4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 4. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 4 beträgt: 3 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ¹ 3 Auswürtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Eeſen zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und e=eeeeee— d ——— Der Schleier. Zwei Erzaͤhlungen von C. Hildebrandt und H. M u 1 1 e„. 3— Quedlinburg und Leipzig, bei Gottfried Baſſe. „* 3 1821. —— ˖·˖˖¶(·—Q(/— „ Von C. Hildebrandt. „Gottlob!⸗ ſagte mein Vater, als er nach der Muſterung vom Pferde ſtieg.„Es iſt Alles richtig.“—„Was denn richtig?“ fragte ich, von einer in Geſellſchaft mehrerer Offi⸗ ciere ſeines Regiments etwas zu froͤhlich durchlebten Nacht noch uͤbernuͤchtern.— „Frag' noch. Der Frieden iſt richtig. So eben hat es der Herzog uns Allen bekannt gemacht. In Raſtadt iſt er geſtern abge⸗ ſchloſſen.“—„Alſo Frieden?“ ſagte ich etwas verdrießlicher, als dieſe Nachricht— Tauſenden die angenehmſte— es wohl 6 verdiente. Ich war jung. Meine erſte Ausflucht war dieſer Krieg, mein erſtes Geſchaͤft in dieſem blutigen Verhaͤltniſſe war der in ſeiner Art einzige Sieg bei Hoͤchſtedt geweſen; ich hatte ihn mit erfech⸗ ten helfen, und von dem Ruhme, von dem Stolze unſeres Heeres hatte ich ganz natuͤr⸗ lich einen groͤßten Antheil fuͤr mich genom⸗ men. Voll der gluͤhendſten Begierde nach neuem Ruhm konnte mir, dem Lebens⸗ luſtigen, der den Krieg nur von der Seite des Ruhmes anſah, nichts unangenehmer ſeyn, als dieſe Nachricht. Mein Vater, Oberſt eines Kreisregiments, ſah es mir an, was in meinem Innerſten vorging. Er, der Vater einer zahlreichen Familie, der Beſitzer mehrerer Guͤter, der nach Ge⸗ maͤchlichkeit ſich ſehnende bejahrtere Mann mußte eine ganz andere Anſicht haben, als der vier und zwanzigjaͤhrige Juͤngling. Er aͤußerte ſeine Unzufriedenheit. Ich ver⸗ „ 6 theidigte meine Anſicht und er war guͤtig genug, bloß mit einem ſanften Laͤcheln zu ſagen:„Vor vierzig Jahren dachte ich wie Du jetzt, und nach vierzig Jahren wirſt Du denken, wie ich jetzt.“—„Das muß die Zeit lehren;“ ſagte ich und blickte durch die offenſtehende Vorwand unſeres Zeltes nach dem Wege hin, der uͤber die große Ebene nach unſere Lager fuͤhrt. Da ſpreng⸗ ten zwei Reiter uͤber das Feld her, Unſer Vorpoſten hielt ſie an. Ich ſah, wie der Soldat ſie nach unſern Commandeurzelte wies, das ſich durch Knopf und Flagge von den uͤbrigen unterſchied.„Wir bekom⸗ men Beſuch,“ ſagte mein Vater.„So viel ich ſehe, iſt's ein Officier vom engli⸗ ſchen Regimente Coldſtream.“ Ich ſah ſchaͤrfer hin, mein Vater hatte Recht; denn vor unſerm Zelte ſprang ein roth gekleideter Officier, ein Juͤngling von meinem Alter, vom Pferde und ſtuͤrzte in meine Arme. „Iſt das Dein Freund Graham?“ fragte mein Vater.—„Ja!“ war meine Antwort, waͤhrend welcher ich mir kaum erlaubte, mich nach dem Fragenden umzuſehen, der ruhig in den Liſten des Regiments blaͤt⸗ terte, auf meine Antwort aber alles liegen ließ und Theil an meiner Freude nahm. „Alſo Ihr Beiden ſeyd es, die die Schlacht bei Hoͤchſtedt ſo unzertrennlich verband?“ fragte mein Vater, und ſah mit unverkenn⸗ barem Wohlgefallen auf meinen Freund. Es war dies der Fall wirklich geweſen. Grahams Regiment war eins von denen, denen Eugen den Angriff des Dorfes Blen⸗ heim, in welches ſieben und zwanzig fran⸗ zoͤſiſche Bataillons geworfen waren, uͤber⸗ trug. Es war der dreizehnte Auguſt, ein aͤußerſt ſchwuͤler Tag, an welchem dieſe Schlacht vorfiel. Der Hauptpoſten des Feindes war das Dorf Blenheim. Mehrere Regimenter waren beordert, es einzuneh⸗ H men. An das Regiment meines Vaters ſtieß das engliſche Regiment Coldſtream. Der Angriff dieſes letztern wurde abgeſchla⸗ gen und der linke Fluͤgel des ſonſt ſo ſchoͤ⸗ nen engliſchen Regiments fing ſchon an zu weichen, als unſer Regiment in die Linie ruͤckte. Ich that Dienſte eines Adjutanten; ich ritt auf dem rechten Fluͤgel, um dem Regimente den Platz zum Aufmarſchieren anzuweiſen. Da ſahe ich, daß vier franzoͤ⸗ ſiſche Dragoner einen wackern jungen engli⸗ ſchen Officier in der Mitte hatten und mit gezogenem Saͤbel auf ihn einſtuͤrmten.„Da mußt du helfen!“ war mein erſter Ge⸗ danke. Ich uͤbertrug einem Hauptmanne mein Geſchaͤft, ich zog den Saͤbel und ſprengte dem Ungluͤcklichen zu Huͤlfe. Einer der Franzoſen fiel durch einen Stich meines Saͤbels vom Pferde, einem andern hieb ich den Zuͤgel ab, noch ehe der Englaͤnder ein⸗ mal wußte, ob er auf Rettung hoffen koͤnnte. „ 10 Bald waren die andern Beiden in die Flucht gejagt. Mein unbekannter Freund war frei, war gerettet. Er dankte mir mit aller der Waͤrme des Herzens, die jedem Geretteten ſo natuͤrlich iſt. Ich mußte ihm meinen Namen nennen, ſo wie er mir den feinigen nannte.„Wir ſprechen uns nach der Schlacht laͤnger!“ ſagte er.„Jetzt ruft mich mein Poſten!“ Mit dieſen Worten ſprengte er uͤber das Feld hin; ich ſah, wie er ſich an die Seinigen anſchloß; wie er ſie von neuem auf das Dorf hinfuͤhrte, und ich flog nach meinem Regimente zuruͤck, wo man meine Abweſenheit kaum bemerkt hatte, da dies Alles, was ich jetzt erzaͤhlt habe, das Werk einiger Minuten war. Der Angriff ging an. Unſer Regiment drang in's Dorf ein. Der Feind, deſſen Anfuͤhrer nicht wußten, was ſie thun ſoll⸗ ten, wurden von Straße zu Straße ge⸗ 1 . 4 * 1 3 II jagt, und kam in eben dem Augenblicke vor dem Ausgange des Dorfes an, als unge⸗ heuere Maſſen der ſeindlichen Reiterei, die aus dem Baierſchen, dem Tallardſchen und Merſiniſchen Cavallerie⸗Corps beſtand, von allen Seiten gedraͤngt, von allen Seiten auf ſie eingehauen, ihr Heil in der wilde⸗ ſten, regelloſeſten Flucht ſuchen mußte. Der Sieg, der groͤßeſte, der ſich den⸗ ken ließ, war erfochten. Auf den Truͤm⸗ mern des beſiegten franzoͤſiſchen Heeres ſtan⸗ den wir. Erobertes Geſchuͤtz, Fahnen und Gepaͤck ſtand und lagen um uns herum. Dicht vor mir lag der einzige Sohn des feindlichen Heerfuͤhrers Tallards erſchoſſen neben ſeinem getoͤdteten Pferde. Sein ge⸗ fangener Vater, gefuͤhrt von dem Anfuͤhrer der Englaͤnder, dem Herzoge von Marl⸗ borough, kam an dieſe ſchreckliche Stelle und ſtand nun im Ausbruche der ſchrecklich⸗ 12„ ſten Verzweiflung da. Ich ſah in ſtummer Verwunderung die beiden Maͤnner an, die heute in dem großen Schauſpiele eine ſo wichtige Rolle geſpielt hatten.— Da ſtuͤrzte ein junger engliſcher Officier in meine Arme. Es war der, den ich gerettet hatte. Seine Freude, mich zu ſehen, war ſo groß, ſo ungeheuchelt, ſo feurig in ihren Ausdruͤcken, daß der Herzog von Marlborough dadurch aufmerkſam wurde.„Was iſt Euch, Vetter Graham?“ fragte er.—„Hier finde ich meinen Retter, dem ich ewig Dank ſchuldig bin.“ 1 Der Herzog ſah mich ſchaͤrfer an. Ich bemerkte, daß er es mit einem unverkenn⸗ baren Wohlgefallen that; ich fuͤhlte mich groß bei dem Gedanken, den Blick eines ſolchen Mannes auf mich gezogen zu haben, aber noch groͤßer, da er nach meinem Na⸗ men fragte und mich bat, der Freund ſeines 7 7 ——— 13 Vetters zu bleiben. Auch ohne dieſe Bitte wuͤrde ich es geweſen ſeyn; denn Graham ge⸗ hoͤrte zu den Menſchen, zu denen eine unſicht⸗ bare Kraft uns zieht; die man liebt und ſchaͤtzt, weil es unſer Herz uns ſagt, daß ſie es im hoͤchſten Maaße verdienen. Von dieſem Augenblicke an war ich ſein Freund im ſtrengſten Sinne des Worts. So lange der Krieg dauerte, war ich in ſeinem Um⸗ gange und Beide ſuchten wir jede Gelegen⸗ heit auf, uns unſere Freundſchaft zu be⸗ weiſen. Jetzt hatte mir mein Vater die Nach⸗ richt des abgeſchloſſenen Friedens gebracht. Meine Einbildung knuͤpfte an dieſe frohe Zeitung das Loos der Trennung, wenn mein Freund mit ſeinem Regimente nach England gehen muͤßte. Auch Graham ſchien dies zu fuͤhlen. Er war heute ſtiller, 14 auch ich war es. Unſere Seelen liefen alle die Tage durch, die wir mit einander ge⸗ noſſen hatten; wir fuͤhlten die Freuden der Freundſchaft in der Ruͤckerinnerung noch einmal, aber auch die Schrecken, wenn wir an Trennung dachten. Und doch mußte es ſeyn!— Graham kuͤndigte mir an, daß ſein Regiment morgen ſchon nach Holland aufbreche, um von dort aus nach England üͤbergeſetzt zu werden. Nur wenige Mi⸗ unten konnte ich ihn genießen. Er trennte ſich von mir, und ich ging mit unſerm Regimente nach den Ufern des Mains in die Heimath zuruͤck. Jetzt war mir alles oͤde und leer. Ein Liebender kann bei der Trennung von der Geliebten nicht unruhi⸗ ger ſeyn, als ich's bei der Trennung von meinem Freunde war. Ich fand an nichts mehr Vergnuͤgen; ich ſah immer meinen trefflichen, edeln Graham, und, wenn ich Geſchichten und Begebenheiten des Krieges 15 erzaͤhlen mußte, dann entwarf ich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, ein Gemaͤlde unſerer Freundſchaft. Mir verging der Winter, wie er einem Kranken vergeht, der an nichts Freude findet. Der Dienſt zerſtreuete mich wenig, ob ich gleich mit Leib und Seele Soldat war. Jagd war noch das Einzige, das mich einigermaßen ſchadlos hielt. Einſt, es war ſchon Fruͤhling, komme ich von der Jagd zuruͤck. Ich dachte an meinen Freund und konnte mir das Raͤthſel gar nicht loͤſen, weshalb Graham nur ein einziges Mal geſchrieben, und nachher auf zwei meiner Briefe nicht geantwortet hatte. Verdrießlich trat ich in's Zimmer meiner Eltern, und, wer kann mein Erſtaunen ſchildern, da mir mein Freund in die Arme ſturzte! Ich glaubte zu traͤumenz ich wollte nicht erwachen. Ich ſah nichts als ihn; 16 ich hoͤrte nur ſeinen Gruß; ich bemerkte kaum die Freude meiner Eltern, meiner Schweſter, uͤber mein Gluͤck. Ich kann dieſen erſten Augenblick unmoͤglich ſo ſchil⸗ dern, wie er war, unmoͤglich ein Gemaͤlde davon entwerfen; die Sprache iſt zu ſol⸗ chen Auftritten, zu ſolchen Schilderungen zu arm. Der erſte Sturm unſrer Empfin⸗ dungen hatte ſich kaum gelegt, als Eduard — ſo hieß mein Freund— ſich wieder an meine Schweſter Anna ſtellte, die, an einem Stickrahm beſchaͤftigt, uns Beide waͤhrend des Wiederſehens mit feuchten Augen be⸗ trachtet hatte. „Aber, Miß Anna,“ ſagte er,„Sie wollten mir ja ſagen, was dieſe ſchoͤne Stticckerei eigentlich bedeuten ſoll? Ich ſehe freilich, daß dies Allegorie iſt, der Anker, der Blumenkranz, der Zweig; de das Alles bedeuten ſoll?“—„Ich habe es 17 Ihnen ja geſagt, Mylord. Alles hat Bezug auf meines Bruders Geſchichte. Er hat ſie ſo oft erzaͤhlt, daß ich, faſt gegen meinen Willen, nichts anders dachte, und fuͤr nichts anders Gefuͤhl hatte, als fuͤr das Gemaͤlde Ihrer und meines Bruders Freundſchaft. Daß ich dies alles in einen Schleier ſtickte, iſt natuͤrlich. Ich kann auf dieſe Art am beſten dieſe Geſchichte ſtudiren, da ich ihre Symbole im eigentlichſten Verſtande immer vor Augen habe.“—„Alſo ein Schleier?« —„Ein Schleier, auf dem Sie, Mylord, die Geſchichte der Trennung und des Wie⸗ derſehens, der Furcht und der Hoffnung deutlich ſehen.“—„Gut, Miß Anna, daß Sie mir das aus einander ſetzen. In hoͤch⸗ ſtens acht Tagen werden Sie ſich von Ihrem Bruder auf eine lange Zeit trennen muͤſ⸗ ſen.—„Und Sie ſagen das ſo geheim⸗ .—„Sie fuͤrchten doch nichts von de Trennung? Ihr Bruder muß mit mir 2 18 nach England. Mein Vater will den Ret⸗ ter meines Lebens kennen lernen. Wollen Sie eine Trennung dieſer Art nicht tra⸗ gen?“ Ich wurde bei dieſen Worten erſt auf⸗ merkſam auf den Gang des Geſpraͤchs; be⸗ ſonders, da Eduard ſich zu mir wandte: „Ich darf doch darauf rechnen, daß Du meinen Eltern die Freude machſt?“— „Wenn der Aufenthalt in England nicht zu lange dauert,“ fiel meine Schweſter ein.— „Auch das kann ich nicht verſprechen, Miß, denn Sie werden doch nicht glauben, daß unſer Aufenthalt ſich bloß auf England er⸗ ſtreckt? Der Bruder meiner Mutter, der mich ſo ſehr liebt, iſt Commandant in Gi⸗ braltar; auch der wuͤnſcht den zu ſehene der mich rettete.“—„Finden ſich auch in Jamaika ad in Oſtindien von Ihnen, Mylord, die begierig à 19 meinen Bruder ſehen zu wollen?“—„Viel⸗ leicht. Gewiß aber iſt's, daß wir von Eng⸗ land aus nach Gibraltar reiſen. Wirſt Du mich gern begleiten?“ Die Frage war uͤber⸗ fluͤſſig, mein ruhiges Leben war mir laͤngſt ſchon zuwider geweſen; ich ſehnte mich in das Treiben der Welt, ich hatte jetzt Gele⸗ genheit, es an der Seite meines erſten Freundes im Getuͤmmel der Welt zu ver⸗ ſuchen; was konnte mir angenehmer ſeyn, als ein ſolcher Antrag. Ob meine Eltern darin willigten, ob meine Schweſter Anna, mein Liebling in der Familie, ſich gern von mir trennen wuͤrde, ſiel mir im Augenblick nicht ein. Ich reichte meinem Eduard die Hand; unſere Reiſe war beſchloſſen. Nur acht Tage blieb Eduard in unſerer Mitte; ich bemerkte bald, daß er ernſter war als anfangs, aber eben ſo bald bemerkte ich, 4 meine Schweſter Anna liebe. Je naͤher der Augenblick der Trennung kam, . 20 je verſchloſſener, je ernſter wurde Eduard. Moͤglich, daß Anna ſeine erſte Liebe war; denn einige Tage vor unſerer Abreiſe ent⸗ huͤllte er meinen Eltern und meiner Schwe⸗ ſter ſein ganzes Herz. Sein Geſtaͤndniß wurde mit Neigung aufgenommen. Anna war Eduards Verlobte. Der Zufall wollte, daß Anna waͤhrend des Geſtaͤndniſſes ge⸗ rade an jenem Schleier arbeitete; einige Thraͤnen fielen auf die Symbole der Ge⸗ ſchichte meiner Freundſchaft mit Eduard. Mein Freund war ein Schwaͤrmer, alles was er ſah, was er hoͤrte, hatte Be⸗ ziehung auf ſein gluͤhendes Herz. Der ganz zufaͤllige Umſtand, daß meiner Schweſter Fyhraͤnen auf jene Stickerei fielen, war ihm und ſeinem Herzen ein ominoͤſer Wink. Mit geſpanntem Blick ſahe er, wie die Thraͤne unter dem Anker ſich in Faͤden verlor; wie eine Thraͤne ſich unter dem Stamme des Zweiges zu einem Beete bildete, aus dem der Zweig zu wachſen ſchien, wie in dem Kreuze hie und da eine Thraͤne wie ein Thautropfen ſtand. Er ergriff meiner Schweſter Hand.„Miß,“ ſagte er,„die Thraͤnen verſchoͤnern und heben die Zeichnung. Ich bitte Sie um ein Andenken dieſes ſchoͤnen Augenblicks.“— „Sehr gern, Eduard. Aber wie meinen Sie das?“ Er holte die Uniform des Regiments Coldſtream; ein rothes Kleid mit ſchwarzem Kragen und Auffchlaͤgen. Auf den Schul⸗ tern waren goldene Epaulets, in denen ein Anker mit einem Lorbeerzweige prangte. „Sticken Sie mir, liebe Miß, ein Epaulet, aber nach dem Modell, wie Sie es in dem Schleier anbrachten. An die Stellen, auf Jer Thraͤnen prangten, fetzen Sie einige Perlen. Sie bedeuten ja Thraͤnen, und man weint ja oft Freudenthraͤnen. Dies Kleid werde ich tragen, wenn ich mich gluͤck⸗ lich fuͤhle. Ich bitte Sie, Miß, ſchlagen Sie mir die Bitte nicht ab!“ Meine Schweſter laͤchelte. Angenehmer konnte ihr kein Auf⸗ trag ſeyn; er war ein Beweis, daß Eduard eben ſo im beſten Sinne des Wortes ſchwaͤrmte, wie ſie es ſelbſt that. Der Auf⸗ trag wurde uͤbernommen; Eduard kam waͤh⸗ rend der Arbeit nicht von der Seite meiner Schweſter, mit jedem, die Arbeit ihrer Vollendung naͤher bringenden Stiche, ſtieg ſeine Freude. Er blickte mit mehr Stolz auf dieſes Epaulet als auf die Decoration ſeines Ordens vom Bade, mit dem ihn der Koͤnig beſchenkt hatte. —¶¶¶˖˖...˖·· Die uͤbrigen Tage vergingen uns ſeich und geſchwind. Vom Abſchiede ſage ich 23 nichts; nichts von unſerer Reiſe. Der Em⸗ pfang in meines Freundes Familie war herzlich, war, wie der kuͤhnſte Traum von der Aufnahme eines Freundes ſich nur ein Gemaͤlde entwerfen kann. Eduards Eltern wohnten, um den ſchoͤnen Sommer zu ge⸗ nießen, auf einem in Norfolk, zwiſchen Yarmouth und Norwich gelegenen Land⸗ gute. Alles, was Pracht und Bequemlich⸗ keit vereinigen und herbeiſchaffen konnte, war hier im Ueberfluß; was ich nur wuͤnſchen konnte, fand ich; beſonders aber — und dies mußte mir das Angenehm⸗ ſte ſeyn— Herzen, die voll Liebe und Freundſchaft fuͤr mich ſchlugen. Eduards Vater, ein Greis, der als Admiral in der Geſchichte der brittiſchen Seekriege Epoche gemacht hatte, empfing mich wie ein Vater.. Seine Gemahlin war, ihres hohen Stan⸗ des unbeſchadet, die Herzlichkeit ſelbſt. Aber, mehr als Alle, riß mich die dankende Liebe der beiden Schweſtern meines Freundes hin. Ich geſtehe es, ich war verlegen. Meine Beſcheidenheit rief es mir zu, daß ich dieſe ſo ſehr hervorſtechende Liebe unmoͤglich ver⸗ diene, indem mein Stolz, ſelbſt mein Herz, ſich froh bei dieſem Genuſſe fuͤhlte. Die Geſchichte der Rettung meines Freundes durch mich war von einem der erſten Meiſter gemalt und hing in einem der ſchoͤnſten Saͤle des Schloſſes. Eduard zeigte es mir. Seine Schweſtern und ſeine Mutter, die uns dahin begleiteten— ſeinen Vater hielt ein Anfall von Podagra zu⸗ ruͤck— fanden die groͤßte Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen mir und dem Gemaͤlde von mir; das, was in meinem Geſicht nicht getroffen war, mußte nach einigen Tagen der Verfertiger des in der That ſchoͤnen Gemaͤldes aͤndern, und es ſchien, als hielte die Familie dieſe gluͤckliche Aenderung in dem Gemaͤlde fuͤr 25 etwas Großes.„Das Gemaͤlde muß auf ewige Zeiten in unſerer Familie bleiben!“ ſagte die Mutter und blickte unter einer ihr ganzes dankbares Gefuͤhl verrathenden Freudenthraͤne auf ihren Liebling Eduard. Mit eben den dankbaren Thraͤnen ſahen die beiden Schweſtern auf mich. Selbſt Eduard war bewegt. Er umarmte mich mit naſſen Augen.„Sieh, Freund!“ ſagte er,„die Perlen erfuͤllen ihre Bedeutung. Wir wei⸗ nen Freudenthraͤnen.“ Er zeigte auf ſein Epaulet.„Was iſt das?“ fragte ſeine juͤn⸗ gere Schweſter.„Du ſcheinſt Deiner Uni⸗ form eine neue Zierde gegeben zu haben. Wirſt Du das thun duͤrfen, da es gegen das Reglement iſt?“ Eduard laͤchelte.„Es iſt ja Sache des Herzens, Eliſabeth, was haͤtte dies mit dem Regzannant zu thun 2e. Daß dies die Neusierde der beiden Labys aufs hoͤchſte trieb, daß ſelbſt die Mutter den 26 Wunſch aͤußerte, die Veranlaſſung davon wiſſen zu wollen, bedarf kaum einer Er⸗ waͤhnung. Ehe eine Stunde verging, wuß⸗ ten Alle, daß Eduard meine Schweſter liebe, und— was mir die groͤßte Freude machte— Alle, ſelbſt der Vater waren außer ſich vor Freude und wuͤnſchten nichts ſehnlicher, als meine Schweſter erſt unter ſich zu ſehen. * Ob mein Herz gegen die Schweſtern meines Freundes gleichguͤltig blieb?— Nein, wenn die Rede von Freundſchaft, ja, wenn die Rede von Liebe iſt. Wie dies zuging?— Aufrichtig geſtanden, ein gewiſſer Stolz, ein gewiſſes Ehrgefühl hielt mich ab. Eli⸗ ſareth und Sophie waren die ſchoͤnſten 3 Maͤdchen, die ich je ſah; die Billigung der Liebe Eduards zu meiner Schweſter, und beſonders die ausgezeichnete Freundſchaft, 27 4 mit der man mich behandelte, haͤtten mir vielleicht den Weg zu der Erreichung mei⸗ nes hoͤchſten Wunſches, Sophiens Liebe, erleichtert; ich waͤre vielleicht ganz gluͤcklich geworden. Aber, ein gewiſſer mir angebor⸗ ner Stolz hielt mich ab. Ich konnte doch immer eine abſchlagende Antwort befuͤrch⸗ ten; und dieſe haͤtte ich nicht ertragen. Viel⸗ leicht waͤre ich gluͤcklich geweſen? Aber ſollte ich, der Sohn eines armen Edel⸗ manns— denn gegen Grahams waren meine Eltern arm— mir einſt vorwerfen muͤſſen, mich durch Liſt, durch Schmeicheln, durch Kriechen in das Herz Sophiens, in den Kreis dieſer Familie eingeſchlichen zu ha⸗ ben, das war mehr als ich ertragen konnte. Ich unterdruͤckte jeden Gedanken an Liebe in ſeinem erſten Aufkeimen; ich hielt dieſe Leidenſchaft fuͤr einen Verrath an der Freundſchaft, und, wenn auch einmal ein Gedanke, ein Wunſch dieſer Art in meinem 28. Herzen aufſtieg, ſo entſchloß ich mich deſto feſter, erſt das Loos meiner Schweſter ab⸗ zuwarten, ehe ich vortreten wollte. Mein Betragen gegen jedes Mitglied dieſer Fa⸗ milie blieb daher in dem ſchoͤnen Gleiſe der Beſcheidenheit, der Ehrfurcht, und— ich bemerkte bald, daß ich dadurch Aller Herzen um ſo feſter an das meinige kettete. „Zu Lande durch Frankreich und Spa⸗ nien werdet ihr doch nicht reiſen?“ ſagte Eduards Vater, als wir auf ein nochmali⸗ ges Schreiben des Generals Duncan von Gibraltar aus, uns zu der Abreiſe entſchloſ⸗ 4 ſen hatten.„Reiſet zu Waſſer!“ fuhr der 8 alte Admiral fort.„Da werft ihr nicht um, da habt ihr nicht noͤthig, ſchlechte Wege und Gebirge zu furchten, da koͤnnt ihr ſteuern, wohin ihr wollt, und, kurz, da ſeyd ihr Freiherren und kommt in acht 29 Tagen ſo weit, wie zu Lande in acht Wo⸗ chen!“ Natuͤrlich, daß ſein Rath um ſo mehr uns gefiel, da Eliſabeth und Sophie ſelbſt ihn billigten; da ſogar Sophie ſich erbot, dieſe Reiſe nach Gibraltar mit uns zu machen. Ein Erbieten, das mich in der That in eine nicht geringe Verlegenheit ſetzte. Konnte ich's hoffen, hier meinen Grundſaͤtzen treu bleiben zu koͤnnen? Der Tag der Abreiſe war feſtgeſetzt, als ich des Nachts geweckt wurde. Ich er⸗ ſchrak; ich befuͤrchtete ein Ungluͤck, als Eduard, der, wie ich durch einen Bedien⸗ ten geweckt war, mir ſagte, daß wir gloͤtz⸗ lich zu ſeinem Vater kommen ſollten. Mein erſter Gedanke war, daß Admiral Graham in dem naͤchſten Augenblicke ſterben, und — in der That, eine Hoffnung fuͤr mich— vielleicht dieſen Augenblick noch benutzen 30 wolle, mir Sophien zu verbinden. Wir eilten hin. Der Alte ſaß ganz heiter auf ſeinem Lehnſtuhle, rauchte nach Seemanier und trank Punſch.„Ich habe euch noch in der Nacht ſignaliſiren laſſen,“ ſagte er lachend.„Ihr muͤßt noch vor Anker liegen bleiben, ehe ihr lichtet. Es iſt Contre⸗ ordre gekommen.“—„Wie ſo?—„Ihr muͤßt ja erſt nach Marlboroughhouſe ſteuern; der Herzog will euch ſprechen. Die Jacht kam geſtern Abend.“ Mir war der Ent⸗ ſchluß wichtig. Ich hatte den Herzog ſchon einmal auf dem Siegesfelde geſprochen; mir ſchien er ein Weſen hoͤherer Art zu ſeyn, ich wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als ihn noch einmal zu ſehen. Mit Anbruch des Tages eilten wir hin. Der Sieger von Hoͤchſtedt empfing uns mit der groͤßten Guͤte. Er ſchien des 31 Glanzes und der Pracht uͤberdruͤſſig zu ſeyn, ſo ſchmucklos war ſein Anzug, ſo ein⸗ fach— trotz des innern Werthes— war Alles, was ihn umgab. Die Wüͤrde des Edeln, die keines erborgten Schimmers be⸗ darf, leuchtete aus ſeinen Augen; das Zu⸗ trauen ſeiner Umgebung war ein Beweis, daß er nicht bloß gegen uns, ſondern gegen Jeden ſo handelte, ſo dachte. Eduard er⸗ zaͤhlte ihm die Geſchichte der Liebe zu mei⸗ ner Schweſter. Der Herzog billigte dieſe Wahl ganz und wuͤnſchte meinem Freunde Gluͤck dazu.„Ihr wollt Beide nach Gi⸗ braltar reiſen, wie mir Deine Mutter ſchrieb,“ ſagte er.„Thut das. Duncan wird ſich freuen, euch Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, daß ihr die Welt ſehen koͤnnt; denn ich hoffe, ihr werdet euern Beſuch nicht auf Gibraltar allein beſchraͤnken. Rei⸗ ſet durch ganz Spanien. Deinem Freunde wird die Gelegenheit ſo bald und ſo gut 4„ 32 nicht wieder geboten werden.“ Ich hoͤrte mit inniger Freude dies Alles an. Mit noch groͤßerer Freude die Lobeserhebungen uber meine erſte Heldenthat, durch die ich ſeinen Verwandten, meinen Freund Eduard, gerettet hatte. Wir mußten einige Tage in Marlboroughhouſe bleiben und gingen dann erſt zu den Eltern meines Freundes zuruͤck. Zwei oder drei Tage nachher bekamen wir die Nachricht, daß der Triton, ein Kriegsſchiff von ſechzig Kanonen, nach Gi⸗ braltar abſegeln werde, und daß wir unſere Reiſe dahin beſchleunigen ſollten. Der Ca⸗ pitain Draake, ein Stiefbruder des Admi⸗ rals Rooke, der dieſe Feſtung einige Jahre vorher fuͤr Britanniens Waffen erobert . hatte, fuͤhrte dies Schiff.— Ob ich fuͤrch⸗ tete, ob ich hoffte, daß Sophie uns beglei⸗ ten werde, weiß ich in der That nicht. Nur das weiß ich, eine gewiſſe Aengſtlichkeit 33 uͤberſtſel mich, da Sophie mit uns das Boot beſtieg, das uns auf den majeſtaͤti⸗ ſchen Triton fuͤhrte. — Grahams und vielleicht noch mehr Marlboroughs Einfluſſe hatten wir es zu verdanken, daß uns zwei kleine, aber ſehr bequem und ſchoͤne Cajuͤten eingeraͤumt wurden. Am Tage blieben wir zuſammen, des Abends ging Sophie und die Frau eines Lieutenants, deren Mann in Gibraltar ſtand, in die andere Cajuͤte. Ich erwaͤhne weiter nichts von der Seereiſe, es war die erſte groͤßere, die ich unternahm, denn die Ueberfahrt von Oſtende nach England war kaum zu rechnen. Mir war Alles, Alles neu; Grund genug, daß ich uͤber Mangel an Zerſtreuung nicht klagen konnte. Wir laſen, wir ſpielten, wir erzaͤhlten, und die Zeichnung des Schleiers, ſo wie die Stickerei 5 34 auf meines Freundes Epaulet, gaben uns Unterhaltung, ſo daß ſich dieſe Stickerei meiner Seele ſo tief einpraͤgte, daß ich kei⸗ nen Schleier ſehe, ohne ihn mit dem zu vergleichen, den ich unter den Haͤnden meiner Schweſter geſehen hatte.— Der⸗ Commandant Duncan, ein trefflicher Mann, empfing uns mit einer Freude, wie ſie ein Seemann nur ſtuͤrmiſch aͤußern kann. Wir kamen nicht von ſeiner Seite, beſonders, da er jetzt ſchon anfing, alle Anſtalten und Verfeſtigungen anzulegen, die Gibraltar in der Folge zu einem der feſteſten Plaͤtze der Welt machten. An ſeiner Seite kro⸗ chen wir an den Felſen umher, ſchluͤpften mit ihm manche gefaͤhrliche Klippe hinab und durchſuchten jede Schluſt, wenn Sophie mit der Gemahlin des Commandanten zu Hauſe die Geſchichten ihrer und ihrer Freunde Fa⸗ milie ſich erzaͤhlten. Mir war es lieb, daß der Commandant uns gern bei ſich hatte; 35 ich trauete mir zu wenig Feſtigkeit zu, um meinem fruͤhern Vorſatze, in Hinſicht der aufkeimenden Liebe zu Sophien, treu zu bleiben. Ohne im mindeſten den Sonder⸗ ling, oder den Mann ohne Lebensart ſpie⸗ len zu wollen, vermied ich, wo moͤglich, Sophien, und konnte ich dies nicht, ſo achtete ich unter der Maske der ſorgloſeſten Unbefangenheit deſto ſorgſamer auf jeden entſtehenden Wink meines Herzens, um ihm gleich durch Gruͤnde meines Ehrgefuͤhls vorbeugen zu koͤnnen. Wir waren in einem Verhaͤltniſſe, wie es Schweſter und Bruder find— ich nannte Sophien Schweſter;— eine Benennung, die ſie theils um des Verhaͤltniſſes Eduards zu Annen ſelbſt vor⸗ ſchlug, ſo wie dieſer Titel mich auch immer an meinen erſten Vorſatz erinnerte, wenn ſich je zuweilen ein Gedanke an Sophiens Beſitz in meiner Bruſt regte. Ich kaͤmpfte mit mir ſelbſt— und kampſte glüͤcklich. 36 Acht Tage hatten wir die Spitze von Europa durchklettert, als Eduard von einer Reiſe nach Madrid anfing. Der Comman⸗ dant ſchuͤttelte den Kopf.„Bleibt dort weg,“ ſagte er,„die Spanier moͤchten es an euch raͤchen, daß ich und nicht ein ſpa⸗ niſcher Grande hier in dieſem Adlerneſte, Gibraltar, commandire.“—„Moͤgen ſie das wiſſen!“ rief Eduard aus.„Sie ſol⸗ len es wiſſen. Ich trage in Madrid die Uniform von Coldſtream, die die Spanier noch von fruͤhern Zeiten her kennen, und Du, Freund,“ redete er mich an,„Du traͤgſt Deine Uniform vom fraͤnkiſchen Kreis⸗ regimente. Ich bin doch neugierig, wer mir oder meinem Freunde ein Haar kruͤm⸗ men ſoll.“—„Mache Du was Du villſt,“ ſiel der General Duncan ein,„ich kann Dir nicht helfen. Aber wenn ich euch Bei⸗ den rathen ſoll, ſo nehmt euch vor zwei M. in Acht.“—„Und die waͤren, Vetter?“ 37 —„Noͤnche und Maͤdchen!⸗— Eduard lachte.„Die Beiden koͤnnen doch wohl keine Alliance gemacht haben; denn meines Wiſſens duͤrfen ſich auch die Vorpoſten von Beiden nicht einmal naͤhern.“—„Mag wohl ſo genau nicht abgehen. Und denn noch Eins. Ihr ſeyd Beide keine Katho⸗ liken. Laßt euch das nicht merken. Schafft euch einen Roſenkranz an und macht euch mit den Feſttagen der Katholiken bekannt.“ —„Wahrhaftig,“ fiel Eduard ein,„ein eigenes Studium. Was meinſt Du, Bru⸗ der, werden wir die Feſttage noch wohl lernen?“—„Ich empfehle euch Behutſam⸗ keit. Mehr kann ich nicht thun, denn uͤber 4 das Glacis von Gibraltar reicht mein Arm nicht. Sophie, die Manches von dieſer Unter⸗ redung hoͤrte, war aͤngſtlich. Aufrichtig ge⸗ ſagt, mir war die Entdeckung, daß ſie mehr 38 meinetwegen als um ihren Bruder beſorgt u ſeyn ſchien, ſehr unangenehm. Ich ſtellte mich, als bemerke ich ihre aͤngſtliche Be⸗ ſorgniß nicht.. Wir reiſeten ab. Ueber Cordova und Toledo ging unſere Reiſe, und, ohne daß uns etwas Auffallendes begegnete, kamen wir in Madrid an. Auf dem ſchoͤnen Platze de la Cevada nahmen wir unſer Quartier und hatten den erſten und zweiten JTag Un⸗ terhaltung genug, wenn wir aus dem Fen⸗ ſter unſerer Wohnung das uns ganz unge⸗ wohnte Leben und Treiben dieſer Haupt⸗ ſtadt ſahen, die uns ganz neu war, und in der die allttaͤglichſten Kleinigkeiten mit der moͤglichſten Wuͤrde ausgeuͤbt wurden. Aber bald waren wir dieſes Blicks in einen Guckkaſten uͤberdruͤſſig.—„Wir muͤſſen alle Merkwuͤrdigkeiten ſehen!“ ſagte Eduard. „Wo fangen wir an?“—„Ich daͤ ichte, bei den Kirchen; denn ſoviel ich merke, muß es in dieſen Schaͤtze der Malerei und der Kunſt geben.“ Mein Freund war zufrie⸗ den. Er war ſelbſt Kenner und Verehrer der Malerei, wie ich es war. Unſer Wirth mußte uns einen Menſchen anſchaffen, der uns umher fuͤhrte. Unſer erſter Weg war nach einer Franziskanerkirche, deren Ge⸗ maͤlde und Schoͤnheit man uns geruͤhmt hatte.„Nimm nur Deinen Roſenkranz in die Hand,“ ſagte ich zu Eduard,„und lege das Geſicht in etwas ernſtere Falten.“ Wir traten ein. Wahrſcheinlich mochte ein hohes Feſt geſeiert werden, denn das ganze Schiff der Kirche war Eine Weihrauchswolke— die ſchoͤnſte Muſik fiel in unſer Ohr— der Anblick auf den erleuchteten Altar, auf die Menge der Knienden griff mein Innerſtes an. Ohne mich nach Eduard umzuſehen, ob er mir folge oder nicht, ging ich einige 7 Schritte vor und— Gott iſt mein Zeuge, ich wußte nicht was ich that!— warf mich in einer gewiſſen behaglichen frommen Stimmung auf meine Knie. Mein Blick war nur immer auf den Altar gerichtet, die Toͤne der himmliſchen Muſik ſchienen aus den Weihrauchswolken auf eine wunderbare, mir ganz unerklaͤrbare Art zu fließen. Un⸗ willkuͤhrlich klopfte mein Herz ſtaͤrker, un⸗ willkuͤhrlich draͤngten ſich die Thraͤnen in meine Augen. Um mich aus meinem, mich ſelbſt verlierenden, Andachtsgeſuͤhl zu ſammlen, wandte ich meinen Blick rechts auf meine Nachbarin, deren Schleier ſich vor meinem Knie ausgebreitet hatte. Wie erſchrak ich, da ich in dem Zipfel deſſelben eben die Sttiickerei ſah, die meine Schweſter Anna auf ihrem Schleier, die Eduard auf ſeiner Uniform hatte. Ich ſah aufmerkſamer dar⸗ 41 auf, einige Thraͤnen fielen aus meinen Au⸗ gen auf die Zeichnung und breiteten ſich in dem auf dem Alabaſter liegenden Schleier eben ſo aus, wie Eduards und Anna's Thraͤnen auf jener Stickerei. Ein unnenn⸗ bares Gefuͤhl, durch meine Andacht geho⸗ ben, ſetzte mich in eine Stimmung, wie ich ſie nie gehabt hatte. Ich wagte es, meine Nachbarin anzu⸗ ſehen; ein ſchoͤneres Geſicht ſah ich nie. Schwarze, feurige Augen, beſchattet von den ſchoͤnſten Wimpern und Augenbraunen, hoben ſich durch den Schleier zu mir und begegneten meinem Blicke—. das ſchoͤnſte Roth der brennenden Wangen ſtieg— mich duͤnkte, der ſchoͤne Mund wuͤrde mich in dieſem ſeligen Augenblicke anreden. Ich war außer mir; mochte nun die Muſik noch ſo ſchoͤn in mein Ohr toͤnen, ich hoͤrte ſie nicht; ich erwartete, daß meine Nachbarin „ ſprechen werde. Mochte der Altar noch ſo geſchmüͤckt ſeyn, fuͤr mich hatte er keinen Reiz mehr. Der Prieſter hob jetzt die Monſtranz in die Hoͤhe; meine Nachbarin und Tauſende anderer Andaͤchtigen fielen nieder. Ich blieb in meiner knienden Stel⸗ lung. Meine Nachbarin ſtieß mich an; auch ich ſank auf mein Geſicht. Mir war dieſe Erinnerung das Zeichen einer theil⸗ nehmenden Aufmerkſamkeit, die meinem ge⸗ 4 preßten Herzen in dieſer Stimmung ſo außerordentlich wohl that. Hoffnungen, kuͤh⸗ ner als ſie je ein Menſch gehabt hatte, wachten in meiner Bruſt auf. Lauter ſchlug mein Herz, haͤufiger floſſen meine Thraͤnen. Es war vielleicht bloßer Zufall, oder ein Werk der Gewohnheit, vielleicht auch bloßer Stolz, daß ich an dieſem Tage ſo ſchoͤn als moͤglich gekleidet war. Ich trug 43 die Uniſorm meines Kreisregiments, die ſich durch ſilberne Stickerei aus szeichnete und ſehr geſchmackvoll war. Ich glaubte einiges Aufſehen zu machen; wenigſtens ſuchte ich darin den Grund der Aufmerkſamkeit, mit der mich wönen Nachbaren rechts und links betrachteten. Mein Stolz uͤberredete mich, daß ich in den Augen der Menge wahr⸗ ſcheinlich mehr waͤre, als der wohlbeſtallte Hauptmann eines hochloͤblichen fraͤnkiſchen Kreisregiments. Eben wollte ich in einer kleinen Pauſe der Muſik meine Nachbarin anreden, ich ſetzte ſchon die wenigen ſpani⸗ ſchen Woͤrter, die ich wußte, zuſammen, um einen Perioden daraus zu machen, als ein Gloͤckchen vor dem Altare ein Zeichen gab. Meine Nachbarin ſtand auf, einige Andere thaten dies mit ihr; ſie ging nach dem Altare, kniete dort nieder, auch ich ſtand auf und folgte, blieb aber am Ein⸗ gange des Hochaltars ſtehen, und hielt den 44. Roſenkranz immer in der Hand. Die ganze Meſſe war zu Ende; meine Nachbarin, die ich nicht aus den Augen verlor, ging dicht an mir voruͤber, ihr brennender Blick fiel auf mich, ſie ließ, da ſie vor mir war, ein Taſchentuch fallen, ich nahm es auf, ich reichte es ihr, ich hoͤrte ihren Dank, ich fuͤhlte einen leiſen Haͤndedruck. Langſam ging ſie vor mir her. Am Eingange des hohen Chors ſtand ein bejahrterer Mann von wuͤrdevollem Anſehen, meine Nachba⸗ rin kuͤßte ihm die Hand, blickte noch ein⸗ mal zu mir hin und beſtieg nun einen Wagen, der ſie in wenig Augenblicken aus meinen Augen entfernte. Wie lange ich nach dem Verſchwinden der ſchoͤnen Unbekannten da ſtand, ohne etwas Anderes als ihr Bild zu denken, weiß ich nicht. Das Abgehen der Menge —— 45 machte mich erſt aufmerkſam darauf, daß auch ich gehen muͤſſe. Ich ſah mich nach Eduard um; ich fand ihn nach vielem Um⸗ ſehen vor einem Gemaͤlde ſtehend, das er mit einigen Andern betrachtete. Er hatte mir den Nuͤcken zugekehrt, ich ſah bloß den rothen Rock, den ſchwarzen Kragen. Ich eilte zu ihm.„Du haſt Dich wohl uͤber meine Andacht gewundert?« ſagte ich eng⸗ liſch zu ihm.„Ich habe neben einem goͤtt⸗ lichen Maͤdchen geknieet. Koͤnnte ich es nur noch einmal ſehen!“⸗ Ein fremdes Geſicht wandte ſich zu mir. Es war nicht das Geſicht meines Freundes.„Verzeihen Sie, mein Herr!“⸗ redete ich ihn, nicht ohne Verlegenheit, fran⸗ zoͤſiſch an.„Ich irrte mich.“—„Und wer ſind Sie?* fragte er mich in eben der Sprache. Ich nannte Namen und Stand. „Und Sie wohnen? Ich nannte das G* Wirthshaus auf dem Platze de la Cevada. Er ſchien etwas aͤngſtlich. Ich ſchrieb dies jeder andern Urſache zu. Den wahren Grund traf ich nicht.„Bleiben Sie noch wenige Augenblicke,“ fluͤſterte er mir zu. Wir beſahen noch einige Gemaͤlde. Der Unbekannte, ein Officier der Wallonengarde des Koͤnigs, war ein unterrichteter, gebilde⸗ ter Mann.„Sie haben eine Unvorſichtig⸗ keit begangen,“ ſagte er mir heimlich,„ich wuͤnſche, daß ſie keine Folgen haben moͤge.“ Ich laͤugne nicht, ich wurde etwas aͤngſtlich. Mir fielen Duncan's Warnungen ein; ich eilte, die Kirche zu verlaſſen. Eduard erwartete mich; ihm fiel meine Unruhe auf; er fragte mich um die Urſache; ich entdeckte ſie ihm.„Mich wundert, daß Du Dich aͤngſtigſt“ ſagte er.„Wer kann es hin⸗ dern, ſchoͤnen Maͤdchen in die Augen zu ſehen! Das Allerſchl immſte iſt, daß Du das 2 45 Maͤdchen weiter nicht kennſt.“« Wir kamen in unſerm Quartier an. Das ſchoͤne Maͤd⸗ chen mit den ſchwarzen Augen, der Schleier mit Kranz und Anker waren die Are, um die ſich unſere Unterhaltungen dreheten. Ich machte Entwuͤrfe und Plaͤne, wie ich die ſchoͤne Andaͤchtige wieder ſehen und ſprechen koͤnne. Ich war angſtlich, ſchrieb aber dieſe Unruhe theils den Eindruͤcken der Kirche, theils meiner immer gluͤhender wer⸗ denden Liebe zu. Waͤhrend den waͤrmeren Mittagsſtun⸗ den blieben wir zu Hauſe. Der Abend war ſchoͤn. Unſer Wirth mußte uns einen ſchoͤnen Wagen verſchaffen; wir fuhren an dem Ufer des Manzanares bis nach den artenhaͤu⸗ Segoviſchen Thore an Gaͤrten, G ſern und Alleen hin. Ueberall Muſik, uͤber⸗ all hoͤrten wir Lauten und Guitarren, uͤber⸗ all ſchallte uns Geſang entgegen, auf allen 48 Spaziergaͤngen ſahen wir Menſchen, die wie wir des ſchoͤnen Abends ſich freueten. Ein Gefuͤhl, wie ich es nie gehabt hatte, goß dieſer Abend in mein Herz. Hinter dem Schloßgarten fuhren wir durch die Allee an der Hermite. Hier war es zu ſchoͤn. Wir ſtiegen aus, befahlen dem Kut⸗ ſcher, an einer Poſada zu halten und, waͤh⸗ rend er ſich eine Guͤte erzeigte, auf uns zu warten; ein Erbieten, das er ſehr gern an⸗ nahm. 3 In der Hermite begegneten uns Meh⸗ rere. Ich ſah auf jeden Schleier, mir war, als ſagte mir ein Gefuͤhl, daß ich meine Unbekannte wieder ſehen werde. Eine Ra⸗ ſenbank ladete uns ein, wir nahmen Platz und konnten im blendend hellen Mond⸗ ſcheine jeden beobachten, der vor uns her ging oder fuhr, ſo wie wir auch von jedem genau geſehen werden konnten. Einige 49 Spanier, unter ihnen Einer mit einer Man⸗ doline, ſetzten ſich auf der Bank neben uns nieder. Ohne ſich durch uns ſtoͤren zu laſ⸗ ſen, ſtimmte der Spanier ſein Inſtrument E und ſpielte.— Kannte mich der Menſch? Wußte er meine Liebe? Sah er die Ge⸗ fahren, die mir drohten, mit Klugheit vor⸗ aus, und wollte er mich mit Guͤte war⸗ nen?— Das Lied, das er ſchoͤn und ein⸗ zig ſang, war faſt ganz meine Geſchichte. Er ſang ſchoͤn, ſein Geſang zog alle die Voruͤbergehenden und Fahrenden auf den Platz, auf dem wir ſaßen. Es herrſchte eine Stille, die an dem ſchoͤnen milden Abend jedes Gefuͤhl hob. Da rollte ein Wagen durch die Allee; er hielt, man ſtieg 1. aus, ein aͤltlicher Herr und eine Dame traten naͤher, ehrfurchtsvoll machte Alles Platz, die Beiden traten in den Kreis, es war mir in dieſem Augenblicke, als ſaͤhe ich eine Geiſtererſcheinung, da das Maͤdchen 4 50 von heute mit eben dem Herrn vor mir ſtanden. Ich richtete mich auf. Mit einem Anſtande, den die tieſſte Ehrfurcht zur Pflicht macht, ging ich Beiden entgee gen; ich bot meinen Platz an, das Maͤd⸗ chen ſah mich ſchaͤrfer an, es kannte mich, dankte mir, da ich den Herrn franzoͤſiſch angeredet hatte, in eben der Sprache und ſetzte ſich mit dem Begleiter auf den Platz, 1 den Eduard und ich ſo gern raͤumten. Sdo viel ſah ich auf den erſten Blick, daß das Maͤdchen außerſt aͤngſtlich war; es hatte, wie es ſchien, von meinem Erbieten Ge⸗ brauch gemacht, ohne ſelbſt zu wiſſen, was es that. Nur wenige Minuten blieb die Unbekannte mit ihrem Begleiter ſitzen, dann ſtand ſie aͤngſtlich auf, blickte noch einmal nach mir hin, und fuhr wieder fort. Der Spanier mit der Mandoline ſchwieg jetzt. Ich redete ihn franzoͤſiſch an, er ver⸗ 51 ſtand und ſprach dieſe Sprache; ich fragte nach ſeinem Stande; er war von hoher Geburt, gab aber deutlich zu verſtehen, daß er jetzt von ſeiner Muſik lebe, und ich wei⸗ ter kein Bedenken trug, ihm einige Laub⸗ thaler anzubieten, die er mit Dank nahm. „Wer iſt die Dame mit dem aͤltlichen Herrn?“ fragte ich, dreiſt gemacht durch die Wohlthat, die ich dem Virtuoſen erzeigt hatte. Ehe er mir antwortete, ſah er ſich aͤngſtlich um.„Er iſt einer der Erſten aus dem Collegio der heiligen Inquiſition.“ Ich erſchrak. Der Gardeofficier von heute fruͤh fiel mir ein.„Aber das Maͤdchen?— „Mein Herr, wo wohnen Sie?⸗—„Wes⸗ halb?⸗—„Weil das, was ich Ihnen auf dieſe Frage zu antworten habe, nicht heim⸗ lich genug geſagt werden kann.“ Dies ſagte er mir heimlich und leiſe. Eben ſo leiſe nannte ich mein Quartier. Wir gin⸗ gen fort. Unſer Wagen hielt vor der Po⸗ 52 ſada, wir ſtiegen ein; eben als wir in die Allee des Segoviſchen Thores bogen, kam uns der Wagen entgegen, die Unbekannte ſah uns an, mit einer Verbeugung erwie⸗ derte ſie gluͤhend erroͤthet unſern Gruß. Bis ſpaͤt Mitternacht ſaßen wir Bei⸗ den in dem Fenſter. Es war eine Nacht, wie man ſie unter dem Himmelsſtriche mei⸗ nes Vaterlandes nicht kennt. Ueberall hoͤrte man Muſik, uͤberall Geſang; ein wolluͤſti⸗ ges Sehnen, ein ungeſtuͤmes Draͤngen trieb die Pulſe des Lebens heftiger, ich hatte kaum kaltes Blut genug, meinem Freunde jenen Schleier zu beſchreiben, deſſen Be⸗ ſitzerin heute ſo außerordentlich auf mein Herz gewirkt hatte. Unter uns gingen Menſchen auf und nieder; Froͤhlichkeit und verdoppeltes Leben herrſchte in der ganzen Natur. Mein Herz empfand bald Weh⸗ 53 muth, bald Freude, als unſer Wirth eilig die Thuͤr unſeres Zimmers oͤffnete. Wir ſahen uns um. Ich wollte ihm verweiſen, mich in meinem ſchoͤnen Traume geſtoͤrt zu haben; da traten drei Maͤnner in einem ſonderbaren Anzuge in's Zimmer. Mit einer an Sklaverei graͤnzenden Ehrfurcht ſtand der Wirth da; er erlaubte ſich keinen Wink, geſchweige ein Wort.„Im Namen des heiligen Gerichts der Inquiſition frage ich euch, wer von euch Trautmannsdorf heißt?“ fragte der Eine dieſer Maͤnner, die wie Geiſter der Unterwelt da, wohin ſie kommen, banges Schrecken verbreiten. Wir erſchraken.„Ich bin Trautmannsdorf ſagte ich, und griff in dem Augenblick nach meinem Saͤbel, um mein Leben theuer zu verkaufen.„Um des heiligen Gerichts wil⸗ len!“ ſchrie der Wirth und fiel mir in die Arme.„Thut das nicht, Herr! Ihr ver⸗ ſchlimmert Euer Loos!⸗ Eduard mochte —————— 54 dies einſehen, denn er ſagte mir:„Beſorge nichts, des Herzogs von Marlborough Arm reicht weiter, als die Klauen der In⸗ auiſition. Was hat mein Freund gethan, daß er hier uͤberfallen wird?“ fragte er feſt.—„Sein Verbrechen wird er fruͤh genug erfahren. Jetzt folgt er uns.“ 7 Ich geſtehe es gern, das Ruhige, Kalte und Feſte, das in dieſer Antwort lag, er⸗ fuͤllte mich mit toͤdtlicher Angſt. Die Men⸗ ſchen muͤſſen doch einen ſtarken Ruͤckhalt haben, daß ſie ſo beſtimmt ſprechen, dachte ich, und wollte von neuem zeigen, daß es mir am Muthe nicht mangele. Der Wirth fiel auf die Knie:„Ich bitte Euch, Herr, vermehrt Euere Strafe nicht. Es koſtet nur Ein Wort und ganz Madrid eilt dieſen wuͤrdigen Vaͤtern zu Huͤlfe!“ Jetzt traten noch einige mir ganz unbekannte Maͤnner in das Zimmer. Der vornehmſte befahl 55 mir, ihm zu folgen. Eduard konnte nichts thun; Vier oder Fuͤnf traten zwiſchen ihm und mir, kaum daß ich ihm noch ſagen konnte, was ich ihm als Freund in den wenigen Minuten zu ſagen im Stande war, als ich meinen Fuͤhrern folgen mußte. In ihrer Mitte durchwandelte ich mehrere Straßen; der Mond ſchien hell, uͤberall herrſchte noch das rege friſche Leben, aber uͤberall wich man uns aus. Unſer Zug, wohin er kam, verbreitete Todesſchauer und Grabesſtille. Alles floh uns, und wie in einen Zauberzirkel gebannt, gingen wir durch die froͤhlchen Haufen hin, die einige Minuten noͤthig hatten, ehe ſie in die vo⸗ rige Froͤhlichkeit zuruͤckkommen konnten. Vielleicht eine Stunde waren wir durch die langen Straßen Madrids gegangen, als ich bald bemerkte, ich ſey meinem Ziele nahe, denn die Gegend wurde immer oͤder, die Straßen immer ſtiller und der Froͤhliche Geſang und der Ton der Mandolinen ver⸗ ſchwand endlich ganz. Vor einer langen unuͤberſehbaren Mauer ſtanden wir ſtill, eine Pforte in einem Thorwege oͤffnete ſiche man ſchob mich hinein, ein großer Hof em⸗ pfing mich, uͤber ihn hin fuͤhrte man mich nach einem Gebaͤude, das aͤußerſt antik ausſah und deſſen eiſernen Gitter, beſon⸗ ders im unterſten Geſchoß, mir keine ſon⸗ derliche Meinung von meinem kuͤnftigen Looſe beibrachten. Der Himmel gegen Oſten roͤthete ſich, ich konnte nur einiger⸗ maßen beurtheilen, in welcher Gegend ich ſeyn mußte. Eine Schildwacht oͤffnete die Thuͤr, durch einen langen, von einer an der Decke hangenden Laterne erleuchteten Gang wurde ich gefuͤhrt, und ſtand nun vor einer feſt verſchloſſenen Thuͤr ſtille. Ich hoͤrte in der Stille, die mich umgab, von jenſeit der Thuͤr ein Geraͤuſch, aber meine Fuͤhrer, deren vier waren, ſprachen 57 ſo wenig mit ſich ſelbſt, als mit mir. Schreckliche halbe Stunde meines Lebens, gewiß eine der fuͤrchterlichſten, die ich je erlebte! Jetzt fiel mir erſt meine ganze Gefahr ein, die mir bevorſtand. Auf dem Wege hatte ich ſie nicht ſo uͤberdacht. Mein ganzes Gemuͤth war in einer zu ſchreckli⸗ chen Unruhe, als daß ich mir ein Bild von dem machen konnte, was meiner erwartete. Jetzt, da ich ruhiger war, fuͤhlte ich es nur zu ſehr. Alles, was mir von der Her⸗ mandad und von der Inquiſition erzaͤhlt war, ſtellte ſich mir mit verſtaͤrkter Kraft vor. Ich leugne nicht, bei dem Gedanken, daß der Ungluͤckliche, der einmal hier war, von allen Verbindungen des fruͤhern Le⸗ bens abgeſchnitten war; daß der, der ein⸗ mal hier ſtand, wie ich, fuͤr Alles, was ihm auf der Welt werth iſt, abgeſtorben war, zitterte ich. Ein ſtarker Schlag von inner⸗ halb der Thuͤr aus machte, daß ich zu⸗ ſammenfuhr; die Thuͤr wurde geoͤffnet, ich mußte eintreten; ſechzehn bis achtzehn Maͤn⸗ ner in ſchwarzen und braunen Moͤnchs⸗ habiten ſaßen um eine große Tafel her. Einer ſchien mir bekannt, nur wußte ich in dem Augenblicke nicht, wohin ich ſein Ge⸗ ſicht bringen ſollte. Ich mußte vor die Tafel treten, ich mußte meinen Namen, Stand, Herkunft und Abſicht meines Auf⸗ enthalts nennen. Ich that es mit einem gewiſſen Muthe, der ſich wieder geſammelt hatte.„Euer Verbrechen—“ fing eben der an, deſſen Geſicht mir bekannt ſchien. Ich fiel ihm nicht ohne Trotz in die Rede. „Ja, das iſt's eben, was ich wiſſen moͤchte! Ich will frei ſeyn, und erwarte, daß ich in dieſer Stunde noch nach meiner Wohnung gehen kann. Ich bin Proteſtant, was geht mich der Aberglauben und das Poſſenſpiel Eurer Kirche an! Ich will 59 jetzt los ſeyn.“—„Maͤßigt Euch in Euern Ausdruͤcken, ſie vergroͤßern Eure Schuld, vermehren Eure Beſtrafung und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß das heilige Collegium Euch zum Scheiterhaufen verurtheilt.“ Ich dachte in dieſem Augenblicke an Eduard, ich hoffte, er werde abreiſen, werde in ſei⸗ nem Vaterlande alles bewegen, fuͤr meine Rettung zu thun was moͤglich ſey. Dies Gefuͤhl gab mir Muth, mit Dreiſtigkeit zu ſprechen.„Ihr habt kein Recht, Euch zu vertheidigen,“ fing der Erſte mit einer teufliſchen Ruhe an.„Euer Verbrechen iſt erwieſen, Ihr erwartet im Gefaͤngniſſe die Entſchluͤſſe des heiligen Collegiums.“ Ich wurde weggefuͤhrt. Mich beru⸗ higte der einzige Umſtand, daß man mich nicht in ein Gefaͤngniß unter der Erde, ſondern in ein kleines Gemach des erſten Geſchoſſes fuͤhrte. Hier ſtieß man mich 4 hinein, und ich fand zu meiner Bequemlich⸗ keit nichts, als einen Strohſack. Die Un⸗ ruhe, in der ich war, der weite Weg, den ich gemacht hatte, waren Urſache, daß ich mich ermuͤdet niederwarf und aus einem Ohnmacht aͤhnlichen Schlafe erſt da erwachte, als das durch die eiſernen Gitter fallende Tageslicht mir jeden Gegenſtand meines Kerkers unterſcheiden ließ. Jetzt erſt war ich ſtark und nuͤchtern genug, das Schreck⸗ liche meiner Lage zu uͤberſehen. Trennung von Freund und Vaterland, Gefangenſchaft, vielleicht lebenslaͤnglich, Transportirung als Verbrecher nach einer Colonie der neuen 1 Welt, Tod auf dem Scheiterhaufen, dieſe Be⸗ griffe kreuzten in meiner Seele hin und her, dieſe Bilder ſtanden mir vor den Augan.. Gegen Mittag wurde ich wieder in's Verhoͤr gebracht, ich wollte meinen Anklaͤger wiſſen; mein Gefaͤngniß hatte mich noch 4 61 nicht muthlos gemacht. Mit Trotz forderte ich, daß man mir ſeinen Namen nennen ſollte, ich drohete ihm den Hals zu brechen. „Gegen Beides ſind ſchon Anſtalten ge⸗ macht,“ ſagte man mir.„Euern Anklaͤger erfahrt Ihr nie, gegen Eure Rache ſchuͤ⸗ tzen ihn die Mauern Eures Kerkers.“ Ich mußte wieder in mein Gefaͤngniß; der eine der Richter hatte fuͤr mich ſo viel ſchon Geſehenes, nur war es mir unerklaͤrlich, wo ich ihn geſehen haben konnte. Mochte ich rathen, wo und wie ich wollte, ich konnte mir das Raͤthſel nicht loͤſen. Mein Schickſal uͤberdenkend, bald muthlos, bald entſchloſſen, je nachdem die Eindruͤcke auf mich wirkten, ging ich, mei⸗ nen Aufenthalt betrachtend, auf und nieder. Wo das Gebaͤude, das mich einſchloß, lag, konnte ich nicht errathen, da ich keinen mir bekannten Gegenſtand ſah, aus dem ich auf 62 die Nachbarſchaft und Lage meines Gefaͤng⸗ niſſes haͤtte ſchließen koͤnnen. So viel ſah ich aus dem Fenſter, daß dies Gemach eines der letztern des Gebaͤudes war, und daß neben der, den Hof begrenzenden ho⸗ hen Mauer, ein Garten ſeyn mußte, denn uͤber die Mauer ragten Obſtbaͤume her. Der Gedanke an Flucht ſtieg in mir auf, mochte 4 man dieſen gewagten Schritt auslegen, wie man wollte, mochte er noch ſo gefaͤhrlich ſeyn, ich mußte ihn wagen, ohne an die Folgen zu denken, die er allenfalls fuͤr mich haben koͤnne. Es ſchien mir keine Unmoͤg⸗ lichkeit, auf die Mauer zu gelangen, den Garten zu erreichen, und von dieſem aus irgend eine Straße, irgend einen Platz in der Stadt zu gewinnen, um weiter zu fliehen. Freilich, die ſtarken eiſernen Stan⸗ gen vor dem Fenſter und— nichts in Haͤn⸗ den, wodurch ich ſie zerbrechen konnte— das war traurig. Die Waͤnde meines Kerkers —Q——O—B᷑·/Q—— —OęO ᷓÿ———— waren maſſiv; der Fußboden beſtand aus dicken eichenen Bohlen, ich verſuchte eine davon aufzubrechen, um mir ein Inſtru⸗ ment zu verſchaffen, eine Fenſterſtange aus⸗ zuheben, es gelang; an der Seite der Mauer brach ich eine Bohle auf, wie er⸗ ſchrak ich, da von unten her Licht mir ent⸗ gegen ſtrahlte, da die los gebrochene Erde wie in einen Strudel hinablief. Zitternd vor erwartender Freude legte ich mich uͤber die Oeffnung, ich ſah, daß ſie in ein be⸗ nachbartes Haus ging; ich konnte einen Theil eines Saales uͤberſehen; die Sonne erleuchtete die Waͤnde. Ich horchte, ob ſich nichts ruͤhre; alles war ſtill. Ich war⸗ tete noch eine Stunde, dann brach ich mit groͤßter Behutſamkeit den Fußboden wei⸗ ter auf, mit einem kuͤhnen Sprunge war ich auf dem Saale, nach deſſen Fenſter ich nun eilte, um die Lage des an das Ge⸗ baͤude ſtoßenden Gartens kennen zu lernen. 64 An dem Fenſter ſtand ein Tiſch mit weib⸗ lichem Putze feinerer Art. Weshalb ich das Auge auf dieſen wendete, weiß ich ſelbſt nicht. Ein Schleier hing uͤber einem Stuhle, er erinnerte mich an den Schleier, den ich heute geſehen hatte, ich nahm ihn in die Hoͤhe und wer koͤnnte ſich mein Erſchrecken vorſtellen, da ich die Zeichnung und Thraͤ⸗ nen wiederſah, die mich heute ſo beſchaͤf⸗ igten. Ich hatte den Schleier meiner ſchoͤnen Unbekannten vor mir. Ich dachte gar an keine Flucht mehr; der Schleier mit allen dem, was er heute in meiner Seele und in meiner Erinnerung her⸗ vorgebracht und bewirkt hatte, beſchaͤftigte mich ganz, ohne daß ich in Hinſicht der Auskunft um Ein Haar weiter gekommen waͤre. Gegen mir uͤber war eine Thuͤr mit Glasfenſtern, dieſe ſtanden offen, ich ſchlich dahin, eine Treppe ging hinauf, eben wollte ich hinauf ſchleichen, als ich oben ſprechen und die Tritte zweier Kom⸗ menden hoͤrte. 3 Erſchrocken, wie ich es wohl in dieſer Lage ſeyn mußte, wollte ich aus dem Fen⸗ ſter ſpringen, aber ich war nicht im Stande, es ſo geſchwind zu oͤffnen. Zu verſaͤumen hatte ich nicht einen Augenblick, die immer naͤher kommenden Tritte der Unbekannten vergroͤßerten jeden Augenblick meine Gefahr; in moͤglichſter Eile verbarg ich mich unter dem Umhange eines Tiſches, und erwartete nun entſchloſſen mein Loos. Die Thuͤr wurde geoͤffnet; zwei Damen traten in den Saal, ihr Blick fiel auf die Oeffnung der Decke, Beide ſchrien laut auf und ſahen ſich ſchuͤchtern um, ehe ſie es wagten, wei⸗ ter zu gehen.„Entwiſcht kann doch wohl Keiner ſeyn, Seraphine!“ ſagte die Eine. „Wanhrſcheinlich iſt der Boden des Gefang⸗ 5 niſſes nachgeſchoſſen.“—„Wenigſtens hat der Fluͤchtling nichts mitgenommen,“ fiel die Andere ein.„Die heilige Jungfrau gebe nur, daß ſie ihm nicht auf die Faͤhrte kommen!“ Seraphine nahm den Schleier hin.„Ich habe heute fuͤr Dich gebetet, Laura,“ ſagte die Erſtere.„Sieh die Thraͤ⸗ nen in meinem Schleier. Noͤchte ich nur erhoͤrt ſeyn! Nicht meinetwegen, nur Dei⸗ netwegen, nur Deiner Eltern wegen wuͤn⸗ ſche ich dies.“ Beide umarmten ſich.„Ich bin in der That ſehr ungluͤcklich!“ ſagte Laura.„Kannſt Du mich in der That nicht retten?—„Alle Heiligen moͤgen meine Zeugen ſeyn; mit meinem Leben⸗ rettete ich Dich. Aber es iſt mir unmoͤg⸗ lich. Erbarme ſich Gott Deiner!“ Laura ſank entkraͤftet auf einen Stuhl nieder. Seraphine ſtand vor ihr, ſie ſuchte das arme Maͤdchen zu troͤſten.„Sieh, 67 Laura, ich darf nicht einmal Deinen Eltern, nicht einmal meinem Bruder Nachricht von Dir geben. Ich bin ja ſo gut eine Gefan⸗ gene, wie Du es biſt. Ohne Begleitung darf ich ja die Kirche nicht einmal beſuchen. Mein Oheim laͤßt mich nicht aus den Au⸗ gen.“—„Ich, Gefangene? Weshalb? Warum reißt man mich aus den Armen meiner Eltern? Seraphine ſchwieg. Statt der Antwort fiel ſie ihrer ungluͤcklichen Freundin um den Hals.„Sag' es mir, Seraphine, warum bin ich Gefangene? Sollte es wahr ſeyn, was das dunkle Ge⸗ ruͤcht von den Vaͤtern der Inquiſition ſagt? Ich bitte Dich, Seraphine, ſag' es mir! —„O, laß mich, Laura! ich bin ſo ſchon ungluͤcklich, ich wuͤrde es noch mehr ſeyn, wenn ich meinen Eid braͤche.“—„Gut. Ich verſtehe Dich. Aber— ſieh hier! dies Meſſer faͤhrt von meiner Hand in mein Herz, ſobald wieder ein Verſuch auf mich gemacht wird. Gott und die Heiligen wer⸗ den mir den Selbſtmord vergeben!“ Sera⸗ phine wollte die Troſtloſe beſaͤnſtigen; aber zweiflung bei der Ungluͤcklichen, die nun jetzt ſelbſt Seraphinen Vorwuͤrfe machte, daß ſie ihrer Eltern Haus verrathen habe. „Mein Entſchluß iſt genommen!„ſagte ſie. „Du willſt meine Flucht nicht befoͤrdern, Dau hinderſt ſie; meinen Tod kannſt und wirſt Du nicht hindern.“ Laura ſtand auf, ſie eilte nach jener Treppe; Seraphine folgte. Ich war jetzt allein.„Jetzt gilt es meine Befreiung!“ dachte ich. Ich verließ meinen Schlupfwinkel; eilend, aber behut⸗ ſam ging ich nach dem Fenſter, an deſſen Fluͤgel ein hoher Obſtbaum ſtieß, ich wollte das Fenſter ohne Geraͤuſch oͤffnen, als Se⸗ raphine die Treppe herauf kam. Ich ſtand mit jedem Worte ſtiegen Angſt und Ver⸗ 69 in der Uniform da, in der ſie mich geſtern geſehen hatte; ich ging ihr entgegen, ich redete ſie franzoͤſiſch an, ich bat um ihren Schutz. Ein ſchoͤneres Maͤdchen hatte ich noch nie geſehen, und was Seraphinens Schoͤnheit noch mehr hob, war die Guͤte, die Theilnahme, der Wunſch, mich zu ret⸗ ten, der ſo deutlich aus ihren ſchoͤnen ſchwarzen Augen, mit Thraͤnen benetzt, ſtrahlte. Ich ergriff Seraphinens Hand, ich bat ſie, mich zu retten. Ich erzaͤhlte ihr meine Geſchichte, meine Gefangennehmung, meine Flucht; ich ſagte ihr, daß ich Alles gehoͤrt habe, was ſie mit ihrer Freundin Laura geſprochen hatte.„Heilige Mutter Gottes!“ ſagte ſie.„und Sie ſind noch hier? Verſaͤumen Sie keinen Augenblick zu Ihrer Rettung. Mich wundert's, daß Sie hier noch nicht geſucht ſind!“—„Se⸗ raphine, wohin rette ich mich?⸗—„Sie muͤſſen hier im Hauſe meines Obeim, des 8 8 70 Alquazil der Inquiſition, bleiben, aber man muß glauben, daß Sie durch den Garten entwiſcht ſind.“ Sie oͤffnete das Fenſter, ſie brach einige Zweige ab, die ſie unter den Baum warf, und war kaum mit die⸗ ſer verſtellten Arbeit fertig, als man ſtark an die Thuͤr des Hauſes klopfte. Ich zitterte bei dieſer Gefahr; Seraphine ſtellte ſich muthiger als ſie war, denn ihre ent⸗ ſchloſſene Miene konnte die Angſt, die ſie empfand, nicht ganz decken. In der groͤß⸗ ten Geſchwindigkeit fuͤhrte ſie mich in ein dunkles Cabinet, und ging nun, die Thuͤr zu oͤffnen. Mehrere Naͤnner in einer Art von Amtskleidung traten in den Saal. Ich bemerkte durch das Schluͤſſelloch der hinter mir abgeſchloſſenen Thuͤr, daß der Alte, der mir ſeit geſtern ſo merkwuͤrdig war, die ganze Gefandtſchaft leitete. Er ſprach ſpa⸗ niſch, eine Sprache, von der ich wenig verſtand; nur aus ſeinen Mienen, aus d. 21 Seraphinens gluͤcklich verſtelltem Erſchrecken ſchloß ich, daß mein Entweichen die Urſache der Zuſammenkunft war. Seraphine fuͤhrte die Maͤnner an ein offen ſtehendes Fenſter, ſie bewies ihnen, daß ich durch dies ent⸗ flohen ſeyn muͤſſe; eine Vermuthung, dey man Beifall gab. 3 Die Naͤnner entfernten ſich, der alte Alquazil blieb zuruͤck. Gegen die Thuͤr meines Aufenthaltes uͤber ſetzte er ſich mit Seraphinen nieder. Einer der Bedienten des Hauſes brachte Gebackenes und Wein. Mein ganzes Herz klopfte, ich befuͤrchtete einen Auftritt von der Art, wie ſie in dem Zirkel der heiligen Inquiſition nicht ſelten ſind; ich nahm mir vor, dann hervorzu⸗ ſpringen und den alten ergraueten Wolluͤſt⸗ ling zu erdroſſeln. Aber meine Furcht teaͤuſchte mich. Seraphine ſollte nicht ein Werkzeug eigener Wolluſt ſeyn, ſie ſollte 22 eine andere Ungluͤckliche dazu vorbereiten, und dieſe Ungluͤckliche war— Laura. Der Alte ſprach franzoͤſiſch. Ich hoͤrte aus ſeinem Munde die Sprache eines frechen Wolluͤſtlings, aber ich hoͤrte auch, wie Se⸗ raphine ſich ſtraͤubte, ihre Freundin un⸗ gluͤcklich zu machen. Der Alte wurde auf⸗ gebracht.„Ich glaubte,“ fuhr er fort, „Du haſt dieſe Sprache bloß in Gegen⸗ wart Deiner Mutter, meiner Schweſter, 1 gefuͤhrt. Aber jetzt ſehe ich, daß Du wirk⸗ lich ſo denkſt.“—„Und werde immer ſo denken. Geben Sie meine Freundin frei. Denken Sie ſich den Gram der Eltern Laura's, die es nicht wiſſen, wo ihre Tochter blieb! Denken Sie ſich, lieber Oheim, meinen Bruder Fernando, Sie wiſſen, wie er Lauren liebt, ich fuͤrchte, er erraͤth wo ſeine Laura iſt, ob Ihr Leben dann ſicher iſt, das wage ich nicht zu ent⸗ ſcheiden.“—„Mich ſchuͤtzen die Heiligen, 73 und es iſt gut, daß Du mich an Deinen Bruder erinnerſt. Es koſtet mich Ein Wort, und er geht als Verbannter nach Goa oder nach Braſilien.“ Seraphine fiel vor dem Boͤſewicht nieder, ſie bat, wie fuͤr ihr eigenes Leben, um Laura's Rettung. Ganz gleichguͤltig und in teufliſcher Ruhe blieb der Wolluͤſtling bei den Thraͤnen des ſchoͤnen Maͤdchens. Seine Ausgeſandten kamen wieder. Aus ihrer Pantomime ſchloß ich, daß ſie mich fuͤr entwiſcht hielten. Der Alte ſprach Mehreres mit ihnen, das ich nicht verſtand, Mehreres, bei dem ſich Seraphine die Miene gab, als achte ſie nicht darauf. Seraphine begleitete ihn, ich hoͤrte, wie der Wagen fortfuhr. Seraphine kam haͤnderingend in den Saal zuruͤck. Sie trat in das Zimmer meines Auſenthaltes.„Ruͤhren Sie ſich noch nicht!“ ſagte ſie.„Sie ſind noch nicht ſicher. Auf Ihrem Gefaͤngniſſe wird gearbeitet. Man glaubt, daß Sie durch den Garten entflohen ſind.“ Wirklich hoͤrte man uͤber mir ein Getoͤſe, ein Haͤmmern. Ich verhielt mich ruhig. Seraphine ſetzte ſich gegen meine Thuͤr uͤber bei eine weib liche Arbeit. Ich ſah, daß ſie den merk⸗ wuͤrdigen Schleier auf den Schooß nahm, † daß ſie daran zu naͤhen ſchien, daß ihre. Thraͤnen auf die Stelle floſſen, die mit meinen Zaͤhren benetzt war. Ich brannte vor Begierde, Seraphinen erſt zu ſprechen, aber noch durfte ich es nicht wagen, indem das Geraͤuſch uͤber mir noch fortdauerte. Endlich hoͤrte ich eine Thuͤr verſchließen. Seraphine kam zu mir. „Folgen Sie mir,“ ſagte ſie,„ich hoffe, Sie ſind gerettet.“ Sie fuͤhrte mich durch einen langen Gang auf ein kleines, aber aͤußerſt ſchoͤnes Zimmer. Laura ſaß hier; ——— 3 4. 75 ihr verweintes Geſicht, ihre ſchluchzende Stimme, ihr ganzes Weſen bewies, was die Arme gelitten haben mußte. Seraphine machte mich bekannt. Es wuͤrde in jeder andern Lage mir unendlich geſchmeichelt haben, hier aus Laura's Antworten zu er⸗ fahren, daß Seraphine uͤber mich mit ihrer e Freundin geſprochen hatte. Jetzt ließ Furcht dieſe Freude nicht aufkommen.„Bleiben Sie hier bei meiner Laura!“ ſagte Sera⸗ phine mit einem Blick, aus dem ihre ganze Seele, mit einem Haͤndedruck, aus dem ihre ganze Liebe, ihre gluͤhende Liebe deutlich zu leſen war.„Ich muß Sie auf eine Stunde verlaſſen!“ Meine Dankbarkeit ging in gluͤ⸗ hende Liebe uͤber, ich ſchlang meinen Arm um das ſchoͤne Maͤdchen, ungeſtuͤm druͤckte ich meine Lippen auf Seraphinens Mund, ich waͤre in einen gewiſſen Tod gegangen, ſo gluͤhend liebte ich das edle Maͤdchen. Seraphine verließ uns. Mehrere Mi⸗ nuten ſtand ich da auf der Marke zwiſchen Himmel und Hoͤlle. Liebe und Gefahren waren beide gleich groß in dieſer entſchei⸗ denden Stunde. Laura's Thraͤnen riſſen mich aus meiner Begeiſterung. Ich trat deerr Ungluͤcklichen naͤher. War es eine Folge der Uebereinſtimmung meines und Seraphi⸗ nens Herzen, die die Ungluͤckliche bemerkte? War es eine gewiſſe Aehnlichkeit unſerer Schickſale, daß ſie ſo offenherzig gegen mich wurde? Ehe zwei Minuten vergingen, wußte ich die Liebe der Ungluͤcklichen zu Seraphinens Bruder, Fernando, wußte ich, daß Seraphine mich gluͤhend liebe, wußte ich die Geſchichte der ungluͤcklichen Laura. Sie war, wie Seraphine, aus Toledo gebuͤrtig. Beide waren von den erſten Jahren der Kindheit Freundinnen. Sera⸗ —— ᷣ— 22 phinens Eltern ſtarben. Der Bruder ihrer Mutter, der Alquazil der Inquiſition, Pedro, nahm die beiden Waiſen zu ſich nach Ma⸗ drid. Seraphinen ſchmerzte die Trennung von Laura, ſie wuͤnſchte nichts ſo ſehnlich, als ihre Freundin um ſich zu ſehen. Ein Wunſch, der dadurch erfuͤllt wurde, daß Laura ſich in Madrid bei einer Verwandtin auf einige Zeit aufhielt. Der ſechzigjaͤhrige Pedro ſah das ſchoͤne Maͤdchen. Sein Stand unterſagte ihm die Ehe, aber nicht ſein Herz eine laſterhafte Verbindung. Gluͤ⸗ hend waren ſeine wilden Begierden und wurden es immer mehr, je mehr die Ge⸗ walt in ſeiner Hand ſtand. Das ſah er bald, daß die edle Laura ihn zuruͤckſtoßen werde, um ſo mehr, da Seraphinens Bru⸗ der, Fernando, Officier in der Koͤniglichen Garde, Laura ſehr liebte. Der Alte ſann auf den Beſitz dieſer Schoͤnheit, durch Gruͤnde, die er aus der Religion hernahm; durch einen Eid, den die arme Seraphine ſchwoͤren mußte, ſuchte er die Letztere zu bewegen, Lauren guͤnſtigere Geſinnungen gegen ſich einzufloͤßen und dem armen Opfer das Laſter von einer gefaͤlligern Seite vorzuſtellen. Seraphine ſchauderte bei dieſem Anmu⸗ then. Sie ſchlug es ab, ſie unterrichtete ihre Freundin von der Gefahr, die ihr dro⸗ hete. Laura fuͤhlte dieſe Freundſchaft, und fruͤher als es ihre Liebe zu Fernando, fruͤ⸗ her als es die Freundſchaft fuͤr Seraphinen ſonſt geſtattet haben wuͤrde, reiſete ſie nach Toledo zuruͤck. Freilich war ſie angſtlich, aber ſie entdeckte ihren Eltern nichts von der Gefahr. Der Gedanke an die Allmacht der Inquiſition hielt ſie ab, ſie trug gelaſ⸗ ſener den Schmerz der getrennten Liebe, den Kummer der geſchiedenen Freundſchaft, da der Preis, um deſſetwillen ſie trug, — gerettete Tugend, dieſen harten Kampf hin⸗ laͤnglich verſuͤßte. Ihr einziges Gluͤck waren einige Beſuche von Ferdinand und Briefe von Seraphinen, die freilich nicht alle die 98 verſcheuchen konnten, die bei der Er⸗ innerung an Madrid das Herz der armen Laura preßten. Eines Abends hatte die Ungluͤckliche ein Vorgefuͤhl, eine Ahnung irgend eines traurigen Ereigniſſes, das ihr mit Rieſengewalt drohete. Unruhig ging ſie im Garten auf und nieder, unruhig und ohne Schlaf lag ſie auf ihrem Lager, als ein Wagen vor dem Hauſe hielt. Die Thuͤr wurde geoͤffnet, erſchrocken trat Lau⸗ rens Vater an das Bette der Wachenden und kündigte ihr unter allen Zeichen des hoͤchſten Schreckens an, daß ſie als Ge⸗ fangene der heiligen Inquiſition jest weg⸗ gebracht werden wuͤrde. In ehen dem Au⸗ 4 genblicke traten zwei Verkleidete ein. m. G Ruf: Im Namen der heiligen Inguiftionz *. 5 8⁰ erſtickte jede laute Klage, unterdrüͤckte jeden Ausruf des Schmerzes. So weit ging die Gewalt des Aberglaubens, daß Laurens Eltern es nicht einmal wagten, der Ungluͤck⸗ lichen Vater⸗ oder Mutterherz zu zeigen. Stumm und ſtarr ließen ſie das arme Opfer in den Haͤnden der gefuͤhlloſen Diener der Hermandad. Moͤglich, daß Laura befuͤrchtete, man werde ſie irgend einer Ketzerei, oder doch wenigſtens einer Gotteslaͤſterung gegen die Inquiſition aberfuhren, wenigſtens ſah ſie ſich ſchon im Geiſte mit dem Sanbenito und mit der Corotza bekleidet vor dem Col⸗ legio ſtehen, das ein Todesurtheil uͤber die Ungluͤckliche ausſprechen werde. Sie fuͤhlte ſchon die Greuel eines dumpfigen Gefaͤng⸗ niſſes, ſie hoͤrte ſchon den Fluch von Tau⸗ ſenden, die es ihr auf ihrem Todesgange nicht verzeihen konnten, gegen ein heiliges 81 Gericht eine Laͤſterung ausgeſtoßen zu haben. Aber das wußte die Arme nicht, daß ganz andere Gefahren ihrer warteten; Gefahren, von denen man auch nicht im Kreiſe der ver⸗ trauteſten Freunde ſprach, wenn auch gleich Mancher dergleichen dunkel ahnete. Vor dem Inquiſitionsgebaͤude hielt der Wagen. Laura ſtieg aus, eine Todtenſtille herrſchte in dem dunkeln Zimmer, in welches man ſie gebracht hatte; da oͤffnete ſich die Thuͤr und Seraphine, mit einem Lichte in der Hand, ſtuͤrzte athemlos herein und ihrer eben ſo erſchrockenen Freundin in die Arme. „Wo bin ich, Seraphine?“ fragte die Un⸗ gluͤckliche.—„O Gott, Laura! daß ich's Dir ſagen muß, Du biſt in einem Schlupf⸗ winkel der Wolluſt.“ Kaum konnte die Arme das Schreckliche dieſer Vorſtellung ganz denken.„Ich hielt mich bloß fuͤr ver⸗ folgt, fuͤr ungluͤcklich,“ ſagte Laura;„jetzt ſehe ich, daß ich mehr bin als ungluͤcklich.“ 6 82 Sie ſank nieder auf einen Stuhl. Sera⸗ phine eilte, der Freundin beizuſtehen und ſah ſich dabei ſchuͤchtern um. Kaum hatte ſie die Erſchrockene etwas in's Leben zuruͤck⸗ gebracht, als die Thuͤr ſich oͤffnete und Pedro hineintrat.„Wer hat Dir den Auftrag gegeben, hierher zu gehen?“ ſagte er zu Seraphinen.—„Freundſchaft fuͤr eine Unglückliche.“ Moͤglich, daß Pedro glaubte, Seraphine ſaͤhe den ganzen Plan des Wolluͤſtlings durch; moͤglich, daß er unter einer angenommenen Larve ſeine wahre Abſicht verbergen wollte.—„Ach ja!“ ſagte er,„es iſt Deine Freundin, die der Hand des heiligen Gerichtes uͤbergeben iſt. Schon aus der Hinſicht moͤchte ich ſie retten. Viel⸗ leicht findet ſich etwas zu ihrer Entſchuldi⸗ gung. Laß mich mit Lauren allein.“ Se⸗ raphine warf noch einen Blick auf ihre un⸗ gluͤckliche Freundin; ſie wollte ihr Muth und Entſchloſſenheit durch dieſen Blick mit⸗ 83 theilen, ehe ſie wegging, und ſie fuͤhlte ſelbſt, wie ſehr es ihr am Muthe fehlte. „Verlaß mich nicht, Seraphine!“ war alles, was Laura ſagen konnte, ſo entkraͤftet, ſo bange vor dem kuͤnftigen Augenblick war ſie. Gern haͤtte Seraphine das arme Maͤd⸗ chen geſchuͤtzt, aber der Befehl des Alquazil, dem ſie als Waiſe untergeben war, der ihr ganzes Schickſal in ſeiner Gewalt hatte, machte ſie gehorſam. Der Wolluͤſtling ver⸗ riegelte die Thuͤr. Vielleicht haͤtte hier Ge⸗ walt ausgerichtet, was der liſtigen Verſu⸗ chung unmoͤglich war, haͤtte nicht die Freund⸗ ſchaft Seraphinen in ein nahes Gemach ge⸗ fuͤhrt, aus dem eine verborgene Thuͤr in das Zimmer ging. Seraphine kannte die⸗ ſen Eingang, den Pedro uͤberſehen hatte. Er hatte alle Ueberredungskunſt vergeblich verſchwendet, mit allen Gefahren umſonſt gedrohet— Laura widerſtand ernſtlich. Jetzt wagte Pedro Gewalt, Laura ſchrie um 21 Huͤlfe. Seraphine dachte nicht an die eigene Gefahr, ſie ſah ihre Freundin un⸗ gluͤcklich, das war genug; ſie ſtieß die Thuͤr auf und ſprang ihrer ungluͤcklichen Freundin zu Huͤlfe. Der Blick Pedro's laͤßt ſich leicht den⸗ ken. Wuͤthend ſah er auf die beiden Freun⸗ dinnen, die einander im Arm lagen, die mit einander weinten und laut den Himmel anklagten. Der Wolluͤſtling iſt gewoͤhnlich rachfüchtig. Schrecklich war die Drohung, die Pedro ausſtieß, da er wegging, ſchreck⸗ lich die Angſt, die beide Maͤdchen empfan⸗ den. Sie konnten keinen feſten Entſchluß faſſen; Gefahren und Verſuchungen waren gleich ſtark, keiner von beiden konnte Laura entfliehen, jede derſelben drohete auch Se⸗ raphinen. 1 Wahrſcheinlich iſt's nicht, daß Pedro, 85 durch innere Vorwuͤrfe gezwungen, ſchon an dieſem Tage ſein Benehmen zu aͤndern ſchien. Der Gedanke, Seraphine war Zeuge deiner ſchaͤndlichen Abſicht, Seraphine kann von dieſer Entdeckung einen Gebrauch ma⸗ chen, der dich der Inquiſition uͤbergiebt— der Gedanke bewog ihn, eine andere Larve vor's Geſicht zu nehmen. Sein von Wol⸗ luſt gluͤhendes Herz verbarg er kuͤnſtlich unter der Miene von Freundſchaft fuͤr Laura, fuͤr Seraphinen. Beide ließ er bei⸗ ſammen wohnen; Wochen und Monate vergingen und nicht der mindeſte Anſchein eines Verſuchs auf Laura's Tugend zeigte ſich. Pedro's Abſicht war es, das arme Maͤdchen einzuſchlaͤfern, und dann um ſo ſicherer ſeiner Beute zu ſeyn, je vorbereite⸗ ter ſie ſeyn wuͤrde. Eben dieſe Verſtellung wandte er gegen Seraphinen an. Er aͤußerte gegen ſie die zaͤrtlichſte Freundſchaft, er geſtattete ihr jedes Vergnuͤgen, er be⸗ 86 gleitete ſie zur Kirche und auf Spaziergaͤn⸗ gen, er bedauerte nichts mehr, als daß Laura Gefangene ſeyn muͤſſe, deren Gefaͤng⸗ niß er nur in ſo fern aͤndern und mildern koͤnne, daß ſtatt eines Inquiſitionskerkers, Seraphinens Zimmer die Ungluͤckliche beher⸗ bergte. Welche Verſuche Pedro machte, ſeine Abſicht zu erreichen, wie er in Sera⸗ phinen drang, ihm zur Erreichung derſel⸗ ben behuͤlflich zu ſeyn, wie edel und ent⸗ ſchloſſen ſich Seraphine nahm, weiß man aus der Geſchichte jenes Augenblickes, den ich in Seraphinens Kabinette zubrachte, in welchem ich Alles beobachtete. Jetzt eile ich zu meiner Geſchichte. Ich war ſelbſt immer noch in großer Gefahr. Daß ich auf dem Scheiterhaufen dem aberglaͤubiſchen Poͤbel als ein Opfer des Glaubens zum Schauſpiel dienen wuͤrde, das fuͤrchtete ich nicht, obgleich in dieſen beging. Schrecklicher war mir der Gedanke, Seraphinen. Ich liebte das Maͤdchen ſo Landes mir dieſe Liebe ſo glühend, ſo heiß eingehaucht. Ich wußte und fuͤhlte, daß auffaͤllt, der vergeſſe nicht, daß Seraphine bei den ruhigern kaͤlteren Deutſchen. Ge⸗ dankenvoll und ſtill ſaß ich neben der wei⸗ 87 Jahren die Inquiſition der Graͤuel zu viele nach Goa oder nach Braſilien gebracht zu werden, um dort meinen Geiſt, als Sklave vielleicht, unter Geißelhieben auszuhauchen. Schrecklich war mir die Vorſtellung, im unterirdiſchen Kerker vielleicht zu enden, ohne je mein Vaterland wieder zu ſehen; noch ſchrecklicher war mir der Gedanke an gluͤhend, ſo heiß, es war, als haͤtten Spa⸗ niens Luͤfte und der mildere Himmel dieſes 83 Seraphine mich liebte. Wem dies etwa eine Spanierin war, deren Herz leicht gluͤ⸗ het, deren Liebe durch Religion und Clima weit fruͤher und ſtaͤrker geweckt wird, als 8⁸ nenden Laura. Ihre Thraͤnen loͤſchten meinen Schmerz, ich vergaß meine Ge⸗ fahren, mein Loos; das Ungluͤck des ar⸗ men Naͤdchens beſchaͤftigte mich; ich ſuchte die Verzweifelnde zu troͤſten.„Hier bin ich, hier bleibe ich ewig ungluͤcklich!“ ſagte Laura mit einem tiefen Seufzer.„Ich muß fliehen, fliehen in ein Land, wohin der Arm des furchtbaren Gerichts nicht reicht.“ Ich ſah Laura an.„Sie wollen fliehen?“ fragte ich und ſah in dieſem Vorſatze das beſte Mittel zu meiner Befreiung.„Aber was wird Seraphine ſagen? Was wird die Freundin zu dulden haben, wenn Ihre Flucht gluͤckt?“—„Das iſt nicht meine Sache. Ich bin Seraphinen viel ſchuldig; aber mein Gewiſſen muß mir mehr gelten, als die Freundſchaft. Meine Tugend opfere ich um der heiligen Jungfrau willen nicht auf, noch weniger um eines Menſchen wil⸗ len!⸗ Die Augen des Maͤdchens leuchteten „—— 89 ſchaͤrfer bei dem edlen, ſchoͤnen Trotz, der der ſich in dieſem Augenblicke ſammelnden Verzweifelten ſo wohl ſtand. Meine Be⸗ wunderung ſtieg. Aufmerkſamer ſahe ich Lauren an. Sie merkte, daß dieſe Aeuße⸗ rung mir auffiel.„Glauben Sie etwa, daß Seraphine anders denkt? Meine Freun⸗ din geht mit Freuden einem gewiſſen Tode entgegen, kann ſie mich retten.“ Natuͤrlich, daß Seraphine durch dies Urtheil ſehr bei mir gewinnen mußte.„Wagt das Maͤdchen ſein Leben fuͤr die Freundin, was wird es fuͤr den Geliebten thun!“ dieſer Gedanke trat mit Rieſenkraft vor meine Seele, und machte mich noch entſchloſſener, Alles zu wagen.. Meine Betrachtungen wurden durch die Ankunft Fernando's unterbrochen, den Seraphine in das Zimmer fuͤhrte Er war ein ſchoͤner, junger Mann, deſſen Aeußeres 90 durch die ſchoͤne Garde⸗Uniform ſehr geho⸗ ben war. Nur einen Augenblick ſah er mich ſcharf an, dann ſtuͤrzte er mit einem Ausruf der Freude in Laura's Arme. Nie ſah ich ſo gluͤhende Liebe, nie hoͤrte ich Aeußerungen, wie ich ſie jetzt vernahm. Stunden gehoͤrten dazu, ehe Beide ruhig mit einander ſprechen konnten, ehe Sera⸗ phine ihrem Bruder zu ſagen im Stande war, wer ich ſey. Aber rachegluͤhender und wuͤthender ſah⸗ ich auch noch nie einen Menſchen, als ich jetzt Fernando ſah. Seine Schweſter hatte ihm des Oheims Plan verrathen. Mehr war nicht noͤthig, um das Herz Fer⸗ nando's in Gluth, in Flamme zu ſetzen. Er riß den Saͤbel aus der Scheide, er fluchte laut auf die Inquiſition, er wollte fort und drohete, den Alquazil zu erſtechen, und wenn er ihn vor dem Altare mit der 8 habe ich nicht Eltern?“ ſagte ſie.„Eltern, 91 Monſtranz in der Hand faͤnde. Weinend umfaßten ihn Schweſter“ ind Geliebte, ich vereinigte meine Bitten, nach vieler Muͤhe ſchlug er die Hand vor die Stirn.„Ja, ja!“ rief er,„Ihr habt Recht. Ich will noch ruhiger ſeyn, als ich bin, ob ich gleich nicht an dies verfluchte Bosheitsgewebe denken darf, foll es mir nicht das Herz abſtoßen!““ Wirklich legte ſich der ſchreckliche Sturm in ſeinem Herzen. Er wurde ruhig, er hoͤrte meine Geſchichte, ich ſagte ihm, daß ich Seraphinen liebe, ich fragte ſie, ob ſie mir in mein Vaterland folgen wolle? Freuden⸗ thraͤnen weinend lag das Maͤdchen an meiner Bruſt, es verſprach nicht nur, mir zu folgen, ſondern auch mich zu befreien. „Und auch wir verlaſſen dies Land,“ rief Fernando. Laura erſchrak. Der Ge⸗ danke an Eltern raͤchte ſich.„Fernando, .92 die fuͤr Dich verloren ſind le fiel Fernando ein.„Biſt Du nicht als Gefangene der In⸗ quiſition abgeholt?“ Laura war außer ſich. „Mußt Du nicht ein Fluch Deines Vaters, Demer Mutter ſeyn?“ fuhr er fort.„Kannſt und darſſt Du ſie je wieder ſehen?“ Die Nothwendigkeit machte Laura ruhiger und nachgiebiger. Wir ſprachen uͤber unſere Flucht, zu deren naͤhere Einrichtung ich aus Unkunde der Sprache und des Landes wenig ſagen konnte.„Mit Freuden ver⸗ laſſe ich mein Vaterland, das mir das Liebſte, das ich beſitze, rauben will,“ ſagte Fernando feſt und gelaſſener.„Wie wir entfliehen, weiß ich noch nicht. Aber es ſoll wenig dazu gehoͤren, der Inquiſition einen blauen Dunſt vorzumachen.„Hal⸗ ten Sie ſich nur verborgen.“ Ich ver⸗ ſprach's.—„Hier im Hauſe wird's nicht ſicher ſeyn,“ ſagte Seraphine. Fernando dachte einige Augenblicke nach.„„Heute 93 Abend hole ich Sie ab, Freund,“ fiel Fer⸗ nando ein.„Mag es ſo ſpaͤt ſeyn, als es will. Ich will auf einen ſichern Aufenthalt denken!“ Er ging fort. Ich war jetzt mit Laura und Seraphinen allein, ich vergaß faſt ganz die Gefahr, in welcher ich ſchwebte, meine Liebe ließ ſie nicht aufkommen. Es war Mittag, ich mußte mich in einem klei⸗ nen Kabinette verbergen. Laura und Se⸗ raphine nahmen eine ruhigere Miene an, denn einer der Diener des Alquazil erſchien jetzt mit Auftraͤgen ſeines Herrn. Ich ver⸗ ſtand ſie nicht; aber das ſahe ich, daß Laura erroͤthete, daß Seraphine leichenblaß da ſtand und, wie es ſchien, um eine Ant⸗ wort verlegen war. „Halten Sie ſich ja ruhig!“ ſagte Se⸗ raphine, da ſie, als der Diener weggegan⸗ gen war, zu mir kam.„Mein Oheim 94 kommt in einer Stunde zu uns!“” Sie verließ mich und ſchob vor die Tapeten⸗ thüͤr des Kabinets einen Tiſch, den ſie mit Kleidungsſtüͤcken belegte, an denen ſie mit Laura dem Scheine nach arbeitete. Eine kleine Oeffnung in der Thuͤr ließ mich Alles beobachten. Wirklich kam der Alte. Laura zitterte, da ſie ihn ſah. Mehr vielleicht, um einen Anfang des Geſpraͤchs zu haben, als um etwas Neues zu ſagen, fing er an: „Der Entwiſchte von geſtern iſt wieder ein⸗ geholt.“—„So?“ ſagte Seraphine.„Gott⸗ lob!“—„Ja wohl, Gottlob! Uebrigens habe ich Dir geſtern nicht einmal geſagt, daß der Wiederergriffene eben der Fremd⸗ ling iſt, der neben Dir in der Kirche knieete und der Dir in der Hermitage ſeinen Platz uͤberließ.“—„Dann ſollte er mich dauern!“ fiel Seraphine mit verſtellter Theilnahme ein.„Der Mann war artig.“—„War ein Ketzer, hat den heiligen Glauben ge⸗ . 95 laͤſtert, muß verbrannt werden!“—„Wo— i*ſt er denn erwiſcht?—„Auf dem Wege nach Portugal. Ich vermuthete gleich, daß er dieſen Weg waͤhlen wuͤrde, und ſo hat man ihn denn in Avila aufgegriffen. In einigen Tagen wird er gebracht, und bei dem erſten Auto⸗da⸗fé brennt er. Wie ſteht es mit Dir, meine Tochter?“ fragte er in eben dem Augenblicke die neben ihm ſitzende Laura.„Wie weit biſt Du, Sera⸗ V phine, mit der Ueberzeugung Deiner Freunae: din gekommen?—„Vielleicht weiter als— 1 Sie glauben, Oheim. Sagen Sie, welches Loos wuͤrde Laura im Weigerungsfalle zu fuͤrchten haben?⸗—„Ein Weigerungsfall iſt nicht eigentlich denkbar. Laura iſt von der Welt getrennt. Sie wuͤrde jetzt ſchon in einem Kerker ſchmachten, wenn ich die ſchoͤne Beute nicht fuͤr mich behalten wollte. Geſetzt aber, Weigerung waͤre möglich, ſo ſit lebenslaͤngliches Gefaͤngniß, vielleicht gar 1 96 der Tod das gewiſſeſte. Ich habe unter den uͤbrigen Raͤthen und Vaͤtern meine Freunde; Jeder von ihnen hat ein ſchoͤnes weibliches Weſen zum Umgange— weigert ſich Deine Freundin, mit mir zu leben, ſo muß ſie es mit einem Andern thun. Sie iſt einmal in unſerer Gewalt.“—„Auf die Art waͤre ich auch wohl nicht ſicher, die —— Freundin eines der Vaͤter des heili⸗ gen Gerichts zu werden?“—„Kein Spott, Seraphine! Es iſt Sache des Glaubens und die Religion foderte wohl noch groͤßere Opfer, als Dich.“—„Ich muß geſtehen, die Wahrheit iſt mir etwas zu hoch.“— „Darum verehre ſie in Ehrfurcht. Mein Anſehen hat Dich bisher ſicher geſtellt; aber mein Schutz hoͤrt auf, wenn Du nicht Deiner Freundin jeden Gedanken an Dei⸗ nen Bruder aus dem Herzen verwiſcheſt und ſie ganz fuͤr mich einnimmſt. Sera⸗ phine konnte auf eine Aeußerung dieſer Art 92 nicht gleich antworten. Ich ſah weniger auf ſie, als auf Laura, die zitternd gluͤ⸗ hend beſchaͤmt da ſaß. Ich haͤtte den Wolluͤſtling morden koͤnnen, ſo ſehr empoͤr⸗ ten mich ſeine Aeußerungen.— Ganz ru⸗ hig ſagte er nach einer Pauſe, in welcher er mit wilder Glut das zitternde Schlacht⸗ opfer ſeiner Wolluſt teufliſch laͤchelnd be⸗ trachtet hatte.„Meine Zeit iſt heute mir ſpaͤrlich zugemeſſen. Der feierliche Gottes⸗ dienſt erwartet mich; morgen erhalte ich eine Antwort, die unſer Beider Gluͤck macht.“ Er wollte Laura umarmen, Furcht und Angſt machten das arme Maͤdchen un⸗ tͤchtig zum Widerſtande, da ſchallte der Fußtritt eines Kommenden uͤber den Gang her, erſchrocken fuhr Pedro zuruͤck, Fer⸗ nando trat in die Thuͤr. Seinem Erſtau⸗ nen und den etwanigen Folgen deſſelben, bog Pedro dadurch vor, daß er dem Juͤng⸗ ling entgegen ging, ihm das Zeichen des 7 98 Kreuzes vor die Stirne machte und ihn im Namen der gebenedeiten Jungfrau will⸗ kommen hieß. In der That bezauberte dieſe Ceremonie den Juͤngling. Das rol⸗ lende Auge wurde ſanft, die Hand, die ſonſt den Saͤbel gezogen haben wuͤrde, er⸗ griff ehrerbietig die Moͤrderfauſt des Boͤſe⸗ wichts;, der Mund, der von Fluͤchen ſonſt uͤberſtroͤmen mußte, druͤckte ſich andaͤchtig auf des Wolluͤſtlings welke Hand.„Deine Laura wird eine Geweihete des Erloͤſers. Sie hat der Welt entſagt, ſie nimmt den Schleier, um die Suͤnde abzubuͤßen, der ſie ſich gegen das heilige Gericht ſchuldig machte l“ Fernando's Augen gluͤheten. Ich zit⸗ terte einer That entgegen, die ich nicht der⸗ hindern konnte, einer That, die Fernan⸗ do's feuriger Charakter erwarten ließ, da trat Seraphine hinter den Alten, die Zeichen, — — 99 die ſie ihrem Bruder machte, beſtimmten dieſen, die moͤglichſt ruhige Miene anzuneh⸗ men. Pedro wurde getaͤuſcht.— Mit einer Freude, wie ſie ein Boͤſewicht uͤber einen gelungenen boshaften Streich nur fuͤhlen kann, ergriff er Fernando's Hand.„Be⸗ kaͤmpfe Dich ſelbſt, Du wirſt ſiegen! Groß wird Dein Ruhm ſeyn, groͤßer als der Ruhm des Helden!“ Der Ton einer na⸗ hen Glocke unterbrach dieſe Anrede.„Mich ruft mein heiliges Amt!“ ſagte Pedro. „Alle Heiligen moͤgen Euch ſegnen in dem, was Ihr beſchließt!“— Er ging; Fernando, Seraphine und Laura ſtanden einige Minuten ſtill. End⸗ lich brach Fernando in die Worte aus: „Ja, ja, die Heiligen werden uns ſegnen in dem, was wir unternehmen. Wir muͤſ⸗ ſen dieſe Nacht noch fliehen. Wo iſt unſer Freund?⸗—„Dieſe Nacht noch?“ ſagte 100 Seraphine erſchrocken, indem ſie die Thuͤr meines Aufenthaltes öffnete. Ich trat vor. Fernando umarmte mich.„Wir fliehen dieſe Nacht noch,“ ſagte er.„Wir gehen den weiteſten, den gefaͤhrlichſten Weg.“— „Und warum das?“„Dort ſucht uns Niemand. Ich habe ſchon alle Anſtalten ge⸗ macht. Wir gehen nach Gibraltar, und ich habe vor drei Stunden ſchon einen treuen Boten dahin geſchickt, der dem General Dun⸗ can von Allem Nachricht giebt. Man glaubt, Sie, Freund, ſind ſchon gefangen. Bringt man morgen den Unrechten, ſo wird alle Liſt verdoppelt. Sie koͤnnen nicht mehr entwiſchen und Du, Laura, biſt verloren. Haltet euch bereit. Unter der letzten Meſſe hole ich euch Alle ab.“ Alles Bittens un⸗ geachtet verließ er uns gleich. — 101 Man uͤberſehe bei meiner Erzaͤhlung nicht, daß ich in Spanien war, in dem Lande, wo jede Leidenſchaft gluͤhender, jede Empfindung heftiger ſtuͤrmt und wirkt. Stand mein Leben auch nicht auf dem Spiele, mit Seraphinen mußte ich auf jeden Fall entfliehen, und wenn meine Flucht mich auch in Wuͤſten fuͤhrte. Nur wenige Stunden war ich in der ſchoͤnen Spanierin Geſellſchaft, und ich liebte ſie ſo gluͤhend, wie ſie mich lieben mochte.„Wel⸗ cher Zukunft ſaͤhe ich entgegen,“ ſagte ſie, „wenn Du nicht mein Retter geworden wareſt! Laura, mein Bruder und ich, wir alle Drei waͤren ungluͤcklich!“— Ich war in Hinſicht der Vorkehrungen zur Flucht etwas kaͤlter und nachdenkender als die Beiden. Lag die Urſache in dem heftigen Sturme ihrer Empfindungen, daß ſich Beide um nichts bekuͤmmerten, Beide ſich die Ge⸗ fahr kaum als moͤglich dachten, Beide mit 102 ihren Anſtalten bis auf den letzten Augen⸗ blick warten zu wollen ſchienen? Ich erin⸗ nerte Laura an ihre Eltern. Ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen.„Denen bin ich jetzt gleichguͤltig,“ ſagte ſie;„der Arm des heiligen Gerichts hat alle die ſchoͤnen Bande zwiſchen Eltern und Tochter zerriſſen. Vater und Mutzer duͤrfen meiner nicht erwaͤhnen. Schon mein Name iſt Verbrechen, das die Inquiſition mit Kerker ſtraft. Ich muß fliehen. Entkommen wir gluͤcklich nach Gibraltar, dann kann ich von dort aus meinen Eltern Auskunft geben, daß ich das nicht bin, was ſie nach dem dunkeln Ge⸗ ruͤchte von manchem armen ungluͤcklichen Maͤdchen fuͤrchten. Sie erroͤthete bei die⸗ ſen Worten; ich verſtand es leicht, welchen entehrenden Begriff ſie damit verband.— Sie beſaß uͤbrigens wenig oder gar nichts von Eigenthum, ihre Gefangennehmung war zu unerwartet, zu ſchnell geſchehen, kaum ———Q—ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—ꝭB—QOQ—/ꝑ˖˖—— 103 die nothduͤrftigen Kleidungsſtuͤcke beſaß ſie, und ohne Seraphinens Freundſchaft moͤchte es auch an dieſen gefehlt haben. Sera⸗ phine war bedaͤchtlicher. Sie packte alles, was Kleinodien hieß, zuſammen, ich bat ſie, mir jenen Schleier zu geben, dem ich ei⸗ gentlich den Urſprung dieſer Liebe zu ver⸗ danken hatte. Laͤchelnd gab ſie nipyihn. Es war jetzt Abend, aus der nahen Kirche her ſchallten die majeſtaͤtiſchen Toͤne der Orgel, mit banger Erwartung ſah ich nach den hell erleuchteten Fenſtern, da kam Fernando, gekleidet wie ein Mandolinſpieler, ein Netz uͤber den Kopf, einen kurzen Mantel und unter dieſem, nebſt der Mando⸗ line, ein Packet Kleidung eines Caſtiliſchen Bauern. Ich mußte dies letztere anziehen, meine Uniform verbarg Seraphine ſorgfaͤltig,— dann gingen wir Viere aus dem Thore, das nach Toledo fuͤhrt. Einige Tage fruͤher hatte 104 ich dieſen Weg unter ganz andern Verhaͤlt⸗ niſſen gemacht. Ich wuͤrde beſorgter gewe⸗ ſen ſeyn, ich hatte es Urſach zu ſeyn, und ich war es nicht. Der ſchoͤne milde Abend, die erquickendſten Duͤfte, der Geſang und die Muſik, die Taͤnze, die Menge Spazier⸗ gaͤnger, die uns begegneten und aus deren Augen eine gewiſſe Wildheit zu leſen war, Fernando's mit Gluͤck nachgeahmte Unbe⸗ fangenheit, mit der er denen, die ihn un Muſik baten, ganz treuherzig ſagte, doß er ſchon nach einer Poſada beſtellt ſiy, Seraphinens und ſelbſt Laura's Kuͤhnheit, alles dies zuſammen genommen goß einen Muth, eine Zuverſicht in mein Herz, wie ich ſie nie empfunden hatte. Am Ende der Allee, nahe an der Bruͤcke uͤber den Man⸗ zanares, bogen wir rechts nach einem klei⸗ nen Haͤuschen, das, verſteckter als die an⸗ dern, in einem Garten am Ufer des waſ⸗ ſerleeren Fluſſes lag. Fernando klopfte. 105 Ein großer Kerl oͤffnete die Thuͤr, ließ uns hinein und ſchloß die Thuͤr mit Sorg⸗ falt zu. Hier kleideten ſich Seraphine und Laura um— ſie nahmen das Gewand ka⸗ ſtiliſcher Landmaͤdchen.—„Sergeant!⸗ ſagte Fernando,„iſt der Wagen beſtellt?«³ —„Alles, alles,“ war die Antwort,„jen⸗ ſeits der Bruͤcke finden Sie Alles.“ Wir eilten dahin. Ein Gedraͤnge, das uns auf der Bruͤcke entgegen kam, hinderte uns weiter zu gehen. Beſonders war dies Gedraͤnge vor dem Wachthauſe ſtark.„Was giebts?“ fragte Fernando den vor dem Ge⸗ wehr ſtehenden Soldaten.„Sie bringen jetzt den entwiſchten Officier, der aus dem Gefaͤngniß der heiligen Inquiſition ent⸗ lief.“ Ich hoͤrte die Worte; ich hoͤrte, wie der arme Gefangene ſeine Unſchuld be⸗ zeugte, wie er ſich weigerte, in die Wache zu gehen, und wie man ihn unter einer 106 Menge Schimpfwoͤrter hineinſtieß.„Den werden die heiligen Vaͤter wohl muͤſſen laufen laſſen!“ ſagte Ferdinand laͤchelnd und leiſe zu uns, indem er mit uns uͤber die Bruͤcke ging. In dem Rondel jenſeits der Bruͤcke ſtand ein leichtes Fuhrwerk. Fernando ſagte einige Worte, der Fuhr⸗ mann beantwortete ſie, wir ſtiegen ein, und noch ehe der Morgen ſich zeigte, lagen die Mauern des alten ehrwuͤrdigen Toledo ſchon weit hinter uns.„Jetzt ſind wir ſicher. Von jetzt an verfolgt uns keiner,“ ſagte Fernando. Und in der That fuhren wir jetzt mit einer Sicherheit, die ich nie erwartet haͤtte, faſt auf eben dem Wege, den Eduard mit mir zuruͤckgelegt hatte. Schon den fuͤnften Tag ſahen wir Gibraltars Felſen vor uns. Ein kleines Boot von Algeſiras ſetzte uns 1⁰7⁷ uͤber die Bay. Der Commandant nahm uns mit groͤßter Guͤte auf und erzaͤhlte mir, daß mein Freund Eduard ihm mein Ungluͤck gleich geſchrieben habe. Wo er ſich aber aufhalte, wiſſe er nicht. Ich war beſorgt. Selbſt Fernando war es und aͤußerte die Vermuthung, daß Eduard vielleicht meinetwegen gefangen genommen ſey. Eine Vermuthung, die mein Innerſtes um ſo mehr empoͤrte, je wahrſcheinlicher ſie wurde. Meine Unruhe wuchs um ſo mehr, da ſo wenig der Com⸗ mandant als Fernando ein Mittel wußten, Eduards Aufenthalt zu erfahren, da deſſen Brief ohne alle Nachweiſung ſeiner Woh⸗ nung in der groͤßten Eile geſchrieben war. „Vielleicht iſt es das ſicherſte Mittel, uͤber Eduards Schickſal Auskunft zu erlangen,“ ſagte Duncan,„wenn Sie ſelbſt nach Eng⸗ 4 108 land reiſen und von dort aus durch vermoͤ⸗ gende Freunde Eduards Freiheit bewirken.“ Ein Rath, der uns einleuchtete. Eben hatten wir zur Abreiſe Anſtalt gemacht, als die Schildwacht einen engliſchen Offi⸗ cier meldete, der an dem Thurme des. aͤußerſten Thores halte und eingelaſſen ſeyn wollte. Der Commandant ſchickte die Or⸗ donnanz hin, den Fremden herzufuͤhren. Wer malt meine Freude, als Eduard in meinen Armen lag. Ich machte ihn mit meinen Abentheuern bekannt, ich zeigte ihm den Schleier Seraphinens, er fand die Aehnlichkeit auffallend. Nur wenige Tage blieben wir noch in Gibraltar. Ich ſehnte mich nach Deutſch⸗ land zuruͤck. Seraphine, die in Gibraltar mein Weib wurde, und Fernando, der ſich mit Laura vermaͤhlte, folgte mir. 109 Schon im zweiten Monat kam Eduard, er wurde mein Schwager, und lange Jahre waren wir gluͤcklich in der Ruͤckerin⸗ nerung an jene Schleier, die ein Heilig⸗ thum unſerer Familien wurden. Der Oberamtmann Pharo, ein Greis mit grauen Haaren, aber noch voll Kraft und Munterkeit, ſaß recht wohlbehaglich in ſei⸗ nem Lehnſtuhle, den ſeine koͤrperliche Peri⸗ pherie faſt ausfuͤllte, und plauderte mit dem duͤrren, milzſuͤchtigen Advocaten und Amts⸗ ackuarius Eiſenritter, uͤber alte und neue Zeiten. Zwiſchen ihnen Beiden ſtand ein mit Glaͤſern beſetzter Tiſch, die von dem beſten Nierenſteiner ſo oft gefuͤllt wurden, als ſie ausgetrunken waren.„Denken Sie an mich, Freund,“ ſagte der Oberamtmann, 8 114. „mit dem Plusmachen der Oeconomen iſt's vorbei! Auf die fetten Jahre werden die ma⸗ gern folgen, und wer nicht zuſetzen kann, geht zu Grunde.“—„Wohl moͤglich,“ er⸗ wiederte der Advocat,„wer ſo lange in den fetten Jahren lebte, wie Sie, und in ihnen ſo fett geworden iſt, wie Sie, der kann's ru⸗ hig mit anſehen.“—„Herr,“ fuhr der Ober⸗ amtmann auf,„meinen Sie meinen Bauch, oder meinen Geldbeutel?⸗—„Eigentlich den letztern, der die Urſache der Wirkung des erſtern war. Sehen Sie mich an, wenig Verdienſt, keinen Braten und Nie⸗ renſteiner, dabei viel Aerger und Verdruß, haͤng' ich nicht in Knochen? Iſt's doch, als ob wir Beide die ſieben aͤgyptiſchen fetten und die ſieben magern Jahre vor⸗ ſtellten. Aber, beſter Herr Oberamtmann, Sie nehmen doch Scherz nicht uͤbel, bei einem Glaſe Wein wiegt man die Worte nicht. Fette Juriſten habe ich mein Leb⸗ 115 tage nicht geſehn, deſtomehr wohlgenaͤhrte Oberamtleute. Der Stand muß es ſo mit ſich bringen.— Wir werden's erleben, daß das Fettwerden an die Juriſten, und das Abmagern an die Oeconomen koͤmmt, den⸗ ken Sie an mich. Unſere Zeit iſt reich an den ſonderbarſten Umwandlungen.“ 4 „Sie haben des Geldbeutels erwaͤhnt, da faͤllt mir mein wohl erworbenes Vermoͤ⸗ gen ein. Sie haben oft vom Teſtament⸗ machen geſprochen,“ ſagte der Oberamt⸗ mann,„endlich muß ich in den ſauern Apfel beißen und an's Werk gehen. Mir koͤmmt's immer ſo vor, daß der, welcher ein Teſtament macht, ſich ſelbſt den Reiſe⸗ paß in ein ewiges Leben ſchreibt. Nun aber ein Wort im Ernſt und— in's ge⸗ heim. Sie hatten ganz Recht, ich habe daruͤber nachgedacht, als Sie mir die un⸗. gleiche Vertheilung meines Vermoͤgens unter 116 meine drei Kinder riethen, ob das gleich den Anſchein einer Ungerechtigkeit hat. Moritz, mein aͤlteſter Sohn, der auch ein Oberamtmann iſt, kriegt die Haͤlfte, weil er viel wagen muß, und, wenn er nur we⸗ nig hat, leicht verarmen kann, wenn Un⸗ glüͤcksfaͤlle eintreten und die ſchlechten Preiſe fortdauern. Julius, der Geheimerath, kann ſich mit einem Viertel begnuͤgen. Wie viele Tauſende hat mich der gekoſtet, ehe er zu Ehren und Brodte kam! Es liegt aufgeſchrieben da. Sein Einkommen iſt ein Beſtimmtes, er mag ſich einrichten, ſo fehlt's ihm nicht. Wenn er die Pfarrtoch⸗ ter nicht heirathete, die arm, wie eine Kir⸗ chenmaus, zu ihm kam, von deren Schoͤn⸗ heit er ſich verblenden ließ; wenn er dage⸗ gen meinem Rathe folgte, und den Ober⸗ amtmann Hut ſeine Tochter nahm, ſo war er jetzt ein Mann von funfzehntauſend Thalern. Juliane, meine Tochter, die 117 Naͤrrin, die ſich in den Prediger Eberhard vergaffte, und ſich vergiften wollte, wenn ich meinen Conſens nicht gaͤbe, iſt mit we⸗ niger als einem Viertel abgefunden. Ich zuͤrne ihr noch, daß ſie den dummen Streich beging. Wenn die Geiſtlichen erſt Zinſen haben, dann ſorgen ſie fuͤr die See⸗ len noch ſchlechter, als es ſo ſchon von Manchen geſchieht. Sind Sie meiner Mei⸗ nung?“—„Was ich Ihnen oͤfter rieth,“ ſag⸗ te der Advocat mit beifaͤlligem Laͤcheln, dem werde ich ja heute nicht widerſprechen?“ Selbſt die blaßgelbe Geſichtsfarbe des Advocaten war roth geworden, als er ſich dem Herrn Oberamtmann gehorſamſt em⸗ pfahl, und etliche Flaſchen Rheinwein ſtimmten ihn ſo froͤhlich, daß er die Juri⸗ ſtenkniffe vergaß, mit denen er das Geſetz, wie eine waͤchſerne Naſe, willkuͤhrlich formte. Er gratulirte ſich, da er im Schritt die gerade Linie nicht mehr halten konnte, daß es auf der Straße dunkel war und Nie⸗ mand von ihm ſagen konnte:„Geſtern Abend, als Eiſenritter von dem Oberamt⸗ mann kam, hatte er ſchief geladen.“ Es war am andern Morgen ſein erſter Gang, daß er den aͤlteſten Sohn des Oberamtmanns beſuchte, der mit ſei⸗ nem Taufnamen Moritz hieß, und ihm voller Freude verkuͤndigte:„Nun habe ich den Alten bis zum Teſtamentmachen. Sie kriegen die Haͤlfte.“—„Bravo,“ erwie⸗ derte Moritz,„die half ich auch verdie⸗ nen. Freund, ich halte Wort und werde mich bei Ihnen mit hundert Louisd'or be⸗ danken.”“—„Um Lebens und Sterbens willen,“ ſagte der Advocat,„wenn Sie mir das ſchriftlich gaͤben!“—„Gern, gern,“ erwiederte Moritz.„Es bleibt doch dabei, wenn das Teſtament gemacht 119 iſt, zahle ich die Haͤlfte, und wenn die Erbſchaft koͤmmt, die andere Haͤlfte?“— * „Ja, ja, lieber Freund,“ antwortete der Advocat.„Verſchwiegenheit iſt Hauptbe⸗ dingung!“—„Wie werde ich ein Geheim⸗ niß ausplaudern,“ ſprach Moritz,„das wir Beide, um unſerer Ehre und um unſeres Vortheils willen, verſchwiegen halten můſ⸗ ſen. Ich denke, wir ſind kluge Leute!“ Von der Zeit an, wo der Geheime⸗ rath, Moritzens juͤngerer Bruder, mit Na⸗ men Julius, die Univerſitaͤt bezog, herrſchte zwiſchen den Beiden kein freundliches Ein⸗ verſtaͤndniß. Moritz ſagte es ihm laut in's eſicht:„Was ich dem Vater erwerbe, das hringſt Du durch. Alle Deine Gelehrſam⸗ mr meine Gelehrſamkeit. Nie werde ich it iſt mir nicht ſo viel werth, als unſer Schaafſtall voll Duͤnger.“—„Bleibe Du bä Deinem Miſt,“ ſagte Julius,„und laß 120 mich bei Dir fuͤr meinen Wechſel bedanken.“ Das Wilde, Unpolirte, Prahleriſche, die Verachtung des Wiſſens und anderer nicht oͤconomiſcher Staͤnde Moritzens, ſtand auch mit dem ſanften, beſcheidenen, gutmuͤthi⸗ gen und ſittlich gebildeten Charakter Julius in großem Widerſpruche. Moritz hielt ſei⸗ nen Bruder fuͤr einen verſchrobenen Zier⸗ affen und dieſer ſah in ihm weiter nichts, als den rohen Menſchen, der ſich in ſeiner Ungeſchliffenheit gefiel. In der Folge ver⸗ loren ſich zwar die ſcharfen Ecken, mit de⸗ nen ſie an einander ſtießen, eine aͤußere zur herzlichen Brüderlichkeit konnte es Mo⸗ ritz viel weniger bringen, als Julius. Der Liebling ſeines Vaters blieb de⸗ aͤltere Sohn. Ihm uͤbergab er ſeine Pack⸗ tung. Er verheirathete ſich, nach den Wunſche des Vaters, mit einer reichen 4 1 3 3 8 3 Artigkeit herrſchte in ihrem Umgange, aber 4 3 121 Amtmannstochter. In der Hoffnung auf die reiche Erbſchaftswarte, ſagte er zu Allem, was der Vater befahl, Ja, wenn er's hinterher auch nach ſeinem Kopfe machte. Die Schwiegertochter ſtrich dem Alten den Bart, und die Ehre, eine tuͤch⸗ tige Wirthin zu ſeyn, galt ihr fuͤr die hoͤchſte, und der Schwiegervater ſagte: die feinen Weltdamen, die keinen Finger naß machen, und ſich von einem Schweine vier Schinken ſchneiden laſſen wollen, machen den Mann arm, und helfen ihn um Ruhe, Ehre und Freude. Da lobe ich mir meine Friederike, ſo hieß ſie, die weiß aus dem Sechſer einen Groſchen zu machen. Was Andere verputzen, davon zieht ſie Zinſen. Seltener kam jetzt der Geheimerath mit ſeiner Familie zu dem Vater, da ſein Bruder Paͤchter des Amtes war, und er wurde auch nicht ernſtlich gebeten, oͤfter zu kommen. Daß er nach Moritz den zweiten Rang in dem Herzen ſeines Vaters be⸗ hauptete, das wußte er, und es that ihm weh. Der Alte konnte es ihm gar nicht vergeben, daß er eine Pfarrtochter zur Gattin nahm.„Was hilft Schoͤnheit und Bildung,“ dachte er,„wenn kein Geld da iſt?⸗ Eleonore fuͤhlte ſich immer unbehag⸗ lich auf dem Amte. Sie wurde etwa ſo behandelt, wie eine adliche Familie mit einer Buͤrgerlichen umgeht, der die große Gnade geworden iſt, durch den unverzeih⸗ lichen Kunſtgriff eines Junkers, ein unaͤch⸗ tes Glied derſelben geworden zu ſeyn. Aus den beiden, hoͤchſt liebenswuͤrdigen Kindern des Geheimeraths, machte der Alte nicht halb ſo viel, als aus den Soͤhnen ſeines Moritz, die von Geſundheit ſtrotzten, und in ihrem ganzen Weſen maſſiv, gerade her⸗ aus waren. Dem Hofmeiſter, der bei jhnen war, wurde verboten, die Jungen nicht 123 mit vielen Kopfarbeiten zu quaͤlen.„Ju⸗ lius,“ ſagte der Vater zu ihm,„Deine Kinder ſind fein, weichlich, Du machſt zu viel aus ihrer Erziehung. Wie wird's ihnen ergehen, wenn ſie eine graͤfliche Bil⸗ dung erlangen, und einen leeren Beutel haben.“— Verdrießlich ſagte Julius:„Sie werden einſehen lernen, daß ein Quentchen Bildung in der Waage des Menſchenwer⸗ thes mehr wiegt, als hundert Pfund Gold.“ Antonie, die Tochter des Geheime⸗ raths, war ein gar herrliches Maͤdchen. Die edle, fromme Mutter erzog ihr Herz und keine Koſten ſcheute man, um ihren Verſtand auszubilden und ihr auch andere Fertigkeiten anzueignen, die man bei den Vorzuͤglichen ihres Geſchlechtes nicht ver⸗ mißt. An köͤrperlichen Reizen gebrach es ihr nicht. Ihr reines Gemuͤth, ihre Guͤte und Unſchuld, ihre Beſcheidenheit und feine 124 Lebensweife war gleichſam die Schminke der Schoͤnheit, die ſie von der Natur em⸗ pfing. Rudolph, ihr Bruder, war gutmuͤ⸗ thig, unverdorben; aber die Geiſtesanlagen ſeiner Schweſter beſaß er nicht. Mit allen Banden der zarteſten Liebe war er an ſeine Eltern, und beſonders an ſeine Schweſter gebunden. Der Geheimerath hatte ihn, ſeinen Faͤhigkeiten gemaͤß, zu einem Kauf⸗ manne beſtimmt und meinte: wer zu einem andern Geſchaͤft getrieben wird, fuͤr das ihm das ausreichende Talent fehlt, der ſpielt eine deſto ſchlechtere Rolle, je mehr Gluͤck und Zufall ihn beguͤnſtigen. Er wuͤrde ein erbaͤrmlicher Geheimerath wer⸗ den, wenn ich ihn einſt durch meine Con⸗ nexionen dazu machen koͤnnte, darum ſoll er lieber ein tuͤchtiger Kaufmann werden, wozu er das Zeug hat. So iſt ihm gehol⸗ fen und die Welt mit ihm gedient. 125 In einer Rechtsſache erfragte ſich ein gewiſſer Herr von Naudenbach, welcher Beſitzer eines eintraͤglichen Rittergutes war, bei dem Geheimerath, wie er ſich in einem bedeutenden Prozeſſe zu verhalten haͤtte, wo es auf den Verluſt oder Gewinn meh⸗ rerer Tauſende ankam. Als der Geheime⸗ rath die Akten durchgeſehen und erwogen hatte, ſchrieb er an den Edelmann einen weitlaͤufigen Brief, in dem er ihm das pro und contra aus einander ſetzte, aus dem er das Reſultat zog:„Meine Ehre ſetze ich zum Unterpfande, daß Ihr Gegner ver⸗ liert und Sie gewinnen.“ Dieſe Nachricht erfreute den Herrn von Raudenbach um ſo mehr, da er in guter Hoffnung, das Kapital koͤnne ihm gar nicht verloren gehen, bedeutende Wech⸗ . ſel ausgeſtellt hatte, derer Verfallzeit, wie ein Ungewitter, zu ſeinem Entſetzen naͤher * ruͤckte. Ging es verloren, ſo war er zwei⸗ felhaft, ob eine Chriſtenſeele ihm borgen werde, da er den Judenſeelen den Credit um doppelte Procente ſchon abkaufen mußte. Vor lauter Entzuͤcken rief er aus: Das nenne ich mir noch einen Juriſten! Ge⸗ winnt er mir den Prozeß, ſo will ich ihn im Champagner erſaͤufen, und an Wild⸗ braten ſoll's ſeiner Kuͤche nicht fehlen, ſo lange ich Herr von und zu Rauden⸗ bach bin. Dieſer Herr von Raudenbach war wirklich ein ganz ſonderbarer Mann. Wenn er Geld borgte, ſo war er die Demuth und die Unterthanigkeit ſelbſt, mußte er's aber wieder bezahlen, dann warf er ſich derge⸗ ſtalt in die hochadliche Bruſt, als ob er ſeinem Ereditor die hoͤchſte Gnade erwies. Einem Bürgerlichen raͤumte er bei ſeinem ITiſche nur dann einen Platz ein, wenn er 127 ſeiner Dienſte bedurfte und ſie ſuchte. Die Lehnsſchulden druͤckten ihn ſehr, und ver⸗ mehrt hatte er ſie betraͤchtlich. Er konnte noch uͤber eine Einnahme von ſechstauſend Thalern gebieten, aber kein Jahr reichte er damit aus. Seine Zuverſicht hatte er auf die reiche Braut geſetzt, die ſein Sohn hei⸗ rathen ſollte. Ihre Mitgift, meinte er, muͤßte die Luͤcke ausfuͤllen, die er ſo groß gemacht hatte, die er in Luſt und Freuden immer groͤßer machte. Der Herr Sohn, nach dem erſten Ahnen des hochadlichen Stammes alſo ge⸗ nannt: Euſebius Dedo Hans, war ſeinem Herrn Vater in dem Punkte, daß er mit der monatlichen Zulage nicht auskam, wie ein Auge dem andern aͤhnlich. Er ſtand als Lieutenant unter einem Cavallerieregi⸗ mente und war des Militairdienſtes darum ſo uͤberdruͤſſig, weil er die koſtſpieligen 128 Vergnuͤgungen ſeiner reichern Cameraden nicht mitmachen konnte. Er ließ das dem Vater merken, der es wuͤnſchte, daß Euſe⸗ bius in den Familienſchooß des lieben Raudenbachs zuruͤckkehrte, da uͤberdieß in der Friedenszeit keine Ehre, kein Orden, kein hoͤherer Dienſtgrad mit leichter Muͤhe, wie oft im Kriege erworben werden konnte. Dieſer Euſebius war ein wirklich ſchoͤ⸗ ner junger Mann, und eine Sittenbildung, wie man ſie in ſeinem Stande ſelten ver⸗ mißt, hatte er ſich ganz zu eigen gemacht. In vielartigen Geſellſchaften, die er be⸗ ſuchte, hatte ſein Aeußeres Abgeſchliffenheit und Rundheit gewonnen. Bei den Damen war er ſehr beliebt und konnte ſich ihnen angenehm machen. Die neueſten Romane und Taſchenbuͤcher las und beurtheilte er. Die Lieblingsſchriftſteller der Nation, waren auch die ſeinen. Ueberdies ſpielte er die — * 129 Guitarre ſehr fertig und ſang kunſtmaͤßig dazu. Seine einnehmende Geſtalt wußte er durch ſeinen Anzug noch zu verſchoͤnen. Mancher Jungfrau huldigte er, aber kluͤg⸗ lich wich er zuruͤck, wenn er bemerkte, daß ſie aus dem Scherze Ernſt gemacht wiſſen wollte. Keine befaß das genugſame Ver⸗ moͤgen, um die Laſt der Schuld, die auf dem vaͤterlichen Gute ruhte, ſonderlich leichter zu machen, und das wußte er, daß er eine Braut, die nicht dreißig tauſend Thaler baar nachweiſen konnte, dem gnaͤ⸗ digen Papa nicht praͤſentiren durfte. Er gab dem alten Herrn Recht und meinte in ſeinem Innern, daß er an ſeinen Sohn, in derſelben Lage, gleiche Forderungen ma⸗ chen wuͤrde. Was konnte ihm das reizende Maͤdchen mit allen Ahnen helfen, wenn ſie nicht ſo viel Vermoͤgen beſaß, um ihm ſichere Buͤrgſchaft zu leiſten, daß er Zeit⸗ lebens Herr von und zu Raudenbach blieb. 9 130 Außer dieſem Sohne hatte Herr von Raudenbach noch eine Tochter, Emerentia genannt. Ein kluges, niedliches Maͤdchen, das ſein Naͤschen zu hoch trug, und dem die buͤrgerliche Luft ſo ſehr zuwider war, wie gewiſſen nervenſchwachen Leuten die Ausduͤnſtungen der Katzen. Sie war ein Fraͤulein von ſechs und zwanzig Jahren, beſage des Kirchenbuchs, aber nach ihrer Betheurung, die man ihr aus Gefaͤlligkeit glaubte, erſt drei und zwanzig. Seit drei Jahren verbat ſie ſich feierlich die Ehre, daß ihr Geburtstag gefeiert wuͤrde. Sie ſpielte die Rolle der Jugendlichen, und ihr war noch immer ſo zu Muthe, ihre Erfah⸗ rung und ihren reifern Verſtand abgerech⸗ net, als ob ſie in der Bluͤthe von achtzehn⸗ tem Jahre ſtaͤnde. Zwei Freier hatte ſie abgewieſen. Der eine war ein junger Wittwer, der andere ein Edelmann, den — 131 nur eine unerwartete Erbſchaft, die er that, von der Plage des Concurſes rettete. Dies Korbgeben galt ihr fuͤr die groͤßte Narrheit ihres Lebens, die ſie auch bitter bereute, ohne ſie wieder gut machen zu koͤnnen. Ein dritter Bewerber um ihre Hand und ihr Herz hatte ſich, zu ihrem großen Leid⸗ weſen, nicht wieder gemeldet. Hoͤlty's Idyllen, und Trauerſpiele waren ihre Lieb⸗ lingslectuͤre. Der luſtige und lebensfrohe Euſebius ſtimmte durch liebliche Hoffnun⸗ gen, die er in ihr aufgehen ließ, ihr Ge⸗ muͤth heiterer. Herr von Raudenbach ſetzte ſeine wohl⸗ genaͤhrte Leibesmaſchine in Bewegung, und ließ ihre Centnerſchwere am andern Mor⸗ gen nach der Stadt transportiren, um mit dem Geheimerath zu rathſchlagen, wie der wichtige Prozeß am ſicherſten zu gewinnen 13² waͤre. In einer ſo wichtigen Geldangele⸗ genheit riß er ſich von dem Sorgen⸗ und Ruheſtuhle los, den er taͤglich, wie das Huhn ihre Eier, mit kurzen Unterbrechun⸗ gen bebruͤtete. Der gnaͤdige Herr, der erſt geſtern den Advocaten Eiſenritter die Ehre bis auf den letzten Faden abſchaͤlte, und ihn einen dummen oder boshaften Juriſten nannte, war, als er vor dem Herrn Ge⸗ heimerath erſchien, ſo gehorſamſt und un⸗ terthaͤnig, wie's der Kammerdiener gegen ihn ſeyn mußte, wenn er nicht mit derben Worten und Fluͤchen regalirt ſeyn wollte. Waͤhrend er mit dem Geheimerath conver⸗ ſirte, brachte ſein Jaͤger ſo ganz heimlich und unvermerkt der alten Koͤchin ein jun⸗ ges Reh in die Kuͤche. Aber die Alte fuhr ihn ſo hart an, wie man'’s wohl nicht ein⸗ mal bei einem Miniſter thut, und ſagte: „Fort, fort damit! Wer unſerm Herrn ſo 1 133 koͤmmt, dem weiſet er die Thur. Praͤſente nimmt er nicht an, und den Leuten im Hauſe iſt's auch verboten. Den einzigen Gefallen, den ich thun kann, iſt, daß ich den dummen Streich verſchweige.« Der Geheimerath wiederholte ſeine fruͤhere Verſicherung, daß der Prozeß ge⸗ wonnen wuͤrde. Beim Abſchiede wollte ſich der hoͤfliche Herr von Raudenbach auch der Frau Geheimerzthin empfehlen. Sie wurde ihm mit ihrer Tochter praͤſen⸗ tirt und, ſo alt er war, das junge ſchoͤne Maͤdchen geſiel ihm und ruͤhrte ihn.„Die Jahrszeit iſt ſo ſchoͤn, auf dem Lande iſt's jetzt ſo herrlich, ich lade Sie ein, uns zu beſuchen,“ bat der Herr von Raudenbach. Es wurde ein Tag dazu beſtimmt, da ſich der Bittende anders durchaus nicht abwei⸗ ſen ließ.— 134 „Nun,“ fragte er unterwegs ſeinen Jaͤger,„haſt Du das Reh angebracht?“ —„Bewahre,“ antwortete dieſer,„die Koͤchin machte mir einen breiten Sermon und ſagte: der Herr haͤtte es verboten, Praͤſente anzunehmen. Solchen Glauben habe ich in Iſrael noch nicht gefunden. Unſer Herr Advocat Eiſenritter moͤchte lie⸗ ber, daß man ihm Haus und Hof in Kuͤche, Speiſekammer und Keller truͤge.“ —„Nun, ſo wollen wir das Rehzimmer verzehren, wenn der Geheimerath mit ſei⸗ ner Familie mich in Raudenbach beſucht,“ ſagte der gnaͤdige Herr, und es aͤrgerte ihn, daß er dem wackern Manne eine ſo große Kleinigkeit zum erſten Maie angebo⸗ ten hatte. Jubilirend kam Herr von Raudenbach mit der frohen Nachricht auf ſeinem 135 Schloſſe an, der Prozeß ſey ſo gut wie gewonnen. Künftigen Donnerſtag erwarte er ſeinen Mandatarius mit ſeiner Familie zu einem Beſuche. Vorlaͤuſig wurde ſchon von dem koͤſtlichen Mahle geſprochen, mit dem man traitiren wollte. Auch der Wein⸗ keller wurde nachgeſehen, und zur großen Freude des Herrn von Raudenbach wurde ihm gemeldet, daß man zwei verſchimmelte Bouteillen Tokaier und Leiſtenwein gefun⸗ den haͤtte.—„Das, das ſind noch Truͤm⸗ mern des ehemaligen Wohlſtandes und Neichthums meines Großvaters Euſebius von und zu Raudenbach.“ Er ſeufzte hoch aͤuf. Von der ſchoͤnen Tochter des Gehei⸗ meraths konnte er des Ruͤhmens gar nicht ſatt werden, und er ſpannte die Neugierde ſeines Euſebius gar ſehr, das Wunderkind 136 kennen zu lernen.„Schade, ſchade,“ ſagte der gnaͤdige Herr,„daß manches Maͤdchen das Ungluͤck hat, eine Burgerliche zu ſeyn. Indeß, wenn der Vater meines Geheimen⸗ raths ſtirbt, ſo macht er eine Erbſchaft, fuͤr die er ſich Adel und Rittergut kaufen kann. Die Oberamtleute ſind unſere Rei⸗ chen. Euſebius, ſieh Dir das Maͤdchen einmal an, ob ſie Dir gefaͤllt, waͤre das, ſo iſt's auch gut. Mit einem armen Fraͤu⸗ lein, meine ich, kannſt Du Raudenbach nicht behaupten, nur eine reiche Heirath ſtellt den ehemaligen Glanz unſeres Hau⸗ ſes wieder her. Verſtehſt Du mich? Aber ein gewagtes Spiel darfſt Du nicht ſpie⸗ len. Der Geheimerath muß die Erbſchaft erſt gethan haben. Mit zugemachten Au⸗ gen kannſt Du ſehen, und wirſt mich wohl verſtehen.“—„Ich verſtehe Sie, und verſtehe Sie nicht,“ erwiederte Euſebius. 137 „Groß muß die Geldnoth ſeyn, ſonſt rede⸗ ten Sie anders.“—„Wenn der Prozeß gewonnen wird, ſo bin ich gerettet, Du koͤmmſt mit Deiner Heirath hinterher und unſere Umſtaͤnde ſind wieder in ſchoͤnſtem Flor. Das Herz Euſebius entbrannte vor Liebe immer mehr, je laͤnger er Antonien in ſeinem Vaterhauſe ſah und mit ihr ſprach. Schlank und hehr war ihre Ge⸗ ſtalt, auf ihren Wangen bluͤhten die Roſen einer friſchen Geſundheit und aus ihren Augen leuchtete innere Reinheit und Guͤte. Sie war ſo frei und unbefangen in ihrem Weſen und doch ſo beſcheiden und artig. Es wurde auch muſicirt. Als Emerentia die Herablaſſung ihres Bruders zu dem Naͤdchen ſah, der ſie ſo zart und hoͤflich behandelte, als ob ſie ein gebornes Fraͤu⸗ ſpiel verfuͤhren, und ſtimmte ſich von der adlichen Hoͤhe zur buͤrgerlichen Tiefe hinab. Die Geſellſchaft war ſo froh und heiter, daß ſich's der Geheimerath ſogar gefallen ließ, noch einen Tag in Raudenbach zu bleiben. Der Euſebius, welcher ernſte Ab: ſichten auf die ſchoͤne Tochter hatte, bot Alles auf, um ſich ſeinen Schwiegereltern in spe, in dem gefaͤlligſten Lichte zu zei⸗ gen. Er wurde von dem Geheimerath und ſeiner Gattin auch ſehr zuvorkommend und zutraulich behandelt. Antonie hatte mit dem Lieutenant ge⸗ ſprochen, muſicirt, ſie war mit ihm in dem Schloßgarten ſpazieren gegangen, er hatte ihr Angenehmes, fein Schmeichelhaftes ge⸗ ſagt; ſie war erſt achtzehn Sommer alt, und hatte Emerentia's Erfahrungen noch lein waͤre, da ließ ſie ſich durch ſein Bei⸗ ——— —— men!“. 139 nicht geſammelt, dabei ein weiches, zur Liebe geneigtes Herz, Augen, die die Schön⸗ heit des Juͤnglings ſahen, was alſo war's nun fuͤr ein Wunder, daß ſie eine zaͤrtliche. Zuneigung fuͤr den Junker empfand, und zwar in einem Grade, wie ſie ſie nie ge⸗ fuͤhlt hatte. Zu einer Erklaͤrung, die er auf der Zunge trug, weshalb er mit ſeinem Vater Ruͤckſprache nehmen wollte, kam's von ſeiner Seite noch nicht, ob er's gleich wahrnahm, daß Antonie empfand, was er fuͤhlte. Recht froͤhlich und zufrieden trennte ſich der Geheimerath mit den Seinen von den Raudenbachern und ſagte:„Kommende Woche erbitte ich mir die Ehre Ihres Ge⸗ genbeſuchs, und bin der Erfuͤllung meiner Bitte gewiß.“—„Ja, ja,“ antwortete der alte Raudenbach,„wir kommen, wir kom⸗ 140 „Herrliche, freundſchaftliche„ ehrliche Leute,“ ſagte Raudenbach, als die Gaͤſte weg waren,„gebildet, wie's eine adliche Familie iſt.“—„Wie viel Verſtand und edle Geſinnung verraͤth die Geheimeraͤthin,“ ſagte die gnaͤdige Frau,„und ſie iſt eine Fandpredigertochter.“ Euſebius und Eme⸗ rentia waren im Lobe uͤber Antonien uner⸗ ſchoͤpflich.„Sie muͤßte meine Freundin werden,“ ſagte das Fraͤulein,„wenn ſie von unſerm Stande waͤre.“—„Das kann ſie noch werden,“ ſagte der Papa, „und wenn's Gluͤck guͤnſtig iſt, mehr als dies.“ Er ſah mit grinzendem Laͤcheln ſeinen Euſebius an und ſprach:„Nicht wahr?⸗ —„Wenn die Erbſchaft nur erſt gethan waͤre,“ antwortete der Lieutenant,„das an⸗ dere, denke ich, wuͤrde ſich finden. Anto⸗ nie iſt ein Maͤdchen, wie ich, ſo ſchoͤn, ſo klug und unſchuldig in der Hauptſtadt kein 141 einziges kennen lernte.“— Emerentia rief mit zuͤrnender Verwunderung aus:„Euſe⸗ bius, Du wirſt doch nicht eine Buͤrgerliche in's Schloß bringen?—„Und ein Bet⸗ telfraͤulein nie, nie!“ rief ihr der erzuͤrnte Vater entgegen.„Kuͤmmere Dich um un⸗ ſere Sachen nicht, Du haſt genug mit Dir zu thun.“ Eben ſo guͤnſtig fielen auch die Ur⸗ theile des Geheimeraths und der Seinen uͤber die Raudenbachs aus, als ſie ſich auf der Ruͤckreiſe von dem Vergnügen un⸗ terhielten, das ſie genoſſen hatten. Anto⸗ nien hatte es beſonders gefallen, und ſie hielt dem Landleben eine Lobrede, wozu ihr auch wohl die geheime Neigung, die ſie fuͤr den jungen Herrn von Randenbach empfand, die verſchoͤnernden Farben lieh. Rudolph war recht mißvergnuͤgt, daß er ein Kaufmann und kein Oekonom geworden waͤre. Er hatte Voͤgel geſchoſſen, ritt und fuhr.„Ein Kraͤmer,“ ſagte er,„koͤmmt mir wie ein Vogel im Bauer vor, der ſich zehnmal buͤcken muß, wenn er einen Profit von ſechs Groſchen hat. Der Landwirth iſt ein freier Menſch und kann commandi⸗ ren. Vater, Du biſt ja ein angeſehener Mann im Staate, wie leicht hatteſt Du mir eine vortheilhafte Pachtung ſchaffen koͤnnen. Welch ein liebenswuͤrdiger Mann iſt der Lieutenant! Wie ein Bruder ging er mit mir um. Ich ſoll ihn öfter beſu⸗ chen.“—„Das kannſt Du,“ ſagte der Vater,„wenn es Dir ſo ſehr auf dem Lande gefaͤllt. Der Lieutenant iſt ein ſehr artiger, geſchickter und recht freundlicher Juͤngling.“ Dieſe letzten Worte waren es insbeſondere, welche den truͤben Sinn Antoniens aufheiterten. 143 Verſchiedene Freunde aus der Stadt ließ der Geheimerath zu dem Gaſtmahle laden, was er zu Ehren des Herrn von Raudenbach anſtellte; etwas Adel war auch dabei. Antonie war an dieſem Tage mit ihrem Anzuge hoͤchſt ſorgſam, faſt eigenſin⸗ nig. Nichts gefiel ihr recht. Zum erſten Mal, und zwar in ihrem achtzehnten Jahre, und das will in unſrer Zeit, wo Alles fruͤh reif wird, als Gelehrte, Docto⸗ ren der Philoſophie und Theologie, Matro⸗ nen von dreißig, Greiſe von vierzig Jah⸗ ren, empfand ſie es, wie einer Jungfrau zu Muthe iſt, die ſich fuͤr einen Lieutenant putzt, dem ſie gefallen will. Die guͤtige Mutter, die ihrer Dienſte ſehr bedurfte, ließ ſie bei dem Anzuge, mit dem ſie Stun⸗ den vertandelte; aber ſie laͤchelte, war ernſt in ihrem Innern und fragte ſich ſelbſt⸗ Welch eine Verwandlung iſt mit dem 144 Kinde vorgegangen? Was hat das zu be⸗ deuten? Deutlich ſagte ſich's die Jung⸗ frau, daß es ihr hoͤchſt unangenehm ſeyn wuͤrde, wenn von allen Gaͤſten der junge Herr von Raudenbach ausbliebe. Aber er kam und waͤre nicht wegge⸗ blieben, wenn ein großes Treibjagen ihn auch gelockt haͤtte. An der Jagd aller Art war er, wie das ſeinem Gebluͤte faſt na⸗ tuͤrlich iſt, ein paſſionirter Freund. Der Papa fluchte oft, daß er nicht mehr hetzen konnte und im Lehnſtuhl die Braten ver⸗ zehren mußte, dieer ſich in ſeiner magern Leibesperiode geſchickt zu ſchießen verſtand. In der ganzen Geſellſchaft bei dem Herrn Geheimenrath gab es fuͤrwahr keinen ſchoͤ⸗ nern, weltklugern und artigern Juͤngling, als den Herrn Lieutenant. Jaſt war es Antonien unangenehm, daß nach Tiſche 145 Alle in ſeinem Lobe uͤbereinſtimmten. Er ſand das Maͤdchen liebenswuͤrdig, zeichnete ſie, als die Tochter des Hauſes, aus, und ſchien ſich um die andern Schoͤnen weniger zu bekuͤmmern. Sie ſuchte insbeſondere Emerentia's Freundſchaft zu gewinnen, um von ihr nach Raudenbach eingeladen zu werden, die ihr heute etwas befangen, ein⸗ ſylbig und abſtoßend vorkam. Nicht lange nach dieſem Schmauſe kam der Advocat Eiſenritter zu dem Ober⸗ amtmann Pharo mit der Neuigkeit:„Das Traitiren zwiſchen dem Herrn von Rau⸗ denbach und dem Geheimerath hoͤrt gar nicht auf. Einer uͤberbietet den Andern.“ —„Iſt mein Sohn ein Narr,“ fuhr der alte Phaͤro heraus,„daß er ſich von einem verſchwenderiſchen Edelmanne ruiniren laſ⸗ ſen wil?—„Man ſpricht auch von — 10 einem Liebesverſtaͤndniß zwiſchen dem jun⸗ gen Raudenbach und der Tochter Ihres Sohnes,“ ſagte Eiſenritter und ſetzte hin⸗ zu:„Aber, Freund, sub rosa, ſchweigen Sie und fuͤhren Sie mich nicht in die Dinte.“—„Iſt mein Sohn toll gewor⸗ den,“ polterte Pharo,„daß er ſich mit dem adlichen Geſchmeiß vermengen wlll, das auf der Kippe ſteht, Concurs zu ma⸗ chen.“—„Je nun,“ ſagte Eiſenritter, da⸗ zu moͤchte es wohl nicht kommen, wenn die Braut des jungen Herrn reich iſt. Mn ſpeculirt auf eine große Erbſchaft. Iſt die Buͤrgerliche wohlhabend, daß ſie die Schul⸗ den des Adlichen bezahlen kann, ſo ver⸗ giebt man ihr die Suͤnde, daß ſie eine un⸗ edle Pflanze iſt.—„Erbſchaft, Erb⸗ ſchaft,“ fragte Pharo,„was denn fuͤr eine? Mein Vermoͤgen? Da will ich einen Riegel vorſchieben. Morgen mache ₰ 147 ich mein Teſtament und Julius erhaͤlt we⸗ niger als ein Viertel.“—„Herr Ober⸗ amtmann, wenn Sie ein gutes Werk ſtif⸗ ten wollen, ſo zoͤgern Sie damit nicht.“ Es wurden einige Flaſchen Wein geleert, der Termin zum Teſtamentmachen wurde anberaumt, und es kam zu Stande. Recht ſchelmiſch ſorgte der Advocat, auf Unkoſten des Geheimeraths, fuͤr den aͤltern Moritz, und jeder Dreier wurde dem juͤngern Sohne angerechnet, den er ſeinem Vater in fruͤhern Jahren koſtete. Eleonore, die Gattin des Predigers, wurde auch ſehr ſchlecht bedacht. Eiſenritter erhielt vorlaͤufig ſeine funfzig Louisd'or von Moritz, ſteckte ſie in die Taſche und ſpielte auf dem Wege zu ſeiner Wohnung, vor eitel Luſt und Freude, zwiſchen den Fingern mit dem Golde. 148 An dem Tage, wo der Geheimerath dem Herrn von Raudenbach die letzte Sen⸗ tenz publicirte, daß er den Prozeß gewon⸗ nen haͤtte, und daß ihm die Geldſumme ausgezahlt wuͤrde, nahm er, vor Entzuͤcken, ſeine Wechſelſchulden bezahlen zu koͤnnen, ſeinen Erretter bei der Hand und fuͤhrte ihn in ein abgelegenes Zimmer. Hier fing er mit geheimnißvoller Miene alſo zu reden an:„Eine beſſere Belohnung fuͤr den gluͤck⸗ lichen Erfolg Ihrer Bemuͤhungen kann ich Ihnen nicht anbieten, als wenn ich Ihnen das Geſtaͤndniß meines Euſebius mittheile. Freunde ſind wir geworden, es koͤmmt auf Sie an, ob wir auch Verwandte werden ſollen. Mein Sohn liebt Ihre Tochter, er weiß es, daß ſie ihn liebt. Was kann Sie hindern, durch ihre Zuſtimmung das Gluͤck unſerer Kinder zu beſtaͤtigen!“— „Welch eine Neuigkeit, Herr von Rauden⸗ „* 149 bach! Zu einer beſtimmten Antwort kann ich mich in der wichtigen Sache nicht ent⸗ ſchließen. Laſſen Sie mir Bedenkzeit. Meine Frau hat auch in der Sache ein Wort zu reden. Antoniens Neigung will ich nicht beſchraͤnken. Wie geheimnißvoll doch die Maͤdchen im Kapitel der Liebe oft gegen ihre Eltern ſind?⸗— Der Lieutenant, der es ahnete, in welcher Abſicht ſein Vater mit dem Gehei⸗ merath allein war, trat in's Zimmer und ſagte:„Edler, herrlicher Mann, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter, und bin mir ſelbſt keines Hinderniſſes bewußt, was Ihnen das Jawort erſchweren koͤnnte. Neh⸗ men Sie mich als Ihren Sohn an.“— „Laß nur, Euſebius,“ ſagte ſein Vater, 2„Sie wollen erſt mit der Frau Gemahlin ſprechen, und dawider kann man nichts * Das haͤtten Sie wohl nie gedacht, daß Ihre Tochter eine gnaͤdige Frau wuͤrde!“ 150 haben.“—„Wenn meine Frau einſtimmt,“ ſagte der Geheimerath,„da Sie der Liebe Antoniens ſchon gewiß ſind, ſo ſeyn Sie auch meines Conſenſes gewiß.“ Er ſchuͤt⸗ telte dem Lieutenant die Hand, der ihn umarmte und ihm dankte. Der Juüngling entfernte ſich wieder.„Aber bedenken Sie,“ ſagte der Geheimerath,„daß ich fuͤr jetzt meiner Tochter nur eine geringe Mitgift geben kann.“—„Das glaube ich wohl,“ erwiederte Raudenbach;„aber Sie leben ja in Hoffnung, und morgen ſoll die Hoch⸗ zeit nicht ſchon ſeyn. Die Lehnsſchulden werden nicht bezahlt und die andern ſind eine Lumperei, die mir keine Sorge macht. Wie ſonderbar es doch der Himmel fuͤgt, daß fremde Menſchen Freunde werden! Der Geheimerath laͤchelte im Innern uͤber 151 den Edelmann und ſagte mit freundlicher Gutmuͤthigkeit:„Das haͤtte ich nie gedacht!⸗ Als er in ſeiner Wohnung ankam, ſagte er zu Antonien:„Und davon haſt Du Deinen Eltern nichts geſagt, daß Du den jungen Herrn von Raudenbach liebſt?“ Sie erroͤthete und konnte keine Sylbe ſpre⸗ chen.—„Carolinchen,“ ſo hieß ſeine Frau, „was ſagſt Du dazu?—„Ich greife Dei⸗ nem Beſchluß nicht vor, erwiederte ſie. Antonie entdeckte mir ſchon laͤngſt das Ge⸗ deimniß ihres Herzens, aber ich trug Be⸗ denken, es Dir zu offenbaren. Gegen den jungen Mann laͤßt ſich nichts einwenden. Nur kommt es darauf an, ob ſeine Eltern nichts gegen die Verbindung haben, und ob er ſo vermoͤgend iſt, daß er mit ſeiner Gattin ſtandesmaͤßig leben kann. Ein armer Edelmann, ein bedauernswerther 152 Mann.“—„Der alte Herr,“ ſagte der Geheimerath,„hat mit ſeiner Gemahlin gegen die Verbindung nichts. Arm ſind die Raudenbachs auch nicht. Antonie hat gewaͤhlt, wir wollen ihre Neigung nicht beſchraͤnken.“—„Maͤdchen, welch einen guͤtigen Vater haſt Du,“ ſagte die Mutter, „danke ihm und kuͤſſe ihn.“ Außer ſich vor Freude, Ruͤhrung und Liebe zu den Eltern war Antonie. Ein Bote brachte nach einigen Tagen guͤnſtigen Beſcheid nach Raudenbach. Bald darauf erſchien der Lieutenant, holte ſich das Ja wort und lud ſeine Braut und ihre Ep tern nach ſeinem vaͤterlichen Schloſſe hin. Man wollte die Verlobung vor der Welt geheim halten, und die Hochzeit noch auf⸗ ſchieben. Das Brautpaar mußte ſich in den Willen der Eltern fuͤgen. Antynie — 153 erhielt einen Brillantring von hohem Wer⸗ the von ihrem Geliebten, und andere Koſt⸗ barkeiten zu verſchiedenen Zeiten. Aber ein Schleier, den er ihr ſchickte, war ihr wegen der Kunſt, mit welcher er gearbeitet war, und des hohen Preiſes, den er ko⸗ ſtete, uͤberaus werth. Sie trug ihn bis⸗ weilen in Geſellſchaften und er erregte Be⸗ wunderung und Neid. Joſephine, die Schweſter eines reichen Juͤnglings, mit Namen Hubert, erzaͤhlte ihm von dem Schleier Antoniens, als ſie aus der Geſellſchaft kam, und aͤußerte den Gedanken: man koͤnne ihr mit dem Ge⸗ ſe enke eines ſolchen Schleiers eine große ude machen.„Wenn die Freude nicht zugtheuer bezahlt werden muß,“ ſagte er, „ſo werde ich der Schenker ſeyn⸗— Er zeigte ihr mehrere Schleier vor, aber immer 154 machte ſie die Bemerkung: ſie ſind ſo ſchoͤn nicht. Sie erhielt keinen und war zu: frieden. 4 4 7 Hubert und Joſephine waren durch die innigſte und zaͤrtlichſte Geſchwiſterliebe mit einand'er verbunden. Ihre Eltern w-⸗ ren vor etlichen Jahren, Beide in einem Tage, geſtorben, und hatten ihren Kin⸗ dern, den Lieblingen ihres Herzens, außer 4 einer vorzuͤglichen Geiſtes⸗ und Gemuͤths⸗ bildung, ein eintraͤgliches Landgut und baares Vermoͤgen hinterlaſſen. Zwei Hei⸗ rathen hatte Joſephine ausgeſchlagen, weil ſie ſich von ihrem geliebten Bruder nicht. trennen wollte und konnte. Sie waren die Wohlth aͤter der Armen ihres Dorfs, und ſtandert, wegen ihrer ausgezeichneten Moralitaͤt, in dem beſten Rufe. Hubert war bisweilen traurig, ſchwermüthig ſogar. haͤtte, was er koſte, um ihrem Bruder den Um ſich zu zerſtreuen, zog er auf mehrere Monate im Jahre bald nach dieſer und jener Stadt mit ſeiner Schweſter, und ſie kehrten, wenn die Fruͤhlingszeit wieder ein⸗ trat, auf ihren angenehmen Landſitz zuruͤck. Die Urfache ſeines Truͤbſinns, deſſen er nicht Herr werden konnte, war: daß er eine ſchoͤne, liebenswuͤrdige Braut verlor, mit der er eine gluͤckliche Zukunft zu verle⸗ ben gedachte. Es war bei ihm feſt be⸗ ſchloſſen, ob er auch erſt im ſechs und zwanzigſten Jahre ſtand, ſeine Tage in der Eheloſigkeit zu beſchließen. Der Schleier hatte Joſephinen auf Antonien aufmerkſam gemacht, die ſie nur Einmal und nicht wieder ſah. Sie erkun⸗ digte ſich nach ihr, um ſie bei Gelegenheit fragen zu laſſen, wo ſie denſelben gekauft 155 Ort anzuzeigen, wo das Koſtbare, was ſie ſich wuͤnſchte, zu haben ſey. Nach vielen Bemuͤhungen und langer Zeit erfuhr ſie folgende Nachricht, die ſie ihrem Bruder mittheilte, der ſie aber, da er andere Ge⸗ danken hatte, die ihn mehr intereſſirten, groͤßtentheils uͤberhoͤrte:„Die Schleierbe⸗ ſitzerin iſt die einzige Tochter des Gehei⸗ meraths Pharo, ein ſchoͤnes und gebildetes Maͤdchen. Sie weiß aber weder, wo der Schleier gekauft iſt, noch wie viel er geko⸗ ſtet hat. Sie erhielt ihn zum Geſchenk, und kann die Unart am wenigſten begehen, den Geber nach dem Preiſe deſſelben zu fragen. Man will verlauten, daß er von ihrem Braͤutigam, einem Herrn von Rau⸗ denbach, kömmt. Es ſoll davon nicht ge⸗ ſprochen werden.“—„Raudenbach, Rau⸗ denbach,“ ſagte Hubert,„gewiß iſt es der⸗ ſelbe, den ich in*** kennen lernte. Er 137 war bei den Damen ſehr beliebt. Wenn die ſchoͤne Mamſell mit ihm nur einen ge⸗ wiſſen Gang geht. Wenn ſich ein Junker mit einer Buͤrgerlichen verheirathet, da giebt es, außer der Liebe, manche Nebenſachen. Sie muß den Titel:„gnaͤdige Frau,“ oft ſehr theuer bezahlen koͤnnen. Der junge Herr machte Aufſehen und— hinterließ Schulden. Warnen wollen wir die Braut nicht, da ſie ſelbſt einen Geheimenrath zum Vater hat, der kluͤger als Andere und als ſeine Tochter ſeyn muß.“ Was man bei dem Appetit und der Trinkluſt des alten Oberamtmann, bei ſei⸗ ner kraͤftigen Conſtitution und ſeiner Ge⸗ muͤthsheiterkeit ſo bald nicht erwartet hatte, und wonach lſch die Raudenbachs am mei⸗ ſten ſehnten, daß er ſterben und eine reiche Erbſchaft hinterlaſſen werde, das erfolgte. * 158 Er ſaß mit einer Zechgeſellſchaft am Tiſche, unter der auch ein Domainenrath ſich befand, dem man den Mund des Gewiſſens ſtopfen und ſchmieren wollte, daß er aus der Zwei eine Eins machte, anſehnliche Bauten ac⸗ cordirte ꝛc., nebſt dem ehrbaren Advocat Eiſenritter, und eine Gallerie geleerter Bou⸗ teillen war an die Wand hingepflanzt. Eiſenritter, ein Spaßmacher und Anekdo⸗ tenlexicon, erzaͤhlte einen gar luſtigen Schwank. Daruͤber gerieth die ſchon illu⸗ minirte Geſellſchaft in ein ſolches Lachen, daß der Eine von ihnen, juſt der Ober⸗ amtmann, niederſiel und— ſeinen Geiſt aufgab. „Der ſtirbt in ſeinem Berufe,“ wollte der Advocat ſagen,„und ſein Tod macht mir eine Summe von funfzig Louisd'or zahlbar,“ kaum daß er den unzeitigen 159 Scherz zuruͤckhalten konnte. Aber, das dachte er, da er ohne ſeine Schuld und unvorſaͤtzlich den Teſtamentmacher fruͤher, als es zu hoffen ſtand, aus der Welt ge⸗ foͤrdert hatte, und Moritz in den Beſitz der Erbſchaft kam, daß dieſer, wenn er ihm das zu verſtehen gab, es bei der accordir⸗ ten Summe nicht laſſen und ein Anſehnli⸗ zches zulegen werde. Deshalb wuͤnſchte er's auch am wenigſten, daß der Mannn, der mit Lachen aus der Welt gegangen ſey, ſich wieder in's Leben zuruͤck aͤchzen moͤchte. Als Folge des Vieleſſens und Vieltrinkens und des Lachens, zur Warnung fuͤr alle wohlbeleibten Oberamtleute ſey dies, aus Sorge fuͤr ihr laͤngeres Leben, geſagt, bis die ſchlechten Preiſe beſſer werden, fand man bei der Section des wohlgenaͤhrten Pharo: daß das Zwergfell zerriſſen und der Magen zerplatzt war, 160 Als der Geheimerath die Nachricht von dem Tode ſeines Vaters erfuhr, ſank er in tiefe Traurigkeit. Es that ihm in der Seele weh, daß er ihn in der letzten Zeit wirielich unvaͤterlich behandelte und lei⸗ der mußte er ſeinem Bruder Moritz davon die Schuld geben. Seine Schweſter Eleo⸗ nore, die ſelten und faſt immer ohne ihren Gatten, den Vater beſuchte, fand ihn auch fehr kalt und hatte Redilaen ebenfalls in 8 Derdacht, Mit wenigen Worten zeigte der Ge⸗ heimerath den Todesfall ſeines Vaters dem Herrn von Raudenbach an; Antonie hatte an ihren Geliebten beſonders geſchrieben. Gottlob, daß der Pharo todt iſt, dachte der Herr von Raudenbach, die Welt ver⸗ liert an ihm nichts, nur die Bremer Wein⸗ haͤndler werden ſich vor Verdruß hinter 161 den Ohren kratzen, daß, bei den niedern Kornpreiſen, ein ſo lockerer Kunde ſich nicht wieder einſtellen wird. Nun kann's nach der Erbſchaft auch bald zur Hochzeit kommen, und es muß, wenn ich nicht in neue Geldverlegenheit gerathen ſoll. Euſe⸗ bius wird doch ſeinem Vater lumpige vier⸗ taufend Thaler vorſtrecken. Der unbeſchnit⸗ tene Jude, Herr Dobler, plagt mir die Seele aus dem Leibe, und will ſich auf die reiche Braut meines Sohnes nicht vertroͤ⸗ ſten laſſen. Einen liebevollen Brief hatte Antonie an ihren Euſebius geſchrieben. Er kam damit voller Freude zu ſeinen Eltern und rief aus:„Nun, Anſtalten zur Hochzeit ge⸗ macht.“—„Wenn die Erbſchaft gehoben iſt,“« erwiederte der Papa,„ſo laß Dich trauen. Euſebius, ja nicht fruͤher, ich 11 1 162 warne Dich. Ohne Geld ſind wir nicht laͤnger Herren von und zu Raudenbach. Du wirſt Dich und uns doch nicht durch eine Braut ungluͤcklich machen wollen, die eine arme Buͤrgerliche iſt?—„Vater,“ ſagte der Lieutenant in vollem Ernſt,„das werde ich nicht. Den Ring, die Kleider, den Schleier, der mir hundert Louisd'or koſtet, habe ich ja auch noch nicht bezahlt, Es borgt ſich fuͤr eine Braut gar zu gern und leicht, wenn ſie nur Moſes hat, um die Schuld wieder zu bezahlen.“ Es war der Rath des Vaters, daß Euſebius ſogleich zu einer Condolenzviſite, die eigentlich eine Gratulationsviſite war, zum Geheimenrath reiſen ſollte.„Viel Troſt wirſt Du nicht noͤthig haben,“ ſagte der Vater.„Wenn ein ſolcher Reicher ſtirbt, da trauert man bloß des aͤußern A Schulen und Univerſitaͤten erhielt, war ihm 163 Wohlſtandes wegen, und lacht im Her⸗ zen.“— Freundlich wurde Euſebius von der Mutter und Tochter aufgenommen. Der Geheimerath wohnte dem Leichenbe⸗ gaͤngniſſe ſeines Vaters bei und war abwe⸗ ſend. Man vergaß den Todten und machte leiſe Beruͤhrungen, welche auf die naͤher geruͤckte Verbindung der beiden Liebenden hinzielten. 1 Aber, aber, welch ein Schreck, welch ein Kummer und Verdruß, welch eine Ver⸗ wandlung trug ſich zu, als das Teſtament nach Verlauf eines Monats erbrochen und ſein Inhalt den dabei intereſſirten Perſo⸗ nen, die zugegen waren, notificirt wurde. Es war kaum der ſechste Theil von der Erbſchaftsmaſſe, die dem Geheimerath ver⸗ macht war. Jeder Louisd'or, den er auf 164 als baar angerechnet. Die Ungerechtigkeit des Vaters ſchien ihm zu groß, als daß er dazu ſchweigen konnte.„Das Teſta⸗ ment,“ ſagte er,„iſt faſt eine Enterbungs⸗ acte fuͤr mich. Ein unwuͤrdiger Sohn war ich nie. Und Sie, Herr Advocat Eiſenrit⸗ ter, gaben ſich dazu her, ſolch eine Unge⸗ rechtigkeit niederzuſchreiben, und ſagten kein frommes Wort dazu?⸗—„Iſt das Recht,“ erwiederte dieſer mit gar trotziger Miene, „wenn man den Willen des Teſtators len⸗ ket? Bin ich daran ſchuld, wenn Ihnen der Herr Vater keinen groͤßern Erbſchafts⸗ theil ausſetzte? Ich muß mir's verbitten, daß Sie Ihre Galle nicht uͤber mich aus⸗ ſchuͤtten. Bin ich denn ein Miterbe? Ent⸗ ehren Sie Ihren Vater im Grabe nicht, der Macht hatte, mit dem Seinen zu thun, was er wollte!“—„Moritz, Moritz,“ re⸗ dete der Geheimerath ſeinen Bruder an, 163 „Du biſt ſo ſchon mehr als ich und meine Schweſter beguͤnſtigt, willſt Du die groͤßere Erbſchaftsſumme auch hinnehmen, die Dir Vorliebe und Schwaͤche zuſchrieb? Sey bruͤderlich und mache ein Unrecht gut, was der Vater an ſeinen andern Kindern be⸗ ging, die gleiche Anſpruͤche an ſeine Guͤte haben.“— Ganz kaltbluͤtig erwiederte Moritz:„Was der Vater niederſchreiben ließ, muß gelten. Eure Freundſchaft mag ich mir mit Geld nicht zerkaufen. Mein Vermoͤgen in der Wirthſchaft ſteht auf einem gewagten Spiel, und, ein baares 2 Kapital auf Zinſen, keiſtet mir die ſichere Buͤrgſchaft, daß ich nie die Unterſtuͤtzung meiner Verwandten ſuchen darf. Meiner Frau und meinen Kindern kann ich auch nichts verſchenken. Du biſt ein Juriſt und. kannſt es am beſten beurtheilen, 0b ich Unrecht handele.“ 166 Der Geheimerath gerieth uͤber die Worte ſeines Bruders, die er mit einer beleidigenden, unausſtehlichen Seelenruhe ſagte, ſo in Zorn, daß er blaß wurde und kein Wort reden konnte.„Aber, Herr Bruder,“ ſprach der Prediger,„es iſt nicht genug, daß Sie gerecht handeln, ſeyn Sie auch billig. Was Sie den Ihrigen durch die Erbſchaft zuwenden, das entziehen Sie ja den Unſrigen. Ihr Amt traͤgt mehr ein, als ſechs ſolcher Pfarren, wie ich eine habe, und wem verdanken Sie's, daß Sie in dieſe Pachtung traten? Sie koͤnnen er⸗ werben, koͤnnen wir das? Der Wein, der auf ihrem Tiſche getrunken wird, koſtet ge⸗ wiß mehr, als meine Einnahmen betra⸗ gen.“—„Herr,“ ſagte Moritz,„werden Sie nicht unartig und beißend, Sie reizen mich. Was geht Sie das an, wie viel Wein bei mir getrunken wird. Mache ich 167 es Ihnen zum Vorwurf, daß Sie Bier trinken? Handeln Sie, wie Sie wollen, und laſſen Sie mich handeln, wie ich will. Wie viele Prediger haben denn eine ſo reiche Frau geheirathet, als meine Schwe⸗ ſter iſt, und damit ſind Sie noch nicht zu⸗ frieden? Ja, die Geiſtlichen, die Geiſtli⸗ chen! Aber bas der Vater wohl thun wuͤrde, wenn er den Zank um ſein Vermoͤ⸗ gen hoͤrte! Ich kann mir's denken. Wird denn kein Teſtament geoffget, ohne daß ſich die Koͤpfe erhitzen?“ Nach einer halben Stunde reiſete der Geheimerath ab, ohne daß er von ſeinem Bruder Abſchied nähm. Der Verluſt einer Summe vön dreißigtauſend Thalern wuͤrde ihn weniger geſchmerzt haben, wenn ſeine Antonie mit dem von Raudenbach in dieſer Verbindung nicht ſtand. Er ſah es vor⸗ 168 8 aus, baß aus der Heirath nichts werden konnte. Hielt auch der Braͤutigam Wort, was er gar ſehr bezweifelte, ſo ſtuͤrzte er ſeine Tochter doch in eine ſo mißliche Lage, welche ihr das eheliche Leben verleiden mußte. Er ſah ihre Thraͤnen, hoͤrte ihre Seufzer im Geiſte ſchon, wenn ſie der Neigung gegen einen Juͤngling entſagen mußte, den ſie innig liebte. So fruͤh, als er ankam, hatte man ihn nicht erwartet. Seine Gattin und Antonie erſchraken, als ſie ſein blaſſes Ge⸗ ſicht und die Wolken eines innern Ver⸗ druſſes auf ſeiner Stirn ſahen. Seine Gattin wagte es kaum, ihn zu fragen, was ihm Unangenehmes begegnet ſey. Er ſelbſt fuhr mit den Worten heraus:„Von dem Vermoͤgen meines Vaters erhalte ich ein Lumpengeld von etlichen Tauſenden. * 169 Der Bruder Moritz iſt Univerſalerbe, und mir und meiner Schweſter faͤllt ein klei⸗ ner Brocken vom Ganzen ab. Umſtoßen laͤßt ſich das Teſtament nicht. Es iſt eine Erbſchleicherei, in beſter, juriſtiſcher Form entworfen, und der herzloſe Eiſenritter hat Alles gehoͤrig verelauſulirt, daß kein Prozeß nuüͤtzt. Recht ſchlecht nahm ſich Moritz. Nicht einen Heller will er freiwillig heraus⸗ geben.“— 1 „Ach! unſere arme Antonie,“ rief die Geheimeraͤthin aus,„die wird es am bit⸗ terſten fuͤhlen, daß Dein Vater ſo unge⸗ recht handelte!—„Das fuͤrchte ich auch,“ ſagte der Geheimerath mit einem Seufzer. Dem Naͤdchen ging ploͤtzlich in den Wor⸗ ten ihrer Eltern ein Licht auf. Sie weinte laut und verließ das Zimmer. 170 Der Geheimerath ſchrieb noch an dem⸗ ſelben Tage an den Herrn von Rauden⸗ bach und meldete ihm ſein Ungluͤck.„Wel⸗ chen Einfluß der Unfall, den ich nicht ver⸗ ſchuldete,“ hieß es in dem Briefe,„auf die Verbindung Ihres Sohnes mit meiner Tcochter haben wird, das wage ich fuͤr mich nicht zu entſcheiden. Bedarf Ihr Sohn ein betraͤchtliches Vermoͤgen, was er von ſeiner Braut erwartet, ſo erklaͤre ich, das hat meine Tochter nun nicht. Geben Sie mir offen und klar Ihren Entſchluß zu er⸗ kennen, darnach wird ſich mein Verhalten richten. Antonie ahnet Gefahr für ihre Liebe und ſie weint heftig. Das gute Kind dauert mich ſehr, und wird ſich ſchwer troͤ⸗ ſten laſſen.“ Herr von Raudenbach ſaß auf ſeinem Lehnſtuhle, als er den Brief erhielt. Euſe⸗ 171 bius war auf der Jagd und ſeine Gattin mit Emerentia waren bei ihm im Zimmer. „Ein Brief von dem Geheimenrath!“ rief er vergnuͤgt aus.„Er wird mir vielleicht ſeine Erbſchaftsſumme melden. An zwan⸗ zig tauſend Thaler wird er doch mitgeben! Es iſt auch Zeit, das wieder friſches Geld in's Schloß koͤmmt, mit dem alten ſteht's ſchlecht genug.“— Er ſchob ſeine Schlaf⸗ muͤtze zuruͤck, ſetzte die Pfeife zur Seite des Stuhls hin, zog die Brille aus dem Futteral, druͤckte ſie recht feſt auf die Naſe und umſchnitt mit einer Scheere das Sie⸗ gel.„Mein Gott, gnaͤdiger Vater,“ ſagte Emerentia,„wie lange waͤhrt es, ehe Sie uns den Inhalt des Briefs mittheilen!“— „Liebe Emerentia,“ ermwiederte er,„all gu⸗ tes Ding will Weile haben. Das Gute im Briefe erfahren wir gewiß, ich hab' ihn ja in der Hand, und das Boͤſe immer zu fruͤh.“* 7 172 „Sacrament und Teufel,“ fuhr er auf, als er die Haͤlfte geleſen hatte,„aus der Heirath kann nichts werden! Eine Bettelei erbt der Geheimerath, und alles kriegt ſein Bruder. Nun iſt guter Rath theuer.“— Er las den Brief laut vor. „Der arme Geheimerath, die ungluͤckliche Antonie,“ ſagte die gnaͤdige Frau.— „Nun,“ ſagte Raudenbach,„eine junge Frau, die wir ernaͤhren muͤſſen, darf mir Euſebius nicht in's Haus bringen.“— „Nein, Vater,“ ſagte Emerentia,„und noch dazu eine Buͤrgerliche! Der Himmel hat's nicht gewollt, daß Euſebius den Miß⸗ geriff thun ſollte, darum mußte es ſo kom⸗ men.“—„Du blaͤſeſt mir aus dem rech⸗ ten Horn, Emerentia! Das nenne ich mir noch ein Fraͤulein, das auf Adel und Stand etwas haͤlt! Einen Buͤrgerlichen heiratheſt Du nicht, und wenn er bis 173 an. den Mund in Geld ſaͤße.—„Eine Hiobspoſt, eine Hiobspoſt,“ ſagte der Va⸗ ter, als Euſebius, wie gerufen, in's Zim⸗ mer trat.„Der Oberamtmann Pharo hat den Geheimerath enterbt, und von der Maſſe erhaͤlt er nur ſo viel, als ich in einem Jahre im Fruͤhſtuͤck verzehren kann, ohne mir den Magen zu verderben.“ Ganz erſtaunt fragte Euſebius:„Scherzen Sie?⸗⸗ —„Es iſt leider Ernſt, wenn der Gehei⸗ merath nicht geſpaßt ha Willſt Du den Brief nicht beantworten?— Als ihn der Lieutenant geleſen hatte, ſagte er:„Ich bin doch in einer haͤßlichen Lage! Kaum weiß ich mir ſelbſt zu helfen. Hebe ich die Verbindung auf, ſo wird alle Welt ſagen, daß ich nicht die Perſon, ſondern ihr Geld heirathete.“—„Euſebius,“ ſagte der Va⸗ ter,„das geſchieht noch alle Tage, und wird ewig in der Mode bleiben. Wenn 174 Du ſonſt keine Noth haſt, ſo waͤreſt Du kein Edelmann, wenn Du Dich uͤber die Urtheile der Leute nicht erheben koͤnnteſt. Sagt man Dir Unangenehmes in's Geſicht, ſo haſt Du Fauſt und Degen; ſpricht man hinter dem Ruͤcken ſchlecht von Dir, ſo hoͤrſt Du's ja nicht. Der Geheimerath iſt darauf vorbereitet, was Du ihm ſchreiben mußt, und unerwartet koͤmmt's ihm nicht.“ —„Was ſoll ich ſchreiben?“—„Daß Du Antonien uͤber Alles liebſt, daß es Deine Umſtaͤnde aber durchaus nicht zulaſ⸗ ſen, ein Maͤdchen ohne Vermoͤgen zu heira⸗ then, wenn Du ſie und Dich nicht un⸗ gluͤcklich machen wollteſt. Das ſchreibe. Sie wird ſich wohl beruhigen und einen andern Braͤutigam finden. Wenn Du ihr nur nicht die koſtbaren Praͤſente und den theuern Schleier gemacht haͤtteſt! Sorge, daß Du mit dem Brautſchatz einer Andern — 175 Deine Schuld bezahlſt, und das in Kur⸗ zem, wenn Du nicht ein Suͤmmchen Koſt⸗ geld fuͤr Mahnbriefe verſchleudern willſt. Dieſe Ausgaben ſind die aͤrgerlichſten und doch ſehe ich das Ende nicht ab, wenn ich davon frei werde.“ Es that dem Lieutenant wirklich weh, einen Abſagebrief an den Geheimerath, ſtatt ſeines Vaters, ſchreiben zu muͤſſen, der der Schreibkunſt ſehr unkundig war, und ſich auf den beſſern Ausdruck ſehr ſchlecht ver⸗ ſtand. Ueberhaupt ſtand jede Wiſſenſchaft bei ihm im ſchlechten Credit, und, ein Jaͤger, der Huͤhnerhunde zu dreſſiren wuß⸗ te, galt ihm viel hoͤher als der gründlüchſ Gelehrte. Euſebius ſchwankte niedergeſchlagen und traurig auf ſein Zimmer hin. Ein ſchwerer Kampf ging in ſeinem Herzen vor und er konnte nicht ſogleich zu einem Entſchluſſe kommen. Er hatte Antonien ſehr lieb. Ihren Schmerz empfand er, wenn ihm die Nachricht wie ein Pfeil durch die Seele fuhr, daß er gezwungen ſey, die Verbindung mit ihr aufzuloͤſen. In ein unabſehbares Labyrinth des Elends ſtuͤrzte er ſich und ſie, wenn er ſeinem Worte treu blieb. Hatte er nicht auch Kindespflichten gegen ſeine Eltern zu erfuͤllen? Er zuͤrnte uͤber die Gewalt des Geldes, was Men⸗ ſchen trennt und verbuͤndet. Endlich und mit zitternder Hand ſetzte er ſich nieder, den Brief an den Geheimerath zu ſchreiben, der, ſo zart und ſchonend er ſich auch aus⸗ druͤckte, dennoch das widrige Reſultat ent⸗ hielt:„Ich kann Antonien darum nicht heirathen, weil ſie kein Vermoͤgen hat, von dem die dringenden Schulden, welche auf 1 konnte er nicht von ſich ablehnen. alten Herrn gefiel, und vor welcher ſich auch Emerentia nicht ſcheute. Der junge Mann aber konnte ſeine Antonie nicht ganz vergeſſen, bei der er in keinem guten An⸗ 177 Raudenbach haften, bezahlt werden koͤnnen. Den Verdacht einer Heirath nach Geld Vater und Mutter ſuchten die ungluͤck⸗ liche Tochter zu troͤſten. Sie troͤſtete ſich aber ſelbſt dann, als ſich das Geruͤcht be⸗ ſtaͤtigte, daß Euſebius eine adliche Wittwe heirathete, die, außer ihrer unverfaͤlſchten Abkunft und zwei Kindern der erſten Ehe, zwar wenig Verſtand, aber uͤber dreißig tauſend Thaler nach Raudenbach brachte. Das war eine Schwiegertochter, die dem — denken ſtand. Es war, als ob alles Ungluͤck uͤber 12. 178 dem Hauſe des Geheimeraths ſich verſam⸗ melte. Er fing an zu kraͤnkeln. Kummer und Verdruß nagte an ſeiner Geſundheit. Rudolph, ſein Sohn, war auch im Vater⸗ hauſe, weil er'’s bei keinem Kaufmann aus⸗ halten konnte, da ihm die Behandlungs⸗ weiſe, die er erfuhr, unertraͤglich wurde. Der Geheimerath, der ſeinen Poſten nicht mehr verwalten konnte, mußte auf ſeine Entlaſſung antragen, und erhielt eine Penſion, die Einſchraͤnkung aller Art gebot. Dies Herabſtimmen des vornehmen Tons, dies Ausſcheiden aus den erſten Geſellſchaf⸗ ten, dies Zuruͤckziehen ſeiner ehemaligen Freunde, gab ihm den letzten Stoß. Er ſchrieb an ſeinen Bruder Moritz, daß er ſich, im Fall er ſterben ſollte, ſeiner Fa⸗ milie annehmen moͤchte. Der Oberamt⸗ mann beſuchte ſeinen kranken Bruder nicht, und ſandte ihm auch kein Antworts⸗ und Troſtſchreiben zu. An einem Morgen fand man ihn todt im Bette. Der beſte Menſch, der edelſte Freund, der theuerſte Gatte und esien geſtorben, und auch andere Leute, die kannten und ehrten, weinten, außer den Seinen, um ihn. Der Schmerz uͤber den Verluſt eines ſolchen Mannes wurde durch die Noth erhoͤht, welche die ungluͤckliche Familie bedrohte und wirklich traf. Ach! ſie mußte lange dulden, ehe ihr der Stern eines unverhofften, aber deſto herrlichern Gluͤcks aufging, wo ſie ſich uͤberzeugte: vom bitterſten Schmerz fuͤhrt der Allmaͤch⸗ tige die frommen Dulder zur Wonne. Die Mutter konnte den geliebten Gat⸗ ten nicht vergeſſen, und haͤrmte ſich Tag 180 und Nacht um ihn. Mit ihr weinten und klagten ihre beiden Kinder. Niemand be⸗ kuͤmmerte ſich mehr um ſie, wie verlaſſen waren ſie. Der Oberamtmann Pharo hatte ſogar in großer Geſellſchaft geſagt:„Haͤtte mein Bruder nicht den reichen Mann ge⸗ ſpielt, ſo litten die Seinen keine Noth. Eine gnaͤdige Frau ſollte das verzogene, uͤberbildete Toͤchterchen werden, und nun wird ſie ſich mit einem Schreiber begnügen muͤſſen.. Die Geheimeraͤthin erkrankte auch, und ihre liebevollen Pfleger waren ihre Kinder. Antonie drang darauf, daß zu einem Arzte geſchickt wurde. Dieſer er⸗ klaͤrte, daß die gute Frau nur durch alten Wein geſtaͤrkt werden koͤnnte. Wo aber Geld dazu hernehmen? Wenn's geliebte Eltern gilt, dann ſchafft die kindliche Liebe Rath. Insgeheim ſagte Antonie zu ihrem Bruder:„Rudolph, Du mußt mich nicht verrathen, ich traue Dir ein Geheimniß an, zum Beſten unſerer kranken Mutter; Du mußt mich aber nicht verrathen. Im Gaſthofe zum goldenen Adler wohnt ein gewiſſer Hubert mit ſeiner Schweſter. Dieſe wuͤnſchte einen Schleier zu haben, wie der meine iſt. Ungern trenne ich mich von ihm, aber eine edle Pflicht zwingt mich dazu. Gehe hin und biete ihr dieſen Schleier zum Verkauf an. Fordere nicht, ſie iſt wohlthaͤtig und wird Dir geben, was er werth iſt. Unbekannt iſt ihr viel⸗ leicht unſere Noth nicht. Fragt ſie aber dennoch, warum ich den Schleier feil biete, dann ſage ihr: das Geld dafuͤr ſoll zum Ankauf der Erquickungsmittel fuͤr unſere ſchwache Mutter dienen. Geh, unb komm bald wieder.— 182 Rudolph mußte ſeine innere Schaam uͤberwinden, und der kranken Mutter we⸗ gen thun, was ihm die guͤtige Schweſter auftrug. Im Gaſthofe fragte er nach Herrn Hubert, und das Zimmer, was er bewohnte, wurde ihm gezeigt. Rudolph wurde aͤngſtlich, als er nur Huberten und ſeine Schweſter nicht ſah. Mit bebender Lippe fragte er:„Koͤnnte ich nicht Ihre Schweſter auf einen Augenblick ſprechen 2⸗⸗ — Mit gar freundlicher Miene ſagte Hu⸗ bert:„Meine Schweſter iſt auf der Pro⸗ menade, oder in Geſellſchaft, wann ſie wie⸗ der koͤmmt, weiß ich nicht. Sie ſcheinen aͤngſtlich, verlegen zu ſeyn. Muͤſſen Sie meine Schweſter nothwendig ſelbſt ſprechen, oder kann ich Ihr Anliegen derſelben nicht beſtellen?“—„Hier iſt derſelbe Schleier,“ ſagte Rudolph mit bewegter Stimme und thraͤnenvollen Augen,„wie Ihre Schweſter 183 einen zu haben wuͤnſchte, und ich ſoll ihr denſelben zum Kaufen anbieten.“— „Braucht ihn die Mamſell Pharo nicht mehr?“ fragte Hubert.—„Ach! die braucht keinen Schleier mehr, aber Geld fuͤr eine kranke Mutter,“ ſprach Rudolph, und die Thraͤnen rollten ihm uͤber die Wangen.—„Aber warum weinen Sie?“ 8 fragte Hubert mit inniger Theilnahme.— Rudolph ſagte:„Ich wuͤßte Ihnen keinen andern Grund anzugeben, als daß mich eine faſt unausſprechliche Ruͤhrung durch⸗ dringt. Es iſt mir, als ob ich unter der Buͤrde meines erlittenen Ungluͤcks nieder⸗ ſinken ſollte.“ Nudolph ſuchte ſich zu faſſen und ſprach mit kraͤftigerer Stimme:„Soll ich den Schleier hier laſſen, und mir in eini⸗ gen Stunden Beſcheid holen?—„Das 184 waͤre wohl das Beſte,“ erwiederte Hubert. —„Rudolph legte den Schleier auf den Tiſch, empfahl ſich und Hubert ſagte, in⸗ dem er dem Juͤnglinge die Hand druͤckte: „Melden Sie Ihrer lieben Schweſter nur, daß ſie den Schleier als verkauft anſehen kann, und daß ſie von meiner Joſephine dafuͤr erhalten wird, was er werth iſt. Aber, darum bitte ich Sie, kommen Sie nicht eher wieder zu mir, bis es Abend iſt. Als Antonie ihren Bruder von ferne kommen ſah, eilte ſie ihm mit klopfendem Herzen entgegen und fragte:„Wie viel hat ſie Dir fuͤr den Schleier gegeben?“— „Sie war nicht zu Hauſe. Mit ihrem Bruder habe ich geſprochen.“—„Ach! nun iſt noch Alles ungewiß,“ ſeufzte ſie.— „Nicht ungewiß,“ erwiederte er.„Hubert laͤßt Dir ſagen, was der Schleier werth 185 iſt, das ſoll Dir ſeine Schweſter dafür be⸗ zahlen.“—„Daß Du, armer Rudolph, den ſauern Gang noch einmal gehen mußt!“—„Ja, ich geſtehe Dir's, das erſte Mal wurde er mir ſehr ſauer, aber mit Luſt gehe ich ihn zum zweiten Male. Ein recht herrlicher Menſch ſcheint mir die⸗ ſer Hubert zu ſeyn, ſo guͤtig und freund⸗ lich, ſo theilnehmend und ſchonend. Es iſt mir noch kein Geſicht vorgekommen, das ſo ſchoͤn von der innern Tugend des Ge⸗ muͤths verklaͤrt wird, wie das ſeine. Beim Weggehen druͤckte er mir die Hand.⸗— „Einmal,“ ſagte Antonie,„habe ich ſeine Schweſter geſehen, die iſt ein kluges und liebenswuͤrdiges Maͤdchen. Vergiß es ja nicht, daß Du heute Abend wieder nach dem goldenen Adler hingehſt.“—„Wie werde ich das vergeſſen!“ 2 186 Hubert ſchickte einen Bedienten fort und ließ ſeine Schweſter aus der Geſell⸗ ſchaft rufen. Auf den Tiſch legte er ein Blatt Papier mit den Worten:„Wenn ich wieder komme, mache ich Dir eine große Freude!!“ Er ſelbſt aber ging zu dem Regierungsrath Lindau, einem fuͤrtrefflichen Manne, dem Freunde ſeines verſtorbenen Vaters, zu dem er Vertrauen und Liebe hatte, und ſagte:„Herr Regierungsrath, ich bin auf's nachdruͤcklichſte veranlaßt, mich nach dem verſtorbenen Geheimerath Pharo und ſeine Familie zu erkundigen. Koͤnnen Sie mir gewiſſe Nachricht von ihm und ihr geben?—„Das kann ich, lieber Hubert,“ erwiederte er,„und will es mit aller Aufrichtigkeit und Wahrheit thun. Pharo war der edelſte und beſte Menſch, den Sie ſich denken koͤnnen. Es iſt ihm nicht als Schuld anzurechnen, daß er ſeine 187 Familie in hoͤchſt mittelmaͤßigen Umſtaͤnden zuruͤckließ. Wenn ein Mann von ſeinem Stande, mit einer Einnahme von zwoͤlf hundert Thalern, gezwungen iſt, ein Haus zu machen, dann kann er nichts eruͤbrigen. Um ſeine vaͤterliche Erbſchaft, auf die er ſicher rechnete, wurde er durch ſeinen aͤltern Bruder Moritz und einen Advocaten betro⸗ gen. Seine hoͤchſt liebenswuͤrdige Tochter war, wie die Welt ſagte, mit einem Herrn von Raudenbach verſprochen. Da der Edelmann zugleich auch auf die reiche Braut ſehen mußte, um von ihrem Gelde ſeine Schulden zu bezahlen, gab er die Verbindung auf, als die Erbſchaft des Ge⸗ heimenraths ausblieb. Der Geheimerath ſing an zu kraͤnkeln, mußte ſeinen Poſten aufgeben, erhielt eine ſehr maͤßige Penſion, und ſtarb. Seine Gattin iſt eine gar herr⸗ liche Frau, und die Tochter ein muſter⸗ —— — ᷣℳ——4— — 188 haftes und ſchoͤnes Maͤdchen, wenn der Gram ſie nicht entſtellt hat. Haben Sie der bedauernswerthen Familie eine Unter⸗ ſtuͤtzung zugedacht, ſo verdienen Sie ein Gotteslohn.“— Hubert bat, daß der Re⸗ gierungsrath ſeine Anfrage geheim halten moͤchte und— verließ ihn. Er fand ſeine Schweſter zu Hauſe, als er zuruͤckkam. Dieſe ſagte:„Bruder, Du haſt mir einen großen Schreck gemacht, daß Du mich aus der Geſellſchaft rufen ließeſt. Ich fuͤrchtete, daß Dir ein Ungluͤck begegnet waͤre. Wie ſtaunte ich, als ich Dich nicht auf dem Zimmer fand. Das Papier auf dem Tiſche beruhigte mich. Welche Freude haſt Du mir denn aniige bracht?“ Er ſchloß den Schrank auf, faßte den — 189 Schleier an einer Spitze, ließ ihn ſich vor den Augen der Schweſter ausbreiten, und fragte:„Nun, Joſephine, habe ich endlich einen Schleier gefunden, wie Du Dir ihn wouuͤnſchteſt.“— Voll freudiger Verwunde⸗ rung ſagte das Maͤdchen:„Das iſt juſt ſolch einer, wie ihn die Tochter des Gehei⸗ meraths trug! Wie herrlich und koſtbar iſt er!“ Sie umarmte ihren Bruder, dankte und ſagte:„Diesmal hat Dich die Liebe gegen mich zum Verſchwender gemacht! Du ſollſt mir nun auch in langer Zeit nichts wieder kaufen. Man darf den Ge⸗ ber nicht fragen, wie viel das Geſchenk koſtet; aber ich vermuthe, es iſt eine be⸗ deutende Summe.“—„Er gefaͤllt Dir alſo? Iſt er noch neu?⸗— Sie beſah ihn genauer und ſagte:„Ganz neu, ganz neu.“ 6 190 „Bezahlt iſt er noch nicht,“ fuhr Hu⸗ bert fort,„und ich glaube auch, daß manche Thraͤne auf ihm vertrocknete.“—„Bru⸗ der, wie meinſt Du das?“—„Denke Dir, der Bruder der Antonie Pharo kam zu mir und bot mir den Schleier ſeiner Schweſter zum Verkauf an, weil ſie fuͤr das dafuͤr geloͤſete Geld ihrer ſchwachen und kranken Mutter Staͤrkungsmittel kau⸗ fen wollte.“—„Ach! die arme Antonie!“ rief Joſephine aus.„Wie koͤnnte ich den Schleier behalten und tragen, auf den die Thraͤnen einer armen Leidenden gefallen ſind, als ſie ſich von ihm trennen mußte!“ —„Aber, Schweſter, ſie braucht Geld fuͤr ihre arme Mutter.“—„Bruder, ich gebe ihr zehn Louisd'or aus meiner Kaſſe, Du legſt nach Belieben zu, und wir ſchicken ihr den Schleier zuruͤck, ſo hat die traurige Seele eine doppelte Freude.— 191 Hubert umarmte Joſephinen, die Thraͤ⸗ nen ſtanden ihm in den Augen, und er fagte:„Ich erkenne in Dir meine men⸗ ſchenfreundliche, mitleidsvolle Schweſter. Das war mein Glaube, mein Plan! Herr⸗ lich haſt Du meinen Erwartungen entſpro⸗ chen, und die Probe ganz beſtanden! Ach! wie elend und veraͤchtlich ſind die Men⸗ ſchen, die das um einen Spottpreis an ſich kaufen, was der rettungsloſe Nothlei⸗ dende ihnen anbieten muß!“ Joſephine legte auf der Stelle die zehn Goldſtuͤcke hin, und ſagte:„Dies Opfer, mit dieſem Herzen gegeben, ſieht der Allwiſſende gnaͤdig an.“—„Ja wohl, meine Joſephine,“ ſagte Hubert. Fol⸗ gende Zeilen ſchrieb er an Rudolph:„Um Ihnen die Muͤhe eines zweiten Ganges zu mir zu erſparen, uͤberſende ich Ihnen den 192 Schleier zuruͤck. Meine Schweſter will ihn Antonien, aus Gruͤnden, die ſie fuͤhlen wird, nicht berauben. Nehmen Sie die beiliegenden dreißig Friedrichsd'or ſo wohl⸗ meinend an, als die Seele ſie gab. Tritt ja die Verlegenheit wieder ein, wo Sie den Schleier verkaufen muͤßten, ſo kommen Sie dreiſt zu mir, ich habe offene Kaſſe fuͤr Sie. Bin ich nicht hier, ſo ſchreiben Sie an mich nach Greußenrotha, wo ich auf meinem Gute lebe, und ohne Antwort ſollen Sie nie bleiben. Nur um Eins bitte ich Sie, daß Sie mich ja mit Ihrem muͤndlichen Danke verſchonen, wodurch Sie mich beleidigen wuͤrden. Mein Lohn liegt in dem Bewußtſeyn einer erfuͤllten Pflicht ꝛc.“ Niedergeſchlagen wurden Antonie und Rudolph, als ſie Beide zugleich den Anfang :93 des Briefs laſen; aber Freude und Stau⸗ nen bemaͤchtigte ſich ihrer, als ſie ihn aus⸗ geleſen hatten.„Gott verlaͤßt die frommen Armen nicht!“ rief Rudolph aus. Und Antonie ſprach:„Es giebt auf Erden noch Engel, welche ſich der Nothleidenden erbar⸗ men! Welch ein Geſchwiſterpaar! So war die Welt diesmal gerecht, daß ſie ſo viel Gutes von ihm ruͤhmte! Wie gluͤcklich waͤren wir nun, wenn wir die gewiſſe Hoffnung der Geneſung unſerer lieben Mutter haͤtten!“ Die Mutter rief in der Kammer:„An⸗ tonie! Antonie!“ Sie hatte ihre Tochter laut und in heftiger Bewegung ſprechen hoͤren, und wollte wiſſen, was das bedeute. „Was iſt uns begegnet? fragte ſie, als die Kinder vor ihrem Bette ſtanden, in dem ſie aufgerichtet ſaß,„Trauriges, oder 13 194 Freudiges, redet!“— Mit verklaͤrtem Ge⸗ ſicht und tief geruͤhrt erzaͤhlte ihr Antonie die letzte Geſchichte von dem Schleier, zeigte ihr die Goldſtuͤcke und las ihr den Brief vor. Dankend umarmte die Mutter zuerſt ihre Kinder, pries dann Huberten und Joſephinen, lobte Gott und ſagte: „Antonie, ſchreib an Hubert, wie Dir's das Herz eingiebt. Ein ſolcher Brief iſt einer Antwort werth. Ach! wie lernt der Leidende, dem ſo geholfen wird, die Men⸗ ſchen achten, lieben!“ Antonie ſchrieb folgenden Brief an Joſephinen:„Meine Ruͤhrung, mein Dank iſt ſo groß, daß ich vergebens ſtrebe, ihn durch Worte auszudruͤcken. Worte wollen Sie und Ihr verehrter Bruder auch nicht, darum ſey Ihnen Beiden ein Herz voll Verehrung und Liebe, ein inbruͤnſtiges Gebet fuͤr Sie zu dem Gotte geweiht, der uns in Ihnen die edelſten Wohlthaͤter er⸗ weckte.— Ruhiger wuͤrde ich in meinem Innern ſeyn, haͤtten Sie nur den Schleier angenommen, den ich nicht mehr tragen kann, welcher traurige Erinnerungen an fruͤheres Gluͤck in mir rege macht, das, wie eine glaͤnzende Erſcheinung, ſchnell verſchwand. Dieſe Armuth, die uns heim⸗ ſucht, haben wir nicht verſchuldet, nur Ihre Guͤte macht es uns leicht, ſie zu er⸗ tragen. Auch ſie hat ihren Segen. Ganz rein iſt nun mein Herz von aller irdiſcher Eitelkeit, und der Glaube, daß die Tugend am beſten kroͤſtet, bewaͤhrt ſich mir herrlich. Wenn mir die hoͤchſte Wohlthaͤterin meines Lebens, dieſe Quelle, aus der ich Troſt und Hoffnung, Liebe zu Gott und An⸗ trieb, nach hoͤherer Vollkommenheit zu ringen ſchoͤpfe, meine Mutter nur bleibt, 196 dann will ich nicht verzagen. Sagen Sie Ihrem Bruder, daß er mit ſeinem Ge⸗ ſchenke nie eine groͤßere Freude angerichtet, und daß es wahrlich nie wohlthaͤtiger gege⸗ ben werden konnte. O! duͤrfte ich Ihnen nur den Schleier ſchicken, dies waͤre Se⸗ ligkeit fuͤr mein Herz dc.“ Nicht ohne Ruͤhrung wurde dieſer Brief geleſen. Beide Geſchwiſter ſtimmten in dem Urtheil uͤberein, dieſe Antonie muͤſſe ein gar frommes Maͤdchen ſeyn. Selbſt darin, daß der Brief an ſeine Schweſter addreſſirt war, fand Hubert einen zarten Sinn. Er achtete Antonien ſehr hoch. Wo er ſich nach ihr erkundigte, hoͤrte er nur Ruͤhmliches von ihr. Die Geſchwiſter reiſe⸗ ten auf ihr Landgut zuruͤck; aber mit dem erſten Tage jedes Monats ſandten ſie ein beſtimmtes Unterſtuͤtzungsgeld an die Ge⸗ 3 . 197 heimeraͤthin. Durch den Briefwechſel, der dadurch entſtand, lernten ſich die Seelen gegenſeitig kennen und ſchaͤtzen. Die Ge⸗ heimeraͤthin war wieder geſund und lebens⸗ froher geworden. Die Neugierigen riethen hin und her, woher ſie ihre Unterſtuͤtzungs⸗ mittel erhielt, aber es blieb ihnen ein Ge⸗ heimniß. Hubert aͤußerte ſeiner Schweſter den Wunſch, die Familie perſoͤnlich kennen zu lernen, und Joſephine rieth gar ſehr dazu. Einſt, am fruͤhen Morgen, fuhr vor dem Haͤuschen der Geheimeraͤthin eine glaͤnzende Equipage vor, und hielt ſtill. Ein Be⸗ dienter uͤbereichte ihr einen Brief von dem Herrn Hubert. Sie las ihn und er ent⸗ hielt eine freundliche Einladung, daß ſie mit ihren Kindern nach Greußenrotha kom⸗ men und ſich ſo einrichten ſolle, acht Tage 198 dort zu bleiben.„Unſere Seelen kennen und ehren ſich,“ ſchrieb er,„wir muͤſſen auch unſere perſoͤnliche Bekanntſchaft ma⸗ chen.—„Nun,“ ſagte die Mutter zu ihren frohen Kindern,„dieſe Einladung, mit der es ſo gut gemeint iſt, koͤmmt mir vor, wie ein Lichtſtrahl, der eine truͤbe Nacht erleuchtet. Ihr reiſet doch mit?⸗— „Ja, ja!“ riefen Beide. Man kleidete ſich raſch an, packte andere noͤthige Kleidungs⸗ ſtuͤcke ein, aber Antonie nahm auch den Sehleier mit. Wie liebe Freunde, wie theure Ver⸗ wandte, ſo wurden ſie von den Huberts empfangen. Joſephine druͤckte die Mutter und Tochter an ihr Herz.„Nun vergeſſen wir acht Tage allen Gram und erquicken uns in der Freude,“ ſagte das Maͤdchen. Hubert druͤckte Radolphen die Hand und 199 kuͤßte ihn. Er bot der Geheimeraͤthin ſei⸗ nen Arm und fuͤhrte ſie in's Schloß. Kaum hatten ſie das prachtvolle Zimmer betreten, als der guten, weichen Frau, ehe ſie noch reden konnte, die Thraͤnen uͤber die Wan⸗ gen liefen. Voll Ruͤhrung ſagte Hubert zu ihr, indem er ihre Hand ergriff und innig druͤckte:„Frau Geheimeraͤthin, ich weiß, was Sie reden wollen. Verſchonen Sie mein Herz mit Ihrem Danke. Wir wiſſen es durch unſern Briefwechſel, wie wir mit einander ſtehen. Setzen Sie mich nicht in Verlegenheit.“ Er blickte Antonien an, die ſich die Thraͤnen auch abtrocknete. Ohne ein Wort zu reden verließ er das Zimmer. Joſephine ſagte:„Mein Bruder iſt ein weicher Menſch, er verlaͤßt uns, um ſein Gemuͤth zu ſammeln. Machen Sie ſich hart, daß Sie heiter ſcheinen.“— Aber Hubert, als er allein war, ſagte in ſeinem 200 Innern:„Du haſt Antoniens Seele fruͤher geliebt, als Du ſie ſaheſt, darum darſſt Du's ihr auch geſtehen, daß ſie, und keine Andere in der Welt, Deine Gattin werden ſoll. O! welch eine Wonne, ſolch eine Familie gluͤcklich zu machen!“ Nach einer halben Stunde kam er wie⸗ der. Mehrere gluͤckliche Tage verfloſſen. Hubert fuͤhlte es ſelbſt, daß Antonie ihm nicht abgeneigt war, nur konnte er's nicht unterſcheiden, ob das Liebe oder Dank ſey. „Dieſe Antonie moͤchte ich nie wieder von mir laſſen, ſie iſt ein Engel, wie eine Schweſter liebe ich ſie,“ ſagte Joſephine zu ihrem Bruder.„Die waͤre eine Frau fuͤr Dich.“—„Bin ich auch ein Mann fuͤr ſie?“ fragte Hubert laͤchelnd.—„Ich glaube es,“ ſagte die Schweſter,„daß ſie Dich liebt; aber wie kann ſie es wagen, 201 ihre Liebe zu aͤußern?⸗— Beim Abſchiede ſagte Hubert zu der Geheimeraͤthin:„Zum Kaufmann hat Rudolph keine Luſt, er ſcheint ſich fuͤr die Oekonomie zu intereſſi⸗ ren, ich daͤchte, Sie ließen ihn mir hier. Rudolph, das verſpreche ich Ihnen, anders will ich mit Ihnen umgehen, wie die her⸗ riſchen Kraͤmer. Sehen Sie mich als Ihren aͤltern Bruder an. Wollen Sie hier bleiben?—„Gern, wenn die Mutter will,“ antwortete Rudolph.—„Beſſern Haͤnden kann ich Dich nicht uͤbergeben,“ ſagte ſie.„Dein gutes Gemuͤth wird Dich die rechte Weiſe lehren, wie Du unſerm Wohlthaͤter danken mußt.“— Kurz, Ru⸗ dolph blieb in Greußenrotha. Bei der Trennung wurden Thraͤnen geweint. Schon nach drei Tagen erſchien Hu⸗ bert bei der Geheimeraͤthin. Er hatte ſich 202 bei ihr eine Stunde fruͤher anmelden laf⸗ ſen, ehe er ſelber kam. Mutter und Toch⸗ ter ſannen hin und her, was ſein Beſuch zu bedeuten haͤtte.„Ach!⸗ ſprach Antonie, „liebe Mutter, wenn es Joſephine nur nicht uͤbel genommen hat, daß ich ihr den Schleier zuruͤckließ.—„Daruͤber beruhige Dich, beſtes Kind. Ein Verſehen, was in liebevoller, guter Abſicht begangen wurde, nimmt ein edles Herz nicht uͤbel. Dein Brief wird ihr Alles ſagen, wie Du es mit dem geſchenkten Schleier meinteſt. Un⸗ ſere unruhige Neugierde wird bald befrie⸗ digt werden.“ Die Thur oͤffnete ſich und mit freund⸗ licher Miene trat Hubert in's Zimmer. Liebe und Herzlichkeit kam ihm entgegen und hieß ihn willkommen.„Leiden und Un⸗ gluͤck hat uns aͤngſtlich gemacht,“ ſprach 2⁰03 die Geheimeraͤthin,„es iſt Ihnen doch nichts Unangenehmes begegnet; mein Ru⸗ dolph iſt doch nicht krank?⸗—„Guͤtig iſt der Himmel,“ erwiederte Hubert,„und laͤßt nach den truͤben Tagen uns ſeine Sonne wieder ſcheinen; gerecht iſt er auch, und giebt dem frommen Dulder die Freude zum Lohn. Ihr Sohn iſt geſund, meiner Schweſter fehlt nichts, und, ſo glaube und hoffe ich, mir ſoll bald auch nichts mehr an meinem Gluͤcke mangeln.“ Aufmerkſam hoͤrte Antonie jedes ſeiner Worte, faßte ihn ſcharf in's Auge, als wollte ſie jeden Gedanken in ſeiner Seele wie voraus leſen, ehe er ihn ausgeſprochen hatte. Er ſah das Maͤdchen an und ſagte: „Meine Schweſter hat mich heute zu ihrem Boten gemacht; aber ich habe zugleich auch eine Beſtellung fuͤr mich, die weit wich⸗ 204 tiger iſt, als die ihrige. Sie hat den Schleier gefunden, den Sie ihr hinterlie⸗ ßen, und wird ihn als ein theures Anden⸗ ken ihrer ſchweſterlichen Liebe aufbewahren. Wir verdanken dieſem Schleier die Be⸗ kanntſchaft und Freundſchaft edler Men⸗ ſchen,“ ſagte ſie, und war dabei ſo ge⸗ ruͤhrt, ich, ich war es auch. Der Geber deſſelben konnte es nicht denken, daß er durch denſelben den Grund zur Vereini⸗ gung zweier Familien legte, welche die Zu⸗ kunft inniger und unzertrennlich verbinden wird.“—„Lieber Hubert,“ ſagte die Ge⸗ heimeraͤthin,„unſere Achtung und Liebe ge⸗ gen Sie und Joſephinen bedarf keines Zuwachſes mehr. Sie nur ſind unſere Un⸗ terhaltung, nur im Andenken an Sie wird uns die Buͤrde des Kummers leichter, die allzuſchwer auf uns lag. Wer weiß, ob ich noch lebte, wenn Sie nicht waren, und 205 wie wuͤrden wir Nehen, wenn Sie nicht waͤren? 8 Darauf gab Hubert keine Antwort. Er zog einen eingewickelten Schleier aus ſeinem Buſen hervor, und uͤbergab ihn der Jungfrau mit den Worten:„Hier ſendet Ihnen meine Schweſter einen andern, aͤhn⸗ lichen Schleier mit derſelben Liebe, womit Sie den Ihren in Greußenrotha zuruͤcklie⸗ ßen.“— Antonie wollte danken, er unter⸗ brach ſie und ſagte:„Auf jenen Schleier fielen Ihre Wehmuths⸗ und Schmerzens⸗ thraͤnen, ſo ſchrieben Sie in dem Briefe an meine Schweſter, der dabei lag, ol moͤchten dieſen Freudenthraͤnen benetzen! Frau Geheimeraͤthin, der Zweck meiner Reiſe iſt das Ueberbringen dieſes Schleiers nicht. Frank und frei ſtehe ich hier vor Ihnen, keine Schuld laſtet auf meinem 206 Gewiſſen, wollen Sie mich als Ihren Sohn anerkennen?—„Hubert,“ fragte ſie erſchrocken und verwundert,„wie mei⸗ nen Sie das?“—„Wollen Sie mir Ihre Tochter zur Gattin geben?⸗—„Sie ſcher⸗ zen!!“—„Ach! gute Mutter, in wichti⸗ gen Dingen ſcherzte ich nie, und jetzt rede ich in vollem Ernſte. Was ſind Sie ent⸗ ſchloſſen?—„Nehmen Sie meine Anto⸗ nie hin, zoͤgert ſie mit dem Jawort, ſo kann ſie's vor Ruͤhrung nicht ſagen, theuer und werth waren Sie ihrem Herzen, ſeit ſie den Schleier und Ihren Brief zuruͤck erhielt.“ Antonie war ihrer kaum maͤchtig. Sie blickte zur Erde nieder und ihre Wange war roth, wie Purpur.„Mein Herz ha⸗ ben Sie ſchon lange,“ ſagte Hubert zu ihr, „ hier iſt meine Hand, zum Zeichen meiner 207 ewigen Liebe! Antonie gab ihm die Hand, blickte ihn an, er umarmte ſie. „Nun, Mutter,“ ſprach er,„ſegnen Sie den Bund Ihrer Kinder.“ Und die von maͤchtigen Gefuͤhlen ergriffene Frau ſagte: „Wunderbar iſt Gott, und allmaͤchtig, guͤ⸗ tig und weiſe ſind ſeine Wege, auf denen er durch Schmerzen die Menſchen zur Freude fuͤhrt! Der Herr ſegne Euch! Sohn, die Tugend gilt Ihnen mehr, als Reichthum; Tochter, der edelſte Mann haͤlt Dich in ſeinen Armen! Kinder, Ihr werdet gluͤcklich ſeyn!“«— Ihre Thraͤnen floſſen. Antonie war faſt ſtarr in Huberts Armen, ſie weinte vor unausſprechlicher Freude und konnte nicht reden. Nur feſter druͤckte ſie den Juͤngling an ihre heftig be⸗ wegte Bruſt und kuͤßte ſeine Wange. Jetzt fuhr ein Wagen vor, und Hubert 208 ſagte mit bebender Stimme:„Das iſt mein Wagen, der mein Theuerſtes nach Greußenrotha fuͤhren ſoll, daß es dort auf immer bleibe, und nie wieder von mir ſich trenne! Gott, wie gluͤcklich haſt Du mich gemacht! O! meine Antonie! Liebe Mut⸗ ter, wie ſoll ich Ihnen fuͤr dieſe Tochter danken! Nehmen Sie nun Abſchied von Ihrer Wohnung, wo Leiden aller Art Sie heimſuchten, die Ihren Glauben an Gott ſo herrlich bewaͤhrten. Beſſere Tage, das hoffe ich, erwarten Sie auf meinem Gute. Sie bleiben die unzertrennliche Freundin Ihrer Tochter. Schicken Sie ſich zur Ab⸗ reiſe an, nach einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen.“ Er ging zu dem lieben, herrlichen Regierungsrath Lindau hin. Mit kurzen Worten ſagte er zu ihm:„Haben Sie die ——ÿÿj 209 Guͤte, und machen Sie in der Zeitung, in meinem Namen, meine Verlobung mit An⸗ tonie Pharo, der Tochter des verſtorbenen Geheimenraths, bekannt.“ Laͤchelnd ſetzte er hinzu:„Der Erſte von den geladenen Hochzeitsgaͤſten ſind Sie.“—„Hubert,“ ſagte Lindau, und ſah ihn forſchend an, „treiben Sie Kurzweile mit mir?⸗⸗—„Er⸗ fuͤllen Sie meine Bitte,“ bat Hubert. „Heute habe ich keine Zeit zu verlieren. Mein Wagen haͤlt vor der Thuͤr der Ge⸗ heimeraͤthin, Mutter und Braut fahren heute mit mir nach Greußenrotha.“— „Das nenne ich mir eine edle Liebe,“ ſagte Lindau.“— Hubert riß ſich von ihm los und eilte davon. Er meldete ſeine Verlobung dem Kauf⸗ mann Balde, einem ſeiner beſten Freunde, deſſen Bruder auch ein Gutsbeſitzer war, 14 4 210 welcher um Joſephinens Hand warb, an den ſie ſchrieh:„Ich achte und ehre Ihren Antrag, doch kann ich mich nicht entſchlie⸗ ßien, mich von meinem einſamen Bruder zu trennen.“—„Balde, was gilt's,“ ſagte Hubert ſeelenvergnuͤgt,„wenn Fritz,“ ſo hieß der Gutsbeſitzer,„nicht ſchon gewaͤhlt hat, ſo habe ich mit ihm an einem Tage Hochzeit. Schreibe ihm das.— Waͤhrend Hubert weg war, beſorgte Mutter und Tochter in einer Seelenſtim⸗ mung, die ſich nicht beſchreiben laͤßt, den Anzug zur Reiſe, und anderes Noͤthige.— „Traͤumen oder wachen wir?“ fragte die Mutter, als Hubert wiederkam.—„Ich kann mich in mein Gluͤck nicht finden,“ ſagte Antonie.—„Wir wachen, beſte An⸗ tonie,“ ſprach er und faßte ſie wieder in ſeine Arme.„Das enge Band, was die — ——— 211 edelſte Liebe geknuͤpft hat, giebt uns das Recht, daß wir uns Du nennen. So nenne ich Dich, ſo nenne mich. Willſt Du das?!— Sie ſagte Ja und erroͤthete.— „Ich habe dem Regierungsrath Lindau ge⸗ beten,“ ſprach Hubert,„unſere Verlobung in der Zeitung oͤffentlich bekannt zu ma⸗ chen. Uebermorgen erhalten wir in Greu⸗ ßenrotha das Blatt und Du ſollſt mir die Anzeige vorleſen. Wir muͤſſen morgen an unſere Freunde ſchreiben und ihnen unſere Verlobung kund thun. Mcpt wahr, meine 9ℳ liebe Antonies 2 ³ Er half ſeiner Schwiegermutter in den Wagen, und ſagte zu ſeiner Braut, ehe ſie einſtieg:„Antonie, ich reite voraus, und melde Euch meiner Schweſter an. Wie wird die ſich uͤber die Nachricht freuen!“ —„Und Rudolph auch,“ ſprach Antonie. 212 Als er ſeiner Schweſter meldete, daß die Geheimeraͤthin mit ihrer Tochter bald nachkommen wuͤrden, ſagte ſie laͤchelnd: „Bruder, Bruder, geſtehe mir's nur, Du haſt Antonien lieb, und—“—„Joſe⸗ phine, ich geſtehe es Dir, ſie iſt meine Braut, ich bin mit ihr verlobt, ſo haſt Du's ja gewuͤnſcht.“— Das MNaͤdchen war ganz Freude und ſprach:„Mit dieſem Engel wirſt Du gluͤcklich ſeyn.“—„Dem Kaufmann Balde habe ich meine Verlobung geſchrieben, und an Fritzen will ich davon ſchreiben. Liebſt Du ihn noch?“—„Im⸗ mer noch herzlich.“—„Wirſt Du meinem guten Beiſpiele nachfolgen?“—„Dazu kann nun Nath werden,“ antwortete ſie und fragte, um ihre Verlegenheit zu ver⸗ bergen:„Wann koͤmmt denn die ſchoͤne Braut?“—„Gewiß iſt ſie mit ihrer Mut⸗ ter in einer Stunde hier,“ ſagte Hubert. 213 Er ſetzte ſich ſogleich hin, ſchrieb an den Gutsbeſitzer Balde und lud ihn fuͤr den folgenden Mittag zu ſich.„Bringe ein Herz voll Liebe und Hoffnung mit, ich zweifle nicht, daß meine edle Schweſter Dir nun ihr Jawort giebt.“ Mit welcher Liebe und Herzlichkeit umarmten ſich die Geheimeraͤthin, Joſe⸗ phine, Antonie und Hubert! Alle waren gluͤcklich. Rudolph kam vom Felde und wunderte ſich ſehr, als er von der Ankunft ſeiner Mutter und Schweſter hoͤrte. Wie wurde er uͤberraſcht, da er erfuhr, Antonie ſey Huberts Braut. 7 Am folgenden Tage in aller Fruͤhe er⸗ ſchien der Gutsbeſitzer Balde. Sein Be⸗ ſuch hatte die Folge, daß ſeine Hochzeit mit Joſephinen, mit der Huberts und An-⸗ toniens, in einem Tage gefeiert wurde. 214 Aber den Schleier gab Joſephine an Antonien zuruͤck und ſagte:„Dieſer Schleier war's, der in Dir meinem Bruder die beſte Gattin, mir die theuerſte Schweſter zufuͤhrte. So oft Du ihn wieder ſiehſt, moͤge Dein Gebet immer ein Dankgebet zu dem Gotte bleiben, der wunderbare Mittel gebraucht, die leidende Tugend herr⸗ lich zu belohnen. Folgende, ſo eben erſchienene Romane welche mit Recht allen Leſezirkeln und Leihbibliotheken empfohlen werden koͤn⸗ nen, ſind in allen guten Buchhand⸗ lungen Deutſchlands fuͤr beigeſetzte Preiſe zu bekommen: Blutſauger, die. Ein Roman. 8. 1 Rthlr. 4 Gr. Carlo Cellini, oder die Maͤnner der Nacht. Seitenſtuͤck zum Rinaldo Rinaldini. 8. 3 Rthlr. 8 Gr. Hildebrandt, C., Carl von Tellheim und Minna von Barnhelm. Ein kriegeriſches Gemaͤlde aus den Zeiten Friedrichs des Großen. Drei Theile. 8. 3 Rthlr. 8 Gr. Derſelbe, Kuno von Schreckenſtein, oder die weiſſagende Traumgeſtalt. Ritterroman in 3 Theilen. Mit 1 Kupfer. 3 Rthir. 12 Gr. Mettingh, Philippine v., Opfer des Zeitgeiſtes. Ein Roman in 2 Theilen. 8. 2 Rthlr. 8 Gr. Muͤller, H., das Pfarrhaus zu Liebenthal, dder die ſeltene Braut. Roman in 2 Theilen. 8. 1 Rthlr. 20 Gr. Derſelbe, die Corſarenbeute, oder Fatime. Roman in 2 Theilen. 1 Rthlr. 20 Gr. Ritter Golo der Grauſame, oder die Buͤßende in der Felſengruft. Ritterroman in 3 Theilen. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Rthlr. 12 Gr. Verſchworenen, die, oder die Ruinen der Rothenburg. Ritter⸗ und Naͤuberroman aus der Vorzeit. 3 Theile. 3 Rthlr. 4 Gr. Benno von Rabeneck, oder das warnende Gerippe im Brautgemach. Eine Ritter⸗ geeſchichte aus dem 13ten Jahrhundert. Vom Verfaſſer des Albert von Reinſtein. 2 Thle. 8. 1 Rthlr. 16 Gr. * b Brautraub, der. Roman vom Verfaſſer der Paulowna. 2 Thle. 8. 1 Rthlr. 18 Gr. Graf Albert von Reinſtein, oder das heim⸗ liche Gericht der Teufelsmauer. Ritterge⸗ ſchichte aus den Zeiten der Vehme. 3 Thle. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Rthlr. 4 Gr. Hildebrandt, C., der Huſar. Roman in 3 Theilen. Mit 1 Kupfer. 8. 3 Rthlr. 8 Gr. Derſelbe, die Burg Helfenſtein, oder das feurige Rachſchwerdt. 2 Theile. 8. 1 Rthlr. 18 Gr. Kunze, St.,(Verf. Heinrichs des Loͤwen) Mit 1 Kupfer. 8. 2 Rthlr. der Landpfarrer von Schoͤnberg. 2 Thle. Liebesprobe, die. Roman vom Verfaſſer Al⸗ berts von Reinſtein. 2 Theile. 8. 2 Rthlr. Mettingh, Philippine von, der Fluch der Weiſſagung. Roman in 2 Theilen. 8. I Rthlr. 12 Gr. Mitternachtsglocke, die, oder Walther von Windheim. Roman von Jean Pierre, Verfaſſer des Romans: Thomas Imgart. 8, 1 Rthlr. 4 Gr. Nicolai, C., Erzaͤhlungen und Schwaͤnke. 2 Thle. Ir Theil: Der Kornpreis.— Die Stecknadel.— Bagage einer Schauſpieler⸗ geſellſchaft.— Bruchſtuͤck aus dem Tage⸗ buche eines Gaſtwirths. 2r Theil: Idalia. — Die Reiſe in's Bad. 2te wohlfei⸗ lere Ausgabe. 8. 1 Rthlr. 12 Gr. Derſelbe, die Familie Sternfels. Ro⸗ man in 3 Theilen. 2te wohlfeilere Ausgabe. 8. 2 Rthlr. 12 Gr. Raͤuber, die, in den Kluͤften des Latrofelſens, 8. 1. Rthlr. 4 Gr. Sarazenenſchwerdt, das, Ritterroman aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. Vom Verfaſ⸗ ſer Alberts von Reinſtein. 2 Thle. 8. 1 Rthlr. 14 Gr. Schulze, Ernſt, Kuͤnſtlerfahrt. Roman in 2 Baͤndchen. 8. ⸗I Rthlr. 10 Gr. Derſelbe, Rino, oder der Liebe Taͤuſchung. 8. 1 Rthlr. 4 Gr. Vasco und Iſabella, oder der Groß⸗Inqui⸗ ſitor. Schaudergeſchichte aus Spaniens furchtbaren Inquiſitionsgerichten. Vom Verfaſſer des Dedo von Adlerſtein. Zwei Thle. 8. 2 Rthlr. 6 Gr. 4 Abentheuer und Walfahrten, merkwuͤrdige, einer Baroneſſe. Oder Libertine in der Jugend und Betſchweſter im Alter. Ko⸗ miſcher Roman aus der Gegenwart. Zwei Theile. 8. Rthlr. 12 Gr. Dedo von Adlerſtein, der wilde Ritter, oder der Maͤdchenraub. Roman in zwei Theilen. Vom Verfaſſer des Forenzo. 8. 2 Rthlr. Hildebrandt, C., die Einſiedler auf Spitzbergen. 1 Rthlr. Derſelbe, der Schiffbruch. I Rthlr. 4 Gr. Derſelbe, die Geheimen des Bundes. Roman. 3 Theile, 8. 3 Rthlr,. 12 Gr. Derſelbe, die ſchwarzen Ruinen, oder das unterirdiſche Gefaͤngmß des Kloſters f 4 * — Barbara Eremita. Roman in 2 Theilen. 8.. 1 Rthlr. 16 Gr. Julius Wartberg, oder die dunklen Wege des Geſchicks. Roman vom Verfaſſer der Paulowna. 2 Theile. 8. 1 Rthlr. 16 Gr. Kloſterſturm, der, oder wunderbare Rettung aus dem Schlachtgetuͤmmel. Roman vom Verfaſſer des Pfarrhauſes zu Remsdorf. 3 Thle. 3 Rthlr. 6 Gr. Leonardo, der Baſtard, oder das Schloͤß⸗ chen am Strande. 20 Gr. Mettingh, Philippine v., des Schick⸗ ſals Tuͤcke, oder Auguſte. 8. 16 Gr. Dieſelbe, Emma von Roͤmhold. Roman. 8. 1 Rthlr. Nicolai, C., Der Auſternſchmaus.—. Die Liebſchaft im Keller.— Die Tanz⸗ 3 wieſe. 5 16 Gr. Derſelbe, die Brautnacht ohne Braut. 16 Gr. Derſelbe, das Grab am Veſuv. 8. 1 Rthlr. 4 Gr. Derſelbe, die Banditenhoͤhle von Caraſtro. 4 Roman. 8. 1 Rthlr. Derſelbe, Gemalde des weiblichen Lebens, in Erzaͤhlungen. Zweite durchgeſehene und wohlfeilere Auflage. 8. 1 Rthlr. Derſelbe, Glorina, eine Legende.— Der juͤngſte Tag, ein Schwank.— Taͤuſchung in der Liebe, Erzaͤhlung.— Kräͤhwinkel, keine Legende. 8. 20 Gr. 4 Nicolai, C., Rolli, oder das Mohren⸗ maͤdchen. 8.. 18 Gr. Derſelbe, Schaudergeſchichten. 2 Thle. iſter Theil. 1) Rache ohne Graͤnzen. 2) Verſuche den Himmel nicht. 18 Gr. Deſſen 2ter Theil. 1) Arabella. 2) Das Teufelsbad. 8. 18 Gr. So eben iſt erſchienen: Wilhelm Meiſters Wanderjahre. 8. 1 Rthlr. Baſſe. — — b 8 ₰ S fffffffffffffffffffnnif 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17