6 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SJeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. Ff. — — „ 1 u1 1— ur 2— 1 VI. 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 — * ————— Gemaͤcher des Unglüucks 8 oder 3 4 der Gepruͤfte. Von C. Hildebrandt, Verfaſſer des Romans: Rollino der furchtbare Raͤuberhauptmann in den Apenniniſchen Felskluͤften, u. a. m. 3 Dritter Theil. 1 3 4 Duedlinburg und Leipzig, 1824, bei Gottfried Baſſe. — ‚—— Die Gemaͤcher des Ungluͤcks ober der Gepruͤfte. DOritter Theil. Abelaide war jetzt mein und ich konnte mich mit allem Rechte unter die gluͤcklichſten Gatten zaͤhlen. Jetzt war die Stunde nahe, in der ich mich entſchließen mußte, entweder in Batavia zu bleiben, oder dem Rathe mei⸗ nes Freundes gemaͤß, meinen Aufenthalt in Boſton zu waͤhlen. Mein Freund rieth mir, dieſen wichtigen Schritt auf Adelaidens 5 Entſchluß ankommen zu laſſen.—„‚Sie ſind dann,“— ſetzte er hinzu, gegen jeden Vorwurf ſicher. Ich bin uͤberzeugt, daß Ih⸗ re Gattin gewiß nicht zu denen gehoͤrt, die einen gegebenen gutgemeinten Rath, wenn er wider Willen des Rathgebers nicht nach Wunſche einſchlaͤgt, zu einem Verbrechen — 6— machen. Aber es koͤnnte doch Faͤlle geben, in denen Sie Ihren Rath und Ihre Ueber⸗ redung ſelbſt bereuen, und eine ſolche Er⸗ fahrung truͤbt jede Freude. Laſſen Sie Ade⸗ laiden entſcheiden.— Ich folgte. Adelai⸗ de entſchied beſtimmt fuͤr den Aufenthalt in Boſton. Ihre Bewegungsgruͤnde waren die wahrſcheinlich nicht ſehr ferne Zuruͤckreiſe ih⸗ res kraͤnkelnden Bruders nach Europa.— „Und dann,“ ſetzte ſie verlegen und erroͤ⸗ thend hinzu,—„und dann glaube ich nicht ganz zu irren, wenn ich ſo manches uͤber meinen Aufenthalt bei dem Koͤnige von Surtarta zu hoͤren glaube, was mir empfind⸗ lich iſt.“— Aufreichtig geſagt, Adelaide ſprach aus meiner Seele; ich war des Auf⸗ enthaltes in Batavia herzlich muͤde; bloß Liebe zu Adelaiden haͤtte mich zu dieſem Op⸗ ſer bringen koͤnnen. Indeſſen ließ ich mir das nicht merken; im Gegentheile machte ich Adelaiden auf die Gefahren einer Reiſe von faſt dreitauſend Meilen aufmerkſam; ich er⸗ waͤhnte ihres Kindes, das eben bei mir ſtand; ich machte ſie aufmerkſam auf die Trennung von ihrem Bruder. Vergebens.⸗ Adelaide blieb ihrem Vorſatz getreu; ſtaͤrkte ihn noch dadurch, daß ich ihr ſagte, wie gerade dies auch mein heißeſter Wunſch geweſen ſey. Eine Aeußerung, die ihr edles Herz mit der lebhafteſten Freude erfuͤllte.— Nichts weiter ſage ich von dem Abſchie⸗ de, von der Trennung von einer Stadt, von einem Hauſe, das mir ſo merkwuͤrdig war, das einen ſo großen, ausgebreiteten Einfluß auf mein ganzes Loos hatte. Manche Thraͤ⸗ ne floß, floß noch da, als wir Stadt, Hafen und Rheede ſchon weit hinter uns hatten. Ach! konnte ich damals wohl wiſſen, daß der Thraͤnen, der ſchmerzlichern Thraͤnen, bald noch mehr fließen wuͤrden!— Unſere Fahrt ging anfaͤnglich ganz gluͤck⸗ lich; die geſährliche Straße von Sunda hat⸗ ten wir hinter uns. Nahe bei jener Klippe, auf der Adelaide ſo viel gelitten hatte, wa⸗ — 8— ren wir vorbei gefahren. Mit Thraͤnen in den Augen blickte Adelaide nach dem Fel⸗ ſen, von dem der treue Sclav herabgeſtuͤrzt war. Jetzt kamen wir in die mit Recht ver⸗ rufenen Gewaͤſſer des ſtilen Oceans, und hatten alle Urſach, die Klage uͤber das Un⸗ geſtuͤm dieſes Meeres zu unteezeichnen. Mehr als fuͤnfhundert Meilen mußten wir hier bei abwechſelndem Sturm und Windſtille faſt durchgaͤngig bei hoher See und ſchlechtem Wetter zuruͤcklegen. Dieſes Ungeſtuͤms ge⸗ wohnt, machten wir endlich wenig mehr dar⸗ aus, als uns einſt mitten in der Nacht ein furchtharer Sturm uͤberfiel, der am folgen⸗ den Tage immer wuͤthender wurde. Er ſetzte uns mit ſolcher Heftigkeit zu, daß ſuhſ mein Freund, der Britte, ein kuͤhner, erf rener, gepruͤfter Seemann, beſorgter wurde als je, daß er mit gefaltenen Haͤnden, leiſe vor ſich betend herumging. Wir waren ge⸗ zwungen, die Canonen von der linken Seite des Schiffes uͤber Bord zu werfen, weil das Schiff ſich ſo ſehr auf dieſe Seite legte, daß —— — 9— die Laſt der Canonen die Näͤthe des Decks aufzog, durch welches die Wellen wie durch eroͤfnete Schleuſen in das Schiff ſtuͤrzten. Die Thiere, die wir mit uns hatten, einige Ziegen und Schweine, ertranken unter dem Verdeck, und trieben mit verſchiedenen Waſ⸗ ſertonnen und andern Geraͤthſchaften in die See. Ich hoͤrte durch das Brauſen die Stimme meines Freundes, auf dem Ver⸗ deck, ich glaubte, er ſey vielleicht huͤlfsbe⸗ duͤrftig. Ich verließ die Cajute, ich eile die Treppe hinauf,— meine Adelaide, die mich nicht in Gefahr wiſſen will, wo ſie mir nicht beiſteht, eilt hinter mir her,— ich hoͤre ſie mit einemmale laut aufſchreien— ich ſehe mich un. und erblicke den ſchreck⸗ lichſten aller Auftritte: eine furchtbare Welle riß Lauretten von der Hand ihrer Mutter,— das arme Kind fand ſein Grab in den Wel⸗ len. Adelaide wollte in Verzweiflung nach⸗ ſpringen: ich hatte Muͤhe, die Arme von die⸗ ſem Schritt abzuhalten. An Rettung un⸗ ſers unglͤcklichen Kindes war nicht zu den⸗ — 10— ken, da die Leiche im naͤchſten Augenblick verſchwunden war.— Schrecklicher Augenblick meines Lebens! Ich wußte nicht, was ich meiner nicht etwa weinenden oder klagenden Gattin, ſondern einer durch Betaͤubung, durch Schrecken in eine Bildſaͤule verwandelten ſagen ſohte. Mit einem wilden Blick ſtand Adelaide da und ſah auf die Stelle, wo ihr Laurette von der Hand geſchleudert wurde; ich ſelbſt außer mir vor Schrecken, war kaum im Stande, die Ungluͤckliche von dem Sprunge iins to⸗ bende Meer abzuhalten. Das ungluͤckliche Kind war in der That mir ſo werth gewe⸗ ſen, als waͤre es mein eigenes. Das kind⸗ liche Benehmen, das unbedingte Zutrauen, mit dem Laurette in mir ganz ihren Vater ſah, hatte es ſo an mein Herz gefeſſelt, daß ich alles, daß ich gern mein Leben fuͤr dieſe liebenswuͤrdige Tochter aufgeopfert hätte. Meine Liebe zu dem Kinde hatte mich mei⸗ ner Adelaide um ſo werther gemacht, und es — 11— trug faſt alles zu ihrem Gluͤck bei, wenn ſie ſah, wie alle meine Liebe ſich auf dieſe, ſo bald geknickte, ſo bald uns entriſſene Pflanze ſammelte. Mochte jetzt der Sturm noch ſo wuͤthen, mochte unſer ſchadhaft gewordenes Schiff drohen, jeden Augenblick ſinken zu wollen; ich verſichere es bei allem, was mir werth und heilig iſt,— es war mir gleich⸗ guͤltig,— ich wuͤnſchte den Untergang des Schiffes; ich war des Lebens muͤde; denn welcher Zukunft ſah ich entgegen? Ich fuͤhr⸗ te mit zerriſſenem Herzen die ſich ſtraͤubende Adelaide in die Cajuͤte. Hier, wo alles die Ungluͤckliche an den ſo ſchrecklichen Verluſt erinnerte,— hier kam ſie erſt wieder zu einiger Beſinnung; aber nicht um ſich zu be⸗ ruhigen, ſondern um die Groͤße ihres Vei⸗ luſtes erſt ganz zu fuͤhlen. In lauten Kla⸗ gen warf ſie der Vorſehung dieſen furchtba⸗ ren Schlag vor— an Raſerei grenzte der Jammer einer ungluͤcklichen Mutter, und mit einen Strome Thraͤnen der hoͤchſten Verzweiflung machte ſie mir die härteſten — 12— Vorwuͤrfe, wenn ein Wort des Troſtes,— von dem mein eignes Herz nichts fuͤhlte, uͤber meine Lippen kam. Halb todt ſank die Ver⸗ zweifelnde in meine Arme, da der Koͤrper dieſem Sturme im Innern nicht gewachſen. ſeyn konnte. Mein Freund, der Englaͤnder, ſtand eben ſo gebeugt, wie ich es war, ne⸗ ben mir.—„Troͤſten Sie nicht, Freund!“ ſagte er.„Ihr Troſt muß der Ungluͤcklichen Spott ſcheinen. Der Schmerz will ſein Recht haben, und welche Worte moͤgten ein Herz heilen koͤnnen, das ſo verwundet iſt? Ich will kein Prophet ſeyn— aber— machen Sie ſich mit dem Gedanken an eine baldige Trennung von Ihrer Gattin ver⸗ traut. Der Verluſt iſt zu groß, als daß nicht unter ihm ein Herz wie dies brechen ſollte.“— Ich ſtand in meinem Kummer begraben neben Adelaiden; ihre kalte Hand ruhete in der meinigen.— Ich blickte auf mir lag. Da brachen mit einemmale die Strahlen der Sonne durch die zerriſſenen 4„ 6 G * 3 die Entſeelte, die mit gebrochenen Augen an — 13— Wolken,— da wurde es mit einemmale hell in der Cajuͤte,— Adelaide getroffen von einem durch das Fenſter fallenden Lichtſtrahl fuhr zuſammen; jener Strahl weckte ſie— ſie ſah ſich wild um, ſie fragte haſtig:„Was . iſt das?“— Ich war nicht im Stande zu antworten. Die Freude, meine Adelaide im Leben zu ſehen, war zu groß; aber wie mußte ſie der Gedanke an das, was meine Adelaide dem Grabe ſo nahe brachte, ver⸗ bittern. Mein Freund nahm fuͤr mich das Wort; er ergriff Adelaidens Hand.„Es iſt der Strahl der erſten Freundin Ungluͤck⸗ licher, der goͤttlichen Hoffnung. Der Sturm in der Natur legt ſich; hoffen Sie; auch in Ihr Herz wird der ſtille Frieden wiederkeh⸗ ren.“— Mehr konnte er nicht ſagen; die Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen— ſie erſtickten jedes Wort, das er aus ſeinem vol⸗ len fuͤhlenden Herzen noch vorbringen wollte. Daß Adelaide jetzt ihren Verluſt erſt in ſei⸗ ner ganzen Groͤße fuͤhlte,— daß des Freun⸗ des Worte nichts als Thraͤnen bei der Un⸗ 1 — 14— gluͤcklichen bewirken konnten, das darf wohl keinem, der ſelbſt ungluͤcklich war, oder den der Lebensweg zu Ungluͤcklichen dieſer Art fuͤhrte,— fremd ſeyn. Wenn ſelbſt das Leben auf dem Lande mit ſeinen Mannigfaltigkeiten der Zerſtreu⸗ ung, der Anſicht der Gegend, der Beſchaͤfti⸗ gung nicht im Stande iſt, einen Kummer zu verwiſchen, der ſo tief im Herzen wohnt; wie viel weniger wird das einfache, zerſtreu⸗ ungsloſe, gaͤnzlich aus einerlei Geſchaͤften beſtehende, gaͤnzlich an einerlei Menſchen gewoͤhnte Leben,— einen ſolchen Einfluß auf ein ungluͤckliches Herz haben koͤnnen!— Dies war der Fall bei Adelaiden; vielleicht wuͤrde der Anblick einer ſchoͤnen Gegend, eines bpelaubten Waldes, einer lachenden Flur, den wildern Schmerz des Herzens gemildert ha⸗ ben; ſo aber— nichts als den Anblick des wildwogenden Meeres, ſo einerlei in ſeinen verſchiedenen Geſtalten, ſo erinnernd an den Liebling, der in ſchaͤumenden Wellen ſein ——— — —— Grab fand— da mußte wohl der Keim des Todes in einem Herzen ſich immer tiefer eindruͤcken, das ſo viel gelitten hatte. Mit alles beſorgenden Aufmerkſamkeit ſahe ich Abelaiden welken; mein Herz ſchwamm in Thraͤnen, waͤhrend mein Auge laͤchelte, und ich ſowohl, als mein Freund, die nur ih⸗ rem Kummer Nachhaͤngende aufzuheitern be⸗ müht waren. Wir waren jetzt dem Cap na⸗ he.— Miein Freund beſchloß hier einige Wochen zu bleiben. Er glaubte, daß die Landluft und der Anblick der Gegend das meiſte zu Adelaidens Geſundheit beitragen wuͤrden, und der Anſchein war ganz dazu geeignet, dieſe Hoffnung zu erregen. Adelai⸗ de erholte ſich zuſehends, ihre Geſichtsfarbe war friſcher, ihr Auge war lebhafter; ſie nahm Antheil an allem, was um ſie vorging, und ihr Herz hoͤrte wieder auf der Freund⸗ ſchaft Stimme. Ich war gluͤcklich,— mein Freund war es auch,— die Zukunft zeigte ſich mir wieder in einem reitzenden Lichte.— In dieſer Hoffnung verließen wir das Cap,— .— 16— als ich unter der Linie zu meinem groͤßeſten Schrecken bemerkte, daß Adelaidens Krank⸗ heit im gefäͤhrlichen Ruͤckfalle ſich zeige.— Sie nahm immer zu, wir waren Boſton ſchon nahe,— Adelaide verlangte die Stadt wenigſtens von ferne zu ſehen, die ſie ſelbſt aus einem guͤnſtigen Vorurtheile gewaͤhlt hatte, dort zu wohnen. Mit eignen Haͤn⸗ den trug ich ſie auf das Verdeck; ſanft laͤ⸗ chelnd dlickte ſie nach der Stadt,— in zwei Minuten trug das Schiff die Leiche in den Hafen.—— 8 Wie ich ſelbſt in jenen ſchiffreichen Ha⸗ fen gelangte? Wo ich war? Was ich um mich ſah? Welchen Eindruck der erſte Blich auf eine Stadt machte, in deren Mauern mir ein gediegenes Gluͤck werden ſollte?— Wie moͤgte ich eine dieſer Fragen beantwor⸗ en koͤnnen, da ich, blind gegen alles Andere, nichts als Adelaidens Leiche vor mir ſah! Nit Muͤhe brachte mich mein Freund von der Matte, auf welcher die Leiche meines ſo — 17— liebenswuͤrdigen Weibes lag; mir war es, als 8 trenne ich mich von meinem Leben, da ich mich von den Ueberreſten Adelaidens entfer⸗ nen mußte. Mein erſtes Geſchaͤft in dieſer ſchoͤnen Stadt war Adelaidens Beerdigung; mein erſter Weg, der Gang hinter ihrem Sarge. In dieſen wenigen Worten mag der Fuͤhlende mein ganzes Elend ſehen. Ich eile uͤber dieſe furchtbaren Tage hin; noch jetzt hoͤre ich das Gelaͤute; noch jetzt erſchůt⸗ tert mich der dumpfe hohle Ton, als das Brabſcheit die erſte Erdſcholle auf Adelai⸗ 3 dens Sarg warf. Gottlob! die haͤrteſte Pruͤfung wurde bekaͤmpft, wurde beſiegt. Freundſchaft, Religion, feſter Glauben an hoͤhere Fuͤhrung boten mir auf den dunkeln Wegen die Hand,— ſie fuͤhrten mich, und da ich fuͤrchtete, den letzten Funken am Ooch⸗ te ſchwinden zu ſehen, da traten die feſten Grundſaͤtze des Gepruͤften in ihre allmaͤchti⸗ gen Rechte. Als Sieger trat ich aus dem ſo furchrbaren Kampfe mnt der Verzweif⸗ lung.—— III.— 2 — 18— * Mein Freund hatte redlich fuͤr mein aͤußerliches Gluͤck geſorgt. Er wollte mich und Adelaiden mit einem ſchoͤnen Beſitzthum uüͤberraſchen!— es wurde durch Adelaidens Leiche eingeweihet. Ein Kreis trefflicher Freunde, edler Menſchen hatte ſich zu un⸗ ſerm Empfang gebildet; an Adelaidens Sar⸗ ge ſchloß ich unter heißen Thraͤnen den Bund der Freundſchaft mit dieſen Edlen.— Nach meines Freundes Plan ſollte ich mich mit Handlung beſchaͤftigen, deren Zweige ins Ausgebreitetere gehen ſollten. Sein Rath, ſeine Zurechtweiſung waren mir ge⸗ wiß; ſeine Unterſtuͤtzung bedurfte ich nicht. Ich konnte mich alſo ganz unabhaͤngig be⸗ trachten. Natuͤrlich, daß an dergleichen Ge⸗ ſchaͤfte jetzt nicht gedacht werden konnte. Wie haͤtte ich jetzt rechnen oder ſpeculiren koͤnnen, da mir die ganze Welt gleichguͤltig war. Ei. nen Monat— wie ſoll ichs nennen,— brachte ich in dieſer dumpfen Verzweiflung hin, als mein Freund zu mir kam. Er war heute ernſter; ich fand, daß er mich auf⸗ — merkfam betrachtete.— An ſeiner Seite ging ich in den ſchoͤnen Unggebungen der Stadt und des Hafens herum. Ich ſah, daß er die Abſicht hatte, mich zu zerſtreuen und meine Aufmerkſamkeit von dem abzulen⸗ ken, was mir ſo furchtbar war.—„Sie haben nun einen ganzen Monat von Ihrem Schmerz ſich hinreißen laſſen,“ ſagte er, mit einem gewiſſen feyerlichen Ernſt.„Das iſt das hoͤchſte Opfer, das das Ungluͤck von Ih⸗ nen verlangen kann. Der Schmerz hat uͤber Sie geſiegt; jetzt iſt die Reihe an Ihnen, und an Ihren Grundſaͤtzen, Sieger zu heißen. Ich erwarte es von Ihnen.“—„Kann ich Adelaiden vergeſſen?“—„Wer fodert dies? Adelaidens Andenken ſoll und muß Ihnen werth bleiben; aber es darf Sie nicht entmuthigen, darf Sie nicht der Welt, der Menſchheit, und der Freundſchaft rauben. Sie werden hier in unſerm Vaterlande ſehr noͤthig ſeyn. Es iſt etwas Großes im Wer, ke.— Auf Sie Freund! wird gerechnet. Taͤuſchen Sie mich nicht. Ich bin Buͤrge — 20— fuͤr Ihren Muth, für Ihre Freiheitsliebe, fuͤr Ihr Herz geworden. Taäuſchen Sie mich nicht!“ Die Thraͤnen glaͤnzten in ſei⸗ nen Augen, als er dies ſagte. Ich er⸗ ſchrak.—„Welche Abſichten hat man mit mir?“ fragte ich.—„Unſer Vaterland— denn ſo nenne ich das Land, in dem wir jebt wohnen,— hat ja keines Beiſtandes noͤthig. Frieden laͤchelt von allen Grenzen auf uns herüber. Handel und Thaͤtigkeit nehmen mit jedem Tage zu, und die etwani⸗ gen Streitigkeiten mit den Wilden,—— „Wer moͤchte die rechnen? die kann jeder Grundeigenthümer mit ſeinen Leuten be⸗ ſchwichtigen. Uns drohet ein ernſterer Krieg Wir muͤſſen ihm entgegen ſehen; wollen wir nicht unſerer Sclaverei entgegenſe⸗ hen.“—„Sclaverei?“ fragte ich ver⸗ wundert.„Sclaverei in einem Lande, in dem begluͤckende Freiheit herrſcht? Freund¹— ich fuͤrchte, Sie ſehen ein Geſpenſt, das ſich bei ſchärferm Blick in eine leichte Nebel⸗ wolke umgeſtalten wird.“—„Wollte Gott! — 21— Sie haͤtten Recht! Ich kann Ihnen Ihr Ur⸗ theil verzeihen, und Ihnen Ihre etwas fal⸗ 8 ſche Anſicht zu gute halten. Aber,— nun Sie werden bald eines andern belehrt wer⸗ den.“— Mein Freund hatte freilich, dem Charakter des Britten gemaͤß etwas, Eignes in ſeinen Anſichten, wie in ſeinen Urtheilen; oft waren mir beide auffallend; aber am En⸗ de fand ich zu meiner groͤßeſten Bewun⸗ derung, daß er ſelten Unrecht hatte. Auf den vielen Reiſen, die ich in ſeiner Geſell⸗ ſchaft machte, war es mir nicht entgangen, daß er keinen Widerſpruch ertragen konnte, daß er kurz und trocken ſeine— gewoͤhn⸗ lich ſehr ſcharf genommenen und richtigen Anſichten aus einander ſetzte; aber dann auch auf ihrer Richtigkeit beſtand. Seine buͤr⸗ gerlichen Verhaͤltniſe— er war mit meh⸗ reren der Erſten im Parlamente verwandt,— ſetzten ihn in Stand, vieles beſtimmt vor⸗ her zu wiſſen, was Andern ein verſchloſſenes Geheimniß blieh. Heute war er ernſter, — 22— heute trugen ſeine Aeußerungen ein tieferes Gepraͤge gediegenerer Wuͤrde.— Es war ein ſchoͤner heiterer Wintertag. Ein von ihm vorgeſchlagener Spaziergang nach dem Hafen wurde von mir gern ange⸗ nommen. Wir gingen den Damm hinab, zu einem kleinen Wirthshauſe, in welchem man gewoͤhnlich der Ankunft erwarteter Fahr⸗ zeuge entgegen ſah. An der Thuͤre ſtanden zwei Maͤnner, die ich ihrer Kleidung nach, fuͤr Indianer, aus dem Innern des Landes, ge⸗ halten haben wuͤrde, waͤren mir nicht die zwiſchen ihrer Pelzhuͤlle durchſcheinenden feinern Kleider aufgefallen, und haͤtten dieſe mich nicht eine beabſichtigte Verkleidung ver⸗ muthen laſſen. Noch mehr fiel es mir auf, daß einige der Vornehmern, aus dem Han⸗ delsſtande Boſtons, ſich hier einfanden, und viel wit bieſen vermummten Indianern ſprachen.— Ich trat ans Fenſter eines klei⸗ nen Zimmers, neugierig, wohin dieſe An⸗ ſtalten fuͤhren wuͤrden. Mit einemmale — 235— brachen die Indianer, gegen dreißig an der Zahl, auf— mit Aexten und Brechſtangen bewaffnet, beſtiegen ſie mehrere kleine Boote, und ſo ruderten ſie auf vier Schiffe los, die, um ausgeladen zu werden, an der Ha⸗ fenbruͤſtung befeſtigt waren,— ſie erſtiegen ſie,— und es dauerte keine halbe Stunde, ſo waren uͤber dreihundert Kiſten mit Thee erbrochen, und die Waaren ins Meer ge⸗ ſchuttet. Ein ungeheurer Jubel entſtand auf den Schiffen, und verbreitete ſich bald auf das Land; eine unzaͤhlige Menge der Menſchen lief zuſammen, und die wilde Freude war uͤberall vorherrſchend.— Aufrichtig geſagt, ich drſchrak. Moͤ⸗ gen Freunde der Freiheit ſagen, was ſie wollen; moͤgen ſie in einer aufgeregten Volksmaſſe nichts als Freiheits⸗, als Kraftge⸗ fuͤhl ſehen; moͤgen ſie die Ausbruͤche einer ſolchen Menge bewundern,— ich kann nach meiner Anſicht, nichts als das wilde Toben einer ungezügelten Menge darin finden. Die — 24— Wuth nimmt mit jedem Augenblicke uͤber⸗ hand; die Fauſt, und nicht Bewegungsgruͤn⸗ de, entſcheidet, und da die gewoͤhnlich in ſol⸗ chen Auftritten die Vorlauteſten ſind, die ſelten beſtimmt wiſſen, welcher Zweck ſie lei⸗ tet, welche Abſicht ſie zuſammen wehet, ſo ſchließen ſich faſt immer an ſolche Auftritte Folgen, von denen die ruhigere Menſchheit gern den bethraͤnten Blick wegwendet. Bei⸗ ſpiele davon ſind in der Geſchichte aller vom Volke ausgehenden Revolutionen haͤufig, Sie ſchrecken,— wollte der Himmel, daß ſie immer belehrten, immer warnten. Mir war es von jeher das groͤßeſte Vergnuͤgen, ein thaͤtiges, ruhiges Volk zu ſehen, das in der Achtung gegen ſeinen Landesherrn, ſeine Ehre; im Fleiße, ſein Gluͤck, in Vertraͤg⸗ lichkeit ſeine Freuden ſucht.— Wie ge⸗ ſagt, ich erſchrak bei dieſem Anblick. Ge⸗ dankenvoll und fürchtend, alles ahnend, ſtand ich da, als mein Freund ſich mir na⸗ hete.—„Ich bitte Sie,“ ſagte ich, nlaſſen Sie uns zu Hauſe gehen.“— — „Jetzt?“—„Ja. Ich wuͤnſchte, daß ich nicht Zeuge dieſes Auftrittes geweſen ſeyn moͤchte!“—„Und gerade dieſer Auftritt iſt eingeleitet. Sie ſehen, daß nichts auf den Schiffen, als die verdammten Theekiſten an⸗ geruͤhrt wird. Sie ſehen, daß die Schiffer und Matroſen den ganzen Handel ruhig anblicken.“—„Alſo— Rebellion?“— Ich zoͤgerte, das Wort auszuſprechen.—„Wol⸗ len Sie es ſo nennen, ſo wird der Name nichts machen. Gerade ſo muß es kommen; ein anderer Weg bleibt uns nun nicht mehr offen. Auch Sie werden eine anſehnliche Rolle ſpielen.“—„Ich? Niel! Fuͤrchte Gott; ehre den Koͤnig! iſt mein Grundſatz, auf den ich lebe und ſterbe.“—„Ein Grundſatz, den auch ich ehre. Der Koͤnig druͤckt uns nicht. Von ihm reißen wir uns nicht los; aber von den entehrenden Feſſeln, die die Elle und Wage der oſtindiſchen Compagnie uns auflegt. Oder glauben Sie, daß wir, wie die ungluͤcklichen Nabobs von Bengalen, jedem Schreiber jener Kraͤmer die -— 26— Fuͤße kuͤſſen ſollen, wie der fromme Katho⸗ lik des Pabſtes Pantoffel?“— Aus ſeinen Augen leuchtete ein ungewoͤhnlicheres Feuer. Ich ſah, daß der Mann fuͤhlte, was er ſagte; ich hatte noch nichts Tadelnswerthes in ſei⸗ nem Betragen bemerkt. Kein Wunder, wenn das Ganze in meinen Augen eine andere Anſicht zu gewinnen, anfing.— Waͤhrend dieſer Unterredung, an der einige andere noch Antheil nahmen, wurde es auf dem Platze vor dem Hafen lebendiger. Jetzt kam der Gouverneur, begleitet von einigen Officie⸗ ren, des in Boſton ſtehenden, ſchwachen ſvier⸗ zigſten Regiments Brittiſcher Truppen. Ich fuͤrchtete viel. Theils fuͤr die Menge, theils fuͤr den Gouverneur bangte mir. Allein,— ich ſah auch hier, daß alles ein ruhig uͤber⸗ legter, ein ruhig auszufuͤhrender Plan ſeyn mußte. Niemand vergriff ſich an dem Gou⸗ verneur, ob er gleich außerordentlich aufge⸗ bracht zu ſeyn ſchien. Das Einzige, was⸗ man that, war, daß man ſein Pferd um⸗ wendte, und ihn, freilich unter dem Toben — — 27— einer zahlloſen Menge, durch die Damm⸗ Barriere zuruͤckfuͤhrte.— Jene verkleide⸗ ten Indianer waren verſchwunden; einige Geſichter derſelben, die ich mir gemerkt hatte, glaubte ich unter denen zu entdecken, die jetzt mit uns in die Stadt zuruͤckgingen. Drei derſelben, begleiteten uns in unſere Wohnung. Alle waren muthig; alle voll der groͤßeſten Hoffnungen, die ich freilich mit ihnen nicht theilen konnte. Ich dachte mir lebhaft, wie man zum Beiſpiel. im preußiſchen Staate, nach Friedrichs raſchem und thaͤtigem Entſchluſſe, einen ſolchen Auf⸗ tritt in wenig Stunden unterdruͤcken, und durch ernſte Maaßregeln unwirkſam machen wuͤrde. Ich aͤußerte dieſe Anſicht. Unſere Gaͤſte lachten.—„Die wenigen, engliſchen ſchwachen Regimenter, die in dieſem unge⸗ heuren Lande herumſtehen, koͤnten nicht ſo leicht mobil gemacht berden; und ſind ſie es, ſo werden ſie einzeln aufgenommen, ehe ſie mal den Ort wiſſen, wo ſie ſich ſam⸗ meln ſollen. Ehe vollends friſche Truppen — 28— von Alt⸗England herkommen, vergehen Jah⸗ re, und— was kann in dieſer Zeit aus einem kraͤftigen, es mit ſeiner Freiheit red⸗ lich meinenden Volke gemacht werden?“— Gegen Anſichten dieſer Art konnte ich frei⸗ lich keine Einwendungen von Gewichte machen. Die Folge hat bewieſen, daß mein Freund recht urtheilte. Wie es zuging, daß von dieſem Augenblick alle Buͤrger Boſtons bewaffnet waren, begreife ich nicht; ſo wenig wie ich es mit dem Charakter und mit der Pflicht eines commandirenden Generals ver⸗ einigen kann, daß ſchon am zweiten Mor⸗ gen der Gouverneur mit ſeiner Beſatzung wegging, und dem Geiſte der erſt ertraͤum⸗ ten Freiheit, freien Spielraum gab. Ich haͤtte in dieſer Lage anders gehandelt; und bin uͤberzeugt daß jeder entſchloſſene An⸗ fuͤhrer ſich anders wuͤrde genommen haben. Die Englaͤnder gingen fort; da war auch keiner, der nur einen Funken Energie ge⸗ zuigt haͤtte.— — 29— Acht Tage vergingen mir unter Ge⸗ ſpraͤchen uͤber dieſe immer mehr ſich verbrei⸗ tende Gaͤhrung; ich mußte theils eine Men⸗ ge Briefe ſchreiben, deren Adreſſe ſich mein Freund— deſſen Namen ich ſchon zu ſei⸗ ner Zeit nennen werde— ſelbſt vorbehielt; theils verging mir die Zeit unter Belehrun⸗ gen, die ich mehreren Juͤnglingen von hoͤheren Staͤnden, uͤber Bewaffnung, uͤber kleinern Kriegsdienſt, uͤber Behandlung des Feuerge⸗ wehrs gab. Da ſagte mir mein Freund des Abends bei einem heitern Mahle:„Dieſe Nacht halten Sie ſich zu einer etwas wei⸗ ten Reiſe mit mir bereit.“—„Und wo⸗ hin?“— Er nannte mir eine etwas weit entlegene Pflanzung. Wirklich traten wir um Mitternacht, des unfreundlichen Wet⸗ ters ungeachtet, die Reiſe an. Zwei unſerer Freunde ſchloſſen ſich an. Am zweiten Abend kamen wir auf jener Pflanzung an. Ein Neger fuͤhrte uns in ein Zimmer, das von Reichthum des Beſitzers zeugte, ob dieſer gleich ganz anſpruchslos daſaß, und einen 4* — 30— muntern Knaben eben von ſeinen Knieen auf die Erde ſetzte. Eben ſo liebenswuͤrdig, anſpruchslos war die Gattin des Mannes, die gegen ihm uͤber ſaß. Ich erwartete nichts gewiſſer, als mein Freund werde mich hier in irgend einen Zir⸗ kel einer rechtlichen, unbekannt gluͤcklich le⸗ benden Familie bringen, in welcher er ſelbſt nach ſo vielen Aebeiten ſich zerſtreuen wollte, und in der ich abgehalten werden würde an Adelaiden mit Verzweiflung zu denken. Aber ich hatte mich geirrt. Jener anſpruchloſe Mann, von dem ich geglaubt hatte, daß er durch uns erſt die Nachrichten jenes Auftrit⸗ tes in Boſton erhalten werde,— war gera⸗ de der, auf dem das Ganze beruhete, der, von dem alles ausging, der, der das Ganze wie ein hoͤherer Geiſt lenken ſollte, war— Washington.— Der Mann hatte nach ſei⸗ nem niedergelegten Poſten, als Anfuͤhrer eines leichten engliſchen Corps, in dem Krie⸗ ge gegen Frankreich ſich in jene ſtille, ge⸗ — 31— raͤuſchloſe Ruhe zuruͤckgezogen, in der der Weiſe ſich am gluͤcklichſten fuͤhlt. Vertrauet mit den Wiſſenſchaften, widmete er ſeine Tage der gluͤcklichen Einſamkeit; Ackerbau, und wirthſchaftliche Beſchaͤftigungen, mach⸗ ten ſeine Erholung, und in einer der gluͤck⸗ lichſten Ehen, vermißte er nichts, was zu ſeinem Frieden noch noͤthig geweſen waͤre. Aber eben ſo beſchaͤftigte ihn das Wohl ſei⸗ nes Vaterlandes, deſſen immer weiter um ſich breitenden Unterdruͤckung er mit Schau⸗ der entgegen ſah.— Ich geſtehe es mit einer Art von Beſchaͤmung, es war mir aͤußerſt unangenehm, vor dem Manne, der in jedem Augenblick in meinem Herzen an Hochachtung gewann, noch nichts gehoͤrt zu haben. Den ganzen Abend ſaß ich da, und beobachtete den herrlichen Mann; es war mir ein inniges Vergnuͤgen, aus ſeinem Be⸗ nehmen gegen mich zu ſchließen, daß ich ihm nicht gleichguͤltig ſey. Ich machte meinem Freunde Vorwuͤrfe, mir von dieſem Manne nichts geſagt zu haben.—„Wozu das?“ — 32— war ſeine Antwort.„Dieſen Mann muͤſſen und werden Sie aus ſeinen Thaten beſſer kennen lernen, als aus allen Beſchreibungen, die ich Ihnen haͤtte machen koͤnnen.“— Ich erwartete mit Sehnſucht, daß der Mann ſich mir naͤhern moͤgte. Am folgenden Mor⸗ gen mußte ich ihm auf ſein Arbeilszimmer folgen; eine ſchoͤne Bibliothek, eine große Menge Riſſe, Karten und Zeichnungen fie⸗ len mir hier auf. Ich mußte mich neben ihm ſetzen; geſpannt erwartete ich, was er mir ſagen werde. Mit einer aͤußerſt gefäͤlli⸗ gen, freundlich ernſten Miene ergriff er meine Hand.—„Mein Freund Gates, und auch der Ihrige, hat mir zu viel Ruͤhm⸗ liches von Ihnen geſagt, als daß ich nicht den Wunſch, Sie naͤher kennen zu lernen, aͤußern ſollte. Ich rechne von jetzt an ſehr auf Sie.“—„In welcher Hinſicht?“— „Wir ſind ja beide Maͤnner von Metier. Ich war Soldat; Sie waren es. Wir bei⸗ de haben einerlei Truppen gefuͤhrt. Sie wiſſen, daß unſerm Vaterlande ein großer — 33— Krieg bevorſteht. Menſchen ſind genug da, aber keine Anfuͤhrer. Meine Wahl iſt ge⸗ troffen. Die Generale Gates, Lee und Arnold, werden heute noch von mir mit allen Vollmachten verſehen, das Land durch⸗ reiſen, um Anſtalten zum Widerſtande der Feinde zu machen. Von Ihnen ſoll es ab⸗ haͤngen, ob Sie bei mir bleiben, mir in meinen ausgebreiteten Geſchaͤften zur Seite ſtehen, oder mit Ihrem Freunde Gates das Land bereiſen wollen.“— Gern häͤtte ich geaͤußert, daß mich der ganze Krieg nichts angehe. Jeh war nicht eig er Unter⸗ than; ich hatte nicht Urſach, mim n gering⸗ ſten uͤber Vervortheilung von Seiten Eng⸗ lands zu beklagen, Allein die Naͤhe eines großen Mannes, die Vorſtellung von ſei⸗ ner Denk⸗ und Handlungsweiſe, reißt gleich⸗ ſam mit ſich fort in den Kreis ſeines Wir⸗ kens, ſeines Willens. So war es mir. Ich bat den großen Mann, bei ihm bleiben zu duͤrfen, eine Bitte, deren Gewaͤhrung mir um ſo gewiſſer war, je mahe Washiugton T11. — 34— ſie ſelbſt zu wünſchen ſchien. Ich blieb alſo auf Mont⸗Vernon,— ſo hieß dieſer Landſitz Washingtons,— zuruͤck, indeß Ga⸗ tes, Arnold und Lee wegreiſeten. Alle drei ſchienen es gern zu ſehen. Ich wurde bald mit den Pflichten meines Berufes bekannt, ſie beſtanden in nichts geringerm, als unter dem Oberhaupte der Amerikaner die Milizen zu organiſiren, und dieſer kraftvollen, kriegs⸗ luſtigen, und fuͤr Freiheit gluͤhenden Ju⸗ gend einige Bekanntſchaft mit den For⸗ men, unter denen die Englaͤnder, als Eur“ eger auftreten wuͤrden, zu vere . Natuͤrlich, daß das Syſtem, das ich be efolgte, jenes Tirailleur⸗ und Schuͤtzen⸗ ſyſtem war, zu dem ſowohl das Terrain des hieſigen Landes, als veſonders die mehr als gewoͤhnliche Geſchicklichkeit dieſer Juͤnglinge im Schießen auf der Jagd am geeigneteſten, am verſprechendſten war. Alles ging durch meine Haͤnde; ich mußte Armaturen und Uniformen beſorgen; zu den letzten, beſon, ders fuͤr Washingtons Leibregiment, beſtimm⸗ ö 35— te ich eine Uniform, die dem preußiſchen An⸗ 1 zuge am naͤchſten kam. Ich gab diefem wirklich ſchoͤnen Corps blau mit Chamois, eine Uniform, die des Generals Washing⸗ tons ganzen Beifall hatte. Daß alles dies, was zu thun war, nicht das Werk eines, oder zweier Monate ſeyn konnte, darf ich nicht erſt erinnern; wenn ich nur ſage, daß glles, alles von vorn anfangen mußte. Mont⸗Vernon wurde nun immer leb⸗ hafter; waͤhrend von Seiten der Feinde auf eine unbegreifliche Art, nichts geſchah, um dieſem mit jedem Tage weiter um ſich grei⸗ fenden Freiheitsenthuſiasmus bei Zeiten Einhalt zu thun. Selbſt dem General Was⸗ hington war dies unerklaͤrlich. Endlich im Anfange des Junius 1774 erſchien eine Engliſche Flotte vor Boſton. Der Hafen wurde geſperrt; man drohete dieſer Stadt allen Handel zu nehmen, und ſie dadurch auf das Empfindli ſte zu ſtrafen. Aber man hatte ſich in dem Character des Volkes — 36— verrechnet. Jene Maaßregeln, ſtatt daß ſie haͤtten ſchrecken ſollen, wurden verlacht; man ſah in ihnen eine gewiſſe Furchtſamkeit, nach der man es nicht wage, Truppen an das Land zu ſetzen. Moͤglich, daß der Ge⸗ neral Gage dies endlich einſah, denn er ſchiffte die bei ſich habenden vier ſchwachen engliſchen Regimenter aus, und dieſe ſonſt braven Truppen wollten ſich nun mit denen in Boſton ſtehenden Englaͤndern vereinigen. Aber dieſe waren gar nicht mehr da.— Der Amerikaner, dem das Unnütze dieſer halben Maaßregeln nicht entging, wurde dadurch zu noch ernſtlichern und kuͤhnern Entſchluͤſſen beſtimmt. Auf der Stelle wurde ein Con⸗ greß nach Philadelphia zuſammen berufen. Alle Einfuhr Engliſcher Waaren wurde ver⸗ boten; jeder wurde aufgefodert, fuͤr ſein Va⸗ terland die Waffen zu ergreifen, und vier Regimenter Engläͤnder wurden in Bo⸗ 2. ſton, wie ein, nach einer verlornen Schlacht ſich in eine Feſtung Bworfan Haufen ein⸗ geſchloſſen. 6 4 jene 3 ——. —= 37— Alle dieſe Ereigniſſe erfuhr ich in Phi⸗ ladelphia, wo ich mit dem Beſchuͤtzer un⸗ ſeres Bundes war. Ich bekam den Auf⸗ trag, mich in die Gegend von Boſton zu begeben, um dort Befehle des Congreſſes auszufuͤhren, die mich mit meinem Freunde, dem General Gates, wieder in Verbindung brachten. Ich eilte dahin. Einige deutſche Meilen von Boſton traf ich meinen Freund. Es ſchien, als habe er mir etwas unange⸗ nehmes zu ſagen. Auf mein Befragen be⸗ klagte er mich, in Hinſicht meines Beſitz⸗ thums in Boſton, das freilich mein ganzes Vermoͤgen ausmachte. Daß ich bei einem ſolchen Winke nicht ganz gleichguͤltig bleiben konnte, wird man nicht unbiliig finden. Ich erfuhr, daß die eingeruͤckten Englaͤnder meine Wohnung gexluͤndert und faſt ganz verhee⸗ ret haͤtten.—„RNaͤchen muͤſſen wir das.* fuhr er fort.„Ihre Sache iſt nun Sache eines jeden braven Patrioten, denn aus Lie⸗ be zu dieſen verließen Sie Ihr Eigenthum. Das ſreie Volk ſoll und wird Ihnen alles — 38— erſetzen.“— I war mit dieſer Ausſicht ganz zufrieden. Ich konnte nicht mehr er⸗ warten. Wir ſtanden jetzt in einem, nicht ſehr weit von Boſton entlegenen Poſten —— Bunkers⸗ hill; ein Poſten, auf dem die Eng⸗ laͤnder uns nicht durften ſtehn laſſen. Wir wußten, daß unſere, mit jedem Tage an in⸗ nerer Vervollkommnung wachſenden Truppen mehrere Vortheile uͤber die Englaͤnder erhalten 3 hatten, ohne daß ein Tropfen Blut dabei vergoſſen war. Der Poſten, auf dem ich mit war, hielt ſich um ſo ſichrer, da die Enge. laͤnder unſere neue Miliz wirklich fuͤrchteten; als des Morgens der engliſche General Ga⸗ ge nach einiger erhaltener Verſtaͤrkung ge len uns anruͤckte. Ich hatte aus einer wanm Kampfbegierde, ob ich gleich gar nicht im eigentlichen Dienſte war, den Befehl üͤber ein, vor dieſem Poſten ſtehendes Comm Jaͤger uͤbernommen, ich ſtand vor me Leuten, groͤßtentheils ſolche, die ich ſelbſt im kleinen Dienſt eingeuͤbt hatte, als die er⸗ ſten Englaͤnder, zwei Compagnien Grena⸗ — 39— diere, auf uns anruͤckten. Meine Leute hat⸗ ten wirklich Muth; ich wollte ihnen eben den Befehl geben, ihre Tirailleurlinie zu bil⸗ den, und beguͤnſtigt vom Terrain den Feind durch ein fortdauerndes einzelnes Feuer zu aͤngſtigen, als die Feinde ſich in Sturm⸗ ſchritt ſetzten, und nach Abfeuerung einer Bataillonsſalve auf uns eindrangen. Das engliſche Gewehr traͤgt bekanntlich ſehr weit; jene Grenadiere waren uͤberdies alte gepruͤfte ruhige Soldaten, die richtiger zielten. Kein Wunder, wenn von meinem Commando funfzehn Mann erſchoſſen fielen, und meh⸗ rere verwundet niederſanken. Meine Leute waren einen Anblick dieſer Art nicht ge⸗ wohnt,— ich mußte fuͤrchten, daß ſie alle Beſinnung verloͤren und wegliefen; ich ſprang vor,— in der Naͤhe des kaum anderthalb hundert Schritte entfernten Feindes formirte ich jene Linie; die naͤchſten Schutzen mußten Feuer geben, wir ſahen deutlich, wie meh⸗ rere der Grenadiere fielen,— der Muth kehrte wieder; der Durſt nach Rache paarte 8* thun habe. Bisher war die Freiheit — 40— ſich bamit: und mußten wir gleich das Feld raͤumen,— mußten wir gleich jenen Poſten verlaſſen, ſo hatte ich doch die Genugthu⸗ ung, zu ſehen, daß dieſer Ruͤckzug in einer Ordnung geſchah, die den geuͤbteſten Trup⸗ pen alle Ehre gemacht haben wuͤrde,— Die Englaͤnder waren im Beſitze dieſes Poſtens; ein Vorfall, der gar von keiner Bedeutung ſeyn wuͤrde, waͤre nicht in der Geſchichte der Befreiung des Vaterlandes, dieſer Huͤgel zu dem Altare geworden, auf dem das erſte Blut zur Gruͤndung der Freiheit floß. Nahe bei einem Dorfe vereinigten wir uns mit den uͤbrigen. Ernſter und ſttlller dachte jeder uͤber den Verluſt ſeiner gefal nen Werthen nach. Aber mit einemn ſchien es jeder nun zu fuͤhlen, was tterlandes mehr eine Sache des Vo le, der Meinung geweſen; jetzt wur ſie Sache der Freundſchaft, der Liebe, des Herzens, Ahe verſchworen ſich auf das Bu — 44— ligſte, ihre gefallenen Bruͤber blutig zu raͤ⸗ chen; eine Stimmung, die ſich bald im ganzen Heere von Haus zu Haus verbreitete, und alle Herzen entflammte, den harten Kampf muthig durchzuſetzen.— Ewig bleibt daher dieſer dreizehnte Junius in der Geſchichte des freien Nord⸗Amerikas merkwuͤrdig.— Die Wirkungen blieben nicht aus. Was⸗ hington wurde von Allen zum erſten Ge⸗ neral erklaͤrt; neuer Muth flammte uͤberall; alle Provinzen ſchloſſen ſich dem großen Bun⸗ de an, die Englaͤnder wurden von neuem in Boſton eingeſperrt, ſie wurden aus den Pro⸗ vinzen Virginien und Carolina vertrieben. Ddie beruͤhmteſten Regimenter der Englaͤnder wichen jetzt vor Schaaren entſchloſſener Maͤn⸗ ner, die oft ganz ohne Waffen waren, Ich will hier nicht die Geſchichte jenes denkwuͤrdigen Befreiungskrieges ausfuͤhrlicher beſchreiben; er fiel in unſere Tage und ſchließt ſich ruͤhmlich an die Geſchichte jener 242— Kriege, die Holland und die Schweiz aus aͤhnlichen Abſichten und mit gleichen Folgen fuͤhrten. Groß waren die Schwierigkeiten, die der Mangel am Gelde, an Einigkeit, an Kriegsbeduͤrfniſſen und an Anfuͤhrern her⸗ vorbrachte. Wie oft ſah ich den edlen Was⸗ hington in der groͤßten Verlegenheit! Wie oft ſah ich ihn weinend, wenn er die wahr⸗ ſcheinlichen Folgen aͤberdachte! Unbegreiflich iſt und wird es ewig bleiben, wie unſere Feinde, die unſere Lage recht gut wiſſen konnten, ſie gar nicht benutzten. So etwas gehoͤrt in die Geſchichte jedes Krieges; nur in keinem zeigte ſich die Ungeſchicklichkeit der Feinde ſo, wie in dieſem Kriege. Ich erwaͤhne nichts weiter davon, wie der Krieg aber bald eine andere Wendung nahm; wie es den Anfuͤh⸗ rern, einem Washington, Arnold, Lee, 3 Montgomerey, Gates und mehreren durch die groͤßeſten Anſtrengungen gelang, der gan⸗ zen Sache eine andere Anſicht zu geben. Ich erwaͤhne nichts von unſern Siegen, nichts von dem Ruͤckzuge der Englaͤnder; ich kom⸗ —- 43— me jetzt auf einen merkouͤrdigen Zeitpunkt in meiner Geſchichte.— Mein heißeſter Wunſch war es geweſen, in der naͤhern Umgebung Washingtons zu bleiben. Maͤnner, wie Er es war, ziehen Aller Herzen unwiderſtehlich an ſich. Man weiß, daß ſie viel von denen verlangen, die mit ihnen in naͤherer Verbindung ſtehen; man iſt uͤberzeugt, daß ihr umfaſſender, um⸗ ſichtiger Geiſt keine Rube kennt, und alſo auch denen, die zunaͤchſt mit ihm wirken ſollen, keine Ruhe goͤnnt; man ſieht anſtren⸗ genden Arbeiten entgegen. Aber ein ſolcher Geiſt zieht mit allmächtigen Banden jeden an ſich, und bei den groͤßeſten Aufopferun⸗ gen, bei den erſchoͤpfendſten Arbeiten ver⸗ ſuͤßt die Ehre, mit einem ſolchen Geiſte in Verbindung zu ſtehen, alle Aufopferungen. So zeigten ſich in der Geſchichte ein Guſtav Adolph, ſo noch mehr Friedrich der Zweite. Gern waͤre ich bei Washington gebltieben; aber mein Freund Gates erbat mich von dem Oberbefehlshaber, und ſo ging ich als Major und Bataillons⸗ Chef mit meinem Freunde, Haͤtte mir auch der Beruf dieſe Aenderung meines Verhaͤltniſſes nicht ſchon leicht gemacht, ſo haͤtte es doch die Freund⸗ ſchaft und die Achtung gethan, der die bei⸗ den brayen Anfuͤhrer Gates und Lee ſo ſehr werth waren.— Es war jetzt die Zeit, in welcher uns eine neue, unerwartete Gefahr drohete. England hatte ein neues Heer nach Amerika geſchickt. Es Peſtand aus in Sold genommenen Deutſchen, aus Heſſen, An⸗ ſpachern, Braunſchweigern und Waldeckern— Truppen, die in dem vor zwoͤlf Jahren ge⸗ Herzoge Ferdinand den Ruhm der brayſten Soldaten mit allem Recht erworben hatten. Mehrere derer, die jetzt in unſern Linien ſtritten, hatten an der Seite dieſer braven Deutſchen gefochten; ſie waren Zeugen ihres endigten Siebenjaͤhrigen Kriege, unter dem unerſchuͤtterlichen Muthes geweſen; und— da es uns im Ganzen noch ſehr an Dis⸗ eiplin fehlte, ſo mußte die Vorſtelung, Trup⸗ 4 * . — 45— pen, die ſich burch jede kriegeriſche Tugend auszeichneten, entgegen gefuͤhrt zu werden, unſere Leute mit einer, aber gewiß verzeih⸗ lichen Aengſtlichkeit erfuͤlen. Ich geſtehe ſelbſt, ich war etwas beſorgt; ich ſprach of⸗ ters mit Gates und Lee daruͤber; ſie theilten meine Beſorgniß und wir mußten zu dem zweckmaͤßigſten Mittel ſchreiten, naͤmlich un⸗ ſere Leute nach und nach an den Anblick dieſer furchtbaren Krieger zu gewoͤhnen. Wirklich kamen dieſe trefflichen Deutſchen an. Wir ſuchten durch Neckereien, durch kleine Jaͤger⸗Scharmützel unſere Leute an ihren Anblick zu gewoͤhnen. Es gelang. Beſonders ſpuͤrte ich dies bei meinem Ba⸗ tailon. Meine Leute, die ich anfangs bel dem Anblick eines blau gekleideten Braun⸗ ſchweigers oder Heſſen kaum auf ihren Po⸗ ſten erhalten konnte, gingen bald zu Schat⸗ mützeln wie zum Tanze. Ich bemerkte nur zu bald, daß jene braven Deutſchen nicht fuͤr ihr Vaterland fochten.—. — 46— Es war anfangs Octobers in einer un⸗ freundlichen Witterung, als ich ploͤtzlich Be⸗ fehl bekam, mit meinem tauſend Mann ſtar⸗ ken Bataillon mich eine Meile weiter vorzu⸗ ziehen. Ich that es. Hier traf ich den General Gates; ich ritt an ihn, um theils Gruͤnde fuͤr dieſe, ganz dem Anſcheine nach zweckwidrige Ordre, ttheils neue Verhaltungs⸗ regeln zu hoͤren.—„Der engliſche General Clinton hat ſich zuruͤckgezogen: das vor uns ſtehende Corps unter Bourgeyne muß ſich ergeben!“—„So weit waͤre es ſchen? ℳ fragte ich verwundert. Denn ob wir gleich dies Corps, das mit allen Beſchwerlichkeiten zu kaͤmpfen hatte, ſchon faſt einen Monat eingeſchloſſen hatten, ſo wußte ich doch, aus welchen Truppen es beſtand; ich wußte, daß ſie uns den Sieg uͤber ſte nicht leicht machen wuͤrden.—„Ja, ſo weit iſts. Sie beſetzen mit Ihrem Bataillon jenen Damm, der nach Saratoga fuͤhrt. Sie weichen nicht. Bleibl kein Mann von Ihrem Bataillon uͤbrig, und muͤſſen Sie den letzten Mann fallen ſehn,— — - 47— Sie weichen nicht.“— Mit dieſen Worten wandte er ſein Pferd. Mein Bote meldete ſich bei mir; unter ſeiner Leitung fuͤhrte ich meine Leute, denen ich unterweges nach und nach das Wichtige, aber auch Gefahr⸗ volle des ſchon daͤmmernden Morgens deut⸗ lich machte. Wir ſahen im feindlichen La⸗ ger die Feuer durch die neblichte Luft ſchim⸗ mern, als wir auf unſerm Poſten, kaum tauſend Schritte vom feindlichen linken Fluͤ⸗ gel, ankamen. Es wurde jetzt Tag; freilich entging es mir nicht, daß mancher meiner Leute mit Aengſtlichkeit dem Augenblick ent⸗ gegenſah, in weichem er in geſchloſſener Reihe dem kunſtlichern Feinde ſich entgegen ſtellen ſollte; zumal da der Damm die Breite hatte, daß ein ganzes Batailon in Front darauf marſchiren konnte. Ich war ſelbſt nicht ganz von Verlegenheit frei, da ich kei⸗ nen Stuͤtzpunkt, keine Reſerve hatte, auf die ich mich verlaſſen konnte.— So gut es moͤglich war, machte ich meinen Leuten Muth und derlichene mich beſonders des beſten — 48— Willens der Officiere. Mit einemmale ver⸗ loͤſchten die Brandfeuer des Feindes; die Trommeln wirbelten durch das ganze Lager hin,— wir hoͤrten Geraͤuſch, vor dem Le ger ſtellte ſich die Linie der Feinde, und die erſte Abtheilung ruͤckte in der ſchoͤnſten Ord⸗ nung auf mein Bataillon an. Ich ritt an der Fronte hinauf und machte ihnen die An⸗ ſicht wichtig, daß dieſer Tag die Freiheit des Vaterlandes gruͤnden oder zerſchmettern wuͤr⸗ de, je nachdem ſie ſich hielten.— „& 8 Auf der Haͤlfte des Weges hielt ber 3 Feind einige Minuten; einige leichte Ge⸗ ſchutze wurden vorgezogen, es Wwurde abge⸗ feuert, die Kugeln ſchiugen vor uns ein und ſetzten uber das Bataillon hin. Ich war zweifelhaft, ob ich ſtehen pleiben, ob ich dem Feinde entgegen gehen ſollte,— als mit einemmale das feindliche Feuer ſchwieg, als der Feind ſich umwandte und auf jenem Platze vor ſeinem Lager aufmarſchirte. Mir war dieg unerklaͤtbar.„Sie fuͤrchten uns,”“ * — ——y -— 49— ſagte ich zu meinen Leuten.„Aber wahr⸗ ſcheinlich kommen ſie verſtaͤrkt wieder. Wir wollen naͤher ruͤcken, dort iſt der Damm ſchmaͤler und die Uebermacht hilft dort dem Feinde nicht.“— Meine Leute, muthig ge⸗ macht durch die Erfahrung, daß der Feind ſie fuͤrchte, folgten willig; da ſahe ich ſeit⸗ waͤrts, und— mehrere Regimenter der unſrigen kamen von einer buſchigten Anhoͤhe herab, gingen durch einen ſumpfigten Grund, und ſtellten ſich vor dem Platze, auf dem der Feind ſtand.— „Vorwaͤrts!“ commandirte ich und ruͤckte nun bis an den Platz, wo jener Damm an⸗ fing, ſo, daß ich die Rockknoͤpfe der nahe ſtehenden Feinde zu zaͤhlen im Stande war. In dem Augenblick ſprengte Genexal Gates an mich heran.—„Sie haben Ihre Sachen herrlich gemacht, Freund!“ ſagte er.„Ihr treffliches Manoͤuvre entſcheidet. Es war durchdacht, und der groͤßeſte Theil des Ruh⸗ mes am heutigen Tage iſt Ihnen.“— Ich III. 4 5— Ich mußte innerlich lachen uͤber eine Lobes, erhebung, die ich gar nicht verdient hatte; denn bis jetzt weiß ich mich keines beſtimm⸗ ten Grundes, weshalb ich vorruͤckte, zu er⸗ innern. Eben woltte ich mich fuͤr die gute Meinung bedanken, ob ich gleich ganz gut fuͤhlte, wie ich vor Verlegenheit erroͤthete,— als der feindliche General Bourgoyne und mit ihm mehrere engliſche und deutſche Be⸗ fehlshaber an uns heranritten und zu capitu⸗ liren verlangten. Gott mag am beſten wiſ⸗ ſen ob hier Verrätherei,— leider nicht ſel⸗ ten in der Geſchichte der Kriege!— im Spiele war, oder ob die Noth die braven Menſchen dazu zwang. Ich kann es nicht entſcheiden, und wage daher kein Urtheil. Mir ging es durchs Herz wie ein Dolch, da die edlen Maͤnner in der Stellung gede⸗ muͤthigter Feinde vor uns hielten; da es auf ihren Geſichtern deutlich zu lelen war, was i hrem Innern vorging. Mit zuvorkom⸗ mender Guͤte bewilligte Gates alles, was die Verßſſgung des ungluͤcklichen Beckte be⸗ — 51— traf, das jetzt fuͤr kriegsgefangen erklaͤrt wurde. Die feindlichen Heerfuͤhrer ritten jetzt zu ihren niedergeſchlagenen Schaaren zu⸗ ruͤck, ihnen ihr Schickſal bekannt zu machen, und ſie zum Gewehrſtrecken aufmarſchiren zu laſſen. Gates hielt neben mir. Er trocknete ſeine Augen. Mit bebender Stimme ſagte er zu mir:„Gott iſt mein Zeuge, wie die⸗ ſer Anblick mich angreift! Ich kann mich immer noch nicht uͤberzeugen, daß dieſe bra⸗ ven Leute unſere Feinde ſind!“— Auch mich ruͤhrte der Anblick; mehr aber noch die Thränen eines der menſchenfreundlichſten Ge⸗ nerale.—„Nun folgen Sie!“ ſagte Gates, mir und mehreren andern Officieren.„Der ſchmerzhafteſte Augenblick ſteht mir noch be⸗ vor; ich wuͤnſchte, er waͤre uͤberſtanden!“, Auf dem Platze ſtanden acht Regimen⸗ ter. Die Fahnen weheten vor ihrer Fronte; die Ungluͤcklichen ſahen dieſe ſonſt ſo prah⸗ lenden Heiligthuͤmer zum letztenmale. Eine Grabesſtille herrſchte. Da erſchallte, wie des — 22= Todesengels Ruf, das Commando:„Ach⸗ tung! praͤſentirt das Gewehr!— Streckt das Geweht!“— In der demüthigen Scla⸗ venſtellung ſtanden die Braven gebuͤckt da,— waffenlos richteten ſie ſich auf; deutlich hoͤrte man das Schluchzen derer, die gewiß weit lieber einer Batterie des ſchwerſten Geſchuͤtzes entgegen gegangen waͤren.— Aber welch ein ſchoͤner Zug in dem ſonſt ſchauderhaften Ge⸗ maͤlde des Krieges! die Kriegsgefangenen wurden von den Siegern ganz als Bruͤder behandelt. Kein Wagen wurde gepluͤndert, kein Koffer, kein Torniſter wurde angeruͤhrt. Lebensmittel, Branntwein und Fleiſch wurde den Fremdlingen von allen Seiten gereicht; die Feindſchaft mußte der Gaſtfreundſchaft Platz machen, und von allen Seiten zeigten ſich freundſchaftliche Haͤnde.— 1 Der General Bourgoyne ritt mit eini⸗ gen Andern an mich heran, da ich neben Gates hielt. Er reichte mir die Hand.— „Ihrem ſo aͤußerſt kuͤhnen Manoͤuvre mußte ———-— e ich weichen!“ ſagte er.„Den einzigen Plat, 8 auf welchem ich mich mit aller Wahrſcheinlich⸗ 23 keit des Gelingens bis zu jenem unangreifba⸗ ren Orte haͤtte durchſchlagen koͤnnen, behaupte⸗ ten Sie, und wagten es ſogar, mir entgegen zu rücken. Ich freue mich, in Ihnen einen ſo um⸗ ſichtigen, tapfern Feind kennen gelernt zu ha⸗ ben. Sie haben wahrſcheinlich ſchon fruͤher ge⸗ dient?“—„Ja. Ich diente als Officier im ſiebenjährigen Kriege Friedrich dem Zwei⸗ ten.“—„Denn iſts kein Wunder; ich habe allen Reſpekt fuͤr Zoͤglinge eines ſolchen Leh⸗ rers.*— So war ich denn mit einemmale, ohne zu wiſſen, wie? und warum? in die Reihe der Helden verſetzt, von deren Benehmen das Schickſal ganzer Staaten abhaͤngt. Wie viele beruͤhmte Helden mag die Geſchichte des Krieges aufzaͤhlen, denen es um kein Haar anders ging, wie mir; und wie man⸗ 1 8 cher mag ſeinen beruͤhmten Namen— dem Zufall zu verdanken haben?— Doch ich eile in meiner Geſchichte, um auf jene wich⸗ — 54 tige Epoche zu kommen, die der Zufall her⸗ bei fuͤhrte.— So gut es ſich in der Geſchwindigkeit thun ließ, wurden die Kriegsgefangenen in benachbarten Oertern unter Dach gebracht. Nachmittags ließ mich der General Gates zu ſich holen. Er uͤberhaͤufte mich nochmals mit Lobſpruͤchen, deren ich heute ſchon ſo gewohnt geworden war, daß ich ſie, ohne zu erroͤthen, anhoͤren konnte, und daß ich ſie endlich beinahe ſelbſt glaubte.— „Und nun noch eins,“ ſetzte er hinzu. „Sie ſollen das Commando uͤber die Escor⸗ te der Kriegsgefangenen haben. Den Offi⸗ cier mit der Marſchroute habe ich ſchon vor⸗ aus geſchickt, damit es auf dem weiten We⸗ ge ſo wenig der Escorte als den Gefange⸗ nen an Lebensmitteln und Nothwendigkeiten fehlt.—„Wohin werden denn die Gefange⸗ nen gebracht?“—„Nach Virginien. Ich habe mehrere Abſichten dabei. Einmal, dieſe 8 55— „Provinz hat noch gar nicht gelitten; die Ge⸗ fangenen ſind dort am beſten aufgehoben, und das ſind wir ihnen ſchuldig als Men⸗ ſchen. Hier ſo nahe am eigentlichen Kriegs⸗ theater, moͤchte ich ſie aus der Hinſicht nicht gern laſſen, weil man ihnen doch im Gan⸗ zen genommen auch nicht trauen darf. Es ſteckt viel durch Werberſtreiche zuſammenge⸗ brachtes Geſindel und zuſammen gelaufene Landſtreicher darunter; die muͤſſen ſicher ſitzen. Sehen Sie zu, wie Sie ſie in den Staͤdten Richmont, Staunton, Norfolk und Ports⸗ mouth am beſten unterbringen. Die Leute finden dort Arbeit, wenn ſie arbeiten wollen, und da wird ihr Loos um ſo ertraͤglicher, weil ſie Beſchaͤftigung haben. Ueberdies— auch Ihretwegen wuͤnſchte ich, Sie haͤtten das Commando.“—„Meinetwegen?“— „Ihretwegen. Der General Washington iſt jetzt in Mont⸗Vernon, das, wie Sie wiſſen, dort liegt. Ihm ſollen Sie, Sie ſelbſt den Rapport bringen; ich ſchreibe Ih⸗ retwegen. Auch ſollen Sie in Staunton und Portsmouth ſchon noch Geſchaͤfte fin⸗ den.“— Natuͤrlich, daͤß ich dem Befehl ge⸗ horchen mußte; natuͤrlich, daß ich dies aͤußer⸗ te.—„Sehr gut. Machen Sie ſich marſch⸗ fertig. Ihr Bataillon, das dort zu Hauſe gehoͤrt, geht mit, und noch eins von mei⸗ nem Regimente. Beide ſtehen unter Ihrem Befehl. Verhaltungsregeln darf ich einem gedienten Officier nicht erſt geben wollen. Heute Abend ſollen Sie die Liſte der gefan⸗ genen Officiere haben. Der General Bour⸗ goyne wüͤnſcht auf ſein Ehrenwort nach Quebeck zu gehen. Das werde ich gern ge⸗ ſtatten.“—— „Waͤhrend des Einrichtens meines Rei⸗ ſegeraͤthes brachte man mir die Liſte von anderthalb hundert Officieren, deren Namen ich bei meiner Beſchäͤftigung nicht durchlas, ſondern bloß die Summe bemerkte. Eben . ſo. wurde mir Regimenterweiſe die Liſte der Gemeinen gegeben, und am folgenden Mor⸗ gen ging der Zug fort. Alle waren freund⸗ —— — 57— ſchaftlich gegen einander, und meine Escorte ſpielte mehr die Rolle der Wegweiſer, als die der militairiſchen Begleitung.— Unſer Weg ging an dem Hudſonfluſſe hinab; wir kamen nach Philadelphia, einer der Hauptſtaͤdte, die durch die Gefangenneh⸗ mung jenes Corps von einer großen Gefahr, durch die Englaͤnder erobert zu werden, be⸗ freiet war. Mit aller Freude empfingen uns die Einwohner. Sahen ſie gleich in dem Zuge der Gefangenen den Triumph ih⸗ rer Freiheit, ſo waren ſie doch menſchen⸗ freundtich genug, ihre Freude nicht an den Gefangenen geltend zu machen; denn auch dieſe wurden mit aller Liebe, beſonders von den vielen hier wohnenden Deutſchen aufge⸗ nommen. Wir hatten hier Feſte und da es mit meiner Reiſe überdies ſo große Eile d. nicht hatte, geſtattete ich auf Bitte der Ein⸗ wohner einige Ruhetage. Eben wollte ich abmarſchiren,— meine Leute waren ſchon geſtellt,— die Einwohner, die von uns Ab⸗ 3 — 58— ſchied nahmen, waren ſchon aus dem Be⸗ reich unſerer Stellung zuruͤckgetreten, als der Feldwebel mir einen krank gewordenen Offi⸗ cier der gefangenen**†* ſchen Truppen meldete. Ich fragte nach dem Namen. Wie erſtaunte ich, da ich den Namen Capitain Eichenhorſt hoͤrte!— Ich uͤbergab dem zwei⸗ ten Major das Commando,— eine mir un⸗ erklaͤrbare Neugierde trieb mich zu dem Kran⸗ 4 ken, einem Mann von geſetzten Jahren, dem Greiſesalter ſchon nahe. Ich ſah, daß er wirklich krank war. Er gerieth in Verlegen⸗ ſie mit der Aeußerung, daß mir auf die heit.— Sie kommen ſelbſt, Herr Oberſt⸗ wachtmeiſter?“ ſagte er.—„Nicht aus Zweifel,“ war meine Antwort.„Sie ver⸗ zeihen meine Neugierde,— Ihr Name hat ſie rege gemacht. Sie heißen Eichenhorſt?“⸗ „Ja! Capitain im*** ſchen Corps,— „Kannten Sie einen General, der Ihren Namen fuͤhrte?“— Der Kranke wurde durch die Frage erſchuͤttert. Ich wiederholte Frage viel ankaͤme.—„Aus meiner Kind⸗ — ———— .—— — 59— heit erinnere ich mich eines, der dieſen Na⸗ men fuͤhrte. Er ging in Dienſte des Fuͤr⸗ ſten von***y und wurde General. Er⸗ ſparen Sie mir die Erinnerung an mei⸗ nen ungluͤcklichen Bruder!“—„Ihr Bru⸗ der?“—„Vielleicht nenne ich Ihnen einen Namen, der Sie eben ſo ſehr intereſſirt, als beweiſet, daß mir jener Name wiichtig iſt. Haben Sie bei der Geſchichte Ihres ungluͤck⸗ lichen Bruders nie von einer Schweſter des Fuͤrſten gehoͤrt?“— Der Mann ſah mich mehrere Sekunden ſtarr an.—.„Wollten Sie etwa den Namen der eben ſo ungluͤck⸗ lichen Prinzeſſin Adelheit nennen?“— „Eben den. Sagen Sie mir doch, wo blieb der ungluͤckliche Sohn, Ferdinand?“— „Wer moͤchte das beſtimmen koͤnnen? Das arme Kind, die Frucht dieſer ungluͤcklichen Liebe, verſchwand einige Tage vorher, als ihn der Bruder der Prinzeſſin zu ſich nehmen wollte. Wie es nach einem dunkeln Ge⸗ ruͤchte hieß, ſoll der ungluͤckliche Knabe von den Jeſuiten erzogen, und im ſiebenjaͤhrigen „ — 60— Kriege als Officier geblieben ſeyn. Weitere Auskunft kann ich Ihnen nicht geben, und ich bewundere“——„Wie ich zu der Fra⸗ ge komme? das wollten Sie doch ſagen?“— „Wenigſtens laͤugne ich es nicht.“— J war unſchluͤſſig, was ich thun ſollte. End⸗ lich ſiegte die jedem Herzen ſo tief einge⸗ praͤgte Liebe zu nahen Blutsverwandten, be⸗ ſonders wenn man dieſe zum erſtenmale ſieht. Ich ergriff ſeine Hand.„Sie ſehen in mir jenen Ferdinand.“— Der Mann war von dieſen Worten ſo erſchuͤttert, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Ein Strom von Thraͤnen ſtuͤrzte aus ſeinen Augen,— itternd umarmte er mich; Minutenlang hing er an meinem Halſe.—„BAllmaͤchtiger Va⸗ ter!“ vief er.„Iſts denn moͤglich?“— „Nicht nur moͤglich, ſondern unbezweifelt ge⸗ wiß; ſobald wir wieder zu meinem Ba⸗ taiton kommen, ſollen Sie ununſſtoͤßliche ½ Beweiſe ſehen.“— Ich erinnerte mich jetzt des verſtegelten Couverts, das ich vom Pater General der Jeſuiten erhalten hatte. Ich —— —,— — 6— ſagte ihm dies.—„Gottlob!“ ſiel er ein.— „Dann werde ich ja uͤber vieles Aufſchluß he⸗ kommen, was ich bloß als unverbuͤrgtes Ge⸗ rüͤcht erfuhr.“ Aber,— ſetzte er hinzu,„wie nahe war ich daran, mir den Weg zu die⸗ ſem Geheimniſſe ſelbſt zu verſchließen!“— „Wie ſo?“—„Ich kommandirte den Vor⸗ trab jener Diviſion, die Sie auf dem Damme von Saratoga angreifen ſollte. Kam es zum Angriff, wie leicht konnten Sie, wie leicht konnte ich fallen! Gottes Weisheit hat es beſſer gelenkt.“— 2 d⸗ Ich will nicht mit weiterer Auseinan⸗ derſetzung dieſes ſchoͤnen Auftrittes ermuͤden. Beſchreiben laͤßt ſich ja ohnedies eine Scene dieſer Art nicht; ſie will gedacht, ſie will ge⸗ fuͤhlt ſeyn, und das Herz hat ſeine eigene Sprache, die fuͤr Worte unerreichbar iſt. Wer je Verwandte— oder wer vielmehr den letzten, den einzigen, ihm noch uͤbrigge⸗ bizebenen Verwandten auf eine ſo unerwar⸗ &— tete Art wiederfand, der wird wiſſen, was ich in dieſem Augenblick fuͤhlen mußte.— Ohne Stolz zu verrathen, glaube ich behaupten zu koͤnnen, daß die Freude, mich gefunden zu haben, auf meines Oheims Ge⸗ ſundheit ſo ſtark wirkte, als die zweckmaͤßig⸗ ſten Anſtalten, die ich an dieſem Tage noch traf, es nur konnten. Fruͤh am ſolgenden ſchöͤnen Wintermorgen folgten wir der Co⸗ lonne und erreichten ſie am zweiten Tage in einem Staͤdtchen. Was meine Freude um ein Großes vermehren mußte, war der Um⸗ ſtand, hier den General Washington zu tref⸗ fen, der in der Abſicht hergekommen war, die Gefangenen zu ſehen, und der ſelbſt die zweckmaͤßigſten Mittel zu ihrer beſſern Ver⸗ pflegung bewerkſtelligen wollte. Ich entdeckte ihm, wie ich einen ſo nahen Verwandten gefunden habe. Möglich, daß er von mei⸗ ner Abkunft und Geſchichte nichts wußte, als was ein dunkles Geruͤcht ihm geſagt hatte. Jetzt entdeckte ich ihm, wie wichtig mir ein ——— —— —- 63— in meinen Haͤnden ſich befindendes Couvert mit dreifachem Siegel verſchloſſen ſey. In ſeiner, in ſeiner Gemahlin und eines bei Trenton gefangenen feindlichen Generals, deſ⸗ ſen Gemahlin mit einigen Kindern aus Deutſchland gekommen war,— in Gegen⸗ wart meines erſt aufgefundenen Oheims er⸗ brach ich zitternd und unter Thraͤnen jenen Umſchlag. Wie geſpannt die auf mich auf⸗ merkſam gewordenen Zeugen waren, darf ich nicht erſt ſagen. Alles lag klar vor meinen Au⸗ gen; nur iſt und bleibt es mir unbegreiflich, wie dieſe wichtigen Documente in die Haͤnde des Pater Generals der Jeſuiten in Aſſumption in Suͤdamerika gerathen konnten. Ein Be⸗ weis mehr, wie groß die Wirkſamkeit und der Einfluß jenes ausgebreiteten Ordens war ren. In dem Couverte lagen eine Beſchei⸗ nigung von wenigſtens zwoͤlf der hoͤhern Je⸗ ſuiten, daß alle die Documente aͤcht, unver⸗ faͤlſcht, und ganz der Wahrheit angemeſſen waͤren. Unter dieſen Beweiſen war einer der kraͤftigſten, der Aufſatz des Beichtvaters eines „ der maͤchtigern Fuͤrſten Deutſchlands, eines— 4 Feſuiten. Ferner ein Aufſatz jenes Hofpre⸗ digers, dem mein Vater ſein Verhaͤltniß zu der Prinzeſſin Adelheit entdeckt hatte, und der dafuͤr das traurige Geſchaͤft bekam, mei⸗ nen ungluͤcklichen Vater zum Tode vorzube⸗ reiten. Ferner fanden ſich einige Briefe des Fuͤrſten, die beſcheinigt waren, und die uͤber meine Geburt und die Abſichten, die man mit mir hatte, ein deutliches Licht verbreiteten. Ich will nicht einmal noch einiger andern Briefe erwaͤhnen⸗ die auch dazu beitrugen. Kurz,—— was ich in Europa und auf den oſtindiſchen Inſeln nie erfahren hatte, das wunde mir hier in Amerika deutlich. Ich wuste ſo beſtimmt, wer ich ſey, als waͤre ich im Schooße lener kuͤrſtlichen Familie erzogen.— Unter welchen Gefuͤhlen ich dies alles durchlas,— wie oft ich, von meinen Empfin⸗ dungen uͤberwaͤltigt, inne halten und mich erſt ſammeln mußte, wie es meinem redlichen Oheim nicht beſſer ging,— daß darf ich — — 65— nicht erſt erzaͤhlen. Alle gegenwaͤrtigen Zeu gen erfuhren mein Familienverhaͤltniß; alle nahmen ſie Antheil, vor allen aber die Ge⸗ mahlin jenes bei Trenton gefangenen Gene⸗ rals, eine Deutſche von hoher Geburt. Schon waͤhrend des Leſens bemerkte ich, daß ſie weinte; jetzt legte ich die Documente mit groͤßeſter Vorſicht, da reichte die Edle mir die Hand. Mit bebender Stimme ſagte ſie: „Ich danke Ihnen fuͤr die Mittheilung die⸗ ſer Nachrichten von meiner Jugendfreundin. Nach vierzig Jahren hoͤre ich heute von Ih⸗ nen das erſte Wort uͤber das Schickſal Abel⸗ heits.“ Ich erſtaunte; ich war kaum im Standel, mich naͤher zu erkundigen.„Ich kannte Ihre treffliche Mutter; wir waren als Kinder Freundinnen. Ich erinnere mich nock der Zeit, als Ihr Vater die*** ſchen Dienſte verließ, um in Dienſte jenes Fuͤr⸗ ſten zu gehen. Ich verließ bald nachher dieſe Gegend und hatte bei allen Erkundi⸗ gungen nie das Gluͤck, das fernere Loos Ih⸗ rer Mutter zu erfahren. Ich erſahre es III. 5— — 66— jeßt— leider! daß die Nachricht ſchrecklicher iſt als ich fuͤrchtete, wenn ich in fruͤhern Jahren ſo manches Geruͤcht erfuhr.“— Jch dankte unter Thraͤnen der Edeln für dieſe Theilnahme.—„Und was werden Sie nun thun?“ fragte Washington.„Sie leſen in jenen Documenten, daß der Bruder Ihrer ungluͤcklichen Mutter fuͤr Sie ein anſehn⸗ liches Vermoͤgen niedergelegt hat; daß dies Vermoͤgen noch durch das vermehrt iſt, was Ihrer Mutter Eigenthum war. Ich wuͤrde Ihnen rathen, nach Ihrem Vaterlande zuruͤck zu reiſen. Sie ſehen einem gluͤcklichen, ruhi⸗ gen, ſorgenfreien Alter entgegen.“ Ich konnte auf dieſen Rath nichts weiter erwiedern als Dank; aber zugleich aͤußerte ich den Wunſch, laͤnger im Heere der Provinzialen zu dienen, und zur Erreichung des ſchoͤnen Zieles, der unabhaͤngigen Freiheit Amerikas, das meinige beizutragen.—„Ueberdenken Sie alles, ehe Sie etwas verſprechen,“ ſagte Washington. „Freilich foll hier Ihnen eine ſchoͤne Zukunft werden, wenn ich auch meine Gruͤnde habe, — —— 7 — 67— Ihnen zu ſagen, daß Sie ja nicht zu viel auf die Dankbarkeit eines frei gewordenen Volkes rechnen duͤrfen.“— Ich ſchwankte.— Ich wußte aus Et⸗ fahrung, daß Washington kurze und be⸗ ſtimmte Entſchließung liebte,— ich wußte nicht, wozu ich mich beſtimmen ſollte, als ſich die Thuͤre oͤffnete und mein Freund, der General Gates, der zum Kongreß nach Phi⸗ ladelphia wollte, mit dem General Lee ein⸗ trat. Washingtons Freude war groß, nur die meinige konnte damit verglichen werden; nicht ſowohl daß ich meinen Freund ſah, ſondern daß ich ihm das alles ſagen konnte, was ſich jetzt in Hinſicht meines Schickſals aufgehellet hatte. Washington ſing gleich nach dem angehoͤrten Rapport uͤber das Heer, von mir und meinen Ausſichten zu ſprechen an.—„Ich habe unſerm Major gerathen, nach ſeinem Vaterlande zuruͤck zu gehen, und dort zu genießen, was die Vor⸗ ſehung fuͤr ihn erſparte,“ ſagte er.— Ga⸗ — 68— tes ſchuͤttelte den Kopf.—„Ich kann dazu nicht rathen. Ich ſehe das Ungluͤck meines Freundes im voraus. Jener Hof und Fuͤrſt ſind mir bekannt; ich fuͤrchte viel von des letztern Schwachheit; mehr aber noch von der Bosheit und dem Eigennutze ſeiner Um⸗ gebung.“— Ein Urtheil, das, ſo hart es auch ſcheinen mochte, von der anweſenden deutſchen Generalin beſtaͤtigt wurde. Sie kannte die Eigenheiten kleiner Hoͤfe, wo die unbedeutendſte Kleinigkeit ein Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit iſt; wo jeder auf des andern Untergang den eigenen Frie⸗ den bauet, und wo im Grunde keiner uͤbler dran iſt als der ehrliche Mann, der es ge⸗ wohnt iſt, ſeinen Gang gerade durch zu ge⸗ hen. Selbſt mein Oheim trat dieſer An⸗ ſicht bei.—„Moͤgen Sie immer nach Deutſchland zuruͤckgehen“— ſagte er, „aber nie komme es Ihnen in die Gedan⸗ ken, in dem Lande dieſes Fuͤrſten wohnen zu wollen. Ich kenne dieſes Land. Ich kam ais ein Knabe dahin, als mein Bru⸗ — 69— der ſeine glaͤnzende Rolle zu ſpielen anfing. Heute buͤckte ſich alles am Hofe bis auf die Erde vor mir,— morgen brachte man mich uͤber die Grenze, und der ganze liebe Hof ſah zu. Wollen Sie ja nach Deutſchland zuruͤck, ſo waͤhlen Sie eines maͤchtigen Fuͤr⸗ ſten Staat zu Ihrem Aufenthalte.“— Wie wenig ich auf dieſe Warnungen hoͤrte und achtete,— davon in der Folge; jetzt wuͤrde die Erzaͤhlung nur dadurch un⸗ terbrochen werden.— Wir blieben einige Zeit in dieſer Gegend,— das Waſſengluͤck war uns im Ganzen genommen ſehr guͤnſtig, da unſere Bundesgenoſſen fuͤr uns bluteten. Frankreich verlor uns zu Gefallen ſeine Flotte; die Spanier flogen aus eben dieſer Abſicht in der Bai Gibraltars mit ihren ſchwimmen⸗ den Batterien in die Luft und Holland buͤßte außer mehreren Schiffen auch einige Inſeln ein. Dies alles mußte den Frieden bewirken, mußte ihn um ſo eher bewirken, da zwiſchen uns und den Englaͤndern eigent⸗ d lich wenig Ernſthaftes vorſtel, und der ganze Krieg in bloßem Hin⸗ und Herzügen beſtand, bei denen ich Gelegenheit genug hatte, die im ſiebeniaͤhrigen Kriege erlernten Tirailleur⸗ und Reckerei⸗Manoͤuver zu uͤben, und dem Kongreß wie dem General Washington im⸗ mer bekannter zu werden. Die Gefangenen blieben indeß in Virginien, und das, was der Kongreß vorhergeſehen und gewuͤnſcht 4 hatte, traf ein. Tauſende dieſer Gefange⸗ nen, die in ihrem Vaterlande nichts zu ver⸗ lieren hatten, blieben dort, baueten ſich an, und wurden die beſten Bewohner eines Lan⸗ des, das ihren Fleiß durch Wohlſtand be⸗ lohnte.— Ich bin hier in der Geſchichte einige Jahre vorgeſprungen, und konnme nun auf mich ſelbſt zuruͤck.— Fruͤher, ehe alles dies geſchah, war ich nach dem Feldzuge von 1777, wie geſagt, in Virginien, als der Ge⸗ neral Washington eines Tages Briefe aus Europa bekam. Er las ſie in meiner Ge⸗ — 71— genwart aufmerkſam durch. Ich war der⸗ gleichen gewohnt, da ich ſein Zutrauen in mehr als gewoͤhnlichem Grade genoß. Ru⸗ hig ſtand ich gegen ihm uͤber, als er mir einen Brief reichte.—„Guͤnſtiger Wind fuͤr Ihre Flotte, Eichenhorſt!“ ſagte er. Ich ſah die Unterſchrift, der Brief war von dem franzoͤſiſchen Miniſter Vergennes.— „Leſen Sie, leſen Sie laut. Der Inhalt iſt wichtig!“ Ich las:„Neue Ausſichten fuͤr die Freiheit Amerikas gewaͤhrt der zwi⸗ ſchen Oeſterreich und Preußen ausgebrochene Krieg, wegen des Beſitzes von Bayern. Eng⸗ land darf nun nicht hoffen, ſo wie wir nicht zu fuͤrchten haben, daß jene beiden Maͤchte ſich Englands annehmen. Thut es die eine Macht, ſo iſt die andere auf unſerer Seite, und wir haben freie Hand.“— Ich gab erſtaunt den Brief zuruͤck; ich konnte mich von meinem Erſtaunen nicht erholen.— „Preußen und Oeſterreich Krieg?“ ſagte ich, und an dieſe unerwartete Vorſtellung ſchloß ſich der Ruͤckblick auf meine Jugend, die ich ,). im Kriege zwiſchen dieſen beiden Maͤchten durchlebte, ſchloß ſich der Wunſch, an die⸗ ſem Kriege Theil zu nehmen. Washington durchſchauete mein Inneres; er rieth meine Wuͤnſche.—„Ich ſehe in Ihr Herz,“ ſagte er.„Sie wollen nach Deutſchland. Recht gern geſtatte ich Ihnen dies; ſo un⸗ gern ich Sie aus meinem Stabe entlaſſe.“— Ich erklaͤrte mich nicht beſtimmt; ich erbat mir Urlaub, zu meinem Oheim zu reiſen, der in einem Staͤdtchen am Ohio jetzt lag. Ich wollte ſeine Anſicht uͤber die ganze Sache hoͤren; aber ich traf ihn krank. Mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit hoͤrte er die Nachricht von dem neu ausgebrochenen Krie⸗ ge..—„Der Himmel wird ja nicht geben, daß ſich fremde Maͤchte hineinmiſchen; da wir Heſſen, Braunſchweiger, Waldecker und Anſpacher fehlen, und die Hannoveraner auch groͤßtentheils in Spanien ſtehen!“ ſagte er in einem kleinen Gefühl von dem Ein⸗ fluſſe dieſer eben genannten Maͤchte auf das Wohl Deutſchlands. Ich ließ ihn bei ſeiner — 73— Meinung, konnte aber nicht verhindera, daß mir die Reichsarmee aus dem ſiebenjaͤhrigen Kriege einfiel. Ich erbat mir ſeinen Rath, ob ich nach Deutſchland gehen, oder hier bleiben ſollte.—„Jetzt aͤndert ſich die gan⸗ ze Anſicht,“ ſagte er.„Sie, Freund, ſind in Ihren kraftvollſten Jahren; Sie nehmen gewiß Dienſte, entweder bei Oeſterreich oder Preußen, und dann koͤnnen Sie an jenem Hofe auftreten. Einem preußiſchen oder kaiſerlichen Officier legt man nicht gern Schwierigkeiten in den Weg, weil man kai⸗ ſerliche und preußiſche Officiere von ihrem Landesherrn unterſtuͤtzt weiß. Jetzt koͤnnten Sie Ihr Erbrecht am beſten guͤltig machen.“— Seine Gruͤnde hatten Gewicht; ich verſprach ſie zu pruͤfen, was aber bei Lichte beſehen, unnoͤthig war, denn ich hatte mich ſchon be⸗ ſtimmt, nach Deutſchland zu gehen. Ich rei⸗ ſete zu dem General Washington,— ich ſtellte ihm meine Anſichten 99 9 n ganz meiner Meinung; ich wurde eh nvoll entlaſ⸗ ſen, Jeht machte ich noch eine Reiſe zu * 8 1 8 —- 4— meinem Oheim. Es war ein ſchoͤner Mit⸗ tag, als ich das Thor jenes Staͤdtchens er⸗ reichte. Unwillig, daß mir gerade unter dem Thore ein feierlicher Leichenzug begegnete, um deſſentwillen ich ſonſt halten mußte, waͤhlte ich einen andern Weg. Da begegnete mir einer meines Bataillons.—„Was war das fuͤr ein Leichenzug?“ fragte ich.„Mich duͤnkt, es ſolgte Militair?“—„Ja. Es iſt ein Bnopecnand von den*** ſchen Truppen begraben.“„Wie hieß er?“ fragte ich, bloß um etwas zu fragen. Wie erſchrak ich, da ich den Namen Eichenhorſt hoͤrte! Ich eilte nach dem mir bekannten Quartiere. Mein Oheim war wirklich todt. Einer ſeiner Freunde, ein anderer Haupt⸗ mann von eben den Truppen, gab mir Aus⸗ kunft uͤber ſeine Krankheit, uͤber ſeinen Tod. Alte Wunden aus den Feldzuͤgen unter Fer⸗ dinand, und die Strapatzen von dem un⸗ 4 glächlichen Tage von Saratoga mußten frei⸗ lich auf einen alten Koͤrper wirken.— Uebri⸗ gens hatte er an aich nichts Schriftliches, Morgen den Grabhuͤgel meines Oheims, und — 75 ſeinen Nachlaß betreffend, hinterlaſſen;3ich that auf der Stelle Verzicht darauf, und aͤberließ alles, was er beſaß, ſeinen Kamerg⸗ 5 den. Mir war es unmoͤglich, laͤnger ats dieſe Nacht hier zu bleiben; ich beſuchte am die naͤchſte Stunde ſah mich ſchon auf der. Nuͤckreiſe. Als ich bei dem General Was⸗ hington ankam, war dieſem meines Oheims Tod ſchon gemeldet. Er nahm herzlichen Antheil an meinem gerechten Schmerz.— Jetzt erklaͤrte ich meinen feſten Entſchluß, in mein Vaterland zuruͤck zu gehen. Meine Beſitzung in Boſton verkaufte ich ſehr vor⸗ theilhaft gegen einige koſtbare Juweelen, wie mein Freund, der General Gates, mir rieth. Mit den ſchmeichelhafteſten Empfehlungen von Washington vorſehen,— begleitet von den beſten Wuͤnſchen meiner Freunde, und uͤberzeugt, daß ich keinen Feind in jenem Weittheile zuruͤckließe, beſtieg ich im Julius 1778 ein neutrales daͤniſches Schiff, deſſen —- 765— Capitain mir alle zuvorkommende Freund⸗ ſaaſt erzigte.— — 36 war jetzt noch nicht vierzig Jabr alt; ich war kraftvoll und geſund; ich hatte zu oft Gelegenheit gehabt, meinen Muth zu zeigen, als daß er mir je, ſelbſt in den be⸗ denklichſten Lagen meines Lebens fehlen wuͤr⸗ de; ich beſaß uͤberwiegende Neigung zum Soldatenſtande; ich war uͤberzeugt, alle die Kenntniſſe des Anfuͤhrers eines kleinen Corps zu beſitzen; ich wußte aus der Geſchichte fruͤherer Kriege, daß leichte Corps unenthehr⸗ lich waren, und daß man in jedem dergleichen im Falle eines Krieges etri⸗ Mich mehr auf mich ſelbſt und meine Kennt⸗ niſſe, als ſelbſt auf die Zeugniſſe eines der erſten Feldherrn, eines Washingtons, verlaſ⸗ ſend, ſahe ich nichts als der Erfuͤllung aller meiner Wuͤnſche entgegen. Die Hoffnung, mir in meinem Vaterlande einen Namen zu machen„ das Andenken meines ungluͤcklichen Vaters verſoͤhnen zu koͤnnen, und jedem —„— Feinde eine Achtung fuͤr den Namen Eichen⸗ horſt beizubringen, laͤchelte mir auf dieſer ganzen Reiſe. Eine gewiſſe Wuͤrde und Ach⸗ tung meiner ganzen Ahſicht, ließ mich an die etwanigen Schwierigkeiten kaum denken; ich ſah mit einem edeln Stolz auf alle Hin⸗ derniſſe; ſie wurden mir immer unbedeuten⸗ der, je mehr ſich meine Phantaſie ſich mit ihnen beſchaͤftigte, und kaum truͤbten ſie auf Augenblicke meine großen Entwuͤrfe. Ich wollte mich als Held zeigen, und dann mit Ehre geſchmuͤckt, vom Ruhme meines Na⸗ mens begleitet, an jenem Hofe auftreten, und Rechenſchaft fuͤr meines Vaters Blut fodern.— In dieſen großen begluͤckenden Traͤumen, deſtieg ich jenes daͤniſche Schiff, auf welchem alles mich mit unbegrenzter Achtung anblickte- Ich uͤbergehe die Geſchichte dieſer Reiſe, die fuͤr mich, der ich ſo viele Meere durch⸗ ſchwommen, weiter nichts Neues enthielt. Der erſte Monat derſelben ging nach Wunſch. Pfeilſchnell durchflog das Schiff mit gunſti⸗ gem Suͤd⸗Weſtwinde jenen großen Ocean, als ſich die Witterung aͤnderte, der Wind uns gerade entgegenblies, und Stuͤrme uns faſt ganz von unſerer Bahn ab, bis nach der Inſel Jago verſchlugen. Die Unge⸗ ſchicklichkeit des Capitains wie des Steuer⸗ mannes verurſachte, daß wir beinahe vor dem Hafen von Porto Praya Schiffbruch litten. Hier mußren wir uns läͤngere Zeit um der Ausbeſſerung des Schiffes willen aufhalten, und hatten dabei den traurigen Anblick auf eine Inſel, auf die in einigen Jahren kein Tropfen Regen gefallen war. Statt daß wir hier haͤtten Pflege finden ſol⸗. len, fanden wir Ungluͤckliche, Verarmte, mit denen wir unſere aus Amerika mitgenomme⸗ nen Lebensmittel theilen mußten. Faſt einen ganzen Monat brachten wir hier zu; ein Zeitraum, der, ob er mir gleich in der Woh⸗ nung des Gouverneurs angenehm verfloß, mich doch hanz verſtimmte, wenn ich bedachte, welche ſchoͤn e Zeit ich verſaͤumt hatte. End⸗ ——— —— —- 1— lich war alles im Stande,— haͤtte nur der Wind ſich eben ſo guͤnſtig zeigen wollen! Entweder es war gaͤnzliche Windſtille, oder der Wind ging uns gerade entgegen, ſo daß wir oft am Abend da erſt waren, wo wir uns des Morgens ſchon befunden hatten. Nach einer langen und beſchwerlichen Fahrt, ſtieg ich endlich in Bordeaux ans Land; denn Englands Boden durfte ich als Amerikaniſcher Anfuͤhrer nicht betreten. Mein Loos wuͤrde auf jeden Fall Kriegsgefangen⸗ ſchaft geweſen ſeyn. Ich durchreiſete nun ganz Frankreich,— ich ging bei Maynz uͤber den Rhein, und blieb einige Tage in dem freien Frankfurt, um mich theils hier erſt ganz zu equipiren, theils mich zu be⸗ ſtimmen, welcher der beiden kriegfuͤhrenden Maͤchte ich meine Dienſte anbieten wollte.— Ich entſchied für Preußen; es ſchien mir eh⸗ renvoller, im Heere eines Koͤnigs zu dienen, der ſich des Unterdruͤckten annahm; in einem Heere, deſſen Geiſt ich aus fruͤher Jugend — So— noch kannte; deſſen Thaten mir noch in fri⸗ ſchem Andenken waren. Fuͤr das, aus dem Verkauf eines Juweels geloͤſete Geld, war ich im Stande mich ſo einzurichten, daß ich mit Aufſehen erſcheinen konnte, und es machte mir Freude zu ſehen, wie alles ſich in mir ierte, wie man mich bald fuͤr einen regierenden Herrn,— bald fuͤr einen Gluͤcks⸗ ritter und Abentheurer anſah. Ich ließ jeden bei ſeiner Anſicht; ich erwartete mit Sehu⸗ ſucht die Zeit, in welcher ich als beruͤhmter Held auftreten, und meinem Namen, den man fuͤr einen angenommenen hielt, den Glanz zu verſchaffen, den ich ihn allein ver⸗ ſchaffen konnte.——— f Der Krieg hatte ſeinen Anfang genom⸗ men. Friedrich war im Julius von Schle⸗ ſien aus, in Boͤhmen eingeruͤckt; indeſſen der Bruder des Monarchen, Prinz Heinrich von Preußen, vereinigt mit dem ſaͤchſiſchen Heere, von Sachſen aus, in eben dieſe Vor⸗ mauer der Oeſterreichſchen Monarchie einge⸗ 4 — 81— drungen war. Mehrere Freicorys waren 3 5 ————ö—— — durch die Oberſten Stein, Muͤnſter, Haͤrdt, Steinmetz und mehrere errichtet. Ich glaubte nun keine Zeit verſaͤumen zu muͤſſen, wenn ich meinen Zweck erreichen wollte; ich ging nach Berlin, wo damals der Koͤnig ſelbſt war, und wo nebſt dem ganzen Kriegsdirectorio auch der neue Gouverneur angekommen war. JIch meldete mich bei dieſem letztern zuerſt; der Winter war eben angegangen, und das preußiſche Heer ſtand in Sachſen und Schle⸗ ſien in den Winterquartieren. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach mußte der Krieg weit aus⸗ ſehend werden, denn danach waren alle An⸗ ſtalten gemacht. Wenigſtens hatte ich ſie im ſiebenjaͤhrigen Kriege nicht groͤßer geſehen. Der Gouverneur empfing mich ziemlich lau, hoͤrte meinen Wunſch, ein Freicorps fuͤr den Koͤnig zu errichten, kalt an, und las meine Empfehlungsſchreiben mit eben der Ruhe, mit der er die Geſchichte meines Lebens an⸗ hoͤrte. Ich bat ihn, mich bei dem Koͤnige bekannt zu machen.—„Dazu kann ich 1AA§. 6 —, 32— nichts thun,“ war ſeine trockne Antwort. „Es gehoͤrt ſo etwas nicht in mein Reich. „Sie muͤſſen ſich bei Seiner Majeſtͤt ſelbſt melden.“— Eben woltte ich nach dieſer, meine Hoffnungen um ein Grohes niederſchla⸗ genden Antwort weggehen, als ein zum Ge⸗ folge des Koͤnigs gehoͤrender Officter, ein etwas aͤltlicher Mann, eintrat. Er trug eben die Uniform, die ich bei Quintus Jcilius getragen hatte. Der Ankommende ſchien mit dem Gouverneur auf ſehr freundſchaft⸗ lichem Fuß zu ſtehen. Er war aͤußerſt auf⸗ gebracht, er warf unter einem derben Solda⸗ tenſluch den Hut auf den Tiſch; ſich ſelbſt auf einen Stuhl. Der Gouverneur ſah ihn an.—„Nun, Graf, was iſt Dir?“— „Ei, was iſt mir! der Frieden wird wohl richtig werden. Mein Freicorps holt der— Gieb Acht, in vier Wochen muß es Gewehr ſtrecken, meine Officiers koͤnnen gehen, ſo we itder Himmel blau iſt.“—„Es iſt nicht moͤglich, Graf!“——„Es iſt gewiß. Denke an mich! Der Frieden iſt richtig.“— —„Hm! Hm! Und hier iſt noch ein Le der Luſt hat, ein Freicorps zu errichten.“ Sparen Sie die Muͤhe, ſich zu melden,“ ſagte der Fremde zu mir.„Der Frieden iſt leider, leider richtig. Die Ruſſen und Fran⸗ zoſen haben die Hand im Spiele. In Te⸗ ſchen ſoll die Sache abgemacht werden!“— — Ich erſchrak. Kaum war ich im Stande, dem Unbekannten auf ſeine wenigen Fragen zu antworten, die er zu thun, ſo wenig Luſt hatte, als ich zu vielen Antworten mich ge⸗ neigt fuͤhlte. Aeußerſt verſtimmt ging ich nach mei⸗ nem Logis zuruͤck; in ernſten Gedanken ging ich im Gaſtzimmer auf und nieder, und är⸗ gerte mich uͤber die Freude, die mehrere Rei⸗ ſende uͤber die Hoffnung zum nahen Frieden an den Tag legten.—„Waͤrſt du in Ame⸗ rika geblieben!“ weiter dachte ich nichts; aber dies Eine war auch genug, meinen Un⸗ muth auf die hoͤchſte Stufe zu bringen. In⸗ deſſen theils die Zweifel, die einige unter den — 84— Gaͤſten wegen des Friedens aͤußertenz theils der Ruͤckblick auf die von mir ſo oft ge⸗ machte Erfahrung, daß nicht alles befuͤrchtete Uebel, wie nicht alles erwartete Gluͤck, ein⸗ trifft, beruhigten mich um ein Großes; zu⸗ mal da die Zuruͤſtungen, dem Anſcheine nach, noch gar nicht eingeſtellt wurden, und uͤberdies jene Friedenshoffnungen immer ſchwankender ſich aͤußerten. Ich beſchloß in Berlin zu bleiben; wußte ich doch, daß ich hier an der Quelle ſaß. So kam das Jahr 1779, und mit ihm neue Hoffnungen zur Fortſetzung des Krieges, die befonders da⸗ durch ſo ſehr ſtiegen, als im Februar der General Moͤllendorf jenen beruͤhmten Ein⸗ fall in Boͤhmen machte, und faſt zu gleicher Zeit die Oeſterreicher Schleſiſch⸗Neuſtadt ver⸗ brannten. Jetzt,— ſo ſchien es mir,— jeßt war der Krieg gewiß. Da ſchrieb Frie⸗ drich jenen ernſtlichen Brief an Maria The⸗ reſia, in dem er ſich naiv ausdruͤckte:„Sol⸗ len wir beide uns in unſern alten Tagen die grauen Haare ausreißen?“— da kam — — — 835— der zehnte Maͤrz, an dem der Waffenſtill⸗ ſtand,— und der dreizehnte May, an dem der Frieden zu Teſchen abgeſchloſſen wurde.— Ich will es herzlich gern einraͤumen, daß es den Anſchein habe, ich verſuͤndige mich an der Menſchheit, wenn ich in der Fortdauer des Krieges mein Gluͤck; wenn ich in dem abgeſchloſſenen Frieden mein Ungluͤck ſahe. Aber man nehme meine Lage, wie ſie wirklich war, und nicht, wie ſie haͤtte ſeyn ſollen; und man wird meine Anſicht weni⸗ ger ſtrafbar finden; man wird mir den Un⸗ muth verzeihen, mit dem ich auf die herum⸗ irrenden entlaſſenen Officiere der reducirten Freibataillons blickte. Sogar das traurige Loos wurde mir, der Augenzeuge von der Reduction eines ſolchen Bataillons zu ſeyn. Manche Officiere hatten gar nichts; manche noch weniger als nichts; denn viele hatten ihre Uniformſtuͤcke noch nicht bezahlt. Jeßt bekamen die Armen einen Monat Gage, und— nun ſtand ihnen die Welt offen. Das We⸗ — 3836— nige, was ſie aus dieſem Schiffbruch retteten, wurde groͤßtentheils die Beute eigennuͤtziger Gaſtwirthe, die ſich durch den letzten Gro⸗ ſchen dieſer Armen ſchadlos fuͤr fruͤhere Un⸗ bequemlichkeiten halten wollten. Ich traf einige dieſer Ungluͤcklichen; ich kann es mir als ein Verdienſt anrechnen, daß ich ſie viel⸗ leicht vom Selbſtmorde rettete, indem ich ſie mit Gelde unterſtützte, und ſie mit Empfeh⸗ lungsſchreiben nach Amerika ſchickte. Viel⸗ leicht hat mancher dort ſein Gluͤck gemacht, und vielleicht denkt mancher noch dankbar an den Fremden, an den Unbekannten, der in Berlin und Magdeburg ſein Retter wur⸗ de.— Betrachtete ich mich gegen dieſe, ſo war ich immer noch gluͤcklich zu nennen. Ich war bemittelt; ich konnte mich ſogar reich nennen; ich wußte, daß der eigentliche Man⸗ gel mich nicht treffen konnte. Mir blieb die Ausſicht, wenigſtens einen Theil von meiner ungluͤcklichen Eltern Beſitz zu retten; ich -— 87— hatte das große Gluͤck, ohne Vorwuͤrfe auf mein Leben ſehen zu koͤnnen,— und wenn mir alles mißgluͤckte, blieb mir der Weg nach Awerika offen, wo der Krieg mit allem Nachdruck fortgeſetzt wurde. Dieſe Vorſtel⸗ lungen, die ich in meiner Seele zu erhalten und zu befeſtigen ſuchte, hoben meinen Muth; ich beſchloß, die entſcheidende Reiſe nach jenem fuͤrſtlichen Hofe zu machen. Ich hatte noch nicht noͤthig gehabt, von jenen Anweiſungen des Pater Genkrals der Jeſui⸗ ten Gebrauch zu machen; jene Hieroglyphen, jene Geldverſicherungen lagen noch ruhig in meiner Brieftaſche.— Ich relfete ab. Jentt Hof wat einer von den unbedeutenden, deren Deutſchland damals viele hatte; einer von der Art, die bloß durch den Calender bekannt ſind. Ich trug eine Art von militairiſcher Interimsuni⸗ form, wie das Leibregiment des Generals Washington ſie trug, eine Uniform, die ſich der preußiſchen ſehr naͤherte. Zum Ungluͤck — 88— aber gehoͤrte dieſer Hof, und der Fuͤrſt zu denen, die,— was frreilich auf Preußens Flor ober Fall keinen Einfluß haben konnte⸗ und was ſich hoͤchſtens bei Werber⸗Nechereien wirkſam zeigen konnte,— nicht ſehr freund⸗ ſchaftlich fuͤr Preußen geſinnt waren. Ich wußte dies, hielt es aber kaum der Muͤhe werth, es zu beruͤckſichtigen. Meine An⸗ kunft in dem kleinen Reſidenzſtaͤdtchen mußte ſchon Aufſehn machen; mehr noch that dies meine ſchoͤne Equipage; am meiſten aber der Umſtand, daß ich meinen wahren Namen an der Wache nannte und erklaͤrte, daß ich den Fuͤrſten ſprechen wolle. Ich wurde ge⸗ meldet, es wurde mir eine Stunde zu der Audienz beſtimmt. Freilich merkte ich gleich, daß der Frieden hier auch ſchon große Ver⸗ aͤnderungen bewirkt hatte; die Domeſtiken waren etwas uͤbermuͤthig; die Miniſter und Raͤthe warfen ſich in die Bruſt, und der Fuͤrſt ſelbſt nahm eine Wichtigkeit, eine Groͤße an, wie man ſie oft auf einem Thea⸗ ter ſieht, wenn ein Schauſpieler zum erſten⸗ Audienzſaal gleich, daß einer der Raͤthe den — 89— male in der Rolle eines Monarchen auftritt. Ich merkte bei meinem Eintreten in den Fuͤrſten etwas einexercirt hatte, wie er ſich gegen mich zu nehmen habe; denn der Fuͤrſt ſah immer auf dieſen, und ungeachtet der Miene, die er ſich gab, war eine gewiſſe Verlegenheit unverkennbar; war es beſonders da, als ich ganz unbefangen naͤher trat, und den Fuͤrſten ſo ruhig, als es hier erfor⸗ derlich war, anredete.—„Sie ſind gemel⸗ det als“— fragte der Fuͤrſt.—„Als ehe⸗ maliger Major und Bataillonschef in dem Heere der Staaten von Nordamerika!“ fiel ich ein.„Doch das iſt hier Nebenſache; die Hauptſache iſt, daß ich der Sohn des Ge⸗ neral Eichenhorſt und der Prinzeſſin Adelheit bin. Ich komme in der Abſicht, das zu bekommen, was meine ungluͤcklichen Eltern mir hinterließen. Ich kenne die Vermaͤcht⸗ niſſe, die meinetwegen errichtet ſind, und er⸗ warte Befehle, wann und wo ich dieſe Gel⸗ der heben ſoll.“— Auf dieſe Anrede mochte — 90— natuͤrlich Niemand gebacht haben, noch we⸗ niger mochte der Fuͤrſt auf eine paſſende Antwort eingeuͤbt ſeyn. Er ſah ſich verle⸗ gen nach dem ſoufflirenden Rath um, und dieſer nahm wirklich das Wort. Er war klug genug, die ganze Aufmerkſamkeit von der Hauptſache ablenken zu wollen; denn mit einer gewiſſen, ihm ziemlich gut ſtehen⸗ den Wichtigkeit ſagte er:„Ich wundere mich in der That uͤber Ihren Entſchluß, ſich hier in der Uniform der Rebellen zu zeigen. Wiſ⸗ ſen Sie nicht, daß die hohen Verwandten unſers durchlauchtigen Fuͤrſten ihre Truppen zur Unterjochung und Beſtrafung jener Re⸗ bellen nach Amerika geſandt haben?“—„Ja. Ich weiß nicht nur von dem ganzen Han⸗ del; ſondern ich habe dieſe Truppen als Kriegsgefangene nach Virginien gebracht. Vielleicht wuͤrden ſie ohne mich bei Sarato⸗ ga nicht gefangen ſeyn. Meiner Uniform habe ich Ehre gemacht.“— Der Miniſter wußte hierauf nichts zu antworten. Er ſchwieg einige Sekunden, in denen er den — 91— Fuͤrſten,— der Fuͤrſt ihn anſah.—„Sie geben ſich aus fuͤr“—„Fuͤr nichts gebe ich mich aus. Ich bin der Sohn des vor faſt vierzig Jahren hier enthaupteten Generals Eichenhorſt, und der Prinzeſſin Adelheit.“— „Mein Gott, das haben Sie ja ſchon ein⸗ mal geſagt! Seine Durchlauchten hoͤren dies gar nicht gern.“—„Glauben Sie et⸗ wa, daß ich gern davon ſpreche?“— „Und womit beweiſen Sie Ihr Vorgeben?“ —„Ich beweiſe kein Vorgeben; ich beweiſe Wahrheit.“— Mit dieſen Worten zog ich meine Brieftaſche vor, und wollte die Do⸗ cumente herausnehmen, als der Fuͤrſt mir ſagte:„Sie haben alſo ſchriftliche Beweiſe? deſto beſſer. Mein Miniſter ſoll ſie pruͤfen, und in einer nahen Audienz entſcheiden.“ Er machte bei dieſen Worten ein Zeichen, das ich ſehr gut verſtand. Ich empfahl mich, und verließ den Saal.— Daß ich etwas vetſtimmt in meinem Logis ankam, ob ich gleich das alles hatte ſo kommen geſehen, wie es in der That kam, laͤßt ſich erwarten. — 92— Verdruͤßlich ging ich in meinem Zimmer auf und nieder, als der alte Vater des Wirthes, ein rechtlicher Greis, ſich mir naͤherte, und um Verzeihung bat, wenn er mich in mei⸗ nen finſtern Betrachtungen ſtoͤre.—„Wo⸗ her wiſſen Sie, daß ich finſtere Betrach⸗ tungen habe?“—„Genug, daß ichs weiß. Ich habe vorhin mit Ihrem Bedienten ge⸗ ſprochen, und habe zu meiner Verwunderung gehoͤrt, daß Sie ein Eichenhorſt ſind.“— „Nun ja. Wundert man ſich denn hier zu Lande uͤber die Namen?“—„Und da wollte ich gerne wiſſen, ob Sie verwand:t mit einem General“—„Der hier in Dien⸗ ſten ſtand? der enthauptet wurde? das wollen Sie doch fragen?— Ich bin deſſen Sohn!“ — Dem alten Mann traten die Thraͤnen in die Augen. Er ergriff, ohne zu ſprechen, meine Hand,— ich fuͤhlte, da er ſie kuͤßte, die heißen Thraͤnen.—„Alter, Mann,— alter. Vater,— was iſt dir?“— Der Greis ſah ſich ſchuͤchtern um.„Ich kannte Ihren Vater; ich war damals Kammerdie⸗ 93— ner bei der ungluͤcklichen Prinzeſſin Abelheit/ Ich habe manchen Brief an Ihren Vatar gebracht. Die beiden Herzen waren fuͤr ein⸗ ander geſchaffen. Wer ſie trennte, mag es vor Gott verantworten!“— Ich darf es wohl nicht erſt ſagen, wie dieſe Bekanntſchaft, die ich hier machte, mein ganzes Herz ergriff; mir ſelbſt ſtuͤrzten die Thraͤnen aus den Augen; es war mir, als ſaͤhe ich in dem redlichen Greiſe— meinen Vater ſelbſt.—„Was wollen Sie denn hier eigentlich?“ fragte er nach einer Pauſe. Ich ſagte es ihm mit wenigen Wor⸗ ten. Der Alte ſchuͤttelte den Kopf.— „Sehen Sie dort jenen Wald?“ fragte er—„Ja. Warum?“—„So viel Blaͤt⸗ ter der Wald hat, ſo viel Schulden hat der Hof. Ach! es ließe ſich Tage lang davon ſprechen, wie man hier gewirthſchaftet hat!“— „Aber meiner ungluͤcklichen Mutter Vermaͤcht⸗ niß? Sie hat ja fuͤr mich ausgeſetzt, ihr 1 Oheim hat mir ja auch viel vermacht?“— „Ganz richtig. Aber der Fuͤrſt, die Vor⸗ muͤnder, die Miniſter haben das alles ſo zu drehen gewußt, daß fuͤr Sie ſo wenig blieb, als fuͤr die Dienerſchaft der Prinzeſſin, fuͤr die die Hochſelige ſo gut im Teſtamente ge⸗ ſorgt hatte. Wir ſprechen daruͤber heute mehr.“— Der Alte verließ mich unter der Bitte, von unſerm Geſpraͤche ja nichts zu erwaͤhnen.„Ich moͤchte doch nicht gern auf dem alten Bergſchloſſe mein Leben be⸗ ſchließen!“ ſagte er, da er von mir ging.— „Und noch eins!“ ſetzte er hinzu.„Halten Sie ſich ja nicht fuͤr zu ſicher. Wer weiß, was uͤber Sie ſchon ausgebruͤtet wird! Sie ſind im fuͤnften Jahre Ihres Lebens ſchon fuͤr verungluͤckt erklaͤlt. Huͤten Sie ſich, daß dieß kein Vorſpiet auf witkliches Verun⸗ glücken werde.“— a 5 1 “ War ich vorhin unruhig,— um wie viel mehr mußte ichs jetzt ſeyn. Wozu ich mich jetzt entſchließen ſollte, wer moͤchte in meiner Lage das im erſten Augenblick ge⸗ wußt haben. Ich ſtand allein,— gegen mir uͤber ein Hof voll Intriguen, voll von Cabalen, denen ich kaum auf die Spur kom⸗ men,— denen ich noch weniger wirkſame Gegenmittel entgegen ſtellen konnte. Ich ſchwankte. Soll ich fliehen? Soll ich muth⸗ voll bleiben? dies war die Frage, deren Be⸗ antwortung ich erſt von einer ruhigern Seele erwartete. Da fuͤhlte ich neue Entſchloſſen⸗ heit; da beſtimmte ich mich, alles zu thun, um nur mir wegen meiner Muthloſigkeit nichts vorzuwerfen zu haben. Ich fuͤhlte mich groß bei dem Gedanken, daß der Fuͤrſt und ſein Hof mich fuͤrchten mußten,— ich ſah mich uͤber ſie erhaben. In dieſem Ent⸗ ſchluſſe, den ich durch alle moͤgliche Bewe⸗ gungsgründe noch verſtaͤrkte, verging mir der Tag ziemlich ruhig. Der Greis kam gegen Abend zu mir; ich erfuhr noch vieles, was meinem Herzen wichtig war, aus der Ge⸗ ſchichte meiner Eltern. 96— Waͤhrend der Nacht war ich mit meinem Plane ganz aufs Reine gekommen. Mit Muth alles abwarten, und kluger Entſchloſ⸗ ſenheit alles durchſetzen,— keinen am gan⸗ zen Hofe fuͤrchten, und ſtandhaft auf mein Recht beſtehen; dies war das Reſultat mei⸗ ner Ueberlegungen, und ich muß ſagen, ich befand mich ganz ruhig dabei; als am Mor⸗ gen ein Unterofficier der Garde, vielleicht der Einzige,— zu mir kam. Er machte ſeine Honneurs ſo ziemlich ſchulgerecht. Es wun⸗ derte mich; aber noch mehr that dies ſeine Meldung.—„Ich komme,“— ſagte er,—„auf Befehl Seiner Durchlaucht. Hoͤchſt dieſelben laſſen Ihnen anbefehlen, ſich ruhig auf Ihrem Zimmer zu verhalten, und es nicht zu verlaſſen; es wuͤrde ſonſt auf jeden Fall ein Poſten mit geladenem Ge⸗ wehr an Ihrer Thuͤr ſtehen!“— Aufrichtig geſagt, mich verdroß im erſten Augenblick dieſe Behandlung; aber in der naͤchſten Se⸗ kunde war ſie mir laͤcherlich.—„Sie ſind?“ fragte ich den alten Schnurrbart.—„Ich ℳ bin der Corporal von der Garde.“—„Und — wer ſchickt Sie?“—„Mein Oberſt.“— „Nun gut, Herr Corporal, ſo ſagen Sie Ihrem Oberſt wieder, daß ich,— aber nicht in Ruͤckſicht des Fuͤrſtlichen Befehles, dem ich diene dem Freiſtaat von Nordamerika,— heute früh ſo zu Hauſe bleibe, weil ich Briefe zu ſchreiben habe. Mittag aber wuͤrde ich ausreiten, und wenn Ihr Oberſt, oder ſonſt jemand etwas dagegen haben ſollte, ſo er⸗ ſuchen Sie ihn in meinem Namen, bis in jenes Gehoͤlz mitzureiten.“— Der Corporal lachte.„Wenn ich das wieder beſtelle, ſo haben wir morgen eine Leiche bei Hofe! S etwas geht unſerm Militair durch Mark und Bein. Aber es iſt ganz recht. So etwas müͤſſen ſie zuweilen hoͤren. Sie, mein Herr Oberſtwachtmeiſter, haben gewiß bei den Preußen geſtanden? preußiſche Officiere pfle⸗ gen in der Regel ſo zu antworten, wenn man ſie bei ihrer Ehre kitzelt.“—„Ja.“— Mir gefiel der Alte. Ich ließ ihm eine III. 7 — 98— Flaſche Wein geben.—„Kennen Sie die Preußen, Herr Corporal!“—„Werde ja. Habe ja zwanzig Jahr im Regimente Tau⸗ engien in Breslau geſtanden. Koͤnnte noch dabei ſtehen, wenn der Teufel einer alten Baſe nicht den Gedanken eingegeben haͤtte, mir eine Staͤrkefabrik zu vermachen, und mich von meinem ſchoͤnen Regimente loszu⸗ kaufen.“—„Hm— haben's doch hier ge⸗ wiß bequemer? Koͤnnen hier den ganzen Tag auf der Bank im Weinhauſe ſitzen, und ſind gewiß der Klügſte im ganzen Militair des Fuͤrſten.“— Der Wein regte die Lebens⸗ geiſter des Alten auf; mit jedem Glaſe wurde er dreiſter und— geſiel mir mit jedem Augenblick mehr.—„Das kann nur des Herren Oberſtwachtmeiſter Scherz ſeyn. Unſer Militair,— wenn ichs ja ſo nennen ſoll,— beſteht aus fuͤnf Mann und einem Gefreiten; und von denen der Klugſte zu ſeyn? Wer mir das noch einmal ſagt, den verklage ich. Was ſind wir Soldaten denn hier? Jeder Schuhputzer am Hofe ſtoͤßt uns 99.— aus dem Wege; kein Buͤrger ſieht uns fuͤr voll an; auf keine Propreté wird gehalten; das bunte Faͤhnchen muͤſſen wir drei Jahr ſchleppen, und wenn die Zeit da iſt, daß wir neu eingehuͤlſet werden ſollen, ſo muͤſſen wir noch ein halb Jahr der Welt zum Spek⸗ takel herum gehen. Und was das Beſte noch iſt: oft haperts mit dem Tractamente, und wir muͤſſen hinter den paar Kreuzern hinlaufen, als bekaͤmen wir ſie aus einer Armenkaſſe. Nein,— Gott ehre mir die Preußen! Mochte der Dienſt mannichmal ſauer werden, wenn man die dritte, oft die zweite Nacht auf der Wache war,— man machte ſich den Henker draus. War der Sold auch knapp,— man wußte, er kam auf die Minute. Kurz, man hatte Ehre,— man wußte, wer man war, und ich haͤtte keinem rathen moͤgen, der mich uͤber die Achſel angeſehen haͤtte, wenn ich mein Eh⸗ renkleid, meines Koͤnigs Rock, mit den ro⸗ ſenfarbenen Aufſchlaͤgen an hatte; da ging man auf der Straße, als koͤnnte man Tau⸗ — 100— ſende im Finſtern finden. Gott in deinem allmaͤchtigen Himmel! wenn wir ſo Revuͤe hatten, und der alte Fritze ſtand da, und nahm ſeinen Hut ab, wenn die Fahnen vor die Fronte gebracht wurden, oder wenn man die Parole gab.— Ich darf gar nicht dran denken! Haben Sie Tauentziens Regiment geſehen?“—„Nein. Ich beſinne mich nicht.“—„Dann haben Sie nichts geſehen. Mit zehn Zoll ging die Leibcompagnie aus,— und bei der ſtand ich.— Ich wollte, meine Baaſe haͤtte,— ich will nicht fluchen, ich bin noch nuͤchtern. Sollten hier mal eine Wachtparade anſehen! Wer am Tode liegt, muß lachen!“—„Heute Mittag ſehe ich ſte an. Ich will ſo Ihren Oberſten wegen meines Stubenarreſtes ſprechen.“—„Ach thun Sie das ja! dann giebts wieder auf acht Tage was Neues. Iſt ſo lange nichts vorgefallen!“— Der Alte hatte ſeine Fla⸗ ſche gekeert,— er wollte gehen.—„Hoͤren Sie mal, Alter,“ ſagte ich.—„Ich merke, Sie halten viel auf Preußens Köͤnig.“— -— 101— „Ganz gewiß, bei mir rangirt er mit dem 4 Heilande.“—„uUnd haben wohl nicht ein⸗ mal ein Gemaͤlde von ihm?“— Leider nein!“— Ich druͤckte dem ehrlichen Mann vier Friedrichsd'or in die Hand.„Hiebei eeinnern Sie ſich des Einzigen Koͤnigs.“— Der alte Mann war wie verſteinert. Er ſchien ſich weigern zu wollen.—„Sie ver⸗ derben mir die Freude, einem alten Kriegs⸗ kameraden eine frohe Stunde zu machen. Behalten Sie ja.“ Mit Thraͤnen in den Augen ging der Mann fort. Ich blieb eini⸗ ge Minuten allein, als der Vater des Wir⸗ thes kam.—„Haben ein gut Werk ge⸗ than,“ ſagte er.„iſt ein altes redliches Herz, der Corporal!“—„Freuet mich um ſo mehr!“—„Was wollte er aber von Ih⸗ nen?“— Ich erzaͤhlte es dem alten Man⸗ ne. Er hoͤrte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu.—„Ha ha! das iſi Nummer Eins! Man will Ihnen zu Halſe. Man weiß micht, wie man das anfangen ſoll. Nun will man ſie in Harniſch jagen, damit Sie ſich — 102— in der Hitze vergehen ſollen, wie es Ihr Va⸗ ter that. Soll ich Ihnen rathen? Koͤnnen Sie wohl ſo weit Herr uͤber ſich feyn, dann ruhig zu bleiben, wenn Sie Schurken vor ſich ſehen?“——„Je nun,— ich hoffe es.“—„Gut, dann gehen Sie auf die Lumpenparade, und— doch ich will Ihnen nicht erſt ſagen, was zu thun iſt. Sie wer⸗ den’s ſchon ſo machen, daß man Ihnen kei⸗ nen Bnen annnoen— 1 145 Wirklich ging lich gegen Mittag nach der Parade. Der alte Corporal hatte Recht gehabt; es war nichts Elenderes denkbar, als das Herantreten, als der Anzug, als die Haltung diefes Militairs. Der Füͤrſt und der Oberſte waren ſelbſt gegenwaͤrtig. Beide ſchienen etwas verlegen; dies machte mich ſo muthig⸗ daß ich mit dem ruhigſten, wuͤrdig⸗ ſten Soldaten⸗ ⸗Anſtande um die Erlaubniß bat, die Parade anzuſehen. Es wurde be⸗ willigt.—„und dann noch eins,“ fuhr ich fort.„Wahrſcheinlich aus Mißverſtand, hat 1 -— 105— mir eine Ordonanz Arreſt angekuͤndigt; wie wenig ich dieſen Befehl aber zu reſpectiren habe, koͤnnen Sie daraus ſehen, daß ich hierher komme, um entweder naͤhere Erklaͤ⸗. rung uͤber dieſen Irrthum zu erhalten, oder, — wenn ja von meiner Seite deutlichere Auseinanderſetzung noͤthig iſt, ſie jedem zu geben, dem darnach verlangt.“— Ich ſah bei dieſen Worten zufaͤllig auf meinen De⸗ gen. Der Fuͤrſt ſchwieg. Der Oberſt nahm verlegen das Wort:„Moͤglich, daß hier eine Verwechſelung der Namen im Spiele iſt. Sie moͤchten vielleicht denken,“—— „Sie wiſſen Herr Camerad“ fiel ich ein, „baß wir Soldaten uͤber ſo etwas nicht viel denken; wir handeln!“— Der Fuͤrſt, der die Herzensangſt ſeines Oberſten ſah, war menſchenfreundlich genug, ein anderes Ge⸗ ſpraͤch anzufangen.—„Sie ſind auck wohl recht froh, daß das Kriegswetter, das uͤber unſerm Vaterlande ſich zuſammenzog, durch Gottes Allmacht zertheilt iſt?“—„Ich bin Soldat, Ew. Durchlauchten, und als Sol⸗ — 104— at kann ich Ihrer Anſicht nicht ganz bei⸗ pflichten.“—„Ich beſorgte ſchon einen all⸗ gemeinen Krieg, bei dem die Reichsarmee aufgeboten wurde, und dann mußten meine Staaten ihr Contingent auch geben.“— „Nicht mehr als billig. Wen das liebe hei⸗ lige römiſche Reich ſchützt, der muß auch das Seinige thun.“—„Freilich; indeß geht das ohne Unkoſten nicht ab. Im ſie⸗ benjaͤhrigen Kriege mußte mein Hochſeliger Vater vier Mann und einen Unterofficier nach der Reichsarmee ſchicken, die ſich unter dem Prinzen von Hildburghaufen im Lager zwiſchen Fuͤrth und Farrenbach aufſtellte. Ueberdem mußten wir eine Trommel, vier Feldkeſſel, mehrere Kammfutterale nebſt Naͤhnadel und Zwirn liefern. Und alles das ging verloren. Die Trommel warf der Tambour bei Roßbach weg; von der Mann⸗ ſchaft hat das Vaterland keinen wiedergeſe⸗ hen; ſo wie auch die ganze Ausſtattung nie wieder an das Tageslicht gekommen iſt. Wie danke ich meinem Gott, daß er das Kriegs⸗ —y—ꝑ — — 105— ungewitter ſo gnaͤdig von den Grenzen mei⸗ ner Staaten abwandte!“— Ich uͤbertreibe in der Erzaͤhlung nichts. Dem, der die Gelegenheit hatte, kleine Fuͤr⸗ ſten dieſer Art naͤher zu beobachten, wird dieſe Schilderung nicht weiter auffallen. Al⸗ lein man wird mir auch glauben, daß gera⸗ de dieſe Fuͤrſten dem Einzelnen am gefaͤhr⸗ lichſten ſind. Ich erfuhr es.— Die Pa⸗ rade war geendigt,— die Parole ſollte ge⸗ geben werden,— ich als Fremder trat zu⸗ ruͤck, denn wie leicht konnte ich auf den Ge⸗ danken kommen, die Parole zu irgend einer feindlichen Abſicht zu brauchen? Ich hatte zwei Bedienten, und mit denen ließ ſich hier ſchon ſo etwas unternehmen. Ich trat alſo mit Beſcheidenheit zurück, als der Fuͤrſt mir das große, unerhoͤrte Vorrecht uͤbertrug, die Parole zu geben.— Ich waͤhlte das Wort Eichenhorſt und beſtimmte fuͤr die etwanige Nonde,— falls es eine gaͤbe,— den Na⸗ men der alten Schloßruine, auf der mein — 106— Vater geblutet hatte. Der Fuͤrſt wurde wuͤ⸗ thend; der Oberſt und das ganze Officier⸗ corps nahm die Miene, als wuͤrden ſie auch wuͤthend,— ich blieb ganz ruhig, als die Corporale dieſe Namen aufſchrieben, als der Fuͤrſt und das Corps der Officiere die Huͤte abnahmen.—„Wie kommen Sie auf dieſe Namen?“ fragte der Furſt mit gluͤhendem Geſicht.——„Sie ſind mir die wer⸗ theſten, und uͤberdem wollte ich ſie alle uͤben, bei dieſen Namen den Hut zu ziehen.“— Ich ging nun nach meinem Logis; ich war außerſt zufrieden mit mir, weil ich ganz ruhig geblieben, und nicht im mindeſten die Form der Hofetiquette aus den Augen geſetzt hatte. Selbſt mein alter Wirth war zufrieden. „Sie haben's recht gemacht,“ ſagte er. „Entweder Ganz und Alles, oder nichts.“— Da trat ein Hofbediente ein, und ladete mich zur Tafel. Ich verſprach zu kom⸗ men.—„Nun nehmen Sie ſich zuſam⸗ men,“ ſagte mein Wirth.„Es iſt ein Rath mit am Tiſche,— der beſonders in dem — 107— Vermoͤgen Ihrer Eltern, wie in feindlicher Bagage gewirthſchaftet hat. Huͤten Sie ſich,— der Bube waͤre im Stande, Ihnen einen Schlaftrunk auf ewig einzuruͤhren.“— Ich dankte dem Alten; und ſo ging ich zur beſtimmten Zeit nach dem Schloſſe,— ich hatte das große Gluͤck, der Fuͤrſtin vorge⸗ ſtelt zu werden; ſie ſprach viel mit mir, und ich merkte bald, daß ſie zu den Beſſer⸗ denkenden gehoͤrte, wenn ich gleich zweifle, daß ſie die Kluͤgſte war. Sie ſprach mit einer ſeltenen Offenherzigkeit uͤber das Loos meiner Eltern; ich ſah ſogar, daß ſie eini⸗ ge Male die Augen trocknete; ich glaubte an ihr zu bemerken, daß ſie mich gern warnen moͤchte, wenn nicht vielleicht andere Nuͤckſich⸗ ten dies hinderten. Eine gewiſſe Aengſtlich⸗ keit verrieth dies. Wir gingen zur Tafel. Ich war der einzige Fremde; um ſo mehr war ich auf meiner Hut. Ich ſprach viel von dem Feldzuge in Amerika, und vermied alles, was meine fruͤhere Geſchichte, was beſonders meine Foderungen an dieſen Hof 1. A — 108 betraf. Daß ich mich beſonders in Hinſicht des Trinkens in Acht nahm; daß ich auf alles, was um mich her geſchah, ein wachſa⸗ mes Auge hatte,— daß ich immer ruhig und kalt in meinen Aeußerungen und Be⸗ hauptungen blieb,— darf ich wohl nicht erſt erwaͤhnen. Nach Tiſche wurde im Schloßgarten noch getrunken. Der Fuͤrſt und einige ſeiner Vertrauten gingen mit mir auf und nieder, als der erſtere uͤber mein Verhaͤltniß zu ſeiner Familie anfing. Frei⸗ lich kochte mein Blut, da er meines Vaters Liebe zu ſeiner Tante ein Majeſtaͤtsverbrechen, eine beiſpielloſe Verfuͤhrung nannte; da er geradezu erklaͤrte, daß jene Beſtrafung mei⸗ nes Baters ſchon um dieſer Liebe willen ge⸗ recht geweſen ſey, und daß der Verſuch auf des Fuͤrſten Leben durch eine oͤffentliche Hin⸗ richtung haͤtte geruͤgt werden muͤſſen. Ich zitterte vor Kampf mit mir ſelhſt; mochte der Fürſt auch vielleicht die Abſicht haben, mich aufs Aeußerſte zu bringen, ſo mochte er doch auch Bedenken tragen, der Erſte zu — 109— ſeyn, der ſich meinem aufwallenden Zorn entgegen ſtellen ſolle. Er ergriff meine Hand.„Ihnen kann deshalb kein Vorwurf gemacht werden,“ ſagte er.„Sie ſind un⸗ ſchuldig. Alle Vorwuͤrfe treffen Ihren Va⸗ ter, und meine Tante.“— Ich holte freier Athem.—„Das helfe dir Gott ſprechen!“ dachte ich.—„Aber hinſichtlich der Verlaſ⸗ ſenſchaft muß ich Ihnen erklaͤren, daß alles meinem Staate und dem Fiscus anheim gefallen iſt. Die Gruͤnde dieſer Confisca⸗ tion werden Ihnen von meinen Miniſtern in der heutigen Audienz deutlich gemacht werden.“— Dahin ging er; ich ſah es ihm an, wie froh er war, außerhalb meiner Schußlinie zu ſeyn; als ſich einige der Mi⸗ niſter und Raͤthe mir naͤherten. Hier haͤtte ich nur ſollen eben ſo ruhig, eben ſo gelaſ⸗ ſen bleiben; ich ließ mich aber von meiner Hitze hinreißen. Einer der Hetren ſetzte mit alles auseinander; er hatte noch die Unver⸗ ſchaͤmtheit, zu fragen:„Und was werden Sie nun thun?“ Schwerlich wuͤrde mich dieſe — 249— Frage ſo in Harniſch gejagt haben, waͤre ſie nicht,— und das war auch der Fall bei den uͤbrigen Gegenwaͤrtigen,— mit einer Miene gethan, in welcher die Bosheit, die Schadenfreude, und die Niedertraͤchtigkeit zu fehr hervorleuchtete; und haͤtte nicht alles auf mich geſehen.—„Ich werde thun, was eig redlicher Mann thut, wenn er ſich von Schurken betrogen ſieht!“ ſagte ich, und ſchlug an den Degen.„Fuͤr jetzt habe ich Ihnen weiter nichts uͤber meine Maaßregeln zu ſagen!“— Mit dieſen Worten wandte ich mich um. Niemand ſagte ein Wort; Niemend machte die geringſte Bewegung, da ich den Garten verließ; man goͤnnte mir ſo⸗: gar die Zeit, mich dem Fuͤrſten und ſeiner Gemahlin zu empfehlen. Ich kam zu Haus; mein erſtes war, dem alten Wirthe alles zu erzaͤhlen, und ich fuͤhlte, daß mir waͤhrend der Erzaͤhlung leichter ums Herz wurde,— „Nicht gut gemacht, mein Herr!“ ſagte der Alte.„Wenn auch Schurken drunter ſind, ſo wollen ſie doch nicht hoͤren, daß man ſie — 111— dafür haͤlt. Mein Rath iſt, Sie laſſen an⸗ ſchirren, und fahren die paar Buͤchſenſchuß bis uͤber die Grenze.“—„Ich? heimlich weggehen? den Leuten einen Triumph dieſer Art bereiten?“—„Folgen Sie meinem Rathe. Ich meine es gut!“—„Nein! ich bleibe.“— Mein alter Wirth ſchwieg; ich legte mich entſchloſſen auf mein Bette. Mit⸗ ten in der Nacht wurde ich geweckt,— die ganze Armee des Fuͤrſten ſtand in meiner Kammer,— ein Rath, der unter dem Schutz des Militairs ſicher war, kuͤndigte mir Arreſt an,— die Soldaten knisperten mit den Gewehrſchloͤſſern,— ich mußte mich ankleiden,— mußte meinen Degen abge⸗ ben,— mußte einen Wagen beſteigen, auf dem das Contingent der Reichsarmee gleich⸗ falls Platz nahm, und ſo fuhr ich zum Thore hinaus Es war des Morgens, als ich vor jenem Bergſchloß hielt, deſſen Namen ich geſtern zum Feldgeſchrei waͤhlte; vor jenem Aufenthalte, auf dem mein Vater bluten mußte.— — 112— So war ich noch nie gedemuͤthigt;, ſo ungluͤcklich hatte ich mich noch nie gefuhlt. Man brachte mich in eine Art von Caſe⸗ matte, die zu einem Zimmer mit allen Be⸗ quemlichkeiten eingerichtet war. Vor den Fenſtern waren ſtarke eiſerne Stangen; un⸗ ter ihnen ein tiefer ſchlammigter Graben, deſſen gegenuͤberliegende Boͤſchung ich ſehen konnte. Gedankenvoll; uͤber das, was ich gethan, ſo wenig bereuend, als eigentlich die Zukunft fuͤrchtend, ob ich gleich wußte, daß kleine Despoten die gefaͤhrlichſten ſind,— ging ich im Zimmer auf und nieder; als mir meines Vaters Name in die Augen fiel. Ich erſchrak,— ich wußte nun, daß mein ungluͤcklicher Vater, vor vierzig und mehr Jahren, hier gefangen geſeſſen hatte.— Jetzt waren mir dieſe Waͤnde ein Heilig⸗ thum; ich durchſuchte jedes Plaͤtzceen, als ſuche ein Geitzhals nach einem Schatze, mei⸗ ne Muͤhe wurde hinlaͤnglich belohnt; ich fand eine Menge einzelner, von ſeiner Hand auf⸗ geſchriebener Saͤbe, die uͤber ſeine Liebe zu — 113— Adelheit, wie uͤber ſeinen und ſeiner Gelieb⸗ ten edlen Character, hinlaͤngliches Licht ver⸗ breiteten. Die Thraͤnen ſtuͤrzten aus meinen Augen; oft mußte ich mich ſammeln; oft mich erholen, wenn meine Empfindungen zu ſtark wurden; wenn ich es mir lebhaft dach⸗ te:—„Auf dieſer Stelle ſtand dein Vater; hier ruhete ſeine Hand!“— Aber wie koͤnn⸗ te ich ausdruͤcken, was ich fuͤhlte, als ich las:„Heute den fuͤnften Julius iſt mir der Tod angekuͤndigt. Morgen wird das Urtheil vollzogen. Gott ſtaͤrke mich in dieſer Stun⸗ de, erbarme ſich meiner Adelheit, und ihres Kindes, und vergebe meinen Feinden. Eichen⸗ horſt.“ 2 3 Mahle ſich jeder mein Herz, was es in dieſem Augenblick tragen mußte! Haͤtte mein armer Vater einen Blick in die Zukunft thun koͤnnen! haͤtte er geahnet, daß ſein Sohn, den er, im Angeſichte des Todes, der Barmherzigkeit Gottes empfahl, nach vierzig Jahren als Gefangener, hier des Vaters III. 8 — 114— Worte leſen wuͤrde! doch— ich ſchweige hiervon; ſchweige von dieſer furchtbaren Stun⸗ de. Fuͤhle ich doch jetzt noch alle Schrecken derſelben; iſts doch, als ſey mir jetzt nur noch dieſe einzige quaͤlende Empfindung uͤbrig geblieben. Ich blickte wie betruͤbt auf den Fußboden nieder, da bemerkte ich auf dem Gypſe einen dunkeln Fleck; er ſchien von Blute herzuruͤhren; es war, als riefe mir ein hoͤheres Weſen zu:„Hier ſtarb dein Vater!“ Ich war außer mir. War es durchdachter, uͤberlegter Plan meiner Feinde, mir dieſen furchtbaren Ort zum Gefaͤngniß anzuweiſen? Sollte auch ich hier enden, und wollte man mir die Vorge⸗ fuͤhle des Todes in allen ſeinen Schrecken erſt fuͤhlen laſſen? Wollte man durch das furchtbaer Zauberbild mir den Tod um ſo fuͤrchterlichre machen? Oder war es ein bloßer Zufall, daß man mich hierher brachte? War es ein Ohngefaͤhr, daß ich hier alles aus jener ſchrecklichen Zeit unveraͤndert fand?— Wer moͤchte mir daruͤber Auskunft geben?— Das Raſſeln an der verſchloſſenen Thuͤre brachte mich zu mir ſelbſt. Ich war ange⸗ griffen, ich war erſchoͤpft; aber das ſollten meine Feinde nicht wiſſen. Ich wollte nicht muthlos ſcheinen, und meine Verfolger haͤt⸗ ten meine Stimmung leicht fuͤr Muthloſig⸗ keit, fuͤr Furcht ausgeben koͤnnen. Den Tri⸗ umph durfte und konnte ich ihnen nicht be⸗ reiten. Ich zwang mich, ruhiger und ent⸗ ſchloſſener zu ſcheinen. Es gelang. Die Thuͤr oͤffnete ſich. Ich bemerkte zwei Schild⸗ wachen am Ende des langen Ganges. Eini⸗ ge Bediente traten mit Erfriſchungen aller Art ein; ſie fragten, ob ich vielleicht ſonſt noch etwas zu befehlen haͤtte? Ich foderte Taback. Sie verſprachen dafuͤr zu ſorgen, und kuͤndigten mir zugleich an, daß heute Nachmittag meine Verhoͤre angehen wuͤr⸗ den.—„Ich wuͤnſche dies ſelbſt!“ ſagte ich, als die Boten mit einer gewiſſen Ach⸗ - 1416— tkung ſich entfernten.— Mochte dieſe Be⸗ handlung gleich eine wahre Kleinigkeit ſeyn, ſo trug ſie doch zu meiner Beruhigung bei. Ich aß, ich trank, und da man mir meine Brieftaſche gelaſſen hatte, ſo machte ich mir die traurige Beſchaͤftigung, das alles aufzu⸗ ſchreiben, was mein Vater jenen Waͤnden anvertrauet hatte. Mittags brachte man mir ein ſchoͤnes Eſſen; man brachte mir meine Pfeifen und Taback, und der Transport war von einem Militair begleitet. Mer moͤchte meine Freu⸗ de beſchreiben, da ich den alten Corporal von geſten ſah! Ich bemerkte, daß er ein Papier hinter mein Bett warf. Daß ich, ſobald ſich die Diener entfernt hatten, alles vergaß, um nur erſt jenes Papier zu leſen, darf ich nicht erſe erwaͤhnen. Der redliche Menſch bot mir die vier Friedrichsd'or wie⸗ der an. Ich moͤchte ſie vielleicht noͤthig ha⸗ ben, ineinte er. Er ſchrieb mir, daß man alles thun werde, mich ſtrafbar zu finden; — 117— daß ich lieber in meinen Verhoͤren weniger als viel ſprechen moͤchte, und daß ich, wenn ich etwa wegen meiner Sachen und wegen Briefe oder Gelder, an meinen Bedienten zu beſtellen haͤtte, ich es ihm nur ſchriftlich uͤbertragen moͤchte. Morgen um Mittag käme er wieder,— dann ſollte ich ihm heimlich geben, was ich geſchrieben habe. Zuletzt ſchrieb er noch, daß der Oberſte ge⸗ äußert habe, es wuͤrde am beſten ſeyn, wenn man mich keines Vergehens gegen die Per⸗ ſon des Fuͤrſten uͤberbringen koͤnne, mich nach Caſſel, oder nach Hannover zu liefern, von wo aus ich als Gefangener nach Eng⸗ land gebracht werden koͤnne.— Auf dieſen Ausweg hatte ich nicht gerechnet; er war der bedenklichſte unter allen; ich hatte ihn am meiſten zu fuͤrchten, und konnte dem Eigennutze, und der Hinterliſt dieſes Hofes einen ſolchen Seelenverkaͤuferſtreich allerdings zutrauen. Nachmittags erſchien eine Ordonanz. — 118— Sie erklaͤrte mir mit wenigen Wotten, daß man heute noch die Unterſuchung meines Vergehens, und meiner Foderungen anfan⸗ gen werde; und daß ich mich dazu anſchicken moͤchte.—„Ganz gut!“ war meine Ant⸗ wort.„Aber ſage er doch den Herren, die dies Geſchaͤft haben, daß ich hier nicht weg⸗ ginge, und daß ſie ja nicht darauf rechnen ſollten, mich zum Schauſpiel der Stadt, als Arreſtant durch die Straßen gehen zu ſehen. Hier zu mir muͤſſen die Herren kommen. Ich ſetze nicht einen Fuß vor die Thuͤr.“— Mit dieſen Worten wandte ich mich um, ohne mich um den Boten weiter zu bekuͤm⸗ mern.— Zu meiner groͤßeſten Verwunde⸗ rung kamen die elenden Menſchen wirklich; die Thuͤr wurde geoͤffnet, zwei Soldaten tra⸗ ten in das Zimmer; ihnen folgten zwei an⸗ dere, die einen großen Tiſch hineintrugen, und ſich dann, wie die erſten, an der Thüͤr poſtirten; dann kamen einige Raͤthe und der Oberſte. Die letztern nahmen Platz an dem Tiſche; ich ſtellte mich, als bemerke ich ſie — 119— kaum. Erfahrung hatte mich ſchon zu oft belehrt, daß man gegen Menſchen dieſer Art, nie ſich groß und wichtig genug nehmen kann.— Ich glaube faſt, daß ich dies zu weit trieb; indeß— ich kannte meine Leute. Ich ging entſchloſſen im Zimmer auf und ab. Der Oberſt fing an:„Weswegen wir gekommen ſind, werden Sie wiſſen.“— „Nicht ein Wort!“ unterbrach ich ihn. Eine Ordonanz hat mir von Unterſuchung geſagt. Ich weiß nichts, was bei mir zu unterſuchen waͤre. Ich verlange, was ich mit Recht verlangen kann, das Vermoͤgen meiner El⸗ tern, und muß die Zuruͤckbehaltung deſſel⸗ ben fuͤr einen Raub, fuͤr einen Betrug, fuͤr einen Diebſtahl erklaͤren. Sagen Sie Ihrem Fuͤrſten, daß er mir Rechnung ablegt, und mir giebt, was mir gehoͤrt. Weiter habe ich mit ihm nichts zu thun.“—„Davon in der Folge. Sie haben ſich des Verbre⸗ chens, beleidigter Majeſtaͤt ſchuldig gemacht.“ „Hert! ſind Sie verruᷣckt? Ihr Fuͤrſt geht mich weiter nicht an, als daß er mein Vet⸗ — 120— ter iſt, der mir das Meinige nicht geben will, oder deſſen Raͤthe es nicht zugeben wollen, und da habe ich das Kind bei ſeinem rechten Namen genannt.“—„Seine Durch⸗ lauchten und dero hohes Miniſterium neh⸗ men das aber anders. Hoͤchſtdieſelben neh⸗ men Ihr Betragen von der ſtrafbaren Sei⸗ te.“—„Das ſteht Ihrem Fuͤrſten frei.“— „Ueberhaupt werden Hoͤchſtdieſelben die ganze Sache einem fremden unpartheyiſchen Richter uͤbertragen, und da Sie uͤberdem durch Tra⸗ gung der Amerikaner Uniform zu verſtehen geben, daß Sie bei dieſen Rebellen noch im Dienſte ſind, da uͤberdem einige hohe Ver⸗ wandte ihre Heere zur Unterjochung der Pro⸗ vinzialen nach Amerika geſandt haben, ſo ſind Ihre Durchlauchten Willens, Sie nach England zu ſchicken.“—„Ich habe in Eng⸗ land nichts zu ſuchen.“—„Danach wird Niemand fragen. Haben Sie von dem traurigen Schickſal des Majors André ge⸗ hoͤrt?“—„Meinen Sie den engliſchen Ma⸗ jor, den der General Washington aufhaͤngen — 121— ließen—„Eben den.“——„Und was geht mich der an? Wie koͤnnen Sie ſich unterſtehen, einen Verraͤther, einen ertapp⸗ ten Spion, mit mir vergleichen zu wollen?“ — Der Oberſte ſchwieg. Einer der Raͤthe nahm das Wort.„Es iſt nur darum ge⸗ ſagt, ob man nicht von Seiten des Parla⸗ ments dem aufgebrachten Poͤbel die Genug⸗ thuung gaͤbe, einen Amerikaner Officier auf dem Wege nach Tyborn zu ſehen.“—„Ich bedaure Sie, wegen Ihrer Anſichten,“ ſagte ich, und trat ganz gelaſſen an meinen Ta⸗ backskaſten, um die Pfeife zu ſtopfen. Ich bemerkte mit innigem Behagen die Verlegen⸗ heit meiner Gaͤſte. Sie ſtanden auf.„Ich wuͤnſche, daß Ihr Benehmen keine uͤbeln Nachwehen verurſacht,“ ſagte der Oberſt.— „Ich danke fuͤr Ihren Wunſch; indeß ich habe eine treffliche Conſtitution, und bei der kann ich einer gluͤcklichen Entbindung entge⸗ gen ſehen.“— Sie gingen. Der Tiſch wurde hinausgetragen, und die vier Mann Ehrenwache verließen das Zimmer. Ich war — 122— allein. Wollte ich ſagen, daß ich ganz ruhig geweſen waͤre, ſo wuͤrde ich taͤuſchen; die Drohung, mich nach England zu liefern, konnte als das beſte Mittel, mich aus dem Lande zu entfernen, wirklich ausgefuͤhrt wer⸗ den, und ich hatte Gruͤnde, den Raͤthen des ſchwachen Fuͤrſten ſo etwas zuzutrauen. Ge⸗ dankenvoll ging ich im Zimmer auf und nie⸗ der, als mir des Corporals Billet einfiel. Ich las es noch einmal durch, und ſetzte mich nun gleich hin, meinem Bedienten zu ſchreiben, daß er mit allen meinen Sachen nach Frankfurt fliehen moͤgte. Geſchah dies auch nicht, ſo war der Schaden ſo groß nicht. Ich trug meine Juwelen in Knoͤpfe vernaͤhet an meiner Kleidung; meine Briefe, Documente und Wechſel ſteckten in der Brieftaſche, die man mir gelaſſen hatte. Un⸗ ruhig brachte ich die Nacht zu,— die Zu⸗ kunft wurde mir noch druͤckender, als es die Gegenwart war.— Da kam am folgenden Morgen zur Be⸗ — 123— gleitung des Dieners jener alte Corporal. Mit angenommener, aufmerkſamer Miene durchſuchte er, ohne zu ſprechen, das Fenſter und beſonders mein Bette. Mir entging es nicht, daß er, waͤhrend der Diener den Tiſch ſervirte, ein Paͤckchen hineinſchob; und dann, ohne ſich weiter um mich zu bekuͤmmern, mit dem Diener wegging. Mein Billet an meinen Bedienten hatte ich unvermerkt in des Alten Hand geſpielt; für die gewiſſenhafte Beſorgung gebrauchte ich keinen Buͤrgen. Jetzt holte ich das Pak⸗ ket hervor— ein Brief war daran befeſtigt. Ich riß ihn los.—„Ihr Loos iſt entſchie⸗ den,“ hieß es.„Sie werden wahrſcheinlich nach England geliefert werden. Der Fuͤrſt iſt ge⸗ ſtern nach*** gereiſet; dort haͤlt ſich der engliſche General Faucit auf, um mit dem Fuͤrſten von †** eine neue Lieferung von Soldaten abzumachen. Ohne Zweifel wird dieſer General groß damit thun, Sie ge⸗ fangen nach London zu bringen. Nichts iſt — 124— zu Ihrer Rettung uͤbrig, als Flucht und die muͤſſen Sie dieſe Nacht unternehmen. In beikommendem Flaͤſchchen iſt Scheidewaſſer; die alten verroſteten Fenſterſtaugen werden ſeiner Kraft nicht lange wiederſtehn. Die Rolle Bindfaden laſſen Sie nach eilf Uhr heraushangen; merken Sie, daß daran gezo⸗ gen wird, denn ziehen Sie ſie herauf. Mit Huͤlfe der Strickleiter, die dann in ihren Haͤnden iſt, ſteigen Sie herunter. Ein Fuͤh⸗ rer durch die alten Graben iſt da. Friſch gewagt iſt halb gewonnen. Morgen Abend kommt der Fuͤrſt wieder. Ich glaube, er bringt den engliſchen Soldatenlieferanten mit; denn unſere Leute ſollen geputzter, als gewoͤhn⸗ lich zur Parade kommen.— Zitternd vor Unruhe beſah ich das Pak⸗ ket; ich fand alles. Mit einem Stuͤck Holz, an welches ich einige aufgeloͤſete Enden Bind⸗ faden band, beſtrich ich die beiden mittelſten Fenſterſtangen; ich bemerkte die guͤnſtigſte Wirkung, die Stangen gingen los. Jetzt — 125— verriegelte ich meine Thuͤr— mit Sehnſucht, daß es Nacht werden moͤchte, ſtand ich da und ſah in den Abend hinaus, gegen die ale ten Feſtungsgraͤben. Jetzt wurde es finſterer, als ich erwarten konnte; es fing in der Ferne an zu donnern und ſchwarz und dick thuͤrm⸗ ten ſich die Gewitterwolken am Himmel. Mag es kommen wie es will! dachte ich und ließ die Rolle hinab, deren anderes Ende ich an meinen Arm band. Ich war angekleidet — meine Brieftaſche hatte ich in meiner Taſche feſtgebunden. Das Gewitter kam naͤ⸗ her— es ſchlug in einer nicht ſehr entfern⸗ ten Dorfuhr eilf; als ich einen Ruck an meinen Arm bemerkte; da brach ich die Stangen los— zog die Leiter nach mir, band ſie an einer der uͤbrigen Stangen feſt und begann die etwas gefaͤhrliche Fahrt. Es war ſtockfinſter um mich her— ich ſah Nie⸗ mand, aber ich bemerkte, daß die Leiter ſtraff angezogen wurde. Mit einem Male wurde es ſo hell um mich her, als ſey es Mittag; äber meinem Haupte ertoͤnte ein Donner⸗ — 126— ſchlag, ſo furchtbar gellend, daß er alles uͤber: traf, was ich je von dieſer Art gehoͤrt hatte. Betaͤubt von dem fuͤrchterlichen Schlage, ge⸗ blendet von dem Blitze, durchnaͤßt von dem Regen, der in Stroͤmen nach dieſem Schlage ſich ergoß— konnte ich mich kaum auf der Leiter halten; ohne zu wiſſen, was ich that, ſtieg ich die uͤbrigen Stufen noch hinab— als ein neben meinem Gefaͤngniſſe ſtehendes Gebaͤude lichterloh zu brennen anfing. Er⸗ ſchrocken erreichte ich die letzte Stufe. Ein Mann reichte mir die Hand.„Nur ge⸗ ſchwind!“ ſagte eine unbekannte Stimme.— Ich wollte ihm folgen— da bemerkte ich Licht in meinem Gefaͤngniß— durch die Luͤcke der Stangen rief Jemand! Der Aere⸗ ſtant iſt entflohen!“ und ſchoß ſein Gewehn an der Strickleiter herunter ab. Das Ge. baͤude brannte indeß heller trotz des Regens; die Sturmglocke des nahen Dorfes erroͤnte, ich bemerkte ſchon Geraͤuſch. Meine Angſt ſtieg.—„Verlieren Sie nur den Muth nicht,“ ſagte mein Fuͤhrer,„Wo wir gehen — 427— 4 ſucht uns der Teufel nicht!“—„Er reichte mir die Hand. Wir gingen an dem alten Walle in dem ſchlammigten Graben fort— mein Fuͤhrer mußte gut Beſcheid wiſſen— ein ſchmaler Ausgang, den wir bei dem Leuchten des Blitzes vor uns ſahen, fuͤhrte uns auf das Feld und bald waren wir auf einer mit Baͤumen bepflanzten Heerſtraße. —„Wohin gehts nun?“ fragte ich.— „Immer nach***“ Er nannte des Fuͤr⸗ ſten Reſidenz.„Aber, mein Freund, gerade da kommen wir ja meinen Feinden in die Haͤnde?“—„Da am wenigſten. Auf die⸗ ſem Wege ſucht uns Niemand. Wer hinter uns her iſt, der nimmt die Straße nach der Grenze. Mit dem Melden, Ihrer Entwei⸗ chung wird es uͤberhaupt ſo geſchwind nicht gehen; man wird vorher alles thun, um Sie wieder zu erwiſchen.“— Das Gewitter hatte ſich jetzt um ein Großes zertheilt; nur ferne Blitze, ferne Donner, waren noch bemerkbar. Wirklich gingen wir, die Flamme jenes Ge⸗ baͤudes im Ruͤcken habend und einer Menge — nicht zu den unbemittelten des Laͤndchens ge⸗ — 128— Wagen, Spruͤtzen und Menſchen begegnend, getroſt neben der Reſidenz fort. Hier war die Grenze am naͤchſten; bei Aufgang der Sonne hatte ich ſie erreicht; ich haͤtte den Grenzpfahl kuͤſſen koͤnnen, ſo vergnuͤgt war ich. Ein ſchoͤnes Kloſter lag einige Buͤchſen⸗ ſchuß weiter vor mir.—„Nun koͤnnen Sie nicht mehr irren. Jenes iſt die Straße nach*** und wenn Sie dort auch ſagen, wer Sie ſind, das ſchadet nicht. Beide Fuͤr⸗ ſten goͤnnen ſich die Luft nicht, die ſie ein⸗ athmen,“ ſagte mein Fuͤhrer.— Ich bot ihm Geld. Mit Muͤhe konnte ich ihm eine Klei⸗ nigkeit aufbringen. Ich fragte, wer er ſey? —„Das kann Ihnen einerlei ſeyn. Schrei⸗ ben Sie nur unter dies Papier Ihren Na⸗ men mit Bleifeder. Ich muß Beſcheinigung bringen.“—„An wen?“—„Auch das iſt Ihnen einerlei. Am beſten, Sie wiſſen wei⸗ ter nichts, als, daß Sie frei ſind.“— Da⸗ hin ging der redliche Menſch, der— mochte er auch noch ſo elend gekleidet ſeyn— gewiß — 4129—. hoͤrte. Seine Aeußerungen und mancher Ein fall waͤhrend ſeiner Geſpraͤche ueeriethen einen hoͤhern Stand. Ich wagte es, nach jenem Kloſter zu ge⸗ hen; es lag aͤußerſt angenehm auf einer wal⸗ digten Anhoͤhe. Zwei Geiſtliche, deren einer, ein alter Greis, ein Kreuz vor der Bruſt trug, gingen in Geſpraͤchen vertieft in einer Allee auf und nieder; jetzt bemerkten ſie mich und blieben ſtehen, da ich ihnen naͤher kam. Sie betrachteten mich erſt aufmerkſam; meine Uniform, die ich trug, war vom Regen durch⸗ naͤßt; bis uͤber die Kniee war ich von Kothe beſchmutzt und ſelbſt mein durch den naͤchtli⸗ chen Weg und durch Erſchoͤpfung entſtelltes Geſicht mußte ihnen auffallen. Ich redete ſie an. Ihre erſte Frage war nach der Feu⸗ ersbrunſt, die man von dieſer Anhoͤhe in der Nacht bemerkt hatte. Ich nannte jenes alte Bergſchloß, auf dem ein Nebengebaͤude einge⸗ aͤſchert war.—„Kommen Sie aus der Ge⸗ gend?“—„Nicht nur aus der Gegend, ſon⸗ III. 5 9— — 130— dern von dem Bergſchloſſe ſelbſt. Ich war dort gefangen. Redliche Herzen, die ich wei⸗ ter nicht kenne, hatten Gefuͤhl fuͤr die Leiden eines Unſchuldigen, ſie befreieten mich, und ich weiß nicht einmal, wem ich Dank ſchul⸗ dig bin.“— Ich ſagte dieſe Worte mit einer anſtaͤndigen Beſcheidenheit, die das Mittel zwiſchen Frechheit und Kriechen haͤlt.—„Und Sie ſind?“ fragte der Abt, denn dieſe Wuͤrde bekleidete der Greis.—„Mein Name iſt Eichenhorſt, ich ſtand als Oberſt in Dien⸗ ſten des Freiſtaats von Nord⸗Amerika, wie Sie aus der Uniform und mehr noch aus dieſen Papieren ſehen.“— Ich oͤffnete die Brieftaſche— ich wollte ihm eine von Washingtons Hand unterſchriebene Legitima⸗ tion zeigen, als der Umſchlag aufging und zwei der von dem Pater General der Jeſui⸗ ten mir gegebene Wechſel auf den Raſen hin⸗ ſielen.—„Vielleicht legitimiren mich auch dieſe Hieroglyphen,“ ſagte ich und reichte ihm die beiden Vielecke von Papier.—„Und dieſe haben Sie?“—„Von dem Pater Ge⸗ — 131— neral der Jeſuiten zu Aſſumtion in Suͤd⸗ Amerika, einem der trefflichſten Maͤnner, die ich in meinem bunten Leben kennen lernte.“ — Der Abt ſah mich mit Achtung an; ſie vermehrte ſich, da ich ihm noch einige andere Papiere zeigte.—„Sie nennen ſich Eichen⸗ horſt? Sollten Sie etwa—?“— Er ſtockte mit der Frage. Ich nahm das Wort. „Wenn Sie fragen wollen, ob ich etwa ver⸗ wandt mit dem ungluͤcklichen General Eichen⸗ horſt bin, ſo muß ich die Frage bejahen. Ich bin der Sohn dieſes ungluͤcklichen, bra⸗ ven Mannes und der Prinzeſſin Adelheit, Eben dieſe Verwandtſchaft brachte mich in mein Vaterland zuruͤck. Ich habe gerechte Anſpruͤche auf eine große Verlaſſenſchaft. Gebrauche ich dieſe auch nicht fuͤr mich, ſo habe ich Verwandte von meines Vaters Seite, die ihrer vielleicht beduͤrfen. Aber ſtatt mir zu geben, was ich von Gott und Rechtswe⸗ gen fodern kann, ließ der Fuͤrſt mich, als Verbrecher auf jenes Neſt bringen.“—„Sie muͤſſen Niemand um Rath gefragt haben; 132— das haͤtte Ihnen jeder vorher ſagen koͤnnen. Aber ich begreife nicht, wie der Fuͤrſt oder ſeinen Raͤthe Ihnen Ihr Erbtheil zuruͤckhal⸗⸗ ten konnte? So viel ich weiß, iſt Ihr Va⸗ ter wirklich mit der Prinzeſſin durch die Kir⸗ che copulirt. Irre ich nicht, ſo geſchah dies zu****⁴ wo der Oheim Ihrer Mutter ap⸗ panegirt lebte.“— Ein freudiges Erſchrecken durchlief mich. War dies der Fall, dann konnte ich ganz anders auftreten; dann mußte der Kaiſer und das ganze Reich ſich meiner annehmen; dann haͤtte ich Genugthuung von dem Fuͤrſten verlangt, und haͤtte ich ſie mit der Klinge in der Fauſt, mitten in ſeiner Fuͤrſtenburg fodern ſollen.— Jetzt beſchloß ich, nach Frankfurt zu reiſen; ich hoffte mei⸗ nen Bedienten und meine Sachen dort zu finden. Ich empfahl mich dem Abte.— „Wohin wollen Sie?“ fragte er verwundert. — Ich ſagte es.—„Auf keinen Fall. Sie bleiben hier in der Abtei. Ich ſetzte dies voraus, darum bat ich Sie gar nicht. Nun kommen Sie, Sie beduͤrfen Pflege und Ruhe.“ —-— 133— Er nahm meine Hand; ich mußte ihm in je⸗ nes furſtlich praͤchtige Gebaͤude folgen. Mir wurde ein ſchoͤnes Zimmer angewieſen; ein Bedienter holte meine ſchmutzig und naß ge⸗ wordene Kleidung, ich warf mich auf ein ſchoͤnes Bett nieder, und bedurfte wirklich Niemandes, der mich in Schlaf ſang. We⸗ nige Sekunden waren noͤthig und nichts, als hoffnungsreiche Traͤume beſchaͤftigten mich. Meine Ermuͤdung war zu ſtark, als daß ich nicht gleich haͤtte einſchlafen ſollen.— Bei meinem Erwachen ſchlug die Mit⸗ tagsglocke. Der Bediente, ein junger, aͤußerſt einnehmender Mann, ſtand am Fenſter. Jetzt trat er beſcheiden naͤher.„Sie haben ſchoͤn geſchlafen,“ ſagte er.„Ich habe auf ſeiner Hochwuͤrden Befehl Sie zu fragen, ob Sie etwas an Waͤſche beduͤrften? Ihre Kleidungs⸗ ſtuͤcke ſind ſchon hier.“— Eine Artigkeit, de⸗ ren ganzen Werth ich fuͤhlte und von der ich Gebrauch machte. Rein und anſtaͤndig ge⸗ kleidet ging ich zu Tiſche; die Geſellſchaft war — 134— ſtark; die Gerichte ſchoͤn, die Unterhaltung lehhaft. Wahrſcheinlich hatte entweder der Abt oder jener juͤngere Geiſtliche ſchon von mir geſprochen, eine gewiſſe Aufmerkſamkeit bewies es. Ich ſaß neben dem Abte. Laͤ⸗ chelnd fragte dieſer einen eben eintretenden Greis:„Wiſſen Sie nicht, wie die Geſchichte mit dem General Eichenhorſt und der Prin⸗ zeſſin Adelheit vor vierzig Jahren ablief? Es ging ja alles in ihrem Vaterlande vor?“— „Je nun, wie gings ab, der arme General mußte den Kopf hergeben, und ob die arme Peinzeſſin nicht gar an Gifte ſtarb, ſteht bei Gott.“—„Waren denn Beide verheirathet?“ „Ja. Sie wurden heimlich in einem Kloſter an der pfaͤlziſchen Grenze getrauet.“—„Sie hinterließen einen Sohn?“—„Ja. Die Mutter ſtarb kurz nach ſeiner Geburt.“— „Und der Sohn blieb?“—„Das weiß ich nicht. Gerade um die Zeit that ich Profeß. Ich verließ mein Vaterland. Aber wie kom⸗ men Sie auf dieſe Fragen, die Sie mir in lieber langer Zeit nicht thaten?“—„Weil — 135— jener Sohn des ungluͤcklichen Generals“— er zeigte auf mich—„heute unſer Gaſt iſt. Ich ſtand auf. Der Greis ſah mich theil⸗ nehmend und ſcharf an.—„Ja, ja! Ihr Geſicht erinnert mich ganz an Ihren Vater,“ ſagte er.„Ich war auf der Schule, als er aus**†* ſchen Dienſten zu uns kam. Ich ſah ihn taͤglich, denn er wohnte meinen El⸗ tern gegenuͤber. Ueber ſeinen Tod floß manche heiße Thraͤne, denn jeder ſchaͤtzte den herrlichen Mann.“— Ich freuete mich des Lobes, das dieſer Greis, aus deſſen Geſicht die hoͤchſte Redlichkeit ſprach, meinem Vater beilegte; mehr noch entzuͤckte mich die Nachricht, daß meine Eltern wirklich verheirathet waren. Daß meine Geſchichte den ganzen Tag uͤber der Gegenſtand der Unterhaltung war; daß ich ſie dieſen trefflichen Maͤnnern frei und offen erzaͤhlte; daß ich nichts, ſelbſt mei⸗ nen Uebertritt zu der evangeliſchen Religion nicht, verſchwieg, kann man erwarten, ſo wie ich verſichern kann, daß meine Offenherzig⸗ — 136— keit mir die Theilnahme der frommen Maͤn⸗ ner im hoͤchſten Grade zuzog. An die Ab⸗ reiſe durfte ich gar nicht denken; wenigſtens nicht auf die entfernteſte Weiſe daran erin⸗ nern.—„Morgen, oder wenn Sie wollen, ſchreiben Sie dem Fuͤrſten,“ ſagte der Abt. „Schreiben Sie ihm, was Sie wegen der kirchlichen Verheirathung Ihrer Eltern erfah⸗ ren haben. Vielleicht gibt das ihrer Sache eine ganz andere Wendung.“— Ich that dies; ich ſchrieb zugleich nach Frankfurt, um Nachricht von meinen Bedienten zu haben. — Schon am dritten Mittage kamen die beiden ehrlichen Kerls mit Wagen und Pfer⸗ den. Auf Anrathen des Alten im Gaſthofe, hatten ſie ſich jeden Augenblick bereit halten muͤſſen, uͤber die Grenze zu gehen. Der Corporal hatte ihnen mein Billet kaum ein gehaͤndigt, als ſie, ohne zu ſaͤumen, ſich mit Wagen und Pferden aus dem Staube mach⸗ ten. Daß ihre Ankunft mein Anſehen in der Abtei noch mehr hob, da man hieraus ſah, daß ich mich in keinen hoͤhern Stand hineinge⸗ 137— logen hatte, wird man den rechtlichen Maͤn⸗ nern zu keinem Verbrecher gegen die Menſchheit und beſonders gegen die großen Rechte eines Un⸗ gluͤcklichen anrechnen. Mit einer gewiſſen Sehnſucht erwartete ich Antwort von jenem Fuͤrſten. Mein Brief an ihn war nicht in einem bittenden oder gar demuͤthigen Style 4 abgefaßt; er enthielt aber auch nichts, was gegen den Stand anſtoßen, oder was einen gewiſſen Trotz verrathen koͤnne. In der That war mir der ganze Fuͤrſt wie ſein Hof zu unbedeutend, zu gleichguͤltig zu beidem. Ich hatte ihm geradehin meine Anſichten geſchrie⸗ ben, und hatte ihn fuͤr einen meiner Ver⸗ wandten erklaͤrt, mit dem ich wegen Nach⸗ laſſes Verſtorbener in ein unbedeutendes, leicht zu beſeitigendes Mißverhaͤltniß gerathen ſy.— Ich erwartete Antwort. Statt de⸗ reen kam von dem Fuͤrſten, in deſſen Lande die Abtei lag, an den Abt der Befehl, einen gewiſſen Ferdinand Eichenhorſt, der ſich in je⸗ nem Staate des Verbrechens eines Attentats gegen den Fuͤrſten ſchuldig gemacht, nach bei⸗ — 138— liegendem Anſuchen des*†** ſchen Hofes unter hinlaͤnglicher Bedeckung zuruͤckzuſchik⸗ ken.— Der Abt laͤchelte.„Wieder ein Be⸗ weis, welche Schlingen man ſelbſt dem be⸗ ſten Fuͤrſten legen will,“ ſagte er.„Aber ſeyn Sie ganz unbeſorgt. Setzen Sie ſich hin und enthuͤllen Sie alles unſerm gerechten, menſchenfreundlichen Fuͤrſten. Bitten Sie um ſeinen Schutz und um die Erlaubniß, in ſeinem Lande ſich aufhalten zu koͤnnen. Ich bin in voraus uͤberzeugt, daß Sie keine Fehlbitte thun werden.“— Freilich war ich etwas beſorgt; ich kannte dieſes Landes Fuͤr⸗ ſten nicht; aber dennoch ſchrieb ich mit jener peſcheidenen Freimuͤthigkeit, die dem edlen, durch keine Schmeichler verdorbenen Fuͤrſten ſo ſehr gefaͤlt. Die Antwort war nach Wunſch. Ich erhielt Erlaubniß, ſo lange als es mir gefiele, ſicher und ungekraͤnkt in die⸗ ſem ſchoͤnen Lande zu bleiben. Ich erwaͤhne nicht weiter, daß der Abt mir ein fuͤr alle Mal unterſagt hatte, an die Abreiſe aus der Abtei zu denken. —— — 139— Reichlichen Erſatz fuͤr jene unangeneh⸗ men Tage in jener Reſidenz fand ich hier durch Freundſchaft; ich fuͤhlte mein Gluͤck um ſo mehr, je mehr ich von meinem Zim⸗ mer die Thuͤrme jener fuͤr mich ſo ungluͤck⸗ lichen Stadt ſehen konnte. Gleich am fol⸗ genden Tage ſchrieb ich an den ungerechten Fuͤr⸗ ſten; ich legte Abſchrift des Schutzbriefes bei; ich wiederholte mein Anſuchen beſcheiden, fuͤgte aber die ernſte Aeußerung hinzu, daß ich mich an den jetzt nach Mariens Thereſiens Tode erwaͤhlten Kaiſer Joſeph wenden wuͤrde, der mir ganz gewiß zu meinem Rechte verhelfen könne. Das Schreiben blieb ohne Antwort. Statt derſelben bekam ich aus dem Poſt⸗Amte einer, auf einer ganz andern Seite liegenden Stadt ein Schreiben, deſſen Schriftzuͤge mit Fleiß entſtellt waren. Schon dies fiel mir auf; mehr aber mußte mich der Inhalt in Erſtaunen ſetzen. Der unbekannte Freund warnte mich vor Gefahren, die mir droheten. —„Sie werden,“ hieß es,„ſehr wohl thun. wenn Sie jeden Spaziergang unterlaſſen und 2 —- 140— am wenigſten allein gehen. Der eine der Raͤthe, der Ihr Vermoͤgen groͤßtentheils duͤrch⸗ gebracht hat, und der— wenn er nach Un⸗ terſuchung ihrer gerechten Anſpruͤche nicht ge⸗ hangen wird, es doch verdient, gehaͤngt zu werden— hat einen Boͤſewicht gedungen, ih: nen das Lebenslicht auszublaſen. Ob Sie gegen ſeine Nachſtellungen in der friedlichen Abtei, ſelbſt wenn Sie nicht ausgehen, ganz ſicher ſind, bezweifle ich faſt. Indeſſen, dort iſt Ihnen doch ſchwerer anzukommen.— Ich erſchrak. Ich zeigte dem wuͤrdigen Abte den Brief. Er wurde beſtuͤrzt.—„Heiliger Gott!“ ſagte er.„Sind wir denn hier in Italien, wo man einen Banditen dingen kann? So weit waͤre es in meinem Va⸗ terlande gekommen? Hier kann ich nichts rathen, als folgen Sie dem Winke; er kommt von Gott.“— Die Abtei hatte ein großes Jagdrevier, und einige Jaͤger. Dieſe ließ er gleich in meiner Gegenwart rufen; er ent⸗ deckte ihnen die Gefahr, in welcher ich ſey; und machte es ihnen zur Pflicht, auf jeden —- 141— Verdaͤchtigen genau zu achten. Der eine Jaͤger ſchuͤttelte den Kopf.—„Glauben Sie denn, Hochwuͤrdiger Herr Abt,“ ſagte er,„daß man zu dem Bubenſtreich einen Menſchen waͤhlen wird, den wir allenfalls anhalten koͤnnen? Gewiß nicht. Zu dergleichen kann man keinen gemeinen Kerl gebrauchen. Bei ſo einem ſprichts Gewiſſen mit, der wagts nicht, und wenn er's auch verſpricht. Dazu nimmt man einen Vornehmen, der ſein Ge⸗ wiſſen ſchon ſo gewoͤhnt hat, daß er allen⸗ falls mit ihm ein Woͤrtchen im Vertrauen ſprechen kann. Unter welchem Vorwande duͤrfte man einen ſolchen arretiren? Und— wenn die That erſt geſchehen iſt, dann kommt die Huͤlfe zu ſpaͤt.“— Der Abt ſah den Zaͤger groß an.„Martin, wie kommſt Du Waauf die Gedanken?“—„Sehr natuͤrlich. Ich kenne die Welt; ich bin zehn Jahr un⸗ term Volke geweſen. Der Herr Oberſt wird ſehr wohl thun, wenn er ſein Zimmer gar nicht verlaͤßt. Jagdparthien machen Sie auf keinen Fall mit.“—„Haſt nicht Unrecht — 142— Martin. Indeſſen“—„Werde ich gewiß das Meinige redlich thun.“ Die Jaͤger gingen. Ich war unruhig; es konnte mir doch nicht gleichguͤltig ſeyn, durch einen Meuchelmoͤrder zu ſterben. Der wuͤrdige Abt theilte ſeine Beſorgniß mit mir. Acht Tage hatte ich auf Antwort gewartet; als der Abt mir ſagte:„Freund, halbe Maßregeln ſind keine Maßregeln. Sie haben dem Fuͤrſten gedrohet, daß Sie ihn gerichtlich belangen wollen. Jetzt muͤſ⸗ ſen Sie das wirklich thun. Reiſen Sie nach Wetzlar zu dem Reichs⸗Kammergerichte. Freilich wird die Sache nicht ſehr geſchwind gehen; indeß koͤnnte man nicht wiſſen, ob der Fuͤrſt nicht geſchreckt wird und Ihnen auf dem Wege der Guͤte entgegen kommt“— Ich befolgte dieſen Rath. Ohne Jemanden etwas zu ſagen, fuhr ich mit meinen beiden bewaffneten Bedienten hin. Es mochten damals nahe an tauſend zum Kammergericht Gehoͤrige in dieſer Stadt wohnen; denn hier — 143— war der hoͤchſte Richterſtuhl Deutſchlands. Selbſt mehrere Fuͤrſten konnten hier belangt werden und die Entſcheidung dieſes Gerichts⸗ hofes wurde faſt immer im Weigerungsfall mit verhaͤngter Execution eindruͤcklich gemacht. Ich ließ es mein Erſtes ſeyn, mehreren von den fuͤnfhundert Advocaten meine Sache vorzutragen; alle waren bereitwillig, ſie zu uͤbernehmen; eine Erfahrung, die mir viel Freude machte; ich hielt meinen ganzen Han⸗ del mit dem Fuͤrſten oder mit ſeinen Raͤthen fuͤr zu einleuchtend gerecht, weil jeder ſich zu meinem Beiſtande erbot. Ich fragte dem, zu dem ich dem Anſcheine nach, das groͤßeſte Zutrauen haben konnte, was ich zu thun habe.—„Nichts weiter, als Sie deponiren bei mir zweitauſend Thaler.“—„Und wenn ich das thaͤte, wann koͤnnte die Sache zu Ende kommen?“—„Je nun— wenn nicht wichtigere Sachen jetzt kommen, ſo koͤnnten wir doch hoffen, in funfzig Jahren ziemlich weit vorgeruͤckt zu ſeyn.“—„Ich glaube, Sie ſind toll! Vierzig Jahr bin ich alt— — 144— dann müͤßte ich ja Methuſalems Alter errei⸗ chen, ehe ich Entſcheidung ſaͤhe.“—„Ja, das iſt hier nicht anders. Dafuͤr heißen auch alle die, die hier Proceſſe fuͤhren, Patienten.“ „Und das mit Recht; denn wer hier die Gedund behaͤlt, der kann drauf reiſen.“— Ich ging. So wie dieſer Mann ſprach, ſpra⸗ chen ſie alle. Wie unangenehm einem raſchen, feuerigen Mann ſo etwas ſeyn muß, bedarf weiter keiner Erwaͤhnung. Ich ging zu Haus— ich wollte fortfahren, als ein Iſraelit— ein Mann, der bei ſeinem redli⸗ chen Anſehen einen gewiſſen Wohlſtand zeigte — auf mein Zimmer trat und mit mir al⸗ lein zu ſprechen verlangte.— Ich trug jetzt Uniform und Saͤbel; hatte alſo einen Unbe⸗ kannten um ſo weniger zu fuͤrchten. Ich ging mit ihm.—„Sie ſind der amerikani⸗ ſche Oberſt Eichenhorſt’““—„Ja.“— „Waͤren Sie auch der nicht, ſo wuͤrde ich Ihnen doch aus ſchuldiger Dankbarkeit ver⸗ gelten, was ein braver Amerikaner an mir gethan hat. Mit Gefahr ſeines Lebens 4 4 145— rettete er erſt mich, und dann meine Kiſte in einem Schiffbruch. Ich habe den Mann nicht wieder geſehen; an Ihnen mache ichs gut.“—„Und wohin ſoll das alles fuͤh⸗ ren?“ fragte ich etwas unwillig.„Sind Sie in einer Klage wider den Fuͤrſten*† †* hier?“—„Jal“—.„Sind Sie ihm mit dem blanken Degen zu Leibe gegangen?“— „Gott bewahre! dazu muß mir mein Degen au lieb ſeyn li—„Sind Sie aus dem Ver⸗ wahrſam dieſes Fuͤrſten eniſprungen?“— „Ja. Aber, Herr, zielen Sie nicht ſo lange; druͤcken Sie ab.“—„Gleich. Haben Sie ſich fuͤr einen Verwandten des Fuͤrſten aus⸗ gegeben?“—„Gott bewahre. Ich werde mich nie fuͤr etwas ausgeben, wus ich nicht bin. Ich bin leider ein naher Verwandter. Aber machen Sie's kurz. Sie ſehen, ich ſte⸗ he auf Kohlen.“—„Nun kommt'’s. Hoͤren Sie, Sie haben an dem Fuͤrſten und ſeinen Raͤthen Todtfeinde.“—„Weiß der Herr mir nichts Neueres zu ſagen?“—„Hier in Welar haben Sie aber noch groͤßere Feinde. III. 10 — 146— An jenem Hofe wurden die Bolzen gedrech⸗ ſelt; hier werden ſie verſchoſſen. Sie wer⸗ den heute zu einer Spatzierfahrt auf mor⸗ gen eingelagen werden; ich frage Sie: Wer⸗ den Sie dieſe Parthie annehmen?“—„Oh⸗ ne alles Bedenken, wenn die Geſellſchaft da⸗ nach iſt.“—„Nun, dann laſſen Sie die⸗ ſen“— er wies auf meinen Saͤbel— nicht zu Haus.“ Ein Paar gute Piſtolen ſind auch nicht uͤberfluͤſſig, und wenn Sie einen treuen Kerl haben,— nehmen Sie ihn mit,— ſo einer iſt mit Gold nicht zu bezahlen.— Nun,— es iſt Ihnen alles geſagt, das Befolgen haͤngt von Ihnen ab.“ —„Woher wiſſen Sie das alles?“—„Von einem der Advocaten, den Ihr Fuͤrſt ſchon auf Vorrath angenommen hat.“—„Der Mann ging. Ich nahm mit Fleiß die Miene an, als ſey mir das Ganze gleichguͤltig; wußte ich doch nicht, ob der Iſraelit trotz ſeines rechtlichen Anſehens mich nicht raͤuſchen koͤnne. Haͤtte ich Furcht geaͤußert, ſo haͤtte ich mich vor meinem Feinden ſchaͤmen muͤſ⸗ ſen, und das wollte ich nicht.— - 1,— Wetzlar war damals freie Reichsſtadt, in welcher alle die größern deutſchen Maͤchte, ſelbſt Daͤnemark, Werber hatten. Der Frie⸗ den zu Teſchen, der noch nicht lange geſchloſ⸗ ſen war,— hatte eine Menge dienſtloſes Geſindel erzeugt; die Werber hatten daher unter der Waare, die ſich gern darbot, das Ausſuchen. Die Stadt wurde durch Ge⸗ ſchaͤfte dieſer Art lebhaft; und man machte unter den Werbeofficieren manche nicht un⸗ angenehme Bekanntſchaft.— An dieſem Nachmittage kamen zwei fremde Officiere auf mein Zimmer; dies war uͤbrigens nichts Sel⸗ tenes.— Auf dieſe rechnete ich bei dem das mir der Iſraelite geſagt hatte, gar nicht. Beide Maͤnner, die ich oͤfter ſchon in Ge⸗ ſellſchaft geſprochen, gehoͤrten zu denen, an die ich mich gern ſchloß, da ſie gebildet und unnterrichtet waren. Wie fiel es mir jetzt auf, da ſie von einer Luſtreiſe auf morgen ſprachen,— da ſie mich einladeten, ſie zu bigleiten. Freilich gluͤhete mein Inneres bei dem Gedanken, daß dieſe Maͤnner ſich zu — 148— einem ſo entehrenden Geſchaͤfte gebrauchen ließen; indeſſen, ich war auf alles vorberei⸗ tet; mein Plan war bald gemacht, ich nahm die Reiſe an. Zu mehrerer Vorſicht mußte der eine meiner Bedienten, ein aͤußerſt treu⸗ er Menſch, der mit ſeiner Treue unerſchuͤt⸗ terlichen Muth verband, mich bewaffnet be⸗ gleiten. So ritten wir nach der Gegend der alten Ruine Carlsmund. Mir konnte es weiter nicht auffallen, daß meine bei⸗ den Begleiter die unwirthbarſte Gegend waͤhlten; verabredetermaßen folgte mein Be⸗ dienter, auf jede Bewegung meiner Begleiter achtend.——.— „Sie haben, wenn ich nicht irre,“ fing der eine an,„eine Klage gegen den Fuͤrſten von*** anbringen wollen?“—„Ja. Sie irren nicht. Er vorenthaͤlt mir mein Eigenthum.“.—„Bei dieſer Gelegenheit ha⸗ pen Sie ſich etwas eigen genommen.“— „Wie man ſich gegen Leute dieſer Art nimmt!“ —„Leute dieſer Art?“ rief der Mann, - 149— ſprang vom Pferde, warf dem Reitknechte die Zuͤgel in die Hand, und trat mir naͤher. „Der Fuͤrſt iſt mein Landesvater; der Oberſt ein Verwandter von mir. In ihren Na⸗ men fodere ich blutige Genugthuung!“— Es iſt eine herrliche Sache, wenn man auf Vorfaͤlle dieſer Art vorbereitet iſt. Man wird nicht uͤberraſcht; man behaͤlt kaltes Blut, und bleibt Herr uͤber ſich. Ich winkte ruhig meinem Bedienten, gab ihm mein Pferd, zog und trat naͤher. Zum Gluͤck fuͤr mich, dachten beide zu einem Banditen⸗ ſtreiche zu edel; leicht haͤtten ſie mich uͤber⸗ fallen,— leicht morden koͤnnen, da ich waͤhrend des Reitens manche Bloͤße gab. Auch mein Gegner zog. Freilich mochte mei⸗ ne ruhige Kaͤlte ihm furchtbar ſeyn, noch mehr mußte dies meine Frage:„Habe ich es jmmer nur mit Einem, oder mit allen bei⸗ den zu thun?“ mußte dies die Aeußerung thun:„Auf den Fall Sie beide zugleich den Tanz wagen, kennt mein Bedienter ſeine Pflicht. Friedrich!“ Der treue Kerl ſprengte — 150— mit gezognem Piſtol heran.—„Nicht eher, bis du bemerkſt, daß ich es mit mehr als Einem zu thun habe!“— rief ich ihm zu. Mein Gegner gerieth außer ſich; ich ſah bald, daß ich es mit einem Schlaͤger zu thun hatte, der das Handwerk verſtand. Ich hatte Muͤhe, mich bei meinem bloßen Defen⸗ ſivſyſtem ſicher zu halten; beſonders da ich ſah, daß er neben ſeiner Geſchicklichkeit auch alle Hinterliſt anwende; natuͤrlich, daß theils dies, theils die ſtarke Bewegung, theils der Gedanke, welcher Mittel ſich der Fuͤrſt, oder wenigſtens einer ſeiner Raͤthe bedienten, mich zu ſtuͤrzen,— mein Blut ſchneller durch die Adern jagte. Ich wurde hitzig,— ich hieb meinem Feinde mit aller der Ge⸗ wandtheit und Staͤrke nach, die ich beſaß,— und mit aufgehauener, geſpaltener Bruſt ſank der Ungluͤckliche nieder. Ich wandte mich zu meinem andern Begleiter; ich war in einer Stimmung, in der ich es gern ſah, wenn er ſich mir gegen⸗ 4 uͤber ſtellte. Allein der Mann war entwe⸗ der zu feige, oder hielt ſich fuͤr zu rechtlich, ſich eines Betruges wegen zu ſchlagen.„Ich habe mit Ihnen nichts, mein Herr,“ ſagte er.„Ich wuͤnſchte, mein Freund haͤtte ſich mit der Sache gar nicht befaßt.“—„Dann laſſen Sie uns ſehen, ob ihm vielleicht zu helfen iſt.“ Wir verſuchten es, ihn aufzu⸗ richten. Vergebens,— er ſank immer wie⸗ der nieder. Der andere Bediente mußte nach dem nahen Dorfe ſprengen, um einen Wundarzt und einen Wagen zu beſorgen. „Der andere Offizier erinnerte mich an meine eigene Sicherheit. Ich ritt nach der Stadt zuruͤck; ungewiß, ob ich mir wegen meines Verhaltens einen Lobſpruch, oder einen Ver⸗ weis zu geben habe. — Zweifelhaft, ob ich bleiben oder fliehen ſollte, brachte ich den Reſt des Vormittages auf meinem Zimmer hin. Freilich, waͤre das Letztere das Sicherſte, das Gewiſſeſte ge⸗ weſen. Aber da traten die hier nicht am rechten Orte ſich zeigenden Gefuͤhle fuͤr Ehre ins Spiel, und nach dieſen hatte ichs fuͤr beſchimpfend zu halten, wenn ich wie ein Verbrecher eine Gegend verließe, in der Ver⸗ raͤtherei mich, gezwungen hatte, den Degen zu ziehn. Ich hatte mir nach meinen Grund⸗ ſaͤtzen nichts vorzuwerfen; ruhig ging ich da⸗ her um die beſtimmte Zeit in das Hotel, wo ich gewoͤhnlich Mittags aß, und immer eine unterhaltende Geſellſchaft, ſelbſt von fuͤrſt⸗ lichen Perſonen fand, die hier unbekannt ſich aufhielten. Von dem Duell ſprach noch Niemand; die Sache war wahrſcheinlich noch nicht bekannt geworden. Zum Nachbar am Tiſche hatte ich gewoͤhnlich einen preußiſchen Major, der das ganze Werbungsgeſchaͤft fuͤr ſeine Armee leitete. Heute war er noch nicht da. Indem ich mich daruͤber wunderte, trat er ein, und nahm ſeinen Platz neben mir. —„Sie haben den Hauptmann*†** tuch⸗ tig gezeichnet,“ ſagte er.„Jezt iſt er fuͤr todt gebracht. Der Fuͤrſt von*†** war bei ihm.“—„Werv? der Fuͤrſt?“—„Der — 1⁵³— Fuͤrſt von***. Er hat Zeuge von jenem 1 Zweikampf ſeyn wollen; iſt aber zu ſpaͤt ge⸗ kommen.“— Ich war önicht ganz gleichguͤl⸗ tig bei dieſer Nachricht, ich wollte eben mei⸗ ne Meinung aͤußern, als ſich die gegen mir uber befindliche Thuͤre oͤffnete, und der Fuͤrſt mit dem Officier, der heute Zeuge des Du⸗ ells geweſen war, eintrat. Er trug ein ein⸗ faches Kleid; man wuͤrde ihn fuͤr einen Buͤr⸗ gerlichen gehalten haben, haͤtte nicht der Stern des*** Ordens ſeinen wahren Rang verrathen. Daß ich eine kleine An⸗ wandlung von Verlegenheit fuͤhlte, will ich nicht bergen; indeß der Fuͤrſt war, oder ſchien noch verlegener, was mich um ein Großes ermuthigte.—„Seyn Sie ohne Sorge,“ raunte mir der Major ins Ohr.„Wenn auch der Fuͤrſt ſich einer Verwandtſchaft mit den groͤßeſten Monarchen ruͤhmt, ſo hoffe ich, dieſe werden ſich wenig um ihn und ſei⸗ ne Angelegenheit bekuͤmmern. Auf jeden Fall aber rathe ich Ihnen, halten Sie Ihre Keldennipage im Stande, um jeden Augen⸗ blick abmarſchiren zu koͤnnen. Der Ma⸗ giſtrat in einer Reichsſtadt iſt gewoͤhnlich zu gefaͤlig gegen Fuͤrſten.“— Ich konnte mei⸗ nem Freunde nicht Unrecht geben,— er war rubiger als ich, und konnte in dieſer Kaͤlte weiter ſehen als ich. Der Fuͤrſt ſaß am an⸗ dern Ende der Tafel; er ſprach wenig mit Andern; mehr mit jenem Officier; oft begeg⸗ neten ihm meine Blicke,— ich bemerkte, daß er irgend einen Anſchlag im Kopfe hatte. Sonderbar kam es mir vor, daß Niemand von dem Duell ſprach. Wußte man, daß der Fuͤrſt damit in Verbindung ſtand? Wollte man dieſen nicht in eine Bloͤße ſtellen, die ihn in jedem Fall herabſetzen mußte? Wollte man mich nicht in Verlegenheit ſetzen?— Wer konnte mir dies beantwarten?— Spaͤt des Nachmittags verließ ich das Haus. Der preußiſche Major ging mit mir. Der Fuͤrſt und einige Andere blieben noch.— Ich be⸗ fahl meinem Bedienten anzuſchirren, und jeden Augenblick zur Abreiſe ſich anzuſchicken, beſonders wenn er etwa einen ungewoͤhnlichen Laͤrmen bemerke. Ich ſelbſt bezahlte gleich dem Wirthe meine ganze Rechnung, und erklaͤrte auf ſeine Frage, daß ich befuͤrchte hier arretirt zu werden.—„Das darf Nie⸗ mand,“ ſagte er.„Bloß unſer Stadtmi⸗ litair hat das Recht.“—„Ganz gut; aber ich fuͤrchte eben, daß der Fuͤrſt von***† ſich Ihres Militairs bedienen wird.“— „Freilich. Aber das geht ohne Umſtaͤnde nicht ab. Ich werde Ihnen einen Wink ge⸗ ben;— Ihr Kutſcher muß im Stande ſeyn, und ehe die alten Kerls die Treppe herunter⸗ kommen, koͤnnen Sie bald aus dem Thore ſeyn.“— Mein Wirth ging. Ich uͤber⸗ legte, ob ich mich in die Gefahr gaͤbe, deren Ausgang immer zweifelhaft war, und bei der ich im gluͤcklichſten Fall, einem armen Stadtſoldaten das Leben nehmen koͤnne,— ich ließ mich diesmal von einem beſſern Ge⸗ fuͤhl beſtimmen; ich ging, das Anſpannen zu beſtellen. Wirklich fuhr mein Wagen vor den Eingang. Ich holte noch einige Sachen von meinem Zimmer, und ging her⸗ — 1⁵6— unter. Da begegnete mir auf der Treppe ein Commando, groͤßtentheils gebrechlicher Stadtſoldaten, unter Anfuͤhrung eines Offi⸗ ciers, und mehrerer Unterofficiere, die alle ihren Leuten zuredeten, ja muthig zu ſeyn,. und zu glauben, daß Gott ihnen bei der Ge⸗ fangennehmung des Amerikaners eben ſo gnaͤ⸗ dig beiſtehen werde, wie er ihnen bei der Begleitung der großen Glocke durch den Wald beigeſtanden haͤtte. Ich mußte inner⸗ lich lachen; aber zugleich war ich froh, daß ich dieſen Entſchluß gefaßt hatte. Mein Ge⸗ wiſſen waͤre nie wieder ruhig geworden, haͤtte ich den Tod, oder der kleinen Ueberreſt ge⸗ ſunder Glieder Eines dieſer armen Wuͤrmer auf meine Seele genommen. Treuherzig fragte mich der Unterofficier, ob ſie hier recht nach Nummer Zehn gingen. Ich be⸗ jahete es, wies ſie aber noch eine Treppe hoͤher; eine Nachricht, die allen einen tiefen „Seufzer auspreßte. Jetzt ging ich nach mei⸗ nem Wagen,— die naͤchſte Viertelſtunde war ich ſchon außerhalb der Stadt, auf der —; —- 157— Chauſſée nach Frankfurt. Nur einen Tag blieb ich hier; den dritten Abend war ich in der Abtey, bei meinem trefflichen Abte. Freilich verbreitete meine Erzaͤhlung manches Laͤcheln auf den Geſichtern der Geiſt⸗ lichen; allein ich bemerkte bald, daß der Abt nachdenkender wurde. Ich fragte, da ich mit ihm allein war, nach der Urſach. Er geſtand mir offenherzig, und bewies es durch ein erhaltenes Schreiben, daß ich von jetzt an, nicht mehr ſicher in der Abtey ſey. Der Umtauſch einiger kleinen Doͤrfer, zwiſchen ſeinem Fuͤrſten und dem, mich ſo ver⸗ folge, habe eine Annaͤherung zwiſchen beiden veranlaßt, die leicht meine Auslieferung nach ſich ziehen koͤnne. Seine Verſicherungen wie ſein ganzes Benehmen, waren von der Art, daß auch nicht ein Funken Argwohns in mir entſtehen konnte.—„Ich will,“ ſetzte er hinzu,“ weil Sie wahrſcheinlich in ein proteſtantiſches Land reiſen, Ihre von dem Pater General erhaltenen Wechſel gegen ſol⸗ — 158— che umſetzen, die jedes Handelshaus hono⸗ rirt.“ Ein Erbieten, das ich mit Dankbar⸗ keit annahm. Ich beſchloß abzureiſen; nur wohin? daruͤber war ich mit mir noch nicht im Reinen. Ich beſchloß, in den Staaten des Koͤnigs von Preußen meinen Wohnort zu waͤhlen; eine mehr als gewoͤhnliche Vor⸗ liebe beſtimmte mich dazu. In der That, trat ich nach acht Tagen meine Reiſe an, aus der ich eben kein Geheimniß machte. Oft erktaͤrte ich bei Tiſche, daß ich um des herrlichen, genußreichen Umganges der Jeſui⸗ ten, Breslau waͤhlen wuͤrde; oft fand man mich hinter der Landcharte, den Weg muſternd, den ich zu nehmen habe. Ich machte dieſe Reiſe zum Gegenſtande meiner Geſpraͤche, und hoͤrte mit Vergnuͤgen die Be⸗ ſchreibungen derer, denen der gewaͤhlte Weg bekannt war. Ich verließ die gaſtfreundliche Abtey. Meine Reiſe ging geſchwind; ich hatte den erſten Tag einen Wag von zehn Meilen gemacht. Ein kleiner Flecken, deſſen Namen mir entfallen iſt, ſollte mich beher⸗ klopfte. Ich ſah mich um. Jene Huſaren traten mit vorgehaltenen Piſtolen ein, und war ich nicht gefaßt; ſie mußte mich einger⸗ be en. Ich lag im Fenſter, mich umſehend, als vier gruͤngekleidete Huſaren die Straße herauf, in eben den Gaſthof kamen, in wel⸗ chem ich war. Mich kuͤmmerte dieſe Erſchei⸗ nung nicht; als jemand an meine Thuͤr 8 erklaͤrten mir, daß ſie Befehl haͤtten, mich todt oder lebendig zu bringen. Daß ein G Compliment dieſer Art wohl jedem unerwar⸗ wartet kommen, und ihn in Verlegenheit ſetzen muß, wird man mir auf mein Wort glauben. Indeß ſo ganz verließen mich Muth und Geiſtesgegenwart nicht; ich fragte den Anfuͤhrer, wer ihm ein Recht gaͤbe, mich in einem fremden Lande arretiren zu wollen? —„Fremden Lande?“ ſagte er. So viel ich weiß, gehoͤrt dies Staͤdtchen dem Fuͤr⸗ ſten von*** und man hat Ihrer Durch⸗ reiſe um ſo mehr mit Sehnſucht entgegen geſehen, da Sie Ihre Marſchroute gar nicht geheim gehalten haben.“ Auf dieſe Aeußerung — 160— maßen niederſchlagen.„Ich muß mit mei⸗ nem Kopfe fuͤr Sie haften,“ fuhr der Huſar fort.„Aeußerſt ungern laͤßt ſich ein alter gedienter Soldat zu ſolchen Haͤſcher⸗Com⸗ miſſionen gebrauchen; indeß Sie ſehen ſelbſt,— ich muß. Zugleich bin ich, wie Sie aus dieſer Ordre ſehen, beauftragt, Ihnen Ihre Papiere abzunehmen.“ Ich weigerte mich.— „Sie ſehen hier meine Ordre, ich muß es thun. Setzen Sie mich nicht in die Noth⸗ wendigkeit, Gewalt gebrauchen zu muͤſſen.— Ich reichte ihm meine Brieftaſche, er ſah ſie durch.—„Dies ſind Wechſel, und zu denen hat Niemand Recht als Sie. Nehmen Sie ſie zuruͤck, und verwahren Sie ſie gut. Ich bitte bloß um gewiſſe Documente; geben Sie ſie mir, und ich ſtelle Ihnen einen Schein aus, ſie von Ihnen erhalten zu haben.“— War der Mann gleich in einem Geſchaͤfte, das mir ſehr verhaßt ſeyn mußte, ſo mußte ich ihn doch um ſeines Benehmens, in wel⸗ chem er Dienſtſtrenge mit Artigkeit verband, - 161— ſchaͤzen. Er blieb die Nacht bei mir, mehr als Geſellſchafter, wie als Wache.— Fruͤh am folgenden Morgen fuhren wir fort. Der Wachtmeiſter ſaß bei mir im Wagen. Er fing gleich das Geſpraͤch von meinem Verhaͤltniß zu dem Fuͤrſten an. Ihn ſelbſt ſchilderte er vom einer Seite, die mire wenig Gutes verſprach.„Mein Fuͤrſt gehoͤrt zu den unbedeutenden ſeines Standes,“ ſagte er.„Er waͤre gern ein gefuͤrchteter Despot, es fehlt ihm bloß die Macht. Bekommen ſolche Leute mal ein armes Schlachtopfer in die Klauen, dem iſt Wehe genug geſchrien, und ich fuͤrchte viel fuͤr Sie. Es iſt ein ganz anderes Weſen, unter einem maͤchtigen großen Monarchen zu ſtehen. Da weiß man, was man iſt, und wie ſicher man ſteht. Aber hier? Und dann der Dienſt? Unſer ſind acht Huſaren, die Tag und Nacht auf den Heerſtraßen liegen muͤſſen, damit der Fuͤrſt keinen Bettelvogt zu ernaͤhren noͤthig hat.“— „aben Sie fruͤher gedient?“—„Ja, im III. 11 — 162— reduzirten Oeſterreichiſchen Freicorps Otto.”“ —„Warum bleiben Sie denn in Ihrem jetzigen Dienſt?“—„Auf die Frage, moͤgen eine Frau und fuͤnf Kinder antworten.“— Ich ſchwieg; ein ſolcher Grund war freilich nicht umzuſtoßen; ich ſah, daß der Mann, der viel Ehrgefuͤhl zu haben ſchien, ſich ſehr ungluͤcklich fuͤhlte. Faſt vergaß ich meine eigene Zukunft, uͤber die Lage dieſes wirklich trefflichen Mannes.— Nach einer kleinen Pauſe fing er wieder an:„Sie waren ſchon einmal arretirt?“—„Ja.“—„Und ent⸗ kamen?“—„Richtig.“—„Man wird alles Moͤgliche thun, von Ihnen den Namen deſſen zu erfahren, der Ihnen behuͤlflich zur Flucht war. Aber,— ich bitte Sie, machen Sie Niemand ungluͤcklich.“— Ich reichte ihm die Hand.„Und wenn man meinen Kopf auf den Block legt, ich nenne keinen der guten Menſchen, die ſich meiner annah⸗ men!“—„Das iſt ſchoͤn. Vielleicht ſindet ſich wieder einer.“— - 163— Es waͤre moͤglich geweſen, dieſen Mann zu bewegen, mit mir zu fliehen; aber ich weiß ſelbſt nicht genau, warum ich ihm den Antrag nicht that, ſo wie ich auch nicht be⸗ ſtimmt weiß, ob mein eigenes Ehrgefuͤhl,— ob der Gedanke an die Frau und fuͤnf Kin⸗ der meines Begleiters mich von dem Ver⸗ ſuch abhielten. Der Huſar fuhr fort:„Man hat Muthmaßungen. auf Ihre Befreier. Der Seiler, bei dem die Stricke zu der Leiter gekauft ſind, hat die Richter auf die Spur gebracht. Ein alter Corporal ſitzt kbeutztbeis geſchloſſen.“—„Dieſe Nachricht beugte mich. Ich wußte nicht, ob ich dem Huſar trauen durfte; mir waren der Beiſpiete zu viel bekannt, daß man ſich hoͤheren Orts ſol⸗. 3 cher Leute, die das Vertrauen Anderer zu. ge⸗ winnen verſtehn, gern bediente, um Gehei⸗ 1 niſſe zu erforſchen. War es unmoͤglich, daß mein Beglelter trotz ſeiner redlichen Miene, trotz ſeiner offenherzigen Aeußerungen zu die⸗ ſer Art geheimer Polizei gehoͤren konnte?— 1 Ich fuͤrchtete viel, ich fuͤrchtete alles fuͤr den — 164— alten Corporal; und dieſe Vorſtellung beugte mich mehr als mein eigenes Loos.— Un⸗ ruhig, und faſt verzweifelnd fuhren wir in das Thor, das am Schloſſe des Fuͤrſten lag. Es war gerade Abloͤſungsſtunde; die Paar Mann, die die Wache formirten, ſtanden in den Muͤcken; mein alter Corporal ſtand fun⸗ girend, und im Dienſte vor ihnen; Gefange⸗ ner war er alſo nicht. Dieſer Uebergang von hoͤchſter Unruhe zu der groͤßeſten Freude, machte mich ſo muthig, ſo entſchloſſen, daß ich wie ein Triumphirender durch das Thor fuhr. Ich fuͤhlte mich groß bei dem Gedan⸗ ken, keinen, der mir beigeſtanden, ungluͤcklich gemacht zu haben; ich fuͤhlte grenzenloſen Muth, alles zu wagen, um meinen Feinden die Freude nicht zu goͤnnen, mich niederge⸗ ſchlagen zu ſehen. So brachte man mich nach einem der erſten Gaſthoͤfe, vor dem eine Menge Menſchen ſtand, die kaum von den beiden Schildwachen in Ordnung gehalten werden konnte. Ich ſtieg aus. Man fuͤhrte mich auf ein Zimmer, auf dem zwei Naͤthe des Färſten waren.—„Werde ich hier blei⸗ ben?“ fragte ich.—„Nein. Es wird Ih⸗ nen gleich ein anderes Gefaͤngniß angewieſen werden, aus dem das Entkommen ſo leicht nicht iſt. Wir ſollen Sie hier nur in Em⸗ pfang nehmen.“—„Gut. Aber dann be⸗ fehlen Sie meinem Kutſcher, daß er mich dahin faͤhrt. Der Sohn der Prinzeſſin Adelheit geht nicht zu Fuß. Dieſer brave Mann kann mich begleiten; und Sie, meine Herren, koͤnnen hinten auf den Wagen tre⸗ ten.“— Ich fagte dieſe in der That beleidi⸗ genden Worte, in einem Tone, der alles zu erſchrecken ſchien. Keiner ſprach ein Wort. Nur der Huſar ſchmunzelte in ſeinen Bart;z ich bemerkte, daß ihm mein Benehmen gefiel. Und in der That, die Maͤnner thaten, was ich verlangte; bloß das Hintenaufſteigen un⸗ terblieb. An der Seite des Huſaren fuhr ich nach dem Schloſſe.—„Sie haben's recht gemacht,“ ſagte er leiſe.„So bringt man dieſe Leute am beſten in Zug. Nur vergeſ⸗ ſen Sie meine Bitte, wegen meines alten — 166— Vetters nicht.“ Ich wiederholte mein gege⸗ benes Verſprechen. Vor dem Schloſſe hielt mein Wagen, umgeben von dem groͤßeſten Theile der Bewohner der Reſidenz. Ich ſtieg aus, und wurde zu meiner Freude, nicht eine Treppe hinunter, ſondern hinauf gefuͤhrt. Im oberſten Stockwerke fuͤhrte man mich auf ein Zimmer, in welchem man mich allein ließ.—„Wenn dies dein Gefaͤngniß iſt, ſo geht der Arreſt an!“ dachte ich, in⸗ dem ich vom Fenſter auf die Menge Men⸗ ſchen ſah, die, mich zu ſehen, hierher gekom⸗ men waren. Ich machte ihnen die Freude, indem ich mich ins Fenſter legte, und die ausgezeichnet ſchoͤne Gegend mit ruhiger Freude uͤberſchauete. Da offnete ſich die Thuͤre,— eine ganze Prozeſſion trat ein. Unter ihnen der Fuͤrſt, der Officier, der ein Zeuge meines Zweikampfs auf der Ruine bei Wetzlar war, und ein alter Corporal in Ketten, begleitet von zwei mit roſtigen Ge⸗ wehren bewaffneten Soldaten. Ich blieb ruhig am Fenſter ſtehen, waͤhrend man— — 167— wie es ſchien, mit äͤngſtlicher Bocksbeutelei Anſtalten zu meinem Verhoͤre machte. Jener Huſar gab zuerſt meine mir abgenommenen Papiere ab. Die Brieftaſche hatte er mir zur Aufbewahrung meiner Wechſel gleich an dem Orte meiner Gefangenſchaft wieder ge⸗ geben.— Einer der Raͤthe zeigte mir die Papiere mit der Frage:„Erkennen Sie dieſe fuͤr die Ihrigen?“—„Ja. Gelegentlich bitte ich ſie mir wieder aus.“—„Daruͤber muß Sentenz reſervirt werden!— Sie ſind von hier, aus der Gefangenſchaft entflohen 2 —„Nein. Von hier nicht, ſondern von je⸗ ner Burg, auf der mein Vater gemordet iſt. Es moͤchte ſonſt Verwirrung in den Akten geben.“— Der Geſchloſſene wurde naͤher ge⸗ fuͤhrt. Der arme Greis zitterte. Iſt die⸗ ſer Arreſtant Ihnen zur Flucht behuͤlflich ge⸗ weſen?“—„Sie muͤſſen mich fuͤr den erſten Dummkopf oder Schurken halten, wenn Sie auf dieſe Frage Antwort verlangen. Haͤtte dieſer arme, alte Mann mir den Dienſt er⸗ zeigt, ſo erfuͤhren Sie es von mir auf keine Art. Aber ich verſichere Sie, daß dieſer Mann ganz unſchuldig iſt; daß ich ihn nie ſah, nie mit ihm ſprach.“—„Womit wollen Sie Ihre Behauptung beweiſen?“— Dieſe Frage brachte mich auf.—„Herr!“ ſagte ich, „iſt Ihnen mein Wort nicht genug?— Ich ſchwoͤre es Ihnen bei dem Blute meines ge⸗ mordeten Vaters, bei der Aſche meiner hin⸗ geopferten Mutter zu: der arme Greis iſt un⸗ ſchuldig. Laſſen Sie ihn los und laden Sie nicht noch mehr Fluch auf dies Land.“— „Wenn dem wirklich ſo iſt, dann—“ ſagte der Fuͤrſt.—„Ich habe nur eine Bitte an Sie!“ fiel ich ein,„eine Bitte fuͤr den Ungluͤcklichen, Unſchuldigen. Laſſen Sie ihn los und— doch das ſoll meine Pflicht ſeyn!“— Bei⸗ nahe moͤchte ich es einen guten, edlen Zug von dem Fuͤrſten nennen; wenn es nicht viel⸗ leicht eine Art von Furcht war— da er dem armen Mann die Ketten abnehmen ließ und ihm die ooͤllige Freiheit ankuͤndigte. Der Greis war vor Freuden außer ſich; der Arreſt von drei Wochen hatte ihn faſt um 3 —-— 469— ſeine Beſinnung gebracht. Er wußte nicht, wem er zuerſt danken ſollte. Ich rief ihn zu mir— ich zog die Boͤrſe— was meine Hand faßte, druͤckte ich in die ſeinige.„Thue Dir etwas zu Gute, alter Mann, und rechne es mir nicht zu, was Du meinetwegen lit⸗ teſt!“ Gluͤcklicher habe ich noch nie einen Menſchen geſehen, als dieſen in dem Augen⸗ blick, da ihm die Thraͤnen in den ſchneewei⸗ ßen Bart liefen; ich hatte außer der groͤßern Freude meines Herzens noch die Genugthu⸗ ung, daß ich den Eindruck ſahe, den dieſer Auftritt auf die Beſſern, auf die wenigen Soldaten und den Huſar machte. Der letz⸗ tere weinte, da er den Befreieten bei der Hand nahm und ihn wegfuͤhrte. Ich fuͤhlte mich groß; ich ſtand mit einer ſo ruhigen, ſo feſten Miene da, als ſaͤhe ich dem groͤße⸗ ſten Gluͤcke entgegen. Es entſtand eine et⸗ was laͤngere Pauſe, die ich nicht unterbrach, ſondern mich ſchweigend an der Verlegenheit des Fuͤrſten und ſeiner Raͤthe ergoͤtzte. — 170— Doch— ich will von dieſem ganzen Verhoͤre nichts weiter ſagen, um deſto eher auf das zu kommen, was das Wichtigere iſt, auf jenes Schreckliche, das mich ganz uner⸗ wartet traf, und das dem Leſer meiner Ge⸗ ſchichte eben ſo unerwartet kommen wird. Das ganze Verhoͤr war ein Beweis, wie we⸗ nig die Form gegen die muthvolle Unſchuld vermag. Verlegen und aͤngſtlich verließen mich meine Richter, verließ mich der Fuͤrſt, muthig und entſchloſſen ſtand ich da.— Es wurde Abend. Ein Bedienter brachte mir Eſſen und eine Flaſche Wein, die er nebſt einem brennenden Lichte auf den Tiſch ſetzte, waͤhrend ein anderer in der Thuͤre ſtehen blieb. Ich redete ihn an. Er ſagte bloß: „Es iſt verboten, mit Ihnen zu ſprechen!“— „Dann werde ich keinen von Euch in Ver⸗ ſuchung, ſein Wort zu halten, fuͤhren,“ war meine Antwort. Ich war wieder allein. Der beſetzte Tiſch lockte mich; ich war hung⸗ rig und durſtig, meine Mahlzeit ſchmeckte gut, noch beſſer der Wein— meine Pfeife rau⸗ chend ſaß ich am Fenſter und hatte meine Frreude an dem ſchoͤnen, ſternenvollen Him⸗ wmel, als ich eine außerordentliche, ungewoͤhn⸗ liche Muͤdigkeit fuͤhlte. Ich warf mich auf das Bette, mich auf eine erquickende Nacht freuend und hatte kaum Zeit das Licht zu loͤſchen und die Pfeife wegzuſetzen, um mich deſto ruhiger niederzulegen. Da erwache ich in finſterer Nacht; eine eiſige, feuchte Kaͤlte umgab mich; dumpfige Luft umwehte mich— ich fuͤhle mit der Hand um mich herum— eine grobe, wollene Decke lag uͤber mir— unter mir feuchtes Stroh mit einer eben ſo rauhen Decke be⸗ legt. Mein erſter wiederkehrender Gedanke war— daß mich ein leicht zu erklaͤrender Traum taͤuſche; aber ſo wie meine Beſin⸗ nung zukehrte, merkte ich bald, daß Wirklich⸗ keit mich getroffen habe. Ich richtete mich auf. Mein erſtes war, nach meiner Brief⸗ taſche zu greifen. Sie war verſchwunden; meine Uhr und Boͤrſe hatte man mir gelaſſen, — 472— ſo wie uͤberhaupt meine Kleidung.—„Alſo einen Schlaftrunk haben Dir die Kanaillen gegeben! Alſo durch einen ſolchen Trank muß⸗ ten ſie Dich ſo weit bringen!“ war der erſte Gedanke, deſſen ich bei erlangter Beſinnung faͤhig war. Uebrigens umgab mich eine faſt mit Haͤnden zu greifende Finſterniß; bloß uͤber mir zur Seite ſchien ein heller, lichter Spalt, kaum eines Strohhalms breit und kaum zweier Finger lang.— Daß ich jetzt nach⸗ denkender und ernſter wurde— daß ich jetzt Muͤhe im Kampfe mit aufſteigender Ver⸗ zweiflung hatte, darf ich nicht erſt verſichern wollen. Die Idee von einem alten Burgver⸗ ließ, in welchem man Ungluͤckliche erbarmungs⸗ los verſchmachten ließ— regte ſich in mei⸗ ner Einbildungskraft; man hatte mir Uhr und Geld gelaſſen; dies war meiner Vorſtel⸗ lung nach dem beſtimmt, der vielleicht nach langen Jahren meine modernden Gebeine fin⸗ den wuͤrde. Die Brieftaſche— ſie war mir weniger um des Wechſels, als um der letzten Aeußerung meines ungluͤcklichen Vaters wil⸗ — 173— 3 len werth— hatte man mir genoummen, da⸗ mit kein Andenken, keine Ueberlieferung mei⸗ ner Abſtammung uͤbrig ſey und wider meine Feinde zeugen koͤnne. Alles dies draͤngte ſich furchtbar vor meine Seele. Ich fing an zu verzweifeln, an zu pruͤfen, ob es in manchem Verhaͤltniß nicht ſogar Pflicht werden koͤnne, ſich durch Selbſtmord zu retten— als es mit einem Male uͤber mir hell wurde, als knarrend eine kleine Thuͤr aufflog und ich von dem ploͤtzlich einfallenden Sonnenlichte ganz geblendet wurde. Jene einer Schieß⸗ ſcharte aͤhnliche Oeffnung in der Mauer war mit einem Laden verſahen, der jetzt geoffnet wurde. Ich konnte nun mei⸗ nen Aufenthalt uͤberſehen— es war wirklich ein Gefaͤngniß fuͤr Verbrecher. Schwarze, mit Moos bewachſene Waͤnde ſchloſſen es ein— der Fußboden war aus Steinbloͤcken verfer⸗ tigt, auf einer niedrigen Ruͤſtung von Bret⸗ tern lag ein Strohlager mit wollenen Decken belegt. Die Thuͤr war mit ſtarken, eiſernen Baͤndern belegt. Etwas ruhiger wurde ich, da ich mich in einem Gefängniß und nicht in je⸗ nem gefuͤrchteten Verließe befand; noch ruhi⸗ ger wurde ich durch eine Kleinigkeit, meine Pfeife und Tabacksbeutel lagen auf meinem Lager. Rauchend vergaß ich das Schreckliche meiner Lage um ein Großes; ich ſetzte mich ſogar hin und zog ruhig meine abgelaufene Taſchenuhr auf. Die mir bekannte Schloß⸗ thurm⸗Uhr ſchlug zwoͤlf— als ich den Gang einiger Menſchen hoͤrte, die eine Treppe her⸗ abkamen. Dumpf und hohl klangen die Fritte in dem weiten, wuͤſten Gewoͤlbe, ehe ſie nahe an der Thuͤr ſich hoͤren ließen. Jetzt wurde dieſe geoͤffnet. Ich erinnexte mich der Worte des Bedienten, der geſtern mir ſagte, daß Niemand mit mir ſprechen duͤrfe; ich ſchwieg daher und ſah ſtill auf die Anſtalten, die man zu einer dem Anſcheine nach beſſern Pflege fuͤr mich machte. Ein kleiner Tiſch wurde hereingebracht, einige ſchlechte Stuͤhle ſchob man hinein und— was mir das Lieb⸗ 4 ſte ſeyn mußte— zwei Leute brachten ein freilich elendes Feldbett, das unmoͤglich vom 7 — 175— Schloſſe war. Mein Tiſch wurde gedeckt, ein Mittagseſſen, beſſer als das Meublement des Zimmers, ſtand vor mir. Einer der Diener erinnerte mich an das Eſſen.—„Duͤrft Ihr antworten, weun ich flage?“ ſagte ich. —„Wenigſtens iſt uns nichts verboten.“— „Wie bin ich hierher gekommen?“—„Das weiß ich nicht.—„Etwa durch einen Schlaftrunk?“—„Das weiß ich nicht.“— „Wie lange werde ich denn in der verfluch⸗ ten Kaſematte ſitzen?“—„Das weiß ich gauͤltigkeit, mit welcher der gefuͤhlloſe Menſch dies alles ſagte. Lieber waͤre es mir geweſen, er haͤtte geradezu geſagt, daß er mit mir 7 nicht ſprechen duͤrfe; ſein:„Das weiß ich nicht!“ ſchien mir ein Spott zu ſeyn, den man ſich gegen einen Ungluͤcklichen erlaube. Ich wurde aufgebracht.—„Wer hat meine Brieftaſche geſtohlen? Hat es der Fuͤrſt ge⸗ than? oder einer ſeiner Raͤuberbande? Sagts nur, daß ichs geſagt habe, dem breche ich den Hals, er ſey auch wer er wolle!“— Auch 4 . 5 1 1 8 nicht.“— Mich verdroß die Teufels Gleich⸗ dies hoͤrte der Menſch mit groͤßeſter Gleich⸗ guͤltigkeit an.— Alle verließen mich. Ich blieb allein; ich ging nachdenkend im Ge⸗ faͤngniß auf und nieder.— Ich ahnete eine ſchreckliche Zukunft; meine Ahnung taͤuſchte mich nicht. So wie der erſte Tag war, ſo waren die folgenden; niemand von meinen Richtern bekuͤmmerte ſich um mich, niemand unterſuchte meine Rechte, meine Foderungen; ich war der Welt abgeſtorben; keiner der ehe⸗ maligen gefuͤhlvollern Menſchen, die ſich fruͤ⸗ her meiner annahmen, kamen mir zu Geſicht. So vergingen mir fuͤnf Jahr. Icch will die Geſchichte dieſer ſchrecklichen Jahre nicht weiter beruͤhren. Mancher Un⸗ gluͤckliche ſpielte auf dieſem furchtbaren Thea⸗ ter eine Rolle; mancher verſeufzte ſeine Tage im Kerker; aber ich bin feſt uͤberzeugt, keiner durchlebte, ſo von aller menſchlichen Theilnah⸗ me vergeſſen, ſo verlaſſen vom Schickſal, ſo zuruͤckgeſtoßen von jedem Herzen, die trauri⸗ gen Tage in einem Kerker, wie ich. Waͤre — 1,— ich der aͤrgſte Verbrecher geweſen; ich haͤtte nicht aͤrger beſtraft werden koͤnnen. Ich eile aber dieſe ſchreckliche, fuͤr mein Leben verlorne Zeit hin; was ſollte ich von ihr ſchreiben, als jenes ewige furchtbare Einerlei, jene ver⸗ geblichen Wuͤnſche nach Freiheit, auf die kein Menſch achtete; jene vergeblichen Aeußerungen von einer Zeit, in der ich mich gewiß wuͤrde raͤchen koͤnnen, uͤber die man lachte; jene Geſchichte vergeblicher Verſuche zur Befreiung, 8 die um ſo vergeblicher waren, da ich Nie⸗ manden fand, der mir dazu behuͤlflich gewe⸗ ſen waͤre; jenen unnuͤtzen Erinnexungen, doch endlich meine Sache zu unterſuchen, die Nie⸗ mand achtete.— Uebrigens hatte ich gute Ppflege; im Winter wurde mein Kerker ge⸗ heizt; Reinlichkeit, Eſſen und Trinken fehlte mir nicht; wohl aber Beſchaͤftigung. Was haͤtte ich darum gegeben, zuweilen Geſellſchaft um mich zu ſehen, oder Charten, ein Buch oder Papier zu haben! So ſaß ich eines Morgens, als das III. 12 — 178— Gelaͤute in der ganzen Stadt erſcholl. Ich hatte es nie ſo gehoͤrt; um ſo mehr mußte es mir auffallen. Ich ſtieg auf einen Stuhl, um durch jenes, mit einem Gitter verwahrte Loch zu ſehen, ob ich vielleicht jemanden ge⸗ wahr werde, der uͤber die Urſach des Gelaͤu⸗ tes ſpraͤche. Es war vergebens, da mein Kerker gerade auf die wuͤſteſte Stelle des Schloßhofes ging, wohin ſich Niemand ver⸗ lor. Ich erfuhr nichts. Mittags kam der Bediente, der mein Eſſen durch das in der Thuͤr befindliche Klaͤppchen ſchob. Ich wagte es, ihn zu fragen.„Der Fuͤrſt iſt heute fruͤh abgefahren!“ ſagte er in einem Tone, der mir hinlaͤnglich bewies, daß der Hochſelige von ſeinen Unterthanen nicht ſonderlich bedauert würde.— Ob ich aus dieſem Todesfall neue Hoffnungen ſchoͤpfen, oder ob ich neue haͤrtere Begegnung fuͤrchten ſollte, daruͤber war ich in der That ungewiß. Fuͤr das Erſte haste ich zu viel von der Despotie erfahren; und zu dem letztern beſaß ich zu viel Muth. Ich muß es uͤberhaupt von mir ſagen, daß mein —- 1— Muth mich nie verlaſſen hatte. Er ging am Ende in eine gewiſſe Gleichguͤltigkeit ge⸗ gen mein Leben, in einen gewiſſen Trotz ge⸗ gen das Schickſal und gegen meine Feinde uͤber. Ich fuͤrchtste nichts mehr; der Ge⸗ danke an meine ungluͤcklichen Eltern ruͤſtete mich mit der Entſchloſſenheit eines Maͤrty⸗ rers aus; der Stolz bot dieſer Entſchloſſen⸗ heit die Hand; meine Feinde ſollten mich ſelbſt auf dem Blutgeruͤſte nicht verzagt ſe⸗ hen. In dieſen Entſchluͤſſen trank ich den Reſt meiner Flaſche; als mich Geraͤuſch Kom⸗ mmender in meinen Betrachtungen unterbrach. Es war eine ganz ungewoͤhnliche Zeit, in der meines Kerkers Thuͤre geoͤffnet wurde und— wer trat herein?— jener brave Huſar, der mich auf Befehl des Fuͤrſten hatte arretiren müͤſſen. Sprachlos fie! er in meine Arme. Auch ich konnte nichts ſagen. Erſt nach ei⸗ nigen Sekunden ſagte lich:„Bringen Sie mir etwa eine gute Nachricht, ſo zoͤgern Sie nicht damit. Ich bin auf alles, auf neue Hoffnungen— auf neue Furcht gefaßt.“— — 180— „Ich kann Ihnen nur ſo viel ſagen, daß Sie dies Gefaͤngniß mit einem andern ver⸗ tauſchen werden, in dem Sie wenigſtens Um⸗ gang, Buͤcher und Beſchaͤftigung haben.“— „Iſt mir ſchon viel werth, und iſt mir um ſo werther, da gerade Sie mir dieſe Nach⸗ richt bringen.“—„Ich bin Ihnen ja im Namen meines alten Vetters vielen Dank ſchuldig. Auf ſeinem Todtenbette hat er mir dies noch aufgetragen. Sie haben dem ehrlichen Mann ein frohes Alter gemacht.“ — Der Tod des alten Mannes dauerte mich. — Mit dem Huſar ging ich im Schloß hin⸗ auf; einige andere von den Hofleuten fuͤhr⸗ ten mich in ein Zimmer von betraͤchtlicher Groͤße, in welchem ich die Naͤthe des Fuͤrſten vorfand. Unter ihnen ſtand der neue Fuͤrſt, ein Juͤngling der kaum dem Knabenalter entwachſen war, und dem ich es auf den er⸗ ſten Blick anſah, daß es mit dem Regieren nicht gut gehen werde. Einer der Raͤthe— deſſen ich mich aus — 1381— fruͤherer Zeit nicht erinnere, wie dies der Fall mit andern war— trat mit einer ge⸗ wiſſen laͤcherlichen Feierlichkeit vor— ſo wie uͤberhaupt das Ganze einen nahe an Er⸗ baͤrmlichkeit grenzenden Anſtrich hatte, bei dem ich nicht an jene Verſammlung der Er⸗ ſten in Nord⸗Amerika oder an ein Zuſam⸗ mentreten der Officiete in meinen fruͤhen Kriegsjahren bei den Preußen, denken durfte, wenn ick nicht lachen wollte. Der Rath er⸗ offnete mir, daß der neue Fuͤrſt, die Sonne des Landes, vermoͤge, hoͤchſt dero edeln und menſchlichen Herzen mein Loos zu erleichtern allergnaͤdigſt zu beſchließen geruhet haͤtten. In hoͤchſt dero Herz, das von anerkannter und angeborner Milde gluͤhe, wuͤrde mir meine voͤllige Freiheit geben, wenn ich meine geſetzwidrigen thoͤrichten Anmaßungen hier oͤffentlich bereue, abbitte, widerrufe und verſpreche, mir dergleichen nicht wieder zu Schulden kommen zu laſſen.—„Dich oder den, der Dir dieſe Worte eingab, moͤchte ich an einem dritten Orte habenu war der erſte — 182— Gedanke, der aus meinem gluͤhenden Herzen, aus meinem kochenden Blute zum Kopfe ſtieg. Indeß das Ganze ſchien mir doch zu erbaͤrmlich, als, daß ich es mir ſollte merken laſſen, daß es auch nur einen Tropfen Blu⸗ tes in meinen Adern erhitzen koͤnne. Ich be⸗ zwang mich daher ſelbſt— was mir auch nicht ſehr ſchwer wurde. Mit dem ruhigſten Muthe und mit dem Anſtande eines maͤchti⸗ gen, uͤberwiegenden Mannes trat ich vor. Ich ſagte langſam und kalt:„Wenn Sie ſich mit der Hoffnung ſchmeicheln, daß mein fuͤnfjaͤhriges, unverdientes Gefaͤngniß meine Grundſaͤtze geaͤndert oder mir gar den Muth, ſie laut zu aͤußern, und ſie laut der Welt zu ſagen, genommen habe, ſo irren Sie gar ſehr. Ich werde nie vergeſſen, wer ich bin; laut will ich es jedem ſagen, daß meine Mutter die Prinzeſſin Adelheit ſey; daß mein Vater der hier ermordete General Eichenhorſt war. Ich muͤßte mich der Aſche und des Anden⸗ kens ſo edler Eltern unwerth machen, wenn ich auch nur einen Augenblick Bedenken tra⸗ —- 183— gen wollte, mich fuͤr ihren Sohn zu erklaͤren oder die Anſpruͤche auf eine Verlaſſenſchaft aufzugeben, die mir zukommt. Sie ſprechen von geſetzwidrigen Verbrechen? Davon laſſen Sie mich ſprechen. Wer hat mich durch Schlaftrunk betaͤuben laſſen, um mich in die⸗ ſem Zuſtande der Bewußtloſigkeit in ein Ge⸗ faͤngniß, fuͤr Moͤrder und Diebe gebauet, brin⸗ gen zu koͤnnen? Wer hat meine Brieftaſche mit meinen Wechſeln geſtohlen? Doch es ſoll alles an den Tag. Ich verlaſſe dieſes Laͤnd⸗ chen nicht, ohne alles, Alles erſetzt zu ſehen, ohne meine oͤffentlich gekraͤnkte Ehre oͤffentlich durch Abbitte hergeſtellt zu ſehen. Dies iſt meine Erklaͤrung; auf dieſe ſterbe ich, ehe ich ein Woͤrtchen davon ſchwinden laſſe.“— Jetzt trat ich ſchweigend zuruͤck und bemerkte, welchen Eindruck dies machte. Er war ſtark. Alles ſtand in einer unverkennbaren Verle⸗ genheit da; aber keiner ging mir ſo nahe, als der junge Fuͤrſt, der ſich mit jedem zuruͤckzog. In der That, ich ſage nicht zu Worte, das ich ſagte, weiter hinter die Naͤthe 3 — 184— viel, er zitterte an allen Gliedern und mit jedem Augenblick legte er eine andere Geſichtsfarbe auf. Gedrohet mochte ihm in ſeinem ganzen Leben noch nicht ſeyn; ich mußte ihm in der That, da er ſeine Macht nicht kannte, zu furchtbar erſcheinen. Die Pauſe dauerte mir doch etwas zu lange. Ich bat daher den Fuͤrſten um Entſcheidung. Erſchrocken trat er zuruͤck; wie er ſich in einem Falle dieſer Art zu nehmen habe, da⸗ rin mochte ihm Niemand Anweiſung gegeben haben. Kaum war er im Stande, den Na⸗ men des einen Rathes zu nennen, der auch ſogleich vorſprang, ſeinen Fuͤrſten deckte und mir erklaͤrte, daß ich naͤchſtens Reſolution haben ſolle.—„Und wo bleibe ich ſo lange?“ fragte ich. Der Fuͤrſt nannte ein Zimmer im Schloſſe— ich ging begleitet von einem Bedienten dahin. Es war eines der ſchoͤn⸗ ſten Zimmer im Schloſſe und ich bin faſt ganz uͤberzeugt, der arme, bange Fuͤrſt hat in der Herzensangſt dies Zimmer genannt, ohne zu wiſſen, was er ſagte. Doch das — 185— war mir einerlei. Genug— es war mir einmal und zwar oͤffentlich angewieſen— auf wie lange? Dieſe Frage durfte ich frei⸗ lich nicht thun.— Indeſſen hatte ich alle Urſach, auf mein etwas zu muthiges Beneh⸗ men mit Zufriedenheit zuruͤckzuſehen; es hatte mir unleugbar ein gewiſſes Anſehen verſchafft; aber— auch eben ſo unleugbar mir manche Gefahr bereitet; doch in Hinſicht dieſer be⸗ folgte ich den Soldatengrundſatz: je muthiger man den Gefahreu entgegen geht, um deſto mehr entfernen ſie ſich. Huͤten konnte ich mich doch nicht; der, der mir den Schlaftrunk einzugeben gerathen hatte— denn von dem Fuͤrſten kam dieſer Einfall gewiß nicht— konnte jetzt eben ſo leicht ein Giftpulver fuͤr mich bereit halten. Man wurde meiner auf dieſe Art am beſten los und— wie oft ha⸗ ben nicht die Abſichten das Mittel geheiligt, wenn es auch noch ſo ſchlecht war.— In jeder Mahlzeit fuͤrchtete ich meinen Tod. Mit der Zeit verlor ſich dieſe Furcht. Ich bewohnte jenes Zimmer im Schloſſe, durfte — 186— aber die Stadt nicht verlaſſen, was ich ſo nicht gethan haben wuͤrde. Uebrigens geſtand mir Niemand Rede uͤber meine Foderung, uͤber meine Brieftaſche; den Fuͤrſt ſprach ich nie, und die Raͤthe ſchienen eben kein großes Verlangen nach einer Unterhaltung mit mir zu haben. Lange Zeit verging und ich ſah mit Bedauern, daß mein Kaſſenbeſtand nicht in den glaͤnzendſten Umſtaͤnden war. Meine eingenaͤheten Juwelen wollte ich nicht bekannt werden laſſen, ob ſie mir gleich, wie ein tod⸗ tes Kapital aͤußerſt unnuͤtz waren. Aufmerk⸗ ſam auf alles, was in der Welt vorging und was ich durch die Zeitungen bald erfuhr, ach⸗ tete ich auf alles in der Hoffnung, daß jene groͤßern Weltbegebenheiten mit vielleicht einen Wirkungskreis neuer Thaͤtigkeit eroͤffnen moͤchten. Aber— nichts fand ſich. Nord⸗ Amerika und England hatten ſchon während meiner Einkerkerung Frieden gemacht. Das Einzige, worauf ich rechnen konnte, war Frie⸗ drichs des Zweiten Tod; ich hoffte, daß die⸗ ſer vielleicht einen Krieg hervorbringen koͤnne; — 187—. . aber dieſe Ausſicht taͤuſchte. Der Krieg mit den Patrioten in Holland war ein bloßer Zug, der die unruhigen Hollaͤnder bald in Schranken brachte. Die neue Errichtung des in andern Staaten aufgehobenen Jeſuiteror⸗ dens, ein Unternehmen, das Rußlands maͤch⸗ tige Kaiſerin Catharina zur groͤßeſten Freude des Pabſtes in ihrem ausgebreiteten Reiche gluͤcklich ausfuͤhrte, konnte auf meine Lage keinen Einfluß haben, da ich evangeliſch war. Ich dachte daher auch gar nicht mehr dararf, daß irgend etwas Großes in der Welt ſich zutragen koͤnne, das mich aus meiner unthaͤ⸗ tigen Lage reißen wuͤrde. Ich wußte endlich ſelbſt nicht mehr, ob ich frei, ob ich noch ge⸗ fangen war; ich wollte nicht fragen; der Fuͤrſt, der außer den Fehlern und Schwach⸗ heiten ſeines Vaters noch einen uͤberwiegenden Hang zu Mißtrauen hatte, ſagte mir nichts. * unſer Verhaͤltniß mußte alſo aͤußerſt geſpannt und druͤckend ſeyn.— Und gerade da, als ich ſchon an allem verzweifelte— rief mich mein Schickſal noch einmal, um in einem — 188— Alter von nahe an funfzig Jahren noch ein⸗ mal eine Rolle auf der geraͤuſchvollen Welt⸗ buͤhne zu uͤbernehmen. Der Krieg zwiſchen den Tuͤrken und Ruſſen hatte ſchon ein Jahr gedauert; es ſchien unmoͤglich, daß er auf mein Schickſal auch nur den mindeſten Einfluß haben wer⸗ de, als meine ganze Zukunft durch ihn be⸗ ſtimmt wurde. Der Krieg war ſchon ein Jahr hindurch mit wuͤthender Erbitterung von beiden Seiten gefuͤhrt,— in ſeine Ge⸗ ſchichte faͤllt die in ihrer Art einzige Erſtuͤr⸗ mung von Oczakow, die blutigſte, die es je gab; einer von den Auftritten, vor denen die Menſchheit zuruͤckſchaudert,— als mit einemmale und ganz unerwartet, der Kaiſer Joſeph der Zweite Antheil an dieſem Kriege nahm. Unerwartet war dieſer Krieg aller⸗ dings, denn Niemand wußte einen Grund deſſelben anzugeben.— Die Oeſterreichiſche Armee zog ſich zu⸗ ſammen; zu ihr ſtießen die Regimenter die⸗ ſes Heeres, die ſonſt in den Niederlanden, in Bruͤſſel, Gent, Luxemburg und anderen Garniſonen ſtanden, die Regimenter Clair⸗ fait, Ligne, Kaunitz und Arberg. Sie nah⸗ men groͤßtentheils, um nach Ungarn zu gehen, den Weg durch das Laͤndchen, in dem ich jetzt immer noch eine Art von Gefangener war. Einer der Verwandten des Fuͤrſten ſtand als Oberſter bei dieſen Truppen; und als Verwandter hielt er ſich waͤhrend des Marſches einige Tage im Schloſſe auf. Moͤglich, daß der Fuͤrſt mich auf eine gute Art los werden wollte; moͤglich, daß die Be⸗ ſorgniß, ich moͤchte vielleicht das Ganze mal oͤffentlich bekannt machen, den ohnehin nicht ſehr muthigen Fuͤrſten auf den Entſchluß brachte, mich auf eine ſchonendere Art, und ſo, daß ich ihm gewiſſermaßen noch Dank ſchuldig waͤre, aus ſeinem Staate zu entfer⸗ nen. Genug,— der kaiſerliche Oberſte kam gleich am folgenden Morgen unter einem Vorwande, dem ichs gleich anhoͤrte, er ſey — 190— die Hauptabſicht ſeines Beſuchs nicht,— zu mir. Unſer Geſpraͤch drehete ſich um die Axe des Krieges, und meiner in den Feldzü⸗ gen von Amerika erlebten Begebenheiten.— „Wie iſts aber moͤglich, daß ein Mann von Ihren Einſichten, von Ihren Erfahrungen, von Ihrem Muthe, und ſelbſt von Ihrem Aeußern, Gefallen an dieſer unthaͤtigen Le⸗ bensweiſe findet?“ fragte er in einem herz⸗ lichen, Zutrauen erweckenden Tone.—„Ge⸗ fallen findet? war meine Antwort.„Wiſ⸗ ſen Sie meine Geſchichte? Wiſſen Sie, wes⸗ halb ich hier wider meinen Willen bin?“— „Ich weiß alles, Alles; ich ehre Ihre Grund⸗ ſaͤtze, ich verſichere Sie, daß ich gerade wie Sie handeln wuͤrde. Aber was wuͤrde dies helfen? Wozu ſoll es fuͤhren?— Sie haben gerechte Foderungen; denn Sie ſtammen von einer Prinzeſſin dieſes Hauſes ab, die ein ziemliches Vermoͤgen hinterließ. Aber, wie ſoll das, durch Verſchwendung der Vorfahren verſchuldete, und auf keinen Fall zu rettende Fuͤrſtenhaus dieſe Summen abtragen?“— — 191— „Das kann und wird nie meine Sorge ſeyn.“—„Ganz recht. Ich kann nach meinen Grundſaͤtzen Ihre Anſicht nicht ta⸗ deln. Aber,— ich uͤberlaſſe es Ihrem Her⸗ zen, ob Sie es wohl verlangen koͤnnen, daß der gutmuͤthige, ſchwache Fuͤrſt, oder ein ge⸗ druͤcktes Land, die Folgen von Thorheiten der Vorfahren tragen ſolle. Wer weiß, wie das mit dem armen Laͤndchen noch wird?“ — Wie wahr der Mann hiier prophezeite, lehrte die Folge.— Ich ſchwieg einige Au⸗ genblicke. Ein kleiner Kampf entſtand in mir ſelbſt. Ich ſah ein, daß jene Familien⸗, jene Blutsverwandtſchaft mir in meinem Alter wenig helfen koͤnne. Nur der Raub meiner Brieftaſche mit dem Andenken meines Va⸗ ters, nur der Raub meiner Wechſel und eine fuͤnfjaͤhrige Gefangenſchaft in einem Kerker, konnten mir nicht ſo gleichguͤltig ſeyn. Et⸗ was entruͤſtet, ſagte ich dies dem Oberſten ausfuͤhrlich. Er hoͤrte aufmerkſamer zu.— „Freilich, von dem hat man mir wenig ge⸗ ſagt,“ antwortete er mir etwas unwillig — 192— und beſchaͤmt.„Allein,— dies alles iſt gewiß mehr durch die Raͤthe, als durch den vorigen Fuͤrſten veranlaßt.—„Das kann ſeyn. Aber iſt der Fuͤrſt nicht verantwort⸗ lich? Kann ein Despot ſich je mit ſeinen Raͤthen entſchuldigen?—„Nein. Es geht alles auf den Fuͤrſten.“— Er ging im Zimmer auf und nieder, mit einemmale ſtand er ſtill und reichte mir die Hand. „Freund!“ fing er an,„Sie haben ein uͤberwiegendes Recht auf meine ganze Ach⸗ tung. Vergeſſen Sie einmal auf Augen⸗ blicke, was Sie hier trugen, und hoͤren Sie meinen Rath. Sie ſind ein Mann von Erfahrungen, Einſicht und Muth. Gehen Sie in Dienſte des Kaiſers. Der Feldzug gegen die Tuͤrken zeigt Ihnen eine neue Lauf⸗ bahn. Sie muͤſſen dieſe waͤhlen.“— Ich geſtehe es gern, mein Herz huͤpfte vor Freu⸗ den. Ich ſah meinen gluͤhendſten Wunſch der Erfuͤllung nahe. Aber,— ich wollte mir dies nicht ſo gleich merken laſſen; ich wollte dem Fuͤrſten und ſeinen Naͤthen den - 1793— Triumph nicht goͤnnen, mich gewiſſermaßen Uberliſtet zu hab 3 und ich ſah in voraus, daß man das Ganze ſo beurtheilen, und von dieſer Seite bekannt machen wuͤrde. Mit erzwungener ruhiger Kaͤlte ſagte ich:„Ein Beraubter? Ein eben erſt aus dem Gefaͤng⸗ niß Entlaſſener? Ein des Verbrechens der be⸗ leidigten Majeſtaͤt halber Angeklagter? Einer, den man thoͤrichter, laͤcherlicher Anmaßungen beſchuldigte?— Sagen Sie ſelbſt,— wuͤr⸗ den Sie als Kaiſer, als General, einem ſol: chen eine Charge geben?“— Der Oberſte ſchwieg einige Sekunden.„Und dies waͤre das Einzige, das Sie meinem Rathe entge⸗ gen ſetzen?“—„ und iſt dies Einzige nicht genug?“— Er verließ mich. Ich war ſehr heiter, denn ich ſah im voraus, wie alles kommen werde.— Was noch nie geſchehen war, geſchah heute. Kaum eine Stunde verging, als ein Kammerherr des Fuͤrſten erſchien, und mich zur Tafel einlud. Ich nahm die Einladung an; ich fand eine aͤußerſt anſehnliche Geſellſchaft; alle Landes⸗Collegien III. 13 — 194— 1* des kleinen Staates waren dort, nebſt meh⸗ reren Oeſterreichiſchen Offizieren. Der Fuͤrſt trat mir entgegen. Mochte er die Formel: „Wir wollen nicht weiter unterſuchen, wer Schuld hat, daß wir beiden Verwandten uns in langer Zeit nicht ſahen. Seyn Sie will⸗ kommen, Vetter!“ gleich auswendig gelernt haben, ſo war mir doch der Auftritt ruͤh⸗ rend. Ich dankte ihm in der That herzlich. Zugleich reichte er mir meine Brieftaſche mit den Worten:„Hier, Vetter, noch etwas, das Ihnen iſt.“ Meine Freude war groß, das Liebſte, das ich ſonſt mein nannte, das ich verloren glaubte, war wieder in meinen Haͤn⸗ den. Wir ſetzten uns zu Tiſche. Die Oeſter⸗ reicher ſahen mich in meiner Amerikaner Uniform aufmerkſamer an. Auf einen Wink des Fuͤrſten, erklaͤrte der erſte Rath, daß ich zu einer Nebenlinie des Hauſes gehoͤre; daß ich aber um Erbſchafts⸗Sachen mit dem hochſeligen Fuͤrſten mich entzweiet, daß ich den Fuͤrſten gefordert habe, und daß ich. dieſes Attentat mit einem Arreſt von mehre⸗ ren Jahren habe buͤßen muͤſſen. Der Rath 4— — 8= 195— las dies voneinem Bogen ab, den ich mir ganz ruhig aßsbat, und ihn eben ſo ruhig in meine Brießaſche legte. Alles an der Tafel wuͤnſchte mir Gluͤck,— ich lachte im Herzen uͤber die ganze Poſſe. Nach der aufgehobemn Tafel nahm mich der Oberſte in einen Kreis der Officiere von Kaunitz.—„Nun haben Sie Satis⸗ faction genug. Uebermorgen reiſen Sie mit⸗ uns; meine Sorge ſoll es ſeyn, daß Sie außerſt vortheilhaft angeſtellt werden. Ich kenne den Feldmarſchall Lascy,— ich war ſein Adjutant und Liebling.“— Ich ſtellte mich, als ſchwankte ich, und verſprach ihm noch vor Abend beſtimmte Antwort. Er war zufrieden; noch zufriedener war ich.— Mein Erſtes war, meine Brieftaſche nachzu⸗ ſehen. Wechſel, und die Blaͤtter, auf denen meines Vaters letzte Worte ſtanden, waren da; aber jene wichtigen, uͤber meine Abkunft Licht gebenden Papiere, ſelbſt der Schein des Huſaren, dem ich ſie abgeliefert hatte, wa⸗ — 1496— ren verſchwunden. Entruͤſtet uͤber dieſe Heim⸗ tuͤcke, ging ich zu dem Oberſten, ihm dies zu ſagen. Er laͤchelte.—„Laſſen Sie doch den Bettel zum Teufel ſeyn!“ ſagte er. „Werth konnte er Ihnen doch nicht geben. Ich wuͤrde in Ihrer Stelle nicht einmal thun, als waͤre mir an der Ehre, mit einem bankerutten Fuͤrſtenhauſe verwandt zu ſeyn, etwas gelegen. Sie werden Ihre Ab⸗ ſtammung auf einem ruͤhmlichern Wege, als durch Lumpenpapiere beweiſen. Der Fuͤrſt wird ſich gluͤcklich im Beſitz dieſer Documente fuͤhlen. Ihnen ſind ſie entbehrlich.— Nun zu etwas Wichtigerm.“— „Wie ſteht es um Ihren Entſchluß? Nicht wahr,— alte Kriegshelden koͤnnen nicht muͤſig bleiben?“— Ich fuͤhlte, daß der Mann Recht hatte. In einer Anwand⸗ lung einer frohen Laune ſchlug ich ein.— „Sie haben Recht,“ ſagte ich.„Moͤgen die Papiere zum Teufel ſeyn. Ich folge Ih⸗ nen!“— Er umarmte mich.„Ihre Em⸗ — 197— pfehlung ſey meine Sache.“— So ſchieden wir. Das Regiment Kaunitz brach am folgenden Morgen auf. Gegen Mittag wollte ich mit dem Oberſten und einigen andern Officieren von Arberg Dragoner abreiſen. Noch einmal ging ich zu dem Fuͤrſten. Ich wuͤnſchte, der junge Fuͤrſt haͤtte ſich gleich an⸗ fangs ſo gegen mich genommen, wie jetzt, da ich mit ihm allein ſprach, da er die Her⸗ zensguͤte ſelbſt war, da er das zwiſchen ſei⸗ nem Vater und mir Vorgefallene ſehr bedau⸗ erte. Ob es alles ſo wirklich gefuͤhlt war, wie er's ſagte, will ich nicht unterſuchen, aber glauben will ich's. Zum Abſchiede, und zum Andenken mußte ich von ihm ein ſchoͤ⸗ nes Pferd mit Sattel und Zeuge, trotz aller meiner Weigerungen annehmen. Ich er⸗ waͤhnte von den mir fehlenden Documenten nichts.— Marſchgeſchichten liefern wenig Anziehen⸗ des; daher auch kein Wort daruͤber. Wir erreichten in wenigen Tagen die pfaͤlziſche — 198— Grenze, und wurden in einem aͤußerſt netten Staͤdtchen einquartirt. Die beiden mit uns gehenden Regimenter hatten Ruhetag, den wir mit kleinen Spatzierritten ausfuͤllten. Da fiel mir ein reizend liegendes Kloſter auf; ich fragte nach dem Namen, und hoͤrte zu meiner groͤßeſten Verwunderung, daß es eben das ſey, in welchem meine ungluͤcklichen El⸗ tern durch Prieſterhand verbunden waren. Hieruͤber woltte ich unterrichtet ſeyn. Unter einem bald aufgefundenen Vorwande ritt ich hinauf. Der Guardian, ein freundlicher Mann, von meinem Alter, empfing mich, mit der den Kloͤſtern ſo eigenen Gaſtfreund⸗ ſchaft. Ich brachte das Geſpraͤch auf jene heimliche Vermaͤhlung, und beantwortete des Mannes Frage: Warum ich dies wiſſen wolle? mit der Aeußerung, von dieſer, ſo viel Aufſehen machenden Sache gehoͤrt zu ha⸗ ben, und daß ich wuͤnſche zu wiſſen, ob ſie mehr als ein bloßes Geruͤcht ſey.—„Sie “ iſt mehr als bloßes Geruͤcht; leider mehr als dies,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Unſemm —— — 199— frommen Kloſter waͤre ſie bald theuer zu ſtehen gekommen. Der Pater Stephan hat ſeine Uebereilung mit ewigem Gefängniß buͤßen muͤſſen!— Mich dauerte das harte Loos bieſes Mannes.“—„Alſo noch ein Ungluͤck⸗ licher mehr? War es ein Ungluͤck meiner ar⸗ men Eltern,— war es an dem meinigen nicht genug?“ rief ich unfreiwillig. Der Guardian ſah mich an.„Jeſus, Maria und Joſeph! wer ſind Sie?“— ſagte er. Ich entdeckte ihm alles; ich enthuͤllte ihm die Ge⸗ ſchichte des traurigen Looſes meiner Eltern; ich zeigte ihm das, was ich uͤber meines Vaters Schickſal, im Gefaͤngniß aufgefun⸗ den hatte. Unter Thraͤnen las ich es ihm vor; unter Thraͤnen hoͤrte er es an.— Schweigend holte er einen großen Folian⸗ ten,— er blaͤtterte, und fand die mir ſo wichtige Nachricht umſtaͤndlich aufgeſchrieben, und von meines Vaters, und meiner Mut⸗ ter Hand unterzeichnet. Ich kuͤßte die wer⸗ then Schriftzuͤge,— ach! ſie waren alles, was ich von meiner Mutter je geſehn hatte. Was haͤtte ich fuͤr dies Blatt gegeben! Der Guardian hatte die Gefaͤlligkeit, mir eigen⸗ haͤndig das ganze Aktenſtuͤck abzuſchreiben. Er haͤtte mir mit ſeinem ganzen Kloſter kein wertheres Geſchenk machen koͤnnen.—„Der Pater Stephanus iſt doch ſchon lange todt?“ fragte ich.—„Todt iſt er, aber noch nicht ſehr lange. Er hat acht und dreißig Jahre gelitten!“ Ich ſchlug in meine Haͤnde. Schrecklich ſchallten mir die Worte in die Seele:„Acht und dreißig Jahr!“— Aber er blieb doch hier?“—„Nein. Der Ungluͤckliche wurde in ein baieriſches Klo⸗ ſter gebracht. Hier ſehen Sie ſeinen Todtenſchein.“— Ich konnte hier nicht mehr ausdauern; mich griff alles zu ſehr an; ich zog einen uͤberall guͤltigen Wechſel von tauſend Thalern aus meiner Brieftaſche, und gab ihm dem Guardian, mit dem Wor⸗ ten:„Wenn Sie einen Ungluͤcklichen antref⸗ fen, dann unterſtuͤtzen Sie ihn hiermit; und laſſen ihn fuͤr das Wohl meiner armen El⸗ tern beten.“— Dankbar nahm der Guar⸗ — „ — 201— dian dies Geſchenk an, das ich ihm fuͤr die⸗ ſen nichtigen Aufſchluß ſchuldig zu ſeyn glaubte. Ich verließ ihn mit eben ſo, und gewiß noch dankbarerem Herzen. Dem Oberſt ſagte ich von dieſer Entdeckung nichts. Er war, wie es ſchien, freilich ein aͤußerſt billig⸗ denkender und edler Menſch; aber,— er war mit dieſem Fuͤrſtenhauſe nahe verwandt; ich wußte nicht, wie er ein enthuͤlltes Ge⸗ heimniß dieſer Art aufnehmen werde, und im Grunde war mir auch zu wenig daran gelegen, ob andere Menſchen dies Verhaͤlt⸗ niß wußten oder nicht. Wußte ich es doch, daß meine Eltern rechtmaͤßige, durch die Kirche vetbundene waren, und das mußte und konnte mir genug ſeyn. Ruhig und zufrieden ſetzte ich die Reiſe fort.— Wir kamen nach Wien, wo wir weitere Nachrich⸗ ten von dem Kriege, weitere Befehle wegen unſerer Maͤrſche erwarteten. Mein Freund, der Oberſt, hielt Wort, ſo wie er auch darin wahr geredet hatte, daß er viel bei dem Feld⸗ marſchall Lascy galt., Er ſelbſt fuͤhrte mich — 202— in Wien zu dieſem ehrwuͤrdigen Greiſe. Ich uͤberreichte meine fuͤr mich ſo aͤußerſt ruͤhm⸗ lichen Zeugniſſe, die ich von dem General Washington in Haͤnden hatte.— General Lascy ſah ſie mit groͤßeſter Aufmerkſamkeit durch; ſprach dann faſt eine Stunde mit mir uͤber den Krieg, in Amerika; ſchien jeden Augenblick mir geneigter zu werden, und trug mir dann kaiſerliche Dienſte, in eben dem Range, den ich in Amerika ge⸗ habt hatte, an. Die Anſtalten zu dieſem Feldzuge waren ungewoͤhnlich. Die ganze oͤſterreichiſche Armee mußte ſich an der Do⸗ nau ſchon den erſten Maͤrz aufſtellen. Mir wurde das Commando eines neu errichteten Bataillons anvertrauet, mit dem ich an der Donau hinunter zog. Die Feindſeligkeiten nahmen bald den Anfang, und wir wurden bald gewahr, mit welchen verzweifelten Fein⸗ den wir zu kaͤmpfen hatten. Keiner, ſelbſt keiner der kleinern, ſonſt unhaltbaren Oerter, war er mit Tuͤrken beſetzt, ergab ſich auf bloße Aufforderung. Alle mußten mit Ver⸗ — 203— luſt von unſerer Seite eingenommen werden, und viele der braven Oeſterreicher bluteten, und fielen im Angriff der Tuͤrken, die mit beiſpielloſer Gleichguͤltigkeit gegen ihr Leben ſtritten. Immer wird dieſer Krieg in der Geſchichte Oeſterreichs merkwuͤrdig bleiben, wegen der Folgen, die er nicht hatte, und die die ganze Welt von ihm erwartete. Noch nie war die Macht, die dieſes Haus diesmal dem Feinde entgegen fuͤhrte, von einer an⸗ dern uͤbertroffen. Der edle Kaiſer Joſeph der Zweite ſetzte ſich ſelbſt an die Spitze ſei⸗ ner Truppen, und theilte alle Beſchwerlich⸗ keiten, alle Gefahren mit ſeinen braven Kriegern.— Die groͤßeſten Feldherren der oͤſter⸗ reichiſchen Armee, Laudon, Lascy, Kinsky, der Prinz von Coburg, Wartensleben, Lich⸗ tenſtein und mehrere, deren Namen in den Kriegsannalen des maͤchtigen Kaiſerhauſes Sglänzen, befehligten unter dem Kaiſer, oder fuͤhrten eigene Abtheilungen dieſes, nahe an — 204— 4 eine Viertel⸗Million ausmachenden Heeres. Unvergeßlich bleibt mir der Anblick, da ich den edeln Kaiſer zum erſten Male ſah, wie er an der Donau das ſchoͤne Heer muſterte; wie er im furchtbaren Wetter in einen ein⸗ fachen Rock gekleidet, und begleitet von eini⸗ gen Adjutanten, auch mein Bataillon durch⸗ ſah. Welche kuͤhne Hoffnungen ſchwellten da die Bruſt eines jeden! Mit welchen Aus⸗ ſichten ſah ich der Zukunft entgegen! Und— — wie ſind alle Hoffenden in ihren Erwar⸗ tungen getaͤuſcht?— In dem ungariſchen Staͤdtchen, in welchem ich mein Bataillon uͤbernahm, lagen zugleich einige Eskadrons eines Huſarenregiments, eines der ſchoͤnſten, das ich je ſah, man moochte Leute, oder Pferde beruͤckſichtigen. Dey Commandeur davon wurde bald mein Freund, und ver⸗ diente es ganz zu ſeyn. Was unſerer Freund⸗ ſchaft ſehr guͤnſtig war, war der Umſtand, daß wir zuſammen eine Marſchroute hatten, und auf dem Wege beſtaͤndig zuſammenblie⸗ ben. Eines Moirgens kam er zu mir. Auf 7 ſeinem Geſichte war der hoͤchſte Unmuthz ich fragte nach der Urſach.—„Werdens halt die ſchoͤne Einrichtung bald hoͤren. Habs ſo eben vom General erfahren!“—„Da waͤre ich doch neugierig!l“—„Wir ſind doch faſt dritthalb hunderttauſend Mann, nicht wahr?“—„Nun ja.“—„Was wuͤrden Sie halt mit einer ſolchen Armee machen?“ —„Gerade an der. Donau hinunter gehen, bis ans andere Ende des tuͤrkiſchen Reiches, und alles erobern, ſo weit der halbe Mond Wappen iſt. Ich hoffe, ſo wird's der Kai⸗ ſer auch machen.“—„Gehorfamer Diener! die ganze ungeheure Armee, gebens halt Acht,— bezieht einen Cordon, von der Bu⸗ kowina, bis über Cvoatien hinaus.“— Ich lachte!—„Das hat man Ihnen weis ge⸗ macht, oder man hat mit einer Satyre zu Markte gehalten. Ein ſolcher Plan waͤre ja das zweckmaͤßigſte Mittel, die ganze Armes aufzurollen, und die Diviſions einzeln zu vernichten. Die Tuͤrken koͤnnen uͤberall mit ſaͤrkerer Macht durchbrechen, und ehe ein — 206— Bataillon dem andern zu Huͤlfe kommt, ſind beide abgeſchlachtet.“—„ Habens halt ganz meine Anſicht. Nun fehlt noch, daß der Himmel uns Hundewetter, Regen, Naͤſſe, Kaͤlte und dergleichen zuſchickt, dann kommt von der ganzen Armee auch nicht ein Quer⸗ pfeifer nach Haus!“— Ich bezweifelte im⸗ mer noch dieſe Ausſage, als mein Ordonanz⸗ unterofficier mit eben dem Befehle ankam. Das Heer mußte den auffallenden Plan aus⸗ fuͤhren,— ſeine Folgen waren, wie jeder ſie vorausſehen konnte. Die Tuͤrken waren nicht mehr die rohen, ungebildeten Haufen, die Oeſterreich in den beiden Kriegen von 1715 und 1737 als Feinde vor ſich geſehen hatte. Sie waren jetzt in der Kriegskunſt um ein Großes vorgeruͤckt, und mochten ſie den Reformator ihrer Krieger, den Grafen Bonneval, der ſie nach der Art anderer Eu⸗ ropaͤiſcher Truppen uͤbte, noch ſo ſehr haſſen; das, was er ihnen, was er beſonders ihren Officieren beigebracht hatte, war bei ihnen von großer Wirkung. Sie handelten jett 7 gerade nach dem Plane, den ein kluger Krie⸗ ger befolgt, niemals das zu wollen und zu thun, was der Feind will und thut. Sie beſetzten alle Feſtungen ſtark; die Beſatzungen ergaben ſich nicht eher, als bis noch ein klei⸗ ner Reſt uͤbrig war. Es wurden von den Tuͤrken haͤufige Angriffe gewagt, und wenn ſie ſich denn auch zuruͤckzogen, ſo war doch ihre Abſicht, uns zu ſchaden, erreicht, und nach ihren Grundſaͤtzen war ihnen an der eigentlichen Behauptung des Schlachtfeldes wenig gelegen. Doch— ich will hier keine Geſchichte eines Krieges erzaͤhlen, der in unſerm Zeit⸗ alter ſich zutrug; eines Krieges, den Preußen erſt durch ſeine Dazwiſchenkunft endigte; eines Krieges, in welchem anſteckende Krankheiten ſich zu den Muͤhſeligkeiten geſellten und mehr Krieger wegrafften, als das Schwert der Tuͤr⸗ ken. Ich will jetzt zu meiner Geſchichte und zu dem, was mich in dieſem Kriege traf, kom⸗ men. Es war Anfangs Aprils, als mein 3* — 208— Bataillon den Befehl erhielt, zu dem Corps des Fuͤrſten Lichtenſtein zu ſtoßen, das zu der Belagerung von Dubitzka beſtimmt war. Der Marſch bis dahin war weit ging durch moraſtige, ſumpfigte Gegenden, fuͤhrte uns durch ein ziemlich ausgeſogenes Land und konnte daher unmoͤglich zu den angenehmern Maͤrſchen gerechnet werden.— Ueberdies mußte mein Bataillon faſt immer die Doͤr⸗ fer vermeiden, in denen andere Truppen ſtan⸗ den; wie mußten groͤßtentheils unter freiem Himmel bleiben. Fanden wir auch zuweilen eine verlaſſene, oͤde Zigeunerhuͤtte, ſo bezog ſie keiner, um ſich nicht irgend einen Vorwurf von denen zuzuziehen die auf dem bloßen Boden liegend, jeder Witterung ausgeſetzt, eines ſolchen Vortheils entbehren mußten. Auch ich, als Commandeur, entſagte einem ſolchen Obdach gern und blieb lieber mitten unter meinen Warasdienern. So marſchir⸗ ten wir einſt, als wir in eine Gegend kamen, die mir bekannt erſchien. Jeder Baum, jeder Huͤgel, jeder Hohlweg erſchien mit unter einem * — 209— Lichte— ich ſann nach, ich fragte Andere — das Bataillon war noch nie hier geweſen. Gedankenvoll bog ich um eigen Huͤgel— einige Huͤtten ſtanden da— und mit einem Male ſiel die Decke von meinen Augen— ich ſah das elende Zigeunerdoͤrfchen vor mir, in welchem ich mit Tonny's Eltern gewohnt hatte. Ich weiß nicht, was Andere in mei⸗ ner Lage gedacht, gefuͤhlt, gethan haben wuͤr⸗ den. Meinen Augen entſtuͤrzten Thraͤnen— ich will nicht entſcheiden, war's Freude, war's Schmerz, der dieſe Zaͤhren hervorbrachte. Al⸗ les was ich in der Zwiſchenzeit erlebt hatte, lag wie die Geſchichte eines Tages vor mir, da ich mich in jene Knabenjahre zuruͤck⸗ verſetze. Um das Doͤrfchen herum ließ ich das Bataillon lagern; zum erſten Male be⸗ diente ich mich jener Huͤtte— aber nicht, um dort zu ſchlafen, ſondern— man lache nicht uͤber den Schwaͤrmer!— um mich bort auszuweinen und mein Herz von einem nie ſo tief gefuͤhlten Kummer zu erleichtern. Bis mitten in die Nacht ſaß ich da an einem kleinen Feuer— ich rief mir alle Bilder meiner Kindheit zuruͤck. Die Huͤtte wurde mir ein Tempel; mein ganzes Herz war be⸗ wegt, meine ganze Phantaſie war aufgeregt, als mit einem Male Laͤrm geſchlagen wurde und die Trommeln mich aus meinen Traͤu⸗ men weckten. Ich fuhr auf— meine Leute waren im Augenblick geſtellt; neben uns hin trabten einige Escadrons Huſaren und ein fremder Officier kam uns mit dem Befehl entgegen, zu eilen und uns gleich an das Corps anzuſchließen, das zum Sturme auf das nahe Dubitzka beordert war. Wirklich lag dieſes Staͤdtchen dicht vor uns; ein Ge⸗ buͤſch hinderte uns, daß wir es ſahen. Wir ſchloſſen uns an. Der Donner des Geſchuͤz⸗ zes machte, daß die Erde unter uns bebte— wir mußten uns vor die Kanonen ziehen, der Sturm ging an— mit beiſpielloſer Tapfer⸗ keit und Gleichguͤltigkeit gegen das Leben ſtuͤrzten wir uns von dem Glacis in den Graben, um den Wall zu erklettern, den mit langen Lanzen bewaffnete Tuͤrken beſetzt hat⸗ 8 —- 2411— ten. Unſer muthige Angriff wurde abgeſchla⸗ gen; die Haͤlfte meines Bataillons und der neben uns ſtehenden Regimenter lag erſtochen in dem Graben. Mit Muͤhe erſtiegen wir das Glacis, um unſere erſte Stellung wieder zu nehmen und uns hier zu einem neuen Angriff vorzubereiten. Dicht hinter uns hiel⸗ ten jene Huſaren, deren Anfuͤhrer mein Freund war. Ich gruͤßte den letztern; er ritt mir naͤher, um waͤhrend der neuen Ein⸗ richtung des Angriffes mit mir einige Worte zu wechſeln.— In eben dieſem Augenblick brachen die Tuͤrken mit einer Wuth, die alle Beſchrei⸗ bung uͤbertrifft, durch die von unſerer Artil⸗ llerie gemachte Breche, waͤhrend ein anderer, noch ſtaͤrkerer Haufe aus dem Thore drang. Die erſten griffen uns von vorn an; die letz⸗ tern ſtuͤrzten auf unſere Fluͤgel. Der Kampf wurde ſchon dadurch ungleichz wurde es aber noch mehr, als ein drittes Corps der Tuͤr⸗ ken durch den Wald auf uns eindrang und 212— das ganze Corps der Oeſterreicher mit einem ſtarken Verluſt an Getoͤdteten in die Flucht ſchlug. Ich hielt, ſo gut es mir moͤglich war, mein ſehr zuſammengeſchmolzenes Bataillon in Ordnung— jene Huſaren ſchloſſen ſich an uns und wir traten, unter allen kaiſerli⸗ chen Truppen die Einzigen, den Ruͤckzug mit gemeſſenem Schritte, mit geſchloſſenen Gliedern an.— Aber eben dies erbitterte die Tuͤrken um ſo mehr, da die andern Oeſterreicher kaum an Widerſtand dachten und ſich bloß durch die wildeſte Flucht retteten, auf der ſie ge⸗ wiß von dem Feinde mit groͤßerm Nachdruck verfolgt ſeyn wuͤrden, haͤtte nicht unſere Standhaftigkeit die ganze Aufmerkſamkeit der Tuͤrken auf ſich gezogen. Im eigentlichen Verſtande ſchwaͤrmten die Feinde um uns wie die Bienen; von allen Seiten verſuchten ſie einzudringen; aber von allen Seiten ſtell⸗ ten ihm meine Leute eine Standhaftigkeit entgegen, die wirklich des glaͤnzendſten Sieges — 213— werth geweſen waͤre. Unſere Schuld war es nicht, wenn wir am Ende keinen Widerſtand mehr leiſten konnten; meine Warasdiener hatten ſich gaͤnzlich verſchoſſen; die Glieder waren zu dunn geworden; ſie loͤſeten ſich end⸗ lich auf, der fernere Widerſtand verlor ſich, die angreifenden Tuͤrken ließen uns ſtehen, um erſt die Koͤpfe der Verwundeten und Todten mitzunehmen— mehrere mir be⸗ kannte Officiere ſah ich auf dieſe Art behan⸗ delt und furchtbar ertoͤnte nun der Befehl, daß wir folgen ſollten. Ich war der einzige ubrig geblieben⸗ Officier des zu hoͤchſtens ſechzig Mann zuſammen geſchmolzenen Batail⸗ lons, der noch am Leben war und was noch mehr ſagen will, der keine Verwundung hatte. Deſto furchtbarer erſchien mir die Zukunft. Mochte gleich vieles, was die Geſchichte von den eigentlich durchdachten Grauſamkeiten der Tuͤrken in dieſem Kriege erzaͤhlt, ganz erdiche tet oder doch ſehr uͤbertrieben geſchildert ſeyn., ſo wußte ich doch in voraus, daß mein Loos, als Gefangener ſchrecklich genug ſeyn werde; - 24— ich mußte dies um ſo mehr, da die Tuͤrken gar nicht begreifen konnten, weshalb der roͤ⸗ miſche Kaiſer ihnen einen Krieg angekuͤndigt hatte, den ſie, ihrer Anſicht nach, durch nichts verſchuldet hatten. Sie hatten ihren Waf⸗ fenſtillſtand beinahe funfzig Jahre redlich und treu gehalten, ſelbſt da waren ſie ihrem, im Belgrader Frieden gegebenen Worte treu ge⸗ blieben, als der von ihnen faſt goͤttlich verehrte und bewunderte Friedrich der Zweite im ſie⸗ benjaͤhrigen Kriege ihre Huͤlfe verlangte. Dies alles erbitterte ſie um ſo mehr und Niemand mußte das Benehmen des oͤſterrei⸗ chiſchen Hofes mehr buͤßen, als die armen Gefangenen, die nichts gefehlt hatten. Ich beneidete in dem Augenblick die von meinen Kameraden, deren Koͤpfe neben uns hergetra⸗ gen wurden; deren verſtuͤmmelte Leichen auf dem Glacis von Dobritzka herumlagen. Wie in einem Triumphzuge fuͤhrten uns die Tuͤr⸗ ken neben ihrem groͤßern Lager hin; laut war der Jubel, den wir verurſachten, Alles lief aus den Zelten und Huͤtten zuſammen und was —- 215— man uns zurief, was man beſonders mir, als dem Anfuͤhrer, zuſchrie, war wahrlich nicht dazu gemacht, uns die Ausſicht auf das was uns bevorſtand reizend zu malen. Wir waren faſt am Ende der wilden, furchtbaren Linie, als ein vornehmer Aga der Tuͤrken in einem praͤchtigen Anzuge vor einem verſchwen⸗ deriſch geſchmuͤckten Zelte ſtehend, den ungluͤck⸗ lichen Zug halten ließ. An ſeiner Seite ſtand ein braunes Maͤdchen, das mit ihm die Neugierde uns zu ſehen, zu theilen ſchien. Der Aga— denn auf dieſen nur ſah ichz ob mit Hoffnung, ob mit Furcht weiß ich nicht; die nicht weit von ſeinem Zelte auf eben ſo viel Lanzen ſteckenden fuͤnf Koͤpfe, lie⸗ ben es in meiner Seele nicht ſonderlich hell werden. Ich bemerkte an dem Tuͤrken eine Art von Verlegenheit, die ſich in ſeinen Blik⸗ ken deutlich verrieth. Er fragte italieniſch nach meinem Namen und fuhr etwas zuſam⸗ men, da er ihn hoͤrte. Er ſchwieg einige Sekunden, dann ſagte er dem Anfuͤhrer un⸗ ſerer Begleitung einige Worte. Dieſer ver⸗ — 216—, beugte ſich tief, ergriff ehrfurchtsvoll meine Hand und fuͤhrte mich in das Zelt des Aga, indeß der Eigenthuͤmer ſelbſt auf dem Platze vor dem Zelte auf und nieder ging.—„Wo⸗ zu wird das fuͤhren?“ dachte ich.—„Ob eine neue, unerwartete Hoffnung dich aufrich⸗ ten— ob ein neues furchtbares Ungluͤck dich treffen wird?“— Dies waren die Fragen, die ich mir vorlegte, die ich aber nur um ſo quaͤlender und beunruhigender fand, je weni⸗ ger ich ſie beantworten konnte, je ungewiſ⸗ ſer ſie mich in Hinſicht meines Schickſals ließen. Da trat der Aga in das Zelt— ſchwei⸗ gend fuͤhrte er mich in eine entlegenere Ab⸗ theilung deſſelben— hier ſiel er mir um den Hals. Mein Schrecken laͤßt keine Be⸗ ſchreibung zu— wie ein Traͤumender ſtand ich da und litt jene Umarmung, ohne ſie zu hindern, ohne ſie zu erwiedern.„Wenn da nur kein Irrthum im Hintergrunde ſteckt!“ dies war der einzige— freilich ſchreckliche 21„— Gedanke, deſſen ich faͤhig war.—„Alſo, Fer⸗ nando, kennt Ihr mich wirklich nicht mehr du fragte der Tuͤrke und die Thraͤnen traten in ſeine Augen.—„Nein, Aga.“—„Ach, und ich habe ſo viel an Euch gut zu machen! koͤnnte ich es nur an den andern auch, die durch mich ungluͤcklich wurden?“— Ich ſah den Mann ſchaͤrfer an. Vergebens. Kein Zug, der mich an eine fruͤhere Bekanntſchaft erinnerte, entfaltete ſich. Ich ſah den Greis immer aufmerkſamer an, aber es war mir nicht moͤglich, in meinem Gedaͤchtniß einen Punkt zu finden, an den ſein Bild ſich knuͤpfe. — Da ſchlug er beſchaͤmt die Augen nieder. „Wahrlich! Fernando, Ihr denkt edel, da Ihr fuͤr Beleidigungen nicht einmal Gedaͤcht⸗ niß habt. Kennt Ihr Euren Befehlshaber Marko Polazzi nicht mehr, der Euch an der afrikaniſchen Kuͤſte im Stich ließ?“— Da kannte ich mit einem Male jenen treuloſen Genueſer wieder, der in dem Augenblick mit ſeinem Schiff ſchaͤndlich floh, als ich die bei- den Raubſchiffe angriff. War ich gleich jetztt— — 218— ſein Gefangener und hing mein Leben von ſeinem Winke ab, ſo konnte ich doch nicht umhin, einen Blick auf ihn zu werfen, der deutlich den Wunſch ausdruͤckte:„Os haͤtte ich Dich im Gefecht getroffen!“ Der Aga mochte leſen, was in meinem Herzen jetzt ſich regte. Er reichte mir die Hand.—„Ver⸗ geßt alles, Fernando!“ ſagte er.„Ich habe genug gebuͤßt. Ich war in meinem Vater⸗ lande, meiner Feigheit wegen, vor Gericht ge⸗ fobert, ich war zu den Galeeren verurtheilt. Das Gluͤck war mir guͤnſtig; ich fand Gele⸗ genheit zu entfliehen— aber wohin?— ich ging in die Tuͤrkei, ich ſchwur meinem Glau⸗ ben ab; ich erlangte des Großherrn Gunſt, ich wurde Aga— aber— das Gewiſſen, das ſtrafende Gewiſſen will ſich raͤchen, und ſcheint es mit jedem Tage mehr thun zu wollen. Ich erfuhr von einem Englaͤnder, daß Ihr in Amerika eine große Rolle ſpiel⸗ tet— ich erfuhr, daß Ihr eine aͤhnliche Rolle im Heere unſerer Feinde uͤbernommen habt. — Ich hoͤrte Eueren Namen, als den Na⸗ 7 —- 219— men eines Gefangenen, ich finde Euch wieder — vergebt mir— ich mache alles gut; koͤnnte ich es nur an den uͤbrigen eben ſo gut ma⸗ chen, Noch bitte ich Euch, verſchweigt meine Geſchichte. Ihre Bekanntmachung wuͤrde mich nicht allein der Verachtung— wuͤrde mich dem Tode preis geben, da ich viel Feinde habe.“— Er ſchwieg. Ich will mich auf jeden berufen, der ſich in meine Lage ſetzt, ich will jeden fragen, was er an meiner Stelle gethan haben wuͤrde. In augenſchein⸗ licher Todesgefahr jemanden finden, der uns rettet, und wenn dieſer auch ein Schurke iſt, laͤßt uns in ihm den Buben vergeſſen; wir ſehen nur den Retter in ihm und dank⸗ bar ſchlaͤgt das Herz fuͤr den Unwuͤrdigen.— Ich reichte ihm die Hand. Ich gelobte ihm dankbar alles zu verſchweigen, was ich von ihm wußte; ich verſprach ihm gegen jeden zu aͤußern, daß unſere Bekanntſchaft bloß aus einem fruͤhern, unbedeutendern Dienſtverhaͤlt⸗ niſſe ſich herſchreibe. Im Grunde fuͤhlte er ſich gluͤcklicher, als ich mich fuͤhlte. Er war — 220— vielleicht noch dankbarer gegen mich, als ich gegen ihn. Er fuͤhrte mich in die ſchoͤnſte Abtheilung ſeines Zeltes, das braungelbe Maͤdchen aͤußerſt praͤchtig gekleidet lag auf einer Ottomane.„O ruf doch Deine Mut⸗ ter!“ ſagte der AIga.„Sie muß Theil nehmen an meiner Freude. Ich habe einen meiner erſten Jugendfreunde wieder gefunden.“— Das Maͤdchen rief mehrere Sklaven, die eine Saͤnfte brachten; es beſtieg ſie.„Die Mut⸗ ter wohnt in jenem Zelte,“ ſagte der Aga. „Sie wird gleich kommen!“— Jetzt erinnerte ich mich meines braven, gefangenen Batail⸗ lons Ueberreſtes. Ich bat den Aga um ihr Le⸗ ben, um ihre Freiheit.— Er verſprachs und — es war vielleicht das erſte mal, daß er's that— er hat Wort gehalten. Meine Leute wurden frei gegeben und beſchenkt ent⸗ laſſen. Ich ſtand in dem ſchoͤnen Zeltzimmer, immer noch mit dem Aga ſprechend, als einige reich gekleidete Sklaven die ſeidene Seiten⸗ wand zuruͤckſchlugen und eine verſchleierte Tuͤrkin von majeſtaͤtiſch ſchoͤnem Wuchs und Haltung, praͤchtig gekleidet hereinttat. Ich verneigte mich mit der Ehrfurcht, die ein Anblick dieſer Art bis in's hoͤchſte Alter ein⸗ floͤßt— der Aga wollte ſo eben die Geſchichte unſers fruͤhern Dienſtverhaͤltniſſes aus einan⸗ der ſetzen, als die Tuͤrkin mit einem lauten Ausruf der Freude den Schleier zuruͤckwarf und ich jetzt in dem haͤßlich alten Geſichte der mit verſchwenderiſcher Pracht gekleideten Tuͤr⸗ kin— Tonny erkannte. Erſtaunt ſtand der Aga da, als die Mutter ſeiner Geliebten mir mit wildem Ungeſtuͤm in die Arme ſiel— als ſie ſchluchzend und weinend— dann wieder froͤhlich lachend mich an jene Otto⸗ mane zog, ſich neben mir niederſetzte und meine Hand ſo hart druͤckte, daß ich laut haͤtte aufſchreien moͤgen. Ich ſahe es dem Aga an, daß er an dem Verſtande ſeiner Schwiegermutter irre geworden war; er ſagte nichts; aber der bedenkliche Blick, den er bald auf die Alte, die in einem fort plapperte und lachte und weinte— bald auf mich, der ich immer noch wie verſteinert da ſaß, warf, bewies deutlich ſeine Beſorgniß. Da trat ihre Tochter ein. Die Alte riß ſie an ſich. Erſchrocken ſah das Maͤdchen ſie an; ſo mogte es ſeine Mutter noch nie geſehen haben.— „Sieh, mein blanker Schatz, mein Ferdinand,“ ſagte ſie,„dies iſt meine Tochter. Der Va⸗ ter iſt der Sultan von Surcarta auf der Inſel Java. Sieh— Kezana— dies iſt der Mann, mit dem ich aufgezogen bin, den ich nachher, als Sultanin wieder fand!“ Das braune, wirklich niedliche Geſchoͤpf ſah mich mit einer unverkennbaren Achtung an. Ich mußte innerlich uͤher mein Schickſal la⸗ chen und ſeine Tuͤcke bewundern, da es hier Abkoͤmmlinge fuͤrſtlicher Haͤuſer auf eine ſo ſonderbare Art zuſammen fuͤhrte. Schade, daß ich ein ſo alter Mann war! Der Sohn der Prinzeſſin Adelheit von*** und die Tochter des Sultans von Surcarta haͤtten vielleicht ein hohes Eheverbuͤndniß abſchließen koͤnnen.— Gewiß vergingen drei bis vier — 1 —- 223— Stunden, ehe der alte Aga, von dem ich ſchon fuͤrchtete, daß er eiferſuͤchtig werden wuͤrde, die ganze Sache einſah. Jetzt war aber auch ſeine Freude deſto groͤßer. Ein treffliches Mahl wurde veranſtaltet und da ſo wenig Tonny, als der Aga ſelbſt ſich ſo genau an das Geſetz der Enthaltſamkeit von Speiſen und Getraͤnk gebunden glaubten, ſo darf ich wohl nicht erſt beweiſen wollen, daß dies Mahl gewiß das koſtbarſte war, an dem ich je Theil genommen hatte. Meine Wirthe — Kezana vielleicht ausgenommen, deren Geſchichte noch im Dunkel lag— waren ge⸗ wiß die nichtswuͤrdigſten Menſchen, mit denen ich je in Beruͤhrung kam; denn Tonny war als Diebin oͤffentlich vom Profos ausge⸗ peitſcht und der Aga war auf dem Wege zur Galeere entwiſcht— jetzt waren Beide in der Reihe maͤchtiger Menſchen; wenigſtens waren es Beide in Hinſicht meiner. Ich will mich daruͤber in keine weite Eroͤrterung einlaſſen. Es entging mir nicht, daß Beide recht gut wußten, wie die Enthuͤllung ihres — 224— fruͤhern Lebens von mir abhing; aber es konnte mir auch nicht entgehen, mit welcher Freundſchaft ſie mich behandelten; wie jeder darauf ausging, mein Herz zu beſtechen, um ihm bei meinem Gedaͤchtniß das Wort zu reden.— Sonderbar! tauſend Andere wuͤr⸗ den vielleicht in dieſer Lage Vergiftung, oder einen andern Mord befuͤrchtet haben; denn dies waͤre die ſicherſte Art geweſen, mich zum ewigen Schweigen zu bringen. Mir fiel es nicht entfernt ein, dies zu fuͤrchten. Ich war,— aufrichtig geſtanden,— an jenem Fuͤrſtenhofe ungleich beſorgter geweſen. Ich kann mir bis jetzt noch keinen Grund denken, warum ich hier ſo zuverſichtsvoll war. Im Oeſterreichiſchen Heere galt ich fuͤr todt. Schreiben durfte ich nicht; und uͤber⸗ dem war mir der ganze Feldzug, um der Art willen, wie er gefuͤhrt war, zuwider. Meines Agas Zureden, nach irgend einer tuͤr⸗ kiſchen oder griechiſchen Stadt zu ziehen, ſtieß ich um ſo weniger von mir, da wir — 225— wußten, daß alles am Frieden arbeite, daß dieſer wahrſcheinlich bald zu Stande kommen werde, und daß dann mein Freicorps auf⸗ hoͤre. Was ich alſo dann vor mir ſah, die Freiheit hinzugehen, wohin ich wollte, das hatte ich jetzt ſchon vor mir. Ich ſprach mit dem Aga daruͤber; er rieth mir, meinen Ab⸗ ſchied zu fodern, und erbot ſich, da ich ihm einwandte, daß ich nicht ſchreiben duͤrfe, mei⸗ nen Brief zu beſorgen.—„Hier iſts Euch doch zu unruhig, Fernando,“ ſagte er. „Wie waͤre es, wenn Ihr mit Tonny nach Adrianopel reiſetet? Ich beſitze dort einen herrlichen Pallaſt, viele Guͤter und Reichthuͤ⸗ mer. Benutzt ſie, ſo gut es Euch gefaͤllt.“ Freilich war dies Anerbieten von der Ark, daß ich beinahe auf den Argwohn kam, als gehe er darauf aus, mich mit Tonny in ein naͤheres Verhaͤltniß zu bringen. Indeß,— ich waͤhlte nicht lange; des Agas Vorſchlag war der zweckmaͤßigſte, vorausgeſetzt, daß Tonny aus keiner andern Abſicht mit im Spiel war. In fuͤrſtlichem Pomp, unter III. 15 — 226— einer Begleitung mehrer hundert Spahis, trat ſch die Reiſe an. Tonny ſaß neben mir, in aller Pracht einer orientaliſchen Fuͤr⸗ ſtin, indeß ihre Tochter bei dem Aga zuruͤck blieb. Daß mir die Reiſe nicht lange daͤuchte, daß es mir beſonders nicht an Un⸗ terhaltung fehlen konnte, dafuͤor wußte Ton⸗ ny zu ſorgen, die faſt den ganzen Tag ſprach. Ihre Geſchichte liefert einen Beleg zu den unerklaͤrbaren Launen und Gaͤngen menſchlicher Schickſale. Tonny hatte die große Kunſt verſtanden, das Herz des Sul⸗ tans ganz zu beherrſchen. Sie blieb noch Jahre lang, was ſie war, die einzige, alles vermoͤgende Geliebte dieſes Fuͤrſten. Sie wurde Mutter einer Tochter, und dies ver⸗ mehrte ihr Anſehen. Um dieſe Zeit war es, als die hollaͤn⸗ diſche Compagnie ihren Vortheil, jenen Sul⸗ tan zu bezwingen, beſſer in Acht nahm. Er wurde angegriffen, voͤllig geſchlagen, und ſei⸗ ne aus Bambusrohr gebauete Reſidenz wur⸗ de ein Opfer der Flamme, ſo wie der Sul⸗ — 227— tan ſelbſt von einigen ſeiner Getzkutn gr⸗ mordet wurde. Tonny rettete von Schaͤtzen, was ihe leicht fortzubringen ſchien; beſonders aber hielt ſie ihr Kind der Rettung wuͤrdig. Mit ihm entfloh ſie; ein Piquet Hollaͤnder griff ſie auf, nahm ihr den groͤßeſten Theil ihrer Schaͤtze, und brachte ſie ſelbſt nach Batavia, wo ſie ſich, um ganz ſicher zu ſeyn, fuͤr eine Tuͤrkin ausgab. Mit einem hollaͤndi⸗ ſchen Schiffe kam ſie bis Ormus, und von da wurde es ihr leichter, nach Europa, und zwar nach der Tuͤrkey zu kommen. Sie waͤhlte dieſes Land, da ihr Vaterland, Un⸗ garn, von hier aus leicht zu erreichen war. Laͤngere Jahre blieb ſie in Griechenland; ſie hatte erfahren, daß die Ziegeuner in Ungarn zu einer feſten Lebensart, zu Ackerbau, und Handwekern gezwungen werden ſollten, und gerade das war es, wozu ſie die wenigſte Luſt hatte. Durch Huͤlfe ihrer mitgebrach⸗ ten, ihr uͤbriggebliebenen Kleinodien, war ſie im Stande, in Teſſalonici Aufſehen zu machen. 8₰ — 228— Niemand wußte, wer ſie eigentlich war; und je dunkler ihre Geſchichte war, um deſto groͤßer wurde das Vorurtheil, das man von Tonnys Abkunft hatte; um deſto mehr gab ſie ſich das Anſehen, aus einem fremden hohen Hauſe Aſiens abzuſtammen. Niemand aber war begieriger auf ihre Ge⸗ ſchichte, als Marko Paluzzi, der damals un⸗ ter dem Namen Achmet, Statthalter in Teſ⸗ ſalonici war. Er beſuchte Tonny, und da ihre Tochter zu einem bluͤhenden Maͤdchen von vierzehn Jahren herangewachſen war, ſo waͤhlte der Aga dieſe zu ſeiner erſten Ge⸗ liebten; ein Gluͤck, das Tonny bloß in der Hinſicht verweigerte, um den Aga deſto ver⸗ liebter in ihre Tochter zu machen. Von ih⸗ rer eigentlichen Geſchichte erzaͤhlte ſie dem Aga nur, was er wiſſen ſollte. So war ich nun in Adrianopel, und genoß hier die ruhigſten Tage meines Le⸗ bens. Die Prophezeiung jener Zigeunerin in Batavia, ſiel mir ein; ich glaubte ſie ſchon erfuͤllt, wenn ich die Zufriedenheit ſah, o— die ich genoß, die zufeiedenheit, die ich An⸗ dern bereitete. Achmet gab einen Beweis fuͤr den Satz, daß der gewoͤhnlich ſelbſt der groͤßeſte Tyrann iſt, der es verdient, von Ty⸗ rannen als Sklave hart behandelt zu wer⸗ den. Achmet war wirklich ein Menſch von ſchlechtem Herzen; das Gluͤck hatte ihm wohl⸗ gewollt; er war jetzt Herr einiger hundert Sklaven, die er mit beiſpielloſer Unmenſch⸗ lichkeit behandelte. Jetzt ſtand er im Felde; die Ungluͤcklichen athmeten nun freier. Jetzt kam ich, mit allen Vollmachten verſehen; ſie wußten, daß ich ein Freund ihres Herrn ſey, und zu einem Verbrechen konnte und durfte ich es ihnen wahrlich nicht anrechnen, wenn ſie in mir eine Art von Auſſeher glaubten, der, wie das der Fall oft iſt, ſich ſtrenger zeigt, als der Tyrann ſelbſt. Sie zitterten bei meiner Ankunft, und ich ſah es den Un⸗ gluͤcklichen bald an, was ſie alles von mir fuͤrchteten. Freilich dauerte dieſer Irrthum nur einen, hoͤchſtens einige Tage. Ich durfte nur die Armen, Verlaſſenen, vom Schickſal — 230— Verſtoßenen anſehen; ich durfte mich nur an jene furchtbaren Tage aus meiner eigenen Geſchichte erinnern, in denen ich, eben wie dieſe, nach menſchlicher Behandlung ſeufzete, und mein Herz haͤtte ſteinern ſeyn muͤſſen, haͤtte ich ihre Noth nicht lebhaft gefuͤhlt. Ich hatte aber auch das Gluͤck, daß ich nur als Menſch, mit einem oder einigen von ihnen, zu ſprechen noͤthig hatte; ich durfte nur einen Kranken pflegen, einem Matten Erholung und Ruhe goͤnnen, und mein Be⸗ nehmen war in allen Gaͤrten, in allen Be⸗ ſitzungen Achmets bekannt. Mit kindlichem Vertrauen naͤherten ſich die Armen, wenn ich ſie bei ihren Arbeiten beſuchte; wenn ich dem Aufſeher befahl, ihnen eine Stunde Ruhe zu goͤnnen, oder ihnen beſſere Speiſe zu reichen. Dann legte ich mich mit meiner brennenden Pfeife auf dem blumigten Raſen nieder, dann lagerten ſie ſich um mich her⸗ um, Lieder in des Vaterlandes Sprache an⸗ ſtimmend; ich beſuchte ſie in ihren ſonſt elen⸗ den Wohnungen, ich ſorgte in dieſer Hin⸗ 4 — 231— ſicht fär beſſere Pflege, und fäbie mich nie gluͤcklicher, als wenn die armen Arbeiter, jetzt mehr noch durch Fleiß, mehr noch durch Zufriedenheit, als durch Worte mir dankten. Es war fuͤr die Ungluͤcklichen ein guͤnſtiger Umſtand, daß Tonny eben ſo dachte, wie⸗ wohl ich gar nicht behaupten will, daß ein wirklich edles Herz die Quelle dieſer Theil⸗ nahme war; ſie war mitleidig aus Tempe⸗ rament; ſie konnte keine Thraͤne ſehen, ohne ſie zu trocknen. Ob Temperament, ob Stolz, ob vielleicht Aberglauben hiebei zum Grunde lag, das macht nichts. Genug, Tonny trug zum Gluͤck der armen Menſchen das ihrige redlich bei. Unter den Sklaven waren meh⸗ rere Griechen, und beſonders Englaͤnder, die auf der Inſel Negroponte Streitigkeiten mit den Matroſen eines tuͤrkiſchen Schiffes gehabt hatten, von den Tuͤrken aufgegriffen, und als Sklaven von dem Großherrn ver⸗ ſchenkt waren. Sie hatten ſchon einige Jah⸗ re in dieſem empoͤrenden Zuſtande zugebracht; 1 Niemand hatte ſich um ſie bekuümmert; nie — 232— war ihnen die Erlaubniß geworden, außer⸗ halb der Ringmauer des Pallaſtes zu arbei⸗ ten, damit nicht auf irgend eine Art der engliſche Reſident ihr Loos erfahren, und zur Abaͤnderung deſſelben ſeinen maͤchtigen Ein⸗ fluß anwenden moͤchte.— Einſt lag ich wie gewoͤhnlich mit meiner Pfeife auf dem Raſen, uͤber mein Schickſal nachdenkend, als ſich beide mir naheten. Ich geſtattete ihnen gern, zu ſprechen, und ſie trugen mir die Bitte vor, ihnen zu der Erlangung ihrer Freiheit behuͤlflich zu ſeyn. Ich verſprach es, alles zu thun, ſobald der Aga aus dem Felde zuruͤckkaͤme, und ich koͤnnte ihnen ver⸗ ſichern, daß der Frieden ſchon ſo gut als un⸗ terſchrieben ſey. Mehr konnte ich ihnen nicht verſprechen, das ſahen ſie ſelbſt ein. Die Arbeit, die ſie vorhatten, war ſo eilig und nothwendig nicht; ich erlaubte ihnen, ſich ins Gras zu legen, und da ich wußte, daß ein Tabacksbeutel und ein Brannt⸗ weinsflaͤſchchen fuͤr einen Matroſen unwider⸗ ſtehlichen Reiz haben, ſchickte ich einen von —-— 2393— ihnen nach dem Bedienten, der bloß mit meiner Perſon beſchaͤftigt war, und ließ beides holen. Nun wurden ſie beredt. Das Geſpraͤch kam auf ihre Reiſen, kam auf ihr Vaterland. Da entdeckte mir der Eine, der Aelteſte von ihnen, daß er ein geborner Nordamerikaner, aus der Stadt Boſton ſey. Natuͤrlich, daß mir der Menſch nun noch naͤher, noch wer⸗ ther war. Er war gewiſſermaßen mein Landsmann, da ich in dieſer Stadt anſaͤſſig geweſen war. Ganz zufaͤllig fragte ich ihn, ob er in Boſton bekannt ſey? Ob er daſelbſt bei Jemand als Matroſe gedient habe. Wie erſtaunte ich, da er den Namen Gates nannte. Ich fragte nach ſeinen Reiſen, und der arme Kerl hatte alle meine Reiſen, auf eben dem Schiffe, ſchon als Schiffsjunge, und nachher als Matroſe mitgemacht. End⸗ lich fragte ich ihn nach mir ſelbſt. Er wußte bloß, daß meine Frau im Angeſicht des Ha⸗ fens von Boſton geſtorben ſey; daß ich mich dort herrlich angekauft habe; daß ich nachher der Anfuͤhrer der Boſtoner Freiwilligen ge⸗ — — 2534— worden ſey.—„Und wuͤrdeſt du dieſen Deut⸗ ſchen wohl wieder kennen, wenn du ihn un⸗ vermuthet ſaͤheſt?“—„Ganz gewiß, und wenn er ſich noch ſo ſehr verkleidet haͤtte. Freilich, ſind's ſechzehn, oder ſiebzehn Jahr her, und da druͤckt das liebe Alter ſchon ein anderes Zeichen auf; indeß“——„Nun ſo ſieh mich mal an!“— Ich nahm den leich⸗ ten Schirmhut ab,— der arme Kerl ſtand wie begeiſtert vor mir.„Ja bei Gott, Sir — Ihr ſeyd's!“ rief er.„Daß ich Euch auch nicht gleich wieder kannte! Vergebts, Sir.“— Ich beruhigte ihn mit der Aeußerung, daß ich ihn ja auch nicht gekannt haͤtte. Natuͤrlich, daß unſer Geſpraͤch nun im⸗ mer vertraulicher wurde, ob ich gleich zu Williams Ehre ſagen muß, daß er immer in den Schranken blieb, die das Verhaͤltniß einmal zwiſchen uns gezogen hatte; natuͤrlich, daß ich nun ſelbſt auf Achmets Zuruͤckkunft ſehnſuchtsvoll wartete, um meiner Englaͤnder Freiheit zu bewirken; natuͤrlich, daß ich mich am liebſten mit William unterhielt, und da⸗ — 235—“ . d..* bei eine Perſon verſaͤumte, die hier im Pal⸗ A laſte jetzt ſchon, und nach Achmets Zuruͤck⸗ kunft noch mehr gelten mußte, naͤmlich Ton⸗ ny, um die ich mich gar nicht bekuͤmwerte.— Achmet kam zuruͤck. Ich war ihm mit Tonny auf mehrere Meilen entgegengereiſet. Unterwegens war Tonny ſtiller als ſie es auf der Herreiſe geweſen war, wo ich nur zu oft wuͤnſchte, ſie moͤchte weniger ſprechen. Ach⸗ met empfing mich mit wahrer Freude; ich ſprach mit ihm uͤber ſeine herrlichen Gaͤrten, uͤber die trefflichen Anlagen, die er gemacht habe, uͤber die brauchbaren, guten, treuen Skla⸗ ven, die er beſitze. Er antwortete auf dies alles, wie ich es nur erwarten konnte, Ton⸗ ny war in der Zwiſchenzeit bei ihrer Tochter geweſen, und ſchon am folgenden Morgen entging es mir nicht, daß Achmet gar der Mann nicht mehr war, der er geſtern zu ſeyn ſchien. Ich rieth auf viele Gruͤnde der Veraͤnderung ſeines Benehmens; nur nicht auf den wahren. Wir kamen im Palaſt an. Achmets Blick belehrte die armen Skla⸗ — 236— ven bald, was fuͤr ein Loos ihnen bevorſtehe. Haͤnde ringend und mit ſcheuen, niedergeſchla⸗ genen Blicken gingen ſie an ihre Arbeiten; ich behielt immer noch das mir ſelbſt von meinem Herzen anbefohlene Geſchaͤft, mich der armen Menſchen anzunehmen.—„Wil⸗ liam“ ſagte ich,„was iſt euch allen? Kei⸗ ner iſt mehr ſo zutraulich wie ſonſt.“— „Sir, die Zeiten haben wir gehabt. Gebt Acht, in einigen Tagen wird die Baſtonade wieder angehen. Sagt ja dem Aga nichts von mir, oder von meinen Landsleuten. Meine Fußſohlen wuͤrden's hart fuͤhlen muͤſ⸗ ſen.“—„Aber, William, woher kaͤme denn das mit einemmale?“—„Die alte Gelbe hat Schuld. God damned! ich fange beinahe an zu glauben, ſie hat ein Auge auf Euch.— Ihr habt ihre Flagge nicht honorirt.— Ihr habt mehr mit uns, als mit ihr geſprochen. Gebt Acht,— wir armen Teufel entgeltens!“ Dem armen alten Mann ſtiegen die Thraͤ⸗ neſt in die Augen. Mich dauerte er. Ich ſuchte ihn zu troͤſten.—„Na, na, Sir!“ — 237— ſagte er.„Denkt an mich; macht uns hier der Himmel nicht flott, ſo ſitzen wir wahr⸗ haftig feſt.’“— Ich wußte nicht zu ant⸗ worten; ich konnte ihn blos damit troͤſten, daß es vielleicht beſſer gehe, als er fuͤrchte; ein Troſt, dem er freilich nicht geradezu widerſprach; deſſen Einfluß und Werth er aber durch ſein Kopfſchuͤtteln zu erkennen gab. Er hatte Recht. Gleich den dritten Tag gingen die alten tyranniſchen Behand⸗ lungen wieder an. Die Schlaͤge und die Schmerzenstoͤne der Gemißhandelten dran⸗ gen mir durchs Herz; ich war nie ein Freund von ſolchen Behandlungen geweſen. Es ge⸗ reuete mich, daß ich nach Adrianopel gegan⸗ gen war. Nur verſtohlen wagte ich es, mit einem oͤder dem andern der Sklaven zu ſprechen. Eines Nachmittags ſprach ich mit William, als die Ankunft eines tuͤrkiſchen Officiers und dreier Reiter uns auffiel.— „Hm!“ meinte William,„die Kerls haben rothe Leibbinden, das bedeutet etwas.“= Ich verſtand ihn nicht; ich ging in den 7 Pallaſt, wo in dieſer Zeit jene Reiter ſchon angekommen waren; ich ſtand jetzt mit Ach⸗ met in einem ziemlich lauen Verhaͤltniß; ich nahm an ihm weniger Antheil; ich ging auf das mir angewieſene Zimmer. Mit einem Male ſtuͤrzt William herein, und wirft mir mit den Worten:„Geſchwind angezogen 1u eine Sklavenjacke und Muͤtze zu. Ich wil fragen.—„Nicht lange gefragt! dazu iſt nachher Zeit!“ Ich folgte; er fuͤhrte mich nach dem Garten,— kurz vor dem Eingan⸗ ge begegneten uns jene Tuͤrken, deren einer Achmets,— der andere Tonnys Koͤpfe tru⸗ gen. Ich wußte mich nicht zu erinnern, daß mich je ein Anblick ſo angegriffen haͤtte. Ganz verſteinert blieb ich in meiner Skla⸗ venjacke ſtehen.—„Machen Sie nur, daß wir in den Garten kommen!“ ſagte William. „Der Satan kann ſein Spiel haben, daß man auch Sie ſucht.“—„Mich? wes⸗ halb?“—„Als ob man hier zu Lande ſo fragte! Erſt den Kopf her, und dann kann unterſuchen, wer will!“— — 239— Zum Gluͤck hatten jene Tuͤrken von Conſtantinopel aus keine Anweiſung auf mei⸗ nen Kopf. Zwei derſelben ſteckten Achmets und Tonnys Koͤpfe auf die Spitzen der Pfei⸗ ler,— der dritte nahm Tonnys Tochter in den Wagen, der vierte nahm Beſitz vom Pallaſte, denn dieſem war er geſchenkt, und er hatte weiter kein Gegengeſchenk zu machen noͤthig, als die beiden Koͤpfe.—„Nun, Sir,— macht, daß Ihr fortkommt!“ ſagte William.„Ihr ſeyd zwar ſicher, aber dem Tuͤrken dort oben koͤnnte Euer Geſicht nicht anſtehen, und der Kerl waͤre im Stande, Eu⸗ ern Kopf zur Probe nach dem Großherrn zu ſchicken, ob Euer Geſicht dieſem gefiele.“— Eine Erinnerung, bei der keine Wiederholung noͤthig war. Mit Williams Huͤlfe packte ich meine Kleidung zuſammen,— die Juwelen trug ich beſtaͤndig bei mir, und ſo ging ich nach dem engliſchen Reſidenten, der ſich ge⸗ rade damals in Adrianopel aufhielt. Er nahm mich gern auf; er verſprach mir, Wil⸗ lams Freiheit zu bewirken, und ſo keiſete ich mit ihm uͤber Warſchau,— -— 240— Wohin ich eigentlich gehen ſollte?— das war mir im Grunde einerlei. Ich witte, daß ich hinlaͤnglich zu leben hatte, daß a ſo leicht keine Noth, keine druͤckenden Sor⸗ gen treffen wuͤrden. Nun war mir Europa zuwider. Mein Entſchluß war gefaßt, ich wollte nach Amerika; wußte ich doch, welche Freundſchaft meiner in dieſem Welttheile war⸗ tete. Ich aͤußerte meinen Wunſch gegen den engliſchen Geſandten; er billigte ihn, und verſprach mir, in London eine ſchoͤne Gelegen⸗ heit nach Amerika zu bewirken. Ich dankte ihm fuͤr dies Erbieten um ſo mehr, da ich keinen Verwandten in Deutſchland wußte, und da mir in dieſer Hinſicht mein Vater⸗ land gleichguͤltiger war, als Amerika, wo denn doch meine Gattin, wo denn doch mei⸗ nes Vaters Bruder ſchlummerten. Ich reiſete mit dem engliſchen Geſandten uͤber Breslau; von dieſer Stadt aus machte er kleine Rei⸗ ſen; ich blieb, ihn erwartend, zuruͤck. Als einem alten Soldaten, beſonders aber, als einem der groͤßeſten Verehrer alles deſſen, was preußiſch heißt, bereiſete ich die Schlacht⸗ — 241— felder, an denen Schleſien ſo reich iſt, die Schlachtfelder, auf denen Friedrichs Ruhm ſich gruͤndete, ſich hob. In Liſſa traf ich eigen Mann, der freilich in buͤrgerlicher Klei⸗ dung ging; der aber ganz das Aeußere, das Gepraͤge hatte, durch welches der alte gediente Soldat ſich auszeichnet. Natuͤrlich, daß ich ſeine naͤhere Bekanntſchaft ſuchte; daß ſie mir nicht verſagt wurde. Er war eben ſo voll des Lobes ſeines hochſeligen Koͤnigs, wie ich es nur ſeyn konnte. Der Mann war Feld⸗ webel bei der Garde geweſen, und hatte jener entſcheidenden Schlacht bei Liſſa, den fuͤnf⸗ ten December, beigewohnt. Der Gegenſtand unſerer Unterhaltung war jener einzige Sieg Friedrichs, und wir vergaßen ſogar, einer nach des andern Namen zu fragen. Frie⸗ drichs Sieg war uns wichtiger. Wir fuh⸗ ren von Nypern und Leuthen nach Liſſa zuruͤck. Jetzt wollten wir uns irennen, als der Mann mich nach meinem Namen fragte. Ich nannte ihn.—„Eichenhorſt? Eichen⸗ horſt?“ ſagte er.„Laſſen Sie mich beſin⸗ IIA. 16 — 242— nen. Die Familie iſt merkwuͤrdig; ich habe viel davon gehoͤrt.“—„Mein Gott, und ich denke, ich bin der Einzige in Deutſchland, der dieſen Namen fuͤhrt?“—„Da irren Sie. Aber,— wenn Ihnen, wie es ſcheint, ſo viel daran gelegen iſt, Notizen von dieſer Familie zu haben, ſo kommen Sie mit mir. Ich wohne in Reichenbach, und dort wohnt einer meiner Freunde, der ein lebendiges Lexicon aller derer Namen iſt, bei denen er er mit mir im Quartier gelegen hat.“— „Aber wozu ſoll das fuͤhren?“—„Wir beide haben acht Tage bei einer Familie Eichenhorſt im**** ſchen gelegen. Nach dem, was Sie mir erzaͤhlt haben, muß ich mich feſt verſichert halten, Sie gehoͤren zu der Familie.“— Nun wurde an keine andere Reiſe ge⸗ dacht; am folgenden Tage waren wir in Reichenbach. Mein neuer Freund ließ ſei⸗ nen alten Kriegskameraden, den Acciſein⸗ ſpector des Staͤdtchens, holen. Er fuͤhrte mich vor ihn.—„Bruder!“ ſagte er.„Er⸗ p 1 3 8 3 1 — 243— innerſt Du dich der Geſichtszuͤge dieſes alten Herrn nicht? Beſinne Dich. Laß mal alle, die Quartierbekanntſchaften von Potsdam bis Coblenz vom Jahre 1792 die Revuͤe paſſi⸗ ren.“—„Der Fremde ſah mich ſcharf an, er drehete mich ſogar wie ein Gemaͤlde nach dem Lichte, um einen beſſern Standpunkt zu finden.—„Da waͤren Sie, mein Herr! denn doch bei Gott der Einzige, deſſen Ge⸗ ſicht ich nirgends hinzubringen wuͤßte! Macht das, Bruder, daß man aͤlter wird?— Doch, nun habe ichs. Sie ſind ein Eichenhorſt! Habe ich Recht?“— Ich erſchrak freudig. „Ja ich bins. Wo trafen Sie meine Fami⸗ lie?“—„Auf dem Marſch nach dem Rheine. Wir beiden ſtanden bei der Garde. Bei Ihrem Verwandten, einem Kaufmann, hat⸗ ten wir acht Tage Quartier.“—„Und wo war das?“„Im*** ſchen.“—„Hat Ihnen die Familie nicht manches aus ihrer Geſchichte entdeckt?“—— Ja, Vieles. Der alte Mann, der ſeine Handlung jetzt eben an ſeinen Schwiegerſohn ahgeben wollte, hatte — 244— einen Bruder gehabt, der,— doch ich weiß nicht, ob ich Ihnen das ſo gerade heraus ſagen darf.“——„Sagen Sie es nur; denn gewiß haben Sie jenen*** ſchen General im Sinn, der im Gefaͤngniß ent⸗ hauptet wurde?“—„Richtig. Nun, ich ſehe, daß Sie die Geſchichte Ihrer Familie recht gut wiſſen.“—„O. Gott, ja. Ich bin ja der Sohn dieſes ungluͤcklichen Generals!”“— „Und der Prinzeſſin Adelheit?“—„Ganz recht.— G Von dieſem Augenblick an, beeiferten ſich beide Maͤnner, das an mir zu vergüten, was ihnen meine Verwandten Gutes und Liebes erwieſen hatten. Ich erzaͤhlte ihnen mmeine Begebenheiten; ich entdeckte ihnen, daß ich ſehr beguͤtert ſey, ſie freueten ſich um deſto mehr, und verſicherten mir, daß wenn ich auch in der aͤrmlichſten Geſtalt mich an jenes Haus wenden wuͤrde, ich auf alle nur irgend moͤgliche Freundſchaft zu rechnen ha⸗ be. Ich blieb noch einige Tage; und reiſete dann nach Breslau zuruͤck, wo ich den eng⸗ * 1 — —- à245— liſchen Geſandten traf. Ich erklaͤrte ihm meinen veraͤnderten Entſchluß.„Sie thun wohl,“ ſagte er.„Vaterland iſt und bleibt Vaterland. Sie wuͤrden ſich in Amerika ſehr getaͤuſcht ſehen. Ihre Goͤnner, Was⸗ hington, Gates und Lee ſind todt, und die jetzt am Ruder ſind, wuͤrden von Ihren Dienſten wenig wiſſen, und Sie noch weni⸗ ger dafuͤr belohnen. Ich wuͤnſche Ihnen von ganzem Herzen einen heitern, frohen Abend des Lebens. Der Morgen und der Mittag waren ſchwuͤl genug.“— Wir trenn⸗ ten uns; nachdem ich ihm nochmals jene Englaͤnder in Achmets Seclaverei empfohlen hatte. Seine Wuͤnſche trafen ein. Ich rei⸗ ſete ab. In Potsdam logirte ich in einem 3 Gaſthauſe, wo mir des Abends das Frem⸗ denbuch zum Einſchreiben meines Namens vorgelegt wurde. Ohne eine weitere Abſicht dabei zu haben, leſe ich die auf der vorigen Seite ſtehenden Namen, und finde den Na⸗ men:„Leopold Eichenhorſt, Kaufmann aus*** reiſet mit ſeinem Schwiegerſohn nach Stettin 6 in Handelsgeſchaͤften.“ Ich zeichne meinen Namen, und frage den Wirth nach der u reiſe meines Oheims.—„Er iſt die n Morgen uͤber Berlin abgereiſet,“— hieß es. — Mir fiel es ein, ihm zu folgen. Ich wußte, daß ich, wenn ich in ſeiner Abweſen⸗ heit in ſein Haus kommen wuͤrde, ich ge⸗ wiß Verlegenheit verurſachen wuͤrde. Die Idee, ihn unterweges auf eine uͤberraſchen⸗ de Art kennen zu lernen, hatte einen zu an⸗ genehm abentheuerlichen Anſtrich, als daß ich ihr nicht haͤtte Geſchmack abgewinnen ſollen. War doch mein ganzes Leben eine Reihe von Abentheuern geweſen; warum ſollte ich kurz vor dem Thorſchluſſe dem Syſtem untreu werden, das das Schickſal uͤber mich und uͤber mein Leben gebildet zu haben ſchien? Ich reiſete nach; ich hielt mich nur einen Tag in Berlin auf, und war den zweiten Abend nach meiner Abreiſe von Ber⸗ lin, in Stettin. Mein Oheim war noch nicht da, wie ich von einem Polizeioffician⸗ ten erfuhr. Am folgenden Mittage ging ich — — — 247— nach dem Oder⸗Bollwerke. Eine Menge Schiffe lagen da, unter andern eine Jacht. Sben als ich vorbei gehe, hoͤre ich, daß der Schiffer den Namen meines Oheims nennt, und einem ſeiner Bekannten erzaͤhlt, daß Eichenhorſt die Jacht bis Swinemuͤnde ge⸗ miethet habe.—„Um welche Zeit faͤhrt die Jacht?“— fragte ich.—„Morgen fruͤh um Sieben!—„Haltet Ihr Euch nirgends auf?“—„Zwei Stunden in Stepenitz. Der Herr Eichenhorſt hat dort Geſchaͤfte.“— Ich verließ den Schiffer, ich ging, uͤberdenkend, wie ich den Plan der Ueberraſchung am beſten ausfuͤhre, an der Oder hinab, als eben ein leichter Kahn abgehen will.—„Wohin?“ frage ich.—„Nach Stepenitz. Will der Herr mit?“—„Ja.“ Ich kam an dieſem wirklich angenehm liegenden Orte an; ich vertrieb den Reſt des Tages mit Spatziergaͤn⸗ gen in der waldigten Gegend,— ich wollte des andern Morgens die Spatziergaͤnge fort⸗ ſetzn, als ich am Ende des Grabens jene Jacht erblickte, aus der zwei Maͤnner in ein — 248— Boot ſtiegen, und naͤher kamen. Ich merkte mir die Richtung ihres Weges, als ſie aus⸗ ſtiegen,— ich bog ihnen vor, und ſetzte mich in einer mit Fleiß gewaͤhlten duͤrftigen Kleibung am Eingange des Waldes nieder. Mein Herz klopfte ungeſtuͤm, da ich die Ge⸗ ſichtszuͤge des Greiſes ſah,— es war eine es ſelten findet,— auf ſeinem Geſichte. Ich mußte mich zuſammennehmen, da ich beiden naͤher trat,— mit groͤßeſter Anſtrengung gelang es mir, meiner Rolle treu zu bleiben. Sechs Jahre,— die gluͤcklichſten mei⸗ nes Lebens,— ach! warum waren nicht alle ſo gluͤcklich!— brachte ich in dieſer Fa⸗ milie zu. Ich weiß, daß die Guten mein ſchaft feiern. Einde. Familienaͤhnlichkeit, ein Gepraͤge, wie man Andenken noch lange mit Tiabe und Freund⸗ 5 —