75 ,1 a 4———— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 4 von.. Eduard Ottmann in Gießen, ſ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 T für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſe 4. ————44— auf 1 Monat: 4 Wei.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— * ———— — Die Gemaͤcher des Ungluͤcks oder der Gepruͤfte. Von 5 C. Hildebrandt, Verfaſſer des Romans: Rollino der furchtbare Raͤuberhauptmann in den Apenniniſchen Felskluͤften, u. a. m. 1 Zweiter Theil. Quedlinburg und Leipzig, 1824 pzig 1 bei Gottfries Ba e. 3 Die Gemaͤcher des Ungluͤcks oder der Gepruͤfte. Z w eſ ter The:. Ehe ich meine Freunde um ihre Geſchichte befragte, erzaͤhlte ich ihnen, daß ich bei dem Bei geweſen und wie ſich dieſer ge Sie waren außer ſich vor Freude. ſicht, menſchlich behandelt zu werder gemeinſchaftlicher Arbeit zuſammen zu bleib war ihnen zu viel werth, als daß ſie ihre dankbare Freude nicht haͤtten laut aͤußern ſollen. Ueberdies waren ſie faſt alle gemeine Soldaten, die meiſten waren aus fernen 2 dern, mochte alſo ihr Loos bei der gemein⸗ ſchaftlichen Arbeit oft hart ſeyn; viel haͤrter war es gewiß nicht, als das L meinen Goldaten in 4 ſein er G bat 5 ne, d 6— fleißig zu arbeiten. Sie verſprachen dies wil⸗ lig, und die Erfahrung hat mich uͤberzeugt, 3 daß es ihnen mit ihrem Verſprechen ein Ernſt— war.— Jetzt ließ ich mir erzaͤhlen, wie es ihnen ſeit unſerer Trennung gegangen ſey. Moͤg⸗ lich, daß jener wuͤrdige Guardian auch hier gewirkt hatte; denn kaum war ich von eini⸗ gen Mohren nach dem nahen Franziskaner⸗ Hospitium gebracht, als ſchon ein tuͤrkiſcher Officier auf den Platz ſprengte, die neugierige Menge des Poͤbels vertrieb und der Wache befahl, die Gefangenen nach dem gvoßen 4 Bagno zu fuͤhren. Fanden dieſe gleich hier nichts, als trocknes Brod und friſches Waſ⸗ ſer, fanden ſie gleich nichts, als ein duͤrftiges Lager von Reißſtroh; ſo fanden ſie doch, und das mußte ihnen viel werth ſeyn, einen Ort des kuͤhlenden Schattens, der ſie gegen die gluͤhenden Sonnenſtrahlen ſo wohlthaͤtig ſchuͤtzte. Sie labten ſich an dem Waſſer; dann ſanken ſie ermuͤdet und entkraͤftet von ——— 4 der Blutarbeit auf das Lager nieder. Ein wohlthuende r Schlaf verwiſchte die furchtbare Wirklichkeit. Ich eilte nach dem Kloſter. Der Ruf von der Guͤte des Beis war mir ſchon vor⸗ angegangen; man wußte ſchon, mit welcher Menſchenfreundlichkeit er mich behandelt, wel⸗ che Hoffnungen er mir gemacht hatte. Mein erſtes war, mich bei dem Guardian nach al⸗ lem dem zu erkundigen, was in Hinſicht meines fernern Benehmens gegen den maͤchti⸗ gen Bei zu beobachten war. So viel konnte ich aus allem ſehen, daß ich auf ganz ge⸗ woͤhnlichem Wege ſchwerlich ſicher gehen wuͤrde; der Guardian gab mir Recht. Of⸗ fenherzig ſagte er mir:„Der Bei iſt ein Tuͤrke. Er hat alle Tugenden, aber auch alle Fehler dieſes einzigen Volkes. Sein Stolz iſt grenzenlos. Widerſpruch duldet zer nicht; er fodert unbedingten Gehorſam. nd ſeine Wuth iſt in ſolchen Faͤllen, wie die 4 Dabei iſt er trotz ſeines Alters aͤußerſt jaͤhzornig, ner Hut.“— Ich verſprach es dem wuͤrdi — 3— Wuth eines aufgereizten Loͤwen. Eine Tu⸗ gend zeichnet ihn aus, und die iſt die Tu⸗ gend der Duldung. Es iſt ihm einerlei, zu welchem Glauben ſein Guͤnſtling ſich bekennt. Iſt er ein ehrlicher und brauchbarer Mann, ſo mag er Chriſt oder Jude ſeyn; das gilt ihm Per einerlei. In ſeinen Auftraͤgen fodert er ziem⸗ lich viel; iſt aber ſchon zufrieden, wenn er gu⸗ ten Willen ſieht.“ „Gerade keine ſchlimmen Eigenſchaften!“ antwortete ich.„Auf dem Wege werde ich gewiß ſeiner Guͤte immer werther ſeyn; denn gerade ſolche Vorgeſetzten habe ich gern.“— „Nur noch eins. Er iſt Tuͤrke; iſt aber von jeher ein Freund der Sittſamkeit und Keuſchheit geweſen. Wohnſt Du, mein Sohn, erſt in ſeinem Pallaſte, dann gib ihm keinen Anlaß zum Argwohn; die Gelegenheit dazu wirſt Du nur zu oft finden. Ich bitte Dich um Deiner ſelbſt willen, ſey beſtaͤndig auf Dei⸗ Manne, den ich in dieſem Augenbli 1 9 meinen zweiten Vater ir anſah. Wir trennten uns.— Am folgenden Morgen ging ich in al⸗ ler Fruͤhe nach dem Pallaſt. Mein erſter Weg war in den Garten; die Wachen muß⸗ ten ein fuͤr allemal Befehl haben, mir den freien Eintritt zu geſtatten; wenigſtens hin⸗ derte mich Niemand; im Gegentheil begeg⸗ nete man mir mit einer unverkennbaren Achtung. In einem der weitern Gaͤnge ging ich fort. Aber wie groß war mein Erſtau⸗ nen, da ich dem Bei ſchon begegnete. Ich blieb in der demuͤthigſten Stellung ſtehen. Er winkte mir.„Du biſt ſchon zeitig hier,“ ſagte er.„So etwas gefaͤllt mir! Haſt Du mit Deinen Leuten geſprochen?“—„Ja. Sie brennen vor Begierde, Euch zu zeigen, wie thaͤtig und fleißig ſie ſind.“—„Gut. Mit dem Volke hier in Tripolis iſt nichts anzufangen. Ich muß mich auf Oeine Leute rlaſſen, da ich große Anlagen auszufuͤhren Wir waren unter dieſem Geſpraͤche — 40— bis zu einer Teraſſe gekommen, die wir er⸗ ſtiegen. Die Ausſicht war ſchoͤn. Beſonders reizend war ſie nach dem nahen Dorfe Meſ⸗ ſiah, dem Gartendorfe der Tripolitaner. Schoͤn war der Abſtich der gruͤnen Baͤume gegen den blendenden Sand, gegen das dun⸗ kle Meer, gegen den blauen Himmel.— Ich war im Anſchauen dieſes Gemaͤl⸗ des ganz vertieft.—„Gefaͤllt Dir die Ge⸗ gend?“ fuhr der Bei fort.„Sieh, dort lege ich den ſchoͤnſten Garten der Erde an. Ich ſelbſt kann Dir das ſo nicht beſchreiben. An Ort und Stelle wirſt Du Dich am beſten von allem uͤberzeugen. Du ſollſt die Ge⸗ gend aufnehmen, und dann ſteht zu uͤberlegen, welche Anlagen am zweckmaͤßigſten ſind.“— Ich war offenherzig genug dem Bei zu geſte⸗ hen, daß ich von Zeichenkunſt weiter nichts, als was zum Soldatenſtande erforderlich, ver⸗ ſtehe. Mein ehrliches Geſtaͤndniß mißfiel dem Bei nicht; er fragte mich, ob nicht e 4 anderer unter meinen Gefaͤhrten ſey. 4 — 11— wußte, daß der Steuermann viele Kenntniſſe beſaß; ich aͤußerte, daß dieſer vielleicht im Stande ſey, jenen Forderungen ein Genuͤge zu leiſten. Der Bei hoͤrte dies an und befahl mir, den Steuermann zu ihm zu bringen. Wir gingen nach dem Pallaſte zuruͤck, meine Wohnung wurde mir angewieſen; meine Ar⸗ beit, der Umgang und die Bildung des lie⸗ benswuͤrdigen Ibrahims wurde mir zugetheilt; ich bekam einen alten, treuen Mohr zu mei⸗ nem Bedienten. Meine Behandlung war zum Beneiden; mein Tiſch und Getraͤnke wa⸗ ren fuͤrſtlich, meine Arbeiten waren Spiel, waren Unterhaltung. Mit einem Wort, ich ſah bald, daß ich hier gluͤcklicher, daß ich hier zufriedener leben koͤnne, als in jenem Welt⸗ theile, in dem ich geboren war. Was meine Freude ſehr erhoͤhen mußte, war der Umſtand, daß ich mich in dem Steuermann nicht ge⸗ irrt hatte. Er mußte mit mir die Gegend genauer uͤberſehen, und dann einen Grund⸗ riß entwerfen, der zu meiner groͤßeſten Freude gönz den Beifall des Bei hatte. Noch im⸗ — 12— mer ſehe ich die zufriedene, heitere Miene des Greiſes, als der Steuermann ihm den Riß vorlegte, als er ihm die zu machenden Anla⸗ gen zeigte, als er mit Gruͤnden bewies, war⸗ um dies oder jenes ſo und nicht anders ſeyn muͤſſe.—„Will ich noch von Deinen Anlagen Nutzen und Vergnuͤgen haben,“ ſagte der Bei,„ſo darf ich keine Zeit verlie⸗ ren. Morgen faͤngſt Du die Arbeiten an.“ — Es geſchah. Mit mehr, als gewoͤhnlicher Thaͤtigkeit gingen die Arbeiter an das Werk. Ein Bach wurde in Irrgaͤngen umhergelei⸗ tet; Sandhuͤgel wurden abgetragen; die ganze Gegend war eine Ebene, die ſich wie der Spiegel eines ſtillen, wellenloſen Sees aus⸗ breitete; Geſtraͤuche aller Art waren gepflanzt, Alleen von den ſchoͤnſten Obſtbaͤumen zogen ſich ſchnurgersde durch die kuͤnſtliche Wildniß; am Ufer eines durch den Zuſammenfluß meh⸗ rerer Baͤche gebildeten Teiches wurden ſchat⸗ tigte Lauben angelegt und mit Freuben ſah der uns bei unſern Arbeiten oft beſuchende Greis, wie alle die Anlagen unter unſern 1 2 9 13— Haͤnden zu einem ſchoͤnen Ganzen ſich bilde⸗ ten. Wir hatten den großen Vorrheil, daß wir nur am fruͤhen Morgen und am ſpaͤten Abend arbeiteten; waͤhrend der Hitze des Ta⸗ ges ruheten meine Leute, in einem kuͤhlen Gartenhauſe. Gewoͤhnlich mußte ich mit Ibrahim den Bei begleiten, und nie verließ er meine Leute, ohne ſeine Zufriedenheit durch ein Geſchenk zu beweiſen. Meine ehemaligen Gefaͤhrten vergaßen gern ihr Vaterland. Hatte doch bei weitem der groͤßeſte Theil von ihnen in der Heimath dies gluͤckliche Loos nicht gehabt. Sie waren ſehr zufrieden und — ſie hatten Urſach es zu ſeyn. Warum mußte ſich dies ſo ploͤtziich, ſo ſchrecklich aͤndern? Wie bekannt, haͤngt der Staat Tripolis von dem tüßkiſchen Kaiſer ab. Der Regent dieſes Staates iſt freilich ein ziemlich unab⸗ haͤngiger Bei; er muß dem tuͤrkiſchen Kaiſer einen gewiſſen, feſtgeſetzten Tribut errichten, der jaͤhrlich von einem in Conſtantinopel da⸗ — 4— zu gewaͤhlten Baſſa abgeholt wird. Gewoͤhn⸗ lich theilt dieſer mit dem Bei die Erpreſſun⸗ gen und die durch Grauſamkeit erzwungenen Gelder. Auf den Bericht dieſes Baſſa gruͤn⸗ det ſich das ganze Gluͤck des Bei; mit ſeiner Freundſchaft ſteht es feſt; mit ſeinem Haſſe pflegt es zu fallen. Mulad Selim, ſo hieß der jetzige Bei, war der Mann nicht, der ſich niedere Erpreſſungen erlaubt haͤtte; der noch weniger dem, vom tuͤrkiſchen Kaiſer geſand⸗ ten Baſſa dergleichen geſtattete. Er entrich⸗ tete, was er zu entrichten hatte, ohne auch nur im geringſten dem Eigennutze des Abge⸗ ſandten ein Opfer zu bringen. Jahre lang hatte er dieſem edlen Grundſatze gehuldigt. Jahre lang hatte ihn der nicht minder edle Sultan in ſeiner Rechtlichkeit geſchaͤtzt. Die Zeit des Abholens jenes Tributes war noch nicht, als eines Morgens, ida wir eben bei der Arbeit waren, drei ſchoͤne, tuͤrkiſche Schiffe auf der Rhede erſchienen und die Anker fallen ließen. Der Bei, der gegenwaͤr⸗ tig war, wurde etwas verlegen, wurde es — 15— noch mehr, da in dem Augenblick jene Schiffe die Flagge des Großherrn wehen ließen, als die Boote, mit Janitſcharen beſetzt, nach dem Ufer fuhren. Mulad Selim eilte zuruͤck. Ibrahim begleitete ihn, und ich blieb— frei⸗ lich aus des Bei's Verlegenheit nichts Gutes ahnend— bei den Arbeitern zuruͤck.— Die Janitſcharen landeten. Ihr Weg ging nach dem Pallaſte, waͤhrend auf den Verdecken ſich eine ſtarke Anzahl Janitſcharen ſehen ließ. Ich hoͤrte aufmerkſam auf jeden vielleicht ent⸗ ſtehenden Laͤrmen— aber es blieb ſtill. Nun ging ich nach der Stadt. Auf dem Schloß⸗ platze ſtand eine Menge Menſchen, die irgend ein unerwartetes Schauſpiel zuſammenge⸗ bracht haben mußte. Ich draͤngte mich durch, Mulad Selims Kopf wurde ſo eben auf eine Lanze befeſtigt; der Leichnam lag blutig auf dem Platze. Daß ich hier nicht vor Schrecken zu einer Leiche wurde, begreife ich noch nicht. Erſtarrt, verſteinert ſtand ich da. Die eigene — 16— Gefahr vergaß ich; die Thraͤnen einiger um mich Stehenden brachten mich erſt zu mir ſel⸗ ber. Keiner konnte mir Aufſchluß uͤber jenes ſo furchtbare Ereigniß geben. Erſt nach mehreren Stunden erfuhr ich alles von einem Kaufmann, einem der vornehmſten Bewoh⸗ ner der Stadt. In Konſtantinopel war ein Aufſtand; der edlere Großſultan war erdroſ⸗ ſelt; aus dem Gefaͤngniß hatten die Janit⸗ ſcharen den Nachfolger geholt, und dieſer fing ſeine Regierung mit Verfolgung der ed⸗ lern Freunde ſeines beſſera Vorgaͤngers an. Mulad Selim war das erſte ungluͤckliche Op⸗ fer ſeiner blutduͤrſtigen Grauſamkeit, ſeines unerſaͤttlichen Eigennutzes. Von dem Schauplat dieſer Graͤuelthat eilte ich nach dem Arbeitsplatze meiner Ge⸗, faͤhrten. Die Nachricht, die ich brachte, wirkte ſo ſtark auf ſie, wie ſie auf mich gewirkt hatte. Wie die Bildſaͤulen ſtanden ſie vom Schrek⸗ ken gelaͤhmt da; furchtbar war die Zukunft, die ſich nun ſo ſchrecklich vor ihrem Blicke — 17— ausbreitete.— Ich verließ meine Freunde, um zu meinem redlichen Guardian zu gehen; ich fuͤhlte wirklich, daß ich Troſt bedurfte, und wo konnte ich dieſen beſſer ſuchen, als in dem Umgange, in den Grundſaͤtzen dieſes ttrefflichen Greiſes. Bekannt mit der Lage des Gebaͤudes und um eigener Sicherheit willen, waͤhlte ich einen naͤhern Nebenweg. Ich ging uͤber jenen Saal, auf dem ich fruͤ⸗ her gewohnt hatte. Er war mit Janitſcha⸗ ren angefuͤllt. Mein redlicher Guardian und noch drei andere Moͤnche lagen mit geſpalte⸗ tem Haupte da. Die wilde Horde der Moͤr⸗ der fing jetzt an, das Kloſter zu pluͤndern. Nun war auch dieſer Schlag geſchehen. Kaum blieb mil ſo viel Beſinnung, mich ſo eilig, als moͤglich, zu meinen Gefaͤhrten zu retten; ich ſuchte da Huͤlfe und Beruhigung, wo beides ſelbſt ſo noͤthig war. Mit ban⸗ gen Schrecken hoͤrten ſie dieſe ſchauderhafte Nachricht. Was wir beginnen wollten?— Wer haͤtte dies in den furchtbaren Augen⸗ blicken beſtimmen koͤnnen— Das Grab⸗ Il. 2 — 18— ſcheit und die Art entſanken den Haͤnden der Arbeiter. Verzweifelnd und ſtarr ſtanden ſie da. Da nahete ſich uns ein Haufen Janit⸗ ſcharen, ſchwaͤcher an Anzahl, als wir, aber zut bewaffnet.—„Wollen wir uns nicht wehren?“ ſagte einer der Entſchloſſenſten mei⸗ ner Leute.„Beſſer iſt's, ehrlich auf dem Platze ſterben, als dieſem Pack dienſtbar ſeyn.“ —„Vielleicht uͤbernimmt der neue Bei die Verlaſſenſchaft unſers Wohlthaͤters,“ ſagte ich. „Er findet vielleicht Gefallen an dieſen Anla⸗ gen, und wir ſind gerettet!“ Zugleich bat ich ihn, ſein Handwerksgeraͤthe aus der Hand zu legen. Nach den Grundſaͤtzen der Tuͤrken vergreift ſich der neue Gebieter nie an den Sklaven des unglücklichen Vorgaͤngers. Sie werden ihm von dem Aufſeher zugezaͤhlt, ſie veraͤndern in ihrer ganzen Lage oft wei⸗ ter nichts, als den Namen ihres Herrn. Der Anfuͤhrer der Janitſcharen, ein junger Mann, ſchien mir gefuͤhlvoll und edel zu ſeyn. Neuer * 4. Hoffnungen voll ging ich ihm entgegen und redete ihn italieniſch an; eine Sprache, die faſt von allen gebildeten Tuͤrken verſtanden wird. Er antwortete gebrochen. Seine Auf⸗ merkſamkeit bewies, daß unſere Anlagen ihm gefielen. Indeß gebot er uns allen, ihm zu folgen. Die Wache fuͤhrte uns in jenen großen Bagno, in welchem ich meine Gefaͤhr⸗ ten gefunden hatte. Das ganze Gebaͤude war ſchon mit andern Sklaven ſo ſehr uͤber⸗ fuͤllt, daß wir kaum unterkommen konnten. Die Hitze und der Geruch waren unertraͤglich; die Beaͤngſtigungen, die dadurch verurſacht wurden, wuchſen mit jedem Augenblick. Ei⸗ nen Platz zum Niederlegen konnte keiner fin⸗ den; alles draͤngte ſich nach den kleinen Lu⸗ ken, um friſche Luft zu ſchoͤpfen; niemand war da, der uns erbarmend einen Tropfen Waſſers gereicht häͤtte. Schreckliche Nacht in der Geſchichte meines Lebens! Wie oft bereuete ſch es, jenem braven Soldaten die Selbſtvertheidigung unterſagt zu haben!— — 20— Am folgenden Morgen wurde die Thuͤr des Gefaͤngniſſes geoͤffnet. Mehrere der Un⸗ gluͤcklichen lagen ohnmaͤchtig auf dem Fußbo⸗ den; wir uͤbrigen ſanken faſt alle um, als wir kochend vor Hitze, triefend von Schweiß an die kuͤhle Luft traten. Aber welcher An⸗ blick! Jene Janitſcharen und die tuͤrkiſche Beſatzung von Tripolis hatte einen Kreis ge⸗ ſchloſſen; Tauſende vom buͤrgerlichen Stande draͤngten ſich an dieſen heran, wir Ungluͤck⸗ lichen wurden mitten in demſelben zur Schau aufgeſtellt. Neugierig draͤngten ſich die Kaͤu⸗ fer herzu, durchſuchten uns, betaſtend unſere Gliedmaßen, ſie boten auf uns; der Kauf ſchien etwas eilig zu gehen; wer von uns kaͤuflich erſtanden und von dem Kaͤufer be⸗ zahlt war, wurde mit einer leichten Kette an Hand und Fuß geſchloſſen und dem neuen Beſitzer uͤbergeben. Ich eile uͤber dieſe ſchaͤndliche Scene weg; noch jetzt empoͤrt ſich mein ganzes Ehr⸗ gefuͤhl, erinnere ich mich, wie ich mich ganz — 21— entkleiden, wie ich mich nackt den neugierigen Blicken, den ſchamloſen Betaſtungen der Kaͤufer ausgeſetzt ſah.— Ich war jetzt Sklave, Sklave eines Menſchen, auf deſſen Geſicht Brutalitaͤt und Gefuͤhlloſigkeit einheimſch wa⸗ ren. Wie ich von meinen Gefaͤhrten wegge⸗ riſſen, wie ich weggefuͤhrt wurde— weiß ich nicht. Kaum erinnere ich mich noch, daß dies letzte ſplitternackt geſchah, daß ich meine Kleidung unterm Arm trug; daß die Kette wegen der zu engen Fußſchelle mir Schmer⸗ zen verurſachte. Wie weit ich gebracht wurde, weiß ich nicht. Mir war es, als ginge ich bis an den Hals im tiefen Sande, ſo beklommen war meine Bruſt.— Vor der Thuͤre eines großen Hauſes mußte ich ſtehen bleiben; mein Begleiter ging hinein. Meh⸗ rere Menſchen, ſo gefuͤhllos wie mein Beſitzer — traten an mich heran. Wie es ſchien, billigten oder tadelten ſie den Kauf, den mein Herr gemacht hatte. Jetzt wurde die Thuͤre geoͤffnet; ich mußte hineingehen. Ein großer Hof, mit hohen Mauern, unter denen Keller 4ℳ .* 2— 22— lagen, deren Oeffnungen mit eiſernen Gittern verſehen waren, empfing mich. Ich wurde losgeſchloſſen; in einer Art von Eiſterne mußte ich mich baden; mußte mich in ein mir dar⸗ gereichtes braunes, grobes Gewand kleiden; die Kette wurde mir wieder angelegt; mein Begleiter fuͤhrte mich zu der Thuͤr eines Kel⸗ lers, ſtieß mich hinein und verſchloß hinter mir den Eingang. Was ich jetzt dachte? Was ich jetzt em⸗ pfand? Dieſe Frage moͤchte nie zu beantwor⸗ ten ſeyn. Ich dachte, ich empfand— nichts. Nicht einmal das Furchtbare meiner Lage fuͤhlte ich. Sie war zu ſchrecklich, als daß ich ſie haͤtte beurtheilen koͤnnen, ich haͤtte ſonſt Seldſtwoͤrder werden muͤſſen. Es war ſtockfinſter um mich her; ich wagte keinen Schritt vorwaͤrts zu thun; ſondern blieb ru⸗ hig auf der naͤchſten Stufe an dem Eingange ſitzen. Aber mit der Zeit fand ſich mehr von t 5 meiner Beſinnung wieder und je mehr ſich fand, deſto furchtbarer erſchien mir die Zu⸗ * — 23— kunft. Mein Auge gewoͤhnte ſich an die Dunkelheit, ich unterſchied die mich von bei⸗ den Seiten einſchließenden Mauern, ich ſah die ſteinernen Stufen, die ſich vor mir in einen Abgrund verloren, der mir ſo dunkel war, wie meine furchtbare Zukunft. Meine Angſt ſtieg mit der wiederkehrenden Beſin⸗ nung; ich verzweifelte; ich wurde ganz ver⸗ wirrt; die Bilder meiner frohen Kindheit, meiner unruhigen Jugend irrten wild und verworren vor meiner Seele herum. Ich gerieth in eine Lage, in eine Stimmung, die die gluͤhendſte Phantaſie nicht ſchrecklicher traͤumen kann; ich beſchlos— Selbſtmord. Da umgab mich ein ploͤtzliches Licht— ein knarrendes Geraͤuſch weckte mich aus meinem Hinbruͤten, ich hoͤrte menſchliche Stimmen, ich hoͤrte Fußtritte. Erſchrocken und etwas Uebernatuͤrliches ahnend, ſahe ich mich um. Jener Eingang zu meinem Ker⸗ ker wurde geoͤffnet; zwei neue Ungluͤcksgefaͤhr⸗ ten wurden hineingeſtoßen. — 2— Erbarmender Gott!— Kam wohl je ein gluͤhenderer Dank aus eines Menſchen Herzen? trat wohl je eine aufrichtigere Thraͤne der Freude in das Auge des ſich ſo gluͤcklich Fuͤhlenden, als in dieſem Augenblick, da ich in den beiden Sklaven, Freunde erkannte; da der eine, mein mir ſo werther Steuermann; der andere, ein Unterofficier, einer der brav⸗ ſten Leute der Beſatzung, war?— Jetzt er⸗ kannten ſie mich; ihre Freude war der mei⸗ nigen gleich; wir waren keine Sklaven mehr; wir waren Freunde, die nach einer langen Trennung ſich wiederfanden. Beide waren, wie ich, von eben dem Tripolitaner gekauft. Der Glaube an eine Vorſehung, der ſchon aus meinem Herzen geſchwunden war, trat wieder in ſeine begluͤckenden Rechte; jeder gute Gedanke, den meine Pflegemutter aus ihrem frommen Herzen in das meinige ver⸗ pflanzt hatte, keimte von neuem auf, draͤngte ſich mit verjuͤngter, verſtaͤrkter Kraft vorz Hoffnung regte ſich in unſern Seelen — 25— 1. und die Zukunft erſchien wieder im mildern Lichte. Der Nachmittag war voruͤber,— unter Geſpraͤchen war er uns Gluͤcklichen zu einem Augenblick geworden— als unſer Gefaͤngniß geoͤffnet wurde. Zwei Mohren winkten uns zu folgen. Hinter ihnen her gingen wir nach jenem großen Gebaͤude, das gegen unſern Kerker uͤber lag. Ein kleines, freilich ſehr duͤrftiges Gemach wurde geoͤffnet; wir muß⸗ ten hinein treten. Auf einer Bank lagen jene Kleidungsſtuͤcke, die uns bei dem Bade abgenommen waren. Der aͤltere der beiden Mohren ſagte in gebrochenem Franzoͤſiſch: „Nehmt Eure Kleider. Es iſt Euch nichts davon geraubt.“ Erſtaunt thaten wir dies. Es fehlte nichts. Mein Geld, meine Brief⸗ taſche, ein ſchoͤnes Beſteck, ein Geſchenk der Gemahlin Moroſis, alles fand ich; wie eine Freunde alles fanden.—„Wie laͤßt ſich ſo viel Ehrlichkeit mit ſo viel Grauſamkeit ver⸗ einigen!“ rief ich aus. Ich fragte den Mohr, — 26— einen Kerl von widrigem Anſehen, der jetzt beſchaͤftigt war, unſer duͤrftiges Abendeſſen zu bereiten, wie unſer Herr ſich nenne? Wer er ſey? Und welche Abſichten er mit uns habe?— Er beantwortete die Frage:„Euer und mein Herr heißt Murza; er wohnt nicht hier, ſondern in Schaillah, wo er ſich ange⸗ bauet hat. Ob ihr bei ihm bleibt, oder ob er Euch verſchenkt, wie oft ſeine Art iſt, weiß ich nicht.“— Schuͤchtern wagte ich die Frage nach ſeinem Charakter, nach ſeiner Denkungs⸗ art; der Mohr zuckte die Achſeln.—„Man iſt Sklav,“ ſagte er wehmuͤthig.„Ich habe es dreißig Jahr gefuͤhlt, wie elend ich bin, ſeit ich meinen guten Eltern und meiner Braut geſtohlen bin.“— Er ſchwieg und ſah gebeugt und traurig vor ſich auf einen Fleck nieder.— Auch wir wurden traurig. Die ſchreckliche Zahl, dreißig, ſchallte uns furchtbar in die Ohfren. Wir ſahen einer den andern ſchwermuͤthig an. Der Mohr dauerte mich; er gewann durch ſeinen Kummer mein gan⸗ zes Vertrauen, ſo wie ich gewiß das ſeinige. 6 —„Morgen reiſet Ihr gewiß ſchon ab, tie⸗ fer in's Land hinein, nach Schaillah,“ fagte er.—„Wirſt Du mit uns reiſen?“ fragte ich.—„Nein. Ich muß wahrſcheinlich hier bleiben.“— Dieſer Umſtand war mir unan⸗ genehm; der Mohr ſchien ein guter Menſch zu ſeyn; er verſtand uns; er war ſelbſt un⸗ gluͤcklich, konnten wir einen treuern Freund hoffen, als er war?— Mußte es uns nicht ſchmerzen, dieſe ſchoͤne Ausſicht mit einem Male zu verlieren? Mußten wir nicht jetzt alles fuͤrchten? Thraͤnen der bitterſten Wehmuth wuͤrz⸗ ten unſere duͤrftige Sklavenkoſt. Keiner von uns ſchlief die Nacht, und doch wollte keiner „durch die Aeußerung eigener Gefuͤhle des An⸗ dern Herz noch mehr beunruhigen. Jeder lag ſtill, nur Seufzer verriethen es, daß er wache. Der Morgen grauete kaum, als man uns zur Abreiſe rief. Wir bekamen wieder ein duͤrftiges Fruͤhſtuͤck, dann mußten wir unſere Sachen aufnehmen, und ſo fuͤhrte 28— man uns auf der entgegengeſetzten Seite zur Stadt hinaus. Unſere Begleitung beſtand aus zwei mit langen Lanzen bewaffneten Reitern. Unſern Weg nahmen wir anfangs am Seegeſtade hin; der Boden war ein durch die Naͤſſe feſt gewordener Sand, auf dem es ſich gut gehen ließ. Die kühlere Seeluft we⸗ hete erfriſchend und erquickte uns. Eine halbe deutſche Meile waren wir in dieſer Richtung gegangen, als wir uns links wen⸗ deten und bald das hohe Meer, und mit ihm ſeine erquickende Kuͤhlung verließen. An einem Bache lagerten wir uns unter einigen einzelnen Baͤumen. Nun aber fuüͤhrte uns unſer Pfad landeinwaͤrts. Vor uns lag ein blendendes Sandgebirge; wir wuͤrden es aus der Ferne fuͤr einen Schneeberg gehalten ha⸗ ben, haͤtte nicht die furchtbare, immer gluͤ⸗ hender werdende Hitze uns belehrt, daß der⸗ gleichen ſich hier nicht finden koͤnne. Ein ungeheueres, ebenes Sandfeld breitete ſich vor uns aus; in der Mittagsgluth ſchien es zu zittern, kein Strauch, kaum ein Grashalm —— ——— — 20— war zu ſehen, und durch dieſes Sandmeer mußten wir mitten durch. Bis an die Knie ſanken wir bei jedem Schritt; der Boden war erhitzt; auf gluͤhender Aſche ſchienen wir zu gehen; unſere Schritte wurden immer ungewiſſer, wir taumelten wie die Trun⸗ kenen; jeden Schritt, den wir thaten, konnten wir fuͤr den letzten unſers Lebens anſehen, wir ſanken nieder, die Lanzen unſerer Beglei⸗ ter richteten uns bald wieder auf, und immer ſchien jenes Gebirge ſich weiter von uns zu ent⸗ fernen; immer weiter die furchtbare Ebene ſich auszubreiten. Endlich, nach dem beſchwerlich⸗ ſten Wege, den je ein Menſch gemacht hatte, erreichten wir jenes ſo ſehnlich erwuͤnſchte Gebirge. Aber es gab uns wenig Erleichte⸗ rung. Mittag war eben voruͤber, als wir am Fuß des Gebirges anlangten; es gluͤhete unter unſern Fuͤßen, wir mußten gerade uͤber daſſelbe hin. Vor Schmerzen und Verzweif⸗ lung weinten wir laut; ein ſtechender Kopf⸗ ſchmerz ging faſt zur Raſerei uͤber und wir — 30— Armen, Ungluͤcklichen hatten nichts zu unſe⸗ rer Erquickung; kein Tropfen Waſſers loͤſchte unſern brennenden Durſt; kein belaubter, zweigereicher Baum zeigte uns Schatten; keine Felsſchluft ſchuͤtzte uns gegen die Gluth der Sonne; kein erfriſchendes Luͤftchen kuͤhlte unſer Blut, wenn wir die heiße Luft einath⸗ meten. Der Zufall wollte, daß gerade jetzt die heißeſten Tage waren; ſelbſt unſern Be⸗ gleitern, ob ſie gleich ritten, ob ſie gleich Fruchte zu ihrer Erquickung bei ſich hatten, war die Hitze faſt unertraͤglich. Wie ſehr mußte ſie es uns ſeyn, die wir unſere Sachen tragen mußten und ein ſolches brennendes Klima kaum aus Beſchreibungen kannten.— Endlich— und nie hatte ich dieſem Augendlick mit groͤßerer Sehnſucht entgegen⸗ geſehen,— endlich neigte ſich die Sonne am wolkenloſen Himmel; auf der abendlichen Seite jenes Gebirges bemerkten wir in weiter Ferne einen dunklern Platz, von dem rin Rauch aufſtieg. Ich fragte unſere Be⸗ - 31— gleiter, was dies ſey? Sie verſtanden meine Sprache nicht; ich erhielt keine Antwort. Es war Abend, als wir bei dem Platze an⸗ langten, es war ein kleines Waͤldchen von unbetraͤchtlichem Flaͤcheninhalt; der Boden war mit falbem Graſe und welken Kraͤutern bedeckt; das Laub der mir unbekannten Baͤu⸗ me mit Sand und Staub uͤberzogen. Aber, was dieſem ſonſt ſo reitzloſen Plaͤtzchen den groͤßeſten Werth gab, war ein kleiner Bach, der hier entſprang, einige hundert Schritte fortfloß und ſich dann im Sande verbarg. Eine Karavane von wenigen Eingebornen des Landes hatte ſich hier gelagert; ſie koch⸗ ten ihr Eſſen, Reiß und Milch, an dem Feuer, deſſen Rauch wir ſchon aus der Ferne geſe⸗ hen hatten. Wir drei ſanken unter dem erſten Baume nieder; wir hatten nicht die Kraft, uns nach dem Bache zu ſchleppen, der vielleicht kaum zehn Schritt von uns ent⸗ fernt war. 7 Unſer Anblick mochte jene Eingebornen —- 32— ruͤhren. Sie lagen nicht weit von uns, und blickten uns theilnehmend an. Dann ſtand einer von ihnen auf, brachte uns in einer hoͤlzernen Schuͤſſel von ihrer Speiſe, reichte uns Brodt und einen Kuͤrbißkrug mit einem ſcharfen, ſaͤuerlichen Getraͤnke, das uns außer⸗ ordentlich erquickte. Dankbar ſahen wir ihn an, dankdar redeten wir ihn an; er verſtand uns nicht. Unſere Mienen hat er gewiß beſ⸗ ſer verſtanden, als unſere Sprache. Geſtaͤrkt legten wir uns zum Schlafen nieder. Am Morgen weckte uns unſere Begleitung; jene Karavane war ſchon aufgebrochen; wir ſahen ſie in der Ferne vor jenem Gebirge. Neben uns lagen einige Brodte, Fruͤchte und der leere Kuͤrbißkrug; die Abſicht des letztern war nicht ſchwer zu errathen; wir ſollten ſie an jenem Bache fuͤllen. Wir thaten es; denn es ahnte uns, daß wir ſie auf heute ſehr noͤthig haben wuͤrden. Mehr geſtaͤrkt, als wir es ſelbſt erwarteten, ſetzten wir unſern Weg fort. Die Sonne ſtand ſchon hoch; wir ſo wohl, als unſere Begleiter hatten laͤn⸗ — 33— ger geſchlafen, als wir vor einer ſo weiten Reiſe haͤtten thun ſollen. Noch einmal tranken wir uns an jenem Bache ſatt; wir fuͤllten unſere Flaſche, und unter lauten Se⸗ genswuͤnſchen fuͤr das Wohl unſerer unbe⸗ kannten Wohlthaͤter traten wir die noch be⸗ ſchwerlichere Wanderung an. Der Sand war noch tiefer, als geſtern; die ganze Ge⸗ gend noch baumloſer; kein Luͤftchen erquickte uns und unſer Weg wurde dadurch noch be⸗ ſchwerlicher, daß der Boden weleenfoͤrmig war, und wir immer kleine Anhoͤhen zu erſteigen hatten. Zwiſchen dieſen Huͤgeln war die Hitze ungeheuer; die ganze Athmoſphaͤre gluͤhete, und die Luft, die wir athmeten, war die Luft eines Schmelzofens. Mehrere Male ſanken wir nieder. War es bei unſern ſo gefuͤhl⸗ loſen Begleitern die Vorſtellung der voͤlligen Unmoͤglichkeit? oder fuͤhlten ſie ſich beſchaͤmt durch die Guͤte, mit welcher jene Fremden uns begegneten? Genug, daß ſie heute Ruͤck⸗ ſicht auf uns nahmen, daß ſogar der eine dem umgeſunkenen Steuermann aus einem 3 * 34— kleinen Flaͤſchchen Erquickung reichte. Un⸗ ſere Kuͤrbißflaſche war laͤngſt geleert. Es ver⸗ ſoͤhnte uns einigermaßen, wie wohl wenig, mit unſerm harten Looſe, da wir ſahen, wie dieſe ſonſt gefuͤhlloſen Menſchen Antheil an uns nahmen; die Hoffnung, vielleicht, auch an dem Orte unſerer Beſtimmung menſchliche Herzen zu finden, die fuͤr unſer Elend ſchlü⸗ gen, beruhigte uns und verſtaͤrkte, wo nicht die Kraͤfte, doch wenigſtens den Wil⸗ len, geduldig zu tragen, was uns von der Vorſehung aufgelegt war. Nur mit der groͤ⸗ ßeſten Anſtrengung gelang es uns, den Weg ſo lange fortzuſetzen, bis der Abend, bis die Nacht uns uͤberſiel. Ach! wir ſpuͤrten und fuͤhlten es, daß wir keinen ſchuͤtzenden Baum, keinen erquickenden Quell aufgefunden hat⸗ ten. Ohnmaͤchtig ſanken wir auf dem hei⸗ ßen Sande nieder; nichts ſahen wir, was uns haͤtte laben koͤnnen; ſelbſt unſere Beglei⸗ ter waren aͤngſtlich; dem Anſcheine nach füͤrchteten ſie, ſich verirrt zu haben. Das * wenige, was ſie an Lebensmitteln bei ſich 5 4 3 — 3⁵— hatten, war von ihnen bald verzehrt. Mehr ohnmaͤchtig, als muͤde lagen wir da, als mit⸗ ten in der Nacht der kalte Thau uns weckte; die Empfindung war zu angreifend, der Froſt warf uns in die Hoͤhe; wie die Fieberkran⸗ ken zitterten wir und hatten nicht Kraft uns, zu ruͤhren. Wie gelaͤhmt ſtanden wir am andern Morgen von unſerm bethaueten Lager auf; kaum hatten wir Kraͤfte zum Gehen, ſo griffen uns nagender Hunger, peinigender Durſt, empfindliche Kaͤlte an. Wir ſchlichen uͤber jene Sandhuͤgel hin, als gegen Mittag die Hitze noch druͤckender wurde, als ſie ge⸗ ſtern war. Da kamen wir erſt an den Platz, der zum Nachtlager von den Kara⸗ vanen gewaͤhlt wird, den wir aber Tages vor⸗ her nicht hatten erreichen koͤnnen. Ein Thal zwiſchen felſigten Gebirgen, ein Bach zwiſchen zwei kleinen Angern, mit einigen einzelnen Baͤumen beſetzt, zeigte ſich unſerm Blicke. Wie labte uns Verzweifelnde dieſer Anblick! Wie erquickte uns Lechzende das aus dem Felſen rinnende Waſſer! Mehrere Stunden 5.— 36— blieben wir hier liegen, ehe wir aufbrachen. Jetzt wurde die Gegend fuͤr uns vortheilhaf⸗ ter; wir ſahen nicht ſehr weit von uns einen See, an deſſen rechtem Ufer wir hinaufgingen. Mochte der Geruch des Sees noch ſo mo⸗ drigt ſeyn, wir hatten wenigſtens kuͤhlere Luft um uns und keinen brennenden Sand unter unſern Fuͤßen. Die weitere Reiſe war kuͤrzer; denn noch ehe die Sonne unterging, ſahen wir uͤber den See und vom Gebirge herab Schaillah, unſern kuͤnftigen Wohnort. Unſere Fuͤhrer zeigten ihn uns, indem ſie den Namen ausſprachen, der mir aus jenes Mohren Erzaͤhlung ſo merkwuͤrdig war. Aber mit jedem Schritte, den wir jetzt thaten, wurde die Gegend wilder, ſchauderlicher und unwirthbarer. Wir ſahen nichts als Felſen, nichts als Sand; zwiſchen den erſtern waͤhl⸗ ten wir unſer Nachtquartier, es war das letzte, ehe wir unſere Beſtimmung erreichten. Kaum gedachten wir des quaͤlenden Hungers und Durſtes, kaum unſerer Ermuͤdung; glaubten wir uns doch ſchon gluͤcklich, da wir — 3,/— eines ſo ſaueren Weges bald ganz uͤberhoben zu ſeyn hoffen konnten. Bald am Morgen brachen wir wieder auf, aber, welcher Weg! zwiſchen gluͤhenden Felsbloͤcken mußten wir uns durchwinden, gegen die Felſen ſchien die Sonne, ihre Strahlen prallten verſtaͤrkt in die Schluften, durch die wir gingen; die Luft war kaum einzuathmen, ſo erſtickend war ſie. Endlich ſahen wir Schaillah nahe vor uns liegen. Was wir geſtern aus der Ferne fuͤr Haͤuſer hielten, waren kahle, nackte Feiſen, zwiſchen denen ſich eine Reihe der armſelig⸗ ſten Huͤtten hinzog. Am Ende dieſer Huͤt⸗ tenreihe lag ein im Werden ſich befindendes Gebaͤude und vor demſelben war ein Platz geebnet, auf welchem mehrere Sklaven mit groͤßeſter Anſtrengung und unter, alles Gefuͤhl empoͤrenden Mißhandlungen von ihren Auf⸗ ſehern, arbeiteten.—„Nun ſehen wir un⸗ ſere Beſtimmung!“ ſagte einer von uns zu den andern.„öArbeiten wuͤrden wir gern, ſtaͤnden wir nur noch unter Mulad Selims Aufſehern!“— Man fuͤhrte uns in jenes — 38— noch unvollendete Haus, wo man dem An⸗ ſcheine nach uns ſchon erwartet hatte; denn 2 mehrere Aufſeher in leichter tuͤrkiſcher Klei⸗ dung, aber groͤßtentheils europaͤiſcher Geſichts⸗ bildung, kamen um uns herum und ſahen uns, unſere Kraͤfte pruͤfend, mit geſpannter Aufmerkſamkeit an.— Einer verlangre ſo⸗ gar, daß wir jetzt gleich an die Arbeit gewie⸗ ſen werden ſollten; ein Anmuthen, dem ſich der äͤltere unſerer Begleitung muthig entge⸗ genſetzte. Ich kann dies daraus ſchließen, daß er uns winkte, ihm zu folgen, daß er uns in einen mit Rohr gedeckten Schuppen fuͤhrte, daß ein anderer Sklav, den er rief, uns Speiſe bringen mußte, Hier warfen wir uns termuͤdet nieder- aber, an Schlaf war nicht zu gedenken; denn in dem Augenblick, in dem ich meine Augen ſchließen wollte, erſchreckte mich das Jammer⸗ geſchrei. eines Ungluͤcklichen. Ich ſah hin. Ein armer Sklav war halb nackt an einen, wie mir es ſchien, nur zu dieſer Abſicht auf⸗ 2-— 39— gerichteten Pfahl gebunden; zwei Barbaren peitſchten ihn; das Blut floß nach einigen Streichen von dem Ruͤcken und den zerfleiſchten Armen herab; der Ungluͤckliche wand ſich wie ein Wurm; aber nichts war im Stande, ſei⸗ nen gefuͤhlloſen Peinigern emiges Mitleiden beizubringen. Verſenkt in tiefes Nachden⸗ ken lagen wir da. Die furchtbare Vorſtel⸗ lung:„Vielleicht iſt das auch bald Dein Loos!“ beugte uns ſo nieder, daß wir gegen jede Empfindung taub waren. Aber, was mußte ich in dem Augenblick empfinden, als jener Ungluͤckliche in der Angſt ſeines Her⸗ zens vergaß, wo er war; als er in meiner Mutterſprache ſeinen Tyrannen um Erbar⸗ men anſlehte. Ich ſprang auf:„Heiland der Welt!“ rief ich laut.„Der Ungluͤckliche iſt mein Landsmann! iſt ein Deutſcher!“ Ich rief dieſe Worte deutſch. Der Arme mochte ſie hoͤren, denn mitten in ſeiner Qual ſahe er ſich um, den ſuchend, aus deſſen Munde er die ſo lange entbehrten Toͤne ſeiner Mut⸗ terſprache hoͤrte. Ich rief ihm zu; ich ver⸗ gaß das Verhaͤltniß, in welchem ich hier war. Dire Zuͤchtigung war voruͤber. Seine beiden Tyrannen winkten mir; was ſie ſagten, ver⸗ 3 ſtand ich freilich nicht, aus ihren Mienen ſchloß ich auf den Befehl, mich des Ungluͤck⸗ lichen anzunehmen; eine Pflicht, zu der mein eigenes Herz mich auch da ſchon aufgefodert haben wuͤrde, ehe ich wußte, daß der arme Menſch ein Deutſcher ſey.— Mein Unter⸗ officior, denn ſo will ich den einen meiner Gefaͤhrten nennen— half mir redlich. Be⸗ kannter mit der Art, ſolche Gegeißelte zu be⸗ handeln— denn er hatte als Soldat oͤfters dersleichen, freilich mit mehr Menſchlichkeit Gezuͤchtigte geſehen— nahmen wir den Aechzen⸗ den unter den Schuppen, mit klarem Waſſer wuſchen wir ſeinen zerfleiſchten Ruͤcken, wim⸗ 3 mernd lag der Arme auf unſerm ſo duͤrfti⸗ gen Lager. Faſt einige Stunden vergingen, ehe der arme Menſch ſo viel Milderung ſei⸗ ner Qual ſpuͤrte, daß er ſprechen konnte. Es war Abend; es war ſchon ſpaͤt. Daß ich an keinen Schlaf dachte, daß uns Allen — 41— dieſes furchtbare Bild einer ſolchen Mißhand⸗ lung um ſo furchtbarer vor den Augen ſtand, da es gerade das Erſte unſeres neuen Aufent⸗ haltes war— daß uns dieſes Bild jeden Gedanken an Ruhe verſcheuchen mußte— erwaͤhne ich kaum. Der Ungluͤckliche erzaͤhlte mir ſeine Geſchichte. Er war der Sohn eines beguͤterten Kaufmanns einer der erſten Handelsſtaͤdte Deutſchlands. Drei Jahr hatte er hier ſchon geſchmachtet; oft war er mehr aus Laune des Aufſehers, eines Renegaten, als um wirklichen Verſehens willen ſo gezuͤch⸗ tigt.—„Konnteſt Du Dich denn nicht los⸗ kaufen? Konnteſt Du Deinem Vater nicht Nachricht geben?“ fragte ich.—„Und durch wen?“ antwortete er mir.„Waͤren wir in einer der groͤßern Raubſtaͤdte, ſo faͤnde ſich Gelegenheit dazu. Aber hier?— In der Wuͤſte? Hier, wo ich in drei Jahren Nie⸗ mand ſah, als meine Aufſeher, die noch aͤr⸗ gere Tyrannen ſind, als Murza ſelbſt? Hier, wo wir heute ſind und morgen vielleicht an einen herumſtreifenden Beduinen oder Araber . — 42— oder nach dem Innern von Tunis verſchenkt ſind; wie man in unſerm Vaterlande ein Pferd, einen Hund verſchenkt?“ 1 Ich betrachtete bei dieſen! furchtbaren Aeußerungen meinen Landsmann mit theil⸗ nehmender Aufmerkſamkeit; er ſchien um einige Jahre aͤlter zu ſeyn, als ich war.— „Trafſt Du nie einen unſerer Landsleute 24 —„Nie. Ihr ſeyd die Erſten. Mir war es in meinen Hoͤllenſchmerzen, als hoͤre ich eines Engelsſtimme, da ich das erſte deutſche Wort hoͤrte.“ Ich erfuhr von dieſem neuen Ungluͤcks⸗ gefaͤhrten, daß die Gegend, in welcher wir jetzt waren, nicht mehr zu Tripolis, ſondern zu Tunis gehoͤre; daß Murza in beiden Staa⸗ ten Beſitzthuͤmer habe; in beiden Staͤdten gleiches Anſehen genoͤſſe, und es ſich vorge⸗ nommen habe, in dieſer Gegend große Anla⸗ gen zu machen.—„Freilich!“ ſetzte mein Gefaͤhrte hinzu,„freilich grenzen ſeine Plaͤne 1 — 43— faſt an's Unmoͤgliche. Aber er hat es ſich einmal in den Kopf geſetzt. Moͤgen wir ar⸗ men Sklaven uns todt quaͤlen; Murza hat Reichthuͤmer genug, und beide Staͤdte, Tunis und Tripolis, zahlreiche Heerden verkaͤuflicher Sklaven. Faſt jede Woche kommen neue an, die die Stelle der bei der Arbeit umge⸗ fallenen ſo lange erſetzen, bis ſie ſelbſt ausge⸗ quaͤlt haben. Dann kommen wieder andere.“ Mein Unterofficier, der etwas Deutſch verſtand, hatte waͤhrend dieſer Unterredung ſtill und nachdenkend dageſeſſen.—„Nein!“ ſagte er im vollen Eifer,„das trage ich auf keinen Fall. Zwoͤlf Jahr diente ich als Sol⸗ dat und habe in meiner ganzen Dienſtzeit nicht einmal Tadel, geſchweige Zuͤchtigung ver⸗ dient; und hier ſollte ich mich von ſolcher Nation mißhandeln laſſen? Morgen gehe ich fort. Ich will mich zehnmal eher von Tygern und Gott weiß von welchen Beſtien in Stuͤk⸗ ken reißen laſſen. Vielleicht fuͤhrt mich der Himmel gluͤcklich durch.“—„Eben das ſt — 44— mein Entſchluß,“ ſagte ich.„Aber damit wollen wir uns nicht uͤbereilen.“—„So? Und vielleicht warten, bis wir dort am Pfahle paradirt haben?“—„Das nicht. Aber un⸗ ſer Landsmann ſagt, es kaͤmen faſt jede Woche neue Sklaven. Waͤre es da nicht moͤglich, daß noch einige von den Unſrigen ſich faͤnden? Je mehr unſerer ſind, deſto leich⸗ ter wird uns das Entkommen.“— Der Un⸗ terofficier gab mir Recht.„Aber,“ ſetzte er hinzu,„macht man nur Miene, mir einen Hieb geben zu wollen, ſo iſt der Aufſeher ge⸗ liefert und wenn man mich im Oele bratet.“ — Ich ließ ihn in ſeinem Vorſatz, den er gewiß ausgefuͤhrt haben wuͤrde, wenn nicht der Himmel auf eine andere, ganz unerwar⸗ tete Art fuͤr uns geſorgt haͤtte.— Doch da⸗ von in der Folge. Der Morgen hatte uns in unſern Ge⸗ ſpraͤchen noch wachend gefunden. Die Gegend wurde jetzt lebendiger; ohne die Zahl zu uͤber⸗ treiben, waren es gewiß hundert Sklaven, die, — 45— mit leichten Ketten an Hand und Fuß, wie wir ſie trugen, unter ihren Aufſehern ſich verſammelten. Jeder von ihnen bekam ein kleines, unſerm Schiffszwieback aͤhnliches Brodt und jeder mußte ſeine Kuͤrbißflaſche mmit Waſſer fuͤllen. Der Auſſeher trat unter den Rohrſchuppen, wo wir lagen. Er beſah den Ruͤcken des geſtern Abend ſo Gemißhan⸗ delten, und gab dem Unterofficier durch Zei⸗ chen zu verſtehen, daß er bei dem Kranken bleiben ſollte. Uns andern Beiden winkte er, zu folgen. Es war mir lieb, daß der Unter⸗ officier zuruͤckblieb, theils um meines armen Landsmanns willen; mehr aber noch deshalb, weil ich die auffahrende Hitze des Unterof⸗ ficiers kannte. Der unbedeutendſte Streich mit der Peitſche wuͤrde ihn in Harniſch ge⸗ jagt, wuͤrde ihn ungluͤcklich gemacht haben. Wir gingen fort. Mein Landsmann hatte Recht gehabt, wenn er ſagte, daß Murza's Plaͤne faſt an die Unmoͤglichkeit grenzten. Eine Stunde waren wir gegangen, als wir in eine aus Sand und Moraſt beſtehende Ebene kamen, die wahrſcheinlich in fruͤhern Jahren ein See geweſen war. Dieſe ſollte in fruchtbares Gartenland umgeſchaffen wer⸗ den, und dazu waren ſchon mehrere von wirklicher Kunſt⸗Einſicht zeugende Anſtal⸗ ten getroffen. Mehrere Kanaͤle waren gegra⸗ ben; viele einzelne Felsbloͤcke von ungeheue⸗ rem Umfange waren ſchon geluͤftet; viele um⸗ herſtehende Zeichenpfaͤhle bewieſen den Umfang des Platzes und einige ſchon angelegte Baum⸗ pflanzungen bezeichneten die Oerter, die viel⸗ leicht Luſtparthien in der Anlage ſeyn ſollten. Ich ſtand mit dem Steuermann, einen geluͤf⸗ teten Felsblock betrachtend, da.—„Nur einen Hebebaum und tuͤchtige Unterlage!“ ſagte der Steuermann,„und der Stein muͤſſe hin, wo man ihn hin haben wollte.“—„Ver⸗ ſtehſt Du Dich auf ſo etwas?“ fragte uns jemand, der hinter uns ſtand, in unſerer Sprache. Erſchrocken ſahen wir uns um. Jener Tyrann war es, der meinen armen Landsmann ſo ſchrecklich behandelt hatte. Ich war kanm vermoͤgend, dem Buben in — 4)— das grinſende, falſche Geſicht zu ſehen; ſo ver⸗ haßt, ſo widrig war mir der Kerl.—„Ja!“ ſagte der Steuermann.—„Dann mache An⸗ ſtalt, Sklave! und mache Alles gut.“— „Allein kann ich das nicht. Ich muß Huͤlfe haben, zu einem ſolchen Werke wollen Men⸗ ſchenhaͤnde gebrauch, ſeyn.“—„Da ſind ja Schurken genug.“—„Schurken?“ ſagte ich leiſe. Der Bube mochte dies hoͤren.—„Ja, Schurken,“ ſagte er.„Seyd Ihr etwa mehr? oder wollt Ihr fuͤr mehr gelten?“ Ich ſchwieg. Eine Thraͤne draͤngte ſich in meine Augen. —„Schafft mir Leute her!“ ſagte der Steu⸗ ermann.„Ich kenne die armen Ungluͤckli⸗ chen nicht.“— Lachend und mit einer wah⸗ ren Satansmiene wiederholte der Aufſeher die Worte, rief dann mehrere Sklaven her⸗ zu und ſelbſt einige Aufſeher, die ſich in einer mir fremden Sprache uͤber meine Aeußerung unterhielten und uͤber mir ihre Peitſchen ſchwangen.— Der Steuermann machte An⸗ ſtalten. Mittel dazu waren in der Umge⸗ bung genug vorhanden— und nach einigen — 483— Stunden ſauerer Arbeit, bei der des Aufſe⸗ hers Peitſche nicht muͤßig war, gelang es; der Block war ausgehoben und wurde nun, da theils die Uebung, die Sklaven mit den, Handgriffen vertrauter, theils die Peitſche ſie williger gemacht hatte, mit wenigerer Muͤhe fortgewaͤlzt. Empoͤrend mßte es uns freilich ſeyn, daß der Aufſeher ſo wenig des Steuer⸗ mannes, als meiner ſchonte. Mochte mei⸗ nem Freunde gleich das Verdienſt, ein zweck⸗ maͤßiges Mittel gefunden zu haben, gehoͤrenz dies achtete der Wüuthrich nicht. Schmerzhaft fuͤhlten wir ſeine Geißel; unſer Loos war ſo grauſam, wie das Loos des verachteteſten 4 Stklaven immer ſeyn konnte. Schrecklicher wir alle jene harten, unertraͤglichen Unbequem⸗ Tag meines Lebens! Alles, was wir bisher gelitten hatten: die ſauere Reiſe bis hierher, der Hunger, der Durſt, die gluͤhende Hitze, der brennende Sand, alles dies war kaum gegen den heutigen Tag zu rechnen, an dem lichkeiten um deſto ſtaͤrker fuͤhlten, da ſie mit harten, alle menſchliche Kraͤfte uͤberſteigenden 8 4 — 49— 1 Arbeiten, mit empoͤrenden Mißhandlungen verknuͤpft waren. Das Blut quoll unter meinen Naͤgeln hervor; meine Haͤnde waren von der Haut entbloͤßt, das rohe, blutige Fleiſch war ſichtbar und— kein Erbarmen; keine Theilnahme bei unſern Aufſehern, die unter einem Zelte ihre Pfeifen ſchmauchend mit empoͤrender Gleichguͤltigkeit unſere Qua⸗ len anſehen konnten. Wie es mir ging, ging es allen; nur mit dem Unterſchiede, daß ſie vielleicht haͤrter erzogen, vielleicht dieſes ſchrecklichen, qualenvollen Lebens ſchon gewohn⸗ ter waren. Ich war kaum im Stande, den Weg nach unſerm Aufenthalte zuruͤckzuthun; faſt ohnmaͤchtig ſtuͤrzte ich nieder am ⸗Ein⸗ gange jenes Schuppens. Mein Unterofficier fuhr vor Schrecken zuſammen, da er uns ſah; denn der Steuermann war eben ſo weit gebracht, als ich es war. „Um Gotteswi illen, Kapitain, wie ſeht Ihr aus?“ ſagte er und ſchlug die Haͤnde zuſammen.„Kaum kenne ich Euch noch!“ II. 4 4 Ich konnte mit nichts, als mit Thraͤnen antworten. Fuͤr Worte war das Gefuͤhl meines Ungluͤcks zu groß.—„Und ſo wird es alle Tage gehen!“ wimmierte mein Lands⸗ mann, der neben mir ſaß.—„Mir wahr⸗ haftig nicht!“ ſagte der Unterofficier.„Gott mag es mir verzeihen, wenn ich fruͤher kom⸗ me, als ich ſoll!l“— Klagend und uns ver⸗ geblich troͤſtend brachten wir die Nacht hin; mir war es, als laͤge ich auf gluͤhenden Koh⸗ len.— Doch, warum ſoll ich durch dieſe furchtbaren Ruͤckerinnerungen jener Leiden die Wunden noch einmal aufreißen? Nur ſo viel. Vier Tage— gewiß hat ſie Niemand ſchreckli⸗ cher in ſeiner Geſchichte aufzuweiſen— hatten wir auf dieſe Art hingeſeufzt, als wir eines Abends zuruͤckkamen, und jenen Unterofficier nicht fanden. Ich erſchrak. Ich fragte meinen Landsmann nach ihm.—„Der Murza iſt heute fruͤh hier geweſen,“ war die Antwort.—„Euer Freund iſt bei ihm.“— Ein Strahl der Hoffnung flammte in mei⸗ nem Herzen auf, wußte gleich mein Lands⸗ „ — 51— mann keinen Grund anzugeben, weshalb un⸗ ſer Freund bei dem Gebieter ſey. Erſt ſpaͤt kam er zuruͤck. Er ſchien heiterer. Wir fragten nach der Urſach.— Er berichtete uns, daß er heute gegenwaͤrtig geweſen ſey, als dem Murza eine Jagdflinte verſagt habe. Unwillig hatte dieſer ſich bemuͤht, das Ge⸗ wehr wieder in Stand zu ſetzen. Es war ver⸗ gebens. Da tritt der Unterofficier naͤher, gibt durch Zeichen zu verſtehen, daß er mit dieſer Arbeit umzugehen wiſſe, und ſetzt das Ge⸗ wehr in kurzer Zeit in Stand. Murza nimmt ihn mit in ſeine Wohnung und zeigt ihm mehrere Flinten, die Beſſerung beduͤrfen.— „Und nun vernehmt meinen Plan,“ ſetzte er hinzu.„Der Kerl iſt ein Teufel. Auf un⸗ ſere Loslaſſung iſt nicht zu rechnen; wir muͤſſen uns unſere Freiheit ſelbſt verſchaffen. Es muß und wird gelingen. Ich verſchaffe uns Allen Gewehr. Pulver und Blei iſt auch dort. Die andern Flinten will ich ſchon ſo einrichten, daß ſie nicht mehr taugen. Ihr ſollt mir bei der Buͤchſenmacher⸗Arbeit dem Scheine nach helfen; ich habe ſchon zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß ich Huͤlfe dabei ha⸗ ben muß. Murza bleibt nur wenige Tage hier.“—. Frreilich ſtaunten wir bei dieſem kuͤhnen Entſchluß; aber, ich darf es wohl nicht erſt beweiſen wollen, daß wir ihn annahmen, daß wir uns auf Tod und Leben verbanden, daß wir dem erfahrnen Unterofficier in die Hand verſprachen, ihm waͤhrend der Flucht in al⸗ lem, was er fuͤr's beſte hielt, zu folgen. Fruͤh am folgenden Morgen ging er mit wahrer Soldaten⸗Entſchloſſenheit zu un⸗ ſerm Aufſeher; ich hatte ihm geſagt, daß die⸗ ſer Italieniſch ſpraͤche. Er verlangte, ohne viel Umſtaͤnde zu machen, uns fuͤr die Ge⸗ wehrkammer des Gebieters; ein Anſuchen, das der Bube fuͤr Befehl annahm. Wir blieben von der gewoͤhnlichen Sklavenarbeit frei und wer uns auf Murza's Gewehrkammer geſe⸗ hen haͤtte, haͤtte glauben muͤſſen, wir haͤtten — 53— nie andere Arbeiten gethan, ſo emſig waren 8 wir, wenn der Aufſeher gegenwaͤrtig war. Entfernte ſich dieſer, dann machte der Unter⸗ officier eine Art von Patronen, an denen er Kugeln befeſtigte, ſo daß wir vier jeder an ſechzig Schuß thun konnten. 2 So hatten wir zu unſerm Entfliehen alles in Stand geſetzt. Unſere mitgebrachten Kleidungsſtuͤcke beſaßen wir noch und in Murza's Wohnung, die dem Unterofficier Tag und Nacht offen ſtand, verbargen wir ein Beil und mehrere andere Dinge, die uns auf einem ſo gewagten Wege unentbehrlich wa⸗ ren. Niemand konnte unſer Vorhaben mer⸗ ken. Zwei oder drei Tage blieb Murza noch hier und nun ging er mit einem ſtaͤrkern Gefolge nach Tripolis zuruͤck. Wir vier blie⸗ ben bei unſern Arbeiten. 7 Es war die Zeit des Vollmondes; die ſchoͤnſte und unſerm Vorhaben guͤnſtigſte. Dis Nacht brach an. Unſer Anfuͤhrer war — 545— muthig; ich, wie die andern etwas angſtli⸗ cher. Kaum war alles zur Ruhe, als der Unterofficier uns nach der Gewehrkammer fuͤhrte. Leiſe nahmen wir unſer Reiſegepaͤck; noch leiſer oͤffneten wir den Eingang, mit bangklopfenden Herzen verließen wir die Rei⸗ he der Haͤuſer. Unſer Anfuͤhrer hatte einen Kompaß mitgenommen, durch deſſen Zurecht⸗ weiſung er uns gerade auf die entgegenge⸗ ſetzte Seite unſers Vaterlandes, jener unge⸗ heueren Sandwuͤſte Sarah zufuͤhrte. Ich erinnerte ihn daran. Er laͤchelte.—„Ich thue dies mit Fleiß,“ ſagte er.„Unſere Flucht iſt morgen fruͤh, vielleicht durch einen Zufall noch fruͤher bekannt. Man wird uns auf dem Wege nach dem Meere vermuthen; dort ſucht man uns; hier auf dieſem Wege, den wir waͤhlen, verfolgt uns Niemand, weil uns Niemand hier ſucht. In zwei oder drei Tagen kehren wir um und gehen ungehindert nach dem Meere zu. So machten es unſere Deſerteure, die ſich immer erſt tiefer im Lande verbargen, ehe ſie uͤber die Grenze gingen.“ 2 Sandboden ſtreckten wir uns nieder und bald — 55— Auf der Mittagsſeite von Schaillah 8 zieht ſich ein Gebirge fort, an deſſen Fuß jener modrigte See liegt, den wir bei unſrer Herreiſe zur linken Hand liegen ließen. Jetzt gingen wir an deſſen andern Seite hinauf und legten in der friſchern Kuͤhle der Nacht eine ziemliche Strecke zuruͤck. Das Ufer des Sees war mit Rohr bewachſen; der Boden war feucht, einige kleine Pfuͤtzen gaben uns Waſſer, mochte es noch ſo modrigt ſeyn; uns war es ein Labſaſ. Jetzt gluͤheten die Fels⸗ ſpitzen in der Morgenroͤthe.—„Nun ſuchen wir ein Lager,“ ſagte unſer Fuͤhrer.„Und zwar in jenen Felſen, wo ſich gewiß ſchattige Schluͤfte finden.“ Noch ehe die Sonne auf⸗ ging, hatten wir den Grund jener Felswaͤnde erreicht. Sie waren aͤußerſt wild. Vielleicht hatte ſie noch kein menſchlicher Fuß betreten. Zu unſerer groͤßeſten Freude fanden ſich viele tief hineingehenden Spalten und Hoͤhlen; eine der am verborgenſten liegenden waͤhlten wir zu unſerm Quartiere. Auf dem weichen — 56— ſchwand uns allen im ſuͤßen Schlummer die Wirklichkeit. Erſt gegen den nahen Abend erwachten wir, uns kaum in unſere auffallende Veraͤnderung finden koͤnnend. Mit Unter⸗ gang der Sonne verließen wir unſer ſo wohl⸗ thaͤtiges Lager, nachdem wir von der Spitze des Felſenkammes die Gegend unterſucht hat⸗ ten. Nichts fand ſich, das uns Verdacht er⸗ weckt haͤtte. Der ungeheuere See ſpiegelte ſich in ſriner Umgebung von Rohr und Schilf. Tauſende von Waſſervoͤgeln ſchwirr⸗ ten uͤber ſeinem Spiegel herum, und erregten in uns den Wunſch, einiger derſelben habhaft zu werden. Waͤhrend der ſchoͤnen mondhellen Nacht ſetzten wir unſern Weg fort. Wir blieben am Geſtade jenes Sees; mit dem Morgen erreichten wir ſein Ende und jenes Gebirge zog ſich nun oſtwaͤrts um den See herum. —„Weiter gehen wir nun nicht,“ ſagte der entſchloſſen, bleibende Fuͤhrer.„Jetzt ſind wir außer dem Bereich einer etwanigen Nach⸗ 8 — 57— jagd. Lebensmittel werden ſich finden und ſolltens auch nur Froͤſche ſeyn. Waſſer gibt der See.“— Es war noch weit bis zum Tage, als wir das, Ende des ſumpfigten Ufers; als wir das eine Bucht bildende Gebirge dicht vor uns ſahen. Munterer, als wir ſelbſt glaubten, wagten wir es, jenes Gebirges hoͤch⸗ ſten Gipfel zu erklettern. Welcher Anblick! Von allen Seiten nichts, als ein blendendes, das Geſicht angreifendes Sandmeer, das gar keine Grenze hatte. Kein Baum, kein Strauch war zu ſe⸗ hen; nichts als jene todte, einfoͤrmige Ebene, von der jedes Leben verſcheucht war. Keine Spur, daß irgend ein lebendes Geſchoͤpf ſich je hier aufgehalten habe, war zu ſehen; nichts als eine leere, in der zunehmenden Sonnen⸗ hitze ſich ſcheinbar bewegende Sandmaſſe, Es war dieſe Gegend der Eingang zu jener, einem Welttheile an Ausdehnung gleichen Wuͤſte Sahara, die das bewohntare Nord⸗ afrika von dem mittlern Afrika trennt. Hier — 8— wohnt niemand; hier findet ſich kein frucht⸗ tragender Baum; hier rieſelt kein Bach, der Gegend und Menſchen erquicken koͤnnte; hier durchgluͤhet die faſt ſenkrecht ſtehende Sonne den ebenen, aus kleinen Kieſeln und leichtem Sande beſtehenden Boden, fuͤr jedes lebendige Weſen unwirthbar. Nur der Strauß durch⸗ irrt dieſe oͤde Ebene; nur der Loͤwe und der Tyger findet ſich in den wenigen, mit Ge⸗ ſträuch und Baͤumen bewachſenen Plaͤtzen, und kuͤmmerlich findet hier das Kameel die duͤrftige Nahrung. Oft verſchuͤttet der Staub und der aufgeregte Sand ganze Karayanen Reiſender; noch oͤfter werden die Ungluͤckli⸗ cchen ein Raub des qualenvolleſten Todes; ſie verſchmachten vor Durſt.— Mit Schauder blickten wir in dieſe Wuͤſte, von der man in unſrem Welttheile nichts aͤhnliches ſindet. 1 Ein Gluͤck fuͤr uns war es, daß jenes Gebirge uns einen ſchuͤtzenden Aufenthalt in einer Hoͤhle gewaͤhrte; ein noch groͤßeres, daß 1 ——— — A᷑ — 59— wir in dem Rohre am Ufer des Sees meh⸗ rere Neſter von Waſſervoͤgeln fanden, deren Eier uns eine nahrhafte, eine erquickende Speiſe gaben. Dieſen und den folgenden Tag blieben wir hier; in unſerer Hoͤhle brannte ein Feuer, um uns gegen den Anfall wilder Thiere ſchuͤtzen zu koͤnnen. Keins derſelben erſchien. Am dritten Morgen, alſo den ſech⸗ ſten Tag nach unſerer Flucht, gingen wir zu⸗ ruͤck. Unſere Behutſamkeit, mehr aber noch, der goͤttliche Beiſtand, fuͤhrte uns unbemerkt neben dem Aufenthalte hin, der uns ſo ſchreck⸗ lich geweſen war. Kaum tauſend Schritte gingen wir neben Murza's Eigenthume, ne⸗ ben unſern Tyrannen hin, entſchloſſen, unſer Leben und unſere Freiheit ſo theuer zu ver⸗ kaufen, als moͤglich. Den Tag brachten wir in den unzugaͤnglichſten Schluften des Gebir⸗ ges hin, das ſich von hier bis an das Meer erſtreckt und jenes Vorgebirge bildet, das un⸗ ter den beiden Namen Cap Bon und Tuſſi⸗ lan den Schiffern ſo gefaͤhrlich iſt.. -— 60— Je naͤher wir der Kuͤſte kamen, deſto bewohnter war das Land, deſto mehr Ein⸗ wohner wurden wir gewahr; aber, deſto mehr haͤuften ſich unſere Gefahren; deſto mehr mußten wir fuͤrchten. Niemand durfte unſer gewahr werden; wollten wir nicht vom neuen verrathen vom neuen und zwar ſchrecklicher jenes furchtbare Joch tragen, das wir mit Gefahr unſers Lebens abgeworfen hatten. Wir verzweifelten faſt, das Ufer zu erreichen, das uns doch ſonnahe ſeyn mußte. Mit im⸗ mer wachſender Behutſamkeit mußten wir uns verbergen und wir Ungluͤcklichen fanden keinen Ort, den nicht Reiſende durchzogen; auf dem nicht Hirten mit ihren Herden weideten. Oft, wenn wir ermudet von dem Wege, ermattet von Angſt und Unruhe uns in einem Waͤldchen oder in einer Bergſchluft niedergeworfen hatten, hoͤrten wir das Bloͤ⸗ ken einer Heerde, das Rufen des Hirten oder den Hufſchlaf vorbeireitender Tuͤrken und an⸗ derer Reiſenden. Wir wagten es endlich kaum noch auf Gelingen zu hoffen, wir ver 1 ——— entdeckt zu werden verbunden,“ ſagte — 641— d zweifelten mit jeder Stunde mehr an unſerer Rettung; ja ſelbſt wagten wir es kaum, einen Berg oder einen Baum zu beſteigen, um uns umzuſehen; ſelbſt unſer muthige Anfuͤhrer verzagte jetzt. Vier Naͤchte waren wir ſo in quaͤlender Angſt fortgegangen, als wir einſt eines Morgens, nach einer aͤußerſt muͤhvollen Nacht, an einem Berge waren und nun in der immer mehr in Tag ſich wandelnden Daͤmmerung das Meer unter unſern Fuͤßen erblickten. Vor Freuden ſchrien wir laut auf — wir glaubten uns ſchon gerettet, und wuß⸗ ten oder dachten nicht daran, daß jetzt unſere Gefahren ſich erſt mehren wuͤrden. Nahe an dem Orte, wo wir waren, er⸗ goß ſich ein kleiner Kuͤſtenfluß in das Meer; an ſeinem gegenuͤber liegenden Ufer lagen 3dei Huͤtten; auf dem Fluſſe ſelbſte ſahen wir einige leichte Fiſcherkaͤhne, die wahrſcheinlich den Bewohnern deſſelben gehoͤrten.„Un⸗ 4 X ſer Aufenthalt iſt hier freilich mit Gefat - 62— Steuermann;„allein er iſt doch der beſte. Landet ja das Boot irgend eines Schiffes an dieſer Kuͤſte, ſo geſchieht es hier, um friſches Waſſer einzunehmen.“— Wir ſahen dies ſelbſt ein.„Verlaſſen wir auch dieſe Ge⸗ gend,“ ſetzte er hinzu,„ſo duͤrfen wir nicht weit von hier gehen. Wir muͤſſen dieſe Muͤndung ſchlechterdings im Geſicht be⸗ halten.“ Die Gegend, in der wir uns befanden, war, wie wir nachher erfuhren, die ſuͤdliche Spitze jenes Vorgebirges, die unter dem Na⸗ men Tuſſilan bekannt iſt. Schroff erhebt ſich der zackigte Felſen uͤber das Meerz ſchaͤu⸗ mend brechen ſich die Wellen an ſeinem JFuß und ſprützend treibt die Brandung bis an die Haͤlfte der Felſenwand. Nur, da wo jenes Fluͤßchen ſich in das Meer ergießt, iſt es ſtille; das Fluͤßchen macht gleichjam die Grenze zwiſchen Welle und Spiegel. Unge⸗ heuere Spalten bildet der zerriſſene Berg; nur mit Huͤlfe eines Kahns kann man ſie — ——— — 63— erreichen; wir waren ſo gluͤcklich, von dem. Gipfel herab in dieſen Schluften einen Weg zu entdecken, der uns, von jedem ungeſehen, an das Meer brachte, wo wir Muſcheln und Fiſche, unſer einziges Nahrungsmittel, fanden. Des Nachts ſchlichen wir zu jenem Fluſſe, um unſere Kuͤrbißflaſchen zu fuͤllen; am Tage hiel⸗ ten wir uns im Geſtein verborgen, und blick⸗ ten unermuͤdet nach dem Meere, ob nicht ein rettendes Schiff ſich zeige. Oft ſahen wir jener Huͤtten Bewohner, wenn ſie unter uns fiſchten; aber wir wagten es nicht, uns ihnen zu entdecken. Ihre, freilich armſelige Kleidung bewies, zu welchem Volke ſie gehoͤr⸗ ten; mehr noch that dies ihre Geſichtsfarbe. Faſt eine Woche hatten wir hier zugebracht; als wir auf den Einfall kamen, heimlich die ſchwachen Kaͤhne der Fiſcher zu entwenden und mit ihnen die fernere Flucht zu verſuchen. Es war ein tollkuͤhner und nur von der Ver⸗ zweiflung erzeugter Gedanke. Wohin haͤtten wir uns mit den elenden Fahrzeugen retten ſollen? Fuhren wir auf's offene Meer, ſo — 64— war nichts gewiſſer, als daß die erſte Welle uns in den Abgrund begrub. Blieben wir am Ufer, ſo wuͤrde uns der Sprache Unkun⸗ dige bald ein tuͤrkiſches Schiff aufgefangen haben. Allein, ſo viele Vernunftſchluͤſſe ließ unſere Verzweiflung nicht aufkommen. Wir waren entſchloſſen, das letzte zu wagen, zu verſuchen, ob wir uns nicht eines groͤßern Fahrzeuges bemaͤchtigen koͤnnten, und dann mit dieſem auf gut Gluͤck jenes Unternehmen zu ver⸗ ſuchen. Die folgende Nacht war dazu beſtimmt; der Steuermann wollte an das andere Ufer ſchwimmen, um die Kähne zu holen, mit de⸗ nen wir, ehe der Tag grauete, ſchon das noͤrdliche Vorgehirge umſchwommen zu haben hoffen konnten; wir in unſerm Felſenwinkel ein. Da weckte uns ein furchtbares Brauſen und Hentent der Sturmwind ſchien den Felſen umſtürzaen zu wollen; in dicken, erſtickenden Wolken wir⸗ belte der Staub und das abgeriſſene Laub empor; die Sonne war verſchwunden; ein ſchwarzer Wolkendamm mit goldnen Raͤndern in dieſer Hoffnung ſcnem 1 — — — 65— deckte ſie; ein fuͤrchterlich gellender Donneie G ſchlag betaͤubte uns; ein Blitz, als ſtaͤnde der Felſen in Flammen, blendete unſere Augen, die Erde bebte unter uns; der Sturmwind wurde mit jedem Augenblick ſtaͤrker und wuͤ⸗ thend ſchlug die ſchaͤumende Brandung faſt bis zur Spitze des Felſens. Wie vernichtet ſaßen wir da und mußten uns nur gluͤcklich fuͤhlen, in unſerer Hoͤhle Schutz gegen den in Stroͤmen herabfallenden Regen zu haben. Mitternacht umgab uns, nur die furchtbaren Blitze erhellten blaͤulicht und ſchwefelartig die Hoͤhle, von der wir befuͤrchten mußten, daß ſie jeden Augenblick zuſammenſtuͤrzen und uns unter ihren Truͤmmern begraben werde. Kei⸗ ner von uns ſprach ein Wort; jeder fuͤhlte nur die ſchreckliche Vorſtellung, daß der Blitz vielleicht unſere kleine Hoͤhle beruͤhren, unſer Pulver anzuͤnden moͤchte.— Wie lange die⸗ ſer furchtbare Anftritt in der Schoͤpfung waͤhrte, konnten wir nicht beſtimmen; die Sonne war laͤngſt untergegangen und immer dauerte der Sturm noch fort, immer leuchteten II. 5 — 66— die Blitze noch an dem ſchwarzen Himmel, immer noch heulte das Meer unter uns.— „Waͤren wir jetzt auf dem Meere; wie wuͤrde es uns gehen!“ Weiter dachte keiner etwas; dieſe Vorſtellung uͤberwog alle andern.— Mit einem Male hoͤrten wir einen Ka⸗ nenſchuß, dem noch zwei folgten.„Signale Signale Strandender!“ ſagte der Steuer⸗ mann, und trat an den Eingang unſerer Schluft.—„Ja, ja!“ ſetzte er hinzu, da das Feuer noch einmal eben ſo geſchah. „Ein Schiff iſt in Gefahr! Es iſt keine hun⸗ dert Ankertau vom Ufer.“ Er ſchoß ſeine Flinte ab; wir mußten ihm folgen, das Kano⸗ nenfeuer vom Schiffe ließ ſich von neuem ho⸗ ren; den Blitz des Geſchützes ſahen wir faſt unter uns. Zum Gluͤck hatte der Regen aufgehoͤrt, unſere Hoͤhle lag gegen den Zug des Sturmwindes gedeckt; auf Rath des Steuermannes brachten wir unſer Lager von Rohr und Binſen vor die Hoͤhle und zünde⸗ ten es an.—„Weiter koͤnnen wir nun 1 3 — 67— nichts thun,“ ſagte der Steuermann.„Wir muͤſſen's abwarten. Gott gebe nur, daß es kein tuͤrkiſches Schiff iſt!“— Laͤnger hat mir nie eine Nacht gedauert, als dieſe. Die Ungewißheit, in der ich ſchwebte, war mir quaͤlender, als meine Lage ſelbſt, und ſo ging es allen.— Endlich ging die Sonne auf, kein Schiff war auf dem ſchaͤumenden Meere zu ſehen. Wie betaͤubt ſtanden wir da, als der Unterofficier uns von der erktaetterten Hoͤhe zurief:„Ein Schiff, ein Schiff hinter dem Berge. Das Boot liegt am Ufer!“— „Nur behutſam!“ warnte uns der Steuer⸗ mann.„Wenn's nur nicht Tuͤrken ſind!“ — Er ſchlich mit aller moͤglichen Gewandt⸗ heit näher— Gott, welche Freude! ein franzoͤſiſches Schiff lag in der Bar; das Boot lag am Ufer; unſer Schießen, unſer angezuͤn⸗ detes Feuer hatte die, in der groͤßeſten Gefahr ſich Befindenden unterrichtet, wohin ſie ſich zu wenden hatten, um dem Stranden zu entgehen. — 68— Wer von uns der dankbarſte ſey, war ſchwer zu beſtimmen. Jeder Theil hatte dem andern viel, ja alles zu verdanken. Das Schiff hatte faſt gar nichts gelitten, da es im Eingange jener Bay tiefes Waſſer und hinter dem hohen Ufer Schutz wider den Sturm gefunden hatte. Um deſto eher konn⸗ ten wir einer zweiten Gefahr, der Gefahr, von den Bewohnern des Strandes gepluͤndert und alles Cartels mit Frankreich ungeachtet noch einmal in Sklaverei zu gerathen. Wirk⸗ lich ſammelten ſich dieſe ſchon am Ufer, um ein Vorhaben auszufuͤhren, dem wir nur durch ſchleunige Abfahrt entgehen konnten. — Ich uͤbergehe, daß der Kapitain uns alle gern mitnahm; daß er uns mit Kleidern ver⸗ 8 mußten. Ich uͤbergehe die behagliche Freude, da wir uns zum erſten Male in nahrhaften Speiſen ſatt eſſen konnten, da wir die erſte Waͤſche anlegten, da wir zum erſten Male uns unter Menſchen ſahen, die unſerm Schick. ſorgte, daß wir an ſeinem Tiſche ſpeifſen — 69— ſal mit einer Thraͤne, unſerer Noth mit wirklicher Unterſtuͤtzung zu Huͤlfe kamen. Unſer Hauptmann wohnte in Marſeille. Hier kamen wir an, der Steuermann und der Unterofficier gingen auf einer genueſiſchen Felucke nach ihrem Vaterlande zuruͤck. Mein Landsmann fand in Marſeille ein Handels⸗ haus, dem ſein Vater wohl bekannt war, er blieb hier, und ich?— Ich war unſchluͤſſig, wohin ich gehen ſollte. An keinem Orte in der Welt hatte ich weniger oder mehr, als an den andern. Aufrichtig geſtehe ich es, in meinem Herzen regte ſich der Kitzel, jenen Schiffscapitain Marko aufzuſuchen und an ihm blutige Rache, ſeiner Treuloſigkeit wegen zu nehmen. Ich entdeckte dem franzoͤſiſchen Kapitain meinen Plan. Er wurde ernſt und unwillig bei meinen Worten.„Schaͤmt Euch vor Euerem eigenen Herzen!“ ſagte er. „Kaum ſeyd Ihr gerettet und denkt ſchon auf Rache. Ueberlaßt jenen Schuft der Hand eines Andern; ſeinem Richter entgeht — 70— er nicht!“— Mir war an der Meinung die⸗ ſes braven Mannes zu viel gelegen, als daß ich ihm nicht mit Hand und Mund haͤtte verſprechen ſollen, mich nie an Marko zu raͤchen.— Reichlich beſchenkt von ihm und ſeiner aͤußerſt wohlhabenden Familie, verließ ich Marſeille, um mit einem engliſchen Schiffe nach England zu gehen, wo— wie der Leſer ſich etinnert— ich einen edlen Goͤnner hatte. Auf unſerer Fahrt kamen wir nach Gibral⸗ Der Himmel weiß, wie es zuging, mich 3 nußte jedesmal ein kleiner zufaͤlliger Umſtand zur Aenderung meines einmal gefaßten Ent⸗ ſchluſſes beſtimmen. So ging es auch hier. Der Hafen von Gibraltar war mit Schiffen um dieſe Zeit wegen des Krieges ſehr ange⸗ fuͤllt beſonders mit Schiffen neutraler Han⸗ delsnationen die in den Lieferungen der Kriegsbeduͤrfniſſe eine zu ergiebige Erndte hatten. Ich rechne dahin, die Daͤnen, die Hollaͤnder und einige der Staaten JItaliens. Der Englaͤnder mit dem ich fuhr, war ein Vhunn von ausgebreiteten Handelskenntniſeen ——— — —* 2— 71— und alſo bei dieſen angefuͤhrten Nationen ein Mann von Einfluß. Alle ſuchten ſeinen Umgang; und da er uͤberdies ein aͤußerſt red⸗ licher Mann war, ſo war die natuͤrliche Folge, daß unſer Schiff von Beſuchenden ſelten leer wurde. Ich bekam dadurch Gelegenheit, man⸗ che angenehme, mir werthe Bekanntſchaft an⸗ zuknuͤpfen. Eines Tages war unſer Kapi⸗ tain bei dem Gouverneur, als ein hollaͤndi⸗ ſches Boot an unſer Schiff fuhr. Ein vor⸗ nehmer Hollaͤnder ſtieg aus und kam in des Hauptmanns Kajuͤte, in welcher ich, eine Karte von Oſtindien ſtudirend, am Tiſche ſaß. Der Hollaͤnder fing ſein Geſpraͤch mit mir an. Wir Beide gefielen uns gleich in dem erſten Augenblicke; bald wußte er meine ganze Lebensgeſchichte.—„und, was iſt jetzt Ihr Plan?“ fragte er theilnehmend.—„Vor der Hand gehe ich nach England,“ antwor⸗ tete ich.„Der Himmel wird ja weiter ſor⸗ gen.“ Der Hollaͤnder ſchuͤttelte den Kopf⸗ —„Ihr Plan will mir nicht ganz einleuch⸗ ten,“ fing er an.„Wenigſtens muͤſſen Sie * wollen nach England. 15 3 ) ein wahres Gllckskind ſeyn, wenn er nur einigermaßen nach Wunſche einſchlaͤgt. Sie Gut. Aber als was? Wollen Sie im Handel ihr Gluͤck machen, ſo gehoͤrt ſchon zum Anfange deſſelben ein um ſo groͤßeres Vermoͤgen dazu, da ſie ein Aus⸗ laͤnder ſind, den die Englaͤnder auf Koſten ih⸗ rer Landsleute nicht aufkommen laſſen. Ver⸗ argen kann ich dieſem ſonſt braven Volke den Grundſatz nicht; der Eingeborne iſt auf die Unterſtützung und Freundſchaft ſeiner Landsleute angewieſen. Wollen Sie als Kuͤnſtler, als Gelehrter dort eine ehrenvolle Aufnahme erwarten, ſo hat dies auch ſeine großen Schwierigkeiten, da es in England an Leuten dieſer Art nicht fehlt. Wollen Sie als Soldat dienen, ſo iſt jetzt freilich Gelegenheit dazu, England hat ein Heer in Deutſchland; aber alle nur irgend anſehnlichen Stellen ſind in den Haͤnden reicher Britten, und auf einem niedern Poſten ſo lange zu ſtehen, bis man zum Kruͤppel geſchoſſen iſt, kann doch auch wohl kein Ziel ſeyn, nach welchem Sie laufen.“ Der Hollaͤnder ſchwieg. Er ſah, wie ſeine Rede auf mich wirkte; ich war in der That unruhig.—„Fragen Sie,“ fuhr er fort,„den Kapitain Ihres Schiffes, beziehen Sie ſich auf meine Anſicht. Ich wette, er ſagt Ihnen eben dies; denn er iſt ein durch⸗ aus redlicher Mann.“—„Ich habe nur keine 3 andere Ausſicht,“ unterbrach ich ihn.—. „Freilich iſt das nicht gut. Indeß— es faͤnde ſich vielleicht eine ungleich vortheil⸗ haftere.“ daß Ohne ſich das geringſte merken zu laſſaen pruͤfte er in einer laͤngern Unterredung meine Kenntniſſe, und mich dieſer zu ſchaͤmen, hatte ich wahrlich nicht Urſach. Der Unterricht der— Jeſuiten, eigene Faͤhigkeiten und emſiger 4 Fleiß hatten das ihre gewirkt. Wir waren in unſerm Geſpraͤch auf hoͤhere Zweige der Mathematik gekommen, und ich fand jeden — àA— — Augenblick Urſach, den kenntnißreichen Mann zu bewundern, als mein Schiffskapitain vom Gouverneur zuruͤckkam. Mit der groͤßeſten Freude empfing er den Hollaͤnder, ſeinen Freund, den er in einem Jahre nicht geſehen hatte. Das Geſpraͤch kam bald auf mich, auf meine Lage. Ich merkte bald, daß der Hollaͤnder Recht hatte; denn der Englaͤnder mochte die Vorzuͤge ſeines Volkes noch ſo ſehr erheben; in dem, was mich anging und was mir das wichtigſte ſeyn mußte, konnte er dem Hollaͤnder nichts entgegenſtellen, als die ungewiſſe Ausſicht, daß das Schickſal mit mir vielleicht eine Ausnahme machen koͤnne. groß dieſes Ungewiſſe durfte ich die Karte anes Gluͤckes nicht ſetzen. 3 „ Daß ich nach der Abfahrt des Hollaͤn⸗ ders nachdenkender wurde, darf keinem auf⸗ fallen. Wußte ich doch nicht wohin? Im preußiſchen Heere durfte ich mich, als Duel⸗ lant nicht blicken laſſen; mein einziger Zu⸗ fluchtsort waͤre freilich jenes Jeſuiterkloſter — — 65= geblieben; aber es war eine wichtige Frage, ob ich da auch Sicherheit gefunden haͤtte? Wer einmal ungluͤcklich iſt, der ſieht gewoͤhn⸗ lich alles von der ſchwarzen Seite; und Hoff⸗ nung bleibt ihm ſelbſt da fremd, wo er im⸗ mer noch Urſach hat, darauf zu rechnen.— Am folgenden Morgen wurde mein Ka⸗ pitain zu ſeinem Freunde, dem Hollaͤnder, ge⸗ beten, und ich mußte ihn auf ausdruͤckliches Verlangen begleiten. In des Hollaͤnders Kajuͤte waren noch einige, dem Anſcheine nach ſehr reiche Holläͤnder. Alle empfingen mich mit jener theilnehmenden und aufmerk⸗ ſamen Guͤte, die es am beſten bewies, daß ich der Gegenſtand ihrer Unterhaltung gewe⸗ ſen ſeyn mußte. Das Geſpraͤch kam gleich auf meinen Plan. Einer der Hollaͤnder trug mir einen aͤußerſt vortheilhaften Poſten in Batavia an; einen Poſten, der zu viel An⸗ genehmes hatte, als daß nur eine Weigerung von meiner Seite haͤtte denkbar ſeyn ſollen. Selbſt der Englaͤnder rieth dazu, und ſchon — 76— am andern Tage war ich auf des Hollaͤnders Schiffe vereidigt.— Mit Wehmuth trennte ich mich von dem edeln Britten; nur noch einige Tage blieben die hollaͤndiſchen Sohſſf im Haken. Ich will kein weiteres Gemaͤlde meiner faſt halbjaͤhrigen Reiſe entwerfen, als daß ich im Allgemeinen ſagen will, ſie war ſehr gut. Der eine der Hollaͤnder, den ich auf dem Schiffe fand, war der Admiral, der das aus ſechs Schiffen beſtehende Geſchwader fuͤhrte. Unſer Umgang war herzlich, war treu und gut gemeint, unſere Unterhaltungen beſtanden im Dienſt, in Leſen und Schreiben, im Spiel. Eine beiſpielloſe, faſt ans Kleinliche grenzende Ordnungsliebe war das beſte Mir⸗ tel, ſchlechten Auftritten vorzubeugen und die Leute geſund und arbeitſam zu erhalten. Der Admiral verband Strenge mit Liebe— die Kapitains thaten eben dies. Es war um ſo noͤthiger, da der groͤßeſte Theil des Schiffs⸗ — 77— volks dieſe weite Reiſe zum erſten Male machte. Es war im Junius des Jahres 1760, als wir im Angeſicht des ſchoͤnen Batavia die Anker warfen. War ich gleich jetzt uͤber viertehalb tauſend Meilen von allem entfernt, was Vaterland hieß, ſo kann ich doch nicht ſagen, daß dieſe Vorſtellung mich ſehr beun⸗ ruhigt haͤtte. Ich verlor ja in meinem ei⸗ gentlichen Vaterlande zu wenig; das, was ich dort allenfalls meiner Abſtammung we⸗ gen vor mir ſah, war zu ungewiß. Von meinen Verwandten vaͤterlicher Seite wußte ich nichts, als— den Namen. Wem wuͤrde nicht der Anblick einer ſchoͤnen Stadt, wem nicht die ſo freundſchaftliche Aufnahme, die ich uͤberall fand, alles aus der Erinnerung verwiſcht haben, was ihm die fruͤhern Zeiten ſo unruhig, ſelbſt ſo furchthar gemacht hatten. —ÿꝛ;ÿj ööönnnnn — 78— Die Stadt, die ich jetzt vor mir ſahe, hatte ein ſo freundliches, helles Anſehen; die Ka⸗ naͤle und Straßen ſind mit den niedlichſten Haͤuſern beſetzt; alles iſt nach der Schnur angelegt und neben den Kanaͤlen ziehen ſith ſchoͤne Alleen von Baͤumen hin. Der ſchoͤne Anblick wirkte um ſo mehr auf mich, da ich ſeit der Abreiſe vom Kap kein Land betreten hatte und uͤberdies in der Gegend der Inſet Paul den ſchrecklichſten Sturm erlebte, deſſen ſich der Admiral erinnern konnte. Natuͤrlich, daß mir hier Alles neu, Alles wunderbar er⸗ ſchien. Baͤume, Pflanzen, Menſchen und Thiere, alles war mir neu. Die Menſchen ſind hier eine ſonderbare Miſchung aller Na⸗ tionen der Erde von mannichfaltiger Tracht und Farbe. Der Handel und eine gute Po⸗ lizei macht, daß ſie alle einträͤchtig und fried⸗ lich mit einander leben, ſo verſchieden auch ihre Sprachen, Sitten und Religionen ſind, . Mieine Goͤnner, der Admiral und der Schiffskapitain ſtanden bei dem General⸗ 4 —„— Gouverneur in zu großem Anſehen, als daß ihr Wunſch, mich vortheilhaft angeſtellt zu ſehen, lange ein bloßer Wunſch haͤtte bleiben koͤn⸗ nen. Wie der Gouverneur dachte, dachten auch die uͤbrigen Herren der Admiralitaͤt und der andern Landescollegien; ſo daß ich dreiſt be⸗ haupten kann, daß vielleicht nie ein Fremder einer beſſern Aufnahme gewuͤrdigt wurde. Der Krieg in Deutſchland, der fuͤr dieſe Ge⸗ genden ſo manchen Handlungsquell von Me⸗ dicinal⸗ und andern Waaren eroͤffnet hatte, war ein wichtiger Gegenſtand; man ſprach gern davon und man fand, daß mit mir am meiſten daruͤber zu ſprechen war. Sehr gern haͤtte ich in dem hieſigen Militair einen Po⸗ ſten angenommen, waͤre nur dieſer Stand nicht gaͤnzlich aller der Achtung beraubt ge⸗ weſen, der er ſich in allen andern Laͤndern zu erfreuen hat. Dies erſtreckt ſich ſelbſt auf die Officiere, denen es freilich an allem fehlt, wodurch ſie in andern Staaten als ſo wich⸗ tige Maͤnner auftreten koͤnnen. Ueberdies iſt ihr Sold, nach Verhaͤltniß der Theuerung hie⸗ ſiger Beduͤrfniſſe viel zu gering. Ich erin⸗ nere mich daher nur ſelten in den gläͤnzen⸗ dern Zirkeln einen der erſtern Officiere geſe⸗ hen zu haben. Eine Bemerkung, die ich ge⸗ gen den Admiral aͤußerte.—„Dies iſt ſehr gut,“ gab er mir zur Antwort.,„Der Stand paßt mit ſeinen Anſpruͤchen nicht in unſere vertraulichern Zirkel. Bald wuͤrden wir ihr 1 Uebergewicht druͤckend fuͤhlen.“— Ich konnte mich anfaͤnglich davon nicht uͤberzeugen; in der Folge ſah ich, daß der Mann Recht hatte, wenn er mir ſeibſt rieth, mich ja nicht zu einem Militairpoſten zu draͤngen. Dies war ich auch ſo nicht Willens; denn meine bishe⸗ rige Soldatenlaufbahn hatte mir wirklich zu wenig Gluͤck gezeigt. An Muthe fehlte es mir nicht; ich fuͤrchtete nie eine Gefahr; aber deſto mehr die Chikane, die in dieſem Ver⸗ haͤltniß ſich ſo oft finden. Mir war es ein furchtbarer Gedanke, unter einem Unwiſſenden ſtehen zu muͤſſen, und das war nirgends mehr zu befuͤrchten, als bei dem Militair, das in Batavia ſtand.— Faſt ohne daß ich — 81— wußte, wie es zuging, fand ich uͤberall Freunde. Ich ging ganz gerade durch; ich beſuchte kei⸗ nen einzigen der Herrn, denen ich empfohlen war und gerade dieſer Umſtand verſchaffte mir ein gewiſſes Anſehen bei ihnen; ich ließ es oft merken, daß ich vielleicht in ganz Ba⸗ tavia der einzige ſey, der von ſich ruͤhmen könne, dem großen Koͤnig gedient zu haben, den man in dieſer Stadt mit der Hochach⸗ tung verehrte, die man ihm in ſeinen Staa⸗ ten erzeigte. Man beneidete mich um den Vorzug, dieſen Monarchen geſehen zu haben; es ſchien, als thaͤte man dieſem Koͤnige einen Gefallen, wenn man fuͤr mich ſorgte. Po⸗ ſten, ſelbſt eintraͤgliche Poſten, nach denen An⸗ dere Jahre lang trachteten, um deretwillen ſie ihre letzte Baarſchaft oft an die Bedien⸗ ten der Edlen und vermoͤgenden Herrn gaben, bloß um eine Audienz zu erhalten, wurden mir angetragen und ich hatte, was der Fremde ſelten genießt, das Ausſuchen. Mein Poſten, den ich endlich annahm, war einer der angenehmſten; er beſtand in hoͤchſtens II, 6 vierſtuͤndiger Arbeit des Tages und zwar mehr in einer Art von Aufſicht uͤber Unter⸗ gebene. Mein Vorgaͤnger auf dieſem Poſten war infam kaſſirt; er war ein Abſchaum al⸗ ler Ausſchweifungen und ſeine Untergebenen waren, wo moͤglich, noch verworfener. Wer in irgend einem Verhaͤltniß ſich einen Namen machen will, der nehme nur dreiſt den Po ſten an, den ein ſchlechter Menſch gehabt hat. Ich thats hier und fand dieſen Erfah⸗ rungsſatz beſtaͤtigt. Ich hatte voͤllige Gewalt, und wendete ſie zum Aufraͤumen, zum Ent⸗ fernen der unnuͤtzen Menſchen redlich ſan. Es waren kline acht Wochen vergangen und mein Collegium beſtand aus den muſterhaf⸗ teſten Leuten, die mir mit der ſtrengſten Sub⸗ ordination gehorchten; fuͤr die ich aber auch wieder unermuͤdet ſorgte, und ihre Rechte mit allem Muthe und Nachbruck vertheidigte. Meine Vorgeſetzten konnten dies nicht begrei⸗ fen; ſie bewunderten mein Verfahren und machten mir bei jeder Gelegenheit die ſchmei⸗ chelhafteſten Lobſpruͤche. Mein Gluͤck ſchien ———— 1 8 auf ewig gegruͤndet; ich fing an, mein Vater⸗ land zu vergeſſen; wenigſtens in ſo fern, zu vergeſſen, daß der Wunſch, dahin zuruͤckzugehen, mir auch nicht im Traume einfiel. Ich hatte was ich wuͤnſchte und die vielen Deutſchen, die ich hier fand, gaben mir zu einem freund⸗ ſchaftlichen Umgange die beſte Gelegenheit. Ich benutzte ſie kluͤglich. Daß ich, als ein vier und zwanzigjaͤhriger Juͤngling mit je⸗ dem Tage neue, groͤßere und weit ausſehende Plaͤne machte; daß ſchoͤne Traͤume der Zu⸗ kunft reizende Entwuͤrfe auf meine kommen⸗ den Tage mich beſchaͤftigten— das darf ich wohl nicht erſt erwaͤhnen; wer haͤtte ſie niche gemacht? Wer wuͤrde ſie bei meinen Ausſich⸗ ten nicht gemacht haben?— Mein Poſten war eintraͤglich genuge eine Frau ſtandesmaͤßig zu erhalten; auch kann ich es, ohne Großthun zu verrathen, aufrich⸗ tig geſtehen, daß man von mehreren Seiten es mir nahe genug legte. Manche Vaͤter erwachſener Toͤchter ſprachen von ihrem gro⸗ ßen und wichtigen Einfluß; manche von ih⸗ ren unermeßlichen Reichthuͤmern; ſie baten miich oͤfter zu ſich und Muͤtter und Toͤchter freueten ſich des ehemaligen preußiſchen Offi⸗ eciers, deſſen Anzug, Haltung und Benehmen nach ihrer Verſicherung gerade ſo ſey, wie man es an einem jungen Manne gern ſaͤhe. Indeſſen— ich war taub gegen dieſe Schmei⸗ cheleien.— Seraphine, die mir in Venedig ſo grauſam entriſſen wurde, ſtand immer noch vor meiner Seele; die dankbare Liebe, die ich fuͤr dieſe empfand, hatte ſich zu tief meinem Herzen eingedruͤckt. Ueberdies ſchienen mir alle die Bataverinnen das Gegentheil eines Ideals zu ſeyn, das ich mir einmal von der kuͤnftigen Hausfrau, von der Mutter meiner Kinder entworfen hatte. Ich fuͤhlte, daß ich mit keiner von ihnen gluͤcklich leben, bei keiner, was ich ſuchte, finden wuͤrde. Alſo blieb ich ganz ruhig und mein Herz war bei der einen ſo ohne Wuͤnſche, wie es bei der andern war.— Ovb ich durch dieſes feſte, ruhige, kalte Betragen verlor, war mir einer⸗ — 85— lei. Ich that hinſichtlich meines Poſtens meine Schuldigkeit im Groͤßeſten wie im Kleinſten muſterhaft; ich kroch vor Nieman⸗ den; ſagte jedem, was ich ihm nach meiner Ueberzeugung amtshalber ſagen mußte;, und an meiner Furchtſamkeit, an meinem Man⸗ gel an Muth lag es gewiß nicht, wenn mich Niemand auf Piſtolen oder Degen fo⸗ derte.— Um dieſe Zeit war es, als wir den neuen General⸗Gouverneur Reynier de Klerk aus Europa bekamen. Der Ruf eines edlen, treff⸗ lichen Herzens, der vielen ausgebreiteten Kenntniſſe und des aͤußerſt humanen Betra⸗ gens dieſes Mannes, war ſchon vor ihm her⸗ gegangen. Jeder eilte, dieſem wichtigen Manne bekannt zu werden. Natuͤrlich, daß bei den Meiſten eigennuͤtzige Abſichten im Hintergrunde lagen. Einer wollte hoͤher be⸗ foͤrdert ſeyn, der andere wuͤnſchte einen ein⸗ traͤglichern Poſten. Ich wuͤnſchte keines von Beiden; ich würde— haͤtte ich es ja ge⸗ — 86— wäuͤnſcht, nicht gleich den Gouverneur bei ſeiner erſten Ankunft mit einem Geſuch dieſer Art beſtuͤrmt haben.— Ich that daher nichts, als daß ich an dem erſten Tage, an welchem alle Beamten vorgeſtellt wurden, in der Rei⸗ he derer ſtand, die irgend eine Frage, eine Anrede von dem Gouverneur erwarten muß⸗ ten. Ob er mich bemerkt hat, kann ich⸗ nicht beſtimmen; ich vermuthe es nicht.— Unſer Ceremonial, wenigſtens das der Klaſſe, wozu ich gehoͤrte, war voruͤber. Ich ging in des Gouverneurs Garten, der ſich an dem Fluſſe hinzieht Vor mir gingen zwei Da⸗ men, die ich noch nicht geſehen hatte, ſie waren mit dem Gouverneur gekommen. Ich wollte einen Nebenweg einſchlagen, als Beide angſtlich zu rufen anfingen, ich ſah mich um; ein ſchwarzer Sklav mit dem Schaume der Wuth vor dem Munde, mit dem wildeſten Blick, den man ſich nicht graͤßlich genug den⸗ ken kann, bewaffnet mit einem bluttriefenden Dolch, ſtuͤrzt unter furchtbarem Geſchrei auf die Verlaſſenen zu. Ich ſah die Gefahr. E — — 37— war ein Gluͤck, daß ich dem Raſenden naͤher warz ich ſprang vor— der Raſende lief blindlings auf meinen Degen, und waͤlzte ſich, den Kies des Ganges mit ſeinem Blute faͤrbend, in wilden Zuckungen. Zitternd ſtan⸗ den die beiden Geretteten da, und blickten bald den Sterbenden, bald mich, ihren Ret⸗ ter, an.—„Gehen Sie in den Pallaſt zu⸗ ruͤck,“ ſagte ich.„Sie haben Erholung noͤ⸗ thig. Gehen Sie nie wieder allein. Auf⸗ tritte dieſer Art gehoͤren nicht zu den ganz ſeltenen.“ Ich fuͤhrte ſie an die Treppe, und ging zuruͤck, um meinen Degen zu holen, der immer noch in des Sklaven Leiche ſteckte. Aufrichtig geſagt, ich rechnete dies ganze Aben⸗ theuer ſo ſonderlich hoch nicht an; ich hielt jene Geretteten fuͤr zwei Dienerinnen aus des Gouverneurs Hauſe, und glaubte daher auch ſchon genug gethan zu haben, wenn ich ihnen den Rath gab, ſich ſolchen Gefahren nicht wieder auszuſetzen. Am folgenden Mor⸗ gen ſaß ich neben einem meiner Leute, der beſchaͤftigt war, meinen Degen von dem — 88— Blute des Erſtochenen zu ſaͤubern, als ein Wagen vor meine Wohnung fuhr. Mein Bedienter ſprang auf. Erſchrocken rief er aus:„Herr Gott, ein Wagen!“— Ich ſah mich um.„Nun was iſt denn dabei ſo auf⸗ fallend?“—„Zwei Dragoner! Sechs Pferde!“ Mir fiel dies ſelbſt auf; denn ſo zu fahren war bloß ein Vorrecht des General⸗Gouver⸗ neurs. Ehe ich mich von meinem Schrecken erholen konnte, trat dieſer Herr ſelbſt in mein Zimmer. Verlegenheit, wenn ich je mit einem Großen ſprach, war ſonſt mein Fehler nicht. Hatte ich doch mit Friedrich und mit Prinz Heinrich geſprochen, und wenn je eine Verlegenheit ſich meiner bemeiſtern wollte, immer daran gedacht, daß der maͤch⸗ tigſte, der gefuͤrchtetſte Menſch ſey, wie ich's war. Dieſe Vorſtellung richtete mich jedes⸗ mal auf, wenn der Gedanke an das Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen uns Beiden mich zu ſehr beu⸗ gen wollte.—„Ich komme, Ihnen zu dan⸗ ken,“ ſagte der menſchenfreundliche Gouver⸗ neur.—„Mir?“ fragte ich, und warf ein .—. . N — 89— Taſchentuch auf den noch blutigen Degen; indem ich kaum noch des Abentheuers von geſtern mich erinnerte.— 3 Der Gouverneur warf das Tuch auf. die Seite.„Verbergen Sie das Werkzeug nicht, mit dem Sie meine Frau und meine Schweſter retteten. Es iſt der binzige Zeuge Ihres Muthes.“— Jetzt verſtand ich ihn wirklich erſt. Alſo Frau und Schweſter? da⸗ bei fiel mir freilich etwas auf's Herz, daß ich nach der That ſelbſt Beiden Rath in einem Tone gegeben hatte, den man hoͤchſtens ge⸗ gen uns Gleichguͤltige gebraucht. Jetzt war ich in der That verlegen; ich wußte nicht, wie ich meinen Mangel an Aufmerkſamkeit entſchuldigen ſollte.—„Und nun begleiten Sie mich,“ fuhr der Gouverneur fort. „Meiner Frau und Schweſter darf ich das Vergnuͤgen nicht rauben, Ihnen ſelbſt zu dan⸗ ken.“— Weigern half mir nicht. Zum Gluͤcke hatte ich aus meinem fruͤhern Solda⸗ tenſtande auch die Gewohnheit beibehalten, - 90— gleich des Morgens auf den ganzen Tag ge⸗ kleidet zu ſeyn; ich ſetzte mich zu dem Gou⸗ verneur; in wenig Minuten hielten wir im Hofe des Pallaſtes. Eine Schaar Diener fuͤhrte uns nach dem Zimmer, wo des Gou⸗ verneurs Gemahlin, wo Adelaide, ſeine Schweſter, waren.;„ * Ob das Zimmer roth oder gruͤn war— ob die Reichthuͤmer von Koͤnigreichen ver⸗ ſchwenderiſch darin angebracht waren, oder ob Mangel und Duͤrftigkeit dort hauſe— davon ſah ich nichts, als ich ein Wort mit Adelaiden geſprochen hatte. Es war, als riefe mir eine innere Stimme zu:„Die, die und keine Andere iſt's, die die Vorſehung fuͤr Dich beſtimmt.“ Worin dies eigentlich lag?— Wer moͤgte ſo Fremdling in der Liebe ſeyn, daß er bei ſeiner erſten Liebe dies haͤtte be⸗ ſtimmen koͤnnen? Ich hatte gewiß hundert Maͤdchen in Batavia geſehen, deren Auge feuerig, deren Wange bluͤhender, deren Hand und Fuß zierlicher waren; gewiß hundert 4 . 8 941— Maͤdchen von ſchoͤnerm Wuchs, von edlerm Anſtande, von gediegenern Kenntniſſen— aber keins, das mein Herz ſo angeſpro⸗ chen haͤtte, als Adelaide. Ihr, nicht eigent⸗ lich ſchoͤnes, aber regelmaͤßiges Geſicht, ihr reines, helles, gutes Auge, ihr beſcheidenes, anſpruchsloſes Aeußere— alles dies, gehoben durch einen rechtlichen, paſſenden, nichts we⸗ niger, als geſuchten Anzug— alles dies, zu⸗ ſammengenommen und einzeln wirkte auf mein Herz, wirkte immer tiefer, je mehr ich Adelaiden anſah. Ich wußte nicht, was ich 3 auf den offenen, ſo aus dem Herzen quillen⸗ den Dank antworten ſollte, als es mir ein⸗ fiel, daß ich geſtern, da ich ſie nach dem Pal⸗ laſte zuruͤckgebracht habe, gar zu unaufmerk⸗ ſam gegen ſie geweſen ſey. Ich bat um Ent⸗ ſchuldigung. Adelaide laͤchelte.„Waren Sie das wirklich geweſen?“ ſagte ſie,„ſo muͤßten wir es Ihnen in Hinſicht der Aufmerkſamkeit verzeihen, die Sie bei der Rettung unſers Lebens zeigten. Auch wir haͤtten bei Ihnen viel abzubitten; denn, aufrichtig geſagt, jener 92— ſchwarze Mordgierige ſtand mehr vor unſern Augen, als Sie, unſer Retter.“— Ich blieb faſt den ganzen Tag in des Gouverneurs Pallaſte; ich bemerkte mit innigem Vergnuͤ⸗ gen, wie ich in ſeiner und ſeiner Familie Achtung immer wuchs; ich hatte mir nicht vorzuwerfen, daß ich durch Kriechen und Schmeicheln dies erreichte; nein, ich ging den geraden Weg der Pflicht und des An⸗ ſtandes und auf dieſem ſichern Wege konnte es mir nicht fehlen, des Gouverneurs Freund⸗ ſchaft und Adelaidens Liebe zu gewinnen. Ich Kbergehe hier die Geſchtchte einiger Monate. Jeder, der geliebt hat, weiß wie dieſe iſt. Aufmerkſamkeit, wechſelſeitige Achtung, offenes, durch den Wunſch der Annaͤherung bewirktes Geſtaͤndniß der Liebe, Plaͤne und Ausſichten auf die Zukunft, war bei mir und Adelaiden die Geſchichte der Tage unſerer Liebe, wie ſie es bei jedem iſt. Wir Beiden fuͤhlten, daß wir fuͤr einander geſchaffen waren; wir waren gluͤcklich in der Gegenwark; wir waren es in der Zukunft; die herrlichſte Ausſicht — X - 93 oͤffnete ſich uns. Ich wurde beneibet von den Beſſern, um Adelaidens Herz, von den weni⸗ ger Guten um meine ſchoͤne Ausſichten, viel⸗ leicht gar einmal General⸗Gouverneur des Landes zu werden. Ich denke jetzt noch mit inniger Zufriedenheit daran, daß ich bei mei⸗ nen ſchoͤnen Ausſichten mir immer gleich blieb. Kein Stolz ſchwellte mein Herz auf; je groͤ⸗ ßer meine Ausſichten waren, deſto mehr machte ich mir jene Beſcheidenheit zu eigen, die dem Gluͤcklichen erſt Werth und Ehre. 4 gibt.— Ich uͤbergehe, daß jeder jetzt meine Freundſchaft um ſo emſiger ſuchte, je mehr „Vortheile er ſich davon traͤumte. So etwas iſt ja eine alltaͤgliche Erfahrung. Nur noch ein Monat und ich war ganz durch Adelai⸗ dens Hand gluͤcklich, als es den beiden, auf der Inſel wohnenden und von den Hollaͤn⸗ dern abhaͤngigen, maͤchtigen Sultanen Sur⸗ 3 carta und Mataro einſiel, mich in meinem Gluͤck zu hindern; oder vielmehr, als mein — 1 1 — 94— auniges Schickſal ſich dieſer beiden Fuͤrſten bediente, ſeine Tuͤcke an mir auszuuben. Dieſe Fuͤrſten ſind maͤchtig genug, faſt jedes⸗ mal bei dem Wechſel des General⸗Gouver⸗ neurs es zu verſuchen, ob es ihnen nicht ge⸗ lingen koͤnne, das Joch der Abhaͤngigkeit von der hollaͤndiſchen Compagnie ganz abzuſchuͤt⸗ teln. Mitten in der Inſel wohnend, die meh⸗ rere tauſend Quadratmeilen enthaͤlt, decken ungeheuere Gebirge, undurchdringliche Waͤlder und eine Menge halb wilder, blutgieriger Un⸗ terthanen dieſe Fuͤrſten. Ein Angriff ihrer Staaten iſt gar nicht moͤglich und wuͤrde ſelbſt den tapferſten Heeren Europa's wegen der unuͤberſteiglichen Schwierigkeiten nicht ge⸗ lingen. Alle dieſe, ſo gut geſicherten, frucht⸗ baren Laͤnder werden daher mehr durch Liſt, durch Buͤndniſſe, durch Freundſchaftsbezeugun⸗ gen in Abhaͤngigkeit erhalten, als durch Ge⸗ walt.— Oeftere Verſuche, ſich frei zu ma⸗ chen, finden ſich daher in der Geſchichte.— Ich war eines Tages bei dem Gouver⸗ — kann. Die ſogenannte deutſche Reichsarmee, — — 95— neur, als dieſer die Nachricht von dem Auf⸗ ſtande bekam, der, wenn er recht geleitet und mit dem gehoͤrigen Nachdruck gefuͤhrt wurde, den Hollaͤndern leicht die ganze Inſel aus den Haͤnden reißen konnte. Nur aͤußerſt ungern ſahen ſich dieſe Voͤlker unterjocht; ſie konnten auf den Beiſtand der Chineſen wie anderer aſiatiſchen Voͤlker rechnen, und wer war den Hollaͤndern Buͤrge, daß andere europaͤiſche Handelsnationen, die laͤngſt ſchon mit Neid auf dieſe herrlichen ſundaiſchen Inſeln ſahen, hier nicht im Truͤben fiſchen und dieſe Beſiz⸗ zungen fuͤr ſich nehmen wuͤrden? Beiſpiele von der Art, wo die Moral der Politik unterge⸗ ordnet war, gehoͤrten eben nicht zu den uner⸗ hoͤrten Seltenheiten. Die Gefahr war groß; der Anſtalten, ihr durch ein kraͤftiges Mili⸗ tair entgegen zu arbeiten, waren wenige und faſt gar nicht zu rechnen. Das Militair der Holaͤnder in Batavia beſtand aus zwei Re⸗ gimentern, die zu den allerſchlechteſten gehoͤr⸗ ten, die die Einbildungskraft ſich nur denken — 96— —. gegen die ich ſelbſt gefochten hatte und das Militair von Genua, das ich kannte, erſchie⸗ nen gegen dieſe Hollaͤnder, als Helden erſter Groͤße. Jene hollaͤndiſchen Regimenter waren nicht nur nicht vollzaͤhlig, ſondern die, die wirklich Dienſte thun ſollten, beſtanden die eine Haͤlfte aus Kranken, die andere aus Geſindel, das man aus dem europaͤiſchen Hol⸗ land jedes Jahr ſchickte, und das man nicht beſſer beſtrafen zu koͤnnen glaubte, als wenn man es nach Batavia, dem Grabe der Euro⸗ paͤer, ſchickte. Eben ſo waren die Officiere: es war ein Haufen unwiſſender Menſchen ohne Ehrgefuͤhl, ohne Muth, ohne Anſehen; 4 der geringſte Handlungsdiener, der auf dem niedrigſten Poſten ſtehende Schreiber bei dem Admiralitaͤtscollegio maßte ſich ein Anſehen uͤber dies Corps an und wußte es jedesmal zu behaupten. Der Officier konnte uͤberdies wie der Gemeine mit ſeinem fuͤr dieſe theuere —— Garniſon knapp zugetheilten Solde nicht 3 — 97— auskommen; dies ſetzte in Verlegenheit und mehrere der Gemeinen gingen durch, um in dem Innern des Landes bei jenen Fuͤr⸗ ſten eine beſſere Aufnahme zu finden.— Der Gouverneur, der mehr Kaufmann als Soldat war, und der, ſo wenig er auch von dem Militair verſtand, bald einſah, wie wenig er von den beiden Regimentern zu er⸗ warten hatte, fragte mich um meine Anſicht, die nun freilich dazu nicht gemacht war, ihm Hoffnung auf das Gelingen zu erwecken. Freilich war ihm noch ein kleines Commando gut berittener Dragoner uͤbrig; aber mochten dieſe noch ſo gut ſeyn, ſo waren ihrer doch zu wenig, und ihre Dienſte waren nichts weniger, als eigentlich militairiſch. Freilich ſtanden ihm im Falle der Noth ſechzehntau⸗ ſend bewaffnete Bewohner Batavia's, Kauf⸗ leute, Beamte und Kuͤnſtler zu Befehl; aber theils waren dieſe nur zur Vertheidigung der Stadt beſtimmt; theils weiß jeder Anfuͤhrer II.. 7 — 98— was mit einem ſolchen zuſammengebrachten Corps auszurichten iſt. Meine Aeußerung brachte den Gouver⸗ neur in Verlegenheit; that dies um ſo mehr, je mehr es mit Schwierigkeiten verbe nden war, von den benachbarten Inſeln Huͤlfstrup⸗ pen herbeizuſchaffen.—„Ich muß Ihnen 4 das Ganze uͤberlaſſen,“ ſagte er.„Thun Sie, was Sie thun koͤnnen, unſerm Vater⸗ lande dieſe Inſeln zu erhalten. Sie ſind Niemanden verantwortlich, als Ihrem Gewiſ⸗ ſen.“—„Gut!“ antwortete ich.„Ich will thun, was ich thun kann. Nur muß ge⸗ ſchwinde gehandelt werden. Empoͤrungen ſind wie ein Schneeball im erſten Entſtehen leicht zu beſtegen. Laͤßt man ihnen Zeit, ſo wer⸗ den ſie mit jedem Augenblick gefaͤhrlicher und 4 endlich unbeſiegbar. Wir muͤſſen die Feinde ſelbſt angreifen, aber ja ihren Angriff nicht abwarten.“— Der Gouverneur war damit uftieden, und ließ bekannt machen, daß mir, als einem gedienten preußiſchen Officier, de 99— Leitung des Militairgegenſtandes uͤbertragen ſey. Waͤhrend dieſer Zeit kamen in jeder Minute neue Nachrichten, die wahrlich nicht dazu geeignet waren, Freude zu verbreiten. Aber was mich am meiſten aͤrgerte, waren die vielen Geſuche, ſelbſt hoͤherer Officiere um eh⸗ renvolle Entlaſſung. Es war faſt in aͤrzt⸗ licher Hinſicht kein Uebel, damit nicht einer oder der andere heimgeſucht war. Podagra, Gicht, Taubheit, bloͤdes Geſicht, Anſatz zur Schwindſucht fuͤhrte jeder an; aber keiner war ſo ehrlich, Verzagtheit und Murhloſig⸗ keit zu geſtehen, und gerade dies war die Krankheit, die epidemiſch unter ihnen wuͤthete. Mir war dergleichen noch nicht vorgekommen. Außer mir vor Zorn warf ich ihnen die Bitt⸗ ſchriften mit der Aeußerung, ſie ſollen ſich zum Teufel ſcheeren! vor die Fuͤße. Ich ließ das Militair verſammlen. Bekleidet wie ein hoͤherer Befehlshaber, ritt ich vor die Fronte und erklaͤrte, daß ich neun ihrer Offi⸗ ciere zum Teufel gejagt haͤtte. Zugleich ſagte ich ihnen, daß es jedem frei ſtehe, jetzt abzu⸗ — 100— — 5 gehen und daß ich lauter kuͤhne, treue Frei⸗ willige haben wollte, mit denen ich dem Feinde entgegen gehen und ihn mit Gottes Huͤlfe bald zwingen wuͤrde.„Fuͤr die Beloh⸗ nungen Eueres Muthes ſtehe ich,“ ſetzte ich hinzu.„Alle Beute gehoͤrt dem, der ſie auf dem Schlachtfelde macht. Es darf und ſoll Euch an nichts fehlen!“ Ich kannte den Soldaten. Aus Erfah⸗ rung wußte ich, daß nichts ſeinen Muth ſo anſpornt, als die Ausſicht auf einen gefuͤllten Magen, auf einen gefuͤr a Geldbeutel. Si⸗ chert man ihm dies, ſo kann man unmoͤglich ſcheinende Dinge mit ihm ausrichten. Beide Regimenter verſprachen mir in den Tod zu folgen; keiner der juͤngern Officiere verlang⸗ ten ſeinen Abſchied. Gleich auf der Stelle ließ ich mir die Regimentsliſte reichen und beſetzte auf der Stelle die durch den Abgang jener neun Muthloſen vacant gewordenen Plaͤtze mit juͤngern Ofſicieren, an deren Stelle ich tauglich ſcheinende Unterofficiere 3 1 waͤhlte. Das Ganze war das Werk einer Stunde.„Uebermorgen fruͤh wird marſchirt!“ Mit dieſem Befehl entließ ich die Gemeinen. Die Officiere mußten noch bleiben; ich hatte ihnen noch manches zu ſagen, wovon frei⸗ lich in ihrem Dienſtreglement wenig enthal⸗ ten war.— Daß dieſe ganze Art, zu Werke zu gehen, Aufſehen machen mußte, war na⸗ kürlich. Sie wurde gelobt und— getadelt⸗ je nachdem der Lobende oder Tadelnde, Ver⸗ ſtand und Herz beſaß. Am beſorgteſten war der Gouverneur.—„Um Gotteswillen, Freund, was haben Sie gewagt?“ ſagte er nicht frei von Aengſtlichkeit.„Jenen aͤltern Officieren war es ja kein Ernſt mit der Entlaſſung. Sie wollten bloß ſo lange zu Hauſe bleiben, bis die Sache abgemacht war, und dann tre⸗ ten ſie wieder in Reihe und Glied.“—„Soꝛ fuhr ich laut lachend auf.„So? Bilig haͤtte ich ſie muͤſſen haͤngen laſſen!“—„ Sagen Sie das ja nicht laut. Alle dieſe Laute ſind aus den angeſehnſten Familien.“—„Und wenn ſie Soͤhne des großen Moguls ſind, ſo ſind ſie mir unnuͤtz.“—„Haͤtten Sie nur wenig⸗ ſtens die hochmoͤgenden, edlen Herren der Regierung erſt um ihre Meinung gefragt! haͤtten Sie nur nicht ſo raſch gehandelt! Sie haben den Soldaten alle Beute verſprochen. Wie manche ſchoͤne Zimmt⸗, Pfeffer⸗ Nelken⸗ Kaffee⸗, Zucker⸗, Thee⸗, Gewuͤrz⸗ und Bgumwol⸗ len Plantage wird da ruinirt werden! Geben Sie Acht, Sie werden ſich manchen Verdruß zuziehen!“— Ich war im hoͤchſten Grade aufgebracht. Nur mit Muͤhe gelang es mir, die Erinnerung an das Verhaͤltniß, in wel⸗ chem ich zu dem Gouverneur ſtand, vor mei⸗ ne Seele zuruͤckzurufen. Des Gouverneurs Gemahlin und Adelaide waren gegenwaͤrtig; der Anblick der Letztern machte mich ruhiger, als ich ſonſt wohl geblieben ſeyn moͤchte, Ich erinnerte mich jener Klugheitsregel, die jch nicht allein von den Jeſuiten gelernt hatte, der Regel, ſich bei ſeinen Vorgeſetzten ſo zu ſetzen, daß ſie eine gewiſſe Achtung fuͤr den Untergebenen behalten. Ganz ruhig ſagtee — ich daher dem Gouverneur:„Sie ſind ein vortrefflicher Mann, ein Gouverneur, zu deſſen Beſitz das Land ſich Gluͤck zu wuͤnſchen hat. Aber Soldat ſind ſie nicht. Und gerade un⸗ ter ſolchen Umſtaͤnden, wie ſie jetzt ſich zeigen, kann nur der Soldat handeln. Ich will da⸗ her alles beantworten, was Sie mir geſagt haben. Sie fodern, ich haͤtte erſt die hoch⸗ moͤgenden, edeln Herren um Rath fragen ſollen. Den Rath brauchte ich nicht; ich wußte beſſer, was hier geſchehen mußte. Ue⸗ berdem wuͤrde die Entſcheidung ſo lange aus⸗ geblieben ſeyn, bis die Feinde ſich hier vor Batavia gezeigt haͤtten, und dann kam der Rath zu ſpaͤt. Unerwartete Gefahren erfor⸗ dern raſche Huͤlfe, und geſchwinde Gegenan⸗ ſtalten ſind nirgends ſo an ihrem rechten Platze, als in der Lage, die jetzt Ihrem Lande drohet. Geſchwindigkeit iſt die Seele. So handelte mein Koͤnig Friedrich. Durch die Knochen und Arme ſeiner Soldaten gewann er weniger; denn die hatten ſeine Feinde auch. Aber ſein raſches Ausfuͤhren aller ge⸗ faßten Entſchluͤſſe; ſein Grundſatz, immer da ſchon zu ſeyn, wo ſeine Feinde erſt hinwoll⸗ ten; ſein Verachten des Kleinen, wenn das Große auf dem Spiele ſtand— das machte ihn und ſein Heer unuͤberwindlich; das war jener preußiſche Geiſt, der den Feinden ſo furchtbar war. Nach dieſem Grundſatze handle ich hier auf meinem kleinen Poſten. Moͤgen die Soldaten mal ein Arrack⸗ oder ein Tabacksmagazin ausraͤumen; das iſt kaum des Erwaͤhnens werth. Sie werden nachher 1 um ſo braver ſich ſchlagen. Ich habe jene unwuͤrdigen Anfuͤhrer zum Teuſel gejagt; mit ihren vornehmen Familien mache ich die Sache aus. Ich habe treffliche Leute an ihre Stelle geſetzt; das buͤrgt mir den gewiſſen Sieg. Sie, Herr Gouverneur, haben mich an die Spitze geſtellt und ich hafte mit mei⸗ niin Kopfe fuͤr alles. Sie werden ſich leicht uͤberzeugen, daß der mir werther iſt, als alle Plantagen auf der ganzen Inſel Java.“— Ich ſchwieg einige Augenblicke, um Antwort zu erwarten. Alles ſchwieg. Ich fuhr fort: — 105— „Sie ſehen ein, daß die funfzehnhundert Soldaten nicht reichen, das Ganze auszufuͤh⸗ ren, beſonders wenn ein Theil derſelben als Garniſon in Batavia und in den Citadellen zuruͤckbleiben muß. Noch heute errichte ich ein Jaͤgercorps aus den vielen trefflichen Schuͤtzen, die ich heute bemerkt habe. Und von dieſen erwarte ich viel. Es ſind lauter Juͤnglinge, die fuͤr kuͤnftiges Eigenthum, fuͤr ihre Geliebten, fuͤr ihre Eltern ſtreiten, und ſolche Krieger ſind unbeſiegbar.“— Der Gou⸗ verneur ſchwieg; er ſchien uͤberzeugt von dem Nutzen ſolcher Einrichtung und ich ließ gleich von der Mittagstafel aus den Befehl an eine Druckerei ergehen, einen ſolchen Aufruf be⸗ kannt zu machen. Auch hiezu ſchwieg der Gouverneur, und ich hatte das Vergnuͤgen, noch vor Anbruch des Abends ein treffliches Korps, Juͤnglinge der gebildetern Staͤnde, deren Bewaffnung dem Staate nicht im ge⸗ ringſten zur Laſt fiel, gebildet zu ſehen. Es waren nahe an fuͤnfhundert. Zum Ausmar⸗ ſche, waren nur noch zwei Naͤchte und ein Tag. Ich darf es wohl nicht erſt erwaͤhnen, daß dieſe kurze Friſt fuͤr mich die muͤhevollſte Zeit meines Lebens war, Von allen Seiten ſah ich Arbeit, auf keiner Seite Huͤlfe. Nichts was zum Ausmarſch noͤthig war, war im Stande; ſelbſt in Hinſicht der Bewaff⸗ nung und Bekleidung fehlte es faſt an allem. Oft aͤrgerte ich mich; oft aber mußte ich la⸗ chen, wenn ich die Weitlaͤufigkeit, die Um⸗ ſtaͤnde, das viele Schreiben und Berathſchlagen uͤber einen Torniſter⸗Riem oder uͤber eine Saͤ⸗ belſcheide hoͤrte und ſah. Ich haͤtte derglei⸗ chen Umſtaͤnde wohl bei dem preußiſchen Heere ſehen moͤgen, wo man eher ein Heer von hunderttauſend Mann in marſchferti⸗ gen Stand ſetzte, ehe ich hier es mit einem Peloton ſo weit brachte. Alles ging ſeinen gewoͤhnlichen Schlendrian, mochte ich bitten oder befehlen, ſegnen oder fluchen— aus dem gewaͤhnlichen Schritte kam keiner. Endlich, es war mitten in der letzten „Nacht— konnte ich von meinen Dienſtge⸗ — 107—. „ ſchaͤften ſagen, daß ſie zu Stande gebracht waren. Ermuͤdeter, als ich war, konnte ſchwerlich je ein Menſch geweſen ſeyn. Ich benutzte die wenigen mir noch uͤbrigen Stun⸗ den, in des Gouverneurs Pallaſt zu gehen. Adelaide war aͤngſtlicher, als ich ſie mir ge⸗ dacht hatte. Vergebens gab ich mir Muͤhe, ſie zu beruhigen; ſie blieh feſt an der trauri⸗ gen Vorſtellung, wir wuͤrden uns nicht wie⸗ derſehen. Sie hatte weiter keinen Grund, als die Aeußerung ihres Bruders, der ganz uͤberzeugt ſey, daß mich ein großes Ungluͤch treffen werde, Ich muͤßte Unwahrheit ſagen, wollte ich von mir ruͤhmen, daß dieſe Aeußerung mich nicht beunruhigt habe; ich erzwang freilich eine heitere Miene, aber mein Herz war nicht ſo ganz ruhig. Es ſchien mir unverzeihliche Schwachheit, wenn ich den Gouverneur haͤtte fragen wollen. Aus dieſem Grunde unter⸗ ließ ich es, ob ich gleich zu bemerken glaubte, 8 daß der Gouverneur die Frage erwarte. Ich nahm herzlich Abſchied von Adelaiben; ſie zerfloß in Thraͤnen— der Morgen grauete nooch, als ich mit meinem Corps die Stadt verließ. Die Gemeinen hingen mit Leib und Seele an mir; von einem Theile der Officiere konnte ich eben dies ſagen;« weniger konnte ich es vom andenn Theile, ob ich gleich keine eigentlich verraͤtheriſchen Abſichten fuͤrchtete. Unſer Marſch war ſo lange leidlich und er⸗ traͤglich, als wir auf dem flachen, ebenen Boden waren; mochte es auch heiß ſeyn, ſo fand ſich doch Schatten unter den belaubten Baͤumen, ſo fanden ſich doch erquickende Fruͤchte, labende Quellen. Aber als wir jene waldigten Gegenden, die Vormauer des Fein⸗ des,— jene, durch Geſtraͤuch aller Art ver⸗ wachſenen und undurchdringlichen Schluͤfte be⸗ traten, die zwiſchen den Bergen hinfuͤhrten; als hier die ſenkrecht ſtehende Sonne auf unſere Scheitel brannte; als wir keinen Quell, den gluͤhenden Durſt zu loͤſchen, fanden; als wir bis an die Knie den brennenden Sand — durchwaten, die ſchroffen Klippen erklettern — 109— mußten; als Schlangen und anderes eben ſo ſchaͤdliches Gewuͤrm uns nicht erlaubten, uns auf den Boden niederzulegen; als ganze Schwaͤrme Moskitos und andere Inſekten uͤber uns herfielen und unſer Geſicht in eine brennende Beule verwandelten; als wir aus jedem Beſuch den ſchwirrenden, mit Gift ge⸗ traͤnkten, toͤdtlichen Pfeil der Feinde befuͤrch⸗ ten mußten— als Krankheir durch den Ge⸗ nuß unbekannter Fruͤchte, durch den Mangel an Pflege und Ruhe verurſacht, einen Theil meiner Leute hinraffte und die andern kaum noch ihr Gewehr zu tragen, Kraft hatten:— da ſah ich bald, welcher große Unterſchied es iſt, auf der Inſel Java— oder in Deutſch⸗ land Krieg zu fuͤhren. Ich war ſelbſt krank und zum Hinſinken matt; aber ich nahm alles, was mir von Kraͤften noch uͤbrig war, zuſammen, um meine Leute bei Muth, we⸗ nigſtens bei Ordnung und Gehorſam zu er⸗ 7 halten. Nur noch ein Marſch durch die un⸗ wegſamen Waͤlder ſtand uns bevor; von dem Kamm des Gebirges konnten wir in jene — 110— reizende, fruchtbare, ſchoͤne Ebene, die der Feind beſaß, blicken. Mehrere der Freiwilli⸗ gen kannten jene Gegend; ihre Erzaͤhlungen feuerten den faſt erloſchenen Muth wieder an. Es war ein ſchoͤner Abend, in einem leichten Zelte, das ich mit mir fuͤhrte, lag ich und hoͤrte bis ſpaͤt in die Nacht das Geſpraͤch der Wache an. Endlich ſchlief ich ein. Mitten in der Nacht wurde ich geweckt. Um mich herum ſtanden mehrere Verkleidete; der Schein einer Blendlaterne ließ mich ihre Vermummtheit ſehen. Ich wollte aufſpringen; man hielt mich feſt und einer ſetzte mir den Dolch mit den Worten an die Kehle.„Ei⸗ nen Laut und Ihr ſeyd des Todes!“ Andere banden mich, einer zog mir ein Tuch uͤbers Geſicht, indeß ein dritter mir ein Stuͤck baum⸗ wollenes Zeug in den Mund drehete. So fuͤhrte man mich aus dem Zelte; die kuͤhle, feuchte Thauluft und der feuchte Boden uͤber⸗ zeugten mich, daß es noch Nacht ſey. Wohin man mich fuͤhrte, konnte ich nicht wiſſen; nur — 111— das empfand ich, daß man mich auf dem ge⸗ bahnteſten Wege nicht weiter brachte. Wir blieben im Walde, keiner meiner. Raͤuber ſprach und deutlich hoͤrte ich das Bruͤllen wilder Thiere, das ſcheußlich durch das Dik⸗ kicht erſchallte. Endlich ſtanden meine Fuͤh⸗ rer ſtill; ich wurde in eben dem wehrloſen Stande, in dem ich war, an einen Baum gebunden. Meine Fuͤhrer entfernten ſich; ich hoͤrte ihre Tritte; ich war ganz allein und glaubte nichts gewiſſer, als hier eine Beute der Tyger oder anderer Raubthiere zu wer⸗ den. Meine Angſt war unausſprechlich, Kaum hatte man mir ſo viei Gebrauch meiner Sinne gelaſſen, daß ich mit Anſtren⸗ gung durch die Naſe Athem ſchoͤpfen konnte. Da vernahm ich einige Fußtritte; ich glaubte nichts gewiſſer, als die Tritte eines groͤßern Naubthieres zu hoͤren, als mir menſchliche Stimmen entgegenſchalleten, ais die Frem⸗ den immer naͤher kamen, als ſie dicht vor mit ſtanden und mich losbanden. Die Decke — 112— wurde von meinem Geſichte; jenes Tuch aus meinem Munde gezogen, es war heller Tag; ich ſah mich von wilden Kriegern umgeben, die faſt nackt waren, und deren Waffen in Bogen, Spießen und Dolchen, die ſie im Guͤrtel trugen, beſtanden. Ich redete ſie an. Sie lachten und beantworteten meine Frage in einer Sprache, die ich nie gehoͤrt hatte. Durch Zeichen gaben ſie mir zu verſtehen, ihnen zu foigen. Was ſollte ich armer, von allen Vertheidigungsmitteln Entbloͤßter ma⸗ chen? Sie nahmen mich in ihre Mitte; ich ging kaum einige hundert Schritte, als das immer lichter werdende Gebuͤſch ſich ganz verlor; als ich mich in jener Ebene ſah, die ich geſtern meinen Leuten gezeigt hatte; als ich vor mir an einem Bache mehrere Haͤuſer mit Bambusrohr gedeckt, und hinter dieſen eine Abtheilung des feindlichen Heeres gewahr wurde. Auf meine Ankunft ſchien man vor⸗ bereitet zu ſeyn; mehrere in buntem Mili- tairanzuge daſtehende Officiere— denn da⸗ fur mußte ich ſie der Ehefücht wagen/ unt — 113— der die uͤbrigen ſie behandelten, halten— nahmen mich der Bedeckung ab und in ihrer Mitte mußte ich in ein großes Zelt treten, in welchem der feindliche Monarch, umgeben von einem Haufen Weiber— ſich befand. Au⸗ ßer zwei Maͤnnern, die ich ihrer Bildung nach fuͤr Chineſen oder Japaneſer zu halten, Urſach hatte, war kein Soldat oder eine an⸗ dere Mannsperſon im Zelte. Beide ſtanden bewaffnet mit langen Spießen da, und es gehoͤrte kein ſonderlich geuͤbtes militairiſches Auge dazu, um ſich zu uͤberzeugen, daß man es mit dem Dienſte ſo ſehr genau nicht naͤh⸗ me. Mochte meine Lage noch ſo eigen ſeyn; ich wuͤrde mir ſelbſt zu viel thun, wenn ich mich einer uͤbertriebenen Angſt beſchuldigen wollte. Ich hatte ſo viel kaltes Blut, die ganze Seene von der laͤcherlichen Seite anzu⸗ ſehen und Vergleiche zwiſchen dieſen in Baum⸗ wolle und Seide gehuͤllten Monarchen mit andern, die ich zu ſehen Gelegenheit gehabt hatte, anzuſtellen.— Die Miene des Monar⸗ chen zeigte eine gewiſſe Gleichguͤltigkeit gegen 3 H. 8 — 114— alles, was außer dem Bereich ſeines Harems lag. Fuͤr dieſen ſchien er nur da zu ſeyn. Er fragte mich. Wer ihn nur verſtanden haͤtte! Seine beiden Schildtraͤger nahmen nun das Wort, aber auch dieſe verſtand ich nicht. Der Monarch ſchien unwillig zu wer⸗ den, ich fuͤrchtete wirklich ſchon, es hiet ſchwer zu haben. Er blickte in den Haufen ſeiner Hofdamen; mehrere fragten— aber in einer Sptache, die mir eben ſo fremd war. End⸗ lich draͤngte ſich eine huͤbſche, ſchlanke, aber gelbbraune Dame vor und— wer moͤchte mein Erſtaunen beſchreiben?— und fragte mich Deutſch:„Mein Herr, Sie ſind gewiß ein Deutſcher?“—„Ja, ja!“ rief ich. „Ein Deutſcher!“—„Und gewiß ein Stüͤck vom Militair— ſo etwa von Quintus Jci⸗ lius Freicorps?“— Haͤtte ſich in dieſem Augenblick die geoͤßeſte Naturbegebenheit zuge⸗ tragen; ich haͤtte nicht mehr erſchrecken koͤn⸗ nen, als hier bei den Worten, die ich hoͤrte. —„um Gottes willen!“ rief ich.„Sagt buͤßen zu muͤſſen, die Hofſprache nicht gelernt — 145— mir, wer Ihr ſeyd?“— Ich wollte in den Haufen jener Weiber ſtuͤrzen, ich wollte mei⸗ ne Landsmaͤnnin, die ſogar von unſerm Freicorps wußte, naͤher kennen lernen; aber dies ſchien ein Eingriff in die Rechte des Thrones. Der erzuͤrnte Monarch riß einen Dolch aus ſeinem Anzuge— jene beiden Schildwaͤchter faͤllten ihre Lanzen, und es ging nahe daran her, daß ich nicht ein Op⸗ fer meiner Unbekanntſchaft mit der Hofeti⸗ kette wurde, als meine Retterin mir zurief: „Ferdinand, bleib ruhig ſtehen!“— als ſie ſich dem Throne ſelbſt nahete und durch eine Menge Redensarten, durch eine lebhafte Ge⸗ ſtikulation den Koͤnig ſo in die Enge brachte, daß er ſich in der That zu fuͤrchten ſchien, Am auffallendſten war mir die Erſcheinung, daß der ganze Harem ſehr einig ſeyn mußte; denn alle— und die Anzahl war nicht ge⸗ ringe— nahmen die Parthei ihrer Freun⸗ din. Der Koͤnig hatte jetzt Frieden. Meine Fuͤrſprecherin trat mir naͤher— ſie ſchlug den praͤchtigen Schleier zuruͤch— ich ſtaunte -— 1416— uͤber den Ueberfluß an Steinen und Perlen, die deſto mehr durch Weiße und Glanz ab⸗ ſtachen, je gelber und raͤuchriger die Dame ſelbſt war.—„Kennſt Du mich denn gar nicht mehr, Ferdinand?—„und wenn ich auf der Stelle ſterben, und mich bloß durch dieſe Erinnerung retten koͤnnte, ſo iſt's mir unmoͤglich.“— Die Dame lachte; ſie rief den uͤbrigen etwas zu; und das Gelaͤchter wurde allgemein. Ich lachte mit, wiewohl ich etwas verlegen war.„Ich bitte Sie, reißen Sie mich aus der peinlichſten Unge⸗ wißheit!“—„Nun, alter, blanker Schatz, kennſt Du Deine Tonny nicht mehr?“— Mit dieſen Worten fiel ſie mir um den Hals. „Tonny, Tonny?“ ſagte ich und ſtand wie eine Bildſaͤule da. Wie haͤtte ich auch im Traume hoffen koͤnnen, die, die ich in Bam⸗ verg das letzte mal unter den Haͤnden des Peofos ſahe, an der Hand eines Koͤnigs auf der Inſal Java wiederzufinden?„Ich habe Dich fuͤr meinen Bruder ausgegeben,“ fuhr Tonny fort. Und in der That, ich konnte —- 117— fuͤr ihren Bruder gelten. Der Felbzug, die Reiſen, mein Aufenthalt im Gebiet von Tri⸗ polis und beſonders die Luft und Sonne von Batavia hatten das ihrige redlich dazu bei⸗ getragen.—„Als mein Bruder biſt Du ganz ſicher. Nur bitte ich Dich um Gottes⸗ willen, ſieh keine einzige aus dem Harem an; ſonſt biſt Du verloren. Der Alte iſt ſo ei⸗ ferſuͤchtig wie ein Ourang⸗Outang!“— „Ich ſage gut fuͤr mich,“ war meine Ant⸗ wort,„ich will keine Deiner Schweſtern an⸗ ſehen.“ Ein Verſprechen, das nicht allein die Todesfurcht, das mehr noch der eigene Wider⸗ wille hervorbrachte; denn nie ſah ich eine Verſammlung alles Haͤßlichen wie hier. Alle wilde Nationen ſchienen ihr Contingent zu die⸗ ſer Muſterkarte geliefert zu haben. Sie wa⸗ ren alle um ſo haͤßlicher, je groͤßer und ver⸗ ſchwenderiſcher die Pracht war, in der ſie da⸗ ſtanden. Die Steine und Perlen machten den Werth von Koͤnigreichen aus.—„Wo werde ich denn bleiben?“ fragte ich.—„In einem der Pallaͤſte. Vielleicht ſprichſt Du — 118— mit Hollaͤndern. Denen entdecke ja Dein wahres Verhaͤltniß zu mir nicht. Gib Dich immer fuͤr meinen Bruder aus, denn ſonſt ſind ſie im Stande, fuͤr einen Sack Muskaten⸗ nuͤſſe Dich an den Kaiſer zu verrathen, und dann iſt unſer Tod gewiß. Jetzt ſollſt du nach Deiner Wohnung gebracht werden; hier kannſt Du nicht bleiben, die Regierungsge⸗ ſchaͤfte gehen jetzt an.“— Tonny rief. Zwei Chineſern aͤhnliche Maͤnner erſchienen, mit einer Ehrfurcht, die mir als Officier kaum ein meldender Soldat erzeigt haben wuͤrde, fuͤhrten ſie mich in ein Gebaͤude, das, wie die übrigen, mit Rohr gedeckt, aus leichtem Rohr erbauet war.— Ein Zimmer, ſo reich, aber ſo geſchmacklos, als moͤglich, empfing mich, Zwei andere Bediente, die mir bei dem erſten Anblick zu dem Affengeſchlechte zu gehoͤren ſchienen, beſetzten einen niedrigen, einer breiten Fußbank aͤhnlichen Tiſch mit aallerlei Speiſen, Fruͤchten und Getraͤnke; ſie brachten mir andere Kleider; und auf einen Teppich mich lagernd, aß und trank ich, die — nicht an Adelaiden gedacht und waͤre mir nicht die Art meines ſchaͤndlichen Verrathes den hochmoͤgenden Herren in Batavia eine -— 119—“ Wendung meines Abentheuers herzlich bela⸗ chend, Wie es enden koͤnne— enden wer⸗ de— das machte mir wenig Kummer. Mein Leben war ſicher. Ich wuͤrde das Ganze von nichts, als von ſeiner originell lächerlichen Seite angeſehen haben, haͤtte ich ſo undurchdringlich geweſen. Mit heißer Sehnſucht erwartete ich Tonny— ſie blieb lange; die Regierungsgeſchaͤfte nahmen die Zeit; ich mußte bis an den Abend warten. Statt Tonny kam ein Trompeter, der ſich vor der Thuͤr meines Gemaches erſt hoͤren ließ und mich in meinen Betrachtungen ſtoͤrte. Er trat herein, und mit einer halb militairi⸗ ſchen, halb hofmaͤnniſchen Verbeugung ſagte er hollaͤndiſch:„Ich wuͤnſche Euch von gan⸗ zem Herzen Gluͤck.“—„Mir? Wozu?“— „Daß Euer Plan ſo ziemlich gelungen iſt.“ —„Welcher Plan?—„Je nun, der Plan, Naſe zu drehen und Euer ganzes Corps ent⸗ —-— 120— weder aufzureiben oder zu uns zu fuͤhren.“ — Ich erſchrak.„Mein Freund, das iſt mir nicht im Traume eingefallen. Ich bin auf eine mir unerklaͤrbare Art, mitten unter meinen Wachen, aus meinem Zelte weg ge⸗ holt.“—„Nun ja; das war ja ſo mit Euch verabredet. Das brachte ja Euer Be⸗ vollmaͤchtigter erſt auf's Tapet.“—„Mein Bevollmaͤchtigter? Ich erſtaune. Ich er⸗ ſtaune noch mehr uͤber dieſen Schelmenſtreich, als üͤber das unerwartete Gluͤck, meine Schweſter hier zu finden.“—„Alſo Euere Schweſter? Das iſt ſchoͤn. Nun ſollt Ihr ſehen, wie Ihr in der Gunſt unſers Kaiſers ſteigen werdet.“ Ich achtete nicht auf des Menſchen Worte; mein eigenes Schickſal ging mir im Kopfe herum; es war mir nicht mehr ſo laͤcherlich, als es fruͤher war, ob ich gleich noch gar nicht wußte, was ich davon denken ſollte. Der Trompeter ſah mein Schweigen fuͤr eine Aufforderung wei⸗ ter zu ſprechen an.„Ich bin auch aus Batavia weggegangen und es gereuet mich „ — 121— nicht. Hier bin ich eine Art Miniſter, ich zähle bloß Geld und die Kraͤmer aus Bata⸗ via ſind gegen Niemand ſo dankbar, als gegen mich. Aus meiner Hand erhalten fie alle Waaren und nach dem Spruͤchworte: Wer's Kreuz hat, ſegnet ſich— fahre ich ganz gut bei dem Amte. Wird Euch ein aͤhnliches angetragen, greift ja mit beiden Haͤnden zu. Dies zur Nachricht. Wir ſe⸗ hen uns bald wieder, ſo lange lebt wohl!“ Er ging. Ich ſtand, wie ein verurtheilter, uͤberfuͤhrter Verbrecher da. Es gehoͤrten Stunden dazu, ehe ich nur einigen Zuſam⸗ menhang in mein Abentheuer bringen konnte. Alſo ein Verraͤther ſollte ich ſeyn? Mein Corps ſollte ich aufgeopfert haben? Wie, wenn dieſe Verlaͤumdung nach Batavia kaͤme? Wie, wenn ſie dort gar ihren Urſprung hatte? Was wuͤrde der Gouverneur, was wuͤrde— Adelaide dazu ſagen? Wuͤrde ich die letztere nicht ganz verlieren? Womit konnte der Ge⸗ fangene ſich vertheidigen?— Alle dieſe Vor⸗ ſtellungen draͤngten ſich gewaltſam vor meine Seele; eine erſchien in einem noch ſchreckli⸗ chern Lichte, als die andere. Ganz vernichtet ſtand ich da, als ich draußen ein deutſches Zigeunerlied ſingen hoͤrte, als Tonny eintrat. Sie erſchrak, da ſie mein finſteres Geſicht, da ſie meine Verzweiflung ſah. Sie fragte nach der Veranlaſſung; ich machte ſie damit bekannt, ſie ſchien ihr nicht ſo ganz unerhoͤrt zu ſeyn.—„Angemeldet iſt hier ein Anfuͤh⸗ rer der Hollaͤnder,“ ſagte ſie.„Er hat ſein Corps einen Weg gefuͤhrt, auf dem es in jedem Fall verloren war. Es hat von un⸗ ſern Leuten aufgenommen werden ſollen. Aber das wußte ich nicht, daß Du es warſt. Wer haͤtte Dich auch in Batavia vermuthen koͤnnen?—„Alſo angemeldet? ordentlich angemeldet iſt der Verraͤther?“—„Nun ja. Vor fuͤnf oder ſechs Tagen kam ein Abge⸗ ſandter. Mit ihm wurde beſprochen, daß der Anfuͤhrer zum Scheine aus ſeinem Zelte durch Verkleidete abgeholt und uns uͤbergeben wer⸗ den ſollte. In eben dem Augenblick ſollte dann ſein ganzes Corps angegriffen und auf⸗ „ — 423— genommen werden. Du ſiehſt mich an, Schatz? So ganz klar iſt der Handel mit Dir nicht; indeß daruͤber laß Dir kein graues Haar wachſen; ich verdenke es Dir nicht, wenn Du die Hollaͤnder anfuͤhrteſt. Hier haſt Du es noch einmal ſo gut“—„Aber, Tonny, mir iſt ein Verrath dieſer Art noch nie in Sinn gekommen. Ich genieße in Batavia alle moͤgliche Ehre; ich heirathe die Schweſter des Gouverneurk.“—„Ich dachte gar! denn wuͤrde ja aus uns beiden nichts und ich habe ſeit unſerer Trennung in Bam⸗ berg immer an Dich gedacht.“— Ich wurde faſt wuͤthend, da Tonny dies mit einer Ruhe ſagte, die jeden empoͤren mußte. Ich ſprach ſo laut, als moͤglich, um ſie zu uͤberſchreien. —„Ich bitte Dich, mein Schatz, ſey gelaſ⸗ ſen und laͤrme nicht ſo; hoͤrt es der Unrechte, ſo glaubt man, wir Beiden zanken uns und dann laͤßt ſich der Kaiſer Deinen Kopf holen.“ — Gegen ſolche Gründe zu ſchweigen, ließ ſich freilich nichts einwenden.—„Sieh— e fuhr Tonny fort,„ich bin die Favorit⸗ —-— 124— Sultanin des Kaiſers. Ich habe Reichthü⸗ mer, um Koͤnigreiche zu kaufen. Sie ſollen Dein ſeyn, denn wir gehen nach Europa zu⸗ ruͤck. Ich darf einem der vereidigten Hollaͤn⸗ der, die hier handeln duͤrfen, einen Sack Per⸗ len geben und er faͤhrt uns an's Ende der Welt.— Mirr iſt's ſeit unſerer Trennung bunt gegangen; ich habe mich in der Welt viel umgeſehen. In Europa gefiel es mir nicht mehr, ſeit mein Vater gehangen wurde und meine Mutter in's Zuchthaus kam. Ich bin faſt in allen Welttheilen geweſen, als der Kaiſer mich ſah und mir ſeine Liebe an⸗ bport.— 3 Ich wurde mit jedem Worte, das ich hoͤrte, banger, verzweifelter, aber auch gleich⸗ guͤltiger gegen mein Leben; ich wußte nicht, was ich anfangen ſollte. Fliehen? das war unmoͤglich. Wohin ſollte ich? Nach Batavia? wo man mich des Hochverrathes beſchuldi⸗ gen, mich als Landesverraͤther beſtrafen wuͤr⸗ de? Adelaide war auf jeden Fall fuͤr mich — — 125— verloren;z mit dieſem Verluſte mußte mein ganzes Gluͤck ſchwinden. Hier bleiben? Das hieß jenen Verdacht rechtfertigen, und das litt meine Ehre nicht. Ueberdies, auf welches Gluck haͤtte ich unter dieſen wilden Voͤlkern rechnen koͤnnen, da die geringſte Veranlaſſung mir meinen Kopf koſten konnte. Ich ant⸗ wortete Tonny nicht ein Wort. Sie blieb noch einige Minuten, in denen ſie wieder⸗ holte, daß ich ihr Bruder ſey; dann verließ ſie mich mit der Aeußerung, daß ſie heute dem Kaiſer Geſellſchaft leiſten muͤſſe.— Ich lag die ganze Nacht dem Wahnſinne nahe da; ich wußte nicht, wozu ich mich entſchließen ſollte. Mochte ich meine mir uͤbriggebliebe⸗ nen, wenigen Kraͤfte noch ſo anſtrengen— ich kam mit nichts auf das Reine. In wil⸗ den Fiebertraͤumen brachte ich die Nacht hin; erſt gegen Morgen fand ſich ein etwas ruhigerer Schlaf und mit ihm einige feſte Beſonnen⸗ heit.—„Ich will fliehen!“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Ich will nach Batavia zurüͤck. Meine Ehre muß ich retten; vielleicht rettet die Liebe — 126— mein Gluͤck.“— Feſt ſtand dieſer Entſchluß; feſt, aller Schwierigkeiten ungeachtet, die ſich mir entgegenthuͤrmten. Ich beſchloß alle nur moͤgliche Verſtellung anzuwenden, um Tonny und ſelbſt den Kaiſer zu taͤuſchen; ich wollte mich bewaffnen und ſo es verſuchen, ob mich jene furchtbaren Waͤlder voll reißender Thiere, nach Batavia zuruͤckbringen wuͤrden. Die. Bewaffnung war nicht ſchwierig; ich durfte ja nur bei Tonny eine uͤberwiegende Nei⸗ gung zur Jagd vorgeben. Froh, dieſen Ent⸗— ſchluß erwogen und befeſtigt zu haben, erwar⸗ tete ich Tonny. Sie kam. Ihr erſtes war, daß jenes hollaͤndiſche Corps den Weg nach Batavia zuruͤckgenommen habe und daß der Frieden zwiſchen der Regierung und dem Kaiſer auf's neue geſchloſſen ſey.— Nun, mein Schatz, wirſt Du hier bleiben muͤſſen; wirſt es um ſo eher muͤſſen, da Deine hoch⸗ moͤgenden Herren auf Deine Auslieferung be⸗ ſtehen, und ich mit allen Liebkoſungen den alten Heren kaum ſo weit habe bringen koͤn⸗: nen, Dich zu beſchützen. An Deine Braut — 127— denke nicht mehr. Haͤtte ſie Dich hundert⸗ mal weniger geliebt, als ich Dich liebe, ſo mußte ſie ſich Deiner beſſer annehmen.“— Freilich gingen mir dieſe Worte durch das Herz; aber— ſch mußte, um meines Ent⸗ ſchluſſes willen, meine Stimmung verbergen. Ich reichte Tonny die Hand.„Gut, ich bleibe. Der Himmel wird dort meinen gu⸗ ten Namen retten. Durch Liebe ſoll ich nicht gluͤcklich werden!”“—„Und warum nicht, Ferdinand? Du haſt mich ja doch?“ —„Ach ja; es iſt ja wahr!“ ſagte ich, ohne weiter etwas dabei zu uͤberdenken, als die beſte Art, meine Rolle mit Gluͤck fortzuſpielen. —„Und was wird meine Beſchaͤftigung ſeyn 20 fragte ich mit erzwungener Freundlichkeit. „Tonny ſah mich an.„Ich habe daruͤber nachgedacht,“ ſagte ſie.„Es iſt nur ſchlimm, daß Du der hieſigen Landesſprache nicht ge⸗ wachſen biſt. Ferdinand— waͤre dies der Fall, ich machte einen Kerl aus Dir, bei deſ⸗ ſen Namen ganz Holland zittern muͤßte.“— „Nun, das waͤre fiel. Wie aber, wenn ich — 1228— Euere Sprache lernte? Was wollteſt Du denn aus mir machen?“—„Sieh, Schatz, Du ſollteſt unſer Militair bilden. Ich wollte den Alten ſchon ſo weit bringen, daß Du alle Militairchargen uͤberſpringſt, daß Du we⸗ nigſtens Generalfeldzeugmeiſter wuͤrdeſt, und dann wollte ich das Ganze ſchon drehen, daß der Alte meiner uͤberdruͤſſig werden muͤßte, dann wuͤrde ich Deine Frau Generalfeldzeug⸗ meiſterin. Die in Batavia ſollten vor uns Beiden zittern; Geſchenke uͤber Geſchenke muͤßten ſie bringen, ehe wir ihnen den Han⸗ del geſtatteten. Nur die Sprache! die Spra⸗ che!“— So wenig nahe mir eigentlich das Lachen ſeyn konnte, ich konnte es nicht un⸗ terdruͤcken.—„Nun, die Sprache wird ſich za lernen laſſen,“ ſagte ich,„beſonders wenn Du Dich mit meinem Unterrichte befaſſen wollteſt.“—„Ach Gott! ſehr gern. Die Liebe wird mir Einſichten geben. Ja, ja! General mußt Du werden und Pruͤgeln kannſt Du ſo viel Du willſt, wenn die Kerls den kleinen Dienſt nicht lernen wollen. , 1429— Kein Menſch ſagt Dir ein Wort und uͤber⸗ haupt iſt das Volk ſo gut, daß Du ihm das Fell uͤber die Ohren ziehen kannſt und keiner muckſt.“—„Gottlob! das ſind ia recht liebe Leute. Sprich nur mit dem Kaiſer.“— „Dieſe Nacht noch, und morgen haſt Du das Patent.“—„Aber noch eins.“—„Nun, Schatz?“—„Ich muß ſelbſt den kleinen Dienſt wieder einuͤben, und dazu iſt nichts ſo zweckmaͤßig, als die Jagd, wovon ich uͤber⸗ dies ein großer Verehrer bin. Du mußt mir Feuergewehr verſchaffen, denn mit Euern Bogen und Lanzen iſt's nichts fuͤr mich. Hier werden doch wohl Flinten und was dazu ge⸗ hoͤrig, zu haben ſeyn?—„O ja; der Alte hat in der Hauptſtadt ein ganzes Arſenal. Aber mit der Jagd hier zu Lande iſt's nicht ſo wie in Sachſen und Boͤhmen, wo der Herr Lieu⸗ tenant nach der Parade einen Haſen, ein Rebhuhn und im Fall des Ausbleibens derſel⸗ ben eine Kraͤhe oder Sperlinge ſchoſſen; nein, liebſter Schatz, hier will das mehr ſagen. Du gehſt in den Wald, der kein Ende hat. II. 9 „. — 430— Um Dich her brauſet es wie ein Sturm, die Baͤume ſtuͤrzen zerſchmettert nieder und was iſt's? Eine Heerde wilder Elephanten galop⸗ pirt durch den dicken Wald; ſie weichen kei⸗ nem Baum aus; er muß nieder und die ſtaͤrk⸗ ſten Eichen brechen wie die Ruͤben. Du wun⸗ derſt Dich? Auf der andern Seite hoͤrſt Du das Bruͤllen unbekannter Thiere. Mach ja, daß Du fottkommſt, eine Heerde von vielen tauſend Loͤwen und Tygern, groͤßer als die polniſchen Ochſen, draͤngen durch das Gebuͤſch. Tauſende von Affen, groͤßer als der Fluͤgel⸗ mann von der Leibcompagnie, nehmen die Flucht und klettern ſchreiend die Baͤume hin⸗ an, indeß eine Wolke aufgejagter Papageien mit furchtbarem Geſchrei die Luft uͤber Dir verfinſtert. Du willſt Dich ermattet nieder⸗ werfen und vor Dir oͤffnet die Rieſenſchlange ihren furchtbaren Rachen, Dich zu verſchlin⸗ gen. Sieh, Schatz, ſo iſt's hier zu Lande mit dem Jagdweſen.“—„Dann waͤre ich wohl ein Narr, wenn ich mich in die Wal⸗ dungen machte. Ich werde die Feldjagd uͤben. — 131— Wie waͤre es, wenn Du, als Amazone mich begleiteteſt? Du lernteſt von mir Schießen, ich von Dir die Sprache.“—„Nein, Schatz, das darf ich meinem Teint nicht zu Leide thun. Aber nimm den Trompeter mit; denn wenn er nicht gerade zu miniſtern hat, dann laͤuft der mit Dir durch die Welt, beſonders wenn Du Arrack genug mit nimmſt.“— Dies war mir ſehr lieb, denn aus der etwas poetiſchen Beſchreibung der Waldungen mußte ich ſchließen, daß Tonny meine Abſicht merke und mich von jedem Verſuch zur Flucht abe ſchrecken wolle. Lieb war es mir daher, daß ſie mir den Trompeter zum Geſellſchafter vor⸗ ſchlug. Ich ſah nun die guͤnſtigſte Gelegen⸗ heit, jenes waldigte, uns von den Beſitzungen der Hollaͤnder trennende Gebirge kennen zu lernen. Ich bat daher Tonny, mir ſo bald als moͤglich zwei gute Flinten zu verſchaffen. Die Hexe hielt Wort. Schon am folgenden Morgen nach jener Nacht, in der ſie im ge⸗ heimen Rathe dem Kaiſer meine General⸗ feldzeugmeiſter⸗Anſtellung an's Herz gelegt — 132— hatte, ſchickte ſie mir zwei Flinten, worunter eine Doppelflinte war, die nicht ſchoͤner, nicht praͤchtiger garnirt ſeyn konnte. Die Schaͤf⸗ tung beſtand aus dem koſtbarſten Holze mit Perlen und Steinen ausgelegt, die Beſchlaͤge waren Gold. Ich erſchrak im eigentlichen Verſtande bei bieſem Anblick; ich wurde ganz gebhendet, Woher hat benn der Kaiſer ſo prächtiges Gewehr? Wirds etwa hier zu Lande gemacht?“ —„Ich dachte gar. Alles was Du in unſerm Lande koſtbar gearbeitet ſiehſt, beſteht aus Gevatterpraͤſenten der europaͤiſchen Fuͤr⸗ ſten, die es mit unſerm Alten nicht gern ver⸗ derben wollen. Aber— wenn ſie ihm nur keine Gewehre ſchicken moͤgten!“„Warum denn nicht?“—„Weil der Monarch ihren Anblick nicht ertragen kann. Ich kann's ihm acht Tage anmerken, wenn er ein Gewehr ge⸗ ſehen hat.“— Tonny verſchaffte mir Pulver und Kugeln und auf ihren Befehl erſchien der Trompeter. Meine Aeußerung, daß ich — hier bleiben und daß Tonny mich zum Gene⸗ ral des neu zu errichtenden Militairs machen werde, erfuͤllte ihn mit Freude. Er ſprach der Arrackflaſche tuͤchtig zu. Meine erſte Frage war nach der Jagd; er ſagte eben das, was ich von Tonny gehoͤrt hatte; indeſſen war er nicht abgeneigt, Theil daran zu nehmen. War er doch Soldat geweſen; hatte er doch in Haag bei den Leibdragonern des Erb⸗ ſtadthalters, als Trompeter geſtanden.— Ich erkundigte mich genauer nach der Lage jener Waldungen, deren Berggipfel die Wol⸗ ken zu tragen ſchienen. Er wußte freilich wenig; indeß konnte ich aus ſeinen Aeuße⸗ rungen doch manches zu meinem Vortheil nehmen. Noch hatte ich den Tag meiner Flucht nicht feſtgeſetzt. Tonny's Worte:„In acht Tagen kommen wir nach der Reſidenz!“ beſtimmten mich, das Wageſtuͤck fruͤher zu unternehmen. Ich erfuhr, daß naͤchſtens ein großes Feſt gefeiert wuͤrde, dem ich aber nicht beiwohnen duͤrfe.—„Das bedauere ich herz⸗ lich!“ ſagte ich.„Das freuet mich!“ dachte 1 — 134— ich.— Ich verſah mich unter der Hand mit allem, was mir zu einer ſolchen Reiſe noͤthig war; ſelbſt einige koſtbare Steine und eine Menge auserleſener Perlen— ein Geſchenk Tonny's, trug ich bei mir. Man war meine Wanderungen nach dem Walde ſchon ge⸗ wohnt; ſie fielen nicht mehr auf. Es war ein herrlicher Morgen, an dem ich mit dem Trompeter dem Walde zuging. Ich hatte ſein Arrackflaͤſchchen reichlicher gefuͤllt, als je, Grundes genug, daß er heute heiterer und geſpraͤchiger, als je, neben mir herging. Ich ſah es gern, daß er unvermerkt mehr trank, als ſonſt. Gleich am Eingange des Waldes ſetzten wir uns nieder; ich ſtellte mich muͤde; mein Gefaͤhrte wurde es bald noch ungleich 3 mehr; der kuͤhle ſchattenreiche Ort, die betaͤu⸗ benden Geruͤche der Blumen und beſonders das Arrackflaͤſchchen thaten ihre Dienſte.— „Ihr ſeyd muͤde, Freund!“ ſagte ich,„bleibt hier ſitzen und ſchlaft. Ich will die Nachbar⸗ ſchaft durchſtreifen; erwartet meine Ruͤckkunft 1 — Ich hatte nicht noͤthig, ihn in Schlaf zu X 1 — 135— ſingen; nach einigen Minuten, in denen ich ihn beobachtete, ſchlief er ganz feſt. Ich nahm, was er an Munition und Lebensmitteln bei ſich hatte, und ging freilich mit klopfendem Herzen, aber doch hoffnungs⸗ und muthvoll dem dickern Gebuͤſch naͤher. Die Sonne ſtand ſchon etwas hoch und ihre Strahlen brannten gluͤhend auf dem heißen Sande; ſelbſt die Schatten der einzeln ſtehenden Baͤu⸗ me waren nicht im Stande, die erſtickende Luft zu mildern. Eine Menge abgeworfener Haͤute und Baͤlge großer Schlangen lagen da; ſie trugen zu der Vermehrung meiner Angſt das ihrige bei; wie leicht war es, daß ich einem Ungeheuer dieſer Art aufſtieß, wo Gegenwehr und Flucht gleich unmoͤglich wa⸗ ren. Tonny's Schilderung dieſes furchtbaren waldigten Gebirges kam dazu— das, was iich fruͤher belacht hatte, raͤchte ſich jetzt durch Aengſtlichkeit, die mit jedem Schritte zunahm. Mit der groͤßeſten Behutſamkeit ſetzte ich mei⸗ nen Weg, der in einer kleinen Abdachung ſſich hinzog, weiter fort. Jetzt aber ſtand ich — 136— vor dem dickern Walde; die Baͤume bildeten eine Oecke uͤber mir; das Geſtraͤuch war un⸗ durchdringlich, und der Boden, der fruͤher mit blendendem Sande bedeckt war, umzog ſich jetzt mit Ranken und Schlingen mir ganz unbekannter Pflanzen, aus denen ich durch meine Fußtritte, Eidechſen und kleine Schlan⸗ gen aufjagte, die vor mir hinrauſchten. Un⸗ zaͤhlige Male verſuchte ich es, durch jenes mich einſchließende Gebuͤſch einen Weg zu finden; unzaͤhlige Male mußte ich nach ver⸗ geblichen Verſuchen wieder umkehren, um einen andern Weg aufzuſuchen, den ich nach wenigen Schritten wieder zu verlaſſen genoͤ⸗ thigt war. Der Angſtſchweiß ſtand uͤber meinem ganzen Koͤrper, ich war einer Ohnmacht nahe; die Sonne war hinter dem abend⸗ waͤrts liegenden Gebirge geſunken, eine ſchau⸗ dererregende Daͤmmerung verbreitete ſich um mich her und ich ſah noch keinen Ort vor mir, wo ich mit Hoffnung der Sicherheit ein 137— Nachtlager haͤtte aufſchlagen koͤnnen. Wenige Minuten warf ich mich zur Erde nieder; das Blut in meinen Adern kochte; mein Herz klopfte laut; ich glaubte, die letzte Stunde meines unruhigen Lebens ſey gekom⸗ men. Ohne eigentlich zu wiſſen, was ich that, aß ich eine Hand voll gekochten Reiß; eine Speiſe, die bei jenem Volke die Stelle des Brodtes erſetzt; ich trank einige Schlucke Ar⸗ rack— ich fand mich neu geſtaͤrkt und mit dieſer neuen Kraft empfand ich Hoffnung des Gelingens. Mit einem Muthe, den ich mir ſelbſt nicht zugetrauet hatte, ging ich in einem lichtern, von Geſtraͤuche entbloͤßtern Gange fort; als ich bemerkte, daß der Boden unter mir feuchter wurde, als ich nach einer kurzen Zeit eine Felſenreihe, wilder, als ich ſie je ſah, vor mir gewahr wurde. Vor der Wand floß ein Bach hin, der die tiefer liegende Gegend in einen Sumpf verwandelt hatte. Freilich, eine erfreuliche Ausſicht, meinen brennenden Durſt loͤſchen, und mich durch Waſchen ſtaͤr⸗ ken zu koͤnnen; aber ein Anblick, der mich — 138— beben machte, waren die friſchen Faͤhrten und Fußtapfen wilder Thiere, die dem weichen Boden eingedruͤckt waren. Hier mußte ich nothwendig bleiben; mochte die nahe Nacht mir noch ſo gefaͤhrlich werden; mochte ſie mir Lebensgefahr und den ſchrecklichſten Tod dro⸗ hen— ich mußte hier bleiben. Zum Ueber⸗ ſteigen des Felſens ſah ich ſchlechterdings keine Moͤglichkeit; ich war ſo ermattet, ſo angegrif⸗ fen, daß meine Knie unter mir bebten; der Abend nahete ſich und immer kuͤhler, immer feuchter wurde die Luft; von ferne her glaubte ich das Geraͤuſch herankommender Beſtien zu hoͤren. Da ſpannte ich allen meinen uͤbrig gebliebenen Muth an; da betrachtete ich noch einmal die glatte Felswand, als ich einige Ruthen von mir entfernt, einen tiefen, ſchwar⸗ zen Spalt zu bemerken glaubte. Ich ging näher. Welche Freude! vor mir lag eine kleine Schluft, die, ſich kaum einige Schritte in die Klippe hineinziehend, eine kleine Hoͤhle vildete. Ich legte meine Sachen hinein; was ich von trocknen Reiſern finden konnte, — 139— trug ich in einem weitern Halbzirkel vor den Eingang; ich hieb und brach mehrere Zweige und Aeſte ab; ich thuͤrmte dieſen Scheiter⸗ haufen zu Mannshoͤhe hinauf, welkes Gras und Ranken waren im Ueberfluß vorhanden. Nun labte ich mich noch einmal durch Trank und Waſchen an jenem Bache und uͤberſtieg im Vertrauen auf goͤttlichen Schutz meine Verzaͤunung. Der Boden der kleinen Hoͤhle war feiner Sand. Still und auf jedes Ge⸗ raͤuſch achtend ſaß ich am Eingange, als ein immer naͤher kommendes Schnauben und Brauſen es noͤthig machte, die Verzaͤunung anzuzuͤnden. In wenigen Augenblicken ſtand ſie in voller Gluth— aber, die erſte Flam⸗ me, die aus dem Rauche aufſtieg, ſchien das Signal zum Lebendigwerden des Waldes zu ſeyn. Ueber mir flogen Raubvoͤgel mit wil⸗ dem Geſchrei auf und dreheten ſich uͤber der raͤthenden Flamme her. Vor mir raſſelte des bruͤllend, heulend und brummend im Ge⸗ buͤſche. Mit gluͤhenden Augen ſtanden wilde Thiere da und blickten graͤßlich in eine Na⸗ —ꝛ: — 140— turbegebenheit, die ſie noch nie geſehen hat⸗ ten. Meine Angſt gab ihnen veigrößerte, furchtbarere Formen; die von Angſt erhitzte Einbildungskraft zeigte mir auf dem dunkeln Waldgrunde Geſtalten, die nur in meinem Gehirn waren. Ich kaͤmpfte lange mit mir ſelbſt, um mich gegen den Schlaf zu ſchuͤtzen, aber es war vergeblich. Bald ſiegte die Ermattung und in noch graͤßlichern Geſtal⸗ ten ſtanden die Bilder taͤuſchender Traͤume vor mir. Spaͤt am folgenden Tage erwachte ich; die Waͤrme der Sonne hatte mich ge⸗ weckt; ich wuͤrde mein Nachlager und mei⸗ nen Aufenthalt in dieſer Klippe fuͤr einen Traum gehalten haben, haͤtte nicht der dam⸗ pfende, gluͤhende Kohlenhaufen mich eines beſſern belehrt. Ich fuͤhlte, wie dieſer Schlum⸗ mer mich ſo außerordentlich geſtaͤrkt hatte; wie ſelbſt mein Muth ſich mehrte, da der Anblick der wilden ſchoͤnen Gegend im Glanze der Sonne ein ganz anderes erfreuendes Ge⸗ maͤlde gab, als geſtern Abend von der roͤthen⸗ den Flamme erleuchtet. Muthig trat ich 7 meine Wanderung an; aus dem Stande der Sonne konnte ich die Richtung meines We⸗ ges berechnen. Jene Felſenwand zog ſich in's Unendliche fort; ich konnte ſie durch die Ge⸗ buͤſche auf Meilen weit ſchimmern ſehen. An ihr hinauf oder hinab gehen, brachte mich aus der Richtung; ich beſchloß ſie zu uͤberſteigen. Aber wie waͤre es bei dem ſpie⸗ gelglatten Felſen, an denen ein Bleiloth kei⸗ nen Anſtoß finden wuͤrde, moͤglich? Oft ver⸗ ſuchte ich den halsbrechenden Weg, aber die ſchon heiß gewordenen Waͤnde zeigten nicht den geringſten Vorſprung, auf dem ich haͤtte ſicher ſußen koͤnnen. Wider meinen Willen mußte ich mich zu einer Wanderung an dem Fuße des Fel⸗ . ſens entſchließen. Ich waͤhlte die nach Nor⸗ den ziehende Nichtung. Mit der groͤßeſten Behutſamkeit ging ich fort, zu meiner linken Hand jene Felſenwand; zu meiner rechten ein Thal, das mit Wald, mit undurchdring⸗ lichem Geſtruͤppe bedeckt und uͤberzogen war. - 1442— Nur ein ſchmaler Weg am Fuße des Fel⸗ ſens blieb mir. Ich fuͤrchtete jeden Augen⸗ blick einem Raubthiere, einer der ungeheuern Schlangen zu begegnen— mit geſpanntem Hahn und jeden Winkel genau durchſpaͤhend ſchlich ich weiter, als— mein Weg aufhoͤrte, als eine Schluft mit ſenkrecht ſtehender Fel⸗ ſenwand ſich vor mir oͤffnete, als ich kaum mit meinem Ange die mit Geſtruͤppe bedeckte und verſchlungene Tiefe unterſcheiden konnte, als ich ſchwindelnd in dieſe Tiefe— wahr⸗ ſcheinlich das Bette eines groͤßern ausgetrock⸗ neten Fluſſes— hinab ſah. Ich war außer mir vor Schrecken; ich mußte es um ſo mehr ſeyn, da dieſer Abgrund ſich ſo ganz uner⸗ wartet zeigte; da es gar keine Moͤglichkeit war, die thurmhohe Wand hinabzuklettern, da ich— wenn mir dieß auch gelaͤnge, nicht wußte, welche Thiere in dieſem Dickicht hauſe⸗ ten, oder wie ich die gegenuͤberſtehende Wand erklettern koͤnnte. Wie verſteinert ſtand ich da, und blickte zitternd in den Abgrund. Kein Entſchluß kam in meine Seele. — 143— Eine Stunde hatte ich uͤberlegt, was zu thun ſey— ob ich den Verſach wagen, ob ich wieder umkehren ſollte, als ich auf den Gedanken kam, an dem Abgrunde fortzuge⸗ hen, ob er gleich mich gerade auf die mei⸗ nem Wege ganz entgegengeſetzte Seite fuͤhrte. Vielleicht, ſo dachte ich, erreichſt Du den Grund jenes wilden Einſchnittes, und findeſt in jenem Geſtruͤppe einen Weg.— Hier, wo ich jetzt ſtand, war dieſer gaͤnzlich unausfuͤhr⸗ bar. Weiter unten ſchienen die Ufer weniger ſteil und mehr bewachſen, dahin ging ich. W Anſicht hatte mich nicht getaͤuſcht, die Gegend wurde, je weiter ich mich von dem Felſen entfernte, immer abhaͤngiger; die Fel⸗ ſenwaͤnde des Ufers ſchwanden mehr, je be⸗ wachſener ſie wurden— ich konnte mich ſchon bei dem Hingehen nach dieſer Gegend mehr abwaͤrts nach dem Grunde jenes Ein⸗ ſchnittes halten und ſo gelangte ich wirklich auf den Boden, der mit Rollſteinen und Felsbloͤcken bedeckt war. Gewonnen hatte ich freilich durch dieſen ſauern Weg ſehr wenig. — 14— Die Felsſtuͤcken, Bloͤcke von ungeheuerer Groͤße, waren mit undurchdringlichem Gebuͤſch um⸗ flochten; der Boden, ein fetter, fruchtbarer Grund, war mit rankendem Geſtraͤuche bedeckt; ein Weg war nirgends zu entdecken; ich mußte jede kleine Bloͤße, jede noch ſo unbe⸗ deutende Schluft benutzen und hatte faſt je⸗ desmal das Schickſal, dieſe am Ende verſperrt und mich gezwungen zu ſehen, einen andern Weg zu ſuchen. Auf beiden Seiten hingen, den Einſturz drohend, die Felswaͤnde uͤber mir; ich war wie in einen Keſſel eingeſperrt; als ich durch das Gebuͤſch einen lichtern Platz zu bemerken glaubte; als ich Toͤne hoͤrte, die einem Geſpraͤch nicht unaͤhnlich waren. Be⸗ hutſam arbeitete ich mich dahin, das Geſtruͤppe verlor ſich, auf einer Felsplatte ſaßen zwei Geſchoͤpfe, die ich fuͤr Bewohner des Gebir⸗ ges halten zu müſſen glaubte. Ob ich mich dieſer Zuſammenkunft zu freuen hatte? dar⸗ uͤber war ich noch nicht mit mir einig. Das Geraͤuſch, das ich machte, erregte die Aufmerkſamkeit jener Unbekanntenz ſie ſchwiegen ſtill. Ich kam naͤher. Wer koͤnnte mein Schrecken ſchildern, da ich zwei Affen von ungewoͤhnlicher Groͤße erkannte! da dieſe mit einem furchtbaren Geſchrei aufſprangen; da dieſes gellende Geſchrei aus den Klippen beantwortet wurde! Ich war außer mir vor Schrecken. Fiel es mir gleich ein, daß der Ort, den dieſe kluͤgern Thiere zum Aufenthalte waͤhlen, gewoͤhnlich von andern wilden Raub⸗ beſtien nicht bewohnt wird, ſo wurde doch . dadurch mein Loos um nichts gebeſſert. Jene Affen konnten mir, wenn ſie in großer An⸗ zahl kamen, gefaͤhrlicher werden, als ein ein⸗ zelner Tyger. Ich mußte Zeit haben, ehe ich mich von meinem Schrecken erholte; ehe ich auf ein zweckmaͤßiges Mittel ſann, mir den friedlichen Durchzug durch das Gebiet dieſer Republikaner zu verſchaffen. Ich haͤtte leicht einen der Beiden erſchießen koͤnnen; aber theils, warum ſollte ich dies thun? theils haͤtte ich den Frieden verletzt und mußte mir bei einem allgemeinen Angriff der Erzuͤrnten ſelbſt die Schuld beimeſſen. Indeſſen mochte I1. 10 Da gab mir die Noth ein herrliches Mittel ein. Dicht vor mir lag ein trockner Baum, ich brachte in der Geſchwindigkeit einige Buͤndel trocknes Gras unter ſeine Zweige—. eina Arbeit, bei der die Affen mit geſpannter Aufmerkſamkeit meine Zuſchauer waren; ich ſchlug Feuer an und in wenig Sekunden dampfte und rauchte der Baum. Schon dieſer Anblick erregte ihren Schrecken; ich ſchloß dies aus dem wilden Geſchrei. Aber, als die blutrothe Flamme kniſternd aus der Rauchwolke in die Hoͤhe ſtieg, als das welke, trockne Geſtraͤuch Feuer faßte, als die benachbarten Baͤume wie die Fanale brann⸗ ten, als ein Feuermeer das ganze Thal zu uͤberſtroͤmen drohete, da ſchien der Schrecken dieſer geaͤngſtigten Thiere auf's hoͤchſte zu ſtei⸗ gen; ihr Geſchrei ging in ein furchtbares mein Erſcheinen die Neugierde erregt haben; die Verſammlung wurde ſtaͤrker, einer nach dem andern kam ſchreiend naͤher und ich hatte alle Urſach zu fuͤrchten, daß ſie mir zu nahe kaͤmen. — 147— Heulen uͤber, ſie ſprangen von Baum zu Baum, von Klippe zu Klippe, und ich haͤtte den Auftritt belachen koͤnnen, waͤre ich in einer andern Lage geweſen. So aber gerieth ich da die Flamme ſich immer weiter ausbreitete, ſelbſt in die groͤßeſte Gefahr. Wie leicht konnte meine mit Pulver angefuͤllte Kartou⸗ che Feuer fangen, und mich umbringen? Mit vieler Anſtrengung erklimmte ich die Klippen⸗ platte, auf der ich jene beiden Affen geſehen hatte; hier war ich ſicher, da das Feuer auf dem Boden fortlief, das niedrigere Geſtruͤppe verzehrte und den hoͤhern ſaftreichern Baͤu⸗ men nicht ſchaden konnte. Der Anblick war fuͤrchterlich ſchoͤn— uͤber mir ballte ſich die ſchwarze Rauchwolke und hing einem Gewit⸗ ter gleich uͤber dem Thale. Der Zug der Luft trieb einzelne Stuͤcke dieſer Wolke an den Felſen hin, die blendend weiß durch den dunkeln Vordergrund glaͤnzten. Unter mir glimmte das Feuer fort und ſchlug in farbig⸗ ten Flammen in die Hoͤhe, je nachdem der Gegenſtand war, den es traf. — 148— Ein Gluͤck war es, daß der Luftzug der Gluth folgte, dieſe im Thale hinauf trieb und mir friſche, kuͤhlende Luft zuwehete. Ich haͤtte auf jeden andern Fall verbrennen oder erſticken muͤſſen. Blutroth ſtänd die Mit⸗ tagsſonne uͤber der Rauchwolke; ſonderbare Geſtalten bildend lag das Thal unter mir. Mehrere Stunden lag ich auf der Steinplatte; mein Waſſervorrath, den ich aus jenem Quell mikgenommen hatte, war faſt verzehrt, ich mußte an die Fortſetzung der Reiſe denken. Ich fuechtete viel von dem Wege und wußte nicht, daß gerade dieſes Feuer mir den ſchoͤn⸗ ſten Weg gebahnt hatte. Zwar glimmte noch hier und da ein Strauch; zwar flog noch, wenn ich den Fuß niederſetzte, hier und da ein Haufen gluͤhender Aſche auf; al⸗ lein der fettigere, fruchtbarere Boden hatte die Hitze ſchon ſehr gedaͤmpft. Ich konnte raſcher vorwaͤrts gehen; ich ſah jene Klippen, auf denen ich bei dem erſten Erblicken dieſes Abgrundes ſtand, gerade uͤber mir; der Weg - 449— bog ſich jetzt, wurde lichter, zog ſich ſteil und „ immer ſteiler in die Hoͤhe, nur noch wenige. Schritte und der Kamm jenes mir ſo ſchreck⸗ lichen Felſengebirges war erſtiegen. Eine weite, unermeßliche Ausſicht, oͤffnete ſich mir; uͤber den dicken Wald hin glaͤnzte mir der gruͤnliche Spiegel des Meeres. Froh, als waͤre ich ſchon gerettet, ſetzte ich mich, um Athem zu ſchoͤpfen, nieder; dann ſuchte ich einen zum Nachtquartiere ſichern Ort. Ich fand ihn in einem Felſenſpalt; ich fand, was mir eben ſo angenehm war, in einigen Fels⸗ beulen Waſſer. Mochte dies gleich mit klei⸗ nen, rothen Wuͤrmern vermiſcht ſeyn, das nahm ich ſo genau nicht; ich ließ es durch mein Taſchentuch in die Flaſche laufen; einige Tropfen Arrack darunter gegoſſen, verwandel⸗ ten es bald in ein erquickendes Labſal. Ich machte mir wieder eine Varzaͤunung trockner Reiſer, und ſo, ob es gleich noch nicht Abend war, uͤberließ ich mich hoffend und dankbar der Vorſehung trauend dem Schlafe, nachdem ich meine Verzaͤunung angezuͤndet hatte.— Da weckte mich der Knall eines Feuergewehrs. Erſchrocken ſprang ich auf; ich fuͤrchtete, einer der Laͤufe meiner Doppelflinte moͤchte losgegangen ſeyn. Meine Furcht war vergeb⸗ lich; mein Gewehr lag, wie ich es hingelegt hatte. Jetzt erſt fing der Knall jenes Ge⸗ wehres an, in dem unter mir liegenden dik⸗ ken Walde und an den Felſen, wie ein fort⸗ geſetzter Donnerſchlag zu rollen. Es war Abend, es war ſpaͤt, aber der eben aufgehende Mond gab Licht genug, jeden Gegenſtand, wenn er nicht zu entfernt war, zu unter⸗ ſcheiden. Ich ſchloß, daß Menſchen, vielleicht verirrte Jaͤger in der Naͤhe waren; wem konnte mehr mit Geſellſchaft gedient ſeyn, als mire ich druͤckte einen Lauf ab— furchtbar rollte der Schuß im Walde und an den Klip⸗ pen fort; als unter mir, aus ſchwarzer Tiefe eine Flamme aufſchlug und wenige Sekunden hinterdrein, ein Knall noch ſtaͤrker, als der erſtere in meine Ohren ſchlug.— Ich ver⸗ groͤßerte mein Feuer; ich ladete den abge⸗ ſchoſſenen Lauf, um im Nothfall mich nach⸗ 7 — 15¹1— druͤcklicher vertheidigen zu koͤnnen. So er⸗ wartete ich, was ferner geſchehen wuͤrde. Ge⸗ ſpannt hoͤrte ich auf jedes Geraͤuſch; ange- ſtrengt blickte ich umher, auf das wenige Schritte unter mir liegende Dickicht des Wal⸗ des, als mit einem Male bellend und heu⸗ lend ein Jagdhund auf mich zuſprang und mich, den Erſchrockenen liebkoſete. Ich lockte das ſchoͤne Thier, ich ſtreichelte es und fuͤhrte es zu jener Felsbeule, in der das unreine Waſſer ſtand. Das arme Thier lechzte vor Durſt; es leerte das ganze Behaͤltniß und ſprang nun vor Freude heulend um mich her⸗ um. Meine Freude war eben ſo groß; war es gleich nur ein Hund, den ich zur Geſell⸗ ſchaft bekam, ſo wußte ich, als Jaͤger, daß dieſer ſeinen Herrn bald naͤher leiten wuͤrde. Der Halsband des Thieres ließ mich auf einen gewiſſen Stand ſeines Beſitzers ſchlie⸗ ßen. Der Hund ſprang in den Buſch zuruͤck; aber wer koͤnnte meine Freude fuͤhlen, da er hald an der Seite eines aͤußerſt anſtaͤndig ge⸗ kleideten, aber faſt vor Ermattung niederſin⸗ — 152— kenden, jungen Mannes zuruͤckkam. Ich ging ihm entgegen, ich fragte; aber kaum war Antwort moͤglich. Geſchwind warf ich die Jagdtaſche herum, ich reichte dem Fremden das Arrackflaͤſchchen; ich gab ihm Reiß und gebratenes Fleiſch. Dankbar nahm der Juͤng⸗ ling dies an. Ich fuͤhrte ihn in meine Fels⸗ ſchluft; ich gab ihm das Waſſerflaͤſchchen, in⸗ deß der Hund noch einmal jenes Behaͤltniß beſuchte. Kaum konnte mir der Entkraͤftete ſagen, daß er aus Batavia ſey, daß er ſeit einigen Wochen ſich bei einem Freunde in der Nachbarſchaft aufgehalten; daß er ſich geſtern fruͤh auf der Jagd verirrt und bis jetzt herum gegangen ſey, um ſich zurecht zu ſinden— kaum konnte er mir dies ſagen, als er ſchon einſchlief. Daß ich ihn nicht ſtoͤrte, daß ich, ſo neugierig ich auch nach Nachrichten aus der Hauptſtadt war— ihn ruhig ſchlafen ließ, bedarf keiner weitern Er⸗ waͤhnung. Ich fuͤhlte mich gewiß eben ſo glücklich, als der Unbekannte; neuer Hoffnung voll, ſtreckte ich mich nieder zum Schlummer, deſſen ich eben ſo beduͤrftig war; ſich an uns ſchmiegend ſuchte der Jagdhund zwiſchen uns Beiden ſein Lager. 1 Der Tag war ſchon ſehr vorgeruͤckt, als wir faſt zu gleicher Zeit erwachten. Der An⸗ blick uͤber die ungeheuere Waldung war ein⸗ zig. Dick und ſchwarz lag die tiefere Ge⸗— gend vor uns; an ſie ſchloß ſich unmittelbar das Meer, auf dem ich in weiter Ferne einige Schiffe bemerkte. Welchen Weg wir nun nehmen ſollten? die Beantwortung dieſer Frage hing von der ab: welchen Weg wir waͤhlen koͤnnten; denn der Augenſchein uͤberzeugte mich bald, daß dieſe Seite des Ge⸗ birges, wo nicht unwegſamer, doch gewiß eben ſo unwegſam war, als die, die ich ſchon er⸗ ſtiegen hatte. Wenigſtens war die Beſchrei⸗ bung, die mein Gefaͤhrte machte, ganz dazu geeignet, dieſe Furcht bei mir zu erregen. Indeß, wir waren unſer Zwei; wir waren gut bewaffnet und der treue, kraͤftige Jagd⸗ hund hinderte wenigſtens, daß uns iegend 154— ein Raubthier unvermuthet uͤberfallen konnte. Ehe wir dieſen Platz verließen, ſuchten wir erſt nach Waſſer; wir fanden es; die Flaſche wurde gefuͤllt; muthig fingen wir die aben⸗ theuerliche Wanderung an. In der That war ſie beſchwerlicher; das Gebuͤſch war un⸗ durchdringlicher; der Boden war mit ranken⸗ den, ſtachlichten Gewaͤchſen bedeckt, und man⸗ che Schlange fuhr aufgeſcheucht und ziſchend durch das raſſelnde, welke Laub. Der Boden ging ſteiler hinab; oft riß eine tuͤckiſche Pflanze, an der wir uns halten wollten, aus; oft rollte der Stein, auf dem wir fußen woll⸗ ten, unter uns fort und manche blaue Beule, mancher blutige Riß an unſern Haͤnden oder in unſerm Geſicht bewies, daß unſer Pfad ge⸗ faͤhrlich genug war. Wir hatten mit Fleiß die Richtung nach dem Meere genommen. Sie war dem Augenſcheine nach die naͤchſte; wir konnten uns mit der Hoffnung ſchmei⸗ cheln, daß wir ein rettendes Fahrzeug treffen, oder, daß wir wenigſtens, wenn wir die Zeit der Ebbe abwarteten, an dem Geſtade mit deſto eiligern Schritten fortgehen koͤnnten. Aber, als wir in das Thal ſelbſt kamen, als wir den Boden uns weich und moraſtig fuͤhl⸗ ten; als ſcharfes Rohr und Binſen das Ge⸗ ſtraͤuch vermehrte; als wir bei jedem Schritte bis an die Knie in den Moder ſanken; als bei jedem Tritte ganze Schwaͤrme von Muͤk⸗ ken, Fliegen und andern Inſekten aufflogen und uns zerfleiſchten; als Geſicht und Haͤnde von den giftigen Stichen dieſer Millionen Feinde aufgeſchwollen waren: da gereuete es uns, dieſen Weg genommen zu hahen; da ſtanden wir Beide athemlos gegen einander uͤber und keiner wußte zu rathen, ob wir umkehren, ob wir den furchtbaren Weg fort⸗ ſetzen ſollten. Traͤge und das Unbequeme des Weges fuͤhlend, ſchlich der Hund vor uns her. Mit einem Male kam er mit einem aͤngſtlichen Geheule zuruͤck, um Schutz bei uns Ohnmaͤchtigen zu ſuchen. Wir erſchraken. Wie angewurzelt blieben wir ſtehen, mit dem Gewehr im Anſchlage liegend, wenn etwa ein Tyger oder ein anderes Thier ſich zeigen wuͤrde. Da raſſelte es im nahen Gebuſche, das ſich unter einer ungewoͤhnlichen Laſt zu 1 beugen ſchien; ein Ton, wie das Blaſen eines Balges, toͤnte pfeifend in unſer Ohr; eine Schlange von ungewoͤhnlicher Groͤße wickelte ſich aus dem Gebuͤſche und wand ſich in furchtbaren Kreiſen uns naͤher. Ein Schrei des Entſetzens war alles, was wir in unſrer Gewalt hatten. Ich riß meinen Gefaͤhrten zuruͤck; ich, ſelbſt zitternd fuͤhrte gewaltſam den Zitternden; die Todesangſt gab den Ermat⸗ teten neue Kraͤfte; die Furcht vor dieſem ſchrecklichen F Feinde machte uns gewandt, wei⸗ tere Spruͤnge zu wagen, auf denen jenes Un⸗ geheuer, durch den mit ſtachelichten Pflanzen bedeckten Boden gehindert, uns nicht folgen konnte. Aengſtlich und von Todesfurcht ge⸗ quaͤlt ſahen wir uns jetzt um; jenes Unge⸗ heuer hatte nachgelaſſen, uns zu verfolgen; wir ſahen, wie es ſich an einem Baume in die Hoͤhe wand. Furchtbar blickte es nach uns hin; furchtbar glaͤnzten die ſilbernen Seiten gegen den ſtahlgruͤnen Ruͤcken, 4 — 157 an dem Orte ſicher, wo wir waren. Kaum hatten wir uns einige Augenblicke erholt, Laum friſchen Athem veigihle als einer den andern antrieb zuruͤckzueilen Mit Schrek⸗ ken dachte ich daran, wenn ein ſolches Unge⸗ heuer mir geſtern unvermuthet aufgeſtoßen, oder wenn nicht der warnende Hund heute unſer Retter geweſen waͤre. Faſt den gan⸗ zen Buſch hatten wir ſchon hinter uns; jener Fellſen, in deſſen Schluft wir geruhet, lag ſchon deutlich vor uns, als wir es erſt wag⸗ dem andern; keiner konnte ſie beantworten. Wir erſchoͤpften uns in Rathſchlaͤgen, die uns nichts halfen. Bloß darin waren wir auf's gebens forſchte ich nach dem Wege, den mein Gefaͤhrte geſtern genommen hatte. Der ar⸗ me Menſch war durch die Erſchoͤpfung und durch die Angſt um alles Erinnerungsvermoͤ⸗ In unſerer Angſt hielten wir uns n. Lium ten, uns auf einige Zeit hinzuſetzen.—„Was fangen wir nun an?“ dieſe Frage that einer Reine gekommen, daß wir einen andern Weg 3 waͤhlen mußten; aber— welchen?— Ver⸗ ——; — 158— 4 gen gebracht; er wußte mir gar nichts zu ſa⸗ gen, und ſprach nur immer von der Un⸗ ruhe, in welcher ſein Freund ſeinetwegen ſeyn muͤßte. Endlich fiel mir zur rechten Zeit der nach aller Wahrſcheinlichkeit zweckmaͤßige Weg ein, der Weg, unter jenem Felſen im⸗ mer fort tzu gehen,⸗ um ſo auf der ſichereren Anhoͤhe das Geſtade zu erreichen. An jenen Abgrund, der mir geſtern ſo furchtbar war, brauchte ich nicht zu denken; ich hatte ihn zu weit hinter mir. Freilich hatte dieſer Pfad das aͤußerſt Laͤſtige der durch das Zu⸗ ruͤckprallen der Sonnenſtrahlen an den Fel⸗ ſen verdoppelten Hitze; indeß— es war uns Troſtes genug, hier von keinen Schlangen, wie jenes Ungeheuer war, etwas zu fuͤrchten zu haben. Meinen Gefaͤhrten uͤberzeugte ich bald von dieſer beſſern Wahl, ob ich ihm gleich aus den Augen las, wie gleichguͤltig ihm jeder Weg war. Wirklich waren wir gluͤcklicher, als ich ſelbſt hoffte. Auf dem ebenen, ſandigen Wege am Fuß jener Felſen konnten wir raſcher gehen und bei Untergang der Sonne ſahen wir eine Bucht des Meeres zu unſern Fuͤßen. Zum Gluͤck war die Ebbe eeingetreten; in den ſtehen gebliebenen kleinen Pfuͤtzen fanden wir Fiſche und Auſtern; un⸗ ten am Ufer machte ich Feuer an; das Abendeſſen war bald bereitet und ruhig ſchlummerten wir an unſerm Feuer, geſchuͤtzt durch den treuen Hund. Mein Reiſegefaͤhrte hatte ſich waͤhrend der Nacht auffallend erholt. Er war ganz muthig, als er erwachte und wurde es noch mehr, da er das mit hohen Baͤumen beſetzte Geſtade der Bay genauer betrachtete. Die Gegend war ihm bekannt. „Vielleicht ſehen wir bald ein Boot,“ ſagte er.„Und iſt das nicht der Fall, ſo gehen wir mit der Ebbe auf dem Kies fort. Mei⸗ nes Freundes Plantage iſt nicht weit von hier; jenen Felſen ſahe ich taͤglich aus dem Fenſter meines Zimmers.“ Ich wuͤnſchte mehr, daß er recht habe, ₰ —-— 460— als, daß ichs geglaubt hätte⸗ indeſſen, ich hatte mich zu meiner groͤßeſten Freude geirrt. Freilich ließ ſich kein Boot ſehen; aber kaum waren wir einige hundert Schritte auf dem Kiesgrunde fortgegangen, als unſer Hund uns verließ, als er im ſtaͤrkſten Sprunge vor uns hinlief, in dem Gebuͤſche verſchwand und nach einigen Minuten in Geſellſchaft zweier andern Hunde von ſeiner Art zuruͤckkam. Gleich darauf kam ein Jaͤger, der einen Mohr bei ſich hatte. Er fiel meinem Ge⸗ faͤhrten in die Arme; laut weinte er vor Freude, bald machte er zaͤrtliche Vorwuͤrfe; bald pries er ſich gluͤcklich, ſeinen Freund wieder zu haben. Jetzt erſt konnte ihm ſein Freund ſagen, daß er ſeine Rettung einzig mir zu verdanken habe und nun war ich der, auf dem die ganze Dankbarkeit des Freundes mmeines Gefaͤhrten ſich ſammelte. Im Schat⸗ ten eines Baumes lagerten wik uns; einige Flaſchen Wein und nahrhaftere Speiſen, die der Mohr aus der Jagdtaſche auf den Raſen ſetzte, ließen uns bald unſer Abentheuer vergeſſen. Wir waren gluͤcklich, und ich wuͤrde es noch mehr geweſen ſeyn, waͤre nicht jetzt der Gedanke an meine ganze Lage mit ver⸗ ſtaͤrkter Kraft vor meine Seele getreten und haͤtte nicht das Dunkel, das wie ein undurch⸗ dringlicher Schleier uͤber mich hing, jede Freude gleich bei ihrem Entſtehen, jede Hoſf⸗ nung bei ihrem Aufkeimen erſtickt. Wir gingen nach der Plantage, in der ein Gebaͤude, einem fuͤrſtlichen Schloſſe gleich, ſtand. Mit lauter Freude empfing uns alles, beſonders die Gemahlin jenes Fremden, die Schweſter meines Reiſegefaͤhrten. Alles, was nur zu unſerer Erquickung dienen konnte, wurde uns mit freigebiger, verſchwenderiſcher Hand gereicht. Alles, ſelbſt die Demeſtiken fuͤhlten ſich gluͤcklich, weil ſie glaubten, wir muͤßten es noch im hoͤhern Grade ſeyn. Waͤhrend der ganzen Wanderung hatte ich meinem Gefaͤhrten nichts uͤber meine Per⸗ ſon, nichts uͤber mein Schickſal geſagt; ich II..11 — 162— wußte und ſah es ihm an, daß weiter nichts, als ſeine Rettung ihm wichtig ſeyn konnte. Jetzt am Tiſche machte ich ihn und ſeine Freunde mit mir bekannt. Meine Begeben⸗ heit; das Wegfuͤhren aus meinem Zelte; mein Aufenthalt bei dem Kaiſer der eingebornen Wilden, meine kuͤhne Flucht— alles dies ſpannte ihre Aufmerkſamkeit auf's hoͤchſte. Mit aufrichtiger Theilnahme hoͤrte die Ge⸗ mahlin die Geſchichte meiner Liebe zu Adelai⸗ den an; ſie war ihr nicht ganz unbekanntz ſie hatte von mir gehoͤrt; aber ſie aͤußerte, daß jetzt meine Wuͤnſche mit groͤßern Schwierigkeiten e 7 verbunden ſeyn moͤchten, da der Gouverneur, ob er gleich einer der trefflichſten Maͤnner ſey, doch auch die Stimme meiner gewiß maͤchtigen Feinde nicht ganz unbeachtet laſſen duͤrfe. Die Art, mit der die Redliche dies ſagte, nahm der Aeußerung viel von ihrem Schreck⸗ lichen. Es war die liebevolle Warnung einer beſorglichen Schweſter.—„Ich hoffe,“ ſetzte ſie hinzu,„daß Ihre Gegenwart hier mehr wirken wird, als allets., Sie ſcheinen ganz — — 163— 2 der Mann zu ſeyn, der nie aus Furcht ſchweigt, wenn die Ueberzeugung der eigenen 3 Unſchuld und das beſſere Gefuͤhl ihm zu re⸗ den befiehlt. Uebrigens, wie woh: das we⸗ nig ſagen will— habe ich kein nachtheiliges AUrtheil uͤber Sie, in Hinſicht des unternom⸗ menen und beigelegten Feldzuges gegen die Barbaren gehoͤrt. Ich erwarte heute Briefe von meiner Mutter und Schweſter, denen ich das Verſchwinden meines Bruders mel⸗ dete. Es iſt moͤglich, daß in dieſen etwas, Sie betreffend, ſteht; denn geſtern ſind die Regi⸗ menter und die Freiwilligen wieder eingeruͤckt.“ Alles dies war im Grunde zu wenig, um mir Aufſchluß uͤber mein Schickſal zu geben; ich wußte immer noch nichts von dem, was man uͤber mich urtheilte; nichts von Adelaiden. Mit einem Male erhob ſich ein freudiges Getuͤmmel im Vorſaale.—„Iſt's wahr? Iſt er da?“ rief eine weibliche Stim⸗ me.—„Ach Gott! da kommt meine Schwe⸗ ſter ſelbſt!“ ſagte die Wirthin, ſprang 7 als die Thuͤre ſich oͤffnete, eine ehrwuͤrdige Matrone, gefuͤhrt von einem bluͤhenden Maͤd⸗ chen, eintrat, und Beide mit einem lauten Freudengeſchrei und weinend in meines Reiſe⸗ gefaͤhrten Arme ſtuͤrzten. Natuͤrlich, daß jetzt die Reihe bemerkt zu werden, an mich noch nicht kommen konnte; ich mußte ſo lange warten, bis jene ſtuͤrmiſchere Freude ſich gelegt hatte, bis man kaltes Blut genug hatte, die Geſchichte des Abentheuers ruhiger anhoͤ⸗ ren zu koͤnnen. Natuͤrlich, ich ſpielte darin eine Hauptrolle; mir wurde muͤtterlicher und ſchweſterlicher Dank, wie er je einem wurde; aber eben ſo zog mein Anzug, in dem ich entflohen war, muͤtterliche und ſchweſterliche Neugier auf ſich. Ich erzaͤhlte wenig, aber bald bemerkte ich eine gewiſſe bedenkliche Miene, die ganz zu verrathen ſchien, als ge⸗ reue es Beide mir, ſo gedankt zu haben. Ich wußte nun genug, um mir z keiner thoͤ⸗ richten Hoffnung zu ſchmeicheln, oder mich verlegen zu fuͤhlen, falls ich etwas Unange⸗ nehmes hoͤren wuͤrde. Mit dem feſten An⸗ — 165— ſtande eines Mannes, den das Gefuͤhl des eigenen Werthes auftreten lehrt, fragte ich Beide, was man uͤber mich urtheile? Beide zoͤgerten mit der Antwort. Erſt auf Bitte der Wirthin und auf mein wiederholtes An⸗ ſuchen aͤußerten Beide, daß ich oͤffentlich als Landesverraͤther ausgerufen ſey, daß ich das ſchoͤne Corps der Freiwilligen und die beiden Regimenter dem Feinde haͤtte in die Haͤnde ſpielen wollen; daß es meine Abſicht geweſen ſey, mich mit Huͤlfe der Feinde der Stadt Batavia und des ganzen Landes zu bemaͤch⸗ tigen; daß ich aber meinen Plan verrathen geglaubt und mich durch die Flucht gerettet habe; daß mein Bildniß offentlich geviertheilt und mein Name an alle Galgen geſchlagen werden ſolle.— Ich haͤtte den ſehen moͤgen,— der bei dem Proſpekt ruhig geblieben waͤre. Mir wurde es faſt unmoͤglich, bloß die Ruͤck⸗ ſicht, hier Gaſt zu ſeyn, hinderte den voͤlli⸗ gen Ausbruch meines Zorns. Entſchloſſen ſagte ich, daß jenes Gericht eine boshafte Verlaͤumdung meiner Feinde ſey, daß ich aber jetzt felbſt nach Batavia eile, um von jedem und wenn es der Gouverneur oder der Erbſtadt⸗ halter ſey, blutige Genugthuung zu fodern. Mein gutes Gewiſſen gab mir Ruhe genug zu fragen, ob man nichts von Adelaiden wiſſe?—„Sie iſt, wie ich nicht anders weiß, heute mit einem Compagnieſchiff nach dem Cap abgereiſet,“ ſagte die juͤngere Dame. Ich bemerkte bald, daß ſie dies unter einigen Zuͤgen boshafter Freude ſagte; ich erinnerte mich, daß dieſe Familie unter die gehoͤrte, denen ich durch eheliche Verbindung willkom⸗ men geweſen waͤre. Da gab mir jetzt mein beſſerer Genius ein, einen großen Theil des Geſagten auf den Verdruß zu rechnen, den ich dieſen und mehreren Haͤuſern durch meine Liebe zu Adelaiden gemacht hatte. Dieſe Ueberzeugung gab mir jenes Selbſtgefuͤhl, je⸗ nen Stolz wieder, der Niemanden ſo gut kleidet, als einen unſchuldig verfolgten. Meine Vertheidigung war daher ganz die Ver⸗ theidigung deſſen, der mit ſich ſelbſt zu⸗ frieden ſeyn kann und dem es eins iſt, ob andere eben ſo von ihm denken oder nicht. —„Wie geſagt!“ fuhr ich fort.„Noch heute will ich nach Batavia und Goͤtt ſey dem meiner Feinde gnaͤdig, der mir vor die Klinge kommt!“ Ich bat meinen Wirth, mir Fuhr⸗ werk zu verſchaffen; er, uͤberzeugt von meiner Unſchuld, gab es mir gern und wuͤnſchte mir von Herzen, daß das furchtbare Gewitter, das uͤber meinem Haupte ſchwebe, ſich bald in heitern Sonnenſchein umwandeln moͤge. Es war Abend, als ich in Batavia ankam. Mein erſter Gang war nach meinem Hauſe, um mich anders zu kleiden; denn ich wollte auch nicht eine Minute verſaͤumen, in der ich den Gouverneur ſprechen koͤnne. Aber vor meiner Stubenthuͤr ſtand ein Soldat auf Poſten; die Thuͤre ſelbſt var verſchloſſen und mit einem großen Siegel belegt.—„Was ſoll das?“ rief ich; ſchob den Soldaten auf die Seite und zerſchmetterte mit einem hef⸗ tigen Tritt die Thuͤre, daß ſie mitten in die Stube flog. In der Geſchwindigkeit wark ich mich in eine der Uniformen, die ich als — 168— Anfuͤhrer der Truppen hatte; ich ſteckte ein Paar geladene Piſtolen in die Schaͤrpe, ſchnallte den Degen um und befahl dem Soldaten, Nie⸗ mand in's Zimmer zu laſſen. So ging ich. Schon unterweges begegneten mir mehrere meiner Bekannten; alle wichen mir aus. Es ſchien, als wolle Niemand den Landes⸗ verraͤther kennen. Meine Ankunft in der Stadt, auf die man freilich nicht gerechnet hatte, mußte dem Gouverneur ſchon gemeldet ſeyn. Vor dem Pallaſte ſtand die Wache und verwehrte mir den Eintritt. Ich zog den Saͤbel.—„Wer hat außer mir zu be⸗ fehlen?“ rief ich.„Gewehr bei Fuß! und Marſch in die Wachtſtube!“— Der Lieute⸗ nant, ein blutjunges Buͤrſchchen, ſchien Beden⸗ ten zu tragen, ob er mir gehorchen wolle? Ich nahm das Sponton aus ſeiner Hand— „Ihr geht den Augenblick mit Eueren Leuten in die Stube, oder ich durchbohre Euch!“ Ob er's that, oder nicht that, war mir einer⸗ lei— ich warf ihm das Kurzgewehr in die Arme und ſo ging ich durch den Palaſt, Nichtswuͤrdigen zur verdienten Strafe zu zie⸗ — 169— wo alles mir furchtſam aus dem Wege ging, nach dem Saale des Gouverneurs. Er war mit Beſuchenden angefuͤllt, von denen keiner, außer dem Gouverneur, zu wiſſen ſchien, wie er ſich in dieſer ganz eigenen Lage zu nehmen habe. Die Fremden beſtanden groͤß⸗ tentheils aus jenen Officieren, die ich weg⸗ gejagt hatte. Kaum wuͤrdigte ich die Elen⸗ den eines Blickes. Mit dem Zeichen der militairiſchen Gebraͤuche trat ich vor den Gouverneur und meldete mich. Er ſchwieg. Jetzt fing ich an, uͤber das ſonderbare Beneh⸗ men zu ſprechen, daß man, ohne mir ein Wort zu ſagen, Frieden mit dem Feinde ge⸗ macht habe; daß man mich, um dieſen Frie⸗ den wahrſcheinlich von meiner Seite nicht gehindert zu ſehen, verraͤtheriſcher Weiſe in meinem Zelte, mitten unter meinen nachlaͤſ⸗ ſigen und den Tod verwirkten Wachen uͤber⸗ fanen und gemißhandelt habe, und, daß ich jetzt darauf antrage, unter des Gouverneurs Vorſitz ein Kriegsrecht zu halten, um jene hen. Von jenem Geruͤchte das ſo ſchwer ſo ſchaͤndlich uͤber mich im Schwange ging, er⸗ waͤhnte ich kein Wort. Dann trat ich jenen Officieren naͤher:„Wer giebt Ihnen Erlaub⸗ niß, in einer Uniform zu erſcheinen, die Sie durch Ihr nichtswuͤrdiges Benehmen beſchimpf⸗ ten? Ich bin Anfuͤhrer und als ſolcher befehle ich Ihnen, die Uniform auszuziehen und das den Augenblick!“ Nun wendete ich mich wieder an den Gouverneur. Ich umarmte ihn und be⸗ merkte mit Fleiß nicht, wie aͤngſtlich ihn dieſe Freundſchaft, wie verlegen ihn dieſe Freude machte.„Jetzt bin ich wieder da, Freund!“ ſagte ich.„Ich habe ſonderbare Abentheuer gehabt. Der Kaiſer von Surcarto oder von Mataro, denn ich weiß auf Ehre nicht, bei welchem von Beiden ich Audienz hatte, wird an mich denken. Aber den hundsfoͤttſchen Frieden mußtet Ihr nicht machen, Freund! Donner und Wetter, Herr Bruder, das ganze Land war unſer! Und welch ein Land? Fu⸗ derweiſe haͤtten wir die ſchoͤnſten Zahlperlen — — holen kaͤnnen! Mit gediegenem Golde haͤtten wir die Kanonen beſchlagen; aus Silber die Anker machen koͤnnen! Denkt Euch, bei San⸗ del⸗ und Zimmtholz kochte das Volk. Na, ſo wirds Euch nicht wieder geboten!“— Meine Aeußerungen mußten um ſo mehr Eindruck machen, je heiterer die Miene, je lebhafter mein Vortrag war.— Ich fuhr fort:„Steckt etwa der Kaiſer mit in dem Komplott, das gegen mich gemacht iſt, ſo geht der Tanz von neuem an. Ich nehme ein Corps Freiwilliger und ſetze meinen Kopf zum Pfande, bei unſerer Nuͤckkehr ſoll der geringſte Packknecht fragen koͤnnen:„Wie theuer iſt Batavia? Ich will's kaufen!“ Doch, nun auf etwas anders zu kommen: Ich ſehe ja meine Adelaide nicht? Wo iſt ſes Wo iſt Ihre Gemahlin?“. So wie einem Soldat kein ſchoͤnerer Anblick ſeyn kann, als ein Haufen Feinde, die ſein Arm in die Flucht; ſchlug ſo hat der Muthige kein groͤßeres Vergnuͤgen, als wenn — 172— er eine Gruppe Verlegener um ſich erblickt. Dieſe Freude genoß ich; denn in der That, ich ſah nie eine groͤßere Verlegenheit. Die eignen Vorwuͤrfe, die jeder fuͤhlte, und der X Ernſt, mit dem ich auf Beſtrafung jenes — D Dienſtfrevels beſtand, machte mich um ſo furchtbarer, ie mehr, nach meinen Aeußerungen der Eigennutz und die Begierde nach jenen Reichthumern geweckt wurde. Ich ſah alle nach der Reihe an. Keiner erwiederte mei⸗ nen feſten Blick; geſchweige, daß Einer auch nur ein Wort geſagt haͤtte. Nach einer kur⸗ zen Pauſe ſagte mir der Gouverneur, daß Adelaide geſtern mit dem Compagnieſchiff: die Hoffnung, nach dem Cap abgereiſet ſey, und daß ſie nach Europa zuruͤckwolle.— Ich ſpielte den Erſtaunten, der erſt das Ganze fuͤr einen Scherz unter vertraueten Freunden haͤlt. Seine fernern Verſicherun⸗ gen uͤberzeugten mich.„Aber, Freund,“ ſagte ich in hoͤchſter Verwunderung,„wie kam denn Adelaiden der unerwartete Entſchluß ſo geſchwind? Warum ſagte ſie mir, mir, ihrem 8 473— Verlobten nichts? Hielt ſie mich etwa fuͤr 8 verloren; dann muß ich aufrichtig geſtehen, hat ſie wenig von dem Muthe, von der Gei⸗ ſtesgegenwart und von dem Gluͤcke der preu⸗ ßiſchen Officiere gehalten. Unſer einer kommt uͤberall durch.“—„Je nun, Freund, es iſt eine eigene Sache. Adelaidens Ruͤckreiſe machte ſich noͤthig.“—„Was Teufel, Gou⸗ verneur, machte ſich noͤthig? Doch ich ſehe, hinter dem Ganzen ſteckt etwas, womit Sie, Freund, hinter dem Berge halten. Ich werde zu Ihrer Gemahlin gehen; von der erfahre ich alles!“ Ich kehrte mich um— der Gouverneur faßte meine Hand.„Freund, Sie ſollen alles wiſſen,“ ſagte er.„Wer ſo viel Muth hat wie Sie, wird ja auch ſeine Neugierde be⸗ herrſchen koͤnnen.“—„O das kann ich ſehr gut. Nur muß ich ernſtlich darauf beſtehen, morgen alles zu erfahren. Noch eins!“ fuhr ich fort.„Vor meiner Stube ſtand ein Po⸗ ſten; uͤberdies war mein Zimmer verſiegelt, 4 4— 174— Daß ich Beides nicht reſpektirte, verſteht ſich von ſelbſt. Aber wiſſen moͤchte ich, wem ich dieſe unerwartete Aufmerkſamkeit zu verdan⸗ ken habe?“— Der Gouverneur ſchwieg einen Augenblick.„Auch daruͤber ſollen Sie Aus⸗ kunft haben. Morgen, oder uͤbermorgen, wenns gelegene Zeit iſt.“—„Nein!“ fuhr ich auf.„Das iſt Dienſtſache, von der meine Ehre abhaͤngt. Ich komme hierher, um mit Ehre mein Commando niederzulegen. Aber fuͤr dieſen Augenblick bin ich noch Anfuͤhrer und als ſolcher befehle ich Erklaͤrung!“— „Nun, Freund, wenn Sie darauf beſtehen,“ fing der Gouverneur an,„ſo leſen Sie, Herr Sekretair, das Protokoll der letzten Sitzung 8 der Hochmoͤgenden vom ſechſten hujus vor.“ In der gedruͤckten Stellung eines Kraͤmers eines kleinen Staͤdchens, der beſorgt, daß ihm ein vortheilhafter Handel entgehe, trat der Secretair vor und entfaltete ein großes Pa⸗ pier.—„Ach Gott! daß ich meine Brille auch gerade heute vergeſſen muß!“ ſagte er, alle Taſchen, die er an ſich hatte, — 175— durchſuchend. Der arme Menſch zitterte vor Angſt.—„Geben Sie her!“ rief ich und riß ihm das Papier aus den zitternden Haͤn⸗ den. Ich fing laut an zu leſen:„Abgefafites Urtheil wider den des Landesverraths uͤberführ⸗ ten.“— Da hatte ich wahrlich nicht erſt noͤthig, die Miene des Wuͤthenden zu erheucheln. Ich war's und wurde es immer mehr, je weiter ich mit Muͤhe las. Ganz außer mir blickte ich nach der Unterſchrift; der Zufall wollte, daß gerade einer von denen, denen ich am wenigſten zu trauen hatte, ſeinen Namen oben an geſetzt hatte. Mit einer Wuth, die mit nichts zu vergleichen war, zerriß ich das Papier, warf dem, deſſen Namen ich gefun⸗ den hatte, und der gegenwaͤrtig war, die Stücken in's Geſicht, ihn ſelbſt packte ich vor die Bruſt, warf ihn mit Rieſenkraft zu Baden und mit den Worten:„Infamer See⸗ lenverkaͤnfer! Du ſollſt nicht wieder einen Schurkenſtreich begehen!“ riß ich das eine Piſtol aus der Schaͤrpe, als mehrere mir in den Arm fielen. Das Piſtol ging los; die — 176— Kugel zerſchmetterte den Spiegel des Saales. Alles ſprang erſchrocken zuruͤck.—„Gut!“ rief ich aus.„Von dieſem Augenblick bin ich Arreſtant.“ Ich warf Saͤbel und Piſtol auf den Tiſch. Alle Anweſenden entfernten ſich furchtſam von dem Tiſche, auf dem mei⸗ ne Waffen lagen, und zogen ſich auf die an⸗ dere Seite des Saales.—„Fch beſtehe,“ fuhr ich fort,„auf die ſtrengſte Unterſuchung. Aber Wehe! Wehe allen Schurken!”“— Mieine Wuth hatte ſchon angefangen ſich zu entladen. Ich warf mich auf einen Stuhl. „Nicht vom Platze gehe ich, ehe mir nicht mein Arreſt angewieſen wird,“ ſagte ich. Al⸗ les war verlegen; ſelbſt der Gouverneur war es, als ſich die Thuͤr oͤffnete und des Gou⸗ verneurs Gemahlin, die in einem nahen Zim⸗ mer mit den Befehlen zur Anrichtung eines Abendeſſens beſchaͤftigt, jenen Schuß und das Klirren des zerſchmetterten Spiegels gehoͤrt hatte, erſchrocken und zitternd ſich mir nahete. „Um Gotteswillen, Herr Bruder, was fan⸗ gen Sie an?“ Vor Schrecken zitternd und — 177— weinend reichte ſie mir die Hand. Ich ſtand auf. In welchen Redensarten ich der Treff⸗ lichen meine Lage ſchilderte? Wie koͤnnte ich mich deſſen erinnern? Nur das weiß ich; nur darin ſehe ich die Holde immer noch vor meinen Augen, wie ſie ihrem Manne unter Thraͤnen und mit ſchonendem Ernſt ſagte: „Habe ich das nicht immer behauptet? Wie konnte man dieſem Manne ein ſolches Ver⸗ brechen andichten?“ Sie wandte ſich zu mir. „Ich verdenke es Ihnen nicht, Freund, wenn Sie aufgebracht ſind. Aber, ich bitte Sie, ſuchen Sie ſich zu faſſen. Es ſoll Ihnen die groͤßeſte Genugthuung werden. Beſorgen Sie nichts. Sie waren hier nicht in einer geſetzmaͤßigen Verſammlung der Hochmoͤgen⸗ heit; Sie ſind in einem Kreiſe, in einem ge⸗ ſellſchaftlichen Zirkel unſerer Gaͤſte, und da iſt's kein Staatsverbrechen, wenn jemand ſich fuͤhlt.“— Aufrichtig geſagt, dieſe Worte beruhigten mich um ein Großes. Haͤtte ich mich in einer ſtatutenmaͤßigen Verſammlung der Hochmoͤgenden ſo von meinem Zorn auf⸗ II. 12 3 .— 178— bringen laſſen, ein Protckoll zu zerreißen oder gar gegen einen meiner Richter Gewalt zu gebrauchen, ſo war mein Todesurtheil unter⸗ ſchrieben. Der ſchmerzhafteſte und beſchim⸗ pfendſte Tod, mit allen den Qualen, die die Regierung von Batavia gegen Verbrecher gefuͤhllos geſtattet, wuͤrde mein Loos geweſen ſeyn. Herzlich froh war ich, ohne mir es merken zu laſſen, daß ich in dieſer Hinſicht ſicher war, und daß mein in der That toll⸗ kuͤhnes Betragen im Grunde dazu biente, meinen Feinden einen neuen Beweis meines unbegraͤnzten Muthes zu geben. An der Hand der Gemahlin des Gouverneurs ging ich im Saale auf und nieder; ſie gab mir meinen Degen wieder.„Sie ſind nicht Ar⸗ reſtant,“ ſagte ſie ſanft laͤchelnd.„Sie ſind nach wie vor unſer Freund. Hier in dieſer Geſellſchaft moͤchte Ihnen das Abendbrodt nicht ſchmecken; auch fuͤrchte ich, Sie moͤch⸗ ten es Andern verderben. Sie eſſen mit mir auf meinem Zimmer. Ich habe Ihnen ſo manches von Adelaiden zu fagen!“— Mit — 179— dieſen Worten empfahl ſie ſich der Geſellſchaft; auch ich that es, und ſo ſaß ich wenige Minuten nachher neben der Edelſten aller Frauen. 4 Mehr, um mir die eben vergangene Stunde aus dem Gedaͤchtniß zu verwiſchen, als vielleicht meine Begebenheiten zu wiſſen, mußte ich ihr erzaͤhlen, wie es mir gegungen war; und ſo kam ich denn auch natuͤrlich auf den Moment meines Abentheuers, in wel⸗ chem ich jenen Juͤngling gefunden und geret⸗ tet hatte. Kaum aber nannte ich den Na⸗ men Graaf— ſo hieß die Familie— als die Gouverneurin in die Haͤnde ſchlug.— „Aus der Familie retteten Sie einen?“— „Nun ja. Wie kann Ihnen das ſo auffal⸗ len?“—„Weil gerade dieſe am meiſten an Ihrer fonderbaren Lage Urſach iſt.“— Ich ſelbſt fuͤhlte, wie dieſe Erfahrung mir aufſtel. Ich erinnerte mich des Benehmens der Mut⸗ ter und Schweſter meines Reiſegefährten und dies mußte freilich ſehr viel beitragen, das — 180— Ganze außer Zweifel zu ſetzen. Die Gemah⸗ lin des Gouverneurs, die ſonſt wahrlich nicht zu denen gehoͤrte, die jede Neuigkeit wiſſen, ſetzte mir das alles ſo deutlich aus einander, daß ich haͤtte blind ſeyn muͤſſen, wenn ich hier nicht haͤtte alles durchſehen wollen. Schon fruͤher— ich ſage dies nicht, um ſtolz zu ſcheinen— hatte die Tochter dieſes Hauſes — eben die, die ich nachher auf jener Plan⸗ tage traf— mich ihrer Liebe werth gefun⸗ den. Sie hatte unvermerkt es darauf ange⸗ legt, die Meinige zu werden; da meine Aus⸗ ſichten von der Art waren, daß ich einem Maͤdchen jedes Standes meine Hand antra⸗ gen konnte. Ich entging dieſen Schlingen durch Entfernung von jener Familie; meine Liebe zu Adelarden machte vollends der Sa⸗ che ein Ende. Es mußte ſich fuͤgen, daß der Mutter Bruder der erſte jener Officiere war, den ich vor der Fronte wegjagte. Natuͤr⸗ lich mußte dies ihren Zorn reizen; mußte dies ihre Rachbegierde auf das Hoͤchſte rei⸗ zen. Die Familie wußte— Gott weiß auf — 181— welchen Wegen!— einen der Anfuͤhrer des feindlichen Heeres ſo weit zu bringen, daß er zu dem Verraͤtherſtreiche, der mir geſpielt wurde, die Hand bot. Noch mehr. Was in einem europaͤiſchen Heere nur gedacht, ſchon ein Todes werthes Verbrechen iſt, wurde hier zur Ausfuͤhrung gebracht. Beſtochene Leute ſtanden auf Poſten vor meinem Zelte; Verkleidete holten mich ab; an die Leute jenes feindlichen Anfuͤhrers wurde ich durch teufliſche Raͤnke ausgeliefert; dem Kaiſer war ich als Urheber des Krieges geſchildert; mein Tod oder doch wenigſtens meine lebenslaͤng⸗ liche Sklaverei war beſchloſſen; der ganze Plan wuͤrde gelungen ſeyn, haͤtte ich nicht in Tonny einen rettenden Engel gefunden, und haͤtte ich nicht den Muth gehabt, eine kuͤhne Flucht zu wagen. Dies erfuhr ich dieſen Abend. Ich uͤbergehe die weitere Unterre⸗ dung uͤber das Benehmen des Gouverneurs, uͤber das Urtheil der Hochmoͤgenheit, uber die Stimme der Stadt; ich wußte und ſah, wie theilnehmend die Gouverneurin war; ich erkundigte mich nach Adelaiden.—„Was die Arme gelitten hat, glauben Sie kaum,“ ſagte die Gouverneurin.„Es war ihr un⸗ moͤglich, die Schadenfreude, die Bosheit und die Verlaͤumdungen laͤnger anzuſehen und anzuhoͤren. Sie iſt mit dem Compagnie⸗ ſchiff: die Hoffnung, nach dem Cap gereiſet und will nach Europa zuruͤck. Aber ſie iſt abgereiſet mit der vollkommenſten Ueberzeu⸗ gung Ihrer Unſchuld; mit dem gluͤhendſten Glauben, daß alle die Geruͤchte falſch ſind. Ich vergaß Ihnen zu ſagen, daß Ihre Feinde Sie beſchuldigten, daß Sie Land, Stadt und Armee verrathen haͤtten und daß Sie, da man durch einen Zufall Ihren Plan erfah⸗ ren, ſich durch die Flucht gerettet haͤtten.“— „Und das glaubte man?“—„Ja. Nicht nur das zuruͤckkommende Militair, ſondern die ganze Stadt glaubt es.“—„uUnd die Stadt, wie die Armee ſollen bald anders von mir denken; mogen auch ein Dutzend Schur⸗ ken bluten muͤſſen.— Alſo— Adelaide iſt abgereiſet? Nun, der Naͤcher der Unſchuld — 18383— wird ſie wieder in meine Arme fuͤhren.— Wann geht wieder ein Schiff nach dem Cap: Ich werde Adelaiden ſchreiben und bitte Sie, einige Zeilen beizulegen. Gott iſt mein Zeuge, wie gern ich dieſen Augenblick Ade⸗ laiden folgte; aber, meine Ehre muß mir mehr werth ſeyn. Mein ganzer ehrliche Name ſteht auf dem Spiele; alles muß erſt unterſucht, alles erſt entſchieden ſeyn. Ich ſchmeichle mir gewiß mit der Hoffnung, Sie werden meine Bitte um Beſchleunigung bei ihrem Herrn Gemahl unterſtuͤtzen.— Du ſollſt Dich in mir nicht getaͤuſcht haben, Adelaidel Bei Gott nicht— Die Gou⸗ verneurin verſprachs und— hielt Wort.— Spaͤt in der Nacht fuhren die Gaͤſte fortz ich hoͤrte das Raſſeln ihrer Wagen. Da trat der Gouverneur in mein Zimmer.— „Sie haben ja Arreſt verlangt,“ ſagte er laͤchelnd.„Ich hielte fuͤr gerathen, Sie naͤh⸗ men ihn hier in meinem Pallaſte. Dies⸗ Zimmer ſey Ihr Gefaͤngniß; denn, aufrichtig geſagt, ich fuͤrchte fuͤr Ihr Leben, weun ich — 184— Sie frei gehen laſſe. Ein Meuchelmoͤrder iſt bald gedungen; ein Mord iſt bald voll⸗ bracht. Morgen wird die Unterſuchung Ih⸗ rer Sache anfangen.“—„Gut; und wenn wird ſie endigen? Ich muß ſehr bitten zu ei⸗ len; auf meiner Ehre darf ein Flecken die⸗ ſer Art nicht lange haften.“—„Seyn Sie ohne Sorge. Nur bitte ich Sie ernſtlich, ruhig zu bleiben. Thun Sie es ſich und mir zur Liebe.“—„Sehr gern, wenn die Sache nicht zu lange dauert; ſonſt ſtehe ich, bei dem allmaͤchtigen Gott! nicht dafuͤr, daß ich die Schurken niederſtoße, wo ich ſie finde!“⸗ — Ich blieb in des Gouverneurs Pallaſte; meine Sachen wurden dahin gebracht, und ich fand zu meiner groͤßeſten Beruhigung ſehr bald, daß man in kurzer Zeit anders von mir urtheilte, daß bei weitem der groͤßere Theil der Einwohner Batavia's von dem Ungrunde dieſer Verlaͤumdung uͤberzeugt war. Aber dies alles konnte mir noch nicht genug ſehn. Meine Ehre mußte durch Ausſpruch der Richter, durch oͤffentliche Beſtrafung mei⸗ — 185— ner Verlaͤumder gerechtfertigt werden. Und gerade das war es, womit man 354eete Zwei Wochen war ich in Batavia und freilich war mir der Schneckengang dortiger Gerichte unbekannt— noch war ſo wenig, als moͤglich geſchehen. Ich trug immer noch die Uniform des Anfuͤhrers; als es mir ein⸗ fiel, der Sache ein ruhmvolles Ende zu ma⸗ chen. Ich außerte gegen den Gouverneur, daß ich ſimmer noch im Range des Anfuͤh⸗ rers ſtehe. Er gab mir Recht.—„Denn erlauben Sie mir,“ fuhr ich fort,„morgen der Sitzung, die uͤber mich entſcheidet, beizu⸗ wohnen.“—„Weshalb?“—„Aufrichtig ge⸗ ſagt, Herr Gouverneur, die liebe Juſtitz geht hier einen Schritt, als folge ſie einer Leiche. Ich finde noͤthig, ſie etwas in Geſchwind⸗ ſchritt zu bringen. Und das koͤnnte morgen geſchehen.“— Der Gouverneur laͤchelte. „Laſſen Sie das unterwegens, Freund!“ ſagte er.„Sie verderben damit mehr, als Sie nuͤtzen.“— Die Gouverneurin ſagte eben dies.— Ich ließ mich bereden; und das um — 186— ſo eher, je weniger ich eigentlich beſtimmt wußte, was ich in der Verſammlung hochmoͤ⸗ gender Richter wollte; je mehr ich bedachte, daß jede Gewaltthaͤtigkeit— und ohne die ging es nicht ab— meiner Sache nachthei⸗ lig werden mußte. Es waren einige Wochen verfloſſen— Adelaide konnte ſchon einen ſehr betraͤchtlichen Theil ihrer Reiſe zuruͤckgelegt; ſie konnte vielleicht gar meinen Brief ſchon erhalten haben, in welchem ich ſie bat, auf dem Cap zu bleiben, wo ich ſie nach ausge⸗ machter Sache abholen wolle. Ich hatte jetzt wirklich Urſach, mit dem Gange meines Proceſſes zufrieden zu ſeyn; meine Feinde waren ganz kleinlaut und ſprachen ſchon von reichen Geſchenken, mit denen ſie meine beleidigte Ehre beſchwichtigen wollten. Da gehe ich mit der Gouverneurin am Garten⸗ ſtrande auf und nieder. Im Geſpraͤch begrif⸗ fen, merke ich kaum auf die Annaͤherung eines Mannes, der ganz das Anſehen eines Ungluͤcklichen aus einem hoͤhern Stande hat. Er nahet ſich uns mit jener anſtaͤndigen Be⸗ —-— 187— ſcheidenheit, mit jener ſchuͤchternen Verlegen⸗ heit, die es bewies, daß er vielleicht zum erſten Male Unterſtuͤtzung und Huͤlfe bei Andern ſuche. Die Thraͤnen traten in ſeine Augen, da er anfing zu ſprechen.—„Wer ſind Sie?“ fragte ich.—„Kaufmann und jetzt Bettler. Mein ganzes Vermoͤgen verſchlang das Meer. Hier dieſe Papiere werden Ihnen beweiſen“⸗ —„Ich glaube Ihnen auf Ihr Wort, mein Herr“ fagte ich.„Wo ſind ſie verun⸗ gluͤckt?*—„Am Eingange der Straße Sunda, neben Prinzen⸗Inſel.“— Ich ſuchte jetzt einen Dukaten hervor, ich wollte ihn dem Ungluͤcklichen geben, als die Gou⸗ verneurin fragte:„Wann war dies?“— „Vor vierzehn Tagen.“—„Wie hieß Ihr Schiffe“—„Die Hoffnung, beſtimmt nach dem Cap, gefuͤhrt von dem Kapitain Jan⸗ ſen.“—„Heiland der Menſchen, erbarme Dich!“ rief die zitternde Gouverneurin. „Auf dieſem Schiff war meine Schweſter!“ —„O Gott!“ ſeufzte der Ungluͤckliche,„daß ich gerade an Sie kommen muß! Ja. Ein * — 188— Fraͤulein, die Schweſter des Herrn Gouver⸗ neurs war mit zwei Mohrinnen auf dem Schiffe.“— Der Mann ſchlug die Augen nieder; ich las auf ſeinem Geſichte, wie ſchmerzhaft es ſeinem Herzen war, uns eine Nachricht dieſer Art bringen zu muͤſſen. Ich mußte mich faſſen; wenigſtens mußte ich, um die einer Ohnmacht nahen Gouverneurin zu unterſtuͤtzen, den Schein der Faſſung anneh⸗ men.—„Aber das Fraͤulein iſt doch geret⸗ tet?“— Der Mann ſchwieg weinend ſtill. Ich wiederholte die Frage.—„So wenig wie meine beiden Kinder. Das Boot ſchlug mit ihnen uͤber einer Brandung um. Nur zwei Leichen trieben an's Ufer. Meine Kin⸗ der waren nicht dabei. Gott mag wiſſen, zwiſchen welchen Felſen ſie eingeklemmt lie⸗ gen!“ Von der ganzen Beſatzung ſind nur ſechs Menſchen gerettet; das ganze Schiff iſt mit der Ladung verloren.“— Natuͤrlich, daß ich allein nur dieſe Erzaͤhlung anhoͤrte; denn die Gouverneurin ſtand leichenblaß an mich gelehnt da; ich hatte ihren Zuſtand nicht ein⸗ mal bemerkt, ſo beſchaͤftigte mich die ſchreckli⸗ che Geſchichte dieſes mich ſo hart rreſſenden Schlages. Der Ungluͤckliche begleitete uns in den Pallaſt; wir wollten dem Gouverneur, ſo bald er aus der Verſammlung käme, die Ge⸗ ſchichte entdecken; aber— er kam fruͤher, als wir erwarteten. Die Miene, mit welcher er eintrat, belehrte uns, daß er das traurige Loos ſeiner trefflichen Schweſter ſchon wiſſe. Gerade heute war von Bantam aus der Be⸗ richt dieſes Schiffbruches an das Collegium der Rheederey geſandt.— Ich uͤbergehe die Geſchichte dieſer fuͤr mich ſo ungluͤcklichen Tage. Wir waren alle, alle zu ungluͤcklich, zu gebeugt; jeder unter uns hatte an der Trefflichen zu viel verloren; keiner konnte ſich, keiner konnte den andern beruhigen. Der Sturm in unſern Herzen war zu ſtark, als daß irgend etwas Hoffnungerregendes haͤtte 4 aufkeimen und haften koͤnnen. Ich beſon⸗ ders fuͤhlte meinen Verluſt ſo ſtark, daß ich, — 190— man kann es mir auf mein Wort glauben, ſogar gegen den Ausgang meiner Sonhe ganz gleichguͤltig wurde. Mein Schmerz machte mich großmuüͤthig; ich erklaͤrte dem Gouverneur, daß ich mich mit einer muͤndlichen Ehrenerklaͤrung meiner Feinde begnuͤge, wenn eine Abſchrift davon den Ad⸗ miralitaͤtsjournalen beigefuͤgt wuͤrde. Fuͤr Rache war mein Herz zu gebeugt. Ich ſah mit Freuden, wie gern meine Feinde— die mich um ſo mehr fuͤrchteten, je mehr die Feigen ſahen, daß die Menge jetzt ganz an⸗ ders von mir urtheilte— dieſen Vorſchlag zur Ausſoͤhnung mit beiden Haͤnden dankbar ergriffen. Natuͤrlich, daß ich die gefangen ge⸗ ſetzten Poſten vor meinem Zelte, die auf Be⸗ fehl ſo gehandelt hatte, ſogleich entließ. Meine Großmuth, und man rechnete ſie mir hoͤher an, als ſie es vielleicht verdiente, da ſie mehr Folge meines Verluſtes, als eine Wirkung gediegener Grundſäͤtze war, erwarb mir um deſto mehr Achtung, da der in Batavia vor⸗ — 191— heurrſchende Kaufmannsgeiſt das Große in meinem Benehmen zu wuͤrdigen nicht im Stande war. Freundſchaft— ich muß es aufrichtig geſtehen— ſchien es darauf anzu⸗ legen, mir erſetzen zu wollen, was Liehe mir verſagt hatte.— 3 Traurig und immer trauriger wurden mir die Tage in Batavia; ſie mußten es um ſo mehr werden, da ich meinen Poſten, als Commandant abgegeben hatte und nun ge⸗ ſchaͤftslos war, wie ich hoffnungslos war. Mein einziges war der Spaziergang am Strande; es erregte in mir eine gewiſſe⸗weh⸗ muͤthige Freude, das Element zu ſehen, das mir meine Adelaide geraubt hatte. Jede Wele, glaubte ich, habe die Ungluͤckliche als Leiche beſpuͤhlt. Dann konnte ich ſtunden⸗ lang ſitzen und mir meine Adelaide denken, ihren Verluſt beweinen und mich nach reich⸗ lichem Erguß der Thraͤnen leichter fuͤhlen. Go ſaß ich auch eines Morgens, als ſich eine Zigennerfamilie mir naͤherte; ſie beſtand aus — 4192— einer Frau und einigen Kindern. Die letz⸗ tern baten um ein Almoſen. Reichlich gab ich ihnen und freuete mich der Freude, mit der ſie ihrer Mutter den Thaler zeigten. Die Alte trat mir naͤher.„Gott belohne Dir, was Du meinen Waiſen thateſt,“ ſagte ſie. „Du haſt ſeinen Beiſtand noͤthig gehabt. Du wirſt ſeiner noch mehr beduͤrfen.“— „Wie jeder Menſch, Alte.“—„Aber keiner wie Du. Zeige mir Deine Hand, blanker Bruder.“— Ohne zu wiſſen, warum? that ich's. Kopfſchuͤttelnd betrachtete ſie die Zuͤge. —„Eine hohe Abſtammung! aber— ſie bringt Dich in Lebensgefahr! Deine Kind⸗ heit war eine Reihe von Gefahren, Deine Jugend eine Kette von Abentheuern, als Mann wirſt Du noch mehr tragen muͤſſen, aber der Abend Deines Lebens wird durch Blutsverwandtſchaft der gluͤcklichſte.— Ich erſchrak. Der Alten Worte wirkten ſo auf mich, daß ich gedankenvoll den Blick zur Erde kehrte. Jetzt wollte ich die Zigeunerin nach mehrerem fragen. Sie war verſchwunden; -— 193— ich ſah ſie nirgends, obgleich auf eine ziem⸗ liche Weite kein deckendes Geſtraͤuch zu fin⸗ den war. Ernſterer Gedanken voll ging ich zu Haus.— 3 Mir wurde, und Jedem in meiner Lage moͤchte es ſo gegangen ſeyn, der Aufenthalt in Batavia mit jedem Tage mehr zuwider. Mochte die Familie des Gouverneurs alles Moͤgliche thun, mich nur erſt wieder ruhiger zu ſehen; mochten die Beſſern der Bewohner dieſer Stadt gleichſam wetteifern, mich jenen Verluſt vergeſſen zu machen; es war mir immer, als haͤtte der Ort Schuld, wenn ich nie zu meiner Ruhe, zu meiner Feſtigkeit wieder gelangen konnte. Alles was mich um⸗ gab, erinnerte mich zu ſehr an Adelaiden; ich beſchloß eine Stadt zu verlaſſen, in der mir jetzt alles zuwider war. Wohin ich eigent⸗ lich wollte? das wußte ich nicht; im Grunde genommen war es mir einerlei, wohin das Schickſal mich triebe. Ich beſchloß abzureiſen, und zwar voͤllig auf's Gerathewohl. Es gin⸗ II. 13 — 194— gen damals eine Anzahl Schiffe auf Entdek⸗ kungen aus— ich wollte mich auf ein ſol⸗ ſches Schiff geben; der Gouverneur widerrieth mir dies. Seine Gruͤnde ſchienen mir ge⸗ wichtig genug zu ſeyn; ich entſagte dieſem Plane.— Noch immer voll Vorliebe fuͤr die Jeſuiten, deren Unterrichte und Bildung ich alles zu verdanken hatte, beſchloß ich dieſe aufzuſuchen. Ich entdeckte dem Gouverneur meine Abſicht— ſie ſchien ihn faſt zu belei⸗ digen. Zum erſten Male ließ er ſich auf einen Religionsſtreit ein, den ich natuͤrlich verbat.—„Sie ſind vielleicht Indifferentiſt, dem jeder Glauben einerlei iſt?“ ſagte er empfindlich.—„Ich hoffe den Namen eines ehrlichen Mannes zu verdienen,“ war meine Antwort„Meine Eltern habe ich nicht ge⸗ kannt. Ein elterlicher Glaube iſt fuͤr mich Ungluͤcklichen etwas, an dem ich mich nicht verfuͤndigen kann. Ich bin im Schooß der katholiſchen Kirche aufgezogen. Sie hat mich gepflegt wie eine Mutter.“— Ich wollte weiter ſprechen— ich bedauere, daß ich dieſe ſchwache Seite an dem ſonſt ſo herrlichen Mann entdecken mußte— er bat mich in einer nahe an Befehl grenzenden Art, nichts mehr davon zu erwaͤhnen. Er verließ ploͤt⸗ lich das Zimmer.— Mein Blut kochte— ich ging nach einem nahen Gaſthauſe, um mich nach einem in meinen vaterlaͤndiſchen Welttheil zurückgehenden Schiffe zu erkundi⸗ gen. Ein portugieſiſches Schiff war dies Willens. Ohne weiteres verdingte ich mich auf ſelbiges und ging nur erſt noch einmal nach des Gouverneurs Pallaſte. Ich wollte den Mann der ſo, trefflich an mir gehandelt hatte, nicht ohne herzlichen Dank verlaſſen. Aber ſchon im Saale ſagte mir ein Bedien⸗ ter, daß der Gouverneur mit ſeiner Gemah⸗ lin weggefahren waͤren; daß Beide befohlen haͤtten, meine Sachen dahin zu tragen, wo⸗ hin ich ſie haben wollte und daß mir dieſe verſiegelte Boͤrſe eingehaͤndigt werden ſollte. — Ich ging auf das Zimmer, das mir ſeit meiner Zuruͤckkunft im Pallaſt angewieſen war; hier ſchrieb ich an den Gouverneut. 7 — 196— Was ich ihm ſchrieb? Es war der reinſte Erguß eines dankbaren Herzens, der aus meiner Feder floß. Natuͤrlich, daß ich jene Boͤrſe nicht nahm; ich war durch Tonny's Geſchenke reich genug— der Bediente trug meine Sachen nach dem Schiffe— nach einer Stunde wuͤrden die Anker gelichtet, bei guͤn⸗ ſtigem Winde hatten wir die Stadt bald weit hinter uns. Gedankenvoll ſaß ich auf dem Verdeck, um die Gegend noch einmal zu uͤber⸗ ſehen, als der Portugieſe ſich neben mir ſetzte. Mehr, um mich als unterhaltender Mann zu zeigen, als aus wahrer Begierde zum Spre⸗ chen fragte ich ihn, welchen Weg er zu neh⸗ men gedenke.—„Zuerſt muß ich durch die Straße von Sunda; ich habe auf Prinzen⸗ Eiland Geſchaͤfte; dann muß ich nach Goa zu dem Rector der Jeſuiten.“—„Rector der Jeſuiten?“ fragte ich und vergaß den Eindruck, den das Prinzen⸗Eiland auf mich machte.— Dem Portugieſen ſiel meine Frage, mehr noch die Art, mit der ich ſie that, auf.„Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, — 497— daß in dem praͤchtigen Goa der Hauptſit der Jeſuiten fuͤr Aſien iſt. Ich habe dort viel zu verrichten und— doch es iſt noch nicht gewiß— vielleicht muß ich, ſtatt um Afrika herum den Weg nach Europa zu machen, um Amerika fahren. Sie wiſſen doch von der großen geſegneten Miſſion der Jeſuiten in Paraguay?“—„O ja!“ ſagte ich, ob ich gleich wenig davon wußte.„Und mit Freuden begleite ich Sie; ich bin ein Zoͤgling der Jeſuiten.“— Der Kapitain hoͤrte dieſe Aeußerung mit ſichtbarer Freude an. Er verdoppelte ſeine Freundſchaft gegen mich; ich ſchien ihm von dieſem Augenblick naͤher anzugehoͤren. Im Grunde war es mir lieb, zu erfahren, daß die Jeſuiten in Goa wohn⸗ ten; ich wußte aus Erfahrung, daß die Rec⸗ toren alle Jeſuiten und alle Zoͤglinge derſel⸗ ben wenigſtens namentlich kannten; fuͤr meine fernern Ausſichten war alſo auf jeden Fall geſorgt.— Jetzt waren wir der Straße von Sunda nahe; eine Meerenge zwiſchen Suma⸗ tra und Java, die zu den gefaͤhrlichſten fuͤr - 195— die Schifffahrt gehort, an die der Schiffer mit Bangigkeit denkt. Je naͤher wir derſelben kamen, deſto ernſter wurden wir Beide; der Kapitain wurde es aus Beſorgniß des Schiff⸗ bruches; ich wurde es durch die Ruͤckerinne⸗ rung an Adelaidens Tod.— Unſere Fahrt war anfaͤnglich ſo gluͤck⸗ lich, als wir ſie nur wuͤnſchen konnten. Dind und Wetter hatten ſich vereinigt, mir den furchtbaren Anblick denſplſigten Kuͤſte, an der ich mein ganzes Gluͤck verlor, von einer angenehmern Seite zu zeigen; wir dachten gar nicht mehr an eigentliche Gefahr, als ſie ſchon uͤber unſern Haͤuptern ſchwebte. An einem der ſchoͤnen, in dieſer Gegend ſo gewoͤhnlich ſchoͤnen Abende, ſaß ich mit dem Portugieſen auf dem Verdeck; kaum bemerk⸗ ten wir eine geringe Veraͤnderung der Luft, als der Steuermann ſich uns mit den Worten naͤherte:„Noch vor Aufgang der Sonne haben wir Sturm! haͤtten wir nur erſt offenes Meer!“ Der Portugieſe konnte — 199— ſich davon nicht uͤberzeugen, ſein Steuermann bewies es ihm aus Gruͤnden und die Erfah⸗ rung bewies, daß er nicht ohne Urſach gefuͤrch⸗ tet hatte. Die Luft wurde feuchter, ſchwerer, dunkler; der Wind regte ſich in widerſpre⸗ chenden Richtungen; die See wurde unruhi⸗ ger und der Schaum auf dem Kamme der Wellen ſichtbarer. Ein fernes, dumpfes Brauſen ſchlug in unſer Ohr und das Schiff hewegte ſich in ungewiſſer Richtung ſtaͤrker, als der wet ende Matroſe voll Schrecken ausrief:„Bran ung! Brandung! kaum noch Ankertaulaͤnge entfernt!“— Es war, als ab wir dies nur noch ſehen ſollte, denn im naͤchſten Augenblicke umgab uns dicke Finſter⸗ niß und der Sturm nahm immer furchtba⸗ rer heulend mit jedem Augenblicke zu. Wir, die nicht auf's Verdeck gehoͤrten, krochen füͤrchtend in die Kajuͤte. Bloß der Gegen⸗ wart des Geiſtes und dem angeſtrengten Fleiße des Steuermannes hatten wir es zu verdanken, daß das Schiff nur wenige Schritte von jener Brandung entfernt, eine — 200— kurze Wendung machte, bei der freilich alles in der Kajuͤte uͤber einander ſtuͤrzte.— Viel hatte dies Manoͤuvre fuͤr den Augenblick geholfen; wenig fuͤr's Ganze. Denn kaum freueten wir uns dieſer Gefahr entgangen zu ſeyn, als das Schiff ſchwankend feſtſaß, und kaum dem Andrange der brauſenden, uͤber das Verdeck hinſchlagenden Wellen widerſtehen konnte.— Der Kapitain befahl das Boot auszuſetzen— wir ſprangen hinein und trie⸗ ben in der dicken Finſterniß fort, ohne zu wiſſen, in welcher Gegend wir das Land er⸗ reichen wuͤrden, das, nach unſerer Fahrt zu urtheilen, nicht ſehr weit entfernt ſeyn konnte. Da ſahen wir mit einem Male ein Licht— es wurde immer groͤßer und ſehr bald bemerkton wir, daß es eine gut unter⸗ haltene Flamme ſey, die freilich der Wind hin und her trieb.„Wir ſind nicht weit mehr vom Walle!“ ſagte der Steuermann; 3 ndie See wird ruhiger und der Wind brau⸗ — 201 ſet hoch uͤber uns hin!“— Er hatte Recht; denn wir ſahen ſchon bei dem Feuer einzelne Menſchen. Angenehmer wuͤrde uns dieſer Anblick geweſen ſeyn, haͤtten wir gewiß ge⸗ wußt, daß wir nicht in die Hänbe raͤuberi⸗ ſcher, jenes Ufer bewohnender Horden gefal⸗ len waͤren. Und dennoch mußten wir trotz dieſer Beſorgniſſe geradezu auf's Geſtade hinarbeiten. Die Morgenroͤthe brach eben an, als wir durchnaͤßt und erſchoͤpft lan⸗ deten.„ Mehrere Menſchen waren am Ufer. Unſere Beſorgniß war unnoͤthig; denn dieſe Menſchen, waren ſie gleich Unterthanen des Koͤnigs von Bantam, nahmen uns mit Gaſt⸗ freundſchaft auf, da ſie Arbeiter einer Colo⸗ nie der Europaͤer waren. Sie verſtanden unſere Sprache ſehr gut. Es war jetzt Tag geworden; wir konnten das eine deutſche Meile von uns entfernte Schiff deutlich ſe⸗ hen, da die Wellen ſich ebneten. Die Be⸗ wohner erboten ſich zur Rettung des Schife — 202— fes alles beizutragen; ein Erbieten, das be⸗ ſonders der Kapitain mit dankbarer Freude anhoͤrte. „Gerade auf dieſem gefaͤhrlichen Riff ſtrandete zor einigen Wochen das Compag⸗ nieſchiff: die Hoffnung,“ ſagte einer der Leute, in deſſen Hauſe wir waren.„Aber der Schiffbruch war ungluͤcklicher. Alles ertrank bis auf wenige, die ſich hierher retteten.“ Ich hoͤrte mit blutendem Herzen die Erzaͤh⸗ lung an.„Wo ſind denn die Geſtrandeten begraben?“ fragte ich, ohne mir einer deutli⸗ chen Abſicht meiner Frage bewußt zu ſeyn. —„Dort, unter jenen Baͤumen!“ Er zeigte mir eine Reihe Baͤume.„Es waren zehn Maͤnner.“—„Waren nicht einige Kinder, war nicht ein junges Frauenzimmer dabei?“ fragte ich mit bangem Herzen.—„Wie der Himmel uns Menſchen oft rettet, wenn er will, ſo ging es auch hier.“— Ich war au⸗ ßer mir vor Erwartung; ich bat den Mann um naͤhere Erklaͤrung. Er fuhr fort.„Ein — 203— Frauenzimmer und zwei Kinder wurden ge⸗ rettet. Denkt Euch, das Meer hatte ſie mit dem Stuͤcke Maſtbaum, auf dem ſie ſaßen, an eine einzeln ſtehende Klippe geworfen. Am zweiten Tage nach dem Ungluͤck wurden ſie gerettet. Was ich in dieſem Augenblick empfin⸗ den mußte, da der treuherzige Mann mir dies ſagte, darf ich nicht beſchreibens wollen. Freude, Erſchrecken, Verwunderung, Thraͤnen, alles dies beſtuͤrmte mich mit einem Male. Ich ſprang auf. Ich ſiel dem Manne, der in dieſem Augenblick mein erſter Wohlthaͤter zu ſeyn ſchien, um den Hals.„Mein Freund, iſt das gegruͤndet?“—„Ganz wie ich es erzaͤhle; denn mein Sohn und ich haben ſelbſt den Kahn gelenkt, den der Mann von uns lieh.“—„Welcher Mann?—„Der die armen Kinder rettete, und der mit groͤßern Fahrzeuge nicht uͤber das Riff konnte⸗ —„Wer iſt der Mann? Wo wohnt ers Wo ſuche ich ihn?“—„Von unſerm Balke — 204— war er nicht. Er war ein Vornehmer aus Surcarta. Wenn er das Frauenzimmer nicht fuͤr ſich genommen hat, ſo ſchenkt er es ſeinem Sultan, und dann iſt ſein Gluͤck auf ewig gemacht.“— Dieſe Ausſicht mußte freilich meine Freude nicht nur ſehr herab⸗ ſtimmen; ſondern ſie in den groͤßeſten Kum⸗ mer verwandeln. Viel lieber waͤre mir die Beſtaͤtigung der Todesnachricht, als die Nachricht der ſchimpflichen Entehrung Adelaidens geweſen. Ich war uͤberzeugt, daß Adelaide eben ſo dachte; daß ſie den Tod der Entehrung vorzog. Meine Unruhe bei dieſer Nachricht ſiel dem Manne auf. Er erkundigte ſich— ich gab Adelaiden fuͤr eine Verwandte von mir aus. —„Ich bedaure Euch,“ ſagte er.„Und das um ſo mehr, da der Sultan von Surcarta gewiß der erſte Wolluͤſtling iſt, dem keine andere Sorge, als die fuͤr ſeinen Harem am Herzen liegt. Ich bin in Handelsge⸗ ſchaͤften dort geweſen; ich habe das Leben angeſehen. Seine Favoritin iſt eine verlau⸗ fene Zigeunerin; ſie iſt jetzt eine Gefangene — 205— und wird wahrſcheinlich ſchon den Platz wiſ⸗ 1 3 ſen, auf dem der geſpießte Kopf warnend ſteht.“—„Und weshalb?“—„Sie iſt einem vornehmern Gefangenen zur Flucht be⸗ huͤlflich geweſen.“— Ich hatte Muͤhe, meine Unruhe zu verbergen.—„Reiſet Ihr nicht bald wieder dort hin?“—„Vielleicht in einigen Tagen; vielleicht erſt in einigen Wo⸗ chen.“—„Ich wuͤrde gern ſehen und wuͤrde Euch hinlaͤnglich belohnen, wenn Ihr dies bald thaͤtet. Ich moͤchte gern Gewißheit ha⸗ ben. Vielleicht koͤnntet Ihr gar einen Brief an meine Verwandte beſorgen.“—„Und als Botenlohn meinen Kopf auf einer Stange wiſſen? Nein, Herr, das letzte verlangt nicht; das erſtere, Nachricht, gewiſſe Nachricht zu verſchaffen, moͤchte ſich eher thun laſſen.“— Ich muß bei dieſer Unterredung vorausſetzen, daß ich ſie mit dem Manne allein hielt; die uͤbrigen waren jetzt damit beſchaͤftigt, das feſtſitzende, ſehr beſchaͤdigte Schiff loszu⸗ machen. 1 * ſtalten zu treffen, ſeine Schweſter zu retten, — 206— Um den ehrlichen Mann— denn das ſchien er ganz zu ſeyn— mir und meinem Plane noch geneigter zu machen, zeigte ich ihm mehrere koſtbare Perlen und Steine, die ich von Tonny erhalten hatte und die ich bei mir trug. Mit ſtummer Bewunderung blickte er auf dieſe Kleinodien.—„Sie ſind Euer,“ ſagte ich,„wenn Ihr mir nur eine Zeile von meiner Verwandten bringt. Ich verdoppele, ich verdreifache die Zahl, bringt Ihr mir meine Gel— meine Verwandte ſelbſt.“— Des Mannes Augen blitzten. Der Kampf in ſeiner Seele war unverkennbar. Ich ſahe es, daß er das Abentheuer bbeſtohen wuͤrde. Waͤhrend der Zeit, in welcher Alles mit dem an's Ufer gebrachten Schiffe beſchaͤftigt war, ſchrieb ich an den Gouverneur. Was ich ihm ſchrieb? Ich bat wegen meiner Ent⸗ fernung um Vergebung; ich meldete ihm die Ausſage des Mannes; ich bat ihn, alle An⸗ — 2097— dies war der Inhalt meines Schreibens. Ich gab es dem Manne, deſſen Beruf ihn oft auf das Meer fuͤhrte, von wo aus er einem nach Batavia gehenden Schiffe das Schreiben bald mitgeben koͤnne. Ich ſelbſt ſtreifte am Geſtade umher, theils mir meine Stimmung nicht merken zu laſſen; theils um mir einen ſichern Ort auszuſuchen, an wel⸗ chem ich entweder mich mit Adelaiden verber⸗ gen, oder von wo aus ich unbemerkt nach Batavia kommen koͤnne. Niemanden fiel meine Zuruͤckgezogenheit, niemanden mein Suchen einſamer Oerter auf. Das Schiff war in Stand geſetzt.„Morgen gehen wir unter Segel,“ hieß es und ich wußte nicht, was ich beſchließen ſollte. In dieſem Kampfe mit mir ſelbſt ging ich in den Waldungen. an dem Geſtade, wo das Schiff lag, einſam herum. Der Platz, auf dem ich mich befand, war ſchoͤn; angegriffen bald von Beſorg⸗ muß, bald von Freude, fuͤhlte ich mich ſchlaf⸗ trunken. Ich warf mich nieder und— als waͤre es im Traume, hoͤrte ich drei Kanonen⸗ — 208— ſchuͤſſe, ein Signal, daß Alles ſich unter Se⸗ gel begeben muß— ich achtete nicht darauf. — Spaͤt erwachte ich; die Sonne ſtand ſchoa tiefer. Eilend lief ich nach dem Orte zuruͤck, an dem ich das Schiff verlaſſen hatte. Meine Furcht und die durch das Abendlicht veraͤnderte Anſicht der Gegenſtaͤnde fuͤhrten mich irre; ich lief die ganze Nacht herum; erſt am Morgen fand ich mich auf der rech⸗ ten Stelle ein. Kein Schiff war zu ſehen; ich war allein auf jener Kuͤſte zuͤruͤckgeblieben. Nicht dies war mir ſehr ſchmerzhaft; mehr war es der Verluſt meiner Sachen— ich beſchuldigte ſchon den Portugieſen des ſchaͤnd⸗ lichſten Eigenutzes— als ich meine Kiſte ge⸗ wahr wurde. Sie ſtand in einem kleinen Gebuͤſche— der an einem Briefe befeſtigte Schluͤſſel ſteckte darin— ich oͤffnete das Papier, ich las die Nachricht, daß man faſt drei Stunden nach dem Signalſchuß meiner gewartet habe, daß man jetzt den guͤnſtigen 3 Wind benutzen muͤſſe, und daß man meine Sachen, in der Hoffnung, ich werde ſie finden, hier an den Wall gebracht habe. Am Ende ſtand noch die Verabredung, mich ſo bald, als moͤglich, in dem Jeſuitercollegio von Goa ein⸗ zufinden, wo ich ſehr wahrſcheinlich wichtige Auftraͤge erhalten wuͤrde. Uebrigens fehlte nichts von meinen Sachen. Selbſt jene reiche Doppelflinte lag in eine Matte gewik⸗ kelt da. Ich eilte zu der Huͤtte jenes redli⸗ chen Strandbewohners; ich erklaͤrte ihm, daß ich fuͤr einige Zeit bei ihm bleiben wuͤrde und bat ihn, mich zu verbergen.—„Wird ſich vielleicht noͤthig machen,“ ſagte erz „denn unſere Nachbaren moͤchten nicht ſo gaſtfreundſchaftlich ſeyn.“— Ich erinnerte ihn an jene Reiſe nach Surcarta— er war geneigt dazu. Mit ſeinem Sohn unternahm er ſie; ich blieb, ſeinen Weibern empfohlen, in der Wohnung, bekleidet mit des Landes Anzuge. 3 Niemand ſah mich— ich lebte ſo ver⸗ borgen, wie meine Sachen verſteckt waren. Mit gluͤhender Sehnſucht zaͤhlte ich die Tage II. 14 bis zur Ruͤckkehr meines Abgeſandten— bald fuͤrchtete ich; bald hoffte ich; bald ſah ich mit Entzuͤcken, bald mit Schauder dem Augen⸗ blick entgegen. Faſt vierzehn Tage— der laͤngſte Termin war auf acht Tage angeſetzt, waren vergangen, als des Nachts jemand leiſe an die Huͤtte klopfte. Ich ſprang auf, der Sohn meines Abgeſandten war es. Er ſtuͤrzte faſt athemlos in die Huͤtte. Er zit⸗ terte vor Furcht.— Erſchrocken fragte ich ihn— erſt nach einigen Minuten ſagte er: „Davon ein Mehreres, wenn wir ſicher ſind. Wir muͤſſen fort, meine Verfolger ſind hinter mir!“ Er weckte ſeine Mutter, ſeine Schwe⸗ ſtern; ſie erſchraken wie ich— ſie trugen meine Kiſte und ihre Sachen in ein kleines Boot, wir beſtiegen es, eine nicht ſehr ent⸗ ſernt liegende, waldigte Inſel nahm uns auf. Vom verlaſſenen Ufer her, hoͤrten wir einen ungewoͤhnlichen Laͤrm und bald verkuͤndigte die aufſteigende blutrothe Flam⸗ me, daß die Verfolger ſich ſchrecklich an der Huͤtte raͤchten, da wir ihnen ent⸗ 3 — 24— gangen waren. Troſtlos jammerten die armen Weiber uͤber den Verluſt; aber bald wurden ſie ruhig, da ich ihnen das zu geben verſprach, was ich dem Manne verſpro⸗ chen hatte und wofuͤr ſie zehnmal den Ver⸗ luſt erſetzen koͤnnten. Ich that es wirklich; und nun waren ſie hinlaͤnglich und zu reich⸗ lich entſchaͤdigt. Jetzt erſt war der junge Menſch im Stande, jene ungluͤckliche Unternehmung zu beſchreiben. Adelaide war wirklich von jenem Manneo, der ſie rettete, an den Hof des Sul⸗ tans gebracht. Mit Aufmerkſamkeit ſah je⸗ der die ſchoͤne Beute an; daß der Sultan dies beſonders that, bedarf kaum einer Er⸗ waͤhnung. Aber noch aufmerkſamer war Tonny, die es nun wohl ſah, daß ſie nicht laͤnger die Erſte ſeyn werde. Die ungluͤck⸗ liche Adelaide war mehr todt, als lebendig, da ſie ihr Loos dunkbel vermuthete; da man ſie von den beiden Kindern trennte; da ſe aus Unkunde der Sprache niemanden enidek: 8 ken konnte, wer ſie ſey. Moͤglich, daß nicht allein Neugierde, daß auch Mitleiden die Zigeunerin theilnehmend machte; genug— ſie nahete ſich Adelaiden. Sie erfuhr es, wer ſie waͤre— ſie beruhigte die Leidende mit der Ausſicht, ihr bald zu der Nuͤckkehr nach Batavia behuͤlflich zu ſeyn— und Adelaide, wer wuͤrde in dieſer Lage wohl anders ge⸗ handelt haben, fand Tonny eines unbeding⸗ ten Zutrauens werth. In freundſchaftlichen Geſpraͤchen kam die Rede auf die Veranlaſ⸗ ſung ihrer Reiſe nach Europa; Tonny gerieth auf Argwohn, ſie war der ganzen Sache nahe; als— mein Abgeſandter erſchien, als Tonny deſſen Erkundigung nach der neuen Sklavin auffiel; als ſie dieſen ausforſchte, mich vermuthete und nun eben ſo bald ein Teufel wurde, als ſie vorher theilnehmende Freundin geweſen war. Jener ungluͤckliche Mann buͤßte mit dem Leben; ſein Sohn ent⸗ floh in dem Augenblick, in welchem der Arme ſtarb. Tonny wollte ſich an mir raͤchen und ihrem Einſluſſe war es leicht, den erzuͤrnten — 213— Sultan dahin zu beſtimmen, mich aus einem neutralen Lande abholen zu laſſen. Gluͤckli⸗ cher Zufall, daß der Sohn des Ungluͤcklichen jenen Plan erfuhr! noch gluͤcklicher, daß er ankam und ich auf dieſe Art durch ſeine Warnung gerettet werden konnte. Jene Helfershelfer Tonny's blieben na⸗ tuͤrlich nicht lange auf dem Ufer; die That war vollbracht; eigene Sicherheit kehrte ſie, ſich zu entfernen. Nuß war natuͤrlich mei⸗ nes Bleibens hier nicht laͤnger; ich beſchenkte meine Wohlthaͤter reichlich, ich ſchrieb noch einmal an den Gouverneur, dann verließ ich mit einem portugieſiſchen Schiffe dieſe Kuͤſte, um nach Goa zu gehen. Jener Portugieſe hatte Wort gehalten. Ich wurde von den trefflichen Maͤnnern auf⸗ genommen, nicht wie einer, der ihrer Unter⸗ ſtuͤtzung benthigt iſt, ſondern mit der Freude eines Vaters, der ein gluͤckliches Kind nach langer Trennung wieder ſieht; ich ſchien ein zu wichtiger Mann zu ſeyn, wenigſtens zeigte dies die aufmerkſame Liebe, mit der mir alles begegnete. Man kannte meine Abſtammung, man wußte meine fruͤhe Geſchichte; und ehe ich mit dem Pater Reckor einen Augenblick geſprochen hatte, wußte dieſer ſchon beſtimmt anzugeben, fuͤr welchen großen Zweck der Or⸗ den mich auserſehen habe. Ich wunderte mich; denn unmoͤglich konnte jener Portu⸗ gieſe mich ſo treffend, ſo wahr geſchildert ha⸗ ben, dazu kannte er mich viel zu wenig.— „Ihr, mein Sohn,“ ſagte mir der Rector, „Ihr kommt ganz auf einen Poſten, der fuͤr Euch, wie Ihr fuͤr ihn ſeyd. Suͤd⸗Amerika und dort Paraguay iſt der Schauplatz, auf dem Ihr auftretet. Dort ſeyd Ihr noͤthigz denn unſer Staat muß dort eine militairi⸗ ſche, formidable Verfaſſung haben. Ihr ſollt ſie grüͤnden.“— Ich ſtand einige Augenblicke nachdenkend da. Trieb der ſonſt ſo ehrwuͤr⸗ dige Mann, der ſo liebenswuͤrdige Greis Spott mit mir? Sprach Ueberzeugung und Wahrheit aus ihm?— Hieruͤber dachte ich — 215— nach, als er fortfuhr:„Seyd nicht zu be⸗ ſcheiden; das ſchadet oft mehr, als anmaßen⸗ der Stolz. Genug, Ihr ſeyd der Mann fuͤr den Poſten; der Poſten iſt fuür Euch. Unſer ſehr verehrliche, jetzt in Gott ruhende General Borgia ſagte:„Wie Laͤmmer haben wir uns eingeſchlichen; wie Woͤlfe haben wir regiert, wie Hunde wird man uns austreiben. Aber wie Adler werden wir wieder aufſtehen. Und der Zeitpunkt iſt jetzt; ich bin ein Greis— ich erlebe den Triumph unſers heiligen Ordens nicht; aber Ihr, Ihr, mein Sohn, erlebt den Zeitpunkt der allgemeinen, der ausgebreitetſten Herrſchaft unſers Ordens. Wer weiß es, wel⸗ che Ehre Euerer dann wartet!“— Daß Aus⸗ druͤcke dieſer Art— vorgebracht von einem Manne, auf deſſen edelm Geſicht Klugheit, Erfahrung, Einſicht und Anſehen im hoͤch⸗ ſten Grade leuchteten, in meinem jugendlichen Herzen alles bewirken mußten; daß Ausſich⸗ ten und Hoffnungen, wie ich ſie nie gefuͤhlt, in meiner vollen Seele entſtehen mußten wenn ein ſolcher Mann ſo ſprach 5 - 216— duͤrfte ich das wohl erſt beweiſen muͤſſen? Ge⸗ wiß dem nicht, der nur einigermaßen das Herz des Juͤnglings, das Herz des jungen Mannes, das an nichts ſo reich iſt, als an Hoffnungen, kennt. So wie der Pater Ree⸗ tor mit mir ſprach, ſprachen auch die andern; keiner war unter ihnen, der nicht des Rec⸗ tors Anſicht uͤber mich getheilt— der nicht, wie er, die groͤßeſten Hoffnungen von mir gehabt, und mich nicht durch die herrlichſten Grundſaͤtze in meinem Muthe beſtaͤrkt haͤtte. Nur einen Monat blieb ich hier— aber, die kurze Zeit, wie lehrreich, wie nuͤtzlich wurde ſie mir im Umgange mit Maͤnnern dieſer Art.— Die Zeit der Abreiſe war da.— Auf einem Schiffe, das, wo nicht die Reich⸗ thuͤmer ganzer Reiche, doch gewiß die genaue⸗ ſte Kenntniß aller Art, zum großen Bunde gehoͤrender Glieder trug, verließ ich Goa, ge⸗ ſegnet und geweihet zum großen Werke, das ich in meinen Traͤumen ſchon als vollendet 1 ſah. Unſer Weg ging neben Ceylon, Suma⸗ tra und Java vorbei, durch jenen großen 21;:— Weltocean, der unter dem Namen des ſtillen Meeres bekannt iſt. Ich merkte bald an dem Kapitain wie an dem Schiffsvolke, man behandele mich mit außerordentlicher Achtung; und die juͤngern Officiere und See⸗ Kadets ſuchten in allem, was ſie thaten, Iſich mir zu empfehlen. Wir fuhren um Amerika herum— den ungeheueren Plata⸗Strom herauf, bis nach Aſſumtion, einer Stadt, die der Mittelpunkt aller Geſchaͤfte der Jeſuiten war. Hier wurde ich mit eben der Liebe aufgenommen; und, wie zu Goa, wußte jeder, zu welchem Poſten ich am beſten paſſe; natuͤrlich, daß ich dies endlich ſelbſt glauben mußte.— Ich wuͤrde hier die engere Grenze einer Lebensgeſchichte uͤberſchreiten, wenn ich die ſo aͤußerſt gluͤckliche Lage der Jeſuiten, wenn ich das Entſtehen ihres faſt unabhaͤn⸗ gigen Reiches, wenn ich ihren maͤchtigen Einfluß und ihre weiſe entworfenen Einrich⸗ tungen beſchreiben wollte. Ich darf mich nur auf das einlaſſen, was mein Verhaͤltniß, was meinen Poſten betrifft. Die ungeheuere * 4 unter ihnen, der an Kenntniſſen des Krieges, *— 218—— Provinz, in der ſie hier wohnten, gehoͤrte den Spaniern; aber der Orden hatte ſie und ſich ſelbſt von dieſer Monarchie unabhaͤngig ge⸗ macht. Die Religion und der Bekehrungs⸗ eifer, die oft ſchon der Deckmantel ganz an⸗ anderer Abſichten waren, liehen auch hier die Maske her. Unter dem Vorwande, daß die Ausſchweifungen der Spanier das Gute im Herzen der Neubekehrten erſticken, durfte kein Spanler der Graͤnze dieſes Landes ſich naͤhern. Schon dadurch wurden die Jeſuiten Herren der wildern Amerikaner, die nie einen andern Europaͤer ſahen. Mehr noch gewan⸗ nen ſie dadurch, daß ſie eine Art von Fami⸗ lienregierung einfuͤhrten; daß keiner fuͤr ſich, ſondern fuͤr alle arbeiten mußte; daß große Vorrathshaͤuſer errichtet wurden, in welche alles Verarbeitete geliefert; aus welchem alles Nothwendige herausgegeben wurde. Noch nicht genug. Unter den Jeſuiten fanden ſich Koͤpfe aller Art. Mancher war 8 . — 219— 1 der an taktiſchen Einſichten einen Platz unter den erfahrenſten Heerfuͤhrern verdiente. Dieſe ſahen bald ein, wie nothwendig es ſey, dem neuen Staat, der mit der Zeit von aus⸗ waͤrtigen Feinden bedrohet werden wuͤrde, eine feſte Stuͤtze durch ein, aus ſeinen eige⸗ nen Soͤhnen gebildetes Heer zu verſchaffen. Der Indianer iſt ein kraͤftiger, zu allen Un⸗ bequemlichkeiten leicht zu gewoͤhnender Menſch. Er iſt zum Soldaten gemacht; ſein Vater⸗ kand gilt ihm uͤber alles, und ſein Vorgeſetz⸗ ter ſcheint ihm ein Weſen hoͤherer Art zu ſeyn. In Aſſumtion ſtand wirklich ſchon eine Art von Miliz, aus den kraftvollen Juͤnglin⸗ gen der Voͤlker gebildet; lauter kraͤftige, ner⸗ vigte Arme, aber kein Kopf, der das Ganze uͤben und beſſer einrichten koͤnnte; keiner, der den Gebrauch der Waffen bei dieſen Juͤng⸗ lingen einfuͤhren, keiner der ihnen jene Kunſt⸗ griffe, die der Soldat im wirklichen Feld⸗ dienſte noͤthig hat, haͤtte beibringen koͤnnen. Auffallend konnte es allerdings ſcheinen, daß es nach einem Kriege, wie der eben in Deutſch⸗ 51 — 220— land beendigte war, nach welchem ſonſt die Officiere reducirter Regimenter haufenweiſe herum irren, ohne Dienſte zu finden— es nach Paraguay zu ſchicken, wo eine glaͤnzende Laufbahn ihnen bevorſtand. Nur aus der Verſchiedenheit der Religion laͤßt ſich dies er⸗ klaͤren; vielleicht auch aus einer gewiſſen Be⸗ ſorgniß, daß jene Officiere den Generalen des Ordens nicht ſo gehorchen moͤchten, wie ſie Friedrichs oder Marie Thereſiens Heerfuͤh⸗ rern gehorcht hatten. Sey’ dem, wie ihm wolle— auf mich hatte man von Seiten des Ordens das Auge geworfen; in mir glaubte man den Schöͤpfer eines neuen Hee⸗ res gefunden zu haben. Kaum einige Tage verfloſſen— einige Tage, die der Erholung von einer ſo weiten Reiſe gewidmet waren, als ich ſchon in den ganzen Plan eingeweihet war. Ich war zu gut in meiner Jugend von den Deſuiten in dem kraͤftigen Grundſatz eingeweihet, bei je⸗ keinem der Jeſuiten einfiel, dieſe Ungluͤcklichen der Unternehmung das Ziel feſt vor den Au⸗ gen zu behalten und den Schwierigkeiten nicht unnuͤtze Klagen, ſondern durchgreifenden Muth entgegen zu ſtellen. Mochten der Schwierigkeiten noch ſo viele ſeyn, feſter „Muth, am rechten Orte Liſt und kluges Nachgeben und unermuͤdete Geduld verſcheuch⸗ ten bald jene Hinderniſſe. Nach dieſem ſo zweckmaͤßigen Grundſatze verfuhr ich hier in einer Laufbahn, auf deren⸗erſtem Schritt man⸗ cher ſchon muthlos und verzweifelt umgekehrt waͤre.— Aus tauſend Juͤnglingen, die ich mir aus zehnmal ſo viel ausſuchte, waͤhlte ich eine Art von Garde. Der Indianer kann leicht durch eine unbedeutende Kleinigkeit, wenn ſie ihm nur eine Art von Anſehen gibt, für etwas Großes gewonnen werden. Ein Band, ein Federbuſch, eine künſtliche gear⸗ beitete Waffe— alles dies war ihm wichtig. Er fuͤhlte ſich groß im Beſitz einer ſolchen Kleinigkeit; mit einem gewiſſen Stolz blickte er auf alle, die dieſes Vorzuges entbehren mußten und ſeine Verwandten, wie ſeine 222— Freunde glaubten in ihrem Werthe gewonnen zu haben, wenn ein ſo Ausgezeichneter ver⸗ traulicher mit ihnen ſprach, als mit jedem andern. Auf dieſen faſt kindiſchen Charakter⸗ zug machte mich der General des Ordens aufmerkſam und rieth mir angelegentlich, ihn zu benutzen.— Ein Rath, auf den ich von ſelbſt kam.— Ich ſelbſt trug die Kleidung, die ich dieſer Garde beilegte, und da mehrere unter ihnen waren, denen die Sprache der Europaͤer nicht ganz fremd war, ſo war ich wirklich bald im Stande, es zu zeigen, was ſich aus dieſen kraftvollen Juͤnglingen ma⸗ chen ließ. Ich konnte ſchon Uebungen mit ihnen im Freien vornehmen, bei denen Tau⸗ ſende die Zuſchauer machten und Hunderte unter dieſen alle jene Uebungen ſo gut mit⸗ machen konnten, als die eingerichteten. Schon im erſten halben Jahre konnte ich mehrere von dieſen in entlegenere Diſtrikte ſchicken, wo ſie die dortige Jugend mit dem bekannt machten, was ſie ſelbſt wußten. Na⸗ — 223.— tuͤrlich, daß bei allen dieſen kein Feuergewehr eingefuͤhrt war; die Soldaten hatten Saͤbel, Lanzen, Bogen und Pfeile; aber da beſon⸗ ders dieſe letztern beſſer gearbeitet waren, da ſie jetzt erſt den großen Nutzen dieſer Waffe einſahen, wenn ſie von ordentlich geſtellten Reihen angewendet wird, ſo brachten ſie es in jeder dieſer Waffen zu mehr, als gewoͤhn⸗ licher Fertigkeit. Sie mußten fleißig auf die Jagd gehen, was ſo ſchon fuͤr ſie Lieblings⸗ beſchaͤftigung war und um ihnen theils einen gewiſſen Haß gegen europaͤiſche Soldaten bei⸗ zubringen, theils zum ſie an den Anblick derſelben zu gewoͤhnen, und dieſem das Schreckliche zu nehmen, mußten ſie nach dem gemahlten ſpaniſchen Soldaten ſchießen. Ich wuͤrde hier zu weitlaͤufig werden, wenn ich alles, Alles beſchreiben wollte. Mochte mir mancher Tag ſauer, ſehr ſauer werden, der Beifall meiner Obern, die Liehe meines Mi⸗ litairs und— was nicht zu vergeſſen iſt, meine eigene Ausſicht, mein eigenes, ſchoͤnes Loos, wenn unſer Staat erſt war, was er ſeyn ſollte, ein freier, nur von dem Orden abhaͤngender Staat— erſetzte und verſuͤßte mir alle Muͤhe. Da lag ich denn in den ſchoͤnen Zimmern des Kloſters oder vielmehr des Pallaſtes und wiegte auf den ſchoͤnen Kanapees meinen Koͤrper, eben ſo behaglich, wie in ſchoͤnen Traͤumen meine Einbildungs⸗ Traft. Die reizendſte Zukunft lag im ſchoͤn⸗ ſten Gewande vor meinem trunkenen Blicke. Unſer Land war eines der reichſten der Welt; Gold⸗ und Silbergruben, Diamante und Perlen, Wald und Feld, Fiuß und Meer, Gebirge und der fruchtbarſte Boden— alles dies gab unſerm Lande einen Vorzug vor allen Laͤndern. Und— in dieſem reichen Lande eine Hauptrolle ſpielen!— Ich glaube, daß mich Niemand einer laͤcherlichen Thorheit beſchuldigt, wenn ich offenherzig geſtehe, daß dieſer Traum mich wachend und ſchlafend umgaukelte; daß ich oft Muͤhe hatte, mich in die Wirklichkeit zuruͤck zu finden, wenn ich— und das war der Fall oft— vom Throne traͤumte. Man eoͤnnte mir dieſe Traͤume vielleicht als kindiſch anrechnen, wenn nicht der ganze Orden, wenigſtens alle die Obern ſie eben ſo gehabt haͤtten. Die Begebenheit, daß man ſich einige Jahre fruͤher dem Eindtingen der Portugieſen in die abgetretene Colonie Sa⸗ kramento mit Gluͤck widerſetzt hakte; die kluge Ruhe, mit der die europaͤiſchen Hoͤfe dem Anſcheine nach die großen Plaͤne der Jeſuiten unbeachtet ließen— der Wachsthum des ganzen Staates, alles dies verbreitete in dem ganzen Orden eine Sicherheit, ein Selbſtver⸗ trauen, das die Eltern ſelbſt hinderte die Ge⸗ fahren zu merken, die ihm droheten und das die juͤngern mit nichts, als mit großen Hoff⸗ nungen erfuͤllte. Mein Militair wurde im⸗ mer beſſer; ich fing jetzt an, den Unteranfuͤh⸗ rern Feuergewehr zu geben; ſie wurden in dieſer Waffe unterwieſen; denn ſie ſollte ſich auf alle Beſatzungen der acht Staͤdte aus⸗ breiten; ich entwarf den Plan, die Wege, die in dies Land fuͤhren, ſo einzurichten, daß kein Heer ſie ohne unſere Erlaubniß benutzen II. 135 — 226— koͤnne; daß jedem Feinde der Eingang un⸗ moͤglich war, wenn die Poſten unſerer Leute ihn beſetzten. Ein Plan, der bei der Lage des Landes und bei den Grenzen, die aus unuͤber⸗ ſteiglichen Gebirgen und ungeheueren Fluͤſſen beſtanden, leicht zu erreichen war. Ich ließ den Anfang damit machen, einzelne Blockhaͤu⸗ ſer an Hohlwegen zu erbauen; ſie wurden mit Miliz beſetzt; auf einzelnen Gebirgsgip⸗ feln waren Fanale und Laͤrmzeichen ange⸗ bracht. Im Innern des Landes ſelbſt wur⸗ den mehrere Feſtungen und Forts angelegt, und mit jedem Bollwerk, das der Erde ent⸗ ſtieg, wuchs das Vertrauen auf unſere eigene Macht; wir hielten uns fuͤr unuͤberwindlich, hielten uns um ſo mehr dafuͤr, je ruhiger und ſtiller alle europaͤiſche Hoͤfe waren. Wir ſchlaͤferten ein; Niemand dachte an die Ge⸗ fahr, da unſere Freunde und unſere Ordens⸗ brüder, die an Hoͤfen als Beichtvaͤter, auf den Akademien als erſte Lehrer, in dem Umgange und geſellſchaftlichen Leben als Muſter der Klugheit und der gebildeten Le⸗ bensart von allen Seiten ſchrieben und mel⸗ deten, daß nicht ein Schatten von Gefahr zu entdecken ſey. Aeußerungen dieſer Art mußten allerdings Sicherheit bewirken; muß⸗ ten ſie bei den Juͤngern unſers Ordens um deſto mehr bewirken, da dieſe ſo ſchon nicht gern an die unangenehmen Auftritte dachten. Nur Ignatius, der Senior unſers Ordens, war beſorgter. Auf einem praͤchtigen Gaſt⸗ mahle am Namenstage unſers Stifters aͤu⸗ ßerte er:„Ich fuͤrchte die gegenwaͤrtige Stille. Sie iſt Windſtille vor einem Sturme.“— Wir konnten uns nicht uͤberzeugen.—„Ich dringe meine Vermuthungen niemanden auf,“ ſagte er, als wir unſer Befremden aͤußerten, aber— ich wuͤrde rathen, Archiv und Schaͤtze in Sicherheit zu bringen.“— Wir Juͤngern lachten der Furcht des Greiſes; die Aeltern pruͤften, trafen Gegenanſtalten, ſchickten Auf⸗ traͤge an alle Hoͤfe, wurden durch die zuruͤck⸗ kommenden Berichte ganz beruhigt, ver⸗ ſaͤumten, dem ſonſtigen klugen Geiſte des Or⸗ dens zuwider, jede Maßregel, und ſo mußte — 228— der Fall unerwartet, ſchnell und ploͤtzlich tref⸗ fen; mußte uns gerade da treffen, als wir ihn am wenigſten fuͤrchteten.— Es war mitten im Sommer, als ich von einer unter⸗ nommenen Unterſuchungsreiſe zuruͤckkam. Ich hatte mit Gruͤnden bewieſen, daß eine Feſtung am Zuſammenfluß der Paranon und des Paraguay von außerordentlichem Nutzen ſeyn wuͤrde. Meine Gruͤnde, wie ſie es verdienten, fanden Beifall; in Begleitung einiger Direk⸗ toren reiſete ich dorthin, um auch ſie durch den Augenſchein kir meinen Plan einzu⸗ nehmen. Bei unſerer Ruͤckkunft fanden wir den General krank; ſeine Freunde ganz niederge⸗ ſchlagen. Ich ging zu dem erſtern. Mit einer Thraͤne im Auge reichte er mir die Hand.—„Wir ſind verloren,“ ſagte er. „Unſer heilige Orden iſt in allen katholiſchen Laͤndern aufgehoben; nur der Koͤnig, dem Du einſt dienteſt, ein Koͤnig, der nicht des Glaubens unſerer allein beſeligenden Kirche — 229— iſt, giebt uns Schutz.“—„Aufgehoben?“ ſagte ich lachend.„Verloren? Wer moͤchte dies Unternehmen wagen? Ich habe uͤber hundert⸗ tauſend kraftvolle Vertheidiger unſers Staa⸗- tes unter mir; ich kenne alle Paͤſſe und Wege.— Wer moͤchte uns hier aufheben? Wer uns das Urtheil: verloren! ankuͤndigen?“ — Der General ſah mich mit vaͤterlich war⸗ nendem Blick an.„Junger Mann!“ ſagte er:„ich freue mich freilich Deines Muthes; aber hier wird er Vermeſſenheit. Die Ge⸗ ſandten des Koͤnigs von Spanien ſind hier: der furchtbare d'Aranda hat das Urtheil ge⸗ faͤllt. Alle auf der Erde zerſtreueten Jeſui⸗ ten muͤſſen fuͤr unſer Verhalten hier in Pa⸗ raguay buͤrgen. Hart und unverzeihlich waͤre es, braͤchten wir Ungluͤck und Verfolgung uͤber unſere Bruͤder.“— Ich erſchrak. Die Aus⸗ ſicht, die ich vor mir ſah, war ganz dazu ge⸗ macht, mein Herz mit dem angreifenden Kummer geſcheiterter Plaͤne zu erfuͤllen. Ich war faſt der einzige, der, ſich ſeiner Kraͤfte bewußt, den kuͤhnen Gedanken — 230— 4 hegte, Widerſtand zu thun. Ich wußte, daß wir in Paraguay es konnten; ich wußte, daß jede uns angreifende Macht und wenn ſie aus den beſten Truppen Europa's beſtuͤnde, ihren Untergang durch Klima, Boden und durch das unſern Waffen ſo guͤnſtige Terrain unausbleiblich finden muͤßten. Ich kannte den Charakter der Indianer; ich wußte, daß ſie, in jedem ankommenden Europaͤer ihren Todfeind zu ſehen, unterrichtet waren; ich kannte den Ruf, in dem ſie ihrer Grauſam⸗ keit wegen ſtanden; ich wußte, daß ſelbſt die bravſten Truppen gegen Feinde dieſer Art nichts ausrichten.— Mit allen moͤglichen Gruͤnden ſuchte ich meinen Plan zu unterſtuͤtzen. Vergebliche Muͤhe! Niemand ging in meine Ideen ein; die, die es noch thaten, beruͤckſichtigten das Leben und die Freiheit der uͤbrigen Jeſuiten, die in allen Reichen zerſtreuet waren.— Wir unterwarfen uns und hoͤrten wie = 21— uͤberfuͤhrte Verbrecher ein Urtheil an, das un⸗ ſern trefflichen Orden um ſeinen ganzen Ein⸗ fluß, das ſuͤdliche Amerika um ein immer bluͤhender werdendes maͤchtiges Reich— und mich— um alle meine Traͤume, um alle meine ſchoͤnen Ausſichten brachte. Mit einer beiſpielloſen Redlichkeit uͤber⸗ lieferte der Orden alle ſeine Schaͤtze, die im Grunde der Fleiß und die Einrichtungen des erſten aller Orden dem dankbaren Lande ab⸗ gewonnen hatte. Das ſchoͤne Gebaͤude war eine Ruine. Von Seiten Spaniens wurde uns noch geſtattet, ein Jahr in dieſem Reiche zu blei⸗ ben, um in dieſer Zeit fuͤr einen andern Auf⸗ enthalt zu ſorgen. Wir alle mußten uns verpflichten, auch nicht einen Schritt zu thun, der Spaniens unabhaͤngigen Rechten an die⸗ ſes ſchoͤne Land ſchaͤdlich ſeyn oder zu wer⸗ den drohen koͤnnte. Still und ruhig hielten wir uns in unſerm bisherigen Eigenthume auf. Es waͤre ein Leichtes geweſen, die Un⸗ terthanen, die mit grenzenloſem Zutrauen an uns hingen, und die jetzt von den neuen ſpa⸗ - 232— niſchen Behoͤrden nicht auf das beſte behan⸗ delt wurden, zu einem Aufſtande zu bewegen, deſſen Folgen nicht zu berechnen waren; aber, unſerm Obern war das gegebene Ehrenwort heilig; das Land blieb ruhig. Jetzt fanden ſich des Handels wegen eine große Menge Fremder ein, denen das Reich bisher geſperrt war, und die nun ſchaaren⸗ weiſe hier ankamen. Faſt alle handelnde Nationen waren hier zu ſehen, und unter dieſen beſonders Englaͤnder, die ſich auch hier von der, dieſem Volke ſo eigenen großmuͤthi⸗ gen und einnehmenden Seite zeigten. Die Ueberzeugung, die wir aus tauſend Beweiſen hernahmen, daß gerade die proteſtantiſchen Läͤnder unſerm Orden am geneigteſten waren, war Urſach einer innigern, einer waͤrmern Freundſchaft zwiſchen den Britten und zwi⸗ ſchen den, als Privatmaͤnnern lebenden Je⸗ ſuiten. Ob von Seiten der Englaͤnder mehr die Handelsgrundſaͤtze dieſes edeln Volkes hie⸗ bei zum Grunde kagen; oder ob der gute Ruf unſerer Sittlichkeit, unſeres Fleißes, unſerer Klugheit und anderer die Urſache war, daß — 23³3— man unſere Freundſchaft ſuchte, will ich nicht weiter entſcheiden. Faſt jeden Tag waren treffliche Maͤnner dieſes Volkes in unſerer Geſellſchaft; Maͤnner von Umſicht und Kennt⸗ niſſen; Maͤnner von Muth und Entſchloſſen⸗ heit, die uns mit jedem Tage werther wer⸗ den mußten. Einſt traf ich mehrere Britten bei unſerm Pater General; ich bemerkte kaum, daß der eine derſelben, ein Mann nahe dem Greiſesalter, mich mit mehr als gewoͤhn⸗ licher Aufmerkſamkeit betrachtete. Ich rech⸗ nete dies auf meinen Soldat nanſtand, der mir jetzt zu natuͤrlich gemorden war. Wir gingen vor dem Eſſen in Gang des Gartens. Der ſich mir.—„Sie waren gewiß Militair?“ fragte er.—„Ja. Ich bins ſeit meiner Jugend.“—„In welchem Heer?“—„Fruͤ⸗ her im Preußiſchen.—„So? Verzeihen Sie mir eine Frage, aus deren Beantwor⸗ tung ich ſehen werde, ob mein Gedaͤchtniß ſo treu iſt, als ich hoffe.“— Natuͤrlich, daß auch ich neugierig wurde; daß ich um dieſe Frage bat.—„Waren ſie in Regensburg? Machte dort ein Englaͤnder ihre Bekannt⸗ ſchaft? Reiſeten Sie mit ihm nach Venedig?“ In dem Augenblicke, in welchem ich dieſe Fragen bejahen wollte, erkannte ich in dem Fragenden jenen braven Britten. Er kannte mich und unſere Freude war grenzenlos. Selbſt die uͤbrigen Jeſuiten nahmen herzli⸗ chen Antheil an meinem Gluͤck. Der Tag verfloß uns aͤußerſt angenehm. Ich kannte dieſen trefflichen Mann noch von der Seite ſeines feſten, entſchloſſenen Benehmens; ich ſah mit Sehnfſucht der Frage wegen des Planes auf meine Zukunft entgegen. Er that ſie wirklich, indem er mir die Hand reichte und hinzuſetzte:„Glauben Sie auf meine Verſicherung, daß nicht bloße Neu⸗ gierde, ſondern aufrichtige Theilnahme und der Wunſch, Ihnen behuͤlflich zu ſeyn, mich zu dieſer Frage bringt.“— Ich geſtand ihm offenherzig, daß das Zertruͤmmern meiner 8 ſchoͤnen Entwuͤrfe, die ich mir hier gehildet vheäͤtte, mich ſo außer Faſſung geſetzt, daß ich daruͤber noch nichts Beſtimmtes ſagen Aönne. Der Britte ſah mich theilnehmend — 235— an.—„Freilich moͤgen Ihre Plaͤne nahe an das Reich der Traͤume grenzen, die bloß Traͤume bleiben,“ ſagte er.„Allein— wer traͤumt wohl nicht in ſeinem Leben und wen haͤtten Hoffnungen nicht getaͤuſcht? Laſſen Sie das; jetzt zu etwas Reellerm. Hier in dieſem Lande koͤnnen Sie nun einmal nicht bleiben. Ihr Orden iſt vernichtet. Gibt man Ihnen hier einen Poſten, ſo wird alles ſie an ihre Traͤume erinnern? Sie werden ſich ungluͤcklich fuͤhlen. Vielleicht moͤchten auch die jetzigen Behoͤrden ihnen auf der Fahrt manche Untiefe, manche Klippe in'ss Fahrwaſſer des Lebens werfen. Sie thun wohl, wenn Sie fruͤh dies Land verlaſſen. Wie ſteht es mit Ihren Vermoͤgensumſtän⸗ den?“—„Gut.“ Dies konnte ich ſagen, denn ich beſaß jenen von Tonny erhaltenen Schat, der betraͤchtlich war.—„Nun, dann folgen Sie mir. Ich habe England Birlaſ⸗ ſen; ich wohne in Boſton und mache dort in den Sitz der Thaͤtigkeit, folgen Sie 1* Es ſoll von Ihnen abhangen, ob ſie jetzt 236— gleich dahin reiſen, oder ob Sie mich erſt auf einer Fahrt nach Oſtindien begleiten wollen?“ Daß ich ſeit meiner Abreiſe von Goa, und waͤhrend meiner ſo glaͤnzenden, viel ver⸗ ſprechenden Laufbahn im ſuͤdlichen Amerika nichts von Adelaiden erwaͤhnte, hatte ſeinen Grund nicht darin, daß ich dieſe Geliebte ver⸗ geſſen haͤtte. Ich hatte oft an ſie gedacht; oft im Stillen uͤber die Laune des Schickſals geweint, das uns auf eine ſo unerwartete Art getrennt hatte. Jetzt, da mein Freund die Reiſe nach Oſtindien erwaͤhnte, jetzt trat die Liebe wieder in ihre kraͤftigen Rechte. Ich entſchloß mich zur Stelle, meinen Freund zu begleiten; ein Erbieten, wodurch ich, wie es ſchien, ſehr bei ihm gewann. Ich ent⸗ deckte meine Abſicht dem Pater General. Er war damit zufrieden. Reichlich beſchenkt ent⸗ ließ er mich. Er weinte in meinen Armen. Sch wollte eben ſein Zimmer verlaſſen, als er mich noch einmal zuruͤckrief.—„Noch eins, mein Sohn,“ ſagte er.„Wir ſehen uns nicht wieder. Ich bleibe hier; Du gehſt 1 — 237— in Gottes weite Welt. Du wirſt Unterſtuͤz⸗ zung beduͤrfen. Hier nimm dieſe Papiere, de⸗ ren Form und Zahlen Dir vielleicht auffal⸗ len. Gib ſie, wenn Du Geld noͤthig haſt an*—“ Er nannte mir einige Na⸗ men und befahl ſie aufzuſchreiben.„Du wirſt erlangen, was Du wuͤnſcheſt. Und dann iſt hier ein dreifach verſiegeltes Paͤck⸗ K chen Documente. Sie betreffen Deine Ab⸗ ſtammung. Hoͤrſt Du, daß die Namen, die hier drauf ſtehen, die Namen Eichenhorſt und Prinzeſſin Adelheit unter dem Wunſche, das Schickſal ihres Kindes zu wiſ⸗ ſen, genannt werden; dann erbrich es. Es betrifft Dich. Sollte dies nie geſchehen und Du wirſt Greis, der dem Tode nahe iſt, dann verbrenne das Packet, ohne es zu oͤffnen.“— Er reichte mir die Hand.„Verſprich mir, dem, was ich Dir befahl, genau nachzukom⸗ men!“ Ich that es. Der Greis war mir noch nie ſo ehrwuͤrdig erſchienen, als in die⸗ ſem Augenblick, in dem ich ihn zum letzten Male ſah.. Die Reiſe ging den ungeheueren Plata⸗ — 238— ſtrom hinab und von ſeiner Muͤndung aus fuhren wir durch das ſuͤdliche atlantiſche Meer nach dem Cap der guten Hoffnung. Noch hatte ich nicht Zeit und Geſegenheit ge⸗ Fabt, den Englaͤnder mit dem Einzelnen mei⸗ ner Geſchichte in den Jahren, in denen wir getrennt waren, bekannt zu machen. Natuͤr⸗ lich, daß meine Begebenheiten ihm auffielen. Was mir aber auffiel: er ſchien mit man⸗ chem aus meiner in Batavia hingebrachten Zeit bekannt zu ſeyn und doch hatte ich ihm nichts davon erzaͤhlt. So wußte er mein 1 Verhaͤltniß zu dem hollaͤndiſchen Gouverneur, ſo war ihm meine Liebe zu Adelaiden, wie manches aus der Geſchichte unſerer Trennung bekannt. Ich ſtand mit ihm auf dem Fuße, daß ich dreiſt und frei fragen und antworten konnte. Natuͤrlich, daß ich nach allem mich erkundigte.—„Ich bin ſelbſt in Batavia geweſen,“ ſagte er mir.„Freilich konnte ich nicht erwarten, daß Ihr der Mann waret, von deſſen Schickſal die ganze Stadt ſprach. An Euch gedacht habe ich oft bei den Erzaͤh⸗ lungen, die ich hoͤrte; aber mich nie uͤberre⸗ — 239— den koͤnnen, daß Ihr jener Ungluͤckliche waͤ⸗ ret.“—„Wie urtheilte denn der Gouverneur von mir?“— Nicht zum beſten.“—„Habt Ihr denn von den Schickſalen ſeiner Schwe⸗ ſter nichts gehoͤrt?“—„Nichts weiter, als daß der Gouverneur glaubt, Ihr haͤttet ſie entfuͤhrt. Ein Brief von Euch ſoll dieſen Verdacht erregt und— bewieſen haben. Ihr habt Euere Geliebte wiedergefunden?“— „Nichts weniger als dies. Ich erfuhr, ſie ſey nicht in jenem Sturme umgekommen; ſie ſey gerettet und befaͤnde ſich jetzt in der Ge⸗ walt eines der Sultane der Inſel Java. Wie haͤtte ich die Arme aus den Haͤnden eines ſolchen retten ſollen; zumahl, da der erſte Verſuch, den ich machte, ſo uͤbel ablief?“ — Der Englaͤnder ſchwieg nachdenkend. Ich fuhr in meiner Erzaͤhlung fort. Er ſchien weniger darauf zu hoͤren.—„Ich hoffe,“ fing er nach einer etwas langen Pauſe an, ndie Umſtaͤnde der oſtindiſchen Compagnie und die Kriege mit den Nabobs werden mich mit dem Gouverneur von Batavia oͤfter zu⸗ ſammenbringen. Moͤglich, daß ich auf den 1 — 240— Fall die voͤllige Ausſöͤhnung mit ihm und Euch bewirke. Moͤglich, daß Adelaide— doch— ich will Euerem Herzen keine Hoff⸗ nungen machen, deren Erfuͤllung zu ungewiß iſt. Adelaide habt Ihr alſo nicht entfuͤhrt? Ihren Aufenthalt dem Gouverneur nicht ver⸗ heimlicht?“— Ich verſicherte ihm meine Un⸗ ſchuld; er hatte Gruͤnde, mir unbedingt zu glauben.—„Wir kamen auf dem Cap an. Mein Freund erfuhr hier ausfuͤhrlicher die ganze Verlegenheit, in welcher die engliſch⸗ oſtindiſche Compagnie trotz der Siege des Lords Clive gerathen war; es entging ihm nicht, daß die Hollaͤnder mit einer gewiſſen Schadenfreude von dem nahen Fall dieſer Compagnie ſprachen. Es gehoͤrt hier nicht weiter her zu bemerken, daß die großen Auf⸗ opferungen der Compagnie und die ange⸗ ſtrengte Thaͤtigkeit der ganzen brittiſchen Na⸗ tion in allen Welttheilen den Fall dieſer Ge⸗ ſellſchaft verhinderte. Freilich erinnert die Geſchichte ſchrecklich an den einzigen Fall, den ſie kennt: daß in einem Zeitraum von weni⸗ gen Jahren ein ganzes thaͤtiges, fleißiges Volk, funfzehn Millionen ſtark, durch Handelsgrund⸗ ſaͤtze, die hier die Stelle der niedrigſten Ty⸗ rannei erſetzten, gaͤnzlich zu Grunde gerichtet wurde. Dies geſchah mit Bengalen, einem der fruchtbarſten, volkreichſten Staate.— In Kalkutta, wo wir uns einige Zeit auf⸗ hielten, erfuhren wir dies alles. Ich bemerkte bald, daß mein Freund mit jedem Tage mehr von ſeiner Vorliebe fuͤr ſein Vaterland, fuͤr Alt⸗England, verlor. Sein Herz empoͤrte ſich bei dem Anblick des Mißbrauches, den die Gouverneure und die maͤchtigen Englaͤnder von ihrer Gewalt machten; bei dem Anblick des Frevels, mit dem die gewiſſermaßen als Gefangene anzuſehenden eingebornen Fuͤrſten des Landes behandelt wurden. Ich ſah, was ſein treffliches Herz litt.—„Ich danke Gott,“ ſagte er,„daß ich Alt⸗England verlaſſen und in Nord⸗Amerika wohne!“— Ich ver⸗ ſtand dieſe Aeußerung nicht ganz; ich bat um naͤhere Erklaͤrung.—„Zu ſeiner Zeit!“ ſagte er.„Jetzt waͤre Enthuͤhung der dunkeln Zu⸗ kunft eine unnüͤtze Thorheit!“ Nur kurz war unſer Aufenthalt in Kal⸗ n. 166 — 22— kutta. Die Geſchaͤfte, die mein Freund dort hatte, ſchienen ihm zu unangenehm, als daß er ſie nicht in ſo kurzer Zeit, als moͤglich, haͤtte abmachen ſollen. Unſere Fahrt ging nach— Batavia. Wie klopfte mir das Herz, als ich das ſchoͤne Batavia mit ſeinem praͤchtigen Anblick vor mir ſahe, als ich uͤberdachte und uund fuͤhlte was ich hier erlebt hatte!— Mein Freund ließ auf der ſichern Rheede Anker werfen, beſtieg dann mit mir ein Boot, das uns zu einem der ſchoͤnſten Lanbhaͤuſer am Canale liegend, brachte. Mit Achtung wurden wir aufgenommen; alles eilte, uns mit der ungeheucheltſten Bereitwilligkeit zu zeigen, wie willkommen mein Freund ſey.— Der Beſitzer des Landhauſes, ein aͤußerſt rei⸗ cher Mann, mochte Handelsgeſchaͤfte mit mei⸗ nem Freunde haben; denn Beide arbeiteten manche Stunde in dem Buͤreau, indeß ich mich mit den Damen unterhielt, oder kleine Spazierfahrten machte. Einige Tage hatte dieſe Lebensweiſe gedauert, als Beide, der Be⸗ ſitzer und mein Freund, mit ihren Geſchaͤften zu Stande waren, und der erſtere nun— 5 was er ſonſt nie that— an den geſellſchaft⸗ lichen Unterhaltungen, am Spiel und an Luſtparthien Antheil nahm. Fremde wurden eingeladen, bei Fremden wurden Beſuche ab⸗ geſtattet. Weshalb ich es gegen jeden ver⸗ ſchwieg, daß ich fruͤher hier geweſen, weiß ich ſelbſt nicht; nur ſo viel erinnere ich mich, daß es meinem Freunde ſehr angenehm war, wenn ich's that. Auf heute Abend war eine Anzahl Frem⸗ der gebeten. Wir erwarteten ſie; mein Freund, der Beſitzer und ich gingen an die Wagen, die Damen herein zu fuͤhren; als ein, die andern Wagen an Schoͤnheit weit uͤbertref⸗ fendes Fuhrwerk heranrollte— ich eile hin, die Dame herauszuheben— ſie reicht mir die Hand— ſchreiet laut auf— ich fuͤhre ſie erſchrocken nach der Treppe— ich ſehe ſie an— es war— Adelaide.— Mein Erſchrecken zu ſchildern, iſt un⸗ moͤglich; ſo unmoͤglich es iſt, zu beſtimmen, wer von uns Beiden der erſchrockenſte war. Adelaide wurde auf ein beſonderes Zimmer geführt; ich folgte; die Gouverneurin nebſt — 244— ber Beſitzerin des Landhauſes kamen hinter uns her, Adelaide ſaß auf einem Divan und konnte ſich nur mit Muͤhe von ihrem Schrek⸗ ken erholen. Ich ſtand vor ihr, dem in der Eile gerufenen Arzte huͤlfreiche Hand reichend; p als ein kleines Maͤdchen von ohngefaͤhr ſechs Jahren ſich neben mir hindraͤngte und Ade⸗ laidens Hand mit den Worten ergriff: „Mutter, Du wirſt doch nicht krank?“— „Nein, Laurette!“ ſagte Adelaide erroͤthend. „Ich werde gleich wieder geſund!“—„Mut⸗ ter? Mutter?“ wiederholte ich vor mich hin und wußte gar nicht, auf welche Art ich mir dieſe Wuͤrde, dieſen Titel zu erklaͤren hatte. Ich wollte ſo eben die Gouverneurin fragen, als mein Freund an der Hand des Gouver⸗ neurs mir naͤher trat. Der Letztere reichte mir mit der ihm eigenen Herzlichkeit die— Hand.„Seyn Sie millkommen!“ ſagte er. „Freilich mußten wir Beide unſern erſten Au⸗ genblick des Wiederſehens nach ſo langen Jahren damit anfangen, daß wir uns wech⸗ ſelſeitig abbaͤten, wodurch wir einer dem an⸗ dern zu viel gethan, Aber wir wollen lieber — — — 245— gar nicht daran denken. Vergeſſen und Ver⸗ geben!“— Eigentlich hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Ich hatte gehandelt, wie ich handeln mußte; ich hatte den Gouverneur nicht beleidigt. Allein— hier dies zur Sa⸗ che einer weitern Unterredung machen wollen, konnte keinem von uns Beiden angenehm ſeyn; ich reichte dem Gouverneur die Hand, ich aͤußerte, wie dies gerade auch mein Wunſch ſey. Adelaide hatte ſich erholt; an der Gou⸗ verneurin Hand trat ſie jetzt naͤher.— „Ich habe viel erlebt ſeit unſerer Trennung,“ ſagte ſie und eine Thraͤne glaͤnzte in ihren Augen.—„Dies iſt meine Tochter,“ ſetzte ſie hinzu und buͤckte ſich zu dem Kinde, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Wenigſtens ſchien es mir ſo. Der Himmel mag es mir verzeihen, wenn ein entehrender Argwohn jetzt in meinem Herzen Platz nehmen wollte. Ich weiß nicht einmal, ob ich in meiner Stim⸗ mung etwas antwortete— als die Gouver⸗ neurin, der das Geſpannte unſers augenblick⸗ lichen Verhaͤltniſſes nicht entging, mich an⸗ redete.„Ja, Freund, das arme Weib hat — 246— viel gelitten. Ihren redlichen Gatten verlor Adelaide ſchon im zweiten Jahre einer der gluͤcklichſten Ehen.“— Ich weiß ſelbſt nicht, weshalb dieſe Nachricht mein Herz mit einem Male ſo erleichterte, daß ich zu ſprechen an⸗ fangen konnte. Genug, ich fuͤhlte mich gluͤck⸗ licher, da ich dies hoͤrte, gluͤcklicher, nicht ſo wohl um Adelaidens, als um meinetwillen, ob ich gleich meine Empfindungen, meine Wuͤn⸗ ſche noch gar nicht zu ordnen wußte. Un⸗ ſere Unterhaltung wurde allgemeiner; wenig, faſt gar nichts erfuhr ich von Adelaidens Schickſal; ſie ſchien dies Geſpraͤch zu vermei⸗ den; und die uͤbrige Geſellſchaft war fein ge⸗ nug, hierin einen Wunſch zu ſehen, den jeder gern erfuͤllte.— Ich ſaß neben Adelaiden; ich betrachtete ſie genauer; ich fand, daß der ſchoͤne Zug einer ſanften Schwermuth, der uͤber ihr Ge⸗ ſicht verbreitet war, ihr einen Reiz gab, den ich ſonſt an ihr nicht bemerkt hatte. Ich fuͤhlte, daß ich ſie eben noch ſo gluͤhend liebe; ihr Kind ſaß auf meiner Kniee; es ſchien mir den Vorzug des Zutrauens vor allen andern 2 4 — 247— zu geben. Kaum konnte ich die Zeit erwar⸗ ten, in der ich mit meinem Freunde allein war.— Ich entdeckte ihm meine Liebe zu Adelaiden. Er laͤchelte.—„Ich konnte dies erwarten,“ ſagte er,„und ich wuͤnſche Ihnen Gluͤck zu Ihrer Wahl. Mir iſt's in mei⸗ nem Leben ſo gut nicht geboten. Morgen ſind wir bei dem Gouverneur; und da ma⸗ chen Sie nicht viel Umſtaͤnde. Hoͤchſtens einen Monat bleibe ich in Batavia. Von Ihrem Willen haͤngts ab, ob Sie hier blei⸗ ben oder mich in das geſuͤndere, ſchoͤnere Boſton begleiten wollen.“—„Da moͤchte wohl Adelaide eine Hauptſtimme haben.“— „Freilich; indeſſen ich hoffe, ſie wird Ihnen gern folgen.“ Ich uͤbergehe hier die Geſchichte ünes Monats. Adelaide war nach Beendigung deſſelben mein Weib. Ihr zu Gefallen nahm ich vorher die proteſtantiſche Religion an; eine Veraͤnderung, die man mir um ſo eher verzeihen und wenigſtens billiger beurtheilen wird, da mir fruͤher ſchon bei der Abreiſe von Aſſumtion der Pater General der Jeſui⸗ 4 — 1 6 ———— — —. — 248— ten dieſen Schritt angerathen hatte. Frei⸗ lich hatte der redliche Mann, was Tauſend in ſeiner Stelle nicht gehabt haben wuͤrden— ſo viel Ruͤckſicht auf meine mir immer noch unbe kannten Eltern, daß er in dieſer Hinſicht duld⸗ ſam genug war, mir zur Veraͤnderung mei⸗ nes Glaubens zu rathen. Im Grunde ge⸗ nemenen, wußte ich wenig von dem Unter⸗ ſchiede beider Confeſſionen; ich war Katholik, ohne zu wiſſen warum und der Uebertritt zum Proteſtantismus koſtete mir faſt gar keinen Kampf. Man finde hierin nicht Leichtſinn. Jetzt muß ich in meiner Geſchichte einen Zeitraum von acht Jahren zuruͤckgehen und den Leſer dahin zuruͤckfuͤhren, wo ich mich durch die Flucht aus der Gewalt des Koͤnigs von Surcarta rettete. Adelaide— zu viel auf die boshafte Verlaͤumdung achtend, zu tief durch meine geglaubte Taͤuſchung gekraͤnkt — konnte die ſchadenfrohen Blicke manches der erſtern Bewohner Batavia's nicht gleich⸗ guͤltig ertragen. Sie entſchloß ſich zur Ruͤck⸗ reiſe nach Holland, ein Vorſatz, den ſie gleich in den erſten Tagen ausfuͤhrte. An jenem ungluͤcklichen Tage des Sturmes wurde das Schiff auf eben das verborgene Felsriff ge⸗ worfen, auf welchem der Portugieſe eben ſo ungluͤcklich wurde. Adelaide ſaß mit zwei Kindern und einem treuen Sklaven in der Kajuͤte, als das Schiff durch die Gewalt der Wellen riß— als die Beſatzung das Boot ausſetzte und faſt wider ſeinen Willen, jenen ungluͤcklichen Vater, der nachher die ſchreckli⸗ che Nachricht brachte, in's Boot riß. Die Wellen trieben es dem Ufer zu— es ſchlug auf einer Klippe um und nur wenige wur⸗ den an die nahe Kuͤſte geworfen. Unter die⸗ ſen der Vater jener Kinder. Er erblickte am folgenden Morgen nichts mehr von dem Wraeck des Schiffes; nur ein Boot war auf demſelben geweſen. Nichts war dem Ungluͤck⸗ lichen gewiſſer, als daß die Armen vom Meere verſchlungen waren. Dieſe Nachricht brachte er, wie man ſich noch erinnert, nach Ba⸗ tavia. Allein gerade in dieſer furchtbaren Lage wachte die rettende Vorſehung. Adelaide 8 —— ————;— —. 2— —— — 250— . 9, 4 hatte zwei Mohrinnen und einen Sklaven bei ſich. Die erſtern wurden mit in das Boot gedraͤngt— der Sklave eilte, entſchloſ⸗ ſen, Adelaiden zu retten oder mit ihr zu ſter⸗ ben— und mit den Worten:„Bleiben Sie hier; vielleicht rette ich ſicherer auf dem Maſte, als auf dem Boote!“ auf das Verdeck des ſchon in ein Wrack verwandelten Schiffes. Die Taue eines Maſtes waren bald gekappt, jetzt mußte Adelaide ſich auf denſelben ſetzen, und eins der Kinder neben ſich. Beide band der vorſichtige Sklave feſt. Er ſelbſt ſetzte ſich mit dem andern Kinde neben Adelaiden, das Ende eines andern Taues um ſich ſchlin⸗ gend, als das Schiff ſank und der loſe Maſt forttrieb. Freilich war die Fahrt eine der gefaͤhrlichſten, die die Einbildung nur denken kann; allein die vielen, an dem Maſte be⸗ findlichen Stangen, Segel und Taue ver⸗ hinderten das Umwaͤlzen des Blockes und brachen zugleich die Gewalt der Wellen. Es war Morgen, als der Wind ſich umſetzte— als die Armen, erſtarrt an eine Klippe trie⸗ hen an welcher der Maſt ſitzen blieb. Mit der groͤßten Lebensgefahr rettete der Sklave die drei auf den Felſen. Froh, ihr Leben geſi⸗ chert zu ſehen, fuͤhlten ſie ſich gluͤcklich, war gleich kein Funken Feuer, die durchnaͤßten Kleider zu trocknen,— war gleich kein frucht⸗ tragender Baum, deſſen Fruͤchte den Hunger ſtillen koͤnnten, zu ſehen. An dieſe Beduͤrf⸗ niſſe dachten die Geretteten in dem erſten Augenblick ſo wenig, als an die Schwierig⸗ keiten, von dieſer ungeheuern Klippe wieder unter Menſchen zu kommen. Ermuüdet leg⸗ ten ſie ſich in den waͤrmenden Strahlen der Sonne nieder und der Schlummer ließ ſie bald alles ihr Elend vergeſſen. Nur der 3 treue Sklave blieb munter und verſprach Le⸗ bensmittel zu ſuchen. 1 Adelaide erwachte mit ſchwerem Herzen; der Sturm waͤhrte noch fort. Beide Kinder lagen noch ſchlafend da; der Sklave hatte ſich entfernt. Adelaide ging nach dem Rande der Klippe.— Welcher Anblick! jener Sklave lag zerſchmettert am Fuße des ungeheuern Felſens— ein neben ihm liegendes Vogel⸗ neſt bewies, daß er in dem Eifer, den Un⸗ 1 * - 252— gluͤcklichen eine Mahlzeit zu verſchaffen, von der erkletterten Klippe herabgeſtuͤrzt ſey. Adelaide war außer ſich vor Schrecken. Kaum behielt ſie ſo viel Kraft, den Beiden ungluͤcklichen Kindern ſich zu nahen, um ih⸗ nen die furchtbare Nachricht zu bringen.— Am Ufer gingen nun alle drei herum; einige Beeren, die in der Gluth der Sonne an der „Felſenwand ſchmorten, waren die Mittel ihren Hunger und Durſt zu ſtillen. Mit ſchweren Herzen blickten ſie nach der fernen Kuͤſte von Java uͤber das ruhiger gewordene Meer hin; in weiter Ferne ſahen ſie manches Segel ſchimmern; aber keins naͤherte ſich der un⸗ wirthbaren Klippe.— Das einzige, was Adelaide thun konnte, war, ein weißes Tuch an einen Stock zu binden, um durch dies Nothzeichen ein rettendes Fahrzeug an den Felſen zu locken. Am zweiten Morgen nahete ſich ein klei⸗ ner Nachen mit drei Maͤnnern beſetzt. Die ungluͤcklichen wurden mit Speiſe und Trank gelabt; ſie beſtiegen dankbar das Fahrzeug. Nicht weit vom Ufer lag ein groͤßeres Schiff. * Adelaide beſtieg es mit jenen beiden Kindern. Jenes kleinere Boot blieb zuruͤck. Unerklaͤr⸗ bar war es ſelbſt Adelaiden, warum ſie ihren wahren Stand und ihre Verwandtſchaft mit dem Gouverneur verſchwieg. Jett auf dem groͤßern Schiffe wollte ſie ſich entdecken, da ſie merkte, daß es gerade die entgegengeſetzte Richtung von Batavia nahm; aber das Un⸗ gluͤck wollte es, daß keiner der Schiffsleute ihre Sprache verſtand, ſo wie auch Adelaide keinen dieſer Beſatzung verſtand. Das Schiff hielt ſich immer an der ſuͤdlichen Seite von Java, eine Kuͤſte, die nur der ſchiffbruͤchige Europaͤer betritt. Hier landete man; eine nach ihrer Art der erſten der Frauen des Landes behielt die beiden Kinder bei ſich; Adelaide wurde in einem Wagen nach dem Feldlager jenes Koͤnigs gebracht und auch hier hatte ſie das Ungluͤck, unter Menſchen zu ſeyn, fuͤr die ſie, wie jene fuͤr ſie taub und ſtumm war. Mit Entſetzen ſchloß ſie aus allem, was ſie ſah, auf ihr furchtbares Loos. Laut wuͤnſchte und aͤußerte fie, in den Wellen ih⸗ ren Tod gefunden zu haben; laut gelobte ſie es ihrem eigenen Herzen an, Selbſtmoͤrderin zu werden, ehe ſie das wuͤrde, was ſie hier allem Vermuthen nach werden ſollte, die Ge⸗ liebte eines Koͤnigs wilder Voͤlker. 4 89 Moͤglich, daß Tonny Mitleiden mit der Uungluͤcklichen empfand; moͤglich, daß der Neid auf Adelaidens Vorzuͤge die Hand im Spiele hatte— genug, ein Engel des Himmels haͤtte mit der froͤhlichſten Botſchaft der Armen nicht willkommner ſeyn koͤnnen, als Tonny mit den erſten Worten einer Sprache, die Adelaide verſtand. In der Nacht kam Ton⸗ ¹ ny zu ihr; die ganze Abſicht wurde aus ein⸗ ander geſetzt, und Adelaide hatte wahrlich nicht noͤthig, ſich auf Tonny's Rath erſt krank zu ſtellen, um den Begierden des Koͤ⸗ nigs nicht ausgeſetzt zu ſeyn; ſie war es, ſſie war es wirklich und Tonny zeigte ſich als 1 5 treue Pflegerin der Ungluͤcklichen. Sie ver⸗ ſchaffte Adelaiden Schreibzeug; ſie mußte dem Gouverneur ſchreiben; Tonny nahm es uͤber ſich, den Brief zu beſorgen. Ob es ihre Schuld war, daß er nicht ankam, iſt unent⸗ ſchieden. Vielleicht iſt ſie hierin unſchuldig, — 25— iſt's um ſo mehr, je mehr ſie durch Adelai⸗ dens Entfernung gewann. Adelaide erfuhr von Tonny meine Begebenheit und zugleich 6 mein Schickſal, nach welchem ich wahrſchein⸗ in jenen ungeheueren Waͤldern eine Beute wilder Thiere geworden ſey, da man meinen Begleiter zerriſſen und halb verzehrt gefunden habe. Kaum hatte Adelaide jene Nachricht gehoͤrt, als mein Bote ankam. Tonny er⸗ fuhr die Urſach ſeiner Sendung; der Menſch wurde aber verrathen; mein Brief kam in des Koͤnigs Haͤnde und da gerade ſich des Handels wegen, einige Hollaͤnder dort auf⸗ hielten, war es nicht ſchwer, den Inhalt die⸗ ſes Schreibens zu erfahren. Tonny— un⸗ erklaͤrbar bleibt der Grund dieſes teufliſchen Verfahrens— war die erſte, die dem Koͤnige alles— nur Adelaidens Stand nicht ent⸗ deckte; der ungluͤckliche Bote mußte mit dem Leben buͤßen; uͤber Adelaidens Schickſal hatte der aufgebrachte Wolluͤſtling noch nicht ent⸗ ſchieden und mehr, als wahrſcheinlich war ihr Tod, als eine Geſandtſchaft vom Gouver⸗ neur ankam, um Adelaiden abzuholen. Mein — 256— 4 Brief war angekommen, und ſchon in der naͤchſten Stunde war eine bedeutende Ge⸗ ſandtſchaft unterweges. Die Befehle des Gouverneurs waren um ſo eindringlicher, da ſie mit den groͤßeſten Drohungen verbunden waren; Drohungen, die der Koͤnig allerdings ſehr zu fuͤrchten hatte. Adelaide kam nach Batavia zuruck, mit Freuden von den Ihri⸗ gen empfangen. Vergebens hatte ſie auf meine Ruͤckkunft gewartet, als die Nachricht vom Untergange eines portugieſiſchen Schiffes, das in die Luft geflogen ſey, bekannt wurde. Mein Tod ſchien ausgemacht gewiß; ſchien es um ſo mehr, da ein ganzes Jahr verging, und noch immer keine Nachricht von mir kam. Wankelmuth oder Mangel an Liebe wird gewiß Niemand Adelaiden Schuld ge⸗ ben, wenn ſie nach einem Jahre die Gattin eines der bravſten Maͤnner wurde. Sie lebte faſt zwei Jahr gluͤcklich mit ihm, als er das Opfer einer anſteckenden Krankheit wurde. EFnde des zweiten Theils. .l *