ͤ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher ung iranzö ſcher Literatur Eduard Oftmann 7 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 8 Jeih dud SSeſebehilgungen/ 3 1. Offensein der Bibliothek, Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe einerngeliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tagegz iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, b Entgegennahme eines Buches, eine Werthe veſſelben entſ rechende Summe ſſ hinterlegen, welche beiei ſen d wird. 1— 4. Abonnement. Daſſelbe ens voraus zahlt werden und pfangnahme und Rückgabe dert üchey jeden Tag von Morgens eene. Zutückgabe von nir zurückerſtattet 1 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher; 6 Büeher: auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf 1 Mr. 2 Mt.— Pf. „ 5— „ 7„ 3„„ 4„—„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihle eigenen Koſten und G fahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz, Für beſchmutzte, iſlene„verlorene und defecte Bücher(namentlich ber folchen mit upfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— J. das zerniſſene, beſchmutzte, ver⸗ 8 lorene oder defeete uch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſa des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſalbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden därf, indem Diejenigen, welche die⸗ —+. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e v Todtenhug el. —— Schaudergemaͤlde aus dem funfzehnten Jahrhundert 8 2 von C. Hildebrandt. 5 4 Erſter Theil. Quedlinburg und Leipzig, 1823, bei Gottfried Baſſe. 4. — △‿ 2 „ 82 Erſter Theil. ————yy——ÿ———— det die Zeitgenoſſen, die unter dem Seep⸗ ter dieſer Großen ein gluͤckliches Land be Exmuthigend und erfreulich iſt der Blick auf einen großen Fuͤrſten. Der Ruhm ſeiner Thaten und der Glanz, den dieſe verbreiten, faͤllt auf die Unterthanen zuruͤck; mit ehrfurchtsvoller Liebe blicken ſie auf ihren Fuͤrſten; gern uͤberſehen ſie menſch⸗ liche Schwaͤchen und willig tragen ſie die Buͤrden, die der große Fuͤrſt, durch Noth⸗ wendigkeit gezwungen, nihnen auflegen muß. Die Geſchichte ſucht alle erhabenen Zuͤge ſolcher edeln, großen Fuͤrſten hervor; ſie weiß ſie zu wuͤrdigen, und die ſpaͤte 5 Nachwelt nennt nicht nur mit ſteigender 4 Achtung ſolche Fuͤrſten, ſondern ſte bene 6 wohnten. Guſtav Adolph, Peter der Gro⸗ ße und Friedrich der Zweite werden gewiß von den ſpaͤteſten Geſchlechtern der Men⸗ ſchen mit eben der Ehrfurcht genaunt wer⸗ den, mit der ihre Zeitgenoſſen ſie nannten. Aber niederſchlagend und entmuthigend iſt der Blick auf ſchwache Fuͤrſten; der Unterthan nennt ſie nicht gern, denn er nennt in ihnen die, die den Ruhm des Vaterlandes untergruben, und ein fruͤher oft gluͤckliches Land von der Stufe herab⸗ ſtuͤrzten, auf welche beruͤhmte Fuͤrſten es hoben. Der gutmuͤthige Unterthan mag ihre Schwaͤchen entſchuldigen wie er will, er zeigt immer nur einen Fuͤrſten, der fuͤr den Thron nicht geboren iſt; der Geſchicht⸗ ſch eiber handelt immer noch am billigſten geger ſie, wenn er ihre Namen nicht er⸗ waͤhnt, und die Nachwelt wird irre in dem Glauben an die Vorſehung, die das Schickſal von Millionen in die Hand eines Schwachen legt. Beiſpiele dieſer Art ſind △ — haͤufiger, als der Menſchenfreund wuͤnſcht, 8 und ſelbſt die neuere Geſchichte liefert viele Beitraͤge zu der Erfahrung, daß ſchwache Fuͤrſten ein Land ſtuͤrzen, und daß der Thron den Schwachen nie muthig macht. Conſtantin der Elfte, der ungluͤcklichſte der griechiſchen Kaiſer, gehoͤrt in die Reihe der Fuͤrſten, die vielleicht in jedem andern Stande gluͤcklich geweſen ſeyn wuͤrden; nur gerade nicht in dem Verhaͤltniß, in welchem ſie ſich befanden. Mochte Con⸗ ſtantins Charakter als Menſch noch ſo edel ſeyn— er wurde ungluͤcklich, weil ihm gerade das fehlte, was der Fürſt beſitzen muß und was der Ungluͤckliche zu ſpaͤt, unnd nur aus Verzweiflung zeigte— Ent⸗ 8 ſchloſſenheit und feſter Sinn. Sein Land 4 6 wuͤrde gluͤcklich geweſen ſeyn, haͤtte er 1 4 dieſe beiden Eigenſchaften beſeſſen, haͤtte er ſie ſelbſt auf Koſten ſeiner ſonſtigen gu⸗ ten, liebenswuͤrdigen Grundſaͤtze beſeſſen. Schrecklich ſteht es da, das Gemälde des 8 Sturzes ſeines Reiches; das Gemaͤlde je⸗ ner Tage, in denen das von Conſtantin dem Großen tauſend Jahr fruͤher geſtif⸗ tete Reich des morgenlaͤndiſchen Kaiſer⸗ thums wankte und zuſammenſtuͤrzte. Um dieſe ſchreckliche Geſchichte ganz in ihren Quellen, in ihrem Fortgange und in ihrem fuͤrchterlichen Ausgange zu uͤberſehen, muß der Leſer den Blick auf einen fruͤheren Zeit⸗ raum zuruͤckwerfen, wenn es ihm deutlich werden ſoll, wie ein Reich mit ſolchen Vor⸗ zuͤgen, mit ſolchen Kraͤften ſtuͤrzen konnte. Kraftvolle Menſchen bewohnten es und doch konnte dieſe Kraft nicht hindern, daß Kaba⸗ len, Uneinigkeit und Partheiſucht nicht einen Thron haͤtten untergraben ſollen, den ein edles, thatenreiches Volk gegruͤndet hatte; einen Thron, den mancher treffliche Fuͤrſt zierte und der ſeiner Beſtimmung nach der Damm ſeyn konnte, an dem die Gewalt roher, halbwilder, aus Aſien eindringender Bäker ſich d ahen mußte. Conſtantino⸗ pel war die Vormauer unſeres Welttheils und blieb es ſo lange, als in dem Kaiſer⸗ hauſe Liebe und Einigkeit— als im Rei⸗ che ſelbſt Zutrauen und Sittlichkeit herrſch⸗ ten. Auf Koſten Roms, der Hauptſtadt der ganzen Welt, hatte Conſtantin der Große ſeine neue Reſidenz gehoben und bereichert. Schaͤtze und Merkwuͤrdigkeiten aller Art waren im Ueberfluß vorhanden; die Reichthuͤmer wuchſen mit jedem Tagel; Pracht und Schoͤnheit nahmen jaͤhrlich zu, bis endlich Ein ungluͤcklicher Tag den ſchon ſeit einem Jahrhundert wankenden Thron voͤllig ſtuͤrzte. Hundert Jahre vorher, ehe dieſes un⸗ gluͤckliche Kaiſerthum voͤllig ſchwand, hat⸗ ten die aus dem Innern Aſiens vorge⸗ drungenen Tuͤrken von Klein⸗Aſien aus den Verſuch gewagt, nach Europa uͤberzu⸗ ſetzen; ein Verſuch, der ihnen durch große Geldſummen, mit denen ſie genueſiſche Schiffer erkauften, nur zu ſehr gelang. 19 Mehr noch als dieſe Summen beguͤnſtigten die innern Unruhen Conſtantinopels dieſen Verſuch. Die Heere der Tuͤrken drangen faſt bis an die Donau vor, und immer noch beſchaͤftigten Kabalen und Familien⸗ uneinigkeiten den kaiſerlichen Hof in Con⸗ ſtantinopel und verblendeten die Bewoh⸗ ner dieſer Stadt. Keiner ſah die Gefahr, die über ſeinem Haupte ſchwebte; ſelbſt die Kluͤgern und Beſſern ſchwiegen; ſie wußten's im voraus, wie wenig man auf ihre warnende Stimme hoͤren wuͤrde. Der ganze Staat glich einem Maſt⸗ und Steu⸗ erloſen Schiff, das, ein Spiel der empoͤr⸗ ten Wellen, ſeinem Untergange nicht ent⸗ gehen kann.. Andronicus, einer der beſſern Regen⸗ ten, ſtarb im Jahre 1341. Familienver: Haͤltniſſe hatten es ihm zur Pflicht gemacht, 3 ſeine Gemahlin Anna in ſeinem Teſtamente 4 von der Regierung des Landes auszuſchlie⸗ ßen und ſeinen Freund Cantacuzenus zum 4 Vormunde ſeines noch unmuͤndigen Prinzen zu ernennen; eine Maaßregel, mit der die 4 Beſſerdenkenden ſehr zufrieden waren. Der Vormund war als ein ſanfter, gerech⸗ 3 ter Mann bekannt; der Prinz konnte in den bedenklichen Zeiten keine ſicherere Stuͤtze, keinen redlichern Freund finden, als Cantacuzenus es war. Aber deſto unzu⸗ friedner mit dieſer Einrichtung war die hinterlaſſene Kaiſerin Anna, die Wittwe Andronicus. Bekannt durch ihren Stolz und durch ihre Liebe zu ausſchweifendem Aufwande, konnte ſie unmoͤglich gleichguͤl⸗ tig bei den ernſten Maaßregeln bleiben, durch welche der ſeiner Pflicht ſo ſtrenge folgende Cantacuzenus der Verſchwenderin die Mittel nahm, ihre Wuͤnſche zu befrie⸗ digen. Was ſonſt eine Mutter leicht aus⸗ ſoͤhnt, der Gedanke, daß Alles zum Beſten. ihres Sohnes geſchah, war hier vergebens, und glitt fruchtlos an dem kalten Herzen einer unwuͤrdigen Mutter hin, ohne es zu 12 rühren. Eantacuzenus wurde der Gegen⸗ ſtand ihrer Rache, ihres toͤdtlichen Haſſes, und es gelang der liſtigen Verſchwenderin nur zu leicht, den Ungluͤcklichen verdaͤchtig zu machen. Mehrere Große des Reiches traten mit ihr in einen Bund; Cantacu⸗ zenus wurde des Hochverrathes beſchuldigt, und ſtatt ſich muthig zu vertheidigen, floh der in dieſem wichtigen Augenblicke ſchwache Cantacuzenus, gewarnt durch ei⸗ nen untergeſchobenen Brief, der ihm Flucht als das einzige Rettungsmittel zeigte. Gerade dieſe Flucht war es, die die Kaiſerin beabſichtigte und wuͤnſchte; ſie gab der nach Nache lechzenden Fuͤrſtin das Schwerdt in die Hand, der Entflohene wurde dadurch verdaͤchtiger, und ſelbſt die Beſſerdenkenden wurden irre an dem Mann, der ſich durch ſchimpfliche Flucht retten wollte; und, was dem Ungluͤcklichen am ſchmerzhafteſten ſeyn mußte, in der Gegend von Siliſtria, wohin er geflohen war, er⸗ —-—.—— —“—— 13 fuhr er, daß das Todesurtheil uͤber ihn ge⸗ ſprochen ſey, und daß das ganze Volk, mehr aus Furcht als aus Ueberzeugung, lauten Beifall uͤber dies Urtheil aͤußere. Jetzt war dem Ungluͤcklichen alle Huͤlfe, ſelbſt alle Hoffnung abgeſchnitten, und in dieſer Verlegenheit wandte er ſich an den tuͤrkiſchen Emir Orchanes, einen Mann, dem die ganze zerruͤttete Lage des griechi⸗ ſchen Kaiſerthums nicht nur nicht entging, ſondern der auch fuͤr ſeine Ausſichten Vor⸗ theil daraus zu ziehen ſuchte. Mit offe⸗ nen Armen empfing er den Fluͤchtling, der nun ſein Vaterland um ſo mehr haſſen mußte, je freundſchaftlicher ihn die Feinde deſſelben aufgenommen hatten. Orchanes erſte Bemuͤhung war, ſeinen Schuͤtzling auf den Thron zu ſetzen, von dem ihm das Todesurtheil geſprochen war, und das grie chiſche Kaiſerthum war ſchwach und ab⸗ haͤngig genug, war ſchon ſo tief geſunken, daß es aus der Hand der Barbaren einen — 14 Beherrſcher nahm. Mit großem Pomp, und durch dergleichen hatte ſich das griechiſche Kaiſerhaus beſtaͤndig ausgezeichnet, wurde Cantacuzenus zum Kaiſer ernannt. Die Geſchichte darf es zur Ehre dieſes ſonſt ſchwachen Fuͤrſten nicht uͤbergehen, daß er gutmuͤthig genug war, jenes uͤber ihn ſo hart ausgeſprochene Urtheil nicht zu raͤchen. Er verzieh ſeinen fruͤhern Feinden und kein Tropfen vergoſſenen Blutes befleckte ſeinen Thron. Ruhig und friedlich lebten die Griechen unter dieſem Fuͤrſten, und vielleicht dachten nur wenige daran, daß dieſe Ruhe nichts mehr als die Stille vor einem Orcan ſey, der deſto heftiger los⸗ bricht, je ſtiller die Natur vorher war. Vielleicht laͤßt ſich auch die Dankbarkeit entſchuldigen, die Cantacuzenus gegen die Tuͤrken zeigte; vielleicht war es auch mehr —— Politik als Dankbarkeit, daß er ſeine Toch⸗ ter Theodora an den Sohn des Emirs Orcha⸗ nes verheirathete, vielleicht hoffte er, daß dieſe Verbindung das Reich mehr ſichern werde, als Waffen es konnten. Aber bald ſah er zu ſpaͤt ein, wie wenig er ſich auf ſeine neuen Freunde verlaſſen konnte und wie wenig der Nachfolger des Orchanes geneigt ſey, das zu halten, was der Vor⸗ gaͤnger verſprach. Die genauere Verbin⸗ dung, in welcher die Griechen jetzt mit den Tuͤrken ſtanden, gab den letztern die guͤn⸗ ſtigſte Gelegenheit, ſich immer weiter in Europa auszubreiten und ſie benutzten dieſe Gelegenheit um ſo mehr, je groͤßer der Abſtand zwiſchen dem damals ſehr kulti⸗ virten griechiſchen Reiche, und den oͤdern Gefilden Aſtens war, die ſie ſo eben ver⸗ laſſen hatten. In dem gebildeten, ange⸗ baueten Europa immer weiter vorzudrin⸗ gen; die Schaͤtze und Reichthuͤmer dieſes Welttheils, deren Werth und Groͤße man vielleicht uͤbertrieb, zu erobern; dies wurde nun die einzige Abſicht, der feſte Plan der Tuͤrken. Sie drangen immer weiter vor 16 und Cantacuzenus, der ewigen Klagen ſei⸗ ner Unterthanen muüde, und beſorgt fuͤr eine noch ſchrecklichere Zukunft, legte in die⸗ ſer bedenklichen Lage die Regierung nieder, um in einem Kloſter ſeine unruhigen Tage zu beſchließen. Vielleicht that er dieſen entſcheidenden Schritt mehr aus wirklichem Ueberdruß, als aus Furcht vor ſeinen Fein⸗ den, unter denen der Genueſer Franzisco Catalos ſich beſonders auszeichnete. Ein ſchwacher, gegen Alles, nur nicht gegen Vergnuͤgungen gleichguͤltiger Fuͤrſt, Johan⸗ nes der Sechſte, eben der, fuͤr den Canta⸗ cuzenus Vormund geweſen war, beſtieg den Thron; ein Fuͤrſt, wie die Feinde ihn ſich nur wuͤnſchen konnten. Die Tuͤrken drangen immer weiter vor; die Namen Soliman, Amurath und Bajazeth wurden dadurch die Schrecken des griechiſchen Rei⸗ ches, daß dieſe Sultane faſt alle Provin⸗ zen des griechiſchen Kaiſerthums nahmen und ſelbſt die unweit Conſtantinopel lie⸗ —— uꝗu—B——— — 2—— ——— —— 17 gende Stadt Adrianopel zu ihrer Reſidenz waͤhlten. Alles dies war geſchehen, ohne eigentlich Krieg mit Griechenland zu haben. Es waren die Schritte deſſen, der die Ge⸗ walt hat und der Gruͤnde genug hat, ſei⸗ nem ſchwachen Feinde auch nicht einnmnal die Miene des Widerſetzens zuzu⸗ trauen. Jetzt aber, nachdem Amurath er⸗ mordet war, kam Bajazeth auf den tuͤrki⸗ ſchen Thron; ein entſchloſſener, muthiger, Alles wagender Tyrann. Ihm ſchien es vortheilhafter zu ſeyn, mit dem Ueberreſt des griechiſchen Kaiſerthums im offenen Kriege zu ſtehen, und dazu fand ſich die Gelegenheit nur zu bald. Die Schwaͤchen der griechiſchen Kaiſer und die Uneinig⸗ keiten in Conſtantinopel wußte er gut zu benutzen, und ſo ruͤckte er vor das ungluͤck⸗ liche Conſtantinopel. Vielleicht wuͤrde ſchon die Geſchichte des Jahres 1390 die Erobe⸗ rung dieſer Hauptſtadt uns zeigen, haͤtte nicht Bajazeths Unternehmen den Argwohn 2Q 18 des uͤbrigen Europa erregt und waͤre nicht der edle deutſche Kaiſer Sigismund da⸗ durch bewogen, dem wankenden Ueberreſte des griechiſchen Kaiſerthums zu Huͤlfe zu eilen. Ein ſchoͤnes Heer, faſt aus allen Voͤlkern des chriſtlichen Europa wurde aus⸗ geruͤſtet. Mit raſchen Schritten und von Nachſucht gluͤhend ging es durch Ungarn und belagerte das nicht weit vom ſuͤdlichen Ufer der Donau liegende Nicopolis. Ein Unternehmen dieſer Art mußte den muthigen Bajazeth in eine nicht ge⸗ ringe Verlegenheit bringen. Er wußte, daß er es mit einem maͤchtigen Feinde zu thun hatte; mit einem Feinde, den er zwar noch nicht kannte, von dem er aber, bei den ſchon weiter ausgebildeten Kanſten des Krieges und bei dem gluͤhenden Eifer fuͤr den chriſtlichen Glauben, Alles zu fuͤrch ten hatte. Bajazeths Entſchluß war bal gefaßt. Er hielt es fuͤr entehrend, de Feind unter den Mauern Conſtantinopel X. „ö o 19 zu erwaͤrten; dieſe Stadt konnte ihm bei dem moͤglichen Siege nicht entgehenz bei einer eben ſo moͤglichen Niederlage war ſo Alles verloren. Alles ſtand auf dem Spiele; Alles, Alles mußte gewagt werden. Von dieſem ganz richtigen Grundſatze be⸗ ſeelt, verließ er Conſtantinopel, um den Feinden entgegen zu gehen. Glaͤnzend war der Sieg, den er bei Nicopolis erfocht und merkwuͤrdig bleibt in der Geſchichte das Jahr 1396, in welchem eins der ſchoͤnſten chriſtlichen Heere zertruͤmmert wurde. Schrecklich war der Eindruck, den dieſer erſte Sieg der Tuͤrken uͤber die Chriſten auf ganz Europa machte. Verlaſſen war nun Conſtantinopel; der letzte Funken der muffnung verloſch. Bajazeth ruͤckte von neuem vor dieſe ungluͤckliche Stadt und die ſchaͤndlichſten, entehrendſten Bedingungen waren der Preis, um welchen der ungluͤck⸗ liche Kaiſer einen Frieden erkaufte, der aber nur drei Jahre gehalten wurde. 20 Bajazeth, der nun faſt das ganze grie⸗ chiſche Kaiſerland in ſeiner Gewalt ſah, ruͤckte im Jahr 1400 zum zweitenmale vor Conſtantinopel. Frech und in dem uͤber⸗ muͤthigen Tone des nichts mehr fuͤrchten⸗ den Siegers abgefaßt waren ſeine Forde⸗ rungen. Er wollte in Conſtantinopel reſi⸗ diren; Hafen, Befeſtigung, Schaͤtze und Guͤter ſollten ihm ausgeliefert werden; — er wollte, vielleicht durch eben erſt aufbluͤ⸗ hende Handelsſtaaten Europa's dazu ver⸗ mogt, den Handel und die Schiffahrt al⸗ lein beſitzen und der Kaiſer ſolle nur als gedemuͤthigter Ueberwundener einen kleinen Schatten jener Rechte behalten, die der ſtolze, durch die Einmiſchung des weſtlichen Europa aufgebrachte Ueberwinder ihm laſ⸗ ſen wollte. Der ungluͤckliche griechiſche Kajiſer Emanuel war ſchon bereit, Alles einzuwilligen, und die Stunde war ſchon beſtimmt, in welcher dem Tuͤrkiſchen Sul⸗ tane Conſtantinopels Thore geoͤffnet wer⸗ 21 den ſollten, als Bajazeth den Mankamuih des Gluͤcks erfahren mußte. Fern von den Grenzen China's er⸗ ſchien den Griechen eine Huͤlfe, auf die ſie um ſo weniger rechneten, da ſie jene Laͤnder, aus denen ihnen Huͤlfe kam, nicht einmal dem Namen nach kannten. Timur, ein Chan der Tataren, ruͤckte uͤber Tibet und uͤber die Quellen des Ganges aus dem fernen unbekannten Oſten heran. Sein Siegesruhm war ausgebreitet und groß war der Ruf ſeiner Thaten. Faſt das ganze oͤſtliche und mittlere Aſien waren von den Schwaͤrmen ſeiner zahlloſen Heere bedeckt. Aufgemuntert durch ſein bisheri⸗ ges Gluͤck wollte er ganz Aſien erobern. Mit Ehrfurcht nannten ihn die Voͤlker, mit einer Alles erwartenden Hoffnung ſahen die ungluͤcklichen Unterdruͤckten auf ihn und beſonders die Voͤlker Aſiens, die des uͤber⸗ muͤthigen Bajazeths Scepter jetzt nur zu hart fuͤhlten. 22 Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß mehrere von Bajazeth unterjochte Chans aſiatiſcher Voͤlker ihn um Schutz gegen Bajazeth anriefen; um deſto wahrſchein⸗ licher, da die Geſchichte wenig oder faſt gar keine Tyrannei von dem Timur oder Tamerlan erwaͤhnt; er vielmehr in dem Rufe des maͤchtigen Großmuͤthigen ſtand. Selbſt der griechiſche Kaiſer wandte ſich in dieſer Verlegenheit an den maͤchtigen Chan der Tataren und erhielt von ihm ſo viel, daß er hinſichtlich des griechiſchen Kaiſers eine Geſandtſchaft an Bajazeth ſandte. Tamerlan hatte erwartet, was geſchah; er hatte im voraus geſehen, daß der Bajazeth, der das Hauptheer der Chri⸗ ſten vernichtet hatte, dem jetzt die Weg⸗ nahme Conſtantinopels gewiß war, gewiß üͤbermuͤthig und ſtolz genug ſeyn wuͤrde, von dem Tamerlan keine Bedingungen an⸗ zuhoͤren. Er folgte deshalb mit einem unzaͤhlbaren Heere ſeinen Geſandten, und traf dieſe, uͤbet die ſähnoͤde Behanblung Bajazeths empoͤrt, an Syriens Grenzen. In Cappadocien ruͤckte ihm Bajazeth, trun⸗ ken von Siegeshoffnung, entgegen. Fürch⸗ terlich war die Schlacht; Bajazeth wurde überwunden und endigte ſein Leben in einem eiſernen Kaͤfig, in welchem der ſeine ſonſtige Großmuth verleugnende Sieger den Gedemuͤthigten auf ſeinen Siegeszuͤgen mit ſich herumfuͤhrte. Dieſer ganz ungehoffte Sieg brachte dem griechiſchen Reich Frieden. Die Soͤh⸗ ne des Bajazeth wagten nicht nur keine neue Angriffe, ſondern raͤumten aus Furcht vor Tamerlan mehrere Provinzen. Dieſer Sieger nahm Alles, was die Tuͤrken in Aſien beſaßen, und wahrſcheinlich wuͤrden wir jetzt eine ganz andere Geſchichte leſen, haͤtten nicht mehrere Rebellionen an den Grenzen von China den Tamerlan geboten, dahin zu eilen, von woher ſeiner Macht Gefahren droheten. Jetzt traten die Thron⸗ „b 24 folger des ungluͤcklichen Bajazeth wieder zernſter und feſter auf; faſt alle Provin⸗ zen, die die Griechen wieder genommen hatten, wurden dieſem Volke von neuem entriſſen. Amurath, des geſtuͤrzten Baja⸗ zeth Enkel, bemaͤchtigte ſich im Jahre 1421 der Stadt Adrianopel, riß die weg⸗ genommenen Provinzen wieder an ſich, ließ eine Menge fremder Truppen aus Aſien uͤberſetzen, machte ſich den chriſtlichen Hee⸗ ren, die immer noch an die Schlacht von Nicopolis dachten, mit jedem Tage furcht⸗ barer. Der Sieg bei Batna, den er den 1oten November im Jahre 1444 uͤber die Chriſten gewann, machte ſeinen Namen vol⸗ lends ſchrecklich, und am meiſten in Con⸗ ſtantinopel, faſt nur noch dem einzigen Ueberreſte des ehemaligen griechiſchen Rei⸗ ches.- 84 Nur noch Ein Mann fand ſich, der 7 ſeinem Siegeslauf Einhalt thun konnte, und dieſer war der beruͤhmte Georgius ——— Caſtriota, bekannter unter dem Namen Scanderbeg, ein Fuͤrſt von Epirus. Mit unglaublichem Heldenmuthe vertheidigte dieſer ſein vaͤterliches Erbe; kuͤhn und nahe ans Wunderbare grenzend waren die Tha⸗ ten, die er ausfuͤhrte. Vielleicht haͤtte er die Tuͤrken aus Europa verjagt; vielleicht war Conſtantinopel durch ſeinen Arm be⸗ freiet, haͤtte nicht die Uneinigkeit der abend⸗ laͤndiſchen Chriſten alle die ſchoͤnen Aus⸗ ſichten der Befreiung eines ſo ungluͤcklichen Reiches verwiſcht. Jetzt nahm es ſich Amurath ernſtlich vor, Conſtantinopel zu nehmen; ihm war dieſe Stadt, aller ihrer Schwaͤche ungeachtet, immer noch gefaͤhr⸗ lich. Sie im Ruͤcken zu wiſſen, war ein bedenklicher Umſtand; aus ihren Mauern droheten ihm, im Fall eines Sieges der Chriſten, zu große Gefahren. Aber in des Schickſals Buche ſtand, daß nicht Amurath, ſondern ſein Nachfolger Mahomed der Zweite, in der Geſchichte durch Conſtanti⸗ 26 4 nopels Eroberung und durch die Truͤmmern dieſer bedauernswerthen Stadt beruͤhmt werden ſollte. Dies im voraus als Stand⸗ punkt, auf dem wir ſtehen muͤſſen, um die rechte Ausſicht auf die rauchende Ruine des morgenlaͤndiſchen Kaiſerthums zu ha⸗ ben; jetzt nehmen wir den Anfang des, in dieſer Geſchichte uns leitenden Fadens auf. Conſtantinopels jetziger Beherrſcher, der Kaiſer Conſtantin der Elfte, faſt nur einzig in den Bezirk der Ringmauer ſei⸗ ner Hauptſtadt und des zu dieſer großen Stadt gehoͤrigen Hafens eingezwaͤngt, be⸗ fand ſich um die Zeit, als Amurath im Jahre 1451 ſtarb, in der mißlichſten Lage, in welcher je ein Fuͤrſt ſich befinden kann. Von außen mußte er ſehen, wie die Feinde des chriſtlichen Glaubens ſich immer mehr ausbreiteten und wie eine Gewitterwolke ——— 27 mit jedem Tage ſich der ungluͤcklichen Stadt immer mehr naͤherte; innerhalb der Mauern ſeines letzten Zufluchtsortes ſchlich Uneinigkeit herum und gerade da, wo Ei⸗ nigkeit noch die einzige Ausſicht zur moͤg⸗ lichen Rettung geben konnte, entfernten ſich die Herzen immer mehr von einander und kaltes Mißtrauen wohnte da, wo Lie⸗ be und Theilnahme haͤtte herrſchen ſollen. Conſtantin ſelbſt, ein Fuͤrſt, den ſein Herz eines beſſern Looſes werth machte, war hier ſchwach, wo er feſt und entſchloſſen 3 haͤtte durchgreifen muͤſſen; und nie war er nachgiebiger und weicher, als gerade dann, wenn er ſich leicht üͤberzeugen konnte, wie ſehr er durch dieſe Schwachheit den letzten, nur noch ſchwach glimmenden Funken jeder Hoffnung zur Rettung verlöͤſchte. Sein Vater, Johann der Siebente, hatte ihn auf dem Krankenbette zum Nach⸗ folger in der Regierung beſtimmt, denn Conſtantin war der aͤlteſte, als kaiſerlicher 28 Prinz geborne Sohn, und ſchon in dieſer Hin⸗ ſicht hatte Demetrius, ein aͤlterer Bruder Conſtantins, ſich uͤber dieſe anſcheinende Zu⸗ ruͤckſetzung nicht zu beſchweren, da Johann damals, als Demetrius geboren wurde, noch nicht Kaiſer war. Ueberdies gab es in Hinſicht der Thronfolge auf den griechi⸗ ſchen Thron ein ſeit Conſtantins des Gro⸗ ßen Zeiten heilig gehaltenes Geſetz, ver: moͤge deſſen Demetrius von der Ausſicht, Kaiſer zu werden, ausgeſchloſſen werden mußte. Leicht haͤtte jeder Andere ſich in dieſe Nothwendigkeit gefuͤgt; jeder andere Prinz haͤtte, den Einrichtungen des Vater⸗ landes gemaͤß, dem die Krone gern ge⸗ goͤnnt, dem das herkoͤmmliche Geſetz ein Recht dazu gab. Aber ganz anders dachte und handelte Demetrius, in deſſen Charak⸗ ter ſich ein unerſaͤttlicher Geiz, eine nie zu befriedigende Herrſchſucht, und, was ſonſt bei einem Charakter dieſer Art ſich ſelten findet, ein grenzenloſer Hang zu 29 Wolluſt mit einander vereinigten. Mit empoͤrender Bosheit hatte Demetrius dem kranken Vater wenige Stunden vor dem Tode gedrohet, jedes noch ſo auffallende Mittel zu benutzen, um den Thron zu be⸗ den feſtern und entſchloſſenern Demetrius um Nachgiebigkeit gebeten; vergebens hatte er ihm die furchtbaren Folgen der Uneinig⸗ keit und der innern Unruhen in dieſen be⸗ deenklichen Zeiten ans kalte, gefuͤhlloſe Herz gelegt; mit wildem Trotz verließ Deme⸗ trius den ſterbenden Vater und konnte es nicht einmal uͤber ſich gewinnen, der Leiche des Vaters auch nur eines Blickes zu wuͤrdigen. 16443 Trotzig und mit kochendem Blute, voll des gluͤhendſten Haſſes gegen ſeinen, nach ſeiner Meinung zu gluͤcklichen Bruder, ſaß er am Begraͤbnißtage ſeines Vaters auf dem Altan des Schloſſes. Von wilden 1 ſteigen. Vergebens hatte der ſterbende 8 Johann, ſelbſt ein aͤußerſt ſchwacher Fuͤrſt, *— 830 Begierden gefoltert uͤberſah er die in Trauer geſenkte Stadt; den von Schiffen jetzt nicht beſuchten Haſen; die Gegend nach Weſten, auf deren Huͤgeln der halbe Mond der die Stadt blokirenden Tuͤrken furchtbar drohete. In weiter Ferne gegen Oſten hob ſich aus Aſien der Berg Ida aus der Gegend, auf welcher ſonſt Troja ſtand; im fernen Suͤ⸗ den zeigten ſich ihm Gebirge und Meere. Der Gedanke an fruͤhere Zeiten erweckte den Wunſch, dies Alles zu beſitzen; ein Wunſch, an den gar zu leicht die Begierde ſich anſchloß, jedes Mittel zu verſuchen, um Herr von dieſem Allen zu werden. Daß dies Alles auf keinem rechtlichen We⸗ ge erreicht werden konnte; daß er der Moͤrder ſeines unſchuldigen Bruders wer⸗ den mußte; daß er den vom Vater auf Sohn vererbten chriſtlichen Glauben ab⸗ ſchwoͤren und ſich ganz den Tuͤrken ergeben mußte; daß er nicht anders als durch Stroͤme vergoſſenen Buͤrgerblutes zum . ——ÿℳ———— 31 Throne gelangen konnte; Alles das ſagte ihm ſein Verſtand, lehrte ihn die Geſchichte ſo manches Landes; aber das Herz gluͤhete nun einmal von wilder Begierde, und da konnte freilich die ſchwache Stimme des Nachdenkens den Sturm nicht ſtillen, der im Innern des Tollkuͤhnen tobetee. In dieſem Augenblick hoͤrte er den lauten Jubel der Menge, die vor dem Schloſſe Conſtantin zum Kaiſer ausrief und freudetrunken dem Erwaͤhlten Gluͤck wuͤnſchte. Da gingen Demetrius Begierden in Wuth uͤber. Er verbarg ſich, um nicht geſehen zu werden; außer ſich vor Glut ſtand er da mit vor die Stirn gelegten Haͤnden. Er ſah nichts; er war gegen Alles blind. Nur ſein wilder Wunſch ſtand mit flammender Schrift vor ſeiner Seele. Da nahete ſich ihm Aglaja; mit ſchuͤchternem Tritte ging ſie dem Manne naͤher, den ſie herzlich und gluͤhend liebte, den ſie, obgleich nicht ganz frei von dem 5 wohnler auf Augenblicke die mißliche Lage 3² 3 Verdachte, daß ſie ehr die Krone der Kaiſerin, als die Hand des Geliebten ſuchte, laͤngſt ſchon als abweſend am heutigen Tage der allgemeinen Freude bemerkt und vermißt hatte. Demetrius bemerkte ſie icht und Stundenlang haͤtte die Geliebte der Pfoſte des Altans ſtehen können, ohne! bemerkt zu werden. Auch ſie war unruhiger an dem heu⸗ tigen froheren Tage, deſſen Veranlaſſung, die Kroͤnung des neuen Kaiſers, jeden Ein⸗ ſeines Vaterlandes vergeſſen ließ. Jetzt„ war auch ſie unruhiger. Demetrius hatte ihr verſprochen, daß ſie ſeine Gattin wer⸗ den ſolle, ſobald er den Thron beſtiege. Aglaja, ungewiß, ob wirkliche Liebe zu dem Prinzen ſelbſt, oder ob eitler Stollz und der Wunſch des Beſitzes des Thrones die Triebfeder war, Aglaja ſahe nun dieſe einzige Hoffnung ſcheitern. Nicht edel ge⸗ nug, einem eiteln Glanze und einer ſchim⸗ 33 mernden Ausſicht zu entſagen, konnte ſie es nicht empfinden, daß Demetrius an ih⸗ ren geſchwundenen Ausſichten unſchuldig ſey; aber ſie war auch nicht boshaft ge⸗ nug, ihn um dieſer geſcheiterten Entwuͤrfe willen zu haſſen. Beide waren in der That ungluͤcklich. Aglaja uͤberdachte in dieſem Augenblick die Groͤße ihres Un⸗ gluͤcks; nachdenkend und in ſich ſelbſt ver⸗ oren ſtand ſie da, als Demetrius ſie er⸗ blickte. Freilich wollte er ſich zwingen, eine heitere, ruhigere Miene anzunehmen; aber Aglaja bemerkte nur zu bald, wie der 4 verbiſſene Zorn durch die aheuchelt⸗ Ruhe ſchimmerte. Aglaja, mochte ihr Herz noch ſo ſehr bluten, war Herr genug uͤber ſich, die Ru⸗ he zu erzwingen, die Demetrius nicht er⸗ heucheln konnte. Sie trat ihm naͤher. 1 „Und noch nicht ruhiger, Demetrius?“ fragte ſie.„Ich daͤchte doch nicht, daß der Thron des faſt ganz hingeſchwundenen 3 3 34 griechiſchen Kaiſerthums ein Gegenſtand des Neides ſeyn koͤnne.“ Sie zwang ſich dieſe Worte mit einer halb heitern, halb fpoͤttiſchen Miene vorzubringen. Finſter reichte ihr Demetrius die Hand, indem er ganz aus der erzwungenen Rolle der Hei⸗ terkeit ſiel; ſeine Abſicht war wirklich ge⸗ weſen, Aglaja aufzurichten; jetzt ſah er, daß dieſe entſchloſſener zu ſeyn ſchien als er ſelbſt.„Nicht meinetwegen wuͤnſche ich Conſtantinopels Thron,“ ſagte er ernſter, „ich wuͤnſche ihn Deinetwegen.“—„Meinet⸗ 3 wegen? Demetrius, meinetwegen? Iſt Dir etwa der Gedanke ſo ſuͤß, mich in wenig Monaten als erſte Sklavin Mahomeds zu ſehen 2—„Ich verſtehe Dich nicht, Agla⸗ ja.“—„Vielleicht weil das, was ich Dir ſage zu klar, zu deutlich iſt. Wie lange wird ſich denn der Schatten unſers Vaterlandes noch halten?— Reiſen von Monaten gehoͤr⸗ ten dazu, wenn die fruͤhern Kaiſer unſer G Vaterland umreiſen wollten— und jetzt? 3⁵ Sieh dort, jene Anhoͤhe nach Adrianopel hin iſt die abendliche Grenze des ganzen Kaiſerthums, und hier auf der oͤſtlichen Seite, die Mauer des Hafens. Sieh nur um Dich. Auf jedem Huͤgel drohet der tuͤrkiſche halbe Mond, und wie lange wird es waͤhren, ſo erblicken wir ihn ſtatt des goldnen Kreuzes auf der Sophienkirche.— Demetrius hoͤrte dieſe bedeutungsvol⸗ len Worte mit der Empfindung deſſen an, dem irgend etwas Schreckliches, das er ſchon ganz uͤberſehen und vergeſſen hatte, geſagt wird. Er hatte uͤber ſeinen Plan die wahre Lage ſeines Vaterlandes ganz G aus den Augen geſetzt. Er fuͤhlte die Wahrheit deſſen, was er jetzt gehoͤrt hatte. Aglaja's Worte weckten ihn aus dem ſchwe⸗ ren Traume, in welchem ſeine aufgeregte Phantaſie ihm nichts als die Schrecken ei⸗ ner geſcheiterten Lieblingshoffnung zeigte. Aglaja's Thraͤnen griffen ſein Herz an; mit ungewoͤhnlichem Feuer druͤckte er die — öö——— 36 Weinende an ſeine Bruſt.—„Aglaja!“ ſagte er in einer Art von Wehmuth. „Nicht der Thron iſt um ſeinetwillen mein Ziel. Beſſer, als ich es weiß, iſt es Dir bekannt, wie morſch und hinfaͤllig die Saͤu⸗ len ſind, die ihn tragen. Dich, Dich wollte ich beſitzen; Dir wollte ich den Thron an⸗ bieten, indem ich Dir meine Hand reichte. Auf dieſem Wege wollte ich Deinen Vater, Deinen trefflichen Bruder mit Dir und mir verſoͤhnen. Daree Beide doch nicht einmal an Dein vaͤterliches Haus, an Dei⸗ ne Eltern, an Deinen edeln Bruder den⸗ ken, ohne zu erroͤthen. Die heilige Mut⸗ ter des Erloͤſers mag mich einſt in meiner Todesſtunde verlaſſen, wenn ich bei dem Throne an etwas anders dachte, als Dich, die Entfuͤhrte, einſt als Kaiſerin den zuͤr⸗ nenden Eltern vorzuſtellen.“ Aglaja's Thraͤnen floſſen bei dieſen Worten haͤufiger. 1 Ihr Gewiſſen erwachte. 1 Schwer hatte ſie ſich an ihren Eltern ver⸗ 6, fündigt und laſtend lag auf ihrem Herzen der Fluch, den der ſtrenge Vater uͤber die verirrte Tochter in dem Augenblick aus⸗ ſprach, in dem er Aglaja's Entfliehen mit Demetrius erfuhr. Freilich war die Kaiſerburg Conſtantinopels der Ort nicht, an dem das Herz zu ernſtern Empfindungen geſtimmt werden konnte. Das wildere Treiben an dieſem Hofe; die kalte Gleich⸗ guͤltigkeit gegen Tugend; der verſchwende⸗ riſche Ton; der ungezuͤgelte Hang zu Ver⸗ gnuͤgungen, der bei der Schwaͤche und dem ſchaͤndlichen Beiſpiel des Regenten jedem guten Grundſatze uͤber den Kopf wachſen mußte; das Treiben und Thun der feilen Schmeichler, der wilderen Luͤſtlinge— Al⸗ les dies zuſammengenommen mußte die weichere Aglaja immer mehr von den Grundſaͤtzen frͤherer Erziehung entfernen und ſie in ein Labyrinth wilder Leiden⸗ tchaften ſturzen, aus dem das Zurechtfin⸗ den und die Ruͤckkehr nur bei ſeltenen —— V 38 Ausnahmen moͤglich ſind. Aber es gab denn doch auch Stunden und Augenblicke, in denen die Ungluͤckliche ſtaͤrker und ein⸗ dringlicher an ihren Fehltritt erinnert wur⸗ de; und dieſe ernſten Stunden— mochte uͤbrigens ihr Einfluß noch ſo kurz, ihre Wirkung noch ſo voruͤbergehend ſeyn— raͤchten dann fuͤrchterlich die Thraͤnen eines trefflichen Vaters, dem Ungluͤck einer ge⸗ liebten einzigen Tochter geweint. Eine ſolche Stunde war es, aus der Aglaja jetzt dem Geliebten naͤher trat. Helena, des Kaiſers Conſtantin des „Elften Gemahlin, verdiente mit allem Recht den Ruhm und die allgemeine Liebe, mit der die Geſchichte ihrer Zeit von dieſer trefflichen Fuͤrſtin ſpricht. Fromm, ohne Heuchlerin zu ſeyn; weiſe, ohne auf dieſen Vorzug ihres Alles umfaſſenden Geiſtes ſtolz zu ſeyn; edel und großmuͤthig, ohne mit dieſen Tugenden glaͤnzen zu wollen; feſt und ernſt, ohne den gerinaſten tadelns⸗ 3o5 werthen Eigenſinn zu zeigen, hatte ſie laͤngſt, noch ehe ihr Gemahl Kaiſer wurde, den unausbleiblichen Umſturz des Vater⸗ landes vorausgeſehen. Was die weiſe Fuͤrſtin ahndete, ſuchte die kluge Hausfrau, die liebende Gattin, die zaͤrtliche Mutter zu verhuͤten. In den Stunden, in denen ſie mit ihrem Gemahl im Kreiſe dreier liebenswuͤrdiger Kinder, als Gattin mit dem Gatten ſprechen konnte, wo ſie nicht Kaiſerin, wo ſie bloß Gattin und ſorgende Mutter war, in ſolchen einflußreichen, wich⸗ tigen Stunden war ſie bemuͤht, den ſorg⸗ loſen Gatten die Gefahren ſo vorzuſtellen, wie ihr Herz ſie fuͤhlte; war es ihre Hauptſorge, den Gemahl, den Kaiſer Con⸗ ſtantin jene Feſtigkeit, jenes Vertrauen auf goͤttliche Huͤlfe, jenen ernſten Eifer einzu⸗ floͤßen, alle uͤbrig gebliebene, durch Nach⸗ denken leicht aufzuſindende Huͤlfsmittel zu benutzen, durch deren Anwendung ſo 40 oft Wunder geſchehen. Aber alles dies glitt an dem ſchwachen Herzen des zu wenig fuͤr die Zukunft ſorgenden Kaiſers ab. Er gehoͤrte zu den Menſchen, die lie⸗ ber eine Gefahr gar nicht kennen wollen, als daß ſie ſich irgend eine quaͤlende Vor⸗ ſtellung bereiten ſollten. Das Beiſpiel ſeines verſchwenderiſchen Vaters; die Lock⸗ ſtimme der Schmeichler, die bei dieſem herrſchenden Geiſte des Uebermuthes ihre Rechnung am beſten fanden; das Behag⸗ liche des Nichtsthuns und des Vertrauens auf die Huͤlfe der abendlaͤndiſchen Chriſten, auf die der Verblendete immer noch ſich ſtuͤtzte, ob es gleich ein Leichtes geweſen waͤre, die Schwaͤche des. abendlaͤndiſchen Europa kennen zu lernen; Alles dies war Urſach, daß Conſtantin jene Warnungen ungern hoͤrte und ſie endlich gar vermied. Helena konnte nun— und fie war —— — ͦ⏑⅛½äy—C-— ——— 41 jetzt noch nicht Kaiſerin— ihre Thraͤnen allein weinen, und es iſt gewiß keine ſchwer zu errathende Frage, mit welchen Gefuͤh⸗ len die edle Ungluͤckliche in ſolchen Stun⸗ den ihre drei Kinder ans Herz gedruͤckt haben mag. Oft hatte ſie ihren Gemahl gebeten, der Kaiſerkrone zu entſagen und dem Demetrius dieſe Wuͤrde zu uͤberlaſſen; oft ſtellte ſie ihrem Gemahl vor, wie un⸗ gleich entſchloſſener, tapferer und feſter De⸗ metrius ſey und wie gerade ein Fuͤrſt von ſolchen Eigenſchaften im Stande ſey, einen wankenden Thron zu befeſtigen; aber dann regte ſich Conſtantins Stolz, dann erhob ſich die Stimme derer, die bei des ſchwaͤ⸗ chern Conſtantins Regierung ſchoͤnere und frohere Tage im Hintergrunde der Buͤhne ſahen; dann vergaß man Amuraths und Mahomeds Macht, die, Untergang, drohend vor den Marken des ungluͤcklichen Vater⸗ landes lag, und Conſtantin war in nichts 4² ſo feſt als in dem Entſchluß, als Kaiſer einen Thron zu beſteigen, den ſeine Schwaͤ⸗ che ſtuͤrzen mußte. Eiinne fruchtloſe Unterredung dieſer Art hatte Helena am Morgen des entſchei⸗ denden Tages mit Conſtantin gehabt. Vergebens hatte ſie ihm vorgeſtellt, daß Demetrius in den jetzigen Verhaͤltniſſen des Vaterlandes ein gluͤcklicherer Kaiſer ſeyn werde; vergebens hatte ſie Conſtantin gebeten, der Nachfolge auf den Thron zu entſagen. Ernſt hatte Conſtantin erklaͤrt, daß er Demetrius noch mehr fuͤrchte als Amurath und Mahomed, und daß er den Bruder gewiß noch aus der Welt ſchaffen muͤſſe. Kaum hoͤrte die Edle dieſe Worte, als der Ton der Trompeten ihr ſchon ver⸗ kündigte, daß Conſtantin zum Kaiſer ge⸗ waͤhlt ſey und daß in Zeit von wenigen Stunden er oͤffentlich ausgerufen und ge⸗ —,— ᷣↄo—— —— 43 kroͤnt werde. Helena konnte nicht begrei⸗ fen, woher der ſonſt ſo ſchwache Mann den Muth bekam, ihr zu befehlen, ihm in die Sophienkirche zu folgen. Erſtaunt ſah ſie ihn an.—„In zwei Stunden holt Dich der Hof ab,“ ſagte er freudetrunken.— Helena konnte auf dieſe Aeußerung nichts erwiedern. Der Gedanke, ihren ſchwachen Gemahl als Kaiſer, als Feind der maͤchtigen Tuͤrken auf dem morſchen Throne zu wiſſen, hatte etwas zu Schreck⸗ liches fuͤr ſie. Fuͤhlte ſie es doch, daß Conſtantin fuͤr einen ſolchen Poſten nicht gemacht war, und ſah ſie es doch im vor⸗ aus, daß er, der Gatte, der Kaiſer, das Land gewiß ſtuͤrzen werde. Conſtantin verließ ſie. Die Arme ſchmuͤckte ſich wie ein Opfer, das zum Todesgange geſchmuͤckt wird. Thraͤnen floſſen in den Schmuck; der Unglücklichen waren die Dienerinnen 44 heute laͤſtig; ſie wollte allein ſeyn, ihre Thraͤnen ſollte Niemand ſehen. Im Garten des Pallaſtes war eine Grotte, zu der auf der hoͤhern Terraſſe ein ſchoͤner, ſchattenreicher Weg am Meere hin⸗ fuͤhrte. Hierher ging Helena, um allein zu ſeyn; ihre Kinder folgten und unmoͤg⸗ lich war es der beſorgten Mutter, die Lie⸗ ben in der ſo wichtigen Stunde von ſich zu weiſen. Da kam ihr Aglaja entgegen, eben ſo traurig, eben ſo unruhig, eben ſo mit dem Siegel des Truͤbſinns auf der Stirn, wie die Kaiſerin ſelbſt. Ob Helena Recht hatte, wenn ſie Aglaja's Kummer aus der fehlgeſchlagenen Hoffnung zum Throne her⸗ leitete, wird der Gang der Unterredung leh⸗ ren. Helena glaubte nun einmal, ihre Feindin in Aglaja ſehen zu muͤſſen, und dies aus dem Grunde, daß Aglaja an De⸗ metrius Hand aus dem vaͤterlichen Hauſe 45 zu Genua entflohen war. Einen ſolchen Fehltritt, ein ſolches Verſtoßen gegen weib⸗ liche Tugend wuͤrde die fromme Kaiſerin einer Heiligen nicht verziehen haben. Auf der andern Seite wuͤrde es ihr lieb gewe⸗ ſen ſeyn, wenn Aglaja den Demetrius auf den Thron brachte; allein dann war ihr die Vorſtellung, eine aus der Eltern Arm Entflohene als Kaiſerin zu ſehen, zu empoͤrend. Hatte ſie doch ſchon zu viel bemerkt, welche traurige Folge es fuͤr ein Land hat, wenn das Oberhaupt ſchwach iſt; welche noch ungleich ſchrecklichere Fol⸗ gen mußte es haben, wenn das Laſter— und dafuͤr erklaͤrte ſie Aglaja's Fehltritt* auf dem Throne herrſchte. Zwei Jahr war Aglaja an Conſtantins Hofe geweſen, und noch nie hatte Helena ein Wort mit ihr gewechſelt. Wie feindſelige Weſen hatte Eine die Andere vermieden. Jetzt bog Helena um einen blühenden Strauch, und 45 Aglaja ſtand vor ihr. Beide erſchraken; Beide ſtanden verlegen da, als Helenens juͤngſtes Kind Aglaja entgegenſprang. Oft ſchon hatten dieſe Beiden ſich geſehen, ſich geſprochen; Stundenlang hatten die Waͤr⸗ terinnen Sophien allein bei Aglaja gelaſf⸗ ſen, ohne daß Helena es wußte.— „O, Mutter, unſre Aglaja weint! Sieh ſie nur an!“ ſagte die Kleine und ſchmiegte ſich an die verlegene Aglaja. Vielleicht noch verlegener ſtand Helena da.„Kennſt Du Aglaja, meine Tochter?“— Dieſe Fra⸗ ge war alles, was die ſich ungluͤcklich fuͤh⸗* lende Mutter vorbringen konnte. Aglaja ſtand zitternd und gluͤhend da.—„O, Mutter, Aglaja iſt ſo gut, ſo freundlich,“ ſiel die Kleine ſchmeichelnd ein.„Aber ſie weint immer, und ſagt mir nie, warum ſie es thut.“— Fuͤr Aglaja war dieſer Auf⸗ tritt zu ſtark. Sie buͤckte ſich zu dem ——— 47 Kinde nieder, ſie wollte ihre Thraͤnen ver⸗ bergen.—„Sieh, Mutter, ſie weint ſchon wieder!“ ſagte Sophie, indem ſie Aglaja ſchmeichelnd bat, doch heute ja nicht zu weinen, indem ihr Vater heute zum Kai⸗ ſer gekroͤnt werde. Moͤglich, daß dieſe Erinnerung dop⸗ pelt ſtark auf Helenens Herz wirkte; moͤg⸗ lich, daß das Mutterherz Helenens durch die unſchuldig freundlichen Aeußerungen des Kindes und durch die Anhaͤnglichkeit des kleinen Lieblings an Aglaja in dieſem Au⸗ genblick ganz anders geſtimmt wurde; ge⸗ nug, Helena ſah jetzt in Aglaja eine Un⸗ gluͤckliche, eine Bereuende. Aufmerkſam blickte ſie auf Aglaja.— Mag es immer nicht unter die Vor⸗ zuͤge des weiblichen Geſchlechts gehoͤren, daß oft ein kleiner Umſtand, ein Wortk, 48 eine Thraͤne ſein Urtheil beſtimmt, ſo wird doch gewiß Niemand die fromme Fuͤrſtin tadeln, daß ſie jetzt in dieſem ernſten, wichtigen Augenblick der Stimme des Her⸗ zens folgte, das vielleicht nie ſo verlaſſen ſich fuͤhlte, als gerade jetzt.—„Wie kam es, Aglaja, daß wir uns noch nie ſprachen?“ ſagte Helena und zwang ſich, in ihrer Verlegenheit Aglajen feſt anzuſehen. Daß dieſe in einer ſolchen Frage eine Art von Vorwurf finden mußte, daß ſie aͤngſt⸗ lich bei der Frage wurde, daß ſie ſie nicht beantworten konnte, war natuͤrlich. Hele⸗ na reichte der Verlegenen die Hand.— „Mich duͤnkt, wir Beide haͤtten uns ſo Vieles zu ſagen, liebe Aglaja!“ ſagte ſie. Da ſtuͤrzte Aglaja vor der frommen Fuͤr⸗ ſtin nieder, und benetzte unter gluͤhenden Kuͤſſen Helenens Hand mit Thraͤnen.— „O, ſteht auf, Aglaja!“ ſagte Helena und buͤckte ſich, die Knieende aufzuheben. 49 „Laßt mich, fromme, gute Fuͤrſtin!“ ſagte Aglaja.„Iſt es mir doch, als kuͤſſe ich die Hand meiner Mutter, um durch Thraͤ⸗ nen die Gute zu verſoͤhnen!“—„Ich bitte Euch, ſteht auf. Wir ſprechen uns dieſen Abend. Ich fuͤhle, daß ich Euch zu hart behandelte. Heute Abend finde ich Euch, Aglaja.“— Mit dieſen Worten verſchwand die treffliche Kaiſerin; der von ferne her von neuem erſchallende Laͤrmen und der ſchmet⸗ ternde Ton der Poſaunen ſagte ihr, daß die traurige Feierlichkeit der Kroͤnung ihres Gemahls nahe ſey.— Aglaja richtete ſich auf. Ihr war Alles wie ein ploͤtzliches Erſcheinen und Verſchwinden eines Schutz⸗ geiſtes; denn jenes bluͤhende Gebuͤſch deckte den Weg, auf dem die fromme Furſtin wegging. Sie hatte in Helenens Herz einen tiefen Blick gethan, ſie hatte das be⸗ 4 50 ſtaͤtigt gefunden, was ſie laͤngſt vermuthete, daß Helena ihren Gemahl ungern auf dem morſchen Throne Griechenlands ſahe. He⸗ lena hatte bei ihr ſehr gewonnen und in dieſer Stimmung ſuchte ſie den Demetrius, den ſie vor Unmuth außer ſich fand. Die betaͤubenden Feierlichkeiten nah⸗ men ihren Anfang. Conſtantin war zum Kaiſer von dem Biſchofe Gregorius ge⸗ kroͤnt, und gern vergaß die Menge der freudetrunkenen Bewohner der Stadt, daß nicht weit von ihrer Ringmauer die nach Eroberung und Beute durſtigen Schaaren der Tuͤrken ſich gelagert hatten. Feierlich⸗ keit wechſelte mit Feierlichkeit ab; der wilde Laͤrmen der Freude uͤbertobte jede Beſorgniß, und nur der weiſere, kluͤgere Freund ſeines Vaterlandes ahndete die Gefahren, die ſchon ſo nahe ſich zeigten. Auf dem Schloſſe wurde ein herrliches* 51 4 Gaſtmahl gegeben, Schaarenweiſe draͤngten ſich die Schmeichler an den freudetrun⸗ kenen Kaiſer, um ihm Gluͤck zu wuͤnſchen. Mit der behaglichen vertrauungsvollen Miene, deſſen, der ſich mehr Kraft zuſchreibt als er beſitzt, und der in ſeiner ſtolzen Sicherheit nicht an ſeine Schwaͤchen denkt, hoͤrte Conſtantin die Schmeichler an. Aber mit zerriſſenem, blutendem Herzen, ſtill und ernſt die großen Folgen dieſes Tages erwaͤgend, und taub und verſchloſ⸗ ſen fuͤr die laute Freude, ſaß Helena mit dem ernſten Blick der ſorgenden, fuͤrchten⸗ den, Alles fuͤrchtenden Mutter da. Mit⸗ ternacht war ſchon nahe, als ſie mit ihren Kindern den Tummelplatz der wilden Freu⸗ de verließ, um mit Aglaja, zu der ihr Herz ſich gezogen fuͤhlte, allein zu ſeyn. War doch dieſe, ihrer Meinung nach, auch ungluͤcklich; und wo konnte eine Ungluͤck⸗ liche mehr Troſt finden ‚als im Herzen einer Ungluͤcklichen. Auf ihrem einſamen Zimmer hatte Aglaja die Kaiſerin erwartet. Aglaja hatte 2— ihre Unterredung mit Demetrius bald ab⸗ gebrochen; ſie hatte geſehen, wie ganz au⸗ ßer ſich dieſer Stolze bei dem Verluſte ſeiner Ausſicht auf den Kaiſerthron warz ſie hatte gefunden, daß es vergeblich ſey, dieſem gluͤhenden Herzen ſanftere Empfin⸗ dungen der Nachgiebigkeit einzufloͤßen. Sie wuͤrde verzweifelt ſeyn, haͤtte nicht 1 die Ausſicht ihr Herz aufrecht gehalten, „daß ſie heute noch vielleicht dieſe edle, fromme Fuͤrſtin als Freundin ſehen werde. Mehrere Stunden hatte ſie die Kaiſerin ſchon erwartet; denn man hatte die Arme nicht mit zu jenen Feſtlichkeiten gebeten, da Demetrius noch an dieſem Tage ver⸗ ſchwunden und nirgends aufzufinden war. 53 Miit Beſcheidenheit und herzlichem Zu trauen nahete fich Aglaja der eintretende Kaiſerin, die, muͤde und uͤberſatt des An blicks jener wildern Freude, deren Laͤrme bis in das ſtille Heiligthum der neue Freund ſchaft drang, Aglaja an ihr Her drüͤckte.—„Darf auch ich Euch Gluͤc wuͤnſchen, meine Kaiſerin?“ ſagte Aglajt und laͤchelte durch die Thraͤnen, die in ihren Augen glaͤnzten.—„Haltet Ihr mich denn fuͤr ſo gluͤcklich, daß Ihr Eure Theil⸗ nahme durch Euren Wunſch zeigt?“ fragte Helena und ſah Aglaja mit einem Blick an, aus dem dieſe bald leſen konnte, daß die Kaiſerin nichts weniger als gluͤcklich war. Aglaja ſchwieg.—„Wer weiß, wer die Ungluͤcklichſte von uns Beiden iſt!“ ſagte Helena, ohne daran zu denken, daß ſie durch eine Aeußerung dieſer Art in Agla⸗ ja's Herzen Erinnerungen an einen Fehl⸗ tritt aufregen mußte, bei dem der Menſch 54 nie gluͤcklich ſeyn kann, da nichis das Ge⸗ wiſſen beſchwichtigt. MNoöoͤglich, daß Aglaja glaubte, die Kaiferin habe dieſe Ruͤckerinnerungen zur Abſicht; dieſe Aeußerung mußte die Un⸗ gluͤckliche in eine Verlegenheit zuruͤckwer⸗ fen, die ſelbſt der Kaiſerin nicht entgehen konnte. Mit zuſammengeſchlagenen Haͤn⸗ den trat Aglaja zuruͤck; ſie fuͤhlte, wie vernichtet ſie bei dem Anblick einer Fuͤrſtin ſeyn mußte, uͤber deren Leben auch nicht der leichteſte Schatten irgend eines Fehl⸗ trittes ſchwebte, und der auch die boshafte Verlaͤumdung keinen Argwohn abgewann. —„Habe ich Euch durch dieſe unſchuldige Frage gekraͤnkt?“ fragte ſanft und herzlich Helena.„Meine Abſicht war es gewiß 4 nicht. Eine herzliche Umarmung uͤber⸗ zeugte Aglaja, daß die Kaiſerin es gewiß o meine, ats ſie fagte.—„Wuͤßtet Ihr, 55 Kaiſerin, meine Geſchichte,“ fiel Aglaja ein, „Ihr wuͤrdet mein Ungluͤck gewiß groß finden.— Die Arme ſagte dieſe weni⸗ gen Worte mit ſo viel Unterwerfung, daß die Kaiſerin ſchon dadurch auf Aglaja's Geſchichte neugierig gemacht werden mußte, haͤtte nicht das Herz Helenens dieſen Wunſch ſchon von ſelbſt gefuͤhlt. Traulich ſaßen die Beiden auf dem Polſter; Aglaja's Herz lag offen da. He⸗ lena erfuhr von ihr ſelbſt die ganze Ge⸗ ſchichte eines Fehltrittes, der Aglaja aus dem elterlichen Hauſe in die ferne Reſidenz der griechiſchen Kaiſer brachte; eine Ge⸗ ſchichte, die deſto merkwuͤrdiger fuͤr die Kaiſerin war, da die Thraͤnen der Erzaͤh⸗ lenden und der Zuhoͤrenden gar zu ſehr gegen die tobende, wilde Freude an den beſetzten Tafeln des gegenuͤber liegenden Speiſeſaales abſtachen. Erſt der Morgen . 56 trennte die beiden Freundinnen; Eine hatte in der Andern Herzen zu viel gewonnen und— mochte das Verhaͤltniß ihres Stan⸗ des noch ſo verſchieden ſeyn— Beide blie⸗ ben Freundinnen. Helena erfuhr, was ſie ſeit dem Geſpraͤch mit Aglaja ſo ſehnlich zu erfahren wuͤnſchte, die Geſchichte ihrer Freundin.. Johannes der Siebente, auch Palaä⸗ logus genannt, war, wie wir aus der Ge⸗ ſchichte wiſſen, der Vorgaͤnger des jetzigen griechiſchen Kaiſers Conſtantin des Elften. Weichlich und in allen Vergnuͤgungen er⸗ zogen, verzaͤrtelt von eben ſo ſchwachen Eitern, geſchmeichelt und zu jedem ernſten Geſchaͤfte durch feile Hoͤflinge verdorben, mußte unter ſeiner, unter der vorletzten Regierung, das Vaterland immer tiefer ſin⸗ 57 ken. Mit jedem Tage wurde die Macht der Tuͤrken drohender, und der ſchwache Kaiſer ſah ſo wenig in ſich ſelbſt, als au⸗ ßer ſich ein Mittel, dem Sturz Griechen⸗ lands vorzubeugen. Der Sieg der Tuͤr⸗ ken bei Nicopolis hatte dieſes Volk zu furchtbar gemacht, als daß der Schwache nur irgend an Rettung haͤtte denken koͤn⸗ nen. Er hatte zwei Soͤhne; einer war ihm geboren, als er noch kaiſerlicher Prinz war— eben der Demetrius, den wir aus Aglaja's Geſchichte kennen. Ein zweiter Sohn war Conſtantin der Neunte, der jetzige Kaiſer, der Gemahl der edeln Hele⸗ na. Beide Soͤhne waren in Denkungsart aͤußerſt verſchieden. Aus Conſtantin hat⸗ ten Hof, Vergnuͤgungen, Schmeichler und Wolluſt einen Schwaͤchling gemacht; De⸗ metrius war von ſeinen Eltern zuruͤckge⸗ ſetzt; kein Wunſch wurde ihm gewaͤhrt, mit Gleichguͤltigkeit behandelten ihn ſeine 688 Erltern, mit Gleichguͤltigkeit blickte der Hof auf ihn, und da war es kein Wunder, wenn in dem Herzen des zurückgeſetzten Juͤnglings ſich jener Trotz, jene Feſtigkeit 3 erzeugten, die der uͤberall geſchmeichelte Conſtantin nicht kannte. Demetrius war des Treibens und wolluͤſtigen Lebens an ſeines Vaters Hofe uͤberdruͤſſig. Sein Herz duͤrſtete nach Tha⸗ ten; zu ſtolz, ſein Herz nach der Stimmung am Hofe zu bilden und ſein Gluͤck durch Schmeicheln zu erwerben, verließ er heim⸗ lich die Reſidenzſtadt. Es war um die Zeit, als der tapfere Hunniades, oder, wie er ſonſt heißt, Johann Corvinus, der An⸗ fuͤhrer der Ungarn, die Tuͤrken an der Donau beſtaͤndig ſchlug, und ſeinen Na⸗ men fuͤr die damalige Kriegögeſchichte be⸗ rüͤhmt und furchtbar machte. Ungarns und Polens, Frankreichs und Deutſchlands kuͤh⸗ 59 ne Juͤnglinge hatten ſich ihm angeſchloſſen, und Hunniades hatte ein Heer Tapferer, wie je ein Anfuͤhrer es wuͤnſchen konnte. Seiner Tapferkeit allein mußte man es zuſchreiben, daß Amurath dem Koͤnige der Ungarn, Uladislaus, den Frieden anbieten und dieſen auf zehn Jahre mit ihm ab⸗ ſchließen mußte.— Die Reihe ungluͤcklicher Schlachten und Gefechte an den Grenzen Ungarns hatten dem Sultan Amurath in Aſien einen neuen Feind erweckt. An Perſiens Grenzen brach gegen die Tuͤrken eine Re⸗ bellion aus, und Amurath, froh, mit den abendlaͤndiſchen Chriſten auf zehn Jahr Frieden gemacht zu haben, eilte nun mit ſeinem Heere nach Natolien, um jenen Aufſtand zu daͤmpfen Mißmuthig kam Demetrius nach Conſtantinopel zurück; fuͤr ſeinen Ehrgeiz zeigte ihm der wolluſtige 60 Hof keine Erndte, mit Verdruß ſah er, wie dieſer Hang zu Vergnuͤgungen immer noch ſtieg. Unmoͤglich konnte der Kuͤhne an dieſem Hofe, wo Niemand ihn achtete, ſich gluͤcklich fuͤhlen. Aber nirgends zeigte ſich eine Ausſicht, ſeinen Wunſch zu be⸗ friedigen. Sein Vater Johannes hatte ſich, ge⸗ draͤngt von den Tuͤrken, der abendlaͤndi⸗ ſchen chriſtlichen Kirche in die Arme gewor⸗ fen; er ſelbſt war nach Ferrara zum Papſt Eugenius gereiſet, und die Vereini⸗ gung der griechiſchen und roͤmiſchen Kirche war nahe; bloß die zu harten Forderungen des Papſtes zerriſſen ein Band, das hier gluͤcklich geknuͤpft werden konnte. Mehr aus Politik als aus Gruͤnden, die die Re⸗ ligion haͤtte liefern koͤnnen, beſchloß der Papſt, einen neuen Kreuzzug gegen die Tuͤrken auszuſchreiben. Wie am Ende 4 — —— bes elſten Jahrhunderts, wurden alle chriſt⸗ lichen Maͤchte aufgeboten, ſich den Tuͤrken entgegen zu ſtellen, die jetzt durch Hunnia⸗ des gedemuͤthigt und in Aſien durch Re⸗ bellion beſchaͤftigt, keinen langen und noch weniger einen glucklichen Widerſtand er⸗ warten ließen. Der junge Koͤnig von Ungarn, Ula⸗ dislaus, war bald dahin gebracht, jenen auf Evangeliumbuch und Koran von ihm und Amurath feierlich beſchwornen Frieden zu brechen. Tauſende der kuͤhnen Ritter und Jünglinge ſchloſſen ſich an; ſie ſahen den ſchoͤnen Proſpekt einer Reihe von Sie⸗ gen uͤber den gedemuͤthigten Feind der Chri⸗ ſten, uͤber Amurath, und wenn auch hier und da ein aͤlterer, gepruͤfterer Krieger in dieſem Friedensbruch eine Art von Mein⸗ eid ſah, ſo glaubten doch die Tauſende und ſelbſt der Koͤnig Uladislaus, daß der 62 paͤpſtliche Befehl mehr gelte, als die Stim⸗ me der Ehre. Demetrius, des Aufenthaltes in Con⸗ ſtantinopel uͤberſatt, verließ den Hof und eilte nach Tarnowa, um hier das von der Donau her anruͤckende Heer der Chriſten zu erwarten. Hier kam er an, voll des gluͤhenden Eifers, ſeinen Namen beruͤhmt zu machen; aber hier wat es auch, wo ſeine Traͤume ſich auf den Thron und auf die Nachfolge ſeines Vaters in der Regie⸗ rung des ſinkenden griechiſchen Kaiſerthums verſtiegen. Unruhig, wie der Gedanke an die Zukunft ihn machen mußte, konnte er in Tarnowa nicht lange bleiben. Das Heer der Chriſten war im Anruͤcken; der Vortrab deſſelben war unter der Anfuͤh⸗ rung des Koͤnigs Uladislaus ſchon bei Belgrad uͤber die Donau gegangen, und mit gefluͤgelten Schritten eilte nun Deme⸗ 54 trius dem Heere entgegen, um ſich anzu⸗ ſchließen. 3 Da ſtieß er in dem Haͤmusgebirge auf einen Ritter, den er, der ſpaͤtern Ta⸗ geszeit und des Dunkels ungeachtet das die waldigte Schluft verbreitete, auf den erſten Blick fuͤr einen chriſtlichen Ritter er⸗ kannte. Niedergeſchlagen und traurig ſaß der Fremde unter einem Baume, indeſſen das Pferd im Graſe umher ging. Edel und einnehmend war die Miene des Rit⸗ ters, mochte auch die nahe an Verzweif⸗ lung grenzende Traurigkeit ſein ſchoͤnes Geſicht noch ſo ſehr entſtellen. Er hatte Demetrius Ankunft nicht bemerkt, ſo feſt feſſelte ihn der Gegenſtand, in deſſen Be⸗ trachtung er vertieft war. Mit herzlicher Theilnahme hatte ihn Demetrius mehrere Minuten angeſehen, ehe er vom Pferde ſtieg. 64 Der Fremde ſchien zu erſchrecken, da er angeredet wurde. Demetrius reichte ihm die Hand.—„Ihr ſcheint mit Eurem „Schickſal auf einem geſpannten Fuß zu ſtehen, fremder Ritter!“ ſagte Demetrius. „Mir geht es nicht beſſer.“—„Betraͤfe mein Ungluͤck mich allein, oder haͤtte mir mein Schickſal etwas geraubt, das ich wieder erlangen koͤnnte, ſo wuͤrde ich mich gewiß nicht bis zur Traurigkeit vergeſſen,“ war des Fremden Antwort.„So aber iſt maein Ungluͤck von der Art, daß der Name meiner ganzen Familie auf ewig gebrand⸗ markt iſt.“—„Troſtes genug fuͤr Euch, daß Ihr unſchuldig ſeyd. An Gelegenhei⸗ ten, Eurer werthen Familie Namen wie⸗ der beruͤhmt zu machen, kann es Euch nicht ſehlen. Der Feind wird und muß 3 8 8 o. zeigen. Das Vaterland und den Glauben zu retten, iſt doch in der That eine zu ſchoͤne Ausſicht, und die ſehen wir 65 vor uns.“—„Meint Ihr? Aber wenn ich mich noch ſo ſehr auszeichne, wenn ich Alles thue, was Vaterland und Glaube von mir fordern, wird da nicht der Landes⸗ verrath, deſſen ſich ein Juſtiniani ſchuldig machte, alle den Eindruck verwiſchen, den ein Anderer dieſes Namens durch Tapfer⸗ keit machen kann?“—„Ich verſtehe Euch nicht,“ erwiederte Demetrius, und ſetzte ſich neben dem Fremden nieder, zu dem ſein Herz ſich gewaltſam gezogen fuͤhlte. „Ich wuͤrde Euch bitten, mich des ſo herben Schmerzes, Euch mein Ungluͤck zu ſchildern, zu uͤberheben. Noch weiß Niemand davon, und doch iſt's mir, als laͤſe ich aus jedem Geſicht, daß der Schimpf und die Schande meines Namens bekannt ſeyn muͤſſe.“—„Alſo Juſtiniani heißt Ihr?“ fragte Demetrius.—„Ja. Viel⸗ leicht hoͤrtet Ihr dieſen Namen ſchon. 5 66 Mein Vater iſt einer der erſten Ritter in Genua, aber er muß erleben, daß ſein Bruder Schwerdt und Helm von ſich wirft und einen ſeiner Abſtammung unwuͤrdigen Handel treibt.“—„Wobei ich aber noch nichts Entehrendes ſehe.“—„Freilich wuͤrde ich ihm kein Verbrechen daraus machen, daß er's fuͤr gemaͤchlicher und be⸗ quemer haͤlt, dem Hofe von Conſtantinopel alles das zuzufuͤhren, was dort Woluſt und Verſchwendung verlangen.“— De⸗ metrius fuhr bei dieſen Worten zuſammen. Der Ritter fuhr fort.„Das moͤgen der Kaiſer Johannes und ſeine weibiſchen Prin⸗ zen an ſich und ihrem Vaterlande verant⸗ worten. Aber das iſt ſchrecklich, daß mei⸗ nes Vaters Bruder ſich zum Landesver⸗ eztter erniedrigt; daß er für Geld die Armee des Feindes, des Sultans Amurath, aus Klein⸗Aſien uͤberſetzt; daß er ſeine 4 Handelsſchiffe dazu hergiebt, um ein Reich —— — — 67 zu ſtürzen, dem er ſeine Reichthuͤmer zu verdanken hat; ſagt, Freund, ſagt ſelbſt, das that meines Vaters Bruder. Giebt es ein ſchaͤndlicheres Verbrechen?“— Die Thraͤnen ſtürzten aus den Augen des trefflichen Juͤnglings; der Gedanke an eine Treuloſigkeit dieſer Art brachte ihn außer ſich. Demetrius ſah mit ſchaͤtzender Theilnahme auf den Ritter. Vielleicht haͤtte ihn bei jeder andern Gelegenheit ſein Herz aufgefodert, jene Aeußerung des Fremden uͤber ſeinen Vater und uͤber ſich ſelbſt blutig zu rächen. Jetzt aber fuͤhlte er theils, daß der Fremde keine. Unwahr⸗ heit geſagt hatte; theils war ihm die ganze große Angelegenheit des Glaubens und des Vaterlandes zu wichtig, als daß er nicht ſich ſelbſt und das urtheil uͤber ſeinen Va⸗ ter haͤtte uͤberſehen ſollen. Mit einer wirk lich edeln und großmuͤthigen Freundlich⸗ 68 laßt das gut ſeyn, Freund!“ ſagte er. „Ihr habt wahrhaftig meinem Vater und mir, wie meinem Bruder, keinen ſonder⸗ lichen Lobſpruch ertheilt; indeß, ich will das vergeſſen, weil es leider Wahrheit iſt.“ ſer Johannes Palaͤologus, ich bin ſein aͤlteſter Sohn Demetrius.“— Der Ritter wurde verlegen. Demetrius bemerkte es. Er druͤckte den Ritter an ſeine Bruſt.— „Nicht Ein Wort, Euch etwa entſchuldigen zu wollen, Freund!“ ſagte er.„Wir Beide moͤgen uns in Hinſicht unſers Schickſals wohl mit einander vergleichen. Meine Verwandten ſchaden dem Vaterlande durch entehrende Schwaͤche; der Eurige that es aus Eigennutz. Beides iſt gleich ſtrafbar, gleich ſchaͤdlich. Laßt uns vergeſſen, was wir nicht verſchuldeten. Wir wollen ſu⸗ keit druͤckte er des Ritters Hand.—„Nun, —„Sprach ich denn von Eurem Vater?“4 —„Nicht anders. Mein Vater iſt der Kai⸗ —.— 69 chen, das gut zu machen, was Andere ver⸗ darben. Aber noch eins! ſagt mir, wie war es mit dem Verrathe Eures Oheims?“ —— —— — Juſtiniani hatte in ſeiner Schilderung nichts uͤbertrieben. Amurath hatte kaum jenen treuloſen, entehrenden Friedensbruch erfahren, als er mit den Rebellen in Aſien Frieden machte und von Perſiens Grenzen mit ſtarken Schritten nach dem Geſtade des Helleſponts eilte. Schon mitten auf ſeinem Zuge erfuhr er, daß im Archipela⸗ gus eine Flotte von ſiebzig Galeeren der Chriſten angekommen ſey, um ihm den Uebergang uͤber das Meer nach Griechen⸗ land und Ruamilien unmoͤglich zu machen. Anſtalten dieſer Art mußten den kuͤhnen Sultan in eine nicht geringe Verlegenheit ſetzen; mußten dies um ſo mehr thun, da er nun ſehr gut einſahe, daß von dem ganzen weſtlichen Europa ein ſchoͤner ern⸗ 70 ſter Plan zu ſeinem Untergange und zur Nettung des gedraͤngten griechiſchen Rei⸗ ches entworfen war; ein Plan, von dem er es einſah, daß die dabei zu fuͤrchtende Einigkeit der Chriſten nothwendig den Un⸗ tergang des tuͤrkiſchen Reiches bewirken muſſe. Amurath ſah ein, daß er noth⸗ wendig nach Europa hinuͤber muͤſſe. Aber, wie dieſer Uebergang bei dem gaͤnzlichen Mangel einer Flotte moͤglich ſey? Wie, wenn ſelbſt eine Flotte in ſeiner Gewalt war, dieſe der Wachſamkeit jener chriſt⸗ lichen, von den kuͤhnſten Seemaͤnnern be⸗ ſetzten Galeeren entgehen koͤnne?— Dies waren Fragen und Bedenklichkeiten, die Amuraths Herz mit banger Verlegenheit erfuͤllten. Ungewiß, welches Mittel er zum Uebergange waͤhlen ſolle, ruͤckte er naͤher an den Helleſpont. Jene Galeeren waren wirklich da und der groͤßte Theil der Mannſchaft ſah ſich welchen Grüͤnden Amurath ſo ſehnſuchts⸗ 21 kreuzten im Meer umher. Aber, ein ſchreck⸗ licher Sturm wuͤthete in der folgenden Nacht. Die Truͤmmern jener, dem Amu⸗ rath ſo furchtbaren Galeeren trieben an in türkiſchen Feſſeln. Daß ein Zufall die⸗ ſer guͤnſtigen Art dem, an ein blindes Schickfal glaubenden Sultan mehr als ein bloßer Zufall ſeyn mußte, war natuͤrlich. Eine Begebenheit dieſer Art mußte neuen Muth in ihm erwecken, eine neue hoffnungs⸗ reiche Ausſicht zeigte ſich und der Zufall beguͤnſtigte dies Unternehmen. In Amuraths Gefolge waren einige zuͤdiſche Aerzte. Sie merkten bald, aus voll nach Europa's Geſtade blickte; ſie ſagten ihm ihre Vermuthung.—„Ganz Recht habt Ihr, Shr Iſtaeliten e war 22 Amuraths Antwort.„Ich muß mit mei⸗ nem Heere hinuͤber nach Europa. Nur weiß ich kein Mittel, die Ueberfahrt moͤg⸗ lich zu machen. Wißt Ihr eins?%— Die Leib⸗Aerzte verſicherten dies. Auf naͤhere Nachfrage erfuhr Amurath daß ein genue⸗ ſiſcher Kaufmann mit drei ſehr großen Handelsſchiffen im Hafen von Smyrna laͤge; daß die ſer dem tuͤrkiſchen Heere alle die Kriegsbeduͤrfniſſe, die die Chriſten nicht nach ſeinem Wunſch bezahlen wollten, den Tuͤrken verkauft habe, und daß man dieſen gewiß durch eine Geldſumme dahin brin⸗ gen koͤnne, in der Gegend, in welcher die Meerenge am ſchmalſten ſey, das ganze Heer uͤberzuſetzen. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hoͤrte Amurath dieſe mit ſeinen Wuͤnſchen ſo ganz uͤbereinſtimmende Rede. Die Aerzte bekamen den Auftrag, mit Juſtiniani uͤber 73 den Plan einig zu werden; Beredtſamkeit und eine baar aufgezaͤhlte anſehnliche Summe machten den Genueſer zu einem Betruͤger. Amurath fuͤhrte ſein Heer nach Lampſaco; am dritten Morgen ſtand es bei Gallipoli auf europaͤtſchem Grund und Boden.— Ohne ſich hier laͤn⸗ ger aufzuhalten, ging Amurath uͤber Traja⸗ nopel dem Heere der Chriſten entgegen, das er in der Gegend von Adrianopel zu ſinden hoffte. Hier erfuhr er, daß die Chriſten, und namentlich der Vortrab ihres Heeres unter Uladislaus, ſich an dem ſuͤd⸗ lichen Ufer der Donau herabzoͤge, und ſo richtete er ſeinen Weg auch dahin.— Demetrius, der in den wenigen Stun⸗ den ganz der Freund des Ritters Juſtini⸗ ani geworden war, beruhigte dieſen dadurch am beſten, daß Beide ſich es verſprachen, um ſo tapferer gegen die Tuͤrken zu ſirei⸗ 74 ten, je mehr ſie ſelbſt fuͤhlten, wie noth⸗ wendig es fuͤr ihre eigene Ehre ſey, das wieder gut zu machen, was ihre Familien in dieſer Hinſicht geſchadet hatten. In der Gegend von Siliſtria trafen ſie die erſten Ritter des Vortrabes, die ſich hier bis an das Gebirge wagten, um die Ge⸗ gend kennen zu lernen. Koͤnig Uladislaus, ein junger kuͤhner Furſt, mußte ſchon durch ſeine eigene Pet⸗ ſon eine Menge der anſehnlichſten Ritter aus allen Laͤndern der Chriſtenheit in die Reilhen ſeines Heeres bringen; mehr noch that dies das Anſehen des tapfern Hun⸗ niadas, der unter Koͤnig Uladislaus einen großem Theil des Vortrabs anfuͤhrte. Eine große Anzahl Ritter aus den erſten Fami⸗ lien hatte ſich bei dem Vortrabe einge⸗ fundem. Kuͤhn, wie Hunniades war, ob dieſer gleich den ganzen Feldzug mißbilligte, ,— —— 75 waren alle die Ritter. Ehre, Vaterland, Glauben ſtanden auf dem Spiele; der Nuhm zeigte ſich in der Ferne; das Ver⸗ dienſt, den griechiſchen Kaiſerthron und mit ihm ganz Europa gegen die wilden Schwaͤr⸗ me der Aſiaten und Tuͤrken zu ſichern, war zu groß, und der Preis zu anlockend, als daß nicht jeder Ritter von Begierde gluͤhete, ſich auszuzeichnen. Eben ſo dach⸗ ten Juſtiniani und Demetrius. Beide wurden von den Rittern bewillkommt; Beide, beſonders Juſtiniani, fanden eine Menge Bekannter; Beide wurden von Ula⸗ dislaus und Hunniades mit Freude, mit Erwartung aufgenommen. Freilich gluͤhete Juſtiniani, als man dem Uladislaus das Anruͤcken Amuraths meldete, als Hunnia⸗ des die Frage aufwarf:„Aber um Alles in der Welt willen, wie kommen denn die Tuͤrken auf einmal aus Aſien nach Europa? Die Galeerenflotte ſoll auch durch Sturm 76 zerſtreut ſeyn; wie kommt Amurath uͤber den Helleſpont?“ Selbſt Demetrius war in ſeines Freun⸗ des Seele verlegen; er ſchlug den Blick nieder. Aber wie fuͤhlte ſich Juſtiniani er⸗ ſchuͤttert, als Hunniades ihn anredete: „Aber Ritter, wie mir recht iſt, kommt Ihr mit Euerm Freunde ja von der Gegend her, aus der die Tuͤrken andringen. Wißt Ihr's nicht, wo Amurath uͤberſetzte?“— „Zwiſchen Lampſaco und Gallipoli!“ ſtieß Juſtiniani heraus und gluͤhete, als haͤtte er, vor einem Richter ſtehend, ein Todes⸗ verbrechen eingeſtanden.—„Ihr ſcheint mit einer ſchrecklichen Nachricht noch hinterm Berge zu halten, Ritter!“ ſagte Hunnia⸗ des.„Seht Ihr doch ſo— wie ſoll ich ſagen— ſo beſtuͤrzt aus, als ſtaͤndet Ihr mit dem Feinde im Verrath? Wenn ich Euch nicht ſchon von fruͤhern Zeiten kennte, 7⁷ wahrlich, ich wuͤrde irre an Euch, wie an Eurem Freunde, dem Prinz Demetrius.“ Natuͤrlich, daß der Koͤnig ſelbſt und alle anweſende Ritter den Juſtiniani mit geſchaͤrfter Aufmerkſamkeit anfahen. Aber eben dieſe Aufmerkſamkeit machte es ihm zur Pflicht, ſich zu rechtfertigen. Fuͤhlte er's doch, daß von dieſem Augenblick ſeine ganze Ehre abhing, daß er dieſe durch ein offenes Geſtaͤndniß retten, durch Verheim⸗ lichung untergraben wuͤrde. Mußte er doch darauf rechnen, daß der Verrath ſei⸗ nes Oheims über kurz oder lang im Heere bekannt wurde, und daß dann der Verluſt ſeiner Ehre ganz gewiß ſey. Er nahm ſich zuſammen.—„Gern ſagte ich Euch das allein, Feldherr Hunniades!“ ſagte er. „Aber ich halte es fuͤr meine Pflicht, allen dieſen tapfern Rittern, an deren Seite ich fechte, das zu entdecken, was mich beunruhigt. * 78 Meines Vaters Bruder aus Genua hat fuͤr Geld das Heer des Feindes uͤbergeſetzt.“ Juſtiniani ſchlug bei dieſen Worten be⸗ ſchaͤmt die Augen nieder. War es ihm doch nicht anders, als muͤſſe man ihm einen großen Theil des Verrathes aufbuͤr⸗ den.—„Eures Vaters Bruder?“ fragte Hunniades.„Hoͤre ich doch zum erſten⸗ male von ihm. Euer trefflicher Vater iſt mir bekannt. Ich habe ihn im Felde be⸗ wundern und ſchätzen muͤſſen; aber von einem Bruder ſprach er nie.“—„Natuͤr⸗ lich, Feldherr, er muͤßte erroͤthen, wenn er eines Bruders erwaͤhnte, der Schwerdt und Helm mit der Elle und der Wage vertauſchte.“— Juſtiniani mußte nun die Geſchichte des ganzen Verrathes erzaͤhlen. Aufmerk⸗ ſam hoͤrte Alles zu, und mit jedem Worte fühlte ſich der treffliche Ritter ruhiger und F. — 4 79 erleichterter. Jetzt hatte er ſeine Erzaͤh⸗ lung geendigt. Hunniades reichte ihm die Hand.—„Laßt das gut ſeyn, Freund!“ ſagte er.„Jede Familie, und wenn ſie die edelſte iſt, hat ihre Auswuͤchſe, die ihr zur Schande gereichen. Ich leſe aus Eu⸗ ern Blicken, wie dieſer Verrath am Glau⸗ ben und Vaterland Euch empoͤrt. Ich hoffe, daß Ihr um deſto tapferer ſtreiten werdet. Seyd mit meiner Verſicherung in Koͤnig Uladislaus Namen zufrieden, daß Niemand Euch dieſen Verrath zurech⸗ net.“— Herzlich ſchuͤttelte Hunniades die Hand des Ritters; alle die umſtehenden Kitter verſicherten dem Verlegenen ihrer Achtung. Selbſt der Koͤnig reichte ihm die Rechte.—„Nicht wahr, Ritter Juſti⸗ niani,“ ſagte er,„Ihr ſtreitet am liebſten an meiner Seite?“— Eine groͤßere Aus⸗ zeichnung konnte dem Ritter nicht werden. Geruͤhrt dankte er dem Koͤnige. 2 80 Groß und erhaben war der Plan des Krieges, den der Alles uͤberſehende Hunnia⸗ des entworfen hatte. Man glaubte den Amu⸗ rath noch in Klein⸗Aſien, und daher be⸗ ſchloß man, den Feind dort anzugreifen und Europa, beſonders die ſchon ſehr mit⸗ genommenen Laͤnder des griechiſchen Kai⸗ ſerthums, zu ſichern. In dtei großen Ab⸗ theilungen ſollte das Heer der Chriſten auf beiden Seiten der Donau durch Bos⸗ nien, Ungarn und Siebenbuͤrgen anruͤcken. Conſtantinopel und Gallipolis ſollten die beiden Punkte ſeyn, an denen die Galee⸗ renflotte das Heer nach Aſien uͤberſetzen muͤſſe. Uladislaus und unter ihm der be⸗ ruͤhmte Hunniades, hatten den Befehl uͤber die zuerſt aufbrechende Abtheitung genom⸗ men. Ihr Ziel war die abendliche Kuͤſte des ſchwarzen Meeres; von hier aus wollte ſie nach Conſtantinopel vordringen, gleich aberſetzen, und in einer feſten Stellung ——— 81 zwiſchen Comidia und Seutari die zweite Abtheilung erwarten, waͤhrend die dritte bei Gallipoli uͤber den Helleſpont ginge. Dann wollten ſich alle drei bei Burſa zu⸗ ſammenziehen, um vereint auf Amurath loszugehen. Ein Plan, der in ſeiner Art der erhabenſte war, und der einen gewiſſen gluͤcklichen Ausgang im Proſpekt zeigte, Allein das Schickſal hatte, indem es die Fehler der Chriſten benutzte, einen andern Plan entworfen; einen Plan, der jenen ſchoͤnen Entwurf der Chriſten durchſtrich und alle Hoffnungen zur Rettung des grie⸗ chiſchen Reiches zertruͤmmerte. 8 Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß die deutſchen Fuͤrſten, und unter dieſen die beiden Herzoͤge Sachſens, Friedrich und Wilhelm, in des liſtigen Papſtes Eu⸗— genius Aufgebot zu einem allgemeinen Kreuzzuge wider die Türken, einen Plan 66 32 entdeckten, durch den der paͤpſtliche Stuhl die weltlichen Fuͤrſten entkraͤften wolle, um ſich ſelbſt zu vergroͤßern. Wenigſtens ſprechen die Geſchichtſchreiber des funſzehnten Jahr⸗ hunderts ziemlich beſtimmt daruͤber, daß dieſe angefuͤhrten Herzoͤge auf den Reichs⸗ tagen zu Nuͤrnberg und Frankfurt den ſonſt frommen und dem Papſte ſo treu ergebe⸗ nen Kaiſer Friedrich den Dritten ganz von dieſer Abſicht des Papſtes uͤberzeugten. Schon dies mußte ein Zoͤgern, eine Lang⸗ ſamkeit im Anruͤcken der Deutſchen bewir⸗ ken, die dem Ganzen außerordentlich ſchade⸗ ten. Uladislaus Vortrab war wirklich ſchon uͤber die Donau gegangen, als alle die zum Nachruͤcken beſtimmten deutſchen Huͤlfs⸗ voͤlker und Ritter noch ganz ruhig an den Ufern des Rheins und des Mains auf ihren Burgen und in ihren Wohnungen 4 83 hauſeten. Mit Erſtaunen vernahm Uladis⸗ laus, daß ſeine Huͤlfstruppen ſo zoͤgerten. Offen und ehrlich ſprach Hunniades dar⸗ uͤber; offen und ehrlich antwortete dieſer: „Das Zoͤgern will ich den Deutſchen gern vazeihen. Muß man dies Volk doch neh⸗ men, wie es nun einmal iſt; Langſamkeit liegt in ſeinem Charakter und einen raſchen Entſchluß geſchwind auszufuͤhren, iſt nicht die Sache der Deutſchen. Aber das ver⸗ zeihe ich dieſem Volke nicht, daß es uns im Stiche läßt und uns gar keine Huͤlfe ſchickt. Wahrhaftig, Koͤnig Uladislaus, glaubt es mir, das griechiſche Kaiſerthum ſtuͤrzt in nicht vollen zehn Jahren zuſam⸗ men. Nicht Amuraths Horden zertruͤm⸗ mern es, nein, die Saumſeligkeit des Abendlandes zerſtoͤrt es.“— Hart waren dieſe Worte des braven Mannes; ſchrecklich die Vorherſagung. N 84 Leider traf ſie nur zu genau ein. Kein Huͤlfsheer der abendlaͤndiſchen Chriſten er⸗ ſchien und kein von Uladislaus abgeſchick⸗ ter Bote brachte Nachricht vom Anruͤcken der Verbuͤndeten. Deſto haͤufiger waren die Meldungen von dem Annaͤhern Amu⸗ raths. Dieſer kuͤhne Feind ſah bald den ganzen Plan der Chriſten durch; das ſo ſehr weite Vorſchieben des linken Fluͤgels der Chriſten, der zugleich den Vortrab bil⸗ dete, mußte ihm Aufſchluß uͤber jenen Ent⸗ wurf geben. Vielleicht hatte er ſeine ſichern Gruͤnde, aus denen er auf das Ausbleiben der Verbuͤndeten ſchließen konnte, und da war es fuͤr ihn am gerathenſten, jenen ſo weit vorgeſchobenen Theil des chriſtlichen Heeres zu erdruͤcken, ehe ihm Huͤlfe und Unterſtützung wuͤrde. Mit raſchen Schrit⸗ ten uͤberſtieg er das Gebirge; im Angeſicht der Donau gelangte er in die Ebenen, die nach dem ſchwarzen Meere hin die Ab⸗ 85 dachung des Landes bilden. Es war ein ſchͤ⸗ ner Herbſtmorgen, als die Poſten des Heeres der Chriſten im Glanze der aufgehenden Sonne das Heer Amuraths bemerkten, wie es ſich von dem Gebirge in die Ebene herabließ. Aus allen Voͤlkern des tuͤrki⸗ ſchen Aſiens war die zahlreiche Schaar zu⸗ ſammen geſetzt, die faſt ganz aus Reiterei beſtand. Den kuͤhnen Amurath an der Spitze wiſſend, eilte das Heer in einer ſonſt ungewoͤhnlichen Geſchwindigkeit, und ehe die Chriſten es ſich moͤglich dachten, hielten die Tauſende der tuͤrkiſchen Reiter im Thale. Mit pruͤfendem Blick uͤberſah Amurath die Stellung der Chriſten, deren Fluͤgel und Ruͤcken durch das ſchwarze Meer gedeckt waren. 8 Amurath wußte, was auf dem Spiele ſtand. Hier war es nicht um einen Sieg oder um eine Niederlage gethan, deren 86 Folgen in der naͤchſten Schlacht gehoben werden konnten, oder deren Einfluß ein kluger Feind aͤndern koͤnne, wie er wolle. Hier war eine Schlacht, die die ganze Exi⸗ ſtenz eines Heeres betraf. Eine Nieder⸗ lage unter den jetzigen Umſtaͤnden, und der Osmanen Macht war auf ewige Zeiten zertruͤmmert. Ermuthigt durch einen ſol⸗ chen Sieg, haͤtten die abendlaͤndiſchen Chriſten ſich williger zu einem neuen Kreuz⸗ zuge finden laſſen; Griechenlands Kaiſer⸗ thum war gerettet; die Religionsvereini⸗ gung des morgenlaͤndiſchen und abendlaͤn⸗ diſchen Chriſtenthums waͤre zu Stande ge⸗ kommen und die folgenden Jahrhunderte haͤtten der Nachwelt eine ganz andere Geſchichte, ein ganz anderes Bild des ſid⸗ öſtlichen Europa gezeigt. Alles dies ſah und fuͤhlte Amurath. Aber eben ſo ſahen und fuͤhlten Uladislaus 1 — 8 87 und Hunniades die große Zukunft, die hier Sieg oder Niederlage bewirken mußte. Auf die zwanzigtauſend Chriſten kam hier Aues an; in ihren Waffen, in ihrem Gluͤck lag das Schickſal. des oͤſtlichen Europa. Mit ernſter Miene redete Hunniades die „Ritter und das chriſtliche Heer an. So ernſt ihm das Bild der Zukunft erſchien, ſo viel entſchloſſenen Muth zeigte er in ſei⸗ ner Anrede. Er machte ſeine Schaar auf⸗ merkſam auf das Feſte ihrer Stellung, die ihr ein Uebergewicht uͤber die Feinde gab, die immer durch einzelne Haufen angegrif⸗ fen werden konnten, ohne befuͤrchten zu muſſen, daß irgend eine feindliche Schaar den fechtenden Haufen der Chriſten in den Ruͤcken kommen, oder ſie von dem Haupt⸗ punkt des Heeres abſchneiden konnte. So erwartete man den Feind und ließ ihn ruhig in eine Stellung ruͤcken, die 4 88 der auf Alles achtende Hunniades laͤngſt als eine ſolche erkannt hatte, in der er den Feind am beſten werfen koͤnne. Kaum hatten ſich die leichten Reiter Amuraths in dieſer zu einem Reitergefechte vorzuͤg⸗ lich geeigneten Ebene aufgeſtellt, als Hun⸗ niades mit dreitauſend Ungariſcher und Polniſcher gewandter Reiter wie eine ſich entladende Gewitterwolke losbrach, die Feinde in ihrer Mitte angriff, dieſe warf, dann rechts und links unter die noch ſtehen⸗ den Beſtuͤrzten fiel und in wenigen Minu⸗ ten den ganzen Vortrab Amuraths ver⸗ nichtete. Mit ſchrecklichem Angſtgeheul flo⸗ hen die wenigen Uebergebliebenen in wil⸗ der Unordnung auf ihr Hauptheer zuruͤck, und ſuchten Rettung bei ihren Bruͤdern, die mit Schrecken die Niederlage ihrer Freunde anſahen. In der muſterhafteſten Ordnung zog X 9or. Bloͤße; er fuͤhrte Truppen, die noch nicht gefochten hatten, in die den Chriſten ſo aͤußerſt gefaͤhrliche Luͤcken; der Chriſten Schlachtordnung wurde zerriſſen, ihre Glie⸗ der trennten ſich, die einzelnen Haufen wurden umringt, und Uladislaus ſank, von Heiner feindlichen Lanze durchbohrt, entſeelt vom Pferde. Sein Roß, kenntlich an ſei⸗ nem Schmuck, riß ſich durch die Haufen der Janitſcharen; es war der erſte Todes⸗ bote des jungen Koͤnigs, und nun loͤſete ſich Alles in eine wilde, regelloſe Flucht auf, in der nur ein kleiner Theil des chriſt⸗ lichen Heeres Rettung fand. Bloß Hun⸗ niades war ſo gluͤcklich, einen Theil der Truppen bei ſich zu behalten und mit die⸗ ſem unverfolgt, wenigſtens unbeſiegt bei Siliſtria uͤber die Donau zu gehen. In den unwirthbaren Waldungen der Moldau, der Wallachei und Siebenbuͤrgens ſammel⸗ ten ſich die Truͤmmern des geſchlagenen, — . 8 1 4 4 1 — 4 8 — *——⅛ 4 9² des faſt vernichteten Heeres der Chriſten, und ſchloſſen ſich an den Haufen der Tapfern, die Hunniades in das Vaterland zuruͤckfuͤhrte. Zehntauſend Chriſten fielen an dieſem fuͤrchterlichen Tage, mehrere Tauſende waren gefangen. Aber ungleich groͤßer war der Verluſt auf Amuraths Seite. Nach der trefflichen Beſchreibung des Callimachus uͤber dieſe Schlacht, fie⸗ len bei den drei gluͤcklichen Angriffen des Hunniades Vierzigtauſend aus den Schaaren Amuraths.— Groß mußten die Folgen dieſes denk⸗ wuͤrdigen Zehnten Novembers des Jahres 1444 fuͤr die geſchlagenen Chriſten ſeyn, . Alle Hoffnung, das immer mehr ſinkende griechiſche Reich zu befeſtigen, ſchwand, ſo wit auch die Ausſicht, daß die abend⸗ laͤndiſchen Chriſten es wagen wuͤrden, ſich dem Strome entgegen zu ſtellen, 93 der nun uͤber Europa einzubrechen dro⸗ hete.— Juſtiniani und Demetrius hatten ih⸗ ren Poſten in jenem Hauptheere gehabt, das unter dem Koͤnige Uladislaus feſt ſie⸗ hen blieb, um dann zur rechten Zeit durch ſein Eindringen auf das tuͤrkiſche Heer den Sieg ganz zu vollenden. Mit Neid hatten Beide jene erſten, ſo gluͤcklichen Angriffe angeſehen; mit einem gewiſſen, kaum zu verbergenden Unmuth blieben ſie in der Reihe jener um Uladislaus feſt ſte⸗ henden Ritter. Wie gern haͤtten ſie Theil an Hunniades glaͤnzendem Angriff genom⸗ men! Wie ſehnlich erwarteten ſie das Zeichen zum Anfallen des wankenden Fein⸗ des, und wie mußte es ſie wundern, daß der Koͤnig mit jenem Befeyl ſo lange zau⸗ derte, als er ihn da noch nicht gab, als man deutlich bemerkte, daß Amurath nur — ͦ-ü————————:——— 94 mit Muͤhe die Ordnung in ſeinem Haupt⸗ heer erhielt. Ein Anfall auf dieſe wan⸗ kende Maſſe mußte entſcheidend ſeyn; die leichten Truppen der Tuͤrken haͤtten den Angriff der ſchweren, unverletzlichern Ge⸗ harniſchten um ſo weniger ertragen koͤnnen, da der Gedanke, heute ſchon dreimal von dieſen furchtbaren Gepanzerten geworfen zu ſeyn, hier ſo viel that.— Aber von alle dem geſchah nichts. Uladislaus blieb mit dem Kern des Ghriſtlichen Heeres da ſtehen, wo er den Angriff mit der Schnellig⸗ keit des Blitzes haͤtte ausfuͤhren muͤſſen; und das blutige Schlachtfeld von Varna giebt einen Beweis zu den Launen des Schick⸗ ſals, die ſich nie ſo ſtark zeigen, als auf dem Schlachtgefilde, wo die Feh⸗ ler, deren ſich der Anfuͤhrer ſchuldig macht, nur zu ſehr bemerkt und von einem thaͤtigen Feinde geraͤcht werden. Die neuere wie die aͤltere Geſchichte ——— —— 95 der Schlachten iſt reich an Belaͤgen zu dieſer Erfahrung.. „Ich weiß nicht,“ ſagte Juſtiniani zu Demetrius, der neben ihm hielt. „Ich weiß nicht, warum der Koͤnig uns hier muͤſſig ſtehen laͤßt. Stuͤrzten wir jetzt unter die Feinde— bei Gott! kein Tuͤrke kaͤme davon.“— Der Unmuth gluͤhete aus ſeinen Augen. Demetrius theilte dies Ge⸗ fuͤhl mit ſeinem Freunde.—„Ich fuͤrchte,“ ſagte er,„die Feinde ſetzen ſich und zie⸗ hen in einer Ordnung ab, in der wir ihnen nicht ſchaden koͤnnen. Ich kenne die Streit: Art der Tuͤrken und Amurath iſt ein Feind, der Geiſtesgegenwart genug hat, um un: ſere Fehler zu benutzen.“— Und wirklich traf das ein, was Demetrius fuͤrchtete. Tauſend andere Anfuͤhrer, deren Vortrab dreimal geworfen war, wuͤrden ſich gluͤcklich geprieſen haben, haͤtten ſie durch einen gut 95 gewaͤhlten und richtig geleiteten Ruͤckzug das Hauptheer retten und ihm die guͤn⸗ ſtigere Gelegenheit, den Verluſt zu raͤchen, auf eine andere Zeit zu verſchaffen koͤnnen. Ganz anders dachte Amurath. Kaum hatte er ſeine Reihen geordnet und kaum bemerkte er, daß Hunniades auf dem lin⸗ ken Fluͤgel durch die tapfere Gegenwehr Mahomeds auf Augenblicke in ſeinem Sie⸗ gesfluge gehemmt wurde, als er nicht laͤn⸗ ger mehr den ſich Vertheidigenden machte. Kuͤhn und entſchloſſen wagte er unter 8 einem fuͤrchterlichen Geſchrei und mit fri⸗ ſchen Truppen da einen Angriff, als man ihn am wenigſten befuͤrchtete. Die leich⸗ tern, gewandtern Pferde der Tuͤrken um⸗ ſchwaͤrmten Uladislaus ſchwerfaͤlligere Rei⸗ hen; die Fluͤgel der letztern wurden ge⸗ drängt, geriethen in Unordnung, und ehe Hunniades den in Verwirrung Gerathenen 2 5— I 97 zu Huͤlfe eilen konnte, ſah er ſich ſelbſt genoͤthigt, ſich gegen die Schwaͤrme der leichten tuͤrkiſchen Reiter zu ſichern. An Uladislaus Seite fochten Demetrius und Juſtiniani. Sie konnten den Tod dieſes edlen jungen Koͤnigs nicht hindern, nur raͤchen konnte ihn ihr Schwerdt und hau⸗ fenweiſe lagen die durch die beiden Freunde gefallenen Feinde da, als Juſtiniani's Pferd von der Lanze eines Aſiaten durchbohrt wurde. . Der Nitter ſtuͤrzte nieder, ſeine ſchwe⸗ rere Ruͤſtung hinderte ihn, geſchwind auf⸗ zuſtehen, als ein tuͤrkiſcher Anfuͤhrer, der laͤngſt ſchon das Wuͤthen dieſer beiden Freunde in den feindlichen Schwaͤrmen be⸗ merkt hatte, heran ſprengte, um Juſtiniani zu toͤdten. Aber in eben dem Augenblick ſah ſich Demetrius um; er vermißte ſeinen Freund, er ſah zu ſeinem groͤßten Schrek⸗ 7 —õ ken die gelbe Leibbinde, den gelben Feder⸗ ſchweif Juſtiniani's; er bemerkte, wie der Geſtuͤrzte ſich vergebens bemuͤhte, unter dem auf ihm liegenden Pferde ſich aufzuhelfen; er bemerkte den heranſprengenden Anfuͤhrer der Tuͤrken, und jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren. Mit geſpaltenem Haupte lag der Tuͤrke neben Juſtiniani. Deme⸗ trius griff den Zuͤgel des tuͤrkiſchen Pfer⸗ des, ſprang von dem ſeinigen herab, half ſeinem Freund unter dem todten Roß her⸗ vor, gab ihm das erbeutete tuͤrkiſche Pferd, und nun ſprengten der Retter und der Gerettete dahin, wo ihr Schwerdt unent⸗ behrlich zu ſeyn ſchien. Vergebens war ihre Anſtrengung. Niemand hoͤrte auf ihr Zureden; Niemand achtete in dieſer grenzenloſen Verwirrung auf ihr Beiſpiel. Die Haufen der Fluͤch⸗ tigen riſſen ſie mit fort und erſt am Ufer 99 der Donau konnte Hunniades die Truͤm⸗ mern eines der ſchoͤnſten Heere ſammlen. Es gehoͤrt hier nicht weiter in dies Ge⸗ maͤlde, daß nach dieſer ungluͤcklichen Schlact„hh ſelbſt der Schatten des vorgeſetzten Kreuz⸗. zuges verſchwand, und daß der tapfere Hunniades, dem die Verwaltung der Re⸗ gierung Ungarns uͤbertragen war, mit den Tuͤrken, ob er gleich einige ſiegreiche Gefechte mit ihnen hatte, Frieden abſchlie⸗ ßen mußte. Voll des edeln Unmuths blickten De⸗ metrius und Juſtiniani auf die Truͤmmern des Heeres, das aus bluͤhenden Juͤnglin⸗ gen voll der kuͤhnſten Hoffnungen beſtan⸗ den hatten, die aber jetzt ſchuͤchtern und aͤngſtlich, wie aufgejagtes Wild, den Mar⸗ ken ihres Vaterlandes zueilten. Da war an kein Halten, an kein Erwarten irgend einer guͤnſtigen Gelegenheit, ſich raͤchen zu 100 koͤnnen, zu gedenken. Allgemein war der Unmuth; Hoffnung kannte man nicht mehr und nichts ſchien den alles, Alles Fuͤrchten⸗ den gewiſſer, als daß Amurath auf beiden Seiten der Donau den Geſchlagenen fol⸗ gen werde. Daß dies in dem Augenblick nicht geſchah, iſt ein Beweis, daß oft Sie⸗ ger den gluͤcklichen Moment des erſten Eindrucks nicht zu benutzen verſtehen. Amurath hatte ſeinen Sieg mit dem Leben von Vierzigtauſend der Seinigen freilich theuer bezahlt; aber groß und uͤberwiegend blieb immer die Mehrzahl ſeines Heeres; groß und ungeheuer waren die Haufen wilder Aſiaten, die ſich an die Reihen des Siegers ſchloſſen. Aber er blieb ruhig den Winter uͤber zwiſchen dem Gebirge und der Donau ſtehen. Nur einzelne Haufen ſeiner kuͤhnen leichten Reiter ſtreif⸗ ten in Siebenbuͤrgen und Ungarn hinein und verbreiteten Schrecken.—— 111 vermehrte die Sorgen, in die Beduͤrfniſſe und Schulden ihn ſtuͤrzten. In ſeiner Verlegenheit verkaufte er von dem Weni⸗ gen, was er noch ſein nennen konnte, ein Stuͤck nach dem andern— als die Reihe verkauft zu werden an das, was ihm am liebſten war, an ſeine Waffen, kam. Mit außerordentlicher Vorliebe hatte er dieſen, mit Ehren getragenen Schmuck ſeiner Ju⸗ gend aufbewahrt. Oft war er, niederge⸗ beugt von Sorgen, in das einſame Stuͤb⸗ chen gegangen, in welchem ſeine Waffen hingen; der Blick auf dieſe hatte ihn ſo ſtark in die frohe Vergangenheit verſetzt, daß er daruͤber die ungluͤckliche Gegenwart vergaß. Jetzt ſollte er ſich von dieſen Waffen trennen. Seine Gattin ſtand wei⸗ nend neben ihm und erinnerte den Greis an ſeine huͤlfloſen Kinder, wenn dieſer, im ſichtbaren Kampfe mit ſich ſelbſt, zauderte, die Waffen von der Wand zu nehmen. 112 Jetzt nahm er den Helm herab, und jenes Pergament ſiel aus des Helms Schirme. Laͤnger als zwanzig Jahre hatte es hier verborgen geſteckt; Barbarini hatte dieſe Verſchreibung ganz vergeſſen. Jetzt er⸗ blickte er dies wichtige Document neuer Hoffnungen. Vor Freude zitternd entfal⸗ tete er es, muthig blickte die Gattin auf die blutigen Charaktere des Papiers, noch unruhiger und zweifelhafter auf ihren Mann, der in ſeiner Freude herausſtieß: „Gottlob, wir ſind gerettet! Sieh dies Papier, ſieh dieſe mit Blut geſchriebenen Zuͤge!“ Moͤglich, daß die Gattin fuͤrchtete, der Gatte habe ſich durch ſein Blut dem Teufel verſchrieben, denn dieſen Aberglau⸗ ben verbuͤrgen viele ſchreckliche Erzaͤhlun⸗ gen aus jener finſtern Zeit; zitternd fragte ſie den Ritter:„Die Verſchreibung iſt Blut?“—„Ja, Blut; Blut des reichen Marco Juſtiniani, mit dem er mir, ein volles 113 Recht, alles, Alles von ihm zu büte, ein⸗ raͤumte.”“ Beruhigt, daß bei dieſer Verſchreibung die Seele des Mannes nicht in Gefahr kam, vergaß ſie auf Augenblicke den Ver⸗ kauf der Waffen. Beide gingen zuruͤck in ihr aͤrmliches Zimmer. Unmuthig und dem Verzweifeln nahe ſaß Giovanni, ihr aͤlte⸗ ſter Sohn, den Kopf in die Hand gelegt, da. Finſter und nachdenkend ſah er vor ſich hin, und bemerkte nicht den Anſtrich neuer Hoffnung, der ſich uͤber der Eltern Angeſicht verbreitete. Kaum war er im Stande, die Frage feiner Mutter nach der Urſach ſeines quaͤlenden Kummers zu hoͤ⸗ ren, noch weniger ſie zu beantworten. Auf wiederholtes Erinnern ſtand er auf.—„Es iſt ſchrecklich!“ fing er im hochſten Unmuth an,„daß wir grade jetzt, jetzt arm ſeyn muͤſſen!“—„Grade jetzt?“ fragte die 8 —— 5— —— 114 Mutter beſorgt.„Waren wir es doch laͤn⸗ ger, und Du ſchienſt Dich ja in Dein Schickſal gefunden zu haben. Wie kommſt Du jetzt zu dieſer Klage?“—„Weil unſere Armuth mich an meinem Gluͤck hindert und mir jede Hoffnung raubt, auf dem einzigen Wege, der mir uͤbrig bleibt, gluͤck⸗ lich zu werden.“—„Und dieſer iſt?“ fragte die Mutter.—„Mutter, ich habe Aglaja Juſtiniani geſehen. Wird dieſe nicht mein Weib, ſo bin ich der ungluͤck⸗ lichſte Mann, und leider habe ich wenig Hoffnung dazu. Hat ſie mich doch kaum eines Blicks gewuͤrdigt, da ich in der Meſſe gegen ihr uͤber kniete. O, Gott, daß ich der Sohn eines Bettlers ſeyn muß! Waͤre mein Vater reich, wie koͤnnte ich da das große Verdienſt, daß mein Vater Aglaja's Vater rettete, geltend machen!! 1 * Mit Staunen hatte Barbarini des 115 1 Sohnes Aeußerung angehoͤrt. Mußte es ihm doch auffallen, daß das Auffinden je⸗ ner ganz vergeſſenen Verſchreibung mit ſeines Sohnes Liebe in einem und demſel⸗ ben Augenblicke zuſammen kam. Mußte doch natuͤrlich die Mutter, ihrem frommen Aberglauben gemaͤß, in dieſem wunderba⸗ ren Zuſammentreffen eine hoͤhere Hand ſpuͤren. Mit freundlicher, muͤtterlicher Liebe ergriff ſie des Juͤnglings Hand.—„Und wenn ich Dir zu Deinem Gluͤck nun gerechte Hoffnung mache?“ ſagte ſie laͤchelnd, indem die Thraͤnen der Mutterfreude in ihren Augen glaͤnzten.„Wenn ich Dir nun ſage, daß Aglaja Dein wird?“ Seinen Ohren nicht trauend ſtand der erſtaunte Giovanni, ohne ein Wort ſagen zu koͤnnen, da Er blickte bald auf ſeinen Vater, bald auf ſeine Mutter; auf Beider Geſicht las er ſein Gluͤck, ſeine Hoffnung. Der Vater reichte ihm jenes Document. Was hofft der Lie⸗ 116 bende nicht!— Giovanni ſah ſich ſchon gluͤcklich, ſah ſich um ſo gewiſſer gluͤcklich, da er wußte, in welchem Ruf der treue und der redliche Marco Juſtiniani ſtand. Froh und heiter in dieſer ſchoͤnen Ausſicht vergaß die durch dieſe ſchoͤge Zukunft er⸗ quickte Familie jedes noch ſo druͤckende Beduͤrfniß dieſes Tages. Fruͤh am folgenden Morgen ging Bar⸗ barini zu ſeinem alten Freunde und wurde mit Freuden, aber auch mit Vorwuͤrfen empfangen. Marco's Freude war unver⸗ Retter nach ſo langen Jahren wieder; konnte er doch mit ihm ſich in die hinge⸗ ſchwundenen Zeiten der fruͤhern Juͤnglings⸗ jahre zuruͤck verſetzen; konnte er doch alle jene Freuden in der Ruͤckerinnerung noch einmal genießen. Aber eben ſo ernſt wa⸗ ren die Vorwuͤrfe des Freundes, da Bar⸗ ſellt, war redlich. Fand er doch ſeinen ——— 8 119 ſetzte, dann ſehnte ich mich nach Dir. Weißt Du es noch, wie ich das Stuͤckchen Pergament mit meinem Blute beſchrieb? Er⸗ innerſt Du Dich, wie ich Dir dieſe Anwei⸗ ſung auf meinen Dank aufdringen mußte? Glaube es mir, Barbarini, ich zwang Dir dies Document nicht meinetwegen, ſondern meiner Kinder wegen auf. Wie leicht war es, ich blieb im Felde, ich wußte, Du ſtandeſt mit der blinden Gluͤcksgoͤttin nicht auf vertrautem Fuß. Sieh, da ſoll⸗ ten die Meinigen, meine Kinder, wenn ich welche bekaͤme, die Schuld an Dich und die Deinigen abtragen.“ Barbarini war geruͤhrt bei dieſen Aeußerungen des Freundes. Er war ein Gluͤcklicher, der das Aufbluͤhen ſeines Gluͤckes um ſo mehr ſchaͤtzte, je druͤckender ihm ein Jahre langes Ungluͤck geweſen war. Er reichte dem Freunde jenes Pergament. dieſe waren dankbar gegen 120 Mit ſichtlicher Freude druͤckte ſtiniani an ſein Herz.— „heilige Mutter des Erloͤſe wie ich alles, Alles thun ſen und Ehre erlauben!“ Es bedarf kaum einer Erwaͤhnung, daß Barbarini jetzt ſeine ganze traurige Lage enthuͤllte, ſo wenig als ein Beweis noͤthig iſt, daß die ungluͤck⸗ liche Familie in wenig Stunden zu einer gluͤcklichen reichen, ſich umſtaltete, es Marco Ju⸗ „Ja, ja,“ rief er, rs, Du biſt Zeuge, will, was Gewiſ⸗ Faſt jeden Tag war Barbarini bei Marco, und dieſer fuͤhlte ſich um ſo gluͤck⸗ licher im Umgange mit Freunde, da er in die jugendlichern Freu⸗ den ſeines Sohns, ſeiner Tochter und des Prinzen Demetrius nicht paßte. Auch den Retter; beſonders war es Aglaja. Mit ſteigender Hoffnung, ganz gluͤcklich durch die erreich⸗ ſeinem alten ten Wuͤnſche ſeines Sohns Giovanni zu ————— 121 werden, bemerkte Barbarini Aglaja's kind⸗ lich dankbares Benehmen, und jetzt ent⸗ deckte er, nicht ohne einige Verlegenheit, ſeinem alten Freunde jenen Wunſch des Giovanni. Ruhig hoͤrte Marco an, was ſein Freund ſagte; freundſchaftlich aͤußerte er, daß dies auch ſein Wunſch ſey, und daß er, falls Aglaja geneigt ſey, die Gat⸗ tin ſeines Sohnes zu werden, gern ſeine Einwilligung gaͤbe.— Mebr konnte der Freund dem Freunde nicht verſprechen; mehr durfte der Freund von dem Freunde nicht fordern.— Marco ſelbſt gab dem Giovanni die Erlaubniß, ſo oft als er wolle zu kommen* und jede Gelegenheit zu benutzen, die ihn dem Herzen Aglaja's naͤher brachte. Aber Giovanni gehoͤrte nicht zu den beſſern Menſchen. Schon ſeine ganze Erziehung hatte ihm das Gepraͤge eines Gedruͤckten, 122 X eines Kriechenden gegeben. Unbekannt mit der feinern Bildung der hoͤhern Staͤnde, deren anmaßenden Stolz er ſich nur zu eigen gemacht hatte, war er Fremdling in jenem Abgeſchliffenen, Unterhaltenden, und in jener edeln, liebenswuͤrdigen Drei⸗ ſtigkeit, die recht gut mit einer eben ſo lievenswuͤtdigen Beſcheidenheit beſtehen kann. Dazu kam noch, daß ſein Charakter nicht der edele, kraͤftige Charakter des Va⸗ ters war; ein Unterſchied, den der alte Macco bald bemerkte und ehrlich und offen ſeinen Zweifel an dem gluͤcklichen Erfolg der Liebe Giovanni' s aͤußerte. Aber mehr als Alles dies war Prinz Demetrius den Ausſichten Giovanni's im Wege. Ein ſchoͤner Juͤngling, erfahren in jeder feinern Kunſt der Bildung, kennt⸗ nißreich und— der Freund eines Bruders, den Aglaja grenzenlos liebte. Dieſer Juͤng⸗ —— 123 ling war uͤberdies kaiſerlicher Prinz, war aller Wahrſcheinlichkeit nach Erbe eines Thrones.— Armer Giovanni, wie konnteſt Du mit Deinem gedruͤckten, kriechenden Benehmen, mit Deiner Armuth, mit Dei⸗ ner thatenleeren, in Unmuth verſchleuderten Jugend Dich gegen einen ſolchen Nebenbuh⸗ ler in die Schranken wagen? Wie konnte Dir jenes Mitleiden entgehen, mit welchem Demetrius, Juſtiniani und Aglaja auf Dich blickten? Wie war es moͤglich, daß Du bei dem ſo entfernten Verhaͤltniß, in dem Du mit Deinem Nebenbuhler ſtandeſt, nicht jetzt noch von der Bahn zuruͤcktrateſt, auf der Du nur die Rolle des Beſirgten ſwieten konnteſt.— Wirklich fuͤhlte Giovanni dies Alles, fuͤhlte es nicht mehr, als wenn er in Mar⸗ co's Hauſe war; aber dann ſammelte er ſich wieder⸗ wenn er in der Einſamkeit in ———————————— 124 ſeines Vaters Hauſe uͤber ſeine Wuͤnſche nachdachte; dann ſuchte er in Kleinigkeiten, im gewaͤhlten Anzuge, im auserleſenen Putze ſeinen Werth, und konnte ſich nicht uͤberzeugen, daß aller dieſer Flitter in Ju⸗ ſtiniani's, in Demetrius gediegenerm und gehaltvollerm Werthe verſchwinden wuͤrde. Er wagte einen neuen Verſuch, Aglaja ſeine Liebe zu entdecken; aber es blieb bei ſeinem Verſuch und nie hatte er ſo viel Zutrauen zu ſeinem etwanigen Werthe, ſeines Herzens Luluſſhe Aglaja zu ent⸗ decken.— „Wie ſteht es mit Deiner Bewerbung um Aglaja's Hand? Wie nahm ſich mein alter Freund Marco, da Du ihm Dein Anliegen entoeckteſt?“ fragte nach faſt einem Monat der alte Barbarini ſeinen Sohn, der immer die bedenkliche Miene eines nahe an Verzweiflung grenzenden Zer⸗ 125 ſtreuten beibehielt. Giovanni ſchwieg bei dieſer Frage und ſah ernſt vor ſich hin. Der brave Alte wiederholte die Frage.— „Ich habe noch nicht mit Marco und mit Aglaja uͤber meinen Wunſch geſprochen.“— „Noch nicht geſprochen? Und warum nicht?“ —„Ich fuͤrchtete zu viel.“— Fuͤrchteteſt zu viel? Warum?“—„Weil— weil“— „Weil Du ein elender, erbaͤrmlicher Menſch biſt. Soll Dir mein Freund Marco das reichſte Maͤdchen etwa antragen? Soll er Dir's etwa noch Dank wiſſen, wenn Du aus ſeiner Hand Genua s ſchoͤnſte Perle annimmſt?“ Unwillig ging der edle Greis im Zim⸗ mer auf und nieder. Er fuͤhlte das Schimpfliche, einen ſolchen Sohn zu haben. „Ich habe in meiner Jugend ganz anders gehandelt!“ ſagte er, voll⸗Unmuth. Gio⸗ vanni ſammelte ſich, ſo gut ein ſolcher —y 3—— 126 Menſch ſich ſammeln kann.—„Ich fuͤrchte, daß Aglaja den Prinzen liebt,“ ſagte er. —„Seit wann fuͤrchteſt Du dies?“—„Seit zwei Tagen.“—„Und laͤnger als einen Monat haſt Du Zutritt in Marco’s Houſe? Und benutzeſt eine ſo edle Zeit nicht beſſer 2 ¼ — Giovanni ſchwieg. Auf einen Vorwurf dieſer Art mußte er freilich mit Stillſchwei⸗ gen antworten.— Die Geſchichte wuͤrde alle Wahrſchein⸗ lichkeit verlieren, erzaͤhlte ſie nicht, wie Aglaja immer inniger an Demetrius hing, wie die Dankbarkeit in ihm erſt den Freund und bald den Geliebten zeigte; wie Juſti⸗ niani dieſe Liebe nicht nur billigte, ſondern ſogar befoͤrderte und ſich gluͤcklich in ſeiner Schweſter, in ſeines Rettets wechſelſeitiger Liebe ſah. Zwiſchen Demetrius und Agla⸗ ja herrſchte jene zutrauliche Liebe, die es nicht noͤthig zu haben glaubt, ſich gegen ———— 127 Jemand zu verbergen; und ſo kam es den natuͤrlich, daß ſie keinem ein Geheimniß 6 war. Marco und Barbarini waren die Einzigen, die Giovanni's Plan wußten— Beide ſahen bald ein, daß dieſer Plan ſchei⸗ tern muͤſſe; Beide ſprachen mit einander und ſahen kopfſchuͤttelnd auf Giovanni, der immer noch die Hoffnung nicht aufgab, der ſich immer in ſeinen Traͤumen gluͤcklich fuͤhlte, ohne etwas zu thun, um dieſe Traͤume in Wirklichkeit zu verwandeln. Jetzt— Demetrius war faſt ein Jaihr in Genua geweſen— jetzt rief ihn ſeines Vaterlandes Lage nach Conſtantinopel. Offen und redlich theilte er Aglaja die Nachricht ſeiner Abreiſe mit. Daß ſie har⸗ uͤber erſchrak, daß ſie den Grund dieſer Trennung nicht ſo ganz in der Nothnoen⸗ digkeit fand, daß ein kleiner Anſtrich von Mißtrauen ſich uͤber ihr Herz zog, war 1 ihr, der Liebenden, gewiß zu verzeihen. Eben ſo natuͤrlich iſt's, daß Demetrius der Geliebten bewies, wie nothwendig dieſe Reiſe ſey, wie er jetzt nahe daran ſey, den Kaiſerthron zu beſteigen, wie er es ſich ſelbſt geſchworen, daß ſie den Thron mit ihm theilen ſolle. Gern glaubte Aglaja dieſen Verſicherungen, die Demetrius treu meinte. Moͤglich, daß der alte Marco dies alles ſchon vermuthet hatte; moͤglich aber auch, daß er es nicht wußte. Genug, an dieſem Abend ſollte er Alles erfahren. Beide Liebenden hielten dieſe Unterre⸗ dung im Garten, an einem jener ſchoͤnen Abende, die Italiens Himmel ſo reichlich gewaͤhrt. Beide wußten nicht, daß uͤber ihnen die beiden Greiſe, Marco und Bar⸗ barini, am offenen Fenſter ſtanden, und mit Staunen jedes Wort hoͤrten. Barba⸗ rini war außer ſich vor Unmuth. Aber 1** 129 gegen wen ſollte er ihn aͤußern?— Das fuͤhlte er, daß ſein Freund Marco unſchuldig ſey; eben ſo wenig konnte er auf Demetrius und Aglaja zuͤrnen. Einzig und allein mußte ſein Sohn Giovanni ſchuldig gefunden werden, denn ſein Zoͤgern, ſein ganzes Be⸗ nehmen waren Urſach, daß das ſchoͤnſte und reichſte Maͤdchen Genua's die Braut eines Fremden wurde⸗ Noch dieſen Abend ſprach Barbarini in Marco's Gegenwart hart und ſtreng mit Giovanni, der blind genug geweſen war, jene Liebe nicht zu merken, und der ſich immer noch mit thoͤrichten Plaͤnen zu beruhigen ſuchte. Jetzt war er wie aus den Wolken gefallen; jetzt ſtand der Be⸗ dauernswerthe in ſeiner ganzen Erbaͤrm⸗ lichkeit da und wagte es nicht, ſeinem Va⸗ ter und Marco ins Geſicht zu ſehen. Vielleicht mit dem Gedanken: Es iſt 8 9 4 ——————— ———— 13⁰ doch ſehr gut, daß Aglaja die Gattin dieſes leeren, elenden Menſchen nicht wurde aber doch mit einem, mehr um s beſſern. Vaters, als um des elenden Sohnes willen gefühlten Mitleiden, reichte Marco dem Giovanni die Hand.„Du ſiehſt ſelbſt, mein Sohn!“ ſagte er,„wie wenig Hoffnung, Deines Vaters und meinen Wunſch er⸗ fuͤllt zu ſehen, Dir uͤbrig bleibt. Ich habe nicht anders handeln koͤnnen, denn es waͤre wider mein Gewiſſen geweſen, Agla⸗ ja zu zwingen. Gern haͤtte ich meine Tochter als Deine Gattin geſehen. Ahsr, unmoͤgliche Dinge fordere nicht von mirie Der alte Varbarini war in ſeinem Urtheil uͤber Giovanni weniger ſchonend. Mit erbitternder Harte tadelte er des Sohnes feige Unentſchloſſenheit; mit den haͤrteſten Vorwuͤrfen ſtuürmte er auf den Erbaͤrmlichen, ſo daß ſelbſt Marco die G — 131 2 Parthei des Giovanni nahm und dieſen 8 .„Bgen die ſchneidenden Vorwuͤrfe des Va⸗ Ss in Schutz nahm. Daß eine Unter⸗ *redung dieſer Art nicht in dem Tone einer 4 fanften Unterhaltung gefuͤhrt werden konnte, bedarf weiter keines Beweiſes, In dieſem 4 eriſcheidenden Augenblick trat Demetrius en Saal. Kaum bemerkte man ihn in der Hitze der Unterhaltung.—„Darf ich jetzt unter Euch treten? Werdet Ihr mein Stoͤren mit der Nothwendigkeit ent⸗ ſchuldigen, die mich zu dieſem Unterbrechen zwingt?“ ſagte Demetrius mit jener ihm eigenen Feſtigkeit. Alle wurden verlegen. Keiner war es mehr als der brave Marco, der ſich jetzt in der Lage befand, zwei Todfeikde vor ſich zu kehen die er Beide ſehr ſchaͤtzte. Mit Riedergeſchtagenem Blicke gand Marco, ſtanden Barbarini und Viopank 132 da, Keiner von ihnen antwortete. De⸗ metrius ſah dieſe peinliche Verlegenheit. Entſchloſſen wandte er ſich zu Marco. —„Mein Vaterland und der Thron, den ich naͤchſtens beſteige, zwingen mich, morgen dies Haus zu verlaſſen. Mit ruhigerm Herzen werde ich es auf kurze Zeit verlaſ⸗ ſen, wenn ich Euch, Marco, den heißeſten Wunſch entdeckt habe, Eure Aglaja zu meiner Gattin zu haben. Ich liebe Eure Tochter, ich werde von ihr geliebt.“— In einer groͤßern Verlegenheit war Marco nie geweſen; quaͤlender und peinigender konnte einem uͤberfuͤhrten Verbrecher der Anblick des Richters nicht ſeyn, als Deme⸗ trius Gegenwart fuͤr Barbarini und Gio⸗ vanni war.—„Ihr antwortet nicht?“ ſagte Demetrius, ſich in ſeiner Feſtigkeit gleich bleibend.„Wie ſoll ich mir Euer Schweigen erklaͤren?“— Marco reichte dem, auf Barbarini und Giovanni nicht 133 achtenden Demetrius die Hand.—„Ihr uͤberraſcht mich mit dieſer Aeußerung; und aus dieſer Ueberraſchung erklaͤrt Euch, Freund und Retter meines Sohnes, mein augenblickliches Schweigen. Das Schick⸗ ſal eines geliebten Kindes verdient es doch, daß ein Vater daruͤber nachdenkt. Erklaͤrt Euch mein Schweigen von der beſten Seite, als Freund.“— Weniger konnte Marco nicht ſagen, mehr wollte Marco nicht ſagen. Es war genug fuͤr Demetrius, der es am beſten wußte, wie er mit Marco ſtand. Aber es war auch genug fuͤr Barbarini und ſeinen Sohn, um einzuſehen, wie wenig Hoffnung ihnen uͤbrig blieb. Mit verbiſſenem Grimm ſtanden Beide da; kaum hoͤrten ſie, wie Demetrius ſagte:„Morgen vor meiner Abreiſe ſpreche ich Euch noch, Marco. Jezt habt Ihr vielleicht ein Geſchaͤft mit dieſem * 134 trefflichen Greiſe und ſeinem Sohn.“— Ruhig verließ er den Saal. Der alte Barbarini konnte kaum die Zeit erwarten, in der er des von der Treppe hinab gehenden Demetrius Fußtritt hoͤrte, als er in bittere Klagen uͤber ſeines Sohnes Schickſal ausbrach. So billig dachte er, ſeinem Freunde die Schuld nicht beizumeſſen, er entſchuldigte ihn. Aber deſto ernſtlichere Vorwuͤrfe machte er ſei⸗ nem Sohn; Vorwuͤrfe, die dieſer nicht be⸗ antworten, noch weniger widerlegen konnte. Gegen Mitternacht verließen Beide die gaſtliche Wohnung Marco's; Barbarini voll des Unmuths uͤber das Benehmen ſei⸗ nes Sohnes, dieſer— und was konnte man von dem Elenden anders erwarten— voll der Plaͤne, ſich blutig an Menſchen zu raͤchen, deren Wohlthaten er vergaß, und an denen er ſein Schickſal raͤchen wollte, 135 an dem ſie unſchuldig waren. Kein Schlaf kam in ſein Auge; Plaͤne und Entwuͤrfe, einer immer noch ſchaͤndlicher als der andere, kreuzten ſich in ſeinem Gehirn. Noch mitten in der Nacht ſprang er von ſeinem Lager auf, alles was er an baarem Gelde, ein Geſchenk Marco's beſaß, ſteckte er zu ſich, und nun eilte er nach einem, fruͤher von ihm beſuchten Schlupfwinkel, wo da⸗ mals ſchon mehrere fuͤr Geld erkaͤufliche Banditen ihr Weſen trieben. Mit der gefuͤllten Boͤrſe trat er unter dieſe Verworfenen, die uͤber die Freude, einen alten Bekannten wiederzuſehen, ihm nicht einmal den geringſten Vorwurf über das Unterbrechen ihres Umganges machten. —„Wer von Euch will dieſe Boͤrſe, ſeht, ſie iſt mit Gold gefuͤllt, verdienen?“— rief er rachegluͤhend aus.—„Die moͤchten wir Alle gern verdienen!“— war die Ant⸗ 136 wort.—„O, nur Einer, hoͤchſtens Zwe ſind noͤthig, eine einzige Kehle abzuſchnei⸗ den! Aber, ein ſchuͤchterner Pfuſcher darfs nicht wagen.“—„Du kennſt uns ja Alle, Giovanni. Beſtimme Du einen von uns. Wir Andern beten in der Zeit fuͤr das Ge⸗ lingen und bekommen fuͤr die Fuͤrbitte un⸗ ſern Theil von der ſchoͤnen Schwangern, die Du in der Hand haͤltſt!”“—„Gut. Wie iſt's Bartholomaͤo? Willſt Du es wagen?“—„Und warum nicht, Gio⸗ vanni? Die Zeiten ſind ſo ſchlecht genug, als daß man die Gelegenheit aus den Haͤnden weiſen ſollte, wenn ſie der Himmel anbietet.“— Der Vertrag wurde abge⸗ ſchloſſen, Giovanni zaͤhlte die Haͤlfte aus und verließ mit ſeinem Spießgeſellen die Verſammlung. Marco's Gemuͤth war durch Deme⸗ trius Aeußerung der Liebe zu Aglaja zu 137 bewegt, als daß er Schlaf und Ruhe er⸗ warten konnte. Sobald Barbarini und Giovanni ihn verlaſſen hatten, ließ er ſeine Kinder, Juſtiniani und Aglaja mit Deme⸗ trius vor ſich kommen. Es war eine ſchoͤne milde Nacht, ganz geeignet, dem Herzen eine gewiſſe zutrauliche Freude einzufloͤßen. In dieſer frommen Freude ſaßen die Gluͤck⸗ lichen da. Marco ſprach mit Aglaja und ſah bald, daß ſie den Retter ihres Bruders heiß und grenzenlos liebe. Marco ſah dieſe Liebe gern. Nicht Griechenlands Thron, nicht Demetrius hohe Abſtammung hatten ihm den edlen Juͤngling werth gemacht. Demetrius war der Retter ſeines Sohnes, und dieſer Vorzug mußte allerdings jede Vollkommenheit des Juͤnglings erhoͤhen. Des Vaters Herz war laͤngſt zu dem Treff⸗ lichen hingezogen; wahres freundſchaftliches Zutrauen nahm den Greis für Demetrius ein. Was konnte Marco eher erwarten, als Liebe ſeiner Tochter zu dem Edeln. Mit geruͤhrtem Herzen, unter Thraͤnen der Vaterfreude, bewirkt durch das Gluͤck ſei⸗ nes Kindes, ſegnete er die Stunde, die Demetrius nach Genua brachte; ſegnete er dieſen Bund, der Demetrius zu ſeinem Sohn machte.— Der Taumel dieſer Freude hatte ſich etwas gelegt, man wurde ſtiller und ſprach jetzt ruhiger uͤber andere Gegenſtaͤnde. —„Ihr hattet ja ein ernſtes Geſpraͤch mit dem alten braven Barbarini?“ fragte Demetrius.„Faſt moͤchte ich fuͤrchten, es ſey etwas Unangenehmes geweſen. Wart Ihr doch alle ſo ernſt und verlegen.“ — Marco hatte laͤchelnd dieſe Frage an⸗ gehoͤrt.—„Verlegen war ich allerdings,“ das nicht werden, wenn in Einer Minute zwei Maͤnner die Hand der Tochter ver⸗ ſagte er.„Und welcher Vater moͤchte —:—y—y—;y— ——ÿy—— — 139 langen? Die Sache betraf Giovanni's Liebe zu Dir, Aglaja.“—„Zu mir?“ fragte dieſe gluͤhend wie die Morgenroͤthe, die fern uͤber das Meer hin ſich zeigte. „Wie kann dieſer elende Menſch zu ſolcher Hoffnung kommen?“—„Nenne ihn lieber ungluͤcklich, meine Tochter. Elend kann der Sohn eines Barbarini nicht ſeyn.“— „Und doch iſt er's, Vater!’ nahm Juſtiniani den Faden der Unterredung auf, indeß Aglaja verlegen ſchwieg.„Haben wir uns doch immer gewundert, wie Du dieſem erbaͤrmlichen Menſchen Zutritt unter uns geſtatten konnteſt!“—„Juſtiniani, ſein Vater trug mich verwundet und halb todt aus der Schlacht. Er erquickte mich, da ich vor Durſt ohnmaͤchtig war.“—„Und der Sohn treibt ſich am Hafen unter Banditen herum.“—„Brechen wir das 140 Urtheil uͤber ihn ab. Sage mir, Aglaja, hat Giovanni Dir je von Liebe geſagt?“ —„Ich erſtaune uͤber dieſe Frage, mein Va⸗ ter,“ ſagte Aglaja und beugte ſich uͤber des Vaters Hand, um die Thraͤne zu ver⸗ bergen, die dieſe Frage bewirkte.—„Va⸗ ter, bei Allem was mir heilig iſt, nie, nie hat er ein Wort geſagt,“ fuhr ſie fort, nachdem ſie ſich einigermaßen erholt hatte. —„Nun gut. Un deſto ruhiger kann ich ſeyn. Bielleicht war das Ganze mehr der Plan des Vaters, als der eigentliche Wunſch des Sohnes ſelbſt.“— Und wirk⸗ lich war man ruhig. Man ſprach gar nicht mehr von der Sache und erlaubte ſich ſo wenig einen Scherz uͤber dieſe An⸗ gelegenheit, als man ſie einer ernſtern Un⸗ terhaltung werth gehalten haͤtte.— Die Nacht war voruͤber, als dieſer haͤusliche Zirkel ſich aufloͤſete und jeder 141 Einzelne Ruhe ſuchte. Demetrlus ging auf ſein Zimmer. Die Morgenroͤthe ſtrahlte ſchon durch die Fenſter, der ſchoͤne Morgen⸗ duft verbreitete ſich in der ganzen Gegend, und einzig erhaben und ſchoͤn war der Blick auf das grenzenloſe Meer.—„Habe ich doch in der That dieſen ſchoͤnen Anblick lange nicht gehabt!“ ſagte Demetrius zu ſich ſelbſt.„Es waͤre Suͤnde, dieſe weni⸗ gen ſchoͤnen Morgenſtunden zu verſchlafen lu Er ſtellte ſich an das offene Fenſter. Die Gegend Genua's, in welcher die Familie Juſtiniani wohnte, war der auf einem Huͤ⸗ gel liegende Platz Carignano, von dem man die ſchoͤnſte Ausſicht uͤber Stadt, Land und Meer hat. In ſeinen Empfindungen verſenkt, ſtand der Prinz da und ſah, wie jede Wolke, jeder Sonnenſtrahl neue Schoͤnheiten auf dem einzigen Gemaͤlde hervorbrachte, ais ein Raſſeln hinter dem Vothange ſeines bewegte. Entſchloſſen und dreiſt ging er auf die unbekannte Erſcheinung los; ein Bandit mit gezuͤcktem Dolche— jener Bar⸗ tholomaͤo war's, den Giovanni zu dieſem Frevel erkauft hatte— ſprang hervor, um den Prinzen zu durchbohren. Mit Loͤwen⸗ ſtaͤrke, durch Schrecken und Lebensgefahr auf's hoͤchſte geſpannt, griff der Prinz den Banditen bei der Kehle, warf ihn zur Erde, entwand ihm den Dolch, und rief nun Marco's Dienerſchaft, indem er den Fuß auf den Hals des auf der Erde lie⸗ genden Banditen ſtellte. Statt der Be⸗ dienten kam Juſtiniani, der wie Deme⸗ trius des Morgens Schoͤnheit genießen wollte, und ſich daher nicht niedergelegt hatte. Sein Erſchrecken kam dem des Prinzen gleich. Der auf der Erde Liegende wurde durchſucht, man fand keine Waffen Bettes hoͤrte; als er ſah, daß dieſer ſich 143 bei ihm, außer den ihm entwundenen Dolch. Der Menſch ſollte geſtehen. Statt eines Geſtaͤndniſſes brach er faſt wuͤthend in die Worte aus:—„Verflucht, daß ich auf meine alten Tage den dummen Streich mache, ſo etwas allein thun zu wollen! Haͤtte ich doch Giovanni's Rath verſtan⸗ den!“— Hinlaͤnglich waren dieſe Worte fuͤr Demetrius und Juſtiniani, die Veranlaſſung dieſes Verbrechens zu durchſchauen; ein weiteres Verhoͤr hielten ſie fuͤr uͤberfluͤſſig; ddie Diener, die herbei kamen, banden den Banditen und brachten ihn in einen Kel⸗ ler, wo er bewacht wurde. Natuͤrlich, daß dieſer Auftritt nicht ohne Laͤrmen vor ſich gehen konnte. Marco und Aglaja vernah⸗ men die Unruhe— ſie kamen ſelbſt— ſie waren eben ſo erſtaunt, als der Prinz es ſelbſt war, Sie ſahen den Dolch in De⸗ 144 metrius Hand, aber noch wußten ſie nichts von jener Aeußerung, durch die Bartholo⸗ maͤo den Urheber dieſer That verrathen hatte.— Der Verbrecher wurde vorgefuͤhrt. Moͤglich, daß der Anblick des edeln Greiſes Marco den grauen Boͤſewicht zu ſehr er⸗ ſchuͤtterte; moͤglich auch, daß der Gedanke, vielleicht durch ein offenes Geſtaͤndniß Gnade zu erlangen, ihn beſtimmte, Alles zu geſtehen. Genug, die Familie erfuhr Alles. Giovanni hatte den Banditen be⸗ auftragt, den Prinzen aus der Welt zu ſchaffen; er ſelbſt hatte ihn, jeder Gelegen⸗ heit des Hauſes kundig, mitten in der Nacht in Demetrius Schlafzimmer gefuͤhrt. Seine Abſicht war es geweſen, den Prin⸗ zen im Schlummer zu morden, der Anblick des ſchoͤnen Morgens hatte den zum Tode Beſtimmten gerettet.— Der Bandit bat 8—yy——— 145 um Gnade. Demetrius, Juſtiniani und Aglaja wuͤrden ſie ihm gewaͤhrt haben; aber ernſt und feſt widerſprach der Greis Marco.—„Der Bandit wird ausgeliefert,“¹ ſagte er,„das bin ich der Menſchheit ſchuldig.“— Und er hielt Wort. Das Verbrechen wurde angezeigt, der Ver⸗ brecher von einer Wache abgeholt und ſaß gefeſſelt und geſchloſſen im Kerker un⸗ ter dem Rathhauſe, um ſein Todesurtheil zu empfangen.— Vergebens hatte Giovanni in jenem Kreiſe der Verworfenen auf Bartholomaͤo's Zuruͤckkunft gewartet; er hatte geglaubt, daß das ganze Blutgeſchaͤft bald abgemacht werden koͤnne. Vergebens ſah er jeden Augenblick aus der⸗Thuͤre der Räͤuberhöhlls kein Bandit mit der Nachricht vom Tode des Prinzen erſchien. Mit jedem fruchtlos verſchwundenen Augenblick mehrte ſich Gio⸗ 3 3 10 1 1 146 vanni's Unruhe. Es war faſt Mittag, als ein etwas ungewoͤhnliches Laͤrmen auf der Straße die Aufmerkſamkeit Aller auf ſich zog. Auch Giovanni eilte, in einen Man⸗ tel irgend eines Banditen gehuͤllt, vor die Thuͤr. Da brachte die Wache den gefeſſel⸗ ten Bartholomaͤo, der mit wildem, verſtoͤr⸗ tem Blick dann und wann aufſah, der mit einer Angſt in den Reihen der Stadtſol⸗ daten daherſchlich, als ſollte er jetzt den letzten Todesgang thun. Freilich war die⸗ ſer Anblick dem Giovanni ſchrecklich; in⸗ deſſen ſchmeichelte er ſich, daß der Prinz gemordet ſey und daß man den Noͤrder erſt nach der That ergriffen habe. Wollte er hier kein Aufſehen machen, ſo mußte er, ohne irgend Jemanden weiter nach dem Ausgange der That zu fragen, zu Hauſe gehen. e 1 Kaum war et hier angekommen, als 147 ihm ſein trefflicher Vater befehlen ließ, vor ihn zu kommen. Giovanni dachte kaum auf eine Entſchuldigung, durch die er ſich we⸗ gen ſeines naͤchtlichen Ausbleibens rechtfer⸗ tigen koͤnne; als ihm Barbarini alles das enthuͤllte, was gegen das Leben des Prin⸗ zen beſchloſſen war und was der Greis Marco ſeinem Freunde ſogleich hatte benach⸗ richtigen laſſen. Außer ſich vor Beſchaͤmung, Verlegenheit und Wuth ſtand der Elende da. Es mußte fuͤr ihn eine ſchreckliche Vorſtellung ſeyn, zu wiſſen, daß ſein Tod⸗ feind noch lebe, daß er durch ſeinen Muth nur noch beruͤhmter geworden ſey, und daß Bartholomaͤo auf der Tortur alles das aus⸗ ſagen werde, was ihn vogelfrei machen und vielleicht gar in die Haͤnde der raͤchenden Ge⸗ rechtigkeit liefern werde. Was er jetzt von ſei⸗ nem Vater hoͤrte; der Fluch, den dieſer Greis uͤber den Boͤſewicht ausſprach; alles dies mußte ſein ganzes Innere in eine 148 Gaͤhrung verſetzten, aus der ein ſolcher Menſch nur als Boͤſewicht, als gemachter vollendeter Boͤſewicht hervorgeht. Rache gluͤhete in ſeinem Herzen; gluͤhete um ſo mehr, da er die beiden Edeln, Juſtiniani unb Demetrius, nach ſich beurtheilte, und ihnen das zutraute, was er gethan haben wuͤrde— blutige Rache. Wild verließ er das vaͤterliche Haus; er eilte in jene Raͤuber⸗ hoͤhle zuruͤck und ſeine neuen Spießgeſellen verbargen ihn mit jener Sorgfalt, die ſich nur aus der feſten Ueberzeugung, Giovanni werde bald ganz der Ihrige ſeyn, erklaͤren ließ. Barbarint hatte kaum dieſen letzten Schritt Giovanni's erfahren, als er ſelbſt zu Marco eilte. In welcher Stimmung des Herzens er hier erſchien? dieſe Frage laͤßt ſich leicht beantworten. Aber edel und großmuͤthig nahmen ſich Marco, Juſti⸗ 149 niani, Aglaja und Demetrius. Barbarini, der unſchuldige Greis, blieb Freund eines Hauſes, dem dies die Lebensrettung eines trefflichen Greiſes verdankte. In ſeiner Freude rieth er Allen die groͤßte Vorſicht an. Selbſt Aglaja machte er's zur Pflicht, behutſam zu ſeyn.—„Weiß ich doch nicht,“ ſetzte er mit Wehmuth hinzu,„ob mein Sohn nicht an Euch zum Moͤrder wird.“ Die ganze Begebenheit hatte das Haus Marco's enger mit einander vereinigt; beſonders war dies der Fall mit Demetrius und Aglaja, die ſo nahe daran geweſen waren, ſich zu verlieren. Aglaja befolgte genau die Vorſchrift des alten Barbarini, ſo vorſichtig als moͤglich zu ſeyn. Sie ging nicht aus dem Palaſte; jeder Fremde, den ſie erblickte und auf den man ſonſt nicht gemerkt haben wuͤrde, ſchien ihr ge⸗ ährlich. Sie wagte es nicht einmal, allein 150 in den Zimmern des weitlaͤufigen Gebaͤudes zu bleiben; ſie mußte beſtaͤndig Jemand um ſich haben. Daß ihr unter Allen»ei⸗ ner das ſeyn konnte, was ihr Demetrius war, iſt natuͤrlich. Er hatte ſeine Reiſe auf eine Woche aufgeſchoben; er hatte in dieſer Zeit Aglajen nie verlaſſen, morgen mit dem Fruͤheſten wollte er zu Schiffe gehen.— Von dem alten Marto, von Barba⸗ rini und von ſeinem Freunde Juſtiniani hatte Demetrius ſchon Abſchied genommen. Noch einmal ging er auf Aglaja's Zimmer, da ſtuͤrzte ihm die Geliebte verzweifelnd in die Arme; gluͤhend verbarg ſie das Ge⸗ ſicht an ſeine Schulter.—„Demetrius, — ich bitte Dich, nimm mich mit!“ ſagte ſie außer ſich. Der Prinz erſchrak; bewußt war er es ſich vielleicht, welche Gruͤnde das arme Maͤdchen zu dieſem Schritt be⸗ 5 — — — 151 ſtimmten; er ſelbſt unterdruͤckte den Ge⸗ danken an den Fluch der Eltern, an die Verletzung des Gaſtrechts. Einige vertraute A1 Dienerinnen ſorgten, daß Aglaja verkleidet aus, wohin das Schiff ſeinen Weg nahm, ſchrieben Beide an Marco und Juſtiniani. Der letztere war ſo großmuͤthig und freund⸗ ſchaftlich, daß er nicht nur verzieh, ſondern den aufgebrachten Vater und jeden Neu⸗ gierigen mit dem Vorgeben taͤuſchte, daß Aglaja mit Demetrius heimlich in ſeiner Gegenwart getraut waͤren; ein Betrug, — auf das Schiff kam, und erſt von Corſica der nicht nur den Vater um ein Großes be⸗ ruhigte, ſondern auch jeder Verlaͤumdung die Thuͤre verſchloß.— In weniger Zeit kamen Demetrius und Aglaja in Conſtantinopel an. Er hatte erwarket, daß Alles ihn bewillkommen wer⸗ de; daß Alles ihn fuͤr den halten wuͤrde, 152 der den wankenden Staat befeſtigen werde. Er rechnete zuverlaͤſſig darauf, daß ſein Vater Johann der Siebente ihn zu ſeinem Nachfolger beſtimmen muͤſſe. Eine Aus⸗ ſicht, die freilich viel dazu beitrug, Aglaja's Herz zu beruhigen. Aber wie mußte es den Prinz empoͤren, da Alles ihn mit einer ihm auffallenden Gleichguͤltigkeit aufnahm; da ſein Vater ihn nicht allein mit Kaͤlte, ſondern ſogar mit Vorwuͤrfen empfing; da ſein Bruder ſich ſchon im voraus ein gewiſſes Regenten⸗Anſehen gab, das mit Demetrius Stolz auf ſeine Thaten nicht beſtehen konnte. Am meiſten aber kraͤnkte ihn das Benehmen ſeiner Schwiegerin ge⸗ gen Aglaja, die kaum eines Blickes und noch weniger eines herzlichen Wortes gewuͤrdigt wurde. Sich ihrer krum bewußt, ging Aglaja auf ihr Zimmer zurück; hier ſchien ſie es 153 erſt ganz zu fuͤhlen, wie ſehr ſie gefehlt hatte. Der Fluch redlicher, von ihr ver⸗ laſſener, durch ihr Entfliehen ſo tief gekraͤnk. ter Eltern ſchien ſie jetzt um ſo ſchrecklicher zu verfolgen, da Alles, was am Hofe lebte, nach dem Beiſpiele der Gemahlin des Thronerben, die Ungluͤckliche verließ und kein freundſchaftliches Herz ſich ihr oͤffnete. Still und einſam lebte ſie mit Demetrius und kein Flecken ruhet auf ihrem Betragen an dieſem verweichlichten Hofe. Sie war ein Beiſpiel jeder ſtillen, geraͤuſchloſen Tugend. Wie eine Buͤßende lebte ſie an einem Hofe, an dem Jeder um ſo zuͤgello⸗ ſer lebte, je mehr er uͤberzeugt war, daß der Thron nur zu bald zuſammen⸗ ſtuͤrzen wuͤrde. Vielleicht waͤre es fuͤr Aglaja ein Leich⸗ tes geweſen, den entſchloſſenen Demetrius zu einer Rebellion zu vermoͤgen; Tauſende — 154 der Entſchloſſenern haͤtten ſich mit ihm verbunden; Conſtantin war bald um ſeine Ausſichten auf den Thron gebracht; Johann war eben ſo leicht gezwungen, Demetrius zu ſeinem Nachfolger zu ernennen; aber der wirklich fromme Sinn Aglaga's verabſcheuete einen ſolchen Schritt. Sie glaubte ihren erſten Fehltritt nicht hart genug buͤßen zu koͤnnen, als daß ihr nicht ſchon der Gedanke, ſich auch an dem Va⸗ ter ihres Gemahls zu verſuͤndigen, als ein neues Verbrechen haͤtte erſcheinen ſollen. Moͤglich, daß des zum Throne be⸗ ſtimmten Prinzen Conſtantins Gemahlin, Helena, einen ſolchen Schritt von Aglaja fuͤrchtete; moͤglich, daß ſie mit geſchaͤrfterer Aufmerkſamkeit auf die Geliebte des De⸗ metrius ſah; moͤglich, daß ſie jetzt eine andere Meinung von Aglaja bekam, und daß bloß der Stolz der künſtigen Kaiſerin —— 155 die Aeußerungen jenes freundſchaftlichen Zutrauens, daß die Schweſter wohl haͤtte empfinden koͤnnen, unterdruͤckte, bis end⸗ lich Helenens Kind jenes freundſchaftliche, zutrauliche Verhaͤltniß einleiten mußte.— Aglaja hatte gaͤnzlich Verzicht auf die Wuͤrde der Kaiſerin gethan; ſte hatte ſogar dem Demetrius dies Entſagen des wirk⸗ lich nicht zu beneidenden Kaiſerthrones bei⸗ zubringen geſucht. Daß dieſer Ehrfuͤchtige anders dachte, wird Niemand Aglajen zu⸗ rechnen.— 7 Mahomed der Zweite, der jetzige Kai⸗ ſer oder, wie er damals noch hieß, der Sultan der immer maͤchtiger werdenden Tuͤrken, beſtieg den Thron dieſes wilden kriegeriſchen Volkes zu einer Zeit, da deſſen Macht auf das hoͤchſte geſtiegen war. Sein 156 Vater, Amurath, hinterließ ihm ein treff⸗ liches Reich, vergroͤßert durch Morea. Aber trefflicher noch, als dies Reich ſelbſt, war der Ruf der tuͤrkiſchen Waffen, den Amu⸗ rath gruͤndete und der dadurch auf den hoͤchſten Gipfel ſtieg, daß ſelbſt der tapfere Hunniades in der Schlacht bei Caſova von Amurath, freilich mit großem Verluſt auf Seiten des Siegers, geſchlagen war. Bloß der Muth des Scanderbeg, der im⸗ mer noch unuͤberwindlich blieb, war die einzige Klippe, an der Amuraths Siegs⸗ ruhm etwas ſcheiterte. Alle abendlaͤndiſchen Chriſten, die einzige Stüͤtze des immer mehr ſich neigenden griechiſchen Thrones, kuͤrchteten Maßomed. Noch auf dem Todtenbette hatte Amurath geaͤußert, wie ihn nichts ſo ſehr ſchmerze, als daß er Conſtantinopel nicht erobert habe; eine Aeußerung, die dem ruhmſuͤchti⸗ 157 gen Nachfolger nicht entging. Sein Vater war kaum begraben, als er ſeinen Hang zu Wolluͤſten und zu Genuͤſſen auf Tage und Wochen unterdruͤckte und, die Aeuße⸗ rung ſeines Vaters vor Augen habend, auf nichts ſo ernſtlich als auf Conſtanti⸗ nopels Eroberung dachte. Seine Feldherrn, gewohnt, ihn im Kreiſe ſeiner Geliebten, ſeiner Weiber, im Spiel und im Genuß ſeiner Wolluͤſte zu ſehen, wunderten ſich der Feſtigkeit, die er von dieſem Augenblick an zeigte; ſie ſahen, daß er einen Muth, ſeines Vaters nicht unwerth, zeigte; ſie eilten um ſo mehr, alles zu thun, was Mahomed wuͤnſchte, da fein Gluͤck das ihrige, da ſein Ruhm auch ihr Ruhm war. Die Stadt Conſtantinopel, beinahe jetzt das Einzige, was dem ſonſt maͤchtigen 3 Scepter des griechiſchen Kaiſers noch uͤbrig⸗ geblieben war, genoß jetzt eines Friedens mit den Tuͤrken, der, ſo ſchwach er auch war und ſo leicht er durch eine noch ſo ge⸗ ringeügige Urſach gebrochen werden konnte, fur Mahomed unangenehm war. Er band 5 ihm die Haͤnde jene Stadt zu nehmen;z aber deſto eifriger war dieſer Fuͤrſt, Ge⸗ legenheiten zu finden, die einen offenbaren Friedensbruch zur Folge haben mußten. Und, wie leicht waren dieſe bei ſeiner Ue⸗ bermacht, bei der Ohnmacht der Griechen aufzufinden! Mahomed hatte die zwiſchen dem ſchwarzen und dem Marmormeer, und die zwiſchen dieſem und dem Archipelagus lie⸗ genden vorſpringenden Landſpitzen Europa's V und Aſiens in ſeine Gewalt zu bringen gewußt. Ihnen mußten dieſe, die Schiff⸗ 3 fahrt beherrſchenden Anhoͤhen von einem um ſo groͤßern Werthe ſeyn, da er bei ih⸗ 159 rem Beſitz der Stadt Conſtantinopel, an deren Belagerung er ſchon dachte, jede Zu⸗ fuhr und jede Verbindung mit den uͤbrigen Staaten Europa's abſchneiden konnte. Auf der aſiatiſchen Seite hatte Amurath ſchon fruͤher ein ſeſtes Schloß angelegt; jetzt er⸗ bauete Mahomed ein noch feſteres auf dem europaͤiſchen Ufer. Ein Unternehmen, das allerdings den griechiſchen Kaiſer in eine nicht geringe Verlegenheit verſetzte. Ma⸗ homed gab auf die Beſchwerden Conſtan⸗ tins uͤber dieſen Bau eine Antwort, wie ſie nur der uͤbermuͤthige Sieger, der Nie⸗ mand mehr fuͤrchtet, geben kann.„Grund und Boden iſt mein Eigenthum. Conſtan⸗ tinopel wird bloß von mir noch geduldet; und wer wird es mir verbieten, auf mei⸗ nem Grund und Boden zu bauen, was ich will!“ 3 3 Mit dieſer Antwort gingen Conſtantins 160 Geſandten zuruͤck, um dem Kaiſer jene be⸗ leidigende Antwort Mahomeds zu bringen⸗ Staunen und Entſetzen verbreitete ſich in der ganzen Hauptſtadt, verbreitete ſich um ſo mehr, da auf den nicht ſehr entfernten Anhoͤhen ſich einzelne Pikets turkiſcher Reiter ſehen ließen. Conſtantin, der ſonſt ſchwache Fuͤrſt, fuͤhlte hier ſelbſt, wie noth⸗ wendig ernſtlicher Widerſtand ſey. Zum letzten Male, vielleicht auch zum erſten Male, fuͤhlte er eigentlichen Muth, der den Tod der immer zunehmenden Schande vor⸗ zieht. Er war feſt entſchloſſen, ſich zu wi⸗ derſetzen; er berief ſeine Miniſter und ſeine wenigen ihm uͤbrig gebliebenen Kriegsan⸗ fuhrer zuſammen; aber Uneinigkeit, Man⸗ gel an feſtem Willen, vielleicht bei Manchem die Ausſicht auf ein glaͤnzendes Loos unter Mahomed, waren Urſach, daß dieſe Ver⸗ ſammlung fruchtlos auseinander ging, daß Mahomeds Stolz immer mehr wuchs, je ———— 161 weniger man ſich den erſten Schritten die⸗ ſes Despoten widerſetzte.— Mahomed halte bisher zu Adrianopel ſeinen Aufenthalt gehabt; jetzt, da die Ent⸗ ſcheidung des Looſes von Conſtantinopel immer naͤher zu kommen ſchien, ruͤckte er bis Malatia, um dem ſchwarzen Meer und der Hauptſtadt ſelbſt naͤher zu ſeyn. Mit den groͤßeſten Hoffnungen ſah er, wie jede Stunde den offenbaren Krieg naͤher brin⸗ gen mußte, da die Beeintraͤchtigungen der Griechen von der Art waren, daß ſie im naͤchſten Augenblick in oͤffentliche Gewalt⸗ thaͤtigkeiten ausbrechen mußten. Hier in Von den Anhoͤhen, die das Ufer des ſchwar⸗ zen Meeres bilden, konnte er die Stadt dieſer muüͤßigern Erwartung uͤberließ er ſiicch ſeinen Wolluͤſten von neuem, ohne bef ibren Genuͤſſen jenes große Ziel, Conſtan⸗ tinopels Beſitz, aus den Augen zu laſſen. * 102 ſehen, uͤber der das ſchreckliche Gewitter ſchon zuſammenzog. Hier ließ er ſeine und ſeiner Guͤnſtlinge Zelte aufſchlagen; hier tobte die wildeſte Freude; hier opferte man allen Wol⸗ luͤſten; hier froͤhnte man allen nur denkbaren Ergoͤtzlichkeiten; hier hoͤrte man nichts als den Jubel frecher uͤbermuͤthiger Sieger, wenn in der ungluͤcklichen Stadt ſelbſt der Beſſerden⸗ kende zagte und der ſonſt Muthige verzweifelte. Von den Thuͤrmen der bangen Stadt ſah man auf den Huͤgeln der Tuͤrken Panier, den halben Mond, und in die ſtillen Naͤchten ſchallte der Jubel wilder Krieger bis in die aͤngſtliche Einſamkeit des Un- gluͤcklichen, der den Untergang ſeines Va⸗ terlandes mit jeder Minute erwarten und fuͤrchten mußte. In einem ſolchen Augen⸗ blick war es, als Aglaja den Demetrius auf jene furchtbare Umgebung aufmerkſam machte. Es war an eben dem Tage, — —— — an welchem Conſtantin zum Kaiſer aus⸗ gerufen war.— 1 Waͤhrend Helena und Aglaja ihre Herzen gegen einander oͤffneten, war Deme⸗ trius verſchwunden. Es war eine der ſchoͤn⸗ ſten Herbſtnaͤchte, in der er Conſtantinopel verließ; ihm, dem verſuchten, gepruͤf⸗ ten Krieger mußte die Nachlaͤſſigkeit auffallen, mit der die Wachen am Thore ihren Dienſt verſahen. Kaum ſtand noch ein Soldat auf ſeinem Poſten, und die, die fuͤr die Sicherheit der Stadt zu wachen hatten, uͤberließen ſich jener Sorgloſigkeit des Hofes und der Großen, die in Ge⸗ nuͤſſen den Gedanken an ſo nahe Schrek⸗ ken zu erſaͤufen ſuchten. Wie ganz anders haͤtte das Alles ſeyn muͤſſen, wenn Deme⸗ trius auf dem Thron ſaß! Dies war die einzige Vorſtellung, der der Unmuthige noch faͤhig war. Wohin jetzt der in ſei⸗ ———— 164 nem Unmuthe vertiefte Demetrius ging, war ihm einerlei. Er wollte nur entfernt ſeyn, und mogte er hingerathen wohin es ſeyn mogte, ihm war es einerlei, entfernte ihn ſein Weg nur von der ungluͤcklichen Stadt. So ging er auf dem vom Voll⸗ monde beleuchteten Wege zwiſchen Huͤgeln und Feldern fort, als ihm der Hufſchlag einiger Reitenden entgegen toͤnte. Demetrius wurde aufmerkſam. Er n blieb ſtehen. Verbergen wollte er ſich nicht. Entſchloſſen erwartete er jene Reiter. Sie naͤherten ſich mit einer gewiſſen Behutſam⸗ keit, die ſich vermehrte, da ſie den Prinzen in einer Stellung erblickten, die drohend zu ſeyn ſchien. Sie riefen ihn an. Die Sprache und Ruͤſtung waren nicht tuͤrkiſch, ſondern illyriſch. Demetrius antwortete, die Reiter kamen naͤher; ſie ſtiegen ab, De⸗ metrius warf das Schwerdt in die Scheide 163 und ging den Fremden entgegen. Sein Anſtand und ſeine dreiſte Antwort wie ſein Vortreten mogte die Reiter etwas beſorgt machen.—„Ich bin allein!“ ſagte der Prinz.„Von mir fuͤrchtet nichts. Mich hat mein Vaterland verſtoßen.“— Mit dieſen Worten reichte er den Reitern die Illyrier, die Mahomed uͤberwaͤltigt hatte, und deren Voͤlker jetzt in Mahomeds Rei⸗ hen gegen ein Land ſtritten, zu dem ſie fruͤ⸗ her geboͤrten, gegen Griechenland. Natuͤrlich konnte dem Prinzen der An⸗ blick, hier dieſe Maͤnner als Feinde ſeines Vaterkandes zu ſehen, nicht gleichguͤltig ſeyn; indeß war ihm ja jetzt dies Vaterland, das ſein Unmuth ſich als undankbar dachte, dem ſein Unmuth die Schuld beimaß, die es doch nicht verdient hatte, in dieſem Augen⸗ blick zu gleichguͤltig. Er glaubte ein Recht Hand. Es waren einige Anfuͤhrer jener 166 zu haben, ſich fuͤr verſtoßen zu halten, und wie klein war da der Uebergang zu dem Wunſche, ſich raͤchen zu wollen. Zutraulich fragten ihn die Reiter nach der Abſicht die⸗ ſes naͤchtlichen Umherirrens in der wilden Gegend, waͤhrend Stadt und Hof ſich der Freude uͤberließen?—„Weiß ich's doch felbſt nicht beſtimmt, was ich will,“ war Demetrius Antwort.„Nur fern ſeyn wollte ich von dem Schauplatze meiner geſcheiter⸗ ten Plaͤne.“— Man ſetzte ſich auf die umherliegenden Saͤulenſchafte nieder; trau⸗ lich und herzlich war die Unterredung. Beide Theile vergaßen es, daß ſie Feinde waren; beide dachten wohl nicht, daß ſie in wenigen Monaten mit dem Schwerdte in der Hand auf Tod und Leben einander gegenuͤber ſtehen wuͤrden. Mit gegenſei⸗ tiger Achtung ſaßen ſie neben einander, als ſie von einem Zeugen beobachtet wur⸗ den, an deſſen auch nur moͤgliche Ge⸗ ——— 167 genwart in dieſem Augenblicke keiner von ihnen dachte. 4 Mahomed, jetziger Sultan der Tuͤrken, gehoͤrte zu jenen Menſchen, die von den groͤßten Anlagen ihres Geiſtes ſelten den rechten Gebrauch machen, und dies am wenigſten, wenn irgend eine Leidenſchaft ſich in's Spiel miſcht. Mahomed gehoͤrte in der That in vieler Hinſicht zu den ed⸗ leren Fuͤrſten. Er war gerecht und ſtrenge; von ſeiner entſchloſſenen Tapferkeit und von ſeinem Muthe zeugen viele Beweiſe, und unermuͤdet war er, wenn es auf die Ehre ſeines Volks, ſeines Glaubens ankam. Großmuͤthig gegen Ueberwundene, guͤtig gegen Niedere, gerecht gegen Alle, konnte es ihm nicht fehlen, er mußte das Ziel er⸗ reichen, das er ſich vorſetzte, ſein Volk 168 beruͤhmt und furchtbar zu machen. Aber eben dieſer Fuͤrſt war ein Wolluͤſtling; eine Leidenſchaft, die bei ihm deſto heftiger und herrſchender war, je mehr Glaube und Kl'ma ſie beguͤnſtigte und verſtaͤrkte. In ſeinem Gefolge war eine ganze Schaar von Geliebten, die er mit ſich fuͤhrte und in deren Armen er ſich um ſo gluͤcklicher fuͤhlte, je mehr die Anſtrengungen ſeines Berufes und die Sorgen ſeiner Regierung ihm dazu ein Recht zu geben ſchienen. In ſeinem Harem waren die erſten Schoͤn⸗ heiten aus allen den Provinzen, die er als Sieger betreten hatte, und die Hauptſorge Mahomeds ging dahin, dieſen Harem im⸗ mer noch zu vergroͤßern. In dieſer Hin⸗ ſicht merkte er genauer auf die Toͤchter der eroberten Laͤnder, und nicht ſelten hatte eine Stadt oder eine ganze Provinz ihr ungleich ertraͤglicheres Loos einer neuen Bekanntſchaſt dieſer Art, einem paar Au⸗ — 169 gen, einem ſchoͤnen Geſichte zu verdan⸗ ken. Mahomed hatte jetzt das feſte Schloß Seſtus auf der abendlichen Seite jenes Kanals erbauet, der das Marmormeer von dem aͤgeiſchen oder von dem Archipelagus trennt. Die geſchwind gefoͤrderte Arbeit, die Schönheit und Feſtigkeit des wichti⸗ gen Gebaͤudes ſelbſt, die großen Erwar⸗ tungen die dieſer Anblick einer ſolchen An⸗ lage in dem Herzen des Sultans hervor⸗ brachten, hatten ihn heute heiterer gemacht, als er ſeit laͤngerer Zeit geweſen war. Er beſtieg die Kuppel des feſten Thurmes und weidete ſeine Seele an dem ſchoͤnen An⸗ blick auf die jenſeits der Meerenge liegen⸗ den Gebirge Klein⸗Aſiens, an dem ſchoͤnen Anblick, da ihm uͤber Lampſaco hinaus der glaͤnzende Spiegel des Marmormeeres in's Auge ſiel. 2 170 In dieſer freudevollen, ſein Herz uͤber gewoͤhnlichere Zufriedenheit hebenden Stim⸗ mung beſchloß er, der Erſte zu ſeyn, der als Sultan die durch die beiden Schloͤſſer Seſtus und Abydus ihm gehoͤrige Meer⸗ enge beſchiffen wollte. Er beſtieg ein ſchoͤ⸗ nes Fahrzeug und bloß von einigen Rude⸗ rern begleitet fuhr er am Ufer Europa's hinauf. Stark und reißend iſt der Waſſer⸗ zug in dieſer Meerenge. Die Gewaͤſſer des ſchwarzen Meeres, durch den Dnieper und durch die Donau gedraͤngt, ſtuͤrzen in rollenden Wellen in das tiefer liegende mittellaͤndiſche Meer, und jene Ruderer Mahomeds hatten Muͤhe, das ſchwache Fahrzeug gegen den Andrang der Wellen nordwaͤrts zu halten. Der Sultan ſah, mit welcher Anſtren⸗ gung die Matroſen arbeiteten. Ein ſchoͤner Golf, von Felſen und wildem Geſtruͤppe 8* 8 171 eingefaßt, zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Er beſchloß, hier auszuſteigen und den ge⸗ ringen Weg nach dem nahe liegenden Gal⸗ lipoli, als Beſitzer dieſes Landes, zu Fuß zuruͤckzulegen. Sein Weg fuͤhrte ihn auf einem ſchoͤnen wilden Pfade zwiſchen Klip⸗ ven und bluͤhenden Geſtraͤuchen immer hoͤ⸗ her. Wild und wenig beſucht ſchien die Gegend, in der auch nicht ein Fußſtapfen verrieth, daß Menſchen ſie bewohnten. Sich der ſchoͤnen Umgebung freuend ging er immer weiter, als er ſich ploͤtzlich vor einer mitten in dem Felſen liegenden Huͤtte befand. Sie war verſchloſſen, Mahomed krat mit einer, ihm ſonſt fremden Schuͤch⸗ ternheit naͤher; ihm war, als ſtehe er hier vor der Wohnung eines uͤberirdiſchen We⸗ ſens. Er hoͤrte ſprechen. Behutſam legte er das Ohr an die Thür; er hoͤrte eine Betende. Haͤtte er in dieſem Augeuvlick alle ſeine Heere bei ſich gehabt, er waͤre 172 tern ſtehen geblieben ſeyn, als er es jetzt in der Einſamkeit that. Eine geraume Zeit hatte er, an ſeine Macht gar nicht denkend, zugehoͤrt, als die Betende ſchwieg, als es ſtill in der Huͤtte wurde. Mahomed wollte anklopfen, als die Thuͤr ſich oͤffnete. Gluͤhend wie eine Roſe ſtand das ſchoͤnſte Maͤdchen, das er je ſah, vor ihm. Erſchrocken ſah die Un⸗ bekannte den Fremden an; ſie ſah, daß er ein Türke war, aber ſie las in ſeinem ſchwarzen brennenden Auge ſo viel Gutes, ſo viel Großes, daß ſie Zutrauen zu dem ſchönen Krieger faßte, daß ſie ihn um ſei⸗ nen Schutz bat. Mahomed ging in die Huͤtte; der Trunk friſchen Waſſers, den ihm die Fremde reichte; die Frucht, die ihre Hand ihm gab, und mehr noch das Zu⸗ gewiß eben ſo ſtill, eben ſo beſcheiden ſchüch⸗ trauungsvolle in dem Benehmen der Frem⸗ —— — „ V 6 den, nahm ihn ganz ein. Er hatte jetzt einen jener beſſern Augenblicke, in denen das Herz keine wilde Leidenſchaft kennt; mit einer gewiſſen Achtung blickte der maͤchtigſte Kaiſer auf die von Allen ver⸗ laſſene Einſiedlerin. „Biſt Du Griechin?“ fragte der Sul⸗ tan.„Doch,“ ſetzte er hinzu,„ich haͤtte dieſe Frage erſparen koͤnnen; denn ich hoͤrte Dich beten. Aber fuͤrchteſt Du hier in der Einſamkeit nichts?“—„Was ſollte mir dies helfen? Oder was ſollte ich eigentlich fuͤrchten? Ich bin die einzige von meiner Familie Uebriggebliebene. Auch mir wuͤrde der Tod willkommen ſeyn.“— Mahomed wurde geruͤhrt bei dieſen Worten. So wohl und weh war ihm noch nie geweſen. Kaum konnte er ſeine Verlegenheit unter der Frage verbergen:„Wie heißeſt Du?2“ —„Irene,“ war die Antwort.„Meine 4 von mir geriſſen, ich habe ſie nicht wieder 174 Eltern ſind als Gefangene von Mahomeds Soldaten weggefuͤhrt. Ich entfloh, beglei⸗ tet von einer treuen Waͤrterin, in dieſe wilde Gegend, wo uns Niemand findet. Du biſt der Erſte, der, Gott weiß auf wel⸗ chem Wege, in dieſe Einoͤde gerieth. Du wirſt unſern Aufenthalt doch nicht verra⸗ then?“ ſetzte ſie mit einer Miene hinzu, die auch das Herz des zuͤgelloſeſten Bar⸗ baren beruhigt haͤtte.—„Nein, nein!“ 1 8 unterbrach ſie Mahomed.„Ob ich gleich ein Tuͤrke bin, ſo gebe ich Dir mein Wort, daß Dich Niemand beleidigen ſoll.“— „Du, ein Tuͤrke?“ ſagte zitternd Irene. „Ach Gott, dann bin ich Sklavin! Waͤre ich's nur bei meinen Eltern! Waͤre, ich's nur da, wo ſie es ſind!“—„Irene, Du wirſt nie Sklavin. Wo ſind Deine Eltern 2 —„Ich weiß es nicht. Wir wurden in Gallipoli uͤberfallen, meine Eltern wurden 5 5 175 geſehen. Zum letzten Male ſah ich ſie, als ſie gebunden von den Soldaten Deines Sultans weggeſuͤhrt wurden.“— Mahomed wurde hingeriſſen von den Thraͤnen der Ungluͤcklichen.„Wie hießen Deine Eltern? Wer war Dein Vater? Wo wohnte er? Wie lange iſt's, daß Deine Eltern Dir entriſſen ſind 2“ Dieſe Fragen ſetzte er in einer Haſt hinzu, die Irenen beſorgt machte. Zitternd ſagte ſie, was ſie wußte.— In dem Augenblick kam jene treue Waͤrterin zuruͤck. Sie ſtaunte, da ſie den praͤchtig gekleideten Tuͤrken in der Huͤtte ſah; noch mehr erſchrak ſie, da ſie Irenens Aengſtlichkeit und Thraͤnen be⸗ merkte. Die Arme konnte kein Wort ſa⸗ gen. Der Korb mit geſammelten Fruͤchten entſank der Hand. Mahomed beruhigte die Waͤrterin durch die Verſicherung, daß Niemand ſie in dieſer Einſtedelei beunruhi⸗ 176 gen und noch weniger beleidigen ſolle; eine Verſicherung, die dadurch wenigſtens in den Augen der Waͤrterin noch mehr Glauben gewann, daß Mahomed einen koſtbaren edeln Stein aus ſeinem Guͤrtel nahm und ihn der Waͤrterin ſchenkte. Vielleicht wuͤrde Irene bei dieſem Geſchenk gezittert haben; aber das ganze Benehmen Mahomeds war von einer ſo ſchonenden Art und zeugte ſo von einer gewiſſen Achtung der ungluͤcklichen Tugend, daß in Irenens Seele auch nicht die mindeſte Angſt aufſtieg. Mahomed reichte Beiden die Hand.—„Ich verlaſſe Euch,“ ſagte er, „Ihr aber verlaßt dieſen Ort nicht. Seyd Uberzeugt, daß ſich kein Tuͤrke nahen wird, er habe denn eine gute Nachricht fuͤr Euch.“— Mahomed eilte nach dem Nachen, der ſeiner am Abhange der Felſenwand wartete. 127 Still und im Nachdenken verſunken ſaß er da, und ſah Snichts als nach jenem Vorgebirge, das Irenen barg. Eben ſo ſtill und verſchloſſen blieb er, da er den Kreis ſeiner Emirs, ſeiner Anfuͤhrer betrat. Auf Liebe rieth keiner; jeder glaubte, daß irgend ein wichtiger Eroberungsplan ihn beſchaͤftige. Niemand wußte, daß Ire⸗ nens Bild den Loͤwen zu einem Lamm gemacht hatte. Wohl hatte der Harem Mahomeds eine Zahl der ſchoͤnſten Toͤch⸗ ter Europa's und Aſiens aufzuweiſen; aber keine war unter dieſen, die Ire⸗ nens Herzlichkeit, Guͤte und Wuͤrde ge⸗ habt haͤtte. Alle waren ſie dem mächtig⸗ ſten Fuͤrſten entgegen gekommen, und gerade dies mußte ihren Werth in Mahomeds Augen vermindern. Bei ihnen allen ſuchte und fand der Sultan nur Wolluſt, nur Genuß; fuͤr Irenen fuͤhlte ſein Herz wirk⸗ lich heiße, gluͤhende Liebe, die ſich anf Ach⸗ tung gruͤndete.— Aber auch Irenens Herz war nicht frei geblieben, Mahomed war wirklich ein ſchoͤner Mann. Sein Beneh⸗ men war edel, und was Irenen am mei⸗ ſten mit Achtung gegen ihn erfuͤllen mußte, war die Achtung, die er fuͤr die leidende Tugend zu verrathen ſchien. Auch ihrem Herzen war ſein edles Bild tief eingedruͤckt; mit Unruhe dachte ſie an den ſchoͤnen Fremdling und nichts wuͤnſchte ſie ſo ſehn⸗ lich, als:„Moͤgte er ein Chriſt ſeyn!“— Moͤglich, daß Mahomeds verſchwenderiſches Geſchenk auch das ſeinige beigetragen ha⸗ ben mochte, der Dienerin Irenens die beſte Meinung von Mahomed beizubringen; moͤg⸗ lich, daß er durch ſein ſonſtiges Benehmen die Zuneigung dieſer aͤltern Perſon erwarb; genug, Maria konnte den edlen Tuͤrken ihrer Meinung nach nicht genug loben. Nur Eins war ihr unangenehm. Zwei Tage vergingen und der edle Mann war noch 4 — 179 nicht wiedergekommen. Irenens Sehnſucht nach dem Fremden ließ ſich kaum verber⸗ gen; ihre Augen fuͤllten ſich unwillkuͤrlich mit Throͤnen, dachte ſie ſich den ſchoͤnen, edlen Mann; mit Thraͤnen, die nach ihrer Ausſage bloß der Trennung von den Eltern floſſen, an denen aber die Sehnſucht nach Mahomed gewiß einen eben ſo ſtarken An⸗ theil hatte. Ihr liebſtes Geſpraͤch mit Maria war uͤber jenen Unbekannten. Mochte Maria von ihm ſagen, was ſie wollte, IJrene hoͤrte es gern und vertheidigte mit gluͤhen⸗ der Waͤrme das Benehmen und ſogar den Glauben eines Unbekannten, wenn Maria dieſe angriff. Immer wußte ſie das Ge⸗ ſpraͤch wieder auf ihn zu bringen, wenn der Gang der freundſchaftlichen Unterhal⸗ tung ſich in einen andern Gegenſtand ver⸗ irrte. So ſaßen Beide am driiten Abend— 180 der Unbekannte war immer noch nicht wie⸗ der erſchienen; Irene geſtand, daß ſie gar nicht mehr an ihn denke, indeß die Glut der Wange, die Thraͤne im Auge das Ge⸗ gentheil deutlich bewieſen— ſo ſaßen ſie in der Felſenſchluft, von der ſie, ungeſehen und unbemerkbar, die Meerenge uͤberſehen konnten, als ein kleines Schiff unter dem Felſen, trotz der wilden Stroͤmung der Fluth, Anker warf. Einige Tuͤrken ſtiegen aus; ſie fuͤhrten mit faſt ſklaviſcher Ehren⸗ bezeugung zwei Fremde in praͤchtiger grie⸗ chiſcher Kleidung ans Land. Einige Ki⸗ ſten wurden ans Ufer gebracht und nun gingen jene vornehm gekleidete Tuͤrken auf das Schiff zuruͤck, das bald auf der Seite des aſiatiſchen Uſers verſchwand. Immer noch ſaßen die Beiden, ſich uͤber dieſe Er⸗ ſcheinung wundernd, da; jene Beiden an⸗ gekommenen Fremden waren in dem Ge⸗ ſtrüppe und zwiſchen den Felswaͤnden ver⸗ ——— 181 ſchwunden, als Irene ſich umſah und in den Beiden ans Land geſetzten Fremden, ihre Eltern erkannte. Kaum traute ſie ihren Augen. Ein lauter Schrei der ſtuͤr⸗ miſchen Freude, eine ſtille, ſtumme Thraͤne von Seiten der Eltern war Alles, was das mit einem Male und ſo ploͤtzlich ſich gluͤck⸗ lich fuͤhlende Herz geſtattete. Kaum behielt Irene ſo viel Gegenwart des Geiſtes, die wiedergefundenen Eltern in ihre Huͤtte zu fuͤhren, und Stunden gehoͤrten dazu, ehe eine Frage geſchah, ehe eine Antwort er⸗ folgte. Endlich legte ſich der wildere Sturm der Freude; die Herzen wurden ruhiger; man war im Stande, ſich ſo weit uͤber die Gegenwart wegzuſetzen, daß man ein Bild der Vergangenheit entwerfen konnte.— Fern uͤber Burſa hinaus hatte Omar, einer der erſten Befehlshaber Mahomeds, die ein Jahr fruͤher gefangen weggefuhrten 182 Griechen bringen laſſen. Tauſende der Weggeſchleppten aus allen Staͤnden trugen unter einem fernen Himmelsſtriche die Kette der Sklaverei, getrennt und beweint von Allem, was ihrem Herzen ſo nahe, ſo werth wmar. IJrenens Eltern waren unter dieſen * Gefangenen. Faſt ein Jahr hatten ſie die ungewohnten und ihren Kraͤften nicht an⸗ gemeſſenen Arbeiten der Sklaverei verrich⸗ ten muͤſſen, als ſie von dem Auffeher vorgerufen und in das Schloß des Beſitzers dieſer Gegend gefuͤhrt wurden. Mit einer auffallenden Achtung behandelte man ſie hier. Man fragte nach dem Betrage ihres Verluſtes in Gallipoli; verſchwenderiſch wurde er ihnen auf der Stelle erſetzt, reich⸗ liche Geſchenke wurden ihnen gegeben; aber keine Antwort auf die Frage nach dem Grunde der Aenderung ihres Schickfals. Achtungsvoll und beſcheiden aͤußerte der Aufſeher, wie er dies nicht wiſſe, und wie 183 er bloß dem ſtrengen Befehle Omars ge⸗ maͤß handele, der zugleich alle jene Geſchenke beigefuͤgt habe.— Die Freigewordenen waren neu bekleidet, als ſich ein tuͤrkiſcher Officier nahete und mit tiefer Ehrfurcht fragte:„Um welche Stunde ſie nach ihrem Vaterlande zuruͤckreiſen wollten?“— Daß die Gluͤcklichen die naͤchſte Stunde wuͤnſch⸗ ten, bedarf keines Beweiſes. Kaum aͤußer⸗ ten ſie dieſen Wunſch, als ein Wagen vor⸗ fuhr, den ſie mit dem Officier beſtiegen. Sie kamen an die Meerenge, ein ſchoͤnes Fahrzeug erwartete ſie, ſie beſtiegen es und unter jenem Felſen in der ſtaͤrkſten Stroͤmung warf das Schiff die Anker.— „Dort hin nach jener vorſpringenden An⸗ hoͤhe geht Ihr!“ ſagte der Officier, ließ einige Kiſten fuͤr die ans Land Geſtiegenen zuruͤck und pfeilſchnell entfernte ſich die Schaluppe, die ſich in wenig Minuten an Aſiens Geſtade verlor. 4 8848 Dies war die Geſchichte der Befrei⸗ ung der Eltern Irenens. Wer ſie bewirkte, war kein Raͤthſel fuͤr uns; aber war es deſto mehr fuͤr die Gluͤcklichen, die immer noch geneigt waren, alles fuͤr einen Traum zu halten, aus dem das Erwachen um deſto ſchrecklicher ſeyn wuͤrde, je gluͤcklicher der Traum ſelbſt gemacht hatte. Mahomed war zu ſehr von Irenens ſittſamen Reizen bezaubert; es war nicht jene wilde Wolluſt, die er fuͤhlte, ſein Herz wurde, je mehr er mit Irenen ſprach, von einer immer reinern Flamme durchgluͤhet. Das was er bei Irenen fand, hatte er bei keiner andern Geliebten gefunden. Bloß der einmal ein⸗ gefuͤhrte heilig gehaltene Gebrauch der tuͤr⸗ kiſchen Sultane hielt ihn ab, Irene allein als ſeine einzige Gemahlin zu nehmen. Seiner Wuͤnſche, von ihr geliebt zu werden, voll, reiſete er nach Gallipoli, und von hier aus wurden noch an dieſem Abend in 185 alle Gegenden, wo Gefangene ſich aufhielten, leichte Reiter mit dem Befehl, Irenens Eltern reichlich beſchenkt zu entlaſſen und ſie an dem beſtimmten Orte ans Land zu ſetzen, ausgeſchickt. Mahomed, der die ganze Regierung ſeines Landes ſelbſt lei⸗ tete, der's aus Erfahrung wußte, daß ihm, dem Strengen, Ordnungliebenden alles, Alles gehorchte, konnte ſchon im voraus beſtim⸗ men, an welchem Tage Irenens Eltern ihre Tochter wiederſehen wuͤrden. Er wollte, von Sehnſucht getrieben, ſich durch Irenens Gluͤck ſelbſt begluͤcken; er wollte Zeuge ſeyn, wie man dem unbekannten Ret⸗ ter danke. Er verließ ganz allein und ohne von Jemand begleitet zu ſeyn, das nahe vor Conſtantinopels Mauern ſtehende tuͤrkiſche Lager und eilte auf ſeinem pfeil⸗ ſchnellen Roſſe uͤber die vom Vollmonde erleuchtete Ebene hin. Da ſtand er ploͤtz⸗ lich vor drei Unbekannten, deren einer die 186 Kleidung eines chriſtlichen Ritters trug. Wahrſcheinlich mochte es ihm nicht ange⸗ nehm ſeyn, hier auf dieſem Wege aufge⸗ halten zu werden, indeß er war ſchon ſo nahe, daß er die Geſpraͤche des Demetrius und der beiden Illyrier hoͤren konnte. Mahomed hielt ſein Pferd an. Die Un⸗ bekannten traten ihm entgegen, aber, wie vom Blitz geblendet fuhren ſie zuruͤck, da ſie Mahomed erkannten, ob er ſich gleich alles kaiſerlichen Schmuckes entledigt hatte. —„Ich ſehe, Ihr kennt mich,“ ſagte der Sultan.„Ich fordere von Euch, daß Ihr ſo lange hier bleibt, bis ich wieder⸗ komme. Leicht moͤchte es morgen um dieſe Zeit erſt ſeyn“ Gewohnt, des Sultans Befehl blindliags zu gehorchen, verneigten ſich die Krieger.—„Und Ihr, Freund? Wen ſehe ich in Euch, Ritter?“ fragte Mahomed den gefaßten, muthigen Deme⸗ trius; dieſer nannte ſich.„Ihr ſeyd es, 189 ſie hatten dem Sultan den Ruͤcken zuge⸗ kehrt, Mahomed konnte ſich noch unbemerk⸗ ter ihnen naͤhern. Da ſtand er nun unter der bergenden Decke einer Kaſtanie und hoͤrte die Vermuthungen uͤber das undurch⸗ dringliche Raͤthſel der Rettung dieſer Gluͤck lichen; hoͤrte, wie Maria eine gewiſſe Ver⸗ bindung zwiſchen dem Beſuch jenes edeln Tuͤrken und zwiſchen der Freiheit der El⸗ tern Irenens zu finden ſich bemuͤhete; hoͤrte, mit welchen die heißeſte Liebe ver⸗ rathenden Gefuͤhlen Irene von dem treff⸗ lichen Tuͤrken ſprach; ſah, wie die Dankbare ihre Augen trocknete, wie die gluͤcklichen Eltern Freudenthraͤnen weinten; hoͤrte, wie ſie fuͤr ihn beteten. So gluͤcklich als in dieſem Augenblick hatte er ſich nie ge⸗ fuͤhlt. Solche Freuden konnte ihm und ſeinem Herzen der Thron nie gewaͤhren, und was er in dieſem Augenblick empfand, fuͤhlte er nie, wenn er auf ſeine unzaͤhlba⸗ 190 ren Krieger, auf ſeine eroberten Provinzen ſah. Es war jetzt einer jener ſeligen Au⸗ genblicke, die ſich in dem Leben des guten Gluͤcklichen ſo oft zeigen, Augenblicke, in wel⸗ chen der Gluͤckliche ſeine vom Schickſal ihm zugeworfenen Guͤter uͤberſieht, und ſich bloß an ſein Herz haͤlt. Mit einer Freude, wie Mahomed ſie nie fuͤhlte, nabete er ſich. Irene ſprang erſchrocken auf, unge⸗ ſtuͤm ſtuͤrzte ſie dem Ankommenden ent⸗ gegen.„Vater, Mutter!“ rief ſie voll Ent⸗ Zuͤcken aus,„dieſer iſt der edle Mann, dem Ihr gewiß Eure Freiheit, dem ich meine groͤßte Freude zu verdanken habe! Iſt's nicht ſo, edler Mann? Gabſt Du, Du mir nicht meine Eltern wieder?“— Es wollte Mahomed nicht ſo ganz nach Wunſch gelingen, ſich zu verſtellen. Mochte ſein Mund leugnen, Irene las aus ſeinen Augen, daß Er, nur Er der — Wohlthäter ſey. Sie nahm dies für ganz gewiß an; in ihrer kindlichen Unſchuld er⸗ laubte ſie dem maͤchtigen Fuͤrſten nicht einmal eine weitere Verneinung. Voll der kindlichſten Dankbarkeit fuͤhrte ſie den Edeln in die Hutte, in der jene mitge⸗ brachten Kiſten noch uneroͤffnet ſtanden. Irenens Eltern folgten; auch in ihrem Herzen war nicht die geringſte Spur ir⸗ gend eines Mißtrauens; auch ſie nahmen es als ausgemacht an, daß ſie dem Fremd⸗ ling ihre Freiheit zuſchreiben muͤßten; auch ihr Herz floß von Dank uber. Mahomed ſtand da, in Frenens Anblick verſunken; in ſeinem Blick lag nichts Wildes, nichts Be⸗ gehrendes; nur Achtung, nur der Wunſch: moͤchte die Edle dich lieben! ſtrahlte be⸗ ſcheiden und rein aus ſeinen Augen. Seine ganze Seele war darin zu leſen. Die Kiſten wurden geoͤffnet. Irene 192 1 fuͤhrte dankbar den Fuͤrſten an dieſe Schaͤtze, um ihm, Ihm zu ſagen, was ihr Herz bei dem Anblick dieſer verſchwenderiſchen Guͤte fuͤhle, als ihr Vater mit einemmale ernſter und aͤngſtlich wurde. Er als ein Geſchaͤftsmann ſahe bei Eroͤffnung der Kiſten jenes Wappen, das der Sultan allein fuͤhren durfte. Zugleich erinnerte er ſich der Geſichtszuͤge des maͤchtigen Fuͤrſten, den er vor mehreren Jahren als Prinz geſehen hatte. Mehr noch wurde ſeine Verlegen⸗ heit vermehrt, da Maria den ihr von Ma⸗ homed geſchenkten unſchaͤtzbaren Stein zeigte. Ihm als Kenner entging der Werth dieſes Diadems nicht; er ſah ein, daß nur der groͤßte Monarch ein Geſchenk dieſer Art machen koͤnne. Beſtuͤrzt ſtand er da, in⸗ deß Irene mit unbefangener kindlicher Be⸗ redtſamkeit der erſtaunten Mutter den In⸗ halt jener Kiſten zeigte. Seine Verlegen⸗ heit ſiel Irenen auf. Sie fragte nach der -— 193 Urſach. Aengſtlich ſagte der Vater ihr in's Ohr:„Unſer Wohlthaͤter iſt der Sultan!“ Da entſank J Irenens Hand der Schmud da wankte ſie zitternd zuruͤck; Mahomed ſah ihr Erblaſſen.„Was iſt Dir, Irene?³ fragte er mit der ganzen Aufmerkſamkeit, mit der vollen Theilnahme eines wahrhaf⸗ tig Liebenden.„O, mein Heiland!“ preßte ſie aus der Bruſt, indem ſie vor dem Sultan niederfank.„Ihr ſeyd der maͤch⸗ tige Sultan Mahomed!“ Mehr konnte die Zitternde nicht ſagen; es war genug, um alles das auszudruͤcken, was ſie in dieſer wichtigen Secunde empfand. Sie liebte den edeln Tuͤrken wirklich. Was hatte das Herz mit dem von Vaͤtern geerbten Glauben zu thun? Und wie haͤtte dieſer es hindern koͤnnen, den edeln Mann lie⸗ benswuͤrdig zu finden? Jetzt ſah ſie ein⸗ wie der nroße Abſtand ihres Berhaltniſte 13 194 das ſchoͤne Band zerreißen werde; jetzt mußte ſie vielleicht gar fuͤr ihre Eltern, fuͤr ſich ſelbſt fuͤrchten.—„Und wenn ich's waͤre, Irene?“ ſagte Mahomed, indem er die Niederſinkende mit Zaͤrtlichkeit aufrich⸗ tete. Er ſah bei dieſen Worten bloß Ire⸗ nen an, die vor Furcht zitternden Eltern bemerkte er kaum. Irene weinte. Des Sultans Hand trocknete ihre Thraͤnen. „Ja, Irene,“ ſagte er,„ich bin's. Fuͤrchte nichts von mir und von meiner Gewalt. Auch Ihr, Ihr Eltern Irenens, fuͤrchtet nichts. Es iſt mir lieb, daß der Zufall meinen wahren Stand entdeckte. Hatte ich es doch heute noch thun muͤſſen, um Euch und beſonders Dich, Irene, nicht laͤnger zu taͤuſchen.“— Mochte Mahomed noch ſo gut und edel in dieſem Augenblick erſcheinen, der Purpur des Kaiſers mußte zu ſehr blenden, als daß nicht in Irenens Herzen Aengſtlichkeit uͤber die gluͤhende Liebe 1 195— geſiegt haben ſollte. Schuͤchtern ſtand die Arme da; kaum wagte ſie einen Blick in das Auge des Sultans, in dem die Thraͤne der heißeſten Liebe ſchimmerte. Stunden gehoͤrten dazu, ehe jene Angſt ſich verlor, ehe Irene es wagte, ein Wort zu ſagen. Faſt den ganzen Tag blieb Mahomed in der Huͤtte, ehe er ſie mit der Bitte verließ, daß Irene mit ihren Eltern dort ſo lange bleiben moͤchte, bis er ſie abholen wuͤrde. Dann ſchwang er ſich auf ſein Pferd. Geruͤhrt von Liebe trennte er ſich von den von Dankbarkeit Gerüͤhrten. Am Abend kam er in jene Gegend, in welcher er die beiden Illyrier und Demetrius fand. Alle Drei hatten ſich in dieſer Zeit kennen und ſchaͤtzen gelernt; alle Drei verdienten ſie jene wechſelſeitige Hochachtung. Jetzt ſa⸗ hen ſie Mahomeds Roß im Scheine des Mondes. Ehrfurchtsvoll traten ſie dem Sultan entgegen. Ernſter und ſtiller, als V 196 er's je war, ſtand er jetzt unter ihnen, die eben ſo zuruͤckhaltend waren und es nicht wagten, den Sultan anzureden.—„Ich will bei Euch nur eine Stunde ruhen,“ ſagte Mahomed und ſetzte ſich auf den Schaft einer umgeſtuͤrzten Saͤule nieder. „Wie waͤre es, Demetrius, wenn Ihr mich in mein Lager begleitetet? Ich habe Manches mit Euch zu ſprechen.“ Demetrius wollte nicht nach Conſtantinopel zuruͤck. Er willigte ein, willigte gern ein, den Sul⸗ tan zu begleiten, der jetzt auf der Stelle jene beiden Illyrier abſchickte, um dem Prinzen das ſchoͤnſte Pferd aus des Sul⸗ tans Marſtall zu bringen. Beide, Maho⸗ med und Demetrius, waren jetzt allein. Der Sultan ſchien dieſen Augenblick mit Sehnſucht gewuͤnſcht zu haben; Demetrius ſah ihm nicht ganz frei von Beſorgniß ent⸗ gegen. Mochte er auch noch ſo viel Ur⸗ ſach haben, ſich uͤber ſein Schickſal, uͤber 201 gar nichts von Beleidigung und alſo auch nichts von Verzeihung. Alſo, Freund, Du glaubſt, jene Huͤtte ſey unbewohnt?“— „Wenigſtens von Menſchen iſt ſie es. Nie⸗ mand wagt ſich gern dahin. Jener Ma⸗ karios, der Eremit, von dem ich Euch ſagte, iſt dort gemordet, gemordet von einem heidniſchen Maͤdchen, das unter der Maske einer Ungluͤcklichen, huͤlfsbeduͤrftig e⸗ naend ſich nahete. Jetzt ſoll, wie gekht, der Geiſt dieſer Moͤrderi Geiſt dort hauſen. Wie ich habe, Niemand beſucht de langen Zeiten mehr.“ Mahomed zwang 4 dieſe Worte auch ge cheln.„Da ſeht glauben! Ueber 4☚ ins Spiel. S 6 eeiner gewiſſe „aber ich ſpreche mit Dir als einem Manne, auf deſſen Verſchwiegenheit ich feſt rechne, ich komme von jener Huͤtte. Sie iſt be⸗ wohnt, bewohnt von der ſchoͤnſten Sterbli⸗ chen; in dieſer Huͤtte, ach! wie gern vergaͤße 1 ich dort meinen Thron. Doch, Du mußt das Alles im Zuſammenhange hoͤren.“ Daß der gluͤhende Mahomed dem 1 inz ein feuriges Gemaͤlde ſeiner ganzen azu Irenen entwarf, wer moͤchte das .Mit der geſpannteſten Auf⸗ üt hatte Demetrius zugehoͤrt. utte er nicht im Traume er⸗ Mahomed hatte jetzt ſeine* at.—„Sieh, Freund!“ 4 ich mußte einen Ver⸗ ußte, wie gluͤcklich ich kann. Aber wen Jene beiden Il⸗ vergeſſen daß * 203 ihre Vaͤter durch meines Vaters Hand fielen, daß ihr Vaterland von meinem Va⸗ ter unterjocht wurde. Unter meinen Er⸗ ſtern und Vornehmern ſinde ich vollends keinen Vertrauten; Neigung und Liebe zu mir kennen ſie nicht; nur Furcht muß ſie halten und ich darf ihnen nicht uͤber den Weg trauen. Ihre Schweſtern und Toͤchter ſind in meinem Harem, ſie alle wuͤrden es mir nie vergeben, daß ich ihnen eine Chriſtin vorziehe. Du ſiehſt, wie noͤthig Du mir biſt. Schon den Abend, an dem ich Dich hier fand, war es mein Entſchluß, gegen Dich kein Geheimniß zu haben; Du biſt mir durch Freundſchaft verbunden, Irene iſt's durch Liebe. Wirſt Du Deinen Freund durch Treue ſo gluͤcklich machen, wie es— wenigſtens wuͤnſcht es mein Herz— Jrene durch Liebe thun wird?“ Man wundere ſich nicht, daß der maͤchtige Fuͤrſt ſo, ſo zu einem Sohn des Feindes ſeines Stam⸗ 204 mes, ſeines Volks, ſprach. Mahomed liebte Irenen wirklich, liebte ſie gluͤhend, was war da natuͤrlicher, als daß ein Theil ſeiner Liebe ſich auf den erſtrecken mußte, der mit der Ge⸗ liebten von Einem Volke war? Ueberdies war Demetrius ein braver, entſchloſſener Mann, der durch Umgang, durch Bildung ge⸗ lernt hatte, ſich ſo gegen Jeden zu betragen, wie er mußte; ein Mann der nicht kroch, ſon⸗ dern gerade durchging; ein Mann, den der Sultan aus fruͤhern wichtigen Begebenhei⸗ ten, wie die Schlacht bei Varna, kannte. Ei⸗ nem Fuͤrſten, wie Mahomed war, mußte allerdings das dreiſtere, entſchloſſenere Be⸗ nehmen eines Mannes gefallen, wenn er es mit dem ſklaviſchen, kriechenden Schmei⸗ cheln der Untergebenen ſeines Volks ver⸗ glich. Auch Demetrius konnte ſich wegen dieſes Zutrauens Mahomeds Gluͤck wuͤn⸗ ſchen; denn, mochte er jetzt in einer Lage ſeyn, in welcher er wollte, mochte er Gruͤnde haben oder nicht, wenn er glaubte, daß ihn ſein Vaterland verſtoßen habe, gewiß kam in ſein Herz nicht der Gedanke, es je zu verrathen. Von dieſem ſchaͤndlichen Vor⸗ haben blieb ſeine Seele rein. Ein anderes iſt's, ob er nicht durch Mahomeds Unter⸗ ſtuͤtzung irgend einem ſorgenfreien, ehren⸗ vollen Leben entgegen ſehen koͤnne; ob er nicht vielleicht durch dieſes Freundſchaf⸗e.. Pand ſeinem Vaterlande Frieden, dem Kaiſerthrone Conſtantinopels Feſtigkeit geben koͤnne. Gewiß iſt es, daß der Prinz die reinſten Abſichten bei dieſem Bunde hatte; dafuͤr buͤrgt ſein edler Charakter, moͤgen auch zuweilen Eigennutz und Stolz Schatten auf ſein Gemaͤlde werfen. In einer ſchoͤnen Mitternachtsſtunde ſchloſſen Beide den Bund der Freundſchaft. Beide vergaßen ihren Stand, Beide fühl⸗ ten nur Freundſchaft, jene zutrauungs⸗ ——— volle Freundſchaft, in der das Herz ſich über jedes andere Verhaͤltniß wegſetzt. „Und jetzt begleiteſt Du mich, Deme⸗ trius!“ ſagte Mahomed, als er jene beiden Illyrier mit einer Begleitung ankommen hoͤrte. Sie kamen naͤher. Demetrius be⸗ ſtieg eins der Roſſe des Sultans. Ernſt wurde jetzt der Monarch, da er ſich von ſeinen Anfuͤhrern umgeben ſah; wenig 5 ſprach er mit ihnen; was er ihnen ja ſagte, waren ſtrengere, kuͤrzere Befehle, das Heer betreffend. Aber deſto vertraulicher ſprach er mit dem neben ihm reitenden Deme⸗ trius. Freilich mochte es den Vielgelten⸗ den in Mahomeds Gefolge ſehr auffallen, daß ſie heute ſo wenig galten; daß er gar nicht, oder nur ſehr wenig mit ihnen ſprach, und daß er eine ganz andere, ganz unge⸗ wohnte, herzliche Miene annahm, wenn er ſich an Demetrius wandte. Auf einen voon Adrianopel an bis zur Muͤndung dieſes Grund, wie der wirkliche war, rieth keiner. Die meiſten dachten an irgend ein Buͤnd⸗ niß in Hinſicht des nahen Conſtantinopels; nach ihrer Meinung war der Prinz uͤber⸗ gegangen und Mahomed wuͤrde naͤchſtens jene Stadt in ſeiner Gewalt haben. Un⸗ angenehm mußte ihnen dieſe Vorſtellung ſeyn, da mit ihr die Ausſicht ſich verband, daß Oemetrius den griechiſchen Thron be⸗ ſteigen werde, auf den ſchon Mancher von ihnen nur zu gewiß gerechnet hatte. Der Kriegesthaten gewohnt, hatten ſie in der zu hoffenden Belagerung Conſtantinopels ein weites Feld geſehen, auf dem ſie Beloh⸗ nung und Ruhm erndten wuürden. Un⸗ moͤglich konnte es ihnen gleichguͤltig ſeyn, daß dieſe ſchoͤne Ausſicht durch Demetrius Dazwiſchenkunft mit einemmale ſchwand. Das ganze oͤſtliche Ufer der Mariza, 208 Fluſſes, war mit dem Heere Mahomeds beſetzt. Mehrere Meilen weit von dieſer Stellung ſtanden drohend gegen Conſtan⸗ tinopel bis Frara hin vorgeſchobene Ab⸗ theilungen, deren Poſten vom ſchwarzen Meere bis an das Marmormeer um Con⸗ ſtantinopel einen ungeheuren halben Mond bildeten. Am Morgen kamen Mahomed und Demetrius im Hauptlager bei Adria⸗ nopel an. Kaum hoͤrte der ſonſt ſo ſtrenge Sultan auf die Berichte der auf ihn war⸗ tenden Anfuͤhrer der Heeresabtheilungen. Nur kurze Zeit, und zwar nur von dem, was unumgaͤnglich noͤthig war, unterhielt er ſich mit den Fuͤhrern; mochten dieſe ſich uͤber die Veränderung des ſonſt ſo ſtrenge auf jede Kleinigkeit achtenden Sultans wun⸗ dern, wie ſie wollten, Mahomed ſchien es kaum zu bemerken, daß ſein heutiges Be⸗ nehmen auffiel. Man ſah es ihm an, wie gern er ſeiner ſonſt ſo angenehmen Be⸗ ſchaͤftigung, mit dem Zuſtande und der Stellung des Heeres heute uͤberhoben war. Jetzt fuͤhrte Mahomed ſeinen Freund in ein anderes, mit verſchwenderiſcher Pracht geſchmuͤcktes Zimmer des Hauſes. Mochte Demetrius am Hofe ſeines Vaters und in Genua's Pallaͤſten alles, Alles geſehen ha⸗ ben, was das Auge blenden und den Wunſch nach Beſitz erregen kann, alles dies war nichts gegen die Verſchwendung, die er hier erblickte. Vom edelſten, koſtbarſten Holze waren die Geraͤthe; edle Metalle, unſchaͤtzbare Steine und koſtbare Teppiche waren uͤberall ſichtbar. Mit einer gewiſ⸗ ſen Behaglichkeit ſah Mahomed das Be⸗ wundern dieſer Koſtbarkeiten, das auf des Prinzen Geſicht zu deutlich ausgedruͤckt war. Alles, was der uͤppige Orient auf⸗ zuweiſen hatte, ſchien hier in dieſem Saale mit europaͤiſchem Kunſtfleiß ſich gepaart zu 14—* 210 haben.„Dies iſt Dein Zimmer, Freund!“ ſagte der Sultan.„Hier kann ich unbe⸗ merkter als irgend wo mein Herz Dir enthuͤllen; erholen will ich mich hier von allen den drückenden Pflichten meines Be⸗ rufes, und am gluͤcklichſten werde ich ſeyn, wenn ich mit Dir von Irenen ſpreche.“ Demetrius wollte fuͤr dies Zutrauen danken, als ſich die andere Thuͤr oͤffnete und Mahomeds Schweſter, die Prinzeſſin Selima, in der Pracht einer Goͤttin herein⸗ trat. Ein ſchoͤneres weibliches Weſen hatte der Prinz noch nie geſehen. Ver⸗ legen ſtand er da, wußte er doch kaum, ob er wache oder ob er traͤume, wie haͤtte er's wiſſen ſollen, wie er ſich in dieſem gefaͤhr⸗ lichen Augenblick gegen die Prinzeſſin zu nehmen habe. Mit Muͤhe mußte er ſich ſammeln, um nicht jene Verlegenheit zu verrathen, der ſich der Sultan zu freuen 211 ſchien. Noͤglich, daß er die Abſicht hatte, durch Selima's Reize den Prinzen ganz, ganz ſich zu eigen zu machen; moͤglich, daß er, wenn er auch nicht gerade an Con⸗ ſtantinopels Einnahme dachte, doch gewiſſer in ſeiner Liebe zu Irenen ſeyn konnte, wenn Demetrius ganz der Seinige ſey. Aber eben ſo moͤglich, daß der Prinz einen ſol⸗ chen Plan vermuthete, und nun alles, was Hof, was Umgang, was Reiſen ihm von feinerer Lebensart beigebracht hatten, auf⸗ bot, um nicht verlegen zu ſcheinen. Mahomed ſelbſt machte die Prinzeſſin mit Demetrius bekannt, er erzaͤhlte unver⸗ hohlen die Geſchichte ſeiner Bekanntſchaft mit Irenen, und wie er bei dieſer Gelegen⸗ heit in dem Prinzen einen ſo trefflichen Freund gefunden habe. Selima, eine der gebildetſten Fuͤrſtentoͤchter, hob dieſen Vor⸗ zug der Erziehung noch durch das edelſte, 212 reundſchaftlichſte Herz. Sie liebte ihren fuͤrſtlichen Bruder ſehr, und ungeheuchelt war die Freude, da ſie von ihrem Bruder hoͤrte, mit welcher Waͤrme er von Irenen 8 ſprach,—„iſt's mir doch,“ ſagte ſie und umarmte ihren Bruder.„Iſt's mir doch, als bluͤhet nun auch mein hoͤchſtes Gluͤck in Irenens Freundſchaft und Schweſter⸗ liebe. Wie wenig ſtimmt der ganze uͤbrige Troß Deines Harems mit meinem Herzen! Wie wird Irene mir das alles erſetzen, was Deine uͤbrigen Geliebten mir nicht gewaͤh⸗ ren konnten, herzlichen Umgang und wahre uneigennuͤtzige Freundſchaft!“— Mahomed verſicherte dies ſeiner Schwe⸗ ſter. Mit einer unnachahmlichen Guͤte ſetzte ſie dem Prinzen aus einander, wie wenig alle die Geliebten ihren Bruder gluͤcklich machten; wie ſie alle vom Neide, von der Eiferſucht und Scheelſucht mehr 213 oder weniger verdorben waͤren; wie ſie unter einander die Miene der Freundſchaft erheuchelten, indeß ſie auf Naͤnke daͤchten, wie eine die andere ſtuͤrzen koͤnne. Sie ſchloß dieſe Beſchreibung mit den Worten: „Wie ſchoͤn iſt's in Euerm Glauben, Prinz Demetrius, wo der Mann Ein Weib hat, wo das geliebte Weib die ganze ungetheilte Neigung des Mannes beſitzt, und in dieſer Zaͤrtlichkeit als die Einziggeliebte ſich gluͤck⸗ 2 lich fuͤhlen muß. Wirklich, Eure Weiber ſind zu beneiden. Sie ſind Herren und Schoͤpfer des Gluͤckes ihrer Gatten; wir, wir armen Tuͤrkinnen ſind Sklavinnen, und wenn wir den Thron mit unſerm Gatten theilen. Ihr wißt vielleicht aus Erfahrung, wie gluͤcklich Euch die Liebe zu der Einzigen, die Liebe der Einzigen macht.“ Es mag leicht ſeyn, daß die Prinzeſſn eine andere Antwort erwartete, als die war, die Demetrius gab; denn in der That bil⸗ dete ſich ein kleines Woͤlkchen auf Seli⸗ ma's Stirn, als der Prinz fagte:„Ja, Prinzeſſin Selima, dies Gluͤck fuͤhle ich in ſeinem ganzen Werth. Aglaja.—“— Er wollte mehr ſagen. Aber da draͤngte ſich der Gedanke an ſein Verhaͤltniß zu Aglaja zu ſtark vor ſein Herz. Er fuͤhlte das 1 Unwurdige dieſer Verbindung, denn noch hatte keines Prieſters Hand dies Band ge⸗ 4 ſegnet. Aglaja war bloß ſeine Geliebte. Mochte er ſie noch ſo gluͤhend lieben, er mußte es ſich vorwerfen, daß ſie ſeinetwe⸗ gen den Fluch der Eltern, die Geringſchaͤz⸗ zung ihrer Freundinnen und ſelbſt die Ver⸗ achtung der frommen Kaiſerin Helena auf ſich geladen habe. Demetrius wußte nicht, daß waͤhrend ſeines unerklaͤrbaren Verſchwindens zwiſchen Helena und Aglaja ein ganz anderes Verhaͤltniß ein⸗ getreten war.— 215 Dieſe ernſten, ihm ſein Unrecht vor⸗ werfenden Vorſtellungen griffen ihn in die⸗ ſem Augenblick ſo an, daß ſeine Unruhe der Prinzeſſin auffiel. Sie heobachtete den verlegen vor ihr ſtehenden Demetrius mit einem Blick, aus dem mehr als bloße 2 Neugierde leuchtete. Und wirklich mochte es fuͤr Demetrius leichter in der Schlacht bei Varna geweſen ſeyn, als es ihm hier war; denn Selima's brennende Augen, die ſein Innerſtes durchdrangen, waren ihm gefaͤhrlicher, als die feindlichen Schwerdter es en konnten. Die Prinzeſſin haͤtte nicht Frauenzim⸗ mer, nicht Tuͤrkin ſeyn müͤſſen, wenn ihr des Prinzen Verlegenheit haͤtte entgehen köͤnnen; ſie haͤtte nicht an dem wolluͤſtigen Hofe der Osmanen erzogen ſeyn müſſen, haͤtten nicht in ihr Herz ſich gewiſſe Wuͤn⸗ ſche draͤngen ſollen. Mußte ſie doch nicht 216 anders glauben, als daß ihr Bruder ein gewiſſes Annaͤhern zwiſchen ihr und Deme⸗ trius befoͤrdern wolle; er hatte ſie auf den Prinzen aufmerkſam gemacht, und wie ſchoͤn war fuͤr ſie die Ausſicht, durch De⸗ metrius Irenen um ſo werther, durch Ire⸗ nen ihrem maͤchtigen Bruder um ſo unent⸗ behrlicher zu werden. Vielleicht hatte Ma⸗ homed an ſo etwas nicht gedacht, vielleicht bildete ſich Selima nur ein, daß der Sul⸗ tan einen Plan dieſer Art gehabt hatte; genug, ſie hielt ihren Traum fuͤr ausge⸗ macht gewiß, und natuͤrlich mußte ſie Alles 3 thun, ihn zur Wirklichkeit zu machen. Sie freuete ſich der Verlegenheit des Prinzen; denn ſo viel Eitelkeit, ſich einzubilden, daß Demetrius durch ihre Schoͤnheit in Verle⸗ genheit geſetzt ſey, muͤſſen wir ihr ſchon zutrauen.—„Ihr ſcheint unruhig zu wer⸗ den bei meiner ſo gut gemeinten Frage,“ ſagte ſie und immer gluͤhender wurden ihre 217 brennenden Augen. Demetrius ſchwieg und ſenkte den Blick zur Erde nieder. Selima wiederholte die Frage und ſetzte unter dem Anſcheine der innigſten Herz⸗ lichkeit hinzu:„Aber faſt ſollte es mich ge⸗ reuen, Euch dieſe Frage gethan zu haben. Sie beunruhigte Euer Herz und das wollte ich nicht.“ Dieſe Worte, vielleicht legte ſte der Prinz anders aus, als Selima ſie wirklich meinte, dieſe Worte weckten ihn aus ſeiner Verlegenheit.—„Nicht mein Herz iſt unruhig, Prinzeſſin, mein Gewiſ⸗ ſen iſt's. Auf ihm laſtet eine Todſuͤnde, an die Ihr mich durch Eure Guͤte erin⸗ nert.“ Wer moͤchte nicht einſehen, was Demetrius damit ſagen wollte. Selima ſchloß ganz recht, daß hier Liebe im Spiele ſeyn muͤſſe, und dennoch war ſie liſtig ge⸗ nug, hier, dem Anſcheine nach ganz befrem⸗ det zu fragen:„Ihr meint gewiß Euer Vaterland, Prinz. Ihr werft Euch ge⸗ 218 wiß vor, es verlaſſen zu haben, und be⸗ denkt nicht, daß ſein Fall ſo nahe iſt.“— „Mein Vaterland verſtieß mich. Ich habe keine Pflichten gegen daſſelbe. Aber in meinem Vaterlande iſt meine Geliebte. Aglaja wohnt dort und muß vielleicht die Folgen ihres und meines Fehltrittes in dieſem Augenblick hart buͤßen.“—„Fehl⸗ tritts? Vergehens? Traue ich Euch derglei⸗ chen kaum zu.“ Demetrius erzaͤhlte der Prinzeſſin ganz offenherzig Aglaja's Ge⸗ ſchichte. Freilich konnte Selima nach den Grundſaͤtzen ihres Volkes das Verbrechen nicht darin finden, das Demetrius darin fand; indeß wurde ihr der Mann immer werther, der ſo gegen ſeine Geliebte dachte. Ihr Achtung vermehrte ſich mit jedem 3 Augenblick, ſo wie Mahomeds Freundſchaft fuͤr Demetrius wuchs. Der ſchoͤne Mann, der jetzt vor ihr ſtand, wuͤrde ihrem Herzen, ihrer Liebe immer werther. Ob ſie dieſe 6 21¹9 Neigung nicht zu verbergen wußte, nicht ſo zu verbergen wußte, daß Demetrius nichts davon merkte, mag hier unentſchieden bleiben. Genug, daß ſie den Prinzen wirklich liebte, daß ſie den Wunſch gluͤhend fuͤhlte, ihn ganz zu beſitzen, daß ſie Aglaja fuͤr ihre Todfeindin zu halten ſich berechtigt glaubte, daß ſie die naͤchſte Stunde der Einſamkeit uͤber die beſten MNittel nachdachte, ihre Abſicht zu erreichen. Sie ſprach offenherzig mit ihrem Bruder daruͤber, ſie verlangte von ihm Conſtanti⸗ nopels Thron fuͤr Demetrius und Maho⸗ med, den die Liebe zu Irenen nachgiebiger gegen die Wuͤnſche der Liebenden machte, verſprach ihr, was ſie nur wuͤnſchte.— „Aber wird Demetrius, ſeine Aglaja ver⸗ geſſen?“ fragte er.—„O, er hat ſie ſchon vergeſſen!“ unterbrach Selima die Frage ihres Bruders.„Faſt drei Tage iſt er von ihr getrennt, und das will ſchon viel fagen. Fuͤr das Uebrige laß mich ſorgen. Mir „ 220 entging des Prinzen Ehrgeiz nicht; ſeiner Liebe will ich bald gewiß ſeyn,“ ſetzte ſie mit triumphirender Miene hinzu.„Die Begierde, auf Conſtantinopels Thron zu ſitzen, brachte ihn hierher, und ich muͤßte mich wenig auf das menſchliche Herz ver⸗ ſtehen, wenn ich nicht in voraus ſaͤhe, daß der Prinz Dir in der erſten, der beſten Stunde die Bitte um Deine Unterſtuͤtzung vortraͤgt.“— Mahomed bewunderte i im Stil⸗ len ſeiner Schweſter Klugheit; ſie kam ganz mit ſeinen Wuͤnſchen uͤberein; kein Wunder, daß er in den Plan Selima's, wie ſie es nur wuͤnſchen konnte, eingriff. Aber auch Demetrius war nahe daran, dieſen verfuͤhreriſchen Plan Selima's aus⸗ zufuͤhren. Nach jener Unterredung mit ihr beſtieg er einen nahen Huͤgel, von dem man die ſchoͤnſte Ausſicht auf die ganze Gegend hatte, Er wollte allein ſeyn, denn 3 221 ler hatte nicht ſo viel Herrſchaft uͤber ſich, ſich nicht die Frage vorzulegen: Ob er nicht durch Mahomeds Freundſchaft ganz gluͤcklich werden köͤnne, und ob er es wohl an Aglaja verantworten koͤnne, wenn er ſie um des Thrones und um der Hand Selima's willen verließ? Wer erſt Fragen dieſer Art an ſein Herz thut, iſt ſchon auf dem Wege, die Stimme des Gewiſſens weiter nicht zu hoͤren. So ging es dem Prinzen. Ehrgeiz, Stolz und Herrſchbe⸗ ggierde ſtellten ſich in die Schranken, um die Liebe zu Aglaja zu bekaͤmpfen. Was war natuͤrlicher, als daß dieſe ſanftere Liebe im Kampfe mit jenen maͤchtigen Lei⸗ denſchaften unterliegen mußte.—„Was bin ich ohne Mahomeds Freundſchaft, ohne Selima's Liebe? Ein Sklav meines Bru⸗ ders. Und was wird Aglaja damit gedient ſeyn, die Gattin eines Sklaven zu ſeyn. Freilich liebe ich ſie, freilich iſt ſie mir aus 222 Liebe gefolgt. Aber, wird ſie nicht noch ungluͤcklicher ſeyn, wenn ſie auch mich ün⸗ gluͤcklich weiß?“— So ſprach Demetrius mit ſich ſelbſt und wußte nicht, daß ſein Freund Mahomed ihm ſo nahe ſtand, ihm auf jenen Huͤgel gefolgt war. Daß dazu nicht viel Zeit gehoͤrte, ſich zu verſtaͤndigen, war zu erwarten. Mahomed wußte bald, daß Demetrius bei ihm Unterſtützung in Hinſicht des griechiſchen Thrones ſuche, und Demetrius erroͤthete ſchon nicht mehr bei dem Antrage des Sultans, den Glauben Mahomeds anzunehmen. Vergnuͤgt ritten Beide nach Mahomeds Wohnung zuruͤck. Waren des Prinzen Sinne ſchon bei dem erſten Schritte in dieſe Zauberwohnung be⸗ taͤubt, wie mußten ſie es jetzt in dieſem Feenpallaſte ſeyn, da Selima und Maho⸗ med ſich der Erreichung ihrer Wuͤnſche ſo nahe ſahen. In wilder Freude verſtrichen 4 die Stunden; der hoͤchſte Reichthum ent⸗ 223 flammte des Prinzen Geiz; die Ehre, die ihm von allen Seten widerfuhr, ſchmei⸗ chelte ſeinem Stolze zu ſehr, als daß nicht das Andenken an Aglaja immer ſchwaͤcher werden mußte. Nur wenig fehlte und Aglaja's Liebe war ganz verwiſcht, als der Zufall oder vielmehr ein auffallender Wunſch Selima's den Prinzen rettete und ihn ſich ſelbſt zuruͤckgab.— Mahomed, Selima und Demetrius hatten ſich aus dem wilden Schwarme der übermuͤthigen Hofleute in jenes ſchöne Zimmer zuruͤckgezogen. Hier ſaßen ſie auf den ſchoͤnſten Polſtern, als Selima ihrem Bruder um den Hals fiel.—„Noͤchte ich doch Deine Irene erſt ſehen!“ ſagte ſie ſchmeichelnd.„Jede Minute wird mir zu einer Ewigkeit, ehe ich Deine Getiebte kenne.“—„Wuͤnſcheſt Du weiter nichts 2“ fragte Mahomed läͤchelnd.„Nichts weiter.“ — ,Dein Wunſch kommt mit dem meinigen zu ſehr zuſammen, als daß er laͤnger un⸗ erfuͤllt bleiben duͤrfte.“ Es bedurfte nur eines Winks des Sultans und Tauſend waren bereit, jeden ſeiner Wuͤnſche zu er⸗ fuͤllen. Mitten in der Nacht fuhren die Drei weg, der Morgen fand ſie an jenem Felsgebirge, das Irenen einſchloß. 4 Mahomeds Begleitung blieb hier zu⸗ ruͤck, unter dem ſtrengſten Befehl, nicht zu folgen. Selima und Demetrius beglei⸗ teten den von Liebe gluͤhenden Fuͤrſten. Mochte der Weg noch ſo beſchwerlich ſeyn, an Demetrius Hand war er fuͤr Selima ein Spaziergang. Sie hoffte heute um ſo mehr, Mahomeds gluͤhende Liebe ſollte den Prinzen zu gleicher Liebe anfeuern. JIgoyr Plan war fertig. Daß er ſcheitern xoͤnne, ſiel der begehrenden Prinzeſſin auch nicht im Traume ein, mußte ihr um ſo 8 225 weniger moͤglich ſcheinen, da Demettius alles zeigte, was die aufmerkſamſte Sitte nur zeigen kann. Jetzt bog man um das letzte Geſtein des den Berg ſich hinauf⸗ windenden Fußſteiges, die Huͤtte ſtand da vor den Augen der Geſellſchaft. Mahomed machte ſeine Begleitung aufmerkſam darauf. —„Hier war ich einigemale in meiner Jugend,“ ſagte Demetrius, indem er den Schweiß von der Stirne trocknete.—„Nur erſt einen Augenblick Ruhe,“ fiel Mahomed ein.„Iſt mir das Erſteigen des Weges doch wirklich ſauer geworden.“ Man ſetzte ſich auf den vorſpringenden Felſen nieder. Selima ergriff des Prinzen Hand. Ihr 1 Auge gluͤhete.„Wenn ich nur Irenen erſt ſehe!“ ſagte ſie.„Ich freue mich auf den Anblick der Liebenden.“ Behutſam ging man zu der Huͤtte. Sie war ver⸗ ſchloſſen.„Was iſt das?“ fragte der nach Irenens Anblick duͤrſtende Mahomed. Man * 3 15 3 226 ſah es ihm an, wie dieſer Zufall ihn außer alle Faſſung verſetzte. Ungeſtuͤm klopfte er an, Niemand antwortete. Mahomed ſtieß die leicht verſchloſſene Thuͤr auf, die Huͤtte war leer, bloß die Kiſten mit den Geſchenken Mahomeds ſtanden da, ange⸗ fuͤllt mit den Geſchenken, die Omar auf des Sultans Befehl den Eltern Irenens mit⸗ gegeben hatte. Ein offener Brief lag auf der erſten Kiſte. Mahomed entfaltete das Papier und las den Inhalt.— den Tyger gleich, ſo ſehr brachten ihn die . Worte des Briefes auf. Mit blitzenden Augen gab er ihn an Selima, dieſe las das Urtheil ihres Bruders. Irene ſchrieb ihm, daß ſie mit ihren Eltern nach Con⸗ ſtantinope⸗ gegangen ſey, und daß ſie des Kaiſers Geſchenke, wie die Abſicht derſel: ben, verabſcheue.—„Mein Glaube und Der Monarch war jetzt einem wuͤthen⸗ 227 mein Vaterland ſind mir zu werth. Ich will mit ihnen fallen, wenn der Sieg un⸗ moͤglich iſt.“ Mit dieſen Worten ſchloß ſie. Aber welche Wirkung mußten dieſe Worte bei denen hervorbringen, die ſie jetzt hoͤr⸗ ten! Mahomeds Auge gluͤhete von Zorn, ſein ganzer Anſtand zeugte von einer Wuth, wie der feurigere Morgenlaͤnder ſie nur fuͤhlen kann; Selima fuͤrchtete das Schei⸗ tern ihres Plans, denn auf Irenens Freund⸗ ſchaft hatte ſie zu ſehr gerechnet, und De⸗ metrius ſtand da, beſchaͤmt von ſeinem ei⸗ genen Gewiſſen, das ihm in Irenens An⸗ haͤnglichkeit an Glauben und Vaterland ein Beiſpiel zeigte, das ihn, den Prinz, demuͤthigen mußte. Es war ihm, als riefe ihm Irene jene Worte ins Herz. Sein Gewiſſen erwachte. Sein Vaterland, ſeine Geliebte, ſein Glaube, Alles ſtand auf dem Spiele, und mochte auch des Prinzen Charakter ſonſt noch ſo edel ſeyn, ſein Stolz, ſein Ehr⸗ 228 geiz ließen allerdings keinen Zweifel, daß er im Kampf mit Selima ſeine Aglaja, geehrt durch Mahomed ſein Vaterland, und ge⸗ ſchmeichelt von einem maͤchtigen Volke ſeinen vaͤterlichen Glauben vergeſſen werde. Selten ſteht ein Sterblicher auf einem ſo gefaͤhrlichen Scheidepunkte zwiſchen Laſter und Tugend, zwiſchen Verbrechen und Pflicht. Daß man es dem Prinz anſah, was in ſeinem Herzen vorging, daß dies Niiemand deutlicher ſah als Selima, bedarf keines Beweiſes. Hing doch von dem Um⸗ ſtande, ob der Prinz ſich ſo oder anders nahm, gar zu viel fuͤr die Ruhe der Prin⸗ zeſſin ab. Mit mehr als gewoͤhnlicher Auf⸗ merkſamkeit ſah ſie auf Demetrius, der Ire⸗ nens Brief noch immer in der Hand hatte und die Bewegungen, die dieſe Grundſaͤtze eines edlen Maͤdchens in ſeinem Innerſten hervorbrachten, nicht verbergen konnte. Mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit trat ſie dem 229 Peinzen naͤher.—„Hat die Kreatur nicht undankbar gehandelt?“ fragte ſie, vielleicht weniger aus eigener Ueberzeugung, als viel⸗ mehr um ihrem fuͤrſtlichen Bruder zu zeigen, wie ſehr vielen Antheil ſie an ſeiner ungluͤck⸗ lichen Liebe naͤhme.—„Kreatur ſagt Ihr, Prinzeſſin?“ fuhr der Prinz auf.„Kreatur? Ich kenne das edle Maͤdchen, die edle Toch⸗ ter meines Vaterlandes nicht; aber, eine Heilige iſt dieſe Irene, bedenkt es,“ fuhr er ſanfter fort.„Bedenkt es, ſie verſchmaͤ⸗ het alle jene Guͤter und Schaͤtze, ſie opfert der Tugend und ihrem Glauben alles auf.“ Mit Staunen hoͤrte Selima dieſe Worte. Ihr war es unmoͤglich, nur ein einziges Wort vorzubringen. Aber wuͤthender als je wurde Mahomed. Im Ueberdenken ſei⸗ nes Verluſtes, ſeiner ſo tief gekraͤnkten Liebe hatte er da Minutenlang geſtanden, und feſt und ernſt den Blick auf jene Hutte gerichtet. Jetzt hoͤrte er des Prin⸗ 230 zen Lob, der entflohenen Irene beigelegt, und die höͤchſte Stufe des aufwallenden brennenden Zornes riß ſeine Seele hin. Als waͤre Demetrius Schuld an Irenens Flucht, vergaß er alle die Pflichten des heiligen Gaſtrechts, alle Pflichten der vor wenig Tagen erſt geſchloſſenen Freundſchaft. Des Prinzen Worte ſchienen ihm die hoͤchſte Beleidigung. Es war ihm nicht anders, als muͤſſe er in dieſem Augenblick Blut ſehen, um die Rache zu kuͤhlen, die in ſei⸗ nem Herzen gluͤhete. Mit blitzenden Au⸗ gen trat er dem Prinzen naͤher.—„Ver⸗ raͤther! Feiler Sklav! Du wagſt es, jene Verworfene zu entſchuldigen?“ rief er „Was haͤlt mich ab, daß ich Dich durch⸗ bohre? 20—„Mein Schwerdt!“ antwortete Demetrius ganz ruhig und legte die Hand ans Gefaͤß. Mahomed gerieth durch dieſe Ruhe des Prinzen ganz außer ſich. Wirk lich hatte er den Dolch gezuͤckt. Aber wie 231 klein ſtand der maͤchtigſte Monarch ſeiner Zeit in dieſem Augenblick da! Wie groß erſchien neben ihm der Prinz, dem das Schickſal nicht einmal einen morſchen, ſchon halb geſunkenen Thron goͤnnte! In der That erwachten jetzt alle die ſchlummern⸗ den beſſern Gefuͤhle des Prinzen mit einem⸗ male. Mit einem gewiſſen Stolz, dem Erbtheile des Edeln, trat er dem Sultan naͤher.—„Wie koͤnnt Ihr mich Sklav nennen? Wie koͤnnt Ihr mich mit dem Titel eines Verraͤthers brandmarken? Wißt, daß ich mich jetzt ſchaͤme, Euer Ffeund zu ſeyn. Wie ich mich als Feind gegen Euch nehmen werde, dazu wird ſich die Gele⸗ genheit bald zeigen.“— Mit jener Wuͤrde, die den Prinzen immer auszeichnete, kehrte er ſich um. Selima ſtuͤrzte ihm in die Arme.„Wohin, Prinz Demetrius, wohin? Koͤnnteſt Du mich verlaſſen?“—„Mein Vaterland, Aglaja und mein Glaube ru⸗ 232 fen. Lebt wohl, Selima. Vergeßt die wenigen Tage, die ich bei Euch zubrachte. Ich pergeſſe ſie gern und bald.“— Ob Selima in Oönmacht ſank, oder ob ſie aus des Sultans Hand den Dolch riß, um den, nach ihrer Anſicht wenigſtens, Treuloſen zu morden, das war dem Prin⸗ zen einerlei. Er war mit ſich zufrieden, und Jeder, der ſeine Geſchichte lieſet, wird es mit ihm ſeyn. Gern verzeiht man dem Edeln, daß er ſich einer Verſuchung hin⸗ gab; beſiegte er ſie doch in der gefaͤhrlich⸗ ſten Stunde, in der vielleicht keiner mehr auf Sieg rechnet. Mahomed und Selima ſammelten ſich aus der Verwirrung, in wel⸗ cher Beide waren, als Demetrius ſchon ver⸗ ſchwunden war. Der Sultan dachte klein genug, an jene Koſtbarkeiten und beſonders an dem Briefe Irenens ſeinen Zorn aus⸗ zulaſſen, als Demetrius den wilden Fuß⸗ 233 ſteig hinab war. Mit eigner Hand zerriß er jenes Papier, ſein eigner Fuß zertruͤm⸗ merte jene Koſtbarkeiten, mit dem Werthe eines Koͤnigreichs erkauft. Vergebens ſuchte Selima ſich Manches zuzueignen, Mahomed, der heute ganz in die Rolle des Wuͤthen⸗ den gefallen war, ſchonte auch ſeiner Schwe⸗ ſter nicht. Er entriß ihrer Hand alles, er warf dies Entriſſene zur Erde und knir⸗ ſchend und mit funkelndem Blick ſahe er auf die Truͤmmern. Laut fluchte er Jre⸗ nen, laut ihren Eltern und dem Prinzen Demetrius; dann reuete ihn dieſer Fluch, uͤber Irenen ausgeſprochen, dann fiel er ſeiner Schweſter in die Arme und geſtand es, wie gluͤhend ſeine Liebe zu Irenen ſey. Die Prinzeſſin war im Grunde genommen in eben der Lage, in welcher Mahomed war. Auch ſie war in ihren Erwartungen zu hart getaͤuſcht, gegen ſie hatte Deme⸗ trius eben das Verbrechen begangen, deſſen 5 234 Irene gegen Mahomed ſich ſchuldig ge⸗ macht hatte. Kein Wunder, wenn auch ſie wie ihr Bruder ein Spiel der entgegenge⸗ ſetzteſten Leidenſchaften war; wenn in dieſem Augenblick eine Thraͤne der heißeſten Liebe, der begehrendſten Sehnſucht in den Augen glaͤnzten, aus denen im naͤchſten Augenblick grenzenloſe Wuth ſtrahlte. In welcher Stimmung Beide einen Ort verließen, der ſie ſo ſehr getaͤuſcht hatte, laͤßt ſich leicht denken. Zitternd nahete ſich ihnen die aum Eingange des Weges zuruͤckgebliebene Be⸗ deckung, zitternd fuͤhrte man Selima's Wagen, zitternd Mahomeds Pferd vor. Aber allgemeines Schrecken uͤberſiel Alle, da einer der Offſciere nach dem Prinzen fragte und der Sultan deſſen Haupt zu ſpalten drohete, der den Namen des Ver⸗ Täthets nur nennen wuͤrde.— Sthnaubend loge die Roſſe uͤber das 235. Feld hin, beſorgt war Jeder für den Au⸗ genblick, in welchem Mahomed in Sachen des Heeres ihn anreden wuͤrde, zitternd ſtanden alle Anfuͤhrer da; einer fragte den andern nach der Urſach des Zornes und keiner wußte ſie. Alle Anfuͤhrer ſtanden jetzt vor jenem Pallaſte, in dem wir Selima kennen lernten, als Mahomed vortrat und den erſten Vezier fragte:„Ob das Heer heute noch zu einem großen Angriff bereit ſey?“— Der Vezier, der den Sultan ge⸗ nau kannte und der es wußte, daß bei der unrechten Antwort ſein Kopf auf der Erde liegen wuͤrde, antwortete gefaßt:„Laͤngſt iſt das Heer zu den größten Angriffen be⸗ reit, es erwartet mit gluͤhender Sehnſucht den Befehl.“—„Gut!“ unterbrach ihn Mahomed.„Jene Stadt muß eingenom⸗ men werden. Kein Stein bleibt auf dem andern, und kein Menſch wird verſchont. Macht dieſen Befehl dem Heere bekannt. Der, der zuerſt die Mauer erſteigt, bekommt ein Koͤnigreich, und alle Schaͤtze und Guͤter gehoͤren den Kriegern!“— Schrecklich war der Befehl, noch ſchrecklicher der Blick Mahomeds, mit dem er dieſes Todesurtheil eines ungluͤcklichen Landes ausſprach. Wie ein Lauffeuer durchlief dieſer furchtbare Tagesbefehl die Reihe der Anfuͤhrer, und kaum einige Minuten waren noͤthig, und wie Todesengel hatten die Unterbefehlshaber jene ſchrecklichen Worte dem Heere bekannt gemacht. Mahomed ging in den Pallaſt zuruͤck, Selima ſtand am Fenſter. Aus ihrem Blick las man deutlich, wie ihr Herz dieſem Befehle Beifall gab. Aber ſchwer war es, den Grund davon zu errathen. Wußte man doch, wie ſchonend Mahomed Conſtantinopel immer noch behandelt hatte, wußte man doch, daß er beſonders in den letzten drei 232 Tagen jeden gefangenen Griechen mit un⸗ gewohnter Milde behandelte, hatte man es doch geſehen, welchen Vorzug er dem Prinz Demetrius gab, und jetzt war von alle dem nicht eine Spur mehr. Ein alter Anfuͤhrer der Janitſcharen, ein aſiatiſcher Chan, ſagte bei dem Zuruͤck⸗ reiten:„Mich ſoll der große Prophet ver⸗ fluchen, wenn ich dem ganzen Befehle nicht auf der Spur bin. Der griechiſche Prinz ſteckt der Selima im Herzen, die Prinzeſſin wollte ihn haben und mit ihm das Koͤnig⸗ reich. Er hat dies nicht gewollt; er iſt ver⸗ ſchwunden, und nun hetzt die Prinzeſſin den Sultan auf. Nun, ich hoffe, wir kommen noch hinter den ganzen Handel.“ Jeder fand dies Urtheil gegruͤndet; Nie⸗ mand aͤußerte ſeinen Beifall, man wußte aus zu vielen Beiſpielen, wie ein unuͤber⸗ legtes Wort den Kopf koſtete. Jener alte Chan, der zugleich eine Abtheilung aſiati⸗ ſcher leichter Reiter anfuͤhrte, war kaum bei ſeinem Corps angekommen, als er den Reitern befahl, aufzuſitzen. Mit einem Haufen kuͤhner Freiwilli⸗ ger nahete er ſich der Stadt. Sein Be⸗ fehl war ſo eilig ekommen, daß mehrere ſeiner Reiter noch gar nicht gefuͤttert hat⸗ ten. Um deſto willkommner war dieſen eine ſchoͤne Kornbreite, die zu dem Bezirke der Stadt gehoͤrte. Die ganze Schaar ſiel wie ein Heuſchreckenſchwarm in die ſchoͤne ſegensvolle Ebene, die praͤchtige Flur ſah in wenig Augenblicken wie ein vom Hagel nie⸗ dergeſchmettertes Feld aus, und kaum hatten die ungluͤcklichen Beſitzer der Aecker von den Mauern Conſtantinopels dieſe Verhee⸗ rung geſehen, als ſie bewaffnet aus der Stadt ſtuͤrzten und die Turken uͤberfielen. Die Reiterei wurde mit Hinterlaſſung meh⸗ 239 rerer Todten verjagt, ſie floh an das Haupt⸗ heer und der Zufall wollte, daß in bieſem Augenblick Mahomed, um ſich von ſeinem Verdruß zu zerſtreuen und um nichi 2ar ma's Vorwuͤrfe und Klagen zu hoͤren, die Linien des aufgeſtellten Heeres beritt. Er ſah die ihm und ſeinem Ruhm ſo ſchimpfliche Flucht ſeiner Reiter. Der Zorn, der eigentlich auf jenen Anfuͤhrer fallen mußte, ſammelte ſich uͤber die Bewohner einer ungluͤcklichen Stadt, die doch weiter nichts gethan hatten, als daß ſie ihr Ei⸗ genthum ſchuͤtzten.—„Alſo angegriffen haben Euch die Griechen?“ fragte er, in⸗ dem jener Chan kluͤglich die Verheerung jenes Feldes verſchwieg und den Sultan uͤberzeugte, daß ihm gar der Gedanke nicht haͤtte einfallen koͤnnen, mit der Rei⸗ terei eine der groͤßeſten und feſteſten Staͤdte nehmen zu wollen.—„Gut, ſehr gut!“ fuhr Mahomed ſort.„Der Krieg iſt erklaͤrt. 88 1 240 1 Jene heilloſe Stadt ſehe ich als Aſchen⸗ haufen in Truͤmmern, und blutig ſoll der Frevel geraͤcht werden!“ Der Chan jener Aſiaten, der mit ban⸗ ger Furcht vor Mahomed getreten war, um ſich zu rechtfertigen, trauete kaum ſei⸗ nen Ohren, da er dieſe Worte hoͤrte. Als haͤtte ihm der Sultan eine Provinz geſchenkt, ſo ehrerbietig dankbar neigte er ſich mit uͤber die Bruſt zuſammengeſchlagenen Ar⸗ men vor dem maͤchtigen Mahomed, der dem verſuchten bewaͤhrten Krieger die ſchoͤne Ausſicht zeigte, der Erſte zu ſeyn, der mit ſeinen Janitſcharen Conſtantinopels Mau⸗ ern erſtuͤrmen ſollte. Freudevoll machte der Chan ſeiner Abtheilung und ſeinen Un⸗ terbefehlshabern jene ehrenvolle Aeuße⸗ rung des Großſultans bekannt.—„Wenn hinter dieſem Befehl nicht die Prinzeſſin ſteckt, ſo verliere ich meinen Kopf!“ ſagte 241 er im Kreiſe der vertrautern Freunde, die ihm gaͤnzlich und ungetheilt Beifall gaben. „Erfahren will ich es ſchon,“ fuhr er fork, „und am gewiſſeſten aus dem Harem Ma⸗ homeds ſelbſt.“— Er hatte Recht. In der Reihe der Geliebten Mahomeds fand ſich eine ſchoͤne Juͤdin. Mahomed hatte ihrem Vater eine guͤnſtige Gelegenheit ge⸗ geben, reich zu werden. Zweifelhaft iſt's, ob Mahomed dies um der ſchoͤnen Jedidia that, oder ob der Vater aus Dankbarkeit ſeine Tochter dem maͤchtigen Fuͤrſten uͤber⸗ geben hatte. Beides laͤßt ſich uͤbrigens zu gut mit einander vereinigen, als daß es den Gang der Geſchichte auch nur einen Augenblick unterbrechen ſollte. Der Chan hatte in ſeiner Heeresabtheilung einen Sohn, der ſeiner Juͤnglingsjahre ungeachtet, ſchon einen anſehnlichen Poſten in dem Heere bekleidete. Er war der Liebling der Geliebten des Sultans und— freilich 16 242 war und blieb dies bei den folgenden tuͤr⸗ kiſchen Sultanen nicht der Fall— Mahomed ſchien nicht ſehr darauf zu achten, wenn der junge Aga ſich mancher Vorrechte des Sultans im Harem verdaͤchtig machte. Oft war der ſchoͤne junge Mann Stunden und Tage im Kreiſe der Weiber Maho⸗ meds, die in Ibrahim nicht den keimenden Helden, ſondern den ſchoͤnen gewandten Juͤngling ſahen, der fuͤr die toͤdtende Lang⸗ weile des Harems ſie ſchadlos hielt. Selbſt Selima, die Schweſter Mahomeds, unterhielt ſich gern mit Ibrahim, und bloß der Dazwiſchenkunft des Prinzen Deme⸗ trius hatte Ibrahim es zuzuſchreiben, wenn er in drei Tagen die Prinzeſſin nicht ſah. Der Chan, ſein Vater, war nicht allein tapferer Soldat, er war auch feiner, ver⸗ ſchmitzter Hoͤfling. Was ſein Sohn nicht gemerkt hatte, daß Demetrius dem Herzen der Prinzeſſin wichtig geworden war, das 243 merkte der Vater bald; er machte den Sohn aufmerkſam darauf, daß die Aende⸗ rung Mahomeds in einer ungluͤcklichen Liebe der Prinzeſſin ihren Grund haben muͤſſe, und Ibrahim war nur zu geneigt, dies zu glauben. Freilich koſtete es ihn einige Ueberwindung, zu Selima zu gehen, das Bild des Demetrius draͤngte ſich wie ein Geſpenſt zwiſchen Selima und ihn; in⸗ deſſen der zu hoffende neue Triumph uͤber einen vermeinten Nebenbuhler hatte bald den Verdruß uͤber anſcheinende Zuruͤckſez⸗ zung beſiegt. Noch an dieſem Tage mußte der Vorwand, vom Sultan neue Befehle zu holen, dem Jungling eine güͤnſtige Gele⸗ genheit geben, den Pallaſt ſeines maͤchti⸗ gen Goͤnners zu beſuchen. Selima ſah den Jungling ankommen; daß ſogleich ein Vertrauter mit dem Auftrage, Ibrahim zu der Prinzeſſin zu fuͤhren, erſchien, laͤßt ſich von der Haremspolitik Selima's wohl nicht 244 anders antworten. Ibrahim vergaß bald ſeine quaͤlende Eiferſucht, vergaß ſie um ſo eher, da Selima ſich ſelbſt ganz aus dem Spiele ließ, da ſie dem jungen Aga Mahomeds Liebe zu der ſchoͤnen Irene und den Ausgang dieſes Abentheuers erzaͤhlte. Daß der Prinz Demetrius hier bloß als der Freund des griechiſchen Maͤdchens er⸗ ſchien, daß der anſcheinende Vorzug, den Selima ihm gegeben, bloß aus dem Grunde hergeleitet wurde, daß die Prinzeſſin ihren maͤchtigen Bruder ganz dadurch auf ihre Seite ziehen wollte, dergleichen ließ ſich erwarten, ſo wie das, daß Ibrahim gaͤnz⸗ lich mit der Prinzeſſin ausgeſoͤhnt werden mußte. Der alte Chan freuete ſich herzlich, da er ſich in ſeiner Vermuthung nicht ge⸗ irrt hatte; denn man wird dieſem Erfahrnen zutrauen, daß er weiter ſah als ſein Sohn, der von der Liebe zu Selima und Jedidia geblendet war und nicht ſelten mit Gefahr 253 3 ders beunruhigen mußte, unter ſolcher Um⸗ ſtaͤnden nie von ihr getrennt geweſen. Aglaja hoͤrte kaum des Geliebten Bitte um Verzeihung, des Wiederſehens Freude war zu groß. Kaum hatte die Glückliche noch eine Thraͤne, ſo ſehr griff dieſer Au⸗ 3 genblick die Geliebte an. Aber eben ſo gewaltſam war der Sturm in des Prinzen Herzen. Er ſah, was er ſelbſt in den kuͤhn⸗ ſten Traͤumen nicht gehofft hatte, ſeine Aglaja von der Kaiſerin geehrt und geliebt; er hoͤrte, wie dieſe ſie Schweſter nannte; er ſah, wie ſie mit wahrer ſchweſterlicher Zaͤrtlichkeit die Thraͤnen Aglaja's trocknete, kein Vorwurf wegen ſeines Verſchwindens kam uͤber die Lippen der Gluͤcklichen, man ſah, man fuͤhlte nur die Freude, ſich wieder zu haben. Wie mußte dies alles auf des Prinzen Herz wirken, welche Empfindun⸗ gen mußten ſich in ſeiner Seele durchkreu⸗ zen, erinnerte er ſich der Gefahr, in der 254 er geſtern um dieſe Zeit bei der wol⸗ luͤſtigen Selima war, in welchen Gefah⸗ ren ha ſeine Pflicht und ſein Gewiſſen ſich befanden. Mit unverſtellter Bruderliebe umarmte er den Kaiſer, der in ſeiner Er⸗ ſchein ung einen Strahl neuer Hoffnung er⸗ blickte. Aller Groll ſchwand mit dem er⸗ ſten Haͤndedruck, die Herzen beider Bruͤder floſſen zuſammen und dieſer ſchoͤne Au⸗ genblick knuͤpfte ein Band, das ſich da noch uemn beide Herzen ſchlang, als ſie im Ge⸗ tuͤmmel des wilden Kampfes aufhoͤrten zu ſchlagen. Mit Dank gegen die Vor⸗ ſehung hatte der in dieſem edlen Vereine ſich befindende fromme Patriarch Gregorius dieſen herrlichen Auftritt der Verſoͤhnung angeſehen. Segnend hob er die Haͤnde auf, Thraͤnen hinderten den Greis, auch nur ein Wort ſagen zu koͤnnen, aber deſto gluͤhender betete ſein Herz. Da riß De⸗ metrius ſeine Aglaja aus Helenens Arme; vor dem Patriarchen kniete er mit der Geliebten nieder.—„Vater,“ ſagte er, nnoch hat keines Prieſters Hand unſern Bund geheiligt. Segnet Ihr uns ein.“— Mehr konnte er nicht ſagen. Sein Herz war zu gepreßt, Aglajens ganze Zufriedenheit lag laſtend auf ihm, und ſchwer hatte er dadurch geſuͤndigt, daß er in einer Stunde, in der ſein Ehrgeiz ihn ganz beherrſchte, ſich ſelbſt das unuͤberlegte Geluͤbde gethan hatte, nie eher den Bund der Liebe mit Aglaja durch die Religion beſtaͤtigen zu laſſen, bis er den Thron beſtiegen habe. Jetzt galt ihm fein Gewiſſen mehr als der morſche Thron; jetzt war ihm Liebe heili⸗ ger als jene eitle Ehre. Gregorius legte die Haͤnde beider Geliebten in einander, Beider Bund wurde durch ſeinen Segen ent⸗ ſuͤndiget. Aglaja fuͤhlte, wie jedes Wort des frommen Greiſes ihr Herz traf, wie jede ſeiner Thraͤnen einen Theil des ver⸗ 4 * dienten vaͤterlichen Fluches nach dem an⸗ dern von ihrem Herzen wuſch. Sie duͤnkte ſich nun gerechtſertigt, und mit gereinigter Seele, mit ruhigem Gewiſſen konnte ſie nun an das von ihr verlaſſene vaͤterliche Haus zuruͤckdenken. Auch Demetrius Herz wurde ruhiger, mit dieſer Ruhe wuchs die Hoffnung, das Vaterland zu retten; der Muth, Alles zu ſeiner Rettung zu wa⸗ gen.— Aufrichtig geſtand Demetrius die Abſicht ſeines uͤbereilten Entweichens, ſich in des Feindes Arme zu werfen, um von dieſem zu erlangen, was ihm das Schickſal verſagt hatte, Conſtantinopels Thron. Eben ſo aufrichtig war aber auch ſeine Reue, eben ſo aufrichtig ſein Entſchluß, das Va⸗ terland und den Thron zu retten, und ſollte er unter beider Truͤmmern fallen. Natuͤr⸗ lich, daß jetzt dies ungluͤckliche Vaterland der einzige Gegenſtand des Geſpraͤches purde; noch natuͤrlicher, daß jetzt des Kai⸗ 257 ſers Unruhe ſich vermehrte, je mehr De⸗ metrius ſeinen Bruder von den Anſichten üͤberzeugte, die ſein Aufenthalt bei Maho⸗ med ihm geoͤffnet hatte; je deutlicher es wurde, daß Mahomed, durch verſchmaͤhete Liebe Frenens gereizt, die ungluͤckliche Stadt zum Ableiter ſeiner furchtbaren Rachſucht machen werde. Schwerlich moͤchte ſich in der Giſgiee eine Nacht finden, in welcher/ Freude und-d. Schrecken, Hoffnung und Furcht, Ruhe und Unruhe ſo mit einander wechſelten, als es hier im Pallaſte eines der ungluͤck⸗ lichſten Monarchen der wirkliche Fall war. Mochte Demetrius, durch ſeinen eigenen Muth geſtaͤrkt, Alles hervorſuchen, ſeines ſchwaͤchern Bruders Herzen gleiche Ent⸗ ſchloſſenheit einzufloͤßen, es war vergebens. Mochten die Bitten der frommen Helena und Aglaja's, mochten die Vorſtellungen 17 des redlichen Gregorius noch ſo dringend, noch ſo vereint auf des Kaiſers Herz wir⸗ ken, es empfand wohl einige lichte Augen⸗ blicke, in denen neue Hoffnung aufkeimte; aber es gehoͤrte auch nur wieder ein Au⸗ genblick dazu, und alle ſchoͤnern Ausſichten wurden von neuer Bangigkeit verwiſcht. So fand der Morgen dieſen Verein, und Demetrius ſelbſt verſiel wider ſeinen Willen in jene bange Unruhe, in der der Menſch nichts als eine traurige Zukunft ſieht, und oft ſelbſt von ſeiner Furcht ſich gegen die Mittel verblenden laͤßt, die zu ſeiner Rettung noch uͤbrig ſind, und die ein ruhigeres, gefaßteres Herz bald auf⸗ findet. In einer ſolchen Stimmung ſaß De⸗ metrius da, als ein ungewohnter Auflauf die Straßen der Stadt beunruhigte. Ge⸗ 59 rade jetzt war es, als jener Chan der Jg⸗ nitſcharen mit ſeiner Reiterei das ſchoͤne Saatfeld vor den Thoren der Stadt ver⸗ heerte. Allgemein war der Schrecken; eben ſo allgemein die Muthloſigkeit. Der Buͤrger ſah in dieſem Verwuͤſten des Fel⸗ des das ſchreckliche Vorſpiel des Angriffes der Stadt ſelbſt, und zagend und muthlos rannte Alles in wilder Unordnung durch einander. Da trat Demetrius, tief ge⸗ kraͤnkt durch den Anblick einer muthlos ge⸗ wordenen Buͤrgerſchaft, unter die zitternde Menge. Ein lauter Ruf empfing ihn, man hatte die Geſchichte ſeines Verſchwin⸗ dens gehoͤrt, man hatte geglaubt, daß er, der Mann, der Liebling des Volks, ge⸗ mordet ſey. Jetzt ſah man ihn wieder, und mit dieſem Anblick regte ſich bei Man⸗ chem neue Hoffnung, die Demetrius im⸗ mer zu verſtaͤrken ſuchte. Er erfuhr den Grund dieſes Schreckens; eine Anzahl Entſchloſſener ſtellte ſich um ihn herum, und an ihrer Spitze drang Demetrius aus dem Thore. Jene Tuͤrken wurden geſchla⸗ gen. An der Spitze der Sieger zog der Prinz in die Stadt ein, deren Bewoͤhner es ſich kaum moͤglich dachten, die Tuͤrken ſchlagen zu koͤnnen. Allgemein war die Freude, groß die Hoffnung. Aber am groͤßeſten war ſie in der Kaiſerin, in Agla⸗ ja’'s Herzen. Sie ſegneten die Stunde, in welcher Demetrius wieder gekommen war. Selbſt der Kaiſer ſahe in dieſem an ſich wenig bedeutenden Vorfall einen hoͤ⸗ hern Wink der Vorſehung, und Gregorius, wie Helena und Aglaja, ermuthigten ihn, und ſuchten ihm Vertrauen auf ſich, auf ſein Volk einzufloͤßen. 7 Aber wie noͤthig war es auch in die⸗ ſer dem Untergange ſo nahen Stadt, daß ein entſchloſſener Mann durch ſein Bei⸗ A — 26 ſpiel, durch ſeinen Muth die wenigen Fun⸗ ken der Entſchloſſenheit anfachte! Die ganze Stadt war ein Tummelplatz der in⸗ nern Unruhe, der Uneinigkeit. Eine Par⸗ thei war wider die andere; ein Stand ſah in dem andern leinen Feind, den er mehr fuͤrchten zu muͤſſen glaubte, als das „Heer der Tuͤrken, deren Grauſamkeiten der groͤßeſte Theil der Buͤrger nur aus Erzaͤhlungen kannte, die mancher fuͤr ülber⸗ trieben hielt. Der groͤßeſte Theil den Be⸗ wohner war durch den fruͤher bluͤhenden Handel zwiſchen Europa und Aſien reich geworden; mehrere waren unter ihnen, deren Reichthum nach ⸗Millionen abgeſchäͤtzt werden konnte. Wohlhabend war Jederz Armuth und Duͤrftigkeit kannte man in dieſer Stadt nur aus der Beſchreibung ungluͤcklicher Laͤnder. Wie ſchoͤn wuͤrde das Loos dieſer Stadt ausgefallen ſeyn, waͤren Einigkeit, Zutrauen, Theilnahme -1 262 und innerer Friede eben ſo allgemein ge⸗ weſen, wie der Reichthum, wie die auf⸗ Zehaͤuften Schäe⸗ wie der Aedeeadis s Wüdkenl e. 3 85 De Reichene hielt den Unbemittelten fut ſeinen Sklaven, der in ſeinen Augen keinen Werth haben konnte, weil er nicht ſo reich war. Der Aermere ſah in dem Reichern nicht ſeinen Mitbuͤrger, an den die allgemeine Verlegenheit, die allgemeine Gefahr ihn um ſo naͤher haͤtte knuͤpfen ſollen, ſondern ſeinen Unterdruͤcker, und er lauerte mit Sehnſucht auf eine Gele⸗ genheit, ſich fuͤr den frechen Uebermuth des Beguͤterten zu raͤchen. An redlich ge⸗ meinter Theilnahme war nicht zu denken; UAberall ſtieß man auf Partheien, die ſich durch nichts als durch Zwietracht auszeich⸗ neten. Die Einkuͤnfte des Kaiſers waren jetzt geringe. Die bedeutendſten Krongüter 263 und Provinzen waren laͤngſt von den Tuͤr⸗ ken weggenommen; ſchon in jedem andern Lande mußte der Schatz des Staates ver⸗ ſiegen, wie viel mehr mußte er hier ſchwin⸗ den, wo die Schwachheit des Regenten, der Verſchwendung ein Ziel zu ſetzen, nicht im Stande war. Nicht ganz ungerecht ſcheint die Beſchuldigung, daß der ſchwache Kaiſer Conſtantin lieber den Zuſtand ſei⸗ nes Schatzes mit Fleiß nicht hat wiſſen wollen, als ſich durch deſſen wahre Ent⸗ huͤllung einen unangenehmen Tag machen. Vergebens hatte Helena, vergebens Gregor verſucht, dem Kaiſer die Augen zu oͤffnen. Jetzt— freilich war die Gefahr jetzt zu nahe— jetzt uͤbernahm Demetrius das Geſchaͤft, dem Kaiſer die Binde vor den Augen wegzureißen. Kaum hatte er ſich von der Verwirrung in der Stadt durch ſeine eigene Anſicht uͤberzeugt⸗ als 264 er gluͤhend vor Unmuth in das Zimmer des Monarchen, ſeines Bruders, trat. Er fragte nach der Beſatzung, und nach den Quellen, aus denen ſie die Beduͤrfniſſe er⸗ hielt. Conſtantin verſtummte bei dieſer Frage. Da ergriff der gluͤhende Deme⸗ trius die Hand ſeines Bruders; faſt ge⸗ waltſam ſchleppte er ihn mit ſich auf den Thurm des Schloſſes.—„Ich bitte Dich!“ ſagte er,„ſieh um Dich!“— Freilich war der Anblick von der Art, daß ein we⸗ niger ſchuldiger Fuͤrſt haͤtte verzweifeln muͤſſen. So weit der Blick reichte, ſo weit das ſchaͤrfſte Auge trug, ſah man das tuͤrkiſche Heer, das jetzt den Mauern der ungluͤcklichen Stadt ſich nahete, und mit wildem Siegesgeſchrei die Luft er⸗ fuͤllte. Das Meer war mit Schiffen be⸗ deckt; drohend ſtrahlte der tuͤrkiſche halbe Mond auf den gruͤnen Wimpeln.— Ein Heer uͤber den vierten Theil einer Million Sold auszuzahlen, und die Buͤrger zu geizig waren, aus ihren Mitteln die Be⸗ ſatzung mit dem zu verſehen, was, um den Muth zu erhalten, ſo noͤthig war. Es ſchien, ſagt der Geſchichtſchreiber jener Zeit, als haͤtten die Bewohner der Stadt ſich beredet, ihre unermeßlichen Schaͤtze den Tuͤrken, als eine Belohnung ihres Sſeges aufzubewahren.— 195 Das Einzige, was Demettius thun konnte, war, den Buͤrgern die Augen uͤber die Groͤße der Gefahr zu oͤffnen, die ſie von allen Seiten umgab. Seine Beredt⸗ ſamkeit ſiegte, ſein Beiſpiel wirkte, und das Zutrauen, das er ſich von der Buͤrger⸗ ſchaft verſprach, taͤuſchte ihn nicht. Acht⸗ tauſend derſelben verbanden und verſchwo⸗ ren ſich, auf der Stelle ſich unter den Truͤmmern der Mauern Conſtantinopels begraben zu laſſen, ehe ſie einen Schritt 268 meichen, oder dem Feinde den ſiegreichen Einzug in die Thore der Stadt gewaͤhren wollten.— Freilich, ein kleines Heer, ein kaum zu bemerkendes Haͤufchen in Betracht jenes Heeres des Feindes, das den Bo⸗ den, ſo weit das Auge ihn uͤberſah, be⸗ deckte. Aber Demetrius wußte aus eige⸗ ner Erfahrung, wie wenig Menge und Ueberzahl entſcheidet; emit geruͤhrtem Her⸗ zen, mit feuchten Augen ſtand er da vor der Reihe derer, die es mit Glauben und Vaterland redlich meinten. Hoffnung er⸗ fuͤllte ſein Herz, ſah er auf ihren Muth; bange Ahndung ſchlich ſich in feine Seele, fah er auf die geringe Anzahl. Aber jetzt wollte er dieſer letzten Empfindung keinen Raum goͤnnen, er redete ſein Haͤuflein an, er machte ihm Glauben, Vaterland und Familie wichtig; beſchaͤmt und hinge⸗ riſſen ſchlich aus der, bei weitem groͤßern Menge der Unentſchloſſenen, die am Ende . 269 des Platzes ſtanden, ein Kuͤhner nach dem andern den Reihen der Entſchloſſenen näher. Demetrius hatte die Freude, zu ſehen, daß ſeine Worte, ſeine Ermahnun⸗ gen nicht vergeblich waren. Ende des erſten Theils. Nachſtebende Buͤcher ſind ſo eben beim Verleger dieſes erſchienen, und in allen Buchhandlungen Deutſchlands um baheſebte Preiſe zu baben. Blutſchwerdt, das, auf der G. osburge oder die ſtrafenden Geiſter. Ritterge⸗ ſchichte aus dem dreizehnten Jahrhun⸗ dert. 3 Theile. 8. 3 Rthlr. 4 Gr. Einſiedelei, die, oder Theodore. 2 Theile. 1 Rthlr. 16 Gr. 8. Findlinge, hiſtoriſche. Rittergeſchichten u. Erzaͤhlungen. 8. 1 Rthlr. Giftmiſcherin, die, oder die Geheimniſſe des Grabes. Vom Verfaſſer des Ro⸗ mans: Ritter Golo der Grauſame. 2 Th. 8. 1 Rthlr. 20 Gr. ildebrandt, C., Fodor und Athanaſia, oder die Schreckensnaͤchte in den Qual⸗ gefaͤnaniſſen der ſieben Thuͤrme zu Con⸗ ſtantinopel. Ein Schaudergemaͤlde aus dem gegenwaͤrtigen Freiheitskriege der Griechen. Roman in 4 Theilen. 8. 4 Rthlr. Derfelbe; die Geiſter der Schauerboͤhle, oder das Wunderbluͤmchen. 8. 1 Rtylr. * ffffffffffnſ 12 14 15 16 17 18