† Leihbibliothek — Sduard Oktmann in Giefen, „ 7 Uyr bis Abends 8.ghr oſfen. Morgens A jedem Tag . 3. Caution. Unbekannte Perſonen mü Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zer 3 eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf n 8 eſ de deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Aeſebedingungen. 5 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Aeglehr Wierdim „ 2. Besepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt 33 24 Stun. den angenommen.— 3 ſſen, bei Entge ennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Suuhmte 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 3 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 5 ..,. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8———————— auf 1 Monat: 1 Mk. 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Von ſeiner erſten Kindheit an ſchon eine Waiſe, blieb ſeine Erziehung ſeiner Großmutter uͤber⸗ laſſen, einer von jenen alten Bäuerinnen, wie es in Schottland noch viele giebt, welche ſo eifrig bei ſich die Gefuͤhle und die Anhaͤng⸗ lichkeit an die Traditionen bewahren, wodurch ſich der Nationalcharakter der Schotten ſo ſehr von dem aller uͤbrigen Voͤlker unterſchei⸗ det. Sie wohnte in dem Dorfe Stoney⸗ holm in der Grafſchaft Ayr, und beſaß da⸗ ſelbſt ein kleines Haus nebſt Garten, den ſie ſelbſt bebaute. Bei ihrer großen Armuth hatte es Gott gefallen, ihr einen Geiſt der Re⸗ ſignation zuzutheilen, und eine Froͤmmigkeit, die ihr ganzes Vertrauen in die Vorſehung I* — 4—, ſetzte. Daher murrte ſie auch nicht, als der Tod von Andrés Aeltern ihr noch die Laſt dieſes Kindes aufgebuͤrdet hatte; ja, ſie verſicherte ſogar ihre Nachbarinnen, daß der kleine André ihr zur Geſellſchaft und Zerſtreuung diente, und daß er, obgleich er ein Schreihals war, doch ein kluges Kind ſei, welches ſchon eine Roſine von einer Spinne zu unterſcheiden wußte, indem es die erſtere laͤchelnd in den Mund ſteckte, bei dem Anblick der letztern aber wie verzweifelt zu ſchreien anfing. Der kleine André wuchs mit der Zeit immer groͤßer heran und wurde alle Tage ſchoͤner, wie ſeine Großmutter verſicherte. Als er endlich anfing, in die Schule zu gehen, ſagte die alte Rarthe oft, daß er ein Knabe ſei, dem noch einmal ein großes Gluͤck bevor⸗ ſtehe, und daß er, obgleich er noch kein Ge⸗ lehrter ſei, doch aber ſo gut, als der Schul⸗ lehrer ſelbſt, zu unterſcheiden verſtehe, wie viel Bohnen dazu gehoͤren, um deren fuͤnf zu haben. 3 Der Schullehrer, von dem ſie ſprach, war Dominik Tannyhill, einer von jenen ar⸗ — 5— men Kandidaten der Theologie, denen das Gluͤck nicht beſchieden ward, Hofmeiſter in der Fa⸗ milie irgend eines reichen Gutsbeſitzers zu werden, und die daher ihre Tage unſchuldig in dem aͤrmlichen Kreiſe einer Dorfſchule ver⸗ leben muͤſſen. Als André ſeinem Unterrichte uͤbergeben wurde, ſchien er ungefaͤhr 40 Jahr alt zu ſein; er war bleich, mager und klein; den Kopf trug er gebuͤckt und ein wenig auf die Seite geneigt, als wenn die Natur ihn in die Quer auf ſeine Schultern geſetzt haͤtte. Allein dieß war nur eine Folge der Angewoͤh⸗ nung beim Schreiben, da er ſehr kurzſichtig war und ſich bei dieſer Beſchaͤftigung ſo weit vorwaͤrts niederbuͤckte, daß das Papier faſt von ſeinen Ohren beruͤhrt wurde. Doch bei gewiſſen Gelegenheiten erhob er ſeinen Kopf mit einer Art von Wuͤrde, und ſeine von Natur ſanfte, und das Mißtrauen gegen ſich ſelbſt verrathende Stimme erhoͤhte ſich dann bis zu dem Ausdruck der Beredſamkeit und ſelbſt des Enthuſiasmus. Der kleine André wurde bald der erklaͤrte Guͤnſtling des Schulmeiſters, da ſeine kindi⸗ — 6— ſchen Bemerkungen etwas ſo Naͤrriſches und dabei Originelles hatten, daß ſie ſelbſt den ernſten Dominik Tannyhill manchmal zum Lächeln zwangen. Unſer junger Held, von Ra⸗ tur ein feiner Beobachter, merkte nicht alſo⸗ bald, daß er ſeinem Lehrer mit ſeinen Reden Vergnuͤgen machte, als er ſich auch die groͤßte Mühe gab, alle ſeine Talente vor ihm zu ent⸗ falten; und hierdurch gewann er nach und nach eine Art ſich auszudruͤcken, welche er ſein ganzes Leben hindurch beibehielt und welche diejenigen, die Geſchmack fuͤr Origina⸗ litaͤt hatten, weit ſeltener und angenehmer fan⸗ den, als die glaͤnzenden Talente des Genies. Unter ſeinen Kameraden zeichnete ſich zwar André nicht durch das beſondere Vergnuͤgen aus, das er an den gewoͤhnlichen Spielen der Kinder fand, die eine Dorfſchule beſuchen; aber wenn er im Fruͤhling mit von der Partie war, Voͤgel aus dem Neſte zu nehmen, oder im Herbſt, Nuͤſſe zu pfluͤcken: ſo wuͤnſchte doch jeder der Knaben, daß er dabei ſein moͤchte, ſo ſehr hatte ſeine gute Laune und ſein ko⸗ miſches Betragen ihm alle Herzen zugewendet. — 7— Selten unternahm er es, einen Felſen zu er⸗ klimmen, um daſelbſt Reſter zu ſuchen, oder auf einen Nußbaum zu klettern, um deſſen Fruͤchte zu ſammeln; aber dennoch kam er nie ohne ſeinen Antheil an der Beute nach Hauſe. 3 Eines Tages, als der Trupp vergnuͤgter Schulknaben nichts als ein Elſterneſt gefun⸗ den hatte, in welchem ſich auch nur ein einziges Junges befand, entſtand die ſchwierige Frage, wem dieſes nun gehoͤren ſollte. André gab ſeine Stimme an William Cunning⸗ ham, einen kraͤftigen und liſtigen Knaben, welcher auf die Eiche geſtiegen war, um das Reſt zu erbeuten. Aber Cunningham behaup⸗ tete großmuͤthig, daß Maggy, wie André ſchon die junge Elſter benannt hatte, keinem Andern als dieſem gehoͤren koͤnnte, da es ein kluges Geſchoͤpf ſei wie auch er, und da es von ihm mehr luſtige Sachen lernen koͤnnte, als von jedem Andern. Allgemeiner Beifall folgte dieſem Vorſchlage; der Vogel wurde André'n zugeſprochen, und in der That konnte man ihm auch keinen beſſeren Lehrer geben; denn er lehrte ihn nicht nur, mit erſtaunlicher Geſchicklichkeit allerhand Sachen herbeizubrin⸗ gen und zu ſtehlen, ſondern auch mehrere Woͤr⸗ ter aͤußerſt deutlich auszuſprechen. Da die natuͤrlichen Talente der Elſter auf dieſe Weiſe durch den Unterricht noch mehr ausgebildet wurden, ſo fing ſie bald auch an, fuͤr ihre eigene Rechnung zu ſtehlen, und Tannyhill war einer von denen, die ihren Be⸗ raubungen ausgeſetzt wurden. Sobald er naͤm⸗ lich die Fenſter der Schulſtube oͤffnete, um friſche Luft herein zu laſſen, benutzte Maggy die Gelegenheit, die Federn der Schuͤler zu entwenden. Einſtmals wurde ſie aber dabei auf der That ertappt; der gutmuͤthige Charak⸗ ter des Schulmeiſters bewog ihn, dem Vogel dieſen Frevel zu verzeihen; aber da die Fe⸗ dern, welche taͤglich verſchwanden, ſchon Strei⸗ tigkeiten unter den Schuͤlern veranlaßt hatten, ſo hielt er es fuͤr noͤthig, dem Eigenthuͤmer der Elſter einen Verweis zu geben. Sobald daher die Kinder in der Schule wieder ver⸗ ſammelt waren, richtete er, mit feierlichem Ernſte, und Maggy aus einem Korbe hervor⸗ —— — 9— ziehend, worin er ſie gefangen hielt, folgende Frage an Jene: „Wer von Euch iſt ſchuldig, dieſe Elſter von ſchlechter Erziehung und ohne alle Grund⸗ ſätze zu beſitzen, welche jedes Mal, ſobald ich die Fenſter oͤffne, die Schreibfedern in ihrem Schnabel entfuͤhrt, ohne ſich um die Folgen davon zu bekuͤmmern?“ „Ich bin's!“ ſagte André. „Du rief der Schulmeiſter. Tritt naͤher! Gewiß kennſt du doch das alte, aber wahre Spruͤchwort:„Wer anfangs eine Nadel ſtiehlt, kann damit aufhoͤren, ein Thier mit Hoͤrnern zu entwenden.“ Du brauchſt nicht hierbei den Kopf zu ſchuͤtteln; ich weiß recht gut, daß dieſe Elſter niemals weder eine Kuh, noch ein Pferd ſtehlen wird. Aber nichtsdeſtoweniger fordere ich dich auf, dich derſelben zu entle⸗ digen, da ſie dich durch ihr Beiſpiel zum Boͤ⸗ ſen verleiten koͤnnte. Es iſt nicht noͤthig, die⸗ ſes arme Thier deßhalb zu tödten; aber trage es in den Wald, und gieb ihm ſeine Freiheit.“ „Es iſt das erſte Mal, daß Maggy fehlte, ſagte André mit einem ſeiner liſtigen Blicke, und Sie ſollten nicht allzuſtrenge ſein, da ſie nicht weiß, daß der Diebſtahl ein Verbrechen iß. Ich hoffe daher, daß Sie mir Zeit laſſen werden, ihr eine beſſere Auffuͤhrung beizubrin⸗ gen.— Aber du, haͤßlicher Vogel, ſchaͤmſt du dich nicht, daß du auch mir Schande ge⸗ macht haſt?“ Maggy bezeigte ihre Reue, und zugleich ihre Dankbarkeit fuͤr die Verwendung ihres Herrn dadurch, daß ſie in dieſem Augenblicke den Händen Tannyhilbs entſchluͤpfte, und ſich in dem Buſen André's verſteckte. „Wahrhaftig, es iſt ein naͤrriſcher Vogel⸗ ſagte der Schulmeiſter, und dieſes Mal ver⸗ zeihe ich ihm noch; aber ich rathe dir, ihm einen Faden an die Pfote zu binden, und ihn in der Stube feſtzuhalten, damit ein anderes Mal nicht noch mehr Boͤſes geſchehe.“ Nachdem André auf dieſe Art Gnade fuͤr die Elſter erhalten hatte, wurde ſie mehr als jemals der Liebling aller Schulkinder. Aber kein Fenſter in dem Dorfe durfte fernerhin offen ſtehen, ohne daß Maggy nicht hineinflog und Alles hinwegfüͤhrte, was ſie in ihrem Schnabel fortbringen konnte. Nichts war dieſer Diebin heilig; vorzuͤglich ſchien ſie es aber auf die Knaͤuel von Strick⸗ und Nähgarn der Miß Mizy Cunningham, der Tante des Knaben, dem André den Vogel verdankte, abgeſehen zu haben. Miß Mizy wohnte in dem Schloſſe Craig⸗ land, welches am Ende des Dorfes gelegen war, und hatte die Aufſicht uͤber William und ſeine kleine Schweſter Marie, ihren Neffen und ihre Nichte; denn die Mutter bei⸗ der Kinder war geſtorben, und ihr Vater, der Herr des Schloſſes und Bruder der Miß, be⸗ kuͤmmerte ſich um Nichts in der Welt. Er war ein Weſen, wie André ihn nannte, das mit den Haͤnden in der Taſche ſpaziren ging, und ſie nur, wenn er ſich zur Mahlzeit nieder⸗ ſetzte, hervorzog. Eines Tages hatte Maggy das Ungluͤck, auch von der Miß auf der That ertappt zu werden, als André, der in der Begleitung Williams vor dem Schloſſe vorbeiging, ſie eben losgelaſſen hatte, um der alten Dame einen neuen Streich zu ſpielen. Miß Mizy 12— erblickte die Elſter in ihrem Zimmer, wie ſie eben ein großes Stuͤck Flor entwenden wollte; wie ein Pfeil ſprang ſie daher auf den Vogel zu, drehte ihm den Hals um, und warf ihn Andréen an den Kopf, der davon vor Schrek⸗ ken und Erſtaunen faſt umgefallen waͤre. Dieß war ein unverzeihlicher Mord; die ganze Schule ſchwur dafuͤr Rache, und noch nie wurde vielleicht eine Rache vollſtaͤndiger ausgefuͤhrt. Am andern Morgen verſchafften ſich die Kinder einen Eimer, fuͤllten ihn mit moraſtigem und ſtinkendem Waſſer an, und der ſtaͤrkſte unter ihnen ſtellte ſich damit dicht an die Mauer, gerade unter dem Fenſter der Miß, welches ſich im unterſten Stockwerke befand. André nahte ſich hierauf, an der Spitze der übrigen Verſchwornen, dem Fenſter, und rief aus allen Kräften:„He! alte Hexe, warum haſt du meinen Vogel umgebracht? Glaube mir, das ſollſt du mir bezahlen!— Du alte Schachtel haſt ja eine Naſe wie eine Mohrruͤbe; darum haſt du auch keinen Mann bekommen!“ §. Wuͤthend ſprang Miß Mizy auf, ſtreckte — 13— den Kopf und die Haͤlfte ihres Koͤrpers durch das Fenſter, und wurde in demſelben Augen⸗ blick mit einer Flut des ſtinkenden Waſſers uͤberſchwemmt, wovon ein Theil auch in das Zimmer ſtroͤmte und ihr einen neuen Schmerz verurſachte, indem es das ſchöne Kleid, an dem ſie eben genaͤht hatte, durchaus verdarb. Die erſte Folge dieſer That war, daß Mizy ſogleich beim Herrn Tannyhill die bitterſte Klage fuͤhrte. Das Herz des guten Paädago⸗ gen wollte faſt vor Wehmuth zerſpringen, als er ſeinen Liebling einer ſolchen Bosheit be⸗ zuͤchtigen hoͤrte, und lange war er bei ſich un⸗ entſchloſſen, mit welcher Strafe er die Uebel⸗ thaͤter belegen ſollte; denn bis dahin hatte er ſich noch niemals der Schlaͤge zur Zuͤchti⸗ gung ſeiner Schuͤler bedient. Aber bald hatte er ſich entſchieden. Da nach ſeiner Anſicht jede Strafe nur die Beſſerung des Verbrechers zum Zweck haben ſoll, ſo beſchloß er auch die⸗ ſes Mal nach ſeinen fruͤheren Grundſaͤtzen zu handeln. Er ließ daher am folgenden Mor⸗ gen, ſobald die Schulkinder verſammelt waren, die ihm bezeichneten Verſchwoͤrer auf eine Bank treten, und hielt zuvöoͤrderſt eine lange Anrede an ſie, worin er ihnen das Laſterhafte und Gefährliche ihrer an den Tag gelegten Geſinnungen vorhielt. Aber wie ſehr erſtaunte er, als er ſich ploͤtzlich durch André'n, an den er vorzuͤglich ſeine Worte lichten⸗ uneethre⸗ chen hoͤrte. „Kurz und gut, ſagte unſer Held, ha⸗ weinend und halb in Zorn; wozu ſo viel Re⸗ densarten? Sagen Sie mir mit einem Worte, was Sie mit mir machen wollen!“ Der Schulmeiſter wurde uͤber dieſe Kuͤhn⸗ heit ſo beſtuͤrzt, daß er drei Schritte zuruͤck⸗ rat, ſich auf ſeinen Stuhl niederſetzte, und mehrere Minuten lang ſtillſchwieg. Eben ſo erſtaunt waren ſaͤmmtliche Schulkinder, die mit offnem Munde bald ihren Lehrer, bald ihren Kameraden angafften, fuͤr welchen ſie jetzt die ſchrecklichſte Strafe fuͤrchteten. Aber Tannphill richtete ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf den Ausdruck in André's Geſichtszuͤgen, als auf die Worte, die er ausgeſprochen hatte; und indem er ihm eine augenblickliche Regung des Zornes verzieh, ſagte er:„Nein, ich will nicht weiter von deinem Vergehen reden, da ich ſehe, daß du es bereuſt; aber ich will dir eine Strafe auferlegen, die hoffentlich fuͤr dein ganzes Leben von großem Nutzen ſein ſoll.“ Hierauf befahl er ihm, die erſten funfzig Pſalmen auswendig zu lernen, und unterſagte ihm bis dahin jede Erholung. Von dieſem Augenblicke an beſchaͤftigte ſich André unabläſſig mit ſeiner Aufgabe; man ſah ihn faſt nicht anders, als mit dem Pſalter in der Hand, und alle ſeine Freiſtun⸗ den brachte er auf dem Kirchhofe zu, wo er ſich auf einen Leichenſtein ſetzte, unm hier deſto ungeſtoͤrter zu ſein. Hier erblickte ihn einſt Marie, Williams Schweſter, welche bei ihm voruͤbergehen wollte, aber ſtehen blieb und ihn fragte:„Was machſt du denn da, Wylie?“ Er ſah in die Hoͤhe und antwortete ihr nur, indem er mit eintoͤniger Stimme einige Verſe des Pſalms, den er eben auswendig lernte, herſagte. „Ach, unterbrach ſie ihn, du kannſt alſo deine Pſalmen noch nicht? Mein Bruder hat mir da⸗ von geſagt; wie viel haſt du denn ſchon gelernt?“ — 16— „Ein und vierzig kann ich ſchon auswen⸗ dig, ohne anzuſtoßen,“ antwortete André. „Das nenn' ich luͤgen, rief Marie aus, wie iſt es moͤglich, ein und vierzig Pfälmen herzuſagen, ohne anzuſtoßen? „Soll ich ſie dir herſagen?“ fragte André und reichte ihr zugleich den Pſalter hin. Marie nahm das Buch, ſetzte ſich neben ihm auf den Stein, und hieß ihn anfangen. André ſagte die erſten zwoͤlf Pſalmen her, ohne auch nur einen einzigen Fehler zu machen, zum groͤßten Erſtaunen ſeiner Zuhoͤrerin. Aber die Zeit, in die Schule zuruͤckzukehren, war jetzt da, und ſie mußten ſich daher trennen, nachdem Marie noch verſprochen hatte, den folgenden Mor⸗ gen wieder zu kommen, um die uͤbrigen Pſal⸗ men abzuhoͤren.. Sie hielt Wort und hoͤrte ihn mit der⸗ ſelben Genauigkeit die zwanzig folgenden Pſal⸗ men herſagen; aber dieſelbe Urſache, wie geſtern, unterbrach ihn abermals, und nur erſt am dritten Tage wurde André mit dem Herſagen der ein und vierzig Pſalmen fertig, zu denen er noch zwei folgende hinzufuͤgte, die er ſeit — 17˙— der Zeit gelernt hatte. Marie fuhr fort, den Kirchhof taͤglich zur beſtimmten Stunde zu beſuchen, ſo lange bis André ſeine Auſgab⸗ voͤllig inne hatte. Dieſer kleine Vorfall war lrſache, daß zwiſchen ihnen eine groͤßere Vertraulichkeit entſtand, als man ſonſt bei Kindern beiderlei Geſchlechts von ihrem Alter zu bemerken ge⸗ wohnt iſt; aber da Marie faſt immer unter den Augen ihrer Tante blieb, bis ſie nach Edinburg in Penſton kam, und da André, ſeit jener Verſchwörung gegen die Miß, das Schloß nicht mehr betreten durfte: ſo konnten ſie ſich nur ſelten ſehen. Geſchah es jedoch, ſo genoſſen beide das innigſte, unſchuldigſte Vergnügen, und ſelbſt in der Kirche, vorzuͤg⸗ lich wenn einer der erſten funfzig Pſalmen geſungen wurde, verfehlte Marie niemals, ihre Augen nach dem Orte zu richten, wo André neben ſeiner Großmutter ſaßz und ſie begegnete auch hier degelmaͤßig den ſeinigen, die dieſen Blick zu erwarten ſchienen. So entſtand in ihren jungen Herzen der Keim einer Leidenſchaft, ohne daß⸗ ſie ſelbſt davon I. Thl. 2 — 18— wußten, und noch weniger dachten ſie je an die Verſchiedenheit ihres Standes und Ver⸗ moͤgens, wodurch ſich ſo unendliche Dinderiſe wiſihen ihnen aufthuͤrmten. Niicht lange nach der Verſchworung n wurde William ſeinen Spielkameraden entriſſen, in⸗ dem er, auf die Vorſtellungen, die Miß Mizy ihrem Bruder machte, die ſchlechte Dorfſchule mit einer ſeinem Stande und Vermoͤgen an⸗ gemeſſenen Penſion vertauſchte. André fuͤhlte einen lebhaften Verdruß hieruͤber; doch wurde ihm der Verluſt dieſes kleinen Freundes bald wieder durch einen andern Spielgefaͤhrten er⸗ ſetzt, den er mehr als die uͤbrigen Schulkin⸗ der ſeines naͤhern Umgangs wuͤrdig fand. Dieß war Karl Pierſton, der Sohn einer Kaufmannswittwe aus Glasgow, die ſich eine halbe Stunde von Stoneyholm auf einem kleinen Gute, Namens G0 oſiſ ange⸗ kauft hatke. Kaum betrat Karl die Schul Tanny⸗ hills, alsner und André auch ſchon faſt unzer⸗ trennlich waren. Die Entfernung, in welcher Woodſide von dem Dorfe lag, zwang Karl'n, — 10— alle Morgen ſein Mittagsbrot in der Taſche mit ſich zu fuͤhren, wie dieß in aͤhnlichen Faͤllen gewoͤhnlich iſt; bald aber kam man uͤberein, daß er mit André zu Mittag eſſen ſollte, eine Einrichtung, die die alte Marthe vortrefflich fand, da Miſtriß Pierſton im Wohlſtande war, und nichts für ihren Sohn zu ſparen pflegte. Aus dieſem haͤuſigen Umgange entſtand unter den beiden Knaben die innigſte Anhaͤnglichkeit. Karl war ein ſchoͤner Knabe; ſeine Luſtig⸗ keit und Lebhaftigkeit ſchienen ihm eine Art von Gewalt uͤber André'n zu geben; aber die Nachbarn bemerkten bald, daß André der wahre Herr ſei, und daß er, indem er ſich in kleinen Angelegenheiten den Launen und Phantaſten Karls unterwarf, dadurch um ſo ſicherer bei wichtigeren Dingen die Oberhand hatte, wenn man ſo die Kleinigkeiten benennen darf, welche zwei Schulknaben beſchaͤftigen können. Auch dieſe neue Bekanntſchaft war nicht von langer Dauer. Schon nach einem halben Jahre ſchickte Miſtriß Pierſton ihren Sohn in die Schule einer benachbarten Stadt, wo er ſeine Bildung ſo weit vollenden ſollte, bis 2* er geſchickt waͤre, als Lehrling in die Handlung ſeines Onkels, eines reichen Kaufmanns in London, zu treten. André ſah ſich alſo zum zweiten Male ſich ſelbſt uͤberlaſſen; indeſſen blieb er der Liebling des ganzen Dorfes, und Jedermann, der ihn, mit ſeinem freimuͤthigen Weſen, mit ſeiner frohen Laune, und ſeinem ganz eigenen, originellen Betragen kannte, ſagte, daß er, ungeachtet ſeiner jetzigen Ar⸗ muth, noch einmal ein großer und reicher Mann werden muͤßte. Zweites Kapitel. Es war nun endlich Zeit, an André's kuͤnf⸗ tige Verſorgung zu denken; denn ein Bauer ſollte er, nach ſeiner alten Großmutter feſtem Ent⸗ ſchluß, durchaus nicht werden. Sie wollte Alles aufbieten, ihn in den Stand zu ſetzen, daß er einmal auf irgend eine andere Art ſein Brot verdienen koͤnnte. Aber ſollte er ein Pre⸗ diger, ein Arzt, oder ein Advokat werden? dieß war eine ſchwierige Frage fuͤr ſie, und ſie beſchloß daher, Herrn Tannyhill um Rath zu fragen. Eines Abends, nach Beendigung der Schul⸗ ſtunden, begab ſie ſich zu ihm, und fand ihn, wie er lachend die Erzaͤhlung André's von irgend einer komiſchen Begebenheit, die ſich im Dorfe zugetragen hatte, mit anhoͤrte, waͤhrend er ſein aͤrmliches Theewaſſer zu ſich nahm. Sie wurde ſogleich eingeladen, ſich auf einem großen dreieckigen Armſtuhl, welcher in einem Wintkel des Zimmers ſtand, niederzulaſſen. „Ich komme, ſing Marthe an, um mit Euch ein Viertelſtuͤndchen uͤber dieſe wilde Hummel da zu plaudern. Es ſcheint mir Zeit zu ſein, daß der Burſche endlich an etwas Ernſthaftes denkt, denn er hat bereits ſeine rich⸗ tigen funfzehn Jahre verlebt, und ich möchte wohl wiſſen, wozu Ihr ihn fäͤhig haltet.“ Da Tannyhill vorherſahe, daß dieſe Unter⸗ redung wohl beſſer in André's Abweſenheit geführt werden moͤchte, ſo machte er ihm be⸗ merklich, daß er gut thun wuͤrde, ſich zu ent⸗ fernen.—„Ja, fuͤgte ſeine Großmutter hinzu, lauf, und ſpiele mit deinen Kameraden, bis ich meine Sachen mit Heren Seannhbig d63e macht habe.“— —;———n—— Unſer Held gehorchte augenblicklich und ging zur Thuͤr hinaus; aber anſtatt ſich aus dem Hauſe zu entfernen, begab er ſich in die Kuͤche, welche mit der Stube in Verbindung. ſtand, und wo er die ganze Untenedung mit anhoͤren konnte. „Armer Junge! fuhr Marthe fort, als er hinaus war; er hat keinen ſtarken Koͤrperbau, und harte Arbeit wird er ſchwerlich⸗ ertragen können. Was meint Ihr, Maͤſter Tannyhill?— Ich zweifele daran, daß er Anſtand genug hat, um ein Prediger zu werden.— Ich brauchte nur ein Wort zu ſagen, ſo näͤhme ihn Jakob Sinney, der Apotheker in Kilwinning, zum Lehrling an, wenn Ihr denkt, daß er in der Arzneikunſt fortkommen köonnte; und John Gledd, der Advokat, welcher verwandt mit ſeiner Mutter iſt, hat mir daſſelbe verſprochen; aber ich weiß nicht, ob ich gern in André. einen Mann des Geſetzes ſehen moͤchte, ob⸗ gleich er klug und liſtig genug iſt, um als ſolcher einmal vorwaͤrts zu kommen.“ 4 Tannhill hielt jetzt eine lange und breite Rede uͤber die erforderlichen Eigenſchaften, ſo wie uͤber die Ausſichten bei den in Vorſchlag gebrachten Arten des Standes. Den geiſt⸗ lichen Stand verwarf er gaͤnzlich, da er aus eigener Erfahrung wußte, daß man dabei groͤßtentheils nur die Ausſicht habe, eine lange Reihe von Jahren hindurch Hunger zu leiden, wenn man auch wirklich am Ende das Gluͤck haͤtte, irgend eine kleine Dorfpfarre zu erlan⸗ gen. Er war daher der Meinung, daß man André'n die Wahl zwiſchen den Herren Sin⸗ ney und John Gledd laſſen ſolle.. „Es ſcheint mir, antwortete Marthe, daß er nicht viel Geſchmack an der Apothekerei haben moͤchte, und ich glaube daher, daß er die Rechtspflege waͤhlen wird.“ „Undich zweifele nicht daran, fügte Tannyhil hinzu, daß er mit einigem Fleiß und etwas Aus⸗ dauer in dieſem Stande ſein Gluͤck machen wird.“ Unſer Held hoͤrte dieſenganze Unterredung mit lebhaftem Herzklopfen an. Als die Rede von der Geiſtlichkeit war, ſtellte ſich ſeiner Ein⸗ bildungskraft ein dunkles Bild dar, in welchem zu gleicher Zeit die lieblichen Geſichtszuͤge Mariens, das Innere einer Kirche, eine ſchoͤne — 24— Pfarre, und das Andenken an die funfzig Pſalmen ſich vereinigten. Aber es verſchwand ſehr bald bei den unangenehmen Vorſtellun⸗ gen von den Pflaſtern, Salbentoͤpfen, Blut⸗ igeln u. ſ. w., die ſich ihm bei dem Namen von Jakob Sinney aufdraͤngten. Die Mög⸗ lichkeit, ſich durch Eifer und Fleiß Ehre und Vermoͤgen zu erwerben, beſchaͤftigte jetzt allein ſeinen Geiſt, und er machte plötzlich der Be⸗ rathſchlagung der beiden Alten ein Ende, indem er, halb die Thuͤr oͤffnend, den Kopf hindurch ſteckte und laut hineinrief: iin bin fuͤr John Gledd, Großmutter!“ Sobald es nun beſchloſſen war, 2aß André ſich dem Studium der Geſetze widmen ſollte, dachte ſeine Großmutter zuerſt daran, daß er doch jetzt ein wenig beſſer als bisher geklei⸗ det ſein muͤſſe, um mit einigem Anſtand in Kilwinning bei ſeinem Verwandten, dem Advokaten, zu erſcheinen. Da ſte den Zeit⸗ punkt, der jetzt eingetreten war, ſchon lange vorhergeſehen hatte, war ſie darauf bedacht geweſen, die Sonntagskleider von André's verſtorbenem Vater auf das Sorgfaͤltigſte auf⸗ zubewahren; aber damit er ſie tragen koͤnnte, waren große Umänderungen an denſelben noͤthig. Daher hielt ſie deßwegen eine Be⸗ rathſchlagung mit Thomas Steech, dem Schneider, und daraus ging hervor, daß Tho⸗ mas mit ſeinem Lehrburſchen Jock am an⸗ dern Morgen fruͤh in der Huͤtte erſcheinen ſollte, um ſich ans Werk zu ſetzen. Thomas, lahm, und auf zwei Kruͤcken geſtuͤtzt, in der einen Hand eine große Schneiderſcheere, und Jock, klein und buckelig, auf ſeinem Ruͤcken den Schneidertiſch tragend, den er mit der einen Hand unterſtuͤtzte, unterdeß er in der andern das Buͤgeleiſen trug, waren auch rich⸗ tig zur beſtimmten Zeit vor der Thuͤr. Schon am Abend deſſelben Tages war André ſo gekleidet, daß er mit einigem An⸗ ſtande in der Schreibſtube eines Advokaten erſcheinen konnte. John Gledd hatte gleich beim erſten Worte, welches Marthe ihm ſagte, darein gewilligt, ihren Enkel zu ſich zu nehmen; denn obgleich er keine Gelegenheit verſäumte, wo irgend nur Geld zu verdienen war, ſo zeigte er ſich doch ſtets gefäͤllig gegen ſeine — 26— Verwandten oder Freunde, und verſagte ihnen ſeine Unterſtuͤtzung nicht, ſdöaldeſ 5 derſelben bedurften. Am naͤchſten Montag ollte Anfer Helb durch die kleine Stadt Kilwinning ſeinen Eintritt in die Welt beginnen; er zeigte ſich daher noch an dem vorhergehenden Sonntage mit ſeiner neuen Bekleidung in der Kirche ſeines Dorfes. Abends ladete ihn Tannyhill Jein, um ihm einen Beweis ſeiner Zuneigung zu geben, mit ihm den Thee zu trinken. Aber André hatte noch hundert kleine Geſchaͤfte; ſeine Einbildungskraft war voll von den Be⸗ gebenheiten ſeiner Kindheit und den Gegen⸗ ſtaͤnden, die er jetzt Vielelcht aiſ immer ver⸗ laſſen ſollte. „Ich bin Ihnen ſehr Herunden, Miet Tannyhill, antwortete André; aber ich bin der Meinung, als wenn ich noch eine Art von Luſt haͤtte, einen kleinen Spaziergang um die Gartenmauer von Craiglands zu machen.“ Der gute und einfache Schulmeiſter durch⸗ ſchaute ſo gut die Empfindungen, welche ſeinen Zoͤgling in dieſem Augenblicke beſeelten, daß — 2— er weiter nicht in ihn drang; und indem er ihn mit ſeinen Augen verfolgte, ſagte er zu einem Nachbar, der ſich zufäͤllig bei ihm be⸗ fand:„In dem Kopfe dieſes jungen Burſchen befinden ſich Talente, die man bei ihm nicht vermuthet, und ich werde gar nicht erſtaunen, wenn ich eines Tages erfahre, daß er ſein Gluͤck in der Welt gemacht hat.“ André ging lange Zeit gedankenvoll in den Umgebungen des Schloſſes ſpazieren; dunkle Vorſtellungen von ſeiner Zukunft beſchaͤftigten ſeine Einbildungskraft. Er kam endlich an den kleinen Bach, welcher ſeine plaͤtſchernden Wellen nach dem Park des Schloſſes trug, und ſetzte ſich, in Nachdenken verſunken, an dem Ufer deſſelben nieder, wo er einen der hier beſindlichen kleinen Kieſelſteine nach dem andern in's Waſſer warf, ohne daran zu den⸗ ken, was er eigentlich that. Marie Cunning⸗ ham, welche gerade von einem Spaziergange in Begleitung ihres Maͤdchens nach dem Schloſſe zuruͤckkehrte, bemerkte ihn hier, und naͤherte ſich ihm leiſe, ihm ploͤtzlich beide Augen mit ihren niedlichen Haͤnden bedeckend. — 28— „Du biſt's, Marie!“ ſagte André gleichſam inſtinktmaͤßig, und das junge Maͤdchen, die Haͤnde von ſeinen Augen nehmend, fing an zu lachen, und ihn wegen ſeines neuen An⸗ zugs aufzuziehen.„Kurz und gut, ſagte end⸗ lich André, heute kannſt du noch mit mir ſcherzen; aber morgen wirſtad du es nicht mehr koͤnnen.“ 8 „Und warum nicht?“— 1 „Weil ich morgen von hier abreiſe, um kuͤnftig bei John Gledd in Siwining 31 wohnen. 4 „Und was willſt du denn da?“— „Was ich da will?... Mein Glück machen!“— „Und wenn er ſein Gluͤck gennarſt hat, Miß Marie, ſagte das Maͤdchen, wird er wie⸗ derkommen, um Sie zu heirathen.“ „O, da wird noch eine lange Zeit ver⸗ gehen,“ antwortete Marie. Wir wiſſen nicht, was noch ferner der Gegenſtand ihrer Unterredung war, und wie lange ſie dauerte. Aber ſie wurde plöͤtzlich durch die kreiſchende Stimme der Miß Mizy — 29— unterbrochen, welche man in dem Garten rufen hoͤrte:„Marie! Miß Marie! Wo biſt du? Komm ſogleich nach Hauſe, und nimm dein Buch zur Hand!“— Marie folgte dieſem Befehle, und als ſie ſich mit ihrem Madchen entfernt hatte, ſtand André auf und begab ſich nach der Huͤtte ſeiner Großmutter. Kurze Zeit darauf kam Marie in eine Penſion nach Edinburg, und ſo lange André bei ſeinem Verwandten John Gledd in Kil⸗ winning blieb, ſah er ſie nicht wieder, obgleich er oͤfters nach ſeinem Geburtsorte zum Beſuch kam. Indeſſen arbeitete er mit dem außer⸗ ordentlichſten Fleiße, ſo daß er ſich bald einige Kenntniſſe in ſeinem neuen Fache erwarb; dabei unterſchied er ſich auffallend von allen uͤbrigen jungen Leuten ſeines Standes durch den Vorſatz, welchen er ſtets der Geſellſchaft der Greiſe und ſolcher Maͤnner gab, deren komiſche und frohe Laune bekannt war. Aber eine unerwartete Begebenheit fuͤhrte eine Aen⸗ derung in ſeiner angefangenen Laufbahn herbei. John Gledd bekam einen Anfall von Schlag⸗ fluß, wodurch er gelähmt, und gezwungen — 30— wurde, ſich von ſeinen Geſchaͤften zuruckzu⸗ ziehen. André war alſo plotzlich ohne Anſtel⸗ lung und Beſchaͤftigung; aber ſchon hatte er einiges Zutrauen zu ſich ſelbſt gewonnen, und dieſer Vorfall betruͤbte ihn daher mehr ſeines Herrn, als ſeiner ſelbſt wegen. Auch hatte er ſchon Verdacht geſchoͤpft, daß Kilwinning wohl nicht der Ort ſein moͤchte, wo er ſeinen Vorſatz, ſein Gluͤck zu machen, ausfuͤhren koͤnnte. Da er eine ſchöne Hand ſchrieb, ſo machte man ihm anfangs den Vorſchlag, eine Anſtellung bei dem Tribunal zu Ayr aufzu⸗ ſuchen; indeſſen beſtimmte ein gluͤcklicher Zu⸗ fall anders uͤber ihn, und nach vielen Berath⸗ ſchlagungen kam er mit ſeiner Großmutter uͤberein, ſich geradezu nach London zu begeben. Dieſer dem Anſcheine nach ſonderbare und kuͤhne Entſchluß wurde der alten Marthe durch den Umſtand eingegeben, daß eine ihrer Nich⸗ ten ſich dort verheiratet hatte. Dieſes junge Maͤdchen war naͤmlich, in Dienſten der Fami⸗ lievon Eglesham, derſelben nach der Haupt⸗ ſtadt gefolgt, und hatte hier das Gluͤck, das Herz eines gewiſſen Herrn Ipſey, eines — alten und ſehr reichen Advokaten, zu gewinnen, der ſie auch, nachdem er ſie füͤr eben ſo tugend⸗ haft als ſchön erkannt hatte, zu ſeiner Frau machte. An Miſtriß Ipſey alſo wandte ſich die gute Marthe, und bat ſie, in einem von André geſchriebenen Briefe, ſich bei ihrem Manne zu Gunſten ihres Enkels zu verwenden. Auch brachte ſchon die naͤchſte Poſt eine Ant⸗ wort von London mit, welche ſowohl dem Schottiſchen Geiſte der Vaterlandsliebe von⸗ Seiten der Miſtriß Ipſey, als auch dem Eng⸗ liſchen Geiſte der Großmuth von Seiten ihres Mannes, Ehre machte. Sie benachrichtigte darin ihre Tante, daß Sir Ipſey ſchon ſeit eini⸗ gen Jahren ſeine Geſchäfte aufgegeben habe; aber daß er ſeinen Nachfolger im Amte, den Herrn Vellum, beſtimmt habe, den jungen André in ſeinem Büreau aufzunehmen. Sir fügte hinzu, daß die Koſten der Reiſe und der Equipi⸗ rung des jungen Mannes doch eine Summe erfor⸗ dern wuͤrden, die ihrer Tante aufzutreiben ſchwer werden moͤchte, und nahm ſich daher die Freiheit, ihrem Briefe eine Banknote von zwanzig Pfund Sterling beizulegen, nicht als ein Geſchenk, ſon⸗ — 32— dern als ein Darlehn, welches André ihr wieder⸗ geben koͤnnte, wenn er dazu im Stande waͤre. Ein ſo freundſchaftlicher Brief wurde in dem ganzen Dorfe als die gluͤcklichſte Vorbe⸗ deutung angeſehen, und Jedermann war uͤber⸗ zeugt, daß André noch einmal zu großen Din⸗ gen beſtimmt ſei. Am meiſten aber war der gute Tannyhill uͤber den guten Stern ſeines ehemaligen Zoͤglings erfreut, und ließ es ſich angelegen ſein, ihm die beſten Lehren mit auf den Weg zu geben, die ſich André um ſo mehr zu Herzen nahm, als ſie ganz mit ſeinen Anſichten, ſo wie mit ſeinem Lebensplane, den er ſich gemacht hatte, und von dem er feſt entſchloſſen war, nicht einen Daumen breit jemals abzuweichen, uͤbereinſtimmten. Drittes Kapitel. An dem Tage, wo unſer Held ſeinem Ge⸗ burtsorte auf eine lange Zeit Lebewohl ſagen ſollte, wurde er ſchon durch den erſten Geſang der Voͤgel erweckt. Man befand ſich gerade in der Mitte des Sommers, und das Wetter war ganz vortrefflich. Noch Niemand war in — 33—. dem ganzen Dorfe wach, denn der Wagen des Fuhrmanns von Glasgow ſollte mit Sonnen⸗ aufgang ſchon vorbeikommen, und André war benachrichtigt worden, daß er nicht auf ſich warten laſſen duͤrfe. Sobald daher der Fuhr⸗ mann vor der Huͤtte anhielt, um ihn zu rufen, erſchien er ſogleich, einen kleinen Mantelſack auf ſeinen Schultern, und in demſelben Augen⸗ blicke ward auch ſchon wieder die Thuͤr hinter ihm verſchloſſen. Erſt lange nachher wurde die alte Marthe wieder ſichtbar; Dominik Tan⸗ nyhill, welcher ſeinen ehemaligen Zoͤgling eine Strecke weit begleitet hatte, war der erſte, der ſie beſuchte. Er fand ſie, eine große Bibel auf ihrem Schooße in dem Lehnſtuhle ſitzend, und mit ihrem Tuche die Glaͤſer ihrer Brille abtrocknend. Zwei große Tropfen, die er auf dem Blatte der offenen Bibel erblickte, ver⸗ kuͤndigten ihm, wodurch visſe Glaͤſer blind geworden ſeien. DOhne Aufenthalt und irgend eine merk⸗ würdige Begebenheit kam unſer junger Aben⸗ teurer gegen drei Uhr Nachmittags in Glas⸗ gow an, wo er ſich zu einem ſeiner Ver⸗ I. Thl. 3 — 34— wandten, Maͤſter Freddler, einem Muſſelin⸗ Fabrikanten, fuͤhren ließ. Noch nie hatte man in dieſer Stadt, nach dem einſtimmigen Zeug⸗ niſſe der Perſonen, die ihn hier kennen lernten, einen drolligeren Menſchen geſehen. Er hatte ein Paar dicke, geſtrickte wollene Struͤmpfe von blauer Farbe und mit rothen Zwickeln an, obgleich es ſo heiß war, daß die Hunde ihre Zungen weit aus dem Halſe herabhaͤngen lie⸗ ßen; und ſein Rock war auf ſolche Weiſe ein⸗ gerichtet, daß er darin nach Gefallen groͤßer und fetter werden konnte. Man wollte ſich eben zu Tiſche ſetzen, als er ankam, und la⸗ dete ihn daher ein, ebenfalls Platz zu nehmen. „O, Miſtriß Freddler, ſagte er; Sie haben heute ziemlich lange mit Ihrem Mittagsbrot gemacht. Ich 1agere Sie wuͤrden ſchon ge⸗ geſſen haben, und da ich unterwegs ein tuͤch⸗ tiges Stuͤck Brot verzehrte, das mir Groß⸗ mutter mitgegeben hat, ſo koͤnnte ich in dieſem Augenblick auch nicht das Geringſte genießen. Mit Ihrer Erlaubniß will ich alſo ein wenig umhergehen, und die Wunder Ihrer Stadt beſehen.“— Mit dieſen Worten entfernte er . ſich und kam erſt nach zwei Stunden wieder, wo er durch die drollige und komiſche Beſchrei⸗ bung alles deſſen, was er geſehen hatte, alle Anweſenden faſt bis zum Sterben zu lachen machte. Abends fand ſich in dem Hauſe des Fabri⸗ . kanten eine kleine Theegeſellſchaft beiſammen, und die Hausfrau hatte daher eine Menge von Kuchen und Konſituͤren verſchiedener Art auf den Tiſch geſetzt. Sobald nun die Thee⸗ kanne gefuͤllt war, ruͤckte André ſeinen Stuhl naͤher, und ſeine Haͤnde und Kinnbacken waren von jetzt an unaufhörlich beſchaͤftigt.—„Sie ſcheinen dieſe Gattung von Kuchen zu lieben?“ fragte Miſtriß Freddler. „Ja, erwiederte André; ich bin der Mei⸗ nung, daß ſie nicht ſchlecht ſind.“— Und er ſetzte ſeine Arbeit fort, ohne ſich durch die Unterhaltung davon abbringen zu laſſen. Nachdem er ſeine Eßluſt befriedigt hatte, ſtand Tiſche auf und nahm ohne weitere Umſtäͤnde den Platz am Feuer des Ka⸗ mins ein, zum großen Verdruß der Miſtriß Mac Vicar, der Wittwe des verſtorbenen 3* Buͤrgermeiſters, welche dieſen Platz als ihr ge⸗ buͤhrend betrachtete. Sobald er es neun Ulhr ſchlagen hoͤrte, nahm er ein Licht und wendete ſich mit den Worten zur Hausfrau:„Miſtriß Freddler, ich will ſchlafen gehen; denn ich muß morgen mit Tagesanbruch mit der Edinburger Dili⸗ gence wieder weiterreiſen; ſagen Sie mir, wo ich mich einniſteln ſoll.“ — Ddie ganze Geſellſchaft glaubte uͤber dieſe Anrede vor Lachen faſt zerplatzen zu muͤſſen; aber waͤhrend die Magd ihn in die für die Fremden beſtimmte Stube fuͤhrte, ſagte einer der Anweſenden, ein Menſchenkenner:„Lachen Sie nicht allzuſehr uͤber dieſen jungen Mannz mit der Zeit wird er kluͤger werden, und wenn er ſeinem Ziele mit Rechtſchaffenheit entgegen⸗ ſchreitet, ohne der Welt jemals einen groͤßern Einfluß als jetzt uͤber ſich zu geſtatten, ſo verſichere ich Sie, daß er in London, und al⸗ lenthalben, wo ihn ſein 3aiefal itͤrt fortkommen wird.“ Ohne Anſtoß gelangte Andre gegen en Abend des folgenden Tages mit der Diligence nach — — 3,— Linlithgow, und am andern Morgen dar⸗ auf nach Edinburg. Kaum hier angekom⸗ men, nahm er einen Lohnbedienten an, der ihn nach dem Hafen Leith fuͤhren und ſei⸗ nen Mantelſack dahin tragen ſollte, da er ſich noch an demſelben Tage auf einem Kauffah⸗ rer nach London einzuſchiffen beſchloß. Weil aber das Schiff, auf welchem er ſich einen Platz miethete, erſt gegen Abend unter Segel gehen ſollte: ſo gewann er dadurch noch einige Zeit, die Stadt zu beſehen. Als der Lohn⸗ bediente ſeines Entſchluſſes inne wurde, erbat er ſich, ihn zu fuͤhren; aber André dankte ihm fuͤr ſeine Gefälligkeit, weil er vorherſah, daß er ihm fuͤr ſeim. Muͤhe hätte bezahlen muͤſſen. André war auf's Gerathewohl eine lange Zeit durch die Quartiere dieſer alten Haupt⸗ ſtadt Schottlands umhergeſtrichen, und ſchlug eben wieder den Ruͤckweg nach Leith ein, als er zwei Damen begegnete, deren eine bei ſeinem Anblicke ſtehen blieb.— Dieß war ein junges, ſehr ſchoͤnes Fraͤulein von praͤch⸗ tigem Wuchſe, höoͤchſt elegant gekleidet, mit 2 Augen, die vor Freude uͤberſtralten— mit einem Worte— Marie Cunningham; ihre Gefaͤhrtin, von weit reiferem Alter, und mit einer ſpröden, ſtrengen Miene, war eine von den Unterlehrerinnen der Penſion. in welcher Marie wohnte. 1 „André!“ rief Marie mit entzuͤckender Freude aus, ſobald ſie ihn erblickte; wie „kommen Sie hierher?“ André ſtutzte einen Augenblick, als er ſich von einer ſo wohlgekleideten Dame anreden doöoͤrte; aber ſogleich erkannte er ſie auch, eilte mit einem Freudenſprunge auf ſie zu, und antwortete ihr nun mit ſeinem gewoͤhnlichen vertraulichen Tone:„Ich bin von Stoneyholm mit dem Wagen von John Gottera nach Glasgow gefahren, und von dort hierher mit der Deligence.“ „Haben Sie je ein ſo feltſamez Weſen geſehen? fragte Marie ihre Gouvernante; aber dabei iſt er eben ſo liſtig und klug wie eine Fee.— Wiſſen Sie noch Ihre ſeuſ Pſalmen auswendig, Wogliee — 39— „Soll ich ſie Ihnen herſagen?“ erwiederte er mit ſchelmiſcher Miene. Marie antwortete nicht geradezu auf dieſe Frage.„Warum ſind Sie denn nach Edin⸗ burg gekommen?“ fuhr ſie fort. 1 „Weil dieß mein Weg nach London iſt.”¹ „Nach London? rief Marie mit Erſtau⸗ nen aus. Alſo, fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu, ha⸗ ben Sie Ihr Gluͤck doch nicht in Kilwinning gemacht?“ André erroͤthete, und ſeine Augen über. nahmen es allein, hierauf zu antworten. „Miß Cunningham, ſagte die Gouvernante mit einem ſtrengen Tone, dieſe Unterhaltung iſt durchaus nicht ſchicklich.“ Bei dieſen Worten ſetzte Marie, mit einem laͤchelnden Blick auf André, ihren Weg fort, und André, einen Augenblick lang gleich ei⸗ nem Pfale an ſeinen Platz gefeſſelt, ging eben⸗ falls auf dem entgegengeſetzten Wege weiter⸗ Kaum hatte er zehn Schritt zurückgelegt, ſo drehte er ſich um, Marien noch einmal zu erblicken. Auch dieſe ſah zuruͤck, druͤckte einen — 40— Kuß auf ihre Hand, und warf ihm ein freundliches Kopfnicken zu. Obgleich das erſte Gefuͤhl André's, als er ſah, daß Marie ſo groß und ſchoͤn gewor⸗ den ſei, das des Erſtaunens war, und obgleich ihr froͤhlicher Ton ihn ein wenig in Verwir⸗ rung brachte: ſo war er doch außer ſich vor Freude, da er hoͤrte, daß ſie ihn nicht ver⸗ geſſen haͤtte, und daß ſie ſich ſelbſt noch der kleinen Begebenheiten erinnerte, welche ihre ehemalige vertraute Verbindung theils herbei⸗ gefuͤhrt, theils unterhalten hatten. Als ſieben⸗ zehnjaͤhriger Juͤngling konnte er nicht ohne eine Miſchung von Vergnuͤgen und Hoffnung daruͤber nachdenken, und mit zufriedenem Her⸗ zen, leichten Schrittes, beſtieg er daher das Schiff, das ihn nach London fuͤhren ſollte. Während der beiden erſten Tage ſeiner Reiſe hatte unſer Held, ſo wie die meiſten uͤbrigen Paſſagiere, ſo heftige Anfaͤlle der be⸗ kannten Seekrankheit auszuſtehen, daß er kaum den Kopf aufrecht erhalten konnte. Dennoch war in der Art, wie er ſein Leiden ertrug, etwas ſo Originelles, daß ſeine Reiſegefaͤhrten — à4— nicht umhin konnten, ſich daruͤber herzlich zu beluſtigen, und zugleich auch den innigſten Antheil an ihm zu nehmen. An ſeinem Aeu⸗ ßeren ſahen ſie zwar, daß er nichts als ein einfacher Dorfbewohner ſei; aber die Kaltbluͤ⸗ tigkeit und die Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt, welche er in den Zwiſchenraͤumen ſeiner Krank⸗ heit zeigte, bewies ihnen, daß der, welcher mit dieſem groben Tuche bekleidet war, den⸗ noch kein bloßer Bauer ſei. Uebrigens nahm er faſt gar keinen Antheil an der Unterhal⸗ tung, und nur ſeine Miene, ſein Betragen und einige Worte, die ihm wie durch einen Zufall entſchluͤpften, machten es ihnen moͤg⸗ lich, ein Urtheil uͤber ihn zu faͤllen. Am Tage vor dem Einlaufen des Schiffes in die Themſe hatte ihn die Seekrankheit faſt gaͤnzlich verlaſſen; er unterhielt ſich daher et⸗ was mehr mit ſeinen Reiſegefaͤhrten, und es bot ſich bald eine Gelegenheit dar, ihnen ei⸗ nen Beweis von der komiſchen Originalität ſeines Charakters zu geben. unter den Reiſenden befand ſich ein jun⸗ ger Stutzer, welcher ſo eben von der Univer⸗ — 42— ſitaͤt zu Edinburg zuruͤckkam; ein Zierling in ſeiner Kleidung, wie in ſeinem ganzen Be⸗ tragen. Wegen ſeiner ſtolzen Miene, wodurch er ſich eine Art von Uebergewicht uͤber die Reiſegefaͤhrten geben wollte, wurde er ſchon von denſelben mit ziemlich ſcheelen Augen an⸗ geſehen; und obgleich noch Keiner von ihnen verſucht hatte, ihn lächerlich zu machen: ſo merkte doch André bald ihre Geſinnungen in * Abſicht auf dieſen Fant. Er beſchloß daher, die Geſellſchaft auf ſeine Koſten zum Lachen zu bringen. 7 „Es ſcheint mir, ſagte er zu ihm gleich nach dem Mittagseſſen, ehe noch Jemand von Tiſche aufgeſtanden war, ihn mit ſpoͤttiſcher Miene anſehend, und einen Blick des Einver⸗ ſtändniſſes auf die übrigen Gäſte werfend: es ſcheint mir, als wenn ich Euch ſchon ir⸗ gendwo geſehen habe. War⸗t Ihr nicht vor Zeiten Lehrburſche bei Thomas Steech, dem Schneider Eures Dorfes?“ Die ganze Geſellſchaft brach in ein lautes Ge⸗ läͤchter aus, und der Studenr gab dieſe Beleidi⸗ gung mit dem Tone des hoͤchſten Zornes zuruͤck. — 43— „Mein Gott! fuhr André fort, Ihr braucht ja nicht uͤber Euer Handwerk zu erroͤthen, obgleich ich gehoͤrt habe, daß Ihr Euer Va⸗ terland nur verließet, weil Ihr das Tuch, welches fuͤr Tammy Daidle zu Hoſen beſtimmt war, verſchnitten habt. Das Handwerk eines Schneiders iſt ein ehrliches Handwerk, und bis jetzt habe ich von Euch noch nicht gehoͤrt, daß Ihr der Verſuchung ausgeſetzt war't, bei einer Jacke eine halbe Elle Tuch auf die Seite zu bringen. Doch haben die alten Weiber immer behauptet, Ihr wuͤßtet die Nadel nicht ſo geſchickt zu fuͤhren, als Eure uͤbrigen Ka⸗ meraden, obgleich Ihr immer Euren Loffel oͤfter in den Napf ſtecktet, als ſie.“ Der unglückliche Fant war wie verſteinert. Jedermann, ihn ſelbſt ausgenommen, merkte, daß der Zweck des jungen boshaften Dorftin⸗ des nur war, ſeine Eigenliebe zu demuͤthigen, und mit Ungeduld erwartete man den Aus⸗ gang. Endlich drohte der Student, vor Wuth ſeiner ſelbſt faſt nicht mehr maͤchtig, ihn thaͤt⸗ lich anzugreifen.—„Ich rathe es Euch nicht, antwortete André mit der groͤßten Kaltbluz eigkeit; denn wenn Ihr mich desjenigen we⸗ gen, was ich geſagt habe, ſchlagen wolltet: ſo wuͤrde ich Euch vor dem naͤchſten Gerichts⸗ hofe zwingen, zu beweiſen, daß Ihr kein Schneider ſeid; dann wollen wir ſehen, und ich berufe mich auf das Zeugniß der ganzen Geſellſchaft hier, daß Niemand mehr einem Schneider aͤhnlich ſehen kann, als Ihr. Uebri⸗ gens iſt es ja nicht Eure Schuld, daß Gote Euch ein Paar Arme, ſo lang wie die ſchoͤn⸗ ſten Ellen, und kleine ſpitzige Finger gegeben hat, die ausdruͤcklich dazu gemacht ſcheinen, die Nadel zu führen; Niemand macht Euch ja deßhalb einen Vorwurf.“ Der Student ſah endlich ein, daß André nur ſcherzen wollte; er verſuchte daher dieſel⸗ ben Waffen gegen ihn zu fuͤhren; aber der Vortheil war nicht auf ſeiner Seite, und er war endlich gezwungen, die Segel zu ſtreichen. Die ganze Geſellſchaft faßte durch dieſe Begebenheit eine noch vortheilhaftere Mei⸗ nung von unſrem Helden, und ein Jeder dachte bei ſich, daß er in London, un⸗ geachtet ſeines komiſchen Weſens und ſei⸗ — 45— nes eriginelen Tons, doch ſeinen Weg gehen wuͤrde. Bei ſeiner Ankunft i in London verlor André keinen Augenblick, ſich zu ſeiner Verwandten, Miſtriß Ipſey, deren Mann fuͤr ihn eine Stelle bei dem Advokaten Vellum erhalten hatte, fuͤhren zu laſſen. Man händigte ihm ein Schreiben an denſelben ein, und ſogleich ging er aus, es zu uͤberbringen. Aber es war keine geringe Unternehmung fuͤr einen Neuangekommenen, in dieſer Hauptſtadt ſo⸗ gleich ſeinen Weg ſinden zu wollen, ohne ei⸗ nen andern Führer, als eine aͤcht Schottiſche Zunge, zu haben. Sehr bald verirrte er ſich daher; die Menge von Straßen wurden fuͤr ihn ein Labyrinth, aus welchem er ſich durch⸗ aus nicht wieder herausfinden konnte; und er war nahe daran, voͤllig den Muth zu ver⸗ lieren, als das Gluͤck ihm auf eine ganz unver⸗ hoffte Weiſe wohlwollte. Ploͤtzlich ſtand Karl Pierſton, der ſich ſeit einem Jahre bei ſeinem Onkel, einem Bankier in der City, befand, vor ihm. André's Freude bei ſeinem Anblick war undeſchreiblich. — 26— Karl war ein ſchoͤner Juͤngling geworden, präͤchtig und modiſch gekleidet, denn ſein Onkel trieb die Freigebigkeit gegen ihn auf's Aeu⸗ ßerſte; aber er war auch noch eben ſo frei⸗ muͤthig, großmuͤthig und gutherzig als fruͤher, und obgleich wohl kein groͤßerer Kontraſt, als in dem Aeußern dieſer beiden Schulkameraden aufgefunden werden kann: ſo gab er doch zu⸗ erſt ſeinem alten Freunde André die Hand, und freute ſi ſich aufrichtig, ihn in London zu ſehen. „Wie gluͤcklich bin ich, dir zu begegnen, rief Andre aus, welcher bei dem Anblicke einer bekannten Geſtalt ganz ſeine gute Laune wie⸗ der erhielt. Schon ſeit zwei Stunden drehe ich mich mitten unter dieſen Haͤuſern umher, ohne mich zurecht finden zu koͤnnen, ſo daß ich faſt glaubte, es ſei nicht recht richtig mit mir im Kopfe, und daß ich mich bald der Länge nach hier auf's Pflaſter nieder geworfen haͤtte, um ſo den Tod zu erwarten.“ „Warum nahmſt du nicht einen Fiaker?“ fragte Pierſton laͤchelnd. „Einen Fiaker, Karl! rief der Neuling erſtaunk. Ich einen Fiaker miethen! André Wylie in einem Fiaker! Nein, nein! Obgleich ich ſchon meinen Kopf fuͤr verwirrt hielt, ſo war er es doch noch nicht bis zu dieſem Punkte.— Aber du mußt mir jetzt den Weg nach Linkolnsinn zeigen, wo ich die Geſetze lernen will!“— Obgleich Karl ſeinen alten Freund mit wirklichem Vergnuͤgen wieder ſah, ſo war ihm doch nichts daran gelegen, ſich in den Straßen Londons mit einem Gefaͤhrten zu zeigen, der ſo wie André gekleidet war. Sobald er daher einen Fiaker erblickte, rief er ihn an. Was beginnſt du, Karl? ſagte André. Denke wohl daran, daß du ihn wirſt bezahlen muͤſſen; denn ich habe es mir bei meiner Ankunft in London zum Geſetz gemacht, auch nicht einen Heller für mein Vergnuͤgen auszugeben.“ „Steig' nur ein! antwortete Karl, und kümmere dich nicht um die Bezahlung.“— Als ſie im Wagen ſaßen, ließ ſich Pier⸗ ſton erzaͤhlen, warum ſein alter Schulkamerad nach London gekommen ſei, und er konnte es ſich nicht ver ſagen, ihm einen kleinen Streich -— 38— zu ſpielen, wodurch er ſeine Ankunft in dieſer Stadt feiern zu koͤnnen glaubte. Als daher das Fuhrwerk vor der Thuͤr des Advokaten Vellum ſtill hielt, ſprang er ſogleich hinaus, druͤckte dem Kutſcher das Fuhrlohn in die Hand, und ſagte ihm in's Ohr, er moͤchte von ſeinem Gefährten ſo viel als moͤglich zu ziehen ſuchen. Mit der Entſchuldigung, daß er durchaus keine Zeit mehr habe, und dem Ver⸗ ſprechen, bald wieder zurüͤck zu kommen, beur⸗ laubte er ſich hierauf bei André, und entfernte ſich mit ſchnellen Schritten. Der Spaß gefiel dem Kutſcher, und nach⸗ dem er ihm alſo behuͤlflich geweſen war, auszu⸗ ſteigen, ſagte er zu André:„Zwei Schillinge, Gentleman, wenn's Ihnen beliebt!— „Wie, zwei Schillinge? rief André aus. Hat euch mein Kamerad nicht bezahlt? Er hat euer Fuhrwerk gemiethet; ich bin euch nichts ſchuldig!“ Mit dieſen Worten verband er ſedoch eine ſo unentſchloſſene Miene, daß dadurch der Kutſcher noch in ſeiner Forderung beſtaͤrte wurde. „ Ich ſage euch, daß ich euch nichts ſchul⸗ dig bin, wiederholte André. Wenn ein Freund einen Wagen miethet, ſoll ich ihn bezahlen? das iſt eine Prellerei. Ich gebe euch nichts!“ Der Kutſcher war von froͤhlicher Laune, und fand Vergnuͤgen an der Furcht, die André blicken ließ, eine Hand nach der Taſche fuͤh⸗ ren zu muͤſſen. Er beſtand daher von Neuem auf ſeiner Forderung, und meinte, er koͤnnte ſich ja das Geld von ſeinem Freunde wieder⸗ geben laſſen.„O, das hieße einem Berg⸗ ſchotten die Hoſen nehmen wollen, rief André aus. Fordert eure zwei Schillinge von dieſem Taugenichts von Pierſton, deſſen Taſche noch nie einen Heller enthalten hat, der ihm ein SDoch hinein haͤtte machen koͤnnen. Ich kenne ihn zu gut, als daß ich eine Zahlung fuͤr ihn uͤbernehmen ſollte. Nein, nein! auf dieſe Weiſe ſollt ihr von mir nicht zwei Schillinge erhalten. Suchet den, der ſie euch ſchuldig iſt. Ich ſage euch, daß ich euch nichts gebe! ſchrie er, noch hitziger werdend, als er ſahe, daß der Kutſcher immer noch bei ihm ſtehen Blieb, die geoͤffnete Hand ihm darreichend. I. Thl. 4 ——y——— ——— Rein, nein! auch nicht einen Heller, und wenn ich verdammt twünde⸗ was Adoch vielſagen will.“ Mit dieſen Worten ſprang er ſchnell wis der Blitz ins Haus, und die Treppe hinauf, waͤhrend der Kutſcher mit lautem Gelaͤchter wieder auf ſeinen Bock ſtieg. Vellum war ein ſehr geſchickter und thaͤtiger Geſchaͤftsmann, noch in der Bluͤte * ſeiner Jahre, und mit guten Kenntniſſen aus⸗ gerüͤſtet. Beim erſten Blick, den er auf un⸗ ſern Helden warf, bemerkte er ſogleich ſeine Originalitaͤt, und da er durch Erfahrung wußte, daß dergleichen Charaktere in den un⸗ kergeordneten Geſchaͤften oft von hoͤchſt koſt⸗ barem Werthe ſind, ſo nahm er ihn mit einer mehr als gewoͤhnlichen Herzlichkeit auf, zum großen Erſtaunen mehrerer ſeiner anweſenden und auf das Eleganteſte gekleideten Schreiber, die einen veraͤchtlichen Blick auf den Fremden warfen, indem ſie ihre Federn zu ſchneiden ſich ſtellten. „Ich freue mich, daß Sie angekommen ſind, ſagte er; denn ich habe gerade ſehr viel — 51— zu thun, und ich zweifele nicht, daß Sie ſich Pald nuͤtzlich machen werden.“ „Ganz gewiß werde ich dieſes Zutrauen zu verdienen ſuchen, antwortete André; und wenn es mir nicht ſogleich gelingen ſollte, ſo hoffe ich, daß Sie Geduld haben werden, dis ich mich völlig zu ſchicken weiß.“ „Gut, gut, erwiederte der Advokat, ich bin uͤberzeugt, daß ich mit Ihren Anſtrengungen zufrieden ſein werde. Sie koͤnnen ſogleich im Buͤreau Platz nehmen.“ „Heute nicht, wenn Sie erlauben, ant⸗ wortete André, denn ich habe mich auf dem Wege von Herrn Ipſey hierher verirrt, und ehe ich mich wieder zurecht fand, ſo viel Zeit verloren, daß ich jetzt eilen muß, meinen klei⸗ nen Mantelſack vom Schiffe nach Hauſe zu bringen, ehe es Nacht wird.— Morgen früh aber bin ich mit Tagesanbruch bei Ihnen.“ Sir Vellum war es zufrieden, und André begab ſich nun wieder auf den Weg, um eine gewiſſe Miſtriß Callender aufzuſuchen, wo er auf die Empfehlung der Miſtriß Ipſey eine Stube fuͤr ſich miethen wollte. Er hatte 4* das Gluͤck, ihr Haus ſehr bald aufzufinden, und die Reinlichkeit, welche in demſelben herrſchte, rechtfertigte die Lobeserhebungen, die ihm Miſtriß Ipſey uͤber die Beſitzerin Senache hatte. Da André von dieſer Dame geſchickt wurde, ſo zeigte man ihm zuerſt ein ſehr niedliches Zimmer in dem erſten Stockwerk; als er aber hoͤrte, daß woͤchentlich eine Guinee dafuͤr be⸗ zahlt wuͤrde, richtete er ſeine Augen gegen die Decke und ſeufzte ſo ſchwer, als wenn ihm ein Centner auf die Bruſt gelegt worden waͤre. Endlich erholte er ſich ſo weit wieder, daß er fragen konnte, ob es nicht wohlfeilere Wohnungen im Hauſe gaͤbe, worauf man ihn zwei Stockwerke hoͤher fuͤhrte, und ihm hier ein kleines Zimmer zeigte, wofuͤr nur vier und ein halber Schilling woͤchentlich verlangt wurden. Nach vielem Rachdenken, und nicht ohne lange Zeit gehandelt zu haben, wurde endlich der Vertrag geſchloſſen, worauf André nach dem Hafen eilte, um ſeinen Mantelſack zu holen. Aber dort fand er neue Schwierig⸗ keiten, die er nicht vorhergeſehen hatte. — 33— Unterwegs war er ſchon entſchloſſen, ſelbſt bis zu einem Schilling fuͤr das Nachhauſetra⸗ gen ſeines kleinen Gepaͤcks aufzuopfern; aber wie unausſprechlich war ſein Erſtaunen, als er keinen Traͤger fand, der dieſes Geſchäft fuͤr weniger als fuͤnf Schillinge uͤbernehmen wollte. Dieſe beiden Worte: fuͤnf Schillinge, preßten ihm einen energiſchen Ausruf aus“ und benetzten ſeine Stirn mit einem kalten Schweiße. Der Herr des Schiffes ſchlug ihm vor, lieber einen Fiaker zu nehmen, was ihm auch nicht mehr koſten wuͤrde; aber zu einer ſo verſchwenderiſchen Handlung konnte er ſich eben ſo wenig entſchließen. Da die Abenddaͤmmerung ſchon eingetreten war, ſo faßte er ſich kurz, oͤffnete in der Eile ſeinen Mantelſack, wechſelte den Rock, den er trug, mit einem andern ſchlechteren, und machte ſich nun, ſeinen Pack auf dem Ruͤcken, auf den Weg. Glücklich kam er in dem Hauſe der Miſt⸗ riß Callender wieder an, welche nicht wenig erſtaunte, ihn in dieſem Aufzuge zu ſehen. „Gewiß, ſagte die gute Frau, Herr Wylie⸗ — 5— werden Sie Ihres Thees bedürfen; ſetzen Sie ſich in meinem kleinen Salon nieder, ich werde ihn Ihnen bereiten, und einige geroͤſtete Zwie⸗ backe mit friſcher Butter dazu beſorgen.“ „O, erwiederte André, das waͤre zwar ganz nach meinem Geſchmack; aber an ſolche Lecker⸗ biſſen darf ich durchaus nicht denken. Geben Sie mir lieber einen Mutchkin Yil und einen Cooky zum Abendbrot, und Sie wer⸗ den mich ſehr verpflichten. Miſtriß Callender, welche dieſe Schottiſchen Ausdruͤcke, die indeſſen nichts anders als ein Maß Bier und ein Stuͤck Brot bedeuten, nicht verſtand, ſagte, ſie glaube nicht, daß der⸗ gleichen Dinge in London zu haben waͤren, wenigſtens haͤtte ſte noch nie davon gehoͤrt; aber ſie koͤnne ihm eine Pinte Porter und ein Stuck Schinken verſchaffen. 1 „Sind Sie raſend? rief André aus. Glau⸗ ben Sie, daß ich ein Säͤufer bin, um eine ganze Pinte Porter auszutrinken?“ Indeſſen war er ſehr muͤde, und indem er ſich erinnerte, daß er das Traͤgerlohn fuͤr ſein Gepaͤck erſpart haͤtte, fragte er, s eine Pinte / —— — 55— Porter koſte. Er willigte endlich darein, ſie ſich holen zu kaſſen; aber ſtatt des Schinkens begnugte er ſich mit einigen Stuͤcken Brot. Nachdem er ſich auf dieſe Weiſe wieder ge⸗ ſtaͤrkt hatte, ſprach er vom Schlafengehen. „Aber, ſagte er, ehe es nicht hell um mich her iſt, will ich keinen Vorrath irgend einer Art einkaufen. Wenn Sie daher noch ein End⸗ chen Licht im Hauſe haben, ſo bitte ich, es mir zu leihen, um mich damit in mein Zimmer zu begeben.“ Die kurze Erklaͤrung, welche auf dieſe Bitte folgte, trug nicht dazu bei, der Miſtriß Callen⸗ der eine hohe Meinung von ſeiner Freigebig⸗ keit beizubringen. Indeſſen gab ſie ihm ein Licht; er ſtieg damit nach ſeinem Zimmer hinauf, entkleidete ſich in der größten Eile, und löſchte das Licht ſorgfältig wieder aus⸗ rhs er in's Bett ſtieg. Viertes Kapitel. Sir Bellum hatte unter ſeiuen Clienten mehror. Perſonen vom höͤchſten Range⸗ unter andern den Grafen Sandyfard⸗ Pair von — 36— England. Dieſer Herr war noch nicht drei⸗ ßig Jahr alt, und mit Lady Auguſte Spangle, Tochter des Marquis Aronſide verheiratet; aber ſeit der Zeit dieſer Ver⸗ heiratung bemerkte man an dem Grafen, welcher fruͤher die ſchoͤnſten Hoffnungen von ſeinen Talenten gegeben hatte, eine ploͤtzliche Veraͤnderung. Er ſtuͤrzte ſich in einen Wir⸗ bel von Vergnuͤgungen, und gab ſich der unge⸗ heuerſten Verſchwendung mit einem ſolchen Eifer hin, daß man häͤtte glauben ſollen, es geſchehe vorſätzlich und nach einem wohl uͤber⸗ legten Plane. Bei einem ſo wuͤſten Leben, wie es der Graf fuͤhrte, konnte es auch nicht fehlen, daß ſelbſt ſein Aeußeres ſich veränderte: aus dem ſchoͤnſten Manne in London wurde bald eine blaſſe, magere Geſtalt, die das Gepraͤge der Aus⸗ ſchweifungen aller Art ganz deutlich an ſich trug. Aber dennoch blickte dann und wann ſein wahrer Charakter durch die Huͤlle eines der erſten Stutzer und Wuͤſtlinge hindurch; er zeigte von Zeit zu Zeit die Erhabenheit eines Genies, welches alle ſeine Kraͤfte kennt, und bereit iſt ſie anzuwenden, ſo bald die Umſtaͤnde es erfordern. 1 — Deerr Zufall wollte, daß der Graf ſich einige Tage nach Andrés Ankunft in Geſchaͤftsange⸗ legenheiten zu ſeinem Sachwalter, Herrn Vel⸗ lum, verfuͤgte, und hier gerade Niemanden als unſern Helden vorfand. Eine kurze Un⸗ terredung, welche an der Thuͤr Statt fand, erregte die Neugierde des Grafen, und ſei es nun, daß er ſich einige Augenblicke ausruhen wollte, oder daß er ſich einiges Vergnuͤgen verſprach, genug, er trat in das Schreibzim⸗ mer ein, und ſetzte ſich auf einen der hier be⸗ findlichen ledernen Seſſel der Sekretaͤre. André kannte den Rang des Grafen nicht, den er noch nicht geſehen hatte, da ihm ſeine Miene der Vertraulichkeit aber nicht ſehr geſiel, ſo blieb er an der Thuͤr ſtehen, und hielt ſie halb geoͤffnet, als wenn er dem Fremden haͤtte ſagen wollen, daß er gut thun wuͤrde, ſich wieder zu entfernen. Aber ſein originelles Weſen, ſeine unruhigen und miß⸗ trauiſchen Blicke, und die Einfachheit ſeines Betragens beluſtigten den Pair des Konig⸗ reichs, der ihn, mit Huͤlfe einer an einer gold⸗ nen Kette am Halſe haͤngenden Lorgnette, von Kopf bis zu den Fuͤßen betrachtete. Indem er eine modiſche Nachläſſigkeit und Gleich⸗ guͤltigkeit affektirte, und zugleich ſeine Beine hin und her ſchaukelte, ſagte er endlich:„Ihrt Seſſel hier ſind ſehr hoch, junger Mann.“ „Ja, antwortete André, gerade ſo wie ſa ſein muͤſſen.“ Dieſe Antwort haͤtte beinahe die angenom⸗ mene gleichguͤltige Miene des Grafen außer Jaſſung gebracht. Er zog ſein Schnupftuch hervor, um die Luſt, die ihn zum Lachen an⸗ wandelte, zu verbergen, und nachdem er wie⸗ der ernſthaft geworden war, fuhr er fort: „Sagen Sie mir doch, Freund, wo Teu⸗ fel hat Vellum Sie aufgeſiſcht?“ „Aufgeſiſcht, Herr! rief André unwillig aus; man hat mich nirgends aufgeſiſcht.“ „So?— Aber wie ſind Sie denn nach London gekommen? „So, wie man gewoͤhnlich aus meinem Lande hierher kommt!“ ae „Eine ſehr genugende Antwoet, in der That. Darf ich fragen, ob Sie ein Mann des Geſetzes ſind?“ 8 s / — —= 1„Ich lerne jetzt ſoviel, bis ich es Wwerse,n antwortete André beſcheiden. 2 „Sehr ſcharfſinnig geantwortet!“ ſagte der Graf mit Ironie. Und ſeit wann?“ „Ehe ich hierher kam, arbeitete ich drei Jahre lang bei John Gledd, Advokaten in Kilwinning, und ſeit drei Tagen bin ich bei Herrn Vellum.“ „Was denken Sie von London?“ „Von London! Pfui! ein erbärmliches Neſt, mit lauter ſchlechten Haͤuſern. Da ſoll⸗ ten Sie einmal Glasgow oder Edinburg ſehen!— Aber jetzt, mein Herr, iſt es Zeit, daß Sie ſich entfernen; denn ich will zum Mittagseſſen gehen, damit ich nach Tiſche wieder hierher ins Buͤreau kommen kann, und es ſcheint mir, als wenn Ihr Geſchäſ gerade nicht eilig iſt.“ 2 „Freilich, werde ich es wohl auf einen andern Tag verſchieben muͤſſen; aber wo ſpeiſen Sie gewoͤhnlich?“ „Ganz nahe von hier, im Kaledonier.”“ „Und wie viel zahlen Sie?“ — 60— „Sieben Pence, und einen veler ias den Aufwaͤrter.“ „Gerechter Himmel!: rief hier der Graf aus, von einer Art von Mitleiden geruͤhrt; denn es ſchien ihm kaum glaublich, fuͤr eine ſo geringe Summe ein Mittagseſſen erhalten zu koͤnnen. „Ja, Sie haben wohl Recht, ſich zu wun⸗ Dern, ſagte André, die Urſache ſeines Erſtau⸗ nens nicht verſtehend; es iſt ein ungeheurer Preis, uͤbrigens aber iſt das Eſſen doch gut.“ „Sie beſuchen wohl nicht haͤufig die oͤffent⸗ lichen Vergnuͤgungsoͤrter? O, davon nehm' ich ſo gut wie ein jeder Andere Theil, die Saͤnger und Saͤngerinnen ſind hier weit beſſer, als bei mir zu Lande. Aber ich rathe Ihnen, mein Herr, ſich ihnen nicht allzuſehr zu naͤhern; denn es giebt hier in London eine große Menge ſchlechter Men⸗ ſchen. Erſt geſtern noch hat mir irgend ein Spitzbube mein Schnupftuch aus der Taſche gezogen, ohne daß ich irgend etwas davon gewahr wurde.“ M „Aha! Ich verſtehe Sie! Sie zeGhnen die —— — ——— — 61— Saͤnger auf den Straßen zu den Efentlche Vergnuͤgungen.“ „Ich verſichere Sie, mein Herr, daß die⸗ jenigen, von denen ich ſpreche, ſolchen Sän⸗ gern durchaus nicht gleichen. Ich bin der Meinung, daß es vielmehr Schauſpieler ſi ſind, die gerade keine Anſtellung haben.“ 3 „Sind Sie im Schauſpiel geweſen?“ „Nein, mein Herr; aber ich werde bald hinein gehen, denn meine Kameraden ſprechen davon, mich eines Abends darin frei zu hal⸗ ten.— Doch muß ich Sie jetzt bitten, mich hier nicht laͤnger zu zwingen, daß ich meine Zunge in Bewegung ſetze, waͤhrend ich dieß mit meinen Kinnbacken thun ſollte, um zu rechter Zeit wieder an die Arbeit meines Herrn gehen zu koͤnnen.“* Der Graf gab zu, daß dieſe Bemerkamg richtig ſei; und da er glaubte, daß das Vor⸗ haben der uͤbrigen Schreiber, ihren neuen Kameraden ins Schauſpiel zu fuͤhren, nur den Zweeck beabſichtigte, ſich an ſeinem Erſtaunen uͤber das, was er ſehen wuͤrde, zu beluſtigen: ſo beſchloß er ſogleich, ihnen zuvorzukommen. — 62— Er ſagte daher zu André, daß er an Herru Vellum ſchreiben wolle, da er ihn nicht ſelbſt angetroffen haͤtte. Nachdem ihm André augenblicklich ale hierzu noͤthigen Materialien gebracht hatte, bat der Graf den Advokaten in ſeinem Sus ben, André'n Abends um 11 Uhr mit einem Briefe an Servinal, ſeinen Kammerdienet, nach einem bezeichneten Kaffeehauſe zu ſchicken; und damit Vellum eine Idee von ſeinem Be⸗ 3 wegungsgrunde hierzu haben moͤchte, fuͤgte er hinzu:„Die Graͤfin giebt heute Abend einen Maskenball; aber Ihr Schreiber kann auf demſelben ſeine Rolle ſpielen, ohne daß er es noͤthig haͤtte, ſich zu verkleiden.“ „Dieſer Brief, ſagte Sandyfard, Andrée denſelben verſtegelt uͤbergebend, betrifft eine wichtige Angelegenheit, und ich rechne auf Ihre Punktlichkeit, daß Sie ihn Herrn Vel⸗ lum ſogleich nach ſeiner Ruͤckkunft eigenhaͤn⸗ dig uͤbergeben.“ „Deßwegen koͤnnen Sie ruhig ſchlafen, antwortete André; verlaſſen Sie ſich auf mich! Todt oder lebendig werde ich ihn wie⸗ berſehen, und es iſt keine Gefahr, daß etwas, das mir anvertraut wurde, mir zwiſchen den Fingern entſchluͤpfen moͤchte. Nein, nein, und wenn ich auf dem Platze ſterben ſollte.— Aber in der That, mein Herr! jetzt fange ich auf unruhig zu werden. Die Schelme, meine Kameraden, werden bald zuruͤckkommen, und wenn ſie gewahr werden, daß ich noch einen leeren Magen habe, ſo werden ſie ſich ein boshaftes Vergnuͤgen daraus machen, mich auf irgend eine Weiſe davon abzuhalten, daß ich ihn anfuͤllen kann. Sie wuͤrden mich daher ſehr verbinden, wenn Sie ſich ohne Sorgen entfernten, und mich meine Mahtzeit einneh⸗ men ließen.“ Die gute Laune des Grafen, und eieleiche auch ſeine gewohnte Hoͤflichkeit, konnte ſo oft wiederholten Bitten nicht laͤnger widerſtehen. Er ging daher fort, nachdem er André'n ſei⸗ nen Brief nochmals empfohlen hatte, was aber uberfluͤſſig war, da dieſer ſehr gut wußte, von welcher Wichtigkeit ein Schreiben eines Clienten an ſeinen Sachwalter ſein koͤnne. Als André von ſeinem Mittagseſſen wieder zuruͤckkam, uͤbergab er den Brief ſogleich ſet nem Herrn, der ſich gerade in ſeinem Schreib⸗ zimmer befand. Vellum fand das Vorhaben des Grafen aͤußerſt luſtig, und fragte alſo: „Hat Ihnen die Perſon, welche Ihnen dieſen Brief uͤbergab, ihren Namen geſagt?“ „Ich habe nicht daran gedacht, ihn nach dem Namen zu fragen; aber gewiß werden Sie ihn unter ſeinem Briefe finden.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel! Aber ich begreife nicht, warum er mir uͤber dieſen Ge⸗ genſaand geſchrieben hat.“ 3 „Ich bin der Meinung, daß er dieß Ihnen ſelbſt ſagen muß. Aber es ſchien ihm viel daran gelegen zu ſein, und er blieb ſo lange hier, und richtete ſo viele Fragen an mich, daß ich am Ende genoͤthigt war, in zu bitten die Schwelle zu raͤumen.“ 3 „Fuͤr wen hielten Sie dieſen Zerrn?“ 7. „Nun!. Ich glaube, daß es wohl ein Parfümeriehaͤndler ſein moͤchte, denn er hat das ganze Zimmer einbalſamirt, als er das Schnupftuch aus der Taſche zog.“ „Ich hoffe, daß Sie mit aller ihm gebuͤh⸗ b — renden Achtung zu ihm geſprochen haben, denn es war der Graf Sandyford.“ „Ein Graf, Herr Vellum! Mit einem Grafen ſo zu ſprechen, wie ich es that! Er muß mich fuͤr einen Dummkopf gehalten haben!— Doch wird er nicht ſagen koͤnnen, daß ich ſeine oder Ihre Angelegenheiten ver⸗ nachlaͤſſigt haͤtte, und ein anderes Mal werde ich mich mit mehr Anſtand gegen ihn betragen. „Ich hoffe es, Wylie; aber heute Abend habe ich Sie mit einem ſehr wichtigen Ge⸗ ſchäft zu beauftragen. Sie werden einen Brief von mir an einen gewiſſen Herrn Ser⸗ vinal uͤbergeben; auf der Adreſſe werden Sie ſehen, wo Sie ihn finden koͤnnen. Es iſt ein Ehrenmann, und ich habe gute Gruͤnde zu wuͤnſchen, baß Sie ihm alle moͤgliche Auf⸗ merkſamkeit und Gefaͤlligkeit erweiſen. Um 11 Uhr Abends wird er Sie erwarten.“ „Gewiß thue ich Alles, wenn es zu Ihrem Nutzen dient; aber um 11 Uhr in der Nacht! das iſt doch ſelten eine, anſtaͤndige Zeit zu Geſchaͤften....“ A „In unſerm Stande, Wylie, muͤſſen wir F. Thl. 5 — 66— zu jeder Zeit unſeren Klienten zu Dienſten ſtehen.“ „Schon genug, Herr Vellum, genug; bei Tage wie bei Nacht ktehe ich zu Ihrem Be⸗ fehle.“ Zur beſtimmten Zeit war der Kammer⸗ diener auf ſeinem Poſten, und er hatte nicht noͤthig, auf unſern Helden lange zu warten. Servinal hatte von ſeinem Herrn hinrei⸗ chende Inſtruktionen erhalten; daher machte er André'n, nach einer kurzen Unterhaltung, welche ein erdichtetes Geſchaͤft betraf, den Vorſchlag, ihn ins Theater zu begleiten, und fuͤgte, als eine unwiderſtehliche Verſuchung, — hinzu, daß er alle Thuͤrſteher genau kenne, unnd daß ſie daher nicht noͤthig haben wuͤrden, auch nur das geringſte Geld auszugeben. Einem ſolchen Anerbieten wußte André Nichts entgegenzuſetzen; indem er es an⸗ nahm, glaubte er vielmehr, den Wuͤnſchen des Herrn Vellum nachzukommen. Der Kammer⸗ diener ließ einen Fiaker holen, und in weni⸗ gen Minuten kamen ſie vor dem Pallaſte des Grafen Sandyford an. André hatte gar keinen Grund, daran zu zweifeln, daß ſie ſich vor der Thuͤr eines der groͤßten Schauſpielhaͤuſer zu London befaͤnden⸗ da eine große Menge von Wagen nach und nach daſelbſt ankam und die ganze Umgegend erfuͤllte. Eine Maſſe neugierigen Volks draͤngte ſich, um die Ausſteigenden zu ſehen, und die hell erleuchtete Hausflur war von praͤchtig ge⸗ kleideten Bedienten erfuͤllt, die ihre Herrſchaft hierher begleitet hatten, und ihre Ruͤckkehr er⸗ warteten. Um Andreé'n nicht den Beleidigungen der Bedienten auszuſetzen, hatte der Graf ſeinem Kammerdiener befohlen, Niemanden zu ent⸗ decken, daß er nicht verkleidet ſei, ſo daß Jeder⸗ mann, als er ſich mit ſeinem linkiſchen Weſen und baͤuriſchen Anzuge hier darſtellte, ihn fuͤr irgend eine komiſche, aus einem Luſtſpiele ent⸗ nommene Charaktermaske hielt, und daß ſeine erſtaunten, verwunderten Blicke von allen Seiten ein einſtimmiges Beifallklatſchen er⸗ hielten, da man ſie fuͤr ein der Rolle ange⸗ meſſenes Spiel anſahe. 4 Indeſſen war André'˙s Vergnuͤgen doch 5* mit einer Art von Unruhe verbunden, und er ſchloß ſich daher feſt an ſeinen Begleiter an. Als er in die Zimmer trat, wo die Geſellſchaft verſammelt war, rief er unwilllkuͤrlich aus: „Ach, was fuͤr ein praͤchtiges Haus! Ich glaube, es iſt ſo groß, als der Tempel Salomo's!“ Seid Ihr noch niemals da geweſen? fragte ihn eine Maske im Domino. André ver⸗ ſtummte vor Schrecken, als er in dieſer Stimme die des Grafen erkannte. In dieſem Augen⸗ blick war ihm auch Servinal von der Seite entſchluͤpft, wodurch André noch mehr in Ver⸗ wirrung gerieth. Aber er faßte bald wieder Muth, als er bedachte, daß er ſich an einem oͤffentlichen Orte befaͤnde, wo Jedermann der Eintritt fuͤr ſein Geld offen ſtand; denn da Niemand wiſſen konnte, ob er dieſes Recht an der Thuͤr erkauft habe oder nicht, ſo be⸗ ſchloß er weiter zu gehen, und ſo viel als moͤglich Theil an den Vergnuͤgungen zu nehmen⸗ Als er in den zweiten Saal trat, kam ſogleich die dicke Graͤfln Gorbiland 8, welche ebenfalls eine Charaktermaske aus einem Luſtſpiele hatte, in der feſten Ueberzeugung, 69— daß er verkleidet ſei und die Rolle eines jun⸗ gen Schottiſchen Bauern ſpiele, auf ihn zu, und machte ſich mit vieler Laune uͤber ihn luſtig. André aͤrgerte ſich uͤber dieſen Ton der Unverſchaͤmtheit, wofuͤr er ihre Scherze hielt, und ſagte zu ihr:„Packt Euch fort und laßt mich ungeſchoren! Ich habe nichts mit Euch zu ſchaffen; Ihr wuͤrdet eben ſo gut thun, Euch ein Stuͤckchen auf Eurem Finger zu pfeifen.“ „Was fuͤr ein wildes Thier! rief die Gräͤ⸗ fin aus. Welche Rolle ſpielt er denn?“ „Ich bin der Meinung, antwortete André trocken, daß meine Rolle beſſer iſt, als die Eurige.“ Die erſtaunte Graͤſin wußte nicht, wie ſie ſich dieſe Erſcheinung erklaͤren ſollte, und er⸗ griff daher die Partie, ſich zu entfernen. Aber in demſelben Augenblick erſchien der Oberſt Coleſon, in der Tracht einer trunkenen Weibs⸗ perſon, und von einem zahlreichen Maſken⸗ trupp unter ſchallendem Gelaͤchter begleitet. „Wo iſt er? rief er aus. Wo iſt der galante Verfuͤhrer?“ Zu gleicher Zeit reichte — 70— er André'n ſeine gefuͤllte Branntweinsflaſche dar. André blickte ihn ungefaͤhr eine halbe Mi⸗ nute lang mit der groͤßten Verachtung an, und ſagte endlich:„Wie geht es zu, daß ein ſolches Menſch hier hereinkommen konnte?“ „Da ſeht Ihr's, ſchrie das Weibsbild mit dem Tone der Verzweiflung; der Undankbare will mich nicht mehr kennen! Der Meineidige entzieht ſich im Angeſicht der ganzen Welt meinen Umarmungen!“ Hierauf ſich ſtellend, als wenn es bitterlich weinte, trocknete es ſich die Thraͤnen mit ſeinem Shawl ab, und nahm zu ſeiner Flaſche Zuflucht, um einigen Troſt daraus zu ſchluͤrfen. „Dieſe Frau iſt toll,“ ſagte André mit vieler Kaltbluͤtigkeit zu den Umſtehenden, und trat einige Schritte von ihr zuruͤck. „Seht, wie er mich verlaͤßt! ſchrie ſie mit pathetiſchem Tone. Er verſchmaͤht mich, der treuloſe Verfuͤhrer!“ André, einigermaßen uͤber die Heftigkeit dieſer Reden beunruhigt, drehte ſich jetzt wie⸗ — 4— der nach ihr um, ihr zuzureden.—„Gute Frau, ſagte er, Ihr irrt Euch.“ Der einfache und naive Ton, mit welchem dieſe wenigen Worte ausgeſprochen wurden, war ſelbſt fuͤr den Oberſten Coleſon zu viel. Er vergaß einen Augenblick lang ſeine Rolle, und brach, wie alle Umſtehenden, in ein lau⸗ tes Gelaͤchter aus. Der arme André wandte ſich hierauf an die Zuſchauer, und verſicherte ſie mit dem Tone der groͤßten Aufrichtigkeit, daß er dieſe Frau heute zum erſten Male in ſeinem gan⸗ zen Leben geſehen habe.—„Sie iſt betrun⸗ ken, ſagte er; man ſollte ſie zur Thuͤr hinaus⸗ jagen.“ „Wovon iſt hier die Rede? Was giebt's hier? fragte eine andere Perſon, welche als Richter verkleidet war. Fort! Madame; und Sie auch, mein Herr! Entfernen Sie ſich!“— André war ſehr geneigt, dieſem Befehle Folge zu leiſten; aber die Frau hielt ihn am Rocke feſt, und ſagte zu der vorgeblichen Ma⸗ giſtratsperſon:„Alſo ſo behandeln Sie das ſchöne Geſchlecht, Herr Richter? Ich glaubte gen, unſchuldigen Mädchen haben, das von einem grauſamen, treuloſen und laſterhaften Menſchen betrogen wurde!“ 4. „lUnd was hat er Dir denn gethan, mein Kind?“ fragte der Richter. „Was er mir gethan hat? antwortete ſe indem ſie ſich ſtellte, als wenn ſie ſchluchzte; er hat.. er hat mich.. er hat mich ent⸗ ehrt.“— 4 Me. André war bei dieſer Anklage wie vom Donner geruͤhrt; in demſelben Augenblicke um⸗ armte ihn das Maͤdchen, zog ihm ſeine kupferne Uhr aus der Taſche, und ſchrie:„Das wird doch wenigſtens noch eine Cuaſchanigan fuͤr mich ſein!“— „Sachte, ſachte, mein Kinduſtgte der Richter; Du mußt mir dieſe Uhr uͤbergeben.“ „O¹“ rief André jetzt mit Abſcheu aus, aber wieder Muth faſſend:„Herr Richter! Satan ſelbſt hat noch keine groͤßere Luͤge aus⸗ gedacht. Laſſen Sie meinen Herrn, den Ad⸗ vokaten Vellum, holen, und er wird mir be⸗ zeigen, daß ich ein ehrlicher Menſch bin, von doch, Sie wuͤrden Mitleiden mit einem jun⸗ ehrlichen Menſchen geboren, und aus Schott⸗ land ſeit drei Tagen hier angekommen. O⸗ warum habe ich meinen Fuß hierher geſetzt! Geben Sie mir meine Uhr zuruͤck; geben Sie ſie mir zurück, ſage ich. Diebe! Diebe! Spitz⸗ buben! Räuber!“— André ſchrie aus vollem Halſe; ſeine Stimme hallte in allen Zimmern wieder, und machte einen Augenblick lang alle Inſtrumente und ale Zungen verſtummen. Aber waͤhrend die Geſellſchaft hieruͤber eine Art von Unruhe fuͤhlte, entriß er ſeine Uhr den Haͤnden des Ober⸗ ſten, ergriff mitten unter ſchallendem Gelaͤchter die Flucht, und fuͤhlte ſich erſt auf der freien Straße ſicher, wo er wieder freier athmete. Fuͤnftes Kapitel. Kaum hatte André ſeine Wohnung erreicht, als er auch ſchon bis uͤber die Ohren im Bette lag, und nun erſt weiter uͤber ſein Abenteuer nachdachte, das er fuͤr die Gaukelei irgend eines Taſchenkuͤnſtlers hielt. Indeſſen, was es auch geweſen ſein mochte, ſo beſchloß er⸗ Niemanden etwas davon zu entdecken, — 74— Als ihn Vellum am andern Morgen in ſein Kabinet rufen ließ, konnte er ſich aber doch nicht eines aͤngſtlichen Herzklopfens er⸗ wehren.„Nun! fragte Vellum beim Eintre⸗ ten, Wylie, haben Sie geſtern Herrn Gervi⸗ nal geſprochen?“ „Ganz gewiß, antwortete André; ich habe Jemanden geſprochen, der ſich dieſen Namen gab, und ihm Ihren Brief uͤberliefert.“ „Und was hat er Ihnen geſagt?“ fuhr der Advokat fort, der ſich hoͤchlich uͤber die ſichtbare Verlegenheit André's, und ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit, eine beſtimmte Antvor. zu ver⸗ meiden, beluſtigte. „Mancherlei! Ich hoffe, daß ich mich deſſen noch erinnern werde.“— Jetzt ſtattete er ge⸗ nauen Bericht uͤber das erdichtete Geſchaͤft ab, womit ihn Servinal anfangs unterhalten hatte. Vellum lobte ihn wegen ſeiner Aufmerkſam⸗ keit und ſeines guten Gedächtniſſes, und fragte, ob er lange mit ihm in Geſellſchaft geweſen ſei? „Nein, eben nicht lange!“ ſagte André ſeufzend. „Das iſt mir lieb; denn ich ſeh' es nicht — 75— gern, wenn meine jungen Leute die Gewohn⸗ heit haben, allzuſpaͤt nach Hauſe zu kommen.“ „In dieſer Ruͤckſicht, Herr Vellum, werde ich mir Ihre ganze Zufriedenheit erwerben, denn ich bleibe nicht gern ſpaͤt des Abends aus. Dieß fuͤhrt zu nichts Gutem.“ 3 „Sie haben Recht, Wylie; London iſt ver⸗ fuͤhreriſch, und gefaͤhrlich fuͤr die Jugend.“ „Ach! es iſt eine Stadt... eine fuͤrchter⸗ liche Stadt!“ „Ich hoffe doch, Sie ſind ohne irgend einen Zufall nach Hauſe gekommen?“ „O ja! ja! ich bin gluͤcklich nach Hauſe gekommen, ohne etwas zu verlieren.“ Der Advokat yatte Muͤhe, ſeine Ernſthaf⸗ tigkeit zu behalten; nach einem Augenblicke Stillſchweigens ſah' er ſeinen Zoͤgling mit durchdringenden Blicken an, und fuͤgte hinzu: „Ich muthmaße, daß Sie dieſe Nacht irgend ein Abenteuer gehabt haben.“ 4 „Dergleichen kann einem Jeden zuſtoßen, ohne daß man ſich deßhalb irgend einen Vor⸗ wurf zu machen haͤtte.“ — 76— „Aber kurz! iſt Ihnen denn etwas be⸗ gegnet?“ „Ich ſage nicht, daß mir nichts begegnet ſei; dieß hieße luͤgen.“ „Und was iſt Ihnen denn b gegnet?" fragte Vellum, der jetzt den Tocl der Unge⸗ duld annahm. 4 „Dieß iſt eine Frage, die nicht leicht zu beantworten iſt; Sie wiſſen, daß ich hier noch ein Reuling bin, und Alles, was böſe er⸗ ſcheint, iſt es doch nicht immer.“ „So ſchließe ich, daß Ihnen irgend etwas zuſtieß, was Ihnen ſeltſam ſchien?“ V „In dieſer Stadt mag es vielleicht wohl nicht ſeltſam ſein.“ „Aber ich ſind' es außerordentlich, daß Sie ſich weigern, mir zu ſagen, was Ihnen be⸗ gegnet iſt.“ 1 „Weigere? Ich mich weigern gegen Sie, Herr Vellum? Ich bin der Meinung, Ihnen nichts verweigert zu haben.“ In dieſem Augenblicke trat ein Bedienter des Grafen Sandyford ein, und brachte eine Karte, wodurch Sir Wylie eingeladen wurde, — 2— dem Grafen das Vergnuͤgen zu machen, und heute um 6 Uhr bei ihm zu Mittag zu ſpei⸗ ſen. André war wie verſteinert; er wurde bleich wie der Tod, und zitterte am ganzen Leibe, außer Stande, ſich dieſe Einladung, ihm ein Geheimniß hinter der zu ſtecken ſchien⸗ zu erklaͤren. Vellum bemerkte ſeine Verlegenheit und fragte laͤchelnd:„Ich hoffe, Sie ſind doch heute noch nicht verſagt, daß Sie verhindert wuͤrden, Seiner Herrlichkeit dieſes Vergnuͤ⸗ gen zu machen?“ „Ganz gewiß, ſagte André, werde ich Alles thun, um Mylord Vergnügen zu machen.“ Nachdem der Bediente mit einer andern Karte, welche die Annahme der Einladung enthielt, entlaſſen worden war, ſagte Vellum: „In der That, Sie ſind ſehr gluͤcklich, ſo ſchnell eine ſo wuͤnſchenswerthe Bekanntſchaft gemacht zu haben.“ „Kurz und gut, mein Herr, erwiederte André; aber was ſoll ich anfangen? Meine Kleidung iſt dem Beſuche bei einem Lord nicht angemeſſen.“ „Folgen Sie meinem Rath, ſagte ſein Herr ernſthaft, aber aufrichtig; behalten Sie, Ihre Kleidung, und tragen Sie nur Sorge, ſie rein auszubuͤrſten, und weiße Waͤſche anzu⸗ legen.“ Vellum war beſſer von dem Abenteuer André's unterrichtet, als er es ſcheinen wollte; denn er war ebenfalls auf dem Maſkenballe der Graͤfin zugegen geweſen, und hatte ſeinen Theil an der Beluſtigung genommen, die der unvergleichliche Unbekannte verur⸗ 1 ſachte; ſo nannte ihn die Morgenzeitung des folgenden Tages, welche von dieſem Feſte Be⸗ richt erſtattete, um dabei Gelegenheit zu ha⸗ ben, die Geſchicklichkeit des Konditors, der die Erfriſchungen geliefert hatte, zu ruͤhmen. Punkt 6 Uhr befand ſich André vor dem Hauſe des Lord Sandyford. Der Thuͤrſteher, deſſen koͤrperlicher Umfang bemerkenswerth war, fragte ihn, was er wollte? „Ich will bei Mylord ſpeiſen,“ antwortete André.. 4 Unwillkuͤrlich verzog ſich bei dieſen Wor⸗ ten John Serells fleiſchiger Mund, waͤhrend er einen veraͤchtlichen Blick auf die Perſon warf, die ſo hohe Anſprüͤche zu erkennen gab. Aber gluͤcklicherweiſe befand ſich der Bediente, welcher die Einladung uͤberbracht hatte, auf der Hausflur, und als er unſern Helden er⸗ kannte, bat er ihn, die Treppe hinaufzugehen, und eilte ihm vorauf, um ihn anzumelden. Obgleich ein wenig beunruhigt und ver⸗ wirrt, ſo erkannte doch André auf der Stelle, daß er ſich jetzt in demſelben Hauſe befaͤnde, das er geſtern fuͤr ein Theater gehalten hatte, und im Augenblicke ſtellte ſich ſeinem Geiſte auch die Idee vor, daß er die Ehre dieſer Einladung nur ſeinem Weſen eines Menſchen aus der Provinz, und der Einfachheit ſeiner Schottiſchen Sitten zu verdanken haͤtte. Ein Augenblick des Nachdenkens reichte fuͤr ihn hin, ſogleich ſeine Partie zu ergreifen; mit eben ſo leichtem Schritte, als wäͤre es das Zimmer ſeines ehemaligen Lehrers Dominik Tannyhill, dem er die Neuigkeiten des Dor⸗ fes erzählen wollte, ging er auf die Thuͤr des Salons zu; ohne die geringſte Verle⸗ genheit erblickte er die glaͤnzende Geſellſchaft, — 80— welche darin verſammelt war, und ſtellte ſich ihr mit dem angenehmen Lächeln eines Mannes dar, welcher weiß, daß er mit Ver⸗ gnuͤgen geſehen wird. Lord Sandyford, ein trefflicher Beobachter, erkannte ſogleich, daß er es durchaus mit keinem einfältigen Menſchen, wofuͤr er ihn anfangs gehalten hatte, zu thun habe, und bemerkte die Beraͤnderung, die in ihm vorgegangen war. Er ging ihm ent⸗ gegen, nahm ihn mit einer Art, die ihn faſt zu ſeines Gleichen erhob, bei der Hand, und ſetzte ihn ſo auf den Fuß eines Freundes. „Herr Wylie, ſagte der Graf, ich muß damit anfangen, Sie wegen der Freiheit, die ich mir mit Ihnen genommen habe, um. Ent⸗ ſchuldigung zu bitten.“ „8, ſprechen ſie davon nicht mehr, My⸗ lord, antwortete André, ihn unterbrechend. Es iſt recht, daß ich meine Erfahrung in der Welt eben ſo gut bezahle, als diejenigen, welche weit uͤber mir ſtehen. Dennoch war es eben eine fuͤrchterliche Sache!“. Dieſe einfache Antwort wurde allgemein als der Ausdruck einer originellen Laune auf⸗ genommen, und der vertrauliche Ton, in wel⸗ chem er ſie vorbrachte, beluſtigte die ehren⸗ werthe Geſellſchaft ungemein. Als man ſich endlich in den Speiſeſaal begab, ſchien jede Dame den Wunſch zu hegen, daß ſie Andréen zur Seite haben moͤchte; aber jede Nebenbuhler⸗ ſchaft verſchwand, als man ihn auf dem Ehren⸗ platze ſah, zwiſchen der Graͤfin Sandyford und der Herzogin von Daſhingwell, welche beide, ohne ihren Rang zu beruͤckſichti⸗ gen, unbezweifelt die ſchoͤnſten Damen in der Geſellſchaft waren. Dabei war die Herzogin voller Froͤhlichkeit und Freimuͤthigkeit, und pflegte den Scherz weiter zu treiben, als irgend eine Dame ihres Standes. Der Anfang der Tafel bot nichts Merk⸗ würdiges dar. Mit eben ſo viel Aufmerkſam⸗ keit als Geſchicklichkeit beobachtete André das Betragen der uͤbrigen Gäſte bei Tiſche, und fehlte ſo gegen keinen weſentlichen Punkt der Etikette. Die Herzogin hatte mit ihm eine faſt ununrerbrochene Unterhaltung, und ihr haͤufiges lautes Gelaͤchter kuͤndigte die Erfolge an, die er hierbei erlangte. Einige Glaͤſer I. Thl. 6 — 32— Wein gaben ihm noch mehr Vertrauen; ſchon gegen das Ende des zweiten Ganges befand er ſich ganz wie zu Hauſe, und ſo froͤhlich, daß die Bedienten Muͤhe hatten, den ihnen zukom⸗ menden ſchweigenden Anſtand zu beobachten. Aber die Luſt zum Lachen wurde allgemein und unwiderſtehlich, als die Herzogin ihn ein⸗ ladete, ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und er antwortete:„Nein, nein, Mylady; wenn Sie mich ſo zum Trinken noͤthigen, ſo wird mir der Wein zu Kopfe ſteigen, und, meiner Treu! ich wuͤrde Sie dann ſo lange kitzeln, bis Sie um Gnade bitten muͤßten. Alſo nehmen Sie ſich in Acht!“ Lord Sandyford ſchien uͤber dieſe Szene ein Vergnuͤgen zu empfinden, dem er lange Zeit fremd geweſen war; die Graͤfin aber, ſeine Gemahlin, ſchien von der ganzen Geſell⸗ ſchaft den wenigſten Antheil daran zu neh⸗ men. Weder Grazie, noch Liebenswuͤrdigkeit, die ihrem Alter, ihrer Geſtalt und ihrem Range angemeſſen waren, gingen ihr ab; aber kaum wuͤrdigte ſie zu laͤcheln, und nur dann und wann kuͤndigte ein froͤhlicher Blick, wel⸗ cher aus dem Herzen zu kommen ſchien, es an, daß auch ſie fuͤr die Freuden des Lebens haͤtte empfaͤnglich ſein koͤnnen. In ſolchen Augen⸗ blicken ſahe ſte ihr Gemahl mit einem Beben an, als wenn er hieruͤber ein geheimes Ver⸗ gnuͤgen empfaͤnde; aber ploͤtzlich war dann die frohe Laune der Graͤfin wieder verſchwun⸗ den, und ſie blieb nun wieder eben ſo kalt und zuruͤckgezogen als vorher. Dieſer Abend floͤßte indeſſen dem Grafen ein Gefuͤhl des Wohlwollens, ja ſelbſt der Er⸗ kenntlichkeit gegen André ein, und er beſchloß⸗ ihn oͤfters zur Tafel zu ziehen. Nicht weni⸗ ger war die ganze uͤbrige Geſellſchaft, und be⸗ ſonders die Herzogin von Daſhingwell, mit der Originalitaͤt Andrézs zufrieden, und als ſie von ihm, nach aufgehobener Tafel, erlangt hatte, ein Schottiſches Liedchen zu ſingen, faßte ſie den Entſchluß, daß er den ganzen folgenden Winter uͤber Theil an ihren Feſten nehmen ſollte. In der That zeigte er eben ſo viel Geſchmack als Freiheit in der Wahl ſei⸗ nes Liedchens, und der Vortrag entſprach dem Inhalt deſſelben. Er hatte das Lied gewaͤhlt, 6 X — 84— welches mit den Worten anfaͤngt:„Als mein Vater ſterben thät,“ und eine aͤußerſt komiſche Aufzaͤhlung alles Hausgeraͤths und der Thiere enthaͤlt, die ſich in dem Nach⸗ laſſe eines armen Tageloͤhners befinden. Stets gegen die Herzogin gewandt, ſang er nun, indem er mit triumphirender Miene mit ſeinen Fingern und der Zunge knallte, und ihr ſo laͤcherliche Zeichen mit dem Kopfe und den Augen machte, daß ſie ſich gezwungen ſah, ſich auf ein Sofa zu werfen, wo ſie, ſich mit beiden Haͤnden vor Lachen die Sei⸗ ten haltend, ausrief:„Um's Himmels Willen! Halten Sie ihn anl... Laſſen Sie ihn auf⸗ hoͤren, oder ich muß ſterben!“ Derſelbe Inſtinkt, welcher André'n gelehrt hatte, ſo von ſeinem originellen Charakter Nutzen zu ziehen, lehrte ihn auch, daß er den Augenblick zu ſeiner Entfernung waͤhlen muͤſſe, wo der Eindruck, den er hervorgebracht hatte, am lebhafteſten ſei. Nachdem er daher ſeinen Geſang beendigt hatte, ſtand er plotzlich auf, als wenn er ſich irgend einer Angelegenheit erinnerte.„Das iſt eine ſchoͤne Geſchichte, — 85— rief er aus; ich beluſtige mich hier mit Singen, waͤhrend ich den Entwurf eines Teſtaments abſchreiben ſollte, vor einem Manne, der viel⸗ leicht morgen ſchon todt iſt.“ Und indem er ſtatt aller weiteren Empfehlung ein aͤußerſt komiſches Zeichen mit dem Kopfe machte, ſtieg er die Treppe hinab und begab ſich nach Hauſe. Unſer junger Held verlebte ſo ſeinen erſten Winter in der Hauptſtadt auf eine Art, welche ihm viele Juͤnglinge beneideten, und die ſogar von klugen Maͤnnern fuͤr gefahrvoll gehalten wurde. Aber es gelang den Lockungen des Vergnugens nicht, uͤber die Einfachheit ſeines Charakters zu triumphiren, und Lord Sandy⸗ ford, welcher immer mehr den wahren Werth dieſes Charakters ſchaͤtzen lernte, fuͤhlte ſeine Achtung fuͤr ihn ſich von Tage zu Tage ver⸗ mehren. 3 Eines Morgens befand ſich Audré in Vel⸗ lums Kabinet, und bemerkte die nachdenkliche, beſorgte Miene deſſelben. Der Advokat hatte am vorigen Tage eine lange Zuſammenkunft mit mehreren Wuchrern gehabt, welche dem — 86— Grafen ein hypothekariſches Darlehn machen ſollten, deſſen er auf's Dringendſte benöthigt war. Die Bedingungen waren aber ſo laͤſtig, daß er es kaum wagte, ſie ihm mitzutheilen, und er glaubte daher, ſich hierzu am beſten André's bedienen zu koͤnnen, da er das Wohl⸗ wollen des Grafen fuͤr dieſen Juͤngling kannte. „Wylie, ſagte er, Sie ſollen dieſe Papiere dem Lord Sandyford uͤbergeben, welche eine Anleihe von zwanzig tauſend Pfund Sterling betreffen, die ich fuͤr ſeine Herrlichkeit ver⸗ mittelt habe.“ „Eine Anleihe! rief André aus; eine An⸗ leihe von zwanzig tauſend Pfund Sterling!“ „Sagen Sie ihm, fuhr Vellum fort, daß es mir unmoglich geweſen ſei, ſie unter beſſeren Bedingungen zu erhalten, und daß ich mich faſt ſchaͤme, ſie ihm mitzutheilen.“ „Ich wollte, daß Mylord zwanzig tauſend Pfund Sterling erhalten koͤnnte, und daß er wuͤßte, ſie gehoͤrig anzuwenden, anſtatt ſie ſo unter einer Bande von Schmarotzern zu ver⸗ geuden.“ „Sie koͤnnen gegen ſeine Herrlichkeit ein . — 87— Wort von dieſem guten Rathe fallen laſſen, wenn es ſeine Laune erlaubt,“ ſagte Vellum wie im Scherz. „O, daran werde ich's gewiß nicht fehlen laſſen, antwortete André ſehr ernſthaft; denn Mylord iſt ein herrlicher Mann, und Mylady eine vortreffliche Frau, ausgenommen, daß ſie etwas zu ſehr von ſich eingenommen ſcheint. Es iſt wirklich Schade, daß ſte ſo ſchlecht zu⸗ ſammengeſpannt ſind, daß ſie nicht an gleichem Strange ziehen.“ Vellum machte eine Bewegung des Er⸗ ſtaunens, und fragte, indem er ihn aufmerk⸗ ſam und forſchend anſahe:„Haben Sie etwas über dieſen Gegenſtand reden hoͤren?“ „Durchaus nicht! Aber ich habe zwei Augen und zwei Ohren, womit ich ſehen und hoͤren kann. Es kann wohl Niemanden entgehen⸗ daß die Graͤfin ihren Gemahl mit weit mehr Hoͤflichkeit behandelt, als es eigentlich eine liebende Frau thun ſollte, und daß dagegen der Graf es eben ſo macht.“ „Sie ſind das ſeltſamſte Weſen, das ich jemals geſehen habe, ſagte Vellum. Hier haben 4 Sie die Papiere, und huͤten Sie ſich nur, bei dieſer Angelegenheit einen Mißgriff zu thun.“ André verſicherte, daß er Alles ſo wohl zu ſeiner, als zu des Grafen Zufriedenheit zu machen ſuchen wuͤrde, und begab ſich zu Lord Sandyford, der ihn ſogleich empfing. „Sie ſind's, Wylie? ſagte der Graf, ein wenig uͤberraſcht, den Advokaten nicht erſchei⸗ nen zu ſehen, den er erwartete. Kommen Sie im Auftrage Vellum's?“, „Ja, Mylord, er hat mich beauftragt, Ihnen dieſe Papiere zu uͤbergeben, und Ihnen ſein Bedauern zu bezeugen, daß er das Geld nicht zu chriſtlicheren Bedingungen habe auf⸗ treiben koͤnnen.“ Ich glaubte, ſagte der Graf läͤchelnd, daß er wuͤßte, ich ſei ſchon auf dergleichen vorbe⸗ reitet.“ „Es iſt eine betraͤchtliche Summe, Mylord, fuhr Wylie fort, es iſt Schade, daß Sie in Ihren Haͤnden ſobald wieder verſchwinden wird.“ „Was wollen Sie dagen Wylie!“ fragte der Lord, die Papiere auf einen Tiſch legend. — 89— „Daß ich einen ehrlichen Mann nicht im vollen Galopp auf einem zerbrochenen Stecken reiten ſehen kann, ohne ihn davon zu benach⸗ richtigen.“ „Nun, das iſt doch etwas Reues, Wylie. Ich danke Ihnen.“ „Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig, My⸗ lord; was ich thue, iſt meine Pflicht. Denn, im Vertrauen, Ihre Lage beunruhigt mich. Was wuͤrde aus Ihnen werden, Mylord, wenn es einmal ganz vorbei mit dem Gelde waͤre? Ich muß Ihnen Alles ſagen, was ich denke: Ehe ich mir einen Stein nach dem andern an den Hals hinge, wuͤrde ich zuvor einen guten Beſen nehmen, und mein Haus von allem ungeziefer reinigen, von welchem es be⸗ nagt wird. Glauben Sie, daß einer von allen Ihren Schmarotzern Ihnen nur einen Heller geben wuͤrde, wenn Sie einmal in Noth waͤren? O, gewiß nicht! Man wuͤrde Sie von Thuͤr zu Thuͤr, mit thränenden Augen, ein Stuͤck Brot betteln ſehen, ohne Ihnen auch nur eine Kartoffel in Ihren Schnapſack zu ſtecken.“ — — 90— Ihr Gemaͤlde iſt etwas uͤberladen, ſagte der Graf mit nachdenklicher Miene; doch finder ſich etwas Wahres darin. Und was wuͤrden Sie mir nun rathen zu thun? Es kommt mir nicht zu, Mylord, Ihnen Rathſchlaͤge zu ertheilen; aber ich kann Ihnen ſagen, was ich an Ihrer Stelle thun wuͤrde. Zuerſt wuͤrde ich Mittel ſuchen, an dem le⸗ bendigen Mobilaliare meines Hauſes etwas zu erſparen, und zu dieſem Zwecke wuͤrde ich alle jene Harpyien von mir entfernt halten, welche mich zwingen, ſo viele unnuͤtze Tagediebe zu ernaͤhren. Ferner, da es noͤthig iſt, daß an einen gut beſpannten Wagen, damit er vor⸗ waͤrts komme, die beiden Pferde an gleichem Strange ziehen: ſo wuͤrde ich verſuchen, meine Frau, wenn ſie anders dächte als ich, zu einer gleichen Denkungsart zu bewegen.“ André ſchwieg hier, denn er ſah ein Ge⸗ woͤlk uͤber das ausdrucksvolle Geſicht des Gra⸗ fen ziehen. Dieſer ſtand auf, ging an ein Fenſter, und André ſchickte ſich daher an, ſich zu entfernen.„Haben Sie noch etwas an Herrn Vellum zu beſtellen, Mylord?“ — 91— Der Graf fuhr ſich mit der Hand uͤber das Geſicht, drehte ſich um, und ſagte:„Nichts, Wylie! Ich brauchte dieſe Summe, und er hat ſie herbeigeſchafft, wahrſcheinlich doch zu den moͤglichſt beſten Bedingungen. Nehmen Sie alſo die Papiere wieder mit, und ſagen Sie ihm, er möchte das Geſchäft zu Stande bringen.“ „Aber.. Mylord, rief André wie ver⸗ ſteinert aus; Sie haben ja noch nicht einmal einen Blick auf dieſe Papiere geworfen!“ Der Graf legte ihm jetzt ſelbſt die Papiere in die Hand, mit den Worten:„Ich habe genug davon geſehen, wenigſtens das, was ich wuͤnſchte.““ André ſchuͤttelte den Kopf, und warf einen Blick des Mitleidens auf den Grafen. Dieſer Blick wirkte wie ein elektriſcher Funken in dem Herzen Sandyfords. Er folgte André'n mit den Augen, waͤhrend dieſer ſich mit lang⸗ ſamen Schritten der Thuͤr naͤherte, und ſah ihm ſtarr noch lange Zeit nach, als er ſchon verſchwunden war. 4 — 92— Sechſtes Kapitel. Einige Zeit vor dieſer Unterredung war es geſchehen, daß der Wagen der Lady San⸗ dyford, als ſie eben aus der Oper nach Hauſe zuruͤckkehrte, einen Mann uͤberfuhr, und ihn ſchwer verwundete. Dieß war ein gewiſſer Sir Ferrew, einer der außerordentlichſten Menſchen in dem Kreiſe der Londoner großen Welt, durch mehrere Sonderbarkeiten, vorzuͤg⸗ lich aber durch ſeine Leidenſchaft zum Spiele und zu den Wetten, ziemlich bekannt. So lange er in Folge dieſes Ungluͤcksfalles gezwungen war, ſein Zimmer zu huten, er⸗ mangelte Lady Sandyford nicht, obgleich ſie fruͤher niemals mit ihm in Verbindung ge⸗ ſtanden hatte, ſich täͤglich nach ſeiner Geſund⸗ heit erkundigen zu laſſen. Dieſe nach den Umſtaͤnden ſo natuͤrliche Hoͤflichkeit hatte bei dem Sonderling die Folge, daß er von dem Gefuͤhle einer Art raſender Dankbarkeit er⸗ griffen wurde. Als er daher wieder in Ge⸗ ſellſchaften erſcheinen konnte, ſprach er faſt unaufhorlich von der Graͤſin, ſuchte ſie allent⸗ halben auf, wo er hoffen konnte ſte anzutref⸗ fen, und that dieß mit ſolcher Ausdauer und Beſtaͤndigkeit, daß ſein Betragen bald die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Die Graͤfin gehoͤrte zwar zu der Zahl der vernachlaͤſſigten Gemahlinnen; aber ihr Be⸗ tragen war ſtets ſo zuruͤckgezogen geweſen, daß kein Mann ihr irgend einen unanſtaͤndigen Antrag zu machen wagte, und ſie wußte ihre Waͤrde auch ſo gut zu behaupten, daß ſie nie in die Nothwendigkeit verſetzt wurde, ſich der Ueberlegenheit ihres Geiſtes und Verſtandes zur Abweiſung irgend eines Angriffes zu be⸗ dienen. Sie erſtaunte daher anfangs uͤber Ferrew's Betragen; allein da ſie, ſo gut wie alle Welt, wußte, daß es in ſeinem Kopfe nicht recht richtig ſei, ſo floͤßte ihr das Mit⸗ leiden einige Nachſicht gegen ihn ein. Wie bald mußte daher dieſes ihrem früheren Be⸗ tragen entgegengeſetzte Benehmen zu Geruͤch⸗ ten Anlaß geben, welche ihrer Ehre nachthei⸗ lig waren! Anfangs war zwar davon nur bei jenen Whiſtpartien die Rede, wo ſich die Schiedsrichter des guten Rufs verſammeln; aber nach und nach verbreiteten ſich dieſe Ge⸗ — 94— ruͤchte immer weiter aus, und wurden endlich das Geſpräch in allen Klubs, und ſelbſt in den Kaffeehaͤuſern von London. Am Tage nach der oben erzaͤhlten Unter⸗ redung Andrées mit dem Grafen, wo deſſen Gemahlin ein gläͤnzendes Feſt geben wollte, trug ſich nun zufäͤllig eine Begebenheit zu, welche in den geſpannten Verhaͤltniſſen beider Eheleute eine laͤngſt gefuͤrchtete Kriſts herbei⸗ fuͤhrte. Da es in London gewoͤhnlich iſt, daß die Tagesblaͤtter des Morgens noch ganz naß, wie ſie aus den Druckereien kommen, in die Haͤu⸗ ſer gebracht werden: ſo pflegen die Bedienten ſie mit einem heißen Plaͤtteiſen zu trocknen, und ſich zu gleicher Zeit auch an den darin enthaltenen Neuigkeiten zu ergoͤtzen, ehe ſie zu ihrer Herrſchaft gelangen. Auf dieſe Art entdeckten nun die Bedienten des Grafen an dem gedachten Morgen einen Artikel in einer der Zeitungen, welcher die Graͤfin oͤffentlich der Untreue an ihrem Gemahle beſchuldigte; denn obgleich ſie darin nicht geradezu genannt war, ſo wurde ſie doch zu genau bezeichnet, — 95— als daß man ihre Perſon häͤtte verkennen koͤnnen. Einer der Bedienten machte den Vor⸗ ſchlag, um den Frieden des Hauſes zu erhal⸗ ten, daß es das beſte Mittel ſein wuͤrde, die Rolle, wo dieſer Artikel enthalten war, zu ver⸗ brennen, als wenn dieß zufaͤllig durch ein zu heißes Eiſen geſchehen waͤre. Dieſer Vor⸗ ſchlag wurde ausgefuͤhrt, und man brachte das Blatt dem Grafen in dieſem Zuſtande. Aber indem man das Eiſen und das Feuer gegen den ungluͤcklichen Artikel gebrauchte, war zu gleicher Zeit ein Theil der Verhandlung un⸗ leſerlich geworden, welche am Tage vorher im Parlament Statt gefunden hatte. Obgleich der Graf an dergleichen Verhand⸗ lungen wenig Antheil nahm, ſo wenig als an allem Uebrigen, was ſich in der Welt zutrug: ſo wuͤnſchte er doch gerade dieſe zu leſen, bloß aus dem Grunde, weil es ihm unmoͤglich ge⸗ macht worden war; er klingelte daher ſeinem Kammerdiener, und befahl, ihm auf der Stelle ein anderes Blatt deſſelben Journals zu brin⸗ — 96— gen. Der Ton, womit dieſer Befehl gegeben wurde, beunruhigte dieſen Bedienten; er theilte ſeinen Kameraden ſeine Meinung mit, daß der Graf doch wohl einige Worte des ver⸗ dammten Artikels ergriffen haben moͤchte; aber man fand kein Mittel, die Ausfuͤhrung des Befehls zu hintertreiben, und holte daher ein anderes Exemplar.. Als daſſelbe dem Grafen gebracht wurde, war das ſchwache Intereſſe an der gedachten Parlaments⸗Verhandlung wieder verſchwun⸗ den, und anſtatt ſie daher weiter durchzuleſen, warf der Graf einen fluͤchtigen Blick auf die Kolumne, worin die Tagesneuigkeiten enthal⸗ ten waren. Der erſte Artikel, welcher ihm hier in die Augen fiel, war nun derjenige, welcher ſeine Gemahlin der Untreue beſchul⸗ digte.— Er las ihn zweimal, ſtand auf, ging im Zimmer auf und nieder, ſetzte ſich wieder, und las ihn zum dritten Male. Jetzt bemerkte er, daß dieſes gerade die verbrannte. Stelle in dem erſten Eremplare ſei, das ſich noch auf ſeinem Tiſche befand. „Dieß iſt kein Zufall! rief er aus; dieſen — 97— Schurken muß das Verbrechen ihrer Gebie⸗ terin ſchon bekannt ſein!“ Sein erſter Gedanke war, die Bedienten herbeizurufen, und ſie auszufragen; aber zu gleicher Zeit bedachte er die Gleichguͤltigkeit, die er bisher immer als Ehemann gezeigt hatte, und er zog daher die Hand wieder zuruͤck, welche ſchon nach der Klingel ausgeſtreckt war. In dieſem Augenblicke trat die Graͤfin ein. Sogleich ſtand er auf und ging nach der Thuͤr, als wenn er beſchloſſen haͤtte, ſie gar nicht zu ſprechen; doch blieb er wieder ſtehen, drehte ſich um, und ſagte mit ziemlich heftiger Stimme, indem er auf das Zeitungsblatt zeigte:„Hier, Mylady, liegt ein Blatt, das ich Ihnen anempfehle zu leſen; Sie werden darin einen ſehr anziehenden Artikel fuͤr die Läͤſter⸗ geſchichte des Tages finden.“ Und mit dieſen Worten eilte er aus dem Zimmer. Erſtaunt uͤber den Ton ihres Gemahls, nahm die Graͤfin das Blatt, und fand bald den ſie betreffenden Artikel. Sie fuͤhlte eine unausſprechliche Demuͤthigung; ihre Eitelkeit, ihr Stolz, die einzigen Fehler, die man in I. Thl.. 7 98— der That ihr vorzuwerfen hatte, wurde gaͤnz⸗ lich daniedergeſchmettert, und einige Minu⸗ ten lang befand ſie ſich in dem Zuſtande einer Art von Bewußtloſigkeit. Aber ihr Gewiſſen hatte ihr kein Vergehen vorzuwerfen, und ſie machte ſich ſogar kein kleines Verdienſt aus der Geduld, mit welcher ſie die Gleichguͤltig⸗ keit, um nicht zu ſagen die Verachtung, ihres Gemahls ertragen hatte. Nach einigen Minu⸗ ten erholte ſie ſich daher wieder zu ihrer ge⸗ woͤhnlichen Kaltbluͤtigkeit; ſie klingelte einem Bedienten, befahl, auf der Stelle Karten an alle ihre Freunde umherzuſchicken, um ihnen anzukuͤndigen, daß die heutige Feſtlichkeit aufge⸗ ſchoben ſei; und ſchrieb hierauf ihrem Vater, dem Marquis von Avonſide, ihn bittend, ſie ſo bald als moͤglich zu beſuchen. Lord Sandyford war unterdeſſen ausge⸗ gangen, um ſich in ſeinen gewöhnlichen Klub zu begeben; aber unterweges fuͤhlte er in ſei⸗ nem Leben zum erſten Male jene unbeſchreib⸗ liche Verlegenheit, welche man ſo oft und ganz fäͤlſchlich fuͤr Scham haͤlt; er ſchauderte bei der Vorſtellung, ſeinen Bekannten unter — 99— die Augen zu treten, die ſchon jenen verwinſch⸗ ten Artikel geleſen haben koͤnnten. Gluͤckli⸗ cherweiſe ſiel ihm mitten unter dieſen Beaͤng⸗ ſtigungen ein, daß einer ſeiner Schulfreunde, Sir Mordaunt, den er ſeit mehreren Jah⸗ ren nicht geſehen hatte, am Tage vorher eine Karte bei ihm abgegeben haͤtte; er beſchloß daher, zu ihm zu gehen, und ihn uͤber ſeine jetzige Lage um Rath zu fragen. Niach den erſten Freudenbezeigungen uͤber dieſes Wiederſehen, kam bald die Rede auf die gegenſeitigen Verhaͤltniſſe der beiden Freunde. „Du biſt in einem Augenblicke angekommen, ſagte der Graf, wo ich mehr als jemals ei⸗ nes Freundes, und zwar eines Freundes wie Du, bedarf. Haſt Du noch nichts über Lady Sandyford gehoͤrt?“. „Was willſt Du ſagen, Graf?“ rief Mor⸗ daunt mit unbeſchreiblichem Erſtaunen aus. „Der Fall der Graͤfin beunruhigt mich an und fuͤr ſich wenig; aber da die Sache jetzt ſchon ſo oͤffentlich geworden iſt, ſo muß ich mich ſchon darein miſchen. Ueberdieß war ich kaum einen Monat lang verheiratet, als ich 7* — 100— ſchon entdeckte, daß der Lady Sandyford die weſentlichſte Eigenſchaft einer Frau abgeht, naͤmlich das Herz.“ „Aber wer iſt denn ihr Verführer? 4 „O, nimm doch die Sache nicht ſo ernſt⸗ haft! Glaube mir, ſchon ſeit langer Zeit bin ich hoͤchſt gleichguͤltig gegen dieſe Frau, und nur Ein Grund hat mich abgehalten, mich ſchon fruͤher von ihr ſcheiden zu laſſen: meine Achtung gegen ihre Familie.“— Der Graf erzaͤhlte hierauf ſeinem Freunde, daß er ſchon wenige Tage nach ſeiner Verheiratung ent⸗ deckt habe, wie das Herz der Lady nur von ſich ſelbſt erfuͤllt ſei, und wie ſte an nichts weiter daͤchte, als an die Rolle, welche ſie in der menſchlichen Geſellſchaft ſpielen wollte. Er ſetzte ihm auseinander, daß dieſe Entdeckung ihm einen Widerwillen gegen ſie eingefloͤßt habe, daß er durch die Täuſchung in ſeinen Hoffnungen von häuslicher Gluͤckſeligkeit ver⸗ fuͤhrt worden ſei, alle moͤgliche Thorheiten zu begehen, und erzaͤhlte ihm endlich von dem in ein heutiges Blatt eingeruͤckten Artikel. — 101— Sir Mordaunt war der Meinung, daß ein ſo oͤffentlich gewordener Umſtand zum Ver⸗ dacht berechtige, und daß man die Bedienten befragen muͤſſe. „Aber wenn ſelbſt ihr Vergehen vollſtaͤn⸗ dig bewieſen waͤre, ſagte der Graf, ſo beab⸗ ſichtige ich doch keinen Eheſcheidungsprozeß. Indeſſen biſt Du bei dieſer Angelegenheit auf jeden Fall kaͤlter als ich, Mordaunt; ich uͤber⸗ laſſe mich daher ganz Deiner Leitung.“ „Glaube nicht, beſter Graf, antwortete die⸗ ſer, daß ich mit Gleichguͤltigkeit das Ungluͤck, und noch weniger die Entehrung einer jungen und liebenswuͤrdigen Frau, mit anſehen werde, an die ich Dich leidenſchaftlich gefeſſelt ſah.“— Nach einer kurzen Unterredung wurde end⸗ lich beſchloſſen, daß Mordaunt ſogleich zur Graͤfin gehen ſollte, um mit ihr zu reden, waͤhrend der Lord ſeine Ruͤckkunft in ſeiner Wohnung erwarten wollte. Dieſer beſchaͤftigte ſich unterdeſſen damit, die Art, wie er ſeine letztern Jahre verlebt, oder vielmehr verloren hatte, ſeinem Gedaͤchtniß voruͤber zu fuͤhren, und er machte ſich ſelbſt die bitterſten Vor⸗ — 102— wuͤrfe, einer Empfindung von Verdruß und uͤbler Laune ſo viel Raum geſtattet zu haben, daß ſie ihn verleiten konnte, eine fruͤher ange⸗ betete Gemahlin aus ſeinem Herzen zu ver⸗ bannen, und ſich in einen Wirbel von Thor⸗ heiten zu ſtuͤrzen, die ihm nicht einmal einen gluͤcklichen Augenblick verſchafft hatten, waͤhrend er dabei einen großen Theil ſeines betraͤcht⸗ lichen Vermoͤgens verſchwendete. Aber es iſt niemals zu ſpaͤt ſich zu beſſern, dachte er, und zwar je eher, deſto beſſer. Er ſetzte ſich hierauf an den Schreibtiſch Mordaunts, und ſchrieb ein Billet an Vellum, in welchem er ihn erſuchte, ihm am andern Morgen eine allgemeine Ueberſicht ſeiner Geld⸗ angelegenheiten zu uͤberbringen. Einer ſolchen war er benoͤthigt, um zu wiſſen, wie weit er ſeine Großmuth gegen ſeine Gemahlin, nach der Trennung, in Abſicht auf ihr Jahrgehalt treiben, und wie er kuͤnftig ſein eigenes Le⸗ ben einrichten koͤnnte. Dieſes Billet war der einzige entſcheidende Schritt, den er ſeit meh⸗ reren Jahren gethan hatte, und er fuͤhlte nach der Beendigung deſſelben eine Art von — 103— Selbſtzufriedenheit in ſich, ungefaͤhr wie ein Soldat, der ſo eben einen Beweis ſeines Muths und ſeiner Entſchloſſenheit abgegeben hat. unterdeſſen war André Wylie in dem Pallaſt des Grafen angekommen, um mit ihm in Vellums Namen das Geſchaͤft der beab⸗ ſichtigten Anleihe abzuſchließen; und da die Grafin vergeſſen hatte, den Bedienten anzu⸗ ſagen, daß ſie Niemanden ſprechen wolle, ſo ließ man ihn in den Salon eintreten, in welchem ſie ſich gerade befand. Ein ſolcher Beſuch ſtimmte wenig mit ihrer jetzigen Lage uͤberein; doch empfing ſie ihn wie gewoͤhnlich. Aber André bemerkte bald, daß mit ihr et⸗ was Außerordentliches vorgegangen ſein muͤſſe, und er fuͤhlte daher, daß er vieleeicht laͤſtig: ſein koͤnne. „Ich bin der Meinung, Mylady, ſagte er, daß ich gut thun wuͤrde, mich zu empfehlen; ich werde aber ſpaͤter wieder kommen. Nur hoffe ich, daß Mylord nichts begegnet iſt, und daß Sie nicht ſeinetwegen ſo beſorgt zu ſein ſcheinen.“ — 104— Die Vertraulichkeit, womit André ſtets be⸗ handelt wurde, und der Gedanke, daß der be⸗ wußte Zeitungsartikel doch wohl ſchon allge⸗ mein bekannt ſein koͤnnte, beſtegten jetzt den Widerwillen, den ſie haben mußte, uͤber einen ſo zarten Gegenſtand zu reden. Sie bat ihn daher, zu bleiben, und erzaͤhlte ihm die Ur⸗ ſache ihrer Betrübniß. 3 „Wahrhaftig, ich erſtaune nicht, daß Sie uͤber eine ſolche Begebenheit niedergeſchlagen ſind. Aber am Ende weiß es doch Jeder⸗ mann, daß die Zeitungen nur von Luͤgen le⸗ ben, und ich bin der Meinung, daß man erſt die Quelle ſolches Geruͤchts aufſuchen muͤſſe, ehe man einigen Werth darauf ſetzen kann. Ich bin nur ein Neuling, Mylady, wie Sie wiſſen; doch glaube ich, Ihnen hierbei eini⸗ germaßen nuͤtzlich ſein zu koͤnnen. Troͤſten Sie ſich; ich will verſuchen, die Sache an's Licht zu ziehen. Beruhigen Sie ſich; eine Verleumdung iſt nicht mehr zu fuͤrchten, als der Stich eines Flohes.“ „Er laͤßt aber eine Spur zurück,“ ſagte die Graͤfin ſeufzend. — 105— „Machen Sie ſich nichts aus der Spur, Mylady. Ihr Ruf iſt ja kein Kleid von Gaze, welches befleckt werden kann, wenn ein Ge⸗ ſpenſt darauf ſpeist. Machen Sie ſich nichts daraus, ſage ich Ihnen!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Anbré, das Zeichen mit ſeinem Kopfe gebend, welches ihm bei allen Gelegenheiten ſtatt einer Ber⸗ beugung diente. In dem Augenblick, wo ihm die Gräfim das Blatt genannt hatte, in welches der gegen ſie gerichtete Artikel eingeruͤckt worden war, erinnerte ſich André eines jungen Mannes von ſeiner Bekanntſchaft, Namens Nettle, welcher fruͤher in Kilwinning bei dem Advo⸗ katen Gledd geweſen, jetzt aber der Redakteur eben dieſes Tageblattes war. Zu dieſem begab ſich André auf der Stelle; er fand zwar in dem Bureau einige Schwierigkeiten, um bis zu ihm ſelbſt zu gelangen; aber als er darauf be⸗ ſtand, daß er ihn wegen einer ſehr wichtigen Angelegenheit ſprechen müſſe, wurde er endlich vorgelaſſen. „Nun⸗ Herr Wylie, ſagss Rettle ſcherzend, — 106— was iſt denn das für eine wichtige Angelegen⸗ heit, von welcher Sie mich zu unterhalten haben?“— „Es iſt eine Angelegenheit, in welcher Sie uns gewiß eine ſehr erwuͤnſchte Auskunft geben können, Herr Nettle, ſagte André hoͤchſt kalt⸗ bluͤtig. Mein Patron, der Advokat Vellum, hat den Grafen Sandyford zum Klienten, und es ſtand heute Morgen in Ihrem Blatte ein kleiner Artikel uͤber deſſen Frau, welcher uns Anlaß geben wird, einen tuͤchtigen Stoß Papier zu verſchreiben.“ „Wirklich!“ rief Nettle erſchrocken aus, und ſeine ſcherzende Miene ward auf einmal ernſt und unruhig.—„Und was ſagt dieſer Artikel; welche Wichtigkeit legt man darauf? In welchem Blatte ſtand er?“ „Ich habe Ihnen ſchon geſagt: in dem Ihrigen, antwortete André, ihn aufmerkſam betrachtend; und ich wuͤrde wohl mehr als ſechs Pence darum geben, den Verfaſſer ken⸗ nen zu lernen. Indeſſen, da Sie hier der Koch in dieſer Kuͤche ſind, ſo werden Sie mir wohl auf die Spur helfen können.“ — 107— Nettle war ganz außer Faſſung. Es ſchien ihm hoͤchſt wichtig, daß die Eigenthuͤmer des Blattes nichts von der Urſache erfahren moͤch⸗ ten, welche Andréen hierher gefuͤhrt hatte, beſonders aber, daß der Verfaſſer des Arti⸗ kels nicht bekannt wuͤrde, denn er war es ſelbſt. Da er von den Geruͤchten in Bezie⸗ hung auf Lady Sandyford und Sir Ferrew gehoͤrt hatte, war ſeine Einbildungskraft ſo geſchaͤftig geweſen, dieſelben noch beſſer auszu⸗ ſtatten, obgleich bloß in der Abſicht, um die Neugierde des Publikums zu reizen. „Aber ſi ſind Sie auch ſicher, Herr Wylie, ſagte er endlich, daß der in Rede ſtehende Artikel wirklich auf die Graͤfin von Sandy⸗ ford anwendbar iſt?“ „Ohne Zweifel, antwortete André, ſonſt wuͤrde Mylord nicht darauf aufmerkſam ge⸗ worden ſein.“ 3 „Erlauben Sie mir, ihn mit Aufmerk⸗ ſamkeit durchzuleſen, fuhr Nettle fort, um ſich einige Augenblicke zum Nachdenken zu verſchaffen.— Ja, dieſer Artitel ſteht in un⸗ ſerm Blatte, aber er bezieht ſich keinesweges — 108— auf Lady Sandyford. Er koͤnnte nur deß⸗ wegen eine Anſpielung auf ſie enthalten, weil er unmittelbar auf die Anzeige von den An⸗ ſtalten zu der großen, heute Abend Statt ſin⸗ denden Feſtlichkeit folgt, und weil der Setzer es verſehen hat, beide Artikel durch ein Alinea zu trennen.“ André uͤberzeugte ſich jetzt ſelbſt, daß ohne dieſe ungluͤckliche Vereinigung(welche uͤbrigens nicht ohne Abſicht geſchehen war) der beleidigende Aufſatz nicht mehr Beziehung auf die Graͤfin, als auf jede andere Dame gehabt haben wuͤrde.„Dieß iſt ein fuͤrchter⸗ liches Mißverſtaͤndniß, ſagte er, und der Graf wird es nicht dabei bewenden laſſen. Wiſſen Sie kein Gegenmittel?“ „O gewiß, rief Nettle aus, welcher ſich ſchon im Geiſte wegen Verleumdung ange⸗ klagt ſah; nichts iſt leichter. Ich will ſo⸗ gleich alle Anſtalten machen, daß dieſer Artikel ſich nicht morgen in den uͤbrigen Zeitungen verbreitet, und daß in unſerm Blatte die nöthige Erklaͤrung darüber gegeben wird. Aber — 109— Alles dieſes kann man doch nicht umſonſt ver⸗ langen! „Wie? Umſonſt? rief André unwillig aus⸗ Wenn ein Diebſtahl begangen iſt, ſo muß der Dieb nicht nur vollſtaͤndigen Erſatz leiſten, ſondern auch noch beſtraft werden! Ich bin der Meinung, daß Ihre Haͤnde bei dieſer An⸗ gelegenheit nicht ganz rein ſind, Herr Nettle; alſo rathe ich Ihnen, waſchen Sie ſie bald; eilen Sie, Herr Nettle, ehe man ſie Ihnen mit einem Kratzeiſen abreibt!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Andreé, und ließ ſeinen Freund faſt außer ſich vor Schrecken auf dem Platze. Doch fuͤhlte dieſer, daß er keine Zeit zu verlieren haͤtte, eilte ſo⸗ gleich in die Buͤreaus aller uͤbrigen Journale, wo er verhinderte, daß ſie den ungluͤcklichen Artikel nicht wiederholten, und ließ in das kuns e einen Aufſatz einruͤcken, deſſen Abſicht nſcheinlich war, auch ſelbſt den mindeſten Derdu gegen die Graͤfin von Sandyford zu verſtören. Aber was dieſe betraf, ſonn war das Uebel einmal geſchehen. André begab ſich ſogleich wieder 1ac dem — 110— Pallaſte des Grafen, wo er mit Sir Mor⸗ daunt zugleich eintraf. Dieſer hielt ihn fur irgend einen Handelsmann, und war daher nicht wenig erſtaunt, als man ihn, mit ihm zugleich, in das Bibliothekzimmer eintreten ließ, indem die Graͤfin gerade mit ihrem Va⸗ ter in Unterredung begriffen war. Er be⸗ trachtete André'n jetzt aufmerkſamer, und be⸗ merkte ſogleich ein ſo originelles Weſen an ihm, daß er nicht wußte, wofuͤr er ihn ei⸗ gentlich halten ſollte. „Sie gehoͤren ohne Zweifel zur Familie! 2 fragte er ihn mit einem forſchenden und faſt veraͤchtlichen Tone. „Das kann ich gerade nicht ſagen, erwie⸗ derte André; aber ich arbeite fuͤr ſie.“ In dieſem Augenblicke hoͤrten ſie den Wa⸗ gen des Marquis von Avonſide vorfahren, und durch das Fenſter ſahen ſie ihn nebſt ſei⸗ ner Tochter einſteigen, waͤhrend ein Bedienter dem Kutſcher zurief: Nach Hauſe! André hatte ſchon vorher auf der Hausflur gehört, daß Mordaunt ein Freund des Grafen ſei. Er wandte ſich daher jetzt an ihn: — 181— „Wollten Sie wohl die Guͤte haben, mein Herr, und Mylord ſagen, daß André Wylie auf dem Buͤreau der Zeitung geweſen ſei, und daß er dort gehoͤrt habe, der darin ein⸗ geruͤckte, Mylady betreffende Artikel ſei nichts als ein Mißverſtaͤndniß, ſo daß er ſich nicht deßwegen zu beunruhigen habe?“ Mordaunt glaubte jetzt, daß André in dem Buͤreau irgend eines Journaliſten ange⸗ ſtellt ſei.„Darf ich fragen, mein Herr, fuͤr welches Journal Sie arbeiten?“ „Ich! fuͤr ein Journal arbeiten! rief André aus. Nein, nein! mein Herr, ich habe ein ehrlicheres Handwerk. Ich arbeite bei Herrn Vellum, einem achtungswerthen Advokaten. Jetzt habe ich bloß einen klei⸗ nen Ausflug fuͤr den Dienſt der Mylady ge⸗ macht. Aber ich habe keine Zeit mehr. Le⸗ ben Sie wohl, mein Herr!“— Mit dieſen Worten entfernte er ſich, ohne weiter auf Mordaunt zu hoͤren, welcher noch weiter mit ihm ſprechen wollte. — 112— Siebentes Kapitel. Sobald der Graf durch ſeinen Freund Mor⸗ daunt erfuhr, daß Lady Sandyford ſein Haus verlaſſen habe, kehrte er dahin mit ihm zu⸗ ruͤck. Aber er war ſo mißgeſtimmt, daß Mor⸗ daunt, der bei ihm zu Tiſche blieb, es verge⸗ bens verſuchte, ihn aufzuheikern. Gegen Abend war er endlich allein, und uͤberließ ſich nun ganz ſeinem Nachdenken uͤber die Begebenhei⸗ ten des heutigen Tages; aber ſo leicht es ihm kurz vorher noch geſchienen hatte, ſich von ſeiner Gemahlin auf immer zu trennen: ſo ſchwer ſiel ihm jetzt dieſe Vorſtellung auf's Herz. Er fand Urſache, ſich ſelbſt daruͤber Vorwuͤrfe zu machen, daß er nicht, anſtatt ſeine Gemahlin ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen, ſie vielmehr von ihrer khoͤrichten Eitelkeit und Sucht, eine glanzende Rolle zu ſpielen, zu⸗ ruͤckzubringen verſucht haͤtte; eben ſo ſehr verurtheilte er ſich wegen der ſeit einigen Jahren, in Folge dieſer Spannung mit ſei⸗ ner Gemahlin, gefuͤhrten wuͤſten Lebensart, und in der betruͤbteſten Stimmung begab er ſich endlich ſpaͤt in der Nacht in ſein Schlaf⸗ — 113— zimmer. Das Bildniß der Lady war das Erſte, das ihm hier in die Augen fiel.„O, Au⸗ guſta! rief er ſchmerzhaft aus, du haſt mich verlaſſen! Moͤchteſt du gluͤcklicher von nun an ſein koͤnnen! Nimm die feurigſten Wuͤnſche eines Mannes mit dir, welcher dich nur all⸗ zuſehr geliebt hat!“— Auch die Graͤfin, in dem Hauſe ihres Va⸗ ters, wurde von aͤhnlichen Gefuͤhlen gepeinigt. Da der Marquis von Avonſide ſich gegen Abend in's Parlament verfuͤgt hatte, ſo blieb ſie ſich ſelbſt überlaſſen, und weinte die bitterſten Thränen. Hierdurch gewann ſie nach und nach einige Erleichterung von der Laſt, die ihre Bruſt beengte, und bald war ſie im Stande, uͤber ihre Lage etwas ruhiger nachzudenken. Sie erinnerte ſich einiger Spoͤttereien, die der Graf ſchon in den erſten Tagen nach ihrer Verheiratung ihr gegen das, was er die Sucht ſich zu zeigen nannte, geſagt hatte, ſo wie gegen die beſtaͤndige, aber künſtliche Glezch⸗ heit ihres Betragens, die er ſogar mit dem Namen der Heuchelei belegte. Sie ſchloß dar⸗ aus, daß ſie ſich doch gewiß irgend eines I. Thl. 8 — 114— Fehlers in ihrem Betragen ſchuldig gemacht haben muͤſſe, da ſie, anſtatt dem einzigen Manne, dem ſie jemals hatte gefallen wollen, Beſtaͤndigkeit in der Liebe einzufloͤßen, ihm nur gleichguͤltig geworden waͤre. Alle dieſe Betrachtungen brachten eine voͤllige Veraͤn⸗ derung in ihr hervor, und von dieſem Augen⸗ blicke an beſchloß ſie, von nun an ein ganz anderes Betragen, das ihrem wahren Charak⸗ ter und ihrer natuͤrlichen Neigung angemeſſe⸗ ner waͤre, zu beobachten. Einer ihrer erſten Gedanken war jetzt, zu ihrem Gemahle zuruͤckzukehren, und ihm frei zu geſtehen, was ſie daͤchte und empfaͤnde; aber ein falſcher Stolz verhinderte ſie an der Aus⸗ fuͤhrung, obgleich ſie ſich uͤberzeugte, daß ſie Unrecht gehabt habe, ſo raſch den Rath ihres Vaters zu befolgen, und das Haus ihres Man⸗ nes zu verlaſſen. Sie nahm ſich daher vor, lieber zur Mutter des Grafen, der verwittwe⸗ ten Lady Sandyford, welche auf dem Schloſſe Elderbower wohnte, zu reiſen, und machte dieſen Entſchluß auch ſogleich ihrem Vater, bei ſeiner Ruͤckkunft aus dem Parlamente, bekannt. 8 — 115— 1„Haſt Du dieß wohl überlegt? fragte der Maͤrquis. Setzeſt Du Dich nicht vielleicht einer uͤblen Aufnahme aus? Sollte ſie ſich vielleicht gar weigern, Dich aufzunehmen?“ „Sei dem, wie ihm wolle, antwortete die Graͤfin in einem ruhigen, aber feſten Tone. Ich werde es verſuchen. Bleibe ich hier, ſo beſtaͤtige ich die Verleumdungen, deren Opfer ich wurde; aber ich werde die Bosheit der Menſchen daniederſchmettern, wenn meine Schwiegermutter mich bei ſich aufnimmt, und ich bin uͤberzeugt, daß ſie es thun wird.“ Der Marquis erwiederte nichts, obgleich man ihm wohl anſah, daß er dieſen Schritt nicht billige. Aber deſſenungeachtet beſtand die Graͤfin auf ihrem Vorſatze, und in der That, es war das Beſte, was ſie thun konnte. Schon mit dem fruͤhen Morgen des folgenden Tages ſaß ſie, in Begleitung ihres Kammer⸗ mädchens, Miſtriß Flounce, in dem Rei⸗ ſewagen ihres Vaters, und hatte gegen Mit⸗ tag ſchon uͤber die Haͤlfte des Weges zuruͤck⸗ gelegt. Als ſie jetzt in dem Dorfe Rooksborough 8* — 116— anhielt, um die Pferde zu wechſeln, wurde die Graͤfin aus den Traͤumereien uͤber ihre jetzige Lage durch einen großen Laͤrm geriſſen, wel⸗ cher durch die vor einem kleinen nahegelege⸗ nen Hauſe verſammelte Menſchenmaſſe verur⸗ ſacht wurde. Sie fragte nach der Urſache. Mehrere Stimmen, die vielleicht ihre Men⸗ ſchenfreundlichkeit in Anſpruch zu nehmen ſuch⸗ ten, antworteten zu gleicher Zeit, daß ein junges, aber ganz unbekanntes Frauenzimmer, in einer Diligence auf der Reiſe nach Lou⸗ don begriffen, ploͤtzlich von Geburtswehen uͤber⸗ fallen worden waͤre; daß man ſie daher in dieſem Dorfe habe abſteigen laſſen, worauf ſie nun eben geſtorben ſei, nachdem ſte einem Maͤdchen von ſeltener Schoͤnheit das Leben gegeben habe. Dieſer Vorfall tuͤhrte das Gefuͤhl der Graͤfin ſo ſehr, daß ſie ſogleich aus dem Wa⸗ gen ſtieg, und ſich nach dem Hauſe begab, das man ihr bezeichnete. Bei ihrem Eintritt ſchon wurde ihr Herz von dem Geſchrei der ungluͤcklichen Waiſe zerriſſen; ſie näherte ſich hierauf einer elenden Lagerſtäͤtte, auf welcher — 117— der Koͤrper der entſeelten Mutter ausgeſtreckt lag, die dem Anſcheine nach hoͤchſt liebens⸗ wuͤrdig geweſen ſein mußte, und fand hier eine alte Frau beſchaͤftigt, ihr die letzten Dienſte zu erweiſen, waͤhrend eine andere das Kind, welches ſie auf dem Schooße hielt, in einige elende Lumpen einwickelte.— Lady Sandyford wurde aͤußerſt lebhaft von einem Aublick ergriffen, der eben ſo neu fuͤr ſie als traurig war; ſie eilte daher nach wenigen Augenblicken in den Gaſthof, vor welchem ihr Wagen hielt, zuruͤck. „Um's Himmels willen! redete ſie hier die Wirthin an, welche ſie in ein Zimmer be⸗ gleitete, was ſoll nun aus dem armen Kinde werden?“ „Daruͤber ſein Sie ruhig, Mylady, ant⸗ wortete Miſtriß Vntage; die Gemeine iſt verpflichtet, ſich ſeiner anzunehmen. Schon hat man nach Miſtriß Penny, Frau des Gaͤrt⸗ ners von Sir Ferrew, geſchickt, welche geſtern ihr Kind verloren hat, und gern dieſe Waiſe zu ſaͤugen uͤbernehmen wird.“ „Flounce, ſagte die Graͤfin, als ſie hier, — 118— auf mit ihrem Kammermaäͤdchen allein war; ich habe große Luſt, dieſes Kind mitzunehmen.“ „Gerechter Himmel, Mylady! rief dieſe erſchrocken aus; bedenken Sie wohl, daß es kaum einen Lumpen auf dem Leibe hat? Und alſo muͤßte ich es ja in meinen ganz neuen Pelz einwickeln. Nein, nein, Mylady; laſſen Sie das kleine Mäͤdchen hier von den Vor⸗ ſtehern der Gemeine auferziehen; und wenn es dann eine Schoͤnheit wird, nun wohlan, dann moͤgen Ihre Herrlichkeit Ihre Guͤte ge⸗ gen daſſelbe ausuͤben.“ „In gewiſſer Hinſicht haſt Du wohl Recht, Flounce, beſonders was Deinen ſchoͤnen Pelz anbetrifft. Aber, wie dem auch ſei, ich will dieſes Kind adoptiren; rufe mir alſo die Wirthin, der ich meine Abſicht zu erkennen geben will.“ Miſtriß Vintage erſchien ſogleich, und die Graͤfin erklaͤrte ihr, daß die Vorſteher der Gemeine ſich nicht weiter wegen des Kindes beunruhigen ſollten, da ſie ſich entſchloſſen habe, ſeine Erziehung gaͤnzlich auf ſi ſich zu nehmen. — 1— „Fuͤr jetzt aber, fuͤgte die Lady hinzu, wuͤnſche ich, daß meines Namens bei dieſer Angelegenheit durchaus nicht erwaͤhnt werde. Ich bitte Sie daher, mit der Amme, von der Sie ſprachen, die noͤthigen Verabredungen zu treffen. In einigen Tagen werde ich Ihnen meine weitern Abſichten kund machen, und ich laſſe Ihnen vorlaͤufig nur die Summe zu⸗ ruͤck, welche zur Beerdigung der ungluͤcklichen Mutter noͤthig iſt. Damit man aber kuͤnftig einmal im Stande iſt, zu entdecken, welches Herkommens ſie iſt, möͤchte es gerathen ſein, ihre etwa bei ſich habenden Sachen aufzube⸗ wahren.“ Miſtriß Vintage antwortete, daß die Ver⸗ blichene nichts als einen kleinen Koffer bei ſich gehabt habe, in welchem nur einige Klei⸗ dungsſtuͤcke, und einige geringe Kleinodien ge⸗ funden worden waͤren.„Ich habe ſie in Ver⸗ wahrung genommen, fuͤgte ſie hinzu, und will ſie Ihnen daher uͤbergeben, wenn es Ihre Herrlichkeit verlangen.“ Waͤhrend die Gräfin hierauf eine leichte Mahtzeit einnahm, beſorgte die Wirthin alle — 120— mit der Amme noͤthigen Verabredungen we⸗ gen des Kindes, welches nach dem Wunſche der Graͤfin den Namen Aline erhalten ſollte. Als hierauf die Wirthin von ihren Bemuͤhun⸗ gen Bericht erſtattete, erfuhr die Graͤfin zu⸗ gleich, daß Sir Ferrew, deſſen Gaͤrtner der Mann der Amme war, ebenderſelbe ſei, deſſen Aufmerkſamkeiten fuͤr ſie ſchon ſo traurige Fol⸗ gen gehabt hatten, und daß er der Beſitzer eines ſchoͤnen Gutes dicht bei dem Dorfe ſei. Dieſer Umſtand ſchien ihr aber in ihren Ent⸗ ſchließungen, in Abſicht auf das Kind, nichts aͤndern zu duͤrfen. Sie befahl einem Bedien⸗ ten, den Koffer der Verſtorbenen ihrem uͤbri⸗ gen Gepaͤcke beizugeſellen, ſtieg dann in den Wagen, und ſetzte ihre Reiſe nach Elderbower fort, wo ſie noch an demſelben Abend eintraf. Die verwittwete Lady Sandyford ſaß ruhig in ihrem Salon, deſſen Fenſter nach einem Blumengarten hinausgingen, als die große Glocke des Schloſſes die Ankunft von Frem⸗ den bezeichnete. Bei dieſer Ankuͤndigung nahm ſie ſogleich ihre Brille ab, und legte ſte mit dem Gebetbuche, in welchem ſie ſo eben ge⸗ 2 — 121— leſen hatte, auf einen kleinen Tiſch neben ſich, auf welchem, unter mehreten frommen Buͤchern, auch das Tagesblatt mit dem Artikel befind⸗ lich war, der den Bruch ihres Sohnes mit ihrer Schwiegertochter verurſacht hatte. Man denke ſich daher das Erſtaunen, als ſie nun ploͤtzlich die Graͤſin unangemeldet eintreten ſah, und einen Augenblick nachher ſchon ihre Wangen von den heißen Thraͤnen derſelben benetzt fuͤhlte. „Ach, ſagte die ehrwuͤrdige Matrone, was ſoll das Alles heißen, und welcher Zufall fuͤhrt Sie hierher? Aber ich habe mehr Mitleiden mit Ihnen, als ich Ihnen mit Worten aus⸗ zudruͤcken im Stande ſein wuͤrde; denn ich fuͤrchte, daß Georgs Betragen Ihnen nur allzugut eine Entſchuldigung darbieten wird.“ „Sie ſind alſo ſchon von Allem unterrich⸗ tet? rief die Graͤfin aus, indem ſie ſuchte, alle ihre Kraͤfte zuſammenzunehmen. Glauben Sie mir, theure Mutter, wenn ich auch jetzt vielleicht einen voreiligen Schritt that: ſo habe ich mir doch kein Vergehen vorzuwerfen. Lord Sandyford und ich, wir haben Beide 5 8 — 122— lange Zeit hindurch ein hoͤchſt ungluͤckliches Leben gefuͤhrt. Er hat mich behandelt, als ſei ich ſeiner Zuneigung unwuͤrdig, und viel⸗ leicht habe ich mich ſo betragen, als wenn ich keine Zuneigung fuͤr ihn gehabt haͤtte. Die oͤffentlichen Verleumdungen haben mir endlich die Augen geoffnet, und ich komme, Sie zu fragen, was ich thun muß, um die Achtung meines Gemahls wieder zu erlangen. Mein Vater dringt in mich, mich von ihm zu tren⸗ nen; er hat mich beredet, Sandyford's Haus zu verlaſſen. Dieß war ein unkluger Schritt, aber er iſt einmal gethan; lehren Sie amich ihn wieder gut machen.“ Die gute Wittwe ließ eine Thraͤne auf die Hand der Lady Sandyford fallen, die eine der ihrigen ergriffen hatte.„Ich danke Ih⸗ nen fuͤr Ihr Zutrauen, Auguſte, ſagte ſie; aber Georg hat aus mir eine betruͤbte Mut⸗ ter gemacht. Ich fuͤrchte, daß ſein Ruin ſchon vollſtändig iſt. Was Sie betrifft, meine Toch⸗ ter, ſo ſuchen Sie ſich zu beruhigen, und wir wollen uͤberlegen, was zu thun ſei. Sie ha⸗ ben weiſe gehandelt, zu mir zu kommen; man wird den Verleumdungen jetzt weniger leicht Glauben beimeſſen. 4 Der wohlwollende und guͤtige Ton der ehr⸗ wuͤrdigen Matrone beruhigte die Graͤſin ein wenig, und bald war ſie im Stande, mit ih⸗ rer Schwiegermutter den Plan zu beſprechen, den ſie ſich ſchon gebildet hatte, um das Herz ihres Gemahles wieder zu gewinnen. Tief in den Gegenſtand ihrer Unterhaltung ver⸗ wickelt, uͤberraſchte die beiden Damen die Mit⸗ ternacht, und mahnte ſie endlich, ſich fuͤr heute zu trennen. An dem Morgen deſſelben Tages war zur beſtimmten Zeit der Advokat Vellum in das Zimmer des Grafen getreten, und uͤberreichte ihm die verlangte ſchriftliche Ueberſicht uͤber ſeine Vermoͤgensumſtäͤnde. Der Graf durch⸗ lief ſie mit fluͤchtigen Blicken, und erſtaunte, hier ſeinen Geſchaͤftsfuͤhrer als ſeinen Haupt⸗ glaͤubiger fuͤr Summen erſcheinen zu ſehen, auf welche er ungeheure Zinſen hatte zahlen muſſen.„Meine Lage iſt noch nicht ſo ver⸗ zweifelt, als ich es fuͤrchtete, ſagte endlich der Graf; allein ich finde da einige verteufelt — 124— ſchwarze Poſten unter den Schuldſummen, und ich moͤchte wohl verſuchen, ſie ein wenig mehr an's Licht zu ziehen.“ Der Advokat fuͤhlte die ganze Staͤrke und den Zweck dieſer Bemerkung.„Ich gebe zu, daß einige von den Artikeln dieſer Ueber ſicht wohl nicht geradezu dasjenige ſind, was Ihre Herrlichkeit erwartet haben. Ich meine die⸗ jenigen, bei welchen Sie meinen Namen be⸗ merkt haben werden. Aber das Ganze laͤßt ſich mit wenigen Worten erklaͤren. Wenn ich dieſe Schuldpoſten nicht zuruͤckgekauft häͤtte, wuͤrde es irgend Jemand anders gethan ha⸗ ben, und vielleicht konnte es dieſem einfallen, die Zahlung in einem Augenblick zu verlan⸗ gen, wo es Ihrer Herrlichkeit durchaus nicht gelegen geweſen waͤre. Dieſe Uebertragung der Schulden hat in Ihrer Lage durchaus nichts geaͤndert, und uͤberdieß wird es Ihnen nicht entgehen, daß es mir leicht geweſen ſein wuͤrde, dieſe Operation unter einem erborgten Namen vorzunehmen, wie dieß oft geſchieht. Allein ich bin unfaͤhig, zu dergleichen Kunſt⸗ griffen meine Zuflucht zu nehmen.“ — 125— „Ich zweifle keinesweges an Ihrer Recht⸗ lichkeit als Geſchaͤftsfuͤhrer, Vellum, antwor⸗ tete der Graf, und Ihre Freimuͤthigkeit be⸗ feſtigt noch mein Zutrauen. In der That haͤtten Sie mich zwar benachrichtigen koͤnnen, daß ich ſelbſt durch den Ruͤckkauf meiner Schul⸗ den gewinnen konnte; aber daß Sie es nicht thaten, geſchah ohne Zweifel, weil Sie wuß⸗ ten, daß meine Umſtände es nicht geſtatteten, einen ſolchen Nutzen zu ziehen.“ Vellum biß ſich in die Lippen, und der Graf fuhr, noch etwas gereizter, fort:„Wie dem auch ſei, die Sache iſt geſchehen, und ich hoffe, daß ich ferner zu dergleichen nicht mehr Anlaß geben werde. Ich wünſche von gan⸗ zem Herzen, daß der Vortheil, den Sie dabei gemacht haben, Ihnen Gluͤck bringt.— Doch ich habe jetzt noch von einer andern Angele⸗ genheit mit Ihnen zu ſprechen, wobei Sie mich verbinden koͤnnen. Vielleicht habe ich jenem ſeltſamen Original aus Schottland, André Wylie, bisher mehr Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt, als ich ſollte. Er diente dazu, mich zu beluſtigen, als ich ſonſt allenthalben nur — 126— Langeweile und Ekel fand, und er hat daher wohl einigen Anſpruch auf meinen Schutz. Ich halte ihn fuͤr rechtſchaffen.“ „Es iſt unmoͤglich, daran zu zweifeln, ſagte Vellum; aber ſeine Talente ſind nicht von vorzuͤglicher Art, und ſeine Erziehung iſt ſehr vernachlaͤſſigt.“ „Ich glaube, antwortete der Graf mit ei⸗ ner gewiſſen Luſtigkeit, daß er nicht die Haͤlfte von den Faͤhigkeiten eines jungen Elephanten beſitzt; aber ſelbſt ſeine Fehler ſind in meinen Augen Talente, und da ich jetzt entſchloſſen bin, London zu verlaſſen, ſo will ich noch et⸗ was fuͤr ihn thun. Sie muͤſſen ihn von jetzt an als Compagnon in Ihren Geſchaͤften an⸗ nehmen, Vellum.“ „Als Compagnon! rief der Advokat aus, wie vom Blitz getroffen; unmoͤglich, Mylord, er iſt zu jung, und kennt noch nichts vom Geſchaͤftsgange.“ „Er iſt alt genug, um Theil am Gewinn zu nehmen, erwiederte der Graf kalt; dazu braucht man keine große Geſchaftskenntniß⸗ — 127— Vielleicht aber wuͤrden Sie es vorziehen, ihm ein beſtimmtes Gehalt auszuſetzen?“ Vellum verbeugte ſich, zum Zeichen, daß er dieſen Vorſchlag annaͤhme. „Wohlan! fuhr der Graf fort, dieß muß aber auf eine beſtimmte Anzahl von Jahren geſchehen; auf 7 Jahre zum Beiſpiel, wie⸗ viel wuͤrden Sie ihm geben?“ Der entſchloſſene Charakter, welchen der Graf bei dieſer Unterredung zeigte, war fuͤr Vellum ein ganz neuer Anblick, und brachte ihn völlig außer Faſſung. Doch beſtimmte ihn die Jurcht, einen Klienten von ſolcher Wichtigkeit zu verlieren, auf der Stelle. Er antwortete daher mit dem geſchmeidigen Tone eines Mannes, der die Welt kennt:„Da es Ihrer Herrlichkeit gefaͤllt, das Gluͤck des in Rede ſtehenden jungen Mannes ſo zu Ihrem Vergnuͤgen zu machen: ſo rechne ich es mir zur Pflicht, Ihren Wünſchen entgegen zu kom⸗ men. Ich will ihm 500 Pfund Sterling jährlich, und zwar 7 Jahre lang, geben, ob⸗ gleich ich zweifle, daß er jemals bedeutende — 128— Fortſchritte in den Kenntniſſen ſeines Ge⸗ ſchaͤfts machen wird.“ „Sie glauben alſo nicht, daß er jemals zum erſten Range unter den Rechtsgelehrten gelangen möchte?“ „Noch nicht einmal bis zum zweiten Range, Mylord.“ „In dieſem Falle ſind 500 Pfund zu we⸗ nig. Sie muͤſſen ihm 700 geben.“ „Bedenken Sie, Mylord, daß dieß unend⸗ lich viel mehr iſt, als ſeine Beduͤrfniſſe, ſeine Ideen, ſeine Gewohnheiten erfordern, und daß... Vellum bemerkte bei dieſen Worten die aͤußerſt ernſte Miene des Grafen, und er ſchwieg, als wenn er unterbrochen worden waͤre. 1 1 Der Graf ſtand auf und ſagte zum Advo⸗ katen, der ſich zu gleicher Zeit von ſeinem Stuhle erhob:„Ich weiß, Vellum, daß Nie⸗ mand das Recht hat, in einem ſolchen Falle einem Andern vorzuſchreiben, was er thun ſolle. Wenn Sie aber glauben, daß das Zu⸗ trauen, welches ich Ihnen in meinen Ange⸗ legenheiten ſchenke, und die Verbindungen, welche davon die Folge ſind, dieſes Opfer verdienen: ſo werden Sie Herrn Wylie ein Gehalt von 700 Pfund jährlich bewilligen.“ Der Advokat konnte weder dieſe Worte, noch den Ton, worin ſie geſagt wurden, miß⸗ verſtehen. Er verneigte ſich daher ehrerbie⸗ tig, und ſagte;„Er ſoll ſie haben⸗ Mylord, und ich ſchätze mich gluͤcklich, etwas thun zu koͤnnen, was Ihrer Herrlichkeit angenehm iſt.“ „Ich danke Ihnen, Vellum, ſagte der Graf, ſeine Hand nehmend; Sie verbinden mich Ihnen, alſo iſt die Sache abgemacht.— Ich hoffe, Sie werden heute Mittag bei mir ſpeiſen koͤnnen?“ Vellum nahm die Einladung, jedoch mit etwas mehr Zeremoniel als gewoͤhnlich, an. Der Graf laͤchelte, und fuͤgte mit hoͤchſt wohl⸗ wollender Miene hinzu:„Es fäͤllt mir noch etwas ein, Vellum. Ich werde mich wahr⸗ ſcheinlich ziemlich lange auf dem Lande auf⸗ halten, und meine Ausgaben ſo einſchraͤnken, daß ich meine Schulden ſobald als moͤglich 1. Thl. 9 — 130— bezahlen kann. Aber ich habe nicht die Ab⸗ ſicht, mein Haus hier zu vermiethen, und es kann waͤhrend meiner Abweſenheit nicht leer ſtehen. Bewohnen Sie es doch ſo lange. Sie werden beſſer als irgend Jemand uͤber die Erhaltung meiner Moͤbeln, und vorzüͤglich meiner Gemaͤldegallerie, wachen, und ich hoffe, daß Sie und Miſtriß Vellum mir dieſen Dienſt erzeigen werden. Sie haben nicht noͤthig, die Anzahl Ihrer Bedienten zu vermehren, indem ich einige von den meinigen zu Ihrer Verfuͤgung hierlaſſe.“. Dieſer Vorſchlag mußte dem Advokaten ſehr gefallen, und er ſah es ein, daß der Graf ihn ſo fuͤr das Gehalt ſchadlos halten wollte, was er ihm fuͤr André gewiſſermaßen abgedrungen hatte. Er antwortete daher mit der groͤßten Ehrerbietung:„Ich werde mich ſtets bemuͤhen, Alles zu thun, was Ihrer Herrlichkeit angenehm ſein kann, und ich bitte nur, Mylord, mich zu entſchuldigen, wenn ich einen Augenblick anſtand, Ihre Wuͤnſche zu befriedigen. Aber, fuhr er mit einem et⸗ was vertraulicheren Tone fort, ich bin nicht 3 der Einzige, welcher in Betreff Ihrer Herr⸗ lichkeit ſo lange in Irrthum geweſen iſt.“ „Laſſen Sie das, Vellum, unterbrach ihn der Graf. Ich ſelbſt war vielleicht am mei⸗ ſten im Irrthume. Aber indem ich jetzt ein neues Blatt in dem Buche meines Lebens aufſchlage, ſo werde ich wenigſtens nicht die erſte darauf eingeſchriebene Handlung zu be⸗ reuen haben.— Bringen Sie Wylie mit hierher. Ich moͤchte doch ſehen, wie unſer Schotte ſein neues Gluͤck ertraͤgt.“ Der Advo⸗ kat verneigte ſich hierauf, und entfernte ſich. Sobald Vellum nach Hauſe kam, ſagte er André'n, ihm in ſein Zimmer zu folgen, und machte ihm ohne Umſtaͤnde die ſo unerwartete Verbeſſerung ſeiner Lage bekannt. André gab ihm den waͤrmſten Dank gegen den Gra⸗ fen fuͤr dieſe ſeine Verwendung zu erkennen, obgleich er Alles mit der groͤßten Ruhe an⸗ hoͤrte.„Aber jetzt, ſagte endlich Vellum, wo Sie im Stande ſind, ſich das Aeußere eines Mannes von Welt zu verſchaffen, hoffe ich doch, daß Sie endlich Ihre Schottiſchen Sit⸗ ten ein wenig ablegen werden.“ 9* — 132— „Wahrhaftig, das waͤre ſchoͤn, und noch dazu in dem Augenblick, wo Sie mir ankuͤn⸗ digen, daß mir dieſe Sitten jaͤhrlich 700 Pfund eingetragen haben!“ Dieſe Antwort ſetzte den Advokaten in Verlegenheit, der ihm laͤchelnd erwiederte: „Nun wohlan, thun Sie was Sie wollen. Wenigſtens werden Sie ſich in Abſicht auf Ihre Ausgaben nicht mehr 8 ſehr einſchraͤn⸗ ken duͤrfen.“ „Das iſt wahr, und ich danke dem Himmel dafuͤr. Aber wenn ich jetzt nicht ſpare, werde ich dann in wenigen Jahren reicher ſein? Nein, nein; laſſen Sie mich nur ein Pferd reiten, das nach meiner Art geſattelt iſt!“ Vellum brach die Unterredung ab, und André begab ſich wieder auf ſeinen Platz im Bureau, wo er ſogleich an ſeine Großmutter ſchrieb, ihr im Allgemeinen die Verbeſſerung ſeiner Lage bekannt machte, ohne jedoch die Summe zu nennen, und eine Banknote von 5 Pfund als Geſchenk fur ſie beilegte. Die alte Marthe war hoͤchſt erfreut uͤber dieſen — 133— Brief, und theilte ihn allen Nachbarn mit; ſo ward die Großmuth unſeres Helden in dem ganzen Dorfe bekannt, und da ſie noch von Zeit zu Zeit durch eine Note von 5 Pfund beſtaͤtigt wurde: ſo war dieß fuͤr den wuͤrdi⸗ gen Dominik Tannyhill eine Veranlaſſung, ſeinen ehemaligen Zoͤgling bis in den Him⸗ mel zu erheben, und ihm ſeine kuͤnftige Groͤße zu weiſſagen, waͤhrend die alte Marthe, auf dem Gipfel der Freude, nur wuͤnſchte, ihn ſtets tugendhaft zu ſehen. Achtes Kapitel. Der Ort, welchen ſich der Graf Sandyford zu ſeinem kuͤnftigen Wohnſitze auserſehen hatte, war Chaſtington⸗Hall, das Stamm⸗ ſchloß ſeiner Familie, eine von jenen uralten und prächtigen Beſitzungen in England, welche die alterthuͤmliche Groͤße und Wuͤrde mit den Annehmlichkeiten eines modernen Landſitzes vereinigen. Der Graf hatte dieſes Schloß noch nie geſehen, und es mußte natuͤrlich unter der langen Abweſenheit ſeines Herrn etwas gelitten haben; aber die dort beſindliche Die⸗ — 134— nerſchaft hatte wenigſtens nichts vernachlaͤſſigt, um Alles in dem moͤglichſt beſten Zuſtande zu erhalten, obgleich ſchon ſeit langer Zeit weder irgend eine Ausbeſſerung noch Erneuerung Statt gefunden hatte. Da der Graf die Reiſe von London nach dieſem Schloſſe mit Poſtpferden machte, ſo war er von Niemanden, als von ſeinem Kam⸗ merdiener Servinal, begleitet. Ja er hatte ſich entſchloſſen, ſich mit der in Chaſtington⸗ Hall befindlichen Dienerſchaft zu begnuͤgen, 1 und von dem Vorſatze einer weiſen Sparſam⸗ keit durchaus nicht abzugehen. Auf dem gan⸗ zen Wege war er nachdenkend und ſtill in ſich gekehrt; die einzige Bemerkung, welche er machte, entſchluͤpfte ihm faſt unwillkuͤrlich, als er die Thuͤrme und die vergoldeten Kup⸗ peln ſeines Schloſſes erblickte, die ſich uͤber die Gipfel der Baͤume erhoben, und praͤchtig in den Stralen der Abendſonne glaͤnzten. „Und alles dieſes wollte ich aufopfern!“ rief er ſtaunend aus. Der Wagen hielt endlich an der großen Treppe des Schloſſes ſtill, wo die Dienerſchaft — 135— ſich verſammelt hatte, um ihn zu empfangen. Die Männer waren groͤßtentheils ſchon Grau⸗ köpfe, alle trugen die Livrée des Grafen; aber obgleich die Farben und Treſſen ihrer Kleider dieſelben waren, wie die ihrer Kameraden in London: ſo ſah man doch, daß kein modiſcher Schneider ſie verfertigt hatte. Eben ſo al⸗ terthuͤmlich war die Kleidung der weiblichen Dienerſchaft, die uͤbrigens mit ihrem feſtlich⸗ ſten Putze geſchmuͤckt war. Der Graf ſtieg die marmorne Treppe hin⸗ auf, und trat durch ein Vorzimmer in den Salon. Ungeachtet der unbehuͤlflichen Schwere der vergoldeten Moͤbeln, welche hier befindlich waren, bemerkte er doch, daß ſie nicht ohne Geſchmack ſeien, und die koſtbaren Gemaͤlde, welche die Waͤnde ſchmuͤckten, zogen eine Zeit lang ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Während er ſie noch betrachtete, trat ſein Kammerdie⸗ ner ein, und fragte, ob er ſich vor dem Eſſen noch umkleiden wolle? „Ich glaube, daß es kaum der Muͤhe werth iſt, Servinal; indeſſen moͤchte ich es doch thun, dieſe Leute hier erwarten es ohne Zweifel.“ — 136— „Ganz gewiß, Mylord,“ antwortete Ser⸗ vinal. 8 „Nun, ſo will ich ihre Erwartung nicht taͤuſchen. Haſt Du irgend einen Galla⸗An⸗ zug zur Cour bei Hofe mitgebracht?“ „Nein, Mylord!“ antwortete der Kam⸗ merdiener laͤchelnd. Sobald der Graf ſeine Toilette gemacht, und ſich wieder in den Salon begeben hatte, hoͤrte er ſogleich eine große Glocke erſchallen, und der Haushofmeiſter, ein alter Diener, welcher keine Livrée trug, meldete, daß das Mittagsmahl aufgetragen ſei. Der Graf folgte ihm; in dem Augenblick, wo er in die Ge⸗ maͤldegallerie eintrat, rief ein anderer alter Bedienter mit lauter Stimme:„Mylord!“ Sogleich wurden die beiden Fluͤgelthuͤren am entgegengeſetzten Ende des Saales durch zwei andere Bedienten geoͤffnet, und als der Graf daſelbſt anlangte, fand er hier Miſtriß Va⸗ lence, die Wirthſchafterin, welche ihn er⸗ wartete.„Sagen Sie mir doch, redete er ſie mit dem ernſthafteſten Tone an, ſpeiſet — 137— vielleicht die Koͤnigin Eliſabeth und der edle Graf von Leiceſter hier zu Mittag?“ „Ich glaube nicht, Mylord,“ antwortete Miſtriß Valence mit einer wichtigen Miene, welche durch dieſe Frage durchaus nicht ge⸗ ſtoͤrt wurde. Dieß war mehr, als der Graf erwartete, und er konnte ſich nicht enthalten, herzlich zu lachen, indem er die Treppe hinabſtieg. Als er aber in den Speiſeſaal trat, oder in den Banketſaal, wie er hier genannt wurde: blieb er vor Erſtaunen ſtehen, indem er eine Tafel von zwoͤlf Gedecken, mit praͤchtigem, maſſivem Silberzeug belaſtet, vor ſich erblickte. „Was ſoll das heißen? rief er mit einer Art von Unzufriedenheir; wer ſpeiſet denn heute hier?“ Der alte Kellermeiſter Corkly trat jetzt auf ihn zu, und ſagte, nachdem er ſich drei⸗ mal verneigt hatte:„Es iſt eine alte Ge⸗ wohnheit der Familie, in Chaſtington immer an großer Tafel zu ſpeiſen, um ſtets bereit zu ſein, die Gaͤſte zu empfangen, welche der Zufall etwa herfuͤhren koͤnnte.“ 7 „Die Sitten haben ſich ſeit dem goldenen Zeitalter ein wenig veraͤndert, Corklyz aber thut heute Eure Pflicht, wie es zur Zeit mei⸗ nes Baters oder meines Großvaters, elauſe ich, geſchah.“ „Ich hatte nicht die Ehre, Mylord, dem Grafen James, Großvater Ihrer Herrlichkeit, zu dienen, antwortete Corkly mit einer ge⸗ wiſſen Wuͤrde; aber dennoch diene ich Ihrer edlen Familie ſchon 43 Jahre.“ „Wirklich! erwiederte der Graf ſcherzend; nun, ſo werde ich wohl von Euch einige Leh⸗ ren uͤber die Etikette annehmen muͤſſen, die ich zu Chaſtington⸗Hall zu beobachten habe.“ Als er nach dem Eſſen in den Salon zuruͤckkam, fand er denſelben praͤchtig erleuch⸗ tet. Auf die Frage, ob es vielleicht einige Buͤcher im Schloſſe gaͤbe, erfuhr er mit eben ſo großem Vergnuͤgen als Erſtaunen, daß eine Bibliothek von mehreren tauſend Bänden vorhanden ſei, welche aber ſeit dem Tode ſei⸗ nes Vaters keinen Zuwachs erhalten hahe. Kurz, mit jedem Augenblick fand der Graf — 139— neue Veranlaſſung, ſich Vorwuͤrfe daruͤber zu machen, daß er dieſe uralte Wiege ſeiner Fa⸗ milie ſo lange Zeit hindurch vernachlaͤſſigt habe... Die erſte Woche ſeines Aufenthalts in Chaſtington⸗Hall verging dem Grafen weit angenehmer, als er es ſich je haͤtte vorſtellen kͤnnen, da die Veraͤnderung ſeiner Lebens⸗ weiſe zu ploͤtzlich erfolgt war. Aber er fand hinreichenden Zeitvertreib, indem er ſein Schloß und die umliegenden Beſitzungen bis in die kleinſten Einzelheiten unterſuchte, und ſich nun beſchaͤftigte, allenthalben Verſchoͤnerungen und Verbeſſerungen anzubringen, inſoweit es ohne Koſten geſchehen konnte. Von Zeit zu Zeit wurden dieſe Beſchaͤftigungen durch die Be⸗ ſuche der Edelleute in der Nachbarſchaft un⸗ terbrochen, und er empfing ſie mit Höflichkeit, aber ohne die geringſte Neigung zu zeigen, mit ihnen in naͤhere Bekanntſchaft treten zu wollen. Im Gegentheil ergriff er jede Ge⸗ legenheit, ihnen zu verſtehen zu geben, daß er nur nach Chaſtington gekommen ſei⸗ um in der vollkommenſten Zuruͤckgezogenheit zu leben. — 140— Waͤhrend dieſer ganzen Zeit war die Lage der Lady Sandyford zu Elderbower weit ent⸗ fernt, ihr einigen Troſt zu gewaͤhren. Ob⸗ gleich das Betragen der alten Graͤfin gegen ſte nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ließ, ſo bemerkte ſte doch bei ihr ein melancholiſches Weſen, das ihr das Herz durchbohrte. Aber dieſe gute Mutter hatte ſtets den Ruin ihres einzigen Sohnes, ihres Stolzes und des Troſtes ihres Wittwenſtandes, vor Augen, und im Stillen nagte der tiefſte Gram an ihrem bekuͤmmer⸗ ten Herzen. Schon mehrmals hatte die ehrwuͤrdige Matrone die Graͤſin gebeten, es zuzugeben, daß ſie an ihren Sohn ſchreiben, und ihn ein⸗ laden duͤrfe, nach Elderbower zu kommen, weil dieſes der kuͤrzeſte Weg zu ihrer Ausſoͤhnung ſein wuͤrde; aber immer konnte ſich dieſe noch nicht dazu entſchließen. „Sie haben Unrecht, Auguſte, ſagte die Wittwe eines Tages, die Hand ihrer Schwieger⸗ tochter ergreifend. Warum wollen Sie nicht zugeben, daß ich Georgen von Ihren jetzigen Gefuͤhlen unterrichte? Sie opfern ſich ſelbſt⸗ — 4141— und betruͤben mich; vielleicht geben Sie da⸗ durch Veranlaſſung, daß George noch immer mehr ſeinem Untergange entgegeneilt.“ Ein Strom von Thraͤnen entſtuͤrzte bei dieſen Worten den Augen der Lady Sandy⸗ ford.„Ach, ſagte ſie, ich fuͤrchte, daß Sie ihn nur nach den erſten Jahren ſeiner Jugend beurtheilen. Sie kennen nicht die geheime Staͤrke ſeines Charakters, und mir ſelbſt war ſie unbekannt, bevor ich ſeit meiner Ankunft hierſelbſt Gelegenheit hatte, daruͤber nachzu⸗ denken. Nichts wuͤrde leichter ſein, als ihn durch Erweckung ſeines Mitleidens hierher zu fuͤhren; aber ich kann mich nicht entſchließen⸗ ein Gegenſtand des Mitleids fuͤr denjenigen zu werden, den ich liebe.“ Die Thraͤnen erſtickten hierbei ihre Brte, und ſie weinte ſo bitterlich, daß die alte Dame daruͤber beunruhigt wurde.„Faſſen Sie ſich, Auguſte, und laſſen Sie uns davon abbrechen, ſagte ſie. Aber ich werde an Georgen ſchrei⸗ ben, und ihn wenigſtens um die Urſache Ihrer Trennung befragen.“ In der That ſchrieb die alte Lady noch an demſelben Tage an ihren Sohn, den ſie noch in London glaubte. Waͤhrend dieſer Zeit begab ſich die Graͤfin in ihr Zimmer, wo ſie Miſt⸗ riß Flounce beſchaͤftigt fand, einige Koffer, die noch nicht ausgepackt waren, auszuraͤumen, und deren Inhalt in Schraͤnke zu vertheilen. Der Koffer, welcher der Mutter der kleinen Waiſe angehoͤrte, befand ſich ebenfalls im Zim⸗ mer, und Flounce wiederholte zwei bis drei Mal, daß ſte neugierig waͤre, ſeinen Inhalt kennen zu lernen, ehe es ihr gelang, die Auf⸗ merkſamkeit ihrer Gebieterin auf dieſen Gegen⸗ ſtand zu lenken. Endlich gelang es ihr; die Augen der Graͤſin ſielen auf den Koffer, und ſie fand darin einen Gegenſtand, die Vorſtel⸗ lungen, welche ſie quaͤlten, zu zerſtreuen. „Ich glaube, daß es gut waͤre, Flounce, wenn wir dieſen Koffer öffneten, und ein In⸗ ventarium von ſeinem Inhalt machten, weil man dadurch vielleicht einmal Gelegenheit er⸗ hielte, zu entdecken, wem die arme Waſe an⸗ gehoͤrt.“ „Nichts iſt wahrſcheinlicher,⸗ antwporket⸗ Flounce, und machte ſich ſogleich daran, ihn 4 — 143— vermittelſt eines Hammers zu eroͤffnen, da ein Schluͤſſel dazu fehlte. Der erſte Anblick des Inhalts bot nichts Merkwuͤrdiges dar; aber nachdem die Klei⸗ dungsſtuͤcke herausgenommen waren, welche den Koffer anfuͤllten, kam ein kleines Kaͤſtchen zum Vorſchein, in welchem ſich außer einigem Schmuck von geringem Werthe auch ein Mi⸗ niaturgemaͤlde befand, welches die Graͤfin ſo⸗ gleich fuͤr das Bild Sir Ferrew's erkannte, ſo wie ein Schreiben in ſchlechtem Italiaͤniſch, mit ſeinem Namen unterzeichnet, wodurch er der ungluͤcklichen Mutter der Waiſe anzeigte, daß ſie fernerhin nicht mehr auf ſeinen 2i Schus rechnen duͤrfe. 1431 Nachdem man ſich lannge Zeie 7 uͤber dieſe Entdeckung berathſchlagt hatte, welcher der Miſtriß Flounce Anlaß zu den heftigſten Schmaͤhungen gegen das ganze maͤnnliche Ge⸗ ſchlecht gab: beſchloß die Grafin, den Vorfall im Schloſſe durchaus zu verſchweigen; aber Flounce ſollte nach dem Dorfe Rooksborough zuruͤckkehren, und die Wirthin zur Roſe und Krone, dem Gaſthofe, wo die Lady — 4— bei ihrer Durchreiſe abgeſtiegen war, von der gemachten Entdeckung Nachricht geben. Zu⸗ gleich erhielt ſie den Auftrag, in Elderton, einem kleinen Städtchen, welches ſie paſſiren mußte, ein vollſtaͤndiges Kinderzeug und ei⸗ nen Mantel fuͤr die kleine Waiſe einzukaufen, wozu ihr die Graͤfin das Geld mitgab. Am folgenden Morgen fuhr alſo Flounce mit der Londoner Diligence, welche dicht an dem Thore des Schloſſes Elderbower vorbei⸗ kam, nach Rooksborough, und damit die Die⸗ nerſchaft nichts Arges uͤber den Zweck ihrer Reiſe denken moͤchte, ſo hielt ſie es fuͤr gut, ihnen zu ſagen, daß ſie nach London reiſe, um nachtraͤglich einige Gegenſtaͤnde der Gar⸗ derobe ihrer Gebieterin mitzubringen. 4G Da der Wagen in Elderton anhielt, ſo machte Flounce hier den erwaͤhnten Einkauf; in dem Gaſthofe zur Roſe und Krone wurde ſie von der Wirthin aͤußerſt herzlich empfan⸗ gen. Allein kaum hatte ihr Flounce den Zweck ihres Beſuchs bekannt gemacht, ſo antwortete Miſtriß Vintage außerſt kalt, daß ſie ſich durchaus nicht in dieſe Angelegenheit miſchen wolle, da das Geruͤcht umherginge, daß Ferrew vor Kurzem ſein ganzes Vermoͤgen im Spiel verloren habe, und ſein in der Naͤhe befind⸗ liches Gut oͤffentlich verkauft werden ſolle. Flounce war hoͤchſt mißvergnuͤgt uͤber die⸗ ſes Betragen der Wirthin; nachdem ſie alſo die Amme und ihren Säugling nach dem Gaſt⸗ hofe kommen laſſen, und der erſtern das Kinder⸗ zeug uͤbergeben hatte: kehrte ſie ſogleich mit einer andern Diligence, welche von London kam, nach dem Schloſſe zuruͤck, und langte hier ſchon an demſelben Abend wieder an, zum groͤßten Erſtaunen der ganzen Dienerſchaft, welche nicht zu berechnen unterließ, daß ſie unmöglich die Reiſe nach London und zuruͤck in einem Tage habe machen koͤnnen. Der Verdacht, welcher hieraus entſtand, wurde noch Lergroͤßert, als es bekannt wurde, daß Miſt⸗ riß Flounce in dem Städtchen Elderton ein vollſtändiges Kinderzeug gekauft habe; denn ein Zufall wollte, daß die Verkaͤuferin eine gute Freundin der Wirthſchafterin auf dem Schloſſe war. Allerhand Vermuthungen er⸗ hoben ſich jetzt, welche ſo wenig dem Kammer⸗ I. Thl. 10 — 146— maͤdchen als ihrer Gebieterin guͤnſtig ſein konnten; und daß dieſelben durch Miſtriß Poliſher, die Wirthſchafterin, nicht ſogleich der alten Lady zu Ohren kamen, lag nur daran, weil dieſe beſchloſſen hatte, erſt den voͤlligen Bruch zwiſchen dem Grafen und ſei⸗ ner Gemahlin abzuwarten. Neuntes Kapitel. Als eines Morgens der Graf Sandyford die Zeitung der Provinz las, fand er darin die Anzeige von der Verſteigerung des ſämmt⸗ lichen Mobiliars auf dem Schloſſe Rooks⸗ borough, und unter den namentlich aufge⸗ fuͤhrten Gegenſtaͤnden ſiel ihm beſonders ein Porzellan⸗Service auf, welches dem Koͤnige Jacob ll. gehoͤrt haben ſollte. Da dem Gra⸗ fen ein Porzellan⸗Service gerade fehlte, um das Moͤblement ſeines Schloſſes zu vervoll⸗ ſtaͤndigen, und uͤberdieß keine dringenden Ge⸗ ſchaͤfte ihn abhielten: ſo beſchloß er, dieſer Verſteigerung beizuwohnen, und das Porzellan zu kaufen, wenn der Preis nicht zu theuer ſein wuͤrde. — 147— Das Schloß von Rooksborough war dicht bei dem Gaſthofe zur Roſe und Krone gele⸗ gen, ungefaͤhr 12 Stunden von Chaſtington. Der Graf mußte deßwegen ſchon Abends da⸗ ſelbſt eintreffen, und die Nacht dort zubrin⸗ gen, um Morgens zur rechten Zeit bei der Verſteigerung gegenwaͤrtig zu ſein. Da aber Rooksborough nur 4 Stunden von Elderbower entfernt war, und er nicht wuͤnſchte, daß ſeine Mutter erfuͤhre, wie nahe er ihr geweſen ſei⸗ ohne ſie zu beſuchen: ſo entſchloß er ſich, dieſe Reiſe allein zu machen, damit ſie durchaus nicht bekannt wuͤrde. Es war ſchon Nacht, als er in dem Gaſt⸗ hofe zur Roſe und Krone ankam, wo er ein Zimmer nahm. Am folgenden Morgen fruͤh, lange vor dem Anfange der Verſteigerung⸗ ging er in den Park des Schloſſes, um ſich einige Bewegung im Freien zu machen: als ter hier einer jungen Baͤuerin, mit einem Kinde auf dem Arme, begegnete, deſſen ſchoͤne ſchwarze Augen ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Da die Kleidung dieſes Kindes auf eine gute Herkunft deutete, ſo trieb ihn ſeine 10* — 148— Reugier, das Maͤdchen nach den Aeltern deſ⸗ ſelben zu fragen; aber es konnte ihm durch⸗ aus keine Auskunft geben, und Alles, was der Graf erfuhr, war, daß ſite von der Wir⸗ thin zur Roſe und Krone fuͤr die Wartung des Kindes bezahlt wuͤrde, welches eine vor⸗ nehme Dame der Miſtriß Penny, Frau des Gaͤrtners von Sir Ferrew, zum Säugen uͤber⸗ geben habe. Dieſe Antwort ſchien dem Grafen ziem⸗ lich geheimnißvoll zu ſein; nachdem er daher das Porzellan⸗Service, welches ihn zu dieſer Reiſe veranlaßte, gekauft hatte: kehrte er in den Gaſthof zuruͤck, in der Hoffnung, von Miſtriß Vintage einige Nachrichten,das Kind, welches ſeine Neugier reizte, woee e zuziehen. Aber dieſe Wirthin war nicht ſo mittheilend, als er glaubte. Sie beſchraͤnkte ſich darauf, ſeine Fragen mit ſo lakoniſcher Kuͤrze zu beantworten, daß ſie nicht ein Wort mehr hinzufuͤgte, als noͤthig war. „Kennen Sie die Aeltern dieſes Kindes? fragte der Graf. Nach ſeinem Aeußern zu urthei⸗ len, ſcheinen ſie von gutem Stande zu ſein.“ — 149— „Ich weiß es nicht. Seine Mutter iſt kodt, und was ſeinen Vater betrifft, ſo kenne ich ihn durchaus nicht.“ „Wer bezahlt aber die Amme?“ „Ich.“* „Und wer erſtattet Ihnen Ihre Auslagen?“ „Es ſcheint mir, daß dieß nur meine Sorge iſt.“ Der Graf ſah wohl ein, daß ſie nicht ge⸗ neigt war, ſeine Neugierde zu befriedigen, und da dieſes Hinderniß ihn nur noch mehr anſpornte, ſo ſuchte er ſie auf eine geſchicktere Weiſe zum Reden zu bringen. Er leitete daher das Geſpraͤch auf andere Gegenſtäͤnde, ſprach von den bedeutenden Perſonen, die in der Nachbarſchaft umher wohnten, fragte ſie, ob vielleicht ſeit Kurzem einige Reiſende von hohem Stande bei ihr eingekehrt ſeien, und gab ſo der guten Wirthin ihre ganze Red⸗ ſeligkeit wieder. Unter andern erwaͤhnte ſie daher auch der Lady Sandyford, welche ihr vor einiger Zeit die Ehre erzeigt haͤtte, ſich einige Stunden lang in ihrem Gaſthofe auf⸗ — 150— zuhalten; aber indem ſie dieſen Namen nannte, bemerkte der Lord Sandyford, den ſie noch nie geſehen hatte, bei ihr eine Art von Ver⸗ wirrung und Verlegenheit, die ihm auffiel. Die Fragen, welche er hierauf mit großer Leb⸗ haftigkeit an ſie richtete, verdoppelten noch dieſe Verlegenheit der Miſtriß Vintage; und ſte ſah endlich kein anderes Mittel, ſich der⸗ ſelben zu entziehen, als daß ſie ſich ploͤtzlich entfernte, in dem Augenblick, wo Alles, was der Lord ſah und hoͤrte, ihm den heftigſten Argwohn einflößte, daß die Graͤfin dem Ge⸗ heimniß, welches die Herkunft dieſes Kindes verſchleierte, wohl nicht ganz fremd ſei. Un⸗ beſchreiblich war die Unruhe, welche dieſe Un⸗ terredung dem Grafen verurſachte. Er ließ daher ſogleich ſeine Poſtchaiſe kommen, und trat den Ruͤckweg nach Chaſtington an; aber ſchon bei dem erſten Pferdewechſel traf er ſei⸗ nen Kammerdiener Servinal, welcher von London zurückkehrte, wohin er ihn einiger Ge⸗ ſchaͤfte wegen geſandt hatte. Dieſer war zu⸗ faͤllig mit derſelben Diligence gefahren, mit velcher Miſtriß Flounce von Elderbower nach — 151— Rooksborough gereiſet war; und da der Kut⸗ ſcher, welcher ſte kannte, dem Kammerdiener davon erzählt hatte: ſo ermangelte dieſer nicht, es ſogleich ſeinem Herrn mitzutheilen, indem er hinzufuͤgte, daß er nicht begreifen koͤnnte, welche Geſchäfte wohl die Kammerjungfer nach dem Gaſthofe zur Roſe und Krone haͤtten fuͤhren moͤgen. Das hieß Oel in's Feuer gießen. Der Graf zweifelte keinen Augenblick laͤnger, daß die Sendung des Kammermädchens das ge⸗ heimnißvolle Kind zur Urſache gehabt habe; und als er ſich nach ſeiner Ankunft im Schloſſe in ſeinem Bibliothekzimmer allein befand, uͤberfiel ihn eine Art von Wuth und Ver⸗ zweiflung. Zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben fuͤhlte er die Qualen der Eiferſucht. Die Gräfin ſtellte ſich ſeiner Einbildungskraft in der ganzen Fuͤlle ihrer Grazie, mit allen Rei⸗ zen ihrer Schoͤnheit und Jugend dar; er uͤberließ ſich ganz der Reue und dem Kum⸗ mer über ihren Verluſt, und fing endlich bit⸗ terlich an zu weinen. Aber bald veraͤnderten ſich ſeine Vorſtel⸗ 9 tungen. Er dachte jetzt daruͤber nach, mit welcher Innigkeit er ſie geliebt hatte; mit welcher Kaͤlte ſie ſeine Zärtlichkeit erwiederte, mit welcher Eitelkeit ſie die rauſchenden Ver⸗ gnuͤgungen der großen Welt der ruhigen und einſamen Geſellſchaft ihres ſie liebenden Ge⸗ mahles vorzog. Seine vorige Wuth erneuerte ſich. Er beſchuldigte die Graͤfin, daß ſie das gefuͤhlloſeſte, undankbarſte, liſtigſte und treu⸗ loſeſte aller Weiber ſei; und nachdem er ploͤtz⸗ lich von ſeinem Sitze aufgeſprungen war, ging er mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder, den gluͤhendſten Zorn in ſei⸗ nen Geſichtszuͤgen, die Verzweiflung in ſeinen Blicken, ſeine Haͤnde gen Himmel erhoben— als ſich die Thuͤr öffnete, und er ſeine Mut⸗ ter eintreten ſah. Der Zufall hatte die ehrwuͤrdige Matrone benachrichtigt, daß ihr Sohn in Chaſtington⸗ Hall ſei, und indem die muͤtterliche Liebe jede andere Ruͤckſicht hinten anſetzte, hatte ſie ſich entſchloſſen, ſogleich abzureiſen. Selbſt die Graͤfin glaubte ſich dieſem Naturgefuͤhle nicht widerſetzen zu duͤrfen. — 153— Der Graf blieb unbeweglich vor Erſtau⸗ nen uͤber dieſen unerwarteten Beſuch. Seine Mutter eilte auf ihn zu, ſchloß ihn in ihre Arme, und ſagte unter einem Strom von Thraͤnen:„Ungluͤckliches Kind! So ſehe ich Dich wieder?“ Nachdem ſich die Wittwe einigermaßen von den Ausbruͤchen ihres lebhaften Gefuͤhls erholt hatte, ſetzte ſie ſich neben ihren Sohn, und machte ihm in einem ruhigen Tone Vor⸗ ſtellungen uͤber die Einſamkeit, zu welcher er ſich verdammt haͤtte; ſie ſchloß endlich damit, daß ſie ihm zu erkennen gab, wie ſehr ſie wuͤnſchte, daß die Einigkeit zwiſchen ihm und ſeiner Gemahlin wieder hergeſtellt wuͤrde. „Wie! rief der Graf entrüſtet aus, halten Sie mich fuͤr niedrig, fuͤr veraͤchtlich genug, einem ehebrecheriſchen Weibe meine Arme zu offnen? Ich kann nicht mehr daran zweifeln; ich habe mit eigenen Augen den lebendigen Beweis ihres Verbrechens geſehen. Reden wir nicht mehr von ihr! Moͤge ſie mit ihrer Schande begraben werden!“ Die alte Graͤſin war wie vom Blitz ge⸗ — 154— troffen; ſtillſchweigend blickte ſie auf ihren Sohn, denn es wäre ihr unmöglich geweſen zu reden. Erſt nach einigen Minuten wurde ſie wieder ruhig genug, ihn zu fragen, worauf er eine ſolche Beſchuldigungen ſtuͤtze. Der Graf erzaͤhlte jetzt ſeine Reiſe nach Rooks⸗ borough und die damit verknuͤpften Umſtände. Seine Mutter wandte Alles an, ihn von der Unmoglichkeit ſeiner Vermuthungen zu uͤber⸗ zeugen, aber vergebens: der Graf uͤberließ ſich von Neuem den Ausbrüchen ſeines heftigſten Zorns, indem er die Eitelkeit, die Gefuͤhlloſig⸗ keit ſeiner Gemahlin, und ihre Sucht zu glaͤn⸗ zen mit den ſchwaͤrzeſten Farben ſchilderte. „George! unterbrach ihn endlich ſeine Mutter mit dem Tone der Ruhe und Maͤßi⸗ gung, wozu dieſe Heftigkeit? Wenn Deine Frau ſo iſt, wie Du ſie ſchilderſt, iſt ſie der⸗ ſelben nicht werth; aber ich bin uͤberzeugt, daß Deine Vermuthungen nur allzugewagt ſind, und daß ein trauriges Mißverſtaͤndniß Dich taͤuſcht.“ „Hier iſt weder eine bloße Vermuthung, noch ein Mißverſtaͤndniß, rief der Graf; aber — 155— ich bitte Sie, reden wir nicht mehr davon! Ich bin entzuͤckt, Sie in Chaſtington⸗Hall zu ſehen, und werde Ihnen morgen die Ver⸗ beſſerungen zeigen, die ich hier mache.“ Nachdem er ſo dem Geſpraͤch plötzlich eine andere Wendung gegeben hatte, erhielt er in einigen Minuten ganz ſeine frohe Laune wie⸗ der; aber er hatte bei ſich beſchloſſen, dieſem Geheimniß voͤllig auf den Grund zu kommen, da man behauptete, daß ein Mißverſtaͤndniß dabei obwalten koͤnne. An demſelben Abend ſchrieb er daher noch an Vellum, daß er ihm Wylie'n zuſchicken moͤchte, da er ihn zur Be⸗ ſorgung einiger haͤuslichen Geſchaͤfte gebrau⸗ chen wolle. Die alte Gräſin befand ſich in der groͤß⸗ ten Verlegenheit. Als ſie ihre Schwiegertoch⸗ ter verließ, hatte ſie ihr verſprochen, binnen drei Tagen zuruͤckzukommen, oder ihr zu ſchrei⸗ ben. Aber nach den uͤblen Nachrichten, die ihr jetzt zu Ohren gekommen waren, glaubte ſie es ſich ſelbſt ſchuldig zu ſein, ihr Ver⸗ ſprechen nicht zu halten, obgleich ſie immer noch nicht uͤber ſich gewinnen konnte, einen — 1486— wirklich entehrenden Verdacht gegen ſie zu hegen, da ſie ſich ihr waͤhrend ihres Aufent⸗ halts in Elderbower nur von den vortheil⸗ hafteſten Seiten gezeigt hatte. Das Geruͤcht von der Anweſenheit der verwittweten Lady Sandyford in Chaſtington verbreitete ſich bald in der ganzen Nachbar⸗ ſchaft, und das Schloß war von nun an ohne Unterlaß mit den Beſuchen der wuͤrdigen Matronen beehrt, welche die Lady in fruͤheren Zeiten gekannt hatten. Treue Ritter, groͤß⸗ tentheils von einem reifen Alter, begleiteten dieſe Damen bei ihren Beſuchen, und die Wittwe erkannte mit Vergnuͤgen unter ihnen einen kleinen Greis, in Beinkleidern von ſchwarzem Atlas, mit himmelblauen ſeidnen Struͤmpfen, weißer Weſte, gruͤnem Frack, ei⸗ ner wohlgepuderten Peruͤcke, und großen gol⸗ denen Ohrringen,— den Doktor Trefoil, welcher in juͤngeren Jahren ihr Leibarzt ge⸗ weſen war. Kaum hatte er ihr die erſten Hoflichkeitsbezeigungen gemacht, als ſie ſich der Feinheit und Geſchicklichkeit erinnerte, wo⸗ von er fruͤher haͤufige Beweiſe abgelegt hatte; — 157— und ſie glaubte daher keinen beſſern Unter⸗ handler finden zu koͤnnen, um den Schleier von der geheimnißvollen Geburt des Kindes in Rooksborough zu ziehen. Unterdeſſen befand ſich die ungluͤckliche Graͤfin von Sandyford zu Elderbower in der ſchrecklichſten Lage von der Welt. Als ſte erfuhr, daß ihr Gemahl London verlaſſen habe, ſchrieb ſie dieſes Ereigniß anfangs bloß einer voruͤbergehenden Laune zu; aber ihr Vater benachrichtigte ſie bald darauf, daß Vellum das Haus des Lords bezogen habe, und daß alle Bedienten, zwei oder drei ausgenommen, voͤllig verabſchiedet worden ſeien. Jetzt fuͤhlte ſie, daß eine große Veraͤnderung in den Geſuu⸗ nungen ihres Gemahls vorgegangen ſein müſſe, und indem ſie ſich erinnerte, daß er fruher ſchon haͤufig Beweiſe eines aͤußerſt feſten Cha⸗ rakters gegeben habe, bemaͤchtigte ſich ihrer ein unbeſchreiblicher Schrecken. Ihr Kummer wurde noch vermehrt, als ſie nach einigen Tagen von ihrer Schwiegermutter einen höchſt lakoniſchen Brief erhielt, welcher ihr in zwei Zeilen bloß anzeigte, daß die Wirtwe noch — 138— laͤnger bei ihrem Sohne bleiben tvuͤrde, als ſie es ſich anfangs vorgenommen haͤtte. Dieß war ein neues Geheimniß fuͤr ſie, und eben ſo erſtaunenswerth, als das Betragen des Grafen.. MNehrere Tage vergingen, ohne daß Lady Sandyford Par die geringſte Nachricht von ißger Schwiegermutter erhielt. Sie war un— roͤſtlich, und Flounce ſuchte vergebens, ſie durch 1 ihr Plaudereien einigermaßen zu zerſtreuen. Dan erreichte, ſo machte es der Graͤfin endlich den Vorſchlag, der kleinen Waiſe einen Beſuch abzuſtatten.„Es iſt das ſchoͤnſte Kind, das man z er Welt nur ſehen kann, ſagte ſie, und Sif werden eben ſo ſehr erſtaunt als entzuͤckt aruͤber ſein. Uebrigens ſind es ja nur vier Stunden, und wenn Sie des Morgens dahin -ren, ſo koͤnnen Sie leicht zum Mittagseſſen 85 wieder zuruͤck ſein.“ War es nur Neugierde, oder Langeweile, oder der Wunſch, ſich ihren traurigen Gedan⸗ ken auf einige Zeit zu entziehen: die Graͤfin willigte in dieſen Vorſchlag; ſie ließ eine Poſt⸗ das Kammermäͤdchen ihren Wunſch nicht chaiſe kommen, und fuhr, bloß in Begleitung ihrer Kammerjungfer, nach Rooksborough. Nachdem ſie ſich einige Zeit lang mit der kleinen Aline beluſtigt hatte, deren Schoͤnheit ihr von Flounce durchaus nicht übertrieben ſchien: ging die Graͤfin in den nahe gelegenen Park des Schloſſes, um einen kleinen Spa⸗ ziergang zu machen, und ließ ihr Maͤdchen in dem Gaſthofe zuruͤck. Waͤhrend ſie ſich im Gehen völlig ihrem Nachdenken uͤberließ, ſah ſte ſich ploͤtzlich durch die Erſcheinung eines Mannes überraſcht, welcher, ein Piſtol in der Hand, ſo eben aus einer Laube trat. Sein Aeußeres ließ der Graͤfin keinen Zweifel uͤbrig, daß er einen Mord gegen ſich ſelbſt im Schilde fuͤhre; und fortgeriſſen von einer unwiderſteh⸗ lichen Bewegung des Schreckens und des Ab⸗ ſcheus, lief ſie auf ihn zu, entriß ihm, ehe er noch Zeit hatte, ſie anzublicken, das Piſtol, welches ſie in eine dicht neben ihnen befind⸗ lichen Waſſertonne warf, und erkannte in dem⸗ ſelben Augenblick Sir Ferrew, den ungluͤck⸗ lichen ehemaligen Eigenthuͤmer des Schloſſes. Auch er erkannte ſie jetzt, und rief:„Gerech⸗ — 160— ter Himmel! Lady Sandyford! Ach! fuhr er fort, ſich jetzt vor ihr auf ein Knie nieder⸗ laſſend und ihre Hand kuͤſſend: Hat der Him⸗ mel Sie geſendet, mich zu retten?“ In dieſem kritiſchen Augenblicke trat die verwittwete Lady Sandyford, auf den Arm des Doktor Trefoil geſtuͤtzt, in den Garten. Sie erkannte ſogleich ihre Schwiegertochter, ſah Ferrew zu ihren Fuͤßen, wie er eine ih⸗ rer Haͤnde kuͤßte; und ohne auch nur ein ein⸗ ziges Wort hervorzubringen, entfernte ſie ſich ſogleich wieder und ſtieg in ihren Wagen, welchen ſie an der Thuür des Gartens hatte ſtehen laſſen. Sie befahl zugleich ihrem Kut⸗ ſcher, nach Chaſtington zuruͤckzufahren. Waͤhrend dieſer Zeit hatte Lady Sandy⸗ ford, die ihre Schwiegermutter nicht erblickte, und daher von der falſchen Auslegung dieſer Szene nichts wußte, nach einer kurzen Un⸗ terhaltung von Ferrew das Verſprechen er⸗ halten, keinen Verſuch gegen ſein eigenes Le⸗ ben mehr zu machen, und verließ ihn, um in den Gaſthof zuruͤckzukehren. Wie ſehr er⸗ ſtaunte ſie hier, als ſie erfuhr, daß ihre — 161— Schwiegermutter einige Augenblicke vor dem⸗ ſelben angehalten haͤtte, aber, nach vielen Er⸗ kundigungen uͤber die kleine Waiſe, wieder fortgefahren waͤre. „Ich glaube, ſagte die Wirthin, die ihr dieſe Nachricht brachte, daß ſie aus beſonderer Urſache, und geradesweges von Chaſtington hierher gekommen iſt; denn die Amme und Ihr Kammermaͤdchen waren in dem Park, und Mylady begab ſich ſogleich dahin, um ſie aufzuſuchen. Es thut mir ſehr leid, daß ich ſelbſt gerade nicht hier war, da ſie nehrmals nach mir gefragt hat.“ Ddie Graͤfin ſtieg in ihre Poſtehaiſe, von der traurigen Ahnung irgend eines neuen Un⸗ gluͤcks ſo beklommen, daß ſie waͤhrend der erſten Haͤlfte des Weges auch nicht ein einziges Wort ſprach. Als ſie aber an dem Orte an⸗ langte, wo die Straße nach Elderbower mit der großen Londoner Straße zuſammenſtoͤßt, begegneten ſie einer von der Hauptſtadt her⸗ kommenden Diligence.„So gewiß als ich Augen habe, rief jetzt auf ein Mal die Kam⸗ merjungfer, da ſehe ich unſer Schottiſches Ori⸗ I. Thl. 1I1 — 162— ginal auf der Imperiale dieſer Diligence! Wo mag er wohl jetzt hinfahren, um mit ſeinen Fingern zu knallen, mit den Augen zu blin⸗ zen, und hundert Geſichter zu ſchneiden, daß man ſich die Seiten vor Lachen halten muß?“ „Ich haͤtte ihn gern geſprochen, ſagte die Graͤfin. Waͤre es moͤglich, daß er nach Cha⸗ ſtington fuͤhre?“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu. Sie uͤberließ ſich jetzt wieder ihren voringen trauri⸗ gen Gedanken. Es muß mich J. und bei Sandyford angeſchwärzt haben, dachte ſie; aber ſollte auch ſeine Mutter denſelben Verdacht hegen? Kann er einem bloßen Zeitungs⸗Ar⸗ tikel ſo viel Glauben beimeſſen, daß er mich verurtheilt, ohne mich zu hoͤren, ohne irgend einen Beweis zu haben, ohne einmal Erkun⸗ digung einzuziehen? Ich Ungluͤckliche! Oft genug hat er mir vorgeworfen, daß ich kein Herz beſitze! Ach, er wird es jetzt ſehen, daß ich vor Herzenskummer ſterben kann! Ja, ich fuͤhle es, daß ich es kann!“ Am andern Morgen kam in Elderbower ein außerordentlicher Bote aus Burisland an, einem Gute des Marquis von Avonſide, und — 163— haͤndigte der Graͤfin ein Schreiben ihres Va⸗ ters ein. Dieſer bezeigte ihr darin ſein Be⸗ dauern daruͤber, daß ſie von der verwittweten Lady Sandyford verlaſſen worden ſei; meldete ihr, daß ſein Schloß Britonsbeild zu ihrer Aufnahme bereit ſtehe; rieth ihr, ſich ſogleich dahin zu begeben, und forderte ſie auf, ihm anzuzeigen, was er fuͤr ſie thun ſolle, da er nach London wichtiger Geſchaͤfte wegen zuruͤck⸗ kehren muͤſſe. Dieſer Brief, und vorzuͤglich die Worte: „von der verwittweten Lady San⸗ dyford verlaſſen“ waren ihr Dolchſtiche in das ſchon gebrochene Herz. Sie klingelte haſtig, und verlangte ſogleich eine Poſtchaiſe. Ihr erſter Entſchluß war, ſich nach Chaſting⸗ ton⸗Hall zu begeben; aber ungluͤcklicherweiſe veraͤnderte ſie ihn, da ſie ihren Vater noch in Burisland zu finden hoffte. Als ſie dort an⸗ kam, war er ſchon ſeit drei Tagen wieder abge⸗ reiſet; doch ſtieg ſie daſelbſt ab, ſchrieb an ihre Schwiegermutter, legte den Brief ihres Vaters bei, und bat ſie, ihr deſſen Inhalt zu erklaͤren. Hierauf befahl ſie einem Diener, 11* — 164— zu Pferde zu ſkeigen, das Schreiben nach Cha⸗ ſtington zu bringen, und um eine Antwort darauf zu bitten. 8 Der Bote kam in dem Augenblicke an, wo die alte Graͤfin im Begriff war, ſich zu Tiſche zu begeben, und das Schreiben ihrer Schwieger⸗ tochter wurde ihr in ihrem Zimmer eingehaͤn⸗ digt. Sie las es, ſo wie das des Marquis, in aller Eil, legte beide in ein neues Couvert, welches ſie mit von innerer Bewegung zittern⸗ den Haͤnden zuſammenfaltete, und begnuͤgte ſich, noch zwei Zeilen hinzuzufuͤgen, welche die Lady Sandyford benachrichtigten, daß ihr Be⸗ ſuch auf dem Schloſſe Rooksborough, ſo wie ihre heimliche Zuſammenkunft mit Sir Fer⸗ rew, ihr einen hineeichenen Aufſehluß geben muͤßten. 4 Zehntes Kapitel. Dicht an der Allee, welche von der großen Londoner Straße nach dem Schloſſe Chaſting⸗ ton⸗Hall fuͤhrt, befindet ſich ein Wirthshaus, welches das Wappen der Grafen von Sandy⸗ ford zum Aushaͤngeſchilde hat. Dieſes wurde — 165— vorzuͤglich von den Bedienten derjenigen Per⸗ ſonen, die nach dem Schloſſe kamen, beſucht, ſo wie von den Arbeitern, welche im Park und in den Waldungen angeſtellt waren. Auch hielten die vorbeifahrenden Diligencen gewoͤhn⸗ lich dort an, um Pakete oder Briefe abzugeben, wie die Poſtillons behaupteten; aber nach der Verſicherung der Reiſenden nur, um ſich des Morgens an einem Glaſe Milch mit Rum, und des Abends an einer Pinte guten Ale's zu erquicken. Hier ſtieg André, welcher die oͤkonomiſche Art, auf der Imperiale der Dili⸗ gence zu reiſen, vorgezogen hatte, dermaßen mit Staub bedeckt, ab, daß einer ſeiner Reiſe⸗ gefaͤhrten, welcher, obgleich ein Irlaͤnder, im Innern des Wagens geſeſſen hatte, zu ihm ſagte:„Wenn er eine Kartoffel waͤre, ſo wuͤrde er ohne Weiteres aus der Erde wachſen koͤn⸗ nen.“ Ohne auf dieſe Spötterei zu antworten, ließ er ſich in dem Wirthshauſe eine Stube geben, oͤffnete ſeinen kleinen Mantelſack, und machte ſeine Toilette auf dieſelbe Art, wie er es in London gewohnt war, wenn er zum — 166— Grafen gehen wollte. Aber als ein höoͤchſt vorſichtiger Mann trug er Sorge, ſich be⸗ dingungsweiſe ein Bett in Bereitſchaft zu hal⸗ ten.„Sie ſind eine hoͤchſt rechtſchaffene und liebenswuͤrdige Frau, Miſtriß Tapper, ſagte er zur Wirthin, und ich wuͤrde mit vielem Vergnuͤgen bei Ihnen uͤbernachten, wie es leicht geſchehen kann. Daher bin ich der Meinung, daß Sie wohl thun wuͤrden, fuͤr mich ein Bett zu bewahren; dennoch aber, wenn ich bis Mitternacht nicht zuruͤck ſein ſollte, ſo haben Sie nicht noͤthig, laͤnger auf mich zu warten.“ Der Grund dieſer Vorſicht war, daß er zwar darauf rechnete, im Schloſſe zum Ueber⸗ nachten eingeladen zu werden; ſollte er ſich aber in dieſer Erwartung taͤuſchen, ſo wollte er nicht ohne ſeine gewöhnliche Bequemlich⸗ keit ſein, und er hatte daher ſeinen Bogen mit dieſer doppelten Sehne beſpannt. Er betrat hierauf die große Allee, welche nach dem Schloſſe fuͤhrte, und erſtaunte bei ſeiner Annaͤherung uͤber die praͤchtige Bauart und aͤußere Verzierung dieſes Gebäudes. Als / — 167— er an der Thuͤr deſſelben ankam, trat er in eine geraͤumige Vorflur, ohne noͤthig zu haben, zu klopfen oder zu klingeln. Aber kaum war er einige Schritte vorwaͤrts gegangen, als der Thuͤrſteher, eine Figur mit wichtiger Miene, und von der anſehnlichſten Wohlbe⸗ leibtheit, ihn anhielt, indem er ihn mit einem etwas harten Tone nach ſeinem Begehren fragte. „Ich komme von London, und habe mit Mylord Geſchäͤfte,“ war André's Antwort. Peter Baton, der Thuͤrſteher, muſterte ihn jetzt vom Kopfe bis zu den Fuͤßen, und da er weder in ſeiner Miene noch in ſeiner Kleidung irgend etwas entdeckte, das ihn zu der Vermuthung berechtigte, André koͤnne an der Geſellſchaft ſeines Herrn Theil nehmen: ſo ſagte er zu ihm:„Mylord iſt ausgeritten, Freund, und ich glaube nicht, daß er ſogleich wieder zuruͤckkommen wird. Tretet unterdeſſen in das Vorzimmer, und ruht Euch aus! Ihr koͤnnt dort mit den Bedienten plaudern, und einen Trunk guten Ale's erhalten; denn daran fehlt's im Schloſſe nicht.“ — 168— „Ich danke fuͤr Eure Hoͤflichkeit, antwor⸗ tete unſer Held; aber da ich nur mit dem Grafen zu ſchaffen habe, ſo bin ich der Mei⸗ nung, daß ich beſſer thue, unterdeſſen in der Umgegend ſpazieren zu gehen.“ Aber in demſelben Augenblicke kam Lord Sandyford zuruͤck. Er erkannte André, und empfing ihn mit ſo viel Freundſchaftlichkeit und Froͤhlichkeit, daß kein Zweifel uͤbrig blieb, wie gern er geſehen wuͤrde. Peter Baton er⸗ ſtaunte, und begab ſich auf ſeinen Poſten, indem er halblaut zu ſich ſelbſt ſagte: Wer Teufel mag denn dieſes Original wohl ſeyn? Der Graf begab ſich nun mit ihm in ſein Bibliothekzimmer, wo André eine ſo ko⸗ miſche Beſchreibung ſeiner Reiſe machte, daß Sandyford an nichts weniger mehr, als an die truͤben Vorſtellungen dachte, welche ſeinen Geiſt fortwaͤhrend beunruhigten. „Ja, ja, Mylord, ſchloß André ſeinen Rei⸗ ſebericht, es iſt keine Kleinigkeit, des Nachts auf der Imperiale zu reiſen.“ „Ich glaube es, Wylie; aber warum nah⸗ men Sie nicht einen Platz im Wagen?“ —, — 169— Da der Graf ihm hoͤchſt freigebig eine anſehnliche Summe zur Beſtreitung der Rei⸗ ſekoſten uͤberſendet hatte, ſo wollte André nicht geſtehen, daß ſeine Sparſamkeit die eigentliche Urſache ſei. Er hielt es alſo fuͤr beſſer, der Frage auszuweichen.„Kurz und gut, My⸗ lord, ſagte er, nicht Jedermann liebt es, im Innern eines Wagens zu reiſen, vorzuͤglich wenn man ſo ſitzen muß, daß man den Pfer⸗ den den Ruͤcken zudreht.“ 8 „Aber was hinderte Sie, einen Platz auf dem hintern Sitze zu nehmen?“ fragte der Graf boshafterweiſe, da er ſehr gut die wahre Urſache kannte, warum André der Imperiale den Vorzug gegeben hatte. 4 „Sie koͤnnen Recht haben, mich danach zu fragen, Mylord; aber ich glaubte, daß die Reiſe auf dieſe Art angenehmer ſein wuͤrde; und in der That, als der Morgen anbrach, war es ein praͤchtiger Anblick, an jedem Blatte der Baͤume und Geſtraͤuche einen Thautropfen, gleich einer glaͤnzenden Perle, haͤngen zu ſehen. Man haͤtte ſagen ſollen, daß jeder Baum ein — 171— liche Frau iſt, erwiederte André, ſo bin ich der Meinung, duß ich ihr Alles werde hingehen laſſen koͤnnen, was ſie auch ſagen moͤchte.“ „Ganz gut, antwortete der Graf; aber hier iſt davon die Rede, ob ſie es auch fuͤr gut finden moͤchte, Alles hingehen zu laſſen, was Sie ſagen koͤnnten. Sie wiſſen, daß die Frauen von gewiſſem Alter darauf halten, daß Alles nach ihrem Willen gehe.“ „Ho! ho! Mylord, darauf halten ſie wohl alle. Aber ich wage zu behaupten, daß die alte Graͤfin ſich an einem andern Feuer waͤr⸗ men wird, als Sie wohl glauben; und wenn ich ſie einmal erſt zum Lachen bewege, ſo ſollen Sie ſehen, daß ich nicht auf ſo gutem Wege ſtehen bleibe. Denn unſere junge Dame, welche zuruͤckhaltend gegen alle Uebrigen war, hatte mich zu ihrem Liebling erwaͤhlt, wie Sie wiſſen.“ Die Geſichtszuͤge des Grafen veraͤnderten ſich auf einmal bei dieſen Worten. Er ſtand vom Sofa auf, und ging mehrere Male im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort hervor⸗ — 170— Braͤutigam geweſen waͤre, der im Begriff ſtände, ſich zur Hochzeit zu begeben.“ „Wie! rief der Graf lachend aus; bei Gott, das klingt wie Poeſte! Der Schatz Ihrer Talente iſt unerſchoͤpflich, Wylie!“ „Ich weiß, daß Sie gern ſcherzen, Mylord, ſagte André mit einer vortrefflich geſpielten Ernſthaftigkeit. Aber zur Poeſie werde ich mich hoffentlich nie verſteigen. Eſſen und Trinken iſt mir lieber, und ich geſtehe, daß nach meiner Reiſe mir eine kleine Fuͤtterung nicht uͤbel bekommen würde.“ Lord Sandyford klingelte einem Bedienten, und befahl, Erfriſchungen herbei zu bringen.— „Meine Mutter iſt jetzt hier, ſagte er darauf; doch iſt ſie gerade nicht zu Hauſe, und wir werden ſie zum Mittagseſſen erwarten müſſen. Aber ich mache Sie im Vorbeigehen darauf aufmerkſam, daß ſie noch von der alten Schule iſt, und Sie daher in Ihrer Gegen⸗ wart gut thun wuͤrden, auf Ihrer Hut zu ſein.“ „Wenn es gerade keine ganz außerordent⸗ — 172— zubringen. André bemerkte ſeine innere Be⸗ wegung, und da er glaubte, ſchon zu weit vorgeruͤckt zu ſein, um wieder umkehren zu koͤnnen, fuhr er fort:„Die Dankbarkeit, My⸗ lord, hat mich auf immer an Sie und an die Ihrigen gefeſſelt, und Sie muͤſſen mir daher erlauben, von Mylady zu ſprechen, wie ich denke. Sie iſt eine Frau, Mylord, wie man deren wenige findet; aber auch die beſte Speiſe bedarf eines guten Kochs.“ Der Graf blieb ſtehen, und blickte André, die Stirn runzelnd, an. „Ich bin kein Spieler, Mylord, fuhr un⸗ ſer Held fort; aber ich moͤchte wohl eine Stecknadel gegen einen Heller verwetten, daß⸗ obgleich Ihre Herrlichkeit immer Recht ha⸗ ben, Mylady doch nicht ſo ganz Unrecht hat.“ Dieſe Worte triumphirten uͤber die Ernſt⸗ haftigkeit des Grafen. Er drehte ſich auf den Abſäͤtzen herum, und ſagte lachend:„Sie glauben alſo, Wylie, daß ich mit meiner Frau etwas zu anmaßend, zu ſehr geradehin verfahren bin?“ — 173— „Zu ſehr geradehin, Mylord, das iſt der Ausdruck. Sie handelten, wie es Ihnen gut duͤnkte, ohne ſich darum zu bekuͤmmern, was ſie davon denken moͤchte. Nach meiner Mei⸗ nung waͤre es das Beſte, was Sie beide thun koͤnnten, daß Sie ſich mit einander wieder ausſohnten.“ „Unmoͤglich, Wylie! Unmuͤglich!“ rief der Graf. Er theilte André'n hierauf Alles mit, was ihm in dem Betragen ſeiner Ge⸗ mahlin unerklaͤrlich ſchien; ſprach von dem Kinde, welches im Dorfe Rooksborough erzo⸗ gen wurde, und eroͤffnete ihm ſeine Abſicht, ihm die genaueſte Erforſchung aller dieſer Thatſachen zu uͤbertragen. André hoͤrte ihn mit dem groͤßten Erſtaunen an, ohne ihn zu unterbrechen; doch war er uͤberzeugt, daß hier Mißverſtaͤndniſſe obwalten muͤßten. Der Graf ſprach mit eben ſo viel Heftigkeit, als Energie und Gefuhl; nachdem er aber geendigt hatte, ſagte André mit einem Tone der Wahrheit, den man unmoͤglich uͤbel deuten konnte: „Sie haben bei allen Gelegenheiten uͤber mich zu befehlen, Mylord; es iſt meine Pflicht, — 174— mein Intereſſe und mein Vergnuͤgen, Ihnen zu dienen, und ich werde es als ein rechtſchaffe⸗ ner Mann thun. Aber ich will weder einen Helfer noch einen Seſellſchafter dabei haben. Mylady, Ihre Frau Mutter, und der Doktor, welche jetzt ausgefahren ſind, um die Wirths⸗ häuſer zu durchſtreifen, koͤnnen leicht einen Kuckuck im Neſte fangen, oder ein Kalb auf einer Wieſe an einen Pfahl binden, waͤhrend ſie ſich einbilden, einen Hecht gefiſcht zu haben.“ Ehe noch der Graf Zeit hatte, ihm zu ant⸗ worten, hoͤrte man das Geraͤuſch des Wagens, in welchem die alte Graͤfin und der Doktor Trefoil zuruͤckkehrten; und faſt in demſelben Augenblick erſchienen ſie im Bibliothekzimmer, die erſtere mit unruhiger und niedergeſchlage⸗ ner Miene, auf den Arm des Doktors ge⸗ ſtuͤtzt. André glaubte auf der Stelle zu bemer⸗ ken, daß ſie einen Kuckuck oder ein Kalb ge⸗ fangen haͤtten, wie er es vorherſah, und daß ſie glaubten, einen Hecht gefiſcht zu haben, doch ſagte er nichts. Als die Wittwe einen Unbekannten erblickte, gab ſie ihrem Sohne — 175— ein Zeichen, und zog ſich in ein anderes Zim⸗ mer zuruͤck. Sobald ſie fort waren, naherte ſich unſer Held dem kleinen Doktor, und fragte ihn ohne weitere Umſchweife:„Nun, Herr Doktor, was haben Sie in Ihrem Netze gefangen?“ Der Doktor machte eine Bewegung des Erſtaunens, und betrachtete André, ungefaͤhr wie er irgend einen großen Wurm betrachtet haben wuͤrde, vor welchem er ſich fuͤrchtete. Endlich erholte er ſich, und ſagte:„Waͤre es mir erlaubt zu fragen, mit wem ich die Ehre habe zu ſprechen, und was Sie eigentlich ſagen wollen?“ André, deſſen Inſtinkt ihn niemals taͤuſchte, ſah ſogleich, welche Art von Weſen der Dok⸗ tor Trefoil ſei, und beſchloß ihn auszufor⸗ ſchen.—„Sie reden mit André Wylie, Herr Doktor, antwortete er, und ich in der Mei⸗ nung, daß dieß gerade keine große Ehre iſt; aber ich wuͤnſchte zu wiſſen, was Sie ſo eben in der Angelegenheit erfuhren, in welcher Sie auf den Strauch geſchlagen haben.“ 4 — 176— „Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr, ſagte der Doktor, etwas außer Faſſung gebracht; aber wenn Sie von dem Erfolge meiner Reiſe mit Lady Sandyford nach Rooksborough ſpre⸗ chen, ſo thut es mir leid, Ihnen ſagen zu muͤſſen, daß er hoͤchſt aͤrgerlich iſt. Die Graͤ⸗ fin und ich haben heute morgen in dem Park des dortigen Schloſſes die Unannehmlichkeit gehabt, die ungluͤckliche Lady Auguſte Spangle zu ſehen; denn den Namen einer Graͤfin San⸗ dyford verdient ſie nicht mehr..... „Holla! holla! Doktor! Nicht ſo raſch! Nicht ſo gleich im Galopp! Nun, was haben Sie geſehen?“ „Wir haben dieſe ungluͤckliche Frau mit Sir Ferrew in einer hoͤchſt unzweideutigen Stellung geſehen.“ „Nun, Doktor Trefoil, wenn ich nicht ſicher wäͤre, daß Sie ſich haben Sand in die Au⸗ gen ſtreuen laſſen: ſo wollte ich wetten, daß Sie es verſuchen, andern Leuten Sand in die Augen zu ſtreuen. Sie haͤtten beſſer gethan, in Ihrem Neſte zu Hauſe zu bleiben, und 4 Pflaſter zu ſtreichen, als daß Sie ſo auf den Feldern mit einer alten Wittwe umherlaufen, um die Loͤcher in den Kleidern anderer Leute aufzuſuchen.“. „Mein Herr! ſchrie Trefoil, gluͤhend vor Zorn, eine ſolche Sprache enthaͤlt Beleidigun⸗ gen fuͤr einen Mann, wie ich bin.“ „Horen Sie mich, Doktor Trefoil, und ich werde Ihnen etwas ſagen, was Ihnen vielleicht lieb ſein wird. Ich bin kein Schlaͤ⸗ ger; die toͤdtlichſte Waffe, die jemals in mei⸗ nen Haͤnden geweſen iſt, war ein gefuͤlltes Medizinglas; und wenn Sie daher Ihre Milch ſo ſtark kochen laſſen, ſo wird der ganze Er⸗ folg davon ſein, daß Sie einen Theil verlie⸗ ren. Glauben Sie mir alſo, werden Sie nicht hitzig, denn Sie moͤchten ſonſt Ihre Eßluſt zum bevorſtehenden Mittagsbrot ver⸗ lieren, wie es Ihnen ſchon mit dem Ausbruch Ihres Muthes gegangen iſt, den ich Ihnen verzeihe; denn ich hoffe, wir werden noch als ein Paar gute Freunde Arm in Arm mit einander gehen. Indeſſen in zwei Punkten werden wir immer verſchiedener Meinung blei⸗ I. Thl. 12 — 178— ben: erſtlich, weil ich ſtets behaupten werde, daß alle Arzneien einen abſcheulichen Geſchmack haben; und zweitens, daß ich eines beſſeren Zeugniſſes bedarf, als desjenigen Ihrer fuͤnf natuͤrlichen Sinne, um mich glauben zu machen, daß Sie und dieſe arme, gute, alte Dame in dem Garten von Rooksborough die beiden Geiſter geſehen haben, von denen Sie reden.“ „Die beiden Geiſter?“ „Ja, die beiden Geiſter, Doktor, und ich bin der Meinung, daß es zwei Geiſter von irgend einigen Ihrer Kranken waren, weil ſie Ihnen ſo viel Furcht eingejagt haben. Was haben Sie zu ihnen geſagt? Was haben jene ge⸗ antwortet?“ „Sie ſetzen mich außerordentlich in Er⸗ ſtaunen, mein Herr, ganz außerordentlich! In meinem ganzen Leben habe ich etwas Aehn⸗ liches noch nicht gehoͤrt. Ich ſage Ihnen, mein Herr, daß die verwittwete Graͤfin ſo⸗ gleich Lady Sandyford erkannt hat, und ich ſelbſt konnte mich in Betreff des Sir Ferrew nicht taͤuſchen, den ich von ſeiner Kindheit an kenne.“— — 179— „Das Alles kann wohl wahr ſein, Doktor. Ich glaube gern, daß die gute alte Graͤfin noch ſcharf genug ſehen kann, um ihre Schwie⸗ gertochter zu erkennen, und ich behaupte auch nicht, daß Sie ſelbſt nicht mehr im Stande waͤren, den Herrn Ferrew von einem Buͤndel Reiſer zu unterſcheiden. Aber kurz, was ſahen Sie eigentlich? das iſt der Punkt. Und wo⸗ mit waren Sie und die alte Dame beſchaͤftigt, als Sie in jenem Garten Verſteck ſpielten?“ In dieſem Augenblick wurde die Unter⸗ redung durch einen Bedienten, welcher das Mittagseſſen ankuͤndigte, unterbrochen. Sie begaben ſich daher in den Speiſeſaal, wo ſie ſchon den Grafen und ſeine Mutter fanden, welche letztere ein wenig uͤber die Miene und die Kleidung André's zu erſtaunen ſchien, und ihren Sohn, durch die Art, wie ſie ihn be⸗ trachtete, nicht wenig beluſtigte⸗ Die Unter⸗ haltung erſtreckte ſich anfangs nur uͤber ganz gewoͤhnliche Gegenſtaͤnde, aber der Graf be⸗ merkte, daß André alle Sorgfalt anwandte, die Gunſt der alten Dame zu gewinnen; und obgleich ſie ihn oͤfters mit ſtolzem Blicke 139* — 180— muſterte, ſo veraͤnderten doch oft der Ton und die Sitten dieſes ſeltſamen jungen Man⸗ nes die gewohnte Ernſthaftigkeit ihres Geſichts. Als der Nachtiſch aufgetragen war, und die Bedienten ſich entfernt hatten, eroͤffnete unſer Held die Batterien, indem er ſich an den Grafen wandte:„Womit glauben Sie, Mylord, daß Mylady, Ihre Mutter dort, und hier mein neuer Freund, der Doktor, ſich auf ihrer heutigen Reiſe beſchaͤftigt haben?“ Die Wittwe war in dieſem Augenblicke gerade im Begriff, dem Doktor ein Glas dar⸗ zureichen, welches er mit Wein fuͤllen ſollte, und Trefoil hielt eine Kryſtallflaſche mit koͤſt⸗ lichem Bourdeaux in der Hand; aber bei die⸗ ſer unerwarteten Frage zog die alte Graͤfin ihre Hand wieder zuruͤck, und der Doktor ſetzte maſchinenmaͤßig die Flaſche auf den Tiſch, einen Blick des unbeſchreiblichſten Erſtaunens auf André werfend. Lord Sandyford lächelte.—„Wie ſollte ich es wiſſen, Wylie?“ Ss 1 — ͦ— — 181— „Ich will es Ihnen ſagen. Aber ich bitte Sie, Mylady, zuͤrnen Sie nicht, denn My⸗ lord muß doch wiſſen, wie Sie dem Damon und der Phillis in dem Garten zu Rooksbo⸗ rough mitgeſpielt haben. Ja, Mylord, man ſagt, daß man Ihre wuͤrdige Mutter dort das Rauſchen von dem Waſſer eines Mannes habe behorchen ſehen.“ „Ungeheuer!“ ſchrie die alte Graͤfin, von Zorn entflammt. Der Doktor war voͤllig ſtumm vor Schrek⸗ ken.— Der Graf, welcher wohl vorherſah, daß André Alles ſagen wuͤrde, was er dachte, war mißgeſtimmt; doch war er neugierig, ſeine Anſichten uͤber dieſe Begebenheit zu er⸗ fahren, und er blieb daher anſcheinend zer⸗ ſtreut und unaufmerkſam. „Keinen Zorn! Mylady, fuhr André fort. Ich habe immer gehoͤrt, daß Sie eine ver⸗ ſtaͤndige Frau ſind, und ich werde daher eine Frage an Sie richten. Zugegeben, daß Sie ein Frauenzimmer, wie die Graͤfin, geſehen ha⸗ ben: warum verſchafften Sie ſich nicht die — 182— Gewißheit, daß ſie es wirklich ſei? Und waͤre es in dieſem Falle nicht auch gut geweſen, ſie ſelbſt zu fragen, und ehe Sie den Ort verließen, was ſie da machte? Dieß iſt eine ſehr ernſthafte Angelegenheit, Mylady, und Sie muͤſſen mir erlauben, daß ich ſage, was ich davon denke. Sie werden mir zugeben, daß Sie dieſes Mal nicht mit Ihrer gewoͤhn⸗ lichen Vorſicht gehandelt haben, und daß Sie aus einer Thatſache, die vielleicht an und fuͤr ſich ganz unſchuldig iſt, nicht den geringſten Verdacht geſchoͤpft haͤtten, wenn Sie nicht ſchon vorher von den Beſchuldigungen gegen die Graͤfin unterrichtet geweſen waͤren.“ Der Doktor hatte jetzt Zeit gehabt, ſich von ſeinem Schrecken zu erholen, und da er hoͤrte, wie freimuͤthig André uͤber dieſe ganze Sache ſprach, ſo wurde auch er von der Frei⸗ muͤthigkeit angeſteckt. „Sie vergeſſen, mein Herr, ſagte er, daß ein Kind lebt, welches ſich in die ganze An⸗ gelegenheit miſcht.“ Die verwittwete Lady, welche ſeit einiger Zeit in einem Zuſtande war, der nahe an Be⸗ wußtloſigkeit grenzte, unterbrach jetzt die Un⸗ terhaltung, indem ſie ausrief:„Lord Sandy⸗ ford, wie koͤnnen Sie erlauben, daß man ſo an ihrem Tiſche, und in meiner Gegenwart reden darf?“ „Bei Gott, antwortete der Graf, ich fuͤrchte, daß Wylie Recht hat. Er iſt ein Weſen, das aus ſeltſamen Elementen beſteht; aber Sie muͤſſen ihn bis an's Ende anhoͤren, wenn Sie nicht ungerecht gegen ihn ſein wollen.“ André ſah ein, daß er mit einer Frau von dem Charakter der Graͤfin, die keinen Ver⸗ ſtoß gegen die ſtrengen Regeln des Anſtandes uͤberſahe, zu weit gegangen ſei. Er nahm daher jetzt einen Ton an, welcher ihren Begriffen von Hoͤflichkeit und Zartgefuͤhl angemeſſen war; bewies ihr das Unhaltbare aller bisheri⸗ gen Vermuthungen gegen die Graͤfin; erhob ſte ſelbſt als eine hoͤchſt kluge und verſtaͤndige Dame bis in den Himmel, und machte end⸗ lich einen Vorſchlag, auf welche Weiſe er die ganze Sache an's Licht der Wahrheit ziehen wolle. Die Unterhaltung dauerte auf dieſe Art noch ziemlich lange; André's Vorſchläge — 184— wurden durchaus gutgeheißen, und die Wittwe fing ſogar an, eine guͤnſtigere Meinung von unſerem Helden zu faſſen. Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, und die alte Graͤfin ſich in den Salon begab, folgte ihr der Lord, und ließ André'n mit dem Doktor allein. Dieſer aber hatte bereits das Uebergewicht André's erkannt, und da er fuͤrchtete, ſeinen Scherzen wiederum ausgeſetzt zu ſein, ſchuͤtzte er die Pflichten ſeines Stan⸗ des vor, um ſich zu entfernen, ohne daß er einmal die Ankuͤndigung des Thees abwartete. André blieb alſo allein zuruͤck, und hatte nun hinreichende Muße, uber ſein Vorhaben, die Schuld oder Unſchuld der Graͤfin zu entdecken, ſeine Gedanken zu ſammeln. Ein Bedienter benachrichtigte ihn nach einiger Zeit, daß der Thee fertig ſei. André trat mit einem ſo ungezwungenen und gefälli⸗ gen Weſen in den Salon, daß die alte Graͤ fin ihn mit großen Augen anblickte, nicht nur, weil ſein Anſtand ganz der eines Man⸗ nes von Welt war, ſondern weil derſelbe ſo ſehr mit ſeinem Anzuge in Widerſpruch ſtand. — 185— Obgleich ſie ſich entſchloſſen hatte, ſich mit ihrer ganzen Hoheit und Wuͤrde zu umgeben, um den vertraulichen Ton André's von ſich entfernt zu halten, der nach ihrer Meinung die Etikette durchaus verletzte: ſo brachte doch ſein jetziges Benehmen, ſein freimuͤthiges und herzliches Weſen, eine ſo ploͤtzliche Veränderung in ihr hervor, daß ſie ihn einladete, ſich neben ihr auf das Sofa zu ſetzen, und die Worte, womit er dieſe Einladung annahm, durch ein hoͤchſt gnaͤdiges Laͤcheln erwiederte. Der Graf bekam durch die ſchnellen Fort⸗ ſchritte André's in der Gunſt ſeiner Mutter, deren tiefe Verehrung gegen die geſellſchaft⸗ liche Etikette er kannte, eine noch hoͤhere Mei⸗ nung von ſeiner Feinheit und Geſchicklichkeit; und unſer Held verlor keinen Daumen breit von dem gewonnenen Terrain, ſo daß die Wittwe, als ſie ſich nach einer Unterhaltung von einer Stunde in ihr Zimmer zuruͤckzog, ſich gezwungen ſah zu geſtehen, daß, wenn auch André keine feine Erziehung genoſſen habe, er doch durch die Natur mit einem außerordentlichen Scharfſinn, mit einem vor⸗ — 186— trefflichen Herzen, mit einem fruchtbaren Geiſte, und mit gewiſſen andern Talenten verſehen ſei, die nur ihm allein angehoͤrten. Elftes Kapitel. NRachdem Lady Sandyford den oben er⸗ waͤhnten Brief an ihre Schwiegermutter ab⸗ geſendet hatte, kehrte ſie nach Elder bower zu⸗ ruͤck, und dort erhielt ſie auch die Antwort. Ihr Schrecken war unbeſchreiblich, als ſie die wenigen Worte der Wittwe las, und ſo des Verdachts, der ſich gegen ſie erhoben hatte, inne wurde. Ihre Beſinnung verließ ſie; Ver⸗ gangenheit und Gegenwart ſchien ihr nur ein fuͤrchterlicher Traum zu ſein. Aber end⸗ lich erholte ſte ſich wieder.—„Warum mich ſo einer muͤßigen Niedergeſchlagenheit uͤber⸗ laſſen? rief ſie aus. Mein Zuſammentreffen mit Ferrew iſt weder geheimnißvoll, noch ver⸗ abredet; ich habe mir nichts vorzuwerfen, und es kommt hier nur darauf an, dieſes Miß⸗ verſtaͤndniß aufzuklaͤren. Ich will zu meinem Manne, und ihm Alles erzaͤhlen, was mir begegnet iſt, ſeitdem ich ihn verließ. Er hat —, — 187— mich behandelt, als ſei ich ganz ohne Gefuͤhl; aber er iſt ein Mann von Ehre, und wird mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ Sie ließ ſogleich eine Poſtchaiſe kommen, und ſetzte ſich ein, um nach Chaſtington zu fahren. Aber ſchon auf der zweiten Station fuͤhlte ſie ſich ſo krank, daß es ihr unmoͤglich war weiter zu reiſen, und ſie war daher ge⸗ zwungen, in dem Gaſthofe abzuſteigen, und ſich in's Bett zu legen. Am andern Morgen fuͤhlte ſie ſich einiger⸗ maßen wieder hergeſtellt, und beſchloß daher ihren Weg nach dem Schloſſe ihres Gemahls fortzuſetzen. Sie beſtellte ihre Chaiſe, und als der Wirth ſie benachrichtigte, daß die Pferde angeſpannt ſeien, ging ſie in ſeiner Begleitung die Treppe hinunter. Aber indem ſie eben im Begriff war, in den Wagen zu ſteigen, fuͤhlte ſie von Jemanden, der hinter ihr ſtand, eine ihrer Hande ergreifen; ſie drehte ſich um, und erkannte Sir Ferrew, bleich und entſtellt, ganz mit dem Anſeben einer Sehne tengeſtalt. „Ach! rief ſie erſtaunt und beunruhigt aus; wie, wann und warum kommen Sie hierher?“ „Ich bin geſtern Abend hier angekommen, antwortete Ferrew, und ich war....“ Ein durchdringender Schrei der Graͤfin un⸗ terbrach ihn; ſie verlor ihr Bewußtſein, und wuͤrde zur Erde niedergefallen ſein, wenn er ſie nicht in ſeinen Armen aufgehalten haͤtte. Lange Zeit verging, ehe ſie wieder zu ſich kam, und der erſte Gegenſtand, welchen ihre ſich oͤffnenden Augen erblickten, war Servinal, die Urſache ihres erſten Schreckens. Sobald dieſer ſah, daß ſie ihn erkannte, entfernte er ſich ſogleich aus dem Zimmer, beſtieg ſein vor der Thuͤr auf ihn wartendes Pferr, und ritt im vollen Galopp davon. Sein Herr hatte ihn mit einem Auftrage nach London geſchickt; aber nach dem, was ſich hier unter ſeinen Augen zutrug, glaubte er nach Cha⸗ ſtington⸗Hall zuruͤckkehren zu muͤſſen, um dieſe Neuigkeit dahin zu bringen. Was Ferrew betraf, deſſen Verſtand wirklich verwirrt war, ſo hielt er die Graͤfin für todt, klagte ſich als die Urſache davon an, und uͤberließ ſie ———, — 189— der Sorgfalt des Wirthes, indem er in aller Verzweiflung die Flucht ergriff. Kaum hatte die Graͤfin ihre Kraͤfte eini⸗ germaßen wieder erlangt, ſo ſtieg ſie in den Wagen; aber dieſe neue Begebenheit benahm ihr allen Muth zur Ausfuͤhrung ihres fruͤhern Vorhabens. Die ſonderbaren Umſtaͤnde, welche ſie zweimal ſo unvermuthet mit Sir Ferrew zuſammen gefuͤhrt hatten, floͤßten ihr eine Art von aberglaͤubiſcher Furcht ein. Es ſchien ihr, als wenn das Schickſal ihrer Rechtferti⸗ gung unuͤberſteigliche Hinderniſſe entgegenſetzen wollte, und ſie beſchloß daher, der Welt gänz⸗ lich zu entſagen, und in der Einſamkeit und Verborgenheit ein Leben zu enden, welches keinen Werth mehr fuͤr ſie hatte. Sie ließ ſich daher nach Burisland fah⸗ ren, ſchickte einen Boten nach Elderbower, welcher ihr Kammermaͤdchen Flounce mit⸗ brachte, und reiſte ſchon am folgenden Mor⸗ gen nach dem Schloſſe Britonsbeild, einer uralten feſten Burg, ab, um hier, von dem Anerbieten ihres Vaters Gebrauch machend, — 190— ihr Leben in der vollkommenſten Zuruͤckgezo⸗ genheit zu beſchließen.— Unterdeſſen war André, am folgenden Mor⸗ gen nach ſeiner Ankunft in Chaſtington, mit dem Fruͤheſten aufgeſtanden, um ſich ſeiner Sendung nach Rooksborough zu entledigen. Der Graf hatte Befehl gegeben, einen Wagen fur ihn in Bereitſchaft zu halten; da er ihn aber noch nicht vor dem Schloſſe erblickte, ſo begab er ſich in den Hof, wo die Staͤlle befindlich waren, und wo ein Kutſcher ſo eben an⸗ geſpannt hatte, und im Begriff war abzufahren. „Halt! Kutſcher, halt! rief ihm André zu; du haſt nicht noͤthig, vor dem Schloſſe vorzufahren; ich werde hier einſteigen.“ „Wie es Ihnen gefällig iſt, Herr Wylie; aber Tom Berry iſt noch nicht da.“ „Und wer iſt Tom Berry?“ „Der Lakai, welcher mit Ihnen fahren ſoll.“ „Steig von deinem Bocke ab, und oͤffne mir den Kutſchenſchlag; ſo viel Zeremonien ſind nicht meine Sache. Alles, was ich von dir verlange, iſt, daß du gut zufäͤhrſt, und den Wagen nicht umwirfſt.“ — — — 191— Der Kutſcher gehorchte, und ehe noch Tom Berry die Augenlieder geoͤffnet hatte, war die Haͤlfte des Weges ſchon zuruͤckgelegt. Als ſie vor einem kleinen Wirthshauſe, ungefaͤhr eine Viertelſtunde von dem Gaſthofe zur Roſe und Krone, vorbeikamen, rief André dem Kutſcher zu, anzuhalten.„Deine Pferde werden es nicht uͤbel nehmen, ſagte er, und ich habe meine Urſachen, den uͤbrigen Theil des Weges zu Fuß zu machen.“ „Aber ich habe Befehl, Sie nach der Roſe und Krone zu fahren.“ „Ich bin der Meinung, daß du nicht Be⸗ fehl haſt, mich weiter zu fahren, als ich will, und ich ſage dir, daß ich von jetzt an auf meinen beiden Beinen gehen will, die mir der Himmel gegeben hat. Wenn du nach der Roſe und Krone, oder ſonſt wo hinfahren willſt, meinetwegen.“ „Nun wohlan! Von dem Augenblicke an, wo Sie abſteigen, habe ich nicht nöthig wei⸗ ter zu fahren, und ich fuͤttere meine Pferde eben ſo gern hier als anderswo.“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs hatte André — 192— ſchon den Fuß auf die Erde geſetzt, und ver⸗ folgte ſeinen Weg nach dem Dorfe, welches er vor ſich liegen ſah. Als er in dem Gaſt⸗ hofe zur Roſe und Krone ankam, ging er, anſtatt ſich ein Zimmer geben zu laſſen, in die oͤffentliche Gaſtſtube, und beſtellte ſich hier ein Fruͤhſtuͤck. Die Gaſtſtube war mit Einwohnern des Dorfes, groͤßtentheils Handwerkern, angefullt. Der Gegenſtand ihrer Unterhaltung war der Ruin Sir Ferrews, und ſie verloren ſich in Vermuthungen uͤber die Urſache ſeines ploͤtz⸗ lichen Erſcheinens im Schloſſe, als man eben die Mobilien deſſelben verkaufte. Dieſer fuͤr André anziehende Gegenſtand wurde es noch mehr, als er einen der Aufwaͤrter ſagen hoͤrte, daß das Kind der ſchoͤnen Dame, ſo bezeichnete. er die kleine Aline, dem Sir Ferrew außer⸗ ordentlich aͤhnlich ſaͤhe. Dieſer Bemerkung folgten noch eine Menge anderer, welche André'n beſtimmten, ſeinen fruͤheren Entſchluß zu aͤn⸗ dern; und anſtatt alſo dem Geheimniß in Rooksborough ſelbſt nachzuſpuͤren, nahm er ſich vor, einen Weg einzuſchlagen, der ihn — — 493— raſcher an's Ziel fuͤhren wuͤrde. Auch wuͤrde dieß unfehlbar der Fall geweſen ſein, wenn nicht die dem Leſer ſchon bekannten Urſachen, welche aber André nicht vorher ſehen keänte, es verhindert haͤtten. Die ungluͤckliche Auslegung, welche er den Worten:„Kind der ſchoͤnen Dame“ gab, fuͤhrte ihn auf den Gedanken, ſich unmittel⸗ bar nach Elderbower zu begeben, und mit der Graͤfin ſelbſt eine Erklaͤrung zu haben. Auch war ein gewiſſes ruͤckſichtsvolles Zartgefuͤhl fuͤr den Ruf der Graͤfin ein Bewegungsgrund mehr zu dieſem Schritt; denn die groben Be⸗ merkungen uͤber Ferrew, welche in der Unter⸗ haltung vorkamen, die er ſo eben mit anhoͤrte, floͤßten ihm einen großen Widerwillen ein, ſich mit in dieſe Unterhaltung zu miſchen, und ſo den Leuten die Gelegenheit zu geben, den Namen der Lady Sandyford auszuſprechen. Daher wartete er die Ankunft der Londoner Diligence ab, welche alle Morgen hier vorbei⸗ fuhr, bezahlte ſeine Zeche, beſtieg die Imperiale, und kam binnen wenigen Stunden in Elder⸗ bower an. I. Thl. 13 — 194— Aber hier traf er zu ſpaͤt ein. Flounce war bereits, dem Befehle ihrer Gebieterin gemaͤß, ſich zu ihr nach Burisland zu begeben, abgereiſet, und Niemand im Schloſſe wußte den jetzigen Aufenthalt der Graͤfin zu nennen, da Flounce nichts davon geaͤußert hatte. Noch mehr als dieſe Nachrichten ſetzten ihn die Reden der Wirthſchafterin, Miſtriß Poliſher, in Erſtaunen, welche behauptete, daß Lady Sandyford vor zwei Tagen ganz allein in einer Poſtchaiſe nach Chaſtington⸗Hall abge⸗ reiſet ſei. 3 „Unmoͤglich! rief André aus. Erſt heute Morgen bin ich von dort abgereiſt, ohne ſie geſehen zu haben.“ „In der That, ich weiß es ſehr gut, ank⸗ wortete Miſtriß Poliſher; denn als ſie auf der zweiten Station ankam, ſtellte ſie ſich krank, um daſelbſt zu uͤbernachten. Und wen glauben Sie wohl, wen man am andern Morgen in demſelben Gaſthofe geſehen hat? Jenen elenden Ferrew!“ André wagte kaum zu athmen. 4 „Aber als ſie nun wieder in den Wagen —„. — 195— ſteigen wollte, und von Sir Ferrew Abſchied nahm, da gab es erſt eine wahrhaft tragiſche Szene, wie man ſie wohl ſo leicht noch nicht geſehen hat. Sie ſiel in Ohnmacht, waͤhrend Ferrew wie ein Wahnſinniger davon lief. Man ſagt ſogar, er habe ſich ermordet.“ „Meinetwegen! ſagte André. Aber wo⸗ her haben Sie alle dieſe Einzelheiten?“ „O, die ſchlechten Neuigkeiten gehen raſch umher. Der Poſtillon, welcher ſie nach Buris⸗ land gefahren hat, iſt hier aus dem Dorfe, und hat Alles mit angeſehen. An der Wahrheit ſeiner Erzaͤhlung iſt durchaus nicht zu zweifeln, vor⸗ zuͤglich wenn man weiß, was ich weiß, und was hier allenthalben bekannt iſt.“ Und was waͤre dieß?“ fragte André, troſtlos, daß er nun gezwungen ſei, ſeine gute Mei⸗ nung von der Gräͤfin, die er ſo eifrig zu er⸗ halten ſuchte, aufzugeben. „Die Geſchichte eines Kindes, welches in Rooksborough erzogen wird, antwortete die Wirthſchafterin. Wir wiſſen hier, wer ſeine Amme iſt, wer das Kinderzeug gekauft hat, wo es gekauft wurde, undzu welcher Zeit es uͤberge⸗ 13* — 196— ben worden iſt. Und uͤberdieß iſt die Kammerzofe ſo uͤbereilt von hier abgereiſet, daß ſie ein Minia⸗ turgemalde des Sir Ferrew vergeſſen hat. Wir koͤnnen uns nicht taͤuſchen, denn wir kennen ihn Alle, und er iſt ſehr gut getroffen. Ich habe das Bild in Verwahrung genommen, und werde es Mylord uͤbergeben.“ Das war nicht der Muͤhe werth, ſo viel um⸗ her zu reiſen, um ſolche ſchoͤne Sachen zu erfahren, dachte André, indem er Miſtriß Poliſher verließ. Und was werde ich nun beginnen? Anfangs beſtimmte ihn ein unerklaͤrliches Ge⸗ fuͤhl von Mitleiden, Theilnahme und Neugierde, die Grafin Sandyford in Burisland zu beſuchen; denn noch gerieth er einen Augenblick lang in Verſuchung, an irgend ein Mißverſtaͤndniß zu glauben. Aber die Verkettung der Umſtaͤnde war ſo ſtark, daß er ſich bald uͤberzeugte, es ſei nicht mehr an die Unſchuld der Graͤfin zu glauben. Er beſchloß daher, ſogleich nach Chaſtington⸗Hall zuruͤckzukehren, um dem Lord von ſeiner Reiſe Vericht abzuſtatten. Indeſſen als er Elderbower verließ, fiel ihm ein, daß jetzt ſeine Dienſte dem Grafen durchaus nicht mehr nutzlich ſein koͤnn⸗ als wenn er daruͤber mit ſeiner Mutter hoͤchſt —f„— — 197— ken; daß er ihm nur traurige Nachrichten zu uͤberbringen haͤtte, und daß er daher am beſten thaͤte, nach London zuruͤckzukehren. Er begab ſich daher in den Gaſthof zum Hirſch, miethete daſelbſt einen Platz auf der Imperiale der Lon⸗ doner Diligence, und waͤhrend er die Zeit der Abfahrt erwarten mußte, ſchrieb er an den Gra⸗ fen, um ihn von Allem, was er verrichtet hatte, Nachricht zu geben, und ihm zugleich zu melden, daß er bei ſo traurigen Umſtaͤnden es fuͤr's Beſte gehalten habe, nach London zuruͤckzukehren. Als der Graf dieſen Brief erhielt, las er ihn mehrere Male hintereinander durch. Er ſah, daß die Einzelheiten, wovon ihn André unterrichtete, vollkommen mit denjenigen uͤbereinſtimmten, die er von Servinal erhalten hatte; und es blieb ihm nun kein Zweifel mehr uͤbrig, daß ſeine Gemah⸗ lin in der That ſchuldig ſei. Er ſtellte ſich zwar, gleichguͤltig ſpraͤche, und lobte das Zartgefuͤhl André's, welches ihm den Entſchluß eingegeben habe, geradezu nach London zu reiſen. Aber die Wittwe ſah bald, daß die Wunde in dem Her⸗ zen ihres Sohnes tiefer war, als er einge⸗ — 198— ſtehen wollte, und ſie zitterte vor den mög⸗ lichen traurigen Folgen. Denn obgleich er nichts in ſeinen gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen und Vergnuͤgungen aͤnderte, ſo war es doch leicht zu entdecken, daß ſeine anſcheinend ruhige Miene nur die Folge der heftigſten Anſtren⸗ gung ſei, die Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt zu erlangen; und oͤfters, wenn er, die Ellenbogen auf den Tiſch geſtuͤtzt, zu leſen ſchien, be⸗ merkte ſie, daß ſeine Augen anderswohin als auf ſein Buch gerichtet waren, und daß ihnen Thraͤnen entſchluͤpften. Oefters verſuchte ſie, ihm Vorſtellungen uͤber die Nothwendigkeit zu machen, daß er ſich troͤſten muͤſſe. Aber ſchon bei den erſten Worten, welche ſie in dieſer Abſicht ausſprach, unterbrach er ſie, in⸗ dem er ſie entweder plöͤtzlich verließ, oder ausrief:„Um Gottes willen, ſchonen Sie mich; es iſt mir unmoͤglich, an das, was geſchehen iſt, zu denken.“ 4 In gleicher Verlagshandlung ſind noch erſchienen: Auſten, J. Anna. Ein Familiengemaͤlde. Aus dem Engliſchen überſetzt von W. A. Lindau. 2 Bde. 8. 1822. 2 Thlr. 12 gr. Baczko, Ludw. von, Geſchichte Paolv Pennaloſa, eines Kloſterbruders; oder es wird eine ewige Vergeltung ſein. Zweite wohlfeilere Ausgabe. 8. 1823. 1 Thlr. Calthorpe oder geſunkenes Gluͤck. Ein Roman. Frei nach dem Engliſchen des Verfaſſers der Lollharden, von Georg Loß. 2 Thle.§. 1823. 2 Thlr. 12 gr. Fluͤchtlinge, die. Romantiſche Unterhaltungen. Von dem Verfaſſer des Romans Heliodora. Mir Kupfern von Junge und Roßmaͤßler. 8. 1820. 1 Thlr. 8 gr. Geſchichten, romantiſche. Vom Verfaſſer des Romans He⸗ liodora.(W. A. Linbau) 8. 1819. 1 Thlr. 6 gr. Joͤrdens, G. Bunte Bilder. Erzaͤhlungen und Skizzen, von einigen theils melancholiſchen, theils luſtigen Freunden. 18 Bdchn. 8. 1823. I Thlr. 6 gr. ——— Lanzelot vom See. Rittergeſchichte aus den Zeiten der Tafelrunde. Nebſt einem Anhange. Mit einem Kupfer von Riedel. 8. 1822. 1 Thlr. 10 gr. ——— Die Jahreszeiten der Ehe. Eine Erzäͤh⸗ lung. 8. 1822. 1 Thlr. ——— Die Vermaͤhlung. Ein Nachtſtuͤck. Mit einem Muſikblatte. 8. 1822,. 22 gr. Kruſe, L. Deodat's Geburt. Poeſie und Proſa aus dem Leben. 3 Thle. Mit Kupfern von Roßmaͤßler. 8. 1823. 4 Thlr. ô6 gr. Roderich, C. Nachtſtuͤcke aus dem Gebiet des wirk⸗ lichen Lebens. 8. 1823. 1 Thlr. 12 gr. Scott, Walter, der Pirat. Aus dem Engliſchen uͤber⸗ ſetzt von Georg Lotz. 3 Thle. 8. 1822. gut Pap. 4 Thlr. 12 gr. ord. Pap. 3 Thlr. 8 gr. Scott, Walter. Der ſchwarze Zwerg. Ein roman⸗ tiſches Gemaͤlde. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von W. A. Lindau. Zweite verbeſſerte Auflage. 8. 1323. 1 Thlr. 12 gr. Sommerfruͤchte geſammelt von C. N. Mit einem Vor⸗ wort von Fr. 8, 1823. 1 Thlr. 3 gr. Willmar, Wilhelmine, Erholungsſtunden. 2 Thle. Mit einem Kupfer von Opitz und Eßlinger. 8. 1823. 1 Thlr. 18 gr. Zeiten, andere, oder die Moͤnche von Leadenhall. Nach dem Engliſchen des Verfaſſers der Lollharden, des Calthorpe ꝛc., frei bearbeitet von Georg Lotz. 3 Bde. 8. 1824. 3 Thlr. 12 gr. Gilling, F. W. Ariſtomenes der Zweite. Eine roman⸗ tiſche Erzaͤhlung. Mit Kupfern von Junge und Bruͤckner. 8. 1821. 1 Thlr. 4 gr. ———— Erzaͤhlungen. 3 Bde. Mit Kupfern von Bruͤckner, Junge und Roßmaͤßler. 8. 1821 und 1822. 3 Thlr. 16 gr. —— der Fluch. Ein Roman. 2 Thle. Nit Kupfern von Roßmaͤßler und Renſch. 8. 1821, 2 Thlr. 156 gr. ———— Seerdnig Ingolf und ſeine Wikinger. Ein Roman der Vorzeit. Mit einem Kupfer von Roßmaͤßler und Junge. 8. 1820. 1 Thlr. 8 gr. ———— Iugendliebe, oder das Kloſter in der Sierra⸗Morena. Mit Kupfern. 8.(Beſonderer Abdruck aus den Erzaͤhlungen) 1820. 18 gr. ———— Eduard Muͤllers Leben bis zu ſeiner Verheiratung. Mit Kupfern von Junge und Roß⸗ maͤßler, 8. 1821. 1 Thlr. 12 gr. —— Otto von Wetterode. Ein romanti⸗ ſthes Gemaͤlde aus den letzten Jahren des dreißigjäͤh⸗ rigen Krieges. I r und 3r Theil. Mit Kupfern von Roßmaͤßler. 8. 1823. 3 Thlr. 20 gr. * m 5—. o,—.‧“ 1 *