deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. 6. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 22 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für müchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— —— er auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 f. 2 Wer.— Pf. 3 e „.„ 5„—„ 2—=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. ür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 ◻ ſchwarzen Ruinen oder das unterirdiſche Gefaͤngniß des Kloſters Barbara Eremita. RNoman von C. Hildebran.dt. —* Zweites Baͤndchen. 1 Quedlinburg und Leipzig, 18 h e i Gottfried B ——-———————*— ₰⸗ — 7 2 N 4 2 1 1 7 — f — — 4 — ———y= Die ſchwarzer Ruinen ode das unterirdiſche Gefängniß des Kloſters Barbara Cemita. Zweites Baͤndchen. — Man wird es mir ohne weitere Ver⸗ ſicherung glauben, daß dieſe Nachrich⸗ ten mich ſehr beunruhigten; indeß hinderte mich meine Unruhe nicht, daß ich nicht haͤtte bemerken ſollen, wie ſie auf den Abt noch weit mehr wirkten, als auf mich. Er gerieth faſt ganz außer Faſſung, denn bei ihm ſtand ſehr viel, und faſt noch mehr auf dem Spiele, wie bei mir. Eine dunkle Hoffnung keimte in meinem Herzen gauf, und dieſe beſtand darin, daß ich 6 bei einiger Behutſamkeit den Abt und ſeinen Plan zu der Erreichung meiner Abſichten am ſicherſten benutzen koͤnnte. Wer dabei eine Hauptrolle ſpielen mußte, war Pietro, der immer noch in der Abtey war. Dieſer ehrliche Kerl hatte unter dem Anſtrich einer gewiſſen einfaͤltigen Treuherzigkeit und eines oft etwas linkiſchen Benehmens ſich alles ſo zum Freunde gemacht, daß ſich jeder, der mit ihm auch nur in die geringſte Verbindung kam, ſich unbedingt auf ihn verließ. Selbſt der Abt und die Erſtern des Convents, die mich oft bei meinen nahen Spatziergaͤngen und bei meinem Zeichnen begleiteten, hatten ihn lieb gewonnen, wenn ſie ſahen, wie dienſtfertig er ſich nahm. Der Abt ſelbſt bot ihm eine bequeme Freiſtelle oin der Abtey an, wenn etwa Veraͤnde⸗ rungen oder hoͤheres Alter ihn den ₰ 7 Aufenthalt auf dem Schloſſe des Gra⸗ fen verleiden ſollten. Pietro nahm dies Erbieten mit dem groͤßeſten Dank an. Oft hatten der Abt und die Erſtern des Convents uͤber mich mit ihm geſpro⸗ chen, um manches zu erfahren, was ſie nicht wiſſen ſollten; und dann hatte Pietro nicht Worte genug finden koͤn⸗ nen, mein frommes ſtilles Betragen, mein mildes Herz, und beſonders mei⸗ ne Anhaͤnglichkeit an alles, was Kloſter hieß, zu ruͤhmen. Gewöͤhnlich hatte er denn damit geſchloſſen: Waͤre der Herr nicht verheirathet, ſo würde er gewiß Moͤnch, und wer weiß, ob er's nicht noch wird!“— Ich erfuhr dies alles von Pietro ſelbſt wieder, der mir dann immer Behutſankeit empfahl.— Jetzt fiel es mir ein, wie nuͤtzlich und unenthehrlich mir Pietro ſeyn wuͤrde, und wie ſehr ich auf ſeine Geiſtesgger 8 genwart und auf ſeinen kalten ruhigen Muth zu rechnen, befugt war. Ich machte den Abt aufmerkſam darauf, wie gut es ſeyn koͤnne, wenn wir je⸗ mand, haͤtten, der ſich im graͤflichen Schloſſe aufhielte, und uns, wenn die Graͤfin und Eliſa dort waͤren, von al⸗ lem Nachricht gaͤbe. Ich bat, ihn ir⸗ gend jemand vorzuſchlagen. Er fiel gleich auf Pietro. Ich ſchuͤttelte mit dem Kopfe, ich gab zu verſtehen, daß er freilich ehrlich und uns ſehr ergeben ſey; daß es ihm aber zu ſehr an Erfahrung und Menſchenkenntniß man⸗ gele, als daß wir nicht befurchten muͤß⸗ ten, er wuͤrde ſich und uns verrathen, und vielleicht, bei dem blutduͤrſtigen, ra⸗ Gevollen Ch haracter des Marcheſe, ſelbſt ein Opfer werden. Zu meinem inni⸗ gen Vergnuͤgen merkte ich bald, daß der Abt ganz anderer Meinung war, 9 und ſeinen Vorſchlag fuͤr den beſten hielt. Schon am folgenden Morgen ſollte die Graͤfin mit Eliſen abreiſen. Der Abt wuͤrde dies vielleicht zugegeben haben, haͤtte ich nicht daran erinnert. daß ich Eliſens Gemaͤlde erſt vollenden wollte, wozu aller Wahrſcheinlichkei nach, die guͤnſtige Gelegenheit ſich ſo⸗ bald nicht darbieten wuͤrde. Ich ver⸗ ſprach, dies Gemaͤlde heute noch ganz zu vollenden, wenn man Eliſen bewe⸗ gen koͤnnte, mir zu ſitzen und wenn ich ungeſtoͤrt arbeiten koͤnne. Ich ſagte dies blos, um Eliſen allein ſprechen zu koͤnnen, und der Abr, der nicht das geringſte vermuthete, ſorgte, daß dies geſchah. Eliſa kam ſehr fruͤh mit ih⸗ rer Mutter auf mein Zimmer. Ich fing die weitere Arbeit an, in der ich fleißig fortfuhr, ſo lange die Graͤfin gegenwaͤrtig war; ich ſprach waͤhrend 10 der Arbeit uͤber die Gegenanſtalten, die man treffen muͤſſe, den Plan des Mar⸗ cheſe zu hintertreiben— ich empfahl Feſtigkeit, Muth und Ausdauer; ich erregte Hoffnungen auf eine beſſere Zu⸗ kunft. Verließ uns die Graͤfin auf einige Minuten, dann wurde dies Ge⸗ ſpraͤch—— freilich mit ganz andern Anſichten— fortgeſetzt. Eliſen machte ich mit meinem Plan bekannt. Pietro, deſſen Aufenthalt Niemand wußte, ſoll⸗ te aus Neapel zuruͤckkommen; ſollte im Schloſſe die Nachricht verbreiten, daß ich am dortigen Hofe erkannt ſey, daß man mich dort mit aller nur er⸗ ſinnlichen Ehre aufgenommen habe, und daß ich dies Koͤnigreich bald verlaſſen werde, um einen Theil des gegen Frankreich ſtehenden Heeres anzufuͤhren. Pietro ſollte uͤbrigens ganz den Unbe⸗ fangenen, den Gleichguͤltigen machen; 11 Thomäa und ſeine Verwandte, Maria, ſollten ihn von allem unterrichten, und ſeiner Gewandtheit ſolle es einzig und allein uͤberlaſſen ſeyn, den ſicherſten Weg zu waͤhlen, mir und dem Abte die, fuͤr jeden noͤthigen Nachrichten zu verſchaffen. Uebrigens ſollte Eliſa nur feſt darauf beſtehen, lieber den Schleyer zu nehmen, als den Marcheſe zu hei⸗ rathen. Wuͤrde man dies fuͤr Verſtel⸗ lung halten und ſie fuͤr das Kloſter beſtimmen, ſo ſollte ſie nur entſchloſ⸗ ſen folgen. Sie zu entfuͤhren, ſey dann meine Sache, und der Abt ſelbſt ſollte, freilich ſehr gegen ſeinen Willen, dazu mitwirken. Eliſa wurde aͤngſtlich bei dieſem Plane; ſie fand ihn zu ge⸗ wagt; indeß er blieb immer noch der einzige, bei dem die Hoffnung des Ge⸗ lingens durchſchimmerte. Sie wurde mit dieſem Entwurf deſto zufriedener, 12 je mehr ich ihn auseinander ſetzte. Ihre Mutter wurde in ſo fern mit in den Plan hineingezogen, ſo fern da⸗ durch der Marcheſe gaͤnzlich außer Ein⸗ fluß gebracht wurde. Auch ſie billigte den Entwurf ganz. Das Gemaͤlde war nun vollendet; ich brachte es dem Abte, der vor Freuden außer ſich war. Ich entdeckte ihm, daß ſein Plan mit Pietro ſowohl von der Graͤfin als von Etiſgs gebilligt ſey; eine Aeußerung, die er mit Beifall hoͤrte, denn ſeiner Eitelkeit war düdurch geſchmeichelt. Ich ließ Pietro zu mir kommenz ich wollte und mußte ihn einigermaßen von den Anſichten des. Abts unterrichten. Er verſtand alles bald, wie ich’s wuͤn ſch⸗ te, er war willig und bereit dazu, und ſelbſt der Abt ließ ſich dieſen Abend in der Graͤfin, in Eliſens und meiner Gegenwart in eine weitlaͤuftige Unter⸗ . ——,— V 13. redung mit ihm ein. Schon am fol⸗ genden Morgen ſollte er abreiſen, und zwar ſolle er den weiten Umweg uͤber Texrgeina machen, um das zu beſtaͤti⸗ gem, was fein Freund Thomaͤ vorher ſchon bekannt gemacht hatte. Er war damit zufrieden. Bei dem Weggehen aus dem Zimmer ſagte ich ihm leiſe, daß ich ihn heute Abend noch ſprechen muͤſſe. Er verſtand die wenigen Wor⸗ te, die ich ihm ſagte, und verſprach, ſchon eine Gelegenheit zu finden, mit mir allein zu ſeyn. Mein Zimmer lag an der aͤußerſten Seite der Abtey. Es war faſt Mitternacht; ich war unru⸗ hig, daß Pietro nicht kam; ich fürchtete ſchon, daß er keine Gelegen⸗ heit habe auffinden koͤnnen, und ich hatte ihm ſo vieles zu ſagen., Ich wollte ihm meinen Stand und meinen ganzen Plan oſſenherzig enthullen. Ein⸗ 5 14 ſam ſaß ich auf meinem Zimmer— ich ſah gedankenvoll und nicht ohne bange Ahndung durch das Fenſter in den Abteygarten, als ich bemerkte, daß ei⸗ ne Figur den Gang herauf kam, den der Vohlmond erhellte. Ich ſah auf⸗ merkſamer hin— der Menſch ſchlich mit Vorſicht naͤher— verſchwand dann wieder, und ehe ich mich recht beſann, wer es ſeyn koͤnne, ſtand Pietro unter meinem Fenſter. Sobald er mich be⸗ merkte, ſagte er mir leiſe, daß ich das Licht verloͤſchen moͤgte. Ich that es, und nun erſtieg er mit meiner Hülfe das Fenſter.—„Gott und der heili⸗ gen Jungfrau ſey. Dank!“ ſägte er, als er auf meinem Zimmer war.— „Ich bleibe die ganze Nacht bei Ihnen, denn ich habe viel, ſehr viel auf mei⸗ nem Herzen, das Sie wiſſen muͤſſen.“ —„Wer weiß, wer dem andern mehr 15 zu ſagen haben wird!“ war meine Antwort.„Ich bin im Ernſt verle⸗ gen, wo ich anfangen ſoll, Dir alles zu entdecken.“— Er ſetzte ſich neben mich.—„Behorchen kann uns hier Niemand,“ ſagte er,„das Zimmer liegt abgeſondert. Drum ſagen Sie mir nur dreiſt, was Sie mir zu ſagen ha⸗ ben; und doch waͤre das nicht einmal noͤthig, denn ich kann ſchon errathen, was Sie mir ſagen wollen.“—„Das koͤnnteſt Du errathen, Pietro?“— Er druͤckte meine Hand.„Entdecken Sie mir, was Sie wollen. Gott, die heili⸗ ge Jungfrau und alle Heiligen ſollen meine Zeugen ſeyn, daß ich's redlich Cher mit Ihnen meyne. Ich biete Ihnen zu allem die Hand, und verlangen Sie ja etwas, das gegen mein Gewiſſen ſtreitet, ſo ſchwoͤre ich Ihnen, daß ich es Ihnen offenherzig fage; beſtehen 16 Sie dennoch darauf, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich Sie nicht verra⸗ the.„ Ich war in einer zweifelhaf⸗ ten Stimmung; Hoffnung und Furcht, Zutrauen und Mißtrauen ſpielten mit meinem Herzen. Endlich ſiegte Hoff⸗ nung des Gelingens. Pietro’s Redlich⸗ keit ſtand fleckenlos und rein da.— „Haſt Du mich denn in der That fuͤr einen fremden F 3 Fuͤrſten gehalten?“ frag⸗ te ich, nicht ohne Furcht, nicht ohne Schuchternheit.—„Geglaubt habe ich's, weil's alle glauben; indeß iſt das eine große Kleinigkeit. Sind Sie es, gut; ſind Sie es nicht, ſo macht das auch weiter nichts. Sie haben an mir gehandelt, wie nur ein Fuͤrſt han⸗ deln konnte.“—„Ich muß es Dir⸗ geſtehen, Pietro, ich bin's nicht. Ich bin ein reicher wohlhabender Mann, wenigſtens gelte ich mit Recht in mei⸗ 17 nem Vaterlande fuͤr einen ſolchen. Ich bin buͤrgerliches Herkommens, und habe die hoͤhern Staͤnde noch nie benei⸗ det.“—„Je nun, wer die genauer kennt, wird ſie auch des Flitters we⸗ 7 gen nicht beneiden.“—„Aber ſeit der Zeit, die ich in dieſer Gegend zu⸗ bringe, wuͤnſche ich doch von vorneh⸗ men Stande zu ſeyn, um mit meinem Geſuch dreiſt vortreten zu koͤnnen.“— Nun? Und dies Geſuch waͤre?“— „Pietro— raͤthſt Du nichts?— O ja. Nur moͤgte ich es Ihnen nicht gern abfragen. Ich weiß recht gut, was Sie meynen; Sie wuͤnſchen Graf zu ſeyn, um der Graͤfin Cliſa willen? Nicht ſo? ich traf es?“— Ich ſchwieg ſtill. Ich wußte in dem Au⸗ genblicke nicht, wos ich antworten ſollte, da Pietro mich ſo dreiſt, ſo feſt fragte. „Nun, lieber Herr,“ fuhr Pietro fork, II.— 8 18 „ich ſehe, Sie werden nachdenkend, viel⸗ leicht gar mißtrauiſch. Verdenken kann ich Ihnen das nicht; aber, wenn Sie laͤnger argwoͤhniſch bleiben, ſo muß ich Ihnen geſtehen, daß mich das kraͤnkt. Alſo— Sie lieben die Graͤfin Eliſa; dieſe liebt Sie, und von der Seite waͤre alſo kein Hinderniß.“—„Aber von einer andern Seite, willſt Du ſa⸗ gen? Nicht ſo?“— Ja. Es iſt ſo ſo. Von Seiten der Mutter und mit den Kloſterpoſſen, das will nicht viel ſagen. Mehr Schwierigkeiten wird's von Sei⸗ ten des Vaters und des Marcheſe ge⸗ ben. Denn wahrſcheinlich wollen Sie doch wohl nicht erſt der Frau Marcheſe ſagen, was Sie jetzt der Graͤfin Eliſa⸗ zu ſagen haben, und wollen doch nicht mit der Gemahlin Ihres Nebenbuhlers die Entfuͤhrung bereden, die Sie jetzt mit der Graͤſin Eliſa auf's Reine brin⸗ — 8— 19 gen koͤnnen? Nun— ſehen Sie, ich weiß ſchon genug. Verlaſſen Sie ſich unbedingt auf mich und auf Thomaͤ.“ —„Haͤtteſt Du denn auch davon nichts gehoͤrt, daß ich ſchon verheirathet ſeyn ſoll?“—„O ja; aber ich habe es nicht geglaubt. Sind Sie es denn?“ —„Nein, Pietro. Zu dem Geruͤcht habe ich aber ſelbſt Veranlaſſung gege⸗ ben, indem ich es fuͤr ein gutes Mit⸗ tel hielt, alles ſicher zu machen.“— „Gut, das iſt gelungen. Nun, alſo mit der Graͤfin Eliſa ſind Sie einver⸗ ſtanden? Sie meynen zes doch treu mit ihr; nun, dann gebe ich Ihnen mein Wort, Sie ſollen Eliſen haben; die Mittel moͤgen ſo gewagt ſeyn, als ſie wollen, ſie fuͤhren zum ſichern Zweck. Waͤre es nicht jammerſchade, wenn ſolch' ein Engel, wie die junge Graͤfin, an einen Teufel, wie der Marcheſe iſt, 20 käme; oder wenn ſie gar hier in alle die Klauen geriethe, und beſonders in die Schlingen des Herrn Abts?2— „und das ſagſt Du mir? Du? als, als“——„Als ein Catholik, wollten Sie doch ſagen?“— Ich ſchwieg.— „Auf meinen Glauben habe ich immer. viel gehalten, aber deſto weniger auf die Kloͤſter. Wer dahinein will, und es nicht beſſer haben will, der mag es thun; aber locken und vollends zwin⸗ gen muß man keinen dazu; und gera⸗ de das waͤre der Fall mit der Graͤfin Eliſa.“ Genug— doch wozu ſoll ich alle die gewechſelten Heſpraͤche wieder⸗ holen! Mir fiel ein ſchwerer Stein vom Herzen, da ſich Pietro zu allem, was ich zu Eliſens Entfuͤhrung unter⸗ nehmen wollte, ſo bereitwillig finden ließ. Erſt mit Anbruch des Tages verließ er mich, nachdem er mir verſprochen hatte, 21. ſchon Mittel und Wege zu finden, um 6 mir von allen dem Nachricht zu geben, was auf dem Schloſſe vorging: n Ich ging nach dem Zimmer des Abts. Hier traf ich die Graͤfin und Elifag Die erſtere begegnete mich mit außerordent⸗ licher Gutez ſie zog mich neben ſich an ein Fenſtern um, mit mir allein und unbeobachtet ſprechen zu koͤnnen, indeſ⸗ ſen Eliſa mit dem Abte und einigen der Herren des Convents ſich unterhielt. Ich haͤtte es ſreilich lieber geſehen, die Graͤfin haͤtte jene Herren in ein Ge⸗ ſpraͤch gezogen und mich mit Eliſa al⸗ lein gelaſſen, aber ich durfte mir dieſen Wunſch auch nicht einmal entfernt mer⸗ ken laſſen. Ganz unbefangen blieb ich daher bei der Graͤſin ſtehen, ich ſah nur ſelten nach Eliſa. Die Graͤfin ſchien alles, was ſie mir noch zu ſa⸗ gen haben konnte, bis auf den letzten ——— 22 Augenblick aufgeſpart zu haben. Sie hatte nun einmal ein grenzenloſes Zu⸗ trauen zu mir, und daher war ſie auch dieſen Morgen ſo außerordentlich offen herzig gegen mich. Endlich fuhr der Wagen vor; ich wollte der Graͤfin den Arm bieten, ſie an den Schlag zu begleiten, als ſie mir in dieſem Augenblick nicht ohne Aengſtlichkeit ein kleines Packetchen gab, und die Bitte hinzufuͤgte, es nach ih⸗ rer Abreiſe unbemerkt zu oͤffnen. In eben dieſem Augenblick trat der Abt zur Graͤfin, ich ging zu Eliſa, um ſie an den Wagen zu bringen. Ihre Hand zitterte. Ganz leiſe ſagte ſie mir: „Ich bitte Dich, rette mich. Welche Gefahr drohet mir!“— Ich konnte ihr nichts antworten; ich konnte nur ihre Hand drücken; aber ſie verſtand 2 23 2 dieſen Druck; ſie verſtand mein Herz. Der Abt und ich fuͤhrten die beiden an den Wagen,— in wenig Augenblicken waren ſie aus unſern Augen verſchwun⸗ den. Gern waͤre ich jetzt allein auf meinem Zimmer geweſen; gern haͤtte ich in der Einſamkeit meinem gepreß⸗ ten Herzen Luft gemacht; aber ich mußte mich uͤberwinden; ich blieb da⸗ her auf dem Zimmer des Abts, der ge⸗ dankenvoll gegen Eliſens Bilde uͤber ſaß. Jetzt kam Pietro, dem wir beide nochmals die groͤßte Behutſamkeit em⸗ pfahlen. Auch er verließ uns bald, und ſo waren wir ganz allein. Der Abt ging immer noch, voll ſeiner Gedanken, im Zimmer auf und nieder; er ſprach wenig, und ich ſah es ihm wohl an, daß er es fuͤr keine Beleidigung anſe⸗ hen wuͤrde, wenn ich ihn verließe. Auf meinem Stuͤbchen offnete ich das 1 24 * Packet, das mir die Graͤfin gab. Wie erſtaunte ich, da es einen aͤußerſt koſt⸗ baren Ring mit dem Gemaͤlde der Graͤ⸗ fin enthielt! Nach einem dabei liegen⸗ den Briefe ſollte er ein Beweis der Dankbarkeit fuͤr meine Freundſchaft ſeyn, aber ich fand nur zu bald, daß eine andere Abſicht durchſchimmere. Wenig⸗ ſtens machte es die Aeußerung⸗ der Graͤ⸗ fin, daß ſie nichts ſo ſehr bedaure, als daß ein Familienband mich an mein Vaterland knuͤpfe, ſehr wahrſcheinlich, daß ich ihr nicht gleichguͤltig ſeyn muß⸗ te. So fand ich hier wieder einen Be⸗ weis, wie gut ſich manche entehrende Leidenſchaft mit dem Aberglauben ver⸗ traͤgt. Die Sprache des Briefes war fuͤr die Freundſchaft zu gluͤhend, und ich wußte in der That nicht, wie ich mich bei dieſer Erfahrung zu nehmen hatte. Sollte ich die Graͤfin mit Gleich⸗ 25 guͤltigkeit, oder gar mit Verachtung be⸗ handeln?„Verdient haͤtte ſie dies nach meinen Grundſäͤtzenz aber dann ſah ich auch in voraus, daß ich durch ein ſolches Benehmen mir ſelbſt die Schuld beizumeſſen haben wuͤrde, wenn ich Eliſen nie wieder ſah; wahrſcheinlich wuͤrde ich auch mein eigenes Leben der Gefahr ausgeſetzt haben, denn die Graͤ⸗ fin war eine Italiaͤnerin, bei der die gluͤhende Liebe leicht in kochende Rache uͤbergehen konnte.— Sollte ich mir den Schein geben, als hoͤre ich auf dieſe Lockung? Wer war mir Buͤrge, daß Eliſa dies nicht erfuhr? Und wenn ſie es erfuhr, womit wollte ich meine ſcheinbare Untreue entſchuldigen? Wuͤrde es vielleicht auch blos bei ſcheinbarer Untreue geblieben ſeyn? — Welche Folgen konnte dies alles fuͤr Eliſen haben? Verachtete ich die Graͤ⸗ 26 fin, ſo konnte vielleicht ein Zufall ihr meine Liebe zu Eliſen verrathen, und wer buͤrgte mir dann dafuͤr, daß dieſe Rache ſich nicht bis auf Eliſens Mord ausdehnte?- d Ernſthaft uͤber dies alles nachden⸗ ich mich beſtimmen ſollte, ging ich nach dem Park der Abtey, in welchem der Abt einige kleine Einſiedeleien angelegt hatte. Hier war mein Lieblingsaufent⸗ halt; hier brachte ich oft Stunden hin, wenn ich mich mit meiner Lage und mit meinen Ausſichten recht beſchaͤftigen wollte. Jetzt ſuchte ich auch dieſen ein⸗ ſamen Platz auf, um mit mir und mit ne zu kommen. Die Thuͤre einer der kend, ungewiß und unentſchloſſen, wozu meinen Entſchließungen ganz auf's Rei⸗ kleinen Grotten war nur angelehnt; ich oͤffnete ſie; der Abt lag auf einem — — Vorurtheil, daß ich am erſten Eliſen 27 Sopha und ſchlief; ein kleines Tiſch chen mit Wein ſtand neben ihm, Eli ſens Bild lag auf der Erde vor dem Sopha. Er hatte es zu ſeiner Unterhal⸗ tung mitgenommen. Leiſe ging ich zu⸗ ruͤck; in einem andern Gange begegnete ich einigen der Erſtern des Convents, in deren Geſellſchaft ich den Park durch⸗ ſtrich. Unſer Geſpraͤch mogte den Abt geweckt haben, denn bei unſrer Zuruͤck⸗ kunft ſtand er in der Thuͤr der Grotte, er noͤthigte uns herein zu kommen; das Gemaͤlde war nirgends zu ſehen. Die ubrigen Herren entfernten ſich bald; ich blieb allein mit dem Abte. Unſer Geſpraͤch, kam natuͤrlich gleich auf die Graͤfin und auf Eliſa. Der Abt war uͤberzeugt, daß ich die Haupturſach ſey, wenn der Marcheſe von Eliſa zuruͤckge⸗ wieſen wurde; er hatte nun auch das 28 1 bewegen wüͤrde, den Schleyer zu waͤh⸗ len. Eri dankte mir im Namen der Kirche dafuͤr, und bat mich inſtaͤndigſt, ja das Meinige in Hinſicht dieſer Ab⸗ ficht ferner zu thun. Ich machte eini⸗ ge Schwierigkeiten, um ihn deſto beſ⸗ ſer ausforſchen zu koͤnnen; ich ſah, daß ihn dieſe Schwierigkeiten beunruhigten. Endlich ſagte ich ihm gerade heraus, wie ich noch fuͤrchte, daß vielleicht der ſterbende Graf und der Marcheſe mehr Gewalt und Einfluß auf Eliſen⸗ haben moͤgten, als die Mutterz wie ich uͤber⸗ dem ſehr wohl gemerkt habe, haͤtte Eli⸗ ſa nur in ſo fern weniger Abneigung zum Kloſter ſpuͤren laſſen, als die Ber⸗ bindung mit dem Marcheſe im Spiele ſey. Waͤre dieſer erſt ganz entfernt, 3 dann zweifle ich, ob Eliſa ſo gern und willig den Schleyer nehmen werde, als es jetzt den Anſchein habe. Der Abt 29 mußte mir hierin Recht geben. Ich ſah es ihm an, wie ſehr ungern er mir geſtand, daß meine Vermuthung ſehr viel wahrſcheinliches für ſich häabe.— „Sie vermoͤgen ja ſehr viel uͤber die Mutter,“ fing er endlich an, „wenden Sie doch Ihren Einfluß zum beſten der Kirche, und beſonders zum Gluͤck und zur Beruhigung Ihres Freun⸗ des an!“— Ich ſah ihn bei dieſen Worten feſt und ernſt an. Er ſiel mir um den Hals.—„Freund!“ ſagte er,„werden Sie es mir verzeihen, wenn ich Ihnen etwas entdecke, was tief in meinem Herzen liegt?“— Ich ſpielte den Verwunderten; denn was er mir entdocken wollte, wuß⸗ te ich ſchon.—„Sie haben,“ ſagte ich, „mir zu viel Euͤte erzeigt, hochwuͤrdiger 30 Herr, als daß ich nicht mein Leben mit Freuden daran wagen ſollte, wenn ich Ihre Ruhe, Ihr Gluͤck damit er⸗ kauſen kann. Sagen Sie dreiſt, was ich fuür Sie thun kann, und rechnen Sie darauf, daß ich⸗ s thue.“—„Iſt das Ihr Ernſt?“—„Mein voͤlliger Ernſt!“—„Ihr Leben verlange ich nicht zum Opfer;. nein, das muß den Ihrigen erhalten werden. Ich bitte nur, daß Sie ein Vorurtheil aufopfern moͤgen.“—„Ein Vorurtheil? Ich habe deren zußerſt wenige; und opfere dieſe ſehr gern auf, ſo bald ich ſie als Vorurtheile erkenne.“—„Sehen Sie, Freund,“ fuhr er nicht ohne Verlegen⸗ heit fort,„dieſes Kreuz, das ich hier trage, verbietet mir die ſchoͤnſten Freu⸗ den des Lebens und macht mir das zur Sunde, was Ihnen und tauſend an⸗ dern Sterblichen erlaubt iſt. Ich darf 31 nicht lieben; ich muß den Menſchen um des Abts willen unterdruͤcken— wie ſchwer wird mir das! Ach Eliſa, Eliſa! waͤrſt Du mein!“— Ich ſchwieg. Gern haͤtte ich den Menſchen uͤber den wolluͤſtigen Moͤnch vergeſſen, und doch war's ſo noͤthig, daß ich die Maske noch immer vor dem Geſicht be⸗ hielt. Ich ſchwieg noch immer. Der Abt glaubte, daß ich ſeine Aeußerung mißbilligte und hielt es nun fuͤr gut, meine Sinnlichkeit mit in's Spiel zu ziehen und mich durch dieſe zu beſte⸗ chen.—„Ihretwegen habe ich viel mit der Graͤfin geſprochen, und— darf ich es Ihnen als Freund entdecken? Sie werden gluͤhend und grenzenlos von der Graͤfin geliebt. Ach! waͤren Sie nicht in Ihrem Vaterlande gebun⸗ den, haͤtten Sie freie Hand, gewiß Sie waͤren der gluͤcklichſte Mann! Ihr 32 Freund waͤre es auch!“—„Sie ſe⸗ tzen mich in Erſtaunen. Die Graͤfin kennt ja mein haͤusliches Verhaͤltniß; und dies werden Sie doch wohl nicht zu den Vorurtheilen zaͤhten, die ich ab⸗ legen ſoll? Ich ſehe recht gut ein, daß Sie auch in Ihrem Stande Eliſen lie⸗ ben können; Sie ſind Mann; und ich weiß nicht, wie Sie mit Eliſa ſtehen. Ich bin nicht von Ihrer Religion; das Vorurtheil von Moͤnchsorden und vom Cölibat geht mich nicht an, und zu ei⸗ ner Uebertretung deſſelben Anlaß gege⸗ ben zu haben, iſt für die Grundſätze meines Glaubens und fuͤr mein Gewiſ⸗ ſen keine Sunde. Sie follen und kön⸗ nen ganz auf mich rechnen, ich handle als Freund, als Ihr Freund und ver⸗ ſpreche es Ihnen, daß ich, wenn Eliſa Sie liebt, zu Ihrer Bereinigung alles beitragen werde. Geſetzt, Sie muͤßten ₰ à 33 Ihr Vaterland verlaſſen um Ihrer Lie⸗ be willen, ſo ſteht Ihnen die ganze Welt offen und ich werde dafuͤr ſorgen, daß Sie uͤberall Freunde finden. Mein Vaterland giebt Ihnen Schutz und Si⸗ cherheit, und in meiner Freundſchaft ſollen Sie Erſatz fuͤr manches finden, was Sie hier zuruͤcklaſſen; beſonders fuͤr das, was Ihr Herz bei dieſer, vom Vorurtheil fuͤr ſtrafbar erkannten Liebe ſchon empfunden hat. Wollen Sie dann in meinem Vaterlande im Ueber⸗ fluß leben, ſo bieten Ihnen ja die Schaͤtze der Abtey, woruͤber Sie jetzt Herr ſind, eine reiche Huͤlfsquelle dar. So viel iſt nun unter uns abgemacht. Ich kann und werde Ihnen helfen, oh⸗ ne mein Gewiſſen auch nur im gering⸗ ſten zu verletzen. Aber mein Verhaͤlt⸗ niß zu der Graͤfin kann und wird nie weiter gehen, als es die Geſetze einer 34 erlaubten Freundſchaft geſtatten; und ich bitte Sie, der Graͤfin ſo ſchonend als moͤglich jede andere Ausſicht auszu⸗ reden. Waͤre ich frei, die Graͤfin waͤre die einzige, die ich als Gemahlin ſthaͤ⸗ tzen und lieben wuͤrde. Jetzt kann ich nichts thun, als mich und meine Ge⸗ fuͤhle ſelbſt zu beſiegen. Ich bitte Sie, handeln Sie auch darin als Freund an mir.— Ich ſprach dieſe Worte mit Nach⸗ druck und bemerkte bald, daß ich den Abt dadurch ganz gewonnen hatte. Er gebrauchte ja die Neigung der Graͤfin nur als ein Mittel, mich zu beſtechen, und dies Mittel verlor ſeinen Werthh nur gar zu bald, da er, ohne daſſelbe noͤthig zu haben, ſeine Abſicht bei mir erreicht zu haben glaubte. Ob ich glücklich wurde? das war dem Wol⸗ * 35 luͤſtling einerlei, wurde nur ſein Wunſch erfuͤllt. Er war aͤußerſt vergnuͤgt, und da er in der That einfaͤltig genug war, meinen nicht ſonderlich tief angelegten Plan nicht durchzuſehen, ſo ſchien es, als verließe er ſich ganz auf mich. Er nahm Eliſens Bild aus einem Schraͤnk⸗ chen, er kuͤßte es unzaͤhlige Male; haͤtte ich in dieſem Augenblicke alles von ihm verlangt, er haͤtte mir keinen Wunſch verweigert. Nur bat er mich um die ſtrengſte Verſchwiegenheit. Von jedem andern wuͤrde mir dieſe Bitte eine Be⸗ leidigung geweſen ſeyn;— ihm, der ſo fein nicht dachte, das Empoͤrende einer ſolchen Bitte zu fuͤhlen, verzieh ich die⸗ ſe Aeußerung gern. Ja, ich verſprach ihm ſogar, mit Niemand als mit Eliſa uͤber dieſen Plan zu ſprechen, und das konnte ich mit gutem Gewiſſen verſpre⸗ chen.—„Wuͤßten wir nur erſt,“ 36 ſagte ich,„wie es auf dem Schloſſe hergehen mag! Ich muß geſtehen, ich ſehe mit Begierde der erſten Nachricht entgegen. Wenn es nur eine gute Rachricht iſt!“— Zweifeln Sie den daran?“ fragte er mich mit einer Mie⸗ ne, die mir unvergeßlich iſt.„Ich hof⸗ fe, Pietro wird ſeine Sachen klug ge⸗ 4 nug einrichten.“—„Ich zweifle; der Menſch ſcheint mir zu wenig Gewandt: heit zu haben. Haͤtte ich ihn nur noch einmal ſprechen koͤnnen, und haͤtte ich nur gewußt, was ich jetzt weiß!“— „Ach, ſorgen Sie nicht. Ich habe ihn genug unterrichtet. Und überdies— doch das iſt unter uns geſagt— feſ⸗ 8 ſelt ihn hier etwas an dieſe Gegend.“ — Ich laͤchelte.„Den Pietro ſollte etwas an dieſe Gegend feſſeln 2— „Ganz gewiß. Nicht weit von hier wohnt eine reiche Wittwe, er will ſie 37 heirathen und ich habe ihm meinen gan⸗ zen Einfluß verſprochen.“—„Pie⸗ tro?“—„Ja, ja Pietro. Werden Sie es mir glauben, wenn ich Ihnen ſage, daß er noch die letzte Nacht dazu angewendet hat, dieſe Wittwe zu beſu⸗ chen? Je nun, das Weib iſt reich, beſitzt mehrere Ackerguͤter und Weinber⸗ ge— Pietro kann ſein Gluͤck machen, und dazu will ich ſchon das Meinige beitragen.“—„Iſt's moͤglich?“— Wie ich Ihnen ſage, das Ding iſt ſchon richtig und gewiß; doch, wenn Pietro kommt, laſſen Sie ſich nichts davon merken, daß Sie dies wiſſen..— „Nun ſo ſehe ich denn wieder, daß ein Dummkopf gluͤcklich iſt.“— S Das Gloͤckchen, das zur Hora laͤu⸗ tete, trennte uns. Der Abt ging nach der Kirche, ich, auf mein Zim „ 38 Mit welchen Gedanken ich mich beſchaͤf⸗ tigte, laͤßt ſich leicht errathen. Haͤtte ich Eliſen nicht beſſer gekannt, ſo wuͤr⸗ de ich unruhig geworden ſeyn, ſo aber kannte ich ihr Herz und war von ihrer Treue zu verſichert. Im Grunde ſchaͤmte ich mich vor mir ſelbſt, daß ich den Anſtrich hatte, als diene ich dem Abte zum Kuppler; indeß, ich mußte ja nun einmal taͤuſchen. Wußte doch Eliſa, wer ich war, kannte ſie doch mei ne Abſicht, meinte ich es doch treu mi ihr, was kuͤmmerte mich das Urtheil anderer. Der Abt wurde mit jedem Tage freundſchaftlicher gegen mich; er ſprach immer von Eliſa, unde ſo gern ich dies— wenn ich nicht aus Noth⸗ wendigkeit dieſe Rolle haͤtte ſpielen müuͤſſen, gethan haben wuͤrde, ſo unan⸗ 5 auhm war es mir jetzt; indeß ich zwang mich; der Abt ſah meinen 39 Zwang und erklaͤrte ihn ſich aus dem 4 Grundſatze, daß fuͤr einen dritten nichts langweiliger iſt, als das Geſpraͤch von Liebe und von dem Gegenſtande, den ein anderer liebt; und immer ſuchte er mich auf irgend eine Art dafuͤr ſchadlos zu halten. Mit Sehnſucht ſah ich Pietro's Ankunft entgegen; ich fing wieder an zu zeichnen; ich ſprach von Gegenden, die ich bemerkt hatte, die ich zeichnen wollte; ich außerte oft, daß ich aus dieſem Grunde nur erſt Pietro wieder hier zu ſehen wuͤnſchte, um mit ihm umherzuſtreifen. Ich wuß⸗ te in voraus, daß mir Pietro viel zu ſagen haben wuͤrde. Der Abt ſehnte ſich eben ſo nach ſeiner Zuruͤckkunft. Einige Zeit war vergangen; hatte ich dem Abte geſagt, daß i Pietro's Geſandtſchaft wenig er oͤfter 4⁰ ich haͤtte es gern geſehen, wenn er mich widerlegt haͤtte; allein das konnte er nicht— als ich eines Abends mit dem Abte und den Erſten des Convents auf der Terraſſe ſaß, an der ſich die Land⸗ ſtraße von Aſſiſi hinzog. Es war jetzt die ſchöne Zeit des Spaͤtſommers vor der Regenzeit, vor welcher die in Aſſi⸗ ſi ſich aufhaltenden Badegaͤſte nach ih⸗ ren Wohnoͤrtern zuruͤckkehren. Die Straße wurde daher beſonders des Abends nie leer, indem am Tage die Hitze und der Sirocco dieſe Reiſe er⸗ ſchweren. So ſaßen wir hier dieſen Abend, als ein Maulthiertreiber kam, ſein Thier an einen Caſtanienbaum band, und nun an die Mauer kam, auf der die Terraſſe ſich endigte. Er rief uns— es war Pietro. Der Abt ieß ihn gleich auf ſein Zimmer kom⸗ ich geſtehe es, ich ging in einer 41 aͤngſtlichen Stimmung mit, ich hatte Pietro genauer angeſehen, und einige Verlegenheit an ihm bemerkt; dies ließ fuͤrchten, daß er vielleicht traurige Nachrichten bringen moͤgte. Er kam auf das Zimmer; dem Abte gab er ei⸗ nen Brief von der Graͤfin— ich frag⸗ te nach Briefen; er zuckte mit den Achſeln. Der Abt trat an's Fenſter, ſeinen Brief zu leſen; der Inhalt mußte ſehr angenehm ſeyn, denn er wurde mit jedem Worte, das er las, aufgeheiterter. Ich ging naͤher an Pie⸗ tro heran, der immer noch voller Ehr⸗ furcht an der Thuͤre ſtand.—„Ich bin ſchon bei Ihrem Fenſter vorbei ge⸗ gangen,“ ſagte er,„aber iich habe Niemand bemerkt. Wohnen Sie etwa dort nicht mehr?“—„Ja!“ war meine Antwort. Ein Wink, den er mir gab, wurde bald verſtanden. Ich trat nun 42 dem Abte wieder naͤher, der mit einem wahren Faunengeſichte den Brief kuͤßte.”“* „MRun, Pietro, Du biſt gewiß hungrig und durſtig; laß Dir erſt etwas zur Labung geben, und dann komm wieder, um zu erzaͤhlen, wast Du noch zu er⸗ zaͤhlen haf„ Pietro ging. Ich blieb zuruͤck, und nahm die Miene an, als waͤre mir alles ganz gleichguͤltig.+ „Sehen Sie, mein einziger, mein be⸗ ſter Freund,“ ſagte der Abt,„daß die Sachen beſſer ſtehen, als ich hoffte? Der Graf iſt todt. Bleibt Eliſa beſtän⸗ dig in ihrer Abneigung gegen den ihr ſo verhaßten Marcheſe, ſo wird dieſer abgewieſen, und ich kann ſicher darauf rechnen, daß ſie in das Kloſter Apolli⸗ mnara gehen wird. Hier leſen Sie ſelbſt; denn es waͤre unrecht, wenn ich gegen Sie ein Geheimniß aus dem machen ..22 wollte, was mich zu dieſer Hoffnung 43 berechtigt. Auch finden Sie Manches in dem Briefe, das Sie naͤher an⸗ geht.“— Ich nahm den Brief. Er wwWar von der Graͤfin. Unten ſtanden einige Zeilen, die Eliſa geſchrieben hat⸗ te. Die Graͤfin meldete den Tod ih⸗ res Gemahls und ſchrieb davon in ei⸗ ner Sprache, als ſey dieſer Tod ihr ganz gleichguͤltig. Der Marcheſe ſchei⸗ ne jetzt ſeine Hoffnung aufzugeben, in⸗ deß fuͤrchte ſie immer noch ſeine Rache gegen mich; denn mir allein gaͤbe er alle Schuld. Jetzt kam die Graͤfin in ihrem Briefe auf mich; ich ſah gleich, daß ſie mit dem Abte uͤber ihre Nei⸗ gung zu mir oͤfter geſprochen haben mußte. Sie empfahl ihm meine Si⸗ cherheit und mein Wohl mit einer Aengſtlichkeit, als hinge von meinem Leben ihre ganze Zufriedenheit ab. Eliſa ſchrieb wenig. Sie beklagte den 8 44 Tod ihres Vaters; ſie dankte fuͤr die vielen Beweiſe der Freundſchaft, die ſie in der Abtey genoſſen hatte und gab zu verſtehen, daß ſie vielleicht bald mit ihrer Mutter die Reiſe noch ein⸗ mal machen werde— Ich fand das alles freilich nicht in dem Briefe was der Abt darin gefunden hatte; indeſ⸗ ſen ich ließ ihn bei ſeinen ſchmeichel⸗ haften Vorurtheil; ich wußte, daß, je⸗ mehr Hoffnung ich ihm machte, um deſto mehr mußte er wider ſeinen Wil⸗ len zu der Erreichung meines Planes beitragen. Seine Hoffnungen waren eben nicht die maͤßigſten; und dennoch gab ich ihm in allen recht. Pietro kam wieder. Er beſtaͤtigte alles, was der Brief enthielt; er erzaͤhlte, daß der Marcheſe vorgaͤbe, nach Rom reiſen zu wollen, daß man aber⸗ allgemein fuͤrch⸗ te, dies ſey nur ein bloßes Vorgeben, 45. 7 um eine gunſtige Gelegenheit abzuwar⸗ ten, in der er ſeine Nache ſowohl ge⸗ gen mich, als gegen Eliſa in's Werk richten koͤnne. Eben dies hatte Eliſa in den wenigen Zeilen geaͤußert, die ſie dem Briefe angehaͤngt hatte.— Ich ſprach mit Pietro uͤber ſeine ge⸗ machte Reiſe, und er entdeckte mir, daß er nur unter der Maske eines Maulthiertreibers ſicher habe reiſen koͤn⸗ nen. In einem Augenblick, in welchem der Abt uns allein ließ, ſagte er mir: „Ich komme dieſe Nacht zu Ihnen; ich habe viel zu erzaͤhlen.“—„Doch nichts unangenehmes?“—„Nein.“ — Der Abt trat wieder zu uns; wir gingen nach dem Speiſezimmer— der Abt war außerſt heiter; ich war voller Erwartung, was ich von Pietro horen wuͤrde.— Es war Mitternacht, als ich auf meinem Zimmer am Fenſter ſtand. Pietro kam; das Fenſter war bald er⸗ ſtiegen, er oͤffnete den Umſchlag ſeines Hutes und zog einen Brief heraus. Ich erkannte Eliſa's Hand. Pietro ſah mir es an, daß ich den Brief erſt gern leſen wollte; und doch wollte ich den ehrlichen Kerl auch gern hoͤren. „Leſen Sie nur“ ſagte er.„Bei dem Schreiben des Briefes habe ich eben ſo geſtanden, wie ich jetzt bei dem Leſen ſtehe. Ueberdies moͤgte ſich auch man: ches ſinden, das eine naͤhere Erklaͤrung verlangt.“ Ich las Eliſens Brief. Sie bedauerte den Tod ihres Vaters, und aͤußerte, daß ſie geiß ihren Va⸗ ter noch dahin bewogen d wuͤrde; dem Plane mit dem Marcheſe zu ent⸗ ſagen, wenn ſie ihn erſt überzeugt haͤt⸗ te, daß dieſe Verbindung ihr Gluͤck 47 auf ewig ſtoͤren wuͤrde. Jetzt, in der Gewalt ihrer Mutter— ſey ſie un gluͤcklicher als je. Um den Schlingen des Abts zu entgehen, kenne ſie weiter kein Mittel, als meine Entſchlaſſenheit. Willig und gern wuͤrde ſie mit in mein Vaterland folgen und mit heiter Liebe alle die Gefahren belohnen, die ich ih⸗ retwegen unternehmen wuͤrde. Sie gab mir Warnungen wegen ihrer Mutter; Warnungen, die mit dem uͤbereinſtimm⸗ ten, was mir mein eigenes Herz ſo warnend geſagt hatte.— In welche Empfindungen mich dieſer Brief verſetz⸗ te, laͤßt ſich leicht denken. Pietro ſtand neben mir; ich erfuhr von ihm das ganze Gewebe gegen Eliſens Gluͤck. Zu der Erreichung dieſes Plans ſollte ich mit beitragen, denn die Graͤftn, bei der Bigotterie und Wolluſt Einen Gang gingen, glaubte an dem Abte und an — 8. mir die beiden Maͤnner gefunden zu und bat mich, ein unbegrenztes Zutrau⸗ 48 haben. Vieleicht haͤtte ſie den Abt mit Gleichguͤltigkeit behandelt; aber der Wunſch, durch ihn Eliſen fuͤr's Kloſter zu beſtimmen und durch ihn Herr des unermeßlichen Vermoͤgens zu werden, beſtimmte ſie, dem Abt mit Achtung, dem Marcheſe mit Gering⸗ ſchaͤtzung zu begegnen. Pietro beſaß Eliſens Zutrauen im hoͤchſten Grade. Ihr ganzes Gluck ſtand in ſeiner Hand; mein ganzes Wohl hing von ihm ab. Sie hatte ihm voͤllig freien Willen gelaſſen, es mit unſrer Flucht ſo einzurichten, wie er's fuͤr's beſte hielt. Sie ſchrieb mir dies en auf Pierro zu ſetzen; eine Bitte, die ganz uberfluͤſſig war, denn Pietro hatte ſich ſo gegen mich genommen 49 baß ich mich ganz auf ihn verlaſſen konnte. Pietro aͤußerte jetzt, daß er nun einige Zeit dazu gebrauche, dieſen Entwurf mit allen Schwierigkeiten zu uͤberdenken, um die beſten Mittel, jede Gefahr zu beſiegen, ausfindig zu ma⸗ chen. Ich fand dies billig; ich bat ihn, alle nur moͤgliche Behutſamkeit zu gebrauchen; er verſprach's. Ich woll⸗ te ihm Geld geben; der redliche Freund ſchlug dies aus. Am andern Morgen ſetzte ich meinen Apparat zum Zeichnen in Stand, um unter dem Vorwande des Zeichnens mit Pietro oft allein ſeyn zu können. Auch dies gelang. Der Abt hatte ſich in den erſten Tagen mit Pietro ausgeſprochen; uͤberdies wußte er aus Pietro's Munde, daß Eliſa naͤchſtens kommen, ſich mit ihrer Mut⸗ ter einige Zeit in der Abtey aufhalten, und wahrſcheinlich den Schleyer nehmen II. 32 4 59 wuͤnde. Dieſe Hoffnungen ſchlaͤferten ihn ganz ein, und ich blieb deſto unbe⸗ obachteter, je gewiſſer der Abt ſeinen erfuͤllten Wuͤnſchen entgegen ſah. Ich waͤhlte zu meinem Zeichnen ſolche Ge⸗ genden und Anſichten, die ganz frei la⸗ gen, damit ich bei⸗ meinen Geſpraͤchen mit Pietro nie in Gefahr waͤre, daß uns ein verſteckter Auflaurer hehorchen koͤnnte. In meiner Erzaͤhlung kann ich nun eine ganze Reihe von Tagen uͤberge⸗ hen, in denen Pietro mit ſeinem Plane auf's Reine kam. Daß er nicht glüͤckte, daß Eliſa auf Jahre lang ein ungluckliches Opfer werden mußte, lag nicht in dem Fehlerhaften des Planes ſelbſt, ſo wenig es in dem Herzen Pie⸗ tros lag; es lag in dem ungluͤcklich⸗ ſten Zufall, der je das arme Madchen und mich treffen kofline. Doch i) will ——— 5¹„ ₰ der Geſchichte nicht vorgreifen und neh⸗ me daher den Faden der Erzaͤhlung wieder auf. Nach Pietros Anſicht war es am ſicherſten, daß Thomaͤ unter dem Vorwande einer andern Reiſe das Schloß verließe, und heimlich zu uns kaͤme. Gerade dies war auch mein Wunſch, und wenn ich ihn noch nicht geaͤußert hatte, ſo unterließ ich dies blos aus der Abſicht, damit ich nicht et⸗ wa den Pietro durch einen Anſtrich von Zweifel oder Mißtrauen kraͤnke. Tho⸗ ma war im Grunde viel kluͤger und gewandter als Pietro, und— was die Hauptſache war— ſeine Anhaͤnglich⸗ keit an mich war eben ſo ſtark. Auch er haͤtte unbedingt ſein Leben fuͤr Eli⸗ ſa aufgeopfert. Pietro ſchrieb ihm von einem ganz entgegengeſetzten Stadtchen aus; Thomaͤ, mit dem er alles ver⸗— abredet hatte, verſtand den Befehl und ſun uüchüih bei uns an. Der Plan 32 wurde nun dahin entworſen: Thomaͤ ſollte nach Ancona reiſen; hier ſollte er ein kleines Schiff kaufen und durch Geld einige Maͤnner bewegen, jeden Morgen an dem Vorgebirge Camero, nicht weit von dem Flecken Camerino zu ſiſchen. Ich wuͤrde dann mit Eliſa und mit Pietro kommen; die Inſel Oſero koͤnnten wir bald erreichen, ven da wollten wir nach Fiume fahren und von dort aus unſre Reiſe nach Deutſch⸗ land fortſetzen. Unter allen Plaͤnen war dieſer der ſicherſte, denn wir konn⸗ ten in einigen Stunden ganz aus dem Wirkungskreiſe unſrer Feinde ſeyn, die uns üͤberdies auf dieſem Wege nicht ſuchen wuͤrden. Thomaͤ reiſete nach Ancona; hier ſuchte er Bekanntſchaf⸗ ten, um Menſchen zu finden, die gern in unſern Plan eingriffen. Der Zufall fuͤhrte ihn an einige Juden; Thom 1 5 53³ gewann ſie. Mit einem von ihnen kam er ſelbſt nach der Abtey, er fuͤhrte ihn unter dem Vorwande, als ſolle die⸗ ſer mir Farben liefern, zu mir. Wir wurden mit unſrer Verabredung bald fertig. Ein Paar Ohrringe von Werth, die ich ihm gab, und das Verſprechen, daß er, wenn wir gluͤcklich in Fiume gelandet waͤren, außer einer noch groͤ⸗ ßern Belohnung das Fahrzeug haben ſollte, nahmen den Juden ganz fuͤr un⸗ ſern Plan ein. Der Abt und der Con⸗ vent waren uͤbrigens dadurch ganz ſi⸗ cher gemacht, daß ich vorgab, ein ſehr großes Gemaͤlde zu verfertigen, wozu ich die Staffeley ſchon aufgeſchlagen hatte.— Eliſa hielt Wort. Nach ohngefaͤhr einem Monat kam ſie mit ihrer Mutter nach der Abtey; nichts weiter von un⸗ 54 ſrer Freude, da wir uns ſahen. Unſer Benehmen gegen einander behielt einen gewiſſen Anſtrich von Unbefangenheit— ich ging mit ihr und mit ihrer Mutter oͤfters in den Gaͤrten und in dem Park ringſte von unſerm Plan, deſſen Aus⸗ fuͤhrung ſo nahe war. Auf Eliſens ei⸗ genen Rath, zeigte ich gegen die Graͤ⸗ fin alle nur moͤgliche Aufmerkſamkeit, und Eliſa wußte die, uͤber dieſe ſchein⸗ bare Zuruͤckſetzung Empfindliche ſo gut zu ſpielen, daß alles getaͤuſcht wurde. Sie und ihre Mutter waren ſehr oft digte mir ſie ein. Zugleich aͤußerte ſie ihre Zufriedenheit mit dem von Tho⸗ umher und kein Menſch merkte das ge⸗ bei meinen Arbeiten gegenwaͤrtig, und Eliſa entdeckte mir, daß ſie ihre Klein⸗ odien mit ſich genommen habe; ſie haͤn⸗ maͤ entworfenen Plan, ob ſie gleich nicht ohne Aengſtlichkeit an ſo manche 55 Schwierigkeit dachte, die irgend ein Zufall damit in Verbindung ringen koͤnnte.— Mein großes Gemaͤlde war ange⸗ fangen. Ich beſtimmte es fuͤr das gro⸗ ße Refectorium der Abtey, und mußte es auf einem großen Saale mahlen, da mein Zimmer den Umfang deſſelben nicht faſſen konnte. Ich hatte zum Gegenſtande einen Seeſturm gewaͤhlt. Am Ufer des Meeres lag ein Kloſterz die Bewohner deſſelben eilten, den un⸗ gluͤcklichen Geſtrandeten beizuſtehen. Die Gegend war aͤußerſt wild und ſchauderlich. Felſen und uͤberhangendes Gebuͤſch vom Lichte des Blitzes und von der Flamme einer brennenden Huͤt⸗ te erleuchtet, machten die eine Seite des Vorgrundes aus. Die Wellen warfen Truͤmmer und Leichen auf das 56 Geſtade;: die Heerde, die dort weidete, ſuchte Schutz unter den Eichen, die der Sturm beugte; dies waren die einzel⸗ nen Stuͤcke des ſchauderlichen Ganzen. Der Abt, die Graͤſin, Eliſa und der ganze Convent ſaßen oft zu ganzen Stunden bei mir und ſahen der Voll⸗ endung einer Arbeit entgegen, von der ich ſchon in voraus geſagt hatte, daß ſie ein Andenken von mir ſeyn ſollte. Es gab mir die guͤnſtigſte Gelegenheit, manches mit Eliſen und mit Pietro zu beſprechen, denn oft waren dieſe bei⸗ den nur ganz allein bei mir.- So ſtanden nun die Sachen; ich hatte in der That Urſach, einen gluͤck⸗ liichen Ausgang zu hoffen; wenigſtens ſchmeichelte ich mir damit, und ich war darauf vorbereitet, jeden Augenblick 5 dies gefahrvolle Unternehmen zu begin 57 1 nen. Die Kleinodien Eliſens trug ich beſtaͤndig bei mir; eine Strickleiter lag auf meinem Zimmer verborgen und üͤberdies hatte mich Pietro mit einem Paar Terzerole verſehen, die beſtaͤndig geladen waren. Eliſa ſchlief mit ihrer Mutter auf einem andern Zimmer, das in dem mir gegenuͤber liegenden Fluͤgel der Abtey lag. Dies Zimmer konnte ich aus meinem Fenſter uͤber den Gar⸗ ten hin ſehen, und die Verabredung war, daß ein in meinem Fenſter ſte⸗ hendes brennendes Licht das Signal zur Flucht ſeyn ſollte. Eben ſo hatte auch Eliſa alles zur Flucht in Bereit⸗ ſchaft geſetzt; und uͤberdem hatte Pie⸗ tro eine Leiter zum überſteigen der Gar⸗ tenmauer hinter einem Weinſtock ver⸗ ſteckt. Die Graͤfin war gewohnt, jeden Abend ein Glas Wein zu trinken; Eliſa hatte von Pietro einen ganz un⸗ 5⁸ ſchaͤdlichen Schlaftrunk erhalten, dieſen ſollte ſie ihrer Mutter in den Wein gießen, ſobald er ihr den zur Flucht ſicherſten Abend beſtimmen wuͤrde. Dies war heute. Ich ſah Eliſen. Mit klop⸗ fendem Herzen, aber mit dem taͤuſchend⸗ ſten Anſchein der Ruhe ſtand ſie bei meinem Gemaͤlde; ich ſagte es ihr verſtohlen, daß dieſen Abend alles in's Werk gerichtet werden ſollte. Pietro war gegenwaͤrtig, er verſprach ſie ab⸗ zuholen. Zitternd verließ mich Eliſaz es war ihr nicht langer moͤglich, die Ruhe zu erzwingen die zu einer Ver⸗ ſtellung dieſer Art erforderlich war. Ich hatte meine Arbeit und mein Tagewerk fuͤr heute vollendet; ich ging jetzt auf mein Zimmer, ich kleidete mich, wie gewoͤhnlich, anders, um anſtaͤndig im Refectorio zu erſcheinen. Eliſa und die Graͤfin waren ſchon dort. Wir aßen 59 zuſammen, und kaum wagten wir es, einen Blick auf den andern zu werfen, aus Furcht, den andern in aͤngſtliche Verlegenheit zu ſetzen. Sobald ich auf meinem Zimmer war, kleidete ich mich reiſefertig; ich ſteckte die Terzerole zu mir, und trat nun, da die Uhr Neun ſchlug, an das Fenſter. Mein Herz klopfte ungeſtuͤm; ich konnte die Fra⸗ ge nicht unterdruͤcken:„wie wird al⸗ les noch enden?“ Eine mir unerklaͤrba⸗ re Aengſtlichkeit ergriff mich; ich konn⸗ te ihrer nicht Herr werden. Eliſens Zimmer war noch erleuchtet— ich ſah beſtaͤndig dahin— es ſchlug Zehn, und gewoͤhnlich wurde um dieſe Zeit jedes Licht in der Abtey verloͤſcht. Es ſchlug Eilf, immer noch brannte das Licht. Ich konnte mir dies nicht erklaͤren; ich wußte nicht, war dieſer Umſtand ein gutes Zeichen, oder kuͤndigte er mir an, , 60 daß mein Plan geſcheitert ſey?— Ich ſah durch den Dollard, daß auf Eliſens Zimmer mehrere Frauenzimmer gingen; daß man mit einer gewiſſen Unruhe ſich darauf beſchaͤftige; ich ſah, daß man das Fenſter oͤffnete, und konnte alles dies mit der erſten Regel unſers Verbaltens, mit der aͤußerſten Behut⸗ ſamkeit, nicht vereinigen. Meine Un⸗ ruhe war ſchrecklich, als ich jemanden in dem Gange des Gartens heraufkom⸗ men ſah. Ich oͤffnete das Fenſter. Es war Pietro, der mir ganz leiſe ſagte: „Herr, heute wird nichts aus un⸗ ſerm Plan; aber dies hindert nichts. Ich werde jetzt laut mit Ihnen ſpre⸗ chen, denn es iſt im Garten nicht rich⸗ tig; antworten ſie mir eben ſo laut.“ Und nun fing er ganz laut und unbe⸗ 61 fangen an:„Ghaͤbiger Herr, die Frau Graͤfin iſt ſehr krank geworden; erſchrecken Sie nicht, wenn Sie die Nachricht davon hoͤren, ich bin d'rum aus dem Fenſter geſtiegen, um Ihnen die Nachricht zuerſt zu bringen, damit nicht ein anderer ſie Ihnen vergroͤßert erzaͤhlen ſollte. Und nun ſchlafen Sie wohl!“— Mitt dieſen Worten kehrte er ſich um, und ging den Gang hin⸗ auf, als ihm jemand begegnete. Es wmar die gewoͤhnliche Wache der Abtey. Sie rief ihn an.„Ach Kamerad,“ ſagte Pietro,„nimm's nicht uͤbel, ich habe den gnaͤdigen Herrn nur ſagen⸗ wollen, daß die Frau Graͤfin krank iſt. Du weißt ja wohl, er nimmt großen Antheil, und eine Nachricht von der Graͤfin wirft immer ein Trinkgeld ab, das wir morgen theilen.“— Und nun ging er getroſt neben der Wache her, 62 die äin in das Gebäude der Abte ein⸗ leß Am dandern Morgen ging ich zu dem Abt. Ich hatte wenig, oder gar nicht geſchlafen; Verdruß uͤber den geſcheiterren Plan, hatte mir ein et⸗ was mattes Anſehen gegeben. Der Abt fragte nach der Urſach. Ich erzaͤhlte ihm, daß mir Pietro auf einem ſtraf⸗ baren Wege die Krankheit der Graͤfin bekannt gemacht habe; ich bat um Verzeihung fuͤr das Benehmen des Menſchen, der blos aus Anhanglichkeit an ſeine Herrſchaft eine⸗ Unvorſichtigkeit dieſer Art begangen habez der Abt verzieh ihm nicht nurs ſondern fand das Benehmen ſogar lobenswerth. Wir gingen beide zu der Gräfin; die war noch nicht aufgeſtanden; Eliſa ſas ſtill und weinend am Fuß des Bettes. 63 Sie erſchrak, da ſie uns ſah.) Der Abt erkundigte ſich nach der Krankheit; er erfuhr, daß die Graͤfin mit einem Male ohnmaͤchtig geworden ſey, und daß gerade in dem Augenblicke, als Eliſa ſie in's Bette bringen wollte, eine ihrer Dienerinnen gekommen ſey. Zum Gluͤck habe dieſe Laͤrmen gemacht, denn Eliſa ſey ſo außer ſich geweſen, daß ſie vor Schrecken nicht daran ge⸗ dacht haͤtte, fremde Huͤlfe fuͤr ihre Mutter zu verlangen. Ich verſtand aus dieſer Erzaͤhlung, was vorgegan⸗ gen war. Eliſa hatte ihrer Mutter den Schlaftrunk gegeben, und die Wirkung davon war um ſo auffallender gewefen, da die Graͤfin dieſen Abend noch hatte einige Briefe ſchreiben wollen, und nun gerade in dem Augenblicke vom Stuhl geſunken war, als die Dienerin in's Zimmer trat. Die Grafin erholte ſich 6 ½ fehr bald wieder, und Eliſa ſpielte ihre Rolle gegen ihte Stiefmutter ſo fein, daß auch nicht der entfernteſte Verdacht auf ſie fiel. Sie war an⸗ faͤnglich beſorgt geweſen, daß dieſer Frunk nachtheilige Folgen fuͤr die Ge⸗ ſundbeit der Graͤfin haben koͤnnte; iin⸗ deß da ſie ſah, daß dies der Fall nicht war, ſo wurde der Entſchluß, ſich die⸗ ſes Mittels zu ihrer Feelheit zu bebie⸗ nun, imener aeher bei ihr. omheeis der Zeit zeig 65 tis groͤßte Aufmerkſamkeit gegen die Graͤ⸗ ſin, um ſie ganz ſicher zu machen. Daß mein Herz nicht den geringſten Antheil daran hatte, bedarf keines wei⸗ tern Beweiſes; allein theils der Abt, theils die Grafin ſelbſt nahmen meine Aufmerkſamkeit von einer andern Sei⸗ te, und ich hatte in der That jetzt dop⸗ —————j—— 65 pelt Urſach, zu wuͤnſchen, daß ich erſt mit Eliſen entflohen waͤre, um ſo den Knoten zu zerhauen, der mich an die Graͤfin zu feſſeln ſchien. Die ſchoͤne Zeit zu unſrer Flucht war jetzt voruͤber. Thomaͤ berichtete mir, daß unſer Un⸗ ternehmen jetzt mit zu vielen Gefahren verbunden ſey, da die Stuͤrme auf dem adriatiſchen Meere, die gewoͤhnlich beim Anfange des Winters wuͤthen, der Flucht unuͤberſteigliche Hinderniſſe in den Weg legen wuͤrden; daß aber demohngeachtet bei milderer Witterung der ganze Entwurf in hoͤchſtens zwei Monaten ausgefuͤhrt werden ſolle. Ich ergab mich in dieſe Zoͤgerung, die uns das Schickſal auflegte. Jetzt war die Zeit verfloſſen, die die Graͤfin und Eli⸗ ſa zu ihrem Aufenthalt auf der Abtey ſeſtgeſetzt hatten. Sie reiſten ab, ich blieb zuruͤck, bis ich von der Graͤfin II. 5 6 66 die Nachricht bekam, daß man den Aufenthalt des Marcheſe gar nicht wiſ⸗ ſſe, daß er ſich in Neapel aufhalten ſolle, und daß ich alſo von ſeinen Nach⸗ ſtellungen nichts zu fuͤrchten habe. Jetzt reiſte ich mit Pietro nach dem Schloß zuruͤck, wie ich dies mit Eliſa verabredet hatte. Mein Vorgeben, daß ich von einer groͤßern Reiſe zuruckkaͤme, fand bei den Domeſtiken und beſonders bei dem, mir merkwuͤrdig gewordenen, Marko Eingang. Pietro, der mir ge⸗ folgt war, bemerkte indeß aus einigen Anſtalten des Marko, daß der Marcheſe ſo entfernk nicht war, als die Graͤfin mir uͤberredete, als ich glaubte. Ich zentdeckte Eliſa die Aeußerungen Pie⸗ tro's; ſie erſchrak, ſie zitterte fuͤr mein Leben, und drang ſelbſt darauf, daß ichh um meiner Sicherheit willen, meinen Aufenthalt in der Abtey waͤhlen moͤgte. 4 . 67 Die Graͤfin war noch beſorgter. Ich mußte ihren Vorſtellungen nachgeben. Mogte der Marcheſe meiner Abſicht auf die Spur gekommen ſeyn, oder hatte er durch einen andern Zufall den Zuſam⸗ menhang erfahren, kann ich nicht be⸗ ſtimmen; genug Pietro rieth mir auch, das Schloß ſo bald als moͤglich zu ver⸗ laſſen. Aus eben dieſem Grunde hielt ich mich ganz verborgen, ich lebte wie ein Gefangener, und die Graͤfin, ge⸗ gen die ich mich immer aͤußerſt auf⸗ merkſam benahm, hoͤrte nicht auf, in mich zu dringen, Eliſen zum Schleyer zu bereden. Ich verſprach dies; ich uͤberzeugte Eliſen, daß gerade dies der ſicherſte Weg ſey, ſie zu entfuͤhren; ſie willigte ein. Niemand war uͤber dieſen Entſchluß vergnuͤgter, als die Graͤfin, ſie ſchrieb es ſogleich dem Abt; dieſer kam zu einem Beſuch, und lnhäutts 23 68 mich mit Freundſchaftsbezeugungen, da er von Eliſen ſelbſt hoͤrte, daß ich ſie zu dieſem Entſchluß beſtimmt habe. Pietro, mit dem ich alles uͤberlegte, fand dieſen Schritt freilich etwas ge⸗ wagt, aber um ſo viel ſicherer, da er alles Mißtrauen entfernte. Genug der Entwurf wurde ausgefuͤhrt; der Abt reiſte ab, in einigen Tagen folgte ich ihm mit Pietro in die Abtey, wo ich mein Zimmer bezog, und wieder ganz als der Mann behandelt wurde, fuͤr den man mich hielt. Wenige Wochen nach uns kam die Graͤfin und Eliſa; ſie wurden mit der groͤßten Freude auf⸗ genommen, und der Namenstag des Abts war dazu beſtimmt, daß Eliſa in dem naheliegenden Kloſter Annonciata den Schleyer als Novize nehmen ſollte. Der Tag, an dem Eliſa den Schleyer nehmen ſollte, kam immer naͤher; ich 4 69 — hatte ihm mit einer gewiſſen Ruhe ent⸗ gegen geſehen; ich wußte in voraus, daß alles zu dem Gelingen meines Planes dienen mußte. Ebenſo Eliſa; ſie ſprach oͤfters mit mir daruͤber; ſie aͤußerte oͤfters Bedenklichkeiten und zeig⸗ te Angſt, indeſſen dieſe Furcht ſchwand bald bei ihr, da ich ſie uͤberzeugte, daß Taͤuſchung hier Pflicht ſey, und da ich ſie bat, ſich nicht zu verrathen. Ich hatte die Graͤfin vermogt, den Abt zu bitten, daß ſie und Eliſa nach der Fey⸗ erlichkeit noch einige Wochen in der Abtey bleiben koͤnne, ehe Eliſa die Zelle des Kloſters bezoͤge. Die Bitte wurde bewilligt, und einen dieſer Tage hatte ich zur Entfuͤhrung beſtimmt. Pietro und Thomaͤ reiſten nach Ancona, 3 um alles, was zu unſerer Flucht noͤ⸗ thig war, dort in Bereitſchaft zu erhal⸗ ten. Sie kamen mit den beſten Nach⸗ 70 richten zuruͤck; ich ſah der Erfüͤllung meines Wunſches um ſo ſicherer entge⸗ gen, da ich das groͤßte Zutrauen genoß, und die Graͤfin mit Eliſen oft zu hal⸗ ben Tagen auf meinem Zimmer waren. Der Tag der Feyerlichkeit war auf mor⸗ gen angeſetzt. Die Graͤfin, Eliſa und ich waren bei dem Abt, als das Laͤu⸗ ten der Glocken das Zeichen zur mor⸗ genden Feyerlichkeit gab. Eliſa zitterte, da ſie dies hoͤrte; ich redete ihr zu, ich ging mit ihr im Saale auf und nieder, ich bot alles auf, um ſie zur Standhaſtigkeit zu vermoͤgen; es ſchien mir gelungen zu ſeyn. Der Morgen brach an. Die Feyerlichkeit hatte eine große Menge Menſchen verſammelt; ich konnte aus meinem Zimmer den mit Menſchen von allerlei Staͤnden ange: fuͤllten Platz vor der Kirche uͤberſehen; als der Abt zu mir ſchickte, und mich 7 7 einladen ließ, Theil an der Feyerlichkeit zu nehmen. Ich kleidete mich ſo praͤch⸗ tig als moͤglich, ich nahm meinen Platz in einem der Emponſtuͤhle neben dem Altar, von dem ich die ganze Feyerlich⸗ keit anſehen mußte. Gern waͤre ich die⸗ ſes Anblicks uͤberhoben geweſen, und das um deſto mehr, da ich Eliſen ver⸗ ſprochen hatte, nicht hei der Feyerlich⸗ keit zu ſeyn. Ich ſah vor mir nieder auf das Getuͤmmel der Menge, das ſich jetzt in dem Hauptgange der Kir⸗ che oͤffnete, um Eliſen den Weg frey zu machen, die von vier Moͤnchen und mehreren Nonnen zum Altar begleitet wurde. Eiliſa ſchlich wie eine Verur⸗ theilte den Gang herauf, ſie ſah vor ſich nieder, vor dem Altar hob ſie von ohngefehr den Blick, ſie ſah mich, und ſank ohnmaͤchtig an den Stufen nieder. Mein Schrecken war grenzenlos, ich —— 92 durfte und konnte nichts weiter thun; indeß wurde die Ungluͤckliche zu ſich ſelbſt gebracht, und die heilige Hand⸗ lung ging vor ſich. Ich ſage nichts von dem Empfindungen, die jetzt in mir tobten. Sie waren ein Gemiſch von Liebe und Furcht; jene wurde immer ſtaͤrker bei dem Anblick der einer, Leiche aͤhnlichen; dieſe ergriff mein Herz um ſo mehr, da alles, was ich ſah, mich lebhafter an mein Unrecht erinnerte; ich machte mir Vorwuͤrfe, daß ich Eliſen bewogen hatte, hier im Tempel die Rolle der Heuchlerin zu uͤbernehmen. Faſt haͤtte ich mich verrathen, und ein Gluͤck war es, daß jeder mit der Hand⸗ lung ſelbſt beſchaͤftigt war, man haͤtte es mir ſonſt anſehen muͤſſen, was in mir vorging. Indem ich ſo in Gedan⸗ ken ſtand, ſtieß mich jemand leiſe an. Ich ſah mich um. Pietro ſtand hinter 73 mir. Er winkte mir, zurückzutreten. „Laſſen Sie ſich nicht vor den Menſchen ſehen,“— ſagte er—„dort ſteht je⸗ mand, der Sie nicht ſehen darf.“— Ich erſchrak; verſtohlen ſah ich hinter den Vorhaͤngen des Stuhls vor,— gegen mir uͤber ſtand der Marcheſe, der mich mit geſpannten Blicken anſah. Ich laͤugne nicht, ſein Anblick machte das Blut in meinen Adern ſtarrend; ich wußte, in welcher Abſicht er kam, er wollte Eliſen von mir fordern. Mogte er dieſe verdienen, oder nicht, das ging mich weiter nicht an; genug, ich hat⸗ te darauf zu rechnen, daß er ſchreckliche Rache an mir nehmen wuͤrde, ob er gleich den wahren Plan nicht kannte. Was wuͤrde ich zu befuͤrchten gehabt haben, haͤtte er meine ganze Abſicht gekannt? Die Handlung war vollbracht. Ich 3 74 ging fruͤher auf das Jienmer des Abts, meine Gedanken durchkreuzten ſich fuͤrch⸗ terlich, als der Abt mit der Graͤfin kam. Sie ſahen mir meine außeror⸗ dentliche Spannung anz der Abt frag⸗ te nach der Urſach, ich entdeckte ihm, daß ich den Marcheſe geſehen habe, deſſen ganze Nache ſich auf mir ſam⸗ meln wuͤrde, da er uͤberzeugt ſey, daß Eliſa bloß auf mein Zureden den Schleyer genommen habe. Beide er⸗ ſchraken. Die Ankunft dieſes Men⸗ ſchen war ihnen zu unerwartet. Ihr Rath war, mich unter keinem Vorwan⸗ de aus der Abtey zu entfernen. Eliſa war unterdeß von den übrigen Nonnen nach dem naheliegenden Gebaͤude des Kloſters Annonciata gefuͤhrt; wir wur⸗ den zu der Tafel geladen. Wir gingen hin. Wie mir in dem Augenblicke wur⸗ de, da ich in das mit Nonnen ange⸗ te, da ich ſie an einen Stuhl fuͤhren 75 fuͤllte Zimmer trat, da Eliſa mir naͤher kam, da ich ſie im Schleyer und Anzu⸗ ge der Nonnen erblickte, da ſie zitternd meinen erheuchelten Gluͤckwunſch anhoͤr⸗ mußte, auf dem ſie halb ohnmaͤchtig niederſank,— das wage ich nicht zu beſchreiben. Ich hatte Zeit genug, mit ihr zu ſprechen. Ich gingein dem gro⸗ ßen Vorſaal des Zimmers mit ihr auf und nieder; ich erzaͤhlte ihr die An⸗ kunft des Marcheſe, und nahm daher die Gelegenheit, ihr begreiflich zu ma⸗ chen, daß der Entwurf unſerer Flucht in wenigen Tagen ausgefuͤhrt werden muͤßte. Sie willigte ein. Ich zwang mich, den Tag in der Geſellſchaft ſo heiter hinzubringen als moͤglich; dies wurde mir um deſto leichter, da jeder mir die groͤßten Lobſpruͤche machte, daß 76 die Kirche mir einzig und allein dies ſchöne Opfer zu verdanken habe. Ein ſolcher Tag wird gewoͤhnlich mit Luſtbarkeiten hingebracht; er iſt gewiſſermaßen der Koͤder, ſein ſolches ungluͤckliches, von der Welt und ſeinem eignen Herzen verlaſſenes Geſchoͤpf zu betaͤuben und einzuſchlaͤfern. Die gan⸗ ze Geſellſchaft ging nachher im Garten ſpatzieren. Pietro, den ich zu meiner Aufwartung hatte, kam zu mir.„Herr,““ ſagte er,„ich habe einen Vorſchlag, der Ihren Beifall haben wird.“—„Und der waͤre?“—„Sie ſehen, wie alles ſich der tollen Freude uͤberlaͤßt. Die ganze Abtey iſt hier verſammelt, und nuͤchtern bleibt keiner. Wie waͤre es, wenn Sie Eliſen beredeten, dieſen Abend mit uns zu fliehen? Entſchlie⸗ ßen Sie ſich kurz; in einigen Stun⸗ 1 7⁷ den muß ich Ihren Entſchluß wiſſen.“ 3 — Aufrichtig geſagt, das Ueberraſchen⸗ de gefiel mir um ſo mehr, da dieſer unerwartete Weg der ſicherſte war. Ich aͤußerte dies gegen Pietro. Die Graͤ⸗ fin unterbrach uns; ſie kam und dankte mir noch einmal; ſie that dieß mit einer Herzlichkeit, mit ſo viel wil⸗ dem Feuer im Auge, daß ich natuͤrlich ſchließen mußte, auch ſie wuͤrde den heutigen Tag der ausgelaſſenen Freude zu der Erreichung ihrer Abſicht mit mir benutzen wollen. Ich hatte Muͤhe, mich in meiner Rolle zu halten; nur Eli⸗ ſens Wohl, das auf der Wagſchaale lag, und der Gedanke an meine Liebe hielten mich.— „Eliſa ſcheint doch etwas traurig,“ ſagte ich,„reden Sie ihr nur mehr zu, gnaͤdige Frau.“—„Von mir 78 wird ſie nicht gern die Beruhigungs⸗ gründe annehmen,“ war ihre Antwort, „in mir ſieht ſie leider bloß die Stief⸗ nufters aber wenn Sie ihr zureden, ich, glaube, das wird mehr zu ihrer Ru⸗ he beitragen. Sprechen Sie lieber oh⸗ ne Zeugen mit ihr.“— Gerade das wollte ich; indes durfte ich mir dies nicht merken laſſen. Ich ſtellte mich, als thaͤte ich es nicht gern, als fuͤrch⸗ tete ich, Eliſa moͤgte es merken, daß der Wunſch, der Mutter gefaͤllig zu ſeyn, mehr, als meine eignen Grundſaͤ⸗ tze die Quelle meines Zuredens gewe⸗ ſen ſey; indeß, ich verſprach es. In dieſem Augenblick kam Eliſa mit der Domina des Kloſters den Gang herauf. Wir gingen ihr entgegen. Kaum eini⸗ ge Minuten vergingen, als die Domi⸗ na mit der Graͤfin ſchon in einem ver⸗ traulichen Geſpräch begriffen waren, 79 und ich an Eliſens Hand den Gang durchſtrich. Daß ich lauter offne Gaͤn⸗ ge waͤhlte, in denen man uns nicht be⸗ horchen konnte, war natuͤrlich; noch natuͤrlicher, daß ich keine Zeit verſaͤum⸗ te, Eliſen von allem zu benachrichtigen. Sie war bereit. Wir beredeten, daß ſie, unter dem Vorwande einer kleinen Unpaͤßlichkeit, ſich gegen Abend nach ihrem Zimmer begeben ſollte, daß ſie ſich dort ermudet ſtellen, daß ſie die Einſamkeit wuͤnſchen ſollte, und daß ſie ſich dann zu der beſtimmten Zeit zur Flucht bereit halten moͤgte. Ich ſuchte Pietro auf, und benachrichtigte ihn von unſerer Verabredung. Der alte Kerl war außer ſich vor Freuden, er hatte nicht die geringſte Bedenklich⸗ keit. Es war jetzt Nachmittags 3 Uhr. Pietro ging fort, um, wie er ſagte, noch einige Anſtalten zu treffen, Ich 80 fragte ihn nach dem Marcheſe. Dieſer war verſchwunden. Alles ging nach unſrer Verabre⸗ dung. Gegen Abend klagte Eliſa uͤber Kopfſchmerz und gab zum Grunde an, daß ſie die ganze vorige Nacht ſo viel geweint habe. Sie wuͤnſchte, nach ih⸗ rem Zimmer gebracht zu werden; die Domina wollte ſie auf ihre angewieſe⸗ ne Zelle bringen. Eliſa weigerte ſich; die Domina gab nach, die Graͤfin und ich begleiteten Eliſen nach ihrem Zim⸗ mer auf der Abtey. Hier aͤußerte ſie gegen mich, daß ich ſie verlaſſen moͤg⸗ te und daß bloß ihre Mutter bei ihr bleiben ſollte. Ihr Wunſch wurde ge⸗ waͤhrt. Das Flaͤſchchen mit dem Schlaf⸗ trunk, das ich vom Pietro hatre, gab ich unvermerkt an Eliſen, und ſo ver⸗ ließ ich ſie, um in den Taumel des Klo⸗ b 81 ſters zuruͤckzugehen. Hier hielt ich mich noch eine Stunde auf, dann ging ich auf mein Zimmer, und erwartete nun mit banger Sehnſucht den Augen⸗ blick der Ausfuͤhrung. Zu meiner groͤß⸗ ten Freude ſah ich, daß in dem Abtey⸗ garten alles ſtill war. Es ſchlug Zehn. Dies war die beſtimmte Zeit. Pietro kam an mein Fenſter, die Strickleiter wurde angelegt— ich ſtieg hinab,— wir gingen nach Eliſens Fenſter,— Etiſa oͤffnete es, auch ſie hing die Strickleiter an, ich ſtieg hinauf, die Graͤfin lag auf dem Sopha und ſchlief, an meiner Hand ſtieg Eliſa hinab⸗ Pietro ſtand unten an der Mauer, wir eilten durch den Garten, die Mauer war uͤberſtiegen, und Eliſa war frei. Wir gingen an der Mauer uͤber den breiten Platz vor der Abtey fort, als ploͤtzlich eine Kutſche, mit mehreren II. 6 8 82 Menſchen beſetzt, uns um die Ecke ent⸗ gegenflog. Das Laͤrmen und die Mu⸗ ſik im nahen Kloſter waren Urſach, daß wir das Raſſeln des Wagens nicht ge⸗ hoͤrt hatten. Zum Ungluͤck ſchien der Mond ſehr hell, und wir ſtanden an der Mauer, die von den Schein des Mondes ganz erhellet war. Eine ſtar⸗ ke Stimme vom Wagen rief uns zu, naͤher zu kommen, wir weigerten uns und blieben ſtehen, mehrere Kerle ſpran⸗ gen von dem Bock und hinten von dem Wagen herab; einer oͤffnete den Schlag; der Marcheſe ſtand vor uns und ſchlug ein wildes Gelaͤchter auf. Sein An⸗ blick ſetzte mich in Wuth; ich wollte ihn niederhauen, er ſprang aus dem Hiebe zuruͤck, einer ſeiner Begleiter wollte ihn raͤchen, ich durchſtach ihn, indeß ein Dritter, der mir zu Leibe wollte, vom Pietro niedergehauen wur⸗ 9„ I 6 ihrer eigenen Sicherheit gezwungen ſein, 83 de; jetzt erkannte der Martheſe mich und Eliſen. Er befahl, Elifen zu grei⸗ fen; wir wehrten uns; Pietro ſank erſchoſſen nieder, und Eliſa, die zitternd an mir hing, wurde mir entriſſen und in den Wagen geſchleppt. Der Wagen fuhr fort. Drei der Kerls blieben bei mir zuruͤck; meine Gegenwehr waͤre Tollkuͤhnheit geweſen; ich fragte den einen Kerl, ob er wiſſe, wer ich ſey? — er beſahete dies, und ſagte zugleich, daß ſie den Auftrag gehabt haͤtten, mich zu morden, daß ſie laͤngſt die be⸗ queme Gelegenheit dazu abgewartet haͤt⸗ ten; daß aber der Marcheſe dieſen Be⸗ fehl heute widerrufen habe. Es kaͤme daher bloß auf mich an, ob ich mich durch ein ſtilles Verhalten dieſer Scho⸗ nung werth machen wollte, ſonſt— ſie zogen ihre Terzerole— wuͤrden ſie zu . 84 mich niederzuſchießen. Mit dieſen Worten verließen ſie mich, und gingen nach dem Gebirge. Ich wußte nicht, was ich machen ſollte; denn ich hatte Muͤhe, mich zu uͤberzeugen, daß das alles Wirklichkeit ſey Ganz außer mir warf ich mich neben Pietro nieder. Er lebte noch.„Retten Sie ſich, Herr ſagte er, nich kann nur noch einige Minuten leben. Retten Sie ſich, Sie ſind ſonſt ungluͤcklich, wenn man Sie findet.“ Ich wollte nicht. Er beſchwot mich, indem er ſagte, daß er's fuͤhle, wie nahe ſein Tod ſey; zer bat mich nur um das einzige, ihn mit in den nahen Wald zu nehmen, damit er dort ſterben, und nicht erſt ſeine Feinde noch einmal ſehen durfe. Ich richtete ihn auf; ich ſchleppte ihn fort, und er drang immer mehr darauf, daß ich ihn 1 verlaſſen ſolle. Ich fragte ihn, ob ich 1 85 nicht am ſicherſten thaͤte, nach der Ab⸗ tey zuruͤckzugehen?—„Nein, nein,“ ſagte er,„dann waͤren Sie auf jeden Fall verloren. Waͤre ich nicht verwun⸗ det, dann ginge es allenfalls, aber ſo bitte ich Sie, eilen Sie, den Weg koͤn⸗ nen Sie nicht verfehlen.“ Ich mußte ihn verlaſſen. Ich kam in Ancona an; ich traf Thomaͤz er wollte verzweifeln, da er mein Schickſal hoͤrte, auch er rieth mir zur Flucht. Ich beſtieg das Boot, das mich nach Oſero brachte. Daß ich hier keine Ruhe fand, darf ich nicht erſt erwaͤhnen Ueberall ſah ich Eliſen; immer ſchwebte mir ihr Bild vor, wie ſie verzweifelnd nach dem Wagen geſchle wurde. Dachte ich mir den Gedanken, was vielleicht jetzt aus ihr geworden ſey, und ob ſie nicht gar gemordet war, ſo wollte ich ganz verzweiſeln. Ich wußte nichts, womit 86 ich den Sturm in meinem Herzen haͤtte ſtillen koͤnnen. Nur wenige Tage blieb ich auf Oſero. Ein Schiff, das eben abging, brachte mich nach Trieſt. Hier hoffte ich Ruhe zu ſinden, aber ich ſuch⸗ te ſie eben ſo vergebens, als auf Oſero. Wer mich ſah, mußte glauben, daß naͤchſtens ein Steckbrief hinter mir kom⸗ men wuͤrde, ſo deutlich las man auf meinem Geſicht die Spuren irgend ei⸗ nes ſchrecklichen Verbrechens. Mehrere Monate vergingen, ehe ich mit kaͤlterer Ruhe an mein Schickſal denken konnte. Ich wußte es, daß man mich fuͤr die Urſach der Entweichung Eliſens anſe⸗ hen wuͤrde; dies hielte ich ab, nach Italien zuruͤckzugehen, wo jetzt gewiß tauſend Dolche meiner warteten. Aber auf der andern Seite, war mir doch zu viel daran gelegen, Auskunft uͤber Eliſens Schickſal zu haben. Ich mach⸗ — 82 te mir Vorwuͤrfe daruͤber, nichts mehr 7 fuͤr ihre Befreiung gethan zu haben, und ſo beſchloß ich, durch die Schweiz nach Italien zu gehen. Der Frieden zu Campo Formio hatte uͤber den groͤß⸗ ten Theil Italiens eine große, mir in meinen Abſichten guͤnſtige, Ruhe ver⸗ breitet; ich wagte es, von Genf aus, wo ich mich damals aufhielt, durch das Chamonithal uͤber den Simplon nach Italien zu gehen. Mein Weg fuͤhrte mich uͤber Como; hier traf ich mehrere franzoͤſiſche Offiziere, die, wie es mir ſchien, mit geheimen Auftraͤgen verſe⸗ hen, dieſe Gegenden bereiſten. Ich ſchloß mich an ſie an. Mein Geld und Eliſens Kleinodien ſetzten mich in Stand, Aufſehen zu machen. Bei ei⸗ ner Spatzierfahrt auf dem Comerſee aͤußerte der eine von ihnen, daß die Franzoſen naͤchſtens in den Kirchenſtaat 88 einruͤcken und alles, bis Ancona, beſe⸗ tzen wuͤrden. Dieſer Name ſlog wie ein Blitzſtrahl in meine Seele. Anco⸗ na war mir wichtig; noch wichtiger die⸗Gegend. Eine dunkele Ahndung ſagte mir, daß ich vielleicht Thomä oder jemand treffen wuͤrde, der mir üͤber Eliſens Schickſal Auskunft geben koͤnnte. Ich entſchloß mich, zu folgen; ich bot meine Dienſte an, und da ich mich einem Oberſten vom Ingenieur⸗ ſtaabe, faſt ganz unentbehrlich gemacht hatte, wurde mein Wunſch erfuͤllt, und ich ging in dem Range eines Ingeni⸗ euroffiziers mit. Unſere Geſellſchaft war beſtimmt, zu dem Corps zu ſtoßen, das uͤber Mayland, Parma, Bologna und Ceſena, in den Kirchenſtaat einruͤ⸗ cken ſollte. In der Gegend von Mo⸗ dena trafen wir auf dieſe Armee. Der Oberſt ſtellte mich dem General Ber⸗ e 89 thier vor, und ich wurde ſogleich in deſſen Staab aufgenommen. In Ceſe⸗ na erfuhren wir, daß der General Du⸗ phot in Rom umgebracht ſey, und daß wir nun eilen muͤßten, deſſen Tod zu raͤchen. Wir ruͤckten in dem Gebiete des Kirchenſtaats weiter vor, und ſtan⸗ den jetzt bei Foſſombrone, als ich dem General, mit dem ich die Gegend durch⸗ ritten hatte, meine Geſchichte erzaͤhlte. Er fragte mich, was ich nun thun wolle? —„Eliſen retten, wenn ſie noch zu retten iſt,“ war meine Antwort,„auf welche Art dies geſchehen kann, weiß ich noch nicht.’.—„Wenn Sie nur erſt wuͤßten, wo ſie waͤre, ich fuͤrchte, es ſind nur zwei Faͤlle; entweder iſt das arme Maͤdchen in den Haͤnden des Marcheſe, oder es iſt aufgegriffen, und wieder in's Kloſter gebracht; eins bleibt immer ſo toll wie das andere.“ 90 Ich mußte ihm Recht geben, und der General erlaubte mir, da eben ein klei⸗ nes Kommando nach Ancona ging, dies zu begleiten. Ich that dies gern. Mein erſter Weg war zu dem Juden, der mir das Fahrzeug verſchafft hatte; er kannte mich nicht mehr; ich fragte nach Thomaͤ, dieſer war unſichtbar ge⸗ worden. Aeußerſt verdruͤßlich kam ich zuruͤck. Der General ſahe es mir an, daß meine Erwartung mich getaͤuſcht hatte.„Morgen ruͤcken wir vorwaͤrts,“ ſagte er,„in der Gegend von Corveto. hat ſich ein großer Haufen der Feinde zuſammengezogen. Sie ſtecken in den Appeninen und wir muͤſſen ſie angrei⸗ fen. Gehen Sie mit uns, eine Be⸗ ſchaͤftigung dieſer Art wird Sie etwas zerſtreuen.“ Ich nahm den Vorſchlag gern an. Es war mir, als muͤßte ich auf dieſem Wege Auskunft erhalten. 91 Wir gingen fort; die Feinde wurden angegriffen, und um ſo leichter beſiegt, da ihrer weniger waren, als man uns berichtet hatte, und dieſe wenigen uͤber⸗ dies aus zuſammengelaufenem Geſindel beſtanden. Nach dieſem kleinen Siege drangen wir weiter gegen Mittag, um uns an das, aus Etrurien kommende Hedr, das nach Rom ging, anzuſchlie⸗ ßen. Mein Geſchaͤft, als Offizier vom Staabe, war, in Geſellſchaft mehrerer anderer Offiziere und unter hinlaͤngli⸗ cher Bedeckung, die Gegend aufzuneh⸗ men. Ich war jetzt in der Gegend, wo ich einſt ſo gluͤcklich geweſen war; ich zeichnete ſie freilich aus einem an⸗ dern Geſichtspuncte als damals. Eines Tages— es war aͤußerſt unfreundli⸗ ches Wetter,— fuͤhrte uns der Zufall 9² in ein abgelegenes Wirthshaus, das nahe am Eingange einer Gebirges⸗ ſchluft lag. Ich hatte keinen Bedien⸗ ten vei mir, der mir mein Pferd haͤtte abnehmen koͤngen; ich rief in das Haus hinein, ein Invalide hinkte her⸗ aus. Der Menſch ſchien mir bekannt zu ſeyn; ich ſah ihn genauer anz es war Pietro. Ich ſpringe vom Pferde. „Pietro?— Pietro?“ rufe ich,„biſt Du es wirklich?“— Der arme Menſch war wie aus den Wolken ge⸗ fallen. Erſtaunt ſahe er mich an. Er wußte nicht, wo er mich je geſehen hatte. Ich entdecke mich ihmz er weinte vor Freuden.„Aber ſage mir nur, wie biſt Du gerettet? ich verließ Dich ja, da Du faſt todt wareſt?“— „Ganz richtig; aber der Himmel hat mich erhalten, ich habe mich erholt, und bin, wie Sie ſehen, noch immer da. 93 —„Sch muß Dich nachher laͤnger ſpre⸗ chen; jetzt verhindern mich meine an⸗ dern Geſchafte.“— Mit dieſen Wor⸗ ten gab ich ihm mein Pferd und ging zu den uͤbrigen Offizieren, die groͤßten⸗ theils meine Geſchichte ſchon wußten und an meiner Freude, meinen alten Gefaͤhrten wiedergefunden zu haben, herzlichen Antheil nahmen. Wir hiel⸗ ten uns in dieſem Hauſe den ganzen Tag auf. Der Kommandeur befreite mich heute von meiner gewoͤhnlichen Arbeit; ein anderer Offizier mußte fuͤr mich zeichnen; und ich benutzte dieſe Zeit, mit Pietro zu ſprechen. Daß mei⸗ ne erſte Frage nach Eliſa war, laͤßt ſich leicht denken. Pietro konnte mir weiter nichts davon ſagen, als daß Eli⸗ ſa, aller Wahrſcheinlichkeit nach, auf⸗ gegriffen und in irgend einem Kloſter fey. Dieſe Nachricht erſchreckte mich.— 94 „Als was wird ſie dort ſeyn 2“— „Sſt ſie dort, ſo ſitzt ſie eingemauert bei Gaſſer und Brodt.“—„Alſo biſt Du doch deiner Sache nicht gewiß?“ „Es iſt mir mehr als wahrſchein⸗ 1: daß ſie nicht ber dem Marcheſe iſt. Sie iſt auch nicht einmal einen Tag bei ihm geweſen. Denn kaum hatten Sie mich verlaſſen, als ſchon im Kloſter Laͤrm wurde. Einige von des Marcheſe Domeſtiken, die ich kenne, er⸗ zaͤhlten mir nachher, daß der Wagen umgeworfen, dan eine Menge Menſchen ihn uberfallen, d daß ſich der Mar⸗ cheſe kaum mit llſags Verluſt, hahs retten koͤnnen.“ „Wo wohnt denn der Marcheſe? —„Nur einige Meilen von hier.“”“— Ich beſann mich einige Augenblicke. „Begleiteſt Du mich, Pietro?“—„Ue⸗ 95 berall, wo Sie hingehen, folge ich.“ —„Ich will zu den Marcheſe.“— „Verſteht ſich, daß Sie das mit groͤß⸗ ter Behutſamkeit thun, denn dem Kerl traue ich nicht weiter, als ich ihn ſe⸗ he.“—„Ich werde Begleitung mit⸗ nehmen.“—„Nun dann ſoll's ſchon gehen.“— Ich ging zu meiner Ge⸗ ſellſchaft. Der Major, mein Freund, bewilligte es mir ſehr gern, daß ich den folgenden Tag in Begleitung eines Commando's und einiger anderer Offi⸗ ziere nach dem Schloſſe des Marcheſe ritt. Unterwegs erfuhr ich von Pietro die Geſchichte ſeiner Rettung. Der Schuß hatte ihn mehr betaͤubt, als toͤdtlich verwundet, nur bloß der Blut⸗ verluſt hatte ihn beſorgt gemacht, daß er ſterben wuͤrde. Zum Gluͤck hatte ich ihn unweit eines kleinen Baches im Walde liegen laſſen. Pietto wurde . 96 ohnmaͤchtig, fein ſtarker Koͤrperbau er⸗ trug dies, er ermunterte ſich, und da ihn ein brennender Durſt plagte, ſo kroch er mit Muͤhe zu dem Bache, wo er ſich erquickte. Von ohngefehr kamen gegen Morgen einige Maulthiertreiber den Weg zu dem Bache hinab, ſie fan⸗ den den verwundeten Pietro. Sein Vorgeben, daß er als Begleiter eines Reiſenden von Raͤubern angefallen ſey, fand um deſto leichter Glauben, da er gar keine Waffen bei ſich hatte, und man ihn ganz allein im Walde gefun⸗ den hatte. Die Maulthiertreiber nah⸗ men ihn mit ſich nach dem Wirthshau⸗ ſe, wo ſie gewoͤhnlich uͤbernachteten; hier uͤbergaben ſie ihn dem Wirth. Pietro ward geheilt, er blieb bei dem Wirthe, dem er durch ſeine Treue im⸗ mer werther geworden war⸗ 97 Es war Mittag, als wir auf dem Schloſſe des Marcheſe ankamen Mei⸗ nen Leuten wurde unter dem Vorwan⸗ de, daß morgen ein groͤßeres Korps in dieſe Gegend ruͤcken wuͤrde, die Ge⸗ baͤude des Schloſſes zur Wohnung an⸗ gewieſen. Ich mit den uͤbrigen Offi⸗ ziers wurden zu dem Marcheſe ſelbſt geladen. Ich weiß nicht, duͤnkte es mir ſo, oder war es Wahrheit; genu der Marcheſe ſah mich mit Mißtrauen an; ich auf der andern Seite zwang mich, ſo unbefangen zu ſcheinen als moͤglich. Nach Tiſche ging ich mit ei⸗ nem der Offiziere nach dem Zimmer des Marcheſe. Er war außerſt verlegen.— „Ich weiß nicht,“— fragte ich ihn, — ob Sie mich noch kennen? „Wenn ich nicht irre, waren Sie auf dem Schloſſe der Graͤfin Richiſini.“— „Ganz recht. Ich entfuͤhrte die Toch⸗ II. 1 7. 98 ter der Graͤfin, Eliſa. Was bewog Sie, mir dieſe als ein Räuber zu ent⸗ reißen?— und wo iſt ſie jetzt?“— Ich erwartete, daß der Mann mir ank⸗ worten wuͤrde; ſtatt aber zu ſprechen, ſprang er gegen die Wand, an der ein Paar Piſtolen hingen. Mein Freund ſprang mit entbloͤßtem Saͤbel vor, und ſchlug die Hand des Marcheſe in die Hoͤhe, daß das Piſtol herabfiel. Nun wußte ich, was ich zu erwarten hatte, und wie ich mich nehmen mußte, um von dieſem Menſchen die Wahrheit zu erfahren. Ohne weitere Umſtaͤnde frag⸗ te ich ihn: ob er mir wollte Auskunft uͤber Eliſens Schickſal geben, oder ob ich ihn durchbohren ſollte?— ich konn⸗ te mich kaum halten, den Menſchen, der immer noch verſtockt daſtand, nicht niederzuhauen. Mein Freund war un⸗ gkeich kalter als ich. Er hielt mich ab, 99 und trat nun mit ruhigem feſten Blich vor den Marcheſe.—„Sie haben die Wahl,“ ſagte er,„es zu geſtehen, was Sie von Eliſens Schickſal wiſſen, und meinen Freund zu ihrem Wieder⸗ beſitz zu verhelfen; oder Sie ſind mein Gefangener. Ob Sie nach zwei Stunden noch Gelegenheit haben wer⸗. den, das zu thun, was ich verlange, bezweifele ich ſehr. Wenn Sie Verraͤ⸗ ther an Eliſen ſeyn konnten, ſo ſehe ich nichts, was mich hindern koͤnnte, es an Ihnen zu werden.“— Der Marcheſe ſchwieg. Er war nachdenkend, und ſchien mit ſich ſelbſt im Kampfe zu ſeyn.—„Es iſt wahr,“ ſagte er, nich bin Ihr Feind geweſen. Ich ha⸗ be ſogar den Auftrag gegeben, Sie zu morden; aber dieſen Befehl habe ich widerrufen an dem Tage, an dem Eliſa eingefuͤhrt wurde. Ich wußte 100 nichts von Ihrem Plan, Eliſen zu ent⸗ fuͤhren; ich traf Sie von ohngefaͤhr; aus Rache raubte ich Ihnen Eliſen; aber in wenig Minuten wurde ſie mir wieder geraubt.“—„Ihnen wieder geraubt?“ fragte ich,—„und das in 1 wenig Minuten?“—„Wie ich Ihnen das ſage. Das Gefecht mit Ihnen hat⸗ te uns verſaͤumt. Der Laͤrm hatte Leu⸗ te herbeigezogenz Ihre und Eliſens Albweſenheit wurde bald bemerkt; man ſetzte hinter uns her, ich wollte einen kuͤrzern Weg nehmen, der Wagen ſchlug um; Eliſa wollte ſich befreien, als eine große Anzahl halb betrunkener Menſchen auf uns losſtuͤrzte; ſie ent⸗ riſſen mir Eliſen, und ich mußte es noch als ein Gluͤck anſehen, daß ich mich durch die Flucht retten konnte. Unter einem tobenden Laͤrm wurde das arme Maͤdchen zuruͤckgeſchleppt. Hatte 161 ich den Ausgang nur im geringſten be⸗ fuͤrchtet, wahrhaftig ich haͤtte meine Rache vergeſſen; ich haͤtte Ihnen das MNaͤdchen lieber gegoͤnnt, als daß ich es im Kloſter wiſſen muß“—„Marche⸗ ſe, iſt das alles wahr, was Sie ſagen?“ —„Alles wahr! Sie wiſſen, ich bin Ihr Freund nicht; ich habe Sie gehaßt; aber Sie ſollen mich hochachten. Ich gebe Ihnen jetzt eine Handſchrift; ich erkenne mich in dieſer als Anfuͤhrer der Rebellen; dieſe Schrift uͤbergebe ich Ihnen, und wenn ein Wort von dem, was ich Ihnen ſagte, gegen die Wahr⸗ heit iſt, ſo ſollen Sie von dieſer Schrift Gebrauch machen. Sie wiſſen, wel⸗ ches Loos mir dann bevorſteht.“— Ich wollte dem Menſchen nicht trauen; aber die letzten Worte ſchie⸗ nen mir doch fuͤr ſeine Aufrichtigkeit zu 102 ſehr Buͤrge zu ſeyn, und das um ſo mehr, da der Marcheſe dieſen ihm ſo aͤußerſt gefaͤhrlichen Vertrag niederſchrieb, unterſiegelte, und mir das Papier gab. Ich, las es; es war ein beſtimmtes Todesurtheil, wenn ich ihm eine Un⸗ wahrheit beweiſen konnte. Ich ſteckte das Papier in meine Brieftaſche. Ei⸗ nige Minuten vergingen ganz ſtill.— „Sagen Sie, was ich nun mache? fragte ich ihn, denn ich muß es geſte⸗ hen, ſein unbedingtes Zutrauen zu mir, mit dem er ſein Leben in meine Ge⸗ walt gegeben hatte, zwang meinem Herzen eine gewiſſe Achtung ab.— „Wo treffe ich Eliſen? Wie rette ich ſie?“—„Wahrſcheinlich iſt ſie im Kloſter, und zwar als eingemauerte Verbrecherinn.“—„In welchem Klo⸗ ſter?“—„Auch vielleicht in keinem Kloſter, ſondern in der Abtey ſelbſt. 1 103 Finden Sie ſie dort nicht eingemauert, je nun, ſo finden Sie ſie als— als“ — Er zauderte. Ich nahm das letz⸗ te Wort als Frage:„als?— wie meinen Sie das?“—„vielleicht als Geliebte des Abts. Sie haͤtten, wenn Sie mit kaltem Blut beobachteren, ſehr leicht bemerken muͤſſen, daß der Abt ſo 5 etwas im Sinne hatte.. Ich ſchwieg; ich ſahe, daß der Marcheſe Recht hatte. Kochend vor Wuth, fragte ich:„Sagen Sie mir nur, wo ich Auskunft erhalte?“— Er beſann ſich.„Wie waͤre es, wenn Sie ſich nach Richiſini machten, wo Eliſens Mutter, die Graͤfin, wohnt? Ich weiß zwar nicht, wie Sie mit dem wolluͤſtigen Weibe ſtehen, nur ſo viel weiß ich, daß Sie bei der Graͤfin viel gelten.“ Ich fuͤhlte, daß der Marcheſe 104 auch hier Recht hatte; die Graͤfin wollke mich in ihre Schlingen immer mehr verwickeln; ich hatte geglaͤubt, daß niemand dies merke, und jetzt hoͤr⸗ te ich, daß dieſer Plan der Graͤfin kein Geheimniß war. Im Grunde trieb mich alſo ein doppelter Grund zu die⸗ ſem Beſuch: der Wunſch, Eliſens Auf⸗ enthalt zu erfahren, und Rache an der Graͤfin zu nehmen, denn dieſe hatte doch dan Eliſens uUngluͤck einen großen Antheil. Wir ritten zurück. Vor mei⸗ ner Abreiſe wollte ich dem Marcheſe das Todesurtheil wieder zuruͤckgeben. Er nahm es nicht.„Ich traue es Ih⸗ nen zu“ ſagte er,„daß Sie nicht früher Gebrauch davon machen, als bis Sie ſich äͤberzeugt haben, daß ich Sie taͤuſchte. Sie behalten dies Pa⸗ pier. Ich weiß in voraus, daß Sie es mir in einiger Zeit als Ir ünd 1u —2 5 105 rückgeben.“ Wir trennten uns.„Ichh weiß nicht,“ ſagte ich unterwegs zu meinem Freunde,„wie ich den Mar⸗ cheſe nehmen ſoll“—„Der Kerl handelt vielleicht zum erſten Mal ehr⸗ lich. Er thut es, ſich an den Abt, an der Graͤfin, und vielleicht auch an Eliſen ſelbſt zu raͤchen. Der Bewe⸗ gungsgrund ſeines Verhaltens iſt alſo der beſte nicht; indeß das ſchabet Ih⸗ nen wenigſtens fuͤr jetzt nicht. Ob er ſich nicht auch noch an Ihnen raͤchen wird, ſobald er es mit Sicherheit thun kann, das iſt eine andere Frage.“— S. nahm es mir vor, mit der groͤßten Behutſamkeit zu handeln; ich wollte mir nichts vorzuwerfen haben; ich fprach mit dem General, er rieth mir es ab, nach der Gräfin zu reiſen. 8 Nach ſeiner Meinung wuͤrde ich mich 106 zu leicht verrathen, und dies wuͤrde, nach ſeiner Anſicht, der weitern Entde⸗ ckung unuberſteigliche Hinderniſſe in den Weg legen. Er trug es daher ei⸗ nigen meiner Freunde auf, bei dem Marcheſe durch dieſe Gegend das graͤf⸗ liche Schloß zu beſuchen, um mir Aus⸗ kunft zu verſchaffen. Da unſer Korps durch dieſe Gegend ging, ſo konnte der ganze Plan deſto unbemerkter ausgefuͤhrt werden. Eines Morgens kamen einige meiner Freunde unvermuthet auf dem Schloſſe an. Die Graͤfin war gegen⸗ waͤrtig. Sie erklaͤrten, wie ſie auf be⸗ 3 ſondern Befehl des Generals die Guͤter und das Schloß der Graͤfin mit ausge⸗ zeichneter Schonung behandeln ſollten. Dies war in den benachbarten Gegen⸗ den nicht geſchehen. Mit banger Furcht war ihnen die Graͤfin entgegen gekom⸗ men; die ganz unerwartete Aeußerung 107 der Officiere fiel ihr auf; noch mehr die Aeußerung, daß ſich dieſer Befehl ſogar auf die Verwandten und Freun⸗ de der Graͤſin erſtrecke. Vor Freuden außer ſich, fragte die Graͤfin nach der Urſach.„Die wiſſen wir nicht; wir haben blos den ſtrengen Befehl; wir und unſere Leute beſolgen ihn, und ſie werden uns bei unſrer Abreiſe ein Zeug⸗ niß unſers Verhaltens geben, das wir — zu verdienen uns bemuͤhen wollen. Am Tiſche wurde die Graͤfin im⸗ mer zutraulicher; die Herzen oͤffneten ſich. Es ſchien, als ob lauter vertraute Freunde des graͤflichen Hauſes ſich zu einem traulichen Mahle eingefunden haͤtten. Auf einem Spatziergange in dem Garten ſchloß ſich mein Freund an die Graͤſin. Er hatte Welt und feine Lebensart genug, ſich bald unenibehr⸗ 108 lich zu machen, und das um deſto mehr, da die Dankbarkeit der Graͤfin ihm ſchon ihr ganzes Herz gewonnen hatte. Die feurige Italiaͤnerin fand den ſchoͤ⸗ nen Juͤngling liebenswuͤrdig; es kam zur naͤhern Vertraulichkeit, man ent⸗ deckte ſich von beiden Seiten manches Geheimniß. Auf die ganz oberflaͤchlich hingeworfene Frage: ob die Graͤfin Familie habe?— entdeckt die Graͤfin, daß ſie ene Stieftochter habe, die als Nonne entflohen und jetzt in einem Kloſter als Gefangene dieſe Verſuͤndi⸗ gung buͤße. Mein Freund antwortet nichts, um nicht die Graͤfin aufmerk⸗ ſam zu machen. Erſt nach laͤngern Ge⸗ ſpraͤchen entlockt er ihr das Geheimniß, daß Elifa in dem Kloſter St. Barbara Eremita als Buͤßende aufbewahrt wuͤrde. 51 2 1836 ahielt mich in der zwiſchenzei— 109 in der Nachbarſchaft bei dem Staabe des Generals auf. Meine Freunde ka⸗ men zuruͤck; ich erfuhr, was ich wiſſen wollte. In Geſellſchaft einiger anderer Offiziere ritt ich nun zu dem Marcheſe. Er freute ſich, mich zu ſehen, denn er hatte mir die wichtige Nachricht zu ge⸗ ben, daß er durch Marco Eliſens Auf⸗ enthalt erfahren habe; auch er nannte mir das Kloſter Barbara Eremita. Ich feagte ihn, ob er dies wirklich glaube? 3 —„Ja!“ war ſeine Antwort.„Dies iſt der ſtrengſte Orden, und die arme Ungluͤckliche wird in dieſer Hoͤlle genug gebuͤßt haben.“— Zugleich nannte er mir die Gegend, in welcher dies Klo⸗ ſter; er empfahl mir die groͤßte Be⸗ hutſamkeit, damit mein Plan nicht be⸗ merkt werde, und erbot ſich, mir einen ſehr treuen Menſchen mitzugeben. Sein Erbieten ruͤhrte mich. Ich wollte ihm 110 ſeine Verſchreibung wiedergeben; auch jetzt weigerte er ſich, ſie zu nehmen.— „Dies Papier nehme ich nur aus Eli⸗ ſa's Hand!“— ſagte er,„ich hoffe Sie naͤchſtens beide ganz gluͤcklich zu fehen.“ Ich verließ ihn als Freund. Auf Anrathen meines Gefaͤhrten ſchlug. ich die Begleitung des Menſchen aus, den mir der Marcheſe empfohlen hatte. Erſt nach langer Weigerung ließ er es ſich gefallen, daß der Bediente zuruͤck⸗ blieb. Freilich war es immer noch we⸗ nig genug, was ich wußte; denn ſo⸗ gar die eigentliche Lage des Kloſters war mir unbekannt; nur ſo viel wuß⸗ te ich, daß es eines der groͤßeſten, fe⸗ ſteſten und der ſchoͤnſten in den Appe⸗ ninen ſey. Indeß war ich ſchon zufrie⸗ dden, dem Ganzen, was ich wiſſen woll⸗ te. auf der Spur zu ſeyn. Auf Gluͤck mußte ich ja doch auch etwas rechnen, 11¹1 und wenn mir auch zuweilen ein truͤber Gedanke das Bild der Zukunft verſtn⸗ ſterte, ſo trug die heitere Zuverſicht meiner Freunde alles dazu bei, jede truͤbe Vorſtellung zu verſcheuchen. Ge⸗ rade in dieſer Zeit war es, als der letzte Angriff der Rebellen zuruͤckgeſchla⸗ gen war. Unſer Armeecorps verfolgte ſie, und da die Feinde faſt jeden halt⸗ baren Ort in dem Gebirge mit einem an Verzweiflung graͤnzenden Trotze ver⸗ theidigten, ſo konnte es nicht anders ſeyn, der ganze Weg, auf dem wir gin⸗ gen, mußte mit glimmenden Aſchenhau⸗ fen und mit Leichen bedeckt ſeyn. Die⸗ ſer Widerſtand, und mehr noch, die Beſchaffenheit der Gegend noͤthigten unſern Anfuͤhrer, alle nur moͤgliche Be⸗ hutſamkeit anzuwenden. Kein Weg wurde gemacht, den ich nicht erſt fluͤch⸗ tig gezeichnet halte; keine Stelung 112 wurde genommen, wenn ich nicht vor⸗ her die Gegend umher genau beobach⸗ tet und alles bemerkt hatte, was uns nur irgend Nachtheil bringen konnte. Eines Abends kamen wir ſpaͤt an eine Anhoͤhe. Die Truppen waren zu ermüdet, um ſie zu beſteigen. Wir la⸗ gerten uns unter derſelben, und nur ein kleines Commando mußte einen vor⸗ ſpringenden Huͤgel beſetzen, um evon dort her uns gegen jeden Ueberfall zu ſichern. Der Abend war ſchoͤn; ich erſtieg die Anhoͤhe,— ein tiefes wal⸗ digtes und felſigtes Thal breitete ſich vor mir aus; auf dem entgegengeſetz⸗ . A 2 ten Kamme des Gebirges lag ein gro⸗ ßes feſtes Kloſter⸗ Hingeriſſen von dem maleriſchen Anblick vergaß ich beinahe alles das Schreckliche, was der 1 Name eines Kloſters füͤr mich 8 113 Indem ich zuruͤckgehe, frage ich den Wegweiſer, wie dies Kloſter heißt?— Er nennt mir den Namen Barbara Ere⸗ mita. Welche Empfindungen dieſer Name hervorbrachte, kann ich nicht be⸗ ſchreiben; mir war es, als hoͤrte ich „Eliſens Stimme, die mich um Huͤlfe rief, als ſaͤhe ich ſie im Gefaͤngniß; als duͤrfte ich keine Minute mehr ver⸗ . ſaͤumen, ihr beizuſtehen; ich fragte meinen Begleiter nach der naͤhern Be⸗ ſchaffenheit des Kloſters; ich glaubte nicht genug davon erfahren zu koͤnnen. Der Menſch ſagte mir ganz ehrlich, daß dies Kloſter zu den ſtrengſten Or⸗ den gehoͤrte, daß man gewoͤhnlich die entlaufenen Nonnen in die unter dieſem Kloſter liegenden Gewoͤlbe braͤchte. Sie muͤßten da ihre Tage verjammern, und nach ſeiner Beſchreibung haͤtten ſchon mehrere der Ungluͤcklichen in den dum⸗ II. 114 pfen Gefaͤngniſſen ihr Leben unter Thraͤnen beſchloſſen. Die Glocke des Kloſters ſchlug jetzt Sieben. Ich dach⸗ te es mir lebhaft, daß vielleicht Auch Eliſa jetzt die Schlaͤge der Uhr zaͤhlte. Meine Empfindungen bey dieſem Ge⸗ danken kann ich nicht beſchreiben. Au⸗ ßer mir eilte ich zu dem General. Ich wollte ihm alls entdecken, als die Feinde, die ſich in dieſer Gegend ver⸗ borgen hatten, unſer kleines Comman⸗ do anfielen, es von dem Berge herab⸗ warfen, und nun ſelbſt auf das im Thale ſtehende Hauptkorps vordrangen. Es entſtand ein fehr hartnaͤckiger Kampf; indeſſen es gelang uns, den Feind uͤber die Anhoͤhe zuruͤckzuſchlagen; die Fluͤch⸗ tigen verloren ſich in den felſigten Tha⸗ le und in dem Gebuͤſch; und wir durften, da wir die Gegend nicht kann⸗ ten, es in der Nacht nicht wagen, ſie 115 weiter zu verfolgen.“ Kaum war der Morgen angebrochen, als wir, uͤber die Anhoͤhe hin, in das Thal eindran⸗ gen. Wir bemerkten deutlich, daß die Mauern des Kloſters beſetzt waren, und daß das Kloſter ſelbſt für eine nicht ganz leicht zu nehmende Veſtung gelten konnte. Der General ſchickte hin, die Feinde zur Uebergabe. aufzu⸗ fordern; man ſchoß nach dem Trom⸗ peter. Es wurde Befehl gegeben, das Kloſter zu ſtuͤrmen. Der Sturm miß⸗ gluͤckte. Unſere Truppen wurden zu⸗ ruͤckgeſchlagen. Der General wurde aufgebracht, er ließ einige Granaten in das Kloſter werfen, und in der Zwiſchenzeit von neuem ſtuͤrmen. Die⸗ ſer Verſuch gelang beſſer. Einige Granaten zuͤndeten eins der einzeln ſte⸗ henden Gebaͤude an, und waͤhrend des Schreckens, den die Flamme verbreite⸗ 116 te, wurde die Mauer üͤberſtiegen, die am Thor ſtehenden Rebellen niederge⸗ hauen, das Thor ſelbſt geoͤffnet, und wir zogen ein. Die Scene auf dem großen Hofe des Kloſters war graͤßlich. Vor dem brennenden Gebaͤude hatte ſich ein wuͤthender Haufen der Rebel⸗ len geſammelt. Wir mußten ihn an⸗ greifen; mehrere der Unſrigen fielen, bis wir endlich mit verſtaͤrkter Zahl an⸗ drangen, und den ganzen Hof behaup⸗ teten. Das große feſte Gebaͤude blieb uns noch verſchloſſen; die mit Eiſen⸗ blech beſchlagenen Thuͤren, und die ei⸗ ſernen Gitter vor den Fenſtern, ſetzten uns zu viele Schwierigkeiten entgegen. Dazu kam noch, daß aus jedem Fen⸗ ſter, und aus jeder Durchoͤffnung ge⸗ ſchoſſen wurde; das Feuer war ſo heftig, und unſer Verluſt ſo bedeutend, daß wir ſchon Willens waren, uns in 1 — 117 moͤglichſter Ordnung zuruͤckzuziehen, als es einigen unſrer kuͤhnſten Leute gelang, durch eine ſeitwaͤrts liegende Thuͤr ein⸗ zudringen. Wir folgten; aber auch hier ſetzte uns der Feind noch den tro⸗ tzigſten Widerſtand entgegen, jedes fe⸗ ſte Zimmer des Kloſters wurde zu ei⸗ ner Feſtung, und jedes Gemach mußte mit Blut erobert werden. Ich war mit unter den erſten 3 Stuͤrmenden, die einer meiner Freunde anfuͤhrte; ohne mich eigentlich meiner bewußt zu ſeyn, ſtuͤrzte ich mich mit in die groͤßten Gefahren. Das ganze Kloſter war erobert; nur die Kirche war noch uͤbrig. Die Rebellen hatten ſie zu einem Hauptwerke ihrer Verthei⸗ digung gemacht, deſſen Einnahme fuͤr uns um ſo ſchwieriger wurde, da die außerſt dicken Mauern, und die hoͤhere 118 Lage des Gebaͤudes ſelbſt, uns bie groͤß⸗ ten Hinderniſſe entgegenſtellten. Unſre Soldaten riefen nach Artillerie. Mein Freund, der das Geſchuͤtz kommandirte, wollte dies nicht gern; er wußte mei⸗ ne Abſicht, und wollte das Gebaͤude ſchonen. Endlich gab er nach. Ein Sechspfüͤnder ſtuͤrzte die Hauptthuͤxe einz wir drangen in den letzten Schlupf⸗ winkel der Feinde. Das Blutbad an dieſer heiligen Staͤtte war fuͤrchterlich; ich ſtuͤrzte unter die Feinde wie ein . wuͤthender Menſchz, mancher fiel unter meinen Streichen, als ich bemerkte, daß mehrere der Feinde, eine, hinter dem Altar befindliche, Fallthuͤr oͤffneten, in das Gewoͤlbe hinabſtiegen, und die Thuͤr hinter ſich zuwarfen. Ich nahm, was ich an Soldaten bekommen konnte zuſammen. Die Thuͤr wurde aufge⸗ brochen. Eine ſteinerne Treppe fuͤhrte 119 uns in ein großes weites Gewoͤlbe, von einer brennenden Lampe durftig erhellt. Kein Menſch war zu ſehen; nur ein dumpfes Geraͤuſch aus der Ferne ließ uns vermuthen, daß eine große Menge der Feinde ſich hieher gefluͤchtet habe. Ohne weitere Unterſtuͤtzung durften wir es nicht wagen weiter vorzudringen, da wir das Gefaͤhrliche des Schlupf⸗ winkels nicht kannten. Ich ſchickte ei⸗ nen meiner Begleiter zuruͤck; er rief eine Anzahl der Unſrigen. Sie brach⸗ ten Fackeln mit. Wir drangen vorz das ferne Geraͤuſch zog ſich immer wei⸗ ter; wir folgten entſchloſſen, und be⸗ merkten einen Haufen der Feinde. Ich ließ Feuer drunter geben. Schrecklich rollte der Donner in den weiten oͤden Gaͤngen, wir drangen noch weiter vor; ein Moͤnch lag verwundet vor mir, er bat um ſein Leben. Meine Leute woll⸗ 120 ten ihn niederſtoßen; Ich ſchlug mit dem Saͤbel die Bajonets zuruͤck, ich verſprach ihm Schonung, wenn er mir gleich auf der Stelle ſagte, wo die eingemauerte Nonne gefangen ſaͤße?— Er zauderte mit der Antwort; eine Bewegung mit dem Saͤbel macht ihn gehorſam, er zeigt mir eine kleine Thuͤr. Zwei meiner Leute muͤſſen den Verwundeten feſt halten; mit Huͤlfe einiger andern trat ich die morſche Thuͤr ein. Eine dumpfe Grabesluft weht mir entgegen. Ich trete naͤher; beim Schein der Fackel erblickte ich ei⸗ ne weibliche Figur in einem ſchmutzi⸗ gen verwetterten Nonnenhabit auf ei⸗ nem Stein ſitzend. Erſchrocken und zitternd ſpringe ich naͤher; es war Eliſa. Ich riß ſie aus dem Gewoͤlbe, ſie ſank ohnmaͤchtig nieder, da der Zug der friſchen Luft auf ſie ſtieß, und ihr, 121 des Lichtes entwoͤhntes, Auge den blen⸗ denden Schein der Fackeln erblickte. Ich rief. Alle Soldaten verſam⸗ melten ſich um uns herum. Mein Freund war der erſte, der mir ſeine Freude uͤber Eliſens Rettung bezeugte. Wir beiden fuͤhrten ſie aus dem Ge⸗ woͤlbe in die Kirche; das arme Maͤd⸗ chen konnte kaum gehen, ſo abgeſpannt und erſchoͤpft war es. Wir beiden tru⸗ gen ſie auf den Hof. Die Reihen der Soldaten ſtanden da, als wir die, ei⸗ ner Leiche aͤhnlichen, Gerettete vortru⸗ gen.„Ein allgemeines Geſchrei des Entſetzens erſchallte auf dem mit Lei⸗ chen bedeckten Hofe des Kloſters. Mei⸗ ne Geſchichte war faſt im ganzen Korps bekannt geworden, jeder nahm Theil daran. Eine Begebenheit dieſer Art war zu empoͤrend, als daß ſie nicht die Soldaten wuͤthend gemacht haben ſollte. 122 Ohne weitern Beſehl abzuwarten, ſtuͤrz⸗ ten die naͤchſten Soldaten in das Klo⸗ ſtergebaͤude hinein.„Eliſa ſagte mir ganz ſchwach, wie ſie wünſche, ſich aus dieſem ſchrecklichen Aufenthalt zu entfer⸗ nen; ein Wunſch der zu gerecht war, als daß ich ihn nicht haͤtte erfuͤllen. ſol⸗ len. Mehrere Soldaten trugen auf meine Bitte die Gerettete nach dem gegenuͤberliegenden Berge, wo wir den General trafen. Kaum waren wir hier, als die biutrothe Flamme aus den Ge⸗ baͤuden des Kloſters gufſchlug, und nur wenig Stunden waren noͤthig„als die Sonne ſtatt des praͤchtigen Gebaͤudes eine rauchende Ruine beſchien. Ich fuͤhle es ſelvſt zu gut, wie ſehr meine Erzaͤhlung hinter meinen Empfindungen zuruͤckbleibt, und wie wenig ich im Stande bin, das alles, was 123 ich in dieſem Augenblick empfand, ſo zu beſchreiben wie ich's fuͤhlte. Wie koͤnnte ich das mit Worten ausdruͤcken, was ich fühlte, als Eliſa, die Gerette⸗ te, die Befreyte, neben mir ſaß; wie ſie den Blick des Dankes und der Lie⸗ be zum Himmel empor ſchlug; dann wieder ſprachlos und ſtumm den gluͤ⸗ henden rauchenden Schutthaufen ihres Gefaͤngniſſes anſah; da ſie, hingerif⸗ ſen von den Empfindungen, die die un⸗ erwartete Aenderung ihrer Schickſale, die ploͤtzliche Umwandlung ihres Looſes in ihrem Herzen hervorbrachte, einer Leiche aͤhnlich, an meiner Seite ſaß und ſich noch gar nicht von der Wirk⸗ lichkeit uͤberzeugen konnte; da ſie mit dankbarem Blick, mit Thraͤnen im Auge die menſchenfreundlichen Huͤlfsleiſtun⸗ gen bemerkte, die der General und je⸗ der ihr erzeigte. Einige Erfriſchungen 124 und einige Glaͤſer Wein gaben ihr Le⸗ ben und Sprache wieder. Ich ſelbſt konnte kein Auge von ihr wenden. Stunden vergingen, wie ſo viele ein⸗ zelne Augenblicke.— Noch an dieſem Tage verließ ich den General unter der lebhafteſten Aeu⸗ ßerung meines Dankes; er hatte ihn ja ganz verdient; und reiſete mit Eli⸗ ſa nach Ancona zuruͤck. Nur ein um⸗ ſtand machte mich beſorgt, und truͤbte die Freude ſehr: ich hatte Urſach fuͤr Eliſens Geſundheit beſorgt zu ſeyn. Die dumpfe Kerkerluft, die ſchlechten Nahrungsmittel, die Einſamkeit und der Kummer hatten ihre Nerven ſo ſehr angegriffen, daß ſie bey jeder noch ſo kleinen Veranlaſſung erſchrak und zu⸗ ſammenfuhr; eine plotzliche Roͤthe faͤrb⸗ te dann ihre Wangen. Ich mußte 125 mich hüten, den Marcheſe zu erwah nen; endlich nannte Eliſa diefen Na⸗ men ſelbſt. Ihr fiel es auf, da ich ihr erzaͤhlte, wie ſich dieſer Mann be: nommen hatte, und wie viel ich ihm um Eliſens Befreiung zuſchreiben mußte. Ihr ſchien das ganz unmoͤglich. Ich zeigte ihr die Verſchreibung des Mar⸗ cheſe; ich erzaͤhlte ihr zugleich ſeine letzte Aeußerung, daß er dies Papier aus ihrer Hand nehmen wolle. Verar⸗ gen wird es Eliſen niemand, wenn ſie mißtrauiſch war; ſie war zu ſehr von Menſchen gekraͤnkt, als daß nicht der Funken des Argwohns in eine Art Menſchenhaß haͤtte uͤbergehen ſollen. Indeß mein Zureden verwiſchte dieſe Eindruͤcke bald. Auf meine Bitte er⸗ laubte der General, daß einer meiner Freunde mich nach Ancona begleiten zurfte. Dieſer vereinigte ſeine Bitten 126 mit den meinigen und Eliſa folgte uns zu dem Marcheſe. Freilich war er ver⸗ legen, da er uns ſah; freilich hatte Eliſa Muͤhe ihrer Aengſtlichkeit Herr zu werden; indeß dauerte dieſe pein⸗ liche Stimmung nur die erſten Minu⸗ ten, da der Marcheſe ſich auf eine Art nahm, die ihm in der That Ehre mach⸗ te. Er geſtand es uns offenherzig/ daß feine Abſicht geweſen ſey, Elifen zu heyrathen, daß aber theils Eliſens Wi⸗ derwille ſelbſt, theils der Tod des Gra⸗ fen dieſen Plan vereitelt habe. Ver⸗ ſoͤhnt mit ihm reiſeten wir ab; wir gingen nach Ancona, und ich konnte durch nichts Eliſen bewegen, ihre Mut⸗ ter noch einmal zu ſehen. Sie ſchrieb ihr, ſte nahm in dieſem Briefe Abſchied von ihr. Dies war ales, was 1n er⸗ Jangen konnte. 127 Widrige Winde hinderten uns ſo geſchwind abzureiſen, als wir wünſch⸗ ten; wir waren gezwungen noch acht Tage in Ancona zu bleiben. Ich haͤtte die Reiſe eben ſo gern zu Lande ge⸗ macht; indeß Eliſa mönte Fies nicht. Sie beſtand darauf, Italien ſo bald als moͤglich zu verlaſſen. Endlich ſchlug die Stunde, in der wir abreiſen wollren. In dem Augenblick, in dem wir aus dem Hauſe traten, fuhr ein Wagen vor; Pietro und Thoma ſprangen her⸗ ab, ſie oͤffneten den Schlag und die Graͤfin, Eliſens Mutter, ſtand vor uns. Um Aufſehen zu vermeiden, gingen wir wieder zuruͤck. Die Graͤfin fuͤhlte ſich ungluͤcklich und bennruhigt durch ihr Betragen gegen Eliſen. Dieſe hatte ihr geſchrieben, daß ſie Italien nie wiederſehen wuͤrde; der Graͤfin war jedes dieſer Worte ein Dolchſtich in'ss 128 Herz. Gegen Eliſens Entſchluß hatte ſie eigentlich nichts; nur wollte ſie ſich nicht in Groll und Feindſchaft von ihrer Tochter trennen. Ich uͤbergehe die Unterredungen; ſie gehoͤren nicht in die Geſchichte; ich eile, um auf die letzten ſchrecklichen Auftritte zu kommen, uͤber die ich gern wegſchluͤpfen moͤgte, wenn ſie nicht zu ſchrecklich in meinem Herzen ſtaͤnden. Noch jetzt iſt mir die Erinnerung ſchrecklich; noch jetzt frage ich mich oft: Ob es moͤglich, ob es wahr ſey, daß ich d das alles erlebte?“— Eliſens Mutter hatte die Entfüh⸗ rung ihrer Tochter ſogleich den folgen⸗ den Tag durch den Abt erfahren, in deſſen Abtey die von St. Barbara Ere⸗ mita Verjagten ihren Aufenthalt nah⸗ mien. Sie wurde unruhig; vielleicht erwachte das Gewiſſen; vielleicht ſtieg 129 in ihrem Herzen die Furcht auf, daß Eliſa und ich auf Rache ſinnen wuͤrden. Ach, wie wenig kannte ſie das Herz ihrer Tochter, wenn ſie dies fuͤrchtete! Genug, wir trennten uns, wenn auch nicht mit Herzlichkeit; dochgohne Haß, ohne Groll. Eliſa hatte ihrer Mutter aus meinem wahren Stande kein Ge⸗ heimniß gemacht; ſie entdeckte, wer ich ſey; die Graͤfin machte uns einige anſehnliche Geſchenke. Die Abſicht, war⸗ um ſie es that, will ich nicht errathen. Blos auf mein Zureden nahm Eliſa dieſe Kleinodien. Die Graͤfin aͤußerte den Wunſch, Eliſen bald und ganz gluͤck⸗ lich wieder zu ſehen. Ach! der Wunſch wurde vereitelt! 3 Wir beſtiegen ein Schiff, das gera⸗ de nach Trieſt fuhr. Wind und Wetter waren, wie wir ſie nur wuͤnſchen konn⸗ I. 9 13⁰ ten. Es ſchien, als ob Eliſa mit dem letzten Fußtritt vom Vaterlande allen Kummer zuruͤckließ. Sie wurde heite⸗ rer; ihr Auge blickte nicht mehr ſo ſchwärmeriſch⸗ernſt und finſter vor ſich nieder. Eine Entdeckung, die mich um ſo mehr er eute, da ich ſchon Urſach zu haben glaubte, daß ſie nie wieder heiter werden wuͤrde. In einer dieſer zufriedenern Stunden erzäͤhlte ſie mir ihre weitere Geſchichte. Vorher hatte ſie nicht Kraft dazu; ich ſah, wie die Vorſtellung ſie angriff und mußte ſie ſelbſt bitten, ihre weitere Geſchichte nicht zu erwaͤhnen. Ich will den Fa⸗ den ihrer Geſchichte da anknuͤpfen, wo ſie in der merkwuͤrdigen Nacht ihrer Entfuͤhrung mir auf eine ſo auffallende Weiſe entriſſen wurde. Der Marcheſe — war Rache, die er aͤn mir nehmen wollte, die Urſach ſeines Betragens; 8 ſa entſpringt in der Unruhe und kaum 131 oder gluͤhete die Liebe zu Eliſen von neuem auf— hatte Eliſen im Wagen neben ſich. Einer der Domeſtiken muß⸗ te ſie halten; denn ſie wollte immer aus dem Schlage ſpringen. Indem der Marcheſe ſich alle Muͤhg gab, ſie zu beruhigen, hoͤrte er, daß das kleine Gloͤckchen im Kloſter gezogen wurde, und daß wenig Augenblicke nachher die groͤßere Glocke zum Stuͤrmen ange⸗ ſchlagen wurde. Dies Zeichen brachte aalle Bewohner des Kloſters und der nahen Abtey in Aufruhr. Man fragte nach der Urſach; und erfuhr die Ent⸗ fuͤhrung Eliſens. Sogleich zerſtreute ſich alles in die umliegende Gegend. Man ſah den Wagen; man hoͤrte Eli⸗ ſens Geſchrey um Huͤlfe; man ſtuͤrzt herzu. Der Marcheſe will mit Eliſen gentfliehen; der Wagen warf um; Eli⸗ 13² hatten die Begleiter des Marcheſe ſo viel Zeit, den Wagen aufzurichten und zu entfliehen. Eliſa bedachte in den erſten Augenblicken nicht, in welche Haͤnde ſie ſich geworfen hatte. Sie fraͤgt nachgmir; ſie bittet ihre Beglei⸗ tung, mit ihr nach dem Platze zu ge⸗ hen, auf welchem der Streit geweſen war. Man fand zwei Leichen. Eliſa glaubt, ich bin mit darunter. Man er⸗ kennt die Gebliebenen fuͤr zwey Dome⸗ ſtiken des Marcheſe. In dieſem Augen⸗ blick, in welchem Eliſa noch nichts, als die Freude, ſich von dem Marcheſe befreyet zu ſehen, empfindet, entſteht noch ein groͤßerer Tumult. Eine Men⸗ ge Bewaffneter dringt aus dem Kloſter, Eliſa wird fortgeſchleppt, und jetzt erſt wird ſie gewahr, welchem traurigen “ Schickſal ſie entgegen zu gehen gezwun⸗ 88 gen iſt. Ohne ſich ihrer bewußt zu 133 ſeyn, wird ſie nach ihrem Zimmer zu⸗ ruͤckgebracht. Die Graͤfin liegt immer noch in einem todtenaͤhnlichen Schlafe. Man ſchickte nach meinem Zimmer— es war leer; man fand nichts, als die Strickleiter, die ich am Fenſter hatte hangen laſſen. Dieſe Leiter wurde dem Abte gebracht; Eliſa wird als Gefangene bewacht, am folgenden Mor⸗ gen geht die Unterſuchung an. Eliſa geſteht alles; denn Laͤugnen wuͤrde ihr nichts geholfen haben. Nach allen Seiten hin werden Menſchen ausge⸗ ſchickt, mich zu greifen; ein beſonde⸗ res Gluͤck ſchuͤtzte mich, ich entging al⸗ len Nachſtellungen. In der Graͤſin Gegenwart wurde das erſte Verhoͤr ge⸗ heaalten. Die Ungluͤckliche war nicht mmehr ihre Tochter; ſie war entlaufene Nonne; daher war Eliſen der Anblik— ihrer Mutter, die ihr waͤhrend des 134 Verhoͤrs die ſchneidendſten Vorwuͤrfe machte, empfindlicher als alle die Bann⸗ ſluͤche, die der Convent uͤber die Ver⸗ laſſene ſchleuderte. Selbſt die Fluͤche des Abts trafen ihr Herz weniger. Eliſa verachtete dieſen Menſchen zu ſehr. Entſchloſſen, alles zu dulden, geſtand ſie das Verbrechen, deſſen man ſie be⸗ ſchuldigte; ſie erſparte dadurch ihren Richtern die Muͤhe, durch kuͤnſtliche Fra⸗ gen ihr ein Geſtaͤndniß abzulocken. Von dieſem Augenblick an durfte ſie ihr Zimmer nicht wieder betreten. Selbſt ihre Zelle blieb ihr verſchloſſen. Ein oͤdes, wuͤſtes Gemach, mehr einem Keller aͤhnlich, mit hohen Fenſtern, die uͤberdies noch mit ſtarken eiſernen Stangen verſehen waren, wurde ihr angewieſen; zwey Nonnen mußten mit ihr in dem Gemach bleiben, und jede zwey Stunden erſchienen zwey andere. Mit Fleiß hatte man die aͤlteſten dazu genommen, und dieſe ließen es ſich nur zu angelegen ſeyn, der Ungluͤcklichen alles das zu ſagen, was die Groͤße des Verbrechens recht fuͤhlbar machen mußte. Eliſa verbat ihr Zureden; allein verge⸗ bens. Stundenlang mußte ſie die bitterſten Vorwuͤrfe, die kraͤnkendſten 3 Aeußerungen hoͤren; ſtundenlang bete⸗ ten die Verblendeten, daß der Himmel dies Verbrechen, in ihrem Kloſter be⸗ gangen, ja nicht an ihnen ſtrafen moͤg⸗ te. Mitten in einer Nacht, da Eliſa erſchoͤpft und halb ohnmaͤchtig auf ihr duͤrftiges Lager niedergeſunken war, oͤffnete ſich die Thuͤr. Der Abt trat herein; die beiden Nonnen verließen das Gemach, da der Abt ihnen ſagte, daß er einen Verſuch machen wolle, ob es ihm nicht gelinge das verſtockte Herz der Verbrecherin zu rühren. Eli⸗ * ſa erſchrak bei ſeinem Anblick. Sie vermuthete, was er ihr ſagen werde und erroͤthete bey dem bloßen Gedan⸗ ken an die Noͤglichkeit, das hoͤren zu muͤſſen, was ſie fuͤrchtete. Sie hatte ſich nicht geirrt.— Sie mußte Antraͤ⸗ ge hoͤren, die ihr ganzes Gefuͤhl empoͤr⸗ ten. Der Abt bat, warnte, drohete— alles vergeblich. Eliſa wuͤnſchte jetzt die Nonnen zuruͤckz bey dieſen war ſie doch ſicher, daß kein Angriff auf ihre Tugend geſchah. Aeußerſt aufge⸗ bracht verließ ſie der Abt; Eliſa fuͤhl⸗ te ſich leicht, da ſie ihn nicht mehr ſah; die beiden Nonnen ſchienen ihr in die⸗ ſem Augenblick zwey rettende Schutzen⸗ gel zu ſeyn, die eine hoͤhere Hand ihr a geſelt hatte.— Am folgenden Morgen war ein neues, ungleich ſtrengeres Verhoͤr. Eli⸗ 13⁷ ſa laͤugnete nichts von dem, was ſie ge⸗ ſtern geſtanden hatte. Sie ſetzte noch hinzu, daß ſie es ſehr gut wiſſe, in welchen Haͤnden ſie ſey, wie wenig Schonung ſie zu erwarten habe und wie ſehr ſie auf alles das vorbereitet ſey, was ſie treffen werde. Das Ver⸗ hoͤr wurde an eben dem Tage noch ein⸗ mal wiederholt. Die zum Verhoͤre be⸗ rufenen Commiſſarien gingen auseinan⸗ der; der Abt blieb allein. Er bat die Ungluͤckliche, daß ſie ihn hoͤren moͤgte. Eliſa erklaͤrte ihm gerade her⸗ aus und dreiſt, daß ſie ihn zu ſehr verachte. Der Abt verließ das Zimmer. Des Abends traten zwei Knechte hin⸗ ein, von einem Moͤnch gefuüͤhrt. Ih⸗ nen folgten mehrere Nonnen. Eliſa wurde von den letztern aller ihrer Klei⸗ dung beraubt; man warf ihr ein al⸗ tes Nonnenhabit uͤber, das vielleicht . 138 ſchon zehn Ungulcklichen zur Huͤlle ge⸗ dient haben mogte— die Nonnen be⸗ gleiteten ſie bis an die Thuͤre des Klo⸗ ſters; hier ſtand ein Wagen— einige handfeſte Kerls griffen Eliſen, ſie ſcho⸗ ben ſie in den Wagen, der nun durch lauter unbekannte Gegenden fuhr. Eli⸗ ſa wußte nicht, wo ſie war; die Ge⸗ gend war ihr ganz fremd. Durch die Geffnung, die der vom Winde aufge⸗ hobene Vorhang des Wagens machte, ſah ſie im Mondenſchein, daß der Weg durch ein kanges Thal ging. Auf bei⸗ den Seiten waren buſchigte und felſig⸗ te Anhoͤhen. Auf der rechten Seite — ded ſehr hoch ein ſchoͤnes Kloſtergebaͤu⸗ Es war Barbara Eremita. In dieſem Kloſter hatte man den Wagen ſchon erwartet; denn im Thor 4 ſtanden einige Menſchen die, ſobald 13⁰ der Wagen auf dem weiten großen Hofe war, das Thor mit der groͤßeſten Sorgfalt und Eile verſchloſſen. Waͤh⸗ rend der ganzen Reiſe hatte kein Menſch mit Eliſen geſprochen; niemand hatte ihr den geringſten Dienſt geleiſtet. Jetzt nahete ſich in großer Geſellſchaft eine bejahrte Nonne dem Wagen, der vor einem praͤchtigen Eingange hielt. Mit empoͤrender teufliſcher Gleichguͤltigkeit fragte die Nonne:„Seyd Ihr die Verbrecherin, die aus Annunciata ent⸗ fliehen wollte?“—„Ja,“ war Eli⸗ ſens entſchloſſene Antwort.„Ob ich darum den Namen einer Verbrecherin verdiene, iſt eine Frage, die ich Eurem Herzen nie thun werde. Ich mache mir keinen Vorwurf; ich klage nicht mich an, ſondern mein Schickſal, das mmich faſt eben ſo tyranniſch beherrſcht, als die Menſchen es thun.“— Die 140 Fragende hoͤrte nicht weiter auf das, was Eliſa ſagte. Sie trat zurüͤck und rief einige der Umſtehenden, dieſe riſ⸗ ſen Eliſen gewaltſam aus dem Wagen; man fuͤhrt ſie in die Kirche, durch de⸗ ren Fenſter der Mond ein ſchauderliches Licht auf alle Gegenſtaͤnde wirft. Eli⸗ ſa muß vor dem Altare niederknien; ein Moͤnch lieſ't ihr ihr Verbrechen vor, ſpricht den Fluch uͤber die Un⸗ gluͤckliche aus, und macht ſie mit dem Urtheil bekannt, das die Kirche durch ſeinen Mund ausſpricht. Zitternd hoͤrt Eliſa ihr Urtheil an; es beſteht in der Ankuͤndigung einer lebenslangen Gefangenſchaft bey Waſſer und Brodtz einer voͤlligen Abſonderung von der menſchlichen Geſellſchaft, eines Aufent⸗ halts in einem finſtern, unterirdiſchen Gewoͤlbe. 141 Die Ungluͤckliche hatte freilich ein ſtrenges Urtheil erwartet; aber doch nicht ſo hart, als ſie es hier von den Stufen des Altars hoͤren mußte. Sie hatte ſich geſchmeichelt, daß die Kirche vielleicht mit einigen Jahren ertraͤgli⸗ chen Gefaͤngniß zufrieden ſeyn wuͤrde; allein dieſe Hoffnung taͤuſchte ſie. Der Gedanke an ein lebenslanges Gefaͤng⸗ niß, die Vorempfindung dieſes gleich⸗ ſam Lebendigbegrabenwerdens griff ſie ſo ſehr an, daß ſie ohnmaͤchtig und bewußtlos vor den Stufen des Altars niederſank. Sie erwachte erſt wieder, da ſie von einer kalten, feuchten, dum⸗ pfen Luft angewehet wurde. Sie ſah ſich jetzt auf einer Treppe; drey Men⸗ ſchen, roh und gefuͤhllos wie der Stein, auf dem ſie gingen, fuͤhrten ſie die Stufen hinab, ein anderer mit einer Laterne ging vorher in einem langen, 142 oͤden Gange fort. Hier am Ende des Ganges oͤffnete man mit Muͤhe eine Thuͤr; Eliſa wurde hineingeſchoben; man ließ ihr nur ſo lange Licht, daß ſie den Aufenthalt des Schreckens nur einigermaßen erſt uͤberſehen konnte. Ein elendes, duͤrftiges Lager, ein kleiner hoͤlzerner Stuhl, und ein ſchlechter Tiſch, mit einem Waſſerkruge und einem kleinem Brodte beſetzt, war alles, was die Elende hier beſaß. Hier ließ man ſie allein und nahm die Laterne mit. Jetzt erſt wurde Eliſa gewahr, daß auf der Seite uͤber ihr eine Oeffnung in der Mauer war; bey dem Scheine des Lichtes hatte ſie dieſe gar nicht be⸗ merken koͤnnen; ſie ſah bei dem Glan⸗ ze der aufgehenden Sonne, daß ein ſchwaches Licht wie durch einen Flor auf den Tiſch ſiel, auf dem ihr durfti⸗ ges Eſſen ſtand. Die Oeſfnung ſelbſt 143 war mit Eiſen verſehen und ganz mit Spinngeweben und Staube uͤberdeckt.— Beſchreiben kann ich es wohl nicht, was die Arme den erſten Tag fuͤhlte, den ſie in dieſem Grabe hinbrachte. Sie ſelbſt hatte keine Worte, ihre Em⸗ pfindungen auszudruͤcken. Nur das ei⸗ ne konnte ſie; ihre Lage mit dem Loo⸗ ſe eines lebendig Begrabenen verglei⸗ chen. Faſt ohnmaͤchtig, erſchoͤpft und verzweifelnd warf ſie ſich auf ihr elen⸗ des Lager nieder. Sie wuͤnſchte und bat um den Tod. Ermuͤdet ſchlief ſie ein. Wie aus weiter Ferne hoͤrte ſie des Morgens das Gloͤckchen zur Mette. Dies war der einzige Ton, den ſie in ihrem Gefaͤngniß hoͤrte. Gegen Mit⸗ tag hoͤrte ſie, wie jemand durch den langen Gang kam, vor ihrer Thuͤr ſtill ſtand, dann erſt lange mit den Schluͤſ⸗ 144 ſeln raſſelte, ehe er das Schloß oͤffnen konnte, das lange nicht geoͤffnet war, als in dem Augenblick, in welchem Eli⸗ ſa den Kerker betrat. Es war ein Kloſterknecht. Er ſetzte ſchweigend ei⸗ nen friſchen Krug Waſſer und ein klei⸗ nes Brodt auf den Tiſch, und ſchien ſich zu wundern, daß Eliſa von dem vorigen noch nichts genoſſen hatte. Dann ging er fort, ohne nur Ein Wort der Armen, der Verlaſſenen zu ſagen. Mehrere Tage gehoͤrten dazu, ehe die Verzweiflung einigermaßen aus dem Herzen der Ungluͤcklichen wich und ſtil⸗ lerer Frieden wiederkehrte. Mit der Zeit gewann ſie ſo viel uͤber ſich, daß ſie mit einiger Ruhe den ſcheußlichen Aufenthalt betrachten konnte, den ihr das harte Schickſal angewieſen hatte. Die fruͤhen Morgenſtunden waren die einzigen, in denen die Strahlen der 145 Sonne in den Kerker fielen, und die ſonſt dunkele Finſterniß in Daͤmmerung verwandelten. Das Auge der Ungluͤck⸗ lichen gewoͤhnte ſich an dieſes Halb⸗ licht; mit Schrecken wurde ſie gewahr, daß dieſer Aufenthalt ſchon oͤfter das Grab aͤhnlicher Ungluͤcklichen geweſen war; Inſchriften an den Waͤnden be⸗ lehrten ſie, daß ſie nicht die erſte war, die hier ihre Tage verweinen mußte. Die Zeugniſſe ſo vieler Ver⸗ zweifelnden, die ihr trauriges Anden⸗ en hier verewigt hatten, walen ihre einzige Unterhaltung. Alles was Eli⸗ ſen umgab, wirkte darauf hin, daß ſie der Verzweiflung immer naͤher kam: Die dumpfe feuchte Luft, der kalte Boden, der Mangel an Bewegung und Arbeit, die duͤrftigen Nahrungs⸗ mittel griffen Eliſens Geſundheit um⸗ deſto ſchaͤrfer an, je weniger die Arme 1I1. 10 147. ehe ſie das geringſte davon genoß— ihre einzige Labung war das Waſſer, das man ihr brachte. Selbſt der Knecht, der jedes Mitleiden mit der Ungluͤckli⸗ chen in ſeinem Herzen aus dem Grun⸗ de unterdruͤckte, weil er ſich durch Theilnahme an den Schickſalen einer ſo großen Verbrecherin, an ſeiner Kir⸗ che ſchwer zu verſuͤndigen glaubte, konnte die Gefuͤhle des Menſchen nicht laͤnger unterdruͤcken. Er ſah die Un⸗ gluͤckliche krank da liegen; ſchuͤttelte mit dem Kopfe, indem er ſie anſah, und einſt— es waren die erſten menſchlichen Toͤne, die die Arme ſeit ſo vielen Monaten hoͤrte— ſagten er, indem er vor ihrem Bette ſtehen blieb: „Nun Du Ungluͤckliche wirſt auch bald ausgelitten haben!“— Dieſe Worke richteten Eliſens Seele wieder auf; ſie waren ihr in ihrer verzweiflungspole 146 in ihrer Jugend Mangel und Armuth gekannt hatte. Sie wurde krank. Nie⸗ mand kam, der ihr ein troͤſtend Wort geſagt haͤtte; kein Arzt erſchien zu ih⸗ rer Huͤlfe, und im Grunde wuͤnſchte ſie dies auch nicht. Sie wuͤnſchte den Tod; ſie ſah ihn als den einzigen Freund an, der ihr uͤbrig geblieben war. Selbſtmoͤrderin zu werden— wozu ſie nicht ſelten die Verſuchung fuͤhlte— verhinderte ſie ihr Gewiſſen, das ihr jetzt ihr Vergehen um deſto empfindlicher vorwarf; je mehr es ihr ſagte, daß ſie um Liebe willen ſich an den Geſetzen der Kirche, oder, welches nach ihrem Glauben einerley war, an der Gottheit ſelbſt ſo ſchwer verſuͤndigt hatte. Im hoͤchſten Grade krank, lag ſie auf ihrem elenden Lager; Kaͤlte und Naͤſſe waren ihr gleich beſchwer⸗ lich. Mehrere Tage lag oft ihr Brodt, 148 ken Lage freilich nur ein kleiner Be⸗ weis; aber doch immer ein Beweis, daß ihr Ungluck noch irgend einem Menſchen zu Herzen gehen⸗ koͤnne. Sie hoͤrte dieſe Worte, die der Menſch mit einer Thraͤne begleitete; ſie war zu matt, ihm fuͤr dieſe Aeußerung des menſchlichen Gefuͤhls, fuͤr dieſe Theil⸗ nahme zu danken; ſie ſtreckte die wel⸗ kende Hand nach ihm aus. Der ſonſt Gefuhlloſe ergreift und druͤckt ſie. „Dich werde ich auch wohl nicht wie⸗ derſehen,“ ſagte er.„Je nun Du biſt die Erſte nicht, die ich aus dieſem Gewoͤlbe getragen habe.“ Mit dieſen Worten verließ er ſie. Eliſens Herz wurde durch dieſen Auftritt erſchuͤttert. Die bange Betaͤubung, die aͤngſtliche Gefuüylloſigkeit ſchmolz in Thraͤnen— ſie konnte wieder weinen, was ſie lange nicht gekonnt hatte, und mit jeder 149 Thraͤne riß ſich ein Stuͤck des verſtei⸗ nernden Kummers nach dem andern von dem Herzen. Am andern Morgen erſchien der Menſch wieder. Er wun⸗ derte ſich, daß Eliſa noch lebte, daß ſie, dem Anſcheine nach, ſich um ein Großes erholt hatte; er holte ihr ein Flaͤſchchen Wein und ſah ſich, indem er es ihr gab, ſo aͤngſtlich um, als befuͤrchtete er, der Schatten der Bar⸗ bara Eremita moͤgte ihm als ſtrafender Richter erſcheinen.— Eliſa hatte ſich jetzt in ſo weit er⸗ holt, daß ſie wieder in ihrem Kerker auf und nieder gehen konnte. Eines Tages hoͤrte ſie uͤber ſich ein ungewohn⸗ tes Laͤrmen. Sie wagte es, den Knecht zu fragen, der mit Eliſens zunehmen⸗ der Beſſerung ganz der verſchloſſene ſtumme Bote wieder geworden war. 150 Heute kam er erſchrockener und zitternd. Er erzaͤhlt Eliſen, daß das Kloſter von einem Haufen Inſurgenten zu ei⸗ ner Feſtung gemacht ſey. Er außerte zugleich, daß es hier nun wahrſchein⸗ lich Auftritte geben werde, die ihm leicht das Leben koſten koͤnnten, wenn er nicht bei Zeiten ſich durch die Flucht rette.—„Wer wird ſich meiner dann annehmen, wenn Du todt oder ent⸗ flohen biſt? fragte Eliſa aͤngſtlich. Der Menſch ſchwieg. Eine bange Ahndung ſtieg in Eliſens Seele auf. Sie war ihres Kerkers jetzt gewohnter und ſelbſt in dieſem ſchrecklichen Auf⸗ enthalte hatte die Liebe zum Leben ſie nicht ganz verlaſſen.—„Gott im Himmel, dann muͤßte ich ja Hungers ſterben!“— ſagte ſie, und alle Schre⸗ cken dieſes gtauſenerregenden Todes ſtiegen ploͤtzlich in ihr auf. Der Knecht ich den verwundeten Probſt nach Ei⸗ 151 zuckte die Achſeln.—„Das iſt nicht ganz unmoͤglich,“ ſagte er.„Denn außer dem Probſt und mir kennt kei⸗ ner dieſen Aufethalte 44 Der“ Schracken, in welchen dieſe Worte Eliſen verſetzten, machte, daß ſie das Weggehen des Knechts nicht einmal bemerkte. Verzweifelnd ſank ſie auf ihr Lager zuruͤck. Sie hatte weiter keinen Wunſch als den, in ih⸗ rer Krankheit geſtorben zu ſeyn— als ein noch ungewoͤhnlicherer ſtaͤrkerer Laͤrm, der ſich ſelbſt in dem langen oͤden Gange vor ihrem Gefaͤngniß hoͤren ließ, ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Sie hoͤrte ſchießen— ſie vernahm ein aͤngſtliches Rufen— und hoͤrte dann, wie im Traume, eine ihr bekannte Stimme. Es war die meinige, da 152 ſens Gefaͤngniß fragte. Sie ſah und hoͤrte, wie die Thuͤr ihres Kerkers gk⸗ waltſam eingeſchlagen wurde. Dies war ſie ſich noch bewußt. Aber von allen dem wußte ſie nichts mehr, daß ich ſie aus ihrem Kerker geholt, daß ſie die Treppe hinaufgetragen ſey, daß ſie durch die Kirche gebracht ſey. Dies alles war ihr wie das Bild und die Geſchichte eines Traumes, die ein Erwachender nicht zuſammen reimen kann. Mit dem Anblick der Gebliebe⸗ nen, die auf dem Kloſterhofe lagen, fing ſich erſt ihre Erinnerung an.— / 5 Wir kamen gluͤcklich in Trieſt an. Ddie Seereiſe, die erſte, die Eliſa ge: — 153 macht hatte, war von dem vortheil⸗ hafteſten Einfluß. Eliſens fruͤhere Hei⸗ terkeit kehrte wieder, und mit ihr das, was ich am ſehnlichſten wuͤnſchte, ih⸗ re Geſundheit. Deutſchland und die neuen Umgebungen, in denen ſich Eliſa hier ſah, trugen zu ihrer Zerſtreuung viel bey. Eliſa fuͤhlte ſich gluͤcklich— ich war es durch ihr Gluͤck noch mehr. Nur ein Wunſch war noch uͤbrig, un⸗ ſere voͤllige Verbindung durch die Hand der Kirche. Von Trieſt aus ſchrieb ich meinen Eltern, die in der Gegend des Rheins ein Landgut beſaßen. Ich entwarf ihnen ein aufrichtiges Ge⸗ maͤlde meiner Geſchichte, ich ſchilderte ihnen Eliſen, von der ich noch nichts geſchrieben hatte; ich bat um ihre Er⸗ laubniß, mich hier mit Eliſen verbinden zu duͤrfen und ſie dann als ihre Toch⸗ ter ihrem elterlichen Seegen entgegen 154 zu fuͤhren. In wenig Wochen hatte ich Antwort. Sie war, wie mein Herz ſie nur wuͤnſchen konnte. Eliſa las ſie unter einem Strome heißer, dankbarer Freudenthraͤnen. Ohngeach⸗ tet ſie ſo viel getragen und gelitten hatte, war ihr doch ihr vaͤterlicher Glauben werth und lieb. Sie aͤußerte den Wunſch, durch die Hand eines Geiſtlichen ihrer Confeſſion die meinige zu werdenz ich merkte, daß ihr an der Erreichung dieſes Wunſches zu viel ge⸗ legen war, und gab daher ſehr gern nach. So war Eliſa nun ganz mein; ich glaubte nun mit Recht hoffen zu können, daß nach einem ſo ſchwuͤlen Morgen des Lebens, der Mittag und der Abend meiner Tage kuͤhl und er⸗ uickend ſeyn wuͤrden. Von Trieſt reiſeten wir durch Kaͤrnthen und Tyrol nach der Schweiz. Ich hatte in den 455 erſten Zeiten unſrer Liebe Eliſen ſo viel von dieſem Lande erzaͤhlt, daß ſie der Begierde, dieſe Gegenden ſelbſt zu ſehen, nicht widerſtehen konnte. Mir war dieſer Wunſch aus doppelter Urſach lieb; ich ſah die Gegend noch einmal; ich ſah ſie unter ganz andern Verhaͤltniſſen wieder und konnte alſo darauf rechnen, daß eine Vergleichung zwiſchen jetzt und ſonſt dieſer Reiſe fuͤr mein Herz neue Freuden abgewin⸗ nen wuͤrde; und dann erwartete ich mit Grund, daß dieſe Reiſe fuͤr Eli⸗ ſens Geſundheit und deren Dauer von Einfluß ſeyn werde. Wir nahmen unſern Weg uͤber Villach und Brixen in das Graubuͤndt⸗ nerland nach Chur. Ich hatte mit Fleiß dieſe Straße gewaͤhlt, um durch die ſchoͤnſten Anblicke, die man hier ganz 156 unerwartet trifff; um durch das Gro⸗ ße und Erhabene, das man hier auf je⸗ den Schritt ſieht, Eliſens Geiſt im⸗ mer mehr aufzuheitern. Alles was ſie hier ſah, riß ſie zur Bewunderung hin. „Der Gotthardt, der Linard, der Toedi, und andere Gebirge und Gletſcher, die romantiſche Lage aller Staͤdte und Doͤrfer, die mit Viehheerden bedeckten Thaͤler— alle dieſe, ihr ſo neuen Ge⸗ genſtaͤnde ſchwaͤchten und verwiſchten mit der Zeit die Erinnerung an die traurigen Tage aus Eliſens Seele, und ſo wie die Eindruͤcke dieſer ſchoͤ⸗ nen Gegenden ſich verſtaͤrkten, wurde Eliſens Geiſt heiterer, wurde ihre Gefundheit feſter. Ueber die Quellen des Rheins hin, durchreiſeten wir das von der Rhone durchfloſſene Chamuni⸗ tthal; ſchifften uͤber den Genferſee und reiſeten dann uͤber Neuſchatel und 157 Biel nach Baſel, Von hier aus ſchrieb ich meinen Eltern noch einmal; ich gab ihnen Nachricht, wo ich jetzt ſey, und wie bald ich ihnen Eliſen zufuͤh⸗ ren wuͤrde. Auch dieſer gluͤckliche Tag — einer der gluͤcklichſten meines ganzen Lebens— brach an. Meine Eltern hatten mich erwartet; mein alter Va⸗ ter, meine gute Mutter waren uns entgegen gekommen. Stumm und oh⸗ ne ein Wort ſagen zu koͤnnen, umarm⸗ ten ſie die, ihnen durch mich geſchenk⸗ te Tochter. Das Landgut meines Vaters lag in einer der ſchoͤnſten Ge⸗ genden am Rheine, und zeichnete ſich beſonders durch einige ſehr ſchoͤne Gaͤr⸗ ten aus. In einem dieſer Gaͤrten war ein Huͤgel, von dem man die weiteſte und ſchoͤnſte Ausſicht hatte. Mein Ba⸗ ter wußte, daß dieſer Huͤgel mein Liebe lingsplatz geweſen war. Hier hatte — . 1 138 ich die Freuden meiner Kindheit im reichſten Maaß genoſſen; hier glimmte zuerſt in meiner Seele der Funken der Neigung zur Malerey zu der leuchten⸗ den Flamme auf, die mir beſtaͤndig leuchtete und mir uͤberwiegenden Eifer fur meinen Stand einhauchte; hier ſchloß ich als Kind die erſten Buͤnd⸗ niſſe der Freundſchaft— mit einem Wort: dieſer Huͤgel war mir ein hei⸗ liger Platz, auf dem auch in der weite⸗ ſten Entfernung meine Seele gern weil⸗ te. Ich hatte Eliſen ſchon oft davon geſagt. Auch ſie ſehnte ſich nach die⸗ ſem ſchoͤnen Plätzchen auf Gottes Erde. Wie ſtaunte ich, da ich auf dem Huͤ⸗ gel ein ſchoͤnes laͤndliches Gebaͤude fr⸗ blickte! Ein Strohdach; Wande, die mit Aeſten benagelt waren; eine Um⸗ gebung von jungen Akazien und Lin⸗ den; eine Anpflanzung von Obſthau⸗ 159 men— alles dies ließ mich erwarten, daß hier irgend ein wohlhabender Land⸗ mann ſeine Wohnung aufgeſchlagen habe. Laͤchelnd ſahen meine Eltern meine Verwunderung— laͤchelnd fuͤhr⸗ ten ſie mich und Eliſen dahin; laͤ⸗ chelnd oͤffnete meine Mutter die Thuͤr und die verdeckten Fenſterladen— das ſchoͤnſte Zimmer mit den ſchoͤnſten Meublen ſtand offen vor mir. Dieſe Ueberraſchung hatte ich nicht erwartet; beſonders machte ſie auf Eliſen tiefen Eindruck. Sie war vor Freude und Dankbarkeit ganz außer ſich.— Hier wohnte ich gluͤcklich und zu⸗ frieden. So wenig Eliſa als ich dach⸗ ten an die Guͤter, die Eliſa in ihrem Vaterlande zuruͤckgelaſſen hatte; keiner von uns erwaͤhnte ſie; wenigſtens wuͤrde keiner von uns eine Reiſe da — 160 nach gemacht haben, die uns nur einen Tag getrennt haͤtte. Ich beſaß alles, was ich zu meinem Frieden beſitzen konnte; alles was mein Herz nur wuͤnſchenswerthes kannte. Ach, daß mein Gluͤck ſo bald verbluͤhete!— Eliſens Geſundheit war freilich wieder hergeſtellt. Sie war als Weib eben ſo bluhend und ſchoͤn, wie ſie es als Maͤdchen geweſen war; allein bei ihrer Schwangerſchaft zeigte ſich eine Schwaͤche, die mir mit jedem Tage bedenklicher wurde. Eliſa reiſete in ein nahes Bad, von deſſen Wirkung man ſo ſehr viel ſprach. Sie kam wieder zuruͤck, ohne Vortheile davon zu verſpuͤren. Um meiner zu ſchonen, zwang ſie ſich ſo heiter zu ſcheinen, als nur moͤglich. Selbſt den kleinen häuslichen Geſchaften untorzog ſie ſich 161 mit eben ſo regſamen Fleiße, wie ſie es in den erſten Tagen unſerer Ehe ge⸗ than hatte. Sie war immer am gluͤck⸗ lichſten, wenn ſie meiner Mutter zur Hand gehen konnte; jetzt war ihr dies doppelt angenehm. Meine Mutter war ohne alle Beſorgniß; ſie fuͤhlte ſich in ihren Hoffnungen am gluͤcklichſten, in ihren Erwartungen am froheſten; denn beide waren ſo an einander gewoͤhnt, ſo gleichgeſinnt, daß ſie ein Muſter der Freundſchaft waren.— Der Winter fing jetzt an, uns mehr in unſre Woh⸗ nung zu feſſeln, und Eliſe wurde im⸗ mer ſchwaͤcher. Eine Aengſtlichkeit, wie ſie ſie nie gekannt hatte, uͤberfiel ſie oͤfters; meine Mutter nahm dieſe higungsgrunde aus Eliſens koͤrperlichen Umſtaͤnden her und ließ es ſich angele⸗ gen ſeyn, alle die truͤben Vorſtellungen zu verſcheuchen, die der Leidenden Herz II. 11 162 quaͤlken. Eliſe laͤchelte bey ihren Troſt⸗ gruͤnden; ſie wollte meiner Mutter die Freude nicht verderben, ihr Beruhigung züß verdanken, uns nahm ganz den An⸗ ſchein an, als haͤtte ſie ſelbſt die ſchoͤn⸗ feen Hoffnungen.— Eine unzeitige Niederkunft mit einem todten Kinde kaubte vollends der Armen alle Kraͤf⸗ te. Sie welkte hin, wie eine Blu⸗ me, die der ſengende Strahl der Mit⸗ tagsfonne niederbeugt. Die Aerzte— Menſchenfreunde, im ganzen Sinne des Wortes— ſuchten der Natur Trotz zu bieten; kein Rettungsmittel blieb un⸗ verſucht. Ach! die Aerzte wußten meinen dringenden Bitten, meinen angſtlichen Fragen nichts, als ein be⸗ unruhigendes Achſelzucken entgegenzu⸗ ſetzn. Meine Mutter und ich kamen nicht von dem Bette der Kranken weg; beſonders war die erſtere ganz die zaͤrt⸗ 7 8 . 163 liche, beſorgte Mutter. Jede Arzney mußte die Kranke aus ihrer Hand neh⸗ menz ganze Naͤchte ſaß ſie vor dem Lager und zwang ſich, die. Thraͤnen zu verbergen, die der Anblick der ſo in⸗ nig geliebten Leidenden aus ihrem Her⸗ zen preßte. Die Aerzte bereiteten mich vor auf das, was mir bevorſtand, Eliſens nahen Tod. Die Kranke, die jetzt die Liebe zum Leben erſt ganz fuͤhlte, bemerkte aus meiner bedenkli⸗ chen Miene nur zu bald, daß ich ihr Todesurtheil aus der Aerzte Mund ge⸗ hoͤrt haben muͤſſe. Sie fragte mich; ach— ich mußte ihr verſchweigen, daß die Aerzte nur noch einen kurzen Texr⸗ min ihres Lebens geſetzt hatten. Ich ſahe, wie die Neigung zum Leben immer mehr wuchs— wie die Kranke ſelbſt zu aberglaͤubiſchen Mitteln ihre Zuflucht nahm, wenn dadurch nur Ein 164 Funken der Hoffnung erregt wurde. Ach, wie viel verliert der Aberglauben von ſeinem Laͤcherlichen, wenn man ſieht, daß durch ihn ein Kranker, ein Ungluͤcklicher beruhigt wird! Eines Tages war Eliſe etwas beſ⸗ ſer. Sie empfand, daß dies nicht von Dauer ſey— darum behielt ſie die ſtille Ergebung bey allen dem, was ich ihr in Hinſicht ihrer nahen Ge⸗ ſundheit ſagte. Sie bat mich und mei⸗ ne Eltern, ſie auf wenige Minuten zu verlaſſen. Dieſe Bitte fiel mir auf; ich fragte verwundernd nach dem Grun⸗ de. Sie blieb bey ihrer Bitte; ich erfuͤllte ſie, als in eben dem Augen⸗ blick ein Notarius mit zwey Zeugen in das Krankenzimmer trat. Er blieb ei⸗ ne halbe Stunde dort. Bey ſeinem Weggange trat ich in das Zimmer. † 165 Eliſa laͤchelte. Sie reichte mir die Hand.—„Ich habe fuͤr Dich ge⸗ ſorgt,“ ſagte ſie leiſe,„ich habe mei⸗ nen Stand und meine Abkunft gericht⸗ lich entdeckt, um Dir nach meinem To⸗ de ein Recht auf meine Guͤter zu ver⸗ ſchaffen.“ Ich konnte dieſe Aeußerung kaum ertragen; ich mußte mich entfernen, um meinen Empfindungen ihren Lauf zu laſſen; auf mein Bitten blieb mei⸗ ne Mutter bey der Kranken Gedan⸗ kenvoll ging ich auf meinem Stuͤbchen ab und auf— ich wollte mir die Fra⸗ ge beantworten, wie der Himmel mir dies Weib nehmen koͤnnte? als ich hoͤrte, daß jemand mit ungewoͤhnlicher Haſt die Treppe herauf kam. Ich er⸗ ſchrak ſo ſehr, daß ich einige Augen⸗ blicke wie gelaͤhmt daſtand. Ich eile hinaus.— ich werde gerufen— ich ſtiege in das Krankenzimmer— Elilens Augen brachen in dem Anganblickn; am un— Starr und ohne⸗ deine Thräne wei⸗ nen zu koͤnnen, ſah ich udie Leiche an. Ich hoͤre nicht, daß man hinter mir die Thuͤr oͤffnet; ich fuͤhle es kaum, daß mich jemand anſtoßt; hoͤre kaum, daß mir einer unſrer Leute die Nach⸗ richt bringt, daß ein Fremder mich nothwendig ſprechen muͤſſe. Meiner ganz unbewußt, und ohne einmal dar⸗ an zu denken, wer der Fremde wohl ſeyn koͤnne— gehe ich hinaus. Pietro⸗ ſtand vor mir. Sein Anblick zerriß mein Herz. Ich ergriff ſeine Hand, ich fuͤhre ihn an Eliſens Sterbelager. Mei⸗ ne Mutter hatte der Entſchlafenen ſo eben die Augen zugedrüͤckt.— ——— ſſſſſfſſiſſſſinn. anmuauaruuuu 16 17