Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird — ſſ——— 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für mgchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1—— ꝗ p-———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 29 — — 1 77 4— — 4 8 f 1 Die Todtenhugel. 4 * Ein Schaudergemaͤlde aus dem funfzehnten Jahrbundert 16 * von G. Hildebrandt. 8½ Zweiter Theil. Quedlinburg und Leipzig, 1823, bei Gottfried Baſſe. Die Todtenhuͤgel. Zweiter Theil. . ——————“ — Conſtantinopel war damals die unge⸗ heure Stadt nicht, die ſich uns jetzt un⸗ ter dieſem Namen zeigt; aber ſie war naͤchſt Rom die groͤßte Hauptſtadt, die an Flaͤchenraum faſt die Haͤlfte der jetzi⸗ gen tuͤrkiſchen Reſidenz in ſich begriff. Ueber Ein hunderttauſend Einwohner leb⸗ ten hier. Die Befeſtigung der Stadt war unter den fruͤhern griechiſchen Kaiſern ſchoͤ⸗ ner und mehr verſprechender, als ſie es ſeit hundert Jahren unter den letztern Kai⸗ ſern war. Gerade in den Zeiten, in de⸗ nen die Macht der Tuͤrken mit jedem Tage wuchs, in den Tagen, in denen man be⸗ rechnen konnte, daß der Angriff dieſer raubſuͤchtigen Horden naͤchſtens geſchehen 65 muͤſſe, gerade in dieſer Zeit hatte man ſich in Hinſicht dieſer Gefahren⸗ einer Sicherheit vingegeben⸗ die Piſſnden. als hoͤchſt traurige Folgen haben mußte. Am meiſten zeigte ſich dieſe ſo verderbliche Sicherheit in der Vernachlaͤßigung der Feſtungswerke. Die Werke waren verfal⸗ len, der Wall an mehreren Orten einge⸗ ſchoſſen, die Thuͤrme, die in den damali⸗ gen Zeiten die Stelle der die Angriffs⸗ punkte bekreuzenden Bollwerke vertraten, waren dem Einſturz nahe, und droheten in jeder Minute mit ihren Truͤmmern die 8 Graͤben zu fuͤllen. Beſonders galt dies von der noͤrdlichen Seite der Stadt, von der Gegend, in der der kaiſerliche Pal⸗ laſt lag. und dieſe Stadt ſollte Demetrius mit achttauſend Mann vertheidigen!— Auf dieſen ſchwachen Mauern ſollte er ſich mit Wenigen einer unüͤberſehbaren Macht ent⸗ gegenſtellen! Sollte mit Uneinigen, mit Wankenden, einem gluͤcklichen, ſiegenden Feinde Widerſtand leiſten!— Wahrlich, eine Aufgabe in der Kriegs⸗ und Verthei⸗ digungskunſt, die nicht zu den leichtern gehoͤrte. Ee. Faſt zwei Tage und eben ſo viel Naͤchte hatte Demetrius keine Ruhe gehabt, natuͤrlich, daß ſeine Ermattung ſiegte. Faſt ganz erſchoͤpft und ohnmaͤchtig ſtand er vor den Gliedern derer, die an ſeiner Seite ſtreiten wollten. Er entließ ſie jetzt mit dem Befehle, ſich in einigen Stunden bewaffnet und geruͤſtet auf dieſem Muſte⸗ rungsplatze wieder einzuſtellen. Dann wolle er Jedem ſeinen Poſten anweiſen. „Jetzt,“ ſetzte er offenherzig hinzu,„jetzt erlaubt euerm Fuͤhrer einige Stunden Ruhe!“— Man ſah es ihm an, daß er 8 dieſe noͤthig hatte. Jeder bot ihm ſeine Wohnung an, um ſich hier einige Stun⸗ den der ſo noͤthigen Ruhe zu uͤberlaſſen. „Laßt mich,“ ſagte Demetrius,„mein Koͤrper bedarf der Ruhe weniger, als mein Geiſt. Hier in der nahen Sophienkirche will ich auf dem Grabe meines Vaters Troſt und Kraft zum großen Werke ſuchen!“ 4 9 „Er ging in die nahe liegende Kirche. Mit Fleiß vermied er den Pahaſt ſeines Bruders. Wußte er doch im voraus, daß hier ſeines Bruders Unentſchloſſenheit, He⸗ lenens und Aglaja's Thraͤnen ſeine Ent⸗ ſchloſſenheit eher vermindern, als verſtaͤr⸗ ken muͤßten. Einer der Juͤnglinge folgte ihm. Demetrius warf ſich neben des Va⸗ ters Grabe nieder, da hoͤrte er laut ſchluch⸗ zen, da ſah er an dem Orte, an dem er ſich einſam und ungeſehen glaubte, ein ———— ——— — 9 knieendes Maͤdchen, das mit ſeinen Thraͤ⸗ nen den kalten Marmor der Altarſtufe be⸗ netzte. In dieſem Augenblick ſtuͤrzte der zu des Prinzen Begleitung mitgegangene Juͤngling in die Arme der Knieenden. Natuͤrlich mußte dieſer Auftritt dem Prinzen auffallen. Er glaubte, daß ſich hier getrennte Liebende wiederfanden, und unwuͤrdig des Tempels, entheiligend die Stufe des Altars, ſchien ihm das Beneh⸗ men Beider. Er fand ſich in ſeinem from⸗ men Vorfatze zu ſehr geſtoͤrt, als daß er nicht in der Abſicht, Beiden Vorwuͤrfe zu machen, haͤtte aufſtehen ſollen.— Aber wie wurde ihm in dem Augenblicke, da der Juͤngling freudetrunken ihm entgegen⸗ ſtuͤrzte, da er ausrief:„Prinz, fuͤrchtet keine Entweihung des Tempels! Ich finde hier meine Schweſter Irene wieder, die laͤnger als zwei Monat verſchwunden war.“ 10 „Irene? Irene?“ fragte der Prinz.„Eben die Irene, die in den Felsſchluchten am Meere hauſete?“ Beſchaͤmt und erroͤthend trat die Wei⸗ nende naͤher.—„Es iſt der Prinz Deme⸗ trius, der Bruder des Kaiſers,“ ſagte ihr Bruder, auf den Prinzen zeigend, der Irenen mit geſpannter Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete. Die Verlegenheit Irenens ver⸗ mehrte ſich, je aufmerkſamer Demetrius ſie anſah.— Zitternd und ſchuͤchtern naͤ⸗ herte ſie ſich dem, in tiefen Gedanken ſtehenden Demetrius.—„Prinz, Ihr nanntet meinen Namen mit dem Zuſatze, daß ich in jenem Felſen wohnte, kennt Ihr meine Geſchichte?“—„Ja, ja!“ rief Demetrius.„Ich las Euern Brief an Mahomed, ich fand die verworfenen Reich⸗ thuͤmer. Aber nicht das iſt's, was Euch meine Bewunderung erwirbt. Segnen 11 muß ich Euch, knieend muͤßte ich Euch danken. O Gott, Irene, Ihr, Ihr habt mich gerettet! Irene, Du warſt der Schutz⸗ engel meiner Tugend, die Retterin meines Gewiſſens!“ Denke man ſich die Beſtuͤrzung des frommen, beſcheidenen Maͤdchens, da es den Prinzen ſo ſprechen hoͤrte, da es ſah, wie außer ſich Demetrius bei dieſen Wor⸗ ten war, wie ſein in die Hoͤhe geworfe⸗ ner Blick, ſein von einer Thraͤne befeuch⸗ tetes Auge es ſattſam verrieth, was ſein Herz in dieſem Augenblick fuͤhlte!— Irene war ihrer nicht mehr maͤchtig, ſelbſt zu einer neuen Frage hatte ſie nicht Geiſtes⸗ gegenwart genug. Ihr einziger Troſt in dieſer Verlegenheit war, daß ſich Niemand jetzt weiter in der Kirche befand, da jetzt gerade kein Gottesdienſt gehalten wurde. Ihr war es unmoͤglich, Ein Wort vorzu⸗ 12 bringen, ſo verlegen, ſo unruhig war ſie. Ihr Bruder, dem ſelbſt um Gewißheit gedient war, riß ſie durch ſeine ungeſtuͤme herzliche Freude, durch ſeine laute Klage uͤber den Verluſt der Eltern aus der Zer⸗ ſtreuung.—„Unſere Eltern, ſagſt Du, Nicolaus?“ unterbrach Irene ſeine Klagen. „Unſere Eltern ſind gerettet. Vor eini⸗ gen Stunden brachte ich ſie mit!“— „Mein Gott, unſere Eltern? Wo ſind ſie? Warum verließeſt Du ſie?“—„Mein erſter Weg ſollte in die Kirche ſeyn,“ war des frommen Maͤdchens Antwort.„Sollte ich dem Gott nicht danken, der mich ſo außerordentlich rettete?"—„Aber, wo ſind denn die Eltern?“ fragte der Juͤngling mit ungeſtuͤmer Freude. Irene nannte einen Verwandten, in deſſen Wohnung ſie waren. Eben wollte der Juͤngling Irenen faſt mit Gewalt aus dem Tempel fuͤhren, als die Thuͤr ſich oͤffnete, und 13 Irenens Eltern in eben der frommen Ab⸗ ſicht, wie die Tochter, ſich dem Altare naͤherten. Mit einem lauten Ruf der Freude ſtuͤrzte der Juͤngling vor ſeinen Eltern nie⸗ der, ohnmaͤchtig lagen der Greis und ſeine Gattin in der wiedergefundenen Kinder Armen. In einer Bewegung, mit der nichts zu vergleichen war, ſtand der Prinz da und unterſtuͤtzte die in ſeinen Armen faſt ohnmaͤchtig liegende Irene. Freilich mochte es dem Vater auffallen, ſeine wie⸗ dergefundene Tochter in den Armen eines Ritters zu ſehen; freilich mußte ihn dieſer Auftritt um deſto mehr befremden, da er ſich im Tempel zutrug; aber wie bald ſchwand dieſer Unwille ſchon in ſeinem Aufkeimen, da der Prinz ſeinen Namen nannte, da er Irenen fuͤr die Retterin ſeines Gewiſſens erklaͤrte. 4 daß er ſich durch des frommen Maͤdchens 14 Leicht mochten die hier im Tempel ſich Wiederfindenden die Gluͤcklichſten einer Stadt ſeyn; denn ſie dachten, da ſie ein⸗ ander in den Armen lagen, da einer an des andern Herzen Freudenthraͤnen weinte, nicht an die Gefahren, die ſich mit jedem Augenblick vermehrten. Es war ein ſchoͤ⸗ ner Anblick, den Greis, der ſeinen einzi⸗ gen Sohn ſeit Monaten todt geglaubt hatte, jetzt knieend auf dem Marmor des Altars nicht betend, nicht ſprechend, ſon⸗ dern bloß weinend zu ſehen. Um den Prinzen kuͤmmerte er ſich nicht. Hatte er doch ſeinen Reichthum, ſeine beiden Kin⸗ der wieder. Demetrius ſtand da und betrachtete mit Ehrfurcht dieſe ruͤhrende Gruppe. Er fuͤhlte lebhaft, was er Irenen zu verdan⸗ ken hatte; er fuͤhlte ſich ſelbſt ſchon groß, 15 Glauben und Jugend hatte retten laſſen; mit welcher Achtung mußte er auf Irenen blicken, die die einzige Triebfeder war, daß er ſo edel gehandelt hatte. In dieſen Vorſtellungen vertieft, ſtand er und war⸗ tete des ſchoͤnen Augenblicks, in welchem Irenens Vater ihn anreden wuͤrde, da oͤff⸗ nete ſich die Hauptthuͤr der praͤchtigen Kirche, der Patriarch Gregorius, ein Greis, trat mit ernſter Miene ein, ihm folgte eine Schaar Moͤnche und Geiſtliche, an die ein unuͤberſehbarer Zug der Einwohner ſich ſchloß. Ernſt und feierlich war der Ge⸗ ſang, knieend lag der Patriarch auf des Altars Stufen, knieend die Moöoͤnche neben ihm, knieend und ſchluchzend betete die unuͤberſehbare Menge und benetzte mit heißen Thraͤnen den Marmor des Fußbo⸗ dens. Der Patriarch hatte angeordnet, daß bei dem erſten Anruͤcken der Tuͤrken ein feierlicher Gottesdienſt gehalten wer⸗ 16 den ſollte. Er ſah die Nothwendigkeit ein, 1 den Zagenden Muth und Zuverſicht einzu⸗ floͤßen, und von welchem Huͤlfsmittel konnte er das mehr erwarten, als von der 1 Religion?— Und dieſer Augenblick, dieſer ernſte, Alles ſchreckende Augenblick war jetzt.—. 1 V Jener ungeheure halbe Mond des tuͤrkiſchen Heeres, deſſen linker Fluͤgel an 8 das ſchwarze Meer ſtieß, indeß der rechte das Ufer des Marmormeeres beruͤhrte, zog wie eine Rieſenſchlange ſeine furchtbaren Ringe immer naͤher und enger zuſammen. Die vorſpringende Halbinſel, auf der Con⸗ ſtantinopel lag, wurde immer mehr einge⸗ ſchloſſen; und auf den Gefilden Aſiens, in der Gegend uͤber Seutari hin, zeigten ſich mit jedem Tage neue Heereshaufen, die aus dem mittlern Aſien kamen, um ihre Huͤtten mit den Schaͤtzen jener un⸗ 5 17 gluͤcklichen Hauptſtadt zu bereichern. Bloß die Meerenge zwiſchen Scutari und Con⸗ ſtantinopel war noch frei, eine ſchwache Ausſicht fuͤr die rettende Flucht der Bela⸗ gerten; aber auch dieſe einzige Hoffnung taͤuſchte; denn ſchon am zweiten Morg3en ſahen die ungluͤcklichen Bewohner die dro⸗ henden Maſten und Segel einer durch Mahomeds Gelder zuſammen gebrachten Flotte, die ſich furchtbar im ſchwarzen und im Marmormeere zuſammen zog und den Hafen Conſtantinopels ſperrte. Mit dieſem Anblick ſiel der Muth der Belagerten. Aber faſt mehr noch, da man von der Landſeite her die Batterien der Tuͤrken, wie aus der Erde wachſen ſah; da man den erſten Schuß aus einem un⸗ geheuern Stuͤck Geſchuͤtz, das eine Kugel, mehrere hundert Pfund ſchwer, warf, hoͤrte. Dieſer ernſte, furchtbare Ton war gleichſam II. 2 1 das Zeichen des allgemeinen Schreckens, des allgemeinen Zagens. Aber auch dies war der Augenblick, den der fromme Gre⸗ gorius feſtgeſetzt hatte, ihn im Tempel mit der Menge zu feiern, und in ihm Muth fuͤr die auf den Waͤllen und der Mauer Streitenden zu erflehen. Dieſer Augenblick war es, in welchem der Pa⸗ niarch den Prinzen im Tempel traf. Aber ernſter und feierlicher ſollte er noch dadurch fuͤr den Prinzen, wie fuͤr das ganze Volk werden, daß in dieſem Augenblick der Kaiſer, die Kaiſerin und Aglaja ſich unter die Knieenden miſchten, und ihres Ranges, ihres Standes ver⸗ geſſend, ſich, wie ſie es auch wirklich wa⸗ ren, ſo ungluͤcklich fuͤhlten, wie der aͤrmſte Buͤrger. 8 Das Gebet war jetzt geendigt, als 19 Demetrius mit Irenen, dem Kaiſer und dem Patriarchen naͤher trat. Sie waren ſchon an dem erſten Abend ſeiner Ruͤckkehr durch ihn von Irenens Geſchichte unter⸗ richtet; um ſo ruͤhrender mußte es fuͤr ſie, wie fuͤr die Kaiſerin und Aglaja ſeyn, wenn ſie dieſes edle Maͤdchen im Tempel kennen lernten. Beſcheiden ſtand Irene da. Sie wollte vor der Kaiſerin nieder⸗ ſinken. Mit ſchweſterlicher Zaͤrtlichkeit hob Helene ſie auf. An ihrer Hand ging ſie nach dem Pallaſt. Demetrius blieb mit dem Kaiſer und dem Patriarchen im Tempel zuruͤck. Er hatte ſeines Bruders Aengſtlichkeit ſelbſt unter dem Gebete zu deutlich bemerkt, als daß er nicht haͤtte auf den Gedanken kom⸗ men ſollen, hier das Aeußerſte zu verſuz chen, um ſeines Bruders Muth zu wecken. Feierlichkeiten, wie die Religion ſie vor⸗ 20 ſchreibt, Grundſaͤtze, die der Glauben her⸗ vorbringt, Bewegungsgruͤnde aus dem ge⸗ nommen, was dem Menſchen das Heiligſte iſt, wollte der Prinz dazu benutzen. Mit wenig Worten machte er den Patriarchen mit ſeinem Plane, mit ſeiner Abſicht be⸗ kannt.— Sobald die Tauſende die Kirche ver⸗ laſſen hatten, fuͤhrte der Prinz ſeinen Bru⸗ der an das Grab ſeines Vaters. Was er ihm hier ſagte, mit welchen Wahrhei⸗ ten er in das beaͤngſtete Herz ſprach, welche Gefuͤhle und Entſchließungen er hier an der, den Bruͤdern ſo heiligen Staͤtte wek⸗ ken und verſtaͤrken mußte, verſchweigt frei⸗ lich die Geſchichte. Aber Demetrius hatte ſich in ſeiner Erwartung nicht betrogen. An der Urne, in der des Vaters Aſche aufbewahrt wurde, ſchwuren die beiden Bruͤder ſich Treue, ſchwur Conſtantin, 21 Muth und Entſchloſſenheit auch im haͤrte⸗ ſten Kampfe zu zeigen, und, wenn das Schickſal es uͤber ihn verhaͤngt habe, mit den Waffen in der Hand ruͤhmlichſt zu fallen. Es war ein feierlicher Augenblick. Gregorius ſegnete ihn knieend, der Schutz⸗ engel des ungluͤcklichen Thrones ſah mit bethraͤntem Blick ſchwermüthiger Freude auf dieſen Bund. Es war ein feierlicher Abend, als Demetrius mit ſeinem Bruder und mit dem Patriarchen den Pallaſt betrat. Voll des heiligen großen Entſchluſſes, mit ſei⸗ nem Volke unterzugehen, wenn es nicht zu retten war, ſich unter den Truͤmmern der ungluͤcklichen Stadt, mit Allem, was ſeinem Herzen werth war, wenn er ſie nicht ſchuͤtzen konnte, zu begraben, trat der ermuthigte Kaiſer in das Zimmer, wo er ſeine Gemahlin mit Aglaja und Irene 22„ in Thraͤnen fand. Mit einem Blick, aus dem neue Zuverſicht ſtrahlte, ſah Helene auf ihren Gemahl, als dieſer nach der ihm laͤngſt ungewohnt gewordenen Ruͤſtung fragte, als der Patriarch ſie erinnerte, daß Gott immer noch helfen koͤnne, und helfen werde, wenn Menſchen nur das Ihrige thun, und nicht in Verzweiflung die Huͤls⸗ mitttel von ſich ſtoßen, die Herz, Kopf und Arm gewaͤhren. Die Thraͤnen boͤrten auf zu fließen; neue, lange nicht gefuͤhlte Hoffnung trock⸗ nete ſie; Demetrius ſank ermuͤdet auf ein Polſter nieder, und bald ſchloß er⸗ quickender Schlummer ſeine Augen. Ruhig nag er da, mit ſeinem Gewiſſen zufrieden; die Hoffnung, die er hatte, theilte ſich in ſeinen Traͤumen mit, die ſchoͤne Vergan⸗ genheit knuͤpfte ſich an reizende Bilder der Zukunft, er ſah ſich als Sieger des Fein⸗ 23 des, er fuͤhlte, daß er den ſtaͤrkern Feind, ſein eigenes Herz, mit ſeinem Ehrgeize, mit ſeiner Sinnlichkeit beſiegt hatte, wie leicht mußte ihm der Sieg uͤber Mahomed ſcheinen! Da verſetzten ihn die Traum⸗ bilder nach Genua's Mauern, in denen er Aglaja gefunden hatte; ſein Freund Ju⸗ ſtiniani, der Bruder ſeiner Aglaja, ſtand vor ihm, und zeigte auf die Huͤlfe einer tapfern Schaar braver Genueſer, die er mitgebracht hatte, die ungluͤckliche Stadt zu reiten, in deren Mauern ſeine Schwe⸗ ſter, ſein Freund war. Neben ihm ſtand der Kaiſer und ſeine Gemahlin, an ſeinem Halſe hing Aglaja und dankbare Freuden⸗ thraͤnen ſegneten den Held, der ſich, um zu retten, eingefunden hatte. Der Traum war fuͤr Demetrius zu ent⸗ zuͤckend, er erwachte; die aufgehende Fruͤh⸗ lingsſonne leuchtete uͤber das Meer her. 24 Aber, wer moͤchte des Prinzen Erſtaunen, ſein namenloſes freudiges Erſchrecken ſchil⸗ dern, da er ſeinen Freund Juſtiniani, den Bruder ſeiner Aglaja, wirklich vor ſich ſah! Da ihn kein Traum getaͤuſcht hatte, da bloß ſeine abſpannende Ermuͤdung ſo groß geweſen war, da er Wirklichkeit fuͤr Traum gehalten, da er dieſe herrliche Scene wirklich erlebt hatte, ohne ſich von ihrer Wahrheit uͤberzeugen zu koͤnnen. Als traͤumte er noch, ſo ſah er ſich um. Aglaja lag knieend vor dem Crucifix, das auf der frommen Kaiſerin Tiſche ſtand; er hoͤrte, was ſie im Gebete ſagte; er wollte ſich aus dem Traume, denn dafuͤr hielt er die ganze Erſcheinung, ſammeln, als Juſtiniani ihn an's Herz riß, ihn durch ſeinen Druck weckte, und durch ſeine Anrede ihn uͤber⸗ zeugte, daß er wirklich da ſey. Da war die Freude des trefflichen Prinzen zu groß. — 25 Keiner Frage war er maͤchtig, ſeine Zunge war wie gelaͤhmt, und ein Strom von Thraͤnen mußte das gepreßte Herz erſt er⸗ leichtern. Faſt eine Stunde gehoͤrte dazu, ehe der von Freude erſchoͤpfte Demetrius fragen, ehe er eine Antwort verſtehen konnte. Marco Juſtiniani, Aglaja's Vater, war todt. Juſtiniani dachte bruͤderlich ge⸗ nug gegen Aglaja und gegen ſeinen Freund, ihnen nicht ein Wort davon zu ſagen, daß der Tochter Fehltritt des Vaters Herz mit zu tiefem Kummer belaſtet habe, als daß es nicht unter dieſer Buͤrde haͤtte zuletzt brechen muͤſſen. Mochte Aglaja auch ſelbſt auf dieſen Gedanken kommen, mochte das Gewiſſen ſie auch des Vatermordes be⸗ ſchuldigen; Juſtiniani ſuchte die Bereuende vom Gegentheil zu uͤberzeugen. Er er⸗ zaͤhlte, wie der ſterbende Marco Aglaja 26 noch in den letzten Augenblicken geſegnet habe. Kaum war Marco Juſtiniani todt, als ſein Sohn ſich lebhafter erinnerte, daß er eine Schweſter habe, daß er in Deme⸗ trius einen trefflichen Freund beſitze. Mochte der letztere durch das Entfliehen mit Aglaja vielleicht von einem jeden andern Bruder unverſöhnlich gehaßt worden ſeyn, und moͤchte jeder andere den Schimpf, der vaͤ⸗ terlichen Familie angethan, mit Blut ge⸗ racht haben; Juſtinſani dachte großmuͤthi⸗ ger und edler. Er verzieh nicht nur, er wollte begluͤcken, er wollte rretten. Con⸗ ſtantinopels ſchreckliche Lage war den abend⸗ laͤndiſchen Chriſten kein Raͤthſel, man kannte die Gefahren, die dieſer Hauptſtadt droheten; und— in dieſer Hauptſtadt wußte Juſtiniani ſeine Schweſter— ſeinen Freund. Ihn daͤuchte, ſchon beide in tuͤr⸗ 8 27 kiſcher Sklaverei zu ſehen. Er mußte ret⸗ ten, fuͤr weiter nichts hatte er einen Ge⸗ danken. Es ſchien ihm zu weitlaͤuftig, die ſaumſeligen Fuͤrſten, die mit ſich ſelbſt uneinigen kleinen Staaten zu Huͤlfe gegen die Tuͤrken fuͤr Conſtantinopel zu bewegen. Er wußte in voraus, daß man auf ſeine Bitte nicht hoͤren wuͤrde, und daß man, wenn man es je that, durch Weitlaͤuftig⸗ keiten und Verhandlungen die noͤthige Zeit der moͤglichen Rettung verſchwenden wuͤrde. Er war einziger Sohn, und Erbe gro⸗ ßer Reichthuͤmer. Schon den zweiten Tag nach ſeines Vaters Begraͤbniß waren alle ſeine liegenden Gruͤnde, alle ſeine geerb⸗ ten Koſtbarkeiten verkauft. Fuͤr die an⸗ ſehnliche Summe wurden drei Kriegsſchiffe erkauft, und vierhundert und funfzig Tapfere und Freiwillige angeworben. Die reichlichen Geſchenke, die Juſtiniani dieſen 28 machte, die Anſtalten, die er traf, ihre Familien gegen allen Mangel zu ſichern, wenn dieſe Freiwilligen bleiben ſollten, und endlich der Umſtand, daß Juſtinian dieſe Braven ſelbſt anfuͤhren, und Gefahr und Tod, Ehre und Ruhm mit ihnen theilen wollte; Alles dieſes fuͤhrte mehrere tauſende in den Pallaſt des Juſtiniani, die ſich zum Dienſte anboten. Er hatte nun das Auswaͤhlen unter der Menge, kein Wunder, wenn er als Mann von Einſicht eine Schaar zuſammenbrachte, auf deren Muth und Einfluß ſehr zu rechnen war. Ganz Genua nahm Theil an der Feier⸗ lichkeit, da dieſe Trefflichen in der Haupt⸗ kirche ſchwuren. Man ſah die Sache als Sache der ganzen Chriſtenheit an; man erwartete große Folgen von dieſem Bei⸗ ſpiele, Genua's beguͤterten Buͤrger be⸗ ſchenkten die Krieger und ihre Familien, 29 wenn die Aermern fuͤr ihre Waffen Segen von Gott erfleheten. Muthig und ent⸗ ſchloſſen beſtiegen dieſe Tapfern die Schiffe; wie geliebten Freunden, von denen man ſich trennt, riefen Genua's Buͤrger den Abſegelnden Gluͤck nach. Wind und Wetter beguͤnſtigten die Fahrt, den dreizehnten Morgen fuhren die Schiffe in das Marmormeer, auf deſ⸗ ſen Spiegel Mahomeds Schiffe ſich ſchon in einem ungeheuern Bogen aufgeſtellt hatten, um den Hafen Conſtantinopels und mit ihm die, Stadt ſelbſt zu erſtuͤr⸗ men, waͤhrend deſſen die Truppen von der Landſeite einen Sturm wagen ſollten. Juſtiniani ſah die ungeheuere Menge der tuͤrkiſchen Schiffe, aber zugleich bemerkte er, da er ihnen naͤher fuhr, wie unwiſ⸗ ſend die Bemannung der feindlichen Flotte im Lenken der Schiffe ſey. Dieſer Anblick 6 30 war ihm das Handgeld eines gewiſſen Sieges.—„Wir brechen gluͤcklich durch die ſeindliche Flotte!“ ſagte er zu den bei⸗ den Anfuͤhrern der Genueſer, Angelo und Mathaͤo.„Jetzt ſegeln wir zuruͤck in eine nahe Bucht. Mit Anbruch der Nacht wird der Angriff unternommen!“ Mit zuverſichtlicher Freude wurde die⸗ ſer Befehl angehoͤrt. Schien doch jedem der Krieger das Ganze Sache des Glau⸗ bens und der Religion zu ſeyn, wie haͤtte da nicht, zugleich von Ehre angefeuert, der Muth auf's s hoͤchſte ſteigen ſollen?— Juſtiniani fuhr mit ſeinen drei Schiffen in eine felſigte Bucht, deren Ufer mit dickem Gebuſch beſetzt war. Hier wurden die Schiffe mit Seilen an Baͤume feſtge⸗ bunden, und Juſtiniani ſtieg in Beglei⸗ tung Angelo's und Matthaͤo's an's Land, um mit dieſen beiden bewaͤhrten Anfüh⸗ 31 rern den weitern Plan des Unternehmens zu bereden. Da ſahe er hinter einem Felſen fuͤnf Schiffe, die die Maſten nie⸗ dergelaſſen hatten, um nicht bemerkt zu werden. Am Ufer ſaßen und lagen Schiff⸗ leute in der Kleidung der Inſelbewohner des Archipelagus. Die Fremdlinge ſchienen erſchrockner bei dem Anblick Juſtiniani's und ſeiner beiden Gefaͤhrten zu ſeyn, als dieſe es waren, da ſie unvermuthet jene Inſelbewohner erblickten. Juſtiniani ging ihnen entgegen. Er gab ſich zu erkennen, und fragte nach den Eigenthuͤmern der Schiffe. Sie traten vor. Es waren Kaufleute aus Conſtanti⸗ nopel, die vom Kaiſer den Auftrag hat⸗ ten, auf den Inſeln Getraide aufzukaufen, um dem Mangel in der Reſidenz vorzu⸗ bauen, da die Fuͤrken jetzt ſchon die frucht⸗ barſten Provinzen des feſten Landes inne hatten. Mit inniger Betruͤbniß klagten die Schiffer, daß ſie die tuͤrkiſche Flotte bemerkt haͤtten, daß ſie nun den Hafen nicht erreichen koͤnnten, und daß ihr Aus⸗ bleiben die Bewohner der Stadt in die groͤßte Verlegenheit verſetzen wuͤrde. „Und was iſt jetzt Euer Plan?“ fragte Juſtiniani.—„Hier verborgen und gedeckt die Nacht zu erwarten, und dann wieder nach jenen Inſeln zuruͤckzugehen.“—„Das Erſte iſt auch mein Plan. Auch ich will mit meinen drei Schiffen verdeckt die Nacht erwarten. Aber nicht um zu entfliehen, ſondern mich unterm Schirme der Nacht und unter des Allmaͤchtigen Beiſtand durch die feindliche Flotte zu ſchleichen oder zu ſchlagen, je nachdem die Umſtäͤnde es moͤg⸗ lich und noͤthig machen. Ich bringe faſt fuͤnfhundert entſchloſſene Freiwillige mit, um die Stadt zu retten. Ihr folgt mit 33 Euern Schiffen. Denkt Euch die Freude, die wir machen.“—„Gottlob!“ fing der eine Schiffer an.„Gottlob, Ritter, daß wir Euch, daß Ihr uns trafet! Wir fah⸗ ren zuſammen. Gott wird ja unſer Unter⸗ nehmen ſegnen. Wir wollen ja unſere Bruͤder retten. Koͤnnten wir etwas Edle⸗ res, etwas Groͤßeres thun?“— Juſtiniani umarmte den biedern Kaufmann mit Freun⸗ des Liebe. Seine Freiwilligen, wie die Matro⸗ ſen der Kaufleute, fanden ſich auf dem Ufer zuſammen; die Ausſicht und die ge⸗ wiſſe Hoffnung, daß der Plan gelinge, hatte Alles mit einem feſten Muthe erfuͤllt. Niemand gab irgend einer Beſorgniß Platz, und der Gedanke an die Freude, die man machen werde, hob den Muth der Beſaz⸗ zung auf's hoͤchſte.— Der Abend war ſchon eingebrochen, als Juſtiniani ſeine II. 3 34 kleine Flotte in Angriffsſtand verſetzte, und mit ihr jene Bucht verließ; truͤbe und matt ſchien das Licht des Mondes durch die Wolken, ein Umſtand, den Juſtiniani kluͤglich benutzte, ſich dicht an die Reihe der, den Hafen einſchließenden feindlichen Schiffe zu ſchleichen. Keiner der tuͤrki⸗ ſchen See⸗Anfuͤhrer bemerkte jene acht fremden Schiffe, und wenn man ſie ja be⸗ merkte, ſo hielt man ſie in der Daͤmme⸗ rung fuͤr einen Theil der Flotte. Das Signal zum Angriff war Allen gegeben. Jetzt entſtand ein guͤnſtiger Suͤd⸗ Oſtwind, er ſchien dem Juſtiniani ein hoͤ⸗ herer Befehl zum Angriff zu ſeyn, und muthvoll durchbrach er mit ſeinem Schiffe zuerſt die Reihe der feindlichen Fahrzeuge. Hart war der Widerſtand der Feinde. Auch ſie hatten es ſich vorgenommen, je⸗ nen guͤnſtigen Wind zur Erſtuͤrmung des 35 Hafens zu benutzen, auch ihre beiden Flüͤ⸗ gel ſtießen zuſammen, um einzudringen, und mitten in dieſem ſich immer mehr verengenden Kreiſe war Juſtiniani mit ſeinen Schiffen bald ganz eingeſchloſſen, als ihm ſeine heute gemachte Erfahrung von dem ſchlechten Segeln und von der Ungeſchicklichkeit der Feinde zu ſtatten kam. Unter allgemeinem Feuer ließ er die Segel alle aufziehen, und hatte die Freude, einen großen Vorſprung in wenig Minuten ge⸗ nommen zu haben. Das Feuer hatte in der Stadt Schrek⸗ ken verbreitet. Man konnte keinen andern Grund angeben, als einen allgemeinen Sturm der Tuͤrken, und erwartete nichts gewiſſer, als daß in jedem Augenblick die Feinde auch auf der Landſeite ſtuͤrmen wuͤrden. Die Beſtuͤrzung war allgemein, Verzweiflung ſtieg auf's hoͤchſte, als es 36 einem der Buͤrger Conſtantinopels einfiel, nach dem Hafen zu gehen. Hier fand er den griechiſchen Poſten zur Bewachung die⸗ ſes ſo wichtigen Vertheidigungspunktes in einen Platz der lauteſten und wildeſten Freude verwandelt. Jene ſo ſehnlich er⸗ warteten Proviantſchiffe hatten gelandet, und in ihrer Begleitung waren tapfere Huͤlfstruppen angekommen. Unter den lauteſten Willkommen fuͤhrte Juſtiniani ſeine Tapfern an's Land, jeder Buͤrger eilte die Retter zu pflegen, und ihnen durch Speiſe und Trank zu zeigen, wie willkommen ſie waren. Mit den An⸗ fuͤhrern ging Juſtiniani nach dem Pallaſte des Kaiſers. Er kam in dem Augenblick an, in welchem ſein Freund Demetrius ſich der Ruhe, dem Schlummer uͤberlaſſen hatte. Am Fenſter ſtanden Helene und Aglaja, nur dunkel hatten ſie den Laͤrm ———xãx— — 37 bei der Landung gehoͤrt, jetzt ſtanden ſie unter Thraͤnen unter Todesangſt am geoff⸗ neten Fenſter und erwarteten mit klopfen⸗ den Herzen die Boten, die der Kaiſer, um Gewißheit zu haben, nach dem Hafen ge⸗ ſandt hatte.— Da bog ſich um die Ecke der Straße ein Zug Krieger von Fackeln erleuchtet, von einer frohen jubelnden Menge aus allen Staͤnden begleitet. Im⸗ mer naͤher und naͤher kamen die Krieger, der Platz des Schloßhofes unter der Kai⸗ ſerin Fenſter wurde immer heller, mit ge⸗ ſpannterer Aufmerkſamkeit blickte Aglaja unter ſich, ſie ſah Waffen und Ruͤſtungen, wie ihr Vaterland Genua ſie ihr ſo oft gezeigt hatte, ſie hoͤrte ihre Sprache, zit⸗ ternd machte ſie den neben ihr ſtehenden Patriarchen Gregorius auf Alles dies auf⸗ merkſam, ſie wollte den Prinzen wecken, die Kaiſerin verhinderte es. Da hoͤrte ſie ungewoͤhnlichen Fußtritt auf dem Marmor⸗ 38 boden des anſtoßenden Sgales, angſtlich ſah ſie nach der Thuͤr, ſie oͤffnete ſich, und mit einem lauten Schrei ſtuͤrzte Aglaja in die Arme ihres eintretenden Bruders Juſtiniani. Mit einer Thraͤne im Auge ſah Ju⸗ ſtiniani auf ſeinen Freund, auf den Gat⸗ ten ſeiner Schweſter, der immer noch ſchlummerte. Aber mit Dankbarkeit blickte der Kaiſer, blickte die Kaiſerin auf den Mann, den der Himmel zu ihrer Huͤlfe geeſandt zu haben ſchien; mit Achtung ſa⸗ hen ſie auf die Anfuͤhrer, die Juſtiniani mitgebracht hatte; aus deren entſchloſſenen Miene und Haltung deutlich zu leſen war, daß man ſich ganz auf ſie verlaſſen koͤnne. Aglaja warf ſich knieend vor dem Erueiſixe nieder, ſie erfuhr ihres Vaters Tod, ihr Bruder hatte ihr geſagt, daß der Vater mit einem heißen Segenswunſche fuͤr ihr 39 Wohl geſtorben ſey. Empfindungen, wie Aglaja jetzt fuͤhlte, wie ſie ſie nie gefuͤhlt hatte, durchkreuzten ihre Seele, und Ge⸗ fuͤhle der Reue, der Freude, des Schmer⸗ zes und des Dankes loͤſeten ſich in einem wortloſen Gebete auf, indeß der fromme Gregorius jene braven Krieger ſegnete. In dieſem Augenblick war es, als Deme⸗ trius erwachte. DOb es wol im Leben des Prinzen einen feierlichern Augenblick geben konnte? Ob die Geſchichte Juſtiniani's, Aglajens und Demetrius eine ſo wichtige Stunde aufweiſen konnte, als die Stunde dieſes unerwarteten frohen Wiederſehens es war? — Geruͤhrt ſtanden der Kaiſer, die Kai⸗ ſerin und der Patwiarch da, und ſahen auf dieſe ſchoͤne Gruppe. Ihren hohen großen Ruf, eine dem Untergange ſo nahe Stadt zu retten, den wankenden Thron des mor⸗ 40 genlaͤndiſchen Reiches zu ſtuͤtzen, und dem Kreuze des Erloͤſers Ehre und Anbetung zu verſchaffen, ſtanden die trefflichen Fuͤh⸗ rer der Genueſer da. In ihren Herzen flammte jener fromme Muth und Jeder gelobte es ſich ſelbſt, zu ſiegen oder ruͤhm⸗ lich mit den Waffen in Der raͤchenden Hand zu fallen. n. Gewiß giebt es keinen ſchoͤnern, die Menſchheit mehr ehrenden Anblick, als der Blick auf eine muthige Schaar, die fuͤr Glauben, Vaterland und Fuͤrſten gluͤhet, und in deren Rettung ihre eigene Zufrie⸗ denheit, ihren ſchoͤnſten Lohn ſindet. Je⸗ des Land hat Scenen dieſer Art aufzuwei⸗ ſen, und dankbar muß die Geſchichte ſie aufbewahren, um durch das Bild edler und großer Vorfahren die ſpaͤten Enkel zu ermuthigen, wenn ſie Religion, Vaterland and Fuͤrſten in Gefahren ſehen. Vielleicht . 8 — — 41 ſoͤhnt ein ſolcher Augenblick den Menſchen⸗ freund ganz aus, wenn er im Hinter⸗ grunde eines ſolchen erhabenen Gemaͤldes Blut und Zerſtoͤrung erblickt. Aber— auf Niemand wirkte die Er⸗ ſcheinung dieſer tapfern Genueſer ſo, als auf den Kaiſer ſelbſt. Die Geſchichte ſchildert ihn, wie eine große Reihe ſeiner Vorfahren, als weichlich, als einen Fuͤr⸗ ſten ohne Entſchloſſenheit, deſſen Geiſtes⸗ gegenwart und Muth in dem Grade ab⸗ nahmen, in welchem das Anſehen ſeiner Feinde ſtieg; als einen Regenten, wie die Geſchichte ihrer ſo viele zeigt, die ſich im Anfange nicht gleich zu nehmen wiſſen, die durch ihre Mißgriffe dem Feinde das Schwerdt in die Hand geben, und ſich dann natuͤrlich in der Folge zu ſchwach, zu mißtrauend gegen ſich ſelbſt fuͤhlen, als daß ſie fruͤher begangene Fehler durch fol⸗ genden Eifer und Muth wieder gut machen koͤnnten. Moͤgen Herz und Verſtand auf einer noch ſo hohen Stufe ſtehen, ſie koͤnnen dem Vaterlande nie erſetzen, was die Un⸗ entſchloſſenheit und der Mangel an Selbſt⸗ vertrauen ſchadete. Oft bringt dann das Schickſal Fuͤrſten dieſer Art in ſolche Ver⸗ bindungen, und verwickelt ſie in ſolche Verhaͤltniſſe, in denen Ein Stoß ſie er⸗ muthigt, und ſie, was ſie freilich haͤtten fruͤher thun ſollen, einen Muth lehrt, der oft erſt am Schluß ihres Lebens ein ehren⸗ volles Licht auf die Unthaͤtigkeit fruͤherer Regierungsjahre wirft. In die Reihe dieſer Fuͤrſten gehoͤrte Conſtantin.— Wie unter ſeinen unruͤhm⸗ lichen Vorfahren, ſank auch unter ihm das Reich immer tiefer, und es kann unmoͤg⸗ lich ein ehrebringender Zug in dem Ge⸗ maͤlde ſeines Lebens ſeyn, wenn die Ge⸗ ———— — — —-— * — 43 ſchichte ihn als einen Fuͤrſten zeigt, der mehr fromm als tapfer war; der im Ge⸗ bete ſeine Zuflucht ſuchte, wo er die Waſ⸗ fen haͤtte brauchen muͤſſen, und der im Aeußerlichen, im Schatten des alten Glan⸗ zes, den ſich mit jedem Tage naͤhernden Untergang ſeines Reiches zu vergeſſen ſuchte. Jetzt kam Juſtiniani, wie ein vom Himmel geſandter Schutzengel des wanken⸗ den Thrones; jetzt ſah Conſtantin die Freude, mit welcher ſein Bruder den bra⸗ 1 ven Genueſer empfing, und jetzt wollte er der Achtung dieſer Tapfern ganz werth ſeyn. Alle, in ſeiner Seele ſchlummern⸗ den Anlagen des Selbſtvertrauens, des Muthes erwachten; der Entſchluß, mehr fuͤr ſein eigenes Reich zu thun, als ſein Bruder, als Juſtiniani, ſtand mit Rieſen⸗ ſtarke vor ihm. Der Bund auf Leben und Tod, den Demetrius und Juſtiniani laͤngſt geſchloſſen hatten, bekam an dem 44 ermuthigten Kaiſer ein neues Mitgliedn, ein Mitglied, das wahrlich dieſem edlen Bunde keine Schande machte. Kaum war es Tag, als Juſtiniani mit Demetrius alle die Anſtalten, von de⸗ nen man die Rettung der Stadt erwar⸗ tete, genau pruͤfte, um ſeine Maaßregeln danach einzurichten. Dem Kaiſer ſelbſt blieb es uͤberlaſſen, die treue Einigkeit der Buͤrger und ihr wechſelſeitiges Zu⸗ trauen gegen einander zu bewirken; ein ſchoͤnes Geſchaͤft, zu deſſen Gelingen der treffliche Patriarch das Seinige redlich bei⸗ trug. Kanzel, Altar und Rednerbuͤhne wurden dazu benutzt, und kaum brach der Abend des Tages an, als ſchon die Buͤr⸗ ger jeden alten Groll gegen einander ver⸗ geſſen hatten; an ſeine Stelle trat eine gewiſſe herzliche Einigkeit, jeder war be⸗ reit fuͤr den andern zu ſterben, und mit 1 45 innigem Dank ſahen Helene und Aglaja auf die vor dem Pallaſte ſtehenden Buͤr⸗ ger, die einer dem andern Treue bis zum Tode ſchwuren. Demetrius und Juſtiniani brachten den ganzen Tag mit Beſichtigung der Fe⸗ ſtungswerke hin, die das Innere der Stadt ſchuͤtzen ſollten. Die Befeſtigungskunſt war damals noch in ihrer Kindheit; ſie beſtand aus alten, durch die Gewohnheit und durch die Laͤnge der Zeit fuͤr zweck⸗ maͤßig genommenen Ueberbleibſeln der al⸗ ten roͤmiſchen und griechiſchen Fortifica⸗ tion, deren Nutzen fuͤr jene alten Zeiten, in denen Balliſten und Catapulten die einzigen Angriffswaffen der Feſtungen wa⸗ ren, ſich bewaͤhrt hatte; die aber jetzt, ſeit der Erfindung des Schießpulvers und des ſchweren Geſchuͤtzes, das nicht mehr lei⸗ ſten konnten, was ſie fruͤher gewaͤhrten. 2— —————— . 45 Eine ſtarke, dicke Mauer mit einer Bruſt⸗ wehr, die den Bogenſchuͤtzen deckte, beſetzt mit Thuͤrmen, wie die alten Stadtmauern ſie noch zeigen, mit Thuͤrmen, aus denen man den Angriff und die Anſtalten des Feindes uͤberſehen, und zugleich, wie von den nachherigen Bollwerken, die Flanken des Angreifenden mit Pfeilen beſchießen konnte, machte die ganze Befeſtigung aus. Die Mauer war mit einem tiefen, un⸗ ten ſpitz zulaufenden Graben umgeben, der den Feind das Annaͤhern der Mauer er⸗ ſchwerte, und zugleich den Gebrauch der Widder und Catapulte verhinderte. Sollte die Feſtung den Namen einer nicht leicht zu nehmenden, oder unuͤberwindli⸗ chen verdienen, ſo war hinter der feſten Mauer noch eine zweite, oft gar noch eine dritte aufgefuͤhrt, deren Erſtuͤrmung dem Feinde eben die Schwierigkeit zeigte, die 47 er bei der Einnahme der erſtern zu uͤber⸗ winden hatte. Conſtantinopel, eine Stadt vom Um⸗ fange zweier deutſchen Meilen, war an der Landſeite mit einer ſolchen ſtarken Mauer umgeben, deren Bruſtwehr im beſten Stande war, um die die Stadt Vertheidigenden gegen das Geſchuͤtz des Angreifenden zu ſichern. Noch beſſer war die Seeſeite befeſtigt. Den Hafen ſchuͤtzte eine vorgezogene Kette von ſo ungeheuern Gliedern, daß der Stoß des ſtaͤrkſten Schife fes ſie nicht ſprengen konnte. Auch am Hafen war der anſtoßende Theil der Stadt mit Mauern und Thuͤrmen gedeckt. In Begleitang des in der Befeſti⸗ gungskunſt erfahrenern Matthaͤo beſahen Demetrius und Juſtiniani alle dieſe An⸗ ſtalten. Nicht ganz zuſrieden war der 48 Erſte mit dem, was er fand; aber die Ei⸗ nigkeit der Buͤrger, der Muth des Kai⸗ ſers, des Prinzen und Juſtiniani, die frommen Gebete des Patriarchen und der Kaiſerin, und vor allem der Glaube an eine alte Prophezeihung, nach welcher Conſtantinopel nie erobert werden koͤnne, ein Glauben, dem ſelbſt die Weiſen der Stadt anhingen, alles dies zuſammen ge⸗ nommen, ließ die entdeckten Maͤngel uͤber⸗ ſehen, und frohe Hoffnung trat an die Stelle einer aͤngſtlichen Beſorglichkeit. Demetrius, dem der Ruf eines der tapferſten Prinzen vorausging, hatte bei allen Buͤrgern ein zu gegruͤndetes und un⸗ umgraͤnztes Anſehen, als daß ſie nicht gern und willig den Poſten bezogen haͤtten, die ihnen der Prinz anwies. Mehr, um ſie in dem Handwerksmaͤßigen des Dienſtes auf⸗ merkſam zu erhalten, als ihnen Muth ein⸗ 49 zufloͤßen, wurde ein großer Theil der Ge⸗ nueſer mit ihnen vermiſcht; willig und den Einſichten gepruͤfter Krieger gern ge⸗ horchend, ſchloſſen ſich Conſtantinopels friedliche Buͤrger an die Genueſer, die ih⸗ rerſeits an den Buͤrgern die muſterhafteſte Folgſamkeit zu ſchaͤtzen wußten. Kein Stand ſchloß ſich von der Pflicht, die Mauern ſeiner Vaterſtadt zu vertheidigen, aus. Wem die Natur die Kraͤfte des Krie⸗ gers verſagt hatte, der gab ſich gern dazu her, den Fechtenden Speiſe und Trank zu⸗ zutragen, der erbot ſich willig zur Pflege des Kranken, des Verwundeten; und ſelbſt die Weiber und Toͤchter opferten nicht nur Kleinodien und Geſchmeide zum Beſten der allgemeinen Kaſſe, ſondern ſie gingen gern zu dem, fuͤr des Vaterland Verwundeten, um ſeine ruͤhmlichen Wunden zu verbin⸗ den.— Es war einer der letzten ſchoͤnern Abende in Demetrius Geſchichte, als er II. 4 nach dem Pallaſte zuruͤckkam. Mit Thraͤ⸗ nen der Beſorgniß hatte ihn Aglaja em⸗ pfangen, aber ihr Schmerz verwandelte ſich in Hoffnung, ihre Beſorgniß ſchwand, da Demetrius und Juſtiniani mit Zuver⸗ ſicht uͤber die Zukunft ſprachen, da aus ihren Augen die Hoffnung des Sieges ſtrahlte. Geruͤhrt warf das fromme Weib ſich vor dem Altare der Pallaſtcapelle nie⸗ der, ihre Freude theilte ſich der Kaiſerin mit, und bald erfuhren die Buͤrger auf den Mauern, wie ſehr man auf ihre Tapferkeit rechnete, was man ſich von ihrem Muthe verſprach, und immer feſter ſtand der Entſchluß, als Helden zu ſiegen, oder zu fallen, in ihrem Herzen. In der ganzen, ſonſt ſo ſchoͤnen und fruchtbaren Gegend des ſuͤd⸗oͤſtlichen Eu⸗ ropa's war in dieſem Jahr 1453 keine Spur jenes ſchoͤnen Fruͤhlings dieſes Lan⸗ 5t des zu ſinden. So reich und uͤppig ſonſt 8 hier Alles keimte, Alles bluͤhete, ſo oͤde, ſo wuͤſte zeigte ſich hier Alles. Maho⸗ meds zuͤgelloſe Schaaren hatten Conſtanti⸗ nopels Umgebungen in eine traurige Ein⸗ oͤde umgeſtaltet. Es war Anfangs des Aprils, als dieſer Tyrann ſich in den naͤ⸗ hern Bezirken der Hauptſtadt des griechi⸗ ſchen Kaiſerthums niederließ. Auf Wider⸗ ſtand hatte er vielleicht nicht einmal ge⸗ rechnet. Er kannte Conſtantins Schwaͤ⸗ chen. Demetrius, der Einzige, dem er Kraft zutrauete, war jetzt bei ihm in ſei⸗ nem Pallaſte; er hoffte, daß des Prinzen wahrſcheinliche Liebe zu Selima das voll⸗ enden werde, was deſſen Neid gegen den Kaiſer Conſtantin angefangen hatte, die Freundſchaft mit Mahomed und den Ueber⸗ gang zur tuͤrkiſchen Religion.— Und jetzt hatte dieſer Prinz ſich aus den Schlingen geriſſen, jetzt war der Gefuͤrchtete in der Stadt, jetzt hatte ſich mit dieſem eine Schaar tapferer Genueſer verbunden, jetzt war die vom Hunger bedrohete Haupt⸗ ſtadt mit neuen Lebensmitteln verſehen. Gruͤnde genug, die dem Sultan eine lange, vielleicht vergebliche Belagerung in der Zukunft zeigten. Kein Wunder, wenn ſein Unwille in graͤnzenloſe Wuth uͤber⸗ ging, kein Wunder, wenn die ſo tief ge⸗ kraͤnkte, ſo hart beleidigte Selima ihren Bruder immer mehr aufbrachte. Seine erſte Wuth erfuhr der ungluͤckliche Admiral ſeiner Flotte, der den Durchgang jener Schiffe unter Juſtiniani nicht gehindert hatte. Mahomed ließ ihn enthaupten, und in ſeinem tollen Eifer das Admiralſchiff mit der Bemannung verbrennen. Selbſt ſeine erſten Fuͤhrer, ſeine vertrauteſten Freunde zitterten, wenn ſie ſich ihm nahe⸗ ten. Wußten ſie es doch aus ſeinem eige⸗ 53 nen Munde, daß jeder mißgegluͤckte Ver⸗ ſuch an ihnen mit dem ſchimpflichſten Tode beſtraft werden ſollte. Mit Aengſtlichkeit ſprachen dieſe ſonſt ſo raſchen, entſchloſſe⸗ nen Maͤnner von Unternehmungen, zu de⸗ nen ſie beordert waren; von Unternehmun⸗ gen, denen ſie ſonſt mit freudigem Muthe entgegen gingen. Aber eben dieſe Furcht machte ſie um deſto tapferer. Sie wuß⸗ ten, daß ſchon der Anſchein von Feigheit den Tod nach ſich zoͤge; und dies Ziel, den Tod, konnten ſie auf ruͤhmlicherm Wege erreichen, und wenn ſie ihm entflohen, ſahen ſie Belohnungen und Geſchenke vor ſich. Dieſer Geiſt herrſchte im ganzen Heere; ein Krieger theilte ihn dem andern mit, und Mahomed, der ihn angefacht hatte, ließ ihn nicht unbenutzt. Sein Entſchluß war gefaßt, die Stadt zu er⸗ obern, und ſollte ſein halbes Heer mit dem Leben dieſe Eroberung erkaufen⸗ 54. Es war den ſechszehnten April, als Mahomed den erſten Sturm wagte. Die Flotte mußte immer enger den Hafen ein⸗ ſchließen, und die Landarmee naͤher an die Mauer ruͤcken. Mehere Batterien, unter denen man freilich keine Batterien nach jetzigen kriegswiſſenſchaftlichen Grundſaͤtzen denken muß, wurden errichtet, und da Mahomed's Artillerie aus ſehr wenigen, aber aus Stuͤcken von ungeheurem Caliber beſtand, ſo konnte er nur wenige Batte⸗ rien mit Geſchuͤtz bepflanzen. Morgens mit Aufgang der Sonne wurden die Ein⸗ wohner durch das Bruͤllen der Stuͤcke fuͤrchterlich aus dem Schlummer geweckt. 1 Demetrius und Juſtiniani hatten ge⸗ rade den Poſten, den Mahomed beſonders angriff, den Poſten auf der abendlichen Seite der Stadt. Auf beide ſah jetzt je⸗ der Vertheidiger; auf ſie, das wußte jeder, 1 55 und auf ihr Beiſpiel kam Alles an. De⸗ metrius und Juſtiniani waren an den ge⸗ faͤhrlichſten Plaͤtzen, ſie redeten ihren Leu⸗ ten zu, waͤhrend ein Stuͤck der erſten Mauer nach dem andern einſtuͤrzte. Bloß und unbedeckt ſtanden jetzt die tapfern Ver⸗ theidiger, und kannten keinen Schutz wei⸗ ter, als ihre Waffen, kein Rettungsmittel weiter, als ihren unerſchuͤtterlichen Muth. Auf dieſe von Juſtiniani und Deme⸗ trius angefüͤhrten, und durch dieſe Anfuͤh⸗ rer muthig gemachten Vertheidiger ſtuͤrzte nun der Vortrab des tuͤrkiſchen Heeres, eine Horde wilder, den Tygern an Wuth aͤhnlichen, Bewohner des mittlern Aſiens. Die Stadt mit allen ihren, durch die Erzaͤh⸗ lung noch uͤbertrieben vergroͤßerten Reich⸗ thuͤmern, lag als eine gewiſſe Beute vor ihren Augen. Kein Wunder, wenn dieſe funfzehntauſend Raſender, denen nichts 4 55 von Kriegskunſt bekannt war, einen Sturm unternahmen, wie ihn ſchwerlich die Ge⸗ ſchichte der Kriege an einem andern Orte zu ſchildern Gelegenheit hat. Wuͤthend ſtürzten ſie in den, ſie von den Belager⸗ ten trennenden Graben, wuͤthend und mit der koͤrperlichen Gewandtheit wilder Voͤl⸗ ker, erkletterten ſie die Boͤſchung des Gra⸗ bens, als Demetrius mit dem Kern der Einwohner Conſtantinopels, als Juſtiniani mit ſeinen tapfern Genueſern dieſe Wuͤ⸗ thenden in dem Augenblick angriffen, den ſie zur Erholung nach dem muͤhevollen Er⸗ klettern des Grabens, um zu Athem zu kommen, beſtimmt hatten. Unbekannt mit europaͤiſcher Kriegs⸗ kunſt, uͤberraſcht durch den ganz unvermu⸗ theten Widerſtand derer, denen Freiheit und Vaterland jetzt uͤber alles ging, auf einander gedraͤngt und geworfen, in dieſer 57 Unordnung und Getuͤmmel außer Stand geſetzt, von ihren gewoͤhnlichen Waffen, vom Spieß und Bogen Gebrauch zu ma⸗ chen, mußten dieſe Horden um ſo mehr geſchlagen werden, da ſo wenig Deme⸗ trius und Juſtiniani, als die durch ſie er⸗ muthigten Vertheidiger ſich durch den, mit wildem Geſchrei begleiteten Angriff ſchrek⸗ ken ließen. Zu Tauſenden ſielen die Barbaren durch die kuͤrzern Saͤbel der Genueſer, die das Handgemenge, in welchem ſie mit dem Feinde waren, gegen das Geſchoß und gegen die, mehr Platz erfordernde Lanze ſicherte. Alle zeichneten ſie ſich aus, der Name des Erloͤſers und der Maria war die Loſung. Einer rief ſie dem an⸗ dern zu, und der Gedanke an Freiheit, Vaterland und Glauben machte aus jedem einzelnen Buͤrger, aus jedem einzelnen 58 Genueſer einen Helden, des ſpaͤteſten Nach⸗ ruhms wuͤrdig. Aber vor Allen glaͤnzten Demetrius und Juſtiniani. Mit einem leichten Pan⸗ zer gegen Pfeil und Lanze gedeckt, ſtrit⸗ ten ſie in der vorderſten Reihe. Kenntlich an dem wehenden Federbuſche des Helmes, noch kenntlicher an den Luͤcken, die da in dem Haufen der Feinde entſtanden, wo ihr Schwerdt wuͤthete, waren ſie die Mu⸗ ſter, auf die Alles ſah, denen Jeder folgte. Durch Demetrius Hand fielen zwei der erſten Anfuͤhrer der feindlichen Haufen; durch Juſtiniani's Schwerdt ein Anderer. Wohin ſie kamen, verbreitete ſich Tod und Schrecken unter den Feinden; ſie waren die raͤchenden Todesengel, auf deren Arm die ſinkende Freiheit eines unglucklichen Reiches zum letztenmale ſich ſtuͤtzte.— Der Feind war geworfen, uͤber die vom 1 ———— 59 Blute ſchluͤpfrig gewordene Boͤſchung glit⸗ ten die Leichen der Barbaren hinab in den Graben. Erfochten war der erſte Sieg. Die Sieger druͤckten ſich, einer gegen den an⸗ dern, dankbar die blutige Hand. Ermat⸗ tet von der ſchrecklichen Wuͤrge⸗Arbeit ſaßen die Buͤrger und Genueſer da auf dem mit Leichen bedeckten, mit Blut gefaͤrbten Siegesplatze; dankbar nahmen ſie jetzt Speiſe und erquickenden Trank, den ihnen Gattinnen und Toͤchter auf den Wall brachten. Wie in den Augenblicken der erſten Liebe, druͤckten die dankbar frohen Gattinnen die tapfern Vertheidiger der Mauer an das Herz. Freudenthraͤnen der Geretteten miſchten ſich mit dem Blute der Feinde, das ſchwarz und geronnen an den Kleidern der Sieger hing. Die bange Beſorgniß der Zukunft wandelte ſich in 1 1 ¹ 60 lachende Hoffnung, und Jedem ſchien die Rettung der Stadt mehr als wahr⸗ ſcheinich. Aber deſto ergrimmter war Mohomed, der von der Spitze der nachruͤckenden Re⸗ ſerve des Hauptcorps der Janitſcharen, das Zuruͤckweichen der geringen Ueberbleib⸗ ſel jener zuerſt Angreifenden ſehen mußte. Dies hatte ſein Stolz nicht erwartet, nicht gefuͤrchtet. Kein Wunder, daß er in ſei⸗ ner erſten, ihn ganz verzehrenden Wuth, den ſchrecklichen Entſchluß faßte, die Zu⸗ ruͤckkommenden durch die Janitſcharen⸗Re⸗ ſerve niederſaͤbeln zu laſſen. Der furcht⸗ bare Befehl war ſchon gegeben. Keiner der Anfuͤhrer der Janitſcharen wagte es, gegen einen Befehl Einwendungen zu machen, ſo ſehr auch das eigene Gefuͤhl der Menſchlichkeit und die Ueberzeugung, daß jene Zuruͤckgeſchlagenen Alles, Alles 61 gethan hatten, was nur moͤglich war, gegen dieſen Todesbefehl ſich ſtraͤubten. Da fuͤhrte ein alter Emir jener aſiatiſchen wilden Voͤlker den Ueberreſt ſeines Hau⸗ fens, fuͤnf und zwanzig blutende Verwun⸗ dete, dem Sultan vor. Der Greis ſelbſt war verwundet, und kaum konnte der zer⸗ hauene Arm den Saͤbel noch tragen.— „Zweitauſenden meines Haufens gabſt du, Sultan, heute den Befehl, jene heilloſe Stadt zu erſtuͤrmen,“ ſagte er feſt.„Dieſe wenigen bringe ich dir wieder. Die andern liegen im Graben todt, und unter dieſen meine drei Soͤhne, die unter mir Anfuͤh⸗ rer waren.“ Mehr konnte der Greis nicht fagen. Das Bild ſeiner gefallenen Soͤhne ſchien ihn zu umſchweben. Er mußte den Blick wegwenden; er ſah auf die wenigen Be⸗ gleiter, die faſt alle ohnmaͤchtig niederge⸗ ————————õ— ——õ—————— — — Greiſes Antwort. 62 ſunken waren. Selbſt auf Mahomed's Herz machte dieſer Anblick und dieſe Worte Eindruck.—„Wie ging es zu, Abdul, daß deine Tapfern jene Mauer nicht er⸗ ſturmten?“ fragte er, um ſeinen tobenden Schmerz einigermaßen zu verbergen.— „Der Prinz Demetrius, den du ſo ſehr ehrteſt, den du allen deinen Anfuͤhrern vorzogſt, ſtritt an der Spitze!“ war des S* Dieſe Worte waren dem Funken gleich, der in ein Pulverfaß faͤllt; Mahomed's Zorn ging in grenzenloſe Wuth uͤber, ſein Auge rollte fuͤrchterlich, er knirſchte mit den Zaͤhnen, Alles um ihn her zitterte, und mit bangem Klopfen des Herzens ſah man dem Augenblick entgegen, in welchem jener Greis und ſeine Wenigen niederge⸗ hauen wuͤrden.— Sey es, daß Mahomed ſeinen erſten ſchrecklichen Befehl vergaß, 63 ſey es, daß er Achtung gegen die Tapfer⸗ keit derer, die im Angriff ungluͤcklich ge⸗ weſen waren, fuͤhlte; genug, des Mor⸗ dens jener Zuruͤckkommenden wurde nicht weiter gedacht. Aber deſto ernſter war nun der Befehl an jene Reſerve der Janitſcha⸗ ren, ſogleich anzuruͤcken, und nicht eher um⸗ zukehren, als bis die Stadt erſtuͤrmt ſey. Wie die Engel des Todes flogen die Boten des Sultans zu jenen Reihen der Krieger, die jetzt die mit Blut benetzte Straße gehen ſollten, auf der ihre Bruͤ⸗ der ſo ungluͤcklich geweſen waren. Muth⸗ voll und racheſchnaubend gingen die Janit⸗ ſcharen vor Mahomed vorbei.—„Drei Tage wird gepluͤndert!“ rief er ihnen zu. „Die Stadt iſt euer Eigenthum, und der zuerſt eindringt, iſt Befehlshaber. Keines Menſchen wird geſchont!“ Hatte Mahomed triftigere Bewegungsgruͤnde zur tollkuhn⸗ l 6 ſten Tapferkeit noͤthig, als dieſe?— Sie waren ein Beweis, daß er den Charakter ſeines Heeres genau kannte, und daß er's verſtand, ſeine Krieger zu nehmen. Und wirklich vermochten dieſe wenigen Worte Alles. Wie raſende Beſtien eilten die Ver⸗ wegenen auf dem Wege fort. Ob der Boden mit dem Blute der zuruͤckgekomme⸗ nen Verwundeten beſpritzt war; ob hier und da ein Verwundeter aͤchzend lag; ob ſich einzelne Leichen derer fanden, die auf dem Ruͤckwege geſunken waren, das Alles ruͤhrte die Raubſuͤchtigen nicht. Achttau⸗ ſend Mann machte die Schaar aus, die jetzt ſich der Stadt naͤherte, um ſie einzu⸗ nehmen, oder vor ihren Mauern zu fallen; wie eine Gewitterwolke waͤlzte ſich dieſer Haufen drohend uͤber das Feld hin, und entwickelte ſich einige hundert Schritt von 65 der Stabt, um den Angriff planmaͤßiger und geregelter zu unternehmen. Dieſe Janitſcharen waren ſeit achtzig Jahren errichtet, ſie waren der beſte Theil des tuͤrkiſchen Heeres, jedes kriegeriſchen Ruh⸗ mes werth; und ſtolz auf ihre Vorzuͤge, wie auf ihre kriegeriſche Bildung, ſahen ſie mit Verachtung auf den uͤbrigen Theil des tuͤrkiſchen Heeres. Ihres Muthes konnte jeder Sultan gewiß ſeyn; daher wurden ſie zu den gefaͤhrlichſten Angriffen beſtimmt. Ermattet, aber froh in ihren Hoff⸗ nungen, ſaßen Conſtantinopels tapfere Buͤrger auf dem Platze, deſſen Beſitz ihr tapferer Arm erkaͤmpft hatte; ſie uͤberlie⸗ ßen ſich einer um ſo wohlthaͤtigern Ruhe, je anſtrengender der Augenblick war, in welchem ſie dieſe Ruhe erkaͤmpften. Der Freund ſuchte den Freund, der Bruder II. 5 66 den Bruder. Glüͤcklich war der, der fand, was er ſuchte; denn viele fanden die Lei⸗ chen derer, die im Kampfe fuͤr Vaterland und Glauben gefallen waren. Die Gluͤck⸗ lichen erzaͤhlten ſich die Geſchichte des merkwuͤrdigſten Tages ihres Lebens; der Unglückliche, der Freund oder Bruder in der Reihe der Gefallenen beweinte, vergaß bittere Thraͤnen uͤber des Geliebten Leiche. — Da riefen Demetrius und Juſtiniani, Angelo und Matthaͤo zum Gewehr. Fuͤrch⸗ terlich lief der Ruf durch die Reihen, furchtbar war das Auftummeln, ſchrecklich das Getuͤmmel durch die mit Feindesblut gefaͤrbten Waffen verurſacht. In wenig Augenblicken ſtand die Reihe der Entſchloſ⸗ ſenen auf dem Platze, in der Luͤcke, die Mahomeds Geſchuͤtz in die Mauer geriſ⸗ ſen hatte. Vor der Fronte der Braven knieeten Demetrius und Juſtiniani nieder. Heißes Gebet floß von ihren Lippen, da 1 67 brach ein heller Sonnenſtrahl durch die Wolken; der fromme Aberglaube ſah die Palme des Sieges, die die Gottheit uͤber die tapfern Vertheidiger ſtreckte, in dieſem Naturphaͤnomen. Gewiß war ihnen der Sieg; gluͤhend war ihre Hoffnung; unge⸗ duldig ſah man dem Augenblick entgegen, der die verwegenen Feinde an die Abda⸗ chung des Grabens fuͤhrte. Jetzt traten die Janitſcharen an die ent⸗ gegengeſetzte Seite des Grabens. Furcht⸗ bar bruͤllte das feindliche Geſchuͤtz; wie Schloſſen flogen die zerſchmetterten Stuͤk⸗ ken der Mauer umher; als jene Janitſcha⸗ ren ſich in den, mit den Leichen ihrer un⸗ gluͤcklichen Vorgaͤnger angefuͤllten Graben hinabließen, um mit trotzigem Muthe die Seite zu erklimmen, auf der Demetrius unnd Juſtiniani mit ihren Kriegern ſtanden. So viel ſah man auf den erſten Blick, 68 daß man es nicht mehr mit jenen, bloß rohen und wilden Kriegern zu thun hatte; man ſah, daß man es mit Feinden zu thun habe, die, in der hoͤhern Kriegskunſt erfahren, eine an Tollkuͤhnheit grenzende Vermeſſenheit mit der feinern Kunſt zu morden verbanden. Ein ſtarker Haufen dieſer Feinde brachte Leitern und andere zum Erſteigen des vom Blute ſchluͤpferi⸗ gen Walles herbei. Jeden andern Vertheidiger wuͤrde dieſe neue Anſicht in Verlegenheit geſetzt, oder gar muthlos gemacht haben; bei Deme⸗ trius, Juſtiniani, Angelo und Matthaͤo wer dies der Fall nicht. Kaum hatten die beiden letzten das Unerwartete in den Anſtalten der Feinde gemerkt, als ihr Geiſt ihnen ſchon die Mittel an die Hand gab, jene fuͤrchterlichen Zubereitungen durch die zweckmaͤßigſten Gegenanſtalten zu vernich⸗ 69 ten.—„Seht nur auf uns!“ rief Angelo und hielt mit ſtarkem Arm eine angelegte Leiter von dem Walle ab, indeß Matthäo jedem Janitſcharen, der auf der Leiter hoͤ⸗ her ſtieg, den Kopf ſpaltete, oder die Hand abhieb. Conſtantinopels Vertheidigern war es nicht ſchwer, dieſen Kunſtgriff zu ler⸗ nen; aber deſto ſchwerer wurde es den Ja⸗ nitſcharen, von ihrem Plane abzugehen. Tauſend derſelben lagen ſchon mit geſpal⸗ tenem Haupte in dem Graben; als der Muth derſelben ſich in raſende Wuth ver⸗ wandelte. Sie wollten den Rand des Grabens erſteigen; ſie wollten dies auf eben dem Wege thun, auf dem es ihre Vorgaͤnger verſucht hatten; ſie thaten es, indem die hinter ihnen liegende Batterie fuͤrchterlich feuerte, und die Kugeln des Geſchuͤtzes ein Stuͤck der ſchuͤtzenden Mauer nach dem andern abriſſen. Ein fuͤrchter⸗ liches Geſchrei der Angreifenden erhob ſich. . 4 ———————— 70 Demetrius befahl ſeinen Kriegern, eben ſo zu ſchreien. Die Janitſcharen ruͤckten und draͤngten in dicken Haufen naͤher; da ſtuͤrzten Angelo und Matthaͤo mit dem, mit Fleiß aus dem Gemetzel zuruͤckgehal⸗ tenen Kern der Genueſer in die Haufen der Janitſcharen, die ſchon den Rand des Grabens, freilich mit ungeheurem Ver⸗ luſte, erreicht hatten. Furchtbar wuͤthete das Schwerdt der friſchen kraͤftigen Krie⸗ ger in dem dicken Haufen der lechzenden, ermatteten Tuͤrken. Nur wenige Minuten waren noͤthig, und die Leichen der Angrei⸗ fenden rollten die blutgefaͤrbte Abdachung hinab, und riſſen die mit in den Graben, die, einen neuen Angriff zu wagen, die Boͤſchung zu erklettern ſuchten. Es wurde Abend. Die Sonne ging eben unter, als Conſtantinopels Verthei⸗ diger ſich eines zweiten Sieges zu erfreuen 71 hatten. Freilich war die erſte Mauer faſt dreihundert Schritt weit zuſammengeſtuͤrzt; freilich hatte beſonders der letzte Kampf manchen der Vertheidiger zum Opfer ge⸗ fordert, aber die Freude war groß, da man die wenigen hundert uͤbriggebliebenen Janitſcharen muthlos und eilend uͤber das Feld zuruͤckfliehen ſahe. Wer konnte in dieſem Augenblick der ſchoͤnſten Hoffnung auf Gruͤndung der Freiheit auch nur einen, Einen traurigen Gedanken denken! Wer haͤtte ſich in dieſem Augenblick nicht ganz gluͤcklich, ſelbſt bei dem Anblick der Leiche eines Bruders, eines Freundes fuͤhlen ſol⸗ len! Ein lauter froher Geſang, eine Sie⸗ geshymne erſchallte; Thraͤnen der Freude floſſen waͤhrend des Geſanges. Demetrius und Juſtiniani hielten es jetzt fuͤr ihre erſte Pflicht, nach Conſtan⸗ tins Pallaſte zu gehen. Aglaja mußte 7² ihren Herzen zu wichtig ſeyn, als daß ſie nicht dieſe Werthe haͤtten ſehen ſollen. Ihren Poſten wußten ſie in den beſten Haͤnden, Angelo und Matthaͤo uͤbernah⸗ men ihn gern. Den Buͤrgern der Stadt, die heute mit ſo angeſtrengtem Muthe bis zur Ermuͤdung geſtritten hatten, goͤnnten die Anfuͤhrer gern die Ruhe in ihren Haͤuſern, indeß die des Krieges erfahrne⸗ ren Genueſer die Nacht auf dem Walle blieben. Die fromme Kaiſerin Helena und Aglaja erſchraken, da die mit Blut geſaͤrb⸗ ten Maͤnner in ihr Zimmer traten. Sorg⸗ lich eilten ſie den Ankommenden entgegen; mußten ſie dieſe doch fuͤr verwundet hal⸗ ten.—„Verzeiht es uns, edle Kaiſerin!“ ſagte Juſtiniani, ndaß wir, wie wir im Gefecht waren, zu Euch kommen. Der Feind ließ uns nicht Zeit, auf unſre Um⸗ 73 kleidung zu denken. Die Minuten ſind uns zugezaͤhlt; nur wenige deren koͤnnen wir bei Euch zubringen.“ Aglaja fuͤhlte jetzt erſt recht die Ge⸗ fahren, in denen ihr Gemahl geweſen war. Aengſtlich bat ſie ihn, ſich zu ſchonen. Demetrius laͤchelte.„Wollten wir Beide uns ſchonen,“ ſagte er,„dann waͤre Stadt, Vaterland und Kaiſer verloren.— Aber jetzt erſt ſehe ich, daß mein Bruder fehlt, wo iſt er?“— Beide Frauen wurden bei dieſer Frage etwas verlegen, und dies war die Urſache, daß Demetrius die Frage wie⸗ derholte.—„Er iſt in der Kapelle und betet,“ ſagte Helena. Demetrius verbiß einen kleinen Unwillen; nicht daß er das Gebet verachtet haͤtte, ſondern weil ihm das Benehmen des Kaiſers aufftel. Die Majeſtaͤt des Landesherrn verbreitet auf Unterthanen einen gewiſſen kraͤftigen Ein⸗ 74 fluß. Nach Demetrius Urtheil war es beſ⸗ „ſer, der Kaiſer ließ ſich unter der Menge ſeiner, im Grunde fuͤr ihn und ſeinen Thron ſtreitenden Buͤrger ſehen, um dieſe noch tapferer zu machen. Er konnte nicht umhin, einige bittere Bemerkungen zu machen.— Juſtiniani tadelte ihn.—„Aber, Freund, wir haben ja geſiegt,“ ſagte er. „War Dein Bruder mit auf jenem Kampf⸗ platze, ſo hatten wir Beide das große Verdienſt nicht, den Sieg bewirkt zu haben.“ Helene ſah ihn mit dankendem Blick anz ſie merkte bald, daß er die Abſicht habe, das kaum hergeſtellte bruͤderliche Verhältniß zwiſchen Conſtantin und Deme⸗ trius noch mehr zu befeſtigen, Es mußte der frommen Fuͤrſtin allerdings ein ſchreck⸗ licher Gedanke ſeyn, gerade in dieſem Au⸗ genblick, in welchem die Freude uͤber die 75 Rettung von einer ſo großen Gefahr, Aller Herzen auf's innigſte verbinden mußte, gerade die beiden Maͤnner, auf die Jeder ſah, durch Bitterkeit von einander getrennt zu ſehen. Die fromme Furſtin hatte nicht ohne Urſach gefuͤrchtet. Aus Demetrius Miene leuchtete ein gewiſſer Hohn, der ſehr leicht in lautem Spotte ſich aͤußert. Helene fuͤrchtete den Augenblick, in wel⸗ chem Conſtantin zuruͤckkommen wuͤrde. Demetrius war freilich einige Minu⸗ ten ſtiller, als er jetzt haͤtte ſeyn ſollen; er kaͤmpfte in der That mit einem kleinen Widerwillen gegen ſeinen Bruder; indeß, er ſiegte uͤber ſich ſelbſt. Aglaja's Liebe und Helenens Bitten thaten nebſt Juſti⸗ niani's Zureden das ihrige, und der Prinz war ſchon ganz ruhig, als die Thuͤr ſich oͤffnete, und der Patriarch, der Kaiſer mit Irenen eintraten. Eine Roͤthe uͤberlief 76 des Prinzen Geſicht, da Conſtantin auf ihn hineilte, und ihn in die Arme ſchloß. „Du verdirbſt Deine Tempelkleider durch dies Blut. Es iſt Tuͤrkenblut,“ ſagte De⸗ metrius etwas gereizt, und ſchob ſanft ſeinen Bruder zuruͤck.—„Ihr habt Euch brav gehalten, meine Bruͤder!“ ſagte ge⸗ ruͤhrt und dankbar Conſtantin.„Zweimal ſind die Tuͤrken geſchlagen?“—„Ja, ſo ſagt man,“ beantwortete Demetrius dieſe Frage kurz.„Wo warſt Du, waͤhrend wir, wie Du ſagſt, uns ſo tapfer hielten?“ Aglaja zitterte, Helena weinte bei dieſer Frage. Sie ſahen bittend den Prin⸗ zen an, der nun einmal zu den Menſchen gehoͤrte, die, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt, nicht eher ruhig werden, bis ſte Alles enthuͤllt haben. Es iſt moͤglich, daß Conſtantin das Spitzige und Beleidi⸗ gende dieſer Frage nicht merkte, oder daß ————— . 77 er's vielleicht großmuͤthig uͤberſah.„Ich war in der Kirche,“ ſagte er.„Der Pa⸗ triarch und Irene beteten mit mir um Segen fuͤr Eure Waffen.“—„Ja ſo! Nun, dann iſt's kein Wunder, daß wir ſiegten!“ ſtieß Demetrius heraus, und das Lachen des Spoͤtters zeigte ſich in ſeinem Geſicht. Fuͤr den edlen Juſtiniani, fuͤr den trefflichen Mann, war dies ein zu enteh⸗ render Einfall. Still und anngſtlich ſtan⸗ den die beiden Gattinnen mit Irenen da, nicht ganz frei von Verlegenheit blieb der Kaiſer, als Juſtiniani muthig vortrat, und Demetrius Hand ergriff.— Bruder!“ ſagte er„kaum kenne ich Dich noch. Ge⸗ gen den raſenden, wuͤthenden Feind warſt Du heute Sieger, und der kleine unbedeu⸗ tende Feind, eine finſtere Laune, beſiegt Dich? Haben wir datum Menſchenblut 7 V 1 78 vergoſſen, und deshalb den Graben mit feindlichen Leichen angefuͤllt? Haben wir darum unter dem hitzigen Gefechte an Gattin und Freunde gedacht, daß Du ſie bei Deiner Ruͤckkehr aus den Gefahren durch eine Laune, zu der Du keinen Grund haſt, quaͤlen ſollſt?“— Juſtiniani ſchwieg. Ernſt und feſt ſah er auf ſeinen Freund, der ſich vor ſich ſelbſt zu ſchaͤmen ſchien. Juſtiniani wußte den Prinzen zu nehmen;. denn nur noch ein Augenblick war erfor⸗ derlich, und der beſſere, edlere Menſch ſiegte in des Prinzen Herzen. Jene fin⸗ ſtere Laune ſchwand, herzlich umarmte er ſeinen Bruder, und die hohe Freude des Retters ſtrahlte aus ſeinem Geſichte, da der Kaiſer und die Kaiſerin ihm dankten. Demetrius wurde heiter, wurde bald ſo dankbar froh, wie er es auf dem Walle bei dem Anblick der fliehenden Feinde wurde, Froh und freudig ſchwand dieſe 79 Nacht hin. Mochten Demetrius und Ju⸗ ſtiniani noch ſo ermuͤdet ſeyn, an Ruhe dachte keiner. Freude herrſchte in dieſem gluͤcklichen Kreiſe, wie ſie in jeder Fami⸗ lie herrſchte, die Vater, Bruder, oder Sohn, aus dem furchtbaren Gemetzel als Sieger zuruͤckkommen ſahen. Aber— wer moͤchte beſchreiben, was jetzt in Mahomeds Herzen vorging! Er war Zeuge der furchtbaren Niederlage der Seinigen geweſen. Von einem nahen Huͤgel, umgeben von ſeinen zitternden, ſeine Wuth fuͤrchtenden Vertrautern, ſah er den tapfern Widerſtand der Buͤrger Conſtantinopels, ſah er die ſchimpfliche Flucht ſeiner, ſonſt ſo braven muthigen Leibwaͤchter. Nur mit Muͤhe konnten ihn ſeine Freunde zuruͤckhalten, ſich in das Getüͤmmel der Stuͤrmenden zu ſtuͤrzen, um mit dieſen jene Mauer zu erſteigen. 1 ͤſſͤͤͤͤ 80 oder vor ihr zu fallen. Nur wenige ſeiner Janitſcharen waren uͤbrig geblieben. Ein kleiner Ueberreſt dieſer trefflichen Schaar ſchlich ſich beſchaͤmt vor dem Despoten vorbei, fuͤrchtend, daß deſſen Rache ſie treffen werde. Still und kochend in ſei⸗ nem Innern ritt der Sultan vor dem blu⸗ tenden Ueberreſte der Leibwaͤchter her.— Selima, die nichts anders erwartet hatte, als heute noch den Kopf des treuloſen Demetrius auf einer Lanze zu erblicken, ging tobend und in ihrem Zimmer auf und ab, da ſie die ſchreckliche Nachricht des zwei⸗ ten abgeſchlagenen Sturmes, die ſchreck⸗ liche Nachricht von dem tapfern Wider⸗ ſtande des ihr ſo verhaßten Prinzen hoͤrte. Sie war in ihrer Sphaͤre eben ſo Despot, wie ihr Bruder es war. Zitternd ſtanden ihre Sklavinnen, ſelbſt ihre vertrautern Freundinnen da; zitternd wich jede aus, wenn ihr die Prinzeſſin nahe kam; bange Schweſter trat. Unter einem fuͤrchterlichen 5 81 erwartete jede die Befehle der Gebieterin, und keine war frei von der Furcht, daß ſie der Prinzeſſin Rache treffen koͤnne. Es war faſt mitten in der Nacht, als Mahomed, der ſeines Unmuthes gar nicht Herr werden konnte, und der doch zu viel Stolz beſaß, um ſelbſt gegen ſeine Ver⸗ trauten dieſen Unmuth durch Klage laut werden zu laſſen, in das Zimmer ſeiner Fluch uͤber jene Stadt, unter einer ſchreck⸗ lichen Verwuͤnſchung ihres eigenen Schick⸗ fals, druͤckten ſich Beide an ihre Herzen, in denen die ſtolze Bosheit, die wuͤthende Eiferſucht, und die gluͤhendſte Rachbe⸗ gierde jetzt furchtbar haufeten. Erſchoͤpft durch dieſe ſich durchkreu⸗ zenden Empfindungen ſank Mahomed auf das ſeidene Polſter nieder. Selima hatte kaum ſo viel Geiſtesgegenwart, allen I... 43 82 ihren Freundinnen, allen ihren Sklavin⸗ nen zu befehlen, das Zimmer zu verlaſſen. Keine von ihnen ſollte Zeuge ſeyn von dem Benehmen des Sultans. Die Prin⸗ zeſſin wollte nicht, daß er bei irgend Je⸗ mand dadurch verlieren ſollte, wenn ihn das erſte Ungluͤck, das er ſeit ſeinem Herr⸗ ſchen erlebte, klein und muthlos machen wuͤrde. Beide ſaßen jetzt in Einer Stimmung da. Selima enthuͤllte ihrem Bruder ihr ganzes Herz. Sie geſtand, daß ſie den Prinz Demetrius gluͤhend geliebt habe; daß ſie den Plan gehabt, der Prinz ſolle Tuͤrke werden, ſolle ſeine Aglaja verlaſſen, ſolle ſie ehelichen, und dann einen Theil des Reiches beſitzen. Während dieſer Schilderung ihrer Hoffnungen, eine Schil⸗ derung, die ſie mit gluͤhendem Haß, mit brennender Rachſucht anfing, draͤngte ſich — — — ———y p „ 3 7 83 das Gemaͤlde jener beiden ſeligen, mit Demetrius durchlebten, Tage wieder vor die Seele. Die Ruͤckerinnerung an dieſe Tage fuͤhrte bloß die Freuden und Hoff⸗ nungen der vergangenen, der hingeſchwun⸗ denen Stunden vor Selima's Seele; die Liebende entwarf das Bild derſelben ſo reizend, ſo fuͤr's eigene Herz anziehend, daß ſie an die ſchreckliche Gegenwart, an Trennung vom Demetrius gar nicht dachte, gar nicht denken wollte. 1 Zwei ſich ſo ſehr widerſprechende und doch ſo oft in Einem Herzen zu gleicher Zeit wohnende Leidenſchaften, gluͤhende Liebe und gluͤhende Rache, ſtuͤrmten jetzt in Selima's Bruſt. Jetzt dachte ſie ſich den moͤglichen Fall, daß Demetrius zu⸗ ruͤckkehre, und zu ihren Fuͤßen ihr Treue und neue Liebe ſchwuͤre, dann fuͤhlte ſie ſich gluͤcklich in dieſen, ihrem Herzen ſo 84 wahrſcheinlichen Ausſichten. Und wenn auch der edle Prinz als Gefangener ge⸗ bracht wuͤrde, ſie, ſie wollte von ihrem aufgebrachten Bruder ſein Leben, ſeine Hand erbitten. Dann fiel es wie ein Felſenſtuͤck auf ihr Herz, daß Demetrius ihrer Liebe nur ſpotte, daß er ſie vielleicht gar verachte, und jener Wunſch, den Prin⸗ zen aus ihres Bruders Gewalt zu erbit⸗ ten, mußte dem ſchrecklichen Vorſatz, den Ungluͤcklichen mit allen Qualen morden zu laſſen, weichen. —. Mahomed war mit ſeinem eigenen Herzen und mit ſeinem eigenen rachegluͤ⸗ henden Plane beſchaͤftigt.— Selima's Unruhe, ihr ganz widerſprechendes und ſich voͤllig entgegenſtehendes Benehmen haͤtte ihm nicht entgehen koͤnnen.— Eine Todesſtille herrſchte den ganzen folgenden Tag im Lager Mahomeds. Der Sultan, — —— 85 von dem man es gewohnt war, ihn jeden Tag vor den Reihen ſeiner Janitſcharen zu ſehen, hielt ſich den ganzen Tag uͤber verborgen, uͤber einen neuen Plan, einen neuen Entwurf bruͤtend. Schon verbrei⸗ tete ſich ein dunkles Geruͤcht in dem ent⸗ fernteren Theile des Lagers, daß Maho⸗ med im Angriff geblieben ſey, ein Ge⸗ ruͤcht, das mehrere ſeiner Baſſa's nicht ungern hoͤrten. Zeigte ihnen doch dann das Schickſal Unruhen in Mahomeds gro⸗ ßem Reiche und in dieſen Unruhen einen Schauplatz, ein ſchoͤnes Feld fuͤr ihren Ehrgeiz, fuͤr ihre Habſucht. Alle bedauer⸗ ten ſie mit Worten den nicht unwahr⸗ ſcheinlichen Tod des Sultans, indem ihr Herz von hoffnungsvoller Freude ſtaͤrker ſchlug. d 4 Mahomed hatte jene einſamen Stun⸗ den nicht unbenutzt gelaſſen. Aus der 26 1 5 86 Geſchichte fruͤherer Kriege wußte er, daß der Belagerer oft mit Gluͤck den Werken der Belagerten andere Maſchinen, als Thuͤrme und dergleichen, entgegengeſetzt habe. Ihre Hoͤhe hatte ſie uͤber die Fe⸗ ſtungswerke hervorragend gemacht und dieſe konnten dann mit um ſo ſtaͤrkerer Wirkung beſchoſſen werden, da der Ver⸗ theidiger in den Werken ſelbſt keinen ſichern Standpunkt fand. Mahomed hatte kaum dieſen Plan zur Reife gebracht, als er in das Lager ritt, und, des gewiſſen gluͤcklichen Ausganges verſichert, ſeinen Kriegern ein ganz anderes Geſicht zeigte, als ſie geſtern bei dem ungluͤcklichen Ruͤck⸗ zuge bemerkt hatten. Eine neue Hoffnung belebte Alle; die Eroberung der Stadt und mit ihrer ungeheuern Beute, ſchienen Jedem ſchon gewiß. Mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit ———j— 87 hatten jene auf den Truͤmmern der einge⸗ ſchoſſenen Mauer ſtehenden genueſiſchen Poſten waͤhrend der ganzen Nacht das ungewoͤhnliche Geraͤuſch jenſeits des Gra⸗ bens angehört; mit gewiſſenhafter ſtrenger Dienſtpflicht hatten ſie jede S Stunde das Zunehmen dieſes unerklaͤrbaren Laͤrmens, an den Prinzen und an die uͤbrigen An⸗ fuͤhrer gemeldet. Niemand wußte die Urſache, denn keiner der Krieger durfte es wagen, die gegenuͤber liegende Seite des Grabens zu erklettern, da man auf derſel⸗ ben die tuͤrkiſchen leichten Reiter wußte. Mit Ungeduld erwartete man den Mor⸗ gen. Er brach an; ein ungeheurer hoͤlzer⸗ ner Thurm ſchien in dieſer Nacht aus der Erde gewachſen zu ſeyn. Furchtbar und drohend ſtand er da, wie die letzte ſteile Klippe eines Vorgebirges, an der die Wellen ſich ſchaͤumend brechen. Der Thurm 38 uͤberſtieg die Höhe des Walles, und ragte ſelbſt uͤber die Mauer hinaus, Schrecken erregend wehete auf ſeiner Spitze die prahlende rothe Blutfahne mit dem ſilber⸗ nen Halbmond; drohend ragten aus ſeinen Luken die Geſchichte Nahomeds; laͤrmend und jubelnd ſchwaͤrmten d ſer Maſchine ſo viel verſprechenden Tuͤr⸗ ken am Fuße des Thurmes, ſpaͤhend und auf Alles achtend ſahen die Anfuͤhrer der Belagerer aus den Oeffnungen, die an des Thurmes Gipfel angebracht waren, Der Anblick goß Schrecken und Furcht uͤber Conſtantinopels Buͤrger; nachdenkend ſtanden Demetrius, Juſtiniani, Angelo und Matthaͤo auf dem herumliegenden Ge⸗ ſtein der Mauer; ſelbſt ihnen war bange bei dieſem Anblick, ſo ruhig und heiter auch ihre erzwungene Miene war. Sie durften und wollten ihre Unruhe nicht ver⸗ ie ſich von die⸗ b den Buͤrgern Conſtantinopels ei 89 rathen; denn es ſchien ihnen ein Verbre⸗ chen, durch ihre Beſorgniß die Vertheidi⸗ ger der, mit dem Untergange bedroheten Stadt, muthlos und unruhig zu machen. —„Es iſt nur gut, daß der Thurm aus bloßem Holz gebauet iſt,“ fing Angelo nach einer kleinen Pauſe an.—„Um welche Zeit halten die Tuͤrken ihr Gebet? — Demetrius, bekannter mit den Gebraͤu⸗ chen dieſes Volks, beantwortete dieſe Frage Angelo's.—„Dann laßt die Ver⸗ nichtung jener fuͤrchterlichen Naſchine meine Sache ſeyn!“ ſagte der Kuͤhne, und befahl, eine Menge brennbarer und leicht Feuer fangender Materialien zuſam⸗ men zu bringen. Angelo war des Erfolgs ſeines Unternehmens ſo gewiß, daß es ihm gar nicht ſchwer wurde, ſelbſt aus ne Anzahl Freiwilliger zu ſammeln, die ſein Unter⸗ nehmen mit ausfuͤhren wonlten. 90 . Der Morgen war angebrochen, von der Sonne erleuchtet ſtand das ausgebrei⸗ tete tuͤrkiſche Lager drohend da, als der Ruf:„Allah! Allah! Mahomed!“ die Tuͤrken zum Gebete rief. In einem un⸗ uͤberſehbaren Kreiſe ſtanden die Betenden da, um ihres großen Propheten Beiſtand zu der Eroberung der Stadt zu erflehen. Auf dieſen Augenblick hatte Angelo ge⸗ rechnet. Er ſtieg mit ſeinen Freiwilligen, deren jeder einen Theil jener gefaͤhrlichen Materialien trug, den mit Blut gefaͤrbten Abhang des Grabens hinab, uͤber die feindlichen Leichen hin, erſtiegen die Bra⸗ ven die gegenuͤber liegende Seite des Gra⸗ bens; die Materialien wurden an den Thurm gelegt, ein dicker Qualm ſtieg auf, blutroth und kniſternd ſchlug die Flamme aus der ſchwarzen Rauchwolke, die Oeff⸗ nungen des Thurmes beguͤnſtigten den Luftzug, das ganze Gebaͤude ſtand im 91 Feuer, noch ehe die Verwegenen ſich zu⸗ ruͤckgezogen hatten, und mit ſchrecklicem Gepraſſel ſtuͤrzte die Ungiicdrohende Ma⸗ ſchine zuſammen. Unerwarteter als dies konnte Maho⸗ med nichts ſeyn. Der Entwurf dieſes Thurmes kam aus ſeinem Kopfe; natuͤr⸗ lich, daß ſeine vorgefaßte Meinung eine große Erwartung bei ihm erregte. Aber um ſo ſchmerzhafter mußte ihm die Ver⸗ nichtung dieſes Thurmes ſeyn, da er ſelbſt aus den Mienen mancher ſeiner Vertrau⸗ ten zu deutlich las, daß ſie das nicht von dem Gebaͤude erwarteten, womit Maho⸗ med ſich geſchmeichelt hatte. Selima, die mit Mahomeds Plan vertraut war, ſah die Flamme; ihr war es gewiß, daß die eroberte Stadt ſchon brenne. Ob tauſend unglüclliche in der 9, Glut das Leben einbuͤßten, galt der Wol⸗ luͤſtigen einerlei; nur Demetrius ſollte und mußte gerettet werden. Sie wollte durch Rettung ihn dankbar, ihn verbindlich ma⸗ chen, und dies ſollte neuer Liebe den Weg bahnen. Sie ſelbſt wollte das große Ver⸗ dienſt haben, den Prinzen zu retten; ſie hoffte ihn gefangen zu ſehen; ſie hoffte, ihm die Befreiung anzukuͤndigen. Voll dieſes Entſchluſſes, verließ ſie den Pallaſt, die fluͤchtigen Pferde eilten mit dem Wa⸗ gen, wie der Sturm mit einer leichten Wolke, dem brennenden Thurme zu. Da ſprengte jener Ibrahim neben dem Wagen hin; Selima glaubte in ihm den Gluͤcks⸗ boten zu ſehen, der die Nachricht von der Eroberung der Stadt, den uͤbrigen Trup⸗ pen bringen ſollte. Selima rief ihn.— „Iſt die Stadt erobert? Iſt der Prinz gefangen?“ fragte ſie.—„Die Stadt er⸗ obert? Der Peinz gefangen?“ war Ibra⸗ 93 hims Antwort.„Prinzeſſin, wir haben kein Gluͤck. Die Stadt haͤlt ſich immer, und jener Prinz muß mit einem Teufel im Bunde ſtehen. Der mit ſo vieler Muͤhe gebauete Thurm ſteht in lichten Flammen!“* 3 Selima erſchrak bei dieſen Worten. Sie waren das Todesurtheil ihrer Hoff⸗ nungen; wie erſtarrt ſaß ſie da, ohne zu ſehen, wie Ibrahim uͤber das oͤde Feld hinſprengte. Die Nachricht hatte ſie nicht gefuͤrchtet. Kaum ließ der Unmuth ihr ſo viel kaͤltere Geiſtesgegenwarr, es zu beden⸗ ken, daß der Ort, an dem jener Thurm brannte, der Platz nicht ſey, wohin ſte gehoͤre. Sie mußte fuͤrchten, dort ihren Bruder, den Sultan, zu treffen; ſie mußte von ihm dort eine Aufnahme fuͤrch e mit ihrem Stolze nicht zu vereinige vielleich mochten die Beiſpiele nicht au 1. 9 den ſeltenen gehoͤren, daß Mahomed, wenn ein Ungluͤck ihn außer Faſſung ſetzte, ſelbſt ſeiner Verwandten nicht ſchonte. Langſam fuhr ſie zuruͤck von jener Stadt, die der ihr ſo viel werthe Deme⸗ trius mit Loͤwenmuthe vertheidigte. Bei ihrer Zuruͤckkunft traf ſie ihren Bruder ſchon im Palaſte. Wuͤthend und ſtam⸗ pfend giag er im Zimmer auf und ab. Der Prinzeſſin Ankunft befreiete Maho⸗ meds Günſtlinge und Vertrauten aus einer großen Verlegenheit. Sie ſtanden auf dem Vorſaale des Zimmers, mit banger Furcht ſah jeder dem Augenblick entgegen, in welchem der Sultan, der ſeines Zorns nicht Herr werden konnte, ihn rufen wuͤrde. Keiner wagte es, ſich zu ruhren; ſtill und ernſt war die ganze Verſammlung; keiner wollte durch ein Wort, durch eine Bewe⸗ gung den Sultan an ſeine Gegenwart 95 erinnern; ſo ſehr ſcheute Jeder den Despo⸗ ten. Mehr um ihren vielgeltenden Ein⸗ „ fluß auf den Bruder zu zeigen, und da⸗ durch ſich ein Gewicht zu geben, als um den Sultan zu beruhigen, trat Selima mit einer ruhigen erzwungenen Miene, in⸗ deß ihr Innerſtes kochte, in das Zimmer. —„Woher der Unmuth, Mahomed?“ fragte ſie und reichte die Hand dem Auf⸗ gebrachten.—„Wie lange wird es ſeyn, und du ziehſt als Sieger in jene Stadt.“ Mahomed fand dieſe Aeußerung auf⸗ fallend, aber nicht mißfallend. Er ſah ſeine Schweſter an.—„Nun?— Und Du biſt des Sieges gewiß?“ fragte er. 8—„So gewiß, als Du meiner Liebe ſeyn kannſt.“—„Taͤuſche mich und Dich nicht. So lange jener Tyger, der Prinz Demetrius, dort hauſet, iſt an keine Er⸗ oberung zu denken!“—„Ganz recht. So 96„ lange der Tyger wuͤthet, iſt er unbezaͤhm⸗ bar. Mit dem gezähmten Tyger ſpielen Maͤdchen.“—„Gezaͤhmten Tyger?— Welche Waffen koͤnnten jenen Tyger baͤndigen?—„Deine Waffen nicht— Deine Geſchuͤtze und Deine Schwerdter richten hier nichts aus; dazu ſind andere Waffen noͤthig.“—„Andere Waffen?— Ich moͤchte ſie kennen lernen!“—„Waf⸗ fen, die unſer Geſchlecht beſitzt. Was haben Irenens Augen aus Dir gemacht? Was haͤtten ſie aus Dir, dem maͤchtigſten Beherrſcher der Welt, nicht noch machen koͤnnen?— Unſere Blicke, unſere Augen, unſere Reize, uͤberwinden den ſtaͤrkſten Helden, beſonders wenn Liſt, Berſtellung, und eine erkuͤnſtelte Thraͤne mit Blicken und Augen im Bunde ſtehen.“ Die Prinzeſſin ſagte dieſe Worte mit einer ſo küͤnſtlich erzwungenen unbefan⸗ ——V———J— 97 genen Heiterkeit, daß ſelbſt der Kluͤgſte dadurch getaͤuſcht werden konnte. Maho⸗ med wurde aufmerkſamer, je mehr Selima ſagte. Gerade das war es, was die Prin⸗ zeſſin erſt erreichen wollte.—„Ich ver⸗ ſtehe Dich noch nicht ganz, Selima?“ fragte Mahomed begierig nach weiterm Unterrichte. Ich muß meinen Todfeind, jenen Verraͤther, den Prinzen, in meiner Gewalt haben. Er hat mich zu tief ge⸗ kraͤnkt. Wer mir die ſchrecklichſten Qua⸗ len ausſinnt, der ſoll koͤniglich belohnt werden. An jenem Verraͤther ſollen ſie ausgeuͤht werden, und ich will Zeuge ſeyn, wenn ihm der Henker den letzten Tropfen Blutes abzapft.“ Selima laͤchelte mit einer Zuverſicht, die dem Sultan nicht mißfiel, ſondern nur ſeine Aufmerkſamkeit erregte.—„Du ſcheinſt meinen Racheplan nicht zu billi⸗ II, 7. 9L499 gen,“ ſagte er.—„Ganz und gar nicht. Du aͤußerteſt vorhin, daß die Stadt von Dir nicht erobert werde, ſo lange jener Tyger darin hauſe. Ich rathe Dir, die⸗ ſen Tyger zu zaͤhmen.— Und dazu willſt Du Gewalt gebrauchen? In der That, Mahomed, Du verſtehſt Dich ſchlecht, ſehr ſchlecht auf die Art, einen Menſchen zu nehmen, der eigen genommen werden will. Um den Ruhm Deiner Waffen moͤchte es uͤbel ſtehen, waͤrſt Du kein groͤßerer Held, als Menſchenkenner.“ Selima laͤchelte behaglich bei dieſen Worten; Mahomeds Aufmerkſamkeit ſtieg mit jedem Augenblicke; man konnte aus ſeinen Augen leſen, wie bereit er zur Auf⸗ opferung ſeiner Rache war, wenn er durch dies Opfer nur die Stadt eroberte.„Du machſt mich um ſo begieriger, Deinen Plan kennen zu lernen, je ruhiger und . 99 gewiſſer Du dabei zu ſeyn ſcheinſt,“ ſagte er mit einer Freundlichkeit, die gegen den Unmuth der vorigen Minute ſehr abſtach. —„Gieb mir einen ſichern, vertrauten Mann aus Deinem Heere, er bringt Dir den Prinz.“—„Durch Hinterliſt? Durch Verrath?— Nie geſchieht das, Selima. Ein Verraͤther iſt mir verhaßt!“—„Mir auch, ſo bald Du durch Deinen Verrath Deinen Feind Demetrius auf jene Mar⸗ terbank bringen willſt, von der Du fruͤher ſprachſt. Ein andres iſt's, wenn der Freund Demetrius in Deinen Armen liegt, wenn er, er Dir die Schluͤſſel jener Stadt giebt; wenn Du nicht weißt, wie Du Dich dankbar genug gegen ihn zeigen ſollſt; wenn— wenn—“— Selima er⸗ roͤthete bei dieſem:„Wenn! Wenn!“ Mahomed bemerkte es. Laͤchelnd un⸗ terbrach er Selima.„Sag' es nur dreiſt 100 heraus, wenn Demetrius Juͤrke wird, wenn er mit Dir den Thron Conſtantino⸗ pels theilt. Iſt's nicht ſo?“—„Ich will nicht widerſprechen. Aber, ſage ſelbſt, kann es einen ſicherern Plan geben? Ich will nicht einmal erwaͤhnen, wie viel Blu⸗ tes der Deinigen dann geſchont wird.“— Die auf dem Vorſaale ſtehenden Baſſa's und Befehlshaber konnten ſich gar nicht erklaͤren, woher die Heiterkeit kam, mit welcher Mahomed unter ſie trat. Vor wenig Minuten war er ein ergrimmter Loͤwe, und jetzt ſehe man auch nicht die mindeſte Spur jenes Zornes mehr. Kaum traueten die Anfuͤhrer ihren Augen, als ſie dies ſahen, kaum ihren Ohren, als der Tyrann mit beiſpielloſer Guͤte den Anfuͤh⸗ rer der Illyrier in das Zimmer rief, in welchem Selima war. 7 Laut war jetzt der Jubel in der Stadt. —— — 101 Hoffnung und Freude hoben ſich in Jedes Bruſt, je naͤher jener gefuͤrchtete Thurm ſeinem Einſturze war. Jetzt fiel er ganz zuſammen, und froh erhoben die auf dem Walle ſtehenden Belagerten den Sieges⸗ geſang beim Anblick der rauchenden Truͤm⸗ mer. Angelo und ſeine kuͤhnen Gefaͤhr⸗ ten, deren keiner bei dem Wageſtuͤcke das Leben, oder die geſunden Glieder einge⸗ buͤßt hatten, wurden von den Buͤrgern faſt vergoͤttert. Die Freude in der Stadt war um ſo lauter, je ſtiller es im feindli⸗ chen Lager war. Hier ſchien Alles zu fuͤh⸗ len, welche Ausſichten mit der letzten Truͤmmer des Thurmes aufhoͤrten. Jeder blieb in ſeinem Zelte, jeder ſcheuete ſich, den Andern anzureden, weil er fuͤrchtete, daß die Antwort ſeinen Unmuth nur ver⸗ groͤßern werde.— Aber deſto dankbarere Freudenthraͤnen weinten Helena, Aglaja und Irene; die letztere war bei der Kai⸗ 102 ſerin, ſie ſegneten die trefflichen Verthei⸗ diger der Stadt. Der Kaiſer ſelbſt, der jeden Augenblick herzlicher gegen ſeinen Bruder wurde, kam jetzt auf den Wall, in deſſen Angeſicht jene Truͤmmer noch rauchten. Hier umarmte er ſeinen Bru⸗ der, und laut dankte er dem kuͤhnen An⸗ gelo fuͤr die ſo gluͤcklich ausgefuͤhrte That. Es war jetzt Abend, der Abend eines frohen Tages, als Demetrius die auf dem ganzen Felde verbreitete Stille benutzte, mit 3 ſeinem Freunde Juſtiniani jenen Plaz jenſeit des Grabens etwas zu durchſuchen. Zwi⸗ ſchen dem Gebuͤſch ſchlichen Beide bewaffnet unter den Baͤumen fort, als ein Unbekann⸗ ter ſich ihnen nahete. Der Menſch ver⸗ rieth zu viel Aengſtlichkeit, als daß der Prinz and Juſtiniani nicht dreiſt auf ihn haͤtten zugehen ſollen. Auf ihr Anrufen ſtand er ſtill. Mit Behutſamkeit, die auf 103 Alles achtet, ſagte er, wie er einen Auf⸗ trag an den Prinz habe.—„Der bin ich war Demetrius Antwort.—„Nun, dann fuͤrchtet nichts von mir, edler Prinz. Ich bin von einer Dame abgeſchickt, die Euch ſprechen will. Wie geſagt, fuͤrchtet nicht etwa eine Hinterliſt, oder einen Angriff. Wenn Ihr die Dame ſprechen wollt, ſo bleibe ich unbewaffnet ſo lange in der Gewalt Eures Freundes, bis Ihr wieder kommt.“—„und wer ſeyd Ihr— „Anfuͤhrer der Illyrier.— Wirklich er⸗ kannte ihn Demetrius als einen ſolchen. Mochte das Abentheuer noch ſo gewagt ſeyn, der Prinz fand ſich um ſo geneigter, es zu beſtehen, je ſtiller und verdachtloſer die Gegend war, und je muthiger ihn das heutige Gluͤck gemacht hatte. Conſtantinopels Umgebungen enthiel⸗ ten der reizenden Luſthaine gar viele, in 104 denen Lauben und Irrgaͤnge ſich fanden. Einen großen Theil derſelben hatten die nach Genuß durſtenden Tuͤrken verſchont. Ihre aſiatiſche Weichlichkeit galt ihnen ſo viel, als ihre Tapferkeit ihnen werth war; und da ſie der Eroberung der Stadt ge⸗ wiß entgegen ſahen, ſo ſorgten ſie dadurch fuͤr ihre Bequemlichkeit, daß ſie jener ſchoͤ⸗— nen Plaͤtze ſchonten. mm ſchauerlichen Hellbunkel ging der 2 wiſchen dem erſt aufkeimenden, ſchoͤn duftenden Geſtraͤuche fort. Sein Herz war unruhig. Er dachte nicht an die Stadt, nicht an die Schrecken, die ihre Bewohner üͤberſtanden hatten; nicht an die Gefahren, die ihnen jetzt noch dro⸗ heten. Nicht einmal fuͤr ſeine eigene Ge⸗ fahr hatte er jetzt einen Gedanken. Die Erinnerung an manches fruͤhere Abentheuer dieſer Art, und dieſe waren gewiß in dem . 105 nach Genuß durſtenden Conſtantinopel nicht ſelten, fachte ſeine Begierden mit jedem Schritte mehr an, und ließen ihn gleichguͤltig gegen Gefahren werden. Kaum ſo viel that er, daß er ſein Schwerdt zog, um ſich gegen einen unvermutheten Ueber⸗ fall ſicher zu wiſſen.— Da ſtuͤrzte ihm eine Verſchleierte aus einem Seitengange in die Arme. Demetrius war nicht im Stande, ſie von ſich abzuhalten; kaum konnte er fragen, wer ſie ſey.— Die Unbekannte ſchlug den Schleier zuruͤck. —„Wer ich bin, Ungetreuer?“ ſagte ſie, und Demetrius erkannte—— Seltmm. Sein Staunen war grenzenlos. Dieſe Erſcheinung hatte er nicht erwartet. Ihm war es unmoͤglich, Ein Wort vorzubrin⸗ gen. Es war natuͤrlich, daß Selima in dieſem Verſtummen die Vorwuͤrfe ſah, die der Prinz, nach ihrer Meinung, ſich uber ſein Verſchwinden vor Irenens Huͤtte 106 machte. Bei einem ſolchen Vorurtheil war es denn auch nicht anders, ſie konnte an keinen Haß, an keine Rache denken. Hatte Selima doch den Geliebten heiß umſchlun⸗ gen; war doch ihrer Anſicht nach Reue und Beſchaͤmung die einzige Empfindung im Herzen des wiederkehrenden Geliebten, und wie haͤtte in dieſer ſeligen Stunde in ihrem Herzen eine andere Empftndung, als gluͤhende Liebe herrſchen koͤnnen.— „Fuͤrchte nichts, Demetrius!“ ſagte ſie ſchmeichelnd.—„Unſere Poſten ſind bis an das Lager zuruͤckgezogen. Wir ſind allein.“—. Gerade der Ausdruck der Prinzeſſin: „Fuͤrchte nichts, Demetrius!“ brachte die⸗ ſen zu ſich ſelbſt. Mochte die Lage, in der er war, noch ſo gefaͤhrlich ſeyn; mochte ſie es ihm, dem gluͤcklichen Sieger, beſonders ſeyn; mochte Selima Alles aufbieten; es 107 bleibt fuͤr den trefflichen Prinz das ſchoͤnſte Verdienſt, daß er jeder Verſuchung das Bild ſeiner Aglaja, und das Wohl ſeines Vaterlandes entgegenſetzte. Mit jener Wuͤrde, die der Tugend ſo einzig, ſo eigen iſt, hielt er mit ſtarkem Arm die Prinzeſ⸗ ſin von ſich.—„Seyd nicht beſorgt, Se⸗ lima, daß ich mich fuͤrchte. Euch dies zu beweiſen, erklaͤre ich Euch ſogar, ob ich gleich nicht einmal weiß, in welchem Hin⸗ terhalt Ihr mich brachtet; daß ich jene Stunde ſegne, in der Irenens Tugend an Weib und Vaterland ſo ſtark erinnerte. Ihr wißt, daß ich Euch verließ. Auch jetzt thue ich's. Gern will ich dieſe Pruͤfung vergeſſen; vergeßt Ihr nur nicht, daß ich meinem Vaterlande und meinem Glauben heilige Pflichten ſchuldig bin.“ Selima gerieth außer ſich. Der Mann war ſo kalt, ſo ruhig, als ſtaͤnde er vor 108 einer Marmorſaͤule. Gerade dieſe Kaͤlte mußte ihr Innerſtes empoͤren, und den⸗ noch zwang ſie ſich, dem Prinzen zu ſagen, daß auf ihre Bitte der Sultan, ihr Bru⸗ der, dem Kaiſer Conſtantin einen föͤrmli⸗ chen Frieden, eine ewigwaͤhrende Freund⸗ ſchaft und treuen Schutz gegen jeden ſei⸗ ner Feinde angeboten habe; daß Maho⸗ med dies auf ihre Bitte gethan habe; denn ihr ſey der Gedanke an das Ungluͤck ſo vieler Tauſende zu ſchrecklich. Demetrius ſtand da, als hoͤre er ein Maͤhrchen; denn, daß er dies nicht glaub⸗ te, wird ihm Jeder zutrauen. Mit einer Miene, in welcher ſo viel Spott, als Ver⸗ achtung lag, ſagte er:„Dann muß ich mein Vaterland bedauern, wenn es Euch ſeine Rettung zuſchreiben muß!“— Mit dieſen Worten wandte er ſich. Aber nun war's natuͤrlich, daß Selima's Zorn durch 4ℳ dieſe Verachtung auf den hoͤchſten Gipfel ſteigen mußte.—„So nimm dies zum Lohne, Verraͤther!“ rief ſie und rannte mit Neinem bisher verborgen gehaltenen Dolche nach des Prinzen Bruſt. Kaum fuͤhlte dieſer den mit Gewalt gefuͤhrten Stoß, die von ſtarkem Drath geflochtene Kriegskleidung hinderte jede Verwundung. Der Prinz entwand der Rafenden den Dolch mit leichter Muͤhe.—„Jetzt folgt Ihr mir, Prinzeſſin,“ ſagte er ruhig. „Der erſte Laut, den Ihr gebt, giebt Euch den Tod durch dieſen Dolch.“—„Wohin wollt Ihr mich fuͤhren, Demetrius?“ ſagte Selima ganz außer ſich.„Um Gottes willen nicht in Euere Stadt!“—„Nein, Ihr begleitet mich als Buͤrge meines Le⸗ bens bis zu meinem Freunde. Ich bin dieſe Vorſicht meinem Vaterlande ſchuldig, dem ich jetzt unentbehrlich bin,“ Freilich 8 110 ſtraͤubte ſich die Prinzeſſin, aber Deme⸗ trius hoͤrte auf Bitten und Drohungen ſo wenig, als er auf die Thraͤnen achtete. Gewaltſam ergriff er die Hand der Zoͤ⸗ gernden, ſein ſchnellerer Schritt riß die ſich Straͤubende fort. Jetzt war er an dem Platze, auf dem er Juſtiniani gelaſſen hatte. Er fand ihn neben dem Illyrier ſtehend. Kaum ſah dieſen Selima, als ſie:„Verraͤtherei, Verraͤtherei!“ rief. Der Illyrier riß den Saͤbel aus der Scheide, ſprang auf De⸗ metrius hin, und ehe dieſer ſich zur Ge⸗ genwehr bereit machen konnte, hieb er ihm uͤber das Geſicht. Der Hieb des kraͤfti⸗ gen Mannes wuͤrde des Prinzen Haupt geſpalten haben, haͤtte nicht der Buͤgel des Helmes ihn ſo weit geſchwaͤcht, daß der Prinz mit einer unbedeutenden Wunde da⸗ von kam. Juſtiniani eilte ihm zu Huͤlſe, 111 waͤhrend Selima mit ihrem Begleiter ent⸗ floh. Beide Freunde eilten nach der Stadt zuruͤck, ſie waren ſchon vermißt, denn ſchon der dritte Bote des Kaiſers kam, ſie zu ſuchen, und ihnen den Befehl zu brin⸗ gen, ſogleich zum Kaiſer zu kommen, wo die andern Anfuͤhrer, Angelo und Matthaͤo, ihrer mit Sehnſucht warteten. Freilich ſiel es dem Kaiſer ſehr auf, ſeinen Bruder verwundet zu ſehen; er fragte nach der Veranlaſſung. Allein das ruhige des Prinzen:„Davon hernach!“ mußte jetzt ſeiner Neugierde um ſo mehr Schranken ſetzen, da wirklich vom Sultan ein Brief mit Friedensvorſchlaͤgen ange⸗ kommen war. Unerklaͤrbar war es Allen, denn Alle kannten die Ohnmacht des grie⸗ chiſchen Staates, und die Huͤlfsmittel, die dem Feinde zu Gebote ſtanden, wie der Sultan jetzt auf dieſe Friedensbor⸗ 112 ſchluͤge kam. Mochten die Bedingungen dem Stolze des Kaiſers nicht angenehm ſeyn, der Bewohner der Stadt konnte ſich, vorausgeſetzt, daß der Sultan es redlich meinte, immer Gluͤck zu dem Frieden wuͤnſchen. Der Kaiſer ſollte abhaͤngig ſeyn von den Tuͤrken, und jaͤhrlich einen gewiſſen feſtzuſetzenden Tribut entrichten. Den Bewohnern war freie Religionsuͤbung und Handel zugeſichert; ihre alten Vor⸗ rechte ſollten heilig gehalten werden. Auffallend muß es ſeyn, daß der Kaiſer ſchwach genug war, jene Friedens⸗ bedingungen zu erfuͤllen; aber noch auf⸗ fallender bleibt es, daß der friedlich ge⸗. ſinnte Buͤrger ſie geradezu verwarf. Es herrſchte in der ganzen Stadt jener ſchoͤne edle Geiſt, jener edelſtolze Sinn fuͤr Frei⸗ heit, der jedes Volk unuͤberwindlich macht. Faſt haͤtten Conſtantinopels brave Buͤrger 3 . * . Ir. den Palaſt des Kaiſers geſtuͤrmt, als ſie erfuhren, wie geneigt Conſtantin ſey, ſei⸗ nen Thron von den Tuͤrken abhaͤngig zu machen. Mag es hier immer einen Platz verdienen, daß dieſer unbeugſame Muth der Buͤrger ſeinen Grund in einem alten Aberglauben hatte; dies entſcheidet hiebei nichts. Eine aufgefundene Prophezeihung, daß vom Abend her Conſtantinopel befreiet werden wuͤrde, daß dieſe Stadt niemals erobert werden koͤnne, weil ſo viel heilige Reliquien dort aufbewahrt wurden, ent⸗ flammte den Muth der Buͤrger auf's hoͤchſte. Alle Bedingungen wurden verworfen, man hielt ſich fuͤr unuͤberwindlich und ſelbſt Mahomeds Schaaren wußten und— fuͤrch⸗ teten ein ſo entſcheidendes Vorurtheil. Jene Verſammlung im Pallaſte war geendigt. Es bedarf kaum einer Erwaͤh⸗ nung, daß Demetrius, Juſtiniani, Angelo II. 8 114 und Matthaͤo geradezu dem Frieden wider⸗ ſprachen, und in der Stimmung des Volks, den edlen ſchoͤnen Geiſt der Freiheit, in dieſem den ſicherſten Gewaͤhrsmann ihrer Befreiung ſahen. Sich wundernd fragte der Kaiſer jene beiden Erſtern:„Warum auch ſie ſich den Vorſchlaͤgen des Sultans widerſetzt haͤt⸗ ten?“— Helena, Aglaja und Irene wa⸗ ren bei der Frage gegenwaͤrtig. Noch b hatte Aglaja nicht Gelegenheit gehabt, heute ihren Gatten zu ſehen. Ihr fiel die Wunde auf. In eben der Zeit, in wel⸗ cher der Kaiſer fragte, fragte auch ſie. Demetrius zog den Dolch aus der Taſche. —„Von meiner Weigerung zum Frieden, wie von meiner Wunde iſt dieſer Dolch die Urſache.“— Niemand verſtand ihn. Er mußte die ganze Geſchichte ſeines Abentheuers erzaͤhlen. Natuͤrlich, daß jetzt 115 auch der Kaiſer gegen den Frieden, we⸗ nigſtens nicht mehr ſo dafuͤr, als vorher, war. Aglaja verband die Wunde ihres Gatten. Der Prinz gewann immer mehr in ihrem Herzen; er hatte, nach der be⸗ ſcheidenen Meinung, die ſie von ſich ſelbſt hatte, ſeine Gattentreue wie ſeine Vater⸗ landsliebe nur zu deutlich bewieſen. Bald wurde die Geſchichte in ganz Conſtantino⸗ pel bekannt; ſie erfuͤllte Aller Herzen mit gluͤhendem Haß gegen die Tuͤrken, aber auch mit bangerer Furcht; man konnte vorausſetzen, daß die, durch Verachtung aufgebrachte Selima alles, Alles thun wer⸗ de, ſich auf das fuͤrchterlichſte zu raͤchen. Es war dies nicht jene muthloſe Furcht vor Gefahren, die der Feige nur fuͤhlt, und wobei der Gedanke an die Gefahren jeden Gedanken an Vertheidigung und an die zweckmaͤßigſten Mittel aus dem Her⸗ zen verwiſcht. Die Geſchichte ruͤhmt es 116 im Gegentheil von den Buͤrgern Conſtan⸗ tinopels, daß bei der Ausſicht auf neue Schrecken auch neuer Muth ſich einfand. Es war der Muth, der, nahe an Ver⸗ zweiflung grenzend, dem ehrenvollen Tode entgegen ſich ſtellt, ehe er die Schande eines ehrloſen Lebens tragen will. Man vereinigte ſich auf's neue, auf's innigſte, und tauſende der Weiber, Muͤtter und Kinder knieeten taͤglich im Tempel und beteten um Segen fuͤr die Waffen der Ihrigen.— Die zwei Tage jener beiden Stuͤrme und das Vernichten des Thurmes hatten einige Tage Ruhe veranlaßt. Die Buͤrger, im voraus ſehend, welches furchtbare Gewit⸗ ter auf dieſe ſchwuͤle Stille folgen werde, benutzten die Zwiſchenzeit, die Luͤcken jener Mauer wieder auszubeſſern, die ſo vielen Feinden, aber auch vielen der Ihrigen, 117 das Leben gekoſtet atten.— Auch Con⸗ ſtantin wurde durch ſeines Bruders Er⸗ zaͤhlung in ſeinem muthigen Entſchluſſe beſtaͤrkt. Er ſah ein, daß Mahomed jene unerwarteten Friedensvorſchlaͤge mehr um Selima's Luͤſten zu froͤhnen, und Deme⸗ trius zu einem Verraͤther zu machen, als aus Liebe zum Frieden ſelbſt, gethan hatte. Der Kaiſer konnte nicht wiſſen, daß jene beiden abgeſchlagenen Stuͤrme und die Einaͤſcherung des Thurmes den, bisber in allen ſeinen Unternehmungen gluͤcklichen Mahomed aus aller Faſſung geſetzt hatten; er wußte nicht, daß der Sultan ganz an der Eroberung der Stadt verzweifelte, und daß er hier den Großmuͤthigen ſpielen wollte, wo er eigentlich die Rolle eines an ſeinem Gluͤcke Verzweifelnden uͤberneh⸗ men mußte. Helena ſtaͤrkte ihren Gemahl in ſeinem Muthe. Ihr frommer Gott er⸗ gebener Sinn, ihr ruhiges, edies, in jede * 118 Schickung ſich findendes Herz hatte ſie mit dem Gedanken, lieber zu ſterben, als Sklavin des Ueberwinders zu heißen, be⸗ kannt gemacht. Selbſt der Blick auf ihre Tochter entſchied hier nichts. Ruhig haͤtte ſie das letzte Todeszucken ihres einzigen Kindes anſehen„ mit Gelaſſenheit ſein letztes Todesroͤcheln anhoͤren koͤnnen, war mit dem Leben die Ausſicht auf Sklaverei verbunden. Die Kaiſerin wußte, daß Mahomed alle die Gattinnen und Toͤchter der uͤberwundenen Fuͤrſten ſeinem Harem einverleibt hatte. Waren ſie auch nicht alle, durch Todesdrohungen gezwungen, die Beute der Wolluſt des Tyrannen ge⸗ worden— ein Gedanke, an den die fromme Kaiſerin mit Schauder dachte— ſo waren und blieben ſie doch Sklavinnen, abhaͤn⸗ gig von der Laune eines Despoten. Selbſt die Fuͤrſten und deren Haͤuſer, die ſich durch Liſt und Ueberredung zu einem Bunde 119 mit Mahomed hatten uͤberreden laſſen, waren— Sklaven, mit denen die Laune des Tyrannen ſpielte. Helena beſchwor ihren Gemahl bei Allem was ihr heilig war, den ehrenvollen Tod jener ſchimpf⸗ lichen Knechtſchaft vorzuziehen; mit den Waffen in der Hand ſollte er fallen, ehe er ſich jenem Tyrannen als Freund anver⸗ traue. Auf ihrem Arm hielt ſie dem Gat⸗ ten das Kind vor, mit heißen Thraͤnen knieete ſie vor dem wankend und unent⸗ ſchloſſen ſcheinenden Conſtantin. Thre Worte griffen in ſein Herz. Mit zum Himmel gerichtetem Blick ergriff er ein Crucifix, aus dem Holze des Kreuzes des Erloͤſers, das jene erſte Kaiſerin Helena, Conſtantins des Großen Gemahlin, aufge⸗ funden hatte, verfertigt. In des Patriar⸗ chen Gregorius Hand legte er den Eid ab, fuͤr die Freiheit ſeines Vaterlandes zu fallen, und redlich hielt er dieſen Schwur. 120 Mit einer heitern, frommen Miene trat die fromme Regentin in das Zimmer, in welchem Aglaja und Irene waren. Keine von Beiden wußten ſich die heitere Ruhe der frommen Helena zu erklaͤren. Die Freundinnen fragten die Freundin. Aus ihrem Munde erfuhren ſie Conſtantins Schwur; Aglaja weinte Freudenthraͤnen an der Bruſt ihrer kaiſerlichen Schweſter. Selbſt Irene wurde ruhiger bei der Aus⸗ ſicht des Todes, der dem achtzehnjaͤhrigen Maͤdchen gewiß war. Sie wußte, was ſie von Mahomed zu fuͤrchten hatte. Sie liebte einen der edlern Soͤhne Conſtanti⸗ nopels, ſie hatte der Kaiſerin geſtanden, daß dieſe Liebe zu dem trefflichen Juͤng⸗ ling eben ſo viel zu der Verachtung der Anſchlaͤge Mahomeds in ihrem Herzen bei⸗ getragen hatte, als die Liebe zur Tugend, zum vaͤterlichen Glauben. Gerade in die⸗ ſer ernſten, wichtigen Stunde enthuͤllte ſie 121 den beiden Edlen, Helena und Aglaja, ihr Herz, und beide ſegneten dieſe reine, fromme Liebe. Ihr Geliebter ſtand jetzt in der Reihe derer, die fuͤr Vaterland und Glauben kaͤmpften. Erſt ſeit einigen Tagen hatte Theodor ſeine verſchwundene Irene wiedergeſehen, erſt ſeit einigen Tagen ſie, nach einer lan⸗ gen Trennung, die ihn uͤber der Geliebten Schickſal in der quaͤlendſten Ungewißheit ließ, geſprochen.— Neue, ewige Treue hatten ſie ſich angelobt. Dies Alles wirkte jetzt doppelt ſtark auf Ireneas feuriges Herz; es war ihr ein ſuͤßer, erquickender Gedanke, den Geliebten nicht zu uͤberle⸗ ben; das Leben ohne ihn hatte keinen Reiz fuͤr die Liebende. So war in Conſtantinopel Alles vor⸗ bereitet zum harten Kampfe, zum Kampfe, 4 122 der uͤber das Schickſal des griechiſchen Reiches entſcheiden ſollte. Muth war nun um ſo noͤthiger, da man vorausſetzen konnte, daß Mahomed das Weigern der Friedensbedingungen hart raͤchen werde. Eine Vorausſetzung, die ſich nur zu ſehr beſtaͤtigte. Nachdenkend ſtand Mahomed am Fenſter ſeines Pallaſtes, und ſah mit Sehnſucht, mit beuteſuͤchtiger Begierde nach der Stadt, als der Bote mit der Nachricht der abge⸗ ſchlagenen Friedensunterhandlungen zuruͤck⸗ kam. Mahomed hatte gluͤcklichen Erfolg vorausgeſetzt. Er trauete ſeiner Schweſter Selima zu, daß ſie den Prinzen auf ſeine Seite bringen wuͤrde; und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß er ſelbſt um die Unterredung ſeiner Schweſter mit dem Prinzen wußte. Mochte dieſer Plan noch ſo abentheuerlich ſeyn, und konnte er auf * —— 123 keine Weiſe mit dem Stolze des Sultans vereinigt werden; ſo war doch dieſem Fuͤr⸗ ſten Conſtantinopels Eroberung ein zu großes Ziel, als daß er es mit der Ver⸗ letzung ſeines Stolzes ſo genau haͤtte neh⸗ men ſollen. Gelang der Entwurf, dann wuͤrde man, das wußte er, die Klugheit ſeiner Schweſter, wie ſein eigenes Anſe⸗ hen, himmelhoch erhoben haben. Er war erfahren genug, um einzuſehen, daß man gewoͤhnlich den Werth eines Unternehmens nach dem Erfolge beurtheilt. Jetzt kam der Bote zuruͤck, und brachte jene uner⸗ wartete Nachricht. Faſt haͤtte der arme Bote mit ſeinem Kopfe es bezahlen muͤſ⸗ ſen, daß Conſtantinopels Einwohner keine abhaͤngige Sklaven werden wollten, ſo . aufgebracht wurde Mahomed. Ein Divan wurde zuſammen gerufen, der Sultan ſelbſt erzaͤhlte, daß er der 124 Stadt Frieden angeboten habe, daß dieſe alle Bedingungen verworfen habe. Freilich konnte den nach Herrſchertiteln trachtenden Baſſa's und Anfuͤhrern eine ſolche Aeuße⸗ rung nicht anders als auffallend ſeyn. Ma⸗ homed hatte feierlich verſprochen, dem, der die Mauer zuerſt erſteigen wuͤrde, die Be⸗ fehlshaberwuͤrde der eroberten Stadt zu geben, und jetzt wurde Frieden vorgeſchla⸗ gen; freilich konnte man dies nicht zuſam⸗ men reimen; indeſſen, Mahomeds gluͤhen⸗ des Auge bei der Erzaͤhlung, der Blick, mit dem er um ſich ſah, der es zu erwar⸗ ten ſchien, daß einer ſein Benehmen ta⸗ delte, um einen Gegenſtand zu haben, an dem er ſeinen Unmuth auslaſſen konnte, Alles dies machte die Verſammlung zu Bewunderern der Groͤße Mahomeds, der ſogar ſchon einem halb uͤberwundenen Feinde noch Gnade anbieten ließ. Daß Alle, Alle anders dachten, als ſie ſprachen, —,e—— —,— 125 bedarf keiner Erwaͤhnung, obgleich nur Einer unter Allen den wahren Standpunkt, aus dem man ſich dies widerſprechende Benehmen des Sultans erklaͤren konnte, auffand, und dieſer war jener Chan, der ſchon einmal die Abſichten der Prinzeſſin durchſchauet hatte.—„Es ſoll mich doch wundern, ob hier nicht wieder ein Paar ſchoͤne griechiſche Augen im Spiele ſind!“ ſagte er zu ſeinen Freunden, die mit ihm aus dem Divan nach ihren Zelten ritten. —„Vieleicht ſteckt gar unſere Prinzeſſin wieder im Handel!“— Da begegnete ihnen gerade jener illyriſche Anfuͤhrer, der den Begleiter Selims gemacht hatte.— „Du wirſt Dich bei dem Sultan ſchoͤn empfohlen haben,“ rief ihm der Chan ent⸗ gegen.„Wir ſind Alle zu einem Divan verſammelt geweſen, und Du fehlteſt. Huͤte Dich, dem Maͤchtigen unter's Auge zu treten!“—„So? Und warum? Ich 2 126 bin in einem heimlichen Divan geweſen, der mit Liebe anfing und mit Blut en⸗ digte.“—„Ein Divan?“—„Nun ja, willſt Du es ſo nicht genannt haben, ſo nenne es eine verliebte Zuſammenkunft im bluͤhenden Gebuͤſch. Die Prinzeſſin Se⸗ lima—“—„SIch bitte Dich, ſchweige, wenn Du nicht etwa Deines Kopfes uͤber⸗ drüͤßig biſt.“—„Mein Kopf ſitzt feſter als der Deinige, und ich bin davon ſo uͤberzeugt, daß ich Euch Allen die Ge⸗ ſchichte und die Verhandlungen dieſes Di⸗ vans mittheilen kann.“ Wirklich erzaͤhlte nun der Illyrier die ganze Geſchichte der naͤchtlichen Zuſam⸗ menkunft Selima's mit Demetrius. Sich wundernd hoͤrte Jeder die Erzaͤhlung die⸗ fes Abentheuers an. Aber unwillig wurde der alte Chan, als der Illyrier hinzuſetzte: „Und der ganze Diyan endigte ſich damit, —— 127 daß ich den Prinzen Demetrius nieder⸗ hiieb.“—„Den trefflichen Prinz? Das konnteſt Du?“—„Und warum nicht? Die Prinzeſſin rief es mir zu. Ich hieb ihn nieder, ehe er ſein Schwerdt ziehen kennte.“—„Haͤtteſt Du an ſeiner Stelle die Prinzeſſin getroffen, ſo waͤre es beſſer. Wir haͤtten Ehre und Beute vom Kriege gehabt, da wir jetzt alle Augenblick be⸗ fuͤrchten muͤſſen, daß Weiberraͤnke unſere Entwuͤrfe durchkreuzen. Nun, es iſt ge⸗ ſchehen, ob's mir gleich kalt uͤber die Haut geht, daß Du eine Art von Meu⸗ chelmoͤrder geworden biſt!“— Der Alte wagte etwas viel mit dieſen Worten und ſtill und ernſt ritt Jeder neben ihm her. Man wußte noch nicht, wie jener Illyrier den Ta⸗ del aufnahm, und ob nicht die Prinzeſſin Alles erfahren und den Sultan zu furcht⸗ barer Beſtrafung eines ſolchen vermoͤgen werde. Mit verhiſſenem Be 128 druß trennte ſich der Illyrier von dieſen Anfuhrern. Wir rufen jetzt die Geſchichte jener Nacht zuruͤck.— Selima fuͤhlte freilich das ihr ſo Schmerzhafte in dem Beneh⸗ men des Prinzen tief. Sie hatte alle ihre Reize aufgeboten; ſie hoffte von der ſchoͤ⸗ nen Fruͤhlingsnacht, von der ganzen ſchoͤ⸗ nen Umgebung und von der Einſamkeit viel. Um deſto kraͤnkender fuͤr ſie, daß Ales vergebens war. Der Ausruf:„Ver⸗ raͤtherei!“ entfuhr ihr, ohne daß ſie etwas dabei dachte, und, mochte ſie das Harte in Demetrius ſpottenden Aeußerungen noch ſo tief empfinden, ſo bald ſie den Prinzen fallen ſah, verwandelte ſich der Haß in gluͤhende Liebe. Sie wagte es aber nicht, ihrem Begleiter einen Vorwurf zu machen; denn ihr eigenes Gefuͤhl ſagte ihr, daß ſie es mit dieſem Manne nicht verderben duͤrfe. ———V—ééODé——-J— — — 129 Ihr ganzer Ruf hing von ihm ab, und wenn auch wirklich ſein Kopf auf dem Spiele ſtand, ſo ſtand doch noch ungleich“ mehr ihre Ehre auf einem noch gewagte⸗ ren Spiele. Aengſtlich und ſchweigend eilte ſie neben ihm her zu ihrem Wagen; ſie kam zu Hauſe an, aber es war ihr unmoͤglich, ihrem Bruder unter die Augen zu treten. Ihr Herz war toͤdtlich durch verſchmaͤhete Liebe verwundet, und fuͤr dieſe verſchmaͤhete Liebe fand ſie bei ihrem Bruder nicht nur keinen Troſt, ſondern Vorwuͤrfe, die die Ungluͤckliche die Kraͤn⸗ kung noch tiefer fuͤhlen ließen. Wie das auf den Wellen der Meerenge herumge⸗ worfene leichte Fahrzeug wurde ſie von ihrer widerſprechenden Empfindung, von gluͤhendem Haß, von brennender Liebe, umher geworfen. So ungluͤcklich hatte ſie ſich noch nie gefuͤhlt, und ſie hatte gar nicht noͤthig, eine Unpaͤßlichkeit zu erheu⸗ II,. 9 136 cheln, ſte war wirklich krank. Sie wuͤnſchte Einſamkeit. Alle ihre Dienerinnen muß⸗ ten ſie verlaſſen, und dieſe konnten nicht begreifen, was der Prinzeſſin fehle, ob⸗ gleich mehrere von ihnen wußten, daß ſie die Nacht außerhalb des Pallaſtes zuge⸗ bracht hatte Wirklich blieb Selima den ganzen Tag allein, und allen ihren Die⸗ nerinnen war und blieb es unbegreiflich, wie die Tagesgeſchichten und die Geſchich⸗ ten des Hofes und des Harems mit einemmale alles Anziehende ſo ſehr verlo⸗ ren hatten, daß die Prinzeſſin nicht nur gar nicht danach fragte, ſondern auch nicht einmal antwortete, wenn je eine der Aufwartenden es wagte, von einer der am Hofe ſo merkwuͤrdigen Kleinigkeiten anzu⸗ fangen. Mit der traurigſten Miene und mit auf die Hand geſtuͤtztem Kopfe lag die Prinzeſſin auf ihrem Polſter. Sie hatte nicht einmal die Zeit zum Entklei⸗ 1 131 den genommen. Mit der groͤßten Gleich⸗ guͤltigkeit ſah ſie auf das Geſchmeide, das ſie trug, und Kleinodien, mit dem Werthe eines Koͤnigreiches kaum zu bezahlen, wur⸗ den von ihr mit der Verachtung uͤberſe⸗ hen, als waͤren es Kieſel am Bache, die ihr Fuß betrat. Sie dachte an nichts, als an den Prinz, und fuͤhlte, wenn ihre Einbildung auch dann und wann ſie in Scenen des Gluͤcks verſetzte, das ſchmerz⸗ hafte Erwachen aus dieſen reizenden Traͤu⸗ men um ſo tiefer. So lag ſie da, als der Sultan zu ihr kam. Sein wuͤthender Blick war ihr fuͤrchterlich; ſie glaubte, daß ihr ſo ungluͤcklich abgelaufenes Abentheuer der Grund davon ſey; ſie fuͤrchtete die haͤrteſten Vorwuͤrfe; ſie fuͤhlte, daß ſie dieſe durch ihr gewagtes, unbeſonnenes Unternehmen verdient hatte. Eben wollte ſie aufſtehen und ihres Bruders Verzei⸗ hung erbitten, als dieſer ihr ſeine Antwort 132 des Kaiſers Conſtantin zeigte. Mochte dieſe durch Sprache und Ausdruck noch ſo kraͤnkend fuͤr die ſtolze Tuͤrkin ſeyn, ſo war Selima doch ungleich ruhiger, als vorhin; wußte ſie es doch, daß der Sul⸗ tan ihr keinen Vorwurf machen werde, da durch jene Antwort mehr der Thron des tuͤrkiſchen Sultans, als der Sultan oder ſein Volk gekraͤnkt war. So viel Politik hatte Selima, daß ſie dies Alles benutzte, den Strahl, der ihr drohete, von ſich abzuwenden, und das auf die Ehre des Throns abzuleiten, was doch eigentlich ihrem Herzen galt. Lange hatte die Unterredung zwiſchen Mahomed und Selima uͤber jene Antwort Conſtantins ſchon gedauert; lange hatte Selima jeden einzelnen Punkt des Schrei⸗ bens Conſtantins angehoͤrt, und Alles an⸗ gewandt, um den machtigen Bruder ab⸗ 133 zuhalten, auf ſie zu kommen, als Maho⸗ med anfing:„Du verſprachſt Dir ja ſo viel von einer Unterredung mit dem Ver⸗ raͤther, dem Prinzen Demetrius. Wie lief denn die Unterhandlung ab?“—„Ich habe ihn gar nicht geſprochen. Freilich dachte ich mir die Moͤglichkeit, jenen De⸗ metrius vielleicht durch eine Zuſammen⸗ kunft zu gewinnen, und durch ihn auszu⸗ richten, was auf keine andere Art moͤglich war, die Uebergabe jener Hauptſtadt. Allein, Deine eigene Ehre, und der Ruf, in welchen ich haͤtte kommen koͤnnen, ver⸗ boten es mir, dieſen Weg zu gehen.“— Mahomed war zu ſehr mit denen in Con⸗ ſtantins Antwort enthaltenen Beleidigun⸗ gen beſchaͤftigt, als daß er dieſe Harems⸗ Politik haͤtte durchſehen wollen. Er glaub⸗ te, oder ſchien wenigſtens das zu glauben, was ihm ſeine Schweſter geſagt hatte.— „Jene heilloſe Stadt muß ich in wenig 1 C 134 Tagen in meiner Gewalt haben!“ ſagte er, indem er die Prinzeſſin verließ. Se⸗ lima wuͤrde, trotz ihrer ungluͤcklichen Liebe zu Demetrius, ſich ganz gluͤcklich gefuͤhlt haben, waͤre ihr nicht der Gedanke:„Wie, wenn jener Illyrier entdeckte, was Du gegen Deinen Bruder verheimlichteſt?“ zu ſehr auf das Herz gefallen. Sie ſchau⸗ derte bei der Vorſtellung, daß ihr Bruder die Unwahrheit ihrer Ausſage erfuͤhre, ſie konnte es ihrem rachſuͤchtigen Bruder zu⸗ trauen, daß ſie mit ihrem Leben jene Taͤu⸗ ſchung wuͤrde buͤßen muͤſſen.— Kaum hatte Mahomed ſie verlaſſen, als einer ihrer Vertrautern jenen Illyrier rufen mußte. Er erſchien. Selima hatte ſo viel Stolz, ihn die Abſicht ihrer Sendung nicht merken zu laſſen.—„Haſt Du den Sultan geſprochen?“ fragte ſie.—„Noch nicht,“ war die Antwort.„Ich fuͤrchte gewiſſermaßen die erſte Zuſammenkunft 8 8 1 135 mit ihm, Die Nachricht von dem Tode des Prinzen Demetrius wird ihm freilich angenehm ſeyn.“—„Und dennoch darf er ſie nicht erfahren. Er hat dieſen Deme⸗ trius zu ſchrecklichen Todesquaalen be⸗ ſtimmt. Wuͤßte er, daß dieſer nicht mehr lebe, wahrhaftig, ich moͤchte der Ueber⸗ bringer dieſer Nachricht nicht ſeyn. Mein Bruder muß immer noch glauhen, daß jener Demetrius in Conſtantinopel lebt. Wird die Stadt, wie ich hoffe, mit Sturm erobert, dann laͤßt ſich immer eine Leiche finden, die fuͤr jenes Verraͤthers Ueberreſt ausgegeben werden kann. Daher ſage gegen Niemand ein Wort davon, daß der Demetrius durch Dein Schwerd gefallen ſey.*—— In der ne hae Verlegenheit ſtand der Illyrier da. Er wußte freilich mehr von den Geheimniſſen Selima's, als dieſer A lieb ſeyn konnte; er wußte aber auch, daß es dieſer, die die Launen des Sul⸗ tans kannte, nur ein Wort koſtete, um ihn um ſeinen Kopf zu bringen. Er ſelbſt war Verraͤther ſeines Vaterlan⸗ des geweſen; er hatte ſich durch Maho⸗ meds Verſprechungen dazu verleiten laſ⸗ ſen. Wie, wenn der Tyrann, dem Du Dein Vaterland verrietheſt, einſt Dein Henker wuͤrde?“— Selima ſah ſeine Un⸗ ruhe. Sie durchblickte ſein Gewiſſen, ſeine ganze Seele.—„Du haſt doch wol nicht gegen irgend Jemand einer That erwaͤhnt, die weder in Deinem Geſchaͤfte, noch in Deinem Auftrage lag?“ ſagte ſie, und ſah dem Verlegenen feſt in's Geſicht. Er verſtummte, Seine Unruhe war zu groß, irgend eine Beſchoͤnigung, ſein Gewiſſen zu belaſtet, um eine Ausflucht finden zu koͤnnen. Mit Schrecken ſah die Prinzeſ⸗ fin, daß ihr Geheimniß verrathen war. 4 137 Sie drang in den Illyrier, und eer geſtand es, in Gegenwart mehrerer Baſſa's ſeine That erzaͤhlt zu haben.— Gern haͤtte die aufgebrachte Selima ihm die haͤrteſten Vorwuͤrfe gemacht; haͤtte ihr nur nicht die Ruͤckſicht auf ſich ſelbſt und auf ihre eigene Verlegenheit im Wege geſtanden. Was hatte ſie, bei ihrem Stolze, Alles von dem Manne zu fuͤrch⸗ ten? Geſetzt auch, dieſer verlor um ſei⸗ ner Unbeſonnenheit willen ſein Leben, was ſtand ihr dagegen nicht Alles auf dem Spiele? Bisher hatte ſie ihren Bruder ganz beherrſcht; der Sultan hatte nichts, ohne ſeine Schweſter um Rath zu fragen, unternommen; der ganze Harem, der auf Mahomeds Thaten faſt gar keinen Einfluß hatte, haßte die Prinzeſſin; alle die Be⸗ fehlshaber des Heeres, die weniger als Selima bei dem Sultan galten, und die 138 der Prinzeſſin aus dieſem Grunde ſpinne⸗ feind waren, alle dieſe wuͤrden triumphirt haben, waͤre Mahomed einmal mißtrauiſch gegen ſeine Schweſter geworden.— Wahr⸗ lich ſo viel Demuͤthigung iſt nicht einmal bei dem Weibe noͤthig, es dahin zu brin⸗ gen, daß es alle Raͤnke, alle Liſt, alle Klugheit aufbietet, um einem ſolchen Schlage vorzubeugen. So machte es auch Selima. Mit erkuͤnſtelter Ruhe hoͤrte ſie es an, daß der Ilyrier alle die nannte, denen er den Mord des Prinzen erzaͤhlt hatte; mit unnachahmlicher Gleichguͤltigkeit ſagte ſie ihm, daß es doch ungleich beſſer ſey, wenn er nicht weiter uͤber dieſe Ge⸗ ſchichte ſpräche; aber jetzt dachte ſie auf einen Plan, den Illyrier aus dem Wege zu ſchaffen; der Mann war zu gefaͤhrlich. Das Schickſal mußte ſelbſt dazu beitra⸗ gen, daß dieſer Verraͤther hart beſtraft wurde, Jene Baſſa's, denen er des Prin⸗ 139 3 zen Mord erzaͤhlte, hatten mit Andern daruͤber geſprochen. Das Geruͤcht des Todes des Prinzen Demetrius war zu den Ohren des Sultans gekommen. Er ſah die Unterſchriften jener abſchlaͤglichen Ant⸗ wort Conſtantins durch, und fand den Namen: Demetrius, Prinz von Griechen⸗ land. Der Officier der Janitſcharen, der dieſe Sendung uͤbernommen hatte, wurde befragt, und dieſer mußte nun gerade den geſunden, unverwundeten Juſtiniani fuͤr Demetrius halten, der abweſend war.— Es aͤußerte auf des Sultans Frage nach Demetrius Tode, daß er dieſen ſelbſt ge⸗ ſehen, ſelbſt geſprochen habe.— Aeußerſt aufgebracht erzaͤhlte der Sultan am anag dern Tage dies ſeiner Schweſter, die frei⸗ lich die Luͤge des Illyriers als Hochver⸗ rath vorſtellte, denn ihre eigene Ehre hing davon ab.⸗ Mahomed ſchwieg.— Kaum eine Stunde war er fort, als ein etwas —j— 140 ungewohnter Auflauf die Prinzeſſin an's Fenſter zog. Sie erblickte des Illyriers Kopf auf der Pique eines Janitſcharen; ſie hoͤrte, wie der Rufer bekannt machte, daß dies der Lohn aller Luͤgner und Ver⸗ raͤther gegen den Sultan Mahomed ſey. — Natuͤrlich, daß die Prinzeſſin ſich hin⸗ laͤnglich gerechtfertigt hielt, daß ſie mit Jedem uͤber die vermeinte Luͤge des De⸗ metrius ſprach; aber eben ſo natuͤrlich, daß Jeder ſchwieg, und von der ganzen Geſchichte das dachte, was die fruͤhere Geſchichte der Prinzeſſin und ihr Charak⸗ ter zu denken geboten. Die Prinzeſſin that nun Alles, was ihr moͤglich war, den Sultan gegen Con⸗ ſtantinopel ganz aufzubringen; jetzt war ihr Demetrius verhaßt; ſie hatte gehoͤrt, daß er noch lebe, und wenn ſie gleich dem Prinzen das Leben gern goͤnnte, weil die 141 Nachricht davon jedes Geruͤcht, das von ihr in dem Heere umherlief, vernichtete, ſo war doch jetzt dieſer Prinz ihr verhaßt. Sterben mußte er, und bei dem qual⸗ volleſten Tode des Demetrius wuͤrde Se⸗ lima es uͤber ihr Herz gebracht haben, Zeuge zu ſeyn. Aber ſie hatte es auch nicht noͤthig, den Sultan die Rache gegen Conſtantinopel zur Pflicht zu machen; der Tyrann war wuͤthend genug gegen die ungluͤckliche Stadt, deren Untergang ſo nahe war. Mahomed ſahe freilich alle die Schwierigkeiten, die ſich ihm entgegen ſtelltten, eine ſtarke Mauer und Wall, ein durch ungeheuere Ketten geſperrter Hafen, und vor allem eine muthige, fromme Buͤr⸗ gerſchaft, die es mit Glauben und Vater⸗ land redlich meinte, und die an ihrer Spitze Anfuͤhrer hatten, die in jedem Jahrhundert einen ruͤhmlichen Namen in der Geſchichte der Kriege gehabt haben ——————õ———L—r 1 1— — õÿõÿõÿõöu⁶³ 142 wuͤrden. Aber allen dieſen Schwierigkei⸗ ten ſtellte Mahomed einen feſten, eiſernen Sinn entgegen; die Stadt ſollte fallen, und begruͤbe ſie unter ihren Truͤmmern das halbe Heer. Er ließ alle Anfuͤhrer zuſammen kommen. Mit einem Ernſt, wie man ihn noch nie an dem Despoten ſah, trat er unter ſie, die mit banger Er⸗ wartung dem Augenblick ſeiner Anrede ent⸗ gegen ſahen. Mit Ernſt erklaͤrte er ihnen, daß die Stadt in wenigen Tagen erobert ſeyn muͤßte, und daß keine Schwierigkeit, ſie moͤge ſo groß ſeyn als ſie wolle, ihn an der Ausführung ſeines Entwurfes hin⸗ dern ſolle. Auf den folgenden Tag wurde ein neuer Sturm angeordnet, und die Nacht wurde zu den Anſtalten dazu ver⸗ wendet. Angelo und Matthaͤo, jene beiden kuͤhnen Anfuͤhrer unter Juſtiniani, waren 143 nicht zufrieden, allein die tapfern Anfuͤh⸗ rer zu ſeyn; ſie gingen noch weiter. Be⸗ kannt mit Allem, was Kriegesliſt heißt, — Beide hatten in ihrem Vaterlande meh⸗ reren Kriegen beigewohnt— ſahen ſie ſehr bald, daß die Tuͤrken eigentlich noch gar keine Kriegskunſt beſaßen. Bloß der wilde Angriff der unuͤberſehbaren Menge war es, auf den ſie ſich verließen. Wurde dieſer muthvoll abgeſchlagen, dann war der Fall nicht ſelten, daß jene zahlloſen verwege⸗ nen Angreifer in feige Fluͤchtlinge ſich ver⸗ wandelten, und in ſchaͤndlicher Flucht dem Schwerdte weniger Muthigen zu entgehen ſuchten. Alles uͤbrige fehlte den Tuͤrken, ſie kannten keine Aufſicht in ihren Laͤgern, ſie verſtanden nichts von der Kunſt, durch einen vortheilhaft beſetzten Poſten Lager und Heer zu ſichern. Wie Schwaͤrme von Heuſchrecken zogen ſie daher und fielen, wie dieſe, auf eine Gegend nieder, ſie zu 144 verheeren. Kaum wachten einige Poſten des Nachts fuͤr des Lagers Sicherheit und ungehindert konnte der Troß von Skla⸗ ven, von Verkaͤufern und andere derglei⸗ chen das Lager durchſtreichen. Die Stille, die nun faſt fuͤnf Tage gedauert hatte, mußte den beiden Anfuͤhrern verdaͤchtig werden. Sie wollten Gewißheit haben, ob ein Geruͤcht vom Abzuge der Feinde ſich beſtaͤtige, oder ob es eine Maske ſey, hinter welcher ein deſto gefaͤhrlicherer An⸗ ſchlag ſich verſtecke. Beide baten Juſti⸗ niani und Demetrius um Erlaubniß, gegen Abend das feindliche Lager zu durchſpaͤhen, um uͤber die Anſtalten der Feinde Gewiß⸗ heit zu haben. Freilich befremdete den Prinzen ein ſolches Unternehmen. Er ſtellte den beiden Kuͤhnen vor, mit wel⸗ chen Gefahren dies Unternehmen verknuͤpft ſey; er bewies Beiden, wie groß der Ver⸗ luſt fuͤr die Stadt ſey, wenn ſie ungluͤcklich ——— 145 ſeyn ſollten. Allein alle dieſe Vorſtellun⸗ gen bewirkten weiter nichts, als eine im⸗ mer dringender werdende Bitte um Er⸗ laubniß, das Abentheuer zu beſtehen. Der Prinz mußte einwilligen. Mit Anbruch des Abends verließen Beide die Stadt; Niemand bemerkte ihre Entfernung. In einer Verkleidung, die ihnen das Anſehen tuͤrkiſcher Sklaven gab, deren ſich ſo viele im tuͤrkiſchen Heere befanden, ſchlichen ſie in das nahe am tuͤrkiſchen Lager ſich hin⸗ ziehende Gehoͤlz. Sie bemerkten bald, daß ſie hier nicht allein waren, und ſo legten ſie ſich als Schlafende, deren ſie mehr hier fanden, in das Gras nieder. Der Zufall wollte, daß gerade jetzt ein Theil der An⸗ fuͤhrer aus dem Kriegsrathe zuſammen kamen, in welchem Mahomed ſo ernſtlich den Sturm der Stadt auf den folgenden Tag beſtimmt hatte. Die voruͤber Reiten⸗ den ſprachen daruͤber. Daß Angelo un II. 1o 146 Matthaͤo jedes Wort mit verdoppelter Auf⸗ merkſamkeit hoͤrten, war natuͤrlich; denn eine wichtigere Nachricht konnten ſie ihrem Anfuͤhrer nicht bringen. Sie wußten nun, daß das Geruͤcht vom Abzuge der Feinde entweder ganz falſch, oder vielleicht gar auf Mahomeds Veranlaſſung deshalb aus⸗ gebreitet ſey, um die Bewohner der Stadt einzuſchlaͤfern. Aber noch aufmerkſamer wurden ſie, da einer der Anfuͤhrer, jener alte Chan, vom Prinz Demetrius und von deſſen erdichtetem Morde anfing, und zu⸗ gleich der Prinzeſſin Selima dabei er⸗ waͤhnte.„Nun, morgen, hoffe ich wenig⸗ ſtens, ſoll der Prinz auf eine edlere Art fallen,“ ſetzte er hinzu.„Nehme ihn ja keiner gefangen. Bei den Qualen, zu denen der Sultan, gewiß auf Selima's Antreiben, den trefflichen Prinz verdammte, iſt's eine Wohlthat, wenn das Opfer in der Schlacht faͤllt. Der Sultan hat eine 147 Belohnung auf des Prinzen Kopf, und eine noch ungleich groͤßere darauf geſetzt, wer ihn lebendig bringt. Ich verſichere bei Gott, daß ich die Belohnung nie ver⸗ dienen will.“—„Noͤchte auch wohl nicht leicht Einer von uns Allen wollen!“ ſiel einer der Anfuͤhrer ein. Waͤhrend dieſer wenigen Worte waren die Reiter vor dem Orte, wo Angelo und Matthaͤo ſaßen, vorbei geritten. Beide machten ſich unbemerkt auf den Weg, das Gluͤck beguͤnſtigte ſie; mitten in der Nacht oͤffnete ihnen der Waͤchter die Pforte des Thores; ihr erſter Weg, ohne ſich auch nur einen Augenblick Ruhe zu erlauben, war zum Prinzen, bei dem ſie Juſtiniani trafen. Maͤnner, wie dieſe vier es wa⸗ ren, pflegen mit traurigen Nachrichten nicht hinterm Berge zu halten, Angelo er⸗ zaͤhlte daher dem Prinzen Alles, auch das, 148 was die Feinde uͤber ihn beſtimmt hatten, entdeckte er. Demetrius wurde nachden⸗ kend, er blieb, was man ſonſt gar nicht an ihm gewohnt war, ſelbſt ſtill und in ſich gekehrt, als Juſtiniani uͤber die beſten Gegenanſtalten ſprach. Demetrius hoͤrte kaum danach hin, ſo daß ſelbſt ſeinem Freunde ſein heutiger Ernſt auffiel. Daß dies bei dem Prinzen nicht Muthloſigkeit war, wußte Jeder; dazu hatte er ſein Leben zu oft gewagt; und die abgeſchlage⸗ nen Stuͤrme, bei denen er anfuͤhrte, wa⸗ ren trifftige Gruͤnde, ihm den ruͤhmlichen Namen eines Tapfern zu geben. Waͤhrend Angelo und Matthaͤo dafuͤr ſorgten, daß Alles zum Empfang der Feinde bereitet ſey, ging Demetrius nach⸗ denkend im Zimmer auf und nieder.— „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„woher es mir ſo gewiß iſt, daß ich morgen falle.“— 8 149 „Wahrſcheinlich, weil Du Dir vornimmſt, es danach zu machen,“ antwortete laͤchelnd Juſtiniani.—„Wie kann ich es danach machen wollen. Mehr als meine Pflicht kann ich nicht, weniger als ſie werde ich nicht thun. Genug, ich fuͤhle, daß ich bleiben werde. Nicht meinetwegen bin ich aͤngſtlich, ich bin es meines Vaterlandes wegen; ich ſchmeichle mir, dieſem unent⸗ behrlich zu ſeyn.“— Juſtiniani verſicherte ihm dies. Eine Verſicherung, die gewiß nicht Schmeichelei war. Demetrius fuͤhlte ſelbſt, wie er es war, der das Ganze zu⸗ ſammen hielt, denn Conſtantin blieb im⸗ mer noch, auch bei den beſten Emtfchlie⸗ ßungen, ſchwaͤcher und unentſchloſſener, als er hier ſeyn mußte. Demetrius war. es, deſſen Tapferkeit bei dem ganzen Volke in Anſehen ſtand, auf deſſen Wort und Befehl jeder Buͤrger gern hoͤrte; ſeine Freundſchaft mit dem trefflichen Juſtiniani 150 hatte Griechen und Genueſer zu dem gro⸗ ßen Werke der Vertheidigung erſt recht verbunden. Alles dies, das fuͤhlte er ſelbſt, wuͤrde mit ſeinem Tode ſchwinden. An die Stelle jener ſchoͤnen zuſammenhal⸗ tenden Einigkeit wuͤrde Partheiſucht tre⸗ ten; das redliche Zutrauen, das jeder Vertheidiger gegen den andern fuͤhlte, wuͤrde bald dem Mißtrauen und dem Neide Platz machen. 4 Und war es erſt ſo weit gekommen, dann waren Stadt und Vater⸗ land unwiederbringlich verloren. Offenher⸗ zig ſprach Demetrius und Juſtiniani uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand, und der Freund konnte dem Freunde nicht wider⸗ ſprechen. Mochte Jutiniant noch ſo tapfer, noch ſo angeſehen bei Hofe ſeyn, er war es mehr um ſeiner Unentbehrlichkeit, als um ſeiner Vorzuͤge willen. An einem ſo verweichlichten Hofe, als der des Conſtan⸗ tins war, mußte es allerdings eine Menge 151 Menſchen geben, die tapfere Krieger, wie Demetrius und Juſtiniani waren, nicht beurtheilen konnten. Sie fuͤrchteten dieſe bloß, ſo lange man ſie unentbehrlich glaubte; hoͤrten ſie auf dies zu ſeyn, ſo ſchwand auch alle die Achtung, ſelbſt die bloße Ehrerbietung, mit der man ihnen zum Schein begegnete. Faſt jeder Hof liefert in ſeiner Geſchichte Belaͤge fuͤr dieſe Denkungsart. Und gerade dies war es, was Demetrius fuͤr ſeinen Freund fuͤrch⸗ tete. Ein Mann, wie Juſtiniani, der ſeine Jugend unter Waffen zugebracht hatte, dem das Kriegsgetuͤmmel lieber war als Saitenſpiel, Geſang und Tanz; ein ſolcher Mann mußte an einem ſchwel⸗ geriſchen Hofe faſt Alles zum Feinde ha⸗ ben. Demetrius zweifelte noch nicht, die Stadt retten zu koͤnnen. Eine Ausſicht, die, ſo ſchoͤn ſie auch war, durch die Vor⸗ ſtellung des Undanks, mit dem man den 152 tapfern Juſtiniani belohnen wuͤrde, alles Angenehme verlor; wenn er daran dachte, daß er ſelbſt fallen koͤnnte, und daß Ju⸗ ſtiniani dann Niemand mehr habe, auf den er ſich ſtuͤtzen koͤnne. Dies Alles ſtellte der Prinz ſeinem Freunde vor; Ju⸗ ſtiniani laͤchelte. Er hatte eine zu gute Meinung von dem Kaiſer Conſtantin und — wer moͤchte den edlen Stolz als Ver⸗ brechen anſehen?— von ſich und ſeinem Werthe.— Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs trat Aglaja in'’s Zimmer. Der Morgen daͤmmerte uͤber die Meerenge her; Aglaja hatte ihn unter heißem Gebet begruͤßt. Der Gattin ſiel der Ernſt des Gatten, die heitere Ruhe ihres Bruders auf. Sie ſah Beide mit Thraͤnen in den Augen an. Offenherzig er⸗ zaͤhlte ihr der Prinz den Bericht Angelo's; offenherzig ſagte er ihr, daß er gewiß —— —; 153 bleiben werde. Aglaja war freilich unru: hig bei dieſem Gedanken; aber der fromme Muth, die angeerbte Entſchloſſenheit, die ſie mit ihrem Bruder gemein hatte, lehr⸗ ten ſie dieſe Aengſtlichkeit verbergen. Sie verſcheuchte wirklich aus ihres Gatten Her⸗ zen jene bangere Vorſtellung, und Deme⸗ trius wurde heiterer.— Da rief die Sturmglocke die beiden Freunde auf den Sammelplatz, graͤßlich ſchallte der Ton uͤber die Stadt hin, in allen Straßen ſammelten ſich die Verthei⸗ diger; Demetrius und Juſtiniani flogen an ihre Spitze. Aglaja ſah ihnen mit ſchwerem Herzen nach. Jetzt war ſie al⸗ lein; jetzt erſt hatte ſie Zeit, uͤber das an ihrem Gatten nie bemerkte Unruhige nach⸗ zudenken, jetzt unter den ſchauerlichen Toͤ⸗ nen der Glocken und unter dem dumpfen Gepraſſel des Geſchuͤtzes, jetzt wirkte dies 134 Alles doppelt ſtark auf ihr Herz. Alle die Schrecken, die von außen her auf ſie wirk⸗ ten, vermehrten die Angſt der Gattin. Die Ungluͤckliche wußte nicht, wohin ſie ſich wenden, wo ſie Troſt und Ruhe finden ſollte. Die ſchreckliche Vorſtellung, Gat⸗ ten und Bruder zum letzten Male geſehen zu haben, ließ ſie kaum zum Gebete kom⸗ men; mit gewundenen Haͤnden ſtand ſie da, nichts als die nahe Verzweiflung fuͤh⸗ lend, die durch das furchtbare Getoͤſe in der Stadt und auf den Waͤllen vermehrt wurde. Auf den Knieen lag ſie da, von Niemand geſehen; ihr Gebet hatle keine Worte, es loͤſete ſich in bangen Seufzern, in gluͤhenden Thraͤnen auf, als Helena, die Kaiſerin, mit ihrer Tochter auf den zitternden Armen, zu ihr trat. Eine ſuchte bei der Andern Troſt, und keine konnte die Andere beruhigen. Wie wenig war da der Glanz und der Reichthum des 155 Hofes! Fürſtin und Buͤrgerin hatten jetzt ein Loos— Verzweiflung; hatten ein Mittel, dieſe zu mildern— Gebet und Thraͤnen. Verlaſſen von Allen— denn der muthig gewordene Kaiſer war mit auf dem Kampfplatze— brachten ſie zwei un⸗ gluͤckliche, ungewiſſe und dunkle Stunden hin, als Aglaja von ungefaͤhr durch das Fenſter ſah. Mehrere Buͤrger der Stadt trugen eine Buͤrde, die mit einem Schar⸗ lachmantel bedeckt war. Eine gewiſſe Be⸗ hutſamkeit, mit der die Traͤger die Laſt trugen, ein gewiſſer Ernſt war unverkenn⸗ bar. Die Traͤger brachten die Buͤrde zu der Schloßtreppe herauf; Aglaja und die Kaiſerin waren durch eigene, nahe an Verzweiflung grenzende Unruhe ſo ſehr abgeſpannt, daß ſie ſich kaum mit der Frage:„Was jene wohl tragen moͤgen?“ beſchaͤftigten. Da ſtuͤrzte Irene in das Zimmer, ſie wohtte ſprechen und ſank zite 156 ternd vor der Kaiſerin hin. Erſchrocken ſtand dieſe, erſchrocken Aglaja da; ſie ſuchten die Halbtodte zu ermuntern; es gelang. Aber wie ſchrecklich mußte dieſer Augenblick des Gelingens fuͤr die Rette⸗ rinnen ſeyn, da Irene mit leiſer Stimme zu Aglaja ſagte:„Jetzt haben ſie den Prinzen gebracht!”“— Dieſe Worte muß⸗ ten wohl wie ein einſchlagender Blitz auf Aglaja wirken. Gelaͤhmt vom Schrecken, einer Bildſaͤule gleich ſtand ſie da, keines Wortes, keines Gedankens faͤhig.—„Was ſagſt Du, Irene?“ fragte die Kaiſerin.— „Sie bringen des Prinzen Leiche!“ war die Antwort, die Irene matt gab.— Aber dieſe Worte riſſen auch Aglaja aus der Betaͤubung, in die der Todesſchrecken die Ungluͤckliche verſetzt hatte. Als koͤnne ſie den Gemahl retten, ſo eilte ſie, durch die von dem Schrecken aufgeregten Kraͤfte un⸗ terſtuͤtzt, aus dem Zimmer. Der Flur des ——— 157 Schloſſes war mit Menſchen bedeckt, aus deren Augen Stroͤme von Thraͤnen ſtuͤrz⸗ ten. Aglaja wagte es nicht, Jemand zu fragen, ſie draͤngte ſich durch, Jedermann machte ihr Platz, ſie riß die Decke uͤber den Todten weg, Demetrius Leiche mit ſchwarzem geronnenen Blute bedeckt lag vor ihr. Es giebt im menſchlichen Leben Stunden und Augenblicke, die einen ſo ſtarken Eindruck auf den Menſchen machen, daß ihm faſt keine andere Empfindung mehr uͤbrig bleibt. Ein ſolcher Augenblick war jetzt fuͤr Aglaja. Ob jetzt der Pallaſt einſtuͤrzte, ob jetzt ein Haufen wuͤthender Feinde in das Schloß brachen und Alles mordeten, das haͤtte Aglaja nicht bemerkt, davon haͤtte ſie nichts geſehen. Sie ſah die Leiche des Mannes, um deſſentwillen ſie Elternhaus und Vaterland verließ, um deſſentwillen ſie den Segen des Vaters auf's Spiel geſetzt hatte, und mehr war 138 nicht noͤthig, ſie zu vernichten. Schwer V und tief aus der beklemmten Bruſt that ſie einen Athemzug und ſank nun einer Leiche gleich neben dem entſeelten Gatten nieder. Allgemein war die laute Klage der Umſtehenden bei dieſem Anblick. Aglaja wußte nichts davon, auf ſie wirkte nichts mehr, erſt einige Stunden nachher erholte ſie ſich, auf einem Ruhepolſter liegend, vor welchem Irene knieend fur das Wohl der Ungluͤcklichen betete.— Aglaja wußte nicht wie ihr geſchehen war. Sie konnte ſich nicht beſinnen; mit wildem und ſtie⸗ rem Blick ſah ſie ſich um, kaum wurde ſie Irenen gewahr, die das bethraͤnte Ge⸗ ſicht in das Kiſſen des Polſters verbarg. Mit matter Stimme fragte ſie:„Wie komme ich hieher?“ Irene reichte ihr die Hand. Man konnte es dem guten Maͤd⸗ chen anſehen, wie tief ſie den Schmerz Aglaja's fuͤhlte.—„Zwei Genueſer trugen 159 Euch her,“ ſagte ſie.—„Alſo iſt's wahr, was ich im Traume geſehen zu haben glaubte?“— Irene konnte auf dieſe Frage nur mit Thraͤnen, mit einem zur Erde gerichteten Blick antworten. Aglaja ver⸗ ſtand dieſe Alles ſagende Antwort. Ihr Schmerz war groß; aber groͤßer ihr Er⸗ geben in den Willen eines hoͤhern Weſens. Eine fromme Ruhe breitete ſich uͤber ihr Geſicht aus; ſie ſchien dieſer Erde nicht mehr anzugehoͤren.—„Wo iſt die Kaiſe⸗ rin?“ fragte ſie.„Gern moͤchte ich ſie ſehen.“— Jrene ließ ſie rufen. Helena hatte den Anblick des todten Demetrius, der ohnmaͤchtigen Aglaja nicht ertragen koͤnnen. Sie hatte ſich in ihr Zimmer be⸗ geben; jetzt mußte ſie ſich mit Allem, was ihr Muth geben konnte, wappnen, um den Anblick ihrer Freundin ertragen zu koͤnnen. Mit ſchuͤchterner Miene, mit ſcheuem Schritt trat ſie naͤher, ſtumm und ſchluchzend 160 ſtuͤrzte ſie uͤber die Freundin her.—„Ich will nicht fragen, was vorgegangen iſt,“ ſagte Aglaja mit einem ſanften Laͤcheln. „Ich hielt Alles fuͤr einen fuͤrchterlichen Traum; Gott, ich ſehe, daß das Erwa⸗ chen noch fuͤrchterlicher iſt. Ich bin ruhi⸗ ger, als ich bei dieſem Auftritt ſeyn zu koͤnnen je glaubte. Wo iſt Demetrius Leiche?“—„In der kaiſerlichen Gruft,“ ſagte Helena.—„Werde ich ſie noch ein⸗ mal ſehen?“— Die beiden Freundinnen ſchwiegen. Aglaja wollte ſich aufrichten; ohnmaͤchtig ſank ſie zuruͤck.—„Ich bin doch zu matt!“ ſagte ſie, nachdem ſie ſich geſammelt hatte. Die Ruhe, mit der Aglaja dies ſagte, war den beiden Freun⸗ dinnen unerklaͤrbar. Ach! ſie wußten's nicht, daß die Gute in wenigen Stunden noch ruhiger ſeyn wuͤrde!— Dieſe Ruhe in dem Krankenzimmer —— . 161 Aglaja's wurde durch das ſchreckliche Kampfgetoͤſe auf dem nahen Walle am Hafen fuͤrchterlich unterbrochen. Die Tau⸗ ſende der turkiſchen Leichen, die vor den Mauern Conſtantinopels unbegraben mo⸗ derten, machten es dem Sultan Mahomed immer wahrſcheinlicher, daß er die Stadt nicht erobern werde; am allerunwahr⸗ ſcheinlichſten aber war das Gelingen eines neuen Sturmes von der Landſeite, da die immer muthiger werdenden Bewohner der Stadt jede Luͤcke, durch das feindliche Ge⸗ ſchuͤtz in der Mauer hervorgebracht, waͤh⸗ rend der Nacht ausfuͤllten. Mahomeds Truppen, ſelbſt die beuteſuͤchtigſten derſel⸗ ben zitterten bei dem Gedanken an einen wiederholten Sturm, und entzogen ſich gern einer Blutarbeit, die Tauſenden ihrer Bruͤder Leben oder geſunde Glieder geko⸗ ſtet hatte. Von der Seeſeite verſprach ein ſolcher Sturm noch weniger Erfolg, da II.— 11 162 der Hafen mit ungeheuern Ketten geſperrt war. Wagten es ja die tuͤrkiſchen Schiffe, ſich dem Hafen zu naͤhern, ſo ſahen ſie ſich dem Feuer der auf beiden vorſpringen⸗ den Hoͤrnern des Hafens ſtehenden Beſaz⸗ zung ausgeſetzt, ohne dieſen, auf felſen⸗ aͤhnlichem Mauerwerke Stehenden ſchaden zu koͤnnen.— Da kam Mahomed auf einen Gedanken, der einer Fabel ganz aͤhnlich ſeyn wuͤrde, haͤtten nicht ſeine Wahrheit alle gleichzeitigen Geſchichtſchreiber deutlich bewieſen. Die Vorſtadt Galata lag auf der andern Seite des Hafens. Zwiſchen dieſer und der feſtern Stadt ſelbſt waren einige unbebauete Plaͤtze, die an den Ha⸗ fen ſtießen. Mahomed ließ dieſe Plaͤte beſetzen, ließ von der See her einen glat⸗ ten Weg bahnen, dieſen mit Brettern be⸗ legen, und auf dieſen achtzig durch Win⸗ den und Maſchinen aus der See gehobene Fahrzeuge auf Walzen nach dem Hafen 163 bringen. Aeußerſt muͤhevoll war dieſe Ar⸗ beit, unter der mehrere Sklaven und Laſt⸗ thiere erlagen; aber der ſchoͤnſte Erfolg kroͤnte ſie. Ehe es ſich die Einwohner verſahen, erblickten ſie die tuͤrkiſchen Wim⸗ pel mitten in ihrem Hafen, und jene an der Muͤndung gezogene Ketten, als die auf beiden Hafenſpitzen liegenden Schanzen waren nun unnuͤtz, da die Juͤr⸗ ken im Hafen ſelbſt waren, und dieſen Schanzen in den Ruͤcken fallen konnten. Augemeiner Schrecken verbreitete ſich über Conſtantinopels Bewohner, die nun ihrer Hauptſtuͤtze beraubt waren. Mahomed be⸗ nutzte ſeine errungenen Vortheile mit Klug⸗ heit. Er ließ noch einen Wall aufwerfen, und hatte dieſen Morgen angefangen, die ſchwaͤchere Seite der Stadt, die am Ha⸗ fen liegende, mit Nachdruck zu beſchießen. Gerade hier war es, wohin das Schickſat den braven Prinz Demetrius zisf; er kam 164 hier an, als die Tuͤrken heftiger andraͤng⸗ ten.— Sein Beiſpiel ermuthigte ſeine Gefaͤhrten, der Kampf wurde immer hei⸗ ßer, der Sieg wurde von den Einwohnern mit Blut erkauft. Aber mit weſſen edelm Blute! Beim Zuruͤckziehen vermißte man den Prinz; einige der Entſchloſſenſten kehrten um, man ſah ihn im Kampfe mit zwei tuͤrkiſchen Befehlshabern. Einer derſelben ſank durchbohrt vor dem Prinzen nieder; der Andere, durch Wunden wuͤthend ge⸗ macht, raͤchte ſeines Mitſtreiters Tod durch einen gluͤcklichen Hieb. Demetrius ſank nieder; der Feind war willens, ihm den Kopf abzuhauen, und dieſen mitzunehmen, als die herbeieilenden Genueſer ihn nie⸗ derhieben. Unter unzaͤhligen Thraͤnen, die ſelbſt die ſonſt harten Krieger dem Gefal⸗ lenen weinten, brachte man den Prinzen — vom Schlachtplatze; beim Eintritt in die Stadt ſtarb er unter dem Thore, das er ſo heldenmuͤthig vertheidigt hatte. Seine Leiche wurde, mit einem Scharlachmantel bedeckt, in's Schloß getragen.— Mahomeds Streiter waren abermal geſchlagen. Wuͤthend ſtand der Tyrann in einiger Entfernung und ſah die Nieder⸗ lage, die die muthigen Vertheidiger der Stadt unter ſeinen Truppen anrichteten. Er war außer ſich vor Erbitterung, er wuͤrde den Anfuͤhrer jener ungluͤcklichen Un⸗ ternehmung umgebracht haben, haͤtte dieſer nicht durch die Nachricht vom Tode des Prinzen Demetrius den Zorn des Sultans entwaffnet. Dieſer Anfuͤhrer hatte en Prinzen fallen geſehen.— Mahomed ver⸗ gaß uͤber dieſe Nachricht des Verluſtes in drei fehlgeſchlagenen Angriffen, die Ein⸗ nahme der Stadt war ihm nun gewiß, 166 denn der war nicht mehr, den er am mei⸗ ſten fuͤrchtete. Auf der Stelle befabl er, gegen Abend die Stadt von neuem auf dieſer ſchwaͤchern Seite anzügreifen; er rechnete auf weniger Widerſtand, da De⸗ metrius Tod die Buͤrger verzagt und muthlos machen mußte. Aber wie hatte ſich Mahomed betrogen! Demetrius Tod wurde zwar von allen Buͤrgern mit Thraͤ⸗ nen bektagt, aber er reizte auch Alle zur hoͤchſten Rache. Der Prinz war mehr der Liebling, der Mann des Volkes geweſen, von ſeinen Thaten unterhielt man ſich, ſeine Tapferkeit war in dem Munde Alller, und zum Beneiden gluͤcklich hielt ſich der, der nur einmal mit dem Prinzen geſpro⸗ ſchen hatte. Kein Wunder, daß alle Liebe des Volkes ſich nun auf Juſtiniani ſam⸗ melte, daß ihn Jeder bat, ihn anzufuͤh⸗ ren, damit er Demetrius Tod raͤchen koͤn⸗ ne; ein Erbieten, das ſowol Juſtiniani — 167 als des Kaiſers Herz mit dankbarer Freude erfullte. Dazu kam noch, daß Conſtantin ſich, wie der gemeinſte Krieger, jeder Ge⸗ fahr ausſetzte, ſich an den gefaͤhrlichſten Orten einfand, und mit eben dem Muthe ſtritt, den Conſtantinopels Buͤrger an De⸗ metrius ſo lange bewundert hatten.— Und ſo konnte freilich Mahomed auf keinen ge⸗ lungenen Angriff rechnen; ſo war es er⸗ klaͤrlich, wie dieſe ſchreckliche Nacht ihn ſo viel Blut der Seinigen, vergeblich ver⸗ goſſen, koſten mußte.— Demetrius Tod wurde bald im tuͤrki⸗ ſchen Lager bekannt, und man vergaß uͤber dieſe Nachricht die Tauſende, die vor der, von dem Prinzen vertheidigten Stadt geblutet hatten. Selima war nicht die letzte, die die Poſt vom Tode des Prinzen bekam. Sie eilte ſogleich zu ihrem Bruder. Mit der Nachricht von 168 Tode des Prinzen kam ihr dieſer entgegen; die Freude ſtrahlte aus ſeinen Augen.— „Der Verrather hat ſeinen Lohn erhal⸗ ten!“ ſagte Mahomed.— Selima fand dieſe Aeußerung hart. Goͤnnte ſie ihrem Bruder die Freude nicht, ſeinen Feind todt zu wiſſen?— Hatte vielleicht in ihrem Herzen dieſer Tod alle Rachbegierde gelöſcht und ſtand nun die Liebe wieder in ihren heiligern Rechten?—„Ob er auch wol wirklich ein Verraͤther war?“ fragte ſie und die Thränen glaͤnzten in ihren ſchwarzen Augen.— Mahomed ſah die Bewegung ſeiner Schweſter, er konnte ſich dieſe Veranderung nicht erklaͤren. Se⸗ lima ging ſchweigend im Zimmer auf und nieder; alles das Gefallende, alle die Vor⸗ zuͤge, durch die Demetrius ſich ſo ſehr auszeichnete, traten jetzt vor ihr Herz; ſie wuͤnſchte jene gluͤcklichen zwei Tage zu⸗ ruͤck; ſie fuͤhlte, daß ſie den Prinzen liebe. 169 Ihr war es unmoͤglich, an der Freude Theil zu nehmen, die Demetrius Tod im Lager der Tuͤrken verbreitete, und ſelbſt ihrem Bruder fiel ein Benehmen auf, das ſo ſehr gegen die Freude bei dem ſchon einmal erdichteten Tode des Prinzen ab⸗ ſtach.—„Und nun wird noch ein Sturm unternommen!“ ſagte Mahomed.„Die Stadt kann nicht widerſtehen, da der Ha⸗ fen in meiner Gewalt iſt. Niemand wird verſchont! Tod oder ewige Sklaverei, ein Drittes giebt's nicht!“—„Um Gottes willen, Mahomed, das nicht!“ rief Se⸗ lima.„Sey großmuͤthig! ſchone der un⸗ gluͤcklichen Stadt. Was haben die armen Bewohner verſchuldet?“— Natuͤrlich konnte ſich der Sultan dieſe Veraͤnderung durch nichts, als durch die Liebe zu Demetrius erklaͤren, eine Liebe, die ihm auffallen mußte. Nachdenkend ſah er ſeine Schwe⸗ ſter an, er aͤußerte ſein Befremden uͤber 170 dieſen Wunſch.—„O, Mahomed, es iſt mir, als ruft es mir der Prinz in's Herz, Dir die Bitte um Schonung der Stadt recht dringend zu machen. Ich kann nicht anders handeln, ich muß Dich bitten, jener Ungluͤcklichen zu ſchonen. Iſt doch ſchon des Vlutes zu viel gefloſſen.“—„O, daß der Prinz noch lebte!“ ſagte Mahomed. „Vielleicht waͤre er durch Dich mein Freund geworden!“— Wirklich hatte Mahomed hier eine Saite des Herzens ſeiner Schwe⸗ ſter beruͤhrt, die einen eigenen Eindruck auf ihn machen mußte. Selima nahm dieſe Worte, wie ihre Liebe ſie deutete.— „O, gewiß! gewiß!“ rief ſie, und ſetzte nun alle die Vorzuͤge des Prinzen ſo be⸗ redt aus einander, daß ſie an ſeinen Tod gar nicht dachte. Es gehoͤrt dies mit zu den ſchwaͤchern Eigenheiten des weiblichen Herzans.—„Aber der Prinz iſt ja todt,“ unterbrach ſie der Sultan;„was ſoll ich 171 jetzt thun?“—„Biete der Stadt Gnade an; die Gemahlin des Prinzen ſoll meine erſte Freundin ſeyn, mit ihr, mit ihr al⸗ lein ſpreche ich von Demetrius. Deinem Heldenruhm ſetzt dieſe Großmuth die Krone auf.“— Noͤglich, daß der Sultan dies ſelbſt fuͤhlte; moͤglich, daß Selima, ſo wie ſie den ganzen Harem ihres Bruders regierte, auch ihn ſelbſt beherrſchte; moͤg⸗ lich, daß der Sultan die auf's hoͤchſte ſtei⸗ gende Verzweiflung der Buͤrger Conſtan⸗ tinopels fuͤrchtete, und es ſich als wahr⸗ ſcheinlich dachte, daß er auch dieſen Sturm vergeblich wagen wuͤrde; genug, in die⸗ ſer Stunde wurde der Divan zuſammen berufen. Freilich ſahen die Baſſa's und Anfuͤhrer etwas hoch auf, als Mahomed von Großmuth und von anzutragenden Friedensbedingungen ſprach; freilich aͤu⸗ ßerte jener alte Chan ſein Befremden, wie man einer Stadt noch ſchonen wolle, 8 17² deren Mauern faſt ganz geſtuͤrzt, deren Hoffnung auf die auswaͤrtige Huͤlfe ver⸗ eitelt ſey. Allein, Mahomed wollte es; ein Schreiben an den Kaiſer Conſtantin wurde aufgeſetzt; der Stadt und den Ein⸗ wohnern wurde Schonung angeboten, und Ibrahim, der Sohn jenes Chans, ein Juͤngling von einnehmendem Weſen, wur⸗ de mit dieſen Friedensvorſchlaͤgen in die ungluͤckliche Stadt geſchickt.— Heiß und moͤrderiſch war der Kampf auf jener ſchwaͤchern Seite der Stadt ge⸗ weſen, wo Demetrius ſiel. Gonze Schwaͤr⸗ me Tuͤrken ruͤckten unter dem wildeſten Geſchrei an. Die Mauer war hier kaum Mannshoch, und uͤberdem ſchwach. Jeder andere Anfuͤhrer der Vertheidiger wuͤrde ſie verlaſſen, die Feinde wuͤrden hier den Weg in das Innere der Stadt erſtuͤrmt haben; nur Oemetrius ſtand hier wie ein Felſen. Eine große Anzahl der wuͤthen⸗ 173 den Feinde lag verſtuͤmmelt und entſeelt da; aber auch ganze Reihen der Verthei⸗ diger hatten dies Schickſal, und hunderte lagen da als Opfer ihres ſchoͤnen Berufs, das Vaterland zu vertheidigen. Eben ſo fruchtbar war des Todes Erndte auf den beiden andern Seiten der beſtuͤrmten Stadt, wo der Kaiſer Conſtantin ſelbſt den einen, und Juſtiniani den andern wichtigen Po⸗ ſten vertheidigte. Jeder der angegriffenen Poſten war mit einem Theile der braven Genueſer beſetzt, die unter die Buͤrger gemiſcht mit wahrem Heldenmuthe, als waͤröe es ihr Vaterland, das ſie vertheidig⸗ ten, ſtritten, und durch ihre Bravheit die der Waffen ungewohntern Buͤrger zu glei⸗ cher Tapferkeit anfeuerten. Unter Conſtan⸗ tin ſtritt Angelo; auf dem andern Poſten, den man Juſtiniani anvertrauet hatte, ſtand Matthaͤv. Die Turken zogen ſich zuruͤck, man ſay, daß ihr Ruͤckzug mehr 174 eine verworrene Flucht war. Da ſchickte Juſtiniani nach jenem Poſten, auf dem ſein Freund Demetrius fochte, um Nach⸗ richten uͤber die Art des Todes zu haben. Matthaͤo uͤbernahm dieſe Sendung um ſo lieber, da er's wußte, welche Freude er dem Prinzen durch die Nachricht bringen würde, daß auch vor dem Poſten Juſti⸗ niani's der Feind geſchlagen ſey. Aber wie erſchrak er, da er ſchon unterwegens freilich den Sieg, aber auch den Tod des Prinzen erfuhr. Kaum geſtattete die Liebe zu dem Gebliebenen dem Herzen des bra⸗ ven Mannes, nach dem Poſten ſelbſt zu gehen, und den Platz zu ſehen, der mit ſo edlem Blute beſpritzt war.—„Juſti⸗ niani wird dieſe ſchreckliche Nachricht fruͤh genug erfahren!“ dachte er, und ging zu den Genueſern, die unter Demetrius jenen gefaͤhrlichen Poſten ſo heldenmuͤthig gehal⸗ ten hatten. So groß der Sieg hier gewe⸗ 175 ſen war, ſo traurig ſtanden die trefflichen Vertheidiger da, denn des Prinzen Tod war ihnen zu ſchmerzhaft. Faſt alle hat⸗ ten ſie Beweiſe ſeiner Freundſchaft, ſeines trefflichen Charakters aufzuweiſen; und mehr als Alles dies, waren die Belaͤge ſeines Heldenmuthes zu viel, als daß nicht der Verluſt dieſes, in ſeiner Art Einzigen, ihr Herz ſo tief haͤtte verwunden ſollen. Mit Thraͤnen in den Augen erzaͤhlten ſie ihrem Fuͤhrer Matthaͤo das Benehmen des Prinzen in dieſem letzten Angriff, und keiner war unter ihnen, der nicht gern mit ſeinem letzten Tropfen Blutes das Leben des Prinzen zuruͤck erkauft haben wuͤrde. Frreilich Beruhigung genug fuͤr den Freund, der die aufrichtige Thraͤne der Achtung auf das Grab eines Edlen traͤufeln ſieht; aber doch immer zu wenig, um das verwundete Herz ganz zu beſaͤnftigen. Matthaͤo fuͤhlte das Schoͤne der Achtung gegen den Freund, 176 er beneidete ihn, aber dachte er daran, welche Stuͤtze der Stadt in dem Prinzen gefallen war, dann wurde er beſorgt fuͤr das Wohl der Ungluͤcklichen, die zu retten auch er gekommen war. Traurig und ernſter nachdenkend ſtand er da an einem Geſchuͤtz des Walles, und wagte es gar nicht, den Blick in die dunkle Zukunft zu wenden. Vergebens hatte Juſtiniani auf Mat⸗ thaͤo faſt eine Stunde gewartet. An eine ſchlimme Nachricht dachte er gar nicht, da die Feinde uͤberall flohen, und das Bruͤl⸗ len des Geſchuͤtzes nicht mehr gehoͤrt wurde. Er beſchloß, ſelbſt nach dem kaiſerlichen Pallaſte zu gehen, in deſſen Naͤhe der vom Prinzen vertheidigte Poſten lag. Einem trefflichen Unteranfuͤhrer uͤbertrug er den Befehl, unbemerkt ging er den naͤhern Weg zu dem Pallaſt durch den Garten. Niemand begegnete ihm, da er in den —— 177 Pallaſt trat; Niemand ſah ihn, da er in's Zimmer Demetrii trat.— Welcher angreifende Anblick!— Bor einem Bette knieete Irene, neben ihr ſtand betend der Patriarch, und Helena lag halb ohnmaͤchtig an einen Polſter ge⸗ lehnt, kaum auf ihr Kind blickend, das weinend ſich an ſeine Mutter ſchmiegte. Keiner von Allen hatte Juſtiniani's Ankunft bemerkt. Wie eine Bildſaͤule ſtand er da, ehe er ſich in dem, durch Vorhaͤnge vor den Fenſtern verdunkelten Zimmer finden konnte. Dann ging er, ganz außer ſich, mit der Frage:„Gott, was geht hier vor?“ naͤher an das Krankenlager. Seine Schweſter Aglaja kaͤmpfte eben den letz⸗ ten harten Kampf zwiſchen Leben und Tod. Ohne den Patriarchen und Irenen weiter zu ſehen, ſtuͤrzte er uͤber das Lager ſeiner Schweſter her. Die Sterbende ermunterte ſich noch einmal, ſie reichi ihrem Bruder II. 12 ——ꝛ—ꝛ—ꝛ————⏑-—— —1————“ſͤ“—“—“—““ſͤſͤͤſͤͤͤ ——— 128 die kalte Hand mit Muͤhe, ſie ſah ihn an, ein ruhiges Laͤcheln breitete ſich uͤber das Geſicht Aglajens aus, als ihr Auge brach, als ſie den letzten Athemzug that. Bewußtlos ergriff Juſtiniani die Hand der Entſeelten, als ihn eine mit Blut gefaͤrbte Haarlocke in das Auge fiel. Dieſer An⸗ blick brachte ihn zu ſich zuruͤck; er er⸗ mannte ſich, er bemerkte jetzt erſt Irenen, jetzt erſt den frommen Patriarchen.— „Was iſt das?“ fragte er, und ſah mit wildem Blick die blutige Locke an.— Gregorius ergriff ſeine Hand.—„Folgt mir, edler Mann!“ ſagte er.—„Ich frage: was dies bedeutet?“ ſagte Juſti⸗ niani, und ſah den Patriarchen mit feſtem, bittenden Blick unter's Geſicht.—„Folgt mir, und laßt die Edle ruhen.“— Faſt mit Gewalt zog ihn Gregorius von dem Bette.—„Ich bitte Euch, Vater, ſagt mir, was bedeutet dieſe blutige Locke?“— 179 „Prinz Demetrius fiel in ſeinem Be⸗ ruf!“—— Es gehoͤren in der That mehr als Menſchenkraͤfte dazu, einen ſolchen uner⸗ warteten Schlag des Schickſals tragen zu koͤnnen; und ſo wird auch Juſtiniani bei keinem Menſchen dadurch verlieren, daß er ſich hier als Menſch nahm. Starr und ſtumm ſtand er da; mit krampfhaft zu⸗ ſammengeſchlagenen Haͤnden hielt er die Locke, das Einzige, was von ſeinem Freunde noch uͤbrig war; das unerwartete Denkmal rief alles, Alles was ihm den Prinz ſo werth gemacht hatte, in ſein Ge⸗ daͤchtniß zuruͤck. Seine Thraͤnen floſſen und milderten den dumpfen, toͤdtenden Schmerz, der laſtend auf ſeiner Seele lag. Jetzt war er erſt im Stande, zu fragen, im Stande, auf ſeine Frage Antwort zu hoͤren.— Was er jetzt leiden mußte, wem koͤnnte dies fremd ſeyn? Er war der Ein⸗ 180 zige ſeines Hauſes, er hatte ſeines ſter⸗ benden Vaters brechendes Auge zugedruͤckt, jetzt ſah er ſeine Schweſter ſterben, und mußte an ihrem Todtenlager den Tod ſei⸗ nes erſten Freundes, den Gatten ſeiner Schweſter erfahren.— Aber, mag der Schmerz noch ſo groß ſeyn, er betaͤubt die Grundſaͤtze des feſten Mannes wohl eine Zeitlang, ganz verwiſchen kann er ſie nicht. Kraftvoll regen ſie ſich wieder, und bekaͤmpfen ſiegreich den tobenden Schmerz. So war es der Fall mit Juſtiniani. Er fuͤhlte in dieſem Augenblick, was nun Alles auf ihn ankaͤme, was Alles von ihm ab⸗ hinge, da ſein Freund nicht mehr war. Der Gedanke:„Du biſt es jetzt faſt al⸗ lein, der fuͤr das Wohl der Stadt ſtehen wird.“ weckte ſeine ganze Entſchloſſenheit. Moͤglich, daß die Kaiſerin eben dies in dieſem Augenblicke dachte; denn nie war ſie mit dem Vertrauen, mit der Zuver⸗ —— 1 181 ſicht ihm nahe getreten, als jetzt. Mit Thaaͤnen in den Augen, eben ſowohl dem Andenken der erſten Freundin, als der Zukunft, die ſie ſo truͤbe vor ſich ſah, ge⸗ weint, trat ſie Juſtiniani naͤher. Mit je⸗ ner Wuͤrde und Freundſchaft, die dem Maͤchtigen, wenn er ſich ungluͤcklich fuͤhlt, Aller Herzen oͤffnen, ergriff ſie die Hand des edlen Mannes.—„Ich will Euch nicht erſt ſagen, was wir Ahe verloren haben; ich will nicht erwaͤhnen, was Euer Herz, was mein Herz durch dieſen Tod — ſie zeigte auf Aglaja's Leiche— ver⸗ loren haben. Mehr noch hat mein ungluͤck⸗ liches Vaterland durch Demetrius Tod ver⸗ loren. Ihr verſteht mich gewiß, Juſti⸗ niani.“—„Ja, Kaiſerin Helena! Freun⸗ din meiner vollendeten Schweſter! Schwe⸗ ſter meines Freundes! ich verſtehe Euch. Betet fuͤr meine Waffen; ich rette Euren Thron, oder ich falle unter ſeinen Truͤm⸗ —ÿ44————— —nn V V V 182 mern!“—„Amen!“ ſagte Gregorius mit gefaltenen Haͤnden, waͤhrend die Kaiſerin ihre Augen trocknete. In dieſem Augenblick trat der Kaiſer Conſtantin in Begleitung mehrerer Anfuͤh⸗ rer in das Zimmer. Erſt jetzt hatte er ſeines Bruders Tod erfahren, erſt jetzt das dumpfe Geruͤcht von Aglaja's Hinſcheiden verrnommen. Sein Schmerz war groß; aber es war nicht die Art, mit der ein wirklich edler Mann ein Ungluͤck ertraͤgt, die der Kaiſer hier zeigte. In ſeiner Klage lag zu viel Weibiſches, ſie war nicht die ruhige, maͤnnliche Klage, die Juſtiniani gezeigt hatte.— Im Gefolge des Kaiſers war Matthaͤo. Von Aglaja's Tode wußte er nichts. Die Nachricht und der Anblick deſſelben uͤberraſchte ihn. Ge⸗ dankenvoll ſtand er da.—„Warum brach⸗ teſt Du mir keine Nachricht von dem Tode des Prinzen?“ fragte ihn der naͤher her⸗ 183 antretende Juſtiniani.—„Bei Gott, ich weiß es ſelbſt nicht,“ war ſeine Antwort. „Wußte ich doch, daß ich Euch, Ritter, eine gar zu uͤble Poſt bringen wuͤrde. Gott! Ihr erfuhret ſie ja immer noch fruͤh genug. Ueberhaupt gehoͤrte eine ſolche Nachricht eigentlich nicht unter die Dienſt⸗ ſachen.“—„Wir haben viel an dem Prin⸗ zen verloren, Matthaͤo. Ich fuͤrchte, er wird uns nur zu ſehr fehlen.“—„In der Schlacht und beim Sturm wird er uns weniger fehlen, da ſteht Jeder ſeinen Mann. Aber hier am Hofe, gebt Acht, Ritter, man wird uns Alle bald uͤberfluͤßig finden, nun Demetrius und Eure Schwe⸗ ſter nicht mehr ſind.“—„Matthaͤo, ich verſtehe Dich nicht.“—„Werdet mich bald verſtehen. Heute ſchlagen wir die Tuͤrken vor der Stadt fort, und morgen weiſen uns Hof und Buͤrger den Weg, wenn man uns nicht mehr noͤthig hat.“— Freilich 4 184 kamen dieſe warnenden Wort⸗ Matthaͤo's ſehr zur Unzeit. Juſtiniani fuͤhlte ſeinen Verluſt zu ſehr, als daß er ſich mit Er⸗ fahrungen dieſer Art, die Matthaͤo gemacht haben wollte, beſchaͤftigen konnte; indeſſen, Matthaͤo hatte ganz recht geſehen. Der Kaiſer Conſtantin war im Grunde aͤußerſt ſchwach. Der Muth und die Entſchloſſen⸗ heit, die er jetzt zeigte, waren weniger das Werk ſeiner Grundſaͤtze, als vielmehr der Verzweiflung, der Nothwendigkeit. So lange dieſe beiden herrſchten, wagte er Alles, fielen ſie weg, ſo fiel er auch in jene Weichlichkeit zuruͤck, die ſo viele Fuͤrſten dieſes Reiches auszeichnete. Dann gaben Schmeichier wieder den Ton an, und ein Saitenſpieler, eine Taͤnzerin oder Saͤngerin, galt alsdann mehr, wie der Held in Waffen. So lange Deme⸗ trius lebte, war von dem feilen Troß der Schmeichler nichts zu fuͤrchten, er wußte 185 ſich bei ihnen in Anſehen zu ſetzen. Jetzt war er nicht mehr, und ungeachtet der Gefahr, in der Stadt und Hof ſchwebte, erhoben doch jene Schmeichler das Haupt, und ſannen darauf, wie die Zukunft ſie wegen der Gegenwart, in Hinſicht jener ſo lange entbehrten Luſtbarkeiten, ſchadlos halten ſolle. Es iſt mehr als wahrſchein⸗ lich, daß ſelbſt mehrere dieſer Hoͤflinge mit Mahomed in Unterhandlung traten, daß ſie vielleicht ſelbſt Selima auf ihre Seite gebracht hatten, und ſo wuͤrde es denn weniger auffallen, den Mahomed auf ein⸗ mal ſo großmuͤthig in ſeinen Friedensvor⸗ ſchlaͤgen gegen die Stadt zu ſehen. Con⸗ ſtantin wußte von allen dieſem nichts, aber dies kann ihn nicht entſchuldigen, und es bleibt ein Flecken in ſeiner Geſchichte, daß er's nicht merkte, nicht hart ſtrafte, wenn ſeine Hoͤflinge anders dachten, als er.— Woher Matthaͤo dies wußte, war unbe⸗ öͤ]ů]ů]ůͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤ—)“))“ö“ö“Eͤöͤöͤöͤöͤöͤſͤſͤſͤſͤſſ —————.— * 1 ——————— 9 ———— 186 kannt. Vielleicht hatte er es von Jemand beſtimmt gehoͤrt; vielleicht war er ver⸗ ſchmitzt genug, aus dem, was er ſah und hoͤrte, Folgerungen fuͤr die Wahrheit zu ziehen.—„Es fehlt bloß noch,“ ſetzte er ehinzu,„daß ein Geſandter vom tuͤrkiſchen Kaiſer mit Friedensvorſchlaͤgen kommt; denn bereden die Hofleute den Conſtantin dazu, und— wir koͤnnen gehen; vorausgeſetzt, daß unſere Freiheit nicht auf’'s Spiel ge⸗ ſetzt wird.“—„Matthaͤo, biſt Du trun⸗ ken?“— Da oͤffnete ſich die Thuͤr; einer er Hofleute meldete, daß Ibrahim, einer der erſten Befehlshaber des Sultans, mit Friedensvorſchlaͤgen angekommen ſey, und den Kaiſer im Saal erwarte. Es entging dem Juſtiniani nicht, daß dieſe Nachricht uͤber das Geſicht des Kaiſers eine auffal⸗ lende Ruhe verbreitete.— Mit einem Blick, als wolle er den Kaiſer und Mat⸗ thaͤo durchbohren, ſtand Juſtiniani da, und — 7 187 ſah Beide wechſelsweiſe an. Sein Herz kochte, da der Kaiſer mit jener Eilfertig⸗ keit, mit der man einem Maͤchtigern ent⸗ gegen geht, aus dem Zimmer ging, und Juſtiniani kaum zu bemerken ſchien. Er trat an die Leiche ſeiner Schweſter.— „Gott! nun danke ich dir, daß Aglaja todt iſt!“ ſagte er, und ſchlug die Haͤnde gefalten vor der Stirn zuſammen.„Du arme, arme Schweſter, unter welche Ver⸗ raͤtherbande biſt Du gerathen!— Frie⸗ den? Frieden mit dem Erbfeinde unſers heiligen Glaubens?“— So ſprach er, in ſich ſelbſt gekehrt.— Mit blutendem Her⸗ zen hatte Helena dieſe Worte gehoͤrt, ſie mußten ihr um ſo wichtiger ſeyn, da ſie ſie am Todtenlager ihrer erſten Freundin hoͤrte. Auch ihr mußte das Erſcheinen eines Tuͤrken mit Friedensvorſchlaͤgen auf⸗ fallen, um ſo mehr auffallen, da der Kai⸗ ſer auch ihrer nicht achtete. Sie verſtand † 1—ö—ö——— ——yy—— ——-— —— ——— 188 Juſtiniani's Worte; ſie ergriff ſeine Hand. —„Juſtiniani, Ihr habt ein hartes Wort geſagt! Gott gebe, daß Ihr vergeblich fuͤrchtet.“—„Fuͤrchtet Ihr auch, Kaiſe⸗ rin?“ fragte er.—„O Gott!l ich fuͤrchte viel, ſehr viel. Gerade das, was Euch beunruhigt, iſt auch mir ſchrecklich. Ich bitte Euch, Ritter Juſtiniani, verhindert es, daß mein Gemahl ſich von den Tuͤr⸗ ken uͤberliſten laͤßt. Es wird ſchwer hal⸗ ten, denn ich fuͤrchte ſogar Verrath unter denen, die ihn umgeben.“— Natthaͤo ſtand neben Juſtiniani.—„Seht Ihr, Ritter,“ ſagte er,„daß meine Furcht nicht thoͤricht, mein Wink nicht vergeblich war? Selbſt die beſſern Buͤrger fuͤrchten Ver⸗ rath, indeß die ſchlechtern uns fuͤr unſer auf’s Spiel geſetzte Leben und fuͤr unſer verſpritztes Blut mit ſchaͤndlichem Undank begegnen.“—„So weit waͤre es gekom⸗ men?“ fragte zitternd die Kaiſerin.— 189 „So weit!“ war Matthaͤo's Antwort.— Der Gang mehrerer Kommenden unter⸗ brach dieſe Unterredung. Alle hoͤrten nach denen, die immer naͤher kamen. Irene, die bisher ganz ruhig am Lager Aglaja's ſtand, ging nach der Thuͤr. Der erſte, der eintrat, war Theodor, ihr Geliebter. Irene ſtellte ihn der Kaiſerin und Juſti⸗ niani vor.—„O, ich kenne Euch, treff⸗ licher Juͤngling,“ ſagte Juſtiniani mit einer freundlichen, eine gewiſſe Achtung verrathenden Miene.„Ihr habt mit mir zuſammen gefochten. Ihr hieltet Euch trefflich, und haͤtte Conſtantinopel lauter ſolche Juͤnglinge, bei Gott! kein Sultan Mahomed zoͤge durch eins unſrer Thore.“ —„Ich danke Euch, edler Ritter, fuͤr das Lob! Es ſoll mich zu noch groͤßern Thaten anſeuern, wenn ſie ſonſt noch noͤ⸗ thig ſind.“—„Sonſt noch noͤthig ſind 2 —„Ritter, ich bitte Euch, ſagt mir die 1 ————— 7 3— ——-— IZ—Z—ö—ö————b 190 Wahrheit. Wird die Stadt dem Feinde uͤbergeben? Iſt ein Baſſa hier angelangt, die Uebergabe abzuſchließen? Ich bin mit meinen Begleitern von den Buͤrgern abge⸗ ſchickt, ich bitte Euch, ſagt mir Wahr⸗ heit.“—„Ein Bote, ob er Baſſa iſt weiß ich nicht, iſt angelangt. Ob er uͤber weitern Krieg, oder uͤber ſchimpflichen Frieden mit dem Kaiſer unterhandelt, weiß ich nicht.“—„Wißt Ihr, Ihr nicht?“ —„Weil die Sache wahrſcheinlich bloß von den Hoͤflingen und nicht von uns Soldaten abgemacht werden muß,“ fiel Matthaͤo ein. Juſtiniani verwies ihm ſeine vorlaute Aeußerung.—„Iſt das wahr, Ritter Juſtiniani? Glaubt Ihr das wirklich?“— Statt der Antwort zuckte Juſtiniani mit den Achſeln.—„Al⸗ ſo wahr?“ ſiel Theodor ein.„Gut. Ich gehe jetzt zum Kaiſer.“—„Und ich be⸗ gleite Dich,“ ſagte Matthaͤo, und zog Ju⸗ 191 ſtiniani mit ſich.—„Und meine heißen Wuͤnſche ſind mit Euch!“ rief ihnen Helena nach.— Alle Umſtaͤnde mußten zuſammen kommen, daß Matthaͤo in ſeinen Vermu⸗ thungen Recht zu haben ſchien. Juſtiniani, Matthaͤo und Theodor, mit ihnen einige der Buͤrger, traten in den Saal, in wel⸗ chem der Kaiſer und Ibrahim, von einer Menge kriechender Hofleute umgeben, in einem Alles beſchaͤftigenden Geſpraͤche be⸗ griffen waren. Juſtiniani konnte ſeinen Augen und Ohren kaum trauen, da er die innige Freundſchaft ſah, mit welcher der Kaiſer den Tuͤrken, dieſer den Kaiſer be⸗ gegnete, da er hoͤrte, wie dieſer dem Ma⸗ hoomed, jener dem Kaiſer Conſtantin mit den groͤßeſten Schmeicheleien Tugenden und Vorzuͤge andichtete, die keiner von Beiden beſaß. Keiner der Hofbedienten hatte Juſtiniani's Ankunft bemerkt. Wie mußte dieſem trefflichen Mann das Herz 4 m————————————————;———————— 3 192 klopfen, da er ſeines Freundes Demetrius Namen hoͤrte; da Ibrahim ſagte, daß deſſen Tod eine Wohlthat fuͤr das griechi⸗ ſche Kaiſerthum ſey, indem nun dem Bunde zwiſchen Mahomed und Conſtantin kein Hinderniß entgegen ſtehe; da er das Geſicht Conſtantins ſahe, aus welchem deutlich zu leſen war, daß das Buͤndniß mit dem Tuͤrken wichtiger ſey, als das Leben des Prinzen.— Dem feurigen Ge⸗ nueſer war dies zu viel. Mit feſtem Stampftritt trat er dem verlegenen Kaiſer naͤher.—„Wie war das, Kaiſer Con⸗ ſtantin, was Ihr da von Euerm trefflichen Bruder ſagtet? Hoͤre ich recht? Hat der Edle darum ſein fuͤrſtliches Blut unter den Waͤllen Eurer Stadt verſpritzt, daß Ihr ſeines Todes als einer Wohlthat ge⸗ denkt? Antwortet, ich will Antwort, oder in der naͤchſten Stunde verlaſſe ich mit meinen Genueſern Conſtantinopel.“ 193 Nichts macht in der Welt eine er⸗ baͤrmlichere Figur, als ein Fuͤrſt, wenn er verlegen iſt. Die Meinung und das Vorurtheil, das man von ſeiner Wuͤrde hat, vermehrt das wirklich Bedauerns⸗ werthe. Gerade ſo ging es Conſtantin. Auf der einen Seite fuͤrchtete er den Ab⸗ 8 geſandten ſeines Feindes, auf der andern ſcheuete er ſeine Freunde, beſonders Juſti⸗ niani. Es war, als wenn alle jene gu⸗ ten Entſchließungen, die des Patriarchen Ermahnungen, Helenens Liebe, Demetrii Beiſpiel und Juſtiniani's Tapferkeit in dem Herzen des Kaiſers einſt in jenem feier⸗ lichen Kreiſe erweckt hatten, jetzt mit einemmale bei dem Anblick des Turbans Ibrahims geſchwunden waren. Juſtiniani ſah ſeine Verlegenheit.—„Ich bitte Euch, Kaiſer Conſtantin,“ ſagte er ſanft,„ver⸗ geßt doch nicht, daß vierzigtauſend brave Buͤrger die Mauern Eures Pallaſtes ſchüz⸗ II. 1 3323 „ ——ÿ—————— 4 5 ..— 3 —— —————- 2 ——————ſſſdſſdööoſoſ————— 194 zen. Vergeßt doch nicht, daß von meinen Euch ſo treuen Genueſern bei weitem der ungleich groͤßere Theil noch geſund iſt. Rechnet Ihr denn gar nicht auf den Bei⸗ ſtand Gottes, der dem Braven nie, nie fehlt? Mag doch Euer Feind noch ein⸗ mal ſo ſtark ſeyn, als er iſt, dreimal ha⸗ ben wir ihn zuruͤckgeſchlagen, und mit Stroͤmen von Feindes Blute war das Feld durchfloſſen, auf dem unſere Siegespalme wuchs. Kaiſer Conſtantin, ich bitte Euch bei allem, was uns Beiden heilig iſt, ver⸗ ſuͤndigt Euch nicht an dem Glauben, an dem Ruhm Eures Vaterlandes, an Euerm und Eurer Familie guten Namen bei der Nachwelt, und reicht in einem ſchimpf⸗ lichen Frieden Eure Haͤnde dem Sklaven⸗ eiſen Eures Feindes dar. Conſtantin, Gott iſt mein Zeuge, ich ſpreche zum letzs ten Male mit Euch. Macht nun was Ihr wollt!— 195 les hatte mit Staunen angehoͤrt, was er ſagte; aber Niemand wagte es, ihm un⸗ ter's Auge zu ſehen, außer Ibrahim, ein wirklich edler Juͤngling, der, obgleich Feind, doch ſelbſt groß, das Große in „Bei Gott!“ ſagte er,„der Prinz Freund. Ihr waret Einer des Andern werth.“—„Kanntet Ihr den Prinzen, meinen erſten Freund?“—„Unſere Be⸗ kanntſchaft iſt freilich kurz geweſen, aber das Andenken iſt deſto unverlöͤſchlicher. Ich ſtritt gegen ihn, da er die Mauer ver⸗ Der treffliche Mann trat zuruͤck. Al⸗ Juſtiniani's Benehmen empfand. Er war der Einzige, der Juſtiniani's feſten Blick feſt ertragen konnte. Er trat entſchloſſen, . und mit einer unverkennbaren Achtung dem Ritter naͤher. Mit Waͤrme ergriff er deſſen Hand.— Demetrius hatte an Euch einen trefflichen theidigte.“— Er ſchwieg. Juſtiniani ſah —8ddd—d—„ — ———— 196 ihn mit Achtung an.—„Schade!“ ſagte er,„daß Ihr unſer Feind ſeyd. Ich glaube, Ihr wuͤrdet Demetrius erſetzen.“ —„Freunde koͤnnen wir wohl nie werden; denn ich ſehe es Euch an, daß ich mei⸗ nen Auftrag an Euch verſchweigen muß.“ —„Auftrag an mich?“—„Ja. Der Sultan Mahomed, und mehr noch ſeine Schweſter Selima, wuͤnſchen und laſſen Euch durch mich erbieten—“„—„Nur nichts von Freundſchaft und Buͤndniß ohne völlige Freiheit dieſer Stadt, und Zu⸗ ruͤckgabe aller dem griechiſchen Kaiſerthume entriſſenen Provinzen; nichts von Freund⸗ ſchaft, wenn Ihr uns nicht gaͤnzlich die Freiheit unſers Glaubens und ungeſtoͤrten Gottesdienſt nach den Gebraͤuchen unſerer Religion feierlich zuſichert und gewiſſen⸗ haft haltet.“— Ibrahim zuckte die Ach⸗ ſeln.—„Dann werde ich Euch nicht ein einziges Wort ſagen. Ihr habt alle Frie⸗ 197 denspunkte mit Euch ſchon verworfen.“— „Kaiſer Conſtantin, habt Ihr gehoͤrt, was dieſer treffliche Juͤngling ſagt?“ fiel Juſti⸗ niani ein.„Ihr kennt nun die Bedin⸗ gungen des Friedens, und Ihr ſeyd noch zweifelhaft? Erklaͤrt dieſem Abgeſandten, daß Euch Schwerdt oder Friedenspalme einerlei ſey. Sagt's ihm, daß Ihr ohne voͤllige Freiheit, ohne Ruͤckgabe aller hin⸗ genommenen Theile Eures Reiches, ohne Unabhaͤngigkeit unſers Glaubens an keinen Frieden denken duͤrft. Setzt noch hinzu, daß Ihr es dem uͤbrigen Europa ſchuldig ſeyd, zu verlangen und darauf zu beſte⸗ hen, daß Mahomed, und Alles was den Turban traͤgt, nach Aſien zuruͤckgehe.“ Daß eine Sprache dieſer Art, wie Conſtantin ſie jetzt hoͤrte, himmelweit von der unterſchieden war, in der ſeine Hof⸗ leute ſich mit ihm unterhielten, iſt klar. Eben ſo klar iſt's, daß Conſtantin immer 198 verlegener werden mußte. Der Saal war mit Hofleuten angefuͤllt, die nicht den Muth hatten, den Blick von ihren Fuß⸗ ſpitzen zu erheben; dieſe wuͤrden freilich den Kaiſer nicht verlegen gemacht haben, aber es ſtanden da vor ihm Juſtiniani, Matthaͤo, Theodor, eine Anzahl entſchloſ⸗ ſener tapferer Buͤrger, und ein eben ſo tapferer Feind, Ibrahim.—„Hoͤrt, Kai⸗ ſer Conſtantin,“ ſagte Juſtiniani,„ich verlaſſe Euch jetzt mit allen den braven Maͤnnern, die hier ſtehen. Ueberdenkt, was ich Euch ſagte.“— Er ging mit Matthaͤo, Theodor, und den Buͤrgern fort. Ibrahim rief ihm zu.„Nehmt mich mit, trefflicher Mann!“ ſagte er.„Euer Kai⸗ ſer muß ſich ſelbſt beſtimmen, und ich will nicht den Verdacht auf mich laden, den Kaiſer zu irgend einen Entſchluß uͤberre⸗ det zu haben.“ Mit dieſen Worten er⸗ griff er Juſtiniani's Hand.—„Ihr ſeyd 199 ſo brav als fein,“ ſagte dieſer beim Weg⸗ gehen zu Ibrahim.„Ihr wollt meinen Kaiſer nicht verlegen ſehen.“— Alle die braven Maͤnner gingen nach dem Garten des Pallaſtes; Alle begegneten ſie Ibra⸗ him mit der Achtung, die er verdiente. Moͤglich iſt's, daß dieſe in der feinern Behandlung einen guͤnſtigen Umſtand fuͤr die Abſicht, auch Juſtiniani zu gewinnen, fand. Er ging mit ihm im Garten auf und nieder.—„Hoͤrt, Ritter!“ fing er nicht ohne einige Verlegenheit an, nich muß meinen Antrag von Seiten meines Sultans an Euh wiederholen. Es iſt ein Auftrag——„Natuͤrlich iſt's daher Pflicht, ſich deſſen zu entledigen. Alſo, der Auftrag?—„Mein Sultan Mahomed iſt ein ſtrenger, aber in vieler Hinſicht ein tzefflicher, edler, großer Fuͤrſt.“— „Ich glaub's, ohne Eure Verſicherung.“ —„ und ſeine Schweſter, Prinzeſ ſſin Se⸗ ——— —————;-—— 5—— u 1 200 lima, giebt ihm in keiner Tugend, in kei⸗ ner Eigenſchaft nach.“—„Außer in der, daß ſie auf Krieg und Frieden nie Ein⸗ fluß haben kann.“—„Je nun, Ritter Juſtiniani, wir wollen nicht unterſuchen, was ſchlimmer iſt, ob der Fuͤrſt, wie bei Euch der Fall iſt, ſich durch ſeine Hof⸗ leute beſtimmen laͤßt, oder ob er, wie bei uns, uͤber Krieg und Frieden mit ſei⸗ nen Geliebten ein Wörtchen im Vertrauen ſpricht.“—„Habt, bei Gott, Recht. Eins taugt ſo wenig als das andere. Doch, was wolltet Ihr eigentlich mit der Prin⸗ zeſſin Selima ſagen?“—„Nichts weiter, als daß ſie den Prinzen Demetrius ſehr geliebt hat. Er hielt ſich zwei Tage in unſerm Lager auf.“—„Ich weiß es.“— „Dieſe Liebe traͤgt ſie auf den Freund des Prinzen uͤber.“—„Das ware ich dann?“ —„Ja. Sie ſprach mit einer Achtung von Euch.“—„Die mir lieb ſeyn muß; 8 201 denn man hat ſo viel Eitelkeit, zu wün. ſchen, auch bei dem Feinde in Achtung zu ſtehen.“—„Was bei Euch ganz der Fall iſt.“—„Hoͤrt, Freund Ibrahim, ich merke an Euren Reden, daß der Auftrag an mich fuͤr Euch der angenehmſte nicht iſt. Ich beantworte ihn eben damit, was ich dem Kaiſer geſagt habe. Ueberdies thue ich bloß dem Kaiſer eine Art von Reiter⸗ dienſt. Meine Schweſter iſt todt, mein Freund iſt nicht mehr, und mich haͤlt nichts weiter in Conſtantinopel. Der Kaiſer kann mich und mein Haͤuflein heute noch ent⸗ laſſen, aber ſo lange er dies nicht gethan hat, iſt's meine Pflicht, dem Poſten alle Ehre zu machen, auf dem ich ſtehe. Und ſo erklaͤre ich Euch denn, daß ich Alles thun werde, den Frieden mit Euerm Sul⸗ tan zu hintertreiben, wenn Mahomed mir nicht die Bedingungen des Friedens uͤber⸗ laͤßt.“— Ibrahim konnte nichts thun, als 2 ———————.— ——— ——— 202 den feſten Mann bewundern. Selbſt dar⸗ auf achtete Juſtiniani nicht, daß Ibrahim ihm die Unhaltbarkeit der Stadt zu Ge⸗ muͤthe fuͤhrte.—„Habt Recht,“ fiel der Ritter ein,„wenn Ihr von Feſtungswer⸗ ken ſprecht; aber Ihr irret Euch, ſobald Ihr Buͤrgerſchaft und meine Genueſer meint.“— Ibrahim mochte ein ſo braver Soldat ſeyn als er wollte; weniger brav war er in der Wahl der Mittel, den Kaiſer Con⸗ ſtantin zur Annahme des Friedens zu be⸗ wegen. Juſtiniani hatte fruͤher geſagt, daß er, ſo lange er im Dienſte des grie⸗ chiſchen Kaiſers ſey, den Frieden hindern werde. Dieſe Aeußerung war dem Ibra⸗ him aufgefallen.— unter einem bald auf⸗ gefundenen Vorwande verließ er den Rit⸗ ter, um zum Kaiſer zu gehen, und ihn zur Entlaſſung der Genueſer zu bewegen. Zur Ehre ſeines Herzens ſey es aber auch 1203 geſagt, daß mehr die Liebe zu jener ſchoͤ⸗ nen Juͤdin Jedidia ihn zu dieſem Ent⸗ ſchluß vermochte. Ihr Beſitz war der Preis eines gluͤcklich ausgefuͤhrten Auftra⸗ ges. Kaum war Ibrahim fort, als Mat⸗ thaͤd ſich dem Ritter nahete.—„Was mag der Kaiſer im Schilde fuͤhren?“ fragte er.—„Wie ſo?“—„An der Treppe ſtand einer der erſten Miniſter. Ibrahim wurde von ihm in den Audienzſaal ge⸗ fuͤhrt, wo uͤber das Wohl der Stadt ge⸗ wuͤrfelt wird. Ihr ſeyd doch im Guten mit dem Tuͤrken aus einander gekommen?“ —„Ei freilich. Seine, oder vielmehr des Sultans Freundſchaft geht ſo weit, daß ich die Ausſicht auf eine Art von Schwaͤ⸗ gerſchaft mit Mahomed habe.“—„Nun, wie ſollte denn das zugehen?“—„Sehr natuͤrlich. Der Sultan hat eine Schwe⸗ ſter, Du haſt doch wohl von Prinzeſſin Selima gehoͤrt?“—„Ich hoͤre wenigſtens * * ee—-—: 204 jetzt von ihr; und, dieſe Prinzeſſin?“— „Soll, wie Ibrahim ſagt, mich grenzen⸗ los lieben.“—„Den Teufel auch, ſo iſt ja Eure ganze Familie zum Herrſchen und fuͤr Throne beſtimmt. Eure Schweſter, Gott habe ſie ſelig! heirathete einen Prin⸗ zen, und Euch wird eine Prinzeſſin ange⸗ boten!— Nun, Ritter, fragen will ich weiter nicht, wie Ihr dieſen Liebesantrag aufgenommen habt. Ich leſe den Korb in Euerm Geſichte.“—„Und irrſt nicht.“— „Wenn nur der Kaiſer am Ende nicht Freiwerber wird? Wer weiß, ob er nicht deshalb den Ibrahim hat rufen laſſen?“ Der alte Soldat Matthaͤo hatte nicht Unrecht.— Conſtantin war kaum mit ſei⸗ nen Hoͤflingen allein, als dieſe ſchon auf⸗ merkſam ausſpuͤheten, ob Ibrahims Frie⸗ densvorſchlaͤge, oder Juſtiniani's ernſte Worte mehr Eindruck auf den ſo ſchwa⸗ chen, ſo leicht zu lenkenden Kaiſer haͤtten. 205 Bald merkten ſie, daß das erſte der Fall war. Conſtantin— und dieſe Nuͤckſichten nehmen Schwaͤchlinge gewoͤhnlich zuerſt, ſie entſchuldigen damit ihre Thorheiten— dachte an den Ruin Conſtantinopels, an das Blut der Buͤrger; die Ausſicht, Stadt und Einwohner ſchonen zu koͤnnen, be⸗ nahm dem mit Mahomed abzuſchließenden Frieden viel von ſeinem Schimpflichen. Conſtantin bedachte nicht, daß ein Friede mit Mahomed im Grunde nichts anders, als Sklaverei war. Kaum hatten die Hofleute gemerkt, daß der Kaiſer zu einem Buͤndniß mit dem Sultan geneigt ſey, als ſie ſchon Alles aufboten, um den Kaiſer in dieſer Stimmung zu erhalten. Es ſchien ihnen noͤthig, daß Ibrahims Anſehen vol⸗ lends den Ausſchlag gaͤbe, und deshalb wurde dieſer gerufen. Vielleicht war es dieſer Minute vorbehalten, Conſtantinopels furchterliches Loos zu aͤndern; vielleicht 1 206 haͤtte der griechiſche Staat nach und nach ſchwinden koͤnnen, allmaͤhlich haͤtten die Tuͤrken die Sklavenkette uͤber das ungluͤck⸗ liche Kaiſerthum enger zuſammen gezogen, und die Geſchichte wuͤrde einen ſchreckli⸗ chen Tag, den neun und zwanzigſten Mai, den Tag der furchtbaren Zerſtoͤrung Con⸗ ſtantinopels, weniger haben. Conſtantin wankte nicht bloß, er neigte ſich ſchon ganz auf die Seite des Friedens, mochten die Bedingungen ſeyn wie ſie wollten, als in dieſem Augenblick von dem Zimmer der frommen Kaiſerin aus alles, Alles ſich aͤnderte. An Aglaja's Sterbebette verlie⸗ ßen wir Helena, Irene und Gregorius. Was dieſe in dem Augenblick empfinden mußten, da Juſtiniani ſie verlaſſen hatte, was ſie fuͤrchten mußten, laͤßt ſich leicht denken. Jetzt zum erſten Male beneide⸗ ten ſie Aglaja um ihren Tod, wenn ſie von der Schwachheit des Kaiſers Skla⸗ * 207 verei zu befuͤrchten hatten. Mit Thraͤnen in den Augen ging Helena, ihr Kind weinend an's Herz druͤckend, im Zimmer auf und nieder. Sie ſchien uͤber einen Entſchluß nachzudenken, den ſie, des Gewagten un⸗ geachtet, ausfuͤhren wollte. In den Zei⸗ ten durfte nie eine Frau, ſelbſt die Kaiſe⸗ rin war nicht ausgenommen, der Ver⸗ ſammlung jener Maͤnner, die uͤber das Vaterland entſcheiden, naͤher treten. Tod war die Strafe, und ſelbſt des Kaiſers Einfluß konnte die Ungluͤckliche nicht ſchuz⸗ zen, die gegen dieſe heiligen Gebraͤuche fehlte. Helena uͤberdachte dies. Sklaverei war ihr gewiß, kam der Friede zu Stan⸗ de; Tod, wenn er nicht zu Stande kam. Aber dieſer Tod war jener Sklaverei weit vorzuziehen, und— wer haͤtte in Hele⸗ nens Lage dieſe ſchoͤne Hoffnung nicht ge⸗ habt?— vielleicht rettete Tapferkeit den ſinkenden Thron. Sie ergriff des Patriar⸗ 208 chen Hand.—„Begleitet mich!“ ſagte ſie. „Ich verſuche das Letzte.“— Irene blieb zuruͤck. Entſchloſſen ging ſie nach der Ver⸗ ſammlung, als gerade Juſtiniani, Matthaͤo und Theodor von der andern Seite her kamen. Ibrahims Verſchwinden war ihnen verdaͤchtig geworden; ſie fuͤrchteten und eilten, allem, Allem vorzubeugen. Am Ein⸗ gange des Verſammlungsortes ſtießen ſie zuſammen.—„Gut! daß Ihr kommt!“ ſagte dieſe,„ich rechne ſehr auf Euern Beiſtand. Er wird jetzt ſo noͤthig ſeyn, als Euer Schwerdt auf der Mauer.“— „Wagt Ihr nicht zu viel, Kaiſerin?“ ſagte Juſtiniani, ſie mit dieſer Frage an jenes Geſetz erinnernd.—„Ich wage nichts als mein Leben, und das hat jetzt keinen Werth. Aber, ich kann viel, kann Alles retten!“—„Nun dann, in Gottes Na⸗ men!“ ſagte Juſtiniani, und oͤffnete die Thuͤr. Das Eintreten der Kaiſerin mußte 209 natuͤrlich ein ungewoͤhnliches Aufſehen er⸗ regen. Selbſt der Kaiſer wußte ſich im erſten Augenblick nicht ganz zu nehmen, wußte es um ſo weniger, da er die Un⸗ ruhe und das Getuͤmmel unter ſeinen Hoͤf⸗ lingen bemerkte, die nicht ſo wohl das Geſetzwidrige im Betragen der Kaiſerin ſahen, als vielmehr das fuͤrchteten, was nachher wirklich geſchah, eine voͤllige Aen⸗ derung in dem, was ſie ſo ſehr wuͤnſchten. Eben wollte der erſte Miniſter die Kaiſe⸗ rin auf das Gewagte ihres Schrittes auf⸗ merkſam machen, als Juſtiniani vortrat, und mit ſtarker, entſchloſſener Stimme um einige Augenblick Ruye bat. Alles ſchwieg. Mit feſtem Tritte ging Juſtiniani dem Kaiſer naͤher; mit beſcheidener ernſter Stimme redete er ihn an:„Ich erwartete, Kaiſer Conſtantin, daß Ihr mich mit in dieſe Verſammlung nehmen wuͤrdet; ich erwartete dies um ſo mehr, da Ihr mich II. 14 210 und meine Genueſer werth genug hieltet, uns die wichtigſten Poſten Eurer Stadt anzuvertrauen. Wie wir dieſe vertheidigt haben, das moͤgen die vierhundert meiner braven Leute bezeugen, die dabei gefallen ſind; und noch mehr die Tauſende, die der Feind vor meiner Linie ſitzen ließ. Jetzt wollt Ihr, wie ich aus der ganzen Umgebung ſchließen muß, einen ſchimpfli⸗ chen Frieden machen; einen Frieden, durch den Ihr Euch zum Sklaven Mahomeds macht. Thut das nicht. Der Sieg iſt Euer, wenn Ihr entſchloſſen bleibt; fallen wir als Ueberwundene, ſo fallen wir mit Ehre, mit Ruhm der Nachwelt. Ich bitte Euch um Eurer felbſt, um Eurer Gemah⸗ lin, Eures Kindes, Eures Glaubens, Eu⸗ res Vaterlandes, Eures guten Namens willen, macht keinen Frieden. Beſteht Ihr aber darauf, ſo entlaßt mich hier vor der ganzen Verſammlung, entlaßt meine Ge⸗ 211 nueſer des Eides, den ſie Euch und Eu⸗ rem Throne geſchworen haben. Ich und meine braven Genueſer wollen unſchuldig ſeyn, wenn je der Fuß des Feindes un⸗ ſers Glaubens die heilige Stäͤtte betritk, unter der die Aſche Eures Bruders, mei⸗ nes Freundes Demetrius und ſeiner Gat⸗ tin ruhet.“— Juſtiniani hatte dieſe Worte, ſo ſehr er ſich auch kalte Ruhe zur Pflicht gemacht hatte, mit Feuer und ſtark vorge⸗ tragen, jetzt ſchloß er; außer Ibrahim wagte es Keiner, ihm in's Geſicht zu ſehen; da trat Helena dem Kaiſer naͤher, ſie wollte ſprechen, aber Thraͤnen hinder⸗ teen die Sprache. Nur die wenigen Worte 1 brachte ſie vor:„Juſtiniani hat aus mei⸗ nem Herzen geſprochen. Ich bitte Euch, Conſtantin, waͤhlt lieber fuͤr mich und unſer Kind den Tod, ehe Ihr uns zu Sklavinnen macht.„Sie konnte nicht wei⸗ ter ſprechen. Faſt ſank ſie ohnmaͤchtig nie⸗ 8 212 der, indeß der ſchwache Kaiſer immer noch wankte. Mit aller Wuͤrde ſeines Stan⸗ des und ſeines Alters trat jetzt der Pa⸗ triarch Gregorius auf. Seine Rede glich einem Strom, der Alles mit ſich fortreißt, ſeine Worte waren Feuer und Leben, und ſelbſt Ibrahim, ein edler Zug ſeines Cha⸗ rakters, ſah mit unerheuchelter Achtung auf den Greis, der alle Herzen ſo ergrei⸗ fen, Alles ſo erſchuͤttern konnte.—„Und nun, Kaiſer Conſtantin!“ ſetzte Gregor am Schluß ſeiner Rede hinzu,„Ihr Auser⸗ waͤhlter auf dem Throne, was zaudert Ihr noch? Hier iſt das Schwerdt des Herrn! Ergreift es, und Gott giebt Euch Sieg!“ Der erſchuͤtterte Kaiſer ſtieg vom Throne. Mit glühendem Geſicht umarmte er den trefflichen Greis.—„Ja! Ja!“ rief er,„Gregor, Ihr habt geſiegt! Ich waͤhle Krieg, und ſinke eher unter meinen 213 Waffen, ehe ich die Hand zur Sklaverei reiche!“—„So ſegne uns Gott!“ rief Gregor.—„So ſegne uns Gott!“ wie⸗ derholten Juſtiniani, Matthaͤo und Helena. Ohne die mindeſte Verlegenheit zu verrathen, trat Ibrahim dem Juſtiniani naͤher; er ergriff deſſen Hand.—„Ihr ſeyd ein trefflicher Mann!“ ſagte er. „Möoͤchten wir uns nie auf dem Kampf⸗ platze begegnen!“—„Und warum nicht, Ibrahim? Einer von uns Beiden bleibt gewiß, und iſt's nicht ein ſchoͤnes Loos, durch eines edeln Feindes Hand zu ſter⸗ ben?“— war Juſtiniani's Antwort, bei der er Ibrahims Hand druͤckte, als waͤre ſie die Hand ſeines erſten Freundes. Wer haͤtte in dieſem Augenblick wohl denken ſollen, daß der treffliche Juͤngling durch eben die Hand fallen wuͤrde, die ihn jetzt ſo freundſchaftlich druͤckte! Nicht ohne Ruͤhrung verließ Ibrahim den Saal, Mat⸗ 214 thaͤd und Theodor mußten ihn auf Befehl Juſtiniani's bis uͤber den Bereich der Po⸗ ſten hinaus begleiten. Welchen Eindruck dieſer ganze Auf⸗ tritt auf den Kreis der Hoͤflinge, jener feinen Schmeichler, die nur um Genuſſes willen leben, machen mußte; kann wohl fuͤr Niemand ein Raͤthſel ſeyn. In der erbaͤmlichſten Geſtalt ſtanden ſie da. Moch⸗ ten auch manche von ihnen aus Gregors Rede und aus Juſtiniani's Entſchloſſen⸗ heit Gruͤnde hernehmen, aus denen ſie auf Sieg ſchließen konnten, ſo war doch der Gedanke an alle die Enthehrungen, an ale die Arbeiten, an alle die Unbe⸗ quemlichkeiten, an alle die Gefahren, die mit dieſem Siege ſo unzertrennlich verbun⸗ den waren, hinreichend, ſie alle der Ver⸗ zweiflung nahe zu bringen. Weit ſchoͤner waͤre ihr Loos geweſen, haͤtte der Kaiſer jenen Frieden abgeſchloſſen! Sie haͤtten ————— 215 ihre Genüͤſſe, ihre Freuden, ihre Hof⸗ ergoͤtzlichkeiten behalten, und haͤtten ſich gluͤcklich gefuͤhlt, wenn auch der Blumen⸗ kranz der Freude eine Sklavenkette um⸗ wunden haͤtte. Mit gepreßten Herzen ſtanden ſie da, keiner konnte dem Andern ein Wort ſagen, Jeder fuͤhlte die laſtend auf ſeiner Seele liegende Zukunft zum Erdruͤcken ſchwer. Aber deſto freudiger ſtand Juſtiniani, ſtand Gregor da. Beide fuͤhlten die Freude des Trefflichen, wenn er den Sieg der gu⸗ ten Sache ſieht. Kaum bemerkten Beide den Schwarm der Hoͤflinge; ſie hatten einen ſchoͤnern Anblick, ſie ſahen wie Con⸗ ſtantin in Armen ſeiner Gemahlin ſeine fruͤhere Unentſchloſſenheit bereuete; ſie hoͤr⸗ ten, wie er jetz: aͤußerte, den Tod der Sklaverei vorzuziehen.— Juſtiniani trieb jetzt alle jene Hoͤflinge aus dem Saale. Es war ihm unertraͤglich, wenn dieſe laͤn⸗ 216 ger an einem Orte blieben, den ſie durch ihre Weichlichkeit entheiligt hatten. An ihrer Stelle traten jetzt jene Buͤrger ein, die mit Theodor gekommen waren.— Mochte Juſtiniani immer noch ſeine guten Gruͤnde haben, dem Kaiſer zuzutrauen, daß vielleſcht eine andere neue Geſandt⸗ ſchaft des Sultans ihm fuͤr den Frieden auf's neue beſtimmen moͤchte, ſo hielt er's doch fuͤr beſſer, dem Kaiſer jene Feſtigkeit zuzutrauen, die er bei, ihm zu finden wuͤnſchte. Der verſammelten, himmelweit von der fruͤhern verſchiedenen, Geſellſchaft erklaͤrte er den feſten Entſchluß des Kai⸗ ſers, Alles auf das Aeußerſte ankommen zu laſſen. Er beſchwor ſie bei ihrem Glauben, den Kaiſer und das Vaterland in ihren Erwartungen nicht zu taͤuſchen. —„Auf Euch,“ ſetzte er hinzu,„auf Euch beruhet Alles; von Eurem Muthe und Eurer Tapferkeit haͤngt es ab, ob Ihr — 217 auf lange Zeiten hinaus frei und gluͤcklich, oder ob Ihr Sklaven ſeyn wollt.“— Mit gluͤhendem Geſicht ſtanden die Krieger und Buͤrger da. Aus vollen Herzen verſpra⸗ chen ſie, eher zu ſinken, ehe ſie ſich ver⸗ zagt und feige zeigten.— Wie ein Lauf⸗ feuer ging das Geruͤcht des verweigerten Friedens durch die Stadt. Alle Poſten erfuhren es in der naͤchſten Stunde. Ein Krieger gelobte dem andern Treue zum Tode. Ein Buͤrger verſprach dem andern, fuͤr ihn eher zu ſterben, als nur den Ge⸗ danken zu haben, ihn in irgend einer Ge⸗ fahr zu verlaſſen. Mit kriegeriſchem Mu⸗ the ſah man der Stunde entgegen, in der man dieſe Treue bis zum Tode beweiſen koͤnne, und ſehnſuchtsvoll erwartete jeder den Augenblick, der ihn zu den Waffen rief. Alles dies, alle jene großen Veraͤn⸗ derungen waren das Werk einer Stunde geweſen. Juſtiniani ließ den Kaiſer in 218 den Haͤnden ſeiner Gemahlin und des Pa⸗ triarchen. Er ſelbſt eilte nach jenem Haupt⸗ poſten, der dem braven Angelo anver⸗ trauet war. Mißmuthig und verdrießlich ſtand dieſer vor dem auf der Baſtion an⸗ gelegten Blockhauſe. Er hatte durch das Geruͤcht Ibrahims Ankunft erfahren; eben dies Geruͤcht hatte den Frieden mit Maho⸗ med ſchon als gewiß, als unterſchrieben geſchildert. Angelo, der nach Thaten und Ruhm duͤrſtete, ſah nun ſchon, daß dieſer heiße Wunſch, ſich auszuzeichnen, vereitelt war. Juſtiniani hatte er in langen zwoͤlf Stunden nicht geſehen; er fuͤrchtete ſchon, daß dieſer darum nicht erſchiene, weil er die aͤußerſt unangenehme Nachricht nicht bringen wollte. Die ſo auffallende Ruhe im Lager Mahomeds kam dazu, den treff⸗ lichen Krieger ganz zu uͤberzeugen, daß er nicht ohne Urſache gefuͤrchtet habe. Da trat ihm der lange erſehnte Juſtiniani 2¹⁹ naͤher. Angelo fragte mit durchdringen⸗ dem Blick:„Nun, Juſtiniani?“—„Gott⸗ lob! daß ich Dir erwuͤnſchte Nachricht bringe. Der Friede iſt gaͤnzlich verwor⸗ fen, das Blutvergießen geht wieder an, und ich hoffe zu Gott, daß die Stadt, ehe es Abend wird, angegriffen wird.“— Er ſetzte ſeinem Unterbefehlshaber die ganze Geſchichte dieſes Tages auseinander; er machte ihm, was er im Grunde nicht noͤ⸗ thig hatte, die Pflicht, den Poſten redlich zu vertheidigen, wichtig; dann verließ er ihn, um alle Poſten nachzuſehen, und ihren Beſatzungen Muth und Tapferkeit ans Herz zu legen.— Ueberhaupt waren dieſe Genueſer unter Juſtiniani, Angelo und Matthaͤo, Muſter der Huͤlfstruppen, ſo wie ihre Anfuͤhrer ſich in der Geſchichte der ungluͤcklichen Stadt ein ewiges Denk⸗ mal ſetzten. Alle dieſe Genueſer ſahen ſich durch Aglaja als Landsleute und Einge⸗ 220 borne Conſtantinopels an. Ein gewiſſer frommer, ritterlicher Sinn machte es ihnen zur Pflicht, Aglaja's Gebeine wie die Gebeine einer Heiligen, die nicht durch Frevel entweihet werden duͤrfen, zu be⸗ ſchuͤtzen. Die Religion und der Glauben kamen dazu. Das Kreuz des Erloͤſers, durch ein Wunder von jener erſten Kaiſe⸗ rin Helene, der Gemahlin Conſtantins des Großen, des erſten chriſtlichen Kaiſers, aufgefunden, war in den Mauern dieſer Stadt; jenes Kreutz, auf welches Millio⸗ nen blicken, an welchem das Opfer fuͤr Millionen blutete. Der ſtolze, große Ge⸗ danke, daß an dieſer Stadt der Sturm der Feinde des Kreutzes des Erloͤſers ſich brechen muͤßte, der ſtolze, große Gedanke, daß ganz Europa auf dieſer Stadt Ver⸗ theidiger ſehen muͤßte, hatte in Jedem die⸗ ſer Huͤlfstruppen einen entſchloſſenen Muth, zu ſiegen oder zu fallen, aufgeregt, den —— —= 221 der Sold, auch mit verſchwenderiſcher Frei⸗ gebigkeit ausgezahlt, nie bewirken kann. Vierhundert der Edlen hatten ſchon geblu⸗ tet, und der Muth der Gefallenen ſchien in die Herzen der noch uͤbrigen ruͤſtigen Geſunden uͤberzugehen. Noch nicht genug. Das Beiſpiel dieſer trefflichen Vertheidiger der Stadt ging auch auf die Buͤrger der⸗ ſelben uͤber.— Daß dies Beiſpiel auf jene charakterloſen feilen Hoͤflinge wirken ſollte, war aus leicht begreiflichen Gruͤn⸗ den nicht zu erwarten.— Sie ſahen, wie tapfer Fremdlinge waren, was mußten ſie nicht ſeyn, da ſie fuͤr Vaterland und eige⸗ nen Fuͤrſten, fuͤr Weib und Kind, fuͤr eigenes Haus und Heerd ſtritten?— Ibrehim kam im Lager Mahomeds an. Unterweges hatte er Zeit genug ge⸗ habt, uͤber den Preis nachzudenken, der als Belohnung fuͤr den glücklichen Erfolg der Sendung ausgeſetzt war, Selima hatte 222 ihrem ſtolzen Bruder, dem Sultan Maho⸗ med, kein Geheimniß daraus gemacht, daß Ibrahim die ſchoͤne, in dem Harem einge⸗ zwaͤngte Juͤdin Jedidia liebe; und der drei und vierzig jaͤhrige Sultan uͤberließ dem fuͤnf und zwanzig jaͤhrigen Ibrahim gern die Geliebte, da der Ruhm des Welt⸗ eroberers ihm wichtiger war, als der ſchoͤne Name des einzig Geliebten. Daß der feurige Juͤngling jetzt dem trefflichen Ju⸗ ſtiniani fluchte; daß er den redlichen Gre⸗ gor, die fromme Helene verwuͤnſchte, daß er beſchloß, dieſen Verluſt ſeiner grenzen⸗ loſen Liebe mit fuͤrchterlicher Rache zu ver⸗ gelten,— dies und nichts anders ließ ſich von dem aufbrauſenden Charakter des MNu⸗ ſelmanns erwarten. Mit gluͤhendem Ge⸗ ſicht trat er vor Mahomed, der jetzt eben bei ſeiner Schweſter Selima war, und mit dieſer ein weiteres Vordringen in Europa und neue Eroberungen beſprach. Beide 223 hatten Conſtantinopels Uebergabe als aus⸗ gemacht angenommen; aber wie wurden Beide aus dieſem ſchoͤnen Traume geweckt, da Ibrahim die Geſchichte jener vorgebli⸗ chen Sendung erzaͤhlte.— Mit gewaltſam verhaltenem und verbiſſenem Grimme hoͤrte Mahomed dies Alles an. Nuhig— frei⸗ lich wurde ihm dieſe Ruhe ſchwer genug, — ruhig hoͤrte er Ibrahim an, bis dieſer von ungefahr den Namen Irene nannke. —„und dieſe Irene?“ fragte er mit einer Wuth, die ſelbſt dem entſchloſſenen Ibrahim ſchrecklich war;„und dieſe Ire⸗ ne, wo iſt ſie? Saheſt Du ſie?“—„Ich ſah ſie im Pallaſte des Kaiſers. Sie und ihr Geliebter—"—„Was? Ihr Gelleb⸗ ter?“—„Sie und ihr Geliebter waren ſicher die Triebfeder, daß mein Auftrag mißgluͤcken mußte.“— Jetzt gluͤhete Ma⸗ homed. Irene ſtand wieder vor ſeiner Seele; gluͤhende Liebe und gluͤhende Rach⸗ 224 begierde wechſelten in ſeinem Herzen. Er verließ das Zimmer, er ſprengte nach dem Lager, als wuͤrde er von einem Geſpenſte gejagt, als wolle er einem Geiſte entflie⸗ hen.—„Haͤttet Ihr nur jene Irene nicht erwaͤhnt!“ ſagte Selima zu Ibrahim. „Es iſt dieſe ja die ſchoͤne Griechin, die mein Bruder ſo gern beſitzen moͤchte. Iſt ſie denn wirklich ſo ſchoͤn?“—„So ſchoͤn als Jedidia, und faſt ſo ſchoͤn als Ihr ſeyd.“— Eine Schmeichelei dieſer Art moͤchte wohl einem jeden weiblichen Her⸗ zen zu gefaͤhrlich ſeyn, als daß hier der Beweis noͤthig ſey, daß die Prinzeſſin jene Worte gern gehoͤrt habe.— Im ver⸗ traulicher werdenden Tone fragte ſie den Ibrahim:„Jenen Juſtiniani habt Ihr auch geſehen, ſagt mir, findet Ihr dieſen ſchoͤn?“—„Ich finde an ihm das Muſter eines ſchoͤnen und entſchloſſenen Mannes. Sein ſchwarzes gluͤhendes Auge brennt, 225 ſein Anſtand iſt fuͤrſtlich; er ſcheint zum Herrſcher geboren zu ſeyn!“— Selima erroͤthete etwas. Der Grund iſt zu errathen. Juſtiniani war des ge⸗ fallenen Demetrius Freund; die Prinzeſ⸗ ſin hatte den letztern wirklich geliebt, was war natuͤrlicher, daß ſie den Genueſer eben ſo liebte, und daß es ihre Abſicht war, dieſen an ſich zu ziehen. Aber ihre Verlegenheit ſollte Ibrahim nicht merken; daher gab ſie ſich die lachende Miene des Spottes, daher die Aeußerung:„Ei, Ibra⸗ him, es ſcheint faſt, als faͤndet Ihr alles, Alles ſchoͤn in dieſer heilloſen Stadt. Wie, wenn ich Jedidia dies Alles wieder er⸗ zaͤhle?“—„Was Ihr nicht thun werdet, da ich das Schoͤnſte, was ich dort fand, jene Irene mit Jedidia verglich.“— Se⸗ lima's Verlegenheit verlor ſich. Ein freund⸗ licheres, ſuͤßeres Verhaͤltniß zwiſchen ihr und Ibrahim ſtellte ſich ein; Beide unter⸗ hielten ſich, wenn auch nicht gerade uͤber m. 15 226 die Stadt und deren weitere Belagerung, oder uͤber den fernern Krieg, doch gewiß mit Gegenſtaͤnden, die ihnen eben ſo wich⸗ tig waren. Da weckte Beide das Krieges⸗ getuͤmmel vor dem Pallaſt, eine wilde Furcht erregende Muſik erhob ſich, die Stim⸗ men von Tauſenden verhallten in der Luft, die Roſſe wieherten, der Theil der Armee, der hier verſammelt war, bildete einen weiten Kreis, Mahomed, ſeine Generale und der Mufti, der erſte der Prieſter, tra⸗ ten jetzt in die Mitte des Kreiſes, und furchtbar und Schauder erregend war die Stille, die ſich uͤber die Tauſende verbrei⸗ tete. Die Anfuͤhrer draͤngten ſich naͤher an Mahomed, mit uͤber die Bruſt zuſam⸗ mengeſchlagenen Haͤnden ſtanden ſie, ſeine Befehle erwartend, da. Ein Haufen tuͤr⸗ kiſcher Moͤnche ſchloß ſich an den Mufti. Schrecklich war der Fluch, den dieſer uͤber die zum Untergange beſtimmte Stadt aus⸗ ſprach; ſchrecklich die Drohungen und Ver⸗ 227 wuͤnſchungen uͤber den Muſelmann, der das jetzt anzuordnende dreitaͤgige Faſten und die allgemeine Reinigung nur im ge⸗ ringſten uͤbertreten wuͤrde. Mahomed kannte die Menſchen, mit denen er die Stadt ſtuͤrmen wollte; er wußte, daß außer den angedroheten Strafen auf uͤbertretene, außer den Belohnungen auf erfuͤllte Befehle, noch andere Bewegungsgruͤnde noͤthig waren, um den Muth zu dem na⸗ hen Sturme auf's hoͤchſte zu entflammen. Mahomed wuͤnſchte, daß jeder Tuͤrke ſo aufgebracht, ſo wuͤthend gegen die Stadt ſeyn moͤchte, wie er es ſelbſt war. Und um dies zu erreichen, brachte er die Reli⸗ gion in's Spiel; ihre Verbindlichkeiten mußten anfeuern, ihre Drohungen mußten den Menſchen zu einem Wuͤthrich machen. — Der ſchreckliche Fluch war ausgeſprochen, mit gebuͤckten Haͤuptern hatten ihn Maho⸗ meds blutduͤrſtige Schaaren gehoͤrt, ihre Herzen kannten keinen andern Trieb als 228 Durſt nach Blut, als Mahomed, geſtuͤtzt auf dieſe Religionsverheißungen und Dro⸗ hungen, dem Heere alle die Preiſe, aber auch alle Beſtrafungen bekannt machen ließ. Todesſtrafe war dem gedrohet, der nur zauderte, wenn die Mauern erſtuͤrmt werden ſollten, ſchimpflicher Tod der Feig⸗ heit; dem, der zuerſt Conſtantinopels Mauer erſteigen, zuerſt eins der Thore dieſer Stadt erſtuͤrmen wuͤrde, wurde der Oberbefehl uͤber die ganze Gegend auf Le⸗ benszeit uͤbertragen; mochte der Tapfere aus einem Stande ſeyn, aus welchem er wolle, Baſſa oder Sklav, das entſchied hier nichts, er bekam die Belohnung. Die ganze Stadt wurde den Truppen verſpro⸗ chen. Guͤter, Leben und Freiheit der Ein⸗ wohner wurden den Beuteſuͤchtigen zuge⸗ ſichert, als ein unbeſtrittenes Eigenthum. Schrecklich war der Eindruck, den dieſe Rede auf das Heer machen mußte. Tyger⸗ wuth entflammte ſtatt ruͤhmlicher Tapfer⸗ kommen, den Ibrahims Schilderung ihrem 229 keit die Herzen, ein hoͤheres boͤſes Weſen ſchien uͤber die Reihen der Tuͤrken zu ſchweben, und alle Laſter, deren ſich die Menſchheit je ſchuldig machte, ſahen ein Feld der reichſten Erndte in der zum Un⸗ tergange geweiheten Stadt. Ungezaͤhmte Wolluſt und unerſaͤttliche Habſucht, gren⸗ zenloſe Rachbegierde und lechzender Durſt nach Blut, dies waren die Empfindun⸗ gen, die Aller Herzen durchgluͤheten. Der Abend— es war der Abend des Pfingſt⸗ feſtes— brach uͤber dieſer menſchenſchaͤn⸗ denden Feierlichkeit ein. Das Heer ging aus einander. Selima hatte mit der Freude einer hoͤlliſchen Furie den ſchrecklichen Akt angeſehen, als Ibrahim zu ihr kam. Daß Beide den Anfang ihres Geſpraͤches mit jener vorhabenden Erſtuͤrmung der Stadt machten, bedarf kaum einer Erwaͤhnung. Unvermerkt bog Selima aus dem Gleiſe der Unterhaltung, um auf Juſtiniani zu 230 Herzen zu wichtig gemacht hatte. Es iſt moͤglich, daß der Baſſa ihr Herz nicht durchſchauete; denn Selima erroͤthete et⸗ was, als Ibrahim ſagte, daß er den Kopf jenes Verraͤthers gleich nach dem Sturme der Prinzeſſin bringen wolle.—„Weit lieber waͤre es mir, Ihr braͤchtet den Ju⸗ ſtiniani lebendig. Er ſoll Sklav ſeyn. Wie muß es den Triumph unſers Heeres erhoͤhen, wenn der, der die Stadt einzig und allein noch hielt, der Schweſter des Sultans als Sklave dienen muß!“ Dies war Selima's Aeußerung, hinter welcher Ibrahim vielleicht nichts weiter als den Stolz der Tuͤrkin ſah.— Es war ſchon Nacht, als Mahomed, den gekraͤnkte Liebe und Rachbegierde nicht ſchlafen ließen, zu ſeiner Schweſter kam. Heute mochte es ihm wenig oder gar nicht auffallen, hier den Baſſa zu finden; denn Mahomed ſchaͤtzte Ibrahim, und nur dieſes Juͤng⸗ lings Wunſch nach Jedidia's Beſitz durfte 231 Selima dem maͤchtigen Bruder vortragen. Eine ſchoͤne erquickende Luft wehete, hell glaͤnzten die funkelnden Sterne, und tau⸗ ſendfache Duͤfte der Kraͤuter und Blumen lockten in's Freie. Mit Selima und Ibra⸗ him ging Mahomed, durch des Lagers freiere Sitte des ſtrengeren tuͤrkiſchen Ge⸗ brauches quitt und ledig, nach dem nahen Huͤgel, von der man die Gegend Conſtan⸗ tinopels uͤberſehen konnte. Moͤglich, daß Mahomed jetzt um ein Großes ruhiger war, da die Einſamkeit und die Ruhe der Nacht ſein von ſo vielen Leidenſchaften gluͤhendes Blut abgekuͤhlt hatte; moͤglich, daß ihm bei dem ruhigern Nachdenken manche Schwierigkeit einfiel, an die er fruͤher nicht dachte; genug, er war ern⸗ ſter und blickte mit manchem Zweifel uͤber das Gelingen des Unternehmens, nach je⸗ ner Stadt hin. So wenig Selima als Ibrahim unterbrachen ihn. Da hob ſich an dem ſchoͤnen dunkeln Himmel ein Licht, 232 eine Feuerkugel von ſeltener Groͤße ſtieg auf, und hing feuerſpruͤhend uͤber Conſtan⸗ tinopel.— Was dieſe Erſcheinung bedeu⸗ ten koͤnne, was ſie wirklich bedeuten wer⸗ de, dieſe ernſte Frage draͤngte ſich gewalt⸗ ſam in Mahomeds Herz. Beide Zweifel beunruhigten ihn um ſo mehr, je abge⸗ ſpannter er nach jener großen Scene am Abend geworden war. Vertieft in ſeinen Gefuͤhlen ſtand er da, eine hoͤhere Hand ſchien ihn zu ergreifen, eine hoͤhere Macht ihn beugen zu wollen. Jenes furcht⸗ bare Licht ſchwebte ihm immer vor den Augen, und faſt unwillkuͤhrlich zwang ihn ein herrſchendes Schickſal, den Blick un⸗ verwandt dahin zu richten. Selbſt Selima und Ibrahim waren ernſt, waren ſtill. Mit einemmale hob ſich jene Kugel hoͤher, wandte ſich dann gegen Morgen hin, und ſchien uͤber Klein⸗Aſiens Gefilden nieder⸗ geſunken zu ſeyn.— Mehrere Minuten ſtanden die Drei da. Sie, und beſonders 233 Mahomed, ſahen immer noch nach der laͤngſt geſchwundenen Bahn jenes erloſche⸗ nen Lichtes. Ernſter und ſtiller verließen ſie den Huͤgel; ernſter und ſtiller kamen ſie im Pallaſte an. Davon fiel ihnen kein Zweifel ein, daß dieſe Erſcheinung das Schickſal der Stadt bedeute, dies ſetzte der Aberglauben als erwieſen, als ausge⸗ macht voraus. Nur die Frage:„Was und welches Loos deutete jenes Licht der Stadt an? Wird ſie fallen? Werden ihre Bewohner ſiegen?“ Die Frage war es, die Mahomeds Herz beunruhigte. Kaum angekommen in ſeiner Wohnung, ließ er den Mufti und die weiſeſten der Moͤnche rufen. Sie erſchienen.— Mit allem Feuer einer gluͤhenden Einbildungskraft trug Ma⸗ homed den aufmerkſam Zuhoͤrenden die Geſchichte und die Beſchreibung dieſer Er⸗ ſcheinung vor. Bedaͤchtlich hoͤrte der Mufti dieſe Schilderung an. Nicht ohne baͤngere Unruhe erwartete der Sultan das erſte 234 Wort des, die Sache ganz genau uͤberden⸗ kenden Geiſtlichen.—„Alſo die Erſchei⸗ nung ſtieg uͤber der Stadt auf, glaͤnzte dort feſtſtehend mehrere Minuten, und zog ſich dann oͤſtlich gegen Aſien hin?“ fragte der Mufti.—„Ja. So war es!“ ant⸗ wortete Mahomed uͤnruhig. Selima und Ibrahim beſtaͤtigten dieſe Ausſage.— Da fiel der Mufti auf ſeine Kniee.—„Gelobt ſeyſt du, Allah! Gelobt du, der Pro⸗ pheten groͤßeſter! Conſtantinopel iſt er⸗ obert!“ rief er uͤberſpannt und uͤberwaͤltigt von Freude. Aber, wer haͤtte koͤnnen noch mehr Freude fuͤhlen, als Mahomed? Freu⸗ detrunken umarmte er den Mufti; er dankte ihm, wie der Gluͤckliche dem Wohlthaͤter, deſſen Guͤte ihn begluͤckte. Stuͤrmiſch fragte er nach der Erklaͤrung, nach den Beweiſen. Mit einer gewiſſen Wuͤrde legee der Mufti den Finger auf den Mund.— „Jetzt iſt’s noch Nacht!“ ſagte er.„Noch glaͤnzen die Sterne am Himmel, und fern 235 iſt noch die Morgenroͤthe. Erwarte den Tag. Der erſte Strahl der aufgehenden Sonne finde Dich auf dem Huͤgel, von dem Du jene Erſcheinung ſaheſt.“— Die wichtige, ernſte Miene, mit der der Mufti dies ſagte, machte den Sultan gehorſam. Kaum daͤmmerte der Morgen, als er ein⸗ ſam, aber freudetrunken, auf jenem Huͤgel ſtand, erwartend, wie das ſeinem Herzen Herz ſo wichtige Raͤthſel ſich loͤſen werde, als der Mufti ihm naͤher trat. Betend warf dieſer ſich auf die Kniee nieder. Maho⸗ med that eben dies. Still knieeten Beide, ſtill erwarteten ſie den erſten gluͤhenden Strahl der Sonne. Sie ging hell und. ſchoͤn auf. Da richtete der Mufti ſich auf, da ergriff er des Sultans Hand, und zog ihn mit ſich nach der Ruine einer alten Einſiedelei.—„Jenes Licht, das Du, Fuͤrſt der Glaͤubigen, ſaheſt,“ ſprach er, nbedeutet den Glauben an den Gott der Chriſten, bedeutet dieſes Volks Religion. 236 Sie iſt wohlthaͤtig, aber die Chriſten fol⸗ gen ihr nicht. Sie hat ſich vergeblich die⸗ ſen Unglaͤubigen angeboten. Jetzt verlaͤßt ſie die Chriſten. Ihr Segen geht auf un⸗ ſer Volk uͤber, das, wie Du weißt, in Aſien entſtand. Jenes geſchwundene Licht bedeutet dies!“— Nichts weiter uͤber das Unſtatthafte dieſes Unglaubens, da jede Religion mehr oder weniger Auswuͤchſe des Menſchenverſtandes liefert. Ob der Mufti dies Alles ſelbſt glaubte?— Auch dieſe Frage kann hier unbeantwortet blei⸗ ben; genug der, der dieſem Gebilde glau⸗ ben ſollte, Mahomed glaubte Allem, was ihm geſagt war. Außer ſich vor Freude, dankbar gegen den großen Propheten, hin⸗ geriſſen von dem großen Gedanken an weitere unermeßliche Eroberungen, die ſeine Einbildungskraft ihm vorgaukelte, kam er in's Lager zuruͤck. Die ſtrengſten Befehle wurden wiederholt; der dritte Pfingſttag, der neun und zwanzigſte Mai, 237 wurde zur Ausfuͤhrung des Sturmes an⸗ geſetzt. Mit Aufgang der Sonre ſollte das ſchreckliche, blutige Trauerſpiel ſenen Anfang nehmen, ein Befehl, der das ganze tuͤrkiſche Lager um deſto mehr in wilde Freude verſetzte, da aus Mahomeds hei⸗ terer, zuverſichtlicher Miene der gewiſſe Triumph deutlich zu leſen war. Wer wuͤrde nicht den edlen, trefflichen Juſtiniani bewundern? Wer nicht den Mann ſchaͤtzen, der Alles fuͤr eine Stadt that, die ihn weiter nicht anging, als daß die Graͤber ſeiner Schweſter und ſeines Freundes dort waren? Den Mann, der nicht nur die ganze Stadt ermuthigte, der nicht nur das Muſter der froͤmmſten ritter⸗ lichen Tapferkeit war, ſondern der auch den ſchwachen Fuͤrſten auf dem Throne „ zu einem entſchloſſenen Helden zu bilden im Stande war? Alles liebte ihn, und Jeder ſah auf ihn, als auf den, der Re⸗ 238 ligion und Vaterland retten konnte; man fuͤrchtete und ehrte ihn mehr als den Kai⸗ ſer ſelbſt. Nur jene in ihren niedrigen Hoffnungen, in ihren ſchaͤndlichen Ausſich⸗ ten auf eine gluͤckliche Sklaverei getaͤuſch⸗ ten Hoͤflinge konnten es dem braven Manne nicht verzeihen, ihnen den Blick auf eine reizende Zukunft ſo getruͤbt zu haben. Conſtantins Hof war, ungeachtet der Ge⸗ fahren, in denen er ſeit laͤngerer Zeit ſchwebte, der Sammelplatz vieler Aben⸗ theurer geweſen. Jeder, der das Talent beſaß, die Froͤhlichkeit zu befoͤrdern, war dort angenehm, und ſeine Belohnung war um ſo verſchwenderiſcher, je mehr er dies Talent geltend zu machen verſtand. Daß es unter Menſchen dieſer Art viele ſchlechte geben mußte, daß dieſe Schlechten auf f Rache gegen den Mann ſinnen mußten, der ihnen nach ihrer Anſicht ſo viel geſcha⸗ det hatte,— wer moͤchte das bezweifeln? — Eben ſo natuͤrlich wird es aber Jeder 239 auch finden, daß Juſtiniani dieſe Rache nicht fuͤrchtete, ſie nicht einmal ahndete. Er dachte zu groß, und ſein Beruf hatte ihn theils zu viel Selbſtgefuͤhl, theils zu viel Beſchaͤftigung gegeben, als daß er haͤtte fuͤrchten ſollen. Der Kaiſer war jetzt uͤberzeugt, daß nur entſchloſſener, frommer Muth hier retten koͤnne, gab es auch zu⸗ weilen Augenblicke, in denen er anders denken mochte; Augenblicke, in denen jenes Vertrauen auf feſte Kraft, auf ernſten Willen ſchwinden wollte; Augenblicke, in denen er nichts als die Gefahren und ihren ſchrecklichen Ausgang mit dumpfer Verzweiflung ſah, ſo war eine Unterre⸗ dung mit dem frommen Gregor, eine Thraͤne Helenens, eine Ermunterung Ju⸗ ſtiniani's erforderlich, und die Hoffnung des Gelingens ſiegte von neuem im Her⸗ zen des Kaiſers. Er brachte jetzt ſeine Stunden im Kreiſe dieſer Edeln hin, und die Religion, das Beiſpiel und die Ermun⸗ 240 terungen mußten vortheilhaft auf ein Herz wirken, das nicht verdorben, das nur verwoͤhnt, nur ſchwach war. Die Zu⸗ rüͤſtungen hatten Geldſummen noͤthig ge⸗ macht, und dieſe zu beſitzen, wußte Con⸗ ſtantin kein beſſeres Mittel, als jenen Hoͤflingen den Gehalt zu entziehen, den ſie bisher genoſſen, ihnen ſelbſt aber Plaͤtze unter den Vertheidigern der Stadt anzu⸗ weiſen; eine Verfuͤgung, die, beſonders die letzte, Juſtiniani nicht gern ſah. Jene Hoͤflinge glaubten aber das Gegentheil. Sie kamen zuſammen, ſie beſchloſſen es, ſich zu raͤchen, und der treffliche Mann ſollte mit Angelo und Matthaͤo durch Ban⸗ ditendolche fallen. Es war der erſte Pfingſt⸗ tag, ein Tag, an dem Tauſende, vor den Altaͤren knieend, den Beiſtand Gottes er⸗ fleheten; denn man mußte aus Ibrahims Abfertigung auf ſchreckliche Auftritte gefaßt ſeyn. Juſtiniani, Angelo und Matthaͤo hatten alle ausgeſtellte Poſten nachgeſehen. 241 Ermuͤdet von dem angreifenden Wege, von dem vielen Sprechen, das jeder Poſten erforderte, ſelbſt von den letzten Auftritten angegriffen, wollten ſie des Abends in die Sophienkirche gehen, um ihren Muth, ihren Glauben durch ein frommes Gebet zu ſtaͤrken. Die Kirche war ſchauerlich dunkel. Einzeln brannten die Ampeln, ſparſam war der Altar mit dem Crucifix erleuchtet, nur hie und da knieten einige Betende. Juſtiniani warf ſich mit ſeinen Begleitern vor dem Altare nieder; kaum ſahe er, daß auch hier die fromme Kaiſe⸗ rin mit Irenen kniete. Die Herzen der trefflichen Maͤnner wurden leichter im Ge⸗ bet, und neue Hoffnungen des Sieges der guten Sache ſtiegen in ihrer Seele auf. Zuverſichtsvoll verließen ſie die heilige Staͤtte, um nach dem Palaſte zu gehen. In dem dunkeln Eingange der Kirche ſtan⸗ den einige Maͤnner. Juſtiniani und ſeine beiden Freunde gingen durch ſie hin, als II. 16 242 Watthaͤo laut rief:„Heilige Mutter Got⸗ tes!“ und in Juſtiniani's Arme ſank. Jene Maͤnner verſchwanden im ſchauderlichen Dunkel eines anſtoßenden Ganges. Er⸗ ſchrocken riß Juſtiniani ſeinen Freund zu der naͤchſten Lampe. Aber, wie mußte ihm in dem Augenblicke werden, da er ſeinen Freund Matthaͤo, durch einen Dolchſtich gemordet, in ſeinen Armen hatte! Kaum konnte er ſo viel Geiſtesgegenwart behal⸗ ten, die Leiche ſeines Freundes auf den erſten Sitz niederzulegen. Stumm und wie im Traume ſtanden beide Freunde da; es fiel ihnen nicht einmal ein, Anſtalten zum Ergreifen des Moͤrders zu machen. Eine Muͤhe, die auch gewiß vergeblich ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde; denn jene Moͤrder wa⸗ ren, geſchuͤtzt durch das Dunkel der Nacht, laͤngſt entflohen. Mit gefaltenen Haͤnden, mit uͤber der Leiche gebeugtem Haupte ſtanden die Freunde da, als Gregor, He⸗ lene und Irene kamen. Faſt verſteinert 243 ſtanden dieſe bei dem Aublicke da. Keiner wußte den Andern zu troͤſten; Beruhigung war ihnen fremd. Selbſt der Greis Gre⸗ gor konnte nichts als weinen, als unter heißen Thraͤnen die Leiche des Redlichen einſegnen. Auch er behielt kaum ſo viel Gegenwart des Geiſtes, den Gemordeten in eine der Sakriſteien der Kirche tragen zu laſſen; eine Arbeit, durch die Helena, Irene, und Gregor ſelbſt, der Freundſchaft den letzten Dienſt erzeigten, und die Leiche ſelbſt dahin trugen. So ungluͤcklich hatte ſich Juſtiniani noch nie gefuͤhlt; ſo vor Schmerz außer ſich hatte er noch nie einen Weg gemacht, als dieſer nach Conſtantins Pallaſte war. Er kam in einer Stim⸗ mung an, die ſich mit nichts vergleichen laͤßt; ihm war es unmoͤglich, dem erſtaun⸗ ten Kaiſer zu erzaͤhlen, wie er ſeinen Freund, wie die Stadt einen der erſten Vertheidiger verloren habe. Ihn konnte des Kaiſers aufrichtige Theilnahme nicht 244 troͤſten, ſo wenig als die Ehre, die dem Gemordeten durch Conſtantins Befehl, ihn im kaiſerlichen Gewoͤlbe zu begraben, dem Freunde den Freund erſetzen konnte. All⸗ gemein war unter den Buͤrgern, wie unter den Genueſern, die Trauer. Jeder belegte den Moͤrder mit ſchrecklichen Fluͤchen, den Moͤrder, der vielleicht ſich jetzt in die Rei⸗ hen derer miſchte, die Matthaͤo beweinten. Vergebens waren alle Nachforſchungen, ſo wie man auch gar keinen Grund angeben konnte, warum gerade der heiterere, men⸗ ſchenfreundlichere Matthaͤo das Opfer hatte werden muͤſſen.—„Gebt Acht, Juſti⸗ niani!“ ſagte Angelo,„ob die Reihe, ſo aus der Welt zu gehen, nicht auch an uns kommt. Der Sultan weiß, daß wir Beiden ihm hier die Stange halten; er hat gewiß Summen angewendet, uns aus dem Wege zu raͤumen.“— Juſtiniani wi⸗ derſprach. War auch Mahomed ſein Feind, dieſe Art zu ſchaden, konnte er ihm doch 245 nicht zutrauen; dazu war ſein Glaube an die Menſchheit zu ſtark.—„Nicht gedun⸗ gene, vom Feinde gedungene Banditen waren es, die Matthaͤo mordeten,“ ſagte er.„Es ſind Feinde von uns. Sie koͤn⸗ nen es uns nicht vergeben, daß wir ſie nicht Sklaven werden laſſen. Haͤtteſt ſie Alle an dem Abend ſehen koͤnnen, als Ibrahim abgefertigt wurde; wie die lauern⸗ den Fuͤchſe ſtanden ſie da. Ich ſah es nicht gern, daß der Kaiſer den Buben das Brodt nahm, und noch aͤrgerlicher war es mir, daß ſie unter die Vertheidiger der Stadt geſteckt wurden.“—„Aber, was iſt zu machen?“—„Nichts. Etwas be⸗ hutſamer muß uns freilich ſo etwas ma⸗ chen? Wir duͤrfen uns nie allein ſehen laſſen. Indeß ich denke, Mahomed wird uns Alle bald genug beſchaͤftigen.“ Daß zwei ſo thaͤtigen Maͤnnern, wie Juſtiniani und Angelo, jene ſich feſt vorge⸗ ſetzte Behutſamkeit ſchwer, und faſt un⸗ 246 moͤglich war, wird Jeder glauben, der ſich dieſe beiden raſchen, nach Thaten durſten⸗ den Krieger lebhaft denkt. Vierzig tau⸗ ſend Vertheidiger waren in der Stadt, aber nicht Einer, der das Ganze haͤtte leiten, oder nur unſern beiden Genueſern mit Kraft und Ausdauer zur Unterſtuͤtzung haͤtte dienen koͤnnen. Selbſt der Kaiſer Conſtantin war dies nicht im Stande; da mehr ſeine kaiſerliche Wuͤrde, als ſeine Kriegskenntniſſe ihm ein Anſehen gaben. Muth hatte er jetzt wie ein Loͤwe, aber mit dieſem bloßen Muthe war nicht Alles ausgerichtet. Nur mit der groͤßeſten Muͤhe fand Juſtiniani aus den Buͤrgern der Stadt, aus dem Haufen der Verweichlich⸗ ten ſo viel Anfuͤhrer heraus, daß jeder Poſten in dieſer Hinſicht verſehen war. Er ſelbſt und Angelo uͤbernahmen das Ganze, und da war es wohl nicht anders moͤglich, ſie mußten jeden Augenblick ge⸗ gen jene Pflicht der eigenen Vorſicht han⸗ 247 deln. Wie oft mußten ſie einzeln in der Nacht die Vertheidigungswerke der weit⸗ läuftigen Stadt durchſtreifen! Wie oft thaten ſie dies ungeſehen, und wie oft ſtießen ſie auf Menſchen, von denen ſie 8 nicht ohne Grund vermuthen mußten, daß ſie ihre Moͤrder ſeyn wuͤrden? Bewaffnet waren beide Freunde immer, indeß was ſchuͤtzen Waffen gegen Meuchelmord?— Immer glaubten ſie, wenn ihr Beruf ſie trennte, ſie ſaͤhen ſich zum letzten Male. Allein Beide waren zu einem edlern Tode— beſtimmt. Sie ſollten nicht durch Bandi⸗ ten fallen; ruͤhmlicher ſollten ſie enden; ſo hatte es das Schickſal beſtimmt. Es war der zweite Pfingſttag; mit ungewoͤhnlicher Schwuͤle und druͤckender Hitze brach er an; fern uͤber das Meer ber waͤlzten ſich ſchwarze Gewitterwolken. Von weitem ſchon hoͤrte man dumpf den Donner und der dunkle Teppich wurde von leuchtenden Blitzen durchſchnitten. Die 248 eben aufgegangene Sonne ſchwand bald wieder; der Sturm jagte das Gewitter uͤber die Stadt hin, und ſchaͤumend bra⸗ chen ſich die Wellen am Ufer. Faſt den ganzen Tag dauerte dieſer furchtbare Auf⸗ tritt in der Natur; allgemein war die Angſt, und unter bangem Klopfen des Herzens fuͤrchtete Jeder den Untergang der Stadt durch die Wuth der Elemente.— Ach! es war Alles nur ein Vorſpiel von dem, was der ungluͤcklichen Stadt durch Feindes Haͤnde bevor ſtand.— Erſt des Nachmittages legte ſich die Wuth der Ele⸗ mente, die Luſt wurde erquickender, die Sonne ſchien, ſie wuͤrde Freude verbreitet haben, haͤtte ſie nicht den ungeheuern hal⸗ ben Mond des tuͤrkiſchen Lagers, der ſich furchtbar drohend um die Stadt zog, er⸗ leuchtet. Stiller, ſchoͤner wurde der Abend; Juſtiniani, Angelo und der Kaiſer Con⸗ ſtantin gingen noch einmal auf den Fe⸗ ſtungswerken herum, um die Beſatzungen 249 und einzelnen Poſten zu ermuntern. Es war das letzte Mal, daß ſie dieſen Weg machten. Voll einer unerklaͤrbaren quaͤlen⸗ den Unruhe gingen beide Freunde noch einmal nach dem Pallaſt, wo ſie den Kai⸗ ſer, der fruͤher weggegangen war, ſchon fanden. Helena und Irene ſaßen auf dem Zimmer, aus dem ſie die Ausſicht auf das kaiſerliche Gewoͤlbe hatten, in welchem Aglaja und Demetrius ruheten, in wel⸗ chem ſo eben Matthaͤo's Leiche beigeſetzt war. Helena und Irene unterhielten ſich uͤber Aglaja, und da war es wohl natuͤr⸗ lich, daß Juſtiniani und Angelo bald be⸗ merken mußten, in welche ernſte traurige Stimmung ein Geſpraͤch dieſer Art Beide verſetzt hatte. Es war die oft unerklaͤr⸗ bare Angſt, die vor einem außerordentli⸗ chen Ungluͤck hergeht; deren Grund man ſich aus nichts erklaͤren, deren Einfluß und Wirkung man durch keine Vernunftgruͤnde beſchwichtigen kann. Conſtantin ſtand ge⸗ 250 dankenvoll da; es war ihm nicht anders, als wolle ein gewiſſes dunkeles Vorgefuͤhl ihm beweiſen, daß er morgen nicht mehr ſey, daß dieſer Abend der letzte ſey, den er im Kreiſe der Seinigen hinbringe. Auch Juſtiniani wie Angelo fuͤhlten dieſe uner⸗ klaͤrliche Beaͤngſtigung. Sie war Beiden quaͤlend.— Das traurige Schweigen, die einzelnen Thraͤnen, und die bangen, nicht zuruͤckzuhaltenden Seufzer vermehrten das Schauderliche des Abends. Faſt ohne ein Wort ſagen zu koͤnnen, gingen die beiden Freunde fort, um waͤhrend der Nacht auf ihrem Poſten zu ſeyn. An der Sophien⸗ kirche trennten ſie ſich, da die Poſten ganz auf der entgegengeſetzten Seite lagen. Unter welchen Gefuͤhlen ſie ſich hier tren⸗ nen mußten?——„Gott ſtehe Dir bei!“ war Alles, was ſie ſagen konnten. Aber deſto mehr ſprach der Haͤndedruck, die Einer dem Andern gern verbergen wollte, und nicht verbergen konnte. Die Ruͤck⸗ I 251 erinnerung an die ſchoͤne Reihe von Jahren, die Beide als Freunde in ihrem Vater⸗ lande durchlebt hatten, das Bild der Ge⸗ fahren, die ſie ſchon bekämpft hatten, das Gemaͤlde deſſen, was ſie durch ihre be⸗ waͤhrte Freundſchaft ſo lange genoſſen hat⸗ ten, alles das draͤngte ſich in dieſem feier⸗ lichen Augenblick der Trennung in Eins zuſammen. Sie konnten ſich nichts ſagen, alle ihre Empfindungen floſſen in der letz⸗ ten Umarmung zuſammen. Sie druͤckten ſich noch einmal die Hand, es war das letzte Nal, und nun trennten ſie ſich auf ewig.— Juſtiniani kam auf der Baſtei an, von der er die ganze abendliche Seite der Stadt uͤberſehen konnte. Dieſen Theil der Feſtung hatte er zur Vertheidigung ge⸗ waͤhlt, weil von ihm, als dem Haupt⸗ punkte, die Haltbarkeit der Stadt abhing. Auf dieſem Poſten hatte auch der Kaiſer ſelbſt ſich einen Ort gewaͤhlt, um durch 252 ſeine Gegenwart den Muth der Vertheidi⸗ ger noch mehr zu entflammen. Juſtiniani fand Alles in der gewuͤnſchteſten Ordnung. Die Baſtei ſelbſt war aͤußerſt feſt; die Mauer war ſtark, und die Tiefe des Gra⸗ bens ſchien dem Feinde mit einem frucht⸗ loſen Angriff zu drohen. Durch die innere Mauer ging eine Nothpforte, die aus dem Zwingen in die Stadt fuͤhrte, um durch ſie der Beſatzung Vertheidigungs⸗ und Lebensmittel zu bringen, und die Verwun⸗ deten ſicher in die Stadt ſchaffen zu koͤn⸗ nen. Ermuͤdet warf ſich Juſtiniani auf die Bettung eines Geſchüͤtzes nieder. Rund um ihn her lagen auf dem bethaueten Bo⸗ den die, die nicht auf Poſten ſtanden; Einer ſuchte des Andern Muͤdigkeit und Unruhe durch Geſpraͤche zu hindern, Ge⸗ ſpraͤche, durch die auch Juſtiniani mit je⸗ dem Augenblick ruhiger und freier wurde, bis endlich mitten in der Nacht Alles ſich dem Schlafe, dem letzten Schlummer uͤber⸗ 253 ließ. Nur Juſtiniani konnte nicht ſchlafen. Das Wichtige ſeines Poſtens, die Erwar⸗ tung deſſen, was der Stadt bevorſtand, Matthaͤo's Mord und Aglaja's Tod, An⸗ gelo's Trennung, Alles dies draͤngte ſich gewaltſam in ſein Herz, und warf ihn unruhig umher. Im fernen Oſten zeigte ſich der erſte Strahl der Morgenroͤthe, als ein fernes Geſchrei aus dem feindlichen Lager heruͤber erſchallte.—„Gott iſt Gott, und Maho⸗ med iſt ſein Prophet!“ dies war der Ruf, mit dem der Mufti das Heer der Tuͤrken zum Gebete rief; der Ruf, der in der Daͤmmerung des Morgens aus mehreren hunderttauſend Kehlen erſchallte. Selbſt Juſtiniani uͤberfiel ein kleiner Schauder. Er kannte die Wuth der Tuͤrken; was mußte er jetzt fuͤrchten, da dieſe Wuth durch Religion noch gluͤhender wurde?— Er weckte die Schlafenden. Alles griff zum Gewehr, Ales bereitete ſich vor, einen 254 der ſchrecklichſten Kaͤmpfe zu beſtehen. In dieſem Augenblick kam der Kaiſer Conſtan⸗ tin. Jener Ruf im feindlichen Lager hatte auch ihn geweckt. Er entriß ſich den Ar⸗ men der weinenden, aber muthvollen He⸗ lena; ernſt und ſein und ſeines Thrones Schickſal ahndend, ging er nach ſeinem Poſten, wo er Alles im Stande fand, dem wahrſcheinlichen Angriffe der Tuͤeken zu begegnen. Muthig reichte ihm Juſtiniani die Hand, und die Rollen des fuͤrchterli⸗ chen Trauerſpiels wurden ausgetheilt. Jetzt ging die Sonne auf, da wurde Alles im tuͤrkiſchen Lager lebendig. Auf der vor dem Lager liegenden, von der Sonne er⸗ leuchteten Ebene ſtellte ſich das Heer der Tuͤrken auf, und bedeckte die ganze Flaͤche. So weit der Blick von den hoͤher liegen⸗ den Bruſtwehren und Thuͤrmen der Mauern reichte, ſah man nichts als die Schaaren der Feinde, die mit gluͤhender Wuth eine unerſaͤttliche Raubſucht verbanden. Eine Stunde ſtanden ſie da im Glanze der Sonne; fuͤrchterlich ſchimmerten ihre Waf⸗ fen, Tod drohend war die Stille, in wel⸗ cher Mahomed die Reihen durchritt, und jene Verheißung dem Sieger, jene Dro⸗ hung dem Feigherzigen wiederholte; furcht⸗ bar war das Geſchrei, als die Wuͤthenden den Fluch uͤber die ungluͤckliche Stadt aus⸗ riefen, als ſie ihre Begierde, nur erſt ge⸗ gen die Mauern der Stadt gefuͤhrt zu werden, aͤußerten.— Aber eben ſo ſchreck⸗ lich war die Wirkung, die dieſe Stunde in der Stadt hervorbrachte. Den bangen Bewohnern war jene furchtbare Zurüͤſtung nicht verborgen geblieben. Von den Thuͤr⸗ men und den Giebeln der Haͤuſer herab, konnten ſie Alles uͤberſehen. Der ſtille Morgen brachte jeden ſchrecklichen Laut aus dem feindlichen Lager nach der Stadt; jeden Ruf hoͤrte man, und mit jedem Rufe hoͤrten die Ungluͤcklichen ihr Todesurtheil. In banger Verzweiflung rannten Muͤtter, 256 Gattinnen, Toͤchter und Schweſtern, deren Soͤhne, Gatten, Vaͤter und Bruͤder auf den Mauern und Waͤllen ſtanden, durch einander; Feindinnen umarmten in dieſer furchtbaren Stunde ihre Feindinnen, und allgemeine Angſt goß Freundſchaft in Her⸗ zen, denen dieſe ſonſt fremd war. Tau⸗ ſende eilten nach den offenſtehenden Kir⸗ chen und wanden ſich kniend vor den Al⸗ taͤren im Staube, um goͤttlichen Beiſtand in dieſer drohenden Gefahr zu erflehen. An ihrer Seite knieten die Kaiſerin und Irene; Muͤtter, mit weinenden Saͤuglin⸗ gen auf den Armen, durchirrten jammernd die Straßen; Greiſe ſchlichen umher, und Kranke lagen huͤlflos auf ihren, von den naͤchſten Freunden verlaſſenen Schmer⸗ zenslager.— Im heißen Gebete kniete der fromme Patriarch vor dem Crueifix; zwei Moͤnche, Greiſe, die der Welt gar nicht mehr anzugehoͤren ſchienen, knieten zitternd neben ihm, und unterſtuͤtzten ihn 25⁷ in ſeinem heiligen Geſchaͤfte. Die hohen Waͤnde des praͤchtigen Tempels erſchallten von dem Schluchzen der Todesopfer.— Conſtantin und Juſtiniani, umgeben von denen, die die Baſtei vertheidigen wollten, ſtanden entſchloſſen da, und blick⸗ ten auf das furchtbare Schauſpiel, das ſeiner Entwickelung ſich immer mehr naͤ⸗ herte. Daß ihre Herzen banger klopften— ſie waren ja Menſchen— wem koͤnnte das befremden? Aber keine Miene der Furcht zeigte ſich auf ihren Geſichtern, ruhig blick⸗ ten ſie um ſich her, auf die tauſend Ver⸗ theidiger, die ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen den Tod drohenden Anſtalten der Feinde unnd zwiſchen der Wirkung, die dieſe An⸗ ſtalten auf den Geſichtern der beiden Anfuͤh⸗ rer hevorbrachten, theilten. Jetzt loͤſete ſich die ungeheure Maſſe der Feinde auf; Aſiens wildeſte Schaaren, mit Spießen und Bo⸗ gen bewaffnet, ſtellten ſich in die erſte Linie, indeß von allen Seiten das Geſchuͤtz II. 17 258 Mahomeds donnerte, und die ganze Ge⸗ gend mit einer Rauchwolke bedeckte. Da druͤckte Juſtiniani Conſtantins Hand, da ging er vor auf den erſten Wall der Ba⸗ ſtei, indeß der Kaiſer die Aufſicht uͤber die Vertheidigung der Hauptmauer, dem fruͤher entworfenen Plane gemaͤß, uͤber⸗ nahm.— Schrecklich war der Anfall jener Barbaren, die Pfeile ziſchten aus der durch das Geſchuͤtz verurſachten Rauchwolke; wuͤthend draͤngten die hinter dieſen Barba⸗ ren ſtehenden europaͤiſchen Truppen Maho⸗ meds die erſtern vorwaͤrts, um aus ihren Koͤrpern einen Weg uͤber den Graben zu bilden. Mit jedem Schritt fuͤllte ſich der Graben mehr an, hineingedraͤngt wurden die Erſtern und bildeten ein blutiges La⸗ ger fuͤr ihre Bruͤder; laut bruͤltend ſtuͤrz⸗ ten die ihnen Folgenden uͤber ſie her, um Andern eben dieſen Todesweg zu bahnen. Grauſen und Schrecken ergriff die Beſaz⸗ zung der Baſtei. Aber mit verzweifeltem 25⁰ Muthe, durch Juſtiniani's Beiſpiel ange⸗ friſcht, vertheidigten ſie die Bruſtwehr ihrer Verſchanzung. Spieße und Pfeile, Kugeln und herabgerollte Steine brachten denen den Tod, die verwegen genug wa⸗ ren, jene Bruſtwehr erklettern zu wollen. — Eine ſchreckliche Pauſe begann. Ma⸗ homed hatte die Abſicht gehabt, die bra⸗ ven Vertheidiger zu ermuͤden, daher die Angriffe jener wilden Voͤlker. Jetzt war der Graben faſt ganz mit Leichen ange⸗ fuͤllt; jetzt unter dem Donner des Geſchuͤz⸗ zes bildete ſich die Linie der Kerntruppen des tuͤrkiſchen Heeres, die der Janitſcha⸗ ren. Schon gebildeter in ihrem Angriff, und vertrauter mit den verfeinerten Kuͤn⸗ ſten des Krieges, geuͤbter im Gebrauche europaͤiſcher Waffen, mußten dieſe Krieger allerdings den Vertheidigern gefaͤhrlicher werden. Sie wurden es noch mehr, da kuͤhne unternehmende Maͤnner ſie führ⸗ ten, die mehr ein edler Chrgeiz, als nie⸗ 8 260 dere Habſucht reizte. Unter dieſen war jener Ibrahim, der das Mißlingen ſeiner Geſandtſchaft blutig raͤchen, und dadurch jener ſchoͤnen Jedidia ſich werth machen wollte. Selima hatte ihn ihrem Bruder zu dieſem wichtigen Poſten empſohlen; Mahomed hatte ihn fruͤher ſchon dazu be⸗ ſtimmt. Mit gluͤhendem Auge uͤberſah dieſer wirklich tapfere Juͤngling die ſchreck⸗ liche Scene, die ſich ihm darbot, den mit Leichen und geronnenem Blute angefuͤllten Graben. Wuth und Nachbegierde ent⸗ flammte ihn, er war der Erſte, der uͤber die Leichen hin den Weg ſich bahnte; da ſah er auf der Bruſtwehr Juſtiniani. Hoͤher konnte die Wuth nicht ſteigen, als ſie jetzt in ſeinem Herzen gluͤhete. Ob Jemand der Seinigen folgte, ob er, er allein das halsbrechende Unternehmen wag⸗ te, das war ihm einerlei. Er ſah ſeinen Hauptfeind, und der durfte durch keines Andern Hand als durch die ſeinige fallen. 2601 Einen ſchoͤnern Preis des Siegers, eine groͤßere Belohnung kannte er nicht, als Juſtiniani's Tod durch ſeine Hand. Mit gezogenem Saͤbel ſprang er an die Boͤſchung des Walles hinauf, die Wuth gab dem Koͤrper mehr als gewoͤhnliche Kraͤfte, in drei Spruͤngen war er oben. Seine Begleiter ſahen und bewunderten ſeine Kuͤhnheit, die von den Sklaven ge⸗ tragenen Sturmleitern wurden angelegt. Aber ehe noch ein Fuß der Angreifenden die erſte Stufe erſtieg, hatte ſich oben auf der Schanze ein ernſtes Gefecht zwi⸗ ſchen Juſtiniani und Ibrahim erhoben. Beide waren ſich gewachſen. Ein Muth entflammte Beide, und Beide gehoͤrten zu denen, deren Waffen im Angriff wie in der Vertheidigung nichts unmoͤglich iſt. An Schonung dachte keiner, Jeder wußte, daß er durch die Hand eines Tapfern fal⸗ len, daß er einen Held erlegen wuͤrde. Mit jedem Augenblick vermehrte ſich die 262 Wuth, in die die Tapferkeit uͤbergegangen war; da ſtuͤrzte Ibrahim mit geſpaltenem Haupte von der Bruſtwehr eine der Lei⸗ tern hinab, die zum Erſtuͤrmen des Wer⸗ kes angelegt waren. Sein Tod verbreitete Schrecken in der Ortah Janitſcharen, die er gefuͤhrt hatte; ſie wollten ſeinen Tod raͤchen, und mit verdoppelter Kraft draͤng⸗ ten ſie den Wall hinan. Aber eben ſo muthig waren die Vertheidiger. Das Le⸗ ben hatte keinen Werth mehr fuͤr ſie, ver⸗ loren war es, verloren war das Leben der Ihrigen, wenn ſie einen hohen Preis auf das eigene Leben ſetzten; gerettet wurde vielleicht die Stadt, gerettet das eigene Leben, wenn ſie das ihrige wie eine Klei⸗ nigkeit, ohne Werth, auf das Spiel ſetz⸗ ten. An ihrer Spitze ſtritt Juſtiniani, ſein Schwerdt maͤhete die Angreifenden, und unter ihm haͤuften ſich die Gefalle⸗ nen. Aber immer ſtaͤrker draͤngten die Feinde an. Ibrahims Leiche war ſchon 263 mit Todten bedeckt; die Feinde wußten, daß er gefallen ſey. Dieſe Leiche wollte man raͤchen. Auch die Tuͤrken ſchienen ihr Leben fuͤr die unbedeutendſte Kleinigkeit zu halten, ſo wenig ſchonten ſie ſich. Im⸗ mer haͤrter wurde der Andrang; der Kreis derer, die um Juſtiniani ſtritten, wurde immer kleiner, wenn auch die Luͤcken in dem dicken Haufen der Stuͤrmenden im⸗ mer groͤßer ſich zeigten. Da traf eine feindliche Kugel Juſtiniani's Knie, er ſank unter dem Ausruf:„Chriſten! gedenkt Eures Glaubens! Buͤrger! rettet Eure Stadt!“ nieder auf die von ſeiner Rech⸗ ten entſeelten Tuͤrken. Sein Fall machte ſeine Freunde auf einen Augenblick ſtutzend, dann uͤberwog der Durſt nach Rache jede andere Empfindung. Die Vertheidiger drangen vor; die ſchon in der Schanze befindlichen Janitſcharen wurden wuͤthend gemordet, der Platz, auf dem Juſtiniani lag, und die Seinigen buich Worte ermu⸗ 264 thigte, war ſchon von Feinden gereinigt, als der Kaiſer Conſtantin, der das uͤber dieſem Zwinger liegende Bollwerk verthei⸗ digte, den Fall Juſtiniani's erfuhr. Er rief dem Verwundeten zu. Juſtiniani — uͤber die Freude, den Feind abgeſchla⸗ gen zu haben, vergaß er ſeine Wunde— aͤußerte ſeine Hoffnungen des voͤlligen Sieges.—„Nur ſchade,“ ſetzte er hinzu, „daß meine Wunde mich hindert, unſere Braven zum weitern Siege zu fuͤhren.“ — Haͤtte doch Conſtantin dieſe Worte nicht gehoͤrt! Haͤtte er ihnen wenigſtens den Sinn nicht untergelegt, den der brave Verwundete nicht dabei dachte! Der Kaiſer ließ jene Nothpforte oͤffnen, um den Verwundeten in das innere Po⸗ lygon der Baſtion tragen und ihn ver⸗ binden zu laſſen. Zum Ungluͤck geſchah dies in eben dem Augenblick, als die Tuͤr⸗ ken einen neuen, noch wuͤthendern Anfall auf die Schanze wagten. Die Vertheidi⸗ 265 ger waren uͤberraſcht, ſie ſtutzten, wankten, ſahen ſich nach ihrem Anfuͤhrer um, und waren verlegen, da ſie ihn nirgends fan⸗ den. Der Muth ſchwankte, die Verthei⸗ diger glaubten das Werk ohne Rettung verloren, ſie flohen durch die offen ſtehende Pforte, mehr um ſich auf der Hauptbaſtei zu ſammeln, als das Beiſpiel einer ſchaͤnd⸗ lichen Flucht zu geben. Der ſchlaue An⸗ fuͤhrer der Tuͤrken bemerkte und benutzte dieſen ihm ſo guͤnſtigen Umſtand. Raſch ließ er die erſtern ſeiner Leute nachruͤcken, ſie gewannen den Eingang, die Pforte wurde zerſchmettert, die Tuͤrken drangen in die Hauptbaſtei, ganze Haufen friſcher Truppen folgten, die Beſatzung war zu ſchwach, ſie wurde zuruckgedraͤngt in die Stadt ſelbſt, die ſie beſchuͤtzen ſollte, und wuͤthend und Blut vergießend ſtuͤrzte der Feind in die Gaſſen. Wie ein ausgetre⸗ tener Strom brachen die Tuͤrken laut ſchreiend und Alles vor ſich mordend in 266 die Straßen. An Hemmung dieſes furcht⸗ baren Stroms war nicht zu denken. Der Kaiſer ermunterte vergebens die Seinigen, er ſuchte aufzuhalten, was nur noch ir⸗ gend dem Andrange Einhalt thun zu koͤn⸗ nen ſchien; aber Alles war umſonſt. Da warf er ſeinen kaiſerlichen, ihn kenntlich machenden Anzug von ſich; verzweifelnd warf er ſich in den dickſten Haufen der Feinde, und endete ſo als Held ruͤhmlich das Leben. Unerkannt lag er da unter den Tauſenden der Gemordeten. Juſtiniani hatte kein anderes Schickſal, ob man gleich nicht beſtimmt angeben kann, wo er blieb. Waͤhrend dies Alles auf der abendli⸗ chen Seite der Stadt vorging, drang ein anderer Haufen der Tuͤrken von der Mor⸗ gen⸗ oder Hafenſeite der Stadt ein. Hier hatte Angelo und unter ihm Theodor den Hauptpoſten. Bis gegen Mittag behaup⸗ teten ſie ihn ſtandhaft. Die Genueſer, die hier ſtanden, thaten Alles, was man von 267 braven Maͤnnern erwarten konnte. Mit ihnen hielten tauſend Buͤrger der Stadt den Poſten, und mochte der Andrang der Tuͤrken noch ſo heftig, mochte die ſchwache Mauer, die auf dieſer Seite die Stadt deckte, noch ſo zertruͤmmert ſeyn, die Ta⸗ pferkeit der Beſatzung vereitelte jeden Ver⸗ ſuch der Feinde, hier einzudringen. Hau⸗ fenweiſe lagen dieſe am Hafen und unter den Truͤmmern der Mauer herum, aber eben ſo ſanken auch die edlen Vertheidiger und deckten mit ihren blutigen Leichen den Platz, den ſie ſo ruͤhmlich im Leben be⸗ hauptet hatten. Angelo und Theodor ſtrit⸗ ten mit Loͤwenmuth, ihr Schwerdt troff vom Blute der Feinde, ihr Zureden und ihr⸗Beiſpiel ſpornte die Kraͤfte und den Muth der Uebrigen an. Unmoͤglich war es dem Feinde, hier durchzubrechen.— Da wandte ſich Angelo, durch ein hinter ihm entſtandenes Laͤrmen aufmerkſam gemacht, um; gerechter Gott! wer moͤchte die Em⸗ 268 pfindungen des trefflichen Mannes ſchil⸗ dern, da er hinter ſich die erſte Ortah der Janitſcharen, von Mahomed ſelbſt ange⸗ fuͤhrt, wie ſie als Sieger die Straße her⸗ abkam, erblickte!—„Heilige Mutter des Erloͤſers!“ rief er,„nun iſt alles, Alles verloren!“— Theodor, der neben ihm ſtand, und Schwerdt und Arm von geron⸗ nenem Blute reinigte, erſchrak eben ſo ſehr.—„Jetzt wollen wir die Stadt raͤ⸗ chen!“ rief er.„Jetzt muß der Tyrann fallen!“— Beide ſtuͤrzten mit einer An⸗ zahl tapferer Buͤrger auf Mahomed hin. Er war es, den ſie zum Opfer auf den rauchenden, mit Menſchenblute gefaͤrbten Altar der ungluͤcklichen Stadt beſtimmten. Aber umringt von der Menge raub⸗ und blutgieriger Feinde ſanken Beide zerfleiſcht und verſtuͤmmelt in dem Augenblick nieder, in welchem der Tyrann durch ihr Schwerdt fallen ſollte. Eine ſchreckliche Scene eroͤff⸗ nete ſich, die brave Beſatzung des Platzes 269 an der Mauer, ihrer braven Anfuͤhrer be⸗ raubt, fiel, da ſie den Tod der Sklaverei vorzog, auf der Stelle eben ſo zerfleiſcht, eben ſo verſtuͤmmelt, als Angelo und Theos dor gefallen waren. Von allen Seiten drangen die Tuͤrken ein; die Stadt war erobert, der Thron des griechiſchen Kaiſer⸗ thums war zuſammengeſtuͤrzt.— Die Blutarbeit der Sieger hatte eine kurze Ruhe noͤthig gemacht. Mahomed goͤnnte ſie ſeinen Schaaren, die faſt ſieben Stunden mit Anſtrengung aller Kraͤfte ge⸗ ſtritten hatten. Sie mußten ſich in den Straßen der eroberten Stadt aufſtellen, lechzend nach einem Trunk Waſſers, halb ohnmaͤchtig durch den Blutverluſt aus ih⸗ ren Wunden, mit klopfendem Herzen, kaum noch Kraft zum Athemholen beſitzend, und im Schweiß und Staube gebadet ſtan⸗ den ſie da, um zu neuen Grauſamkeiten neue Kraft zu ſammeln. Auf den Leichen⸗ haufen Gemordeter ruheten ſie vom Mor⸗ ——— 1 —— 2 270 den aus. Mit ſataniſcher Wolluſt ſtand Mahomed da und weidete ſein Auge an dem furchtbaren Anblick; um ihn herum ſtanden ſeine Baſſa's, ſeine Aga's und die Anfuͤhrer der Janitſcharen, als einer der letztern einen zerhauenen Leichnam, an dem ihm die mit Perlen geſtickten Reichs⸗ Adler an den Stiefeln auffielen, herbei ſchleypte. Man zerkannte die Leiche des Kaiſers Conſtantin. Mahomed ließ ihr den Kopf abſchlagen, ließ dieſen auf eine Lanze ſtecken und unter Vortragung dieſes blutigen Banners ging der Haufen zu neuen Grauſamkeiten, die die bisher be⸗ ſchriebenen bei weitem übertrafen. Des Kaiſers verſtuͤmmelte Leiche blieb unter den andern Gemordeten liegen, mit dieſen wurde ſie entweder in's Meer geworfen, oder eingeſcharrt, und kein Grabſtein hat je die Staͤtte bezeichnet, wo der Monarch modert.— Schrecklich war die Seene geweſen, — 271 die in dieſen ſieben Stunden die Geſchichte uns vor die Augen fuͤhrte; aber ſchreckli⸗ cher war die, die das Bild der beiden fol⸗ genden Tage uns darſtellt. Mahomed hatte ſeinen Leuten eine dreitaͤgige Pluͤn⸗ derung und ungeſtraftes Morden geſtattet. Jetzt ließ er dies noch einmal bekannt ma⸗ chen. Aber ernſt war die Todesdrohung fuͤr Jeden, der Feuer anlegen, oder ſelbſt nur durch Unvorſichtigkeit eine Feuersbrunſt verurſachen wuͤrde. Daß hier nicht Menſch⸗ lichkeit oder Achtung des Eigenthums An⸗ derer zum Grunde liegen konnten, wird Jedem von ſelbſt einleuchten. Lange ſchon hatte Mahomed die ſchoͤne Lage Conſtanti⸗ nopels, wie die Pallaͤſte dieſer Stadt mit dem MWunſche, hier ſeine Reſidenz aufſchla⸗ gen zu koͤnnen, angeſehen. Was wurde bei dieſem Wunſche die rauchenden Truͤm⸗ mer und der Schutthaufen genuͤtzt haben 2 — Conſtantinopel beherrſchte durch ſeine Lage das oͤſtliche Europa, wie das abend⸗ 272 liche Aſien, zwei Meere waren durch dieſe Stadt gezuͤgelt, und nach allen Gegenden ſtand die Schiffahrt offen. Einen unge⸗ heuern Aufwand von Geld, Zeit und Kraͤften wuͤrde es erfordert haben, auf den Truͤmmern der alten Beherrſcherin zweier Meere und zweier Welttheile ein neues Conſtantinopel zu erbauen. Daher kam dieſer ſtrenge Befehl, und der Eigen⸗ nutz erſchien hier in der Maske der Menſch⸗ lichkeit.— Mit gluͤhender Mord⸗ und Raubbe⸗ gierde hatten die Eroberer faſt eine Stunde in den Straßen geſtanden, und mit Sehn⸗ ſucht dem Befehle entgegen geſehen, das Werk ihres Sieges zu vollenden, in die Haͤuſer zu brechen, und ihre Raubſucht zu ſtillen. An Mahoweds erſte Janitſcha⸗ ren Ortah kam dieſer Befehl zuerſt. Sie enthielt die Lieblinge dieſes Tyrannen; alle Anfuͤhrer, und faſt jeden einzelnen Solda⸗ ten der Ortah kannte Mahomed perſoͤnlich; —— 273 zu den gefahrvolleſten Unternehmungen fuͤhrte er ſie ſelbſt, und ein gewiſſer edler Stolz, jedes trefflichen Corps nicht un⸗ werth, zeichnete dieſe Schaar aus. Groß waren oft die Opfer, die dieſe Art von Garde brachte, aber eben ſo groß die Be⸗ lohnungen; denn zu jeder Pluͤnderung wurden ſie zuerſt gewaͤhlt, die erſte Beute war jedesmal ihr Lohn. Jetzt brachen dieſe aus ihren Gliedern, um ſich in den Stra⸗ ßen auszubreiten. An ſie ſchloſſen ſich die ungleich wuͤthendern, auf der niedrigſten Stufe der Menſchlichkeit ſtehenden Barba⸗ ren, die in Mahomeds Heere ſo gefaͤhrlich waren. Ein fuͤrchterliches Getoͤſe der Rei⸗ terei, das Wiehern und Stampfen der Pferde, das Toben der Krieger droͤhnt durch die Straßen, und erfuͤllt die ganze Stadt. Die in den Haͤuſern Verſteckten, zuruͤckgebliebene Gattinnen und Kinder, de⸗ ren Maͤnner und Vaͤter ſchon bei der Ver⸗ theidigung der Feſtungswerke und Mauern II. 3 18 224 gefallen waren; Greiſe, die zur Flucht nicht einmal einen Verſuch machten, da das Alter jede Kraft gelaͤhmt hatte; Kran⸗ ke, die einſam und verlaſſen auf ihren La⸗ gern winſelten, Alle dieſe hoͤrten das Bruͤl⸗ len und Rufen der Sieger, das Einſchla⸗ gen der verſchloſſenen Thuͤren mit einer Angſt, die jede Beſchreibung unmoͤglich macht. Ihre Angſt ſtieg immer hoͤher, je mehr das Jammergeſchrei der ſchon unter den Haͤnden der Barbaren Gemißhandel⸗ ten ſich mit dem Toben der Eroberer ver⸗ miſchte. Sie beneideten in dieſem Augen⸗ blick das Loos derer, die auf der Mauer und in den Werken getoͤdtet waren, und in dumpfer Verzweiflung endete manches edle Leben durch Selbſtmord. Doch, wir werfen den Schleier uͤber dieſe Grauen erregenden Auftritte, die mit der ſinkenden Sonne anfſingen, und zwei Tage fort⸗ dauerten; die Haͤuſer waren beſpritzt mit dem Blute ihrer gemordeten Bewohner, 275 und lange noch belehrte dieſer furchtbare Anſtrich den, der dieſe Graͤuel erblickte, uͤber die ſchreckliche Geſchichte dieſer un⸗ gluͤcklichen Stadt. Kein Eigenthum wurde verſchont; alle Behaͤlter wurden mit don⸗ nerndem Krachen aufgeſchlagen. Vierzig⸗ tauſend der Ungluͤcklichen waren gemordet, ſechzigtauſend fielen als verkaͤufliche Skla⸗ ven in die Haͤnde der Barbaren, die nun des Mordens ſatt waren. Sklaverei unter einem fernen Himmelsſtriche war ihr Loos. Getrennt und geriſſen von den Ihrigen mußten die in Aſiens und Afrika's Sand⸗ wuͤſten der uͤberharten Arbeiten erliegen, die bisher im beneideten Wohlſtande gelebt hatten.— Der Patriarch Gregorius und meh⸗ rere Moͤnche, Greiſe, die keine nervigte Fauſt zur Vertheidigung der Stadt auf⸗ weiſen konnten, lagen waͤhrend des Stur⸗ mes knieend auf den Stufen des Altars. Sie fuͤrchteten, aber ſie verzweifelten nicht. 3 6 276 Ein Strahl der Hoffnung nach dem andern blinkte durch das Dunkel, und der Glaube, der feſt. unerſchuͤtterliche Glaube an den Beiſtand Gottes fing an, die Herzen wieder aufzurichten.— Um ſie herum lag eine Menge Anderer, die wie Jene Troſt und Ruhe im Tempel ſuchten. Da warfen ſich Helena und Irene, die ver⸗ zweiflungsvoll in die Sophienkirche traten, neben Gregorius nieder. Sie wußten noch nicht, und konnten noch nicht wiſſen, daß die Feinde in die Stadt gedrungen waren, eine unerklaͤrliche Angſt trieb ſie mehr zum Tempel, als die Ueberzeugung von der Gewißheit des eigentlichen Ungluͤckes es konnte. Ihre Herzen waren gepreßt, im heißen Gebete wollten ſie jenen laſtenden Kummer erleichtern. In Thraͤnen ver⸗ ſchmolz die quaͤlende Pein, das Herz wurde leichter bei Gregorius Gebet. Da daͤuchte die Zitternden, als nahe ſich das furcht⸗ bare Getuͤmmel, das ſie bisher nur von 277 ferne gehoͤrt hatten; mit aͤngſtlicher Auf⸗ merkſamkeit ſahen Helena und Irene ſich an, ſie glaubten Eine in der Andern Ge⸗ ſicht das zu leſen, das beſtaͤtigt zu ſehen, was das bange Herz kaum zu ahnden wagte, ihr Gebet wurde von ſchweren Seufzern gehemmt, und ſelbſt Gregorius verſtummte; es gelang ihm nicht, einen gewiſſen Muth, oder wenigſtens den An⸗ ſchein dazu zu erzwingen, den er noͤthig hatte, die Kaiſerin und Irenen nur ei⸗ nigermaßen zu beruhigen. Da ſchallte triumphirend das:„Allah! Allah! Maho⸗ med!“ der ſiegenden Tuͤrken; das:„Je⸗ ſus!“ und:„Heilige Mutter Gottes!“ der Chriſten war ein Angſtgeſchrei, das jammernd in die Ohren gellte.— Grego⸗ rius ſchlug den Blick nieder; mit krampf⸗ haft gefaltenen Haͤnden kniete der Greis da, eine Menge hineinſtuͤrzender Verzwei⸗ felter, ihr Huͤlferufen, ihr Angſtgeſchrei, weckte ihn aus ſeiner Betaͤubung. Ruhig 278 richtete er ſich auf, mit der ihm angebor⸗ nen Wuͤrde blickte er die Menge an; das Zeichen des Kreuzes, das er ſegnend mit der Hand macht, verbreitet jene Stille, die ſonſt immer eine Folge dieſes Zeichens bei der Menge war.— Sie kniete nieder. In dieſem Augenblick ſchmetterte ein un⸗ geheurer, in den weiten Saͤulengaͤngen des Tempels einem Donner gleich ſchal⸗ lender Schlag die Thuͤr der Kirche ein. Erſchrocken und außer ſich ſahen die Un⸗ gluͤcklichen ſich um, wie ſchreckliche Traum⸗ geſtalten erſchienen ihnen die den Gang der Kirche herabſtuͤrmenden, bruͤllenden Barbaren; Voͤlker, deren Geſtalt und Klei⸗ dung noch kein Einwohner der unglückli⸗ chen Stadt geſehen hatte. Alles ſank zit⸗ ternd nieder, ohnmaͤchtig kniete der Greis Gregor da und druͤckte die bebende Lippe an den Schaft des Crucifixes. Vernichtet lagen Helena und Irene da, ſie konnten nicht mehr Zeuge von dem ſeyn, was ——— 279 um ſie vorging, die furchtbarſte Scene machte auf ſie kaum noch Eindruck, ſo hatte dies Alles ſie angegriffen. Und welche ſchreckliche Scene bot ſich jetzt dem Auge dar! Mehrere Tauſende der Weiber und Toͤchter, der Greiſe und der Kindheit hat⸗ ten, nach dem Beiſpiel der frommen Kai⸗ ſerin, die taͤglich den Tempel beſuchte, taͤglich mehrere Stunden vor dem Altare kniete, hier ſich eingefunden. War doch dieſer heilige Ort der einzige Platz, wo die Ungluͤcklichen ſich zuſammen ſahen, wo ſie vom vereinten Gebete um ſo groͤßere Wirkung erwarteten, je zaͤhlreicher die Schaar derer war, die hier ein Ungluͤck, ein heißes Gebet verſammelt hatte.— Und in dieſen Haufen ſtuͤrzten die Barba⸗ ren.— Sie riſſen den Muͤttern die Saͤug⸗ linge von den Armen, an den heiligen Saͤulen des Tempels klebte das Blut der Unſchuldigen, deren Stirn daran zerſchmet⸗ 1 280 tert war. Noch das einzige aber ſchreck⸗ liche Vorrecht hatten die verzweifelnden, jammernden Muͤtter, die blutigen Leichen ihrer Lieblinge zu ſehen, ehe die Reihe, gemordet zu werden, an ſie kam. Keine wurde verſchont. Habſucht war hier we⸗ niger im Spiele, teufliſche Mordluſt trieb die Barbaren an zu morden, und Blut ſchien die allgemeine Loſung zu ſeyn.— Greiſe und Kinder, Muͤtter und Toͤchter lagen in wenig fuͤrchterlichen Augenblicken gemordet auf dem Marmorboden des Hei⸗ ligthums. Ihr Blut vermehrte die Mord⸗ luſt der Feinde; in allen Winkeln des Tempels floß es gerinnend zuſammen und deckte den Alabaſter.— 3 Mehrere Anfuͤhrer dieſer Horden, mehr durch Wolluſt und Habſucht gereizt, ſtuͤrz⸗ ten nach dem Altare hin, auf deſſen Stu⸗ fen Gregor ruhig ſeinen Tod erwartete. Jener verſchwenderiſche Putz des Altars, das mit den koſtbarſten Perlen beſetzte r 4 — —,— —— — ——— 281 goldene Crucifix, die eben ſo unſchaͤtzbaren Geraͤthe des Gottesdienſtes, die goldenen Leuchter, die koſtbaren Teppiche und Dek⸗ ken, verſchwenderiſch mit Perlen und Golde geziert, Alles dies mußte die Habſucht jener Barbarenhaͤupter, denen es mehr um Gewinn, als um Vertilgung des Chriſten⸗ thums gethan war, zu ſehr reizen. Das Geſchaͤft des Mordens uberließen ſie ihren Horden ruhig, wenn dieſe ſie nur nicht in ihrem Eigennutze, in ihren Trieben, ſelbſt hier im Tempel Wolluſt zu befriedi⸗ gen, hinderten. Sie drangen nach dem Altar, ſich jener Schaͤtze zu bemaͤchtigen. Der Erſte, auf den ſie ſtießen, war Gre⸗ gor; kniend, aber entſchloſſen, lag er vor dem Altare, mit Sehnſucht den Augen⸗ blick erwartend, in welchem er ſein from⸗ mes Leben endigen wuͤrde. Fruͤher, als er ſelbſt gehofft hatte, wurde ſein Wunſch gewaͤhrt, blutig rollte ſein Haupt die Stu⸗ fen des Altars hinab zu der Kaiſerin, zu 282 Irenens Fuͤßen. Beide waren durch die bisherigen Schreckniſſe zu abgeſtumpft, als daß ſie das Grauſenerregende dieſes An⸗ blicks nach haͤtten empfinden koͤnnen. Sie gehoͤrten dieſer Welt nicht mehr an; wie haͤtte ein Auftritt auf dieſer Schaubuͤhne, und war er noch ſo angreifend, ſie noch beſchaͤftigen koͤnnen? Keine Klage kam üͤber ihre frommen Lippen, Thraͤnen hat⸗ ten ſie nicht mehr, mit Gleichguͤltigkeit ſahen ſie es an, wie das Heiligthum des Altars entweihet, wie Raͤuberfaͤuſte jene Schaͤtze, von der frommen Andacht ge⸗ ſchenkt, an ſich riſſen.— Da erblickten mehrere der Anfuͤhrer die an der knienden Kaiſerin ohnmaͤchtig liegende Irene; der Eigennutz und die Habſucht waren geſtillt, jetzt verlangte die Wolluſt ihr Opfer, und die wildeſten Flammen entbrannten jetzt in den Herzen der Sieger. Wie ein Engel der Unſchuld ſchoͤn lag Irene da, ihr Antlitz jagte die 3 —— —— 283 wilden Flammen der Wolluͤſtlinge auf den hoͤchſten Punkt; Alle ſtuͤrzten te hinzu, dieſe ſchoͤne Beute zu beſitzen, als das Lamm unter den Klauen der Tyger er⸗ wachte. Die Verzweiflung machte die Un⸗ gluͤckliche in den Augen der Wolluͤſtlinge nur ſchoͤner, die Unordnung des Anzugs machte die Beute noch reizender. Jeder wollte ſie beſitzen.— Vor Schrecken außer ſich ſchrie Irene laut auf, die Verlaſſene ſuchte ver⸗ gebens Schutz bei der eben ſo verlaſſenen Kaiſerin, als die nervigte Fauſt des einen Baſſa's ſie ergriff, um ſie aus den Armen Helenens zu reißen. Ein Streit uͤber die Beute entſtand; Jeder wollte Irenen be⸗ ſitzen, mit gezuͤcktem Saͤbel ſuchte Jeder ſein Recht an dem Beſitz der Ungluͤcklichen zu beweiſen; wuͤthend entriß Einer dem Andern das Opfer, ſtraͤubend und die letz⸗ ten ohnmaͤchtigen Kraͤfte zuſammen neh⸗ mend verſuchte die Arme ſich den Haͤnden der Raͤuber zu entwinden, der Widerſtand entflammte die Wolluſt immer mehr, und vergebens ſuchte Helena eine Ungluͤckliche zu ſchuͤtzen, der der ſchwache Beiſtand einer eben ſo Ungluͤcklichen wenig helfen konnte. Wüthend ſprang einer der Bar⸗ baren, der dem Gluͤcklichen, der Irenen aus der Kaiſerin Armen riß, dieſe Beute nicht goͤnnen wollte, mit gezogenem Schwerdte ſtuͤrzte er zwiſchen ſie, er wollte 284 Irenen morden, die Wuth machte ſeinen Hieb unſicher, und mit geſpaltenem Ge⸗ ſicht ſtuͤrzte die Kaiſerin nieder. Auf der Stufe des Altars floß ihr Blut, unter den Haͤnden der Raͤuber endete eine der edelſten Fuͤrſtinnen ihr frommes Leben.— Irene erwachte aus dem Todesſchlum⸗ mer, in welchen der Mord ihrer erſten Freundin, ihrer Mutter, ſie verſetzt hatte. Sie ſchlug die Augen auf, eine Todesſtille umgab ſie, obgleich ein Haufen jener Anfuͤhrer um ſie herumſtand. Sie ſah nicht danach hin. Allein beſchaͤftigt mit dem furchtbaren Anblick der gemorde⸗ ten Kaiſerin, die blutig vor ihr lag, ſtuͤrzte ſie unter einem lauten Jammergeſchrei auf die gemißhandelte Leiche, als ein Tuͤrke von hohem Anſtande, von einer edlen Miene ſich ihr nahete, und ſie aufrichtete. Wie aus einem fuͤrchterlichen Traume er⸗ wachend, blickte Irene auf. Sie hatte dieſen Tuͤrken unter andern Verhaͤltniſſen ſchon geſehen, ſein Geſicht war ihr be⸗ kannt, wurde ihr immer bekannter; aber wer wuͤrde verlangen, daß ſie in dieſem Tuͤrken— Mahomed haͤtte wieder erken⸗ nen ſollen? Und wirklich war er es, eben der Mahomed, dem ſie aus jener Felſen⸗ hoͤhle entflohen war.— Die Stadt war erſtuͤrmt, als Maho⸗ med an der Spitze ſeines praͤchtigen Ge⸗ V — ,— 285 folges triumphirend einzog. Sein erſter Weg war nach der Sophienkirche. Der Mufti hatte es dem Sultan zur Pflicht gemacht, dies prachtvolle Gebaͤude dem großen Propheten zu weihen, und es zur erſten Moſchee des Reiches zu umſtalten. Freude uͤber den Sieg, uͤber die Erobe⸗ rung, machten den Sultan froͤmmer und dankbarer, als er vielleicht zu jeder an⸗ dern Zeit geweſen ſeyn wuͤrde. Er ſelbſt wollte dieſe Feierlichkeit durch ſeine Ge⸗ genwart einleiten, und ſie dadurch noch mehr heben daß er dabei die Hauptrolle ſpielen wollte. Mit ſeinem ganzen Ge⸗ folge trat er in die Kirche.— Moͤglich, daß er es nicht erwartete, in dieſem Hei⸗ ligthume Stroͤme von Menſchenblut und Haufen der Leichen der Gemordeten zu finden; moͤglich, daß die Freude uͤber die Eroberung der Stadt ihn fuͤr den Augen⸗ blick beſſer gemacht hatte, da ſein Blut jetzt abgekuͤhlter war; genug, mit groͤße⸗ ſtem Unwillen ſah hier der Menſch auf Graͤuel, die der Despot kaum eines Blickes werth gehalten haͤtte. Sein Zorn erwachte, mit ſchrecklicher Stimme gebot er Schonung; an der Hand des Mufti's beſtieg er den Altar, um durch das Ober⸗ haupt des mahomedaniſchen Glaubens auf die raſende Menge um ſo mehr wirken zu koͤnnen. Scjhuͤchtern und zitternd ſtanden 286 jene in ihrem Altarraube uͤberraſchten An⸗ fuͤhrer da. Sie kannten Mahomeds un⸗ biegſamen Sinn, und die Beiſpiele waren nicht unter die unerhoͤrten zu rechnen, daß ſeine Hand ſelbſt einen Widerſpenſtigen toͤdtete. Aengſtlich ſuchten ſie die reiche Beute zu verbergen, da der Sultan mit gluͤhendem Blick ihre Reihe muſterte. Da ſah er, wie zwei derſelben ein ohnmaͤchti⸗ ges Maͤdchen unterſtuͤtzten. Er blickte ſchaͤrfer hin, es war Irene, deren Gewand mit der Kaiſerin Blute beſpritzt war. Mit dem lauten Ausruf:„Irene! Irene!“ ſtieß der Sultan jene Beiden, die ſich der Ungluͤcklichen bemaͤchtigt hatten, von der Wiedergefundenen zuruͤck. Der Ruf des Sultans, die ploͤtzliche Stille, die Huͤlfe der Umſtehenden brachten die Arme zu ſich ſeibſt. Sie erwachte. Aber, welch Er⸗ wachen!— Sie ſah Helenens blutige Leiche, die ſie mehr an ſich riß, als der Gedanke an eigene Rettung. Außer ſich ſtuͤrzte ſie uͤber die Leiche her.—„Ach, Mutter! Mutter!“ war Alles, was ſie hervorbringen konnte, ehe ſie ohnmaͤchtig in Mahomeds Arme ſank.—„Iſt dieſe Deine Mutter?“ fragte der Sultan, da er die Zitternde aus ihrem Zuſtande weckte. —„Nein, es iſt die Kaiſerin Helena. Ach, ſie war mehr als Mutter!“ wim⸗ merte Irene, und blickte mit ſtieren Augen 3 — —— ——— — 287 auf die Leiche.—„Und gemordet? Die Kaiſerin gemordet?“ fragte Mahomed, und ſchrecklich rollte ſein Blick auf die hin, die zitternd um ihn herum ſtanden. Er machte ſich in dieſem Augenblick die groͤßeſten Vorwuͤrfe, des Kaiſers entſeelten Leich⸗ nam ſo ſehr gemißhandelt zu haben, daß des ungluͤcklichen Fuͤrſten Haupt zum Signal zu weitern Grauſamkeitens hatte dienen muͤſſen, jetzt wollte er an der Gat⸗ tin erſetzen, was ſeine Hand an dem Gat⸗ ten gefrevelt hatte.—„Wer mordete dieſe treffliche Fuͤrſtin?“ rief er und zog die mit Blut gefaͤrbte kalte Hand der Entſeel⸗ ten an ſich.„Wer mordete ſie?“ wieder⸗ holte er mit ſteigender Wuth die Frage. — Zitternd fiel einer der Anfuͤhrer vor ihm nieder, er wollte ſprechen Mayomed ließ ihm nicht Zeit dazu.—„Du? Du?“ rief er, und mit geſpaltenem Haupte lag der Moͤrder durch Mahomeds kraͤftigem Saͤbel da. Moͤrderblut und Blut der Ge⸗ mordeten floß hier zuſammen.— Jetzt erwachte in Mahomeds Herzen die gluͤhendſte Liebe wieder, die er laͤngſt gegen Irenen gefuͤhlt hatte. Mit der auf⸗ merkſamſten Sorgfalt nahm er ſich ihrer an, und ſchon der Gedanke, daß der Sie⸗ ger die ungluͤckliche Kaiſerin geraͤcht hatte, der Befehl, die fuͤrſtliche Leiche mit der Achtung zu beerdigen, ſelbſt gegen die 288 Geſetze des Korans ihr eine Ruheſtaͤtte unter dem Altare zu geben, mußten die ungluͤckliche Irene viel von dem Schreckli⸗ chen, von dem Haſſenswerthen nehmen, das ſonſt der Gedanke an Mahomed fuͤr ihr Herz haben mußte. Auf Mahomeds Befehl wurde ſie nach dem Pallaſte Con⸗ ſtantins gebracht, und was Mahomeds Betragen erweckt hatte, eine gewiſſe Ach⸗ tung, wurde noch durch Freundſchaft und Bitte vermehrt. Irene fand hier die Prin⸗ zeſſin Selima. Der Sultan ſelbſt fuͤhrte Beide zuſammen. Wer wuͤrde den erſten Stein auf die Ungluͤckliche werfen, wenn die Geſchichte erzaͤhlt, daß Irene bald nachher die erſte Geliebte des Sultans war? Wie ſehr iſt die Unglückliche der Entſchuldigung werth, wenn wir ſie in dem zweiten Monate als Mahomeds Ge⸗ liebte, als Selima's Freundin ſehen! Aber, haͤtte die Ungluͤckliche damals wohl ahnden koͤnnen, daß zwei Jahr nachher eben der Arm, der ſie jetzt mit gluͤhender Liebe umfing, ſie aus Stolz und Ehrgeiz mor⸗ den wuͤrde? Ende. Gedruckt bei G. Baſſe. — 3. 5 4— — 8——— —— ““ 4 4 4 4* 5 8 4 4 8 ffffffffffffffffff 14 13 16 17