunſch noch ſehr ver⸗ groͤßern, Ihnen nuͤtzlich zu werden. Ich will damit den Anfang machen, Ihnen meine Pri⸗ vatangelegenheiten zu uͤbertragen; doch kann dieß nicht ſogleich geſchehen, da mein alter Freund, Jack Docquet, ſie noch in Haͤnden hat. Aber er iſt 72 Jahr alt, und ſchon zwei⸗ mal vom Schlage geruͤhrt worden; rechnen Sie darauf, ſein Nachfolger zu werden, und Sie ſollen ſehen, daß es der Muͤhe werth iſt. Uebrigens wenden Sie ſich jederzeit, wenn ich Ihnen dienen kann, mit Zutrauen an mich, und ich werde bereit dazu ſein.“ André betrachtete dieſe Unterredung u mit — 4 7 ——— Recht als die wichtigſte Begebenheit ſeines Lebens. Die Klientſchaft des Marquis war ihm zugeſichert, obgleich noch zu einer unbe⸗ ſtimmten Zeit, die aber nicht mehr weit ent⸗ fernt ſein konnte. Dieſe Klientſchaft begriff nicht nur die Prozeßangelegenheiten, ſondern auch die Verwaltung aller Guͤter des Marquis, welche aͤußerſt betraͤchtlich waren. Uebrigens ſprach der Marquis, welcher ſeinen Schutz nie halb gewaͤhrte, von ihm allenthalben wie von einem Wunder der Klugheit, wie von einem jungen Manne, der die ſchoͤnſte Zierde ſeines Standes zu werden verſpraͤche; und er kuͤn⸗ digte zugleich ſeinen Entſchluß an, daß er ihn unter ſeinen beſonderen Schutz genommen habe. imn Einige Zeit verfloß hierauf, waͤhrend wel⸗ cher in dem Leben unſeres Helden nichts Merkwuͤrdiges vorſiel. Er beſuchte den Grafen und die Graͤfin Sandyford, welche ihren Wohn⸗ ſitz in Chaſtington⸗Hall nicht veraͤnderten, ſehr haͤufig, und ermangelte ſelten, auf dem Wege dahin bei Sir Mordaunt abzuſteigen, der ihm ebenfalls die Uebertragung ſeiner — 86— Angelegenheiten verſprochen hatte, ſobald er ſich auf eigene Rechnung anſetzen wuͤrde, und ihn jedesmal zu dieſem Letzteren aufforderte. „Dieſer Augenblick wird kommen, antwor⸗ tete ihm André; aber ich muß meinen Federn Zeit laſſen, zu wachſen. Wenn ich mich ſtark genug fuͤhlen werde, mit meinen eigenen Fluͤ⸗ geln fliegen zu koͤnnen, werde ich nicht ver⸗ fehlen, Sie davon zu benachrichtigen, und um die Unterſtuͤtzung durch Ihre Freundſchaft zu bitten.“ Der Graf und die Graͤfin machten ihm weder Verſicherungen ihrer Dankbarkeit, noch Anerbietungen ihrer Dienſte; aber ſie empfin⸗ gen ihn als einen wahren Freund, und erwar⸗ teten mit Ungeduld eine Gelegenheit, ihm auf eine andere Art als durch Worte ihre Ach⸗ tung und Zuneigung zu beweiſen. Ein ploͤtzliches, aber nicht unerwartetes Ereigniß ſollte bald die Gunſt ſeiner Freunde auf die Probe ſtellen, und André ſah ſich auch in ſeinen Hoffnungen durchaus nicht betrogen. Ein dritter Schlagfluß endete das Leben des alten Jack Docquet, und noch an demſelben — 87— Tage benachrichtigte ihn ein Schreiben des Marquis von Avonſide von dieſer Begeben⸗ heit, ſo wie, daß er ihm von nun an die Fuͤh⸗ rung und Verwaltung aller ſeiner Privat⸗ angelegenheiten vertraute. Am andern Morgen ging André in Vel⸗ lum's Schreibſtube, und bat ihn um Erlaub⸗ niß, einen Beſuch bei Mordaunt und dem Grafen Sandyford machen zu duͤrfen, ſo wie um Auszahlung einer kleinen Summe von ſeinen Erſparniſſen, die er ihm uͤbergeben hatte. Vellum bewilligte beides ohne Schwie⸗ rigkeit, und waͤhrend er eine Zahlungsanwei⸗ ſung an ſeinen Bankier ſchrieb, fuhr André fort:„Es iſt mir eine Idee durch den Kopf gefahren, Herr Vellum; wenn es Ihnen naͤm⸗ lich angenehm waͤre, ſo kͤnnten wir wohl Kompagnie zuſammen machen.“ Dem Advokaten fiel die Feder aus der Hand, und er ſah André'n an, als wenn er in ſeinen Augen leſen wollte, ob er den Ver⸗ ſtand verloren haͤtte. Da er hiervon kein Zeichen bemerkte, ſo glaubte er ihn falſch ver⸗ ſtanden in haben. „Was ſagten Sie?“ fragte er. „Ich ſagte Ihnen, Herr Vellum, wenn es Ihnen angenehm waͤre, ſo koͤnnten wir wohl in unſern Geſchaͤften Kompagnie mit einan⸗ der machen.“ „Kompagnie? Woran denken Sie! Sie ſind ja nur noch ein Neuling, und kennen weder hinreichend die Formen, noch die Ge⸗ ſetze.“ „Das mag ſein, Herr Vellum, und doch bin ich der Meinung, wenn Sie mich zum Kom⸗ pagnon annehmen wollten, ſo wuͤrden wir uns beide dabei wohl befinden.“ Vellum hatte weder den aͤhnlichen Antrag vergeſſen, welchen ihm der Graf Sandyford ſchon fruͤher einmal machte, noch die Art, wie er von ihm die Bewilligung eines Gehalts von 700 Pfund Sterling fuͤr unſern Helden erlangte. Das jetzige Anerbieten André's miß⸗ fiel ihm alſo um ſo mehr, da es in dem Au⸗ genblick geſchah, wo er ihm ſeine Reiſe nach Chaſtington ankuͤndigte. Er glaubte daher, daß der Graf dahinter ſtecke, und daß die Klugheit erfordere, ruhig und ernſt zu antworten. — 89— „Mit der Zeit, Wylie, koͤnnen Sie einigen Grund zu Ihrer Hoffnung haben, aber fuͤr jetzt muͤſſen Sie ſelbſt fuͤhlen, daß Sie noch zu jung ſind.“ „JIch bin der Meinung, Herr Vellum, daß Pitt nicht viel aͤlter war als ich, als man ihn zum Miniſter machte.“ „Ich hoffe, Sie wollen ſich nicht mit hite vergleichen?“ „Behuͤte der Himmel! Aber Pitt war Miniſter von drei Koͤnigreichen, und ich ver⸗ lange nur einen Theil von Ihren Geſchaͤften.“ Der Advokat wußte kaum mehr, was er antworten ſollte; es beunruhigte ihn, daß Wylie mit einer Art von Hartnaͤckigkeit bei ſeiner Forderung blieb, und dieſer Gedanke vergroͤßerte nur noch ſeinen Verdacht.„Herr Wylie, ſagte er, hat Ihnen Jemand dieſe Idee eingegeben? Antworten Sie frei!“ 1„Ich werde Ihnen mit eben ſo viel Frei⸗ muͤthigkeit antworten, als Sie mich fragen, Herr Vellum. Nein! Niemand hat mir ein Wort davon geſagt. Es iſt eine Idee, die in meinem eigenen Gehirne entſtanden iſt, und — 90— ich glaubte, daß Sie jetzt wohl ſchon wiſſen muͤſſen, daß ich nicht ganz ohne Goͤnner bin.“ „Ich habe gute Urſach gehabt, es zu be⸗ merken,“ ſagte Vellum bedeutend. „Nun, ich ſagte es auch voraus, fuhr André mit der groͤßten Ruhe fort, und ich glaubte, daß Sie darauf Ruͤckſicht nehmen wuͤrden. Daher moͤchte ich ſobald als moͤglich wiſſen, ob Sie mich zum Kompagnon nehmen wollen oder nicht.“. „In einigen Jahren, Herr Wylie, koͤnnten Sie mir allenfalls dieſe Frage thun; aber jetzt iſt die Birne noch nicht reif.“) „Ich will nicht beurtheilen, ob ſie es iſt, Herr Vellum, das moͤgen Sie entſcheiden. Aber ich weiß, daß ein Mann, der Geld in der Taſche oder gute Freunde hat, ſich die ihm fehlenden Talente und Kenntniſſe ver⸗ ſchaffen kann. Es giebt in unſerem Stande eine Menge junger Leute, voll von Verſtand und Geſchicklichkeit, und ſelbſt Maͤnner, die ſich ſchon ſeit langer Zeit angeſetzt haben, welche wegen der Klienten, die ich ihnen zufuͤhren wuͤrde, mich gern als Kompagnon annaͤhmen.“ — 9U— Dieſer Kunſtgriff war fuͤr Vellum eine Sturmglocke.„Herr Wylie, Sie ſcheinen ein wenig zu ſehr auf die Guͤte des Grafen San⸗ dyford zu rechnen,“ ſagte er lebhaft. „Keinesweges, antwortete André trocken; doch das gehoͤrt nicht zur Frage, ob Sie mich zum Kompagnon annehmen wollen.“ „In der That, Herr Wylie, ſagte der Advokat, welcher dieſen Vorſchlag ſchon ernſt⸗ licher uͤberlegte, und Berechnungen zu machen anfing; Sie koͤnnen doch nicht verlangen, daß ich Ihnen noch in dieſem Augenblick auf eine ſolche Frage antworten ſoll.“ „Ich verlange auch nicht ſogleich eine voͤllige Uebereinkunft, Herr Vellum; ſagen Sie mir nur, ob Sie mich zum Kompagnon haben wollen, und ich werde Ihnen hin⸗ reichende Zeit laſſen, zu uͤberlegen, welchen An⸗ theil vom Gewinnſte Sie mir geben wollen.“ Obgleich Vellum ſich vor Aerger in die Lippen biß, ſo konnte er ſich doch nicht ent⸗ halten, uͤber dieſe letztere Bemerkung zu laͤcheln, und er ſagte mit anſcheinend guter Laune: „Wohlan, Wylie, ich ſehe, daß ich mich ent⸗ — 92— ſchließen muß. Es ſei! Wir wollen in Kom⸗ pagnie treten, und ich hoffe, daß wir uns uͤber die naͤheren Bedingungen einigen werden.“ „Ich hoffe es auch, antwortete André, und damit Sie ſehen, daß ich kein Mehl aus der Muͤhle holen will, ehe ich Getreide hineinge⸗ bracht habe, ſo will ich Ihnen eroͤffnen, daß ich ſogleich die Klientſchaften der Herzogin von Daſhingwell, des Sir Mordaunt, und ſeines Schwiegervaters Sir Thomas Burdet, des reichſten Mannes in ganz London, ſo wie von vier oder fuͤnf ſeiner Freunde mitbringe, welche, wie ich hoffe, dazu beitragen werden, daß unſer Fleiſchtopf kochen kann; und ich will Ihnen uͤberdieß noch entdecken, daß, da der alte Jack Docquet todt iſt, der Marquis von Avonſide mir geſtern Abend geſchrieben hat, daß er mir die Fuͤhrung aller ſeiner Pri⸗ vatangelegenheiten uͤbertrage.“ Vellum erſtaunte, und rieb ſich dann mit der hoͤchſten Zufriedenheit die Hände, indem er lachend ſagte:„Sie ſind das unbegreiflichſte Weſen, das ich kenne, Wylie! Sie beſitzen die Bosheit, mir den Puls zu befühlen, waͤhrend Sie ſehr gut die Wichtigkeit der Klienten kennen, die Sie das Talent oder das Gluͤck hatten, ſich zu verſchaffen. Aber um Ihnen zu zeigen, daß ich dieſe Wichtigkeit auch zu ſchaͤtzen weiß: ſo nehme ich Sie von dem heu⸗ tigen Tage an zu meinem Kompagnon an, und jeder von uns Beiden ſoll gleichen Theil am Gewinn haben.“ „Der Handel iſt richtig, ſchrie André, und Sie koͤnnen darauf rechnen, Herr Vellum, daß der Eſel, welcher die Saͤcke zur Muͤhle traͤgt, nicht weniger nuͤtzlich iſt, als das Waſſer, welches ſie treibt.“ „Jetzt, Wylie, duͤrfen Sie aber nicht mehr, wenigſtens fuͤr heute nicht, an die Reiſe den⸗ ken, welche Sie vorhatten. Ich erwarte einige Klienten und Freunde zu Tiſche, und Sie muͤſſen dabei ſein, damit ich Sie als meinen Kompagnon vorſtellen kann. Ich bin uͤber⸗ zeugt, daß dieſe Wendung der Dinge uns beiden zur Zufriedenheit und zum großen Ge⸗ winn gereichen wird.“ —— — 94— Sechszehntes Kapitef. Da André ſich auf dieſe Weiſe plötzlich auf einen ſehr anſtaͤndigen Fuß in der Welt geſetzt ſah, dachte er daruͤber nach, daß er fernerhin nicht mehr mit der großen Spar⸗ ſamkeit leben koͤnne, die er immer noch beob⸗ achtet hatte, ohne ſich die gerechteſten Vor⸗ wuͤrfe ſeiner Freunde zuzuziehen. Er beſchloß daher, der Meinung der Welt etwas zu opfern, ohne ſich jedoch von einer weiſen Mittelſtraße zu entfernen; und da er wußte, welche Mei⸗ nung von ihm alle ſeine Bekanntſchaften heg⸗ ten, nahm er ſich vor, ſie zu uͤberraſchen. In einer ziemlich dunklen Straße, aber mitten in der Stadt, hatte er an einem großen Hauſe einen Zettel bemerkt, welcher ankuͤn⸗ digte, daß es mit dem ganzen Mobiliar zu vermiethen ſei; und er ging hin, es zu beſehen. Es war geraͤumig und ſehr bequem; das Moͤb⸗ lement war zwar nicht altmodiſch, aber dennoch war nicht ein einziges Stuͤck nach der Mode des Tages. Kurz, dieſes Haus war fruͤher das Eigenthum eines alten, ſehr reichen Hage⸗ — 95— ſtolzen von hoͤchſt ſeltſamen Launen, der nur ſeinen Geſchmack befolgte, indem er es moͤb⸗ lirte, und es dadurch vollkommen des Miethers wuͤrdig gemacht hatte, der ſich jetzt dazu mel⸗ dete. Die Lage dieſes Hauſes und das darin befindliche ſeltſame Mobiliar, obgleich es ſehr ſchoͤn, ſelbſt reich und in dem beſten Zuſtande war, war Urſache, daß ſich bisher kein Lieb⸗ haber dazu gefunden hatte; daher erhielt es auch André zu einer ſehr wohlfeilen Miethe, und er beluſtigte ſich ſchon im Voraus, wenn er an das Erſtaunen ſeiner Freunde dachte, ſobald ſie ihn darin eingerichtet ſehen wuͤrden. Nachdem er dieſe Angelegenheit abgeſchloſſen hatte, begab er ſich zu einem beruͤhmten Trai⸗ teur, den er kannte, weil er an den großen Gallatagen fuͤr den Grafen Sandyford arbei⸗ tete; und dieſem trug er auf, ihm eine Wirth⸗ ſchafterin und einen Bedienten zu verſchaffen. „Sie muͤſſen ſie mir aus den beſten ihrer Art auswaͤhlen, ſagte er. Die Frau muß ſich gut auf die Haushaltung verſtehen, aber auf eine weiſe Haushaltung, auf die Haushaltung — 96— einer anſtaͤndigen Familie. Was den Bedien⸗ ten anbetrifft, ſo muß ich einen Burſchen von mittlerem Alter haben, der ruhig und geſetzt iſt, und mit Klugheit und Vorſicht zu leben ver⸗ ſteht. Er wird noch einen zweiten Burſchen nöthig haben, um ihm zu helfen; aber er ſoll ihn ſelbſt auswählen, wenn Sie mir ſagen, daß ich mich deßwegen auf ihn verlaſſen kann. Was ihren Lohn anbetrifft, ſo will ich dabei nicht knauſern, wenn ſie ihre Sachen nur gut machen.— Jetzt muß ich Ihnen noch ſagen, daß ich heute uͤber vier Wochen eine Geſellſchaft zu Tiſche bei mir haben will; und Sie, Herr Comfit, beauftrage ich, Alles zu dieſem Mahle zu beſorgen. Bedenken Sie, daß es mein erſtes Gaſtmahl iſt, und daß Nichts dabei fehlen ſoll. Es muß Alles dabei ſein, was es in der Welt nur von den ſeltenſten und beſten Speiſen giebt, damit dieſe Mahlzeit mir und Ihnen Ehre einlegt.— Um noch auf eine andere Sache zu kommen: Sie werden den erſten und zweiten Gang auf Porzellan auf⸗ tragen; aber fur den dritten Gang und für das Deſſert will ich ein Service haben, wie — — 97— man es noch nie geſehen hat. Sie muͤſſen daher in jene Laͤden gehen, wo man alte Por⸗ zellangeſchirre und Kurioſitaͤten verkauft, und daſelbſt alles das ausſuchen, was Sie fuͤr das Seltſamſte, Laͤcherlichſte und Schoͤnſte halten, aber doch ohne etwas zu kaufen, denn ich habe es weiter nicht noͤthig. Sie miethen Alles, gleichviel um welchen Preis, aber ſagen Nie⸗ manden etwas von meiner Abſicht.— Comſit verſprach, ſich nach dieſer Anlei⸗ tung auf das Genauſte zu richten, und es iſt nicht noͤthig anzufuͤhren, daß er Alles auf's Puͤnktlichſte in's Werk ſetzte; denn wer in London Geld hat, braucht nur zu wuͤnſchen, um im Augenblick befriedigt zu ſein. Unſer Held war ſo haͤuſig bei dem Grafen von Sandyford, bei der Herzogin von Daſ⸗ hingwell, und bei andern Perſonen des hoͤch⸗ ſten Standes erſchienen, daß er in der großen Welt allgemein bekannt war. Als man daher erfuhr, daß er ein Haus gemiethet habe, und daſelbſt ein Gaſtmahl geben wolle, machte dieſe Nachricht mehr Aufſehen, als irgend eine Begebenheit ſeit mehreren Jahren verurſacht 1I. Tyl. 7 — 98— haeke. Er ladete ein und zwanzig Perſonen dazu ein, ſaͤmtlich vom erſten Range, und ſie nahmen alle dieſe Einladung an, einige aus Neugier; andere, weil ſie ſeine originelle Laune liebten; noch andere, weil ſie dachten, daß ſein einfaches und anſpruchloſes Aeußere große Faͤhigkeiten verſteckte. Alle kamen uͤberein, daß ein Gaſtmahl, von Wylie gegeben, und in einer Straße, deren Namen kein Kutſcher von gutem Ton einmal kannte, eine ganz außerordentliche Sache ſein muͤßte, und daß man ſich auf jeden Fall, wie auch die Mahl⸗ zeit ſelbſt ſein mochte, ſehr beluſtigen wuͤrde. Es gelang, die Namen der eingeladenen Gaͤſte kennen zu lernen, und dieſe Entdeckung ver⸗ doppelte den Eifer von vielen Perſonen, eben⸗ falls gebeten zu werden. Aber André war uner⸗ bittlich, und er vertheidigte ſich gegen die ihm deßwegen gemachten Bitten, indem er ſagte, daß ſein Haus zu klein ſei, um eine zahlrei⸗ chere Geſellſchaft aufzunehmen, und daß er ſei⸗ nen aͤlteſten Bekanntſchaften den Vorzug habe⸗ geben müſſen. Kurz, dieſes Gaſtmahl machte ſo viel Laͤrmen, daß Graͤfinnen, Marquiſen, — 99— ſelbſt Herzoginnen dabei ſein wollten; aber Allez war umſonſt, und André antwortete ihnen, daß, wenn eine Thuͤr nicht breit genug ſei, von vielen Menſchen einer nach dem andern hindurchgehen muͤſe., Unter denjenigen Damen, welche André beſtuͤrmten, eine Ausnahme zu ihren Gunſten zu machen, war vorzuglich die verwittwete Lady Clack die hartnäckigſte; und obgleich ſie immer abgewieſen wurde, ſo griff ſte doch immer wieder an. Als ſie daher eines Abends bei der Herzogin von Daſhingwell ihre Bitten erneuerte, nahm er ſie bei Seite, und be⸗ ſchwerte ſich mit kläglichem Tone bei ihr uͤber die Qualen, welche er wegen ſeines Gaſtmahls auszuſtehen habe. „Iſt es nicht hart, Mylady, ſagte er, daß ſich ich weiß nicht wie viel Frauen gegen mich verbunden haben, um mich wegen eines unglücklichen Mittagbrots verrückt zu machen? Nur Sie ſind die einzige, die es mir gelingen wird zu beruhigen. Warum wollen jene nicht warten? Haben Sie denn noch nicht gehoͤrt, daß ich mir vorgenommen habe, bald einen 7 2 Ball nebſt Abendbrot zu geben? Und ich habe nicht noͤthig, Ihnen zu ſagen, Mylady, welche Dame ich bitten will, dabei die Honneurs zu machen. Aber wenn man mir noch laͤnger wegen eines Mittagbrots, wozu ich doch nicht die ganze Stadt und die Vorſtaͤdte einladen kann, den Kopf zerbricht: ſo ſoll mich der Teufel holen, wenn es einen Ball oder Abend⸗ brot giebt.“ Lady Clack ermangelte nicht, dieſe Unter⸗ redung allen ihren Bekanntſchaften mitzuthei⸗ len, und ſie brachte die Wirkung hervor, die André davon erwartete. Man ſprach von nichts weiter mehr, als von dem Ball und dem Abendbrot, welches Herr Wylie geben, und bei welchem Lady Clack die Honneurs machen wuͤrde. Einige Damen dachten, daß er wohl eine beſſere Wahl haͤtte treffen koͤn⸗ nen; aber gleichviel, ein Ball, von Wylie ge⸗ geben, mußte erwas unendlich Seltſames ſein, und aus Furcht, daß er dieſe Idee wieder auf⸗ geben mochte, ſprach Niemand mehr mit ihm uͤber ſein Mittagbrot. Der große Tag brach endlich an, und zur — 101— beſtimmten Zeit fingen die Equipagen in einer Straße zu raſſeln an, wo man ſonſt nur ſel⸗ ten dergleichen ſah. Das Aeußere des Hauſes hatte nichts Merkwuͤrdiges, als daß es durch die Zeit, den Nebel und den Rauch ſehr ſchwarz geworden war; aber ſobald die Gaͤſte nur in die Hausflur traten, erkannten ſie, daß ſie ſich eine falſche Vorſtellung von dem Innern ge⸗ macht hatten. Sie wurden daſelbſt durcheinen Lakaien in einfacher, aber eleganter Livrée empfangen, und obgleich hier keine Pracht zu ſehen war, ſo bemerkte man doch allenthalben die aͤußerſte Reinlichkeit.— Das Erſtaunen wuchs beim Eintritt in den Salon, deſſen Moͤblement mit Nichts zu vergleichen war, was dieſe Herrſchaften bisher geſehen hatten. Alles war hier ſonderbar und ſeltſam; Alles, was man hier fand, haͤtte an keinen andern Ort hingepaßt; die Form oder die Maſſe machte jedes Mobel zu einem außer⸗ ordentlichen Stuͤck, aber das Ganze war voll⸗ kommen, und machte einen befriedigenden Ein⸗ druck. André empfing ſeine Gaͤſte mit ſeinem gewoͤhnlichen leichten und gefaͤlligen Tone; — 102— Jedermann ſagte ihm Schmeicheleien uͤber ſeine Wohnung; aber Vellum, welcher beſſer als irgend ein Anderer die Sparſamkeit unſeres Helden kannte, erſtaunte ſo ſehr, daß er lange Zeit unbeweglich ſtand, ohne ein Wort hervor⸗ bringen zu koͤnnen. Man trat endlich in den Speiſeſaal, und jetzt ſtieg erſt die Bewunderung auf den hoͤch⸗ ſten Gipfel. Nichts uͤbertraf die Eleganz des erſten und zweiten Ganges; das Porzellan⸗ geſchirr war praͤchtig, die Speiſen waren koͤſt⸗ lich, die Weine unvergleichlich; und die Gäſte ſahen einander an, gleichſam um ſich zu fragen, durch welches Zaubermittel Wylie im Stande geweſen waͤre, ein ſolckes Feſt zu bereiten. Man brachte den dritten Gang auf den Tiſch, und jetzt erkannte man das Original⸗ Genie unſeres Helden. Alles war ebenfalls auf Porzellan, aber nicht eine Schuͤſſel, nicht ein Teller glich dem andern. Noch nie hatte man eine ſo außerordentliche Sammlung von antiken, ſeltſamen, komiſchen, ſonderbaren und doch hoͤchſt koſtbaren Porzellangeſchirren ge⸗ ſehen, und am wenigſten zum Gebrauch bei — 103— einer Tafel. Sämmtliche Gaͤſte empfingen die⸗ ſes Schauſpiel mit dem fröhlichſten und lau⸗ veſten Gelächter. „Wohlan! ſagte André, der unenotiches Vergnuͤgen bei der Froͤhlichkeit ſeiner Gaͤſte genoß, ich bin der Meinung„ daß Sie mit vollem Herzen lachen. Sie häͤtten wohl vor⸗ her denken koͤnnen, daß ich nicht Teller genug haben wuͤrde, um Sie Ihnen ſtets von glei⸗ cher Art geben zu koͤnnen; und daher war ich freilich gezwungen, zu dergleichen verſchieden⸗ artigen Geſchirren meine Zuflucht zu nehmen; aber deſſenungeachtet ſchmeichle ich mir, daß es nicht von ganz ſchlechtem Geſchmacke iſt, und der Koͤnig ſelbſt kann eine ſolche Samm⸗ lung vielleicht nicht beſitzen.“ Der dritte Gang war indeſſen gegen die Sonne des Deſſerts nichts als der Morgen⸗ ſtern. Die Pagoden aus Indien, die Tempel aus China und Japan, und mit einem Wort die Produkte aller Welttheile ſchienen hier in Kontribution geſetzt worden zu ſein. Die Geſellſchaft ging erſt ſehr ſpaͤt aus⸗ einander, und vom andern Morgen an war — 14— von dieſem Gaſtmahle in der ganzen Stadt die Rede. Die Weine, die Speiſen, die 1 Moͤbel, das Haus, der Herr, Alles wurde fuͤr unvergleichlich erklaͤrt; und die Beſchreibung, welche davon gemacht wurde, vergrößerte nur noch den Wunſch, den angekuͤndigten Ball mit dem Abendbrot zu ſehen. Aber André ließ in dieſer Ruͤckſicht kein Wort von ſich hoͤren. Doch Lady Clack hatte ſein Verſprechen nicht vergeſſen, und ſobald ſie ihn daher ſah, erinnerte ſie ihn daran, und fuͤgte hinzu, daß alle Damen wuͤnſchten, daß es ein maskirter Ball ſein moͤchte. „Ein maskirter Ball! Lady Clack! rief André aus; ich einen maskirten Ball geben! Ich bin der Meinung, Sie glauben, daß ich verruͤckt geworden bin. Und was wuͤrden meine Nachbarn ſagen, wenn ich in einem Hauſe, wie das meinige, einen maskirten Ball geben wollte? Rein, nein, Mylady, ſolche Toll⸗ heiten werde ich nicht begehen. Als ich Ihnen von einem Balle ſagte, verſtand ich nur dar⸗ unter einen Tanz, um die jungen Maͤdchen tuͤchtig umzuſchuͤtteln. Schon habe ich mit — 105— einem alten Blinden in meiner Nachbarſchaft geſprochen, der es mir zugeſagt hat, für eine halbe Krone, nebſt Brot, Kaͤſe und einem Glaſe Schnaps, die Geige zu ſpielen; und wenn man das Springens muͤde ſein wird, werde ich die Erfriſchungen auftragen laſſen: kleine Paſteten fuͤr zwei Pence das Stuͤck, hart geſottene Eier und gutes Ale.— Ich hoffe, Sie werden die Honneurs dabei machen, Mylady; Sie haben es mir ſchon halbe und halb verſprochen.“ „Ich! Aber Sie reden wohl nichti im Erufte: Sie koͤnnen doch nicht glauben, daß ich bei zeinem ſolchen Bierfeſte erſcheinen werde.“ „In dieſem Fall, Mylady, giebt es bei mir weder Ball noch Abendbrot. Alſo machen Sie das Alles mit denen ab, mit welchen Sie davon geſprochen haben; ich fuͤr meine Per⸗ ſon habe nur gegen Sie den Mund daruͤber aufgethan.“ 3 „ Und da haben Sie ſehr uͤbel mit mir ge⸗ handelt, Herr Wylie!“ ſchrie Lady Clack; und indem ſie ihn außer ſich vor Zorn verließ⸗ verbreitete ſie dieſe Neuigkeit, ihn mit dem Beinamen eines Knickers und Knauſers be⸗ legend, in der ganzen Geſellſchaft. Die Herzogin von Daſhingwell, welche bei dem Gaſtmahle geweſen war, ſah in den Reden André's nichts als einen neuen Zug ſeiner Originalitaͤt. Sie lief auf der Stelle zu ihm hin, und ſagte: da Lady Clack ſich weigerte, die Honneurs auf ſeinem Balle zu machen, ſo wolle ſie ſelbſt es uͤbernehmen. André ſah ſich in ſeinen eigenen Netzen gefangen. Er hatte im Ernſt an keinen Ball gedacht, aber das Anerbieten der Herzogin war eine Ehre, die er zu ſchätzen wußte, und er zoͤgerte nicht einen Augenblick. „Ihre Gnaden kennen ſchon meine Be⸗ dingungen, antwortete er. Mein Haus iſt nicht groß genug, um große Bälle darin zu geben; wenn Sie aber einen kleinen Tanz da⸗ ſelbſt haben wollen, ſo bin ich der Meinung, daß es mir ſchlecht anſtehen wuͤrde, mich zu weigern. Wie geſagt alſo, Mylady, ich werde den Blinden kommen laſſen, welcher die Geige ſpielen ſoll; und zum Abendbrot werden wir die kleinen Paſteten zu zwei Pence, die harten — 107— Eier, und das beſte Ale habei das ich ſinden kann.“ „Das wird köͤſtlich ſein! rief die Herzogin; das wird ein Ball, wie man ihn noch nie ge⸗ ſehen hat, und ich moͤchte dafuͤr nicht mit allen Feſtlichkeiten tauſchen, zu welchen ich binnen einem Jahre eingeladen werden koͤnnte, Wohlan, Wylie, Sie muͤſſen ſosleich den Kag . beſtimmen.“ „Das kommt am beſten Ihrer Gnaden zu, antwortete André. Da Sie dieſen Ball auf Ihre Gefahr uͤbernehmen, ſo muͤſſen Sie doch wenigſtens die Zeit beſtimmen; und Sie mögen nach Ihrem Gutduͤnken die Gaͤſte dazu ein⸗ laden; nur bitte ich Sie, auf die Groͤße mei⸗ nes Saales Ruͤckſicht zu nehmen; denn ich glaube, wenn ſich ſechszehn Paar Beine darin herumbewegen, ſo wird es hinreichend genug ſein.“ Die Herzogin war entzuͤckt er dieſen Auftrag, und begann ſogleich ihre Einladungen, wozu ſie nur die juͤngſten, ſchoͤnſten und liebens⸗ würdigſten Damen ihres Zirkels auswaͤhlte. André willigte ſogar ein, die Anzahl der Gaͤſte — 108— zu vermehren; und als der beſtimmte Tag er⸗ ſchienen war, empfand Jedermann das vollkom⸗ menſte Vergnuͤgen ͤber die Einrichtung dieſes Balles, und geſtand, daß er nicht weniger außerordentlich ſei, als jenes Mittagbrot. Siebzehntes Kapitel. Karl Pierſton, der ſich ſeit einiger eit mit Huͤlfe ſeines Onkels als Kaufmann ange⸗ ſetzt hatte, und deſſen Geſchaͤfte ziemlich gut zu gehen ſchienen, beſuchte eines Abends ſeinen Freund André, und bat ihn, ihm tauſend Pfund Sterling zu leihen. Unſer Held war von die⸗ ſem Verlangen eben nicht ſehr uͤberraſcht, denn mehrere Umſtaͤnde, die ihm zu Ohren gekommen waren, hatten ihm Grund genug gegeben, zu vermuthen, daß auch ſein Freund die Folgen jener politiſchen Erſchuͤtterungen empfand, welche damals ſelbſt die erſten Han⸗ delshaͤuſer ihrem Falle nahe brachten. „Ich ſchlage es dir nicht ab, Karl, ant⸗ wortete er ihm; aber ich bin der Meinung, daß du mich in Stand ſetzen mußt, zu beur⸗ theilen, ob dir dieſe tauſend Pfund einen — 109— wahren Dienſt leiſten koͤnnen. Alſo hole mir deine Handelsbuͤcher, und wenn ich einen Blick hineingeworfen haben werde, ſo will ich dir Antwort geben; und ich wuͤnſchte, daß es in Form einer Anweiſung auf die tauſend Pfund geſchehen moͤge.“ Pierſton war freilich durch dieſe Antwort nur halb befriedigt, doch konnte er ſich einem ſo vernuͤnftigen Verlangen nicht weigern, und er ging daher ſeine Buͤcher zu holen. Sobald er zuruͤckkam, nahm ſie André in Empfang, und ſagte:„Kurz und gut, Karl! Aber du mußt ſie mir bis morgen fruͤh hier laſſen, und ich hoffe, daß die Antwort guͤnſtig ſein wird.“ Als er ſich entfernt hatte, ließ André einen in Handelsgeſchaͤften ſehr unter⸗ richteten Mann zu ſich kommen, und pruͤfte mit ihm Karls Buͤcher ſehr aufmerkſam. Der Erfolg dieſer Unterſuchung war nicht zweifel⸗ haft.— Pierſton kam am folgenden Morgen wieder, und wurde von ihm mit der groͤßten Herzlichkeit empfangen; aber André ſprach lange Zeit hindurch nur von ganz gleichguͤltigen Dingen. Karl, welcher ſchon durch das Ver⸗ — 110— fahren ſeines Freundes ziemlich mißvergnuͤgt geworden war, fuͤhlte ſehr gut, daß dieß das Vorſpiel einer abſchlaͤgigen Antwort ſei; doch wollte er nicht laͤnger in Ungewißheit bleiben, und fragte alſo ploͤtzlich, ob André die Büsher durchgeſehen haͤtte. Anſtatt ihm zu antworten, ſchien Andre einige Zeit in Nachdenken verſunken; dann ſagte er:„Ich wuͤrde dir die Summe ſehr gern leihen, Karl, wenn ſie dir nuͤtzlich ſein knnte; aber deine Lage iſt weit ſchlechter, als du es vielleicht denkſt. Obgleich ich ge⸗ ſehen habe, daß du ſelbſt dir nichts dabei vor⸗ zuwerfen haſt: ſo ſcheint es mir doch unmoͤg⸗ lich, daß du dich bei der gegenwäͤrtigen Lage der Dinge uͤber dem Waſſer erhalten kannſt. Folge alſo meinem Rath, Karl, und kaͤmpfe nicht laͤnger vergeblich gegen dein Schickſal; mit einem Wort, kuͤndige morgen in der Zei⸗ tung deine Zahlungsunfähigkeit an.“ Karl erblaßte, ſeine Lippen zitterten, und ſeine Augen ſpruͤhten Zorn auf ſeinen Freund⸗ „Du mußt mich nicht mißverſtehen, Karl, nur als dein Freund gebe ich dir dieſen Rath. — 111— Dein Ruf bleibt unbefleckt, denn du biſt nicht Schuld an deinem Ungluͤck. Wenn du dich in deiner jetzigen Lage noch laͤnger erhalten willſt, ſo mußt du zu tauſend Mitteln Zuflucht nehmen, die am Ende dich voͤllig verderben werden. 5 Pierſton nahm ſeine Buͤcher, und entfernte ſich, ohne etwas zu antworten. André hielt ihn auch durchaus nicht auf; aber kaum war er fort, ſo begab er ſich zum Marquis von Avonſide. „Mylord, ſagte er, ich habe einen Ircund, welcher 5000 Pfund Sterling gegen geſetzliche Zinſen ausleihen will; und da Ihre Heerlich⸗ keit gezwungen ſein werden, eine kleine An⸗ leihe zu machen, um die Ausgaben bei den bevorſtehenden Parlaments⸗Wahlen zu be⸗ ſtreiten: ſo ſcheint mir dieß eine Gelegenheit zu ſein, die man nicht vernachlaͤſſigen muß.“ „Der Marquis dankte ihm fuͤr ſeine um⸗ ſichtige Vorausberechnung, und ſagte, daß er dieſe Summe ſehr gern auf ein Jahr borgen moͤchte. Er hielt ihn noch laͤngere Zeit auf⸗ um mehrere andere Geſchaͤfte mit ihm abzu⸗ — 412— machen. Endlich ſtand André auf, um R ſch zu empfehlen. „Mylord, ſagte er, ich habe eine kleine Angelegenheit, und bin der Meinung, daß Ihre Herrlichkeit mir dabei einen großen Dienſt leiſten koͤnnten. Einer meiner Freunde, ein rechtlicher und kenntnißvoller junger Mann, bedarf einer Anſtellung, gleichviel welcher, und ſei es im Koͤnigreiche oder außerhalb; aber nur muͤßte ſie mit einem hinreichenden Ge⸗ halt verbunden ſein, und niiht lange auf ſich warten laſſen.“ Der Marquis antwortete lichelnd:„Ich habe ſchon manchmal geglaubt, Wylie, daß Sie den Einfluß Ihrer Freunde nicht zu be⸗ nutzen verſtaͤnden; und da dieß der erſte Dienſt iſt, welchen Sie von mir verlangen, ſo ver⸗ ſpreche ich Ihnen, daß er Jhnen gewaͤhrt ſein ſoll.“ „Sie ſind ſehr guͤtig, Mnlord; aber ich kann Sie verſichern, daß Ihre Herrlichkeit Ihren Schutz keinem Unwuͤrdigen bewilligen.“ Schon an demſelben Abend kündigte ein Billet des Marquis Andro'n an, daß eine — 133— Stelle als Chef eines Rechnungsbuͤreaus in Indien zu vergeben ſei, und nur noch der Name fehlte, um das Patent zu vollziehen.— Sogleich ließ André Pierſton holen. „Nun, Karl, ſagte er, haſt du daruͤber nachgedacht, was ich dir heute Morgen ſagte?“ Karl antwortete, daß er ſehr viel daruͤber nachgedacht habe, aber in der unendlichſten Verlegenheit ſei. 3 „Deſto ſchlimmer, ſagte André. Man muß eine Partie zu ergreifen wiſſen, vorzuͤg⸗ lich, wenn ſie das einzige Mittel iſt, ſeinen guten Ruf zu erhalten.“ Die Scham, der Kummer und tauſend andere unbeſchreibliche Gefuͤhle machten Pier⸗ ſton noch ziemlich lange unentſchloſſen. Doch verließ er endlich ſeinen Freund in der voll⸗ kommenſten Ueberzeugung, daß er nichts Beſſe⸗ res thun könne, als ſeinem Ratkhe folgen, und ſchon am andern Morgen kuͤndigte er ſeine Zahlungsunfaͤhigkeit an. André hatte Karl'n nicht ein Wort von dem fuͤr ihn gethanen Schritte geſagt, aber II. Thl. 8 — 114— am andern Morgen begab er ſich zum Marquis, und verließ ihn nicht eher wieder, als bis er aus dem Buͤreau des Miniſteriums das Pa⸗ tent fuͤr Karl Pierſton in Haͤnden hatte. Der Marquis beluſtigte ſich uͤber ihn wegen ſeiner Eilfertigkeit, dieſe Stelle zu verſchaffen, und fragte ihn lachend, wieviel ihm dieſe Angele⸗ genheit einbraͤchte. „Drei große Vortheile, Mylord, antwor⸗ tete André. Erſtens, einen Beweis erhalten zu haben, daß Ihre Herrlichkeit mich Ihrer Achtung nicht fuͤr unwuͤrdig halten; zweitens, einem guten Freunde eine Anſtellung verſchafft zu haben, deren er hoͤchſt noͤthig bedurfte; drit⸗ tens, einen jungen Mann angeſtellt zu ſehen, der Faͤhigkeiten und Grundſäͤtze beſitzt, und Ihrer Herrlichkeit nie Anlaß geben wird, den ihm bewilligten Schutz zu bereuen. Denn waͤre ich deſſen nicht gewiß geweſen, ſo haͤtte ich nie etwas fuͤr ihn von Ihrer Herrlichkeit verlangt.“ Es waͤre unnütz, die Szene zu beſchreiben, als Wylie ſeinem Freunde das Patent uͤber 4 — — 115— ſeine Anſtellung uͤberbrachte; aber die Folge wird zeigen, daß Pierſton dieſen Dienſt ihm nie vergaß. Zu dieſer Zeit ging ſchon ein dunkles Ge⸗ ruͤcht von der bevorſtehenden Aufloͤſung des Parlaments im Lande umher, und bald er⸗ hielt auch der Marquis von Avonſide im Ge⸗ heimen die Gewißheit, daß ſie in kurzer Zeit be⸗ werkſtelligt werden wuͤrde. Er hatte bisher im⸗ mer die Wahl eines Repraͤſentanten im Flecken Bedfort nach ſeinem Willen geleitet, aber er wußte, daß dießmal eine ziemlich zahlreiche Partei ſich ſeinem Einfluß widerſetzen wollte, und daß er große Summen wuͤrde anwenden muͤſſen, um ihn ſich zu erhalten. Daher ließ er André'n, als ſeinen Geſchaͤftsführer, rufen, um ſich mit ihm uͤber die Mittel, wodurch er ſie herbeiſchaffen koͤnne, zu verabreden. Der edle Marquis war einer von den un⸗ eigennuͤtzigſten Stuͤtzen der Miniſter des Koͤ⸗ nigs, ſo lange ſie ihre Stelle beſaßen; daher konnte man ihn auch eigentlich nicht als einen Parteimann betrachten. Sein Betragen rich⸗ tete ſich durchaus nach demjenigen, was man 8* — 116— die erbliche Politik ſeiner Familie nennen konnte; und ſein Vermoͤgen war dadurch keines⸗ weges vergroͤßert worden, da er, um ſeinen Einfluß auf die Wahlen zu erhalten, oͤfters bedeutender Summen benöthigt war, die er augenblicklich nur durch Anleihen hauze ſtzaſte konnte. Als Wylie zu ihm eintrat, war er allein. Die Unterhaltung drehte ſich anfangs um die abermals beſchloſſene Anleihe, zur Deckung der bei der neuen Wahl der Repraͤſentanten noͤ⸗ thigen Koſten.—„Aber, wenn ich es recht uͤberlege, rief er ploͤtzlich aus, Sie ſelbſt, Wylie, warum ſollten Sie nicht in das Haus der Gemeinen eintreten wollen? Fuͤr Sie wuͤrde ich meinen Einfluß in Bedfort lieber, als fuͤr jeden Andern anwenden; nicht weil ich denke, daß Sie im Parlament als Redner auftreten ſollen; aber man kann ſich nuͤtzlich machen, ohne gerade an den oͤffentlichen Ver⸗ handlungen Theil zu nehmen. Viele Ange⸗ legenheiten werden ja durch beſondere Aus⸗ ſchuͤſſe abgemacht, und hierbei werden Sie mehr als Jemand Dienſte leiſten können. — 117— Denken Sie daruͤber nach, und wenn Sie geneigt ſind, mein Anerbieten anzunehmen, ſo will ich Ihnen eine goldne Bruͤcke bauen.“*) Wylie war keinesweges abgeneigt, dieſen Vorſchlag anzunehmen. Seitdem er ſich in der Welt uͤber ſeinen fruͤheren Stand ſchon weit erhoben hatte, war in ihm ſchon mehr⸗ mals der Ehrgeiz, Parlaments⸗Mitglied zu werden, rege geworden; und er hatte ſogar ſchon den Vorſatz gefaßt, den Marquis deß⸗ wegen auszuforſchen. Aber ſeine natuͤrliche Klugheit gebot ihm, ſeine wahren Gedanken nicht ſogleich zu enthuͤllen. „Ich bin der Meinung, Mylord, antwor⸗ tete er, daß ich Ihnen fuͤr Ihr Anerbieten großen Dank ſchuldig bin; aber dieſer Vor⸗ ſchlag erfordert eine reife Ueberlegung, und ich fuͤhle wenig Faͤhigkeit in mir, ein Mit⸗ glied des großen Raths der Nation zu wer⸗ “) Das heißt: Sie ſollen mir weniger, als jeder Andere bezahlen, um als Parlaments⸗Mitglied ernannt zu werden. Es iſt hinreichend bekannt, daß eine große Anzahl einflußreicher Perſonen in England, welche die Wahlen in den Flecken leiten, ſich die Stellen als Parlaments⸗Mitglieder gut bezahlen laſſen. den; nicht, weil ich nicht wußte, daß im Par⸗ lament oft Knaͤuel vorkommen, die ich ſo gut wie jeder Andere abwickeln kann; aber Sie wiſſen, Mylord, daß Sie von mir erwarten, wie ich alle Ihre politiſchen Meinungen mit meiner Stimme unterſtuͤtzen ſoll: und ich habe vielmehr Neigung zu den politiſchen Meinun⸗ gen Ihres edlen Schwiegerſohns, des Grafen von Sandyford, uͤber welchen ich Ihre Herr⸗ lichkeit mehrmals, als einen Oppoſitionsmann, habe klagen hoͤren.“ Dieſe Antwort ſetzte den Marquis ein wenig in Verlegenheit; ſie war weder eine Weigerung noch eine Einwilligung, aber ſie ſchien noch eine Thuͤr zur Unterhandlung offen zu laſſen. Daher glaubte er, ohne eine Bloͤße zu geben, antworten zu dürfen:„Gewiß, Wylie, rechnete ich darauf, daß Sie bei allen politiſchen Fragen mit meinen Freunden, den Miniſtern, ſtimmen wuͤrden; aber damit wollte ich nicht Ihren Meinungen durchaus Gewalt anthun. Nur nehme ich vorzuͤglich zwei Gegen⸗ ſtaͤnde aus: die Reform des Parlaments und die Emancipation der Katholiken; denn uͤber — 119— dieſe beiden iſt mein Entſchluß gefaßt, und welche auch ſelbſt die Meinung der Miniſter ſein moͤchte, ſo erwarte ich von Ihnen eine verweigernde Stimme daruͤber.“ „Ich bin der Meinung, Mylord, daß Sie uber dieſe beiden Punkte ruhig ſein koͤnnen, da man doch nicht vorausſetzen kann, daß ich die Leiter umſtürzen werde, auf welcher ich emporgeſtiegen bin, und mein Gewiſſen mir verbietet, irgend etwas zu thun, was unter uns den Aberglauben und die religiöſe Heu⸗ chelei zuruͤckfuͤhren koͤnnte. Alſo, da ich jetzt weiß, daß Ihre Herrlichkeit von mir verlan⸗ gen, ich ſoll ſtets fuͤr die Miniſter ſtimmen: was fordern Sie fuͤr meine Ernennung als Mitglied des Unterhauſes? Ddieſe auf eine ſo rauhe Weiſe 1asge. ſprochene Frage erſchreckte den Marquis gleich⸗ ſam; aber doch konnte er ſich nicht enthalten, uͤber die Freimuͤthigkeit und Einfachheit Andre's zu lachen. „Wenn Sie von einem der Flecken, über welche ich verfuͤgen kann, zum Beiſpiel von Bedfort, zum Mitglied ernannt werden wollen: — 4120— ſo wird dieß Ihnen 3500 Pfund koſten, da ich einem jeden Anderen meine Unterſtuͤtzung nur fuͤr 4000 Pfund bewilligen wuͤrde.“ „Dieß iſt wahrhaftig eine große Verſu⸗ chung, Mylord, und ich glaube daß wir mit einander fertig werden koͤnnten, wenn Sie noch einen Schritt thun wollten, und mir etwas mehr Freiheit meines Gewiſſens ließen.“ Ich glaube nicht, daß wir uber dieſen Punkt Schwierigkeiten ſinden koͤnnen, Wylie; denn Sie ſind ein vernüͤnftiger Mann, und ich wuͤrde mich auf Ihre Einſicht bei poli⸗ tiſchen Angelegenheiten eben ſo gut verlaſſen, als auf jeden Anderen. Aber die Regierung muß aufrecht erhalten werden.“ „Mylord, ſagte André ſehr ernſthaft, ich glaube nicht, daß Jemand mich im Verdacht haben koͤnnte, als wenn ich im Stande waͤre, etwas gegen die Regierung meines Landes zu uͤbernehmen. Aber ich will Ihnen einen Vor⸗ ſchlag machen, Mylord. Bewilligen Sie mir voͤllige Freiheit, nach meiner Uleberzeugung zu ſtimmen, und ich will ſaͤmtliche Koſten, welche meine Wahl in Bedfort erfordern wird, und die ſich gewiß auf weit höher als 4000 Pfund belaufen, uͤbernehmen.“ „Sie ſind ein ſeltſamer Menſch, ſagte der Marquis lachend; aber ich kann ſolchen Vor⸗ ſchlag nicht ablehnen. Indeſſen rechne ich auf Ihre guten Grundſäͤtze, und ich hoffe, daß Sie die Partei meiner Freunde, der Miniſter, un⸗ terſtuͤtzen werden.“ „Ich hoffe, Mylord, daß jene mich nie⸗ mals zwingen werden, fuͤr eine andere Partei zu ſtimmen.“ Dieſes waren die Unterhandlungen, welche André Wylie in's Haus der Gemeinen fuͤhrten; denn der Einfluß des Marquis, und das neben⸗ bei angewandte Geld, trug auch dieſes Mal, zu Gunſten des von ihm vorgeſchlagenen Be⸗ werbers, den Sieg uͤber die entgegengeſetzte Partei in Bedfort davon, und André ward Repräſentant dieſes Fleckens. Wylie wußte ſehr wohl, daß ſeine jetzige politiſche Verbindung mit dem Marquis von Avonſide, ihn noͤthigen wuͤrde, in Kurzem am Hofe zu erſcheinen; und uͤberdieß hatte es ihm auch der Marquis deutlich genug geſagt, daß — 122— er ſich dem Koͤnige vorſtellen laſſen muͤßte, und daß er dieß ſelbſt uͤbernehmen wolle. Die Neugierde war in dem Herzen André's eine nur hoͤchſt untergeordnete Leidenſchaft, und er hatte ſich noch nie bemuͤht, ſeinen Konig zu ſehen; ja er kannte durchaus nicht einmal, obgleich er mit Perſonen des hoͤchſten Ranges in Verbindung ſtand, den Privatcharakter Georgs des Dritten. Und in der That war auch der Koͤnig, durch die Zuruͤckgezogenheit, in welcher er mit ſeiner Familie zu Windſor wohnte, ſeinen Unterthanen faſt gaͤnzlich fremd geworden; nur bei oͤffentlichen Feierlichkeiten, Hoftagen und dergleichen Gelegenheiten wurde der Koͤnig ſichtbar, ausgenommen des Sonn⸗ tags Abends, wo er auf der Terraſſe des Schloſſes zu Windſor ſpazieren ging. Ddie Erfahrung hatte André'n gelehrt, daß die Kenntniß des Charakters und der Ge⸗ wohnheiten derjenigen Perſonen, mit denen man zu thun hat, ein großes Huͤlfsmittel iſt, um vorwaͤrts zu kommen; und eine Vorſtellung bei Hofe, welche man in der Regel als ein bloße Förmlichkeit betrachtet, war fuͤr ihn, und das mit Recht, eine hoͤchſt wichtige Be⸗ gebenheit. Da es leicht möglich war, daß er in der Ausuͤbung ſeiner kuͤnftigen Geſchaͤfte, als Parlaments⸗Mitglied, in unmittelbare Beruͤhrung mit dem Koͤnige kommen koͤnnte: ſo dachte er, daß es weſentlich ſein wuͤrde, ſich bei der erſten Zuſammenkunft ſo zu be⸗ tragen, daß er durchaus keinen unguͤnſtigen Eindruck auf den Koͤnig machte, und ihm viel⸗ mehr eine gute Meinung von ſich beibrächte. Er beſchloß alſo, ohne Jemanden etwas von ſeinem Vorhaben zu entdecken, vorher noch den Koͤnig ſelbſt zu ſehen, und ſo viel Nach⸗ richten als moͤglich von ſeinem Charakter ein⸗ zuziehen; hierzu war es noͤthig, ſich nach Wind⸗ ſor zu begeben, und er nahm daher einen Platz in der Diligence, wo er ſich in eine Ecke des Wagens druͤckte, um nicht zufäͤllig erkannt zu werden. Achtzehntes Kapitel. Auf dieſer Reiſe begegnete unſerm Sena⸗ tor nicht das geringſte Abenteuer, und er kam ohne Aufenthalt gegen Abend in Wind⸗ — 124— ſor an, wo er in einem Gaſthofe unweit des königlichen Schloſſes abſtieg. Nachdem er hier ſeinen Thee eingenommen, und ſich bei einem Aufwaͤrter nach mehreren Oertlichkeiten erkundigt hatte: benutzte er den noch uͤbrigen Theil des Tages, das Schloß und die Um⸗ gegend in Augenſchein zu nehmen. Wie ſehr erſtaunte er aber, ſtatt aller Pracht und der geraͤuſchvollen Lebhaftigkeit, die er von dem Wohnſitze eines Koͤnigs erwartete, nur die Stille eines Kloſters zu ſinden. Nachdem er das Schloß von außen und von den Hoͤfen aus beſehen hatte, begab er ſich wieder in ſeinen Gaſthof, da es heute ſchon zu ſpaͤt war, ſich das Innere der koͤniglichen Zimmer zeigen zu laſſen; er beſchloß aber, dieß morgen zu thun, weil er dabei hoffte, den ihn begleiten⸗ den Aufſeher hinlänglich uͤber die Perſoͤnlich⸗ keit des Koͤnigs ausforſchen zu koͤnnen. Mit dem Anbruche des folgenden Tages war André ſchon auf den Beinen, da er er⸗ fahren hatte, daß der Koͤnig ſtets ſehr früh aufſtehe, und hieraus ſchloß, daß dieß wahr⸗ ſcheinlich auch die Gewohnheit ſeiner Diener⸗ ———— —— ſchaft ſei, deren einige er zu begegnen und auszufragen hoffte. In dieſer Hoffnung ging er daher in den Park, und hielt ſich in der Naͤhe des Schloſſes auf, um genau zu beob⸗ achten, wenn Jemand herauskommen wuͤrde. Aber tiefe Stille herrſchte noch allenthalben, und es kam ihm keine menſchliche Geſtalt zu Geſicht. André urtheilte, daß es doch wohl noch ein wenig zu fruͤh ſein moͤchte, und ging daher in dem Park ſpazieren; als er plötzlich, nur wenige Schritte entfernt, einen großen Mann, ſchon von einem gewiſſen Alter, erblickte, der mit einem blauen Rocke und ſcharlachrothem Kragen, nebſt dergleichen Aufſchlägen, angethan war: eine Kleidung, die er anfangs fuͤr eine Livrée hielt. Indeſſen fand er in der Miene dieſes Mannes ein gewiſſes Etwas, das ihm nicht erlaubte, denſelben fuͤr einen Bedienten zu halten; und der Stock mit dem goldnen Knopfe, den er mit einer gewiſſen Nachlaͤſſig⸗ keit in der Hand führte, brachte ihn endlich zu dem Gedanken, daß es ein alter Offizier ſein moͤchte.„Das iſt gerade die Perſon, * — 126— welche ich ſuche, ſagte er zu ſich ſelbſt; denn die alten Soldaten ſchwatzen gewoͤhnlich gern, und ich kann leicht von ihm Alles erfahren, was er von dem Koͤnige zu ſagen weiß. Bei dieſen Worten ging er auf ihn zu; aber kaum hatte er einige Schritte gethan, ſo blieb der Greis ſtehen, betrachtete ihn aufmerkſam, und ſagte mit lauter Stimme:„Das iſt ein Fremn⸗ der, ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie geſehen.“ „Guten Morgen, mein Herr, ngte Wylie, ſich ihm naͤhernd; ein ſchoͤner Tag heute, und Sie ſind fruͤh aufgeſtanden, ihn zu genießen. Aber Seine Majeſtaͤt, der brave Mann, geht Ihnen darin, wie in vielen andern Sachen, mit gutem Beiſpiel voran; nicht wahr?“ „Sie ſind ein Schotte? ſagte der Greis, ſeine Ausſprache bemerkend. Es iſt hier viel waͤrmer, als bei Ihnen; nicht wahr? Und aus welchem Theil von Schottland kommen Sie? Wie finden Sie Windſor? Sind Sie hierher gekommen, um den Koͤnig zu ſehen, he?“ Und zu gleicher Zeit brach er in ein lautes Gelaͤchter aus. — 127— Unſer neuer Senator erſtaunte einigerma⸗ ßen, einen Unbekannten ſo leicht und frei mit ſich ſprechen zu hoͤren; aber er bekam dadurch noch mehr Hoffnung, die Unterredung mit ihm fortzuſetzen.„Ich bin der Meinung, ſagte er, daß es nicht leicht iſt, ſo viel Fra⸗ gen auf einmal zu beantworten; aber, um bei der erſten anzufangen, ſo will ich Ihnen ſagen, daß Sie ſich nicht irren, und daß ich in der Grafſchaft Ayr gebuͤrtig bin.“ „Aha! aus der Grafſchaft Ayr! Schoͤne Grafſchaft, gutes Land. Treibt man dort noch Schleichhandel, he? Sieht man dort noch Lords auf die Zollbedienten ſchießen? Schlechtes Spiel! ſchlechtes Spiel! Macht man dort noch Verbeſſerungen im Ackerbau? Nichts iſt beſſer! Zum Kriege ſind Menſchen noͤthig, und der Ackerbau ſaͤet Drachenzuͤhne. Ißt man dort die Kartoffeln auch ſo gern, wie in Irland, he?“ Fuͤr dießmal wurde die Luſtigkeit des Unbe⸗ kannten anſteckend; ſein abermaliges lautes Gelaͤchter brachte daſſelbe bei André hervor, und einer lachte, weil er den andern lachen — 128— ſah. Dieſe Szene dauerte einige Minuten hindurch, und erzeugte eine Art von Vertrau⸗ lichkeit unter ihnen. „Kurz und gut, ſagte endlich André; aber Sie machen mir da eine Menge neuer Fragen, und ich habe die erſten noch nicht beantwortet. Ich bin der Meinung, daß man bei dieſen anfangen muß. Ich will Ihnen alſo ſagen, daß ich wirklich nach Windſor gekommen bin, um den Koͤnig zu ſehen; und bei dieſer Ge⸗ legenheit moͤchte ich wohl auch eine Frage thun. Was fuͤr eine Art von Menſch iſt der Koͤnig? Denn, was die Koͤnige und die Miniſter betrifft, ſo kann man da weder den Zeitungen noch den Geſchichtſchreibern glauben.“ „Was! nicht an die Geſchichte glauben? Das iſt Schottiſche Vorſichtigkeit! Wohlan, ich will Ihnen ſagen, daß der Koͤnig weder alles das Gute verdient, noch alles das Boͤſe, was man von ihm ſpricht. Aber ich weiß⸗ daß er ſtets geſucht hat, ſeine Pflichten als König gewiſſenhaft zu erfuͤllen.“ „Ich bin der Meinung, daß dieß Jeder⸗ mann von ihm denkt. Aber ich frage nicht — 129— nach ſeinen Eigenſchaften als Koͤnig, ſondern ich moͤchte wiſſen, was er in den Punkten, wo er nur ein Menſch wie alle andere iſt⸗ für eine Denk⸗ und Handelsweiſe hat.“ „Ha! ha! Neugierde; das iſt einzig, ein⸗ zig! Und was haben Sie fuͤr Urſache, mein lieber Freund, um ſo zu fragen? Sie muͤſſen doch eine haben. Unmäglich iſt die Frage ohne Grund!“ „Iſt es nicht ſehr natürlich, wiſſen zu wollen, was fuͤr eine Art von Menſchen man zum Souveraͤn hat, dem man Ehrfurcht, Ge⸗ horſam und Treue ſchwur, dem man zu jeder Stunde mit dem Arm, dem Kopf und dem Herzen dienen ſoll?“ „Wahr, wahr, wahr! Sehr richtige Be⸗ merkung! Sie ſind eines Geſchaͤfts wegen hierher gekommen? Was fuͤr ein Geſchaͤft?“ „Mein vorzuͤglichſtes Geſchaͤft in dieſem Augenblick iſt, den Koͤnig zu bhede und ihn kennen zu lernen.“ „Was! das iſt ein Geſchaͤft? ein einziges Geſchaͤft. Haben Sie weiter keine Geſchaͤfte? II. Thl. 9 — 130— Wollen Sie vielleicht dem Koͤnige einen Streich ſpielen?“ rief der Unbekannte lachend. Wylie wußte nicht mehr, was er von der frohen und ſcherzhaften Laune ſeines Geſell⸗ ſchafters denken ſollte, und ſagte nun in ei⸗ nem ernſthaftern Tone:„Ich bin der Mei⸗ nung, daß es Ihnen verboten iſt, ſich gegen Fremde uͤber den Koͤnig zu aͤußern; denn Sie weichen der Frage aus, wie es oft im Par⸗ lament geſchieht.“ „Im Parlament? Sind Sie da geweſen? Wohlan, was denken Sie davon? Viel Ge⸗ ſchrei und wenig dahinter! Nicht wahr, he?“ „Das iſt wahr, mein Herr, und ich wollte, daß man dort eben ſo kurz und buͤndig ſpraͤche, wie es unſer König thun ſoll. Denn man ſagt, er ſpricht mit vieler Grazie und Salbung.“ „Das konnte wahr ſein, als er jung war; aber er iſt alt geworden; er iſt das nicht mehr, wie ich ihn fruͤher geſehen habe.“ „Ich vermuthe, Sie ſind lange in ſeinen Dienſten geweſen?“ „Ja, ich bin einer ſeiner älteſten Diener; — 131— ich kann ſagen, daß ich ſein Diener war, ſeit⸗ dem ich mich ſelbſt kenne!“ „Und ich zweifle nicht, daß die Guͤte des Koͤnigs Ihnen Ihren Dienſt ſehr leicht ge⸗ macht hat?“ „Ganz gewiß war ich ihm immer gehor⸗ ſam. Aber welche Belohnung habe ich zu erwarten? Wenigſtens in dieſer Welt kann ich nicht daruͤber urtheilen.“ „Sie wird ſehr freigebig ſein, oder ich taͤuſche mich ſehr; denn Sie haben das An⸗ ſehen eines klugen und vorſichtigen Mannes, und Sie verdienen gewiß den Poſten, den Sie ſchon ſo lange bekleiden. Ich werde mich dieſer Unterredung erinnern, und es iſt moͤg⸗ lich, daß dieß Ihnen im Parlament nuͤtzlich werden kann. Der Koͤnig kann keine großen dummen Streiche machen, wenn er mit wei⸗ ſen und klugen Maͤnnern umgeben iſt, wie Sie mir zu ſein ſcheinen, obgleich Ihre Gei⸗ ſtesfunken, die ich bemerkte, drolig genug ſind. Wie heißen Sie?“ Der Unbekannte ſah ihn ſtarr an, und anſtatt auf ſeine Frage zu antworten, rief 9* — 132— er lachend aus:„Sie ſitzen alſo im Parla⸗ ment? Ich habe dort auch eine Stelle! Ich gehe nicht oft hin; doch iſt es moͤglich, daß wir uns dort wiederſehen. Adieu! Adieu!“ „Verzeihen Sie meine Freiheit, mein Herr, ſagte André einigermaßen uͤber die Art außer Faſſung gebracht, womit ſeine neue Bekannt⸗ ſchaft ſich ſo ganz obenhin von ihm trennte; aber wenn Sie nichts Beſſeres zu thun ha⸗ ben: ſo wuͤrde ich mich freuen, wenn Sie mit mir fruͤhſtuͤcken wollten.“ „Unmoͤglich! Unmoͤglich!“ rief der Unbe⸗ kannte, indem er ſchon ging. Aber nachdem er einige Schritte gethan hatte, drehte er ſich um, und fuͤgte hinzu:„Ich muß mit dem Koͤnige fruͤhſtuͤcken! Er wuͤrde ohne mich nicht fruͤhſtuͤcken!“ Und er ſetzte ſeinen Weg fort, indem er aus vollem Halſe lachte. Dieſe Unterredung hatte die Neugier unſeres Helden wenig befriedigt, und er begab ſich in etwas uͤbler Laune nach dem Wirthe⸗ hauſe zuruͤck, da ſich ſein Magen ſchon zu melden anfing. Waͤhrend des Fruͤhſtuͤcls aber erfuhr André von einigen Fremden, daß die befolgen, und ſtand daher ſchon lange vor — 133— beſte Gelegenheit, den Koͤnig zu ſehen, in der Kirche ſei. Dieſen Wink beſchloß André zu 3 der gewoͤhnlichen Zeit an der Kirchthuͤr auf ſeinem Poſten. Eine ziemlich einfache Kutſche fuhr end⸗ lich vor, aber das köͤnigliche Wappen war auf dem Kutſchenſchlage, und der Kutſcher ſo wie die Lakaien trugen die Livrée des Koͤ⸗ 1 nigs. Die Menge machte Platz, und die Worte: das iſt der Koͤnig! das iſt der Koͤnig! welche von allen Seiten mit leiſer Stimme ausgeſprochen wurden, kuͤndigten André'n an, daß er nun ſeinen Souveraͤn ſehen ſollte.— 1 Aber wie wurde ihm zu Muthe, als er den Unbekannten aus dem Wagen ſteigen, und der Koͤnigin den Arm geben ſahe! Sein Schrecken war unbeſchreiblich, und er dachte nur darauf, ſich unter der Menge zu verſtek⸗ ken, aus Furcht vom Koͤnige erkannt zu werden. Weit entfernt, noch laͤnger in Windſor zu. bleiben, um ſich die gewuͤnſchte Auskunft uͤber den Koͤnig zu verſchaffen, eilte er, ſich in die 1 nächſt abgehende Diligence zu ſetzen, und nach — 134— London zuruͤckzukehren. Erſt in dem Wagen gelang es ihm, ſeines Schreckens gänzlich Meiſter zu werden, und kaltbluͤtig uͤber das Geſchehene nachzudenken. Es ſchien ihm bald, daß der Koͤnig nicht die geringſte Urſache haben koͤnne, mit ihm unzufrieden zu ſein; und er endete damit, herzlich uͤber ſein Abenteuer zu lachen, das er aber Niemanden zu erzaͤhlen beſchloß. Da der Koͤnig nach einigen Tagen im Pallaſt St. James zu London großen Hoftag halten wollte, ſo fuhr ſchon am andern Mor⸗ gen der Marquis von Avonſide bei unſerem Helden vor, und benachrichtigte ihn, daß er bei dieſer Gelegenheit vorgeſtellt werden muͤſſe. Dieß war eine Ehre, die André gern noch aufgeſchoben haͤtte, weil er glaubte, daß der Koͤnig ihn dann wahrſcheinlich vergeſſen haben, oder ihn nicht mehr erkennen wuͤrde. Aber der Marquis beſtand darauf, ihn am naͤchſten Hoftage vorzuſtellen, indem er ſagte, daß dieß unumgänglich nothwendig fuͤr ſeine politiſchen Abſichten ſei, und André mußte ſich alſo fuͤgen. Als der gefuͤrchtete Tag angebrochen war, 1 125— fühlte ſich unſer Held zum erſten Male in ſeinem Leben übler Laune. Er fand, daß ſein Hofkleid ihm ſchlecht ſtehe, daß die Farbe zu auffallend, die Stickerei nicht beſcheiden genug ſei.„Und dieſer Bratſpieß, fuͤgte er hinzu, als er ſeinen kurz vorher gekauften Galla⸗ Degen anſteckte, haͤtte auch wohl weit beque⸗ mer an der rechten Seite haͤngen koͤnnen.“ Immer laͤnger zoͤgernd, kam er endlich bei dem Marquis von Avonſide an, der ſchon vor Ungeduld, ſo lange auf ihn warten zu muͤſſen, zitterte, und ſchwur, daß er noch nie ſo ſpaͤt bei Hofe erſchienen ſei. Als ſie in's Palais eintraten, wendete André alle möͤgliche Sorg⸗ falt an, ſich von dem Marquis durch die Menge nicht trennen zu laſſen; das Herz ſchlug ihm ziemlich ſtark, als der Augenblick immer näher kam, wo er vor den Koͤnig tre⸗ ten ſollte; aber er hoffte durch Behendigkeit ſeinen Blicken zu entſchluͤpfen. In der That machte er auch die gewoͤhnliche Kniebeug in ſo raſch, und buͤckte ſeinen Kopf ſo ſchnell und unterthaͤnig, daß das lebhafte und durchdrin⸗ gende Auge des Konigs nicht auf ſeinem Ge⸗ ſichte haften konnte. Aber waͤhrend er, ſich wieder aufrichtend, ſich hinter einen dicken geiſtlichen Wuͤrdentraͤger zu verſtecken ſuchte, ertappte ihn der Koͤnig auf der That, und erkannte ihn im Augenblick. „Aha! rief George aus, das iſt mein Schotte aus der Grafſchaft Ayr. Guten Morgen, mein Herr! ein ſchoͤner Tag heute, he? Sie ſind hierher gekommen, um den Koͤnig zu ſehen; nicht wahr?“ Da unſer Held einſahe, daß ihm hier jeder Ruͤckzug abgeſchnitten ſei, nahm er allen ſei⸗ nen Muth zuſammen, und auf die gute Laune des Koͤnigs rechnend, welche er bei jener Unter⸗ redung im Park von Windſor gezeigt hatte, antwortete er:„Ach, Sire! Ew. Majeſtaͤt haben mir in die Dame geſchlagen, als Sie mich wie eine Elſter ſchwatzen ließen, ohne mir zu verrathen, mit wem ich ſprach.“ Der Marquis von Avonſide war wie ver⸗ ſeeinert, und ſein Schrecken ſchien die gute Laune des Koͤnigs noch zu vermehren, welcher ſich von Neuem an André wandte: „Sie bieten mir heute kein Fruͤhſtuͤck an? — 7— he? Zu ſpaͤt! ich habe mit dem Koͤnige ge⸗ frühſtuͤckt!“ Und ſich hierauf zu einem Schot⸗ tiſchen Lord umwendend, der neben ihm ſtand, fuhr er fort:„Mylord, Ihr Landsmann iſt verteufelt liſtig! Aber er iſt ein rechtlicher Mann! Ein rechtlicher Mann, das delſ Werk der Gottheit!“ Da der Köͤnig hierauf mit einer andern Perſon ſprach, benutzte der Marquis dieſe Ge⸗ legenheit, um ſich mit André zu entfernen; und nachdem er ſich dieſes Geheimniß hatte erklaͤren laſſen, nahm er einen hoͤchſt ernſthaf⸗ ten Ton an, und ſagte, er habe große Gefahr gelaufen, von Seiner Majeſtät uͤbel aufge⸗ nommen zu werden. Der Graf von Sandy⸗ ford aber dachte hieruͤber ganz verſchieden von ſeinem Schwiegervater; denn als er dieſes Abenteuer erfuhr, behauptete er, daß der Koͤnig ſeinen Schotten aus der Grafſchaft Ayr ſtets mit Vergnüugen wiederſehen wuͤrde. Er taͤuſchte ſich nicht in ſeiner Erwartung; als ſich André zum erſten Male wieder bei Hofe einfand, er⸗ kannte ihn der Koͤnig ſogleich, und ladete ihn zu einer Aſſemblée ein, welche einige Tage — 138— ſpaͤter bei der Koͤnigin in uuingham⸗Houſe Statt haben ſollte. Waͤhrend des Winters, welcher auf die Wahl André's zum Parlaments⸗Mitglied folgte, kamen der Graf und die Gräſin San⸗ dyford, obgleich wider ihren Willen, nach Lon⸗ don zuruͤck; aber den aͤlteren Freunden des Grafen war es endlich gelungen, ihn zu uͤber⸗ zeugen, daß er, als Pair des Koͤnigreichs, auch die Pflichten eines ſolchen erfuͤllen muſſe. Eben dieſer Winter wurde auch entſcheidend fuͤr das Schickſal unſeres Helden, und die Goͤttin des Gluͤcks ſchuͤttelte aus ihrem Fuͤll⸗ horne ſo viel Ehrenſtellen und Reichthuͤmer uͤber ihn aus, daß es ſchien, als warte ſie nur auf den Augenblick, wo es André gefallen wuͤrde, ſie aufzunehmen. Alles, was nur irgend zu der Familie des Grafen Sandyford und des Marquis von Avonſide gehoͤrte, hatte ihm ſeine Klientſchaft uͤbertragen, und ſuchte mit immer neuem Eifer jede Gelegenheit auf, ihm Dienſte zu leiſten. Der Graf und die Gräfin fuͤr ihre Perſon hatte noch nichts fuͤr ihn gethan; aber ſie erwarteten von der Zeit, — 139— daß ſie noch im Stande ſein wuͤrden, ihm ihre Freundſchaft und Dankbarkeit zu bewei⸗ ſen, ohne ſein Ehrgefuͤhl zu beleidigen. „Ich habe mir vorgenommen, ſagte der Graf eines Tages zu ſeiner Gemahlin, ih einen Beweis meiner Achtung zu geben, den er als eine Ehre anſehen wird; denn ich habe bemerkt, daß er mehr Werth auf Alles legt, was ſein perſöoͤnliches Anſehen vergroͤßert, als auf jeden andern Vortheil.“ Er erklaͤrte ſich uͤber ſeine Abſicht nicht weiter; aber als ihm, ungefahr 3 Monate ſpaͤter, die Graͤfin einen Sohn geboren hatte, machte er ihr bekannt, daß er Wylie'n als einen der Pathen einladen wolle. „Ich wuͤrde mich unendlich freuen, ant⸗ wortete die Graͤfin, fuͤr unſer theures Kind einen ſolchen Freund zu erlangen, und es ſei⸗ ner Zuneigung durch die auf die Taufe ge⸗ gründeten heiligen Bande zu verſichern; aber Wylie iſt ein Schotte, und daher Presbyte⸗ rianer; ich fuͤrchte alſo, daß die Strenge ſei⸗ ner Grundſaͤtze ihn verhindern moͤchte, dieſe Einladung anzunehmen.“ — 10— In dieſem Augenblick kam die Herzogin von Daſhingwell herzu, und da ſie die Lar⸗ trauteſte Freundin der Graͤfin war, ſo machte man ſie mit dem Gegenſtande des Geſpraͤchs bekannt. „Auch ich, ſagte ſte, habe ſo gut als der Graf Sandyford bemerkt, daß unter der Ein⸗ fachheit Wylie's nicht nur die Schlauheit ei⸗ nes Fuchſes, ſondern auch der hoͤchſte Ehrgeiz verſteckt iſt.“ „Es iſt mir ſchon oͤfters eingefallen, ſagte die Graͤſin, daß er, bei der vollkommenen Gleichguͤltigkeit, womit er allgemein unſer Ge⸗ ſchlecht betrachtet, irgend eine geheime Nei⸗ gung in ſich nährt.“ „Sie haben recht geurtheilt! rief die Her⸗ zogin aus; ich erinnere mich eines Umſtandes, der davon einen Beweis giebt, und der liſtige Fuchs hat die Geſchicklichkeit gehabt, nicht nur mich zu ſeiner Vertrauten zu machen, ſondern auch, mich gewiſſermaßen für ihn re⸗ den zu laſſen. Ich weiß nicht, was der Er⸗ folg davon war; aber ich ſehe noch immer die junge und ſchoͤne Schottin vor mir, welche — 141— mit ihrer Tante in einer meiner Aſſembléen war. Guter Gott! was habe ich fuͤr ein Gedaͤchtniß! Ich habe ihren Namen vergeſſen. Aber Wylie war in die Nichte veyliebt, bis uͤber die Ohren verliebt, das iſt gewiß, und ich glaube, er hat mir geſagt, ſchon von ſei⸗ ner Kindheit an. Wir muͤſſen ihn doch da⸗ nach fragen!“ Waͤhrend die Herzogin mit ihrer gewoͤhn⸗ lichen Frohlichkeit und Lebhaftigkeit ſo ſchwatzte, wechſelten der Graf und die Graͤfin einige Blicke des Einverſtaͤndniſſes mit einander, welches ſie waͤhrend der Anweſenheit der Her⸗ zogin nicht durch Worte erklaͤren wollten; als ſie ſich aber entfernt hatte, ſagte der Graf lachend:„In ganz Großbritannien moͤchte wohl keine alte Mutter der lieben Herzogin den Preis der Schwatzhaftigkeit ſtreitig machen; aber in dem, was ſie uns ſo eben erzählt hat, finde ich einige Umſtaͤnde, welche mich das Betragen Wylie's in einem ganz neuen Lichte erſcheinen laſſen. Wenn es wahr iſt, daß er ſchon ſeit mehreren Jahren verliebt iſt, ſo finden wir in dieſer Leidenſchaft die Bewegungs⸗ — 142— gruͤnde, welche auf die Art ſeines Seins Ein⸗ fluß gehabt haben; und ich wollte zehn gegen eins wetten, daß es kluge und uͤberlegte Be⸗ wegungsgruͤnde ſind. Doch muͤſſen wir Ge⸗ ſchicklichkeit anwenden, um ſie zu entdecken.“ Bald darauf trat André ſelbſt ein, und waͤhrend er die Schoͤnheit des Saͤuglings be⸗ wunderte, welcher auf dem Schooße ſeiner Mutter lag, ſagte der Graf zu ihm ohne weitere Einleitung:„Nun, Wylie, Sie werden mir doch das Vergnuͤgen machen, einer der Pathen dieſes kleinen Burſchen zu ſein?“ „Ich bin der Meinung, daß dieß eine große Ehre für mich ſein wuͤrde, antwortete André ohne zu zaudern; aber ich glaube, daß es mir unmoͤglich iſt. Ich weiß zwar nicht recht, was man unter einem Pathen verſteht; aber ohne im Geringſten die Gebraͤuche der biſchoͤflichen Kirche in England herabzuſetzen, werden mir Ihre Herrlichkeit doch erlauben, zu ſagen, daß davon nichts in den zehn Ge⸗ boten ſteht. Ich hoffe alſo, daß Sie mich guͤtigſt entſchuldigen werden.“ Der Graf ſah Lady Sandyford laͤchelnd an, und ſagte zu André mit dem herzlichſten Tone:„Die ſtrenge Befolgung Ihrer Grund⸗ ſätze zwingt mich, Sie darum nur noch mehr zu achten, Wylie; und ich vermuthe jetzt, daß die Entbehrungen, die Sie ſich ſo lange Zeit hindurch auferlegten, aus irgend einem lobens⸗ werthen Bewegungsgrunde entſtanden ſein, den ich bisher noch nicht entdecken konnte. Ich habe Sie noch nie von Jee Familie ſpre⸗ chen hoͤren.“ „Das kommt daher, weil ich keine Familie habe, Mylord.“ „Aber, erw dorte der Graf läͤchelnd, die Herzogin von Daſhingwell, welche heute Mor⸗ gen hier war, ſagte uns doch, daß ſie ſich ei⸗ ner jungen und ſchoͤnen Schottin erinnere, welcher Sie ſehr zugethan waͤren.“ Die Verwirrung, welche ſich auf dem Ge⸗ ſichte unſeres Helden malte, ließ dem Grafen keinen Zweifel mehr uͤbrig.„Wenn wir Ih⸗ nen, fuhr er in einem hoͤchſt freundſchaftlichen Tone fort, auf irgend eine Art bei der Aus⸗ fuͤhrung ihrer Plane nützlich ſein koͤnnten, — 144— Wylie: warum erklaͤren Sie ſich nicht? Lady Sandyford und ich ſind gegen Sie eine Schuld eingegangen, welcher wir uns niemals entle⸗ digen koͤnnen. Sie wuͤrden unſer Gluͤck voll⸗ kommener machen, wenn Sie uns ſagen woll⸗ ten, was wir zu dem Ihrigen beitragen koͤnnen.“ André fuͤhlte, daß er endlich das Ziel er⸗ reicht haͤtte, dem er ſeit ſo langer Zeit und mit ſo vieler Beſtaͤndigkeit entgegen gegangen war. Er wußte, daß er ſich jetzt auf einem Stand⸗ punkte befaͤnde, welcher dem der Miß Marie Cunningham die Wagſchale hielt; und zum erſten Male geſtand er ſich ſelbſt die ganze Gewalt einer Neigung, welche die geheime Urſache ſeines Betragens, von ſeiner Ankunft in London an, geweſen war, obgleich er ſich kaum erlaubt hatte, ſich mit der geringſten Hoffnung zu ſchmeicheln. Lord und Lady San⸗ dyford bewunderten das Zartgefuͤhl, womit er ihnen den geheimen Bewegungsgrund geſtand, der ihn bewogen hatte, die Geſellſchaft der Perſonen von Stande zu ſuchen, und womit er von ſeinem urſpruͤnglich niedrigen Stande — 145— ſprach, indem er ihm den Rang der Familie Craigland entgegenſetzte. „Aber jetzt, fuhr er fort, wenn Sie das Werk vollenden wollen, woran Sie ſchon ſo lange, ohne es zu wiſſen, Hand angelegt ha⸗ ben: ſo bitte ich Sie, mir in den Augen meiner aͤlteſten Bekannten einen Theil von jenem Anſehen zu verſchaffen, welches weder Geld noch Ehrenſtellen geben. Mit einem Worte, Mylord und Mylady, Gott und Ih⸗ rem Schutze ſei's gedankt, was das Vermoͤ⸗ gen betrifft, ſo bin ich jetzt im Stande, mich um Miß Cunningham zu bewerben; erſt vor Kurzem habe ich die Herrſchaft Wylie in Schottland fuͤr 30,000 baare Pfund Sterling gekauft, wodurch ich doch gerade keine verwerf⸗ liche Partei geworden bin; aber die Miß ge⸗ hoͤrt einer alten Familie an, und überdieß moͤchte ich ihr auch keinen Antrag machen, ehe ich nicht uͤberzeugt waͤre, daß keine Ruͤck⸗ ſicht auf mein Geld ſie dazu bewegte, ihn anzunehmen.“ 1 „Das heißt die Gewiffnhaftigkeit etwas. weit treiben, ſagte der Graf laͤchelnd. Aber II. Thl. 10 — 146— wie koͤnnen Sie Gewißheit uͤber ihre wahren Gefuͤhle erlangen? Das iſt durchaus nicht leicht. Haben Sie einige Urſache zu glauben, daß ſte Ihre Zuneigung erwiedert?“ „Um das zu behaupten, habe ich nicht Ei⸗ telkeit genug, antwortete André; aber wir ſtanden in Beziehung auf einander, als wir noch ſehr jung waren; und wenn ich ſehen ſollte, daß ſie ſich derſelben mit Vergnuͤgen erinnert, ſo waͤre das hinreichend fuͤr mich.“ Er erzählte ihnen jetzt die Geſchichie ſei⸗ ner erſten Jugendjahre, und miſchte ſo viel Witz und Originalitaͤt hinein, daß der Graf und die Gräfin mehrmals laut an zu lachen fingen. Sie verſicherten ihm zuletzt, daß ſie, ſobald der kleine Lord Chaſtington getauft ſein wuͤrde, mit ihm eine Reiſe nach Schott⸗ land machen wollten, um mit den Einwohnern von Craigland und Stoneyholm, von denen er ihnen ſo eben erzaͤhlt hatte, Betanntſchaf⸗ zu machen. Nach dieſem wichtigen Geſtaͤndniſſe unſe⸗ res Helden dachte die Graͤfin Sandyford, deren Dankbarkeit und Theilnahme für ihn ohne —— — — 147— Grenzen war, beſtaͤndig daruͤber nach, durch welche Mittel man ihm die Erreichung ſeiner Wuͤnſche erleichtern koͤnnte. Eine Idee fiel ihr unter Anderm ein; ſie dachte, wenn fuͤr ihn der Titel eines Ritters Baronet zu er⸗ halten waͤre: ſo wuͤrde dieß einen großen Einfluß auf die Unterdruͤckung der Vorurtheile der Familie Craigland haben, und ſie theilte daher dem Grafen ihre Meinung mit. Lord Sandyford war vollkommen damit einverſtan⸗ den, und noch an demſelben Tage fuhr die Gräfin zu ihrem Vater, dem Marquis von Avonſide. Der Marquis wunderte ſich anfangs uͤber die Bitte ſeiner Tochter; denn dieſen Ehrgeiz hatte er André'n nicht zugetraut, da er ihn als einen Mann kannte, welcher auf derglei⸗ chen leere Titel gar keinen Werth legte. Als er aber erfuhr, daß Wylie ſelbſt an dieſer Bitte keinen Theil habe, und mit den uͤbri⸗ gen Umſtaͤnden, welche ihm dieſe Standeserhoͤh⸗ ung wuͤnſchenswerth machten, bekannt wurde: willigte er ſogleich ein, ſich ſeines Einfluſſes zu dieſem Zweck zu bedienen. Er that noch 10* — 148— an demſelben Tage die noͤthigen Schritte bei dem erſten Miniſter, ſeinem vertrauten Freunde; und da auch dieſer André'n hinläͤnglich kannte, und wußte, welchen Nutzen er ſchon im Par⸗ lamente bei den verſchiedenen Ausſchuͤſſen ge⸗ leiſtet hatte: ſo wurde ſeine Erhebung in den Stand eines Ritters Baronet augenblicklich beſchloſſen. In Folge deſſen kuͤndigte die offizielle Zei⸗ tung am naͤchſten Sonnabend, zum großen Er⸗ ſtaunen unſeres Helden und aller ſeiner Freunde, die nichts von dem Geheimniß wußten, ſeine Erhebung in den Stand eines Baronets an, unter dem Titel: Sir André Wylie von Wylie. Neunzehntes Kapitel. Unterdeſſen blieb Marie Cunningham, ob⸗ gleich die ſchoͤnſte unter den Schoͤnen in der Grafſchaft Ayr, die zugleich ein Vermoͤgen, wie wenige unter ihnen, zu erwarten hatte, immer noch eine Roſe, welche Niemand abzu⸗ pfluͤcken wagte. In der That hatte ſie ſich zwar allenthalben die Bewunderung, die ſie zu — 149— genießen berechtigt war, erworben, und war mehr als einmal das Ziel habſuͤchtiger Be⸗ werber um ihre Hand geweſen; aber in der Einſamkeit, in welcher ſie der Geſchmack und die Traͤgheit ihres Vaters, ſo wie der Stolz und die Klugheit ihrer Tante, zuruͤckhielt, konnte es keinem der jungen Leute, die eine annehm⸗ liche Partie fuͤr ſie geweſen waͤren, gelingen, ſich ihr haͤufig genug vorzuſtellen, und ihre Zuneigung zu gewinnen. Denn man ſah ſie nur hoͤchſt ſelten das Schloß Craigland ver⸗ laſſen, außer, wenn ſie auf den Ball fahren durfte, welcher alljaͤhrlich in Kilwinning ge⸗ geben wurde. 3 Ungeachtet ihrer Einſamkeit verlebte aber Marie ihre Tage nicht mit Nichtsthun, ſon⸗ dern ſie verſtand die Kunſt, ſich ſelbſt Freu⸗ den zu ſchaffen, welche fuͤr ſie eben ſo an⸗ genehm, als nuͤtzlich fuͤr Andere waren. Bei dem betraͤchtlichen Vermoͤgen ihres Vaters konnte ſie mit Leichtigkeit ihr Vorhaben aus⸗ fuͤhren, das ſie gefaßt hatte: die Gaͤrten, den Park und das Schloß aus dem verwilderten Zuſtande zu ziehen, in welchen die Nachlaͤſſig⸗ keit des Beſitzers alles dieſes hatte verſinken — 150— laſſen; und da ſie mit vieler Geſchicklichkeit die dazu erforderlichen Summen von ihrem Vater erpreßt hatte, leitete ſie ſelbſt mit vie⸗ lem Geſchmack die Verbeſſerungen. Dieſe Ar⸗ beiten vertrieben die Duͤrftigkeit aus dem Dorfe, und ließen der Faulheit keinen Vor⸗ wand ſich zu beklagen uͤbrig. Jedermann fand im Schloſſe Arbeit, und Marie wußte Jedem eine ſeinen Kraͤften zngeneſſenr Aufgabe zu uͤbertragen. Von allem dieſem wurde auch André in Kenntniß geſetzt; denn jedes Mal, wenn die alte Marthe dem Schulmeiſter Tannyhill einen Brief diktirte, verfehlte der letztere nie eine Nachſchrift hinzuzufuͤgen, in welcher er ihn von Allem, was in Stoneyholm vorging, in Kenntniß ſetzte. Der Geſchmack, von welchem Marie bei der Verſchoͤnerung des vaͤterlichen Guts Beweiſe ablegte, die Wohlthaten, welche ſie haͤufig im Dorfe an Kranke und Gebrech⸗ liche ſpendete, waren diejenigen Gegenſtaͤnde, bei welchen er ſich gern am laͤngſten aufyielt, obgleich er nicht wußte, welchen lebhaften Antheil der Empfaͤnger des Briefes daran nahm. Schon vor langer Zeit hatte André ver⸗ ſprochen, ſeinen Geburtsort zu beſuchen; aber man verlor die Hoffnung, als man erfuhr, daß er Mitglied des Parlaments, und endlich gar Baronet geworden ſei.„Indeſſen, ſagte Tannyhill, beweiſen ſeine Briefe, daß ſeine Standeserhoͤhung nicht die geringſte Veraͤn⸗ derung in ſeinen Geſinnungen hervorgebracht hat, denn jedes ſeiner Worte iſt ihm von einem vortrefflichen Herzen in die Fedet diktirt.“ 1 Einige Monate, nachdem Sir André Wylie, denn ſo muͤſſen wir ihn nun nennen, den Titel eines Baronets erhalten hatte, eeinle endlich der Graf und die Graͤſin Sandyfor ihr Verſprechen, mit ihm nach Schottland zu reiſen, und alle drei traten in einem Wagen den Weg dahin an. Man war uͤbereingekom⸗ men, ſich in Kilmarnock von einander zu trennen, von wo aus der Lord und ſeine Gemahlin ihre Richtung nach dem Schloſſe Auchinward in der Grafſchaft Ayr nahmen⸗ dem Wohnſitze des Sir Archibald und der Lady Marguerite Maybale, ſeiner Gemahlin, einer vertrauten Freundin der ver⸗ ſtorbenen Mutter der Gräaͤfin. Von hier aus hatten ſie ſich vorgenommen die Vorurtheile in Craigland zu bekaͤmpfen. Sir André verweilte ſich einige Stunden lang in dem Gaſthofe zu Kilmarnock, da er erſt nach angebrochener Dunkelheit in Stoney⸗ holm anzukommen wünſchte, welches nur eine gute Stunde entfernt war; bei anbrechender Däͤmmerung trat er aber ſeinen Weg zu Fuße an, und erblickte endlich beim Schein der Sterne zuerſt die gothiſchen Thuͤrme des Schloſſes Craigland, in welchem mehrere Fen⸗ ſter erleuchtet waren. Eine noch nie gefuͤhlte angſtliche Beklemmung ſeines Herzens drohte ihm den Athem zu rauben, und mit lang⸗ ſamem Schritt, in einer hoͤchſt ernſten und nachdenklichen Stimmung, naͤherte er ſich nun der Huͤtte ſeiner Großmutter. Aber er fuͤhlte, daß er ſo nicht bei ihr eintreten muͤſſe; er ſuchte Herr ſeiner ſelbſt zu werden, jede me⸗ lancholiſche Vorſtellung von ſich zu verbannen, — 153— verdoppelte den Schritt, und ſtand nach eini⸗ gen Minuten vor der Thuͤr derjenigen, welche in ſeiner Kindheit ſo muͤtterlich fuͤr ihn ge⸗ ſorgt hatte. Sein Vorſatz war, ſich plötzlich zu zeigen, um ſich einen Genuß an den Ausbrüchen ihrer Freude und Ueberraſchung zu verſchaffen; aber als er eben eintreten wollte, hoͤrte er in der Huͤtte ſprechen. Er blieb einen Augenblick ſtehen, um zu horchen; die Stimme war ihm nicht unbekannt, und rief in ſeine Einbildungs⸗ kraft, beſſer als es durch das treuſte Gemaͤlde haͤtte geſchehen koͤnnen, die vornehmſten Be⸗ gebenheiten ſeiner erſten Lebensjahre zuruͤck; die Spiele, an denen er ſich mit Kameraden vergnuͤgte, von denen einige todt, andere aus⸗ gewandert, noch andere zu den ſchweren Ar⸗ beiten eines Landmannes verurtheilt waren; ſelbſt das Bild der armen Maggy, ſeiner Elſter, deren tragiſches Ende ihm die Noth⸗ wendigkeit auferlegte, funfzig Pſalmen auswendig zu lernen; endlich Marie Cunning⸗ ham, wie ſie ihm bei dieſer Aufgabe half. Dieſe Stimme war mit einem Worte die des wuͤrdigen Tannyhill, welchem die alte Marthe ſo eben einen Brief an ihren Entkel diktirte, um ihn zu bitten, duß er jetzt, da er ein großer Mann, und ein erwachſener Mann, geworden ſei, zu kommen, um ſie noch einmal vor ihrem Tode zu ſehen. Das Herz ſchlug ihm heftig, und ſeine Hand zitterte, als er die Thuͤr oͤffnete, um hineinzugehen. Der Schulmeiſter ſtand beim erſten Geraͤuſche auf, nahm das Licht zur Hand, und wollte nach der Thuͤr gehen, um zu ſehen, wer ſo ſpaͤt und ſo plötzlich ein⸗ treten koͤnne; aber ſchon druͤckte André ſeine Großmutter in ſeine Arme. Wir uͤberlaſſen es der Einbildungskraft unſerer Leſer, ſich ein Bild von der jetzt vorfallenden Szene darzu⸗ ſtellen; welchem Pinſel koͤnnte es gelingen, mit treuen Farben die freudigen Entzuͤckungen der kindlichen Liebe und der muͤtterlichen Zaͤrt⸗ lichkeit zu malen! Am folgenden Morgen ging Sir André ſchon ſehr fruͤh aus, um ſeinen alten Lieblings⸗ ſpaziergang in das Geholz von Craigland zu machen; aber er kehrte zu ſeiner Großmutter — 155— zuruͤck, ohne irgend einen Bekannten ſeiner Jugend zu ſehen. Nach dem Fruͤhſtuͤck begab er ſich mit der alten Marthe und Tannyhill in die Kirche, indem es ein Sonntag warz und da ſeine Ankunft jetzt ſchon im Dorfe bekannt geworden, ſo war der groͤßte Theil der Einwohner auf dem Kirchhofe verſammelt, indem man nicht zweifelte, ihn hier zu erblicken. Man machte ihm ehrerbietig Platz, und bil⸗ dete ſo eine Gaſſe, in welcher er wie im Triumphe zwiſchen ſeiner Großmutter und dem guten Tannyhill einherging; ſobald er aber einen ſeiner Bekannten erblickte, reichte er ihm die Hand, ſprach zu ihm mit Herzlichkeit und Laune, und zeigte ihnen ſo, daß er der ehema⸗ ligen Verbindung mit ihnen ſich keinesweges ſchaͤme. Eine ungewoͤhnliche Menge erfuͤllte heute die Kirche, und alle Augen waren bis zu dem Augenblick, wo der Prediger die Kanzel be⸗ ſtieg, auf Sir André gerichtet. Der Zufall wollte, daß gerade ein Pſalm angeſtimmt wurde, welcher anfing:„Herr! dir dank' ich, du haſt mich erhoben,“ und ſo genau mit der Lage und den Empfindungen André's in dieſem Au⸗ genblick uͤbereinſtimmte. Sir Wylie erbebte unwillkuͤrlich; dieß war auch einer von jenen Pſalmen, welchen er ſo oft der Miß Cunning⸗ ham auf dem Kirchhofe hergeſagt hatte. Mecha⸗ niſch richtete er ſeinen Blick auf den Kirchen⸗ ſtuhl des Gutsbeſitzers, und hier ſah er die⸗ ſelbe Sonne ſtralen, welche ſo lange und ſo ohne Unterlaß ſeine Gedanken beſchäftigte. Als der Gottesdienſt geendigt war, verließ Sir André die alte Marthe, und ſagte ihr, daß er noch einige ſeiner alten Bekannten zu ſprechen wuͤnſche, nachher aber zu ihr zuruͤck⸗ kommen wuͤrde. Hierauf begab er ſich auf den Kirchhof, und ſtellte ſich an jenen Leichen⸗ ſtein, wo Marie Cunningham ihn ehemals ſo oft aufgeſucht hatte; bald war er hier vöͤllig von den Einwohnern des Dorfes umgeben, deren ihm jeder ſeine Freude, ihn wiederzu⸗ ſehen, zu bezeigen ſuchte, und deren jedem er etwas Angenehmes oder Scherzhaftes zu ſagen hatten Aber waͤhrend er ſo mit ihnen ſprach, hatte er unverwandt ſeinen Blick auf die Thuͤr der Kirche gerichtet, aus welcher er endlich den Gutsbeſitzer, Miß Mizy und Marie CEun⸗ ningham hervortreten ſah. Die Zeit hatte den Ruͤcken des alten Craig⸗ land gekruͤmmt, ſeine Schultern gerundet, und er trug jetzt nicht mehr ſeine Haͤnde in den Taſchen; denn die eine ſtuͤtzte ſich auf den Arm ſeiner Tochter, in der andern trug einen großen Rohrſtock. Miß Mizy hatte ihren ge⸗ raden Wuchs erhalten; aber obgleich ſie ma⸗ ger war, ſo ſchien ſie doch ſchwerer und un⸗ behuͤlflicher geworden zu ſein. Guͤnſtiger hatte die Zeit auf Marie Cunningham gewirkt, de⸗ ren Reize ſich jetzt in ihrer voͤlligen Reife befanden, und ſo ihre Lieblichkeit erhoͤhten. Sir André ging ſogleich auf ſie zu, und der alte Craigland druͤckte ihm mit Herzlich⸗ keit die Hand. Miß Mizy empfing ihn mit ſichtbarer Zufriedenheit, und ſelbſt Miß Marie ſchien ihn mit ſo vielem Vergnuͤgen wieder⸗ zuſehen, daß einige ſcharfſichtige Beobachter unter den umſtehenden Dorfbewohnern mit leiſer Stimme bemerkten, daß es wohl nicht unmoͤglich ſei, in André Wylie noch einſt den Gemahl der Tochter des Gutsherrn zu erblicken. — 158— Sie hatten den Kirchhof der Laͤnge nach zu durchſchreiten, um nach einer Thuͤr zu ge⸗ langen, welche auf einen naͤheren Weg nach dem Schloſſe führte, und Sir André beglei⸗ tete ſie. Sie kamen bei jenem Leichenſtein, dem Zeugen ſeiner Zuſammenkuͤnfte mit Ma⸗ rien in ihrer Kindheit, vorbei, und er be⸗ merkte, daß ſie einen Blick darauf warf, der nicht ohne Abſicht zu ſein ſchien. Dieſer Stein, welcher damals ganz neu war, hatte jetzt ſchon nach unten zu eine Decke von Moos, nach oben zu aber eine ſchwaͤrzliche Farbe erhalten. „Die Zeit hat ihn nicht verſchont,“ ſagte Sir André zu Marien mit halblauter Stimme. Miß Cunningham erroͤthete; aber ſie er⸗ holte ſich bald, und antwortete lebhaft und ſcherzend:„Und ich glaube, ſie hat Sie auch wohl einige von Ihren funfzig Pſalmen vergeſſen laſſen?“ Dieſe Unterhaltung wurde jetzt unterbro⸗ chen, denn der alte Craigland wandte ſich an unſern Helden:„Sir André, ſagte er, ich hoffe, Sie werden es uns nicht abſchlagen, — 159— heute Mittag eine Suppe bei uns zu eſſen? Meine Schweſter meint zwar, ſie ſei heute nicht dazu eingerichtet, weil wir nur einen Hammelskopf und ein kaltes Gefluͤgel haben; aber ich weiß, daß geſtern ein Spanferkel ge⸗ ſchlachtet worden iſt, und wenn Sie meine Bitte bewilligen, ſo iſt es noch Zeit, es an den Spieß zu ſtecken. Was ſagen Sie dazu? Ich hoffe, Sie werden keine Umſtaͤnde machen?“ Dieſe Einladung machte Sir André großes Vergnuͤgen, und er dachte durchaus nicht daran, ſie abzulehnen. Er nahm daher einen ſcherzenden Ton an:„Wenn es keine Suͤnde iſt, am Sabbath außer dem Hauſe zu ſpeiſen, ſo macht es mir viel Vergnuͤgen, es bei Ih⸗ nen zu thun; aber ich bin der Meinung, daß ich Großmutter davon benachrichtige, ſonſt wuͤrde ſie boͤſe ſein.“) „Sie haben Recht, ſagte Craigland, mit einem guͤtigen Tone; Sie ſind ihr vielen Dank ſchuldig, aber ich weiß, daß Sie ſie nicht vergeſſen haben. Ich hoffe indeſſen, daß Sie kommen werden.“ „Ich glaube, lieber Bruder, ſagte Ni Mizy, daß du eben ſo gut thuſt, auch Miſt⸗ riß Marthe einzuladen. Sie iſt jetzt gewiſſer⸗ maßen eine Frau von gutem Stande, da ihr Enkel Mitglied des Parlaments und Ritter Baronet iſt.“ „Das iſt ſehr wahr, Mizy, antwortete der Gutsherr, und ich werde ſie mit Vergnuͤgen bei mir ſehen. Ich hoffe, Sir André, daß Sie ſie mitbringen werden, und ich bitte Sie, ſie in meinem Namen einzuladen.“ Während dieſes Geſpraͤchs war man an die Thuͤr des Kirchhofes gelangt, wo Sir André ſehr uͤberraſcht war, eine Equipage warten zu ſehen; aber man merkte es ihr gleich an, daß ſie dem alten Craigland gehoͤre. Von den Pferden war das eine ſchwarz, das andere grau, und beide ſchienen ſeit ihrer Ge⸗ burt noch nicht geputzt worden zu ſein; uͤber⸗ dieß war das eine ein Stutz⸗, das andere aber ein Langſchwanz. Das Riemzeug war an mehreren Orten mit kleinen Stricken ausge⸗ beſſert, der uͤbrigens ziemlich elegante Wa⸗ gen durchaus von oben bis unten mit Koth beſpritzt. Allem dieſem machte Robin Tajgle,⸗ — 161— der Kutſcher, Ehre, welcher außerdem noch die Dienſte eines Jaͤgers, Hundewaͤrters, Kam⸗ merdieners und Lakaien, nebenbei auch eines Poſtillons, verrichtete; ſeine ganze Livrée be⸗ ſtand in einer alten grauen Jacke, und ſeine Fuͤße hatte er in Stroh gewickelt, um dadurch die Stiefeln zu erſetzen. André half den beiden Damen und dem Gutsherrn in den Wagen. Miß Mizy, ih⸗ ren Kopf aus dem Kutſchenſchlage ſteckend, rief in einem vornehmen Tone: Nach dem Schloſſe! und nickte hierauf Sir André'n mit einem außerſt grazioͤſen Lächeln zu, waͤhrend die Pferde ſich wie gewoͤhnlich, das heißt in langſamem Schritt, in Bewegung ſetzten. Sir André blickte der ſich langſam ent⸗ fernenden Equipage zwei oder drei Minuten lang nach, und heute ſchien es ihm zum erſten Male in ſeinem Leben keine Anmaßung zu ſein, wenn er ſeine Augen bis zu Miß Cun⸗ ningham erhöbe.. „MNicht wahr, das iſt eine praͤchtige Karoſſe?“ rief plötzlich eine Stimme hinter ihm; ich II. Thl. 3 3 11 — 162— wette, Ihr habt nie eine ſchoͤnere in London geſehen!“ Sir André wandte ſich befremdet um, und erblickte einen Mann in einer alten, in Lumpen umherhaͤngenden Kavallerie⸗ Uniform, auf dem Kopfe einen alten Hut, deſſen Krem⸗ pen er beſchnitten hatte, um ihm das Anſehen eines Czackots zu geben; ſein Hals und ſeine Fuͤße waren nackt; um ſeinen Leib hatte er ſtatt eines Guͤrtels einen Strick gebunden, und ſtatt eines Degens einen Stock hindurch geſteckt. Es war Jamie, ein wahnſinniger Bett⸗ ler, deſſen Tollheit hauptſäͤchlich in der Ein⸗ bildung beſtand, daß er einen hohen militaͤ⸗ riſchen Grad beſitze, daher er auch bei keiner Revuͤe der Truppen in der ganzen Grafſchaft fehlte. Sein Wahnſinn blieb indeſſen immer ruhig und gutmüuthig. „Ich glaube, fuhr Jamie fort, Ihr woll⸗ tet die eine von den beiden Damen gern zu Frau haben? Auch ich habe ſchon oͤfters daran gedacht, aber ich weiß nur noch nicht welche,“ 3 — 163— André ſah jetzt, mit wem er es zu thun hatte.„Wirklich?“ ſagte er. „Ja, wahrhaftig! Freilich iſt Miß Marie die huͤbſcheſte; aber Miß Mizy hat die Schluͤſ⸗ ſel zum Speiſekeller, und ich liebe gut Eſſen und Trinken fuͤr mein Leben! Aber ich will Euch etwas ſagen. Sprecht doch einmal fuͤr mich, und dann will ich auch fuͤr Euch ſprechen.“ „Sehr gern, unſer Handel iſt richtig, ſagte Sir André lachend; ich werde fuͤr dich bei Miß Mizy ein Wort einlegen.“ „Und warum nicht bei Miß Marie? Aha! das iſt die Feſtung, die Ihr belagert! Doch meinetwegen; hier meine Hand, und Ihr könnt von nun an auf mich rechnen. Gebt Achtung! Rechts um!“ Um ſeiner los zu werden, gab ihm André ein Sechs⸗Pence⸗Stuͤck, und nahm ſeinen Beg nach der Huͤtte der alten Marthe, die er ſo⸗ gleich mit der Einladung in das Schloß be⸗ kannt machte. Sie weizerte ſich zwar an⸗ fangs, dieſe Einladung anzunehmen, welche ſie als eine viel zu große Ehre fuͤr ſich an⸗ ſah; aber André drang in ſie, und ſie wil⸗ 11* — 164— ligte endlich, um ihm Vergnuͤgen zu ma⸗ chen, ein. 1 Unſer Held hatte ſeinen guten Grund, die alte gute Marthe mit auf's Schloß nehmen zu wollen. Er kannte vollkommen den Cha⸗ rakter des Gutsherrn und ſeiner Schweſter, und wollte ſich nun uͤberzeugen, ob vielleicht Marie ihre Vorurtheile geerbt haͤtte. Seine Zärtlichkeit fuͤr ſie, obgleich viel ſtaͤrker und eben ſo beſtaͤndig, als die eines Bruders, war jedoch nicht, was man in der Romanenſprache eine Leidenſchaft nennt; und ehe er ſich ſei⸗ ner Neigung ganz überlaſſen wollte, hatte er beſchloſſen, Marien einer Pruͤfung zu unter⸗ werfen, indem er Beobachter wuͤrde, wie ſie ſich gegen ſeine ehrwuͤrdiger Großmitker be⸗ tragen moͤchte. Als Sir André und die gute Marthe im Schloſſe ankamen, wurden ſie durch Robin Taigle, welcher jetzt den Dienſt eines Lakaien verſah, in den Salon geführt. Miß Mizy hatte freilich gemeint, daß es unnoͤthig wuͤre, ſo viele Umſtaͤnde zu machen, und der alte Craigland ſtimmte ihr vollkommen bei z aber — 165— Marie mechte allen Einwendungen ein Ende, indem ſie ihrer Tante in's Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ rief, in welcher glaͤnzenden Geſellſchaft ſie ihn in London getroffen haͤtten. Craigland ſaß allein im Salon, als die beiden Gaͤſte eintraten. Sobald er ſie erblickte, rief er, ohne vom Stuhle aufzu⸗ ſtehen:„Nur herein, Marthe, nur herein, nehmen Sie doch einen Stuhl! Ich freue mich ſehr, Sie zu ſehen, und ich habe mit Vergnuͤgen erfahren, daß Ihr Enkel ſeinen Weg in der Welt gemacht hat, und der Troſt Ihres Alters ſein wird.“ 1 Ein ſolcher Empfang, der alle gebraͤuch⸗ liche Hoͤflichkeit bei Seite ſetzte, haͤtte doch beinahe unſern Helden unwillig gemacht; allein er beruhigte ſich auf der Stelle, ſobald er an den Charakter Craiglands dachte, ſetzte ſich mit vieler Beſcheidenheit in einiger Enrfer⸗ nung von ihm nieder, und fing nun ein Ge⸗ ſpraͤch mit ihm an, das aber bald durch die Ankunft der Miß Mizy unterbrochen wurde. Auch dieſe machte ſich einer gleichen Unhoͤf⸗ lichkeit ſchuldig, ging bei der guten Marthe — 166— vorbei, nahm einen Stuhl, und ſetzte ſich, ih⸗ rem Bruder gegenuͤber, nieder, ehe ſie noch ein Wort geſprochen hatte. „Liebe Schweſter, ſagte der Gutsherr, ſo⸗ bald ſie ſaß; weißt du wohl, daß ich mit An⸗ dré Wylie's gutem Verſtande ſehr zufrieden bin?“ „Woran denkſt du, lieber Bruder, daß du ſo ſprechen kannſt, rief Miß Mizy bei dieſen Worten aus; haſt du vergeſſen, daß er jetzt Ritter Baronet und Mitglied des Parlaments iſt? Entſchuldigen Sie meinen Bruder, fuhr ſte, ſich mit einem angenehmen Laͤcheln an André wendend, fort; aber Sie kennen ſeine Sitte, und werden ſich nicht beleidigt fuͤhlen, wenn er von Zeit zu Zeit vergeſſen ſollte, Ihnen den gebuͤhrenden Titel zu geben.“ „Nein, gewiß nicht, Miß Mizy, erwiederte Sir André. Ihr Bruder und ich kennen uns ja nicht erſt ſeit geſtern, und wir koͤnnen da⸗ her unter uns Beiden wohl ſo Manches bei Seite ſetzen.“ In dieſem Augenblick trat auch Marie — 167— ein. Ihre Geſichtsfarbe war etwas lebhaft geroͤthet, aber wir wiſſen nicht, ob wir dieß einer phyſiſchen oder moraliſchen Urſache zu⸗ ſchreiben ſollen. Es iſt moͤglich, daß irgend ein geheimes Gefuͤhl, welches ſich in ihrem Herzen erhob, als ſie unſern Helden von ihrem Vater guͤnſtig aufgenommen ſah, dieſe Roͤthe ihrer Wangen hervorgerufen hatte; auch iſt es moͤglich, daß die Wirkung des Feuers in der Kuche, wo ſie bis jetzt die Vorbereitungen zu dem heutigen Feſte beaufſichtigt hatte, dieſe außerordentliche Geſichtsfarbe hervorbrachte: aber wie dem auch ſei, ſie naͤherte ſich zuerſt der alten Marthe, und ſagte zu ihr in einem hoͤchſt guͤtigen und theilnehmenden Tone:„Ich freue mich ſehr, gute Marthe, Sie zu ſehen, und es iſt ein großes Vergnuͤgen fuͤr mich, daß Sie es nicht abgeſchlagen haben.. Sie ſtockte hier einen Augenblick, und fuͤgte dann hinzu: Ihren Enkel zu begleiten.“ Sie wendete ſich hierauf an den Baronet, und ſagte mit einer froͤhlichen, aber doch eini⸗ germaßen verlegenen Miene:„Ich fuͤrchte, Sir Andro, daß die großen Gaſtmäler in London — 168— Ihnen Verachtung eines einfachen Mitktags⸗ eſſens auf dem Lande eingefloͤßt haben.“ „Die Geſellſchaft, antwortete André galant, iſt ſtets die beſte Schuͤſſel bei einer Mahlzeit, und der Hammelskopf, ſo wie das Spanferkel, welche Ihr Vater uns verſprochen hat, koͤnnen mit der Sauce der Miß Mizy und Ihrer Ver⸗ zierung, Miß Marie, nicht anders als hoͤchſt vortrefflich ſein.“ Es lag etwas Scherzhoftez in in dieſem Komp⸗ liment, und Miß Cunningham fühlte es voll⸗ kommen. Aber ihre Tante nahm es nach dem Buchſtaben, und der Gutsherr brach, ſich ruͤckwaͤrts auf die; Lehne ſeines Stuhles wer⸗ fend, in ein lautes Gelaͤchter aus, mit dem Ausruf, daß er die Zeit nicht wuͤßte, wo er eine ſo witzige Antwort gehoͤrt haͤtte. Als Robin Taigle anmeldete, daß die Speiſen aufgetragen ſeien, machte Sir André einige Schritte vorwaͤrts, um der Miß Mizy ſeinen Arm anzubieten; da er aber ſah, daß der Gutsherr allein ging, ohne an⸗ Marthen zu denken, beſchloß er mit der naͤmlichen Muͤnze zu zahlen, ließ ihn ſo wie ſeine Schweſter — 4169— vor ſich vorbeigehen, und folgte ihnen darauf mit ſeiner Großmutter. Marie bemerkte das Manoͤver des Baro⸗ nets, und errieth die Urſache. Ihr Zartge⸗ fuͤhl ſagte ihr auf der Stelle, was ſie zu thun habe; und anſtatt unmittelbar auf ihren Vater und ihre Tante zu folgen, kehrte ſie in den hinteren Theil des Saales zuruͤck, als wenn ſte dort etwas vergeſſen haͤtte, und folgte hierauf hinter André'n und der alten azasthe in den Syeguſna. Zwanzigſtes Kapitel. Der Graf und die Graͤfin von Sandy⸗ ford waren ungefähr um dieſelbe Zeit in Auchinward angekommen, als André i in Stoney⸗ holm. Sir Archibald und Lady Margarethe waren außer ſich vor Freude, ſie bei ſich zu ſehen; und als ſie von dem geheimen Be⸗ wegungsgrund ihrer Reiſe, ſo wie von ihren Wuͤnſchen, Sir André nuͤtzlich zu werden, unterrichtet wurden, gingen ſie ſogleich mit Eifer in ihre Plane ein. Doch ſagten ſie ihnen, daß Miß Cunningham allgemein fur — 170— ſehr ſtolz gehalten wuͤrde, ein Fehler der ganzen Familie Craigland, da ſie ſchon einige der be⸗ ſten Partien im Lande ausgeſchlagen habe. „Sehen Sie manchmal dieſe Familie?“ fragte die Graͤfin. „Manchmal, antwortete Sir Archibald, ja, und die beiden Damen beſuchen auch uns von Zeit zu Zeit; was aber den alten Craiglaad betrifft, das iſt ein Baͤr, der nicht leicht aus ſeiner Hoͤhle herauszubringen iſt.“ „Und wie koͤnnen wir Bekanntſchaft mit ihm machen, fragte der Graf, wenn Sie ihn nicht zu ſich einladen?“ „Nichts iſt leichter, ſagte Sir Archibald; wir ſtatten morgen insgeſammt einen Beſuch in Craigland ab, laden Sir André auf über⸗ morgen zu uns zum Mittagseſſen ein, wodurch wir dem alten Craigland einen Beweis der Achtung geben, welche alle Freunde des jun⸗ gen Baronets gegen ihn haben; und auf jeden Fall bitten wir auch ihn ſelbſt zum Eſſen.“ So wurde es auch beſchloſſen; ſie ſtiegen alle vier des Morgens nach Beendigung des Gottesdienſtes in einen Wagen, und kamen — 121— in dem Augenblick in Craigland an, wo man ſich hier zu Tiſche ſetzte. Niemals konnte eein Beſuch mehr zur unrechten Zeit kommen, wie Miß Mizy und ihr Bruder ſogleich ur⸗ theilten; denn man konnte weder eine Aus⸗ flucht ſuchen, um Perſonen von dieſem Range nicht zu empfangen, noch konnte man ſie warten laſſen, und das Mittagseſſen war alſo verdorben. Ueberdieß, wenn der Gutsherr Sir Archibald und den Fremden empfangen mußte, ſo war es eben ſo unerlaͤßlich, wie Miß Mizy ſagte, daß ſie und ihre Nichte den beiden Damen die Honneurs machte; und was ſollte waͤhrend dieſer Zeit aus ihren Gaͤ⸗ ſten werden? Marie brachte Alles in einem Augenblick in Ordnung, indem ſie erklaͤrte, daß ſie bei Tiſche bleiben wuͤrde, waͤhrend ihr Vater und ihre Tante die Geſellſchaft em⸗ pfingen. Kaum hatte, nach den erſten Komplimen⸗ ten, Lord Sandyford, der ſich vorgenommen hatte, auf jede Weiſe den Gutsherrn fuͤr ſich zu gewinnen, denſelben zwei Minuten lang beobachtet: als er der Luſt nicht widerſtehen — 172— konnte, ſich auf ſeine Koſten zu vergnuͤgen. Er ſtellte ſich älſo, als wenn er zwei im Salon aufgehaͤngte Gemaͤlde, welche dem alten Craig⸗ land und ſeiner verſtorbenen Gemahlin in ihrer Jugend aͤhnlich geſehen haben ſollten, ſehr aufmerkſam betrachtete, und fragte end⸗ lich mit hoͤchſt ernſthafter Miene, ob dieß nicht die Bildniſſe des Koͤnigs von Preußen und Voltaire's ſeien? 3 Craigland erſtaunte nicht, nein, er erſchrak uͤber dieſe Frage; aber die Gräfin ließ ihm keine Zeit zu antworten, und fragte ihn, ob er ſchon Sir André Wylie geſehen habe. „Gewiß, ohne Zweifel habe ich ihn ge⸗ ſehen; er iſt in dieſem Augenblicke mit ſeiner Großmutter bei uns. Der arme Junge ſcheint ziemlich ſein Gluͤck in der Welt gemacht zu haben, und ich mußte ihm doch einige Theil⸗ nahme zeigen.“ 1 „Aber wo iſt Miß Cunningham? fragte Lady Margarethe. Ich wünſchte ſehr, ſie bei dieſer Gelegenheit mit Lady Sandyford bekannt zu machen.“ mu „Schweſter, rief der Gutsherr, geh, und hole ſie, damit ſie dieſen Damen ihre Auf⸗ wartung machen kann.“ „Aber du weißt doch, lieber Bruder, ant⸗ wortete Miß Mizy mit den Augen blinzend⸗ daß ſie unſeren Gaͤſten Geſellſchaft leiſten muß.“ „Und warum? erwiederte Craigland. Was haben wir noͤthig, mit Leuten wie Marthe Docken und ihrem Enkel, viel Umſtaͤnde zu machen!“ „Ich bitte Sie, ſagte der Graf, laſſen Sie Miß Cunningham bei Ihren Gaͤſten bleiben. Sir André Wylie verdient ſo viel Aufmerk⸗ ſamkeit, daß weder Lady ⸗Sandyford noch ich die Hintenanſetzung der ſeinem Rufe und ſeinen Talenten ſchuldigen Ruͤckſichten veran⸗ laſſen moͤchte.“ Craigland wußte nicht recht, was dieß Alles bedeuten, noch was er dem Grafen ant⸗ worten ſollte; aber Sir Archibald zog ihn aus der Verlegenheit, indem er ſagte:„Wir hatten die Abſicht, dem achtungswerthen Baa ronet einen Beſuch abzuſtatten, um ihn zu morgen Mittag nach Auchinward einzuladen. — 174— Ich hoffe, Craigland, daß Sie uns das Ver⸗ gnuͤgen machen werden, ihn zu begleiten.“ Lady Margarethe machte zu gleicher Zeit der Miß Mizy dieſelbe Einladung, und ſagte, wie ſie ſich mit der Hoffnung ſchmeichle, daß ſie, ſo wie Miß Marie, von der Partie ſein wuͤrde. Miß Mizy nahm die Einladung an, ohne zu zoͤgern; aber der Gutsherr, welcher eben nicht zufrieden war, zu ſehen, daß man fuͤr unſeren Helden dieſelben Ruͤckſichten hatte, wie fuͤr ihn ſelbſt, zeigte ſich nicht ſo aufge⸗ legt dazu. „Ich bitte Sie, mich zu enrſchuldigen, Sir Archibald, antwortete er; meine Geſund⸗ heit iſt in dieſem Augenblick ziemlich zerruͤttet. Lord Sandyford, welcher die Urſache dieſer Weigerung errieth, aͤußerte ſehr geſchickt gegen ſeine Gemahlin:„Wenn die Geſundheit des Herrn Craigland ihm nicht erlaubt, morgen mit uns zu ſpeiſen, ſo wird es unnoͤthig ſein, den Wagen unſeres Freundes, des Baronets, herzuſchicken, denn dieſe Damen werden ihm Siwie einen Platz in ihrem Wagen bewilligen. 41 Miß Mizy betrachtete unſeren Helden zwar, — 175— ſeitdem ſie ihn bei einer Herzogin geſehen, und ſeitdem er ſich bemuͤhte, ihre Gunſt zu gewinnen, mit andern Augen, als fruͤher; aber ihn in den Wagen der Familie Craigland aufzunehmen, das ging weiter, als es ihr Stolz zuließ. Sie hatte daher Geſchicklichkeit genug, den Streich zu pariren, und ſagte zu Sir Archibald:„Mein Bruder wird ja ſehen, wie er ſich morgen beſindet, und wenn das Wetter ſchoͤn iſt, faͤhrt er wahrſcheinlich mit uns.“ Niemand zweifelte an dem wahren Be⸗ wegungsgrunde dieſer Antwort, aber Miß Mizy ſollte noch nicht ſo wohlfeilen Kaufs davon kommen; denn Lady Margarethe ſagte zur Gräͤfin:„Sie koͤnnten ja auch Ihren Wa⸗ gen herſchicken; er iſt groß genug, die ganze Geſellſchaft aufzunehmen. Ich hoffe, daß Miß Mizy die Guͤte haben wird, der Großmutter des Baronets meine Empfehlungen zu machen, und ihr zu ſagen, daß ſie mir ebenfalls das Vergnuͤgen geben moͤchte, ſie bei mir zu ſehen.“ Der Gutsherr und ſeine Schweſter erſtarr⸗ ten, und wußten nicht mehr, was ſie ſagen — 176— follten. Der Graf nahm jetzt das Wort: „Es ſcheint mit, daß wir die Partie am beſten gleich arrangiren koͤnnten, da der Baronet und die Dame gerade hier ſind.“ Die Dame! Marthe Docken eine Dame! dachte Miß Mizy und ihr Bruder zu glei⸗ cher Zeit. Der Lauf ihrer Gedanken wurde aber durch Sir Archibald unterbrochen, welcher den Gra⸗ fen fragte, ob er ſich wohl ſo viel Freiheit mit ſeinem Freunde, dem Baronet, erlauben koͤnnte, um ihn einen Augenblick beim Eſſen zu ſtoͤren, weil ſonſt der Zweck ihrer Fahrt nach Stoneyholm gaͤnzlich verfehlt ware. Dieſe Frage erinnerte den Lord Sandyford, daß der Gutsherr und ſeine Schweſter die Tafel ver⸗ laſſen hätten, um ſie zu empfangen; und er bat ſie daher mit ſeiner gewoͤhnlichen Hoͤflich⸗ keit und Anmuth um Verzeihung. Sich hierauf gegen Sir Archibald wendend, ant⸗ wortete er ihm:„Mein Freund Sir André iſt ein Mann ohne alle Anſpruche; aber er iſt gewohnt, bei allen denen, die ihn kennen und zu ſchätzen wiſſen, ſo viel Rückſichten und — 177— Aufmerkſamkeit gegen ſich zu finden, daß ich nicht weiß, ob ich mir dadurch nicht zuviel in den Vorrechten der Freundſchaft heraus⸗ nehmen wuͤrde. Wenn ſich aber Miß Mizy, fuͤgte er ſich gegen dieſe verneigend, hinzu, die Muͤhe geben wollte, ihn zu benachrichtigen, daß Lady Sandyford hier iſt: ſo kenne ich ſeine Zuneigung fuͤr uns allzugut, als daß ich daran zweifeln ſollte, er wuͤrde ſich ein Ver⸗ gnuͤgen daraus machen, Alles zu verlaſſen, um ſie zu ſehen.“ 3 Nur mit großer Muͤhe konnten die Graͤ⸗ fin und Lady Margarethe ihre Ernſthaftigkeit beibehalten, als ſie die erſtaunte Miene er⸗ blickten, womit Craigland und ſeine Schweſter einander anſahen, indem ſie einen Grafen in ſolchen Ausdruͤcken von dem Enkel der Marthe Docken ſprechen hoͤrten. Miß Mizy erhob ſich indeſſen, ohne ein Wort zu ſagen, und als ſie in den Speiſeſaal trat, ſagte ſie zum Baronet mit einem ſo ehrerbietigen Weſen, wie ſie noch nie gegen. ihn gezeigt hatte, und welches ſelbſt die alte Marthe bemerkten daß Lord und Lady San⸗ II. Thl. 12 — 178— dyford mit Sir Archibald und Lady Marga⸗ rethe Maypole im Salon wären, und ſich ſehr freuen wuͤrden, ihn zu ſehen. Sir André, welchen die Veraͤnderung in dem Tone der Miß Mizy ſehr beluſtigte, ſtand ſogleich auf, und wollte ſich zur Geſell⸗ ſchaft in den Salon begeben. Aber er kam auch in demſelben Augenblick wieder zuruͤck, und ſagte zu Marien:„Miß Cunningham, ich habe Sie um Etwas zu bitten: die Graͤ⸗ ſin von Sandyford wuͤnſcht Ihnen vorgeſtellt zu ſein; erlauben Sie mir, daß ich Sie zu ihr fuͤhre.“ Marie ſtand vom Tiſche auf, und André bot ihr ſeinen Arm, zum großen Erſtaunen der alten Marthe, welche die Verwegenheit ihres Enkels nicht begreifen konnte. Sie blieb allein im Speiſeſaale zuruͤck, da Miß Mizy ihrer Nichte und Sir André'n folgte. Aber noch groͤßer als Marthens Erſtaunen war das des alten Craigland, ſobald er unſern Helden, ſeine Tochter am Arme, eintreten, und ſie der Graͤfin ganz mit dem unge⸗ zwungenen Weſen einer alten Vertraulichkeit 3 — 170— vorſtellen ſah; vorzuͤglich aber als er hoͤrte, wie ihn hierauf der Graf wiederum der Lady Margarethe als ſeinen beſten und vertraute⸗ ſten Freund, als einen Mann, den er vor Allen am meiſten hochſchaͤtzte, und der ihm die wichtigſten Dienſte geleiſtet haͤtte, vorſtellte. Nach den erſten Komplimenten bat ihn Lady Margarethe, doch ſeine wuͤrdige Groß⸗ mutter bewegen zu wollen, daß ſie morgen ebenfalls zum Eſſen nach Auchinward kaͤme. „Ich bin der Meinung, daß dieß unmoͤg⸗ lich iſt, Mylady, antwortete André; ſie faͤngt an alt zu werden, und es iſt eine vernuͤnftige Frau, welche gern in ihrem Kreiſe bleibt. Nichts deſtoweniger aber danke ich Ihnen fuͤr die Ehre, die Sie ihr anthun.“ Man kam nun uͤberein, daß die Equipage des Lords Sandyford am andern Morgen Sir André und die Familie Craigland abholen ſollte. Hierauf ſing die Zeremonie des Ab⸗ ſchiednehmens an; André gab der Graͤfin ſeinen Arm, um ſie an ihren Wagen zu fuͤhren. Man ging dann in den Speiſeſaal zurück, um das unterbrochene Mittagseſſen zu vollenden; 12* — 185— und der Gutsherr, obgleich innerlich ein wenig mißgeſtimmt, zwang ſich, dem Baronet etwas mehr Ruͤckſichten und Zuvorkommenheit zu be⸗ zeigen. Der Nachmittag dieſes Tages wurde durch nichts Merkwuͤrdiges ausgezeichnet. Der alte Craigland t an Sir André eine Menge Fragen, Lor von betreffend, welche dieſer mit der groͤßten Genauigkeit beantwortete, in der Hoffnung, dadurch ſeine Gunſt zu erlangen. Es gelang ihm auch, wenigſtens zum Theil; aber es herrſchte ein ſichtbarer Zwang in der ganzen Geſellſchaft, und Niemand war eigent⸗ lich bei vollkommen guter Laune. Miß Mizy war ganz aus ihrer Faſſung gebracht; denn die Achtung, welche der Graf und Sir Archi⸗ bald fur Sir André gezeigt hatten, war ge⸗ wiſſermaßen ein Vorwurf fuͤr ſie, daß ſie ihm vorher mit weniger Ruͤckſicht begegnete; der Gutsherr war mißvergnuͤgt, dieſe Herren, von einem weit hoͤheren Range als der ſeinige, einen Bauern aus ſeinem Dorfe bis zu ihres Gleichen erhoben zu ſehen. Der Baronet war nicht ohne Unruhe uͤber den Ausgang ſeines — 181— Vorhabens; die alte Marthe ſah ſich augen⸗ ſcheinlich ganz außer ihrem Element, und Miß Cunningham war haͤufig zerſtreut, ſtets in Nachdenken verſunken, und ſuchte die Urſache zu erforſchen, welche wohl eigentlich Andréen ſo ploͤtzlich nach Stoneyholm gefuͤhrt haben kͤnnte. Als endlich die Dunkelheit anbrach, empfahl ſich André mit ſeiner Großmutter, und kehrte nach der Huͤtte zuruͤck, wohin er Dominik Tannyhill zum Abendeſſen eingeladen hatte.. Kaum waren ſie fort, ſo beſchaͤftigte ſich auch ſchon die Familie Craigland damit, die Begebenheiten dieſes Tages näher zu unter⸗ ſuchen; und wenn hierbei der alte Gutsherr auch nicht der hellſte Kopf war, ſo nahm er doch wenigſtens den entſcheidendſten Ton an. „Ich begreife nicht, ſagte er, was man mit dieſem Enkel der Marthe Docken fuͤr Weſen macht; dieſer engliſche Graf und ſeine Frau thun ja, als wenn er mit ihnen ganz von gleichem Stande waͤre. Uebrigens ſind die Engläͤnder auch gerade nicht die kluͤgſten Leute, das iſt gewiß, und Jedermann bekannt; — 182— aber ich moͤchte nur wiſſen, auf welche Weife André den Titel eines Buronenz erlangen konnte.“ „Das iſt ſehr natuͤrlich, lieber Bruder, ſagte Miß Mizy; denn Sir André iſt reich, und Mitglied des Parlaments. Ich habe dir ja ſchon erzaͤhlt, daß wir ihn in London bei der Herzogin von Daſhingwell getroffen haben; und was mich damals vollends in Erſtaunen ſetzte, war, daß die vornehmſten Herren ih freundſchaftlich die Hand druͤckten.“ „Du haſt es mir erzaͤhlt, antwortete Craig⸗ land, aber die ganze Welt weiß, daß die eng⸗ liſchen Herzoginnen oft thun, was ſie nicht 3 thun ſollten.“ „Sie vergeſſen, lieber Vater, ſagte Marie, daß Lady Margarethe die Schwaͤgerin der Herzogin iſt; und als ſie uns einen Empfeh⸗ lungsbrief an Ihre Gnaden gab, verſicherte ſie uns, daß es eine Frau von fleckenloſem Rufe ſei, die von Allen, welche ſie kennten, hochgeſchaͤtzt wuͤrde.“ „Glaubſt du denn, daß Lady Margarethe — 183— von einer ihrer Verwandten haͤtte Boͤſes re⸗ den wollen?“ „Aber Sir André hat ſich ein großes Ver⸗ moͤgen erworben, ſagte Miß Mizy; er hat ja die Domaͤne Wylie gekauft.“ „Hat er ſie bezahlt? das iſt es, was ich gern wiſſen moͤchte.) „Es ſcheint mir doch, ſagte Marie mit einiger Furchtſamkeit, daß Sir André Ver⸗ dienſte und Talente haben muß; denn Sie wiſſen ja, lieber Vater, daß er ganz ohne Fuͤrſprache war; und er hat dennoch Mittel gefunden, Reichthum und Ehre zu erwerben.“ „Aber wie hat er dieß erworben? das iſt die Frage. Edelleute und Fuhrmannsknechte, die ganze Welt kann Geld und Wuͤrden er⸗ langen. Aber, Gott ſei gedankt! der Adel des Bluts iſt ein Vorzug, auf welchen dieſe Demokraten keinen Anſpruch machen koͤnnen.“ „Nach den Bekanntſchaften und Verbin⸗ dungen André's zu urtheilen, kann man wohl nicht vermuthen, daß er die Geſinnungen der Demokraten angenommen hat, und...“ „Wer hat dich zum Richter daruͤber beſtellt?“ — 184— „Ich will nicht daruͤber richten, lieber Vater; ich denke nur....“ „Wer hat dir befohlen zu denken? Iſt es nicht ſo klar, wie zweimal zwei vier, daß der Handel den Ruin des Landes macht? In einigen Jahren weiß ich nicht, wo man noch einen Edelmann wird finden koͤnnen, denn aller Poͤbel bereichert ſich jetzt.“ „Ich bin erſtaunt, lieber Vater, daß Sie ſolche Vorurtheile gegen diejenigen haben, welche ihr Vermoͤgen und ihre Erhebung ihren Verdienſten verdanken. Die Stammväter der beruͤhmteſten Familien ſind aus dem Poban hervorgegangen.“ „Das iſt wahr, mein Kind, ſehr wahr! Aber ſeine Erhebung einem Schwerte oder einer Serviette verdanken, iſt das niicht zweierlei?“ „Aber, lieber Bruder, Sir André hat nichts mit einer Serviette zu thun. Er iſt ja ein Rechtsgelehrter.“ „Noch tauſendmal ſchlimmer. Die ganze Welt weiß, daß das Wort Rechtsgelehrter ſo viel bedeutet, als Spitzbube. Wurde ich nicht — 185— gezwungen, an James Gottera ſiebzehn Pfund Sterling und einige Schilling, ſo wie den Werth des geſtorbenen Thieres, zu bezahlen, weil ich mit meinem Stock einer Kuh, welche an meiner Hecke fraß, die Augen ausgeſchla⸗ gen hatte? Hat man je eine aͤhnliche Unge⸗ rechtigkeit geſehen? Und doch iſt Gottera ein Rechtsgelehrter.“ „Mit dieſer Denkungsart, lieber Vater, werden Sie freilich nie in eine freundſchaft⸗ liche Verbindung mit dem Baronet treten.“ „Baronet! Baronet! Wozu mir immer die Ohren mit dieſem Wort zerfleiſchen? Ihr ſolltet fuͤhlen, daß es mir nicht gefaͤllt. Ba⸗ ronet! der Enkel des Marthe Docken Baronet!“ „Das hindert nicht, daß er jetzt Gutsherr von Wylie iſt, ſagte Miß Mizy, und dafür 30000 richtige Pfund Sterling bezahlt hat.“ „Geborgtes Geld! Es iſt nicht ſchwer, Guͤter mit fremdem Gelde zu kaufen.“ „Aber wer hat Ihnen geſagt, lieber Vater, daß der Baronet....“ „Noch immer der Baronet! Zum Teufel! — 186— Nimm ihn fuͤr dich, dieſen Baronet, wenn er dir ſo ſehr gefaͤllt.“ „O, ſie koͤnnte wohl ſchlechter ankommen, ſagte Miß Mizy. Er iſt ein verſtändiger Mann, und du haſt doch geſehen, mit welcher Achtung ihn ſowohl der Graf und die Graͤſin, als auch Sir Archibald und Lady Margarethe behandelten.“ „Ja, und gewiß hatten ſte ihre Gruͤnde dazu,“ ſagte Marie. „Ei, was! Gruͤnde hin, Gründe her, tief der Gutsherr; das ganze Geſchwaͤtz macht mir Langeweile. Ich will nichts mehr davon hoͤ⸗ ren!“ Mit dieſen Worten legte er ſich in ſeinen Lehnſtuhl zuruͤck, ſchloß die Augen, und ſchien einzuſchlafen. „Es wundert mich, ſagte Marie leiſe zu ihrer Tante, daß mein Vater einen ſo gro⸗ ßen Widerwillen gegen Sir André hat. Was mag die Urſache davon ſein?“ „Nicht gegen ſeine Perſon hat er ſolchen Widerwillen, ſondern gegen die Emporkömm⸗ linge, die Neugeadelten uͤberhaupt.“ „Ich ſchlafe nicht,“ ſagte der Gutsherr, — 187— ohne Zweifel um ſie merken zu laſſen, daß er ihnen zuhoͤrte. Und indem er ſich nun in ſeinem Armſtuhle aufrichtete, fuhr er fort: „Ich dachte jetzt an unſere vorige Unterhal⸗ tung, Schweſter, und will dir nur ſagen, wenn Sir André dir einen Heiratsantrag unntht⸗ ſo habe ich nichts dagegen.“ „Mir! ſchrie die alte Jungfer; mir Sei⸗ ratsantraͤge zu machen?“ „Was haben Sie fuͤr Gruͤnde, lieber Va⸗ ter, ihm dieſes Vorhaben zuzumuthen?“ fragte Marie lachend. „O, ich habe ſehr gut gemerkt, was er ihr von Zeit zu Zeit fuͤr Blicke zuwarf.“ „Wie kannſt du dir ſo tolles Zeug in den Kopf ſetzen!“ rief Miß Mizy. „Zum Teufel! Wozu nimmſt du denn ſo eifrig ſeine Partie? Uebrigens wollen wir doch erwarten, was da geſchehen wird. Ich ver⸗ ſpreche dir indeſſen im Voraus, daß ich nichts dagegen habe; denn in der That, Schweſter, du haſt keine Zeit mehr zu verlieren!“ Voll Selbſtzufriedenheit uͤber dieſen witzi⸗ gen Einfall brach er in ein lautes Gelaͤchter — 188— aus; er nahm hierauf ein Licht, und ging aus dem Zimmer, ſeiner Tochter und Schwe⸗ ſter die Freiheit laſſend, dieſe Unterredung ſo lange fortzuſetzen, als ſie wollten. Einundzwanzigſtes Kapitel. Das Dienſtmaͤdchen auf dem Schloſſe Craig⸗ land war keine von den gewöhnlichen Maͤgden, wie man ſie auf dem Lande ſieht; denn ei⸗ nige Zuͤge von Feinheit und Witz, die ihr von Zeit zu Zeit, und ganz zufaͤlligerweiſe, entſchluͤpften, bewieſen, daß es ihr nicht an natuͤrlichem Verſtande fehlte. Ueberdieß hatte ihr Tannyhill, der ſie als kleines Maͤdchen wegen ihrer Drolligkeit liebgewann, ſeine be⸗ ſondere Aufmerkſamkeit geſchenkt, und lehrte ſte nicht nur leſen, ſchreiben und rechnen, ſon⸗ dern ſogar auch die lateiniſche Sprache. Bell Lampit khat ſich aber auf dieſe Kenntniſſe weiter nichts zu Gute, ſondern trat in ihrem achtzehnten Jahre auf dem Schloſſe als Magd in Dienſt; wenn ſie indeſſen bei ihren Arbei⸗ ken zufaͤllig einmal zu ſingen anfing, wie dieß auf dem Lande ſehr gewoͤhnlich iſt, ſo waren es nicht Balladen und andere dergleichen Ge⸗ ſaͤnge, ſondern ſie recitirte auserwaͤhlte Stel⸗ len aus den lateiniſchen und engliſchen Dich⸗ tern; und es war nicht ſelten, ſie Verſe des Horaz herſagen zu hoͤren. Unter den uͤbrigen Eigenſchaften', welche Bell von der Natur erhalten, befand ſich vorzuͤglich ein unwiderſtehlicher Hang, andern Menſchen mitzutheilen, was ſie geſehen oder gehört hatte. Als ſie daher nach der Ankunft des Grafen und der Graͤſin Sandyford von den Zeichen der Achtung reden hoͤrte, welche dieſe Sir André'n bewieſen hatten: war ihr ſehnlichſter Wunſch, hierüber in dem Dorfe plaudern zu koͤnnen; und kaum erhielt ſie von der Miß Mizy die Erlaubniß auszugehen, un⸗ ter dem gewoͤhnlichen Vorwande, zu welchem die Dienſtmaͤdchen des Sonntags ihre Zuſlucht nehmen, ihre Verwandten beſuchen zu wollen: ſo befand ſie ſich auch ſchon in einer zahlrei⸗ chen Geſellſchaft von Einwohnern des Dorfes, denen ſie mit aller Lebhaftigkeit und Gelaͤu⸗ figkeit ihrer Zunge die Ereigniſſe auf dem Schloſſe erzaͤhlte. 3 — 190— Der Schluß, welchen ihre Zuhoͤrer aus dieſer Erzaͤhlung zogen, machte dem prophe⸗ tiſchen Geiſte derſelben Ehre; denn ſie ur⸗ theilten einſtimmig, daß Sir André und Miß Marie ſich unverzuͤglich heiraten wuͤrden, und daß dieſe Heirat ſchon mit Miß Mizy, auf ihrer Reiſe nach London, verabredet worden waͤre. Obgleich nun dieſe Vermuthung der Dorfbewohner eigentlich aus ihrer eigenen Er⸗ zaͤhlung entſtanden war, ſo griff die kluge Bell dieſen Gedanken ſogleich als eine neue Idee auf, welche ihr zur Gewißheit wurde; und ſie konnte nun dem Wunſche nicht laͤn⸗ ger widerſtehen, die Neuigkeit der uͤbrigen Die⸗ nerſchaft auf dem Schloſſe zuerſt anzukuͤndigen. Mit aller Eilfertigkeit kehrte ſie daher ſogleich nach dem Schloſſe zuruͤck, und ihr Eifer, dieſe Neuigkeit mitzutheilen, war ſo groß, daß ſie laut rief, ohne darauf zu mer⸗ ken, daß Miß Mizy mit einem Lichte in der Kuͤche war, um aus einem Schranke etwas hervorzulangen:„Koͤnnt Ihr es glauben? Sir André iſt von London angekommen, um Miß Marie zu heiraten.“ 4 — 191— „Was ſagſt du da, Bell?“ rief Miß Mizy, ſich ploͤtzlich umwendend. „Was ich da ſage? antwortete Bell, ohne außer Faſſung zu kommen; ich ſage, was alle Welt im Dorfe ſagt, und was alle Welt ſagt, muß doch wahr ſein.“ Welchen Eindruck auch dieſe Worte auf Miß Mizy machten, ſo erwiederte ſie doch nichts, und kehrte in den Speiſeſaal zuruͤck, wo ihr Bruder nach dem Abendeſſen in ſeinem Armſtuhle eingeſchlafen war, und Marie in einem Andachtsbuche las. „Marie, ſagte Mizy leiſe, aber mit trium⸗ phirender Miene, weißt du wohl, welche Neuig⸗ keit Bell im Dorfe hat erzaͤhlen hoͤren?“ „Wie koͤnnte ich es rathen?“ ſagte Marie, ihr Buch zumachend, und einigermaßen von der belebten Miene ihrer Tante uͤberraſcht. „Man ſagt, daß du Sir André heiraten wuͤrdeſt; nun, was denkſt du davon? Sind nun alle meine Prophezeihungen von ſeiner Erhebung nicht in Erfuͤllung gegangen? Wirſt du noch daruͤber ſpotten?“ „Ich erſtaune eben nicht uͤber dieſes al⸗ berne Geruͤcht, antwortete Marie lachend, das wahrſcheinlich von dem verruͤckten Jamie her⸗ ruͤhrt, der voll Freude uͤber die von Sir André erhaltenen ſechs Pence zu mir ge⸗ kommen iſt, und mir Ferathen hat, ihn zu heiraten.“ Sie lachte indeſſen nur mit ihrem Munde, denn ein geheimes Vorgefuhl beſchaͤftigte ihre Seele. Sie erinnerte ſich aller jener Augen⸗ licke, welche ſie ſchon André'n genaͤhert hat⸗ ten, ehe er noch Reichthum und Ehre erwor⸗ ben; und ein gewiſſes Etwas ſchien ſie zu benachrichtigen, es ſei nicht unmoͤglich, daß er einen ſolchen Plan entworfen häͤtte. „Ich moͤchte wohl wiſſen, was dein Va⸗ ter dazu ſagt,“ fuhr Mizy fort, indem ſie ſich dem Armſtuhle naͤherte, auf wrchem ihr Bruder ſchlief.. „Mein Gott, wie koͤnnen Sie ſo viel Gewicht auf ein albernes Geruͤcht legen, ſagte Marie, ſie zuruͤckhaltend. Wecken Sie meinen Vater nicht auf, ich bitte Sie, und bedenken Sie ſeine Vorurtheile. Dieſe Vorſtellung allein ſchon wuͤrde ihn in den hoͤchſten Zorn bringen.“ — 193— „Wirklich! du koͤnnteſt Gott danken, wenn André dir einen Heiratsantrag machte. Die Frau des Beſitzers der Domaͤne Wylie zu werden! Glaubſt du denn, daß es dir Baro⸗ nets regnen wird?“ „Ich erſtaune, liebe Tante, daß Sie von einem ſolchen Gegenſtande ſo leicht hinſpre⸗ chen. Und doch bin ich uͤberzeugt, daß Nie⸗ mand kuͤrzer als Sie den Heiratsantrag des Sir André zuruͤckweiſen wuͤrden.“ „Meine groͤßte Furcht iſt nur, daß er nicht um dich anhalten wird; du haſt alſo nicht noͤthig, dir ein ſo hohes Anſehen zu geben, Marie Cunningham, und die Trauben ſauer zu nennen, die du nicht erreichen kannſt, wie jener Fuchs in der Aeſopiſchen Fabel. Ich will aber davon mit deinem Vater ſprechen, weil es gut iſt, ihn auf dieſe Rachricht vorzu⸗ bereiten.“ Marie antwortete nicht, und entfernte ſich ſchnell aus dem Zimmer, waͤhrend ihre Tante den Gutsherrn tuͤchtig am Arme ſchuͤttelte, um ihn aufzuwecken. „Nun, Schweſter, rief dieſer, ſich die Angen II. Tht. 13 — 194— reibend; warum zum Teufel, ſtoͤrſt du mich in meinem Schlaf? Immer haſt du etwas, mich zu quaͤlen, ſei es nun auf die eine oder auf die andere Art.“ „Und woran denkſt du, daß du hier immer in der Ecke am Feuer ſchlafen willſt? das Ge⸗ hirn moͤchte dir ja zerſchmelzen. Aber es giebt große Neuigkeiten hier im Dorfe.“ „So? Und was waͤren denn das fuür große Neuigkeiten? Iſt Bonaparte zum Teufel ge⸗ gangen?“ „O, ſie ſind noch außerordentlicher; du moͤchteſt ſie vielleicht nicht mit ſo vielem Ver⸗ gnuͤgen anhoͤren.“ „Und woher weißt du, ob ſie mir Ver⸗ gnuͤgen machen, oder nicht? Es iſt unglaublich, daß ich mich ſo immer von dir quaͤlen laſſen muß. Du laͤßt mir ja weder Tag noch Nacht Ruhe!“ „Jedermann weiß, lieber Bruder...“ „Jedermann weiß, liebe Schweſter, daß du ein wahrer Hausteufel biſt, und wenn du das nicht waͤreſt, ſo wuͤrde ich deiner ſchon laͤngſt los geworden ſein! Aber wo Teufel — 195— ſollte ich wohl den Narren finden, der eine ſolche Tollheit beginge!“ „Nun gut! Es kann wohl ſein, daß ich dir nicht mehr lange im Wege bin; denn wenn die Neuigkeiten, die ich erfuhr, ihren Grund haben, ſo wird es nur von mir ab⸗ hängen, meinen Fuß auf beſſeren Boden zu ſetzen.“ „So? ſagte der Gutsherr, indem er ſeine Augen ſtaunend eroͤffnete. Es ſind alſo wirk⸗ lich große Neuigkeiten?“ „Ich will ſie dir nicht verhehlen. Man ſagt, daß deine Tochter und Sir Ande ein⸗ ander heiraten werden.“ „Wer wagt das zu ſagen?“ rief der Guts⸗ herr, von ſeinem Armſtuhle aufſtehend. „Da haben wir's. Hab ich dir nicht ge⸗ ſagt, daß du nicht uͤber die Menitzkeit lachen wuͤrdeſt?“ „Und woher weißt du, ob ich daruͤber lachen oder weinen werde? Alles, was ich dir ſagen kann, iſt, daß ich nicht ein Wort davon glaube.“ 13* „Da iſt wenig daran gelegen, ob du es —-—— ——— — 196— glaubſt oder nicht. Aber wenn dieſe Heirat vor ſich gehen ſoll, was haſt du dabei zu ſagen?“ „Das iſt eine kitzliche Frage, und ich weiß nicht, wie ich darauf antworten wuͤrde, wenn in den Kontrakt eine Klauſel geſetzt werden ſollte, um mich von dir zu befreien. Aber Alles, was ich jetzt dabei ſagen kann, iſt, daß es nicht wahr iſt. Marie wird ſich niemals ohne meine Einwilligung verheiraten.“ „Was das betrifft, ſo moͤchte ich fuͤr nichts ſchwoͤren. Marie iſt die Tochter ihres Va⸗ ters, ein Abkoͤmmling des alten Stammes; und wenn Sir André ihr Antraͤge macht, ſo i*ſt es möglich, daß ſie ihn abweiſt, bloß wegen ihres Geiſtes des Widerſpruchs, den ſie ge⸗ erbt hat, ich will nicht ſagen, von wem. Aber eben ſo gut iſt es auch moͤglich“ „Mizy, ſchrie der Gutsherr, noch niemals iſt ein gutes Wort aus deinem Munde ge⸗ kommen, und es iſt ſehr ſchlecht von dir, daß du ſo von deiner eigenen Nichte ſprichſt, einem ſanften und gehorſamen Maͤdchen, was — 197— man außerdem noch nie von einem Frauen⸗ zimmer der Familie ſagen konnte.“ „Wie es dir gefällig iſt; aber die Zeit iſt eine große Lehrmeiſterin. Wer nur am Leben bleibt, der wird's ſchon ſehen.“ Der Gutsherr antwortete hierauf nichts; aber er ergriff ſeinen Rohrſtock, und klopfte damit heftig auf den Fußboden. „Was willſt du denn haben?“ ſagte ſeine Schweſter. Aber anſtatt ihr zu antworten, klopfte er von Neuem heftig mit dem Stocke, bis end⸗ lich Robin Taigle erſchien. „Geh, und ſage meiner Tochter, ich will ſie ſprechen.“ „Und was haſt du ihr denn zu ſazen e fragte Miß Mizy. „Was geht's dich an? Ich bin ihr Bater, und du biſt nur ihre Tante. Das merke Dir.“ Robin trat ab; aber kaum war er hinaus, ſo hoͤrte man die kreiſchende Stimme der Bell Lampit aus allen Kraͤften ſchreien:„Miß Marie! Miß Marie! kommen Sie doch raſch — 198— herunter, der Herr iſt zornig, er zankt ſich mit Miß Mizy.“ „Hol' der Teufel den Aſchenbroͤdel, ſagte Craigland; ich weiß nicht, wie ich ſie ſo lange habe hier ertragen koͤnnen. Das Schloß koͤnnte ganz mit Fremden angefuͤllt ſein, und ſie wuͤrde doch keinen Anſtoß nehmen, ſo zu ſchreien. He! Bell Lampit! Galgenſtrick! Wer hat dich gelehrt, von deinem Herrn mit ſo wenig Achtung zu reden?“ Bell befand ſich vor der Thuͤr, hörte ſich rufen, und trat ſogleich in's Zimmer. „Was wollen Sie von mir?“ fragte ſie ihren Heern. „Hier haſt du, was ich will,“ ſchrie Craig⸗ land, indem er ihr ſeinen Stock an den Kopf warf. Gewiß, noch nie iſt ein Mann durch kolle Weiber ſo auf's Aeußerſte gebracht wor⸗ den, als ich es in dieſem Augenblick bin. Sie werden mich noch verruͤckt machen.“ Miß Cunningham eilte, ſogleich herabzu⸗ kommen, als ſie ſich rufen horte, und ſobald ſie eintrat, nahm ihr Vater einen ſanften, ja faſt liebkoſenden Ton an, und ſagte:„Marie, — 499.— meine Liebe, deine verruͤckte Tante bringt mich in den hoͤchſten Zorn, da ſie behauptet, daß du es machen willſt, wie ſie ſelbſt, und daß du dir ein Vergnuͤgen daraus machen wuͤrdeſt, mir ungehorſam zu ſein, und gegen meinen Willen zu handeln.“ „Ich hoffe, lieber Vater, daß Sie nie etwas Unvernuͤnftiges von mir verlangen werden, wodurch ich gezwungen ſein koͤnnte, mich zu weigern.“ „Das nenn' ich noch wie ein vernuͤnftiges Frauenzimmer reden. Nun Mizy, was ſagſt du nun? Iſt hier ein Geiſt des Widerſpruchs?“ „Aber ſtelle ſie nur auf die Probe; frage ſie, ab ſie einwilligt, Sir André Wylie zu heiraten. Hier will ich ſie fangen.“ „Es ſcheint mir, ſagte Marie mit einiger Bewegung, daß es Zeit genug ſein wird, auf dieſe Frage zu antworten, wenn Sir André ſte ſelbſt thun wird.“ „Gut geantwortet, rief der Gutsherr; das iſt eine ſehr kluge Bemerkung. Man muß erſt den Fiſch fangen, ehe man ihn in den Keſſel ſtecken will. Ich hoffe, daß der — 200— heutige Abend deiner Tante zur Lehre dienen, und daß ſie mich nicht mehr mit ihren Weiſ⸗ ſagungen quaͤlen wird. Aber jetzt, da wir einander gehörig verſtaͤndigt haben, moͤchte ich wohl wiſſen, wie ein ſolches Geruͤcht entſtan⸗ den iſt.“ Miß Cunningham ſelbſt war in Betreff dieſes Gegenſtandes faſt eben ſo neugierig als ihr Vater, und obgleich ſie den wahnſinnigen Jamie im Verdacht hatte, der Urheber dieſer Nachricht zu ſein, ſo wuͤnſchte ſie doch ganz genau zu wiſſen, was man Alles geſagt haben koͤnnte. Nach einer kurzen Berathſchlagung wurde beſchloſſen, Bell Lampit erſcheinen zu laſſen, und ſie zu befragen. Man rief ſie alſo herbei. Der Stock des Gutsherrn lag noch auf der Erde, als ſte eintrat; ſie nahm ihn auf, reichte ihm denſelben mit der Spitze hin, indem ſie ihren Arm ſo lang als moͤglich ausſtreckte, und ſprang dann einen guten Schritt weit zuruͤck, um außer dem Bereich zu ſein. „Nun, Bel, ſagte ihr Herr, indem er ſei⸗ nen Stock an den gewöhnlichen Ort ſtellte/ — 201— was haſt du denn eigentlich heute Abend aus dem Dorfe fuͤr Neuigkeiten mitgebracht?“ „Ich habe keine mitgebracht,“ antwortete Bell mit einer natuͤrlichen und aufrichtigen Einfachheit. „Iſt denn das nach deiner Meinung nichts, ſchrie Miß Mizy, was du hier im ganzen Schloſſe von Miß Marie und Sir Andrs Wylie geſchwatzt haſt? Der Herr will wiſſen, was du davon im Dorfe haſt reden hoͤren.“ „O, Plaudereien, antwortete Bell, nichts als Plaudereien, vox populi.¹ „Vox des Teufels! ſchrie der Gutherr. Aber was ſagte man?“ „Daß Sir André ſchon vor langer Zeit Miß Marie geheiratet haben wuͤrde, aber daß Sie verlangt hätten, er muͤſſe fuͤr jedes Pfund, das Sie ihr zur Mitgift geben, zwei Pfund im Vermoͤgen beſitzen.“. „Das iſt eine ſchaͤndliche Luͤge,“ rief der Gutsherr zornig, waͤhrend Marie und Mtisy laͤchelten. „Das habe ich auch geſagt, fuhr Bell — 202— fort; und viele Leute dachten, daß Sie nie⸗ mals in dieſe Heirat willigen wuͤrden.“ „Wer dachte das? Was hatten ſie ſich darein zu miſchen?“ „O, ich weiß nicht. Aber was mich be⸗ trifft, ſo habe ich geſagt, ich glaubte nicht, daß Miß Marie einen ehemaligen Bauer wie dieſen Wylie, zum Mann nehmen wuͤrde.“ „Und wer Teufel fraͤgt dich daruͤber um deine Meinung! Fort, an deine Arbeit, du Maulaͤffin!— Sie dachten und du glaub⸗ teſt!— Wenn ich nicht mehr bedaͤchte, ſo wollte ich dich und ſie glauben und denken lehren.“ „Geh' hinaus Bell, ſagte Marie. Sie haben ſehr Recht, lieber Vater, man muß der Dienerſchaft nicht erlauben, ihren Zungen ſo freien Lauf zu laſſen. Die Bemerkung uͤber Sir André ſchickte ſich durchaus nicht fuͤr die Bell.“ „Sie iſt halb verruͤckt, ſagte Craigland, ſeine Kaltbluͤtigkeit wieder gewinnend. Sir André iſt doch jetzt gerade kein Bauer mehr.“ „Und es iſt ein Mann von vielem Ver⸗ — 203— ſtande, was ſehr wichtig iſt,“ fuͤgte Miß Mizy hinzu. „Seit wann verſtehſt du dich denn auf den Verſtand, Mizy? ſagte der Gutsherr mit triumphirender Miene. Du haſt heute Abend von dem deinigen keinen großen Beweis ge⸗ geben. Komm Marie, meine Liebe, gieb mir den Arm, und geleite mich in mein Schlaf⸗ zimmer. Gute Nacht, Mizy; wenn du kuͤnf⸗ tig ein Prognoſtikum ſtellen willſt, ſo rathe ich dir, einen beſſern Kalender zu befragen.“ Nach ſeiner unveränderlichen Gewohnheit, wenn er glaubte, ein witziges Wort geſagt zu haben, brach er in ein langes und lautes Gelaͤchter aus, und ging, auf den Arm ſeiner Tochter geſtützt, aus dem Zimmer. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Schweſter! ſagte der Gutsherr am an⸗ dern Morgen, als er zum Fruͤhſtuͤck ines Zim⸗ mer trat: es paßt nicht zur Wurde unſerer Familie, uns eines fremden Wagens zu be⸗ dienen, um einen Beſuch in Auchinward ab⸗ zuſtatten. Wir muͤſſen dieſen Englaͤndern zei⸗ — 204— gen, daß wir ſo gut wie ſie eine Equipage haben. Robin Taigle ſoll alſo die Pferde in Bereitſchaft ſetzen, und ſch ſelbſt ordentlich anziehen.“ Miß Mizy war ganz derſelben Meinung, und Robin Taigle erhielt alſo den Befehl, die Equipage in Stand zu ſetzen. Sir André ſollte nun allein in dem Wagen des Grafen fahren, was Marie ebenfalls ganz angemeſſen fand, weil, wie ſie ſagte, die laͤcherlichen Ge⸗ ruͤchte, welche ihretwegen im Dorfe umher⸗ gingen, noch mehr Gewicht bekommen würden, wenn man ſie in einem Wagen mit Sir André fahren ſaͤhe.„Es iſt mir uͤbrigens unbegreiflich, fuhr ſie fort, wie man nur ei⸗ nen Augenblick lang an ſo etwas glauben konnte; man kann ſehr gut mit André lachen, und ſich auf ſeine Koſten beluſtigen, aber“... „Was, aber? ſchrie Miß Mizy, die ihre Meinung um die ganze Welt nicht aufgege⸗ ben haben wuͤrde. Ohne Zweifel ſteht er jetzt mit dir im Range gleich, denn der Koͤnig hat ihn zum Baronet erhoben, und er iſt ein Mann von außerordentlichen Kenntniſſen und 205— ſo vielem Verſtande, wie es unter den funf⸗ zehn Lords des Gerichtshofes in Edinburg, und ſelbſt in Craigland, nicht giebt.“ „Wohl moͤglich, daß er ein großer Mann iſt, ſagte Marie laͤchelnd, aber dadurch wird ſeine Taille noch um keinen Zoll breit laͤnger.“ Der Gutsherr, welcher ein Ei in der Hand hatte, legte es wieder auf den Teller, und ſich auf die Ruͤckenlehne ſeines Armſtuhles zuruͤckwerfend, brach er in ein lautes Geläch⸗ ter aus, welches wohl eine bis zwei Minuten lang dauerte. Hierauf nahm er ſein Ei eben ſo ernſthaft wieder zur Hand, als wenn er gar nicht daran gedacht haͤtte, zu lachen. „Wie dem auch ſei, ſagte die kluge Miß Mizy, da wir nicht in dem Wagen des Lords Sandyford nach Auchinward fahren: ſo iſt es ſchicklich, daß wir Sir André ſagen laſſen, wir wuͤrden uns des unſrigen bedienen.“ „Ohne Zweifel, ſagte Marie, es waͤre eine Unhöflichkeit, wenn wir es nicht thaͤten.“ Der Gutsherr erklaͤrte, daß er die Vor⸗ ſtelung, gegen irgend Jemanden eine Unhoͤf⸗ lichkeit zu begehen, gar nicht ertragen koͤnne; 5 — 206— daher wurde Bell Lampit herbeigerufen, um ihr dieſe Botſchaft aufzutragen. 1 „Bell, ſagte Miß Mizy, du ſollſt zu Marthe Docken gehen; du machſt Sir André'n n unſer Empfehlungen, und.“ „Das wirſt du nicht thun, rief der Guts⸗ herr, denn ich will ihm nicht den geringſten Muth machen.“ „Du ſagſt zu Sir André, nahm Marie das Wort, daß mein Vater ſich wohl genug befaͤnde, um heute nach Auchinward zu fahren; daß wir uns daher in unſerem eigenen Wagen dahin begeben wuͤrden, und er ſich daher die Muͤhe nicht machen moͤchte, uns hier abzu⸗ holen.“ „Es iſt, beim Teufel, unbegreiflich, ſchrie der alte Craigland, daß Ihr beide mich nicht reden laſſen wollt, um dieſer Meerkatze die noͤthigen Befehle zu geben! Bell, du ſagſt zu Sir André, daß wir Niemandes Squipage beduͤrfen, um nach Auchinward zu fahren, da wir ſelbſt eine haben. Weiter nichts! Nun fort, und thue was ich dir ſage.“ Bell machte ſich ſogleich nach dem Dorfe — 207— auf den Weg, und unterließ nicht, uͤber ihre Botſchaft waͤhrend des Gehens nachzudenken; das Reſultat davon war, daß die Familie Craigland beſchloſſen hatte, die Anträge des Sir André zuruͤckzuweiſen. In dieſer Voraus⸗ ſetzung ſagte ſie beim Eintreten in die Huͤtte ohne weitere Umſtaͤnde zum Baronet, der eben mit ſeiner Großmutter beim Fruͤhſtuͤck ſaß: „Sir André, Sie werden allein nach Auchinward fahren, da in unſerem Wagen kein Platz fuͤr Sie iſt.“ „Was ſagſt du da, Mädchen?“ fragte der Baronet, welcher ungefaͤhr den Sinn ihrer Botſchaft errieth. „O, lege kein Gewicht auf ihre Worte, ſagte die alte Marthe; ſie hat noch nie viel Verſtand gehabt, und das Bißchen, was ſie beſaß, hat ihr Tannyhill noch verwirrt, indem er ihr das Lateiniſche lehrte.“ Unterdeſſen hatte ſich Bell auf einen Stuhl geſetzt, ohne die Einladung dazu abzuwarten; und indem ſie ihren Koͤrper hin und herx wiegte, recitirte ſie Pope's Ueberſetzung von der Anrede Inpiters an die uͤbrigen Goͤtter im Homer. — 208— „Behalte jetzt deine Weisheit, Bell, ſagte Marthe, und da du doch eine ſo gelaufige Zunge haſt, ſo erzaͤhle uns lieber, was du uns eigentlich hinterbringen ſollſt.“ „Ich habe weiter nichts zu hinterbringen, als daß meine Herrſchaft in ihrem eigenen Wagen nach Auchinward fahren will.“ „Und wer will ſie daran hindern?“ erwie⸗ derte Sir André. „Das geht mich weiter nichts an, ant⸗ wortete Bell; aber ich habe mir ſo eine Idee gemacht, daß meine Herrſchaft aus einer ge⸗ wiſſen Urſache, die Sie wohl kennen, nicht mit Ihnen zufrieden iſt.“ „Ich!“ rief der Baronet; aber ein Augen⸗ blick des Nachdenkens verhinderte ihn, mehr zu ſagen; und Bell fing nun an, von freien Stuͤcken der alten Marthe die Unterhaltung der Craiglands zu erzaͤhlen, die ſie mit ange⸗ hoͤrt hatte, als man ihr die Inſtruktion zu ihrer Botſchaft gab. Aber Sir André ließ ihr nicht Zeit zu vollenden, und rief:„Schon gut, Bell; kehre zuruͤck, und beſtelle eine Em⸗ pfehlung von mir an deinen Herrn; ſage it — 209— ihm, daß es mich freut zu hoͤren, er ſei wohl auf, und daß ich das Vergnuͤgen haben wuͤrde, ihn in Auchinward zu ſehen.— Hier haſt du zwei Schilling, um dir ein Band zu kaufen.“ „Nein, nein, ſagte Bell, indem ſie aufſtand, um zu gehen, man koͤnnte glauben, daß ich mich beſtechen laſſen will.“ Aber kaum war ſie an der Thuͤr, als auch die Luſt nach einem meuen Bande ſchon ihre Grundſaͤtze beſtegt hatte. Sie kehrte alſo um, ſtreckte lachend ihre Hand aus, und nahm die zwei Schillinge. Bell war noch nicht lange fort, als Tanny⸗ hill eintrat, und mit einer hoͤchſt traurigen, niedergeſchlagenen Miene einen ſchwarzgeſte⸗ gelten Brief auf den Tiſch legte. Er ſetzte ſich, ohne zu Kprechen⸗ und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Sir André dachte noch uber die Nachrichten nach, welche er ſo eben vom Schloſſe erhalten hatte, und bemerkte alſo dieſen Zuſtand des Schulmeiſters nicht. Aber ſeine Großmutter wurde aufmerkſam. „Was fehlt Ihnen denn, Maͤſter 1ang. ile Woher dieſer Brief?“ „Ich habe ſchlechte Neuigkeiten erfaßren. n. Thl. 14 — 210— ſagte Dominit ſeufzend. Dieſer Brief iſt an Sir André, und wird ähn eben Knicht ſehr erfreuen.“ Bei dieſen Worten aachta s der Waronek aus ſeinem traͤumenden Zuſtande, und nahm den Brief; aber ehe er ihn erbrach, fragte er den Schulmeiſter, woher er ihn erhalten habe. „Einer meiner alten Freunde hat ihn mit aus Indien gebracht, um Ihnen denſelben einzuhaͤndigen. Sie werden das vaſiuneus 1 darin finden.“ „Das Teſtament? ven wem?“ ruf Andrs erſtaunt. 1. „Von dem armen Karl pierſton. Er iſt todt!“ ſagte Tannyhill ſchmerzhaft. „Todt?“ ſchrie Sir André, plötzlich auf⸗ ſchreiend, und dneif noch unsrbrochen vuf den Tiſch legend. 12 „Ja, todt, und zwar auf dem Ocean ge⸗ ſtorben. Er lag in Indien an einer ſchweren Krankheit danieder, und die Aerzte riethen ihm, die Luft ſeines Vaterlandes wieder ein⸗ zuathmen. Er war daher mit Watty Ettle, meinem Freunde, auf der Reiſe nach England, — 211— aber er ſollte dem Tode nicht entgehen, und ſtarb auf dem Schiffe. Watty verſichert, daß ſein Vermoͤgen, welches er Ihnen vermacht hat, ſich auf zwanzig tauſend Pfund Sterling belaͤuft.“ Die Sache verhielt ſich wirklich ſo, und Pierſton hatte, ehe er ſich einſchiffte, ſein Teſtament gemacht, worin er ſeinem Freunde ſein ganzes Vermoͤgen beſtimmte, und zugleich ſeiner Sorgfalt ein natuͤrliches Kind empfahl, fuͤr deſſen Vater er ſich erklaͤrte. Sir André war auf's heftigſte bewegt, als er dieſen letzten Willen des unglüuͤcklichen Pierſton las. Er ſchrieb aber ſogleich an Vellum nach London, und bat ihn, eine Schenkungsakte aufzuſetzen, worin das ganze Vermoͤgen Pierſtons ſeinem Sohne uͤberlaſſen wurde; doch ſo, daß er in ſeinem zwanzigſten Jahre nur die Haͤlfte des Kapitals, und in ſeinem fuͤnf nnd dreißigſten Jahre erſt die andere Haͤlfte angreifen durfte. „Denn es iſt moͤglich, ſchrieb er in ſeinem Briefe, daß der Sohn dem Vater ahnlich iſt, und in dieſem Falle wird es gut ſein, ihn ein wenig unter Zaum und Zuͤgel zu halten.“ Dieſe Nachricht von Pierſtons Tode war 14* — 212— durch eine ſeiner Verwandten, Miß Peggy Picken, eine Freundin der Miß Mizy, an demſelben Morgen auch nach dem Schloſſe Craigland gekommen. Da Pierſtons Mutter ſich nicht mehr am Leben befand, ſo war dieſe Miß Picken, ſeine Tante, ſeine naͤchſte Ver⸗ wandte und Erbin; und obgleich ſie in ſehr guten Vermögensumſtaͤnden war, ſo wuͤrden ihr dieſe zwanzig tauſend Pfund doch hoͤchſt angenehm geweſen ſein. Sie beklagte ſich daher in ihrem Briefe an Miß Mizy bitter⸗ lich uͤber das Teſtament, und ſagte, daß der Verſtorbene durch die Liſt eines Emporkoͤmm⸗ lings, Namens Wylie, dazu Zeſchwaßt wor⸗ den ſei. Als Mizy dieſen Brief vorgeleſen hrtie war der Gutsherr ganz der Meinung der Miß Picken, und ſagte:„Nun darf man ſich nicht mehr wundern, daß der Baronet, da man ihm doch einmal dieſen Beinamen geben muß, reich geworden iſt; denn wenn man aus der Schwachheit der Sterbenden Nutzen zieht, ſo iſt es wohl leicht, ſich ein Wnneen zu⸗ ſammen zu ſcharren.“, — 213— „Aber, lieber Bruder, ſagte Miß Mizy⸗ du vergißt, daß Sir André ſehr weit entfernt von Karl Pierſton war, als dieſer ſtarb.“ Dieſe Bemerkung gab Veranlaſſung zu dem gewöhnlichen Streit zwiſchen den beiden Geſchwiſtern, der erſt dann geendet wurde, wenn der Gutsherr den Gruͤnden ſeiner Schweſter nichts mehr entgegenzuſetzen wußte; ſein Huͤlfsmittel war dann immer, daß er ſich in ſeinen Lehnſtuhl ſetzte, und ſich ſtellte, als wenn er ſchliefe.— Marie ſagte nichts zu dieſer Unterhaltung, und ſchien in tiefes Nach⸗ denken verſunken zu ſein. Gegen Mittag kam der Wagen des Lords Sandyford, und holte Sir André nach Auchin⸗ ward ab. Unmittelbar darauf beſtieg die Familie Craigland auch den ihrigen, waͤhrend Bell Lampit und einige andere Maͤgde in der halbgeöffneten Thuͤr ſtanden, und ſich damit beluſtigten, die Abreiſe mit anzuſehen. Jamie, der alte wahnwitzige Soldat, welcher ſchon den ganzen Morgen hindurch rings um das Scchloß umhergeſtrichen war, verſteckte ſich bis zu dem Augenblick, wo der Wagen durch — 214— das Schloßthor fuhr. Dann aber ſprang er raſch hinten auf, und ſpielte den Lakaien mit einer triumphirenden Miene, ſich auf einem ſo erhabenen Standpunkte zu ſehen, waͤhrend ihn das laute Gelaͤchter der Mägde begleitete. Lord Sandyford ging mit Sir Archibald vor dem Schloſſe Auchinward ſpazieren, als Sir André ankam. Er war erſtaunt, ihn allein aus dem Wagen ſteigen zu ſehen; aber André erklärte ihm kurz, wie es der alte Craigland vorgezogen habe, in ſeiner eigenen Equipage zu fahren; zugleich theilte er ihm die Nachricht von Pierſtons Tode, und von der Art mit, wie er uͤber das von ihm ge⸗ erbte Vermoͤgen verfuͤgt habe. „Das Alles klingt ein wenig romanhaft, ſagte der Graf laͤchelnd; Sie haͤtten beſſer ge⸗ than, die Erbſchaft fuͤr ſich zu behalten, wenig⸗ ſtens einige Zeit lang. Sie hatte als Ge⸗ gengewicht gegen die Vorurtheile des alten Craigland gute Dienſte leiſten koͤnnen.“ Während ſie noch ſo zuſammen ſprachen, ſah man endlich auch die Karoſſe der Craig⸗ lands ankommen. Robin Taigle peitſchte — 215— unaufhoͤrlich ſeine beiden Roſſe, um ſie in den Trab zu bringen; aber vergebens. Das komiſche Anſehn dieſes ungeſchickten Kutſchersz das ſeltſame Schauſpiel der beiden alten Gaͤule, die jeder von einer ganz verſchiedenen Farbe, und vor einen uͤbrigens ſehr ſchoͤnen und ele⸗ ganten Wagen geſpannt waren; vorzuͤglich aber der Anblick Jamie's, in alter zerriſſener Uniform, mit hochaufgerichtetem Kopfe eund einer wichtigen martialiſchen Miene hinten aufſtehend— zwangen den Grafen und Sir Archibald in das Haus hineinzugehen, um beſſer ihre Lachluſt befriedigen zu koͤnnen; und ſie uͤberließen daher unſerm Helden, welcher mehr Gewalt uͤber ſeine Geſichtsmuskeln hatte, die Sorge, die ankommenden Gaͤſte zu em⸗ pfangen. Sobald der Wagen anhielt, ſprang Jamie raſch vom demſelben ab, und eilte den Kutſchen⸗ ſchlag zu oͤffnen, ſo wie den Tritt herabzu⸗ ſchlagen. „Du biſt's, Jamie? rief der alte Craig⸗ lande Durch welchen Zufall kommſt du her?“ n„Ho! ho! antwortete Jamie; Sie unen — 216— ſich ruͤhmen, heute einen Lakaien auf ihrem Wagen gehabt zu habe wie man inwohl ſelten zu. ſehen bekommt.“ Craigland und ſeine beiden Reiſegefäͤhrtin⸗ nen hatten ſchon waͤhrend des ganzen Weges bemerkt, daß alle diejenigen, welche ihnen be⸗ gegneten, ſtehen blieben, um den Wagen vor⸗ beifahren zu ſehen, und ein lautes Geläͤchter erhoben, was ihnen unerklaͤrlich und ſogar argerlich war; aber der Gutsherr errieth jetzt augenblicklich die Urſache, ſobald ihn Jamie benachrichtigte, welche Rolle er ſo eben ge⸗ ſpielt habe. Er ergriff daher ſeinen Stock mit beiden Haͤnden, und gab ihm einen ſo wohl angebrachten Hieb uͤber die Schultern, daß Jamie mit lautem Geſchrei die Sſnr ergriff. 3 „Narr! ſchrie Craigland zu gleicher Zeit ich will dich lehren, mich zum Gegenſtoads des Gelaͤchters zu machen!!!/? Nachdem die Gäſte mit ausge eithnates Hoͤflichkeit empfangen worden waren, begab man ſich bald darauf in den Speiſeſaal, wo Lady Margarethe dem Grafen Sandyford — 217— ſeinen Platz am Tiſche zu ihrer rechten Seite anwies, und ſich hierauf zu unſerem Helden wandte, indem ſie ihm den Platz zu ihrer Linken zeigte:„Sir André, hier iſt Ihr Platz!“ Er zoͤgerte einen Augenblick, was er zu thun habe, und ging einige Schritte vorwaͤrts, als weenn er ſich dorthin ſetzen wollte; aber plötz⸗ lich drehte er ſich um, und ſagte zu dem alten Craigland, der ſchon außer ſich daruͤber war, daß man dem Enkel der Marthe Docken vor⸗ zugsweiſe vor ihm den Ehrenplatz angewieſen hatte:„Sie wiſſen, Mäſter Craigland, daß das Alter eine Ehre iſt, welche die Zeit allein verſchaffen kann. Der Koͤnig kann einen Ritter Baronet machen, aber keinen Greis, * und in dieſer Ruͤckſicht bitte ich Sie, den ehren⸗ vollſten Platz an dieſer Tafel anzunehmen.“ Craigland nahm mit ziemlich verlegener Miene den ihm angebotenen Platz an, waͤhrend Sir André ſich zwiſchen die Gräſin und Miß Marie ſetzte; aber nichts ſetzte den erſtern ſo ſehr in Erſtaunen, als die Ungezwungenheit und das Selbſtvertrauen, welche André waͤhrend der Janden Mahlzeit zeigte 4 — 218— Der Eindruck, welchen der Brief der Miß Peggy Picken auf Miß Mizy gemacht hatte, fing ſchon an ſich wieder zu verwiſchen, und während des Eſſens erwarb ſich Sir André durch allerhand kleine Aufmerkſamkeiten ihre vollkommene Gunſt wieder; als ſich daher die Damen entfernten, und die Maͤnner allein bei Tiſche ließen, war ſie die erſte, welche das Geſpraͤch auf die guten Eigenſchaften des Baronets brachte.„Er iſt wirklich äͤußerſt liebenswuͤrdig, ſagte ſie, und ich haͤtte nie geglaubt, daß er ſo ſehr in einer guten Ge⸗ ſellſchaft den Ton angeben koͤnnte.“ „In der That, antwortete die Graͤfin, kann ich Sie verſichern, daß er in London allgemein fuͤr einen jungen Mann von eben ſo viel Lebensart als Verſtand gilt, und daß er zu den beſten Geſellſchaften gezogen wird. Seine Laune iſt zwar oͤfters ziemlich ſonder⸗ bar und ſeltſam, aber ſie macht ſeine Unter⸗ Aacne nur deſto anziehender. /) unIch begreife aber nicht, ſagte dae Marggathe z daß er nach ſo langem Aufent⸗ halt in London immer noch ſa auffal⸗ — 219— lend die Schottiſche Ausſarache beibchalten hat.“ „Dieſe Ausfyracht ſcheint niß auch. heute mehe als je vorherrſchend zu ſein, erwiederte die Gräfin; aber er hat uͤberhaupt eine große Liebe zu Allem, was ihn an ſein Vaterland erinnert. Es wuͤrde mich gar nicht uͤberraſchen, wenn ich erfuͤhre, daß er in ſeiner Jugend ſein Herz an irgend ein hubſches Landwaͤd⸗ chen in dieſer Gegend verſchenkt hat. Wiſſen Sie vielleicht etwas davon, Miß Cunning⸗ ham?“— Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr ſie fort:„Wir haben es ſchon oft außer⸗ ordentlich gefunden, daß er in London durchaus nicht daran dachte, ſich zu verheiraten, da er doch die vortheilhafteſten Partien haͤtte machen koͤnnen; und ſein Betragen ſchien uns daher nur durch die Vermuthung zu erklaͤren, daß er ſein Herz in Schottland gelaſſen habe.“ in„Wenn das der Fall waͤre, ſagte Lady Margarethe, ſo glaube ich, daß er ſchon fruͤher zuruckgehommen, und laͤngſt verheiratet ſein wuͤrdes Aber Sir André hat zu viel Ver⸗ ſtand, um nicht einzuſehen, daß er mit einem —— —-—; — 220— einfachen Landmaͤdchen, in ſeiner jetzigen Lage, doch nicht gluͤcklich leben wuͤrde.“ 983„So denke ich auch, antwortete die Graͤfin; aber nach dem, was ich beobachtet habe, glaube ich, daß ſeine Abſichten hoͤher hinaufgehen. Sagen Sie mir doch, Miß Cunningham, be⸗ finden ſich einige unauayxichnen Tamliens in der Umgegend?“ Ss e i nnar Marie hatte waͤhrend dieſer⸗ ganzen! untes haltung wie auf gluhenden Kohlen geſeſſen, ohne eigentlich recht zu wiſſen, warum; und ſie antwortete daher auf dieſe Frage mit einem Tone und Benehmen, welche augenſcheinlich ihre innere Bewegung verriethen. „Sir Andrs, ſagte ſte⸗ war immer ein hoͤchſt ſeltſames Weſen.“ 4 „Ha! ha! rief Miß Mizy lachend, wenn der Baronet ſein Herz ſchon vor ſeiner Ab⸗ reiſe in Schottland gelaſſen hat, ſo wuͤrde es mich nicht wundern zu erfahren, daß er Miß Marien ein Geſchenk damit machte.“ alle i„Wie koͤnnen Sie dergleichen ſagen, Taiſte?“ ſagte Marie erröthend, und kaum wagend, ihre Augen zu erheben. ame „Wenn dieſe Neigung erwiedert wuͤrde, fuhr die Graͤfin fort, ſo haͤtte ich einige Hoffnung, einer Schottiſchen„e beizu⸗ wohnen. Erroͤthen Sie nicht ſo, liebe Miß Cunningham; Sir André iſt ein vortrefflicher Mann, und ich kenne wenig junge Maͤdchen, denen ein Heiratsantrag von ſeiner Seite nicht großes Vergnügen machen wuͤrde. Sagen Sie alſo frei: wuͤrden Sie wohl Ihren Namen mit dem der Lady Wylie vertauſchen?“ „Sie? ſchrie Miß Mizy; nie wird ſie dieſen Ramen fuͤhren. Sie hoͤrt nicht ein⸗ mal gern, wenn man den Baronet lobt.“ „Sie irren ſich, liebe Tante, ſagte Marie, mit ziemlicher Feſtigkeit. Ich habe nicht⸗ noͤthig, ihm ſo prunkende Lobeßerhebungen, wie die Ihrigen, zu machen, um ſeinen Verdienſten Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Aber es iſt mir noch nie in den Sinn gekommen, daß er ſich mir als Liebhaber darſtellen koͤnnte.) „Wie haͤtten Sie es auch glauben koͤnnen, antwortete die Graͤſin, da er ſo lange abwe⸗ ſend war, und Ihre Bekanntſchaft jetzt gleich⸗ ſam wieder erneuert werden mußte!“— 4 en So iſt es, ſagte Marie, und vielleicht kenne ich auch deßhalb ſeine Verdienſte weniger, als pee a ihn haͤufiger geſehen haben.“ „Miß Marie hat beſchloſſen, rief ihre Tante mit einiger Bitterkeit aus, alle vortheil⸗ haften Partien auszuſchlagen’“ „Vorthellhafte? wiederholte Marien un⸗ willigs ja, ich habe diejenigen ausgeſchlagen, welche Sie und mein Vater fuͤr vortheilhaft hielten, aber die ein Maͤdchen von einigem Zartgefuͤhl niemals annehmen kann“ „Ich fuͤrchte, daß wir dieſe Unterhaltung ein wens 9 weit getrieben haben, ſanne die Graßn. e d 3,Im Brrracen nicht, antwortete Marie mit Wuͤrde. Ich ſehe nicht ein, warum ich nicht eingeſtehen ſollte, daß ich wenig Maͤnner ſo hoch achte, als den Baronet, abgleich ich ihn nur ſehr wenig kenne.“ „Dem Sie aber! doch behuͤlflich guweſer ſind, auf dem Kirchhofe, hinter einem Leichen⸗ ſteine, funfzig Pſalmen auswendig zu lernen“, ſagte die Graͤfin lächelndä. Der Blick, welcher dieſe Bemerkung be⸗ gleitete, machte Marien erbeben, und ſie ſchlug ddie Augen nieder, ohne zu antworten. 1 Während unſere vier Damen im Salon ſo verträulich mit einander plauderten, wurde auf den alten Craigland im Speiſeſaale ein ſehr ernſthafter Angriff ausgefuͤhrt. Sir Archibald hatte es an dem köſtlchſten Weine nicht feylen laſſen; Craigland war ziemlich luſtig geworden, und er behandelte daher unſern Helden mit ſo vieler Vertraulichkeit, daß er ſogar mit ihm uͤber ſein gehabtes Glück iu ſcherzen anfing, und ihn fragte⸗ warum er nicht eine Frau aus England mit⸗ gebracht habe.„Man ſagt, daß Sie ein vor⸗ treffliches Geſchaͤft mit dem Kauf der Domaͤne Wylie gemacht haben; aber 65 fehlr dort noch etwis: eine ie Hausfrau. 74 „So denke ich auch, Fagte Sir Archibalh und ich bin uͤberzeugt, daß Sir André nichts Beſſeves thun koͤnnte, als Ihre Tochter in dieſer Eigenſchaft dort einzufuͤhren, Craig⸗ land!“— Und ohne ihm Zeit zur Antwort zu laſſen, fuhr er, zum Grafen gewendet, fort: „Mylord, S ſelra ſich mit mir vereinigen, um unſern Freund Sir Wylie dazu zu uͤber⸗ reden. Es iſt wahr, daß ſein Rang dem meinigen gleich iſt, und daß ich die Schweſter eines Herzogs geheiratet habe; aber die Fa⸗ milie Craigland iſt ſehr achtungswuͤrdig, ob⸗ gleich ſie keinen Titel hat. Verzeihung, Sir André, ich ſcherze vielleicht etwas zu frei.“ „,, rief Lord Sandyford aus, wenn Sie unſern Wylie ſo kennten wie ich, ſo wuͤrden Sie auf den Unterſchied des Ranges nicht ſo viel Gewicht legen. Aber ſagen Sie mir doch, Mäͤſter Craigland, war Iur Vater Parlaments⸗ Mitglied?“ Die Wendung, watced das Geſpräch jett genommen hatte, ließ dem Gutsherrn nicht die geringſte Luſt mehr üͤbrig, zu ſcherzen. Er konnte nur mit halblauter Stimme antworten: Nein!— Aber die Miene und das zerknirſchte Weſen, womit dieſe Silbe begleitet war, haͤtten beinahe die Ernſthaftigkeit der Berſchwonen zu Schanden gemacht. 15 14 225— „Abet Ihr Großbater war es ohne Sideit fel?“ fuhr der Graf fort. Der Gutzherr fand ſich dogpelt beſchmt, als er auch dieſe Frage verneinen mußte. „Das iſt doch außerordentlich,“ ſagte der Graf, ſich mit einer gewiſſen Miene von Wuͤrde und leberlegenheit in die Hoͤhe richtend. Der arme, noch vor Kurzem auf ſeine Wichtigkeit ſo ſtolze Gutsherr, war jetzt in der groͤßten Verlegenheit, daß man ihn in einem Augenblick von ſeiner eingebildeten Hoͤhe unter die Menge des großen Haufens herabwarf. Aber ſeine Kränkung ſtieg auf's Hoͤchſte, als er Sir Auchibald hinuukügen hoͤrte: 3 „Ich erinnere mich nichtz Eraigland, 35 einer von Ihren Vorfahren jemals den Thrsi eines Ritters gehabt hat.⸗“) 383 „Und was iſt daran gelegen, ob ſie ihn gehabt haben, oder nicht, ſchrie Sir André, welcher urtheilte, daß der Scherz jetzt weit genug getrieben ſei; das wird Niemanden hindern, Miß Marien eben ſo liebenswuͤrdig zu ſinden, als ſie ſchoͤn iſt. Aber ſelbſt wenn II. Thl. 15 ——— — 226— Craigland und ich uͤber alle Punkte ſchon einig waͤren, ſo bleibt doch noch ein harter Knoten uͤbrig: die Einwilligung der Miß Mizy.“ „Und wer Teufel deduͤrfte in dieſem Falle der Einwilligung meiner Schweſter?“ ſchrie der alte Gutsherr, voll Freuden, jetzt bewei⸗ ſen zu koͤnnen, daß er doch nicht ſo ganz un⸗ bedeutend ſei. 3 Lord Sandpyford erkannte ſogleich, daß der alte Craigland auf ſein haͤusliches Anſehen Reiferſuͤchtig ſei, und veraͤnderte daher die Bat⸗ terien.„Es iſt ganz natuͤrlich, ſagte er, daß einer alten Jungfer, einer alten Tante, wenig daran gelegen iſt, ihre Nichte in einen hoͤheren Rang, als der ihrige, erheben zu ſehen; aber gewiß will mein Freund, Sir André, nur ſcherzen, indem er vorausſetzt, daß Maͤſter Craigland ein Mann ſei, der ſich von ſeiner Schweſter leiten laſſen wuͤrde, wenn von der Verheiratung ſeiner Tochter die Rede wäaͤre. Ich kann dergleichen nicht glauben.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn etwas daran iſt, ſchrie der Gutsherr, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend, um ſeiner Vernei⸗ — 227— nung mehr Kraft zu gebens meine Tochter iſt meine Tochter, und das Gut Chniglan iſt mem Gut.... „Ich glaube, daß es nicht in weiblicher Linie erblich ſei,“ ſagte Sir Archibald. „Ohne Zweifel, antwortete Craigland; es fallt nach meinem Tode an meine Tochter.“ „Ol das veraͤndert die Sache, rief der Graf aus. In dieſem Falle kann es dah einmal an Miß Mizy fallen.”"*r „Was wollen Sie ſagen?“ fragte der Gutsherr lebhaft. „Nichts, ſagte der Gkaf gkeichgüttig, durchaus nichts, als daß die obgleich entfernte Ausſicht Ihrer Schweſter, das Gut einmal zu erben, ſie anfeuern kann, der Verheiratung Ihrer Tochter Hinuarnuſe in den Weg zu legen. wechſelsweiſe mit ſtieren Augen und offnem Munde anz aber er erſtaunte noch mehr, als Sir Archibald hinzufuͤgte, indem er den Kopf ſchuͤttelte:„Ei, ei, jetzt wird mir die ganze Sache klar. Wußten wir doch nicht, warum 15* Der Gutsherr ſoh ſeine Geſellſhafter — 228— ein vernuͤnftiger Mann, wie Craigland, ſeine Tochter ſo eingezogen hielt! Wir dachten aber nicht an dieſe moͤglichen Det ungzonun⸗ der Miß Mizy.“ „Soll mich der Teufel holen, r wenn Sie nicht richtig gerathen haben, ſchrie Craigland; und ich ſehe jetzt ſehr gut ein, warum meine Schweſter immer etwas gegen die ſich darbie⸗ tenden Partien hatte.— Beim Himmel! Sir André; ich wollte, daß Sie in dieſem Augen⸗ blicke um Marien anhielten.“. „Und ich halte von ganzem Herzen um g an,“ rief unſer Held mit Lebhaftigkeit. aBohuan geben Sie mir Ihre Hand, und der Handel iſt richtig, vorausgeſetzt, daß Marie einwilligt.“ Und indem er ihm die Hand darreichte, druͤckte er die ſeinige mit Herzlich⸗ keit. Der Graf ſchlug hierauf vor, ſich zu den Damen zu begeben, was au allgemein angenommen wurde. Der alte Craigland trat, ein n wentg. vom Wein erhitzt, und ſtolz uͤber die ſo aben ab⸗ geſchloſſene Angelegenheit, ohne ſeine Schweſter zu Rathe gezogen zu haben, mit triumphirender — 229— Miene in iden Saal; obgleich er ein wenig wankte, und die Arme balancirend von ſich ſtreckte, als wenn er dadurch einen ſicherern Gang zu erhalren daͤchte. Miß Cunningham ſprang auf ihn zu, und fuͤhrte ihn in einen Armſtuhl. „Du biſt eine gute Tachter, ſagte er, ein vortreffliches Mädchen. Aber Alles iſt i Richtigkeit, Alles in Richtigkeit.“ „Was iſt in Richtigkeit?“ rief Miß Mizy. „Was haſt du dich darein zu miſchen, Mizy? antwortete der Gutsherr. Bilde dir nicht ein, daß du deinen Loͤffel in eine fremde Schuͤſſel thun wirſt. Meine Damen, ich muß Sie nur benachrichtigen, daß Sir André und ich ſo eben einen Vertrag geſchloſſen haben, und zwar in Gegenwart des Lord Sandyford und Sir Archibald, nach welchem meine Tochter, Marie Cunningham, die Sie dort ſehen, Lady Wylie werden ſoll, meine Schweſter mag auch dazu ſagen, was ſie will. Nun, Sir André! Marſch, vorwaͤrts, kuͤſſen Sie ſie auf eine Backe, und dann auf die andere! Pflegt man denn in London nicht der Lieberſaeet i * Da dieſe Szene Marien ſehr in Verlegen⸗ heit brachte, ſo bemerkte ſie, daß es ſchon ſehr ſpaͤt ſei, und daß man daher an die Abreiſe denken muͤſſe. Die Wagen wurden alſo be⸗ ſtellt, und fuhren in wenigen Minuten vor.— Waͤhrend der Gutsherr in dem Speiſe⸗ ſaale die kraͤftigſten Angriffe auf den Bordeaux⸗ und Champagner⸗Wein ſeines Wirths gemacht hatte: war aber auch Robin Taigle in der Kuͤche nicht muͤßig geweſen, und ſchonte noch weniger ſein Ale, ſo daß er vollkommen be⸗ rauſcht war, als er mit dem Wagen der Fa⸗ milie Craigland vorfuhr. Sir André, welcher in dem Wagen des Lords zuruͤckfahren ſollte, beſchwor den Gutsherrn, den Weg in ſeiner Geſellſchaft zu machen; und die beiden Damen waren auch ſehr bereit dazu, aber Craigland blieb unbeugſau. 2— 6„Wir haben unſern Wagen, ſagte er,„warum ſollten wir uns deſſelben nicht bedienen? Was dieſen Taugnichts von Robin betrifft, ſo ſollt Ihr ſehen, was ich ihm zugedacht habe, wenn wir nach Hauſe kommen. In⸗ Kurzem ſoll eine vollkommene Revolution in meinem Hauſe 4½ Statt finden, darauf gebe ich Euch mein Wort; alſo Schweſter, nimm dir dein Kleid auf, und ſteige ein, und du, Marie, tritt der⸗ daß ich mich auf dich ſtuͤtze.“ Sir André enthob Miß Cunningham der betraͤchtlichen Laſt ihres Vaters, und half ihm in den Wagen, worauf Robin ſeine Pferde ſogleich durch einen tuͤchtigen Peitſchenhieb benachrichtigte, daß es Zeit ſei loszuſchreiten. „Der Baronet aber, welcher ernſtlich ein Un⸗ gluͤck fuͤrchtete, befahl dem Kutſcher des Grafen, dicht hinter dem Wagen des Gutsherrn zu bleiben, um im Fall der Noth zur Huͤlfe bei der Hand zu ſein. Dieſe Vorſicht ſchien auch nicht ohne Nutzen zu ſein, denn Robin fing ſehr bald an, eine groͤßere Strecke Weges in der Breite, als in der Läͤnge zurückzulegen; und ſein Wagen glich einem Schiffe, das gegen den Wind lavirt, ſo ſehr machte er unauf⸗ hoͤrliche Zickzacks von einer Seite des Wrges nach der andern. Einige Zeit hindurch ging Alles noch ſo ziemlich gut, denn der Inſtinkt der Pferde kam ihrem trunknen Fuͤhrer zu Huͤlfe; dieſer — 2³32— aber wurde bald ſo freigebig mit ſeinen Peitſchenhieben, daß die armen Gäule nach und nach ihr ruhiges und friedliches Gemuth vergeſſen mußten, endlich anfingen durchzu⸗ gehen, und ſo in einem Augenblick den Wagen in einem Graben warfen. Sir André ſprang ſogleich herbei, und zog, mit Huͤlfe des Bedienten des Grafen Sandyford, die drei Reiſenden unter dem Wagen hervor; denn nachdem die Pferde ſo einen Augenblick lang über die Straͤnge ge⸗ ſprungen waren, ſtanden ſie plötzlich ſtill, ſo⸗ bald der Wagen auf der Seite lag. Die beiden Dam en hatten durchaus keinen Scha⸗ den gelitten, aber der arme Gutsherr war ohne Beſinnung; doch kam er bald genug wieder zu ſich, und verſicherte, daß er durchaus nicht verwunder ſei. Er ſtieg mit ſeiner Schweſter und Tochter in den Wagen des Grafen; aber kaum war er in Craigland angekommen, ſo be⸗ klagte er ſich uber lebhafte innerliche Kopfſchmer⸗ zen, indeſſen doch noch hinzufuͤgend, er danke Gott, daß ſein Kopf hart genug geweſen ſei, um einem ſolchen Schlage zu widerſtehen. — 233— Der Baronet rieth, nach einem Arzte zu ſchicken; aber der Gutsherr wollte nicht ein⸗ mal davon ſprechen hoͤren, denn unter ſeinen zahlreichen Vorurtheilen befand ſich auch ein großer Widerwille gegen dieſe Fakultaͤt. Sir André uͤberließ ihn daher der Sorgfalt ſeiner Familie, und kehrte zu ſeiner Großmutter heim; am andern Morgen aber, gleich nach dem Frühſtuͤck, erſchien er ſchon wieder auf dem Schloſſe, ſowohl um ſich nach der Ge⸗ ſundheit des Gutsherrn zu erkundigen, als auch um mit Marien eine Unterredung unter vier Augen zu haben, und ihr die wahren Be⸗ wegungsgruͤnde ſeiner Reiſe nach Schottland zu entdecken. Man ließ ihn in den Salon treten, in welchem ſich Miß Mizy allein befand. Sie ſagte ihm, daß die Schmerzen ihres Bruders die Nacht uͤber ſo ſtark geworden waͤren, daß er um Huͤlfe haͤtte rufen muͤſſen; die ganze Familie war ſogleich aufgeſtanden, und da der Morgen erſchien, ohne dem Kranken einige Linderung zu bringen, ſo hatte man ſich end⸗ lich entſchloſſen, den Doktor Atomy holen — 234— zu laſſen. Sir André verſicherte ſie, wie großen Antheil er an dieſem ungluͤcklichen Vorfall nähme, und druͤckte ſich uͤber dieſen Gegenſtand, wie Miß Mizy nachher erzählte, auf eine Art aus, welche ſowohl ſeinem Her⸗ zen als ſeinem Verſtande Ehre machte. Während dieſer Zeit befand ſich Miß Marie bei ihrem Vater, und unter dieſen un⸗ gluͤcklichen Umſtaͤnden lief der Baronet große Gefahr, ſi ſich wieder entfernen zu müͤſſen, ohne ſie geſehen zu haben. Aber Bell Lampit, welche bei den wiederholten Beſuchen des Sir André vorherſah, daß endlich eine Heirat die Folge davon ſein wuͤrde, konnte dem Wunſche nicht widerſtehen, ihre junge Herrſchaft davon zu benachrichtigen, daß er im Schloſſe ſei. Sie trat alſo dreiſt in das Zimmer des Kranken, und ſtellte ſich, als wenn ſie glaubte, gerufen worden zu ſein.„Was befehlen Sie, Miß Marie?“ fragte ſie. Se „Ich habe nicht geklingelt, antwortete Marie; vielleicht that es meine Tante.“ „Nein, nein, erwiederte Bell mit lei⸗ — 235— ſer Stimme, ſie hat andere Erbſen zu le⸗ ſen. Sie iſt mit Sir André im Salon.“ „Was macht der Aſchenbroͤdel hier? fragte der Gutsherr, melcher ihre Stimme erkannte. 71 „Ach mein Gork, Herr, ich glaubte, Sie ſchliefen. Nun, wie beſinden Sie ſich heute, nach der ſchoͤnen Fahrt von geſtern? Der arme Robin iſt auch uͤbel daran, wir glauben, er hat ſich den Hirnkaſten zerſchmettert.“ „Wenn ich dich nur erreichen koͤnnte, ſo wollte ich dir den deinigen zerſchmettern. Hat man je ein ſolches Murmelthier in einer achtungswuͤrdigen Familie geſehen?“ „Werden Sie nicht zornig, Herr! Man muß Leiden mit Geduld ertragen lernen. Der rechtliche Mann, welcher gegen das Ungluͤck kaͤmpft, iſt ein Anblick der Goͤtter wuͤrdig.“ Marie mußte ſich einigen Zwang anthun, um nicht uͤber dieſe ſo paſſende Citation aus dem Seneka zu lachen, und ſagte zur Bell, daß ſie ſich entfernen ſollte. „Da ſiehſt du, Marie, ſagte der Gutsherr, was es heißt, die Grenzen der Erziehung uͤber⸗ — 236— ſchreiten; denn es iſt keinem Zweifel unter⸗ worfen, die Gelehrſamkeit hat dieſem Mädchen den Verſtand verwirrt. Das Volk braucht nichts weiter zu lernen, als die zehn Gebote Gottes und ſeinen Katechismus; ich ſelbſt habe ja nicht viel mehr gelernt.“ Er fuhr fort, uͤber die Erziehung, welche man den untern Klaſſen geben muͤſſe, abzu⸗ handeln, und das Fieber machte ihn immer geſpraͤchiger, als Miß Mizy eintrat. „Marie, ſagte die Tante zu der Nichte, indem ſie ihr einen ausdrucksvollen Blick zu⸗ warf, leiſte Sir André im Salon Geſellſchaft; ich werde bei deinem Vater bleiben, bis der Doktor da iſt.“ „Der Doktor? rief der Gutahetrz und wer Teufel hat dir befohlen, nach dem Doktor zu ſchicken? Ich mag weder vom Doktor noch vom Apotheker etwas wiſſen; ſie ſollen von mir nicht eine Stecknadel haben.“. Du ſprichſt zu viel, lieber Bruder, ſagte Miß Mizy, welche Marien ſachte bis nach der Thuͤr geführt hites ic bitte di, ſet ruhig!“ 4. 2„Wo iſt Marie? Ihre Geſellſchaft iſt mie liebergals die deinige, denn ſie iſt von ſanf⸗ ter und friedlicher Gemuͤthsart, was ein Ge⸗ ſchenk des Himmels iſt, wie der Prediger am letzten Sonntage ſagte. Aber es giebt Men⸗ ſchen von gröberem Stoffe, taube vre ri koͤrner, die in Ewigkeit kein Mehl geben.“ 9„Ich fürchte wahthaftig, lieber Seas e du biſt ktäͤnker, als du glaubſt. 4139 —„Ich habe Durſt, einen Durſt vom eu⸗ fel; das iſt eine naͤrriſche Natur; je mehr man trinkt, deſto mehr durſtet man. Aber der Wein bei Sir Archibald war köſtlich, und dieſer Sir André iſt wirklich ein praͤchtiger Menſch. Wie glücklich wird er mit Marien leben; ach und die kleinen Kinder, die ſie haben werden, ich ſehe ſie ſchon in der Stube umherlaufen! 17 „ieber Beuber, ſagte Mig ingftlch, du mußt nicht ſo viel ſprechen!“ Aber der Guts⸗ herr hoͤrte nicht darauf; ſeine Fieberhitze nahm immer mehr zu, und er ſprach bald voͤllig wie im Wahnſi inne, ſo daß ſeine Schweſter ploͤtzlich das Zimmer verließ, und in den Salon eilte, ihre Befuͤrchtungen mitzutheilen. Hiir ſtoͤrte ſie den Baronet und Miß Marie mitten in einer ſehr anziehenden Un⸗ terredung. Sir André hatte ſich nicht, wie es ſonſt bei allen Romanhelden uͤblich iſt, vor⸗ zuglich wenn ihre Geſchichte von einer Frau geſchriehen iſt, vor dem Gegenſtande ſeiner Anbetung auf. die Kniee geworfen; er rief ihr nur zuerſt verſchiedene Begebenheiten aus ih⸗ ren Kinderjahten in's Gedaͤchtniß zurück, ging dann zu denen des vorigen Tages uͤber, und war ſo eben im Begriff, ihr den Zuſtand ſeines Herzens zu entſchleiern. Miß Cunningham hörte ihm zu, als wenn ſte eine alte Prophezeihung haͤtte in Erfuͤllung gehen ſehen. Sie laͤchelte; auf ihrem Ge⸗ ſicht herrſchte Ruhe, aber ihr Herz war leb⸗ haft bewegt. Schon ſeit langer Zeit, denn wir koͤnnen jetzt ohne Zuruͤckhaltung von ihren Empfindungen reden, fuͤhlte ſie eine ge⸗ heime Zuneigung fuͤr André Wylie; und wenn ſie in London eine gewiſſe Kälte gegen ihn zeigte, ſo geſchah dieß nur, weil ſie glaubte, — 239— daß die Vorurtheile ihres Vaters einer Verbindung, die ſie wuͤnſchte, unuüberſteig⸗ liche Hinderniſſe entgegenſetzen wuͤrden. Jeder Schritt, welchen unſer Held in der Welt vorwaͤrts that, ſchien denſelben ihr zu naͤhern, und ein von der Vorſehung gegebenes Zeichen zu ſein, daß ſie fuͤr ihn beſtimmt ſei. Es war eine Art von Vorgefuͤhl, deſſen ſie ſich nicht erwehren konnte, das ihr aber nicht die geringſte unangenehme Vorſtellung erweckte. Das Bild Wylie's ſtellte ſich ihr nur, mit jenen Erinnerungen aus ihren Kinderjahren umgeben, vor, welche dieſelben gewoͤhnlich zu den gluͤcklichſten des Lebens machen; und die guten Eigenſchaften ſeines Herzens, die ihr bekannt waren, feſſelten das ihrige. Sie war alſo ſchon ſeit langer Zeit auß das Geſtändniß vorbereitet, welches Sir André ihr ſo eben zu machen im Begriff war; und ſie hatte ſich vorgenommen, offenherzig darauf zu antworten, als Miß Miy ploͤtzlich in⸗ den Salon trat. „Marie! rief ſie aus, ich glaube, daß dein Vater wahnſinnig iſt.“ — 240— Miß Cunningham eilte ſogleich höchſt be⸗ unruhigt in das Zimmer ihres Vaters. In dieſem Augenblick traf auch der herbeigerufene Aczt, Doktor Atomy, ein, und wurde von der Miß Mizy zu ihrem Bruder gefüͤhrt, deſſen Antwort auf die erſte Frage deseneh wahr⸗ haft charakteriſtiſch war. „Ich befinde mich wohl, Doktor, volkkom⸗ men wohl; ich befand mich noch niemals 4 wohler. Nur eine Sache, die ich nicht be⸗ greifen kann, quaͤlt mich unaufhoͤrlich. Warum läßt man in mein Zimmer ſo viele Perſonen ein, die ich gar nicht kenne? Ich ſehe eine Menge Figuren ſich alle Augenblicke auf mein Bett ſetzen; ich hoͤre ſie leiſe mit einander reden, als wenn ſie ſich gegen mich verſchwoͤ⸗ ren wollten; und ich mag ſie fragen ſo viel ich will, der Teufel ſoll mich holen, wenn ſe mir eine Antwort geben.“ Seine Tochter und ſeine Schweſter zer⸗ floſſen in Thraͤnen, als ſie ihn ſo ſprechen hoͤrten; Atomy richtete noch einige Fragen an ihn, auf welche eben ſo unzuſammenhaͤngende Antworten erfolgten. Endlich, nachdem er — 241— alle Zeichen ſeiner Krankheit beobachtet hatte, ſchuͤttelte er den Kopf, und gab mit mͤglich⸗ ſter Schonung zu verſtehen, daß die Krankheit des Greiſes einen traurigen Ausgang nehmen könnte. Doch verſchrieb er ein Arzneimittel, mehr zur Ehre ſeiner Kunſt, als in der Hoff⸗ nung, daß es helfen wuͤrde, worauf er ſich wieder entfernte. Am Nachmittage dieſes Tages verminderte ſich die Heftigkeit ſeines Fiebers; der Kranke wurde ruhiger, und er blieb mehrere Tage lang in demſelben Zuſtande; aber augenſchein⸗ lich nahmen ſeine Kraͤfte immer mehr und mehr ab, und er fiel endlich in einen voll⸗ kommenen Zuſtand der Kindheit. Unmöͤglich konnte man ihn ohne das innigſte Mitleiden anſehen; er hatte jede Vorſtellung von der Gegenwart verloren, und ſchien ſich nur mit der Erinnerung an die Vergangenheit zu be⸗ ſchaͤftigen. Sehr oft dachte er an ſeine verſtorbene Gemahlin; er glaubte ſie vor ſich zu ſehen, und ſprach mit ihr von ſeinen haͤuslichen Angelegenheiten. Am meiſten beſchaͤftigten II. Thl. 1716 — 242— ihn aber ſeine Kinder. Er glaubte ſie, in ihrem Alter von fuͤnf bis ſechs Jahren, um ſich herum ſpielen zu ſehen, beluſtigte ſich über ſie, und lachte laut; ſobald er aber zu⸗ fälligerweiſe den Ramen William ausſprach, der an ſeinen Wunden geſtorben war, ſo ſtellte ſich ſeiner Einbildungskraft der Schmerz, den er bei ſeinem Tode empfunden hatte, lebhaft wieder vor, und er klagte laut über den Ver⸗ luſt dieſes geliebten Sohnes. Sieben Tage lang verlebte er noch in die⸗ ſem Zuſtande; am Morgen des achten machte die geſchwaͤchte Natur eine letzte Anſtrengung, um alle ihre Kraͤfte wieder zu ſammeln; ſie kämpfte einige Stunden gegen den heran⸗ nahenden Tod, aber vergebens: ſie mußte end⸗ lich unterliegen. Seine irdiſche Huͤlle wurde mit vieler Feierlichkeit am dritten Tage der Erde zur Verweſung uͤbergeben. Dieſer Tod ſchob zwar fuͤr unſern Helden die Vollendung ſeines Gluͤcks noch einige Zeit lang auf, aber er hinderte es durchaus nicht; und ſobald die Wohlanſtändigkeit es erlaubte, wurden Marie CEunningham und der Baronet —— — — 243— durch den Segen des Geiſtlichen auf immmer vereinigt. Dieß geſchah in der dazu wieder in Stand geſetzten Kapelle des Schloſſes, da Miß Cunningham wuͤnſchte, daß die in ſolchen Fällen gewohnlichen Luſtbarkeiten nicht Statt finden ſollten, indem erſt ſechs Monate ſeit dem Tode ihres Vaters verfloſſen waren. Die ehrwuͤrdige Marthe Docken, Maͤſter Tannyhill und Miß Mizy waren die ingigen Zeugen dabei. Der Graf und die Grifin von Sundyford waren unmittelbar nach dem Tode des alten Craigland nach Chaſtington⸗Hall zuruͤckge⸗ kehrt, und die Neuvermaͤhlten reiſten dorthin, um den erſten Monat nach ihrer Verheira⸗ tung bei ihnen zuzubringen. Aller Bitten ſeiner alten Freunde ungeachtet war aber Sir André nicht dazu zu bewegen, ſich in ihrer Nachbarſchaft niederzulaſſen, wozu ihm der Graf Sandyford das Schloß Rooksborough, welches er gekauft hatte, anbot. Er blieb unerſchuͤtterlich, und kehrte in die Gegenden zuruͤck, wo er geboren war; nachdem er ſeine Stelle als Parlaments⸗Mitglied niedergelegt 16* — 244— hatte, und zugleich auch aus ſeiner Verbin⸗ dung mit Vellum getreten war. Seine Gegen⸗ wart in Stoneyholm bezeichnete er durch ſo viele weiſe und wohlthaͤtige Einrichtungen und Verbeſſerungen, daß ſich im ganzen Dorfe Gluͤck und Zufriedenheit verbreiteten; alljäͤhr⸗ lich verfehlte er aber nicht, ſeinen Freunden im Suͤden mit Lady Wylie Beſuche abzu⸗ ſtattenz und bei einem derſelben war es, wo er den Tod des Sir Ferrew erfuhr, welcher in Kriegsdienſte getreten, und in einer Schlacht gegen die Franzoſen geblieben war. Auch der Doktor Saffron war geſtorben, und hatte die verwaiſete Aline als Erbin eingeſetzt. Das Einzige, was in dem Betragen Sir André's vielen Leuten zweideutig ſchien, war die Art, womit er gegen ſeine ehrwurdige Großmutter verfuhr. Man glaubte allge⸗ mein, daß er ſie in's Schloß Craigland auf⸗ nehmen, oder ſie nach dem Schloſſe Wylie bringen wuͤrde. Aber wie erſtaunte man, als ſie immer noch in ihrer Huͤtte verblieb, nur mit dem einzigen Unterſchiede, daß ſie ein junges Maͤdchen aus dem Dorfe zur Bedie⸗ — 245— nung zu ſich nahm. Beſſer unterrichtete Leute wußten indeſſen, daß Lady Wylie ſie mit den dringendſten Bitten beſtuͤrmt hatte, ihre beſcheidene Wohnung zu verlaſſen, in welcher ſie ihr ganzes Leben zugebracht; aber durch eine ſo vieljährige Gewohnheit war der alten Marthe dieſe Huͤtte allzutheuer gewor⸗ en. Ueberdieß war ſie verſtändig genug, einzuſehen, daß ſie mitten unter der Geſell⸗ ſchaft, welche man im Schloſſe haͤufig empfing, nicht an ihrem Platze ſei; und ſie erklaͤrte ſo beſtimmt, ihre noch uͤbrigen Tage in der Einſamkeit, und mit den Dankgebeten an Gott fuͤr die von ihm erhaltenen Wohlthaten, zubringen zu wollen, daß Sir André nicht zugab, länger in ſie zu dringen. Da um dieſe Zeit der Pfarrer in Stoney⸗ holm eine anderweitige Anſtellung erhielt, und Sir Andrén wußte, daß Maͤſter Tannyhill Theologie ſtudirt, auch in fruͤheren Zeiten die Licenz erhalten hatte: ſo ſetzte er ſeinen ehemaligen Schullehrer zum Pfarrer ein, zum großen Erſtaunen, aber auch zur Zu⸗ friedenheit ſämmtlicher Einwohner des Dorfes. — 246— 8„Nach drei oder vier Jahren nahmen Sir André und Lady Wylie ihren beſtimmten Wohnſitz in dem Schloſſe Wylie; aber Miß Mizy zog es vor, in Craigland zu bleiben, wo der Baronet und ſeine Gemahlin ſie in⸗ veſſen haͤufig beſuchten. Eine Merkwuͤrdigkeit darf aßer am Schluſſe dieſer Geſchichte nicht uͤbergangen werden; dieſe war nichts weniger, als die Entdeckung eines Manuſkripts von dem verſtorbenen Craigland, gewiß eine große Bereicherung der Literatur in den jetzigen Zeiten. Es iſt daher zu hoffen, daß dieſe Schrift ſo bald als möoglich durch den Druck dem betreffenden Publikum uͤbergeben werde; ſie fuͤhrt den Titel: Umſtändliche Beſchreibung der Titel und, Wappen aller adli⸗ gen Familien in Eu ropa,— eine Schrift, die dem Verſtorbenen gewiß manchen Schweißenobſen getoſtet hat— Sit 2les 1 In gleſcet Bellagshandlung ſynd nach Auſten, J. Anna. Ein Familiengemaͤlde. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von W. A. Lindau. 2 de. 8. 183829. 2 Thlr. 12 gr. Baczko, Ludw. von, Geſchichte Paolo Pennaloſa, eines Kloſterbruders; oder es wird eine ewige Vergeltung ſein. Zweite wohlfeilere Ausgabe.§. 1823. 1 Thlr. Calthorpe oder geſunkenes Gluͤck. Ein Roman, Frei nach dem Engliſchen des Verfaſſers der Lollharden, von Georg Lotz. 2 Thle.§. 1823. 2 Thlr. 12 gr. Fluͤchtlinge, die. Romantiſche Unterhaltungen. Von dem Verfaſſer des Romans Heliodora. Mit Kupfern von Junge und Roßmäßler. 8. 1820. 1 Thlr. 8 gr. Geſchichten, romantiſche. Vom Verfaſſer des Romans He⸗ liodora.(W. A. Linbau) 8. 1819. 1 Thlr. 6 gr. Joͤrdens, G. Bunte Bilder. Erzaͤhlungen und Skizzen von einigen theils melancholiſchen, theils luſtigen Freunden. 1s Bochn. 8. 1823. 1 Thlr. 6 gr. ——— Lanzelot vom See. Rittergeſchichte aus den Zeiten der Tafelrunde. Nebſt einem Anhange. Mit einem Kupfer von Riedel. 8. 1822. 1 Thlr: 1o gr. ——— Die Jahreszeiten der Ehe. Eine Erzäh⸗ lung. 8. 1922. 26 1 Thlr. ——— Die Vermaͤhlung. Ein Nachtſtuͤck. Mit einem Muſikblatte. 8. 1822. 22 gr. Kruſe, L. Deodat's Geburt⸗ Poeſie und Proſa aus dem Leben. 3 Thle. Mit Kupfern von Roßmäßler. 8. 1823. 4 Thlr. 0 gr. Roderich, C. Nachtſtuͤcke aus dem Gebiet des wirk⸗ lichen Lebens. 8. 1823. 1 Thlr. 12 gr. Scott, Walter, der Pirat. Aus dem Engliſchen uͤber⸗ ſetzt von Georg Lotz. 3 Thle. 8. 1822. gut Pap. 4 Thlr. 12 gr. ord, Pap. 3 Thlr. 8 gr. Scott, Walter. Der ſchwarze Zwerg. Ein roman⸗ tiſches Gemaͤlde. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von W. A. Lindau. Zweite verbeſſerte Auflage. 8. 1823. 1 Thlr. 12 gr. Sommerfruͤchte geſammelt von C. N. Mit einem Vor⸗ vport von r. 8. 1823. 3 1 Thlr. 8 gr. Willmar, Wilhelmine, Erholungsſtunden. 2 Thle. Mit einem Kupfer von Opitz und Eßlinger. 8. 1823. 1 Thlr. 18 gr. Zeiten, andere, oder die Moͤnche von Leadenhall. Nach dem Engliſchen des Verfaſſers dey Lollharden, des Calthorpe ꝛc., frei bearbeitet von Georg Lotz. 3 Bde. 8. 1824. 3 Thlr. 12 gr. Gilling, F. W. Ariſtomenes der Zweite. Eine roman⸗ tiſche Erzaͤhlung. Mit Kupfern von Junge und Bruͤckner. 8. 1821. 1 Thlr. 4 gr. ———— Erzaͤhlungen. 3 Bde. Mit Kupfern von Bruͤckner, Junge und Roßmaͤßler. 8. 1821 und 1822. 3 Thlr. 16 gr. ———— der Fluch. Ein Roman. 2 Thle. Mit Kupfern von Roßmaͤßler und Renſch. 8. 1821. 2 Thlr. 16 gr. ———— Seeköonig Ingolf und ſeine Wikinger. Ein Roman der Vorzeit. Mit einem Kupfer von Roßmaͤßler und Junge. 8. 1820. I Thlr. 8 gr. ———— JIungendliebe, oder das Kloſter in der Sierra⸗Morena. Mit Kupfern. 8.(Beſonderer Abdruck aus den Erzaͤhlungen) 1820. 18 gr. ———— Eduard Muͤllers Leben bis zu ſeiner Verheiratung. Mit Kupfern von Junge und Roß⸗ maͤßler. 8. 1821. 1 Thlr. 12 gr. ———— Otto von Wetterode. Ein romanti⸗ ſches Gemaͤlde aus den letzten Jahren des dreißigjaͤh⸗ rigen Krieges. Ir, 2r und 3r Theil. Mit Kupfern von Roßmaͤßler. 8. 1823. 3 Thlr. 20 gr. —— 4 ———