Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und JCeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe (hinterlegen, welche bei deffen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wüchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mct. 50 Pf. 2 Wr.— Pf. 1 4 „„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. S 6. Schadenersatz. 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Kloſters Barbara Eremita. 4— Roman von Quedliſburg und Keipzig, 1818, e tf. 2 f J8 Die ſchwarzen Ruinen oder das unterirdiſche Gefaͤngniß des Kloſters Barbara Eremita. 1 Erſtes Baͤndchen. 8 Anſtrich von Treuherzigkeit, eine ſolche Fuͤlle von Redlichkeit, daß ich mich an ihm zu verſündigen glaubte, 4 Ioh wußte nicht wie es zuging ich dem Alten mit jedem Auge ich ſonſt nie leiden Denſenn hatte der Menſch in ſeinen blitzenden, mit wei⸗ ßen Augenbraunen uͤberhangenen ſchel⸗ miſchen Augen zuweilen einen ſolchen meinem Mißtrauen den Rang 6 meinem Zutrauen haͤtte laſſen wollen. — Meine Mappe mit allen in der Eile aufgenommenen Riſſen und Entwuͤrfen zu Gemaͤlden, lag vor mir auf einem abgehauenen Caſtanienſtamme— ich war jetzt mit einem Entwurf fertig, zu dem die ſo aͤußerſt ſchoͤne Gegend mich zufgefordert hatte; ich durchſuchte mei⸗ e Mappe; als ich unter andern das 6 naäͤlde einer Cecilia antraf, das ich in Altare eines benachbarten Klo⸗ pirt hatte. Wahrhaftig, ein hoͤneres, ſprechenderes, liebevolleres Geſicht war nicht denkbar; beſonders hob die fromme, andaͤchtige Stellung, in der das Gemaͤlde die Laute hielt, das ſchoͤne Geſicht ſo eigenthuͤmlich und praͤgte es meiner Seele ſo tief ein, daß ich das Bild oft ſtundenlang anſah, venn ich mich unbemerkt glaubte. So jetzt der Fall. Mein 3 ſah, ohne daß ich es merkte, uͤber geben; 9 erzwang eine gle ichguͤltige ſcherzeſt ₰ alter Begleiter bemerkte dies Bild. e. meine Schulter.—„Bei Gott und bei der heiligen Jungfrau!“ rief er aus, „unſere junge Graͤfin, wie ſie leibt und lebt! wie aus den Augen geſchnit⸗ ten! Wahrhaftig, ſchoͤner konnte die Graͤfin nicht getroffen werden!“ „Welche Graͤfin?“ fragte ich.— „Herr!“ fing der Alte ſchmunzelnd an⸗ „fragen Sie doch lieber noch, welch Graͤfin! Meine Augen ſind nun ba ſiebzig Jahr alt; aber laſſen Sie noch ſiebzig Jahre alt werden, zeigen Sie mir dann eine ganze Galle⸗ rie, dies Bild werde ich immer ken⸗ nen.— Ich wollte mich nicht blos Miene.„Hoͤre 21 41 ſagte ich 4 4 Du 1 — 8 im Urfulinerkloſter kapiet habe. Wie kommſt Du auf eine Graͤfin?“— „Sagen Sie, was Sie wollen; das Gewand vom ſcchhoͤnſten Hellblau, die Leyer, der Strahl um das Haupt, der* Kranz in dem ſchoͤnen caſtanienbraunen Haar, der Altar und die paar Noten⸗ blaͤtter— ja das iſt alles aus dem Ur⸗ 4 ſulinerkloſter kopirt; aber Herr! die Augen, der Blick, der Hals, der Mund, die fromme Engelsmiene, und das alles, was ich gar nicht beſchreiben kann— das iſt nicht von der Altar⸗ Cecilia, das haben Sie von unſrer Grafin Eliſa Richeſini!“— Ich ſah den Alten verwundernd an; ich erzwang ein leichtes unbefan⸗ 1 genes Laͤcheln.—„Nun Herr!“ ſag⸗ te er.„Hier haben Sie m 3 der erft line dand, e Bandit ſoll mir die Gurgel dung mit einem ſchoͤnen Maͤdchen ver⸗ mein Wort, ich verrathe nichts; denn abſchneiden, wenn ich ein Wort vert the; aber gemerkt habe ich's den er ſien Augenblick, daß etwas dahinter ſtecken mußte. Sehen Sie, Herr, ich bin auch jung geweſen— ich war ein anſehnlicher, huͤbſcher Kerl— lieber Gott, bei der Wiege iſt es mir nicht geſungen, daß ich in meinem Alter den Wegweiſer in den Gebirgen machen wuͤrde!— Ja, wie geſagt, ich habe als Juͤngling, wenn ich mit der Flinte und Jagdtaſche umher ging, auf man⸗ ches ſchoͤne Geſchoͤpf Jagd gemacht; ich habe manches Engelsgeſicht geſehe ich freue mich jetzt noch daruͤber, dag meine Freunde mir zu mancher Unterre⸗ helfen; aber ein ſolches Geſicht, wie unſre Graͤſin Eliſe hat, habe ich noch nicht geſehen. Nun— Sie haben 10 — aufrichtig geſagt ige merkt der ſtolze, ſehrgeitzige Graf, oder die aberglaͤubi⸗ ſche Mutter auch nur das geringſte; Herr— ich gebe keinen Bajocco fuͤr Ihr Leben. Ich weiß, was ich weiß, aus ſicherer Hand; aber ich weiß auch, wie unſre liebe junge Grafin denkt. Monate lang hat ſie geweint, da der Oeſterreichiſche Huſarenofficier, den ſie ſo ſehr liebte, erſtochen wurde. Unter uns geſagt, es hieß, er ſey im Duell 8 hat ihn einer der Domeſtiken vom te ich und reichte ihm die Weinflaſche, die neben mir ſtand. Er nahm ſie.— „Oder, mich verſtehen wollte? Nicht geblieben; aber ich weiß es beſſer. Jür die Summe von zwanzig Zechinen Schloſſe hinterruͤcks erſtochen.“— „Wer Dich nur verſtaͤnde Alter!“ ſag⸗ wmahr Herr, wollten Sie das nicht ſa⸗ gen? Nun Sie ſind ein honetter Herr, 1 in vollem Ernſt, ein honetter Herr und nun, auf meine Verſchwiegenheit rechnen Sie dreiſt.“— Ich ſtand auf; ich weiß ſelbſt nicht in welcher Stimmung. Mir war in der That das alles, was Pietro mir ſagte, ein Raͤthſel. Mein Spru⸗ delkopf konnte alles ertragen, nur kei⸗ 8 ne Ungewißheit; ich mußte uͤber alles unterrichtet ſeen und es war mir das allerunangenehmſte Gefuͤhl, uͤber ne gend eingh auch noch ſo unbedeutende Sache in einer ſchwankenden Ungewiß⸗ heit zu enn. Wie viel mehr mußte dies pi er Fall ſeyn, da meine ildungskraft mir dieſe Ange⸗. . ſo wichtig machte. Ich war in einer mir ganz unerklaͤrlichen Stim⸗ mung; noch nie hatte ich das empfun⸗ den, was ich in dieſem Augenblick du 12 kel und unbeſtimmt, aber deshalb nicht weniger tief und innig fuͤhlte. Der Morgen war ſo ſchoͤn, die Gegend ſo einladend, die Ausſicht in das Thal ſo reizend, daß ich bald einen Vor⸗ wand fand, laͤnger hier zu bleiben. Wir ſſetzten uns nieder. Pietro mußte die letzte Flaſche Wein hergeben.—„Hoͤ⸗ e Pietro!“ ſagte ich, indem ich ihm die Flaſche reichte.„Sey mal recht offenherzig, und ſage mir alles, was Du von der Graͤfin Eliſe weißt. Ich ſchwoͤre es Dir bei Gott und bei mei⸗ ner Seeligkeit zu, ich weiß und ver⸗ ſtehe von dem, was Du mir geſagt haſt, auch nicht ein Wort.“— „ Wie geſagt, Hem ich halte reinen Mund. Sie koͤnnen ſich ganz auf mich ieto laͤchelte. verlaſſen. Mein eaf vem Tochter war der jungen Graͤfin Amme, da die Graͤfin geſtorben war— denn die jetzige Graͤfin iſt die Stiefmutter Eliſens. Wenn Sie alſo irgend—— „Pietro, ich weiß nicht, was Du ſprichſt. Ich habe ja die junge Gräſ noch nie geſehen.“—— „Nicht?— Alſo auch da wohl nicht, als Sie neulich in der Urſuli⸗ nerkirche das ſchoͤne Gemaͤlde kopirten und faſt wider Ihren Willen die vor dem Altar kniende Graͤfin mahlten? Ich habe Sie recht gut bemerkt, ob Sie gleich mich nicht ſahen.“— Jetzt war ich aus meinem Traume. ietro hatte recht geſehen. Ich h t graͤflichen Schloſſund: vekannt. Ihre ——— vVer men Altarſtuͤcks ein Maͤt em Stande be⸗ und Pietro hatte in ſeiner Aeußerung nichts uͤbertrieben, wenn er die ge⸗ mahlte Cecilia der knienden Graͤfin aͤhn⸗ licher fand, als dem Originale im ich mich nicht naͤher nach dem holden Geſchöpf erkundigte? Wie es zuging, daß mir bei der oͤftern Betrachtung des Gemaͤldes nicht der Wunſch einfiel, das Maͤdchen ſelbſt kennen zu lernen? kann ich mir mit nichts anders, als mit der Furcht erklaͤren, die der Gedanke an Banditendolch mir einjagte. Jetzt wuß⸗ te ich mit einemmale, wer das holde merkt, das. Altare in Andacht hingegoſſen kniete und mit Inbrunſt be⸗ tete. Ein ſchoͤneres Geſicht ſah ich nie, Altare. Wie es zugegangen war, daß ſtand jetzt wieder mit Rieſenkraft v 15 chen war alſo die Graͤfin 2 ⁰„Ja, Herr.“—„Aber, lieber Pietro, war⸗ um haſt Du mir das nicht gleich ge⸗ ſagt?“—„Aber, Herr, warum frag⸗ ten Sie denn den lieben Pietro nicht? Ich ſah es Ihnen wohl an, mit wel⸗ cher Liebe Ihr Auge an der Graͤfin hing; ich— doch das ſollte wohl ver⸗ ſchwiegen bleihen— ich habe es auch wohl bemerkt, daß Sie Eindruck aufß die Graͤfin gemacht.“—„Alter, ſcherzeſt. Ich bin ja nicht Graf, ich bin jetzt blos ein Buͤrger Frankreichs.“ —„Habe in meinem Leben noch nicht gehoͤrt, daß die Liebe bei der Frage nach dem Stande anfaͤngt; das findet ſich nachher von ſelbſt.“— 5e Ich war in einer eigenen Unruhe. Geſtehen kann ich's, das Maͤdchen 16 meiner Seele; ich haͤtte jede Falte des Gewandes, jedes Baͤndchen, jede Miene mahlen wollen, ſo deutlich ſtand es vor meiner Seele. Zerſtreut und ganz vergeſſen in dem, was ich dachte, ſagte ich zu Pietro:„Wir wollen gehen! Komm!“— Der Alte nahm die Mappe und ging neben mir hin. Tauſendmal fing er ein Geſpraͤch an; aber, wer nicht darauf hoͤrte, wer nicht darauf antwortete, war ich. Vergebens zeigte mir Pietro das ſchoͤne Thal, die Schat⸗ tirung der Baͤume, den Spiegel ein⸗ zelner Seen, die blauen Gipfel der Appeninen— vergebens machte er mich aufmerkſam auf die weidenden Heerden, auf die ſchoͤnen Landguͤter— vergebens gebrauchte er Ausdruͤcke und bediente ſich Nedensarten, die er von mir erſt Beſcheid wiſſen?“ ſagte Pietro ſchalk⸗ zerhaͤuschen, wo die Schweſter des 17— gehoͤrt hatte; ich dachte, ich fuͤhlte nichts bei allen dem, was er ſagte, und noch weniger bei den einzelnen Ausdruͤ⸗ cken, in denen ich ihm, um ihn nicht zu kraͤnken, zuweilen ganz einſilbig ant⸗ 8 wortete.— Ein ſchoͤner Huͤgel hob ſich vor uns; nahe an ihm lag ein außerſt niedliches Haͤuschen, vor deſſen Thuͤ⸗ re eine junge Frau, mit weiblichen Ar⸗ beiten beſchaͤftigt, ſaß. Um ihr herum ſpielten zwei Knaben. Faſt unwillkuhr⸗ lich hatte mich mein Weg dahin gefuͤhrt. Ich wollte den Huͤgel beſteigen, der mir eine der ſchoͤnſten Ausſichten ver⸗ ſprach.—„Und Sie ſollten hier nicht haft laͤchelnd.— Ich ſah ihn an.— „Und doch eilen Sie ſo nach dem Win⸗ 18 Maͤdchens wohnt, das bei der Graͤfin Eliſa dient?“—„Gewiß nicht Pie⸗ tro.“—„Nun, einmal angenommen, daß das, was Sie ſagen, ſo ganz die pure, lautere Wahrheit iſt, ſo ſehe ich doch ganz gut, daß Sie auf's rechte Gleis gekommen ſind, die Graͤfin Eli⸗ ſa zu ſprechen. Oder— Sie wiſſen's auch wohl nicht, daß ſie ſich gewoͤhn⸗. lich des Tages einige Stunden hier aufhaͤlt? Sehen Sie, da iſt das Plaͤtz⸗ chen, dort mit Ulmen eingefaßt, dort am Seegeſtade; da ſitzt ſie einſam und weint, oder macht ihrem Herzen durch die Guitarre Luft, die ſie ganz vortrefflich ſpielt.“— R Alles dies hob meine Neugierde noch mehr. Ich beſtieg den Huͤgel— ein Ulmenbaum gab mir Schatten, ei⸗ ne Bank ſtand da— die Ausſicht war 19 einzig ſchoͤn, und was dieſer Ausſicht, ich weiß ſelbſt nicht eigentlich warum? fuͤr mich den meiſten Reiz gab, war der Umſtand, daß das graͤfliche Schloß gerade gegen mir uͤbe lag. Von dem Huͤgel konnte ich den ganzen Garten uͤberſehen— ich glaubte jemand in den Gaͤngen zu ſehen— vielleicht war es Eliſa. Ein Dollard, den ich beſtaͤndig bei mir trug, leiſtete mir hier vortreff⸗ 4 liche Dienſte, ich ſah die Figur des ſchoͤnen Maͤdchens, das in der Kirche vor dem Altar kniete, es trug ein weißes Taſchentuch in der Hand, und, wie ich deutlich ſah, war die einſam gehende aͤußerſt niedergeſchlagen. Trau⸗ rig ſetzte ſie ſich auf eine Raſenbank. Pietro bemerkte, daß ich laͤnger nach dieſer Gegend hinſah. Er fragte mich wonach ich ſo ununterbrochen ſähe?“ 20 „Nach der Kuppel des einen Thur⸗ mes und nach dem wunderſchoͤnen Por⸗ tal des Schloſſes“ war meine Ant⸗ wort.„Ich wuͤnſchte wohl, beides ein⸗ mal in der Naͤhe zu ſehen.“— „Dazu koͤnnte Rath werden. Frei⸗ lich bin ich nicht Buͤrge, daß uns der ſtolze Graf nicht gleich an der Pforte abweiſen laͤßt; vielleicht thut er das auch nicht.“—„Wuͤßte ich, daß er das thaͤte,“ ſagte ich etwas unwillig, „ich ſetzte keinen Fuß auf das Schloß, ehe ich mich einer ſolchen Behandlung ausſetzte.“— Naturlich, daß das, was ich jetzt ſagte, nicht ſo ganz mein feſter Entſchluß war; ich wollte wider⸗ ſprochen ſeyn.— 2,Nan kann nicht wiſſen,“ meinte Pietro,„vielleicht hat der Graf ſeine gute Stunde, und ann erlaubt er Ihnen, Portal und und hatte mir in nicht vollen zwei Mie 21 Thurm zu ſehen. Wir koͤnnen uns ja hier erſt erkundigen, ob der Graf heute den Geſtrengen oder den Gnaͤdigen macht. Kommen Sie.“— Ich wei⸗ gerte mich.—„Ich muß erſt eine Stunde ausruhen, ich fuͤhle mich im Ernſt zu ermuͤdet.“ Eigentlich war dies der Fall nicht; ich ſuchte nur Zeit, meine Toilette etwas zu machen, und das ſollte Pietro nicht merken. Die Frau des kleinen Winzerhau⸗ ſes empfing uns mit Herzlichkent; ich gab mich fuͤr ermuͤdeter aus, als ich in der That war; ich klagte uͤber Hun⸗ ger und Durſt; eine Schaale Milch, ſo reinlich, als ich ſie je ſah, wurde gebracht. Die beihen Knaben draͤngten ſich an mich— ich ſcherzte mit ihnen, ich gab ihnen einige bunte Bilderchen, 22 nuten ihr ganzes Zutrauen gewonnen. Natuͤrlich, daß ich in eben dem Grade die Freundſchaft der Mutter gewann; unſer Geſpraͤch betraf die Kinder, ich ſuchte alles hervor, was ich von Erzie⸗ hung und Kinderdiaͤt wußte, um mich wichtig zu machen, und es gelang mir. Einige Geſchaͤfte riefen die Frau ab; ich blieb mit den Kindern allein— Pietro knuͤpfte ein Geſpraͤch mit dem Mann uͤber die Verhaͤltniſſe des graͤfli⸗ chen Hauſes an; ich hoͤrte mehr auf das, was der Mann ſagte, als was mir die beiden muntern Knaben vor⸗ plauderten.— 12 Nach einer kleinen Pauſe im Ge⸗ ſpraͤch fing Pietro an:„Der Herr dort iſt ein großer Mahler, der blos zu ſeinem Vergnugen herumreiſet. Er 1 weunſcht das Portal des Schloſſes und ihm das wohl erlaubt ſeyn?“=„Dann laß ihn noch eine Stunde warten, der Graf reiſet auf mehrere Wochen weg. Mir hat es der Kutſcher eben geſagt. Es muß auf dem Schloſſe wieder et⸗ was vorgegangen ſeyn, denn der alte Graf iſt ſeit einigen Tagen wie toll und wild.“— Ich ſaß mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit da— und ob ich mich gleich ſtellte, als ſchliefe ich, ſo hoͤrte ich doch jedes Wort, das die bei⸗ den wechſelten.—„Was gaͤbe es denn nun wieder?“ fragte Pietro.—„Wirſt's ja wohl wiſſen. Die Graͤfin will ihre Tochter in's Kloſter ſtecken, und ſo wenig der alte Graf auch. kaugt, ſo denkt er doch in dieſem Fall beſſer ge⸗ gen ſeine Tochter. Je nun, die Grä⸗ fin iſt Stiefmutter, ſie hat Verwand⸗ te, denen ſie gern das ſchoͤne Vermoͤ⸗ die Kuppel genau zu beſehen. Sollte 24 gen zuſpielen moͤgte, und da muß denn die heilige Urſula den Namen hergeben, als waͤre Eliſa unter dem Nonnenſchleier am beſten aufgehoben.“ —„Ganz gut, aber was ſagt denn die junge ſchoͤne Graͤfin Eliſa dazu?“ —„Nichts, denn Niemand fraͤgt ſie. Der Graf iſt bei aller ſeiner Tyrannei gegen ſeine Unterthanen, ein Poltron, wenn er ſeiner aberglaͤubiſchen und hab⸗ fuͤchtigen Frau entgegenſteht, die mit ihm machen kann, was ſie will.“— „Das moͤgte ſie koͤnnen; nur muͤßte ſte es nicht zum Ungluͤck des lieben Maͤdchens thun.“—„Es iſt uͤber⸗ oupt eine eigene Geſchichte. Ich bin neugierig, wie ſich das alles entwickeln wird. Der Graf, als der Vater, will ſeine Tochter verſorgt wiſſen, und meint es nach ſeiner Art ſehr gut, wenn er ſie an den alten Marcheſe, der bei 8 2 25 ihm alles gilt, verheirathet. Aber den will die junge Graͤfin nicht.“—„Nicht? Und warum nicht?“—„Sie will ihn nicht.“—„Hm, doch immer beſſer, als in's Kloſter gehen.“—„Weiß nicht, ob das hier der Fall iſt. Sieh, Pietro, der Marcheſe iſt ein alter ab⸗ gezehrter Hageſtolz von ſechzig Jahren, ein alter, in Suͤnden grau gewordener Boͤſewicht. Nun faͤllt ihm das Heira⸗ then ein. Moͤgt es das; nur muß er die Saiten nicht ſo hoch ſpannen, ein junges liebes Maͤdchen von achtzehn Jahren haben zu wollen. Die Graͤfin Eliſa haßt und verabſcheuet ihn wie ei⸗ nen Straßenraͤuber, und das verdenke ich ihr nicht.“—„Ja freilich, da iſt die Klemme gefaͤhrlich. Ich wuͤßte nicht, ob ich nicht auch— wenn ich in der Lage waͤre— das Kloſter waͤhlte, um mit Ehren aus der Welt zu kom⸗ 1 26 men, in der ich nun einmal bei allem Reichthum keine vergnuͤgte Stunde ha⸗ ben ſollte.“—„Sieh, ſo ſteht der Handel. Nun hatte die Graͤfin zum Ungluͤck die Geſchichte mit dem oͤſter⸗ reichiſ chen Officier gehabt— Du weißt, was ich meine. Am beſten waͤre es, es kaͤme ein Dritter in’s Spiel, der dem Marcheſe und dem Grafen und dem Kloſter und der Mutter eine Naſe zu drehen verſtuͤnde. Aber dazu it noch Kaint Ausſicht.¹“—— Dies Geſpraͤch, das ich, ohne mir es merken zu laſſen, mit der geſpann⸗ teſten ufne n eh anhoͤrte, wirkte ſehr auf mich. Theils empfand ich das inni a9e Mitleiden mit der Graͤfin Eliſa, und wußte noch nicht einmal, ob ihr mit meiner Theilnahme gedient ſfey; theils ſpuͤrte ich ein duntles Ge⸗ wie es zuging, oder was ihm dazu * 3 27 fuͤhl von Freundſchaft und— warum ſollte ich es laͤugnen?— von aufkei⸗ mender Liebe zu der holden Unbekann⸗ ten, die ich nar erſt einmal geſehen hatte, aber deren Geſtalt meiner See⸗ le zu tief eingepraͤgt war. Ich konnte die Zeit kaum erwarten, in der ich die Kuppel und das Portal ſehen wuͤrde. Noch einmal beſtieg ich den Huͤgel; mit dem Dollard durchſpaͤhete ich alle Gaͤnge, alle Alleen des Gartens; nichts war zu ſehen, als mehrere Ar⸗ beiter, aber keine Graͤfin Eliſa. Ich brannte vor Ungeduld, und hatte in der That alle Beſonnenheit noͤthig, wenn ich mich nicht gegen Pietro bloß geben wollte. Er ſaß bei mir. Noch hatte er, ſo redſelig er auch war, die Frage noch nicht gewagt: Wer ich ei⸗ gentlich ſey? Jetzt, ich weiß nicht, 28 Veranlaſſung gab, jetzt that er mir die Frage. Eine Taͤuſchung hielt ich hier fuͤr noͤthig, fuͤr Pflicht; ich woll⸗ te im graͤflichen Schloß eingefuͤhrt wer⸗ den, und mußte nun ſchon, um nicht als ein Zudringlicher abgewieſen zu werden, meinen Stand um einige Stufen hoͤher ſchrauben; ich wußte in voraus, daß das, was ich dem Pie⸗ tro und ſeinem Freunde von mir ſelbſt glauben machte, bald bekannt werden wuͤrde. Getroſt gab ich mich alſo fuͤr eeiinen Edelmann aus, der um Unruhen willen ſein Vaterland verlaſſen, und ſeiner Liebhaberei, den bildenden Kuͤn⸗ ſten die Zeit ſeiner Reiſen widme. Ich ſagte dies mit der unbefangenſten Mie⸗ ne, und Pietro wurde in eben dem Gra⸗ de unterthaͤniger, je hoͤher ich meinen Stand ſchrob. Indem wir ſo daruͤber ſprachen, rollte ein Reiſewagen um die ſchmackvolles Portefeuille nnt, das 29 Ecke der Gartenmauer. Es war des Grafen Equipage. Pietros Freund 4 kam jetzt zu uns, und ſagte mir, daß es jetzt Zeit ſey, das Portal zu ſehen, der Graf ſey jetzt abgereiſt. Um mei⸗ ne Rolle etwas kuͤnſtlicher zu ſpielen, warf ich jetzt meinen erſten Wunſch ziemlich weit weg; ich nahm die Rol⸗ le und Miene eines Gleichguͤltigen an, und aͤußerte, daß mir doch ſo viel an dem Portal nicht gelegen waͤre, als daß ich mich der Verlegenheit ausſetzen koͤnnte, eine verweigernde Antwort zu hoͤren. Pietro, der jetzt von ſeinem ſich angemaßten Uebergewicht uͤber mich zum erſtenmale um ein merkliches nachließ, redete mir zu, auf das Schloß zu gehen. Ohne ihm meine Abſicht merken zu laſſen, wechſelte ich meine Kleidung, ich nahm ein ſchoͤnes, ge⸗ 30 Pietro nachtrug— ich zwang mich, je⸗ de aufkeimende Verlegenheit zu verber⸗ gen, und ſo ſchritt ich dreiſt mit mei⸗ nem Gefaͤhrten nach dem Hofe. Das Portal war in der That ſchoͤn, ſein Anblick war fuͤr mich belohnend. Es wmar eine Zuſammenſetzung alter Origi⸗ nalbildhauerei; die Figuren waren ſchoͤn gearbeitet, und beſonders waren ein Hercules und einige Centauren wahre und unuͤbertreffbare Meiſterſtü⸗ cke. Pietro wußte, wie er die, uͤber meine erzwungene Kuͤhnheit ſich wun⸗ dernden Domeſtiken zu nehmen hatte. Sie traten um mich herumz einem derſelben befahl er, einen Tiſch und ei⸗ nen Stuhl zu holen. Ich hoͤrte, daß dieſer fragte, wer ich eigentlich ſey? „Ein aͤußerſt vornehmen Herr,“ ſüßſene ihm Pietro zu,„der Dir deine ich dem Domeſtiken, der mir den Tiſch und den Stuhl gebracht hatte, ein Ich hatte mich mehr damit beſchaͤftigt, 3 I* Muͤhe reichlich bezahlt. Zum wenigſten iſt er eben ſo viel als Dein Graf. Er reiſet blos aus Neigung zur Mah⸗ 8 lerei, er ſammlet alles, was er in die⸗ ſem Fache Schoͤnes findet.“— Man glaubte dies um ſo mehr, da meine erzwungene Unbefangenheit mir mit je⸗ dem Augenblick natuͤrlicher und leichter wurde, und beſonders darum, weil verſchwenderiſches Trinkgeld gab.— Meine Zeichnung war vollendet. als ich anfangs ſelbſt willens geweſen war; jetzt ſah ich nach dem Schloß ſelbſt. Eliſa ſtand am Fenſter, ich kannte ſie gleich wieder, ſie war das ſchoͤne Maͤdchen, das ſelbſt gegen mei⸗ nen Willen mir bei der Kopirung Ce⸗ 32 eiltens zum Modell gedient hatte. Ver⸗ ſtohlen blickte ich hinauf und war in der That verlegener als je, wie ich Eingang bei ihr finden wollte, als mir das Ohngefehr zu Huͤlfe kam. Die Graͤfin, Eliſas Mutter, kam aus dem Garten. Haͤtte mir Pietro den Charakter der Graͤfin nicht von einer abſchreckenden Seite geſchildert, ich wuͤrde ſie warlich fuͤr die Sanftmuth ſelbſt gehalten haben. Ein aͤußerſt ein⸗ nehmendes Geſicht, die ſprechendſten Zuͤge, ein feuriges Auge und dabei einen ſcharfen Anſtrich von Guͤte und Sanftheit— alles dies lag offen auf dem ſchoͤnen Aeußern der Graͤfin. Ich ging ihr entgegen, ich that dies mit einem gewiſſen dreiſten, vornehmen An⸗ ſtande— ich bat ſie um Verzeihung, das ſchoͤne Portal kopirt zu haben. Ich weis nicht, ob meine ſorgfaͤltiger ge⸗ 33 machte Toilette, oder mein Aeußeres, oder mein erzwungener dreiſter Auſtand, die Graͤfin ſo ſehr fuͤr mich einnahm genug, ich hatte nicht falſch geſehen⸗ 85 wenn ich dies zu ſehen glaubte. Sie ſah mich mit einem Blick an, aus dem ſo viel zutrauliche Guͤte ſtrahlte, als waͤren wir ſchon laͤngſt bekannt mit ein⸗ Ander. 5 2i4 an „Sind Sie Mahler 2 fragte ſie mich. Ich war dreiſt, beinahe moͤgte ich ſagen, unverſchaͤmt genug, zu ant⸗ worten:„Von Metier bin ich es nicht; ich bin blos Dilettant, und freue mich 8 jetzt um ſo mehr, dieſe goͤttliche Kunſt zu kennen, die mich mein undankbares Vaterland vergeſſen lehrt, das mich und viele andere meines Standes ver⸗ ſtieß.“—„Alſo Emigrant? und vielleicht von Stande?“— Statt der — ——— 34 Antwort nickte ich mit dem Kopfe, und es ſchien in der That, als haͤtte die Graͤfin mit Sehnſucht darauf gewartet, erſt zu wiſſen, wen ſie an mir haͤtte. „Da Sie Dilettant ſind,“ nahm die Graͤfin das Wort,„ſo kann ich um ſo mehr darauf rechnen, daß Sie gern uͤber die goͤttliche Malerei ſprechen, und zugleich darf ich mir Hoffnung auf Ih⸗ ren freundſchaftlichen Rath machen. Darf ich bitten, daß Sie mich in's Schloß begleiten?“— Ich wollte mein elegantes Portefeuille an Pietro geben, wenigſtens ſtellte ich mich ſo, als wollte ich es thun, als die Graͤfin mich ſo freundlich bat, es mit in's Schloß zu nehmen, daß ich ihrem Verlangen nicht widerſtehen konnke. Gerade dies wünſchte ich; ich wollte mich einigermaßen bemerkt machen, und* ſollte es auch blos durch das Portefeuil⸗. Pracht deſſelben war, und ich ſuchte Ob die Graͤfin eigentliche Kennerin ſchlechten Landſchaften, Hirten⸗ und 35 le geſchehen, oder ſollte dies dazu Veranlaſſung ſeyn. Mit dem Anſtande des Mannes vom erſten Stande ergriff ich die Hand der Graäfin, ich fuͤhrte ſie, ſie ging mit mir durch einen Saal, der in der That aͤußerſt ſchoͤn war. Sehr bald bemerkte ich, daß die Graͤ⸗ fin eitel auf ihr Schloß und auf die dieſe kleine Schwachheit zu benutzen. 3 war, wußte ich noch nicht, ich mußte dies erſt erfahren. Ich beſah die Gal⸗ lerie der Reihe nach;z es waren Mei⸗ ſterſtuͤcke darin— aber gerade bei die ſen fuͤhlte die Graͤfin nichts; ich fand bald, daß ſie nicht Kennerin war. De⸗ ſto mehr hielt ſie ſich bei einigen nicht Legendenſtuͤcken auf, die mir ſehr ge⸗ 36 fallen haben wuͤrden, wenn mich nicht mehrere Raphaels und Wonvermanne mehr beſchaͤftigt hätten⸗ e Ich hatte jetzt den ganzen Saal durchgeſehen. Die Graͤfin ſetzte mir den Plan auseinander, den ſie mit dem Saale und einigen daran ſtoßenden Gemaͤchern hatte. Die Zeit der Abwe⸗ ſenheit ihres Mannes wollte ſie zu dem Bau und zu der Veraͤnderung be⸗ nutzen. Aus einem gewiſſen Eigenſinn wollte ſie keinen ihrer Nachbaren um KNath fragen, damit ihr Gemahl nichts von ihrem Plan merken ſollte, und ſo mußte mich ein gluͤckliches Ungefehr ihr in den Wurf fuͤhren. Die ganze Sa⸗ cche war übrigens bald abgemacht und auf's Reine. Ich ſetzte der Graͤfin al⸗ es auseinander, und da ich in der Beaukunſt kein Fremdling war, ſo war „. 4 3, 37 es mit leicht, mich in den Augen ber Graͤfin wichtig zu machen; wenigſtens bemerkte ich deutlich, daß ich mit je⸗ dem Augenblick in der guten Meinung ſtieg, die ſie einmal von mir hatte. Die Graͤfin klingelte; einer der Do⸗ meſtiken brachte Schreibzeug; ich mußte meine Anſichten und meine Gruͤnde auf⸗ ſetzen; ſie nahm das Blatt wie das Blatt eines wichtigen Teſtaments und mit einer Freundlichkeit, die mich ge⸗ wiſſermaßen in Verlegenheit ſetzte Ein anderer Domeſtik brachte Wein und Erfriſchungen— ich mußte meinen Platz neben der Graͤfin nehmen, die zu meiner groͤßeſten Freude bloß von der Ausfuͤhrung ihres vorhabenden Bau: es ſprach; auf meine Geſchichte kum und ich huͤtete mich noch mehr, ein Wort davon zu erwaͤhnen ſie gar nicht, — ꝑſſꝑꝑ-. 33 denn ich haͤtte doch den Edelmann durch⸗ fuͤhren muͤſſen, und waͤre bei meiner Erzaͤhlung beſtimmt tauſendmal in Ver⸗ legenheit gekommen. Daß ich bei dem Auseinanderſetzen meines Planes beredt wurde, iſt zu natuͤrlich, als daß ich es hier noch erwaͤhne. Meine Abſicht par, wo moͤglich hier zu bleiben, und Aich mußte die Graͤfin fuͤr zu fein hal⸗ ten, als daß ich's nicht häͤtte fuͤr noͤ⸗ tthig halten muͤſſen, meinen Plan ſo fein und ſo verſteckt anzulegen, als möͤglich. Ich ſtand auf, mich zu em⸗ pfehlen, und erſchrak, da die Graͤfin auch aufſtand, und dem Anſcheine nach meinem Abſchiede kein Hinderniß in den Weg legen wollte; aber, wie wurde ich uͤberraſcht, da ſie mir ſagte, daß ſe wegen einer Bitte in einiger Verle⸗ genheit ſey. Ich ſchwieg, ich konnte nichts antworten. Sie entdeckte mat, — geld, und machte es ihm zur Pllicht, 39 wie ſie wuͤnſche, daß ich wenigſtens ei⸗ nen Monat auf ihrem Schloß bleiben, und die Arbeiten lenken moͤgte. Ich hatte Muͤhe, meine Freude zu verbergen — ich ſpielte in dieſem Augenblick den, der uͤber eine aͤußerſt wichtige Angele⸗ genheit nachdenkt— die Graͤfin fuͤrch⸗ tete Weigerung ihrer Bitte; ſie fing nun an, ſo dringend zu bitten, daß ich endlich verſprach, zu bleiben. Sie nahm mein Erbieten mit der groͤßeſten Freude an; ſie ſchellte; der Domeſtik, der den Wein gebracht hatte, mußte mir Zimmer anweiſen, auf denen ich alles fand, was mir meinen Aufenthalt angenehm machen konnte. Ich beur⸗ laubte mich jetzt auf einige Augenblicke, um Pietro zu ſprechen. Ich gab ihm, und zwar ſo, daß es einige Domeſti⸗ ken bemerkten, ein reichliches Trink⸗ 140 fuͤr meine Kleider und Waͤſche, die·im meiner bisherigen Wohnung waren, zu ſorgen. Was Pietro den uͤbrigen Do⸗ meſtiken von mir geſagt haben mogte, konnte ich nicht wiſſen; nur das ſah ich ſehr bald ein, daß mich alle mit ei⸗ ner Achtung und mit einer Aufmerk⸗ ſamkeit behandelten, als ſey ich der vornehmſte Herr, der je das graͤfliche Schloß beſucht hatte. Vielleicht hatte auch bloß das reichlich gegebene Trink⸗ geld dieſe Aufmerkſamkeit verurſacht; ndeſſen dies hinderte nichts; ich hat⸗ e eine dunkle Abſicht, ich fühlte Hoff⸗ 4 nungen, die ich mir ſelbſt noch nicht eerklaͤren konnte. Bei meiner Zuruͤck⸗ kunft auf den Saal war die Graͤfin 4 weggegangen; ich war allein da, ich durchſah die Gemaͤlde, und blaͤtterte dann in meinem Portefeuille, um eini⸗ ge leere Blaͤtter zu finden, auf denen Iich einige der ſchoͤnern Stücke nden wollte. Ich war in dieſer Arbeitt be⸗ griffen, als ſich die Thur oͤffnete. Die Graͤfin trat herein, an ihrer Seite ging Eliſa. Daß dies mir eine uner⸗ wartete Erſcheinung war, wird man mir glauben; wenigſtens war ſie es fuͤr dieſen Augenblick, da ich ſo bald noch nicht Eliſen erwartete. Ich fuͤhlte es, wie ich gluͤhete, ohne eigentlich zu wiſſen, warum; und ſo fremd Eliſa anfaͤnglich mein Compliment erwiederte, ſo glaubte ich doch bald, daß ſie mich aufmerkſamer anſah, und nicht ganz Herr uͤber eine kleine Verlegenheit bliebt Ihre Mutter machte mich ihr bekannt, ſie rechnete es ſich zum Gluͤck an, daß ich dieſen Monat auf ihrem Schloſſe⸗ bleiben wollte, und Eliſa—— wenigſtens duͤnkte es mich o— ſchien verguugt bei⸗ dieſern Aus⸗ —— „ 42 ſicht. Je laͤnger ich beide anſah, je mehr wurde ich irre in dem, was ich heute von dem Character der Graͤfin gehoͤrt hatte. So viel muͤtterliche Liebe und Zaͤrtlichkeit von der einen Serte, ſo viel anhaͤngliche Reſignation und kindliches Zutrauen von der andern Seite, wuͤrde gewiß jeden Unparthei⸗ iſchen mißtrauiſch in die fruͤhere Erzaͤh⸗ lung gemacht haben. Von beiden Sei⸗ ten begegnete man ſich mit einer Freundſchaft, die alle Beſchreibung hinter ſich laͤßt. Mein Portefeuille lag auf dem Tiſche neben dem Sopha— es fiel Eliſa auf— ſie beſah die ſchoͤ⸗ ne Außenſeite, auf der einige Anſichten von Schweitzergebirgen und Rheinge⸗ geenden geſtickt waren. Die Graͤfin be⸗ ſah mit Vergnuͤgen dieſe Gegenden; ſe lobte die Zeichnung und die Arbeit, die auch in der That Lob verdienten. 3 43 Wie mir es ſchien, wollte ſie die in dem Portefeuille liegenden Zeichnungen ſehen; ich oͤffnete das Portefeuille und Ceciliens Gemaͤlde, oder eigentlich Eli⸗ ſas Bild war das erſte, das ihnen in die Augen ſiel. Ich bemerkte, daß dies Bewunderung erregte, denn Eliſa war zum Sprechen getroffen; aber ich nahm mich ſo gut als nur moͤglich zu⸗ ſammen, damit man mir keine Verle⸗ genheit anmerken konnte. Ganz unbe⸗ fangen gab ich den beiden Damen das Gemaͤlde hin— die Graͤfin hielt es etwas entfernt von ihren Augen in ein guͤnſtigeres Licht und ſah dann mit ei⸗ nem aufmerkſamen Blick auf ihre Toch⸗ ter.„Wahrhaftig Eliſa!“ rief ſie aus, „das iſt Dein Bild, das biſt Du!“— Eliſa ſah das Bild an. Ich bemerkte ihr Erroͤthen, ich hatte Urſach, alle 2 meine Beſonnenbeit zuſammen zu neh⸗ 4 ¼¾ men, um nicht eine zweite Albernheit zu begehen; denn es war ſchon un⸗ uͤberlegt von mir, daß ich das Gemaͤl⸗ de ſo offen in dem Portefeuille liegen hatte.—„Sagen Sie, wo haben Sie dies gemahlt?“ fragte die Graͤfin. „Wo iſt das Original?“—„In ei⸗ nem Kloſter am Rhein, wo ich mich im vorigen Jahr aufhielt.— Die Graͤſin ſchien dies zu glauben; dies machte mich ſo dreiſt, daß ich gerade heraus ſagte, wie ich dieſe außeror⸗ dentliche Aehnlichkeit auch ſaͤnde.— „Nun werde ich Dich künftig Cecilia nennen,“ meinte die Mutter.„Oder moͤgteſt Du Beeſen Namen vielleicht gar vaͤhlen?“ Eliſa wurde außerſt verlegen ihr ſiel es ein, daß ſie mich ſchon bemerkt hatte; was ihr bei ihrem Ein⸗ tritt im Saal noch dunkel vorſchwebte,. war jetzt nun Gewißheit. Sie erin⸗ 45 nerte ſich, mit welcher Aufmerkſamkeit ich mein Auge auf ſie geheftet hatte, 3 wie mein Blick an ihr hing, wie ich„ freilich das Gewand und die Leyer der Cecilia am Altare mahlte, aber deſto aufmerkſamer Eliſens Geſicht betrachte⸗ te, um dieſe ſchoͤnen Zuͤge dem Gemaͤl⸗ de unterzulegen. Ich bemerkte, mit welcher Aufmerkſamkeit die Graͤfin dies Gemaͤlde anſah— ich bot es ihr gleich zum Geſchenk an, um jedem Argwohn vorzubeugenz nur um eine Gefaͤllig⸗ keit bat ich, um die Erlaubniß, die Stellung und die Draperie kopiren zu duͤrfen, indem ich vorgab, daß ich die Gegend, in der dies Gemaͤlde ſich faͤnde, ſchwerlich wiederſehen wuͤrde. Die Graͤſin nahm das Gemaͤlde mit der in⸗ nigſten Freude, und ich hatte den an⸗ genehmen Auftrag, ſchon in der naͤch⸗ ſten Stunde dafuͤr ſorgen zu muͤſſen, daß es als Medaillon gefaßt werden ſollte. Zeit und Gelegenheit hakte ich dann genug, es zu kopiren. Meine uͤbrigen Zeichnungen in dem Portefeuil⸗ le wurden durchgeſehen, ich bemerkte bald, daß Eliſa mehr als gewoͤhnliche Kennerin war,— ich erzaͤhlte von mei⸗ den, und ich muß in der That die noch als eine der ſchoͤnſten und genuß⸗ 7 Die Graͤfin und Eliſa verließen mich; ich ging nach meinem mir angewieſenen Zimmer, ich ſetzte mich hier nieder, um uͤber die Ideen der Graͤfin weiter bergen? es war mir unmoͤglich. dachte, ich ſah nur Eliſen. mit der Feder in der He nen Reiſen, ich beſchrieb ſchoͤne Gegen⸗ erſte Stunde in diefem Schloß immer 3 reichſten meines ganzen Lebens ruͤhmen. nachzudenken; aber— was ſoll ich s 4 tectoniſchen Ideen; aber es war, als ob die ganze Fuͤlle von Gedanken, die ich in dieſem Fach ſonſt hatte, mit ei⸗ nemmale verſchwunden war. Ich war mir ſelbſt ein Raͤthſel. Ernſter, als ich vielleicht je uͤber mich nachgedacht hat⸗ te, mahlte ſich jetzt das Bild der Zu⸗ kunft vor meine Seele. Eine gewiſſe, immer noch verzeihlige Neugierde hatte mich hieher gefuͤhrt— ich wollte Eliſa kennen lernen; ein hoher Grad der bunden mit aufſteigendem Haß gegen die Mutter, hatten mich jede Gefahr uͤberwinden gelehrt; ich komme hieher, und finde die zaͤrtlichſte und beſte der 4 Nutter gegen die Tochter. Jetzt wuͤr⸗ Liich es fuͤr eine der groͤzeſten Tod⸗ funden gehalten haben, etwas gegen ſie zu unternehmen, da ich das ſchoͤne Verhaͤltniß zwiſchen Mutter und Toch⸗ Theilnahme an ihrem Schickſal, ver⸗ ker ſahe Erwaͤhnete ich meinen Stand — freilich war ich wohlhabend; mei⸗ ne Eltern gehoͤrten zu den Reichern ih⸗ res Standes, aber ſie waren buͤrgerlich; ſo ſah ich auf der einen Seite, daß ich aͤußerſt unrecht handelte, wenn ich mich in Eliſas Herz ſchlich, ſo wie ich auch auf der andern Seite eine Menge unuberſteiglicher Hinderniſſe ſah, die ſich mir entgegenthuͤrmten, wenn ich dem Gedanken an Eliſen, dem Wun- ſche nach ihrem Beſitz weiter nachhing Ich war in Italien und ſo ſehr⸗ ich Urſach hatte, den Geiſt fuͤr die Kunſt zu ſchäͤtzen, den ich hier ſo oft fand, ſo ſtand auf der andern Seite der Geiſt der blutigen Rache, wie ein Geſpent vor meiner Seele, wenn ich den Graß den ich noch nicht kannte, durch einen Schritt dieſer Art, der ihn ſehr kraͤn⸗ ken mußte, beleidigte. In der That, 49 ſah ich noch nicht, wie mein abentheu⸗ erliches Unternehmen, das ich auf gut Gluͤck angefangen hatte, endigen koͤn⸗ ne, endigen wuͤrde. Aber, zeigte mir der ruhigere, kaͤltere Verſtand Gefahren und Schwierigkeiten, ſo riß das Herz mich zur Liebe hinz meine Unruhe nahm mit jedem Au⸗ genblick zu; ich war in Gefahr, in die Lage zu gerathen, in der der Menſch an ſich ſelbſt irre wird. In dieſer Unruhe ſtand ich am Fenſter, aus dem ich eine der ſchoͤnſten Ausſich⸗ ten hatte. Der Garten des Schloſſes lag unter mir, ein Garten mit Pracht und Ueppigkeit; auf der einen Seite deeſſelben ſpiegelte ſich der See, hinter dieſem heben ſich Gebirge, und rechts zeigte ſich mir die uͤppigſte F deer die reizendſten Gärten und in's s Auge ſielen. 50. dieſem ſchoͤnen Anblick, lag ich im Fen⸗ ſter, als ein Wagen neben dem Garten vorbei kam und auf den Schloßhof fuhr. Ich konnte, da mein Zimmer eine Eckſtube war, ſowohl den Garten als den Schloßhof uͤberſehen. Neugierig zu erfahren, wer jetzt ankaͤme, trat ich an das andere Fenſter, ein dicker geiſt⸗ licher Herr ſtieg aus, der uͤber ſeinem 9 Ordenshabite einige Kreutze trug. Die Grafin kam ihm elbſt entgegen, und ich merkte nur zu bald, daß dieſer Fremde in dem groͤßeſten Anſehen ſte⸗ hen mußte. Ich weiß nicht, woran es lag, daß der Mann ſo viel widriges fur mich hatte; mich uͤberfiel eine klei⸗ ne Aengſtlichkeit, da ich ihn ſah, von der ich keinen beſtimmten Grund ange⸗ ben konnte. Der Wagen fuhr in eine Remiſe, die Pferde wurden ausgeſpannt; Soweile genug, daß der Beſuch nicht Ich wollte hieruͤber Gewißhaiß; 51 9 auf einige Stunden gelten ſollte; in⸗ dem ich ſo daruͤber nachdachte, und da⸗ bei in den Gaͤngen des Gartens herab⸗ ſah, bemerkte ich Eliſa, die an der Seite eines Kammermaͤdchens den Hauptgang herabkam; ich vermuthete gleich, daß ſie um des angekommenen Gaſtes willen gerufen ſey; aber zu⸗ gleich bemerkte ich ihre Unruhe. Sie rang die Haͤnde, und ich ſah deutlich, wie ſie die Augen trocknete. Jetzt fiel mir Pietro wieder ein; ich glaubte, daß ich nicht irrte, wenn ich in dieſem geiſtlichen Herrn den Mann ſahe, der den Plan der Mutter ausfuͤhren ſollte; und eben ſo wenig glaubte ich zu irren, wenn ich das vorhin ſo zaͤrtliche Beneh⸗ men der Graͤfin gegen Eliſen für Heu⸗ chelei und Falſchheit hielt, um das ar⸗ me Geſchoͤpf deſto leichter zu fang 5² mußte Pietro ſprechen, denn von dieſem konnte ich alles am beſten erfahren, da er im Schloß ſelbſt unter den uͤbrigen Domeſtiken in Anſehen ſtand. Als wuͤßte ich von nichts, nahm ich einen Bogen Papier und Bleifeder, ich ging ganz unbefangen uͤber den Hof des Schloſſes, ich waͤhlte einen Platz, auf dem ich in die Augen fallen mußte, und machte nun hier den Anfang zu ei⸗ nem in verſchobener Perſpectiv gezeich⸗ neten Riß des Schloßgebaͤudes. Daß dies unter den Domeſtiken Aufmerkſam⸗ keit erregen mußte, wußte ich. Eben dies wollte ich. Sie ſollten ſich neugierig um mir verſammeln, ich wollte mit ih⸗ nen ſprechen, und ſo wollte ich alles erfahren, was ich zu erfahren wuͤnſch; te. Daß Pietro der letzte nicht ſeyn gging nach Wunſch. Einer der Dome⸗ wuͤrde, ſetzte ich voraus.— Alles Unruhe zu verbergen. Einige der Do⸗ 53 ſtiken mußte mir einen Tiſch und Stabt bringen, ich ſaß und zeichnete; ich ſah jeden Augenblick nach dem Schloſſe. nicht ſowohl um zu zeichnen, als vielmehr zu beobachten, was in dem Zimmer vor⸗ ging, in welchem der Geiſtliche mit der Graͤfin war. Beide ſtanden am Fenſter; beide waren in einem tiefen Geſpraͤch, als ſie ſich umwandten, denn jetzt trat Eliſa zu ihnen. Deut⸗ lich ſahe ich durch das ofſene Fenſter, wie erſchrocken das arme Maͤdchen war, wie angſtlich es ſich nahm. Ich war eben ſo angſtlich, da ich dies alles ſah, da ich deutlich bemerkte, wie der geiſt⸗ liche Herr Eliſa zuredete. Das Haͤn⸗ deringen und die Thraͤnen Eliſens ſchnitten mir durch's Herz; ich ſaß wie auf gluͤhenden Kohlen und hatte alle Ueberwindung noͤthig, um meine meſtiken ſtanden an meinem Arbeitsti⸗ ſche und ſahen mit Vergnuͤgen, wie ein Theil des Schloſſes nach dem andern auf dem Papier ſich zeigte. Jetzt kam noch ein anderer Bediente, er ſah mein Zeichnen wenige Minuten und ing mit den uͤbrigen ein Geſpraͤch an. —„Nun iſt ja der Abt angekommen!! ſagte er.—„Habe ich darum die ganze Nacht reiten muͤſſen!“ fiel ein anderer ein,„um die Einladung zu uͤber⸗ bringen!“—„Haͤtteſt nicht ſo ſehr eilen ſollen“ ſagte der erſtere.— „Mich dauert die junge Graͤfin doch, denn heute wird der Handel wohl rich tig werden.“— Ich that, als hoͤrte ich nichts; aber in welcher Unruhe ich war, wird man leicht glauben, und dieſe Unruhe, dieſe quaͤlende Unruhe durfte ich mir nicht merken laſſen, wenn ich mich nicht verrathen wollte. —-:: 55 „Aber“ fing ein anderer an,„has koͤnnte die junge Graͤfin auch wohl beſ⸗ ſeres thun, als Gott, der Kirche und der Mutter gehorchen? Was koͤnnte ſie verdienſtlicheres thun, als in's Kloſter ziehen?“—„Meinſt Du?“— ſagte ein aͤlterer verſchmitzter Kerl, ein ehemaliger Piemonteſiſcher Grenadier. —„Wenn ſie will, ſo mag ſie es thun, ob's gleich der duͤmmſte Streich waͤre. Aber zwingen und uberreden muß man ſie nicht; das iſt unrecht, iſt eine himmelſchreiende Suͤnde.“— „Unrecht? Suͤnde? ſagſt Hu, Tho⸗ ma2“—„Ja, teufliſches Unrecht, himmelſchreiende Suͤnde; das ſage ich noch einmal. Iſt's nicht ſchon Suͤnde, wenn man einen jungen Kerl durch Gewalt oder durch allerlei Vor⸗ ſpiegelungen zum Soldatenſtande zwingt, wobei der Menſch doch immer noch 1 56 Freiheit und Zerſtreuung hat, und was auch nicht auf Lebenszeit geht; wie viel mehr verdient das den Namen ei⸗ nes Schurkenſtreichs, wenn man ein junges ſchoͤnes geſundes Maͤdchen, das einen Mann gluͤcklich machen koͤnnte, auf Zeitlebens in die alten Kloſtermau⸗ ern ſperret?“—„Thom Thomaͤ! ſag das nicht laut. Erfaͤhrt es der Hochwuͤrdige Herr“—„Nu wenn 1 fer's erfaͤhrt, dann erfaͤhrt er's. Allen⸗ falls will ich es ihn ſelbt ſagen; denn ich habe ſchon wichtigern Leuten noch derbere Wahrheiten geſagt.“— Ich ſaß immer und zeichnete und berechnete; wenigſtens ſtellte ich mich ſoz im Grunde aber beobachtete ich en alten entſchloſſenen Kerl. Dunkel ſtieg der Gedanke in mir auf: ielleicht. kannſt du dieſen Meſchen zur Aus⸗ 7 fuͤhrung eines Planes gebrauchen. rei⸗ 5 lich war dies wie mein ganzer Plan noch dunkel; noch ſtand alles in einem finſtern Hintergrunde, ich war noch mit keiner Abſicht eigentlich auf's Reine.— Meine fluͤchtig entworfene Zeich⸗ nung war fertig; ich fragte nach Pie⸗ tro. Einer der Domeſtiken rief ihn. Um einen Vorwand zu haben, ihn al⸗ lein ſprechen zu koͤnnen, befahl ich ihm, den Tiſch und Stuhl nach einem benachbarten Huͤgel zu tragen, von dem ich, nach meinem Vorgeben, mir eine ſchoͤne Ausſicht verſprach. Ich war verlegen uͤber den Eingang der Unterredung; allein das Gluͤck wollte mir ſo wohl, daß ich fuͤr den Einga g gar nicht zu ſojgen brauchte. Kaum hatte Pietro* y und Stuht auigt 58 gefetzt, als er mich fragte:„Haben Sie den ſchoͤnen Wagen nicht geſe⸗ hen?—„Welchen Wagen?“— „Je den Wagen des Abts von Annun⸗ ciata?“—„Nein!“—„Auch der Abt iſt angekommen.“„So?2— „Mein Gott, das wiſſen Sie nicht? Und der Abt hat Sie bei Ihrem Mah⸗ len nicht aus den Augen gelaſſen.“— „Mich? Pietro, mich?n—„Ja, ja, 5 was ich Ihnen ſage, werden Sie doch glauben. Sie ſaßen dort unter dem Caſtanienbaum und mahlten, und da 1 ſtand der chwuͤrdige Herr am Fen⸗ ſter und ſah beſtändig nach Ihnen Haben Sie denn das nicht bemerkt?“ —„Nein; ich habe in die Ferne⸗ kein E ſcharfes Auge. An einem Gebifüde 3 oder in einer Gegend bemerke ich d iede Kleinigke t, dazu iſt me ge⸗ woͤhnt; aber Menſchen kann ich in ei: * 59 ner maͤßigen Ferne nicht unterſcheiden. 4. „Ja, dann laͤßt ſich das erklaͤren Aber ſo viel ſage ich Ihnen, der Abt ließ Sie nicht aus den Augen. Wahrſchein: lich hat er auch mit der Graͤfin von Ihnen geſprochen..—„Moͤglich. Aber was will denn der Abt hier?“ fragte ich, und ſchnitt eine Spitze an die Bleifeder, um nicht noͤthig zu ha⸗ ben, den Pietro bei dieſer Frage an⸗ uſehen.—„Ja, pas will der hier! Die arme junge Graͤfin beſtuͤr⸗ men, daß ſie in's Kloſter Die Mutter will's ja „Iſt denn die ſo fromm? gen ſoll. ja ſo fromm wie des Teufels Großmut⸗. ter. Geitz, purer Geitz und Anhaͤng⸗ lichkeit an ihre Verwandten, die bis uber die Ohren in Schulden ſitzen, iſt der Grund davon. Das unermeßliche— Vermoͤgen des Grafen will ſie ihren 6o6 hungrigen Verwandten in die Haͤnde ſpielen, und da ſoll nun das arme Maͤdchen in's Kloſter, und will nicht.“ —„Wenn die Mutter aber darauf be⸗ ſteht, ſo muͤßte die Tochter billig fol⸗ gen.“—„Herr— alle Ehre und Reſpect fuͤr Ihr Wort, wenn, die jun⸗ ge Graͤfin das thaͤte, muͤßte ſie ver⸗ ruͤckt ſeyn. Sehen Sie mal. Herr, Sie ſind jung, anſehnlich, reich; Sie wol⸗ len in die Welt, und nun kame da ein alter filziger Vormund oder Stiefvater, und wollte ſie in eine Capuziner oder Franziskanerkutte ſtecken, wo Sie weiter mit Ihrem lieben ſchoͤnen jun⸗ gen Leben nichts anzufangen wuͤßten, als Pſalme zu ſingen und die vier nackten Mauern anzuſehen— wuͤrden Sie da auch gern folgen, wenn der Stiefvater beſiehlt? Gerade ſo iſt's mit der jungen Graͤfin. Sie wollte 3 3 4 8 61 4 einen oͤſterreichiſchen Hufarenoffizier heirathen— die Eltern kamen dahinter, und der junge ſchoͤne Herr la⸗ den zweiten Tag erſtochen im Waldchen. Fragen Sie nur den Thoma, der muth⸗ maßt, wer der Moͤrder iſt, und hat's ihm zugeſchworen, ihm den Hals um⸗ zudrehen, wenn er ihm in Wurf kommt.“—„Wer iſt denn der Tho⸗ ma?“—„Je, der ſchnurrige lange Kerl, der bei dem Tiſche ſtand, als Sie mahlten; eben der, der mich rufen mußte. Hoͤren Sie— aber unter uns geſagt— der iſt ein tuͤchtiger Kerl, mit dem was zu machen iſt. Er war in frühern Jahren in einem Moͤnchsklo⸗ er— morgen ſollte er das Gelu b⸗ de ablegen; aber die Nacht vorher ging er mit drei eben ſo fre willigen Geiſtlichen fort und wurde Soldat in Piemont. Kann der einem Moͤnch ei⸗ e Naſe drehen, das thut er icht 62 mehr als gern. Aber verlaſſen koͤnnen Sie ſich auf ihn, er hat Pfiffe im Kopf und traͤgt das Herz an der rech⸗ ten Stelle. Merken Sie ſich das!“— Das merkte ich wohl; aber ich merkte zugleich, daß Pietro wieder ir n ſeinen alten, etwas zu vertraulichen Ton verfiel, und gerade dem mußte ich hier etwas Einhalt thun; hier, wo ich unter einer erborgten Maske handeln mußte. Mit einer etwas ern⸗ ſten Miene ſahe ich Pietro an.„Was haͤtte ich mit Thomaͤ zu thun? Oder was haͤtte ich hier uͤberhaupt zu unter⸗ nehmen, wobei ich Huͤlfe von dieſer Art noͤthig haͤtte?“— Pietro zog ſich etwas zuruͤck. Er ſah mich ſchaͤr⸗ fer an.—„Herr!“ ſagte er,„wir ſind hier allein. Ueber uns ſcheint Gottes Sonne. So wahr ſie G — 63 ſcheinen laͤßt, ſo gewiß iſt's, Sie ſind nicht bloß Mahler. Sie ſind mehr. Sie haben Abſichten auf die junge Graͤfin. Ich kenne meine Leute und— doch damit wollen wir die Zeit nicht verplaudern. Genug, ich bin Freund von Thomaͤ— und wir beiden opfern gern den letzten Bluts⸗ tropfen fuͤr die Graͤfin Eliſa und fuͤr den, der ſie retten will!“— Dem Kerl traten die Thraͤnen in die Augen, da er dies ſagte—„Pietro, Du meinſt es gut mit mir. Ich bedauere nur, daß ich von deiner Redlichkeit in dieſem Stuck keinen Gebrauch machen kaun. Ich bitte Dich, ſaͤge mir der⸗ Bild, das Sie mahlten, beſtaͤrkt mich 2 gleichen nicht“.—„So? Nun es ble bt doch dabei. Oder glauben Sie etia, ich habe keine Augen? Das meinem Glauben, und noch mehr— 64 rathen Sie was?“—„Ich wuͤßte nichts.“—„Nachen Sie mal Ihr kleines Souvenir auf.“— Ich that's. —„und was iſt das?“ fragte er, in⸗ dem er das Ordenszeichen der Loge Louis d'Alſace mir zeigte, in der ich vor mehreren Jahren aufgenommen war, und deren Ordenszeichen und Band er zufaͤllig bei mir bemerkt hatte. —„Iſt das nicht ein fuͤrſtlicher Sr⸗ den?“— Innerlich mußte ich lachen; ich zwang mich aber zu einer ernſthaf⸗ ten Miene, und ſteckte ſchweigend das Souvenir in die Taſche.—„Glauben Sie es mir, ich habe es Ihnen gleich angeſehen, daß mehr hinter Ihnen iſt.“ —„Nun? und geſetzt, das waͤre ſo?“ —„Sie und die Graͤfin Eliſa! Bei Gott das ſchoͤnſte Paar, das je vor ei⸗ nen Altar trat. Freilich wird man es Ihnen nicht ſonderlich leicht machen, 9 655 Ihre Abſichten durchzuſetzen; aber was 8 nicht im Guten geht, muß mit Liſt und Gewalt gezwungen werden; und dazu ſind wir beiden, Thomaͤ und ich Manns genug. Verlaſſen Sie ſich auf uns, und bleiben Sie bei Ihrer gewoͤhnlichen Behutſamkeit. Nun, ich will Sie in Ihrem Mahlen nicht ſtoͤ⸗ ren. Ich bin unten bei den Arbeitern, rufen Sie nur, wenn ich kommen ſoll.— Er ing von dem Hüͤgel hinab. Ich ſetzte mich, um meine Empfindun⸗ gen nicht zu verrathen, an den Tiſch— ich zeichnete; aber was ich zeichnete, was ich dabei dachte, das weiß ich ſelbſt nicht. Ich wollte beſonders ha⸗ ben, daß mich Pietro ſollte zeichnen ſehen. Alle Striche auf dem Papiere liefen zuſammen, und faſt wider mei⸗ nen Wilen ſchrieb ich Eliſa's Namen unzaͤhlige Male auf das Papier, um ihn ſogleich wieder zu verwiſchen. Ich war in einer Unruhe, wie ich ſie noch nie gefuͤhlt hatte. Ich empfand auf⸗ keimende Liebe zu dem ungluͤcklichen MNaͤdchen, und wie leicht war dieſer Ue⸗ bergang, da ich vorher ſchon Achtung und Mitleiden mit. Eliſens Schickſal empfand. Von dem Platze, auf dem ich ſaß, konnte ich das geoͤffnete Fen⸗ ſter und durch dies den Abt, die Graͤfin und Eliſen ſehn; ich ſetzte den Tiſch und Stuhl hinter einen kleinen Buſch, und konnte nun mit dem Dol⸗ lard alles bemerken. Gott! was litt ich indieſem Augenblick! Was em⸗ pfand ich, da ich ſah, wie der Abt mit dem gefuͤhlloſeſten Geſicht und mit der ernſteſten Miene dem armen Mad⸗ chen zuredete, wie die Mutter mit vielem Eifer ſprach, wie das arme 6 3 Geſchoͤpf bald der Mutter um den Hals ſiel, bald die Haͤnde des Abts ergriff, wie es mit roth geweinten Augen daſtand, wie es auf die Knie niederſiel, und wie die Mutter die un⸗ glückliche Tochter aufrichtete. Alles konnte ich ſehen; das war aber auch alles, was ich konnte. Wie gern haͤtke ich Eliſen aus den Klauen ihrer Um⸗ gebung befreit! wie gern haͤtte ich den gefuͤhlloſen Abt durchbohrt, und ich ſaß hier wider meinen Willen Untbaͤ⸗ tig, ich konnte nichts thun. Wie wirk⸗ te dies alles auf mich, da ich noch nicht wußte, wie Eliſa von mir dach⸗ te, da ich noch kein Wort, das mein Herz haͤtte enthuͤllen koͤnnen, mit ihr geſprochen hatte! Ach es war meine erſte Liebe, und dieſe war mit ſo vie⸗ len Gefahren, mit ſo vielen unuͤberſteig⸗ lichen Hinderniſſen verbunden! Ich ſah ſchreckliche Scene gedauert hatte, wußte 2 65 durch den Dollard, daß Eliſa ſich ent. ſernte— ich ſah, wie ſie durch den an⸗ dern Saal ging— ich ſah ſie gebuͤckt, mit den Haͤnden vor dem Geſicht vor⸗ uͤbergehen— ich glaubte, ihr Todesur⸗ theil ſey unterſchrieben. Dieſe Vorſtel⸗ lung konnte ich nicht ertragen; ich mußte aufſtehen, ich mußte einigemale umhergehen, um mich nur erſt mirder zu ſammeln.— * Wie lange dieſe ganze, mir ſo ich in der That nicht. Tagelang wuͤr⸗ de ich hier geſtanden und alles beobgch⸗ tet haben, haͤtte nicht in dieſem Au⸗ genblick ein Domeſtik mich zu Tiſche eingeladen. Ich rief Pietro. Er nahm Tiſch und Stuhl; ich, die fluͤchtig ent⸗ worfene Zeichnung. Dreiſt und ent⸗ ſchloſſen, aber mit welchem Herzen? Benehmen zuſchnitt. Ich bemerkte zu 69 ging ich nach dem Schloſſe. Unterwe⸗ ges ſammelte ich mich, ich bot alle Geiſtesgegenwart auf, um mich nicht zu verrathen; ich hatte dies noͤthig, denn ich hatte es mit Menſchen zu thun, deren Liſt, Raͤnke und Einfluß mir aus ſo manchem Belege zu be⸗ kannt war. Ich hatte uͤbrigens Zeit genug, den Plan meines Benehmens weiter auszufeilen. * Mit einer Haltung, die von einem großen Stande zeugt, trat ich in den Saal; ich bezeigte der Graͤfin, als der Dame des Hauſes auf eine feine Art meine Achtung und ſchien anfaͤng⸗ lich kaum den Abt zu bemerken; dann wendete ich mich zu ihm; ich dachte mich lebhaft in die Lage eines Vor⸗ nehmen, nach deſſen Modell ich mein meinem groͤßeſten Vergnuͤgen, daß ich ihn dadurch verlegen machte, und nun hatte ich ſchon viel gewonnen. Mit einer, in der That etwas zu nahe ans Kriechende graͤnzenden Hoͤflichkeit, durch welche ich aber doch Falſchheit und Tuͤ⸗ cke zu ſehen glaubte, trat er mir naͤ⸗ her und fragte mich, wer ich ſey? Mit einer ſo wichtigen Miene als moͤglich, ſagte ich ihm, daß ich meinen wahren Stand aus Urſachen, die mein und meiner Familie Leben und den Beſitz meiner Guͤter betraͤfen, jetzt nicht ent⸗ decken duͤrfe. Er moͤgte mich jetzt fuͤr einen Mahler halten, der darum die Welt durchreiſet, um in dem Anblick ſchoͤner Gemaͤlde und Statuͤen das Ge⸗ wirre und Gewuͤhl der Menſchen zu vergeſſen, das ihm ſo manche bittere Stunde verurſacht hat.—„Alſo, hoch⸗ wuͤrdiger Herr,“ ſetzte ich mit einer g wiſſen ernſten, zufriedenen Miene hinzu —„wiſſen Sie, wofuͤr Sie mich jetzt zu nehmen haben. Ich denke und hof⸗ fe zu dem Himmel, daß ich bald Gele⸗ genheit haben werde, Ihnen in mei⸗ nem wahren Stande meine Achtung zu zeigen.— Der Mann wußte nicht, was er zu allen dem ſagen ſollte. Ich ſchwieg auch, und ſah indeß einige der Gemaͤl⸗ de an; beſonders weilte ich vor einer Himmelfarth der Maria, einem Stuͤcke, das ſich zu ſeinem Vortheil auszeichne⸗ te. Ich ſah es mit Fleiß, und— wie es wenigſtens dem Abte vorkommen mußte— mit einem Anſtrich von An⸗ dacht an. Der Abt trat mir naͤher.— „„Kennen Ew.— Er ſtockte und war ungewiß, welchen Titel er mir ge⸗ ben ſollte. Ich lachelte.„Sie wollten 1 d 8 felbſt. Sie erlaubte es gern. Oer Abt doch gewiß fragen, ob ich dies Stuͤck kenne? Nicht ſo? Und da laſſen Sie nur alle Titel weg— ich habe in mei⸗ nem Leben zu viel dergleichen hoͤren muͤſſen; fragen Sie dreiſt, ob ich das Stuͤck kenne? und ich antworte: Jaz, aber ſo ſchoͤn, ſo mit gewaͤhltem ſchar⸗ fen Colorit habe ich's noch nie geſehen. Ich kann den Wunſch nicht bergen, daß ich es als Altargemaͤlde in einer meiner— ich ſtockte mit Fleiß —„daß ich es in einer der Kloſter⸗ kirchen in meiner Nachbarſchaft ſehen moͤgte. Kopiren werde ich es auf je⸗ den Fall, wenn es die Graͤfin erlaubt, um es, wenn einmal erſt Ruhe und Frieden herrſchen, in einer der Kirchen meines Vaterlandes aufzuſtellen.“— ₰ Die Graͤfin war die Freundlichkeit 73 3 ſah mich bei dieſen Worten aufmerkſant, aber beſcheiden an. Vielleicht mogte er glauben, daß mein Stand der Graͤ⸗ fin bekannt ſey. Die Graͤfin verließ uns auf einige Augenblicke. Mit einer unverkennbaren Schuͤchternheit nahete ſich der Abt mir; ich war deſto unbe⸗ fangener oder erzwang wenigſtens den Schein dazu, je mehr ich die Verlegen⸗ heit des Mannes ſah. Ich ſtand im⸗ mer noch vor dem Gemaͤlde und ſah es mit inniger Freude an. Leiſe und et⸗ was ſchuͤchtern redete mich der Abt an. —„Ich ſehe mit innigem Dank auf die Hochgebenedeite und mit der in⸗ nigſten Freude, daß Sie das ſchoͤne Gemaͤlde mi ſo vieler Andacht betrach⸗ ten. Dies macht mich ſo kuͤhn, Sie zu fragen, ob Sie zu unſter Religion ſich bekennen.“—„Wenn Sie das: ſich zu unſrer Religion ſich bekennen— 24 fuͤr Chriſtenthum im Allgemeinen neh⸗ men, ſonmuß ich die Frage mit ja be⸗ antworten. Uebrigens bin ich Prote⸗ ſtant. Aber in meinem Gebiet— in meiner Nachbarſchaft ſind außerſt viel Kirchen und Kloͤſter Ihrer Confeſſion, und sich kann es geſtehen, ich bin oft daſelbſt recht gluͤcklich geweſen. Ich ſchaͤtze und ehre jeden guten Menſchen, beſonders aber die Guten in Jhrer Confeſſion, die mit dem ſchoͤnen Aeu⸗ ßerlichen, mit dem Prachtvollen des Gottesdienſtes ein gutes Herz verbin⸗ den. Sagen Siz ſelbſt,“— fuhr ich mit erheucheltem Feuer fort,—„was kann ruͤhrender ſeyn, was kann das Herz mehr erheben, als wenn in Ihren Kirchen, in einer Wolke von Weih⸗ rauchsdampf eingehuͤllt, Tauſende ſich vor dem Altare in Staub werfen wenn Ihre Prieſter vor dem Altare 75 Meſſe leſen, und die fromme Schaat in Andacht gleichſam hingegoſſen, vor dem Altare kniet— was feyerlicher, als Ihre religioͤſen Prozeſſionen, an die ſich Tauſende anſchließen? Glauben Sie es mir— hochwuͤrdiger Herr— ich habe oft Thraͤnen der Andacht und der Rüh⸗ rung uͤber die Wangen ſolcher Men⸗ ſchen fließen geſehen, die ſich nicht zu Ihrer Religion bekennen; aber um wie viel mehr muß ein Gottesdienſt dieſer Art auf Megſchen Ihrer Eonfeſſi⸗ on wirken?“— e. Der Abt hörte dies alles mit ei⸗ ner ſo behaglichen Selbſtgefalligkeit an, die fuür das Anlegen meines Mianes und fuͤr deſſen Ausfuͤhrung nichts mehr zu wuͤnſchen uͤbrig ließz. Es ſchien mir aber doch, als ſey er ſelbſt von man⸗ chem, was ſeine Religion beisat⸗ ſo überzeugt nicht; indeß dies hinderte mieh nicht; ich wollte ihn taͤuſchen, und mußte es thun, wollte ich ſonſt Eliſen retten. Obadas Mittel, das ich waͤhlte, das edelſte war, unterſuchte ich nicht, denn ich ſah kein anderes vor mir. Mit ſchlichter Ehrlichkeit haͤtte ich hier geſchadet. Uebrigens merkte ich bald, daß der Abt um ſeiner Gelehr⸗ ſamkeit willen nicht zum Abte gewaͤhlt war; ſein dickes, fauniſches Geſicht ver⸗ rieth nur zu ſehr, daß er auf Koſten des Geiſtes den Koͤrper gepflegt hatte, und daher hatte ich's nicht noͤthig, meinen Plan ſo tief und ſo kuͤnſtlich anzulegen, daß ich die Unmoͤglichkeit ſeines Gelingens haͤtte befuͤrchten muͤſ⸗ ſen. Die Graͤfin kam jetzt wieder, um uns an den Tiſch zu fuͤhren. Ich ver⸗ 77 mußte immer noch Eliſen. Um mich recht unbefangen zu zeigen, fragte ich die Graͤfin ganz dreiſt, wo ihre Toch⸗ ter ſey.“— Die Graͤfin ſchien etwas verlegen bei dieſer Frage zu werden. Aus dieſer Verlegenheit wollte ich ſie befrein, um ſie mir zu verbinden— ich wandte mich, ohne ihre Antwort ab⸗ zuwarten, an den Abt.—„Ich muß Ihnen, hochwuͤrdiger Herr, einen ſon⸗ derbaren Zufall erzaͤhlen.“— Der Abt ſah mich mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit an.—„In meinem Vater⸗ lande, nicht weit von Mainz, habe ich ein ſchönes Gemaͤlde der heiligen Ceci⸗ lia von einem Altare kopirt, und wie ich mir ſchmeicheln darf, iſt die Copie dem Original ſo aͤhnlich als moͤglich. Nun denken Sie ſich den Zufall. Dies Bild iſt der jungen Graͤfin ſo aͤhnlich, als haͤtte ſie dazu geſeſſen.“— Der 7 1 78 3 Abt ſchien ſich zu wundern; und im Grunde wunderte ich mich uͤber mich ſelbſt, daß ich dies ſagte. Aber ich hatte es mir einmal vorgenommen, Kuͤhnheit zu zeigen, ich wollte zuvor⸗ kommen, und nicht erſt warten, bis die Graͤfin auf dieſen Gegenſtand kam. Die Graͤfin, die ich zum Zeugen auf⸗ forderte, beſtaͤtigte dies— ſie brachte das Bild. Der Abt ſah es mit fun⸗ kelnden Augen an. Jetzt fiel mir et⸗ was auf, an das ich mit Schrecken dachte. Aus den Augen des Abts ſtrahlte ein Feuer, das von den wilde⸗ ſten Begierden zeugte. Mir ſchien es ausgemacht, daß hier nicht allein der Abt, ſondern mehr noch der Mann im Spiele ſey; daß er eine Nebenabſicht hatte, und daß ſein Herz aus ganz an⸗ dern Grunden, als bloß aus Aberglau⸗ ben, das arme Maͤdchen im Schleier 79 ſehen wollte. Den Bligkund das wil de Feuer mit Worten zu beſchreiben, iſt unmoͤglich; aber wer nur einiger⸗ maßen den Blick eines Wolluſtlings, dem ein neues Opfer ſeiner Begierde in Wurf kommt, kennt, dert! kann ſich dies Geſicht denken. Ich waͤre im Stande geweſen, den Menſchen zu erdroſſeln, ſo empoͤrte mich die Ueber⸗ zeugung, daß der Wolluͤſtling den Aber⸗ glauben der Mutter benutzen wollte, um Eliſen ſeinen Luͤſten zu opfern. Er war ganz vertieft im Anſchaun des Bildes, und der Prinz in Emilie Ga⸗ lotti konnte Emiliens Bild, von Conti gemahlt, nicht mit heißerer Begi erde an⸗ ſehen, als hier der Abt Eliſas Vatzaaie Die Graͤfin mußte uns erinnern, Platz zu nehmen. Jetzt kam auch Eliſs. Aengſtlichkeit herrſchte in ihrem Blick 3 uund Weſen. Sie febte ſich zwi ſhen 80 dem Abte und mir nieder. Wie ſchwer wurde es mir, Ruhe zu zeigen, indeß der Abt ſich alle Muͤhe gab, den ſorg⸗ ſamen frommen Vater mit Gluͤck zu ſpielen. Ich zwang mich— ich ſtellte mich ruhig, kalt, indeß mein Blut koch⸗ te. Das Geſpraͤch kam bald auf das Gemaͤlde, der Abt hatte es an eine 3 ſchoͤne Blumenvaſe gelehnt, die gegen ihm uͤber ſtand. Jetzt mußte es ihm einer der aufwartenden Bedienten ge⸗ ben.„Aber ſehen Sie, meine liebe Tochter,“ fing er an,„ſehen Sie Ihr Bild. Nicht wahr, das Ordensgewand ſiſt ſchoͤn? Wie noch ungleich ſchoͤner wird es ſeyn, wenn Sie es erſt tragen! Ich ſehe ſchon darin eine prophetiſche Vorbedeutung, da der Herx hier— Verzeihen Sien wenn ich Ihren wahren Namen nicht weiß,“ ſagte er, indem er ſich zu mir wendete.“—„Sie wiſſen r unfre Abrede“ ſantwortete ich etwas unwillig.„Ich bin bier und gelte hier als Mahler. Wollen Sie mich ja nen⸗ nen, ſo geben Sie mir den Namen ir⸗ gend eines Heiligen Ihret Kirche, und ich werde mich unendlich zeſchmeicheh fuͤhlen.“— Er fuhr fort.—„Wenn der Herr dies Bild ſwon in ſeinem Vaterlande mahlte, liegt es nicht am Tage, daß hier eine hoͤhere Hand im 5. Spiele iſt? Wird Ihnen der Gedante an Ihre Beſtimmung nicht einleuch⸗ tend?“— Eliſa ſah das Bild fluͦch⸗ tig an, der Abt hielt es ihr vor. Sie erroͤthete, ſie warf einen verſtohlenden Blick auf mich— ich ſah wie ihre Beuſt ſich aͤngſtlich hob.—„Ja das Bild iſt zußerſt ſchoͤn,“ ſagte die Mut⸗ ter,„und ein angenehmeres Geſchenk konnte mir nicht gemacht werden, als da der Herr mir dies Gemaͤlde verehr⸗ 8²2 te.“— Der Abt ſahes immer noch aufmerkſam an, er ſchien Vergleichun⸗ gen mit dem Original anzuſtellen. „Haͤtten Sie dies ſchoͤne Gemaͤlde noch nicht an unſre Frau Graͤfin verſchenkt, ich wuͤrde es gewagt haben, darum zu bitten. In meiner Kirche fehlt ein Ge⸗ maͤlde der heil gen Cec lia— ich haͤtte dies ſchoͤne Bild groͤßer mahlen laſſen, um meine Kirche damit zu ſchmuͤcken. Gerade ſo, in dieſer Stellung, mit die⸗ ſem Gewande waͤre mir das Bild der Heiligen das liebſte.“—„Je nun,“ ſagte ich mit erzwungener Freundlich⸗. keit,„wenn unſre Frau Graͤfin mir hier laͤnger zu meiner Sicherheit den Aufenthalt geſtattet, ſo werde ich in dieſer Art Ihnen ein Andenken binter⸗ laſſen. Hier will ich mal alles vergeſ⸗ ſen, was mir drohet, ich will meiner Neigung nachleben, ich mache hier den Mahler, ich andere hier die Zimmer, und da findet ſich gewiß Zeit und Stimmung des Geiſtes zu einem Altar⸗ gemaͤlde. Und nicht wahr, Graͤſin Eli⸗ ſa, Sie ſchlagen es mir nicht ab, wenn ich Sie bitte, mir zu dem Aeiern 8 Ge⸗ maalde zu ſitzen?“— 8. Mit dem wohlgefaͤlligſten Laͤcheln ſah mich der Abt an. Im Uebermaaß ſeiner Freude und ſeiner Hoffnungen ergriff er meine Hand und druͤckte ſie; ich erwiederte ſeinen Haͤndedruck. Die Graͤfin ſchloß das Gemälde weg. So viel merkte ich gleich, den Abt hatte ich nun ganz auf meiner Seite. Er war nicht der feine, verſchmitzte Mann, den man ſonſt wohl in einem Abte ſucht; ich haͤtte ſonſt meinen Plan fei⸗ ner anlegen muͤſſen. Hier bei dieſem 4 gewoͤhnlichen Moͤnch konnte ich ihn im Grunde nicht grob und hart genug an⸗ legen, denn je gerader und offener ich mich dem Anſcheine nach nahm, je mehr ich dies Benehmen mit einem ge⸗ wiſſen Stolze ſchattirte, um deſto ſicherer konnte ich darauf rechnen, daß er Furcht vor mir behielt. Von ihm hat⸗ te ich alſo wenig zu fuͤrchten, wenn 4 ich nur conſequent handelte, und die Kegeln einer klugen Verſtellung nicht aus din Augen ſetzte. Mehr, ungleich mehr hatte ich von der Graͤfin zu fuͤrch⸗ zten, die bei allem Aberglauben mir doch zu viel Ei und Feinheit zu beſi⸗ tzen ſchien. Indeß ich ſahe bald, daß ſie im hoͤchſten Grade bigott warz ich konnte alſo darauf rechnen, daß ſie ir⸗ gend eine Bloͤße geben mußte, die ich zu benutzen hatte. Mit dieſem allen kam ich bald auf's Reine; weniger war ich es mit meinem Herzen; mit 3 85“ meiner Liebe zu Eliſa. Ich geſtehe es, ich dachte mir nichts eigentlich ernſtlis ches, da ich im Kloſter das ſchöne Maͤdchen ſtatt der Cerilia mahlte; ich wollte einen Kopf, ein Geſicht mehr heaben, von dem ich ſagen koͤnnte, es 4† iſt ein Engelsgeſicht. Pietro, durch ei⸗ nen Zufall mir bekannt geworden, mach⸗ te mich mit der Geſchichte des ſchoͤnen Maͤdchens bekannt; er entdeckte mir die ſchreckliche Lage der jungen Graͤfin Eliſa, und nun trat Mitleiden in mein Herz— ich ſah das Maͤdchen ſelbſt, ich erfuhr ſeine Feſtigkeit, ſein edles Herz; jetzt knuͤpfte ſich die in⸗ nigſte Verehrung an dieſes Mitleiden— heute ſaß ich neben dem holden Ge⸗ ſccoͤpf. Ach! wie bald hat da die Lis⸗ be gewonnenes Spiel!— Ich mußte mich recht zuſammen nehmen, um mich nicht zu verrathen, und in der That 86 wurde mir dieſen Mittag meine ange⸗ fangene Rolle ſchwerz indeß ich hatte ſie angefangen, ich mußte ſie fortſpie⸗ len und ſpielte ſi glünklich fort.— Die Unterhaltung am Tiſche bettaßt groͤßtentheils allgemeine Gegenſtaͤnde, und ich brachte dergleichen mit Fleiß auf die Bahn, denn ich war beſorgt, der Abt moͤgte Miene machen, mich mit in das Buͤndniß zu ziehen, das er mit der Graͤfin zu Eliſas Ungluͤck ge⸗ mmacht hatte. Dann haͤtte ich auf jeden Fall bei einem Theile anſtoßen muͤſſen: dies bei dem Abte zu thun, verbot mir die Klugheit, und bei Eliſen? Wie waͤre mir das moͤglich geweſen! Ich hatte es fuͤr eine Todſuͤnde gehalten, der leidenden Ungluͤcklichen nur einen bittern Augenblick zu machen, ehe ich Gelegenheit gehabt haͤtte, ihr mein 87 Herz und meinen Plan zu entdeckene Mit Fleiß erhielt ich alſo das Geſpraͤcht auf dem Gleiſe des Allgemeinen. Die Gegenden des Rheins, in Baiern, in Schwaben und Oeſterreich, die ich genau kannte— die Schweiz und der weſtliche Theil Fraͤnkreichs, die ich durchreiſet hatte, gaben Stoff genug her’, ich beſchrieb die Gegenden als Mahler, und ließ mit Fleiß dann und wann ein Woͤrtchen davon fallen, wie ich an den Hoͤfen ſo bekannt ſey als der Abt in ſeinem Kloſter. Beſonders aber gab mir der Krieg ein weitlaͤuf⸗ tiges Feldd Hier war ich ganz zu Hauſe, und das um deſto mehr, da der Abt wenig davon wußte, aber denn doch gern manches wiſſen wollte. Schon bei der erſten Erzaͤhlung waͤhlte ich mit Fleiß ſolche Ausdrucke 88 und Wendungen, die nur ein Augenzeu⸗ ge gebrauchen kann; ich ließ manche Bemerkung fallen, die es nicht unwahr⸗ ſcheinlich machte, daß ich ſelbſt einer der Anfuͤhrer derer geweſen ſey, die damals gegen Frankreich die Waffen er⸗⸗ griffen hatten. Dann that ich, als wollte ich das Gefagte wieder verbeſſern, und dieſe erzwungene Verlegenheit be⸗ ſtaͤrkte den Abt in ſeinem Vorurtheile. Einigemale, da ihn der Wein etwas küh⸗ ner gemacht hatte, ſtieß er ſogar mit mir an und ſagte:„Der Erinnerung der Thaten, die Sie mit ausfuͤhrten!“ Ich ſtieß mit ihm an, weigerte mich aber, eine Art von Lobſpruch anzunehe men Ein tiefe Narbe auf meiner lin⸗ ken Haud udie ich als Knabe der Unvor⸗ ſichtigkeit eines meiner Jugendfreunde zu verdanken hatte, ſpielte hier eine wichtige Rolle; ich ließ ſie mit Fleiß 89 ofters ſehen, und dies beſtaͤrkte den Abt nun vollends in ſeinem Vorurtheil.. Der Zeitpunct der merkwuͤrdigen Begebenheiten in Italien im Jahr 1195 war damals noch in friſchem Andenken, und gab eine der gunſtigſten Gelegen⸗ he ten, mich wichtig zu machen. Die Franzoſen waren uͤber den Po geſetzt, ſie hatten die Oeſterreicher bei Lodi ge⸗ ſchlagen, die ganze Lombardei war in ihrer Gewalt, und der Koͤnig von Sar⸗ dinien, der ſich im Jahre 1792 an den großen Bund gegen Frankreich ange⸗ ſchloſſen hatte, ſah ſich genoͤthigt, un⸗ term 15ten May einen ſchimpflichen Frieden einzugehen, nach welchem er alle neun Feſtungen ſeines Landes an die Franzoſen uͤbergeben mußte. Ein aͤhnliches Loos hatte den Herzog von Parma getroffen, und in der Zeit von 90 zwei Monaten waren die maͤchtigſten Fuͤrſten Italiens, der Koͤnig von Ne⸗ apel, der Herzog von Modena und ſelbſt der Pabſt gezwungen, mit dem Feinde einen nicht zu ehrenvollen Frie⸗ den einzugehen. Jetzt war die Ruhe in Italien wieder hergeſtellt; ob auf⸗ lange Zeit? das war eine andere Frage. Ueber alle dieſe Gegenſtaͤnde ſprach ich mit einer Entſcheidung, mit einer Gewißheit, als haͤtte ich bei allen Staatsverſammlungen den Vorſitz ge⸗ habt; ich ſprach mit einem Feuer, das in der That, je mehr es um mir leuch⸗ tete, ein deſto groͤßeres Dunkel uͤder meinen wahren Stand verbreitete. Daß ich dabei auf die Franzoſen nicht zum beſten ſprach, kann man ſchon voraus⸗ ſetzen, da ich wußte, daß der Adel und die Geiſtlichkeit dieſes Landes dieſes 95 Bolk um deſto mehr haßte, je mehr es auf das Wohl dieſer beiden Staͤnde ſo aͤußerſt nachtheilig wirkte. Ich fand— 48 die aufmerkſamſten Zuhoͤrer, und fand ſie um deſto mehr, da ich ihnen Hoff⸗ nungen auf beſſere Zeiten machte, und ihnen manche Ausſicht eroͤffnete, die freilich in meinen Redensarten, aber nicht einmal in meinem Kopfe und noch weniger in der Wirklichkeit waren⸗ Der Abt, der bei allen dem ſehr viel trank, noͤthigte auch mich dazu, aber ich erklaͤrte ihm gerade heraus, daß ich nie mehr als einige Glas traͤnke.— Die Tafel wurde aufgehoben, Eliſa entfernte ſich. Ich wollte den Abt und die Grafin noch ſicherer machen, und nahm aus meinem Portefeuille das Ge⸗ maͤlde eines ſehr ſchoͤnen Kindes, das ich einſt nach meiner Phantaſie mir ent⸗ warf. Jetzt nahm ich es, ſahe es ge⸗ 92 dankenvoll an— ich kuͤßte es. Der Abt bemerkte es, und gerade das war es, was ich erreichen wollte. Er trat mir naͤher.—„Sehen Sie, hochwuͤr⸗ diger Herr,“ ſagte ich mit einer erheu⸗ chelten Wehmuth,„das iſt meine Tochter! ein Kind, das ſchon in ſeinem dritten Jahre ſeinen Vater als Fluͤcht⸗ ling ſehen muß!“ Ich erzwang bei dieſen Worten eine Miene, die den gan⸗ zen Schmerz ausdruͤckt, den ich, wenn die Sache wahr war, haͤtte fuͤhlen müſſen.—„Alſo verheirathet?“ fragte die Graͤfin.—„Ja, ſchon ſeit vier Jahren.“— Und Ihre Frau Gemah⸗ lin befindet ſich?“—„In Muͤnchen. Ob ich ſie wiederſehen werde, das ſteht in einer hoͤhern Hand.“— Ich war in der That nahe daran zu lachen, als der Abt mir eine Menge von Troſt⸗ gründen und von Beruhigung und A 93 Hoffnungen auskramte,— indeß i ich nahm alles dies ſuͤr baares Geld au, und dankte mit ſo viel Treuherzigkeit, daß ich in der That auf einem Theater keine einſtudirte Rolle haͤtte beſſer ſpie⸗ len können. Gedankenvoll ging ich im Saale auf und nieder— ich ſpielte den Sehnſuchtsvollen ſo natuͤrlich, daß in dem Herzen meiner Geſellſchaft auch nicht einmal ein Schatten von Taͤu⸗ ſchung entſtehen konnte. Der Graͤfin mogte mein ungluͤckliches Schickſal recht nahe gehen. Sie trat mir naͤher; ich mußte ihr das Gemaͤlde noch einmal zeigen.„Ein ſchoͤnes Kind!“ ſagte ſie.—„So iſt die Mutter auch!“ war meine Antwort.„Wenigſtens ha⸗ be ich nicht leicht eine groͤßere Aehnlich⸗ keit angetroffen, als hier zwiſchen Mut⸗ ter und Tochter iſt. 4— Die heilige Jungfrau leite ſein Herz!“— ſiel der 94 Abt ein.—„Und gebe, daß Sie den Kummer nicht an Ihrer Tochter erleben, der mein Mutterherz jetzt ſo ſehr beugt“ ſagte die Graͤfin.— Ich wußte recht gut, wo das hinaus woll⸗ te; mit einer angenommenen Haſtig⸗ keit fragte ich:„Sie Kummer? Sie, meine Graͤfin?“—„Ja, viel, ach viel Kummer!“—„Doch nicht von der Graͤfin Eliſa?“—— Sie ſchwieg. Thraͤnen ſtiegen in ihre Augen. Faſt ſchaͤmte ich mich meiner Rolle— es ruͤhrte mich, eine Mutter weinen zu ſe⸗ hen— aber— Eliſas Gluͤck ſtand ja auf dem Spiele.— ge und ergriff ihre Hand.— ſing ſie mit einem n ſch. 95 beſchreiben. Uebernehmen Sie dies Geſchaͤft, hochwuͤrdiger Herr!“ ſagte ſie zum Abt.—„Sehr gern!“ war ſeine Antwort. Die Graͤfin verließ uns. Ich wußte ſchon recht gut, was ich zu er⸗ warten hatte, und daher waren meine Antworten und meine Aeußerungen auch ſchon entworfen. Wir gingen in den Garten. Gleich bei dem Eintritte 4 fing der Abt an etwas ſehr weit auszu⸗ 4 holen.—„Sagen Sie mir doch,“ fing er an,„denn ich kenne Ihre Coufeſſion zu wenig— ſind bei Ihnen die Kinder den Eltern unbedingten Ge⸗ horſam ſchuldig?“— Ich merkte gleich, wohin dieſer Eingang fuͤhren ſollte. Meine Antwort war daher: „Mir iſt kein Fall bekannt, bei dem der Willen des Kindes mehr gelten oͤnnte, als der Wunſch und Befehl der Eiltern. Wie geſagt, ich kenne keinen 96 Fall, aus dem ich ſchließen koͤnnte, daß Kinder den Gehorſam gegen Eltern zu⸗ ruͤckſetzen duͤrften. Und geſchieht es, ſo bin ich uͤberzeugt, daß unſere Con⸗ feſſion dies Benehmen nicht belligt.“— Der Abt war mit dieſer Antwork nicht nur zufrieden, nein, er ſchien ganz entzuͤckt daruͤber zu ſeyn. Er faßte meine Hand.—„Wenn nun Eltern einſehen, daß ihr Kind zu dieſem oder jenem Stande beſſer paßt, oder wenn ſie wuͤnſchen, daß es dieſe oder jene Lebensart ergreifet, wie weit gehen da die Rechte der Eltern?—„Erſt das Kind von ſeinem wahren Vortheil zu uͤberzeugen, dann ihm deutlich zu machen, daß Eltern uͤber die Wahl des Kindes entſcheiden koͤnnen; will das nicht wirken, ſo haben Eltern die Macht, mit Gewalt jeden Trotz und jeden Un⸗: gehorſam zu zwingen.“— Ich ſagte * — 97 dies mit Ueberlegung, und nun glaubte er vollends gewonnenes Spiel zu ha⸗ ben. Ohne weitere Umſtaͤnde erzaͤhlte er mir das von Eliſens Geſchichte, was er glaubte, daß ich's wiſſen koͤnnte. Sie ſey fruͤh ſchon zu einer mutterlo⸗ ſen Waiſe geworden; die Graͤfin, ih⸗ re jetzige Mutter beſtimmte ſie zum Kloſterleben. Freilich wurde von Sei⸗ ten des Abts dieſem Zweck eine andere Folie untergeſchoben; nach ſeinem Vor⸗ geben war es Eifer fuͤr Religion und hoͤhere Eingebung, was im Grunde ge⸗ nommen nichts als Eigennutz war. Dies alles wußte ich ſchon, ich ließ mir aber nichts davon merken, daß ich von dem ganzen Verhaltniß unterrichtet war. Der Abt drang auf Antwort. Ich ſtellte mich aͤußerſt unzufrieden, daß ich gerade jetzt in dieſes Haus ge⸗ kommen ſey, da der Geiſt der Zwie⸗ 2 98 tracht herrſche. Ich gab es zu verſte⸗ hen, daß ich ſchwerlich hier bleiben koͤn⸗ ne, indem ich befuͤrchten muͤßte, hier oder da anzuſtoßen, und das wollte ich als Gaſt doch gern vermeiden. Der Abt redete mir zu, zu bleiben; er ſah in voraus, daß ich dazu beitragen wuͤr⸗ de, ſeinen Wunſch erfuͤllt zu. ſehen. Ich hielt die Antwort an mich. Er drang darauf; ich aͤußerte, daß ich zu wenig von den Grundſaͤtzen der Klöͤſter in Italien unterrichtet ſey, als daß ich den entſcheidenden Richter machen koͤnne. In dieſem Geſpraͤch kam die Graͤfin wieder zu uns. Ich gab mein Bedauern uͤber das ungluͤckliche Ver⸗ haͤltniß zu ihrer Tochter zu erkennen, und gab ihr nicht undeutlich zu verſtee hen, daß ſie ja müͤtterliche Rechte ha⸗ be, die jede Tochter um ſo mehr ehren muͤſſe, je mehr ſie von einer zaͤrtlich 3 9 beſorgten Mutter kaͤmen. Mein ganzes Benehmen— ich will hier weiter nicht ſagen, daß ich mich deſſen ſchaͤmte, oder daß ich es billigte— hatte mir das Vertrauen beider in einem ſehr ho⸗ hen Grade erworben. Dies war ſehr viel; denn immer noch begreife ich es nicht, wie ich den Abt auf dieſem We⸗ ge ſo ſicher machte. Aber gerade die Hauptperſon war noch uͤbrig— Eliſa, ihr Zutrauen und— wenn es mir gluͤckte, ihre Liebe waren ein zu ſchaͤtz⸗ bares Kleinod, als daß ich nicht alles haͤtte anwenden ſollen, es zu erlangen. Ich dachte daruͤber nach, und da ich die Graͤfin ſowohl, als den Abt ſchon ſo weit gebracht zu haben glaubte, daß ich dem Anſcheine nach, ganz offen han⸗ deln konnte, ſo uüberließ ich mich ganz mmeinem Nachdenken, wie ich dies Zutrauen am beſten erreichen koͤnnte. 100 Ich wurde ſtiller und nachdenkender, ohne natuͤrlich den beiden merken zu laſſen, weshalb ich's wurde; ich ging allein und zog zuweilen das Bild, das mein Kind vorſtellen ſollte, aus dem Portefeuille— ich ſah es ernſthafter b an, und that dies alles ſo, daß es be⸗ ſonders die Graͤfin bemerken mußten Ich mogte einige Gaͤnge auf deeſe Art durchſtrichen haben, als der Abt und die Graͤfin ſich wieder zu mir geſellten. Die Letztere gab es nicht undeutlich zu verſtehen, daß ich auf ihre beſtändige Dankbarkeit die gerechteſten Anſpruche zu machen habe, wenn ich Eliſen⸗ nicht ſowohl bereden, denn das koͤn⸗ ne ſie mir nicht zumuthen— ſondern nur aufmerkſam auf die Pflichten ma⸗ chen wolle, die Religion und Gehorſam gegen Kirche und Eltern von ihr foder⸗ ten. Ich weigerte mich zum Scheinz 10r ich ſchuͤtzte vor, daß Eliſa gewiß nicht auf mich hoͤren wuͤrde. Die Grafin verſicherte, wie ſie gewiß wiſſe, daß Eliſa mich außerordentlich ſchätze, und„ daß gewiß mein Wort alles bei ihr gelte. Ich blieb ſtandhaft bei meinen Weigerungen, ich machte den Verlege⸗ nen; die Graͤfin meinte, es ſey am beſten, wenn ich entweder Eliſa Unter⸗ richt im Zeichnen gaͤbe, oder wenn ich ihr Gemaͤlde anfinge. Dies ſey der ſicherſte Weg, mich ihr bemerkbar zu machen, und mich Stundenlang allein mit ihr zu unterhalten. Ich weiß ſelbſt nicht, wie es mir mmoͤglich war, meine Freude ſo zu ver⸗ bbergen, daß die Graͤfin und der Abt nichts von dem merkten, was in mir vorging. Beide glaubten, ich ſey ver⸗ heitathet; beide ſetzten es als ganz „ 102 ausgemacht voraus, daß ich wenigſtens einer der kleinern Fuͤrſten Deutſchlands ſeyn muͤſſe. Indeß ſo grenzenlos mei⸗ ne innige Freude war, denn ich fuͤhlte es immer ſtaͤrker, wie das Mitleiden und der Eifer, Elifen zu retten, ſich bei mir in die gluͤyendſte Liebe verwan⸗ delt hatte, ſo machte ich doch bald die Erfahrung, daß, da ich in der Ein⸗ ſamkeit uͤber das Ganze nachdachte, manches mir aus einem andern, nicht oft genug zu beruͤckſichtigenden Geſichts⸗ puncte erſchien. Mogte ich alles, was ich unternahm, mit der gluͤhendſten Liebe entſchuldigen; ich empfand im⸗ mer einige Vorwuͤrfe meines Gewiſſens. Die Geaͤfin— mogte ſie uͤbrigens ſeyn 4 wie ſie wollte; mogten die Bewe⸗ gungsgruͤnde, aus denen ſie handelte, ſeyn, welche ſie wollten— hatte mich mit verſchwenderiſcher Guͤte aufgenom⸗ 103 men. Eliſa war weit uͤber meinen Stand erhaben; ich kannte ſie zu we⸗⸗ nig, um wiſſen zu koͤnnen, ob ſie in meinem Stande gluͤcklich ſeyn werde; ob ſie nicht jetzt fuͤr den Augenblick in mir bloß den Retter liebte und ob ihr der Schritt, den ſie thun mußte, nicht dann gereuen wuͤrde, wenn ſie in mir den Gatten ſähe; uͤberdies wußte ich ja noch nicht einmal, ob ſie mich ihrer Liebe werth halten wuͤrde, wenn ſie erſt wuͤßte, wer ich ſey. Auf dieſen Fall graͤnzte mein Benehmen, auf's ge⸗ lindeſte beurtheilt, doch immer ſehr na⸗ he an Thorheit. Dies Alles uͤberdach⸗ te ich des Abends auf meinem Zimmer — ich war in der quaͤlendſten Unruhe, als Pietro zu mir kam. Ich hatte ihn ſeit heute fruͤh nicht geſehen; ich wuß⸗ te, daß ich mich ganz auf ihn verlaſſen konnte; er war der einzige, mit dem 2 104 ich uͤber das Ganze meiner Lage und uͤber meine Abſicht ſprechen konnte. Mir war ſein Beſuch aͤußerſt angenehm. K hatte mich heute im Garten be⸗ merkt, und zugleich war es ihm nicht entgangen, mit welcher Ehrfurcht der Abt mich behandelt, mit welcher zu⸗ vorkommenden Guͤte die Graͤfin mir be⸗ gegnete. Er war nun uͤberzeugt, daß beide meinen wahren Stand wuͤßten, und nun war es ihm ſo gut wie un⸗ terſchrieben, daß ihn das Gluͤck mit ei⸗ nem ſehr wichtigen Mann in Verbin⸗ dung gebracht hatte. Mit ſchuͤchterner Beſcheidenheit na⸗ hete er ſich mir und bat um Verzei⸗ hung, daß er vielleicht vorher die Graͤnzen der mir ſchuldigen Achtung uͤbertreten habe. Ich laͤchelte, ich gab ihm zu verſtehen, daß es ja mein eige⸗ ſeyn, indem mich dieſe Feſſel an ſo manches erinnere, woran ich nicht gern daͤchte. Ich wollte ja jetzt nach mei⸗ nem Vorgeben nichts um mich ſehen, als Menſchen ohne Prunk, ohne Flitter. Ueberdies wuͤßte er ja, wofür er mich zu halten habe. In Wahrheit, ich hatte Mühe Pie⸗ tro zu dem Verhaͤltniß herabzuſtimmen, in dem er vorher war. Endlich gelang es mir; aber feclic ſchimmerte an⸗ faͤnglich durch ſeine Treuherzigkeit im⸗ mer die Ehrfurcht, die er meinem ein⸗ gebildeten Stande ſchuldig zu ſeyn glaubte.——„Haben Sie die Graͤ⸗ fin Eliſa ſchon geſprochen?“ fragte 46 ſchuͤchtern und mit vielen Umſchweifen. —„Nein“ war meine Antwort.„Ich 5 6 ner Wunſch geweſen ſey, von dem Je⸗ rimoniell hoͤherer Staͤnde befreit zu 4 105 habe freilich am Tiſche einige Worte mit ihr gewechſelt; aber das iſt im⸗ mer nur wenig. Das liebe arme Maͤ⸗ chen dauert mich in die Seele; koͤnnte ich es retten, mit Gefahr meines Le⸗ bens wollte ich's thunt“— Dieſe Worte, die jede Auslegung litten, warf ich nur ſo hin, um zu ſehen, wie Pietro ſich dabei nehmen wuͤrde.— „Herr!“ fing er an,„die junge Graͤ⸗ ſin iſt ein Engel. Sie verdient ein beſſeres Loos, und es iſt keiner unter ihren Unterthanen, der nicht das Leben in die Schanze ſchluͤge, um der jungen Graͤfin nur eine frohe Stunde zu ma⸗ chen. Aber, aber, geſchieht da nichts außerordentliches, ſo⸗ iſt das arme Kind unwiederbringlich verloren.—Der Abt ach ich bin ein alter Soldat, der ſich ſo leicht nicht blenden laͤßt,— der Abt hat noch andere Abſichten, mit 107 denen er bhinter den Kanonen haͤlt— es ließe ſich viel davon ſagen; und— ich will zehn Jahr laͤnger im Fegefeuer braten, er erreicht ſeine Abſichten. Wenn ſchon der Graf als Vater viel dagegen einwenden mag, denken Sie an mich, der Abt und die Graͤfin ma⸗ noͤoriren ſo lange, bis der ſchoͤne Mian ausgeiuört iſt. Ja hoͤrte dies alles mit der laͤcheln⸗ den Miene an, die gewoͤhnlich das Zei⸗ chen iſt, daß man ſeiner Sache ſo ziem⸗ lich gewiß iſt. Auch Pietro ſchien dies von der Seite zu nehmen, als ob ich der Mittel zu der Rettung und Befrei⸗ ung Eliſens genug haͤtte. Er fuhr fort. —„Nun, ſo viel kann ich Ihnen zum 85 Troſte ſagen: der Abt iſt boshaft, auch etwas liederlich, aber von den Kluͤgſten ſiſt er nicht; das Pulver hat er nicht 108 erfunden. Er iſt von ganz gemeinem Herkommen und es iſt gar keine Here⸗ ren, ihm eine Naſe zu drehen. Die Gräͤfin aber, ja die iſt liſtiger— und =nnehmen Sie es aber ja nicht uͤbel 3 — bei der haben Sie Urſach, alle Be⸗ hutſamkeit anzuwenden, wenn Sie ja Abſichten auf die Graͤfin Eliſa haben.“ —„Weiter keine Abfichten, als das arme Maͤdchen gluͤcklich zu ſehen“ ſag⸗ te ich.„Ich fuͤhle, daß es mich dau⸗ ert, wenn das liebe Maͤdchen ein Op⸗ fer werden ſollte.“—„Nun Herr, das iſt unſer einem ſchon genug geſagt. Mehr iſt nicht noͤthig, und ich ſehe ſchon durch. Auf mich, auf Thoma— im Grunde auf uns alle koͤnnen Sie feſt und ſicher rechnen.“—„„Nun gut, lieber Pietro!“ ſagte ich laͤchelnd. „Sollte ich De ner und Deines Freun⸗ des Huͤlfe gebrauchen, ſo werde ich 109 was geſchehen foll, muß bald geſche⸗ hen; denn ſo oder ſo— ungluͤcklich⸗ Fall. Heirathet ſie den alten Suͤn⸗ der, den Marcheſe, ſo iſt ſie ungluͤck⸗ lich— und muß ſie in's Kloſter, dann — Ich ſagte dies mit einer zuverſicht⸗ lichen Mienen Pietro ſah mich an. Ich nieder— ſchlafen konnte ich nicht; ich wie Italiens Naͤchte es faſt immer ganz darauferechnen.“„Aber, Herr, wird die arme junge Graͤfin auf jeden iſt ſie noch unalucklicher.”“+„Ich hoffe, keins von beiden ſoll geſchehen.“ bemerkte bald, daß dieſe meine Aeuße⸗ rung ihn heitrer machte. Spat erſt verließ er mich, nachdem er noch einige Auftraͤge von mir erhalten hatte. Ich warf mich nachdenkend auf mein Bette mußte wieder aufſtehen und mich in’s Fenſter legen. Die Nacht war ſchoͤn, ſind. Der Voumond ſtand gerade ge⸗ 110 gen mir uͤber; maleriſch ſchoͤn war das Gewand, das er uͤber die ganze Gegend warf; die Schatten der Baͤume lagen ſcharf in den erleuchteten Gaͤngen des Gartens. Der Geſang der Nachtigall ſtimmte mein Herz zu einer Wehmuth, wie ich ſie noch nie empfunden hatte— als der Ton einer Guitarre— begleitet voon der ſchoͤnſten Stimme, die ich je hoͤrte, in mein Ohr ſchlug. Ich vergaß jetzt alles. Ich hoͤrte nur die ſchone klagende Stimme, die melodiſche Be⸗ gleitung der Guitarre. Die Stimme ſchien aus dem mir gegenuͤberliegenden Eckfenſter des Schloſſes zu kommen— es brannte dort noch Licht— ich konn⸗ te durch das geoffnete Fenſter in das Zimmer hinein ſehen. Aufmerkſam lag⸗ ich da, als die ſchoͤne Muſik langſtens ſchwieg— unverwandt ſahe ich nach dem Zimmer, auf dem ich deutlich den ¹ 1II Schatten einer weiblichen Figur an der Wand ſah. Endlich trat dieſe dem Feng eer naͤher— es war Eliſa, die ged kenvoll am Fenſter ſtand und— wie ich, verſunken in der Schoͤnheit der Nacht ſich ſelbſt vergaß. Gern haͤtte ich dem ungluͤcklichen Maͤdchen zugeru⸗ fen, da ich ſah daß es ſeine Thraͤnen trocknete. Gern haͤtte ich Eliſen meine Liebe geſtanden— gern mich in einen gewiſſen Tod geſtuͤrzt, um ſie zu retten. In dieſem Augenblick ſchwur ich der ungluͤcklichen ewige Liebe— ich war ſo hingeriſſen von meiner Empfindung, daß ich mich auf meine Knie nieder⸗ warf. Ich ſchwur es mir ſelbſt zu, Eliſa zu retten und kein Mittel, es mogte ſo gefaͤhrlich ſein als es wollte, unverſucht zu laſſen, meine Abſichten zu erreichen. 2 112 MNitternacht war laͤngſt voruͤber, als ich einſchlief— der Morgen war kaum angebrochen, als ich ſchon wieder erwachte; denn Ruhe war fuͤr mich nicht zu finden. Mit Aufgang der Sonne ging ich in den Garten, ich nahm, um einen Vorwand zu haben, mein Portefeuille zu mir, ich ging nach der Gegend, die mir die ſchoͤnſte ſchien. Dieſe war ein Luſtwaͤldchen an dem Ufer des Sees, der auf der ei⸗ nen Seite das Schloß beſpuͤhlte. Hier in dieſem Luſtwaͤldchen waren einige Anlagen, die ich ſchon von weitem be⸗ merkt hatte und die meine Aufmerkſam⸗ keit mehr als gewoͤhnlich auf ſich gezo⸗ gen hatten. Hier ſetzte ich mich unter einer Ulme nieder. Ich konnte von die⸗ ſem Standpuncte aus das gegenuͤber⸗ liegende Ufer des Sees uͤberſehen, deſ⸗ 8 ſen Ufer ſo maleriſch, ſo ſchoͤn vor mir 1131 H. r 8. lagen. Fluͤchtig warf ich bieſes ſchoͤne Perſpectiv auf das Papier, und war kaum mit der Arbeit fertig, ich wollte umkehren, als Eliſa in Begleitung einer weiblichen Perſon den Huͤgel herauf kam. Es fiel mir jetzt erſt ein, daß dieſer Platz vielleicht Eliſens Lieblings⸗ platz ſei, denn ich fand mehrere umher⸗ liegende Ueberbleibſel feiner weiblicher Arbeiten. Eliſa war mir ſchon zu na⸗ he, als daß ich nicht haͤtte glauben ſol⸗ len, ſie habe mich ſchon bemerkt. Sie war mit ihrer Begleiterin in einem tie⸗ fen Geſprach. Erſt wollte ich horchen alein dieſe Neigung unterdruͤckte ich gleich in ihrem Entſtehen, ich woll⸗ tt redlich und offen gegen Eliſen han⸗ deln. Ich ging ihr mit Dreiſtigkeit entgegen, ſo angſtlich und verlegen ich auch war. Sie bemerkte mich; ſie ſammelte ſich, mit einer unbeſchreibli⸗ 8 114 chen Grazie fragte ſie mich, ob ich ſo fruͤh ſchon dieſe ſchoͤne Gegend beſehen babe? Sie bedauerte es, daß ſie heute zu ſpaͤt gekommen ſey, den Aufgang der Sonne zu ſehen, und ſetzte mit ei⸗ nem, mein ganzes Herz durchdringen⸗ den Blick hinzu, daß bloß eine kleine Lieblingsſuͤnde, Muſik und Geſang die Urſach geweſen ſey, daß ſie dieſe Nacht ſo wenig geſchlafen habe. Ich konnte ihr nicht antworten; noch weniger konn⸗ te ich ſie fragen, ſo verlegen war ich. Das Wort, Muſik, gab den Faden zur Unterhaltung. Ich fragte nach die⸗ ſer Muſik; Eliſa erzaͤhlte mir mit der herzlichſten Unbefangenheit, daß ſie ſelbt dieſe Nacht einige Stunden Guitarre geſpielt habe. Unter dieſem Geſprach kehrte ich wieder mit ihr um— wahr⸗ ſcheinlich hielt auch ſie mich fuͤr mehr, als ich meinem Stande nach war; ich IrS ſchloß dies aus ihrem Benehmen, das ganz ſo war, als habe ſie jemand ihres Standes vor ſich. Wir kamen an die Bank, von der die ſchoͤne Ausſicht war — ſie nahm Platz, ich mußte es auch thun. Die Begleiterin, die bei Eliſa war, nahm Theil an unſerm Geſpraͤch, das ſich uͤber allgemeine Gegenſtaͤnde, uͤber die Geſchichte der Zeit und uͤber die Gegend verbreitete. Ich fand bald, daß Eliſa nicht nur ein edles Herz, ſondern auch einen aͤußerſt gebildeten Verſtand hatte. Mit der großeſten Aufmerkſamkeit hoͤrte ſie die Beſchrei⸗ bung der Schweitzergebirge, der Rhein⸗ gegenden und ich gab mir natuͤrlich al⸗ le Muͤhe, fuͤr ſie die groͤßeſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu zeigen. Wir kamen in un⸗ ſerm Geſpraͤch auf die Gegend und auf die Umgebung zuruͤck, in der wir jetzt wmaren. Ich erklarte Elſa, daß dieſer 116 lat mein Lieblingsplatz werden wuͤr⸗ de, wenn ich laͤnger hier bliebe.— „Der Meinige iſt es laͤngſt“ ſagte ſie und eine Thraͤne druͤckte ſich aus ihrem Auge, da ſie dies ſagte.„Sehen Sie dort jene kleine Kapelle?“— Ich ſah hin, und erblickte im See nahe am Ufer eine kleine mit Baͤumen beſetzte Inſel, aus deren Mitte ſich ein ſchoͤnes Grabmal erhob. Ich bemerkte, daß Eliſa bei dieſem Anblick weinte— ich wagte es, nach der Urſach zu fragen.— „Ach!“ ſagte ſie mit gequetſchter Stim⸗ me— liegen denn da nicht alle meine Hoffnungen?“—„Alle Ihre Hoff⸗ nungen, Graͤfin?“—„Ja, denn dort ſchlummert meine Mutter!“— Sie wurde ſtill und ſah gedankenvoll vor ſich nieder.—„Ihre Mutter?“ frag⸗ te ich ſchuͤchtern nach einigen Augenbli⸗ cken.—„Ja, ich habe jetzt eine Stiefmutter.“—„und, alle Ihre Hoffnungen, ſagen Sie?“—„Ach ja, alle, alle meine Hoffnungen. Ich weiß freilich, daß den Sterblichen oft die ſchoͤnſten Plaͤne mißgluͤcken, aber es iſt grauſam, vom Schickſal, wenn ſie alle, alle ſcheitern, und wenn keine Ausſicht mehr uͤberbleibt.“— Ich ſaß ſtiũ neben ihr, ich wußte in der That nicht, wie ich den Eingang zu ei⸗ nem Geſpraͤche finden ſollte.—„Ich wuͤnſchte dies Grabmal ſehen zu koͤn⸗ nen!“ ſagte ich endlich.—„Das kann gleich geſchehen war Eliſens Antwort. Die Begleiterin mußte nach der nahen Wohnung des Fiſchers eilen, der Mann kam gleich mit einem leich⸗ ten Kahn; wir fuhren en hin. Eliſa war ganz angegriffen, ſie weinte, da ſie den Boden betrat, ich ſah den Kampf ih⸗ res Herzens bei der Vorſtellung aſes 118 peſſen, was ſe verloren hatte— ich ſtand eben ſo ſtill und nachdenkend da, denn ich üͤberdachte alle meine Hoffnun⸗ gen, und wußte nicht, ob ich nicht auch in wenig Tagen vielleicht ſagen mußtke: 38 nAch⸗ alles i verloren!“. ⸗ ₰ Eliſa war, als ſtünde ſie vor einem Altare, ſo mit Ruͤhrung, ſo in ihren — Gefuhlen verſunken fah ſie das Grab⸗ mahl an, das in ſeiner Art das ſchoͤn⸗ ſte war, das ich je ſah, ſo ſehr zeich⸗. nete es ſich durch Einfachheit und eine der Sache angemeſſene Wuͤrde aus. Ich konnte es mir mcht verſagen, es oberflaͤchlich zu zeichnen, indem ich Eli⸗ ſen ſagte, daß dies ein beſtaͤndiges Andenken aus dieſer Gegend fuͤr mich ſein ſollte. Meine Zeichnung war voll⸗ endet. Ruhig und ſtill fuhren wir zu⸗ ruck. Keiner von uns ſprach. Ich 119 hatte meine bisher geſpielte Rolle ganz vergeſſen, ich ſehnte mich nach einem Augenblick, mich Eliſen entdecken zu koͤnnen— ich wuͤnſchte, daß ſie mich fragen ſollte, wer ich eigentlich ſey; indeß ſie that dies nicht. Setzte ſie voraus, daß ich mehr war? War es ihr gleichguͤltig, welchen Flitter des Verhaͤttniſſes das Schickſal mir umge⸗ worfen hatte? Zwei Fragen, die mich ſehr beſchaͤftigten; die ich gern beant⸗ wortet haͤtte. Wir kamen auf die klei⸗ ne Anhoͤhe des Luſtwaldes; man konn⸗ te den ganzen Garten uͤberſehen. Der Abt und die Graͤfin, Eliſas Mutter, gingen in den Gaͤngen des Gartens. Eliſa bemerkte ſie.—„Ach!“ ſeufzete ſie,„nun werde ich wohl einen neu⸗ en Sturm zu ertragen haben! Nur immer zu, wer weiß, wie lange es noch dauert!“—„Welchen Sturm?“ 1 Eliſa ſah mich geſpannt an.— trauen. gles, alles hoͤren. Sie kennt mene ungluͤckliche Lage, ſie iſt meine Freun⸗ din, uad es iſt noch das einzige Gluͤck, 120 fragte ich.—„Erinnern Sie ſich nicht an alles das, womit geſtern vor⸗ geſpielt wurde? nicht an alles das, was darauf anſpielte, daß ich in's Kloſter ſoll?=„Und das wollen Sie nicht?“ —„Nein! nie nehme ich den Schleier. O Gott, laͤge ich doch dort, wo meine gute Mutter ruht!“— Dann ſollen Sie auch nicht in's Kloſter!“— ſagte ich in einem gewiſſen Gefuͤhl des Ue⸗ bergewichts meines Muthes und eines Plans, den ich erſt entwerfen wollte. „Ich ſoll nicht in's Kloſter, ſagen Sie?“ — ſie ſtand ſtill. Ich ſah auf unſre Begleiterin. Eliſa bemerkte mein Miß⸗ „O meine gute Maria kann daß ich ſie bei mir behalten darf.“— 6 12⁷ Dies Zutrauen riß auch mich hin. „„Graͤfin Eliſa,“ ſagte ich,„ich fuͤrchte, ich habe das ganze Schloß getauſcht. Aber Sie, Eliſa, werde ich nie taͤu⸗ ſchen. Der Himmel weiß es, aus wel⸗ chem Grunde man mich fuͤr einen vor⸗ nehmen Mann, vielleicht gar fuͤr ei⸗ nen Fuͤrſten hielt. Ich bin das nichtz ich bin Mahler, ich bin ein Deutſcher, ich bin nicht arm, aber buͤrgerlich. Ihre Geſchichte, die ganze Geſchichte Ihrer Leiden habe ich ſeit mehreren Tagen gehoͤrt. Sie beſchaͤftigte mich ganz. Ihr Bild habe ich in der Kirche gemahlt; es war, als riefe es mir ei⸗ 1 ne innere Stimme zu, daß dies Bild mich einſt wenigſtens an meine ſelig⸗ ſten Stunden erinnern wüͤrde.— Eliſa erroͤthete. Sie hatte mich in Kirche bemerkt und— was entgind wohl dem Auge eines Maͤdchens?.— Ahat. „ 12²2 te auch vielleicht bemerkt, daß ich ſtatt nach dem Bilde der heiligen Cecilia zu ſehen, mit Liebe an ihr en Geſichtszuͤ⸗ gen hing. Sie wurde verlegen.— „Alſo wiſſen Sie meine ganze Ge⸗ ſchichte?“—„Ihre ganze Geſchichte. Ein redlicher Menſch, der mich in dieſer Gegend begleitete, Pietro, hat mir alles entdeckt, was Sie angeht.“— „Pietro 15 ſagte Maria.—„Dieſer iſt der Bruder meines verſtorbenen Va⸗ ters.“—„Er hat mich aufmerkkem gemacht auf Ihre Geſchichte; die Ge⸗ ſchichte ſo vieler truͤben Tage, ſo man⸗ cher getaͤuſchten Hoffnung erfuhr ich durch ihn. Was mein Herz dabei litt, wage ich nicht Ihnen zu entdecken. Sie ſollen aber nicht ungluͤcklich wer⸗ can. Sie ſollen nicht in's Kloſter!Ä“ . ich entſchloſſen hinzu.„So lan⸗ ge ich lebe, nicht.“— Eliſa ſah mich 8 123 mit einem Blick an, in welchem vof⸗ nung und Mißtrauen, bange Fürcht und erheiterndes Zutrauen mit einan⸗ der abwechſeln. Ich wiederholte meine Aeußerungen ganz ruhig und feſt; ich ergriff Eliſens Hand, ich druͤckte ſie an mein Herz, ich kuͤßte ſie mit einem Feuer, als ſollte in dieſem Haͤndedruck der Beweis der Wahrheit deſſen liegen, was ich ſo eben geſagt hatte. Eliſa ſchlug ihr ſchoͤnes Auge gen Himmel— ſes glänzte von einer Thraͤne; aber ich las auch deutlich den Wunſch darin, daß mein Wort in Erfuͤllung uͤberge⸗ hen moͤgte.—„Haben Sie Zutrauen zu mir“ fuhr ich fort.„Hat man ſich hier in der Meinung uͤber meinen Stand geirrt, ſo iſt das nicht meine Schuld. An meinem Herzen wird ſich niemand täuſchen, und Sie, gute Eli⸗ ſ, ſollen es am wenigſten thun.— nen Umſtande meines Verhaͤltniſſes in „ 124 Ich ſah, wie die Arme aus dieſen Wor⸗ ten neue Hoffnung ſchoͤpfte. Wir hat⸗ ten noch eine ziemliche Strecke, ehe wir an den Abt und an die Graͤfin kamen; ich bat ſie, unſern Feinden dies waren meine Worte— Klugheit und erlaubte Liſt entgegen 1 ſtellen. Ich, erzaͤhlte ihr den Auftrag ihrer Mutter und des Abts, ihr zianteden dem muͤt⸗ terlichen Befehl, willig zu gehorchen;z ich entdeckte ihr, wie der Abt mich fuͤr einen, deutſchen Fuͤrſten hielte, wie er allen meinen Einfluß zu der Erreichung 6 ſeines Wunſches angewendet ſehen wol⸗ le, und wie ich mich gerade dieſes er⸗ wuͤnſchten Mißvo⸗ rſtaͤndniſſes dazu bedie⸗ nen wolle, ſie zu befreien. Eliſa bor⸗ te dies an; ſie hoͤrte es gern und mit . Ke an— und ſo kam ſie im jange des Geſpraͤches auf die einzel. 125 der menſchlichen Geſellſchaft. Ich fand kei Bedenken, ihr alles zu entdecken. Mit ſichtbarem Vergnuͤgen hoͤrte ſie die Schilderung der haͤuslichen Lage mei⸗ ner Eltern, die als Gutsbeſitzer am d Rheine wohlhabend waren, und ſehr gluͤcklich lebten. Ich mußte ihr jede unſrer Familienangelegenheiten beſchrei⸗ ben, wie ich noch eine Schweſter habe, und der Himmel weiß, woher ich den Muth bekam hinzuzuſetzen, daß dieſe ſich ſo aͤußerſt gluͤcklich fuͤhlen wuͤrde, wenn Eliſa ihre Freundin wuͤrde. Wie geſagt, noch begreife ich ſelbſt nicht, wie ich, da ich zu den kuͤhnſten Men⸗ ſchen nicht gehoͤre, den Muth hatte, vorauszuſetzen, Eliſa wuͤrde dies alles, und zwar ſehr gern von mir hoͤren. Es war, als ſagte es mir mein Herz, daß unſer Loos unzertrennlich ſeyn verde. Keiner von uns ſagte dem au⸗ 126 dern ein Work von Liebe und Treue; es war, als ſetzten wir dies ſchon vor⸗ aus. Maria, Pietros Verwandte, ſtand neben uns; ſie weinte; ich ſah es ihr an, daß Eliſens Schickſal ihr zu wichtig war. Die wen gen Minuten, die wir noch uͤbrig hatten, ehe die Graͤfin an uns kam, wandten wir da⸗ zu an, uns oberflaͤchlich einige Regeln des Verhaltens zu entwerfen, wodurch wir unſre Gegner am leichteſten taͤu⸗ ſchen koͤnnten. Ich ſprach die Sache me nes Herzens aus; aber ich that dies mit einer ſo wichtigen Miene und ſo zeremoniell, als entledigte ich mich des Auftrages, den mir die Graͤfin und der Abt gegeben hatten; Eliſa hoͤrte alles mit einer Miene an, als gaͤbe ihr ein Fuͤrſt Audienz, und als mache es ihr die groͤßeſte Muͤhe, ſich von dem zu üͤberzengen, was ich ihr vorbra 1 127 Maria ſtand, als gehoͤre ſie uns gar nicht an, oder als kaͤme ſie in gar kei⸗ ne Betrachtung. Es gelang uns auf dieſe Art, die naͤher kommenden zu taͤu⸗ ſchen. Wir gingen ihnen dreiſt entge⸗ gen, da wir uns ſtellten, als bemerken wir ſie erſt. Der Abt ſowohl als die Graͤfin waren beide ſo ſchonend, auch nicht ein einziges Wort uͤber Eliſens Beſtimmung zu erwaͤhnen; ich ſah das Billigende in den Augen des Abts, das Zufriedene in dem Geſicht der Graͤfin. Beeide glaubten, daß ich ja genug vor⸗ gearbeitet haben muͤßte, und Eliſens ernſte Stimmung beſtaͤrkte ſie in ihren Hoffnungen. Eliſens ernſte Miene, ih⸗ lre mit Gewalt zuruͤckgehaltene Thraͤne ſchienen ihnen eine Folge des Eindrucks zu ſeyn, den meine Unterredung auf. Eiiſen gemacht hatte. Sie hatten ganz bot dies war der Fall; nur frei⸗ . 128 te alles, was ich geſehen hatte, und Graͤfin ſehr. Sie hatte vieles neu an⸗ dem die Schoͤnheiten der Gegend im ten, die Gegend, in welcher ſeine Ab⸗ tey lag. Er ſprach von Felſen, die ſie auf der einen Seite umgaben; von Die Unterhaltung auf dieſem fer⸗ neren Spatziergange betraf den ſchoͤnen Morgen, die ſchoͤne Gegend; ich lob⸗ 3 lich nahmen ſie eine ganz andere An⸗ ſchmeichelte dadurch der Eitelkeit der legen, vieles aͤndern laſſen. Der Abt, Grunde ſehr gleichguͤltig waren, be⸗ ſchrieb mir nun in den duͤrftigſten Aus⸗ drucken, bei denen ihm die Worte fehl⸗ Waſſerfaͤllen, von Waͤldern, aber man horte ſehr bald, daß ihm die Treibhaͤu⸗ ſer und die Weinberge mehr am Her⸗ zen lagen, als die wilde ſchoͤne Natur — — 229 Er hatte die Freundſchaft fuͤr mich, mich zu einem Beſuch einzuladen, und wie es mir ſchien, wurde ihm der Zwang, einen Proteſtanten zu beher⸗ bergen, ſehr leicht, da dieſer zu der Er⸗ reichung ſeiner Abſichten beitragen ſoll⸗ te. Wir gingen durch den Garten zu⸗ ruͤck, als ein Wagen, von berittenen und bewaffneten Domeſtiken umgeben, auf den Schloßhof fuhr. Eliſa, die neben mir ging, erſchrak bei dieſem Anblick— ich fragte nach der Ürſach. Der Ankommende war der Marcheſe, der nach des Grafen Abſicht Eliſen hei⸗ rathen wollte, und dem die Mutter die Tochter nicht geben wollte, nicht um des Gluͤcks der Tochter ſelbſt wil⸗ len, als vielmehr aus andern ſchon be⸗ kannten Gruͤnden. Ich war zu neu⸗ gierig, den Mann kennen zu lernen. Der Wagen fuhr vor dem Eingang des 139 Schloſſes vor, indeß wir durch die gegenuͤberſtehende Thuͤre in den Saal traten. Einige Domeſtiken halfen dem Mann aus dem Wagen, und ſchon der erſte fluͤchtige Blick uͤberzeugte mich, daß Eliſa in der Verbindung mit die⸗ ſem Menſchen noch ungluͤcklicher werden wuͤrde, als ſie es im Kloſter werden konnte. Nicht daran zu gedenken, daß er vielleicht dreimal ſo alt war, war ſein ganzes Aeußeres ſo abſchreckend, daß mir der ganze Menſch eine Art von Warnungstafel der Menſchheit zu ſeyn ſchien. Auf dem Geſichte ſah man die Zuͤge aller Laſter, aller Bos⸗ heiten tief und⸗ unauslöͤſchlich ausge⸗ druͤckt. Ein entnervter, welker Koͤrper ſchlich er keuchend die Treppe herauf, und ſo ſehr viel Muͤhe er ſich auch gab⸗ die Haltung eines kraftpollen, geſunden 0 Menſchen zu erzwingen, ſo⸗ idh man 1341 doch deutlich, daß er dies bei aller mog⸗ lichen Anſtrengung nur wenige Minu⸗ ten erzwingen konnte. Er trat uns nä⸗ her Ich habe nie wieder Gelegenheit gehabt, eine Geſellſchaft zu ſehen, umd welcher alles ſo gegen einander von in⸗ nern Groll und Haß gluͤheten indeß der Mund Hoͤflichkeiten log, von denen das Herz gerade das Gegentheil empfand. Am redlichſten, wenigſtens am unver⸗ ſtellteſten nahm ſich noch der Abt. Auf alle⸗ Freundſchaftsbezeugungen des Mar⸗ cheſe antwortete er entweder⸗ gar nicht, und ithat er's ja, ſo geſchah es in Auski druͤcken und mit einem Benehmen, dus dem man ſehr leicht ſchließen konnte, wie gleichgultig un nd verhaßt ihm der Mann war. Die Grafin war feiner; ſie verbarg unter der Maske der feinern Lebensart den Groll, der in ihrem In⸗ nern wuͤthete, und ſelbſt der geubteſte 132 Schauſpieler wuͤrde die Rolle nicht beſ⸗ ſer haben ſpielen koͤnnen. Eliſa verhielt ſich ganz leidend. Sie ſchien mir in dem Augenblick ein Lamm zu ſeyn, das zwiſchen zwei Raubthieren ſteht und nicht wiſſen kann, weſſen Klauen es zu Theil wird. Der Marcheſe hatte ſich vorgenommen, mit dem Grafen nach Venedig zu reiſen, und war um einen Tag zu ſpaͤt gekommen. Gewiß zum Gluͤck Eliſens, denn welche Raͤnke haͤtten unterweges eingeleitet werden köͤnnen. Der Narcheſe wußte gar nicht, was er aus mir machen ſollte. Er haͤtte mich vielleicht fuͤr einen Ne⸗ benbuhler angeſehen, haͤtte nicht das faſt zu ergebene Benehmen des Abts gegen mich, ihn zu einer andern Mei⸗ nung beſtimmt. Er wußte die Abſich⸗ ten des Abts, dies mußte das etwa⸗ nige Vorurtheil, als ſey ich Nebenbuh⸗⸗ 133 ler, ganz entfernen; der Abt wuͤrde doann mit mir ſo freundlich nicht umge⸗ hen. Eben ſo verwirrte ihn das Be⸗ nehmen der Graͤfin. Ich ſah es ihm an, wie ihn die Neugierde trieb, mich genauer zu kennen, und doch hatte er entweder nicht den Muth, mich zu fra⸗ gen, oder war wegen der vereitelten Mitreiſe nach Venedig zu verſtimmt dazu. Eben ſo wenig fragte er Eliſa. Nur ſo viel bemerkte ich, daß er ſich an leinen der Domeſtiken wandte und bei dem Geſpraͤch mit dieſem nach mir hin⸗ ſah. Was ihm dieſer geſagt haben mogte, weiß ich nicht; nur ſo viel er⸗ innere ich mich, daß er ſich von ſeinem anmaßenden anhſhäe Benehmen, wenigſtens gegen mich ganz herabſtimm⸗ te, und— was mir den Menſchen. noch verhaßter machte— noch kriechen der gegen mich war, als der Abt 134 262 Ich laͤugne nicht, es winde mir manchen Stoff zum Lachen gegeben ha⸗: ben, bemerken zu muͤſſen, wie ein gang falſches Vorurtheil mir hier eine Be⸗ handlung verſchaffte, wie ich zmir ſie nie baͤtte traͤumen laſſen; nur warrich theils einmal zu dergleichen Taͤuſchun⸗ gen nicht gemacht; theils war die gan⸗ ze Geſchichte zugernſthaft und ich durf⸗ te— wenn ja eine laͤcherliche Vorſtel⸗ lung ſich vor meine Seele ſchlich— nur ſehen, wie aͤngſtlich, wie geſpannt Eliſa war“, wie iſten mich mit banger, klopfender Bruſt anfah, wie ſich verſtohe len eine. Thraͤne in ihr Auge ſchlich, wie ſchwer ihr der Zwang wurde, mit dem Abt oder d em Marcheſe⸗ zu ſpre⸗ chen— und alle 12 laͤcherlichen Anſich⸗ ten ſchwanden von ſelbſt von meiner Seele. Ich verhielt mich waͤhrend der Unterredung, bei der immer einer den 133 antdern uͤberliſten zu wollen, ſich be⸗ ſtrebte, ganz ruhigz ich litt es eben ſoi ruhig, daß man mich gewöoͤhnlich zum Schiedsrichter annahm; und— da ich es mir einmal vorgenommen hatte, meine Rolle ganz durchzuſpielen, da der Zweck jedes Mittel„heiligte, ſo wwang ich mich zu einem entſcheidenden, feſten Ton, beſonders wenn der Streit einen mir ſehr bekannten Gegenſtand betraf. Dahin gehoͤrte der Krieg⸗ Ue⸗ brigens war alles, weshalb man innich fragte, ſo aͤußerſt oberflaͤchliche zeigte von ſolcher Unwiſſenheit, daß ich anich nicht genug daruͤber wundern konnte. Beide ſonſt ſo⸗ ungleich denkenden Par⸗ theien hatten dass⸗ Aehnliche, daß ſie den Krieg von Einer freilich ſehr nein⸗ geſchraͤnkten Anſichtnbetrachteten. Der üAbt beſürhie die hmwänum ſeines 86 den Franzoſen nicht vergeben, daß ſie dem Bürgerſtande Reihte einraͤumten, deren, nach ſeiner Anſicht, der Adel nur werth war. Er befuͤrchtete bei den Fortſchritten der Franzoſen fuͤr ſein Vaterland aͤhnliche Grundſaͤtze. Eben ſo duͤrftig war beider Kenntniß von fremden Laͤndern. Beide Maͤnner wa⸗ ren ſo unbekannt mit allem, daß ich nie unwiſſendere Menſchen ihres Standes geſehen zu haben, mich erinnere. Noch je gt es mir oft ein Laͤcheln ab, wenn ich das aͤngſtliche Streben denke, mit dem jeder ſich bemuͤhete, mich auf ſeiner Seite zu haben; wie jedes mei⸗ ner Worte ein Orakelſpruch war, und wie jeder ſich ſchon belohnt fuͤhlte, wenn ich ihm nur im geringſten Recht gab. Indeſſen nahm ich mich hier mit aller nur moͤglichen Vorſicht; wollte meine Einbildungskraft oder ein gewiſß 137 ſes zu großes Vertrauen mir einen Streich ſpielen, dann durfte ich nur auf Eliſens Aengſtlichkeit ſehen, durfte mir nur alles das denken, was Folge Einer Unbedachtſamkeit ſeyn koͤnnte, und meine ganze Behutſamkeit kehrte wieder zuruͤck. Ich vermied daher al⸗ les, was mir gefaͤhrlich werden konnte, ich trank aͤußerſt wenig Wein, da hinge⸗ gen der Abt und der Marcheſe deſto mehr tranken. Keiner von beiden rede⸗ te mir zu, zu trinken, ſelbſt die Graͤ⸗ ſin that dies nicht, was doch geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn ihnen der Unterſchied unſerer Staͤnde nicht zu groß geweſen waͤre. Der Marcheſe wurde deſto of⸗ fenherziger, je mehr er trank. Der Abt wurde es weniger und blieb ſich mehr gleich. Jener kam in ſeinem Weintaumel auf dem Spatziergange nach Tiſche mir naͤher; er ergriff mei⸗ 138 ne Hand und druͤckte ſie— nich ſah ihn etwas befremdet ang allein ſein Geſicht verrieth den Grundiſeines Zutrauens; er war in einem halben Rauſche. Mit einer Freundlichkeit, die ſich auf dem confiscirten Geſichte um ſo origineller machte, ſagtener mir⸗ Er wiſſe recht gut, aus welchem fuͤrſtlichen Hauſe ich abſtamme. Meine durchlauchtigen Bor⸗ fahren haͤtten ſich in den fruͤhern Krie⸗ gen in Italien einen unſterblichen Na⸗ men gemacht. En erbot ſich zu allen Dienſten und werſicherte mich mehr als einmal, wie er faſt wuͤnſche, daß ich aus einem niedern, gewuͤhnlichen Stande ſeyn moͤgte; er wuͤrde dann gewiß oͤf⸗ ter die guͤnſtige Gelegenheit ſinden, mich von der graͤnzenloſen Achtung zu Kberzeugen, die er noch nie gegen ei⸗ nen Mann ſo empfunden haͤtte, als ge⸗ gen mich. Dann wuͤrde er mich bitten, 839 mich ſeiner anzunehmen dund ihn zum gluͤcklichſten Mann zu machen, waͤs mir lein leichtes ſey.. Innerlich mußte ich Aber die Thorheit des Menſchen lachen, der den Flitter fuür die Hauptſache nahm; aber ich zwang mich zu einer ernſthaften Miene, um ihn im Zaum zu halten, denn der Menſch war mir zu verhaßt, und nie ſah ſch einen Mann; gegen den ſchön aufs den erſten Anblick mein Innerſtes ſich ſd empoͤrt haͤtte. Ich gewann es uͤber mein Gefuͤhhnihn zu fragen nin welchem Stuück ich ihn denn gluͤcklicht mochen koͤnne? Er ge⸗ ſtand mir, daß er bisher unverheibaͤthet geweſen ſeye daß er die Welt aus dem Grunde genoſſen habe, daßs er jetzt aller dern Ausſchweifungen uͤberdruͤfſig ſey, und daß er nun eine liebenswuͤr⸗ dige Gattin waͤhlen wolle, um an de⸗ ren Hand ganz gluͤcklich zu werden. K— 8 140 Er rechne dabei auf mein Fuͤrwort, auf Unterſtuͤtzung ſeines Geſuchs bei Eliſen. Ich ſagte ihm, daß ich dieſen Auftrag nicht uͤbernehmen könne. Es wuͤrde mich alles zu ſehr an meine, jetzt zerriſſenen Familienverhaͤltniſſe er⸗ innern— das Gefuͤhl meines Ungluͤclks und meiner ganzen Lage wuͤrde dann ſtaͤrker in mir erwachen, und mir die Ruhe rauben, die ich bei der Erfuͤl⸗ lung eines ſolchen Auftrages ſo noͤthig haͤtte. Nur die Frage muͤßte ich ihm an’'s Herz legen: Wird auch die jun⸗ ge liebenswurdige Gattin an Ihrer Seite ſo gluͤcklich ſeyn koͤnnen, wie Sie es zu werden hoffen?“— Ich geſtehe gern, die Frage war etwas mehr als naivz allein einem Manne von meinem hohen Stande ſind ja der⸗ gleichen Fragen immer erlaubt; und dann hatte ich noch eine Abſicht dabei. 141 Die Graͤfin und Eliſa, die nahe bei uns waren, ſollken dieſe dreiſte Frage hören. Der Marcheſe zuckte freilich die Achſeln; indeß meinte er doch, daß ſeine Guͤter und ſeine faſt unermeßli⸗ chen Reichthuͤmer eine junge Gemahlin wie Eliſa, fuͤr vieles andere ſchadlos halten koͤnne.—„Alſo Eliſa, Graͤfin Eliſa haben Sie gewaͤhlt?“ fragte ich. —„Ja. Vom Grafen ſelbſt habe ich das Wort. Es fehlt nur noch an der Graͤfin ſelbſt. Ich bitte Sie, ſich mei⸗ ner bei der jungen Graͤfin anzuneh⸗ men.“— Der Marcheſe hatte vorhin nicht bemerkt, daß uns Eliſa mit ihrer Mutter ſo nahe war. Jetzt rief ich die Graͤfin und Eliſa. Der Marcheſe er⸗ ſchrak, er wurde ganz verlegen. Ich bat die Graͤfin und ihre Tochter, die Aeußerungen des Marcheſe ſelbſt zu be⸗ 142 laͤßt ſich leicht denken. Mir gaben ihre Aeußerungen Gelegenheit, das Geſpraͤcht weiter fortzuſetzen, und ihm manches zu jagen, das die gute Folge hatte, nie wieder von ihm mit einem aͤhnli⸗ chen Auftrage behelligt zu werden Dien Grafin ſetzte noch hinzu, wie ich alse Gatte und Vater uͤber eine Verbindunge dieſer Art ganz andere Anſichten geaͤu⸗ kert, und wie es ihr nicht entgangen ſey., daß ich mit inniger Sehnſucht das⸗ Bild meiner Tochter betrachtet und ge⸗ kuͤßt habe. Dem Marcheſe fiel dieſe letzte Aeußerung weiter nicht auf; aber ungleich mehr Etiſen. Ich ſah es ihr an, daß ſie nachdenkender und ernſter wurde 8 ſie beantwortete jede Frage einſylbiger— ſie ſah mich ſchaͤrfer und nicht ohne einen gewiſſen Anſtrich von Argwohn an. Die Urſach wußte ich mir anfangs nicht’ gleich zu ertlureunn 143 Nach einem gleichguͤltigen Selprach ver⸗ ließ uns⸗ Eliſa. rin 13 8c). magte einige Minuten im Garten allein geweſen ſeyn, als. die Gräfin zu mir zufückam, und mit ſagte, daß ſie mich wegen einer ge⸗ machten Entdeckung nothwendig ſprechen muͤſſe. Freilich wurde ich etwas unru⸗ hig; indeß ich nahm mich zuſammen, um den Anſtrich jener Ruhe auf dem Geſichte zu erzwingen, die ich fuͤr die⸗ Unſer, Geſpraͤch betraf den Marcheſe⸗ Die Graͤfin enthuͤllte mir den ganzen Plan ihres Gemahls, Eliſen an den Marcheſe zu verheirathen. Sie erklaͤrte mir, daß ſie dies nicht zugeben wuͤrde, und fragte mich um meine Meinung. —„Eliſa“ ſagte ich„wird in der ent⸗ JMfernteſten Einſiedelei gluͤcklicher leben, 144 als mit dieſem Manne, der allgemei⸗ ne Verachtung verdient. Ich habe ihm dies zu verſtehen gegeben. Ob er's ge⸗ fuͤhlt hat?“—„Ach!“ fing die Graͤ⸗ fin an, indem ſie ſich umſah,„ver⸗ ſtanden hat er's, und ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, zu Ihrem Ungluͤck!“—„Zu meinem Ungluck? Wie ſo?“—„Die⸗ fer Menſch—₰ ich bedaure, daß ich dieſe Verbindung anfuhren muß— dieſer Menſch und mein Gemahl haben Eine Denkungsart. Sie ſind Jugend⸗ freunde— ich mag die geheime Ge⸗ ſchichte ihres Bundes gar nicht kennen — beide haben einen Plan, durch den meine Tochter hoͤchſt unglucklich wird, unndd ich fuͤrchte— ich furchte“— „Nun? Sie fuͤrchten?“—„Daß die Ausfuͤhrung dieſes Plans noch Ein Opfer noͤthig macht, und dies Opfer werden Sie ſeyn.“— Ich wuͤrde ei⸗ 145 Unwahrheit ſagen, wenn ich mich bei dieſer Aeußerung nicht erſchrocken haͤtte! Ich trauete dem Marcheſe ein ſolches Bubenſtuͤck zu, denn man durfte ihn nur anſehen, ſo ſah man den gemach⸗ teſten Banditen, oder wenigſtens einen Menſchen, der mit dieſer Claſſe in Verbindung ſtand. Ohne mir im min⸗ deſten meine Unruhe merken zu laſſen, fragte ich die Graͤfin, wie ich mich nun zu verhalten habe. Ich gab vor, daß mein Tod meiner Familie und meinen Hinterlaſſenen nicht gleichguͤltig ſeyn koͤnne; ich gab zu verſtehen, daß viel⸗ leicht der Abt und ſein Einfluß mich am beſten ſichern koͤnne.—„Das freilich“ fiel mir die Graͤfin ein. Aber — Sie vetzeihen es mir, wenn ich es Ihnen gerade heraus ſage— Sie ſind nicht von unſrer Religion.“— Ich muß geſtehn, dieſe Aeußerung empoͤrte . 7 146 mich, mehr um der Graͤfin, als um je⸗ der andern Urſach willen. Ich ſah recht gut, daß auch der Graͤfin das Le⸗ ben eines Ketzers nicht ſonderlich wich⸗ tig war. Indeß ich uͤberwand mein empoͤrtes widriges Gefuͤhl, und die GFraͤſin ſah da bloß noch Aengſtlichkeit, wo ich im Grunde ſchon anfing, Verach⸗ tung zu fuͤhlen. Sie ſprach nach den Vorurtheilen, in denen ſie erzogen war, und wollte jetzt alles wieder gut ma⸗ chen. Sie gab mir den Rath, wenig auszugehen, und ſelbſt ſo viel als moͤg⸗ lich den Garten und beſonders meinen Lieblingsplatz, den Part an dem See zu meiden.— „Bleiben Sie ja im Innern des Schloſſes, an Beſchaͤftigung wird es Ihnen nicht fehlen. Mir faͤllt es jetzt ein, daß es meiner Tochter innigſter volte, was ich dem Marcheſe geſagt 147 Wunſch iſt, ſich im Zeichnen zu vervoll⸗ kommnen. Geben Sie ihr doch einige Anweiſung.“— 2 Satte ich vorhin Muͤhe, meinen Unwillen zu unterdruͤcken, ſo machte es mir jetzt faſt noch mehr Muͤhe, meine Freude zu maͤßigen. Ich fuͤhlte, wie mein Geſicht gluͤhete, da ich mit er⸗ zwungener Ruhe auf dieſe Aeußerung der Graͤfin antworten wollte. Unter dieſem Geſpraͤch kam der Abt gaͤhnend den Gang herab. Seine Mittagsruhe war geendigt. Er ſetzte ſich zu uns, und die Graͤfin, bei der er alles galt, entdeckte ihm ſogleich unſer Geſpraͤch mit dem Marcheſe. Wider meinen Willen und vielleicht auch wider den Willen der Graͤfin, gewann ich ſehr viel bei dem Abte, da ſie ihm das wieder⸗ 148 hatte. Mit ſichtbarem Wohlgefallen hoͤrte der Abt meine gegen den Mar⸗ cheſe geaͤußerte Meinung, daß Eliſa am beſten fuͤr die Einſamkeit des Klo⸗ ſters paſſe, und daß ſie auch dazu be⸗ ſtimmt ſey. Dieſe meine Aeußerung gab dem Abte die beſte Gelegenheit, ſich uͤber ſeine Grundſäͤtze weiter auszubrei⸗ ten, und mir das Leben und die Tu⸗ ggenden des Kloſters ſo in ein helles Licht zu ſetzen, daß in der That die Schuld an ſeinem Eifer nicht lag, wenn ich nicht auf der Stelle ſelbſt das Or⸗ denshabit anzog. Er gewann mich lieb; er aͤußerte dies unzaͤhlige male, und dies war mir nicht unangenehm, da er nicht der boͤſe Menſch war, den ich in dem Marcheſe zu fuͤrchten hatte. Die Graͤfin aͤußerte, daß ich in Gefahr ſey. Der Abt hielt es ſchon fuͤr gewiß und— unterſchrieben, daß mich der Dolch ei⸗ 1 149 nes Bravo morden wuͤrde, denn dazu kenne er den Marcheſe zu gut, und er wiſſe manches Beiſpiel, das ihm im Beichtſtuhl anvertrauet ſey, wie weit die Rachſucht dieſes Menſchen gehe. Die Graͤfin aͤußerte, daß ſie mir ange⸗ rathen habe, im Schloſſe zu bleiben, und daß ſie zu meiner Unterhaltung wuͤnſche, ich moͤgte ihrer Tochter An⸗ weiſung im Zeichnen und Mahlen ge⸗ ben. Der Abt war eben der Meinung und ſetzte noch den ſehr wichtigen Grund hinzu, daß dieſe Geſchicklichkeit. Eliſens Aufenthalt im Kloſter angeneh⸗ mer und werther machen werde. Er empfahl mir Eliſen in dieſer Hinſicht auf das angelegentlichſte. 19 529 c wuͤrde mich noch mehr übe die Wendung, die dieſes Geſpraͤch nahm, gefreuet haben, waͤre mir nicht die 150 Vorſtellung von Banditen zu ſchrecklich geweſen. Mir waren mehrere Beiſpie⸗ le dieſer Art bekannt, und ich hatte, ſo lange ich in Italien war, alle nur moͤgliche Behutſamkeit angewendet, um nicht in ſolche Verbindungen zu kom⸗ men, in denen ich Banditen fuͤrchten mußte. Der Abt ſah mir einige Unru⸗ he an. Er ſuchte mich zu beruhigen, und kam am Ende ſogar auf den Ge⸗ danken, daß ich ſein Kloſter auf einige Zeit zum Aufenthalt waͤhlen moͤgte, „denn“ ſetzte er hinzu,„ſo weit reicht der Dolch des Banditen nicht.“— ₰ mit verweinten Augen, den Gang herauf. Der Abt nahm ſie bei der Hand, und fuͤhrte ſie zwiſchen mich und 71 — Die Grafin ſchickte nach Eliſaz das arme Maͤdchen kam traurig und ihre Mutter. Sie ſah mich mit ei⸗ 151 nem etwas befremdenden Blick an. Et⸗ was weit hergeholt, fing der Abt da⸗ mit an, daß ich den Marcheſe durch ei⸗ nige Aeußerungen beleidigt habe. Die⸗ ſer Umſtand ſetze mich der groͤßten Le⸗ bensgefahr aus, und daher muͤſſe ich beſtaͤndig im Schloß bleiben. Sie moͤgte mir dieſen Aufenthalt dadurch verſuͤßen, daß ſie eine fleißige Schuͤle: rin in dem Unterricht ſey, den ich ihr ertheilen wuͤrde. So viel ſah ich leicht, daß Eliſa dieſe Nachricht gern hoͤrte, 8 ob ſie ſich gleich zwang, bei dieſen Wor⸗ ten den Anſchein der Ruhe zu behal⸗ ten, der noͤthig war, wenn ſie nicht verrathen wollte, wie ſehnlich ſie eine Unterredung mit mir wuͤnſche. Auch ich behielt die ruhige Miene; ich ſprach bloß davon, wie gluͤcklich ich mich durch dieſe gutige Fuͤrſorge fuͤhle; und ſchon am folgenden Tage hatte ich Gelegen⸗ 8 heit, mit Eliſa ganz offen zu ſprechen. Ich ging nach ihrem Zimmer. Sie er⸗ roͤthete, da ich eintrat, ich bemerkte ei⸗ ne gewiſſe aͤngſtliche Verlegenheit an ihr;z aber zugleich entging es mir nicht, daß ſie ungleich zuruͤckhaltender gegen mich war, als geſtern. Ich frag⸗ te nach der Urſach. Eliſa wurde im⸗ mer verlegener; ich bemerkte Thraͤnen in ihren Augen, die ſie dadurch verber⸗ gen wollte, daß ſie unter einigen, auf dem Tiſche herumliegenden weiblichen Arbeiten etwas hervorſuchte. Um deſto mehr drang ich auf Antwort. Eliſa ſchien alle ihre Entſchloſſenheit zuſam⸗ men nehmen zu muͤſſen, um mir drei⸗ ſter in's Auge zu ſehen.—„Sie ha⸗ ben“ ſagte ſie—„geſtern meiner Mut⸗ ter ein Gemaͤlde gezeigt. Ich glaube, es war ein Gemaͤlde Ihrer Tochter.“ — Ihr Herz klopfte ſtaͤrker, in ihr Au⸗ 153 3 ge ſtahl ſich eine neue Thraͤne, da ſie dies ſagte.—„Ein Gemaͤlde zeigte ich,“ war meine Antwort,„aber nicht ein Gemaͤlde meiner Tochter, denn ich habe ſo wenig Gattin als Tochter. Ich bin ſo frey, ſo ungebunden, wie Sie es ſind, Eliſa, ich habe dem Abte von einer Tochter geſagt, um jedem nur irgend moͤglichen Argwohne gleich bei ſeinem erſten Entſtehen entgegen zu kommen.”“— Ich ſah Eliſen bei die⸗ ſen Worten gerade in’'s Geſicht— ſie ſchlug gluͤhend den Blick nieder— ich ergriff ihre Hand, ich druͤckte ſie an mein Herz, ich fuͤhlte den Haͤndedruck des lieben Maͤdchens. Eliſa lag in meinen Armen; unſer Bund war ge⸗ ſchloſſen. Sie war mein— ſie wollte durch mich gerettet ſeyn, und ich wollte ſie ſo gern, mit Gefahr meines Lebens retten. Mein Unterricht im Zeichnen 154 ſing an— Eliſa machte die gluͤcklich⸗ ſten Fortſchritte. Doch dies beilaͤufig — Liebe unterrichtete, Liebe nahm den Unterricht an. Die Stunden des Un⸗ terrichts gaben uns Muße genug, den weitern Plan zu unſrer Rettung zu ent⸗ werfen. So heiß mich Elſſa liebte, ſo grenzenlos meine Liebe zu ihr war, ſo rein, ſo fromm blieb unſere Neigung. Nicht die kleinſte Spur einer wilden, ei⸗ ner unlautern Flamme regte ſich in un⸗ ſern Herzen. Der Schutzgeiſt der Un⸗ ſchuld umwehete uns; es war mir, als ſagte mir ein inneres Gefuͤhl, daß uns noch harte Pruͤfungen erwarteten; wir wollten ſie durch unſer Vergehen nicht vergroͤßern, wir wollten uns nichts vorzuwerfen haben— unſer Gewiſſen ſollte uns, wenigſtens in dieſer Hinſicht nie einen Vorwurf machen. Eliſa war feſt entſchloſſen, mir zu folgen. Ihre 155 4 Reichthuͤmer wollte ſie zuruͤcklaſſen, den Flitter ihres Standes und ihres Ran⸗ ges wollte ſie abwerfen, ſie hatten ihr bisher zu wenig Freude gemacht. Sie wollte durch ſich ſelbſt, durch meine Liebe allein gluͤcklich ſeyn.— Sie un⸗ terrichtete mich in dem Benehmen ge⸗ gen den Abt und gegen ihre Mutter. Ein Freund von mir, der in Mailand wohnte, wurde mein Vertrauter. Er mußte mir nach der Verabredung, die ich mit ihm traf, oͤfters ſchreiben. Die Briefe kamen ale— dem Vorgeben nach— aus Deutſchland, ſie waren al⸗ le geheimnißvoll, ſie enthielten Nach⸗ richt von meiner Familie; ſie riethen mir Behutſamkeit an, ſie machten mir Hoffnung, daß die Ruhe bald wieder yergeſtellt ſey, und ſchilderten manche haͤusliche Begebenheit, wodurch ſie mich beruhigten, wenn ein Gemaͤlde der An⸗ 156 ſtalten meiner maͤchtigen Feinde mich beaͤngſtigt hatten. Dieſe Briefe ſpielte ich gewoͤhnlich der Graͤfin in die Haͤn⸗ de, es ſey nun, daß ich einen oder den andern mit Fleiß auf dem Gemaͤldeſaal liegen ließ, und ich fand, daß ich alle Urſach hatte, behutſam zu ſeyn, denn die Graͤfin bekam auch, ohne daß ich dazu beitrug, alle die mir üͤberſandten Briefe. Oft ſpielte ich nun den Heitern und Frohen—oft den Ernſten, Nachden⸗ kenden und Traurigern, je nachdem der Inhalt dieſer Briefe mich dazu beſtimm⸗ 65 8 2 14. Frreellich ſiel es mir oft ſchwer und laſtend auf's Herze wenn ich in der Einſamkeit daruͤber nachdachte, wie es mir bei einer Entdeckung meines Stan⸗ des und meines Planes gehen wuͤrde? Und wie leicht war dies durch irgend 157 einen unvorhergeſehenen Zufall moͤglich? Wie ſogar wahrſcheinlich?— Mein Todesurtheil war dann auf jeden Fall unterſchrieben, und wie quaͤlend wuͤrde man dieſen Tod gemacht haben! Was wuͤrde Eliſa haben dulden muͤſſen!— Oft ſprach ich daruͤber mit Eliſa. Sie fuͤrchtete ſehr fuͤr mich, und manche Stunde, die ich in ihrer Geſellſchaft hin⸗ brachte, ſchlich uns finſter und furcht⸗ bar hin. Von ſolchen ernſteren Vor⸗ ſtellungen voll, ſaß ich eines Morgens auf meinem Zimmer, als Pietro, den ich mehrere Tage hinter einander nicht geſehen hatte, zu mir kam. Er ſchien heute beſorgter und aͤngſtlicher als je. Mir fiel ſein ſchuͤchternes Benehmen auf; ich fragte um die Urſach.— „Herr,“ ſagte er,„ich komme, Sie zu warnen. Sie ſind in großer Gefahr!“ — Ich erzwang ein leichtes Laͤcheln. 158 —„Ja, ja, Herr, glauben Sie es mir, Sie ſind in großer Gefahr. Ihr Leben haͤngt an einem duͤnnen Faden!“— „Weißt Du nichts Neueres, alter, ehrli⸗ cher Pietro? Das iſt ja der Fall mit dem Leben eines jeden ſterblichen Men⸗ ſchen!“—„In dem Sinn nicht, den ich meine. Man ſtellt Ihnen nach. Warum? das weiß ich nicht; genug, daß ich weiß, man thut es. Sehen Sie hier!“— Er zeigte mir mit die⸗ ſen Worten einen Zettel und in dieſem ſtand es, daß der Empfaͤnger die ver⸗ ſprochenen hundert Zechinen baar und richtig empfangen ſolle, ſobald er den unter der Maske eines Mahlers ſich bei der Graͤfin aufhaltenden vornehmen Deutſchen aus der Welt geholfen habe. Ich zwang mich, eine gewiſſe, leicht zu erklaͤrende Verlegenheit unter einem freundlichen Laͤcheln zu verſtecken.— 159 „Je nun, lieber Pietro!“ ſagte ich, „ich bin ſonſt wohl hundert Bajonet⸗ ten gluͤcklich entgangen; ſollten mir denn hundert Zechinen ſo gefaͤhrlich werden? Der Himmel hat mich in au⸗ genſcheinlichern Gefahren geſchuͤtzt; ſoll⸗ te er es denn hier nicht thun? Indeß danke ich Dir fuͤr Deine Warnung, ſo ganz gleichguͤltig ſoll ſie mir nicht ſeyn. Da Freund, fuͤr Deine Nachricht!“— Ich zwang ihm zehn Zechinen auf. Er wollte nichts nehmen. Ganz er⸗ ſtaunt ſah er mich an.—„Heilige Mutter Gottes!“ ſagte er,„Sie koͤnnen noch laͤcheln? bei ſolcher Poſt noch laͤ⸗ cheln? Sehen Sie, Herr, wenn Sie mit jedem andern zu thun haͤtten, ſo moͤgte das Laͤcheln wohl gehen. Aber mit dem Marcheſe— iſt das eine an⸗ dere Sache. Je nun, wer ſo viel Geld an die Kirche zu geben hat, dem wird 160 jede noch ſo große Sunde vergeben. Unſer einem wird's ſo gut nicht; unſer einem rechnet man jede noch ſo kleine Verſuͤndigung als ein Conto an, das in der Hoͤlle zahlbar iſt.“— Ich hielt es fuͤr's beſte, dem ſonſt ehrlichen Alten immer noch mehr durch einen gewiſſen Muth aufzufallen, den ich aber gar nicht beſaß. Er gehoͤrte mit zu meiner Rolle. Ich blieb daher immer noch in der heitern Maske, und da mir ſeine letzte Aeußerung doch etwas zu ſehr auf⸗ fiel, fragte ich ihn:„Alſo biſt Du bloß deshalb ein ehrlicher Kerl, weil es Dir am Gelde fehlt, Dich von einer Todſuͤnde loszukaufen? Sache Deines eigenen Gewiſſens iſt es alſo nicht?“ — Pietro verſtand dies nicht ganz, ob er gleich ein gewiſſes Mißtrauen gegen ſich in meinen Worten las.—„Herr!“ ſagte er etwas wehmuͤthig,„Gott und 161 die heilige Jungfrau kennen mein Herz. Jedem Menſchen moͤgte ich gern dienen und helfen; beſonders aber Ihnen, denn Sie haben mit zu vieler Guͤte an mir gehandelt. Aber, ich bitte Sie, laſſen Sie ſich ja warnen!“— Dem ehrlichen Menſchen ſtanden die Thraͤnen in den Augen. Ich hieß ihm, ſich nie⸗ der zu ſetzen; ich that, als erzeigte ich ihm einen Gefallen, wenn ich ihm Ge⸗ legenheit gaͤbe, ſein Herz gegen mich auszuſchuͤtten. Unter unzaͤhligen Ver⸗ ſicherungen ſeiner Anhaͤnglichkeit ent⸗ deckte er mir alles, was er wußte, und verſprach alles zu erforſchen und mir ee entdecken. Jetzt wurde ich auch of⸗ fenherziger gegen ihn, ich entdeckte ihm, daß die Graͤfin mich auch ſchon gewarnt habe, und daß ich von ihr beinahe eben das ſchon gehoͤrt haͤtte. Ich aͤu⸗ Ferte, daß ich Zweifel in die Erzaͤhlung 11 162 der Graͤfin geſetzt, nicht deswegen, weil ſie keinen Glauben verdiene, ſon⸗ dern weil ich ihr zu viel Furchtſamkeit zutraue, die die Gefahr vergroͤßere.— „Nun, dann bin ich einer großen Sor⸗ ge uͤberhoben“ ſagte Pietro.„Sie werden doch der Graͤfin mehr glauben als mir, und da, wo mein Rath Ih⸗ nen etwa uͤberfluͤſſig ſchien, gewiß die Bitte der Graͤfin und beſonders Eliſens Warnungen nicht unbefolgt laſſen. Huͤten Sie ſich ja. Sie kennen den Maenſchen noch nicht, mit dem Sie zu thun haben.“— Die Srrußerßageet mit der Pietr. dies alles ſagte, war mir ruͤhrend. Ich wurde mit jedem Augenblick immer mehr uͤberzeugt, daß er es gut mit mir meine. Ich aͤußerte daher, das ich ſelbſt viel beſorge, daß ich deshalb 163 ſchon mit dem Abte geſprochen habe, um in ſeinem Kloſter eine ſichere Zu⸗ flucht zu finden. Pietro billigte dies ganz.—„Nur freilich“— ſetzte er hinzu—„wird es ſehr gut ſeyn, wenn man dort nicht merkt, was ich hier merke.“—„uUnd das waͤre 2— „Daß es Ihnen das Kloſter wol nicht ſonderlich zu verdanken haben wird, wenn Eliſa ja noch Nonne wird. Auch von dieſer Seite moͤgte Ihnen manche Gefahr drohen. Doch koͤnnen Sie ſich dort weit mehr huͤten. Man kennt Sie dort wenig; der Abt gilt dort al⸗ les und alle die geiſtlichen Herren ſind lange nicht ſo boshaft und liſtig wie Ein Marcheſe.“—„Auf jeden Fall, guter Pietro, kann ich mich auf Deine Warnung verlaſſen; bemerke Du nur immer und rechne auf meine Beloh⸗ nung.“—„Ich weiß nicht,“— fing Pietro an, da er ſchon an der Thuͤr ſtand—„ob ich recht geſehen habe, mich duͤnkt, die junge Graͤfin Eliſa haͤngt ganz an Ihnen. Vielleicht habe ich es nur allein bemerkt, vielleicht ſehen es auch andere. Iſt dies der Fall, ſo drohet auch dem Leben des lieben Maͤd⸗ chens Gefahr. Nur Behutſamkeit, Be⸗ hutſamkeit!“— Er ging. Es war nicht unmoͤglich, daß Eliſa ſich vielleicht verrathen hatte, denn jeden Augenblick war ſie bei mir; und ich hatte mit Fleiß eine anſcheinende Unbefangenheit in meinem Betragen gegen ſie zum Plan gemacht. Bielleicht wuͤrde dieſe Rolle in jedem andern Lande und jede andere Menſchen getaͤuſcht haben; nur nicht in dem argwoͤhniſchen und miß⸗ trauiſchen Italien. Beſonders wurde es ſchwer, den Marcheſe zu taͤuſchen. Freilich wußte er nicht anders, als daß 165 ich Gattin und Kinder habe; allein bei ſeinen Grundſaͤtzen ſchien dieſer Umſtand kein unuͤberſteiglich Hinderniß von meiner Seite einen Verſuch auf Eliſens Herz und Tugend zu machen. Wirklich ſtieg meine Unruhe mit jedem Augenblick und faſt wuͤnſchte ich jetzt, nie in dieſe Gegend gekommen zu ſeyn. Schrecklich war mir der Gedanke, daß Eliſa vielleicht meinetwegen durch den Dolch eines Banditen gemordet werden koͤnnte. Dieſe Furcht war nicht ganz unnatuͤrlich. Der Marcheſe wußte, daß Eliſa das Kloſter haſſe; daß ſie den ſchaͤtzen und lieben wuͤrde, der ſie davon befreye; und da er dies thun wollte; uͤberdies Eitelkeit genug beſaß, ſich Vorzuͤge einzubilden, ſo mußte es ihm auffallen, daß Eliſa ſich gegen ihn ſo aͤußerſt fremd und gleichguͤltig nahm. Alle dieſe Vorſtellungen vermehrten 166 meine Unruhe. Mit Sehnſucht erwar⸗ tete ich einen Augenblick, in dem ich Eliſen ohne Zeugen ſprechen konnte. Um mich einigermaßen zu zerſtreuen, ging ich auf den Saal, um einige leich⸗ tere Stuͤcke zum kopiren fuͤr Eliſa aus⸗ zuſuchen, als dieſe ſelbſt in den Saal trat. Sie wußte es, daß ich allein war. Sie flog auf mich zu, und ſah mich nicht ohne Ausdruck des tiefern Schmerzes an, da ich ihr nachdenken⸗ der und trauriger als gewoͤhnlich ſchien. Sie fragte um den Grund.„Du er⸗ faͤhrſt heute noch alles, heute in der Stunde des Unterrichts“ war meine Antwort. Eliſa war mit dieſer Ant⸗ wort zufrieden.„Ich bin heute ver⸗ gnuͤgt, ſo ſehr vergnuͤgt,“ ſagte ſie, „und Gott weiß, daß ich nicht ſonder⸗ lich Urſach dazu habe!“— Mir fielen dieſe Worte auf; mehr noch die Mie⸗ 7 167 ne, die zuruͤckgezwungenen Thraͤnen, unter denen das liebe Maͤdchen dieſe Worte vorbrachte. Ich eilte, ein Stuͤck zum Abzeichnen zu finden, und kaum waren wir auf Eliſa's Zimmer, als dieſe mich ſchon nach der Urſach meines ungewoͤhnlichen aͤngſtlichen Ernſtes frag⸗ te. Ich aͤußerte meine Beſorgniß, zu der die Worte der Graͤfin und, faſt mehr noch, Pietros Warnungen ſo ge⸗ rechte Urſach gaben; ich hoffte, Eliſa wuͤrde hinreichende Gruͤnde vorbringen, durch die meine bange Ahndung ſich zerſtreuen ſollte; allein ich fand das Gegentheil. Eliſa's Augen fullten ſich mit Thraͤnen; ich ſah, wie ſie kämpfte, wie ſie alles, was ihr Herz nur Troͤſten⸗ des hatte, hervor zu ſuchen, ſich Muͤhe gab, und wie ſie nichts fand, das mei⸗ ne truͤbe Anſicht haͤtte erheitern koͤnnen. Auch ſie hatte durch Marien erfahren, daß der Marcheſe das ganze Spiel mit meinem Tode endigen werde; ſie hat⸗ te geglaubt, daß ich dieſe Gefahren noch nicht kenne, und wollte aus die⸗ ſem Grunde mir lieber eine Unruhe er⸗ ſparen als mir alles das entdecken, was ſie mir zu entdecken hatte. Waͤhrend dieſer Geſpraͤche kam die Graͤfin. Sie hatte die Gewohnheit, ſich oft Stunden⸗ lang waͤhrend des Zeichnens mit uns u unterhalten. Ich ſah es ſehr gut, daß ihre Abſicht dahin ging, Eliſen von ihrer Liebe zu uͤberzeugen; ich wuͤr⸗ de ſie um dieſes Beſtrebens willen ge⸗ ſchaͤtzt haben, waͤre nur die Quelle deſſelben nicht ſo unlauter und truͤbe geweſen, und haͤtte mir nicht Eliſa ſchon fruͤher mit Thraͤnen entdeckt, daß der Grund aller dieſer ſo verſchwende⸗ riſch geaͤußerten Liebe kein anderer ſey, als Einfluß uͤber ſie zu gewinnen und 169 auf dieſem Wege ſie dahin zu bringen, den Schleyer deſto williger anzunehmen. In dem Einen Puncte, daß Eliſa nie die Beute des Marcheſe werden ſollte, waren wir alſo einig; nur waren wir es aus ganz entgegengeſetzten Anſichten. Ich merkte der Graͤfin an, daß ſie mir etwas ſagen wollte, was ſie gern ver⸗ ſchwiegen haͤtte und wobei ſie wegen des Einganges etwas verlegen war. Ich kam ihr zuvor; ich entdeckte ihr, was ich in Hinſicht meiner Gefahr er⸗ fahren hatte; ich bewies ihr aus Gruͤn⸗ den, daß bei dem Character des Mar⸗ cheſe dies mehr als bloße Wahrſchein⸗ lichkeit ſey; ich ſchloß damit, wie ich es fuͤr's beſte hielte, noch heute das Schloß zu verlaſſen. Hieruͤber hatte ich mit Eliſa ſchon geſprochen, die, ſo ungern ſie auch darin willigte, durch folgenden Vorfall bewogen wurde, ſelbſt 170 darauf zu dringen, daß ich, wenigſtens auf einige Zeit das Schloß verlaſſen ſollte. Pietro's Warnungen hatten mich einigermaßen behutſamer gemacht; indeß dauerte dieſe, wie es mich daͤuch⸗ zte, zu aͤngſtliche Vorſicht nur einige Tage, als ich ſchon wieder den Garten beſuchte und beſonders den ſchoͤnen Park am See. Hier ſaß ich einſt. Der Morgen war ſchoͤn, und Pietro, den ich in mehreren Tagen nicht ſah, und nun gern mal wieder ſprechen wollte, muß⸗ te unter dem Vorwande, mir einen Tiſch zum Zeichnen mitzunehmen, mich begleiten. Er ſtand bei mir. Mir ent⸗ ging es nicht, daß er ſich aͤngſtlich um⸗ ſah— ich fragte nach der Urſach. Er entdeckte mir, daß er zwei verdaͤchtige Kerls am Eingange des gegen uns uͤber liegenden Gebuͤſches bemerkt habe, die freilich das Anſehen von Fiſchern 7 171 4 haͤtten; aber denen er doch, er wiſſe ſelbſt nicht, aus welchem Grunde, nicht ſo ganz traue. Er drang aͤngſtlicher in mich, bald und, wo moͤglich, gleich zu⸗ ruͤckzugehen. Er nahm mein Tiſchgen zuſammen, eine der darauf liegenden Zeichnungen fiel an die Erde; indem ich mich darnach buͤckte, geſchah ein Schuß, die Kugel pfiff dicht uͤber mei⸗ nen Kopf hin, und ſchlug in eine Aka⸗ zie, in deren Schatten mein Tiſch ge⸗ ſtanden hatte. Daß ich heftig erſchrak, darf ich nicht erſt erzaͤhlen. Bloß dem zufaͤlligen Umſtande, daß ich mich ge⸗ buͤckt hatte, mußte ich die Rettung meines Lebens verdanken. Wir eilten zuruͤck. Erſchrocken und blaß trat ich in das Zimmer. Die Graͤfin und Eli⸗ ſa ſahen meinen Schrecken— ich er⸗ zaͤhlte die Urſach, ſie hatten den Schuß gehoͤrt, und Eliſa hatte gleich das Aerg⸗ 172 ſte vermuthet. Die Graͤfin war beſorg⸗ ter fuͤr mich, als es Eliſa ſcheinen durf⸗ te. Sie eilte ſelbſt, mir ein niederſchla⸗ gendes Pulver zu holen, und die Zwi⸗ ſchenzeit benutzte ich, Eliſen zu ſagen, daß ich nun wider meinen Willen ſie auf einige Zeit verlaſſen muͤſſe. Sie zitterte bei dieſer Aeußerung; indeß ich bewies ihr, daß dieſe Trennung ge⸗ rade das einzige Mittel ſey, uns auf 8 ewig verbunden zu ſehen, und ſo wil⸗ ligte ſie mit blutendem Herzen in mei⸗ nen Entſchluß. Die Graͤfin kam zu⸗ ruͤck. Eliſa hatte mich ſo eben verlaſ⸗ ſen. Die erſtere fuͤhlte nun ſelbſt die Gefahr, in welcher ich war. Beſonders wenn ſie es ſich lebhaft dachte, daß ihr Gemahl durch den Marcheſe eingeholt, mit dieſem zuruͤckkaͤme. Dann wuͤrde auch die letzte Zuflucht, das Schloß, fuͤr mich aufgehoͤrt haben, und der Ort, 173 an dem ich ſo gluͤcklich war, haͤtte mir wahrſcheinlich zum Blutgeruͤſte dienen muͤſſen. Mein Plan wurde gleich ent⸗ worfen; ich breitete aus, eine Reiſe nach Neapel zu machen, und ſelbſt die Graͤfin glaubte dies. Sie billigte die⸗ ſen Weg nicht, ſondern rieth mir, zu ihrem Freunde, dem Abt, zu reiſen, und mich unbekannt allen uͤbrigen dort auf⸗ zuhalten. Die Abtey lag am Fuß der Appeninen, nicht weit von einem Arm der Teverone, in einer aͤußerſt ſchoͤnen, aber wilden, maleriſchen Gegend. Der Abt hatte bei ſeiner Abreiſe mich noch⸗ mals ernſtlich daran erinnert, ihn zu beſuchen; er fuͤhrte zum Hauptgrunde die Sicherheit meines eigenen Lebens an, und ruͤhmte die ſchoͤnen Umgebun⸗ gen und Gegenden ſeiner Abtey. Ich ließ mich alſo ſehr gern zu dieſer Rei⸗ ſe beſtimmen. Ich habe vergeſſen an⸗ 174 zufuͤhren, daß in den zwei Monaten, die ich mich hier aufhielt, faſt alle die Anlagen des Schloſſes und alle die Verſchoͤnerungen vollendet waren. Die Reiſe nach dem Kloſter war feſtgeſetzt. Eliſa ſtellte ſich geneigter fuͤr den Wunſch ihrer Mutter— wir hatten da⸗ bei immer die Ausſicht, daß eine Ent⸗ fuͤhrung aus dem Kloſter, ſo viele Schwierigkeiten ſie auch hatte, immer noch leichter ſey, als aus dem vaͤterli⸗ chen Hauſe. Ueber dieſen Plan waren wir beide einverſtanden— ich ſpielte den Beredenden; Eliſa, die ſich im⸗ mer noch Weigernde; wir ſtellten uns, als koͤnnten wir uͤber den Punct des Kloſters nicht einig werden; wir ſchie⸗ nen kaͤlter und lauer gegen einander ge⸗ worden zu ſeyn, ſo daß die Mutter auch nicht entfernt auf den Gedanken kam, daß unſer Benehmen Folge un⸗ 175 ſrer Verabrehung ſey. Je naturlicher ich meine Rolle ſpielte, um deſto mehr zog ſie mich vor. Faſt jeden&ag ſchrieb ſie dem Abte, und dieſer wußte in ſeinen Antworten nicht Ausdruͤcke ge⸗ 6 nug zu finden, wie er meine Sorge fuͤr Eliſens Wohl und fuͤr den Ruhm des in ſeiner Abtey liegenden Nonnene kloſters ruͤhmen ſollte. So reiſete ich endlich dahin. Ich ſage kein Wort uͤber den Abſchied von Eliſfen. Nur we⸗ nige Minuten konnte ich ſie allein ſpre⸗ chen. Sie zerfloß in Thraͤnen, und durfte ſich den Grund ihres Kummers nicht merken laſſen. Die Graͤfin machte nnun ganz die beſorgte Mutter; ſie ſah, daß Eliſa viel durch meine Trennung litt; es war ihr nicht entgangen, daß Euſa in der ganzen Zeit heiterer gewe⸗ ſen war; ſie ſuchte und fand die Ur ſach in Eliſens Beſchaͤftigung, in mei⸗ weit auf unſrer linken Seite liegen lie⸗ 1 Pietro in den Zuͤgel ſielen.—„Seyd ni?“ fragten ſie.—„Nein“ war te, wir kommen von Cortona, und wollen nach Orvieto.“—„Seyd Ihr 8 dort an dem Schloß herabgekommen 2 nem Unterricht— ich ließ ſie dabey. Gegen Abend ritt ich, begleitet von Pie⸗ tro und Thomaͤ, nach der Abtey. Eine Kleinigkeit rettete mir auf dieſem Wege das Leben. Zufaͤllig ritten wir aus ei⸗ ner andern Thuͤr vom Hofe, und muß⸗ ten auf dieſem Wege durch ein kleines lichtes Gehoͤlz, das wir, wenn wir aus dem Hauptthore geritten waͤren, ſehr ben. Kaum waren wir in dem Ge⸗ buͤſch, als uns einige Bewaffnete ent⸗ gegenſprangen, die dem voranreitenden Ihr vom Schloß des Grafen Richoſi⸗ lietro's Antwort.„Wir ſind Kaufleu⸗ —„Ja. Wahrſcheinlich reiſet die Herr⸗ 17⁷ ſchaft von dort auch ab, denn es wun⸗ de eben ein Reiſewagen beſpannt.“— Alſo ein Wagen? So haͤtte uns ja Marco doch belogen. War noch Beglei⸗ 8 tung bei dem Wagen?“—„Das kann ich Euch nicht ſagen. Seyd Ihr denn dort nicht bekannt?“— fragte Pietro. —„Nein. Wir ſind hierher beſtellt, einem fremden Fuͤrſten die Gurgel ab⸗ zuſchneiden, der, wie Marco geſagt hat, dieſe Nacht ganz allein abreiten will.“—„Wem ſitzt denn des frem⸗ den Fuͤrſten Gurgel im Wege?“— Unſerm Favorit, unſerm beſten Goͤnner, dem Marcheſe Mazzano. Waͤre der es nicht, ſo unternaͤhmen wir das Wage⸗ ſtuͤck gar nicht. Man paßt uns auf den Dienſt und billig ſollten wir heute ſchon uͤber der Gränze ſeyn.”“—„Je nun, Camerad, das wird ja ſolche Eile nicht haben.“—„Ja, ja. Die liebe 12— 178 abgewonnen, und wenn der⸗ Marcheſe ſie einigemal ſchon blind gemacht hat, ſo moͤgte doch das nicht immer gehen.“ — In dieſem Augenblick laͤutete aus der Ferne her ein Gloͤckchen.—„Muß auch gerade jetzt eine Seelmeſſe gehal⸗ ten werden luit ſing der andere an. „Laß uns nur geſchwind unſer Gebrt abhaspeln, damit wir nichts derſaͤu⸗ men.“— Die Kerls knieten nieder. Wir hielten bei ihnen. Die Andacht war vollendet.„Ja, Cameraden,“ ſagte Pietro ganz⸗ kalt unſer Weg iſt der weiteſten Lebt wohl.“„Gluͤckliche NReife! Wir haben nicht geſe⸗ hen!s— Ich verſtehe ſchon!“ rief ihmen Pietro zu, als wir fortritten. Wer war froher als ich, da die Gaͤule wieder im Trott waren.—„Alſo Marco! Marco li brummte Mielsad vor Gerechtigkeit hat uns die Faͤhrte ſchon 8 „ 179 ſich hin. Dieſer Marco war einer der Kammerdiener auf dem graͤflichen Schloſ⸗ ſe. Die Graͤfin hatte mir dieſen Schur⸗ ken zur Aufwartung gegeben, weil ich ſie darum bat, da der Kerl auf den et⸗ ſten Anblick ſo ſehr viel Einnehmendes hatte. Ich konnte Penſeiſene genwart nicht genug bewunder n, mit der er in den augenſcheinlichſten Gefah⸗ ren die Banditen wͤuſchte. Mir wurde er dadurch immer werther; ich beſchloß es, ihm meinen ganzen Plan zu entde⸗ cken, und zu verſüchen, ob ich ihn und ſeinen Freund zur Ausfuͤhrung deſſel⸗ ben gewinnen koͤnnte. Sein Benehmen gegen die Banditen zeigte uͤbrigens zu⸗ gleich von einer Anhaͤngliwkeit gegen mich, die mir Freude machte. Ich wußte es in voraus, daß ich mich ganz auf ihn verlaſſen konnte. Gegen Mit⸗ lag kamen wir in der Abtey an. Nichts 180 weiter vom Empfange. Die Graͤfin mußte meine Ankunft gemeldet haben, denn man empfing mich wie einen lange erſehnten Gaſt. Der Abt, der immer noch uͤber meinen wahren Stand ungewiß war,; ſtellte mich dem Conven⸗ te auf eine Art vor, die den Schimmer eines hohen Standes um mich warf. Ich bemerkte bald an den geiſtlichen Heerren, daß ihnen der Unterſchied zwi⸗ ſchen meiner und ihrer Religion eine ganz gleichguͤltige Sache war. Mein Stand und das Vorurtheil, das ſie ein⸗ mal hatten, machte ſie mir zu Freun⸗ den. Aufrichtig geſagt— ich fand manchen guten Menſchen unter ihnen; ein Urtheil, woran freilich die gegen mich um meines Standes willen mir erzeigte zuvorkommende Freundſchaft ihr Antheil hat. In der Geſellſchaft einiger der Erſtern des Convents be⸗ 181 2 ſuchte ich die in der That ſehr ſchoͤnen Anlagen und die ſchoͤnen Umgebungen der Abtey. Ich beſchreibe dieſe hier weiter nicht; die Beſchreibung gehoͤrt nicht in meine Geſchichte. Ich hatte einen Brief von der Graͤfin an den Abt mitgebracht, und ich hatte dieſem Briefe viel zu verdanken. Mit jeder Zeile, die der Abt las, wurde er zu⸗ traulicher gegen mich. Die Graͤfin hat⸗ te ihm geſchrieben, wie ich ſo oft das Schoͤne und das Feyerliche des Gottes⸗ dienſtes der Catholiken geruͤhmt habe. Dies war gegruͤndet; ich hatte den Cultus von der maleriſchen Seite be⸗ trachtet und konnte es, aus dieſem Ge⸗ ſichtspunete genommen, nicht bergen, welchen Eindruck er auf das Herz und auf die Sinnlichkeit des Menſchen ma⸗ che. Auf die Pruͤfung der Religions⸗ wahrheiten hatte ich mich gar nicht ein⸗ 182 gelaſſen und werde dies auch nie thun. Ich ſprach ſehr oft mit einer Art von Begeiſterung von der großen Feyerlich⸗ keit in Rom und andern Staͤdten, die ich beſucht hatte, und eben ſo oft hatte die Graͤfin mit mir geſcherzt und ge⸗ meint, daß ſie mich vielleicht noch vor einem Erzbiſchofe wuͤrde knieen ſehen. Eine gewiſſe Artigkeit machte, daß ich dies„vielleicht“ mit einem„es iſt moͤglich!, beantwortete. Alle dieſe mei⸗ ne Aeußerungen hatte die Graͤfin dem Abte geſchrieben und ich erfuhr nun, daß keines meiner Worte, keine meiner noch ſo unbedeutenden Aeußerungen un⸗ bemerkt geblieben waren. Ein Grund mehr, mich mit aller Vorſicht zu neh⸗ men, und dieſe Vorſicht mit einer ſcheinbaren Unbefangenheit zu bemaͤn⸗ teln, die, indem ſie Folge eines tiefer angelegten Planes iſt, ganz den Schein des gaͤnzlichen Mangels an einen durch⸗ dachten Plan zu verrathen ſcheint, und dadurch am ſicherſten taͤuſcht. Ich hat⸗ te dieſe Maaßregel in meiner jetzigen Lage beſonders noͤthig; einmal hatte ich es hier mit Menſchen zu thun, die mich genau beobachteten und die bei der Enthuͤllung meines, in ihren Au⸗ gen und nach ihren Grundſaͤtzen verbre⸗ cheriſchen Planes die ſchrecklichſte Rache an mir genommen haben wuͤrden; und dann— Eliſa und mein ganzes Gluͤck mit ihr war der Preis. Ich wollte ſie erkaͤmpfen. Bei Tiſche— und es wur⸗ de praͤchtig geſpeiſ't— kam der Abt hatte ihm geſchrieben, daß ich— wenn Eliſa noch in's Kloſter ginge— gewiß am meiſten dazu beigetragen haben wuͤrde, daß ſie den Schleier waͤhle. auf Eliſens Geſchichte. Die Graͤfin Davon zeuge mein ganzes Benehmen ⅓⅛⅓⅛ 3 184 gegen den Marcheſe, der dafuͤr mein Todfeind geworden ſey, und der gewiß kein Miktel unverſucht laſſen werde, ſich auf das ſchrecklichſte an mir zu raͤchen. Der Abt wollte mich dieſes letzten Umſtandes willen beruhigen, in⸗ dem er mir Schutz verſprach. Ich ſpielte hier die Rolle eines Muthigen; ich aͤußerte gegen den Abt, daß ich hieruͤber jetzt weniger beſorgt ſey, in⸗ dem, wenn der Marcheſe ſich ja einen ſolchen Schritt erlaube, die Meinigen Macht genug haͤtten, meinen Tod fuͤrch⸗ terlich an meinem Moͤrder zu raͤchen. So beſorgt ich auch im Grunde war, ſo ſehr gelang es mir doch alles zu uͤberzeugen, als ſaͤhe ich die Sache von einer leichten, unbedeutenden Seite an. Ich machte den Abt glaubend, daß bloß eine gewiſſe Anhaͤnglichkeit Eliſens an meinen Unterricht und an meine Unterhaltung den Marcheſe zu einm. Argwohn verleitet haͤtte, zu dem ich ihm meines Wiſſens nicht den gering⸗ ſten Anlaß gegeben. Der Abt ſchien ganz uͤberzeugt von dem zu ſeyn, was ich ihm ſagte. Er ſchrieb an die Graͤ⸗ fin zuruͤck; auch ich ſchrieb an Eliſen; ich gebrauchte, unſrer Abrede nach, Aus⸗ druͤcke aus dem Cultus und aus der Religion hergenommen, und Eliſa wußte ſehr gut, wie ſie dieſe Kunſtſpra⸗ che zu deuten habe. Thomaͤ mußte mit dem Briefe zuruͤck. Pietro blieb auf mein Verlangen bei mir in der Ab⸗ tey, in der ich einige Monate zu blei⸗ ben verſprochen hatte. Der Abt hatte mir dies Verſprechen gewiſſermaßen abzwingen muͤſſen; ſo gern ich auch aus dem wichtigen Grunde blieb, daß mir der Abt ſagte, die Graͤfin und ⸗ 18,6„ Eliſa wuͤrden ſich vielleicht einige Wo⸗ hen in der Abten zufhatten An Unterhaltung fehlte es mir nicht. Schon den zweiten oder dritten Tag nahm Pietro mein Portefeuille, um mich auf einem Spatziergange in dieſer einzig ſchoͤnen Gegend zu beglei⸗ ten. Schoͤner hatte ich nie Thaͤler und Huͤgel geſehen, als hier, wo die Ge⸗ gend einen ganz eigenen Character hat⸗ te. Faſt bei jedem Schritt fand ich eine ſchoͤne Ausſicht— faſt jeder Huͤ⸗ gel gewaͤhrte mir eine andere eben ſo ſchoöͤne, eben ſo maleriſche Anſicht, als die war, in deren Anſchaun ich wenige Augenblicke zuvor ganz verſunken war. Halbe Tage ſaß ich und zeichnete, denn jede einzelne Parthie dieſer wilden Ge⸗ gend verdiente, daß ſie gezeichnet wur⸗ de. Kam ich dann zu Hauſe, und 8 zeigte ich dann dem Abte und den Moͤnchen meine Arbeiten, dann ſahen ſie mich mit der groͤßeſten Bewunde⸗ rung an. Jeder von ihnen wuͤnſchte ein Gemaͤlde von irgend einer, ihm wichtigen Gegend zu beſitzen; ich er⸗ hielt reichlich, was ich an Farben und dergleichen gebrauchte, ich hatte Unter⸗ haltung, und machte mir den ganzen Convent zu Freunden. An meiſten aber geſchah dies durch folgendes. In der ſchoͤnen Kloſterkirche war ein neuer Altar, deſſen Kunſtarbeit alles uͤbertraf, was ich von dieſer Art je geſehen hat⸗ te. In dieſem Altar fehlte noch das Altargemaͤlde ſelbſt, und der Abt legte mir ſeinen Wunſch, den Altar mit ei⸗ nem ſchoͤnen Gemaͤlde geſchmuͤckt zu ſe⸗ hen, ſo nahe, daß ich mich erbot, 8 zu mahlen. Es gerieth mir außeror⸗ dentlich gut, und ſo uͤbertrieben die Schmeichelei war, die ich durch dieſe Arbeit dem Abte und dem Convente gemacht hatte, ſo groß war die Be⸗ wunderung, ſo auffallend die Liebe, die ich mir dadurch erwarb. Ich wußte nemlich nicht, welchen Gegenſtand ich zu dem Hauptgemaͤlde des Altars neh⸗ men ſollte; ich ſprach mit dem Abte daruͤber, der aber darin eben ſo unwiſ⸗ ſend war als ich. Ich ſchlug daher im Convente vor, man moͤgte mir aus der Geſchichte des Patrons dieſer Abtey irgend einen Gegenſtand geben. Man brachte mir Vittorios Geſchichte des heiligen Benedictus zum Durchleſen; ich fand die Geſchichte, wie er die Toch⸗ ter eines heidniſchen Fuͤrſten zur An⸗ nahme des Chriſtenthums und zur Ab⸗ legung des Kloſtergeluͤbdes bewegte. K. Begebenheit ſelbſt war ſchoͤn er⸗ zaͤhlt, ihr myſtiſcher, ſchoͤner Styl war hinreißend, und die Geſchichte ſelbſt hatte viel anziehendes Romanhaftes. Ich ſchlug dem Abte dieſen Gegenſtand vor; der ganze Convent billigte mei⸗ nen Plan, und nun gab ich dem heili⸗ gen Benedict das Geſicht des Abts, fuͤr die Freunde und Schuͤler des Schutz⸗ heiligen nahm ich die einzelnen Moͤnche des Convents, und zum Schauplatz waͤhlte ich eine der bekannteſten, ſchoͤnſten Gegend in der Naͤhe der Abtey. Die Neubekehrte war Eliſa, ſo außerordent⸗ lich getroffen, wie je ein Gemaͤlde ge⸗ rathen war. Keiner der Moͤnche, ſelbſt der Abt nicht, hatten waͤhrend meiner Arbeit meine Zeugen ſeyn duͤrfen. Das Feſt des Schutzheiligen des Stifters dieſes Ordens fiel ein. Tages verhen hatte ich das Gemaͤlde angebracht und am Feſttage ſelbſt ſtand der Altar in ſeiner vollkommenen Schoͤnheit, in * — ———— 8 ——— “ d 19⁰ ner groͤßten Pracht da. Das Aufſehen und die Bewunderung der Tauſende, die vor dieſen Altare knieten, war au⸗ ßerordentlich. Beſonders war der Abt ganz außer ſich. Ich bemerkte ſehr gut, wie ſein Blick auf dem Geſicht der ſchoͤnen knieenden Proſelytinn ruhete. „Duͤrfte ich nur Ihren wahren Namen unter dies ſchoͤne Gemaͤlde ſe⸗ tzen!“ ſagte er, indem er mich vor dem⸗ Altare mit einem Feuer umarmte, das von ſeinen Begierden nur zu ſehr zeug⸗ te.— Ich zuckte die Achſeln.— „Bielleicht kann dies bald geſchehen,“ ſagte ich,„wenn ich mit den Meini⸗ gen in einem ganz andern Verhaͤltniß erſcheine, als das iſt, unter dem ich 1 jetzt mich verbergen muß. Jetzt moͤg⸗ ten für mein Leben zu große Gefahren daraus erwachſen, und in dieſen moͤg⸗ ten Sie, Herr Abt, mich doch nicht ſe⸗ hen wollen. Ich habe ja ſo noch des Marchrſer, Racſtahungen aus⸗ beſhrch. ten. 6— eſ lae Ao bnen zugla, Niemandem zu entdecken, daß ich hier ſeyz ich that dies, theils um mir ein gewiſſes geheim⸗ nißvolles Anſehen zu erhalten; gtheils um nicht etwa zu veranlaſſen, daß ir⸗ gend jemand, der michdin Rom oder in Florenz geſehen hatte, mich hier bemer⸗ ke. Ich hatte mir uͤbrigens durch dieſe Schmeichelei die Liebe und das Zutrau⸗ en des ganzen Convents erworben; und nun dachte ich ernſtlicher ant die Ausfuͤhrung meines Plans, liſa aus dem Kloſter zu entfuͤhren. Je mehr ich daruͤber nachdachte— und er war der einzige, den ich ausfuͤhren konnte— deſto groͤßer und bedeutender wurden 192 mir die Schwierigkeiten; nothwendig mußte ich bei der Ausfuͤhrung fremde Huͤlfe haben. Aber auf wen konnte und durfte ich mich verlaſſen? Wem durfte ich ohne die augenſcheinlichſte Gefahr meine Abſicht entdecken? Ich geſtehe recht gern, daß dieſer Gedanke mich auf allen meinen Streifereien be⸗ gleitete. Und doch mußte er ausgefuͤhrt werden. Meine Liebe zu Eliſa gab mir Muth— ſie ſchmeichelte mir mit der Hoffnung eines glucklichen Aus⸗ gangs. Die Abtey lag, wie ich ſchon geſagt habe, am Fuß der Appeninen. Das adriatiſche Meer war nicht ſehr fern. Die Staͤdte Ancona und das be⸗ ruhmte Loretto konnten in einem Tage erreicht werden— hier mußte ein Schiff bereit liegen, mich und Eliſen aufzunehmen und uns nach dem ge⸗ genuͤber liegenden Dalmatien oder Croa⸗ 193 tien zu bringen. So weit war der Anſchlag ganz richtig, und aller moͤg⸗ lichen und wahrſcheinlichen Schwierig⸗ keiten ungeachtet der einzige, den ich waͤhlen konnte. In ganz Italien und beſonders im Kirchenſtaate konnte ich nicht bleiben— nicht einmal das an⸗ graͤnzende Etrurien oder Neapel gaben mir Sicherheit. Oft blieb ich mit Pietro Tage lang aus, um die Gegend, durch die ich meine Flucht nehmen woll⸗ te, mir ganz genau zu merken; ich erſtieg jede Hoͤhe; ich unterhielt mich mit jedem Hirten, den ich antraf; ich machte an jedem Wege, die ich gehen mußte, Zeichen an die Baͤume, um, wenn ich ja genoͤthigt war, in der Nacht zu entfliehen, ein ſicheres Merk⸗ mal des Weges zu haben. Hundert mal wollte ich dem Pietro meinen gan⸗ zen Entwurf mittheilen— er ſchien dar⸗ 13 —————— 194 auf zu warten— ach— haͤtte ich hier mehr Zutrauen gehabt! Hundert mal unterdruͤckte ich das erſte Wort auf der Zunge.— „So kam ich eines Tages nach der Abtey zuruͤck, als gerade die Graͤfin mit Eliſa angekommen war. Ich hatte alle Ueberwindung noͤthig, um mich nicht zu verrathen. Eliſen ging es nicht beſſer. Sie und die Graͤfin em⸗ pfingen mich mit ſichtlicher Freude. Der. Abt fuͤhrte beide gleich in die Kirche, um ihnen den Altar zu zeigen. Eliſa erroͤthete, da ſie ihr Bild ſah— die Graſin ſah in dieſem Erroͤthen we⸗ niger Schrecken als Fpeude, und glaub⸗ te nun gewonnenes Spiel zu haben. Eliſa brachte mir einen Brief von mei⸗ nem Freunde, der ſich jetzt in Florenz aufhielr der Fnhalt mußte die Freude 3 195 eſchöͤnigen, die Eliſa's Ankunft in mein Herz goß. Mein Freund ſchrieb r mir, daß in meinem Vaterlande die Ruhe bald wieder hergeſtellt ſey, daß maehrere meiner Feinde gefaͤnglich einge⸗ zogen waͤren; daß ſie einem ſchimpfli⸗ chen Tode entgegenſaͤhen, daß die Zahl meiner Freunde ſich taͤglich vermehre. Unter dieſen Nachrichten konnte ich am beſten die Freude verbergen— ich konn⸗ te ſie laut werden laſſen, ohne Arg⸗ wohn zu erregen. Die Graͤfin erzaͤhlte mir, daß ihr Gemahl in Bologna krank ggeworden ſey, daß der Marcheſe ihm bis dahin geſolgt, um den Graf mit zuruͤckzubringen. Sie rieth mir zugleich, ja noch in der Abtey verborgen zu blei⸗ ben, weil ich in der Gegend des Schloſ⸗ ſes gar nicht ſicher ſey. Sogar einige der Domeſtiken des Grafen waͤren durch die Geſchenke und Verſprechun⸗ 2 196 gen des Marcheſe in das Complott ge⸗ gzogen, das er zu meinem Untergange geſchmiedet habe. Unter dieſen ſey be⸗ ſonders mein Liebling, Marco, vor dem ich mich ſehr zu huͤten haͤtte. Zum Gluͤck wiſſe und vermuthe Niemand meinen Aufenthalt; jeder glaube, daß ich in Neapel ſey, indem Thoöma, mich bis Terracina gebracht zu haben, vor⸗ gaͤbe, von welchem Orte aus, ich zu Schiffe gegangen ſey. Ich ſah, daß die Graͤfin außerſt beſorgt fuͤr mich war; ich dankte ihr mit dem geruͤhr⸗ teſten Herzen.— 5 Daß der Abt aͤußerſt vergnuͤgt war, die Graͤfin und beſonders Eliſa bei ſich zu ſehen, darf ich nicht erſt er⸗ waͤhnen. Was er nur zur Freude und zur Unterhaltung ſeiner Gaͤſte thun konnte, das that er. Beſonders aben 1 — 4 ¹ 1 —— . 197 drang er nun in mich, daß ich ihm Eliſens Bild verſchaffen ſollte; ich verſprach dies, um nur dadurch erſt ei⸗ ne Gelegenheit zu haben, oͤfters mit Eliſen ſprechen zu koͤnnen, ohne bei dem Abte irgend einen Funken der Ei⸗ ferſucht anzufachen. Ich erbot mich, zu⸗ gleich die Graͤfin zu malen; ihre Eitelkeit war durch dieſes Anerbieten ſehr geſchmeichelt, da ich mit dem Abte es verabredet hatte, ihr Bild in dem Gewande irgend einer Heiligen fuͤr die Kirche zu malen. Da Eliſas Bild ſchon in der Kirche war, ſo mußte ich es auf Bitte des Abts fuͤr ſein Privat⸗ cabinet malen. Die Verlegenheit, in der er war, da er gegen mich dieſen Wunſch aͤußerte, ließ es mir nur zu deutlich merken, welchen Eindruck Eli⸗ ſens Schoͤnheit auf ihn gemacht, wel⸗ ches Feuer ſie in ſeinem Herzen erregt 1 198 habe. Ich hatte die groͤßeſte Muͤhe, mich ſo weit zu zwingen, daß Niemand mir anſaͤhe, was in meinem Innerſten vorging; denn ob ich gleich Eliſens Tugend alles zutrauen konnte, ſo hatte ich doch, und zwar mit allem Recht zu befuͤrchten, daß die Schwachheit und der Aberglauben der Mutter vielleicht dem Abte das Mittel an die Hand ge⸗ ben moͤgten, ſeine Abſichten zu errei⸗ chen. Dieſe Furcht war nicht ganz un⸗ gegruͤndet— mit einer Unruhe, als hinge von der Erfuͤllung des Wunſches die ganze Zufriedenheit ab, hatte der Abt ſchon mehrere male den Wunſch geaͤußert, daß ich Eliſens Bild, fuͤr ihn beſtimmt, recht bald anfangen moͤgte. Ich zoͤgerte damit; ich that 2 Eliſen verabredet, uns dann, wenn wir hies mit Fleiß, denn ich hatte mit uns auch nur im geringſten bemerkt ——— 199 glaubten, nicht allein zu ſprechen, um jeden, auch dem leiſeſten Verdachte vorzubeugen. Endlich— acht Tage waren die Graͤfin und Eliſa ſchon in der Abtey— beſtimmte ich den Tag. Der Abt war außer ſich vor Freude; er ſelbſt brachte Eliſen zu mir, denn ſie ſollte zu dem Gemaͤlde ſelbſt ſitzen. Der Abt hatte dies gewuͤnſcht, die Mutter hielt dieſen Wunſch fuͤr ein Gebot, und ſo mußte ich dieſen beiden es zu verdanken haben, Eliſen ganz ungeſtoͤrt und unbeobachtet einige Stunden des Tages bei mir zu ſehen. Der Abt verließ uns— Eliſa war au⸗ ßerordentlich aͤngſtlich; nie hatte ich ſie ſo geſehen. Ich ffragte nach der Ur⸗ ſach. Statt aller Antwort ſtuͤrzte ſie ſich weinend in meine Arme, und bat mich, ſo hoch ſie bitten konnte, ſie ſo bald als moͤglich zu retten. Ich woll⸗ 200 te ſie beruhigen— ich fragte nach der „Urſach dieſer ſo auffallenden Aengſtlich⸗ keit; denn nie hatte ich Eliſen ſo ge⸗ ſehen.— Sie ſchlug den Blick gen Him⸗ mel, ihr Auge rollte, wie das Auge eines Menſchen, der an eine kraͤnkende Beleidigung erinnert wird; ſie be⸗ ſchwor mich bei allem, was mir und ihr heilig war, ſie zu retten; moͤge dieſer Schritt auch mit den groͤßeſten Gefah⸗ ren verbunden ſeyn. Endlich legte ſich der Sturm in ihrer Seele; ein ſtiller Frieden kehrte wieder in ihr Herz; ich konnte nun den Umfang ihres Geſichts anlegen— Eliſens Mutter kam nach „ geendigtem Gottesdienſt, und zwar erſt da, als ich ſchon zeichnete. Sie arg⸗ woͤhnte nicht das mindeſte. Auch der Abt kam unter dem Vorwande, meiner Beſchaͤftigung zuzuſehen— ich zeigte ihm den Anfang, ich beſchrieb ihm die 201 Form, die Groͤße und die Stellung. Sein Haͤndedruck, ſein funkelndes Au⸗ ge zeigten ſeine Freude, ſeinen Dank, aber auch— ſeine Begierden. Die Stunden des Malens waren voruͤber. Wir gingen zu Tiſche. Eliſa ſaß ge⸗ gen mir uͤber neben dem Abte, ſie war ungewoͤhnlich ſtill, ich erheuchelte deſto mehr Unbefangenheit, die ich dem Anſcheine nach anwandte, um Eliſen aufzuheitern. Ich ſprach von den ſchoͤ⸗ nen Umgebungen der Abtey, von der ſchoͤnen romantiſchen Gegend— ich verſprach Eliſen, ihr alle die Gegenden, die ich aufgenommen hatte, zu zeigen, als die Graͤfin einen Brief bekam. Ich bemerkte, wie dieſe ſich entfaͤrbte, wie Eliſa, da ſie dies ſah, erſchrak, und ich ſelbſt ſpuͤrte an mir, daß die An⸗ kunft dieſes Briefes aus dem graͤfli⸗ chen Schloß, mich etwas außer Faſſung 202 ſetzte. Dieſes Schreiben hatte ein Bo⸗ te gebracht. Die Graͤfin ſtand auf, um den Boten ſelbſt zu ſprechen. Eliſa ging mit ihr. Ich bat den Abt, beide zu begleiten, indem ich mich vor dem Boten nicht durfte ſehen laſſen. Sie blieben einige Zeit aus, als die Graͤfin mit verweinten Augen und ganz ver⸗ zweifelt zuruͤckkam, und mir den Brief zu leſen gab. Er enthielt die Nachricht, daß der Graf krank zuruͤckgekommen ſey, daß der Marcheſe ſich jetzt auf dem Schloſſe aufhielte, und daß die Graͤfin und Eliſa den folgenden Tag zuruͤckkommen ſollten, indem der Graf, der nicht wiſſe, wie bald ihn ſeine Krankheit hinraffen koͤnne, erſt ſeine Plaͤne auf's Reine gebracht ſehen wollte. 9 3 Der Abt ſtand neben mir, da ich den Brief vorlas— ich ſah Eliſens Angſt, der Graͤfin Verzweiflung, des Abts 203 Unruhe, denn ſein ganzer Plan ſchien ſcheitern zu wollen— und im Grunde war ich am allerunruhigſten. Ich bat den Abt, mit dem Boten ſelbſt zu ſpre⸗ chen, aber es ſo einzurichten, daß ich, ohne daß ich geſehen wuͤrde, hoͤren koͤn⸗ ne, was der Bote ſagte. Dies war leicht einzurichten. Der Bote, einer der Jaͤger des Grafen, entdeckte, daß das Gerede allgemein ſey, der Marche⸗ ſe ſolle ſogleich mit Eliſen ſich ver⸗ maͤhlen, und ſich in Beſitz der Guͤter ſetzen, in denen er ganz den Herrn ſchon mache. Nach der Verſicherung des Boten war die Krankheit des Gra⸗ fen ſo gefaͤhrlich, daß man gar keine Beſſerung erwarten koͤnne.— Der Abt fragte den Jaͤger nach dem frem⸗ den Fuͤrſten, der nach der Erzählung der Graͤfin ſich mehrere Monate auf dem Schloß aufgehalten habe; der —— o,—, 204¼ Bote erzaͤhlte, daß dieſer nach Neapel gereiſet ſey, daß aber ein gewiſſer Marco mit zwei andern ihm nachge⸗ ſchickt waͤren, um ihn umzubringen, 4 denn er ſey nach des Marcheſe Anſicht einzig und allein ſchuld, daß die Graͤ⸗ fin Eliſa eine Nonne werden wolle.— Ende des erſten Baͤndchens. 4 ———— Folgende, ſo eben erſchienene, zur Unterhaltung ſich eignende Buͤ⸗ cher ſind in allen Buchhandlun⸗ gen Deutſchlands fuͤr beigeſetzte Preiſe zu bekommen und koͤnnen mit Recht empfohlen werden: Friedrich, Carl, Ludovika, oder — Babrechenans Liebe. 2 Thle. 1 Rthlr. n0 16 Ggr. Gersdorf, Wälhelmine, Aurora, Graͤfin von Koͤnigfmark. Ein hiſto⸗ riſcher Roman in 2 Bden. 2 R thlr. Hil d ebrande, 6., die Einſiedler auf Spitzbergen. I Rthlr. Derſelbe, der Negerſclav. Roman in 2 Theilen. 2 Rtyit, 12 Ggr. Der. elb de Schiſfbruch 1 Rthlr. .— 4 Ggr. , Kloſterſturm, der, oder wunderbare . MKeettung aus dem Schlachtgetuͤmmel. Roman vom Verfaſſer des Pfarrhau⸗ ſes zu Remsdorf. 3 Theile. 3 Rthlr. 6 Ggr. Knackmandeln. Unterhaltungsbuͤchlein fuͤr heitere Geſellſchaften und Freun⸗ tend: Witz⸗ und Blitzfunken, Schwaͤn⸗ und humoriſtiſche Erzaͤhlungen. 1 Rthlr. Aufſatze vom Verfaſſer der Wunder⸗ geſchichten und Legenden der Deut⸗ ſchen 22 Ggr. thum und Leichtſinn.— Herzog Johann, oder das Opfer der Ver⸗ de einer frohen Tafelrunde. Enthal⸗ ke, Anecdoten, Abentheuer, Launen Mappe, die rothe. Erzaͤhlungen und . Nagel, Dr. F. G., Novellen.— Irr⸗ enduns.— Das Kreuz. 1 Rthlr. — Nicolai, C., Der Auſternſchmaus.— Die Liebhſchaft im Keller.— Die 1 Tanzwieſe. 16 Ggr. 8 D er ſelbe, die Brautnacht ohne Braut. 16 Ggr. Derſelbe, die Familie Sternfels.* Roman in 3 Theilen. 3 Rthlr. 1 3 12 Ggr. Derſelbe, die Miethskutſche. Komi⸗ ſcher Roman in 2 Theilen. 1 Rthlr. 20 Ggr. Pontolino, der furchtbare NRaͤuberhaupt⸗ „„. mann, oder die Schreckniſſe der apIr 3 Teufelsgrotte. 2 Thle. 1 Rthlr. 12 Ggr. s ———— 8 85 ————— 5—* 3*